1. Oflensein der Bibliothek pfangnahme und Rückgabe der 2. Lesepreis. ückga den angenommen. wird. beträgt: 6 für wöchentlich 2 Bücher: „ 5. Auswärtige Abonnenten 3( 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. beſonders darauf aufmerkſam g der Bücher nicht ſtattfinden darf, ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben. 4 Bücher: —— haben für Hin⸗ und der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſe 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, defecte Bücher namentklich bei ſolchen mi Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, be lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird emacht, daß das Weiterverleihen indem Diejenigen, welche vie⸗ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Pieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Jeſebedingungen. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Bücher jeden Tag von Morgens be eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3. CQaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatter 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 6 Bücher: —— 2W „ Zurückſendung lbſt zu ſorgen. verlörene und t Kupfern ꝛc.) muß der ſchmutzte, ver⸗ Werkes, ſo iſt — —— —— ——— ——— Don Alonſo oder Spanien. Dritter Band⸗ + Don Alonso oder panien. Eine Geſchichte aus der gegenwärtigen Zeit von A. von Salvandy. Aus dem Franzoͤſiſchen uͤberſetzt. . Dritter Band. — Breslau, Verlag von Joſef Max und Komp. 5 Beſuch bei dem Einſiedler auf dem Atzulai. Erſtes Kapitel. — Bei Tages Anbruch fuͤhrte mich eine eifrige Neugier auf jene ſteilen Berggipfel empor, in deren Mitte der Bruder Alonſo's als verlaſſener Eremit lebte. Das Thal von Ainhoa war von Regenſtroͤmen uͤber⸗ ſchwemmt. Das Land der Basken wird naͤmlich bisweilen von Ungewittern heimgeſucht, und der Fremde verdankt dann dieſen furchtbaren Naturer⸗ ſcheinungen den Anblick des erhabenſten Schauſpiels, das es auf Erden nur geben kann. Ich weiß in der That nicht, ob ein Sturm mitten auf den einſamen Waſſerflaͤchen des Oceans mehr Schauerliches oder eben ſo viel Majeſtaͤt haben kaun, als in dem reichen Garten der Pyrenaͤen. Ich war allmaͤhlig bis in die Region der Wolken und Ungewitter emporgelangt. Die Nebel verdich⸗ teten ſich immer mehr, Erde und Himmel entſchwan⸗ den mir aus dem Geſicht, ich erblickte zulezt blos noch das duͤrre Haidekraut, ͤber welches ich hin⸗ ſchritt. Ich hatte mich auf meinem Pfade verirrt, III. 4* 4 und kletterte ſo eben einen mir ganz unbekannten Gipfel, vielleicht den hoͤchſten der ganzen Gebirgs⸗ kette, hinan, als ich auf einmal durch eine Verſchan⸗ zung aufgehalten wurde, die ſich um dieſe, hoͤchſtens den Raubvoͤgeln zugaͤngliche Spitze herumzieht. Verſchanzungen, großer Gott! in einer Hoͤhe, zu welcher der Menſch kaum emporzuklimmen vermag! So dringt denn alſo der Krieg und ſeine Wuth uͤber⸗ all hin, ſelbſt dahin, wo unſer Fuß nicht einmal hin⸗ zugelangen im Stande iſt! Ganz andere Donner, als die, welche ich jezt in der Ferne murmeln hoͤrte, waren über dieſe Wolkenregion dahingerollt; ein großer Feldherr hatte im Sommer des Jahres 1813 mit einem andern beruͤhmten Feldherrn um dieſe Grenzlinie geſtritten, und ſelbſt auf der Stelle, wo ich ſtand, hatte ein Krieger, der ſpaͤter auf der Buͤhne der Volksredner glaͤnzen ſollte, mitten in un⸗ ſerer Ungluͤckszeit den Siegerkranz des Kampfes er⸗ rungen⸗ Der Orkan zerſtreute endlich die unter meinen Fuͤßen hinziehenden Wolken, indem er ſie uͤber die Pyrenaͤen hinuͤber jagte; und nun eroͤffnete ſich meinen Blicken eine unermeßliche Ausſicht. Ich hatte jezt nicht mehr blos Ainhoa zu meinen Fuͤßen, ſondern auch noch die Dreikronen⸗Spitze, die des Rhune, ferner Irun, Fontarabia, Saint Jean de Luz, Bayonne, nebſt allen den dazwiſchen liegenden Thaͤlern und Bergen, die ſich fernhin in der uner⸗ meßlichen Weite zwiſchen dem Ocean, deſſen Wogen⸗ brandung ich zu meinen Fuͤßen zu vernehmen glaubte, 5 und der endlos vor mir hingebreiteten Flaͤche der Landes*) verloren. Nach allen Richtungen hin ſchwebten Gewoͤlke um die ſchroffen Bergſpitzen, und ſchienen aus denſelben, wie Rauchwolken aus den Kratern der Vulkane, emporzuſteigen. Auf einmal ſpannte ſich ein duͤſtrer Schleier uͤber meinem Haupte aus. Dieſe dunkeln Wolkenmaſſen, die durch den Sturm von einem Ende des Horizontes bis zum an⸗ dern gejagt wurden, glichen einem Heere, welches flieht, und in ſeinem Laufe ſich bald aus einander faltet, bald wieder ſich zuſammenzieht, bald wieder auf den Feind ſtoͤßt und nach allen Seiten hin Ent⸗ ſetzen und ein moͤrderiſches Feuer verbreitet. Der Adler, ein wuͤrdiger Zeuge dieſer großen Naturſcene, ſchwebte uͤber das Thal hin; und waͤhrend ich ihn ſo in der Runde um ſich ſelber uͤber dem Abgrunde kreiſen ſah, war es mir zweifelhaft, ob er an der allgemeinen Bewegung der Natur theilnaͤhme, oder ob er blos da ſchwebte, um uͤber die Erſchuͤtterung des ganzen Firmaments ſeinen Beifall zu bezeigen. Sehr bald indeß ließ er ſich auf der jaͤhſten Spitze des Atzulai nieder; hier ſchien dieſer Koͤnig der Voͤgel wie in den Zeiten der alten Fabel gleichſam den himmliſchen Blitzſtrahl in ſeinen Klauen zu hal⸗ ten, und ihn ſelber auf die Welt herabzuſchleudern. Ich begreife nun, warum Rom den Adler zu ſeinem *) Die Landes ſind bekanntlich Steppen, die ſich von Bour⸗ deaur nach Bayonne und längs der Seeküſte bis Bearn und Bigorre über 30 Lieues in der Länge und 16 bis 20 Lieues in der Breite hin erſtrecken. 6 Feldzeichen gewaͤhlt hatte. Doch Rom, ſein Jupi⸗ ter und ſeine Groͤße ſind nicht mehr, wie mancher ſpaͤtere Kriegsruhm, der an die Stelle des altroͤmi⸗ ſchen zu treten ſtrebte, iſt ſeitdem ſchon wieder da⸗ hingeſchwunden, und immer noch iſt der Adler da, der den Sturm beherrſcht und die Donnerſchlaͤge austheilt. in Der furchtbar droͤhnende Hall fuhr immer noch fort, die Verge zu erſchuͤttern, als wollte er ſie aus ihren Grundfeſten ruͤtteln, der Blitz durchfurchte die Wolken unter mir, Regenſtroͤme ergoſſen ſich uͤber das Thal, das mir zum zweitenmal aus dem Geſicht entſchwunden war, Mir war, als gehoͤrte ich nicht mehr dieſer irdiſchen Welt an, nichts erinnerte mich an ſie, als etwa das ferne Gloͤckchen des Schaafes, das, zur Fuͤhrung der uͤbrigen Heerde auserwaͤhlt, im fluͤchtigen Laufe ſeinen toͤnenden Halsſchmuck ſchuttelte, außer dieſem nirgends ein Ton, der etwa von der Erde heraufdrang, nirgends eine menſchliche Wohnung, nirgends ein Menſchentritt. Ich fuͤhlte mich hier auf einer unermeßlichen Hoͤhe erhoben, ſah nichts um mich, als die Feuerglut des Himmels, hoͤrte nichts, als das Rollen des Donners, ich, das ſchwache Erdgeſchoͤpf, das ein Windhauch in den Abgrund hinunter ſtuͤrzen, das ein Funke in Staub verwandeln konnte, ich ſchwebte hier uͤber der unge⸗ heuern, grauſenvollen Scene, ganz allein zwiſchen Himmel und Erde, die in zerſtoͤrendem Gegenkampf an einander gerathen zu ſein ſchienen. Dieſer majeſtaͤtiſche Kampf der Elemente hatte 7 etwas feierliches und erhabenes, deſſen Betrachtung meinen Geiſt in eine neue Sphaͤre von Gefuͤhlen und Ideen emporhob. Geheimnißvolle, hohe Beſtim⸗ mung des Menſchen! Die Kraͤfte und die Majeſtaͤt der Natur koͤnnen ſich vor ſeinen Blicken nicht ent⸗ falten, ohne daß ſein Geiſt durch den Anblick der Schoͤpfungswunder veredelt und erhoben wird. Die Allmacht der Natur mag immmerhin alles aufbieten, ſie vermag doch nicht, ſich groͤßer zu zeigen, als er iſt. Ich verſuchte jezt den Erdboden wieder zu er⸗ reichen. Nach einem langen Gange, auf welchem ich von Zeit zu Zeit ſtehen blieb, um die furchtbar erhabene Scene, welche ich jezt verlaſſen ſollte, noch einmal zu genießen, war ich endlich in eine minder grauſenvolle, aber auch minder ſchoͤne Region ge⸗ langt, als auf einmal eine unbekannte Melodie in mein Ohr drang. Es war, als vernaͤhme man den Ton der Aeolsharfe, die der Fremdling ſo gern in den Bergruinen Helvetiens und Schwabens aufzuhaͤngen pflegt. Ich warf meine Blicke nach allen Seiten hin, ſah aber nichts, als die wilde Einoͤde. Dieſe ſanften und zarten Klaͤnge, welche eine harmoniſche Stimme von Zeit zu Zeit zu uͤbertoͤnen ſchien, kon⸗ traſtirten ſeltſam mit dem rauſchenden Toſen des Sturms. Der Geſang verſtummte jezt, doch mein entzucktes Ohr glaubte ihn noch immer zu verneh⸗ men. Gleich darauf ſperrte mir eine Felſenmaſſe den Weg. Ich ſchlug einen ſchmalen Fußpfad ein, der ſich durchs Haidekraut hinſchlaͤngelte, und als⸗ bald lief ein Gebirgshund herbei, und miſchte ſein Bellen unter das Murmeln des fernen Donners. Ich merkte daraus, daß ich in der Naͤhe von Men⸗ ſchen ſein mußte. Auch kam ich wirklich ſehr bald an eine einfache Strohhuͤtte. An der Thuͤr ſtand ein Baske, der den Wolken nachſah, die der Orkan pfeilſchnell dahin⸗ jagte; gleich jenem Adler ſchien er am Anblick des Gewitterſturms ein Gefallen zu finden. Dieſer Baske war niemand anders, als der Galeerenfluͤcht⸗ ling. Ich nahm anfangs Anſtand, in ſeiner Wohnung ein Obdach zu ſuchen; allein ſehr bald duͤnkte es mich, als waͤre es grauſam, ihn zu meiden, und ich redete ihn daher an. Er antwortete mir in mei⸗ ner Mutterſprache. Seine Hoͤflichkeit war kalt und ſteif, ſeine Ausdrucksweiſe gefaͤllig, aber kurz; ſein Benehmen verrieth eine feine Erziehung. Ich ent⸗ warf mir nach ſeinem Aeußeren ſogleich einen voll⸗ ſtändigen Roman. Er, ein Mann von umfaſſendem Verſtande und hohem Range, war gewiß blos durch die Aufwallungen ſeiner Leidenſchaften auf die Bahn des Verbrechens getrieben worden. Ich begriff leicht, wie ſeine ſtolze Seele ſich gegen die Entſchei⸗ dungen der menſchlichen Juſtiz empoͤren mußte; ja es ward mir nicht ſchwer, zu fuͤhlen, wie laͤſtig ihm die Gegenwart eines jeden Fremden ſein mußte; er wollte vielleicht nicht gern vor ſeines gleichen er⸗ roͤthen. Der Saal, in den man mich eintreten ließ, war ————— 9 der Lanbesſitte gemaͤß nur ſehr einfach meublirt, verrieth aber eine gewiſſe Wohlhabenheit. Ein klei⸗ nes Kind ſpielte darin mit der Dogge, die vor mir hergelaufen war. Neben dem Feuerheerde ſaß eine bejahrte Frau, die Mutter meines Wirths. Sie wollte aufſtehen, um mich zu bewillkommen, allein ihre Koͤrperſchwaͤche feſſelte mehr noch, als ihr ho⸗ hes Alter, ſie an den großen Armſtuhl, den ich zu meiner Verwunderung hier an dieſem Orte antraf. Sie allein wechſelte mit mir einige freundliche Worte, als auf einmal im Hintergrunde des Saales, dem Heerde gegenuͤber, auf welchem ein einfaches Mahl zubereitet wurde, eine Thuͤr ſich oͤffnete, und eine Frau hereintrat. Noch nie hatte ich unter der ein⸗ fachen Kleidung einer Dorfbewohnerin ſo viel Wuͤrde, noch nie ſo viel Anmuth mit ſo viel Adel, noch nie eine ſo reizende, wirklich maͤdchenhafte Schuͤchternheit auf dem Geſicht einer Gattin und Mutter ſich abſpie⸗ geln geſehen. Die Fremde floͤßte mir eben ſo viel Bewunderung als Hochachtung ein. Auch ſie un⸗ terhielt ſich mit mir in der Sprache meines Vater⸗ landes von dem Ungewitter, das mich uͤberfallen hatte; doch ihr Accent verrieth, daß ſie unter ſpani⸗ ſchem Himmel geboren worden, und ihre lebhafte ſuͤdliche Betonung gab ihren Worten einen hoͤheren Reiz. Ihr ganzes Benehmen war um ſo anſpre⸗ chender, da ſich darin der reinſte Ausdruck der Herz⸗ lichkeit, nicht blos die leere Form derſelben, an den Tag legte. Sie nahm voll munteren Eifers ihrem Manne das Geſchaͤft ab, fuͤr mich ein großes Feuer 10 anzuzuͤnden, ſetzte ſich dann neben mich, und wiegte ihren kleinen Knaben. Ihr Geſpraͤch verrieth eine innere Heiterkeit und Zufriedenheit, die mich uͤber⸗ raſchte. Ich nannte zufaͤllig Spanien. Plötzlich brach ſie nun die Unterhaltung ab, und warf einen ſchmerzlichen Blick auf den Kaſtilianer, welcher ne⸗ ben ihr ſaß. Dieſer ſchwieg fortwaͤhrend ſtill, und beobachtete mich mit einer mistrauiſchen Miene. Sein Blick legte nur dann das ſtolze Weſen ab, wenn er auf ſeine Gattin fiel; dann ſchwanden die Wolken von ſeiner Stirn, und machten einem Laͤ⸗ cheln Raum, worin ſich ein ſanft erregtes Gemuͤth abſpiegelte. Beide ſchienen in ihrem Herzen eine von jenen unendlichen Zuneigungen zu naͤhren, die den ganzen Kreis unſeres Daſeins umfaſſen und aus⸗ fuͤllen. Ein Mann, der noch zu lieben vermag, und dem eine ſo zarte Gegenliebe zu Theil wird, kann kein Boͤſewicht ſein. Die Bannfluͤche von Ainhog ſchwanden vollends aus meinem Gedaͤchtniß beim Anblick der Verehrung, die der Fremde gegen ſeine Mutter an den Dag legte. Stets damit beſchaͤftigt, ſie in ihrer Schwaͤche zu unterſtuͤtzen, ſie in ihren Leiden zu zerſtreuen, entfernte er ſich nie einen Au⸗ genblick von ihr, außer etwa, wenn er ſeinem Sohne Liebkoſungen erzeigen wollte, indem er ſich auf dieſe Weiſe abwechſelnd bald den Spielen des fruͤhſten Le⸗ bensalters, bald den Schmerzen des äußerſten Grei⸗ fenalters beigeſellte. Ich fragte hiebei mich felber, ob dieſe lebhafte Empfaͤnglichkeit fur alle Gefuͤhle der Natur ſich wohl mit einer Uebertretung der Geſetze 11 oder mit entehrenden Verbrechen vertragen koͤnne, und ich klagte im Stillen die Verleumdung an, die ſeinen guten Ruf befleckt hatte, als auf einmal meine Blicke auf ſeine Hand fielen. Der Aufſchlag ſeines baskiſchen Kamiſols verbarg die traurigen Merkmale, die ihr eingedruͤckt waren, nur zur Haͤlfte. Ich er⸗ kannte die Spuren unwuͤrdiger Feſſeln, und die gluͤ⸗ hende Roͤthe, die mein Geſicht uͤberzog, ſpiegelte ſich auf der Stirn meines Wirthes wieder ab. In die Unterhaltung mit der fremden Frau ver⸗ tieft, hatte ich nicht einmal bemerkt, daß der Regen aufgehoͤrt hatte. Ich ſtand jezt auf, um meinen Weg fortzuſetzen. Doch ſo eben wurde der Tiſch fuͤr das Fruͤhmahl angerichtet; die Unbekannte hatte fuͤr mich mit gedeckt, und fuͤgte zu ihrer Einladung noch die ſpaniſche Hoͤflichkeitsformel:»Unſer Haus ſteht euch zu Befehl!“—*Nein,“ erwiederte drauf der Kaſtilianer, der bisher noch kein Wort mit mir geſprochen hatte,*der Herr da kann ſich unmoͤglich an die Tafel eines Galeerenfluͤchtlings ſetzen.“ Ein bitteres Laͤcheln begleitete dieſe Worte, und ich ſah, wie aus den Augen der Spanierin auf die Wangen des Kindes eine Thraͤne herabfiel, die ſie vergebens zu verbergen ſuchte. In dieſem engen und gluͤcklichen Kreiſe, deſſen Harmonie die Gegen⸗ wart eines Fremden zu ſtoͤren ſchien, wuͤrde mein laͤngeres Verweilen nur laͤſtig geweſen ſein; ich rich⸗ tete es daher ſo ein, daß mein Scheiden nicht beleidigen konnte, und verließ dieſe geheimnißvolle Strohhuͤtte, wo mitten in der Duͤrftigkeit ſo 12 viel Seelenadel, Holdſeligkeit und Liebe wohn⸗ ten. Ich fand endlich den Weg nach der Einſiedelei wieder auf. Fray Pablo erkannte mich anfangs nicht. Er kam mir vor wie ein Mann, deſſen Geiſt ſchlummerte, obwohl ſein Auge ſtarr und offen vor ſich hin blickte. Endlich ſagte er zu mir in einem dumpfen Tone:*Wie habt ihr es denn gemacht, um dem Unwetter zu entgehen?“—*Ich nahm meine Zuflucht hier oben in einen benachbarten Mei⸗ erhof, in das Haus des jungen Spaniers.“— »Ein Spanier, hier oben! Was ſagt ihr da?“ Und mit dieſen Worten ſtand der Einſiedler auf, und richtete ſein funkelndes Auge feſt auf mich. Ein Spanier auf dieſen einſamen Hoͤhen?“ fuhr er dann weiter fort;“vermuthlich iſt es einer von jenen Ungluͤcklichen, welche gegen ihr Vaterland die Waf⸗ fen ergriffen und den heiligen Geund und Boden ih⸗ rer Vorfahren mit Blut bedeckt haben. O ſagt mir, iſt der Mann, von dem ihr da ſprecht, einer von jenen großen Verbrechern?“—»Ich weiß es nicht; ſein Leben iſt mir ein undurchdringliches Geheimniß geblieben.“—»Ach, da er ſich ver⸗ birgt, ſo iſt er gewiß ein Afranceſado*); ſonſt wuͤrde er ſtolz auf ſich ſein, und euch ſeine Kaͤmpfe und Aufopferungen aufgezaͤhlt haben; er wuͤrde euch erzaͤhlt haben, wie ſeine Ernten zerſtoͤrt, ſein Haus Afranceſados d. h. Franzöſirte, iſt ein Beiname, weſcher den Joſephinos voder Anhänzern des Königs Joſeph ge⸗ geben wurde. 122 13 ——— aufgebrannt worden ſei, wie ſeine Gattin und ſeine Soͤhne an ſeiner Seite vor Hunger geſtorben, und wie er unter euren Kriegerſchaaren den Tod aufſu⸗ chend ſich da mit Ruhm bedeckt habe. Die Anhaͤn⸗ ger der Parthei von Cadix haben nicht Urſache, ſich vor den Augen der Welt zu verbergen, ſie haben nicht noͤthig, die Nacht und die Einoͤden aufzuſuchen.“ —* Ihr ſeid, ehrwuͤrdiger Vater, alſo wohl einer von den ſpaniſchen Prieſtern, welche Soldaten wur⸗ den, um Ferdinand und ihr Vaterland zu vertheidi⸗ gen?“— Spanier? Ja ich war es dereinſt, bin es aber nicht mehr; ich bin Afranceſado.“ Und bei dieſen Worten, als haͤtte er ſich gleichſam ſein Endurtheil geſprochen, neigte er ſein dürres Haupt auf die Aſche herab, bedeckte mit Thraͤnen ſein Kruzifir, und rief:»Gnade! Gnade!“ Es war, als fuhlte er den Fluch Gottes und der Men⸗ ſchen ſchwer auf ſeinem Haupte.. Der Ungluͤckliche fieng jezt an, ſein Verbrechen zu verwuͤnſchen, und die Rache des Himmels bald anzuflehen, bald von ſich zu weiſen, wendete dann ſein Auge auf ſeine abgemagerte Hand, und ſagte: »Dieſe Hand hat das Schwert der Fremden auf meine Mitbuͤrger gelenkt, ſie hat noch mehr gethan als das— Der Ton ſeiner Stimme er⸗ weckte in meiner Bruſt das Grauſen, wovon er ſel⸗ ber durchdrungen zu ſein ſchien. Allmaͤhlig ſchien er endlich aus einem ſchweren Traume zu erwachen, erkannte mich wieder, und ſchien uͤber einen Beſuch geruͤhrt zu ſein, den er gar nicht erwartet hatte. 14 Ich fuͤrchtete, ſeinem leibenden Herzen eine Beruhi⸗ gung zu rauben, wenn ich ihm entdeckte, daß außer der Theilnahme an ſeinem Uungluͤck noch ein ganz an⸗ deres Intereſſe mich in ſeine einſame Abgeſchieden⸗ heit fuͤhrte, und ich ergab mich alſo lieber darein, es abzuwarten, bis er mir durch Erzaͤhlung ſeiner eigenen Geſchichte den Aufſchluß gabe, auf den ich ſo begierig war. Er willigte endlich ein, mir die Fortſetzung aller der wechſelnden Schickſale zu geben, die ſein Leben bewegt hatten. Ich konnte ihm nicht zuhoͤren, ohne ſeine Erzaͤhlung im Stillen mit den Denkwuͤrdigkeiten Alonſo's zu vergleichen. Moͤge der Leſer dieſer Blaͤtter, wenn er gleich mir durch die Verſchiedenheit der Sprache und der Anſichten ſich uͤberraſcht fuͤhlt, bei dieſer Gelegenheit uͤber die Un⸗ ſicherheit aller menſchlichen Urtheile nachdenken und zugleich erwaͤgen, welche duldſame Nachſicht ſich ent⸗ gegengeſetzte Partheien gegenſeitig ſchuldig ſind! Der Anblick uͤberlegener Menſchen, die durch einen und denſelben Wunſch in ganz entgegengeſetzte Rei⸗ hen binuͤbergezogen werden, lehrt uns, daß wir niemanden haſſen ſollten, als blos die Verfolger, niemanden verachten, als blos die Abtruͤnnigen. Zu welchen Verirrungen kann nicht ſelbſt unſer eigenes Gewiſſen verleitet werden, ſobald wir die menſchlichen Angelegenheiten unter einem einzigen Geſichtspunkt betrachtend, das Nuͤtzliche von dem Gerechten abſondern? Jeder, der zu Begehung von Frevelthaten gemeinſchaftliche Sache macht, wird ſich vergebens mit dem fuͤrs Ganze erwachſenden 15 Vortheil zu entſchuldigen ſuchen. Eine Gewalt unterſtutzen, die ſich auf ruchloſe Acte oder Prinzi⸗ pien gruͤndet, heißt ſo viel, als am Verbrechen theil⸗ nehmen, und ſich eines Theiles der Strafe ſchuldig machen. Fortſetzung der Erzählung des Einſiedlers. —— Ich weiß nicht, ob ich euch ſchon erzaͤhlt habe, daß ich, durch meine innere Neigung, wie durch meine Beſtrebungen an die Parthei Don Ferdinands geknuͤpft, ſeit dem Prozeß vom Escurial auch in ſeine Gefahren mitverwickelt wurde. Sein geheimer Briefwechſel mit dem Kaiſer, ein Auftrag fuͤr den Generalfeldmarſchall des Königsreichs, den er zu Gunſten des Herzogs von Infantado unterſchrieben, ferner noch andere Papiere, die der Regierung in die Haͤnde fielen, erleichterten die Nachſtellungen Godoy's nur zu ſehr. Indeß dieſer Menſch hatte ſo großen Haß gegen ſich erregt, daß er keine Richter aufzufinden vermochte, um das koͤnigliche Schlacht⸗ opfer ſeiner unverſchaͤmten Rivalitaͤt hinzumorden. Die Feſſeln Seiner Koͤniglichen Hoheit wurden ſehr bald zerſprengt, die unſrigen erſt lange Zeit nachher. Ich war ſo eben meiner vorigen Freiheit, der Frei⸗ heit des Kloſterlebens naͤmlich, wieder zuruͤckgegeben, als auf einmal meine Eltern in die Kerker der In⸗ quiſition geworfen wurden. Ihr ungluͤck erregte 16 gegen mich mitten in der Kloſtergemeinde eine fana⸗ tiſche Verfolgung, und ich ſeufzte mehr als jemals nach der Aufhebung einer Regierung, die ein Ge⸗ webe von Vorurtheilen und Unfaͤllen war, unter de⸗ ren Laſt Spanien ſeußzte. Jede Hoffnung auf meine dereinſtige Befreiung knuͤpfte ich an den endlichen Triumph Ferdinands, und die franzoͤſiſche Armee, der eine ohnmachtige Staatsverwaltung unſere Provinzen uͤberliefert hatte, ſchien mir beides herbeifuͤhren zu muſſen. Damals war es, wo eine Militair⸗Revolution in die Haͤnde des erſten Maͤrtyrers des Despotis⸗ mus das väterliche Scepter zuruͤckgab. Ihr wißt es, wie eine Handvoll Gardiſten das alte Koͤnigs⸗ paar abſetzte und den Prinzen emporhob, der ihnen durch den gemeinſchaftlichen Haß und durch die ge⸗ meinſamen Beſtrebungen theuer geworden war. Die Konige Europa's beobachteten im Angeſicht die⸗ ſer großen Unternehmung das tiefſte Schweigen. Ein einziger unter ihnen warf ſich zum Vertheidiger der Rechte der Thronen auf; dies war Napoleon, und eure Truppen drangen unter Joachim's Anfuͤh⸗ rung in die Mauern Madrids ein⸗ Spanien war weit entfernt, die geheime Abſicht zu errathen, welche dieſem Einfall zum Grunde lag. Der alte Hof, derjenige naͤmlich, welcher den Guͤnſt⸗ ling unterſtutzte, und der neue Hof, das heißt der⸗ jenige, welcher den unwuͤrdigen Miniſter zu beſtra⸗ fen wuͤnſchte, ferner die unwuͤrdige Koͤnigin, der ohnmaͤchtige Monarch, alle dieſe ſetzten auf gleiche 17 Weiſe ihre Hoffnung auf die Zwiſchenkunft des Kai⸗ ſers. In der Nation dagegen beobachtete die Par⸗ thei der Misbraͤuche, der Vorurtheile, der despoti⸗ ſchen und knechtiſchen Geſinnungen, nicht ohne Mis⸗ trauen das Vorruͤcken eurer Fahnen. Beſonders die Oberen der Moͤnchsorden fuͤrchteten ſich vor der Generation von 1789. Euer Name ward in San Lorenzo del Escorial nur mit Schrecken genannt. Eines Morgens befand ich mich am aͤußerſten Ende der Fresnada auf einem nackten Felſen, an deſ⸗ ſen Fuße die Stiere der Kloſtergemeinde weideten. Auf einmal erfuͤllte Trompetengeſchmetter die Luͤfte. Ich blickte auf, und ſiehe da, laͤngs den Hoͤhen von Guadalapagar ſtieg mit blinkenden Adlern eine Divi⸗ ſion hernieder, deren ſchoͤne Haltung, regelmaͤßiger Marſch und glaͤnzende Waffen mir genugſam andeu⸗ teten, daß es franzoͤſiſche Regimenter wären. Eure Soldaten, ſo wie ſie den großen weißen Hut auf meinem Kopfe, das doppelke Kleid von wei⸗ ßer Wolle, das ich trug, und die Hirtengeſchaͤfte, die ich hier zu treiben ſchien, anſahen, begruͤßten mich mit einem Lachen, das ſich durch alle Reihen verbreitete. Ein General ſprengte an mich heran, und ſuchte einige Entſchuldigungen auf kaſtilianiſch hervorzubringen. Ich antwortete ihm in ſeiner Mutterſprache; er wunderte ſich uͤber meine Gelaͤu⸗ figkeit, und noch mehr uͤber meine Bereitwilligkeit, ſie zu reden. Wir waren kaum eine halbe Stunde mit einander gegangen, als wir uns auch ſchon ge⸗ genſeitige Freundſchaft angelobten, und ſo gelang⸗ II. 2 18 ———— ten wir allmaͤhlig unter die Gewoͤlbe, unter denen eure Mitbuͤrger vor hundert Jahren zum leztenmal mit den Waffen in der Hand geweſen waren. Jeden Tag ward mein Verhaͤltniß mit den fran⸗ zoͤſiſchen Offizieren enger und vertrauter. Mir ge⸗ fiel ihr Weſen, das ſo frei, obwohl minder roh als das unſere, das ſo ſtolz war, und doch ihr Selbſi⸗ gefuͤhl und ihre Verachtung unter leichten und ge⸗ ſchmeidigen Formen verbarg. Mir gefielen eure Soldaten, ihre breiten Narben, und jene ruhige Ge⸗ muͤthsſtimmung, die keine Gefahr, wohl aber den Sieg kannte, ihre Erzaͤhlungen von heroiſchen Zei⸗ ten, worin die Erinnerungen an das alte Aegypten ſich mit denen an Polen und Italien verbanden, worin ſich ferner nicht das mindeſte Erſtaunen uͤber Großthaten ausſprach, die durch alle kommenden Jahrhunderte die Welt in Verwunderung ſetzen wer⸗ den, und worin uͤberhaupt auch nicht die leiſeſte Ahndung hervorſchimmerte, daß das Geſchick ihnen noch irgend einen Widerſtand entgegenſtellen oder wohl gar eine Herrſchaft zertruͤmmern koͤnne, die ſie auf den Ruinen von Memphis, von Palmyra und von Rom hatten gruͤnden helfen. Jeder Soldat fuͤhrte die Sprache des franzoͤſiſchen Kaiſers; eben dieſelbe Verachtung des Vergangenen, dieſelbe Un⸗ bekuͤmmerung um die Wuͤnſche und Anſtrengungen der Voͤlker, daſſelbe Bewußtſein irgend einer gewiſ⸗ ſen uͤbermenſchlichen Kraft, welche die Menſchen ver⸗ lachte und an keinen Gott dachte; alle ſprachen ſo, als ob ſie das Schickſal ſelber waͤren. Napoleon 15 hatte die Heere der Republik in einem Zuſtande über⸗ nommen, worin ſie an keinen Gott glaubten; er er⸗ ſchien, und ſie wurden Fataliſten*); indeß ſtellte er ihnen das Schickſal nicht ſowohl als den Herrn, ſondern als den Diener ihrer eigenen Macht dar, und zeigte ihnen, daß es in ſeinem Genie und in ih⸗ ren Bajonetten ſeinen Sitz habe. Dieſe Religion des Siegs hatte fuͤr die Phantaſie jugendlicher Koͤpfe etwas verfuͤhreriſches; die mei⸗ nige ward davon ganz bezaubert. Es lag in der Po⸗ litik des Kaiſers, einen neuen geſellſchaftlichen Zu⸗ ſtand zu gruͤnden, und das reifere Alter, wie das Greiſenalter, durch hoffnungstrunkene Generationen zu regieren. Dieſe Politik ſtͤtzte ſich auf den Ruhm, auf dieſe maͤchtige Axe, deren Hauptſtutzpunkt in al⸗ len edleren Leidenſchaften der menſchlichen Natur ruht, und die raſche Schwungkraft, die aus einer ſolchen Triebfeder entſprang, war nur zu ſehr mei⸗ nen Ideen und Wuͤnſchen angemeſſen. Ich hoffte, ſie dereinſt auf mein Vaterland angewendet zu ſehen, und da ich nicht zweifelte, daß der Kaiſer nach ſeinen erſten Anwandlungen von Unſchluͤſſigkeit, das Werk des Aufruhrs zu beſtatigen, doch endlich den jungen Koͤnig anerkennen wuͤrde, wie ihn ja bereits auch die andern Maͤchte Europa's ohne Bedenken anerkannt hatten, und daß Don Ferdinand ſehr bald den Eifer belohnen wuͤrde, den unter andern auch ich fur ſeine Sache an den Tag gelegt hatte, ſo wußte ich es * Anhänger der Lehre von einem unvermeidtichen Schickſale. 2 k 20 dem Einfluß des Kaiſers vielen Dank, daß er fuͤr die Monarchie ein neues Zeitalter von Groͤße herbei⸗ fuͤhren, und mir an der Stelle einer ewigen Ruhe einen thaͤtigen Wirkungskreis, ſtatt der Knechtſchaft Freiheit, ſtatt der bisher erlittenen Beleidigungen Ehrenauszeichnungen verſchaffen wuͤrde. Euch iſt bekannt, welchen reißend ſchnellen Gang die Begebenheiten damals nahmen. Napoleon war unvermuthet in Bayonne angekommen; wenige Tage nachher begab ſich der Infant Don Carlos und ſein Bruder, der Koͤnig, ebenfalls dahin; eben ſo Godoy und ſeine entthronten Gebieter. Alle unſere Bour⸗ bons erwarteten von dem Lenker der Weltſchickſale, daß er ihre Streitigkeiten entſcheiden ſolle. Don Ferdinand hatte vor ſeiner Abreiſe mir einen bedeu⸗ tenden Poſten in ſeiner Kapelle angewieſen, und ich ſchickte mich nun an, den Aufenthaltsort zu verlaſ⸗ ſen, wo ich ſo viel gelitten hatte; aber an eben die⸗ ſem Orte hatte ich ja auch Matea geſehen und ge⸗ liebt,— ſeltſame Stimmung des menſchlichen Her⸗ zens! Ich entfernte mich mit einer tiefen Ruͤhrung aus dieſer duͤſtern Behauſung, die ich ſo lange zu verlaſſen mich geſehnt hatte. Ich kam gerade nach Madrid waͤhrend der denk⸗ wuͤrdigen Scenen des 2. Mai. Der Anblick einer blutgierigen Poͤbelmaſſe, die von Prieſtern zum Mord⸗ gemetzel angeleitet wurde, dieſer unerwartete Anblick machte auf mich einen tiefen Eindruck. Ich begriff nun zum erſtenmal, was Anarchie ſei, und meine Moͤnchsgewoͤhnungen verbanden ſich mit meinen 24 menſchlichen Gefuͤhlen, um das Bild derſelben in meinen Augen noch abſcheulicher zu machen. Ich dachte mit Zittern daran, daß es Menſchen unter uns gaͤbe, die ſo wahnſinnig waͤren, daß ſie in ih⸗ rem Intereſſe fuͤr den Thron ihre Zuflucht zu Volks⸗ aufruhr naͤhmen, und andrerſeits im Intereſſe fuͤr Don Ferdinand den Monarchen zum Kampf heraus⸗ forderten, in deſſen Gewalt ſein Leben und ſeine Krone ſtand. Eure Soldaten ſprengten mit furchtbarer Ruhe die Schaaren der empoͤrten Volksmaſſe aus einander. Hierauf durchſtreifte die Regierungsjunta, welcher Don Ferdinand die hoͤchſte Gewalt uͤbertragen hatte, und der franzoͤſiſche Generalſtab gemeinſchaftlich die Vorſtaͤdte, um die Gemuͤther zum Gehorſam zuruͤck⸗ zufuͤhren. Ich ſelbſt, auf zwei Grenadiere geſtuͤtzt, redete das Volk auf der Puerta del Sol an; denn gerade da fuͤhrt das Zuſammentreffen der bedeutend⸗ ſten Straßen von Madrid beſtaͤndig die geſchaͤftige Volksmaſſe zuſammen, und hier ſucht zugleich der muͤßige Theil der Einwohnerſchaft die eintoͤnige Lan⸗ geweile eines jeden Tages loszuwerden, der dem vorhergehenden eben ſo aͤhnlich iſt, wie der morgende dem heutigen. Ich ließ meine Stimme von einem Ende dieſes unregelmaͤßigen Platzes bis zum andern erſchallen, und alsbald umringte mich die Menge, die eben ſo ſehr durch mein Ordenskleid, als durch den Namen Ferdinands, auf den ich mich berief, herbeigelockt wurde. Doch kaum hatte man die ſelt⸗ ſame Rednerbuͤhne bemerkt, auf die ich mich ſtutzte, ——————— 22 oder wahrgenommen, daß meine Sprache nicht die der blinden Leidenſchaft ſei, als auch ſogleich alle wieder bavon eilten. Ich blieb auf dem Platze ganz allein zuruͤck, und der franzoſiſche General, der in San korenzo mein Freund geworden war, fuͤhrte mich nach dem Palaſte des Großherzogs von Berg. Ich kraf den Fuͤrſten, wie er ſo eben zu Pferde in ſeine Wohnung heimkehrte, in jenes ungeheure Gebaͤude, welches ein Miniſter Karls des Dritten erbaut, worin Godoy vor kurzem ſein prunkhaftes Weſen getrieben, und worin nach dem Abgange des franzöſiſchen Feldherrn einige Jahre hinterher die Cortes von Cadix ihren Sitz aufſchlagen ſollten. Die ganze Geſchichte Spaniens bietet uns ein Bild dieſes ſeltſamen Wechſels der Dinge bar. Eine Regierung, die von Natur ſchwach war, weil die koͤnigliche Gewalt unumſchraͤnkt und ganz iſolirt war, konnte nicht lange ſich als tuͤchtig und weiſe bewaͤh⸗ ren. Auf die großen Miniſter eines großen Konigs folgte jener ungeſchickte und verdorbene Guͤnſtling, durch welchen der Staat zu gleicher Zeit einem feind⸗ lichen Einfall und der Anarchie preisgegeben wurde. Jvachim empfieng mich mit jener ſtolzen Herab⸗ laſſung, die ihr gewiß an ihm oft bemerkt haben wer⸗ det. Er ſprach mit mir uͤber den Volksaufſtand wie ein Mann, der gewohnt iſt, nur den Widerſtand geregelter Heermaſſen zu begreifen; die Wuth des Volkshaufens floͤßte ihm blos eine tiefe Verachtung ein. Er kannte zu wenig den ſpaniſchen Character, um die Erſchutterungen beurtheilen zu konnen, die auf ben erſten Stoß folgen mußten, ſobald ſeine Po⸗ litik die Urſache derſelben verſtaͤrkte, anſtatt ſie zu heben. Gewohnt, blos die offene Gewalt zu hand⸗ haben und blos durch ſie zu handeln, glaubte er, daß die Ausuͤbung einer uͤbertriebenen Strenge die Ge⸗ muͤther einſchuͤchtern, und daß ſodann der kaſtilia⸗ niſche Stolz ſich auf immer vor dem Einfluß der Furcht beugen wuͤrde. Dieſer Stolz, der ſo edel und unbiegſam iſt wie die Ehre, die ihm zum Grunde liegt, war in ſeinen Augen einerlei mit jener Prah⸗ lerei des Suͤdlaͤnders, die doch blos die Parodie je⸗ nes Stolzes iſt. In den Säaͤlen des franzoͤſiſchen Oberfeldherrn ward das ganze Spanien durch Stellvertreter re⸗ praͤſentirt; indeß zu meiner Verwunderung fand ich darin hauptſaͤchlich den ganzen alten Hof wieder. Karl der Vierte hatte bei ſeiner Abreiſe ſeine Abdan⸗ kung fuͤr null und nichtig erklaͤrt, und wieder das Ruder der Regierung uͤbernommen; die Anhaͤnger Godoy's draͤngten ſich daher jezt um den Beſchuͤtzer ihres Herrn, und der eifrigſte und keckſte derſelben, Frey Don Jaime, ließ mitten unter dieſen Gruppen ſeine ſtets hoͤhniſche und ſtets unzufriedene Gecken⸗ haftigkeit hervorblicken. Die Anweſenheit eines ſol⸗ chen Menſchen am Hofe des franzoͤſiſchen Oberfeld⸗ herrn daͤmpfte in mir einigermaßen die Empfindun⸗ gen, die ich bei der erſten Ankunft der Landsleute meiner Mutter, uͤberhaupt derer, von denen ich ei⸗ nen Erſatz fuͤr unſere langen Leiden erwartete, em⸗ pfunden hatte. Mein Vertrauen wuchs indeß wie⸗ 24 der, als ſch in der Raͤhe des franzöſtſchen Fürſten die edlen Perſonen erblickte, welche ein Opfer der Verfolgungen Don Manuels geweſen waren, ferner die Staatsſekretaͤre, denen der junge Koͤnig die Aus⸗ uͤbung ſeiner Gewalt uͤbertragen hatte. Von Karl dem Vierten in den Poſten beſtaͤtigt, worein der Sohn deſſelben ſie geſetzt hatte, widmeten ſie ſich mit edelmuͤthiger Ergebenheit dem Geſchaͤft, unter ſo vielen feindſeligen Klippen das Staatsſchiff zu len⸗ ken. Beide Koͤnige ſtimmten darin mit einander uͤberein, daß ſie ohne Unterlaß den Befehl wieder⸗ holten und einſchaͤrften, man ſolle die Gemüther be⸗ ruhigen und die Franzoſen zufrieden zu ſtellen ſuchen. Die Miniſter hatten zu den Arbeiten ihrer Regie⸗ rungsjunta die bedeutendſten Mitglieder der oberſten Rathsverſammlungen gezogen, und alle erkannten mit Seufzen, daß der von Don Ferdinand und ſeinem koͤniglichen Vater vorgeſchriebene Gang auch noch durch eine andere Macht, naͤmlich durch die Noth⸗ wendigkeit, vorgezeichnet wuͤrde. Mitten unter dieſen Maͤnnern, die den verſchie⸗ denſten Partheien und Staͤnden angehoͤrten, zeich⸗ nete ſich durch die Wuͤrde ſeiner Haltung und Sprache ein Praͤlat aus, der mit dem Anſehn ſeiner Stellung auch noch das Anſehn ſeiner Tugenden verband. Don Iſidro***, einer von jenen hervorragenden Maͤnnern, welche die Junta in ihre Mitte gerufen hatte, warf ſich mit edler Feſtigkeit zum Vermittler für die Opfer auf, welche die kaiſerliche Majeſtät ſich auserſehen hatte, um an ihnen ein ſogenanntes 25 Beiſpiel aufzuſtellen. Die Freunbſchaft, die er fur meinen Bruder und fuͤr die Markiſin hegte, machte mich ſo dreiſt, daß ich mich ihm naͤherte. Ich nannte mich ihm; ſeine Miene beim Empfang war eben ſo wohlwollend als traurig.»Ihr habt,“ ſagte er zu mir, jezt eben dem Staate durch eure Bemuͤhungen fuͤr Wiederherſtellung der Ruhe einen großen Dienſt erwieſen. Noch nie hatte eine Regie⸗ rung ſo ſehr die groͤßte Behutſamkeit noͤthig, als unſere ungluͤckliche Regentſchaft. Durch unſere in⸗ nere Neigung, ſo wie durch unſere Pflicht gehoͤren wir Don Ferdinand an. Dagegen behauptet nun Karl der Vierte, das Ruder des Staats wieder uͤber⸗ nommen zu haben, und befiehlt dem Infanten Don Antonio, ſeinen jungen Sohn und die Koͤnigin von Etrurien nach Bayonne abreiſen zu laſſen. Wir hatten es auf uns genommen, auf die ſtolzen Anfor⸗ derungen des Großherzogs eine abſchlaͤgige Antwort ergehen zu laſſen; indeß in der verfloſſenen Nacht traf ein Schreiben von Don Ferdinand bei uns ein. Seine Majeſtaͤt ermahnt uns darin zur Geduld und zur Unterwuͤrfigkeit. Er hat großherziger Weiſe ſich geweigert, ſeine Abdankung zu unterſchreiben; dar⸗ uͤber iſt der Kaiſer erbittert, ſeine Rache iſt furchtbar, und wir muͤſſen fuͤr unſer koͤnigliches Oberhaupt zit⸗ tern. Moͤchten nur die regelloſen Bewegungen einer Volksmaſſe, die vom ketzeriſchen England beſoldet wird, nicht fuͤr immer den Erfolg der Unterhandlun⸗ gen gefaͤhrdet haben, wovon allein das Schickſal un⸗ ſerer Monarchie abhaͤngt!“ ——————— 25 Mehrere Granben naͤherten ſich uns, unb aͤuſ⸗ ſerten dieſelben Bekuͤmmerniſſe. Generale, denen der Ruhm des ſpaniſchen Namens ſo theuer war, als ihr eigener Ruhm, die nachmals ſich an die Spitze aufgewiegelter Schaaren geſtellt haben, dach⸗ ten voll Unwillen daran, daß eine Handvoll Moͤnche und Frauen unſere Hauptſtadt den Verheerungen ei⸗ nes feindlichen Sturmangriffs, die Prinzen vom Ge⸗ bluͤt unſerer Koͤnige den traurigſten Wiedervergel⸗ tungsmaßregeln, die ganze Halbinſel einer demuͤthi⸗ genden Eroberung ausgeſetzt hatte; Staatsbeamte von vieljaͤhriger Erfahrung bedauerten dieſes ſtuͤr⸗ miſche Aufbrauſen der Menge, als eine Quelle des mannigfaltigſten Ungluͤcks. So viele oͤffentlich er⸗ hobene Stimmen haͤtten allein ſchon mein Gewiſſen beruhigen koͤnnen, wenn auch nicht die Macht der Franzoſen und unſere Schwaͤche hinlaͤnglich den von mir gefaßten Entſchluß gerechtfertigt haͤtte. Ich trug alſo kein Bedenken, unter den Augen des franzoͤſiſchen Oberfeldherrn eine Proclamation zu entwerfen, die er an die Bewohner von Madrid er⸗ ließ. Die Begeiſterung und das Feuer meiner Ideen gaben meinem Stile mehr Energie, als ich von Na⸗ tur beſaß. Meine Arbeit entzuͤckte den Großherzog. Seine Dankſagungen lenkten bereits die Blicke ſeines Hofes auf mich, als eine Frau, die ſo eben in den Saal getreten, umgeben von einem Kreiſe franzoͤſi⸗ ſcher Offiziere, ſich mir naͤherte, meine Hand an ihre Lippen druͤckte, und mir durch ihre Lobſpruͤche be⸗ wies, daß dieſe Huldigung nicht ſowohl meinem 27 Kleide, als meinen Geſinnungen und meiner Sprache gelte. Sie hob das Haupt empor,— ich bebte vor Freude, es war die Graͤfin von D***, Ein neues Daſein begann fuͤr mich mitten in dieſer allge⸗ meinen Bewegung der Menſchen und der Verhaͤltniſſe, Der leidenſchaftliche Ton Matea's erweckte im In⸗ nern meines Herzens irgend eine thoͤrichte Hoffnung, die ich mir ſelbſt nicht zu erklaͤren vermochte; mir war, als uͤbernaͤhme ſie es, mein neubegonnenes Leben zu vervollſtaͤndigen. Ich ward indeß nicht wenig uͤberraſcht, als ich den Verluſt bemerkte, den ihre Schoͤnheit ſeit ihrem Aufenthalt im Escurial erlitten hatte. Ihr Geſicht war bleich und leidend, ihre Augen thraͤnenfeucht, in ihren Zuͤgen druͤckte ſich eben ſo viel Verwirrung als Betruͤbniß aus. Allein, anſtatt dadurch an ver⸗ fuͤhreriſchem Reiz zu verlieren, hatte ſie dadurch blos einen neuen hinzugewonnen; in ihrer Traurig⸗ keit lag ein Zauber, der mich noch feſter an ſie feſ⸗ ſelte. Da ſie ſeit dem fruͤhen Morgen von Madrid ent⸗ fernt geweſen war, ſo fragte ſie mich aͤngſtlich um den Hergang der Begebenheiten, die dieſen Dag denk⸗ wuͤrdig gemacht hatten. Auf einmal ließ ſich ein ungluͤckverkuͤndendes Getöſe horen. Ich ſchauderte. Eine Handvoll Aufruͤhrer fand ſo eben durch Flin⸗ tenſchuͤſſe ſeinen Tod. Alle anweſenden Freunde des Prinzen von Aſturien entfernten ſich ſogleich, und Matea that daſſelbe. Sie wuͤnſchte, daß ich in ihrem Hauſe wohnen 28 moͤchte. Dies Anerbieten weckte in mir die tiefſten und ſuͤßeſten Gefuͤhle, und ich vergaß auf einen Au⸗ genblick, daß ſo eben mehrere meiner Mitbuͤrger un⸗ ter den Kugeln der Fremden zu Boden geſunken wa⸗ ren. Meine Seele uͤberließ ſich ganz den Hoffnun⸗ gen meiner Liebe. Das Hotel der Grafen D⸗ liegt am Prado, dieſem herrlichen Spaziergange, den Karl der Dritte anlegte. Vor ſeiner Zeit war da blos eine abgele⸗ gene Wieſe, wo die Granden im Schaͤferhut und im Kamiſol der andaluſiſchen Landleute die Kuͤhlung des Abends zu genießen pflegten; hier fand vor etwa funfzig Jahren die Galanterie einen Zufluchtsort fuͤr ihre Freuden, und die Rache einen fuͤr ihre Meuchel⸗ morde. Jezt beſchatten ſtolze Baͤume dieſen ſchoͤnen Platz, zierliche Springbrunnen ſchmuͤcken ihn, Stra⸗ ßen und Palaͤſte umgeben ihn, und am Abend jedes Tages ſtroͤmt die ganze Bevoͤlkerung der Hauptſtadt zu ihm hin. Am 2. Mai lagerten ſich eure Solda⸗ ten unter den Waffen unter dieſen friedlichen Alleen, und hier waren ſo eben die erſten Opfer unſerer Zwie⸗ tracht gefallen. Beim Scheine der Fackeln wurden ihre blutigen Leichen auf Tragbahren weggeſchafft, und die Soldaten, welche das grauſame Urtheil voll⸗ ſtreckt hatten, fuͤhlten Thraͤnen uͤber ihr kriegeriſches Antlitz herabrollen. Dieſer Anblick erfuͤllte mich mit Grauſen. Die Graͤfin war davon nicht minder be⸗ wegt als ich, und der Ton ihrer Stimme verrieth eine innere Gemuͤthsbewegung, die ſie vergebens zu⸗ ruͤckzuhalten oder zu verbergen ſuchte.»Euer Bru⸗ 29 der,“ ſagte ſie zu mir, indem ſie dem kraurigen Zuge nachſah,»euer Bruder iſt vielleicht mit darunter.“ —»Wie? waͤre das moͤglich?“ rief ich aus.— »Euer Bruder,“ fuhr ſie fort,'ruht vielleicht auf dieſem Bette der Ehre. Ich weiß, daß er ganz kuͤrz⸗ lich erſt Ocagna verlaſſen hat, um ſich an die Spitze von Fanatikern zu ſtellen, die alles gefaͤhrdet, alles verdorben haben.“ Frey Don Jaime ſtieg mit uns die Treppe hinauf, und fuͤgte gleichgultig hinzu: „PVermuthlich mag eure Schweſter ihm hiebei Geſell⸗ ſchaft geleiſtet haben.“—»Wie? Jaime, was ſagt ihr?“ unterbrach ihn die Graͤfin.—»Ja, ja,“ fuhr der Brigadier fort, indem er ſich Muͤhe gab, aͤußerlich eine Gleichguͤltigkeit zu zeigen, die mit ſeinen inneren Geſinnungen im Widerſpruch zu ſein ſchien,'es iſt eine zweite Bradamante. Ich habe es ſelber geſehen, wie ſie gleich einem Kriegsblitze auf die kaiſerliche Garde Feuer gab, ſie wuͤrde den ganzen Orden der Frauen von der Art*) beſchaͤmt haben, und wie ich habe reden hoͤren, ſo war ſie eine von denen, welche ſo eben dieſe ſtrafbare Hel⸗ denthat mit dem Leben gebuͤßt haben.“ Mein gan⸗ zes Blut erſtarrte zu Eis. Mitten in meinem Ent⸗ ſetzen und in meiner Betruͤbniß glaubte ich eine ploͤtz⸗ liche Freude in den Blicken Matea's aufleuchten zu ſehen. Unterdeß ſuchte ſie mich zu beruhigen, we⸗ nigſtens zu troͤſten. Ihre zarte Sorgfalt ruͤhrte *) Er wurde zu Gunſten der Frauen von Tortoſa geſtiftet, welche dieſe Stadt im J. 1149 gegen die Saracenen verthei⸗ digten. 30 mich, ohne meine traurige Bekuͤmmerniß zu heben. Die naͤchſt verfloſſenen Jahre„ die einſame Lage, worin mich mein Bruder gelaſſen, und worin uͤber⸗ haupt alle, die von der Welt ausſcheiden, von ihren Familien gelaſſen werden, hatten in meinem Herzen keinesweges die Neigungen meiner Kindheit vertilgt. Ich brachte die Nacht in unaus ſprechlicher Angſt zu. Bisher hatte ich immer geglaubt, daß die Schlaflo⸗ ſigkeit und die Verzweiflung blos in den Zellen unſe⸗ rer Kloͤſter wohnten, und ſiehe da, jezt benetzte ich mit meinen Thraͤnen die Eiderdunen eines Palaſtes. Ich hatte erſt dieſen Morgen den verwuͤnſchten Auf⸗ enthalt im Kloſter verlaſſen, und ſchon hatte ſich die Traurigkeit meiner von neuem wieder bemaͤchtigt; noch nie hatte ich mich in einer ſolchen Beſtuͤrzung und Verwirrung befunden, und doch war ich ja jezt in volle Freiheit geſetzt. Ach, was iſt das fuͤr ein ewig bewegtes Daſein, worin es uͤberall nur Leiden, nirgends Ruhe, noch weniger irgendwo Gluͤck giebt! Zweites Kapitel⸗ — Voll Ungeduld erwartete ich den Aufgang der Sonne, um nach dem Hotel der Markiſin eilen zu koͤnnen. Allein ich fand es leer und oͤde. Ich er⸗ fuhr, daß die Dienerſchaft, der Kapellan, meine El⸗ tern,— die, ohne daß ich es wußte, in Freiheit geſetzt worden waren,— es bereits ſeit den erſten Stunden der Nacht verlaſſen haͤtten. Der Kapellan war in aller Eile abgereiſt, um dem Markis die erſte Nachricht von dem traurigen Schickſal ſeiner Ge⸗ mahlin zu uͤberbringen, und dem Greiſe einigen Troſt zuzuſprechen. Mehr konnte ich nicht erfahren; die Regierungs⸗Junta wußte nicht einmal die Zahl der gefallenen Opfer anzugeben. In den Straßen ſah man den Schmerz auf allen Geſichtern ausgepraͤgt, aber es war ein finſtrer und drohender Schmerz. Es war leicht abzuſehen, daß die Maͤnner, denen die beiden Koͤnige die Aufrecht⸗ haltung des Gehorſams und der oͤffentlichen Ruhe anvertraut hatten, eine ſehr ſchwierige Aufgabe zu loͤſen uͤbernahmen, indem ſie die Monarchie den Ge⸗ fahren einer gewaltthaͤtigen Zwiſchenkunft des Volks und den Leiden eines Krieges zu entziehen ſuchten. Der junge Infant Don Francisco reiſte ab; der Infant Don Antonio entſchloß ſich, ſeinen Neffen zu folgen. Beſtuͤrzt uͤber die großen Begebenheiten, welche den Abend ſeines Lebens beunruhigten, durch das anmaßende Benehmen Jvachims mehr als ein⸗ mal beleidigt, und von dem Schickſal, das ſeiner Familie vorbehalten war, unterrichtet, wollte dieſer Prinz, ungeachtet aller Bitten der Junta, ſich zu denen, in deren Kreiſe er geboren worden, hinver⸗ fuͤgen, um mit ihnen zu ſterben. Von nun an be⸗ nahm ſich der franzoͤſiſche Oberbefehlshaber ganz ſo, als ob er der Nachfolger des hohen Greiſes waͤre, und nahm den Einſpruͤchen der Regentſchaft zum Trotz einen Platz in ihrer Mitte ein. Bald darauf 32 wurben ſeine Anmaßungen durch einen eigenhaͤndigen Auftrag Karls des Vierten voͤllig beſtaͤtigt, und der hohe Rath von Kaſtilien, die Inquiſition, kurz alle Staatsbehoͤrden machten dem neuen Verweſer des Koͤnigreichs wetteifernd ihre Aufwartung. Der Großherzog unterließ nicht, mich zu ſeinem Regierungsſekretaͤr zu ernennen. Ich weigerte mich anfangs, einen Poſten zu uͤbernehmen, zu welchem mich die Wahl des Generaliſſimus, theils, um dem Prinzen von Aſturien einen Anhaͤnger zu entziehen, theils wegen meiner gethanen voreiligen Schritte, theils wegen meines Ordenskleides, ungeachtet mei⸗ ner Jugend und Unerfahrenheit beſtimmt hatte. Das Blut Maria's, vielleicht auch das Alonſo's, ſtellte ſich wie eine Scheidewand zwiſchen mich und die Franzoſen. 6n Die Graͤfin ließ es ſich außerordentlich angele⸗ gen ſein, meinen gefaßten Entſchluß umzuſtimmen. Sie erhob ſich aus der Niedergeſchlagenheit, wor⸗ ein ich ſie gewoͤhnlich verſenkt ſah, um gegen meine Bedenklichkeiten alle Macht ihrer Beredſam⸗ keit und ihrer Reize aufzubieten. Sie erſchuͤt⸗ terte mich beſonders dadurch, daß ſie mich daran erinnerte, Jvachim habe ja meine Mutter den furcht⸗ baren Kerkern des Inquiſitionsgerichts entriſſen; und voll Freude daruͤber, daß meine Dankbarkeit ihre Bemuͤhungen erleichterte, ſagte ſie mir nun, daß mein Bruder am 2. Mai nicht umgekommen ſei. Einer ſeiner Pagen, der ſo eben von Ocagna eintraf, erzaͤhlte, Don Alonſo ſei wieder da eingetroffen, ſei 33 aber ſogleich wieder abgereiſt, und habe eine Schaar zuſammengeraffter Krieger durch die Ebenen von la Mancha mit ſich fortgefuͤhrt; Donna Leonor, Don Luis, die ganze Dienerſchaft Maria's folgten ſeinen Fahnen, und alle beweinten die Markifin, die nicht mehr am Leben ſei.—*Was dieſe Markiſin an⸗ betrifft,“ fuhr Matea fort, dieſe war nichts fuͤr euch; ich werde euch ſpaͤter einmal dies Geheimniß aufklaͤren. Fuͤr jezt denkt blos an euer Vaterland, deſſen Ruhe und Unabhaͤngigkeit ihr nunmehr gegen die Bettler, die Narren, die Moͤnche und Englaͤnder vertheidigen muͤßt.“ Die Graͤfin wuͤrde ungeachtet ihrer Beredſamkeit dennoch vielleicht nichts bei mir ausgerichtet haben, wenn ſie die einzige geweſen waͤre, die eine ſolche Sprache gegen mich fuͤhrte. Außer ihr bekaͤmpfte auch noch der tugendhafteſte Mann meinen Wider⸗ willen, indem er alles zu Hilfe nahm, was mir nur irgend theuer war. Don Iſidro ſchilderte mir naͤm⸗ lich mit ſo lebhaften Farben die Nothwendigkeit, alle Mitglieder der großen ſpaniſchen Familie zu ei⸗ nem engen Bunde zu vereinigen, er ſprach mit mir ſo dringend von dem Beduͤrfniß, die Monarchie, die jezt von ihren hohen Beſchuͤtzern verwaiſet ſei, zu vertheidigen, er zeigte mir ſo viele Gefahren, die ſich uͤber dem Haupte der geſammten, gefangen ge⸗ haltenen Koͤnigsfamilie, und uͤber dem geſamm⸗ ten, vom Feinde beſetzten Vaterlande emporthuͤrm⸗ ten, daß ich nach langem Kampfe endlich fuͤhlte, daß es niedrige Feigheit ſein wuͤrde, wenn ich jenen HI. 6 34 edeln Mitbuͤrgern, die ſich dem gemeinen Beſten widmeten, meinen Beitritt verſagen wollte. Alle Gemuther ſtimmten uͤberein, daß nirgends Heil zu ſuchen ſei, als in einer Zuſammenberufung der Cor⸗ tes; allein nur die hoͤchſte Vorſicht, Eintracht und Einheit in den Anſichten und Beſtrebungen konnte fuͤr Spanien dieſe Wohlthat herbeifuͤhren. Der Wunſch des Koͤnigs ſtimmte ganz mit dem Wunſche ſeiner Unterthanen uͤberein. Er hatte be⸗ reits funfzehn Tage lang ſich gegen den Kaiſer ge⸗ weigert, die Krone niederzulegen; allein am 5. Mai vermochte er nicht laͤnger mehr, ſeinem Vater dieſen Wunſch abzuſchlagen. Da indeß der ungluͤckliche Fuͤrſt in der Macht der Nation, die von ſeinen Vor⸗ gaͤngern gebrochen worden, eine Zuflucht ſuchte, ſo wollte er die Krone nicht anders niederlegen, als in Gegenwart ſeines durch Cortes repra⸗ ſentirten Volkes. Lange Zeit hindurch ſuchte er dieſen ſeinen Wunſch gegen die Wuth Karls des Vierten gelkend zu machen, der ſein Leben zu bedro⸗ hen anfieng; endlich aber gab er doch nach, und der bejahrte Monarch machte nun von den Rechten ber Krone, die ihm ſein Sohn zuruͤckgegeben, keinen andern Gebrauch, als den, daß er ſie ohne Vorbe⸗ halt an Napoleon abtrat. DieUnterhandlung ward von Godoy geleitet. Zu ſeiner voͤlligen Entehrung fehlte dieſem nichts weiter, als daß er jezt in einem Alter von vierzig Jahren ſeine zu lange Staatslauf⸗ bahn damit endigte, daß er, um ſich fuͤr den Haß ſeines Volkes zu rächen, das Schickſal ſeiner Koͤnige, das ganze Schickſal ſeines Vaterlandes einem Fremden verkaufte. Wie konnte es nach ſolchen Ereigniſſen wohl noch irgend auf der Halbinſel Maͤnner geben, die ſich geweigert haͤtten, die Ruhe, die Ehre und die Unabhaͤngigkeit des Reichs unter den Schutz ei⸗ ner freieren Staatsverfaſſung zu ſtellen! Die Junta erhielt von beiden Koͤnigen den Be⸗ fehl, die Entſagungsacten oͤffentlich bekannt zu ma⸗ chen, welche mit ihnen alle Prinzen ihres Gebluͤts unterſchrieben haͤtten. Der Brief, den Don Fer⸗ dinand an uns ſchrieb, um uns Gehorſam anzuem⸗ pfehlen, trug das Gepräge einer ſolchen Aufrichtig⸗ keit, daß es faſt ſchien, als haͤtte der Domherr Es⸗ coiquiz, der die wichtigſten Staatsbriefe ſeines ko⸗ niglichen Zoͤglings abzufaſſen pflegte, ſich uͤber die Verbannung des Sohnes durch die Entthronung des Vaters getroͤſtet. Dieſe Anſicht hatten beide Par⸗ theien. Waͤhrend das Volk dieſe Entſagungsacten mit einer Art von Schrecken aufnahm, zogen Don Ferdinands Freunde eine neue Regierung bei weitem der Regierungsfortdauer des Friedensfuͤrſten vor, und die Freunde des alten Hofes zogen wiederum dieſe Revolution dem Triumphe Don Ferdinands vor. Die Inquiſition, der hohe Rath von Kaſtilien, der Rath der Finanzen, der Kriegsrath und die Mu⸗ nicipalitaͤten, welche aufgefordert wurden, einen Wunſch in Hinſicht des Prinzen zu aͤußern, zu deſ⸗ ſen Gunſten Napoleon uͤber die Krone von Spanien verfuͤgen moͤge, ſtimmten alle fuͤr denjenigen unter 3* 36 des Kaiſers Bruͤdern, der bereits Konig beider Sici⸗ lien war. f635 Erſt nach dieſem gethanen Schritte geſchah es, daß ein gewiſſer Aragonier, der ſeinem Stande nach ein Schaͤfer, ſeiner Reigung nach aber ein Schleich⸗ haͤndler war, und der, obwohl er fruͤher dem Hauſe Heſterreich angehangen, jezt auf einmal ſich fuͤr das Haus Bourbon erklaͤrt hatte, aus Haß gegen die Franzoſen, denen er es noch immer nicht verzeihen konnte, daß ſie uns Bourbons auf den Thron gegeben, insgeheim einem Mitgliede der Junta eine Verfuͤ⸗ gung Don Ferdinands uͤberbrachte, worin dieſer uns anbefahl, die Landesregierung an einen Ort hin zu verlegen, wo ſie vor fremdem Einfluß ſicher waͤre, und zu Aufrechthaltung des Staatswohls die Cortes zuſammenzuberufen. Dieſe Verfuͤgung veranlaßte unter den Mitglie⸗ dern der Regentſchaft einen langen Wortwechſel. Sie haͤtten ſich hiebei blos auf den Punkt des Rechts beſchraͤnken, und die Grundſaͤtze der Religion und der Monarchie befragen duͤrfen, um zu wiſſen, wem unter ſolchen Umſtaͤnden allein nur Gehorſam ge⸗ buͤhre, und ſie wuͤrden dann gewiß bald erkannt ha⸗ ben, daß nach der erfolgten Abdankung des Prinzen zu Gunſten ſeines Vaters, nach ſeiner Annahme der Vertraͤge, wodurch der Scepter in die Haͤnde einer andern Dynaſtie gelegt wurde, er aufgehoͤrt habe, uͤber Spanien zu herrſchen, und daß Napoleon, ver⸗ moͤge der von Carl dem Vierten ausgegangenen, frei⸗ willigen Ernennung, und vermoͤge der Zuſtimmung aller unſerer Vourbons, das geſetzmaͤßige Oberhaupt des Reichs ſei; ſie wuͤrden ſich dann gewiß an die heilige Maxime, welche die nothwendige Grundlage aller Thronen iſt, erinnert haben, daß naͤmlich alle Macht von Gott kommt! ²) Allein die Re⸗ gentſchaft, die durchaus einmal entſchloſſen war, Don Ferdinand zu dienen, warf traurig ihre Blicke um ſich her, und ſah nichts, als ein Land ohne Sol⸗ daten, ohne Finanzen, ohne feſte Plätze, ohne Ober⸗ haͤupter, im Herzen des Staats ein furchtbares Heer, in weiterer Ferne aber jene Macht, vor welcher be⸗ reits alle Koͤnige und Voͤlker Europa's ihr Haupt gebeugt hatten; ſie ſah unſere Fuͤrſten von uns durch die unuͤberſteigbare Scheidewand der Pyrenaͤen ge⸗ trennt, einen erledigten Thron, ſich gegenuͤber ſte⸗ hende Partheien, die bald keine Maͤßigung mehr ken⸗ nen wuͤrden, wofern nicht bald eine kraftvolle Gewalt ſich uͤber ſie ſtellte, ferner eine Nation, in welcher blos die unteren Klaſſen und Staͤnde, alſo gerade die, welche durch ihre Zuͤgelloſigkeit ſo leicht furcht⸗ bar zu werden im Stande ſind, einiges Widerſtreben gegen die Thronbeſteigung einer neuen Dynaſtie zu aͤußern ſchienen, endlich die Behoͤrden, die Granden, die Praͤlaten, kurz alle die, welche irgend im Beſitz von Grundeigenthum oder helleren Einſichten waren, voll Eifer, lieber Verzichtleiſtungen zu unterſchreiben, als durch Feuer und Schwert dagegen zu kaͤmpfen! Die Junta, verſtaͤrkt durch die Gouverneure und ) Omnis potestas est 4 Peo. 38 durch die Dekane des hohen Raths von Kaſtilien, und meiſt aus Mitgliedern zuſammengeſetzt, die durch ihre geleiſteten Dienſte, ſo wie durch ihre An⸗ haͤnglichkeit an die Sache des Prinzen von Aſturien, ausgezeichnet waren, erkannte faſt einſtimmig, daß ein Befehl, der durch nachträgliche Schritte gewiſſer⸗ maßen widerrufen wurde, und deſſen Ausfuhrung uͤberhaupt gar nicht in unſerer Gewalt ſtand, blos das Leben des hohen Gefangenen in Gefahr ſetzen und eine Revolution, die von nun an unvermeidlich war, nur noch blutiger machen wuͤrde. um Don Ferdinands willen ward alſo ſein Schreiben ſchnell vernichtet, und wenige Tage nachher dankten die Vertrauten ſeiner geheimſten Gedanken uns in ſeinem Namen fuͤr unſeren beſonnenen Ungehor⸗ ſam. Jezt, wo die Vorſehung alle menſchlichen Be⸗ rechnungen Luͤgen geſtraft, wo der Gebieter des Kon⸗ tinents wider aller Erwarten, mehr durch ſeine ei⸗ genen Thorheiten, als durch ſeine Unfaͤlle, geſtürze iſt, iſt es freilich leicht, diejenigen zu verdammen, die ſich zu Richtern der Verhandlungen von Bayonne aufwerfen mochten, waͤhrend die ganze Welt dazu ſtillſchwieg, und waͤhrend Spanien das Schweigen aller Voͤlker und aller Koͤnige nachahmte, diejenigen, die allein dem Strome nicht widerſtehen zu koͤnnen meinten, der in ſeinem Laufe die Welt mit ſich fort⸗ riß, diejenigen, welche die Sache einer Dynaſtie auf⸗ gaben, die ſich ſelber aufgab, uͤberhaupt diejenigen, welche fuͤr ihr Vaterland lieber eine geſetzliche Ver⸗ 39 waltung haben wollten, als eine Verwaltung durch fremde Krieger. Alle Perſonen von hoher Geburt und umſicht rechtfertigten unſeren Entſchluß durch muͤndliche und ſchriftliche Erklaͤrungen an uns. Viele freilich ver⸗ ließen hinterher die Fahnen wieder, unter die ſie ſich ſo eben erſt begeben hatten, waͤhrend wir allein treu blieben. Allein die Geſchichte, die gerechter iſt, als das Urtheil der Zeitgenoſſen, wird es einſt ſagen, auf weſſen Seite die Klugheit und die Pflichttreue ſich befand. Dieſe Unbeſonnenen und Ueberlaͤufer haben einzig und allein das Gluͤck auf ihrer Seite gehabt, und darum heißen wir denn Boöͤſewichte, jene dagegen Helden. Die Welt weiß es gar nicht genug, wie ſehr alle aufgeklaͤrten Koͤpfe unter uns ſich bereits zu dem Wunſche Ludwigs des Vierzehnten hinneigten, der die Pyrenaͤen hinweggewuͤnſcht hatte. Tagtaͤglich hatte ein zum Verfall ſich neigender Despotismus, der uns immer weiter von unſerem Jahrhundert und von dem uͤbrigen Europa zu entfernen ſuchte, in den Gemuͤthern das Beduͤrfniß einer politiſchen Wieder⸗ geburt fuhlbarer gemacht, die nun mit jedem Augen⸗ blick dringender wurde. Die franzöſiſchen Waffen hatten uns das Haus Bourbon auf den Thron gegeben, dieſelben nahmen jezt ihr altes Geſchenk wieder zuruͤck. Ein Königs⸗ geſchlecht, das durch ſeine innere Zwietracht, durch ſeine eigene Abbankung und durch unſer Ungluͤck vom Throne verdraͤngt worden war, konnte unmoͤglich 40 ein tiefes Bedauern fuͤr ſich erwecken, zumal da mit ihm zugleich ſo viele druͤckende Vorurtheile, lange Misbraͤuche, Tyrannei und Volksarmuth hinweg⸗ ſchwanden. Eine Revolution allein konnte den er⸗ ſtorbenen Koͤrper der ſpaniſchen Monarchie wieder beleben, und wer war mehr geeignet, die Induſtrie, die Kuͤnſte und Wiſſenſchaften in ihre uralte Wiege wieder zuruͤckzurufen, als der große Mann, deſſen Arm mitten unter Truͤmmern und Ruinen, die durch eure Buͤrgerkriege aufgehaͤuft worden, die ſchoͤnſte Geſetzgebung und das gewaltigſte Reich der neuern Zeiten geſchaffen hatte? Napoleon wuͤrde unter uns zu unſerem Gluͤck und zu ſeinem Ruhme mit vielem Erfolg die Macht ſeines Genies haben walten laſſen, womit ihn die Natur begabt hatte. Nachdem er die Alpen gebahnt, den Kontinent durch Kunſtſtraßen, die Meere durch Kanäle in Verbindung geſetzt, un⸗ geheure Haͤfen angelegt, Feſtungswerke und Dempel erbaut, Bildſaͤulen errichtet, und fuͤr Frankreich, das ohnehin ſchon ſo reich und ſo ſchoͤn war, das Zeitalter des Perikles wieder herbeigefuͤhrt hatte, wollte er jezt unſeren Provinzen Heerwege, unſeren Stroͤmen Bruͤcken, unſeren Soldaten Waffen und Kleidung, unſeren Staͤdten Schulen und Werkſtaͤtten, und unſeren Einoͤden Städte geben. Auſ ſeinen Wink liefen Flotten von unſeren Schiffswerften, jene Schaaren abſcheulicher Bettler und gefaͤhrlicher Landſtreicher hoͤrten auf, unſeren Städten ein trau⸗ riges Anſehn zu geben und das flache Land unſicher zu machen, die ganze Bevolkerung Spaniens erhob 41 ſich zu Kultur, zu milderen Sitten, ja zu den Genuͤſ⸗ ſen civiliſirter Voͤlker, die Geiſtlichkeit verlor einen Dheil ihrer muͤßig daliegenden Geldkapitale, und er⸗ langte dafuͤr ein Anſehn, das nicht mehr auf Aber⸗ glauben und Unwiſſenheit, ſondern auf die Dankbar⸗ keit und Hochachtung der Voͤlker gegruͤndet war, un⸗ ſere Granden endlich ſahen nun die Zeiten wieder⸗ kehren, wo ſie, anſtatt in dem Muͤßiggange des Hof⸗ dienſtes zu vegetiren, an der Spitze der Staatsver⸗ waltung und der Kriegsheere ſtanden. Gewiß, Spanien durfte ohne Schaam ein Lvos annehmen, welches ſich Italien, Deutſchland und Holland gefallen ließen, und das die edeln Soͤhne Polens ſich herbeiwuͤnſchten. ueberdies war Napo⸗ leons Macht faſt unbegrenzt, alle Throne hatten ſich unter ſeine Hand gedemuͤthigt, Don Ferdinand ſel⸗ ber hatte uns durch ſein eigenes Beiſpiel gelehrt, die Herrſchaft der Gewalt anzuerkennen. Warum hatte auch die Dazwiſchenkunft Frankreichs, die von den Kaſtiliauern des vorigen Jahrhunders ſo gern geſehen worden, die Kaſtilianer in der heutigen Zeit mit Unwillen erfuͤllen ſollen, wo die Nothwendigkeit ſie zum Geſetz, die Zeitumſtaͤnde ſie zu einer wahr⸗ haften Wohlthat machen? Doch nein, die Leidenſchaften der Menſchen woll⸗ ten es anders. Die Fremden machten ſich jeden Fußbreit Boden auf unſerer Halbinſel ſtreitig, die Englaͤnder verheerten unſere Provinzen, die Pluͤnde⸗ rung veroͤdete unſere Staͤbte, das Feuer aͤſcherte un⸗ 42 ſere Doͤrfer ein, eine Million Menſchen kam auf den Schlachtfeldern um. Was iſt durch alle dieſe Thraͤnen, durch alle dies vergoſſene Blut ausgerichtet worden? Sie haben blos den vori⸗ gen Despotismus und das vorige Elend wieder hergeſtellt. Der hohe Rath von Kaſtilien, die Inquiſition, die Jeſuiten, welche Karl der Dritte vertrieb, unſere veraltete Juſtizverfaſſung, ja die Willkuͤhr und die Folter bluͤhen unter uns wieder auf; die Tyrannei, die ihre eigenen Wiederherſteller zu Schlachtopfern beſtimmt, erweitert und füllt die Kerker, bevoͤlkert die Klippenfelſen des Mittelmeers mit Verbannten, legt vielleicht fuͤr die Zukunft den Keim zu Reactionen und Umwaͤlzungen, und macht aus Spanien ein großes Gefaͤngniß, worin blos der Fanatismus, die Unwiſſenheit und das Schrecken regiert! 23 Ich unterbrach den Einſiedler, um ihm zu ſa⸗ gen, daß die unumſchraͤnkte Gewalt der Krone ſich ohne Wiberſtand vor dem erſten Anhauch des mis⸗ billigenden Volkes aufgelsſt habe.»Die Konſtitu⸗ tion iſt oͤffentlich ausgerufen worden?“ rief er aus; *Was heißt das? Iſt dies vielleicht auch einer von den Schritten, eines von den Hirngeſpinſten derer, die da glaubten, die Freiheit koͤnne in Gegenwart der zagelloſen Menge wieder hergeſtellt werden?“— Als ich ihm darauf geantwhrtet hatte, fuhr er wei⸗ ter fort: Iſt es moͤglich? So ſind ſie alſo nach ſo vie⸗ len Uebeln, die ihre herbeigefuͤhrt hat, zu dem groͤßten von allen gelangt, naͤmlich zu dem Ungluck einer Volksrevolution? Ihrem Ruhme fehlte blos noch dies eine, daß ſie von der Anarchie Staatsreformen verlangten, die ihnen das Koͤnig⸗ thum allein zu gewaͤhren vermocht haben wuͤrde. Verzeihet, und auch Gott moͤge mir es verzei⸗ hen, daß ich noch immer die Sprache dieſer Zeit im Munde fuͤhre! Erſt wenn ich auf die Vergangen⸗ heit mich hinwende, und die Dinge ſich mir wieder unter dem damaligen Geſichtspunkte zeigen, merke ich, daß mein Kopf noch Ideen hat, und daß noch immer dieſelben Worte, um ſie auszudruͤcken, auf meine Lippen kommen. Qch, die Erwaͤgungen, von denen ich vorhin ſprach, waren zu maͤchtig, und mein Herz hat ſich hoͤchſtens damals eines Irrthums ſchuldig gemacht. Gott iſt mein Zeuge, daß damals, wo ich mich der franzoͤſiſchen Parthei fuͤgte, ich blos durch die Anſicht, ich moͤchte lieber ſagen, durch den taͤuſchenden Traum mich hinreißen ließ, daß das Wohl meines Vaterlandes dies erfordere. Kein Gedanke des Ehrgeizes verfuͤhrte mich, kein Gefuͤhl der Erbitterung gegen die Inquiſition fuͤhrte mich in die Reihen derer, die das Inquiſitionsge⸗ richt und die alten Vorurtheile vernichtet hatten. Wenigſtens glaubte ich es damals. Aber, ach, was fuͤr ſchwache Geſchoͤpfe ſind wir Menſchen doch! Vermoͤgen wir wohl in unſerem eigenen Herzen die geheimen Empfindungen alle zu leſen, die uns bei unſeren Handlungen leiten? Werden wir nicht oft durch glaͤnzende Ueberlegungen geblendet, wohinter 44 die ſtrafbarſten Triebfedern verborgen ſind, die ohne unſer Wiſſen auf uns wirken? Wir ſind bisweilen die erſten, die ſich durch die eigenen Leidenſchaften taͤuſchen laſſen, ſobald dieſe die Maske der Tugend vornehmen. Vierzehntes Buch. Fortſetzung der Erzaͤhlung des Einſiedlers. Erſtes Kapitel. Der Maimonat lief in Madrid ſehr ruhig ab. Der Großherzog wußte ſo geſchickt alle Verbin⸗ dung und allen Verkehr zwiſchen den einzelnen Provinzen abzuſchneiden, daß die Regierungs⸗ Junta ſelber nichts von alle den blutigen Ausſchweifungen erfuhr, die in der Halbinſel waͤhrend der lezten Dage vorgefallen waren. Man kannte blos die zahllos eingergichten Denk⸗ ſchriften der Domkapitel, der Univerſitaͤten, der Ayuntamientos, der Maeſtranza's*), die ſich als eifrige Anhaͤnger der Revolution von Bayon⸗ ne bezeigten. Mitten unter dieſer allgemeinen Zuſtimmung verſammelte eine Junta von Nota⸗ beln, die aus alle den Maͤnnern zuſammenge⸗ ſetzt war, die irgend durch Geburt, Talent oder geleiſtete Dienſte hervorragten, ſich um den fran⸗ zoͤſiſchen Kaiſer, um den neuen Monarchen an⸗ zuerkennen, auf welchen jener die ihm von un⸗ *) Körperſchaften. 46 ſeren Fuͤrſten abgetretenen Kronrechte zu uͤber⸗ tragen im Begriff war, und zugleich die Grundla⸗ gen der Konſtitution abzuſchließen, wonach wir von nun an regiert werden ſollten. Dies Wort* Kon⸗ ſtitution“ hatte eine wahrhaft magiſche Kraft; es ſoͤhnte den Adel, den Buͤrgerſtand, die Weltgeiſt⸗ lichkeit mit der neuen Dynaſtie aus. Blos die Moͤnche, beſonders die Frayles, aͤrgerten ſich uber die neue Erſcheinung, worin ſie den Keim zu ihrem kuͤnftigen Ruin ſahen, und ungluͤcklicher Weiſe hatte jede ihrer Empfindungen und Anſichten einen erſchuͤtternden Einfluß auf die Volksmaſſe. Der Pater Provinzial Fray Cayetano, der fruͤher⸗ hin mit uns dahin gewirkt hatte, Don Ferdinand zur franzoͤſiſchen Parthei hinuͤber zu ziehen, hatte ſeine Fahne geaͤndert, ſeitdem die Feinde der alten Misbraͤuche auf den Beiſtand des Kaiſers rechnen zu koͤnnen ſchienen. Sir Georges, von welchem man wußte, daß er in unſeren Kloͤſtern verſteckt war, lieferte ihm Gold in die Haͤnde. Ein Fray Aparicio, eine alte Schauſpielerin, ein Haͤſcher, Namens Fortunato, einige Gerichtsdiener des ho⸗ hen Raths von Kaſtilien, ein Raͤuberhauptmann, der ſeit langer Zeit unter dem Namen»Großrichter von Aragonien“ ſich furchtbar gemacht hatte, ei⸗ nige Gitanos, einige Avapiés*), waren die Pauptwerkzeuge, die einen Bauernſtand erregen ſollten, worin ich in meinem Bedauern auch *) Leute aus dem Pöbel. 47 meinen eigenen Vruder mit hinein gezogen ſehen mußte. Das aufgeklaͤrtere Spanien, das Spanien der hoͤheren Staͤnde naͤmlich, wendete voll Vekuͤm⸗ merniß ſeine Blicke nach den Pyrenaͤen hin. Jo⸗ ſeph traf unterdeſſen in Bayonne ein. Mehr als ſechzig Mitglieder von der Junta der Notabeln wa⸗ ren bereits verſammelt, und die Inquiſition, die Oberhaͤupter der Moͤnchsorden, die Deputationen der oberſten Staatsbehoͤrden und des Heeres brach⸗ ten ihm den Zoll der allgemeinen Unterwuͤrfigkeit dar. Auch Don Iſidro und der Vater Matea's fanden ſich bei dieſem gemeinſchaftlichen Zuſam⸗ mentreffen aller derer ein, welche die Ordnung ei⸗ ner Anarchie, oder eine geſetzliche Verwaltung dem Despotismus eines Godoy vorzogen. Die Gran⸗ den, welche nie zuvor eine Koͤrperſchaft im Staate gebildet hatten, traten jezt zum erſtenmal als eine ſolche auf, um den Thronfolger unſerer Bourbons von ihrer»ewigen Treue“ zu unterhalten, und zwar war es gerade das Oberhaupt der Parthei Don Ferdinands, der Herzog von Infantado, der im Namen der Grandezza das Wort fuͤhrte. Nach ſeinem Vorgange ſah man die Kammerherren, die Fronbeamten, ja jeden, der unter der Regierung des jungen Konigs ein Staatsamt oder ein Amt im Pa⸗ laſte verwaltet hatte, mit dem alten Hofe wetteifernd alles aufbieten, um ſich die Gunſt des neuen Regen⸗ ten zu erwerben, und ſo ſah denn Joſeph ſehr bald, die vornehmſten Diener und die thaͤtigſten Anhaͤnger 48 der entthronten Könige um ſeinen Thron ſich herum⸗ draͤngen. Die Graͤfin, die bereits mit vieler Unruhe es mit anſah, wie diejenigen, von denen ſie beleidigt worden, unter drei Regierungswechſeln immerfort ihren ſtolzen Einfluß zu behaupten gewußt hatten, war auf alle dieſe Bewegungen aufmerkſam. Ihre Freunde oder ihr Vater unterrichteten ſie jeden Tag von den Begebenheiten, die das Schickſal Spaniens fuͤr immer feſtzuſtellen ſchienen. Der Zufall hat in meinen Haͤnden noch einen Brief zuruckgelaſſen, den einer ihrer Verwandten, der Bruder Jaime's, damals an ſie ſchrieb. Dies Blatt fand ſich unter den we⸗ nigen Papieren vor, die ich noch aufbewahre, ihr moͤgt es ſelbſt durchleſen.“ Nit dieſen Worten ſtand der Einſiedler auf, oöff⸗ nete ein halb zerbrochenes Schraͤnkchen, das ihm zugleich als Betpult diente, zog ein Stuͤck Brot, ei⸗ nen Roſenkranz, und mehrere ungeordnete Papier⸗ blatter daraus hervor, die ich in das Ganze der fol⸗ genden Erzaͤhlung mit hinein verweben werde. Vorerſt theile ich hier das Schreiben von Don Car⸗ los mit. „Bayonne, den 9. Junius 1803.“ »Freuet euch, Herzens⸗Couſine! Seit den zwei Tagen, wo der Koͤnig Pepe in unſerer Mitte ſich befindet, gewinnt ſein gnaͤdiges und herablaſſen⸗ des Weſen, ſeine Leutſeligkeit, ſeine Rilde, ſeine 49 wiſſenſchaftliche Bildung*), die alles weit uͤber⸗ trifft, was man ſonſt wohl an Fuͤrſten zu wuͤnſchen pflegt, immer mehr unſere Herzen. Ihr koͤnnt euch nun auf die Vergnuͤgungen eines geiſtreichen, zart⸗ fuͤhlenden und angenehm geſelligen Hofes gefaßt machen,— alles Dinge, die bei uns eben ſo neue als erfreuliche Erſcheinungen ſein werden.“ »Seine Majeſtät hat ſo eben erklaͤrt, daß ſie ei⸗ nen jeden von uns in dem Amte laſſen will, welches er ſo eben bekleidet, ſo daß alſo alles beim Alten bleibt, außer daß wir eine Verfaſſung mehr, und einen Godoy, eine Maria Luiſe, und wahrſcheinlich auch eine Inquiſition weniger haben werden. Man ſtoͤßt wohl noch hie und da auf beſtuͤrzte Ge⸗ ſichter, aber nirgends auf ſolche, die ſich ungluͤcklich fuͤhlten. Der Markis von C*** hatte, ſeitdem mein Engel von Tante wahrſcheinlich als ein Opfer ihrer herviſchen Begeiſterung gefallen iſt, ſein Zimmer nicht verlaſſen. Bei der erſten Aufwartung vor dem neuen Monarchen glaubte er indeß nicht fehlen zu duͤrfen, und da wurden ihm denn ſo gnaͤdige und troͤſtende Aeußerungen von dieſem zu Dheil, daß er dadurch zu einem der anhaͤnglichſten Unterthanen deſſelben gemacht worden iſt. Blos ein einziger Umſtand beunruhigt ſein Gewiſſen. Der Koͤnig will *) Gerade in denſelben Ausdrücken äußerte ſich in einem ver⸗ trauten Briefe, der unter demſelben Datum abgefaßt und nach⸗ her in einem öffentlichen Blatte bekannt gemacht wurde, da⸗ mals ein Staatsmann, welcher ſo eben erſt Ferdinands Mini⸗ ſter geweſen war, und es in der Folge nach der Reſtauration auch wieder geworden iſt.. II. 4 50 naͤmlich nicht haben, daß bei Tafel die Kammerherrn, welche grade die Woche haben, ihm knieend aufwar⸗ ten,— eine Aufmerkſamkeit, die ihm bei den juͤn⸗ geren Granden viele Liebe erworben hat. Der Markis indeß, der ſo ſehr an den alten Anſichten und an dem verjaͤhrten Schlendrian haͤngt, erſchrickt uͤber die von Don Joſeph eingefuͤhrte Neuerung, gleichſam als ob etwas revolutionaͤres darin laͤge, und wenn nicht Don Ferdinands und Karls des Vier⸗ ten Befehle durch Uebertragung ihrer Rechte auf das franzoͤſiſche Kaiſerhaus ihn zum Gehorſam verpflich⸗ tet haͤtten, ſo wuͤrde dieſe Veraͤnderung in den Staatseinrichtungen, die ihm allein bekannt und werth ſind, naͤmlich in der Hofetikette, ſeine Dreue unfehlbar erſchuͤttert haben. Er vergißt, daß un⸗ ſere Vorfahren zu den Zeiten unſerer Cortes, in den Tagen unſeres Ruhms, in Gegenwart unſerer Koͤ⸗ nige mit bedecktem Haupte dazuſtehen pflegten.“ Jezt indeß, meine theure Couſine, erlaubt mir, euch zu geſtehen, daß ich mitten in dieſer allgemeinen Unterwuͤrfigkeit doch etwas wegen der Rolle in Ver⸗ legenheit bin, welche unſer Spanien in der Perſon ſeiner erlauchteſten Soͤhne hier ſpielt. Als ich ge⸗ ſtern aus dem Vorzimmer eines faſt ſchon entthron⸗ ten Koͤnigs in das ſeines Nachfolgers hinuͤber gieng, als ich heute die Dynaſtie der Bourbons verließ, um zur Dynaſtie der Bonapartes uͤberzutreten, kam es mir vor, als wuͤrden wir blos wie ein veraͤchtli⸗ ches Stuͤck Hausrath behandelt. Die Ermordung der großherzigen Schweſter Alonſo's, jenes Nieder⸗ 54 ſchießen unſerer Landsleute am 2. Mai, bie gewalt⸗ ſame Wegnahme von Vittoria, die Abtretung Karls des Vierten, die ihm vom Haß gegen ſeinen eigenen Sohn eingegeben wurde, die erzwungene Abdankung des Prinzen von Aſturien, endlich jener Kontract, wodurch die Nation wie ein Stuͤck Hausvieh von einer Familie an eine andere verkauft wird, dies ſind die ſeltſamen Grundlagen zu einem Gebaͤude, das, wie man mich verſichern will, auf den Grund⸗ ſatz der Legitimitaͤt gebaut wird. Ich weiß recht gut, daß dergleichen wohl ſonſt ſchon in der Ge⸗ ſchichte vorgekommen iſt; allein uͤber jenes fruͤhere iſt bereits der Gang der Zeit hinweggeſchritten. Haͤtte ich achthundert Jahre fruͤher gelebt, und waͤre ich Zeitgenoß Hugo Kapet's geweſen, ſo wuͤrde ich die Parthei des Thronerben der Karo⸗ linger, der an den ufern der Loire verraͤtheriſcher Weiſe gefangen gehalten wurde, unfehlbar er⸗ griffen haben; aus demſelben Grundſatz nun bin ich, wenn ich die Augen nach Valencay hinwende, keinesweges im Reinen, ob ich mich noch entſchlie⸗ ßen werde, den goldenen Kammerherrnſchluͤſſel in den Saͤlen Pepe's zu tragen.“ „Wenn ich andrerſeits wieder die Familienſenen betrachte, wovon ich Zeuge bin, dieſen bejahrten Farl den Vierten, der ſeine Thuͤr dem Prinzen ver⸗ ſchließt, und ihm zuruft:„Haſt du meine grauen Haare noch nicht genug geſchmaͤht?“ dieſe Mutter, die unter Thraͤnen der Wuth den Kaiſer um den Kopf ihres Sohnes bittet, alle dieſe Prinzen, die uns an⸗ 4* 52 befehlen, den neuen Koͤnigsſtamm anzunehmen, um nicht ihre Ruhe zu gefaͤhrden und ihre Verbannung nicht zu beunruhigen, endlich dieſes Spanien, das ſich in Gluͤckwuͤnſchungen und Freudenrufen ganz erſchoͤpft,— wahrlich, das ſind wohl Dinge, die meine Bedenklichkeiten zu beſchwichtigen vermoͤgen. Der Doctor Don Matthias wiederholt uns ohne Un⸗ terlaß:„Volenti non fit injuria.“ „Bayonne bietet uͤbrigens einen gar luſtigen Anblick dar. Unſere Wirthe betrachten uns wie Geſtalten aus dem Mittelalter, die wieder lebendig geworden ſind; die gebildetſten unter ihnen beſchraͤn⸗ ken ſich darauf, in unſeren Gebraͤuchen und Sitten den Hof Philipps des Fuͤnften und den Zuſtand Eu⸗ ropa's unter Ludwig dem Vierzehnten zu ſtudiren. Wir bewundern dagegen die Franzoſen nicht minder. Sie ſuchen in uns das, was ihre Vaͤter waren, wir aber ſuchen in ihnen das, was unſere Soͤhne dereinſt ſein werden.“ „Beide Voͤlker erſtaunen uͤber ihre ſo ganz ver⸗ ſchiedenartigen wiſſenſchaftlichen Kenntniſſe. Das Nationale abgerechnet, glaube ich, daß man im Fach der Kriegskunſt, der Geſetzgebung, des Staats⸗ haushaltes, der gruͤndlicheren Wiſſenſchaften hier mehr verſteht als wir, wenigſtens mehr als ich. Es giebt keinen unter dieſen Offizieren, unter dieſen Verwaltungsbeamten, ja unter den Kammerherrn ſogar, der es nicht mit den Rectoren unſerer uni⸗ verſitaͤten an Kenntniß aufnehmen konnte. Freilich wiſſen wir dagegen in gewiſſen anderen Zweigen der 53 menſchlichen Kenntniß ein glorreiches Uebergewicht geltend zu machen. Der Markis z. B. findet zu ſeinem großen Erſtaunen eine wahre Fundgrube von Gelehrſamkeit in ſich. Er weiß genau die Zahl von Schritten anzugeben, die ein Praͤſident des hohen Raths von Kaſtilien einem Geſandten, einem Bi⸗ ſchofe, einem Corregidor, wofern er deſſen Beſuch annimmt, entgegen zu thun pflegt, und was derglei⸗ chen wichtige Sachen mehr ſind. Don Matthias dagegen verwundert ſich, daß er niemanden trifft, der gleich ihm die Thaten und Begebenheiten aller Koͤnige auswendig weiß, die von Noahs Zeit an, der blos in der Abſicht nach Iberien kam, um Tar⸗ ragona zu gruͤnden, bis zu dem großen und guten Fuͤrſten Arganthonius herab, uͤber Spanien ge⸗ herrſcht haben. Kein Menſch verſteht ſich ſo gut wie er auf den Syllogismus. Ariſtoteles ſteht am Hofe des franzoͤſiſchen Kaiſers in einer ſehr geringen Achtung, der unſterbliche Scotus iſt daſelbſt beinahe voͤllig unbekannt, und da ich nun durch die Unwiſ⸗ ſenheit dieſer Herrn zum Grade eines Doctors pro⸗ movirt werde, ſo bin ich in dem Falle, ihnen theolo⸗ giſche Vorleſungen halten zu muͤſſen.“ »Die Mitglieder der Junta treffen immerfort noch hier ein. Geſtern plauderte ich eben mit einem franzoͤſiſchen Ordonanz⸗Offizier, als wir an der Spitze eines langen Zuges von Wagen, Maulthieren und Lakeien eine ſehr gewichtvolle Perſon in einer von jenen vergoldeten Staatskaroſſen angefahren kommen ſahen, uͤber deren aͤußere Form hier jeder⸗ 54 mann ſich luſtig macht. Mein Franzoſe fragte mich ſogleich wegen dieſes neuen Anksmmlings.* Es iſt ein General,“ erwiederte ich.—*Wie? mit dieſem geſchornen Kopfe, dieſem Kinn, dieſem brau⸗ nen Rocke, in den er faſt ganz vergraben iſt?“— »Ja wohl, ein General, der zwanzigtauſend Sol⸗ daten unter ſich hat, welche alle dieſelbe Uniform tragen und dem Staate dieſelben Dienſte leiſten.“— „Er muß eine ungeheure Beſoldung haben, um ein ſolches Gefolge unterhalten zu koͤnnen.“—»Ganz gewiß; er hat ich weiß nicht wie viele hundert tau⸗ ſend Livres jaͤhrlichen Einkommens, weil er naͤmlich das Geluͤbde der Armuth abgelegt hat.“—*Aber hoͤrt doch einmal; man redet ihn mit Euer Epcellenz an, ein Litel, der in Frankreich blos den Miniſtern und den Marſchaͤllen des Reichs ertheilt wird.“— „Wir geben dieſen Titel den Granden von Spanien, und der General, von dem ich ſpreche, beſitzt von wegen ſeines Amtes die Grandezza der erſten Klaſſe, und von wegen ſeines Verdienſtes den Orden des goldenen Vließes, und zwar dies alles, weil er das Geluͤbde der Demuth abgelegt hat.“ „Begreift ihr wohl ſolche Menſchen, die nicht wiſſen, was ein geiſtlicher Ordensgeneral iſt?“— »So eben ſehe ich einen Bauer von Guipuzcoa hereintreten, der mit geheimnißvoller Miene mich um eine Unterredung bittet. Dieſe Erſcheinung hat ſo ſehr das Anſehn eines Abenteuers, daß ihr mir es wohl verzeihen werdet, wenn ich um deſſentwil⸗ ten meinen Brief abbreche. In groͤßter Eil wirft ſich zu euern Fuͤßen euer Couſin D. S. K J »Don Carlos.“ — Ich gab dem Einſiedler den Brief des Garde⸗ Obriſten wieder zuruͤck, und bat ihn, den Faden ſei⸗ ner Geſchichtserzaͤhlung wieder aufzunehmen. Er fuhr mit der Hand an ſeine kahle Stirn, gleichſam als wollte er auf eine erloſchene Erinnerung ſich wie⸗ der beſinnen, und nach einigen Augenblicken fuhr er dann auf folgende Weiſe fort: »Waͤhrend Don Carlos zu Bayonne den neuen Monarchen bewunderte, und ich mich in Madrid zu ſeinem Dienſt anſchickte, erhob mein Bruder auf den Berggipfeln der Sierra Morena die Fahne des Aufruhrs. Er war nicht mehr der Befehlshaber eines Regiments; ſeine Schaar, durch wuͤthende Bauern verſtaͤrkt, bot allen Unzufriedenen einen furchtbaren Stutzpunkt dar. Die ſpaniſchen und walloniſchen Garden entflohen heimlich von Madrid, und bildeten ſofort einzelne Partheihaufen, die ſich großentheils unter die Befehle Alonſo's begaben. Dieſer ſetzte zugleich an mehreren Orten unabhaͤngige Junta's ein, rief einen Prinzen, den der Beherrſcher der Welt in ſeiner Gewalt hatte, zum Koͤnige aus, und zog in einer ſchwarzen Schaͤrpe und mit umflor⸗ ten Fahnen an der Spitze ſeines Heeres einher, Der ſie küßt. 56 indem er als Wahlſpruch die Worte fuͤhrte: Fer⸗ dinand, Vaterland und Rache! Die Erbitterung uͤber das beklagenswerthe Schickſal Maria's hatte ſein ſtolzes und leidenſchaft⸗ liches Gemuͤth aufs außerſte aufgebracht. Die Sor⸗ gen fuͤr die Aufſtellung einer neuen Staatsverwal⸗ tung und eines Heeres ſchienen, anſtatt ſeinen Schmerz zu beſchwichtigen, ihn vielmehr von Tag zu Tage nur noch mehr aufzuregen. Ein Brief, den er an Don Carlos ſchrieb, ward damals aufge⸗ fangen; ich kann ihn nicht leſen, ohne von ſeiner Verzweiflung tief verwundet zu werden. Ich bin— ſchrieb er— eine lange Zeit hin⸗ durch vor Schmerz halb wahnſinnig geweſen. Mein Vater und Donna Leonor ſagten mir, um mich aus meiner Schlafſucht zu wecken, Dinge, die ich nicht verſtand. Ich hatte weder irgend eine Empfindung, noch irgend einen Gedanken. Eines Tages indeß ward ich durch einen heftigen Tumult aufmerkſam gemacht. Ein Zetergeſchrei, unter welchem der Name meiner Mutter genannt wurde, erfuͤllte mich mit Beben. Eine Volksmenge, die gegen alles, was Franzoſe hieß, unverſoͤhnlich war, verlangte ſie vor meinen Augen als ein Opfer ihres National⸗ haſſes umzubringen. Ich machte mich auf, um meine Eltern zu vertheidigen und mich dann von ih⸗ nen zu trennen.“— . Gegenwaͤrtig ſtelle ich Anſichten auf, pruͤfe ſie und laſſe ſie vollziehen; doch mein Schmerz iſt da⸗ durch nur noch lebhafter und bitterer geworden 57 Ich ermeſſe jezt die ungeheure Leere, die ſie in mei⸗ nem Leben gelaſſen hat. Der Kopf ſchwindelt mir, wenn ich in die Tiefe dieſes Abgrunds hinabſehe. Je mehr die Zeit verſtreicht, deſto mehr fuͤhle ich, daß fuͤr mich alles aus iſt. Vielfaͤltige Reiſen, Un⸗ terhandlungen, Gefechte, nichts hat meine Gedan⸗ ken bisher zu zerſtreuen vermocht, die fortwaͤhrend ſich nur mit einem einzigen Bilde beſchaͤftigen. Der Schlaf iſt fern von meinen Augenliedern hinwegge⸗ wichen. Von dem Augenblick an, wo die Finſter⸗ niß mich umgiebt, erſcheint ſie mir, zeigt mir ihre blutenden Wunden, oder auch wohl, ihr Haupt in Himmelsglanz verbergend, ſtellt ſie ſich mir in Ge⸗ ſtalt der geheimnißvollen Goͤttin jenes Traumes dar, der fuͤr mich den Uebergang von einer laͤſtigen Ruhe zu einem thaͤtigen Leben bezeichnete. Taͤuſchender Moment! Damals flog meine Phantaſie der Zu⸗ kunft entgegen, und umfaßte blos Hoffnungen; ſie hat indeß nur zu fruͤh ihre Fluͤgel wieder zuſammen⸗ legen und ſich auf immer in ein Grab einſperren muͤſſen!“ *Ich wußte nicht, daß eine Schweſter bis zu dieſem Grade einen Theil unſeres Daſeins ausma⸗ chen, die Haͤlfte unſerer Seele werden, und bei ih⸗ rem Scheiden uns ſo alles mitnehmen koͤnnte. Jezt glaube ich,— zumal wenn ich das, was ich fuͤr ſie empfand, mit allen uͤbrigen Neigungen meines Her⸗ zens vergleiche,— daß eine Schweſter unter allen Frauen diejenige iſt, die wir am meiſten lieben muͤſ⸗ ſen. Die Liebe, welche ſie uns einfloͤßt, hat ihre Quelle in dem ebelſten Dheile des menſchlichen Her⸗ zens, in demjenigen, was am meiſten unſere hoͤhere Abkunft bezeugt. Eine ſolche Neigung entweiht den geliebten Gegenſtand nie durch irdiſche Gedanken, ſie ſtellt die Frauen in eine hoͤhere Region, und zieht uns zu ihnen hinauf. Ach, ganz gewiß iſt es in dieſem Falle immer noch Liebe zu nennen, oder viel⸗ mehr es iſt etwas hoͤheres als Liebe; in dieſem Falle erſcheint Jugend und Schoͤnheit blos als aͤußerer Schmuck des angebeteten Weſens, unſer Herz kettet ſich nicht an dieſe gefaͤhrliche und doch ſo vergaͤng⸗ liche Zier, ſondern rein wie der Azur des Himmels iſt das Band, welches zwei Seelen, die fuͤr einander geſchaffen ſind, verſchmilzt, und es iſt natuͤrlich, daß, ſobald dies Band zerriſſen wird, auch das Daſein des uͤberlebenden Bruders ganz mitzerſtoͤrt— muß.“ *Wie hat es Menſchen geben tönnen, die hre Mordgewehre gegen die wuͤrdevollſte und ſchoͤnſte aller Frauen wendeten? und ſie fuͤrchteten ſich alſo nicht, den Namen der Franzoſen dadurch der Schande preiszugeben, und in den Herzen von zehn Millio⸗ nen Spaniern einen Haß zu entflammen, der durch ganze Stroͤme von Blut nicht wird geloͤſcht werden koͤnnen! Der Korſe hat alſo bereits die alterthuͤm⸗ liche Ehre eines großen Volkes ſo weit herabzuwuͤr⸗ digen gewußt, daß er es wagen konnte, aus ſeinem Generaliſſimus einen Meuchelmoͤrder und aus ſeinen Soldaten Henker zu machen! Man erzaͤhlt, es habe unter dieſen Braven mehrere gegeben, die 59 — nicht den Muth hatten, bas urtheil zu vollziehen, und da haͤtten denn die Offiziere eiligſt ihre Truppen abgefuͤhrt, damit die verſchonten Schlachtopfer un⸗ terdeß fern von dieſem Schauplatz des Todes einen Zufluchtsort aufſuchen koͤnnten„. Doch Maria hat ſich gewiß nie dazu verſtehen koͤnnen, den Tod zu erheucheln, um ihm zu entgehen, und gewiß er⸗ wartet ſie bereits in einer beſſern Welt die Wieder⸗ vereinigung mit mir. Dort oben ſuchen ſie denn auch beſtaͤndig meine Gedanken. Es ſcheint mir unmoͤglich, daß ſie irgend etwas von ihrem Weſen hienieden zuruͤcklaſſen konnte; ſie ſcheint mir ganz und gar in ihr himmliſches Vaterland aufgeſtiegen zu ſein. Ich kann mir ihren edlen und reinen Geiſt gar nicht von dem Blick und dem Laͤcheln getrennt denken, worin ſich dieſe Engelſeele ſo herrlich ab⸗ ſpiegelte.“ kieber Freund, unſere Unfaͤlle, die Unfélle Spa⸗ niens werden auf dem ganzen Erdkreiſe die unum⸗ ſchraͤnkten Regierungsformen verhaßt machen. Denn gerade die Guͤnſtlinge und die Hofleute waren es, die uns dem Einfall der Fremden preisgaben, und nur mit Hilfe der Luͤge, der Beſtechung und des Schreckens vermag Bonaparte Frankreich zu zwin⸗ gen, auf eine Art und Weiſe, die es dereinſt mit Thraͤnen beweinen wird, an dieſem ruchloſen Kriege mitzuwirken, den er gegen uns vorhat. Lebe 1 5»Don Alonſo.“ 60 Alonſo war nicht der einzige, der den traurigen Ruhm hatte, ſich zum Raͤcher der Scenen aufzuwer⸗ fen, die an den Ufern des Manzanares und des Adour vorgefallen waren. Am Horizonte thuͤrmten ſich Gewitter auf. Das Feuer des Aufruhrs, das zu Madrid am 2. Mai aufgegangen war, hatte ſich im Stillen bis in die Provinzen verbreitet. Die Volksmenge proteſtirte nach ihrer Weiſe, das heißt durch Meuchelmorde gegen den Willen der Beherr⸗ ſcher, deren Vertheidigung ſie zu fuͤhren vorgab, und gegen die Schritte der National-Junta zu Bayonne, Sevilla, Cadix, Granada, Malaga, Jaen, Valen⸗ cia, Corunna, Carthagena, Saragoſſa eroͤffneten das Vorſpiel eines blutigen Krieges, indem ſie auf ihren oͤffentlichen Plaͤtzen das Blut der Granden, der Gonverneure, der Juſtizperſonen, kurz aller de⸗ rer, welche die neue Regierung anerkannten, ſtrom⸗ weiſe vergoſſen. Raub und Mord verheerte die Halbinſel; endlich herrſchte der Schrecken, und die⸗ ſer Schreckensregierung fehlte es ſehr bald weder an Gold, noch an Waffen, noch an Geſetzen. Im Monat Junius ſetzte die Verſammlung auserleſener Spanier zu Bayonne im Einverſtaͤndniß mit Frank⸗ reich eine ſtellvertretende Regierung ein, waͤhrend unſere Moͤnche der unteren Klaſſen im Einverſtaͤndniß mit England Anarchie und Mord organiſirten. Je⸗ des Dorf, welches die Centralregierung nicht aner⸗ kennen wollte, errichtete revolutionaͤre Junta's, um den Volksaufſtand zu leiten; bald folgten auch Staͤdte dieſem Beiſpiele. Die Junta von Sevilla 61 z. V. aͤußerte ihre Macht durch die entſetzlichſten Greuelthaten; ſie ſchuͤchterte Andaluſien ein, und forderte das Heer, welches Godoy um ſeinen laͤcher⸗ lichen Koͤnigsthron von Algarve verſammelt hatte, zur Empoͤrung auf. Die Soldaten ſchienen bereits mit dem Poͤbel zu ſtimmen, aus deſſen Mitte ſie ja ausgehoben worden waren. Zahlreiche Truppen ruͤckten unter den Befehlen des General Caſtannos gegen die Sierra Morena vor. Die Franzoſen muß⸗ ten unter den Befehlen Dupont's durch die Ebenen von la Mancha ausziehen, um dieſe glimmenden Zun⸗ der der Zwietracht zu erſticken. Doch bereits war es nicht mebr blos der Dolch, der ſich Schlachtopfer ſuchte. Zu Segovia und Torquemada floß ſogar Blut auf Schlachtfeldern. Eure Generale ſahen ſich uͤberall von ungeregelten Banden angefallen, die den Himmel zu gewinnen glaubten, indem ſie die Erde verwuͤſteten, und die, waͤhrend ſie dem Siege nachjagten, den Maͤrtyrertod fanden. Auf dieſe Weiſe erwarben ſich denn die aufgeklaͤr⸗ teren Staatsbuͤrger, indem ſie einen doppelten Zweck zu erreichen ſuchten, der in den Annalen der Voͤlker ſo ſelten beiſammen gefunden wird, den Ruhm, daß ſie nicht blos darauf hinarbeiteten, ihrem Lande die Wohlthaten der Freiheit zu verſchaffen, ſondern daß ſie es auch vor der Geiſſel derZuͤgelloſigkeit ſchutzten. Indeß die Zahl der franzoſiſchen Soldaten, die ſich in der Halbinſel befanden, war zu klein, und ver⸗ mochte das Volk weder ſchnell genug, noch auf die Dauer niederzuhalten. War das leztere auch einmal 62 irgendwo zerſtreut worden, ſo ſcheute es ſich nicht, ſogleich wieder eine Herausforderung zu erneuen, die ſo gut wie unbeſtraft geblieben war. Dem ſpa⸗ niſchen Volke, das ſeit vierhundert Jahren nie uͤber die großen Intereſſen der Monarchie nachzudenken veranlaßt wurde, deſſen Phantaſie kalt, deſſen Ver⸗ ſtand traͤge, deſſen Daſein bewegungslos iſt, fehlt es ganz außerordentlich an Umſicht; ſein Blick er⸗ ſtreckt ſich ſelten uͤber den folgenden Tag hinaus. Man ſah, daß es nicht ganz unmoͤglich ſein wuͤrde, die franzoͤſiſchen Heerhaufen, die oft blos aus neu⸗ geworbenen Soldaten beſtanden, hinter die Pyrenaͤen zuruͤckzuwerfen, man bedachte aber dabei nicht, daß euer Frankreich von Kriegerſchaaren wimmelt, vor denen ſich der Erdkreis gedemuͤthigt hat. Einige unruhige Koͤpfe, Ehrgeizige, die zwar nicht ohne Muth, aber doch ohne Talent waren, eine Menge junger Leute, die in der Unwiſſenheit unter der vori⸗ gen Regierung auferzogen worden waren, und die es wenig kuͤmmerte, ob ihr Vaterland in die Reihe freier Staaten erhoben wuͤrde oder nicht, konnten nicht fruͤh genug die Fahne des Aufruhrs erheben; ſie wollten ihr Gluͤck verſuchen, um einen Dheil von den Fruͤchten des Siegs zu ernten. Mit Schmerz ſahen alle freiſinniger und weiſer denkenden, wie das Volk ſich Anhaͤnger unter ſolchen erwarb, die weit über ihm ſtanden. 63 Zweites Kapitel. — Ich hatte oft den Frey Don Jaime bei der Graͤ⸗ fin getroffen; er hegte gegen meinen Bruder einen Haß, den er nicht verbarg. Ich folgte einer andern Fahne als Alonſo, dies war Grund genug, um mir ſein Wohlwollen zu erwerben; indeß ſobald er ſah, daß der Großherzog, ſich begnuͤgend, den Friedens⸗ fuͤrſten dem Nationalhaſſe entzogen zu haben, ſeine Macht blos auf die Freunde Don Ferdinands ſtützte, ſo kraͤnkte es ihn, daß er ſo ganz von allen höheren Staatsaͤmtern ausgeſchloſſen war, und mein Einfluß erregte ſeinen Neid. Er hatte ſeit einiger Zeit alle Verbindungen mit mir abgebrochen, als er eines Ta⸗ ges ploͤtzlich zu mir kam, und mich mit ſich in die Reihen der Empoͤrer hinuͤber zu ziehen ſuchte. Er glaubte gar nicht, daß Don Ferdinand je dem fran⸗ zoſiſchen Kaiſer die ſpaniſche Krone wieder zu ent⸗ reißen im Stande ſein wuͤrde, auch hätte er eine ſolche Wiedereroberung gar nicht gewuͤnſcht.»Al⸗ lein,“ ſagte er zu mir,“der Des engano*) hat ſich meiner bemaͤchtigt, und ich kann demſelben nur durch das Kloſter oder durch den Krieg entgehen. Die Kloͤſter werden jezt bald ganz geſchloſſen werden, und vielleicht werden ſogar die Anhaͤnger der Neue⸗ rungen ſo weit gehen, daß ſie mir meine Comthurei nehmen. Was aber den Krieg betrifft, ſo will ich *) Fouſchuno hier vielleicht ſo viet als: ueberdruß am eben. 64 ihn lieber gegen bie Franzoſen fuͤhren, die in un⸗ ſerer Mitte ſind, als daß ich hingehe, und in einer Entfernung von fuͤnfhundert Stunden jenſeits der Pyrenaͤen mich fuͤr ſie ſchlage. Sie ſind gar zu ei⸗ tel auf ihr Gloͤck, und ſie behandeln uns gerade ſo, als ob ſie nicht wuͤßten, daß die Spanier die erſte Nation auf Erden ſind. Ich will ihnen zeigen, was die Soͤhne des Ruy Diaz el Cid und des Ganſalvo von Cordova auszurichten vermoͤgen. Nichts kraͤnkt mich mehr, als wenn ich ſie vom 2. Mai in Ausdruͤ⸗ cken reden hoͤre, als ob dies eine Art von Wieder⸗ vergeltung fuͤr die Schlachten von Saint Quentin und Pavia waͤre. Dieſe Beſieger Deutſchlands und Italiens ſollen erfahren, was das heißt, das ſpani⸗ ſche Volk anzugreifen. Dreihundert unſerer Leute haben ja das ganze Amerika erobert.“ Ich machte dem Comthur bemerklich, daß, im Fall die Aufruͤhrer ſiegen ſollten, eine ſolche durch die Volksmaſſe und deren geweihte Fuͤhrer bewirkte Revolution eine ewige Fortdauer der Inquiſition, der Camarilla, und des Erſtgeburtrechts herbeifuͤhren würde. Beſonders legte ich auf das leztere großen Rachdruck. Er antwortete mir indeß:»Ihr wer⸗ det auf unſrer Seite Frankreich, wir auf der unſri⸗ gen England haben; ihr werdet die feigen Memmen und die Großen, wir die Braven und die kleinen Leute haben, und wir wollen dann ſehen, was das Ergebniß dieſes Kampfes ſein wird. Nachdem un⸗ ſere grauſamen Geſetze mir alles genommen, habe ich in der Schlacht nichts weiter zu verlieren, als 65 hochſtens ein Leben, an dem ich ſehr wenig haͤnge, und wenn ich das Gluͤck haben ſollte, den Prinzen von Aſturien lebend dem Kaiſer Napoleon zu entrei⸗ ßen, ſo werden wir ja ſehen, wer dann zu ſeiner Gunſt gelangen wird, ob die Kammerherrn des Pepe oder die Vertheidiger der Krone. Don Carlos ſchrieb uns bei den erſten gewaltthaͤtigen Schritten des Kaiſers in Ausdruͤcken des unwillens, die wahr⸗ haft altroͤmiſch klangen. Doch jezt ſehe ich ihn gleich den uͤbrigen geſtimmt, ſich zum gehorſamen Diener des erſten Emporkoͤmmlings unter den Koöni⸗ gen zu machen. Er iſt es freilich wohl werth, der aͤlteſte in der Familie, und im alleinigen Beſitz aller Ehren und Reichthuͤmer derſelben zu ſein. Ich fuͤr mein Dheil hätte es freilich nicht uͤber mich gewin⸗ nen koͤnnen, meine Kniee vor einem Advokatenſohne aus Ajaccio zu beugen; ich will lieber das Wagſpiel eines Krieges unternehmen, als um ſolche Gunſtbe⸗ zeigungen zu betteln. Der Comthur hielt Wort, und Matea mußte ſehr bald zu ihrem Verdruſſe vernehmen, daß er an den ufern des Ebro eine der blutigſten Schlachten dieſes beklagenswerthen Krieges geliefert habe. In dem⸗ ſelben Augenblick, wo er zu den Aufruͤhrern uͤbertrat, um einen Bruder zu fliehen, den er haßte, hatte ſich Don Carlos unter dieſelben Fahnen aufnehmen laſ⸗ ſen. Er ſchrieb 4* die Graͤfin ſpaͤter folgenden Brief: I. 66 * Saragoſſa den 16. Julins.“ 3 8 bin ich denn alſo, Couſine meines Her⸗ zens, hier unter den Schaaren der Aufruͤhrer, und ich hoffe, daß ihr, gleich mir eines beſſeren belehrt, nicht ſaͤumen werdet, die gemeinſame Sache durch eure Vänſch, eure Umſicht und euer Wunisen zu unterſtͤtzen *Ihr erinnert euch z an ben der mich in meinem lezten Schreiben unterbrach⸗ Er brachte mir einen Brief, deſſen Schriftzuͤge von einer geheimnißvollen, unaus ſprechlich theuern Hand herruͤhrten. Dieſer Brief, der mir die Angelegen⸗ heiten der Halbinſel in einem ganz neuen Lichte dar⸗ ſtellte, berief mich zu einem ruͤhmlichen Zuſammen⸗ treffen unter den Mauern von Saragoſſa; undniich entſchloß mich, eiligſt dahin abzugehen.“ »Nichts von alle dem, was auf dem ſwii. lingsboden unter dem Geraͤuſch der Waffen vorge⸗ gangen war, konnte fuͤr rechtskraͤftig gelten, ſobald es nicht durch die Zuſtimmung der Nation ſeine Be⸗ ſtätigung erhielt. Ich erfuhr jezt, daß die ſpani⸗ ſchen Voͤlker, anſtatt ſich einem einmuͤthigen Freu⸗ denjubel zu uͤberlaſſen, vielmehr von einem Ende der Halbinſel bis zum andern gegen eine Abdankung pro⸗ teſtirten, die blos durch Zwang herbeigefuͤhrt wor⸗ den war. Von nun an waren mir neue Pflichten vorgezeichnet, und ich ſchritt z Erfüung derſelben ans Werk.“ »Die Journale Frankreichs beſchuldigen mich, daß ich meinen Schwur nicht gehalten Allein 67 den Eid, den ich ablegte, hatte ich ja dem Konige 3 von Spanien und Indien geleiſtet, und Konig von Spanien iſt, was auch immer die Caſuiſten zu Ba⸗ yonne ſagen moͤgen, keinesweges derjenige, gegen deſſen Thronbeſteigung die ganze Bevolkerung zu den Waffen greift. So geſchah es denn nun, daß auf die Nachricht von dem edelmuͤthigen Entſchluſſe, welchen Alonſp, die Junta von Sevilla und das ganze Aragonien ergriffen, ich ohne Bedenken den Hof des franzoͤſiſchen Kaiſers verließ, feſt entſchloſ⸗ ſen, zu ſiegen oder zu ſterben.“ Mein Bauer half mir uͤber Mnhoa und Urdar die ſpaniſche Grenze zu erreichen. Ich gelangte ſehr bald in eine reiche Landſchaft, wo ich einige tau⸗ ſend Menſchen mit dem Ausdruck der tiefſten Andacht in betender Stellung und zugleich in Schlachtord⸗ nung am Fuße eines Hugels aufgeſtellt erblickte, auf welchem ein Hieronymit, von den Nebeln des Thales umgeben, und in ſeinem weißen Gewande wie ein Abgeſandter des Himmels glaͤnzend, Fahnen einſeg⸗ nete. Eine Frau zu Pferde ſprengte durch die Rei⸗ hen, und ſprach mit geruͤhrter Stimme von Reli⸗ gion, Vaterland und Ehre. Ich kann euch nicht beſchreiben, wie ſchoͤn dieſe Amazone war; und welche Frau waͤre nicht in einem ſolchen Moment ſchoͤn geweſen? Alle die Maͤnner, welche ihren edelmuͤthigen Zuruf mit lautem Beifall erwiederten, trugen blos die Tracht einfacher Landleute. Sie hatten nur ganz rohe Waffen, doch ihre männlichen Geſichter kuͤndigten Krieger und fuͤr den Nothfall 5* 68 Helden an. Ihre Löchter, Muͤtter und Gatkinnen, druͤckten ſie n unter Thränen an ihre Bruſt, und em⸗ pfahlen ihnen, nie den Wahlſpruch zu vergeſſen, der auf das rothe Band geſchrieben war, womit ſie ihre Hute geſchmuͤckt hatten, und alle ließen zu gleicher Zeit den Schwur in die Luͤfte erſchallen: Vencer o morir por la patria y por Fernando VII. Darauf ließen die Trommelſchlaͤger ihr kriegeriſches Gewirbel zu den wilden Toͤnen der Sackpfeife erſchal⸗ len, und dieſer Schall, welcher durch das tauſend⸗ faͤltige Echo der Pyrenaͤen vervielfaͤltigt wurde, konnte leicht uͤber die Berge hinuͤber bis in die Seele des Unterdruͤckers des Kontinents eine heilſame Furcht verbreiten. O Matea, dieſes kriegeriſche Geſchrei, das von einfachen Menſchen erhoben wurde, die nicht die Zahl ihrer Feinde, aber wohl die Un⸗ gerechtigkeiten derſelben zaͤhlten, die nicht zu fechten, aber wohl zu ſterben wußten, wuͤrden euch ebenfalls wie mich geruͤhrt haben. Mein bejahrter Fuͤhrer eilte hin, und nahm ſogleich einen Platz in den vor⸗ derſten Reihen in Beſchlag; ich folgte ihm mit freu⸗ diger Haſt. Da uͤbertrug auf einmal eine Stimme mir den Oberbefehl; alle Stimmen wiederholten dieſe unerwartete Wahl, und ich nahm mit Stolz die Ehre an, die Vertheidiger meiner tief geſchmaͤh⸗ ten Nation ins Dreffen zu fuͤhren. Wir werden nicht erſt die Fremden brauchen, um die Wiederge⸗ burt unſeres Staats zu bewerkſtelligen; aus der Mitte unſerer Siege werden glorreiche Cörtes her⸗ vorgehen. Wehe dem, der nicht mit ganzer Seele 69 einem Banner zugethan und ergeben ſein wollte, welches die Inſchrift fuͤhrt: Unabhaͤngigkeit und Freiheit!“ »Die junge und ſchoͤne Amazone, welche dieſe Rotten bewaffnet hatte, entzuͤndete in allen Herzen daſſelbe heilige Feuer, das in dem ihrigen loderte. Ihre lebhaften Anreden, die allen die Geheimniſſe von Bayhonne entſchleierten, erregten in den Land⸗ ſchaften, durch die unſer kriegeriſcher Zug gieng, eine heldenmuͤthige Begeiſterung, und unſere Trup⸗ pen wurden von Dorf zu Dorf immer zahlreicher. Ja ihre Aufmunterungen und ihr Beiſpiel entflamm⸗ ten den Muth der wuͤrdigen Soͤhne von Guipuzeva und Navarra ſogar bis zur Wuth. Wir trafen nie auf die feindlichen Heerhaufen, auf dieſe Regimenter, welche der Ruf als unuͤberwindlich pries, ohne daß wir, ihrem Vorgange folgend, ihre Reihen endlich durchbrochen haͤtten, oder wenn unſere Bauern auch einmal den geregelten Truppen weichen mußten, ſo war ſie immer die lezte, die den von uns verabredeten Sammelplatz erreichte. Wenn auch unſere Solda⸗ ten einmal, wie der Staub von dem Hauch des Or⸗ kans, auseinander geſtoben waren, ſo fanden ſich doch alle immer wieder an dem Orte zuſammen, wo ſie im voraus beſtimmt hatte, daß man ihren Feder⸗ buſch wehen ſehen wuͤrde. Sobald wir unſere Bi⸗ vouacs auf den Hoͤhen der Gebirge, in unzugaͤngli⸗ chen Schluchten, im Grunde von Lhaͤlern, die keinen Ausweg hatten, aufgeſchlagen hatten, ſo vereinigten die Pfarrer und Alcalden, die an der Spitze ihrer 70 Kirchſprengel einherzogen, die Lruppen um ſich her, um den Gott anzuflehen, der den Sieg giebt. Sie miſchte dann wohl ihre feierlichen Hymnen in das all⸗ gemeine Gebet. Ihre Tone ſchienen mehr vom Him⸗ mel herabzukommen, als zu ihm hinaufzuſteigen. Ich, der ich ſo oft uͤber heilige Dinge geſcherzt habe, konnte dieſe Hymnen nicht hoͤren, ohne daß in meinem In⸗ nerſten eine geheime Stimme darauf antwortete, und ich fuͤhlte mich jezt mit den Ideen, die ich ſe lange von mir gewieſen, auf einmal ausgeſoͤhnt. Dieſer Auf⸗ ſchwung eines ganzen Volkes, das den Annehmlichkei⸗ ten des Friedens, allen Familienbanden entſagte, um ſich ins Mordgemetzel zu ſtuͤrzen, dieſe hohe Stimme des Vaterlandes, welche die Gemuͤther al⸗ ler mit einem bisher unerhoͤrten Feuereifer erfuͤllte, unſere Gefechte, unſere Gefahren, dieſe junge und ſchoͤne Frau, deren begeiſtertes Weſen eine hoͤhere Sendung anzudeuten ſchien, alles dies erfullte mich mit einer religioͤſen Ruͤhrung, und ich wagte nicht mehr, jene hohen Wahrheiten zu beſtreiten, gegen die ich, ſelbſt wenn ſie Alonſo's Mund ausſprach, taub geblieben war. Das bisher ungekannte Gluͤck, oder vielmehr das Entzucken, das ich empfand, 1 ſchien mir die beſte Rechtfertigung des Entſchluſſes, 1 den ich ergriffen hatte. Solche Gefuͤhle können nie⸗ nnis in den vertheiigern einer ſchlechten S aufſteigen.“ »Meine Sprache wird euch tberraſchen⸗ ihr wer⸗ 3 det ſie fuͤr einen Leichtſinnigen, wie Don Carlos, viel zu ernſthaft finden. Indeß ich glaube fuͤr meine 74 Perſon weit beſſer zu ſein, als mein Leichtfinn, der ja eigentlich blos ein Beweis der langweiligen Un⸗ thaͤtigkeit meines Lebens war. Ich bedurfte einen Wirkungskreis, ich habe ihn jezt gefunden; die Er⸗ eigniſſe haben meine Kraͤfte verdoppelt, und befreit von dem unwuͤrdigen Joche, unter welchem Spanien erlag, bin ich jezt zehnmal mehr werth als zuvor.“ »Nach einem Feldzuge von einem Monat haben wir uns enblich in dieſe alte Stadt eingeſchloſſen, die keine andere Schutzwehren hat, als funfzigtau⸗ ſend Aragonier. Eine ſolche Mauer iſt bombenfeſt, der Aragonier wird von keinem Eiſen oder Stahl verlett.“ *Zu euern Fuͤßen, euer Couſin D. S. K.“ Die von Bayonne aus erlaſſenen Bannſtrahlen hatten uns bereits von dem plötzlichen Abfall des Don Carlos unterrichtet. Die Graͤfin war bei die⸗ ſer Nachricht außer ſich. Dieſe ungeſtuͤmen Auf⸗ wallungen verriethen allein ſchon, wie viel Feuer und Leidenſchaft in ihrer Seele wohnte. Sie war beſtaͤndig einer duͤſtern Verzweiflung zum Raube; zerſtreut, mit feurigem Blick und mit heftig beweg⸗ tem Buſen irrte ſie im Prado, in den Kirchen, in den Gallerien ihres Palaſtes, in den Geſellſchafts⸗ kreiſen des Großherzogs umher, gleichſam als ſuchte ſie irgend einen abweſenden Gegenſtand auf, oder als wollte ſie irgend einem peinigenden Gedanken ent⸗ fliehen. Ich ſah nur zu ſehr, daß ein geheimer 72 Kummer ihr Herz quaͤlte, wie ſehr ſie auch immer ſich bemuͤhte, mich oder vielmehr ſich ſelber uͤber ihren Schmerz zu taͤuſchen, und ihn einzig und allein dem Ungluͤck des Staats, der Entweichung des Com⸗ thurs, Alonſo's und Don Carlos zuzuſchreiben. Ihre Traurigkeit machte ſie nur noch ruͤhrender, be⸗ ſonders fuͤr mich, der ich das Geſchaͤft hatte, ſie zu troͤſten. Indem ſie meine Liebe blos durch ein Lächeln erwiederte, mir aber dafuͤr ihre ganze Freund⸗ ſchaft verſprach, uͤberließ ſie ſehr oft ihre Hand mei⸗ nen feurigen Kuͤſſen, und gab mir oft die Pajita*), die ſie aus ihrem Munde fallen ließ, um ungeſtoͤrt weinen zu koͤnnen. Dieſer taͤgliche, ja ſtuͤndliche, vertraute Umgang gab zwar meiner Liebe Nahrung, geſtattete mir aber keine Hoffnung. Nichts befremdete mich mehr, als der Ton ihrer Stimme, ſo oft ſie den Namen meines Bruders aus⸗ ſprach, und gerade dieſer Name ſchwebte beſtaͤndig auf ihren Lippen. In ihrem Done, in der Lebhaf⸗ tigkeit ihrer Blicke lag dann etwas ſo leidenſchaftli⸗ ches, was wie Haß oder vielleicht wie die Liebe aus⸗ ſah. Ihr Zorn haͤufte die groͤßten Verwuͤnſchungen. auf das Haupt des Empoͤrers; allein aus der Art und Weiſe, wie ſie ſeinen Untergang wuͤnſchte, konnte ich ſchließen, daß ihr Herz ſich gegen ihre eigenen Wuͤnſche empoͤrte, und ich ertappte mich mehr als einmal auf der Furcht, daß ſie in mir blos 1 das treue Ebenbild Alonſo's liebte. —— *) Ein kleiner Cigarro von Stroh oder Papier.. Bei ihrem argwoͤhniſchen und mistrauiſchen Character glaubte ſie beſtaͤndig, ich ſtaͤnde auf dem Punkte, in das Feldlager der Aufruͤhrer uͤberzuge⸗ hen. Ich wußte ihr vielen Dank dafuͤr, daß ſie alle moͤglichen Bemuͤhungen und Bitten anwendete, um mich bei der Parthei der guten Ordnung und der Freiheit zuruͤckzuhalten; indeß mit aller meiner Sorgfalt vermochte ich dennoch nicht, ihre Zweifel zu verſcheuchen. Ich empfieng nie einen Brief, bei welchem ſie nicht einen geheimen Briefwechſel zwi⸗ ſchen mir und dem jungen Feldherrn vorausgeſetzt haͤtte, um welchen ſich allmaͤhlig die Bewohner un⸗ ſerer Provinzen verſammelten; ich durfte nur einen Augenblick traurig oder nachdenkend ſcheinen, ſo furchtete ſie auch ſchon, daß ich den Plan hege, mich zu ihnen hinzubegeben, und ihre Furcht verrieth ſich theils durch bittere Vorwuͤrfe, theils durch herzzer⸗ reißende Thraͤnen. Ihr Schrecken verdoppelte ſich. Alonfo ſchrieb mir naͤmlich, um mich von denen loszureißen, die er die Moͤrder vom 2. Mai nannte: »Ganz Spanien iſt in ſeinen ermordeten Soͤhnen und in ſeinen gefangen genommenen Fuͤrſten tief be⸗ leidigt, ja es iſt es noch weit mehr, durch die Grund⸗ ſaͤtze, vermoͤge deren der Moͤrder der Conde's unſere Unterwuͤrfigkeit verlangt. Dieſe Fuͤrſten, die da irgend ein angeblich goͤttliches Recht, das ſeit zwei Jahrhunderten im Staube des Vatikan's vergraben lag, wieder hervorwuͤhlen, ſprechen dadurch allen Rechten, allen Anſpruͤchen des menſchlichen Ge⸗ 7⁴ ——— ſchlechtes Hohn, Wer irgend mit einem feinblichen Einfall, der auf ſchamloſe Maximen ſich ſützt, in Unterhandlung treten will, begeht zu gleicher Zeit einen Frevel, eine Thorheit und eine Niedertraͤchtig⸗ keit. Denn was iſt wohl niedertraͤchtiger, als die Unabhaͤngigkeit ſeines Vaterlandes mit Fußen treten ſehen, ohne ſogleich zu den Waffen zu greifen? was iſt wohl unſinniger, als großmuͤthige Staatseinrich⸗ tungen von einer Macht zu erwarten, die blos auf leeren Scheingrund und auf Raͤuberweſen gebaut iſt? was iſt ruchloſer, als an die friedliche Regierung eines Fürſten zu glauben, der ſich unter ſolchen Vor⸗ bedeutungen ankuͤndigte? Das hieße ja, vergeſſen, daß es einen Gott giebt, der uͤber ſeiner Haͤnde Werk wacht, und zu raͤchen und zu zuͤchtigen weiß!“ Alonſo ſprach in dem Briefe auch noch viel von der Markiſin; ſeine Verzweiflung war grenzenlos. Die Aeußerungen ſeines Schmerzes betrubten mich aufs aͤußerſte; doch ſo oft ich daran dachte, ihm zu ſchreiben, daß Maria nicht durch Vande des Bluts mit uns verknuͤpft ſei, ſo oft ich die Gräfin deshalb um eine Erklaͤrung dieſes Geheimniſſes bat, weigerte ſie ſich jedesmal mir zu antworten, und verbot mir durchaus, meinen ungluͤcklichen Bruder davon zu unterrichten.»Aber,“ pflegte ich dann wohl zu ſa⸗ gen, Maria lebt ja nicht mehr, und lebte ſie auch noch, was koͤnnte denn die Enthuͤllung dieſes Ge⸗ heimniſſes ſchaden?“—*Ich empfehle euch das tiefſte Stillſchweigen,“ erwiederte ſie;„gehorchet, oder ihr ſollt das ganze Gewicht meines Zornes fuͤh⸗ 75 len.“ In ihrer Seele gieng etwas vor, was ich nicht begreifen konnte. Ach, auch ich empfand in mir eine ſeltſame Ver⸗ wirrung. Aus dem kloͤſterlichen Schweigen von San Lorenzo war ich mitten in das Getoͤſe einer unter der Laſt der Jahrhunderte zuſammenſtuͤrzenden Monarchie, aus meiner moͤnchiſchen Abgeſchiedenheit war ich zu den Fuͤßen einer angebeteten Frau, aus meinem ſonſtigen Muͤßiggange in die unruhige Be⸗ wegung einer Revolution gerathen, die meine Thaͤ⸗ tigkeit in Anſpruch nahm. Gleichwohl beherrſchte mich damals ein bitteres Gefuhl, das fur mich druͤ⸗ ckender war, als alle meine fruͤheren Vekuͤmmerniſſe. Es gab fuͤr meinen Ehrgeiz keinen Genuß, fuͤr meine Liebe keine Illuſion, wogegen ſich nicht in mir eine geheime Stimme erhoben haͤtte. Ich weiß nicht, welches geheime Gefuͤhl mitten in meinem hoͤchſten Entzuͤcken eiskalt durch mein Herz fuhr, und die Worte der Liebe, die ſo eben uͤber meine Lippen ge⸗ hen wollten, auf meiner Zunge feſthielt. Waren es die Leiben meines Vaterlandes, welche dieſe unuͤber⸗ windliche Traurigkeit in mir hervorbrachten? Sollte ich ſie den Bedenklichkeiten meines Gewiſſens zuſchrei⸗ ben, oder ſollte ich ſie auf Rechnung meiner durch⸗ aus ungenuͤgenden und verfehlten Beſtimmung ſez⸗ zen? Ich vermochte keine von den Suͤßigkeiten ir⸗ gend eines Lebensgutes zu genießen, ich, dem ein uͤbereiltes Geluͤbde ſie alle verbot, ich ungluͤcklicher, der ich beim Austritt aus meiner Kindheit angelobt hatte, nie Staatsbuͤrger, noch Gatte, noch Vater 76 werden zu wollen, der ich nie nach Ehrenſtellen ſtre⸗ ben durfte, in der Erwartung ſie vererben zu koͤnnen, noch mir irgend eine Gegenliebe wuͤnſchen durfte, ohne zu fuͤhlen, daß ich mich dem eheloſen Shnbe gewidmet hatte! unterdeß ward die neue„zwar ſintchiſ aber doch freiere Verfaſſung, welche Joſeph der Junta der Notabeln zur Begutachtung vorgelegt hatte, nach einer drei Wochen langen, unbefangenen Pruͤfung endlich bekannt gemacht. Das Inland wie das Ausland ertheilten dieſem Meiſterwerk von Staatsweisheit ihren Beifall, Die Generale meh⸗ rerer geiſtlicher Orden ſchloſſen ſich eiligſt an dieſelbe an; der Kardinal von Bourbon, der einzige Prinz von dieſer Familie, der nicht verhaftet worden war, der Markis de la Romana, der ſich an der Spitze von zwanzigtauſend Mann in dem entfernten Daͤne⸗ mark befand, ferner alle bedeutenden Perſonen, die ſich nachmals an die Spitze der Cadixer Parthei ge⸗ ſtellt haben, beſchworen ſie, ſogar von Valencay her trafen dergleichen Zuſtimmungen ein, unter ſolchen Vorzeichen machte ſich nun Joſeph mit ſeinem Hofe auf, um von dem Throne Philipp's des Fuͤnften Beſitz zu nehmen. Unterweges waren ihm uͤberall Triumpfbogen errichtet. Man hätte faſ glauben tönnen, daß ſeine hronbeſeigung min⸗ *) Auf dem Schloſſe Palencay in Frankreich wurde bekanntlich Fönig Ferdinand nebſt den übrigen ſpaniſchen Frinien in A Sahren 1608 bis 1814 gefangen gehalten. 77 der beſtritten und minder blutig ſein wuͤrde, als die des Enkelſohnes Ludwigs des Vierzehnten. Zum ungluͤck indeß, waͤhrend die Großen Kaſti⸗ liens, Praͤlaten und Generale ſich ihm auf ſeinem Zuge entgegen draͤngten, verließen einige der erſten Kronbeamten die Poſten, um die ſie kurz vorher ſich ſo eifrig beworben hatten. Auf die Nachricht, daß furchtbare Kriegsbanden zu den Waffen gegriffen haͤtten, vergaßen ſie ganz den geleiſteten Schwur der Treue. Der kleine Theil des kaſtilianiſchen Adels, den man die Granden nennt, und der bis auf die niedrige Linie ſeiner Dienſtpraͤrogativen herabge⸗ ſunken iſt, verſteht in der Welt nichts weiter, als bei dem Aufſtehen und dem Schlafengehen ihres gekroͤnten Gebieters zugegen zu ſein, dabei nie⸗ drige Handleiſtungen zu verrichten, ferner, das Vorzimmer um Nitternacht zu verlaſſen, und den folgenden Tag bei Sonnenaufgang wiederzu⸗ kommen, um dieſen Ehrendienſt fortzuſetzen. Der Koͤnigspalaſt iſt eine Art von Freiſtatt, welche ihnen ven den fruͤheren Schreckensregierungen an⸗ gewieſen wurde. Philipp der Zweite berief dieſe Granden nach ſeiner Hauptſtadt und unterſagte ihnen den Aufenthalt auf ihren Landguͤtern. Da⸗ mals waren ſie noch ſehr furchtbar; ſie bilde⸗ ten eine abwehrende Schranke gegen die gewalt⸗ ſamen Eingriffe der Krone, und die Nation konnte bisweilen in ihnen Vertheidiger der alten Verfaſſung finden. Doch ſehr bald befolgten ſie 78 die Befehle des Despotismus buchſtäblich, und nahmen Beguͤnſtigungen an, die zu ihrem eige⸗ nen Nachtheil gereichten. Kaum wurden noch die Familiengeſandtſchaften dieſen beruͤhmten Ge⸗ ſchlechtern anvertraut. Ausgeſchloſſen von den Staatsaͤmtern, und blos noch im Beſitze der Hof⸗ bedienungen, verſchwanden ſie allmaͤhlig von dem politiſchen Schauplatz. Die Monarchie ſuchte ſich, anfangs aus kluger Berechnung, nachher aus Ge⸗ wohnheit, immer feſter auf neu Emporgekommene zu ſtuͤtzen. Das arme Spanien empfieng von ſeinen Granden jezt nichts weiter, als Beeintraͤch⸗ tigungen; ihre Majorate verſchlangen große Flaͤ⸗ chen von Grund und Boden, die nun unbebaut blieben und veroͤdeten; ja ſie wurden ſelbſt nicht einmal der Gewalt der Krone nuͤtzlich, fuͤr welche ſie ſich dem Nichts dahingegeben, denn ſeitdem ſie aufgehoͤrt hatten, ein Damm zu ſein, hatten ſie auch aufgehoͤrt, ihr als Stuͤtze und im Noth⸗ fall als Bollwerk zu dienen. Die Koſtitution von Bayonne eroͤffnete ihnen eine neue Zukunft. Ein bisheriger bloßer Hof⸗ adel wuͤrde dadurch zu einer politiſchen Ariſtokra⸗ tie geworden ſein. Man mochte damals glauben, dies ſei von nun an der einzige Rettungsfall, der den pripilegirten Staͤdten in Europa noch uͤbrig geblieben. Allein, um dies Wagſpiel zu begrei⸗ fen, iſt vor allen helle umſicht und ein Gefuͤhl von veberlegenheit erforderlich, die ſich nicht da⸗ 79 mit begnägt, ſich auf Ahnen und Hrbensbaͤnder zu ſtutzen, es bedarf dazu jenen Muth des Gei⸗ ſtes, der bei Angriffen nicht aus der Faſſung geraͤth, und der eben ſo ſehr an offenbaren Ge⸗ fahren ſeine Luſt findet, wie ehemals der Adel an dem blutigen Spiel des Lanzenbrechens. Die Kraft hat ſeitdem blos eine andere Richtung be⸗ kommen. Junger Mann, preiſet Gott, daß er euch hat in einem Jahrhundert geboren werden laſſen, wo die Kraft nicht mehr in der phyſiſchen Gewalt ihren Sitz hat, wo das Menſchengeſchlecht durch moraliſche Maͤchte regiert wird, wo, ſtatt der bloßen Waffenruͤſtung, Talent und Achtung erforderlich ſind, um ſich in der Welt ruͤhmlich auszuzeichnen.“— Hier hielt der Einſiedler inne. Ich hatte, als ich ihn von den Ereigniſſen unterrichtete, welche die Geſtalt ſeines Vaterlandes ſo eben um⸗ gewandelt hatten, ihm zugleich aus einander ge⸗ ſetzt, wie die monarchiſch konſtitutionelle Verfaſ⸗ ſung bereits, ungeachtet einiger feindſeligen An⸗ griffe, in Frankreich Wurzel geſchlagen habe, und alle Fruͤchte des Friedens, der Induſtrie und der Freiheit hervorbringe, wie ſie ihren friedli⸗ chen Schatten bereits uͤber Deutſchland, viel⸗ leicht auch uͤber Italien ausbreite, wie ſie ſich wohlthaͤtiger als je auf der ſkandinaviſchen Halb⸗ inſel aͤußere, wie ſie die Wunden der pyrenaiſchen Palbinſel zu heilen ſuche, wie ſie den Soͤhnen Po⸗ lens gezeigt worden ſei, um viele Erinnerungen und Wuͤnſche zu beſchwichtigen, wie ſie endlich dem verjuͤngten Europa neue Reichthuͤmer und der aufgemunterten Civiliſation neue Kraͤfte ver⸗ heiße. Wir waren damals gerade in der Ritte des Jahres 1820. Fray Pablo warf einen betruͤbten Blick auf ſeine einſame Klauſe, ſtieß einen Seufzer aus, und fuhr dann weiter fort: „Die Freiheit iſt naͤchſt der hoͤchſten Gewalt die vortrefflichſte Sache von der Welt; ſie bereitet uͤber ganze Maſſen diejenigen Wohlthaten, welche die hoͤchſte Gewalt nur auf wenige Perſonen beſchraͤnkt. Beide erhoͤhen die Einſicht und die Seelenkraͤfte de⸗ rer, denen ſie durch das Schickſal zu Theil werden. So verdanken in unumſchraͤnkten Monarchieen die hoͤheren Staͤnde der Lenkung des Staatsruders die hoͤhere Einſicht und Wuͤrde, wodurch ihnen ihr Vor⸗ rang geſichert wird. Bei uns dagegen, die wir zu einer erblichen Unthaͤtigkeit verdammt ſind, ſind viele unſerer Granden nichts weiter als Volk, und dann ſind ſie noch ſchlimmer, als dieſes. Sie haben naͤm⸗ lich auch noch die Wohlhabenheit ihrer Lage und ihre Hofbedienungsſtellen gegen ſich. Diejenigen, die auf dem Wege nach Madrid die Flucht ergriffen, durften ſich in den Reihen, unter die ſie ſich jezt ſtellten, eben nicht ſo ſehr fremd fuͤhlen. Die An⸗ haͤnglichkeit an dieſelben Ideen, die Ehrerbietung ge⸗ gen dieſelben Einfluͤſſe, ein eben ſo aberglaͤubiſcher als unwiſſender Religionseifer, bildeten eben ſo viele Bande, die ſie an ihre neuen Waffenbruder knuͤpften. —— 81 Sie hatten da unter andern zu Rivalen iñ Hinſicht des Oberbefehls, Schleichhaͤndler, Steinmetzen, Schmiede und dergleichen, die eben nicht Luſt hatten, ihnen Poſten abzutreten, die der Zufall in ihre Hand gegeben hatte. Der Volksaufſtand gewann durch das Hinzutreten einiger beruͤhmter und erlauchter Ramen wenig an Staͤrke, allein er veredelte ſich da⸗ durch; es war dies gleichſam ein Herzogmantel, der uͤber ſo manche Greuel geworfen wurde, die ſich bis dahin zu empoͤrend geaͤußert hatten, als daß ſie laͤnger noch haͤtten Furcht erwecken koͤnnen. Es war bereits der Tag herangekommen, wel⸗ cher dem Einzuge des neuen Monarchen vorhergieng. Dieſer leztere hatte in ſeinem Staatsrath alle Mini⸗ ſter der Revolution von Aranjuez beibehalten; allein, da ſeine Regierung bereits zu Bayonne organiſirt worden war, ſo hatte man unterlaſſen, mir einen Platz darin anzuweiſen. Ich wohnte alſo zum lez⸗ tenmale der Sitzung im koͤniglichen Palaſte, in dem großen Saale bei, worin ſich die Raͤthe der Krone und die Beamten ihrer Kanzelleien jeden Morgen zur Verwaltung der Regierungsgeſchaͤfte einfinden. Da fand ſich denn, in ſeinen Mantel gehuͤllt, auch Sir Georges ein. Da er der Meinung war, daß meine Entlaſſung mich in die Reihe der Unzufriedenen ge⸗ ſtellt habe, ſo ſcheute er ſich nicht, meine Gewiſſen⸗ haftigkeit durch unwuͤrdige Lockungen auf die Probe zu ſtellen. Er ſuchte mir darzuthun, daß das eng⸗ liſche Heer in Portugal uͤberall ſiegreich, daß Preu⸗ ßen die Waffen wieder zu ergreifen geneigt ſei, daß II. 6 82 Deſterreich ſchwanke, und die franzoſiſche Nation im Aufſtande begriffen ſei. Ich wuͤrde vielleicht er⸗ ſchttert worden ſein, wenn dieſer Urheber unſerer inneren Zwietracht etwas geſchickter geweſen waͤre, und ſich, anſtatt an meinen Ehrgeiz, lieber an mei⸗ nen Patriotismus gewendet hätte. Es kraͤnkte mich, als ich ſah, daß er auf die Verletzung meines Stol⸗ zes eine Spekulation gruͤndete. Außerdem hegte ich auch noch als Kaſtilianer und als Sohn einer Fran⸗ zoſin eine geheime Abneigung gegen die brittiſche Re⸗ gierung. Es koſtete mich daher ſehr wenig, dieſen wuͤrdigen Stellvertreter des Kabinetts von Saint James zuruͤckzuweiſen. In dieſem Augenblick oͤff⸗ nete ſich meine Thuͤr, und die D** ſüͤrzte zornig herein*). Sie hatte ſo eben auf der Puerta del Sol den Jaime geſehen, wie er ganz mit Franzoſen⸗ blut beſpritzt, ihr durch ein Laͤcheln Hohn zu ſprechen wagte. Nie war ſie fuͤr die Sache der neuen Regie⸗ rung feuriger eingenommen geweſen, als jezt; ihr war eine Stelle in dem Hofſtaat der Koͤnigin ange⸗ wieſen worden. Die Granden, welche ſo eben Jo⸗ ſeph verlaſſen hatten, waren eben die, von denen ſie einſt ſo veraͤchtlich behandelt worden war; nach dem Beiſpiel von Olivarez freute ſie ſich daher uͤber ihre Empörung, wie uͤber ihre Zuͤchtigung und die Be⸗ friedigung ihrer Rache. Dazu kam, daß der Com⸗ thur, nachdem er an einem fuͤrchterlichen Blutbade theilgenommen, in einem Gefecht von wenigen Stun⸗ a6 Die Gräfin Matta 1) 1 226i6 1 83 den ſich die ſchwerſten Wunden zugezogen hatte, und daß die Druppen Alonſo's ohne Schwertſchlag die franzoͤſiſche Kolonne durch ſich hindurchgelaſſen hat⸗ ten, welche auf Andujar und Cordova marſchirte. Die Graͤfin, noch ganz berauſcht von Hoffnung und Zorn, erblickte jezt auf einmal Sir Georges bei mir, blieb ſtehen, ſchauderte zuſammen, und rief ſchnell wieder davon eilend:»Wie? ihr wollt uns alſo auch verrathen?“ Ich hatte kaum ſo viel Zeit, um den Englaͤnder ſicher aus dem Hauſe zu bringen, denn nach einer kurzen Weile trat Wache, die ſie her⸗ beigerufen hatte, ins Zimmer, um ihn zu verhaften. Ich war bald wieder allein. Matea hielt mich fuͤr treulos, und ihre Feindſchaft waͤre fuͤr mich das groͤßte Ungluck geweſen. Mich duͤnkte, daß, wenn ich bis an ihre Perſon gelangen koͤnnte, ſo wuͤrde ich mir ihre Neigung und ihr Zutrauen dadurch wie⸗ der zu erwerben wiſſen, daß ich mich deſſen wuͤrdig bezeigte. Ich eilte alſo ſchnell nach ihrer Wohnung. An das beleidigende Betragen ihrer Camarera war ich bereits gewoͤhnt. Das ſtrenge Verfahren der Inquiſition hatten meine ganze Familie in den Augen der Donna Ines laͤngſt zu einem Gegenſtande der eifrigſten Verwuͤnſchungen gemacht, und mir beſonders konnte ſie es nie verzeihen, daß ich den Muͤßiggang des Kloſters verlaſſen hatte, um an den Arbeiten der franzöſiſchen Verwaltung theilzunehmen. Bei meinem Anblick unterbrach ſie ſich ſogleich in der andaluſiſchen Seguidilla, die ſie zu ihrer Gitarre 6* 34 ſang, und ſtellte ſich haſtig vor bie Thuͤre, die in die inneren Gemaͤcher fuͤhrte. Der Eifer, womit ſie mir den Eintritt in dieſelben zu verwehren ſuchte, erregte mein Erſtaunen. Ich weiß nicht, durch welche meiner Aeußerungen ich das ſtolze Kammer⸗ maͤdchen etwa beleidigt haben mochte; denn ſie rief auf einmal:»Wen glaubt ihr denn vor euch zu haben? Das Blut, das in meinen Adern fließt, iſt reiner und zum wenigſten eben ſo adelig, als das eurige. Es war einer von meinen Vorfahren, der in der beruͤhmten Schlacht von Ronceval den Kaiſer Karl den Großen in die Flucht ſchlug, wie man es hoffentlich auch allen andern juͤdiſchgeſinnten Kaiſern machen wird, die von Norden her einbrechen. Wenn ihr die Genealogie des Penafiel de Contreras geleſen hättet.— Ich wollte ſie hier unter⸗ brechen, allein ſie ließ ſich durch nichts ſtoͤren, und fuhr fort:»Leſet die Genealogie des Penafiel de Contreras, und wollte Gott, daß nie ein ſchlimme⸗ res Buch ans Licht der Welt gekommen waͤre! wir wuͤrden dann nicht uͤber ſo viele Dinge ſeufzen duͤrfen, die uns am Ende noch Gott weiß wohin fuͤhren wer⸗ den, wofern nicht etwa Gott und ſeine Heiligen ei⸗ niges Mitleid mit unſerem ungluͤcklichen katholiſchen Koͤnigreiche haben.“ Nachdem ſie dieſe lezten Worte geſprochen hatte, eilte ſie davon⸗ Ein Unteroffizier von der alten Garde, der nebſt ſeinem General in dem Hauſe der Graͤfin wohnte, verfolgte ſeit laͤnge⸗ rer Zeit mit ſeinen Huldigungen die ſchoͤne Navarre⸗ ſerin, und dieſer ſaate mir dann in ſeiner militaͤri⸗ 85 ſchen Ausdrucksweiſe, daß Matea mich aus ihrer Gegenwart verbannt habe.»Mein Herr Pfarrer,“ ſagte er zu mir, indem er mit ſeiner Hand eine ehr⸗ erbietige Bewegung nach der Stirn machte,»die Frau Graͤfin hat den Befehl erlaſſen, euch einzula⸗ den, daß ihr euch von hier zuruͤckziehen moͤchtet.“ Ich begab mich noch denſelben Abend in das Haus des franzoͤſiſchen Gouverneurs. Mitten in der Gallerie konnte ich bereits von drinnen her eine Stimme vernehmen, die meinen Namen nannte. Betroffen daruͤber, blieb ich ſtehen und horchte. Seine Jugend,“ ſagte Matea, ſeine Unevfahren⸗ heit hatte mir einiges Intereſſe fuͤr ihn eingefloͤßt; das Feuer ſeines Gemuͤths, ſein hoher Verſtand, alles ſchien mir in ihm einen nuͤtzlichen Vertheidiger der Ruhe und der Freiheit Spaniens zu verheißen. Wer haͤtte mir ſagen ſollen, daß ich an ihm blos ei⸗ nen Verraͤther mehr haͤtte! Mußte denn alles, was ich lieb hatte, ſich in die Arme der euͤgliſchen Par⸗ thei werfen?“ Hier erſtickten Thraͤnen ihre Stimme. Endlich faßte ſie ſich wieder und fuhr weiter fort: »Die Verhaftung des Treuloſen iſt allein im Stande, euch vor den groͤßten Gefahren zu ſichern. Beden⸗ ket, daß er um alle Geheimniſſe euerer Regierung weiß, daß er durch ſeinen Bruder, und vermuthlich auch durch einen geheimen Verkehr mit ſeinem Hr⸗ den, in alle Myſterien des Aufſtandes eingeweiht ſein muß; ihr koͤnnt der Parthei eurer ewigen Nebenbuh⸗ ler ſchwerlich einen empfindlicheren Schlag verſetzen, als hiedurch.“ 86 Die heftigen Aufwallungen der Graͤſin dauerten noch eine Weile ſo fort; jene Waͤrme des Gemuͤths, jene gebieteriſche Energie, die mich ſo oft entzuckt hatte, kehrte ſich jezt gegen mich.—*Um der Jungfrau Maria willen,“ rief ſie aus,»ſuchet be⸗ ſonders das eine zu verhuͤten, daß er ſich nicht etwa mit Alonſo vereinigt, daß er nicht unter die Fahne, die ſein Bruder auf der Sierra Morena ufgepflanzt hat, noch auch unter die Fahnen ſich ſtellt, die von den Mauern Saragoſſa's wehen„ Wenn ihr nicht ein wachſames Auge auf ihn haben wollt, ſo will ich ſelber bieſe Sorge uͤber mich nehmen, und ich ſage euch zum voraus, daß er ſeine Schritte nicht nach Aragonien oder Andaluſien, zu den Soͤldlingen Englands, hinwenden ſoll, ohne unterweges auf einen Dolch zu ſtoßen.“ In meiner beſtuͤrzten und niedergedruͤckten Ge⸗ můthsſtimmung wagte ich es nicht, uͤber die Schwelle des Kabinetts zu treten, worin der engere Zirkel des Gouverneurs verſammelt war; ich wuͤrde den Be⸗ ſchuldigungen Matea's keine Vertheidigung, ihrem Haſſe keinen Muth entgegen zu ſtellen gewußt haben, Voll Verzweiflung eilte ich von dannen. Mir war, als würden die Franzoſen, wenn ſie ͤberall in Doͤr⸗ fern und auf Heerſtraßen den Moͤrderdolch wuͤthen, einen Theil der Bevoͤlkerung Madrids aus der Stadt entweichen, auf allen Seiten die zahlloſen Symptome eines furchtbaren Buͤrgerkriegs ausbrechen ſaͤhen, in ihrer Erbitterung das ganze Gewicht ihrer Rache auf mich fallen laſſen und mich in Feſſeln ſchlagen. 8 Aber noch ganz andere Schreckniſſe aͤngſtigten meine Seele. Da ich meines bisherigen Anſehns beraubt war, ſo fand ich auch nicht mehr, wie ſonſt, unter der Vothalle den ſpaniſchen Soldaten, der mich getreulich durch das Abenddunkel immer zu be⸗ gleiten pflegte. Ich rief, um nicht ſo ohne allen Schutz durch die volkreichen Straßen zuruͤckgehen zu duͤrfen, mir zwei von jenen Serenos herbei, welche die einzigen und dabei ſehr ohnmaͤchtigen Waͤchter fuͤr die oͤffentliche Sicherheit ſind. Unter dieſer Bedeckung erreichte ich endlich meine Woh⸗ nung; dieſe war nicht mehr in dem praͤchtigen Pa⸗ laſte Matea's. Der Schmerz hat etwas ſtechenderes und empfindlicheres, wenn die aͤußeren Gegenſtaͤnde ihn auf uns zuruͤckzuſpiegeln ſcheinen, und uns ſo auf unſeres Inneres zuruͤckverweiſen, waͤhrend wir gerade am meiſten eines aͤußeren Zufluchtsortes be⸗ duͤrften. Die Fontana de Oro kam mir abſcheulich unreinlich vor. Ich eilte ſchnell durch das ſchmale Vorhaus, laͤngs welchem ſich eine Weinſchenke, oder, wenn ihr es ſo nennen wollt, ein ungeheures Kaffeehaus hinzieht, welches ſpäter, nach dem Ruͤckzuge eurer Armee, den wilden Gelagen des Volks zum Schau⸗ platz diente; durch die offenſtehende Thuͤr ward ich bei meinem Voruͤbereilen durch einige Verwuͤnſchun⸗ gen begruͤßt, und ich verbarg mich daher ſchnell in das ſchmutzige und verfallen ausſehende Gemach, in welches mich ein Aufwaͤrter des Gaſthofs unter be⸗ leidigenden Spottreden fuͤhrte. Hier fand ich mich nun blos mit meinem tiefen Schmerz, mit meinen Zweifeln zuſammen, in einer Verlaſſenheit, worin ich mich vor allem, ſogar vor mir ſelber fuͤrchtete, wie ein Kind, das in tiefer Nacht allein gelaſſen iſt. Ich ſah gegen mich die Parthei unter den Waffen, welcher ich bisher gedient, ferner die einzige Frau, die ich geliebt hatte, dazu jenen Schwarm von Feinden, die unſer Gluͤck uns erzeugt, und welche das Mis⸗ geſchick entlarvt und kuͤhn macht bis zur Blutgier. Jezt, ich geſtehe es, wendeten ſich meine Blicke zu den Heerhaufen der Aufruͤhrer hin. Zu ihnen riefen mich die Oberhaͤupter meines Ordens, von dorther ſtreckte mein Bruder mir ſeine Arme entge⸗ gen, von dorther fluͤſterte mir Maria, der Schatten Maria's heruͤber, daß ich ihren Tod raͤchen ſolle. Mein Herz ward erſchuͤttert. Indeß ich uͤberlegte, daß, im Fall wir beſiegt wuͤrden, wir unſer Vater⸗ land unmittelbar dem Scepter des franzoͤſiſchen Kai⸗ ſers unterwerfen, im Fall des Sieges dagegen un⸗ ſere Monarchie wieder derſelben Regierung uͤberlie⸗ fern wuͤrden, deren Haͤnden ſie ſo eben erſt ent⸗ ſchluͤpft war. Dieſer leztere Gedanke erfuͤllte mich mit Grauſen, wie die aͤrgſte Frevelthat. Zu gleicher Zeit hoͤrte ich das Geſchrei eines von der Kette los⸗ gelaſſenen Volkes, und das Seufzen ſeiner Schlacht⸗ opfer, ich ſah, wie dreihundert Valencier im Am⸗ phitheater das Verbrechen buͤßen mußten, daß ihre Vorfahren Franzoſen geweſen, wie dreißig ſpaniſche Dffiziere an einem Tage zu Saragoſſa umgebracht, wie alle die Generale, die ſich nicht raſch genug be⸗ ———————————— —————— wieſen; um ber ungeduld des Pöbels zu Hilfe zu kommen, von einem Ende der Halbinſel zum andern hingemordet, wie Soldaten ans Kreuz geſchlagen, in Stuͤcke zerhauen, und wilden Dodesarten preis⸗ gegeben wurden, woruͤber ſich ſelbſt Kannibalen ge⸗ wundert haben wuͤrden, ich ſah Alonſo genöthigt, ſich von unſeren alten Eltern zu trennen, und ſie in irgend einen Winkel Galiciens verbergen, um Donna Leonor der Wuth ſeiner eigenen Tryppen zu entzie⸗ hen, ich hoͤrte die Fönigreiche Galicien und Leon von dem Krachen zertruͤmmerter Palaͤſte wiederhallen, die von einem Poͤbel zerſtört wurden, deſſen Wahl⸗ ſpruch war: Tod den Ketzern, den Ge⸗ lehrten, den Franzoſen! Bei dieſem An⸗ blick erhob ſich in mir ein edler Unwille gegen die Eingebungen meines irre gefuͤhrten Ehrgeizes, mei⸗ ner getaͤuſchten Liebe, meiner Furcht, meiner erlit⸗ tenen Kraͤnkung. An der Schwelle des feindlichen Heerlagers trieben ſich zwei Ungeheuer umher, die mir beinahe ganz gleichen Schauder einfloͤßten, naͤm⸗ lich das Geſpenſt des alten Despotismus und die blutige Hyder der Demagogengewalt. Funfzehntes Buch. Fortſetung der Erzaͤhlung des Einſievlers. Erſtes Kapitel. Am 20. Julius*) hielt Joſeph ſeinen Einzug in Madrid. Das Volk ſchwieg beim Anblick ſeines Königs ganz ſtill. Ganz anders war vor etwa einem Jahrhundert Philipp der Fuͤnfte empfangen worden⸗ Selbſt Joachim hatte vier Monate fruͤher eine ganz andere Aufnahme gefunden, als er an der Spitze eurer Soldaten als der Repräſentant einer unermeß⸗ lichen Macht und eines unendlichen Ruhmes, als der Vermittler erſchien, der dazu berufen ſei, um zwiſchen der Gegenwart und der Vergangenheit einen entſcheidenden Urtheilsſpruch zu faͤllen. Die mitten im Frieden geſchehene Eſtuͤrmung, oder, was noch ſchlimmer war, durch elende Kriegsliſten bewerkſtel⸗ ligte Ueberrumpelung unſerer Feſtungen, hie und da ein ſtolzes Benehmen, ein feindſeliges Verfahren, an manchen Orten ſogar vorgefallene Raͤubereien, vor allen Dingen aber der ganz unſinnige Schutz, — ³) Des Jahres 1308 91 den Napoleon aus Gruͤnden der Politik dem Frie⸗ densfuͤrſten gewaͤhren zu muͤſſen glaubte, alle dieſe Fehler hatten ſeit Anfang des Jahres die Anſtren⸗ gungen eurer Gegner ganz nach Wunſch unterſtutzt. Die Einwohner der Hauptſtadt zeigten dem Bruder des franzoͤſiſchen Kaiſers blos gleichguͤltige oder wohl ſelbſt feindſelige Geſichter; alle dieſe Frayles, alle dieſe Maͤnner aus den Vorſtaädten, die mit fin⸗ ſterem Blick tief unter ihren breitrandigen Hüten her⸗ vorſchauten, und die Hand, vielleicht auch den Dolch, unter den Lumpen von braunem Tuch, die ſie einen Mantel nennen, verſteckt hielten, hatten in ihrer ſchweigenden Stellung ein gewiſſes ungluͤckbe⸗ deutendes Weſen. Man haͤtte in dieſen Augen, in denen der Zorn immer heller aufleuchtete, das all⸗ maͤhlige Naͤherkommen des TDriumphwagens leſen koͤnnen. Es wurden Denkmuͤnzen unter ſie ausge⸗ worfen; allein ſie oͤffneten ihre Reihen, um das Gold hindurch zu laſſen, gleichſam als fuͤrchteten ſie deſſen unreine Beruͤhrung, und ſo blieb das Stra⸗ ßenpflaſter mit verlorenen Muͤnzen uͤberſaͤt, bis die Franzoſen Befehl erhielten, ſie aufzuleſen. Man ſah, wie dieſe Bettler, an denen Madrid ſo reich iſt, wie dieſe Kinder, dieſe Weiber, dieſe ruͤſtigen Kerle, welche allen unſeren Straßen durch das Auf⸗ zeigen ihrer eiternden Wunden ein ſo truͤbſeliges An⸗ ſehn geben, die Geſchenke ihres Koͤnigs von ſich ſtie⸗ ßen, und lieber ihr Brot von dem Mitleid der Vor⸗ uͤbergehenden erwarten, als ihren Antheil von ſeiner Freigebigkeit annehmen wollten. Vergebens ſuchten einige, dem nenen Koͤnig er⸗ gebene Spanier, an deren Spitze ſich die Graͤfin be⸗ fand, durch ihre Aeußerungen der Freude und Liebe die Volksmenge anzuregen. Vergebens ſuchte Don Mathias, der ſo eben mit dem Markis eingetroffen war, in Erinnerung zu bringen, daß noch nie auf irgend einem Throne der Halbinſel ein Koͤnigsge⸗ ſchlecht geſeſſen haͤtte, das nicht fremder Abkunft geweſen waͤre, und daß, unſerer Bourbons zu ge⸗ ſchweigen, auch die alten Koͤnige von Kaſtilien, Por⸗ tugall, Navarra und Sobrarbe von franzoͤſiſchen Haͤuſern abgeſtammt haͤtten. Vergebens verſuchten einige geachtete Regierungsbeamte, einige Großen, einige beruͤhmte Gelehrte den Einfluß ihres Namens und ihres Beiſpiels geltend zu machen, Alle dieſe Stimmen erſtarben unter dem Gewicht des allge⸗ meinen Stillſchweigens des Volks; ſelbſt eure Sol⸗ daten, von der tiefen Eiskälte der Gemuͤther mit er⸗ griffen, begnuͤgten ſich faſt durchaus mit dem bloßen Waffengruße, als ſie durch ihre langen Reihen einen Fuͤrſten hindurchziehen ließen, deſſen Thronbeſtei⸗ gung ein neuer Beweis ihres Ruhms war. Man glaubt es gar nicht, wie ſchnell die gebil⸗ deteren Staͤnde aus aller Faſſung kommen und uͤber ihre einſame Stellung unruhig werden, ſobald das Volk nicht in ſeinen Geſinnungen mit ihnen uͤberein⸗ ſtimmt. Werden ſie von da her unterſtutzt, ſo ha⸗ ben ſie die Kraft der Idee fuͤr ſich, und ſetzen den Hebel des Archimedes an; ſtehen ſie indeß iſolirt da, ſo gleichen ſie einer Seele ohne Koͤrper, und nichts 93 tommt dann ihrer Ohnmacht gleich. Man hat ge⸗ ſehen, wie in Frankreich im Jahre 1793 die Volks⸗ wuth nicht blos uͤber innere Hinderniſſe, ſondern ſogar uͤber das ganze Europa, das ſich zur Vertil⸗ gung deſſelben geruͤſtet hatte, den Sieg davon trug, und unter uns hatte das Volk und die geweihten Schreckensmaͤnner, die an ſeiner Spitze ſtanden, anſtatt ſich ſelbſt uͤberlaſſen zu bleiben, auswaͤrts einen Verbuͤndeten gefunden, der nicht erroͤthete, ihren Dolchen und ihren blutbeſpritzten Kruzifixen bewaffneten Beiſtand zu leiſten. Das war eben das Ungluͤck bei unſerer Staatsreformation, daß ſie den Zuſtand eines Volkes zu verbeſſern hatte, welches ſie weder begreifen konnte noch wollte. Die Parthei der Staatsverbeſſerer konnte uͤber die vielen Gegenbeſtrebungen, die ſich von allen Sei⸗ ten her ihr entgegenſtellten, nicht beſſer obſiegen, als wenn ſie feſt zuſammenhaltend ſich dicht um den Thron und die Geſetze vereinigte. Schon zeigten ſich bereits innere Spaltungen. Die zu Bayonne entworfene Fundamentalacte hatte, wie die Beguͤn⸗ ſtiger einer republikaniſchen Verfaſſung meinten, dem Glauben, dem Intereſſe und den Grundſaͤtzen, welche eine vierzehnhundertjahrige Monarchie hinter ſich zuruͤckgelaſſen, noch lange nicht ſcharf genug mitgeſpielt. Das Land der Inquiſition iſt in unſe⸗ rem gegenwaͤrtigen Zeitalter vielleicht das einzige in Europa, wo es noch Atheiſten giebt; ſo wie das Land des hohen Raths von Kaſtilien und der Cama⸗ rilla vielleicht gerade dasjenige iſt, was die meiſten — 94 Demagogen in ſich enthaͤlt. Dieſe Menſchen, welche ſich beeiferten, die franzoͤſiſche Revolution Schritt vor Schritt in allen ihren Thorheiten nachzuahmen, murrten gegen eine Konſtitution, die vom Throne ausgegangen war, und die das Koͤnigthum in ſeiner ganzen Kraft und Groͤße beizubehalten ſuchte; einige argwoͤhniſche Koͤpfe waren ſogar daruͤber beunruhigt, daß, wie es hieß, noch fuͤnf Jahre verſtreichen ſoll⸗ ten, bevor Spanien zu dem Beſitz dieſes neuerwor⸗ benen Gutes gelangen ſollte. So mußten wir denn ſehen, wie die Zahl der Ausreißer und Abtruͤnnigen bei uns taͤglich groͤßer wurde. Der Vater der Graͤfin gehoͤrte einer Klaſſe an, in welcher ſchon ſeit langer Zeit die Liebe zur Frei⸗ heit keimte. Indeß unſer Handelsſtand, der ganz von kaufmaͤnniſchem Intereſſe beherrſcht wurde, zit⸗ terte vor dem Gedanken, unſere Halbinſel in den großen Kampf des Kontinents verwickelt zu ſehen. Dieſer bedeutende Theil der aufgeklaͤrteren Staͤnde Spaniens ſaͤumte nicht, ſich ganz und gar gegen unſere Waffen zu erklaͤren. Die politiſche ueber⸗ ſpannung Don Domingo's ſtellte ihn vollends in die Reihen unſerer Feinde. Seit ſeiner Ruͤckkehr von Bayhonne beobachtete er gegen mich ein hartnaͤckiges Stillſchweigen, und man konnte leicht merken, daß ſich irgend ein feuriger Entſchluß im Innern ſeiner Seele bewegte. Ich ſah ihn beſtaͤndig auf der Puerta del Sol und im Prado in Begleitung einer Perſon erſcheinen, an welcher er ſonſt die große Ver⸗ ſchiedenheit ihres Characters und ihrer Grundſätze verabſcheut hatte. Don Iſidro, nachdem er ſich allmaͤhlig von der Regierungs⸗Junta zuruͤckgezogen, hatte ſich in die Abdankung der koͤniglichen Familie wie in einen un⸗ vermeidlichen Schickſalsbeſchluß gefuͤgt. Allein, als er zu Bahonne von den naͤheren Umſtaͤnden, die bei dieſer Abdankung obgewaltet hatten, ſich unterrich⸗ tet und die uͤberraſchende Nachricht von dem allge⸗ meinen Volksaufſtande vernommen hatte, wuͤnſchte er ganz laut den Sieg des lezteren. Die Annaͤhe⸗ rung dieſer beiden Maͤnner, von denen der eine in dem ganzen Handelsſtande eine Erſchuͤtterung her⸗ vorbringen, der andere aber die ganze Geiſtlichkeit der Halbinſel aufregen konnte, erſchien mir wie ein Todesſtoß fuͤr unſer Syſtem. Durch dieſes Zuſam⸗ mentreffen war auf einmal die ganze Lage der Dinge veraͤndert. Wir waren nun nicht mehr die Parthei der neuen Idee, ſondern, gleichſam zwiſchen die bei⸗ den aͤußerſten Pole der buͤrgerlichen Geſellſchaft ge⸗ ſtellt, waren wir jezt blos noch die Parthei der Klug⸗ heit, der Maͤßigung„ und viermal hundert⸗ tauſend Bajonette haben uns nicht den Sieg zu verſchaffen vermocht. Madrid wußte gar nicht, welche große Ereigniſſe damals in unſeren Provinzen auf das Schickſal des Ganzen einwirkten. Waͤhrend dieſe naͤmlich in vol⸗ lem Feuer ſtanden, herrſchte in der Hauptſtadt bie tiefſte Ruhe, uͤber dieſe Ruhe hatte etwas furchtba⸗ 96 res, es war, als befaͤnde man ſich auf einem Vul⸗ kane. unterdeß war Joſeph ganzen Hofe der entthronten Koͤnige umgeben. Dieſe ungeheuern Zimmer, die an Groͤße wie an Reichthum die der Tuilerien weit uͤbertrafen, vermochten kaum die Schaaren der Anbeter des Gluͤcks zu faſſen. Pier ſah ich beſtaͤndig Matea. Ihr Schmerz hatte ſie ſelbſt unter dieſen Gewoͤlben nicht einmal verlaſſen, wo ſie ſo lange ſchon Weihrauch zu ſpen⸗ den und zu empfangen ſich gewuͤnſcht hatte. Ihre leidende Schoͤnheit, ihre Anmuth, der Zauber ihrer Bewegungen und ihrer Worte feſſelten einen Schwarm franzoͤſiſcher Offiziere an ihre Schritte; allein ihr Stolz, der ſo tief die Leiden der Demuͤthigung ken⸗ nen gelernt hatte, ſchien dabei keine Freude des Tri⸗ umphs zu empfinden. Sie ſchien ſich weder an ih⸗ ren erlittenen Kummer noch an das Gluͤck, welches ſie gemacht hatte, zu erinnern, ja ſie hatte ſogar vergeſſen, mich zu verfolgen. Kaum ſuchte biswei⸗ len, waͤhrend ich mein Auge feſt auf ſie heftend um⸗ herirrte, einer ihrer Blicke mich in meiner einſamen Stellung auf. Dieſer feurige Blick, deſſen Aus⸗ druck unbeſchreiblich war, drang wie ein giftiger Pfeil tief ins Innere meiner Seele, und entzuͤndete in meiner Bruſt alle Flammen der Liebe wieder. Wenn ich mich dann ihr zu naͤhern verſuchte, ſo ver⸗ wandelte augenblicklich die ploͤtzliche Strenge ihres Angeſichts meine feurige Aufwallung in Eiskaͤlte, und reizte mich zur Verzweiflung. Die Verachtung, der 97 Haß, der Groll traten dann in ihren Geſichtszugen an die Stelle der Ruͤhrung. Ach, hatte dieſe Weich⸗ heit des Herzens vielleicht einem andern gegolten, als mir? In dieſem Augenblick haben bereits die Jahre und die Gewiſſensbiſſe, die noch zerſtörender wirken, als die Zeit, fuͤr mich ernſtere Betrachtungen gleich⸗ ſam wie Runzeln des Alters herbeigefuͤhrt, und ich begreife jezt freilich nicht, wie eine Fran eine ſolche Herrſchaft uͤber uns ausuͤben unb ſo ganz unſer In⸗ nerſtes einnehmen kann, daß uns weder ſo viel Muth übrig bleibt, um ſie von da zu verbannen, noch auch ſo viel, um fern von ihr einen Zufluchtsort zu ſuchen. Spanien war lange Zeit durch dergleichen end- und hoffnungsloſe Leidenſchaften beruͤchtigt, und noch heute ſind ſie darin einheimiſch. Ich traf in dem Palaſte den alten Markis von Crrv. »Nur eine gebieteriſche Pflicht,“ ſagte er zu mir,*ver⸗ mag mich dazu zu bewegen, mit meinem betruͤbten Herzen hierher mitten in den Pomp des Hofes zu kom⸗ men. Das Gluͤck, alle Stunden das Angeſicht des Mo⸗ narchen betrachten zu dürfen, den die Vorſehung, um uns zu beherrſchen, berufen hat, iſt nicht im Stande, mich in meinem Kummer zu zerſtreuen.“ Der wuͤr⸗ dige Kammerherr unterließ nicht, das edle Aeußere des Koͤnigs, ſeine Weltbildung, ſeine aufmerkſame Feinheit zu bewundern.»Seine Majeſtaͤt,“ fuhr er fort,“wird das Gluͤck und den Ruhm Spaniens begruͤnden; ſehet nur, wie auf allen Geſichtern die Freude ſich ausdruckt. Die Nation erkennt auf die⸗ m. 7 ſer erhabenen Stirn das unvertilgbare Gepraͤge, womit der Himmel ſtets gekroͤnte Haͤupter zu bezeich⸗ nen pflegt.“ Der Markis ſah freilich Spanien nur im Thronſaal. Die Granden, mit Ausnahme der ſchon bezeich⸗ neten Ueberlaͤufer, fanden ſich, ſo zu ſagen, bei die⸗ ſer Huldigungleiſtung als vollſtaͤndige Koͤrperſchaft ein. Es kuͤmmerte ſie wenig, daß der koͤnigliche Sitz von einem andern eingenommen war, wofern ſie nur an der Seite deſſelben ihr muͤßiges Adelweſen ferner ſo forttreiben konnten. Die meiſten draͤngten ſich um Joſeph mehr aus einer gewiſſen treuen Anhaͤnglichkeit an die Ge⸗ braͤuche der aufgehobenen Regierung, als etwa aus Anhaͤnglichkeit an die Grundſaͤtze und Wohlthaten der jetzigen. Eben ſo hatte der ganze Hof etwas zweideutiges und befremdendes in ſeinem ganzen We⸗ ſen, was denn bewies, daß es dem Gehorſam an innerer Ueberzeugung fehlte, und daß unter ſo vie⸗ len geleiſteten Eidſchwuͤren doch nur ſehr wenige wa⸗ ren, die nicht vom bloßen Gluͤckswechſel ſich hatten beſtimmen laſſen. Ich erinnere mich noch, wie ich eines Morgens, —. —— es war gerade den vierten Tag nach dem Einzuge des Koͤnigs, auf meinen Balcon gelehnt, uͤber die moͤglichen Faͤlle der Zukunft nachdachte; ich glaubte in ihren Fernen ein neues Zeitalter des Gluͤcks fuͤr mein Vaterland und fuͤr mich die beredten Kaͤmpfe der Volksrednerbuͤhne zu erblicken. An der Thuͤr der Fontana de Oro ſprach ein Mann, der in einen 99 ſchwarzen Mantel gehuͤllt war, ſehr lebhaft mit dem Aufwaͤrter des Gaſthofes. Er war zu Pferde die Straße von San Geronimo herauf gekommen, und ſein Wuchs, ſein edler Anſtand und ſeine Drauerklei⸗ der— das einzige, was ich an ihm hatte bemerken koͤnnen— hatten meine Blicke auf ihn gelenkt. Jezt konnte ich ihm nicht mehr ins Geſicht ſehen, und war zugleich zu weit entfernt, um die haſtigen Worte zu verſtehen, die er mit leiſer Stimme ſprach, allein ich konnte aus dem Eindruck, den ſie machten, ſie einigermaßen errathen. Seine Gedanken ſchienen ſich auf dem Geſicht deſſen, der ihn anhoͤrte, abzu⸗ ſpiegeln. Erſtaunen und Freude folgten da mit ei⸗ ner Staͤrke und Schnelligkeit auf einander, die blos unſerem Spanien eigen iſt. Dieſer Ausdruck hatte ſo viel Klarheit, daß ich augenblicklich daraus ab⸗ nahm, euern Waffen muͤſſe ein großes Ungluͤck be⸗ gegnet ſein. Der Unbekannte ſchwang ſich jezt auf ein praͤchtiges Kampfroß, welches ihm ein Page in großer Staatslivree zufuͤhrte. Ich rief Antonio, in der Hoffnung, daß er mir uͤber meine Beſorgniß Aufklärung geben wurde, und fragte ihn aus einer unbeſonnenen Uebereilung, ob es nicht Don Alonſo geweſen ſei, mit welchem ich ihn ſo eben ſprechen geſehen. Das feſte Ja, womit er meine Frage be⸗ antwortete, erſchuͤtterte mich; aber alle meine Be⸗ muͤhungen, mehr aus ihm herauszubringen, waren ohne Erfolg. Jung und luſtig wie er war, ſpendete er ſonſt ſeinen Gaͤſten immer ſehr reichlich Erzaͤhlun⸗ gen, abgeſchmackte Scherze, Fragen und bittere 6 100 Spottreden. Diesmal war ſeine Zuruͤckhaltung al⸗ lein ſchon hinlaͤnglich, um ihn zu verrathen. Eine geheime Freude glaͤnzte durch ſein Schweigen; ſeine Antworten hatten etwas gleichguͤltiges, was mich indeß nicht hinderte zu bemerken, wie ſehr ihm mein Geſpraͤch laͤſtig ſei. Beim Weggehen von mir ward er wieder etwas lebhafter, indem er einige Vorſichts⸗ maßregeln, die ich ihm fur die naͤchſten Tage em⸗ pfahl, mit einem Laͤcheln von ſich wies.»Wirklich?“ erwiederte er;»alſo ſchon auf acht Tage voraus? Ihr ſeid alſo wohl verſichert, daß dieſe Ketzer und Abtruͤnnigen dann noch leben werden?“— Dieſe vertrauliche Sprache mag vielleicht einen Franzoſen befremden; allein in Spanien, wo blos noch um den Thron etwas von dem alten Schimmer geblie⸗ ben, iſt die Gleichheit in dem Umgange ſo weit vor⸗ geſchritten, daß bei Tafel die Bedienten an dem all⸗ gemeinen Geſpraͤch theilnehmen, und daß ſie im Thea⸗ ter wohl mit ihrer Herrſchaft in derſelben Loge Platz nehmen, wenn nicht etwa der Aufenthalt eurer Trup⸗ pen in den alten Gebraͤuchen eine Aenderung hervor⸗ gebracht hat. Der ungewohnte Ton, womit Antonio die lezten Worte ausſprach, gab dieſen etwas drohendes. Ich ſah ihn bald nachher in das Nachbarhaus gehen, deſ⸗ ſen Beſitzer ſofort heraustrat, um an das daranſto⸗ ßende Gebaͤude anzupochen, und ſo lief die feindſe⸗ lige Nachricht wie ein electriſcher Funke auf der einen Seite bis nach dem Prado, auf andern bi nach der Puerta del Sol. 1014 Ich gieng aus, und mir kam es vor, als erblickte ich auf allen Geſichtern ein gewiſſes in⸗ neres Wohlbehagen. Ich trat in einen Laden der Puerta del Sol. Der Beſitzer deſſelben, ein eitler Kaſtilianer, den die Konſtitution von Ba⸗ yonne fuͤr Joſeph gewonnen hatte, ſprach von dieſem heilſamen Vertrage nicht weiter, außer daß er jedes Lob deſſelben ſtets mit einem Tadel oder mit einem uͤbergehenden Stillſchweigen begleitete, und Don Matthias, der ſich ebenfalls da eingefunden hatte und nach ſeiner Weiſe perorirte, klagte jezt zum erſtenmal ganz laut die neuen Staatseinrichtun⸗ gen an, daß ſie uns einen weit geringeren An⸗ theil von Freiheit vergoͤnnten, als die Staats⸗ einrichtungen, welche unter der Regierung des Hauſes Heſterreich abgekommen waren. Der Vater Matea's kam auf mich zu; er erkundigte ſich nach meinen Geſinnungen, und da er ſie in Uebereinſtimmung mit dem Eidſchwure fand, den wir alle geleiſtet hatten, ſo ſchien er auf ſeinen Lippen ein Geheimniß zuruckzuhalten, das ſich zu verrathen im Begriff war. Er ſah es mit Unwillen an, daß der Koͤnig ſich auf die alte Ariſtokratie ſtuͤtzte, daß er die Miniſter Don Ferdinands zu ſeinen Berathungen zog, und alle die Vornehmen, die ſich unter uns befanden, in ſein Gefolge aufnahm. „Jede Daͤnſchung,“ ſagte er zu mir,„muß hier ſchwinden. Wer nichts weiter mitbringt, als die Empfehlung ſeiner Verdienſte, wird von dieſen neu emporgekommenen Fuͤrſten kaum eines Blicks gewurdigt. Sie muͤſſen nun einmal pomp⸗ hafte Litel und eine erbliche Celebritaͤt um ſich haben. Laßt uns daher eine Bahn ſuchen, wo wir ſicher ſind, weder auf Herzoͤge noch auf Koͤ⸗ nige zu ſtoßen. Auf dem Schauplatz großer Ge⸗ fahren und großer Anſtrengungen werden ſie ſich niemals blicken laſſen. Mein Entſchluß iſt ge⸗ faßt; ich werde alles aufbieten, damit Spanien die erlittenen Beleidigungen raͤche und die Frem⸗ den, die ihm Geſetze vorzuſchreiben wagen, hinter die Pyrenäen zuruͤckwerfe. Wir werden dann von ihrem Einfall den Vortheil haben, daß wir unſerem Vaterlande eine verbeſſerte und freiere Verfaſſung zu geben im Stande ſein werden. Don Iſidro kam auf uns zu. Er führte mich mit ſich nach dem Gaſthofe, wohin Domingo uns folgte. Hier nahm der Erzbiſchof meine Haͤnde in die ſeinigen, und ſagte zu mir mit vieler Freund⸗ lichkeit:„Ich habe die Worte eines Bruders euch zu uͤberbringen. Große Pflichten und Unkunde des Hrtes, wo ihr euch aufhaltet, hinderten den bewun⸗ dernswuͤrdigen Alonſo, eure Umarmung zu ſuchen. Er iſt ſo eben durch unſere Stadt gegangen, um dem Numantia unſerer Zeit, dem unſterblichen Saragoſſa zu Hilfe zu eilen.“ „Der Unbeſonnene!“ rief ich aus.—„Mir gefaͤllt dieſes Erſchrecken; allein beruhigt euch 103 —»Nur fur Verrather hochſtens giebt es Gefahr,“ unterbrach ihn der Gadetanier;“ das Volk iſt uber⸗ all mit ſeinen Befreiern einverſtanden. Wenn die Franzoſen den Held Andaluſiens haͤtten verhaften wollen, ſo wuͤrden unſere Straßen mit ihren Leichen gepflaſtert worden ſein. Madrid gehoͤrt uns, und nicht den Tyrannen.“— Die eine Hand nach Don Domingo ausſtreckend, um ſeine Heftigkeit zu maͤ⸗ ßigen, und die andere Hand auf mich legend, fuhr der bejahrte Miſſionaͤr haſtig weiter fort⸗»Wir ſind hier alle zuſammen Mitbuͤrger; einige Verſchie⸗ denheit der Meinung mag uns trennen, doch die Stimme Spaniens vermag alles andere zu uͤbertoͤ⸗ nen. Betrachtet einmal unſere lange Zwietracht, mein theurer Domingo! dieſe heilige Stimme hat ſie zum Schweigen gebracht. Sie wird denn auch wohl unſerem Bruder ſagen, und hat es ihm viel⸗ leicht ſchon geſagt, daß, ſo oft die Fremden auf der einen Seite ſtehen, und auf der anderen Seite das Land unſerer Vaͤter, wir nicht weiter ſchwanken oder waͤhlen duͤrfen. Gott ſelber hat dadurch, daß er uns unter dem Himmel Kaſtiliens geboren werden ließ, fuͤr uns bereits die Wahl getroffen.“ Der Erzbiſchof ſchwieg. Ich klagte die blinden Vorurtheile an.»Haltet ein,“ erwiederte er drauf mit einem wahrhaft vaͤterlichen Tone;* das Vaterland, mein Sohn, iſt eben ſo gut wie eine zweite Religion. Man darf nicht dagegen lange widerreden, ſondern man muß ihm gehorchen. Dieſe Religion iſt gerade ſo wie die des Heilandes; ſie verzeiht jahrelange 404 Irrthuͤmer, um eines einzigen Augenblicks der Buße willen. Ein Bruder ruft euch; kommet, und laſſet ihn nicht ſo ganz allein einen neuen Ruhm an ben beruͤhmten Namen eurer Vorfahren knuͤpfen. Er ſteht an der Spitze einer maͤchtigen Junta; auf ſei⸗ nen Ruf ſammeln ſich Heere. Ihr laͤchelt, Verwe⸗ gener? Wiſſet, daß der fremde Eindringling nicht lange ſeinen Triumpf wird genießen können; er hat dieſe Mauern blos geſehen, um hier ſeinen Dod oder Schande zu finden. Die ganze Nation hegt blos einen einzigen Wunſch; ſie kennt die Rechte, die Gott ihr gegeben, und greift in Maſſe zu den Waffen, um ſie zu vertheidigen. Man hatte nur zu ſehr ver⸗ geſſen, welch ein furchtbares Gewicht das Kruzifir in die Wagſchale der menſchlichen Dinge legt, und vielleicht laͤßt der Himmel blos darum unſere Staͤdte von raͤuberiſchen Woͤlfen überſchwemmen, damit wir der Welt ein großes Beiſpiel zu geben Anlaß haͤtten. Man wird nun wohl ſehen, was das Evan⸗ gelium gegen Senatuskonſulte auszurichten ver⸗ Ich erinnerte an den langen Verfall der Mo⸗ narchie, an die Leiden, welche ſie erlitten, an die, welche ſie noch ferner nieberdrucken wurden, wofern es dem Volksaufſtande gelaͤnge, zu triumphiren, oder mit andern Worten, die Wiederherſtellung des Despotismus und der Unwiſſenheit zu bewerkſtelli⸗ gen.—»*Die Unwiſſenheit und der Despotismus,“ rief der Kaufmann aus,»gehören gerade zu den hauptſaͤchlichſten Anmaßungen eurer Parthei. Bin „ 105 ich ekwa ein Feind der Philoſophie und der Freiheit, ein Sklawe des Aberglaubens und des Guͤnſtlings⸗ weſens?“— Der Oberbiſchof ſuchte das andalu⸗ ſiſche Ungeſtuͤm Domingo's wieder zu beſaͤnftigen, und fuhr dann weiter fort:“ Fray Pablo vergißt, daß die Halbinſel einmuͤthig den Wunſch hegt, eine weiſe, alles wieder gutmachende Regierung zu er⸗ halten. Wir ſind alle Chriſten, und gerade das Chriſtenthum iſt es ja, was alle Sklawerei auf Er⸗ den vernichtet hat; wir alle ſind Spanier, und wir wollen uns nicht laͤnger durch eine Maria Luiſe, durch einen Godoy an Auslaͤnder verkaufen laſſen. Unſere erſte Sorge muß jezt ſein, die Cortes zuſam⸗ men zu berufen, und Bollwerke gegen den Miniſter⸗ Despotismus aufzufuͤhren, der uns ſo tief zu Grunde gerichtet hat; unſere Geſetze ſollen von nun an blos auf nationale Ueberlieferungen gegruͤndet ſein, ihre Wohlthaten ſollen nicht mehr eine truͤge⸗ riſche Lockſpeiſe, ihre Erklaͤrungen nicht mehr bloße Lägen ſein, und nicht laͤnger ſoll ein Eroberer ſie mit der Spitze ſeines Degens ſchreiben.“— Ich ſtellte dieſen thoͤrichten Verheißungen zweier feindli⸗ chen Partheien das Gemaͤlde der Schreckensſcenen entgegen, das ſich ſeit zwei Monaten vor unſeren Blicken entrollte.—»Wer iſt denn dabei umge⸗ kommen?“ erwiederte der Gadetanier;*blos Ver⸗ raͤther, Feinde des Volks, Menſchen, die uns dem Ueberwaͤltiger unſerer Rechte uͤberliefern wollten. Die Todesſtrafe iſt noch viel zu wenig fuͤr dergleichen Frevelthaten.“—»Ach,“ fuhr der Pralat fort, 106 „hei unſerer menſchlichen Schwäche und Leidenſchaft⸗ lichkeit, fuͤr welche Parthei wuͤrden wir uns wohl jemals erklaͤren därfen, wenn man ſo lange warten wollte, bis dabei eine Anſicht aufkäme, welche nie dem Verbrechen zur Stutze gedient, nie von demſel⸗ ben gemisbraucht worden waͤre? Wer anders hat diesmal vor Gott und vor der Welt das Unrecht zu verantworten, welches die Einwohner einiger Land⸗ ſchaften in der Erbitterung begangen haben, als diejenigen, welche das Volk ſich ſelber uͤberließen, um ſich mit dem Nationalfeinde verbinden zu koͤnnen; wer anders als diejenigen, die beſtaͤndig von Frevel⸗ thaten reden, und doch ſelber nicht erroͤthen, die groͤßte Frevelthat, namlich die Beraubung ihres Koͤ⸗ nigs, die Unterdruͤckung ihres Vaterlandes, das anſtoͤßige Schauſpiel der Treuloſigkeit und der Raͤu⸗ berei auf dem Throne mit zu unterſtuͤtzen?“ Hier konnte ich nicht umhin, auf die Zeit hinzu⸗ verweiſen, die noch nicht ſo gar weit entfernt war, wo jene Macht, die jezt Gegenſtand ſo vieler Ver⸗ wuͤnſchungen war, meinen und Don Iſidro's Huldi⸗ gungseid empfieng; ich ſprach von der goͤttlichen Weihe, welche unſere heilige Religion den Gewalti⸗ gen der Erde ertheilt; ich fuͤhrte ihm den Grundſatz, omnis potestas est a Deo, an—*Laßt P uns hier abbrechen!“ erwiederte der Gadetanier, der uͤber dieſen langen Wortwechſel aufgebracht war⸗ „Wir beugten unſer Haupt, ſo lange wir die Nieder⸗ traͤchtigkeiten von Vayonne noch nicht kannten, ſo lange wir noch nicht das Erwachen eines Volkes 107 ahnen konnten, daß ſeit dreihundert Jahren ſchlummert.— Jezt hat ſich das alles geaͤn⸗ dert. Ihr muͤßt nur wiſſen„„ Hier brachte ein Blick des Praͤlaten auf einmal Don Domingo zum Schweigen.—„Ich ſehe frei⸗ lich wohl,“ erwiederte ich,„daß die franzoͤſi⸗ ſchen Waffen ein Unfall betroffen hat; indeß die Vorſehung, die uͤber unſere Schickſale wacht, wird ſchon dafuͤr ſorgen, daß er wieder gutge⸗ macht wird. Der Himmel wird ſchon einen Unterſchied zu machen wiſſen, zwiſchen den Men⸗ ſchen, deren Geſinnungen ganz vom Erfolg der Schlachten abhiengen, und zwiſchen denen, die ſeit dem Anbeginn unſerer Unruhen immer bei einer und derſelben Denkweiſe geblieben ſind. Ich beklage den Zwieſpalt, der in unſerer gro⸗ ßen ſpaniſchen Familie obwaltet; ich wuͤrde tau⸗ ſendmal mein Leben hingeben, um uns alle un⸗ ter denſelben Fahnen vereinigt zu ſehen. Aber ſelbſt dann, wenn ich unter die eurigen zu treten Luſt haben ſollte, wuͤrde ich dennoch nicht den Tag dazu waͤhlen, wo ihr im Siege begriffen waͤret; ich wuͤrde dem Geruͤcht nie Anlaß ge⸗ ben, auszuſprengen, daß ich blos in Folge des eingetretenen Gluͤckswechſels zu euch uͤbergegan⸗ gen ſei.“ Die beiden Greiſe verließen mich. Dem Gadetanier ſchwebte eine Verwuͤnſchung auf den Lippen; Don Iſidro dagegen ſtieß, als er uͤber meine Schwelle hinaustrat, einen Seufzer aus, und ſagte zu mir:„Mein Sohn, ver⸗ 108 — giß nicht, daß in einem ſolchen Falle ber gluͤck⸗ liche Erfolg ein Act der Gerechtigkeit iſt. Die Geſinnung eines Volkes iſt nicht ohne Einfluß auf die Wendung ſeiner Schickſale.“ Ich begab mich ſofort an den Hof; allein dort herrſchte die groͤßte Sorgloſigkeit. Meine Anfra⸗ gen, meine Bedenklichkeiten vermochten nicht das eben ſo hartnaͤckige als blinde Selbſtvertrauen zu er⸗ ſchuͤttern, und machten blos meine Geſinnungen ver⸗ dächtig. Domingo's Tochter ward von einer neuen Erbitterung gegen mich ergriffen, und mehrere ent⸗ ſchiedene Anhaͤnger Godoy's geſellten ſich den Be⸗ ſtrebungen Matea's bei, um mich zu verderben. Sei es nun, daß ſie ſelbſt noch in den Geſellſchaftsſaͤlen Joſephs meine vormalige Anhaͤnglichkeit an den Prinzen Aſturien haßten, oder ſei es, daß ſie Don Ferdinands Ruͤckkehr mehr als alles fuͤrchteten, ge⸗ nug, es kraͤnkte ſie, daß meine Beſorgniſſe ihren Glauben an eine ewige Dauer der neuen Macht er⸗ ſchuͤtterten, und ſie bezeichneten daher mein angſtli⸗ ches Mistrauen uͤberall als eine foͤrmliche Abtruͤn⸗ nigkeit. Ein Tag und noch einer verſtrich. Die feindſe⸗ lige Nachricht war bis unter den elendeſten Hutten der Vorſtaͤdte bekannt und gefeiert worden, in allen Kirchen erſcholl das De Deum; nur der Hof allein wußte noch nichts von einem Unfall, durch welchen Spanien dem Koͤnige Joſeph, und vielleicht die Welt den Haͤnden des Kaiſers Rapoleon entſchluͤpfte. 109 Indeß vermochte doch das Volk ſein Geheimniß nicht ſo feſt zu verwahren, daß es nicht endlich auch den Hofleuten zu Ohren kam. Bald wußten es alle. Einer von ihnen wagte es endlich, den Monarchen davon zu unterrichten. Der Monarch unterhielt ſo eben ſeinen Geſellſchaftszirkel von einem ſeltenen Beiſpiel von Leichtglaͤubigkeit: ein Offizier hatte ihm naͤmlich angezeigt, daß fuͤnf und zwanzig tauſend von den alten Soͤhnen der Siegesgoͤttin ſo eben vor den Aufruͤhrerbanden das Gewehr geſtreckt haͤtten. Alle Auditoren des Fuͤrſten kannten bereits die Be⸗ gebenheit, deren Erzaͤhlung ihm als eine laͤcherliche Fabel erſchienen war; ſie wechſelten daher unter ein⸗ ander verlegene Blicke, waͤhrend ihr Mund in ſeine ſcherzende Heiterkeit mit einſtimmte. Das iſt das Privilegium der Throne! Die Wahrheit, ein armer Fremdling, gelangt nicht bis in dieſe hohe Region, und ſie darf nicht verſuchen, die ihr geſteckten Schranken zu uͤberſpringen, ohne daß ſie in Gefahr kommt, als eine ſolche behandelt zu werden, die ſich eines Majeſtaͤtsverbrechens ſchuldig gemacht hat. Endlich erfuhr der Koͤnig, welcher Unſtern eure Adler am Fuße der Sierra Morena betroffen hatte. In dieſem Zeitalter der Triumpfe mußte ein franzo⸗ ſiſches Kriegsheer unter Caudiniſchen Gabeln hin⸗ durchgehen; unſere ungeregelten Truppen, unſere unbewaffneten Bauern ſahen es und trauten ihren Augen kaum. Die Ehre dieſes Wunderwerks ward Caſtannos zu Theil, waͤhrend der Schweizer Reding, wie man ſagt, das Hauptverdienſt dabei hatte, und 110 Alonſo war einer von den jungen Anführern, welche von den Maͤnnern des Volksaufſtandes, die an Kriegsgluͤck noch nicht ſehr gewoͤhnt waren, ſeit die⸗ ſem Tage unter die Zahl der Helden gerechnet wur⸗ den. Die engliſche Parthei hat von dem Schlacht⸗ tage von Baylen erſtaunlich viel Laͤrm gemacht, und wirklich haben die Begebenheiten, welche dadurch herbeigefuͤhrt wurden, dieſer Parthei das Spiel ge⸗ winnen helfen. Indeß der ganze Ruhm beſtand darin, daß die Krieger von Auſterlitz durch eine Ka⸗ pitulation entwaffnet wurden, ſich ergaben, und großentheils niedergemacht wurden. Zweites Kapitel. —— Sobald einmal der Glaube an die magiſche Ge⸗ walt eurer Waffen zerſtoͤrt war, machte der Volks⸗ aufſtand unaufhaltſame Fortſchritte. Die Moͤnche verbreiteten unzaͤhlige Mirakel, um das groͤßte un⸗ ter allen, naͤmlich euer ungluͤck im Felde, deſto mehr hervorzuheben. Das leichtgläͤubige Volk ſah nun ganz augenſcheinlich die Misbilligung des Himmels euren Fahnen folgen, dies Volk, welches durch den geringſten Verluſt beſtuͤrzt, obwohl nicht entmuthigt wird, und welches wiederum durch den unbedeutend⸗ ſten Erfolg ſchon berauſcht, obwohl nicht mit Ver⸗ wunderung erfullt wird, dies Volk glaubte, daß nun uͤberall vor dem Geſchmetter ſeiner Trompeten eure 114 Kriegsheere zu Voden ſtuͤrzen wuͤrden. Dieſe Dau⸗ ſchung, dieſer Rauſch drang bis in die hoͤhern Staͤnde hinauf, und ſogar unter den Raͤthen der Krone und unter den Maͤnnern des koͤniglichen Vorzimmers fanden ſich ſolche, die den Koͤnig Pepe im Stich lie⸗ ßen. Dieſer, nachdem Dupont in Andaluſien ver⸗ nichtet, Moncey unter den Mauern von Valencia ungluͤcklich geweſen, und er ſelber in Weſten aufs ͤußerſte blosgeſtellt worden war, ſah ſich endlich genoͤthigt, ſeine Blicke nach der feſten Stellung am Ebro hinzuwenden. Von nun an gieng mit unſerer Parthei eine neue Veraͤnderung vor. Nachdem dieſe naͤmlich bereits bis auf die kleine Zahl der wirklich Gemaͤßigten herabgeſchmolzen war, ſollte ſie noch mehr einſchmelzen, und zwar bis zu der noch kleineren Zahl derjenigen, die mit ihrer gemaͤ⸗ ßigten Denkweiſe auch noch Muth verbinden, ferner derer, die vom Gluͤck nicht abhaͤngig ſind, die den Angriffen des Misgeſchicks, der Anſteckung des Bei⸗ ſpiels, zu widerſtehen wiſſen, kurz derer, die mit weiſer Umſicht auch zugleich Energie des Characters vereinigen,— und zum ewigen Ungluͤck der Natio⸗ nen iſt es in politiſcher Hinſicht bekanntlich leider immer der Fall, daß gerade die Bewohner dieſer ge⸗ maͤßigten Zone am wenigſten Staͤrke und Feſtigkeit beſitzen. Unterdeß hatte, wie es immer zu geſchehen pflegt, die Kraͤnkung uͤber die erlittenen Unfaͤlle das Mistrauen und den Haß noch mehr geſchaͤrft. Ma⸗ tea ward in ihrem Glauben an meine Verraͤtherei 2 immer mehr befeſtigt, ihre Angebungen fanden mehr als ein Echo, die Regierung ward in ihrer Verzweif⸗ lung leichtgläubig, und ich ſah mich bald darauf ins Staatsgefaͤngniß geworfen. Es war dies eine von jenen Genugthuungen, die ſich die beſiegte Parthei gewoͤhnlich zu verſchaffen ſucht; ſolche Partheien finden es naͤmlich minder erniedrigend und bequemer, ſich an kleine Anlaͤſſe und Gruͤnde zu halten, als daß ſie die großen Triebfedern der Schickſalsbeſchluͤſſe gnerkennen ſollten. Waͤhrend die Regierung mich wie einen Feind behandelte, ſah der Kerkermeiſter und der Almoſe⸗ nier in mir blos einen bekannten Anhaͤnger der Re⸗ volution. Ich bekam ein enges Gemach zur Woh⸗ nung, in welches kaum etwas Tageslicht herein⸗ drang. In einem Winkel deſſelben ſtraͤubte ſich ein Menſch gegen die Kette, die ihn darin feſthielt. Durch ein ſeltſames Spiel des Schickſals fand es ſich, daß ich ſelber ihn einige Tage zuvor in dies ver⸗ peſtete Loch hatte ſtecken laſſen, wohin ich ihm jezt folgen mußte. Es war der ſogenannte Groß⸗ Richter, ein Raͤuberhauptmann, der, nachdem er lange Zeit hindurch dieſen Titel, den er angenom⸗ men, aͤußerſt furchtbar gemacht, ſich mitten auf der Puerta del Sol hatte ertappen laſſen, wo er ganz dreiſt einen Eigarro rauchte. Er wagte es, bis un⸗ ter unſere Augen zu kommen, und da neue Leute füuͤr ſich auszuheben. Ich kam bei meinem Ungluͤcksgefaͤhrten in der hoͤchſten Erbitterung uͤber mein Nisgeſchick und in 113 einer Stimmung an, wo ich die Undankbaren, die mich in Feſſeln legten, am liebſten haͤtte verwuͤnſchen moͤgen. Allein, indem ich dieſen Menſchen anhoͤrte, indem ich ſah, welches Schickſal er allen denen, die er Verraͤther nannte, beſtimmt hatte, auf welche Greuelthaten er mitten im Zuſtande ſeiner Ohnmacht dachte, ſo fuͤhlte ich wohl, baß fuͤr Spanien kein Heil zu finden ſei, außer unter den Fahnen, an die ich mich angeſchloſſen hatte. Meine erlittenen Kraͤn⸗ kungen mußten nun einem hoͤheren Intereſſe wei⸗ chen; die Parthei des großen Haufens konnte mei⸗ nem Vaterlande nichts bieten, als Ungluͤck und Ver⸗ brechen. Ich wollte die Stunde ſeines Gebets benutzen, um dieſen Wuͤthenden zu befaͤnftigen; doch verge⸗ bens. Nach den Momenten, die er zur Anrufung des Hoͤchſten und Heiligſten verwendete, hob er ſich ſchnell wieder vom Boden auf, und gieng von ſeiner inbruͤnſtigen Andacht ſogleich wieder zu den wilde⸗ ſten Aufwallungen des Zorns uͤber. Meine Aeuße⸗ rungen der Maͤßigung und der Menſchlichkeit em⸗ poͤrten ihn wie Ruchloſigkeiten, und es war als ſchoͤpfte er aus ſeiner Hitze ſogar noch neuen Durſt nach Menſchenblut. Am zweiten Tage meiner Gefangenſchaft drehte ſich auf einmal die Thuͤr in ihren Angeln herum, und eine Frau ſtuͤrzte mit Thraͤnen der Freude und der Liebe herein, und in die Arme des Quadrilla⸗Haupt⸗ manns, der, als er ſie an ſeine Bruſt druͤckte, eben⸗ falls einige Thraͤnen nicht zuruͤckhalten konnte, die II. 8 114 quer uͤber die Runzeln ſeines wilden Geſichts herab⸗ rannen.*Ich habe dich alſo jezt wieder, mein Bartolomeo, und zwar, um dich nie mehr zu verlaſ⸗ ſen!“—»Wich nicht mehr verlaſſen? du mußt alſo auch ſterben?“ erwiederte der Aragonier mit einer Ruhe, die ich noch nie an ihm wahrgenommen hatte.—„Rein, nein, wir ſterben noch nicht, du wirſt leben! Glaube es nur der Gitana, welche ihre Prophezeiungsgabe noch nie getaͤuſcht hat.“— „Noch nie? und doch bin ich in dieſem Gefaͤngniß, und erwarke von Stunde zu Stunde den Tod, den mir die Ungeheuer bereiten, obwohl du mir Gluͤck, Ehre und Ruhm verheißen hatteſt! Ich bereue kei⸗ nesweges das, was ich fuͤr Gott und Don Ferdinand gethan habe; ich wuͤrde das auch fernerhin noch thun. Unſere liebe Frau del Pilar iſt mein Zeuge, daß ich den Verraͤthern die Eingeweide aus dem Leibe reißen moͤchte. Allein ich weiß jezt wenigſtens, was an deiner ketzeriſchen Kunſt daran iſt; deine Pro⸗ phezeiungen werden mich nun nicht mehr irre fuͤhren. Wir wollen jezt blos noch wuͤnſchen, daß unſere Bruder uns raͤchen, und laß uns zum Empfange der Maͤrtyrerkrone uns vorbereiten.“— Ach, lieber Freund, meine Kunſt iſt wahrhafter, als du denkſt. Wiſſe, die Soldaten Spaniens und Don Ferdinands, die Soldaten der heiligen Sache, haben hunderttau⸗ ſend dieſer treuloſen Affen*) entwaffnet, die vom Menſchen nichts weiter, als die Geſtalt an ſich haben, *) MRit dieſem Namen bezeichnete das Volk die Framoſen. 115 die aber, was die Seele betrifft, eben ſo wenig eine haben, als die Erdwuͤrmer, die Juden, die Ohreulen und die Ketzer. An demſelben Tage und zu derſelben Stunde hat die Bildſaͤule des heiligen Iſidorus ganz laut das Hosianna in excelsis angeſtimmt; ganz Madrid hat es gehoͤrt. Unſere Befreier kommen an. Sehr bald, vielleicht ſchon morgen, werden ſie in dieſen Mauern ſein. Blos dies eine iſt zu bedenken: du mußt wenigſtens bis dahin leben, und doch hoͤre ich von den Unglaͤubigen ſagen, daß ſie heute ſchon den Richterſpruch uͤber dich faͤllen.“— »Nun gut! was hoffſt du? was willſt du? wie biſt du hierher gekommen?“—»Ich erfuhr dein Un⸗ gluͤck und eilte hierher. Ich erinnerte mich ſchnell an die Gebieterin deiner Richte Ines, an dieſe Frau, die alles verrathen hat, ihre Religion, ihr Vater⸗ land, ihren Koͤnig; indeß, das thut nichts zur Sache, wenn Gott es zulaͤßt, daß Boͤſe auf der Welt eriſtiren, ſo thut er das gewiß nur zum Heile der Guten. Da ich im Beſitz aller ihrer Geheimniſſe bin, ſo war es mir ein Leichtes, Drohungen an ſie zu richten, die ſie in Schrecken ſetzten, und ich ver⸗ langte, daß ſie mir zu deinem Kerker Zutritt ver⸗ ſchaffen ſolle. Das that ſie denn auch, indem ſie den Oberhaͤuptern der Unglaͤubigen verſprach, daß ich dich zu dem Entſchluſſe bewegen wuͤrde, deine Nitſchuldigen zu nennen, und die Geheimniſſe der guten Sache zu enthuͤllen.“—»ungluͤckliche!“— Palte ein! Es iſt ja hier blos darum zu thun, Zeit zu gewinnen, die Ketzer zu taͤuſchen, ihrem 8* 116 Zorne durch unnuͤtze Entdeckungen Unterhaltung zu gewaͤhren.“—»Wie du willſt alſo mein Leben durch Niedertroͤchtigkeiten und durch Lagen erkaufen? Geh, du biſt eine echte Tochter der Gitanos, dieſes Menſchenſchlages, der wohl andere umzubringen, aber nicht ſelber zu ſterben weiß.“ Der Aragonier hatte dieſe lezten Worte nicht ohne Wuth ausgeſprochen; er ergriff jezt ſeine Gat⸗ tin, und ſchien im Begriff zu ſein, ſie zu erwuͤrgen. Ich ſturzte herbei, um ihm ſein Opfer zu entreißen. »Was macht ihr?“ rief ſogleich die Gitana, indem ſie ihren Zorn nun gegen mich kehrte.»Denkt ihr etwa, daß mich kein eheliches Band an den General Don Bartolomeo knuͤpft? Wiſſet, daß ich ihm vor Gott angehoͤre. Der Gebrauch, den er von ſeiner Gewalt uͤber mich macht, geht niemanden etwas an, außer die Koͤnigin der Engel. Ihr aber, lebet noch tauſend Jahre, und laſſet uns in Frieden.“ Hier⸗ auf wandte ſie ſich mit einem leidenſchaftlichen Schmerze an ihren Mann, der, anſtatt dadurch ent⸗ waffnet zu werden, vielmehr ſie noch immer nieder⸗ werfen zu wollen ſchien.»Seele meines Herzens, ² ſagte ſie zu ihm, indem ſie ſeine Kniee umfaßte, ſchlage immerhin los auf mich, die du einſt ſo ſehr liebteſt, aber verlaſſe mich nur nicht.“ In dieſem Augenblick trat ein Beamter in den Kerker.»Ich komme,“ ſagte er zu dem Aragonier, »um die Entdeckungen zu Protokoll zu nehmen, die ihr etwa zu machen habt, oder euch vor die Richter zu fuͤhren.“— Fuͤhrt mich immer fort,“ erwie⸗ derte der Gefaugene mit vieler Ruhe;»ich habe euch nichts zu ſagen.“—»Aber ihr habt ja doch Mit⸗ ſchuldige; es giebt ja doch wohl Leute, die euch zum Aufruhr aufgefordert, die eure Frevelthaten euch be⸗ zahlt haben?“—*Hätte ich fuͤr Lohn gekaͤmpft, ſo wuͤrde es euch leicht werden, mein Geheimniß her⸗ auszubekommen; allein die Lockſpeiſe des Goldes hat nie meinen Arm geleitet.“— Aber eure Handthierung—*Ich wollte weiter nichts, als ein freier Mann bleiben, mich aller Welt gleich zu ſtellen, die Knechtſchaft Kaſtiliens und die Irreli⸗ gioſität ſeiner Gebieter zu zuͤchtigen. Die Mutter Gottes weiß, daß ich mit vieler Gewiſſenhaftigkeit das Amt eines Juſticia mayor verwaltet habe; mehr bedurfte es nicht fuͤr mich. Fuͤr meine Kinder aber habe ich weiter keine Schaͤtze aufzuhaͤufen geſucht, als den Glauben und die Unabhaͤngigkeit ihres Va⸗ ters.“— Aber,“ fuhr der Beamte weiter fort, »wenn ein Gefuͤhl von Ehre, wenn bie Liebe zur Freiheit euch bewogen haben, die Lebensart eines Straßenraͤubers zu ergreifen, warum habt ihr denn die Waffen gegen den Koͤnig gefuͤhrt, der euch alle dieſe Guͤter zubringt, denen ihr nachjagtet? Er buͤrgt euch dafuͤr, daß ihr von nun an blos Mitbuͤr⸗ ger, aber keine Gebieter, blos eures Gleichen, aber keine Unterdruͤcker mehr haben ſollt. Entſaget die⸗ ſer ſtrafbaren Verblendung, erkennt euren Monar⸗ chen an, und ſucht durch ein offenes Bekenntniß ſeine Gnade zu verdienen.“— Hier ſchauderte der Großrichter, ſeine Geſichtszuͤge ſpannten ſich, 118 und ſein Auge flammte. Vergebens bemuͤhte ſich die weinende Gitana, ihn zu beſaͤnftigen.»Glaubt ihr etwa, erwiederte er endlich,»daß wir nicht wiſſen, was fuͤr Gutes das katholiſche Koͤnigreich von Leuten zu erwarten hat, welche ihren Koͤnig ge⸗ toͤdtet und ihren Gott abgeſchworen haben? Ihr ſprecht von Freiheit, waͤhrend Don Ferdinand in Feſſeln liegt! Ihr ſprecht, daß ihr unſere Verbuͤn⸗ deten ſeid, und doch habt ihr unſere Feſtungen uͤber⸗ rumpelt, unſere Kirchen gepluͤndert, unſere Frauen mit neidiſchen Augen betrachtet! Ihr habt ferner, was noch weit ſchlimmer iſt, jeden Spanier in der Perſon derer, die einſt ſeine Beherrſcher waren, an⸗ gegriffen und beleidigt! Zwiſchen uns giebt es Krieg, Krieg auf Leben und Tod; allein der Tod kommt blos euch zu, denn wir glauben an einen Gott, der da ſtraft.“ Der Raͤuber wurde fortgefuͤhrt, und die Zigen⸗ nerin blieb im Gefaͤngniß zuruͤck. Sie lag betend und weinend auf den Knieen; ihre Thraͤnen rieſelten auf den Roſenkranz herab, den ſie zwiſchen den Fin⸗ gern bewegte. Zugleich druͤckte ſie ein Bild des heiligen Bartholomaͤus liebevoll an ihre Lippen, und bat ihn um ſeine Vermittelung zur Lebensrettüng des Mannes, der ihr ſo theuer war, und unterbrach ſich in ihren Anrufungen bisweilen blos darum, um dem Heiligen zu drohen, daß ſie ihn wie Glas zer⸗ brechen wuͤrde, wofern er ſie in ihrer Verzweiflung nicht erhoͤren ſollte. Dieſe junge Frau uͤberließ ſich bald einem troſtloſen Schmerze, bald erhob ſie wie⸗ —————— 11⁰ der das Haupt, blickte zum Himmel empor und ſagte:»Nein, ich taͤuſche mich nicht, er wird nicht ſterben; ich habe genau die Zahlen berechnet. Die Wiſſenſchaft der Aegypter, die ſeit zweitauſend Jah⸗ ren ihnen in allen Gegenden der Erde treu geblieben iſt, taͤuſcht meine Liebe nicht. Frankreich wird zu Boden geworfen werden, dem Großrichter werden Ehrengrade und Auszeichnungen zu Theil werden, unſere Kinder„ und waͤhrend ſie noch uͤber dieſe Ausſicht in die Zukunft laͤchelte, begann ſie auch ſogleich wieder, wenn das geringſte Geraͤuſch ſich vernehmen ließ, zu beten, druͤckte ſein Kruzifix an ſich und uͤberließ ſich der Troſtloſigkeit. So brachte ſie eine ganze Nacht hin. Ihre Betruͤbniß nahm immerfort zu. Ich wollte ihr Muth einſprechen, und ihr moͤgliche Faͤlle der Rettung vorſtellen;— allein nie werde ich den Blick vergeſſen, den ſie da auf mich warf. Sie ſchien meinem Gemuͤth alle ſeine Gedanken, meinem Schickſal alle ſeine Geheim⸗ niſſe entlocken zu wollen. Nach einem kurzen Schweigen ſagte ſie ſodann:»Erſpart euch eure ſuͤßen Worte; ich finde an euch einen zweiten Iſcha⸗ rioth, der ſeinen Herrn und Meiſter verrieth. Ehr⸗ wuͤrdigſter Fray Pablo,“ fuͤgte ſie dann hinzu, in⸗ dem ſie voll Entſetzen in den Hintergrund des Ker⸗ kers zuruͤckwich,»ihr floͤßt mir Grauſen ein, ihr ſeid blos ein Verraͤther, ein Vaterlandsmoͤrder!“ Dieſe Worte ſchlugen mich voͤllig nieder. Die traurige Stimmung meiner Seele hatte ohne Zwei⸗ fel mein Gemuͤth fuͤr den Eindruck vorbereitet, den 120 ich davon empfand; alle meine Glieder erſtarrten zu Eis, und meine Gedanken ſchienen es ebenfalls zu werden, als auf einmal ein verwirtter Laͤrm, in welchem man blos den Ruf: die Bourbons ſollen leben! Dod den Meineidigen! unterſcheiden konnte, mich aus meiner Niedergeſchla⸗ genheit aufſchreckte. Nach einem Aufenthalt von zehn Tagen hatte Joſeph mit ſeinen Truppen bei Nacht die Hauptſtadt Kaſtiliens wieder verlaſſen. Madrid, das unter ſei⸗ nen Geſetzen eingeſchlummert geweſen war, erwachte jezt, und uͤberließ ſich alle der Wuth einer Volks⸗ maſſe, die durch keinen Zuͤgel mehr zu baͤndigen war. Gleich darauf wurden die Thore des Palaſtes, der den Verbrechern zum Aufenthalt dient, in Stuͤcke zertruͤmmert, und zugleich drang eine große Maſſe von Tageslicht und von Volk in mein duͤſtres Ge⸗ mach. Alle Bewohner dieſes zahlreich bevoͤlkerten Gefaͤngniſſes, wovon die meiſten mit Miſſethaten und mit den gemeinſter Verbrechen befleckt waren, giengen als Triumpharoren aus dieſem Orte wieder hinaus, in welchen ſie als Verbrecher eingebracht worden waren. Ich war eben ſo erſchrocken als verlegen, als ich mich gleich ihnen vom Volke auf den Armen mußte heraustragen laſſen. Die Menge be⸗ gruͤßte einen jeden von uns als ein Opfer der fran⸗ zoͤſiſchen Tyrannei; zumal ich, der ich ſchon durch meine Kleidung ihnen ehrwuͤrdig erſchien, ward von ihnen mit dem Gruße: es lebe Don Ferdi⸗ nand! empfaugen. Indeß ward ich ſehr bald er⸗ 124 kannk. Antonio befand ſich mit unter dem Haufen, und eilte mit Verwuͤnſchungen auf mich zu. In ſeiner Heftigkeit konnte er nicht genug Schmaͤhworte finden, um mich dem Haß der Menge zu bezeichnen⸗ Ihm verdankte ich es, daß mein Name von Mund zu Mund flog, und zwar mit tauſend verſchiedenen Berichten von meinen angeblichen Unthaten. Ich ſollte die Franzoſen ins Land gerufen, Don Ferdi⸗ dinand verrathen, San Lorenzo in Brand geſteckt, und die Scenen des 2. Mai's herbeigefuͤhrt haben. Eine unermeßliche Volksmaſſe ſtroͤmte, trunken von Wuth und Freude, nach dem Buen Retiro. Man ſagte ihr, daß dort die Franzoſen, welche im Beſitz der Hoͤhen waren, ſich anſchickten, Tod und Brand auf die Stadt herabzuſchleudern. Ich wurde mit fortgeſchleppt, um die erſten Schuͤſſe derer zu empfangen, zu deren Gunſten ich die Jungfrau Ma⸗ ria verleugnet, meinen Levitenſtand abgeſchworen, und mich frei und oͤffentlich zum Judenthum bekannt haben ſollte. Dieſe Volksmenge, die aus Militär⸗ perſonen und aus Handwerkern, aus Manolas und aus Damen von hohem Stande, aus Moͤnchen von allen Orden und aus Buͤrgern von allen Provinzen beſtand, hatte bei der Einmuͤthigkeit ihrer Geſinnung und bei der Verſchiedenheit der Staͤnde, der Trach⸗ ten und der Jahre ein entſetzliches und furchtbares Anſehn. Der Name Don Ferdinands und der Sie⸗ ger von Baylen ward mitten unter die mordgierig⸗ ſten Verwuͤnſchungen gemiſcht, und ich hoͤrte den 122 Ruhm Alonſo's von denſelben Zungen preiſen, die mir blos zu fluchen wußten. Ich wollte mich unter den Schutz ſeines beruͤhm⸗ ten Namens begeben, und ſagte laut, welches enge Vand mich mit ihm verknuͤpfte.—“*Du, ſein Bruder?“ erwiederte Antonio;“ du wuͤrdiger Waf⸗ fengefaͤhrte der Affen aus dem Norden, du haſt mit dem Helden der Sierra Morena nichts weiter gemein, als die Aehnlichkeit des Geſichts, ſo wie von einem Ordensgeiſtlichen nichts weiter, als die Kleidung. Eher werden die Franzoſen ſolche Chriſten werden, wie wir ſind, ehe Don Alonſo einwilligt, dich noch laͤnger ſeinen Bruder zu nennen.“— Sehr bald ließ ſich eine Stimme— es war die eines jungen Kapuziners, der dem Andaluſier zur Seite gieng— vernehmen, welche rief:»Nach dem Platze von Cebada!“ Alle Stimmen wiederholten auf einmal dies Todesurtheil, und ich wurde wie ein Opferlamm mitten unter einer Volkmenge fortgeſchleppt, welche nach den erſten Aeußerungen ihrer Freude ſogleich wieder in ihr gewohntes dumpfes Schweigen ver⸗ ſank. Die braunen Maͤntel ſchritten ſo ruhig ein⸗ her, als ob ſie nie weder eine ſo lebhafte Froͤhlichkeit zmpfunden, noch auch je ein ſo großes Verbrechen im Sinne gehabt haͤtten. Auf einmal, und zwar gerade, als wir uͤber den Platz des Ayuntamiento zogen, befand ich mich am Fuße des Thurmes, in welchem Koͤnig Karl, ſeinen Sieg entweihend, einſt Franz den Erſten als Gefangenen ſchmachten ließ, und in dieſem Augenblicke ließ ſich die Glocke von Sanct Iſidro vernehmen. Auf ben erſten Glocken⸗ ſchlag folgte ein zweiter, dann ein dritter, und der ganze Haufen ſank nun betend auf die Kniee nieder; es war das Angeluslaͤuten. Allein das Gebet ent⸗ waffnete keinesweges ſeine Wuth. Der Kapuziner ſtand zuerſt wieder auf, und rief mit einer Donner⸗ ſtimme:»Gott verbietet euch, noch laͤnger ſeine Rache aufzuſchieben; mit dem Geſicht gegen die Erde gekehrt und mit den Beinen oben, muß man einen Abtruͤnnigen zur Todesſtrafe ſchleppen.“ Das Wort Arraſtrar*) lief von Mund zu Mund, und dieſer fuͤrchterliche Ausſpruch unterbrach auf einen Augenblick das allgemeine Stillſchweigen. Da ſtuͤrzte eine alte Schauſpielerin hervor, und bot den Militairperſonen, die mich umgaben, einen Strick dar. Sie ſchienen ſich einen Augenblick zu bedenken. Allein da rannten Weiber, oder vielmehr Furien, herbei, und eine derſelben, welcher der Kapuziner gar nicht von der Seite wich, rief mit einem Tone, einem Blick und mit Zuckungen, die wahrhaft fuͤrch⸗ terlich anzuſehen waren:»Feige Memmen, ihr habt nicht das Herz, einen Menſchen ſterben zu ſe⸗ hen! Da nehmet unſere Basquinen und Schleier, und laßt uns handeln, die wir uns nicht ſcheuen, einen Feind Gottes und Don Ferdinands zu toͤdten.“ Die Gitana, dieſe Frau, die eine Stunde vorher noch ganz mit ihrer Liebe und Betruͤbniß beſchaͤftigt, jeit aber ganz wuͤthend und unerbittlich war, ſtuͤrzte ) Schleift ihu fort. 124 auf mich los, als wäre ſie auf mein Blut begierig, und als koͤnnte ſie es kaum erwarten, mich zu zer⸗ fleiſchen. Dieſe heftige Aufwallung kontraſtirte ganz ſeltſam mit der fortwaͤhrend ernſten und kalten Hal⸗ tung der Maͤnner. Dieſe ſahen aus, wie ein Rich⸗ ter, der den entſcheidenden Urtheilsſpruch faͤllte und nun in aller Ruhe abwartete, bis er vollzogen ſein wuͤrde. Die Pforten des Stadthauſes oͤffneten ſich jezt, und der geſammte Ayuntamiento*) trat heraus. Der Corregidor zog an ihrer Spitze einher; die Al⸗ guacil's zu Pferde, die Mitglieder des hohen Raths, einige Großen, die noch den Tag vorher bei der Ta⸗ fel Joſephs aufgewartet hatten, hatten ſich an den Zug als Gefolge angeſchloſſen. Der Triumphzug ward mit laͤrmenden Segenswuͤnſchen begruͤßt, und dies einſtimmige Konzert ward nur durch die Schmaͤ⸗ hungen unterbrochen, die man von allen Seiten her an den hohen Rath von Kaſtilien richtete, als wel⸗ cher an den Verbrechen Maria Luiſens und Godoy's mitſchuldig, und den Schandthaten Napoleons als knechtiſches Werkzeug gedient habe. So gelangte man auf den Plaza Mayor. Hier riefen die Muni⸗ cipalbehoͤrden Don Ferdinand zum Koͤnige von Spa⸗ nien aus, und erklaͤrten unter Trompetenſchall dem franzöſiſchen Volke Krieg auf Leben und Tod. Soll ich es geſtehen? Dieſe einfache Zeremonie, dieſe dieſe Freudenthraͤnen, welche ein ganzes *) Stadtrath. 125 Volk beim Anhoͤren der feierlichen Formel vergoß, dieſe Schwuͤre, entweder zu ſiegen oder zu ſter⸗ ben, dieſe gegenſeitigen Umarmungen unter einem Volkshaufen, der in dieſem Augenblick blos edle Ge⸗ muͤthsbewegungen zu kennen ſchien, dieſe Namen, die mir ſo theuer waren, und die nun von tauſend Stimmen unter Trompetengeſchmetter bis zum Him⸗ mel empor gerufen wurden,— alles dies ließ mich meine eigene Gefahr vergeſſen, und ich nahm an der allgemeinen Ruͤhrung Theil. Indeß der Kapuziner, die Gitana und die alte Frau, deren drohender Dolch mich uͤberall hin verfolgte, erinnerten voll Eifer die Voiksmenge an den Beſchluß, den ſie ſo eben erſt gefaßt hatte, und man wollte ihn nun ſofort voll⸗ ſtrecken. Der Corregidor fragte nach der Urſache des Tumults. Ein junger Menſch, der in Lumpen gehuͤllt war, nahm das Wort, gleichſam als haͤtten ihn die Umſtehenden zu ihrem Sprecher ernannt, und ſagte mit jener wohlklingenden Stimme,“ mit jener ſuͤdlichen Gewandtheit, welche die Fremden ſo oft zu bewundern pflegen:»Gnaͤdiger Herr, das Volk von Madrid hat einen Verraͤther ergriffen, einen von den Staatsſekretaͤren des Eindringlings, und wir wollen jezt an ihm die Strafe fuͤr ſeine Verbre⸗ chen vollziehen. Wir laden Eure Excellenzen ein, ſich insgeſammt nach dem Cebada⸗Platze zu begeben, um die Hinrichtung dieſes Meineidigen mit anzuſe⸗ hen, welcher Gott, den Koͤnig und das Vaterland verleugnet hat.“ Ein einſtimmiger Beifallruf beſtaͤ⸗ tigte dieſe Rede. Indeß der Corregidor ſtreckte die 126 Hand aus und ſagte:»Großherzige Bruͤder, ihr habt ja Juſtizbehoͤrden, um die Geſetze zu vollziehen, und die Schuldigen zu beſtrafen. Kehret in eure Woh⸗ nungen zuruͤck, um in Frieden dieſen großen Tag zu feiern, welcher die befreite Nation in Stand ſez⸗ zen wird, eine Centralregierung zu errichten, Cortes zuſammenzuberufen, und eine wahrhafte Konſtitution, das heißt, eine aufrichtige, großmuͤthige, echtſpa⸗ niſche und katholiſche, aufzurichten, deren Buͤrg⸗ ſchaft uns fuͤr die Zukunft vor der Ruͤckkehr ſolcher Uungluͤcks faͤlle ſicherſtellt. Laßt uns nicht unſere Lor⸗ beeren mit unreinem Blut beflecken. Nachdem wir uns durch unſere Siege heroiſch bewieſen haben, wollen wir uns auch durch unſere Gnade als ſolche beweiſen; und eure Unterwerfung unter die geſetz⸗ maͤßigen Behoͤrden moͤge dem ganzen Europa, das ſeine Augen auf euch richtet, zeigen, wie ſehr ihr treue Vaſallen unſeres vielgeliebten Herren, Ferdi⸗ nands des Siebenten von Bourbon ſeid.“ Das Volk zerſtreute ſich folgſam nach allen Rich⸗ tungen, und zwei Alguacilen, die mit ihrem weißen Stabe das ſich allmaͤhlig verlaufende Volk entfern⸗ ten, noͤthigten mich ſodann, den Ruͤckweg nach mei⸗ nem Gefaͤngniſſe wieder anzutreten. Indeß der Eindruck, welchen der Befehl der Juſtizperſon her⸗ vorgebracht hatte, erloſch allmaͤhlig wieder; finſtre Blicke wandten ſich auf mich, und ich ſehnte mich jezt blos nach dem Augenblicke, wo ich meinen fin⸗ ſteren Kerker wieder erreicht haben wuͤrde. Ueberall ſtellten ſich junge Leute, Kinder und Greiſe in Reihe 127 und Glied, wie in Schlachtordnung, und ſuchten die erſte beſte Waffe, die ſich ihnen darbot, zu hand⸗ haben. Ein invalider Soldat, oder auch wohl ein einzelner Moͤnch, unterrichteten dieſe Freiwilligen eines einzigen Tages, und die Muͤtter, welche hier ſehr wohlfeil zur Rolle der alten Lacedaͤmonierinnen kamen, lobten unter Freudenthraͤnen eine kriegeriſche Begeiſterung, die hier ohne alle Gefahr ſich zu zei⸗ gen vermochte. Fray Cayetano gieng von Gruppe zu Gruppe, und hielt an ſie ſeine lebhaften Anreden; ihn beglei⸗ tete Sir Georges. Der Pater Provinzial bemerkte mich, kam auf mich zu, hielt ſein Kruzifix uͤber mein Haupt, und ſprach den Kirchenfluch uͤber mich aus. Auf dieſes Zeichen rotteten ſich die Frauen zuſammen. Vergebens zeigten die Alguacilen ihren weißen Stab; das Meſſer der alten Schauſpielerin hatte bereits mein Geſicht blutig gerizt, und die Gitana, die mich auf allen meinen Tritten verfolgte, gleichſam als ob ich eine ihrer Wuth verfallene Beute waͤre, ſchickte ſich an, ihre Streiche zu verdoppeln. Der Eng⸗ laͤnder bemuͤhte ſich, mein Leben zu ſchuͤtzen, und zog mir dadurch blos neue Lebensgefahr zu. Ich hielt mich bereits fur verloren; da erſchien von fern Don Iſidro, kenntlich an ſeinem gruͤnen Hute mit brei⸗ tem Rande, an ſeinem Viſchofskreuz, und mehr noch an der Ehrfurcht, womit ſich vor ihm die dichten Reihen der Madridder oͤffneten. Er gab ein Zei⸗ chen, und meine Moͤrder warfen ſich ſofort auf die Kniee. Der Praͤlat redete nun zu ihnen in der 128 Sprache des Evangeliums, gab ihnen ſeinen Segen, und fuͤhrte mich mit ſich fort. Die Zigeunerin al⸗ lein wagte dagegen Einſpruch zu thun, und rief im prophetiſchen Tone, indem ſie ſich mit ſchnellen Schritten entfernte:“Euer Gnaden werden es der⸗ einſt bereuen, daß Sie dieſem Hochverraͤther das Le⸗ ben retteten!“ itn3 Ich kam in der Wohnung des Erzbiſchofs an. Eine alte Duenna ſaͤumte lange, ehe ſie das Thuͤr⸗ fenſterchen, und noch laͤnger, ehe ſie die Thuͤre der einfachen Wohnung oͤffnete. Endlich traten wir hin⸗ ein, und die Mildthaͤtigkeit Don Iſidro's verwendete auf mich alle die Pflege und Sorgfalt, die meine Niedergeſchlagenheit und meine Wunde erforderte; er ſtillte mit eigenen Haͤnden das Blut, wovon ich ganz uͤberſtroͤmt war, und er fuhr in dieſem from⸗ men Geſchaͤft noch fort, als Fray Cayetano herein⸗ trat. Der feurige Dominikaner wagte in meiner Gegenwart dem Erzbiſchof Vorwuͤrfe zu machen, wegen ſeiner Bemuͤhungen fuͤr die Lebensrettung ei⸗ nes Menſchen, der— wie er meinte— unter uns die Grundſaͤtze und Raͤnke der franzoͤſiſchen Revolu⸗ tion habe einfuͤhren wollen. Ich erhob mich dage⸗ gen, und ſuchte dieſe Beſchuldigungen zu widerlegen⸗ „Eure Väterlichkeit weiß beſſer als ich,“ erwiederte ich mit vieler Ruhe,“in welche Reihen diejenigen Menſchen ſich zu ſtuͤrzen pflegen, welche Gott aus dem Himmel und die Koͤnige von der Erde zu ver⸗ bannen wuͤnſchen. In Uebereinſtimmung mit euch arbeiten ſie daran, das Gebaͤude zu zerſtoͤren, das 129 wir zu begruͤnden ſuchen. Durch den franzofiſchen Kaiſer und durch unſere Bemuͤhungen wuͤrde das Koͤnigthum, das Prieſterthum und die Ariſtokratie aufrecht erhalten worden ſein. Napoleon allein hat es vermocht, eine bis dahin unbezaͤhmbare Hyder zu bezwingen, die Religion, die Monarchie, den Adel auf einem Boden wieder herzuſtellen, der funfzehn Jahre lang dieſelben verſchmaͤht haͤtte; und ohne dieſen großen Mann, der von der Vorſehung er⸗ weckt war, um die Voͤlker wieder unker das Joch einer weiſen und kraftvollen Staatsverfaſſung zu⸗ ruckzufuͤhren, wuͤrde es in Europa um die Altaͤre, ſo wie um die Throne geſchehen geweſen ſein.“ Fray Cayetano zeigte auf ſeinem Geſicht den Ausdruck eines zunehmenden Unwillens; der Praͤlat ſchwieg ebenfalls, ſeine Hand ſpielte mit dem großen Orden Karls des Dritten, den er auf ſeiner Bruſt trug, und ſein ganzes Weſen verrieth einen innern Kampf entgegengeſetzter Gefuͤhle und Gedanken⸗ Nach einer Weile ſtand er auf, bot uns Cigarren an, gieng dann und holte die eiſerne Kohlpfanne, um ſie anzuzuͤnden, und zugleich friſches Waſſer mit Azucarillas. Sodann ſagte er ganz ruhig:»Na⸗ poleon, dieſer Verfechter der Ruchloſigkeit, iſt Wil⸗ lens, ſeine Hand an die heilige Bundeslade zu legen, er droht den Moͤnchsorden des katholiſchen Koͤnig⸗ reichs, und das heißt doch wohl, das Evangelium nach der Weiſe des Nationalkonvents in Stucken zerreißen.“—»Nur mit dem einzigen Unter⸗ ſchiede, rief der Pater Provinzial,»daß dies Unge⸗ III. 9 heuer leichter zu vernichten iſt; es hat gegenwaͤrtig blos einen einzigen Kopf. Iſt erſt ſeine Macht ein⸗ mal über den Haufen geworfen, ſo werden wir, hoffe ich, uns an dieZeiten erinnern, wo die Nation durch Verſammlungen regiert wurde, welche Concilien hie⸗ ßen) Woas haben unſere Adeligen und unſere Foͤnige ſeitdem denn gethan? Während ſie uns und ſich ſelber, geſtern durch ihr anſtoͤßiges Beneh⸗ men und durch ihre Rivalitaͤt, heute durch ihre Nie⸗ dertraͤchtigkeiten und durch ihre Abtruͤnnigkeit, zu Grunde richteten, ſuchten ſie dem Kreuze das Schwert, der paͤbſtlichen Diare ihre Krone entgegen zu ſtellen. Iſt es nicht der hoͤchſte Grad menſchli⸗ cher Thorheit, wenn man, waͤhrend ein Statthalter Gottes, ja der Stellvertreter und das Ebenbild deſ⸗ * ſelben auf der Erde reſidirt, noch außer ihm irgend onderswo eine hoͤchſte Gewalt anerkennen, noch an⸗ dere Befehle haben will, als die, welche von oben her kommen, noch andere Fuͤhrer verlangt, als die goͤtt⸗ lichen Diener, die Gott ſelber eingeſetzt hat? Wahr⸗ lich dieſe Empoͤrung der Kreatur gegen ſeinen all⸗ maͤchtigen Schoͤpfer, gegen den Heiland, der ſich fuͤr ſie aufgeopfert, dieſes unterfangen des ſchwachen Wurmes gegen den Herrn der Welt erſchreckt mich, wegen des hohen Grades von Wahnſinn oder von Verderbniß, der dabei zum Grunde liegt. Die Ju⸗ den waren um nichts ſtrafbarer, als ſie ihre Hand an den lebendigen Gott legten.“ Vom 4. bis zum 9. Jahrhundert, unter der Herrſchaft der Gothen. 131 »Hie franzoſiſche Revolution hat alles wieder ins Gleis gebracht. Das Blutgeruͤſt ſo vieler Maͤr⸗ tyrer ſcheint von der Vorſehung gleichſam wie eine verhaͤngnißvolle Schranke hingeſtellt zu ſein, damit das menſchliche Geſchlecht, erſchrocken uͤber die Bahn, die es betritt, ſobald es ſich ſelber uͤberlaſſen iſt, voll Entſetzen zuruͤckbeben und im Augenblick des Aufbruchs ſeine Thorheit reuevoll beweinen moͤge. Alles geht nun nach Wunſch. Die Nachfolger un⸗ ſerer Saule ſind nicht mehr unter uns, der Schwindelgeiſt hat ſich unſerer Phariſaͤer und Schriftgelehrten bemaͤchtigt, wir ſind jezt ganz allein mit jenen einfachen Menſchen, welche die Stimme des Herrn vernehmen, welche dieſer lieb hat, aus deren Mitte er ſeine Apoſtel zu erwaͤhlen pfiegt⸗ Dieſe werden nun wohl die Wiederherſteller des Tempels, aber nicht die Erbauer eines zweiten Ba⸗ bels mit bewaffneter Hand unterſtuͤtzen. Ich fuͤrchte blos eines: daß ſie von Sieg zu Siege am Ende dahin gelangen, die Feſſeln Don Ferdinands fruͤher zu zerbrechen, bevor noch das alte Gebaͤude wieder aus ſeinen Ruinen aufgefuͤhrt iſt. Man meldet mir, daß ein Prinz von Sicilien, der junge Leopold, an unſeren Kuͤſten erſcheinen wird, um einen Bourbon an der Spitze von Kriegern zu zeigen, welche dieſe berall fluͤchtige und verbannte Dynaſtie vertheidi⸗ gen. Wir wollen dafuͤr ſorgen, ihn alsbald, ſo wie er nur unſere Geſtade beruͤhrt haben wird, wieder nach Palermo zuruͤckzuſenden. Ich will wohl, daß ſeine Familie noch einmal wieder auf dem Thron 9 N 132 erſcheine, allein noch iſt es W Zeit dazu. Um einen Infanten oder einen Erzherzog unter uns zu dulden, muͤſſen wir vorher ſo lange warten, bis er unſeren Samuelen nicht mehr jenes heilige Anſehn ſtreitig machen kann, wodurch allein auf Erden jener hoheprieſterliche Stab exiſtirt, man das Scepter der Koͤnige nennt.“ Die Nacht kam endlich heran. Die Reden des Fray Cayetano wuͤrden allein ſchon im Stande ge⸗ weſen ſein, meine Bedenklichkeiten zu heben. Ich beſchloß nun, auf Mittel und Wege zu denken, um das franzoͤſiſche Lager zu erreichen. Mein Ordens⸗ kleid und die Sorgfalt, womit ich mein Geſicht un⸗ kenntlich zu machen ſuchte, ſicherten mich gegen die Gefahren der Reiſe. Bei meinem Abgange verſuchte der Erzbiſchof noch einmal, um mich zuruͤckzuhalten, die Macht ſeiner milden und edeln Beredſamkeit. Er ſagte mir, daß die Cortes, auf welche Don Fer⸗ dinand ſich berufen, die Truͤmmer unſerer Geſetze . ſammeln wuͤrden, daß die Gemeinden, die Geiſtlich⸗ keit, der Adel, der Thron, wieder die Stellen ein⸗ nehmen wuͤrden, die ſie nie haͤtten aufgeben ſollen.“ —»Nein,“ erwiederte ich ihm;*wie koͤnnte ich auf eure Verheißungen rechnen? Ihr wollt Spa⸗ nien blos bis ins vierzehnte Jahrhundert zuruͤckver⸗ ſetzen, euer Freund möchte es gern bis ins achte zu⸗ ruckfuͤhren, und wahrlich, er hat viel mehr Wahr⸗ ſcheinlichkeit des Erfolgs fur ſich, als ihr. Denn iſt man einmal in einen ſo reißend jähen Sturz hin⸗ ſo kann man nicht auf halbem Wege eingezogen, 133 ſtill ſtehen. Ich fuͤr mein Theil fuͤge mich in die Fortſchritte der Zeit, ich nehme die Gegenwart ſo an, wie ſie Gott gemacht hat, und vertheidige von der Vergangenheit alles das, was noch fortlebt. Dieſes Gute bietet mir die Konſtitution von Bayonne dar, und ich werde ihr treu bleiben, ſolltet ihr auch hundertmal den Erfolg der Waffen fuͤr euch haben.“ In dem Augenblick, als ich aus dem Hauſe hin⸗ austrat, war ich genoͤthigt, vor einem Zuſammen⸗ lauf von Menſchen Halt zu machen, der die ganze Alcala⸗Straße, ſo außerordentlich breit ſie auch iſt, ſperrte. Es waren Manolos, die durch Freu⸗ dengeſaͤnge und durch wuͤthendes Geſchrei das Un⸗ gluͤck der Franzoſen zu feiern fortfuhren. Eine Pro⸗ zeſſion zog ſo eben voruͤber; ſie ward mit dem Lieb⸗ lingsruf begrüßt:* Es lebe der Koͤnig, unſer Herr! es leben die Sieger von Baylen! es leben die wahr⸗ haften Cortes!“ Alle Mitglieder der Bruͤderſchaft, oder auch die frommen Mitgehenden, die ſich an ſie angeſchloſſen hatten, antworteten:“Ewig ſoll Fer⸗ dinand der vielgeliebte und die Cortes der Monar⸗ chie leben!“ Ein einziger unter ihnen ſchwieg ſtill. Eine junge Frau, die ſich dicht hinter ihm an der Seite des Kapuziners befand, der mich in ſeinem gluͤhenden Eifer hatte aufopfern wollen, machte den ganzen Haufen auf dieſen ſtillſchweigenden Confra⸗ ter*) aufmerkſam.»Franzoſenanhaͤnger,“ rief ſie,“Sklawe des Eindringlings, nordiſcher Ketzer, ) Ritglied der geiſtlichen Bruderſchaft. ſprich jezt gleich: es lebe Don Ferdinand! ober die⸗ ſer Arm wird nicht umſonſt ſich deinem Saracenen⸗ geſichte naͤhern!“ Die Menge begleitete dieſe Ver⸗ wuͤnſchungen mit einem gebieteriſchen Geſchrei. »Meine Herren Madridder,“ erwiederte der Be⸗ drohte mit bewundernswuͤrdiger Kaltbluͤtigkeit, ich bitte Euer Gnaden zu beruͤckſichtigen, daß keiner von euch ſich eines ſo langen Haſſes gegen die Franzoſen ruͤhmen kann, als ich; denn ich verabſcheue dieſel⸗ ben bereits ſeit hundert Jahren.“—*Du willſt uns wohl zum Beſten haben,“ antwortete die junge Begleiterin des Kapuziners in einem Tone, der aus der Hoͤlle herauf zu kommen ſchien; wir wollen dich lernen, deine Religion und deinen Koͤnig zu ver⸗ leugnen.“—*Frauen,“ erwiederte der Kavalier mit derſelben Ruhe,“ganz Spanien iſt ſeit hundert Jahren ſeinen alten Eidſchwuͤren untreu geworden, und Gott weiß es, daß ich mich nie einen Augenblick von denen meiner Vorfahren entfernt habe. Das Haus Bourbon iſt jezt ſo eben für ſeine ungerechte Beſitznahme unſeres Thrones beſtraft worden; es hat einem Scepter entſagt, den es nicht von Gott, ſondern von Baal empfangen hatte; und gewiß, die Nation“—»Hoͤrt ihr's,“ rief man jezt, „der fuͤhrt die Sprache der Boͤſewichter; er iſt ein Afranceſado.“—»Keinesweges,“ fuhr er fort,'ſind wir mit dieſen eingefleiſchten Teufeln ein⸗ verſtanden, welche Atheiſten und Koͤnigsmoͤrder ſind. Ich will euch blos erinnern, unſer rechtmaͤßiger Koͤ⸗ nig iſt der Abkoͤmmling des Herrn Don Carlos, ſei⸗ 135 ——— nes Namens der Dritte, vom Hauſe Heſterreich⸗ welchem die Krone Philipp von Anjou entriſſen hat, der, wie bekannt, ein Trunkenbold und Einaͤugiger war. Der Augenblick iſt jezt da, wo man dem Kai⸗ ſer, was des Kaiſers iſt, und Gott, was Gott ge⸗ hoͤrt, wiedergeben ſoll.“ Auf dieſe Anrede erfolgte ein dumpfes Gemurmel. Einige verlachten den Redner als einen Unſinnigen, andere ſahen in ihm einen Meineidigen, und dieſe Wuͤthenden, an deren Spitze Antonio ſtand, der uͤberall ſich einfand, wo „Gerechtigkeit“ zu uͤben war, wuͤrden die hartnaͤ⸗ ckige Anhaͤnglichkeit des Unbekannten ſchwer gezuͤch⸗ tigt haben, wenn nicht ein junger Menſch ſich den Angreifern entgegen geſtuͤrzt haͤtte.*Ich bin,“ rief er aus, indem er ſeinen Mantel mit vieler Wuͤrde entfaltete,“der Verfaſſer jenes unſterblichen Buches, das euch den ruhmvollen Gebrauch gelehrt hat, den ihr von eurer unumſchraͤnkten Gewalt macht. Mir allein verdankt ihr eure unabhaͤngig⸗ keit; denn ich bin Eſtevan FV**. Dieſer Greis hier iſt mein Vater. Ihr werdet in ſeinem Silber⸗ haar meine Anſpruͤche auf die Dankbarkeit der Na⸗ tion zu achten wiſſen.“ Bei dem Familiennamen, den der Student ausgeſprochen hatte, ſtieß die junge Frau, welche dieſes Ungewitter herbeigefuͤhrt hatte, einen hellen Schrei aus, warf ihren Schleier uͤber ihr Geſicht, und brach ſich durch die erſtaunte Menge einen Ausweg, um ſich entfernen zu koͤnnen. Ich befand mich gerade auf ihrem Wege; der Kapuziner hatte ſie noch nicht verlaſſen. Sie brach in Thraͤ⸗ 136 nen aus, und murmelte von Zeit zu Zeit vor ſich hin:»Ungluͤckliche Margarita, du findeſt ihn alſo wieder, du mußt ihn fliehen; du findeſt ihn wieder, und biſt nahe daran ihn ermorden zu laſſen!“ Unterdeſſen hatte die Anrede des Sohnes die Begnadigung ſeines Vaters bewirkt, indem er die Wuth des Volks in Staunen und Ueberraſchung ver⸗ wandelte. Eine anſteckende Luſtigkeit entrunzelte die finſterſten Stirnen, und Don Eſtevan warf eine Falte ſeines weiten Mantels uͤber die Schultern des ungluͤcklichen Vertheidigers der Soͤhne Karls des Fuͤnften, und zog ihn ſo mit ſich fort, durch die Schaaren des Volks, die ſich ſchnell oͤffneten, um ſie hindurchzulaſſen.»urheber meines Lebens,“ ſagte er zu ihm, kommt nur! Gluͤcklicher als der beruͤhmte Scipio, bedarf ich, um euer Leben zu be⸗ ſchuͤtzen, blos das Schwert meiner Beredſamkeit, und das Schild meines Ruhmes.“ Die Menge folgte ihnen theils, theils lief ſie aus einander. Ich dachte jezt uͤber alle die entgegengeſetzten Wuͤnſche nach, die in dem Lager der Aufruͤhrer gehegt wur⸗ den, und rechnete darauf, daß ſehr bald ihre Zwie⸗ tracht es ihnen allen fuͤhlbar machen wuͤrde, wie ſehr ſie noͤthig haͤtten, unter der ſchuͤtzenden Aegide der Koͤnigsgewalt einen Zufluchtsort zu ſuchen. Der Koͤnig hatte, als er eben im Begriff ſtand, ſeine Hauptſtadt den Empoörern zu ůͤberlaſſen, alle Granden um ſich verſammelt, und ihnen die Wahl gelaſſen, ob ſie zuruͤckbleiben oder ihm folgen woll⸗ ten, indem er ihnen ſagte: es gehe ihm wie Philipp 137 dem Fuͤnften, er werde bald wieder nach Madrid“ zuruͤckkehren, verſpreche aber im voraus, daß er dann von denen nichts wiſſen wolle, die ihm in ſei⸗ ner einſtweiligen widerwaͤrtigen Lage nicht tren ge⸗ blieben ſein wuͤrden. Die meiſten ſprachen von ih⸗ ren Familien und ihren Vermoͤgensumſtaͤnden, und blieben zuruͤck, die uͤbrigen begleiteten den Mo⸗ narchen auf ſeinem Ruͤckzuge bis an die ufer des Ebro. Matea hatte ſo eben Madrid verlaſſen. Ihre Lochter war allein zuruͤckgeblieben, und zwar zuruck⸗ gehalten von Domingo, der in ſeinem patriotiſchen Eifer der fluͤchtig gewordenen Graͤfin dieſen Troſt nicht laſſen wollte. Der Markis von C***, den ſo wie mich die Greuelthaten des großen Haufens empoͤrten, war dem Hofe gefolgt; ſein Kapellan er⸗ zaͤhlte mir ſeine Abreiſe mit vielem Bedauern. Der Doctor hatte ſich, ich weiß nicht mehr durch welchen Vorwand entſchuldigt, um nicht ſeinén bejahrten Herrn begleiten zu duͤrfen.»Ganz entſchieden,“ ſagte er zu mir,'iſt die Konſtitution von Bayonne nicht den Beduͤrfniſſen des Zeitalters angemeſſen, und die Nation will ſie nicht haben. Ein Se⸗ nat,— abgeſehen davon, daß eine ſolche Neuerung unſere Erinnerungen verwundet, und das Nationalgefuͤhl als etwas aus der Fremde eingefuͤhrtes verletzt,— ein Senat vertraͤgt ſich nicht mit den aufgeklaͤrten Anſichten unſeres gegen⸗ waͤrtigen Zeitalters. Waͤre es nicht abſcheulich, in der chriſtlichen Welt etwas anderes zu ſehen, als 138 Regierungen, die auf den Grundſatz der Gleichheit gegruͤndet ſind? Wurde denn der Weltheiland auf den Stufen eines Thrones geboren?! Waͤhlte er wohl die Sohne der Satrapen und der Konſuln zu ſeinen Apoſteln? Nein, gewiß nicht; er hatte eine Krippe zur Wiege, arme Handwerksleute zu Apo⸗ ſteln, Knechte und Landleute zu ſeinen erſten Anhaͤn⸗ gern. Schlaget das Evangelium auf, und wen werdet ihr da wohl auf allen Seiten des goͤttlichen Buches anders verdammt finden, als die Phariſaͤer und Schriftgelehrten, das heißt, die Großen und die hohere Geiſtlichkeit jener Zeit? Wer anders wagte es, den Gottmenſchen ans Kreuz zu bringen, als jene hoͤheren Staͤnde, welche er ganz aufzuheben in die Welt gekommen war? Wer anders wagte es, die goͤttliche Sendung Chriſti zu beſtreiten, als die roͤmiſchen Prieſter und Patricier? Dies kommt daher, weil das Chriſtenthum nichts weiter iſt, als die franzoͤſiſche Revolution, auf die religioſen Dog⸗ men angewendet. Es hat, gleich dieſer, Bruͤder⸗ ſchaft und Freiheit zum Wahlſpruch, und hat Jahr⸗ hunderte lang fuͤr dieſe große Sache gekaͤmpft, die zugleich die Sache Gottes und der Menſchen iſt. Wenn es jezt, durch ſeinen Sieg und durch ſeine erlangten Reichthuͤmer verdorben, an die Stelle des Heidenthums getreten iſt, das von ihm frͤher ent⸗ thront wurde, ſo wollen wir uns endlich einmal ge⸗ gen diejenigen bewaffnen, die das goͤttliche Geſetz ſchamlos verdrehen, und zur Strafe fur dieſen Fre⸗ vel wollen wir es dahin bringen, daß ſie eben dieſe, 139 von ihnen ſo verfaͤlſchten oder verkannten Ahre auf Erden muͤſſen triumphiren ſehen! Wenn ich die Reden des Fray Cayetano die des Don Mathias zuſammenſtellte, ſo konnte ich mich uͤber das Thoͤrichte dieſer ſo ganz einander ent⸗ gegengeſetzten Meinungen nicht genug wundern, die ſich blos darum mit einander verbunden hatten, um uͤber uns den Sieg zu erringen, und ſich dann in ei⸗ nem gegenſeitigen Kampfe einander aufzureiben, während unſer Syſtem eine Laufbahn des Ruhmes und des Gluͤcks oͤffnete, wo ihr wahres Intereſſe gleichmaͤßig geſchaͤtzt, ihre rechtmaͤßigen l⸗ gleichmaͤßig erfullt werden ſollten. Ich reiſte ganz allein und ohne Bebeckung von Madrid ab, erſchrocken uͤber meine verlaſſene Lage, traurig uͤber meine Flucht, niedergedruͤckt von mei⸗ nem Kummer und noch mehr von dem Ungluͤck mei⸗ nes Vaterlandes. Ich fand einen Troſt in dem Gedanken, daß mitten unter ſo vielen entfeſſelten Leidenſchaften das Gluck ſich vielleicht auf einige Zeit gegen uns erklaͤren koͤnne, daß aber auf jeden Fall wenigſtens die— ſtets auf E ſein werde, Sechzehntes Su. Fortſetzung der Erzühlung des Einſiedlers. Erſtes Kapitel. —— Durch das Nachtdunkel hin gewahrte ich ſehr bald einen Zug von Reitern, dem ich nicht mehr zu ent⸗ fliehen im Stande war. Ich hoffte, es wuͤrde eine Schaar franzoͤſiſcher Soldaten ſein, die den Nach⸗ trab der Armee bildeten; allein ſehr bald umringte mich ein Trupp von Kaſtilianern.*Wer biſt du?“ rief mir einer unter ihnen mit einer Donnerſtimme zu; biſt du ein Patriot oder ein verdammter Afran⸗ ceſado?“—»Gott weiß es, daß ich ein Patriot bin!“ erwiederte ich mit innerer Bewegung.— »Wahrhaftig?“ verſetzte mein wilder Anredner. »Wo reiſeſt du denn aber ſo nach Norden hin?“— »Ich gehe nach Burgos.“— Einer der Reiter naͤherte ſich mir, klopfte mich auf die Schulter und ſagte:»Menſch! du weißt doch das Sprichwort: vor einem Meſſer von Pampelona, vor einem Freunde von Burgos, und vor gar zu niedlicher Fußbekleidung, vor dieſen drei Sachen behuͤte euch Gott! * 144 Du ſiehſt einem Verraͤther eben ſo aͤhnlich, als der Sohn des Sanct Joſeph dem Sohne Gottes des Vaters.“—*Fortunato hat Recht,“ fuͤgte hier⸗ auf derjenige hinzu, welcher der Anfuͤhrer dieſer Bande zu ſein ſchien;“ Satanskind, ſteige vom Pferde ab; die Koͤnigin der Engel ſchickt dich ab⸗ ſichtlich hierher, um die Ausruͤſtung eines Verthei⸗ digers der Religion und Don Ferdinands zu vervoll⸗ ſtaͤndigen.“ Bei dieſen Worten hatte der Raͤuber mir den Mantel weggezogen, welcher die Haͤlfte mei⸗ nes Geſichtes verbarg, und mit ſeiner Hand mein Pferd beim Zuͤgel gefaßt. Ich erkannte in ihm den wilden Bartolomeo. Es wuͤrde fruchtlos geweſen ſein, mich gegen dieſen bewaffneten Trupp, der mich umringte, und Drohungen und Schmaͤhungen gegen mich ausſtieß, noch weiter vertheidigen zu wollen. Ich ſprach von meinem Kloſter, und ließ unter meinem blauen Mantel das Ordenskleid, welches ich darun⸗ ter trug, hervorblicken. Der Aragonier fuhr ſo⸗ gleich mit ſeiner Hand an die Stirn, und die Qua⸗ drilla ſchwieg auf einmal ſtill. Blos eine einzige Stimme, die ich erſt vor wenigen Stunden gehoͤrt zu haben mich erinnerte, rief:»Was thut das! Sind denn die Diener des Altars nicht auch Mit⸗ glieder einer Gemeinde? Da ſie Mitbuͤrger gleich uns ſind, und mehr Grundbeſitz haben, als wir, ſo koͤnnen ſie auch wohl zur gemeinſamen Lan⸗ desvertheidigung beitragen. Der gute Ordensgeiſt⸗ liche mag nur immerhin zu Fuß gehen, wie ſein Herr und Meiſter Jeſus Chriſtus gegangen iſt. Es iſt 2 jezt füͤr alle diejenigen, deren Reich nicht von dieſer Welt iſt, um ihre irdiſche Herrſchaft geſchehen.“— »Ruhig! junger Menſch!“ ſagte der Schleichhaͤnd⸗ ler hierauf;“ der ehrwuͤrdige Pater wird in unſerer Geſellſchaft bleiben; er wird fuͤr den gluͤcklichen Fortgang unſerer Waffen beten, und wenn einer von uns etwa heim zu ſeinen Vaͤtern gehen ſollte, ſo wird er uns einen Paß an den Fuͤrſten der Apoſiel mitgeben.“ Ich unterwarf mich der Verfuͤgung des Hauptmanns, nahm mir aber vor, die erſte Gele⸗ genheit, die ſich bieten wuͤrde, zu ergreifen, um die⸗ ſen gefaͤhrlichen Reiſegeſellſchaftern zu entfliehen. Die meiſten derſelben ſchienen Straßenraͤuber zu ſein. Ihre Tracht und ihr grimmiges Anſehen verriethen hinlaͤnglich das Gewerbe, welches ſie ihr Leben hin⸗ durch getrieben hatten. Beſonders der eine von ih⸗ nen, den ſie Fortunato nannten, hatte ganz die Sprache und das Weſen eines Boͤſewichts. Seine Kameraden zogen ihn wegen ſeiner begangenen Ver⸗ brechen auf, und er that ſich auf ſeine Niedertraͤch⸗ tigkeiten völlig etwas zu Gute. Indeß einige andere ſchienen von beſſerer Herkunft zu ſein, und in dem⸗ jenigen zum Beiſpiel, der mich zulezt angeredet hatte, erkannte ich jenen Studenten wieder, der in der Al⸗ calaſtraße bei Vertheidigung ſeines Vaters erklaͤrt hatte, er heiße Don Eſtevan F***. Er kam auf mich zu, und ſagte in jenem vertraulichen Tone, den unſere Koͤnige, obwohl ſie ihre Unterthanen zu duzen gewohnt ſind, doch nie gegen die Diener des Him⸗ mels zu fuͤhren pflegen:»Diener des Hoͤchſten, 143 wenn du deine Augen der Aufklaͤrung dieſer neueren Zeiten geoͤffnet haſt, ſo wirſt du dich freuen, an un⸗ ſeren Arbeiten theilnehmen zu koͤnnen. Wir haben aus unſerem männlichen Muth und aus unſeren un⸗ abhaͤngigen Geiſtern ein Ganzes gebildet, welches unheilbar wie der hoͤchſte Verſtand, ſtark wie die Materie, dauernd wie die Ewigkeit iſt. Wir wol⸗ len ein großes Werk zu Stande bringen; es handelt ſich hier naͤmlich darum, das zu vollenden, was mein Buch von der allgemeinen Geſelligkeit ſo ſchoͤn begonnen hat.“—*Demonio!“ unterbrach ihn Bartolomeo,*welchen Teufel von Tiquis mi⸗ quis*) ſchwatzeſt du uns da vor? Ich habe in meinem Leben viele Beſeſſene geſehen, die lange nicht ſo ganz das Anſehen von dergleichen Leuten hatten, wie du.“— Beſeſſen? lieber Freund,“ rief der junge Menſch aus; beſeſſen? das bin ich ja eben.“— Bei dieſen Worten ſtieß die ganze Bande einen Schrei des Entſetzens aus. Der Stu⸗ dent fuhr fort, ohne weiter darauf zu achten: Ja, ich bin beſeſſen von einer Liebe zur Menſchheit, die ſo gluͤhend iſt, wie das Geſtirn des Tages; die Frei⸗ heit erfuͤllt meine Seele mit der edelſten und ſuͤßeſten Begeiſterung. Ungluͤckliche, wer wollte nicht dieſe Goͤttergaben genießen, wer wollte nicht zu dieſer Stunde, wo der Mond ſeine Silberſcheibe hinter den Wolken verbirgt, wo alles ſchlaͤft, die Sklawen wie die Tyrannen, eine unaus ſprechliche Wonne in ₰ othwälſch, Riſchmaſch, 144 der Unabhängigkeit finden, womit unſerer kriegeri⸗ ſcher Zug ſich fortbewegt! Obwohl Vertheidiger der menſchlichen Geſellſchaft, ſind wir doch frei von den Feſſeln derſelben. Die Erde dehnt ſich unter unſeren Fuͤßen aus, wir betreten ſie, ohne daß irgend eine Gewalt uns Grenzen ſetzt. Die Welt gehoͤrt uns, Gefahren veredeln unſere Laufbahn, und der Ruhm, der ſie mit ſeinen Strahlen bedeckt, gießt auf dieſelbe ganze Stroͤme von kicht herab, das an⸗ muthiger iſt, als die Weihrauchduͤfte Tempe's und Idalia's!“— Ein langes Gelaͤchter erfolgte auf dieſe Nede. Vergebens ſuchte der Redner die Raͤu⸗ ber zum Stillſchweigen und zur Ehrerbietung zuruck⸗ zufuͤhren; er ward mit bitteren Spottreden uͤber⸗ ſchuͤttet. Er nahm daher ſeine Zuflucht zu mir, und ſagte zu mir mit einer Kaltbluͤtigkeit, welche ich nicht zu erwiedern vermochte:“Es geht mir wie allen Vertheidigern der Menſchheit. Confutſe, Zoroaſter, Jeſus Chriſtus, haben eben ſo viel leiden muͤſſen wie Eſtevan. Indeß, was ſchadet's, daß man große Maͤnner verfolgt, wofern man ihnen nur gehorcht.“ hier beſchwerte ſich auf einmal einer von den Banditen, der nur mit Muͤhe der Quadrilla zu fol⸗ gen vermochte, daruber, daß die Verheißungen der edeln Geſellſchaft ja gar nicht in Erfuͤllung giengen⸗ „Es ziemt ſich,“ antwortete Bartolomeo,“daß die Beſchwerden gleichmaͤßig vertheilt ſeien. Jeder von euch wird der Reihe nach zu Fuße marſchiren, bis wir unſere Reiterei ganz vervollſtändigt haben wer⸗ — 145 den. ODer jüngſte von euch mag daher zuerſt abſtei⸗ gen.“—»Ganz recht,“ ſagten alle uͤbrigen dar⸗ auf, indem ſie ſofort dem ungluͤcklichen Apoſtel der unbegrenzten Freiheit den Befehl andeuteten, daß er ſeine alte Maͤhre dem maroden Nachzuͤgler abtreten ſolle. Don Eſtevan gieng von nun an traurig ne⸗ ben mir her, und ſeine Waffengefaͤhrten verfolgten lange Zeit hindurch den armen Fußgaͤnger mit ihren beleidigenden Spaͤßen. Der junge Enthuſtaſt ſchien durch die Ermudung und durch den Zorn von ſeiner poetiſchen Begeiſte⸗ rung etwas abgekuͤhlt zu werden, und ich benutzte daher dieſen Augenblick, um mich bei ihm genau zu erkundigen, in welcher Geſellſchaft ich denn eigent⸗ lich reiſte. Bartolomeo hoͤrte es, und ſagte zu mir: »Wir bilden zuſammen eine Guerilla, welche be⸗ ſtimmt iſt, den Koͤnig, den Glauben und das Vater⸗ land zu raͤchen; wir alle haben geſchworen, fuͤr dieſe heilige Sache zu ſiegen oder zu ſterben.“— „Ja,“ fiel Fortunato hier ein,*zu ſiegen oder zu ſterben.“—*Von dir rede ich hier nicht, du wuͤrdiger Sohn einer Theaterprinzeſſin,“ verſetzte der Aragonier;'dein Degen iſt gerade ſo viel werth, als das Scepter deiner Mutter. Du biſt blos dazu gut, um Laͤrm und Aufſehn zu erregen, und uns den Fluch Gottes und ſeiner Heiligen auf den Hals zu ziehen.“— Die ganze Bande begleitete dieſe Aeußerungen des Hauptmanns mit einem ſchallenden Gelaͤchter; ich ſah, daß auch hier dem Oberbeſehl die geſchickteſte aller Schmeicheleien zu Theil wurde, II. 10 146 naͤmlich die der Nachahmung. Der ganz aus aller Faſſung gebrachte Raͤuber ſchwieg ſogleich, und ſagte:»Man wird ſchon noch einmal ſehen, was ich thun werde. Ich habe mir vorgenommen, mir mit der Spitze meines Degens Ehrengrade zu erwer⸗ ben, und wenn ich erſt einmal Oberſt bin, ſo wird man bald zu allgemeiner Verwunderung aus mir ei⸗ nen Markis und Granden von Spanien werden ſe⸗ hen.“—»In welcher Art denn?“ fiel ihm ein Andaluſier ins Wort, welcher ſingend bald vor bald hinter der Quadrilla her lief. Es war Antonio; ich bebte vor Schrecken zuſammen.“Kamerad,“ erwiederte Fortunato,*zuͤnde mir meinen Cigarro an, waͤhrend dieſer Zeit wirſt du doch nicht auf mich ſchmaͤhen koͤnnen.“— Und du wirſt da keine Wahrheiten hoͤren,“ ſagte der Aragonier;*du fuͤrchteſt dich davor, wie vor dem Pulver.“— »Gut, Hauptmann, ſcherze ſo viel du willſt; ich geſtehe, daß ich nicht großen Trieb in mir fuͤhle, um mich auf dem Platze Cebada oder auf jedem anderen oͤffentlich zur Schau zu geben.“—»Und doch biſt du fuͤr die Bretter geboren,“ verſetzte der Ara⸗ gonier.— Vielleicht; aber nicht fuͤr den Strick; ich mag nicht ein Seitenſtuͤck von Ramon abgeben.“ Und auf dieſe Erwiederung folgten die empoͤrendſten Spaͤße ͤber das Schickſal des ungluͤcklichen Pagen. „Jezt ſtill mit dergleichen Laͤſterungen!“ rief Bar⸗ tolomeo;»dieſer arme Ramon war ein guter Die⸗ ner unſerer heiligen Religion, ein Menſch von altem Gebluͤt, einer von denen, deren Geſchlecht nicht mit 147 den Leufeln jener Welt und mit den Granden bieſer Erde einen Vertrag eingegangen iſt; er ſtarb als Maͤrtyrer der Geſetze, die von denen gegeben wor⸗ den ſind, welche die unſrigen aufgehoben haben. Nicht wahr, mein ehrwuͤrdigſter Pater, in der gu⸗ ten alten Zeit, unter der Regierung Seiner Hoheit, des Großrichters von Aragonien gab es noch Recht und Gerechtigkeit in den Staaten dieſer Krone. Al⸗ lein man hat unſere Freiheiten vernichtet, und ſeit⸗ dem iſt alles zu Grunde gegangen, der Glaube, das Geſetz, der Koͤnig; ſo muß denn Don Ferdinand fuͤr ſeine Vorfahren mit buͤßen. Indeß, nur Ge⸗ duld! wir werden unſere Flecken in Blut abwaſchen. Ich fuͤr mein Theil werde mehr Verraͤther abſchlach⸗ ten, als die Stiere von Darroca binnen zehn Jah⸗ ren Ameiſen todt treten.“ Wir kamen in ein Dorf, deſſen Namen ich ver⸗ geſſen habe. Der Hauptmann gab ſeinen wuͤrdigen Waffenbruͤdern ein Zeichen, daß er jezt die bei ihrer Anwerbung verheißenen Bedingungen erfullen werde. Er klopfte ungeſtuͤm an die Thuͤr eines verfallenen Hauſes, welches mit einem ſteinernen Wappenſchilde verziert war, und die Thuͤre gieng unter ſeinem Po⸗ chen in Stuͤcken. Sogleich kam ein Mann, halb entkleidet und ganz erſchrocken, heraus, der auf ſeiner Stirn das Kreuz machte und die Haͤnde fal⸗ tete, als empfoͤhle er ſich allen Heiligen des Kalen⸗ ders, und uns erklaͤrte, er ſei der Alcalde des Ortes. Fortunato fieng an, uͤber ſeine Tracht zu lachen; einige andere Raͤuber thaten daſſelbe.»Ruhig!“ 10* 148 rief Bartolomev mit ſeiner Donnerſtimme, wendete ſich dann an den zitternden alten Mann und ſagte: »Dich ſuche ich eben..— Koͤnigin der Engel, habt Nitleid mit uns,“ antwortete der Dorfvorſte⸗ her; ſeid ihr etwa ein Douanenbeamter, wie der war, welcher im verfloſſenen Jahre um dieſelbe Zeit hierher kam, um alles umzukehren und in Beſchlag zu nehmen?“—»Wir ſind Vertheidiger Gottes und des Koͤnigs. Wir muͤſſen Futter fuͤr unſere Pferde, Lebensmittel fuͤr uns, ferner ein Pferd, und noch fuͤnfhundert Realen haben, und das alles bin⸗ nen einer Stunde.“—„Barmherzigkeit, Herr Ritter! Gott der Vater weiß, daß es unter dem weiten Himmel keinen ärmeren Ort giebt, als dieſer hier iſt, ohne noch erſt hier in Anſchlag zu bringen, daß wir ſo eben erſt den Zehenten und den jaͤhrlichen Grundzins gezahlt haben. Wir mußten, ungeachtet des beſtehenden Geſetzes, alle Betten und Mauleſel unſeres Bezirks verkaufen.“—»Still von dieſen Dingen, alter Jude! wenn dein Dorf die Steuern gegeben hat, ſo hat es dieſelben an Koͤnig Pepe ge⸗ zahlt, und verdient daher, ſie noch einmal zu erlegen. Wofern du aber luͤgſt, ſo ſind ja die Einwohner noch immer ihre Steuer ſchuldig, und wir kommen nun, um ſie zu erheben, und du wirſt ſie unterdeß fuͤr ſie alle auszahlen.“—»Herr Ritter, die Franzoſen, welche Gott verdamme! haben mein Haus gepluͤn⸗ dert und mir nichts uͤbrig gelaſſen.“—*Es iſt doch noch etwas übrig geblieben, was zu viel iſt, und das iſt deine Zunge, welche beſſer thaͤte, wenn 149 ſie ſchwiege. Zezt begnuͤge dich bamit, mir auf meine Fragen zu antworten. Iſt dein Dorf eines von denen, in welchen die oͤffentlichen Steuern blos durch die Regidoren*) vertheilt und erhoben werden duͤrfen?“—*Ja, Herr Ritter, wir ha⸗ ben im Jahr des Heils 1803 das Privilegium er⸗ halten, daß wir mit den königlichen Verwaltungs⸗ beamten nichts mehr zu ſchaffen haben, deren Auf⸗ lagenerhebung eine bloße Pluͤnderung war.“— „Ich verſtehe ſchon; anſtatt des Unterintendanten biſt du es jezt, der von ſeinem vielleicht erblichen Regimiento*) unterſtützt, das Dorf beraubt. Nun gut! da du gewiß die Steuern deiner Mitbruͤ⸗ der unterſchlagen haſt, ſo wirſt du dieſe Summe jezt dem Staate wiedererſetzen, und fuͤr deinen Theil noch fuͤnfhundert Realen zu denen hinzuzahlen, die ich bereits von dir verlangt habe.“— Kein Stab von Kornelkirſchenholz,“ rief Fortunato,»ent⸗ deckt ſo ſicher eine verborgene Waſſerquelle, als ich einen verſteckten Geldkaſten. Ich werde ſehr bald die Schaͤtze dieſes alten Anhaͤngers des Eindring⸗ lings aufgeſpuͤrt haben; denn er ſieht, wofern ich mich irgend darauf verſtehe, ganz ſo aus wie ein Afranceſado.“— Einige von den Banditen hal⸗ fen ihm bei ſeinen Nachforſchungen, andere ſchienen daruͤber verwundert zu ſein, daß ſie an dieſer Raͤu⸗ berei theilnehmen ſollten, indeß Eſtevan rief ihnen zu ihrer Beruhigung zu:„Unſtreitig iſt das Eigen⸗ ₰ Schöppe, Ortsobrigkeit.*) Vorſteheraut. 15⁰ thum eines der heiligſten Rechte, welche der geſellige Vertrag nur irgend aufgeſtellt hat. Indeß gegen⸗ waͤrtig iſt der geſellige Zuſtand ſo gut wie aufgeloͤſt, es giebt keine Regierung mehr, wir ſind auf ſo lange in den Naturzuſtand zuruͤckgekehrt, bis die allge⸗ meine Wiedergeburt des Staats, die wir jezt zu er⸗ ringen ſuchen, uns die Buͤrgſchaften, die Genuͤſſe wiedergiebt, wovon ich in meinem Buche von der allgemeinen Geſelligkeit ein ſo koͤſtliches Gemaͤlde entworfen habe. Und du, o Alter,“ fügte er hin⸗ zu, indem er ſich an den Alcalden wandte, der uͤber ſein Ungluͤck Thraͤnen vergoß,„mit welchem Recht kannſt du gegen die an dich erlaſſene, geſetzmaͤßige Aufforderung proteſtiren, fuͤr die bedraͤngte Volks⸗ gemeinde etwas beizuſteuern. Elender Egoiſt, freue dich, auf den Altar des Vaterlandes eine Gabe nie⸗ derlegen zu koͤnnen.“— Ich allein hoͤrte auf dieſe Thorheiten, und ſeufzte bei dem Gedanken, daß un⸗ ſer, von ſeinem Koͤnige verwaiſetes Spanien ſolchen Unſinnigen preisgegeben werden ſollte, welche auf dieſe Art furchtbare Lehrſaͤtze preisten die ſie ſelber nicht verſtanden. Unterdeß hatte ſich die Bande in dem Doͤrfchen zerſtreut, und ließ ſich Lebensmittel geben. Die eiazige Mauleſelin, die man darin vorfand, ward ſogleich fuͤr Eſtevan beſtimmt, der in der Verblen⸗ dung ſeiner tollen Ideen nicht bemerkte, daß er zu unedler Pluͤnderung die Hand boͤte. Der wilde Hauptmann, der vor der Thuͤr des Hauſes ſeinen Cigarro rauchte und eine Rinde ſchwarzes Brot 151 kaute, wachte daruͤber— wie er ſich ausdruͤckte—, daß ſeine Soldaten keine Ausſchweifungen begien⸗ gen. Ich ſuchte dieſen Augenblick zu benutzen, um mich ſicher davon zu machen. Schon hatte ich mich von dem großen Haufen entfernt, und hoffte unbe⸗ merkt das Ende des Dorfs zu erreichen, als ich ei⸗ nen Schuß fallen hoͤrte, und Fortunato herbeieilen ſah, der mich mit lautem Geſchrei rief.„Was giebts denn?“ fragte ich ihn.„Nichts,“ erwie⸗ derte er,„als einen Chriſtenmenſchen, der in aller Geſchwindigkeit das Te absolvo noͤthig hat. Denkt einmal an, dieſer einfaͤltige Tropf von Alcalde, deſſen liebe Piaſter ich aus ihrem Reſte ausnahm, verlor ſo ſehr alle Beſinnung, als er ſie an die fri⸗ ſche Luft herauskommen ſah, daß er auf mich los⸗ ſtuͤrzte, wuͤthend wie der Satan, wenn man ihm den Segen giebt. Er gerieth gerade vor die Muͤndung meiner Piſtole, und wenn ihr nicht ſchnell zu ihm hineilt, ſo iſt er ohne Barmherzigkeit ein Kind der Hoͤlle.“ Ich eilte hin. Der blutende Greis konnte gerade noch meinen Segen empfangen, und der Hauptmann nahm zur Strafe dem Fortunato ſeinen Antheil an dem Schatze weg, den er ſo eben erbeu⸗ tet hatte.„Dein Antheil wird dadurch anſehnli⸗ cher werden,“ ſagte der Moͤrder voll Ingrimm.— „Elender!“ erwiederte Bartolomeo,„du weißt wohl, daß ich nicht um der Beute willen Krieg fuͤhre? Wenn haſt du je geſehen, daß ich Geld weg oder angenommen haͤtte? Blos diesmal empfange ich meinen Antheil als Hauptmann, und ich uͤberlaſſe ihn dieſem ehrwuͤrbigen Pater, der fuͤr das Seelenheil des armen Alcalden Meſſe leſen mag. Jezt auf und zu Pferde! wir muͤſſen fort.“ Auf dieſen Befehl brach die Guerilla ſofort auf, durch einige junge Bauerkerle vermehrt, deren Feuereifer durch die Ermordung ihres Dorfvorſtehers nicht entmuthigt zu ſein ſchien.„Niemals,“ ſagten ſie, „iſt im ganzen Koͤnigreich Kaſtilien eine gerechtere Handlung geuͤbt worden, als hier. Sollte man alle diejenigen unſerer Dorfbewohner zuſammenrech⸗ nen, welche dieſer alte Geizhals und ſeine Vorfah⸗ ren, von Vater auf Sohn, in die Zuchthaͤuſer ge⸗ ſchickt und dort umkommen gelaſſen haben, ſo wuͤr⸗ den ſie hinreichen, um am juͤngſten Gericht das ganze Thal Joſaphat auszufuͤllen, und alle die Piaſter, die er bei unſerer Abgabenverwaltung fuͤr ſich geſtohlen hat, wuͤrden zwiſchen Himmel und Erde nicht Platz haben.“ Der Trupp zog langſam weiter. Don Eſtevan war etwas zuruͤckgeblieben, um uͤber irgend ein neues Kapitel ſeines unſterblichen Buches nachzuſinnen; aber auf einmal kam er uns nach und rief:„Groß⸗ herzige Verfechter der Freiheit, ich melde euch, daß eine junge, ſchoͤne und reizende Frau, vielleicht die Goͤttin der Tugend oder des Sieges, unſeren Zug begleitet. Wie die Ritter der Vorzeit, werden wir nun, durch ſchoͤne Frauenblicke unterſtuͤtzt, in den Kampf gehen; die Helden der allgemeinen Vernunft, die Paladine der Menſchenrechte, verdienen es wohl, ———,— daß die Myrten von Paphos, auf die Lorbeeren ge⸗ impft, ſie bekraͤnzen.“ Die Bekuͤmmerniſſe, die meine Seele erfuͤllten, vermochten nicht, mich vor der Anſteckung der all⸗ gemeinen Luſtigkeit bei Anhoͤrung dieſer blumigen Rede zu ſchuͤtzen; die ſtieren und todten Augen Eſte⸗ vans und ſeine regelloſe Tracht machten ſeine Aeu⸗ ßerungen vollends laͤcherlich. Alle verlangten von ihm eine Erklaͤrung hieruͤber, und er fuͤgte daher ſchnell hinzu:„Eine Frau von flammenden Augen und von dem ſchlanken Wuchſe eines Palmbaums folgt bereits ſeit den Thoren der Hauptſtadt zu Fuße hinter uns her. Sie beſitzt alles das, was die hoͤch⸗ ſten Geiſter zu zwingen vermag, wider ihren Wil⸗ len ihren Flug⸗von den Sonnenhoͤhen der Abſtraction zu dem irdiſchen, oft ſo duͤrren Boden der Wirk⸗ lichkeit herabzuſenken. Der Adler ſelber wuͤrde freudig am Boden hinſtreifen, wenn er ihn mit ſol— chen Blumen bekleidet ſaͤhe, oder vielmehr er wuͤrde glauben, daß er noch in den Himmelshoͤhen ſchweb⸗ te.“ Ein neuer Ausbruch jenes unausloͤſchlichen Gelaͤchters— wie es Homer nennt— unterbrach abermals den Enthuſiaſten und bewies, daß die ſpa⸗ niſche Ernſthaftigkeit nicht ſo unerſchuͤtterlich iſt, als man dieſſeits der Pyrenaͤen wohl zu glauben pflegt. Endlich konnte man ſo viel abnehmen, daß eine Un⸗ bekannte mit zwei Kindern hinter uns her kam, wo⸗ von ſie das eine auf dem Arme hatte, waͤhrend das andere ihr zur Seite gieng. Das Pferd, welches der galante Student ihr angeboten, hatte ſie zwar 154 fuͤr ihre Perſon abgelehnt, doch nicht fur ihre junge Begleiterin, und Don Eſtevan zeigte uns, indem er ſeinen Mantel zuruͤckſchlug, ein kleines Madchen, das vor ihm auf dem Sattelbogen ſaß und vor Schrecken weinte. Bei dieſem Anblick nahm die Froͤhlichkeit der Bande einen neuen Aufſchwung, und Fortunato, ſo ſehr er auch uͤber und uͤber mit Blut beſpritzt war, wetteiferte mit dem Andaluſier in Spaͤßen und Schimpfworten. Unterdeß erkannte Bartolomeo, der ſich auf den Staatslehrer von Fa⸗ tiva ſtuͤtzte, in dem Maͤdchen ſein aͤlteſtes Kind wie⸗ der und nahm es voll Zaͤrtlichkeit in ſeine Arme, als ploͤtzlich ein lauter Schrei die Annaͤherung der troſt⸗ loſen Mutter der Kleinen ankuͤndigte. Sie war uͤber das Verſchwinden ihrer geliebten Paquita ganz au⸗ ßer ſich, und ſtuͤrzte weinend in die Arme des Ara⸗ goniers. Ich erkannte mit Schrecken in ihr jene Gitana wieder, welche alles moͤgliche aufgeboten hatte, um mich umzubringen; ſie war der Guerilla, ſeit dem Abgange derſelben, auf dem Fuße gefolgt, in der Hoffnung, daß ſie an den Muͤhen und Gefah⸗ ren derſelben, dem Großrichter zum Trotz, wuͤrde theilnehmen koͤnnen. Er behandelte ſie fuͤr ihren Ungehorſam ſehr hart, wies ihre liebevollen Aeuße⸗ rungen zuruͤck, nahm ſeine Tochter hinter ſich aufs Pferd, und befahl dem Barbier der Geſellſchaft, ſein Reitthier an die Generalin abzutreten. Die junge Frau ſchwang ſich ſogleich mit einem leichten Sprunge auf ihren Zelter, ließ demſelben den vollen Zuͤgel ſchießen, und fieng mit geruͤhrtem Tone an, 155 eine alte Romanze anzuſtimmen, welche Ruhm und Liebe athmete. So zog ſie denn, nicht ohne An⸗ muth und Wuͤrde, an der Spitze unſeres Zuges ein⸗ her; die Raͤuber, von dem edeln Tone ihres Liedes geruͤhrt, horchten ihr zu, und Eſtevan, deſſen ſtau⸗ nendes Angeſicht von den erſten Strahlen der Mor⸗ genſonne erhellt wurde, hatte die Augen feſt auf ſie geheftet, und ſchien alle ſeine tiefen Spekulationen zu vergeſſen, die ſeine Gedanken ſonſt gewoͤhnlich zu erfuͤllen und zu verwirren pflegten. Dieſe ganze Scene erhielt durch den wilden Anblick meiner Ge⸗ faͤhrten, durch das Schweigen der kaſtilianiſchen Einoͤden, durch das Gewagte unſeres kriegeriſchen Zuges, und durch die Majeſtaͤt der uͤber die Berge aufgehenden Sonne etwas ernſtes und ruͤhrendes; nur ich allein genoß es nicht. Ich bedachte blos, daß, wenn dieſe Frau, die in ihrem Blick und in ih⸗ rer Stimme ſo viel Seele verrieth, je in mir das Schlachtopfer wiedererkennen ſollte, das den Tag zuvor ihren Dolchſtoͤßen entgangen war, ſie aufs neue eine Begier nach meinem Blute empfinden und es ohne Mitleid vergießen wuͤrde, und ich huͤllte daher mein Geſicht tiefer in den Mantel ein, um meine Zuͤge den Blicken derjenigen zu entziehen, die ſich abwechſelnd bald als eine bloße liebende und gefuͤhl⸗ volle Frau, bald als eine abſcheuliche und unver⸗ ſoͤhnliche Eumenide zeigte. In dieſem Augenblick erkundigte ſich Bartolomeo bei mir, ob nicht auf dieſen Tag im Kalender ein Heiligenname traͤfe, welcher eine Meſſe zu hoͤren ver⸗ 156 pflichtete. Ich antwortete raſch mit Nein, und da jeder der Raͤuber fuͤrchtete, es moͤchte ſein oder des Schutzpatrons ſeines Kirchſpiels Namenstag ſein. ſo nannte ich ihnen einen barbariſchen Namen, wo⸗ bei ſie ſich begnuͤgten. Man beſchraͤnkte ſich alſo auf ein bloßes Morgengebet. Alle machten Halt. Am Rande des Weges, mit niedergeſenktem Haupt, gefalteten Haͤnden und gen Sonnenaufgang gewen⸗ detem Angeſicht niederknieend, ſprachen ſie die Worte nach, die ich, mit der Stirn gegen den ſandigen Bo⸗ den mich niederneigend, ihnen vorſagte; ich gab ih⸗ nen den Segen mit einer tiefen Bewegung des Ge⸗ muͤths, die nicht blos von der Furcht herruͤhrte. Dieſes feurige Morgengebet war der andaͤchtigſte re⸗ ligioͤſe Act, der mir nur jemals in meinem Leben vorgekommen, und das energiſche Anſehn, die Tracht und die Bewaffnung dieſer Menſchen gaben ihm einen wahrhaft großartigen Character. Nittlerweile zeigten ſich einige Nachzugler der franzöſiſchen Armee; es waren junge Soldaten, die in ihrer Unerfahrenheit unter dem Schutz der offent⸗ lichen Sicherheit ihre Straße ſicher ziehen zu koͤnnen vermeinten. Sogleich rief Fortunato:„Der Hei⸗ lige des heutigen Tages, auf deſſen Namen ich mich nicht ſogleich beſinnen kann, erhoͤrt uns!“ und in dieſem Augenblick ſanken auch ſchon die ungluͤckli⸗ chen todt zur Erde nieder. Der nichtswuͤrdige, hohnend grauſame Fortunato, die heftige Gitana und noch andere erſchoͤpften ſich auf den Leichen ih⸗ rer Schlachtopfer in einer raffinirten Barbarei, die 157 ſonſt unter Wilben nicht vorkommen kann. Der Bar⸗ bier rief;„Nunquam melius anatomisatum est;“ die Studenten ſchwiegen ſtill, blos Eſtevan ver⸗ ſuchte, ſich von dem Verdienſtlichen dieſer patriotiſchen Greuel zu uͤberreden, doch that er es mit abgewen⸗ deten Augen, und ich, der ich genoͤthigt war, die Aufmerkſamkeit aller von mir abzulenken, mußte als ein ſtummer und unthätiger Zeuge dieſen Abſcheu⸗ lichkeiten zuſehn. Ich fand darin eine neue Recht⸗ fertigung des Entſchluſſes, den ich gefaßt hatte und ich konnte nicht genug die beiden gegenuͤber ſtehenden Partheien verwuͤnſchen, die auf ſolche Frevelthaten den Triumpf einer Sache gruͤndeten, welcher man den Wahlſpruch gegeben hatte:„ Gott und Vater⸗ land, Koͤnig und Freiheit!“ Mehr als einmal hatte ich verſucht zuruͤckzubleiben und mich den Blicken meiner furchtbaren Gefaͤhrten zu entziehen; allein immer vergebens und ich ſah mit Schrecken die Roth⸗ wendigkeit vor mir, einen ganzen Tag mit Vartolo⸗ meo, Antonio und der Gitana zuſammen ſein zu muͤſſen. Zweites Kapitel. —— Wir gelangten in das duͤrre Thal, worin ich einen Theil meiner Kindheit verlebt hatte. Die Qua⸗ drilla wendete ſich linkshin. Die Franzoſen waren nicht weit von uns entfernt und Bartolomeo wollte 158 ben lezten Truppenzuͤgen derſelben den Vorſprung abgewinnen, um ihnen die Ausgaͤnge der Somo Sierra abzuſchneiden. Ich ritt bei dem verlaſſen ſtehenden Hauſe voruͤber, worin meine Mutter mich ſo oft durch Liebkoſungen wegen meiner Einſamkeit getroſtet hatte, waͤhrend Alonſo und Maria mit ein⸗ ander in dem Gebirge umherſtreiften; jezt hatte ich leider meine Mutter nicht mehr bei mir. Die trau⸗ rigen Betrachtungen, welche dieſer Ort in mir er⸗ weckte, wurden auf einmal durch den Namen der Markiſin und meines Bruders unterbrochen, die in meiner Naͤhe genannt wurden. „Wenn ſie am 2ten Mai umgekommen waͤre,“ ſagte die Zigeunerin,„ſo haͤtten alle meine Horo⸗ ſtope mich getaͤuſcht. Ich las in dem Buche der Zukunft, daß die Lebensſchickſale des Siegers von Baylen und der Donna Maria de las Auguſtias an einander geknuͤpft ſeien; ſie lieben ſich von ganzer Seele und ich kann nicht glauben,“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ihren wildausſehenden Mann anblickte, der den Ton ihrer Stimme gar nicht zu begreifen ſchien, „ich kann nicht glauben, daß die Koͤnigin der Engel ein ſo liebendes Herz ſo allein ſollte brechen laſſen.“ —„Das waͤre nicht das erſtemal,“⸗ ſagte Antonio, „daß Bruder und Schweſter eines vor dem andern ſterben. Ueberdies habe ich mit meinen eigenen Au⸗ gen dieſen entſetzlichen Anblick anſehen muͤſſen und haͤtte damals ſo gern gewuͤnſcht, in den Schooß mei⸗ ner Mutter oder in den des Erloͤſers zuruͤckkehren zu koͤnnen. Ich war gerade bei dem Obriſten, als — 159 wir die ganze Linie vor uns dahinſinken ſahen. Au⸗ ßer ſich vor Zorn und Betruͤbniß nahm er den De⸗ gen in die Hand und ſtuͤrzte ſich auf die Henkers⸗ knechte los, die ihn mit leichter Muͤhe entwaffneten und ihn nach einem benachbarten Poſten abfuͤhrten. Ich eilte nun fort, um meinen Bruder aufzuſuchen, den hochehrwuͤrdigen Fray Aparicio, einen wahr⸗ haften Heiligen von Kapuziner, der oft Erſcheinun⸗ gen des Erzengel Michael hat, und ich war feſt uͤber⸗ zeugt, daß ich mit ſeinem Beiſtande die Befreiung des tapferſten Kavaliers, der jemals in ganz Spa⸗ nien exiſtirt hat, bewirken wuͤrde.—„Ich bitte um Verzeihung, Menſch!“ ſagte drauf Bartolomeo, „ohne mich wuͤrde Don Alonſo jezt bereits in den Haͤnden des heiligen Himmelſchluͤſſeltraͤger ſein. Ich kam gerade dazu, zerbrach ſeine Feſſeln, und entriß ihn faſt wider ſeinen Willen der Wuth dieſer Dieger, denn in ſeiner Verzweiflung forderte er mit lautem Geſchrei den Dod. Ich ſagte ihm indeß: Wenn du ein Mann biſt, ſo ſtirb nicht eher, als bis du dich geraͤcht haſt, und wenn du ein Spanier biſt, ſo ſtirb nicht eher, als bis du geſiegt haſt. Freilich mag wohl hauptſaͤchlich der Moͤnch und ſeine Gebete ur⸗ ſache geweſen ſein, daß die Kraft meines Armes ſiegte; indeß da hatte er doch auch ſpaͤterhin verhin⸗ dern ſollen, daß ich nicht in die Klauen jenes Trupps von Affen gerieth, die mich zwanzig Tage lang in ei⸗ nem Kerkerloche gefangen hielten,— mich, den Gott zu einem Aragonier, und mein eigener Degen zu einem freien Manne gemacht hat. Indeß, gelobt 160 ſei die Mntter Gottes!“ fuhr er fort, indem er ſei⸗ nen Hut abnahm,„unſere liebe Frau del Pilar*) hat niemals diejenigen verlaſſen, die ſich ihrem Dienſt widmeten. Sie hielten Gericht uͤber mich, doch, als ſie mich eben zum Richtplatze fuͤhrten, ſagte einer von den Gerichtsdienern ganz laut: Wenn man einen Gefangenen fuͤhrt und er will entwiſchen, ſo macht man ihn ſogleich todt; indeß, was hinter uns vor⸗ geht, ſehen wir ja nicht.— So etwas beweiſt doch wohl, daß der Satan, er mag wollen oder nicht, bisweilen genoͤthigt iſt, den Willen Gottes zu thun.“ Dieſes Geſpraͤch zeigte mir recht den weiten Ab⸗ ſtand, der zwiſchen der milden und menſchlichen Ta⸗ pferkeit geſitteter Laͤnder und zwiſchen dem wilden Muthe derer liegt, bis zu denen das wohlthaͤtige Licht der Civiliſation noch nicht zu dringen vermochte. Ich bemerkte, daß alle dieſe Menſchen, die ſich doch meiſt blos dem Raube und dem Diebſtahl gewidmet hatten, von eurem redlichen und freien Volke nicht anders ſprachen, als wie von einem Volke von Treu⸗ loſen. Alles Unrecht, was irgend die Politik des franzoͤſiſchen Kaiſers in der Leitung der Angelegenhei⸗ ten von Bayonne begangen hatte, warf nun auf die ganze franzoͤſiſche Nation die Vorwuͤrfe, die doch blos ihr Oberhaupt verdiente. Die Regierungen koͤnnen niemals Fehler begehen, die nicht zugleich auch ihre Voͤlker in den Augen der Welt anſchwaͤrzten. *) Die Mutter Gottes von Saragoſſa, die in Spanien ganz be⸗ ſonders hoch verehrt wird. Wir waren allmaͤhlig bis an die hinterſten Schluchten der Somo Sierra gelangt, und vor uns zeigte ſich bereits der in die jaͤhen Abhaͤnge des Ge⸗ birges eingeſenkte, gekruͤmmte und ſteile Heerweg von Aranda de Duero. Wir erkannten ihn an den hohen Meilenſteinen, die im Winter bei hohem Schnee dem Wanderer die rechte Bahn finden helfen. Sie war diesmal ganz menſchenleer, blos einige franzoͤſiſche Soldaten lagen hie und da verwundet oder todt um⸗ her. Wir waren von der Heerſtraße durch eine ſteile Abdachung und durch eine tiefe Schlucht getrennt. Die Abhaͤnge des Gebirges boten blos eine oder zwei Schaͤferhuͤtten, einige Baͤume und Felſenbloͤcke zum Schutze dar. Bartolomeo befahl daher, daß man die Pferde nebſt der kleinen Paquita oben auf den Hoͤhen unter der Aufſicht Antonio's laſſen ſollte, und er ſelbſt, begleitet von der Gitana, die zuvor noch einmal ihre Tochter zaͤrtlich umarmte, bevor ſie durch die ſchroffen Felsſpitzen hineilte, vertheilte ſei⸗ nen Drupp hinter alle die Vorſpruͤnge, die geeignet waren, einen Menſchen zu verbergen. Auf einmal ließ ſich eine unterirdiſche Stimme vernehmen. Man ſuchte die Stelle auf, wo ſie hervordraͤnge, und ein Flintenlauf, der uͤber den Erdboden hervorragte, lei⸗ tete uns zu einem verſteckten Loche, hinter welchem ſich ein Kaſtilianer verborgen hielt. Es war ein Schaͤfer aus der Rachbarſchaft, der durch einen ſehr entfernten Eingang in eine Hoͤhle gerathen war, die wahrſcheinlich noch von den Zeiten des Einfalls der Araber herruͤhren mochte, und der aus ihr jene unſicht⸗ IMI. 11 bare Schießſcharte durchgebrochen hatte, um ohne Gefahr von da aus die Feinde erlegen zu koͤnnen⸗ Wir hatten ſeine blutigen Trophaen die ganze Straße entlang vor unſern Augen. Der Eingang zu dieſen unterirdiſchen Minengaͤngen war zu weit entfernt, als daß der Großrichter haͤtte daran denken koͤnnen, ſeine Bande darin unterzubringen, uͤberdies wußte er nicht, ob nicht ſchon alle Franzoſen bereits da vor⸗ beigegangen waͤren. Er beſchloß daher, in dem be⸗ nachbarten Dorfe Kunde einzuziehen und las ſich ei⸗ nige Maͤnner aus der Bande aus, die ihm folgen ſollten. Ich war leider unter der Zahl derſelben. Unſer kleiner Zug erreichte muͤhſam die Heerſtra⸗ ße, um auf demſelben bis zum Doͤrfchen Somo Sier⸗ ra emporzuklimmen. Endlich kamen wir in demſel⸗ ben an. Die Frauen ſpannen vor den Thuͤren ihrer Strohhuͤtten, die Maͤnner dagegen, mit einer engen Montera*) bedeckt und in ihre Maͤntel gehuͤllt, rauchten theils an den Waͤnden ihrer Haͤuſer ange⸗ lehnt, theils auf den Stufen der Ciſterne ſitzend. Ihr Blick ruhte mit einer ſorgloſen und ſtolzen Miene auf einigen franzoͤſiſchen Grenadiren, die ſich uͤber die ſeltſame Miſchung von Armſeligkeit und Wuͤrde zu wundern ſchienen, die ſie an dieſen regungsloſen Dorfbewohnern und in dieſen abſcheulichen Huͤtten antrafen. Einige von euren Soldaten halfen eini⸗ gen ſpaniſchen Bedienten vor der Thuͤr des Wirths⸗ hauſes einen wieder ausbeſſern, deſſen Federn *) Mütze mit einem Aufſchlage auf einer Seite. ——————— auf dem unteren und ſteilen Wege von Somo Sierra zerbrochen waren; es waren die Pagen der Graͤfin von D***. Mein ganzes Weſen erbebte bei dem Gedanken an das Zuſammentreffen mit Matea, und an die Gefahren, denen ſie hier ausgeſetzt ſein wuͤrde. Bartolomeo ſprengte gerade auf dieſe Gruppe los, ſtieg vom Pferde, indem er einen dreiſten Blick um⸗ her warf, band dann ſein Pferd an die Eiſenſtange eines Fenſtergitters und gab uns ein Zeichen, daſ⸗ ſelbe zu thun. Drauf gieng er in die Herberge hin⸗ ein, indem er ſich mit ſeiner Stutzbuͤchſe bewaffnete, wie auch wir thaten; und ſo ſtiegen wir denn eine Treppe, die unter unſeren Tritten zitterte, zum obe⸗ ren Stockwerk hinauf. Der enge und geſchwaͤrzte Saal, in den wir traten, hatte in der Decke eine Oeffnung, die dazu diente, das Tageslicht herein und den Rauch hinaus zu laſſen. Rings um den runden Heerd, der mitten im Zimmer errichtet war, ſtanden Bauern, Soldaten und Frauen; zwei Da⸗ men in zierlichen Basquinen und reichen Schleiern ſaßen unter dem Rauchfange auf der ganz eingeraͤu⸗ cherten Ehrenbank, die man la Gloria nennt. Die Wirthin dieſer armſeligen Herberge ſaß mit ge⸗ falteten Haͤnden ihnen zur Seite und hatte die Augen zur Erde niedergeſchlagen, die ſie blos zuweilen nach zwei Kapuzinern hinwendete, welche mit ihrem Stocke in der Aſche des Heerdes ſpielten. Außer ihnen bildeten noch mehrere Bauern einen Kreis um einen Unteroffizier von der alten Garde und um zwei Grenadiere, die vor dem Feuer auf ihren Torniſtern 14* 164 ſaßen, um ihre ſchlechte Mahlzeit daran zu bereiten⸗ Die Gitana gieng ſogleich hin, und nahm neben den beiden unbekannten Frauen den noch ledigen Platz auf der Gloria ein. Bartolomeo lehnte ſich nach⸗ laͤßig auf ſeine Buͤchſe, Don Eſtevan richtete an die Geſellſchaft eine feierliche Begruͤßungsformel, welche die Franzoſen ihm zur Haͤlfte erwiederten, und die ganze ſeltſame Geſellſchaft, worin alles ein drohen⸗ des Anſehen hatte, außer den Soldaten, blieb in tiefes Schweigen verſenkt. Endlich nahm einer von ihnen, der auf der Bruſt die Belohnung fuͤr gelei⸗ ſtete Dienſte trug, das Wort und ſagte zu dem Un⸗ teroffizier, indem er ſeinen Knebelbart heraufſtrich: „Bertrand, weißt du wohl, der wievielte heute iſt?“ —„Ja wohl, Furchtlos,“ erwiederte der Haus⸗ genoſſe der Graͤfin, der eifrige Anbeter der Donna Ines,„es muß heute gerade der Jahrestag der Schlacht bei den Pyramiden ſein!“ und dann be⸗ gann wieder das vorige Stillſchweigen. Indeß der andere Grenadier fuhr nach einer Weile fort:„ Da⸗ mals war der kleine Korporal noch nicht ein ſo di⸗ cker Herr, wie er heute iſt.“—„ Nein,“ erwie⸗ derte Bertrand,„damals war noch nicht die Zeit der Freiheitskriege.“—„ Weißt du wohl, Ser⸗ ſchant,“ fuhr der Soldat von der Ehrenlegion fort, „daß man ſich hier in dieſem elenden ſchwarzen Loche recht gut in die Katakomben von Theben zuruͤckden⸗ ken kann. Sieh nur einmal, ſehen dieſe unheilver⸗ kuͤndenden Voͤgel dort nicht aus, als waͤren ſie mit Stroh ausgeſtopft; ſie ruhren ſich eben ſo wenig von 165 der Stelle, als die Mumien.“— Bei dieſen Worten ſah der Unteroffizier ſich um, und ſagte dann:„Wenn ich mich nicht ganz irre, ſo ver⸗ dankt der beſtgekleidetſte dieſer zerlumpten Roͤmer mir ſein Leben; er ſieht dem Aufruͤhrer, den ich ge⸗ ſtern laufen ließ, zum Erſchrecken aͤhnlich. Man wollte uns da zu einem ſehr nichtswuͤrdigen Gewerbe brauchen. Ich habe nichts lieber, als wenn ich Spanier auf dem Schlachtfelde niederſchießen kann; aber außerdem mag ich ſie nicht verfolgen. Dieje⸗ nigen, welche ich am 2. Mai niederſchießen ließ, ſind dadurch viel beſſer dran.“—„Heiliger Gott!“ fuͤgte Furchtlos hinzu,„der Geſchorene da macht ſich uͤber uns luſtig. Wenn er den Soldaten blos fuͤnf Sous taͤglich giebt, ſo geſchieht es darum, weil es eine Ehre iſt, Soldat zu ſein.“ Ich neigte mich zu Bartolomeo hin, um ihm, ohne mein Geſicht zu enthuͤllen, zuzufluͤſtern, daß Bertrand ſein Befreier ſei.—„Ich habe ihn gleich erkannt,“ antwortete er mir.—„Ihr werdet ihn alſo wohl nicht angreifen?“— „Warum nicht?“ verſetzte er ganz kalt. Bei die⸗ ſer Aeußerung ſtieß die Gitana, die ſich uns genaͤ⸗ hert hatte, einen Schrei aus; ſie empoͤrte ſich gegen dieſen Beſchluß, und der Aragonier warf auf ſie einen wuͤthenden Blick, und ſchleppte ſie ſo⸗ gleich mit ſich fort. Don Eſtevan folgte ihnen; die Moͤnche und die Bauern giengen ebenfalls fort. Einer von ihnen kam wieder zuruͤck und ſagte mir ins Ohr, daß der General draußen auf mich warte. Ich ließ dem Hauptmann ſagen, er moͤchte nur in⸗ deß voraus gehen, ich wuͤrde augenblicklich nachkom⸗ men, und da die Grenadiere allein den geheimniß⸗ vollen Weggang aller dieſer Leute nicht zu bemerken ſchienen, ſo entdeckte ich ihnen die Gefahr, welche ihnen drohte. Matea, die bisher das tiefſte Schwei⸗ gen beobachtet hatte, brach dies auf einmal und eilte auf mich zu. Ihre Haſt ſchien mir eine Wirkung ihrer Zuneigung zu ſein, allein es war blos eine Folge ihrer Furcht. Sie hob den Schleier auf, der ihr Geſicht verdeckte, und zeigte mir ihre vom Wei⸗ nen angeſchwollenen Augen.„Was macht ihr hier,“ ſagte ſie zu mir,„mit dieſen Menſchen, die gewiß Raͤuber ſind, und deren Gegenwart mir einen ſo toͤdlichen Schreck eingejagt hat? Gehoͤrt ihr mit zu ihnen?“—„Nein,“ erwiederte ich,„ich bin ihr Gefangener. Die Vorſehung hat mich unter ſie gerathen laſſen, damit ich euer Leben retten koͤnnte. Dieſer Menſch, der ſo eben hinausgieng, iſt der furchtbare Bartolomeo von Darroca.“— „Wie?“ rief ſie aus;„das war alſo jener Hirt, der den Grafen ermordete? und dieſe Gitana waͤre alſo eben dieſelbe, deren ich mich in Salamanca zu entledigen ſuchte, und die mich ſeitdem mit ihren Erſcheinungen und Hrakeln verfolgt?“ Donna Ines erroͤthete. Die Graͤfin ſtutzte daruͤber, und waͤhrend ſie ihre Camarera fragte, was ſie denn ſo verlegen mache, erzaͤhlte ich dem Serſchanten die Plaͤne und die ganze Stellung der Guerilla. Ich aͤußerte den Wunſch, Matea moͤchte ſich, umgeben 167 von ihren Leuten und ihrer Bedeckung, zu Pferde ſetzen, von der Heerſtraße ablenken, und durch einen umweg die Armee Joſephs zu erreichen ſuchen, die ſich wohl noch am Fuß des Gebirges befinden wuͤrde. Vertrand lachte uͤber meine Furcht. Er konnte nicht begreifen, wie Menſchen, die keine Uniform truͤgen, furchtbar ſein koͤnnten, und ungeachtet mei⸗ ner Vorſtellungen, ja ungeachtet der Bitten der Graͤ⸗ fin, vollendete er ganz ruhig die Zubereitungen zu ſeiner Mahlzeit, indem er zu uns ſagte:„Wenn ihr mich geſehen haͤttet, wie ich in der Wuͤſte mitten unter einem Trupp von Beduinen kleine Windmuͤhlen machte, oder wie ich am Tage vor der Schlacht von Friedland mitten in einem Schwarme von Kalmu⸗ cken mit meinem Feuerſtahl geſtikulirte, ſo wuͤrdet ihr euch nicht uͤber das bloße Wollen eines elenden Aragoniers beunruhigen.“ Als er noch ſo ſprach, kamen Flintenkugeln durch die Heſfnung uͤber unſern Koͤpfen hereingeflogen und zerſchmetterten das eiſerne Gefaͤß, das er in der Hand hielt.„Das regnet ſcharf!“ ſagte ganz kalt der alte Krieger, und griff nach ſeinen Waffen. Ein gleiches Getöſe ließ ſich draußen auf der Straße hoͤ⸗ ren, und ein Franzoſe fiel von einem ſolchen Schuſſe ganz in unſerer Naͤhe todt nieder. Seine Waffen⸗ gefahrten, die voll Verwunderung zwar die ſchreck⸗ lichen Wirkungen der Kugeln ſahen, aber nicht die Haͤnde, von denen ſie abgefeuert wurden, ſtellten ſich vor dem Wagen Matea's in Ordnung; auch die Leute der Graͤfin hatten unterdeß angeſpannt, da 168 ſie gern abreiſen wollte, ehe noch die ganze Bevoͤl⸗ kerung des Dorfs, um uns zu belagern, herbeikaͤme. Donna Ines ſtieg zuerſt ein. Da kam durch die Wand des halbzerbrochenen Bretterverſchlages eine Axt geflogen, ſchlug dicht neben ihr auf, und wuͤrde ſie vielleicht leblos zu Boden geſtreckt haben, wenn Bertrand, der ſie keinen Augenblick aus den Augen ließ, nicht ſeine Flinte dem fuͤrchterlichen Wurfe entgegen gehalten haͤtte. Doch nicht zufrieden da⸗ mit, ſeiner Geliebten das Leben gerettet zu haben, verlangte er auch noch Genugthuung fuͤr den treulo⸗ ſen Angriff, der auf ſeine Leute gemacht worden, und ſo wurde denn die Wohnung dieſer wilden Feinde ohne Barmherzigkeit in Brand geſteckt. Ich beſtand darauf, daß unſer kleiner Zug abgelegene Nebenwege einſchlagen moͤchte; allein der Serſchant wies fort— waͤhrend meinen guten Rath zuruͤck, und nachdem er noch eine Weile darauf Acht gegeben, daß niemand das Feuer loͤſchen moͤge, ſetzte er ſeinen todten Ka⸗ meraden auf den aͤußeren Wagenſitz, um ihm ſpaͤter einſt die lezte Ehre erzeigen zu koͤnnen. Das Zeichen zum Aufbruch ward nun gegeben. Wir flogen raſch durch das Dorf, deſſen Bewohner immer noch regungslos auf den Schwellen ihrer Haͤuſer ſtanden und uns ruhig voruͤberziehen ſahen. Jezt mußten wir, mit den Grenadieren gleichen Schritt haltend, den langen Abhang der Somo Sierra hinunter fahren. Der Serſchant gieng ganz allein an der Spitze, ſein kleiner Trupp gieng zu bei⸗ den Seiten des Wagens; ich, der ich nebſt zwei Pa⸗ ————— 169 gen der Graͤfin zu Pferde war, zitterte fuͤr ihr Leben, als ich ſie in dieſe Thalſchluchten hinabfahren ſah, die, wie ich wußte, von Meuchelmoͤrdern wimmelten. Oben auf den Bergen herrſchte das tiefſte Schwei⸗ gen, alles war einſam und oͤde, doch jeden Augen⸗ blick ſchritten wir uͤber menſchliche Leichname dahin. Einige derſelben waren an Baumſtaͤmme befeſtigt, oder in laͤcherlichen Stellungen hingepflanzt, und gaben dadurch hinlaͤnglich zu erkennen, welche Feinde ihnen das Leben geraubt hatten. Matea war vor Schrecken halbtodt, mir ſelber war, als ob ich zum Richtplatz gefuͤhrt wuͤrde, und ich ſah, wie unſere ohnmaͤchtigen Beſchuͤtzer, dieſe Maͤnner, die ſich vom Suͤderſee bis zu den Katarakten des Nils mit Ruhm vedeckt hatten, ſich uͤber eine Art der Kriegfuͤhrung wunderten, wo man umkommt, ohne zum Kampf gekommen zu ſein, und wo man unterliegt, ohne beſiegt zu ſein. Da pfiff plötzlich eine Kugel durch die Fenſter des Wagenſchlages, und ſtreckte einen von den Pa⸗ gen Matea's todt nieder. Der Poſtillion peitſchte nun auf ſeine Mauleſel los, und brachte ſie in Ga⸗ lopp. Bertrand, der raſch bei Seite getreten war⸗ um den Wagen vorbeizulaſſen, ſah ſich nach den Fein⸗ den um, bemerkte aber niemanden; er maß mit den Augen die Schlucht, die ſie wahrſcheinlich von ihm trennte, und ſah, daß der Abgrund viel zu ſteil war, um hinuͤberkommen zu koͤnnen. Drauf ſtieg er mit dem Gewehr im Arm und ohne ſich zu beeilen, an 170 der Spitze ſeiner Leute, die eben ſo ruhig waren wie er, den ſteilen Abhang immer weiter hinunter, und dieſe Braven beſchleunigten nicht eher ihre Schritte, als bis ſie ſahen, daß der Wagen zerbrochen ſei, und daß die Graͤfin nebſt der Camarera ihres Beiſtandes beduͤrften. Jezt ſtuͤrzte ein moͤrderiſcher Hagel von Kugeln auf uns los; der Poſtillion, ein zweiter Page, mehrere Mauleſel und ein Grenadier ſturzten regungslos zu Boden, und nur mit Muͤhe vermoch⸗ ten wir die beiden in Ohnmacht geſunkenen Frauen zu unterſtuͤtzen. Wir wuͤrden alle daſelbſt umgekom⸗ men ſein, wenn nicht am Abhange des Berges die Gitana erſchienen und den unſichtbaren Kriegern, die uns den Tod zuſandten, zugerufen haͤtte:„Hal⸗ tet ein oder tdtet mich! Haltet ein! ihr toͤdtet ſonſt den Mann, der mir das Leben und tauſendmal mehr gerettet hat, ohne Abſolution!“ BVei dem Zurufe der Gefaͤhrtin Bartolomeo's hoͤrte das Feuern ploͤtzlich auf. Matea, die ſich von ihrem Schrecken etwas erholt hatte, konnte ſich jezt auf mich ſtuͤtzen; Donna Ines, vor welche ſich Bertrand wie eine Mauer hingeſtellt hatte, um den Tod von ihr abzu⸗ wehren, ergriff voll innerer Bewegung den Arm des unteroffiziers, und ſo begaben wir uns eiligſt auf die Flucht; zwei einzelne Kugeln kamen uͤber die Gi⸗ tana hinweg noch hinter uns her geflogen, und noch ein Grenadier fiel.„Waffen bei ſich zu haben, und ſie doch nicht gebrauchen koͤnnen“ ſagte Ber⸗ trand, indem eine Thraͤne uber ſeine von ruͤhmlichen Narben gefurchte Wange herabrann;„dieſe Feig⸗ 171 herzigen! ſie tödten uns, wollen ſich aber nicht ſe⸗ hen laſſen!«“ Endlich zeigten ſich die Raͤuber. Einige derſel⸗ ben ſprengten zu Pferde auf den Hoͤhen dahin, da ſie indeß zu weit von uns entfernt waren, als daß ihre Flinten uns haͤtten erreichen koͤnnen, ſo eilten ſie, um uns am Ausgange des Hohlweges hinzu⸗ morden. Schon erblickten wir die weite Ebene vor uns, auf welcher die franzoͤſiſchen Fahnen wehten, aber wir konnten von daher keine Rettung hoffen⸗ Der Arm der Graͤfin, welcher zitternd auf meiner Bruſt ruhte, machte, daß mein Herz eben ſo ſehr von Furcht als von Liebe klopfte. Nie hatte mir der Tod furchtbarer geſchienen, als in dieſem Augen⸗ blicke, und doch ſchien es unmoͤglich, unſerem ſchreck⸗ lichen Schickſale noch laͤnger zu entgehen. Da erſchien, in einen ſchwarzen Mantel gehuͤllt, auf dem gegenuͤber liegenden Berge ein Unbekann⸗ ter, ſprengte pfeilſchnell den duͤrren Abhang herun⸗ ter, dann quer uͤber die Straße hinweg dicht an uns vorbei, hielt einen Augenblick den ſchnellen Galopp ſeines Pferdes an, und eilte dann weiter. Ich konnte von ihm nichts weiter ſehen, als ein Auge, worin ſich neben dem Feuer eines begeiſterten Ge⸗ muͤths die hoͤchſte Verzweiflung abſpiegelte.— „Es iſt Alonſo!“ rief die Graͤfin, die gleich an⸗ fangs ſtehen geblieben war; dann eilte ſie weiter, indem ſie im Tone des tiefſten Schmerzes und Un⸗ willens hinzufuͤgte:„Mußte er mich denn gerade in dieſem Zuſtande der groͤßten Herzensangſt ſehen! 172 welchen Triumph wird ihm meine Demuͤthigung ge⸗ waͤhren!“ Ich konnte blos mit den Augen meinen Bruder verfolgen, der jezt die Ruͤckſeite des Gebirges hinan ritt und gerade auf unſere Moͤrder los gieng. Er ſtreckte den Arm aus, und alle ſenkten vor ihm die Waffen. Die Gitana draͤngte ſich mit den Banditen um die Wette zu der Gunſtbezeigung hin, ihm die Hand kuͤſſen zu duͤrfen; die lauten Beifallrufe zu Ehren des Koͤnigs Don Ferdinand, der Sieger von Baylen, des unuͤberwindlichen General Don Alonſo, verfolgten uns mit ihrem Wiederhall bis an den gro⸗ ßen Marktflecken Boceguillas. Dort kamen wir zu unſerer Freude wieder unter den Schutz der franzoͤ⸗ ſiſchen Armee. Das Geſchrei der Quadrilla hatte in Matea's Buſen eine unbeſchreibliche Angſt er⸗ weckt; ſie weinte vor Verzweiflung; wiederum aber fand ſich ihr Stolz durch die Hilfe gekraͤnkt, die uns Alonſo geleiſtet hatte, und ich fuͤr mein Theil ſeufzte vor Beſchaͤmung, wenn ich an die Waffengefaͤhrten dachte, die mein Bruder unter ſeine Befehle genom⸗ men, an den Beifallruf, der ſeinem Stolze zu Theil geworden, an die Triumphe, womit dieſe Anſtren⸗ gungen gekroͤnt wurden, die man nicht anders, als vaterlandsmoͤrderiſch nennen konnte Indeß die Parthei der Straßenraͤuber hat obge⸗ ſiegt, und ich buͤße in Verbannung und Schande das Unrecht, daß ich nicht gleich ihnen meine Haͤnde in Menſchenblut tauchen mochte. Drittes Kapitel. —— Ich war froh, meine Freundin wiedergefunden zu haben, und ihren kraͤnkenden Argwohn gehoben zu ſehen. Ich erzaͤhlte ihr nun alles, was ich waͤh⸗ rend meines gezwungenen Aufenthaltes unter der Guerilla alles gehoͤrt hatte. Die Aeußerungen der Zigeunerin uͤber das Schickſal Maria's knuͤpften ſich wieder an das Geheimniß, wovon die Graͤfin einſt mit mir geſprochen hatte. Ich drang nun in ſie, daß ſie das Wort, welches ſie mir damals gegeben, jezt halten moͤchte. Wir ſtiegen zu Fuß die Hoͤhen von Aranda de Duero hinan⸗ Es war Abend, und eine liebliche Kuͤhlung folgte auf die brennende Glut des Tages. WVir ſchritten quer durch die Rei⸗ hen franzoſiſcher Soldaten nach einem Gehoͤlz, von wo aus man die Stadt, den Strom, die weiten Ebe⸗ nen und ihre majeſtaͤtiſche Einfaſſung von Gebirgen uͤberſchaute. Matea ſetzte ſich an den Fuß eines Kaſtanienbaumes, reichte mir ihre Hand, die ich voll Zaͤrtlichkeit kuͤßte, und ſagte dann:„Ich werde euch jezt Geheimniſſe entdecken, die ich euch nur un⸗ ter der Bedingung anvertraue, daß ihr ſie ewig in eurem Herzen verſchloſſen bewahret⸗ Indem ich dieſe Eroͤffnungen, die ich durch Zufall begann, bis zu Ende fuͤhre, hoffe ich von euch eine unverletzliche Verſchwiegenheit uͤber dieſen Punkt.“ Ich konnte gar nicht begreifen, wie ihr noch irgend etwas daran liegen foͤnne, die Geſchichte der ner geheim zu halten; indeß gab ich ihr doch das Verſprechen hieruͤber, und ſie fuhr demnach fort: „Einige Jahre nach der Abreiſe eures Bruders nach Amerika lernte ich eure Eltern kennen. Euer Vater bezeigte mir durchaus die zwar etwas ge⸗ ſchmackloſe, aber doch ſehr ehrerbietige Galanterie fruͤherer Zeiten. Ich ſprach mit ihm von ſeinen Feldzuͤgen und von ſeinem Sohne; er war ganz ent⸗ zuͤckt daruͤber. Seine Beſuche bei mir wurden haͤu⸗ ſiger; ich wurde die Vertraute ſeiner haͤuslichen An⸗ gelegenheiten, und bald darauf auch ſeiner Geheim⸗ niſſe. Der gute Kaſtilianer, der auf die Hand Al⸗ douza's rechnete, um ſeinen Alonſo zur Wuͤrde der Grandezza zu erheben, glaubte nun, daß keine Ge⸗ heimniſſe mehr zwiſchen uns obwalten koͤnnten, und ſo erzaͤhlte er mir denn in einer ſeiner Herzensergie⸗ ßungen unter andern auch das, was'ich euch hier wiederhole.“ „Ihr werdet wiſſen, daß eure Mutter vor etwa zwanzig Jahren genoͤthigt wurde, ſich in einem ein⸗ ſamen Winkel Andaluſiens am Fuße des Conſtantina⸗ Gebirges eine Zeit lang aufzuhalten. Donna Leo⸗ nor erfuhr dort mitten unter den heſtigſten Wehen ihrer Entbindung, daß der Meierhof, worin ſie ei⸗ nen Zufluchtsort gefunden, nebſt dem Herzogthume von L*** ſo eben ihrem Verfolger zugefallen ſei. Das Bild des vormaligen Statthalters von Havana, das ihr unter ſolchen Umſtaͤnden vor die Seele kam, erweckte in ihrer Seele die Erinnerung an die aus⸗ 175 geſtandenen Pruͤfungen und die Furcht vor neuen Gefahren. Sie gebar einen todten Sohn. Das dumpfe Schweigen, das um ſie her entſtand, ver⸗ rieth ihr das eingetretene Ungluͤck, und alle dieſe grauſamen Eindruͤcke zuſammen fuͤhrten ſie bis an den Rand des Grabes. Ihre Augen wurden ſtarr, eine Todeskaͤlte uͤberzog ſie, Don Luis glaubte in der Verzweiflung bereits, daß Mutter und Kind auf ewig vereinigt ſeien.“ „Die Paͤchterin, die eure Eltern in ihrer Truͤb⸗ ſal aufgenommen, erwartete ſeit mehreren Tagen ihren abweſenden Ehemann. Sie liebte ihn, wie nur immer Andaluſterinnen lieben koͤnnen, obwohl zwiſchen beiden eine ſehr bedeutende Verſchiedenheit des Alters ſtattfand. Vielleicht mochte der Ruf, welcher der jungen laͤndlichen Frau alle die Aben⸗ teuer, welche ihr Mann waͤhrend ſeiner luſtig ver⸗ lebten Jugend mitgemacht, nur zu treu wiederberich⸗ tet hatte, ihr denſelben nur noch lieber gemacht ha⸗ ben; Frauen ſind auf alles eiferſuͤchtig, ſelbſt auf die Vergangenheit, ſogar auf die Zukunft.“ Matea ſchwieg, ſtand auf, und verfolgte ihren Weg weiter, bis ſie ihren Wagen erreichte, in wel⸗ chen ſie mit mir einſtieg. Ihr Kapellan und Donna Ines befanden ſich bei uns im Wagen; der erſtere verſank indeß ſehr bald in einen tiefen Schlaf.— „Ich kann hier meine Geſchichtserzaͤhlung ſchließen,“ ſieng die Graͤfin wieder an;„Ines weiß alles, was ich euch noch zu ſagen habe. Als die Vertraute mei⸗ ner geheimſten Gedanken erfuhr ſie gleich im erſten 176 Augenblick das Geheimniß, welches damals von kei⸗ ner Wichtigkeit zu ſein ſchien, und ich werde gewiß niemals das Vertrauen zu bereuen Urſache haben, welches ich ihr ſeit zehn Jahren ohne Ruͤckhalt ge⸗ ſchenkt habe.“ Die Camarera neigte ſich auf die Hand ihrer Gebieterin herab, welche ſie mit einer drohenden Aufmerkſamkeit anſah. Endlich war dieſe ſtumme Scene zu Ende, und Matea fuhr fort: „Der Paͤchter uͤberreichte nach den erſten Um⸗ armungen mit Lachen ſeiner Ehegattin einen ſchwe⸗ ren Korb. Sie hob die Decke auf, unter welcher das Geſchenk ihres Mannes verborgen war, und da ſchlummerte ein kleines Maͤdchen von einem oder zwei Monaten, welche durch ihre himmelblauen Au⸗ gen und durch die Goldfarbe ihres keimenden Haa⸗ res anzeigte, daß ſie eine Biscajerin oder Franzoͤſin zur Mutter habe. Die Andaluſierin⸗glaubte nun, ihr Mann ſei ihr untreu geworden, und ſtieß einen Schrei der Verzweiflung aus, wovon das ganze Haus erbebte. Donna Leonor kam wieder zu ſich, ver⸗ langte aber nun, daß man ihr das neugeborne Kind bringen oder ihr den Tod geben ſollte. Don Luis uͤberreichte daher in der Beſtuͤrzung ihr biejenige, die ihr bisher immer euere„Schweſter“ genannt habt. Der mitleidige Landwirth hatte ſie unterweges auf der Heerſtraße gefunden.“ „Eure Mutter faßte mit jedem Tage groͤßere Zuneigung fuͤr die arme Waiſe, die ſie fuͤr ihre Toch⸗ ter hielt, und Don Luis wagte es nie, der zaͤrtlichen Mutter den Irrthum zu benehmen. Der Markis, als er Donna Maria de las Anguſtias heirathete, opferte ſeinen Ehrgeiz und ſeinen Stolz zu Gunſten jener Ricos Homes auf, von welchen er ſie entſproſſen waͤhnte, und deren Rang und Titel er fuͤhrte. Ihr konnt leicht denken, wie groß ſein Un⸗ wille geweſen, ja noch ſein wuͤrde, wenn er je er⸗ fuͤhre, daß eine bloße Luͤge eine ahnen⸗ und namen⸗ loſe Ungluckliche bis zu ſeinem Range emporgehoben habe. Ihr ſeht, Fray Pablo, wie viel euch daran liegen muß, das Wort zu halten, welches ihr mir gegeben habt. Wolltet ihr ſie je verrathen, ſo hieße das, euern Vater der Schande preisgeben.“ Dieſe Erzaͤhlung lenkte einigermaßen unſere Auf⸗ merkſamkeit von den traurigen Scenen unſerer Reiſe ab. Wir erreichten Joſeph endlich in der Haupt⸗ ſtadt von Alt⸗Kaſtilien. Von hier reiſte er nach Ver⸗ lauf von wenigen Tagen nach Miranda ab, und in der leztgenannten kleinen und armen Stadt ſchlug er als ein eben ſolcher Fluͤchtling, wie es der Enkel Ludwigs des Vierzehnten ſo lange geweſen war, ſei⸗ nen Hof oder vielmehr ſein Hauptquartier auf. Die politiſchen Ereigniſſe draͤngten ſich vor un⸗ ſern Augen raſch auf einander. Engliſche Heere waren auf der Halbinſel gelandet, und Junot hatte mit ihnen kapituliren muͤſſen. Der Narkis von la Romana, der ſich durch die Meere des Nordens dem Schwure entzog, den er ſo eben dem Kaiſer geleiſtet hatte, ſaͤumte nicht, der engliſchen Parthei ſeine Truppen und ſeine Talente zum Beiſtand anzubieten. I. 12 178 Die regelloſen Maſſen unſerer Bauern, die immer⸗ fort beſiegt wurden, und immer wieder neu aufſtan⸗ den, ſchienen ſich unter den Streichen euerer Feld⸗ herrn nur zu vervielfaͤltigen; der Ebro war bald fuͤr ſie keine Schranke mehr, ſondern dieſe Heerhaufen unterließen nicht, ſich bis an den Fuß der Pyrenaͤen auszubreiten, und Saragoſſa's hartnaͤckige Verthei⸗ digung ſpannte vollends die Illuſionen, welche der Sieg von Baylen hervorgerufen hatte, bis auf den hoͤchſten Grad. Matea empfieng einen Brief, der mitten unter Ruinen niedergeſchrieben war. „Saragoſſa den 10. Auguſt 1808.“ „Man lebt hier gerade ſo, meine theure Cou⸗ ſine, als ob man tauſend Meilen von der uͤbrigen Welt entfernt waͤre. Wir fertigen von hier Boten an alle unſere Lieben ab, bekommen aber nie Antwort auf unſere Briefe. Gleichwohl iſt das Geruͤcht von einem Siege, den die ſpaniſchen Heere im Suͤden erfochten, bis zu uns hindurchgedrungen; allein die Schilderungen, welche der Ruf davon macht, haben eine gar zu verdaͤchtige Aehnlichkeit mit denen, welche die Geſchichte von den Schlachten entwirft, die un⸗ ſere Vaͤter den Saracenen abgewannen. Man ſpricht von dreimal hundert tauſend Gefangenen.“ „Dieſe Nachrichten kamen mit einer Zufuhr von Lebensmitteln, von Pulver und Waffen durch die Linien unſerer Belagerer. Alle Papiere und Brief⸗ ſchaften waren waͤhrend des Handgemenges verloren gegangen. Die Soldaten, welche dieſe Vorraͤthe begleiteten, wußten uns nicht einmal den Namen des Generals zu nennen, dem wir dieſe heilſame Unter⸗ ſtuͤtzung verdanken. Sie ſagten uns blos, daß ihr braver Befehlshaber noch ſehr jung waͤre, eine ſchwarze Schaͤrpe truͤge, und ſeinen Truppen zum Feldgeſchrei die Worte gegeben: Don Ferdinand, Vaterland und Rache! Das iſt der Wahlſpruch des ganzen Spaniens.“ „Lebet tauſend Jahre, Couſine meines Herzens, fuͤr die liebenswuͤrdige Sorge, die ihr getragen habt, mir ein Plätzchen in euerer Erinnerung zu bewahren. Euch verdanke ich es, daß ich mich auf einen Augen⸗ blick in die Mitte von Madrid verſetzt glaubte, und ſelbſt eure Vorwuͤrfe und Ermahnungen vermochten nicht die Freude zu ſtoͤren, welche dieſe Taͤuſchung in mir hervorbrachte. Bei Leſung eueres Schreibens fehlte wenig, daß ich nicht fuͤr die Franzoſen dieſelbe Zuneigung wieder gefaßt haͤtte, die ich vormals fuͤr ſie fuͤhlte. Ihre Generale naͤmlich haben ſelber euern Brief an Palafox befoͤrdert, und ich habe, eu⸗ rem Beiſpiel zufolge, mich eben dieſer Herren als Briefboten bedient. So eben iſt ein junger Offizier, deſſen Tapferkeit und Jugend uns eine gleich große Theilnahme einfloͤßten, nach einem wackern Wider⸗ ſtande beim Angriff auf das Gemach, worin ich ſchreibe, gefangen genommen worden. Haͤtte man ihn quer uͤber die Straße hinuͤber abgefuͤhrt, ſo wuͤrde er lebendig mitten unter Leichen begraben 2 180 worden ſein, von einem Volke, bei welchem die Er⸗ bitterung jedes Mitleid erſtickt. Wir haben daher beſchloſſen, ihn nach unſerem Abzuge in demjenigen Stockwerk zuruckzulaſſen, mit deſſen Vertheidigung wir jezt ſo eben beſchaͤftigt ſind. Zur Erwiederung unſerer Menſchlichkeit hat er uns dagegen verſpro⸗ chen, alles anzuwenden, daß unſere geheimen Briefe an den Ort ihrer Beſtimmung gelangen.“ „Mit Zittern ſchreibe ich in der Eile dieſe we⸗ nigen Zeilen nieder. Meine Hand, die ſeit langer Zeit blos die Steinhaue und den Degen zu fuͤhren gewohnt iſt, kann nur mit Muͤhe die Feder halten, und doch werde ich, ſo viel an mir liegt, dieſe brief⸗ liche Mittheilung verlaͤngern, die lezte vielleicht, die ich an die Lebenden abgehen laſſe.“ „Seit ſieben bis acht Wochen ſind wir nun ſchon von allen Schreckniſſen einer eben ſo neuen als ſchrecklichen Belagerung umgeben. Saragoſſa hat keine Feſtungswerke, aber es hat Koͤpfe und Arme zur Vertheidigung. Seine Thore, die Tag und Racht offen ſtehen, haben bereits ſehr lange der franzoͤſiſchen Tapferkeit getrotzt. Gegenwaͤrtig be⸗ findet ſich bereits die Haͤlfte der Stadt in der Ge⸗ walt der Belagerer, das heißt, die Schutthaufen derſelben; denn die Haͤuſer, welche alle in Feſtungen verwandelt ſind, fallen blos immer eines nach dem andern in ihre Haͤnde. Bei jedem derſelben muͤſſen ſie einen beſonderen Laufgraben eroͤffnen, und einen foͤrmlichen Sturm beginnen, um jede einzelne Ruine wegzunehmen; ja wegen jedem Belagerer, der da 184 faͤllt, muſſen ſie erſt jedesmal einen Sieg erfechten. Durch eine zweimonatliche Erfahrung belehrt, haben wir jezt gelernt, unſere Waͤnde und Stubendecken durch Haare, Wolle und Menſchenleichen zu verdop⸗ peln und zu verſtaͤrken; unſere Wohnungen ſind Graͤber, in welche nicht eher das Tageslicht herein⸗ dringt, als bis es der Bombe gelingt, oben durchs Dach einzubrechen. Ihr werdet leicht einſehen, daß in dieſem Kampfe Saragoſſa bereits einen großen Theil ſeiner Vertheidiger eingebuͤßt hat; allein gleich⸗ wohl ſind wir unſer noch dreißigtauſend, die noch nicht todt ſind.“ „Unſer Vertheidigungsheer beſteht aus den Land⸗ leuten der umgegend, die lieber hierher flͤchteten, als ſich dem Geſetz der Fremden unterwarfen, aus den Bewohnern der Stadt und aus Moͤnchen, die auf einmal in Soldaten, ja in Helden umgewandelt worden ſind, und ein ſolches Heer wird weder ka⸗ pituliren noch fliehen. Die Frauen, mit der Flinte im Arm, beſtaͤndig auf den zerſchoſſenen Mauertruͤm⸗ mern ſtehend, beſtaͤndig nach dem Ehrenpoſten hin⸗ eilend, den die Kirchenglocke uns anweiſt, keinen Schlaf, ſondern blos den Hunger kennend, in einer verpeſteten Atmoſphaͤre lebend, blos Thraͤnen, Blut, rauchende Truͤmmer, den Namen des Koͤnigs, die Ehre des Vaterlands und die Religion vor Augen habend, unterſtuͤtzen unſeren Muth, dieſe Frauen, die ich bisher bereits zu lieben vermeinte, die ich aber jezt erſt kennen und werthſchaͤtzen gelernt habe.“ „Die Maͤbchen, die Hausmuͤtter bilden foͤrm⸗ liche Kriegsſchaaren, deren Beiſpiel uns ermuntert, deren Beifall uns belohnt, und ſo oft eine toͤdtliche Kugel einen von uns an ihrer Seite niederſtreckt, ſo zeigen ihre Blicke nach dem Himmel hin, wohin ſie uns bald nachzukommen gedenken. Die Graͤfin Bu⸗ rita, deren Name von nun an der Geſchichte ange⸗ hoͤrt, ſteht an der Spitze dieſer Amazonen. In den Reihen derſelben ſucht ſich auch die Frau zu verber⸗ gen, deren Stimme die Kriegerrotten, die ich unter meinen Befehlen habe, verſammelt hat. Umſonſt wuͤrde man ihr, die uͤberall ſchuͤchtern iſt, außer auf dem Schlachtfelde, den Oberbefehl angeboten haben; ſie verlangt vom Himmel blos eines, die Rettung ihres Vaterlandes, und ſie will von den Menſchen nichts, als daß ſie das, was ſie fuͤr ſie gethan, ver⸗ geſſen ſollen. Obwohl ſie die erſte iſt, wenn es darauf ankommt, unſeren erſchoͤpften Batterien Bei⸗ ſtand zu leiſten, oder wenn es darauf ankommt, un⸗ ſere Verwundeten dem Feinde zu entreißen, oder ihre Wunden unter dem Feuer des Feindes zu verbinden, ſo verſchweigt ſie dennoch ihren Namen der Dank⸗ barkeit aller, und ein dichter Schleier entzieht ihr Angeſicht den Blicken eines jeden. Die Entſagun⸗ gen, welche der hieſige Aufenthalt von jedem for⸗ dert, die Groͤße der Gefahren, der furchtbare Kampf, worin Spanien verwickelt wird,— nichts befrem⸗ det ſie; blos eines,— die Bewunderung, die man ihr zollt. Ihre Kuͤhnheit, ihre Mildthaͤtigkeit, ihre Anmuth, ihre Engelshuld entzuͤcken uns, und dabei 183 weiß ſie gar nicht, baß alle dieſe Himmelsgaben ihr eigen ſind. Ich bewundere es, wie man den holden und lieblichen Reiz eures Geſchlechts mit den Tu⸗ genden des unſrigen vereinigen kann; ja ſie laͤßt mich fuͤhlen, daß die Frauen nicht ſolche Geſchoͤpfe wie wir ſind, daß ihr die Engel der Erde ſeid.“ „Ich ſchreibe euch aus dem Palaſte des lezten Großrichters. Neben mir weint nicht etwa, ſon⸗ dern betet eine junge Aragonierin, deren Mann ſo eben im lezten Sturm gefallen iſt, als die Franzoſen das Stockwerk, unter welchem wir uns jezt befinden, eroberten,— ein Triumpf, der ihnen ſo theuer zu ſtehen gekommen iſt, daß ſie ſeitdem ausruhen, und uns ebenfalls ausruhen laſſen. Die ungluͤckliche, die ihren Gatten uͤberlebt hat, ſaͤugt ſo eben die Frucht ihrer Liebe an ihrer Bruſt, und zwar zum leztenmale; denn ſie iſt entſchloſſen, hier zuruͤckzu⸗ bleiben, ſobald dieſer Saal, deſſen Waͤnde ſchon von drei Seiten her durchloͤchert ſind, vollends vom Feinde erſtuͤrmt wird. Unſere Heldin bittet ſie im Namen des Kindes, das an ihrer Bruſt liegt, ſich mit uns, ſobald dieſer Augenblick da ſein wird, in die Keller des Gebaudes zuruͤckzuziehen, um von da aus ſodann ins anſtoßende Nachbarhaus uͤberzuge⸗ hen; allein alle unſere Bemuͤhungen ſind nicht im Stande ihren Willen zu beugen. Und dennoch haͤtte eine Mutter, wie ſie iſt, wohl das Recht dazu, wenn ſie den Augenblick, wo ſie ihrem Vaterlande die lezte Schuld zu entrichten hat, noch weiter hinaus ſchoͤbe.« 5 184 „Ihr könnt euch leicht denken, was das fur ein Leben iſt, das halb unter den Gefuͤhlen des Sieges, halb unter denen des Maͤrtyrerthumes, das mitten unter Kampf und Zerſtoͤrung, unter einem ganzen, zum Opfertode beſtimmten Volke, unter Haufen un⸗ begrabener Leichname gefuͤhrt wird, unter den Ab⸗ ſchiedsgruͤßen, welche jeder ſtuͤndlich an ſeine Lieben, an ſein Vaterland, an ſeine ehrgeizigen Hoffnungen, an ſeine ganze Lebenszukunft richtet. Ich betrachte oft, ohne es ihnen gleichthun zu koͤnnen, dieſe Soͤhne Aragoniens, wie ſie in ihren Schlachten eben ſo ru⸗ hig ſind, als bei ihren Feſten, und wie ſie mitten unter den ſchrecklichſten Ereigniſſen jene kaltbluͤtige Majeſtaͤt zu behaupten wiſſen, welche unſere Ge⸗ ſchichtſchreiber und Mahler den altroͤmiſchen Sena⸗ toren zu ertheilen pflegen.“ „In unſerer Stadt, wo faſt nichts als Schwer⸗ ter und Aſche mehr zu ſehen ſind, wo alles kämpft, hat gleichwohl der oͤffentliche Gottesdienſt noch ſei⸗ nen ganzen Pomp beibehalten. Prozeſſionen, von dem ganzen ſchimmernden Prunk umgeben, den un⸗ ſere Vaͤter fuͤr die heiligen Aufzuͤge beſtimmten, durchziehen ohne Unterlaß die halb eingeaſcherten Straßen, miſchen die Melodien heiliger Lobgeſaͤnge unter das Geſchrei der Belagerten und unter den Donner des franzoͤſiſchen Geſchuͤtzes, und beten fuͤr ein Vaterland, das noch lebt, waͤhrend ſie uͤber die Leichen von Frauen und Buͤrgern hinſchreiten, die fuͤr daſſelbe gefallen ſind. Dieſe Diener des Frie⸗ densgottes, welche die gemeinſame Gefahr zu Buͤr⸗ 185 gern gemacht hat, ſprechen mit uns und ſegnen uns im Namen des Gottes der Kriegsheere, und pflan⸗ zen die kriegeriſche Begeiſterung, die ſie ſelber be⸗ ſeelt, in die Gemuther anderer. Ganz gewiß haben dieſe religioſen Aufzuͤge eine ſehr große Gewalt uͤber die Einbildungskraft; alles wird dann leichter zu ertragen, der Tod wie der Sieg.“ „O Matea, was ſprichſt du von Klugheit, von Ordnung, von allgemeinem Frieden? Auf dieſem Schauplatze des Ruhms muß die Vernunft eben ſo gut walten, wie die Gerechtigkeit. Warum kannſt du nicht dieſes weite Grab betrachten, worin eine ungeheure Volksmaſſe jeden Dag den Wunſch wie⸗ derholt, auf den Gebeinen ſeiner Vaͤter ſterben zu koͤnnen? Du wuͤrdeſt da einen Anblick ſehen, wel⸗ cher ewig der Nachwelt vorſchweben wird. Die Na⸗ tion ſchien in Schlummer geſunken zu ſein, jezt iſt ſie auf einmal erwacht, um zu zeigen, was ſie einſt zu den Zeiten Sagunt's und Numantia's geweſen iſt. Saragoſſa, dieſes Bollwerk der ſpaniſchen Un⸗ abhaͤngigkeit, lange Zeit hindurch die Hauptſtadt des freieſten Koͤnigreiches der Erde, nachdem es mit an⸗ ſehen mußte, wie das Henkerbeil der Despoten ſei⸗ nem Großrichter den Kopf abſchlug, wird einſt aus ſeinen Ruinen einen National-Kongreß hervorge⸗ hen laſſen, der das Ohr unſerer Koͤnige wieder zwin⸗ gen wird, noch einmal das heilſame Wo nicht, Nein! anzuhoͤren.“ „Lebet wohl, Couſine meines Herzens! Voll TDraurigkeit denke ich daran, daß ich euch vielleicht 186 nie mehr wieberſehen werde; aber ich bin ſtolz dar⸗ auf, wenn ich daran denke, daß ihr dereinſt mit Stolz einen Brief werdet aufweiſen koͤnnen, der aus den Aſchenhaufen Saragoſſa's datirt iſt.“ „Zu euern Fuͤßen, euer Couſin, D. S. K.“ „Don Carlos.“ Den tapferen Widerſtand der Hauptſtadt Arago⸗ niens, der damals von der engliſchen Parthei mit ſo viel Enthuſiasmus geprieſen wurde, wird gewiß auch dereinſt die Nachwelt ruͤhmen, dieſe ferne und taͤu⸗ ſchende Stimme, welche den Schickſalsbeſchluͤſſen als Echo dienend durch die Jahrhunderte hin ertoͤnt. Dem Zeitgenoſſen, der durch keinen Partheigeiſt be⸗ thoͤrt, durch keinen magiſchen Schimmer geblendet wurde, kommt es zu, Auskunft daruͤber zu geben, wie funfzigtauſend Menſchen, geleitet durch Moͤnche, die trunken von Wuth und Religionseifer waren, aufrecht erhalten durch Mirakel, durch Gold und durch luͤgenhaft ausgeſprengte Geruͤchte, durch das blutige Gemetzel zu immer neuen Kaͤmpfen Tag fuͤr Tag erbittert, großentheils nur aus rohen Hirten, Schleichhaͤndlern und waffengeuͤbten Raͤubern beſte⸗ hend, im Stande waren, eine Stadt, deren Stra⸗ ßen eng, deren Gebaͤude feſtungsartig gebaut, deren Einwohner eben ſo halsſtarrig als aberglaͤubiſch, und deren Zugaͤnge von allen Seiten her ſehr ſchwierig ſind, mehrere Wochen lang zu vertheidigen. Das Belagerungsheer, vier bis fuͤnfmal geringer an Zahl, ——————— 187 als die Beſatzung, entbloͤßt von Schießbedarf und Mundvorrath, unaufhoͤrlich von feindlichen Banden beunruhigt, hatte bereits einen großen Theil der Stadt eingenommen, als ſie bei Annaͤherung der ganzen Volksmaſſe von Valencia und Murcia, welche Caſtannos herbeifuͤhrte, die Belagerung des noch uͤbrigen Theils von Saragoſſa aufheben mußte. Das Wunderbare der Sache lag keinesweges an der Vertheidigung, ſondern einzig und allein an dem bis dahin errungenen Waffenerfolg; allein die Stim⸗ mung der Gemuͤther war von der Art, daß der Volksaufſtand dadurch einen neuen Schwung er⸗ hielt. Die Gaͤhrung ſtieg immerfort, und es offen⸗ barte ſich eine Ueberſpannung, die noch beklagens⸗ werther war, als die Zuflucht, die man zu den Waf⸗ fen genommen. Die Empoͤrer ſuchten einen Namen, der durch den Zauber großer Erinnerungen die Stelle des abweſenden Koͤnigthumes vertreten und ſich mit demſelben Schimmer umgeben koͤnnte, und alle dach⸗ ten daher an Cortes. Die Moͤnchsparthei wollte ſich derſelben bedienen, um ihre vormalige Macht wiederzugewinnen, und ſie durch dauerhafte Staats⸗ einrichtungen gegen die Eingriffe der Regierung zu ſchützen, die Neuerer wuͤnſchten gleichfalls den Staat nach ihrer Weiſe einzurichten; doch alle diejenigen Maͤnner, die ſich irgend in der Staatsverwaltung, in den Kuͤnſten und Wiſſenſchaften ausgezeichnet hat⸗ ten, waren auf unſerer Seite, oder wuͤnſchten we⸗ nigſtens insgeheim unſere Ruͤckkehr. Die Parthei der gewaltſamen Staatsverbeſſerer, die ohne An⸗ 188 führer war, war dem Geſchrei eines tollen Haufens preisgegeben. Von einem Ende der Halbinſel bis zum andern ſtiegen ungeſtraft Wuͤnſche auf, die aller geſellſchaftlichen Ordnung feindſelig waren, und un⸗ ſere Gregore und Torquemada's boten den Waſhing⸗ ton's und Mirabeau's unſerer Straßenecken die Hand. Bei ſolchen Zerruͤttungen fuͤhlte der franzoͤ⸗ ſiſche Kaiſer, daß eine maͤchtige Entwickelung aller Streitkraͤfte noͤthig ſei, um Spanien den Zuckungen dieſer blutigen Anarchie zu entreißen. Ein gewal⸗ tiges Heer ſammelte ſich daher zu dieſem Zweck am Fuße der Pyrenaͤen. Am Hofe zu Miranda war die Menge ſpaniſcher Flaͤchtlinge mit franzoͤſiſchen Offizieren und Beamten zuſammen verſchmolzen, und dieſer taͤgliche gegen⸗ ſeitige Verkehr brachte zahlreiche Zwiſtigkeiten her⸗ vor. Waͤhrend die engliſche Parthei uns anklagte, daß wir unſer Vaterland den Freinden uͤberlieferten, vertheidigten unſere Staatsſekretaͤre mit vieler Ener⸗ gie die Unabhaͤngigkeit des katholiſchen Koͤnigreiches gegen die Anſpruͤche der Krone Frankreich. Dieſe unaufhoͤrlichen Kaͤmpfe zweier entgegengeſetzten Ge⸗ walten brachten es endlich dahin, daß die treuen Diener Joſeph's, und andrerſeits die Generale und Miniſter ſeines Bruders ſich wie zwei feindliche Heere einander gegenuͤber ſtellten. Ungeachtet der Bemuͤ⸗ hungen des Prinzen noͤthigten uns die jeden Tag wie⸗ derkehrenden Verletzungen unſeres Nationalſtolzes, meiſt nur mit unſern Landsleuten umzugehen. Der alte Markis von C**, der im vorigen Jahre zum erſtenmal die Verweiſung vom Hofe ken⸗ nen gelernt hatte, mußte jezt zum erſtenmal erfah⸗ ren, was Unfaͤlle ſind. Eines Tages, als wir ſo eben aus den Zimmern des Koͤnigs heraustraten, ſpazierten wir mit einander auf der Heerſtraße von Burgos entlang, und ſehr bald gelangten wir an den Fuß der erſten Anhoͤhen der Bergkette von Occa. Zu unſerer Rechten zogen ſich die Berge hin, an die ſich etwas weiter entfernt der Felſen Pancorbo anlehnt, zu unſerer Linken dagegen tiefe Schluchten und ſteile Thalgruͤnde. Auf einmal ſprengt mitten aus den Felſen, welche den Weg einfaſſen, ein Reiter hervor und ruft:„Seid gegruͤßt, Herr Markis, dich ge⸗ rade ſuche ich.“ Der Unbekannte ſpringt ſodann vom Pferde, druͤckt dem Kammerherrn die Hand, entdeckt ſich und zeigt dem erſtaunten, daß er ſein Neffe Don Carlos ſei. Es gab waͤhrend dieſes gan⸗ zen beklagenswerthen Krieges kein groͤßeres ungluͤck fuͤr die franzoͤſiſchen Heere, als die Leichtigkeit, wo⸗ mit Offiziere des Volksaufgebots unter dem Schutz der Nationalfarben bis in das Heerlager Joſephs einzudringen vermochten. Der Gardeobriſt kam ſo eben aus dem befreiten Saragoſſa. à „Ich habe mich,“ ſagte er,„blos darum in dieſe Gegenden, welche Pepe noch immer inne hat, her gewagt, um dich im Namen aller derer, die dir theuer ſind oder vielmehr theuer waren, zu bitten, daß du dich doch von dieſer ruchloſen Sache losſagen moͤgeſt. Du kannſt nicht ſagen, daß die Piſtole, 190 welche Napoleon unſerem Don Ferdinand an die Kehle geſetzt, ſeine Abdankung zu einer rechtmaͤßigen gemacht habe, noch auch, daß Karl der Vierte das Recht gehabt, uns gleich den Juwelen ſeiner Krone an den Korſen zu vermachen, der ſeinen Sohn aus⸗ gepluͤndert hat. Zu Vayonne freilich, wo wir al⸗ lein, ohne Stutze und in dem Wahne der einmuͤthi⸗ gen Zuſtimmung Spaniens waren, mußten wir un⸗ ſere Fuͤrſten nachahmen und uns gleich ihnen dem Schickſal unterwerfen. Allein du ſiehſt, die Nation, voll Unwillen uͤber die Gefangenſchaft ihrer Ober⸗ haͤupter, die ſie ſeit hundert Jahren anerkannt hat, proteſtirt mit Daranſetzung ihrer Ruhe, ihres Blu⸗ tes und ihres Vermoͤgens gegen die uͤbermuͤthige Be⸗ ſitznahme ihres Thrones. Du haſt uͤbrigens nur noch einen Augenblick Friſt, dich an die Fahnen Spa⸗ niens und der Bourbons anzuſchließen; denn mor⸗ gen bereits werden wir die Unterdruͤcker hinter die Pyrenaͤen zuruͤckgeworfen haben, und weißt du denn, ob das ſpaniſche Volk, ſobald es einmal frei gewor⸗ den, wohl noch Luſt haben wird, die Granden wieder in ſeine Mitte aufzunehmen, die an dieſen großen Bewegungen keinen anderen Antheil nahmen, als den, daß ſie allein ſich zu Annahme der Feſſeln geneigt be⸗ wieſen?“ Der Markis hoͤrte ihn an und antwor⸗ tete hierauf:„Deine Sprache befremdet und be⸗ truͤbt mich. Du, der du der Enkel meines Herzens und eben derjenige warſt, auf den ich meine ganze Vorliebe uͤbergetragen, ſeit mir das Kind meines Bruders entriſſen worden war, iſt es moͤglich, daß * 191 du meine vieljaͤhrige Liebe zu dir und meine grauen Haare vergeſſen ſollteſt?“ Don Carlos ſturzte jezt in die Arme des Greiſes, und war ſehr daruͤber bekuͤmmert, daß er ihn ſo be⸗ truͤbt hatte.„Dies alles ſollte mich freilich gar nicht uͤberraſchen,“ fuhr drauf der Kammerherr fort;„es iſt ja doch ſehr natuͤrlich, daß die Par⸗ thei der Ungebundenheit, diejenige, welche die Rechte des Koͤnigthums ſo ganz verkennt, die von den Ent⸗ ſcheidungen ihrer Gebieter an das Volk appellirt, eben ſo gut auch die Rechte des Bluts und des Al⸗ ters mit Fußen tritt.“—„Du biſt ſehr grauſam gegen mich,“ verſetzte Don Carlos.„Entſchuldige die Lebhaftigkeit meiner Sprache mit der Lebhaftig⸗ keit meiner Neigung. Ich kenne beſſer als du die Gefahren, denen deine Beharrlichkeit dich ausſetzt. Ein allgemeiner Abſcheu erhebt ſich gegen alles, was ſich irgend nur an den franzoͤſiſchen Namen anknuͤpft. Selbſt die Heldenthaten von Baylen ſchuͤtzten deinen Schwager nicht vor gehaͤſſigen Erinnerungen.“— „Lebt er wenigſtens noch?“ rief ich aus.„Was iſt ihm begegnet? Ich bin ſein Bruder,“ fuhr ich fort, als ich die Ueberraſchung ſah, die mein leb⸗ hafter Ausruf bei Don Carlos hervorgebracht hatte. —„Ihr waͤret ſein Bruder?“ erwiederte er, in⸗ dem er mich mit einer Verachtung anſah, deren Keck⸗ heit mich in meiner innern Abneigung gegen dieſe ſtolzen Mordbrenner beſtaͤrkte.„Man hat ſo eben euern Namen benutzt,“ fuhr er fort,“ um den groß⸗ herzigſten unſerer Anfuͤhrer zu ſtuͤrzen. Ihr werdet 192 vielleicht noch nicht wiſſen, daß die verſchiedenen Junta's, die an allen Orten zu einer und derſelben Stunde die Leitung der oͤffentlichen Angelegenheiten uͤbernommen haben, entſchloſſen ſind, eine Central⸗ Regierung zu errichten. Ihre Abgeordneten ver⸗ ſammeln ſich bereits zu Aranjuez, um daſelbſt eine geachtete Regentſchaft zu bilden; Spanien wird auf dieſe Weiſe das Schauſpiel darbieten, wie eine große Ration, obwohl verwaiſet von ihren Koͤnigen, den⸗ noch auch nicht einen Tag lang ſich im Zuſtande der Anarchie befunden hat, und die franzoͤſiſche Parthei, die ſich ſo gern fuͤr die der helleren Anſichten haͤlt, wird erfahren, daß in dieſer Rathsverſammlung Maͤnner wie der edle Jovellanos Sitz und Stimme fuͤhren. Don Alonſo iſt ebenfalls zum Mitgliede dieſer Central⸗Junta beſtimmt, allein die Heerhau⸗ fen, welche Jaime befehligt, haben ſo eben eine Denkſchrift unterzeichnet, worin ſie gegen dieſe treff⸗ liche Wahl Einſpruch thun. Dieſe beſchraͤnkten Menſchen, die ihre Vaterlandsliebe irre fuͤhrt, ver⸗ langen die Abſetzung eines Anfuͤhrers, der unſerer heiligen Sache eben ſo nuͤtzlich iſt, als die Caſtannos, Blacke und la Romana. Man ſagt naͤmlich, daß er, als Sohn einer Franzoͤſin und als Bruder eines ui. ier hielt Don Carlos inne.— „Sprecht nur bis zu Ende,» ſagte ich zu ihm; »ſchaͤndet mit dem Verraͤthernamen alle diejenigen, die das Ungluͤck eines auswärtigen und inneren Kriegs, die abſcheuliche Verbindung des Fanatis⸗ mus mit der Zuͤgelloſigkeit des großen Haufens, die unumſchränkte Gewalt ber Menge und bie Herrſchaft der Soldatesca verſchmaͤhen, alle die, welche eine Sache fuͤr ſchlecht halten, die ſich blos auf brittiſches Gold, auf erlogene Mirakel, auf Angebereien und Meuchelmorde ſtutzt; erklaͤrt jeden fuͤr einen Staats⸗ feind, der ſich daruͤber betruͤbt, wenn er ſehen muß, wie das Schickſal Saragoſſa's der ganzen Halbinſel vorbehalten iſt! Was liegt uns an dein Urtheil der Veraͤchter der Ordnung und jeglicher Civiliſation? uns genuͤgt die beifaͤllige Zuſtimmung unſeres Ge⸗ wiſſens, welche gewiß ſchon durch die naͤchſte Zukunft ihre Beſtätigung erhalten wird.“ Don Carlos ſah mich an, und ſagte dann, indem er mit ſeinem De⸗ gen ſpielte:*Dieſe Rede iſt zu ſchoͤn, als daß ich darauf antworten koͤnnte. Wir uͤbrigen, die wir Feinde der helleren Anſichten ſind, verſtehen uns freilich nicht auf die erhabenen Grundſaͤtze der Poli⸗ tik, deſto mehr aber auf die Grundſaͤtze der Ehre. Wir wiſſen uͤbrigens recht gut, daß Spanien ohne Regierung, ohne Finanzeinkuͤnfte, ohne ſtehende Heere iſt, daß der Kaiſer ganz Europa zinspflichtig, und eine Million gedienter Soldaten zu Kaͤmpfern hat; wir wiſſen ferner, daß eine Bevoͤlkerung, die ſeit dreihundert Jahren keinen Krieg erlebt hat, ſich auf die Linienbewegungen und Schwenkungen nicht ſo gut verſteht, wie die Manoͤvrirer der großen Ar⸗ mee, daß die Generale, die großentheils ihre Ehren⸗ grade in den Vorzimmern Godoy's erworben haben, nicht ſo gewandte Taktiker ſind, als die franzoͤſiſchen Marſchaͤlle und ihr Oberhaupt. Wir berechnen in⸗ II. 13 194 deß nicht unſere Kraͤfte, ſondern blos die erlittenen Beleidigungen. Wir uͤbrigen, die wir zur Parthei des Aberglaubens und der Dummheit gehoͤren, ver⸗ laſſen uns auf Gott, auf die Cortes der Nation, auf die Gerechtigkeit unſerer Sache. Auf alle Faͤlle aber wollen wir lieber ein gepluͤndertes als ein un⸗ terjochtes Vaterland haben, wir finden, daß Sara⸗ goſſa niemals ſchoͤner geweſen iſt, als eben jezt, wir ſchwoͤren, daß die Franzoſen nur dann uͤber Spanien herrſchen ſollen, wenn es darin nichts mehr als Lei⸗ chen und dampfende Truͤmmer geben wird Herr Markis,“ fuhr er dann lebhaft fort,„erlaube mir, dich noch einmal bei einem dir theuern Namen zu bitten, daß du doch nicht durch das Anſehen dei⸗ nes Beiſpiels ruchloſe Handlungen und Schritte ſanctionirſt, die blos durch die Treuloſigkeit und durch die Gewalt den ſtrafbaren Leidenſchaften einer Mutter und der kindlichen Ehrerbietung eines Soh⸗ nes abgezwungen worden ſind. Erinnere dich, daß am 2. Mai die Waffen der Franzoſen ſich gegen deine edle Gemahlin wendeten, und dies Bild wird dir beſſer ſagen, als ich es kann, ob du unter den Rei⸗ hen ihrer Henker eine Stelle einnehmen darfſt.“— „Du weckſt in mir,“ antwortete der Markis mit bewegtem Gemuͤth,„eine Erinnerung, deren Schmerzlichkeit fuͤnf Monate, die ſeitdem verfloſſen ſind, nicht zu mildern vermochten. Glaube mir in⸗ deß, daß nur das Gefuͤhl einer gebieteriſchen Pflicht mich an einen Hof zu ketten vermochte, der unter ſolchen Vorzeichen gebildet wurde; doch als ich in 195 unſern Provinzen das Feuer der Zwietracht ausbre⸗ chen ſah, glaubte ich, daß ich mit dem Beiſpiel der Unterwerfung unter die geſetzmaͤßige Regierung vor⸗ angehen muͤßte. Nie werde ich zu denen gehoͤren, welche dieſen Namen einer Regentſchaft ertheilen, die dem beifaͤlligen Zuruf des Volks allein ihre Ent⸗ ſtehung verdankt. Ich erlaube mir nie, uͤber die Schritte meiner Gebieter ein Urtheil zu fallen. Mit welchem Rechte koͤnnte ich auch den Koͤnig, den mir Gott gegeben, fuͤr aufgedrungen erklaͤren? Als Vaſall habe ich blos zu gehorchen, und wenn ich je⸗ mals von dieſer mir angeerbten Unterthanenpflicht, die meinen Stolz ausmacht, mich losſagen ſollte, ſo koͤnnte das gewiß nicht in dem Augenblicke geſchehen, wo man von einem Ende der Halbinſel bis zum an⸗ dern Namen erſchallen hoͤrt, die als Vorlaͤufer einer republikaniſchen Verfaſſung und des Koͤnigsmordes zu betrachten ſind.“—„Wie?“ rief nun Don Carlos;„wenn dir nun Donna Maria mit ihrer Engelhuld und ihrer ſanften Majeſtaͤt erſchiene, wenn ſie dich auf den Knieen baͤte, mit ihr fern von ihren Moͤrdern hinweg zu fliehen, fern von beiden feind⸗ lichen Feldlagern einen Zufluchtsort zu ſuchen, wo ſie dir die liebevollſte Pflege und Sorgfalt ſchenken koͤnnte; ja wenn ſie ſelber ſogar ſchon da waͤre, und ich ſie durch ein einziges Wort deinen Augen zu zei⸗ gen im Stande waͤre„—„Ach, laß das,““ rief der Markis, indem er ſich eine Thraͤne abtrock⸗ nete, die auf ſeine welke Wange herabrann,„ſie koͤnnte mir immerhin um dieſen Preis wiederge⸗ 13 196 ſchenkt werden, ich wuͤrde dennoch dem Gluͤck, mit ihr zuſammen zu leben, entſagen, ſo wie man lieber dem Daſein entſagt, als ſich erniedrigt. Gehet im⸗ mer hin, gebet einen nach dem andern an, und er⸗ mordet die Anfuͤhrer, die ihr euch ſelber gegeben habt, ahmet in allen Punkten die franzoͤſiſche Revo⸗ lution nach, die euch zum Muſter dient; ich fuͤr mein Theil wuͤrde dagegen, wenn ich noch einen Degen zu fuͤhren im Stande waͤre, mit Freuden das wenige Blut, das noch in meinen Adern fließt, fuͤr den Koͤ⸗ nig, unſeren unumſchraͤnkten Herrn und Gebieter, vergießen.“—„So lebet denn wohl!“ ſagte traurig Don Carlos, ſchwang ſich wieder auf ſein Pferd, und ſprengte abſeits von der Heerſtraße fern hinweg. Sehr bald fand ſich ein bewaffneter Trupp zu ihm; eine Frau war darunter; ſie ſchien auf uns los eilen zu wollen, allein Don Carlos zog ſie mit ſich in die benachbarten Thalgruͤnde fort, und beide entſchwanden unſern Blicken. Die ganze Scene ließ in der Seele des ehrwuͤr⸗ digen Kammerherrn einen ſehr ſchmerzlichen Eindruck zuruͤck. Der unruhvolle Aufenthalt zu Miranda paßte weder fuͤr ſeinen Character noch fuͤr ſeine Jahre; blos in dem vertrauten Umgange mit Ma⸗ tea fand er einige Aufheiterung. Dieſe dagegen, welche traurig und niedergeſchlagen war, hatte kei⸗ nen andern Troſt, als die Beweiſe der koͤniglichen Gnade, als den religiſen Eifer, womit ſie am Fuß der Altaͤre ſich Hoffnung auf eine beſſere Zukunft holte, als die Huldigungen einiger franzoͤſiſchen Of⸗ 197 fiziere und meine Liebe. Die gegenſeitigen Herzens⸗ ergießungen uͤber unſeren gemeinſamen Kummer naͤhrten in meinem Herzen eine truͤbe Flamme, und das Verzweifeln an der jedesmaligen Erfuͤllung mei⸗ ner theuerſten Wuͤnſche machte alle Leiden, die meine Seele betruͤbten, nur noch druͤckender. Ich war allmaͤhlig der Regierung zu Miranda unentbehrlich geworden, und der Koͤnig ſchenkte mir bald ſo viel Vertrauen, daß er mir es uͤbertrug, eine Schilderung der politiſchen Lage der Monarchie an ſeinen Bruder zu uͤberbringen, der damals gerade auf dem Kongreſſe zu Erfurt ber das Schickſal der Welt verhandelte. Ich durchreiſte daher euer Frank⸗ reich, und ſah von der Bidaſſoa bis zum Rheine uͤberall die Zeichen der Bewunderung, welche die Voͤlker fuͤr den Gruͤnder des großen Reiches fuͤhl⸗ ten; ich durchflog eure Provinzen, und uberall wa⸗ ren Triumpfbogen fuͤr den Durchzug der Krieger von Auſterlitz und Friedland errichtet, welche heran⸗ zogen, um die Vollziehung der Bayonner Verhand⸗ lungen zu ſichern; zahlreiche Proklamationen, Adreſ⸗ ſen und feierliche Reden bewieſen, daß Frankreich mit den Unternehmungen ſeines Staatsoberhaupts voͤllig einverſtanden ſei. Ich durchreiſte halb Deutſchland, und alle Staaten, alle Fuͤrſten hatten ſich unter die Anhaͤngerſchaar des Beraubers unſerer Bourbons aufnehmen laſſen. Endlich erreichte ich die Mauern der kleinen Stadt, worin die Oberhaͤupter des Kontinents eine Zuſammenkunft hielten, deren Andenken einſt in der Geſchichte fortleben wird. Es 198 war eben Hofſchauſpiel, und ich gieng alſo hinein. In einer Rolle des Hedipus ſprach einer von den Schauſpielern ſo eben den Vers: Lamitié d'un grand homme est un bienfait des Dieux.*) Dieſe Worte brachten bei den Zuſchauern eine Wir⸗ kung hervor, welche auf einen Augenblick das Drama des tragiſchen Dichters in Vergeſſenheit brachte; die Ruͤhrung, wovon die Gebieter der Welt ergriffen waren, ſpiegelte ſich auf allen Geſichtern ab, und ich kehrte in mein Vaterland zuruͤck, vollkommen be⸗ ruhigt wegen des Entſchluſſes, dem ich treu geblie⸗ ben, da ja alle dieſe gekroͤnten Haͤupter die Abdan⸗ kung unſerer Fuͤrſten ohne weiteres anerkannten. Napoleon, auf die Zuſtimmung des Oberhaupts der Kirche, auf den Wunſch der Voͤlker, auf die Freund⸗ ſchaft der Koͤnige ſich ſtutzend, ſchien vom Schickſal ſelber zu ſeiner hohen Rolle geſtempelt zu ſein. Wie kann ich alſo darum ſtrafbar erſcheinen, daß ich dem Gluͤck und den hohen Haͤuptern aufs Wort glaubte? 4 Die Freundſchaft eines gtoßen Mannes iſt eine Götter wohlthat. Siebzehntes Buch. Fortſetzung der Erzählung des Einſiedlers. Erſtes Kapitel⸗ — Ich kehrte alſo zuruͤck. Ungeheure Vorbereitungen bedrohten fortwaͤhrend die engliſche Parthei; Napo⸗ leon ſollte binnen Kurzem perſoͤnlich eintreffen, und die Allgewalt ſeines Namens erfuͤllte bereits die Auf⸗ ruͤhrer mit Zittern. Der Hof befand ſich damals in Vittoria. Aus der Wohnung des Koͤnigs eilte ich ſogleich in die meiner Freundin. Als ich mich eben zu den Fuͤßen der Graͤfin werfen wollte, ſah ich Jaime an ihrer Seite ſitzen.„Ich habe,“ ſagte ſie voll Lebhaftig⸗ keit zu mir,„ein Gut wiedergefunden, das ich be⸗ reits fuͤr immer verloren hielt. Mein aͤlteſter Freund kommt wieder zu mir zuruͤck, und es bleibt mir jezt nichts mehr uͤbrig, als die Wiederkehr meiner Toch⸗ ter und die des Sieges zu wuͤnſchen.“— Hier wurde ſie durch einen Seufzer unterbrochen, der gleichſam unwillkuhrlich verrieth, daß ihr doch noch etwas andres zu ihrem vollen Gluͤck fehle.— „Freuet euch nun mit mir,“ fuhr ſie weiter fort, 200 „freuet euch uͤber die 5 Eroberung, die wir ſo eben gemacht haben; ach, moͤchte ſie nur ein Vor⸗ ſpiel zu noch mehreren ſein! Die Empoͤrer reiben ſich unter einander ſelber auf. Madrid, das von ungeregelten Horden beſetzt iſt, muß ſehen, wie die rohen und halbnackten Bewohner Valencia's mitten. im Schooß der Koͤnigsſtadt furchtbare Raͤubereien begehen. Dieſe Banditen haben auf allen Punkten Schrecken verbreitet, ſie haben mein Haus gepluͤn⸗ dert und die eiſerne Kette, die uͤber meiner Hausthuͤr ſeit einem Beſuch Philipps des Fuͤnften hieng, ent⸗ zwei geſprengt, in der Meinung, dieſes Zeichen der Ehrfurcht gelte unſerem jetzigen Konige, der mir eben⸗ falls die Gnade erzeigt hat, mein Haus zu betreten. Kurz es herrſcht da ein ſolcher Mangel an Unter⸗ wuͤrfigkeit unter dem Volke, ſo viel Uneinigkeit un⸗ ter den Anfuͤhrern, ein ſolcher Mangel an Umſicht und eine ſolche unthaͤtigkeit bei der Regierung, daß ſelbſt die verblendetſten Patrioten voll Ungeduld ſind, das Joch ihrer ſogenannten Unabhaͤngigkeit abzu⸗ ſchuͤtteln, und daher einmuͤthig die Zwiſchenkunft der Franzoſen herbeiwuͤnſchen. Wir werben zu Madrid wie Befreier empfangen werden.“—„Was mich betrifft, ſagte der General,„ſo hatte ich es uͤber⸗ druͤßig, Leute zu befehligen, die nicht zu gehorchen wiſſen, und Leuten zu gehorchen, die nicht zu befeh⸗ len verſtehen. Mein Vater iſt einer Regierung, wie dieſe iſt, eben ſo uͤberdruͤßig, als ich, und wuͤrde ſchon laͤngſt aus den Reihen der Empoͤrer ausgetre⸗ ten ſein, wenn er nicht durch ein gewiſſes Ehrgefuhl 201 noch darin zuräckgehalten wuͤrde. Der hohe Nath von Kaſtilien lehnt ſich gegen die unumſchraͤnkte Macht auf, womit die Centraljunta ſich bekleidet glaubt, die Fanatiker und die Moͤnche dagegen koͤn⸗ nen es denen unter uns nie verzeihen, die wir die philoſophiſche Staatsverwaltung Godoy's unter⸗ ſtutzt haben. Die Regierung wie die Buͤrger, alle haben blos ihren Ehrgeiz im Auge, und vergeſſen blos eines,— ein Heer zu bilden.“—»Und Alonſo,“ unterbrach ihn Matea lebhaft,“hat dieſer nicht ei⸗ nigen Einfluß auf ſeine Kollegen gewonnen? iſt es ihm denn nicht gelungen, die Hitze der Verhandlun⸗ gen zu maͤßigen, und das Volk mit ſich fortzureißen?“ — Der Comthur warf auf die Graͤfin einen zorni⸗ gen Blick und fuhr dann fort:*Ich glaubte, daß ich dieſen Namen nie mehr wuͤrde ausſprechen hoͤren, der mich nun ſchon ſeit zehn Jahren wie ein wider⸗ wärtiges Geſpenſt verfolgt. Wenn mich Don Alonſo doch einmal in Frieden laſſen wollte! Er iſt einer von den Deſpoten von Aranjuez, einer von denen, die in dem Palaſt unſerer Koͤnige die Regierung hand⸗ haben; moͤchte er aber nur da bleiben, und moͤchte der Blitz vom Himmel ihn da tauſendfach zerſchmet⸗ tern! Er erſchien im Namen der Centraljunta in Aſturien, und wagte es, daſelbſt den Oberbefehl zu bernehmen, und als ich meinen Degen zerbrach, um nicht die Schande zu haben, ſeinen Befehlen ge⸗ horchen zu muͤſſen, ſtieg er im Angeſicht beider Heere, die ſo eben handgemein werden wollten, vom Pferde, uͤberreichte mir mit einer wahrhaft theatraliſchen Zu⸗ 202 verſicht ſeinen Degen und ſagte:»Kaͤmpfet ihr als General, ich fuͤr mein Theil werde mir eine Flinte geben laſſen und als gemeiner Soldat fechten.“ Ich mußte die Kraͤnkung einſchlucken, mußte die Bei⸗ fallsbezeigungen anhoͤren, womit das ganze Heer dieſes kecke Poſſenſpiel uͤberhaͤufte, mußte dem Sohne eines der aͤrgſten Feinde meines Vaters Folge leiſten, und zulezt ſogar erleben, daß alle die Schmeichler im Lager ſo wie die ſaͤmmtlichen Zeitungsſchreiber im Lande ihm die Ehre des Siegs beimaßen. Ich weiß nicht, welches abſcheuliche Verhaͤngniß mich verfolgt, aber mir iſts gerade, als haͤtte ſich die ganze Welt verſchworen, um mich unaufhoͤrlich an das Geſetz des Nachſtehens, dem ich durch meine Geburt unter⸗ worfen wurde, zu erinnern⸗ Das Recht der Erſt⸗ geburt verfolgt mich taͤglich mit ſeiner Tyrannei⸗ Man ließ ſich am Ende ſogar einfallen, das Regi⸗ ment, welches unter meinen Befehlen ſtand, mit ei⸗ ner Abtheilung von Bauern, welche den Don Carlos an ihrer Spitze hat, zu vereinigen. Da ergriff ich die Flucht. Leute, die alle Ehrenauszeichnungen und Reichthuͤmer ausſchließlich beſitzen, ſollten uns an⸗ dern wenigſtens die Ehrengrade und Gefahren des Feldzugs uͤberlaſſen. Moͤchten ſie ſchlafen und ge⸗ nießen; das iſt ja die Beſtimmung, die ihnen vom Schickſal zugewieſen iſt; aber moͤchten ſie nur nicht die Anſtrengungen des Kriegs und deren Lohn uns ſtreitig machen!“— Der Comthur gieng mit gro⸗ ßen Schritten und mit halbgeſchloſſenen Augen auf und nieder, und war ganz außer ſich. Wir ſchwie⸗ 203 gen, uͤber ſeine Verzweiflung erſchrocken, ganz ſiill. Auf einmal ſtand er ſtill, ſank auf einen Seſſel, ſtutzte den Kopf in die Haͤnde, und dann begann dieſer Menſch, deſſen Leidenſchaften durchaus roh und wild waren, gleich einem Weibe bitterlich zu weinen; ſeine, vom Gift des Reides angeſchwellte Bruſt ſchien ſich auf dieſe Weiſe gleichſam unwillkuͤhrlich ihrer bittern Laſt zu entledigen. Matea naͤherte ſich ihm und faßte ihn bei der einen Hand.—»Laſſet mich nur ſo,*ſagte er zu ihr,“daß ich wenigſtens nicht das Tageslicht ſehen darf; ihr wißt gar nicht, von welchem Kummer meine Seele tief verwundet iſt. Ich kenne weder Ruhe noch Zerſtreuung, uͤber⸗ all finde ich einen Stachel, der mich verletzt. Eine Frau haͤtte mein Schickſal aͤndern, das Innere mei⸗ ner Seele aͤndern koͤnnen; aber ſie wollte es nicht. Ich bin der ungluckſeligſte aller Maͤnner!“ Ueber ſeine eigene Schwaͤche ſich aͤrgernd, trocknete er ſich die Augen mit einem Ausdruck von Betruͤbniß, der mich ruͤhrte.—„Glaubt nur,“ ſagte ich zu ihm, „daß das Gluͤck fuͤr euch etwas ſehr leichtes ſein wuͤrde; denkt an eure Vorzuͤge, ſuchet dieſelben durch edle Anſtrengungen zu erhoͤhen, und ihr wer⸗ det euch nicht nach denen zu ſehnen Urſache haben, die der Zufall euch nicht zuertheilt hat.“ Er ſah mich mit einer Miene an, worin ſich Zorn und Be⸗ ſchaͤmung abſpiegelte. Gleichwohl fuhr ich weiter fort:„Ihr fuͤhrt ja einen beruͤhmten Familienna⸗ men.“—„Ja wohl,“ unterbrach er mich mit Bitterkeit,„einen Familiennamen, der von alle den 204 großen Lehenbeſitzungen getrennt iſt, unter denen mein Geſchlecht in der Geſchichte bekannt iſt.“— „Ihr koͤnnt,“ fuhr ich fort,„vermoͤge des Ge⸗ bluͤts, wovon ihr herſtammt, ohne Muͤhe euch jene Titel verſchaffen, auf die ihr einen ſo hohen Werth zu legen ſcheinet.“—„Wer?“ rief er aus,„ich, der von beiden Seiten her aus koͤniglichen Haͤuſern ſtammt, der ich Sohn eines ſpaniſchen Granden bin, ich ſollte mich bis zu dem kaſtilianiſchen Adelstitel herablaſſen?“— Ich zeigte ihm nun alle die moͤg⸗ lichen Ausſichten auf Gluͤck und Ehre, die ihm ir⸗ gend offen ſhenden; allein er antwortete darauf: »Ich weiß recht gut, daß ich im Stande bin, mir im Palaſte Zutritt zu verſchaffen, da zu einigen un⸗ bedeutenden Hofaͤmtern zu gelangen, in die Fuß⸗ tapfen meines Bruders zu treten, fuͤr den da der konigliche Tafelſaal und der Schlafſaal ſich oͤffnet; ich weiß ferner, daß ich da Pfruͤnden von fuͤnfmal hunderttauſend Realen Einkuͤnfte erhalten kann; allein die Philoſophen werden unaufhoͤrlich durch ihre Schriften mein gebrechliches Gluͤck bedrohen, und ich werde es nicht auf meine Soͤhne vererben können. Jedoch genug davon,“ fuhr er dann mit ſteigender Hitze fort,„ich habe euch ſchon zu lange von meinen Leiden unterhalten; ich habe deren gar viele, die alle gleich bitter ſind, ich verliere mich in einem Meere, das keine Ufer hat, mir iſts, als truͤge ich in meiner Bruſt alle Gluten der Hoͤlle, und um meine Erniedrigung vollſtaͤndig zu machen, mußte 205 ich nun noch einen Bruder Alonſo's zum Vertrauten meines Kummers machen⸗“ Er wollte ſo eben fortgehen, als ber Koͤnig her⸗ eintrat. Die Graͤfin, die vor Kurzem nicht einmal Zutritt bei Hofe hatte, ſah jezt den Monarchen per⸗ ſoͤnlich in ihrem Hauſe. Nach den erſten Aeuße⸗ rungen ihrer Freude hieruͤber, ſtellte ſie ihren Ver⸗ wandten dem Koͤnige vor. Joſeph, der gleich ihr dieſe Eroberung nach ihrem vollen Werth zu ſchaͤtzen wußte, verſprach dem Jaime ſogleich den Oberbefehl uͤber eine von den Provinzen Andaluſiens, wo gera⸗ de noch eine Stelle offen war, und ertheilte ihm auf der Stelle den goldnen Schluͤſſel. Eine plotzliche Freude leuchte aus den Augen des neuen Kammer⸗ herrn.„Da es denn nun einmal ſein muß,“ ſagte er,„daß fremde Truppen im Herzen unſeres Rei⸗ ches Krieg fuͤhren, ſo will ich lieber mit den Fran⸗ zoſen gehen, die zu allen Zeiten unſere Freunde wa⸗ ren, als mit den uͤbermuͤthigen Soͤhnen Englands, die unſere ewigen Feinde ſind. Es iſt zu befrem⸗ dend, wenn man ſehen muß, wie die Parthei der Moͤnche und der Bourbons aͤußerlich auf Ketzer, im Innern dagegen auf den Poͤbel ſich ſtͤtzt. Ich fuͤr mein Theil, glaubte als Comthur des Calatra⸗ va⸗Ordens, als Vertheidiger der unbefleckten Empfaͤngniß Maria's, nicht gut laͤnger, ohne mei⸗ nen Eid zu verletzen, unter Leuten verweilen zu koͤn⸗ nen, deren Bundesgenoſſen nicht an die Goͤttlichkeit der Mutter Gottes glauben.“ Der Koͤnig, der an der Froͤmmigkeit des Comthurs nicht zweifelte, 206 ſproch ſogleich von dem katholiſchen Glauben mit jener Salbung, die er bei Geſpraͤchen uͤber Religion ſtets zu aͤußern ſuchte. Frey Don Jaime hatte kei⸗ ne abgeſchloſſene Meinung uͤber dieſen Punkt, der vielleicht außerhalb der Grenzen ſeiner Faſſungskraft lag, und ſo ſtellten ihn denn die Aeußerungen des Bruders von Napoleon voͤllig zufrieden. Dieſer Fuͤrſt, der es darauf anlegte, die Herzen zu gewin⸗ nen, ſprach hierauf eine lange Weile mit ihm uͤber ſeinen Bruder Don Carlos, uͤber ſeinen edlen Cha⸗ racter, uͤber den Muth, den er in Saragoſſa bewie⸗ ſen. Matea ſuchte dem Geſpraͤch eine andere Wen⸗ dung zu geben. Der Koͤnig fuhr indeß fort, indem er bemerkte, daß der dem Comthur ertheilte Kammer⸗ herrnſchloſſel ja gar nicht der des Don Carlos ſei. Allein je mehr er ſich bemuͤhte, Jaͤime zufrieden zu ſtellen und an ſich zu feſſeln, deſto mehr offenbarte ſich in den Geſichtszuͤgen des jungen Generals eine gereizte und verzweiflungsvolle Stimmung. Jo⸗ ſeph wendete ſich hierauf zu mir, und zeigte mir an, daß der Kaiſer geruht habe, ſich fuͤr mich zu intereſſi⸗ ren. Dem Faiſer hatte vielleicht die klare und ſchnelle Art und Weiſe, womit ich ihm die verſchie⸗ denen, im Lande herrſchenden Intereſſen aus einan⸗ der zu ſetzen das Gluͤck hatte, oder vielleicht mehr noch der tiefe Eindruck gefallen, den ſeine Gegenwart ſchon im erſten Augenblick auf mich gemacht hatte. Ich erhielt von nun an Sitz und Stimme im Staats⸗ rath, und dadurch alſo eine Stelle an der Seite der geachtetſten Perſonen Spaniens. Dieſe edlen Buͤr⸗ 207 ger hatten ſich nicht zu der Rolle von Ueberlaͤufern entſchließen koͤnnen. Moͤchten doch alle die, welche ſo ſtolz auf ihre Beharrlichkeit ſind, wenigſtens der unſrigen nicht ſo ganz alle Achtung verſagen. Jedes Wort dieſer Unterhaltung erweckte dem Comthur einen Schauder. Sein Name, ſein Muth, ſeine Verbindungen gaben nach meiner Anſicht ſei⸗ nem Eintritt in unſeren Dienſt einen hohen Werth, und ich betruͤbte mich daher uͤber den Unſtern, der die wohlwollendſten Abſichten Joſephs geradezu ge⸗ gen das Intereſſe der gemeinſamen Sache wendete. Seine Majeſtaͤt gaben mir einen Brief von Don Alon⸗ ſo, welcher nebſt andern Staatspapieren durch eini⸗ ge herumſtreifende Reiter aufgefangen worden war, und aͤußerten zugleich den Wunſch, daß ich mit ihm in Vriefwechſel treten moͤge.„Das geht ſehr leicht an,“ rief die Graͤfin;„der Comthur hat uns ſo eben erzaͤhlt, daß er ſich an unſern Vorpoſten befin⸗ det.“ Hier hielt ſie inne, und ſchlug die Augen vor einem wuͤthenden Blicke nieder, den der General auf ſie warf.„Es wuͤrde mir lieb ſein,“ fuhr der Monarch fort,„wenn euer Bruder von meiner Achtung und ſelbſt von meiner Erkenntlichkeit, die ich fuͤr ihn fuͤhle, unterrichtet wuͤrde. Indem er Menſchlichkeit mit Muth vereint, hat er neulich ſein Leben in Gefahr geſetzt, um mehrere tauſend Ge⸗ fangene zu retten, welche die Kapitulation von Bay⸗ len nicht vor der Wuth des Landvolks ſchuͤtzte. Sei⸗ ne edelmuͤthigen Bemuͤhungen, um einige treue Spanier, die mir nicht folgen konnten, den Haͤnden 208 der Moͤrder zu entziehen, ſind großherzige Handlun⸗ gen, die der katholiſche Koͤnig noch hoͤher anſchlaͤgt. Ich bevollmaͤchtige euch, ihm dieſe meine Geſinnun⸗ gen gegen ihn mitzutheilen.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich der Koͤnig. Ich erbrach eilig den Brief Alonſo's. „Madrid, den 15. Detober 1808.“ „Seit deiner Ankunft zu Bayonne, lieber Freund, das heißt ſeit etwa acht Monaten, in einer Zeit, wo einem wegen des raſchen Wechſels der Be⸗ gebenheiten Monate wie Jahre vorkommen, habe ich auch nicht eine Zeile des Andenkens von dir er⸗ halten. Ganz gewiß mag deine Freundſchaft gar oft auf die Aeußerungen der meinigen geantwortet haben, aber die vielfache Unterbrechung des Verkehrs durch die Verwaltung und die Armee der Franzoſen ſo wie auch wohl meine beſtaͤndigen Reiſen moͤgen mir deine Antworten entzogen haben. Endlich, bei der Ruͤckkehr von einem Ausfluge nach Aſturien, fin⸗ de ich einige Zeilen von dir, die mir ſagen, daß du mich noch liebſt. Beim Anblick der Schriftzuͤge von deiner Hand fuͤllte ſich mein Auge mit Thranen. Sonſt pflegten wir wohl mit einander von meiner Schwe⸗ ſter zu ſprechen!„„ Dein fluͤchtig hingeworfenes Billet kommt mir vor wie die Fortſetzung eines Ge⸗ ſpraͤchs, das wir erſt geſtern gehabt haͤtten. Was iſt das fur ein unerwartetes Gluͤck, wozu du mir Gluͤck wuͤnſcheſt, gleichſam wie zu der groͤßten Freude, die mein Herz nur jemals empfinden koͤnnte? Ein Gluck, 209 und noch obendrein fuͤr mich? Freund, ich darf der⸗ gleichen auf Erden nicht mehr erwarten. Ich ſehe die Welt und alles, was darin vergeht, wie aus der Tiefe eines Grabes an. Hier vormag mich kein froher Eindruck zu feſſeln. Die Erſchuͤtterung auf dem Schlachtfelde, die Begeiſterung des Sieges, ſelbſt dieſe Beifallsbezeigungen meiner Mitbuͤrger, dieſer triumpfaͤhnliche Empfang, wonach ich in fruͤ⸗ heren Jahren ſo eifrig zu trachten pflegte, alle dieſe Anregungen von außen brechen ſich an der ſtarren Verzweiflung meines Innern. Ich wuͤrde glauben, mein Daſein ſei blos ein banger Traum, wenn nicht die Theilnahme, die ich fuͤr das Schickſal meines Vaterlandes fuͤhle, mir ſagte, daß ich noch lebe... „Verzeihe, geliebter Freund, daß ich blos von meinen Leiden ſpreche, anſtatt von dem Gluͤck, das du gehabt, zu reden. Als ich mich Saragoſſa naͤ⸗ herte, um es mit friſchen Lebensmitteln zu verſehen, war ich weit entfernt zu ahnden, daß du dich unter der Zahl der wuͤrdigen Spanier befaͤndeſt, die un⸗ ter dem unſterblichen Palafor drinnen kaͤmpften. Ich wuͤrde mich ſonſt gewiß nicht darauf beſchraͤnkt haben, blos den Fuß eurer Mauern zu beruͤhren und Lebensmittel und Waffen hineinzuwerfen, ſondern ich wuͤrde in deine Arme geeilt ſein, um mich des Glucks zu erfreuen, dich unſerer heiligen Sache wie⸗ dergegeben zu ſehen. Du, fuͤr den der Ehrgeiz noch Reiz, und der Ruhm noch Genuß hat, du kannſt dich uͤber die wichtigen Zeitumſtaͤnde freuen, unter die wir hingeſtellt ſind. Eine voͤllige umgeſtaltung geht III. 14 210 mit unſerem Spanien vor, wir wirken mit zu ſeiner Dies ſage ich nicht etwa, als haͤtte ich eben daſſelbe Vertrauen zu den Dingen, als man jezt all⸗ gemein hat, im Gegentheil ſehe ich zahlloſe Wider⸗ waͤrtigkeiten voraus. Ueberall herrſcht Uneinigkeit und die Centraljunta iſt ein nur zu treues Bild der Nation, die von ihr aus regiert werden ſoll. Mei⸗ ne fuͤnf und breißig Kollegen bringen in die Ver⸗ handlungen ͤber die wichtigſten Intereſſen des Lan⸗ des immer auch die Leibenſchaften der Männer, die Vorurtheile der Kaſten, die Rivalitaͤt unſerer ver⸗ ſchiedenen Koͤnigreiche mit. Die gebieteriſchen und eifer ſuͤchtigen Provinzial⸗Junta's, die uns einge⸗ ſetzt haben, wollen uns Geſetze vorſchreiben, anſtatt welche von uns anzunehmen, und uͤberall beſchaͤftigt man ſich damit, von den vergangenen Siegen Vor⸗ theil zu ziehen, anſtatt darauf hinzuarbeiten, um neue zu erringen. Indeß das Volk iſt beſſer als ſeine Oberhaͤupter und dies wird uns durch ſeine maͤnnlichen Tugenden retten. Die ſpaniſche Stand⸗ haftigkeit wird auf die Laͤnge doch endlich uͤber das franzoͤſiſche Ungeſtuͤm den Sieg davon tragen, und dieſer Kampf, der— was man auch immer ſagen mag, noch lange nicht geendet iſt, wird dir vielfa⸗ che Gelegenheiten darbieten, deiner Familie einen noch hoͤhern Glanz zu verſchaffen.“ 3 4 „Eine repräſentative Verfaſſung wird dir dann hoffentlich bald neue Palmen zu pflͤcken bieten. Dieſe bewundernswuͤrdige Regierungs verfaſſung,— 211 wie Montesquieu ſie nennt— wird aus unſeren Ruinen hervorgehen, um ſie wieder neu aufzubauen. Freilich ſehe ich auch hiebei große Schwierigkeiten. Die Univerſitaͤten, die Domkapitel, die Audienzen, die Kanzelleien, die alten und die neuen patriotiſchen Vereine, alle die verſchiedenen politiſchen und reli⸗ gioͤſen Koͤrperſchaften verlangen in ihren Eingaben auf das dringendſte Cortes, welche darauf hinarbei⸗ ten ſollen, die zerſtreuten Truͤmmer der alten Ver⸗ faſſung wieder zuſammen zu ſtellen; alle wollen die Monarchie in Zukunft vor dieſer unſeligen Schwaͤche eines zweiten Karls des Vierten ſicher ſtellen; aber wie ſoll man dieſe Cortes zuſammenberufen? Soll man hiebei die alten Satzungen der vaskoniſchen Republiken, vber das ehrwuͤrdige Landrecht von Sobrarbe, oder die Geſetze von Navarra zu Rathe ziehen? Soll man die drei Brazos*) Aragoniens berufen, oder die drei Staͤnde des Koͤnigreiches Levn. Sollen wir d. Verfaſſung der vormaligen Großrich⸗ ter ins Leben rufen, die das Haus Heſterreich uͤber den Haufen warf, und deren lezte Ueberreſte das Haus Bourbon in alle vier Winde zerſtreut hat? Oder ſollen wir als Norm fuͤr eine Rationalreprä⸗ ſentation die gegenwaͤrtigen Cortes waͤhlen, die bei jedem Regierungswechſel ſich einfinden, um dem Koͤ⸗ nige und dem Prinzen von Aſturien den Eid abzu⸗ nehmen,— dieſe unfoͤrmlichen Verſammlungen, * Eigentlich Armen. So heißen die Eſtamentos oder Reichsſtänte.* 14* 212 von denen Karl der Fͤnfte bereits den Adel und die Geiſtlichkeit aus ſchloß, und worin blos noch die Ab⸗ geordneten von achtzehn Städten Sitz und Stimme haben? In einem Reiche, wo jede Provinz eine andere Geſetzgebung hat, und wo dieſe Geſetze wie⸗ derum unter einander je nach den einzelnen Zeital⸗ tern verſchieden ſind, welcher Theil des Landes, oder welches Jahrhundert wird da ſeine Stimme maäͤchtig genug zu erheben vermoͤgen, um der ganzen uͤbrigen Monarchie und dem gegenwaͤrtigen Zeitalter ſeine Gebraͤuche und Marimen aufzudringen? Das Koͤnigthum exiſtirt bei uns nur noch in der Ehrer⸗ bietung und der Betruͤbniß der Volker, die Nation iſt gewaltſamer Weiſe in den Urzuſtand der menſch⸗ lichen Geſellſchaft zuruͤck verſetzt, die Lehre von der unumſchraͤnkten Gewalt erleidet bei uns eine erzwun⸗ gene Auslegung; die Nation iſt naͤmlich in den Be⸗ ſitz aller Rechte wieder eingeſetzt, die ſie ſonſt an an⸗ dere zu uͤberweiſen pflegt: ſie muß jezt zu gleicher Zeit uͤberlegen und handeln. Sollen wir bei einer ſolchen Lage der Dinge, wo bereits Amerika ſeine Feſſeln zu zerreißen ſtrebt, alle unſere uͤberſeeiſchen Mitbuͤrger, die Beſitzer der groͤßeren Haͤlfte der Mo⸗ narchie, von dem gemeinſamen Geſetz ausſchließen, und dem alten Herkommen gemaͤß ohne ihre Mitwir⸗ kung uͤber das Schickſal unſeres gemeinſchaftlichen Vaterlandes entſcheiden? Nein; wir wollen viel⸗ mehr ihren Deputirten dabei Zutritt geſtatten, und dieſe Neuerung iſt nicht die einzige, welche die Zeit⸗ ereigniſſe fordern. Es ſind vielmehr noch ganz an⸗ 213 dere noͤthig, um die entgegengeſetzteſten Intereſſen, die feindſeligſten Leidenſchaften zufrieden zu ſtellen⸗ Jeder ſucht ſeine Wuͤnſche durch Beiſpiele zu recht⸗ fertigen, und um ſich nicht auf die Truͤmmer zu be⸗ ſchraͤnken, die der Despotismus ſtehen gelaſſen hat, verlangen alle die Epoche wieder herbeizufuͤhren, und die Staatseinrichtungen wieder ins Leben zu rufen, die den Beduͤrfniſſen ihrer Parthei am meiſten zu⸗ ſagen.“ „Die Buchdruckerpreſſen reichen kaum hin, um alle die widerſprechenden Entwuͤrfe ans Licht zu foͤr⸗ dern, die von alle den mit Vorurtheilen angefuͤllten Koͤpfen vorgeſchlagen werden; die Kanzeln hallen von Unterſuchungen und Verhandlungen wieder, die niemals in den heiligen Hallen unſerer Kirchen ge⸗ fuͤhrt werden ſollten; auf allen oͤffentlichen Plaͤtzen werden Theorien und geſchichtliche Erinnerungen in Anregung gebracht; und, was das ſchlimmſte iſt, die Verſchiedenheit der Meinungen iſt gerade in dem Maße ſchwerer auszugleichen, je geringer der ſie trennende Abſtand auf den erſten Anblick zu ſein ſcheint.“ „In der Hitze dieſer Streitigkeiten vergißt man, gerade ſo wie vormals im alten Byzanz, daß die Barbaren draußen vor den Thoren ſind. Doch er iſt mit uns, den ich unter dem Namen des Gottes der gerechten Sache verehre und anrufe. Wie es auch immer kommen mag, auf jeden Fall wird ſich uͤber den Truͤmmern der einheimiſchen und fremden Gewaltherrſchaft einſt die Volksrednerbuͤhne erheben, 214 dieſe Schaubuͤhne des Genie's und der Großherzig⸗ zeit. Du, der du eben ſo edel von Seiten deines Herzens als von Seiten deiner Herkunft biſt, du biſt es werth, in dieſer Ariſtokratie der Talente und des guten Rufes, die von nun an das Staatsruder uͤber⸗ nehmen wird, eine Stelle einzunehmen. 5 „Man hatte die Regimenter, die dein Bruder kommandirt, unter deine Befehle geſtellt. Ich habe dieſe Anordnung umaͤndern laſſen; du wirſt leicht erachten, aus welchen Grunden. Ach, geliebter Freund! moͤchteſt du unter unſeren Kaͤmpfen und bei deinem Waffengluck deinen Kummer vergeſſen, und vor allen Dingen in deiner Laufbahn eine Le⸗ vensgefaͤhrtin finden, die es verdient, daß du deine unſtaͤt umher irrende Neigung an ſie feſſelſt! Nur durch die Frauen allein iſt in dieſer Welt Gluͤck zu finden. Nur leider iſt auch dieſes ſo vergaͤnglich wie jedes andere.“ 53 u „Was mich vor allen am meiſten ſchmerzt, iſt die Gleichguͤltigkeit dieſes Madridder Volkes, das taglich in den Prado ſpaziert, ſich da ſucht und fin⸗ det, da von Vaterland, vielleicht auch von Liebe ſpricht, und gar nicht daran denkt, daß da die er⸗ ſien Martyrer unſerer heiligen Unternehmung gefal⸗ len ſind. Ach, wie kommt's doch, daß man ſo ſchnell von den Menſchen vergeſſen wird, nachdem man ſich fur ſie aufgeopfert hat! „Bedaure und liebe fortwaͤhrend den Freund, 30 215 Matea forderte mir haſtig den Brief meines Bruders ab, las ihn durch, und in ihren Augen lo⸗ derte abwechſelnd Zorn und Verzweifiuns auf. End⸗ lich gerieth ſie in die aͤußerſte Wnch, warf das von ihren Thraͤnen befeuchtete Papier auf die Erde, und eilte fort. Der Comthur war ein ſtummer Zeuge dieſer Scene geblieben. Finſter und traurig vor ſich hin⸗ blickend, ſchien er zwiſchen zwei entgegengeſetzten Entſchlͤſſen hin und her zu ſchwanken. Matea kam endlich zuruͤck; ein huldvolles Lächeln ſchwebte auf ihren Lippen, und jeder andere, als ich, wuͤrde ſie fur beruhigt gehalten haben. Indeß ich verſtand es, ſo zu ſagen, in ihr Auge bis auf den Grund zu ſchauen, und ungeachtet des Ausdrucks, den ſie ihrem Geſicht zu geben wußte, die geheimen Leidenſchaften ihrer Seele zu errathen. Bei ihrem Anblick ſtand Jaime auf, und ſagte: „Ich hatte mich an dieſen Hof gefluͤchtet, um mich den läſtigen Erinnerungen an alles das, was ich ver⸗ abſcheue, zu entziehen, und nun finde ich hier alle die lächerliche Bewunderung wieder, welcher ich be⸗ reits aus dem Wege gegangen zu ſein waͤhnte. Ihr ſelbſt ſeid Sklawin einer treuloſen Neigung und liebt mehr als jemals meinen Feind. Lebt daher recht wohl! Ich werde mir einen Ort aufſuchen, wo ich vor den Verfolgungen, die mich in beiden Heerla⸗ gern bedraͤngt haben, ſicher ſein kann.“ Die Graͤ⸗ fin ſprang auf, trat vor ihn hin und rief:„Du darfſt nicht fert; es iſt fuͤr dich zu ſpaͤt, um wieder 216 von uns wegzufliehen. Seit dem Weggange des Koͤnigs bemerkte ich alles, was in deiner Seele vor⸗ gieng; ich ſah, daß der Reid, nachdem er dich in unſere Mitte hergetrieben, dich wieder unter die Fahnen der Raͤuber zuruͤckfuͤhren wuͤrde. Ich ſpie⸗ gelte dir alſo jene angebliche Entruͤſtung vor, um mich, ohne dabei Argwohn zu erregen, entfernen zu können. In dieſem Augenblick iſt bereits der Ein⸗ gang in meine Wohnung mit Wachen beſetzt.“ Frey Don Jaime blieb bei dieſen Worten wie erſtarrt ſtehen; mit der einen Hand die Thuͤrklinke anfaſſend, mit der andern ſeinen Degen, ſchien er zwiſchen Furcht und Erbitterung mitten inne zu ſchwe⸗ ben. Die Abenddaͤmmerung hatte ſich unterdeß zu Schatten der Nacht verdichtet, und bereits waren Kerzen angezuͤndet, waͤhrend die Fenſter noch offen waren. Da rief draußen eine Stimme den Comthur beim Namen:„Herr General, Euer Gnaden ver⸗ leugnen Ihren Gott und Ihren Koͤnig. Beim Hah⸗ nenruf wird es zu ſpaͤt ſein, es zu bereuen.“— Wir ſahen alle drei augenblicklich nach dem freien Platze hinaus. Einige franzoſiſche Offiziere ſpazier⸗ ten theils unter den weiten Saͤulenvorhallen entlang oder am Springbrunnen umher; blos in der Rich⸗ tung nach Miranda hin ſahen wir eine Frau davon fliehen, und gleich darauf erfuhren wir, daß eine Zi⸗ geunerin durch ihre entſetzlichen Prophezeiungen eine Art von aberglaͤubiſchem Schrecken in den Gemuͤ⸗ thern der Soldaten verbreitet habe. Unter andern war Bertrand ganz betaͤubt von dem Orakelſpruche, 217 der ihm ertheilt worden war, und Donna Ines, die mit aller Gewalt in ihn drang, konnte den Ser⸗ ſchanten, der zum erſtenmal in ſeinem Leben einge⸗ ſchuͤchtert war, durchaus nicht zum Geſtaͤndniß der erhaltenen Weiſſagung bewegen. Jaime wagte nunmehr weder zu bleiben noch zu fliehen. Er zitterte bei dem Gedanken, daß er in den beiden Feldlagern nur Schande, vielleicht den Tod finden wuͤrde, und die geheimnißvolle Stimme, die ſo eben in ſein Ohr gedrungen war, erfuͤllte vol⸗ lends ſein Herz, das blos auf dem Schlachtfelde Muth hatte, mit eiskaltem Schauer. Endlich ließ er ſich auf einen Seſſel an Matea's Seite hinziehen, die zu ihm ſagte:„Du ſiehſt, es giebt hier kein Geheimniß mehr, das dich retten koͤnnte; es iſt jezt bereits allgemein bekannt geworden, zu welcher Par⸗ thei du dich gewendet haſt. Laß es dich indeß nicht gereuen. Der Sieg kann nicht zweifelhaft ſein, und glaube nur ja, daß die koͤnigliche Gnade dereinſt in den Tagen des Triumpfs das nicht alles halten wird, was ſie in den Tagen des Misgeſchicks ver⸗ ſpricht. Don Carlos wird die Poſten, die er jezt verſchmaͤht, mit treuen Anhaͤngern beſetzt finden, und was Don Alonſo betrifft, ſo habe ich bereits einen Plan„ Hier hielt ſie inne, warf auf mich einen unruhigen Blick, druͤckte dem General die Hand und fuhr dann fort:„Bedauert es ja nicht, daß ihr zwiſchen der Konſtitution von Bayonne und der Parthei des Erſtgeburtrechts gewaͤhlt habt. Der Hof bietet euch reiche Belohnungen, und die 218 Mutter Aldouza's kann euch nicht winkonr beneidens⸗ verheißen.“ Einige franzöſiſche Generale—— Maten ſtellte ihnen den Comthur vor, der uber das Zuſammentreffen mit ihnen in Verlegenheit zu gera⸗ then ſchien. Sie naͤherte ſich ihm waͤhrend des Spiels wieder, und unterhielt ſich mit ihm eine lange Weile hindurch ganz leiſe. Ich konnte be⸗ merken, wie ihre Worte allmaͤhlig alle Wolken von ſeiner mit Unmuth bedeckten Stirn verſcheuchten⸗ Beide ſchienen ſich wieder im beſten Einverſtaͤndniß zu befinden, und aus dieſer Uebereinſtimmung Hei⸗ terkeit zu ſchoͤpfen. Ich glaubte das einemal meinen und mehrmals nach einander Fortunato's Namen nennen zu horen. Endlich kam die Graͤfin auf mich zu. Sie verſicherte mich, daß es ein leichtes ſein wuͤrde, mit dem feindlichen Heere Einverſtaͤndniſſe anzuknüpfen. Fortunato, der vom Comthur zu ſich berufen worden, ſei ganz gewiß bereits in die von dieſem verlaſſenen Quartiere zuruͤckgekehrt. Sie fragte mich nun um Mittel und Wege, um mit ihm einen Briefwechſel fuͤhren zu koͤnnen. Bei ihrem gebieteriſchen Weſen durfte ich mit meiner Auskunft hieruͤber nicht lange zogern; indeß konnte ich ihr doch nur ſolche nachweiſen, um hochſteus bis an die fran⸗ zöſiſchen Vorpoſten zu gelangen. Sie erwiederte mit einer ganz beſondern Freude:„Das iſt ſchon hinlaͤnglich; ales äbrige wird ſchon bas Gold be⸗ wirten⸗ Den folgenden Tag wurde ich ſehr frůh zu Ma⸗ =—— 219 tea gerufen. Sie war in der hoͤchſten Verzweiflung. Der Comthur war naͤmlich waͤhrend der Nacht ver⸗ ſchwunden.„Der Treuloſe iſt fort,“ rief ſie aus, und zwar gerade, nachdem ich ihm meine Sebanken eroͤffnet und ihn in meine Plaͤne eingeweiht hatte Vielleicht mochte es ihn beleidigt haben, als er ren mußte, wie die Generale der Verbuͤndeten nach der Zahl der Tagemaͤrſche den Augenblick berechneten, wo ſie ihre Adler auf die Mauern von Madrid pflan⸗ zen wuͤrden; vielleicht auch hatten die Worte der Gitana auf ſein aberglaͤubiſches Gemuͤth einen ſtaͤr⸗ keren Eindruck gemacht, als die Leidenſchaften, von denen es zerriſſen war. Dieſe Flucht verletzte uͤbrigens die Graͤfin in dem empfindlichſten Punkte, den es auf Erden nur geben kann, naͤmlich in ihrem Frauenſtolz und in ihrer po⸗ litiſchen Raͤnkewuth; ſie war außer ſich daruͤber, daß ſie uͤber ein Herz, das ihr einſt angehoͤrt hatte, nun⸗ mehr ohne alle Gewalt und Einfluß war.„Ach,“ rief ſie aus,„moͤchte Napoleon nur recht bald kom⸗ men, und moͤchte ſein Arm nur recht ſchwer, wie eine eiſerne Geiſſel, auf das Haupt der Meineidigen herabfallen! Aber,“ fuͤgte ſie hinzu,„die Erſchei⸗ nung Jaime's braucht deshalb fuͤr uns nicht verlo⸗ ren zu ſein. Er hat uns von der Ankunft Alonſo's bei unſeren Vorpoſten unterrichtet, und ich will die mit Fortunato angeknuͤpften Verhandlungen weiter verfolgen. Ihr eurerſeits, verſuchet mit eurem Bruder perſoͤnlich zu ſprechen; es muß ſein! ver⸗ ſteht ihr, es muß ſein!„„—„Wer? ich?“ 220 —„Ja, eben ihr. Der Koͤnig wuͤnſcht es, und ihr koͤnnt eurem Vaterlande dadurch einen großen Dienſt erweiſen, wenn ihr den Mann, der vermoͤge ſeines Characters und Verſtandes am furchtbarſten iſt, von der Sache der Empoͤrer abwendig machet. Er wird voll Freuden in eure Arme ſinken, wofern der Ehrgeiz, der ihm die Waffen in die Hand gab, nicht etwa in ſeinem Herzen alle Gefuͤhle der Natur erſtickt hat; ihr werdet ihm dann ſagen koͤnnen, daß die Franzoſen ſehr bald wieder angriffsweiſe verfah⸗ ren werden. Bei dem Anblick ihrer unermeßlichen Truppenzahl wird er wohl fuͤhlen, wie nichtig die Hoffnungen der Aufruͤhrer ſi nd, und er wird ſchleu⸗ nigſt ſich unterwerfen, bevor ſein Stolz durch Un⸗ faͤlle blosgeſtellt werden moͤchte.“ Ich war weit entfernt, an das Waffengluͤck 6 glauben, welches mir die Graͤfin vorſpiegelte; ſie ſelber ſchien mir, ich weiß ſelbſt nicht warum, eben nicht davon uͤberzeugt zu ſein, und das, was ich von Alonſo's Geſinnungen, von der Beharrlichkeit ſeines Willens, von ſeinem alten Verkehr mit Sir Georges und von der Abneigung wußte, die ihm die Scenen des 2. Mai's gegen jede Verbindung mit den Fran⸗ zoſen eingefloͤßt hatten, gab mir wenig Poffnung; gleichwohl, wofern ich die Verſuche, ihn in unſere Reihen zuruͤckzufuͤhren, von mir ablehnte, wuͤrde ich den Eingebungen einer eiferſuͤchtigen Unruhe nachzu⸗ geben geglaubt haben, die mich gleichſam unwill⸗ kuhrlich peinigte. Ich verſprach alſo, noch denſel⸗ ben Dag an meinen Bruder zu ſchreiben. Zweites Kapikel. Die Gefangenen, welche die franzoͤſiſche Armee in den Gefechten machte, die faſt taͤglich von den Gebirgen Aſturiens an bis zu den Thalſchluchten Ca⸗ taloniens hin vorfielen, wurden gewoͤhnlich nach Vittoria geſchickt. Joſeph ſuchte ſie zur unterwuͤr⸗ ſigkeit zuruͤckzufuͤhren, und wenn es ihm gelang, ſie zum Schwur der Treue zu bewegen, ſo ließ er ſie je⸗ desmal unter die Heerhaufen aufnehmen, welche zu bilden wir beſchaͤftigt waren. Bartolomeo hatte es gewagt, ſich in den Schluch⸗ ten von Salinas an der großen Heerſtraße, die nach Frankreich fuͤhrt, feſtzuſetzen ⸗ Eure Truppen zer⸗ ſprengten ſeine Bande, und uͤber alle die, welche in eure Haͤnde gefallen waren, hielt der Monarch per⸗ ſoͤnlich Muſterung. Mitten in einem Viereck, wel⸗ ches die Gefangenen bildeten, ward feierlich Meſſe gehalten. Der Bruder Napoleons wohnte derſelben mit einer groͤßeren Andacht bei, als nur irgend einer ſeiner Vorgaͤnger von den katholiſchen Koͤnigen ge⸗ than hatte; allein ſeine Inbrunſt bewirkte nichts weiter, als daß die franzoͤſiſchen Soldaten daruͤber ſpotteten, waͤhrend die Spanier daruͤber ergrimmt waren, daß ſie ihre heiligen Myſterien ſo entweihen ſahen. Der Prieſter ſtimmte das feierliche Lied an, wodurch die Chriſten den Segen Gottes fuͤr die Fuͤr⸗ ſten erflehen, welche hienieden ſein Ebenbild vorſtel⸗ len ſollen. In dieſem Augenblick trat das tiefſte P22 Schweigen unter den hingereihten Maͤnnern ein; alle ſchlugen die Augen nieder, alle beteten, aber fuͤr ihren abweſenden Koͤnig. Der groͤßte Theil dieſer Maͤnner beſtand aus Ackerleuten und Hirten, die halb nackt waren. Lumpen von braunen Maͤnteln, mitunter auch wohl ein kaſtilianiſcher lederner Rock, bedeckten ihren blutenden Koͤrper nur zur Haͤlfte, und zur Fußbekleidung trugen ſie oft nichts weiter, als ihre grobe Eſpadrilla; allein ungeachtet dieſes ihres unordentlichen und elenden Aeußeren gab dieſe Klei⸗ dung, die an die Vorzeit erinnerte, dieſer wildbli⸗ ckenden Verſammlung ein gewiſſes edles und maje⸗ ſtaͤtiſches Anſehen. Auf allen ihren Geſichtern praͤgte ſich gleichfoͤrmig eine ſtolze Reſignation aus; ſie ſchienen ihren Beſiegern, von denen ſie in Feſſeln gehalten wurden, und dem Koͤnige, der ihren Eid⸗ ſchwur verlangte, Trotz zu bieten. Die Reihen blie⸗ ben taub gegen ſeine Aufforderung. Ein Kapuziner — eben derſelbe, der in den Straßen von Madrid meinen Kopf gefordert hatte— redete diejenigen ſeiner ungluͤcksgefaͤhrten, die ihm am naͤchſten ſtan⸗ den, mit den Worten an:„Ihr vergeht euch ge⸗ gen Gott und gegen Don Ferdinand, wenn ihr die Eidesformel zu leiſten euch weigert, welche dieſe Un⸗ geheuer von euch verlangen. Gott und Don Fer⸗ dinand beduͤrfen Soldaten zu ihrer Vertheidigung; wozu wuͤrdet ihr denn aber nuͤtzen konnen, wenn ihr in die Kerker eines ketzeriſchen Reiches geſteckt wuͤr⸗ det? Schwoͤret nur immerhin alles; ihr braucht ja denen nicht Treue und Glauben zu halten, die al⸗ les uͤbertreten und verletzt haben, dieſen treuloſen Jupitern, dieſen grauſamen Merkuren, dieſen Sa⸗ tanen von Ketzerei, dieſen reißenden Woͤlfen von Bayonne! Zwiſchen Chriſten und Mauren, zwiſchen Menſchen und Affen, zwiſchen den Vaſallen des ka⸗ tholiſchen Koͤnigs und denen des im Kirchenbann befindlichen Napoleon kann kein bindendes Verſpre⸗ chen ſtattfinden. Vermoͤge des Verdienſtes des fleckenloſen Lammes entbinde ich euch, Leute, von alle den Schwuͤren, die euer Mund jezt leiſten wird.“ Dieſe Worte machten auf die rohen Gemuͤther Eindruck, und einige Haͤnde erhoben ſich bereits zur Eidleiſtung. Ein junger Mann ſagte ſogar die For⸗ mel her. Auf einmal erhob ein Greis, der andalu⸗ ſiſche Bauerntracht trug, den einzigen Arm, den ihm die Belagerung von Saragoſſa noch brig gelaſſen hatte, und ſein moͤrderiſcher Dolch erſtickte auf der Stelle die meineidige Betheuerung auf den Lippen des Schwoörenden.„Der große Enrique Enriquez,“ ſagte ganz kalt der Moͤrder, indem er ſich ſelber da⸗ mit meinte,„hat noch nicht ſeine Kunſt vergeſſen; der Matador, der in den oͤffentlichen Stierkaͤmpfen fuͤnftauſend dreihundert und ſechsundvierzig Stiere niedergeſtoßen hat, verſteht ſich auch wohl darauf, einen Menſchen niederzuſtoßen.“ Soldaten ſturz⸗ ten auf den Moͤrder los. Der Moͤnch und Anto⸗ nio, den ich bisher gar nicht bemerkt hatte, flo⸗ gen in Enrique's Arme, und nannten ihn zugleich ihren Vater; beſonders war Antonio ganz in Ver⸗ zweiflung.„Was iſts denn nun weiter?“ fuhr 224 der Gefangene ganz ruhig fort;„freuet euch, meine Kinder, konnte ich mir denn wohl etwas beſſeres wuͤnſchen, als den Maͤrtyrertod?“ Die Wache ſchleppte ihn jezt fort. Der junge Andaluſier war untroͤſtlich; er ſtampfte auf die Erde, riß ſich die Haare aus, trat unter den graͤßlichſten Verwuͤn⸗ ſchungen ein geweihtes Bild Unſerer lieben Frauen von Montſerrat mit Fuͤßen, warf ſich dann vor den Truͤmmern deſſelben auf die Kniee, las ſie andaͤchtig wieder auf, beſann ſich dann wieder und zerbrach ſie von neuem. Ich naͤherte mich ihm und ſchlug ihm vor, einen Brief an Don Alonſo abzutragen, fuͤr welchen er eine grenzenloſe Ergebenheit zeigte. „Sprechet nur ganz laut,“ ſagte er mir gleich vorn herein;„meine Kameraden wuͤrden ſonſt venhen daß ich ſie verrathen wolle.“ unterdeß war Fray Aparicio ganz ruhig mit ſei⸗ nem Roſenkranz beſchaͤftigt. Er ward von dieſem frommen Geſchaͤft durch die Aufmerkſamkeit und Unruhe abgelenkt, womit eine junge Frau, ſeine treue Begleiterin, einen Spanier betrachtete, der unter dieſem ganzen Trupp der einzige war, der eine Uniform anhatte. Es war eine dicke und kurze Per⸗ ſon, die mit einer laͤcherlichen Unbehuͤlflichkeit die Fleidung der Madridder Freiwilligen trug. Sein ganzes Weſen und ſein Aeußeres erregte die Luſtigkeit der Soldaten, welche beſtaͤndig die Augen auf ihm hatten. An ſeiner Seite ſtand ganz traurig Don Eſtevan.„Das iſt dort,“ ſagte Bertrand zu mir, „ein junger Prediger, der mir in dem Augenblick, 225 wo ich ihm ſagte, er ſolle ſich ergeben, eine Predigt in drei Abtheilungen hielt. Sobald er ſeine Worte und ſein Pulver verbraucht hatte, ſchwenkte er raſch um, um ſeinen Herrn Vater zu decken. Allein,„ eins zwei.„„ und Bertrand hat ihm Man⸗ ſchetten nach ſeiner Art angedreht, und er wird, denk' ich, es ſich nicht mehr einfallen laſſen, mit ſei⸗ nem ſchwarzen Kleide und ſeinem verſtoͤrten Geſicht gegen die alte Garde zu fechten.“ Ich naͤherte mich dem ungluͤcklichen Staatslehrer von Fativa und fragte ihn, was aus der Bande Bartolomeo's ge⸗ worden ſei.„Ihr wollt ſagen,“ erwiederte er, „aus der unuͤberwindlichen Armee des unvergleich⸗ lichen Großrichters, des erlauchten Heerfuͤhrers, deſſen Zorn eben ſo raſche und eben ſo furchtbare Ver⸗ heerungen anrichtet, als das Feuer. Sein Phalanx, der gegenwaͤrtig ſo zahlreich iſt, wie die Diſteln un⸗ ſerer Felder, gleich ihnen von ſcharfen Stachelſpitzen ſtarrt, und eben ſo unvergaͤnglich iſt, wie ihre Grund⸗ ſaͤtze, iſt uͤberall da, um den Feind zu ſchlagen, und zugleich doch auch wieder nirgends, um ſich von ihm faſſen zu laſſen. Die Legionen des Despoten verei⸗ nigen ſich vergebens, um ihn zu vernichten; ihre Pfeile prallen von der Bruſt der freien Maͤnner ab, und ihre Schwerter koͤnnen uns eben ſo wenig etwas anhaben, als man mit dem Kampfſtahl etwas gegen Theorien ausrichten kann.“ Der Enthuſiaſt hatte uͤbrigens, waͤhrend er ſo ſprach, zerriſſene und blut⸗ beſpritzte Kleider an, ſeine Haͤnde bezeugten, daß er nicht unverwundbar, und ſeine Feſſeln bewieſen, daß III. 15 er nichts weniger als unuͤberwinblich war. Gleich⸗ wohl ſprachen alle wie er von der ſpaniſchen Ueber⸗ legenheit. Sein Vater, der ͤber ſeine Reden ſeufzte, tadelte daran blos die revolutionaͤre Metaphyſik. „Wie iſt es moͤglich,“ ſagte er zu ihm,„daß du bei deinen ketzeriſchen Grundſaͤtzen noch daran denken konnteſt, mich zu vertheidigen, und wie kannſt du doch gegen dieſe Apoſtel des Lutherthums und der Freiheit und Gleichheit kaͤmpfen 2 Ganz gewiß mag Gott deine Zunge dem Engel der Finſterniß uͤberlaſſen und blos deinen Arm fuͤr ſeinen Dienſt behalten ha⸗ ben.“—„Was!? Finſterniß?“ rief Don Eſtevan⸗ „Finſterniß? ich, der ich die Welt in einen Ocean von Licht und Klarheit zu verſetzen im Begriff bin„ Ich hemmte den Strom ſeiner Beredſamkeit dadurch, daß ich ihm meinen Brief zur Befoͤrderung uͤber⸗ gab. Voll Freuden nahm er ihn an, doch nur un⸗ ter der Bedingung daß Don Diego ihn begleiten duͤrfe. Ich erlaubte dies, nachdem mir die beiden wuͤrdigen Buͤrger des Koͤnigreichs Valencia das Wort gegeben hatten, waͤhrend des ganzen Feldzu⸗ ges nie mehr die Waffen zu tragen. Beide Perſo⸗ nen waren fuͤr das Waffenhandwerk wenig geeignet⸗ Don Diego entſetzte ſich vor einer Gefangenſchaft, die ihn jenſeit der Pyrenaͤen entfuͤhren ſollte.„In den guten Zeiten der Monarchie,“ rief er aus, „wo das Land Philipps des Zweiten weder Nachba⸗ ren hatte, die zu kaͤmpfen, noch auch Philoſophen⸗ die es zu verderben wagten, wuͤrde ein Mann, wie ich, waͤhrend der Dauer von zehn Generationen auch 27 nicht ein einzigesmal den Kirchthurm von Tatiba aus den Augen verloren haben; und ich haͤtte ſollen nach dem Norden hinauf gehen, unter einen Himmel, der die Encyclopaͤdiſten, Port Royal und die geſetzgebende Verſammlung beſchienen hat? ich haͤtte ſollen die vergiftete Luft der Rechte der Menſchen einathmen? Nein! Lieber entſage ich tauſendmal dieſem Degen, der ſich ſehr wundern mag, an der Huͤfte eines Raths von Kaſtilien zu ſchweben. Auch wuͤnſche ich eben nicht, daß es gelingen moͤge, Don Ferdinand wieder zu erobern; denn es giebt nur ein Mittel gegen ſo viele Uebel.“ 3 In dem Augenblick, wo die beiden Fativaner ſich von dem Trupp entfernten, ſah die Gefäͤhrtin des Kapuziners ihnen mit geruͤhrten Blicken nach. Auf einmal ſprang ſie auf, eilte ihnen nach, ergriff die Hand Don Diego's, und bedeckte ſie mit Kuͤſſen und Thraͤnen. Der Hidalgo nebſt ſeinem Sohne war daruͤber nicht wenig verwundert, als ſie ploͤtz⸗ lich auf den Ruf des Moͤnchs mit ſchnellen Schritten wieder davoneilte, und ihren Platz in den Reihen der uͤbrigen wieder einnahm, wohin die bitteren Spott⸗ reden euerer Soldaten ſie begleiteten. Don Eſtevan und ſein Vater nahmen meinen Brief mit. Nach zwei Lagen erhielt ich Antwort darauf. —.———— 15* 228 „Don Alonſo an Fray Pablv.“ „Den 6. November 2808. „Wenn Fray Pablo dadurch, daß er mir eine Zuſammenkunft vorſchlaͤgt, mich der Sache, die ich vertheidige, zu entziehen hofft, ſo muß ich ihm zum voraus erklaͤren, daß ſeine Bemuͤhungen fruchtlos ſein werden; es waͤre folglich beſſer, wenn er mir und ſich ein unnuͤtzes Bedauern erſparte.“ „Wenn er aber die Achtserklaͤrung, welche die Nationalregierung gegen die Miniſter des Thronan⸗ maßers ausgeſprochen hat, von ſeinem Haupte ent⸗ fernen will, wenn er ſich der Stimme ſeiner Mitbuͤr⸗ ger, ſeines Vaters, ja einer Schweſter unterwirft, die vom Himmel herab uns ihren blutigen Schleier zeigt und uns zuruft, auf weſſen Seite die Pflicht und die Gerechtigkeit ſei: dann mag er mich unter meinem Zelte aufſuchen, ich werde ihm meine Arme oͤffnen. Wuͤnſcht er dabei den Blicken der Menſchen auszuweichen, ſo kann er ſich ja des Abends um neun Uhr an das ufer des Ebro unterhalb von San Gadea üͤberſetzen laſſen. Dort befindet ſich ein ein⸗ ſamer Huͤgel, der eine Ausſicht auf den Strom hat, und auf welchen ich mich haͤufig begebe, um waͤh⸗ rend der Nachtſtunden uͤber alles das nachzuſinnen, was meine Seele erfuͤllt und betruͤbt. Dort iſt der einzige Zuſammenkunftsort, den ich Fray Pablo an⸗ bieten kann. Denjenigen, den er mir in der Mitte des feindlichen Heerlagers bezeichnet, kann ich nicht annehmen. Die Verraͤtherei von Bayohne thuͤrmt eine eherne Mauer zwiſchen der Nation, die Bona⸗ parte beherrſcht, und den civiliſirten Voͤlkern em⸗ por; fuͤr mich kommen nun noch die Ermordungen vom 2. Mai hinzu.“ . Dieſer Brief mußte meinen Entſchluß mehr ent⸗ kraͤften. Ich ſah nur zu wohl, daß mein Bruder in der Erbitterung ſeines Schmerzes mich auf eine beleidigende und grauſame Weiſe zuruͤckſtoßen wuͤrde. Matea fuͤhrte mir indeß nochmals meine Pflicht, die Vaterlandsliebe und ihren eigenen Wunſch zu Ge⸗ muͤthe, und ſo nahm ich mir denn blos noch ſo viel Zeit, um Napoleon, der ſo eben unter uns angekom⸗ men war, meine Aufwartung zu machen. Ein un⸗ ermeßliches Heer kam mit dieſem herangezogen, das die ſiegberuͤhmteſten Feldherrn an ſeiner Spitze hatte. Seine Adler waren ſo eben im Begriff, quer durch Kaſtilien ihren Flug zu nehmen, und ich zweifelte nicht an der Leichtigkeit ihres Obſieges. Indem ich nun meinen Bruder mit den Begebenheiten, die jezt im Werke waren, auszuſoͤhnen verſuchte, glaubte ich dazu beizutragen, die Zahl der fruchtloſen Auf⸗ opferungen zu vermindern. Ich machte mich alſo auf⸗ Die Graͤfin beglei⸗ tete mich bis dahin, wo der Strom der Zadorra zwiſchen ſteilen Felswaͤnden unter kuͤhlen Baumſchat⸗ ten dahinrauſcht. Mein Herz wußte ihr fuͤr dieſe 230 liebevolle Sorgfalt, die fuͤr ſie gewiß ein großes Opfer war, den hoͤchſten Dank. Konnte ich mir wohl denken, daß ſie ſich gern von einem Hofe ent⸗ fernte, wo jezt gerade der——— der— glaͤnzte? Endlich nahm ſie von mir abſchied. Ihre pan zitterte in der meinigen, ihre Stimme war voll Ruͤh⸗ rung. Sie ſchien von einer ungewoͤhnlichen Ge⸗ müthsbewegung ergriffen zu ſein, hielt mich noch eine Weile zuruͤck„ und rief dann;„Jezt gehet! es muß, es muß ſein!“ Ich dachte, ſie fuͤrchtete fuͤr meine Perſon irgend eine hinterliſtige Nachſtellung, und da ich ihre Unruhe als eine bange Vorahndung anſah, ſo war ich nahe daran, auf der Stelle wie⸗ der umzudrehen. Indeß konnte ich doch einer ſol⸗ chen Aengſtlichkeit kein Gehoͤr geben. Ich ſetzte da⸗ her meinen Gang uͤber unbekannte Fußpfade weiter fort, in Begleitung einiger ſpaniſchen Soldaten, We ren Treue mir ſehr verdaͤchtig vorkam. Die mondloſe Nacht geſtattete mir weder Him⸗ mel noch Erde zu unterſcheiden. Ich ſuchte durch ſteile Felſenabgruͤnde einen Fiſcher auf, deſſen Barke mich uͤber den Strom hinuͤberſetzen koͤnnte. Maten hatte mir hieruͤber gewiſſe Bezeichnungen angegeben, die erſtaunlich genau waren. Ein Feuer, das unter Ciſtroſenſtraͤuchern und Weiden angemacht war, lei⸗ tete mich zu einer Huͤtte von Schilf, unter welcher eine Frau, einige halbnackte Kinder und ein in Bocks⸗ felle gehullter Mann einige Fiſche verzehrten, die ſie ſo eben auf dem Sande geroͤſtet hatten. Der Schif⸗ —=—— fer betrachtete mich pruͤfend eine lange Weile, ohne daß er Miene machte, mich zu dem Kahne hinführen zu wollen.„Ich glaubte ſonſt immer,“ ſagte er zu mir,„daß alle, in denen ein ſpaniſches Herz ſchlaͤgt, nur eine und dieſelbe Denkungsart haben koͤnnten; indeß wir erleben jezt wieder die Zeiten der Saracenen, und es giebt wieder Verraͤther wie der Graf Julian und ſein Mitſchuldiger, der Erzbi⸗ ſchof Oppas, geweſen ſind.“ Dieſe Einleitung er⸗ ſchreckte mich. Der Mann fuhr darauf weiter fort: „Seit einigen Tagen gehen außerordentliche Bewe⸗ gungen von einem Ufer zum andern vor. Sanck Elmo hat es zugelaſſen, daß ich unter andern auch einen Verraͤther auf das jenſeitige ufer uͤbergeſetzt habe. Seit dieſer Zeit kann ich nie mehr mein Ru⸗ der in die Hand nehmen, ohne daß mir unwillkuͤhr⸗ lich ein kalter Schweiß die Stirn uͤberzieht. Es kommt mir dann immer vor, als liehe ich meinen Arm dem Dienſt des Teufels und Pepe's.“— Ich ſuchte ihn zu beruhigen, indem ich wie von ungefähr einen Theil meines Mantels zuruͤckſchlug. Der Ka⸗ ſtilianer bemerkte jezt mein Ordenskleid; er vollen⸗ dete ſeine Mahlzeit, verrichtete ein kurzes Gebet, ſeine Waffen und ging mit mir ans ufer hinabt unterweges erzaͤhlte er mir;„Der Verraͤther, von dem ich euch vorher ſagte, trug die Schaͤrpe ei⸗ nes Oberbefehlshabers, ein Kreuz auf der Bruſt, und Treſſen an den Aermeln. Ich hielt ihn fuͤr ei⸗ nen unſerer wuͤrdigen Anfuͤhrer. Allein beim An⸗ blick eines unſerer Generale, der dreihundert Schritte 232 von unſeren Vorpoſten abſeits einen Spaziergang machte, veraͤnderte er die Farbe. Es war der hoch⸗ edle Don Alonſo, der zu ihm ſagte:„Ich wußte von eurem Erſcheinen am Hofe zu Vittoria; kehret indeß nur immer zu euern Fahnen zuruͤck. Das Heer wird es zu vergeſſen ſuchen, daß ein Mann von eurer Abkunft und eurem Range jemals auf der Bahn der Pflicht ſtraucheln konnte.“—„Ich fuͤr mein Theil,“ fuhr der Schiffer fort,„verſtehe mich nicht auf dergleichen Schonung. Verraͤther muͤſſen durchaus umkommen; und meine Flinte wuͤrde ohne weiteres dieſen Dreuloſen zur Hoͤlle hinab geſchickt haben, wo er ohnehin gewiß ſchon ſeine angewieſene Stelle hat, wenn ihn nicht der General mit ſeinem eigenen Koͤrper gedeckt und mir mit der Hand zuge⸗ winkt haͤtte, daß ich mich entfernen moͤchte. Ich gehorchte; aber ihr werdet ſehen, man wird es be⸗ reuen. Ich verehre gewiß den allerſeligſten Sanct Petrus gar ſehr; gleichwohl, wenn ich dabei gewe⸗ ſen waͤre, als er ſeinen Herrn und Meiſter verleug⸗ nete, wuͤrde ich ihn wie eine verfluchte Schlange zer⸗ treten haben.“— Ich erinnerte ihn daran, daß ja doch ſelbſt unſer Heiland dem Fuͤrſten der Apoſiel verziehen habe.—„Das mag immerhin ſein,“ erwiederte der Fiſcher;„allein es war dennoch von Gott dem Sohne nicht ganz klug gehandelt.“ Sein Ruder durchſchnitt jezt die eben nicht tiefen Gewaͤſſer des Ebro. Es war dies das einzige Ge⸗ raͤuſch, was ſich horen ließ, außer dem fernen Wer⸗ darufen der Heere, die druͤben vor Miranda ſtanden⸗ 233 Kein Mondſchimmer milderte das Grauen des ernſten Nachtdunkels, das uns umhuͤllte; blos die Feuer der Bivouak's, die jenſeit der Bruͤcke, welche Bis⸗ caja mit Kaſtilien verbindet, laͤngs dem Stromufer ſich hinzogen, gaben durch ihren Schein den dunkeln Maſſen der Bruͤckenbogen einen hellen und lichten Hintergrund. Endlich erreichte die Barke das ka⸗ ſtilianiſche Ufer. Ich ſtieg aus, und zeigte dem Faͤhrmann an, daß ich ſpaͤter noch einmal ſeine Dienſte bedurfen wuͤrde; worauf er wieder vom ufer abſtieß. Indem ich mit den Augen der ſilber⸗ nen Furche folgte, die er durch die Fluten hinzog, ſeufzte ich bei dem Gedanken, daß ich mich nun ſo ganz allein auf feindlichem Grund und Boden be⸗ faͤnde„ Auf feindlichem Boden? Großer Gott! ich befand mich ja mitten im Herzen meines Vaterlandes! Baͤume und Felſen waren mir im Wege. 5ch kletterte wuͤhſam empor, und kam nach mancherlei Umwegen endlich auf einer Anhoͤhe an, an deren Fu⸗ ße ich die Wellen des Ebro anſpuͤien hoͤrte. Mir war, als ſähe ich durch die weißſchimmernden Bir⸗ kenſtaͤmme einen Mann wie ein ſchwarzes Nachtge⸗ ſpenſt umherirren, aus ſeiner Bruſt drangen Seuf⸗ zer, die bis zu meinem Ohre kamen. Bald ver⸗ mochte ich ſogar einzelne abgebrochene Worte zu un⸗ terſcheiden, die tief in meinem Innern wiederhallten. „Maria, heißgeliebte Maria,“ riefer,„wenn wird dein trauriger——— wenn wird ber Tob ti unnn N meines Lebens dahin nehmen?“ w ·ch lenkte meine Schritte nach dem ungctichen hin. Aus dem Schvoß der Fluten drang eine Stim⸗ me, die das Rauſchen derſelben uͤbertoͤnte und mich mit Beben erfuͤllte,„Stolzer Alonſo,““ rief ſie, „der Tod wird deine Wuͤnſche bald erhoͤren.“— „ Wer ſpricht zu mir,* antwortete er,“wer wagt es, mir zu drohen?—»Alonſo!“ fuhr die ge⸗ heimnißvolle Stimme ſtre die ſich durch ihren ge⸗ ruͤhrten Lon nur zu ſehr verrieth,„Maria lebt Roch Was ſagt ihr? o Himmel!“ erwie⸗ derte mein Bruder, indem er nach der Spitze des Felſen hineilte,»wer du auch ſein magſt, wenn dein Herz Gefuhl fuͤr Liebe hat, ſo fage, iſts wahr, daß Märia noch athmet?“—»Sie lebt, ſie lebt; ja vernimm noch mehr: ſie haͤtte die deinige werden koͤnnen, doch nun wirſt du ſie nicht mehr wiederſehen, denn deine letzte Stunde hat geſchla⸗ gen. Nunmehr iſt es Zeit, um dir zu ſagen, daß man eine liebende Frau nicht ungeſtraft beleidiget.“ Der Horizont war von tauſend umherirrenden kichtern erhellt, ein dumpfes Geſchrei hallte aus der Ferne heruͤber, eine unermeßliche Menge von Menſchen eilte mit Fackeln in den Haͤnden hin und her, indem ſie gegen Alonſo Stimmen der Wuth und der Rache erhoben. Er ſchickte ſich ſo eben an, ſei⸗ nen aufruͤhreriſchen Soldaten. entgegen zu eilenz z da ſprang ich hervor, um ihn nach dem einzigen Zu⸗ fluchtsorte, der ihm noch offen ſtand, fortzuziehen, ————— ——— 235 ich nanute ihm meinen Namen, inbei ich die Arme nach ihm ausſtreckte. Doch er wies mich von ſich und rief:»Mache dich den Augen aller unſichtbar, denn es gilt hier dein Leben und meinen Ruf.“ Ich gehorchte ihm, ohne zu antworten, und ſuchte mir einen Weg durchs Gebuͤſch zu bahnen. Auf der andern Seite der Baͤume ſagten einige Sol⸗ daten im Vorbeilaufen:“Man hatte uns wohl ver⸗ ſichert, daß zwei Maͤnner ihm ſo eben Briefe von Vittoria uͤberbracht haͤtten“—*Er iſt nicht um⸗ ſonſt der Sohn einer Franzoͤſin,* fügtee ein zweiter hinzu; und ein dritter fuhr fort:*Er hat einen Bruder unter den Verraͤthern; dergleichen liegt ſchon im Blute.“ Ein Moͤnch rief, indem er das Kruzifix ſchwenkte:»Er ward in einem Kerker der heiligen Inquiſition geboren, wie ſollte er nicht ein Feind Gottes ſein? Ihr werdet ihn finden, wie er im Verein mit dem Sekretaͤr des Eindringlings die heiligen Hoſtien mit Füßen tritt. Die wuͤthenden Haufen ſtießen ſo eben auf Alon⸗ ſo, der, mit der einen Hand an ſeiner Schaͤrpe, mit der andern auf ſeinen Degenknopf geſtutzt, ganz ruhig die Moͤrder erwartete. Einer von ihnen wagte, gegen den General eine meuchleriſche Hand zu erheben, und in demſelben Augenblick verrieth ein durchdringender Schrei, der vom jenſeitigen ufer ausging, daß ich nicht mehr der einzige wi, der fuͤr ein ſo theures Leben zitterte. Alonſo hatte ſeinen Degen in die Bruſt des Auf⸗ ruͤhrers geſioßen, und alle ſtanden nun ſtill. ueber⸗ 236 raſct durch ſeine Faſſung und durch ſeinen Muth, ſenkte ſie ihre Waffen, und bildeten ehrfurchtsvoll einen Kreis rings um denjenigen, den ſie noch vor einem Augenblick umzubringen gedachten. Ich er⸗ kannte Fortunato, der auf einen Reiter loseilte, der nicht weit von mir herangeritten kam.»Eilt nur raſch herbei,“ rief er ihm zu,“die Armee erwartet euch, um euch zu ihrem Oberbefehlshaber auszuru⸗ fen.“ Es war Jaime. Bei ſeinem Anblick faßte die Empoͤrung neuen Muth, die entfernteſten Linien ließen ihre wuͤthenden Verwuͤnſchungen bis zum Him⸗ mel ertoͤnen, die Moͤnche riefen:“Tod den Verraͤ⸗ thern! es lebe Frey Don Jaime! Er bedarf nicht eines Murats, um ſeine Mutter vor der gerechten Strenge des Inquiſitionsgerichts zu retten; unter ihm wird Bellona die Vertheidiger Jeſu Chriſti mit Lorbeeren bedecken.“ Der Sohn Don Juan's ward von dem Heere einſtimmig zum Oberfeldherrn aus⸗ gerufen, und die Soldatesca, durch die Reden fa⸗ natiſcher Moͤnche kuͤhn gemacht, wollte ſo eben ihren Frevel vollenden, als ſich eine Frau den Meuchel⸗ moͤrdern entgegen warf; die Gitana kam, um die Verraͤtherei Jaime's zu enthuͤllen. Der Comthur war uͤberraſcht, und ſuchte in ſeiner Verlegenheit Worte und konnte keine finden. Fortunato begann eine Anrede, welche die Gattin des Großrichters ſo⸗ gleich unterbrach, indem ſie die Komplotte entdeckte, die zwiſchen ihm und einer abſcheulichen Afranceſa⸗ da angezettelt worden, um den Helden von Baylen zu Grunde zu richten. 1 6 ninin 3705 237 Alle Gemüther waren geſpannt. Der kecke Bandit forderte, ohne der Zigeunerin zu antworten, Alonſo auf, zu ſagen, ob er ſich nicht blos darum hier am ufer befinde, um mit einem Staatsſekretaͤr des Koͤnigs Pepe eine Unterredung zu halten.*Ich bin hier,“ erwiederte der junge Feldherr, um Be⸗ fehle zu ertheilen, aber nicht, um welche zu empfan⸗ gen. Don Ferdinand und Spanien haben uns allen Pflichten auferlegt; die eurige iſt, zu gehorchen und zu ſchweigen. Es iſt nicht genug, ins Treffen krie⸗ geriſches Feuer mitzubringen; die Mannszucht iſts, die zum Siege fuͤhrt, waͤhrend der Muth hochſiens zum Tode fuͤhrt.“ » Soldaten! vier unter euch ſind mir auf Schlachtfeldern begegnet, vom Fuße der Sierra Mo⸗ rena bis zu den Mauern von Saragoſſa und zu den Gebirgen von Aſturien, moͤgen nunmehr alle ½ nigen, die mich in den Palaͤſten Jvachims oder Jo⸗ ſeph's geſehen haben, auftreten und mich angeben. Die Verwegenen, die mich jetzt anklagen, leiſteten damals ihre Hulbigungen und ihre Eidſchwuͤre in den Reihen der Franzoſen, waͤhrend mein Degen in euren Reihen blitzte.“ »Gefaͤhrten! meine Feinde oder vielmehr die eurigen, diejenigen, die euch gern durch Zwietracht ſchwaͤchen, euch durch Meuchelmorde entehren moͤch⸗ ten, alle dieſe erinnern euch nur, daß ich einen Bru⸗ der unter den Rathgebern des Thronanmaßers habe, aber ſie verſchweigen euch dabei, daß ich auch eine Schweſter unter den Sb— Rais gehabt.“ 4 Beruhiget aucht⸗ wiſchent mir und Frsu⸗ zoſen liegt ein theures, vergoſſenes Blut, ein Blut, fuͤr welches ich tauſendmal lieber das meinige ver⸗ ſpritzt haben wuͤrde! Beruhiget euch! ich werde nicht eher die Waffen niederlegen, als bis die Belei⸗ digungen, die wir und Don ge⸗ raͤcht ſein werden!“. »Soldaten, kehrt wieber in Reihe und Gued zuruͤck; ich fuͤr mein Theil will gern das aufruͤhre⸗ riſche Geſchrei vergeſſen, daß ich ſo eben vernahm. Von nun an moͤge gegenſeitiges Zutrauen euch wie⸗ der zum Gehorſam antreiben, mir meinen Oberbe⸗ fehl erleichtern, und uns alle unterſtuͤtzen„um je⸗ dem, der irgend ſich zum Vertheidiger der Dreulo⸗ ſigkeit des gekroͤnten Raͤubers aufwirft, ſein Grab zu bereiten.“ »Ein einmuͤthiges Leifalleufen Alon⸗ ſos Stimme. Zugleich trat ein Mann aus dem Volke auf— es war eben der Fiſcher, der mich uͤbergeſetzt hatte— und rief:»Ihr wißt noch lange nicht alles!“ Hierauf erzaͤhlte der einfache Kaſtilianer die ganze Sache, wie der General dem Comthur fuͤr ſeine Verraͤtherei Vergebung ertheilt habe.»Auch das,“ fuhr er fort,»iſt noch ein ſehr wuͤrdiger Zug von den Bayonner Affen. Jezt eben hoͤrte ich druͤben auf dem ufer eine Frau, die das Wetter erſchlage! zu franzoͤſiſchen Soldaten, die um ſie waren, ſagen, daß ſie ſelber alles das, was ſo 239 eben vorgegangen,— habe. Dieſe Toch⸗ ter Beelzebubs wuͤrde jezt noch druͤben am ufer ſte⸗ hen, wenn ſie nicht am Ende ohnmaͤchtig gewor⸗ den waͤre. Ich brannte vor Begier, ſie durch einen Schuß aus meiner Buͤchſe wie einen Rohrſtengel niederzuſtrecken, ohne ihr Zeit zu laſſen, ihre Suͤnden zu beichten; allein ich hatte mein Weib und meine Kinder druͤben, die mir Gott gegeben hat. Darum iſt denn auch die Unglaͤubige bis jezt hch am Leben geblieben.“ Der Kaſtilianer zt kaum ausgeſprochen, als auch ſchon das ganze Heer ſeine Wuth gegen den Comthur und ſeinen Freund wendete, die ſofort die Flucht ergriffen. Sie ſuchten den Strom zu errei⸗ chen; die verfolgenden Soldaten ſchlugen daher die Richtung auf mich zu ein, und ich war genoͤthigt, meine Schritte nach dem Gebirge hin zu richten. Die beiden Urheber des Aufſtandes wuͤrden unter den Haͤnden des Soldatenhaufens, den ſie irregefuͤhrt hatten, ihren Tod gefunden haben, wenn nicht Alonſo ſie in Schutz genommen haͤtte. Sogleich trat unter der ungeregelten Menge ein tiefes Still⸗ ſchweigen ein? die Fackeln erloſchen allmaͤhlig, kein Schimmer leuchtete mehr durchs Dunkel, kein Ge⸗ raͤuſch ließ ſich mehr vernehmen; blos der einfoͤrmi⸗ ge Ruf der Schildwachen, Hufſchlag von Pferden und entferntes Werdarufen uͤberzeugten mich hin⸗ laͤnglich, daß ich mitten unter den feindlichen Linien, unter den Linien meines Bruders mich befand. 35ch irrte lange Zeit uͤber Ebenen, Berge und Schluchten auf gut Gluͤck umher. Vergebens ſah ich mich auf der Erde nach einem Schimmer um, nach welchem hin ich meine Flucht haͤtte nehmen koͤn⸗ nen, vergebens ſuchte ich am Himmel einen jener leitenden Sterne, die den verirrten Wanderer wie⸗ der auf den rechten Weg bringen helfen; dieſe Leuch⸗ ten der Nacht waren hinter ziehenden Wolkenmaſſen verſteckt. unter beſtaͤndiger Angſt, daß ich in die Linien des ſpaniſchen Heeres gerathen koͤnnte, ſuchte ich den Weg nach dem Fluſſe wieder aufzufinden. Man glaubt es gar nicht, welche Herzenspein ein Mann empfindet, deſſen Haupt in ſeinem Vaterlan⸗ de in die Acht erklart iſt, und dem daher jedes leben⸗ de Weſen als ein Feind, als ein Angeber, als ein Henker erſcheint. Die Seele fuͤhlt ſich dann durch die Nothwendigkeit gedemuͤthigt, alles fuͤrchten zu muͤſſen, das Herz empoͤrt ſich gegen eine Furcht, die alle Gefuͤhle der Kindheit verlezt, es giebt dann auch nicht eine einzige Gemuͤthsregung, die nicht das Gewiſſen beunruhigte; keine edle Illuſion, kein be⸗ geiſtertes Gefuͤhl giebt uns dann Kraft genug, um ſolchen Gefahren zu trotzen. Der ganze Menſch erliegt dann unter der Laſt dieſes Kummers. ——— Achtzehntes Buch. Fortſetzung der Erzaͤhlung des Einſiedlers. Erſtes Kapitel. —— Der anbrechende Tag zeigte mir ehdlich meine Ge⸗ fahren und meine Verirrungen. Ich hatte mich vom Ebro entfernt; ein Doͤrfchen lag vor mir, und ich ſuchte nun in demſelben einen Zufluchtsort. Es war uͤbrigens blos eine Gruppe roher Huͤtten, dergleichen der erſtaunte Reiſende nirgends anders als bei wil⸗ den Voͤlkerſchaften antreffen zu koͤnnen glaubt. Dieſe halb in das Erdreich hineingegrabenen, von Erde erbauten und mit Geſtruͤpp gedeckten Wohnungen, die keine andere Heffnung hatten, als eine ſchmale und niedrige Thuͤr, ſchienen eher dazu beſtimmt, um Lapplaͤnder oder Baskiren aufzunehmen, als die Un⸗ terthanen eines Reichs, das von der alten bis in die neue Welt hinuͤberreicht, und die Minen von Potoſt bearbeitet. Das Haus, in welches ich zuerſt ein⸗ trat, war das des Alcalden. Das ganze Haus⸗ und Zimmergeraͤth darin beſtand aus zwei Stuͤhlen und einigen Baͤnken, welche die einzige Lagerſtatt der zahlreichen Bewohner dieſer Huͤtten ausmachten. II. 16 242 Der Hausherr ſtand auf, um mich ehrerbietigſt zu bewillkommen, nahm dann wieder ſeinen Platz ein vor einem Bischen Feuer, das mitten im Gemache brannte, gab dann ſeiner Frau ein Zeichen, daß ſie mir ihren Sitz abtreten moͤchte, und nachdem dieſe ſo wie er mir die Hand gekuͤßt hatte, ſetzte ſie ſich neben mich auf einen Sack voll dürrer Huͤlſenfruͤchte. Die Kinder kamen herbeigelaufen, um einen Ordens⸗ geiſtlichen zu ſehen, deſſen weißes Kleid ſie in Stau⸗ nen ſetzte, und ſie giengen ſodann von Haus zu Haus, um meine Ankunft zu verkuͤnden. Ich erfuhr, daß ich vier Stunden vom Ebro entfernt, in der Nachbarſchaft der Occagebirge, und zwar dicht am Engpaſſe von Pancorbo mich befaͤnde⸗ Nicht weit von uns dehnte ſich die ſpaniſche Armee hin.„Wir haben,“ fuhr der Kaſtilianer fort, „blos unſeren Vortrab in der Nachbarſchaft des Stromes. Jenſeit der Berge, auf⸗ dem halben Wege nach Burgos, ſteht eine Welt von Soldaten gelagert, zahlreicher als die Heerſchaaren des Him⸗ mels. Sie werden indeß gar nicht erſt nothig ha⸗ ben, zu fechten; denn unſere Vorpoſten werden hin⸗ reichen, um dieſe von Gott verfluchten hinter die Pyrenaͤen zuruckzuwerfen, und ich bin keiner von de⸗ nen, die ſie gern noch weiter verfolgen moͤchten. Wir haben an der Neuen Welt genug. Die Sonne geht in unſeren Koͤnigreichen nicht unter. Wozu alſo noch Provinzen erobern, uͤber welchen, wie man ſagt, die Sonne nur zwei bis drei Stunden taͤglich aufgeht, und noch dazu ganz in Wolken gehuͤllt?“ 243 Die Fran des Alcalden, die ihren Roſenkranz in der Hand hatte, ſah mich mit großen, weit geoͤffneten Augen an, um meine Antwort zu hoͤren.„Der Krieg,“ erwiederte ich,„iſt weder ſo weit vorge⸗ ruͤckt noch auch ſo leicht, als ihr zu glauben ſcheinet. Der Kaiſer Napoleon gilt fuͤr unuͤberwindlich.“— „Ich glaube das recht gern,“ verſetzte mein Wirth, indem er ſeinen Cigarro immer fort rauchte,„denn er hat ja mit uns noch nie angebunden.“— Ich fuͤgte hinzu:„Das Gluͤck des Kaiſers iſt eben ſo furchtbar, als ſein Genie; ihm iſt noch nie ein Un⸗ fall begegnet.“—„Und das darum,“ ſagte hierauf Maria del Carmen, ſo hieß naͤmlich die Haus⸗ frau,„weil er wahrſcheinlich bisher noch nie einen Verrath begangen hat.“ Dies Wort machte mich ſtutzig. Ich wendete voll Ueberraſchung meine Blicke nach der Baͤuerin hin, die es ausgeſprochen hatte, und ich bewunderte unter der groben Umhuͤl⸗ lung, womit ſie bekleidet war, dieſe Geradheit des Verſtandes und Herzens, die, auf die ewige Gerech⸗ tigkeit vertrauend, den gluͤcklichen Erfolg nicht von dem Rechte zu trennen vermochte. Unter allen muͤh⸗ ſamen Beweisfuͤhrungen und beredten Darſtellungen unſerer Gegner hat niemals irgend eine Aeußerung mich ſo tief erſchuͤttert, als dies einfache Wort, aus dem Munde einer einfachen Frau. Ich ſagte meinen Wirthsleuten, der franzoͤſiſche Kaiſer habe am Ebro dreimal hunderttauſend Mann ſtehen.„Dreimal hunderttauſend?“ wiederholten die zuhorchenden Kinder. Die Mutter ſchien dar⸗ 16— 244 uͤber erſtaunt zu ſein. Ich fuͤgte hinzu, daß im Nothfalle noch fuͤnfmal hunderttauſend andere her⸗ anruͤcken wuͤrden, um ihre Waffenbruͤder abzuloͤſen. —„Deſto beſſer,“ antwortete ganz kalt der Al⸗ calde,„da wird jeder von uns ſeinen Mann todt⸗ ſchlagen koͤnnen.“—„Aber eure Soͤhne werden dafuͤr umgebracht werden.“—„ Was iſt da wei⸗ ter? da kommen ſie in den Himmel und werden En⸗ gel.“—„Eure Getreibefelder werden vernichtet, eure Häuſer niedergebrannt werden.“—„Das thut nichts; wir werden ſie aus Menſchenknochen wieder aufbauen.“—* Der Alcalde hieß Leonardo, und dieſen Tag fiel gerade das Feſt ſeines Schutzpatrons. Nicht blos ſeine Familie feierte es durch eine tiefe Ruhe, ſon⸗ dern auch das ganze Dorf hielt es fuͤr Pflicht, alle Feldarbeit an dieſem Tage einzuſtellen.„Wider meinen Willen,“ ſagte der Kaſtilianer zu ihr, „feiert man das Feſt meines Schutzheiligen. Wir leben hier in einem Behetria⸗Dorfe; da wir naͤmlich alle Abköͤmmlinge des Koͤnigs Don Pelayo ſind, ſo erkennen wir auch keinen Adel, keine Vor⸗ nehmigkeit, keine Rangunterſchiede an, und ich, als Vertheidiger der gemeinſamen Freiheiten, wollte ſie eben dadurch aufrecht erhalten, daß ich mein Feſt unterdruͤcken wollte. Allein ich kann ſie ja doch nicht zwingen, hinter dem Pfluge her zu gehen, wenn ſie nun einmal zu Hauſe bleiben wollen.“—„Ihr ſeid ſehr glucklich,“ antwortete ich ihm,„daß ihr auf dieſe Weiſe vermoͤge eures alten Herkommens 245 Freiheit und Gleichheit unter euch eingefuͤhrt ſehet, das iſt ein Vorzug, um welchen Spanien euch benei⸗ det. Auch Koͤnig Pepe hat ſie in die neue Konſtitu⸗ tion der Monarchie aufgenommen, ich meine in die, welche er uns anbietet, und dieſe Wohlthat hat ihm vieler Herzen gewonnen.“—*Was ſprecht ihr da, mein ehrwuͤrdigſter Pater, von einer Konſtitu⸗ tion, die uns der Koͤnig Pepe bringt? Seit wenn kann denn ein Franzoſe den Koͤnigreichen— und Indiens Geſetze vorſchreiben?“ Ich ſchwieg. Aller Blicke ſchienen in den mei⸗ nigen eine Loͤſung der Zweifel zu ſuchen, welche in ihnen aufzuſteigen anfiengen. Ein junger Menſch, im geiſtlichen Rocke und mit einem großen ſchwarzen Hute bedeckt, hielt ſeine Augen ſtarr auf mich ge⸗ richtet. Ich erfuhr, daß er der Sohn des Alcalden und zugleich Praͤbendarius des Kirchſpiels ſei. Sein Vater redete nie etwas, ohne mit einer gewiſ⸗ ſen Miene von Ehrerbietigkeit und Stolz ſich auf das Anſehn dieſer ehrwuͤrdigen Perſon zu berufen. Leo⸗ nardo ſagte mir, daß er noch einen andern Sohn habe, der im Dienſte Gottes ſei, daß der junge Ca⸗ lixto ein Beato* ſei, das Franziscanerkleid truͤge, und unter den Fahnen Jeſu Chriſti und Don Ferdi⸗ nands kaͤmpfe. Es ſind mir jezt keine Erben mei⸗ nes Hab' und Guts mehr uͤbrig geblieben, als der kleine Zacarias da, und dann noch eine große Toch⸗ *) Ein Andächtiger, der Ordenskteidung trägt, ohne im Sloſter zu leben. 246 ter, die ihr Vetter Angel naͤchſtens heirathen wird, wenn es Gott gefaͤllt. Auch beſaͤe ich meine Laͤnde⸗ reien nicht mehr alle drei Jahre, wie meine armen Nachbaren, ſondern blos alle fuͤnf bis ſechs Jahre. Sie tragen mir daher um ſo beſſeres Weizenkorn, und mein Erntenertrag iſt dennoch mehr als hinrei⸗ chend, um den Zehenten und den herrſchaftlichen Antheil davon zu beſtreiten. Nicht wahr, mein Sohn?“—*Ja, lieber Vater!“ erwiederte der junge Geiſtliche mit vieler Selbſtzufriedenheit. Waͤhrend ich uͤber die vertraulichen Eroͤffnun⸗ gen des Alcalden nachdachte, meldete ein junges Maͤdchen, die ich bisher hinter der Rauchwolke, die zwiſchen uns aufſtieg, gar nicht bemerkt hatte, vor Freude aufhuͤpfend und zugleich erroͤthend, daß der Herr Pfarrer kaͤme.»Du hoffſt auf gute Nachrich⸗ ten, meine Catalina?“ ſagte Maria del Carmen ge⸗ ruͤhrt, und ein junger Menſch, der in einem Winkel der Huͤtte mir ſchuͤchtern gegenuͤber ſtand, nahm ſich die Freiheit, den Blicken der Frau und der Lochter des Alcalden durch ein Laͤcheln zu antworten. Ich erkannte darin ſehr leicht den Vetter Angel. Unterdeß hatte ſich der Alcalde zu meinem Ohre herab geneigt und fluͤſterte mir zu:»Der Herr Pfarrer iſt eine verdaͤchtige Perſon; er hat eine ge⸗ wiſſe Neigung fuͤr die Ketzerei und fuͤr den Eindring⸗ ling. Ach, wenn er die Heiligkeit meines Sohnes haͤtte, ſo wuͤrde er dereinſt im Kalender unter den Auserwaͤhlten des Herrn eine Stelle einnehmen, al⸗ lein im Gegentheil, ich fuͤrchte ſehr fuͤr das Seelen⸗ 247 heil deſſen, dem doch das unſrige anvertraut worden iſt. Ihr werdet bemerkt haben,“ fuhr er drauf ganz laut fort,* daß unſer Dorf auf eine duͤrre Hoch⸗ flaͤche hingebaut iſt. Gott hat es nun ſo gewollt, daß wir in unſerer Naͤhe kein anderes Waſſer zur Hand haben ſollten, als Regenwaſſer, und wir ſind daher gezwungen, aus einer Quelle zu ſchoͤpfen, die ziemlich fern am Fuß des Gebirges hervorquillt. Da kam denn einſt ein ſolcher Saracene von Franzo⸗ ſen hierher, der uns verſprach, er wolle die Waſſer⸗ quelle bis in unſer Dorf herauf leiten, und der Herr Pfarrer billigte die Hexereien dieſes Abtruͤnnigen; ja er gieng ſo weit, daß er wuͤnſchte, wir Woͤchten doch durch einen gemeinſchaftlichen Beitrag den Fremden in ſeinen Hexenmeiſterkuͤnſten unterſtutzen, um das zu aͤndern, was Gott ſo geſchaffen und eingerichtet hat. Nur der Verſucher ſelber kann ihm dergleichen Anſchlaͤge eingegeben haben. Nicht wahr, mein Sohn?“—»Ja, lieber Vater.“—*Indeß wir ſind hier ganz kurz mit ihm verfahren. Meine Flinte hat den Zauberer wieder zu den abgefallenen Engeln hinunter geſchickt, die ihn auf uns los ge⸗ laſſen hatten.“ Das Oberhaupt des Kirchſpiels trat jezt herein. Der Alcalde fuhr mit ſeiner Hand an ſeine Sam⸗ metmuͤtze; der Praͤbendarius ruͤhrte ſich nicht. Ich allein bot dem Geiſtlichen einen Seſſel an, indem ich daran dachte, welcher ganz andere Empfang ihm zu Dheil geworden waͤre, wenn er ein Ordenskleid ge⸗ tragen haͤtte. Traurige Entartung unſeres guten 248 Spaniens! wo die Menſchen in dem Verhaͤltniß in der Achtung des Volkes ſteigen, je unbrauchbarer fuͤr die Welt ſie ſind. Der Pfarrer beeilte ſich, an Maria del Carmen die Nachricht mitzutheilen, daß er endlich vom Bis⸗ thume die Vollmacht erhalten habe, um ihrer Toch⸗ ker das heilige Sakrament der Ehe ertheilen zu duͤr⸗ fen. Leonardo's Frau neigte bei dieſer Nachricht ihre Lippen voll Freudigkeit auf die Hand des Die⸗ ners Gottes, und der Kaſtilianer, der ſeit meiner Ankunft wie an die Wand gefeſſelt dageſtanden hatte, naͤherte ſich jezt, um mit einer Inbrunſt, die ſeine ſonſtige Furchtſamkeit uͤberwand, Catalina's Stirn zu kuͤſſen. Das junge Landmaͤdchen aber eilte her⸗ bei und in die Arme ihrer Mutter, und kniete dann mit dem entzuͤckten Angel nieder, um den vaͤ⸗ terlichen Segen zu empfangen. Der Pfarrer wuͤnſchte, mich aus der Strohhuͤtte, die mir als Zufluchtsort diente, mitnehmen zu duͤr⸗ fen. Er fuͤhrte mich in ſein Haus, ließ mir Choco⸗ lade, Azucarillas und friſches Waſſer vorſetzen, er⸗ zaͤhlte mir im Vertrauen alle die Verdrießlichkeiten, die ihm die einfaͤltige Rivalitaͤt des jungen Praͤben⸗ darius erregte, und freute ſich, in mir ungeachtet des Ordenskleides, das ich trug, eine lebhafte An⸗ haͤnglichkeit an die Grundſaͤtze zu finden, die er mir zu entdecken ſich nicht ſcheute.„Ganz gewiß,“ ſagte ich zu ihm,„iſt es peinlich, wenn man ſehen muß, wie die Abgabe des Zehenten, die fuͤr das Volk ſo druͤckend iſt, auf bloße Pfruͤnden, Praͤbenden, und auf Jahrgehalte weltlicher Ritter verſchleudert wird; die Kloͤſter, die Comthureien und die adeligen Grundbeſitzer nehmen ihren Antheil von dieſem Gelde hinweg, waͤhrend die Pfarrer allein von der Wolle, die ihrer Heerde abgeſchoren wird, keinen Genuß haben. Dieſe, die ihr Leben ausſchließlich dem Pre⸗ digen und der Seelſorge widmen, und genoͤthigt ſind, Almoſen zu nehmen, anſtatt welche auszuthei⸗ len, muͤſſen ſehen, wie an ihrer Seite der Muͤßig⸗ gang und die Unwiſſenheit beguͤnſtigt werden, und das Heiligthum zugleich erſchoͤpfen und entweihen. Der Staat hat keine dringendere Reformen vorzu⸗ nehmen, als dieſe ſind; die Konſtitution von Ba⸗ yonne ſcheint die Abſicht anzukuͤndigen, die Axt an die alten Misbraͤuche zu legen, und die Misbraͤuche, die im Hauſe des Herrn uͤberhand genommen haben, ſind heutzutage ohne Zahl.“—„Die Konſtitu⸗ tion von Bayonne,“ erwiederte der Pfarrer,„iſt in dem Unwillen, den die Treuloſigkeiten des Kaiſers erregt haben, mit inbegriffen. Die Cortes allein koͤnnen die Veraͤnderungen vornehmen, welche die Zeit nothwendig gemacht hat. Sie werden auch wohl dieſelben bewirken, ſobald wir nur erſt die große Unternehmung vollendet haben werden, die von nun an ſehr leicht iſt, naͤmlich diejenige, die treuloſen Entfuͤhrer unſerer Fuͤrſten uͤber die Grenze zu jagen.““ — Ich ſuchte ihm Einwuͤrfe zu machen, und wun⸗ derte mich, dieſen aufgeklärten Prieſter der Parthei unſerer Feinde beigeſellt zu ſehen. Es blieb mir nun nichts uͤbrig, als die Ruͤckkehr der Nacht abzu⸗ 250 warten, um nach der Richtung von Burgos hin ab⸗ zugehen, da ich nicht mehr zweifelte, daß in dieſer ſelben Nacht die franzoͤſiſche Armee unter den Mauern der Stadt des Cid ankommen wuͤrde. Eine mistoͤnende Muſik ließ ſich draußen hoͤren, und auf dem unregelmaͤßigen Platze, nach welchem die Fenſter des Pfarrhauſes, die einzigen, die es im Dorfe gab, hinausgiengen, hielten alle Maͤdchen des Ortes eine Zuſammenkunft, und feierten die lange Ruhe des Tages durch Nationaltaͤnze; einige Maͤn⸗ ner von ihrem Alter ſpielten dazu einige melodieloſe Lieder auf dem Tambourin und dem barbariſchen Zambomba.*). An der Spitze der Muſikanten ſchritt der Braͤutigam Catalina's einher; andere junge Burſche, die an die Kirchenwand gelehnt da⸗ ſtanden, ſahen zu, wie die Maͤdchen unter ſich ihre Quadrillen formirten, und die kaſtilianiſchen Segui⸗ dillas fiengen an. Alle dieſe Dorfmaͤbchen trugen unter ihrem engen Mieder ein Unterroͤckchen von gro⸗ bem Zeuge, welches durch die vielen Falten, die es von den Huͤften abwaͤrts warf, gerade eine ſolche Form und einen ſolchen Umfang hatte, wie die ehe⸗ maligen Reifroͤcke. Ihre Montera, anſtatt wie die der Maͤnner nach oben zugeſpitzt zu ſein, hatte zu beiden Seiten des Kopfes vorſpringende Winkel, und ließ zwei lange und ſchwarze Haarlocken hin⸗ durch, die laͤngs den Schultern hinab— ein ) Eine Art von S die mit einem zuigu etie geſchlagen wird. . ſilbernes Halsband und gewaltig große Schnallen an den Schuhen machten außerdem ihren ganzen uͤbrigen Staat aus. Ich ſah wie ſie nach dem Tacte abwech⸗ ſelnd bald auf dem einen, bald auf dem andern Fuße ſtanden, ſich bald folgten, bald ſich verloren, bald ſich wiederfanden, und das alles mit gleich langſa⸗ mer Bewegung, ohne daß ihre Arme ſich eine Bewe⸗ gung, ihre Augen einen Blick, ihre Lippen ſich ein Laͤcheln erlaubten. Es war, als haͤtte die kaſtilia⸗ niſche Gravitaͤt ſelber dieſe einfoͤrmigen Taͤnze ange⸗ ordnet. Die Maͤnner ſahen blos von fern zu, kein Wort, ja kein Blick ward zwiſchen der unbeweglich daſtehenden Zuſchauergallerie und dem zuͤchtigen Chor gewechſelt, ſelbſt Verlobte erkannten ſich nur dadurch wieder, daß ſie die Augen noch tiefer niederſchlugen, und daß ein noch hoͤheres Roth ihr Geſicht uͤberzog. Der Pfarrer ſah mit Vergnuͤgen dieſen unſchul⸗ digen Beluſtigungen zu; der Kuͤſter und der Gloͤck⸗ ner, die mit einer wichtigen Miene draußen an die Wand des Pfarrhauſes ſich lehnten, unterhielten ſich mit dem Seelſorger und mit mir. Einige junge Leute kamen und hoͤrten ihnen zu, weiterhin an der Seite des Alcalden ſtand der Praͤbendarius, umge⸗ ben von den Frauen und den Alten des Dorfes, und ſchien ſein Anſehn dem des Pfarrers entgegenſtellen zu wollen. Unterdeß begann der Fichngi der ſchon ſeit Tages Anbruch ſich in der Ferne dumpf hatte hoͤren laſſen, immer naͤher zu kommen. Der ganze Horizont hallte von dieſem furchtbaren Getoͤne wie⸗ 252 der, das jezt von der Dorfmuſik begleitet wurde. Dieſe Menſchen ſchienen ſich indeß gar nicht daran zu kehren, und ich, der ich wohl fuͤhlte, daß meine ein⸗ zige Rettung an dieſen Donner des Fremdenheeres geknuͤpft war, ward in meinem Innern von allen Dolchſtichen des Schmerzes, des—— und der Scham beſtuͤrmt. Nitten unter dieſer ſeltſamen Scene, zwiſchen dem Donner der Schlacht und dem Geraͤuſch des Tanzes, kuͤndigte der Pfarrer auf einmal an, daß er, um dieſen Feſttag zu heiligen, den Katechismus wie⸗ derholen laſſen wuͤrde. Auf dieſe Aeußerung eilten alle jungen Leute herbei, die Maͤnner wie die Frauen draͤngten ſich um die Wette herzu, waͤhrend die ganz allein gelaſſenen Maͤdchen ihre melancholiſchen Segui⸗ dillas fortſetzten. Angel allein fuhr immer noch fort, ihnen den Tambvurin zum Tanze zu ſchlagen. guerſt ward nun ein Gebet angeſtimmt. Es enthielt furchtbare Verwuͤnſchungen gegen den Koͤ⸗ nig Joſeph und gegen die ihm treu gebliebenen Spa⸗ nier. Die Religion fuͤhrte jezt von einem Ende der Halbinſel bis zum andern blos die Sprache der Rache und des Todes. Darauf begann die Andachtsuͤbung, die ich bis zu Ende abwartete. Der kleine Zacarias, der aus Ruͤckſicht auf die Alcaldenwuͤrde ſeines Vaters vor allen andern in die Mitte des Kreiſes vorgerufen wurde, faltete die Haͤnbe, ſchlug die Augen nieder, 253 und der Pfarrer thar ſofort folgende Fragen S ihn tnn „Sage mir, mein Kind, wer biſt vu?“— Die Antwort war:„Durch die Gnade Gottes ein Spanier.“—„Wie viele Pflichten ſind dem Spanier auferlegt?“—„Drei: naͤmlich, roͤ⸗ miſchkatholiſcher Chriſt zu ſein, ſeine heilige Reli⸗ gion, ſein Vaterland und ſeinen Koͤnig zu vertheidi⸗ gen, und lieber zu ſterben, als ſich ſchlagen zu laſſen.“ Maria del Carmen hob die Augen zum Himmel empor, um allen Heiligen fuͤr das gluͤckliche Gedaͤcht⸗ niß ihres Sohnes zu danken; der Praͤbendarius ſchien minder an die glucklichen Antworten ſeines Bruders, als an die Wichtigkeit des Oberhauptes des Kirchſpiels zu denken; ich fuͤr mein Theil wun⸗ derte mich uͤber die Mittel, die man aufbot, um die ganze Bevoͤlkerung irre zu fuͤhren und alles zu er⸗ bittern, ſelbſt die Kindheit. Der Pfarrer fragte weiter:„Wie vielerlei Naturen hat denn der franzoͤſiſche Kaiſer?“— Za⸗ carias ſtockte, und ſuchte in den Augen des umſte⸗ henden Kreiſes die Antwort, die ſeinem Gedaͤchtniß entfallen war.—„Dreierlei!“ rief der junge Geiſtliche, der ſehr froh war, die Blicke der Um⸗ ſtehenden einen Augenblick auf ſich zu lenken.— *) Die obige Katechiſation findet ſich ganz wörtlich, ſo wie hier, auch in der intereſſanten Denkſchrift über den ſpaniſchen Krieg vom Herrn von Naylies, Offizier in der königlichen franzöſiſchen Garde. 254 „Nein!“ verſetzte der Seelſorger, der ſich nicht minder freute, einmal den Stolz ſeines Nebenbuhlers demuͤthigen zu koͤnnen,„man muß darauf antwor⸗ ten: Zwei! naͤmlich eine teufliſche und eine menſch— liche Natur!“— Alle Kaſtilianer wiederholten ganz andaͤchtig dieſe Formel, welche die meiſten un⸗ ter ihnen vergeſſen gehabt hatten. Der Pfarrer wandte ſich jezt an den Geliebten der Catalina mit der Frage:„Angel, wer iſt der Feind unſeres Gluͤcks?—„Der franzoͤſiſche Kaiſer,“ erwiederte der Muſikant, ohne die Augen aufzuſchlagen und ohne aufzuhoͤren, mit Hand und Fuß den Tact zu ſchlagen.—„Wer ſind die Fran⸗ zoſen?“—„Alte Chriſten und neue Ketzer.“— „Wie viele Kaiſer giebt es?⸗—„Einen wahr⸗ haften, in drei treuloſen Perſonen.“—*Wer ſind die drei Perſonen.“—*Napoleon, Murat und Godoy.“—*Iſt einer unter ihnen boͤſer als die andern.“—*Nein, ehrwuͤrdiger Vater, ſie ſind alle drei gleich boͤſe.“—»Von wem ſtammt Napoleon ab?“—*Von der Suͤnde.“— »Von wem aber Murat?“—*Von Napoleon.“ —»Und Godoy?“—*Von dem unerlaubten Umgange beider.“—*Was iſt Napoleons Cha⸗ racter?“—»Stolz und Herrſchſucht.“— »Murat's?“—»Raubſucht und Grauſamkeit.“ — Godoy's?“—»Boͤſe Begierde, Verraͤtherei und Dummheit.“— Maria del Carmen, deren mütterlicher Stolz durch das Stockenbleiben ihres kleinen Zacarias und 255 durch den Fehlgriff ihres erwachſenen geiſtlichen Soh⸗ nes verletzt worden war, triumphirte jezt foͤrmlich, und ihr Geſicht glaͤnzte vor Freude uͤber den Ruhm, womit ihr kuͤnftiger Schwiegerſohn ſich bedeckte. Meineueberraſchung ſtieg waͤhrend dieſes erbau⸗ lichen Actes, der noch eine lange Weile fortdauerte, immer hoͤher. Der Pfarrer bemerkte es, und ſagte zu mir:»Wie? ihr ſolltet noch nicht den National⸗ Katechismus kennen, den Seine Majeſtaͤt die aller⸗ hoͤchſte Centraljunta uns allergnaͤdigſt hat zukommen laſſen, um darnach die Jugend dieſes Kirchſpiels in den Geſinnungen zu unterweiſen, die jeder Chriſt, jeder Spanier und jeder treue Unterthan hegen ſoll?“ Mit dieſen Worten uͤberreichte er mir das Buͤchel⸗ chen, woraus alle die Narrheiten entlehnt waren. Ich war froh, daß ich durch das Durchblaͤttern deſ⸗ ſelben der laͤſtigen Aufmerkſamkeit, welche meine Ver⸗ wunderung bei allen erregt hatte, mich zu entziehen vermochte. Der Seelſorger fuhr dann weiter fort, indem er der Reihe nach an jeden einzelnen Bauern eine Frage richtete:*Welche Strafe verdient der Spanier, der ſeine Schuldigkeit nicht erfuͤllt?“— »Schande, Tod, Einziehung ſeines Hab' und Gutes, und Ausſchließung von den Ehren, welche die Re⸗ publik allen treuen Buͤrgern zuertheilt.“—*Was will Napoleon uns lehren?“— Die Sittenver⸗ derbniß.“—“Wenn mag wohl ſeine abſcheuliche Dyrannei endigen?“—* Sehr bald.“—“Wor⸗ aus koͤnnen wir das hoffen und erwarten?“— »»Von den Anſtrengungen, die das Vaterland, un⸗ ſere Mutter, macht.“— Was iſt das Vater⸗ land?“— Die Vereinigung mehrerer Menſchen unter einen Koͤnig und unter dieſelben Geſetze.“— »Nach welchem Gluͤck ſollen wir ſtreben?“— „Nach demjenigen, das uns die Thrannen nicht ge⸗ ben koͤnnen.“—*Worin beſteht das?“— »In der Sicherheit unſerer Rechte, in der freien Uebung unſeres heiligen Gottesdienſtes, in der Wie⸗ derherſtellung einer Monarchie, die nach der altſpa⸗ niſchen Verfaſſung geregelt iſt.“—* Hatten wir denn nicht ſchon dieſe Verfaſſung?“—*Ja, ehrwuͤrdiger Vater, aber ſie war durch die uns re⸗ gierende Macht entweiht worden.“—*Wer ſoll ſie wieder einrichten und befeſtigen?“—“ Das ganze vereinigte und verſammelte Spanien, welchem allein dies Recht zukommt, ſobald es nur erſt das Joch des Fremden abgeſchuͤttelt haben wird.“—*Wer giebt uns die Vollmacht zu dieſer großen Unterneh⸗ mung?“—»Unſer vielgeliebter Ferdinand der Siebente.“— Waͤhrend ich zu meiner Betruͤbniß hoͤren und erfahren mußte, welche allesumſtuͤrzende Ideen die Centraljunta, die jezt ganz im Geiſte des Fray Caye⸗ tano, ihres einflußreichſten Mitgliedes, handelte, unter dem Volke zu verbreiten ſuchte, ſah ich zugleich den Praͤbendarius von einem Zorne erfuͤllt, den er kaum zuruͤckzuhalten vermochte. Endlich rief er aus:“Der Herr Pfarrer laͤßt gerade die nothwen⸗ digſten Sachen aus. Denn der Punkt vom Ver⸗ rath gehoͤrt doch wohl hierher, wie Ariſtoteles ſagt, 257 oder ich verſtehe davon gar nichts.“— Die Bauern ſchienen durch ihre Blicke dem jungen Ne⸗ benbuhler ihres Pfarrherrn Beifall zuzuwinken. Dieſer, welcher ſich eben ſo ſehr verlegen als ge⸗ kraͤnkt fuͤhlte, fragte geſchwind den kleinen Zacarias: „Iſts eine Suͤnde, einen Franzoſen zu ermorden?“ —„Nein,“ erwiederte der Knabe mit einer Leb⸗ haftigkeit, die ihm den lauten Beifall der Umſtehen⸗ den und die zaͤrtlichſten Kuͤſſe von Seiten ſeiner Mut⸗ ter erwarb,„man thut ein verdienſtliches Werk, wenn man das Vaterland von ſeinen verhaßten Un⸗ terdruͤckern befreit.“ In dieſem Augenblicke kam ein Mann zu Pferde auf den Platz geritten, und dadurch wurde denn dieſer fanatiſche und demagogiſche Unterricht unter⸗ brochen. Der Fremde ſtieg ſehr flink von ſeinem Pferde, warf ſeinen Mantel auf den Sattel, nahm dann mit vielem Anſtand ſeinen zierlichen Hut ab, und trat voll Stolz auf ſeine andaluſiſche Tracht her⸗ an, um das Oberhaupt des Kirchſpiels zu begruͤßen. Es war Antonio. Bei ſeinem Anblick zog ich mich ſofort in das Innere des Gemachs zuruͤck. Alle Dorffrauen, die irgend noch daheim an ihrem Heerde zuruͤckgeblieben waren, eilten nun herbei, der Al⸗ calde trat ebenfalls heran, die Aelteſten kamen all⸗ maͤhlig herzu, und ſehr bald hatte die ganze Dorfbe⸗ wohnerſchaft einen Kreis gebildet, in deſſen Mitte der Andaluſier ſtolz daſtand. Ganz entzuͤckt daruͤber, daß eine ſolche Menge von Altkaſtilianern ſich um ihn 17 her draͤngte, ſchickte er ſich nun mit einer wichtigen III. 2 258 Miene an, das Wort zu nehmen, und ſagte endlich, nachdem er nicht ohne Bedauern auf die jungen Maͤd⸗ chen hingeſehen hatte, die ſich in ihrem Tanze nicht ſtoͤren ließen:„Maͤnner! der unuͤberwindliche Großrichter ſendet mich an euch ab, um euch zu mel⸗ den, daß die Tyrannen vor uns dahinſchmelzen, wie der Schnee der Alpuxares⸗Berge vor den Strahlen der Fruͤhlingsſonne. Jene ſtarkbeſetzte Muſik, die ihr da aus der Ferne heruͤbertoͤnen hoͤrt, iſt ein Kon⸗ zert, welches der erhabene Markis de la Romana, der unſterbliche Caſtannos und der heroiſche Blake geben, um auf eine wuͤrdige Weiſe das Begraͤbniß der franzoͤſiſchen Macht und Herrlichkeit in Spanien zu feiern. Dieſe Ceremonie wird indeß nicht lange mehr dauern. Der unnachahmliche Don Alonſo iſt bereits hier in der Naͤhe, und eroͤffnet das Feſt mit einer Symphonie nach ſeiner Art. Es kommt jezt blos darauf an, daß wir eine recht große Anzahl von Figuranten bekommen, damit die Entwickelung des Ausgangs in wuͤrdigem Glanze erſcheine.“ „Alte Kaſtilianer und alte Chriſten, ſo lange man das noch zu ſein im Stande iſt, werden die wuͤr⸗ digen Mitbuͤrger des Cid Campeador ſich gewiß nicht weigern, auf der Scene zu erſcheinen. Hier giebt es eines der herrlichſten Stiergefechte, das man nur je geſehen hat; es iſt eine wahre Luſt, gegen ſolche Stiere zu fechten, die man nicht erſt lange dadurch wild zu machen braucht, daß man Feuer an ihre Wunden haͤlt. Dieſe da— ich ſage es euch m voraus— wehren ſich wie eingefleiſchte Deufel, 259 und mehr als ein geſchickter Picador, der ihnen beizukommen ſuchte, hat bereits ins Gras beißen muͤſſen. Aber der Ruhm iſt dann nur um ſo groͤßer, das Schauſpiel um ſo ſchoͤner, und anſtatt eines en⸗ gen Amphitheaters hat man da ganz Spanien, ja die ganze Welt als Zuſchauer.“ „Ihr wißt, es giebt keinen ſo geſchickten Do⸗ reador, den nicht bisweilen ein Stoß mit dem Horne in dem Augenblick traͤfe, wo er uͤber die Schranken in die Kampfbahn zuruͤck ſpringt, oft auch wohl ver⸗ folgt ihn der Stier bis dahin; gerade ſo gieng es uns vor etwa acht Tagen. Ein Schwarm dieſer Ungeheuer, die ſo zahllos ſind wie die Heuſchrecken Aegyptens, warf ſich naͤmlich auf unſere Schlupf⸗ winkel, wohin kein anderer Menſch, außer etwa Beſeſſene oder Zauberer, hinzudringen im Stande geweſen waͤre. Einige unſerer Getreuen erwarben ſich da die Palme des Maͤrtyrerthums, und ganz gewiß verdanken wir es blos ihrer Vermittelung bei der Koͤnigin der Engel, daß drei bis vierhundert Mann von uns, die in die Gefaͤngniſſe von Vittoria abgefuͤhrt wurden, wieder befreit worden ſind. Ich war einer von dieſen. Pepe muſterte uns, und da ich ihn von Angeſicht geſehen, ſo weiß ich nunmehr, daß er blos ein Auge hat*); uͤberdies hatte auch der Wein ſeinen Gang wankend gemacht, und als er die heilige Meſſe mit anhoͤrte, benahm er ſich gerade ſo Dieſelben Fehler dichteten früher die Anhänger des Erzher⸗ zogs Philipp dem Fünften an. 7 260 wie der Deufel, wenn man ihn bannt, oder wie der Satan, wenn er Gottes Wort zu predigen verſucht. Endlich wollte man uns nach Frankreich ſchicken; allein der Apoſtel Sanct Jacob hatte ein wachſames Auge auf die Verfechter des Glaubens, und ſo ge⸗ lang es denn dem unſterblichen Großrichter, unſere Feſſeln zu brechen. Indeß vermochte er doch nicht, diejenigen unſerer Bruͤder wieder ins Leben zuruͤck⸗ zurufen, welche bereits da oben den Lohn ihrer Standhaftigkeit empfangen, und er ſchickt mich da⸗ her an euch ab, um euch anzuzeigen, daß er, um die Stelle der ſeligen Maͤrtyrer zu ergaͤnzen, die von eurem Orte zu ſtellende Erſatzmannſchaft auf drei Kopfe feſtgeſetzt hat.“ Die lezten Worte Antonio's machten auf das Ge⸗ můth der jungen Maͤdchen einen tiefen Eindruck; eine hohe Roͤthe faͤrbte ihre Wangen, dann erblaßten ſie, doch ohne daß ſie deshalb wagten, ihren Tanz zu unterbrechen. Die Muͤtter warteten unterdeß, indem ſie eifrig ihren geweihten Roſenkranz durch die Finger laufen ließen, welchen Beſchluß der Alcalde und der Pfarrer in dieſer Angelegenheit faſſen wuͤrde. Der Seelſorger nannte ſofort die zwei erſten der drei jungen Bauerburſchen, die gegen den Feind auszie⸗ hen ſollten.„Was den dritten betrifft,“ fuͤgte er mit einem ungewiß ſchwankenden Done hinzu,„ſo „—„Der dritte,“ unterbrach ihn Leo⸗ nardo,„iſt mein Schwiegerſohn. Wohlan, Angel, laß deinen Dambourin, umarme die Braut deines Herzens, und hole dann deine Waffen. Du wirſt 261 bald wiederkehren und wirſt es dann wenigſens ver⸗ dient haben in dieſer Welt gluͤcklich zu in und wenn du nicht wiederkommſ, ſo wirſt du es in jener Welt werden.“ 2ngel antwortete nicht; er warf blos einen ſchmerzlichen Blick auf Leonardo's Tochter und ent⸗ fernte ſich dann mit ſchnellen Schritten. Die Maͤn⸗ ner begannen ganz kaltbluͤtig wieder ihr voriges⸗Ge⸗ ſpraͤch oder ihr voriges Schweigen; die Frauen da⸗ gegen folgten dem Sohne oder dem Bruder, den ſie jezt ſo eben verlieren ſollten, in ihre niedrige Huͤtte. Angel's Braut blieb auf dem Platze zuruͤck, und wagte nicht, ihre Vetruͤbniß auszudruͤcken, ſelbſt nicht einmal durch Thraͤnen. Antonio flog mitten unter die Quadrillen hinein, die noch immer in ih⸗ ren ewigen Seguidillas fortfuhren, und zog durch die Lebhaftigkeit, Anmuth und Geſchmeidigkeit ſeiner Bewegungen die Blicke aller auf ſich, waͤhrend er durch das begleitende Spiel ſeiner elfenbeinernen Kaſtagnetten aller Ohren bezauberte. Dieſes Inſtru⸗ ment, das in unſeren ſuͤdlichen Provinzen ſo beliebt iſt, hat hier etwas Angenehmes, was der Auslaͤn⸗ der kaum glauben ſollte; ſobald naͤmlich eine geuͤbte Hand zu den einheimiſchen Taͤnzen Nationalmelodieen darauf modulirt. Es iſt eben daſſelbe, was die Schauſpieler auf unſeren Buͤhnen anwenden, wenn ſie auf Verlangen des Publikums den Bolero ge⸗ ben. Die ganze Verſammlung der Zuſchauer nimmt dann ergriffen von dieſem Schauſpiel, mit ganzer Seele, mit der Stimme, ja mit den Haͤnden daran 262 Theil, und die Schauſpielſale erbeben dann vor dem rauſchenden Ungeſtuͤm der allgemeinen Begeiſterung. Doch in dieſem Doͤrfchen, unter dieſen bewegungs⸗ loſen Kaſtilianern, waͤhrend der Hall des zerſtoͤren⸗ den Kanonendonners immer naͤher zu kommen und immer drohender zu werden ſchien, ſchien mir dieſe heftige und doch ſo anmuthige Luſtigkeit des Anda⸗ luſiers, ſeine Tanzſchritte, ſeine Stellungen und ſein hinreißendes Weſen zu bezeugen, daß in allen dieſen Menſchen, an denen noch keine Kultur das Gepraͤge des Nationalcharacters verwiſcht hatte, eine Kraft der Seele wohne, die ein beſſeres Loos verdiente. Die fuͤr das Volksaufgebot erwaͤhlten kamen jezt zuruͤck, und zwar mit den Waffen in der Hand. Antonio zog aus ſeinen Weſtentaſchen rothe Baͤnder hervor, auf denen der Wahlſpruch der ganzen Par⸗ thei zu leſen war. Die Muͤtter und die Tochter er⸗ griffen dieſelben raſch, um ſie an den Hut der neuen Soldaten zu befeſtigen, und die Tochter ber Maria del Carmen knuͤpfte ſelber ͤber die Stirn ihres Ge⸗ liebten dieſen Spruch, der ſie beide vielleicht auf ewig von einander trennen ſollte. Beim Anblick dieſer Baͤnder erhob ſich ein lautes Freudengeſchrei, ein Geſchrei, das dem Herzen der ungluͤcklichen Ca⸗ talina den Todesſtoß gab. Der Name des Koͤnigs Don Ferdinand drang aus aller Munde. Die Maͤn⸗ ner ſelber wurden davon bewegt, und ſtimmten in den Zuruf der Frauen ein. Antonio ließ dreimal ein Vivat erſchallen, zu Ehren der kuͤnftigen Cortes. Der Pfarrer wiederholte es im Tone der Begeiſte⸗ 263 rung; ſeine Kirchkinder ahmten ihm nach, indem ſie einander anſahen, und Angel druͤckte ſeine Lippen auf die Stirn des geliebten Landmaͤdchens, welche bleich und mit niedergeſenkten Augen den Abſchieds⸗ kuß empfieng, als ob es der Kuß des Todes waͤre. Die Freiwilligen ſetzten ſich jezt in Marſch; der Zam⸗ bomba und der Tambourin begleiteten ſie bis ans Endt des Dorfes, Catalina's Augen verfolgten den Gegenſtand ihrer Liebe noch viel weiter. Leonardo verlangte jezt, daß man die LTaͤnze wieder beginnen ſollte; die Maͤdchen gehorchten zwar, doch ihre Kniee ſanken oft ein und Catalina eilte von dem Platze hinweg. Antonio war mit den neu ausgehobenen Solda⸗ ten abgegangen. Kaum war ich von der Gefahr ſeiner Anweſenheit befreit, als ich auch ſchon eine neue in den Bekuͤmmerniſſen fand, welche die Annaͤ⸗ herung der Gefahr erregte. Der große Name der Cortes, der jezt ſeit dreihundert Jahren zum erſten⸗ mal im Angeſicht der Sonne ausgeſprochen worden war, beſchaͤftigte anfangs dieſe ernſthaften Kaſtilia⸗ ner. Das Oberhaupt des Kirchſpiels und nach ihm der Kuͤſter bemuͤhten ſich, ihre verwirrten Vorſtellun⸗ gen daruͤber aufzuklaͤren. Der Praͤbendarius hoͤrte ihren Abhandlungen mit einer Art von vornehmer ueberlegenheit zu, und waͤhrend die Erklaͤrungen der beiden Maͤnner die Vergangenheit in alle dem Glanz und Schimmer darſtellten, welchen unſere Phantaſie gewoͤhnlich immer den entſchwundenen Zeiten zu er⸗ theilen pflegt, ſchienen alle dieſe anweſenden Maͤnner 264 ſelbſt in ihrem Aeußeren etwas von der Groͤße der heroiſchen Vorzeit anzunehmen. Sie glaubten, daß ſie dazu beſtimmt ſeien, dereinſt eine Art von irdi⸗ ſchem Paradieſe zu beſitzen, und in Erwartung dieſer glucklichen Zukunft gefielen ſie ſich darin, unaufhoͤr⸗ lich das Wort„Vaterland“ zu wiederholen, und ihre Geſichtszuͤge veredelten ſich, je oͤfter ſie dieſen heiligen und theuern Namen ausſprachen. Der Spanier bei ſeinem wohllautenden und lang nachzie⸗ henden Accent ſcheint es tiefer aufzufaſſen, als alle uͤbrigen Voͤlker der Erde; ſeit Vertreibung der Mau⸗ ren hatte er es nicht ausgeſprochen. Unterdeſſen kam der Kanonendonner immer na⸗ her und die Erde zitterte davon, als auf einmal ein Beato, der kaum funfzehn Jahr alt ſein mochte, ganz außer ſich herbeigeeilt kam, und uns zurief, daß die Franzoſen jezt ſehr bald ins Dorf eindringen wuͤrden. Maria del Carmen umarmte zaͤrtlich ihren Sohn, und der Alcalbe fragte ihn nach den einzel⸗ nen Umſtaͤnden deſſen, was ſo eben vorgefallen war. Calirto erzaͤhlte uns, daß Napoleons Soldaten von allen Seiten her im Anzuge waͤren, und daß kein Wiberſtand ſie aufzuhalten vermöge.»Das kommt blos daher,“ ſagte Leonardo,»weil ſie auf ſpani⸗ ſchen Pferden geritten kommen, die uns dieſe Räu⸗ ber auf dem Durchzuge weggenommen haben.“— Der Beato fuͤgte außerdem noch hinzu, daß ſie alles vernichtet und in Stucke zerſchlagen haͤtten.„Das thut weiter nichts,“ erwiederten faſt gleichzeitig alle die umſtehenden Kaſtilianer.—»Wenn Gott es 265 zuläßt, daß ſie nach Altkaſtilien eindringen,“ fugte der Alcalde hinzu,'ſo iſt es blos darum, damit ſie da ihr Grab finden. Nicht wahr, mein Sohn?“— »Ja, lieber Vater.“—*Wir muͤſſen,“ fuͤgte jezt der Pfarrer hinzu,»uns ins Gebirge zuruͤckzie⸗ hen.“—*Ja wohl, muͤſſen wir es,“ riefen alle einſtimmig, und der einmuͤthige Sntſchluß ward ſo⸗ gleich ausgefuͤhrt. Einige junge Burſchen uͤbernahmen ehrerbietig die Fortſchaffung der heiligen Monſtranz, des ſilber⸗ nen Chriſtusbildes und der Fahnen der Gemeinde; andere trugen auf Tragbahren, die man in der Eil verfertigt hatte, die Alten des Dorfes fort. Der Neſtor der ganzen Umgegend, der zu ſehr von der Laſt der Jahre gedruͤckt war, um die Huͤtte ſeiner Vaͤter verlaſſen zu koͤnnen, blieb in ſeiner Wohnung zuruͤck; es war Leonardo's Vater. Der Pfarrer beeilte ſich, ihm ſofort die Sünden ſeines Lebens, das jezt ſeinem Erloͤſchen nahe war, zu vergeben. Der Alcalde, indem er den Greis, den er nicht mehr wiederzuſehen hoffen durfte, und ſeine Frau, welche mit ihnen die Flucht ergriff, und ſeine Tochter um⸗ armte, deren Augen erſt jezt, wo die Dhraͤnen blos dem Großvater und dem Vaterlande zu fließen ſchie⸗ nen, zu weinen anfiengen, ſchien ſelber einen Augen⸗ blick bewegt zu ſein, dann verſammelte er die ganze Mannſchaft. Alle Maͤnner, theils mit Piken, theils mit ſchlechten Flinten bewaffnet, zogen ab, um ſich in das Lager der Beſiegten zu begeben, waͤhrend die Frauen mit Thraͤnen in den Augen ihren Gatten und 266 Soͤhnen nachſahen, dann die Rinder und Milchkuͤhe zuſammentrieben und von dem Oberhaupt des Kirch⸗ ſpiels in ſeiner Prieſterkleidung angefuͤhrt, aus dem anderen Ende ihres heimatlichen Doͤrfchens von dan⸗ nen zogen. Der Seelſorger ſchritt mit dem Kreuze und die flatternde Fahne der Mutter Gottes in der Hand tragend, ſeiner Heerde voran; die Maͤdchen von der betruͤbten Catalina angefuͤhrt, ſtimmten hei⸗ lige Lobgeſaͤnge an, die blos dann und wann durch Schluchzen unterbrochen wurden; die Greiſe ſegne⸗ ten die jungen Stuͤtzen ihres Alters, die Muͤtter hiel⸗ ten ihre Saͤuglinge ſchwebend an ihrer Bruſt, und ſo machte denn von Zeit zu Zeit die Prozeſſion Halt, um ſich noch einmal nach dem ehrwuͤrdigen Kirch⸗ thurm umzuſehen, oder durch die Schluchten, welche die Ebene durchſchnitten, dem Zuge der neuen Kaͤm⸗ pfer nachzublicken. Ich begleitete dieſe ruͤhrende Auswanderung, und bedauerte blos die traurige Anwendung, die von ſo vielen edlen Dugenden hier gemacht wurde. Wir zogen auf demſelben Wege fort, den Antonio einge⸗ ſchlagen hatte. Ein Zuſammentreffen mit ihm waͤre fuͤr mich hoͤchſt gefaͤhrlich geweſen, auch konnte es nicht lange mehr waͤhren, daß die franzoſiſchen Ad⸗ ler in ihrem Fluge das Occagebirge erreichten; dar⸗ um trennte ich mich von dem fluͤchtigen Haufen, mit dem Entſchluſſe, ſo lange in dieſer unbekannten Ge⸗ gend umherzuirren, bis ich endlich den Koͤnig und die Armee erreichen wuͤrde. 267 Zweites Kapitel. Die Nacht kam heran. Der Kanonendonner, der abermals hinter mir ſich vernehmen ließ, zeigte mir an, daß die Empoͤrer ſich nicht ohne Kampf zu⸗ ruͤckzoͤgen, und ich ſuchte mir daher einen ſichern Zufluchtsort auf, wo ich mein Haupt zur Ruhe nie⸗ derlegen koͤnnte. Der Mond, der hinter dichten Gewoͤlken dahin⸗ zog, erhellte von Zeit zu Zeit mit ſeinem Schimmer die Dunkelheit der Erde und des Himmels. Da ſah ich im Grunde eines Thals, das ſich vor mir oͤffnete, zwei Teiche liegen, die ſo eben durch einen dieſer fluͤchtigen Mondesſchimmer erhellt werden. Ich, der ich ſo eben noch wegen meiner einſamen Verlaſſenheit beſorgt geweſen war, mußte es jezt noch weit mehr werden; denn jedes lebende Weſen konnte ein Feind fuͤr mich ſein. Mitten in einem aufmerkſamen Menſchenkreiſe ſah ich eine weiße Geſtalt hervorragen. Ich zweif⸗ elte nicht, daß es ein Moͤnch ſein moͤchte, der ſich ſo eben anſchickte, das Feuer des Aufruhrs noch mehr anzufachen. Da erfuͤllte auf einmal eine helle und wohlklingende Frauenſtimme das Thal mit melo⸗ diſchen Klaͤngen, welche den dumpfen Donner des ſpaniſchen und franzoͤſiſchen Geſchutzes weit uͤber⸗ toͤnten. Die Unbekannte ſang: — Sohne Altkaſtiliens, hoͤret meine Romanze! Der Donner der Schlachten ſchuchtert nicht meinen 268 Geſang ein. Das Gemuͤth der Frauen iſt eine Lau⸗ te, die drei Seiten hat: eine fuͤr die Liebe, eine an⸗ dere fuͤr Gott, eine dritte fuͤr den Ruhm.„„ Soͤh⸗ ne Altkaſtiliens hoͤret meine Nomanze!“ »Wenn ich vom Kriege und von ſeinen Wun⸗ dern ſingen wollte, ſo koͤnnte es mir nicht an begei⸗ ſterten Eingebungen fehlen. Um mich her draͤngen ſich unſterbliche Erinnerungen, unſterbliche Vorbil⸗ der. Dieſe Berge, die wie Rieſen ſich aufzurichten ſcheinen, um mir zuzuhoͤren, haben es geſehen, durch welche Wunder Don Pelayo, der Graf Gon⸗ zalez und Cid, dieſe ſtolze Zier Kaſtiliens, das Va⸗ terland zu raͤchen und es wieder zu erobern wußten; dieſe Helden fordern mich auf, von Ruhm zu ſingen.“ »Doch ſanftere Stimmen rufen mich! Chimene iſts,„ vor allen biſt du es, wuͤrdige Gemahlin des kaſtiligniſchen Grafen, edle Infantin von Na⸗ varra, die du in den Schlachten an Gonzalez's Seite einherſchrittſt, die du an ſeiner Seite wie ein Schutzengel wachteſt, und die Gefahren von ſeinem Haupte abwendeteſt, Gluckliches Ehepaar, ihr fordert die traurige Gitana auf, von Liebe zu ſingen.“. Mhpſi »Doch nein! Richt fuͤr den Cid und ſeine Chimene babe ich meine Gitarre geſtimmt. Ich, die Enkelin der Iſisprieſter, werde meinen Flug weit hoͤher nehmen Stolze Kaſtilianer, zuͤrnet nicht daruͤber; ihr ſehet dort den Himmel über euren Haͤuptern ausgebreitet; und zu dieſem ſteigt mein „ 269 — Lobgeſang nun empor. Moͤgen andere die Groͤße der Menſchen beſingen; ich ſinge die Groͤße Gottes.“⸗ »Vaſallen des katholiſchen Koͤnigs, hoͤret meine Romanze. Der Donner der Schlachten ſchuͤchtert nicht meinen Geſang ein. Das Gemuͤth der Frau⸗ en iſt eine Laute, die drei Saiten hat: eine fuͤr Gott, die andere fuͤr den Ruhm, die dritte fuͤr die Liebe⸗ Vaſallen des katholiſchen Koͤnigs, hoͤret ineine Ro⸗ manze.“ 2181 hin Das Vaterland der Helden iſt zugleich auch das Vaterland der Auserwählten des Himmels. Unſere Koͤnigreiche haben die heiligen Hallen Gottes bevoͤlkert, uͤberall erglaͤnzen Mirakel, und dieſe Flu⸗ ten, deren Gemurmel mich aufrichtet und ermuthigt, haben eine heilſame Wunderkraft empfangen. Spa⸗ nier, laßt eure Stimme in meine Accorde erſchallen, moͤchten meine Worte ſo ruͤhrend ſein wie ein Gebet;z meine Romanze iſt eine Hymne der Liebe.“ Bewohner des himmliſchen Jeruſalems, Vin⸗ cent und Caſilda, ihr, die ihr dieſen Seen euere Na⸗ men verliehen, ihr, die ihr ihnen ihre Heilkraft gegeben, ſehet, wie das ganze Heer unter Thraͤnen euern Ufern ſich nahet. Wenn die Kunſt der Men⸗ ſchen nicht mehr das Blut in der zerſprengten Ader zuruͤckzuhalten vermag, ſo vermag wenigſtens eure Flut den Blutſtrom zu hemmen. Das ganze Kriegs⸗ heer bringt unter Thraͤnen einen ſterbenden Helden zu dieſen Quellen des Lebens. Der Held verdient euere Hilfe und meinen Geſang: er ſtreitet fuͤr ſei⸗ nen Gott!“ 270 „Laßt uns immer weinen! Es iſt der juͤngſte unſerer Feldherrn, der weiſeſte, der tapferſte, den ſo eben die Kugel des Goͤtzendieners traf. Nur noch eine kleine Weile, und unſer gefangener Koͤnig verliert einen zweiten Rodrigo, Spanien einen Gon⸗ ſalvo von Cordova, und die Heldin von Saragoſ⸗ ſa ach! was ſie verliert, wer vermag euch das zu ſagen? Es giebt Dinge, die wir allein zu fuͤhlen vermoͤgen, fuͤr die wir ſelber keine Sprache finden koͤnnen. Wir verſtehen uns auf den Ruhm und auf die Liebe; die Maͤnner verſtehen ſich blos auf den Ruhm.“ „Caſilda, hoͤre meine Romanze. Die Donner der Schlachten werden meinen Geſang nicht hindern, bis zu dir emporzuſteigen. Da du ſelber eine Frau biſt, ſo iſt auch dein Gemuͤth eine Laute, die drei Saiten hat, eine fuͤr den Ruhm, die andere fuͤr die Liebe, die dritte fuͤr Gott. Caſilda, ich⸗ weihe dir meine Romanze.“ „Gefaͤhrtin der Himmelskoͤnigin, ich werde die Wunderthaten deines Lebens beſingen, und ihr, o Chriſten! leihet mir euer Ohr. Der Stellvertreter der Kalifen hielt damals Toledo in Unterwuͤrfigkeit, die ſchoͤnſte der Jungfrauen nannte ihn ihren Vater. Die Miramamolinen*) von Granada und von Cordova, die Infanten von Leon und von Kaſtilien, * Ein Titel der oberſten Veherrſcher der Mauren in Spanien, das Wort iſt vermuthlich durch eine verderbte Ausſprache aus dem arabiſchen: Emir al Mumenim,(Fürſt der Gläubigen) entſtanden. 27¹ ſeufzten zu den Fuͤßen der Tochter Aldemon's. Doch Caſilda verſchmaͤhte ihre Huldigungen, der Gemahl, den ſie ſich erwaͤhlt hatte, war nicht auf Erden, die junge Mohamedanerin war die Braut des— Gottes.“ „Die Chriſten, welche durch das Lvos der Schlachten in Ketten und Banden gerathen waren, ſahen ſie, die Tochter ihrer Beſieger, gleich dem troͤ⸗ ſtenden Sonnenſtrahl, gleich einer erwaͤrmenden Feuerflamme, in der Liefe ihres finſtern Kerkers er⸗ ſcheinen. Ihre Hand verband ihnen die Wunden, ihr Ohr horchte den Erzaͤhlungen von ihren Thaten zu, ihr Mund lernte denjenigen, deſſen Weſen in Ruhm und kiebe beſteht, ſingen und preiſen.“ »Eines Tages trug Caſilda in einer Falte ihres Kleides den Gefangenen Brot zu. Aldemon eilte ihr nach und rief:»Was traͤgſt du da?“—*Ro⸗ ſen,“ antwortete die heilige Jungfrau. Der Sultan ſieht nach, und es waren wirklich Roſen. Der Glaube ebnet Berge und verſcheucht Ungewitter. Glaͤubige Chriſten, laſſet uns den ſingen, deſſen ſen ganz in Ruhm und Liebe beſteht.“ „Kaſtilianer von Boöcio*), ſeid ſtolz auf meine Romanze. Der Donner der Schlachten ſchuͤchtert meine Geſaͤnge nicht ein. Das Gemuͤth der Frauen iſt eine Laute, die drei Saiten hat, eine fuͤr die Liebe, eine andere Gott, eine dritte fuͤr den Ruhm. *) Ein Dorf bei Birbiezca, ſechs Stunden von Burgos. Die Seen des h. Vincent und der h. Caſilda haben ihm einige Berühmtheit gegeben. 72 Kaſtilianer von Boöcio, ihr werdet ſtolz ſein auf meine Romanze.“ Der Engel der Finſterniß ſuchte Chriſti Eigen⸗ thum an ſich zu reißen; doch die Seele der Jung⸗ frau war ſtaͤrker als er. Der Engel der Finſterniß ſchlug ihrem Koͤrper eine todtliche Wunde, das Blut entquoll in gewaltigen Stroͤmen ihrer erſchoͤpften Bruſt. Da erſchien ihr die Mutter Gottes und ſprach zu ihr: Gehe hin an die Orte, welche von der Quelle des heiligen Vincent benetzt werden!“ Die Tochter des Sultans gehorchte, und dieſe welke Blume erhielt ſogleich wieder friſches Leben und ſtrahlte von den lebhafteſten Farben. Hochſeliger Vincent, gedenke, daß ich deinen Ruhm ſang.“ »Umſonſt gerieth der Fuͤrſt der Unglaͤubigen in Verzweiflung daruͤber, daß er die Stuͤtze ſeines Al⸗ ters verloren; Caſilda verſchmaͤhte die Bitten des gottloſen Greiſes und die Annehmlichkeiten des Va⸗ terhauſes. Eure glucklichen Vorfahren ſahen ſie an dieſen Ufern leben und ſterben, wofern das naͤmlich ſterben heißt, wenn man den Aufenthalt der Thraͤ⸗ nen mit der Wohnung der ewigen Freuden ver⸗ tauſcht. Gluͤcklicher als wir, ſingt ſie jezt im Chor der Engel das Lob ihres Gottes.“ Caſilda! Unzaͤhlige Wunder haben deine Macht bewieſen; du haſt viele Söhne getroͤſtet, ja noch mehr, du haſt viele Gattinnen und Muͤtter getröſtet. Wenn du heute ein ganzes Volk, das dich anfleht, unerhoͤrt ließeſt, ſo wuͤrden die Haͤnde deſſelben hinfort nicht mehr Weihrauch auf deinen Altaͤren 273 anzuͤnden, deine zerbrochenen Bilder wuͤrden auf den Fluͤgeln des Windes als Staub zerfliegen, und unſere Verwuͤnſchungen wuͤrden dein Ohr betruͤben, das bisher nur an Geſaͤnge der Dankbarkeit und der Liebe gewohnt war.“ »Soͤhne Altkaſtiliens, ihr habt lange genug meiner Romanze zugehoͤrt. Der Donner der Schlach⸗ ten ruft euch, liefert meinen Geſaͤngen Stoff von Thaten. Das Gemuͤth der Frauen iſt eine Laute, die drei Saiten hat: eine fuͤr die Liebe, die andere fuͤr den Ruhm, die dritte fuͤr Gott. Soͤhne der Helden, ihr habt ſchon zu lange meiner Romanze zugehoͤrt.“ In dieſem Augenblick leuchtete ein heller Schim⸗ mer auf dem Gebirge. Man ſah Fackeln in den Luͤften ſchwingen, deren Schein einem bewaffneten Haufen leuchtete, der auf die Waſſerbecken von Boðcio zukam, und die einen lichten Streif in der Finſterniß zuruͤckließen. Ich konnte deutlich eine Tragbahre unterſcheiden, neben welcher Offiziere, Soldaten und Frauen wei⸗ nend giengen. Mein Herz, von den Worten der Gitana beunruhigt, flog zu meinen troſtloſen Mit⸗ buͤrgern hin. Sie machten an dem ufer der Seen Halt. Der junge Held ward in das eiskalte Waſ⸗ ſer getaucht, Moͤnche ſegneten den Teich ein, heilige Lobgeſaͤnge ertoͤnten von allen Seiten her, und eine Frau, die am Ufer kniete, betete laut, voll Angſt die Haͤnde nach dem edeln Verwundeten ausſtreckend. Endlich trat eine tiefe Stille ein, alle Gemuͤther m. 18 274 ſchienen geſpannt zu ſein und mit gleicher Bekuͤm⸗ merniß die Entſcheidung des Schickſals zu erwarten. „O Wunder!“ rief auf einmal die Gitana, die ſich mit ihren weißen Schleiern von der uͤbrigen Menge trennte;„D Wunder!“ riefen die Moͤnche, indem ſie ihre Kruzifixe bewegten, und da war auch nicht eine Stimme, die nicht dieſen Ruf der Hoffnung und der Freude wiederholt haͤtte. Die allgemeine Froͤhlichkeit ſprach ſich in Geſaͤngen und frommen Anrufungen aus. Bald ſetzte ſich der Zug des be⸗ gleitenden Gefolges wieder in Marſch, ſtieg die Hoͤ⸗ hen hinan, naͤherte ſich, und erreichte den Ort, wo ich mich befand. Ich hatte blos noch ſo viel Zeit, um mich eiligſt zu entfernen, allein Felſen verſperr⸗ ten mir den Weg, und nur eine Hoͤhle, deren Ein⸗ gang bereits vom Fackelſchein erhellt war, oͤffnete ſich vor meinen Schritten. Ich ſchluͤpfte unter ihre duͤſtern Woͤlbungen, voll Freude, daß ich der Gefahr entfliehen konnte, von welcher ich mich bedroht ſah. Unterdeſſen jagte mir der ſteigende Laͤrm von draußen her Entſetzen ein. Einige Menſchen dran⸗ gen in meinen traurigen Znfluchtsort, die ganze . 4 Menge ſtuͤrzte ſich hiüter ihnen her, und die Drag⸗ bahre ward auf den feuchten Boden niedergeſetzt. Waͤhrend ich in den tieferen Verlaͤngerungen dieſer unterirdiſchen Gewoͤlbe einen Zufluchtsort aufſuchte, ſagte ein Offizier zu der Menge:„Freun⸗ de, der General hat vor allen Dingen noͤthig, ſich in Ruhe zu erholen, kehret daher zu euren Bivouak's oder in eure Wohnungen zuruͤck. Es iſt moͤglich, 275 daß die Franzoſen ſehr bald dieſe Gegend uͤber⸗ ſchwemmen, und daß wir gezwungen ſein werden, unſeren edeln Anfuͤhrer in dieſem tiefen Hoͤhlengan⸗ ge zuruͤckzulaſſen. Huͤtet euch daher ja, daß nicht etwa die Augen des Feindes euern Zuſammenlauf bemerken. Gehet nur fort, und diejenigen unter euch, die etwa noch Lebensmittel haben, moͤgen ſie ohne Saͤumniß hierher bringen, damit Don Alonſo niche etwa durch den Hunger aus ſeinem letzten Zu⸗ fluchtsorte hervorgetrieben wird. Geht jezt, und die Nacht hindurch moͤgt ihr fuͤr das Vaterland be⸗ ten, am Tage aber fuͤr daſſelbe kaͤmpfen.“ Alle giengen fort. Der junge Offizier, der ſo eben geſprochen hatte, ferner eine verſchleierte Frau, auf welche aller Augen gerichtet zu ſein ſchienen, die Gitana, ein Barbier, ein Ordensgeiſtlicher von mei⸗ nem Orden, Soldaten und zwei bis drei Bauern blieben drinnen zuruͤck. Dieſe waren hinlaͤnglich, um mich, der ich ſo ganz durch Zufall in die Nähe meines ſterbenden Bruders gekommen war, abzu⸗ halten, daß ich nicht in ſeine Arme ſtuͤrzte. Der Hieronymit betete zum Himmel um das Leben des Generals, alle Anweſenden wiederholten ſeinen hei⸗ ligen Geſang. Die Echo's dieſer Gewoͤlbe gaben dieſer religioͤſen Harmonie eine Art von ehrfurcht⸗ gebietender Majeſtaͤt. Meine Seele ſtimmte ganz in dieſelbe ein, nur meine Stimme durfte ſich nicht in dieſes ruͤhrende Konzert miſchen. Die Fremde war zu Alonſo's Häupten niederge⸗ kniet. Ein Hut, auf welchem ein Federbuſch von 18* 276 der aragoniſchen und kaſtilianiſchen Nationalfarbe hin und her wogte, und ein langer ſchwarzer Schlei⸗ er verbarg ihr Angeſicht den Augen aller. Sie ſchien die Behandlung des Barbiers zu fuͤrchten, der ſie indeß dadurch beruhigte, daß er ſich einen latei⸗ niſchen Chirurgus nannte, und ſogleich ſuchte er durch barbariſche Phraſen die Wiſſenſchaft, die er zu verſtehen vorgab, zu beglaubigen.„Non est profundum!“ rief er, indem er die Wunde unter⸗ ſuchte.„Nihil est, als hoͤchſtens eine Adynamie oder Schwaͤche, durch den Blutverluſt verurſacht, den die Wunderkraft der heiligen Caſilda ſo gluͤcklich geſtillt hat.“—„So ſind denn alſo meine Gebete wirklich erhoͤrt worden!“ unterbrach ihn jezt die Zigeunerin, indem ſie ihre Haͤnde mit einem lebhaf⸗ ten Ausdruck von Freude faltete. Bei dieſen Wor⸗ ten hob die Unbekannte das Haupt empor, und knuͤpfte eine goldene Kette um den Hals der Gitana, die dadurch eben ſo ſehr uͤberraſcht als erfreut war. Mein Bruder regte ſich jezt.—„Er regt ſich, er athmet wieder,“ rief ganz laut mit einem Tone, der mich vor Freude bebend machte, diejenige aus, die ich die Heldin von Saragoſſa nennen hoͤrte. Sie warf ſich uͤber Alonſo's Lager hin, und ich war im Begriff, ihr nachzuahmen, da ſagte eine leiſe Stim⸗ me:„Was iſt das? iſt ſie es nicht, die ich ſo eben hoͤrte?“— Und alle draͤngten ſich jezt um den Verwundeten herum, um ſeinen erſten Lebenshauch aufzufangen. Indeß er ſchwieg, und blieb bewußt⸗ los. Voll Frende, ein weibliches Herz gefunden zu haben, das ſich fuͤr den Kummer und fuͤr die Wuͤnſche ihres eigenen Herzens zu intereſſiren ſchien, lehnte die geheimnißvolle Amazone ihr Haupt an die Bruſt der Gitana und ließ ihren Thraͤnen freien Lauf. Der Barbier ſetzte mit wichtiger Miene ſeine fruchtloſe Behandlung fort, und ſagte:»Wir ha⸗ ben ein Wort aus dem Munde des hochedlen Herrn General hervorgehen hoͤren. Wir wollen jezt auf die Traͤume aufmerkſam ſein, die er waͤhrend ſeiner Lethargie haben wird; denn auf den Univerſitaͤten gilt es als ein Prinzip, daß der Traum das ſicherſte Symptom iſt, um die Natur und Intenſitaͤt des Ue⸗ bels kennen zu lernen. Adrian Jonghe hat die Ar⸗ ten deſſelben ſehr gut klaſſifizirt und erlaͤutert in je⸗ nen beruͤhmten Verſen: Petrae incidens srabili bonam spem continet; Fons limpidus mentem serenam denotat„ Alonſo kam nicht wieder zum Leben. Der Wundarzt erklaͤrte, da Hippokrates ihm uͤber dieſen hartnaͤckigen Schlaf keine Aufklaͤrung gebe, ſo muͤſſe er denſelben fuͤr die unuͤberwindliche Wirkung einer Hexerei anſehen. Bei dieſen Worten fielen die kaſti⸗ lianiſchen Bauern auf die Kniee nieder, indem ſie einen Schrei des Entſetzens ausſtießen. Der Or⸗ densgeiſtliche bemuͤhte ſich vergebens, ſie zu beruhi⸗ gen, und der Offizier, der niemand anders als Don Carlos war, wollte den unwiſſenden Barbier aus die⸗ ſem unterirdiſchen Gemache hinaus und davonjagen. 278 Die Fremde war noch immer uͤber das Schmer⸗ zenlager hingebeugt. Auf einmal regte ſich Don Alonſo, ein tiefer Seufzer entſchluͤpfte ſeiner Bruſt, er oͤffnete dann ein wenig die Augen, hob das Haupt empor, ſah ſich voll Verwunderung um, und ſagte dann:„Wo bin ich? wo iſt meine Schweſter?“ Und indem er mit der Hand nach ſeiner Stirn fuhr, ſchien er voll Verzweiflung einen gluͤcklichen Traum, der ihm vorſchwebte, verſcheuchen zu wollen.„So erkenne doch,“ rief der Sohn Don Juan's ihm zu, „erkenne in mir deinen dich liebenden Freund wieder, der ſehr froh daruͤber iſt, dich dem Leben und dem Vaterlande wiedergeſchenkt zu ſehen.“—„Du alſo biſt es, Don Carlos? Ach, wie lange iſts doch her, daß wir uns das leztemal umarmten. So eben glaubte ich jezt auch Maria zu ſehen und zu hoͤren. Sie laͤchelte von der Hoͤhe des Himmels herab mir zu, und dennoch vergoß ſie Thraͤnen, die⸗bis auf mich niederfielen. Iſt es wirklich wahr, großer Gott, daß ich ſie nie mehr wiederſehen werde?“ Die Unbekannte hatte ihren Schleier zuruckgeſchlagen; der noch unſichere Blick Alonſo's ruhte auf ihr. Auf einmal ſtieß er einen Schrei aus, und Maria de las Anguſtias ſtuͤrzte i in ſeine Arme. Ihre Thraͤnen floſſen nun gemeinſchaftlich, und wir alle, die Gi⸗ tana, Don Carlos, vor allen ich, wir theilten die Ruͤhrung, die ihre Seele ergriffen hatte. Eine lange Weile hindurch ward das Stillſchweigen„ welches beide wahrend der ſuͤßen Umarmung beobachteten, blos durch Ausrufungen unterbrochen, die ſogleich 239 wieder erſtickt wurden; eine lange Weile hindurch waren die Freudenrufe der Liebe ihre einzige Sprache. Jaime's Bruder verſuchte endlich dieſes Ungeſtuͤm zu mildern, aber, indem er die Freude ſeines Freun⸗ des maͤßigen wollte, konnte er ſelber die lauten Aus⸗ bruͤche der ſeinigen nicht zuruͤckhalten. Mehr als einmal war ich im Begriff hervorzuſpringen und mich in die Umarmung meines Bruders und det Markiſin mit einzudraͤngen; doch die Gegenwart der Gitana feſſelte mich immer wieder an den Stein, auf welchem ich ſaß, und ich hatte ſehr bald urſache, mir Gluͤck zu wuͤnſchen, daß ich nicht den Regungen eines bru⸗ derliebenden Herzens gefolgt war. „Warum haſt du denn,“ ſieng endlich Alonſo an,„mich ſo lange Zeit in Unwiſſenheit gelaſſen, in Hinſicht des Wunders, das dich vom Tode rettete? Konnteſt du dir denn nicht denken, daß ich, wenn ich auf der Erde allein zuruͤckbliebe, nur noch ein Daſein der Verzweiflung fuͤhren koͤnnte?“—„kieber Bruder,“ erwiederte Maria,„ſo hoͤre doch nur. Du weißt, daß ich zu dem Orte der blutigen Hinrich⸗ tung hingefuͤhrt worden war. Ein Prieſter, der mir zur Seite ſtand, ſegnete mich ein, und ſo er⸗ warteten wir mit einander den toͤdtlichen Schuß⸗ Ich erinnere mich noch, daß ich in jenem Augenblick, wo ich ſchon ganz mit Gedanken an den Himmel be⸗ ſchaͤftigt war, dein Bild zu erblicken glaubte. Auf einmal erſcholl der toͤdtliche Knall, und alles ſchwand vor meinen Blicken. Als ich wieder zur Beſinnung kam, und mich umſehen konnte, lag ich nur noch 280 ganz allein auf den Knieen; alle meine uͤbrigen Un⸗ gluͤcksgefaͤhrten waren nicht mehr am Leben. Von Schrecken ergriffen, ſtand ich auf, um zu entfliehen. Offenbar hatten die Soldaten mich nicht treffen wol⸗ len, denn ſie hatten ihre Augen abgewendet; ein Offizier zeigte mir das Alcalathor, das ich in meiner Verwirrung nicht wiederzufinden vermochte. Kaum befand ich mich außer den Mauern Madrids, als ich in Ohnmacht fiel, und ich kam nicht eher wieder zur Beſinnung, als in Guadalaxara, wohin mich einige Mauleſeltreiber geſchafft hatten. Vergebens richtete ich mehrere Briefe an dich. Du hatteſt Ocagna in demſelben Augenblick verlaſſen, wo Pablo aus der Abgeſchiedenheit ſeines Kloſters entwich, um in Ma⸗ drid auf der Schaubuͤhne der Abtruͤnnigkeit zu glaͤn⸗ zen; ich begab mich daher nach Guipuzcva, um den Markis von meinem Schickſal zu benachrichtigen, und ihn den Kerkermeiſtern Don Ferdinands zu ent⸗ reißen. Allein ich erfuhr, daß er zwar anfangs tief um mich betruͤbt geweſen, nachher aber in den großen Scenen, bei denen er Mitſpieler war, eine Zerſtreuung ſeiner Betruͤbniß gefunden habe; ich erfuhr ferner, daß er anſtatt an dem neuen Hofe die Rolle eines Gefangenen zu ſpielen, vielmehr an demſelben Ehrenaͤmter und Ordenszeichen angenom⸗ men habe. Eine tiefe Verzweiflung bemaͤchtigte ſich nun meiner Seele. Ganz Spanien griff zu den Waf⸗ fen, um ſeinen Koͤnig zu raͤchen. Ich entſchloß mich daher, unter den Vertheidigern des vielgelieb⸗ ten Ferdinands eine Stelle einzunehmen, und dabei 281 die ganze Welt in Unwiſſenheit daruͤber zu laſſen, daß ich noch lebte und gegen meine Moͤrder kaͤmpfte, waͤhrend mein Gemahl in die Dienſte derſelben ge⸗ treten war. Seitdem habe ich vergebliche Verſuche gemacht, den Markis in unſere Reihen zuruckzufuͤh⸗ ren. Erſt nach der Belagerung von Saragoſſa er⸗ fuhr ich alles das, was du für Spanien und fuͤr deinen Ruhm gethan haſt. Deiner Spur folgend, ſuchte ich dich in Andaluſien, im Innern unſerer noͤrdlichen Provinzen, ja in Kaſtilien auf; enblich finde ich dich wieder und ſehe, daß meine Gegenwart dir lieb und werth iſt. Dieſe Gewißheit iſt fuͤr das Gluͤck meines Lebens hinreichend. Ich koͤnnte mich nicht entſchließen, jemals unter denen zu leben, die unſeren Koͤnig in Feſſeln gelegt haben und die mir den Tod geben wollten. Moͤchte der Markis nie er⸗ fahren, daß ich noch lebe, bis zu jenem Tage, wo ich dereinſt fern von einem feindſeligen Hofe alle meine Sorgfalt auf die Pflege ſeines Alters werde verwenden koͤnnen! Gebe indeß nur der Himmel, daß dies nie auf dem Fremdlingsboden der Verban⸗ nung geſchehen moͤge!“ Die Bauern kamen unterdeß haufenweiſe mit Lebensmitteln herbei, welche Don Carlos verlangt hatte. Die Gitana ſagte zu ihnen:„Bringt nur immerfort dergleichen hierher; der General Don Bartolomeo wird vielleicht noch dieſe Nacht mit ſei⸗ ner ganzen Armee hier eintreffen, und ſo wie die Un⸗ geheuer vordringen, wird er ſich in dieſen endloſen Hoͤhlengaͤngen feſtſetzen. Ganz gewiß haben die 282 Feinde der Saracenen ſie gehoͤhlt, und ſo werden ſie denn jezt zum zweitenmal den Befreiern des Vater⸗ landes zum Zufluchtsort dienen.“ Ich konnte auf dieſe Weiſe nicht laͤnger in mei⸗ nem Aſyl verweilen, und doch konnte ich auch nicht daraus entfliehen. Warum mußte auch noch die Furcht meine Seele erniedrigen und entwuͤrdigen? Sie war ohnehin von zu vielen ſchmerzlichen Gefuͤh⸗ len verwundet, als daß noch die Furcht ihre unaus⸗ ſprechliche Bitterkeit dazu zu miſchen brauchte. Alonſo hatte ſich unterdeß wieder erholt; er richtete ſich ohne Muͤhe auf, und erklaͤrte, daß er bei Tages Anbruch wieder zu Pferde ſteigen wuͤrde. Maria ſtritt gegen dieſe ſeine Abſicht.„Beruhige dich,“ antwortete er, indem er die Haͤnde der Mar⸗ kiſin an ſein Herz druͤckte,„ich fuͤhle mich ſehr ſtark, da ich mich auf den Arm einer Schweſter, wie du biſt, und auf den eines Freundes, wie Don Carlos iſt, ſtuͤtzen kann.“ 3 Er hatte alle Offiziere ſeines Heerhaufens zu ſich berufen laſſen. Sie kamen jezt eben an, und alle freuten ſich, ihren General ſchon wieder im Begriff zu ſehen, ſich an ihre Spitze zu ſtellen.„Der Mar⸗ kis von Belvedere*),“ ſagte Alonſo zu ihnen,„hat beſchloſſen, in den Gebirgen von Monaſterio de Ro⸗ dillas und von Quintanapalla eine Schlacht zu lie⸗ fern. Der geſtrige Kampf war ein bloßes Vorpoſten⸗ *) Er befehligte das Heer, welches dazu beſtimmt war, Vur⸗ gos zu decken. 283 gLefecht; die Hauptſtaͤrke des Feindes mußte ſich auf Blake und la Romana werfen. Demzufolge, was ich in dem Augenblick gehoͤrt habe, wo eine verlorene Kugel mich von euch trennte, haben ſie den Anfall die⸗ ſer ſchrecklichen Maſſen nicht aushalten können. Heute oder morgen kommt die Reihe an uns, und wir wer⸗ den gewiß nicht gluͤcklicher ſein. Der Kaiſer will gern bis nach Madrid gelangen; er denkt, dort ſei Spanien, und er vergißt, daß Spanien uͤberall da iſi, wo gegen ihn gefochten wird, aber nirgends da, wo er Unterwerfung findet. Wir werden es nun mit der großen Armee aufzunehmen haben, und— wir duͤrfen es uns nicht verheimlichen— der rei⸗ ßende Strom derſelben wird ſich ſchon einen Durch⸗ weg zu bahnen wiſſen, jedoch wohl nur uͤber unſere Leichen.“—„Nein,“ riefen alle Offiziere, *nein, die Franzoſen werden nicht durchbrechen; ſie ſind nicht mehr unuͤberwindlich. Ihr ſelbſt habt es ihnen mehr als einmal bewieſen, und wenn der Kai⸗ ſer noch nie eine regelmaͤßige Schlacht verloren hat, ſo kommt dies blos daher, weil er noch niemals Spaniern auf dem Felde der Ehre begegnete. Er mag kommen; die Helden von Bahlen erwarten ihn.“ »Ich ſehe mit vielem Vergnuͤgen,“ fuhr Alonſo fort, dieſes euer Vertrauen auf die Gewalt eures Muthes und auf die Gerechtigkeit eurer Sache; in⸗ deß der Feind hat eine Erfahrung und eine Kriegs⸗ zucht, die unſeren Soldaten fehlt. Seine Trup⸗ pen ſind zehnmal zahlreicher, als die unſrigen, und die engliſche Heeresmacht, die ſich im⸗ 284 merfort anmeldet, will noch immer nicht erfcheinen. Wir werden endlich unterliegen; indeß das thut nichts zur Sache; Spanien unterliegt deshalb noch nicht. Die verlorenen Schlachten werden den Na⸗ tionalſtolz aufreizen und uͤberall Raͤcher aufrufen. Der Ruf von unſeren heldenmuͤthigen Anſtrengun⸗ gen, vielleicht auch von unſern Unfaͤllen, wird von einem Ende der Halbinſel bis zum andern das Ge⸗ fuͤhl des Widerſtandes verbreiten, und ſo wird der gewaltſame Anmaßer unſerer Rechte bei allen ſeinen Siegen es doch endlich empfinden muͤſſen, daß es nach wenigen Triumpfen um ſeine Macht geſchehen ſein wird.“ Die Offiziere, die ſaͤmmtlich aͤlter als Alonſo waren, hoͤrten voll Ehrerbietung die Worte des jun⸗ gen Helden an. Er gab einem jeden von ihnen die noͤthigen Befehle, damit die Vorpoſten ſich vor den Franzoſen entfalten, und mit der Hauptmacht am Abhange der Berge, welche Burgos ſchutzen, eine Stellung annehmen moͤchten.»Wenn ich zu ſchwach ſein ſollte, um auf dem Pferde zu bleiben,“ fuhr er fort,“ ſo werde ich mich in eure Kampfreihen tragen laſſen; an einem ſolchen Dage werde ich mich auf keinen Fall von meinen Waffenbrudern trennen laſ⸗ ſen. Jezt gehet. Der Heldenſchatten des Cid wird aus ſeinem Sarge emporſteigen, um mit uns die Gegenden zu vertheidigen, wo ſeine Wiege war und wo ſeine Aſche ſchlummert.“ Sie giengen fort. Die Markiſin warf ſich in Alonſo's Arme und rief:»Ach, geliebter Freund, 285 du gehſt jezt alſo in den Kampf fuͤr Spanien und fär Don Ferdinand! Diesmal wenigſtens werde ich an deiner Seite ſein; deine Schweſter wird deine Ge⸗ fahren theilen und zuerſt unter allen eine Augenzeu⸗ gin deines Waffengluckes ſein. Das Gluͤck, welches ich empfinde, meinen Bruder wiederzufinden, und zwar ihn mit Ruhm bedeckt wiederzufinden, wiegt alle Leiden meines Lebens auf.“ Sie hielten ſich umarmt. Die Gitana ſtand auf, und indem ſie auf ihrer Schulter die langen Falten ihres weißen Schleiers zurecht legte, ſtreckte ſie ihre Hand uͤber beide aus und ſagte:»Eure Herzen thun, ſelbſt ohne ihr Wiſſen, nie einen Wunſch, der nicht einſt erfuͤllt werden muͤßte.“ Die Markiſin fuchte vergebens von ihr eine Er⸗ klaͤrung dieſes Hrakelſpruches zu erhalten. Die Zigeunerin ließ ſich nicht bewegen, und als Don Car⸗ los ſie wegen ihrer Anſpruͤche auf das Wahrſager⸗ talent zum Beſten hatte, antwortete ſie auf ſeine Spottreden mit einem Blicke, worin Zorn funkelte. Um ihre Erbitterung zu beſaͤnftigen, umſchlang er ihre ſchlanke Geſtalt und nannte ſie die reizendſte al⸗ ler Andaluſierinnen; allein ſie wies ihn mit einer Miene voll Unwillen und Verachtung von ſich, in⸗ dem ſie ſagte:»Seid nicht ſo vertraulich, man konnte ſonſt denken, daß ihr mich fur eine Herzogin hieltet.“ In dieſem Augenblick erſchien der Sohn des Enrique Enriquez. Er kam, um der Gattin Bar⸗ tolomeo's zu melden, daß die Quadrilla in den Ge⸗ 296 birgsſchluchten Biscajas und Guipuzeva's einen Ruhepunkt machen wuͤrde. Beim Anblick des Ge⸗ nerals und ſeiner Todtenblaͤſſe druͤckte Antonio durch ſeine Geberden, durch ſeine Anrufung aller Heiligen des Kalenders und durch ſeine zum Himmel empor gewendeten Blicke die tiefe Betruͤbniß aus, die er empfand. Indeß, da er bald daruͤber beruhigt wurde, ſo gieng er ſchnell von den lebhaften Aeuße⸗ rungen des Schmerzes zu eben ſo lebhaften Aeuße⸗ rungen der Freude uͤber. Die unbekannte, die an Alonſo's Seite ſaß, erregte in Antonio eine neugie⸗ rige Unruhe. Er gieng um ſie herum, und erzaͤhlte dabei dem General, daß zwiſchen der Centraljunta und den Paͤſſen der Phrenaͤen ein regelmaͤßiger Nach⸗ richtenverkehr ſtattfinde.„Die alten Weiber,“ ſagte er,„kommen taͤglich vom Gebirge auf die Heerſtraße herunter, ſchließen die Augen halb zu, ſtrecken nach den Voruͤbergehenden die Hand aus, und zaͤhlen ſo alle die Ketzer, welche Frankreich uns auf den Hals ſchickt. Jeden Abend bringt eine von ihnen den daruͤber eingezogenen Bericht ins Dorf, und ſo geht es dann von Ort zu Ort weiter, und ſo erfaͤhrt Seine Majeſtaͤt die Junta binnen wenigen Tagen die Anzahl der Unglaͤubigen, die wir noch ab⸗ zuſchlachten bekommen haben.“ Das Tageslicht drang bereits in die dunkle Hoͤhle, und der Fackelſchein fieng ſchon an zu er⸗ bleichen, da verſuchte Alonſo aufzuſtehen. Er brauchte eine Weile Zeit, ehe er ſich in Gang brin⸗ gen konnte. Maria, der Andaluſier, die Gitana 3 287 und Don Carlos verbanden ihm wetteifernd ſeine Wunde. Alonſo machte dem guten Mauleſeltreiber den Vorſchlag, bei ihm zu bleiben, doch dieſer ant⸗ wortete:„Herr General, lebt tauſend Jahre. Es wuͤrde fuͤr mich ein großes Gluͤck ſein, in der Naͤhe von Euer Excellenz bleiben zu duͤrfen; allein, ich will lieber, wenn Euer Excellenz es erlauben, den Krieg auf meine eigene Fauſt fuͤhren und Oberan⸗ fuͤhrer meiner eigenen Perſon ſein. Es iſt eine gar zu ſchoͤne Sache, Befehlshaber zu ſein, ſelbſt wenn man weiter nichts als ſeine Flinte zu kommandiren hat.“ Die Pferde kamen jezt an.„Wir muͤſſen nun fort, liebe Schweſter,“ ſagte Alonſo.„Das Herz pocht mir bei dem Gedanken, daß ich, der ich ohne Ruf und Namen bin, gegen den Sieger der Pyra⸗ midenſchlacht, gegen den Sieger von Auſterlitz und Jena in den Kampf ausruͤcken ſoll. Indeß ich ver⸗ theidige mein Vaterland, das Recht und die Ehre iſt auf meiner Seite, deine Gegenwart wird meinen Muth unterſtutzen, und ſelbſt die Niederlage wird nicht ohne Troſt, vielleicht nicht ohne Ruhm ſein.“ Drauf zogen ſie fort. Don Carlos, einige Ad⸗ jutanten und Offiziere begleiteten ſie. Der Andalu⸗ ſier, der wieder zuruͤckkam, rief:„Seht doch, mit welcher Majeſtaͤt jene Dame im rothen Federbuſche ihr muthiges Roß tummelt! Sie ſieht gerade ſo aus wie Chimene oder wie die Gemahlin des Grafen Gonzalez oder vielmehr wie die verſtorbene Markiſin von C***. Rur die hochedle Markiſin hatte die⸗ 288 ſe hohe und ſchlanke Figur, dies ganze Weſen einer heiligen Caͤcilia oder der Engelkoͤnigin. Ich moͤchte faſt glauben, daß ſie vom Himmel auf die Erde her⸗ unter gekommen ſei, um uns die Bahn des Sieges zu zeigen. Seht nur, reitet ſie nicht auf ihrem wei⸗ ßen Pferde wie Sanct Millian oder wie Sanct Ja⸗ cob einher, als ſie mit unſeren Vaͤtern gegen die Saracenen kaͤmpften?“ Die ſpaniſchen— welche Bribiezca deckten, traten langſam ihren Ruͤckzug an. Antonio nahm von der Gitana Abſchied, und eilte der nun ausgehobenen Mannſchaft nach, die der Großrichter ihm anvertraut hatte, um ſie quer durch Aſterien nach dem beſtimmten Sammelplatze zu fuͤhren. Beim Abſchied umarmte er die Sitana, und entfernte ſich dann ſchnell. In demſelben Moment kam Paquita, die vor der Hoͤhle Schildwache ſtand, voll Freude herein ge⸗ eilt, ſie hatte naͤmlich einen kleinen blauen Ketzer er⸗ blickt, und dachte, daß es ſehr leicht ſein wuͤrde, ihn zu toͤdten. Es war ein Tambour, der den Weg verloren hatte, und halb todt vor Hunger, Ermat⸗ tung und JKaͤlte herankam.„Gute Dame,„ ſagte er zu ihr in der Mundart des ſuͤdlichen Frankreichs, »gebt mir Brot und Herberge.“ Die Gitana, wel⸗ che bei ſeiner Sprache zweifelhaft wurde, ob er auch wirklich von jenſeit der Gebirge her gebuͤrtig ſei, fragte ihn, welches denn ſeine Heimat ſei. Das erſte Regiment der kaiſerlichen Garde,“ erwiederte er. Seit den zehn Jahren, die ich alt bin, habe ich heute zum erſtenmal den Kirchthurm meines Hei⸗ matdorfes, naͤmlich den Adler des Regiments, aus den Augen verloren.“ Bei dieſen Worten eilte die Gitana auf den franzoſiſchen Soldatenſohn los, und häckte ein Meſſer uͤber ſeinem Haupte, und Paquita, die dem Beiſpiel ihrer Mutter folgend, ein Buͤndel angezuͤndetes Stroh in der Hand hatte, verſuchte den Torniſter des Tambours in Brand zu ſtecken. Er wuͤrde niedergemetzelt worden ſein, wenn ich nicht noch zu rechter Zeit hervorgeſprungen waͤre, um die toͤdtlichen Streiche von ihm abzuwenden, Nur mit Muͤhe zog ich das Soldatenkind mit mir fort, das mit ſeinem Säaͤbel dieſen moͤrderiſchen Em⸗⸗ pfang beſtrafen wollte; und die Gitana, durch mei⸗ ne ploͤtzliche Erſcheinung uͤberraſcht und durch den Anblick meines Ordenskleides mit Ehrfurcht erfullt, blieb unbeweglich am Eingange ſtehen, ohne daß ſie Zeit hatte, meine Geſichtszuͤge zu erkennen. Der kleine Tambour erzaͤhlte mir, daß ſeine Mutter am Fuße der Pyrenaͤen geboren und auf dem Schlachtfelde von Eilau beim Austheilen des Brann⸗ teweins den Heldentod geſtorben ſei. Sein Vater war Bertrand. Ich war ſehr froh, den Sohn des wackern Serſchanten gerettet zu haben; denn er war es, der am 2. Mai das Leben der Marikiſin ge⸗ ſchont hatte. Ich wollte wieder auf die große Heerſtraße von Bribiezca zu kommen ſuchen, als auf einer benach⸗ barten Anhoͤhe ein franzoͤſiſcher Lanzenreiter erſchien, ſtill hielt, und ſich umſah, ob etwa im Thale Feinde II. 19 200 waͤren. Da ſtreckte ein Flintenſchuß ihn entſeelt nieder. Ich ſah mich um, welche Hand ihm wohl den Tod gegeben haben koͤnne; doch nirgends war ein Felſen, hinter dem ſich jemand haͤtte verſtecken Foͤnnen, und die Ebene war einſam, blos ein Acker⸗ mann fuͤhrte in ziemlicher Entfernung von der trau⸗ rigen Scene ſeine Rinder friedlich hinter dem Pflu⸗ ge her. Ich gieng weiter. Da zeigte ſich ein zweiter Lanzenreiter auf der Spitze der Anhoͤhe. Der An⸗ blick ſeines Kameraden, der auf dem Boden hin⸗ geſtreckt lag, befremdete ihn. Auf einmal raffte der Ackermann, neben welchem mich mein Weg ſo eben hinfuͤhrte, eine Flinte von der Erde auf, zielte nach ihm hinter ſeinen Rindern hervor, ſtreckte den Rei⸗ ter ins Gras hin, warf dann ſein Gewehr wieder in die Ackerfurche, und lenkte dann ruhig ſeinen Pfiug weiter fort, ohne durch irgend ein Zeichen ſich als den Moͤrder zu verrathen. So eben wollte er jezt ein drittes Opfer erlegen, als der Sohn Ber⸗ trands, welcher flinker als ich war, auf ihn losſprang und ſich auf die Zehen ſtellte, um ihm den Todesſtoß zu geben. Es war Leonardo. Ich ſprach mit ihm voll Unwillen über ſeine kalte Grauſamkeit.„Ich verſtehe euch nicht,“ antwortete er,„ich fuͤhre den Krieg hier bei meinem Pfluge!“ und mit dieſen Worten fuhr er in ſeiner Arbeit fort. In die⸗ ſem Augenblick erreichte uns der Vortrab des fran⸗ zoͤſiſchen Heeres, und der Alcalde wuͤrde fuͤr ſeine Mordthaten den verdienten Lohn empfangen haben, 294 wofern ich nicht in einer Anwandlung von Mitleid fuͤr meinen Mitbuͤrger, der jezt unter den Haͤnden der Auslaͤnder ſeinen Dod finden ſollte, dem erbitter⸗ ten Zeugen ſeiner Wvrdthaten Stillſchweigen gebo⸗ ten haͤtte. Der Tambour tröſtete ſich uͤber mein Verbot, als er ſein Regiment und ſeinen Vater wiederfand. Ber⸗ trands Freude verwiſchte auf einen Augenblick die ſchmerzlichen Eindruͤcke, welche die— Tage mei⸗ ner Seele— hatten. Drittes Kapitel⸗ — Ich traf zu Bribiezca mit dem Kaiſer gleichzeitig ein. Er befahl mir, daß ich in der Naͤhe ſeiner Perſon bleiben ſollte, obwohl Joſeph fortwaͤhrend noch in der Hauptſtadt von Alava ſich aufhielt. Ich bemerkte gleich bei der erſten Unterredung mit Napo⸗ leon, daß ſich in ſeinem Kopfe Plaͤne dunkel hin und her bewegten, die, wenn ſie je zur Reife kamen, fuͤr unſer Spanien neue Stuͤrme herbeifuͤhren mußten. Jeder Gedanke an fremde Macht war ſeinem Ehrgeiz ſo unausſtehlich, wie eine Beraubung oder wie eine Drohung. Dieſer argwoͤhniſche Fuͤrſt fieng bereits an, vor der Gewalt zu erſchrecken, die ſein Bruder durch die Herrſchaft uͤber ganz Spanien erhalten wuͤrde. Er ſchien mir geneigt zu ſein, einen Ko⸗ nig, deſſen Reich ſich bis jezt blos auf einige Schlacht⸗ 195 22 felder beſchraͤnkte und nar auf dem zweifelhaften Aus⸗ gange der Zukunft beruhte, von nun an als einen Nebenbuhler, ja als einen Feind zu behandeln, und ich zitterte bei dem Gedanken, daß die Unabhaͤngig⸗ keit oder doch wenigſtens die Integritaͤt der ſpani⸗ ſchen Monarchie vielleicht bald von demjenigen an⸗ gegriffen werden wuͤrde, der vermoͤge ſeines eigenen Intereſſes und ſeiner Verſprechungen der Vertheidi⸗ ger derſelben ſein wollte. Die franzoͤſiſchen Kolonnen mhin vor den Anhoͤhen Halt. Das ſpaniſche Heer erwartete fe⸗ ſten Fußes das Anſtuͤrmen der kaiſerlichen Adler. Der Kaiſer ſprengte nach vorn hin, um das Hinder⸗ niß zu erfahren, das ihren Marſch aufhielt, und er fand die Stellung des Feindes ſo feſt und ihre Schlachtordnung ſo gut, daß er den Angriff bis auf den folgenden Dag verſchob. So wie die franzoͤſi⸗ ſchen Truppen in die Linie heranruͤckten, ſchlugen ſie den feindlichen Vorpoſten gegenuͤber ihre Bivouak's auf. Auf beiden Seiten wurden Wachtfeuer ange⸗ zuͤndet. Das Rufen der ſpaniſchen Schildwachen konnte man bis ins franzoͤſiſche Lager heruͤber hoͤren. uebrigens war die Nacht ruhig und heiter, die fried⸗ liche Scheibe des Mondes ſchwebte uͤber der großen Scene, und die beiden Heere ſchlummerten dem Morgen des Tages entgegen, wo ſie ſich gegenſeitig niedermetzeln wollten. Ich nahm meine Rachtherberge hinter den Bi⸗ vouak's in einem der Doͤrfer, die an der Straße la⸗ gen. Die Einwohner hatten ſich nach allen Seiten hin geflͤchter, und die Soldaten, die in dieſer Ein⸗ oͤde, wo weder ein Menſch noch ein Baum zu ſehen war, kein Holz, kein Stroh, und keine Lebensmit⸗ tel antrafen, hatten das halbe Dorf niedergeriſſen, um das Holzwerk zu Feuern gegen die Nachtkuͤhle, und das Stroh dazu zu benutzen, den Hunger der Pferde zu befriedigen oder vielmehr zu taͤuſchen. Ich uartirte mich in einem dieſer veroͤdeten und verfal⸗ lenen Haͤuſer ein. Was ich vor allen Dingen nöthig hatte, war ein Augenblick Ruhe, bei den traurigen Ereigniſſen, die ich ſo eben durchgemacht, und die mich noch erwarteten. Alle meine Gefuͤhle als Menſch, als Bruder und als Spänier waren tief verwundet, und in der Zerruͤttung meines Gemuͤths ſohnte ich mich nach Ruhe, und zwar— großer Gott!— nach der— des—— San n — Die rohe Huͤtte, wbrin ch einen guftuchtsort geſucht hatte, war die am wenigſten beſchäͤdigte des Hrtes. Auf einmal ließen ſich Tritte von Maͤnnern, Gewieher von Mauleſeln und Frauenſtimmen drau⸗ ßen hoͤren. Es war Matea, die in dieſer elenden Behauſung ein Obdach ſuchte. Sie war von Vit⸗ toria abgereiſt, voll Sehnſucht, bald wieder nach Madrid zuruͤckzukehren, und in der ueberzeugung, daß ſie die Heere der Jtguiſtion uͤbekall vor enren Fahnen fliehen ſehen wuͤrde. Vielleicht auch mochte der Koͤnig, voll Unruhe daruͤber, daß man ihn ſo ganz entfernt vom Mittelpunkt der kriegeriſchen und politiſchen Operationen gelaſſen hatte, auf die Ge⸗ 294 wandtheit und auf die feurige Beredſamkeit der Graͤ⸗ ſin gerechnet haben, um die eiferſuͤchtigen Plaͤne ſei⸗ nes Bruders zu durchſchauen oder ablenken zu koͤn⸗ nen. Sie war uͤberraſcht, mich wiederzufinden, und zeigte ſich ſehr erfreut daruͤber. Ich ſprach mit ihr von den Vorgaͤngen an den ufern des Ebro, und es gelang ihr, alle die Anklagen, die ſich in meinem Herzen gegen ſie erhoben, von ſich abzulenken, indem ſie mich verſicherte, ſie habe ſich mit der Hoffnung ge⸗ ſchmeichelt, daß Alonſo beim Anblick ſeiner aufruͤh⸗ reriſchen Soldaten ſeine Zuflucht ins franzoͤſiſche La⸗ ger nehmen wuͤrde. Matea vermochte leicht, mich zu uͤberreden, da ſie ſich gegen den Vorwurf ver⸗ theidigte, als habe ſie ſich zur Ermordung meines Bruders mitverſchworen gehabt. Das ſchmerzliche Geſchrei, welches ſie in dem Augenblick ausgeſtoßen hatte, wo die Soldatesca auf den entwaffneten Ge⸗ neral losſtuͤrzte, bezeugte hinlaͤnglich, daß ihr Herz ſich gegen die Drohungen der Mitſchuldigen Fortu⸗ nato's empoͤrte. Es blieb daher ſehr bald kein truͤ⸗ bes Woͤlkchen mehr zwiſchen uns, und ich fand in ihr die Stuͤtze meines Lebens wieder. Noch nie hatte ich das Beduͤrfniß einer ſolchen Stuͤtze lebhafter em⸗ pfunden, als eben jezt. Vor dem folgenden Tage graute mir. Der Gedanke an die Gefahren, welchen Alonſo und Maria in der Mitte von dreißigtauſend Spaniern, die mit ihnen zu ſterben entſchloſſen wa⸗ ren, ausgeſetzt ſein wuͤrden,— dieſer Gedanke er⸗ fuͤllte mein Inneres mit der groͤßten Betruͤbniß. Die Graͤfin hatte in eben dieſer Nacht unter dem 295 Schutze der franzſiſchen Waffen ohne Hinderniß bis nach Burgos zu kommen gehofft. Jezt, wo ſie durch Alonſo's Widerſtand Halt zu machen genoͤthigt war, klagte ſie in ihrem Zorne das Genie des Kaiſers und die Tapferkeit euerer Soldaten an. Der Schlaf ſetzte endlich ihren heftigen Aufwallungen ein Ziel, und ich blieb der Herzensangſt uͤberlaſſen, 8 mein Inneres zerriß. WVon Dages Anbruch erklang bereits triegeriſche Muſik laͤngs der franzoͤſiſchen Linie hinunter. Ich bebte; denn dies war das Zeichen zum Erwachen. Die ganze Armee gerieth in Bewegung. Die Dra⸗ goner und Huſaren ſchritten zur Pflege ihrer treuen Kampfroſſe, waͤhrend die Fußſoldaten, an den waͤr⸗ menden Feuern hingelagert, entweder ſich uͤber die fruͤhe Arbeit der ſtolzen Reiter luſtig machten oder ruhig fortſchliefen. Indeß als das Kleingewehrfeuer in der Ferne begann, ſchuͤttelten ſie raſch das Stroh des Bivouak's von ſich ab, griffen nach ihrem treuen Gewehr und draͤngten ſich um ihre Fahnen. Adju⸗ danten flogen nach allen Richtungen hin, die Gene⸗ rale traten allmaͤhlig aus der Thuͤr der Strohhuͤt⸗ ten, die ihnen zum Aufenthalt gedient hatten, und das Geſchuͤtz zog auf der erſchuͤtterten Straße ſchwer und langſam voruͤber. Auf einmal kam dem lezteren der Befehl zu, im ſchnellen Trabe vorzufahren; es geſchah, und dieſe ſchwerfaͤlligen Maſchinen ſpreng⸗ ten in ihrem raſchen Laufe, unter welchem die Erde bebte, die in der Mitte des Dorfs in Schlacht⸗ ordnung aufgeſtellten Reiterſchaaren auseinander. 296 Einer von den Fluͤgeln des franzoͤſiſchen Heeres, der ſich nach den Bergen hin gewendet hatte, um Alonſo zu umgehen, war ſo eben durchbrochen und in Stuͤcke zerriſſen worden. In der ganzen Umge⸗ gend war kein Einwohner zu finden, der als Weg⸗ weiſer haͤtte dienen koͤnnen; blos eine junge Frau traf man, die ein Kind auf dem Arme und ein ande⸗ res neben ſich an der Hand hatte. Sie ließ ſich be⸗ wegen, den Franzoſen den Weg zu weiſen, und gieng ſingend vor ihnen her, als ſie auf einmal ihre Toch⸗ ter, die neben ihr gieng, uͤber einen Abgrund hin⸗ uͤber ſchleuderte und zugleich ſelber hinabſprang, in⸗ dem ſie ſich ſehr geſchickt an die biegſamen Zweige einer Weide feſthielt, mit einer Laſt im Arm, die fuͤr jeden andern, als fuͤr eine Mutter, zu ſchwer gewe⸗ ſen waͤre. Ein moͤrderiſcher Hagel von Kugeln ſturzte in dieſem Augenblick auf eure Regimenter her⸗ ab, die hier in tiefe Bergſchluchten gerathen waren, und die Helden von Auſterlitz hoͤrten im Riederſinken noch das Gelaͤchter und die Schmaͤhworte derjeni⸗ gen, die ſie in den Lod gefuͤhrt hatte. Sie ſtarben alle, ohne ſich vertheidigen zu koͤnnen und ohne zu fliehen. Blos zwei Grenadiere waren darauf be⸗ dacht, ſich blutend bis zu unſeren Quartieren davon zu ſchleppen, aber nicht etwa aus Beſorgniß fuͤr ihr Leben, ſondern um ihre Fahnen zu retten. Beide ſtarben, indem ſie den heiligen Adler ihres Regi⸗ ments aus ihrem Buſen hervorzogen. Die Armee ſtand bei der Nachricht von dieſem Misgeſchick in duͤſterem Schweigen da; die franzo⸗ ——— z—————— 297 ſiſche Tapferkeit konnte ſich nicht an ſo ungleiche Kaͤmpfe und an ſo ruhmloſe Gefahren gewoͤhnen, und dieſe rohe Kriegsart, welche unſere Bevoͤlkerung gegen ſie fuͤhrte, ſetzte dieſe Maͤnner in Erſtaunen, die doch alles verſucht und durchgemacht zu haben glaubten, was nur irgend Gefahr, Entbehrung oder Gegenwehr heißen kann. Dieſe Menſchenleere, die ihre Dritte uͤberall zu begleiten ſchien, wie Ausſätzige oder Miſſethaͤter, dieſe Einoͤde der Staͤdte und Fle⸗ cken, die ſtumm und ſtill wie Graͤber waren, dieſes Stillſchweigen auf Straßen und Wegen, das nur von Zeit zu Zeit durch das Krachen des Feuergewehrs unterbrochen wurde, alle dieſe drohenden und unge⸗ woͤhnlichen Erſcheinungen brachten ſelbſt den feurig⸗ ſten Muth aus der Faſſung. Unterdeß entbrannte ſehr bald vie Glut der Rache in den franzoͤſiſchen Schlachtreihen. Man ſah in dieſem Augenblick, wie ein ſpaniſches Heer den Kampf annahm, man ſchwor ſogleich, den Mord der Da⸗ pfern, die ſo eben gefallen waren, an ihnen zu raͤ⸗ chen, und ich fuͤrchtete jezt, daß es um das Leben. der Beſiegten geſchehen ſein wuͤrde. Neue Heerhaufen erhielten die Weiſung, das Gebirge von der Ruͤckſeite her anzugreifen. Man waͤhlte hiezu aus einer Maſſe von Gefangenen, die eure Streifpartheien ins Lager eingebracht hatten, Wesweiſer aus; es waren meiſt Landleute, die halb nakt und zerlumpt waren, und keine andere Uniform hatten, als das rothe Band. Ich erkannte darun⸗ ter den Schwiegerſohn Leonardo's. Da ich der „ 298 Meinung war, daß Angel, der in der Bluͤthe des Juͤnglingsalters und im Begriff ſtand, ſeine kuͤnf⸗ tige Gattin ins hochzeitliche Gemach einzufuͤhren, einigen Werth auf ſein Leben ſetzen muͤſſe, ſo bezeich⸗ nete ich ihn und den jungen Beato zu Fuͤhrern eurer Legionen. Der Augenblick, um ſeinen Gehorſam auf die Probe zu ſtellen, ſchien um ſo gluͤcklicher ge⸗ waͤhlt zu ſein, da jezt eben eine Schaar von Frauen, die von eurem Vortrabe aus ihren entfernten Schlupfwinkeln aufgeſcheucht worden waren, vor ih⸗ nen her auf uns los geflogen kam, und ſich in eine Kirche hinein ſtuͤrzte, wo ſie blos um zwei Dinge flehten, um Abſolution und Beſchuͤtzung ihrer Ehre, gerade als ob ſie in die Haͤnde von Kalmucken oder Arabern gefallen waͤren. Unter ihnen befand ſich auch Maria del Carmen und ihre Tochter, die durch das Gefuͤhl der Ermuͤdung und der Furcht nur noch ſchoͤner erſchien. Angel hatte ſeine Braut geſehen und ihr die zitternde Hand gedruͤckt; eben ſo hatte auch der Beato ſeine Mutter und Schweſter geſehen und geſprochen. Sie giengen hierauf beide ab, be⸗ gleitet von den guten Rathſchlaͤgen Maria's del Car⸗ men und den Wuͤnſchen Catalina's, und unigeben von franzoͤſiſchen Bajonetten. Allein die Diviſion, welche ſie fuͤhren ſollten, kam weit von dem vorge⸗ ſetzten Ziele ab, auf welches ſie los zu gehen ver⸗ meinten; der franzoͤſiſche General ſah, daß er ver⸗ rathen ſei, und die beiden Kaſtilianer, die kein Wort zu ihrer Rechtfertigung vorzubringen wußten, knie⸗ ten ſofort nieder, und wurden erſchoſſen. Die Sonne war ſo eben zu unſerer Linken an dem beinahe ganz wolkenloſen Himmel aufgegangen, und die leichten Dunſtflocken, die uͤber das weite Blau hin verſtreut waren, ſchienen blos dazu zu die⸗ nen, um durch ihren hellen Widerſchein der aufge⸗ henden Koͤnigin des Firmaments mehr Glanz und Pracht zu verleihen. Indem man ſie ſo majeſtaͤtiſch in ihrer goldrothen Strahlenkrone uͤber den Horizont heraufſteigen ſah, haͤtte man denken ſollen, ſie kaͤme als ein Schiedsrichter einher, um dieſen großen Voͤl⸗ kerzwieſpalt zu ſchlichten, und doch kam ſie in ihrer friedlichen Schoͤnheit, blos um ein blutiges Mordge⸗ metzel zu beſcheinen. In das enge Thal, welches die beiden Heere trennte, ſtiegen Plaͤnkler hinab und begannen das Treffen. Die Soldaten fanden an dieſer moͤrderi⸗ ſchen Art des Kampfes Vergnuͤgen, und in der ge⸗ wiſſen Ueberzeugung von dem endlichen Ausgange, ſcherzten ſie uͤber den eilfertigen Ruͤckzug ihrer Ka⸗ meraden, als die ſpaniſchen Jaͤger, welche gewand⸗ ter und flinker waren, einen Augenblick gegen die franzoͤſiſchen Jaͤger im Vortheil waren. Ich konnte alle die verſchiedenen Heeresabthei⸗ lungen, die vor uns auf den Hoͤhen aufgeſtellt waren, genau unterſcheiden. Alonſo's Heerhaufe entfaltete ſich gleich in der vorderſten Linie. Der General ſprengte an den Reihen auf und nieder, neben ihm auf einem ſtolzen Schimmel eine Frauengeſtalt mit ro⸗ them Federbuſch, und uͤberall, wo ſie vorbei kamen, erſcholl der Ruf: es lebe der vielgeliebte Don Ferdi⸗ 300 nand! es lebe die Unabhaͤngigkeit der Nation! Um ſie her flatterten die Fahnen mit den Farben Arago⸗ niens und Kaſtiliens hoch in den Luͤften. Dieſer General und dieſe Heldin waren niemand anders als mein Bruder und Maria, dieſe Soldaten waren meine Mitbuͤrger, dieſe Fahnen waren die Paniere meines Vaterlands; und jenes Geſchrei, was laͤngs den gegenuͤber liegenden Huͤgeln hin erſcholl, rief meiner Seele Empfindungen zu, von denen ſie ohne⸗ hin nur zu ſehr erfuͤllt war, und hallten mir Wuͤnſche heruͤber, die mein Herz bis zum letzten Athemzuge immerdar fort hegen wird. Dagegen war alles um mich her mir fremd; ſelbſt die Waffen, die an mei⸗ ner Seite blitzten, ſollten ſich gegen alles des wenden, was die hoͤchſten Anſpruͤche auf meine eigene Theil⸗ nahme und Liebe hatte. Thraͤnen traten mir in die Augen, und ich fragte mich, ob denn wirklich die Sache meines Vaterlandes nicht auf jener Seite zu finden ſei, wo ich die Soͤhne und Ratibnulfurben Spaniens erblickte. Ein Kanonenſchuß, der in meiner Naͤhe gelsſt wurde, ſchien mir auf meine Frage zu antworten. Der Felſen, auf welchem ſp eben das Gefolge mei⸗ nes Bruders hielt, ward davon erſchuͤttert. In meiner Verwirrung eilte ich vorwaͤrts, um uͤber den Kampfplatz hinuͤber zu eilen und mich an die Soͤh⸗ ne des alten Landes meiner Vorfahren anzuſchließenz allein Matea, die ich an dieſem Orte zu treffen gar nicht erwartet hatte, naͤherte ſich mir, und ſagte zu mir ſehr bewegt: Sie haben da druͤben die ſchoͤne⸗ —— re Rolle übernommen; die unſrige iſt minder glaͤn⸗ zend, aber dafür deſto nuͤtzlicher. Dieſer Gedanke muß uns troͤſten und ſtaͤrken.“ In dieſem Augen⸗ blick beantwortete eine ſpaniſche Batterie die Auffor⸗ derung des franzoͤſiſchen Geſchuͤtzes. Die Kugel flog uͤber die Truppenreihen, die vor uns unbeweg⸗ lich daſtanden und das Zeichen zum Angriff abwarte⸗ ten, hoch hinweg, zeg eine lange Furche auf dem Erd⸗ reich hin, machte einige Spruͤnge und rollte endlich bis vor die Fuͤße der erſchrockenen Graͤfin, wo ſie liegen blieb. Die Graͤfin war naͤmlich von einem General, der da meinte, er werde ihr wohl noch oh⸗ ne Gefahr den prachtvollen Anblick der beiden in Schlachtordnung ſtehenden Heere zeigen koͤnnen, her⸗ gefuͤhrt werden; ſie ergriff nun ſogleich die Flucht, und ich begleitete ſie auf ihrem eilfertigen Gange. Sie druͤckte mir voll Ruͤhrung die Hand; mein ſpa⸗ niſches Herz wußte dem ihrigen vielen Dank dafuͤr, daß es meine innere Ruhe theilte; ja ich freute mich, daß ich mich einen Augenblick auf ihr Wohlwollen ſtuͤtzen konnte. Doch, ſobald ich fuͤr ihre Perſon nicht weiter beſorgt ſein durfte, kehrte ich zu dem großen und betruͤbenden Schauſpiel zuruͤck, das mich erwartete. Mich duͤnkte, daß es mir vielleicht ge⸗ lingen koͤnnte, das hitzige Ungeſtuͤm der Sieger zu maͤßigen; der Kaiſer hatte mir naͤmlich den Dag zu⸗ vor befohlen, daß ich mich fuͤr ſeine Befehle in Be⸗ reitſchaft halten moͤchte, und ſo konnte meine— wart vielleicht noch irgendwie nuͤtzen. Das Feuer hatte ſich allmaͤhlig äber die ganje Fronte entlang verbreitet, unb bereits fingen Wol⸗ ken von Pulverdampf an, dem Auge die Heerhaufen zu entziehen, deren raſch auf einander folgendes Ge⸗ wehrfeuer man hoͤren konnte. Dies unheilverkuͤn⸗ dende Getoͤſe ward indeß vom Donner der Kanonen weit uͤbertoͤnt. Die Bataillone, die hinter der erſten Schlachtlinie ſtufenweiſe anfgeſtellt waren, hoͤrten die feindlichen Kugeln uͤber ihren Koͤpfen hinſauſen und verfolgten ſie mit den Augen bis in die Reihen der Reiterei, die ſich immer weiter entfernte, um nicht unnuͤtzer Gefahr ausgeſetzt zu ſein. Reiter und Fußgaͤnger, alle murrten uͤber dies lange Vor⸗ ſpiel, und waren unwillig daruͤber, daß man nicht den Feind ihrem aufwallenden Muthe preisgab. Selbſt der Kaiſer ward von ihrem Unwillen nicht ver⸗ ſchont, und die Offiziere ſchienen auf die Verwuͤn⸗ ſchungen nicht zu hoͤren, die ihre Soldaten gegen das Oberhaupt des Reichs ausſtießen.»Junge Leute,“ ſagte Bertrand zu ihnen,*wovor fuͤrchtet ihr euch? Unſer Herr wird eure Flinten nicht ein⸗ roſten laſſen. Er laͤßt uns da einen haͤßlichen Feld⸗ zug thun. Die Spanier haben Recht, und zwar tauſendmal fuͤr einmal; ihr Geſchrei: es lebe die Nation! thut mir weh. Ihr andern, ihr wißt frei⸗ lich nicht, was das ſagen will, denn ihr habt noch nie Freiheitskriege mitgemacht.“ Ein Grenadier antwortete dem Serſchanten:“Wenn dieſe Kugel, die ſo eben an meine Baͤrenmuͤtze ſtreifte, ſich zwi⸗ ſchen Napoleons des Großen Schultern an die Stelle ſeines thenern Hauptes hinpflanzen konnte, ſo wuͤrden —— —, 303 wir vielleicht ebenfalls wieder einen Geſchornen zum General bekommen, und der wuͤrde dann vielleicht keinen Bruder Joſeph haben, fuͤr den er Koͤnigreiche erobern muͤßte.“ Ich ward durch dieſe Aeußerung befremdet und beunruhigt, und glaubte bereits, daß das Feuer des Aufruhrs in den Gemuͤthern glimme⸗ Auf einmal erhob derſelbe Mund, der ſich ſo eben geoͤffnet hatte, um eine Verwuͤnſchung auszuſtoßen, den Ruf: es lebe der Kaiſer! der von der ganzen Armee voll Enthuſiasmus wiederholt, und mit dem Gewirbel der Trommeln und dem Klange der Zinken, dem Schmettern der Drompeten verbunden, den Donner der Schlacht weit uͤbertoͤnte. Die Freude der Soldaten aͤußerte ſich aufs lebhafteſte in dem Stampfen mit den Fuͤßen, in dem Klirren der Ge⸗ wehre, im Schwenken der Helme und der Fahnen. Unter dieſen hunderttauſend Menſchen war auch nicht ein einziger, der am Siege gezweifelt oder vor dem Tode gezittert haͤtte. Ich ſah mich um, was denn dieſe ploͤtzliche Be⸗ geiſterung veranlaßte. Auf der Straße erhob ſich von fern eine Staubwolke, aus welcher achtzig Lan⸗ zen mit ihren blinkenden Spitzen und ihren rothen und weißen flatternden Wimpeln hervorragten. An der Spitze dieſes Zuges ſprengte ein einzelner Mann. Ein einfacher Offizierhut von ſchmaler und niedriger Form, der weder durch eine weiße Feder noch durch goldene Treſſen gehoben wurde, und ein grauer Rei⸗ ſerock, der im Staube des Feldlagers bereits ſehr abgetragen zu ſein ſchien, war das einzige, was ihn 304 von dem uͤbrigen, von Stickereien, Federbüſchen und Ordensbaͤndern glaͤnzenden Generalſtabe unter⸗ ſchied, und eben dieſer ſonderbare Hut und dieſe einfache Kleidung waren es, deren Anblick alle Ge⸗ muͤther begeiſtert hatte. Die Armee fand in dem⸗ ſelben alte Zeugen ihres Ruhms; ſie hatte dieſelben am Fuße der Pyramiden, unter den Mauern von Mantua, im Lande der Jagellonen vor Augen ge⸗ habt, und der, welcher ſie trug, war der erſte Sol⸗ dat des Reichs und zugleich der Beherrſcher einer Welt. Der Kaiſer hatte ſeinen ſchwarzen Rappen, u un⸗ ter deſſen Galopp das Erdreich ſich zu entzuͤnden ſchien, ploͤtzlich angehalten. Er richtete ſein Au⸗ genglas nach der Stellung der Feinde hin, fragte mich, ob das nicht die walloniſchen Garden waͤren, die einen gewiſſen Punkt in der zweiten Linie einnaͤh⸗ men, gab dann einen Befehl, ließ hierauf ſeinem ſtolzen Roſſe den Zuͤgel ſchießen, das mit ſchaͤumen⸗ dem Munde, mit flammendem Auge und mit hoch erhobenem Kopfe gleichſam den Gott des Kriegs auf ſeinem Ruͤcken zu tragen ſchien, ſprengte dann unge⸗ ſtüm von dannen und flog ſchnell wie der Blitz, ſein keuchendes Gefolge hinter ſi ſich habend, an der Fronte des Heeres hinunter. In den gegenüber ſtehenden Linien der Feinde ließ ſich derſelbe Einfluß ſpuͤren; die Spanier erkannten naͤmlich den Kaiſer und wichen etwas zuruͤck. Die Franzoſen neigten uͤberall, wo er vorbeikam, die Adler vor ihm, der kriegeriſche Zuruf lief eben ſo ſchnell wie er von einem Ende der 305 Linie bis zum andern, und alles gerieth in Bewe⸗ gung, um einen Sieg vollends zu erringen, den ſeine Gegenwart bereits begonnen hatte. Napoleon hatte damals einen unbeſchreiblichen Zug von Groͤße an ſich, die Ruhe ſeines faſt antiken Geſichts kontraſtirte ſeltſam mit dem kriegeriſchen Feuer ſeiner ganzen Umgebung. Auf dieſem Theater des Todes und des Ruhms waren aller Augen fun⸗ kelnd, alle Geſichter beſeelt, jeder Soldat, jeder Anfuͤhrer ſchien das Feuer der Schlacht zu athmen, und auf allen Seiten ſah man jene Begeiſterung her⸗ vorbrechen, welche den Muth unterſtuͤtzt und alles menſchliche Gefuͤhl betaͤubt. Er allein ſchien bei dieſer ehrfurchtgebietenden Heiterkeit ſeines Antlitzes ſich uͤber alle die Gluͤckswechſel des Kampfes erhaben zu fuͤhlen, er allein ſchien weder fuͤr die Gefahr noch fuͤr das Gluͤck der Waffen irgend eine Gemuͤthsbe⸗ wegung uͤbrig zu haben, kein menſchliches Gefuͤhl ſchien ſich ſeiner Seele zu naͤhern, es war faſt, als waͤre er ein Herr des Himmels und der Erde, und als haͤtte er mit dem Gluͤcke einen Vertrag abge⸗ ſchloſſen, den ſogar der Tod achten und verſchonen muͤßte. Der Oberfeldherr kehrte wieder zuruͤck und nahm auf einer Anhoͤhe Platz, von wo aus er alles leiten und alles uͤberſehen konnte. Das Zeichen zum all⸗ gemeinen Angriff ward gegeben, mit Freudengeſchrei empfangen, und ſofort ruͤckte die Armee im langſa⸗ men und abgemeſſenen Schritt des Marsfeldes gleich einer ſich bewegenden Mauer, gleich einem Vollwerk I. 20 306 von Stahl und von Menſchenleibern gegen die feind⸗ liche Schlachtſtellung vor. Ohne auf den von den Hoͤhen herabrollenden Donner zu antworten, ſtieg ſie hinan, und weder das Musketenfeuer noch die Kartaͤtſchen der Kaſtilianer vermochten es, den Marſch der Sturmenden zu beſchleunigen, noch die Ruhe ihrer Haltung zu ſtoͤren, noch ihre Linien zu durchbrechen; blos von Zeit zu Zeit ſchloſſen ſich die Soldaten enger an einander, um den Platz des Ka⸗ meraden, der ſo eben gefallen war, auszufuͤllen. Waͤhrend dieſer furchtbaren Heerbewegungen war mein ganzes Daſein in der hoͤchſten Spannung. Auf einmal wichen die Spanier vor dem Stoße, noch ehe ſie ihn empfangen hatten. Mehr als einmal gelang es Alonſo, ſie wieder in den Kampf zu fuͤhren, aber immer flohen ſie wieder zerſtreut aus einander, und das Beiſpiel ihres braven Generals und Maria's Stimme ſchien ſie blos darum auf einen Augenblick wieder zu ſammeln, damit man ſie nochmals die Flucht ergreifen ſehen ſollte. Auf dieſe Weiſe er⸗ weiterte ſich das Schlachtfeld vor der franzoͤſiſchen Tapferkeit; wir ſchritten uͤber Leichen vorwaͤrts, und mit Gleichguͤltigkeit trat der Krieger mit Fuͤßen auf den Feind, auf den Waffengefaͤhrten, der zu⸗ ckend am Boden lag. Blos die Roſſe ſenkten mit offenen Nuͤſtern und mit thraͤnenfeuchten Angen ihr Haupt mitleids voll nach dem blutigen Staube herab, vermieden es ſorgfaͤltig, mit dem Fuße die verwun⸗ deten oder todten Krieger zu beruͤhren, und baͤumten ſich vor Entſetzen beim Anblick todt daliegender Pferde. —— 207 In jedem dieſer Ungluͤcklichen, die ich um mich her ausgeſtreckt da liegen ſah, erkannte mein Herz einen Mitbuͤrger, fuͤrchtete mein Auge einen Bruder zu entdecken. Eine lange Weile beobachtete ich die Anſtrengungen Alonſo's, der als General Befehle ertheilte und als gemeiner Soldat focht; eine lange Weile verfolgten meine Blicke die verſchleierte Mar⸗ kiſin an ſeiner Seite, die vergebens ihren Schaaren mit der Hand den Himmel zeigte, um ihren Muth von neuem zu entflammen. Ich kann euch nicht be⸗ ſchreiben, wie ſehr ich fuͤr ihre Perſon zitterte;„ einen Augenblick darauf zitterte ich noch mehr um ſie; denn man ſah ſie nicht mehr. Ein Pferd, das reich mit Golde geſchmuͤckt war, ſtuͤrzte aus den ſpaniſchen Reihen hervor und kam in die unſrigen heruͤber, wo es todt niederſank. Es war weiß; ſeine Farbe und der Reichthum ſeiner Bedeckung uͤberraſchten mich; an den vier Enden des Tigerfelles, das uͤber ſeine verwundeten Seiten herabhieng, war ein goldner Namenszug angebracht, — es war der Namenszug Maria's. Bei dieſem Anblick ſtand ich ſtill, ſetzte mich auf eine Bank, die ich zufaͤllig da fand, und weinte. Dies alles begegnete mir auf dem Gipfel des Berges Bruxula. In der Meinung des Volks gilt derſelbe fuͤr den hoͤchſten Punkt der ſpaniſchen Halb⸗ inſel. Hier oben theilen ſich alle Quellengewaͤſſer zwiſchen den Duero und den Ebro, und fließen ent⸗ weder dem Mittelmeere oder dem Ocean zu. Auf dieſer Hoͤhe ſieht eine kleine, von einer ſteinernen 20* 308 Bank umgebene Saͤule, welche man die Bu ſola*) nennt, und von welcher aus man die ganze lange Kette der Occagebirge, das Strombett des Arlanzon, die Ebenen, welche er bewaͤſſert, und fernhin Bur⸗ gos mit ſeinem ſteilen Burgſchloſſe und den Thuͤr⸗ men ſeiner alten Kathedrale ͤberſchaut. Vor mei⸗ nen Blicken flohen kaͤmpfend die zerſprengten Reſte des ſpaniſchen Heeres. Ich begleitete dieſe Truͤm⸗ mer mit den Augen und mit der Seele; mein Herz war tief von Verzweiflung verwundet. Ach, bedarf es wohl noch der Strafen, um die Ungluͤcklichen zu zuͤchtigen, die ihre Waffen gegen ihre Mitbuͤrger kehrten? niemand weiß es, wie viel es dem Herzen koſtet, gegen die Fahnen, ja gegen den bloßen Na⸗ men des Vaterlandes feindlich anzukaͤmpfen! Der Kaiſer, von Marſchaͤllen und Ordonanz⸗ Offizieren umgeben, ſtieg neben der Bank, auf wel⸗ cher ich ſaß, vom Pferde. Sein Gefolge hielt etwa hundert Schritt von uns, die Adjutanten harrten zu Pferde auf ſeinen Wink, die Generale beſprachen ſich mit einander in einiger Entfernung. Der Kaiſer ſelber, der die Haͤnde hinter dem Ruͤcken, und das Auge beſtaͤndig auf das Schlachtfeld hingerichtet hatte, ſchickte von Zeit zu Zeit Befehle ab, und un⸗ terhielt ſich dazwiſchen mit mir ganz kaltbluͤtig uͤber die ungewoͤhnliche Erhoͤhung des Bodens von Kaſti⸗ lien, uͤber die Richtung unſerer Gebirgszůge, uͤber den Bau dieſes Geruͤſtes, welches die Natur an die *) Sompaß, Magnetnadel. —— 309 Spitze Europa's ſetzte, gleichſam wie eine Grenz⸗ ſcheide, welche die Meere in ihren Revolutionen nicht uͤberſchreiten ſollten. Waͤhrend er ſo die Fortſchritte ſeiner Legionen beobachtete, griff er oft in ein leder⸗ nes Täſchchen, zog daraus eine Handvoll wohlrie⸗ chenden Schnupftabak's hervor, und ſeine Hand, deren zarte Form und blendende Weiße er gern zur Schau trug, warf jedesmal das, was er nicht ein⸗ ſchnupfen konnte, in die Luft. Er laͤchelte, als er Bertrand, der ſo eben mit der alten Garde an ihm voruͤberzog, zu den Grenadieren mit Nachaͤffung ſei⸗ ner Geberde ſagen hoͤrte:„Alles geht gut; denn der Geſchorne hat dreimal nach einander eine Priſe genommen.“ In dieſem Augenblick ſah Napoleon, daß ſich vor dem lezten Angriff ſeiner Truppen alles zerſtreute. Der Markis von Belvedere war ſo eben unter den Streichen eines euerer beruͤhmteſten Feldherrn gefal⸗ len. Der Kaiſer ſagte jezt ganz laut:„ZuPferde!“ Zugleich flog er im Galopp von dannen, und alles, was nur irgend zu ſeinem Generalſtabe gehoͤrte, brach das angefangene Geſpraͤch ab, und eilte ihm nach, voll Unruhe daruͤber, daß ſie ihm nicht mit eben der Schnelle, als er das Wort geſprochen, ge⸗ horchen konnten. Napoleon beſtellte mich bei ſeinem Wegreiten nach Burgos, um daſelbſt mit mir zu ar⸗ beiten. So ſah ich denn mich, der ich in meinen jungen Jahren durch unbeſonnene Eltern der Un⸗ thaͤtigkeit und Unbedeutendheit geweiht worden war, auf das große Theater der Welt verſetzt; ich erſchien 310 daſelbſt an der Seite des Mannes, der alle Könige unter ſeiner Botmaͤßigkeit hatte, und doch laſtete ſelbſt da noch ein unerbittliches Gefuͤhl von Ver⸗ dammniß und Ungluͤck auf mir. Ich machte mich nun nach der alten Hauptſtadt von Kaſtilien auf. Eure erſten Kolonnen hatten be⸗ reits ihre Adler auf den Mauern derſelben aufge⸗ pflanzt. Die ganze Heeresabtheilung Alonſo's ſuchte jenſeit des Arlanzon auf den Gebirgen einen Zufluchtsort, welche das prachtvolle Karthaͤuſerklo⸗ ſtee Miraflores ſchmuͤckt. Die Kloͤſter ſind bei uns in Spanien die Schloͤſſer des Landes. Ich erreichte die Heerſtraße wieder. Ein ver⸗ ſtuͤmmelter Knabe, der ſich an die Ruͤckſeite eines eben nicht tiefen Grabens anlehnte, ſuchte ſtehend zu verſcheiden. Die ſpaniſchen Kanonenkugeln hat⸗ ten ihm blos die Haͤlfte ſeines Leibes gelaſſen, allein, obwohl er in ſeinem Blute ſchwamm, ſuchte oͤr den⸗ noch unerſchrocken aus einer Drommel, an die er noch immer durch ſeinen Trageriemen gefeſſelt war, Doͤne hervorzulocken. Die vorbeiziehenden Truppen ſahen ihn bisweilen voll Mitleid, noch oͤfter mit gleichguͤl⸗ tigen Augen an. Ich erkannte in ihm den Sohn Bertrands wieder, und gab ihm mein Bedauern zu erkennen.„Das iſt mir ganz gleich,“ erwiederte er mir in ſeiner einfachen Sprache, denn er zweifelte keinen Augenblick daran, daß er unter die Zahl der Helden gehore;„das iſt mir ganz gleich, habe ich doch noch eine mitgemacht; es lebe der Kaiſer!“ Die lange Allee, welche von dem Dorfe Gamo⸗ nal zu der beruͤhmten Stadt hinfuͤhrt, war mit Spa⸗ niern angefuͤllt, die das Gewehr geſtreckt hatten. Ihre Kleidung war zerriſſen, und ihre Geſichter mit Blut und Staub bedeckt. Der Kaiſer zog durch dieſe ſchweigende Menge hindurch; ſie nahmen ihre Huͤte und Muͤtzen ab, und der Kaiſer konnte in ihren Geſichtszuͤgen den Ausdruck einer einmuͤthigen Ehr⸗ furcht leſen. Ein junger, ſchwarzgekleideter Menſch fiel ihm in den Zuͤgel ſeines Pferdes, und der Mo⸗ narch war genoͤthigt, Halt zu machen. Ich hatte anfangs die Abſicht gehabt, dieſen Ungluͤcklichen weit aus dem Wege zu gehen; doch jezt eilte ich raſch her⸗ bei, und bemerkte an Napoleon eine zuckende Bewe⸗ gung der Lippen, deren aͤngſtlicher Ausdruck zeigte, daß die Furcht ſelbſt den zu erreichen vermochte, vor dem die Welt zu zittern pflegte. Doch mit einer be⸗ wundernswuͤrbigen Selbſtbeherrſchung brachte er ſo⸗ gleich wieder ſein Geſicht in die vorige Faſſung; die Heiterkeit gläͤnzte wieder auf demſelben, ein Laͤcheln zog ſich freundlich um ſeinen Mund, und in dem gleichguͤltigſten Tone befahl er, den Unſinnigen ohne weitere Gewaltthätigkeit zu entwaffnen; worauf er langſam weiter ritt. Dieſer Unſinnige war niemand anders, als Eſtevan. Er hatte ſich durch ſein Genie berufen geglaubt, den Anmaßungen und Siegen des Kaiſers vermoͤge einer an ihn zu haltenden Anrede uͤber die unverjaͤhrbaren Rechte der Voͤlker eine andere Richtung zu geben. Der junge Student, der immer darauf rechnete, 312 durch ſeine Beredſamkeit die Verluſte der ſpaniſchen Waffen wieder gutmachen zu konnen, wollte jezt den franzoͤſiſchen Kolonnen die Revolutionskriege wieder ins Andenken zuruͤckrufen, und kramte daher vor ih⸗ nen die Grundſatze aus, die ſie im Jahre 1792 zu Vertheidigung der Nationalfreiheit unter die Waffen gefuͤhrt hatten. Indeß die Soldaten, indem ſie ſeine lange und hagere Geſtalt anſahen und ſeine ver⸗ wirrte Sprache anhoͤrten, lachten uͤber ſeine heftigen Anreden und glaubten, er ſei verruͤckt. Einige Jaä⸗ ger von einer Fremdenlegion drohten ihm mit ihren Flintenkolben, und einer von ihnen ſchlug ihn ſogar. Der Enthuſiaſt wurde dadurch genöthigt anzuerken⸗ nen, daß Prinzipien nichts gegen Waffengewalt aus⸗ zurichten vermoͤgen, und daß, wenn die Vernunft eine Macht iſt, es auch noch eine andere giebt, welche uͤber alle Orte und Zeiten unumſchraͤnkt gebietet, und die man die Gewalt nennt. Don Eſtevan em⸗ pfand einen bittern Unwillen, Thraͤnen traten in ſeine Augen, und ich fuͤhlte mich von ſeinem Schmerz ge⸗ ruhrt, als ich ſah, welche glckliche TDaͤuſchungen ihm in dieſem Augenblick auf immer entſchwanden. Die Stellung und die Geberde aller dieſer Ge⸗ fangenen war hoͤchſt merkwuͤrdig; Beſtuͤrzung, Scham, und beſonders Erſtaunen herrſchte unter ihnen. Sie konnten gar nicht begreifen, wie ſie hat⸗ ten beſiegt werden koͤnnen; ihre Augen betrachteten unverwandt die Sieger, und ſuchten zu errathen, durch welches Wunder die Franzoſen den Sieg uͤber ſie davongetragen hätten. Dann erholten ſie ſich —— m „—— 313 allmaͤhlig wieder aus ihrer Niebergeſchlagenheit und ſprachen zu einander:„Es ſchadet weiter nichts; Spanien wird befreit und geraͤcht werden; ſie wer⸗ den niemals durch die Thermopylen der Somo Sierra hindurchkommen.“ Ich erkundigte mich nach dem Schickſal meines Bruders und der Markiſin; aber die meiſten der Ge⸗ fangenen wuͤrdigten mich keiner Antwort. Endlich ward ein alter Offizier von den Namen, die ich aus⸗ ſprach, geruͤhrt, und ſagte zu mir:„Der General erlag zulezt vor Ermattung; ſeine Wunden waren wieder aufgebrochen, und einige Grenabiere des Garderegiments trugen ihn auf einer Dragbahre vor unſeren Bataillonen her. Was die Unbekannte be⸗ trifft, die ihm zur Seite ritt, ſo glauben die Solda⸗ ten, es ſei ein Erzengel geweſen, der mit uns fuͤr Religion, Koͤnig und Vaterland geſtritten. Man ſah ſie ſtuͤrzen und verſchwinden, und von dieſem Augenblick an wichen wir vor dem Andrange dieſer Maſſe von Feinden zuruͤck. Ihr aber, der ihr mich fragt, ihr habt die Ausſprache eines geborenen Spa⸗ niers; doch wenn ihr unter eurem Mantel ein mein⸗ eidig gewordenes Herz traget, ſo eilet fort, damit eure Gegenwart nicht laͤnger unſeres ungluͤcks ſpotte.⸗ Ich ſenkte mein Haupt, ohne zu antworten. Dieſe Stimme, dieſe weißen Haare, dieſes Verdam⸗ mungsurtheil, dieſe ungluͤcklichen Nachrichten, alles dieſes hatte mich zu Boden gedruͤckt; es war, als ob eine Goͤtterhand, eine eiſerne Fauſt auf meinem 314 Haupte laͤge. Einige Tage drauf erfuhr ich⸗— dieſer Greis mein Vater geweſen ſei. Endlich langte ich in den Mauern von Burgos an. Die franzoͤſiſche Armee zog unter kriegeriſcher Muſik in dieſelben ein. Die Nationallieder der ver⸗ ſchiedenen Voͤlker, die unter dieſelben Fahnen verei⸗ nigt daherzogen, ertoͤnten an den bluͤhenden Ufern des Arlanzon, auf dem praͤchtigen Kai, auf den oͤffentlichen Plaͤtzen, am Fuße des dürren Ber⸗ ges, auf deſſen Gipfel das alte Schloß ſchwebt. Die franzoͤſiſchen Adler glänzten vor den Kir⸗ chen, vor den Paläſten, vor den Triumpfboͤgen, uͤber denen ſo lange Zeit der deutſche Adler geſchwebt hatte, deſſen Wappen ſie noch trugen; doch verge⸗ bens blickten die Soldaten zu den eiſernen Fenſter⸗ gittern der Haͤuſer empor,— da ſah man weder Frauen noch Kinder ſtehen, die ſonſt wohl im uͤbrigen Europa bei dem Einzuge der Helden von Arcola und Jena herbeizuſtromen pflegten. Da ließ ſich kein Laut vernehmen, außer etwa der einſame Glocken⸗ ſchlag der Thurmuhr, der in den Klang der Trompe⸗ ten eingeſtimmt haͤtte; kein lebendes Weſen ließ ſich auf den langen Straßen ſehen; ganz Burgos war oͤde, aber es war jene ehrfurchterweckende Einoͤde, wie ſie auf dem Forum jener todten Stadt herrſcht, die ſeit zweitauſend Jahren unter der Aſche des Ve⸗ ſuos begraben ſchlummert. Der Siegeseinzug der Fremden hatte niemanden weiter zu Augenzeugen als die Standbilder des Grafen Gonzalez, des Cid, und der erſten Richter Kaſtiliens. Dieſe Helden von —— 315 Marmor ſchienen blos darum auf ihrem Standorte geblieben zu ſein, um im Namen ihrer abweſenden Nachkommen gegen die gewaltſame Einnahme des Vaterlandes zu proteſtiren. Die Armee war eben ſo ſchweigend wie die Mau⸗ ern, durch die ſie einzog; dieſe Armee, die ſonſt im⸗ mer ſo ſorglos war, die in dem Ruhme blos eine Art von Gerechtigkeit und in dem Ausſpruch ihres Feldherrn immer eine Art von Schickſalsſpruch er⸗ blickte, war jezt ſo unruhig, aͤngſtlich und gewiſſen⸗ haft, daß ſie uͤber den Bannfluch erſtaunte, den die entflohene Bevoͤlkerung uͤber ſie ausgeſprochen. Man war allmaͤhlig bis an die Bruͤcke gelangt; hier endlich zeigte ſich eine Menſchengeſtalt. Eine Frau kam aus der Vorſtadt Bega den Siegern ſin⸗ gend entgegen. Alle athmeten wieder voll Freuden auf, daß ſie zum erſtenmal wieder ein befreundetes Weſen auf ſich zu kommen ſahen,„es war eine Wahnſinnige. Die Bluͤthe der Jugend zeigte ſich noch auf ih⸗ ren blaßgelben Wangen, ihre zerſtreuten Haare roll⸗ ten in langen Locken an ihrem Ruͤcken hinab, ihre Augen waren von Thraͤnen angeſchwollen, ihre Ge⸗ ſichtszuͤge von der Verzweiflung entſtellt; ich erkannte in ihr die Catalina wieder. Die ungluͤckliche kam mit Drohungen und Verwuͤnſchungen im Munde auf mich los, ſei es nun, daß ſie ungeachtet ihrer Gei⸗ ſtesverwirrung ſich noch an meine Geſichtszuͤge erin⸗ nerte, oder ſei es, daß ſie bei der Zerruͤttung ihrer Gedanken in jedem den Henker ihrer Lieben zu erbli⸗ cken glaubte.—„Gieb mir,“ rief ſie mir zu, „gieb mir meinen Angel wieder, gieb mir meinen Ca⸗ lixto, gieb mir meine Mutter wieder, die bei der Nachricht von der Ermordung meines Bruders und meines Braͤutigams todt zu Boden geſunken iſt. Du haſt ja da Blut an deiner Hand; es iſt ihr Blut, du haſt ſie umgebracht!“— Wußte vielleicht die Ungluͤckliche, daß meine ungluͤckliche Wahl die beiden Kaſtilianer fuͤr den Maͤrthrertod beſtimmt hatte. Unterdeß warf die Dochter Leonardo's ihre Blicke um ſich her, und lachte beim Anblick der Moͤrder ih⸗ res Geliebten. Dies Lachen, welches ſie unter Zu⸗ ckungen des Schmerzes und des Wahnſinns aufſchlug, war das erſte, was den kaiſerlichen Truppen jenſeit der Pyrenaͤen vorgekommen war. Das Geſchmet⸗ ter der Trompeten, dieſe Klaͤnge, die den Franzoſen, den Deutſchen, den Polen ſo lieb geworden waren, ſchienen dieſes verwirrte Gemuͤth zu erfreuen, ſie fieng an, vor den feindlichen Legionen her zu tanzen, und eilte unter herzzerreißenden Toͤnen ihrer Stimme von einem Muſikchor zum andern. Die Regimenter machten jezt Halt, die kriegeriſche Muſik ſchwieg, tiefe Stille herrſchte die ganze Linie entlang, und man hoͤrte blos das Klirren der zehntauſend Gewehre, die in einem und demſelben Moment an den Fuß ge⸗ ſtellt wurden. Catalina ſtieß einen Schrei des Ent⸗ ſetzens aus. Mit emporgehobenen Armen und ſtie⸗ rem Blick blieb ſie einen Augenblick aufmerkſam da⸗ ſtehen, gleichſam als ob eine innere Stimme es ihr ſagte, daß dieſe Soldaten eben diejenigen waͤren, 317 die ihr Leben ſo liebeleer gemacht hatten. Auf ein⸗ mal ſturzt ſie auf das Bruͤckengelaͤnder los, ſpringt druͤber hinweg, und faͤllt unter die Leichen der Offi⸗ ziere, Prieſter und Frauen hinab, welche der Strom mit ſich daherwaͤlzte. Die Soldaten verließen ihre Reihen und Glieder, eilten heran und ſprangen ihr nach, um ſie zu retten; doch ſie verſchwand in der reißenden Stroͤmung des Arlanzon, ihre Leiden wa⸗ ren geendet. Die Truppen, welche Zeugen dieſer Scene wa⸗ ren, ſchwiegen ſtill, traten wieder in Reihe und Glied, und befanden ſich wieder in einer eben ſo men⸗ ſchenleeren Einoͤde wie zuvor, . — —— ſ ſiu ſin 15 16 18 19 8 9 10 11 12 13 14