——————— ———————— 2 Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6dnard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliotkek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 PLesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe S entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurt gabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für öcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf t 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. Auswärtige Abounenten haben für Hin und Zurückſ endung der Bücher auf ihre eigenen Köſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe auf ſehgeſet und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. oder S panien. 5 w iter a n. Don Alonso oder S panien. Eine Geſchichte aus der gegenwärtigen Zeit von P. A. von Salvandy. Aus dem Franzoſiſchen uͤberſetzt. Zweiter Band. 4 1 Verlag von Joſef Max und Komp. —— 2 5. — 6 Siebentes Buch. Spaziergang nach der Einſiedelei auf dem Atzulai. Erſtes Kapitel. Iꝙ wurde beim Durchleſen der Denkwuͤrdigkeiten Alonſo's fortwaͤhrend vom Geraͤuſch des Tanzes be⸗ gleitet. Die ſaͤmmtliche Einwohnerſchaft von Ainhoa erfullte naͤmlich den ganzen Abend hindurch den freien Platz, der dieſen Spielen zur Schaubuͤhne diente. Der Mond, halb in Gewoͤlk verſchleiert, leuchtete dazu, als wollte er zu dieſem unſchuldigen Vergnuͤgen ſeine Fackel leihen und das Ganze dadurch noch feier⸗ licher machen. Endlich hoͤrte der Tanz allmaͤhlig auf. In die⸗ ſer Welt, worin wir leben, erliſcht und ſtirbt alles zulezt, ſogar die Freude; und auf dem Lande iſt man von dieſem Geſetz keinesweges ausgenommen. Ein ſpaniſcher Mauleſeltreiber nahm jezt ſeine Gitarre in die Hand. Auf ſeiner langen Reſille trug er den klei⸗ nen andaluſiſchen Hut mit heruntergeſchlagenem Rande ſeitwaͤrts auf den Kopfgedruͤckt. Sein brauner Man⸗ II. 4 tel, der nur noch auf der linken Schulter hieng, warf um ſeine ſchlanke Geſtalt lange Falten, ließ zugleich die Hand frei, welche auf den Saiten zarte Accorde anſchlug, und zeigte darunter die zierliche Weſte mit alle den Decorationen, womit ſie geſchmuͤckt war. Mit dem einen Fuße an das Gelender geſtuͤtzt, und die Augen zu den Wolken empor wendend, die bald heller, bald duͤſtrer wurden, und uͤber welche der Mond wie ein ſilberner Kahn leicht dahinglitt, ſang er eine von jenen Romanzen ab, worin ſich eben ſo ſehr das Gemuͤth des Kaſtilianers als die Phantaſie des Arabers ausſpricht. Die Herrſchaft der Araber dauert fuͤr die Literatur Spaniens noch immer fort, und dieſe hat keinesweges das Joch des Orients bis jezt abgeſchuͤttelt. Von jenen ſchreiben ſich noch ſo viele glaͤnzende Bilder in der Sprache, ſo viele Zuge und Volksſitten in der Halbinſel, ja ſo viele jener Tempel her, die ſeit Vertreibung der Mauren dem Gotte der Chriſten gewidmet ſind, an denen man aber immer noch die arabiſchen Moskeen wiedererkennt. Der Spanier der unteren Volksklaſſen iſt gedul⸗ dig, mäßig, liebt die Unbeweglichkeit des Koͤrpers wie des Geiſtes, entſagt aber freudig ſeiner Ruhe, ſobald es Krieg und Kampf gilt, verraͤth eine lebhafte Ein⸗ bildungskraft in einem reichen, ja an Bildern und Wohllaut uͤberreichen Stile, geht ſtets bewaffnet, be⸗ wahrt auf ſeiner geſelligen Kulturſtufe die Unabhaͤn⸗ gigkeit und die perſoͤnliche Wuͤrde des rohen Natur⸗ ſtandes, hegt republikaniſche Tugenden unter dem Joch des druͤckendſten Despotismus, haͤngt an der 5 Freiheit aus Stolz und an der unumſchraͤnkten Gewalt aus Traͤgheit, iſt fuͤr eine große Rolle geſchaffen und bringt doch ſein Leben auf Erden ungekannt, ja man moͤchte ſagen unnuͤtz zu,— ſo iſt der Spanier der unteren Volksklaſſen und gerade ſo iſt auch der An⸗ haͤnger des Islam. Indeß muß man doch geſtehen, daß es nicht allein die Eroberungen der Saracenen geweſen ſind, die der ſpaniſchen Halbinſel dieſe afri⸗ kaniſche Phyſionomie gegeben haben. Man entdeckt bereits in den fruͤhſten Zeiten Spuren davon,— vielleicht die Wirkung, oder wohl gar die Urſache der leichten Hin- und Herwanderungen, die zu allen Zeiten zwiſchen den Kuͤſten Mauretaniens und zwi⸗ ſchen denen Spaniens ohne Unterlaß ſtattgefunden haben. Der Character der ſpaniſchen Nation iſt ſo alt als ſie ſelber, und hat ſich den Lauf der Jahrhunderte hindurch unveraͤndert erhalten. Win finden in der ganzen Geſchichte jene anererbte Neigung der iberiſchen Jugend zu Muͤßiggang und Raͤuberei wieder. Lange vor dem großen Viriatus, dieſem umherſtreifenden Mithridates, welchen Rom nicht zu uͤberwinden ver⸗ mochte, ſondern ihn meuchleriſch zu ermorden gezwun⸗ gen war, erſchienen die Guerillas bereits ganz ſo, wie ſie neuerdings ſich uns gezeigt haben,— nämlich, unermuͤdlich, unzugaͤnglich, nicht der Flucht ſich ſchaͤmend, die Ausdauer mit dem Namen des Muths, das Gemetzel mit dem Namen des Sieges bezeichnend. Manche von dieſen Menſchen, die den roͤmiſchen Adler in ihren Gebirgen ermuͤdet hatten, wenn ſie zufallig 6 als Gefangene in die Zelte der Römer gebracht worden waren, und des Abends ihre Sieger ſpazieren gehen ſahen, ſo eilten ſie ihnen nach, faßten ſie beim Arm, und wollten ſie ins Lager zuruͤckfuͤhren, in der Mei⸗ nung, ſie ſeien wahnſinnig geworden. So wenig konnten dieſe Volker begreifen, wie man ſich koͤrperlich bewegen koͤnne, außer auf dem Schlachtfelde. Seit jener Zeit brachte die ſpaniſche Literatur, einen Seneca, Lucan und Silius Italicus an ihrer Spitze habend, eine Revolution in der wiſſenſchaftli⸗ chen Welt hervor, indem ſie den reinen und ſtrengen Geſchmack des auguſteiſchen Zeitalters verdraͤngte. Es iſt leicht abzunehmen, daß jene Dichter von Cor⸗ dova, von denen Cicero und Quintilian reden, in demſelben Geiſte dichteten, der ſechshundert Jahre ſpäͤter die Saͤnger des arabiſchen Cordova's beſeelte. So hat denn Spanien ſeit zweitauſend Jahren gegen die Meerenge von Gibraltar proteſtirt, und zum Ruhme Afrika's endet Europa bereits an den Pyrenaͤen. Waͤhrend dieſe Betrachtungen mich erfullten, fuhr der Andaluſier in ſeinem Geſange fort. Er wußte die Stanzen der Lieder, die er ſang, ſo gut ſeinen eige⸗ nen Liebesgefuͤhlen anzupaſſen, daß man ſie fuͤr leichte und gluͤckliche Erfindungen aus dem Stegreif gehalten haͤtte. Die Basken, die ſich um ihn herum draͤngten, ſchienen in dieſer gewichtvollen und wohllautenden Sprache, die ſie nur halb verſtanden, noch einen Reiz mehr zu finden, und aus der Ferne her antwortete ihm ein Echo, gleichſam als wollte es andeuten, daß 7 ſeine empfindungsvollen Toͤne nicht verloren waͤren. Er ſang: „Ich liebe, und doch iſt mein Herz traurig wie ein truͤber Regentag. Trauer wohnt in meiner Seele, und doch ſoll ich ſingen!“ „Wenn ich euch meine langen Leiden erzaͤhlte, wenn ich euch meine vereitelten Wuͤnſche, meine zer⸗ ſtörten Hoffnungen, endlich meine Liebe und meine Verzweiflung ſchilderte, ihr wurdet fern von mir hin⸗ weg fliehen. Doch ihr werdet mir ein aufmerkſames Ohr leihen; niedergeſchlagen wie ein Rohr unter den Schlaͤgen des Ungewitters, werde ich euch ſingen.“ „Meine Vielgeliebte iſt mehr als Himmel und Erde; denn fuͤr den Himmel und die Erde iſt eine Sonne genug, doch ihr reizendes Haupt hat deren zwei. Ihre Augen ſchießen Flammen von ſich, die leuchtender als der Blitz, und zugleich milder ſind als jenes wohlthaͤtige Feuer, das den Reiſenden, der ſo eben dem Schiffbruch entrann, wieder erwaͤrmt und zum Leben bringt.“ „Ihr Wuchs iſt ſchlank und grade wie der Palm⸗ baum oder wie die Sykomore, die Roſe erblaßt voll Eiferſucht vor dem Glanz ihrer roſigen Wangen, und der Duft ihres Athems, welcher lieblicher iſt als der des Citronbaumes, der Myrte und des Pomeranzen⸗ baums, lieblicher als alles, was auf den Gefilden meines gluͤcklichen Vaterlandes Duft verhaucht, ſteigt zu den heiligen Hoͤhen des Himmels empor und ergotzt dort die ewige Dreieinigkeit auf ihrem Throne.“ „Wer ſie an den ufern des Baches erblickt, haͤlt ſie fuͤr die Koͤnigin der Blumen, wer ſie am Fuß der Altaͤre knieen ſieht, haͤlt ſie fuͤr die Koͤnigin der Engel. Doch waͤre ſie auch die bluͤhendſte Blume unſerer Gär⸗ ten, ich muͤßte ſie ſtets bewundern, waͤre ſie die an⸗ betungswuͤrdigſte in den Vorhoͤfen des Himmels, ich muͤßte ſtets meine Kniee vor ihr beugen. Indeß ſie muß etwas hoͤheres ſein, da ich ein Herz habe, um ſie zu lieben, eine Stimme, um ſie zu beſingen.“ „Sie ſteht in der Mitte zwiſchen den Blumen und den Engeln, ſie iſt ein Maͤdchen, ich liebe ſie.... Mein Herz iſt traurig wie ein Regentag; ich habe blos tiefen Schmerz zu ſingen.“ „Meine Heißgeliebte iſt eine Koͤnigin, ja eine Kaiſerin. Sie herrſcht uͤberall, wo ihre Fuͤße ruhen, uͤberall, wo das Feuer ihrer Blicke hinreicht, uͤberall, wo die Diamanten ihres Mundes glaͤnzen; unterthan ſind ihr auf Erden alle Menſchen, die fur Schoͤnheit Gefuͤhl haben.“ „Paquita iſt ihr Name. Das edle und ſchoͤne Spanierland ſah ſie geboren werden; ein ſolcher Ruhm gebuͤhrte nur dem Lande der Myrte und des Goldes, dem Lande der Heiligen und der Helden. Sei ſtolz, o mein Vaterland, daß du uͤber dein entbecktes und erobertes Amerika herrſcheſt, ſei noch ſtolzer darauf, daß du unter die Toͤchter deiner Koͤnigreiche auch die reizende Jungfrau zählſt, deren Reiz ich beſinge. Duͤrfte ich unter allen Schaͤtzen deines Bodens waͤh⸗ len, ich wuͤrde wahrlich nicht nach denen von Potoſi greifen.“ „Alle Seligkeiten des Himmels wohnen in ihrem gottlichen Laͤcheln. Die Hirten der Umgegend ſagen, wenn ſie voruͤbergeht:„Wenn ihr Mund ſich oͤffnete und ſpraͤche: ich liebe dich, ſo wuͤrde unter den Fuͤßen deſſen, den ihre Liebe erwaͤhlte, die Erde ſich mit Ru⸗ binen oder mit Blumen ſchmuͤcken; ja die Seraphim ſelber wuͤrden ihn beneiden!“.. Und zu mir ſprach ſie dies Zauberwort. Paquita liebtmich, und doch iſt mein Herz traurig wie ein Regentag, und ich habe blos tiefen Schmerz zu ſingen.“ „Ich habe das gelobte Land geſehen, und ich darf nicht die verhangnißvolle Grenze uͤberſchreiten; ich habe die neue Welt erblickt, und meine Barke iſt fern von ihren Kuͤſten ab verſchlagen worden. Der Drangenbaum legt ſeine koͤſtlichen Aepfel zur Schau am Rande der Wildniß, wo ich lebe, und meine Hand darf ſie nicht pfluͤcken, um den Durſt zu loͤſchen, der mein Herz verzehrt. Zwiſchen dem Gluͤck und mir erhebt ſich der Stolz wie ein Eisberg. Ich durfte ſie vertheidigen, aber darf ſie nicht lieben; fuͤr einen an⸗ dern als ich bin, wächſt die empor, die ichgerettet habe.“ „Beklaget mein Loos, ihr, die ihr die Qualen der Liebe kennt, ihr, die ihr der Liebe unausſprech⸗ liche Freuden kennt, beklaget mein Lvos. Haͤtte ich euch meine langen Leiden erzaͤhlt, haͤtte ich euch meine Liebe und meine Verzweiflung geſchildert, ihr wuͤrdet fern von mir hinweg geflohen ſein; doch ihr habt mir ein aufmerkſames Ohr geliehen. Ich ſang niederge⸗ beugt, wie der Schilfſtengel unter den Schlaͤgen des Ungewitters.“ „ 10 Der Mauleſeltreiber ſchwieg jetzt. Die Volks⸗ menge horchte noch immer fort, doch ſeine Gitarre blieb ſtumm, und die Einwohner von Ainhoa zerſtreu⸗ ten ſich allmaͤhlig. Der Andaluſier blieb allein zu⸗ ruͤck, und zwar immer noch in derſelben Stellung; er glich einem Barden des Nordens, mehr einem be⸗ geiſterten Dichter, als einem Manne aus den unter⸗ ſten Volksklaſſen. Spanien bietet beſtaͤndig dieſe Erſcheinung dar. Erziehung, hohe Abkunft, Reich⸗ thuͤmer ſind hier Vorzuͤge, deren Beſitz ſich durch kein aͤußeres Zeichen verraͤth. Es iſt, als geſiele es der Natur, gegen das Werk des Gluͤcks zu proteſtiren. Dieſe unpartheiiſche Mutter vertheilt ihre Gaben ohne Ruͤckſicht auf die Gunſtbezeigungen des Geſchicks, oder wenn ja einiger Unterſchied obwaltet, wenn die Schoͤnheit der Form, der Adel der Geſtalt, die Wuͤrde der Sprache, ungleich vertheilt ſind, ſo muß man ge⸗ ſtehen, daß die hoͤheren Staͤnde bei dieſer Vertheilung gerade nicht am beſten bedacht ſind. Viele von dieſen Menſchen, auf deren niedrige Exiſtenz die hoͤheren Klaſſen mit Verachtung herab⸗ ſehen, haben eine Art von leidendem Stolz, der ſie hoch uͤber ihr Loos erhebt, es iſt dies einer von den Zuͤgen im ſpaniſchen Character, der ſich am ſtaͤrkſten ausſpricht. Das Volk empoͤrt ſich nicht gegen die Beſchluͤſſe der Vorſehung, es ergiebt ſich in das, was Gott thut, allein es ergiebt ſich blos, und dieſe reli⸗ gioͤſe Unterwerfung hat auf ſeine Gewohnheiten, ſeine Neigungen und ſeine Arbeiten denſelben Einfluß, wie die Lehre von einem unvermeidlichen Schickſale bei den 11 Orientalen, ſie macht den Tod in ihren Augen gleich⸗ gultig, die Civiliſation ſtillſtehend und das Volk ſel⸗ ber regungslos. Ein Zug von tiefer Traurigkeit, der ſich uͤber ihr ganzes Geſicht hin zieht, verraͤth den ſchmerzlichen Druck, den ſie von Kindheit an empfun⸗ den haben, zugleich giebt jenes ſo lebhafte und ſo fruͤhe Selbſtgefuͤhl dem ganzen Weſen des Spaniers ein Gepraͤge von Wuͤrde, das man in keinem anderen Lande wiederfindet. Man findet auf dem Lande nicht die baͤuriſche Tolpelhaftigkeit anderer Gegenden, noch auch in der Mehrzahl der Staͤdte jenes unreine Ge⸗ miſch von Abſchaum und Verdorbenheit, das halb dem gebildeteren, halb dem rohen Zuſtande der Menſchheit angehoͤrt, was man mit einem Worte Poͤbelhaf⸗ tigkeit zu nennen pflegt. Einige Gitanos*), einige Lazaroni's, mit einem Wort, ſolche Männer und Weiber, wie man ſie wohl in dem Schmutz der Staͤdte findet, und die ſo verworfen ſind, wie die Laſter, denen ſie dienen, ſind nicht zahlreich genug, um eine voͤllige Zunft zu bilden, und obwohl ſie ſich durch ihre Bigotterie und ihr Elend der Volksmaſſe naͤhern, ſo unterſcheiden ſie ſich doch von derſelben durch ihre Verdorbenheit, ihre Niedrigkeit und ihren Heißhunger nach Gewinn. Dieſes Volk, bei welchem Religion und Klima ſich die Hand zu bieten ſcheinen, um es maͤßig, nuͤch⸗ tern und leicht befriedigt zu machen, hat nicht ſo viel Beduͤrfniſſe, daß ſeine Exiſtenz jemals davon abhaͤngig *) Zigeuner. 12 werden koͤnnte. Im Gegentheil gab es eine Zeit, wo tägliche Fehden die großen Landbeſitzer beſtaͤndig von ihren Vaſallen abhaͤngig machten, die ſich beim An⸗ drange der Saracenen entweder weigern konnten, zu den Waffen zu greifen, oder ihren Wohnort veraͤndern. und ſich mit ihrer Perſon und ihrer Habe unter die Fahnen eines tuͤchtigeren Anfuͤhrers begeben konnten. Seit jener Zeit hat es der Politik der Koͤnige gefallen, die Großen unter das unerbittliche Joch einer gleich⸗ maͤßigen Abhaͤngigkeit zu beugen, und ſogar ſtets den Triumph des Armen uͤber den hochmuͤthigen Reichen, den Sieg des Buͤrgerlichen uͤber den adeligen Unter⸗ druͤcker zu beguͤnſtigen. Die Municipalfreiheiten, die einzigen Truͤmmer, die von den großmuͤthigen Staatseinrichtungen der alten Zeit uͤbrig geblieben ſind, haben den Landbewohner und den duͤrftigen Buͤrger der Staͤdte vor der toͤdtlichen Wirkung und den verderblichen Einfluſſen des Despotismus geſchutzt. Sieben Jahrhunderte voll innerer Siege, die ferne Regierung Karls des Erſten und Philipps des Zweiten, und mehr als alles, Spaniens Herrſchaft uͤber eine neue Welt, haben den Nationalſtolz dem perſoͤnlichen Stolz des Spaniers zur Unterſtuͤtzung beigeſellt. Jeder Spanier duͤnkt ſich Koͤnig einer halben Welt zu ſein, und nimmt ſich ſeinen Antheil von dem allgemeinen Ruhme ſeines Vaterlandes. Er iſt um ſo argwoͤhni⸗ ſcher, je untergeordneter ſein Stand iſt, er duldet keine Beleidigung, und glaubt, alles ſei ihm erlaubt gegen den, der ſich alles herausnimmt. Indem er ſich durch eine Verletzung der menſchlichen Geſetze zu —— 2 13 raͤchen ſucht, glaubt er eine Verletzung der gottlichen Geſetze zu beſtrafen. Dieſen Durſt, gleiches mit glei⸗ chem zu vergelten, welcher den Groll einer Generation auf die andere vererbt, iſt noch immer eine ſehr geach⸗ tete Schutzwache. Alle dieſe Urſachen, welche die Religion noch verſtaͤrkt hat, indem ſie den Stolz der Großen maͤßigt und den Sohn des Bauern und des Armen jeden Tag im Beſitz der Ehrenaͤmter der Kirche darſtellt, haben in der Halbinſel eine Gleichheit der buͤrgerlichen Geſellſchaft hervorgebracht, die den Frem⸗ den in Staunen ſetzt, den äußerlich zuvor der Klang leerer Titel befremdet hatte. Dieſe Gleichheit wuͤrde eine Revolution minder blutig, aber auch minder ein⸗ muͤthig machen, als dieſſeit der Gebirge. Mehr als alle andern Misgriffe der unumſchraͤnkten Gewalt iſt es beſonders der Druck und der Hohn einer hochmuͤthi⸗ gen Rangordnung, was von Zeit zu Zeit die Woge der Volksmaſſen aus dem gewohnten Bett gewaltſam herauszutreten veranlaßt. Unterdeß waren die Basken in ihre Wohnungen zuruͤckgekehrt. Auch der Spanier wollte ſich in das Wirthshaus zuruͤckbegeben, als ſich eine Stimme ho⸗ ren ließ, die ihn rief; dieſe Stimme war ſchwach und zitternd wie das Gemurmel des Nachtwindes. Der Mauleſeltreiber bebte vor Freude zuſammen, er wagte kaum ſeinen Ohren zu glauben, als ein abermaliger Ruf ihn uͤberzeugte, daß es nicht der bloße Wieder⸗ hall war, der den Seufzern ſeiner Liebe antwortete. Paquita, die bisher unter dem dichten Schatten, den die Häuſer des Dorfes warfen, verborgen geblie⸗ 14 ben war, wagte ſich endlich daraus hervor. Ihre Stimme verrieth eine lebhafte Gemuͤthsbewegung, ſie hatte nicht mehr jene Dreiſtigkeit, die mich in der Her⸗ berge zu Urdar ſo uͤberraſcht hatte.„Das iſt das erſtemal“, ſagte ſie zu ihm,„daß ich den franzoſi⸗ ſchen Boden betrete, und zwar bei Nacht, allein und ohne Vorwiſſen meiner Baſe!“ Der Andaluſier kußte voll Entzucken ihr die Hände.„Hoͤre einmal“ fuhr ſie dann fort,„mein Vater iſt angekommen.“— „Wie? alſo er war es, deſſen Truppen den Conſtitu⸗ tionsſtein gleich nach meiner Abreiſe wieder aufgerichtet haben?“—„Er ſelber. Ich erwarte von ſeiner Guͤte alles Mögliche. Beſchleunige daher deine Ruͤck⸗ kehr, wir wollen ihn dann beide zuſammen bitten. Er kennt und liebt dich ſchon ſeit langer Zeit, als daß er nicht zu unſerem Gluck ſeine Einwilligung geben ſollte.“ Der Mauleſeltreiber gab ſich nun voll Be⸗ geiſterung dieſer Hoffnung hin.—„Ich wußte nicht, wie ich dir einen Wink davon geben ſollte,“ fuhr die Nichte der Frau Urraca fort,„es findet zwi⸗ ſchen beiden Doͤrfern kein Verkehr ſtatt, und wenn es auch dergleichen gäbe, ſo haͤtte ich doch nie meine Zu⸗ flucht dazu nehmen können. Jezt“, fugte ſie dann hinzu, indem ſie eine zärtliche Liebkoſung von ihm abzuwehren ſuchte,„will ich in aller Eile wieder zu⸗ ruͤckgehen. Bedenke indeß, daß mein Vater uns ſchon Mittwoch Abends wieder verläßt.“—„Ich werde bereits Dienſtags zu deinen Füßen ſein, Herzens⸗ Paquita, ich gedachte mit Tagesanbruch den Atzulai zu beſteigen, wo, wie man ſagt, ein.... doch 15 nein! ich will jetzt auf der Stelle nach Bayonne weiter eilen, dort meine Waarenballen abgeben und dann zu dir zuruckfliegen.“ DerMauleſeltreiber war trun⸗ ken von Liebe und Luſt; er wollte ſeine geliebte Fran⸗ cisca ſelber heimgeleiten; indeß ſie erwiederte:„Nein, ich gehe lieber allein, da habe ich weniger Furcht.“ Bei dieſen Worten eilte ſie mit der Leichtigkeit eines Gebirgsmaͤdchens von dannen. Er folgte ihr von fern, um ihr als Schutz in der Naͤhe zu ſein, und zwei Stunden darauf ward ich durch den Klang eines ein⸗ toͤnigen Gelaͤuts aufgeweckt; die zahlreichen Fußtritte einer langen Reihe von Mauleſeln, die ſich allmählig von dem Wirthshauſe entfernten, verriethen mir, daß der Geliebte Paquita's den A des Adour aufbreche. Zu gleicher Zeit kuͤndigte mir eine große Regſam⸗ keit von Menſchen und Thieren den Anbruch des Mor⸗ gens an. Ich ging nun ungeſaͤumt hinaus, um die anmuthige Umgegend zu durchſtreifen, und waͤhrend dieſes Umherſtreifens das Manuſcript meiner Wirthin vollends durchzuleſen. Alnhoa wird auf der Nordſeite von der Gebirgs⸗ kette des Atzulai beherrſcht, und ich beſchloß jezt, mei⸗ nen Gang nach dieſer Richtung hinzunehmen. Die Fußpfade, auf denen ich emporſtieg, ſcheinen blos fuͤr die Gießbäche, von denen ſie ausgehoͤhlt worden, gang⸗ bar zu ſein; ſie ſind auf beiden Seiten von dichten Hecken eingefaßt, und laſſen nureinen ſchmalen Durch— gang fuͤr den Wanderer, der ſich unaufhoͤrlich gegen das Dorngebuͤſch ſchuͤtzen und an die nackten Felstruͤm⸗ 16 mer anhalten muß. Waͤhrend ich die Scene, die ſich vor meinen Blicken entfaltete, naͤher betrachtete, ent⸗ deckte ich in meiner Naͤhe einen Mann, an den Rumpf einer vom Blitz zerſpalteten Eiche gelehnt, deſſen herab⸗ haͤngende Haͤnde ein halboffenes Buch hielten. Seine nach der aufgehenden Sonne oder nach Spanien hin⸗ gewendeten Augen waren von einigen Thraͤnen befeuch⸗ tet, aus denen indeß die milde Flamme der Tugend oder das Feuer eines lebhaften Geiſtes hervorzuſtrahlen ſchien;— es war der Galeerenfluͤchtling. Ich ſah, daß er bei meinem Anblick zu entfliehen im Begriff war, und um ihn nicht in ſeinem Nachfinnen zu ſtören, trat ich in die Einſiedelei, die nicht weit von dieſer Stelle entfernt war. Die heilige Behauſung ſteht nicht oͤde, ſondern wird von einem Einſiedler bewohnt. Dieſer erſchien mir minder von Jahren gedruckt, als durch die Leiden ſeiner ewigen Einſamkeit abgehaͤrmt. Sein großes ſchwarzes Auge, das von fruͤhzeitigen Runzeln um⸗ geben war, ſtrahlte von einem Feuer, das eine noch ganz jugendliche Phantaſie ankuͤndigte. Erempfieng mich mit baskiſchen Redensarten, deren Bedeutung ſein geſchwaͤchter Verſtand nicht einmal zu verſtehen ſchien, und zeigte mir hinter ſeiner Kapelle das duͤſtre Kabinett, worin er ſein Leben zubrachte, ohne Geraͤth, außer einem zerbrochenen Seſſel, ohne anderen Aus⸗ ſchmuck, außer einem Kruzifix, ohne andere Geſell⸗ ſchaft, außer einem kleinen Feuer, deſſen Rauch kei⸗ nen Ausgangehatte. Der Einſiedler hatte ſich auf die Stufe eines Altars geſetzt, der die Hälfte der kleinen 17 Zelle einnahm. Sein ſtarrer Blick, ſein herabge⸗ neigtes Haupt, ſchienen anzudeuten, daß er meine Gegenwart vergeſſen habe, blos eine Art von Verwun⸗ derung leuchtete aus ſeinem Geſicht hervor. Ich wollte mich ſo eben entfernen, als er ſeine Augen zu mir em⸗ porſchlug, und mich fragte, in welchem Jahre wir jezt waͤren. Ich ſagte ihm, wir waͤren bereits in der Mitte des Jahres 1820.„Ach,“ erwiederte er, mit einer Miene voll Niedergeſchlagenheit,„ich glaubte dem Hafen ſchon naͤher zu ſein.“ Dieſe Worte ſprach er in ſpaniſcher Sprache.„Ich glaubte, ihr waͤret von Geburt ein Baske, ehrwuͤrdiger Vater,“ ſagte ich zu ihm;„ſolltet ihr ein Spanier ſein?“— „Ich war es, bin es aber nicht mehr....“ Hier hielt er inne, und nach dieſen lezten Worten, die ihm auf den Lippen erſtarben, verſank er wieder in duͤſtre Verzweiflung. Er ſchien gefuͤhllos wie der Stein, auf den ſein Blick geheftet war. Ich wollte ihn von den letzten Ereigniſſen der Halb⸗ inſel unterhalten, doch ſeine ermuͤdete Aufmerkſamkeit vermochte nicht meinen Worten zu folgen.„Verzei⸗ het,“ antwortete er mir,„mein Kopf, der durch's Ungluͤck abgeſtumpft iſt, iſt zu ſchwach fuͤr das, was ihr mir da erzaͤhlet. Es iſt ſchon zu lange her, daß zwiſchen mir und den Menſchen kein anderer Verkehr ſtattfindet, als ein ſtummer Austauſch von Gebeten und Almoſen.“ Einige Seufzer entſchluͤpften ſeiner Bruſt. Er klagte bitter uͤber ſein Schickſal, und ſeine abgebro⸗ chenen Redensarten, einige traurige Ausrufungen II. 2 18 uͤber den blutigen Gebrauch, den er einſt von den Waffen der Gewalt und dem Schwert des Geſetzes gemacht, machten mich auf die Erzaͤhlung ſeiner Un⸗ fälle neugierig. Ich drang in ihn, mir alles zu erzah⸗ len. Lange wies er meine Bitten zuruͤck; doch end⸗ lich, von meiner Theilnahme geruͤhrt, vielleicht auch erfreut daruͤber, nach ſo langen Jahren wieder ein Herz zu finden, das ſich ſeinem Schmerze aufſchloß, fachte der Eremit das faſt ſchon erloſchene Feuer auf dem Heerde an, ſammelte ſich, und begann, obwohl oft von ſchmerzlichen Erinnerungen unterbrochen, bis⸗ weilen auch ſich vergeblich auf manches beſinnend, folgende Erzaählung. Erzaͤhlung des Einſiedlers. Die Geſchichte meines Lebens iſt blos eine Ge⸗ ſchichte meiner Unfälle. Sie zu erzäͤhlen, iſt eine ſehr ſchmerzliche Aufgabe fuͤr mich; denn viele derſelben ſehen Miſſethaten ahnlich. Meine Familie war, wie es faſt alle kaſtilianiſchen Familien ſind, edelbuͤrtig, unbekannt und arm. Ich hatte einen Bruder, welcher aͤlter war, als ich⸗ Unſere Landesſitte beſtimmte mich daher zum geiſt⸗ lichen Stande. Es giebt Laͤnder, wo die Väter das Kind, das ſie nicht zu ernähren vermoͤgen, lieber ausſetzen 19 Ich war ſechzehn Jahr alt, als ich der Welt Lebe⸗ wohl ſagen mußte. Das Kloſter hatte fur mich nichts abſchreckendes. Man ſtellte mir immer nur den Ruhm vor, den es bringe, ein Ordenskleid zu tragen; und ſo beſchaͤftigte dieſe Ausſicht ganz allein meine Blicke, ja ich war ſtolz darauf. In Frankreich klopft das Herz nur dann ſo voll Freude und Stolz, wenn man den Kriegerdegen ſich umzuguͤrten im Begriff iſt. Mein Vater—— hier hielt der Einſiedler inne und warf unruhige Blicke um ſich her. Nach einer Weile fuhr er dann wieder fort: Mein Vater fuͤhrte mich in das Kloſter, wo mir eine Stelle beſtimmt war. Es war San Lorenzo del Escorial, dies ſeltſame und rieſenhafte Denkmal der Macht, der Froͤmmigkeit, vielleicht der Gewiſſens⸗ angſt Philipps des Zweiten. Der Familienname, den ich fuͤhrte, machte meine Aufnahme leicht; Be⸗ weiſe fuͤr die Reinheit meiner Abſtammung wurden nicht gefordert. Ganz Spanien wußte, daß nie ein Saracenen- oder Israelitenmaͤdchen das Bett meiner Vorfahren entweiht hatte. Vier Jahre waren mir in meinem geweihten Ker⸗ ker verſtrichen; das Jahr 1806 war herangekommen. Spanien ſah ſich in einen Zuſtand der Noth verſetzt, zu welchem wohl noch nie ein Reich ſo tief herabgeſun⸗ ken ſein mochte. England ſetzte den Angriffen des Friedensfuͤrſten den ungluͤcklichen Kolonialkrieg ent⸗ gegen; es wiegelte die Terra Firma auf. Man wußte, daß Buenos Ayres von Englands Waffen bedroht ſei, 2* 20 ohne daß ſich abſehen ließ, wie dieſer wichtige viat vertheidigt oder wiedererobert werden koͤnne. Ich wußte nicht, daß damals mein Bruder unter den Mauern dieſer Stadt focht, um uns den beſchwer⸗ lichen Ruhm zu retten, daß wir in einer Entfernung von zweitauſend Seemeilen noch Königreiche beſäͤßen, während wir in Europa aufhoͤrten, unter den Staaten des erſten Ranges zu figuriren. Unſere Armeen wa⸗ ren aus Mangel an Brot und Kleidung ſo gut wie aufgeloſt, unſere Feſtungen verfielen in Ruinen, alle öffentlichen Unternehmungen waren ins Stocken gera⸗ then, alle Gehaltszahlungen waren ausgeſetzt. Ver⸗ gebens pluͤnderte Godoy die oͤffentlichen Kaſſen, die Banken, die Kirchen und die milden Stiftungen. Dieſe Beraubungen dienten blos dazu, um den Geiſt der Verzweiflung und des Aufruhrs unter alle Staͤnde des Staats zu verbreiten. Vergebens vervielfaͤltigte er die Steuern, die erzwungenen Anleihen, das Pa⸗ piergeld; alle dieſe Auskunftsmittel einer in Ohnmacht ſinkenden Tyrannei, ſteigerten blos das Elend und den Haß der Unterthanen, ohne den Schatz des Mo⸗ narchen zu fuͤllen. Auf dem Haupte des jungen Fer⸗ dinands und der großherzigen Antonia allein ruhten, obwohl einer Mutter zum Trotz, die letzten Hoffnun⸗ gen des Vaterlandes. Einſt wurden wir auf einmal in den Chor gerufen, um den Todtengeſang anzuſtimmen. Die Erbin der ſpaniſchen Monarchie war nicht mehr. Eine frevel⸗ hafte Hand,— ach, und welche Hand, großer Gott!— hatte, ſo hieß es, den Tod unterſtutzt, 24 um diejenige zu ſeiner Beute zu machen, welche der Stolz und die Hoffnung einer halben Welt war. Die Vorſehung hatte Don Ferdinand beſtimmt, daß er, noch ehe er zum Beſitz der Macht gelangte, alle Leiden erſchoͤpfen ſollte, die nur irgend die Tyrannei ihren Schlachtopfern aufzuerlegen vermag. Der Prinz mußte in den Thraͤnen, welche die ganze Nation ſeiner entſchwundenen Lebensgefährtin weihte, eine Linderung fur ſeine Verzweiflung finden. Die verſchiedenen Schattirungen der offentlichen Mei⸗ nung zerfloſſen vollends in dem Gefuͤhl des allgemeinen Ungluͤcks; es gab keine Partheien mehr unter uns, es war nur eine Nation und nur ein Mann. Endlich trat Godoy und die Koͤnigin erſchrocken vor dem Abgrunde zuruͤck, den ſie ſelber gegraben hat⸗ ten. Vielleicht durch den allgemeinen Haß der Na⸗ tion in dem kuͤhnſten ihrer Plaͤne beunruhigt, viel⸗ leicht auch noch, weil ſie ſahen, daß die wankende Geſundheit des Koͤnigs die Schaar der Anbeter der hoͤchſten Gewalt in geſpannter Erwartung hielt, be⸗ ſchloſſen ſie durch eine Ausſoͤhnung mit einem Prinzen, den das ganze Volk anbetete, Spanien zu entwaffnen. Doch ſie wollten zugleich Don Ferdinand zwingen, eine neue Eheverbindung zu ſchließen uͤber der Urne, deren Aſche noch nicht einmal kalt geworden war. Man wagte, ihm die Hand der dritten Tochter des Infanten Don Luis, mit einem Wort, die Prinzeſ⸗ ſin Schweſter des Friedensfuͤrſten anzutragen, um ſo dem Don Manuel neben dem Thronerben eine ver⸗ wandtſchaftliche Stutze zu ſichern. — 22 Bei der Nachricht von den Unterhandlungen, die der Friedensfurſt deshalb einzuleiten ſuchte, trafen ſeine thaͤtigſten Gegner bei uns ein. Man fuͤrchtete, Don Ferdinand, der jezt allein da ſtand und jener Unterſtuͤtzung beraubt war, welche Antonia's feurige Energie ſtets ſeinen Entſchluſſen verliehen hatte, werde zulezt darein willigen, den Haß ſeiner Mutter durch einen Vergleich der Art zu entwaffnen. Eines Tages verfolgte ich mit meinen Augen den Fray Cayetano, der im Kloſtergarten mit Sir Geor⸗ ges mit großen Schritten auf und nieder gieng, als eine ſanfte und durchdringende Stimme mir das Herz erſchuͤtterte. Ich ſah mich um, und an der Thuͤr mei⸗ ner Zelle zeigte ſich wie eine Himmelserſcheinung eine Frau, deren Bild ſeit langer Zeit ſchon meine Seele erfuͤllt hatte. Ihr Auge war feurig, ihr Kopf voll Wuͤrde, auf ihren Lippen ſchwebte ein heitres und geiſtvolles Lächeln.—„Ehrwuͤrdiger Pater,“ ſagte ſie zu mir, indem ſie mich den Korridor entlang hinter ſich her zog,„ich kann euch von eurer ganzen Familie Nachricht geben. Euer Vater iſt der artigſte und treuſte meiner Kavaliere, und Alonſo ſchreibt mir, daß er vor Buenos Ayres angekommen ſei.“ Die Graͤfin von D*** unterhielt mich von allen denen, die meinem Herzen theuer waren. Beſonders nahm mein Bruder eine bedeutende Stelle in ihren Ge⸗ danken ein. Sie ſprach von ihm, von ſeinen Waffen⸗ thaten, von ſeinem edeln Character, von ſeinen feu⸗ rigen Briefen mit einer Lebhaftigkeit, welche mein Herz beklommen machte, als ob mir ein gluͤcklicher Nebenbuhler enideckt worden waͤre. Der Mund, der dieſes Lob ausſprach, ſchien ſich alle Mühe zu geben, um nicht ein Geheimniß zu verrathen, das ihm jeden Augenblick entſchluͤpfen wollte, und ich fuͤhlte niemals ſo ſehr, wie groß die Wohlthat des Himmels ſei, der Alonſo frei von Feſſeln gelaſſen und ihm die weite Wekt gleichſam uͤberlaſſen hatte. Wir ſtiegen die Treppe, die von der Kuppel herab⸗ ſuͤhrte, hinunter. Von einem Gange, der laͤngs eines Kranzgeſimſes hinunterlief, konnte man das weite Schiff der Kirche uͤberſehen. Die Graͤfin hatte ihn ſchon einmal betreten, ohne zu bemerken, daß das eiſerne Gelender, welches den ſchmalen Gang ſicherte, an der einen Stelle unterbrochen war. Dies⸗ mal ſah ſie die Gefahr, gieng an der Stelle voruber, blieb dann, als nichts mehr zu fuͤrchten war, ſtill ſtehen, erblaßte, und ſtuͤrzte leblos auf das Granit⸗ pflaſter hin. Ihr Blut ſtroͤmte heftig aus einer tiefen Wunde. In dem weiten Umkreis der ge⸗ weihten Gebäude ward ihr dicht am Kloſter ein Zim⸗ mer eingeraͤumt, das zur Aufnahme der Granden bei Anweſenheit des Hofes beſtimmt war. Hier ſchlug ſie ihre geſchloſſenen Augenlieder wieder auf, erblickte mich ihr zu Haͤupten betend, und reichte mir ihre ſchwache Hand. Kaum vermochte ſie einige Worte auszuſpre⸗ chen, und zwar kuͤndigte ſie mir mit dieſen ihr nahes Ende an. Ich hatte bereits alles empfunden, was die Liebe irgend bitteres oder grauſames hat, nur ihre Freuden ſollte ich niemals kennen lernen⸗ 24 Zweites Kapitel. Dieſe veizende Frau, die noch jung und mit allem begabt war, was irgend das Daſein verſchoͤnern kann, hatte wohl Recht, wenn ſie ihr Ende mit tiefem Be⸗ dauern herankommen ſah. Sie ließ ſich auf ihrem Krankenbette ein Nonnenkleid anziehen, gleichſam als ob ſie ſchon verſchieden ware, und verlangte, daß ihr die heiligen Reliquien gebracht wuͤrden. Fromme Stiftungen, ununterbrochene Gebete, zahlreiche Ge⸗ lubde und die Verheißung eines Viertheils ihrer Ein⸗ kuͤnfte an unſere liebe Frau von Atocha, die Gegen⸗ wart eines Weltgeiſtlichen und die meinige,— alles das zuſammen ni ihr noch keine Beruhigung zu verſchaffen. „Alle dieſe Maͤnner, die mich geliebt haben,“ rief ſie einigemal aus,„die meine Anmuth und Schoͤn⸗ heit prieſen, die da erklaͤrten, ihr ganzes Daſein hange von einem meiner Blicke ab, ſie werden jezt bald den Staub jener Matea mit Fuͤßen treten, die noch vor Kurzem ſo ſtolz und ſo glaͤnzend war; ſie werden uͤber ihre entſeelten Reſte hinwegſchreiten, ohne ihrem An⸗ denken eine Thraͤne zu ſchenken, ohne ſich zu erinnern, daß ſie jemals gelebt habe.“ Seufzer erſtickten dieſe von Schluchzen unterbrochenen Worte. Sie ergriff mein Kruzifix, benetzte es mit Thraͤnen, und gelobte unſerer lieben Frauen von Atocha goldene Gewaͤnder und Ebelgeſteingeſchmeide.— 35 Ich verſuchte, ihr einen Troſt einzufloͤßen, den ich ſelber nicht hatte. Dankbar erwiederte ſie meine zärtliche Sorgfalt. Das Gefuͤhl, das ſie mir einge⸗ floßt, und das durch jene innigen Mittheilungen mit jedem Augenblick tiefer in mein Herz gepragt wurde, ward nun das erſte Beduͤrfniß und die Seele meines Lebens. Sobald ſie nur wieder einigen Lebensmuth faßte, kamen unſere Geſpraͤche immer wieder auf meinen Bru⸗ der zuruͤck. Obwohl keine Hoffnung, ja ich kann ſagen kein Wunſch, ſich in meine zaͤrtliche Bewunde⸗ rung miſchte, ſo ward ich dennoch traurig, wenn ich die Graͤfin bisweilen ſagen hoͤrte, indem ſie den ver⸗ raͤtheriſchen Ausbruch ihrer Empfindungen zu unter⸗ druͤcken ſuchte:„Ach, bisher hatte ich mit der Liebe blos geſpielt; allein ich fuͤhle jetzt, es iſt fur meine Ruhe ein großes Gluͤck, daß Alonſo gegenwaͤrtig zwei⸗ tauſend Seemeilen von uns ſeine Tapferkeit an den Tag legt.“ Mit einem gluͤhenden und ſtarren Blick fugte ſie dann hinzu:„Ich wuͤrde bis an das Ende der Erde vor einem Manne, wie er iſt, fliehen, wenn ich das Ungluck haͤtte, ihn zu lieben.“ Der Hof waͤhlte jezt San Lorenzo zu ſeinem Auf⸗ enthalt. Einer von den Herren unſerer Monarchie, der noch ſehr jung, aber von einem duͤſtern und hoch⸗ muͤthigen Anſehn war, trat einſt unangemeldet zu ihr herein. Matea ward bei ſeinem Anblick heftig bewegt, und rief:„Biſt du es, Comthur? Hat dir die Markiſin alſo erlaubt, zu mir zu kommen, um mich ſterben zu ſehen?“ Die Vorwuͤrfe der Graͤfin, ſo 26 wie das Benehmen des neuen Ankoͤmmlings, ſetzte mich in Verwunderung. Er erroͤthete, und meldete die baldige Ankunft ſeiner Schweſter, die, auf einmal ihrem Verbannungsorte entriſſen, jezt den Aufenthalt des Hofes im Escurial verſchoͤnern ſollte. Matea ſchien von einer eiferſuͤchtigen Verzweiflung ergriffen zu werden, womit ihr junger Verwandte ſie zu necken ſchien. Meine Schweſter hatte bisher in der Ungnade der Partei Don Manuel's gelebt, ohne aber des halb den Anſchlaͤgen der Gegenparthei beizutreten. Nachdem man ſich darin lange gefallen hatte, ſie der harten Be⸗ handlung und den Beleidigungen der regierenden Ca⸗ marilla preiszugeben, wußte jezt der Comthur, der eine hartnaͤckige Liebe fur ſie hegte, den ganzen Hof zu ihren Fuͤßen zu verſammeln. Er urtheilte, ſie ſtehe auf der Linie jener vermittelnden Anſichten, deren Beihilfe bei Ausſoͤhnungsverſuchen nie fehlen duͤrften. Man mußte glauben, daß ſie ſich gluͤcklich fuhlen, ja daß ſie ſtolz darauf ſein wurde, die Eintracht in den Schooß der königlichen Familie wieder zuruͤckfuhren zu helfen; ihr Verſtand, ihre Liebenswuͤrdigkeit mußten ihr dieſe Rolle ſehr leicht machen. Ich hatte das Ver⸗ gnuͤgen, zu ſehen, wie die Huldigungen aller ſie um⸗ draͤngten, und ich konnte nicht mude werden, die edle Einfachheit, die Natuͤrlichkeit und Wuͤrde zu bewun⸗ dern, womit ſie ſich einmuͤthige Achtung in einer Sphaͤre zu verſchaffen wußte, wo man in der Regel keine andre Achtung kennt, als die beſtaͤndige Ver⸗ ſicherung derſelben, jene beſtaͤndige Lüge des Umgangs⸗ 27 Ich verſuchte es, ſie zu einem Beſuch der Donna Ma⸗ tea zu bewegen, welche verlaſſen ſchmachtete; doch meine Bitten blieben ohne Erfolg.—„Seit meinem Aufenthalt zu Madrid,“ erwiederte ſie,„habe ich gegen alle mir theuern Perſonen kaͤmpfen muͤſſen, um mich des zudringlichen Eifers und der Vertraulichkeiten der Graͤfin erwehren zu koͤnnen. Alonſo hegt Geſin⸗ nungen gegen ſie, die nicht, wie die deinigen, ſich in den Schranken der bloßen Bewunderung halten. Ich achte ſeine Begeiſterung, eine Begeiſterung, die er meiner geſchwiſterlichen Liebe nur durch unwillkuͤhrliche Aeußerungen verraͤth; ich darf nicht darauf hinarbei⸗ ten, ſeine Ideale zu zerſtoͤren,— doch es giebt Blendwerke, die mich als Frau nicht zu taͤuſchen ver⸗ moͤgen, und ich ſchenke meine Zuneigung nur dann, wenn ich verſichert bin, auch meine Achtung ſchenken zu können.“ Die Aeußerungen meiner Schweſter entſchuldigten in meinen Augen einigermaßen den Unwillen, den ihre ſtolz herabſetzende Verachtung und vielleicht auch ihr Triumph der Graͤfin eingeflößt hatte.„Es iſt doch ſeltſam,“ ſagte die leztere einſt zu mir,„daß Donna Maria de las Anguſtias mich mit ihrer Feindſchaft ver⸗ folgt, waͤhrend Don Luis, Alonſo, und alle die ihri⸗ gen mir mit der zärtlichſten Ergebenheit zugethan ſind. Ach, ich wußte es wohl, daß nicht ein und daſſelbe Blut in euern Adern und in den ihrigen floß...... Die edle Gadetanerin hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort:„Sie erſchien am Hofe in dem Au⸗ genblick, wo Jaime von der Koͤnigin den Befehl er⸗ 28 halten ſollte, mich zu heirathen. In ſeiner Gefan⸗ genſchaft vergaß er, vermuthlich durch ihre Eingebung, die Hoffnungen, die er mir gemacht hatte. Indeß als Schweſter Alonſo's, der meine Aldouza gerettet, als Tochter des Don Luis, deſſen zutrauliche Freund⸗ ſchaft mir ſeine liebſten Geheimniſſe offenbarte, ſchien ſie mir es zu verdienen, daß ich einige annaͤhernde Schritte ihr entgegen thäte, und ich meinte, ſie muͤſſe dieſelben erwiedern. Doch das volle Licht der Hof⸗ gunſt hatte das junge Maͤdchen geblendet, das ſo ploͤtzlich aus ihrem laͤndlichen Aufenthalt in die Pracht unſerer Palaͤſte verſetzt worden war. Sie wagte es, mich von ſich zuruͤckzuweiſen, und ſeitdem widmet Jaime ohn Unterlaß und unverholen ihr die Huldigun⸗ gen, die er bis dahin mir allein dargebracht hatte, und— als muͤßte ich ſie uͤberall zur Nebenbuhlerin haben— auch Alonſo hat eine Art, ſie zu lieben, die mich verletzen wuͤrde, wenn ich mir die Rechte uͤber ſein Herz anmaßen wollte, die er mir unaufhoͤrlich anbietet. Ich haͤtte mich an ihr raͤchen und ihr in den Augen dieſer eiteln Welt, worin wir leben, einen Flecken anhaͤngen koͤnnen; euer Vater ſelber hat mir die Mittel und Wege dazu an die Hand gegeben... — Matea's Blicke fielen bei dieſen Worten auf einen Brief, den der letzte Kourier aus Amerika ihr mitge⸗ bracht hatte, und ſie ſchwieg ſofort ſtill. Die glaͤnzende Stellung der jungen Markiſin und ihre langen Weigerungen, an den Anſchlaͤgen der Par⸗ thei Don Ferdinands Antheil zu nehmen, ſtellten ſich in den Augen der Graͤfin ſo dar, als waͤre ſie ganz an 29 Godoy's Wuͤnſche geknuͤpft; zugleich ſetzte Matea auf den Triumph des Prinzen die Hoffnung einer Genug⸗ thuung, die ihr beleidigter Stolz forderte. Die Freunde des Thronerben verſammelten ſich um ihr Krankenbette, und ihre Geſpraͤche reizten den Zorn noch mehr auf, den der Gedanke an die Abtruͤnnigkeit des Prinzen ohnehin in ihnen erregen mußte. Hier vereinigten ſich denn dieſe drei Maͤnner, deren Grund⸗ faͤtze ſich ſonſt am meiſten entgegengeſetzt waren. Sir Georges hatte nur einen Begriff von einem Koͤnig⸗ thume, das ein Gegengewicht von zwei Kammern haͤtte, aber auch dieſe zwei Kammern faßte er nur vom Standpunkt eines Britten auf. Fray Cayetano da⸗ gegen geſtattete der unumſchraͤnkten Koͤnigsgewalt nur zwei Stuͤtzen, den Altar und das Blutgeruͤſt, und wollte dieſen Grundſatz auf alle Reiche der Erde ange⸗ wendet wiſſen. Don Domingo, welcher zur Pflege ſeiner Tochter herbeigeeilt war, ein blinder Bewunde⸗ rer aller Auftritte des blutigen Drama's der franzoͤſi⸗ ſchen Revolution, ſchien blos darum auf Erden zu ſein, um durch ſein Beiſpiel darzuthun, bis zu wel⸗ chem Grade ein gefuͤhlvolles Herz und eine feurige Ein⸗ bildungskraft ſich dem Wahnwitz der Factionen hin⸗ geben koͤnnen. Wenn man das Gewiſſen mancher die⸗ ſer Sectirer befragt, welche ſich in alle Uebereilungen, in alle Frevelthaten zu ſtuͤrzen bereit ſind, ſo ſieht man recht, voll Beſorgniß fuͤr ſeine eigene Perſon, wie ſelbſt die edelſten Regungen blos dadurch, daß ſie zu lebhaft werden, in jedem Stande unſer Gemuͤth vor der Stimme der Menſchlichkeit zu verſchließen im 30 Stande ſind. Ja vielleicht ſind auf jenem ſchluͤpfrigen und taͤuſchenden Schauplatz der politiſchen Welt gerade die Menſchen, die fur große Tugenden geſchaffen ſind, ammeiſten in Gefahr, zu ungeheuern Verbrechen herab⸗ zuſinken. Alles, was nicht zur regierenden Camarilla ge⸗ hoͤrte, war darin unter ſich einverſtanden, daß man die Ausſoͤhnung Don Manuels mit Don Ferdinand bewirken muͤſſe. Maria weigerte ſich, dieſe Plaͤne zu unterſtutzen, indem ſie meinte, daß man durchaus mit der Schande keiue Abkunft treffen muͤſſe. Der Comthur, der ſich in den Ausſichten ſeines Ehrgeizes und ſeiner Liebe zuruͤckgewieſen ſah, brach in furcht⸗ bare Drohungen aus. Er erklaͤrte, daß er ſich dafuͤr raͤchen werde, und ſeine Geſichtszuͤge zeigten, daß er Wort halten wuͤrde. Matea triumphirte ſowohl uͤber die Wuth Jaime's, als uͤber die neue Ungnade, in welche die Markiſin fiel, und uͤber die ſteigende Verle⸗ genheit des Friedensfurſten. In dieſer Verwirrung entſchloß ſich Don Manuel, einen bedeutenden Schritt zur Annaͤherung an die eng⸗ liſche Parthei zu thun; er uberredete ſich, daß, wenn er ein Waffenbuͤndniß mit ſeinen Gegnern eingienge, er ihren Haß entwaffnen wuͤrde. Das Ungewitter der vierten Cvalition thuͤrmte ſich damals bereits murmelnd an den Ufern des Rheines auf. Sir Georges war trunken von Hoffnungen; ſeine Selbſttäuſchungen fanden insgeheim bei dem Herrn beider Spanien Ein⸗ gang und bewogen ihn zu der heilloſeſten aller Thor⸗ heiten. 31 Godoy ergriff ungeſtuͤm das Syſtem der dreifachen Allianz, und, als ob er furchtete, er werde nicht fruh genug hinkommen, um die ſeinem Protector abgenom⸗ mene Beute mit theilen zu helfen, erlaͤßt er auf einmal mitten im Frieden, waͤhrend der Kaiſer ſorglos den Stuͤrmen des Nordens entgegenzog, an das erſtaunte Publikum ein Manifeſt, worin er den, der geſtern noch ſein Held war, als den Feind der Welt bezeichnet. Er hatte ſich weder Zeit genommen, ſeine Entwuͤrfe reifen zu laſſen und ſeinem eigenen Entſchluſſe Feſtig⸗ keit zu geben, noch auch einen einzigen Soldaten nach den Pyrenaͤen zu fuͤhren, um ſeine unerwarteten Feind⸗ ſeligkeiten dem Kaiſer Napoleon anzumelden. Das hieß recht, alles Unrecht der Treuloſigkeit mit allen Misgriffen uͤbereilter Verwegenheit verbinden. Die Proclamation vom 5. October wird in der Geſchichte ſtets als das verwegenſte und zugleich als das albernſte Dokument daſtehen, das ihre Jahrbuͤcher nur je auf⸗ zuweiſen haben. Der Guͤnſtling des Glucks redete zu Spanien in ſeinem eigenen Namen, er forderte das kriegeriſche Feuer der Nation auf, ſeinen Fahnen zu folgen, und verſprach den Provinzen, die ihm Pferde, Geld und Menſchen ſenden wuͤrden, daß er den Mantel ſeiner Dankbarkeit uͤber ſie aus⸗ breiten wolle. Dieſe Herausforderung, welche gerade zwei Tage zuvor, ehe Preußen dem Kaiſer Na⸗ poleon den Fehdehandſchuh hinwarf, von San Lorenzo ergieng, traf dieſen auf dem Schlachtfelde von Jena, und entflammte in ihm mitten im Feuer des Siegs eine Erbitterung, welche funfzehn Monate ſpaͤter den Thron unſerer Koͤnige zertruͤmmerte. Dieſe Ereigniſſe machten einen tiefen Eindruck auf uns; wir fuͤhlten, daß das Schickſal der Monarchie daran geknuͤpft war. Don Manuel ſah indeß in ſei⸗ nem Innern, daß er darum auch nicht einen einzigen Feind weniger habe. Domingo freute ſich, daß dem Pluͤnderer Spaniens jezt das Protectorat Napoleons entzogen ſei. Fray Cayetano konnte dem Sir Geor⸗ ges ſeinen geheimen und faſt unterirdiſchen Verkehr mit dem gemeinſamen Feinde nicht verzeihen, und voll Begier, den Friedensfuͤrſten ſo wie auch zu gleicher Zeit das Kabinett von S. James zu zuͤchtigen, ſuchte er von nun an die Blicke Don Ferdinands auf den Pro⸗ tector hinzulenken, welchen Godoy ſo eben abgeſchwo⸗ ren hatte. Blos ſein Abſcheu vor dem neueren Frank⸗ reich hielt ihn noch zuruͤck, und ich, der ich in einer Dazwiſchenkunft der kaiſerlichen Politik eine ſichere Buͤrgſchaft fuͤr innere Reformen bei uns ſah, arbeitete darauf hin, ſeine Vorurtheile zu bekaͤmpfen. Ich ſtellte ihm den Karl den Großen unſeres Jahrhunderts als den Wiederherſteller des Altars und des Thrones dar.„Napoleon,“ ſagte ich,„iſt nicht der Erbe der geſetzgebenden Verſammlung, ſondern der Thron⸗ folger Ludwigs des Vierzehnten.“ Der Prinz von Aſturien wies die verwegenen An⸗ traͤge Don Manuels zuruͤck. Als dieſer Sieg errun⸗ gen war, konnte die Graͤfin kaum die Zeit erwarten, wo ſie ſich wuͤrde aus dem Escurial entfernen koͤnnen. Der Anblick des Hofes, der kalte und ſeltene Verkehr mit dem Comthur, war ihrem Stolz unertraͤglich. Sie dachte darauf, das geräuſchvolle San Lorenzo 33 und den Winter Kaſtiliens zu verlaſſen, und ſie mit dem ewigen Fruͤhling jener Ufer zu vertauſchen, an denen ſie geboren war. Es wurde daher ein geheimer Briefwechſel zwiſchen Madrid und dem Kloſter einge⸗ leitet, zugleich uͤbernahm ich die gefaͤhrliche Ehre, den Freunden des Prinzen als Vermittler zu dienen. Das hieß recht: den kloſterlichen Muͤßiggang abſchutteln, eine Rolle auf einem bedeutenden Schauplatz ſpielen, und durch die Hoffnung auf die daraus entſpringenden kunftigen Verhältniſſe ein Band noch ſuͤßer machen, das bereits mein ganzes Daſein umſchlungen hielt. Domingo's Tochter ſtand auf dem Punkte, ſich mit ihrem Vater von einem Aufenthaltsorte zu ent⸗ fernen, den ſie in meinen Augen verſchoͤnerte. Ich zaͤhlte die verfließenden Stunden, und mein Leben ſchien nahe daran zu ſein, gleich ihr zu entfliehen. Eines Abends, wo ſie ihre Kräfte verſuchte, half ich ihr den Gipfel erklimmen, auf welchem der Flecken San Lorenzo ſchwebt. Wir kamen zu der Schlucht, welche die Gießbaͤche zwiſchen dem Malagon und der langen Bergkette des Romeral gewuͤhlt haben. Hier werden die beiden Bergſpitzen durch die Arca de Agua verbunden, einen ungeheuern Waſſerbehaͤlter, zu welchem alle Quellen des Berges ihre ſilberhellen Gewaͤſſer beiſteuern. Matea ſetzte ſich neben dieſem einfachen Monumente nieder. Die Sonne war ſo eben hinter den Bergen verſchwunden, ihre Strahlen ver⸗ goldeten nicht mehr die Schneegipfel des Guadarrama. Die Finſterniß unſerer Naͤchte, denen keine Abend⸗ daͤmmerung vorhergeht, zog ſich dichter um uns her. 5 3 34 Wir uͤberließen uns einem ſtummen Traͤumen, waͤh⸗ rend uns im Lauf unſerer Betrachtungen das ſchreck⸗ liche Rauſchen der eingeſchloſſenen Gewaͤſſer neben uns begleitete. Es war, als ob ein ganzer Strom in Katarakten laͤngs den ſpitzigen Felſen des Romeral hinbrauſte. Auf einmal ergriff die Grafin meinen Arm; ſie bebte, ihre zitternden Lippen ſuchten Worte hervorzu⸗ ſtammeln, allein die Furcht ließ blos einen abgebro⸗ chenen Schrei durch dieſelben hindurch.„Dort, dort!“ rief ſie, indem ſie auf die Waſſerleitung hin⸗ zeigte; und wirklich entdeckte ich am Eingang derſel⸗ ben durch die Schatten der Nacht ein unbekanntes Weſen, welches ſich bewegte und auf uns zukam. Ich wollte meine Freundin eiligſt davon fuͤhren, doch eine fremde Hand ergreift die ihrige und eine Stimme ſpricht:„Fliehet ja nicht, ihr muͤßt mich zuvor hören!“— Die geheimnißvolle Geſtalt war weiß verſchleiert, und ihre Augen ſtrahlten mitten durch's Dunkel ein lebhaftes Feuer aus. Sie ſprach einige barbariſche Worte, blickte zum Himmel empor und ſagte dann zu der erſchrockenen Graäfin:„Gräfin von D***, ihr ſeid noch nicht geneſen!“—„Wie? mein Leben waͤre noch immer in Gefahr?“—„Ihr ſeid nicht geheilt! ihr habt eine Wunde, die mitjedem Tage immer ſchlimmer wird!“—„Was ſagſt du?“ —„Das Uebel, wovon ich rede, hat ſeinen Sitz im Herzen. Es giebt eine Frau in der Welt, die euch ewig zur Quaal ſein wird; ſie hat den Auftrag erhal⸗ ten, fuͤr einen jeden Rache zu nehmen, den ihr jemals 35 beleidigt habt. Euer Stolz hat in der lezten Zeit viel leiden muͤſſen, als jener ganze Hof, der euch ver⸗ ächtlich behandelt und zuruͤckſtoßt, zu ihren Fuͤßen ſich ſchmiegte! Wie viel Thraͤnen habt ihr im Stillen des Nachts geweint!“— Matea war außer ſich.„Du biſt,“ ſagte ſie zu ihr,„die Gitana, die mich ſeit Salamanca mit ihren Orakelſpruchen verfolgt.“— „Vielleicht!“ erwiederte die Unbekannte im Tone hamiſcher Freude;„allein geſtehet, daß ich in eurer Seele eben ſo gut zu leſen verſtehe, als in den Ster⸗ nen. Wir uͤbrigen Erdenwuͤrmer wagen wohl ſelbſt in das Herz ſtolzer Eichen einzudringen. Es giebt blos einen Gott im Himmel, und ſeine Hand hat uns alle aus demſelben Thone geformt. Ihrzertretet uns; wir muͤſſen daher wohl bisweilen das Wiedervergel⸗ tungsrecht uͤben.“ Matea eilte dem Dorfe zu. Die Zigeunerin folgte uns auf dem Fuße.„Ehrwürdigſter Fray Pablo,“ ſagte ſie zu mir,„habt ihr wohl der Ex⸗ cellenz da den Eindruck erzaͤhlt, den ſie auf euch an jenem Abende machte, wo ſie im Garten der Infanten euern Augen erſchien?“ Die Graͤfin ſchwieg ſtill. Meine erſtaunte Ver⸗ nunft fand keine Aufloͤſung des Räthſels, das ich ſo eben vernommen hatte. Wir kamen endlich an die erſten Haͤuſer von San Lorenzo. Ich konnte jezt die Gitana ins Auge faſſen; ihre Geſichtszuge und ihre ganze Tracht hatten etwas ſeltſames. Ihr Haar hieng in ein ſeidenes Retz gewickelt herab; ihr weißer Schleier, der hinten auf ihre Schultern herabfiel, 8* 36 bedeckte oben ihre Stirn, wo eine rothe Stirnbinde ihn feſthielt; ein Kleid von buntſcheckigem ſegoviſchem Flanell warf an ihrem ſchlanken Wuchs hinab große Falten; eine weiße Schuͤrze machte ihren Putz voll⸗ ſtaͤndig, und große ſilberne Schnallen blitzten auf ihrem Fuße, ohne deſſen Zierlichkeit zu verdecken. Sie war jung und ſchoͤn; das Feuer Andaluſiens ſtrahlte aus ihren Augen, und eine gewiſſe veraͤcht⸗ liche, vielleicht ſogar haͤmiſche Ironie, die in ihrem Laͤcheln lag, machte mich ſtutzig.„Mein ehrwuͤr⸗ digſter Pater,“ fuhr ſie fort, indem ſie uns durch das ganze Dorf hin nachfolgte,„ihr betrachtet mich ſo, als ob ich eine zur Hoͤlle Verdammte waͤre. Al⸗ lein, beruhiget euch, Dank ſei es der Mutter des Erloͤſers, ich habe die heilige Taufe empfangen, und meine Zunft, was man auch immer von ihr ſagen mag, hat keinen Verkehr mit dem Satan.“ Bald darauf fuͤgte ſie hinzu:„Ihr erinnert euch doch noch des großen eiſernen Kreuzes? Verwuͤnſchet den Tag, wo ihr es zum erſtenmale ſahet. Die Schlange lag zu ſeinen Fuͤßen, aber ihr zertratet ihr nicht den Kopf, wie die h. Jungfrau auf Golgatha gethan hat. Da⸗ fuͤr konnt ihr euch nun auf eine lange Reue gefaßt machen.“ Matea eilte uͤber die Schwelle ihrer Wohnung, Die ſeltſame Sybille forderte ſie noch mit den Worten heraus:„Euer Herz uͤberlaͤßt ſich einer Neigung, die von nun an ſtaͤrker iſt, als ihr, und ihr verdient alle die Pein, die dies euch bereiten wird; denn ihr liebt blos aus Haß, ihr furchtet das Gluͤck einer an⸗ 37 dern“—„Weib, ich verſtehe dich nicht.“— „Ihr verſteht mich nicht? Soll ich vor Euer Ex⸗ cellenz das Geheimniß enthuͤllen, welches eine verraͤ⸗ theriſche Plauderhaftigkeit euch anvertraute?“ Bei dieſem Worte eilte die Tochter Domingo's voll Ent⸗ ſetzen vorwaͤrts, um die fernere Aeußerung der ſon⸗ derbaren Frau zuruͤckzuhalten, welche nun weiter fort⸗ fuhr:„Ihr verſteht mich nicht? Nun gut, ſo be⸗ greift wenigſtens dies eine: Die Markiſin von C***, die ſtets eure gluͤckliche Nebenbuhlerin war, wird der⸗ einſt als Wittwe mit Alonſo ihre Titel und ihr Ver⸗ moͤgen theilen.“ Die Graͤfin war wie zu Boden ge⸗ druͤckt.„Weib,“ rief ich aus,„was ſprichſt du? die Markiſin von C*** iſt ja ſeine Schweſter.“— „Seine Schweſter?“ erwiederte die Gitana. Ein lautes hoͤhniſches Gelaͤchter begleitete dieſes Wort, und zugleich verſchwand die Iie in den Schat⸗ ten des Berges. Donna Matea reiſte den folgenden Tag nach Ca⸗ dix ab. Ich gab ihr das Geleit bis an die Scheide⸗ grenze des Kloſtergartens. Hier, als ich in ihrem Wagen, an ihrer Seite ſaß, neigten ſich ihre Lippen auf meine zitternde Hand herab, als ich dieſelbe vor jenem eiſernen Kreuz bewegte, zu deſſen Fuͤßen ich er⸗ fahren, daß der Menſch zur Liebe geſchaffen iſt. Die Weiſſagungen der Prophetin, und das, was in ihren Hrakelſpruͤchen fuͤr mich drohendes lag, erfullten meine Seele, und ich konnte mich eines gewiſſen aberglaͤu⸗ biſchen Gefuͤhls nicht erwehren, welches mir den Ab⸗ ſchied minder ſchmerzlich machte. Ach, warum gab 38 ich in der Folge nicht mehr dieſem heilſamen Grauen Gehoͤr? warum ſah ich nicht ein, daß die glaͤnzende Gadetanerin mein ganzes Daſein wie eine feindſelige Gewalt beherrſchte? Ich wuͤrde dann nicht unter der Pein der Gewiſſensbiſſe ein Daſein voll Miſſethaten hinſchleppen, um zu einem Daſein von Strafen zu gelangen, die nimmer enden duͤrfen.“ Hier hielt der Einſiedler inne. Die Verzweiflung malte ſich in ſeinem ſtieren Auge. Ich bemuͤhte mich vergebens, ſeine Aufmerkſamkeit wieder zu erwecken und ihn zu einer Fortſetzung ſeiner Erzählung zu be⸗ wegen; allein der Ungluͤckliche hoͤrte nicht mehr auf mich. Ich entfernte mich voll Freude und Ueberra⸗ ſchung, daß ich in dieſen Bergen einen von den Helden des Manuſcripts der Frau Hiriart wiedergefunden hatte, und indem ich unter dem weithin ſich breitenden Schatten eines Kaſtanienbaumes ſtehen blieb, las ich in dem Manuſeript weiter fort. — 39 A chtes Buch⸗ Fortſetzung des Manuſcripts von Ainhoa. Erſtes Kapitel. Eine gluͤckliche Seereiſe fuͤhrte mich aus der neuen Welt in die alte zuruͤck. Nach einer viermonatlichen Fahrt, gerade in dem Augenblick, wo das Jahr 1807 begonnen hatte, bekam ich die Saͤulen des Herkules zu Geſicht.* Godoy war einer von jenen Menſchen von verdor⸗ benem Verſtand und Herzen, die ſelbſt das Gute auf eine ſchlechte Weiſe thun. Als er ſich, nachdem er ſo lange ein Sklawe der franzoͤſiſchen Politik geweſen, unverhofft entſchloſſen hatte, das Band einer ſo läſti⸗ gen Freundſchaft zu zerreißen, hatte er damit ange⸗ fangen, einer Macht zu drohen, welche zu bekaͤmpfen er gar nicht gefaßt war, und den Tag darauf, voll Erſtaunen daruͤber, daß er einen ſo großen Entſchluß gefaßt, und betäubt von dem Geraͤuſch der niederge⸗ worfenen preußiſchen Monarchie, wagte er es nicht einmal, ſich mit den Gegnern des Verbuͤndeten aus⸗ 40 zuſoͤhnen, den er jezt ſo ohne Scheu beleidigte und verrieth. So konnte denn der Beſieger des Nordens, ber ſo ſchwer beſchimpft war, in ſeinen Winterquar⸗ tieren in Polen feindſelige Plaͤne gegen uns entwerfen, waͤhrend Groß-Britannien unſere Seehaͤfen, unſere Schiffswerfte, unſere Kuͤſten in beiden Erdhaͤlften blokirte. Der Friedensfuͤrſt hatte ſich die Pyrenaͤen verſperrt, ohne uns den Weg nach Amerika zu offnen. Das Fahrzeug, welches ich beſtieg, ward durch einen engliſchen Kreuzer, der Cadix beobachtete, weg⸗ genommen. Domingo, als er mein Ungluͤck erfuhr, verdoppelte ſeine Anſtrengungen, vielleicht auch ſeine Aufopferungen fuͤr meine Befreiung; endlich betrat ich wieder den heiligen Boden des Vaterlandes. Meine Gefangennehmung bewirkte, daß die Neu⸗ igkeit, die ich mitbrachte, noch vor meiner Ankunft ſich in unſere Provinzen verbreitete. Man empfing mich mit Feſtlichkeiten. Die ſchoͤnen Cadixerinnen, die ſich mit jener Lebhaftigkeit, mit jenem reizenden Ungeſtuͤm, das man anderswo nicht kennt, um mich her draͤngten, ſpendeten dem Stellvertreter der Sieger von Buenos Ayres reichliches Lob. Die verfuͤhre⸗ riſcheſte unter ihnen miſchte ihre Stimme ebenfalls in dieſes einmuͤthige Konzert; es war Matea. Ich em⸗ pfand jezt, daß auch der Ruhm eine gewiſſe Wolluſt mit ſich fuͤhre. Doch nur die Beifallsbezeigungen der Frauen vermoͤgen uns zu berauſchen. „Ich ſehe euch,“ ſagte ſie zu mir,„gerade ſo wieder, wie ich euch wiederzuſehen wuͤnſchte, namlich geehrt durch ſchoͤne Waffenthaten, ſogar ſchon be— ruͤhmt... Wie ſtolz wird die Markiſin auf euch ſein! Am Hofe wie in der Hauptſtadt wird man ſich um eure Eroberung ſtreiten.“ Sie erblaßte, nahm dann, um ihre Verwirrung zu verbergen, das Kind, welches ich zu Salamanca gerettet, in ihre Arme und ſagte:„Meine arme Aldouza wird gar viele Neben⸗ buhlerinnen haben.“ Ich mußte indeß meine Reiſe fortſetzen. Domingo wollte, daß ſeine Tochter, welche im Begriff war, nach Madrid zuruͤckzureiſen, mit mir zugleich dahin abgehen ſollte.„Ich kann ſie nicht begleiten,“ ſagte er zu mir;„nach fuͤnf und vierzigjaͤhrigen erfolgreichen Anſtrengungen hat mir der Despotismus ſo eben alle Frucht derſelben wieder entriſſen; die Beraubung der Bank hat mich auf immer zu Grunde gerichtet; ich muß daher jezt hierbleiben, um meine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Thuet daher jezt fuͤr meine Tochter das, was ich einſt fuͤr eure Schweſter that;z ich werde beruhigt ſein, wenn ich weiß, daß Matea die veroͤdeten Provinzen unſeres Landes unter dem Schutz eures Degens durchreiſet.“ Die Graͤfin wi⸗ derſetzte ſich anfangs dem Wunſche ihres Vaters; ich konnte mir die Miſchung von Furcht und Ruͤhrung, die ſich in ihren Blicken ſpiegelte, nicht erklaͤren. Doch Domingo war in ſeinen Wuͤnſchen ſtets unbeugſam; und ſo trug uns denn ein und derſelbe Wagen fern von den Kuͤſten dieſes Oceans hinweg, der uns ſo lange getrennt hatte. Matea durchreiſte, ſo wie ich, die ſchoͤnſten Land⸗ ſchaften, die es unter dem Himmel Spaniens nur 42 geben kann, ohne darauf zu achten. Immer ſtaͤrker innerlich bewegt, und doch immer weniger nachſichtig gegen meine Liebe ſich zeigend, war ſie mir fortwaͤh⸗ rend ein ſeltſames Raͤthſel.„Machet,“ ſagte ſie zu mir,„daß ich eure Freundin, eure Leiterin, eine zweite Schweſter fuͤr euch ſein kann.“ Die Worte „eine zweite Schweſter“ wiederholte ſie, indem ſie da bei einen vielſagenden Blick auf mich warf, der bis in den Hintergrund meines Gemuͤths dringen zu wol⸗ len ſchien. Ein andermal nahm ſie mich bei der Hand, und gab auf meine Bitten zur Antwort:„Huͤtet euch ja, zu wuͤnſchen, daß Matea euch lieben ſoll. Wir ſind nicht gleich an Jahren, und koͤnnen folglich auch nicht ein gleiches Loos haben. Es koͤnnte einſt ein Tag kommen, wo unſere Verbindung euch laͤſtig wer⸗ den könnte; meine Liebe zu euch wuͤrde jeden Augen⸗ blick fuͤrchten, dieſer Tag ſei bereits angebrochen, und ich wuͤrde dann nur noch fuͤr die Verzweiflung und fuͤr die Rache leben koͤnnen.“ Die Liebe, dieſe treue Gefaͤhrtin der Jugend, iſt eingebildet und unvorſichtig wie dieſe; ſie zweifelt we⸗ der an der Zukunft, noch an ſich ſelber. So ver⸗ ſchwendete denn auch ich, der ich in einem Meere ſuͤßer Taͤuſchungen ſchwebte, die kuͤhnſten Verſprechungen. Aber das iſt gerade der Fehler der meiſten Maͤnner, und ein Geſchlecht, das ohne Schwierigkeit den Ver⸗ ſicherungen der Liebe glaubt, und ſie beſſer als wir zu halten verſteht, muß oft ſein ganzes Leben hindurch durch Kummer und Reue dafuͤr buͤßen, daß es dereinſt unſern Schwuͤren traute. Wir kamen endlich an dem Fuße der Sierra Mo⸗ rena an. Die Lenzduͤfte Andaluſiens und alle holde Anmuth des Fruͤhlings war in der wunderſchoͤnen Ge— gend vereinigt, in welcher unſere Tagereiſe diesmal endigte. Eine ſeltſame Ruͤhrung erfuͤllte die Augen und die Bruſt Matea's.„In deinem Herzen, ſagte ſie zu mir, giebt es Dinge, die mich in Schrecken ſetzen. Du glaubſt mich zu lieben! Doch nein, mich liebſt du nicht.“ Sie lächelte traurig und fuhr dann weiter fort:„Alonſo, ich finde eine hohe Wonne darin, dich vor mir auf den Knieen zu ſehen, ich, die ich nicht den Meerſtuͤrmen getrotzt, nicht dem Kriege die Stirn geboten, nicht die Kreolen und Eng— laͤnder habe uͤberwinden helfen! Du biſt zu meinen Fuͤßen, und wirſt auch da bleiben; meine Ruhe und mein Stolz will es.“ So ſprach ſie; ihre Worte er⸗ ſtarben ihr auf der Zunge, ihre Kaͤmpfe und meine Folterqualen hatten damit ihr Ende erreicht. Seit dieſem Augenblick ſah ich beſtaͤndig einen an⸗ maßenden, bisweilen ſogar beleidigenden Zorn aus den Blicken und Reden der Camarera*) hervor⸗ ſchimmern, die uns nebſt dem Kapellan und der klei⸗ nen Graͤfin in einem Wagen begleitete. Matea hatte vor ihr eben ſo wenig ein Geheimniß, als vor ihrem Geleiter. Dieſe Art von Menſchen machs bei uns noch immer dieſelben Anſpruͤche und nimmt ſich dieſelben Vertraulichkeiten heraus, wie die Kammerdiener in franzoͤſiſchen Luſtſpielen, und ſie koͤnnen es niemandem *) Kammerfrau. 44 * verzeihen, der irgend einen Einfluß auf ihre Herrſchaft gewinnt. Dieſe Könige des Vorzimmers haben alle die Querlaunen und alle die unruhigen Sorgen, die mit einer wirklichen Herrſchaft verknuͤpft ſind; ſtets nach großerer Vollmacht ſtrebend und beſtändig voll Argwohn, furchten ſie ohn Unterlaß, daß ihr Scepter in Gefahr ſei. Donna Ines, die noch jung, von angenehmer Bildung, vielleicht ſogar ſchoͤn zu nennen war,— wofern naͤmlich ihre Geſichtszuͤge etwas anderes aus⸗ gedruͤckt haͤtten, als neidiſchen und rachſuͤchtigen Stolz — wußte ſich über ihre abhängige Lage blos dadurch zu troͤſten, daß ſie unaufhoͤrlich von dem Glanz ihrer Familie erzaͤhlte. Ihre Vorfahren waren, wie ſie ſagte, ſchon von der Schlacht von Roncevaur her be⸗ ruͤhmt; ſie wußte alle Staatsaͤmter, die ſie bekleidet hatten, auswendig, ſie erinnerte ſich aller ihrer Waf⸗ fenthaten, und vergaß blos eines, daß naͤmlich ihr Vater, ein unbedeutender Hidalgo aus den Pyrenäen, in irgend einem Winkel von Navarra ein elendes Dorf⸗ wirthshaus unterhielt. Dieſes ſtolze Maͤdchen hegte einen hohen Duͤnkel gegen ihre Gebieterin, die in ihren Augen die Schmach einer niedrigen Abkunft blos da⸗ durch hatte wieder gut machen koͤnnen, daß ſie außer der Ehre, eine Tochter jener Sieger von Roncevaur zur Camarera zu haben, auch noch die zwiefache Empfehlung einer großen Freigebigkeit gegen die Kirche und vornehme Liebſchaften beſaß. Mein Sieg kränkte ſie wie eine perſoͤnliche Beleidigung; denn ich war in ihren Augen immer noch jener demuͤthige Student von 45 Salamanca, und ſie miſchte in die Anbeutungen ihrer Feindſchaft ein ſo ſtolzes Weſen, das mich, ſo laͤcherlich es ſich auch ausnahm, belaͤſtigte. Je groͤßer ihre Furcht wurde, daß mein Einfluß ſie aus ihrem An⸗ ſehn verdraͤngen koͤnne, deſto mehr erſchopfte ſie ohne Ruͤckhalt das Vorrecht, mir alles zu ſagen. Ich ſah im voraus, daß aus einer ſo unruhigen und ſo gehaͤſ⸗ ſigen Eitelkeit fuͤr mich und fuͤr die Graͤfin große Un⸗ annehmlichkeiten entſpringen wuͤrden. Endlich erreichten wir das Ziel unſerer Reiſe. Beim Anblick der Stadt, wohin mich der Sieg zu⸗ ruͤckfuͤhrte, worin mich Maria erwartete, klopfte mein Herz vor Freude und vor Liebe. Ich fuhlte mich durch alle die Gefuͤhle begluͤckt, welche Gott in das menſchliche Herz gelegt hat; ich war jezt ganz wieder ſo, wie bei meinem Abgange von Salamanca, von meinen Eroberungen und vom Gefaͤhl meiner Kraft berauſcht. Es iſt eine Eigenthuͤmlichkeit der Jugend, daß ſie auf die Gunſt der Zukunft ein blindes Vertrauen ſetzt, ſobald nur einmal ein Augenblick ihre Wuͤnſche erhoͤrt hat. Matea zitterte, als ſie entdeckte, wie viel Ge⸗ walt das Bild der Markiſin mitten unter dem vielen Gluͤck, das mir zu Theil geworden, noch uͤber mich behalten habe.„Alonſo,“ ſagte ſie zu mir,„ihr werdet mich verſtehen; eure bruͤderliche Liebe muß ſich irgend eine Grenze ſetzen. Ich darf wohl behaupten, durch ein ſo enges Band mit euch verknuͤpft zu ſein, daß zwiſchen unſeren Herzen kein Platz fuͤr eine Fremde uͤbrig bleibt.“— Der Ton, womit ſie dieſe Aeuße⸗ 46 rung begleitete, erweckte in mir das peinliche Gefuͤhl des neuen Lebensverhaͤltniſſes, das nun fuͤr uns beide eintrat. Doch verlor ſich dieſer Eindruck ſehr bald in dem Bedauern, das ich daruͤber empfand, daß ich mich von der Graͤfin trennen mußte, um meine Brief⸗ ſchaften nach dem Palaſte zu tragen. Eine ſo ploͤtz⸗ liche Trennung beklemmte unſere Herzen wie ein Wi⸗ derſpruch, wodurch das Schickſal gleichſam unſere berauſchenden Traume ſchnell Lugen zu ſtrafen ſuchte. Bisher war es uns immer geweſen, als ob unſere Le— bensſchickſale unzertrennlich mit einander verbunden waͤren. Donna Leonor, Maria und mein Vater em⸗ pfiengen mich mit Freudenthraͤnen. Unter dieſen zaͤrtlichen Herzensergießungen bemerkte ich anfangs nicht ſogleich die unaufhoͤrlichen Verbeugungen des Kapellans der Markiſin, des Doctor's Don Mathias, der mit ſeiner ſchwarzſeidenen Muͤtze in der Hand durch ſeine Ehrerbietungsbezeigungen die Aufmerkſamkeit ſeines gluͤcklichen Schuͤlers auf ſich zu ziehen ſuchte. Waͤhrend ſich noch auf den Lippen eines jeden von uns Frage auf Frage draͤngte, ließ ſich der Kammerherr anmelden. Das Aeußere des Greiſes erweckte in mei⸗ nem Innern ein Gefuͤhl, woruͤber, wie ich bemerken konnte, ſeine Lebensgefaͤhrtin traurig wurde. Er empfieng mich mit eben ſo viel Wuͤrde als Wohlwollen. Der Eifer, womit er uns die Wiederausſoͤhnung der beiden hohen Liebenden mittheilte, kuͤrzte den Aus⸗ tauſch der gegenſeitigen Hoͤflichkeitsformeln ab, die bei gegenſeitiger Vorſtellung zweier Unbekannten uͤblich 47 ſind. Da er zur Parthei der Koͤnigin gehoͤrte, ſo be⸗ trubte er ſich uͤber irgend einen vorgefallenen Triumph der Parthei Don Manuels, und wunderte ſich, daß die Markiſin an dieſen inneren Kriegen des Serails keinen lebhafteren Antheil nahm. Das Geruͤcht von einer großen Schlacht, die der Kaiſer in den Ebenen von Eilau gewonnen haben ſollte, und die Beſtaͤtigung des gluͤcklichen Erfolgs unſerer Waffen zu Buenos Ayres, hatte ſich kaum durch die ſchweren Vorurtheile der Camarilla einen Weg bahnen koͤnnen; indeß ruͤhmte man doch die Waffenthaten eines jungen Offiziers, dem der uͤberſeeiſche Sieg hauptſaͤchlich zugeſchrieben wurde, und der, wie es hieß, die Nachricht davon ſelber mitgebracht habe. Maria bezeichnete ihren Bruder als dieſen Guͤnſtling des Gluͤckes, und von nun an ward das Benehmen des Markis gegen mich durchaus nur zuvorkommend. Die Achtung, womit der Hof von mir geſprochen, hatte den⸗Abſtand unſe⸗ res beiderſeitigen Ranges etwas genaͤhert. Unterdeß war die Stunde des koͤniglichen Schla⸗ fengehens herangekommen. Der Kammerherr eilte daher fort, zitternd vor Angſt, daß er nicht mehr zu⸗ recht kommen wuͤrde, um ſeinen Herrn noch ausklei⸗ den zu koͤnnen. Als ich mit Maria allein war, faßte ich ihre Haͤnde, neigte meinen Kopf auf ihre Schulter, und es vergieng eine lange Weile, ehe wir etwas anderes vorzubringen vermochten, als unſere gegenſeitigen Namen, die wir unter ſuͤßen Thraͤnen unzaͤhligemal wiederholten. Alle Erinnerungen unſerer fruͤheren 48 Jahre, alle Sehnſucht, die wir während unſerer lan⸗ gen Trennung empfunden, draͤngten ſich zugleich und auf einmal in unſer Herz ein; wir waren blos im Stande, das Gluͤck unſerer Wiedervereinigung zu genießen und uͤber vergangenes Leid mit einander zu weinen. DieſeUnterhaltung hatte fuͤr uns einen Reiz, den nichts geſtoͤrt haben wuͤrde wenn nicht die Nen⸗ nung des Namens Matea meiner Schweſter ein unan⸗ genehmes Bild vor die Seele zu rufen geſchienen hätte. Von meinen Fragen deshalb beſturmt, antwortete ſie blos, daß die aufbrauſenden Anſichten der Graͤfin und ihr unruhig bewegtes Leben ſie entſchuldigen muͤßte, wenn ſie in ihrem Grundſatz, zuruͤckgezogen zu leben, ihr zu Gunſten keine Ausnahme gemacht habe.„Ich,“ fuhr ſie fort,„ich habe allen Ehrgeiz, den mir der Himmel vielleicht eingepflanzt haben mag, blos auf deine Perſon allein gegruͤndet; um deinetwillen und weil ich dich liebe, wuͤnſche ich mir Glanz und Ehre, und wiederum moͤchte ich beides gern meiden, weil ich mich ſelbſt achte. Frauen ſollten blos zwei Bedürf⸗ niſſe haben, Ruhe und Unbemerktheit.“ Ich druͤckte Maria's Hand an meine Lippen. „Geliebter,“ fuhr ſie mit Lebhaftigkeit fort, gleich⸗ ſam als wollte ſie einem peinlichen Geſpräch auswei⸗ chen,„ich muß dir jezt nur den ſeltſamen Schauplatz enthuͤllen, der ſich jezt vor dir eroͤffnet. Es giebt Klippen, auf welche dich aufmerkſam zu machen, mor⸗ gen nicht mehr Zeit ſein wuͤrde. Unſer altes Spanien iſt der Gnade einer ganzen Schaar bleibender Ver⸗ ſchwoͤrungen preisgegeben. Du haſt ſo eben gehort, 49 was fuͤr ein Komplott eine Koͤnigin, welche unbe⸗ ſchraͤnkte Herrin des ganzen Reiches iſt, und der Guͤnſtling, der Tyrann, dem ſie ſich ergeben hat, gegenſeitig anzetteln, um einander den Beſitz der hoch⸗ ſten Gewalt aus den Händen zu winden. Dabei ſind indeß dennoch alle beide darin einverſtanden, den alten Monarchen zu verrathen und zu berauben, und alle drei treffen einmuͤthig Anſtalten, das königliche Ge⸗ bluͤt von der Thronfolge auszuſchließen. England und Frankreich liefern ſich in der Nation, ſo wie im Innern des Palaſtes taͤgliche Gefechte, indem ſie ihre entgegengeſetzten Fahnen dem jedesmaligen Beduͤrfniß anpaſſen. Eine atheiſtiſche und republikaniſche Fac— tion, die ihre Entſtehung eben ſo ſehr den religioſen Scandalen, als dem Elend der Monarchie verdankt, freut ſich uͤber die oͤffentlichen Unfaͤlle, von denen ſie ihre Kraft entlehnt. Endlich— da eine ſchlechte Staatsverwaltung alles verſchlechtert, ſogar ihre Gegner— die Freunde Don Ferdinands kehren ge⸗ gen Godoy ſeine eigenen unedeln Waffen, und dieſe Parthei hat ſich fuͤr Thron und Altar erklaͤrt, ſie hat die Wuͤnſche aller ſpaniſchen Herzen fuͤr ſich, und an ihrer Spitze ſteht der Herzog von Infantado, einer unſerer ausgezeichnetſten Großen und zugleich einer unſerer beſten Buͤrger. Der ungluͤckliche Prinz hat zu ſeinem vertrauten Rathgeber ſeinen ehemaligen Leh⸗ rer, den Kanonikus Escoiquiz, der ebenfalls ein bra⸗ ver Mann iſt, obwohl ſeine Politik minder freiſinnig und minder entſchieden iſt, als die des edeln Herzogs. Indeß neben dieſen geachteten Perſonen treibt auch noch, Hb 4 wie es faſt immer zu gehen pflegt, eine Menge von unruhigen Koͤpfen ihr Spiel, welche die Hauptſtadt und den Palaſt mit ihren geheimen Raͤnken erfuͤllen. Da ſie um jeden Preis es durchſetzen wollen, daß der Triumph der gerechten Sache als ihr Werk erſcheine, ſo ſuchen ſie aus einem ungluͤcklichen Prinzen einen rebelliſchen Unterthan und einen vatermoͤrderiſchen Sohn zu machen, um dadurch vielleicht den unver⸗ meidlichen Sturz des ſtrafbaren Urhebers der oͤffent⸗ lichen Schande und des allgemeinen Elends dereinſt zu beſchleunigen. Don Manuel muß, trotz allen ſeinen Verſuchen, bei dem Kaiſer wieder in Gnade zu kom⸗ men, und ungeachtet der laͤcherlichen Auslegung, die er ſeinem Manifeſte jezt giebt, dennoch den furchtba⸗ ren Schutz verloren haben, durch welchen allein er ſtark war; er hat von Don Ferdinand noch nicht Ver⸗ zeihung fur ſeine Verbrechen erlangen koͤnnen, und der Titel Koͤnigliche Hoheit, den er ſo eben angenommen, um gleichſam die Voͤlker auf eine neue widerrechtliche Beſitznahme vorzubereiten, dieſer Titel, den noch nie ein ſpaniſcher Unterthan gefuͤhrt, den ſeine konig⸗ liche Lebensgefaͤhrtin, die zu weit vom Throne ent⸗ fernt war, nicht durch ihre Geburt, ſondern erſt durch ihre unwuͤrdige Verbindung erhalten hat, dieſer Ti⸗ tel, der den Haß aller aufreizt, giebt hinlaͤngliche Buͤrgſchaft, daß die Monarchie ſehr bald geraͤcht wer⸗ den muß.“ Die Markiſin hielt hier inne. Mit ſtummem Staunen betrachtete ich die Schoͤnheit ihrer Geſichts⸗ zuͤge, die durch das Gefuͤhl des oͤffentlichen Ungluͤcks 51 noch veredelt zu ſein ſchienen. Sie bemerkte dieſen Eindruck, und fuhr erroͤthend fort:„Du wunderſt dich daruͤber, mich ſo reden zu hoͤren, die ich ſonſt ſo gut wußte, daß politiſche Gegenſtaͤnde ſo wenig fuͤr den Geſichtskreis der Frauen gehoͤren, die ich mich ſonſt davor fuͤrchtete, ſie jemals verſtehen zu lernen, weil ich nur zu wohl ſah, welche Grundanſichten da⸗ raus entſpringen, zumal oft ſolche, die dem goͤttli⸗ chen Geſetz entgegen ſind....! Geliebter Bruder, ich habe in dieſen wenigen Jahren gar ſehr gealtert; mein Daſein war ſehr bitter, eine geheime, unbe⸗ ſchreibliche Qual verfolgte mich, ich fand nirgends eine Zuflucht, als in den Studien, welche ſtark ge⸗ nug waren, um meine traurigen Gedanken zu zer⸗ ſtreuen. Ich bin endlich zu der Ueberzeugung gekom⸗ men, daß die Vorſehung die Voͤlker nicht geſchaffen haben kann, um das Spielwerk eines Sejan, eines Claudius oder eines noch ſchlimmern zu ſein. Indeß beruhige dich, ich werde nicht eher daran denken, Reiche zu regieren, als bis ich gelernt haben werde, mich ſelber zu regieren.“ Bei dieſen Worten legte Maria ihre Hand auf ihre Augen und brach in einen Strom von Thraͤnen aus. „Ich habe ſo viel gelitten,“ fuhr ſie fort,„aber blos zu den Fuͤßen unſerer lieben Frauen der Bedraͤngten, die ich anrief, die mich aber nicht hoͤrte! Verzeihe daher, wenn ich einen Genuß darin finde, mich in den Buſen einer geliebten Perſon ausweinen zu koͤnnen.“ Dieſe Herzensergießung gab uns vollends einan⸗ der wieder; ſie knuͤpfte fuͤr uns das Band gemeinſamer 4* 32 Gefuͤhle und inniger Vertraulichkeit wieder feſter, welches durch jede Abweſenheit etwas lockerer wird; und indem ich alle Worte dieſer geliebten Schweſter auffaßte, ihr Engelsgeſicht, ihre aͤtheriſche Geſtalt, ihre vom reinſten Himmelblau glaͤnzenden Augen be⸗ trachtete, empfand ich eine unbeſchreibliche Wonne, eine Wonne, ſo unendlich wie die Zuneigung, die ſie an mich knuͤpfte, und eben ſo rein und himmliſch wie ſie! Ich bedachte bei mir, daß die Liebe und all ihr Zauber doch keine ſo himmliſche Luſt gewaͤhre, als dieſe heilige Freude des Gemuͤths und des Herzens; ich uͤberlegte, daß ſelbſt Matea weniger von jenem aͤußeren Reiz beſaͤße, der gleichſam die geiſtige Schoͤn⸗ heit zu verkoͤrpern ſcheint. Indeß bei dem Gedanken an Matea erloſchen alle meine Herzensregungen wie⸗ der. Sie erhob ſich wie eine Scheidewand zwiſchen uns, und zwar eben ſo ſehr wegen der Abneigung Maria's gegen ſie, als wegen meiner Zuneigung zu ihr; meine Schweſter konnte nun nicht mehr die Ver⸗ traute aller meiner Gefuͤhle, aller meiner Wuͤnſche ſein, und doch hatte ich ſie nie mehr bewundert, nie mehr geliebt, als gerade jezt. Es trat ein Stillſchweigen von einigen Augen⸗ blicken ein. Die Markiſin ſchien von einem Gedanken bewegt zu ſein, den ſie mir nicht ſagte, als ſie endlich ſich Gewalt anthat und fortfuhr:„Ich wollte dir blos noch das eine ſagen, die Partheiungen, die uns trennen, werden jezt, da ſie auf deiner Stirn einen Schimmer von Ruhm erblicken, um die Wette dich zu erobern ſuchen; alles wird aufgeboten werden, um 53 dich in ihre finſtern Komplotte zu verwickeln. Ich zittre vor dieſen Anſchlaͤgen— fuhr ſie mit ſteigender Unruhe fort;— dem Stolz und dem Ehrgeiz, welche die Quellen deſſelben ſind, fehlt es nicht an verfuͤhre⸗ riſchen Masken. Es giebt ſogar Frauen, die in die⸗ ſem Drama eine ſehr bedeutende Rolle ſpielen.“ Vergebens bat ich Maria, mir alles zu ſagen, was ſie denke; eine Wolke, die ſich uͤber ihre Stirn hinzog, betruͤbte mein liebendes Herz. Ich ſah jezt nur zu ſehr ein, daß wir beide einem und demſelben Vorurtheil hingegeben waren, und zum erſtenmal in unſerem Leben ſchienen unſere Herzen einander nicht zu trauen. Endlich ſchluͤpfte der Name der Graͤfin aus meinem Munde; ich ſuchte die lebhafte Bewunde⸗ rung auszudruͤcken, die ich fuͤr ſie fuͤhlte. Meine Schweſter erroͤthete. Die mir raͤthſelhafte Unruhe, die mich vorher ſchon an ihr befremdet hatte, ſchien einen bedeutenderen Platz in ihrer Seele⸗einzunehmen, als ich geglaubt hatte. Inunſer ganzes Benehmen und in unſere Unterhaltung trat ein gewiſſer Zwang ein, und wir waren nicht mehr wie ſonſt beiſammen gluͤck⸗ lich. Ich entfernte mich von ihr, indem ich mich in einer Neigung verletzt fuͤhlte, welche bisher die Haͤlfte meines Daſeins ausgemacht hatte. Das Gluͤck, wel⸗ ches mir durch Matea und durch die Liebe zu ihr gewor⸗ den, empfing den erſten Stoß durch dieſe ſchmerzliche Empfindung, die mit jedem Tage fuͤr mich druͤckender wurde, da ſie den Zwiſchenraum immer mehr erwei⸗ terte, den ein Geheimniß zwiſchen mir und meiner ge⸗ liebten Freundin hervorgebracht hatte. Zweites Kapitel. Den folgenden Morgen, bald nach Tages An⸗ bruch, ward ich zum Comthur gerufen. Nicht ohne einen edeln Zorn entrichtete ich den Zoll des Gehor⸗ ſams an den maͤchtigen Mann, gegen den ich Haß und Verachtung hegte. Es giebt ein gluͤckliches Alter, wo man ſolche Pflichtleiſtungen nur mit Erroͤthen an⸗ nimmt. Mein uͤbermuͤthiger Mitſchuͤler empfieng mich mit dem ſtolzen Geberdenſpiel eines Schauſpie⸗ lers, der zum erſtenmal einen großen Herrn macht. „Ich bin zufrieden mit euch,“ ſagte er zu mir, indem er die kuͤhne Sprache ſeines Beſchuͤtzers nach⸗ aͤffte.„Ich ertheile euch hiermit das Ordenskreuz Karls des Dritten und das Oberſten-Patent. Ihr ſehet, daß ich geleiſtete Dienſte bedeutend zu belohnen weiß. Man kann jezt wohl auf euch rechnen. Wir gedenken euch jezt eine Sendung nach Frankreich auf⸗ zutragen, das heißt, nach Preußen oder nach Ruß⸗ land, denn dieſer Teufelskaiſer entſchluͤpft einem be⸗ ſtaͤndig; denkt man, er ſei an der Weichſel, ſo iſt er bereits am Ende der Welt. Ihr werdet ſehr gut dazu paſſen, um ihm in dem gegenwaͤrtigen Augenblick vorgeſtellt zu werden; er kann naͤmlich die Englaͤnder nicht leiden, und ihr habt ſie ſo eben wie die Mario⸗ netten im Cervantes behandelt. Napoleon wird mit euch von dieſem glaͤnzenden Treffen ſprechen, und ihr werdet ihm da die weiſen Maßregeln entwickeln koͤn⸗ nen, die wir genommen haben, um unſere uberſeei⸗ 55 ſchen Provinzen gegen dieſe Seeräuber und ewigen Feinde aller Nationen zu ſchuͤtzen..... Ihr muͤßt naͤmlich die Englaͤnder ſo nennen, und dieſe Gelegen⸗ heit benutzen, um ihm zu beweiſen, daß es thoͤricht waͤre, zu glauben, unſer Manifeſt ſei gegen ihn ge⸗ richtet geweſen. Ich will der lezte unter den großen Herrn ſein, die Gott am juͤngſten Gericht zu ſeiner Rechten hinſtellen wird, wenn wir je an ſo etwas ge⸗ dacht haben. Es war darin, glaub' ich, von der Geiſſel der Welt die Rede; aber paßt dieſe Bezeich⸗ nung nicht ganz auf England? Und was die Kriegs⸗ ruͤſtungen anbetrifft, die unſere Proclamation ankun⸗ digte, ſo koͤnnt ihr ja ſagen.... ihm ſagen, wie wir ihm ja auch bereits ſchon berichtet haben, daß un⸗ ſere Drohungen eigentlich dem Kaiſer von Marocco galten. Der beſte Beweis dafuͤr iſt der Umſtand, daß wir Truppen im Suͤden vor Gibraltar, aber nicht einen einzigen Soldaten an den Pyrenaͤen haben. Ihr werdet dann ferner Napoleon den Großen abſicht⸗ lich von unſerer Bewunderung und von unſerer Vor⸗ liebe fuͤr ſeine erhabene Perſonunterhalten. Wahrlich, ihr werdet damit auch gewiß keine Unwahrheit ſagen; Gott und ſeine Engel wiſſen, daß unſere Herzen... Indeß ich habe blos eine einzige Beſorgniß; ihrſcheint mir nicht einen Character zu haben, der fuͤr die hoͤhere Politik geſchmeidig genug waͤre.“—„Wenn mir eine Sendung uͤbertragen iſt,“ erwiederte ich,„ſo werde ich ſie ſo erfuͤllen, wie es einem Vaſallen des Koͤnigs von Spanien und Indien ziemt, welcher ſtolz darauf und wuͤrdig iſt, dieſen Namen zu fuͤhren.“ —————— 56 Der Comthur antwortete mir darauf nicht. In der Ueberzeugung, daß der Gebieter uͤber unſere Schick⸗ ſale in mir keinen Helfershelfer ſeiner Niedertraͤchtig⸗ keiten finden wuͤrde, ſtellte er ſich vor einen Spiegel hin, brachte ſeine Haare in Ordnung, kam dann zu⸗ ruͤck, und fieng an mit dem Knopf meines Degens zu ſpielen, waͤhrend der Zorn aus ſeinen Augen blitzte. Eine Weile darauf fragte er mich:„Was ſagt Ame⸗ rika?“ und ſeine Frage ſelber beantwortend fuͤgte er hinzu:„Es iſt wohl ſtets treu, ſtets ergeben, uͤber⸗ ſtroͤmend von Gold und Silber? Vortrefflich! Man hatte mich auch ſchon immer verſichert, daß es taͤglich mehr unſere vaͤterliche Regierung ſegne.“ Ich wollte jezt das Wort nehmen, um nicht mitſchuldig an den Täuſchungen zu ſein, worin ſich dieſe verzogenen Kin⸗ der des Gluͤckes einwiegten; allein er fuhr fort:„Es iſt ſchon ſpät; ihr werdet nach der koͤniglichen Mittags⸗ tafel um zwei Uhr zu mir auf's konigliche Schloß kom⸗ men; die Koͤnigin wuͤnſcht euch zu ſprechen. Geht jezt mit Gott.“— Der Ton, womit er dieſe Worte ausſprach, verrieth hinlaͤnglich, welchen Groll ich mir zugezogen hatte; ich war nahe daran, mich daruͤ⸗ ber zu freuen. Es giebt Menſchen, ja es giebt Ge⸗ walthaber, von denen man ſich nur eines wuͤnſcht,... naͤmlich ihre Ungnade. Die Beweiſe der koniglichen Gunſt ſchienen mir durch die Hand, die mir ſie uͤberbracht hatte, voͤllig entweiht. Der Kammerherr erzaͤhlte mir nachher, daß der Chef der Staatskanzellei, ohne von Jaime den mindeſten Befehl dazu gehabt zu haben, die koͤnig⸗ 57 liche Freigebigkeit auf mich hingelenkt habe. Gewiß wuͤrde der Sohn Don Juan's das konigliche Hand⸗ ſchreiben widerrufen haben, wenn er es nicht fur be⸗ quemer gefunden haͤtte, ſich mir als den Urheber mei⸗ nes Glucks darzuſtellen, um einen Diener mehr an den Wagen des Friedensfurſten zu ſpannen; vielleicht auch hielt man ſich fur verpflichtet, in meiner Perſon die Armee von Buenos Ayres zu ehren. Godoy nahm ſeine Zuflucht hinter unſere Siegstrophäen, um ſich ſowohl vor dem Zorne Napoleons, den er durch alle ſeine Luͤgen nicht zu entwaffnen vermochte, als auch vor den Anklagen des Vaterlandes, das ihm alle ſeine Unfalle zuſchrieb, zu ſchuͤtzen. Es war fuͤr ihn ſchon etwas großes, in dem ganzen Laufe ſeiner Regierung wenigſtens einen glorreichen Tag aufweiſen zu konnen. Die Stunde, wo ich vorgeſtellt werden ſollte, war endlich da, und ich begab mich nach dem Palaſte. Ein Garde-Obriſt, der einer Prozeſſion folgte, er⸗ blickte mich, und flog mit offenen Armen auf mich zu. Es war Don Carlos.„Demonio!“ ſagte er zu mir, indem er die neuen Treſſen an meiner Uniform bemerkte, „es iſt eine wahre Freude, wenn man endlich einmal eine gut angebrachte Ehrenbeforderung zu ſehen be⸗ kommt. Laßt euch noch einmal umarmen, Kamerad. Seitdem wir uns nicht geſehen, habe ich allerlei erfah⸗ ren mäſſen, was mich ſehr betrubt hat. Ich wuͤrde gern mein Blut hingeben, um das Unrecht wieder gut zu machen, das meine Familie der eurigen angethan hat. Jede Ungerechtigkeit empoͤrt mich, und wenn ich zum Beiſpiel ſehe, wie Don Manuel...... 58 Hier unterbrach ich ihn heftig; denn wenn der Name Godoy erſt einmal uͤber ſeine Lippen kam, dann war in ſeinen uͤbereilten und heftigen Aeußerungen kein Ende abzuſehen. Er wickelte nun den einen Arm aus ſeinem blauen Mankel heraus, in den er ganz vergraben war, faßte den meinigen, und begleitete mich auf meinem Wege.„Ihr ſeid recht gluͤcklich,“ fuhr er weiter zu reden fort,„daß ihr euch in der Welt umgeſehen und Pulver gerochen habt; ich hingegen muß nun ſo mit Schmerz meinen Degen, meine Treſſen und mich ſel⸗ ber in der Unthaͤtigkeit verroſten ſehen, worin unſer ungluͤckliches Spanien hinſchmachtet. Meine Geliebte macht mir durch ihre wuͤthende Eiferſucht dieſes Leben zur Holle, und mein Beichtvater behauptet, ich wuͤrde in jenem Leben druͤben ebenfalls in die Holle kommen; ich wuͤrde daher, ſo wie ich hier bin, Moͤnch werden, wenn ich nur an einen Gott glauben koͤnnte, allein ich glaube an nichts, ſo lange ich auf Erden eine heidni⸗ ſche und unterdruͤckende Religion, nichtswuͤrdige und verderbte Prieſter, eine gebrechliche und doch tyran— niſche Obergewalt, unverdientes Gluͤck und Ungluͤck ſehe, beſonders aber leibliche Bruͤder, die... Ach, das beſte, was ich in der Welt thun koͤnnte, waͤre, eine von den Uniformen von weichem Linden⸗ holz anzuziehen, welche die hochadeligen Hände mei⸗ nes Vaters in frommer Andacht von fruͤh bis Abends verfertigen. Ichkönnte dann meine Erſtgeburtsrechte, die man mir ſo ſehr beneidet, meine Ehrengrade, meine Hoffnungen, und meine ohnehin entwuͤrdigte Abkunft dem Teufel und ſeinem Gelichter uͤberlaſſen.“ 59 — Es lag in Don Carlos Sprache etwas ſchmerzli⸗ ches, was auf mein Innerſtes einen tiefen Eindruck machte. Wir gingen jezteben an der Fontana de Oro*) voruͤber. Ein junger Menſch in ſchlechter Kleidung ſtand an der Thuͤr und rauchte eine Pfeife. Ich er⸗ kannte in ihm Antonio wieder, der bei meinem Anblick faſt zu gleicher Zeit von Freude und von Beſchämung ergriffen wurde. Ich rief ihn zu mir heran; er naͤ⸗ herte ſich mir mit einer Miene von Verlegenheit, und die Scherze des Don Carlos, anſtatt ſeinen vormali⸗ gen Stolz zu wecken, vermehrten blos noch ſeine Ver⸗ wirrung.„Herr Oberſt,“ ſagte er zu mir,„ſeit⸗ dem ich Euer Gnaden nicht geſehen habe, bin ich aus einem Andaluſier, wozu Gott und mein Vater mich gemacht hatten, ein Gallego**) geworden. So wie ihr mich hier ſehet, bin ich ein Wirthshaus⸗Auf⸗ wärter; dafur hat aber auch Antonio ſeine ſeidenen Troddeln, Roſen und Knoͤpfe abgelegt. Man kann wohl Bedienter in großen Haͤuſern ſein, denn darin — wie es im Sprichworte heißt— erliſcht der Adel nie, er ſchlummert blos ein; allein Wirthshaus⸗Aufwaͤrter ſein zu muͤſſen....!“ Mit dieſen Worten druckte er ein Bild unſerer lieben Frauen vom Roſenkranz an ſeine Lippen. *) Der Goldbrunnen, ein bedeutendes Gaſthaus in Madrid. *) Ein Gallicier. Gallicien kiefert naͤmlich dem uͤbrigen Spanien die Bedienten und Handwerker. 60 Don Carlos erzaͤhlte mir, der Andaluſier habe, nachdem er die Markiſin und Don Domingo nach Co⸗ runna gefahren, bei ſeiner Ankunft daſelbſt ſeine Maul⸗ eſel und ſein Gewehr verkauft, ſich den Aufwärterlohn auf mehrere Jahre voraus vorſchießen laſſen, und die Frucht aller dieſer Aufopferungen ſogleich auf die Poſt gegeben. Sein Vater hatte naͤmlich den kleinen Ueberreſt ſeines Vermoͤgens auf das Entdecken ſolcher Schatze verwendet, welche dem Volksaberglauben zu⸗ folge ſeit der Flucht der Mauren in der Mitte unſerer Provinzen in die Erde vergraben und unter den Schutz der Engel der Finſterniß geſtellt ſind, um dereinſt den Reichthum des Antichriſts auszumachen. Der alte Matador hatte es erſchwungen, ſich eines jener arabiſchen Buͤcher anzukaufen, worin die zu einer ſolchen Entdeckung erforderlichen Anzeigen enthalten ſind; aber er konnte nicht die Beſchwörungsformeln, die religiöſen Zeremonien, die geweihte Kerzenbeleuch⸗ tung, und die ganze Zeit bezahlen, welche drei Prieſter nach der herkoͤmmlichen Ueberlieferung dieſen aberglau⸗ biſchen Nachforſchungen widmen mußten. Von der Hoͤhe des Reichthums, den er ſich ertraͤumt hatte, war er indeß in den tiefen Kerker boͤſer Schuldner hinab⸗ gefallen, und um dem Greiſe ſeine Freiheit wiederzu⸗ verſchaffen, hatte Antonio ſeine Unabhäͤngigkeit ver⸗ kauft. Nach Verlauf einiger Monate erfuhr er auf einmal, daß Enriquez durch die Vermittelung der Markiſin und durch die Bemuͤhungen von Don Carlos wieder in ſeinen vormaligen Meierhof zuruͤckverſetzt worden ſei, und ſich dort wieder im Wohlſtand befinde; 61 indeß Antonio ließ ſich in ſeinem friſchen Entſchluſſe nicht wankend machen, er wollte durchaus den Mieths⸗ kontract, den er unterſchrieben, bis ans Ende halten. Das Gluͤck ſeines Vaters troͤſtete ihn uͤber die Kraͤn⸗ kungen, die ſeine Eigenliebe erfahren mußte, er nahm wieder ſeine vorige muntere Laune an, und blos die Dankbarkeit benetzte zuweilen ſeine Augen mit Thraͤnen. Obwohl ich der Erzaͤhlung des Don Carlos mit Theilnahme zuhoͤrte, ſo ſuchte ich doch meine Schritte zu beſchleunigen; indeß wir mußten uͤber die Puerta del Sol gehen, und mein guter Freund kannte da alle Welt. Ich ſah mit Schrecken, wie er die Voruͤber⸗ gehenden anhielt, und ganze Gruppen anredete, um mich ihnen vorzuſtellen. Zu den Militarperſonen ſagte er:„Ich ſtelle euch hier den Oberſten Don Alonſo vor, der ſo eben dem Leoparden gezeigt hat, daß der Lowe noch Blut in den Adern hat!“ zu den Kauf⸗ leuten:„Der Oberſt Don Alonſo, der ſo eben den Londner Herren die Macht unſerer uberſeeiſchen Koͤnig⸗ reiche gezeigt hat!“ zu den Ordensgeiſtlichen:„Der Oberſt Don Alonſo, der ſo eben einige tauſend Ketzer in den großen Feuerofen geſchickt, wo, Gott ſei Dank! ehrwuͤrdigſter Pater, die Moͤnche nicht unterlaſſen werden, ihn zu katecheſiren.“ Ein Gefuͤhl von Neu⸗ gier verbreitete ſich von einem zum andern, und die ſonſt immer ſtillſtehende Volksmaſſe ſetzte ſich in Be⸗ wegung und draͤngte ſich um mich her. Alles was nur irgend von Militaͤrperſonen da war, antwortete der Stimme des Don Carlos; ſie wuͤnſchten mir mit vie⸗ 62 lem Geraͤuſch Gluck, und ſchloſſen ſich als eine Art von Staatsgefolge an mich an. Unterweges begeg⸗ nete uns Frey Don Jaime, in ſeinen Mantel gehuͤllt; er ward vom Strome mit fortgeriſſen, und ich konnte nicht umhin zu laͤcheln, als ich ſah, wie er wider ſei⸗ nen Willen an dem mir zuerkannten Triumphzuge theilnehmen mußte. Eine drohende Menge— unter ihnen befand ſich auch Antonio— von Manolas*), Maͤnner aus dem Poͤbel, in braunen Maͤnteln und mit wilden Blicken, liefen herbei, als ſie hoͤrten, daß eine große Stadt Amerikas dem Feinde wieder abgenommen ſei. Godoy haͤtte alle Urſache gehabt, ſich zu fuͤrchten, wenn er die gegen ſeinen Namen ausgeſtoßenen Schmaͤ⸗ hungen und die Pläne gehoͤrt haͤtte, die waͤhrend die⸗ ſes Zuges, der ſehr bald ein aufruhreriſches Anſehn gewann, gegen ihn zur Sprache kamen. Don Carlos und einige ſeiner Freunde, die ganz eben ſo feurig wa⸗ ren wie er, meinten, daß man dieſen Zuſammenlauf des Volkes benutzen ſolle, um mit gewaffneter Hand in den Palaſt einzudringen, den Guͤnſtling zum Fen⸗ ſter heraus zu werfen, und Don Ferdinand zum Re⸗ genten des Reichs auszurufen. Ich wollte dieſe un⸗ geſtuͤmen Aufwallungen beſchwichtigen; doch Don Carlos rief, die Augen unwillkuͤhrlich auf ſeinen Bruder heftend:„Es iſt zu ſpaͤt, ein Angeber befin⸗ det ſich unter uns, wir muͤſſen entweder eine Revolu⸗ tion bewirken, oder umkommen!“ *) Gemeine Weiber aus dem Volke. Der Spanier iſt gluͤcklicher Weiſe nicht ſo wie an⸗ dere Voͤlker, ſondern fuͤhrt blos die Entwuͤrfe, die er bei kaltem Blute uͤberlegt hat, mit Ungeſtum aus. So ſank denn auch dieſe augenblickliche Aufwallung beim Anblick der Mauern, hinter denen die unum⸗ ſchraͤnkte Majeſtat ihren Sitz hatte, und mein Gefolge nahm nach vielen bruͤberlichen Umarmungen, denen blos der Comthur auswich, von mir Abſchied. Ich ſtieg die Treppen des Schloſſes nicht ohne innere Bewegung hinauf. Das Koͤnigthum hat fur jeden Kaſtilianer eine blendende Glorie, welche die Misgriffe der Fuͤrſten nicht zu zerſtoren vermoͤgen. Der Monarch war mit der Koͤnigin ſo eben von der Tafel aufgeſtanden. Ihr Gefolge erwartete ſie, um einen kupfernen Braſero*) herum ſtehend, in einem weiten und reich geſchmuͤckten Saale, wo an ihrer Stelle der Friedensfuͤrſt regierte. Dieſe Menge von Kammerherrn, die großentheils ſpaniſche Gran⸗ den und alle mit derſelben Stickerei bedeckt waren, hatten alle eine außerordentliche Gleichfoͤrmigkeit in Haltung, Figur und Kleidung. Alle waren gleich unbeweglich, klein und ernſthaft; es war, als ſähe man blos einen einzigen. Ihre Zuge waren maͤnnlich, die Koͤpfe ganz gerade gehalten, die Blicke unſtaͤt und ſtolz; es ſchien faſt, als hielten dieſe Erben beruͤhmter Namen ſich fuͤr die Erben ſpaniſcher Gravität. In der ganzen ernſten Geſellſchaft bewegte ſich blos ein einziger Mann, der ſie mit dem ganzen Stolz ſeiner *) Kohlenpfanne. ————— 64 Wuͤrde und ſeiner Figur zu meſſen ſchien. Bald ſtieß er mit dem Fuße an die Aſchen-Pyramide, die ſich uber den Kohlen des Braſero erhob, bald ſtellte er ſich unter die Käfige von Kanarienvoͤgeln, die von dem vergoldeten Gewölbe herabhiengen, und trillerte da Arien, als ob er jemanden hoͤhnend herausforderte. Mein alter Schwager, der hoͤchſt erfreut war, mich an einem ſolchen Orte zu erblicken, kam auf mich zu, als ſich plotzlich eine Fluͤgelthuͤr offnete. Karl und gleich nach ihm Marie Luiſe traten herein. Der Markis hielt den Degen des Koͤnigs. Seine Majeſtät kam ſehr heiter und nahm ihm denſelben ab, und richtete ſodann an den Kammerherrn, der ihm die Waffe umguͤrtete, eine Menge vertraulicher Scherze. Die Heiterkeit des Monarchen ſpiegelte ſich in dem dienſtbefliſſenen Laͤcheln der Hofleute ab, ohne daß der angeborne Ernſt derſelben bei dieſem fluͤchtigen Zwiſchenmoment das mindeſte verlor. Die Koͤnigin gab ſich nachlaͤßig den ſcherzenden Aeußerungen ihres Gemahls hin, und der Friedensfurſt ließ dazwiſchen einige ironiſche Witzworte fallen, die der Koͤnig allein nicht verſtand. Ich ward vorgeſtellt. Beide Maje⸗ ſtäten empfiengen mich mit ſeltenem Wohlwollen. Die Leutſeligkeit des Koͤnigs hatte viel Natuͤrlichkeit und Unbefangenheit. Die erſte Anrede der Koͤnigin kuͤn⸗ digte ebenfalls viel Guͤte an, doch ihre Unterhaltung hatte mehr Anmuth und Feinheit. Ungeachtet ihrer ſechs und funfzig Jahre haͤtte ſie noch fur ſchon gelten konnen, wenn ſie nicht von der Buͤrde ihres Schmucks faſt erdrückt worden wäre; und ungeachtet aus ihrem 65 Geſicht ſo viel Freundlichkeit und aus ihrer Sprache der Wunſch zu gefallen hervorſchimmerte, ſo waͤre dennoch ihr Aeußeres majeſtätiſch geweſen, wenn nicht das Geſuchte in ihrem Putz bis ans Laͤcherliche gegrenzt und dadurch die Hochachtung etwas zerſtreut haͤtte. Sie richtete an mich die Frage, die unſeren Fuͤrſten ſo gelaͤufig iſt:„Wie geht es dir?“ ſodann geruhte ſie, mich zu loben, mich uber die Lage der Dinge in Amerika zu befragen, und eine lange Weile zu mir von meiner Schweſter zu reden. Waͤhrend ſie Maria's Schoͤnheit pries, hatte Don Manuel nach Durchle⸗ ſung eines Billetts, das er ſo eben empfangen, das Zimmer verlaſſen. Maria Luiſe, die dicht an einem Fenſter ſtand, ſah ihn mit haſtigen Schritten uͤber den Hof eilen, oͤffnete raſch das Fenſter und rief ihm nach: „Manolito, wo gehſt du hin, ſo ohne Mantel und mit bloßem Kopfe? Wirſt du denn niemals dich ge⸗ woͤhnen, an deine eigene Perſon zu denken?“ darauf wendete ſie ſich zu dem Monarchen und ſagte zu dieſem: „Wie kann er doch eine Geſundheit auf's Spiel ſetzen, die fuͤr unſern Dienſt ſo unendlich koſtbar iſt?“— „Gott verzeihe es ihm!“ erwiederte der Koͤnig, und alle Hofleute, die einen regelmaͤßigen Kreis um die hohen Herrſchaften bildeten, ſchlugen gemeinſchaftlich ihre Blicke zum Himmel empor, und wiederholten zu⸗ gleich die Worte:„Gott moͤge es Seiner Koͤniglichen Hoheit verzeihen!“ Meine Audienz war hiemit geendigt.„Geh mit Gott!“ ſagten zu mir der Koͤnig und die Koͤnigin, indem ſie mir die Hand zum Kuſſe reichten. Ich beugte II. 5 66 das Knie, neigte mich auf die koniglichen Haͤnde herab, und entfernte mich mit dem Bedauern, zwei fuͤrſtliche Perſonen nicht lieben noch achten zu koͤnnen, die durch den Glanz ihres Ranges, durch ihr graues Haar und durch ihr wohlwollendes Aeußere beſtimmt zu ſein ſchienen, ein Gegenſtand der Liebe ſo wie der Vereh⸗ rung ihrer Voͤlker zu ſein. Das Billett, welches Don Manuel erhalten hatte, meldete ihm den von Don Carlos veranlaßten Volks⸗ auflauf. Der Bruder des Comthurs ward ſogleich verhaftet. Ich machte mich gefaßt, mit ihm ein glei⸗ ches Schickſal zu haben; allein die Feſtigkeit ſeiner Antworten, die Beſtimmtheit ſeiner Geſtaͤndniſſe, vielleicht auch die Erinnerung an Buenos Ayres ſchuͤtzten mich vor der Gefahr und vor der Langeweile einer Gefangenſchaft. So hatte ich denn kaum Ma⸗ drid wiedergeſehen, als mich auch ſchon traurige Sce⸗ nen umgaben. Der Gardeobriſt war der einzige Mann, in welchem ich einen Freund gefunden haben wuͤrde; allein es war nun einmal mein Loos, in allen Neigungen meines Herzens Ungluck zu erfahren. Ich eilte nach der Wohnung der Graͤfin; ſie war im Prado, und ich eilte ihr dahin nach. Dort traf ich eine große Menge von Maͤnnern und eine eben ſo große Anzahl jener reizenden Manolas, welche ein und dieſelbe Tracht mit unſern vornehmſten Damen tragend und oft von der Natur noch beſſer bedacht als dieſe, nach den Arbeiten des Tages an dieſem gemein⸗ ſchaftlichen Zuſammenkunftsorte das Vergnuͤgen des Spaziergangs und das der Geſellſchaft aufzuſuchen 67 — pflegen. Mitten unter den Gruppen, die mit großen Schritten auf und nieder wandelten, erregte von fern ſchon eine Dame meine Verwunderung durch den un⸗ aufhoͤrlichen Austauſch vertraulicher Begruͤßungen, die zwiſchen ihrem beweglichen Faͤcher und den beweg⸗ lichen Haͤnden der Voruͤbergehendenſtattfanden. Zwei oder drei Kavaliere giengen in ihre Maͤntel gehuͤllt ihr zur Seite. Ich erkannte Matea, die unter andern vom Comthur und von Sir Georges begleitet wurde, und wollte mich ſchnell entfernen; doch in dieſem Au⸗ genblick begannen alle Glocken der Stadt zum An⸗ gelus zu laͤuten, und dies noͤthigte mich, unbeweg⸗ lich auf der Stelle zu bleiben, wo ich gerade ſtand. Jaime fuhr ungeachtet ſeiner Verbindungen, die ihn an den Hof und an den Friedensfuͤrſten ketteten, immer noch fort, ſich von Zeit zu Zeit ſeiner verlaſſe⸗ nen Verwandtin zu nähern. Obwohl die Mittags⸗ hoͤhe ſeiner Allmacht bereits voruͤber war, ſo hätte er ſich doch ohne Muͤhe die Grandezza verſchaffen koͤnnen; allein ſein Stolz verſchmaͤhte einen Hut von ſo neuem Urſprunge, und da er nach dem hohen Range und dem Reichthume der kleinen Aldouza, deren Titel und Name zu den aͤlteſten der Monarchie gehoͤrte, luͤſtern war, ſo ſuchte er ſich noch einige Anrechte auf die Zu⸗ neigung ihrer Mutter zu erhalten. Als das Gebet geendigt war, begegneten meine Blicke einem Winke, den mir die Gräͤfin aus der Ferne gab. Als ich mich ihr naͤherte, entfernte ſich der Sohn Don Juan's, und Sir Georges blieb allein bei ihr. Man muthmaßte, daß er die geheimen Unter⸗ 5* 68 handlungen zwiſchen Großbritannien und Godoy leite, obwohl er in alle Komplotte, die zu dem Sturz des lezteren geſchmiedet wurden, mit verwickelt war. Ich wurde mich gefreut haben, den gelehrten Englaͤnder wiederzufinden, beſonders aber ſeine lebhaften Aeuße⸗ rungen jener Verachtung zu vernehmen, welche ihm Jaime, die Camarilla, und die traurige Regierung, unter welcher Spanien ſeufzte, einfloͤßten; allein Matea lenkte im Voruͤbergehen abſichtlich die unbeſchei⸗ dene Aufmerkſamkeit der Menge auf mich, indem ſie mich allen Muͤßiggängern, denen wir unterweges be⸗ gegneten, mit Namen nannte. Ich bewunderte ſie, wie ſie unaufhoͤrlich Worte und Winke in Bereitſchaft hatte, die ſie nach allen Seiten hin austheilte. Ihre entblößte Hand, ihr Schleier, den ſie hin und her be⸗ wegte, ihre eben ſo beweglichen als feurigen Augen, wetteiferten mit ihrem Fächer in der Kunſt, tauſend verſchiedene Ausdrucksweiſen zu haben, um in einem und demſelben Augenblicke die verſchiedenartigſten Aeu⸗ ßerungen an alle dieſe Offiziere und Ordensgeiſtlichen zu richten, welche zerſtreut in den Alleen giengen. Die Anmuth, welche jede ihrer Bewegungen beglei⸗ tete, wurde mir an jeder andern Frau gefallen haben, allein an ihr, die ich liebte, verlezte es mich. Der Rauſch meiner Liebe hinderte nicht, daß in meinem Innern eine geheime Stimme die ſchuͤchterne Beſchei⸗ denheit meiner Schweſter dem Betragen der Grafin gegenuber ſtellte, und dieſe Vergleichung gewann mit jedem Tage mehr Einfluß auf mich. Zu den Fuͤßen Matea's ſchwand die ganze Welt aus meinen Blicken, nur ein einziges Bild nicht, welches mein Herz, faſt mir ſelber unbewußt, neben diejenige hinſtellte, die mich ſo eben ganz bezauberte. Ich bemuͤhte mich, Aehnlichkeiten zwiſchen beiden aufzufinden, und meine Einbildungskraft verſchoͤnerte wenigſtens die Kontraſte, ohne daß es ihr gelang, meine Bewunderung, die eine ſo lange Zeit hindurch ſo zuverſichtlich und lebhaft geweſen war, gegen immer wiederkehrende Zweifel zu vertheidigen. Ich erkannte ſehr bald, daß die Graͤfin von einer eiteln und ſchwachſinnigen Mutter blos fur die Genuͤſſe der Eigenliebe erzogen worden, daß dieſe Leidenſchaft ſodann durch ihre hohe Verbindung und durch das Vorurtheil, welches ihr ihren Rang ſtreitig zu machen ſuchte, verſtaͤrkt worden ſei, und daß ſie durch alles, was irgend die Anforderungen derſelben befriedige oder unbefriedigt laſſe, neue Kraft gewinne. Es betruͤbte mich, daß ich in ihr nicht jenes Zartgefuchl und jenes Gefuͤhl von Wuͤrde fand, das ich ſo oft in der jungen Markiſin zu bewundern Gelegenheit gehabt hatte. Vergebens ſagte ich ihr, ſie wuͤrde dann, wenn ſie auf alle die Triebfedern ihrer Intrigue, auf alles laute Aufſehenmachen Verzicht leiſten wolle, weit leichter uͤber die Vorurtheile triumphiren, die ihr noch im Wege ſtuͤnden; ſie mußte nun einmal durchaus Lob⸗ ſpruͤche einernten, Huldigungen empfangen und uberall eine Schaar von Anbetern um ſich haben. Auch ent⸗ gieng mir keinesweges die Kunſt, welche ſie bei Ver⸗ folgung ihrer zahlloſen Eroberungen entwickelte. Dieſe Entdeckung verbannte mich vollends aus ihren Geſell⸗ 70 ſchaftskreiſen, deren Ton und Zuſammenſetzung mir ohnehin nie gefallen hatte. Donna Ines ſchien gegen mich und gegen ihre Ge⸗ bieterin eine gleiche Verachtung und einen gleichen Haß zu hegen, und ich konnte die Nachſicht Matea's gegen ihre ſteigenden Anmaßungen durchaus nicht mit dem Stolze zuſammenreimen, den ſie ſelber wohl beſaß. Ein Page meiner Schweſter, der durch den melancho⸗ liſchen und ſanften Ausdruck ſeines Geſichts ſich aus⸗ zeichnete, liebte ſeit laͤngerer Zeit dies ſtolze Maͤd⸗ chen; allein da ihr Kopf ganz mit den wahren oder erdichteten Ahnenreihen ihrer Familie erfullt war, und da ſie ſich zu hohen Verbindungen beſtimmt glaubte, ſo konnte ſie ſich nicht entſchließen, ihn durch eine ehe⸗ liche Verbindung zu ſich emporzuheben, ungeachtet der Adelsprobe, die er aufzuweiſen hatte, und ungeachtet der wiederholten Vorſchlaͤge, die ich ihr in Maria's Namen machte, um die Ungunſt des Geſchicks gegen einen treuen Diener wieder gut zu machen. Die Graͤ⸗ fin, welche dieſer Herrſchaft ihrer Camarera uͤberdru⸗ ßig, vielleicht auch durch ihre beleidigenden Reden ſich gekraͤnkt fuͤhlen mochte, unterſtuͤzte bisweilen meine Be⸗ muͤhungen, um die geheime Feindin, die ſie in dem Innern ihres Hauſes naͤhrte, daraus zu entfernen. Doch oͤfter noch ſchien ſie den endlichen Erfolg der Wuͤnſche des jungen Ramon zu fuͤrchten, und ich fragte mich dann ſtets voll Unruhe, warum ſie, unge⸗ achtet ſo vieler Anlaͤſſe zu Beſchwerden, doch noch die⸗ jenige in Abhaͤngigkeit von ſich zu erhalten ſuche, welche ſo lange Zeit die Vertraute ihrer geheimſten Gedanker geweſen war. Der uͤberſpannte Religionseifer Matea's erſchuͤt⸗ terte vollends mein Vertrauen zu der Erhabenheit ihrer Anſichten und Ideen. Empoͤrt uͤber die ſeltſame Mi⸗ ſchung von Volksglauben und von jener Ruchloſigkeit ſtarker Geiſter, ſah ich, wie ſie ihre Opfergaben ver⸗ doppelte, um ſich den Triumph in ihren Intriguen und die Fortdauer meiner Liebe zu verſchaffen; mit ihren Gebeten beſtuͤrmte ſie die Madonna von Soledad, die von Almuneda, ja alle Altaͤre und alle vom Volk glaͤubig verehrten Heiligenbilder, und wußte dabei nicht, ob ſie auch wirklich an einen Gott glaube. So verfloß ein Tag nach dem andern, und die Zeit warf in ihrem nur zu langſamen Gange auf die Graͤfin ein immer unguͤnſtigeres Licht. Je mehr ich von meinen Taͤuſchungen zuruͤckkam, deſto hoͤher ſtieg ihre furchtſame und anſpruchsvolle Beſorgniß. Meine Liebe haͤtte ihr fur dieſe Eiferſucht Dankwiſſen koͤnnen, allein ich wunderte mich, als ich ſah, daß ſich dieſelbe bis auf meine Schweſter ausdehnte und immer nur uͤber dieſer ſchwebte. Meine jezige Denkweiſe ſchrieb ſie in der Verzweiflung einzig und allein Marien und den feindſeligen Einſchmeichelungen und eiferſuͤchtigen Raͤnken derſelben zu. Bisweilen ſuchte ſie ſogar durch irgend eine leere Argwohnerregung die Verehrung, die ich fuͤr die holden Tugenden der Markiſin fuͤhlte, zu ſchwaͤchen. Wies ich dann ihre verwegenen Muth⸗ maßungen mit Abſcheu zuruͤck, dann hoͤrte ſie mir wohl bleich und zitternd zu, und riefendlich aus:„Heilige Mutter Gottes, wenn du gegen eine andere ſtrenger biſt, als gegen mich, welche von uns beiden magſt du ———— „ 12 dann wohl mehr lieben?“ Ich mußte mich ſtets huͤten, in Matea's Gegenwart einen Namen zu nen⸗ nen, der jedesmal in ihr einen befremdenden Zorn er⸗ regte, und dieſer Zwang war nicht das geringſte Lei⸗ den meiner Liebe. Waͤhrend derſelben Zeit mußte ich in Maria's Ge⸗ genwart dieſelbe Zuruͤckhaltung beobachten. Allmaͤh⸗ lig ward aus unſeren Geſprächen alles Zutrauen ver⸗ bannt, jede innige Vertraulichkeit derſelben aufgeho⸗ ben, und doch oͤffneten ſich nie ihre Lippen, um ſich uͤber ein Umgangsverhaͤltniß zu beklagen, das der ſuͤßen Gewohnheit und dem vormaligen Beduͤrfniß unſerer Herzen ſo ganzentgegen war. Ich ſah in ihr noch immer jenes geheime Vorurtheil obwalten, das ſchon ſeit dem erſten Abend unſeres Wiederſehns, meine Innigkeit zu ihr getruͤbt hatte. Donna Leonor er⸗ zahlte mir unter Thraͤnen von der Traurigkeit ihrer Tochter, und dieſe Traurigkeit war ein neuer Schmerz fuͤr meine verwundete Liebe. Sonſt hatte ich um alle Leiden meiner Schweſter gewußt, und es war mein ſuͤßeſtes Geſchaͤft geweſen, ſie zu troͤſten; und jezt war mir von jenem Herzensvereine, welcher allen Ta⸗ gen meines Lebens ſo viel Annehmlichkeit und Reiz gewaͤhrt hatte, nichts uͤbrig geblieben, als das ver⸗ zweiflungsvolle Gefuͤhl, denſelben zerſtort zu ſehen. So mußte denn ich, der Beſitzer eines Erdengutes, welches mir meine Einbildungskraft ſo lange Zeit als unendlich dargeſtellt hatte, in mir ein ſchmerzliches Befremden uͤber die engen Grenzen empfinden, die meinem Gluͤck geſteckt waren; es fullte mir nicht mehr —————— 73 die Welt, ja nicht einmal mehr meine Seele aus. Ich fuͤhlte, daß mir Maria entriſſen worden war. Und ſo wurde denn gerade dieſe Epoche meines Lebens, wo ich mit voller Jugendkraft ausgeruͤſtet und durch einen fruhzeitigen Ruf beguͤnſtigt, mich zu allen Feſten der Großen eingeladen, zu allen Prunkfeierlichkeiten des Hofes zugelaſſen ſah, die traurigſte meiner ganzen Geſchichte. Nitten in der Hauptſtadt, zu den Fuͤßen einer reizenden Frau, empfand ich jenes unbeſchreib⸗ liche Misbehagen, das mich in den Einoͤden Amerika's niedergedruͤckt hatte; getheilt zwiſchen zwei Neigun⸗ gen, die fuͤr mein inneres Daſein gleich nothwendig und faſt auf gleiche Weiſe peinigend waren, war ich einem Ungluͤcklichen zu vergleichen, der ſeine alten Ab⸗ gotter zertrummert und noch keine andern Goͤtter auf ſeine Altare geſtellt hat. Ach, meine Liebe hat das Schickſal aller der Re⸗ ligionen, die aufgehoben worden ſind.⸗Nachdem der Glaube an ſie laͤngſt dahin iſt, muß man noch den leeren Außenſchein davon beibehalten. Ich bedachte, wie ſchmerzlich die Lage der Frauen von dem Augen⸗ lick an ſei, wo ſie die Rolle mit uns wechſelnd gend⸗ thigt ſind, in unſerem gleichguͤltiger gewordenen Auge noch einen Funken jener Flamme zu ſuchen, die ſie in uns entzuͤndet hatten. Ich that mir Gewalt an, um einige jener Ausdruͤcke wiederzufinden, die ſonſt ſo raſch aus meinem Herzen bis zu meinen Lippen dran⸗ gen. Die Frauen ketten ſich an uns durch ihre Auf⸗ opferungen; ich verſuchte es, mich an Matea durch das Band ihrer Liebe zu knuͤpfen. Dieſes Band, 74 welches mich an ſie kettete, ward immer enger, immer läſtiger fuͤr mich. Die eiferſuͤchtige Unruhe, welche Maria's Bild in ihrem Herzen erregte, wuchs von Augenblick zu Augenblick. Ihre Kundſchafter beglei⸗ teten mich auf allen Tritten, ihre Botſchafter verfolg⸗ ten mich in meiner Abweſenheit, ihre Vorwuͤrfe em⸗ pfiengen mich bei meiner Ruͤckkehr zu ihr. Donna Ines, die eben ſo ſehr uͤber das Entgegenkommen ihrer Gebieterin, als uͤber meine unverkennbare Kaͤlte un⸗ willig war, unterſtutzte ſie in ihren heftigen Aufwal⸗ lungen gegen mich, und ich ſuchte dann ſchweigend und voll Ergebung mich mit Kraft zu bewaffnen, um dieſes Gluck ertragen zu können, das ich fruͤher mir ſo oft ſehnſuchtsvoll herbeigewuͤnſcht hatte. Drittes Kapitel. Eines Tages uͤberraſchte mich der Empfang der Graͤfin durch die Miſchung von Leidenſchaft und Ernſt, die ſie darin an den Tag legte. „Ich bin im Begriff,“ ſagte ſie zu mir,„euch einen Beweis von Zuneigung zu geben, der euch zei⸗ gen wird, welche Opfer zu bringen ich fähig bin. Es iſt jezt im Werke, auf einige Zeit einen trennenden Zwiſchenraum zwiſchen euch und mich zu ſtellen. In⸗ deß das Intereſſe eures Ehrgeizes uͤberwiegt in meinen Augen das Intereſſe meiner Liebe, und vielleicht wird 75 die Abweſenheit euch ein Gut wieder theurer machen, welchem in euern Augen durch treuloſe Eingebungen aller Werth geraubt worden iſt. Ihr wiſſet, wie ſehr Spanien den Godoy und ſeinen Einfluß haßt. Die Camarilla muß unter der Laſt ſeines Uebermuths, ſeiner laͤcherlichen Verkehrtheiten und ſeiner voͤlligen unfaͤhigkeit erliegen. Don Ferdinand iſt nicht ſo, als es Donna Antonia war, mit der franzoſiſchen Regierung unverſoͤhnlich; in dem Kaiſer Napoleon wohnt eine Groͤße, die in Staunen ſetzt, und der Augenblick iſt da, wo man der zweideutigen und taͤu⸗ ſchenden Unterſtutzung Englands entſagen muß, um den Held der neueren Zeiten zu unſerer Hilfe herbei zu rufen.“— Hier unterbrach ich wider meinen Willen die Rede Matea's durch die Worte:„Aber ihr ſagtet ja noch geſtern zu Sir Georges.1— „Ich wußte da noch nicht,“ erwiederte ſie lebhaft, „welchen Vortheil wir von den Fehlern⸗Don Manuels wuͤrden ziehen koͤnnen. Wir haben jezt beſchloſſen, zu Gunſten der Erreichung unſerer Wuͤnſche, den Ehr⸗ geiz und den Stolz des Kaiſers ins Spiel zu ziehen und ihn zu bitten, aus ſeiner Familie fuͤr unſern Thronerben eine Gemahlin auszuwaͤhlen. Der Er⸗ folg dieſer Unterhandlung kann nicht zweifelhaft ſein. Unſere Pläne ſichern dem Kaiſer Napoleon die treue Anhaͤnglichkeit der Halbinſel zu, und, was noch mehr werth iſt, ſie bringen ſeinen Stamm wieder zu Ehren, indem ſie ihm die Nachkommen Heinrichs des Vierten und des heiligen Ludwig zu Enkeln geben. Auch hat uns das Kabinett der Tuilerien bereits einige Eroff⸗ 76 nungen gemacht. Wir gedenken nun dem Kaiſer einen Mann vorzuſtellen, deſſen Character und Verſtand ihn befriedigen. Der Ruhm, den ihr euch durch eure Mitwirkung zu der Vernichtung Beresfords erworben, veranlaßt uns, unſere Blicke auf euch zu richten.... Wenigſtens bringe ich euch in Vorſchlag, man geneh⸗ migt euch, und ihr ſeht, welche Zukunft eine ſolche Sendung euch zuſichert.“— Mir fiel auf einmal der gute Rath Maria's ein.„Ich bin durch das, was ich ſo eben von euch hoͤre, ganz verwirrt,“ ant⸗ wortete ich;„ſeit langer Zeit rechnetet ihr Don Ma⸗ nuels demuͤthige Unterwuͤrfigkeit unter den Willen Frankreichs ihm zum Verbrechen, ihr betrachtetet das Syſtem des Familienvertrags, welches er fortgeſetzt hat, als zerſtoͤrend fuͤr unſeren Wohlſtand, ihr klag⸗ tet ihn an, daß er das Intereſſe und die Wuͤrde Spa⸗ niens den Nachbaren aufgeopfert habe.“—„Iſt nicht das erſte Intereſſe Spaniens die Rache? Wir alle muͤſſen Godoy, ſeine Beſchuͤtzer und ſeine Schmeichler beſtrafen. Wenn ihr die Freiheit wuͤnſcht, ſo erklaͤret euch zu Gunſten Don Ferdinands, der nur zu gut die Leiden der Tyrannei kennen gelernt hat, um ſie fortzuſetzen, wenn ihr die Ehre der Krone zu bewahren wuͤnſcht.....“—„Ich wuͤrde ſie nicht darein ſetzen, daß ein Bourbon auf eine ſo an⸗ ſtoßige Weiſe mit dem gluͤcklichen Mitbewerber der aͤlteren Soͤhne Ludwigs des Vierzehnten ein Verwand⸗ ſchaftsband anknuͤpfte.“—„Ihr wuͤrdet alſo das euch gemachte Anerbieten nicht annehmen?“— „Nein, auf keinen Fall; ich werde nie meine Zuflucht 77 zu einem Fremden nehmen, um die Staatsverwaltung meines Vaterlandes zu verbeſſern, ich werde ihn nie herbeirufen, daß er als Vermittler in Spaltungen eintrete, die man lieber der Welt verheimlichen ſollte, und unter allen Buͤrgern eines Staates wuͤrde der Sohn des Monarchen gerade der lezte ſein, den ich zur Emporung aufreizen moͤchte.“ Die Graͤfin ward nachdenkend.„Das nennt ihr alſo eure Liebe!“ fuhr ſie dann fort.„O Alonſo, eine Frau wird nimmer von dem Manne geliebt, auf den ſie gar keinen Einfluß hat.“— Man bot alles auf, um meinen feſten Entſchluß zu erſchuͤttern. Meine hartnaͤckige Weigerung verleitete den gebiete⸗ riſchen Geiſt Matea's bis zu dem aͤußerſten Grade von Zorn und Verzweiflung.—„Ich ſehe nun wohl,“ rief ſie aus,„welches Band dich an Madrid feſſelt. Nicht ich bin diejenige, die du nicht gern verlaſſen moͤchteſt. Maria iſt es, Maria, deren unbeſtandige Neigung dich ganz eingenommen hat und dir unauf⸗ hoͤrlich Kummer macht.“—„Ich begreife euch nicht,“ erwiederte ich;„warum nehmt ihr doch in alle eure Vorwuͤrfe, in alle eure argwoͤhniſchen An⸗ deutungen immer den Namen meiner Schweſter auf?“ — Sie ſah mich mit einer ungewohnlichen Unruhe an, brach in Thraͤnen aus, und ſagte zu mir: „Verzeihe mir; wenn du wuͤßteſt, was Liebe iſt, ſo wuͤrdeſt du begreifen, was ich empfinde. So lange es noch einen Schlag deines Herzens giebt, der einer andern gilt, ſo lange wird meine Einbildungskraft entſetzlichen Zweifeln preisgegeben ſein. O Alonſo, ——— man beſitzt das nicht wahrhaft, was man mit einer andern theilen muß.“ Tauſend ſich kreuzende Gedanken, tauſend ſchmerz⸗ liche Gefuͤhle beſtuͤrmten mich auf einmal. Ein Be⸗ ſuch des Comthurs ſetzte mich wieder in Freiheit. Sobald ich von der, die ich einſt geliebt hatte, ent⸗ fernt war, athmete ich wieder freier. Jaime, der nach Frankreich abzureiſen im Begriff war, kam, um von Aldouza's Mutter Abſchied zu nehmen. Napoleon, der durch das Manifeſt vom 5. October uͤber die Geſinnungen Spaniens beunru⸗ higt worden und ſicherlich entſchloſſen war, ſpaͤter den Thron unſerer Konige anzugreifen, hatte vor der Hand noch den Sturz Preußens zu vollenden und Rußland im Zaume zu halten. Er ſchien den thorich⸗ ten Entſchuldigungen des Friedensfuͤrſten ſein Ohr zu leihen, und ſich darauf zu beſchränken, von unſeren Bourbons eine Buͤrgſchaft fuͤr ihre treue Anhaͤnglich⸗ keit an ihn zu verlangen, allein er ſuchte damals un⸗ ſere Halbinſel zu entwaffnen, um zu einer andern Zeit an ihr eine leichte Beute zu haben. Fuͤnf und zwanzig tauſend unſerer beſten Soldaten, die ganz verwundert daruͤber waren, daß ſie die ſpaniſchen Fahnen den Kuͤſten des baltiſchen Meeres zeigen ſoll⸗ ten, marſchirten unter den Fahnen des Markis de la Romana aus, um ſich mit den Eroberern Polens zu vereinigen. Jaime ſagte nicht, ob eine Befehls⸗ haberſtelle ihn unter dieſe Truppen hinriefe, oder ob er eine Sendung ſeines Herrn zu erfuͤllen habe. In dieſem Augenblick beneidete ich ihm die Hofgunſt, in der er ſtand. Ich wuͤrde mich gefreut haben, ein Le⸗ ben, welches Godoy in Unthaͤtigkeit ließ, welches die Freundin meiner Jugend in Verzweiflung ſezte, und deſſen truͤbe Leere durch Matea nicht mehr ausge⸗ fuͤllt werden konnte, in das Feldlager und auf die Schlachtfelder hinzutragen, wo die kaſtilianiſche Tapferkeit neben franzoͤſiſchem Heldenmuth glaͤnzen ſollte. Als ich einige Tage darauf uͤber die Puerta del Sol gieng, zog ein großer Zuſammenlauf von brau⸗ nen Maͤnteln*) meine Aufmerkſamkeit auf ſich. Der Schwarm von invaliden Bettlern, die in den Straßen von Madrid in unzaͤhliger Menge ihre häßlichen Wun⸗ den und Leibesſchaͤden zur Schau tragen, zog ſich nach dieſem laͤrmenden Getuͤmmel hin, welches auch noch durch viele Weiber vermehrt wurde, die nach ihrer Weiſe mit wuͤthendem Blick und ſchreiend ihre Kinder an der Bruſt trugen. Ich bemerkte unter der Menge ein junges Maͤdchen, deſſen Schoͤnheit meine Blicke auf ſich zog, obwohl ein gewiſſes keckes Weſen, das auf ihrem Geſicht mit einem Zuge von tiefer Trau⸗ rigkeit verſchmolzen war, dieſer Schoͤnheit bedeuten⸗ den Eintrag that. Es war jene Aufwaͤrterin von Salamanca, in Begleitung ihres Entfuͤhrers. Fray Aparicio, der den Einſiedlerpoſten in Buen Retiro verſah, und Margarita, lebten in treuem Einver⸗ ſtaͤndniß mit einander in der geweihten Klauſe. *) So bezeichnet man in Madrid das Volkz alle üͤbrigen Staͤnde tragen blaue Maͤntel. In der Mitte des Platzes lenkten zwei Maͤnner durcheinen ungleichen Kampf gegen einander die Blicke aller auf ſich. Der eine, den ich ſogleich an ſeiner reichen Livree erkannte, war der Geliebte der Donna Ines, der treue Ramon; der andere, in einen zer⸗ lumpten blauen Mantel gehuͤllt und einen Offizierhut auf dem Kopfe tragend, von welchem die goldene Borte losgeriſſen herunterhieng, ließ blos zur Haͤlfte ſein Geſicht ſehen, auf welchem unter den graugewordenen Locken die hoͤchſte Sittenverderbniß und Ruchloſigkeit hervorſchaute. Er vertheidigte ſich nur ſchwach gegen ſeinen jungen Gegner, und war es nun vor Schrecken oder wegen einer empfangenen Wunde, ein Strom von Blut ſpritzte an ihm aus einer geoffneten Ader hervor. Auf dieſes Zeichen, welches im Volksaber⸗ glauben eine beſondere Bedeutung hat, verließ ein altes Weib ihren Winkel in einer Ecke des Platzes, wo ſie mitten im Winde auf einem Ofen, uͤber welchen eine lange weißblechene Schornſteinroͤhre emporragte, ihre Kuͤche aufgeſchlagen hatte, und eilte mit einem Meſſer in der Hand und mit verworrenen Haaren hervor, und rief:„Wir duͤrfen jezt nicht lange mehr ſuchen, hier iſt der Morder!“ und das ganze Volk wiederholte:„da iſt der Moͤrder!“ Bei dieſen Wor⸗ ten ſtuͤrzten mehrere auf ihn los, unter denen Marga⸗ rita nicht die lezte war. Der Unbekannte ſchlug, um ſich beſſer vertheidigen zu können, ſeinen Mantel zu⸗ ruͤck, ließ einen mit Dolchen wohl verſehenen Guͤrtel blicken und zog mit zitternder Hand den Sabel. Ich erkannte in ihm Fortunato wieder. Die Gefaͤhrtin des Fray Aparicio bleibt ſtehen, bezeichnet ihn voll Abſcheu dem jungen Kapuziner und ſpricht:„Das iſt das Ungeheuer, welchem ich durch das Sakrament der Ehe preisgegeben war.“—„Himmliſches Herz der Mutter Gottes!“ rief in demſelben Augenblick eine andere Stimme;„es iſt mein Sohn!“ Und eben die Ungluͤckliche, welche zuerſt auf jenen Fortu⸗ nato den Unwillen der Volksmenge hingelenkt hatte, flehte jezt, uͤber ihr eigenes Werk erſchrocken, das Nitleid und die Hilfe der Anweſenden für ihn an.— „Nein,“ ſagte indeß Fray Aparicio, welchen Mar⸗ garita vergebens zuruͤckzuhalten ſſuchte,„das Blut ruft zum Himmel, Gott ſelber verdammt ihn, wozu noch erſt lange Umſtaͤnde mit ihm machen?“— Und das Volk antwortete, ohne ſich erweichen zu laſſen: „Wozu noch erſt lange Umſtaͤnde mit ihm machen?“ Ich trat raſch vor den Elenden hin, um ihn ge⸗ gen das Verdammungsurtheil des Volks zu verthei⸗ digen; da riefen von allen Seiten her Stimmen: „Ihr muͤßt wiſſen, daß er das Ebenbild der flecken⸗ loſen Maria, die Mutter der Armen und Bedraͤngten, die edle Markiſin von C*wermordet hat.“— Bei dieſen Worten ward meine Stirn von eiskaltem Schweiß bedeckt. Waͤhrend nun alle Stimmen ſich vereinigten, daß man die Beſtrafung des Boſewichts nicht laͤnger verſchieben duͤrfe, bemerkt Antonio, der unter dem Haufen daſtand, die Todtenblaͤſſe auf meinem Ge— ſicht, und bringt mir die beruhigende Nachricht, daß meine Schweſter nicht einmal verwundet ſei, Ramon habe den Fortunato in dem Augenblick geſehen und 6 32 entwaffnet, wo er, durch ſeinen Mantel und durch das Gedraͤnge geſchuͤtzt, im Begriff war, die edle Frau, die ſich durch die Gruppen des oͤffentlichen Platzes hindurchdraͤngte, hinzuopfern. Unterdeß beſchloß das Volk, ſich dem Urtheil einer Juſtizperſon zu unterwerfen. Auf einem be⸗ nachbarten Eckſteine ſchlief, mit dem Roſenkranze in der Hand, eine gewichtvolle Perſon, die einen Kra⸗ gen und einen Staatshut wie vor Alters trug. Nie⸗ mand zweifelte, daß es ein Alcalde ſei, und einer von den Waſſertraͤgern von der Fontaine des gu⸗ ten Erfolgs, welcher den Moͤrder feſthalten half, ſagte ehrerbietig zu dem Unbekannten, indem er ſeine ſchwarzſammtene Muͤtze abnahm:„Herr Richter, das Volk der kaiſerlichen Stadt Madrid kommt und bittet Euer Gnaden um einen Rechtsbeſcheid.“ So⸗ dann erzaͤhlte ihm der Redner den Hergang der Sache, indem er ſich mit einer Beſtimmtheit und Klarheit ausdruͤckte, die vor den Gerichtshoͤfen ſelten vor⸗ kommt. Wäͤhrend dieſer Anrede ſah der ſchwarze Herr in ſeiner Behaglichkeit, die von ſeinem Geſicht ſtrahlte, — nach der witzigen Bezeichnung Antonio's— ganz ſo aus, wie die heilige Einfalt, wenn man ihr Weihrauch ſtreut.„Buͤrger von Madrid,“ antwor⸗ tete er endlich nach einer langen Begruͤßung,„ich kann Euer Gnaden fuͤr die mir zugedachte Ehre nicht genug danken; allein ich bin nicht im Stande euch zu dienen. Nicht etwa darum, als ob ich keine Juſtiz⸗ perſon waͤre, oder etwa keine von altem Datum; denn einer meiner Vorfahren im dritten Gliede vor mir wurde von Seiner Majeſtaͤt dem Herrn Don Carlos, dem dritten dieſes Namens vom oſterreichiſchen Stam⸗ me, zum Mitgliede des hohen Raths von Kaſtilien ernannt, und bei dem gegenwaͤrtigen Gange der An⸗ gelegenheiten...“ Bei dieſen Worten, die bei ſeiner ſtarken Stimme bis zu mir hin drangen, konnte ich den Rechtsgelehrten von Tativa nicht mehr verken⸗ nen. Er ward in ſeinem unklugen Geſchwätz durch eine drohende Stimme unterbrochen, und vielleicht hätten die Madrider, die von Geſchlecht zu Geſchlecht dem Hauſe Bourbon immer ſehr treu waren, dieſen Anhaͤnger des Hauſes Lothringen das Vergnuͤgen ſehr theuer bezahlen laſſen, welches ihre Ehrenbezeigung in ihm erweckt hatte, wenn nicht ein Alcalde, der mitten unter die verſammelte Menge trat, ſeinen Al⸗ caldenſtab ausgeſtreckt und dadurch die Menge zerſtreut haͤtte.. Fortunato's Mutter begleitete ihren Sohn auf dem Wege nach dem Gefaͤngniß. Dieſe Ungluͤckliche hatte einſt ein glaͤnzendes Leben gefuͤhrt. Als eine beruͤhmte Schauſpielerin hatte ſie an ihrer Schoͤnheit und an ihrem Talent zwei Quellen des Reichthums beſeſſen, welchen ihre Ausſchweifungen wieder vergeu⸗ det und ihr ſpäteres Alter vollends aufgezehrt hatte. Das Ungluͤck und beſonders die gaͤnzliche Verlaſſenheit, die unter allen das großte Ungluͤck fuͤr ſolche Frauen iſt, die ihr ganzes Daſein in den Genuß des Augen⸗ blicks ſetzen, hatte die Leidenſchaften, deren Sklawin ſie ihr Lebelang geweſen war, noch mehr gereizt und 6 N 84 aufgeregt. Dieſe Elvire, welche einſt der Lurus mit ſeinen Annehmlichkeiten und ſeinem blendenden Schim⸗ mer umgeben hatte, und die jezt blos Handarbeiter um ſich ſah, die unter beleidigenden Spaͤßen in ihrem rohen Ofen ſich ihre aͤrmliche Mahlzeit bereiten ließen, ſah nicht ohne Verzweiflung in prunkvollen Equipagen jene vornehmen Herren voruͤberfahren, mit denen ſie einſt wie mit ihres gleichen umgegangen war, und von denen jezt auch nicht einer einen Blick auf ſie fallen ließ, außer wenn ſie ihr zufaͤllig eine Kupfermuͤnze als Almoſen zuwarfen. Nachdem ſie aufgehoͤrt hatte, eine Prieſterin der Wolluſt zu ſein, lebte ſie nur noch, um zu weinen und zu haſſen. Elvire hatte in ihren gluͤcklicheren Zeiten einen Sohn gehabt, allein, anſtatt daß er ſie in ihrem Alter haͤtte troſten ſollen, ſah ſie dieſen Fortunato nur dann, wenn er von Hunger getrieben ihr die Maravedis*), die ſie ſich durch ihre Tagearbeit muͤhſam verdient hatte, abzudringen kam. Hatte ſie irgend einmal weder Kichererbſen noch Knoblauch ihm vorzuſetzen, ſo pflegte er wohl zu ihr zu ſagen:„Weib, nenne mir meinen Vater, damit ich zu ihm hingehen und Brot von ihm verlangen kann.“ Als der Moͤrder nach dem Aufenthalt der Verbre⸗ cher gebracht worden war, in jene traurige Behauſung, wo der edelgeſinnte Don Carlos ſeit meiner Ruͤckkehr ſchmachtete, eilte ich nach der Wohnung meiner Schwe⸗ ſter, immer noch von Ramon begleitet, der, weil er *) Eine kleine Kupfermuͤnze, — 85 ſich jezt einen Anſpruch mehr auf die Achtung der Donna Ines erworben, auch auf ihre Gunſt mehr rechnen zu duͤrfen glaubte. Waäͤhrend ich ihm fuͤr ſeine Ergebenheit dankte, zog er aus ſeinem Buſen eine Rolle von Papieren heraus, die er ſtets bei ſich trug, indem er meinte, daß ich mich uͤber ſeinen Muth weni⸗ ger wundern wuͤrde, wenn ich mich überzeugt haben wuͤrde, daß der Adel ſeines Geſchlechts echt und un⸗ verfaͤlſcht bis zu den aͤlteſten Zeiten der Monarchie hinaufreichte. Bei meinem Anblick flog mir die Markiſin entge⸗ gen. Wir blieben lange Zeit einander in den Armen liegen, unſere Herzen fanden ſich wieder, das leichte Woͤlkchen, das zwiſchen unſeren Seelen aufgeſtiegen war, verſchwand, und unſere Thraͤnen floſſen gemein⸗ ſchaftlich. Die Freude, daß wir beide noch lebhaſt und tief eine Zuneigung zu einander empfanden, die bisher uns beiden weſentliches Beduͤrfniß geweſen war, erfuͤllte und berauſchte unſere Gemuͤther ganz. Auf einmal ward die Markiſin durch irgend einen ploͤtzlichen Eindruck erkaͤltet, ihre Hand hielt nicht mehr die mei⸗ nige feſt, und ihre thraͤnenfeuchten Augen verpflanzten die Ruͤhrung, wovon ſie durchdrungen war, auf mich uͤber. Vergebens ſuchte ich jene ſuͤßen Herzensergie⸗ ßungen wieder herbeizufuͤhren; ſchweigend und nach⸗ denkend hoͤrte ſie die Vermuthungen an, in die ich mich verlor. Der Comthur war der einzige, auf den mein Verdacht gerieth.„Laß deinen Irrthum fahren,“ ſagte ſie endlich erroͤthend;„Jaime iſt aus Don Manuels Schule. Dieſe Menſchen haben gegen Na⸗ 86 poleon blos ein Manifeſt noͤthig zu haben geglaubt; gegen eine Frau indeß wuͤrden ſie eine ganze Armee in Bewegung ſetzen.“ Die außerordentliche Zuruͤckhaltung Maria's in einem Augenblick der Art verſchloß vollends unſere Her⸗ zen gegen einander. Da ich die Unbiegſamkeit und das Mistrauen des kaſtilianiſchen Characters ſelbſt in mei⸗ nen innigſten Neigungen nicht verleugnen konnte, ſo hutete ich mich wohl, uͤber dieſen unbekannten Punkt, der mir verſchwiegen wurde, diejenige zu fragen, die ſeit meiner fruͤhen Kindheit die Vertraute aller meiner Gedanken und Gefuͤhle geweſen war. Ich ſagte mir, daß in dieſer Welt alles vergaͤnglich ſei, ſelbſt dieje⸗ nigen Neigungen, die mit uns groß wuchſen und be— ſtimmt zu ſein ſchienen, uns auf dem langen Gange durchs Leben zu begleiten und die ganze Dauer deſſel— ben zu verſchoͤnern. Uebrigens betrubte dieſe neue Anſicht des Gemuͤths die Markiſin ſehr tief, es war, als ob eine eiſerne Hand auf meine beklommene Bruſt druͤckte. Ich gieng ungeſtuͤm von ihr fort, und die naͤchſtfolgenden Tage verſtrichen mir, ohne daß ich ſie wieder beſuchte. Ach, die Zeit dieſer Verbannung von ihr duͤnkte mir in meinem ganzen Leben am luaͤngſten. Inzwiſchen erhielt Don Carlos das Berſprehn daß er bald aus ſeinem Verhaft entlaſſen werden ſollte. Der Groll des Friedensfurſten verbannte blos ſeine Gegner aus ſeiner Nähe, tödtete ſie aber nicht; er hatte noch nicht jene Niedertraͤchtigkeit erreicht, die daran Vergnuͤgen findet, Menſchenblut zu vergießen. 87 Seitdem der Comthur von Madrid entfernt war, fan⸗ den die Bitten, welche Don Juan fuͤr ſeinen aͤlteſten Sohn bei Godoy einlegte, kein feindſeliges Gegenge⸗ wicht mehr. Der Doctor Don Mathias, dieſer vor⸗ malige Lehrer meiner Kindheit, deſſen Unterhaltung ich ſo gern hatte, weil er unaufhoͤrlich die engliſchen Tugenden der Markiſin, ſeiner Wohlthäterin, pries, kam eines Morgens, um mir mit vielen Umſchweifen zu melden, daß geſtern Abend nach Sonnenuntergang ſich die Gefaͤngnißpforte vor dem Garde-Obriſt endlich geoffnet habe. Indeß ward man ſehr bald gewahr, daß hiebei ein Misgriff vorgefallen war. Nicht Don Carlos, ſondern Fortunato, in deſſen Uniform ver⸗ kleidet, war aus dem Stockhauſe heraus gekommen. Die beabſichtigte Ermordung der Markiſin beſchaͤftigte noch immer den Hof und die Stadt, obwohl ſeitdem die Puerta del Sol noch durch einige andere Meuchel⸗ morde befleckt worden war. Um ſo mehr hefremdete dieſe merkwuͤrdige Entweichung des Sohnes Elvirens alle Gemuͤther, und der Verdacht fiel theils auf Don Carlos, theils auf den Comthur. Jedoch ward der edle Gefangene nun ohne Saͤum⸗ niß in Freiheit geſetzt. Er eilte ſogleich zu mir in meine Wohnung. Ich ſah auf ſeinem Geſicht die Freude ausgedruͤckt.„Ihr ſeht mich hier ſehr ver⸗ gnuͤgt vor euch,“ ſagte er zu mirz„ich hatte oft den Gedanken genaͤhrt, von nun an meinen ganzen künf⸗ tigen Rang demjenigen zu vermachen, der ihn wuͤnſcht. Doch nein; ich will weiter leben, und wäre es auch nur, um die Böſewichte zur Verzweiflung zu bringen; 88 dies wird die gute Seite meiner Exiſtenz ſein. Ich ertappe mich wohl bisweilen auf einem Gedanken und ſogar auf dem Glauben an Gott, wenn ich ſo bei mir uͤberlege, durch welche Verkettung ſeltſamer Zufallig⸗ keiten die klugſten Berechnungen der Schurken oft zu Schanden werden. Wennicheuch alles erzählen koͤnnte, ſo wuͤrdet ihr begreifen, wie ich meinem Angeber, dem Friedensfurſten, ja jedermann, meine Verhaftung ver⸗ zeihe, was mich indeß nicht hindern ſoll, den Don Manuel einmal zum Fenſter hinaus zu werfen.“ Don Carlos ſprach ſo noch eine lange Weile fort. Sein Ton und ſeine Heiterkeit befremdeten mich immer mehr. Er ward uͤber meine Befangenheit betroffen, eine dumpfe Niedergeſchlagenheit trat an die Stelle ſeiner vorigen Heftigkeit, und eine Weile darauf ſagte er zu mir:„Ganz gewiß, ich bin keiner von den Characteren, die ſich in ſich ſelbſt zuſammen zu wickeln und ſich undurchdringlich zu machen wiſſen; ich muß mich nun einmal jedermann aufſchließen. Mich druͤckt ein Geheimniß; es einem Freunde, wie ihr ſeid, an⸗ vertrauen, heißt die Laſt deſſelben ſich erleichtern. Ueberdies gehoͤrt ihr vielleicht mit zu denen, welche den Beiſtand, den ich dem elenden Sohne Elvirens geleiſtet, verleumderiſch auslegen, und ich moͤchte um keinen Preis der Welt eure Achtung verlieren. Ach, mein theurer Alonſo! wie gern wuͤrde ich alle die Vor⸗ zuge, deren Beſitz mir ſo viel Neid zuzieht, gegen ei⸗ nen Theil jener Hochachtung und Zuneigung dahinge⸗ ben, die ihr fuͤr denjenigen hegt, der von euch ſeine liebſten und heiligſten Titel empfaͤngt.“ ——„ 89 Hier ſchwieg Don Carlos und verbarg ſein Ge⸗ ſicht in ſeine Haͤnde. Der Schmerz und die Schaam veredelten den noch vor Kurzem ſo ſorgenfreien Ausdruck ſeiner Geſichtszuͤge. Er fuhr hierauf fort:„Ihr wißt, wie vor langen Jahren die kleine Manolita ih⸗ rer Mutter, der jezigen Oberin des Kloſters***, und ihrem Oheim, dem Markis von C***, deſſen Herz ſie an Kindesſtatt angenommen hatte, aus der Wiege geraubt wurde. Fortunato, der damals eben erſt aus den Kinderjahren heraustrat, war das Werk⸗ zeug dieſes Komplottes. Er ſelber hat mir entdeckt, welche Hand ſeine Schandthat beſoldete. Wie grau⸗ ſam iſt es doch, wenn man an dem Beiſpiel ſeines ei⸗ genen Vaters die Erfahrung machen muß, was alles der Durſt nach Gold und nach Ehre vermag. Don Juan hatte damals noch nicht jenes bedeutende Ver⸗ moͤgen geſammelt, das er jezt beſitzt. Von allen Seiten her aus hohen und koͤniglichen Familien ent⸗ ſproſſen, fuͤhlte er ſich gekraͤnkt, daß er auf ſeine Soͤhne blos den kaſtilianiſchen Adelsrang vererben konnte.„. Jezt wird er uns vielleicht gar einen entehrten Namen hinterlaſſen.“ Hier hielt Don Car⸗ los inne, um ſich eine Thraͤne abzutrocknen; dann fuhr er weiter fort:„Der verruchte Meuchelmoͤrder war ungeduldig daruͤber, daß er vermoͤge ſeines mäch⸗ tigen Beſchuͤtzers, den er nie vergebens anzuflehen gewohnt war, noch nicht ſeine Freiheit wiedererlangt hatte. Er kam daher zu mir und drohte, alles of⸗ fentlich zu entdecken, wenn ich ihm nicht zu ſeiner Freiheit verhuͤlfe. Ich verſprach alles, nicht blos 90 deshalb, um den Schimpf, den ſein Geſtaͤndniß her⸗ vorbringen mußte, zu vermeiden, ſondern weil die junge Manolita vielleicht noch lebt. Fortunato hat mir einen Schimmer von Hoffnung gegeben, daß ich wohl noch ihre Spur wiederfinben koͤnne, und ich habe ihm fur den Fall des Gelingens die Haͤlfte meiner Ein⸗ kuͤnfte zugeſichert. Ich will nicht, daß irgend einer von den Meinigen jemals eine verhaßte Erbſchaft ma⸗ chen ſoll; vielmehr ſoll alles verſucht werden, um ge⸗ wiſſe entſetzliche Berechnungen zu vereiteln, und dem Kaiſer wiederzugeben, was dem Kaiſer gehoͤrt, und Was wollte ich doch ſagen? Ich ver⸗ geſſe immer, daß ich ja nicht an Gott glaube.“— „Freund,“ rief ich, indem ich Don Carlos in meine Arme ſchloß,„ſprecht nur bis zu Ende, ſagt nur: Gott wiederzugeben, was Gottes iſt. Ein Herz wie das eurige iſt die beſte Antwort auf alle eure Zweifel; in einer Werkſtatt, aus der ſo edle Geſinnungen her⸗ vorgehen, muß etwas mehr vorhanden ſein, als der bloße rohe Erdenſtoff.“ Jeder Tag knuͤpfte das Band feſter, welches ge⸗ genſeitige Neigung und Achtung um Don Carlos und mich geſchlungen hatte. Erwar der einzige Vertraute meines Kummers; doch wie konnte ſeine Freundſchaft mir die Leiden meiner Liebe und meiner bruͤderlichen Zaͤrtlichkeit aufwiegen! Von Maria entfernt lebend, war ich ganz jenem Staunen eines Menſchen preisge⸗ geben, der einſam auf eine ferne Kuͤſte verſchlagen worden iſt. Alle Stunden ſehnte ich mich nach dem Genuß jenes innigen Verhältniſſes, das nicht mehr * — 91 exiſtirte; den Blick dieſer heiß geliebten Schweſter, ihr ſuͤßes Läͤcheln, den holden Klang ihrer Stimme ver⸗ mißte ich in jedem Augenblick meines Lebens, ſo wie ihre Rathſchlaͤge, ihre Eingebungen, bei jeder innern Bewegung meiner Seele, und je groͤßer die Leere wurde, die ich in mir empfand, deſto weniger hatte Matea, welche dieſelbe doch haͤtte ausfuͤllen ſollen, Antheil an meinem Herzen. We un e Ba ch⸗ Fortſetzung des Manuſcripts von Ainhoa. Erſtes Kapitel. Die Zuſammenkunft zu Tilſit hatte die beiden Ge⸗ bieter des europaͤiſchen Kontinents zu einer Freund⸗ ſchaft verbunden, welche den unſtäten Character des fluͤchtigen Elements, auf welchem ſie geſchloßen wurde, an ſich tragen ſollte. Hier wurde die Theilung der Welt feſt beſtimmt und zugleich ein unheilſchwangerer Friede eingeleitet. Während ein zweiter Alexander nach dem Orient ziehen ſollte, um Aſien der Herrſchaft Europa's zu unterwerfen, machte der gluͤckliche Nachfolger der Soͤhne Ludwigs des Vierzehnten Anſtalt, die Zweige ſeines Herrſcherſtammes auf die Koͤnigsthrone des Suͤdens zu pflanzen. Der Niemen hoͤrte voll Stau⸗ nen die Entſcheidung, daß das geſammte Haus Bour⸗ bon fuͤr immer von der Koͤnigswuͤrde ausgeſchloſſen ſein ſolle. ————————————— 93 Jezt blieb nur noch die Haͤlfte von den Sproßlin⸗ gen Philipps des Fuͤnften zu verbannen uͤbrig. Jo⸗ ſeph regierte bereits zu Neapel, und Napoleon bahnte ſeinem Bruder nun den Weg, um, wie fruͤher Karl der Dritte, von dem Throne der beiden Sicilien auf den Thron von Spanien uͤberzugehen. Er hielt unſere Truppen in den Reihen der großen Armee in einer Art von ehrenvoller Gefangenſchaft; alles, was wir noch an Soldaten uͤbrig hatten, ward auf ſeinen Befehl an die Grenze Portugals und Andaluſiens hinverlegt, waͤhrend franzoͤſiſche Heerhaufen ihre Adler auf den Hoͤhen der Pyrenaͤen blinken ließen, und unge⸗ achtet der Glut des Sommers, von dem äußerſten Ende Polens bis an die Grenzen von Navarra vor⸗ drangen. Die ſpaniſche Halbinſel gerieth daruͤber in Bewe⸗ gung, und die Freunde des Friedensfurſten ſprachen bereits von einem Kriegszuge, der gegen das Haus Braganza gerichtet ſei, um es zu zwingen, ſeine Haͤfen der engliſchen Flagge zu ſchließen; ſie verſicher⸗ ten zugleich, daß vermoͤge der gewandten Politik ihres hohen Beſchuͤtzers der Tajo bald nicht mehr ſeinen Lauf unter einer fremden Herrſchaft vollenden werde. Die Anhaͤnger des Prinzen von Aſturien naͤhrten dagegen ganz andere Hoffnungen. Der franzoͤſiſche Monarch war der Urheber ihrer Komplotte. Sein Geſandter ſuchte dem Thronerben den Geiſt der Em⸗ poͤrung einzufloßen, waͤhrend er ſelber der uͤbermuͤthig⸗ ſten Eitelkeit Godoy's ſchmeichelte, und ihm die Lock⸗ ſpeiſe einer unumſchraͤnkten Koͤnigsgewalt von fern 94 zeigte. Ich trat eines Tages in das Zimmer Matea's, und zwar gerade in einem Augenblick, wo Fray Caye⸗ tano, dieſer Pater Provinzial der Dominikaner,— ein feuriger Mann, der bei meiner Schweſter Kapellan geweſen war,— ferner zwei bis drei Maͤnner von hohem Range, Don Carlos, ſeine Tante, die Obe⸗ rin des Kloſters***, und der Oberſaͤnger an der Kapelle der Infanten eine Art von geſchloſſenem Kreis bei ihr bildeten, in welchem die Tochter Domingo's den Vorſitz zu fuͤhren ſchien. Die Freude ſtrahlte von allen Geſichtern. Das Antlitz der Graͤfin, auf wel⸗ chem ſich ſonſt gewoͤhnlich nur der Kummer eiferſuchti⸗ ger Liebe auszupraͤgen ſchien, glaͤnzte jezt von Stolz und Wonne. Sie triumphirte daruͤber, daß Sor Maria de los Dolores, eine Dame, die ſonſt immer die hartnaͤckigſte Anhaͤnglichkeit an die alten Ideen ge⸗ hegt hatte, ſie jezt wie ihres gleichen behandelte. „Ihr muͤßt alles wiſſen!“ rief ſie mir trunken von ihren ehrgeizigen Illuſionen zu.„Der Prinz will ſich dazu verſtehen, an den Helden von Friedland und Tilſit zu ſchreiben und ohne Vorwiſſen Karls des Vier⸗ ten um die Hand einer Prinzeſſin ſeiner Familie anzu⸗ halten.“ Ich wunderte mich, wie die kloͤſterliche und die adelige Parthei ſich uͤber einen ſolchen Sieg freuen konnten. Indeß ein unermeßlicher Kriegs⸗ ruhm, ferner die Salbung durch das Oberhaupt der Kirche, ſodann eine Art von Legitimitaͤt, die aus einer energiſchen Ausuͤbung der unumſchraͤnkten Gewalt hervorgegangen war, die Scheidewand der Pyrenaͤen welche die kaiſerliche Macht in einer groͤßeren Ferne 95 erſcheinen ließ, und vor allen Dingen das uͤbermuͤthige Verfahren Godoy's, hatten ſelbſt die ſtolzeſten Kaſti⸗ lianer mit dieſem ahnenloſen Gewaltigen ausgeſoͤhnt, den die Paͤbſte und die Koͤnige fuͤr legitim erklaͤrten. Matea fuhr weiter fort:„Es ſcheint gewiß zu ſein, daß unverzuͤglich eine franzoͤſiſche Armee queer durch unſere Koͤnigreiche ihren Weg nach Liſſabon nehmen wird. In ihren Reihen wird der Kaiſer mitkommen und dem Prinzen eine Gemahlin zufuͤhren, und von dieſem Augenblick an wird Don Ferdinand Herr der Monarchie ſein. Der franzoͤſiſche Geſandte haͤlt be⸗ reits alle Faͤden unſerer Entwuͤrfe in ſeiner Hand.“ —„Immer und immer die Fremden!“ rief ich zu⸗ ruͤcktretend aus.„Finden denn die Verwegenen, die jene herbeirufen wollen, nicht ſchon in ihrem Fehler eine hinlaͤnglich furchtbare Strafe?“ Don Manuel glaubte ſeinerſeits dagegen nicht nachgiebig genug ſein zu koͤnnen, um die⸗Rache Na⸗ poleons zu entwaffnen. Er war einer von den Men⸗ ſchen, die, um ſich zu ſchuͤtzen, zur wegwerfendſten Niedertraͤchtigkeit ihre Zuflucht nehmen, gerade als ob das nicht der ſicherſte Weg waͤre, um ſich zu Grunde zu richten. Der Degen des Helden von Marignan, der einzige Vortheil, den Spanien von dem Siege bei Pavia gehabt hatte, ſollte mit vielem Pomp an Na⸗ poleon abgeſandt werden. Unſer Geſandter mußte ſich vom Hauſe Braganza zuruͤckziehen, welches ſich nun genoͤthiget ſah, vor den Drohungen des franzoͤ— ſiſchen Adlers nach einer andern Erdhaͤlfte zu fluͤchten; es hieß, die Vereinigung der beiden ſuͤdlichen Monar⸗ 96 chieen unter den Scepter unſerer Koͤnige ſei bereits ſo gut wie abgeſchloſſen, und die Kaiſerkrone werde in Kurzem auf dem Scheitel Karls des Vierten glaͤnzen. Der October des Jahres 1807 war noch nicht zu Ende, als die Franzoſen bereits von den Hoͤhen der Pyrenaͤen herabſtiegen, und unſere Truppen ſich an⸗ ſchickten, im Einverſtaͤndniß mit ihnen die Ebenen von Portugal zu uͤberſchwemmen. Ich hoffte, daß die Anſtrengungen eines Feldzuges meinem leidenden Herzen eine Zerſtreuung gewaͤhren, und daß die Ab⸗ weſenheit das Band, welches ich weder feſtzuhalten, noch zu zerreißen im Stande war, allgemach loͤſen wuͤrde. Daher bat ich um eine Anſtellung in der Armee. Den folgenden Tag ward ich in den Geſellſchafts⸗ kreis Godoy's eingeladen. Ungluͤckliche Zeiten! wo man zu nichts, ſelbſt nicht einmal zu Poſten der Ehre gelangen kann, ohne zuvor eine verpeſtete Atmoſphaͤre zu durchſchreiten. Ich begab mich nach dem Palaſt des Gebieters. Es war gerade einer von den Tagen, wo Don Ma⸗ nuel das Escurial verließ, um in Madrid ſeinen Hof zu halten. Die Frauen entfalteten da die Pracht ih⸗ res Schmuckes, die Maͤnner den Luxus ihrer Kleider und Uniformen. Alle bewegten ſich mit einer ver⸗ gnuͤgten und wichtigen Miene umher, und alle ſchie⸗ nenungeachtet dieſer aͤußern Formen bereits eine dunkle Vorahnung der großen Begebenheiten, die das Schickſal im Werke hatte, auf ihrem Geſicht zu verrathen. 97 Unter der Menge begegnete ich auch dem Markis von C***.„Eure Schweſter,“ ſagte er zu mir, „dringt in mich, daß ich doch auf einige Monate nach meinen Beſitzungen ins Innere von Biscaja abgehen moͤchte. Ich will daher die Gnade Seiner Durch⸗ laucht des Friedensfurſten um die Erlaubniß anſpre⸗ chen, mir vom Koͤnige Urlaub zur Reiſe erbitten zu durfen. Die Markiſin wird das Opfer, das ich ihr dadurch bringe, zu ſchätzen wiſſen. Seit ſieben und dreißig Jahren iſt es bei mir nicht vorgekommen, daß ich mich auch nur aufeinen Tag freiwillig des Gluckes beraubt haͤtte, welches ein Unterthan in der Ehre fin⸗ den muß, die Sonne der koͤniglichen Majeſtaͤt von Angeſicht zu Angeſicht anſchauen zu duͤrfen. Aber da kommt ja ſchon Seine Hoheit ſelber, wir wollen ihm nur ſogleich entgegen gehen.“ Don Manuel erſchien. Eine große, wohlgebil⸗ dete, mit Gold reich bedeckte Figur, deſſen Geſichts⸗ zuge mehr beſtimmt als ausdrucksvoll, und deſſen Benehmen viel Stolz an ſich hatte, ohne deshalb eine gewiſſe Gemeinheit zu verleugnen.„Wie geht es dir?“ ſagte er zu dem Markis, in jener vertraulichen Sprache, welche der Adelſtolz um viele Jahrhunderte fruͤher, ehe die demokratiſche Gleichheit in Frankreich ihre Zuflucht zu derſelben nahm, unter uns zu einer Ehrenauszeichnung gemacht hat, an welcher die Gran⸗ den von jüngerer Ernennung und Familie vergebens Antheil zu erlangen trachten.„Ich bin zu den Fuͤßen Euer Hoheit!“ erwiederte der Kammerherr. Unge⸗ achtet ſeiner Ehrerbietigkeit vor der hochſten Staats⸗ 7 98 gewalt, war er dennoch unerſchuͤtterlich in der Auf⸗ rechthaltung der Vorrechte ſeiner Geburt; es iſt dies der einzige Widerſtand, den unſere Adelsariſtokratie dem Despotismus Godoy's und der unbeſchränkten Macht der Koͤnige entgegengeſtellt hat. Der Markis trug dem Lenker unſeres Staates ſeine Wuͤnſche vor. Der Guͤnſtling begnügte ſich da⸗ mit, ihm zu antworten:„Ich werde ſehen, was ich fuͤr Euer Excellenz thun kann.“ Dann gieng er weiter, indem er nach verſchiedenen Seiten hin Fra⸗ gen that, deren Beantwortung er nicht erſt abwartete, und zugleich ohne ſelber auf das zu antworten, wemit er auf ſeinem Gange etwa angeſprochen wurde. Ich ſah, wie der Comthur einen Theil der krie⸗ chenden Huldigungen der Menge einerntete. Er war ſo eben von ſeiner Reiſe nach dem Norden wieder zu⸗ ruckgekehrt, und in ſeinen Augen glaͤnzte eine gewiſſe Art von Triumph, die etwas zuruckſchreckendes an ſich hatte; alle ſeine Empfindungen hatten etwas bitteres; alle ſeine Entwuͤrfe etwas wildes; ein ſol⸗ cher Menſch konnte nur inſofern gluͤcklich ſein, als es der Böſewicht oder der Verbrecher iſt, der das allge⸗ meine Gluͤck benützt, um ſeine Leidenſchaften und ſeine Rache zu ſaͤttigen. Er näherte ſich dem Markis. Der Ton ſeiner Stimme und ſeine Aeußerungen vernichteten den Ver⸗ dacht, den ich fortwaͤhrend gegen ihn hegte; er konnte nicht der Meuchelmoͤrder Maria's ſein. Ich ſah nur zu ſehr, daß ſeine unſelige Liebe noch nicht alle Hoff⸗ nung aufgegeben hatte, und ich zitterte vor den hitzi⸗ 99 gen Aufwallungen, zu denen ſich ein ſolcher Menſch hinreißen laſſen konnte, ſobald er ſich in ſeinem Stolz oder in ſeinen Wuͤnſchen unheilbar verletzt fuͤhlte. In dieſem Augenblick faßte er mich beim Knopfloch, und zog mich in eine Fenſtervertiefung, wohin mir aller Augen voll Neugier und Neid nachfolgten.„Ihr wollt eine Anſtellung?“ fragte er mich.„Nun gut! ihr muͤßt aber eine ſolche zuvor zu verdienen ſuchen, und man wird dann nichts lieber wuͤnſchen, als euch im Sturmſchritt immer hoher zu befoͤrdern. Wenn wir nur erſt unumſchraͤnkte Herrn dem Titel nach ſein werden, ſo wie wir es der Sache nach laͤngſt ſchon ſind...“ Bei dieſen Worten erblaßte ich. Noch waren nicht alle Punkte des Vertrages von Fontaine⸗ bleau, der uͤbrigens noch nicht unterzeichnet war, auf der Puerta del Sol ruchtbar gewordenz mein Blick fragte daher den ſeinigen. Er fuhr weiter fort:„Ihr bringt euer Leben zu den Fuͤßen der Graͤfin von D** zu, und ich wunſche euch da alles mögliche Vergnuͤ⸗ gen von der Welt. Seid ihr treuer, als ich ihr ge⸗ weſen bin; doch gebt ihr einen Wink, daß ſie auf ihre Handlungen und auf ihre Aeußerungen ein wachſames Auge haben ſolle. Unſere Geduld wird endlich ein Ende erreichen, und ich werde zuietzt muͤde werden, ſie zu beſchutzen, ſo wie ich ihrer Liebe laͤngſt ſchon muͤde bin.“ Hier oͤffneten ſich die Thuͤrfluͤgel vor dem franzoſiſchen Geſandten, und der Comthur eilte ſofort hin, um ſich an ſein Staatsgefolge mit anzu⸗ ſchließen. Die Diplomaten und die Granden, wel⸗ che von meiner langen Unterredung mit dem Guͤnſt⸗ 6 * 100 ling des Herrn der Monarchie Zeugen geweſen waren, ſchienen auf mich eiferſuͤchtige Blicke zu werfen, als wollten ſie in die wichtigen Geheimniſſe eindringen, die mir, wie ſie meinten, jezt anvertraut worden waren. Ichward dadurch der Gegenſtand ungewoͤhn⸗ licher Achtungsbezeigungen. Die Hofleute gruppir⸗ ten ſich um mich her, und einige derſelben verfolgten mich mit den Zeichen ihres Wohlwollens bis an die Treppe; denn ich eilte, um dieſen Huldigungen zu entſchluͤpfen, die mich zugleich als Niedertraͤchtigkeiten und als Beleidigungen verletzten. Ach, wie oft wuͤr⸗ den die Großen der Erde uͤber ihre Kleinheit erroͤthen, wenn ſie bisweilen in der Seele des geringen und armen, aber rechtſchaffenen Mannes die tiefe Verach⸗ tung leſen könnten, die ſie ihm einfloͤßen! Ich wich der Nothwendigkeit aus, den Blicken Matea's zu begegnen. In den Frauen wohnt zu viel Wuͤrde, und ſie haben in unſern Augen zu viel Wich⸗ tigkeit, als daß wir ſie unter diejenigen Guͤter rechnen könnten, deren Beſitz irgend einen Wechſel, irgend eine Taͤuſchung zulaͤßt. Allein ich war bereits bis auf jenen Grad von Laulichkeit gekommen, wo eine ſolche Entdeckung zwar noch unſere Achtung, aber keines⸗ weges mehr unſere Ruhe ſtoͤrt; dann iſt es freilich mit ieder Zuneigung fuͤr immer vorbei. Ich weiß nicht, ob ich in jenem Augenblick mich mehr eines Beſitzes ſchaͤmte, den der Comthur mit mir getheilt, oder mehr uͤberraſcht und erſchrocken uͤber die Entdeckung war, daß eine Frau ſo ſehr ihre hohe Beſtimmung auf Erden verkennen konnte, um ihr Daſein einem Mäch⸗ 101 tigen, den ſie verachtete, zu uͤberlaſſen, und jene Himmelsgaben, auf denen ihre Kraft und ihr hauptſaͤchlichſter Schmuck beruht, den Berechnun⸗ gen des Ehrgeizes preiszugeben. Ich ſah von nun an nur noch bloßen Erdenthon in jenem Abgott, den ich ſonſt von einem himmliſchen Feuer beſeelt glaubte. Feſt entſchloſſen, die verpflichtenden Verhaͤltniſſe und die Langeweile der Hauptſtadt, ferner meine Zu⸗ ruͤckgezogenheit und vor allen Matea zu fliehen, wen⸗ dete ich meine Blicke nach San Lorenzo. Mehr als einmal hatte ich mich zu dieſer Reiſe angeſchickt, aber immer hatte die Graͤfin mich davon zuruͤckgehalten. Jezt indeß hoffte ich in dieſem koniglichen Kloſter Zer⸗ ſtreuung fuͤr meine Bekuͤmmerniß, eine religidſe Zu⸗ ruͤckgezogenheit, und, was mir mehr werth war als alles andere, das Herz eines Bruders zu finden. In Ermangelung einer Schweſter, welche mir ſo eben entriſſen worden war, trug ich nun meine ganze Hoffnung auf den zweiten Freund uber, den mir die Natur gegeben hatte. Ein laͤſtiger Beſuch hemmte noch meine Abreiſe. Die Perſon, die an meine Thuͤr klopfte, antwortete auf meine Frage mir durchs kleine Fenſterchen blos die gewoͤhnlichen Worte: Gente de Paz!*) dann fügte er hinzu, er heiße Herr von F***. Dieſer Name war mir vollig unbekannt; indeß öffnete ich *) Gut Freund. 102 dennoch, und— jener treue Anhaͤnger des Hauſes Oeſterreich trat herein. „Taͤuſche ich mich nicht, Herr Obriſt?“ rief Don Diego aus.„Iſt es moͤglich, daß ich in Euer Gnaden jenen jungen Licentiaten wiederfinde, mit welchem ich vor fuͤnf Jahren die Reiſe von Salamanca auf eine, meiner ach! ſo unwuͤrdige Weiſe machte? Wir leben in einer Zeit der Wunder. Ich bin ein armſeliger Advokat geblieben, ein aus der Heimath weggezogener Buͤrger von Tativa, und habe jezt die Ehre, mit einem Obriſten, dem Ritter eines militaͤ⸗ riſchen Ordens, und was noch mehr iſt, dem Freunde Seiner Hoheit zu ſprechen.“ Ich bat ihn dringend um die Erklaͤrung dieſes lezten Titels. Doch ehe er mir antwortete, warf er ſeinen kurzen Mantel ab, legte ihn ſorgfaͤltig zuſam⸗ men, zog aus der Taſche einige Cigarren, bot mir einen davon an, zuͤndete ſich den ſeinigen an, und warf ſich ſodann in einen weiten Armſtuhl. „Die Guͤte Euer Gnaden,“ fuhr er hierauf fort, „kann fuͤr mich das werden, was fuͤr die Weiſen aus dem Morgenlande der Stern war, der ſie zu der Krippe des Heilandes fuͤhrte. Ich erfuhr naͤmlich, als ich in den Palaſt Seiner Hoheit des koͤniglichen und hohen Raths von Kaſtilien eintrat,...“— „Mein Herr,“ unterbrach ich ihn,„wenn es die Hoheit iſt, fur deren Freund ihr mich haltet,... —„Erlaubet mir,“ fuhr der ativaner fort, ohne auf mich zu hoͤren,„daß ich Euer Gnaden in weni⸗ gen Worten die Angelegenheit aus einander ſetze, die 103 mich zu euch führt. Ich prozeſſire nun ſchon ſeit vollen hundert und zwei und vierzig Jahren. Denn ſeit der gluͤcklichen Zeit, wo ſeine Majeſtät Don Car⸗ los der Zweite dieſes Namens, der lezte unbeſtrittene Koͤnig aus oſterreichiſchem Stamme, dieſen Thron beſtieg, der ſeinen Vorfahren angeboͤrt hatte, haben meine Vorfahren und ich fortwährend uns den Beſitz eines Majorats wiederzuverſchaffen geſucht, welches die Krone unterdeß, bis die Entſcheidung des Prozeſ⸗ ſes erfolgt ſein wird, füͤr uns verwalten läßt. Meine Gegner ſind, wie ihr wiſſen werdet, die furchtbaren Markis von C**.“ Dieſer Name, den meine Vorfahren geführt und welcher zugleich der meines Schwagers war, gab mir endlich uͤber den Beſuch Don Diego's Aufſchluß. Die⸗ ſer fuhr dann weiter fort: „Die hohe Familie, welche meinen Prozeß ver⸗ anlaßte, iſt vor hundert Jahren bereits mit dem Glanze des Reichs zugleich erloſchen; doch der Prozeß lebt noch immer fort, und wird vielleicht noch viele Gene⸗ rationen, ja gewiß noch ganze Dynaſtieen zu Grabe tragen. Gegenwaͤrtig habe ich gegen drei ſpaniſche Granden anſtatt gegen einen einzigen zu kämpfen, und die Zeiten ſind nicht mehr, wo ein Buͤrger unſe⸗ res Staats mit vollem Recht fagen konnte, was ich geſtern, als ich im Vorbeigehen durch einen ſeltenen Zufall bei einem Buͤcherladen ſtehen blieb, in einer Vorrede las, die im Jahre des Heils 1595 an den heiligen und großen Philipp den Zweiten von dem Verfaſſer der Grandezas y cosas notables de 104 Espana*) gerichtet wurde. Hier iſt ſie; denn ich habe mir ſie ſogleich abgeſchrieben, als den ſchoͤnſten Beweis von der Gerechtigkeitsliebe einer geſetzmaͤßigen Regierung und von den Freiheiten, welche die Nation damals beſaß.„Seit langer Zeit— ſagt der „große Mann— iſt die Juſtiz fuͤr alle ohne Unter⸗ „ſchied da. Man kann nicht ſagen, daß unſere Ge⸗ „ſetze Spinneweben gleichen, welche blos die Muͤcken „auffangen, aber nicht die Elephanten; nichts iſt ſo „nothwendig als dieſe Gleichheit fuͤr die Erhaltung „der Republik, fuͤr ihr Wachsthum, fuͤr ihre Dauer, „— eine Gleichheit, ohne welche der Friede nicht „aufrecht erhalten werden und die Republik nicht be⸗ „ſtehen kann.“ Ungluͤcklicher Weiſe iſt es mit dieſem allen nun vorbei; es giebt heutzutage Elephanten, und Don Diego iſt unter den Nachkommen des einaͤugigen Philipps des Fuͤnften blos eine Fliege, die ſeit hun⸗ dert und zwei und vierzig Jahren in den Netzen der Juſtiz feſthaͤngt.“ Hier trat der Doctor Don Mathias herein. Er hatte den Comthur in die Wohnung Maria's hinein⸗ gehen ſehen, und der gute Kapellan brachte mir ſeine weitlaͤuftigen Muthmaßungen uͤber die ſchnelle Ruͤck⸗ kehr und uͤber den Morgenbeſuch Jalme's. Der Herr von Rativa unterbrach ihn mit den Worten:„Der Rath von Kaſtilien verewigt meine Quaal....“— „Der Rath von Kaſtilien,“ rief Don Mathias aus, *)„Abhandlung von den Hoheitsrechten und anderen Merk⸗ wuͤrdigkeiten Spaniens,“ von Perez de Meſſa. 105 „oder vielmehr der koͤnigliche Rath,— denn ſeit Philipp der Fuͤnfte den hohen Rath der Krone von Aragonien aufgehoben hat, waͤre es eine Antonomaſie oder wenigſtens eine Synecdoche, ſich anders auszu⸗ druͤcken,— der hohe Rath des Koͤnigs alſo, der die hoͤchſte Adminiſtrativgewalt mit der hoͤchſten Richter⸗ gewalt in ſich vereinigt, der immer zwiſchen der Hoff⸗ nung auf konigliche Gnadenbeweiſe und zwiſchen der Furcht vor einer Landesverweiſung mitten inne ſchwebt, und der unſeren Despotismus, welcher eigenen Schmutz genug hat, noch mit den Laſtern der Oligarchie anſteckt, ward anfaͤnglich als der Erbfolger der Cortes dargeſtellt, allein er iſt blos eine neue Plage des Landes geworden, wie es immer bei ſolchen verfaͤlſchten Gewaͤhrleiſtungen zu gehen pflegt. Die politiſchen Schutzwehren gleichen den Mauern, die, ſo lange ſie ſtehen, uns ſchuͤtzen, im Umſinken aber uns zerſchmettern. Indeß, Gott ſei Dank! dieſes hohe Staatskollegium ſteht bei den Vertrauten der koͤniglichen Gewalt wie bei den Opfern derſelben in gleicher Verachtung; indem es ſich ſeit zwanzig Jahren als einen Feind des menſchlichen Gei⸗ ſtes zeigt, und zwar eben ſo eiferſuͤchtig, eben ſo ge⸗ haͤſſig, als die heilige Inq... k⸗ Hier hielt Don Mathias ploͤtzlich wie vom Blitz getroffen inne. Er kannte Don Diego nicht, und in dem Augenblick, wo er gegen die Inquiſition in Laſte⸗ rungen auszubrechen im Begriff war, glaubte er einen raͤchenden Arm hinten auf ſeinem Nacken zu fuͤhlen. Ich benutzte ſein Erſchrecken, um den Rechtsgelehrten wieder zn Worte kommen zu laſſen. 106 „Der hohe Rath von Kaſtilien,“ fuhr Don Diego jezt weiter fort,“ fertigt ubrigens nicht ſchnel⸗ ler ab, als die uͤbrigen Gerichtshoͤfe des Koͤnigreichs. —„Euch iſt es gewiß nicht bekannt,“ rief von neuem der Doctor aus,„daß Philipp der Vierte durch eine Verfuͤgung vom 18. Februar 1622 befahl, daß in jedem Saale des Rathskollegiums ein verborgenes Fenſter angebracht wuͤrde, damit er zu jeder Stunde ſich perſoͤnlich von der Thaͤtigkeit in der Geſchaͤftsfuͤhrung und von der Richtigkeit der Anſich⸗ ten uͤberzeugen koͤnnte.“—„Ach, das waren noch jene guten alten Zeiten!“ erwiederte der Hidalgo mit einem tiefen Seufzer, und fuhr dann haſtig fort: „Als meine Sache das erſtemal im Saal der Fuͤnf⸗ hundert vorgenommen wurde, erſchienen die drei ho⸗ hen Herrn, gegen die ich prozeſſire, und nahmen un⸗ ter den Richtern Platz..—„Das Geſetz,“ unterbrach ihn hier nochmals der Doctor,„ſichert ihnen eben ſo gut dies Vorrecht zu, als den Erzbiſchoͤ⸗ fen, den Ordensrittern und denen vom kaſtilianiſchen Adelsrange, die ſaͤmmtlich demzufolge geborene Mit⸗ glieder des koͤniglichen Rathes ſind. Ich werde euch jezt aus einander ſetzen, in welchen Faͤllen dieſe äu⸗ ßeren Raͤthe zur Rechten oder zur Linken des Praͤ⸗ ſidenten Platz nehmen.“—„Ihr wuͤrdet mir einen großen Dienſt geleiſtet haben,“ erwiederte Don Diego ſcherzhaft,„wenn ihr dieſe eure Kenntniß dem hohen Rathe damals mitgetheilt haͤttet; denn jeder von mei⸗ nen Gegnern wollte den Ehrenplatz in Beſitz nehmen, und ſie erhoben um dieſen verwuͤnſchten Seſſel einen 107 Nebenprozeß, der ganze Generationen hindurch fort⸗ zudauern drohte, ſo gut wie der Hauptprozeß. End⸗ lich iſt man doch ſo weit gekommen, die Hauptſache vorzunehmen: allein in der Zwiſchenzeit ſind zwei von meinen Richtern geſtorben, ein anderer, Don Eugenio Izquierdo, unterhandelt in dieſem Augen⸗ blick einen Vertrag mit dem Kaiſer, drei ſind landes⸗ verwieſen worden. Die Stimme dieſer letzteren könnte ich mir nur durch die Vermittelung eines Thuͤrſtehers des Gerichtshofes verſchaffen, und deſſen Reiſe wuͤrde mich vollends ruiniren. Der ſiebente meiner Richter iſt vor die hochwurdige apoſtoliſche Junta vorgeladen worden, die uͤber die Beſchuͤtzung der Zehenten der Geiſtlichkeit wacht, der achte verwaltet den heilſamen Poſten eines Oberintendanten uͤber das Buchdrucker⸗ weſen, und was dieſen betrifft, wenn er nur wirklich ſo wie vormals in den guten Zeiten der Monarchie daruͤber wachte, daß wir von dem Gift dieſer teufli⸗ ſchen Kunſt verſchont blieben, die, wie man verſichert, zu eben der Zeit auf Erden erſchien, wie das Pul⸗ ver, die Ketzerei, und andere Erfindungen der Hoͤlle. —„Gerechter Gott!“ rief Don Mathias aus. Der Doctor wollte nun mit allen Kräften ſei⸗ ner Beredſamkeit und ſeiner Lunge die ſo laͤcherlich angefochtene Druckerpreſſe in Schutz nehmen, allein ich winkte ihm zu ſchweigen, und der ungluͤckliche Pro⸗ zeßfuͤhrer ſuchte endlich ſeinen ewigen Bericht mit den Worten zu Ende zu bringen:„Kurz, es ſind mir nur drei von meinen vormaligen Richtern uͤbrig geblie⸗ ben. Gleichwohl ſollen dieſe drei allein uͤber meine * 108 Angelegenheit entſcheiden, und von dieſen dreien iſt noch dazu der eine kraͤnklich, der andere blind und taub, und der dritte an meine Gegenparthei verkauft. Die beiden erſten koͤnnen nicht perſoͤnlich nach dem Sitzungsgebaͤude des hohen Raths hinkommen, und werden alſo ihre Stimme ſchriftlich uͤber eine ſo unge⸗ heure Prozeßſache abgeben, die ſie ſeit fuͤnf Jahren nicht mehr angeſehen haben. Ich habe einen Verſuch gemacht, bis vor ſie perſoͤnlich zu gelangen, allein der Eintritt in ihr Haus wird von einem Lakaien be⸗ wacht, welcher gegen jeden unerbittlich iſt, der ihm nicht Geld dafuͤr zahlt, und ich habe ſehen muͤſſen, wie einer meiner Gegner, der Markis von C***, wohl zwanzigmal durch die Hausthuͤr aus und ein⸗ gieng, die fuͤr mich verſchloſſen war.“—„Seine Epcellenz der Herr Markis von C***!“ ſagte ſogleich der Kapellan;„der Schwager des Herrn Oberſten Alonſo hier!“ Bei dieſen Worten heftete der Hidalgo von Tativa ganz ſtarr ſeine Augen auf mich, ließ ſeinen Cigarro fallen, und ſtand mit einer Miene voll Verzweiflung auf. Ich fragte ihn, ob er nicht der Meinung gewe⸗ ſen ſei, ſich an den Abkoͤmmling der alten Markiſen von C**s, an den Schwager ihrer Stellvertreter, wenden zu muͤſſen; allein dadurch entdeckte ich ihm nur immer mehr Geheimniſſe, die ihn beſtuͤrzt machten. Endlich gab er meinen dringenden Bitten nach und ſagte:„Ich war gekommen, euch um eine Gefällig⸗ keit zu bitten, die ich nun nicht mehr von euch erwar⸗ ten kann; denn die Mutter Gottes laͤßt es nun ein⸗ 109 mal zu, daß alle Welt gegen mich Parthei nimmt. Meine Sache, die ſo klar und gerecht wie das heilige Evangelium iſt, wuͤrde ſogleich gewonnen ſein, wenn mir die Juſtizperſon Gehoͤr geben wollte, zu welchem ich, obwohl ſein geborener Kollege, gar nicht gelangen kann. Gewiß, ein einziges Wort aus dem allmaͤch⸗ tigen Munde des durchlauchtigen Friedensfuͤrſten wuͤrde meinen Weg bis zu ihm hin beſſer bahnen, als jene Feuerſaͤule, die vor dem Volke Gottes her zog, und ſo eben hat man mich verſichert, daß Euer Gna⸗ den das vortrefflichſte Herz habe, ſich mit den gering⸗ gen Dankbarkeitsbezeigungen begnuͤge, und unbe⸗ grenzten Einfluß bei demjenigen beſitze, der uͤber alles unumſchraͤnkt gebietet.“—„Ungluͤcklicher“ rief ich aus, indem ich dem erſchrockenen Hidalgo meinen tieſen Unwillen blicken ließ.—„Das Geruͤcht von der unbeſchraͤnkten Gunſt, in der ihr ſtehet,“ ſagte hierauf Don Mathias zu mir,„beſchaͤftigt jezt alle Zungen jener tauſendſtimmigen Goͤttin, die ſich dieſen Winter uͤber eure Siege faſt heiſer gere⸗ det hat. Ich ſelber, da ich ſehe, daß auf die Vor⸗ ſchlaͤge der Camara nicht mehr geachtet wird, und daß ich ſchon zehnmal vergebens an die Spitze der drei von ihr vorgeſchlagenen Kandidaten fuͤr eine der reich⸗ ſten Praͤbenden des Koͤnigreichs geſtellt worden bin, komme jezt, um mir ebenfalls von eurer unendlichen Guͤte eine Empfehlung bei Seiner Hoheit zu erbitten.“ —„Ihr ſeid ein Narr, lieber Doctor! wo habt ihr dieſe naͤrriſchen Dinge her?“—„Aber die Stimme des Publikums.....“—„Die Stimme des Pu⸗ 110 blikums? Nun, die hättet ihr zurechtweiſen, aber nicht ihr blindlings folgen ſollen.“—„ Ihr waͤret alſo wirklich nicht der Guͤnſtling des Guͤnſtlings?“ rief jezt Don Diego ganz vergnuͤgt.„Nun wohl! Herr Obriſt, da habt ihr meine Hand, ihr ſeid ein braver Mann! Ich konnte es immer nur ſehr ſchwer glauben, daß ein Mann von Character dieſem ſchaͤnd⸗ lichen Renegaten anhangen könne. Mag aus meinem Prozeß werden, was Gott will, allein vergeſſet nicht, daß Don Manuel der wirkliche Antichriſt iſt. Daniel bezeichnet ihn ausdruͤcklich als den Greuel der Ver⸗ wuͤſtung, der an der heiligen Staͤte ſitzt; Sanct Paulus erklaͤrt ſich noch deutlicher daruͤber, wenn er ihn den Mann der Suͤnde, den Sohn des Verderbens, den Feind Gottes nennt, der ſich für Gott ausgiebt und ſich als ſolchen anbeten laͤßt, und iſt er nicht eben jenes alles verſchlingende Thier, wovon die Offenba⸗ rung Johannis redet? So wird denn jeder, der das goldene Kalb anbetet, in dieſer und in jener Welt — wofern es Gott, der Mutter Gottes, ſeinem Vater S. Joſeph und allen ſeinen Heiligen gefällt— beſtraft werden.“ Don Mathias trat mit Lebhaftigkeit der Anſicht des Hidalgo bei, undunterſtuͤtzte ſie durch eine gelehrte Auseinanderſetzung, waͤhrend welcher ich wieder in mein truͤbes Nachſinnen verſank. Ich ſah, wie die Verleumdung mich zu einem Schmeichler Don Ma⸗ nuels herabwurdigte, indeß ich weiß nicht, ob dieſe ſo niedrige Beſchuldigung in mir mehr Unwillen oder mehr Gewiſſensbiſſe erregte. Warum hatte ich mich 1¹¹ vor dem Urheber des allgemeinen Elends und der Er⸗ niedrigung der Nation verneigt? Irgend einem Ge⸗ walthaber, den man haßt oder verachtet, irgend eine aͤußere Huldigung zu erweiſen, iſt eine von jenen Schwachheiten, die durch das Beiſpiel des großen Haufens niemals entſchuldiget werden kann. Man muß dergleichen denjenigen uͤberlaſſen, die daruͤber nicht erroͤthen. Zweites Kapitel. Endlich konnte ich abreiſen. Ich traf erſt kurz vor Abends in San Lorenzo ein. Alles war, wie gewohnlich, in dieſer Reſidenz eines Monarchen und ſeiner Familie traurig und duͤſter. Einige Moͤnche, einige Kammerherrn im vollſten Staate, ferner einige Ziegen und unreinliche Schweine irrten einſam auf dem weiten Vorhofe umher. Als ich eben im Begriff war, ins Kloſter hinein zu gehen, begegnete ich zu meinem Erſtaunen dem treuen Ramon, der von der Markiſin gleich nach dem Beſuche des Comthurs in groͤßter Eile an Fray Pablo abgefertigt worden war, und jezt, noch ganz mit Staub und Schweiß bedeckt, wieder zuruͤckeilte, um eben ſo ſchleunig einen dringenden Brief von meinem Bruder an Matea zu uͤberbringen. Ich wußte nicht, daß mein Bruder mit der Gräſin in Verhältniſſen ſtand; in ſeinem ſpärlichen Briefwechſel 112 hatte er ſie nicht mehr erwaͤhnt ſeit jenem Tage, wo bei ſeinem Eintritt ins Kloſter das Bild der ſchoͤnen Wittwe einen ſo tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Während ich uͤber dies Geheimniß, uͤber dieſen eiligen Briefwechſel nachdachte, ſprengte der Page im ſchnell⸗ ſten Galopp von dannen, undichtrat uͤber die Schwelle des heiligen Gebaͤudes. Mein Erſtaunen ſtieg, als ich hörte, daß der ſonſt ſo unbedeutende Fray Pablo zum Friedens furſten abgerufen worden ſei. Der Abend verſtrich, ohne daß ich ihn ſehen und ſprechen konnte. Den folgenden Morgen ganz fruͤh kehrte ich ins Klo⸗ ſter zuruͤck, indeß ich war nicht glucklicher. Ich wollte den Fluͤgel des unermeßlichen Gebaͤu⸗ des durchſtreifen, worin unſere Koͤnige— dicht uber der Gruft ihrer Väter— reſidiren, doch ein Gardiſt wies mich zuruͤck; auf ſeinem Geſicht ſprach ſich Be⸗ truͤbniß und Unwille aus. Endlich benachrichtigte mich ein Ordensgeiſtlicher, daß mein Bruder im Ker⸗ ker ſchmachte; man wollte in der Kloſtergemeinde wiſſen, die Trabanten des Friedensfurſten hätten ein Billett aufgefangen, welches Pablo den Tag zuvor an Don Ferdinand geſchrieben, um ihm eine große Gefahr, in der er ſchwebe, zu entdecken. Mehrkonnte ich nicht erfahren; und ich reiſte nun voll Beſtuͤrzung wieder ab, doch ohne zu ahnen, welche neue anſtoßige Auftritte ich in dieſer ſchweigenden Moͤnchseinode hin⸗ ter mir ließ. Sch war noch zwei Stunden von Madrid entfernt, als aus einer kiefen und weiten Schlucht, die ſich an der Straße hinzog, auf einmal eine ſehr ſtarke 113 Quadrilla*) hervorſtuͤrzte. Eine Frau, die ſich mit unter dem Schwarme befand, floͤßte mir anfangs einige Beruhigung ein, bis ich ihre Tracht zu unter⸗ ſcheiden vermochte und in ihr eine Gitana erkannte. Einige Reiter von verdaͤchtigem Ausſehen trennten ſich von der uͤbrigen Schaar und ſprengten auf mich los; ich erkannte unter ihnen auch Fortunato.„Mein lieber Schulkamerad,“ ſagte er voll Unverſchaͤmtheit zu mir,„man verlangt von euch blos zwei Dinge, die einem Philoſophen, wie ihr ſeid, voͤllig gleichguͤl⸗ tig ſind,— die Boͤrſe und das Leben.“ Ich ant⸗ wortete dadurch, daß ich den Degen zog. Er floh erſchrocken von dannen; doch ſeine Gefährten umring⸗ ten mich, und der beſtgekleidetſte und größte unter ihnen, der die uͤbrigen zu befehligen ſchien, ſtreckt eine Hand aus ſeinem Mantel hervor, ſtellt ſich in ſeinen arabiſchen Steigebuͤgeln auf, faßt eine zweiſchneidige Axt, und befiehlt mir mit einer Donnerſtimme, daß ich mich zum Tode vorbereiten ſolle. Er war noch jung; eine Reſille umhuͤllte ſein dichtes und ſchwarzes Haar, er trug eine aragoniſche Weſte, ſein Leder⸗ gurtel ſtarrte von Piſtolen und Dolchen, ein gelber Federbuſch uͤberſchattete ſeinen breiten Hut; ſein Wuchs, ſeine ganze Haltung und der Zuſchnitt ſeines ganzen Geſichts gab ihm vollends ein wildes und ehr⸗ furchtgebietendes Anſehen. Mir fiel der Ehemann jener Gitana von Salamanca, der Moͤrder des Gra⸗ fen von D***, ein; er war es ſelber. Sein dro⸗ *) Trupp von bewaffneten Reitern. II. hendes Geſicht trug noch eine Narbe von jenem Hiebe, den ich ihm damals verſetzte, als ich die kleine Aldouza gegen ſeine Wuth ſchuͤtzte. Feſt entſchloſſen, diesmal mein Leben theuer zu verkaufen, ſtuͤrzte ich auf ihn los; ſeine Lieblingswaffe, die man fuͤr eine jener Streitaͤxte der alten Zeit haͤtte halten koͤnnen, ſchmet⸗ terte mein Pferd zu Boden.—„Du haſt,“ ſagte Bartolomeo zu mir,„Herz wie ein Aragonier. Wel⸗ ches iſt deine Heimat?“— Ich nannte ihm das Land meiner Vaͤter.—„Ein Alt-Kaſtilianer? „ Nun wohl, ich geſtatte dir eine Viertelſtunde, um dich mit Gott zu verſoͤhnen. Er verzeihe dir es, daß die Freiheiten Aragoniens zerſtoͤrt ſind, daß eure Koͤnige die Guͤter der roͤmiſchkatholiſchen Kirche ver⸗ kaufen, daß eure Adeligen die Soͤhne eines und deſ⸗ ſelben Vaters hoͤhnend verachten, die zwar ärmer, aber chriſtlicher und minder ſchlecht als ſie ſind.“— Fortunato verlangte, daß ich auf der Stelle alles Gold, was ich bei mir haͤtte, hergeben ſolle.— „Wuͤrdiger Sohn Kaſtiliens,“ ſagte der Aragonier zu ihm,„vorher, wo er ſch noch vertheidigen konnte, wagteſt du nicht, ihn auszupluͤndern; treibe jezt dein Rabenhandwerk bis zu Ende, aber warte, bis er nicht mehr am Leben ſein wird.“— Die Raͤuber ſcherzten uͤber ihren ganz außer Faſſung gekommenen Kameraden. Doch der Hauptmann wandte ſich wie⸗ der an mich und fuhr fort:„Wenn du da unten einen jener Koͤnige antreffen ſollteſt, die in neueren Zeiten aus dem Norden zu uns gekommen ſind und unſere Privilegien vernichtet, und den Groß⸗Richter 115⁵ von Aragonien*) umgebracht haben, ſo befehle ich dir, ihm in meinem Namen zu ſagen: der Juſticia Mayor iſt ſeit fuͤnf Jahren wieder auferſtanden, hat ſeinen Sitz im Innern Galiciens aufgeſchlagen, und uͤbt unerbittlich ſeine Rache gegen jeden aus, der irgend mit dieſer Hexenverſammlung in goldbetreßten Roͤcken, welche die Camarilla genannt wird, einen Vertrag eingeht.“ In dieſem Augenblick kam die Frau des furcht⸗ baren Raͤuberhauptmanns herbeigeeilt, um ſich an dem Schauſpiel zu ergoͤtzen, das jezt vor ſich gehen ſollte. Sie hatte ihre Kinder ganz in der Naͤhe in ein oͤde daſtehendes Haus eingeſetzt.—„Weib,“ rief der Aragonier, warum ſetzeſt du die kleine Paquita und ihren Bruder in ein Gefaͤngniß von Lehm und Stroh? Habe ich dir nicht immer geſagt, daß Bar⸗ tolomeo's Kinder ſtets freie Luft einathmen ſollten? Ich will nicht, daß ſie je unter eine Stubendecke ein⸗ gepreßt werden, die ſie irgend hindert, ſo groß zu werden, daß ſie mit dem Kopfe oben ans Firmament anſtoßen.“ Hier erinnerte er ſich auf einmal, daß die Viertel⸗ telſtunde bereits abgelaufen ſei, und zog ſeine dichten Augenbraunen enger zuſammen. Fortunato verſtand *) Bartolomeo verwechſelt hier die Zeiten. Ein Fürſt vom Hauſe Oeſterreich, Philipp der Zweite, war es, der dieſe That begieng. Philipp der Fuͤnfte hat freilich die Freiheiten dieſes Koͤnigreichs vollends vernichtet, allein es war wenig mehr zu thun uͤbrig. 8 11¹6 dieſeu Wink. Er wollte das Vergnuͤgen, ihn zu vollziehen, ſeinen Mitraͤubern nicht goͤnnen, als plotz⸗ lich die Gitana, die noch immer ſo ſchoͤn war wie da⸗ mals, wo Matea's Gemahl fur ſie in ſtrafbarer Liebe entbrannte, ſich zwiſchen mich und die Moͤrder warf. „Der Oberſt Don Alonſo,“ rief ſie,„iſt gewiß nicht ein Feind Spaniens und unſeres Glaubens. Er war es, der uns Buenos Ayres, eines unſerer uͤberſeeiſchen Reiche wiedererobert hat.“ Bei dieſen Worten bildeten alle Reiter einen Kreis um mich, in⸗ dem ſie voll Verwunderung einander zuriefen:„Der da hat uns unſere uͤberſeeiſchen Koͤnigreiche wieder⸗ erobert!“ Ihre Mienen druͤckten eine ſo hohe Be⸗ wunderung und Ehrfurcht aus, als ob ſie einen Schat⸗ ten jener Conquiſtadores*) vor ſich ſaͤhen, de⸗ ren Heldenandenken bei uns noch heilig fortlebt. Blos der Hauptmann der Quadrilla blieb unerſchuͤttert. „Herr,“ ſagte die Andaluſierin zu ihm,„dein Dolch wußte immer deine Rache bis zu ihrem Ende zu fuͤhren, meine Rache dagegen fängt jezt gerade erſt an. Laß den Oberſten am Leben. Diejenige, welche mich dei⸗ ner Liebe zu entreißen ſuchte, wuͤrde ſich uber ſeinen Tod leichter troͤſten, als uͤber ſeine Gleichguͤltigkeit gegen ſie; ſie muß durchaus jene Qual empfinden, welche ſie mir in ihrem Uebermuth zugedacht hatte, nämlich die großte, die es auf der Welt geben kann, die Qual, einſam und allein zu lieben.“ Bei dieſen Worten lächelte Bartolomeo und gab nach; indeß die *) So heißen vorzugsweiſe die erſten Eroberer Amerika's. 117 uͤbrige Schaar, vom Sohne Elvirens aufgereizt, ver⸗ langte durchaus ein Löſegeld von mir.„Nun gut,“ rief er ihnen zu,„ihr Juden⸗ oder Kaufmannsſoͤhne, die ihr ſeid, ſo ſagt, was ihr haben wollt, da ihr nun einmal Gold lieber habt, als Blut!“ Der Gegenſtand wurde ernſtlich in ueberlegung genommen; Fortunato fuͤhrte mehreremal die Katego⸗ rieen des Ariſtoteles zum Belag an. Waͤhrend dieſer Berathſchlagung ſprach die Gitana ſingend zu mir: „Schon laͤngſt einmal wollte ich nach Madrid gehen; ich haͤtte euch dann uͤber die Gegenwart und uͤber die Zukunft alles entdeckt, was mir euch zu enthuͤllen er⸗ laubt iſt. Mein Eheherr verbietet mir zwar die Aus⸗ uͤbung meiner Kunſt, ich haͤnge indeß daran, wie an dem Andenken an meine Vaterz allein ich haͤnge auch an ſeinem Willen, wie an dem Leben meiner Kinder. Es giebt ein Geheimniß, das ich euch ſo gern ſagen moͤchte; eure ganze Zukunft und meine ganze Rache haͤngt davon ab, doch eine ſtärkere Macht, als die meinige iſt, verwehrt mir es auszuſprechen. Dies große Geheimniß vermoͤgen blos drei Perſonen euch zu entdecken: Donna Ines, die euch ſo tief haßt, als ein navarreſiſches Maͤdchen es nur irgend vermag, Ramon, ihr Geliebter, deſſen Verſchwiegenheit die Gold⸗ und Eiſenprobe aushaͤlt, und endlich euer Va⸗ ter Begnuͤget euch, dies eine von mir zu er⸗ fahren. In den Sternen iſt es geſchrieben, daß ihr die Gräfin D*** nicht genug verabſcheuen, ſo wie die edle Markifin von C*** nicht genug lieben könnet. Wiſſet ihr wohl, wer dem Comthur den Rath gab, 118 euch nach Amerika zu verbannen? Es war Donna Matea. Wiſſet ihr wohl.“—„Weib,“ rief jezt Bartolomeo,„treibſt du noch immer deine Zaubereien, nach dem Beiſpiel der ſieben Schuͤler des Markis von Villena, der es wahrhaft verdiente, in dieſer wie in jener Welt zu brennen? Ich ſage dir es zum leztenmal, du mußt zwiſchen den Engeln der Finſterniß und dem Vater deiner Tochter waͤhlen!“ Die Gitana machte jezt um Bartolomeo herum einige Figuren des Fandango, und lief dann zu ihren Kindern. Der Banditenſenat hatte jezt ſo eben ſeine De⸗ batten geendigt; ſie hatten beſchloſſen, fuͤnfhundert Piaſter von mir zu fordern. Den Auftrag, mich nach Madrid zu begleiten, um den Preis fuͤr meine Frei⸗ laſſung in Empfang zu nehmen, uͤbernahm Fortu⸗ nato, und ſo reiſte ich denn in der Begleitung deſſen von dannen, der Maria zu ermorden verſucht hatte. Wer eine ſolche Phyſionomie, wie die ſeinige, nie ge⸗ ſehen hat, kann ſich von der Dreiſtigkeit und Ironie der Sprache, die er waͤhrend unſerer gemeinſchaft⸗ lichen Reiſe fuͤhrte, keine Vorſtellung machen. Er, der kurz zuvor die Art uͤber meinem Haupte geſchwun⸗ gen hatte, nahm nun die Erinnerung an unſere vor⸗ malige Freundſchaft in Anſpruch; und als ich von ihm herauszubringen ſuchte, auf weſſen Anſchlag jener moͤrderiſche Streich gegen meine Schweſter gefuͤhrt worden ſei, ſo ſprach er zu mir von ſeiner Unſchuld, und zwar in einem Tone, der jeden andern außer mir ohnfehlbar uͤberzeugt haben wuͤrde. Ramon ſei es 119 geweſen, ſagte er zu mir, der dieſe Unthat ſich vor⸗ genommen, und ſie gewiß volffuͤhrt haben wuͤrde, wenn er ſelber nicht zufaͤllig dazu gekommen ware und den Arm des Meuchelmoͤrders entwaffnet hätte. Ein ſolcher Grad von Keckheit floßte mir einen Schau⸗ der ein. Als ich faſt ſchon dicht an den Thoren der Stadt war, fielen uns andere Raͤuber an. Er wechſelte mit ihnen das Loſungswort, und ſo kamen wir gluͤcklich zum Thore hinein. Wenn auch mein Ehrgefuͤhl mich nicht abgehalten haͤtte, die Verpflichtungen zu bre⸗ chen, denen ich mein Leben verdankte, ſo haͤtte ich dennoch den Elenden, der an meiner Seite ſtolz durch die Straßen der Hauptſtadt dahinritt, nicht wohl verrathen konnen, ohne meine Eltern, Maria, kurz alle meine Theuern dem Dolche der Moͤrder preiszu⸗ geben. Das alles hat die unumſchraͤnkte Gewalt und die Inquiſition binnen dreihundert Jahren aus Spa⸗ nien gemacht: es giebt keine Freiheit mehr, außer fuͤr das Straßenraͤuberhandwerk, keine Sicherheit mehr, außer für das Verbrechen, keine Polizei, außer gegen die menſchliche Vernunft. Sobald ich allein war, erwog ich in meinem In⸗ nern ſorgfaͤltig alle Aeußerungen der Gitana. Das, was ſie mir uͤber meine Verbannung nach Amerika ge⸗ ſagt hatte, ſtimmte nur zu ſehr mit den vertraulichen Nittheilungen uͤberein, die Jaime mir gemacht hatte⸗ In demſelben Augenblick kam es mir vor, als horte ich ein fuͤrchterliches Lachen, ganz ſo wie das, welches vor fuͤnf Jahren an dem Tage, wo ich Matea zum 120 leztenmal mit dem Comthur allein gelaſſen hatte, mich bis uͤber die Treppe ihres Hauſes hinunter ver⸗ folgt hatte. Dieſes Lachen erreichte nach einem ſo langen Zwiſchenraume zum erſtenmal wieder mein Ohr und beklemmte mein Herz wie damals, doch diesmal erfuͤllte es mich mit Schaam, mit Verzweiflung, mit Entſetzen. Die Vergangenheit ſtellte ſich mir wie eine traurige Luge dar; alle Thatſachen, alle Aeußerungen der lezten Jahre traten vor mein Gedaͤchtniß, um die Bedeutung aufzugeben, welche meine Unerfahrenheit und meine Liebe ihnen geliehen hatte. Matea ver⸗ diente von nun an weder die ſchonenden Ruͤckſichten meines Mitleids, noch auch die meiner Dankbarkeit; ich eilte zu ihr, in der gewiſſen Ueberzeugung, daß ich nun Kraft genug haben wuͤrde, um ihren Thraͤnen wie ihrem Zauberreiz zu trotzen, und mich von einer nur zu langen Abhaͤngigkeit loszuſagen. Ich fand ſie in einer ungewoͤhnlichen Gemuͤths⸗ bewegung. Eine hohe Perſon, die ich an ihren poli⸗ tiſchen Zuſammenkuͤnften theilnehmen geſehen hatte, veranſtaltete ein großes Feſt, ohne ſie dazu eingeladen zu haben. Sie mußte nun ſehen, wie ihrem Stolze der Preis entſchluͤpfte, den ſie durch ihre Komplotte und Bemuͤhungen zu erringen getrachtet hatte.„Die Ungeheuer!“ rief ſie aus.„Sie koͤnnen es uns nicht verzeihen, daß wir von Zeit zu Zeit kommen, um ihrem verunſtalteten und verkruͤppelten Stamme wieder eine edlere Geſtalt und ihrem verarmten Ge⸗ ſchlecht neuen Glanz zu geben! Ihr Stolz laßt ſich nicht beugen Sie werden indeß dereinſt wohl 121 lernen muͤſſen, ſich unter der Laſt des allgemeinen Volkshaſſes zu beugen. Nicht blos den Friedensfuͤr⸗ ſten und den alten Hof, ſondern auch den kuͤnftigen Hof, unſere Granden, dies ganze Gemiſch von An⸗ maßung und Niederträchtigkeit wird man mit einem Schlage vernichten muͤſſen. Fray Cayetano hat wohl Recht, wenn er ſagt: In der Religion reicht das bloße Waſſer zur Taufe hin, doch in der Politik iſt Blut erforderlich.“— Haͤtte ich in das Zimmer Matea's auch noch irgend eine Illuſion oder ſchwan⸗ kende Ungewisheit mitgebracht, ſo wuͤrde dieſe ihre Sprache hinreichend geweſen ſein, um meinen Ent⸗ ſchluß zu befeſtigen. Ich ſieng jezt an zu ſprechen, ich ſagte ihr alles, was ich auf dem Herzen hatte, und indem ich alle jene Beweiſe einer unheilbringenden Liebe von nun an verſchmaͤhte, gab ich ihr ſchaudernd jenen Ring wieder zuruͤck, der mir ſo lange Zeit hin⸗ durch ſo theuer geweſen, der mich während meiner ſchlafloſen Nachtwachen unter dem Himmel Mexico's ſo oft getroͤſtet hatte. Sie heftete einen ſtarren Blick auf mich.„Wie?“ rief ſie aus;„Alonſo, was wollt ihr damit ſagen?“ Ich that mir Gewalt an, um vollends bis zu Ende ſprechen zu können. Sie war unterdeß auf die Kniee geſunken, blos einzelne, abgebrochene Worte, nebſt Ausrufungen des Schmer⸗ zes und der Rache drangen aus ihrem Munde; ihre Hand reichte mir den Ring hin, den ich zuruͤckgegeben, und flehte, ihn noch einmal wieder anzunehmen. Die junge Aldouza und Donna Ines eilten herbei. In dieſem Augenblick ſahen wir zugleich zu unſerem 122 Schrecken und Erſtaunen einen Alguacil*), der ſich im Namen des Koͤnigs anmeldete, in ſeinem rothen und ſchwarzen Amtsrocke hereintreten. Seinen Man⸗ tel und Federhut hatte er draußen an der Treppe ge⸗ laſſen; ein Gerichtsſchreiber begleitete ihn. Dieſe furchtbaren Boten erklaͤren der Gräfin, daß ſie in Folge der Verfuͤgung des hohen Raths von Ka⸗ ſtilien ihr Haus den Nachforſchungen der Juſtiz uͤber⸗ laſſen und augenblicklich den Dienern der vollziehenden Gewalt folgen ſolle. Wir waren alle voll Beſtuͤrzung. Die Ungluͤckliche wendete ihre Augen zu mir empor, druckte mir die Hand, und ſagte:„Der Tod, den mir Godoy vorbehalten hat, wird mir— hoff' ich — minder ſchrecklich erſcheinen, ſeitdem ich eure Liebe verloren habe; aber wie hattet ihr den Muth, mir den Beſchluß eures Herzens ſo zu verkuͤndigen?“ — Der Alguacil war voll Ungeduld, um ſich ſeiner Beute zu bemaͤchtigen.„Moͤchten Euer Excellenz ſich nur ganz kurz faſſen,“ ſagte er zu ihrz„denn wir haben Befehl, uns durch nichts beſtechen zu laſſen, und um alles Gold unſerer uͤberſeeiſchen Koͤnigreiche wuͤrden wir euch auch nicht eine Viertelſtunde Friſt geſtatten köͤnnen.“ Auch blieben ſie wirklich gegen alle Bitten und Geſchenke unerbittlich. Dieſe unge⸗ woͤhnliche Strenge ſchien der Graͤfin eine eben ſo ſchlimme Vorbedeutung zu ſein, als ihre Verhaftung. Indem ſie unter vielen Thraͤnen ihr prunkvolles Zim⸗ mer verließ, erblickte ſie die kleine Aldouza, welche *) Gerichtsdiener. 123 ſtillſchweigend da ſtand und weinte.„Wenigſtens,“ ſagte ſie, zu dem Schreiber der königlichen Behoͤrde ſich wendend,„werde ich doch wohl meine kleine Toch⸗ ter in das Kloſter mitnehmen duͤrfen, wohin ihr mich zu fuhren gedenkt?“— Voll Verlegenheit antwor⸗ tete dieſer, der Aufenthaltsort, der ihrer Excellenz angewieſen ſei, ſei kein Kloſter.—„Wie?“ rief ſie erblaſſend, eine Dame von meinem Range? iſt es möglich, daß ich anderswohin in Verhaft gebracht werden koͤnnte, als in ein Kloſter? Redet! ſchleppt ihr mich etwa von hier gerades Weges nach dem Blut⸗ geruͤſt?“—„Wir haben Befehl,“ ſagte der Algua⸗ cil mit den Achſeln zuckend,„Euer Excellenz nach dem Staatsgefaͤngniß abzufuͤhren.“ Matea ſank bei die⸗ ſen Worten auf den Fußboden hin; zum Gluͤck ver⸗ minderte der Eſtero*) noch die Heftigkeit des Falles etwas. Sie kam endlich wieder zu ſich, und indem ſie ihre unſtaͤten Blicke uͤber uns dahin gleiten ließ, rief ſie aus:„Aber was ſoll denn aus meinem armen Kinde werden, die nun ſo ganz allein unter meinen Lakaien und Kammerfrauen elternlos und ohne Schutz zuruͤckbleibt?“ Die betruͤbte Aldouza verlangte laut ſchreiend, daß man ihr doch ihre Mutter laſſen moͤchte; ſie kam auf mich zu, kuͤßte mir die Hand, und ſagte;„Herr Oberſt, ihr habt uns ſchon einmal gerettet, rettet *) Ein Teppich von Stroh oder Binſen, den man bei An⸗ fang des Herbſtes uͤber den Fußboden des Zimmers hin⸗ zubreiten pflegt. 124 uns jezt noch einmal.“ Donna Ines uͤberließ ſich ganz allen Aufwallungen eines beleidigten Stolzes. „Man muß wiſſen,“ wiederholte ſie unaufhoͤrlich, „daß man mir ohne Gefahr alles anvertrauen kann. Aber nein! es wuͤrde der Ehre der jungen Graͤfin zu⸗ wider ſein, wenn ſie unter meiner Aufſicht ſtehen ſollte! Und doch fließt, Gott ſei Dank, kein buͤrger⸗ liches Blut in meinen Adern. Allein, wenn Kauf⸗ mannstoͤchter ſpaniſche Granden heirathen, ſo iſt es ganz natuͤrlich, daß eine Perſon, wie ich bin, ſich verkannt ſehen muß. Der Adel, die Religion wer⸗ den heutzutage mit Fuͤßen getreten; doch nur Geduld! die große Glocke von Velilla, die nur dann erklingt, wenn uns große Ungluͤcksfalle drohen, wird ſich bald hoͤren laſſen, und es wird dann nicht mehr Zeit ſein.“* Endlich ſtieg Matea zitternd in ihren Wagen. Ich begleitete ſie; der Alguacil ritt als Bedeckung neben dem Kutſchenſchlage her. Die Stimmung mei⸗ ner Seele war ſo weit gediehen, daß ſogar die muth⸗ loſe Verzweiflung dieſer Frau, die ſonſt gewoͤhnlich immer ſo gebieteriſch und ſtolz geweſen, in meinem Herzen nicht die vormaligen Gefuͤhle der Zaͤrtlichkeit wioder zu erwecken vermochte.—„So ſoll ich denn alſo,“ fieng die Graͤfin nach einer Weile wieder an, „fur ubermuͤthige Menſchen in den Tod gehen, die mich von ihren glaͤnzenden Feſten zuruͤckweiſen! Indeß,“ fugte ſie hinzu,„was giebt es denn auch auf dieſer Welt anders als Undankbare? Du ſelbſt, Alonſo, der du jezt ein Hoͤfling Godoy's geworden biſt, haſt 125 mich vielleicht verrathen, und ſchmaͤhſt mich, um dei⸗ nen Schritt zu rechtfertigen.“ Der Palaſt, der zur Aufnahme der Staatsge⸗ fangenen beſtimmt iſt, oͤffnete ſich endlich vor der Graͤfin. Der Alcayde*) empfieng ſie mit vieler Ehrerbietung, und ließ die Bewußtloſe nach den Ge⸗ maͤchern der Frauen bringen. Ich mußte ſie nun der Pflege und Wartung der Toͤchter des Kaſtellans uͤber⸗ laſſen; keiner ihrer Camarera's ward erlaubt, ihrer ſterbenden Gebieterin in den Kerker folgen zu duͤrfen. Matea kam endlich wieder zum Leben, ſie ver⸗ mochte ſogar ihr Gemuͤth ſo weit zu ſammeln, um einen Brief an mich zu ſchreiben, den ſie dem Almo⸗ ſenier zur Beſorgung an mich uͤbergab. Dieſer Geiſt⸗ liche, ein alter Ueberreſt von der Geſellſchaft Jeſu, die ehemals das Vorrecht hatte, die kirchlichen Acte in den Gefaͤngniſſen zu beſorgen, ſchien mit ſeinem duͤſtern und ernſten Weſen noch gegen die kuͤhne Unter⸗ nehmung der Aranda, Choiſeul und Pombal zu pro⸗ teſtiren. Thraͤnen und Bitten wuͤrden auf einen Greis wie er, der durch den haͤufigen Anblick jener moraliſchen Agonie, die dem Tode auf dem Blutgeruͤſt vorauszugehen pflegt, abgeſtumpft war, keinen Ein⸗ druck gemacht haben; allein als ein Opfer der Wuth Don Manuels konnte Matea ſeine Gefaͤlligkeit nicht vergebens anflehen. Der Brief, den er mir uͤberbrachte, ſchien in einer Anwandlung von Wahnſinn geſchrieben zu ſein. *) Oberaufſeher. 126 Erbittert uͤber die veraͤnderte Geſinnung, die ich ihr hatte blicken laſſen, richtete die Graͤfin an mich zu gleicher Zeit die Aeußerungen der heftigſten Liebe und der heftigſten Rachſucht.„Von dieſem Augenblick an,“ hieß es unter andern darin,„werde ich, wenn man mich am Leben laͤßt, blos leben, um dich fuͤr deinen Meineid beſtrafen zu koͤnnen; mir allein rechne von nun an alles das Ungluͤck an, das uͤber dich hereinbrechen wird, ich werde dich in allen deinen Nei⸗ gungen, in allen deinen Wuͤnſchen verfolgen. Dein Vater, Donna Leonor, vor allen die Markiſin, dieſe argliſtige, die du mir vorziehſt, kurz alles, was du liebſt, wird als ein Opfer meiner Rache fallen. Du willſt dein Herz vor meiner Liebe verſchließen? ich werde tauſend Mittel und Wege finden, um die Ver⸗ zweiflung hinein zu pflanzen.“ So druͤckte ſich jene Matea aus, deren uberre⸗ dende Anmuth mich einſt ſo bezaubert hatte! ihre Wuth floͤßte mir mehr Mitleid als Zorn ein. Ich ſah blos auf ihre Bekuͤmmerniſſe, aber nicht auf ihre Drohungen; ich hielt ſelbſt ihren Haß noch fur Liebe, und der Schrecken, den ſie uͤber ihre eigene Gefahr empfand, der Schmerz, den die Undankbarkeit ihrer Parthei in mir erweckte, endlich die Erinnerung an jene Schwuͤre der Liebe, wodurch ich ſie verleitet hatte, auf meine ewige Beſtändigkeit zu rechnen, dies alles tilgte ſo ſehr jeden kraͤnkenden Eindruck in mir wieder aus, daß ich ihren Muth durch Troſtun⸗ gen wieder aufzurichten ſuchte, die ſie minder verletzten, als es kalte Rathſchlaͤge gethan haben wuͤrden. 127 Gerade waͤhrend ich damit beſchaͤftigt war, die Thraͤnen der kleinen Aldouza zu trocknen, und einen Kourier an Domingo abzufertigen, um ihm das Un⸗ gluͤck ſeiner Tochter zu melden, war dieſer Brief von Matea in meine Haͤnde gekommen, und hatte eine neue Bekuͤmmerniß zu denen hinzugefuͤgt, die bereits ſchon meine Seele umringten und beunruhigten. Mitten unter dieſen traurigen Sorgen uͤberraſchte mich Don Carlos mit ſeinem Beſuch.„Gott gruͤß dich,“ rief er mir zu,„ich ſuche dich ſo eben von Haus zu Haus, um dir den Abſchiedskuß zu geben.“ —„Wie? wohin geht ihr denn, wohin gehſt du, lieber Freund?“—„In die andre Welt, voraus⸗ geſetzt, daß es eine giebt. Die Graͤfin hatte mir be⸗ reits einen Wink geben laſſen, daß ihr vom Escurial her drohende Nachrichten zugekommen waͤren, und Fortunato verſichert mich, daß alle Spuͤrhunde der Po⸗ lizei mir ihre Schlingen legen. Unſere Gebieter hat⸗ ten noch einen braven Mann mehr fuͤr ihren Dienſt noͤthig, und da ihre Wahl immer ſehr gluͤcklich iſt, ſo fiel ſie unter andern auf den Sohn Elvirens. Dieſer Elende, der auf meine Verſprechungen rechnet, hat mir von unzaͤhligen Verhaftungen erzaͤhlt. Ich weiß nicht, was im Werke iſt, aber, wenn ich mich nicht ſehr taͤuſche, ſo will man an das Leben Don Fer⸗ dinands.“ Ein Laͤcheln glaͤnzte unter den Thraͤnen der jun⸗ gen Aldouza auf, bei dem Anblick eines Verwandten, deſſen Liebkoſungen und ſinnreiche Einfaͤlle ſie immer ſo ſehr gern gehabt hatte. Er ſchloß ſie voll Ruͤhrung 128 in ſeine Arme.„Moͤchte deine Mutter,“ ſagte er zn ihr,„ſtets in Unwiſſenheit daruber bleiben, welche Hand ihr dieſen Abgrund gegraben hat. Es iſt ſehr unrecht von mir,“ fuhr er dann fort,„daß ich ſo lange dieſe ſchoͤnen Augen betrachte, die noch ſo rein und liebevoll ſind. Welch eine liebliche Blume iſt doch ein Kind in dieſem Alter! Es haucht von dieſem En⸗ gelgeſicht ein Duft empor Eii, wahrhaftig, ich werde am Ende wohl gar noch ein romanhafter Schwaͤrmer. Demonio! das waͤre freilich ein wenig ſpaͤt, den Tag vor meinem letzten de prokundis....“ —„Wenn du irgend etwas zu befuͤrchten haſt,“ un⸗ terbrach ich ihn,„ſo wollen wir darauf denken, einen Zufluchtsort auszumitteln.“—„Ja freilich, und ich ſchlage dir vor, mit mir nach dem Buen Retiro einen Spaziergang zu machen.“—„Wie kannſt du daran denken, lieber Freund? jezt, wo die Nacht kaum angebrochen iſt, willſt du die Stadt durchſtrei⸗ fen, durch den Prado ſpazieren, waͤhrend er noch von Menſchen wimmelt, und im Garten eines koͤniglichen Schloſſes der hoͤchſten Staatsgewalt Trotz bieten! das waͤre toll!“— Und doch giebt es fur dieſen Zweck keine ſicherere Maßregel. Komm mit, oder ich gehe allein dahin.“ Ich folgte Don Carlos, der ſich ſeinen Offizier⸗ hut tief in's Geſicht druͤckte, ſeine Wangen in die weiten Falten ſeines Mantels huͤllte, und mit ſeiner gewohnten Zuverſicht ſeinen Weg nach dem ungeheuern Garten des Retiro nahm. Die unzaͤhligen Spring⸗ brunnen dieſer prunkvollen Waldeinoͤde, ihre tauſend 129 Bildſäulen, die Einſiedeleien und Pavillons, geweihte Staͤten der Religion und der Freude, die in der Mitte von Luſtwaͤldchen errichtet ſind, die großen Teiche, welche die Kunſt oben auf den Huͤgeln angelegt und mit zierlichen Landungsplaͤtzen fuͤr Fahrzeuge umgeben hat; alle dieſe Wunderwerke, wofuͤr von Philipp dem Vierten an bis auf unſere Tage herab das Gold Ame⸗ rika's verſchwendet worden iſt, miſchten, anſtatt un⸗ ſere traurigen Gedanken zu zerſtreuen, denſelben nur noch mehr Bitterkeit bei. Der Mond gab der ganzen Scene etwas Sanftes und Feierliches. Oben vom Plateau des Parks herab hatten wir den Prado vor uns, die Luſtgänge, die fernen Ufer des Manzanares, endlich ganz Madrid, deſſen Glockenthuͤrme und Kup⸗ peln uͤber die Schatten der Daͤmmerung wie ſilberne Spitzen oder wie Silbermaſſen hervorragten. Nie gewaͤhrt die Hauptſtadt einen ſo prachtvollen Anblick, als um dieſe Stunde, bei dieſer Himmelspracht, die ſich uͤber ihre Palaſte hin ergoß, bei dieſer Nachtkuͤhle des ſuͤdlichen Klima's, die am lezten Tage des Octo⸗ bers noch die anmuthige Friſche des Fruͤhlings erzeugte und die Seele den tiefſten Empfindungen aufſchloß. Das Rauſchen der Springbrunnen, das Bruͤllen des Loͤwens und des Panthers, die uͤber ihre Feſſeln zuͤrn⸗ ten, verbanden mit dem Eindruck dieſer entzuͤckenden Natur noch den geheimen Schauer und das furchtbare Bild der afrikaniſchen Wuͤſten*) Ich fand in dieſer Scene eine Erinnerung an die großartigen Natur⸗ *) Die koͤnigliche Sammlung von wilden Thieren, die aus 9 130 ſchauſpiele Merico's und an die Einoͤden von Neu Biscaja; doch wie ſehr hatte ſich ſeitdem meine Geſin⸗ nung und mein Schickſal geaͤndert! Matea und meine Schweſter, dieſe Bilder, die mich im Laufe jener amerikaniſchen Naͤchte während meiner Nachtwachen in ſo lebhafte Hoffnungen eingewiegt hatten, ſprachen jezt mit mir nur noch von meiner zerſtorten Liebe oder von meiner tief verletzten Freundſchaft. Die Luft⸗ ſchloͤſſer meines Ehrgeizes und meiner Ruhmſucht wa⸗ ren wie alles uͤbrige dahin geſchwunden, ich ſelber ſtand faſt auf dem Punkte, meinem Vaterlande dadurch zu dienen, daß ich um ſeinetwillen dem Tode auf dem Blutgerüſt, anſtatt dem Tode auf dem Schlachtfelde, die Stirn bot. Nachdem wir tauſend mehr oder weniger tolle Ent⸗ wuͤrfe in unſerer Seele hin und her bewegt hatten, verſank Don Carlos ſo wie ich in ſchweigendes Nach⸗ ſinnen. Die großen Naturſcenen um uns her uͤbten auf ſeine bewegliche Phantaſie einen maͤchtigen Einfluß aus.„Es thut mir ſehr leid, daß ich jezt bereits meine Laufbahn enden ſoll; indeß der himmliſche Blick jener kleinen Aldouza, der Orgelklang und der Mond⸗ ſchein wecken in mir bisweilen den Glauben an Gott.“ Wir ſtanden endlich an der Pforte des Retiro; aber ſie war verſchloſſen. Ich rief mit lautem Schreien nach dem Kaſtellan, allein dieſer ließ nichts von ſich horen.„Das iſt doch wirklich,“ ſagte mein Un⸗ etwa zwanzig Stuck beſteht, befindet ſich in einem Pa⸗ villon des Buen Retiro. 131 gluͤcksgefaͤhrte zu mir,„ein luſtiges Abenteuer. Klettere du uͤber die Mauern; ſieht man dich auch, ſo haſt du doch nichts zu fuͤrchten. Ich fuͤr mein Theil werde in meinen Mantel gehuͤllt unter dem duͤrftigen Blaͤtterdach dieſer Espen oder Steineichen die Nacht zubringen; ihrem blaſſen und hinſchmachtenden Anſehn nach, koͤnnte man faſt ſchließen, daß ſie eben ſo un⸗ gern und wider Willen auf dieſer undankbaren Erde verweilen als ich.“ Ich wollte ihn bewegen, mit mir hinauszugehenz allein er gabmir zur Antwort:„Nein; es freut mich zu ſehr, wenn ich daran denke, daß mir der Koͤnig ſelber dieſe Nacht einen Zufluchtsort geben wird. Moͤchte dieſe gute Handlung ihn mit der Nach⸗ welt ausſoͤhnen!“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich, und das Geraͤuſch ſeiner Tritte verlor ſich ſehr bald im Rauſchen einer benachbarten Kaskade. Unterdeß hatte der Kaſtellan meinen Ruf vernom⸗ men, eine Fackel angezuͤndet, ſeinen Roſenkranz in die Hand genommen, ſeine halb ſchlummerndè Seele ſchnell zu Gott gewendet, und die Gartenpforte ge⸗ oͤffnet. Ich mußte alſo allein von dannen gehen. Beim Herabſteigen von der Esplanade des Retiro ſah ich ein ganzes Bataillon unter den Waffen, welches den Palaſt umlagerte, wo der Herzog von Infantado unter Meiſterwerken der Kunſt lebte. Er ſelber hatte noch Zeit genug gehabt, um zu entfliehen; andere, Generale, Prälaten, Damen, waren nicht ſo gluͤck⸗ lich geweſen. Der ganze Hofſtaat Don Ferdinands, vom Domherrn Escviquiz bis muf die geringſten La⸗ kaien herab, mußte dieſelbe Behandlung erfahren. 9* 132 Sogar die ungluͤckliche Prinzeſſin von Aſturien ver⸗ folgte man bis ins Grab; alle treuen Diener, die ſie hinterlaſſen hatte, waren in Feſſeln gelegt worden. Ich gieng uͤber die Puerta del Sol. Die erleuch⸗ teten Kauflaͤden und die Seitenlaternen warfen wenig⸗ ſtens einen ſo hellen Schein, daß ich den Schmerz auf den Geſichtern aller deutlich wahrnehmen konnte. Die Volksmenge, die noch eben ſo zahlreich da ver⸗ ſammelt war, als am Tage, ſchwieg nach ihrer Weiſe ſtill; allein alle Männer hatten in ihrem Blick etwas finſteres und drohendes. Die Blinden am Wege rie⸗ fen, ohne gehoͤrt zu werden, die Nachricht von dem neulich geſchehenen Mirakel aus, oder ſagten die Verſe auf die neuliche Hinrichtung her, und die Waſſertraͤ⸗ ger ſaßen auf ihrem leeren Waſſerfaß neben der alter⸗ thuͤmlichen Fontaͤne und vergaßen aus derſelben Waſſer zu ſchoͤpfen, um ſich bald lauter, bald geheimniß⸗ voller mit einander unterhalten zu können. Die Sol⸗ daten, die vor der Intendantur der Kouriere und Poſten auf Wache ſtanden, miſchten ſich unter die Muͤßigganger und ſchienen an der allgemeinen Unruhe theilzunehmen. Der Bewohner von Mancha machte mit ſeiner Heerde von Eſeln und Rindern auf dem Platze Halt, um ſeine andaͤchtigen Anrufungen unter die heftigen Aeußerungen des Toͤpfers von Valencia zu miſchen, und die alte Elvire, umringt von Maͤn⸗ nern in braunen Maͤnteln, die ihr ſtillſchweigend zu⸗ hoͤrten, ſchien eine Druide zu ſein, die unſere altcelti⸗ ſchen Vorfahren in dem Dunkel der Waͤlder anredete. Man hoͤrte von nichts reden, als von Gefahren und 133 von furchtbaren Komplotten. Don Ferdinand, hieß es, habe ſeinen Vater ermorden wollen. Tauſend verſchiedene Berichte von ſeinen Unternehmungen oder vielmehr von ſeinen vatermoͤrderiſchen Anſchlägen wur⸗ den auf dieſem oͤffentlichen Platze ausgeſprengt. Die Gemuͤther ſchwankten zwiſchen einem doppelten, ſich ganz entgegengeſetzten Argwohn hin und her; blos der Schrecken, und zwar ein duͤſtrer, ſchweigender Schrecken war allen gemeinſam. Ich ahnete nur zu ſehr voraus, welches Komplott eingeleitet wurde, um jene Krone, welche von der Natur und vom Geſetz fuͤr Don Ferdinand beſtimmt war, auf das Haupt eines Abenteurers zu ſetzen. Ich trat in den Laden eines Kaufmanns, der in ſchwarzer Kleidung, wie ein Mitglied des Obergerichts⸗ hofes, ſeinen ſtattlichen Bauch in einem Armſtuhl aus⸗ ruhen ließ, und in dem beweglichen Klub von Muͤßig⸗ gängern, wovon ſein Laden von früh bis Abends an⸗ gefullt war, den Vorſitz zu fuͤhren ſchien. Der Doctor Don Mathias, der Pater Provin⸗ zial, Fray Cayetano, die auf dem Zaͤhltiſch ſaßen, zwei ſpaniſche Granden, die mit dem Ruͤcken an die Mauer gelehnt ſtanden, ein Prälat, einige Offiziere, einige Buͤrger, alles erklaͤrte Anhaͤnger des Prinzen von Aſturien, ließen traurig die Ausrufungen Jeſus Maria und Wolken von Tabaksdampf wechſelnd auf⸗ ſteigen; der Hidalgo von Fativa, der wieder ſeinen Lieblingseckſtein eingenommen hatte, auf welchem er den ganzen Tag lang Wache hielt, ſchien auf das Ge⸗ ſpraͤch zu horchen und den Roſenkranz zu beten,— er ſchlief feſt. Der ganze verſammelte Zirkel fragte mich, was ich fur eine Neuigkeit braͤchte.—„Eine ſehr wich⸗ tige,“ erwiederte ich,„diejenige nämlich, daß das ſpaniſche Volk dem Ziele ſeiner Leiden nahe iſt. Ent⸗ weder ich taͤuſche mich ganz, oder aus allen dieſen Vorbereitungen, die jezt im Werke ſind, wird eine Ausgleichung und Abhilfe vieljaͤhriger Beſchwerden hervorgehen.“— Aller Augen richteten ſich voll Unruhe auf michz jeder ſchien uͤber das, was er ſo eben gehoͤrt hatte, erſchrocken zn ſein. Fray Caye⸗ tano und Don Mathias, ſo entgegengeſetzt ſie auch in ihren Meinungen waren, hatten ſich doch oft mit ein⸗ ander vereinigt, um mein Zoͤgern, in den allgemeinen Wunſch nach einer neuen Regierung mit einzuſtimmen, mir als ein kleinmuͤthiges Benehmen auszulegen. Ihre Blicke ſchienen voll Ueberraſchung einander um die Ur⸗ ſache dieſer meiner ploͤtzlichen Kuͤhnheit zu fragen. „Bis dieſen Augenblick,“ rief ich aus, indem ich ihren Gedanken entgegenkam,„habe ich in unſerem gegenwaͤrtigen Regierungsſyſtem die Sanction der Jahrhunderte verehrt; ich bebte vor dem Entſchluſſe zuruͤck, die Rechte des Thrones dadurch anzutaſten, daß ich den Uebermuͤthigen, der ſich die Vorrechte des Thrones angemaßt, mit gewaffneter Hand ſtuͤrzte.“ —„Die Vorrechte des Throns?“ murmelten auf einmal der Pater Provinzial und der Kapellan; dann ſchwiegen ſie wieder ſtill, aus Beſorgniß, zu viel ge⸗ wagt zu haben. „Ganz gewiß,“ fuhr ich fort,„giebt es nichts ſo heiliges und geſetzmaͤßiges, als die alte Konſtitu⸗ 135 tion, und dieſe ehrwurdige Konſtitution exiſtirt nicht mehr, ſondern iſt durch das allmählige umſichgreifen unſerer Konige längſt vernichtet. Uns war davon blos noch, gleichſam als Schutzwache des innern Frie⸗ dens, die Erblichkeit der Thronfolge uͤbrig geblieben; nun aber will das Haus Bourbon, nachdem es den Ruin alles deſſen vollendet hat, was die Furſten aus dſterreichiſchem Stamme nicht vermocht hatten nieder⸗ zureißen, auch noch ſich ſelber enterben, um das Reich Spanien der Willkuͤhr des unwuͤrdigſten unter ſeinen Buͤrgern preiszugeben. Nein, ein Verbrechen der Art darf nicht zu Stande kommen! Die Empoͤrung muß durchaus unterdruͤckt werden, ſelbſt wenn ſie ſich auf den Thron hinauf ſetzen ſollte; und wir duͤrfen es nicht dulden, daß Don Ferdinand die Vergehungen ſeiner Vorfahren bis aufs außerſie buͤßt. Wofern es irgend noch Spanier giebt, die auf mich hoͤren, ſo wird er ſeine Rechte und ſein Leben behalten. Ich habe ʒwar nie eine Verſchworung ihm zu Gunſten an⸗ gezettelt, allein eher ſoll mein ganzes Blut dahinſtroͤ⸗ men, ehe auch nur ein Tropfen von dem ſeinigen ver⸗ ſpritzt wird.“ Eine dumpfe Stille herrſchte auf dieſe meine Aeußerungen, und mehrere der Anweſenden, die unlaͤngſt noch heftige Beguͤnſtiger der Komplotte des Escurials geweſen waren, entfernten ſich. Es giebt auf der Welt blos eines, was noch empoͤrender iſt, als der Uebermuth der ſiegenden Parthei, und dies iſt— die feige Niedertraͤchtigkeit der unterliegenden. Eine Weile darauf rief ein Mann, der bisher in ſeinen Mantel dicht eingehuͤllt ganz im Hintergrunde S 136 geſtanden hatte:„Heilige Mutter Gottes! der Oberſt Alonſo iſt der einzige echte Spanier, den ich in der Hauptſtadt Kaſtiliens angetroffen habe; er ſpricht ganz wie ein Sohn der Vorzeit. Den Feinden Got⸗ tes muß man nicht gehorchen, man muß ſie ausrot⸗ ten.“ Die Blicke aller richteten ſich auf den Fremden, und das Schweigen dauerte fort. Endlich nahm der Kapellan Maria's das Wort und ſagte:„Der Kaiſer hat bereits Truppen in unſern Provinzenz er wird es nicht dulden, daß Don Ferdinand deshalb untergehe, weil er eine Verbindung wuͤnſchte, die einzig und al⸗ lein den alten Glanz und die alte Macht Spaniens wiederherzuſtellen im Stande iſt.“ Der Unbekannte heftete einen drohenden Blick auf den Geiſtlichen und ſagte:„Herr Pfarrer, es thut mir um euretwillen leid, aber ich muß euch nur ſagen, ihr redet wie ein Ketzer. Alles, was von Norden her zu uns gelangt, iſt vergiftet. Ich wuͤnſchte, die Pyrenaͤen thuͤrmten ſich bis ans Firmament empor, um eine unuͤberſteig⸗ liche Scheidewand zwiſchen uns und die abſcheulichen Zerſtoͤrer unſeres Glaubens und unſerer Freiheit hin⸗ zuſtellen.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich der Fremde. Sein Gang, ſeine ganze Haltung, ſein feuriges Auge, ſein Saͤbel, alles verrieth, daß es Bartolomeo war. Don Diego, der nach einer Viertelſtunde erwachte, hoͤrte noch die lezten Worte des Aragoniers vor ſeinem Ohre klingen.„Das heißt wohlgeſprochen!“ rief der gute Tativaner.„Zu den Zeiten der Cortes von Aragonien waren weder die Koͤnige jemals in Gefahr, 137 ihre Kinder umzubringen, noch auch die Erben des Thrones, entweder meuchleriſch zu morden oder ſich morden zu laſſen, noch das Volk, vor Elend umzu⸗ kommen, noch die Buͤrger von Fativa, als Fremd⸗ linge unter dem Himmel Kaſtiliens zu leben.“ Der Doctor hatte ſo eben wieder das Wort ge⸗ nommen und ſagte:„Der Kaiſer, der allein in Frankreich den Altar und den Thron wieder aufzurich⸗ ten vermochte, ſcheint mir von Don Ferdinand ſehr gluͤcklich gewaͤhlt zu ſein, um ſich bei Wiederherſtel⸗ lung der verfallenen Monarchie von ihm unterſtutzen zu laſſen; ſein Arm iſt unſere beſte Stuͤtze.“— „Herr,“ unterbrach ihn der Pater Provinzial, in⸗ dem er den Laden verließ,„wir haben zwei andere, das Kreuz und das Schwert!“ Die Unterhaltung loſte ſich damit auf, die Muͤßiggänger ſchlichen ſich allmählig hinweg, und ich blieb allein zuruͤck. Hatte ich auch vergeſſen können, bis zu welchem Grade das Vaterland, der Ruhm und die Freiheit mir lieb und theuer waren, ſo wuͤrde ich es doch bei dieſen Satur⸗ nalien eines Despotismus wieder erfahren haben, der bereits den Grad von Wahnſinn erreicht hatte, daß er ſeine giftigen Waffen gegen ſeine eigene Bruſt kehrte. Gleichwohl mußte ich, als ein unnuͤtzer Zuſchauer des oͤffentlichen Ungluͤcks, auf meinem muͤßigen Schwerte einzuſchlafen verſuchen. Wehe, dreimal Wehe dem⸗ jenigen, dem in dieſen beklagenswerthen Zeiten, wo die Verderbniß und die Abtruͤnnigkeit allein mit em⸗ porgerichtetem Haupte einherſchreiten duͤrfen, eine großherzige Seele zu Theil ward. 138 Drittes Kapitel. Waͤhrend ich vergebens auf meiner gluͤhenden La⸗ gerſtatt den Schlummer ſuchte, fand ihn Don Carlos ohne Muͤhe unter dem freien Himmel. Mein ſorg⸗ loſer Freund hatte ſich tief in das Dickicht des Waldes begeben, und ſein Zelt hinter einem Baumgebuͤſch unter dem Schatten der Allee aufgeſchlagen, die den großen Teich umſaͤumt. Er breitete ſeinen Mantel auf die Erde, zuͤndete ſeinen Cigarro an, und vergaß ſeinen Kummer ſo wie ſeine Gefahr. Bald gewahrte er außer dem Rauſchen der Fon⸗ tainen noch ein ganz anderes Geraͤuſch in der Stille der tiefen Waldeinoͤde; es war das Rauſchen einer Basquine; Aufſpringen, eine Frau erblicken, die mit großen Schritten dahineilte, ihr nacheilen, dem Zufall fuͤr die anmuthige Zerſtreuung danken, die ſich hier offenbar darzubieten ſchien,— das alles war fur Don Carlos die Sache eines Augenblicks. Die Unbekannte verlor ſich ſehr bald in den Halbmonden, die am Saume der Gebuͤſche angelegt ſind, und ſetzte ſich ſeufzend auf eine von den halbkreisfoͤrmigen Bän⸗ ven, womit dieſe geheimnißvollen Plätzchen verſehen ſind. Der Obriſt war, ihrer Spur folgend, ihr durch die Baͤume nachgeſchlichen, und wollte ſich ihr ſo eben ganz ohne Geraͤuſch naͤhern, als eine andere Frau dazukam, in Begleitung eines Mannes, der nach allen Seiten hin furchtſame Blicke warf. Dieſer neue Anköͤmmling warf ſeinen Hut und ſeinen zerriſ⸗ 139 ſenen Mantel hin, und legte ſeine Waffe ab;z es war Fortunato. Seine bejahrte Begleiterin enthuͤllte aus ihrem ſeidenen Schleier eine graugelockte Stirn; es war Elvire.„Nun wohlan, Margarita,“ ſprach ſie in einem Tone, der noch theatraliſch zu ſein ſuchte, „du haſt uns dieſen Halbkreis geoffnet, um uns ver⸗ muthlich zu ſagen, daß die Vernunft bei dir endlich die Oberhand gewonnen hat. Die Koͤnigin der En⸗ gel ſei dafuͤr geprieſen! Du weigerſt dich nun wohl nicht mehr, dem Sterblichen zu gehorchen, den das heilige Sacrament der Ehe dir zum Manne gegeben hat.“—„Laßt mit euch mich verſtaͤndigen. Wenn ich mich ſeinen Wuͤnſchen fuͤge, wenn ich mir Rang und Vermoͤgen wieder zu verſchaffen ſuche, ſo geſchieht dies blos, ich betheure es euch, um das Gluͤck des Mannes zu begruͤnden, den ich allein zu lieben im Stande bin. Nie werde ich wieder in die vorigen Feſſeln zuruͤckkehren.“—„Meine Tochter, was Gott verbunden hat, kann durch nichts geſchieden werden. Dein Schwur—„Ich habe ſeitdem einen andern geleiſtet, und zwar war ich bei voller Vernunft, als ich ihn that. Fray Aparicio hat nichts gethan, um mir mein Wort zurückzugeben. Die heilige Mutter Gottes weiß, wie ſehr er durch ſeine Eiferſucht ſeine Liebe zu mir an den Tag legt. Er laͤßt nie eine Romeria*) noch ein Stiergefecht vorbeigehen, ohne daß er mich hinfuͤhrt, und fragt nur einmal den Schutzgeiſt meines ehemaligen Herrn, *) Feierliche Wallfahrt nach heiligen Orten⸗ 14⁰ und laßt euch ſagen, wie er den armen Kommiſſar auf immer von ſeiner Liebesglut geheilt hat. Er traf ihn naͤmlich in der einen Nacht, wie er eben um die Ein⸗ ſiedelei herumſtreifte, und in der Wuth..— „Nun?“ rief Fortunato erſchrocken aus.—„Nun, er erſaͤufte ihn ohne Barmherzigkeit da im Teiche.“— „Wirklich?“ fragte der Sohn Elvirens.—„Ja wohl; aber er bewilligte ihm zuvor noch die Erthei⸗ lung der Abſolution. Ich glaube nicht, daß er ge⸗ gen euch eben ſo guͤtig ſein wuͤrde, wenn er euch jezt hier traͤfe, Herr Don Fortunato.“—„Gluͤckliches Geſchoͤpf!“ rief die ehemalige Theaterprinzeſſin mit einem tiefen Seufzer.„Es gab eine Zeit, wo auch ich Nebenbuhler gegen einander in Harniſch zu brin⸗ gen vermochte. Der Herzog von**7 iſt blos wegen mir erſtochen worden. Und jezt ſtoͤßt mich jeder von ſich zuruͤck, ſogar die Geiſter, die, wie man erzählt, die Wittwe beſuchen und ſie troͤſtenz keiner von ihnen hat Mitleid mit meiner Einſamkeit, keiner will ein wenig Aſche auf die Glut werfen, die mich verzehrt.“ Fortunato war aufgeſtanden, um die naͤchſte Um⸗ gebung zu erkunden, und nachzuſehen, ob der furcht⸗ bare Kapuziner ſich etwa irgendwo blicken laſſe. Er kam nach einer Weile zuruͤck und fuhr fort:„Laßt uns mit der Sache zu Ende kommen. Was ich im⸗ mer hoffte, tritt nun ein, meine theure Ehehaͤlfte; der Augenblick iſt da, wo ich wieder zu einem Namen und zu Vermoͤgen gelangen werde. Seine Durch⸗ laucht der Friedens furſt naͤmlich.—„Ja, 141 — ja, meine Tochter,“ unterbrach die Mutter des Raͤu⸗ bers ſeine Rede,„ich hatte vergeſſen, dir zu ſagen, daß er zu einem oͤffentlichen Staatsamte befoͤrdert worden iſt. Der alles vermoͤgende Comthur, Fray Don Jaime, iſt Beſchuͤtzer deines Mannes, und hat ihn im Dienſt der Regierung angeſtellt, ſo daß wir nun nicht mehr das Uebelwollen der Juſtiz zu befuͤrch⸗ ten haben; wir koͤnnen jezt mit dreiſter Stirn einher⸗ ſchreiten. Der Augenblick iſt jezt da, um daran zu denken, ſich als Ehemann einer ſpaniſchen Grandin offentlich darzuſtellen.“—„Wenn er im Dienſt des Friedensfurſten iſt, deſto ſchlimmer fuͤr das Heil ſeiner Seele,“ erwiederte Margarita;„ich will ihn lieber auf dem Platze Zebada, als dereinſt in der Hoͤlle figuriren ſehen. Es fehlte ihm blos noch, ſich an dieſen verdammten Ketzer und Atheiſten zu haͤngen, der es ganz oͤffentlich mit den Juden haͤlt, und ſogar es wagt, ſich der Vollmacht eines abtruͤnnigen Pabſtes zu bedienen, um die Guͤter der heiligen Kirche'zu ver⸗ kaufen.“—„Denkſt du etwa,“ erwiederte For⸗ tunato,„daß ich ganz gewiſſenlos bin. Ich habe dem Jaime alles verſprochen, was er wollte; allein eher will ich auf die Gnade der Taufe und auf die chriſt⸗ lichen Grundſaͤtze des Ariſtoteles Verzicht leiſten, ehe mein Arm oder mein Mund den Entwuͤrfen der Feinde Don Ferdinands und des Glaubens dienen ſollte. Man hat von mir eine Zeugenausſage gegen die Mar⸗ kiſin von C*** und ihren Bruder verlangt. Nun, was dieſe betrifft, da laſſe ich mir gern alles gefallen; denn ihre Mutter hat in den Gefaͤngniſſen der heiligen Inquiſition geſeſſen und ſollte eigentlich noch darin ſitzen. Was aber Don Carlos betrifft, ſo habe ich ihn ſchon einmal entwiſchen laſſen, obwohl der Com⸗ thur ganz gewiß ihm am meiſten nach dem Leben ſteht. Die Graͤfin von DOX** arbeitet wie ein Heiliger des Paradieſes fuͤr den Prinzen von Aſturien; indeß ich bin weit entfernt, ſie bloszuſtellen. Ueberdies bin ich bereits mit ihr in Unterhandlungen getreten, und werde ſie nicht verrathen. So diene ich denn alſo den Ketzern und den Atheiſten zu gleicher Zeit. Indeß, indem ich einen Poſten uͤbernehme, mache ich die Be⸗ ſtrafung jenes Schurken Ramon gewiß, der mich an den Galgen bringen wollte, ich ſoͤhne mich wieder mit der Juſtiz aus, und auf dieſe Art wirſt du denn bald wieder Ahnen bekommen, du, die mir ſo oft vorwarf, daß kein blaues Blut in meinen Adern fließe, obwohl ich wirklich gar nicht weiß, wo das meinige eigentlich her iſt.“—„Ich glaube nicht leicht euren Ver⸗ ſprechungen, Fortunato; ihr ſeid wohl im Stande, ein armes und unerfahrnes Geſchoͤpf zu entehren, aber ich begreife nicht, wie ihr das Boͤſe, das ihr mir zu⸗ gefugt, wieder gut zu machen vermoͤget.“—„Sei ruhig; wenn duwillſt, ſo ſoll die Welt dich in Kurzem Markiſin von C*** und von zwanzig andern Ort⸗ ſchaften nennen, und die Gardiſten ſollen vor dir das Gewehr praͤſentiren.“ 90 Indem der Raͤuber ſo ſprach, bemerkte er in der Allee einen Schatten, der mit großen Schritten naͤher kam, und voll Schrecken floh er ſogleich auf und da⸗ von, indem er ſeine Frau, ſeinen Mantel, ſeine Waf⸗ 143 fen und ſeine Mutter im Stiche ließ. Margarita war untroͤſtlich daruͤber, daß ihre naͤchtliche Streiferei ent⸗ deckt ſei, Elvire dagegen konnte in dem Repertorium ihrer Theatererinnerungen und ihrer Poͤbelausdruͤcke nicht Schmahworte genug finden, um die Feigheit ihres elenden Sohnes zu verfluchen. Fray Aparicio kam heran, und war anfangs eben ſo uͤberraſcht als erfreut, als er bei ſeiner entlaufenen Gattin eine Frau antraf; doch als er die Mutter Fortunato's erkannte, und einen Mantel nebſt Mordwerkzeugen neben ihr liegen ſah, hielt er ſich fuͤr verrathen. In ſeiner blinden Wuth griff er nach einer Piſtole und ſchlug auf ſeine weinende Geliebte an, der Schuß gieng los, doch ohne Margarita zu treffen, ba erſchien auf ein⸗ mal Don Carlos. Der Gardeobriſt ſtuͤrzte unerwartet hinter den Baͤumen hervor. Die lezten Stralen des Mondes, der ſo eben hinter das Gebirge zu verſinken im Begriff war, fielen auf die Litzen ſeiner Uniform wie auf einen ſilbernen Kuraß, und ſein blanker Sä⸗ bel blitzte wie das Schwert der Seraphim.„Un⸗ gluͤcklicher,“ rief er aus, indem er auf den Kapuzi⸗ ner los eilte,„du wagſt auf eine Frau zu ſchießen, die blos den einzigen Fehler hat, daß ſie dich zu ſehr liebt!“ Bei dieſer Erſcheinung und bei dieſer Stimme warf ſich Margarita mit dem Angeſicht zur Erde und ſprach:„Ach, es iſt der Herr Erzengel Sanct Mi⸗ chael, der mir zu Hilfe kommt.“ Der Kapuziner folgte ihrem Beiſpiele, und vertheidigte ſich blos durch Geberden der tiefſten Zerknirſchung gegen die flachen Saͤbelhiebe, die der furchtbare Raͤcher der Hilfloſen 144 auf ihn herabfallen ließ, und die alte Elvire floh ſchreiend in die Tiefe des Luſtwaͤldchens hinein. Bei der gegenwaͤrtigen Lage Spaniens mußte ein ſo ungewohnter Laͤrm augenblicklich den Palaſt des Retiro und deſſen Umgebungen in Unruhe verſetzen. Die Arbeiter der koͤniglichen Porzelanfabrik ſtreiften nach allen Richtungen umher, Gaͤrtner und Soldaten durchſuchten mit Fackeln in den Haͤnden den Park, und Seine Excellenz der Alcayde, der Herzog von ***, hatte ſich an ihre Spitze geſtellt. Don Carlos verbarg ſich in das tiefſte Dickicht des Waldes, und die Wache fand blos den Moͤnch und die junge Frau, welche andaͤchtig auf den Knieen lagen. Beide waren von der gehabteu Erſcheinung noch ganz betaͤubt, und erzaͤhlten ſie umſtaͤndlich. Die immer groͤßer werdende Volksmenge drängte ſich wetteifernd an Aparicio, um ſeine Hand, ſeinen Roſenkranz, oder ſein Kleid zu kuͤſſen. Den folgenden Morgen wurde aus einer ge⸗ wiſſen heiligen Neugier die Spur des Erzengels auf⸗ geſucht, und die Glaͤubigen ermangelten nicht, ſie zu entdecken und anzubeten. Waͤhrend der allgemeinen Bewegung ſchritt Don Carlos uͤber den Hof des in Ruinen liegenden Palaſtes, uͤber die Esplanade, durch den Prado, und klopfte an meine Thuͤr. Es war kurz vor Sonnenaufgang. Kaum hatte er mir ſein gehabtes naͤchtliches Aben⸗ teuer bis zu Ende erzaͤhlt, als ein Waffengeklirr von draußen her ankuͤndigte, daß meine Wohnung um⸗ ringt ſei. Ein Unterofſizier ließ die Hausthuͤr im Namen des Koͤnigs oͤffnen. Mein Freund war indeß 145 nicht mehr zu finden. Gleich beim erſten Geraͤuſch hatte er, ohne auf meine Vorſtellungen zu achten, ſich von meinem Balcon auf den des benachbarten Hauſes hinuͤber geſchwungen, und es traf ſich ſo gluͤcklich, daß kein Soldat dieſes gefaͤhrliche Wag⸗ ſtuͤck bemerkte oder verrieth. Dort brach er ungeſtuͤm durch das Fenſter, und erzaͤhlte den erſchrockenen Beſitzern der Wohnung eiligſt die Urſache ſeines Ein⸗ bruchs. Dieſe brachen in Verwuͤnſchungen gegen ſeine Verfolger aus, und ließen ihn hinten durch die Gartenthuͤr. Ich hatte ſo eben erfahren, welche abſcheuliche Komplotte die Perſon meiner Schweſter und die mei⸗ nige bedrohten; allein wo ſollte ich dieſelben angeben? Unter unſern unumſchraͤnkten Regierungen iſt wohl für das Verbrechen Raum gelaſſen, aber nicht fuͤr oͤffentliche Beſchwerdefuͤhrungen. In meiner Jugendzeit, wo wir noch in den Ein⸗ oden Eſtremadura's, in den Thalſchluchten von Buy⸗ trago lebten, glaubte Maria, daß ſie an meiner Seite keine Gefahr auf Erden zu fuͤrchten haben wuͤrde. Jezt, wo ich Mann geworden war, konnte ich nichts fur ſie thun, als ihr den Rath geben, zu fliehen. Ichgieng nach ihrem Hauſe. Kaum war die Sonne herauf, und dennoch war ſie bereits mit ihrem treuen Ramon ausgegangen. Wo ſollte ich ſie aufſuchen? was ſollte ich fuͤr ihre Rettung thun, in dieſem Spa⸗ nien, das, wie es gewoͤhnlich zu gehen pflegt, um ſo unterwuͤrfiger iſt, je betruͤbter die Lage iſt, worin es ſich befindet? TI. 10 146 Ich irrte den ganzen Tag wie ein gequaͤlter Schat⸗ ten auf der Puerta del Sol umher. Endlich brachte mir Ramon einen Brief. Ich hoffte, er wuͤrde von Maria geſchrieben ſein; doch nein! zwiſchen meiner Schweſter und mir ſtand immer noch jene geheimniß⸗ volle Schranke; Don Carlos war es, der mir ſeine fernere Geſchichte darin mittheilte. Er hatte den Ein⸗ fall gehabt, in dem Kloſter** einen Zufluchtsort zu ſuchen. Die Oberin deſſelben, Sor Maria de los Dolores, nahm den Neffen eines Gemahls, deſſen Andenken ſie noch taͤglich Thraͤnen weihte, mit offenen Armen auf.„Du ſchwebſt in großer Gefahr, lieber Neffe!“ rief ſie aus.„Ach, moͤchte dieſes heilige Aſyl dich vor den Angriffen der Boͤſen zu ſchutzen ver⸗ moͤgen! Komm, du ſollſt mir heute eine traurige Jahrestagsfeier begehen helfen; es ſind naͤmlich heute gerade neunzehn Jahre, daß mein lezter Troſt, die kleine Manolita, mir geraubt wurde.“ Don Carlos folgte ſtillſchweigend der ungluͤckli⸗ chen Mutter, deren Lebenstage ſein Vater einſt ver⸗ giftet hatte. Wieder von neuem in ihren tiefen Schmerz ſich verſenkend, gieng ſie auf eine ſchwarz ausgeſchla⸗ gene Kapelle zu. Hier erhob ſich neben mehreren an⸗ dern Grabmaͤlern, welche die Aſche ihres Mannes und ihrer Soͤhne enthielten, mitten unter Wachskerzen, Votivgeſchenken und Heiligenbildern ein Cenotaphium, auf welchem die Inſchrift ſtand:„Ich beweine auch meine vielleicht noch lebende Tochter!“ Die Oberin war auf ihre Kniee hingeſunken, eine Frau, die ne⸗ ben ihr kniete, trocknete ihr die Thraänen ab. Don 147 Carlos vermochte im Dunkel die Fremde nicht zu er⸗ kennen, er konnte blos ihren Blicken folgen, die auf ein Kruzifix gerichtet waren, an welchem die Worte ſtanden:„Kommet her zu mir, alle ihr Leidenden!“ Dieſe einfachen und ruͤhrenden Worte, in denen das ganze Chriſtenthum enthalten iſt, der duͤſtre An⸗ blick des Heiligthums, der zweifelhafte Schein der Wachskerzen, die Grabmäler, die beiden weinenden Frauen, und weiterhin auf dem Altar dieſes, der Be⸗ trubniß und dem Tode geweihten Aſyls eine Bildſaͤule der Hoffnung, die mit der Hand nach dem Himmel emporzeigte,— dieſe ganze Scene erweckte in dem Herzen des Don Carlos eine tiefe Ruͤhrung; zum er⸗ ſtenmal in ſeinem Leben fuhlte er ſich von der geheim⸗ nißvollen Macht der Religion uberwaͤltigt, die er ſo lange von ſich geſtoßen hatte, und beugte ſeine Kniee. In dieſem Augenblick nahmen die Koſtgaͤngerinnen des Kloſters auf den Gallerieen Platz und ſtimmten die heiligen Lobgeſaͤnge an. Alle dieſe ſanften und ein⸗ dringenden Stimmen, die ſo plotzlich oben vom Ge⸗ wölbe des Tempels herab erklangen, entzuͤckten die üͤberraſchte Einbildungskraft bis zum Himmel empor; es war als ſänge der unſichtbare Chor der Engel jenes ewige Hoſianna, eine hinreißende Melodie, welche die geruͤhrte Seele des Sohnes Don Juan's ſehr bald in eine religidſe Begeiſterung verſetzte. Da ergriff eine fremde Hand die ſeinige.„Ich hatte es euch wohl geweiſſagt,“ ſagte die Unbekannte, „daß ihr dereinſt doch noch den Urquell alles Troſtes, aller Tugenden, anbeten wuͤrdet.“ Es war Maria, 148 die dies ſagte. Sie hatte ſich in dieſe fromme Ein⸗ ſamkeit herbegeben, um, ihrer Gewohnheit zufolge, der Schwaͤgerin des Kammerherrn dieſen traurigen Gedaͤchtnißtag hinbringen zu helfen.„Ach,“ ſagte die Oberin, indem ſie den Don Carlos zu der verbor⸗ genen Zelle hingeleitete, die ſein Kummer ſich auser⸗ waͤhlt hatte,„welch ein koſtbarer Schatz iſt das Ge⸗ muͤth der Markiſin! Ich wuͤrde in einer ſolchen Schweſter, in einer ſolchen Freundin alles wiederfin⸗ den, was ich verloren habe, wenn es fuͤr ein Mutter⸗ herz noch irgend eine Entſchädigung auf der Welt ge⸗ ben koͤnnte.“ „Kaum war ich in meiner Zelle angelangt— ſchrieb Don Carlos— ſo erſchienen die Trabanten Godoy's an meiner Thuͤr. Die ehrwuͤrdige Mutter hatte mich ſo hoch unter dem Dache untergebracht, daß ich nicht noch einmal eine ſolche luftige Flucht wagen konnte, ohne mich in tauſend Stuͤcke zu zer⸗ ſchmettern, und ich will doch lieber im Ganzen, unter großem Gefolge und auf einer erhoͤhten Buͤhne ſterben, als auf dieſe Art. Kurz, ich bedauere es nicht, mei⸗ nen Aufenthaltsort geaͤndert zu haben. In dieſem heiligen Gefaͤngniß, in Gegenwart ſo vieler reizenden Bräute Gottes, unter dieſen himmliſchen Geſaͤngen hat deine anbetungswuͤrdige Schweſter meiner Ver⸗ nunft zu harte Stoͤße verſetzt; ſie iſt ein wahrer Engel, mein Freund! Ungluͤcklicher Weiſe liebt ſie dich von ganzer Seele, und zwar dich allein; die Liebe eines Bruders genugt ihr, eine einzige Unterhaltung intereſ⸗ ſirt ſie, ein einziger Name ſetzt ihr Gefuͤhl in Bewe⸗ 149 gung, ein einziger Gedanke beſchaͤftigt ſie. Wie fieng ich es nun an, um ihre ſchoͤnen halbgeſenkten und thränenfeuchten Augen auf mich zu lenken? Ich ſprach von Alonſo, ich pries das Herz und den Ver⸗ ſtand meines Freundes. Sogleich ſah ich, wie ſich ihr Auge auſſchlug, dann aber ward ſie wieder nach⸗ denkend, ſtrich ſich die Locken ihres goldenen Haares von der Stirn, ſammelte voll Zerſtreuung die Falten, die ihr Schleier auf ihren Schultern warf, ganz ſo, als ob ſie den Blicken irgend eines Unſichtbaren auszu⸗ weichen ſuchte...... Doch in dieſem Augenblick gebieten die Stuͤrmenden draußen an meiner Thuͤr mir im Namen des Koͤnigs, daß ich oͤffnen ſolle. I„ch habe ihnen jezt ſo eben erkläͤrt, daß ich mich auf der Stelle ergeben wuͤrde, ſobald ſie den weißen Stab, den ſie bis an meine Thuͤr mitzubrin⸗ gen gewagt hätten, draußen auf dem Vorplatz des Kloſters niedergelegt haben wuͤrden. Demonio! man will mir von den Rechten meiner adeligen und ſelbſt koͤniglichen Herkunft etwas vergeben? eine Perſon von meinem Range wie einen bloßen Buͤrgerlichen ver⸗ haften? Demonio! ich muß meine Privilegien ver⸗ theidigen, denn Gott weiß es, man wird mich ſie theuer bezahlen laſſen.“ „Doch da iſt der Feind draußen ſchon wieder da. Es thut mir leid, daß ich kapituliren muß, ohne zuvor den wuͤrdigen Generaliſſimus von Spanien und Indien auf Rekognoscirung an die Pforten der Hoͤlle geſchickt zu haben, um ganz genau zu erfahren, was da vorgeht.“— 150 WMein Freund wurde hierauf ins Staatsgefängniß abgefuͤhrt.„Ich habe,“ ſagte er, als er hinein trat, „nur ein bloßes Abſteigequartier in der Stadt; hier dieſer Palaſt iſt meine wahrhafte Reſidenz.“ Und als der Alcayde ihm ſagte, er moͤge ſich beim Durchgehen durch die zweite Thuͤr etwas buͤcken, ſagte er ſtolz: „Don Carlos buͤckt ſich niemals.“ In dieſem Augenblick zertheilte ein mit vier Pfer⸗ den beſpannter Wagen ploͤtzlich die Volksmenge; an den Schlaͤgen deſſelben ritten Alguacil's und Gardi⸗ ſten, und dies ganze Gefolge begleitete eine Dame, die durch ihren niedergeſchlagenen Schleier wenig vor der Aufmerkſamkeit der Menge geſchuͤtzt war. Ihr ſchlanker Wuchs fieng ſo eben an, ſie zu verrathen, da erblickte ſie mich, ſtieß einen Schrei aus und machte eine Bewegung auf mich, welche vollends verrieth, daß es Maria ſei. Ich folgte dem Wagen, ein Klo⸗ ſter oͤffnete ſich vor ihr, und meine Schweſter ward darin eingeſchloſſen, ohne daß ich bis vor ſie gelangen konnte. Die Puerta del Sol, welche Augenzeuge dieſet Scene geweſen war, blieb ſtumm und beſtuͤrzt. Ich erwog voll Verzweiflung, welche furchtbare Macht die Mittelmaͤßigkeit und die Niedertraͤchtigkeit auszu⸗ uben vermoͤgen, ſobald ſie einmal im Beſitz der hoch⸗ ſten Gewalt ſind. Endlich war auch durch die falſchen Berichte der Trabanten des Friedensfuͤrſten einmal die Wahrheit hindurchgedrungen. Napoleon war voll Ungeduld, das zu vollenden, was er ſeine„großen Entwuͤrfe“ 151 nannte. Waͤhrend er es verſchmaͤhte, die Bourbons als Vaſallen ſeiner Krone und als Mitglieder ſeiner Familie zu haben, ſah er nicht ein, daß ſeine Familie und ſeine Krone mehr Anſehn in Europa haben wuͤr⸗ den, wenn er die Abhaͤngigkeit und die Verwandt⸗ ſchaft unſerer Koͤnige annaͤhme, als wenn er ſich ihres Reiches unrechtmaͤßigerweiſe bemaͤchtigte, und, muͤde ſeiner vielen Siege, wollte er ohne Schwertſchlag, vermoͤge der Betruͤgereien ſeiner Politik, vermoͤge der Zwietracht in der königlichen Familie, endlich vermit⸗ telſt unſeres anſtoͤßigen Benehmens und unſeres Un⸗ gluͤcks, dahin gelangen, ſeinen Degen an die Stelle eines zum bloßen Schatten gewordenen Scepters zu pflanzen. Eine unbekannte Hand hatte an Don Ma⸗ nuel den Brief uberſchickt, welchen der Kaiſer von Don Ferdinand erhalten hatte. Durch dieſes furcht⸗ bare Actenſtuck verſtärkt, und durch den treuloſen Ver⸗ trag, der an demſelben Tage zu Fontainebleau abge⸗ ſchloſſen wurde, aufgemuntert, ſcheute ſich Godoy nicht mehr, gegen die oberſte Staffel des Throns ſeine Streiche zu füͤhren. Gerade damals, wo ich in San Lorenzo alles ſo friedlich und ruhig gefunden, hatte der Koͤnig mit ſeiner eigenen zitternden Hand einen Sohn verhaftet, den er eines Anſchlags gegen ſeine vaͤterliche Perſon anklagte. Man zweifelte jezt nicht mehr, daß Spanien dazu beſtimmt ſei, noch einmal die Mauern des Escurials durch die blinde Wuth eines PVaters mit Blut befleckt zu ſehen. Indeß, wenn in Philipps des Zweiten Seele ein ehebrecheriſches Kom⸗ plott alle Gefuhle der Natur zum Schweigen gebracht 152 hatte, ſo war er doch wenigſtens der unerbittliche Raͤ⸗ cher, aber nicht das ſchwaͤchliche Werkzeug deſſelben. Die Volker erblickten in dem alten Monarchen das Koͤ⸗ nigthum in ſeiner furchtbaren und eiferſuͤchtigen Ge⸗ ſtalt, in der jungen Koͤnigin die ruͤhrende und edle Seite deſſelben. Das Intereſſe des Publikums ver⸗ mochte noch den Leidenſchaften des Throninhabers bis in ihre Verirrungen hinein zu folgen; die hoͤchſte Ge⸗ walt floßte noch jenes ſtumme Staunen ein, welches große Kataſtrophen in uns erwecken, aber nicht jene Art von drohendem Unwillen, der in nichts anderem, als in einem hohen Grade von Haß und von Verach⸗ tung ſeinen Grund hat. Jezt indeß war der Fall anders. Unter einer un⸗ gluͤcklichen und ruhmloſen Regierung hatte die könig⸗ liche Gewalt zwar noch die Formen des Despotismus, aber nicht mehr deſſen Stuͤtzen und Vortheile, und eine Prinzeſſinn, die in der Vernachlaͤßigung aller ihrer Fürſten⸗, Mutter- und Gattenpflichten grau gewor⸗ den war, gebrauchte den Arm ihres Gemahls, um das Henkerbeil auf das Haupt ihres Erſtgeborenen zu lenken. Eine That, wovor die Menſchheit ſich ent⸗ ſetzt, war fur ſie nicht zuruckſchreckend, wofern ſie nur dadurch den Zweck erreichen konnte, den ganzen Stamm ihrer Vorfahren und ihrer Nachkommen zu Gunſten eines jungen Buhlers zu berauben, der tauſendmal meineidig geweſen, noch oͤfter verrathen worden, mit dem Fluche des Volks beladen und nicht werth war, andere Unterthanen zu haben, als Favo⸗ ritinnen und Finanzpaͤchter. — — 153 Die blutduͤrſtigen Abſichten Godoy's zeigten ſich ziemlich deutlich in der Wahl des Gerichtshofes, den er fuͤr ſein koͤnigliches Schlachtopfer auserſehen hatte. Es wurde bald bekannt, daß der hohe Rath von Ka⸗ ſtilien mit der Fuͤhrung der gerichtlichen Unterſuchung beauftragt worden ſei, und eine Kommiſſion von elf Nitgliedern, die ſuͤmmtlich von dem Feinde Don Fer⸗ dinands auserwählt worden waren, ſollte ſich nach San Lorenzo begeben, um die Papiere des Prinzen zu unterſuchen, und dort im Schweigen der Moͤnchs⸗ eindde, im kloſterlichen Dunkel, unter den Augen des Hofes, das Schickſal des hohen Angeklagten zu ent⸗ ſcheiden. Der erſte November brach an. Auf allen offent⸗ lichen Platzen boten die Blinden das königliche Dekret gedruckt feil, welches dem hohen Rath von Kaſtilien in den Ausdruͤcken einer furchtbaren Einfachheit die Verbrechen des Sohnes und den Gerechtigkeitsact des Vaters anmeldete. Ich durchſtreifte die Vorſtaͤdte. Es war gerade die Stunde, wo die Muͤtter, auf den Schwellen ihrer Hausthuͤren ſitzend, in freier Luft ihren Sohnen, die vor ihnen knieen, die Toilette zu machen pflegen, und von einer Hausthuͤr zur andern hinuber ſchwatzend, ſich ihre Empfindungen und An⸗ ſichten mittheilen, die dann von einem Hauſe zum an⸗ dern mit der Schnelligkeit eines elektriſchen Funkens ganz Madrid von einem Ende bis zum andern durch⸗ fliegen. Fray Aparicio veſuchte ſo eben die Wohnungen dieſer Leute. Die Mädchen kamen und kußten ihm 154 die Haͤnde, die Kinder beruͤhrten ehrfurchtsvoll ſeinen braunen Rock, die Vaͤter neigten ſich vor ihm, die Frauen befreiten ſein geſchornes Haupt von der ſchwe⸗ ren Moͤnchskapuze, oder uͤberreichten ihm ihre Roſen⸗ kraͤnze, um ſie einzuſegnen. Alle waren erfreut, den ehrwuͤrdigen Pater zu ſehn, wie er unter ihr Stroh⸗ dach kam, einen Cigarro aus der Hand der Haus⸗ wirthin nahm und rauchte, den Branntewein annahm, der fur ihn in dem hoͤlzernen Wirthſchaftsnapfe bereit ſtand, und die Nachbaren ſagten zu einander:„Er⸗ zaͤhlt uns doch etwas von dieſem ehrwuͤrdigen Pater Frayle*). Das ſind doch noch Mönche ohne Stolz. Wir brauchen erſt keine Edelleute zu werden, um ſie in unſere Wohnungen kommen zu ſehen, die durch ihre Gegenwart geheiligt werden. Dagegen alle jene Ordensgeiſtlichen von reichen Einkuͤnften, dieſe von Anmaßung aufgeblaſenen Monges, betrachten das kaſtilianiſche Volk wie Indianer oder Mauren.“— „Ganz gewiß,“ antwortete die voruͤbergehende El⸗ vire;„fragt ſie nur, ob der liebe Gott ſie wohl ſo behandelt wie unſere Frayles, ob die Heiligen des Himmels ſie wohl eben ſo oft beſuchen?“ Und nun *) Alle Moͤnchsorden Spaniens zerfallen in zwei Klaſſen, in die Monges und in die Frayles. Die erſteren ſind die reicheren und die aufgeklaͤrteren, und ſind von beſſerer Familie und Herkunft. Die lezteren dagegen ſind die zahlreicheren, zugleich aber auch die unwiſſendſten und am meiſten beim Volke beliebt, aus deſſen Mitte ſie ſich ergaͤnzen und unter welchem ſte ſich umhertreiben, etwa ſo wie unſere ehemaligen Bettelmoͤnche. 155 erzaͤhlte ſie ihnen im Gehen die Erſcheinung des furcht⸗ baren Erzengels Sanct Michael. Die Erzaͤhlung von dieſem Wunder, die unterweges noch durch andere Mirakel vergroͤßert wurde, begleitete den Fray Apa⸗ ricio von Straße zu Straße. Die Hauswirthe, bei denen er einſprach, fuͤhlten, bei Anhoͤrung ſeiner Aeußerungen uͤber die Porfaͤlle im Escurial, in ihrem Herzen die alte Abneigung der Spanier aus allen Staͤnden gegen den gemeinſchaftlichen Feind wieder aufgähren. Die Frauen ſtießen fromme Laſterungen aus und uͤberließen ſich den Aufwallungen ihrer Wuth; die Maͤnner ſchwiegen, warfen ihre braunen Maͤntel um, und verſteckten heimlich einige Waffen unter die⸗ ſelben. Madrid bot gleich am fruͤhen Morgen jenen dro⸗ henden Anblick dar, den es gewoͤhnlich ſonſt nur um die Stunde zu haben pflegt, wo die Maͤnner aus Furcht vor den Nachſtellungen der Nacht ſich dadurch vor dem Dolche zu ſichern ſuchen, daß ſie hinter ſich her einen Saͤbel ſchleppen, oder aus ihren Maͤnteln einen Degenknopf hervorblinken laſſen. Ueberall bil⸗ deten ſich Gruppen, und aus dem herrſchenden Schwei⸗ gen, aus der Sympathie, die ſich auf allen Geſich⸗ tern an den Tag legte, konnte man abnehmen, daß die Volksmenge nicht erſt zu reden brauchte, um ſich gegenſeitig zu verſtehen; es war, als ob das ganze Volk mit einer und derſelben Betruͤbniß, mit einem und demſelben feſten Entſchluſſe vom Schlaf erwacht waͤre. Ich gieng durch eine Kirche, und erblickte da den Don Mathias auf der Kanzel. Ich weiß nicht, ob 156 mein Erſcheinen ihn ermuthigte, ob er ſich vielleicht an meine geſtrigen Aeußerungen erinnerte, und nun ſeinen Haß gegen die Verfolger der Markiſin an den Tag legen wollte, genug, ich traute meinen Ohren kaum, als ich ihn folgende Stelle aus der Schrift anfuͤhren hoͤrte: Quare ergo peccas in sanguine innoxio, interficiens David, qui est absque culpa? Er wagte es, bei dieſer Parallele ſtehen zu bleiben, und den Don Ferdinand, den er, ohne ihn weiter zu nennen, bezeichnete, bald mit dem Nachfol⸗ ger Sauls zu vergleichen, wie er vor deſſen eiferſuͤch⸗ tiger Wuth durch den Willen Gottes bewahrt, bald mit Jonathan, wie er durch den Willen des Volks vor dem väterlichen Schwerte gerettet wurde: Dicitque populus ad regem: Hoc nefas est. Liberavit ergo populus Jonathan, ut non moriretur. Der Kanzelredner, den der Beifall des Publikums immer kuͤhner machte, verfolgte ſeine Anſpielungen bis ins Gebiet der alten Fabel, und ſchilderte den Herkules, wie er noch in der Wiege mit zwei blutgierigen Drachen handgemein wurde. Ja, verleitet durch das Ver⸗ gnuͤgen, ſeine Gelehrſamkeit und ſeine Beredſamkeit auszukramen, uͤberließ der Doctor ſich der gefaͤhrlichen Luſt, die Geſchichte der beiden Ungeheuer zu erzaͤhlen, die den Sohn Jupiters zu erwuͤrgen ſuchten, und ent⸗ warf zugleich ſeine mythologiſchen Allegorieen in einem Stile, der eben ſo ſehr den kirchlichen Anſtand, als den geſunden Menſchenverſtand und die hohen Verfol⸗ ger des Prinzen von Aſturien verletzen mußte. Kaum hatte er ſeine Rede geendigt, als auch ſchon ſein Muth — 157 mit dem Rauſch der Begeiſterung zugieich hinſchwand, und er ſchleunig ſich aufmachte, um in einem Kloſter einen Zufluchtsort zu ſuchen. So haͤufig man in den Vorſtaͤdten den Ordens⸗ leidern des h. Dominicus, des h. Franciscus, des h. Auguſtin begegnete, eben ſo zahlreich ſah man die vornehmeren Orden ſich in den wohlhabenderen Theilen der Stadt umhertreiben. Benedictiner, Hieronymi⸗ ten, Baſilienſer, ſogar Karthaͤuſer, alle giengen von Haus zu Haus und von Laden zu Laden. Ich ſah in den Gemuͤthern einen drohenden Unwillen gaͤhren, und der Anblick von Madrid ſchien mir dafuͤr zu buͤr⸗ gen, daß, wie auch immer der Spruch der Richter ausfallen moͤge, Don Ferdinands Kopf dennoch nicht fallen werde. Die blauen Maͤntel ſchoͤpften aus dieſen Bewe⸗ gungen des Volkes wieder Vertrauen. Die Puerta del Sol hatte ihre Stimmen wieder bekommen. Alle ſprachen uͤber Godoy und uͤber die Regierung, die einem ſolchen Menſchen die Monarchie habe preisgeben koͤnnen, das Verdammungsurtheil aus, und verlang⸗ ten ganz laut die Wiederaufrichtung einer neuen Ver⸗ faſſung. Fray Cayetano wunderte ſich uber ſich ſelbſt, als er von politiſchen Schutzwehren und Schranken redete.„Don Ferdinand und Cortes!“ ſagte er, „dieſe beiden Namen bedeuten ſchon ſeit Jahrhunder⸗ ten Ruhm und Gluͤck.“ In dieſem Augenblick ſchlug die Thurmuhr auf der Kirche des guten Erfolgs, und die Volksmaſſe ſah eifrig nach dem Zifferblatt hin; denn es giebt Zeiten, wo ganze Voͤlker die verfließenden Stunden zahlen und ſie befluͤgeln moͤchten. Es war jezt die Stunde, wo ein Ausſchuß des hohen Raths von Ka⸗ ſtilien diejenigen Verhafteten, welche nicht nach San Lorenzo gebracht worden waren, verhoͤren ſollte. Die ganze Puerta del Sol gerieth in Bewegung, und mit niedergeſenktem Haupte, wie in einem Leichenzuge, begaben ſich die blauen und die braunen Maͤntel nach dem Palaſte des hohen Raths. Die verſchiedenen Saͤle ſtanden ſo eben im Begriff ihre Sitzungen zu endigen, die Thuͤrſteher der Kam⸗ mer riefen von Zimmer zu Zimmer die Stunde aus. Ganze Schaaren von Rechtsgelehrten, Gerichtsſchrei⸗ bern, Archivaren, Anwalden und Advokaten ſtroͤm⸗ ten heraus, die eher an alles andere dachten, als an das Ungluͤck des Staats. Ich war angewieſen, mich vor dem Ausſchuß zu ſtellen. Da trat mir ein Portero*) entgegen, und zeigte mir an, daß ich vor den Gerichtsſchranken durchaus nicht bewaffnet erſcheinen duͤrfe; er nahm mir hierauf meinen Degen ab, klopfte zweimal an die Thuͤr, und ich trat hinein. Das Tageslicht, das auf ſeine Geſtalt fiel, zeigte mir ein bekanntes Geſicht. Es war der nichtswuͤrdige, der kecke Fortunato, der ſich mir hier in der Kleidung eines koͤniglichen Beam⸗ ten vorſtellte. Ich wuͤrde uͤberraſcht geweſen ſein, ihn hier an dieſem Orte zu treffen, wenn ich nicht zu⸗ gleich auch Jaime als Mitglied des außeren Raths *) Thuͤrſteher. 159 daſitzen, und ſeinen Vater, den Verfolger der Donna Leonor, auf der Richterbank den Vorſitz fuhren geſe⸗ hen hätte. Unter ſolchen Vorbedeutungen ſtellte ſich das Heiligthum der Geſetze meinen Blicken dar. Zu den Fuͤßen der Erhoͤhung, welche die Mitglie⸗ der des hohen Rathes einzunehmen pflegen, ſaß eine junge Dame mit niedergeſenkten Blicken. Das Hals⸗ band des Marien Luiſen⸗Ordens, welches unter den Falten ihres Schleiers halb verdeckt war, machte ih⸗ ren ganzen Schmuck aus; ihre ganze Haltung war furchtſam, aber edel, ein lebhaſtes Roth faͤrbte ihre Wangen,— es war Maria. Maria iſt die einzige Frau in der Welt, an welcher ich bis zu einem ſo ho⸗ hen Grade jenen unausſprechlichen Reiz entdeckt habe, der weder in den Bewegungen, noch in den Blicken, noch in dem Tone der Stimme, ſondern in der ganzen Perſon liegt, ſo wie der Blumenduft in der ganzen Blume und nicht blos in einem einzelnen Theile ent⸗ halten iſt. Sie mochte nun in Thätigkeit oder in Ruhe ſein, ihre Augen mochten von himmliſchem Feuer oder von Thraͤnen glaͤnzen, ſie mochte reden oder ſchweigen, man ward ſtets in ihrer Naͤhe von jener bezaubernden Miſchung von Sittſamkeit, Anmuth und Wuͤrde, die in ihr war, innig ergriffen. In der Kirche, bei Begrußungen, kurz uͤberall ſchien ſie vor Maͤnnerblicken zuruͤckzubeben und ſuchte ſie zu meiden, und dennoch waren die Augen aller einmuͤthig auf ſie gerichtet. Die Markiſin gerieth in Verlegenheit, als ſie mich da erſcheinen ſah. Der ſchmerzliche Ausdruck in ihren 160 Geſichtszuͤgen weckte in meiner Seele die Ruͤhrung, wovon die ihrige erfullt war. An jedem andern Orte als an dieſem wuͤrde ich mich ihr zu Fuͤßen geworfen haben, ich wuͤrde ſie um Auskunft gebeten haben, uͤber die unbekannten Hinderniſſe, die ſich auf eine ſo traurige Weiſe zwiſchen ſie und mich geſtellt hatten. Ein Agente Fiscal“), ein junger Mann, der aus Ehrgeiz ſich mit Leib und Seele als blindes Werk⸗ zeug an die Plaͤne und Leidenſchaften der herrſchenden Gewalt verkauft hatte, nahm mich jezt ins Verhoͤr, und ließ dabei eine hohniſche Feſtigkeit gegen mich bli⸗ cken. Ich erfuhr, daß der Comthur bei ſeinem Be⸗ ſuche bei der Markiſin das Geheimniß der hohen Hoff⸗ nungen und der verbrecheriſchen Freude ſeines Beſchuͤ⸗ tzers hatte errathen laſſen, ſei es nun, daß er ſie durch den Glanz ſeiner kuͤnftigen Groͤße zu blenden ſuchte, ſei es, daß er zu einem minder unwuͤrdigen Reizmittel ſeine Zuflucht genommen und ihr das Anerbieten ge⸗ macht hatte, daß er ihr zu Gefallen den Kopf Don Ferdinands retten wolle. Maria hatte eiligſt eine heilſame Nachricht hievon nach dem Escurial befoͤrdert. Jezt klagte man mich an, daß ich ihren Brief an Pablo uͤberbracht habe, und Matea war es, die aus Furcht oder aus Haß das ganze enthuͤllt hatte. Fray Pablo unterhielt naͤmlich mit ihr einen lebhaften Briefwechſel, worin die liebegluhendſten Stellen vorkamen. Man behauptete nun, daß ich in alle Komplotte der Gräfin eingeweiht ſein muͤſſe, man *) Fiskaliſcher Anwald. 16¹ verlangte, ich ſolle dieſelben jezt offenbaren, und die Juſtizperſon, die mich verhorte, rief mit einer uͤber⸗ führenden Miene aus, daß ich vergebens ſuchen wuͤrde, das Auge der Gerechtigkeit zu täuſchen, dieſe zweite Vorſehung, die alles ſieht und alles vermag fuͤr das Wohl des Ganzen. Die Erklaͤrungen und die Blitze, die vom Throne ausgegangen waren, kamen ſeiner Beredſamkeit zu Hilfe. Indem er, wie er vorgab, aus dem Manifeſt, worin der Konig ſeinen Volkern von den meuchelmoͤrderiſchen Anſchlagen ſeines Sohnes gegen ſeine väterliche Perſon Nachricht gegeben hatte, den ruͤhrendſten Ausdruck entlehnte, rief er gegen mich die Hand des Gottes an,„der keine Greuelthaten gegen unſchuldige Schlachtopfer geſtattet.“ Die Markiſin ward nun ihrerſeits ebenfalls ver⸗ hoͤrt. Bei dem hellen Ton ihrer Stimme hoben die Mitglieder der Rathsverſammlung ihr ſchwer geſenk⸗ tes Haupt empor. Noch nie war ein ſo holder Klang im Umkreiſe dieſer Mauern erſchollen. Sie antwor⸗ tete mit vieler Ruhe und Feſtigkeit. In ihrer Sprache lag eben ſo viel Erhebung als Einfachheit.„Ich glaubte,“ ſprach ſie am Schluß,„dem koͤniglichen Hauſe, dem Throne, ja ganz Spanien einen bedeu⸗ tenden Dienſt zu leiſten, wenn ich die Ereigniſſe hin⸗ dern könnte, uͤber deren Anblick das Vaterland tief betrubt iſt.“ Verwundert uber dieſe Kuͤhnheit ihrer Aeußerungen, errothete ſie darauf, ſchlug die Augen nieder, und ſchien ſo beſchämt uͤber ihre großherzige Rede, als ein anderer uber eine ſchlechte Handlung geweſen ſein wurde. ₰ 14 162 Fortunato ward gegen ſie und gegen mich vorge⸗ fuͤhrt. Er bezeugte keck meine Reiſe nach dem Eseu⸗ rial. Jaime laͤchelte gezwungen, als er ſeine Opfer vor ſich erblickte. Durch ſeinen Blick unterſtuͤtzt, be⸗ ſtuͤrmte der junge Subſtitut uns unaufhoͤrlich mit feindſeligen Fragen; indem er immer wieder auf die vertraulichen Mittheilungen des Comthurs zuruͤckkam, wagte er einen Nebel von Ungewißheit uͤber die Kunſt⸗ griffe zu verbreiten, zu welchen angeblich die Markiſin ihre Zuflucht genommen, um ihrem hohen Neffen Ge⸗ heimniſſe von Wichtigkeit abzulocken. Mein Blut kochte in meinen Adern. Aufgemun⸗ tert durch meinen Unwillen, durch die Thraͤnen, die Maria nicht mehr zuruͤckhalten konnte, wagte endlich der Anklaͤger, die junge und ſchuͤchterne Frau in einem Punkte zu verletzen, der fuͤr Frauen der empfindlichſte iſt, und der fuͤr uns ſtets heilig ſein ſollte. Die Ge⸗ richtskommiſſtvn hoͤrte ganz kalt den beleidigenden Fragen des Fiscalagenten zu. Maria perbarg ihr Geſicht in ihre Haͤnde, und ich, der ich jezt nur noch meiner Verzweiflung Gehoͤr gab, ſuchte meinen De⸗ gen, um meine innere Glut in dem Blute dieſer kecken Meuchelmörder abzuloſchen, allein— mein Degen war nicht mehr an meiner Seite. Ich konnte alſo nichts weiter thun, als zu den Fuͤßen der Markiſin hinſtuͤrzen, die ihr Haupt auf das meinige herabneigte und in Thraͤnen ausbrach. Die Mitglieder des hohen Raths blieben ſtumm. Endlich ward Matea vorgerufen, um ein gerichtliches 163 Zeugniß abzulegen, und ſie erſchien, auf den Arm der Donna Ines geſtuͤtzt. Bei meinem Anblick, bei dem Anblick Maria's und unſerer liebevollen Umar⸗ mung, blieb ſie auf der Schwelle ſtehen, erblaßte, und ſtieß einen ſchmerzlichen Schrei aus; ihr Blick flog ver⸗ wirrt im Saale umher, ihr zitternder Mund brachte abgebrochene Worte hervor, welche Geiſtesverwirrung und Wuth verriethen, und unter denen ich blos mei⸗ nen und Maria's Namen deutlich verſtehen konnte. Endlich erkannte ſie Donna Ines wieder, faßte dieſelbe beim Arm und rief:„Ungluͤckliche, du verraͤthſt mich, ich weiß es, du biſt es, die ihnen alles offenbart hat!“ Sodann, uͤber ihre ſo eben ausgeſtoßene Aeußerung erſchrocken, und wieder zur Beſinnung kommend, ſtuͤrzte ſie in das angrenzende Zimmer. Die Gerichts⸗ kommiſſion entſchied, daß ihr Gemuͤth zu verwirrt ſei, als daß ſie jezt verhoͤrt werden könne. Noch ganz betaubt von dieſer Scene, nahm ich endlich das Wort, um die Ehre einer Schweſter zu raͤchen. Aus meinem Munde gieng blos die reinſte Wahrheit; ich zeigte den vom Comthur entworfenen Anſchlag an, meine Schweſter und mich aufdem Blu⸗ geruͤſt umzubringen. Ich vergaß vielleicht im Eifer meiner Vertheidigung, hinter welchem ehrwuͤrdigen Amtskleide der Anklaͤger ſich verbarg, ſo wie er ſelber in der Heftigkeit ſeines Angriffs es vergeſſen hatte. Al⸗ lein die Heftigkeit wird bisweilen mit unter die Vor⸗ rechte der hoͤchſten Gewalt und ihrer Diener gerechnet, und wird allenfalls den Henkern aber nicht den Schlacht⸗ opfern zu Gute gehalten. 164 Bei den lebhaften Aeußerungen, die mir von der Erbitterung und von der Verachtung eingegeben wur⸗ den, ſtanden die ſaͤmmtlichen Raͤthe auf einmal auf, und konnten nicht genug Ausdruͤcke finden, um den Abſcheu zu bezeichnen, den ſie vor meiner Keckheit empfanden.„Das heißt zu lange einen Scandal dulden,“ rief der unbaͤrtige Jeffries, dem die Be⸗ ſchuͤtzung der geſellſchaftlichen Ordnung anvertraut war, „Eure Hoheit hätte wohl ein Recht, meine zu lange Geduld anzuklagen. Man fuͤhre dieſen Menſchen jezt gleich fort; ich verſpreche, daß ich auf ihn ein ſorgſa⸗ mes Auge haben und ihn als einen Betruͤger oder als einen Wahnſinnigen uͤberfuͤhren will.“ Bei dieſen Worten uberlieferten die Gerichtsdiener mich der Wache. Maria ward in ihr Gefaͤngniß zu⸗ ruͤckgefuͤhrt; ich konnte blos noch im Vorbeigehen ihre gluͤhende Hand druͤcken, und Fortunato ſchleppte mich triumphirend in einen Kerker.— So furchtbar iſt unter Regierungen, die gar keine, oder doch blos eine partheiiſche und unzuverlaͤßige Oeffentlichkeit haben, die Macht der Juſtiz. gehntes Buch. Fortſetzung des Manuſcripts von Ainhoa. Erſtes Kapitel⸗ Drei Tage verſtrichen. Spanien erwartete mit Zit⸗ tern das Dekret, das gegen den Kronerben erlaſſen werden ſollte; es war, als ob der Streich, der nach ſeinem geheiligten Haupte zielte, die ganze Nation bedrohe. Doch der Friedensfurſt hatte weder in ſeinem Cha⸗ racter noch in ſeinem Verſtande irgend etwas von dem, was eine Feſtigkeit des Willens hervorbringt. Kaum war die Verhaftung Don Ferdinands vollzogen, als er auch ſchon uͤber ſein eigenes Wagſtuck uͤberraſcht war, und ſich an der aͤußerſten Grenze ſeiner Kuͤhn⸗ heit und ſeiner Macht ſah. Die Politik des Kaiſers beftemdete ihn vollends; die im Escurial in Beſchlag genommenen Papiere enthullten ihm die feindſeligen Anſchläge Napoleons. Er dictirte daher ſogleich dem Koͤnige Briefe, welche den Zweck haben ſollten, den 166 Herrn des Kontinents durch ſeine Klagen zu ruͤhren, und zwar in einem Zeitmoment, wo er bereits Spa⸗ nien den franzoͤſiſchen Legionen geoffnet hatte. Die allgemeine Gaͤhrung ſtorte nicht minder ſeine Entwuͤrfe. Als er genoͤthigt war, die im Marſch nach Portugal begriffenen Regimenter nach Madrid zuruͤckzurufen, verrieth ihm ein drohendes Geſchrei, daß das Volk und das Heer ihn einmuͤthig verabſcheue. Die Rich⸗ ter, die er ſo eben gegen ſeinen Feind ernannt hatte, faßten im Gefuͤhl der oͤffentlichen Meinung den Muth, ſeinem Ehrgeiz dies hohe und theure Opfer nicht fallen zu laſſen. Der Boͤſewicht fuͤhlte ſich nun durch den Nationalhaß uͤberwunden; er zitterte, und indem er blos auf Mittel ſann, um den Sturm zu beſchwoͤren, faßte er den Plan, nicht blos vor Don Ferdinand, ſondern vor ganz Spanien, ja vor der ganzen Welt, als Vermittler zwiſchen dem Unrecht des Sohnes und dem Zorn des Vaters aufzutreten. Die Markiſin ward nach San Lorenzo geſchleppt, wo alle die hohen Maͤrtyrer der Verfolgung bereits verſammelt waren. Sie glaubte hier Richter, und zwar blutduͤrſtige Richter zu findenz indeß, muthig und gefaßt, vergaß ſie ihre Gefahr beim Anblick der Niedergeſchlagenheit, in welche ihr bejahrter Gemahl verſenkt war. Dieſe Strenge der hoͤchſten Gewalt war fuͤr ihn etwas ſo unerhoͤrtes, daß die Verhaftung Maria's ihm in ſeinen Gedanken zugleich als ein Un⸗ gluͤck und als eine Schande erſchien. Bald nach ihrer Ankunft ſah meine Schweſter eine plotzliche Freude auf dem Geſicht des Kammerherrn 167 glaͤnzen, und einer von den Urhebern der Leiden des Vaterlandes, eben der, deſſen Rache ſie hier gefan⸗ gen hielt, erſchien und neigte ſich auf die Hand des unſchuldigen Opfers herab. Jaime kam naͤmlich und unterhielt die Markiſin von der Zwietracht im koͤnig⸗ lichen Hauſe und von den Bemuͤhungen des Friedens⸗ furſten, um den Zorn des beleidigten Monarchen zu entwaffnen. Endlich ſprach er davon, daß, wenn Don Ferdinand einwilligen wollte, ein Geſtaͤndniß ſeiner vatermoͤrderiſchen Anſchlaͤge niederzuſchreiben und Vergebung fuͤr ſeine Verbrechen zu erflehen, ſo wuͤrde dieſer Schritt nicht blos hinreichen, um das Leben des hohen Verbrechers zu retten, ſondern auch um ſeine Feſſeln zu brechen. Kurz er ſtellte Marien eine Unterhandlung, welche die Vergießung des koͤnig⸗ lichen Blutes hindern ſollte, als ein Mittel dar, Spa⸗ nien zu beruhigen und ihren eigenen Leiden ein Ziel zu ſetzen. Indeß ſie erwiederte:„Ich muß euch nur ſagen, daß, wenn ich eure Botſchaft uͤbernaͤhme, es nur geſchaͤhe, um den Prinzen zu bitten, einen ſo em⸗ porenden Antrag zuruͤckzuweiſen. Ich liebe ihn, weil ich eine Spanierin bin, und weil er unglucklich iſt; allein ſo ſehr ich auch als Frau denke, ſo wuͤrde ich doch zehnmal lieber zu ſeiner Ermordung, als zu ſei⸗ ner Entehrung meine Stimme geben.“ Maria ward ſogleich in engeren Gewahrſam ge⸗ bracht. Der Kammerherr, der nunmehr vom Hofe verbannt war, konnte von ſeinem Neffen ſich nicht ein⸗ mal den Troſt verſchaffen, daß er ſich in die Naͤhe ſei⸗ ner Gemahlin zuruͤckziehen durfte. Der Comthur 168 wollte zu gleicher Zeit ſeinem Ehrgeiz, ſeinem Stolz und ſeiner Liebe Rache verſchaffen. Er warf jezt ſeine Augen auf Donna Matea, um durch ſie das durchzuſetzen, was die Markiſin von ſich abgelehnt hatte. Allein der Verſtand und die Reize der Graͤfin waren bereits nicht mehr nothig; ſei es nun, daß die Verhandlung keine Hinderniſſe mehr fand, oder ſei es, daß ſich am Hofe viele andere Un⸗ terhaͤndler fanden, die ſich freuten, einen Ausgang herbeifuhren zu helfen, der von keiner ihrer Lieblings⸗ neigungen ein Opfer forderte, und der an dem gegen⸗ wärtigen und kuͤnftigen Zuſtande der Monarchie nichts aͤnderte. Don Ferdinand ſchrieb das verlangte Ein⸗ geſtändniß, und erhielt die Erlaubniß, ſich zu den Fuͤßen des Koͤnigs und ſeiner Mutter zu werfen. Sein Degen ward ihm zuruͤckgegeben, und ein Dekret des Koͤnigs meldete dem hohen Rath von Kaſtilien, daß er„lieber auf die Stimme der Natur, als auf die Stimme der Gerechtigkeit hoͤren wolle.“ Am fuͤnften November wurden die Briefe des Prinzen und das Manifeſt ſeines Vaters zugleich im Publikum bekannt gemacht. Spanien las dieſe ſelt⸗ ſamen Actenſtucke mit ſchmerzlichem Gefuͤhl. Godoy's Macht war vielleicht nie ſo ſchrecklich, nie ſo verab⸗ ſcheuungswuͤrdig erſchienen, ſelbſt damals nicht, als ſie auf Don Ferdinands Leben ihren Angriff richtete. Mitten in einer Nation, die ihren geliebten Kron⸗ prinzen dem Blutgeruͤſt entriſſen ſah, war der beſiegte Don Manuel vielleicht der einzige, der eine Regung von Freude empfand. Die Abkunft vom 27. October, ————— ——— 169 wodurch Spanien an Frankreich uͤberliefert wurde, obwohl ſie dem Scheine nach Portugal beiden Maͤchten preiszugeben beabſichtigte, traf an dem Tage im Es⸗ curial ein, wo Don Ferdinand wieder zu Gnaden auf⸗ genommen wurde. Dieſe Abkunft, welche in Spa⸗ nien lange Zeit geheim gehalten wurde, ſetzte die Ver⸗ treibung des Hauſes Braganza feſt; das Koͤnigreich Algarve war darin dem Friedensfuͤrſten zugeſichert, ein anderes Stuͤck der portugieſiſchen Monarchie ſollte dem Infanten Don Luis, dem der Kaiſer Etrurien wegnahm, zur Entſchädigung dienen. In demſelben Augenblick beſetzten Caraffa und Junot das alte Luſitanien. Die Nation erſchrak nicht, als ſie ihre Provinzen von den Siegern von Friedland in Beſitz nehmen ſah, ſo ſehr fuͤhlte ſie ſich durch den Umſturz der anderen Monarchie der Halbinſel in ihrem alten Haſſe geſchmeichelt, und der Friedensfuͤrſt, der jezt unſere Heere zur Theilung des Raubes aufbrechen ließ, vergaß diejungſterlittene Beſchimpfung. Seine kunftige unumſchraͤnkte Herrſchaft troſtete ihn uͤber alles, ſogar uͤber die edle Widerſpenſtigkeit der Richter, von denen er vergebens einen Koͤnigsmord verlangt hatte. Er rechnete bei Verfolgung der vielen hohen Ge⸗ fangenen, die dem Prinzen von Aſturien zu Ungluͤcks⸗ gefaͤhrten gegeben worden waren, auf einen leichteren Sieg. Dieſe, welche ſich noch immer unter der An⸗ klage der beleidigten Majeſtät befanden, erwarteten in ihren Feſſeln, was der hohe Rath von Kaſtilien uͤber ihr Leben beſchließen wuͤrde. 170 Ein gemeinſames Ungluͤck hatte mich mit Don Carlos und mit Matea wieder vereinigt. Die Heiter⸗ keit des Gardeobriſten vermehrte blos meine Traurig⸗ keit. Ich bin niemals im Stande geweſen, beim Anblick des Ungluͤcks des Vaterlandes und unter dem Schwert der Geſetze zu lachen. Der treue Ramon befand ſich ebenfalls unter uns; er ſah ſich zu gleicher Zeit als Mitſchuldiger der Markiſin und als ihren Moͤr⸗ der angeklagt. Die Graͤfin hatte gleich anfangs uͤber den Zufall, der uns wieder zuſammenfuͤhrte, eine innige Freude empfunden. Doch mein Benehmen gegen ſie war kalt wie Eis. Ich haͤtte ihr vielleicht noch ihre heimlichen Angebereien verziehen, wenn ich hätte glauben koͤn⸗ nen, daß die Furcht allein ihr dieſelben eingegeben habe; allein den leidenſchaftlichen Drohungen ihres lezten Briefes zufolge, ſah ich in ihren Angebungen nicht ſowohl den Wunſch, ihr Leben zu retten, als die Hoffnung, meine Schweſter zu Grunde zu richten. Die Anmuth, die Schoͤnheit, der Verſtand, das un⸗ bewußte Gluͤck, welches Maria machte, kurz alles, ſogar meine Liebe zu ihr, hatte ihren Neid rege ge⸗ macht. Bei dieſem Gedanken ſchwebte mir ſtets das Bild der leidenſchaftlichen Gadetanerin vor, wie ſie zu dem Arme Fortunato's ihre Zuflucht nahm, um die Markiſin ihrer eiferſuͤchtigen Wuth aufzuopfern, und ich ward davon mit Entſetzen erfuͤllt. Sie mochte vielleicht meine innern Gedanken auf meinem Geſicht leſen, und ich mußte mir alle Gewalt anthun, um ſie ihr nicht ohne Ruͤckhalt an den Tag zu legen. 171 Eines Tages ſprach ich mit ihr von dem ſeltſamen Geheimniß, wovon die Gitana gegen mich Erwäh⸗ nung gethan hatte. Sie wurde während des Anhoͤ⸗ rens bald blaß, bald roth. Ihre Verlegenheit bewies mir hinlaͤnglich, daß die Reden der Zigeunerin nicht leere Worte geweſen waren, und als ich ihr vollends Donna Ines, Ramon und Don Luis als die Inhaber jenes unbekannten Geheimniſſes nannte, an welches, wie es hieß, meine Zukunft geknupft ſei, ward ſie von einer ungewoͤhnlichen Regung von Schmerz und Ent⸗ ſetzen ergriffen, und alle Leidenſchaften, die nur irgend in ihrer Seele wohnten, enthuͤllten ſich vor meinen Blicken. In dieſem Augenblick erſchien Fortunato auf der Schwelle des Gefaͤngniſſes, der ihr eine Bot⸗ ſchaft vom Comthur uͤberbrachte. Die Freiheit ward ihr dadurch wiedergegeben, und ſie verließ uns auf der Stelle. Da ſie durch ihre gemachten Anzeigen ſich blosgeſtellt hatte, ſo ergriff ſie mit ihrer gewohnten Heftigkeit jezt die Parthei des Friedensfüͤrſten. Jaime, den weder ſein bedeutender Einfluß noch ſeine vollzo⸗ gene Rache uber die Leiden ſeiner Liebe zu troͤſten ver⸗ mochte, brachte die Tage jezt meiſt an ihrer Seite zu, und fand da den ſuͤßen Troſt, den gemeinſamen Haß mit ihr zu theilen. Der Winter verfloß ſehr langſam. Ein unge⸗ wohnliches Ungewitter ſchien uber Spanien heraufzu⸗ ziehen; dies war im Monat Februar. Auf einmal erſcholl durch die ganze Halbinſel das Geruͤcht von kecken Frevelthaten. Die Generale Napoleons hatten mitten im Frieden vor den Augen aller Welt es gewagt⸗ 172 durch unedle Kriegsliſten ſich mehrerer feſten Platze einer befreundeten Macht zu bemeiſtern. Pampelona, Figueras, Barcelona, dieſe Schluͤſſel unſerer Pro⸗ vinzen, die ohne Kampf eingenommen und auf eine trotzige Weiſe uns entriſſen wurden, bezeugten hin⸗ laͤnglich die Treuloſigkeit des feindlichen Angreifers und ſeine weitausſehenden Plaͤne. Unſere Regierer merkten wohl, daß dieſe Beleidigung blos das Vor⸗ ſpiel groͤßerer Unternehmungen ſei; doch gerade dieje⸗ nigen, welche uns ohne Gegenwehr den Anſchlaͤgen des fremden Eroberers preisgegeben hatten, anſtatt daß ſie jezt die von ihnen herbeigerufene Gefahr ge⸗ theilt hätten, dachten jezt blos daran, um Gnade zu flehen oder zu fliehen. Man ſprengte aus, daß der Koͤnig und Donna Maria Luiſe uͤber den Verluſt Spaniens, wofern ihnen nur Don Manuel nicht ent⸗ riſſen wuͤrde, ſich troͤſten, und lieber in der Ferne den Thron Montezuma's aufſuchen, als in edler Erman⸗ nung den Thron Karls des Fuͤnften zu vertheidigen ſuchen wollten. Zehntauſend Haͤnde arbeiteten Tag und Nacht an den Vorbereitungen zur Abreiſe; denn dieſe furſtlichen Perſonen, welche gern ein Koͤnigreich hinter ſich im Stich ließen, dachten blos darauf, wie ſie in die andere Erdhaälfte alle Kleinode und alles Kin⸗ derſpielwerk der dieſſeitigen hinuͤberſchafften. Dieſer Koͤnig, der alles verloren, dieſe Konigin, die alles verdorben, dieſer Guͤnſtling, dieſer Liebha⸗ ber, dieſer Weſir, der alle ſo ſchändlich verrathen hatte, hatten gegen ſich eine ſolche Verachtung, einen ſolchen Haß erregt, daß die Erbitterung uͤber Napo⸗ leons Ungerechtigkeiten dadurch in den meiſten ſpani⸗ ſchen Herzen gemildert wurde. „Was willſt du denn?“ ſagte Don Carlos zu mir;„Godoy hat ſich gegen den Kaiſer ſo treulos be⸗ wieſen, er hat ihn beim Beginn der lezten Koalition ſo niedertraͤchtiger Weiſe mit einem unvermutheten Angriff bedroht, daß man ſich nicht wundern darf, wenn dieſer Fuͤrſt, ſo großmuͤthig er uͤbrigens auch ſein mag, von nun an auf Garantien dringt. Nicht gegen uns, ſondern gegen den allgemeinen Feind er⸗ greift er Sicherheitsmaßregeln. Wie ſollte Spanien daran Anſtoß nehmen koͤnnen? Sind denn die Spa⸗ nier noch eine Nation? ſie, welche jezt Sklawen einer Obergewalt ſind, die ſie zu Grunde richtet und herab⸗ wuͤrdigt? Ach, Freund! es iſt um uns geſchehen, wofern nicht der Held Frankreichs zu unſerer Rettung herbeieilt. Ich, der ich geboren wurde, um das Leben zu genießen, um alle Freuden deſſelben zu er⸗ ſchoͤpfen, ich ſehe jezt blos Verbannungen, Berau⸗ bungen und Niedergeſchlagenheit. Die Trauer iſt ſo allgemein, daß ſie auch meine Seele ergreift.“ Der Verſuch, den Spanien mit einer unumſchraͤnk⸗ ten, im aͤußerſten Verfall begriffenen Regierungsform gemacht hatte, trug ſo ſehr das Gepraͤge des Ungluͤcks und der Schande, daß in den Gemuͤthern dadurch eine gewiſſe wilde Verzweiflung erregt wurde. Die Vor⸗ ſehung ſchien ſo ſehr ihre Hand von uns abgezogen und der Ruchloſigkeit freie Hand gelaſſen zu haben, daß Gott ſelber zulezt aus dem Glauben der Menſchen ent⸗ ſchwand. Aus dem Elend der Monarchie entſprang 174 der Atheismus, ſo wie ſich aus moraſtigen Suͤmpfen eine giftige Dunſtluft entwickelt. Der Gardeobriſt fragte mich mit ſeiner bittern Ironie, ob ich denn noch an jene Allgerechtigkeit, an jene Allweisheit glaubte, wovon ich ſo oft mit ihm geſprochen, und ich wußte in der That nicht, wie ich ſeine Grundſaͤtze widerlegen ſollte, gegen die ich keinen andern Beweisgrund an⸗ zugeben vermochte, als die innere widerſtrebende Stimme meines Bewußtſeins. Ich ſuchte einen mo⸗ raliſchen Lehrſatz feſtzuhalten, gleichſam wie einen rettenden Balken bei dieſem ungeheuern Schiffbruche; meine vom Truͤbſinn gelähmte Vernunft fand uͤberall blos Zweifel oder verzweiflungsvolle Gedanken. So brachte ich denn mein Leben in einem beſtändigen Kreis⸗ lauf von Gefuͤhlen und Betrachtungen hin, indem ich von der Vernunftwelt, deren Tiefen ich ohne Unterlaß zu ergruͤnden ſuchte, eine Ueberzeugung verlangte, die mir Kraft gaͤbe, um mein Loos zu ertragen oder um es zu enden; denn der einzige Genuß des Atheiſten kann nur darin beſtehen, den Selbſtmord zu wagen. Der Ausſchuß der Elfe ſprach endlich uͤber die Ver⸗ ſchwoͤrung vom Escurial das Urtheil. Die Richter, zwiſchen die Regierungsgewalt und die oͤffentliche Mei⸗ nung— zwei Maͤchte, die ſich damals bereits das Gleichgewicht zu halten anfiengen— mitten inne ge⸗ ſtellt, wagten es, der Stimme ihres Gewiſſens zu folgen, und alle Angeklagten wurden losgeſprochen. Indeß Don Manuel wollte nicht fuͤr beſiegt gelten, und daher mußten der Herzog von Infantado und mehrere Biſchofe und Generale, die von der Juſtiz fur unſchuldig 175 erklaͤrt worden, in verſchiedenen Verbannungsoͤrtern dafuͤr buͤßen, daß ſie ſich die Ungnade des allgemeinen Feindes zugezogen hatten. Don Carlos ward nach Aranjuez verwieſen, meine Schweſter nach Badajoz. Ich ward anfangs noch in Verwahrung behalten, zur Strafe fuͤr meine Wider⸗ ſpenſtigkeit gegen den Fiscalagenten und den Comthur, desgleichen auch Ramon, um wegen des Dolchſtichs Rede und Antwort zu geben, den die Markiſin mitten auf der Puerta del Sol erhalten hatte; da kam auf einmal Fortunato, der allezeit fertige Bote Jaime's, und gab mir meinen Degen wieder zuruͤck.„Meine hohen Gegner,“ meinte er,„hätten ſich durch Ma⸗ tea's Bitten erweichen laſſen, und wollten ſich nicht ſo weit herablaſſen, um eine Beleidigung, die ſie verach⸗ teten, den Geſetzen zur Beſtrafung zu uͤbergeben.“ Das Maaß meiner Schande war voll, und es fehlte mir nur noch, mir von den verworfenſten aller Men⸗ ſchen Verzeihung ertheilen zu laſſen. Der Despotis⸗ mus, der mehr unedel als grauſam war, hatte fuͤr Spanien jene beklagenswerthe Epoche herbeigefuhrt, wo die Boͤſewichte alles wagen, alles ſich herausneh⸗ men duͤrfen, ſogar eine gewiſſe ſchamloſe Nachaͤffung der Tugend⸗ Kaum athmete ich wieder die Luft der Freiheit, als ich auch ſchon nach meinem väterlichen Hauſe eilte. Nach einer Trennung von vier Monaten ſollte ich jezt Donna Leonor und meinen Vater wieder umarmen. Ich vergaß Maria's Misgeſchick, mein eigenes und 176 das meines Vaterlandes.„ Allein das Haus meiner Eltern fand ich leer und ode. Die Inquiſition, ſeitdem ſie oͤfter zur Vertheidi⸗ gung des Throns als zur Beſchutzung des Altars ge⸗ braucht wurde, hatte blos noch aͤußerlich ihre furcht⸗ bare Form und ihre barbariſche Herrſchaft beibehalten. Doch dieſe halb unſichtbare und uͤberall gegenwaͤrtige Macht lebte noch. Blos ihre Verfahrungsweiſe war gemildert, aber nicht ihre Geſetze. Unwandelbar, mitten unter Staatsformen, die fortwährend von der Zeit modifizirt wurden, ward ihre Gewalt in Anwen⸗ dung ihrer entſetzlichen Vorſchriften blos durch das langſame Vorſchreiten jener andern Macht gehemmt, die man ſogar bei uns ſchon die oͤffentliche Mei⸗ nung zu nennen anfieng. Ihre eiſerne Hand, die ſeit langen Jahren blos in den Provinzen Scheiter⸗ haufen errichtet, und zu Madrid den Menſchenmord nur im Dunkeln ausgeuͤbt hatte, baute doch uͤberall noch Gräber unter dem Namen von Kerkern. Die Bewohner dieſer dumpfigen Gemaͤcher, welche fuͤr das Tageslicht, fuͤr die menſchliche Geſellſchaft abgeſtor⸗ ben, blos fuͤr ihre Kerkermeiſter lebten, blos darum noch einiges Lebensgefuͤhl in ſich hatten, weil die Peitſche, der Hunger und das tägliche Vorpredigen in ihnen das Gefuͤhl des Truͤbſinns oder vielmehr des Entſetzens rege erhielten,— dieſe Menſchen konnten ihre Hoffnung nicht einmal auf die Ruhe des Grabes ſetzen, denn auch da noch ward ihnen der gegen ſie aufgehobene Arm, das blutige Phantom einer Ewig⸗ keit vorgeſpiegelt, die zu ſtrafen nicht aufhoͤrt. Manche 177 von ihnen vermochten ſogar die Wohlthat eines fluͤch⸗ tigen und unruhigen Schlafs nur auf Ketten, Folter⸗ baͤnken, oder auf Menſchenleichnamen zu genießen. Da ſeufzte der Weltgeiſtliche, deſſen behutſame Ver⸗ nunft ſich nicht ohne Prufung, ohne Vorbehalt, ganz und gar dem eiſernen Joche der roͤmiſchen und paͤbſt⸗ lichen Glaubenslehre hatte unterwerfen wollen, da ſchmachtete der Juͤngling, der irgend einmal uͤber den Bilderdienſt des Volkes geſcherzt hatte, da der Fami⸗ lienvater, der ſich laut uͤber das anſtoͤßige Leben der Geiſtlichkeit beſchwert hatte, da der Ordensgeiſtliche, der durch ſeine gelehrten Studien Ideen kennen gelernt hatte, die ſchon ſeit Jahrhunderten in der Chemie, in der Phyſik oder Aſtronomie der benachbarten Voͤlker gelebt und ſich wirkſam bewieſen hatten, da der Leh⸗ rer des Staatsrechts, der unter den Maͤnnern ſeines Fachs ſich dadurch den Blick des Neides oder einen rauſchenden Beifall zugezogen, daß er die Urſache un⸗ ſeres allmaͤhligen Verfalls in dem Beſtehen der unum⸗ ſchraͤnkten Gewalt der Krone und des Inquiſitions⸗ gerichts geſucht hatte. Dieſe Theokratie, die ſelbſt dem verhaßteſten, was es auf der Welt nur geben kann, die Weihe der Religion ertheilt, die gleich jenem Alten vom Berge furchtbar und unmenſchlich iſt, und gleich ihm auf zwei Stutzen, den Fanatismus und die Ausſpuͤrerei, ſich lehnt, macht die Angeberei zu einer Pflicht und den Menſchenmord zu einem Act des Glaubens*). Es gab keine einzige Familie, *) Auto da fé. ⸗ 12 178 in deren Kreiſe nicht Verrätheraugen und Verraͤther⸗ ohren gelauſcht haͤtten. Unter der Menge dieſer gehei⸗ men Kundſchafter und Helfershelfer befand ſich ſtets eine große Anzahl ſolcher Leute, die, in die neu auf⸗ kommenden Ideen eingeweiht, in dieſen Bund blos darum getreten waren, um ſich vor der furchtbaren Rache deſſelben zu ſchuͤtzen. Noch andere waren mit Vollziehung derſelben beſchaͤftigt, und es gab kein Intereſſe, es mochte ſo weltlich und ſo ſtrafbar ſein, als es nur wollte, zu deſſen Beſchuͤtzung nicht tag⸗ taͤglich die Waffen der Religion Chriſti angewendet worden wären. Ich erfuhr, daß meine Eltern einſt ploͤtzlich um Mitternacht aus ihrer Wohnung fortgeſchleppt worden waͤren. Die Puerta del Sol konnte in dieſem Ge⸗ waltſtreich den Arm der Inquiſition nicht verkennen, und ich ſah nur zu wohl, daß dieſe Verfolgung keinen andern Vorwand hatte, als den, daß Donna Leonor und Don Luis die ihnen bei ihrer Ruͤckkehr nach Eu⸗ ropa zuerkannte Verbannung nicht gehalten hatten. Das Bild meines alten Vaters und ſeiner edeln Gat⸗ tin, die jezt beide in den dumpfigen Aufenthalt des Grauens und des Truͤbſinns geſteckt, von den Leben⸗ den abgeſondert, vielleicht von einander getrennt wor⸗ den waren, die keine Hoffnung jezt mehr uͤbrig hat⸗ ten, als die auf ihr Alter und auf ihre Koͤrperſchwaͤche, die keine andere Atmosphäre als die Finſterniß, keine andere Geſellſchaft hatten, als unreinliche Inſecten oder Henkersknechte,— dies Bild brachte mich vol⸗ lends zur Verzweiftung. Was ſollte ich thun, was 179 konnte ich unternehmen, gegen eine Macht, die ſtumm und nicht zu faſſen iſt, deren Fuß auf den Gebeinen von mehr als dreimal hundert tauſend menſchlichen Schlachtopfern ruht, deren Haupt ſich in den Wolken birgt, deren Hand mit dem Kreuz und dem Schwerte bewaffnet iſt? Wenn du ſie nach ihren Rechten fragſt, ſo verweiſt ſie dich auf den Himmel, und, wofern du dich daruͤber irgend wunderſt, auf die Hölle. Sie, die hoͤchſte Schiedsrichterin der menſchlichen Vernunft, pruft jeden Gedanken derſelben beim Scheine der Blitze des Vatikans, waͤgt jeden Zweifel derſelben auf einer Wage, die blos eine einzige Schale hat, behandelt jede abweichende Anſicht in Glaubensſachen wie eine Frevelthat, fuͤhrt das Gewiſſen durch Schreckniſſe auf den rechten Weg zuruͤck, und ſtellt der innern Ueber⸗ zeugung den Scheiterhaufen entgegen. Obwohl ſie blos dazu eingeſetzt iſt, um das Wort eines Gottes des Friedens aufrecht zu erhalten, um den Ruhm und die Ehre deſſen aufrecht zu halten, der den Himmel und die Erde gemacht hat, hat ſie dennoch kein ande⸗ res Geſetzbuch, als den Eigenſinn einzelner Menſchen, keinen anderen Gerichtshof, als die finſtre Nacht, kein auderes Gerichtsverfahren, als das tiefſte Schweigen, keine andere Nittel des Verhoͤrs, als die Folter, keine andere Begnadigung, als den Tod.*) *) Ein junges Mädchen, das die Richter durch ein offenes Eingeſtändniß ihrer irrgläubigen Anſichten geruͤhrt hatte, erlangte dadurch die Milderung ihrer Strafe, daß ſie, ——— —— — Zweites Kapitel. Waährend ich mich ganz einer duͤſtern Niederge⸗ ſchlagenheit uberließ, erblickte ich auf einmal den kecken Fortunato an meiner Seite. Er wagte es, mir uͤber meine Leiden Theilnahme zu bezeigen, doch mitten durch ſeine Ruͤhrungsthraͤnen blitzte die Freude aus ſeinen Augen, und gewiß war es niemand anders als er, der alte Vertraute der Ingquiſition, der ſich bei dieſem abſcheulichen Anſchlage als Werkzeug hatte brauchen laſſen. Da er keine andere Kuͤhnheit beſaß, als fuͤr Schurkenſtreiche, keine Geſchicklichkeit weiter, als fuͤr die Luge, vereinigte er in ſich alle moͤglichen Niedertraͤchtigkeiten, die eines Feigherzigen, die eines Betruͤgers und die eines Meuchelmoͤrders. Es iſt nicht moͤglich, daß ein Ungeheuer der Art noch einmal auf Erden exiſtirt hat! Ich wies ihn mit Unwillen von mir, als er mir ſofort einen Verbannungsbrief einhaͤndigte. Dieſer enthielt den Befehl, daß ich Madrid auf der Stelle verlaſſen ſolle. Es war eine von den der Gnade Jalme's. 6 Ich reiſte ab. Die Allmacht einer monarchiſchen Regierung, die in die Haͤnde einiger einflußreichen Gardeoffiziere gerathen war, und die von einem Jaime, vielleicht von einem Fortunato, nach Willkuͤhr gehand⸗ ehe ſie den Flammen preisgegeben ward, zuvor werden durfte. 181 habt wurde, laſtete ſchwer auf mir und auf den mei⸗ nigen. Ich waͤre ein Verbrecher geweſen, wenn ich etwas anderes gethan haͤtte, als meinen Kopf unter ihren gebieteriſchen Stab zu beugen. Buytrago war mir zum Wohnſitz angewieſen⸗ Seine alten Mauern, ſeine mit Zinnen verſehenen Thurme zeigten ihre gothiſchen Formen zwiſchen Fel⸗ ſen, an deren Fuße ein breiter Strom hinfließt. Beim Anblick dieſer Befeſtigungen, die ſich noch von den fruͤhſten Zeiten der Monarchie herſchreiben, glaubt man ſich in jene Tage des Ungluͤcks und des Ruhms zuruckverſetzt, wo der Kaſtilianer noch mit den Sara⸗ cenen um ſeinen Heimatsboden kaͤmpfte. Und jene Eingebornen des Landes, die man unterweges antrifft, haben in ihrem ledernen Kamiſol, in ihrem mit Eiſen beſchlagenen Guͤrtel, in ihrer rohen Muͤtze, in ihren maͤnnlichen Geſichtszugen, in ihren gleichgültigen oder finſtern Blicken, in ihrer ſtolzen Haltung ganz das Anſehn der Zeitgenoſſen des Grafen Gonzalez, es iſt, als ob ſie ſich zum Kampf anſchickten, ohne zu wiſſen, ob ſie die Palme des Siegs oder die des Maͤrtyrerthums vorziehen ſollen. Hier war es, wo ich den Leiden der Verbannung nachhieng, wo ich uͤber die ſeltſamen Verhaͤngniſſe nachdachte, die jezt bald in Erfuͤllung gehen ſollten. Eine unbeſchreibliche Unruhe erfuͤllte meine Bruſt, und meine Gedanken, die ohne Unterlaß zu der gefangenen Maria hinſtrebten, ſuchten in dieſem Bilde einen Muth und einen Troſt zu finden, den es mir doch nicht gewähren konnte. 182 Wenn eine ganze Nation ſich niedergedruͤckt fuhlt, ſo liegt darin etwas ſo anſteckendes, daß meine Schwe⸗ ſter, die ſonſt ſo muthig und ſo gefaßt war, alle Kraft der Seele verloren zu haben ſchien. Sie ſchrieb mir mehr als einmal; allein, waͤhrend ich in ihren Briefen Aeußerungen der Liebe ſuchte, fand ich darin blos den Ausdruck der Verzweiflung. Selbſt jezt, wo wir aufgehoͤrt hatten, uns gegenſeitig zu verſtehen, hatten wir noch dieſelbe Art zu denken behalten. Sie war um ſo niedergeſchlagener, je weniger ſie ſich verhehlen konnte, wie ohnmaͤchtig ihre Bemuͤhun⸗ gen waren, um dem Markis die ſtrenge Härte des Hofes minder fuͤhlbar zu machen. Von Kindheit an gewohnt, unter den Augen ſeiner koͤniglichen Gebieter zu leben, vermißte er jeden Augenblick die Gebraͤuche und Pflichten des Palaſtdienſtes, und Maria vermochte mit aller ihrer Sorgfalt nicht eine Leere auszufuͤllen, die immer groͤßer wurde. Der ganze Tag ſchien bei ihm ohne Zweck und Beſtimmung zu ſein, weil der Morgen verſtrich, ohne daß er dem Koͤnig beim Auf⸗ ſtehen behilflich ſein durfte, der Mittag, ohne daß er ihm bei Tafel aufwarten, die elfte Stunde Abends, ohne daß er ihn auskleiden durfte; und er fuͤhlte ſich in ſeinem freien Zuſtande unbehaglicher, als andere in der Gefangenſchaft.„Sein Schmerz,“ ſchrieb mir die Markiſin,„ſetzt mich um ſo mehrin Verzweiflung, da er ohne mich niemals in Ungnade gekommen ſein wuͤrde, und Gottes Wille iſt es nun einmal, daß ich, die ihm dieſe Wunde zuzog, ſie nicht zu heilen im Stande ſein ſoll.“ 64 16 183 Wie ſehr auch Maria ſich in ihren innigſten Nei⸗ gungen verletzt, wie ſehr ſie ſich auch wegen der Ge⸗ fangenſchaft unſerer Eltern und meiner Verbannung ungluͤcklich fuhlte, ſo fand ſie doch in ihrem Herzen noch Raum fuͤr lebhafte Theilnahme an den Gefahren und Leiden des braven Ramon, der den Gerichtshoͤfen und der Puerta del Sol als ihr Moͤrder bezeichnet worden war. Sie hatte den Doctor Don Mathias in Madrid zuruͤckgelaſſen, um ihm fortwaͤhrend Beiſtand zu lei⸗ ſten. Der ungluͤckliche Page, der im freien Zuſtande ſo unerſchrocken geweſen, zeigte ſich hoͤchſt niederge⸗ geſchlagen im Kerker, und je naͤher der Tag kam, wo er vor ſeinen Richtern erſcheinen ſollte, deſto mehr fuhlte er ſich durch ſein Ungluͤck niedergedruͤckt. Trau⸗ rige Vorahnungen machten dieſe Stimmung noch ſchwerer. Er fuͤrchtete mit zu viel Wahrſcheinlichkeit die Rachſucht Fortunato's, und fuͤhlte, daß eine un⸗ bekannte Hand, ohne Zweifel eben dieſelbe, welche den Dolch des Sohnes Elvirens gelenkt hatte, ihn in den Abgrund draͤngte. Der fünfte Saal des hohen Raths von Kaſti⸗ lien*) ſollte den Prozeß zur Entſcheidung uͤbernehmen. Dieſe Kammer, deren Verfuͤgungen in buͤrgerlichen Angelegenheiten nicht unumſtoßlich ſind, hat das furchtbare, daß ſie die hoͤchſte Inſtanz iſt, ſobald uber Leben oder Freiheit eines Buͤrgers entſchieden werden ſoll. *) S. Band I. S. 76. Anmerkung⸗ 184 Der Angeklagte proteſtirte gegen die Richter, die man fuͤr ſeine Sache ernannt hatte; er berief ſich da⸗ rauf, daß er als ein Familiar*) unter die Ge⸗ richtsbarkeit der Inquiſition gehoͤre, und der Hof⸗ Inquiſitor, der ſeine Forderung beim hohen Rath un⸗ terſtutzte, that uns zu wiſſen, daß der fromme Ramon einer von den geheimen Dienern des Inquiſitions⸗ gerichtes ſei. 5 Dieſer ſtreitige Punkt, der da, wo die Macht der Geiſtlichkeit beſtaͤndige Anlaͤſſe zu Triumphen hat, ſehr oft vorkommen muß, ward diesmal ohne Verzug beſeitigt und gegen die Inquiſition entſchieden. Der Ungluͤckliche berief ſich noch einmal als immatrikulirter Student auf die Privilegien der Univerſität, allein alle dieſe Auswege, welche die Juſtizverfaſſung dem Schuldigen geoͤffnet hat, um die Prozeſſe bis ins Un⸗ endliche zu verlaͤngern und dem Verbrecher die Unter⸗ ſtuͤtzung der Gunſt, des Goldes und der Zeit zu ver⸗ ſchaffen, wurden ihm verſchloſſen. Der Gang der Juſtiz war diesmal eben ſo raſch als ſtreng. Als er in den Saal der Alcalden der Krone geru⸗ fen wurde, ſanken ihm die Kniee ein. Er faßte den Doctor Mathias bei der Hand, und ſagte zu ihm: „Verlaßt mich nicht; wenn ich unterliegen ſollte, ſo werde ich mich eines Verſprechens entbunden glauben, das ich bisher ſehr treu, vielleicht zu treu, gehalten habe. Es liegt demſelben naͤmlich ein Geheimniß zum Grunde, welches die Markiſin allein wiſſen darf, und *) Vertrauterz ſo heißt jeder Diener der Inquiſition. 185 ich werde es euch dann uͤbertragen, ihr an meiner Stelle dieſe vertrauliche Mittheilung zu machen, die fuͤr ihr ganzes Leben von Wichtigkeit iſt.“ Der Angeklagte ward hierauf vor die Gerichts⸗ ſchranken gefuͤhrt. Dieſe Richter, die in ihrer ernſten Tracht auf einer Erhoͤhung daſaßen, dieſe Advokaten, dieſe Gerichtsſchreiber, dieſe Kapellaͤne, dieſe feierlich Wache haltenden Alguacil's, dieſer ganze Pomp der Juſtiz, der auf einen einzelnen Mann losſtuͤrmte, erfullte vollends ſeine Seele mit Unruhe und Muthlo⸗ ſigkeit. Vergebens betheuerte er bei dem ſilbernen Kruzifir, welches die Tafel der Alcalden ſchmuͤckte, hartnaͤckig ſeine Unſchuld. Fortunato, dem das be⸗ kannte Intereſſe des Comthurs zur Empfehlung ge⸗ reichte, und die zahlreichen Zeugen, die er vorfuͤhrte, verſtaͤrkten durch das Gewicht ihrer Ausſagen die Be⸗ redſamkeit des Fiscalagenten. Dieſer Ausleger der Geſetze, ein junger Licentiat, der ſeinen Eifer bereits in dem Prozeſſe des Escurials bethaͤtigt hatte, war vielleicht durch die Mitſchuldigen des verworfenen Soh⸗ nes von Elvire angefeuert worden, zu⸗ Genugthuung von Maria eben ſo viel Feuereifer an den Tag zu legen, als er unlaͤngſt aufgeboten hatte, um ſie zu verderbenz vielleicht war er auch blos einer von jenen Menſchen, die das Geſchaͤft des Anklaͤgers ſo verrichten, wie ein Scharfrichter blindlings den bezeichneten Kopf abhaut, oder wie ein Soldat mit feindlicher Wuth darauf los⸗ ſchlägt, ohne ſich um die Gerechtigkeit der Sache zu bekummern. Ungluͤcklicher Weiſe gelang es dem Li⸗ eentiaten nicht, die Richter zu uͤberzeugen, und einer 186 grauſamen Gewiſſenhaftigkeit Raum gebend, verord⸗ neten dieſe nunmehr, daß die Folter ihre Zweifel vol⸗ lends heben ſolle. 14 Der unglͤckliche war durch keine Proteſtation im Stande, ſich vor dieſer entſetzlichen Pruͤfung zu ret⸗ ten, ſondern er ward zu der Folterbank hingefuͤhrt. Der Alcalde der Sache*) ſtellte ſich neben ihn. Der alte Almoſenier des Gefaͤngniſſes ermahnte ihn zur Reue und zum Eingeſtaͤndniß ſeines Verbrechens; der Henkersknecht traf in aller Ruhe die noͤthigen Anſtalten zur Marter, und ein Kriminalgerichtsſchreiber ſpitzte ſeine Feder, um die Antworten und Schmerzensrufe des Angeklagten zu Protokoll zu nehmen. Ramon, der auf die Kniee hingeſunken war und ein Kruzifir ge⸗ gen ſeine Bruſt druckte, bat den Kapellan, daß er ihn doch durch ſeine Segensſprüche und Gebete unterſtuͤtzen moͤchte, dann ſtand er auf, und auf das unheilvolle Lager ſich hinwerfend wiederholte er nochmals, daß er unſchuldig ſei. Der Richter antwortete ihm mit der Formel, daß, im Fall er unter den Martern ſeinen Geiſt aufgeben ſollte, alle Folgen ſeines Leugnens in den Augen Gottes und der Welt auf den hals⸗ ſtarrigen allein zuruͤckfallen wurden. Bei dieſen Wor⸗ ten begann der Diener des Geſetzes ihn in eine Art Sarg einzuzwaͤngen, worin er auf eine ſchmerzliche Weiſe feſtgeklemmt, alle Qualen der Todesangſt aus⸗ ſtehen ſollte. Der Unſchuldige zitterte, als die an *) Der Richter, welcher die Inſtruction einer Klage oder Rechtsſache hat. 187 Menſchenmord gewoͤhnten Haͤnde des Henkers ihn an⸗ faßten. Das um ſeine Glieder geſchlungene Seil druckte ihn bereits durch die vielfachen Umflechtungenz doch jezt ſteckte der Henker ſeinen Stock durch daſſelbe, um es bis ins unendliche zuſammenzuſchnuͤren. Der unheilvolle Anblick dieſes Menſchen, die viehiſche Gleichguͤltigkeit in ſeinen wilden Zuͤgen, ſein veraͤcht⸗ liches Herabſehen auf den lebenden Koͤrper, den er zur Marter vorbereitete, alles dies zuſammen, was gleich vorn herein Ekel und Entſetzen erregen mußte, war ganz geeignet, um Ramon's Kraft und Muth zu läh⸗ men. Ein heller Schrei kuͤndigte den Anfang ſeiner Schmerzen an; doch ſchnell ſammelte er ſich wieder. Es folgten nun zwei, drei, bis vier Umdrehungen mit dem Knebelſtock, ohne daß ein Seufzer ſeiner kei⸗ chenden Bruſt entſchluͤpfte; blos von Zeit zu Zeit ſprach er ganz laut die heiligen Litaneien. Endlich uberzog ein kalter Angſtſchweiß ſeinen ganzen Korper und die Knoten und Schlingen des Stricks ſiengen an ſein Fleiſch zu zerreißen. Dieſen Augenblick benutzte der Alcalde, um ihn zu befragen. Mit halb ohnmaͤch⸗ tiger Stimme leugnete er nochmals und ließ den Na⸗ men Ines verlauten, der ſein ganzes Gemuͤth erfullte. —„Hat dieſe Ines, die du da nennſt,“ fuhr die Juſtizperſon fort,„an dem beabſichtigten Meuchel⸗ mord theilgehabt?“—„Sie. nein! ich kann es bei dem heiligen Herzen Maria's beſchwoͤren.“ —„Sage, welche Abſicht hatten die Urheber dieſes Komplottes?“—„Wie kann ich das wiſſen?“— „Aber du weißt ja doch, daß die Camarera der Graͤfin 188 von D** nicht deine Mitſchuldige iſt? Du haſt dich jezt ſo eben verrathen; erwirb dir jezt vollends ein Anrecht auf die königliche Gnade und auf die gott⸗ liche Barmherzigkeit.“—„Ich bin unſchuldig wie das Oſterlamm.“—„Du willſt dich wieder aufs Leugnen legen?... Geſchwind noch ein paar Umdrehungen mit dem Knebel.“— Kaum hatte die Juſtizperſon dies geſprochen, ſo knackten auch ſchon die Gebeine des Ungluͤcklichen unter den moͤrderiſchen Stricken.—„Nun wohlan, biſt du jezt ſchuldig oder nicht?“ fragte der Alcalde, indem er ſeine Blicke abwendete. Ramon, deſſen Lippen nie eine Luͤge ausgeſprochen hatten, ſchwieg einen Moment, endlich gewann der Schmerz die Oberhand uͤber die Wahrheitsliebe.—„Ja,“ antwortete er bebend,„aber ſchafft mich nur recht ſchnell aufs Blut⸗ geruͤſt.“—„Er hat es jezt ſatt,“ ſagte mit einem hoͤlliſchen Lachen der Vollſtrecker der Kriminaljuſtizz „er moͤchte lieber ſtehen, als ſo auf hartem Lager lie⸗ gen.“—„Still!“ rief der Richter aus, und ſagte dann, zu Ramon ſich wendend:„Ehe man dich losbindet, ſo geſtehe zuvor noch, warum du dieſe Frevelthat begehen wollteſt!“—„Ich weiß es nicht.“—„Wer hat dich dazu vermocht?“— „Ich weiß es nicht; aber nehmt mich von hier weg, oder ich ſterbe.“—„Noch einmal herumgedreht! denn du willſt wieder auf deinen vorigen Weg vrb kommen.“ Ramon's Glieder vermochten dieſer neuen Gewalt nicht mehr zu widerſtehen; ſie brachen, und das Opfer erhob dabei ein furchterliches Gebruͤll. Der Alcalde der Krone forderte ihn noch einmal aufz das einzige Wort, das man durch die undeutlichen Toͤne ſeines Schmerzes vernehmen konnte, war ein leiſes Ja. Endlich wurden ſeine Bande geloͤſt, und das Laͤcheln einer herzzerreißenden Freude glaͤnzte auf einen Augen⸗ blick unter den Zuckungen ſeines Todeskampfes hervor. „Bedenke,“ ſagte jezt der Richter zu ihm,„daß, wenn du in deinen ferneren Geſtandniſſen noch ein ein⸗ ziges mal ſtockſt, ich dich augenblicklich wieder auf die Folter bringen laſſen werde.“—„Immerhinz aber verſprecht mir nur, daß ich dann ſogleich zur Beichte gelaſſen und ohne Säumniß hingerichtet werde.“ —„Rede jezt; geſtehſt du nun ein, daß du die Mar⸗ kiſin haſt ermorden und, was noch ſtrafbarer iſt, deine Frevelthat dem edeln Buͤrger haſt aufbuͤrden wollen, deſſen Hand dich entwaffnete?“ Ramon konnte es nicht uͤbers Herz bringen, nochmals eine Luge zu ſa⸗ gen. Doch der unheilbringende Stock drehte die Strick⸗ ſchlingen wieder feſter zuſammen, und nun brachte er mit halb vernehmlicher Stimme das Wort hervor, das zugleich fur ihn ſein Verdammungsurtheil war. —„Jezt ſprich, wer hat dich zu dieſer Unthat ver⸗ leitet?..... Du willſt nicht mehr antworten? willſt du denn durchaus den Arm des Gerichtsgehilfen ermuͤden?—„Ich wollte ich wollte mich rächen.“—„und wofuͤr?“—„Weiß ich es denn? Allein, um der Verdienſte der h. Mutter Gottes willen, laſſet mich nicht läͤnger leben, denn ich entſetze mich vor mir ſelber.“—„Deine Reue 190 kommt zu ſpaͤt!“ erwieberte der Juſtizbeamte, und Ramon miſchte ganze Stroͤme von Thraͤnen in die Blutſtrome, die aus ſeinem Munde herabrannen⸗ Man band ihn halbtodt von dem Hoͤllenlager los, um ihn wieder nach ſeinem Kerker zu bringen. Der Al⸗ moſenier begleitete ihn dahin, aus Beſorgniß, daß der Tod unter dieſen Schmerzen ihn fortraffen könne, ohne daß ihm zuvor die Religion den einzigen Zufluchts⸗ ort eroffnet haͤtte, an den er ſich von nun an vor den Irrthuͤmern der Menſchen und vor einer gräßlichen Juſtizverwaltung zu retten ſuchte. Nach drei Tagen ward Ramon wieder vor den Ge⸗ richtshof geſchleppt, und hier nahm er alle ſeine Kraͤfte zuſammen, um die Geſtaͤndniſſe zu widerrufen, die ihm der Schmerz ausgepreßt hatte.„Ich bin,“ fügte er in einem feſteren Tone hinzu,„ich bin ſo un⸗ ſchuldig wie das Lamm in den Gebirgen von Occa.“ Der Saal entſchied, daß das Verbrechen, deſſen er angeklagt ſei, ihn in die Reihe derer ſtelle, bei wel⸗ chen ein dreimaliges Folterverfahren verfuͤgt werden koͤnne. Der Ungluͤckliche mußte nun ſehen, wie ſein Koͤrper zum zweitenmal der Folterprobe unterworfen wurde. Allein nach einem halbſtuͤndigen Martern und fortwaͤhrendem Leugnen vermochten ſeine von den Strickflechten gebrochenen Gebeine ſo wenig als ſeine Lebensgeiſter länger die Gewaltanſtrengung auszuhal⸗ ten; er ward ohnmaͤchtig, und als der Henker ihn losband, hielt der Alcalde den gefolterten fur todt. Kaum waren drei Tage verſtrichen, ſo ward er zum drittenmal auf das Bett des Todes gelegt. Schmer⸗ 191 zen, die der Menſch erfunden hat, doch ohne ſie ſelber aushalten zu koͤnnen, zwangen diesmal den Maͤrtyrer eines barbariſchen Geſetzverfahrens, ſich nochmals fuͤr ſchuldig zu erklären; indeß erſchien er diesmal nur vor dem Gericht, um ſein Wort abermals zu widerrufen, damit er, wie er ſich ausdruͤckte, wenn auch nicht der Strafe, doch wenigſtens dem Verbrechen ſich entziehen köͤnnte. Der Gerichtsſaal— vielleicht um die Lei⸗ den eines Lebens zu endigen, welches ja ohnehin nicht mehr lange fortdauern durfte— erklaͤrte ihn fur uber⸗ wieſen, durch ſein Leugnen den heiligen Namen Ma⸗ ria's gelaͤſtert, und einen Angriff auf das Leben ſeiner Gebieterin unternommen zu haben,— zwei Verbre⸗ chen, welche die Todesſtrafe nach ſich zogen. Dieſer Urtheilsſpruch empoͤrte das edle Gemuͤth Ramons blos darum, weil ihm dadurch die ſchimpfliche Strafe des Galgens zuerkannt wurde. Er bat vergebens um die Gnade, daß man ihn doch auf eine ſtandesmaͤßigere Weiſe durch Erdroſſelung hinrichten moͤchte*)z die Beweiſe ſeines Hidalgoſtandes, die er vorlegen wollte, wurden nicht einmal unterſucht. Als Sohn einer Mutter von hoͤherem Adel nahm er nun die Privilegien von Biscaja in Anſpruch; da auch dies nicht angenom⸗ men wurde, ſo beſchraͤnkte er ſich darauf, wenigſtens ²) Der arme Suͤnder wird dann mit dem Ruͤcken gegen einen Galgenpfahl geſetzt, an welchem ein eiſernes Halsband vefeſtiget iſt. Der Henker zieht dies Halsband vermdͤge des Knebelſtocks(garrote) immer enger zuſammen, bis der Straͤfling erwuͤrgt iſt. 192 um die Gnade zu bitten, daß man ihn im Innern des Gefängniſſes hinrichten moͤge. Allein auf ſeinem Haupte ſchien ein unerbittliches Verhaͤngniß zu ruhen. Auf alle ſeine Bitten wurden ihm abſchläͤgige Antwor⸗ ten zu Theil; und ſeine Kerkermeiſter ſperrten ihn end⸗ lich in die Kapelle ein, die er nicht eher wieder verlaſ⸗ ſen ſollte, als bis er ſeinen Gang aufs Blutgeruͤſt an⸗ treten wuͤrde. Seine erſte Sorge war nun, ſich den Beſuch des Doctor Mathias auszubitten. Die Furcht, daß er ſeinen Leiden unterliegen koͤnne, bevor er noch den Ka⸗ pellan wiedergeſehen und geſprochen haͤtte, war der einzige irdiſche Gedanke, dem er jezt noch Raum gab. Er beſchaͤftigte ſich jezt blos noch damit, um das Stöhnen der Angſt zu beſchwichtigen, welches ihm ſeine zahlloſen Wunden und Gliederbruͤche auspreßten, und Gott inbruͤnſtig um Verzeihung zu bitten, wegen der zweimal geſagten Luͤge und wegen des Stolzes, der ſich in ihm gegen einen ſchimpflichen Tod ſträubte. Das Geſetz erlaubte ihm, drei Tage an der heiligen Stäte zuzubringen und ſich daſelbſt vorzubereiten, um vor dem hoͤchſten und lezten Richter erſcheinen zu können. In dieſer Zwiſchenzeit mußte dann jedesmal der Gerichtsſaal der Kron-Alcalden die Beſtätigung des gefaͤllten Richterſpruches vom Koͤnige einholen. Die Markiſin, die fortwährend bei dem Glauben beharrte, daß ihr Page unſchuldig ſei, hatte befohlen, daß man in den Kanzelleien Gold mit vollen Händen ausſpenden ſolle, um ihn zu retten; doch niemand 193 kummerte ſich um ſein Schickſal. Das iſt eben das Verbrecheriſche ag unſerem unoͤffentlichen Gerichtsver⸗ fahren. Keine Anklage zeigt ſich bei hellem Tages⸗ lichte, die Vertheidigung verhallt ungehoͤrt in dem Ohre der Richter, und ihr im voraus eingenommener Verſtand, bisweilen auch wohl ihre Leidenſchaft, faͤllt ungerechte Urtheile, welche dann die oͤffentliche Stimme der Welt ſanctionirt; ſie verfugen zu gleicher Zeit uͤber Ehre und Leben, uͤber Gegenwart und Zukunft. Indeß der Augenblick ſchien wenigſtens guͤnſtig zu einem lezten Verſuche, den Don Mathias noch wagen wollte. Die Beherrſcher der Erde pflegen nämlich bisweilen Mitleid mit dem Ungluͤck der Menſchen zu haben, ſobald ſie ſelber naͤmlich gezwungen ſind, ihr Haupt unter die Schlingen des Misgeſchicks zu beu⸗ gen. Die Bewohner von Aranjuez hatten jezt den Schmerz und das Schrecken kennen gelernt. Karl der Vierte erntete jezt die Fruͤchte ſeiner Schwaͤche, und Godoy die ſeiner Schande; Spanien entgieng allen beiden. Eine Politik, die dreihundert Jahre lang hartnäckig daran gearbeitet hatte, das alterthuͤm⸗ liche Gebaͤude unſerer Volksfreiheiten Stuͤck fuͤr Stuͤck zu zerſtoren, hatte am Ende die ganze Macht des Thrones der Willkuhr eines Abenteurers ohne Talente, ohne Tugenden und Ahnen uͤberliefert, und den Erben des heiligen Ferdinand den beleidigenden Launen eines franzoͤſiſchen Kriegers. Hundert tauſend Mann Franzoſen, die in der nach und nach entwaffneten Halbinſel ſich gelagert hatten, trugen ihre Adler von den Muͤndungen des II. 13 194 Ebro bis zu denen des Tajo, und von dem Fuße der Pyrenaͤen bis zu den Bergſpitzen der Somo Sierra. Schon ruͤckte der Großherzog von Berg*) keck auf die Hauptſtadt los, indem er zugleich dem Prinzen von Aſturien und dem alten Hofe eine bewaffnete Unter⸗ ſtuͤtzung anbot, unſeren Bourbons eine Familienver⸗ bindung mit dem franzoͤſiſchen Kaiſerhauſe vorſpiegelte, und den Augen des erſchrockenen Guͤnſtlings Hoffnun⸗ gen und Drohungen zugleich blicken ließ. Endlich erſchienen die franzoͤſiſchen Fahnen auf den Bergen von Buytrago. Die bevorſtehende Abreiſe des koͤniglichen Hauſes nach Andaluſien, oder vielmehr nach Mexrico, war laͤngſt kein Geheimniß mehr, Go⸗ doys Anſehn exiſtirte nicht mehr; das Koͤnigthum ſel⸗ ber verlor mitten unter dieſen gefahrdrohenden Fremd⸗ lingen und erbitterten Unterthanen immer mehr jenen alterthuͤmlichen Schimmer, der ihm bisher die Stelle der Macht vertreten hatte, und der Augenblick war ge⸗ kommen, wo man einer Regierung, die alles, ſogar ſich ſelber, zerſtoͤrt hatte, den Gehorſam aufzukuͤn⸗ digen im Begriff war. Ich ſcheute mich jezt nicht mehr, meine Verbannung zu uͤberſchreiten, und reiſte nach Madrid ab. Es war gerade der lezte Tag, der vom Geſetz noch dem ungluͤcklichen Pagen Maria's bewilligt war. Ich eilte dahin aus irgend einer unbeſtimmten Hoffnung, daß es mir vielleicht noch gelingen koͤnne, ſein Leben zu retten. Auch hatte mein Herz, das nur immer an *) Joachim Murat. 195 ſein Loos dachte, dabei noch das beſondere Intereſſe, das Geheimniß zu durchdringen, das er in ſeiner lezten Stunde zu enthuͤllen verſprochen hatte. Ich gieng alſo gerades Weges nach der Puerta del Sol. Eine Menge von Maͤnnern, Weibern und kleinen Kindern kamen durch die große Straße mit einer Luſtig⸗ keit, als ob ſie von einem oͤffentlichen Schauſpiel kämen, dahergeſtroͤmt. Antonio bemerkte mich von fern, kam auf mich zu, kuͤßte mir die Hand, und meldete mir, daß Ramon nicht mehr am Leben ſei. Er war, immerfort auf den Kapellan der Markiſin wartend, aufs Blutgeruͤſt hinaufgeſtiegen; allein der Kapellan kam nicht. Die geheimnißvolle Verfolgung, deren Opfer der Page geworden war, hatte bis zulezt keinen Augenblick von ihm gelaſſen. Ein verhaͤngniß⸗ voller Befehl trieb den Doctor Don Mathias von der Schwelle des Gefaͤngniſſes zuruͤck, und das Geheim⸗ niß, das ihm enthullt werden ſollte, ward nunmehr mit Ramon ins Grab gelegt. Ich wandte jezt meine unſtaͤten Schritte nach dem furchtbaren Palaſte hin, wo das Ingniſitionsgericht ſich mitten unter ſeinen Opfern erhebt. Hier war es, wo Donna Leonor und mein alter Vater ſchmachteten. Das enge Gemach, worin ſie verſchloſſen waren, em⸗ pfieng blos durch eine ſchiefe, oben uͤber ihrem Kopfe angebrachte Seffnung einiges Licht. Jedes andere Licht war ihnen an dieſem abſcheulichen Aufenthalts⸗ orte verboten, und ſo wurden ihnen denn die ſchlaf⸗ loſen Nächte, ſo wie die lichtloſen Abende, unendlich lang. Vor der erſtarrenden Eiskälte ihres hohen Al⸗ 13 ters konnten ſie nur zu den matt gebrochenen Sonnen⸗ ſtrahlen ihre Zuflucht nehmenz das den Menſchen ſo wohlthaͤtige Feuer war ihnen verwehrt. Donna Leo⸗ nor fand noch ſo viel Muth, um die niedergeſchlage⸗ nen Lebensgeiſter meines Vaters wieder zu beleben; ſie ſprach mit ihm von Hoffnung, ohne ſelber noch da⸗ ran zu glauben, und von Zukunft, ohne ſie zu wuͤn⸗ ſchen. Ihre Tage verfloſſen in dem Gefuͤhl der Ent⸗ behrung alles Nothwendigen, und in der aͤngſtlichen Pein jeglicher Art von Furcht; und ihnen blieb kein Troſt, als das traurige Wohlgefuͤhl, gemeinſam zu leiden. Zweimal in der Woche mußten ſie einzeln vor dem Inquiſitor erſcheinen, der bas Geſchaͤft uͤber ſich hatte, ſie zu verhoͤren. Sie befragten dann wohl ihre eigene Erinnerung, uͤberlieferten den Richtern alle Handlun⸗ gen, alle Worte ihres langen Lebens zur Unterſuchung, ja ſie entdeckten ihnen ſogar diejenigen Gedanken, welche Gott allein wiſſen kann. Eben dieſe bis ins kleinliche gehenden Bekenntniſſe gaben dann, ſobald ſie durch die Laͤnge der Zeit einige Vollſtändigkeit er⸗ halten hatten, Grund und Stoff zu ihrer Anklage ab, ſo daß dieſe Opfer, vermoͤge einer ſchrecklichen Berech⸗ nung von Seiten der Inquiſitionstyrannei, ſich ſelber verrathen und verdammen mußten. Meine Eltern hatten keinen weitern Verkehr mit den Menſchen; blos ein Prieſter drang bisweilen bis in ihren Kerker. Beim Anblick des Kruzifixes faßten ſie wieder einige Hoffnung; allein die Religion zeigte ſich ihnen nicht als eine edle Troſterin der Leidenden, 197 ſondern erſchien ihnen nur immer mit einer blutigen Geiſſel bewaffnet. Aus dem Munde des Mannes, der dem Gott der Liebe und des Friedens geweiht ſein ſollte, ſtroͤmten immer nur furchtbare Schmaͤhungen und Drohungen, und ſo kam es denn, daß ſie die Thuͤr ihres Gemaches nie ſich offnen hoͤrten, ohne daß die Ankunft des Dieners Chriſti fuͤr ſie eine Qual wurde, die ihnen einen Vorſchmack von jener hoͤlli⸗ ſchen Zukunft gab, die er ihnen von fern zeigte. Zwiſchen den Leiden der Gegenwart und dem Grauſen dieſer furchtbaren Prophezeiungen eingeklemmt, wag⸗ ten ſie von nun an weder ſich ein längeres Leben, noch den Tod zu wuͤnſchen. Ich betrachtete eine lange Weile hindurch die Zie⸗ geln dieſer Mauern, hinter denen, vielleicht auf im⸗ mer, Perſonen ſchmachteten, die mir ſo lieb und theuer waren. Dieſes Gebaͤude, das weder Prunk noch Groͤße hat, ward vor jedem ungeweihten Blick durch eine Macht geſchuͤtzt, die weit uber die der Könige er⸗ haben iſt; weder Thuͤrhuͤter, noch Soldaten hielten an der Pforte Wache, und dennoch war es mir nicht vergönnt, in den Umkreis dieſer Mauern einzudrin⸗ gen, ihr finſteres Gefaͤngniß zu erkunden, und mir einen Weg bis zu denen zu bahnen, denen ich mein Leben verdankte. Das Gefuͤhl meiner Ohnmacht machte den Kummer meiner Seele nur noch druͤckender. Ganz Madrid ſchien von der Trauer erfuͤllt zu ſein, die in meiner Seele herrſchte. Alle dieſe finſtern und ſchweigenden Gruppen, die ich durchkreuzte, fragten ſich mit Blicken, antworteten ſich mit Geber⸗ den, und ſchienen voll Bangigkeit den Urtheilsſpruch zu erwarten, den die nächſte Zukunft uͤber das fernere Schickſal des Reichs zu faͤllen im Begriff war. Ich ſuchte in dem Hauſe der Markiſin eine gaſtliche Auf⸗ nahme fuͤr meine Perſon. Die ſuͤßen und dabei doch ſo traurigen Bilder, welche dieſer Aufenthaltsort in mir von neuem wieder weckte, die allgemeine Beſtuͤr⸗ zung, die Hincichtung Ramons, die Einkerkerung meiner bejahrten Eltern, alle dieſe Gedanken beſtuͤrm⸗ ten mich auf einmal; ich wendete meine Blicke nach der Zukunft, und erblickte nichts als Ungluͤck, ich wendete ſie nach der Vergangenheit zuruͤck, und ſah nichts als fehlgeſchlagene Erwartungen. Ach, wer vermag jemals die dumpfe Beſtuͤrzung jenes Lebensalters zu ſchildern, wo der Menſch, mit vollen Segeln ins Leben herein ſchiffend, auf allen Seiten die ſchimmernden Phantaſiegebilde verſchwin⸗ den ſieht, womit ſeine Einbildungskraft dieſe Welt bevoͤlkert hatte! Ich hatte ſehen muͤſſen, wie der bloße Zufall den Menſchen ihren Stand und Rang in der Welt anweiſet, wie blos die Intrigue ihren Juͤn⸗ gern zu Gefallen dieſe Rangesunterſcheidungen zu durchbrechen vermag, wie die Zuͤgel der Herrſchaft. oft blos darum den unfaͤhigſten entſinken, um in die Hand der ſtrafbarſten Verbrecher zu gerathen. Wie erſchien mir jezt dieſe Welt mit all ihrem Prunk und ihren Schoͤnheitswundern! Was ſollte man auf Er⸗ den anfangen, wenn alle hoͤhern Staatsbeamte dem Lenker unſeres Staatsruders, wenn alle Bruͤder einem Jaime, alle Frauen einer Matea glichen? wo ſollte 199 man einen Zufluchtsort ſuchen vor dem Nichts unſeres ohnmaͤchtigen und doch ſo vielfach beunruhigten Da⸗ ſeins? wohin koͤnnte man anders wohl fliehen, als in den ſtillen Schooß der Kloſter? Der Gedanke, in einem dieſer lezteren meine Lebenstage zu begraben, laͤchelte mich wie eine troͤſtende Hoffnung an; doch eine innere Stimme rief mir zu:„Haſt du wohl Glauben?“ und dieſe Worte hallten wehmuͤthig in meinem Innern wieder. Jezt, wo ich durch den Anblick unſeres Elends in meinem innigſten Glauben erſchuͤttert war, wußte ich der innern Stimme meines Gewiſſens keine Antwort zu geben. Die Welt ward in meinen Augen ein furcht⸗ bares Raͤthſel, und ich zitterte vor der Entdeckung, daß die Aufloſung dieſes Räthſels am Ende in„Nichts“ ausgehen wurde. In dieſer meiner Herzensangſt fiel ich unter Thraͤnen auf die Knieez der Zweifel wollte ſich meiner Seele bemaͤchtigen, ich ſah die Grundſätze der Moral uͤberall zuſammenſtuͤrzen, und die Verzweif⸗ lung in meiner Bruſt theilte allen meinen Betrachtun⸗ gen ihre Bitterkeit mit, und ward durch dieſelben nur noch mehr geſteigert. Elftes Buch. Fortſetzung des Manuſcripts von Alnhoa. Erſtes Kapitel. Jo brachte die ganze Nacht ſchlaflos hin, und ſuchte mich daher durch die Buͤcher Maria's zu zerſtreuen und zu unterhalten. Unter der Zahl derſelben fand ſich auch ein Band, der Schillers Gedichte enthielt. Die⸗ ſer Dichter, der gleich mir ein Maͤrtyrer der Launen des Despotismus, gleich mir durch den Anblick der auf Erden herrſchenden Knechtſchaft und Ungerechtig⸗ keit ſich niedergedruckt fuͤhlte, hatte ſeinen feurigen und ſchwermuͤthigen Geiſt darauf hingerichtet, das große Räthſel der Welt zu ergruͤnden. Die Markiſin hatte ſeine philoſophiſchen Dithyramben in kaſtilianiſche Verſe uͤberſetzt, und zwar in die ſchoͤnſten, welche die ſpaniſche Muſe nur je hervorzubringen vermochte. Calderon hat weniger Kraft und Nachdruck, Ercilla weniger Erhabenheit, Garcilaſſo de Vega nicht ſo viel Anmuth und Harmonie, als ich in dieſen Verſen fand. 201 Ich bewunderte dieſe ſchuchterne Sappho, die ihr ſel⸗ tenes Talent ſo geheim zu halten gewußt hatte; ich bedauerte Spanien um jener Vorurtheile willen, die ſeiner Literatur den Dichterruhm ſo mancher unbekannt gebliebenen Corinna entzogen; vor allen Dingen aber dachte ich daran, wie Maria mir vormals die erſten Verſuche ihrer aufkeimenden Phantaſie nie verheimlicht hatte, und daß ich jezt dagegen blos dem Zufall die Kenntniß ihrer gereifteren Geiſteserzeugniſſe verdankte. Der deutſche Dichter ſtellte in einer dieſer Dichtun⸗ gen einen Juͤngling dar, der in ein Heiligthum des alten Aegyptens eingefuͤhrt wurde, worin, vor jedem ſterblichen Auge verſchleiert, die ewige Wahrheit ihren Sitz hatte. Der Verwegene wagte den Schleier zu luͤften, und am folgenden Morgen fanden die Prieſter ihn ganz außer ſich und wahnſinnig vor Verzweiflung auf dem Fußboden des Tempels liegen. Bei meiner damaligen Gemuͤthsſtimmung machte dieſe Schilderung einen tiefen Eindruck aufmich. Ich ward die Beute einer an Wahnſinn grenzenden Ge⸗ muͤthsangſt, die durch den Schlaf, der auf meine Au⸗ genlieder herabſank, nicht gehoben wurde. Nir traͤumte, als irrte ich in den durren und oden Schluchten der Gebirge umher. Da offnete ſich mir plotzlich einer jener unterirdiſchen Berggaͤnge, in denen die Karthager und Roͤmer einſt Golderze, die Gothen einen Zufluchtsort, die Saracenen ihre Beute auf⸗ geſucht hatten. Ich wandelte im Dunkeln immer fort, blos von Zeit zu Zeit drang ein zweifelhafter Lichtſchimmer durch die Spalten der Felſen, und er⸗ 202 hellte das grauenvolle Duͤſter dieſes Ortes. Dieſe traurigen Felſengruͤfte hallten zugleich von Klagetoͤnen oder von furchtbarem Gebruͤll wieder, denn ſie wurden nur von graͤßlichen, gegen einander kaͤmpfenden Dra⸗ chen, von toͤdtlich ſtechenden Schlangen, und von jenem unreinen Gewuͤrm bewohnt, das in Schmutz und Unrath ſein Spiel treibt. Mitten in dieſem Schauplatz des Entſetzens erhob ſich eine rieſenhafte Bildſäule, in einen ehernen Schleier gehuͤllt, auf wel⸗ chem die beruͤhmte Inſchrift ſtand:„Ich bin, der ich bin.“ Dieſe Worte ließen mich ſchließen, daß der Koloß ein Iſisbild ſei, das vielleicht zu jenen Zeiten in das alte Heſperien gebracht worden war, wo, dem alten Geſchichtſchreiber zufolge, Seſoſtris die pyrenai⸗ ſche Halbinſel zu ſeinen Eroberungen hinzufuͤgte. Ich trat naͤher, und entdeckte durch die herabhaͤngenden Franſen den Namen der„Wahrheit“, der in feurigen Schriftzugen auf dem Fußgeſtell ſtand. Ein heiliger Schauer ergriff mich.„Wie?“ rief ich aus,„dieſe furchtbare Macht, deren Geheimniß ich ſo⸗oft zu er⸗ gruͤnden ſuchte, wohntalſo hier, und ſteht mir in die⸗ ſem Augenblick ſo nahe, daß meine Hand und mein Auge ſie erreichen koͤnnte? Ich koͤnnte die duͤnne Scheidewand, die mir ihren Anblick noch entzieht, hinwegheben; allein das Beiſpiel jenes Ungluͤcklichen, von welchem Schiller geſungen, ſchreckt mich davon zuruͤck, und ich wage es nicht.“—„Wage es!“ wiederholte das Echo mit ehrfurchtgebietender Stimme. Und ich ſank ſogleich, als gehorchte ich einer hoͤhern Eingebung, auf die Kniee nieder, und griff mit mei⸗ 203 ner Hand nach dem heiligen Schleier. Dieſe Umhuͤl⸗ lung, die mir zuvor fur meine Hand zu ſchwer geduͤnkt hatte, war von der leichteſten Seide, und das Ende, welches ich aufhob, gab gleich beim erſten Verſuche nach. Sogleich ward der Boden von einem neuen Lichte erhellt, alles veränderte ſich um mich her, einige Felſen zeigten noch hie und da ihre ſcharfen Spitzen, duͤrre Fußſteige zogen ſich durch die erweiterte Land⸗ ſchaft, gefahrvolle Abgruͤnde zeigten ſich, Schlangen erhoben ihre Haͤupter; doch ihr ſtumpfer Stachel wird giftlos, die Abgruͤnde ſogar werden leicht zu umgehen oder zu uͤberſchreiten, kein Pfad iſt ſo ſteil, der ſich nicht mit Blumen tapezirte. Dieſe Umwandlungen machten mich kuͤhner; ich hob den magiſchen Schleier vollends auf, und warf, geblendet von dem Lichtſtrom, der ſogleich dieſe neue Welt uͤberwallte, mich zu Bo⸗ den. Das duͤſtre unterirdiſche Gewoͤlbe hatte ſich auf einmal uͤber meinem Haupte geoffnet, das Firmament entfaltete ſich uͤber mir mit ſeinen leuchtenden Welt⸗ körpern, ich glaubte die erhabene Harmonie der Sphaͤ⸗ ren zu vernehmen, die das Lob deſſen feierte, der uns Empfindung und Erkenntnißvermoͤgen gegeben, und die Unendlichkeit und die Ewigkeit geſchaffen hat. Mein ſchwacher Blick wurde gar nicht vermocht haben, ſich in dieſen Lichtocean zu tauchen; allein ich dachte gar nicht daran, dieſen Vorhof des Himmels fragend anzuſchauen. Neben mir, auf einem ungeheuern Dreifuß von Bronze, ſaß, mit den Augen zum Him⸗ mel emporgewendet und ein Winkelmaaß und eine Waage in der Hand haltend, jene hilfteiche Goͤttin, 204 die ich ſo oft angefleht hatte. Unter einer leichten Tu⸗ nika entfaltete ſie ihren durchſcheinenden Koͤrper und ihre goͤttliche Schoͤnheit, waͤhrend ſie bald den Wuchs, den Blick, das Aeußere einer bloßen Sterblichen hatte, bald wieder meinem Geſicht entſchwand und ihr Strah⸗ lenhaupt in jene Räume der Sonnen und der Him⸗ melsharmonieen emporhob. Um ſie her ergoß ſich eine leuchtende und balſamduftige Atmoſphaͤre, die, ſo wie ich ſie einathmete, in meinem Gemuͤth eine gewiſſe uͤber⸗ irdiſche Kraft und Wonne erweckte. Auf einmal erſchien neben mir ein jugendlicher Ge⸗ nius, der mit Heftigkeit ein Buch und ein unter ſeinem Gewande verborgenes Schwert ſchuͤttelte.„Ich kom⸗ me,“ ſprach er zu der geheimnißvollen Geſtalt,„mich uber die Nichterfullung deiner Verheißungen zu bekla⸗ gen. Duverſprachſt, daß die langen Leiden der Voͤl⸗ ker fur ſie nicht fruchtlos ſein, und daß der Erde eine beſſere Zukunft verliehen werden ſollte; ich hoffte end⸗ lich in Freiheit und Gluͤck meinen Weg verfolgen zu koͤnnen. Statt deſſen unterjocht ein Eroberer die Welt, die Vorurtheile herrſchen darin, und der Des⸗ potismus pflanzt ſich immer weiter fort. Sprich, bin ich denn nicht mehr derjenige, den die Menſchen das neunzehnte Jahrhundert nennen, oder wo iſt die Zuverlaͤßigkeit deines gegebenen Wortes?“— „Sohn der Zeit, hoͤre auf mich!“ erwiederte ſie, indem ſie ihren Blick von der Wage, worauf er geheftet war, abwendete,„die Uebel, woruͤber du dich be⸗ klagſt, ſind eben ſo ſehr das eigene Werk, als die Strafe der Menſchen. Du moͤchteſt nicht gern das 205 Elend deiner ſechzig Vorgaͤnger geerbt haben; allein, warum haſt du ihre Leidenſchaften und ihre Schwach⸗ heiten geerbt? warum ſind nach ſechstauſend Lehrjah⸗ ren die Regierenden immer noch nicht muͤde, ihre Mit⸗ menſchen zu unterdruͤcken? warum wiſſen die Nationen noch immer keinen Nittelweg zwiſchen Knechtſchaft und Anarchie zu finden? Das menſchliche Geſchlecht hat vom Schoͤpfer das wohlthaͤtige Geſchenk des freien Willens erhalten; moͤchte es doch einmal denſelben dazu anwenden, um ſtatt der Leidenſchaft die Maͤßi⸗ gung, ſtatt der Gewalt das Recht, ſtatt der erſchlaf⸗ fenden Sklawerei die edleren Genuͤſſe wahrer Freiheit zu waͤhlen. Ich habe freilich geſagt, daß dies dereinſt der Fall ſein wuͤrde; allein die ſchnelle Herbeifuͤhrung dieſer Zukunft haͤngt allein von dir ab. Dein Zuſtand iſt bereits um vieles beſſer, als derjenige aller dir vor⸗ ausgegangenen Zeitalter. Dir wurden umfaſſendere Kenntniſſe, eine hoͤhere Gelehrſamkeit, naͤher an die Billigkeit grenzende Staatseinrichtungen und mildere Sitten zu Theil; o moͤchteſt du doch, deinen Geluͤb⸗ den treu bleibend, die Vernunft und die oͤffentliche Sittlichkeit immer groͤßere Fortſchritte machen laſſen! moͤchteſt du nie verdienen, daß die Stimme der kom⸗ menden Generationen dein Andenken verfluche und dich anklage, du habeſt den Lauf der menſchlichen Schick⸗ ſale verkehrt!“—„Welch ein Hohn!“ rief der Genius;„Wüuͤnſche zu aͤußern, die du nur allein zu erfullen vermagſt! warum ſendeſt du mir ſtatt Gluͤck und Ruhm blos Ungluͤck und Schimpf zu?“— „Verwegener,“ erwiederte die Unſterbliche,„habe 206 ich denn erſt noch noͤthig, dir zu ſagen, daß gerade dein Ungluͤck meine Gerechtigkeit bezeugt? Das ganze Geſchlecht der Adamskinder gilt vor dem Vater alles Lebens nur fuͤr einen einzigen Menſchen. Er ſprach am Anbeginn der Zeiten, daß aus begangenen Feh⸗ lern jedesmal Uebel, aus Tugenden jedesmal Gutes entſpringen werde, und der einmal ausgeſprochene Beſchluß geht nun fortwaͤhrend in Erfuͤllung. Gehe in dich, frage zugleich die Geſchichten der vergangenen Zeiten, und du wirſt finden, daß uͤberall, wo ein Unfall erfolgte, ein Verbrechen vorhergegangen war. Der Fall ganzer Reiche, der Krieg, die blutigen Re⸗ actionen, kurz alle jene großen Ereigniſſe, welche die Welt in ihrer gottvergeßnen Sprache bloße Spiele des Zufalls nennt, ſind eigentlich immer nur verdiente Buͤßungen. Ich verſpreche dir, keine Tyrannei mehr auf die Erde herabzuſenden, von dem Augenblick an, wo es bei euch keinen Frevel mehr geben wird, um ſie herauszufordern, und keine feige mtrigugt mehr, um ſie zu ertragen.“ Der Genius neigte ſein Haupt und gieng. Ich brannte nun gleichfalls von Begier, das Schickſals⸗ orakel zu befragen.—„O, wer du auch ſein magſt,“ rief ich aus;„iſt es wohl einem bloßen Sterblichen erlaubt, dich zu fragen?“—„Frage immerhin,“ erwiederte die himmliſche Stimme,„ich antworte je⸗ dem, der mich anredet, und ich habe ohnehin nur zu ſelten Anlaß zu antworten.“—„Wer biſt du denn,“ fragte ich nun weiter,„der du die Zuͤgel des Welt⸗ laufs in der Hand zu halten ſcheinſt?“—„Wer ich 207 bin? die Erde nennt mich das Gluͤck, und meint, ich ſei blind und wandelbar; du ſiehſt indeß, daß ich auf einem ehernen Throne ſitze, und daß ich Wagſcha⸗ len in der Hand, aber keine Binde um die Augentrage. Ich, eine Tochter des Hoͤchſten, der mich nach ſeinem Bilde erſchuf, bin eigentlich das Gewiſſen, und mich hat die Vorſehung zum Gehilfen ihrer ausuͤben⸗ den Gerechtigkeit, zum Schiedsrichter uͤber das Loos der Menſchen eingeſetzt; ich bin es, die alle Handlun⸗ gen und alle Gedanken abwaͤgt, und die den Auftrag hat, die Menſchen zu belohnen und zu beſtrafen; ich theile einzelnen Familien wie ganzen Staaten Gluͤck und Ungluͤck aus, nach dem Verdienſt eines jeden ein⸗ zelnen und aller zuſammen.“—„O Koͤnigin der Erde, aber wenn nun die Peſt, der Krieg, der Hun⸗ ger unſere Laͤnder heimſuchen, ſo treffen ja dieſe zer⸗ ſtoͤrenden Landplagen ohne Unterſchied den Gerechten wie den Boͤſewicht.“—„Glaubſt du, daß viele von denen, die davon betroffen werden, immer ſich als aufrichtige Freunde, als treue Gaſtfreunde, als untadelhafte Ehegatten, als partheiloſe Richter und Staatsbeamte betragen haben? Durchaus Gerechte giebt es nicht, und wenn es deren unter euch gaͤbe, wie koͤnnten ſie ſich wohl uͤber Pruͤfungen beklagen, worin ja eben ihre Tugend hervortritt, oder uͤber den Tod, der ja eben ihnen ihren Lohn zuſichert? Es giebt keinen Lohn, der blos und allein im Himmel, noch auch einen, der einzig und allein auf Erden zu finden waͤre.“ Ich hoͤrte dieſen Reden zu, und meine zitternden 208 Lippen vermochten kaum weiter zu fragen:„Warum ſieht man aber die gute Sache ſo oft unterliegen? und die beſſere und gerechte Parthei..—„Halt ein! und ſage mir, wo giebt es eine gute Sache, die nicht durch Miſſethaten befleckt wäre? wo giebt es eine Parthei, die nicht Raub und Mord zu ihrem Beiſtande aufgerufen haͤtte, die ſich nicht im Moment des Sie⸗ ges uͤbermuͤthig, im Moment des Unterliegens aber ſich nicht kleinmuͤthig, kriechend und abtruͤnnig be⸗ wieſen hätte? Faͤnde ſich irgend ein Menſch, eine Parthei, ein Volk, das zu ſeinem Wahlſpruch:„Ge⸗ rechtigkeit und Beſtändigkeit!“ erwaͤhlt haͤtte, ſo verſpreche ich dir, ich will einem ſolchen die Welt, und zwar fuͤr immer, uͤbergeben.“— Ich ſchwieg, voll Staunen uͤber das, was ich ſo eben ge⸗ hoͤrt hatte. Der Engel fuhr dann weiter fort:„Der ganze Irrthum der Sterblichen beſteht darin, daß ſie Gluͤckſeligkeit und gluͤcklichen Erfolg mit einander verwechſeln. Der leztere iſt in meiner Hand meiſt blos eine Strafe fur die, denen ich ihn gewähre, und fur die, denen ich ihn verweigere. Das wahre Gluͤck dagegen entſpringt nicht aus dem gluͤcklichen Erfolg oder Gelingen, ſondern aus treuer Pflicht⸗ erfullung; es wohnt in mir, und ich wohne in dem Herzen aller Menſchen, um ihr Daſein zu laͤutern und zu verſchoͤnern. Die, welche mich hoͤren und verſie⸗ hen, verdanken mir eine unausſprechliche Wonne, die der große Haufe nicht kennt; denn ich bin das wahre Gluck, der wahre Ruhm, und durch mich allein exiſtirt die Liebe.“ 209 Bei dieſen Worten reichte mir die Unſterbliche eine ihrer beiden Hände. Während ich dieſe unſterbliche Hand ergriff, war mir es, als wuͤrde mein Geiſt auf feurigen Fluͤgeln emporgetragen und in das Anſchaun und in die Wonne der himmliſchen Raͤume verſetzt. Mitten in dieſer heiligen Entzuͤckung wagte ich, meine Augen auf die Tochter des Himmels zu richten 3 doch wie ward mir, als ich an ihrer Stelle nur eine bloße Frau, aber eine von hinreißender Schoͤnheit, Anmuth und Wuͤrde erblickte, die in ihrem Blick und in ihrem Lächeln etwas hoheres hatte, deren Stirn ſtrahlend, und deren Haupt von blendendem Wieder⸗ ſchein der himmliſchen Klarheit erhellt war; es war meine Schweſter, ſie druckte mich ſanft an ihre Bruſt, und zeigte mir uͤber unſeren Häuptern den leuchtenden Tempel, worin mitten unter den Harmonieen des Weltalls derjenige wohnt, deſſen Geſetz ein Gebot der Liebe iſt. Mein Gemuͤth ward davon ſo tief bewegt, daß der Schlaf fern von mir hinwegfloh. Die edeln und ſuͤßen Bilder, die mich ſo eben noch umgaukelt hatten, ent⸗ ſchwanden mit ihm; indeß eine bisher ungekannte Ruhe beſchwichtigte meine aufgeregten Sinne. Gleich⸗ wohl feſſelten die Eindruͤcke dieſes ſeltſamen Traumes noch immer meine Seele, und mitten unter den Mor⸗ gennebeln meines Erwachens ſtrahlte mir immerfort noch Maria's Bild. Ich ſchlug meine Augenlieder weiter auf, und eine ehrwuͤrdige Geſtalt ſtand vor mir. Es war Iſidro. Die Majeſtät des Alters und die Wuͤrde der . 14 210 Tugend hatte ſich auf ſeiner Stirn ſeit jener Schlacht von Actopan noch tiefer ausgepraͤgt. Nachdem er zum Erzbisthum*** befoͤrdert worden war, hat⸗ ten gerade in dem Augenblick, wo er kam, um die Rechte der Kolonieen beim Mutterlande zu vertreten, heftige Winde ihn gezwungen, in den Hafen von Liſſa⸗ bon einzulaufen, und ſo hatte erdenn aufſeiner Durch⸗ reiſe durch Badajoz meine Schweſter angetroffen. Er uͤberreichte mir eiligſt einen ſehr langen Brief von ihr. Ich las zu wiederholten malen unter unausſprechlichen Gefuͤhlen der Zuverſicht und der Freude dieſe Blätter durch, worin ſie ſich uͤber unſeren gemeinſamen Schmerz mit einer Fuͤlle von Zaͤrtlichkeit, wie ſie unſeren Herzen ſeit langer Zeit fremd geworden war, ausſprach, und mir, um meinen Muth aufzurichten, Rathſchlaͤge und Mapimen mittheilte, welche mir die hohen Wahrheiten, die ich ſo eben im Traume vernommen, in einem ganz neuen Lichte erſcheinen ließen. Ihre chriſtliche Philo⸗ ſophie redete zu mir ganz in der Sprache jener geheim⸗ nißvollen Geſtalt, und ich fragte mich ſelber, obmein Wachen etwa wieder unterbrochen worden ſei, oder vielmehr, ob mein Schlummer noch fortdauere. Der Erzbiſchof unterhielt ſich mit mir eine lange Weile uͤber Maria und ihre holden Frauentugenden, er ſprach ferner mit mir von meinen gefangen gehaltenen Eltern, und ich zweifelte nicht, daß ſeine Vermitte⸗ lung die Kerkermeiſter meiner Mutter erweichen wuͤrde. Die Leiden Spaniens machten ebenfalls einen bedeu⸗ tenden Theil ſeiner Geſpraͤche aus. Der ehrwuͤrdige Praͤlat furchtete weniger als fruͤherhin die Ruckkehr zur 211 Konſtitution der Vorzeit; er bedauerte die Vernichtung der alten Fueros*), und meinte, daß die Moͤg⸗ lichkeit unſerer Rettung einzig und allein an deren Wieberherſtellung geknüpft ſei. Der Hof, welcher die feindſeligen Anſchlaͤge Napoleons erfahren hätte, wurde den Tag vorher die Straße nach Sevilla, d. h. den Weg nach Mepico, eingeſchlagen haben, wofern die Einwohnerſchaft von Aranjuez oder vielmehr die der Provinz la Mancha ſich nicht gewaltſam ihrer Ab⸗ reiſe widerſetzt hätte. Alle Truppen, welche in Ma⸗ drid zur Beſatzung lagen, waren eiligſt in die Nähe der koͤniglichen Perſonen hingerufen worden, um ihre Flucht vor einem Volke zu decken, das ſeine Furſten in ſeiner Mitte behalten und im Nothfall ſie vertheidi⸗ gen wollte. Ein neues Leben keimte jezt in meiner Seele auf. Ich ſah ein, daß jezt fuͤr ganz Spanien ſo wie fur mich der Augenblick gekommen ſei, woman ſich von einer ertodtenden Unthaͤtigkeit losſagen muͤſſe, und ich eilte nach der Puerta del Sol. Eine wahrhaft gottliche Hoffnung begeiſterte meine Seele. Der 18. Maͤrz brach eben an und mit ihm eine Reihe bedeutender Scenen. Nach einem Todesſchlum⸗ mer von dreihundert Jahren war eine ganze Nation jezt auf dem Punkte zu erwachen. Die braunen wie die blauen Maͤntel draͤngten ſich in den Straßen mit einem ganz gleichen Ausdruck von Wuth. Die ſonſt immer ſo regungsloſen Volksgruppen durchkreuzten ſich dies⸗ mal in jeder Hinſicht, und Monche und Soldaten *) Freiheiten, Privilegien. 212 giengen hin und her und erzaͤhlten der Menge die Be⸗ gebenheiten von Aranjuez. Ich fand Don Domingo in der Mitte eines ſolchen, ſehr zahlreichen Menſchen⸗ kreiſes.—„Was zogert man noch lange,“ ſagte ich zu ihm;„der Fremde ſteht vor unſern Thoren, und unſere Fuͤrſten werden vielleicht ſchon morgen nicht mehr unter uns ſein. Es giebt nur noch ein Mittel zur Rettung des Vaterlandes, daß wir naͤmlich alle zu⸗ ſammen nach dem Wohnſitz des Koͤnigs eilen und ihn auf den Knieen bitten, den Rathſchlägen jenes Nie⸗ dertraͤchtigen, der ihn zu verrathen und zu verderben ſucht, zu entſagen; daß wir ferner ihm vorſtellen, daß er in unſerer Mitte keinen Feind fuͤrchten duͤrfe, weil zehn Millionen Spanier ihm als ſchuͤtzende Vor⸗ mauer dienen werden. Er wird dann unſerem Eu⸗ ropa den Vorzug vor Amerika geben, eine Herrſchaft der Schande vorziehen, und wenn er ja genoͤthigt ſein ſollte, ſein Schwert entweder gegen uns oder gegen die Franzoſen zu ziehen, ſo wird er gewiß, wie ſein Vorfahr Ludwig der Vierzehnte gethan hat, lieber ge⸗ gen ſeine Feinde als gegen ſeine Kinder Krieg fuͤhren wollen.“—„Wohl geſprochen,“ erwiederten dumpf einige Stimmen, und andere Stimmen wiederholten dieſen Ruf aus immer groͤßerer Ferne.—„Das heißt aufs beſte Aufruhr predigen,“ unterbrach uns jezt ein Mann, der unter ſeinem großen Mantel vergeblich die Geſichtszuͤge des Comthurs zu verbergen ſuchte.— „Man will hier von Aufruhr ſprechen? Ach, wir haben den Kelch des Gehorſams und der Ergebung leider bis auf die Hefen geleert. Es giebt einen Mo⸗ 213 ment, wo alle Bande ſich löſen. Das Fluͤchten ge⸗ hoͤrt nicht mit zu den Vorrechten der Krone, ſo wenig als die Herbeifuͤhrung einer Anarchie, eines Buͤrger⸗ krieges, einer Beſitznahme durch fremde Truppen, jemals zu den Rechten des Konigthums gehoͤrt hat.“ Ein neues Beifallrufen ließ ſich jest hoͤren, welches von allen Balconen der Puerta del Sol und der be⸗ nachbarten Straßen wiederholt wurde. Ich fuhr ſo⸗ dann weiter fort:„Sollte uns denn ſo vieles Ungluͤck nicht endlich zu Boden druͤcken!“—„Wenn die Schlacht von Almanza*) nicht verloren worden ware,“ murmelte der Hidalgo von Tativa, und zwar ſo laut, daß die umſtehende Menge wüthende Blicke auf ihn warf. Ich nahm eilig wieder das Wort und ſagte:„Wenn das Haus Oeſterreich zuerſt und— warum ſoll man es leugnen— hinterher das Haus Bourbon nicht Menſchen gefunden hätte, die ſich willig finden ließen, die Grundſaͤtze einer hin⸗ gebenden Unterwuͤrfigkeit und unumſchraͤnkten Gewalt aufzuſtellen und zu verbreiten, ſo wuͤrden die edeln Staatseinrichtungen unſerer Vorfahren uns vor der langen Herrſchaft eines Godoy beſchuͤtzt haben. Zu den Zeiten unſerer vormaligen Cortes wuͤrde der Koͤnig, durch die freien Aeußerungen der oͤffentlichen Meinung ſehr bald gewarnt, nicht ſo lange Jahre das Ruder des Staats in den Haͤnden eines Nichtswuͤrdigen ge⸗ laſſen haben, ihn nicht mit dem Reichthum und dem ge⸗ raubten Gute Spaniens beladen, nicht ihm zu Gefallen *) Durch ſie gelangte Philipp ber Funfte auf den Thron. 214 das Haupt ſeines eigenen Sohnes dem Henkerbeil dargeboten, noch auch auf ſein Verlangen die unweg⸗ ſamen Hoͤhen der Pyrenaͤen vor Napoleon gebahnt haben.“ Hier gaben Don Domingo, die Offiziere, die Kaufleute, mehrere Geiſtliche aus den reicheren Moͤnchsorden, Pfarrer, und ſelbſt einige Granden, mir den lauteſten Beifall zu erkennen. Die braunen Mantel dagegen ſchwiegen ſtill, und Aparicio und andere Frayles murmelten. Ich fuhr weiter fort: „Es iſt hier nicht davon die Rede, die verfloſſenen Jahrhunderte wegen unſeres gegenwaͤrtigen Unglucks anzuklagen. Ein Einziger iſt hier nur der ſtrafbare, nur er allein will von uns die ſchuͤtzende Aegide des Koͤnigthums entfernen, und nur gegen ihn ſoll unſere Stimme ſich erheben. Laßt uns nach Aranjuez eilen, um jezt, wo es noch Zeit iſt, diejenigen in unſerer Mitte zuruͤckzuhalten, welche vom Himmel den Auf⸗ trag erhalten haben, uns zu regieren und zu be⸗ ſchuͤtzen.“ Ich ward mit einſtimmigem Beifallrufen uͤber⸗ ſchuͤttet. Das Geſchrei:„Fort nach Aranjuez!“ ward auf den oͤffentlichen Plätzen und Straßen tau⸗ ſendfach wiederholt; Moͤnche ſtiegen auf die erſte beſte Erhoͤhung, die ihrem Eifer der Zufall darbot, um das Volk anzureden, deſſen Ungeſtuͤm bereits keiner wei⸗ teren Aufregung bedurfte. Ganz Madrid ſtroͤmte hinaus nach den Ufern des Tajo. Einen wirklich ſeltſamen Anblick gewaͤhrte dieſer bald laͤrmvolle, bald ſchweigende Zug einer Volks⸗ menge, welche in ihren vielfarbigen und mannigfach geſchmuckten Maͤnteln alle die verſchiedenen Stande und Einwohnerklaſſen Spaniens zu repraͤſentiren ſchien. Aller Unterſchied des Ranges war aufgehoben, ein einziges Gefuhl belebte dieſe wogende Maſſe; nur mit dem einzigen Unterſchiede, daß die Einwohner der Vor⸗ ſtaͤdte den Namen des Friedensfuͤrſten mitten unter Verwünſchungen nannten, und daß die Frauen der⸗ ſelben, die ihre Kinder ſchwebend an ihrer Mutterbruſt trugen, ſich mit großer Eilfertigkeit an die Spitze des Zuges draͤngten, gleichſam als eilten ſie zu einem Feſte. Sie ſchrieen, daß ſie ſich fuͤrchteten, ihren Männern die Ehre zu laſſen, die Eingeweide des all⸗ gemeinen Feindes eigenhändig zu zerfleiſchen. Unter ihnen befand ſich die alte Elvire, die in ihren zuruck⸗ geſchlagenen Ermeln, mit ihrem großen Schlachtmeſ⸗ ſer in der Hand, das eben ſo gut an ihr fruͤheres als an ihr gegenwaͤrtiges Gewerbe erinnerte, mit ihren grauen, unter der Sammetkappe hervorblickenden Haaren, mit ihren theatraliſchen Phroſen, die ſie im Munde fuhrte, faſt wie jene Sibylle der Vorzeit aus⸗ ſah, wenn ſie in der Wuth Orakelſpruͤche verkuͤndete, oder wie die Nemeſis, die ihre Rache zu vollziehen im Begriff iſt. Antonio gieng ſtolz neben ſeinem Bruder Aparicio und neben Margarita im Zuge einher. Er hatte ſich das Vergnuͤgen nicht verſagen konnen, an einem ſo wichtigen Tage ſeine ſo gefaͤllige Tracht wieder anzu⸗ legen, und mit einem von Freude glänzenden Geſicht ſagte er:„Ich bin flink und geſchickt, keiner von die⸗ ſen unbeholfenen Kaſtilianern ſoll mir den Preis dieſes 216 Tages vorweg nehmen. Ehe ſie ihren Arm aus ihrem Mantel herausgewickelt haben werden, wird dieſe Ku⸗ gel, die ich in der Einſiedelei des heiligen Antonius einweihen ließ, den wuͤrdigen Turteltaͤuber der alter⸗ grauen Turteltaube aus ſeinem koͤniglichen Neſt auf⸗ geſcheucht haben.“ Ich ſuchte den Andaluſier von ſeinen meuchelmoͤrderiſchen Plaͤnen abzubringen, allein er erklaͤrte wiederholt:„Godoy hat den Tod vollkom⸗ men verdient; warum ſoll er ihm alſo nicht zu Theil werden?“—„Weil die Geſetze allein das Recht haben, ihm den Todesſtreich zu verſetzen.“—„Was ſind das fuͤr Geſetze, die einen ſolchen Abtruͤnnigen ſchuͤtzen, nachdem ſie nicht einmal einen Heiligen wie Ramon vom Tode retteten?“ Don Domingo folgte zu Fuß hinter der Menge her; eine innerliche Freude ſpiegelte ſich auf ſeinem ſonſt ſo rauhen Geſicht.„Das nenne ich mir eine wahrhaft nationale Begeiſterung,“ ſagte er zu mir; „es iſt doch eine ſchoͤne Sache um die Freiheit!“— „Ganz gewiß,“ erwiederte ich,„aber die Anarchie mag doch wohl eine gar abſcheuliche Sache ſein.“ Das herrliche Thal, welches mit den Gaͤrten von Aranjuez geſchmuͤckt iſt, und das vom Tajo und dem Tarama durchſchlaͤngelt wird, erſcheint nie ſchoͤner, als in den Tagen des Fruͤhlings, wo dieſe Baum⸗ und Blumengruppen, dieſe endloſen Schattenalleen, dieſe Gehoͤlze, dieſe Gartenſtuͤcke von dem blendend⸗ ſten Gruͤn ſind, wo der Sommer ihre reichen Farben⸗ ſchattirungen noch nicht zerſtoͤrt hat, und wo alle Voͤgel der Luft, das Wiederaufleben der Natur feiernd, um die Wette ihren Geſang in das Rauſchen der Kas⸗ kaden und Springbrunnen ertoͤnen laſſen. Dieſer Anblick, der nach einer langen Wanderung uͤber eine durre Ebene hin das Auge wunderbar uberraſcht, die Freudetrunkenheit eines ganzen Volkes, das begeiſtert ſeiner Befreiung entgegenzog, die Entwickelung eines großen politiſchen Drama's, kurz alles ſchien dieſen ſchoͤnen und wolkenloſen Tag blos aufgeſpart zu ha⸗ ben, um in mir jenes feurige Leben wieder zu wecken, welches durch das Ungluck und mehr noch durch die Unthaͤtigkeit in mir erloſchen zu ſein ſchien. Ich brannte vor Begier, wieder eine thätige Laufbahn zu betreten, und Maria's Bild lächelte wie vormals mir auf derſelben entgegen. Die Alleen von Aranjuez waren von einer uner⸗ meßlichen Volksmaſſe angefuͤllt. Die ganze Provinz la Mancha hatte ſich zu dieſer Zuſammenkunft aller treuen Spanier eingefunden, und die Manchegen*) in ihrem Harniſch von Bocksleder, in ihrer zugeſpitz⸗ ten Montera**), ihrer hohen Statur und mit ih⸗ ren wilden Blicken erſchienen in dieſen Gaͤrten, die ſo reich an Kunſt und Zierlichkeit ſind, wie eine Horde eingedrungener Barbaren. Die Moͤnche, die Offiziere, die Handwerker, nahmen die neuen Ankommlinge ſogleich in Beſchlag, und erzaͤhlten ihnen unter Uumarmungen und Freuden⸗ thränen, die Macht des ſchaͤndlichen Guͤnſtlings habe *) Einwohner von la Mancha. *⁸) Muͤtze von Wolle oder ſchwarzem Sammet. 218 endlich vor dem Ungeſtuͤm des Volksunwillens weichen muͤſſen, ſchon herrſche uͤberall der Geiſt Don Ferdi⸗ nands vor und erwarte einen noch vollſtaͤndigeren Triumph. Der feurige Don Carlos, dem ich in der breiten Straße von Aranjuez begegnete, erzaͤhlte mir in aller Eile die Scenen, welche dieſen Morgen vorgefallen waren. Seine Erzaͤhlung ſchilderte mir in einem bil⸗ derreichen Stile, wie groß die Ungeduld des Volks, die der Soldaten und die ſeinige waͤhrend dieſer Tage geweſen war, wo der Hof abwechſelnd bald der Furcht, bald entgegengeſetzten Entwuͤrfen ſich hingegeben hatte, und ohne zu wiſſen, ob er die Franzoſen als Freunde oder als Unterdruͤcker, und ob er die Englaͤnder als Feinde oder als Verbuͤndete betrachten ſolle, zwiſchen dem Wunſch, dazubleiben, der Furcht vor einem Ge⸗ genkampfe, und der Verſuchung zur Flucht, unent⸗ ſchloſſen hin und her ſchwankte. „Don Ferdinand,“ ſagte er zu mir, ſchien bei dem Vorfall im Escurial Schwaͤche zu verrathen. ſeine Briefe an ſeine ſtrafbaren Eltern hatten mich eben ſo tief betruͤbt, wie dich; doch jezt hat er ſich zur wahren Hoͤhe eines Helden erhoben; er iſt ein Koloß. Man verſichert, er habe erklaͤrt, daß er fuͤr ſeine Perſon auf keinen Fall ſein Land, ſeine Mitbuͤrger, ſeine Rechte im Stich laſſen werde, und dieſer Schwur hat in aller Herzen ein erwiederndes Echo gefunden. Unterdeß empfieng Godoy von Stunde zu Stunde beunruhigen⸗ dere Nachrichten aus dem franzoͤſiſchen Hauptquartier; die Volksmenge wagte es, mit lautem Geſchrei den 219 Sturz des Verraͤthers zu fordern; die von Madrid eingetroffenen Soldaten machten, anſtatt das Volk zu entfernen, gemeinſchaftliche Sache mit demſelben, ihr Geſchrei war laut genug, um Himmel und Erde zu erſchuͤttern, und dennoch behauptete Don Manuel ſich noch immer. Da verabredete ich endlich mit mei⸗ nen Waffengefährten ein ſeltſames Mittel, um die Sache ſchnell zum Ziele zu fuͤhren. Bei finſtrer Mit⸗ ternacht feuerten wir namlich durch die Fenſter des Schloſſes zwei Piſtolen ab. Im Schloſſe glaubte man ſofort, daszuſammengerottete Volk laufe Sturm; die Volksmaſſe draußen dachte dagegen, der Guͤnſtling wolle ein blutiges Gemetzel veranſtalten, und ſo kannte denn ſehr bald die Wuth der Menge keine Grenzen mehr. Alles mußte nun vor dem unverhofften Angriff wei⸗ chen, alles zitterte. Vor dem Krachen der eingeſchla⸗ genen Thuͤren und der zertruͤmmerten Meublen konnte man kaum das Geſchrei der Wuͤthenden hoͤren. Don Manuel gelang es, ich weiß ſelbſt nicht wie, ſeine Perſon zu verbergen; der Konig mochte vielleicht fuͤr ſein graues Haupt beſorgt ſein, doch die Aufruhrer reſpectirten den Namen und die Perſon des ungluͤck⸗ lichſten aller Ehemaͤnner und Monarchen; blos die Koͤnigin allein erntete in reichem Maße den Tribut der Geſinnungen, die ſie im Volke gegen ſich erregt hat. Das koͤnigliche Paar vermochte blos dadurch den Sturm zum Schweigen zu bringen, daß ſie Don Ferdinand abſandten, um mitten unter den allgemeinen Beifalls⸗ bezeigungen dem Volke den Sturz des Guͤnſtlings be⸗ kannt zu machen; und ſeitdem badet ſich Karl der — 220 Vierte in den Thraͤnen, welche Marie Luiſe ſeit heute Morgen uͤber den Fall ihres Liebhabers und uͤber den Triumph ihres Sohnes weint. Doch damit iſt die Sache noch nicht geendigt. Sie wuͤrden nun doch nicht laͤnger ſich auf einem Throne behaupten koͤnnen, den ſie durch ihr anſtoͤßiges Benehmen entweiht haben. Ein König, der ungeachtet ſeiner Tugenden verachtet wird, ein Koͤnig, der ungeachtet feines Alters von ſechzig Jahren doch noch unmuͤndig iſt, ein Koͤnig, der ungeachtet der edeln Eigenſchaften ſeines Herzens verabſcheut werden wuͤrde, wenn ihn nicht das Nit⸗ leid, das er einfloͤßt, vor dem Volkshaſſe ſicherte, ein ſolcher Koͤnig paßt eben nicht fuͤr die Wiedergeburt einer in Verfall gerathenen Monarchie. Wir beduͤr⸗ fen jezt ein Oberhaupt, das eben ſo kraftvoll als die gegenwaͤrtigen Ereigniſſe, eben ſo jung als ſein Jahr⸗ hundert, eben ſo tapfer als ſein Degen iſt. Don Fer⸗ dinand iſt der Auserwählte unſerer Herzensneigungen und unſerer Hoffnungen, wir wuͤnſchen, daß er von dieſem Augenblick an das Ruder des Staats uͤberneh⸗ me, und du wirſt jezt mit uns auf das Schloß gehen, um dort mit uns zu verabreden, wie wir wohl auf die hoͤflichſte Weiſe den alten Hof verabſchieden können.“ In dieſem Moment trat Domingo zu uns und ſagte:„Dieſe Veraͤnderung wird das Gute haben, daß man ſogleich die Cortes wird zuſammenberufen muͤſſen, und dieſe werden nicht ſtumm dafitzen, wie unter den lezten Regierungen. Ihre Verfuche, das dreihundertjaͤhrige Stillſchweigen zu brechen, werden mit einem glucklicheren Erfolge gekroͤnt werden, als 224 bei der Thronbeſteigung Karls des Vierten. Die franzöſiſche Revolution war erſt in ihrem Anbruch, und jezt hat ſie nach allen Seiten hin ihre Flammen ergoſſen, und ihr helles Licht hat eine vollkommene Flarheit uber die ganze Halbinſel hin verbreitet. Jedoch huͤten wir uns nur ja, daß dieſe jungen Ade⸗ ligen, welche den Prinzen von Aſturien auf den Thron zu heben im Begriff ſind, oder alle dieſe Moͤnche, die ſich ſtellen, als wollten ſie ſein Heer ausmachen, nicht etwa ſich ſeiner bemeiſtern und es verhindern, daß die Wahlen durchaus nur auf ſolche Maͤnner fallen, die durch ihre Vaterlandsliebe bekannt ſind. Ich weiß wohl, daß Don Ferdinand zu viel von der Tyrannei gelitten hat, als daß er ſie ſelber auszuuͤben Luſt ha⸗ ben ſollte; indeß.—„Was iſt das fur eine Beſorgniß!“ unterbrach ihn Don Carlos.„Der Prinz läßt uns eine zweite Regierung des Titus er⸗ warten; ſein Scepter wird uns die gluͤcklichen Zeiten der Monarchie wieder zuruͤckfuͤhren, und den Baum der Volksfreiheit wieder aufrichten.“ Dieſe Antwort machte den Don Domingo traurig. „Euer Freund iſt noch ſehr jung,“ ſagte er zu mir; „dieſe Kinder des Hofes werden uns viel Unheil an⸗ richten.“—„Ich befuͤrchte es ebenfalls ſo wie ihr,“ erwiederte ich ihm;„allein das ſind noch lange nicht die einzigen Unvorſichtigen. Alle diejenigen, welche der Natur und den Geſetzen zum Trotz eine neue Re⸗ gierung wuͤnſchen, nehmen ſaͤmmtlich, welches auch immer ihre Beweggruͤnde ſein moͤgen, eine furchtbare Verantwortlichkeit uͤber ſich. In einem Lande, wo 222 von der alten Verfaſſung nichts mehr uͤbrig geblieben iſt, als die Erblichkeit des Thrones, iſt es hoͤchſt ver⸗ wegen, dieſe aufheben zu wollen, das hieße ſo recht, ſich des einzigen feſten Punktes berauben, den die Zeit und der Despotismus uns noch uͤbrig gelaſſen haben, das hieße recht, mit froͤhlichem Herzen zu gleicher Zeit die Grundfeſte des alten Gebaͤudes, und den oberſten Schlußſtein zum Bau des neuen zertruͤmmern.“ Der Cadixer wollte ſo eben darauf etwas antwor⸗ ten, als Don Carlos, der ſeine politiſchen Plaͤne für einen Augenblick unterbrochen hatte, um eit gen rei⸗ zenden Manolas nachzugehen und ſie zu necken, zu uns zuruͤckkehrte und mich ungeſtuͤm mit ſich aufs Schloß ſchleppte. Alles war voll Verwirrung und Beſtuͤrzung in dieſer Reſidenz, wo ſeit Karl dem Erſten alle unſere Koͤnige nur die Annehmlichkeiten des Friedens und der Einſamkeit zu finden gewohnt waren. Dieſer Ort, den Karl der Vierte ſo ſehr geliebt, ſo bedeutend ver⸗ groͤßert und erweitert hatte, wo ihm ſein Leben unter ſuͤßer Vergeſſenheit der Regierungsſorgen und unter taͤuſchenden Träumen haͤuslichen Gluͤckes verfloſſen war, ſah jezt den verlaͤngerten Traum ſeiner bekla⸗ genswerthen Regierung auf einmal dahinſchwinden. Die Stimme des Aufruhrs, dieſe beſtaͤndige und doch nie erwartete Gegenparthei der unumſchraͤnkten Ge⸗ walt, war die erſte, die nach ſo vielen Jahren des Schweigens zu den Ohren des Monarchen die Wahr⸗ heit ſprach; er erfuhr das Gluͤck ſeines Volks erſt durch ſein eigenes Ungluͤck, und indem er ſein graues Haupt 223 unter Beleidigungen, Gefahren und Herzensbekuͤm⸗ merniſſen immer tiefer buͤckte, mußte er mit ſeiner Le⸗ bensruhe und mit ſeiner Herrſchaft das traurige, von ſeinen Vorfahren ihm erworbene Vergnuͤgen bezahlen, unumſchraͤnkt uͤber die Schickſale eines ganzen Volkes gebieten zu können. Auf den Geſichtern der Hofleute zeigte ſich ein Ausdruck von Beſtuͤrzung und Bekuͤmmerniß, der ganz wie Gewiſſensbiſſe ausſah. Die jungen Adeligen, die Gardeoffiziere und die Granden, welche den Muth ge⸗ habt hatten, Don Ferdinand treu zu bleiben, ſcherz⸗ ten uͤber das Ausſehen der Anhaͤnger des vormaligen Abgotts, und zeigten kein Mitleid mit dem Schickſal des ehemaligen Hofes. Don Carlos fuͤhrte mich gleich anfangs bei Don Ferdinand ein. Ich geſtehe es, ich war nicht wenig uberraſcht, mich ſo ganz unerwartet dem Prinzen vor⸗ geſtellt zu ſehen. Der beſtimmte Ausdruck in ſeinen Geſichtszugen, ſeine hohe und grade Geſtalt, ſein an⸗ muthsvolles Laͤcheln, ſeine Jugend, und beſonders eine gewiſſe Verlegenheit, die an ſeine langen Leiden erinnerte, ruͤhrte und entzuͤckte mich gleich beim erſten Empfange. Ich kußte ihm mit eben ſo viel Ruͤhrung als Hochachtung die Hand. Ich wuͤrde mehr Selbſt⸗ gefuͤhl gehabt haben, wenn ich weniger Guͤte, weni⸗ ger Huld, ja ich kann ſagen, weniger Schuͤchternheit in demjenigen vorgefunden haͤtte, der unfehlbar bin⸗ nen Kurzem mein Koͤnig werden ſollte. Don Carlos gab ihm bereits mitten unter andern ſinnreichen Ein⸗ fäͤllen dieſen Titel, und ich konnte beim Herausgehen 224 aus dem Audienzzimmer nicht umhin, meinem Freunde wegen des Leichtſinns Vorwuͤrfe zu machen, womit er ſcherzend den erſten Unterthan des Koͤnigreichs zu ei⸗ nem eben ſo gefaͤhrlichen als ſtrafbaren Unternehmen zu verleiten ſuchte. Der Obriſt mußte uber meine Be⸗ denklichkeiten lachen, und wir traten ſofort in den Saal der Garden hinein. Ich traf darin den Grafen von Montijo, der ſeitdem in die Zahl der feurigſten Verfechter der Freiheit ubergetreten iſt, ferner den bra⸗ ven Palafor, der bald nachher zu Saragoſſa ſeinen ohnehin ſchon beruͤhmten Namen unſterblich zu machen beſtimmt war, dann Don Rafael del Riego, der mehr als irgend jemand begierig war, die Revolution vol⸗ lends in Gang zu bringen, welche in Don Ferdinands Haͤnde das vaterliche Scepter legen ſollte, endlich noch eine Menge von Offizieren, die, gleich jenen jung und brav, mit der vollen Wärme ihres Characters und ihres Alters die Ausſicht auf eine neue Regierung er⸗ griffen, ſo wie auch auf die Gefahren, welche die Re⸗ volution etwa herbeifuͤhren konnte. Ich ſuchte ihnen vorzuſtellen, daß in unferem ge⸗ genwaͤrtigen Jahrhundert die gewaltſame Beſitznahme des Thrones durch den Kronprinzen ſelber, dieſen blos mit Schmach bedecken koͤnne; allein man erinnerte mich dagegen an denkwuͤrdige Beiſpiele der Geſchichte, ja mein unvorſichtiger Freund bemerkte ſogar noch dazu, daß Don Ferdinand das ſuͤße Gefuͤhl haben werde, einem lebenden und nicht einem verſtorbenen Vater auf dem Throne zu folgen. Ich hatte viele Feſtigkeit noͤthig, um ihren einmuͤthigen Wuͤnſchen fortwaͤhrend 225 durch meine Einwuͤrfe entgegenzutreten. Ich ſprach von innerer Zwietracht, von Kriegen mit auswaͤrtigen Volkern, ich zeigte auf die furchtbare Armee, die vor unſeren Thoren ſtand; allein man lachte uͤber meine Vorſicht, man zweifelte an meinem Muth, und ich mußte zulezt ſogar ſehen, wie man mich im Verdacht einer geheimen Anhänglichkeit an Don Manuel hatte⸗ Der eine ſagte, Napoleon ſende blos ſeine Truppen, um die Wuͤnſche der Nation zu unterſtutzen; ein ande⸗ rer, die Spanier wuͤrden die Ufer der Seine eben ſo ſchnell zu erreichen wiſſen, als die Franzoſen die Ufer des Tajo; noch ein anderer meinte, das Waffenbünd⸗ niß mit Frankreich habe Spanien zu Grunde gerichtet, der Familienvertrag habe uns alle dieſe Unfälle zuge⸗ zogen, und es ſei daher geit, mit England wieder Verbindungen anzuknuͤpfen, die nie zuvor haͤtten ab⸗ gebrochen werden ſollen. Wieder ein anderer verſi⸗ cherte, daß der Kaiſer ſich ſehr freuen wuͤrde, einen Bourbon zum Neffen zu haben, und fuhle ſich gegen⸗ wärtig veranlaßt, diejenigen unſerer Regimenter ins Innere Deutſchlands zu ſenden, die daſelbſt den fran⸗ zoͤſiſchen Soldaten einen Theil ihrer Lorbeeten entrei⸗ ßen ſollten. Fray Cayetano wunſchte die Thronbe⸗ ſteigung des Prinzen von Aſturien aus Intereſſe fur die Sache der Religion, und als ein Menſch, der in dieſem Falle ſicher ſein konnte, ſehr bald Patriarch von Indien zu werden. Viele prieſen ſich glucklich, eine Regierung endigen zu ſehen, unter welcher bloße Emporkoͤmmlinge unverſchaͤmter Weiſe jene Ehren⸗ ämter des inneren Palaſtdienſtes in Beſitz genommen 1 226 hätten, die doch eigentlich nur fur den hoͤheren Adel beſtimmt waͤren. Manche hofften die Aufhebung der Misbraͤuche, Verguͤtung des geſchehenen Unrechts, Ruͤckkehr zur Gerechtigkeit, endlich die Wiederherſtel⸗ lung der alten Verfaſſung; alle aber ſtimmten, unge⸗ achtet dieſer Verſchiedenheit der Geſinnungen und An⸗ ſichten, in einem einzigen Punkte wunderbar uberein, nuͤmlich in der Nothwenoigkeit, ſich von ihren bisheri⸗ gen Gebietern oder, wie ſie ſich ausdruͤckten, von Godoy's Sklawen, loszuſagen. Man fand eben ſo ſehr ein Vergnuͤgen, als einen neuen Erfolg darin, den alten Hof allmaͤhlig immer mehr in Unruhe und in Angſt zu ſetzen. Don Carlos bewunderte dieſe Tactik, deren Erfinder zu ſein er ſich ruͤhmte, und indem er mit ſeinem heitern und leichten Sinne den wahrſcheinlichen Gang der Furcht berech— nete, bezeichnete er bereits den folgenden Tag als das Ende des Kampfes, wo in dem Gemuͤth der ſtolzen Marie Luiſe das Bedauern vom Throne verdraͤngt zu werden, die Verzweiflung uͤber Don Manuels Perluſt, und die Furcht, durch das Beſtreben ihn zu retten ſich ſelber ins Verderben zu ſturzen, ſich endlich fuͤgen wuͤrde. Der Markis von Cevallos*), welcher da⸗ mals Mitglied des Miniſteriums war, gieng ſo eben durch den Saal. Er beſtaͤtigte die Hoffnungen der *) Dieſer bedeutende Mann war Miniſter unter Godoy, unter Ferdinand, unter Joſeph, unter den Cortes von Cadir, und iſt es ſeitdem von 1814 bis 1820 noch verſchiedenemal geweſen. 227 Gardeoffiziere, indem er ihnen mittheilte, der Koͤnig habe bereits vor einem Monat im Staatsrath den Wunſch geaͤußert, daß er in der Zuruͤckgezogenheit, fern vom Gerauſch der Staatsgeſchaͤfte, in der Umge⸗ bung ſeines Freundes und ſeiner Gemahlin ein Daſein zu beſchließen wünſche, welches— wie er zu äußern geruhte— in ihrer treuen Anhaͤnglichkeit einereichere Quelle von Vergnuͤgen gefunden habe, als in allem ubrigen Prunk und in allen andern Genuͤſſen der Kö⸗ nigswuͤrde. Der 19. März fuhrte endlich die Entwickelung der Scenen des vorigen Tages herbei. Don Manuel, der durch den Hunger gezwungen wurde, ſeinen Schlupfwinkel zu verlaſſen, den er in einem Schranke ſeines Palaſtes gefunden hatte, fiel den Leibgarden in die Haͤnde. Die Menge, die nach dem Blute des ge⸗ ſturzten Unterdruͤckers durſtete, uͤberwaͤltigte die Sol⸗ daten und wollte ſeinen Rachedurſt ſaͤttigen. Antonio war untroſtlich, daß ihm ſeine Stutzbuͤchſe hier nichts helfe. Valencier, Galicier, Madridder ſtritten ſich mit den Bewohnern von la Mancha um die Ehre, den Dolch zuerſt in die Bruſt ihres Feindes ſtoßen zu koͤn⸗ nen; als auf einmal die Reihen ſich oͤffneten, und das wüthende Rufen durch einmuͤthige Segenswuͤnſche un⸗ terbrochen oder doch uberſtimmt wurde. Don Ferdi⸗ nand erſchien näͤmlich. Sein Vater hatte ihn mit vielen Thraͤnen gebeten, das Leben des Mannes zu retten, der ihm ſo theuer war, und ſogleich der Stimme der Kindespflicht und der Menſchlichkeit Ge⸗ hor gebend, zeigte er ſich jezt, um aegen die Volks⸗ 15 228 erbitterung denjenigen zu ſchutzen, der noch den Tag zuvor an ihm zum Moͤrder hatte werden wollen. Der Friedensfürſt ſuchte ganz blaß, blutend und in zerriſ⸗ ſenen Kleidern, zu den Fuͤßen ſeines edlen Gegners einen Zufluchtsort. Bei dieſem Anblick trat eine all⸗ gemeine Ruͤhrung an die Stelle der Wuth. In aller Augen blinkten Thränen, man ſchwenkte Huͤte und Waffen hoch in die Luft; Schellentrommeln erklangen in den Haͤnden der Frauen, alle Stimmen ſegneten den Thronerben, alle Herzen waren eins, um ihn zu bewundern und zu lieben. Sogar Don Diego ward von der allgemeinen Stimmung der ihn draͤngenden Volksmenge fortgeriſſen. Mitten unter den Hundert⸗ tauſenden, die ſich zu dem Gluͤcke wetteifernd hin⸗ draͤngten, um die Hand oder wenigſtens das Kleid des geliebten Prinzen kuſſen zu können, druͤckte er un⸗ willkuͤhrlich und zu ſeiner eigenen Verwunderung eben⸗ falls ſeine Lippen auf den Mantel eines Bourbons. Indeß die Ungewißheit des Volks und die Gegen⸗ kämpfe eines unterliegenden Hofes dauerten noch fort. Haͤnde, die das Scepter zu fuͤhren gewohnt ſind, laſ⸗ ſen es ſo leicht nicht fahren. Noch vor Anbruch des Abends erregte der Anblick einer Kutſche, die gerade auf das Quartier der Garde zu fuhr, eine neue Gaͤh⸗ rung unter dem Volke. Man glaubte, Don Manuel ſolle in derſelben der Strafe der Geſetze entzogen wer⸗ den, welche doch verheißen worden war. Diesmal uͤberſtieg die Aufregung der Menge alle Grenzenz das Geſchrei derſelben war eben ſowohl gegen Godoy als gegen ſeine Beſchutzer gerichtet, der Tod des Guͤnſt⸗ 220 lings ward als eine Genugthuung betrachtet, die man dem Vaterlande fur ſeine langen Leiden ſchuldig ſei. Doch mitten in dieſer allgemeinen Erbitterung, von welcher auf einmal dieſe zahlreich verſammelte Maſſe von Buͤrgern aus allen Ständen, Lebensaltern und Provinzen ergriffen wurde, ſah man hie und da ruhigere und kaͤltere Sprecher auftreten, die nicht ſo dieſer Zorn⸗ trunkenheit dahingegeben waren, welche die Gerechtig⸗ keit im Meuchelmorde und das Gluck in der Rache ſuchte. Bei Bewegungen der Volksmaſſe finden ſich immer Menſchen, die darauf ausgehen, dieſelben bis auf den außerſten Punkt zu treiben, und dieſe ſind gerade dann die furchtbarſten. So glaubte man denn auch damals unter dem langen Mantel, der ihn ein⸗ hullte, Sir Georges zu erkennen, der durch ſeine ge⸗ wandten Reden den Groll der Menge aufzureizen ſuchte, und mit vollen Händen Gold ausſtreute. Ich eilte nach dem Schloſſe, um die neue Gefahr zu melden, von welcher Godoy bedroht war, und Don Ferdinand trat zum zweitenmale heraus, um zu verſuchen, ob er auf dem oͤffentlichen Platze die Ruhe wiederherſtellen koͤnne. Aufſtaͤnde eines Poͤbels, den zuweilen wohl die aufbrauſende Hitze fortreißt, der ſich aber nie durch geiſtige Getränke und durch Worte be⸗ rauſcht, ſolche Aufſtände laſſen ſich leicht däͤmpfen; und darum gelang es auch diesmal noch dem Prinzen. In dieſer Zwiſchenzeit war es, wo Maria Luiſe, veſiegt durch ihre Furcht, durch ihren Zorn, durch die Wuͤnſche eines Koͤnigs, der, alt und ſchwach, nicht mehr Kraft genug in ſich fühlte, um dem Sturme 230 Trotz zu bieten,— ſich endlich entſchloß, ſich dem unvermeidlichen Schickſale zu fuͤgen. Mein Freund wohnte den lezten Scenen dieſes denkwuͤrdigen Dra⸗ ma's bei. Er kam zu mir, empoͤrt uͤber die frevelhaf⸗ ten Verwuͤnſchungen einer Mutter, die ſich bemuͤhte, die Hoffnungen Spaniens Lugen zu ſtrafen; ſie hatte ganz laut geſagt, daß ihr Haß ſehr bald in den Au⸗ gen der Welt gerechtfertigt erſcheinen wuͤrde.„Ich konnte,“ fuhr Don Carlos fort,„dieſe Laͤſterungen nicht bis zu Ende hoͤren; ich floh davon, und die Na⸗ men Nero, Tiger, wilde Beſtie, womit ſie immerfort unſere Zukunft bedrohte, verfolgten mein unwilliges Ohr in den benachbarten Saal.“ Don Ferdinand kehrte, von dem Volk auf den Armen getragen, zuruͤck. Das Beifallrufen von draußen, welchem alle Stimmen aus dem Innern des Schloſſes antworteten, bezeichnete ſeine Ankunft durch einen furchtbaren Laͤrm, der dem Rauſchen eines Stro⸗ mes glich, der alles mit ſich fort und nieder zu reißen droht. In dieſem Augenblick legte das bejahrte Koͤ⸗ nigspaar eine Krone nieder, welche die Bezeigungen des allgemeinen Misfallens auf ihrem grauen Haupte alles Glanzes beraubten. Ich ſelbſt erkannte jezt wohl, daß ſie nicht mehr ferner regieren koͤnnten. Die Illuſionen, die jedem Gehorſam zum Grunde liegen, waren unwiederbringlich zerſtoͤrt; der junge Prinz mußte jezt das Band von neuem knuͤpfen. Auf dem Punkte, zu welchem die Sachen gediehen waren, wo die tief beleidigte Nation ihre liebſten Nei⸗ gungen und Wuͤnſche mit Fuͤßen trat, war es viel, daß das konigliche Diadem ihr Leben noch ſchutzte; weiter vermochte es aber auch nichts fuͤr ſie zu be⸗ wirken. Don Carlos und andere Gardeofſiziere eilten auf den Balcon und machten die erſehnte Neuigkeit dem Volke bekannt. Mit frohlichem Jubel wurden ſie be⸗ grußt; es war, als ob der Sturz des Guͤnſtliugs und die Thronbeſteigung des Prinzen das Daſein eines ganzen Volkes gerettet haͤtte. Die erſten Schritte, die der junge Koͤnig that, entſprachen ganz der allgemeinen Erwartung. Er ließ es ſich angelegen ſein, fuͤr Don Manuel Richter zu ernennen, die Geaͤchteten, welche um ſeinetwillen gelitten hatten, in ihre Ehrenſtellen und Wuͤrden ein⸗ zuſetzen, endlich ins Niniſterium Maͤnner zu berufen, die ſich durch ſeltene Tugenden und durch vieljährige Dienſte empfahlen. Jaime, der auf dem Punkte ſtand, bei dieſen Bewegungen des Volksunwillens ſeinen Tod zu finden, hatte ſich bereits in das franzo⸗ ſiſche Hauptquartier gefluͤchtet. Mir ward ein Regi⸗ ment und der Titel eines Kammerherrn verliehen. Die militäriſche Befehlshaberſtelle machte mir unter beiden mehr Vergnuͤgen als der goldene Kammerherrn⸗ ſchluͤſſel, ich fuͤrchtete, daß ich zu Hofämtern wenig geeignet ſei. Die bisherigen Herrſcher nahmen von der Krone mit einer Wurde Abſchied, die weder Zwang, noch das mindeſte Bedauern blicken ließ. Der Koͤnig Karl befahl den Miniſtern, den Pralaten, den Granden, daß ſie den neuen Nonarchen anerkennen ſollten, und waͤhrend des Handkuſſes zeigte ſich weder in den Geſichtszuͤgen des Sohnes die geringſte Selbſt⸗ zufriedenheit, noch auch in dem ſeiner koͤniglichen Mutter der geringſte Verdruß. Alle Geſandten begaben ſich ſofort zu Don Ferdinand, blos ein einziger fehlte in dieſem diplomatiſchen Kreiſe,— nämlich der Miniſter Napoleons. Ich ſah in dieſem Ausbleiben eine ſchlimme Vorbedeutung. Fray Caye⸗ tano und Don Carlos lachten uͤber meine Vorahnun⸗ gen, und da ich nicht davon abließ, ſo meinten ſie: „Was ſchadet's? wir werden dann die Franzoſen ge⸗ rade ſo behandeln, wie unſere Vaͤter die Mauren be⸗ handelt haben.“—„Ganz gewiß!“ erwiederte ich; allein ihre Vertreibung hat ſechshundert Jahre ge⸗ dauert.“ Zweites Kapitel. Ueberall war lauter Jubel. Maͤdchen tanzten zum Klange der Gitarre, Frauen ſchlugen ihre Schel⸗ lentrommel, Moͤnche, beſonders Kapuziner, miſchten ſich in dieſe zahlloſen Choͤre, bildeten die Kette der⸗ ſelben, und belebten die Menge durch ihren Geſang und durch ihr Beiſpiel. Mitten unter dieſen Grotten, unter dieſen Pavillons, in dieſen Gaͤrten, die ſeit funfzehn Jahren blos das Konzert der Lobpreiſungen Godoy's und die Melodie ſeiner Accorde vernommen 233 hatten, ward jezt ſein Name blos unter Verwuͤnſchun⸗ gen und Rachegeſchrei gehoͤrt. Ich ſtreifte lange Zeit mit Don Carlos unter die⸗ ſen Scenen der Frohlichkeit umher, und unſere Schritte verirrten ſich endlich bis an das aͤußerſte Ende des Thales. Die Ruhe und Groͤße des Schauſpiels, welches ein klarer und entwolkter Himmel vor unſerem Blickentfaltete, ſloßte uns ebenfalls ruhige und ſanfte Gefuͤhle ein. Wir dachten mit Verwunderung daran, daß dicht um uns her eine Revolution in vollem Gange ſei. Wir konnten von fern hoͤren, wie das Volk, das in allen ſeinen Empfindungen, nur im Haſſe nicht, wandelbar iſt, bisweilen von der Froͤhlichkeit zur Wuth übergieng. Die Fackeln einzelner Manolos und wuͤthender Moͤnche, die den Kopf Godoy's ver⸗ langten, warfen einen duſtren Schimmer uͤber den Garten. Ihr Geſchrei, die Tone ihrer blutduͤrſtigen Freude, bildeten in der Ferne um dieſe königliche Re⸗ ſidenz ein wildes und graͤßliches Konzert. Wahrlich, die Wohlthaͤterin Don Manuel's war ſonſt unter ganz anderen Toͤnen und Klaͤngen einzuſchlummern gewohnt geweſen! Wir kamen an einen ſtillen Uferrand des Tajo, in ein dichtes Geholz blühender Helbaͤume und Catalpa's, und glaubten eine wohlklingende Stimme zu verneh⸗ men, die ihre Toͤne in die fernen Geſaͤnge des froͤhli⸗ chen Volkes und in das Rauſchen des Stromes miſchte, der ſich uberall in ſeinem Laufe an Felſenufern brach. Je mehr wir uns dieſen Toͤnen näherten, deſto mehr wurden wir durch ihren unendlichen Wohllaut uͤber⸗ 234 werde nicht mehr geliebt!“ ſeiner Wogen weit uͤbertoͤnen. ſpielt wird. raſcht. Es war eine Hymne, deren Inhalt etwas wildes und majeſtaͤtiſches hatte. Der auslaͤndiſche Accent hinderte mich nicht, die Stanzen, die in meiner Mutterſprache abgefaßt waren, zu verſtehen. Sie lauteten folgendermaßen: „Sei mir gegruͤßt, Nachtgeſtirn, Geſtirn des Schmerzes und der Liebe, ſei mir gegruͤßt! Sieh hier eine Tochter deiner vormaligen Prieſter, derer, die dich anbeteten, als die Welt dich noch Iſis nannte. Fuͤrchte nicht, daß ich deinen melancholiſchen Schein zu muthwilligen Tanzen benutzen werde; ich bin Spa⸗ nierin, und werde bald kein Vaterland mehr haben! Furchte nicht, daß ich mit Liedern der Freude dich auf deiner ſchweigenden Bahn verfolge; ich bin Frau, und „Sieh, dort regen ſie den Wiederhall durch ihre lärmende Froͤhlichkeit auf! Der Tajo hoͤrt voll Stau⸗ nen an ſeinen Ufern Stimmen, welche das Gebrauſe Sorgloſes Volk, fuͤhre immerhin auf dieſen Blumenteppichen deine Lieblings⸗ Seguidilla's*) auf; heute kannſt du es noch, aber morgen....., wo wirſt du morgen den Erd⸗ boden hernehmen, um darauf zu tanzen? hat der Spanier kein Vaterland mehr!“ 3„Ach, ich habe nicht, wie ſie, einen lezten Tag, um ihn noch dem Vergnuͤgen zu widmen. meiner Kinder ſucht den Kampf, ohne mich an ſeiner Morgen Der Vater *) Eine ſpaniſche Tanzweiſe, die zugleich geſungen und ge⸗ — Seite zu haben; er laͤßt mich mitten im Gewuͤhl der Staͤdte zuruͤck, ohne zu fuͤrchten, daß mein einſam gelaſſenes Herz ſich nach einem anderen hin verirren könnte. Vielleicht bin ich ihm nicht mehr jung und ſchoͤn genug... Arme Gitana, dein Unglück iſt dann nur noch groͤßer! du wirſt nicht mehr geliebt!“ „Die Toͤne meines Schmerzes ſtoͤren iene nicht in ihren Siegeshymnen. Verwegene, dieſer Boden, den ihr betretet, iſt voll furchtbarer Erinnerungen. Seht ihr jene Hohen dort, welche die Stadt des hei⸗ ligen Ferdinand euern Blicken entziehen? Dort lag in den erſten Zeiten eurer Geſchichte eine Zauber⸗ grotte verborgen. Ihre Pforten durften ſich keinem bloßen Sterblichen oͤffnen, ohne daß Spanien⸗ ſeine Religion und ſeine Geſetze ſogleich dem Untergange preisgegeben wurden. Der ſtrafbare Roderich wagte dem Orakelſpruch zu trotzen; er trat hinein, und er⸗ blickte Saracenengeſtalten auf der Mauer gezeichnet, mit folgender Inſchrift: Durch ſie wird der Spanier ohne Vaterland bleiben!“ „Wenn dieſe Soͤhne Kaſtiliens und la Mancha's in ihrer Bruſt ein Frauenherz truͤgen, ſo wurde meine Stimme bis zu ihnen hin dringen und ihre Feſte truͤ⸗ ben. Wer ſollte nicht meine Verzweiflung begreifen und bemitleiden, da Don Bartolomeo von Darroca, der Großrichter Aragoniens, der Kaiſer der Berge, keine eiferſuͤchtige Sehnſucht mehrinſich fuͤhlt? Meine Tochter iſt ſeine Tochter, ein anderes ſeiner Kinder liegt noch an meiner Bruſt; Pedro, der ſeine einzige Luſt iſt, Pedro, deſſen dichte Locken er ſo gern uͤber 236 ſeine Finger hinwallen laͤßt, Pedro iſt Blut von mei⸗ nem Blut, die Frucht meiner Liebe, und dennoch werde ich nicht geliebt!“ „Warum koͤnnen die Hohlen von Toledo nicht noch einmal ſich oͤffnen? Dieſe ſtolze Menge, die ſo froh iſt, uͤber einen einzelnen Mann geſiegt zu haben, wuͤrde dann nur noch mit ihren Seufzern meine betruͤb⸗ ten Leiden begleiten. An der Stelle der Soͤhne des Orients wuͤrden wir auf der verhaͤngnißvollen Stein⸗ wand die Geſtalten der Unglaͤubigen aus dem Norden, das Bild jener wilden Krieger erblicken, welche ihre Haͤnde in das Blut der Prieſter und Bräute Jeſu Chriſti getaucht haben. Dieſe Kirchenraͤuber und Ab⸗ truͤnnigen kommen, um unter uns die Altäre umzu⸗ ſtuͤrzen, und unſere Granden laden ſie zu ihren Feſt⸗ mahlen, Frauen von hoher Abkunft tanzen nach dem Klange ihrer Zinken!„. In jener Hoͤhe hat man kein Vaterland mehr.“ „Du Geſtirn der naͤchtlichen Anrufungen, ohn⸗ fehlbar entſchleierſt du mir die Zukunft, die meinem Vaterlande zubeſchieden iſt! Koͤnnteſt du mich nicht aber zugleich auch eines jener Geheimniſſe lehren, wo⸗ durch meine Vorfahren ein unwiderſtehliches Band um Liebende zu knuͤpfen wußten, die ihre Liebe noch nicht erwiederten, oder um Ehegatten, die ſich nicht mehr einverſtehen? Jedesmal, wenn mir der ſuͤße Mut⸗ tername ertheilt wurde, fuͤhlte ich es tiefer, daß der Vater meiner Soͤhne fuͤr mich meine Welt und mehr noch waͤre. Woher kommt es doch, daß die Zeit in den Männern das Band der Liebe lockerer macht, 237 während ſie es in uns immer feſter ſchlingt? Ich, die dreimal Mutter ward, werde jezt nicht mehr geliebt!“ „Tochter eines flchtigen Aegyptiers, traurige Gitana, horſt du die Kriegstrompete? Faſſe Muth, die Trompete des Kriegs tont ewige Befreiung. Arme Heuſchrecke der Wuͤſten, du ſchauſt tiefer in die Be⸗ ſchluͤſſe des Himmels als alle dieſe Adler unſerer Staͤdte mit ihrer Weisheit der Welt. Fahnen, die der un⸗ befleckten Mutter Gottes feindſelig ſind, werden nicht ungeſtraft uͤber das katholiſche Koͤnigreich hinwehen. Ein Sohn, der unter dem Fluch ſeiner Mutter auf den Thron ſteigt, wird unter ſeinen Tritten nicht Blumen aufbluͤhen ſehn, noch auch uber ſeinem Haupte einen wolkenloſen Himmel erblicken. Ruinen werden ſich auf Ruinen thuͤrmen, Leichen auf Leichen. Ihr Kaſtilianer, die ihr eure froͤhlichen Seguidilla's auf⸗ fuͤhret, ihr Soͤhne eines Sklawenlandes, Trabanten des Hofes, die Hoͤlle erwartet euch, kehret in den Schooß eures wahren Vaterlandes zuruck.“ „Ach, wollte der Himmel, daß auch ich meinen Namen bald im Buche des Todes„„ im Buche des Lebens aufgezeichnet ſaͤhe! Erhore die Wuͤnſche der Tochter deiner vormaligen Prieſter, o du, die mein Stamm ſchon anbetete, als die Welt dich noch Iſis nannte! Geſtirn der Nächte, Geſtirn des Schmer⸗ zes und der Liebe, o moͤchte ich dann, wenn ſie auf⸗ hoͤren werden bei deinem melancholiſchen Scheine ihre thorichten Tänze aufzuführen, ebenfalls aufhoren kon⸗ nen, dich auf deiner ſchweigenden Bahn mit Klage⸗ 5 toͤnen zu verfolgen! Was habe ich denn vom Tode zu fuͤrchten? Jeden Tag ſinge ich der Koͤnigin der Engel die Lobgeſaͤnge, die ſie am liebſten hat. Was haͤlt noch meine Sehnſucht auf der Erde feſt? Ich bin Spanierin und werde bald kein Vaterland mehr haben! Was haͤlt noch meine Sehnſucht auf der Erde feſt? Ich bin Frau, und werde nicht mehr geliebt!“ Der Geſang hoͤrte jezt auf, und es es war uns, als hoͤrten wir ſie ſchluchzen. Bald darauf wurden die niedergeſenkten Baumzweige von Menſchentritten bewegt. Bei unſerer Annaͤherung floh die Zigeunerin, leicht wie das Eichhoͤrnchen unſerer Waldungen, auf die hoͤchſte Spitze der Felſen empor; ſie verſchwand in den Schatten, kam dann auf der Stelle wieder zuruͤck und rief:„Herr Don Alonſo, moͤchtet ihr doch wuͤn⸗ ſchen, dem Geiſte des armen Ramon noch einmal zu begegnen; er hat euch ein wichtiges Geheimniß zu ent⸗ decken, ein Geheimniß, das ihm vielleicht den Tod zugezogen hat. Obriſt Don Alonſo, ihr werdet einſt mit der Frau verbunden werden, die ihr allein wahr⸗ haft geliebt habt, und ihr, Herr Don Carlos, ihr ſeid mehr werth, als eure ganze Umgebung; hoffet!“ Mit dieſen Worten verſchwand ſie. Die vorge⸗ fallene Scene beſchaͤftigte uns noch lange. Der Sohn Don Juan's fragte mich, was das fuͤr eine Liebe waͤre, die ich ihm noch nicht anvertraut haͤtte.„Ge⸗ wiß iſt hier nicht von Donna Matea die Rede?“— „Nein,“ erwiederte ich ihm; es giebt keine Macht, die mich zwingen koͤnnte, ein Band der Art je zu * 239 knuͤpfen.“—„Von wem ſpricht denn aber die Gi⸗ tana?“—„Ich weiß es nicht; mein Herz iſt leer, es iſt fuͤr immer zu Eis erſtarrt.“ In dem Augenblick, wo ich traurig dieſe Worte ausſprach, unterbrach ein verlaͤngertes Lachen die Stille, die in dieſen Gaͤrten bereits einzutreten be⸗ gann. Ein Echo hallte es nach, und dann noch ein⸗ mal, und wir kehrten in das Schloß zuruͤck, ohne uns die ſeltſame Unterbrechung erklaͤren zu koͤnnen. Die Volksmenge, welche durch die Ereigniſſe des Tages in Aranjuez verſammelt worden war, trat jezt den Heimweg an. Jeder brachte den Seinigen die Nachricht von dem Siege mit, den die ganze Nation ſo eben errungen hatte, und alle waren daruͤber erfreut und darauf ſtolz. Don Domingo konnte nur mit vieler Muͤhe einen Wagen bekommen. Er mußte ſich endlich mit einer Caleſine*) begnuͤgen, deren eine Haͤlfte bereits eine andere, feſt in ihren Mantel eingehuͤllte Perſon einge⸗ nommen hatte. Der Gadetanier preßte ſich endlich mit Muͤhe in das ſchmale, noch uͤbrige Plätzchen hin⸗ ein. Antonio, der die Kutſcherſtelle vertrat, nahm vorn auf dem Bocke Platz; und die Mauleſelin, die dem Schrei des Zagals mit dem Klange aller ihrer Schellen antwortete, die ſie an ihrem Kopfſchmuck hatte, fuͤhrte das leichte Kabriolet unter harten Stö⸗ ßen auf die Tajobruͤcke los. Die beiden Paſſagiere ſeufzten uͤber die Stoße, die ſie auszuſtehen hatten, *) Ein leichter zweiſitziger Wagen. 240 doch ohne ſich ihre Klagen mitzutheilen; blos einzelne Ausrufe verriethen ihren Unmuth, wenn irgend ein⸗ mal ein Stoß ihre Stirn gegen den holzernen Wagen⸗ rand ſchleuderte, oder ſie in Gefahr brachte, von dem Sitze, auf welchem ſie ſich anklammerteß bis unter die Rader des unbequemen Fuhrwerks hi bzurollen. Dann lachte jedesmal der Andaluſier uͤber ihh Qual, ſtimmte eine Seguidilla an, oder beſchleunigte boshaft die Schritte des ungeſtuͤmen Renners. Don Domingo war der erſte, der das Stillſchweigen unterbrach. „Das iſt doch,“ ſagte er,„ein wahrhaft ermuͤ⸗ dendes Fuhrwerk; indeß es iſt immer noch das beſte, was wir Spanier haben, und wir haͤtten es noch nicht, wenn Karl der Dritte es nicht aus Italien mitgebracht haͤtte. Was fuͤr ein trauriges Land iſt doch das unſ⸗ rige, wo keine Erfindung, keine Verbeſſerung gemacht wird! Wir wiſſen blos das heute zu wiederholen, was wir geſtern machten, wie dieſe Mauleſelin, die auf den erſten Ruf aufbricht, beim zweiten Ruf ſtehen bleibt, und jeden Abend um dieſelbe Stunde an einem und demſelben Orte ſich den Haͤckerling holt, der fuͤr ſie bereit liegt. Alle Phantaſie iſt unter uns erloſchen, alles Genie erſtickt, jede naturliche Anlage gelaͤhmt.“ Der ſtumme Paſſagier warf auf den ſprechenden einen Blick, der zwiſchen ſeinem Mantel und ſeinem Hute hervorblinkte, ſtieß einen Seufzer aus, und nahm wieder ſeine unbewegliche Stellung an. Don Do⸗ mingo erwartete gar keine Antwort mehr, als ſein Nachbar auf einmal wiederholte:„Gelaͤhmt!“— „Ganz gewiß,“ nahm der Gadetanier jezt wieder —— 241 das Wort,„hat Spanien Zeiten des Ruhms und eines regen Lebens gehabt, aber ſie ſind ſeit langer Zeit ſchon untergegangen.“—„Ja wohl, unter⸗ gegangen!“ viederte der Fremde.—„Es giebt nur in eines Nittel, ſie wieder ins Leben zuruck⸗ zurufen,“ uhr Don Domingo fort.„Die Vergan⸗ genheit iſt fur uns ſo reich an Lehren und Erinnerun⸗ gen, und von ihr müſſen wir die Keime einer Große, die nicht mehr iſt, von neuem entlehnen.“—„Sehr richtig bemerkt,“ fügte der Unbekannte hinzu, der jezt an der Unterhaltung ein immer hoheres Intereſſe zu nehmen ſchien. Der Vater Matea's, durch die Uebereinſtimmung der Anſichten aufgemuntert, fuhr nun weiter fort:„Die Schritte, die man ſo eben ge⸗ than hat, ſind freilich ſchon etwas. Man hat den begangenen Scandal beſtraft, man hat den gierigſten, den verworfenſten aller Maͤnner ſeines allesvermoͤgen⸗ den Einfluſſes beraubt, ja dieſen untreuen Bewahrer der Schaͤtze der Monarchie gezwungen, endlich einmal uͤber ſeine Reichthuͤmer und uͤber unſer Elend Rechen⸗ ſchaft abzulegen; das alles iſt ganz gewiß etwas ſehr gutes; man kann ferner noch auf Abhilfe von Be⸗ ſchwerden, auf Abſchaffung mancher Misbräuche hof⸗ fen, der Koͤnig ſcheint gut, ſanft und edelgeſinnt zu ſein. Aber iſt das ſchon genug?“—„Ja, iſt das ſchon genug?“—„Dieſe Umgeſtaltung der Dinge bleibt immer noch ſehr unvollſtaͤndig, ja ich furchte ſehr, ſie iſt fruchtlos.“—„Ich glaube es ganz ge⸗ wiß.“—„Ihr denkt alſo wie ich, daß hier eine noch kühnere, noch freiere, noch beſſer zum Ziele II. 16 242 fuhrende Revolution erforderlich ſein wuͤrde?“— „Ganz gewiß.“„Es muͤßte jezt noch.— es muͤßte jezt noch das Haus Oeſterreich wieder auf den Thron kommen.“— Don Domingo fuhr hier ſo heftig in die Hoͤhe, daß er beinahe die Caleſine zerbrochen haͤtte. Voll Schrecken hielt er das Wort„Republik“, das er ſo eben auf der Zunge hatte, noch bei ſich zuruͤck. Die beiden Paſſagiere merkten, daß ſie bisher blos darum ſo gut in Nebenſachen uͤbereingeſtimmt hatten, weil ſie in der Hauptſache ganz entgegengeſetzter Meinung waren; ſie ſtanden mit ihren Anſichten gerade an den entgegengeſetzten Enden der langen Kette von Meinun⸗ gen und Grundſaͤtzen, die heutzutage das menſchliche Geſchlecht theilen und ſondern. Der Gadetanier laͤchelte über ſeinen Misgriff; Don Diego— denn er war es und kein anderer— ſcherzte dagegen nicht im mindeſten uͤber Grundſätze, die in ſeinen Augen wahre Glaubensartikel waren. lichen Vernunft ſchien ihm eine Art von gottlichem Ge⸗ bot zu ſein, und er verſchmaͤhte von nun an eine Un⸗ terhaltung, die vom Gift der Ketzerei angeſteckt war. Der Kaufmann ſah endlich ſeinem ſchweigenden Nach⸗ bar ins Angeſicht, und erinnerte ihn, daß er vor mehreren Jahren auf der großen Straße von Sala⸗ manca mit ihm zuſammengetroffen ſei.—„Nun wohl!“ rief Don Diego;„und werdet ihr mir es wohl glauben, daß ich ſeitdem immer noch von Tage zu Tage den Abſchluß meines Prozeſſes erwarte? Koͤnige aufs Blutgeruſt bringen, der Gottloſigkeit 243 Triumphe bereiten, einen Mann wie ich zwolf Jahre lang hundert Stunden fern von ſeiner Heimat hal⸗ ten, ein Maͤdchen von meinem Gebluͤt einem ahnen⸗ loſen Abenteurer zur Frau geben, das ſind die Fruͤchte des Jahrhunderts, worin wir leben! Ich habe es ſeit langer Zeit ſchon immer geſagt: es giebt blos ein Heilmittel gegen ſo viele Uebel. Indeß, Gott ſei ge⸗ lobt! ich habe noch einen Sohn, der die Hoffnung meines Alters und die wuͤrdige Stuͤtze meines Hauſes iſt. Da er durch fromme Moͤnche in echtſpaniſcher Denkweiſe erzogen worden iſt, ſo wird der boͤsartige Einfluß des Nordens ihn unter ſo gottesfurchtigen Haͤnden gewiß nicht erreichen koͤnnen, und er wird dereinſt wuͤrdig ſein, im hohen Rath von Kaſtilien Sitz und Stimme zu fuͤhren, an jenem Tage, wo der hohe Sanct Jacob es uͤberdruͤßig haben wird, dieſe Monarchie, die unter ſeinem Schutze ſteht, fremder Unheiligkeit preiszugeben. Wenn werde ich doch ein⸗ mal in die unſterbliche Stadt ativa zuruckkehren und meinen, unterdeß zum Manneherangereiften, Eſtevan wiederſehen koͤnnen, den ich faſt noch als Wiegenkind daheim zuruͤckließ?“ Der Hidalgo hielt hier inne, vermuthlich voll Verwunderung uͤber die lange Rede, die er ſo eben gehalten hatte. Das, was man ihm von der geſetz⸗ gebenden Verſammlung Frankreichs erzaͤhlt hatte, hatte ihm vor der menſchlichen Gabe der Rede ein hei⸗ liges Entſetzen eingeflößt; er verglich dies Himmels⸗ geſchenk mit dem verhaͤngnißvollen Baum des irdiſchen 16* Paradieſes, und zweifelte ſehr, ob es wohl angemeſ⸗ ſen ſei, davon je Gebrauch zu machen. Die Paſſagiere waren jezt am Fuße des ſteilen Hoͤhenzuges angelangt, der ſich an den Ufern des Ta⸗ rama hinzieht. Hier iſt die Scheidegrenze, welche das Thal von Aranjuez und die Ebene von Kaſtilien trennt, mit andern Worten der Uebergangspunkt von uͤppiger Vegetation zu duͤrrer Unfruchtbarkeit, von den Schoͤnheiten der Natur zu den duͤſterſten Anſichten derſelben.. Sie kletterten zu Fuß hinan. Ein Studirender, im großen Studentenhut, ſchwarzer Kleidung, und kluͤglich mit einem Saͤbel bewaffnet, der ihm ein ſehr poſſirliches Anſehn gab, ſtieg ebenfalls die Hoͤhen hinan. Mit der linken Hand zog er ſehr unbehuͤlflich eine abgemergelte Schindmaͤhre hinter ſich her; ſeine rechte Hand hielt ein Manuſcript, das er mit begei⸗ ſterter Miene las. Sein ausdrucksvolles Geberden⸗ ſpiel mit den Haͤnden qualte ohne Unterlaß das kei⸗ chende Roß, ſo daß, nach Antonio's Ausdruck, das arme Thier bei dieſem Leſen eben ſo ſchlimm dran war, als ob es ſelber haͤtte leſen muͤſſen. Die hochragende Geſtalt, das magere Angeſicht, die hohlen Augen des jungen Mannes gaben ihm eine ſolche Aehnlichkeit mit dem Helden des Cervantes, daß Don Diego ſich nicht enthalten konnte, zu laͤcheln, als er den Zagal ver⸗ ſichern hoͤrte, daß wenn dieſer Kavalier, der von la Mancha zu kommen ſchien, nicht der wieder auferſtan⸗ dene Don Quixote ſelber waͤre, ſo muͤßte es zum we⸗ nigſten einer ſeiner Nachkommen ſein.„Ihr moͤgt ſagen was ihr wollt, Herr Nachbar,“ ſagte hierauf der Gadetanier zu ſeinem Reiſegefaͤhrten,„die Don Quipote's unſeres Jahrhunderts koͤnnen nicht mit Lanzen und Schilden bewaffnet ſein, ſondern nur mit Papier und Feder.“—„Dafuͤr pflegt man ja auch,“ erwiederte der phlegmatiſche Tativaner,„anſtatt zu kaͤmpfen, lieber zu ſengen und zu brennen.“ In dieſem Augenblick wandelte den Studenten auf einmal eine ſolche Begeiſterung an, daß er das geſchriebene Heft weit von ſich hinweg warf, ſo daß alle Blätter deſſelben in den Straͤuchern umher flogen. Gluͤcklicher Weiſe bewies ſich der Wind gegen ſeine Ge⸗ muͤthsſtimmung ſehr ſchonend, und ſo wurde denn mit Hilfe der beiden Fremden das koſtbare Manuſcript ſehr bald wieder unbeſchädigt zuſammengeleſen. Der Beſitzer dieſes Schatzes, ſo wie er ſich von ſeiner Ge⸗ muͤthsunruhe erholt hatte, dankte mit vieler Wuͤrde den beiden barmherzigen Reiſenden, die ihm in ſeinem ungluck ſo hilfreich beigeſprungen waren⸗„Seit ſechs Monaten,“ ſagte er zu ihnen, habe ich mich mager, blaß und halb krank ſtudirt— „Das ſieht man uͤbrigens wohl,“ unterbrach ihn Antonio.—„Ich meine,“ fuhr der Unbekannte mit einem veraͤchtlichen Seitenblick auf den Andaluſier fort,„ſeit ſechs Monaten habe ich mich uͤber einem Geiſteserzeugniß abgemergelt, das jezt beinahe ein Spiel der Winde, ludibrium ventis, geworden wäre. Das Buch iſt dazu beſtimmt, um den Erd⸗ kreis zu erleuchten; ich werde dadurch der Zoroaſter des Buͤrgerthums, der Plato der Freiheit und Gleich⸗ 246 heit, der Heiland der Philoſophie, der Chriſtoph Co⸗ lombo des geſellſchaftlichen Zuſtandes werden. Die⸗ ſes Evangelium der Freiheit haͤtte vielleicht im Keime erſtickt werden koͤnnen, und der politiſche Goͤtzendienſt haͤtte vielleicht noch lange mit ſeiner Finſterniß die Welt wie mit einer dichten Rinde umgeben koͤnnen; allein Madrid erwartet ein Heer von Soldaten, die in der Schule des Siegs durch den unſterblichen Napoleon, in der Kunſt vernuͤnftig zu reden durch einen Agueſſeau, Sieyes, Bailly, Marat, und durch alle die Genies, die ſeit funfzig Jahren in Frankreich aufgeſtanden, gebildet worden ſind. Die Krieger von Jemappe und Auſterlitz, die Schuͤler Fenelon's, Rouſſeau's und des National⸗Convents, verbreiten die hohe Theorie der Freiheit von einem Ende der Welt bis zum andern. Gleich den Serenos*), die fuͤr die naͤchtliche Si⸗ cherheit unſerer Staͤdte wachen, iſt die Lanze dieſer denkenden Helden mit einer Leuchte verſehen, vor wel⸗ cher der politiſche Materialismus des Alterthums ſich verſtecken muß. Unter dem Schutz ihrer Bajonette wird mein Ruhm aufbluͤhen. Als ein gluͤcklicher Ne⸗ benbuhler eines Leonidas, Epaminondas, Pelopidas, kurz aller jener ſtolzen Republikaner, deren Geſchichten unſer Kindesalter lauſchend einſog, als ein ſtolzer Zoͤgling eines Holbach, Montesquieu, Helvetius, Malesherbes, deren Schriften meiner jugendlichen *) So heißen die Rachtwächter, weil ſie zugleich immer mit auszurufen pflegen, was fuͤr Wetter iſt; in Spanien aber iſt dies gewöhlich immer heiter(Sereno). 247 Phantaſie als NMuttermilch dienten, werde ich dann der menſchlichen Geſellſchaft die holde Bahn der Ver⸗ nunft und des Glucks vorzeichnen.“ Auf dieſe uberſpannten Aeußerungen erfolgte keine Antwort. Der Andaluſier machte das Zeichen des Kreuzes, indem er keinen Augenblick daran zweifelte, daß der Student ein vom Teufel beſeſſener Erzketzer ſei. Don Diego dachte daran, daß die Bourbons, wie viel ſie auch immer zerſtoͤrt haben mochten, doch wenigſtens noch die Inquiſition beibehalten haͤtten, und Don Domingo, der es ſonſt mit Gleichguͤltigkeit anſah, wie die Jugend von den neuen aufgaͤhrenden Ideen fortgeriſſen wurde, konnte ſich dennoch nicht verhehlen, daß die Ueberſpannung dieſes neuzugetre⸗ tenen Reiſegefahrten ein wenig uber alle Schranken hinaus gehe.„Caballero,“*) ſagte er voll Theil⸗ nahme zu ihm,„erlaubt mir, daß ich vermoͤge meiner Erfahrung euch darauf aufmerkſam mache, daß es auf dieſem Wege einige Klippen giebt. Ihr koͤnntet euch in der Hauptſtadt gar leicht einiger Gefahr ausſetzen, wenn ihr die Geſinnungen, die ihr da heget, zu laut zußern wolltet; unſer Jahrhundert, oder wenigſtens unſer Spanien, ſteht noch nicht mit euch auf gleicher Höhe.“—„Das heißt alſo,“ unterbrach ihn bitter der Hidalgo von Tativa,„ihr hofft, daß dergleichen abſcheuliche Rarrheiten jemals die Oberhand gewinnen werden.“—„Mein Herr,“ rief der Enthuſiaſt aus, *) Kavalier oder Ritter. Es bebeutet in der Anrede, gerade ſo wie Segnor⸗ ſo viel wie: mein Herr. 248 indem er den wuͤrdigen Bürger des Königreichs Va⸗ lencia mit dem Ausdruck einer ſtolzen Verachtung an⸗ ſah,„man merkt es euch nur zu ſehr an, daß ihr ein alter Mann ſeid. Indeß ich ſage es euch im vor⸗ aus, ihr moͤgt immerhin, ſo viel ihr nur wollt, euren Arm zurVertheidigung dieſes buͤrgerlichen Heidenthums ſählen, die falſchen Götter werden dennoch fallen, und zwar vom Föſten Grade nordlicher Breite bis zum Löſten Grade ſuͤblicher Breite, d. h. uͤberall, wo der Erdball nur irgend bewohnbar iſt. Der Augenblick iſt jezt da, wo die burgerliche Geſellſchaft, gleich den Schlangen der Wuͤſte Sahara, ihr altes Kleid auf dem Sande zuruͤcklaſſen muß, um ein neues anzu⸗ ziehen. Der Winter der Civiliſation iſt voruͤber, der Fruͤhling derſelben bricht jezt an; Napoleon iſt ein wahrer Johannes in der Wuͤſte, ein wahrer Vorlaͤufer deſſelben, und wie gluͤcklich iſt erſt der Sterbliche zu preiſen, welcher der Meſſias dieſer neuen Zeit ſein wird!“— Die Selbſtgefälligkeit, womit er dieſe Wuͤnſche ausſprach, entlockte dem ernſten Geſicht des Gadetaniers ein Lächeln; Don Diego zuckte die Ach⸗ ſeln und beſchleunigte ſeine Schritte. Blos der Red⸗ ner allein beharrte in ſeinem tiefen Ernſt und fuhr fort:„Wenn es überall ſolche Städte gäbe, wie die iſt, aus der ich ſo eben komme, ſo würde die Wieder⸗ geburt des menſchlichen Geſchlechts nicht lange mehr ausbleiben. Ich weiß nicht, ob ihr Murcia kennt?“ —„Die Hauptſtadt des erlauchteſten Koͤnigreichs, desjenigen, wo der Adel am tiefſten die Wurde ſeiner Natur fühlt, und wo die guten Geſinnungen das 249 meiſte Anſehn haben?“—„Dieſe Provinz, fuhr der Fremde weiter fort,„beweiſt recht augenſcheinlich, bis zu welchem Grade die Grundſätze der Stabilität den Menſchen die Wohlthaten des Himmels und der Erde zu entziehen vermoͤgen. Der ſchoͤnſte Himmel und der fruchtbarſte Boden ſpenden vergehens ihre Gaben an eine geiſtesſtumpfe Bevölkerung, die kein anderes Vergnuͤgen kennt, als den Schlaf der Seele und des Korpers. Die Adeligen, ſtolz auf eine Reihe von Ahnen, die eben ſo wenig als ſie zu denken und zu handeln verſtanden, ſind faſt nur Maſchinen, die mit Treſſen beſetzt ſind wie ihre Armſtuͤhle, und ganz eben ſo unbeweglich, wenn nicht eben ein heftiger Stoß ſie vorwaͤrts ruͤckt. Beim Anblick dieſes Schlummer⸗ lebens, das man Daſein nennt, ſieht die Jugend voll Unwillen auf die Rolle hin, die ihr dereinſt vorbehal⸗ ten iſt, und die Lehranſtalten muͤſſen ſehen, wie ihre Zoͤglinge voll Sehnſucht ihr Auge nach dem großen Orient der Freiheit hinwenden.“—„Um Gottes willen!“ rief Don Diego, und ſchlug ein Kreuz uͤber ſeine Stirn,„allein ich ſehe ſchon, das iſt die Schlange im erſten Buch Moſis, das iſt ein Frei⸗ maurer, der ſich zu uns geſellt hat, um uns in den Abgrund der Hoͤlle zu locken.„. Und ihr wollt . behaupten, daß die Jugend zu Murcia.— „Ich ſage, daß wir unſerer mehrere Katechumenen der Vernunft und der Wahrheit in Murcia waren, die insgeheim von den alten Prieſtern, die wir zu Lehrern hatten, mit Leſevorrath von jenen unſterb⸗ lichen Schriften verſorgt wurden, die aus dem lezten — Jahrhundert ein Jahrhundert des Ruhms fuͤr die fran⸗ zoͤſiſche Nation gemacht haben. Ach,“ fuhr er dann weiter fort, indem er den Arm Don Diego's ſchuͤttelte, „ihr wißt gar nicht, mit welcher Wonne eure hung— rige Seele das Brot, ja das Manna der Erklarung der Menſchenrechte und der erhabenen Kombinationen des Wohlfahrtsausſchuſſes in ſich aufnehmen wuͤrde? Warum habt ihr nicht mit mir in dem Kollegium des heiligen Fulgentius ſtudirt?“—„Heilige Mutter Gottes!“ erwiederte der Hidalgo mit einem Zittern, das indeß ſeinen Gegenredner nicht aus der Faſſung brachte,„was habt ihr da geſagt? ſprecht einmal, ſeid ihr ein Murcianer?“—„Nicht gerade ſo ganz.“ —„Nicht ſo ganz? und kennt ihr wohl die edle Stadt Fativa? kennt ihr ſie wohl?“—„Die un⸗ ſterbliche Stadt, die das Papier erfand, dieſen Wohl⸗ thaͤter der Menſchheit!“—„Ach,“ erwiederte der bejahrte Prozeßfuͤhrer,„das iſt noch lange nicht das beſte, was ſie gethan hat. Aber ſagt mir, um des Himmels willen.—„Was, ob ich Zutiva kenne? Ich bin ja da geboren.“ Bei dieſen Worten erſtarrte Don Diego; es war, als waͤre er auf einmal vom Donner geruͤhrt. Er be⸗ trachtete den Unbekannten, als wollte er ſeine Geſichts⸗ zuge befragen und alte Erinnerungen in ſich auffriſchen. Sein Mund verzog ſich in einer konvulſiviſchen Bewe⸗ gung, ſeine Kniee ſanken unter ihm ein, endlich ſtuͤrzte er hin, und ſchlug vor Verzweiflung mit ſeiner Stirn an die Erde.„O mein Gott,“ rief er aus,„ich habe keinen Sohn mehr. Ungeachtet des blauen Blu⸗ 251¹ tes, das in ſeinen Adern fließt, hält es mein Eſtevan mit den Juden, er verleugnet ſeinen Heiland, er iſt Freimaurer, Philoſoph, Republikaner, Janſeniſt, ja Atheiſt! ungluͤcklicher, ich habe meine beiden Kin⸗ der, eines nach dem andern, verloren!“ Dieſe Ausrufungen offneten endlich dem Studen⸗ ten die Augen; er konnte jezt nicht laͤnger in dem Frem⸗ den ſeinen Vater verkennen. Er warf ſich nun zu den Fußen deſſen, den er ſo eben betruͤbt hatte, bat ihn um Verzeihung, und wollte ſein Haupt an dem väterlichen Buſen verbergen. Don Diego hatte indeß ſeinen Roſenkranz ergriffen, und hielt dieſen zwiſchen ſich und ſeinen Eſtevan, um ſich vpr dem Zauber der Hoͤlle zu verwahren. Zu großerer Sicherheit ſtieg er wieder in die Caleſine ein, ſein Sohn dagegen ſetzte ſich wieder auf ſeine Roſſinante, und ſo gieng denn die Reiſe weiter fort nach Madrid. Don Domingo bemuͤhte ſich vergebens, den erbit⸗ terten Don Diego zu beſaͤnftigen. Dieſer Edle blieb taub gegen alle Vorſtellungen ſeines Reiſegefaͤhrten, und als ſie am Thore von Toledo abſtiegen, bot erſte⸗ rer, der ſein elendes Thier immerfort gezwungen hatte, dicht hinter der ſchnellrollenden Caleſine her zu traben, umſonſt alles auf, um ſeinen Vater zu erwei⸗ chen.„Nenne mich nicht länger mit dieſem Namen,“ erwiederte der Hidalgo,„ich mag nichts mehr von dir wiſſen, und moͤchte ich dich in dieſer Welt eben ſo wenig je wiederſehen, als ich in der andern Welt vor einem Zuſammentreffen mit dir ſicher ſein werde!“ 252 Eſtevan neigte ſich vor dieſem Ausſpruche, trock⸗ nete ſich eine Thraͤne aus ſeinem Auge, wendete ſich dann zu Domingo, und ſagte zu dieſem ganz kalt: „Es iſt doch recht traurig, daß man fuͤr das Gluͤck des Menſchengeſchlechts nicht anders wirken kann, als dadurch, daß man das Gluͤck eines Menſchen zerſtoͤrt. Indeß der Ruhm laͤßt ſich ſeine Gunſt theuer bezahlen, und die ganze Welt iſt wohl noch ſchmerzlicherer Auf⸗ opferungen werth, als die waren, die ein Kodrus, ein Decius, ein Mucius fuͤr ihr eng beſchraͤnktes Va⸗ terland darbrachten.“ Don Domingo, der fuͤr den uͤberſpannten jungen Studenten einige Theilnahme empfand, diente ihm als Fuͤhrer durch die Straßen der Hauptſtadt. Mit vieler Muͤhe erreichten ſie die Fontana de Oro. Die Einwohner Madrids uͤberließen ſich ihren rauſchenden Luſtbarkeiten; der Palaſt Don Manuel's wurde der Pluͤnderung preisgegeben; die Meublen des verab⸗ ſcheuten Guͤnſtlings, die Ordensbaͤnder, die er um die Bruſt getragen, die goldgeſtickten Kleider,„mit denen er geſchmuͤckt geweſen, ſeine Buͤcher, ſein Wap⸗ pen, kurz alles wurde auf dem oͤffentlichen Platze ver⸗ brannt. Rings um den Scheiterhaufen tanzten, in Gegenwart eines ungeheuern Zuſammenlaufs von Menſchen, Soldaten, Moͤnche, die alte Elvire, Fray Aparicio, ſeine Ehehaͤlfte, und alle Bettler von Ma⸗ drid. Antonio, der in aller Eile mit ſeiner Maul⸗ eſelin zum Beſitzer der Caleſine hingefahren war, um dann ſchnell an der allgemeinen Luſtigkeit noch Antheil nehmen zu koͤnnen, kam jezt und brachte noch die Uhr —— 25³ und die Juwelen des die das Volk auf einem Kaminrande ſeines Palaſtes liegen gelaſſen hatte, in der Hand getragen, und dieſe neuen Brenn⸗ materialien zu dem Auto da fs wurden mit gem Beifall aufgenommen. Meine Eltern hoͤrten in dem Kerker, worin ie ſchmachteten, den Tumult dieſes Volksfeſtes, allein das dumpfe Getoͤſe, das bis zu ihnen drang, erweckte in ihnen blos Bedenklichkeiten und Furcht. Sie wuß⸗ ten naͤmlich nicht, ob die Erde ſo von Volksjubel bebe, oder von Buͤrgerkrieg, undſie zitterten fuͤr ihre Soͤhne, die das einzige waren, was ſie noch an das Leben knuͤpfte, dem ſie faſt nicht mehr angehoͤrten. Um die Stunde, wo der Diener des Inguiſitionsgerichts ihnen das zur Friſtung ihres hinſchwindenden Lebens beſtimmte Brot und Waſſer brachte, wagten ſie, ihn nach der Urſache dieſer außerordentlichen Volksbewe⸗ gungen zu fragen.„Ihr ſeid hier,“ ward ihnen geantwortet,„um an das Leben zu denken, das nicht von dieſer Welt iſt.“—„Aber,“ fuhr meine Mut⸗ ter fort, indem ſie mit Thraͤnen die Hand ergriff, die ſo eben die furchtbare Gefaͤngnißthuͤr wieder vor ihnen zuſchließen wollte,„durfen wir wohl um das Leben unſerer Kinder beſorgt ſein?“—„Ihr ſollt um euer eigenes Heil beſorgt ſein,“ war die Antwort, und ſo blieben ſie denn der Angſt der Verzweiflung uberlaſſen. Endlich bewirkten die Begebenheiten von Aranjuez, ferner eine Empfehlung des Koͤnigs, die hilfreichen Bemuͤhungen Don Iſidro's, und vielleicht vor allen Dingen die Annaͤherung der Franzoſen, daß ihre Ge⸗ 254 fangenſchaft etwas gemildert wurde; ſogar ein Brief durfte bis in ihre Haͤnde gelangen. Das Herz mei⸗ nes Vaters lebte von neuem wieder auf, als er meine vom Monarchen empfangene Gunſtbezeigung erfuhr, meine Mutter benetzte mit ihren Thraͤnen das Papier, welches ihr meine Liebe und mein Gluͤck verkuͤndete. Dank ſei es dem Triumphe Ferdinands! zum erſtenmal ſahen die Kerker der Inquiſition Freudenthraͤnen fließen. So warf denn nun alſo die neue Regierung ſogar bis in duͤſtre Kerker einen Strahl der Freude. Nie machte eine Thronbeſteigung ſo viele Hoffnungen rege, als dieſe. Die Freudenfeuer, die man am 19. Maͤrz auf den Hauptplaͤtzen von Aranjuez und Madrid an⸗ zuͤndete, pflanzten ſich auf der einen Seite bis zu den Saͤulen des Herkules, auf der andern bis zu den Bergſpitzen der Pyrenaͤen fort, und ſie erleuchteten zu gleicher Zeit das Gefaͤngniß Godoy's, die einſame Abgeſchiedenheit des vormaligen Hofes, und das Zelt der franzoͤſiſchen Soldaten. Ueberall aͤußerte ſich Freude und Gluͤck, in der Strohhuͤtte, in den Kloͤ⸗ ſtern, in den Palaͤſten, auf dem Boden der Krone Aragoniens, wie bei den Unterthanen der Krone von Kaſtilien. Ganz Spanien hatte nur eine Stimme, um die Thronbeſteigung des Wiederherſtellers der Mo⸗ narchie zu begruͤßen. Dieſer Tag ſchien auf einmal alle die Uebel der vorhergehenden langen Regierung wieder gut gemacht zu haben,— und doch war er blos der An⸗ fangspunkt einer Periode des furchtbarſten Ungluͤcks. Zwoölftes Buch. Ende des Manuſcripts von Ainhoa. Erſtes Kapitel. Sobald der neue Knig ſich mit der höchſten Gewalt bekleidet ſah, richtete er ſeine Blicke auf die Lage des Koͤnigreichs, und jene Menge unbeſonnener Vertrau⸗ ten und zudringlicher Rathgeber, die den Tag zuvor uͤberall nur leichte Mittel und Wege vor ſich geſehen hatten, entdeckten jezt auf allen Seiten Schwierigkei⸗ ten. Die Verwickelung der Staatsangelegenheiten enthuͤllte ſich nun auch den Augen derer, die alle Vor⸗ ahnungen und Vorbedeutungen veraͤchtlich von ſich gewieſen hatten. Man ſah, wie ein fremdes Heer immer weiter in das Herz unſerer Provinzen vordrang, ohne daß man wußte, welche Abſichten den geheim⸗ nißvollen Marſch deſſelben leiteten. Don Carlos und alle jungen Maͤnner verſicherten, daß der Großherzog von Berg gegen niemanden feindſelige Geſinnungen hege, als gegen den Friedensfurſten, ja ſie bezeichne⸗ ten ſeine Anweſenheit als eine Schutzwehr gegen das Wiederemporkommen des alten Hofes. Die Staats⸗ beamten des neuen Hofes, und zwar diejenigen unter ihnen, die ammeiſten Erfahrung und Scharfſichtigkeit beſaßen, fuͤrchteten eben die traurigen Wechſelfalle, die meiner Seele vorſchwebten; doch, ſo oft ich ihnen politiſche und militaͤriſche Vorſichtsmaßregeln vor⸗ ſchlug, ſo beſchuldigten ſie mich Juͤngeren, daß ich meinen Monarchen zu einem herviſchen Syſteme ver⸗ leiten wollte. Die ſpaniſche Regierung, die ſich doch an der Spitze des freiſten und kraͤftigſten Volkes der Erde befindet, verbindet faſt immer mit ihren geheim⸗ nißvollen Formen und mit den verkehrten Maßregeln, die ſie ergreift, die zweideutigſte Sprache, und dies kommt daher, weil unſere Fuͤrſten blos durch die Leute ihres Vorzimmers regieren⸗ Man fand fuͤr das beſte, einen Brief von der Hand des neuen Koͤnigs an Napoleon abzuſenden, um ihn von den Ereigniſſen in Aranjuez zu unterrichten, und zu Gunſten des nun freien, gluͤcklichen, gekroͤnten Ferdinands die Bitte um eine Familienverbindung zu erneuern. Männer aus den beruͤhmteſten Haͤuſern uͤberbrachten dieſes Schreiben nach Frankreich, und ein anderer Grande gieng ab, um die geheimen Ge⸗ ſinnungen Joachims zu eifrſchen⸗ Die Thronbeſteigung des Prinzen von Aſturien lag gar nicht in den Plaͤnen des Großherzogs. Sein Kaiſer wuͤnſchte, daß die konigliche Familie nach einer andern Erdhaͤlfte auswandern und ihm ohne Schwert⸗ ſchlag den Thron Philipps des Fuͤnften uͤberliefern moͤchte. Das ganze Geruͤſt dieſer Kombinationen 257 war nun auf einmal uͤber den Haufen geworfen. Der franzöſiſche Oberfeldherr erwartete neue Verhaltungs⸗ befehle, und ſieng nun damit an, vorlaͤufig gegen eine Revolution zu proteſtiren, die er nicht vorausge⸗ ſehen hatte. Dieſe Antwort war ein Donnerſchlag. Die erſten franzoͤſiſchen Diviſionen hatten bereits ihre Fahnen vor den Thoren von Madrid aufgepflanzt, und waren eben im Begriff, in die Hauptſtadt einzuruͤcken. Man meinte, der König muͤſſe ſich in die Mauern ſeiner von den Franzoſen beſetzten Hauptſtadt begeben, die Liebe ſeines Volkes zu öffentlichen Aeußerungen vermogen, und der Seelengroͤße Napoleons dadurch ſchmeicheln, daß er ſich voll Zutrauen mitten unter die Bajonette deſſelben hinſtelle. Ich ſprach von Gefahr und von Wuͤrde. Man lachte uber meine Rathſchlaͤge, ja ich hatte den Schmerz, meinen Freund Don Carlos un⸗ ter der Zahl meiner hartnaͤckigſten Gegner zu ſehen, und um meine beſtändigen Einwuͤrfe los zu werden, gab man mir den Auftrag, nach Madrid abzugehen, um dort die noͤthigen Voranſtalten fuͤr die Aufnahme des Koͤnigs zu treffen. Bei meiner Ankunft hallte die Hauptſtadt von Trompetengeſchmetter wieder; unter kriegeriſcher Mu⸗ ſik zogen ſo eben die Kohorten von Jena ein. Die ganze Einwohnerſchaft, beſonders die blauen Maͤntel, waren ungeachtet des Regens, der in Stroͤmen herab⸗ ſiel, ihnen bis vor die Thore hinaus entgegengegangenz die Balcone waren mit Frauen beſetzt, die ihre Schnupftücher ſchwenkten und ihren Beifallruf unter i8 7 258 die Lieder miſchten, welche die franzoͤſiſchen Soldaten ſangen. Die prachtvollen Stickereien, der Reichthum der Uniformen, der Glanz der Waffen und die puͤnkt⸗ liche Genauigkeit ihrer Bewegungen, erregten die Be⸗ wunderung unſerer Buͤrger und unſerer Soldaten. Ich begriff nun, wie dieſe ſchoͤnen Legionen hatten die Welt beſiegen koͤnnen; der Anblick dieſer Adler, vor denen ſo viele Bollwerke in Staub hingeſunken waren, erregte in meiner Kriegerbruſt eine unbeſchreibliche Ruͤhrung, und meine Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen, als ob ſie auch mich, wie dieſe alten Veteranen, an unſterbliche Tage des Sieges erinnerten. Ich fuͤhlte, daß ich gluͤcklich, ja ſtolz darauf ſein wuͤrde, wenn ich in die Reihen dieſer Braven eintreten und unter dieſen Fahnen zum Siege vorwaͤrts ſchreiten duͤrfte, die alle Wege zu demſelben ſo gut kannten!.. Wenige Tage verfloſſen, und dieſe Fahnen, welche durch das verraͤtheriſche Verfahren ihres Oberhaupts entweiht worden waren, weckten in den Herzen aller Spanier blos einen edeln Haß. Nach keiner Seite hin hatte Napoleons Ruhm einen ſo hellen Schein verbreitet, als nach unſeren Gegenden hin. Sein Ruf war immer ſtaͤrker anſchwel⸗ lend durch dieſes unwiſſende und abgelegene Spanien gedrungen, ſo wie Donnerſchlaͤge immer majeſtäͤtiſcher werden, je weiter ſie von Gipfel zu Gipfel fortrollen. Das ſpaniſche Volk pflegt niemals die Macht der Idee von der Groͤße des Geiſtes zu trennen; daher war der erſte aller Feldherrn, der furchtbarſte aller Koͤnige, fuͤr uns ein Heros. Haͤtte man uns geſagt, daß 259 ſeine Treuloſigkeit eben ſo groß ſei, als ſeine Macht, ſo wurden wir dies als eine Schmaͤhung auf die Wuͤrde der menſchlichen Natur betrachtet haben. Madrid ſah alſo unbekuͤmmert, ja mit Vergnuͤgen, die Waf⸗ fengefaͤhrten des Siegers von Deutſchland und Italien einruͤcken. Don Domingo ſagte zu mir:„Sehet einmal die Anfuhrer dieſer Kohorten an, dieſe beruͤhmten Gene⸗ rale, die aus den Stuͤrmen der Revolution hervorge⸗ gangen, und großherzig dieſelbe gegen die Angriffe eines feindſeligen Waffenbuͤndniſſes geſchutzt haben. Dieſe Helden der Freiheitskriege können unmoͤglich in der Abſicht zu uns kommen, um uns Feſſeln zu brin⸗ gen; das hieße ja ihren eigenen Urſprung Luͤgen ſtra⸗ fen, ihren eigenen gluͤcklichen Erfolg verdammen, ihren eigenen Ruhm abſchwoͤren. Indem Napoleon jene alten Krieger, die vor funfzehn Jahren die franzoͤſiſche Republik gegen unſere ungerechten Waffen beſchuͤtzten, an die Spitze des Vortrabs ſeines Heeres ſtellt, will er uns im voraus die Bahn bezeichnen, welche ſeine Politik einzuſchlagen gedenkt. Unmoͤglich konnen die⸗ ſelben Menſchen in zwiefacher Abſicht auf einem und demſelben Boden erſcheinen, geſtern zu Gunſten einer Staatsverbeſſerung, heute zu Gunſten der Tyrannei bewaffnet. Dnnrch ſie haben ſich ja bereits die Pyre⸗ naͤen gebahnt; nun wird ein Strom von Aufklaͤrung ſich uber unſere Provinzen ergießen; die Inquiſition und ein franzoſiſches Feldlager konnen nicht neben einander beſtehen. Nach dem Vorbilde Frankreichs wird ſich unter uns eine weiſe und kraftvolle Staatsverfaſſung 260 bilden, alle Schranken, welche der religioſe und poli⸗ tiſche Druck um uns her gezogen hatte, um uns von dem uͤbrigen Europa und von unſerem Jahrhundert zu ſondern, werden ſo ohne Kampf zerſtoͤrt, und morgen ſchon wird die Preßfreiheit, dieſe Mutter aller uͤbrigen Freiheiten, unter uns herrſchen.“—„Ja, ihre Herrſchaft beginnt bereits,“ unterbrach ihn lebhaft der junge Eſtevan;„ja, die Zunge des Spaniers, die ſeit drei Jahrhunderten ſtumm war, wird nun entfeſſelt werden, und ſein Ohr wird voll Staunen die Grundſaͤtze der allgemeinen Wiedergeburt oͤffentlich ausſprechen hoͤren. Schon hat ein Buchdrucker mir verſprochen, mein koͤſtliches Werkchen unter ſeine frei⸗ gewordene Preſſe zu nehmen, und dieſer Koran der neuen Wiedergeburt der buͤrgerlichen Geſellſchaft wird nun, Dank ſei es dem Schutze der philoſophiſchen Ba⸗ jonette des Großherzogs von Berg, das Licht der Welt erblicken.“ Die Puerta del Sol betrachtete mit einmuͤthigem Wohlbehagen die franzoͤſiſchen Fahnen. Blos Don Diego betruͤbte ſich daruͤber, daß er im Herzen Spa⸗ niens Soldaten ſehen mußte, deren Vorfahren vor einem Jahrhundert fuͤr die Dynaſtie Ludwigs des Vierzehnten gefochten hatten, und Don Iſidro heftete nicht ohne einiges Mistrauen ſeine Blicke auf dieſe Kriegsſchaaren, welche alle Neuerungen Frankreichs vor dem Zorne des geſammten Europa's geſchuͤtzt hatten; indeß er hoffte, die franzoͤſiſche Beſitznahme wuͤrde nicht von langer Dauer ſein und die neue Re⸗ gierung nur noch mehr befeſtigen. Ich theilte ihm ———˖ 261 meine Beſorgniſſe mit; er ſelber indeß bemühte ſich ſie zu zerſtreuen, und da ich alle Gemuͤther beruhigt ſah, ſo ſchrieb ich ſelber zulezt meine Bekuͤmmerniſſe auf Rechnung des Mistrauens, das von Natur in mir lag. Den folgenden Tag, am 23. Maͤrz, hielt Don Ferdinand ganz ohne allen Prunk ſeinen Einzug. Sein Staatsgefolge bildeten zweimal hunderttauſend ſeiner Unterthanen; ihre lauten Segenswuͤnſche waren das einzige, was dieſem Triumphzuge einigen Pomp verlieh. Mitten unter allen dieſen Stimmen, die ſeiner gegenwaͤrtigen Macht die Sanction des Volkes ertheilten, wagte ein fremder Offizier ihm dieſes Erb⸗ theil ſtreitig zu machen; Joachim naͤmlich ertheilte demjenigen, dem wir bereits den Unterthaneneid ge⸗ ſchworen hatten, blos den Titel„Koͤnigliche Hoheit“. Die drei naͤchſt verfloſſenen Jahrhunderte hatten ge⸗ zeigt, wie tief unſer Spanien in ſeiner Macht und Wuͤrde geſunken ſei, ſo daß der Stellvertreter eines benachbarten Monarchen im Mittelpunkt unſerer Staͤdte es wagen konnte, die Sanction deſſen, was Spanien gethan, erſt noch von Frankreich zu erwär⸗ ten. Dieſe Anmaßung emporte mich. Der Hof fuͤhlte dieſe Beleidigung ſo gut wie ich, empfand indeß mehr Unruhe als Unwillen daruͤber. Die Stellung des Furſten und Generaliſſimus ward taͤglich drohender. Die Proteſtationen Karls des Vierten, die ohnfehlbar blos ſein Werk waren, ſeine Beſuche bei dem alten Koͤnigspaare, ſeine zwei⸗ deutige und ſtolze Sprache, die wiederauflebenden Hoffnungen des alten Hofes, dies alles verbreitete Mistrauen und Bangigkeit in allen Gemuͤthern. Jaime trotzte unter dem Schutz der franzoſiſchen Macht dem gerechten Unwillen des neuen Koͤnigs. Nach dem Beiſpiel des Comthurs draͤngten ſich alle Kreaturen Godoy's um Joachim, und zogen ihm die⸗ ſelbe Unbeliebtheit zu, die fruͤher ihr Patron gehabt hatte. Unzaͤhlige Schriften ſteigerten die Erbitterung des Volks noch mehr, indem ſie die Revolution vom 19. Maͤrz unter den verhaßteſten und luͤgenhafteſten Farben darſtellten. Dieſe beſoldeten Flugſchriften⸗ ſchreiber ſchmaͤlerten den Triumph des Prinzen von Aſturien bedeutend, indem ſie die Lehre vom dulden⸗ den Gehorſam aufſtellten, die man ſeit 1789 aus den franzoͤſiſchen Rathsverſammlungen laͤngſt verbannt waͤhnte. Die aufgeklärteren Koͤpfe wunderten ſich uͤber dieſe Sprache, der Hof, der die Prinzipien der Kaiſerlichen Hoheit bewunderte, gerieth gleichwohl uͤber deren Anwendung in Unruhe; niemand dachte bei dieſem Kampf entgegengeſetzter Intereſſen, Zleich mir, an das, was die Ehre erfordere. Ich ſah, wie der Fremde ſeinen Degen zwiſchen die Nation und ihren Koͤnig legte, und dieſe Anmaßung war ſo belei⸗ digend und ſo neu, daß ich, obwohl entſchloſſen, ſie zuruͤckzuweiſen, dennoch gar nicht recht daran glauben wollte. Das Volk allein theilte meine Denkungsweiſe mit mr. Das Volk, das in Spanien mit den fal⸗ ſchen Begriffen, welche die Erziehung ihm beigebracht hat, eine ganz einzige Geradheit des Herzens und des Verſtandes verbindet, das Volk hat hier durchaus —— 263 richtigere Anſichten als die höheren Staͤnde, weil die vermittelnden Kombinationen ſeinen Blick nicht hem⸗ men oder irre fuͤhren. Es prophezeite laut blutige Scenen voraus. Auf den Geſichtern zeigte ſich ein duͤſtrer Stolz ausgeprägt, unter den Maͤnteln blink⸗ ten Waffen hervor, alle Figuren ſchritten gerader ein⸗ her, der Kaſtilianer ſchien um einen Fuß hoͤher gewor⸗ den zu ſein. Eines Tages kam Antonio zu mir, und fragte mich, ob es wahr ſei, daß dieſe Heiden aus dem Nor⸗ den unſerem Don Ferdinand die Krone ſtreitig zu ma⸗ chen ſuchten.„Ich fuͤrchte es,“ gab ich ihm zur Antwort.—„Wozu es fuͤrchten?“ erwiederte der Andaluſier.„Wir wollen ſie ſchon umbringen.“ Ein anderes mal ſah ich einen großen und ruͤſtigen Lazarone, ſeine Mutter und ſeinen Großvater, neben einander auf demſelben Straßenpflaſter, wo ſie von Vater auf Sohn das Licht der Welt erblickt hatten, niedergekauert ſitzen und ſich im Schein der Fruͤhlings⸗ ſonne ſonnen. Dem Gelaͤchter oder dem Nitleid der franzoͤſiſchen Soldaten ſtellten ſie eine ruhige und ſtolze Miene entgegen. Der junge Menſch richtete ſich endlich mit ſeiner hohen Geſtalt empor, kam auf mich zu, und ſagte:„Herr Oberſt, es ſcheint, daß wir bald Krieg bekommen werden. Einer meiner Freunde, der ſo eben von einer Wallfahrt nach dem Chriſtusbilde zu Burgos zuruͤckgekehrt iſt, hat mir geſagt, daß ſeit einiger Zeit die Gebeine des Grafen Gonzalez aus ihrem Grabe hervorſchreien, und Euer Gnaden werden wiſ⸗ ſen, daß dieſes Mirakel jedesmal ſich ereignet, wenn 264 ein Krieg beginnen ſoll,“—„Nun, was willſt du damit ſagen?“—„Ich wollte euch, Herr Oberſt, blos um eine Gnade bitten.“—„Und worin beſteht dieſe? ſprich.“—„Ich wuͤnſchte als Soldat in das Regiment Euer Gnaden einzutre⸗ ten, wenn es nicht allzuweit von Madrid ſteht.“— „Allein bei deiner Traͤgheit wuͤrdeſt du ja bald unter der Laſt deiner Waffen erliegen.“—„O, eine Muskete wird mir ſo leicht duͤnken wie ein Roſenkranz, wenn es darauf ankommt, dieſen Ketzern Ehrfurcht vor dem alten Spanien einzufloͤßen. Blos noch eine Frage: ſteht euer Regiment weit von hier?“— „Zehn Stunden von hier, in Ocagna.“—„Das iſt zu weit, Herr Obriſt. Ich mag nicht ſo weit ge⸗ hen, um mich zu ſchlagen.“ Mit dieſen Worten nahm er wieder den Platz an der Mauer ein, auf wel⸗ chem er großgewachſen war, und fuͤgte dann hinzu: „Ich werde fortfahren, die Franzoſen mit meinem Dolche aufzuſpießen, wie ich es die lezten Abende ge⸗ than habe.“ Ich trat in einen Laden der Puerta del Sol. Der Hidalgo von Fativa hatte nicht mehr wie ſonſt ſeinen Lieblingseckſtein in Beſitz. Ich merkte ſehr bald die Gruͤnde, welche in ſeiner taͤglichen Lebensart dieſe Revolution hervorgebracht haben mochten. Don Eſtevan war naͤmlich hier, und ſprach ſehr laut von buͤrgerlicher Freiheit und allgemeiner Verbruͤde⸗ rung mit einem franzoͤſiſchen Offizier, der ſeiner⸗ ſeits mit ihm von Ruhm und Vaterland ſprach. Mitten in der ſchweigenden Verſammlung von Zu⸗ 265 horern fiel beſonders das ernſte und traurige Geſicht des Schwertfegers ſehr auf.„Es ſind,“ ſagte die⸗ ſer mir ins Ohr,„gar furchtbare Geruͤchte in Umlauf. Man verſichert, der Koͤnig Karl und die alte Marie Luiſe wuͤrden vom franzoſiſchen Kaiſer unterſtutzt, und der Koͤnig werde daher dieſem entgegen gehen, um ihn umzuſtimmen. Das alles wird ein ſehr uͤbles Ende nehmen. Die Franzoſen haben boͤſe Abſichten. Werdet ihr es wohl glauben, daß jener junge Kapi⸗ tan dort fuͤr gut gefunden hat, meine Frau von ganz andern Dingen zu unterhalten, als von dem Verdienſt der Erloͤſung? Erinnert euch dereinſt an meine Prophezeiung; das alles wird ein ſehr uͤbles Ende nehmen.“ Während die Streitigkeiten zwiſchen den Madrid⸗ dern und den franzoͤſiſchen Soldaten taͤglich haͤufiger wurden, und die Erbitterung des Volks fortwaͤhrend ſtieg, ſetzten die dienſtfertigen Rathgeber der Krone immer mehr den Drohungen eine vollige Dahingebung und der Gefahr eine vertrauensvolle Zuverſicht entge⸗ gen. Unterdeß hallte der koͤnigliche Palaſt von ge⸗ raͤuſchvollen Vorbereitungen wieder. Dle nahe An⸗ kunft Napoleons ward täglich angekuͤndigt, und der Neffe Ludwigs des Vierzehnten glaubte den furchtbaren Thronfolger der Bourbons nicht glaͤnzend genug em⸗ pfangen zu koͤnnen. So waren zwanzig Tage ſeit Ankunft des Prin⸗ zen von Aſturien verfloſſen. Er hatte ſo eben den Infanten Don Carlos, den älteſten ſeiner Bruder, dem Kaiſer entgegen geſandt, als der General Savary 266 eintraf, und ihn zu bewegen ſuchte, daß er ſich doch perſoͤnlich auf den Weg begeben und ſeinem Verbuͤn⸗ deten, oder vielmehr ſeinem Richter entgegen gehen moͤchte. Dieſer Vorſchlag fand bei Hofe wenig Wi⸗ derſpruch. Die Kammerherrn meinten:„Ein Fuͤrſt, der mit hohem Ruhme gekroͤnt iſt, verlangt Huldi⸗ gungen, beſonders iſt er auf die eines Enkels des hei⸗ ligen Ludwig begierig. Ein König, der erſt drei und zwanzig Jahre alt iſt, kann wohl einem Kaiſer, der unter Ruhm und Triumphen alt geworden, einige Ehrerbietung erzeigen. Warum wollte man ihm auch einen ſo wenig koſtenden Schritt abſchlagen, welcher hinreichen wird, um die Verbindung zweier Fuͤrſten⸗ haͤuſer und zweier Reiche zu befeſtigen? Napoleon wird ſiolz darauf ſein, ſeine Macht dadurch legitim zu machen und ſeinen Stamm durch einen ſolchen Ver⸗ trag veredeln zu koͤnnen. Was dieſer Held, Regent und Schoͤpfer einer Dynaſtie noch bedarf, iſt, einen Don Ferdinand zum Bewunderer, einen Bourbon zum Neffen, und einen Koͤnig von Spanien zum Freunde zu haben.“ Vergebens ſtellte ich ihnen vor, daß Don Ferdi⸗ nand ſich von ſeinen und unſeren Rechten etwas ver⸗ geben wuͤrde, wenn er noch eine andere Sanction an⸗ nehmen wollte, als die von ſeinem Volke.„Es giebt,“ rigß ich aus,„hier nur noch eine einzige Wahl, die edel und ſicher zugleich waͤre, und dieſe beſteht darin, zu Sevilla die Cortes zu verſammeln, die Truppen am Tajo zuſammenzuziehen, endlich ſich dem franzoͤſiſchen Monarchen mit den beiden Stützen — — 267 zu zeigen, die dem Oberhaupte eines unabhaͤngigen Staates allein geziemen, mit der Nation und dem Heere. Das Anerbieten einer Vermittelung bei Zwi⸗ ſtigkeiten, die Napoleon allein erfindet oder herbei⸗ fuhrt, iſt nichts weiter als ein Fallſtrick oder eine Be⸗ leidigung. Iſt es ein Fallſtrick, ſo muß man ihn zu meiden ſuchen; iſt es eine Beleidigung, ſo muß man ſie beſtrafen. Fuͤr Konige und fuͤr ganze Reiche iſt Entehrung ſo viel wie Tod. Dieſe Worte entlockten ſelbſt allen denen ein Lächeln, die bei meiner Erwaͤh⸗ nung der Cortes keine Misbilligung an den Tag gelegt hatten. Die Hofleute fanden es leichter, ſich fur die Zwiſchenkunft einer auswaͤrtigen Macht, als fuͤr die der Cortes zu erklären. Fray Cayetano wollte nichts mehr von der alten Konſtitution wiſſen, ſeitdem er die hoͤchſte Macht in befreundeten Haͤnden ſah, und Don Carlos, der gleich mir die Wiederherſtellung unſerer Freiheiten wuͤnſchte, meinte gleichwohl, daß man ſich huten muſſe, den Herrn des Kontinents im mindeſten zu beleidigen. Dieſer Fuͤrſt koͤnnte dann leicht Karl den Vierten mit gewaffneter Hand unterſtuͤtzen, alle uUrheber des Aufſtandes von Aranjuez wuͤrden dann einer unverſoͤhnlichen Rache preisgegeben worden ſein, ohne daß vielleicht die Nation die Waffen ergriffen ha⸗ ben wuͤrde, um ihr ſelbſtgewaͤhltes Oberhaupt gegen die Rechte eines Vaters und gegen die Drohungen eines furchtbaren Feindes zu ſchuͤtzen.„Don Carlos,“ er⸗ wiederte ich,„du giebſt dadurch zu verſtehen, was ich längſt ſchon argwohnte, daß du nämlich der Furcht Gehoͤr giebſt. Dann aber iſt es um dich geſchehen⸗ 5 268 Man ſieht hieraus, daß die Urheber der Revolu⸗ tion vom 19. März bereits eine Camarilla gebildet hatten, welche ſofort die Macht erbte, die Don Ma⸗ nuel bisher willkuhrlich ausgeubt hatte. Da ich durch meine Dienſtpflicht beſtaͤndig zu Berathungen gerufen wurde, die ich ſo gern gemieden haͤtte, ſo erſchien ich bei denſelben immer nur als ein ſtrenger Sittenrichter. Man erinnerte ſich jezt an meine Zuruͤckhaltung, die ich einſt gegen die Komplotte des Escurials bewieſen hatte. Manzogerte ferner nicht, zu glauben oder we⸗ nigſtens doch zu aͤußern, daß ich mich damals und immer auf die Seite des jezt geſtuͤrzten Guͤnſtlings hingeneigt hätte. So gieng man denn auf dieſem Wege immer weiter fort. Man rief ſich nicht etwa den alten Glanz meiner Familie, ſondern deren ſpätere Herabgeſunkenheit ins Gedächtniß. Ich ward Ge⸗ genſtand einer Art von ſtillſchweigender Verfolgung, und Don Carlos war der einzige, der mich nicht als einen Verdaͤchtigen oder als einen Emporkoͤmmling behandelte. Es lag nicht in meinem Character, die Raͤnke des Hofes zu ertragen; ich hatte es ungeachtet der Vermittelung des Koͤnigs nicht einmal dahin brin⸗ gen koͤnnen, Don Luis und meiner Mutter die Frei⸗ heit zu verſchaffen. Matea beſtuͤrmte mich mit ihren laͤſtigen Zudringlichkeiten; dies fehlte nur noch, um mich zu dem Entſchluſſe zu bringen, auf immer einen Schauplatz zu meiden, auf dem ich nur Aerger und Verdruß fand. Ich gab daher dem Koͤnige meinen Kammerherrnſchluſſel zuruͤck, indem ich ihm ſagte, daß ich wich von nun an blos mit meinem Degen be⸗ — „. ——— — ———„. 269 gnuͤgen wolle, da er deſſen wahrſcheinlich ſehr bald bedurfen wuͤrde. Der Hof war uͤber meinen Ent⸗ ſchluß, daß ich nämlich zu meinem Regiment abgehen wollte, ſo froh, wie uber einen Sieg. Ich war zum leztenmal beim Handkuſſe zugegen ⸗ Matea erſchien dabei, von Schmuck und Anmuth glaͤnzend. Sie wußte das Geſpraͤch auf die Ehre zu lenken, die ſie gehabt hatte, ſich mit dem Prinzen und ſeiner erhabenen Gemahlin in den Tagen ihres ungluͤcks zu unterhalten. Dies hieß ſo viel als, das Andenken an die Dienſte, welche ſie geleiſtet hatte, ins Gedaͤchtniß zu rufen. Allein man war ganz ver⸗ wundert daruͤber, zu ſehen, wie die Tochter eines Don Domingo mit einem Don Ferdinand ſo vertrau⸗ lich hatte reden koͤnnen, und ſogleich drangen beleidi⸗ gende Aeußerungen bis zu ihren Ohren, und ſie ward von ſtolzen Blicken beſtuͤrmt. Indem ſie durch das Gewuͤhl von Damen von hohem Stande, die ſich in den Saͤlen draͤngten, ſich hindurchzuarbeiten ſuchte, ward ſie mit Blicken und Geberden beleidigt. Mit den Ellenbogen wie mit ihren Faͤchern ſtießen ſie die neu emporgekommene Graͤfin hin und her, und Spott⸗ reden und Gelächter verfolgten ſie durch die Reihen ent⸗ lang. Keiner von den vornehmen Herren, welche Theilnehmer an den Raͤnken der Graͤfin geweſen wa⸗ ren, wollte jezt zu ihrem Schutz erſcheinen. Ich eilte daher herbei, bot ihr den Arm, und zwang einen Gardeoffizier, der mit lachendem Munde ſie unver⸗ wandt anſah, bei ihrem Voruͤbergehen mit dem Fuße 270 auf die Erde zu ſtampfen.*) Ganz in Thränen auf⸗ geloſt erreichte ſie hren Wagen. Ohne ein Wort zu ſprechen, fuhren wir durch die Straßen von Madrid nach ihrer Wohnung. Die ſechs Fenſter des Wagens zwangen ſie, ſich ſelber Gewalt anzuthun, um die Ungnade, in die ſie gefallen, oder wenigſtens ihre Empfindlichkeit daruber, nicht merken zu laſſen. Anſtatt der Donna Ines, die uͤber das Ungluͤck Ramons noch ganz niedergeſchlagen war, kamen bei ihrer Nachhauſekunft andere Camareras, um der Graͤfin ihren goldenen Harniſch— wie ſie es nannte — abzunehmen. Nachdem ſie ihre Kammerfrauen entlaſſen hatte, uͤberließ ſie ſich ohne allen Ruͤckhalt ihrem Schmerze.—„Die ſchoͤne Markiſin,“ ſagte ſie zu mir,„iſt noch nicht von Badajoz eingetroffen, ihr muͤßt wohl recht voll Sehnſucht nach ihrer Ruͤckkehr ſein. Sie hat fuͤr Don Ferdinand nicht das mindeſte gethan, und doch hat ſie ſich den Beifall ſeiner Par⸗ thei zu verſchaffen gewußt; bald wird ſie von der Gunſt des Hofes umringt ſein, und dann wird ihr nichts weiter fehlen, um alle Herzen zu bezaubern.“ — Auf dieſe Aeußerungen folgte ein langer Seufzer, dann fuhr ſie fort:„Indeß nur Geduld, dieſe Triumphe werden nicht lange dauern. Bei den gro⸗ ßen Umgeſtaltungen, die jezt vorbereitet werden, wird dieſe ſtolze und zugleich ſo ſklawiſch geſinnte Ariſtokra⸗ tie ſehr bald von dem Angeſicht Spaniens verſchwin⸗ den. Dieſe uͤbermuͤthigen Gliedermaͤnner, die an der *) Vergl. Bd. I. S. 30. 27¹ Stelle von Tugenden und Talenten blos Schulden, Nisgeſtalt und Ahnen beſitzen, werden nicht lange mehr mit ihren geſtickten Staatskleidern die Palaͤſte austapezieren, dieſe vornehmen Lakaien, die nichts weiter verſtehen, als ihre Kniee vor ihrem Gebieter zu beugen, deren Unwiſſenheit nur mit ihrem Stolze zu vergleichen iſt, werden von der Laſt des Volksun⸗ willens endlich erdruͤckt werden. O moͤchte ihnen zu allen den Ordensbaͤndern, worauf ſie ſo eitel ſind, zulezt auch noch der Schnuͤrriemen Ramons zu Theil werden!“ Matea war ganz außer ſich. In ihren blitzenden Augen malte ſich nicht mehr Betruͤbniß, ſondern Wuth und Verzweiflung. Ihre hitzigen Aufwallungen er⸗ innerten mich an die Wuͤrde Maria's, als ſie vom Hofe verbannt und von allen Granden verlaſſen wurde. Nach einer Weile fuhr ſie fort:„Ihr ſeid ſo ganz gleichguͤltig bei den Beleidigungen, die ich erlitten habe; ehemals wuͤrdet ihr dieſelben um meinet- und euretwillen geraͤcht haben. Ihr hattet ſonſt freiſin⸗ nige Anſichten, ihr wußtet die Gleichheit zu ſchaͤtzen, die bei uns uͤberall ſtattfindet, nur nicht aln Hofe und in der Geſetzgebung. Indeß jezt ſchmuͤckt euch der Kammerherrnſchluͤſſel, und ihr könnt nun alle Thuͤren der koniglichen Gemaͤcher oͤffnen. Doch das iſt noch nicht alles. Alonſo, Frauen wiſſen in den innerſten Gedanken eines Mannes, der ihnen theuer iſt, zu leſen; ich ſehe nur zu wohl, welche Verfuͤhrung euch bezaubert hat, welche Neigung euch meiner Liebe und euern eigenen Schwuͤren untreu macht!“ 272 Dieſe ſeltſamen Reden ſetzten mich in Verwunde⸗ rung, und ich verlangte ſofort eine Erklaͤrung daruͤ⸗ ber, als plotzlich ein langer Zug zu Pferde unten an der Thuͤr ſtillhielt. Es waren Gardiſten, Offiziere und Generale, welche das Staatsgefolge des Groß⸗ herzogs von Berg bildeten. Die ſtolze Geckenhaftig⸗ keit des lezteren ſetzte mich in Erſtaunen. Dieſer Groß⸗ Admiral des Reichs, in ſeiner weißen, mit Orden und goldenen Stickereien bedeckten Uniform, ſeinen bis auf die Schultern herabwallenden Haarlocken, mit ſeiner ſtolzen Haltung, ſeinem feſten Gange, ſeinem maͤnnlichen und ernſten Geſicht, erinnerte mich an den Groß⸗Admiral von Spanien und Indien. In dem⸗ ſelben Augenblick trat er auch ſchon in Begleitung ſei⸗ nes ganzen Generalſtabes ins Zimmer. In ſeiner ganzen Haltung und in allen ſeinen Mienen verrieth ſich die hoͤchſte Selbſtzufriedenheit und die Verachtung aller andern. Er kuͤßte mit vieler Achtung derGraͤfin die Hand, und nahm dann auf einem Stuhle Platz, während die ihn begleitenden Generale ſtehen blieben. Das Geſpraͤch entſpann ſich in flanzoſiſcher Sprache; es war anfangs ſehr unbedeutend, ward aber allmäh⸗ lig immer lebhafter. Matea ſtellte mich ihm vor. Joachim unterhielt ſich mit mir uͤber den Sieg von Buenos Ayres als Kenner des Kriegsfachs und als feiner Weltmann.„Ihr habt,“ fuhr er fort,„den Ruhm gehabt, euch durch eine ſchoͤne Waffenthat ge⸗ gen die unverſohnlichen Feinde Spaniens und Frank⸗ reichs auszuzeichnen. Der Englaͤnder iſt ein Meiſter in Erregung der Zwietracht; ihr mußt uͤber die gegen⸗ ———— 273 wäͤrtigen Ereigniſſe froh ſein, die euer Land fuͤr immer von dem brittiſchen Einfluſſe befreien. Ein ſolcher Einfluß iſt todtlich; alles gieng bei euch zu Grunde, und jezt wird bald alles bei euch wieder gerettet ſein. Der Kaiſer kommt jezt; er wird den Zwiſtigkeiten, die der Tumult von Aranjuez hervorgebracht, ein Ziel ſetzen, und die Ordnung wird auf der Halbinſel fuͤr immer hergeſtellt werden.“—„Ich bitte,“ erwie⸗ derte ich,„Euer Kaiſerliche Hoheit um die Erlaub⸗ niß, bemerken zu duͤrfen, daß die koͤnigliche Abdan⸗ kung am 19. Maͤrz freiwillig war, und von ganz Spanien einſtimmig beſtätigt worden iſt. Wenn ſeit⸗ dem innere Zwiſtigkeiten entſtanden ſein ſollten, ſo kommt es mir nicht weiter zu, die Urſachen derſelben hier nochmals nachzuweiſen. Allein ich ſehe nicht ab, wie der Kaiſer mit einigem Erfolg zum Vermittler zwiſchen Vater und Sohn aufgerufen werden koͤnnte; denn wenn zum Beiſpiel der Fall eintraͤte, daß der hohe Schiedsrichter ſich zu Gunſten des alten Hofes erklaͤrte, ſo wuͤrde ſicherlich das ſpaniſche Volk eine ſolche Vermittelung Kicht unterzeichnen.“ Waͤhrend ich ſo redete, war Don Domingo herein getreten. Der Fuͤrſt gruͤßte ihn, und ſagte dann in einem kuͤrzeren Tone zu mir:„Der Kaiſer weiß beſſer als irgend jemand, was fuͤr Spanien gut iſt, und ſeine Entſcheidungen werden daher wie Wohlthaten angenommen werden. Unfehlbar wird er wohl ſehr zu Gunſten des jungen Prinzen geſtimmt ſein; allein als Monarch und als Beſchutzer ſo vieler Kronen weiß er auch, daß Europa ſeinem Heere, welches bamals II. 18 274 gerade mitten unter euch ſtand, die Revolution von Aranjuez zur Laſt legen koͤnnte. Ferner weiß er, daß er nach dem Grundſatz der Stabilitat der Throne und der Ruhe der Voͤlker eine Empoͤrung nicht dulden, noch auch dem Aufruhr die Hand bieten darf. Alle Koͤnige und alle Vaͤter ſind durch dieſen Schritt belei⸗ digt, und Napoleon der Große wuͤrde dieſen Namen, den Europa ihm ertheilt hat, nicht verdienen, wenn er nicht alle Koͤnige und alle Vaͤter zu ſchuͤtzen wuͤßte.“ —„Es wuͤrde mir wenig ziemen,“ antwortete ich, indem ich Don Domingo anſah,„ Euer Kaiſerlichen Hoheit zu widerſtreiten; indeß moͤchte ich doch wagen, zu behaupten, daß es ſehr nuͤtzlich ſein duͤrfte, wenn Dieſelben ihre Grundſaͤtze laut ausſprechen wollten, um unſere Ideen uͤber die Art und Weiſe der Regie⸗ rung Seiner Kaiſerlichen Majeſtät feſtzuſtellen. Das ſpaniſche Volk glaubte, daß dieſelbe auf eben dieſelben Grundſäͤtze gebaut ſein wuͤrde, welche die franzoͤſiſche Revolution veranlaßt und guͤltig gemacht haben.“ Die Graͤfin ſuchte eiligſt dieſe Unterhaltung ab⸗ zubrechen. Der hohe Fremde zeigte ein Streben nach Artigkeit und Hoͤflichkeit, wovon ſie ganz bezaubert war, ſeine Manieren verriethen eine fortwährende Bemuͤhung, ſeine gemeine Herkunft dadurch in Ver⸗ geſſenheit zu bringen, daß er alle Anmuth und Zier⸗ lichkeit eines Franzoſen entfaltete. Er wendete ſich im Gange des Geſpraͤchs mehreremal an mich, und aͤußerte ſich uͤber mehrere unſerer Einrichtungen im Kriegsweſen mit vielem Verſtand und mit vieler Rich⸗ tigkeit.„Ihr ſehet,“ fuͤgte er hinzu,„daß ich 275 euer Land bereits inwendig und auswendig kenne.“— „Dann wird,“ erwiederte ich,„es dem hohen Scharf⸗ ſinn Euer Kaiſerlichen Hoheit nicht entgangen ſein, daß dies Land durchaus von allen den Ländern ver⸗ ſchieden iſt, die Sie irgend bisher durchzogen haben. Blos der Hof hat einige Aehnlichkeit mit den auswaͤr⸗ tigen Hoͤfen. Ungeachtet der Pyrenäen, ungeachtet aller der politiſchen und religioſen Scheidewände, welche die Schranken der Natur nur noch mehr ver⸗ ſtärkt haben, iſt bis zu unſeren Granden etwas von den Sitten und Gebraͤuchen der uͤbrigen Welt hindurch gedrungen. Da dieſe nun außerdem noch durch un⸗ ermeßliche Reichthuͤmer, durch ihren beſtaͤndigen Auf⸗ enthalt in Madrid, durch gemeinſchaftliche Familien⸗ bande und durch ihre Palaſtbedienungen von ihren Mit⸗ buͤrgern getrennt ſind, ſo haben ſich die Zuge des Na⸗ tionalcharacters in ihnen vollig verwiſcht, und Euer Kaiſerliche Hoheit werden alſo nicht auf dieſe hoͤheren Stände ihre Blicke richten duͤrfen, um ein richtiges urtheil zu fällen. Außer der Grandezza werden Sie zehn Millionen Spanier erblicken, die mitunter eben ſo aufgeklärt ſind, wie die mittleren Klaſſen im uͤbri⸗ gen Europa, dazu nuͤchtern und maͤßig, gleich den aͤr⸗ meren Volkern, aber auch ſtolz und muthig, gleich den freieſten, blos zwei Dinge liebend, naͤmlich die Ruhe und den Krieg, und blos eines fuͤrchtend, un⸗ gerächt zu ſterben. Man hat alle Achtung vor Spa⸗ nien verloren, weil man ſeit dreihundert Jahren nur die Spanier des Hofes geſehen hat, die Spanier des Landes erwarten blos einen einzigen Anſtoß von außen, um 18* 276 ſich der Welt zu zeigen, wie ſie ſind. Geſchuͤtzt durch unſere Municipalfreiheiten, durch unſere iſolirte Lage, durch das rohe und unkultivirte, was noch in unſern Sitten zuruͤckgeblieben, ſind wir die einzigen in Eu⸗ ropa, die unter das Joch des Despotismus gekommen ſind, ohne dadurch entnerot oder verderbt zu werden. Der Hof hat ſeine Laſter fuͤr ſich behalten, und wir haben davon nichts angenommen, als die Armuth und die Duͤrftigkeit, und eben dadurch ſind wir mehr werth als unſere Verfaſſung.“ Don Domingo ward von der Unterredung, die er ſo eben mit angehoͤrt hatte, hoͤchlich uͤberraſcht, Be⸗ ſonders ſetzten ihn an einem Prinzen vom Gebluͤt der franzöſiſchen Revolution gewiſſe Grundſatze in Ver⸗ wunderung. Er ſah nun in dem franzoͤſiſchen Trup⸗ peneinfall einen ganz anderen Zweck, als den, uns eine freiere Verfaſſung zu geben, und der Gadetanier konnte unmoͤglich in eine thaͤtige Theilnahme Spaniens am Kontinentalſyſteme billigen, welche uns den Weg zu unſeren Kolonieen verſperrt haben wuͤrde. Ich fuͤr meinen Theil, der ich vermoͤge meines Characters, vielleicht auch vermoͤge meiner Jugend, die menſchli⸗ chen Dinge gern von ihrer ſittlichen Seite anzuſehen pflegte, bemerkte voll Unwillen, wie die Soͤhne der großen Befreiung von 1789, die ihr ganzes Gluͤck blos dieſer Umgeſtaltung verdankten, jezt eben die Grundſätze mit Fuͤßen treten konnten, ohne die ſie bis dieſen Augenblick noch unbedeutende Handwerker oder arme Landleute geblieben ſein wuͤrden. Matea uͤber⸗ nahm mit ihrer gewohnten Hitze die Vertheidigung des .— Stellvertreters von Napoleon, und die Waͤrme, wo⸗ mit ſie deſſen Sache fuͤhrte, beſtätigte meine Furcht. Es war gewiß nicht das Intereſſe Don Ferdinands, wofuͤr ſie eingenommen war, und doch war eben dieſes Intereſſe von dem der Monarchie unzertrennlich. Sie weinte bei meinem Abſchiede, und zwar in Gegenwart ihres Vaters.„Was iſts weiter?“ ſagte ſie, als ſie die Verlegenheit bemerkte, worein mich ihre Sprache verſetzte;, was iſts weiter? meine Liebe zu dir macht einen Theil meines Daſeins aus. Ver⸗ gebens wuͤnſchte ich, ſie in das Innerſte meines Her⸗ zens verſchließen zu koͤnnen. Die Welt ſoll es wiſſen, wie ſehr ich dich liebe! Du wirſt mir den Tod verur⸗ ſachen, und die Welt wird dann deine Undankbarkeit fuͤr immer brandmarken.“ Ich küurzte dieſe peinlichen Augenblicke ſo viel als moͤglich ab, und entfernte mich von Madrid. Von dieſem Tage an warf ſich die Graͤfin ohne Ruͤckhalt in die Geſellſchaftskreiſe Jvachims. Ihr beleidigter Stolz fand an dieſem halb franzoſiſchen Hofe Huldigungen und Genugthuungen. Eine unbeſchreibliche Beklommenheit hatte ſich meiner Seele bemaͤchtigt. Waͤhrend ich uͤber die To⸗ ledobruͤcke fuhr, ſah ich fortwaͤhrend nach der Segovi⸗ ſchen Brucke hinuͤber, und dachte, daß jezt vielleicht meine Schweſter, ſo wie ich, uͤber den Manzanares fuhre. Ich war im Begriff, augenblicklich wieder umzudrehen, indeß bald lächelte ich wieder uͤber mein aberglaͤubiſches Vertrauen zu jenen geheimen Herzens⸗ regungen, die ich fuͤr Ahnungen hielt, und ſetzte 278 ohne weiteres meine Reiſe fort. Mein Weg fuͤhrte mich durch das jezt ſo ſchweigende und verddete Thal von Aranjuez, das noch unlaͤngſt von ſo freudigem Jubel wiederhallte. Selbſt der alte Hof bewohnte nicht mehr jenen Palaſt, wo er hatte erfahren muͤſſen, daß der Gehorſam eines Volkes bei uͤbergroßer Gefahr und bei uͤbergroßem Ungluͤck ein Ende hat. Der Koͤ⸗ nig Karl und die Koͤnigin Marie Luiſe warteten im Escurial, bis der Eroberer, deſſen koͤnigliche Klien⸗ tenzahl ſie noch vermehrten, ſie vor ſeinen Richterſtuhl fordern wuͤrde. Ich traf nach kurzer Friſt in Ocag⸗ na ein. Nach drei Tagen erfuhr ich, daß Maria gerade zu derſelben Stunde durch das Vega-Thor nach Ma⸗ drid hineingefahren war, wo ich durch das Toledo⸗ Thor heraus reiſte. Der Markis, der minder als ſeine Gemahlin uͤber das Verfahren des Großherzogs erſtaunt war, uͤberließ ſich nun ganz der Freude, wie⸗ der im koniglichen Palaſt zu erſcheinen, wieder in ſein thaͤtiges Leben— wie er es nannte— einzutreten, die gewoͤhnliche Reihe von Aufwartungen theils zu machen, theils ſelber anzunehmen, dieſe unwandel⸗ bare Anordnung, dieſe regelmaͤßige Ausfuͤllung ſeiner Tagesſtunden wiederzufinden, die von Jugend auf ſein ganzes Daſein beſchaͤftigt und ausgefuͤllt hatte. Er ward fur die Reiſe auserwaͤhlt, die der junge Prinz zu unternehmen im Begriff war. Der alte Kammer⸗ herr druckte beim Abſchied Marien an ſein Herz und ſagte zu ihr:„Ich entferne mich von euch nur auf wenige Tage; wir werden wohl kaum bis nach Bur⸗ 279 gos kommen. Man weiß nicht mit Gewißheit, wenn der Kaiſer eigentlich von den Tuilerien abgereiſt iſt, allein von ſeiner nahe bevorſtehenden Hierherkunft iſt man ſo ziemlich gewiß verſichert. Ich bin zu der Ehre auserſehen, den Dienſt bei ſeiner Perſon zu verrichten. Noch nie hat ein ſpaniſcher Grande bei einem maͤchti⸗ geren Monarchen den Dienſt gehabt, und gewiß wird ſehr bald ſein Orden auf meiner Bruſt glänzen. Gluck⸗ liche Markiſe! der Stern der Ehrenlegion wird dann ſeinen hellen Schimmer mit dem Schimmer aller derer vereinigen, deren Glanz ich euch bereits zu verſchaffen ſo glucklich geweſen bin.“ Meine Schweſter erwiederte ſeine thoͤrichten Freudensbezeigungen blos mit einem Seufzer, und gieng mit den traurigen Empfindungen, welche dieſe Abreiſe in ihrer Seele zuruͤckließ, nach dem Kloſter*. Sor Maria de los Dolores war eifrig bemuͤht, ihrer jungen Freundin eine lange Unterredung zu wie⸗ derholen, die ich mit ihr uͤber das erkaltete Verhältniß gehabt hatte, das zwiſchen meiner Schweſter und mir eingetreten war. Die ehrwuͤrdige Mutter hatte gegen mich ihre Vorwuͤrfe nicht geſpart, und ſie vergaß nicht, wiederzuerzaͤhlen, welch einen tiefen Eindruck dieſelben auf mich gemacht hatten. „Ich allein, mein Bruder,“— ſchrieb mir Maria am Schluſſe dieſer ihrer brieflichen Mittheilung „ich allein haͤtte Urſache gehabt, mir Vorwuͤrfe zu machen, denn ich war es ja, die zuerſt der theuern Verpflichtung, die wir uns auferlegt hatten, einan⸗ der naͤmlich alles zu ſagen, untreu wurde. Waͤhrend 280 deiner Verbannung in Amerika hatte ich in deinen Briefen eine gewiſſe Vorliebe fuͤr jemanden wahrge⸗ nommen, die ich weder billigen, noch auch bekaͤmpfen durfte. Ich konnte die, welche du liebteſt, nicht achten, und wußte, daß ſie gegen mich voll feindſeli⸗ ger Geſinnung war; ich wußte ferner, daß alle Lei⸗ denſchaften des gluͤhendheißen Andaluſiens in ihrem Herzen gaͤhrten, und ſchrieb auf Rechnung dieſes ihres alten Haſſes die Unthat, zu welcher der Arm Fortunato's gedungen war. Konnte ich dir aber da⸗ mals das Innere meiner Gedanken eroͤffnen? Konnte ich der Empfindung, welche dein ganzes Daſein aus⸗ zufuͤllen ſchien, bloße unbegruͤndete Vermuthungen entgegenſtellen? Gewiß nicht; und dennoch machte ich mir wegen meines Stillſchweigens Vorwuͤrfe, ja ich war mehr als jemals Willens, es zu brechen, aber immer draͤngte deine Kaͤlte jedes Wort auf meiner Zunge wieder zuruͤck. Bei meiner Ueberraſchung, bei meiner Beſturzung uͤber dieſe deine Veraͤnderung wußte ich nichts beſſeres, als dich zu meiden und einſqm zu weinen. Da ich aus dem Kreiſe deiner Liebe einmal verbannt war, und nicht mehr die Geſtaͤndniſſe deiner Freuden und deiner Leiden vernehmen ſollte, ſchien mein Tagewerk auf dieſer Erde geendigt zu ſein.“ „Deine Maria iſt ein gar ſchwaches Rohr, ſobald deine Zuneigung ſie nicht mehr unterſtuͤtzt. Du biſt ihre Kraft, du wirſt einſt ihr Stolz ſein; du allein vermagſt ſie uͤber den Kummer zu troͤſten, den ſie als Tochter und als Spanierin mit dir theilt, mit jedem Tage wird ſie dich mehr zu ihrem Gluͤcke beduͤrfen. 281 Die Schweſter Alonſo's wird ſich auf Erden nichts weiter wuͤnſchen, ſobald ſeine Maria fuͤr ihn nur etwas von dem iſt, was er fuͤr ſie iſt.“ Dieſer Brief ließ auf einmal vor meinen Augen ein unerwartetes Licht aufgehen. Maria, dieſe heiß⸗ geliebte Maria war mir wiedergegeben; ich fand dieſen Genuß des Lebens wieder, deſſen Beiſtand uns ſo ſtark macht gegen alle Widerwaͤrtigkeiten des Lebens, und meine Phantaſie, die ſtets bereit iſt, meine Freuden ſo wie meine Leiden zu erhoͤhen, ſagte mir, daß ich ein glücklicheres Loos zoge, als alle uͤbrigen Menſchen, wenn ich mein Daſein an eine ſo innige und reine Zu⸗ neigung knuͤpfte. Die Welt erſchien mir nun ſogleich in einem ganz neuen Lichte. Alles zeigte ſich meinen Blicken in der Farbe der Hoffnung, ſogar die Gefahren des Vater⸗ landes. Ich ſah vor mir einen Wirkungskreis ſich ausbreiten, in welchem mir die Blicke der edelſten der Frauen folgen wuͤrden, und ſo giengen denn die ehr⸗ geizigen Wuͤnſche unſerer Kindheit vielleicht noch der⸗ einſt in Erfuͤllung, wie es ja bereits mit dem Traume der Fall geweſen war, der mir meine holbe Freundin als einen Schutzengel dargeſtellt hatte, als eine innere Göotterſtimme, deren Eingebungen meine Beſtimmung veredeln, deren Beifall mir zu meinem Gluͤck genugen ſollte. Wenn das Wagſpiel der ganz außerordentli⸗ chen Zukunft, die ich herannahen ſah, einerſeits der Thätigkeit meiner getroͤſteten Einbildungskraft zuſagte, ſo hatte andererſeits meine Vaterlandsliebe nichts da⸗ gegen. Ein heftiger Stoß war nothwendig, um die Ketten einer dreihundertjaͤhrigen Knechtſchaft abzu⸗ ſchuͤtteln. Die Regierung Godoy's ſchien uns blos darum gegeben worden zu ſein, um in allen Staͤnden jene Sehnſucht nach der Staatsverfaſſung unſerer Vor⸗ fahren, nach jener freien Verfaſſung wieder zu erwek⸗ ken, die in dieſem Lande der Vernunft und der Tugend nie ganz hatte erloͤſchen koͤnnen. Unſere alte Konſtitution, die aus der lange waͤh⸗ renden Vertreibung der Mauren hervorgegangen war, war mit dieſen wilden Eroberern zu gleicher Zeit aus unſerer Mitte verſchwunden. Ich knuͤpfte die Hoff⸗ nung einer dereinſtigen Wiederherſtellung an die furcht⸗ baren Kampfe, die ſo eben uns bevorſtanden. Ach, ich wußte nicht, daß die Freiheit, dieſe Mutter alles Großen, unter uns nur wieder aufleben winge um wieder zu erloͤſchen! Zweites Kapitel. 7 Es bleibt der Zukunft vorbehalten, es zu erfahren, durch welche Verſprechungen, durch welche Vorſpiege⸗ lungen Don Ferdinand Schritt vor Schritt bis in den hoͤlliſchen Fallſtrick gelockt wurde, der ihm gelegt war. Don Carlos ſchrieb mir aus jedem Nachtquartier, wel⸗ ches der Hof machte, und ungeachtet ſeines edelmuͤ⸗ thigen Characters und ſeines Soldatenmuthes bemerkte ich in ſeinen Briefen die Fortſchritte der Furcht und der 283 Unterwuͤrfigkeit. Je mehr die franzoöſiſche Politik ſich gegen die Revolution vom 19. Maͤrz feindſelig bewies, deſto mehr ſtrebte die Camarilla durch die aͤußerſte Nach⸗ giebigkeit den Weltgebieter zu entwaffnen. Eben ſo auch andrerſeits, je weiter der junge Koͤnig ſich von ſeiner Hauptſtadt entfernte, deſto mehr fand auch die Regierungs⸗Junta, welcher er fur die Zeit ſeiner Ab⸗ weſenheit das Staatsruder uberlaſſen hatte, trotzigen Uebermuth in den Forderungen des Großherzogs. Dieſer Weſir ſcheute ſich nicht, ſich das groͤbſte und ungeſchliffenſte Betragen gegen den ehrwuͤrdigen In⸗ fanten Don Antonio, den Oheim Don Ferdinands, zu erlauben, der mit der Wuͤrde ſeines Ranges und ſeines Alters die traurige Pflicht erfuͤllte, Praͤſident der Junta zu ſein. Durch taͤglich erlaſſene Befehle ward das ſpaniſche Volk regiert, das doch weder er⸗ obert noch beſiegt war. Joachim entfaltete die ganze Strenge der Militairgeſetze, riß alle Gewalt an ſich, und behandelte eine große Nation gleich einer Stadt, die im Sturm genommen worden iſt. Sobald er wußte, daß der Koͤnig auf ſeiner Reiſe uber Burgos hinaus ſei, verlangte er, daß der Friedensuͤrſt ſeinen Grenadieren uͤberantwortet wuͤrde, und entzog auf dieſe Weiſe den allgemeinen Feind dem Nationalhaſſe und der Juſtiz, ohne zu furchten, daß er dadurch allen Fluch und alle Schmach, womit dieſer Elende bedeckt war, der franzöſiſchen Regierung zuwendete. Ja, gleichſam als haͤtte man demaltkaſtiliſchen Stolze noch nicht genug Trotz geboten, Joachim's Oberherr ſchrieb ſogar an den Prinzen, welchem Don Manuel 284 hatte den Kopfabſchlagen laſſen wollen, unter andern auch: die Verbrechen Godoy's verloͤren ſich in den Rechten des Thrones. Wie konnte die Hand eines Monarchen, der kaum ſeit ge⸗ ſtern auf den Thron gehoben worden war, ſolche Worte niederſchreiben! Noch nie hatte ein gekroͤntes Haupt eine tiefere Verachtung gegen die Menſchheit geaͤußert.— Heutzutage freilich hat Napoleon vermoͤge einer gerechten Vergeltung es erleben muͤſſen, daß die Ge⸗ walt, dieſes rohe Werkzeug, welches er mit einem gewiſſen Aberglauben handhabte, ſo wie die Heiden wohl das hoͤlzerne oder eiſerne Götzenbild, das ihrer Hände Werk iſt, anzubeten pflegen,— daß dieſe Gewalt gegen ihn ſelber angewendet worden iſt. Dies war auch nur der einzig moͤgliche Weg, um dieſen ko⸗ woſſalen und doch keineswegs vollkommenen Menſchen zu uberfuͤhren, fur den es keine moraliſche Welt gab, und deſſen atheiſtiſchem Geiſte die Welt der Erkenntniß blos Hebel und Waffen darbot. Ein ſolcher Mann, in unſern Zeiten der Civiliſation auf einen der erſten Throne Europa's geworfen, mußte wie ein entſetzlicher Misgriff der Vorſehung, wie ein beweinenswerther Rückſchritt der Zeit, wie eine Wiederkehr der alten Barbarei, oder etwa ſo erſcheinen, wie Alarich einſt in den Palaͤſten Roms, oder wie Mohammed der Zweite in den Mauern von Byzanz. Ein ſolcher Nachfolger der franzoͤſiſchen Revolution mußte vermoͤge ſeiner Werke und Ueberlieferungen die Schickſale der Menſch⸗ heit auf drei Jahrhunderte lang gefaͤhrden. 285 Waͤhrend der General Savary, der Herzog von Infantado, der Domherr Escoiquiz, und zugleich Hoffnung und Furcht den Koͤnig aus den Mauern Vittoria's hinweglockten, wo der weiſe Rath Urquijo's und das Geſchrei des Volks ihn vergebens zuruͤckzuhal⸗ ten ſuchten,— erließ der Generaliſſimus an die Re⸗ gierungs-Junta den Befehl, Karl den Vierten als Koͤnig anzuerkennen; und die Junta, die ſich immer an den Buchſtaben der Verhaltungsbefehle zu binden pflegte, welche Don Ferdinand ihr hinterlaſſen, die Junta, welche davor zitterte, durch eine Widerſetz⸗ lichkeit das Leben des jungen Monarchen, und durch eine laute Erklaͤrung die Ruhe der Halbinſel zu gefähr⸗ den, dieſe Junta, welche ſich einen Tag ſo ſchwach wie den andern bewies, ſetzte den Drohungen blos Bitten, den Befehlen blos Verzoͤgerung entgegen. Unterdeß wurden auch zur Abreiſe des alten Koͤnigs und der Koͤnigin Anſtalten getroffen. Bald ſollte nun auch der Infant Don Francisco, der juͤngſte Bruder Don Ferdinands, die Koͤnigin von Etrurien, der Sohn dieſer Fuͤrſtin, der erhabene Chef des Regie⸗ rungskollegiums, kurz alles, was irgeno von Ab⸗ koͤmmlingen der koͤniglichen Familie ſich noch etwa in unſerer Mitte befand, mit offener Gewalt entfuͤhrt werden, und die Junta merkte nicht, daß alle dieſe Prinzen, welche jezt vor die Gerichtsſchranken nach Bayonne geladen wurden, dort wurden zuſehen muͤſ⸗ ſen, wie der Machiavell-Koͤnig die ſpaniſchen Voͤlker beider Erdhaͤlften, welche ſie eben zu beſchutzen und zu regieren verpflichtet waren, ſofort fur ſich und ſeine eigene Macht in Beſchlag nehmen wuͤrde. Ich exercirte einſt gerade meine Truppen, als mir ein Brief von Don Carlos durch einen ſeiner Pagen uberbracht wurde. Ich oͤffnete ihn und las ihn. „Bayonne den 20. April um Mitternacht.“ „Du haſt mehr als alle andern Recht gehabt, geliebter Freund! Es iſt um unſern Monarchen ge⸗ ſchehen, und die täuſchenden Traͤume von Napoleons Seelengroße, welche Spanien hegte, ſind jezt bereits zergangen. Die Maske des Helden, des Monarchen, des Franzoſen, iſt ihm abgefallen, blos der Italiener iſt an ihm noch übrig geblieben, und zwar ein Italie⸗ ner aus den Zeiten des Mittelalters. Der franzoſiſche Kaiſer hat ſo eben erſt Don Ferdinand als Bruder um⸗ armt, als er ihn auch ſchon dieſen Abend als Raͤu⸗ ber rein auspluͤndert. So eben bringt der General Savary dem Könige den Befehl, daß er die Krone niederlegen ſolle.“ 7 „Wir hatten geglaubt, daß wir als eingeladene Gäſte nach Frankreich kämen, allein wir ſind hier bloße Gefangene. Einer von meinen Leuten, der hier aus der Gegend geburtig iſt, wird verkleidet ſich von hier entfernen, um der Junta wichtige Staatsbriefe von Seiten des Königs zu uͤberbringen. Er wird dir auch dieſe Zeilen einhaͤndigen. Seine Majeſtaͤt be⸗ fiehlt, daß jeder, der ihn irgend lieb hat, geduldig und behutſam ſei. Sein Leben ſteht. hier auf dem Spiele.“ „Ich werde nie das Unrecht genugſam abbuͤßen können, das ich dadurch begieng, daß ich deine guten Rathſchlaͤge verſchmaͤhte. Wir ſind alle ſehr beſtuͤrzt, und ſind doch alle daran Schuld.“ „Lebe wohl, Freund meines Herzens, moͤchteſt du mich noch lieben konnen.“ „Don Carlos.“ Dieſer Brief betruͤbte mich ſchwer, doch ohne mir unerwartet zu kommen. Die Offiziere fragten mich, was fuͤr Neuigkeiten der Kourier mitgebracht habe. „Ich weiß blos eines,“ erwiederte ich,„und das iſt: Spanien wird ſehr bald die treue Ergebenheit ſeiner Soöhne beduͤrfen. Kann ich im voraus auf euch rech⸗ nen?“—„Ja!“ riefen alle Stimmen im Taumel der Begeiſterung und des Schmerzes. Die Soldaten wiederholten dieſes Geſchrei, und einſtimmiges Bei⸗ fallrufen erſcholl fernhin in die Ebene. Und dieſe Ebene iſt auch Zeuge geweſen, wie treu ſie ihren Schwur gehalten haben; ſeit der Schlacht von Ocagna liegen die meiſten daſelbſt begraben. Ich kehrte in meine Wohnung zuruͤck, um nach meiner Weiſe die gluͤhenden Mittagſtunden wiſſenſchaft⸗ lichen Studien zu widmen. Oft auch wandte ich ſie dazu an, um die lieben Briefe meiner Schweſter noch einmal durchzuleſen, ihr Bedauern uͤber meine Abwe⸗ ſenheit und die Aeußerungen ihrer Liebe mir noch ein⸗ mal zu vergegenwärtigen. Jeden Tag ward ſie mei⸗ nem Herzen theurer, indem ich immer mehr einſehen lernte, welche vollkommene Uebereinſtimmung in un⸗ —— S2 S i 288 ſerer Denkungsart obwalte. Kein Kummer, kein Wunſch kam aus ihrer Feder, der nicht auch in mei⸗ nem Herzen anzutreffen geweſen waͤre. Nur ſchienen meine Gedanken dadurch, daß ſie durch ihre Seele ge⸗ gangen und von ihr ausgeſprochen worden waren, aus dieſer gottlichen Quelle ein unbeſchreibliches Ge⸗ praͤge von Erhabenheit und Reinheit angenommen zu haben. Es war am 2. Mai. Ein mit ſechs Mauleſelin⸗ nen beſpannter und von einigen ſpaniſchen Dragonern geleiteter Wagen hielt auf einmal an meiner Thuͤr. Ich dachte anfangs, es waͤre Maria, die voll Unruhe uͤber meine Entfernung, vielleicht auch von der Ge⸗ fangenſchaft unterrichtet, in die der Markis zu Bayonne gerathen war, zu mir kaͤme, um ſich Troſt zu holen. Ich eilte daher hinaus, und wollte mich in ihre Arme ſtuͤrzen, aber es waren die Arme Matea's, die ſich zu meinem Umfange ausbreiteten. Eine peinliche Ueber⸗ raſchung trat bei mir ein. Ach, wie ſehr verwuͤnſchte ich jene ungluckliche Uebereilung, die mich einſt. zu den Fußen der Gräfin gefuͤhrt hatte! Ach, wie erſchienen die Feſſeln, auf die ich einſt ſo ſtolz geweſen war, mir jezt druͤckend, wo die zudringlichen Verfolgungen einer Frau, die ich nicht mehr liebte, die Laſt derſelben nur noch druͤckender machte, indem ſie vollends allen be⸗ zaubernden Schein an ihr zerſtoͤrten. „Ihr ſcheint uͤber meine plotzliche Erſcheinung mehr uͤberraſcht als erfreut,“ ſagte die Graͤſin in ei⸗ nem ſchmerzlichen Tone zu mirz„ich darf mich weder daruͤber wundern, noch daruͤber beklagen; allein ich hoffe, daß der Grund, der mich zu euch fuͤhrt, euch meinen Beſuch etwas ertraͤglich machen wird. Ich komme, um euch eine Neuigkeit zu melden, die euch ſehr erfreuen wird. Eure Eltern ſind frei.“— „Sie ſind frei?“ riefich aus;„ach, ihr hattet wohl Recht, zu glauben, daß dieſe Nachricht mich mit Freude erfullen wuͤrde. Haben ſie waͤhrend ihrer langen Gefangenſchaft viel ausgeſtanden? Sind ihre Koͤrperkraͤfte nicht fuͤr immer zerſtoͤrt? Aber,“ fuhr ich fort,„wie hat ſich denn ihr Gefäͤngniß ge⸗ oͤffnet? wer hat denn ihre Befreiung bewirkt?“— „Ich, mein Alonſo, ich, deren einziger Gedanke nur darin beſteht, deine Wuͤnſche zu errathen, um ſie ſo⸗ gleich zu erfullen.“—„Und welches Mittel habt ihr angewendet, um ihre Feſſeln zu loͤſen?“— „Die einzigen, die es heutzutage noch giebt, um unſer langes Ungluͤck wieder gut zu machen. Ich bat den Großherzog, ſich ins Mittel zu legen, und er ergriff mit Eifer die Gelegenheit, um— wie er ſich ſelbſt ausdruͤckte— dem juͤngſten und geachtet⸗ ſten Offizier unſerer Armee einen Beweis ſeiner Ach⸗ tung zu geben. Das Inquiſitionsgericht, das ge⸗ gen Don Ferdinands Bitten taub geweſen iſt, war es nicht gegen die Wuͤnſche Joachim's.“ Ich ſchwieg. Es ſchien mir entſetzlich, daß ich die Befreiung meiner Eltern bedauern, daß ich ſie dem Urheber des allgemeinen Ungluͤcks verdanken mußte. Ich ſchwieg alſo ſtill. „Alonſo,“ fuhr die Graͤfin weiter fort,„warum willſt du mich denn gar nicht mehr anſehen? warum I. 19 mir gar nicht mehr antworten? Du ſcheinſt dir es recht vorgenommen zu haben, niemals mit mir uͤber⸗ einſtimmend zu denken. Ich glaubte indeß, wir wuͤrden wenigſtens jezt zum erſtenmal wieder mit einander ſtimmen, wo es die Freiheit, vielleicht auch das Leben derer gilt, die dir auf Erden die theuerſten ſein ſollten. Hoͤre,“ fuhr ſie dann fort,„ich darf dich jezt nicht weiter taͤuſchen. Ich habe nur zu oft die Gnade, den Fuͤrſten Generaliſſimus zu ſehen und zu ſprechen, als daß ich nicht in ſeine innerſten Ge⸗ danken eingeweiht ſein ſollte. Die Herrſchaft der Bourbons iſt jezt zu Ende. Don Ferdinand hat die an ſich geriſſene Koͤnigskrone wieder niedergelegt; ſein Vater muß gegenwaͤrtig bereits zu Bayonne einge⸗ troffen ſein, und er will daſelbſt ſeinerſeits ebenfalls ein Scepter niederlegen, das fuͤr ſeine ſchwachen Haͤnde zu ſchwer iſt. An dem heutigen Tage geht der Infant Don Francisco und die Koͤnigin von Etrurien von Madrid ab. Dies ganze Koͤnigsgeſchlecht wird dann mit all ſeiner anererbten Schwaͤche auf einen andern minder erſchuͤtterten Thron geſetzt werden, und eine neue Dynaſtie, die ſich noch nicht durch anſtoßige Auftritte entwuͤrdigt hat, dem die Voͤlker noch nicht die Schuld ihrer langen Leiden vorzuwerfen haben, wird uns die Wohlthat einer Wiedergeburt bringen, die du ſonſt ſelber wohl zu wuͤnſchen pflegteſt. Du, der zweimal durch die Launen des Despotismus ge⸗ aͤchtet, beſtaͤndig von talentloſen und tugendloſen Ne⸗ benbuhlern unterdruͤckt, von der willkuͤhrlichen Gewalt in deinen liebſten Neigungen verletzt wurdeſt, du ge⸗ 291 rade ſollteſt die Parthei der Staatsverbeſſerer mit feu⸗ rigerem Eifer ergreifen, als jeder andere, wenn auch nicht ſonſt ſchon deine edelmuͤthigen Anſichten und Ideen dich genugſam zur Vertheidigung einer Sache, die zugleich auch die des Ruhms und der Freiheit dei⸗ nes Vaterlandes gewordeniſt, antrieben.“—„Ma⸗ tea,“ erwiederte ich,„ihr kennt mich ſeit langer Zeit. Ihr ſolltet daher wiſſen, daß perſoͤnliche Ruͤckſichten ſtets ohne Einfluß auf mich bleiben werden, ſobald irgend das Schickſal Spaniens ins Spiel kommt, und wenn ich heute mich im mindeſten bedenken koͤnnte, ſo wuͤrde allein ſchon die Furcht, einem ſtrafbaren Ein⸗ fluß in mir Raum zu geben, hinlänglich ſein, um meinen Entſchluß unwiderruflich zu befeſtigen.“— „Du uͤberlegſt nicht, was du ſprichſt, Alonſo. Was wollteſt du denn thun? Die Bourbons ſelber danken ja ab, ſie ſelber raͤumen ja den Kampfplatz.“— „Es iſt möglich; aber die Nation dankt nicht ab, die Nation giebt nicht dieſen alten Grund und Boden auf, der durch unſere Vorfahren beruͤhmt geworden. Ein Volk geht nicht wie eine elende Viehheerde nach dem Velieben irgend eines Menſchen aus eines Hand in die andere. Moͤgen die Bourbons auf freien Fuß geſetzt werden, moͤgen die Fahnen des Feindes unſeren hei⸗ ligen Boden ſaͤubern, moͤge Spanien ſeine Cortes ver⸗ ſammeln, und durch ſie uber ſein ferneres Schickſal einen entſcheidenden Beſchluß faſſen; ich will mich gern allen Befehlen deſſelben unterwerfen.“—„Spa⸗ nien, ſage ich dir, mein Alonſo, iſt der langen Ty⸗ rannei, der Ausſchweifungen, der Armuth und des 19* 292 Elends uͤberdruͤßig; es wird mit Freuden eine Regie⸗ rung, die alles wieder gut macht, und eine freie Ver⸗ faſſung ergreifen.“—„Ich, Matea, bin der Hoffnung, daß es dieſe Schande nicht auf ſich laden wird, ich hoffe ſogar, daß es eine Freiheit nicht moͤ⸗ gen wird, die ihm an der Spitze franzoͤſiſcher Bajon⸗ nette dargeboten werden koͤnnte, ja ich hoffe, daß es niemals diejenigen als Verbeſſerer des Staates zulaſ⸗ ſen wird, die damit anfangen, es auf das ſchmach⸗ vollſte zu beleidigen. Und welche groͤßere Schmach gaͤbe es wohl, als die iſt, daß man unſere Fuͤrſten, unſere Oberhaͤupter, die von unſeren Vorfahren Er⸗ waͤhlten, aus unſerer Mitte reißt, daß man uͤber die Schickſale eines großen Volkes, welches die beiden Erdhälften einnimmt, nach Belieben ſchaltet, ohne erſt auf ſeine Stimme und Meinung hoͤren zu wollen? Man verachtet die Betruͤgereien eines Bettlers, die Schmaͤhworte einer Frau, aber man emport ſich gegen die Schmaͤhungen, gegen die Betruͤgereien eines Ta⸗ merlan. Mein Kopf wird ſich freilich am Ende viel⸗ leicht vor der Ueberwältigung aller Rechte meines Va⸗ terlandes beugen muͤſſen, allein dann muß er doch zuvor vom Beil des Scharfrichters abgehauen werden.“ —„Recht ſchoͤn, ſpielet alſo die Rolle eines Don Quixote des Despotismus, der Vorurtheile, der In⸗ quiſition, der Folter. Ich ſage euch indeß voraus, ihr werdet der einzige bleiben. Spanien hat weder Geld noch Waffen; die wenigen Truppen, welche Godoy organiſirt hatte, ſtehen dreihundert Stunden Weges von hier in den Reihen des franzoſiſchen Heeres. 293 Wir wollen doch ſehen, was ihr dieſen unuberwind⸗ lichen Soldaten und einem Eroberer, der die Welt unterworfen hat, entgegenzuſetzen habt.“—„Ma⸗ tea, laſſet uns auf ein anderes Geſpraͤch uͤbergehen. Ihr wißt, daß ich niemals die Staatseinrichtungen vertheidigen werde, welche die Monarchie des heiligen Ferdinands in der offentlichen Meinung des Auslands, und, wie mich duͤnkt, auch des Inlands ſo tief herab⸗ geſetzt haben, daß der Kaiſer den Gedanken faſſen konnte, auf eine ſo unverſchaͤmte Weiſe ſich an unſerer Unabhaͤngigkeit zu vergreifen; allein ich werde, ſo lange noch ein Lebenshauch in mir iſt, die Ehre und die Rechte meines ſpaniſchen Vaterlandes vertheidigen. Ich werde ſchon noch Kaſtilianer finden, welche fuͤr dieſe beiden Worte daſſelbe Ohr haben werden, wie ich, oder ſollten die Soͤhne der ſtolzen Kantabrer und der Beſieger der Mauren ſo ſehr alle Erinnerungen an die Ueberlieferungen der Tugenden ihrer Vorfahren vergeſſen haben, daß der Fremde am Ende zur Herr⸗ ſchaft uber unſere Provinzen gelangte, ſo wuͤrde ich auf den Felſen des Cid hinaufſteigen, mir dies Schwert ins Herz ſtoßen, und die Welt wuͤrde dann wenigſtens noch einmal aus meinem Munde den Ruf vernehmen: Spanien und Freiheit!“ Matea bot alle ihre verfuͤhreriſchen Reize auf, um die ſchmerzlichen Empfindungen zu verſcheuchen, welche ihre vertraulichen Eroffnungen in mir zuruckgelaſſen hatten, und die Sprache ihrer unſeligen Liebe in mein Herz eindringen zu laſſen. Sie ſprach noch, als ſich draußen eine Stimme hoͤren ließ, die mich mit lautem 294 Geſchrei hinaus rief. Meine Fenſter giengen nach der einſamen Ebene hinaus. Ich ſprang alſo an die⸗ ſelben hin, und ſiehe da, eine zahlreiche Quadrilla ſprengte von fern uͤber die oͤde Flaͤche, unten an mei⸗ nem Balcon aber hielt die Gitana auf einer wiehern⸗ den Mauleſelin, indem ſie das juͤngſte ihrer Kinder an ihrer Bruſt und die beiden andern hinter ſich auf dem Thiere hatte. Ihr Angeſicht war von Freude aufgeheitert.„Herr Oberſt,“ rief ſie mir zu,„ich habe meinen Kaiſer, den Großrichter von Aragonien, wiedergefunden. Ich bin nun ganz gluͤcklich, und habe daher darauf denken koͤnnen, euch ein Gegengift gegen den Biß der Natter zu bringen, die jezt eben bei euch iſt. Ich hatte es bei unſerem lezten Zuſammen⸗ treffen in den Gaͤrten von Aranjuez ganz vergeſſen, denn ich war damals zu traurig; allein die Freude ſpornt mich jezt wieder zur Rache an!“ Matea blieb unbeweglich auf ihrem Stuhle ſitzen.„Verwittwete Graͤfin von D***,“ fieng jezt die Zigeunerin an, die jene nicht ſehen konnte,„wieviel geben mir wohl Euer Exeellenz, wenn ich ein Geheimniß nicht ver⸗ rathe. 2—„Mein ganzes Vermoͤgen!“ rief die Grafin, indem ſie an die Gitter meines Fen⸗ ſters ſtuͤrzte,„mein ganzes Vermögen!“— „Wahrlich, das iſt noch nicht genug..... Euer Ercellenz verſtehen zu lügen, aber Sie verſtehen we⸗ der andere zu täuſchen, noch ſich ſelber Gewalt anzu⸗ thun; Sie haben dem Herrn Oberſten ſeit Jahr und Tag ſo vieles ſelber geſagt, daß ich blos nur noch einen einzigen Zipfel des ganzen Schleiers aufheben duͤrfte. 295 Indeß ich will gern ſchweigen, wenn Sie mir auf meine Fragen zu antworten geruhen wollen.“ Ma⸗ tea ſchien daruber ſehr erfreut zu ſein. Die Gitana fuhr nun mit triumphirender Miene fort:„Nun gut, werden Euer Excellenz wohl die Gnade haben, mir zu ſagen, wer den Dolchſtich bezahlt hat, den Fortunato der Markiſin von C**? beibringen ſollte, wer den armen Ramon aufs Blutgeruͤſt brachte, und dabei fortwaͤhrend der Donna Ines verſprach, ihn zu ret⸗ ten, wer ferner, um ein wichtiges Geheimniß auf im⸗ mer zu tilgen, der Inquiſition den alten Don Luis angezeigt hat, und ſich jezt luͤgenhafter Weiſe ruͤhmt, ihm die Freiheit wiedergegeben zu haben? Herr Oberſt, ihr verdankt alles dem erlauchten Don Iſidro. Dieſe Frau da iſt nichts als Eiferſucht, Stolz und Bosheit.“ Auf einmal ließ ſich von fern der Ruf einer Sack⸗ pfeife hoͤren. Die Gitana warf jezt den Korb, worin ihr neugebornes Kind ruhte, hinter ſich, warf auf ihre Feindin einen grimmigen Blick, und ohne ſich erſt Zeit zu nehmen, die Bruſt wieder zu verhuͤllen, die ihr Kind fahren gelaſſen hatte, ſprengte die Amazone mit verhaͤngtem Zuͤgel hinter der Quadrilla drein. Matea ſuchte anfangs die Anklagen ihrer unver⸗ oͤhnlichen Feindin fur bloße Lugen auszugeben; allein ihre Leidenſchaften waren zu gebieteriſch, zu feurig, als daß ſie haͤtte die Kunſt verſtehen ſollen, die Wahr⸗ heit lange Zeit zu verhehlen. Endlich fiel ſie auf die Kniee nieder, geſtand mir alle ihre Vergehungen ein, und gab als Entſchuldigung die gluͤhenden Eingebun⸗ 296 gen ihrer verletzten Liebe an, einer Liebe, welche das erſte Beduͤrfniß ihres Lebens geworden ſei. Ihr Schmerz wuͤrde mich in Verlegenheit geſetzt haben, wenn nicht das Andenken an ihre gebrachten Opfer und an meine Liebe ſich zwiſchen mich und ſie geſtellt haͤtte.—„Matea,“ ſagte ich ihr mit einem Ge⸗ fuͤhl, wovon ſie ſelber geruͤhrt zu werden ſchien,„ich verſpreche euch, alles anzuwenden, um eure Verir⸗ rungen zu vergeſſen; aber laßt uns auf immer einer Verbindung entſagen, die euch ſo ſtrafbar machen konnte. Gehet in euch, und begreifet endlich, daß ſolche Vergehungen eine ewige Scheidewand zwiſchèn uns ſtellen.“— Sie ſchwieg, und ich fuhr nach einer Weile weiter fort:„Theilt mir jenes ſeltſame Geheimniß mit, worauf ihr einen ſo hohen Werth zu legen ſcheinet. Gebt meiner Dankbarkeit Anlaß, von neuem zu erwachen, und uͤberlaſſet es meinem Ge⸗ wiſſen, von nun an uͤber meinen Arm und uͤber mei⸗ nen Degen zu gebieten.“ Sie antwortete mir hierauf mit Blicken voll Wuth, mit einem Geſchrei der Verzweiflung. Alle mogliche Verwuͤnſchungen, die nur irgend der beleidigte Stolz einer Frau ſich erlauben kann, draͤngten ſich nach ein⸗ ander aus dem Munde der Graͤfin.—„Geh,“ ſagte ſie mir zulezt,„du wirſt meine Liebe bald los werdenz allein ehe du meinen Haß los wirſt, ehe ſoll dein ganzes Herzensblut dahinſtrsmen. Warum ſäumſt du noch, nach Madrid zu gehen, wo in die⸗ ſem Augenblick deine Armee vielleicht ſchon handgemein geworden iſt. Geh; bei meiner Abreiſe waren alle — 297 Bettler und Diener der Kirche, ja alle Laienbruͤder unſerer Kloͤſter um den Palaſt verſammelt, um die Abreiſe des Don Francisco de Paula und der Koͤnigin von Etrurien zu verhindern. Eile hin, wuͤrdiger Ritter der ausgearteten Dynaſtieen; eile hin, und o moͤchten doch die franzoͤſiſchen Grenadiere einen Weg in dein treuloſes Herz finden, das mich zu verſchmä⸗ hen wagt.“ Mit dieſen Worten ſtuͤrzte ſie aus mei⸗ nem Zimmer nach dem freien Platze hinaus und eilte von da in eine benachbarte Kirche, um da ſo lange zu warten, bis ihre Mauleſelinnen angeſpannt ſein wuͤrden. Sobald ich allein war, dachte ich uber die lezten Aeußerungen nach, die ich ſo eben vernommen hatte. Ich zitterte fuͤr Spanien, fuͤr meine Schweſter, fuͤr meine Eltern, und ich reiſte ſofort ab, nachdem ich den Offizieren angeſagt hatte, daß ſie ſich bereit halten ſollten, meine Befehle zu vollziehen. um ſechs Uhr Abends war ich bereits im Ange⸗ ſicht von Madrid. Dieſe große Stadt glich einer be⸗ lagerten Feſtung. Nach allen Richtungen hin ſah man die franzoͤſiſchen Fahnen wehen. Das Geſchutz war an den Thoren aufgefahren, die Reiterei und das Fußvolk, bunt durcheinander, erfuͤllte den freien Platz von Atocha, die Zugaͤnge zu der Toledobruͤcke, und die Hoͤhen, auf denen ſich die Vorſtaͤdte hinziehen. Ich ritt durch eine Furt des Manzanares. Kinder, Greiſe und Frauen hatten auf der anmuthigen Halb⸗ inſel, welche der Strom und der Kanal von Kaſtilien bildet, einen Zufluchtsort geſucht, und dieſe Pappeln⸗ 298 Weiden und Platanen beſchatteten zum erſtenmal Scenen des Entſetzens. Als ich druͤben am ufer ankam, erkannte ich unter andern auch Fray Apa⸗ ricio, deſſen blutige Hand Margarita abwuſch. Die Menge kam ſogleich auf mich zuz; mehrere von ihnen verbanden ſich Wunden, auf den blaſ— ſen und entſtellten Geſichtern aller malte ſich die tiefſte Beſtuͤrzung.„Gehet ja keinen Schritt wei⸗ ter, Herr Obriſt,“ riefen ſie mir zu;„die Un⸗ geheuer ſchießen euch ſonſt nieder.“—„Obriſt Don Alonſo,“ ſagte Fortunato ganz beſtuͤrzt zu mir,„Euer Gnaden haben die Englaͤnder beſiegt, allein heute haͤttet ihr doch nichts ausgerichtet, denn das ſind nicht Menſchen, ſondern einge⸗ fleiſchte Teufel.“—„Ja wohl,“ fuͤgte ſeine Mut⸗ ter hinzu, die ganz mit Blut bedeckt warz„der Donner kracht aus ihren Buͤchſen, die Hoͤlle blitzt aus ihren Augen, und ich bin feſt uͤberzeugt, daß ihre Pferde unſichtbare Fluͤgel haben, wie die des h. Michael und des h. Millian.“— „Laßt das,“ unterbrach ſie die Gitana, die mit feurigem Auge und mit begeiſtertem Geſicht heran⸗ kam,„laßt das! Die Franzoſen ſind nur Män⸗ ner, aber ihr ſeid es nicht. Es ſind Maͤnner, wie die Saracenen, und zum Beweiſe mag euch dienen, daß dieſe Hand vor einigen Tagen unter andern auch einen getodtet hat, der die Tracht und die Sprache der Mauren an ſich hatte.*) *) Die Gitana meint hier wahrſcheinlich einen Mamelucken. 299 Wenn ihr nur wenigſtens das Herz eines Weibes haͤttet, ſo wuͤrden dieſe Ketzer jezt bereits alle mit einander ſchon vor dem Richterſtuhl des Fuͤr⸗ ſten der Apoſtel ſtehen.“—„Wir hatten keine Waffen!“—„Ihr hattet ja doch wohl Nägel an den Haͤnden und Steine bei der Hand. Doch nur Geduld, Don Bartolomeo von Darroca mit ſeiner Quadrilla folgt mir auf dem Fuße, und er wird euch lehren, wie die Aragonier die Feinde Spaniens und der Religion zu behandeln pflegen.“ —„Wir brauchen nicht die Lehren eines Arago⸗ niers, wir werden uns ſchon ſelber zu befreien wiſſen. Wenn wir nur erſt Waffen haben wer⸗ den, ſo werden ſie vor uns wie duͤrre Blätter vor dem Sturme zerſtieben.“ Sie ſprachen noch, da erſchien eine franzoſi⸗ ſche Patrouille. Die Menge zerſtreute ſich auf der Wieſe, und ich blieb allein auf dem Platze, ohne daß ich erfahren konnte, welche Begebenheiten an dieſem Tage vorgefallen waren. Ich ritt gerades Weges auf die Patrouille los, ritt dann durch die franzöſiſchen Schildwachen hindurch, und kam ſo nach Madrid hinein. Die lange Straße von Atocha war von einem Ende bis zum andern ganz menſchenleer, blos Adjutanten und Ordonnanzen ſah man eilig durch dieſelbe hin und her fliegen. Auf dem Steinpflaſter lagen Maͤntel, Flinten und Uniformen durcheinander, unter welchen hie und da ein Leichnam hervorblickte. Der Prado war voll Kanonen, Pferde und Soldaten. Die Sol⸗ ———— 300 daten, die in Reihe und Glied unter dem Gewehr ſtanden, hatten auf ihrem Geſicht einen unheil— verkuͤndenden Ausdruck; ſie ſahen nicht aus wie Franzoſen, die ſich zum Kampfe vorbereiten, ſon⸗ dern man ſah es dieſen Braven an, daß ſie ein ganz anderes Geſchaͤft zu vollziehen beſtimmt waren. Ich entſchloß mich, um allen Fragen und Hinderniſſen auszuweichen, queer durch die Stadt nach dem Palaſt der Markiſin zu reiten. Nicht weit von mir gieng ein Spanier unter Bedeckung eines franzoſiſchen Offiziers. Es war Don Do⸗ mingo. Er druͤckte mir voll Verzweiflung die Hand, Thraͤnen rollten aus ſeinen Augen.„Wo iſt meine Tochter?“ fragte er mich.—„Zu Ocagna,“ erwiederte ich ihm;„allein ſagt mir, was iſt hier vorgegangen.“—„Entſetzliche Er⸗ eigniſſe,“ antwortete er.—„Ja wohl, ſehr entſetzliche,“ fuͤgte der junge Offizier hinzu; „glaubt es nur, daß wir ſie eben ſo ſehr bedau⸗ ern, als ihr.“— Don Domingo erzaͤhlte mir nun, daß die Anſtalten zur Abreiſe des Infan⸗ ten Don Francisco feindliche Abſichten verrathen und alle Gemuͤther mit einer unbeſchreiblichen Un⸗ ruhe erfuͤllt haͤtten. Fruͤh Morgens umlagerte eine ungeheure Menſchenmenge die Zugaͤnge des Pala⸗ ſtes. Eine Patryuille, welche das Volk ausein⸗ ander zu treiben verſuchte, ward mit Wuth an⸗ gegriffen. Sogleich erſchien die ganze franzöſiſche Armee in Maſſe. Die ſpaniſche Artillerie verſuchte 301 den Kolonnen derſelben die Bruͤcke von Fuencarral zu ſperren, und zwei junge Offiziere erwarben ſich dadurch, daß ſie unter den feindlichen Schwer⸗ tern fielen, bei dieſer Gelegenheit einen unſterbli⸗ chen Ruhm. Daoiz und Velarde haben ſeitdem von der Dankbarkeit der Nation Ehrendenkmaͤler erhalten, die ſo lange dauern werden, als wir noch ein Vaterland haben werden. Das Volk verſuchte von einem Stadtviertel zum andern und von Straße zu Straße ſich zu vertheidigen. Auf die erſtaunten Regimenter reg⸗ neten Dachziegel, Hausgeraͤth und ſiedendes Waſ⸗ ſer herab. Die Frauen, mit großen Meſſern und mit Dolchen bewaffnet, thaten ſich durch eine kriegeriſche Wuth hervor, und eine große Anzahl derſelben ſuchten, anſtatt mit dem großen Haufen zu fliehen, hartnäckig in den Reihen der Franzo⸗ ſen den Tod.„Beſonders war es eine,“ unter⸗ brach ihn der Offizier,„vor welcher unſere Linien aus Bewunderung und Ehrfurcht zuruͤckwichen. Schoͤner als eine Geſtalt Oſſian's, unerſchrocken wie eine Johanna d' Arc, ſammelte ſie die Fluͤcht⸗ linge immer wieder und fuͤhrte ſie von neuem ge⸗ gen unſere Bajonette, und ſie wuͤrde den Sieg unentſchieden gemacht haben, wenn ſie uns Sol⸗ daten entgegenzuſtellen gehabt haͤtte.“—„Ganz gewiß,“ fuhr Don Domingo fort,„die franzoͤ⸗ ſiſchen Regimenter trieben ohne Schwierigkeit eine Volksmaſſe zuruͤck, die ungeregelt, ohne Anfuͤhrer und ohne Waffen war; allein dennoch iſt viel 302 Blut vergoſſen worden, und es wird gewiß nicht bei dem bleiben, was beim erſten Angriff gefloſ⸗ ſen iſt. Die Regierungs⸗Junta und der Infant Don Antonio haben es endlich bei Joachim be⸗ wirkt, daß er dieſem eben ſo unnuͤtzen als un⸗ ruͤhmlichen Gemetzel ein Ziel ſetzte. Unſere Moͤnche, unſere Weiber, unſere Bauern ſind eben nicht ſolche Feinde, mit denen die franzoͤſiſche Tapfer⸗ keit ſich zu ſchlagen Luſt haben kann. Das Feu⸗ ern hoͤrte nun ſofort auf allen Punkten auf; Mit⸗ glieder der Junta, des hohen Raths von Kaſti⸗ lien und des franzoͤſiſchen Generalſtabs durchſtreif⸗ ten die Straßen und verlangten im Namen des Koͤnigs voͤllige Unterwerfung. Vor dieſem verehr⸗ ten Namen zerſtreute ſich die Menge und die Ord⸗ nung kehrte wieder. Auf unſern Straßen entſtand ſogleich eine ode Leere, und der Großherzog befahl, daß jeder, der irgend mit einer Waffe in der Hand betroffen wuͤrde, ſogleich zum Tode gefuͤhrt werden ſolle. Werdet ihr es wohl glauben, ja wird es die Nachwelt wohl glauben, daß Ochſenhirten aus der Sagra von Toledo, die ihre Viehheerden mit dem ſpitzigen Stachelſtabe, der blos zum Anſpor⸗ nen der Rinder dient, hereingetrieben brachten, auf der Stelle erſchoſſen wurden, ohne daß man in einem Lande, wo doch den groͤßten Verbrechern wenigſtens drei Tage geſtattet werden, um ihre Rechnung mit Gott abzuſchließen, dieſen Ungluͤck⸗ lichen auch nur eine Sekunde Friſt gab, obwohl ſie auf den Knieen, nicht um das Leben, ſondern blos um die Abſolution baten? Ich ſah, wie der tugendhafte Azanza, obwohl er ein Mitglied der Regentſchaft iſt, nur mit großer Muͤhe die Begnadigung einiger Catalonier auswirkte, deren ganzes Verbrechen darin beſtand, daß ſie bei der Ruͤckkehr von ihrer Arbeit den Pfriemen in der Hand trugen, womit ſie ihr Gewerbe treiben. Noch nicht genug; man verſichert, daß zweihun⸗ dert Madridder von jedem Alter und Geſchlecht, die man im Kampfe gefangen genommen, hier im Prado die Strafe fuͤr ihre Empoͤrung empian gen werden. Ich zitterte bei dieſen Worten und eilte Maria's Wohnung. Die Hausthuͤr ward mir erſt nach vielen Schwierigkeiten geoͤffnet, die Fen⸗ ſter waren zerbrochen, und die Mauern waren durch von allen Seiten her angeflogene Flinten⸗ kugeln beſchaͤdigt. Ein kalter Schweiß uͤberlief meine Glieder; ich trat raſch hinein und flog wie ein Blitz die Treppe hinauf. In einer langen Gallerie, die von zwei Wachskerzen nur matt erhellt wurde, betete eine Frau und ein Offizier in grauem Haar vor einem Kruzifix. Don Ma⸗ thias ſagte ihnen die Gebete vor, und alle drei weinten. Der Offizier war Don Luis, und die Frau war Donna Leonor. Ich fragte ſie:„Meine Schweſter! wo iſt meine Schweſter?“ und ihre Thraͤnen verdoppelten ſich. Endlich vermochte Don Mathias mir zu antworten:„In dem Moment des Handgemenges ließ die Markiſin 304 mich kommen. Ein großer Entſchluß blitzte in ihrem Auge. Sie warf ſich vor mir auf die Kniee, verlangte von mir die Abſolution, ließ ihr Pferd und ihre Waffen in Stand ſetzen, uͤbergab uns eine Schaͤrpe, die ſie ſo eben mit eigener Hand fertig geſtickt, um ſie euch einzu⸗ haͤndigen, und ſturzte ſich dann mitten ins Ge⸗ wuͤhl des Gefechts. Don Luis folgte ihr, ward aber bald von ihr getrennt. Er ſah ſie von fern gegen einen Trupp von Mamelucken wie zum Maͤrtyrertode hinanſprengen. Das iſt alles, was wir wiſſen.“ In dieſem Augenblick ſtuͤrzte ein Mann in den Saal herein, auf deſſen Geſicht Verzweiflung und Entſetzen ſich abſpiegelten. Es war Antonio, der hinten durch den Garten bis zu uns herein gedrungen war.„Obriſt,“ rief er, ſobald ſeine Beſtuͤrzung ihn zu Worte kommen ließ,„gehet ſchnell, eilet ihr zu Hilfe; es wird kaum noch Zeit ſein.“—„Wo iſt ſie?“ rief ich aus. —„Wo iſt ſie?“ riefen zu gleicher Zeit mein Vater und Donna Leonor.—„Im Prado,“ antwortete der Andaluſier, und meine Mutter ſank ſterbend nieder. Ich ſtrzte aus dem Hauſe fort; Don Luis rief mir nach:„Um Gottes willen erhalte mir meinen Sohn!“ Antonio eilte mir nach und ſagte:„Ich werde euch zu der Gruppe hinfuͤhren, in welcher ich mich mit ihr befand. Seht ihr dort jene Spanier auf den Knieen liegen? Dort iſt ſie.“ Langs dieſen Alleen, unter denen die ganze Bevoͤlkerung der Hauptſtadt ſonſt immer Erholung von ihren Arbeiten und Vergeſſenheit ihres Kum⸗ mers zu ſuchen pflegte, laͤngs dieſen Alleen, wo zehntauſend Mann in Schlachtordnung aufgeſtellt waren, herrſchte ein dumpfes Schweigen. Ein gleiches Grauſen hielt die Gemuͤther der unfrei⸗ wrlligen Moͤrder und die der Schlachtopfer in eis⸗ kalter Erſtarrung. Der anmaßende Dictator, der aus dem Innern ſeines Palaſtes dieſes entſetzliche Brandopfer lachend anbefohlen, hatte nicht gewagt, es bei hellem Tage vollziehen zu laſſen. Fackeln erhellten dieſe Scene des Entſetzens. Hundert Ungluͤckliche, die rottenweiſe abgetheilt waren, erwarteten, auf den Knieen liegend, die toͤdtliche Flintenkugel; vor ihnen ſtand eine Linie von Sol⸗ daten, die mit abgewandtem Geſicht ihre Gewehre ladeten. Neben einem Geiſtlichen, der ſie noch einſegnete, bevor er ſelber den todtlichen Schuß empfieng, ſah ich Maria, die bereits die Farbe des Todes auf ihrem Geſicht trug. Ihre Augen waren zum Himmel emporgewendet, ihre Seele ſchien ſich zur Heimkehr in ihre urſprungliche Hei⸗ math vorzubereiten. Ich flog durch die Reihen raſch hindurch;— aber in demſelben Augenblick erſcholl bereits der tödtliche Knall, und Wolken von Pulverdampf hulten mich ein. —.— 306 Hier brach das Manuſcript plötzlich ab. Ich kehrte in das Wirthshaus zuruͤck, um von der guten Frau Hiriart mir die Fortſetzung deſſelben auszubitten. Allein ſie bedauerte, daß ſie nur noch wenige zerſtreute Blaͤtter beſitze, die uͤber den ferneren Verlauf dieſer Geſchichte keinen Auf⸗ ſchluß gaͤben, und das Bild der ſchoͤnen Marki⸗ ſin, die unter den Kugeln der Soldaten in den Tod ſank, beunruhigte mich in meinen Traumen bis zu Tages Anbruch. Druckfehler. Seite 61. 3. 6. v. u. ſtatt ihn lies ſie. —— * 2 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 3 ————— 4 3. 3