— 3 beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: N 6 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Teſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht ur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Leepreis. Bei Rückgabe eines gekiehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben eutſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonuement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und auf1 Monat; 1 W— 1 2 n „ Auswärtige Khonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und veſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern 1c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. 3 7 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ver Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.. — Don Alon ſo oder a ie ———— —,—* Erſter Band. Don Alonsdo oder S panien. Eine Geſchichte aus der gegenwärtigen Zeit von P. Z. von Salvandy Aus dem Franzoſiſchen uͤberſetzt. Erſter Band. Breslau, Verlag von Joſef Marx und Komp. — 1 8 2 5. Erſtes Buch. Reiſe an die Spaniſche Grenze im Jahre 1820. Erſtes Kapitel⸗ Ich wollte das Volk beſuchen, durch welches Eu⸗ ropa das Geſetz der Kalifen von ſich abgewehrt, die Neue Welt erobert und neuerdings alle Koͤnige wie⸗ der frei gemacht hat. Als ich in der Mitte jener Berge angelangt war, welche eine Ehrfurcht gebietende Mauer zwiſchen Bearn und Navarra bilden, ließ ich mich durch die Schoͤnheit der Landſchaften verfuͤhren und machte Palt in jenen Gauen des Landes der Basken. Dort verlieren die Pyrenaͤen, die ſchon dem Ocean ſich naͤhern, vtwas von der Hoͤhe, die in den Umgebun⸗ gen von Bagnéres und gegen den Mont Perdu hin ſie ſo majeſtätiſch macht. Ihre Gipfel verbergen ſich da nicht mehr hinter einer Decke von ewigem Schnee. Man trifft da nicht mehr zerſtörende Gieß⸗ bäche, Felſen⸗Amphitheater, unabſehbare Abgruͤnde; t die Natur kuͤndigt ſich vielmehr äͤberall wohl⸗* 4 thuend an, und es giebt keine Scene, die nicht voll von Reichthum und Leben waͤre. Nicht genug, daß Baumgaͤrten, Anpflanzungen, und fette Triften die chaͤler ſchmücken, und daß der Abhang der Verge mit Rhododendrum, Sykomoren und Fruchtbaͤumen bedeckt iſt; auch der ſchroffe Gebirgskamm iſt mit Gehoͤlz bekraͤnzt, gleichſam mit ungeheuern Laubge⸗ winden, die ihr gruͤnes Gehaͤnge auf den aͤußerſten Umriſſen der unermeßlichen Kette entfalten, und den prachtvollen Rahmen eines praͤchtigen Gemaͤldes bilden. Oft ſchwebt ein Meierhof ſo wie die Huͤtte des Hirten oben auf dieſen gluckſeligen Hoͤhen, und ganze Felder von Goldaͤpfeln, Gurken und Mais entfalten ſich dem Auge nicht minder uͤppig, als in den Gefilden, die die Uſtaritz und der Adour bewäſ⸗ ſern. Kaum einzelne kahle Spitzen, zu denen nur die Wolken Zugang zu haben ſcheinen, ſind dem menſchlichen Fleiße und ſeiner fruchtbringenden Muͤ⸗ he unerreichbar geblieben. Doch auch dieſe ſogar gewaͤhren dem Auge keinen traurigen Anblick; ihre Stirn hat nichts duͤſteres; duftender Thymian und Haidekraut behaͤngen ſie mit ihrem gruͤnen Schmuck. Pie und da zerſtreut, gleich einer lebendigen Theater⸗ Decoration, beleben Heerden von Schaafen dieſe Einöden, die Ziege huͤpft, und gleichſam uͤber die Erde erhoͤht, erſcheint der Stier durch jene Rebel⸗ dufte, die ſich wollenartig an den Hoͤhen hinziehen, wie einſt jener Gott der alten Aegypter⸗ Bald geht an einem ein junges baskiſches Mäbdchen von ſchwarzen Augen und ſchlankem ——— — 5 Wyuchſe ſingend vorber. Mit bloßen Fuͤßen und den Kopf mit einer Buͤrde beladen, welche die Maͤn⸗ ner unſerer Staͤdte nicht fortzutragen vermoͤchten, flieht ſie wie ein Pfeil uͤber jhe Fußpfade dahin, und arbeitet in ihrem fluͤchtigen Gange an dem Bruſtlatz von zehnerlei Farben, womit ſie ihren alten Vater zu ſchmuͤcken gedenkt. Bald ſieht man einen Mann, der oben auf un⸗ ermeßlichen Waarenballen ſitzt, unter denen die Mauleſelinn, welche ſie traͤgt, faſt verſchwindet. Mit ſeinem ungeheuern niedergeſchlagenen Hute be⸗ deckt und in ſeinen braunen Kappenmantel ge⸗ huͤllt, raucht er ſeinen Cigarro von Havana. Die Kraft und der Adel in ſeinen Geſichtszuͤgen uͤberra⸗ ſchen, ſein Blick iſt tiefſinnig. Betrachtet man ſeine Fauſt, wie ſie auf ſeiner Stutzbuchſe ruht, ſo koͤnnte man ihn fuͤr einen Krieger halten, der auf Schlach⸗ ten denkt; ſieht man dagegen auf ſeine neben ihm hangende Gitarre, ſo moͤchte man ihn fuͤr einen Saͤnger halten, der auf Lieder ſinnt,— und doch iſt es nur ein Arriero.*) Er reiſt an der Spitze von zwanzig ſchwer beladenen Mauleſeln, von denen der letzte durch den eintoͤnigen Klang einer dumpfen Glocke ihm zu erkennen giebt, daß der Zug der uͤbri⸗ gen regelmaͤßig fortſchreitet. Frankreich hat bei⸗ nahe ſchon die Stufe der Civiliſation erreicht, wo der Handel die Landſtraßen aufgiebt und gegen Ka⸗ naͤle vertauſcht. Spanien dagegen hat es noch nicht ) Mauleſeltreiber. einmal bis zu dem ſo nuͤtzlichen Fuhrmannskar⸗ ren gebracht; um ſich bis dazu erheben zu koͤn⸗ nen, erwartet es erſt noch von einer ſchuͤtzen⸗ den Regierung die Einrichtung von Bruͤcken und Straßen. Dicht hinter dem Maulthiertreiber, aber drohen⸗ der als dieſer, folgt der Schleichhaͤndler der baski⸗ ſchen Provinzen. Eine Flinte blitzt in ſeinen Haͤn⸗ den, um damit ſeinen Erwerbfleiß zu ſchützen, faſt die einzige Art von Erwerbfleiß, die das ſchoͤnſte Land der Erde aufzuweiſen hat. Die Wolle Arago⸗ niens und Kaſtiliens, die er unſeren Staͤdten zu⸗ fuͤhrt, wird in Kurzem, auf franzoͤſiſchen Werkſtaͤt⸗ ten zu koſtbaren Stoffen verarbeitet, mit ihm wie⸗ der uͤber dieſelbe Grenze zuruͤckwandern. Das goldene Zeitalter haͤtte in dieſen ſchoͤnen Gegenden ſich fortpflanzen ſollen, doch der Haß und der Groll ſteht von Dorf zu Dorf auf der Grenze beider Reiche gleichſam Schildwache. Die ſpani⸗ ſchen und die franzoͤſiſchen Basken leben ſich gegen⸗ ſeitig fremd oder vielmehr als gegenſeitige Feinde⸗ Dieſer Zwieſpalt vergroͤßert den ſchmalen Strom, deſſen ufer die Grenzſcheide zwiſchen dem Reiche Ludwigs des Vierzehnten und der Monarchie Karls des Fuͤnften bilden. Wie klein und ſtrafbar erſchei⸗ nen die Leidenſchaften der Menſchen unter dieſen Naturſcenen, wo der Weltgeiſt dem Glanz ſeiner Schoͤpfungen das Gepraͤge ſeiner ewigen Ruhe auf⸗ gedruͤckt hat. Eine halbzerſtorte Bruͤcke zeigt ſich dem Blick. 7 Dein Pferd geht dreiſt, vielleicht dreiſter als du, ber den erſchuͤtterten Bruͤckenbogen. Indeß, wenn dein Herz dabei beklommen iſt und ſtaͤrker klopft, ſo iſt dieß nicht Wirkung der Furcht. Du biſt jezt uͤber die Bruͤcke hinuͤber und immer noch wirfſt du deinen Blick voll Unruhe um dich her. Du bleibſt ſtehen, um noch einmal ein kleines ſteinernes Kreuz zu be⸗ trachten, welches die Zeit mit Moos und Flechten bedeckt hat,— den einzigen Gegenſtand, der an der Ruinenbrücke noch unzerſtort geblieben iſt. Warum dieſe innere Bewegung des Gemuͤths bei dem Anblick eines armſeligen ſteinernen Kreuzes? Es iſt hier die Grenzſcheide zwiſchen dem katholiſchen und dem allerchriſtlichen Reiche, und das beſcheidene Monu⸗ ment erinnert dich, daß der Boden, den du jezt be⸗ trittſt, nicht mehr zu Frankreich gehoͤrt. Du biſt beklommen geworden, als ob eine andere Atmoſphaͤre auf deinen Kopf druͤckte, und als ob du nicht Luft genug bekommen könnteſt unter dem Him⸗ mel der Fremde. Iſis etwa darum, weil du uͤber dieſe Grenze nie mehr zuruͤckkehren wirſt, oder weil bereits weite Fernen dich von deinem Heimatsboden trennen? Beruhige dich, und erklettere mit mir auf dieſem von Nußbaͤumen beſchatteten Wege jene Bergſpitze, die ſo weit vor den uͤbrigen in das reine Himmelblau emporragt. Von da werden wir linkshin die fuͤr uns ſtummen Berge von Navarra uͤberſchauen koͤnnen; doch rechtshin breiten ſich die Gefilde von Frankreich aus, mit ihren Staͤdten, die man bis auf funfzig Stunden weit erkennen kann, 8 f und unter deinen Fuͤßen, da wo die Pyrenaen ſich abflachen, im Angeſicht von Bayonne und der Land⸗ ſchaft von Landes ſchlummert friedlich laͤngs den franzoͤſiſchen Kuͤſten die unermeßlich ausgebreitete Flaͤche des Oceans. Ich ſtreifte lange in dieſem Theile des Gebirges von Zucaramundi umher. Die gluͤhenden Sonnen⸗ ſtralen, welche lothrecht auf meinen Scheitel herab⸗ fielen, erinnerten mich endlich, wieder nach der Land⸗ ſtraße hinzulenken. Der Weg wurde mir lang, be⸗ vor ich ein kleines Doͤrfchen erreichte, das zu mei⸗ nen Fuͤßen in einer tiefen Bergſchlucht eingeklemmt lag; es iſt dies der erſte navarreſiſche Flecken, der 3 5 dem Reiſenden aufſtoßt, wenn er, anſtatt üͤber Irun 6 und Guipuzcva nach Spanien hinein l reiſen, ſich auf Pamplona wendet, und durch die franzoſiſchen Marktflecken Ainhoa und uſtgritz ſeinen Weg nimmt. Urdax hat nicht funfzig Feuerſtellen. Ein Klo⸗ ſter, welches druͤber hervorragt, ſchmuckt die Land⸗ ſchaft und belebt die Gegend. RNicht weit von der Jirche, dicht an dem Kirchhofe, auf welchem viele Generationen einfacher und friedlicher Menſchen beim ſanften Gemurmel der ugarana ſchlummern, unterhaͤlt der Alcalde des Orts eine Herberge. Ich bemerkte an der Vorderſeite derſelben ein ſteinernes Wappenſchild, welches da ſeit undenklichen Zeiten haͤngen mochte, um durch den Prunk roh ausgehaue⸗ ner Schildereien den bedeutenden Rang der Veſitzer dieſer niedrigen Behauſung anzukuͤndigen. An den Pfeiler eines einfoͤrmigen Wagenſchoppens, der ſehr W 4 „ 9 paſſend die Stelle eines Portikus vertrat, lehnte ſich ein junger Bauer von etwa funfzehn Jahren, der voll tiefen Ernſtes dem Fluge der Stunden zuzuſe⸗ hen ſchien. Ich wollte ihm mein Pferd zu halten geben. Er blieb unbeweglich ſtehen, und ich haͤtte vielleicht glauben koͤnnen, er habe mich nicht ver⸗ ſtanden, wenn nicht ein Ausdruck von Zorn und von Verachtung ſich ſofort von ſeinem Geſicht auf die Geſichter eines Haufens von Kindern zuruͤckgeſpie⸗ gelt haͤtte, deren Begleitung mir mein fremdes Aus⸗ ſehn zugezogen hatte. Ich fand alſo fürs beſte, meinen Gahl an eigen Pfoſten der laͤndlichen Vor⸗ halle anzubigden, und eine Dreppe, die unter meinen Fäßen zittente führte mich zu einem Saale, deſſen ganzes Mobiliar aus einigen wurmſtichigen Tiſchen beſtand. Ich trat hinein. Ein Mann mit einem großen Hut guf dem Kopfe ſaß da mit verſchraͤnkten Beinen und ſchlärfte behaglich den Duft ſeines Ci⸗ garro's. An ſeinem wuͤrdevollen Weſen erkannte ich ihn für den Herren des Hauſes, und fragte ihn, was ich wohl zu eſſen bekommen koͤnne.„Was ihr mitbringt,“ erwiederte er kalt, und fuhr fort, mit vieler Kunſt lange Rauchwolken nach allen Seiten hin aufſteigen zu laſſen. Ich drang in ihn, um zu erfahren, ob er nicht wenigſtens Wein und Brot zu Hauſe habe.—„Allerdings, Brot vom reinſten Weizenkorn und rother Wein von Tudela ſind bei mir im Ueberfluß zu haben.“— Ich hoffte, daß Eier, die auf dem Lande niemals fehlen, mein be⸗ ſcheidenes Mahl vollſtaͤndiger machen koͤnnten.— 10 „Fragt in der Gegend nach,“ erwieberte Herr Don Geronimo, und verſank wieder in ſein unſtoͤrbares Stillſchweigen. Der junge, ſo wichtig thuende Navarreſe war mir gefolgt, und an der Thuͤr des Saales ſtehen ge⸗ blieben. Ungeachtet er ſeine großen Augen auf mich heftete, haͤtte man doch faſt ſagen koͤnnen, er ſchlafe ſtehend. Ich wagte es noch einmal, ſeine Dienſte in Anſpruch zu nehmen; ſogleich erſchien eine Frau mit irgend einem Wirthſchaftsgeraͤth in der Hand.„Ihr macht wenig Umſtaͤnde, wahrhaf⸗ tig!“ rief ſie mit einem unertraͤglichen Strome von Worten aus;„ihr muͤßt nur wiſſen, duß der Herr Don Francisco de Paula, mein Sohn, nicht fuͤr euern Dienſt geboren iſt, ſondern für Gottes Dienſt. Er wird ſich bei den Dominicanern einkleiden laſſen. Jedermann wird ihn dann in Ehren halten, und vielleicht erweiſt uns dereinſt Gott die Gnade, den Spaniern noch einen Heiligen aus unſerem Gebluͤt und unſeres Namens zu geben. Gott lob! er wird dann wuͤrdig ſein, unter ſeinen Vorfahren auch ei⸗ nen jener Oberſten zu zaͤhlen, die in der großen Schlacht, die hier in der Naͤhe bei Roncevaux ge⸗ wonnen wurde, am meiſten dazu beitrugen, den maͤchtigen Kaiſer——— Karl den Großen uͤber die Berge zuruͤck zu werfen.“ Hier ſtockte der Strom ihrer Rede. Dieſe zweite Kornelia war nur mit einem wollenen Mieder und einem Unterroͤckchen von Burat*) bekleidet, welches ihre Schenkel und *) Eine Art von grobem und wohlfeilen Wollenzeug. 11 und ihre bloßen Fuͤße, die ſeit undenklichen Zeiten von Staub und Sonnenbrand geſchwaͤrzt waren, bis ans Knie herauf unbedeckt ließ. Ihr Mann, der Gaſtwirth oder vielmehr der Alcalde, nannte ſie im⸗ mer ſehr umſtaͤndlich die Segnora*) Donna Urraca. Ich faßte den Entſchluß, mich noch einmal an ihn zu wenden, und zwar mit alle der Ehrerbietung, die einer ſo vornehmen Perſon gebuͤhrte. Nun rief er, doch immer noch ohne ſich von der Stelle zu ruͤhren, Francisca. Francisca kam nicht. Ich wartete, und nach einer langen Zwiſchenpauſe ent⸗ ſchloß er ſich, noch einmal zu rufen. Francisca er⸗ ſchien, begleitet von einem Ordensgeiſtlichen, deſſen Hand ſie kuͤßte. Waͤhrend Don Geronimo halb auf⸗ ſtand, um ihn zu bewillkommen, betrachtete mich Francisca voll Neugierde. Dies junge Maͤdchen in ihrem kurzen Unterroͤckchen, mit ihren langen Haa⸗ ren, die in zwei gleichmaͤßigen Haarflechten den Nuͤ⸗ ken hinab hingen, ſetzte mich durch das Feuer ihrer Augen in Verwunderung. Die jugendliche Friſche eines Alters von achtzehn Jahren faͤrbte ihre von der Sonnenglut des Suͤdens gebraͤunte Haut mit lebhaftem Incarnat, und ihr leichter Gang kuͤndigte mehr ein andaluſiſches als ein navarreſiſches Maͤd⸗ chen an. Der Ordensgeiſtliche nahm auf einer Bank an der Seite des Alcalden Platz. Seine erſte Bewe⸗ Dame. 12 gung war, die weiten Aermel ſeiner ſchwarz und weißen Ordenskutte des heiligen Dominicus zuruͤck⸗ zuſchlagen. Ich bemerkte, daß ſie mit mehreren Reihen jener goldenen Treſſen beſetzt waren, welche ein Abzeichen der hoͤheren Grade in der ſpaniſchen Armee ſind. Hierauf ſchlug er ſeine weite Kapuze zuruck, und enthuͤllte einen jungen und ſchoͤnen Kopf unter dem ſchmalen Kranz von Haaren, der ihn oben umgab, und zuͤndete ſeinen Cigarro an dem gemein⸗ ſchaftlichen Kohlenfeuer an. Francisca ober Paquita, wie ſie der Dominica⸗ ner nannte, beeilte ſich, einem alten auch in dem uͤbrigen Spanien uͤblichen Brauch zufolge, ihm eine Flaſche weißen Wein vorzuſetzen.—„kebe tau⸗ ſend Jahre!“ ſagte er, indem er mit ſeiner Hand nach den Wangen des jungen Maͤdchens fuhr, welche dieſelbe anfangs zuruͤckſtieß, dann aber ſo⸗ gleich wieder ergriff und ehrfurchtsvoll einen Kuß darauf druͤckte. Ich war ſo dreiſt, mich an die ſchöne Spanierin zu wenden. Sie hoͤrte mich mit ſpottiſchen Mienen und mit Laͤcheln uͤber meinen franzoͤſiſchen Accent an. Frau Urraca zeigte ſich wieder, und zwar ganz ſo erzuͤrnt wie das erſtemal.„Ihr wißt vermuthlich nicht,“ ſagte ſie zu mir,„wen ihr vor euch habt? Dieſe Segnorita*) iſt eben ſo von Stande als der Herr Don Francisco de Paula, welcher jezt bald Fray*) Francisco heißen wird, wenn es der hei⸗ *) Demviſelle.**) Frater. 13 ligen Mutter Gottes gefaͤllt, ſeiner Berufung ihren Schutz zu ſchenken. Sie iſt die Tochter meines Bru⸗ ders, des Feldmarſchalls der Armeen des Koͤnigs, und obwohl der Herr General ſich unter die Feinde Gottes hat anwerben laſſen, ſo hat er doch noch immer ſeinen Rang. Dazu kommt nun noch, daß er aus dem Bezirk von Darroca gebuͤrtig iſt, deſſen Einwohner alle gleichen Ranges und folglich, wie jeder weiß, alle eben ſo gut Hidalgos*) ſind, als irgend ein Fuͤrſt in der Welt. Ihr ſeht nun ſelber, ob es euch zukommt, einer Perſon Befehle zu geben, in deren Adern blos Blut der alten Spanier, des alten Adels nud der alten Chriſten rinnt„ Das Gepolter eines umgeſtoßenen Keſſels machte der feierlichen Anrede der Donna Urraca ein Ende. Paquita verſprach, meinen Wunſch zu erfuͤllen, und ging auf der Stelle fort. Ich blieb mit dem Or⸗ densgeiſtlichen und dem Alcalden allein. Sie un⸗ terhielten ſich einander ganz leiſe oder vielmehr in jenem Monolog, in den zwei Perſonen ſich theilen; der Dominicaner gab naͤmlich die Worte dazu her, und ſein Zwiſchenredner begnuͤgte ſich, das Ende je⸗ der Phraſe durch einen ſchmerzlichen Ausruf zu be⸗ zeichnen, den er andaͤchtig mit einem faſt mechani⸗ ſchen Emporblick zum Himmel begleitete. Der Pa⸗ ter Procurator, ſo nannte ihn naͤmlich Don Gero⸗ *) Adelige, aber vom niedern Adel, von bijo de algo(Sohn von Etwas, oder von hijo del(Coder d'ah Godo(Sohn des Gothen). 14 nimo, druͤckte ſich mit großer Heftigkeit aus. Ei⸗ nige laute Ausbruͤche ſeiner donnernden Stimme verriethen mir, daß er den Alcalben ermahnte, mit ihm zugleich die Waffen zu ergreifen. Unterdeß kuͤndigte ein dumpfes und eintoniges Geläute die Ankunft eines Mauleſeltreibers an. Ich hatte mich ans Fenſter geſtellt, um etwas friſche Luft ſchoͤpfen zu koͤnnen, und ſah den ganzen Zug vor der Thuͤr halten. Der Mann, der ihn fuͤhrte, ſprang von ſeinem hohen Sitz ſo leicht herab, wie ein Araber von dem Ruͤcken ſeines Dromedars. Francisca ſchloß ihn in ihre Arme, dann eilte ſie davon, ſprang eilig die Treppe herauf, und voll von Unruhe, die ſie freilich zu verbergen ſuchte, half ſie ihrer Baſe wieder in der Wirthſchaft. Der neu Angekommene erſchien ſehr bald im Saal. Er gruͤßte ſehr munter, und warf ſeinen ungeheuern Mantel auf den einen Liſch, wobei er die andaluſiſche Tracht in ihrer ganzen Vollſtaͤndig⸗ keit zeigte. Eine Reſille, die bis auf die Schultern herabhing, umſchloß ſeine langen und ſchwarzen Haarlocken. Sein Fleid war an allen Näthen mit Franzen von allen Farben beſetzt. Seine runde Weſte fügte zu dieſen Verzierungen einen weit edleren Schmuck. Zwei Ehrendecorationen glaͤnzten auf ſeiner Bruſt, eine Art von Nationalbelohnungen, die man in Spanien in Fuͤlle ſieht. Jeder traͤgt dergleichen, und jeder traͤgt ſie mit Stolz. Der An⸗ baluſier ſchien eine edlere Stellung einzunehmen, um ſeinen beiden Denkmuͤnzen Ehre zu machen. Auch kuͤndigten wirklich beide in dieſer Klaſſe ungewoͤhn⸗ liche Verdienſte an. Er war mit einer Stutzbchſe bewaffnet, und legte dieſe behutſam auf ſeinen Mantel, als fuͤrchtete er, ſie zu verſehren.—„Stutzbuͤchſe, mein Lieb⸗ chen,“ ſagte er unter dieſem Zurechtlegen,„meine Lieblingsfloͤte, die Zeiten ſind nicht mehr, wo du faſt alle Tage dem Koͤnig Pepe*) zum Tanze ſpielteſt.“ —„Ich weiß nicht, ob ich mich irre,“ ſagte hier⸗ auf der Dominicaner,„aber es kommt mir vor, als ob die Inſtrumente dieſer Art bald wieder ihr vori⸗ ges Konzert anſtimmen wuͤrden.“—„Allerdings,“ füͤgte der Alcalde hinzu, und rauchte weiter. Der Maulthiertreiber war zuruͤckgekehrt, hatte einen ſchie⸗ fen Blick auf den Ordensgeiſtlichen geworfen und ſeinen Mundvorrath in die Kuͤche getragen. Es gelang ihm der Francisca heimlich die Hand zu druͤ⸗ cken, ohne daß Donna Urraca es bemerkte, dann kam er wieder zuruͤck. Ein Fremder, den ich in dem dunkeln Winkel, worin er ſaß, kaum bemerkt hatte, verfolgte ihn beſtaͤndig mit den Augen, und horchte mit unruhiger Aufmerkſamkeit zu, als der Andaluſier ſich an dem andern Ende des Saales, dem ehrwuͤrdigen Pater und dem Alcalden gegenuͤber, hinſetzte und das Geſpraͤch wieder da anknuͤpfte, wo er es vor einer Viertelſtunde gelaſſen hatte. „Ehrwuͤrdigſter Pater,“ ſagte er zu ihm,„ihr ſeid alſo einer von denen, die da glauben, daß das *) Joſeph⸗ 6 alles äbel ablaufen wird?“—„Freund, ich weiß freilich nicht, was die Vorſehung uͤber unſer un⸗ gluckliches Spanien verhaͤngt hat, allein ich weiß ſo viel, daß, wenn ein Volk ſeinen Koͤnig gefangen nimmt und ihm Gewalt anthut, eine ſolche Empo⸗ rung immer furchtbare Strafen nach ſich zieht.“— „Allerdings,“ fuͤgte Don Geronimo hinzu, und die Gebaͤrden des Fremden verriethen eine zunehmende Aengſtlichkeit. Er hob ſeinen Kopf, den er bis jezt auf ſeine Haͤnde geſtuͤtzt und darin verſteckt hatte, halb in die Höhe. Unterdeß tauchte der Mauleſeltreiber ruhig eine Azucarilla*) in ein Glas friſches Waſſer. „Mein ehrwuͤrdiger Pater,“ begann er endlich,„ihr verſchießt euer Pulver in die leere Luft. Wem kann es einfallen, dem Herrn Don Ferdinand etwas zu Leide zu thun? Die Boͤſen wiſſen recht gut, wie wir ihn das erſtemal vertheidigt haben. Ich zum Beiſpiel habe mit dem Veiſtande des heiligen Anto⸗ nius und unſerer lieben Frauen von Atocha Mil⸗ lionen von den Soldaten des Eindringlings zu Bo⸗ den geſtreckt. Sobald nun der Koͤnig in Gefahr gerathen ſollte, darf er es ſeinem Volke blos ſagen; wir werden dann ſchon wieder unſere Schuldigkeit thun.“ Er ſchwieg und Paquita ſetzte ihm, nicht ohne Erroͤthen, eine Schuͤſſel vor, worin Kichererb⸗ —— — —— ———— ſen, die er mitgebracht, in furchtbarem ſpaniſchem *) Eine Art Zuckerkuchen in Bistuitform. 17 Pfeffer verloren ſchwammen. Sie fuͤllte ihm bie Waſſerflaſche von neuem und nahm dann an der Seite des Dominicaners Platz. Ich weiß nicht, ob das junge Maͤbchen ſich darum ſo geſetzt hatte, um neben dem Pater Procurator oder um ihrem Geliebten gegenuͤber ſitzen zu konnen. Frau Urraca kam und ſetzte ſich zu ihnen, und zwar dem Ordens⸗ geiſtlichen gegenuͤber, den ſie mit einem wahrhaft ſeligen Gefuͤhl anſah, indem ſie mit finſtrer und froͤmmelnder Miene allerlei andaͤchtige Worte zu ei⸗ nem glaͤſernen Roſenkranz murmelte. Ganz in ihre fromme Beſchaͤftigung vertieft, konnte ſie ſich nicht eher davon losreißen, als bis die Stimme des hei⸗ ligen Mannes das ganze Geſpraͤch uͤbertoͤnte; da horchte ſie andaͤchtig auf, als glaubte ſie auf dieſe Weiſe immer noch fort zu beten.—„Menſch,“ fuhr dieſer etwas ſaufter fort,„wenn ihr Don Fer⸗ dinand liebtet, ſo haͤttet ihr ihn vertheidigen muͤſ⸗ ſen, als am 9. Maͤrz die Empoͤrung im Norden und im Süden ausbrach, als das Militaiv in den Pro⸗ vinzen in Maſſe aufſtand, als die Armee zu Madrid ſtillſchwieg und den Balleſteros, dieſen wuͤrdigen Sprecher einer drohenden Volksmaſſe, das Wort fuͤhren ließ.„—„Wir hatten dabei nichts zu ſchaffen,“ unterbrach ihn der Mauleſeltreiber. „Jeder war mit der Sache einverſtanden, ſelbſt den Koͤnig nicht ausgenommen, da er ja auf das heilige Evangelium angelobt hatte, das Syſtem zu beob⸗ achten.“—„Siehſt du denn nicht,“ erwiederte der Moͤnch,„daß der Schwur, den die Revolutio⸗ — 18 naͤre ſich nun zu nutze machen, ihm gewaltſam abge⸗ drungen worden iſt?“—„Ehrwuͤrdiger Pater, wenn ich das glaubte allein, man kann ja zu keinem Schwure gezwungen werden, denn man kann ja eher ſterben.“ Hier erfolgte auf einige Augenblicke Stillſchwei⸗ gen. Paquita war ſeit einer kleinen Weile hinaus⸗ gegangen, und ich wunderte mich nicht, als der An⸗ daluſier aufſtand, um nach ſeinen Mauleſeln zu ſe⸗ hen. Don Geronimo ſah den Juͤnger des heiligen Dominicus mit einer Miene voll Betrubniß und Neu⸗ gierde an.„herr Alcalde,“ ſagte endlich der Or⸗ densgeiſtliche voll Verzweiflung zu ihm,„dahin alſo hat es die Verderbniß der franzoͤſiſchen Grundſatze bei uns gebracht; es giebt keine Gemeinde, ſelbſt die unſrige nicht ausgenommen, die nicht von dieſen hoͤlliſchen Lehren angeſteckt waͤre. Nach dem Vor⸗ gange einiger abtruͤnnigen Pfarrer und Floͤſter hat man es gewagt, von einem Abtruͤnnigkeitsbriefe zu reden, und von einer Gluͤckwuͤnſchungsadreſſe an Seine Majeſtaͤt, wegen der kuͤnftigen ſouverainen Cortes.“ Der Unbekannte, welcher bis jezt ſtillſchweigend zugehoͤrt hatte, ſtand jezt auf und rief, um der Un⸗ ruhe, die ihn innerlich bewegte, Luft zu machen: „Cortes, eine Conſtitution, eine Empörung? Was iſt denn das?“ Der Alcalde ſetzte ſich in Bewe⸗ gung, um nach dem fragenden Gaſte hin einen Blick zu werfen.„Herr Baske,“ ſagte er endlich, als er 4 29 an ihm die hearniſche Landestracht erkannte,„ihr muͤßt wiſſen, daß die Nation ſich gegen den Koͤnig empoͤrt hat. Sie hat mich gezwungen, den ketzeri⸗ ſchen Litel eines konſtitutionellen Alcalden anzuneh⸗ men, anſtatt daß ich Vorſteher des Bezirks nach dem erblichen Rechte bin, wovon meine Vorfahren das Privilegium im Jahre des Heils 1684 erhalten ha⸗ ben, ich muß mich alſo inskuͤnftige, wie verlangt wird, vom Volke waͤhlen laſſen. Das iſt aber noch nicht alles; ich muß nun auch Rechenſchaft ablegen —„Indeß,“ unterbrach ihn lebhaft der Fremde,„welche Conſtitution verwaltet denn heute die Monarchie? Wer hat ſie abgefaßt, wer gege⸗ ben?“—„Die Republikaner haben das gethan,“ erwiederte der Moͤnch, indem er ſich zum erſtenmal umdrehte,„das heißt, die Feinde Gottes und des Koͤnigs; zulezt haben Soldaten und Kaufleute ſie dem Koͤnige aufgedrungen; man nennt ſie die Con⸗ ſtitution von Cadix.“— Bei dieſen Worten warf der Fremde ein Stuͤck Geld auf den Tiſch und ver⸗ ſchwand. Die beiden Spanier ſahen ſich gegenſei⸗ tig an.„Ich muͤßte mich ſehr irren,“ ſagte hier⸗ auf der Pater Procurator, voder dieſer Baske hat in ſeiner Kindheit nicht oft die Schneegipfel der Py⸗ renaͤen geſehen.“—„Ganz gewiß,“ fuͤgte der Alcalde hinzu. Der Andaluſter war jezt wieder her⸗ eingetreten.„Ich habe mich alſo doch nicht ge⸗ taͤnſcht,“ rief er aus; vungeachtet ſeiner fremden Dracht und ſeiner langen Abweſenheit habe ich ihn im Vorbeigehen erkannt. Aber ſeine Geſichtszůge 2* 20 ſind ganz veraͤndert, ſeine Haare ſchon grau gewor⸗ den„ Ich glaubte, eine bloße Aehnlichkeit fuͤhrte mich irre.“ Don Geronimo's Nichte zweifelte nicht, daß es ein Gebirgsbewohner aus Frankreich ſei. Sie hatte ihn mehr als einmal jenſeit der Bruͤcke von Oholdi⸗ ſun bemerkt. Sein Kopf mußte ohne Zweifel ſehr gelitten haben oder ein tiefer Kummer ſeine Seele quaͤlen. Er irrte meiſt ganz allein umher; biswei⸗ len warf er ſich an den Ufern des Aſagueri auf die Kniee, und zwar an den Stellen, wo dieſer Strom die Grenze zwiſchen den beiden Reichen bildet; bis⸗ weilen ſah ſie ihn auch wohl dieſe ſchmale Grenz⸗ ſcheide uͤberſpringen, dann erſchrocken ſtillſtehen, ſich mit der Stirn an das ſpaniſche Ufer niederneigen, ſeine Lippen an den Erdboden druͤcken, und dann durch die Schluchten davonfliehen. Es ſchien nicht unmoͤglich, daß er nicht vielleicht ein Ungluͤcklicher ſein konnte, welcher der Strafe ſeiner Verbrechen entflohen war; denn eines Tages, wo ſie ſich oben unter duͤrren Felſen, auf denen er auszuruhen pflegte, ganz in ſeiner Naͤhe befunden hatte, hatte ſie geſe⸗ hen, wie er voll Verzweiflung ſeine Haͤnde betrach⸗ tete, welche die Spuren von ganz friſchen Eindruͤ⸗ cken trugen. Indeß ſein ganzes Weſen kuͤndigte viel Adel oder wenigſtens viele Reue an, und ſie hatte oft fuͤr ſeine Vergehen oder fuͤr ſeine Leiden zum Himmel gebetet. Hier ſtand der Mauleſeltreiber eilig auf.„Ich will nicht laͤnger in dieſem Irrthum bleiben,“ ſagt⸗ 2 er,„und ich laufe ihm nach.“—„Huͤtet euch ja, dies zu thun!“ rief der Ordensgeiſtliche, der vor Zorn aufzuwallen ſchien, ihm zu; wiſſet ihr nicht, was dies fuͤr ein Menſch iſt? ein Boͤſewicht, der durch die groͤßten Frevelthaten befleckt iſt.“— „Ehrwuͤrdigſter Pater, ich wuͤrde einen Boͤſewicht, wie dieſer iſt, tauſend ſolchen Dienern Gottes vor⸗ ziehen, wie wir deren manche kennen. Auf der Stelle eile ich ihm jezt nach, und will mich gluͤcklich preiſen, wenn ich noch nicht ſeine Spur ganz verlo⸗ ren habe!—„Bet allen Heiligen! Menſch, ich verbiete bir, einen Schritt zu thun; bleib hier, oder ich thue dich in den Kirchenbann.“ Der Andaluſier ſchien von Unwillen ergriffen, Wuth blitzte aus ſeinen Augen, doch das vor ihm emporgehobene Kruzifir hielt ihn unbeweglich auf ſeiner Stelle feſt.„Moͤge einſt am Tage des juͤng⸗ ſten Gerichts,“ ſagte er,„Gott der Sohn nicht Re⸗ chenſchaft von euch verlangen, wegen der Gewalt⸗ thaͤtigkeit, die ihr gegen mich veruͤbet,“ Er kehrte mit einem Seufzer auf ſeinen Platz zuruͤck und en⸗ digte ſeine Mahlzeit. Man ſchwieg ſtill, bis er ſei⸗ nen Kappenmantel, ſeinen Hut und ſein Gewehr an ſich nahm und fortging, indem er in einem barſchen Tone ſagte:„Gott behuͤte euer Gnaden!“ Alle Anweſenden antworteten mit einem male:„Geht mit Gott, euer Gnaden!“— Paquita brachte dieſe Worte nur ſehr ſchwer heraus, ſie zitterte, als ſie dieſelben ausſprach. Die ſtrengen Blicke des Hrdensgeiſtlichen, des Don Geronimo und der Donna 22 Urraca, die den ihrigen begegneten, zwangen ſie die Augen niederzuſchlagen, und ſo konnte ſie nicht ein⸗ mal den ſtummen Abſchiedsgruß genießen, den der traurige Mauleſeltreiber ihr zuwarf. gweites Kapitel. — In dieſem Augenblicke trat ein Mann mit einer wichtigen und nachdenkenden Miene in den Saal. Kaum daß eine ſeiner Haͤnde, die oben aus ſeinem blauen Mantel hervorkam, den Alcalden mit jener fuͤchtigen Bewegung der Finger beehrte, welche der gewoͤhnliche Gruß in der Halbinſel iſt. Die ganze Familie war aufgeſtanden, um den Mann zu bewill⸗ kommen, den man ehrerbietig den Herrn Intendan⸗ ten nannte. Er naͤherte ſich dem Pater Procurasr und zeigte ihm Papiere, uͤber die ſich der ganze ver⸗ ſammelte Kreis zu freuen ſchien. Es ſah aus wie eine Werbeliſte.—„Ich hoffe wohl,“ rief Donna Urraca mit einem Blick zum Himmel,„daß meine beiden Soͤhne die Zahl der Helden, der Auserwaͤhl⸗ ten der Koͤnigin der Engel, vermehren werden.“ —„Die Vertheidiger des Glaubens werden ſich ſehr ſputen muͤſſen,“ erwiederte der Intendant, indem er jedes Wort abwog;„denn ich muß euch eine traurige Nachricht melden. Es kommen Trup⸗ pen hierher; ſie haben euern Bruder an ihrer Spitze, 23 Donna urraca.“ Francisca, welche nachlaͤßig am Fenſter ſaß, ohne Zweifel, um den Geliebten noch länger ſehen zu koͤnnen, drehte ſich bei dem zulezt ausgeſprochenen Worte lebhaft um, ihr Buſen wallte heftiger unter dem Mieder, wovon er eingepreßt war, und die Hoffnung ſchien darin an die Stelle der Betruͤbniß zu treten. Trompetenklang kuͤndigte jezt die Ankunft einer Escadron an, an deren Spitze ein General ritt. Der Tambour des Dorfes ver⸗ ſuchte auf den Trompetengruß zu antworten, die Einwohner liefen herbei und miſchten unter die Aus⸗ rufungen der Soldaten ihr Geſchrei; Es lebe die Conſtitution! es lebe der conſtitutionelle Koͤnig! Ueberraſcht und unwillig zeigte ſich der Pater Procu⸗ rator und der Intendant am Fenſter. Bei ihrem Anblick ſchwiegen oder entfernten ſich die eingeſchuͤch⸗ terten Landleute, und einige Frauen, deren Oppoſi⸗ tion ſich anfangs durch ein dumpfes Schweigen an⸗ gekuͤndigt hatte, faßten wieder Muth. Doch der Pfarrer erſchien; ſeine Kirchkinder reiheten ſich um ihn her, und durch ſein Beiſpiel wieder beruhigt, ſo wie durch die Gegenwart der Dragoner geſtaͤrkt, ſcheuten ſie ſich nicht mehr, das gelbe und rothe Band an ihren Huͤten aufzuſtecken. Die Ramen der heiligen Verfaſſungsurkunde und des vielgeliebten Ferdinand drangen aus dem Munde Aller. Der Ordensgeiſtliche und der Finanz⸗ beamte erkannten ſich fuͤr beſiegt; ſie raͤumten das Schlachtfeld und entfernten ſich durch eine Thuͤr, die nach dem Gebirge hinaus ging. —— 24 unterdeß war Francisca, von Freude und Zärt⸗ lichkeit berauſcht, aus dem Hauſe geſprungen. Der General kuͤßte ſeine Tochter an die Stirn, ſtreichelte die langen Flechten ihrer ſchwarzen Locken, die bis zur Erde herabwallten, und ſagte mit geruͤhrtem Tone:„Du haſt die Schoͤnheit deiner Mutter, ih⸗ ren Wuchs, ihr Haar„— In dieſem Au⸗ genblick erhob er das Haupt, und entdeckte, daß der Conſtitutionsſtein nicht mehr an ſeinem Platze ſchim⸗ merte; ſogleich riß er ſich ungeſtuͤm aus der ſanften Umſchlingung los, und gab in einem kurzen und ſcharfen Tone den Einwohnern einen Verweis, daß ſie ſo ſaumſelig waͤren, das Zeichen der Wiederge⸗ burt des Staats wiederherzuſtellen. Die Dorfbe⸗ wohner entſchuldigten ſich damit, daß ſie es nicht gewagt haͤtten, auf dieſe Art dem Alcalden entgegen zu handeln, ſo wie auch dem benachbarten Kloſter und dem Intendanten der eingezogenen Guͤter Seiner Excellenz des Markis von C***, der verbannt oder todt ſei. Hierauf beeilten ſie ſich, alle die Stuͤcke der Conſtitutionstafel, welche im Jahr 1814 von den Soldaten zerſchlagen worden war, wieder zuſammen⸗ zuſetzen. Die meiſten dieſer Truͤmmer waren ſeit⸗ dem im Pfarrhauſe aufbewahrt worden, die uͤbrigen fanden ſich in den Bauerhaͤuſern wieder, und ſo er⸗ hob ſich denn ſehr bald an der Vorderſeite der alten Behauſung des Don Geronimo, neben ſeinem Wap⸗ penſchilde, unter dem lauten Beifallklatſchen der Es⸗ cadron und der Volksmenge, doch unter den gehei⸗ men Verwuͤnſchungen der Frau Urraca, der Stein mit der Inſchrift in goldenen Buchſtaben: Conſti⸗ tution der ſpaniſchen Monarchie, beſtätigt den 19. Maͤrz des Jahres 1812. Der General trat in das Haus ſeiner Schweſter, die ſeit ſeiner Ankunft im Gebet begriffen war. Er war ein Mann von wildem Anſehen; groß und ſtark wie er war, hatte er mit ſeiner bis zur Erde herab⸗ haͤngenden Schaͤrpe eine Art von zuruͤckſchreckender Wuͤrde; ein drohender Blick brach durch die langen Augenwimper, womit ſeine Augenlieder bewaffnet waren; ſeine dichten Augenbraunen verdeckten die Haͤlfte ſeiner Augen, und ſein großer Knebelbart, ſeine verwilderten Haare und mehrere tiefe Narben nahmen den uͤbrigen Theil ſeines Geſichts ein. Er empfing die unterwuͤrfigen Aufmerkſamkeiten ſeines Schwagers, des Alcalden, auf eine ſehr ſchroffe Art.„Weniger Redensarten und Buͤcklinge!“ ſagte er, indem er ſich auf die Bank ſetzte, die laͤngs der Mauer hinunter lief.„Meine Herrlich⸗ keit— da dieſer Ausdruck euch einnial beliebt— bedarf blos eines; naͤmlich Gehorſam gegen die Ge⸗ ſetze, die Don Ferdinand beſchworen hat. Ihr ſeid nicht groͤßere Herren als er; ahmt ihm nach, und moͤge dies Doͤrfchen euch dann ſo ſegnen koͤnnen, wie ganz Spanien ſeinen großmuͤthigen Fuͤrſten ſeg⸗ net.“— Der Alcalde buͤckte ſich bis zur Erde, um zu antworten:„Ganz gewiß.“— Doch man ſah es ihm an, wie ſauer es ihm wurde, dies Wort zu ſagen, und Donna Urraca, die ihren Roſenkranz 26 in Bewegung ſetzte, beobachtete voll Unwillen das unterwuͤrfige Weſen Don Geronimo's. „Schweſter,“ ſagte der General zu ihr,„du ſiehſt mich nicht mit den Augen einer Chriſtin an; haſt du etwa noch was auf dem Herzen?—„Ich habe alles das auf dem Herzen, was mir beliebt, und wenn ich werde Luſt haben, vertrauliche Mit⸗ theilungen zu machen, ſo werde ich mich damit ge⸗ wiß nicht an einen Anhaͤnger von Neuerungen wen⸗ den.“—„Schweſter, du ſprichſt nicht wie eine Ara⸗ gonierin; wenn der Wein von Navarra dir nicht den Ropf verwirrt haͤtte, ſo wuͤrdeſt du wiſſen, daß die Cortes nichts Neues ſind. Die Staͤnde der Krone Aragoniens waren von jeher frei und wuͤrden es noch ſein, wenn die Camarilla's*) nicht geweſen waͤren, die in Gottes und ſeiner Heiligen Augen ver⸗ flucht ſind. Schweſter, ich ſpaße nicht. Der Koͤ⸗ nig hat das Syſtem beſchworen, und wahrlich es war Zeit; die Nation und er ſtanden auf keinem gu⸗ ten Fuße mit einander. Jezt ſind ſie ausgeſoͤhnt, und millionenfaches Wehe dem, der verſuchen wollte, dieſe Eintracht zu ſtoͤren! Da würde mir weder Bruder, Schweſter noch Neffe zu theuer ſein, ich *) Camarilla(kleine Kammerd. Dieſe Bezeichnung begreift jeden ohne unterſchied des Ranges und der Abkunft, der zu der Ehre zugelaſſen wird, täglich den Monarchen zu ſehen. Die Camarilla bildet für dieſen jeden Abend einen vertraulichen Zirkel. Man begreift leicht, daß bei einer unbeſchränkten Re⸗ gierung darin das jedesmalige Schickſal des Reichs entſchieden wird. W ließe alle an die höchſte Eiche des Landes henken; ſelbſt unſere liebe Frau del Pilar wuͤrde ſich umſonſt bemuͤhen, wenn ſie euch meinen Haͤnden entreißen wollte.“ Ein Offizier neigte ſich in dieſem Augenblick zu ſeinem Ohre, um ihn zu erinnern, daß den Artikeln der Conſtitution zufolge keine Militaͤrbehoͤrde einen Buͤrger duͤrfe aufhenken laſſen.—„Gut!“ erwie⸗ derte er,„eure Artikel koͤnnen ſich doch nicht auf die von Gott verfluchten erſtrecken, welche die heilige Verfaſſungsurkunde uͤbertreten. Sie verſetzen ſich aus dem Bereich derſelben hinaus, deſto ſchlimmer fuͤr ſie! am Tage des juͤngſten Gerichts moͤgen ſie dagegen proteſtiren, wenn ſie Luſt haben.“ Waͤhrend dieſes Wortwechſels war Francisca da⸗ mit beſchaͤftigt, den zahlreichen Adjutanten ihres Vaters Wein und Chocolade vorzuſetzen. Die mei⸗ ſten derſelben waren noch ſehr jung, verriethen eine hoͤhere Abkunft als ihr Chef, und trugen an ihrer rothen Kokarde das gruͤne Band der Soldaten von der Inſel Leon, auf welchem die Inſchrift zu leſen war: Constitucion o muerte. Anfangs hatten ſie große Ehrerbietung vor der Tochter ihres Gene⸗ rals, dann aber dachten ſie an ihren Stand, an ihre Schoͤnheit, und einer von ihnen, der ihren ſchlanken Leib umſchlang, wollte ihr im Sturme einen Kuß rauben. Die Strafe dafuͤr erfolgte auf der Stelle, daß das ganze Haus davon wiederhallte.„Ihre Mutter ſelber haͤtte es nicht beſſer machen koͤnnen,“ ſagte der Feldmarſchall, indem er ſeinen Cigarro an⸗ 28 zuͤndete, und bei dem Anbenken, welches er ſich dadurch vor die Seele zuruͤckgerufen, verrieth ſich eine Ruͤhrung auf ſeinem Geſicht, das ſonſt iun nichts geruͤhrt zu werden ſchien. Eine unharmoniſche Muſik und Freudenge⸗ ſchrei, welches draußen erſcholl, zeigten an, daß die Bewohner des Dorfes dem General ein Staͤnd⸗ chen bringen wollten. Der Alcalde, Francisca, die Offiziere baten ihn inſtaͤndig, dem ungeduldigen Verlangen des Volkes zu willfahren, welches gern noch einmal den Helden der National⸗Un⸗ abhaͤngigkeit und der buͤrgerlichen Frei⸗ heit ſehen wollte.„Demonio,“ erwiederte er, „dieſe Leute da ſind Narren! wenn ſie mich wer⸗ den geſehen haben, da werden ſie auch wohl etwas rechtes haben.“ Und da das Geſchrei ſich verdop⸗ pelte, fuͤgte er hinzu:„Da, Paquita! vertritt einmal meine Stelle; deine Figur wird ihnen mehr Vergnuͤgen machen als die meinige.“ Enlich wurden die Bitten ſo dringend, daß der furchtbare General, um ſie los zu werden, ſich ihnen zeigte und dabei ſagte:„Man haͤlt mich wohl fuͤr eine Bildſaͤule des heiligen Chriſtoph? glaubt man denn, daß mein Anblick vor einem ploͤtzlichen Tode ſchuͤtzt?“ Hierauf ſetzte er ſich an ein Fenſter, die eine Hand in ſeiner Schaͤrpe, ei⸗ nen Cigarro in ſeinem Munde, und das Auge mit einer unverſtoͤrbaren Kaltbluͤtigkeit auf die Menge gerichtet, welche die Luft mit ihren Segenswuͤnſchen erfuͤllte und ihm Blumen zuwarf. 29 Ich war nun beinahe ſchon zwei Stunden in der Poſada, und man hatte ganz vergeſſen, mir et⸗ was vorzuſetzen. Ich ergab mich ohne Schwierig⸗ keit darein, aufzubrechen und mir auf Frankreichs Voden eine bequemere Mahlzeit zu ſuchen. Ich mußte jezt noch erſt meine Rechnung be⸗ richtigen. Donna Urraca verlangte fuͤr den Hafer und Haͤckerling ſehr wenig. Ich wunderte mich be⸗ reits uͤber ihre maͤßigen Forderungen, als ſie noch einen Real*) druͤber verlangte, fuͤr den Platz, den mein Pferd im Stalle eingenommen. Indeß mein beſcheidener Gaul war auf freier Straße geblie⸗ ben, und es wuͤrde mir auch ſchwer geworden ſein, ihn anderswo unterzubringen. Dieſe Bemerkung, die ich ſchuͤchtern wagte, zog mir eine Flut wuͤthen⸗ der Verwuͤnſchungen zu. Ich beeilte mich daher, die edle Donna zufrieden zu ſtellen, und fuͤhlte mich gluͤcklich, von ihren Schmaͤhungen und von ihren Erinnerungen an die Schlacht von Roncevaux noch ſo wohlfeilen Kaufs davon zu kommen. Allein das war noch nicht alles. Es wurden noch drei Realen gefordert fuͤr den Laͤrm, para el ruido. Ich dachte anfangs, ich ſollte den Laͤrm bezahlen, den ich mit angehoͤrt hatte; doch die Frau des Alcal⸗ den antwortete mir voll Unwillen, es ſei hier von dem Laͤrm die Rede, den ich ſelber gemacht haͤtte.„Man ſieht wohl,“ fuhr ſie fort,„daß ihr noch niemals in den Staaten Seiner katholiſchen Majeſtaͤt ge⸗ *) Fünf Sous. 30 reiſt ſeid, und ihr konnt euern Gluͤcksſtern preiſen, der euch zu Leuten gefuͤhrt hat, wie wir ſind, an jedem andern Orte wuͤrde euch dieſer Artikel— nenmal mehr gekoſtet haben.“ Ich zahlte die Realen und konnte nun endlich fortkommen. Der Herr Don Francisco de Paula, der jezt zum erſtenmal mit ſeiner Hand nach dem Hute fuhr und die Thuͤrſchwelle verließ, auf wel⸗ cher er die ganze Zeit unbeweglich dageſtanden hatte, vergab ſich ſo viel von ſeiner kuͤnftigen Wuͤrde, daß er— anfangs in demuͤthigen Ausdruͤcken, dann aber in einem ſehr hohen Tone— das Trinkgeld fuͤr den Aufwaͤrter verlangte. Seine Mutter, die uͤber meine abſchlaͤgige Antwort empoͤrt wurde, verfolgte mich mit ihren Scheltworten. Ja, ſie nannte mich ſogar abſichtlich einen verfluchten Franzoſen, in der Hoffnung, den Poͤbel gegen mich aufzuwiegeln. Allein die Zeit war voruͤber, wo Spanien dieſen Namen verabſcheute. Blos die Feinde des conſtitutionellen Syſtems haben vor dem Vaterlande Montesquieu's, vor den Mitbuͤrgern der geſetzgebenden Verſammlung einen heiligen Ab⸗ ſchen. Das einzige Gefuͤhl, was von Freiheits⸗ kriegen im Volke zuruͤckbleibt, iſt der Nationalſtolz, und wenn ſich ja noch Haß dazu geſellt, ſo wendet dieſer ſich in voller Glut gegen den Urheber dieſer großen Frevelthat. Unſere Soldaten ſind in der Verdammniß nicht mit inbegriffen, die blos ihren Oberfeldherrn trifft. In der Strohhuͤtte ſpricht man von ihnen mit Bewunderung und Wohlwollen, 31 — waͤhrend man in den Geſellſchaftsſaͤlen unaufhoͤr⸗ lich unſere Schriftſteller, unſere Staatsmaͤnner, unſere Lehrer des Staatsrechts anfuͤhrt und zitirt. Einſt zeigten ſich mir Ruinen auf meiner Reiſe; ich fragte, wer das gethan habe.„Es waren die Franzoſen,“ antwortete mir ein Bauer;„aber was iſt das weiter, ſie waren ja unſere Feinde.“—„Und jene da, weiterhin?“—„Das waren die Englaͤn⸗ der,“ erwiederte er mit einem Blick, der noch mehr ſagte als die Verwuͤnſchungen, womit er die Worte begleitete:„Es waren unſere Verbuͤndeten!“ Ich faßte jetzt mein Pferd beim Zuͤgel. Einige Dragoner riſſen ſich von der Menge los, die immer fort noch mit ihrem Vivatrufen den unbeweglichen General begruͤßten, und kamen, um mir den Steig⸗ buͤgel zu halten. Ein Brigadier trug mir eine Be⸗ deckung an, um mich durch das Gebirge zu gelei⸗ ten, das, wie er ſagte, durch Straßenraͤuber und weiße Baͤren unſicher gemacht wuͤrde. Die Zier⸗ rathen an ihren Helmen waren zerbrochen, ihre Bekleidung zerfiel in Lumpen. Die Verſchiedenheit der Zeuge, der Farben, und des Zuſchnittes mach⸗ te dieſes verfallene Anſehen noch augenſcheinlicher. Einige trugen die Uniformen unſerer Soldaten, die ſie vor zehn Jahren auf dem Schlachtfelde aufge⸗ rafft hatten. Als dieſe unglücklichen Vertheidiger eines großen Volkes ſahen, daß ich ihr Anerbieten, mich zu begleiten, nicht annahm, ſo entſchloſſen ſie ſich, mir zu ſagen, daß ſie ſeit zwanzig Monaten keinen Sold geſehen haͤtten, und baten mich ſo⸗ 32 dann um eine kleine Unterſtuͤtzung.„Die Conſti⸗ tution,“ fuhren ſie fort,„habe die Abſicht, die Schulden des Vaterlands abzuzahlen, aber ſie habe noch nicht Zeit dazu gehabt, und die heilige Jungfrau wuürde mir alles, was ich ihnen er⸗ zeigte, vergelten.“ Eine Art von Schamroͤthe ſtieg mir ins Geſicht, als ich dieſen beſcheidenen Beliſaren mein Almoſen reichte, und ich ritt von dannen, indem ich die ſpaniſche Freiheit wegen des traurigen Erbtheils beklagte, welches die unum⸗ ſchraͤnkte Regierung ihr hinterlaſſen. Moͤchte ſie nur nicht am Ende, dachte ich bei mir ſelbſt, unter der Laſt des Elends, das ſie wieder gut machen ſoll, erliegen! Der General rauchte noch immer in ſeiner amt⸗ lichen Stellung am Fenſter. Man hatte ihm ohne Zweifel zugeredet, an die Dorfbewohner eine An⸗ rede zu halten. Er ſireckte die Hand aus; eine tiefe Stille trat unten auf dem Platze ein. Ich wandte mein Pferd um, und erblickte neben dem wildausſehenden Redner einen kleinen Offizier, der ſich auf die Fußzehen ſtellte, um ihm die Anrede vorzuſagen und ſeine Wichtigkeit vor Aller Augen bemerkbar zu machen. Er fluͤſterte ihm vor, und zwar ſo laut als die Souffleure auf den ſpaniſchen Theatern:„Die Conſtitution der Monarchie“— und der General wiederholte mit laut ſchallender Stimme:„Die Conſtitution der Monarchie.— „Iſt,“ fuhr der Verfaſſer der Rede fort,“ der Sapphir unter allen freien Verfaſſungen und der 33 Polarſtern der civiliſirten Welt„ 4 Francis⸗ ca's Vater hatte ſo eben angefangen, dieſe Phraſe nachzuſagen; auf einmal ſtockt er, draͤngt den Souffleur zuruͤck, und begnuͤgt ſich, zu rufen: „Meine Freunde, der vielgeliebte Ferdinand und die Conſtitution!„die Conſtitution und der viel⸗ geliebte Ferdinand.. Die ganze Volks⸗ maſſe antwortete mit dem Rufe:„Freiheit oder Tod, es lebe der Koͤnig!“ Ich nahm meinen Ruͤckweg nach der Brücke von Oholdizun. Zu meiner Rechten ſtieg eine lan⸗ ge Prozeſſion weißer und ſchwarzer Ordensgeiſt⸗ lichen von dem Kloſter herab, das auf dem Hugel prangt. Sie wollten den Einfluß ihrer perſoͤn⸗ lichen Erſcheinung verſuchen, um den Triumpf des neuen Syſtems zu hemmen. Bei ihrem An⸗ blick entſtand eine Spaltung im Doͤrfchen. Einige Alte und die Mehrzahl der Frauen ſchwiegen ſtill, als fuͤrchteten ſie, ſich den Kirchenbann zuzuziehen; doch die Maͤnner, durch die Verbindung mit den Soldaten ermuthigt, hielten wacker Stand, und das Freiheitsrufen, welches durch den Wiederhall ver⸗ vielfaͤltigt wurde, verfolgte mich bis auf das fran⸗ zoͤſiſche Gebiet. Ich traf, noch ehe ich an die Grenze kam, den andaluſiſchen Mauleſeltreiber auf einer Anhoͤhe ſitzen, umgeben von ſeinen Mauleſeln, welche da frei weideten. Mit dem Geſicht gegen Urdax hingewendet, ſchien er ſich von dem Anblick des Aufenthalts ſeiner geliebten Paquita nicht tren⸗ nen zu koͤnnen. Die Gitarre ruhte muͤßig in ſeiner 3 Hand. Sein Herz vermochte in dieſer fernen Aus⸗ ſicht nach dem Gegenſtande ſeiner Liebe hin Nahrung fuͤr ſeine Traͤumereien zu finden, aber keinen Stoff zu Liedern. Bei der köſtlichſten Witterung, zwiſchen lachen⸗ den Waſſerfaͤllen, unzaͤhligen Eiſenhaͤmmern und Nühlen gelangte ich enblich auf den Boden Frank⸗ reichs zuruͤck. Ich kam ſehr bald in einen un⸗ geheuern Thalkeſſel, den die hoͤchſten Berggipfel dieſes Theils der Pyrenaͤen umſchließen. Hier zeigt ſich das lezte Dorf des baskiſchen Landes. Mitten an einem Kreuzwege, deſſen eine Haͤlfte ein freier Platz einnimmt, erhebt ſich ein Wirthshaus. Ich kehrte da ein, um die Mahlzeit einzunehmen, die ich bei dem Gaſtwirth in Navarra vergebens verlangt hatte. Ein gut unterhaltenes Haus, ein mit Sorg⸗ falt und ſelbſt mit Geſchmack eingerichtetes Zim⸗ mer, ein gutes Mittageſſen, Reinlichkeit im gan⸗ zen Zimmer⸗ und Tafelgeraͤth, dergleichen Vor⸗ zuge wuͤrden in jedem Lande auf einem Dorfe un⸗ ſchätzbar geweſen ſein ⸗ Dem Reiſenden werden ſie indeß ganz beſonders fuͤhlbar, wenn er ſo eben erſt am Heerde der ſpaniſchen Bauern gegeſ⸗ ſen hat. Die emſige Sorgfalt und Gutmuͤthigkeit meiner alten Wirthin machte mich vollends gluͤcklich und ſtolz auf die Vergleichung, die ich anſtellte. Ich kann denjenigen meiner Leſer, welche etwa die Pyrenaͤen durchreiſen ſollten, die gute Frau Hi⸗ riart zu Ainhoa empfehlen. 35 Minhoa beſteht aus etwa zweihundert Häufern. Um die Stunde des Eſſens ſitzen die Einwohner vor ihren Thuͤren, und man koͤnnte ſie um ſo eher mit der Gemeinde von Lacedaͤmon vergleichen, da die Hauptſtraße, welche zugleich die einzige des Orts iſt, einen eigenen Uebungsplatz hat. Es iſt dies ein geraͤumiger Sandplatz fuͤr das Ballſpiel. In dieſem Spiele, welches eben ſo viel Kraft als Vbeigeie erfordert, zeichnen ſich die Basken aus. In dem Augenblick meiner Ankunft waren ſie mit die⸗ ſer Uebung grade beſchaͤftigt, um ihre ſonntaͤglichen Mußeſtunden angenehm auszufuͤllen, und waͤhrend ſie den bleiernen Ball in einem eiſernen Handſchuh auffiengen, waren alle Maͤdchen des Dorfes auf dem freien Platze vor dem Wirthshauſe zu anderen Ver⸗ gnugungen verſammelt. Endlich ließ die Kirchenglocke ihren Ruß ertoͤnen. Die Spiele hoͤrten auf, ganz Ainhoa eilte in den Abendgottesdienſt, und ich folgte der Menge. Hier haben die chriſtlichen Zeremonien etwas weit ehrwuͤr⸗ digeres als in dem Pomp unſerer Stäͤdte, zugleich liegt in der Vertheilung ſo wie in der ganzen Stel⸗ lung der Anweſenden etwas weit feierlicheres. Die Maͤnner ſind von den Frauen abgeſondert, wie bei den Anhaͤngern des alten Bundes; ſie befinden ſich naͤmlich auf einer Gallerie von Eichenholz, die dop⸗ pelt über einander rings um das Schiff der Kirche herumlaͤuft und ihm zur Zierde dient. Die Frauen dagegen bleiben unten in der Kirche. Einige ver⸗ danken dem Privilegium ihres hohen Alters— das 3 36 einzige, was dieſe glaͤckliche Gegend anerkennt— den Vorzug, auf einem Schemmel zu ſitzen, die uͤbri⸗ gen liegen auf den Knieen, und, als ob die Entfer⸗ nung ſie noch nicht genug vor den Blicken der Maͤn⸗ ner und vor irdiſchen Weltgedanken ſchuͤtzte, huͤllen alle, vom erſten Glockenklange an, ihren Kopf in ein langes Stuck ſchwarzes Tuch, das bis auf die Erde herabhaͤngt. Ich wurde in den Betrachtungen, welche mir die einfache Wurde des Ortes einfloßte, durch den Anblick eines Mannes geſtoͤrt, der in ſeinem ganzen Weſen und in ſeinem Blicke irgend etwas auffallen⸗ des hatte. Er war nicht bei den andern Maͤnnern. Unten an einer der beiden Treppen, die zur Gallerie der Maͤnner emporfuͤhren, daſtehend, und mit der einen Hand auf den ſteinernen Weihkeſſel geſtutzt, ruhte er mit ſeinen großen ſchwarzen Augen faſt un⸗ unterbrochen auf einer jungen Frau, die vor ihm hingekniet war. Es war die einzige, die ſich in ſei⸗ ner Naͤhe befand, und rings um beide her war ein leerer Raum, obwohl die Schaaren der Glaͤubigen auf allen anderen Punkten dichtgedraͤngt und bis in die Mitte des Kirchhofs hinaus ſtanden. Die Dorf⸗ bewohnerinnen, die dem Unbekannten noch am naͤch⸗ ſeen waren, ſchienen durch irgend eine geheime Un⸗ ruhe von der dem heiligen Amt gebuͤhrenden Aufmerk⸗ ſamkeit abgezogen zu werden. Ihre Aengſtlichkeit entgieng ihm nicht, und ſein Geſicht, das von einer ernſten Schoͤnheit war, uͤberließ ſich einem Lächeln, worin ſich zugleich etwas Ironie und große Traurig⸗ 37 keit abſpiegeite. Er war noch jung, doch mitten aus ſeinen dunkeln Locken glaͤnzte ein Büſchel ſchnee⸗ weißer Haare gleich jenen Flaͤmmchen, welche die Kahler aus den Koͤpfen ihrer Heiligen hervorquillen laſſen. Auf ſeinem ruhigen und ernſten Geſicht konnte man Energie, Stolz und Hinneigung zu du⸗ ſtern Gedanken leſen; blos ſein Auge verrieth ein feuriges Gemuͤth. Obwohl er ganz wie die Basken gekleidet war, ſo errieth man doch ſehr leicht, daß er nicht unter ihnen geboren ſei. Sein rother Guͤr⸗ tel hatte auf der linken Seite eine Schleife, die ihm mehr Zierlichkeit gab, ſein Kragen war mit mehr Ge⸗ ſchmack zuruͤckgeſchlagen, ſeine Haare, vorn abge⸗ ſchnitten, wallten hinten in laͤngeren Locken auf ſeine Schultern herab,— ein Brauch im Lande Bearn, der ſich vielleicht noch von den alten Germanen her⸗ ſchreibt. In ſeinem Baret, einer Art von flacher Muͤtze, die ſeitwaͤrts auf den Kopf geſetzt wird, haͤtte man den Fremden leicht fur einen unſerer langgelock⸗ ten Koͤnige der Vorzeit halten koͤnnen. Ich fuͤr mein Theil konnte ihn nicht verkennen. Es war derſelbe, deſſen Gegenwart auf den Domi⸗ nicaner und auf den Andaluſier in der Herberge zu Urdax einen ſo ganz verſchiedenartigen Eindruck ge⸗ macht hatte. Als die Veſper geendigt war, bot er mit vielem Anſtande der jungen Frau, die ich vor ihm bemerkt hatte, Weihwaſſer dar. Die Menſchenmenge theilte ſich, um ihn durchzulaſſen, die Muͤtter zeigten ihn ihren Soͤhnen, und die Kinder folgten vermoͤge der grauſamen Neugierde ihres Alters ihm auf dem 38 Fuße, indem ſie ehrenruͤhrige Worte murmelten. Er gieng mitten in dieſem Gefolge ganz ſo, als ob dieſe allgemeine Aufmerkſamkeit ſuͤr ihn nichts kraͤnkendes oder uͤberraſchendes habe. Die Dorfleute, uͤber die⸗ ſes ruhige Selbſtvertrauen aufgebracht, waren im Begriff, ihrem Unwillen freien Lauf zu laſſen, als ſie ſahen, wie ſeine ſchuͤchterne Begleiterin, die er am Arme fuͤhrte, aͤngſtlich fuͤr ihren Beſchuͤtzer beſorgt, ſich an ihn anſchmiegte. Dieſe ruͤhrende Furchtſam⸗ keit war hinreichend, um ſie zu entwaffnen. Sie verbarg ihren Wuchs und ihre Geſtalt unter einem ſchwarzwollenen Maͤntelchen; man bemerkte an ihr blos eine edle Haltung, einen aͤußerſt niedlichen Fuß, und ein einfaches Kleid von buntſcheckigem Zeug, wie man ihn da zu Lande traͤgt. Ich fragte meine Wirthin, was denn das fuͤr ein ſeltſames Ehepaar waͤre.„Ganz abſcheuliche Leute,“ erwiederte Frau Hiriart,„wenigſtens der Mann! Es iſt der von den Galeeren Entlaufene; unter einem andern Namen kennen wir ihn nicht.“— Er hatte ſich ſeit einigen Jahren unter ihnen niedergelaſſen, und lebte ohne allen Verkehr mit der Nachbarſchaft; man kannte weder ſeinen Stand noch ſein Vaterland, al⸗ ei 5 ine Haͤnde hatten das Geheimniß ſeines Un⸗ glůcks verrathen, denn man ſah dieſen traurige Male eingedruckt. Dieſe Entdeckung empoͤrte bereits alle Gemuͤther, als man ſich noch vollends erinnerte, daß ein ſpaniſcher Grande, der ſich kurze Zeit zuvor in die⸗ ſem Theil der Pyrenäen verirrt gehabt, voll Entſetzen von den Berghoͤhen des Atzulal herabgekommen war, 39 weil er dort einen Menſchen angekroffen, der ſo eben ſeinen Vater geopfert hatte. Der Gedanke an ſo große Greuelthaten war für das ganze Dorf ſchauder⸗ erregend, und ich ſelbſt empfand etwas von dieſem Eindruck. Einem Menſchen zu begegnen, der durch die niedrigſte Zuͤchtigung gebrandmarkt iſt, floͤßt daſ⸗ ſelbe Grauen ein, wie jene naͤchtlichen Geſpenſterer⸗ ſcheinungen, womit der Aberglaube des Volkes ſich traͤgt. Nur daß jenes aus dem Aberglauben des Gewiſſens entſpringt, wogegen die Vernunft uns gluͤcklicher Weiſe keine Schutzwaffen an die Hand giebt. unterdeß war der Abend herangekommen, und die Spiele begannen von neuem. Die Maͤdchen, alle in ihrem ſchoͤnſten Sontagsſtaat, tanzten nach dem Klange des Tambourin's. Das ganze Dorf war um ſie her verſammelt und geſellte ſich ihren Beluſtigun⸗ gen bei, nur einige ſpaniſche Mauleſeltreiber, in ih⸗ ren treuen Mantel gehuͤllt, unterſchieden ſich vor dem uͤbrigen Kreiſe durch eine Stellung, die ſo wuͤrdevoll war wie ihre Tracht. Aus den Fenſtern meines Wirthshauſes hatte ich eine Ausſicht auf dies Feſt, und ſah es eine lange Weile mit Vergnuͤgen an. Doch bald zog ein eichener Schrank voll beſtaubter Buͤcher, der an der Mauer befeſtiget war, meine Auf⸗ merkſamkeit auf ſich. Dieſe beſcheidene Bibliothek pot meiner Neugierde nichts weiter dar, als Meßbuͤ⸗ cher, in der Landesmunbart von Bearn geſchrieben, ein ſpaniſches Buch uͤber Alchymie, theologiſche Ab⸗ handlungen der Univerſitäͤt zu Pamplona, eine 40 Sammlung von Volksliedern aus ber Umgegend, und eine franzoͤſiſche Flora. Ich blätterte hin und her, um zu ſehen, zu welchem dieſer Buͤcher ich wohl am beſten meine Zuflucht nehmen koͤnnte, um den lan⸗ gen Abend auszufuͤllen. Meine Wirthin hatte die Guͤte, eine hohe Meinung von meiner Gelehrſamkeit zu faſſen, und bald kam ſie mit einem dicken Manu⸗ ſcript herein, welches ihr Sohn vor laͤngerer Zeit auf der Heerſtraße von Navarra gefunden hatte. Frau Hiriart erzaͤhlte mir mit der Weitſchweifigkeit der Helden Homer's, wie intereſſant ſie daſſelbe beim Durchleſen gefunden habe. Ihr beifaͤlliges Urtheil machte mich neugierig, und ich las nun ſelber die ka⸗ ſtilianiſche Erzaͤhlung durch, die ich hier der Leſewelt in folgender Ueberſetzung mittheilen will. 3weites Bucch. Das Manuſcript von Ainhoa. Erſtes Kapitel. Die wohlthaͤtige Hand, die mir Troſt zukommen ließ, legt mir eine Pflicht auf, und ich unterwerfe mich gern. Es koſtet mich wenig Ueberwindung, die Denkwuͤrdigkeiten meines Lebens aufzuzeichnenz Don Alonſo darf ſeine Erinnerungen nicht fuͤrchten. Der Menſch verweilt ſo kurze Zeit auf Erden, daß er alle Anſtrengungen aufbietet, um ſeine Fort⸗ dauer hienieden in jeder Hinſicht zu verlaͤngern⸗ Man koͤnnte die Gegenwart einen Abgrund nennen, uͤber welchem er voll Bangigkeit ſchwebt. Der Ehr⸗ geiz und der Stolz ſind die gebrechlichen Zweige, an denen er ſich feſthalt, um jene unzugaͤnglichen Ufer, die Zukunft und die Vergangenheit, zu erreichen. 42 Der Geſchichtſchreiber wuͤrde einen Theil ſeiner Aufgabe nicht geloͤſt zu haben glauben, wenn er nicht ſeine Leſer durch die langen Reihen von Graͤbern der Altvordern fuͤhrte, aus deren Nitte ſein Held ent⸗ ſprungen iſt. Ich bequeme mich dieſer Sitte an, und zwar, wie ich hoffe, ohne Stolz, aber auch ohne jene faͤlſchlich erheuchelte Beſcheidenheit. Wenn ich auch nicht zu denen gehoͤre, die etwas darein ſetzen, veraͤchtlich auf jene Familienjahrbuͤcher herabzuſehen, in denen von Jahrhundert zu Jahrhundert Namen glaͤnzen, die der Menſchheit ewig verehrungswuͤrdig ſein werden, ſo weiß ich doch auch, daß es beſſer iſt, gar keine Ahnen zu haben, als ihrer unwuͤr⸗ dig zu ſein. Welches auch immer die Herkunft eines jeden ſein mag, derjenige, der ſeinen Soͤh⸗ nen Ehre macht, ſteht tauſendmal hoͤher, als der Abkoͤmmling von Koͤnigen, wenn dieſer ſeinen Va⸗ tern keine Ehre macht. Meine Familie gehoͤrte zu der Zahl kaſtiliani⸗ ſcher Haͤuſer, in deren Adern blos königliches Blut rinnt. Einigen Genealogen zufolge, von Chlodwig, nach andern, was ich dahingeſtellt ſein laſſe, von Priamus abſtammend, maͤchtig, wenig⸗ ſtens ſeit den Zeiten der Gothen, ſpaͤterhin an den Kaͤmpfen des Pelagius theilnehmend, trat mein Geſchlecht in den Nationalverſammlungen mit Glanz unter den Ricos homes auf, eine Art edler Ari⸗ ſtokratie, wovon die heutige Grandezza nur ein ſchwacher und zweifelhafter Schatten iſt. Meine Ahnen theilten mit den beruͤhmteſten Geſchlechtern 43 den Vorzug, den Beherrſchern, die in den ver⸗ ſchiedenen Reichen der Halbinſel den Thron beſtie⸗ gen, aus ihrem Stamme Gemahlinnen und Muͤt⸗ ter zu geben. Die Haupturſache dieſer voͤlligen Umgeſtal⸗ tung der ehemaligen Verhaͤltniſſe Spaniens iſt zum Theil in der Einfuͤhrung der Majorate zu ſuchen, die, obwohl erſt vor wenigen Jahrhun⸗ derten in Spanien eingerichtet, dennoch die un⸗ glaublichſten Veränderungen bei uns hervorgebracht haben. Wenn die Urheber dieſer Staatseinrichtung es blos auf die Zerſtoͤrung des Landbaues auf die Entvoͤlkerung der Provinzen, mit einem Wort auf Elend und deſſen getreue Gefährtin, die Unwiſſen⸗ heit, abgeſehen haͤtten, ſo war ihr Zweck auf das vollkommenſte erreicht; allein ſie wollten auch noch eine große und kräftige Ariſtokratie aufſtellen, und ſo hat denn ihre kurzſichtige Staatskuuſt nichts wei⸗ ter gethan, als den Glanz des alten kaſtilianiſchen Adels verdunkelt. Durch ſie hat Spanien einen großen Theil jener Namen eingebußt, die ſich aus der Mitte der Voͤlker wie lebendige Pfeiler ihres Ruhmes erheben. Und das iſt es, was das uͤbrige Europa noch nicht genugſam weiß. Der Markis von C***, der Großvater mei⸗ nes Vaters, hatte waͤhrend ſeiner Feldzuͤge in Ita⸗ . 44 lien den Ruhm ſeines Geſchlechts vermehrt. Ich ſtamme von ſeinem zweiten Sohne ab. Der al⸗ tere hinterließ blos eine Tochter, die ihre unermeß⸗ lichen Guͤter und ihre dreihundert Titel einem frem⸗ den Hauſe zubrachte, ſo ſind denn die Oſſuna's Beſitzer von vier bis fuͤnf tauſend Namen gewor⸗ den. Der beruͤhmteſte unter den unſrigen, der des Markis von C***, von dem alle Blaͤtter der An⸗ nalen Spaniens reden, wuͤrde fuͤr immer in den Verzeichniſſen der Lehen und Wuͤrden ſeiner neuen Beſitzer begraben geblieben ſein, wenn er nicht vor etwa zwanzig Jahren einem alten Kammerherrn zugefallen waͤre, der ihn fuͤr aͤlter als ſeine Her⸗ zogthümer erkannt, und unſerer Landesſitte zufolge einen Stolz darein geſetzt haͤtte, keinen andern zu fuhren.* Meine Familie, auf den unbekannten Namen von B*** beſchrankt, zog ſich fern vom Hofe zuruͤck. Sie hätte es unter ihrer Wuͤrde gehalten, daſelbſt zu erſcheinen, da ſie ſich in Gegenwart des Koͤnigs nicht mehr das Haupt bedecken durfte. Von da an wurde ſie unbedeutend und arm, und verlor ſich un⸗ ter jenen Geſchlechtern, die man Agraviadas 8) nennt, weil die Ungerechtigkeit der Fuͤrſten oder un⸗ gluͤckliche Zeitumſtaͤnde ſie fern von jener Grandez z30 hinweg verbannt haben, die doch juͤnger und minder erlaucht iſt als ſie. Don Luis B***, mein Vater, diente, ſeit er aus ſeinen Kinderjahren getreten, in *) Beeinträchtigte. 45 Italien und ſpäter in Amerika, um jene Zeit, wo der große Karl der Dritte und der vaterliche Ludwig der Sechzehnte der Welt das Schauſpiel gewaͤhrten, daß Monarchen des alten Europa's ſich verbanden, um der Neuen Welt die Wohlthaten der Civiliſation und der Freiheit zu ſichern. Er ſtand in Garniſon zu Havana, in dieſer reichen Kolonie, deren Wich⸗ tigkeit durch die dem Vaterlande Waſhington's zu⸗ geſicherte Freiheit bereits geſtiegen war. Der Ge⸗ neral-Kapitain Don Juan***, ein ehrgeiziger und hochmuͤthiger Mann, der nach allen Seiten hin mit der Grandezza in Beruͤhrung kam, hatte die Verkehrtheit begangen, ſich den Rang eines Kaſtilia⸗ ners*) ertheilen zu laſſen, um ſich Baron von R* nennen zu koͤnnen, war mit Don Luis an den Ufern des Po zuſammengetroffen, und zwiſchen beiden hatte ſich ein vertrautes Freundſchaftsverhaͤltniß gebildet. Mein Vater lernte die Liebe zum erſtenmal in einem Alter kennen, wo die lebhafte Flamme derſel⸗ ben ſonſt gewoͤhnlich dem Erloͤſchen naͤher iſt als dem Auflodern, und zwar zu den Fuͤßen einer Franzoͤſin, der Tochter eines alten Offiziers, deſſen lange Dienſte ſo eben mit einem Ludwigskreuz bezahlt worden wa⸗ ren. Das Schiff, welches die ſchoͤne Eleonore nach Europa zuruͤckfuͤhrte, war durch die Verfolgung ei⸗ ner engliſchen Flotte gezwungen worden, in einen befreundeten Hafen einzulaufen, und ſollte jezt eben — ²) So nennt man die Vorrechte, welche der König von Spa nien ertheitt, ohne die Grandezza, d. h. das Recht, ſich in ſeiner Gegenwart das Haupt zu bedecken, damit zu verknüpfen. 46 wieder unter Segel gehen. Don Luis ſah voll Ver⸗ zweiflung dieſen Augenblick immer naͤher kommen, als ihm eines Tages Don Juan meldete, die Fremde ſei aus Havana fort; ſie ſei nämlich bei finſtrer Nacht ihrem Vater entriſſen und uͤber Meer wegge— fuͤhrt worden, um in den Gefaͤngniſſen des Glaubens⸗ gerichts zu Mexico zu ſchmachten. Man beſchuldigte ſie, ſie habe an einer Kirchthuͤr die Kreuzbulle*) ſo veraͤchtlich von ſich geſtoßen, daß davon das heilige Ciborium im Sacramenthaͤuschen gezittert haͤtte. Außerdem wurden ihr noch andere unheilige Hand⸗ lungen ſchuldgegeben. Don Luis ſchiffte ſich in ſei⸗ nem Schmerze nach Neuſpanien ein und eilte nach der Stadt Montezuma's. Der Senat des Inquiſitionsgerichts zaͤhlte unter ſeine Mitglieder unter andern auch einen Geiſtlichen von eben ſo milder als tiefer Froͤmmigkeit. Don Iſidro hatte damals erſt die Haͤlfte jener Laufbahn zuruͤckgelegt, auf welcher ſeine wahrhaft evangeliſchen Eigenſchaften ſeinem Alter einſt eine reiche Ernte von Wuͤrden und Ehrenaͤmtern verheißen. Mein Vater gab ſich ungeſaͤumt zu ihm; er wußte, daß dieſer ehrwuͤrdige Ordensgeiſtliche mehr ein Vertheidiger als ein Richter fuͤr die ungluͤckliche Eleonore ſein wuͤrde. ) Dieſe Bulle, die zu den Zeiten der Züge und Kämpfe ge⸗ gen die Ungläubigen erlaſſen worden, bewilligt einen gewiſſen Ablaß. Jeder Gläubige iſt verpflichtet, ſich denſelben zu ver⸗ ſchaffen, und daſür nach Maaßgabe ſeines Vermögens Geld zu zahlen. Die Geldeinnahme, welche dies alljährlich abwirft, iſt ſehr bedeutend. Indeß der Krieg, der in den erſten Regierungs⸗ jahren Karls des Dritten zwiſchen der Inquiſition und der Krone ausgebrochen war, machte die Inqui⸗ ſitoren eben nicht zum Begnadigen geneigt. Der Koͤnig war fuͤnf Jahre fruͤher gezwungen geweſen, den erlauchten Olavide ihren Blitzſtrahlen preiszuge⸗ ben. Die Parthei des Fanatismus, ſtolz auf ihren errungenen Sieg, ſetzte nun alle ihre Triebfedern in Bewegung; ſie hatte ſich das Vergnuͤgen gemacht, zu Sevilla Scheiterhaufen wieder anzuzuͤnden, die man laͤngſt fur erloſchen gehalten hatte. Der Senat von Mexico, der die Gewohnheit noch nicht aufgege⸗ ben hatte, mitten in der Neuen Welt Mordflammen auflodern zu laſſen, ſchien ſich fuͤr berufen zu halten, dieſe blutduͤrſtige Theokratie in ihrem vollen Glanze wieder herzuſtellen. Ein Auto dafé ward unter Trompetenſchall ausgerufen; das Volk bebte vor Freude um das Blntgeruͤſt. Die Verurtheilten er⸗ ſchienen. Eleonore hatte ſelbſt noch in dieſer widri⸗ gen Kleidung eine Ehrfurcht gebietende Haltung, die den Ausdruck der allgemeinen Freude etwas zuruͤck⸗ draͤngte. Der urtheilsſpruch ward bekannt gemacht; mein Vater hoͤrte ihn voll Entſetzen an. Don Iſidro hatte ſich fuͤr das Leben der jungen Fremden ver⸗ wendet. Andere Schlachtopfer wurden hingerichtet, ſie aber wurde blos zu lebenslaͤnglichem Gefaͤngniß verurtheilt, und Don Luis entfuͤhrte ſie kurz darauf aus dem entfernten Kloſter, worein ſie verbannt worden war. Beiden gelang es, ihre geaͤchtete Per⸗ ſon lange Zeit zu verbergen, bis ſie ſich endlich nach Europa einſchifften, wo das Band der Ehe ſie verei⸗ nigte. Eleonore iſt meine Mutter. Der ſchaͤndliche Don Juan war fuͤr ſie in ſtrafbarer Liebe entbrannt ge⸗ weſen, er hatte ſich nicht geſcheut, ihr Wuͤnſche vor⸗ zutragen, welche die Ehre zuruͤckweiſen mußte; ſeine Rache haben wir bereits geſehen. Sein Groll ver⸗ folgte das Leben meines Vaters, das der Donna Leo⸗ nor und das meinige, und ward, als wollte er ewig fortwaͤhren, in einem Sohne wiedergeboren, der ein wuͤrdiger Erbe ſeiner Leidenſchaften und ſeiner Wuth war. Don Luis vermochte ſeiner Liebe alles aufzuopfern, nur nicht den Aufenthalt in ſeinem Vaterlande. Nach einer vierjaͤhrigen Verbannung, waͤhrend wel⸗ cher ich, ſo wie mein Bruder Pablo, geboren wurde, landete er an Andaluſiens Kuͤſten und warf ſich zu den Füßen Karls des Dritten, der ihn mit der Gnade, das heißt mit der Guͤte, ſeines Großvaters Heinrichs des Vierten aufnahm. Dieſer große Fuͤrſt war es werth, von dem unſterblichen Koͤnige Navarra's ab⸗ zuſtammen; kein Monarch hat jemals fuͤr das wahr⸗ hafte Gluck ſeiner Voͤlker ſo viel gethan als er. Da er ſeinen Ruhm nicht in das Geraͤuſch der Waffen, ſondern in die Fortſchritte des Gewerbfleißes, des Handels und der Kuͤnſte ſetzte, ſo ſchreibt ſich von ihm die Eiviliſation unter uns her⸗ Mit dem Inquiſitionsgericht ward eine Unter⸗ handlung eingeleitet. Das koͤnigliche Wohlwollen ward durch die Philoſophie eines Campomanes, Aranda und Florida Blanca unterſtuͤtzt. Koͤnigen, 49 wie Heinrich der Vierte und Ludwig der Vierzehnte waren, fehlt es nie an einem Sully oder Colbert. Man verſprach, meine Eltern in Frieden zu laſ⸗ ſen, wofern ſie erſt zwanzig Jahre fern von den Blicken der Menſchen in der Verbannung zugebracht haben wuͤrden. Don Luis kehrte triumphirend nach Sevilla zuruͤck, wo ihn meine Mutter erwartete. Die Heimat, die nie der Spanier verlaͤßt, um an fernen Ufern Gluͤck, Ehre oder gar Zerſtreuung zu ſuchen, die Heimat war ihm nun wiedergegeben, und das Opfer, welches ſeine Lebensgefaͤhrtin dadurch brachte, daß ſie um ſeinetwillen dem ſuͤßen Reiz des Vaterlandes entſagte, fiel ihrer Dankbarkeit minder ſchwer, da ſie ja nun bald ihren Vater wiederbeſitzen ſollte. Der wuͤrdige Ritter des heiligen Ludwig, erfreut durch die Nachricht, daß ſeine Tochter noch lebe, eilte herbei, um ſein Leben bei ihr zu beſchlie⸗ ßen. Man erfuhr, daß er bereits uͤber die Pyrenaͤen gegangen, man glaubte, daß er bereits in Madrid angekommen ſei; allein Leonoren war es nicht be⸗ ſtimmt, ihn noch einmal in ihre Arme zu ſchließen. Die Spur des franzoͤſiſchen Offiziers verlor ſich auf einmal und fuͤr immer,„„ doch nein, nicht fuͤr immer; ich ſollte ihn nach fuͤnf und zwanzig Jahren wiederfinden, um ihn ſterben zu ſehen. Mitten in dieſer Beſtuͤrzung noͤthigten die aller⸗ hoͤchſten Befehle meine Eltern, die Ufer des Guadal⸗ quivir zu verlaſſen und ſich augenblicklich nach dem ihnen angewieſenen Verbannungsorte zu begeben⸗ Es war dies ein halbverfallener Flecken in Eſtrema⸗ 4 dura. Die traurige Reiſe, die wir dahin machten, iſt das fruͤhſte, worauf ich mich noch zuruͤckerinnern kann. Alle einzelnen Umſtaͤnde derſelben ſchweben noch lebendig vor meiner Seele. Ahndete ich viel⸗ leicht die Gewalt, welche dieſe ernſten Augenblicke auf den ganzen Lauf meines Lebens ausuͤben wuͤrden? Die ſtarke Erſchuͤtterung auf der ſo eiligen Reiſe brachte Donna Leonora ſehr bald in Lebensgefahr. Eine zu fruͤhe Entbindung zwang ſie, in einem un⸗ bekannten Cortijo*) am Abhange der Sierra Mo⸗ rena eine Zuflucht zu ſuchen. Nach den langen Lei⸗ den, womit das ſuͤße Gefuͤhl Mutter zu ſein erkauft werden muß, vernahm ſie nicht jenen erſten Schrei, der mit Zaubergewalt in dem Herzen der Frauen die Betruͤbniß in Freude verwandelt. Der ploͤtzliche Schrecken ſturzte ſie in eine furchtbare Schlafſucht. Enblich kam ſie wieder zur Beſinnung, und Don Luis, der eine lange Weile hindurch das aͤußerſte ge⸗ fuͤrchtet hatte, ſagte ihr nun ungeſaͤumt, daß Pablo und ich nicht mehr die einzigen waͤren, aus deren Munde ſie den ſuͤßen Mutternamen hoͤren wuͤrde. So wurde uns denn dieſe geliebte Mutter wiederge⸗ geben, waͤhrend uns zugleich eine Schweſter geſchenkt wurde. Um dieſe Zeit gerade war es, wo Karl der Dritte ſeine große Seele aushauchte. Die lezte Regierung der alten ſpaniſchen Monarchie nahm ihren Anfang, und die lezte Regierung der alten franzoͤſiſchen Mo⸗ *) Meierhof. narchie naͤherte ſich ihrem Ende. Das Jahr 1788 vermachte bei ſeinem Scheiden den Bourbons, ja der ganzen Welt, gewaltige Ungewitter. Von meinem zarteſten Alter an liebte ich die kleine Gefaͤhrtin meiner Kindheitsſpiele. Maria de las Anguſtias— ſo nannte ſie mein Vater— hatte von ihrer Geburt an eine lebhafte Einbildungskraft und ein Herz, das in Ermangelung der Nahrung, ſich unaufhoͤrlich durch Thraͤnen ausdruͤckte. Dieſe Gewohnheit, dies Beduͤrfniß einer Gemuͤthsruͤhrung verlieh ihr einen um ſo hoͤhern Reiz, da die Thraͤnen bei ihr die Sprache eines feinen Gefuͤhls, aber nicht Ausdruck der Schwaͤche waren. Kein Gemuͤth konnte mehr geſtaͤhlt ſein als das ihrige. Meine Vewunderung, mein Zutrauen zu ihr knuͤpften zwi⸗ ſchen uns ein immer feſteres Band. Bald hatten wir alles gemeinſam: dieſelben Neigungen, dieſel⸗ ben Wuͤnſche, dieſelbe Art zu denken. Ungeachtet des Unterſchieds von vier Jahren, die wir ausein⸗ ander waren, entwickelte ſich dennoch unſer Verſtand in gleichmaͤßigem Fortſchritt, und unſere Liebe wuchs mit uns immer groͤßer. Die Verſchiedenheit des Characters hielt meinen Bruder von uns fern. Wenn er weinte, ſo geſchah es nur dann, wenn er bisweilen es verſucht hatte, unſeren Spaziergaͤngen zu folgen uͤber ſpitzige Fel⸗ ſen, am Rande grauſenerregender Schluchten, uͤber wankende Steinſchichten von Waſſerleitungen und Mauerwaͤnden,— Ehrfurcht gebietende Druͤmmer altroͤmiſcher Herrlichkeit, die uͤberall in den Einoͤden 4 des heutigen Eſtremadura unter dem graͤnen Graſe verſteckt liegen. Bei ſeiner Sorgloſigkeit, Unbeſonnenheit und einer Luſtigkeit, woruͤber Donna Leonor ſich freute, konnte ſich Pablo freilich nie in unſerm Umgange ge⸗ fallen, die wir von den Spielen unſeres Alters nichts wiſſen wollten; er zog die Kinder des Marktfleckens und ihre laͤrmenden Vergnuͤgen uns weit vor; faſt nur in den Arbeitsſtunden waren wir mit ihm zu⸗ ſammen. Der Pfarrer des Kirchſpiels widmete uns eine unſchaͤtzbare Sorgfalt. Der Doctor Don Mathias verdankte das Amt, das er bekleidete, einem glaͤn⸗ 4 zenden Eramen. Voll von einer mehr umfaſſenden als richtig verſtandenen Gelehrſamkeit, bedurfte er einen Zuhorerkreis, der ſeine ewigen gelehrten Ab⸗ handlungen uͤber die Jahrbuͤcher der Monarchie an⸗ hoͤren mochte. Unſere Familie war die einzige im Dorfe, bei der er Feinheit und Einſicht antraf. Die geheime Bibliothek meiner Eltern ſtand ihm offen, er ſchloß ſich darin oft mit ihnen ein, und ganz ſei⸗ nen Forſchungen ſich hingebend, weihte er uns da in die Geheimniſſe jener alten Sprachen ein, wodurch Voͤlker, die ſeit funfzehn hundert Jahren den Todes⸗ ſchlummer ſchlafen, noch heute uͤber die Geiſter herr⸗ ſchen, und zwar bis in eine Erbhaͤlfte hinuͤber, die ſie noch gar nicht einmal kannten. Meine Mutter brachte uns ihre Mutterſprache bei, und der Geiſt meiner Schweſter empfing dadurch eine vielſeitige Bildung, die den Frauen der ſpani⸗ * 53 ——— ſchen Halbinſel gewoͤhnlich abgeht. Bei bieſer Thei⸗ lung des Erziehungsgeſchaͤfts hatte Don Luis es ubernommen, ſeiner kleinen Familie die Geſchichte ſeines Vaterlandes vorzutragen; doch aus ſeinen Vortraͤgen entſpann ſich jedesmal eine Art haͤuslichen Krieges. Die franzoſiſche Revolution brach damals eben in ihrer ganzen Wuth aus. Man ſpuͤrte die Erſchutterung davon bis jenſeit der Pyrenaͤen. Mein Vater, geboren und erzogen in den Gewohnheiten und Grundſaͤtzen einer unumſchraͤnkten Regierung, deren wohlthaͤtige Seite Karl der Dritte dargethan hatte, ward ſchon durch den bloßen Gedanken em⸗ poͤrt, daß Unterthanen ihrem Herrn Geſetze vorſchrei⸗ ben koͤnnten. Don Mathias dagegen fuͤhrte eine ganz andere Sprache, und ging ſo weit, daß er durch das Anſehn der ehrwuͤrdigſten Schriftſteller aller Zeiten ſogar die furchtbaren Frevelthaten, welche die andere Seite der Pyrenaͤen mit Blut befleckten, zu vertheidigen wagte, und ich, der ich Zeuge dieſer Streitigkeiten war, glaubte darin die Offenbarung einer neuen Welt von Ideen zu findem Aus einem dunkeln Gefuͤhl freute ich mich uͤber dieſe neue Welt, die ich uͤber die altergrauen Mauern meines Wohn⸗ orts aus räthſelhafter Ferne heruͤberſchimmern ſah. Auf dieſem unbekannten Meere, auf welches ich mich hinauszuwagen begierig war, erwartete mich indeß Pein und Qual. Wir ſahen bald Gewoͤlke uͤber den engen Horizont unſerer vaͤterlichen Woh⸗ nung emporſteigen. Der Doctor Don Mathias kam nur noch ſelten und nur verſtohlener Weiſe zu uns, 54 Pablo beklagte ſich uͤber Beleidigungen, die er von ſeinen Spielkameraden erfahre, und mich ſelber be⸗ duͤnkte es, wenn ich durchs Dorf ging, als hoͤrte ich Worte und begegnete Blicken, durch die ſich mein verletzter Stolz empoͤrt fuͤhlte. In dieſer traurigen Zeit vergoß Maria in ihrem tiefen Schmerz keine Thraͤne, ſie fuhlte blos den tiefſten Unwillen daruͤber, und dieſe Uebereinſtimmung unſerer Gefuͤhle erhoͤhte zugleich unſern Muth und unſere gegenſeitige Liebe. Donna Leonor beſaß Muth, wenn es alle andern galt, doch, wenn wir ſie oft unvermuthet berraſch⸗ ten, bemerkten wir nur zu wohl, daß ſie fur ihren Theil keinen beſaß. Dann trockneten wir mit unſern Haͤn⸗ den ihre Thraͤnen,— die unſrigen ſollten wir einſt fern von ihrem Angeſicht vergießen. NRit der Pfarre zu*** war auch ein Pfruͤnden⸗ veſitzer verbunden, einer von jenen, die eine bloße unnuͤtze Laſt fuͤr unſere duͤrftigſten Kirchſpiele ſind. Sie wenden nur zu oft ihr Muͤßiggaͤnger⸗Leben dazu an, um der frommen Heerde, die ſie ausſaugen, durch ein ſchlechtes Beiſpiel ein Aergerniß zu geben, und den nuͤtzlichen Seelſorger, dem ſie ſeine Ein⸗ kuͤnfte ſchmaͤlern, durch eiferſuͤchtige Verfolgungen zu ermuͤden. Der groͤßere Theil derſelben verzehrt ſeine Einkuͤnfte wenigſtens noch in volkreichen Staͤd⸗ ten, wo das Laſter ſich eher verbergen oder beſſer ſein Weſen treiben kann. Doch dieſer reſidirte am Drte, und konnte dem Pfarrer ſeine Verbindung mit einer Familie nicht verzeihen, bei welcher er nicht dieſelbe gute Aufnahme fand; dazu fand er in den 55 philoſophiſchen Anſichten ſeines Kollegen, woraus dieſer gar kein Geheimniß machte, einen noch beque⸗ meren Anlaß zu Beſchwerdefuͤhrungen. An Mitteln, ſeinem Haß Befriedigung zu verſchaffen, konnte es ihm nicht fehlen. In einigen Gemeinden Eſtremadura's hat ſich noch ein Feſt erhalten, das der ganzen Provinz lieb und werth iſt. Naͤmlich am Sanct Markus Tage begiebt ſich die Geiſtlichkeit, die Bruͤderſchaften, und die ſaͤmmtliche Einwohnerſchaft in feierlichem Pomp nach der naͤchſten Viehweide. Der Mayordomo der geiſtlichen Congregation des Heiligen oder das Ober⸗ haupt des Kirchſpiels giebt dem erſten beſten Stiere, dem er begegnet, ein Zeichen und ruft ihn bei dem Na⸗ men des Heiligen, deſſen Feſt gefeiert wird. Das wilde Thier des Feldes wird dadurch auf einmal zahm, folgt dem Mann Gottes, begleitet ihn an die heilige Stäte, wohnt andaͤchtig der feierlichen Veſper bei, und geht den folgenden Tag ungefuͤhrt mitten in der Proceſſion; er kommt dann in die Huͤtten aller glaͤu⸗ bigen Einwohner, und uͤbergeht blos⸗die Hausthuͤr des Suͤnders, hierauf begiebt er ſich zum heiligen Meßopfer, dort beugt er friedlich ſein Horn unter die Blumenkraͤnze junger Maͤdchen, giebt ſich geduldig kleinen Kindern zum Spiele hin, und laͤßt ſich ein geweihtes Brod und eine gelbe Wachskerze, die man auf ſeinem Kopf befeſtiget, aufpacken, kurz er iſt eben ſo verſtaͤndig als zahm bis zu dem Au⸗ genblick, wo der Meßgeſang aufhoͤrt. Dann faͤngt ſein Auge wieder an zu funkeln, er ſpringt 56 auf, entflieht und kehrt im eiligen Laufe nach ſeiner Lrift zuruͤck. Don Mathias wollte dieſe Sitte abſchaffen, die der Erhabenheit und Einfachheit des Chriſtenthums entgegen iſt, er verſchmaͤhte die Kunſtgriffe, womit man ſich gewoͤhnlich die Folgſamkeit des Stiers an dem entſcheidenden Tage zu verſchaffen wußte; doch alle Appellationen waren fruchtlos. Die Leute im Kirchſpiel zweifelten nicht, daß Sanct Marcus an dem Doctor, als an einem unwuͤrdigen Diener, ſein Misfallen habe. Von dieſem Augenblick an herrſchte in der ganzen Gegend tiefe Betruͤbniß; es gab kein Ungluͤck, das der Volksaberglaube nicht im voraus prophezeite, und die Dorfleute rechneten im voraus dem Pfarrer alle ihre Unfaͤlle an, die in Zukunft noch erſt eintreten ſollten. Einige Monate nachher kam ein Kapuziner aus der Nachbarſchaft, um unſer Dorf gehoͤrig zu bear⸗ beiten. Dieſer wußte bereits, daß Don Luis meine Mutter dem ſtrafenden Arme des Inquiſitionsgerichts entriſſen hatte, und er fugte zu dieſen ſeinen Erzaͤh⸗ lungen noch abſichtliche Luͤgen hinzu. Erſt lange nachher habe ich uͤber die urſachen ſeines feindſeligen Verfahrens Aufſchluß erhalten. Der Vater dieſes Moͤnchs war naͤmlich Bauer auf den Beſitzungen Don Juan's, des ehemaligen Gouverneur's von Havana, der jezt nach Europa zuruͤckgekehrt war. Die ganze Einwohnerſchaft, durch die Verleum⸗ dungen dieſes Menſchen aufgereizt, zweifelte nicht mehr, daß Sanct Marcus die Verbindung, in wel⸗ * ¹ 57 cher Don Mathias mit meinen Eltern ſtand, beſtra⸗ fen wuͤrde. Der Kapuziner beſtaͤrkte ſie in dieſem Glauben, und war froh, daß er einem Mitgliede des weltgeiſtlichen Standes den Vorwurf der Irrglaͤu⸗ bigkeit anhaͤngen konnte. Die Feier des Feſtes kehrte wieder. Der Stier gehorchte diesmal, der Pfruͤndebeſitzer hatte ihn naͤmlich gerufen; allein bei ſeinem Beſuche, den er durch alle Haͤuſer machte, huͤtete er ſich ſehr, an der Schwelle unſerer Woh⸗ nung ſtehen zu bleiben. Wenige Tage nachher zer⸗ truͤmmerte der Blitz eine Glocke, welche die Einwoh⸗ ner waͤhrend eines Gewitters laͤuteten. Jezt ſetzten die Kirchendiener, die alten Weiber, beſonders die, welche im Dorfe wahrſagen gieng, ihrer Wuth keine Grenzen mehr; wir wurden gezwungen, vor ſolchen Gegnern den Kampfplatz zu raͤumen, denn unſer Le⸗ ben ſtand auf dem Spiele. Don Luis erinnerte ſich an einen Ort, welcher zwar der Hauptſtadt naͤher, aber doch etwas mehr von der Welt entlegen war. Er lag naͤmlich an den Grenzen der beiden Haſtilien, in einem furchtba⸗ ren Thalkeſſel, durch den ſich heutzutage die Heer⸗ ſtraße von Bayonne hinzieht. Der Reiſende ge⸗ langt da an der mittaͤglichen Ruͤckſeite der Somo Sierra in eine duͤrre Schlucht, welche er auf einmal in ein Thal ſich oͤffnen ſieht, vor welchem er uͤber⸗ raſcht ſtillſteht. Von allen Seiten her iſt es von Bergen umſchloſſen, die man fuͤr das Werk von Menſchenhaͤnden halten koͤnnte, ſo ſehr haben die duͤrftigen Steinſplitter, aus denen ſie beſtehen, das 58 Anſehen einer planmaͤßigen Zuſammenfuͤgung, ohne daß irgend eine Spur von Vegetation dies důſtere Gemaͤlde unterbricht oder belebt. Hier haben auf einem unfruchtbaren Erdreich, das durch ſeine Ver⸗ laſſenheit und Nacktheit vor der Beſitznahme ariſto⸗ kratiſcher Landesherrn geſchuͤtzt wurde, Menſchen, welche ganz Europa der Traͤgheit beſchuldigt, waͤh⸗ rend es doch nur unſere Geſetze anklagen ſollte, durch ihren Schweiß und ihre Muͤhe dem Granitboden ei⸗ nige Fruͤchte und kuͤmmerliche Baumpflanzungen ab⸗ gewonnen. Dies war unſer neuer Zufluchtsort. Die Einwoh⸗ ner waͤhlten meinen Vater Don Luis zum Alcalden. Die Gemeinde war naͤmlich eine von denen, die ihre Vorſteher alle zwei Jahre von neuem waͤhlen. Ich hatte mein funfzehntes Jahr erreicht. Meine Erziehung ward in dieſer Einoͤde in ihrem Fortſchritt gehemmt. Ich haͤtte freilich den Pflug in die Hand nehmen und mein Lebensloos ſtill in die Furchen des Ackers vergraben koͤnnen, allein es war zu ſpaͤt; ich hatte bereits manches geleſen, und meine Buͤcher hatten mich in eine Region verſetzt, aus der ich mich nicht wieder herablaſſen konnte. Die Erzaͤhlungen meines Vaters hatten mir den vor⸗ maligen Glanz meines Geſchlechts geſchildert. Voll Unmuth daruͤber, mich rings von Schranken umge⸗ ben zu ſehen, welche zu uͤberſpringen meinem Ehr⸗ geiz verſagt war, entſchloß ich mich, ſogleich auf die Univerſitaͤt nach Salamanca zu gehen. Mein Bruder, der meinen Entſchluß bewunderte, ohne 59 ——— mich darin nachahmen zu wollen, gab mir viele Be⸗ weiſe ſeiner Liebe und Anhaͤnglichkeit. Es duͤnkte mich, als ſollten wir einſt gegenſeitig Freunde und Stutzen von einander ſein; ich umarmte ihn zum letztenmale. Meine Schweſter, obwohl beruhigter als meine Mutter, erſchreckte mich durch ihre Ver— zweiflung. Wir beide verloren gegenſeitig an ein⸗ ander den erſten, ja einzigen Vertrauten unſerer Bekuͤmmerniſſe. Beim Abſchiede von ihr wurde mein Herz zerriſſen, mir war, als ſollte mein Da⸗ ſein in Truͤmmern fallen. Mein Vater begleitete mich bis in die Naͤhe von Alba de Tormes. Im Angeſicht des alten Schloſ⸗ ſes der Herzoͤge von Alba trennte ich mich von ihm. Ein Trupp von Mauleſeltreibern, welche Aſchenſalz und Safran aus Murcia nach Tuy fuͤhrten, um da⸗ gegen bunte Leinwand aus Galicien einzutauſchen, uͤbernahmen es, mich vollends bis hin zu bringen und die Aufſicht uͤber mich zu haben, und ſetzten dann ihre Reiſe fort. Don Luis druͤckte mich an ſein Herz, ich knieete nieder. Der juͤngſte von meinen neuen Fuͤhrern, der auf das Ende unſeres Abſchie⸗ des wartete, warf ſich neben mich auf die Kniee. Er war ebenfalls bewegt, denn er hatte ſo eben auch ſeinen Vater verlaſſen, und glaubte einen Antheil an dem Gluͤck und Wohl zu erhalten, welches mir der Segen meines Vaters verhieß. Don Luis legte ſeine Haͤnde auf mein Haupt, er vermochte kein Wort her⸗ vorzubringen, und von dieſem Mangel an Muth uͤberraſcht, entferute er ſich ſchnell, um mir ſeine 60 Gemuͤthsbewegung zu verbergen, die er nicht zu un⸗ terbruͤcken vermochte. Zum erſtenmal in meinem Leben befand ich mich fern von jenen theuern und verehrten Weſen, in deren Schutz ich aufgewachſen war. Zweites Kapitel. — Den folgenden Tag erſchien Salamanca. Beim Anblick dieſer Stadt pochte mein Herz, wie das ei⸗ nes Neulings im Waffenhandwerk, wenn er zum erſtenmal das Feld der Ehre vor ſich ſieht. Wir ſetzten uͤber die Bruͤcke, die vor achthundert Jahren unter den Auſpicien des roͤmiſchen Adlers uͤber den Dormes gebaut wurde. Alles machte auf mich großen Eindruck. Dieſe duͤſtre, von Prieſtern und Studenten wimmelnde Stadt, ihre ſchoͤnen Kloͤſter, ihre gewaltigen Kir⸗ chen, ihre elenden Haͤuſer, dazu meine Freiheit, meine Verlaſſenheit,— alles war fuͤr mich etwas ganz neues. Ich eilte nach der Univerſitaͤt, waͤh⸗ rend ich unterweges daruͤber nachdachte, wie viele große Maͤnner ſich ſchon in dieſen Mauern gebildet hatten, und ich pries mich glucklich, daß ich muthig hieher geeilt war, um aus einer Quelle der Wiſſen⸗ ſchaft zu ſchoͤpfen, zu welcher einſt Deutſchland und Italien ihre Soͤhne ſandten. Als ich uͤber die Schwelle des Gebaͤudes trat, war ich eben ſo uͤberraſcht als erfreut, unter dem Bogengange den Lehrer mei⸗ ner Kindheit zu erblicken. Der Doctor Don Ma⸗ thias war naͤmlich genothigt worden, bald nach uns ſein Kirchſpiel zu verlaſſen. In Salamanca war ein Lehrſtuhl der Geſchichte erledigt. Er bewarb ſich um denſelben, uͤberwand ſeine Mitbewerber, und verdiente es, vermoͤge ſeiner Gelehrſamkeit, daß der Rektor der Univerſitaͤt, anſtatt ihn erſt unter die auſ⸗ ſerordentlichen Lehrer Kufzunehmen, ihn ſogleich zum wirklichen Profeſſor erhob. Ich flog auf ihn zu, mit der Freude einer Waiſe, die einen Beſchuͤtzer wiederfindet,— allein die Kaͤlte, womit er mich empfing, beruͤhrte mich wie Eis; es war, als be⸗ trachtete er mich wie eine ungluͤckbedeutende Erſchei⸗ nung. Ich hatte noch nie die Welt geſehen, und gleich bei meinem erſten Auftreten in derſelben er⸗ wartete mich ein Verrath an meiner Zuneigung, eine Zuruͤckweiſung meines Vertrauens, mit einem Wort eine fehlgeſchlagene Erwartung. Dieſer Unfall machte mich ſo betroffen, wie eine neue Entdeckung. Ich haͤtte die Schwachheit eines Mannes entſchuldi⸗ gen ſollen, deſſen Exiſtenz durch ſein Verhaͤltniß mit meiner Familie ſchon einmal gefaͤhrdet worden war, und deſſen vieljaͤhrige Gefaͤlligkeiten die ungerechte Hondlung des Augenblicks verzeihlich machten, al⸗ lein mein Herz war noch zu unerfahren, um einer ſolchen Erwaͤgung Raum zu geben, und zu ſtolz, um ſie zu ertragen. Ich entfernte mich von dem Doe⸗ tor mit einem Blick voll und ſprach ihn nie wieder. 62 Ich miethete mir eine Wohnung in dem Hauſe eines Kriegskommiſſars, der ſeit einiger Zeit ſich von den Geſchaͤften zuruͤckgezogen hatte. Es war ein kleiner, magerer, vertrockneter Kaſtilianer, der we⸗ nig oder nichts ſprach, entweder betete oder muͤßig gieng. Dieſer alte Staatsdiener war ohne Familie. Denn ſeine einzige Tochter, deren Verheirathung mit einem Bankier zu Madrid er nur unter Seufzern an⸗ erkannte, hatte er zur Strafe für ihre Misheirath enterbt. Sein Betragen hatte beim erſten Empfang etwas väterliches, und ich pries mich daher gluck⸗ lich, in ſeinem Hauſe untergebracht zu ſein; ich hoffte darin Schutz, Pflege, und etwas von dem zu finden, was ſo dringend noͤthig iſt, wenn man eben erſt aus dem elterlichen Hauſe kommt. Die Welt, in die ich jezt mitten hinein verſetzt war, hatte fuͤr meine Unerfahrenheit etwas zuruͤckſchrecken⸗ des. Von den drei bis vier tauſend meiner Mit⸗ ſtudenten waren die meiſten Soͤhne von Handwer⸗ kern und Bauern, welche der muͤhſamen Beſchaͤfti⸗ gung ihrer Vaͤter entgehen wollten, doch ohne ſich der Strenge des Kloſterlebens zu widmen. Viele gingen unter dem ſchwarzen Rocke, der ſie decken mußte, halb nackt, und da ſie von ihren Familien, die durch die bloße Anſchaffung ihrer viereckigen Stu⸗ dentenmuͤtze ſchon ganz erſchoͤpft worden waren, keine Unterſtuͤtzung erhielten, ſo waren ſie genoͤthigt, an den Schwellen der Kloͤſter Almoſen anzunehmen, oder an den Straßenecken zu betteln, bisweilen ſogar in der Umgegend mit gewaffneter Hand; andere ver⸗ * 63 mietheten ſich bei den Einwohnern in Dienſt, und ließen ihre Bedientenlivree daheim, um in unſere Hoͤrſale zu kommen und da eine barbariſche Dialec⸗ tik zu erlernen, oder uͤber die Lehre von den angebo⸗ renen Ideen zu disputiren. Beim erſten Anblick glaubt man in dieſem Zuſammenſtroͤmen junger Leute, die ihrer Armuth zum Trotz ſich zu den Quellen der Wiſſenſchaften draͤngen, etwas achtungswerthes zu erblicken. Allein wie viele Zoͤglinge hat denn die Univerſitaͤt, die dazu beſtimmt ſind, dereinſt der Me⸗ dizin, dem Lehrſtuhl der Wiſſenſchaft, dem Gerichts⸗ zimmer oder den Staatsbehoͤrden zur Zierde zu gerei⸗ chen? Was ſie ſich auf der Univerſitaͤt holten, war der Titel eines Baccalaureus, hoͤchſtens der eines Licentiaten, der ihnen das Recht verlieh, eine unbe⸗ grenzte Verachtung gegen das vaͤterliche Gewerbe zu predigen und auf Koſten des arbeitenden Theiles ih⸗ rer Familie zu leben, ſo wie die Schmarotzerpflan⸗ zen des weltgeiſtlichen Standes, unſere fuͤnf und ſiebzig tauſend Moͤnche, die juͤngſten Soͤhne großer Haͤuſer mit ihren verderblichen Pfruͤnden, auf Ko⸗ ſten der arbeitenden Klaſſe des Staats leben. Ar⸗ mes Spanien! welch ein kleiner Theil deiner Soͤhne muß alle die uͤbrigen miternaͤhren! Der Bettelſtand iſt bei dir ſehr ſchlau, er hat alle Maͤntel in Beſchlag genommen. Die Halbinſel iſt dasjenige Land der Erde, wo die wiſſenſchaftlichen Studien mehr der aͤrmeren Klaſſe uͤberlaſſen ſind, und darin liegt eine Hauptquelle jener Barbarei, worein die Bevoͤlkerung des Landes 64 verſenkt iſt. Anſtatt den Unterricht nach dem Be⸗ durfniß der verſchiedenen Staͤnde abzumeſſen, an⸗ ſtatt dem Ackermann, dem Tageloͤhner, Kenntniſſe mitzutheilen, die ihn an ſein Gewerbe feſſeln und ihm zugleich Mittel an die Hand geben, die Lage der Seinigen und die Induſtrie ſeines Vaterlandes zu verbeſſern, bietet man ihm, wie eine vergiftete Lock⸗ ſpeiſe, Studien dar, die dem Staate ſo wie ihm ſel⸗ ber völlig unnuͤtz ſind. Er hat nur die Wahl, ent⸗ weder unwiſſend und roh bei ſeinem Pfluge zu blei⸗ ben, oder ihn zu verlaſſen, um ein muͤßiggehender Pedant zu werden. Hat er nun das leztere erwaͤhlt, ſo ſchleudert man ihn gegen die menſchliche Geſell⸗ ſchaft als einen Feind, der ſie ausſaugt, gegen die menſchliche Vernunft als einen Mitbewerber, der ſie zu unterdruͤcken ſucht. Es kraͤnkt ihn, wenn man von Fortſchritten ſpricht; das Wort„Entdeckung“ erbittert ihn ganz ſo wie ein Angriff oder wie eine Beleidigung; er proteſtirt gegen die Lehre vom Kreis⸗ lauf des Blutes, gegen die Phaͤnomene der Electri⸗ cität, gegen das große Geſetz der Anziehungskraft, und Namen, die von einem Ende Europa's bis zum andern verehrt werden, entſchluͤpfen ſeinem Zorne nur im Tone des unverſchaͤmten Mitleids. Seit ungefaͤhr zwanzig Jahren fangen dieſe Leh⸗ rer der Unwiſſenheit an, zu ihrer Vorliebe fuͤr die ſtehenden Ideen noch den Wunſch nach politiſchen Reformen zu geſellen. Mehr als eine Triebfeder treibt ſie in dieſe neue Laufbahn. Sie haſſen naͤmlich die Moͤnche, die Nebenbuhler ihres Ruhms auf den Doͤrfern; ſie genießen auf dem Lande blos Achtung, anſtatt daß ſie da Macht zu beſitzen wuͤnſchten. Vielleicht auch mag ſich ein Wiederſchein beſſerer Er⸗ kenntniß bis zu ihnen verirrt haben. Allein indem ſie mit der Anmaßung der Aftergelehrſamkeit auch noch das hitzige Ungeſtuͤm mittelmaͤßiger Koͤpfe ver⸗ binden, indem ſie, ohne etwas davon zu verſtehen, die Worte im Munde fuͤhren, auf denen die geſellige Verfaſſung beruht, und indem ſie alle Grundſaͤtze, die ſie annehmen, verdrehen, ſo machen ihre Ueber⸗ treibungen aus der Wahrheit eine Luͤge, aus der Veraͤnderung eine Gefahr, ſogar aus Verbeſſerungen neue Plagen. Es waͤre fuͤr die Freiheit beſſer, der⸗ gleichen Menſchen zu Gegnern als ſie zu Verfechtern zu haben. Mit keinem einzigen meiner Mitſchuͤler knuͤpfte ich ein naͤheres Verhaͤltniß an. Der Kommiſſar hatte eine Aufwaͤrterin, die kaum dreizehn bis vier⸗ zehn Jahr alt und deren Mann ſtolz darauf war, auf den Liſten der Univerſitaͤt eingeſchrieben zu ſtehen. Dieſer, der bereits in einem Alter ſtand, wo man ſonſt laͤngſt ſchon die Schulbaͤnke verlaſſen hat, brachte in unſere Hoͤrſaͤle nichts mit hinein als ein abgeſchmack⸗ tes Weſen, Unwiſſenheit und Laſter. Seine ausſchwei⸗ fende Lebensart hatte vor der Zeit ſein Haar grau gemacht. Sein Name war Fortunato. Das Be⸗ nehmen dieſes Mannes war in Faͤllen, wo es noͤthig war, ſehr einnehmend, denn die Artigkeit gehoͤrte mit zu ſeinen Falſchheiten; aber in ſeinem Blick wie in ſeinem Lächeln hatte er einen unerklaͤrlichen Zug, 5 66 der mich gleich das erſtemal von ihm zuruͤckſchreckte. Auf ſeiner hervorragenden Lippe ſchien die Treulo⸗ ſigkeit ihren Sitz zu haben, und unter ſeinen ungleich geſpaltenen Augenliedern ſchien ſich ein Abgrund von Bosheit zu oͤffnen. Sein Stand und ſeine Herkunft waren uͤbrigens unbekannt. Er ſprach blos von Feldzugen, worin er ſich durch ſeinen Muth hervor⸗ gethan, und ſchrieb ſeine verabſaͤumte Erziehung dem Haß ſeiner eigenen Mutter zu. Einige Jahre nachher habe ich erſt erfahren, daß er in der unter⸗ ſten Klaſſe des Volks geboren worden, ſich anfaͤng⸗ lich an einen Trupp bettelnder Landſtreicher ange⸗ ſchloſſen, ſich faſt bei ſeinem erſten Austritt aus dem Knabenalter die Ungnade eines bedeutenden Mannes von Einfluß zugezogen, und ins Zuchthaus geſteckt worden war, wo er vollends verdorben ward. Als die Werber, der traurigen Sitte unſeres Landes zufolge, wieder friſche Soldaten aus den Staatsgefaͤngniſſen abholten, nahmen ſie auch ihn aus dieſem Aufent⸗ halt der Schande fort, doch begleiteten ihn die Er⸗ innerungen aus demſelben bis in ſeine Kriegerlauf⸗ bahn. Mehr als einmal ward er in der Folge dem raͤchenden Arm des Geſetzes uberliefert, doch eine unbekannte beſchutzende Hand wußte es immer durch⸗ zuſetzen, daß er zur allgemeinen Verwunderung ſtets auf die Begnadigungs⸗kiſte kam, welche die allmaͤch⸗ tige Camara*) dem Koͤnige jedesmal am Charfrei⸗ *) Die Camara(Kammer) iſt eine Kommiſſion, die den Auf⸗ trag hat, bei Beſetzung einer Staatsbeamtenſtelle, einer Pfründe u. ſ. w. jedesmal drei Kandidaten vorzuſchlagen. Sie beſteht 76 tage vorzulegen pflegt. Da ich indeß ſeine Lebens⸗ geſchichte nicht kannte, und ihm um ſeines Bacca⸗ laureus⸗Titels willen meine Achtung bezeigen zu muͤſſen glaubte, ſo gab ich endlich ſeinen vielfachen Verſuchen, ſich mir anzunaͤhern, nach. Fortunato, der ſich auf mehr als einen ſtrafba⸗ ren Erwerbszweig legte, ſuchte ſich uͤberall Mitſchul⸗ dige und Opfer zu verſchaffen. So ſaͤumte er denn auch nicht, eine vertraute Freundſchaſt mit einem jungen Studirenden zu ſchließen, der auf der Uni⸗ verſitaͤt ſich die gewoͤhnlichen Ehrengrade erwerben wollte, um dereinſt ſeinem Vater, welcher Praͤſident eines Saales*) im hohen Rath von Kaſtilien und und zugleich Mitglied der Camara war, in ſeiner Stelle folgen zu koͤnnen. Dieſe maͤchtige Perſon war niemand anders, als der Verfolger meiner Fa⸗ milie, der verhaßte Don Juan, welcher durch eine ſehr reiche Erbſchaft die Grandezza und das Herzog⸗ thum vonL*** an ſich gebracht hatte. Unſer neue Mitſtudent war der zweite Sohn deſſelben, und er ſchien mir ganz ſeines Vaters wuͤrdig. Don Jaime aus Mitgliedern des hohen Raths von Kaſtilien, und hat be⸗ deutende Vorrechte. Man muß ſie übrigens nicht mit der oben erwähnten Camarilla verwechſeln. *) Der hohe Rath von Kaſtilien iſt in fünf Säle(Sala) oder Kammern getheilt. Die erſten beiden dieſer Kammern be⸗ ſchäftigen ſich hauptſächlich mit Regierungsſachen; die dritte Oer Saal der Funfzehnhundert), die vierte(der Saal der Ju⸗ ſtiz), die fünfte(Saal der Provinz) befaſſen ſich mit Entſchei⸗ dungen über Civil-, Criminal-, und Polizeiſachen, in höchſter Inſtanz. Außerdem giebt es einen Saal der Alcalden der Krone(de casa y corte), ein Kriminalgericht, in welchem ein Mitglied des hohen Raths von Kaſtitien jedesmal präſidirt. 5 68 ſtand im Rufe einer ſeltenen Schonheit, doch ich be⸗ merkte an ihm blos ein duͤſtres Weſen, einen unſtaͤ⸗ ten Blick, und eine blaſſe Geſichtsfarbe, worin ſich der Neid abzuſpiegeln ſchien. Obwohl er fur die neuen Ideen blindlags ein⸗ genommen war, und Fortunato dagegen immer eine edle und heilige Scheu vor Namen, wie Montes⸗ quieu's und Newton's, an den Tag legte, ſo knuͤpfte ſich doch taglich das Band zwiſchen ihnen feſter. Beide befanden ſich ganz wohl dabei; der Baccalau⸗ reus gab ſeinen guten Kopf her und glaubte, daß zum Erſatz dafür der hohe Rang ſeines Freundes ei⸗ nigen Glanz auf ihn werfe. unſer Umgang mit dem Sohne Don Juan's brachte mich einem Manne naͤher, der durch ſeinen überlegenen Verſtand und durch ſeine ſeltene Gelehr⸗ ſamkeit einen großen Eindruck auf mich machte. Jaime hatte naͤmlich bei einem ſpaniſchen Grande, der ſein Verwandter war, einen engliſchen Gelehr⸗ ten angetroffen, deſſen Ruf ſich bereits durch alle drei Konigreiche verbreitet hatte. Ungeachtet des Krieges, den der Friedensfuͤrſt damals der franzoſi⸗ ſchen Republik zu Gefallen gegen England fuͤhrte, hatte dennoch Sir Georges die Erlaubniß erhalten, auf der Bibliothek zu Salamanca die Urkunden unſe⸗ rer Geſchichte zu benutzen, und vielleicht war es nicht blos das reinwiſſenſchaftliche Intereſſe, was ihn an die ſpaniſche Halbinſel feſſelte. Er war ei⸗ ner von jenen Buͤrgern Englands, deren politiſches Gewiſſen nicht mehr ihnen ſelber angehoͤrt, ſondern 6⁸ in den Haͤnden der Machthaber des Augenblicks ruht, — die gleichſam mit Verſtand beſeelte Maſchinen ſind, die in dem gegenwaͤrtigen großen Kampfe zwi⸗ ſchen der unumſchraͤnkten Gewalt und der Freiheit ſich als eſchmeidige Triebfedern der Willkuͤhr der einen hingeben, und die Vertheidigung der andern denjenigen Buͤrgern uͤberlaſſen, welche durch ihre Tugend, ihren Namen, bisweilen auch wohl durch ihre Laune ſich zu einem entgegengeſetzten Beſtreben hingezogen fuͤhlen. Indeß, da er ein aufgeklaͤrter Mann, ein Freund der Staatseinrichtungen ſeines Vaterlandes war, und ſich den Zuſtand traurigen Ver⸗ falls und Elends, wozu die Monarchie Philipps des Zweiten herabgeſunken war, tief zu Herzen nahm, ſo klaͤrten ſeine einſichtsvollen Eroͤrterungen alle die verworrenen Anſichten auf, welche die Polemik des Doctor Don Mathias und meines Vaters oder die entgegengeſetzte Ueberſpannung Fortunato's und Jaime's in meiner Seele erregt hatten. Es machte ihm Vergnugen, mir den ganzen Bau der brittiſchen Staatsverfaſſung zu erklaͤren, und er wußte mir fuͤr den Eifer, womit ich ihm zuhoͤrte, vielen Dank. Erfreut daruͤber, daß er mit mir von ſeinem Vater⸗ lande ſprechen und deſſen Herrlichkeit preifen konnte, ward er eben ſo wenig muͤde, mir meine Fragen zu beantworten, als ich, ſie zu thun. Seine Unterhal⸗ tungen gaben mir unerwartete Aufklärungen uber vie urſachen des Gluͤcks der Staaten. „Euer Vaterland,“ ſagte er zu mir,»verdankt ſeiner gothiſchen Verfaſſung eine Menge der⸗unſelig⸗ 70 ſten Vorurtheile. Bei euch wird die Traͤgheit uͤber alles hoch geehrt; dann folgt der Militairſtand, und mit ihm faſt auf gleiche Linie ſtellt ihr das Stra⸗ ßenraͤuberhandwerk, als eine großherzige obwohl minder geregelte Nachahmung des Kriegerlebens.⸗ — Ich war voll Unwillen außer mir.— Frei⸗ lich, fuhr Sir Georges fort,»iſt euren Geſetzen zum Trotz, wie weit dieſe auch immer die Unterdruͤ⸗ ckung und Barbarei treiben mogen, eine große An⸗ zahl eurer Landsleute dahin gelangt, ſich an den Fortſchritt der europaͤiſchen Civiliſation anzuſchlie⸗ ßen; allein ihr werdet nicht ableugnen, daß an jeder Art von Verkehr noch ein Mangel unter euch iſt, und bei einem ſolchen Syſtem muͤſſen Retche zulezt aus Mangel an Nahrung zu Grunde gehen. Uue⸗ berall, wo zwei Menſchen zuſammenkommen, findet ein Verkehr unter ihnen ſtatt; der Grundbeſitzer ver⸗ kauft ſeine Fruchte, wie der Handarbeiter ſeine Ar⸗ beit, der Soldat ſein Leben, und der Muſenſohn ſeine Studien.“ Sir Georges fand ein Vergnuͤgen daran, das fehlerhafte in meinen Studien zu verbeſſern, und das mangelhafte zu ergaͤnzen. Damals war noch die Metaphyſik der Peripatetiker und die Aſtronomie des Ptolemaͤus faſt die einzige Grundlage des oͤffent⸗ lichen Unterrichts in den Schulen. Die helleren Einſichten der neueren Zeit waren ſtreng davon aus⸗ geſchloſſen; und die Namen eines Descartes, Gaſ⸗ ſendi, Locke, Condillac, ſelbſt Newton's, wurden auf unſern Univerſitäten nur genannt, um ſie mit Fluͤ⸗ 7¹ —————— chen zu belaſten. So oft ich mich bei dem engliſchen Gelehrten befand, erſtaunte ich uͤber die unermeßli⸗ chen Fortſchritte, welche der menſchliche Geiſt, ohne daß ich darum wußte, in der Kenntniß der Erde und des Himmels gemacht hatte. Wie durch ein Zauberwerk ward ich aus jener alten Welt, wie ſie die Schule des Lyceums und die zu Alexandria dar⸗ ſtellte, heruͤber in jene neue verſetzt, welche die be⸗ wundernswuͤrdigen Anſtrengungen und ungeheuern Entdeckungen der Franzoſen, Englaͤnder und Deut⸗ ſchen uns enthuͤllt haben. Ich hatte das Gluck, unter einem Lehrer zu ſtudiren, der zu aufgeklaͤrt war, um ſich freiwillig der Tyrannei zu unterwerfen, welche auf der ſpaniſchen Halbinſel noch immer je⸗ ner Ariſtoteles ausuͤbt, der in allen uͤbrigen Laͤndern ſchon ſeit zweihundert Jahren von ſeinem Throne abgeſetzt worden iſt. Doch da er nicht wagte, die⸗ ßen mächtigen Koloß von vorn anzugreifen, ſo beeilte er ſich, vor ſeinen jugendlichen Zuhoͤrern die reichen Schaͤtze der Moral zu entfalten, und frei von den alten Feſſeln, bahnte er hier ſich einen Weg, auf welchem ihn die Irrthuͤmer der alterthuͤmlichen Phy⸗ ſik nicht verfolgen konnten. Die Philoſophie ſtellte mir das menſchliche Leben in einem ſo neuen Lichte dar, daß ich nicht muͤde wurde, uͤber ihre Lehren nachzudenken. Sie, eine Schweſter der Religion, lehrte mich nicht die An⸗ dachtsuͤbungen des Kultus, ſondern ſie unterrichtete mich in jenen unwandelbaren Wahrheiten, auf denen jeder Kultus beruht. Sie ließ mein Herz bei dem 3 — 72 großen Gedanken der»Pflicht“ hoch auf klopfen, womit ſie nicht etwa blos mein Ohr kitzelte, ſondern die ſie mir als den lezten Zweck unſeres Daſeins als die ſicherſte Buͤrgſchaft einer Zukunft darſtellte. Als dieſe fruchtbringenden Grundſaͤtze zum erſtenmal vor uns entwickelt wurden, fuͤhlte ich in mir eine unbe⸗ ſchreibliche Regung von Freude und Stolz. Ich fuͤhlte mich nun von dem druͤckenden Joch meiner Duͤrftigkeit und meines geringen Standes befreit, ich bemerkte Kraͤfte in mir, die ich noch nicht gekannt hatte, und indem ich in dem Menſchen zwei Naturen erkannte, die eben ſo ſcharf von einander geſchieden als gegenſeitig von einander abhaͤngig ſind, ſah ich ein, daß die Politik und die Moral alle beide auf gleiche Weiſe beruͤckſichtigen, und ſich der einen be⸗ dienen ſollte, um die andere zu beherrſchen. So zergliederte ich mir denn auch die beiden großen Kraͤfte, die ſeit ſechshundert Jahren die Herrſchaft der Welt unter ſich theilen, die eine materiell und thieriſch, die ſogenannte Barbarei: die andere, mo⸗ raliſch und edlerer Art, die Civiliſation, dieſer goͤtt⸗ liche Zug in der menſchlichen Natur. Die Rechtswiſſenſchaft bot mir die unmittelbarſte und heilſamſte Anwendung jener erhabenen Lehren der Philoſophie in Bezug auf die menſchliche Geſell⸗ ſchaft dar. Doch ihr helles Licht führte mich in dem Irrgarten unſerer Geſetzgebung wie unter einem Haufen von traurigen Truͤmmern umher. Obwohl die Univerſitaͤten ſich nur auf den Vortrag des roͤ⸗ miſchen Rechts beſchraͤnken, und es der ſpaͤteren Praris uberlaſſen, die jungen Rechtsgelehrten in die unentwirrbaren Geheimniſſe des unſrigen einzuwei⸗ hen, ſo pflegte doch unſer Profeſſor uns durch die lange Reihe von Geſetzverfaſſungen hindurchzufuͤh⸗ ren, die, faſt alle barbariſch, dennoch die einzigen Denkmale und Ueberreſte jener verſchiedenen Voͤlker ſind, die nach einander uͤber Spanien geherrſcht haben. Auf den Richterbaͤnken, in den Gerichtsſaͤlen und unter der Menge jener Escribanos*), die von den unvermeidlichen Irrthuͤmern und von der grauſamen Langſamkeit unſerer Juſtiz leben, finden ſich freilich nur zu viele Gegner einer Reform unſe⸗ rer ſich widerſprechenden und veralteten Geſetzbuͤcher; doch in dem Jugendalter hat das Gemuͤth noch zu viel Kraft, um jenem elenden Calcul des Egoismus Raum zu geben. Die Studenten— ich meine hier diejenigen, die ihre Studien auf der Univerſitaͤt ernſt⸗ lich betrieben— ſehnten ſich einmuͤthig nach dem Zeitpunkt, wo die ſpaniſche Nation im Stande ſein wuͤrde, nach dem Vorbilde der franzoſiſchen Nation in die Geſetze der Monarchie Einheit zu bringen, den Gang unſerer Gerichtsbehoͤrden zu beſchleunigen, den Bemuͤhungen unſeres Ackerbau's und unſerer Gewerbe einen Antheil von hunderttauſend Familien zuruͤckzugeben, welchen unſer Rechtsverfahren ſeinen verderblichen Geheimniſſen geweiht hat, kurz, unſere Staatseinrichtungen mit den neueren Anſichten und *) Rotarien. 74 Beduͤrfniſſen der Zeit in Uebereinſtimmung zu bringen. Sir Georges, welcher der Richtung meiner Ideen ſeinen vollen Beifall gab, ſtellte mir nun den Fami⸗ lientractat und das Waffenbuͤndniß, welche das ſpa⸗ niſche Kabinett ſeit dem Basler Frieden mit dem Kabinett der Tuilerien erneuert hatte, als die wirk⸗ ſamſten Urſachen unſeres Ruins und Verfalles dar⸗ Die Kolonien, welche durch den Krieg mehr noch als durch den Ocean vom Mutterſtaate getrennt wur⸗ den, lernten allmaͤhlig ſich uͤber deſſen Geſetze hin⸗ wegzuſetzen, der Handel und der Gewerbfleiß gien⸗ gen vollends zu Grunde, das allgemeine Elend hatte auch den Schatz des Fuͤrſten erſchoͤpft; kurz, die ganze Verwaltung war aufgeloͤſt, und an der Stelle einer milden Koͤnigsgewalt hatten wir nun einen ho⸗ hen Rath von Kaſtilien, der zu gleicher Zeit Sklave und Unterdrücker war, unabhaͤngige Municipalitaͤ⸗ ten, Gerichtshoͤfe, die keine mehr waren, und einen ſeiner Wuͤrde beraubten Hof. Hier, zwiſchen einem Koͤnige ohne Laſter und einer Koͤnigin ohne Tugen⸗ den, herrſchte durch beide ein Mann, deſſen ganzes Leben eine der traurigſten Erſcheinungen in der Ge⸗ ſchichte bleiben wird. Ein Premierminiſter, aus der Mitte der Leibgarde erwaͤhlt, ein Generaliſſimus, der nie ein Feldlager geſehen, ein Großadmiral, deſ⸗ ſen Fuß nie eine unſerer Meereskuͤſten betreten hatte, Grande von Spanien, Herzog, Fuͤrſt ohne Ruhm und ohne Ahnen, endlich auf die Stufen des Thro⸗ nes geſtellt, vermoͤge einer kuͤhnen Verbindung mit 7⁵ dem Stamm ſeiner Beherrſcher,— dies war der Mann, der ohne Mittelſtufen ſich von der niedrigſten Klaſſe des Volks zu faſt unglaublichen Ehrenſtellen emporgeſchwungen hatte. Dabei hatte er zur Schande ſeiner verbrecheriſchen Erhoͤhung auch nicht einen Schimmer von Lalent, nicht einmal das Ver⸗ dienſt eines geleiſteten Staatsdtenſtes, nicht einen Schein von einer edeln Eigenſchaft aufzuweiſen. Er war zu den neuen Ideen hingeneigt, hatte davon re⸗ den hoͤren, daß die Induſtrie Voͤlker reich mache, daß die Fortſchritte der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften einer Regierung zur Ehre gereichen, und wuͤrde am liebſten ſeine Stirn mit dem Lorbeer Karls des Drit⸗ ten unb Ludwigs des Vierzehnten geſchmuͤckt haben, allein er beſaß keine Energie, außer fuͤr das Boͤſe, keine Ausdauer, außer im Geiz, in der Sittenloſig⸗ keit und in der Eitelkeit. Das Gute ahndete er wohl bisweilen, hatte aber weder die Kraft, es zu wollen, noch den Verſtand, um es thun zu koͤnnen. Indem er nichts in der Welt weiter zu thun ver⸗ mochte, als durch ſeine tollen Feindſeligkeiten Ame⸗ rika den Englaͤndern, und durch ſeine konigsmoͤrde⸗ riſchen Komplotte die ſpaniſche Halbinſel den Haͤn⸗ den Napoleons zu uͤberliefern, verſtand er bei ſeiner rohen Unwiſſenheit nicht einmal die franzoͤſiſche Sprache.*à) Ein wunderlicher Eigenſinn ſeines *) Ein ſehr bedentendes Mitglied der Eortes, welches ſpäterhin ins Miniſterium getreten iſt, entwarf mir eine Schilderung von dem Friedensfürſten, die auch am Schluß ganz mit der obigen übereinſtinnnte. Schickſals machte ihn zugleich zum Guͤnſtling und zum Tyrannen eines unumſchraͤnkten Koͤnigs und einer herrſchſuͤchtigen Koͤnigin, die er alle beide zu⸗ lezt verrieth. Noch ſehr jung an die Spitze der einen Haͤlfte der Welt hingeſtellt, ſah Don Manuel de Godoy in ſei⸗ ner unermeßlichen Gewalt nicht etwa einen Weg zum Ruhme, ſondern blos eine Gelegenheit, ſein Gluͤck zu machen. Die Reichthuͤmer des Staats wurden ihm uͤberliefert, und ſo viel Ueberfluß und Groͤße vermochten dennoch in ihm auch nicht einen Funken Liebe für ſein Vaterland zu wecken. Der Hof, der Mittelpunkt ſeiner Macht, ſchloß die Augen vor dem Gange der Begebenheiten in der alten und neuen Welt, und ſchloß ſich ganz an die elenden Intriguen, an die entgegengeſetzten Komplotte eines jungen Gar⸗ diſten und einer Fuͤrſtin von grauen Haaren an; von denen der erſte mit roher Geckenhaftigkeit ſeine Wohlthäterin und Gebieterin mit Fuͤßen trat, waͤh⸗ rend die leztere, ſtets untreu und doch ſtets von der Leidenſchaft unterjocht, ſich fruchtlos anſtrengte, die koͤnigliche Gewalt, die ſie preisgegeben, wieder zu erringen, oder doch wenigſtens das unwuͤrdige Herz, dem ſie dieſe Gewalt zum Lohne uͤberlaſſen, ferner an ſich zu feſſeln. Rings um Don Manuel, wie um einen Stein des Anſtoßes, gruppirten ſich ehe⸗ brecheriſche Gluͤcksguͤter ohne Zahl. Die Staatspo⸗ ſten, die Wuͤrden, die Schaͤtze des Reichs waren der Preis, womit man die Beſchimpfungen belohnte, welche die königliche Majeſtät unb die öffentliche 77 Sittlichkeit täglich erleiden mußten. Der Palaſt Karls des Vierten gab dem weinenden Spanien ein Vild von den Zeiten des Claudius. Und welchen Zeitmoment benutzte die konigliche Wuͤrde, um ſich uͤber die Achtung der Voͤlker hinwegzuſetzen? Den⸗ ſenigen, wo jenſeit der Pyrenaen die Revolution in ihrer hochſten Wuth den Oberhaͤuptern der Voͤl⸗ ker furchtbare Lehren gegeben hatte⸗ ———————— ———— —— Drittes Buch. Fortſetzung des Manuſcripts von Ainhoa. Erſtes Kapitel. — . Sir Georges hatte mich ſchon ſeit laͤngerer Zeit er⸗ ſucht, die Erziehung des Sohnes des Grafen von D**, ſeines Freundes, zu uͤbernehmen. Es war dies jener ſpaniſche Grande, der Verwandte des Jaime, der in ſeinem Hauſe wohnte. Der bisherige Erzie⸗ her des Kindes, ein geborener Franzoſe, war genoͤ⸗ thigt worden, eine Reiſe in ſein Vaterland zu ma⸗ chen, und in der That konnte niemand ſeine Stelle beſſer vertreten als ich, der ich von der Wiege an die Sprache Boſſuet's und Corneille's ſprechen ge⸗ lernt hatte. Der Englaͤnder, der meine abſchlaͤgi⸗ gen Antworten einem geheimen Stolze zuſchrieb, er⸗ innerte mich daran, daß der Kardinal Fimenes ſich nichts von ſeiner Wuͤrde zu vergeben geglaubt hatte, als er in eben dieſer Gegend einſt durch Uebernahme einer Hofmeiſterſtelle gleichſam das Vorſpiel zu ſeiner nachherigen Verwaltung Spaniens einleitete. Ich gab endlich nach, mehr um ſeiner dringen⸗ den Wuͤnſche, als um der hiſtoriſchen Erinnerungen willen, und wurde ſogleich dem Grafen vorgeſtellt. 79 Dieſer Herr hatte ein ſtolz herabſehendes und ſchrof⸗ fes Weſen an ſich; und ich nahm ebenfalls ein ſtolzeres Weſen an, um nicht zu tief hinter ihm zuruͤckzuſtehen. Die Graͤfin dagegen, welche weit feiner und freund⸗ licher war, ſchuͤchterte mich ein. Ich fand ſie mit⸗ ten in einer geräumigen Gallerie auf ihrer Eſtrade ſitzen, die mit Gold und Silber verziert war. Sie ſelber ſtrahlte mehr von perſoͤnlichen Reizen als von Putz. Ich hatte bereits das Alter erreicht, wo man die Frauen als maͤchtige Weſen kennen lernt, und ich empfand jezt in mir eine lebhafte Regung, es war die eines jungen Menſchen, der zum erſtenmal dem Blick begegnet, der ihm das unvermeidliche Geſetz der Liebe offenbart. Meine Augen wagten es nicht, ſich bis zu Donna Matea zu erheben, mein Mund oͤffnete ſich blos zitternd, um auf ihre Fragen zu antworten. Die Frauen moͤgen wohl nach dem Vor⸗ gange anderer Gewaltigen der Erde die Verwirrung, welche ihre Anrede einfloͤßt, ſehr gern ſehen, denn ſchon den folgenden Tag aͤußerte ſich die Mutter meines kleinen Schuͤlers gegen meinen Einfuͤhrer ſehr vortheilhaft uͤber meinen Verſtand; vermuthlich rechnete ſie mir das mit an, was ich innerlich em⸗ pfunden hatte. Sie war die Tochter eines Kaufmanns zu Cadir, und mußte den glaͤnzenden Rang, zu welchem die Liebe des Grafen ſie erhoben hatte, mit bitterem Ver⸗ druß bezahlen. Dem Hofe hatte es gefallen, ihre erſten Schritte auf dieſer neuen Bahn mit Dornen zu beſaͤen. Die Damen von ihrem Stande nahmen 80 ihren Beſuch nicht an; die Camarilla, dieſer Mittel⸗ punkt von Geſchaͤften, die unter der Form von Ver⸗ gnuͤgungen gehandhabt werden, dieſer Zuſammen⸗ kunftsort der zierlichſten Frauen und der Hoͤflinge von allen Graden, die nur irgend bei dem Monarchen die beliebteſten ſind, oͤffnete ſich nie fuͤr ſie; die Gar⸗ diſten ſtampften bei ihrem Kompliment, wenn ſie voruͤber gieng, nicht mit dem Fuße auf die Erde; die Granden, anſtatt ſie zu duzen, gaben ihr den Ti⸗ tel Excellenz, und die Kammerdiener des Schloſſes gaben ihr denſelben nicht; kurz, alle Ehrenbezeigun⸗ gen, die der Grandezza gebühren, wurden ihr ver⸗ weigert. Umſonſt gehoͤrte der Graf zu der Zahl von bedeutenden Perſonen, die ſich die Bloͤße gegeben hatten, eine alte Verwandtſchaft mit dem Friedens⸗ fuͤrſten vorzugeben. Es lag weder in der Politik noch in der Eitelkeit Don Manuel's, eine Misheirath in Schutz zu nehmen. Kurz, nichts vermochte dieſe ſtolze Zuruͤckſetzung zu heben, welche durch den hohen Verſtand und die hohe Schoͤnheit dieſer Frau vielleicht zu noch groͤßerer Hartnaͤckigkeit aufgereizt wurde. Donna Matea, da ſie nicht mehr hoffen durfte, jene Vorurtheile durch ihre Geduld und Sanftmuth zu entwaffnen, hatte ſich ſo eben nach Salamanca auf die Beſitzungen des Grafen zuruͤckgezogen, fern von einem Hofe, an welchem ſie ſich dadurch raͤchte, daß ſie ihn durch ſcharfen Witz laͤcherlich und veraͤchtlich machte. Große ſchwarze Augen voll Feuer, bewunderns⸗ wuͤrdige Zaͤhne, eine Geſichtsfarbe, der es nicht an 8¹ Friſche mangelte, obwohl die Sonne Andaluſiens einigen Eindruck darauf gemacht zu haben ſchien, Haare, auf deren glaͤnzendem Dunkelſchwarz ſich das Licht des Tages abſpiegelte,— das war es haupt⸗ ſaͤchlich, was mich gleich anfangs an der edeln Ga⸗ detanerin*) in Verwunderung ſetzte. Ihre Geſichts⸗ zuͤge haͤtten vielleicht noch regelmaͤßiger ſein können; doch ein gewiſſer leidender Zug gab ihrem ganzen Weſen und ihrem Lächeln den Reiz der Schwermuth, waͤhrend aus ihren Blicken und Worten ein feuriger Geiſt hervorſtrahlte. Man fuͤhlte, daß ſie zum Herr⸗ ſchen geboren ſei, und das Bewußtſein dieſer Beſtim⸗ mung der Frauen, welches bei ihr in einem hoͤhern Grade als bei jeder andern vorhanden zu ſein ſchien, gab den zarten und einſchmeichelnden Formen ihrer Sprache etwas ſtolzes. Der andaluſiſche Accent hatte in ihrem Munde unendlich viel Anmuth, ihre Stimme drang zum Herzen und es lag darin ein er⸗ greifender und koͤſtlicher Wohllaut, ihr Geſang machte beim Anhoͤren mich wehmuͤthig, und doch ward ich nicht muͤde ihm zuzuhoͤren, und wohl ſtun⸗ denlang ſtand ich neben dem Kinde, welches den Spielen ſeines Alters nachgieng, waͤhrend mein Ohr aufmerkſam die harmoniſchen Tone der Mutter ein⸗ ſchluͤrfte. Dieſe Melodien drangen dann zu meiner Seele wie ein ſuͤßer und taͤuſchender Trank, der den Durſt blos noch mehr weckt, anſtatt ihn zu ſtillen, und die ſeltene Anmuth aller ihrer Bewegungen, die ) Dame von Cadix. 82 Geſchmeidigkeit ihres Wuchſes gaben ihr vollends ei⸗ nen Zauber, deſſen Mocht niemand zu widerſtehen vermochte. Sir Georges fand ſich ſehr haͤufig in dem engen Zirkel der Donna Matea ein. Neben ſeinem ernſten Geiſte ſprudelte der beſtaͤndige Scherz der Graͤfin ſehr anmuthig hervor. Ich ſchwieg waͤhrend dieſer Unterhaltungen; ich hatte etwas beſſeres zu thun, als daß ich einige ſchuchterne Worte dazu zu geben Luſt gehabt hätte. Auch Jaime hoͤrte denſelben zu⸗ Er laͤchelte zu den leichten Aeußerungen ſeiner Tante, wie zu den ernſten Bemerkungen des Englaͤnders. Sein ganzer Verſtand ſchien in dieſem ewigen Laͤcheln zu wohnen, welches ausdruͤcken ſollte, daß er mit den Anſſchten der uͤbrigen einverſtanden ſei. Bei⸗ fall und Ironie ſpiegelten ſich abwechſelnd darin ab; der Duͤnkel und die Albernheit dagegen verriethen ſich darin fortwaͤhrend. Wenn bisweilen ſeine Lip⸗ pen ſich offneten, ſo geſchah es blos, um irgend ei⸗ nen unedeln Spaß oder irgend eine freche Anekdote hindurchzulaſſen. Ich traf meinen vornehmen Mitſtudenten ſonſt nirgends mehr als hier. Die Zerſtreuungen, denen er und Fortunato nachgieng, paßten nicht für meinen Character. Ich hatte mich von ihnen allmaͤhlig zu⸗ ruͤckgezogen, doch konnte dies nicht geſchehen, ohne ihren Haß gegen mich rege zu machen. Die Boͤſen können es einem nie verzeihen, der ſie von ſich zu⸗ ruͤckweiſet, und ſeiner Verachtuug ſtellen ſie dann ge⸗ woͤhnlich Hohn entgegen. Mein Verhaͤltniß mit dem —— 83 ernſten Sir Georges erregte ihren bitteren Spott. Sie wiegelten diejenigen der Studenten, die ihres gleichen waren, gegen mich auf, und dieſe Feindſe⸗ ligkeit verfolgte mich bis in den Geſellſchafts ſaal der Donna Matea. Bisweilen glaubte ich naͤmlich da an ihr eine Spur von jener bittern Geſinnung zu ent⸗ decken, die ihr Verwandter gegen mich an den Tag zu legen ſuchte. Dann ergriff Riedergeſchlagenheit meine Seele; mir war, als hätte ſich die ganze Welt gegen mich verſchworen. Wie viele Naͤchte brachte ich unter Thraͤnen hin! und keine befreundete Bruſt oͤffnete ſich theilnehmend meinem Kummer; Maria's Hand konnte mich nicht mehr unterſtutzen. Ein andermal wieder ſchien die Graͤfin, geruͤhrt uͤber den Eifer, womit ich die Stunden, die ich mei⸗ nem Zoͤglinge widmete, unaufhoͤrlich zu verlaͤngern ſuchte, ihre Dankbarkeit auf eine Weiſe auszudruͤcken, die alle meine Gefuͤhle und Gedanken in Verwirrung brachte. Sogleich lockte dann eine unbeſchreib⸗ liche Ruͤhrung ſuͤße Thraänen aus meinen Augen. Das erſte Entzuͤcken eines Herzens, das zur Liebe geſchaffen iſt, kennt keine andere Sprache. Doch dann ſchien jedesmal eine eiferſuchtige Glut in Jaime's Augen aufzulodern. Er bemuͤhte ſich dann die ſuͤßen Worte aufzufangen, die mir die Theilnahme einer jungen und ſchoͤnen Frau an mei⸗ nem Schickſale ausdruͤckten und die Bitterkeit meiner tiefen Verlaſſenheit milderten. Der Sohn des Her⸗ zog5 von L** trat als ein Juͤngling ins Leben ein, der reich, zu hohen Poſten beſtimmt, und rings von 6* 84 ——— bedeutenden Stützen umgeben war. Ich fand daher jenen Eifer grauſam, womit er mir den erſten Troſt, die erſte Aufmunterung, die ich gefunden, ſtreitig zu machen ſuchte. In demſelben Moment aber bejam⸗ merte er ſelber das Elend ſeines Looſes, welches in meinen Augen alle Guͤter dieſer Welt in ſich zu ver⸗ einigen ſchien. Obwohl an einem und demſelben Tage mit ſeinem Bruder geboren, war er doch nicht derjenige, den die Geſetze fuͤr den Erben der väterli⸗ chen Grandezza erkannten; und die Erbitterung uͤber dieſe Partheilichkeit des Schickſals erfullte ſein Leben mit den Qualen einer duͤſtern Verzweiflung⸗ Eine unbefriedigte Eitelkeit beherrſchte ſeine Seele. Er war gewohnt, uͤberall feindſelige Anſpruche zu erbli⸗ cken und eben ſo ſeinerſeits uͤberall Triumpfe und Opfer ſer ſich zu ſuchen; es war einer von jenen Menſchen, die in den Berechnungen ihres Ehrgeizes blos einen einzigen Umſtand uͤberſehen,— die Rechte des Gewiſſens. unvollkommene und beklagens⸗ werthe Geſchoͤpfe! ihr Stolz, der ſich nur in den Grenzen einer engherzigen Seele oder einer falſchen Verſtandesanſicht bewegt, wird ſehr bald bloße Ver⸗ kehrtheit, und bereitet ihnen ſelber, und in gewiſſen Fällen wohl auch der Welt, bittre Qualen. Eines Tages gieng ich uͤber den praͤchtigen Platz, wo unter drei Reihen ganz gleichfoͤrmiger Balcone ſich geraͤumige Bogengaͤnge hinziehen. Hier ſchim⸗ mern auf breiten Wappenſchilden die Buͤſten aller großen Maͤnner, welche Spanien gehabt hat. Ich war vor dem Bruſtbilde eines Helden ſtehen geblie⸗ 85 ben, von welchem ich abſtamme. Bei ſeinem An⸗ blick gaͤhrte ein heiliger Nachahmungstrieb in meinem Herzen auf; ich richtete meine Angen auf die runden Schilder, die noch leer waren.„als ploͤtzlich der Sohn Don Juan's und ſein Freund mich anredeten. Ich fuͤhlte angenblicklich, daß eine heftige Glut in meiner Bruſt aufloderte und meine Wange roͤthete. Sie blickten beide voll Erſtaunen rings umher, um den Gegenſtand zu ſuchen, der mich in ſo heftige Be⸗ wegung geſetzt haben moͤchte. Fortunato ſcherzte uͤber meine zunehmende Roͤthe, und ſeine Vorausſet⸗ zungen und Spaͤße brachten mich vollends aus aller Faſſung. Ich wagte nicht, ihm zu antworten, daß niemand jezt zu meinem Herzen geſprochen habe, als meine Vorfahren, meine Geliebte und der wahre Ruhm. »Man ſagt,“ fuhr er fort,»daß du dekn Fran⸗ zoͤſiſch an eine hohe Dame verkaufſt. Wenn du dich auch noch bei der Graͤfin von D**s einzufuͤhren Luſt haſt, wohlan,— das iſt ebenfalls eine ſehr reizende Frau, und ich wuͤnſche dir bei ihr alles moͤg⸗ liche Gluͤck.“ Hier hielt er inne, und ſein Blick, der voll Jronie und Bitterkeit war, ſchien mit dem zuverſichtlichen Laͤcheln Jaime's einverſtanden.»ue⸗ brigens,“ ſetzte er hinzu,„muß ich dir nur ſagen, daß du dir ſehr ſchaden wirſt, und daß man bereits auf der ganzen Univerſitaͤt faſt von nichts ſpricht, als von deinem Verkehr.“ Ich gerieth uͤber Fortu⸗ nato's Aeußerungen in Verlegenheit, gleichfam als haͤtte er in meinem Herzen etwas gelefen, was ich 86 ſelber nicht darin vermuthete. Doch antwortete ich ihm in einem Tone, der ſeinem Scherz ein Ende machte: ich ließe mich in meinen Handlungen ſtets durch zwei Beweggruͤnde leiten, die niemand außer mir richtig beurtheilen koͤnne, naͤmlich durch meine Ehre und durch mein Gluͤck.—*Je nun, lieber Kamerad,“ erwiederte der Baccalaureus,»hat denn irgend einer von uns die Goldminen von Guanaxato oder von Catorce in ſeiner Gewalt? Mein guter Freund Don Jaime, obwohl er der Sohn eines Praͤ⸗ ſidenten des hohen Raths von Kaſtilien iſt, wuͤrde ſich fuͤr den Werth eines Cornadillo*) drei Viertelſtun⸗ den lang wie ein galiciſcher Buͤßer geißeln laſſen; und doch laͤßt er ſich noch nicht ſo weit herab, um ſich durch Handel ſeinen Unterhalt zu verſchaffen⸗ Ihr habt vermuthlich kein Vermoͤgen?“—*Das iſt weiter nichts,“ unterbrach ihn der Reffe der Graͤ⸗ fin, zumal in dieſem Spanien, welches bald ganz ruinirt ſein wird, wenn wir es nicht nach dem Bei⸗ ſpiel unſerer Bruͤder jenſeit der Pyrenaͤen regeneri⸗ ren; aber mache es wie ſo viele andere, lebe auf Koſten der Moͤnche, unſere Vaͤter haben dieſe Blut⸗ egel mit dem Gute des Staats genugſam gemaͤſtet, als daß wir nicht eine Wiedererſtattung annehmen ſollten„—»Welche man Almoſen nennt,“ rief ich.— Bei dieſem Worte laͤchelte Jalme und verließ uns. Fortunato fuhr indeß fort:„Demo⸗ *) Eine Münze von geringem Werth, die jezt in Spanien nicht mehr in Umlauf iſt. —,.— 87 nio! wenn du ſo viel Stolz haſt, ſo erniedrige dich doch nicht dazu, deine Zeit und deine Kenntniſſe auf eine ſo unwuͤrdige Weiſe zu verkaufen; ich werde dir wuͤrdigere Hilfsquellen nachweiſen. Haſt du Muth?“ fuhr er weiter fort.»Nun gut! ich will dir hier nicht vorſchlagen, diejenigen unſerer Mitſtudenten nachzuahmen, welche von der Gutmuͤthigkeit der Vor⸗ uͤbergehenden einen kleinen Beitrag erbitten oder for⸗ dern, um ſich Buͤcher, Papier, Dinte zu kaufen, oder ihre akademiſchen Grade bezahlen zu koͤnnen,— nicht etwa, als ob dies Gewerbe nicht eintraͤglich waͤre, denn man trifft nicht leicht einen vornehmen Mann, der ſo arm, oder einen Kaufmann, der ſo geizig wäre, daß er dergleichen Bittſchriften unberuͤck⸗ ſichtigt ließe; allein dieſer Gedanke erfuͤllt dich mit Entſetzen. Darum aͤndere den Schauplatz. Um jede Sache in der Welt zu veredeln, braucht man blos einen groͤßeren Maaßſtab zu nehmen. Verbinde mit dem Gewinn Gefahr, und du folgſt dann den Fußtapfen von Helden, wie Hernand Cortes war, oder wie jener Held, der jezt in Frankreich die Altaͤre wieder aufrichtet. Wer ſein Hab und Gut nicht zu vertheidigen vermag, iſt deſſen nicht werth; auf die⸗ ſem Grundſatz beruht das Recht der Eroberung. Unſer Abel exiſtirt nur auf dieſem Grunde, und nur auf dieſe Weiſe iſt der Spanier Beherrſcher einer Welt geworden. Seit den mit England angeknuͤpf⸗ ten Unterhandlungen, iſt die Heerſtraße nach Gali⸗ cien ſehr zahlreich beſucht.—*Du floͤßeſt mir Abſcheu ein,“ rief ich aus, und eilte unter den Arkaden nach Hauſe zuruͤck, indem ich voll Unwillen die Thuͤr hinter mir zuwarf. Zu Hauſe traf ich meinen Wirth in einer Gemuͤths⸗ bewegung von ganz eigener Art. Seit meinem Ein⸗ zuge in ſein Haus war er fortwaͤhrend nur mit der Sorge beſchaͤftigt geweſen, uͤber der Ehre ſeines Dienſtmabchens zu wachen. Es ſah ganz ſo aus, als waͤre er der Vormund Margarita's, und als muͤßte er dem Fortunato fuͤr ſie ſtehen. Eine große Schuͤchternheit, eine tiefe Draurigkeit, und ein ge⸗ wiſſes linkiſches Weſen, welches andeutete, daß ſie fuͤr den muͤhevollen Stand, zu welchem unbekannte Unfaͤlle ſie herabgebruͤckt hatten, nicht geboren wor⸗ den ſei,— machte ſie noch intereſſanter, als ihre Jugend und ihre Schoͤnheit. Indeß waͤhrend man einen ſchuͤchternen Studenten ſorgfaͤltig ins Auge ge⸗ faßt hatte, verſchwand Margarita ploͤtzlich mit einem gewiſſen Fray Aparicio, einem jungen, ruͤſtigen, un⸗ ſtudirten Kapuziner, demſelben, deſſen heimliche An⸗ ſchlage meine Eltern gezwungen hatten, fern von Eſtremadura einen anderen Verbannungsort zu ſu⸗ chen. Ohne Argwohn hatte man ihn ganze Tage bei ſeinem Beichtkinde zubringen geſehen. Die Ent⸗ führung, die er jezt begangen, verſetzte den Commiſ⸗ far in Verzweiflung, und ſeine Verzweiflung war Wuth; ich glaubte einer Scene aus dem“Geizigen“ beizuwohnen. Fortunato, anſtatt die Spur ſeiner wuͤrdigen Gefaͤhrtin zu verfolgen, fuhr fort, die Vorleſungen zu beſuchen und zu ſtoren, beſonders fuhr er fort † mich zu verfolgen, da er ſeit jener unwilligen Zuruͤck⸗ weiſung ſeiner Vorſchlaͤge mein unverſoͤhnlicher Feind geworden war. Unterdeß hatte ich das Ende meines zweiten Studienjahrs erreicht, und erhielt meinen erſten akademiſchen Grad. Jafme, welcher der herr⸗ ſchenden Mode gemaͤß mit ſeiner brennenden Vorliebe fuͤr liberale Anſichten den uͤbertriebenſten Stolz eines Ariſtokraten verband, fuͤhlte ſich tief gekraͤnkt, als er ſich ungeachtet ſeiner glaͤnzenden Abkunft abge⸗ wieſen ſehen mußte, und Fortunato vermochte ihn nicht durch die Erinnerungen zu troſten, daß der große Covarrubias, jener beruͤhmte Gelehrte, der bei dem Concilium zu Trident das Protokoll fuͤhrte, in ſeiner Jugend nicht gluͤcklicher geweſen ſei. Auf die Nachricht von dieſem Schlage entſchloß ſich der Her⸗ zog von L*** ihm, wie ſeinem aͤlteren Bruder, die Waffenlaufbahn zu oͤffnen, und ſo trat er denn in ei⸗ nem ſehr bedeutenden Grade in die Kompagnie der Leibgarde ein.»Die Uniform,“ ſagte er zu mir, wird mir zum Entzucken ſchoͤn ſtehen. Ich fuͤhlte mich niemals von der Ausſicht ſehr ausgezogen, daß ich mich dereinſt in einen ſchwarzen Rock vermummen und mich mein Lebelang im hohen Rath von Kaſtilien langweilen ſollte. Mir iſt eine reiche Commandeur⸗ ſtelle lieber, die mir zugeſichert iſt, und zwar eine Comthurſtelle von 200,000 Realen Einkuͤnfte, ohne in Anſchlag zu bringen, daß das Obriſtenpatent nicht lange auf ſich warten laſſen wird.“ Donna Matea, in deren Hauſe er ſich ſo ausdruͤckte, ſchwieg ſtill; ſie ſchien innerlich bewegt. Ihre Unruhe machte 90 das Blut in meinen Adern zu Eis. Kaum hoͤrte ich es, wie Sir Georges ausrief:»Armes Spanien, wie ſchaltet man mit den Producten deines Bodens und mit den Graden in deiner Armee!“— Bei dieſem Worte blitzte ein unbekanntes Feuer aus den Augen des Sohnes von Don Juan.—*Iſt es denn meine Schuld,“ verſetzte er, wenn die alten Geſetze, jene ungereimten und ungerechten Geſetze, aus mir einen im Schooß des Ueberfluſſes gebornen Vettler machen? Warum ſoll ein anderer alle Wuͤr⸗ den und alle Guͤter meines Vaters ungetheilt beſit⸗ zen? In unſeren Adern fließt ein und daſſelbe Blut, wir haben zu gleicher Zeit das Licht der Welt erblickt, kein anderer Unterſchied findet zwiſchen uns ſtatt, als hoͤchſtens der von einer Stunde, und nun ſehet, wie die Welt uns behandelt! Ich muß ja doch le⸗ ben; denn noch hat man nicht den Beſchluß gefaßt, die juͤngeren Soͤhne großer Haͤuſer gleich in der Wiege zu erwuͤrgen, indeß haͤtte man wahrlich alles andere eben ſo gut thun koͤnnen, als daß man ihnen Namen gab, die durch keinen Litel geadelt werden, und einen mageren Jahrgehalt, den ſie blos dem bruͤ⸗ derlichen Mitleiden verdanken.“ Hier brach er ab, allein in ſeinem Auge ſah man alles Gift des Nei⸗ des und Haſſes gaͤhren. Wir ſahen ihn verwun⸗ dert an.— Nur Geduld!“ fuhr er fort, »wir haben noch zwei Ausſichten auf Rettung: eine Revolution und den Friedensfuͤrſten. Don Manuel iſt ein Freund hellerer Anſichten, als ein kluger und gründlicher Politiker ebnet er allmaͤhlig die Pyrenäen — ——,— —,—— wo einſt ſeine Talentloſigkeit und ſeine Laſter im 91 vor den philoſophiſchen Ideen; durch ein Band von Zuneigung an den erſten Konſul geknuͤpft, wird er ſich auf ihn einſt ſtuͤtzen, um die Wieder⸗ geburt der Nation zu bewerkſtelligen, und ſein gluͤckliches Genie..—»So giebt es denn,“ rief von neuem Sir Georges, den der Friede von Amiens nicht mit Godoy ausſoͤhnte,*ſo giebt es denn keinen Machthaber, und wäre er auch noch ſo veraͤchtlich und zerſtoͤrend, zu deſſen Preiſe ſich nicht Stimmen erhoͤben! Alle Tage werden neue Denkmuͤnzen zum Lobe Sejan's entdeckt, und das roͤmiſche Spanien war es, das dem Gott Tibe⸗ rius den erſten Tempel errichtete.“ Jaime reiſte ab. Einige Monate verſtrichen, und bald hoͤrte man von nichts reden, als von dem Gluͤck des jungen Gardeofſiziers. Befoͤrderun⸗ gen, Poſten, alle Auszeichnungen der Gunſt wurden an ihn verſchwendet. Weder ſeine Unfaͤhigkeit, noch ſeine Jugend, noch irgend etwas anderes, legte ſeinem ſchnellen Emporſteigen ein Hinderniß in den Weg. Die Regierung Karls des Vierten hat mehrere Wunder dieſer Art geſehen. Der Friedensfuͤrſt, anſtatt daruͤber Argwohn zu ſchoͤ⸗ pfen, freute ſich vielmehr uͤber ſolche unvollkom⸗ mene Nebenbuhler; er war ſeiner Herrſchaft zu feſt verſichert, als daß er Rivale hätte fuͤrchten durfen. Das hohe Gluͤck Jaime's ſetzte die ganze Uni⸗ verſitaͤt in Erſtaunen. Auf dieſem Schauplatz, 92 hellſten Lichte geſtanden hatten, entflammte jezt ein lebhafter Unwille alle edeln Herzen. Der groͤßte Theil ward von Muthloſigkeit ergriffen. Schlechte oder ſchaͤndliche Regierungen lähmen unſere See⸗ len, und berauben uns jener hohen Gedan⸗ ken, jener erhabenen Geſinnungen, die der ſchon⸗ ſte Theil menſchlicher Beſtimmung ſind. Die tranrige Macht der Tyrannei, die ſich blos dazu eignet, um jede Sittlichkeit und jede Hoffnung aus dem Lauf der Dinge hienieden zu verbannen, greift auf dieſe Weiſe zugleich den Himmel und die Erde an. Zweites Kapitel. Ein Brief, den ich von Maria erhielt, machte dieſe traurigen Eindruͤcke fuͤr mich noch tiefer und lebhafter. Alles, was mir ihre geliebte Hand je geſchrieben, hat mich ſtets durch die glaͤnzendſten wie durch die beklagenswertheſten Scenen meines Lebens begleitet. Ich entlehne daher aus dieſer Sammlung ihrer Briefe die folgende Erzählung, die meine Feder nicht ſo gut abzufaſſen im Stande ſein wuͤrde. ———— 93 „La Cabrera, Dienſtags den„2802, um ſechs Uhr Abends.“ »Du ſchreibſt mir jezt nie anders, denn als Ma⸗ ler, mein geliebter Freund. Die Schilderungen der Graͤfin von D*** fuͤllen allein deine Briefe. Ich wuͤrde dieſe ſchoͤne und gute Dame unter tauſenden wiedererkennen, das heißt ſoviel als: ich theile mit dir die Bewunderung, die ſie dir einfloͤßt. Ich em⸗ pfinde ferner eine große Dankbarkeit fuͤr ſie, darum, daß ſie dich von der Traurigkeit abzulenken weiß, welche deine Einſamkeit in dir ſonſt erregen koͤnnte. Es thut mir ſo wohl, dich minder ungluͤcklich und ſelbſt über meine Pbweſenheit getroͤſtet zu wiſſen! Doch moͤchte ich nicht gern, daß eine Fremde ſo auf einmal an die Stelle jener liebevollen Herzensergie⸗ ßungen traͤte, die ſo viel Reiz fuͤr mich, ſo viel fuͤr uns beide hatten.“ »um dir gleiches mit gleichem zu vergelten, will ich heute gegen dich die Geſchichtſchreiberin ſpielen. Ein großes Ereigniß hat naͤmlich die Einfoͤrmigkeit unſerer Einoͤbe unterbrochen; aber erſchrick deshalb nicht, Geliebter, es iſt kein Ungluͤck. Wir haben hier einen hohen Gaſt, das heißt einen hohen Gefan⸗ genen, bei uns. Ein vornehmer und ſehr einflußrei⸗ cher Mann, und zwar,— wie es heißt— der in⸗ nigſte Vertraute des erſten Unterthanen oder vielmehr des wirklichen Herrn unſerer Monarchie, iſt ſo eben von meinem Vater zur Gefaͤngnißſtrafe verurtheilt worden, und damit zu dem luſtigen Abenteuer nichts fehle, ſo erklaͤrt der Gefangene ſich dabei fuͤr den 94 glücklichſten Mann von der Welt. Er iſt uͤber ſein Ungluͤck ſo entzuͤckt, daß Don Luis kein Bedenken traͤgt zu glauben, daß er zum Lohn fuͤr ſeine Verhaf⸗ tung von ihm ein Lieutenants⸗ oder wohl gar ein Hauptmanns-Patent fuͤr dich erlangen wird.“ »Du wirſt dich noch erinnern, daß der Ayun⸗ tamiento*) ein Taubenhaus beſitzt, und daß die drin hauſenden Tauben unter dem oͤffentlichen Schutze ſtehen. Ein Jaͤger wollte neulich dieſen Schutz nicht anerkennen, die Bauern umringten ihn, nahmen ihn ungeachtet des Widerſtandes ſeiner Leute feſt, und fuͤhrten ihn vor die Ortsobrigkeit. Er mochte un⸗ terweges immerhin ſagen, und ſeine Jagdbegleiter aus allen Kraͤften ſchreien, daß er Mitglied des ge⸗ heimen Raths Seiner Majeſtaͤt, General in der Ar⸗ mee, Commandeur des Alcantara⸗Ordens ſei; un⸗ ſere Kaſtilianer begnuͤgten ſich, ihm mit ihrem derben Hausverſtande und ihrer gewohnten Kaltbluͤtigkeit zu antworten: Die Geſetze ſind fuͤr jedermann da, beſonders aber fuͤr die Großen, denn von den Klei⸗ nen hat man nichts zu fuͤrchten.— Der fremde err erſchien endlich vor uns. Denke dir unſer Er⸗ ſtaunen, als wir einen jungen Mann von hoher Sta⸗ tur, der mit Gold, Diamanten und Decorationen geſchmuͤckt war, vor uns ſahen. Auch von Perſon iſt er ſehr wohlgebildet, obwohl ſeiner Geſtalt jener lebendige und ungezwungene Ausdruck fehlt, welcher den Geſichtszuͤgen Seele und Leben verleiht. Wir ) Die Municipalität oder Ortsobrigkeit. —,—— ſahen in ihm blos einen jener Günſtlinge des Glucks, die ohne Verdienſt und faſt ohne Ahnen zu Ehren⸗ ſtellen gelangen, weil ein Blick des Koͤnigs, unſeres Herren, auf ſie fiel. Er ſeinerſeits zweifelte nicht, daß der Alcalde ſich vor ihm demuͤthigen und vor lau⸗ ter Entſchuldigung in Verlegenheit gerathen wuͤrde. Doch weit gefehlt. Don Luis, ohne auf irgend et⸗ was zu hoͤren, erkannte ihm eine Geldbuße und Ge⸗ faͤngnißſtrafe zu. Bei dieſem Ausſpruch fingen die Bedienten des Fremden an zu ſchreien, daß der Koͤ⸗ nig daruͤber ſehr boͤſe ſein und den ganzen Ort, zur Strafe fuͤr dieſen Frevel, der Erde gleich machen laſſen wuͤrde. Der Vater indeß befahl mit jener Ruhe, die du an ihm kennſt, ſie in den Thurm ab⸗ zufuͤhren. Einer von ihnen wollte ſich mit Gewalt widerſetzen; doch der unbeugſame Alcalde machte von ſeinen Rechten einen Gebrauch, der mir ſehr hart ſcheint, er verurtheilte ſie naͤmlich zum Stock⸗ ſitzen. Durch einen beſonderen Act der Gnade wies er dem hohen Verbrecher, der noch immerfort dage⸗ gen proteſtirte, ſein Haus zum Aufenthalt an.— Ich darf, ſagte dieſer, ohne eine Vollmacht von Seiten des hohen Raths von Kaſtilien nicht verhaftet werden.— Das heißt vielleicht, nicht vom Koͤnige, aber wohl von einem Alcalden. Die hoͤchſte Gewalt hat ihre Vorrechte, und die Communen haben ihre Freiheiten.— Ich werde euere Kuͤhnheit beſtra⸗ fen; der Koͤnig— Gnaͤdiger Herr, Seine Majeſtät der Koͤnig unſer Herr, den Gott noch lange am Leben erhalten moͤge, vermag alles, ſchlechter⸗ 96 dings alles, nur nicht die Fuero's*) ſeiner Voͤlker zu verletzen.— Mit dieſen Worten gieng der Vater, den Kopf ganz gerade haltend, hinaus und ließ uns mit dem Gefangenen allein, der anfangs Blicke voll Wuth um ſich warfz doch kaum hatte er uns erblickt, ſo verſchwanden die Wolken von ſeiner Stirn und machten einer reizenden Heiterkeit Platz. Man kann nicht artiger ſein als er war. Er ſagte, daß wenn er ſich auch gegen die Feſſeln meines Vaters ſtraͤubte, er dennoch ſehr gern die meinigen tragen wuͤrde. Bald trat Don Luis im hoͤchſten Zorne herein, und wollte unſern Gaſt zwingen, den Degen zu ziehen⸗ Dieſer junge Edelmann iſt der Sohn des vormali⸗ gen Gouverneurs von Havana Bei dieſem Namen fing Donna Leonor an zu zittern; dennoch faßte ſie ſich wieder, um den gefaͤhrlichen Jaͤhzorn unſeres Vaters ſtillen zu helfen. Der Comthur Frey**) Don Jaime bewirkte mehr als wir, ver⸗ moge ſeiner großmuͤthigen Ruͤckſichten, die er gegen ſeinen Widerſacher an den Tag legte. Sein ehrer⸗ bietiges Betragen gegen diejenigen, welche Don Juan verfolgte, und eine gewiſſe ritterliche Galanterie ge⸗ gen mich war etwas ſo verfuͤhreriſches, daß Don Luis zulezt nicht mehr widerſtehen konnte; er ſoͤhnte ſich mit dem Sohne ſeines Feindes auf eine anſtaͤn⸗ dige Weiſe aus. Ich fuͤr mein Theil werde durch *) Privilegien. „*) Frey iſt eine unterſcheidende Benennung der Ritter von den Militärorden, zum unterſchiede von den andern geiſtiichen Oeden, die den Sitei Fray führen. 97 die Sprache, die der Fremde fuͤhrt, haͤufig in einige Verlegenheit geſetzt; indeß das iſt nun einmal Hof⸗ ſtil, und man muß ſich bequemen, dergleichen zu er⸗ tragen. Es muß doch ein ſeltſames Land ſein, wo aus dem Munde Aller ein Strom zaͤrtlicher Erklaͤ⸗ rungen fließt, der ſich am Ende zu den Füͤßen der Frauen verliert. Wozu dieſe immerwaͤhrende Lüge? Sind wir denn gar ſo Richts, daß man ſo mit uns ſein Spiel treiben kann? und was denkt man denn von uns, daß man von uns glauben kann, wir fuͤhl⸗ ten uns durch ſo alltaͤgliche Komplimente geſchmei⸗ chelt, oder wir haͤtten fuͤr dergleichen leere Huldi⸗ gungen Sinn und Gefuͤhl!“ »Frey Don Jaime hat eiligſt nach San Ilde⸗ fonſo, wo jezt der Hof ſeinen Sitz hat, von ſeinem Abenteuer Bericht abgeſtattet. Waͤhrend er ſeinen Kurier abfertigte, entſchluͤpfte ich aus dem Zimmer; ich konnte es kaum erwarten, dir dieſe ſeltſame Ge⸗ ſchichte mitzutheilen. Wenn wird die Zeit wieder⸗ kommen, wo ich dir die empfangenen Eindruͤcke nicht erſt ſchreiben, ja nicht erſt muͤndlich ſagen durfte? Wir verſtanden es ſo gut, gegenſeitig in unſern Au⸗ gen zu leſen, was im Innern unſerer Seele vor⸗ gieng„. Don Luis beſchwert ſich jezt eben uͤber meine Abweſenheit. Ich verlaſſe dich, um zu dem Kanne von goldenen Worten zu eilen.“ 98 m zehn uhr Abends.“ »Ich ſchreibe dir dieſe Zeilen unter Thraͤnen, mein Alonſo. Der heutige Abend war ſehr lang⸗ weilig. Don Jaime verfolgte mich mit Reden und Blicken, die mich in Verzweiflung ſetzten; ich mußte mit ihm ſingen, und der Ausdruck, den er in die Sertesworte unſerer Romanzen legte, brachte mich vollends in Verwirrung. Als wir einen Augenblick mit einander allein waren, erſchreckte er mich auf eine ſolche Weiſe, daß ich weinend davon eilte. Don Luis beſchuldigt mich, daß ich die Furchtſamkeit ei⸗ nes jungen Maͤdchens gehabt haͤtte, er lacht uͤber meinen Schrecken und ſieht darin eine Beleidigung gegen den fremden Herrn, deſſen heitre Laune ihn taͤglich mehr anzieht. Wenn werden wir endlich ſeinen laͤſtigen Beſuch loswerden? Ich wage weder gegen ihn noch gegen irgend jemanden ein Ange auf⸗ zuſchlagen. Meine Mutter hatte wohl Urſache, mir die Maͤnner mit duͤſtern Farben abzuſchildern. Ach, lieber Bruder, ahme ſolchen Beiſpielen niemals nach. Du kan nſt nicht glauben, wie ſehr dergleichen Ver⸗ achtung einem weiblichen Herzen weh thut, wie tief ich durch die beleidigenden Huldigungen, die ich empfieng, mich erniedrigt fuͤhle! Wenn ich ſie noch laͤnger erdulden muͤßte, ſo wuͤrde ich lieber zu ſter⸗ ben wuͤnſchen.“ — „Mittwochs um 10 Uhr Vormittags.“ »Heute fruͤh mit Tagesanbruch iſt ein Kammer⸗ herr, und zwar der Oheim unſers Gefangenen, von 99 San Ildefonſo hier eingetroffen. Er hat ohne Zweifel den Befehl mitgebracht, ſeinen Reffen in Freiheit zu ſetzen, und was auch immer Herr Don Luis daruͤber ſagen mag, er wuͤrde ganz gewiß dem Herrn Don Carlos Folge geleiſtet haben; doch der Comthur beſteht darauf, daß er ſo lange bei uns bleiben will, bis die Zeit des ihm zuerkannten Arreſts abgelaufen ſei. Ich mußte unſern beiden Gaͤſten die Chocolade ſelber auftragen, und zitterte dabei am ganzen Leibe; der neue Ankoͤmmling hat mich gluͤcklicher Weiſe etwas zerſtreut. Ich hatte noch nie einen Kammerherrn geſehen. Dieſer, deſſen Kammerherren-Schluͤſſel bis auf ſeine Rockſchoͤße herabhaͤngt, iſt alt, klein und häßlich. Er verliert ſich faſt unter ſeinem weiten goldgeſtickten Rocke. Seine Stickerei iſt ſchon ſo abgetragen, daß ich eben geneigt war, ihn wegen ſeiner Duͤrftigkeit zu bekla⸗ gen, als ich erfuhr, daß ihm eine ganze Provinz gehoͤre. Das ſei ſo Mode, verſicherte man mich; vermuthlich gereicht am Hofe das Alter der Gold⸗ treſſen eben ſo zur Empfehlung, wie alles andere Alte.“ Ich habe vielleicht Unrecht, daß ich vom Kam⸗ merherrn ſo zu dir ſpreche. Indeß ſetzte er mich ebenfalls nicht wenig in Verlegenheit durch ſeine an⸗ haltende Aufmerkſamkeit und durch die Lobſpruͤche, die er meinen blonden Haaren ertheilte. Er ward nicht muͤde, ihre Schoͤnheit zu preiſen, doch that er es ſtets mit vieler Ruͤhrung.— Dieſe goldenen Haarflechten, ſagte er, erinnern mich an die Frau 100 — und an die Lochter eines Bruders, den ich mein Le⸗ belang geliebt habe. Er lebt in dieſem Augenblick nicht mehr. Seine untroͤſtliche Wittwe iſt vor Ver⸗ zweiflung fruͤhzeitig alt und grau geworden, und das einzige Kind, das er uns hinterlaſſen, meine junge Erbin, wurde mir entriſſen.“ »Der gute Alte ward genannt; er iſt der Schwa⸗ ger des ſtrafbaren Don Juan, und heißt Markis von C***. Dieſer Titel, den unſere Vorfahren fuͤhr⸗ ten, bewirkte, daß mein Vater vor Freuden außer ſich war; ich habe ihn nie ſo lebhaft geruͤhrt geſehen. Der Markis hatte kaum erfahren, daß wir den Na⸗ men B*** fuͤhrten, als er ſogleich die Abkoͤmm⸗ linge deſſen, deren Guͤter und Ehrentitel er beſitzt, mit Achtungsbezeigungen uͤberhaͤufte. Er will die Ungerechtigkeit des Gluͤcks wieder gut machen, und bietet uns in Madrid eine unſerer wuͤrdigere Woh⸗ nung an; und zwar dringt er um ſo mehr darauf, da Don Luis, geruͤhrt von dieſen großmuͤthigen An⸗ erbietungen, obwohl er ſie aus Stolz ablehnte, ihm die ganze Geſchichte ſeines Lebens erzaͤhlt hat. Mit großem Unwillen hoͤrte der fremde Herr die Erzaͤh⸗ lung von den boshaften Anſchlägen in Havana an⸗ — Es wundert mich dies nicht, ſagte er, indem er Don Luis die Hand druͤckte; dann holte er ei⸗ nen tiefen Seufzer und fuhr fort: Es wuͤrde mich ſehr freuen, wenn ich dem Herzog jene Donna Leo⸗ nor, die er ſo niedertraͤchtig aufgeopfert hat, als in meinem Hauſe wohnend zeigen koͤnnte.— An dem Tone, womit er dieſe Worte aus ſprach, konnte 101 man leicht abnehmen, daß ein geheimer Schmerz dieſen zur Bitterkeit geſteigert hatte, und daß zu dem Vergnuͤgen, ein Verbrechen wieder gut zu machen, ſich auch noch die Freude, Rache nehmen zu koͤnnen, geſellte. Dieſe wenigſtens hat nichts großmuͤthiges an ſich. Indeß, Gott ſei Dank! die inſtaͤndigen Bitten des Markis werden an der edlen Weigerung des Vaters ſcheitern. Ich ſpreche: Gott ſei Dank! denn mir graut ſchon vor Madrid.— Ein Laͤrm von Pferden, Peitſchen und Waldhoͤrnern laͤßt ſich in dieſem Augenblick hoͤren. Geht es nun vielleicht mit unſerem bedeutenden Abenteuer zu Ende2“ ————— „Mittags.“ »Geliebter, rathe einmal, welche hohe Beſuche wir gehabt haben. Der Koͤnig und die Koͤnigin in unſerem Hauſe! denke dir unſere Freude, unſere Ue⸗ berraſchung, unſere Verlegenheit! Don Luis war unter uns allen der gluͤcklichſte; denn er dachte nicht daran, gegen Ihre Majeſtaͤten in ſeiner niedrigen Behauſung den Wirth zu machen, ſondern er ſann blos darauf, wo er eine eiſerne Kette her bekommen koͤnnte, um damit die Vorderſeite ſeines Hauſes zu ſchmuͤcken und kommenden Jahrhunderten zu verkuͤn⸗ den, daß gekroͤnte Haͤupter uͤber ſeine Schwelle ge⸗ ſchritten ſeien. Der Koͤnig, der ſehr eilig ſeine Jagdparthie verfolgte, trat blos auf einen Augen⸗ blick ein. Don Jaime, den der Friedensfuͤrſt oder, wie Ihre Majeſtaͤten ihn nennen, Manue⸗ ———— lito*) mitnehmen wollte, erklaͤrte von ſelber, daß er den vollen Arreſt hier ausſtehen wolle, und ließ den Koͤnig abreiſen, ohne ihn zu begleiten. Donna Ma⸗ ria Luiſe, welche um einiger Ermuͤdung willen bei uns zu verweilen genoͤthigt war, ſchien ſich uͤber die abgeſchmackte Sprache des Comthurs zu aͤrgern, und ſuchte ihm mehreremale Stillſchweigen zu gebieten. Ich haͤtte mich der Koͤnigen da zu Fuͤßen werfen moͤ⸗ gen, ſo ſehr fuͤhlte ich mich durch ihren erhabenen Beiſtand beruhigt. Donna Maria Luiſe wuͤrde die liebenswuͤrdigſte der Frauen ſein, wenn ſie auch nicht die edelſte, die ſchoͤnſte aller Koͤniginnen waͤre. Als man mir ſagte, ſie ſei ſchon uͤber funfzig Jahr, ſo glaubte ich, man wolle mich zum Beſten haben. Sie iſt groß, ihre Geſichtszůge und ihr Wuchs ſcheinen noch ganz jugendlich, in ihrer ganzen Perſon liegt etwas verfuͤhreriſches. Ihr italiaͤniſcher Accent thut dem Zauber ihrer Worte keinen Abbruch; ihr Benehmen hat ſo viel Leichtigkeit, ihre Anmuth iſt ſo natuͤrlich, ihre Artigkeit ſo wohlwollend, daß ich mich gleich anfangs in ihrer Gegenwart ſehr wohl fuͤhlte, und doch verbindet ſie mit der Leutſeligkeit, der den Unterſchied des Ranges vergeſſen laͤßt, ſo viel majeſtaͤtiſche Wuͤrde, daß man in ihrer Haltung und in ihrem ganzen Weſen die Kaiſerin einer halben Welt nicht verkennen konnte.“ „Ich weiß dem Markis von C*s vielen Dank, daß er unter allen Hofleuten ſich mit der Koͤnigin *) Veränderung des Namens: Manuel. — ———— 103 ganz allein nicht blos von dem, was ſie meine Schönheit nannten, ſondern auch von dem vor⸗ maligen Glanz und dem jetzigen Verfall unſerer Fa⸗ milie unterhielt. Auf einmal wuͤnſchte Donna Ma⸗ ria Luiſe mit dem Kammerherrn und meinem Verfol⸗ ger allein zu ſein. In ihrem feurigen Auge ſah man einen großen Gedanken ſich bewegen. Ich bin ver⸗ ſichert, daß ſie ein Mittel gefunden haben wird, die unverſchaͤmtheit des Unterthanen, der ihr ungehor⸗ ſam war, zu beſtrafen. Voll Freude, jezt wieder mir ſelber anzugehoͤren, bin ich in dies Gemach ge⸗ eilt, um dir dieſe ſeltſame Geſchichte weiter zu er⸗ zählen. Meine Gedanken muͤſſen erſt bis zu dir hin eilen, um Ruhe zu finden. Ich bedarf dein ſo un⸗ umgaͤnglich, wie unſere gebrechlichen Pflanzenſtauden einer Stuͤtze beduͤrfen. Wie moͤgen es nur die Maͤdchen machen, die keinen Bruder haben? ſie ha⸗ ben von Gott offenbar ein blos unvollſtaͤndiges Da⸗ ſein erhalten.“ „Um drei uhr.“ »Werde ich wohl die Kraft haben, dieſen Be⸗ richt zu vollenden? der Kopf ſchwindelt mir, als ſchwebte ich uͤber einem Abgrunde. Mein ganzes Daſein iſt uͤber den Haufen geworfen; ein Gedanke, der ſonſt nie in mir aufſtieg, ſtellt ſich ohne Scho⸗ nung in ſeinem ganzen Umfange vor meine Seele;— und mit welchem Gefolge! Ich bin noch nicht funf⸗ zehn Jahr alt, und ſchon iſt mein Leben fuͤr immer 104 in Feſſeln geſchlagen! Ach, mein Alonſo, deine Schweſter gehoͤrt weder mehr ſich ſelber noch dir mehr an.“ »Sie riefen mich wieder herein. Die Koͤnigin ſagte zu mir, ſie wolle den erloſchenen Glanz meines Hauſes an mir wiederherſtellen, und erhoͤbe mich hiemit in den Rang der Grandezza. Bei dieſen Wor⸗ ten zitterte ich, und der Comthur betrachtete mich wie eine Beute, die ihm jezt ſicher ſei. Meine Un⸗ ruhe war ſchwerlich groͤßer, als hierauf die Koͤnigin den Kammerherrn ungeachtet ſeines Alters mir zum Gemahl beſtimmte, den ſie mir anzunehmen befahl⸗ Mich druͤckten ſo viele ſchmerzliche Gedanken nieder, ich empfand ſo viele neue Eindruͤcke, daß ich auch nicht ein Wort vorzubringen vermochte, ſondern hin⸗ auseilte. Meine Mutter und ich weinten nun zu⸗ ſammen waͤhrend der Stunden der Mittagsruhe, wo wir eine Weile allein ſein konnten. Meine ohnmaͤch⸗ tige Hand vermag nicht mehr die Feder zu halten⸗ Unter den ſchrecklichen Gedanken, die mich umrin⸗ gen, iſt beſonders einer, der alle andern uͤberwiegt, und gegen welchen mein Herz nicht Muth genug be⸗ ſitzt: iſt es wohl moͤglich, daß ich binnen wenigen Tagen jene Liebe, die mit uns großgewachſen iſt, dem Range aufopfern ſoll? Ach, ich fuͤhle nur zu ſehr, daß dieſe Anſtrengung uͤber meine Kraͤfte gehen wird!“ »Maria De Las Anguſtias.“ 105 Wenn es noch Zeit geweſen waͤre, ſo wuͤrde ich mich aufgemacht haben, um meine Schweſter einer Verbindung, die ſo wenig fuͤr ihr liebevolles Herz paßte, und den Fallſtricken eines verderbten Hof⸗ manns zu entreißen. Allein es war ſchon zu ſpaͤt. Ich war voll duͤſtrer Verzweiflung. Die langen Laͤuſchungen meiner Jugend waren jezt auf einmal dahin. Wir hatten uns ſo oft verſprochen, blos fuͤr einander leben zu wollen, daß dieſer thoͤrichte Traum ſich zulezt aller unſerer Gefuͤhle und Gedanken be⸗ maͤchtigt hatte. Ich erwachte nun mitten in einer Einoͤde. Ein neuer Brief, der von Madrid datirt war, lieferte mir die Fortſetzung dieſer traurigen Scenen. —»Don Luis,“ ſchrieb mir Maria,»fuͤhlte ſich zu ſehr in ſeinem Stolz als Kaſtilianer und in ſeiner Vaterliebe geſchmeichelt, als daß er meine Leiden auch nur haͤtte ahnen, geſchweige denn bemer⸗ ken koͤnnen; er vergaß, daß ein Band, wodurch zwei Leben an einander gekettet werden, den vollkommen⸗ ſten Einklang der Gefuͤhle, der Meinungen, kurz al⸗ les deſſen erfordert, was zum innerſten Daſein ge⸗ hoͤrt; ſonſt iſt es weiter nichts, als ein Anketten ans Unglůck ſelber. Da er blos an den Jahren und an dem Aeußeren des Markis Anſtoß nahm, ſo glaubte er mich mit der Verbindung, wozu ich beſtimmt war, am beſten ausſoͤhnen zu koͤnnen, wenn er die ganze ueberſicht ſeiner Ehrenſtellen und Titel vor mir ent⸗ 106 rollte. Dieſer Herr, fuͤgte mein Vater hinzu, be⸗ ſaß ſo wie ich eine romantiſche Einbildungskraft; ſeit funfzehn Jahren, ſeitdem ihm naͤmlich ſeine Nichte und Adoptivtochter aus der Wiege durch ein Verbrechen entriſſen worden, ſuchte er nun eine Ver⸗ bindung zu ſchließen, die ihn in ſeinem Schmerz zu troͤſten vermoͤchte; vielleicht wollte er auch dem Don Juan, den er zu haſſen ſchien, nicht ſein unermeßli⸗ ches Vermoͤgen hinterlaſſen.“ *Es ward beſchloſſen, daß wir auf der Stelle nach Madrid abgehen wollten. Unſer Vater konnte nach ſo langen Jahren ſich ohne Gefahr in der Haupt⸗ ſtadt zeigen, zumal da ſeine Verbannungszeit bald abgelaufen iſt; uͤberdies ſagt man ja, daß unter Don Manuels Regierung das Inquiſitionsgericht ſchlummere.“ »Die Nachricht von unſerer ſchnellen Abreiſe war fuͤr mich ein Donnerſchlag, es war, als ob dieſe haſtige Eile etwas an meinem Schickſal aͤnderte, in⸗ dem ſie daſſelbe in Erfuͤllung brachte. Ich mußte indeß gehorchen, und verließ mit Thraͤnen dies duͤrre und verwilderte Thal. Ach, wie ſchoͤn fand ich es jezt, wie viel haͤtte ich darum gegeben, um darin leben und ſterben zu koͤnnen.“* *Am Thore von Madrid aͤußerte ich den Wunſch, die Zeit bis zu meinem feierlichen Vermaͤhlungstage in irgend einem Kloſter zuzubringen. Ich ward da⸗ her ins Kloſter*** gebracht, deſſen Oberin die un⸗ troͤſtliche Wittwe des Bruders iſt, den der Markis verloren hat. Sie beſaß von ſeinem Haupte noch 107 einen Hut, der ihr zahlreiche Huldigungen verhieß, und brachte ins Kloſter ſeinen Titel mit, der nun mit ihr ausſtirbt, und ihren Schmerz, der nie enden wird. Gott hatte ihr in allem, was ihr im Leben lieb war, tiefe Wunden geſchlagen, indem er zuließ, daß, nachdem ſie ihre Soͤhne durch den Krieg und einen angebeteten Gemahl verloren, auch noch die kleine Manolita, in welcher alle dieſe theuern Weſen ihr noch einmal wieder aufleben ſollten, ihr durch ei⸗ nen ſchaͤndlichen Anſchlag entriſſen wurde. Fuͤr ihre Leiden konnte ſie nur noch in kloͤſterlicher Stille und Einſamkeit einige Linderung finden. Mit dem Schleier nahm ſie zugleich einen Namen an, der ſie an ihr ungluͤck erinnerte. Die Excellentiſſima Sor*) Maria de los Dolores ruͤhrte mich gleich beim erſten Anblick ſehr lebhaft. In ihrem ganzen Geſicht druͤckte ſich eine leidende und uͤberſpannte Phantaſie aus; ihr Betragen verraͤth ein ſehr leb⸗ haftes Gefuͤhl. Meine Jugend und meine Schuͤch⸗ ternheit erregten ihre Theilnahme. Sie war ber die eben ſo ſpaͤte als plotzliche Entſchließung des Kammerherrn verwundert, doch ohne ſeinen Ent⸗ ſchluß oder ſeine Wahl zu tadeln. Sie bedauerte weniger, daß er ſich eine Lebensgefaͤhrtin außerhalb der Grandezza geſucht, indem ſie ſich an den vorma⸗ ligen Glanz unſeres Geſchlechts erinnerte, ſondern dachte, daß ich mich dazu gewidmet habe, um die lezten Lebenstage des Greiſes an der Stelle ſeiner *) Schweſter.. 108 geraubten Tochter zu verſchoͤnen; zugleich erwachten ihre Erinnerungen wieder, ihre Thraͤnen miſchten ſich mit denen, welche ich vergoß.“ »Der ubermorgende Tag ſoll der feierliche Ver⸗ maͤhlungstag ſein. Der Narkis erſchien ſehr bald, von meinem Vater begleitet, und blieb lange Zeit bei mir. Ich wollte von ihm noch Aufſchub haben, indeß er ſchien ſich uͤber dieſe Bitte zu betruͤben, und ſo willigte ich denn in alles. Sollte ich jezt ſchon denjenigen betruͤben, fuͤr deſſen Gluͤck ich mich dem Himmel verantwortlich zu machen im Begriff bin?“ »Geliebter, ich bin tief in der Seele bewegt. Es iſt ſo vieles, was mich niederdruͤckt, ſo vieles, was mich beunruhigt und traurig macht! Der Tag, zu welchem man jezt die Vorbereitungen macht, iſt ſo Ehrfurcht gebietend, ſo geheimnißvoll! Ach, ha⸗ ben denn alle Maͤdchen dieſe ſchrecklichen Kaͤmpfe in ihrem Innern zu beſtehen? Ach, es duͤrfen ja doch nicht alle eine grauſame Pflicht an die Stelle ſuͤßer und heiliger Neigungen ſetzen. Der Gemahl, den ſie erhalten, iſt ihre eigene Wahl, der vorgezogene Freund, derjenige, in deſſen Haͤnde ſie ihr ganzes Schickſal niederlegen„„ Mein Gott! was ſage ich? ich falle wieder in jene ſtrafbare Verirrung zu⸗ ruck, weh ich mich der ſuͤßen Luſt uͤberlaſſe, dir meine Leiden anzuvertrauen. Lebe wohl! ich fuͤhle, daß ich mich wieder zu den Fuͤßen deſſen wenden muß, der fuͤr uns alle gelitten hat.“ »Lebe wohl, o Gefaͤhrte meiner Kindheit, Freund 1 109 meines Herzens, lebe wohl! bete du ebenfalls fuͤr deine Schweſter D. D. De H. K.*) Jaime's Gluͤck und Kuͤhnheit empoͤrten mich. Doch mehr noch haßte ich den verderbten Despotis⸗ mus, unter welchem die Spanier ſeufzten, als ich jezt ſehen mußte, wie der Mann von demſelben be⸗ guͤnſtigt wurde, der Maria's Herz zu beherrſchen und zu verderben trachtete. Ein zweiter Brief be⸗ ruhigte mich wieder. „Segovia.“ »Geliebter Bruder, ich ſchreibe dir in der Eil einige Zeilen waͤhrend des Umſpannens. Der Mar⸗ kis iſt jezt ſo eben ausgegangen, um ſich bei dem Commandanten des Schloſſes, einem ihm befreunde⸗ ten Offizier, zu bedanken, welcher uns bei unſerer Ankunft ſehr zeremonios mit dreißig Kanonenſchuͤſ⸗ ſen, einer ausſchließlich der Grandezza zukommenden Ehrenbezeigung, begruͤßt hat. Ich will mich daher einen Augenblick mit dir unterhalten.“ »Der Markis empfing mein feierliches Ehege⸗ läbde am Altar in ſeiner Kapelle. Waͤhrend dieſer ſchrecklichen Stunde ſuchten meine Augen dich, und da ſie dich nicht fanden, ſo brachen ſie in Thraͤnen aus. Meine Mutter und die Oberin des Kloſters***. *) Die dir die Hände küßt. 110 unterſttzten mich vihrend der feierlichen Handlung; beide waren auf gleiche Weiſe bewegt. Donna Leo⸗ nor ſah ihre Tochter uͤber ihre fernere Exiſtenz ver⸗ fuͤgen und aus dem vaͤterlichen Hauſe ſcheiden; Sor Maria de los Dolores dagegen dachte, daß ſie eben ſo gut ihre Manolita in Hymens Schmuck und Schleier haͤtte ſehen koͤnnen. Dieſe Gedanken er⸗ ſchuͤtterten ihre Seele ſo ſehr, daß ſie am Ende der Meſſe in Ohnmacht fiel; ich ermunterte mich, um ihr beiſtehen zu koͤnnen.“ „Alle weinten; Don Luis ſuchte vergebens ſich der Ruͤhrung zu erwehren; Pablo ſchluchzte. Der arme Pablo! man wird ihn naͤchſtens nach dem kö⸗ niglichen Kloſter von San Lorenzo del Escorial fuͤh⸗ ren, deſſen Prior ein Verwandter des Markis iſt. Gott gebe ihm ſeinen Segen, und mache ihn des ehrwuͤrdigen Kleides wuͤrdig, das er da anlegen wird!“ „Wir begeben uns nach Guipuzcva; die Gruͤnde dieſer raſchen Abreiſe weiß ich nicht. Don Jaime, der ſo wie ſein älterer Bruder meiner Hochzeit bei⸗ wohnte, kam ſogleich und unterhielt ſich mit mir uͤber eine Angelegenheit, worauf er ſeine ganze Sorgfalt verwendete,— es war naͤmlich von meiner offentli⸗ chen Vorſtellung die Rede. Bald darauf verlangte die Konigin vom Markis, daß er augenblicklich bei dem Koͤnige um die Erlaubniß anſuchen ſollte, ſeine Guͤter beſuchen zu duͤrfen, und daß er ſogleich dahin abreiſen ſolle. Ich mußte nun meine arme Mutter verlaſſen; dieſe unerwartete Drennung zerriß mir 111¹ das Herz. Wenn doch wenigſtens noch Pablo bei ihr bleiben koͤnnte! Wenn du wieder zu ihr zuruͤck⸗ kehren koͤnnteſt! Doch nein, ihre Kinder ſind fern von ihr hinweg geſprengt, vielleicht auf immer!“. Wir reiſen weiter. Lebe wohl, mein Alonſo! ſei gluͤcklich, und neben den Herzensverhaͤltniſſen, die du in der Welt ſchließen wirſt, bewahre wenig⸗ ſtens noch ein liebevolles Andenken an deine arme Schweſter D. D. D. H. K.“ So war mir denn Maria entriſſen. Das uUn⸗ gluͤck betraf ſie; ich meinerſeits unterlag der Laſt des Schmerzes. Indeß ich ſtand in dem Alter, fuͤr wel⸗ ches die alten Dichter die Fabel von der Pandora er⸗ funden haben. Im Hintergrunde aller Bekuͤmmer⸗ niſſe des Juͤnglings bleibt immer noch eine verſteckte Poffnung, die ſich erſt entſchleiert, wenn der lezte Augenblick gekommen iſt. Die Graͤfin bemerkte meine Niedergeſchlagenheit. Das erſte Wort der Dheilnahme, das ſie fallen ließ, warf mitten in meine finſtern Gedanken einen Strahl von Freude, wie die Sonne durch dichte Gewoͤlke dringt und das Ungewitter zerſtreut. Ich erzaͤhlte ihr allen meinen Kummer. Sie bezeigte ihren Un⸗ willen uͤber die Bewerbungen des Comthurs, und zugleich ihr Befremden daruͤber, daß ich die plötz⸗ liche Standeserhoͤhung Maria's mit unter die Zahl meiner Verdrießlichkeiten rechnete. Zwiſchen ihr und der Markiſin traten nun Ranges⸗ und ſogar Ver⸗ 1¹2 wandſchaftsverhaͤltniſſe ein. Ich ſaß nun mit an ihrer Tafel, und gieng alle Dage mit ihr ſpazieren. Man muß, wie ich damals, jung, ſchuͤchtern, und in naͤherem Umgange mit einer Frau geſtanden ha⸗ ben, die durch Rang und Schoͤnheit glaͤnzte, um das freudige und ſtolze Gefohl zu begreifen, das ihre geringſte Gunſtbezeigung in mir weckte. Die Beweiſe von Guͤte dieſer reizenden Frau ſchmeichelten mir ganz ſo wie Ehrenbefoͤrderungen und wie alles das, was uns in unſeren eigenen Au⸗ gen groͤßer macht, und ich blieb an ihrer Seite immer gleich ſchuͤchtern. Vielleicht verhielt es ſich mit ih⸗ rem Wohlwollen gegen mich, ohne daß ich es wußte, ganz ſo wie mit dem Wohlwollen der Koͤnigin; je mehr ſie uns erhoͤhen, deſto beſſer meſſen wir den Abſtand ab, der uns noch zu uͤberſpringen ſein wuͤrde, um bis zu ihnen zu gelangen. O Frauen, eure Herrſchaft iſt groͤßer und furchtbarer, als die der Herren der Welt. Dieſe Werkzeuge des Schickſals vermoͤgen mit ihrer Ungnade oder mit ihren Wohl⸗ thaten doch nur unſer aͤußeres Leben zu beruͤhren; man kann ihnen entfliehen, ihnen vielleicht Trotz bie⸗ ten. Ihr allein herrſchet uͤber unſere innere Exi⸗ ſtenz, ihr allein beſitzt das Geheimniß, dieſelbe troſt⸗ los zu machen oder zu verſchoͤnern. Euer Laͤcheln dringt bis auf den Grund unſerer Seelen, bald ſuͤß wie die Hoffnung, bald berauſchend wie bas Gluͤck. 143 Drittes Kapitel. —— Sehr oft brachte ich die unruhe meiner Seele bis in das Zimmer des Sir Georges. Er pflegte auf eine Weiſe von Donna Matea zu ſprechen, die meine Bewunderung erregte und rechtfertigte. Er konnte gar nicht aufhoͤren, wenn er einmal angefan⸗ gen hatte, die Graͤfin zu loben, und die anziehenden Eigenſchaften ihres Geiſtes und Herzens zu preiſen. »Ihr Betragen,“ pflegte er wohl zu ſagen,*iſt dieſer empoͤrenden Dahingebung, die man an den Frauen des ſüdlichen Europa's wahrnimmt, faſt ganz fremd, und hat von der Richtung ihrer Ideen und von der Feſtigkeit ihrer Grundſaͤtze etwas Zu⸗ ruckhaltendes angenommen, das ich echt engliſch nennen moͤchte. Dieſe reizende Frau floͤßt mir ſo viel Achtung ein, ihre Seele iſt ſo erhaben, daß ich mich nicht uͤberreden kann, ſie habe jemals die Wun⸗ ſche einer ſo hoͤchſt mittelmaͤßigen Perſon erhoͤrt, wie dieſer unbaͤrtige Jacobiner, dieſer ausſchweifende Hoͤfling Don Jaime iſt.“—»Jaime? Was ſagt ihr?“ rief ich im Tone der Verzweiflung aus. — Ich denke ganz ſo wie ihr,“ erwiederte der Englaͤnder, dies Geruͤcht hat mir nie Unruhe ge⸗ macht, indeß iſt es doch ſehr verbreitet, vielleicht darum, weil man hier zu Lande ſich eine Frau ohne Liebhaber gar nicht denken kann. Dieſer anmaßende und unwiſſende Schuͤler, der ſo gern ſein Vaterland in Staub und Aſche legen moͤchte, weil der Zufall 8 ſeine Wiege hinter die ſeines Bruders geſtellt hat, dieſer ausſchweifende Hoͤfling, welcher Ehrenſtellen durch Schandthaten erkauft, vermochte gewiß nicht eine ſo hohe Seele zu verfuͤhren, noch den Beduͤrf⸗ niſſen eines ſo zarten Gefuͤhls Genuͤge zu leiſten. Nein, es koͤnnen nicht in einem und demſelben Lande zwei Frauen zu gleicher Zeit gefunden werden, die ſich einem Menſchen zu Sklaven hingaͤben, der vor ihrer Ueberlegenheit eigentlich ſeine Kniee beugen ſollte. Dieſes Uebergewicht der Mittelmaͤßigkeit äber Geiſt, Einbildungskraft und Anmuth iſt eine ſo graͤßliche Erſcheinung, daß in der Welt dieſelbe unmoͤglich mehr als einmal zum Vorſchein kommen kann.“ Eines Tages hatte ſich Sir Georges nicht bei Donna Matea eingefunden, um den Nachmittag bei ihr hinzubringen, und ich begleitete ſie daher ganz allein auf dem öffentlichen Spaziergange. Die Stunden verſtrichen ſchnell und angenehm, und ſchon war die Nacht herangeruͤckt, als uns eine Wahrſagerin begegnete. Ihr weißer Frauenmantel glaͤnzte durch die Schatten, und unter ihrer Tracht blickte eine Art von roher Schoͤnheit hervor. Spanien wurde, ſo wie das halbe uͤbrige Europa, im vierzehnten Jahrhundert von ganzen Schaaren jenes Wahrſagervolkes uͤberſchwemmt, fuͤr welches das Wahrſagen ein Mittel zum Stehlen, und der Todſchlag ein Mittel der Subſiſtenz iſt. Man nennt ſie an andern Orten Aegypter oder Zigeuner, in der Halbinſel dagegen Gitanos,— ein verhaßter 115 Menſchenſchlag, der ſeine Bosheit in den Solddienſt fremder Leidenſchaften ſtellt, und ſich dazu hergiebt, dem Haß der Großen und Reichen Vefriedigung zu verſchaffen. Die Regierung ſah lange Zeit ihren blutigen Ausſchweifungen durch die Finger, endlich erklaͤrte ſie dieſelben in die Acht; doch erſt Karl dem Dritten gelang es, ſie auszurotten, und ſeitdem ſind nur noch wenige Familien, die ſich theils in die Ge⸗ birge Andaluſiens mit ihren wilden Gebraͤuchen ver⸗ ſteckt haben, theils allmaͤhlig in das buͤrgerliche Le⸗ ben uͤbergegangen, an den Straßenecken die Geheim⸗ niſſe der Zukunft enthuͤllen, von dieſem letzten Bar⸗ bareneinfall uͤbrig geblieben. Die Gitana trug uns ihre Orakel an, und die Graͤfin, ihrer zudringlichen Verfolgungen mude, willigte endlich laͤchelnd ein, ihre Prophezeiungen anzuhoͤren. Auf die gewoͤhnlichen feierlichen For⸗ meln ließ ſie zuerſt Eroͤrterungen uͤber Ereigniſſe, die ſchon vergangen waren, folgen. Gleich die er⸗ ſten Worte floͤßten mir ein Erſtaunen ein, das im⸗ merfort ſtieg. Ich glaubte weder an Hausgeiſter noch an myſtiſche Wahrſagereien, und doch war es mir ganz ſo, als ob die junge Zigeunerin ihr ganzes Leben im engeren Kreiſe der Donna Matea zugebracht haͤtte, ſo puͤnktlich trafen ihre Offenbarungen zu. Erſchrocken ſuchte die Graͤfin ſchnell abzubrechen; doch, wie ſoll ich ſchildern, was in meiner Seele vor⸗ gieng, als die Gitana, zu mir ſich wendend, von der Liebe zu ſprechen anſieng, die ich in meinem Herzen nährte. Woher konnte ſie das wiſſen? Ich hatte 8* 116 mein Geheimniß noch keinem Menſchen entdeckt, ober vielmehr ich wußte es ſelber noch nicht. Donna Matea hatte endlich Mitleid mit meiner Verlegenheit. »Ich frage dich,“ ſagte ſie zu jener, weder um die Vergangenheit noch um die Gegenwart; ſchon darum nicht,— fuͤgte ſie abſichtlich hinzu— weil du mir daruͤber nichts als thoͤrichte Dinge vorzureden weißt. Ich will blos wiſſen, was mir deine Wiſſenſchaft von der Zukunft verheißt.“—* Run wohl!“ antwor⸗ tete die Fremde in einem Tone, der mir noch immer vor den Ohren hallt,“ der Graf muß binnen K zem durch einen Dolchſtoß fallen.“ Die ganze Scene machte auf die Graͤfin einen tiefen Eindruck. Da ſie ihre Froͤmmigkeit ſo weit trieb, daß ſie zahlloſe Kleinigkeiten, abgoͤttiſche Ze⸗ remonien, ja die bigotteſten Glaubensſaͤtze— aus denen die Religioſitaͤt der Spanier zuſammengeſetzt iſt— mit großer Ehrerbietung beachtete, ſo hatte der Aberglaube leichten Zutritt zu ihr. Die Genauig⸗ keit, womit die Gitana alles Vergangene getroffen hatte, floͤßte ihr wegen ihres ungluͤckverkuͤndenden Drakels Furcht ein, und ſie war nun fortwaͤhrend in Angſt und Traurigkeit. Als Vertrauter ihres Kum⸗ mers, ſuchte ich ihr denſelben zu zerſtreuen, doch ver⸗ mochte ich dies nie ohne Erroͤthen zu thun; ich dachte immer an die verraͤtheriſchen Aeußerungen der Zi⸗ geunerin. Unterdeß war aus den vertraulichen Mittheilun⸗ gen, welche dies Geheimniß unter uns veranlaßte, eine Art von engerem Verhaͤltniß zwiſchen uns ent⸗ 117 ſtanden. Mir war, als haͤtte ich dadurch noch eine zweite Schweſter erhalten,— eine zweite Schweſter? doch nein, mein Herz war beiden mit gleicher Ver⸗ ehrung zugethan. Beide waren in meinen Augen mehr als bloße Frauen. Maria indeß, mit ihren blonden Haaren, die in großen Locken auf ihre Schul⸗ tern herabfielen, mit ihren himmelblauen Augen, deren Feuer durch eine uͤberirdiſche Guͤte gemildert wurde, ihrer beſcheidenen Roͤthe, ihrem leichten und ſchlanken Wuchſe, Maria ſchien mir nicht dieſer ir⸗ diſchen Welt anzugehoͤren, ſondern ſie erſchien mir wie eine Himmelsblume, von welcher nichts der Erde angehoͤrte, als ihr ſuͤßer Duft, wie ein Schutzengel, der uͤber mir wachte, und von dem ich nichts als Gutes zu erwarten hatte; die Graͤfin dagegen floͤßte mir Furcht ein, und eine geheime Stimme ſagte mir bereits, daß ſie mein Leben dereinſt truͤben koͤnnte. Ich hatte mich oft ſchon uͤber das kalte und gleichguͤltige Betragen gewundert, wodurch der Graf verrieth, daß ſeine Liebe laͤngſt erloſchen ſei. Wie lebhaft nahm dann mein Herz fuͤr Donna Matea Parthei! Ihr Herz hatte ſich bereits geduldig in das Unrecht gefuͤgt, deſſen ſich ihr Gemahl gegen ſie ſchuldig machte, aber nicht ihr Stolz. Es kraͤnkte ſie, daß er vor den Augen der Welt alles moͤgliche aufbot, um ſich eine elende Eroberung zu ſichern. Ein andaluſiſches Maͤdchen naͤmlich, deren Schoͤnheit all⸗ gemein geprieſen wurde, wollte ſich in einem Dorfe bei Salamanca verheirathen, welches an der Straße lag, auf welcher die Schafheerden aus dem noͤrd⸗ 118 lichen Spanien nach ihrem Winteraufenthalt in Eſtre⸗ madura ziehn, und hatte daher den Pfarrer des Kirchſpiels erſucht, die Ehe, welche ſie mit einem jungen Aragonier, einem Mayoral*) der Meſta**), einzugehen im Begriff war, einzuſegnen⸗ Indeß, wie es nur zu haͤufig zu geſchehen pflegt, der Proviſor***), durch zeitliche Ruͤckſichten be⸗ wogen, verſchob unaufhoͤrlich ſeit mehreren Mona⸗ ten die Ertheilung der Vollmacht, die der Pfarrer dazu haben mußte, und der Graf ward beſchuldigt, der Urheber dieſer Verzoͤgerungen zu ſein. Anſtatt aus ſeiner verſchmaͤhten Liebe ein Geheimniß zu ma⸗ chen, ſchien er ſich vielmehr auf dieſe ſeine Neigung etwas zu Gute zu thun. Die Graͤfin in ihrem Un⸗ willen machte endlich den Verſuch, die Braut des Mayoral entfuͤhren zu laſſen; doch dadurch lenkte ſie nun die ganze Furchtbarkeit der Rache auf ſich ſelber. Der Andaluſier verſteht keinen blos halben Haß, und wenige Tage darauf erklarte die Gitana bei einer abermaligen Begegnung der Graͤfin in einem Tone, der ihr Grauſen erweckte, daß er ſein ganzes Leben lang den Verfolgungen eines unverſoͤhnlichen Haſſes blosgeſtellt ſein werde. Dieſe Zigeunerin war nie⸗ mand anders, als die von dem Hirten zur Lebens⸗ *) Oberhirt einer Schafheerde von 10,000 Stück. **) Seſellſchaft aller bedeutenden Schafheerdenbeſitzer, Ihre uner⸗ meßlichen Privilegien werden mit zu den Haupturſachen ge⸗ rechnet, die zu dem Verfall Spaniens mitgewirkt haben. ***) Der geiſtliche Richter, den der Biſchof bevonmächtigt, alle gerichtlichen oder Rechts-Angelegenheiten, die in ſeine Ge⸗ richtsbarkeit gehören, zu entſcheiden. 119 gefährtin erkohrene Braut. Aber welche Hand hatte ihr die innerſten Geheimniſſe der Donna Matea ent⸗ ſchleiert? Wie vermochten ihre Augen in dem Her⸗ zen der edeln Gadetanerin und in dem meinigen zu leſen? unterdeß ſcheiterten alle verfuͤhreriſchen Anerbie⸗ tungen von Gold und andere Verſuche an ihrer ver⸗ ſchmaͤhenden Halsſtarrigkeit, und das Inquiſitions⸗ gericht, bei welchem der Graf die Stelle eines Al⸗ guazil mayor*) bekleidete, wollte bereits dazu ſchreiten, fuͤr ihn Rache zu nehmen, als ich mich ei⸗ nes Abends auf dem Zimmer der Donna Matea, mit ihr, ihrem Manne, ihrem Sohne und ihrer kleinen Tochter, die noch in der Wiege lag, zuſammen be⸗ fand. Da meldete man auf einmal einen Mann, der dem Excellentiſſimo Segnor eine ſehr wichtige Sache vorzutragen habe. Zugleich erſchien auch ſchon der Unbekannte im Hintergrunde der langen Gallerie, welche blos durch eine kleine, kurzlich aus Frankreich mitgebrachte Lampe matt erleuchtet wurde. Der Graf gieng ihm entgegen. Der kleine Sohn des Grafen, der fur ſich allein den kleinen Krieg ſpielte und jeden Angriff mit dem lauten Ruf: es lebe der General Bonaparte! begleitete, uͤbertaͤubte mit ſeinem Lärmen das ungluͤckliche Geſpraͤch nur zur Haͤlfte.*Kennen mich wohl Euer Excellenz?“ ſagte der Fremde.»Ich bin Don Bartholomeo von Dar⸗ roca. Ihr beſchimpfet mich nun ſchon ſeit ſechs *) Obervogt. 120 Monaten. Sterbet daher ohne Beichte mit eurem ganzen Hauſe!“ Bei dieſen lezten Worten erſcholl ein Zetergeſchrei; das Hrakel der Gitana gieng in Erfuͤllung. In demſelben Angenblicke fiel auch der Knabe. Ich hatte nur ſo viel Zeit, um die erſte beſte Waffe, welche mir der Zufall darbot, zu ergreifen und auf den Meuchelmoͤrder loszueilen. Schon war dieſer auf eine Wiege losgerannt, welche die ungluͤck⸗ liche Matea daburch zu ſchůtzen ſuchte, daß ſie fuͤr ihre Tochter um Gnade flehte. Ich verſetzte dem wuͤ⸗ thenden Hirten einen Schlag, der ihn hemmte und erſchuͤtterte. Waͤhrend ich dieſen wiederholte, ſticht er nach mir mit ſeinem furchtbaren Dolche; doch er ſelber taumelte bereits. Er wuͤrde mit mir zugleich zu Boden geſunken ſein, wenn nicht der Anblick einer Schaar von Bedienten, welche von dem Laͤrm her⸗ beigelockt worden waren, ſeine erloͤſchenden Kraͤfte noch einmal zum Leben geweckt hätte. Der Wuͤ⸗ thende ſuchte, ſo ſchwach er war, ſich mitten durch dieſen unbewaffneten Haufen einen Durchweg zu bahnen. Die Furcht oͤffnete die Reihen vor ihm, er eilte hindurch und verſchwand. Mehrere Bedien⸗ ten lagen niedergerannt, der Graf in ſeinem Blute ſchwimmend, ſein Sohn ſterbend neben ihm, Matea ohnmaͤchtig auf dieſe Leichen hingeſunken, ich ſelber ſchleppte mich muͤhſam zu der Ungluͤcklichen hin, um ſie ihrer Verzweiflung zu entreißen,— dies war die graͤßliche Scene, welche der Aragonier hinter ſich zuruͤckließ. Ich fuhlte meine Wunde nicht; ich empfand blos 121 den Schmerz der Gattin, der troſtloſen Mutter. Ich uͤberreichte ihr ihre Tochter. Aldouzita konnte noch kein Wort ſprechen; indeß ſie that etwas beſſe⸗ res, ſie fuhr mit ihrem kleinen Haͤndchen nach den Augen ihrer Mutter, um die Thraͤnen, die derſelben entrollten, zu trocknen. Donna Matea laͤchelte bei dieſer Vorbedeutung wehmuͤthig. Sie erholte ſich nach einiger Zeit wieder, verließ Salamanca, das fuͤr ſie nur voll von ſchmerzlichen Erinnerungen war, und nahm die tiefe Betruͤbniß ihrer Seele mit nach Madrid. Die Graͤfin und meine Schweſter fehlten mir nun auf einmal alle beide. Die Abweſenheit Ma⸗ tea's weckte und ſteigerte alle Bekuͤmmerniſſe meines Herzens. Ich ſollte indeß, dem Himmel ſei Dank! nur wenige Tage noch an dieſem Orte verleben; und auch dieſe wuͤrden mir ſehr lang gedaͤucht haben, wenn nicht der Augenblick unterdeß herangeruͤckt waͤre, wo ich meine akademiſchen Grade erhalten ſollte. Auch Pablo war unterdeß in ſeinen neuen Stand eingetreten. Was er mir uͤber dieſen feierlichen Moment ſchrieb, machte mich nicht blos fuͤr ſeine Ruhe beſorgt; ſondern ich zitterte nun auch deshalb, daß die Leidenſchaften der Welt ihn bis unter das haͤrene Moͤnchsgewand verfolgt und mir in meinem Bruder einen Nebenbuhler erweckt hatten. »Die Reiſe nach San Lorenzo del Escorial— ſchrieb er mir— hat auf mich einen tiefen Eindruck gemacht. Afrika ſelber kann keinen abſcheulicheren 122 Anblick, keine traurigere Hede darbieten, als die acht oder zehn Stunden Weges, der von Madrid nach dem Koͤniglichen Kloſter fuͤhrt.“ »Duͤſtre Gedanken beſtürmten meine Seele. Der Park von Fresneda mit ſeinen Eſchen, ſeinen Stein⸗ eichen und Platanen machte mir wieder Muth. Ver⸗ zeihe, wenn ich dich von dieſen Gemuͤthsſtimmungen unterhalte; es ſind die maͤchtigſten, ach, und viel⸗ leicht die entſcheidendſten, die ich jemals empfunden⸗ Der Anblick dieſer duͤſter-majeſtaͤtiſchen Natur, die⸗ ſes Gebaͤu, worin kuͤnftig der ganze Kreislauf mei⸗ nes Lebens ſich abrollen ſollte, der Schmerz, den ich beim Scheiden aus dem Vaterhauſe empfunden hatte, ſo viele Erſchuͤtterungen auf einmal, trieben meine Einbildungskraft aus der engen Sphaͤre hinaus, worauf ſie ſich bisher beſchraͤnkt hatte.“ Wir kamen ſo eben aus der Fresneda heraus⸗ Mein Vater erklaͤrte mir die ganze Scene, die ſich nun vor meinen Augen entfaltete: vor uns die un⸗ geheure Kette der beſchneiten Guadarrama-Berge, und auf ihren Hoͤhen das Dorf Escurial, die Burg San Lorenzo, das unermeßliche Kloſter, und die Gaͤrten, die ſich bis ins Thal hinabziehen. Ein ein⸗ ziger Punkt dieſes Ehrfurcht erweckenden Gemaͤldes feſſelte meine Blicke. Dicht an der Heerſtraße naͤm⸗ lich, auf einem der tauſend Felſen, die das Erdreich bedecken und ihm ein wildes Anſehn geben, erhebt ſich ein großes eiſernes Kreuz. Vor dieſem religis⸗ ſen Monument knieete eine Frau und betete. Sie war ganz in Drauerkleider gehuͤllt; ihre zum Himmel 123 ———— emporgewendeten Blicke flehten die Vorſehung an, welche ihr unſtreitig ſo eben geliebte Weſen auf im⸗ mer entriſſen haben mochte. Ihre Trauer machte ihre Schoͤnheit noch ruͤhrender. Wie kam es, daß dieſer Anblick, mitten in der ernſten Einoͤde, dem Mauſoleum der Koͤnige gegenuͤber, worein ich ſo eben ſelber meine Lebenstage zu begraben im Begriff ſtand⸗ auf einmal in meiner Bruſt tauſend Lebens⸗ und Liebesgedanken erweckte? Ein neues Daſein, ein liebeluſtiges, feuriges, unendliches Daſein begann fuͤr mich am Fuße dieſer duͤſtern Mauern, in denen ich ſo bald die Neigungen und Freuden dieſer Welt abſchwoͤren ſollte.“ »Unterdeß war die Unbekannte aufgeſtanden. Ihr Wagen kam ſo eben von San Lorenzo herab, be⸗ gleitet von einer großen Anzahl von Lakeien, die ſämmtlich zu Pferde und bewaffnet waren. Die reiche Livree derſelben, das Wappen an ihrem Reiſe⸗ wagen, die vergoldeten Zierrathen, womit die Felder deſſelben ausgeſchmuͤckt waren,— alles zeigte, daß hier wie durch einen wundervollen Zauber der hoͤchſte Glanz des Ranges mit dem hoͤchſten Glanze der Schoͤnheit gepaart ſei. Lange verfolgte ich mit den Augen und mit dem Herzen den flͤgelſchnellen Wa⸗ gen. Ich war ganz wie umgekehrt, mir war, als fuͤhrte er mein ganzes Lebensſchickſal mit ſich fort.“ „Eine neue Welt hatte ſich jezt fuͤr mich aufge⸗ ſchloſſen. Doch mein Leben erweiterte ſich nur, um ſich unvollkommen zu fuͤhlen; und meine, auf ein unermeßliches Feld berauſchender Traͤume hinaus⸗ 124 ſchwaͤrmende Seele ward unwillig, auch hier Schran⸗ ken zu finden, die ſie nicht zu uͤberſchreiten vermochte. — In dieſem Augenblick hoͤrte ich, wie die Pforte des Hofes der Koͤnige, eben dieſelbe, durch welche die koͤniglichen Perſonen nur einmal in ihrem Leben hindurch kommen, ſich hinter mir ſchloß. Mein ganzes Weſen erbebte vor Grauſen; es war, als ob mein Blick ſich empoͤrte, als ob die Natur in mir gegen den unwiderruflichen Beſchluß des proteſtiren wollte.“ Ich konnte in der lebendigen Schilderung, ulch Fray Pablo hinzufuͤgte, die Graͤfin nicht mehr ver⸗ kennen. Seine feurige Einbildungskraft hatte in dies Gemaͤlde alle ihre Farbenglut ergoſſen. Ich war noch ganz verwirrt von dieſer Erzaͤhlung, als der Tag der oͤffentlichen Disputationen herankam. Fortunato machte noch einmal einen lezten, aber ver⸗ geblichen Verſuch, um den Grad eines Licentiaten zu erhalten. Nach ihm beſtieg ich das Katheder, und er mußte zu ſeinem Verdruß es mitanſehen, wie ich mit einſtimmigem Beifall aufgenommen wurde. Als die Berathſchlagung geendigt und meine Auf⸗ nahme beſchloſſen war, uͤbergab der Rector der Uni⸗ verſitaͤt, der, der beſtehenden Sitte gemaͤß, Grande von Spanien, und außerdem noch ein Verwandter des verſtorbenen Grafen von D* war, eine Schriſt, die mich zum Gardeoffizier ernannte. Die weiten Gewoͤlbe hallten von den Bezeigungen der Zufrieden⸗ heit der ganzen Verſammlung wieder. Ein zahlrei⸗ cher Menſchenſtrom draͤngte ſich um mich herum. Ich war ganz betaͤubt von meinem Gluͤck, mir fehlte nichts als die Wonne, in die Arme Maria's und meiner Mutter ſinken zu koͤnen. ungeachtet der unerbittlichen Verachtung der Welt, hatte dennoch das tragiſche Ungluͤck der Donna Matea ihr wiederum die oͤffentliche Theilnahme zu⸗ gewendet. Godoy verſchmaͤhte es nicht, fuͤr die Ermordung eines ſo vornehmen Mannes, der ſein Verwandter geweſen, ſich zu intereſſiren. Das Ge⸗ ruͤcht, welches alles mit Uebertreibungen wiederzuer⸗ zaͤhlen pflegt, ertheilte dem Studenten von Sala⸗ manca, dem Bruder der Markiſin von C***, eine ſehr poetiſche Rolle bei der Lebensrettung der Graͤfin. Man glaubte mir eine Belohnung dafuͤr ſchuldig zu ſein. Ich wußte der edlen Donna Matea eben ſo vie⸗ len Dank fuͤr die Art und Weiſe, wodurch ich zu die⸗ ſer koͤniglichen Gnadenbezeigung kam, als fuͤr die Ehrenbefoͤrderung ſelber. Ich fand darin ein Be⸗ ſtreben, ſich mir erkenntlich zu beweiſen, welches mein Herz mit mehr als einer ſuͤßen Regung er⸗ fuͤllte. Fortunato kam und ſchloß mich in ſeine Arme. Die Eindruͤcke des jugendlichen Alters haben etwas mittheilendes und zutrauliches; ich glaubte daher, er ſei durch meinen gluͤcklichen Erfolg mit mir ausgeſoͤhnt. Doch einen Augenblick darauf begeg⸗ nete ich ſeinem Blick, und es verrieth ſich darin ſo viel Haß und Bosheit, daß ich davon ſo ergriffen wurde, wie von einer Erklaͤrung, daß meine Pruͤfungen noch nicht geendigt ſein ſollten; ich ſah, daß mir noch 126 ein Feind uͤbrig blieb, und ich ſchritt mit einer Art von Entſetzen durch die Menge. Ein Feind!— dies Wort hat etwas ſchreckliches fuͤr den Juͤngling, der noch niemanden zu haſſen verſteht, ſelbſt nicht einmal die Boͤſewichter. O gluͤckliche Jugendzeit! in dir ſind alle Bekuͤm⸗ merniſſe nur voruͤbergehend, in dir iſt nichts dauernd, als das Vertrauen auf die Menſchen! Ich wollte jezt nach Madrid abgehen, um dort meine Eltern wiederzuſehen und zu den Fuͤßen der Donna Matea meinen Dank abzuſtatten; ach, und wie viel faßte ich in dieſem einen Worte zuſammen! Ich war ſo gluͤcklich, daß ich das Recht, ja die Pflicht hatte, dieſe reizende Frau zu lieben! Eine Laufbahn oͤffnete ſich jezt vor mir, und zwar die Bahn der Ehre, welche meine Vorfahren mit Ruhm erfuͤllt hatten. Konnte ich wohl die Hand genug ſegnen, welche mir dieſelbe geebnet hatte? Die Ach⸗ tung der Donna Matea erwartete mich auf derſel⸗ ben, um meine Anſtrengungen zu kroͤnen, ihr Beifall war fuͤr mich mein Nuhm. Da ich vom Schickſal weniger beguͤnſtigt war als meine Vorfahren, ſo mußte ich einen weiteren Anlauf nehmen, doch ich beklagte mich nicht uͤber mein Loos. Eine geheime Stimme in mir wuͤnſchte mir Gluͤck dazu, daß ich fuͤr meine eigene Rechnung das Werk meiner Vaͤter wiederbeginnen ſollte. Fortſetzung des Manuſcripts von Ainhoa. Erſtes Kapitel. Ich konnte kaum den Augenblick erwarten, wo ich von Salamanca Abſchied nehmen ſollte. Ein Coche de Colleras*), der von Corunna kam, war ſo eben im Begriff nach Madrid abzugehen. Die ſechs Mauleſel warteten blos auf das Zeichen zum Auf⸗ bruch. Wenn man ſie ſah, wie ſie in ihrem unge⸗ duldigen Feuer ihre buntfarbigen Kopfzierrathen und ihre toͤnenden Schellen ſchuͤttelten, oder die langen Stricke, an die ſie ganz plump angeſchirrt waren, hin und her ſchwenkten, ſo haͤtte man ſchwerlich er⸗ rathen, daß ſie ſo eben von dem aͤußerſten Ende Ga⸗ liciens angelangt waren. Ein Kaufmann hatte das ganze Innere der Kutſche gemiethet, und ließ dem Mayoral**) blos den von Weidenruthen geflochtenen, ſchwebenden Vorderſitz, der vorn am Wagen befeſtigt war, zur Verfuͤgung. Da war noch ein Platz offen. Indeß war ich zweifelhaft, ob mein e) Eine große und plumpe Kutſche, die als öffentlicher Poſi⸗ wagen gebraucht wird. **) Konducteur. zwiefacher Rang, als Gardeoffizier und Licentiat, mir es geſtattete, denſelben einzunehmen, Ein junger Andaluſier von lebhaftem Blick und entſchloſſenem Weſen bot mir mit der ganzen Ge⸗ ſchwaͤtzigkeit ſeines Standes ſehr artig den Platz an, den ich verſchmaͤhte.»Wir verſprechen euch,“ ſagte er zu mir,“die Geſellſchaft einer Juſtizperſon, die ſo wuͤrdevoll ausſieht, als ob ſie ſchon zu den Zeiten der thoͤrichten Johanna das Richteramt verwaltet haͤtte, und die weit adeliger iſt, als alle unſere heu⸗ tigen Koͤnigsſoͤhne. Ergo igitur kommt mit uns, hochgelehrter Herr; ſo wahr ich Antonio heiße, und ein Andaluſier und guter Chriſt bin, ihr ſollt in ei⸗ nem wahren Studenten⸗ oder Rechtsſollicitanten⸗ Trott fahren. Erſtens naͤmlich habt ihr mich zum Zagal*), und ich verſichere euch, in der ganzen Chriſtenheit giebt es keinen Poſtillion, der tuͤchtiger waͤre als ich. Ferner die Obriſtin, die ihr da ſeht, iſt eine fuͤrſtliche Mauleſelin; ſie kommt unmit⸗ telbar aus dem Marſtall Seiner Majeſtät, wegen ei⸗ nes Auges, das ſie verloren hat,— das arme Vieh! wenn es alle beide verloren haͤtte, dann waͤre es ge⸗ wiß in den Staatsrath gekommen. Die Kapitaͤ⸗ nin, die dahinter kommt,„„— Waͤhrend der Zagal noch ſo ſprach, uͤberlegte ich, daß, wenn ich dieſe ſich mir darbietende Gelegenheit unbenutzt vorbeigehen ließe, ich in Gefahr ſein wuͤrde, ganze Monate auf eine andere Reiſegelegenheit warten zu *) Junger Vurſche; hier aber ſo viel, als in der deutſchen Paſſagierſprache: Schwager. 129 muſſen, und ich reiſte daher mit. Der Mayoral hatte ſich unterdeß, ohne ſich um ſeine Paſſagiere zu kuͤmmern, in die weiten Falten ſeines braunen Man⸗ tels gewickelt und ſich in dem unbequemen Vorder⸗ ſitze des einen Eckplatzes bemaͤchtigt, in dem andern ließ ſich eine gewichtvolle Perſon nieder, die ihre dicke und kurze Figur unter einem kleinen Mantel barg, wie ihn damals nur noch die verſchmitzten Be⸗ dienten im Luſtſpiel trugen; um den Hals hatte ſie eine Golilla*), wie ſie fruͤherhin bei uns Mode war; ein unendlich langer Raufdegen und ein alt⸗ fraͤnkiſcher Ledergurt machten außerdem ſein ganzes Koſtüm vollſtaͤndig. Voll Verwunderung beſah ich mir ſeine altfraͤnkiſche Tracht, und ſchluͤpfte dann auf den ſchmalen Platz, den mir meine beiden Nach⸗ barn uͤbrig ließen. Beide erwiederten meinen Gruß faſt mit gleicher Wuͤrde. Der Brigadier, der unſere Bedeckung kommandirte, ſtellte ſeine fuͤnf Reiter in Ordnung. Ich bedachte bei mir ſelber, daß ich bin⸗ nen Kurzem deren funfzig kommandiren wuͤrde. An⸗ tonio ſtellte ſich an die Spitze der vorderen Mauleſel, faßte ſie beim Gebiß, gab ihnen das Zeichen zum Aufbruch, und flog im Galopp mit ihnen davon; und ſo hatte ich denn ſehr bald Salamanca im Ruͤcken. Es giebt Augenblicke, wo uns die Ruhe wegen ihres Kontraſts mit der innern Thaͤtigkeit unſerer Seele ermuͤdet. Ich beneidete den Zagal, der *) Eine Art von ſteifem Halskragen am Wams, den die Spa⸗ nier ehedem ſtatt der Halskrauſe oder Halsbinde trugen, 9 — 130 faſt ununterbrochen vor ſeinen Mauleſeln her ſchwe⸗ bend, ſchneller als ſie eilend, ſie bei ihren militaͤri⸗ ſchen Namen rufend, um ihren fluͤchtigen Lauf zu beſchleunigen oder zu leiten, nur von Strecke zu Strecke auf der Gabeldeichſel ausruhen und Luft ſchoͤpfen konnte, und dennoch das lange und gefahr⸗ volle Geſpann uͤber Ebenen, an Abgruͤnden hin und Bergesabhaͤnge hinab leitete. Meine Gedanken irrten feurig und unſtaͤt von einem Gegenſtande zum andern, die Freude beherrſchte ſie alle. Frei von dem Joche der Studien, in die große Laufbahn des Lebens hinausgeworfen, hatte ich bereits einen Rang unter den aufgeklaͤrten Buͤr⸗ gern, unter den Vertheidigern des Vaterlandes. Meine neuen Litel ſchmeichelten meinem Stolz eben ſo ſehr, weil ſie meine ſelbſterworbene Eroberung, als weil ſie das Geſchenk Matea's waren. Matea's! — denn von nun an nannte ich ſie ſo; meine Ge⸗ danken wagten es jezt, ihr Bild anzureden, ſich ganz mit ihr zu beſchaͤftigen, ohne zu Formeln ihre Zu⸗ flucht zu nehmen, die blos fuͤr die Gleichguͤltigkeit oder fuͤr die kalte Achtung erfunden ſind. Dies war meine erſte Verwegenheit; mein Herz war damals voll Feuer; eine Art von Trunkenheit ſetzte die Welt um mich her in eine ſchwingende Bewegung, eine Art von gluͤhendem Traume uͤberlieferte ſie meinem Ehrgeiz, und jenes liebevolle Laͤcheln, welches ſo oft in meinem Herzen eine unbekannte Unruhe erregt hatte, drängte unaufhoͤrlich die Grenzen derſelben in weite Fernen zuruͤck. O ſuͤßer Wahnſinn der Ju⸗ gend! o dunkle Erwartung unendlicher Seligkeiten! o Gaukeleien einer jugendlichen und vergnuͤgten Ein⸗ bildungskraft! Warum koͤnnt ihr nicht ewig waͤhren? So zu leben hieße ein Gott ſein. Leuchtender Blitz, der du eine Welt umfaſſeſt und doch blos voruͤbereilſt, du biſt ein Bild des menſchlichen Looſes, du bezeugſt zugleich des Menſchen Macht und ſeine Schwaͤche. Meine innere Bewegtheit ſtach ſehr gegen die Ruhe meiner beiden Reiſegefaͤhrten ab. Fuͤr ſie ſchien das Daſein blos ein langer Schlaf zu ſein. Ich wunderte mich, wie man ſo wenig die Wohlthat Gottes, der uns das Leben gegeben, fühlen koͤnne, und noch mehr, wie man dieſelbe ſo wenig genie⸗ ßen koͤnne. Der ſchwarze Mann, wie ihn An⸗ tonio zu nennen beliebte, war in eine tiefe Schlaf⸗ ſucht verſenkt; blos einer von jenen lauttoͤnenden Seufzern, die mehr eine abſichtliche Erregung der Aufmerkſamkeit anderer zu ſein ſcheinen, als die un⸗ willkuͤhrliche Aeußerung einer leidenden Seele, deu⸗ tete mir von Zeit zu Zeit an, daß der Andaluſier ſehr Unrecht gehabt hatte, ihn einen der andern Welt ent⸗ laufenen zu nennen, der ſich auf den Weg zur Hoͤlle verirrt habe. Der unerbittliche Antonio bedankte ſich bei ihm fuͤr dieſe Seufzer wie fuͤr einen guͤnſtigen Wind, der ſeine Mauleſel raſcher befluͤgle.“Nur noch etwas ſtaͤrker,“ ſagte er,»und wir werden ſtracks da oben bei dem Kloſter ſein, das da vor uns liegt.—»Der Unverſchaͤmte!“ ſagte der Rei⸗ ſende zu mir, deſſen Zorn ſich durch Worte kundgeben mußte, denn keiner ſeiner Geſichtszuͤge haͤtte ihn 0 132 ſonſt verrathen.»Der Unverſchaͤmte! da ſieht man, bis zu welchem Grade die allgemeine Verderbniß, Dank ſei es dem Siege der franzoͤſiſchen Parthei, ge⸗ kommen iſt.“— Ich ſah den Unbekannten an, um mir den Sinn ſeiner Worte zu entraͤthſeln. Er fuhr drauf fort:“Seit Philipp von Anjou, dem ſogenannten Philipp dem Fuͤnften, der, wie ihr wißt, dem Lrunk ergeben und einaͤugig war*), was man auch immer davon ſagen mag, giebt es in Spa⸗ nien keine Sitten, keine Ehrerbietigkeit, keine Geſetze mehr; alles iſt umgekehrt, und es giebt blos noch ein Gegenmittel gegen ſo vieles Unheil.“— Ich ſuchte ihm drauf zu erwiedern, daß die Soͤhne Anda⸗ luſiens ſeit undenklichen Zeiten das Vorrecht haͤtten, ſich zu Gracioſos**) aufzuwerfen und mit der⸗ ben Scherzen herumzuwerfen; ich erinnerte ihn, daß die Grobheit der Bedienten ſich grade aus jenen al⸗ ten Zeiten herſchriebe, die er ſo ſehnſuchtsvoll zuruck zu wuͤnſchen ſchien. Allein ohne auf mich zu hoͤren, nahm er wieder das Wort und ſagte:»Alles iſt umgekehrt, und der beſte Beweis davon iſt der, daß ich hier bin. Denn, um es kurz zu machen, abge⸗ rechnet, daß dieſe plumpe Bank eben nicht der Platz fuͤr einen Mann iſt, wie ich bin, werdet ihr mir es wohl glauben, daß ich unter der Sonne des Koͤnig⸗ reichs Wenea⸗ zu Fativa, das Licht der Welt er⸗ *) Die Anhänger des Erzherzogs hatten dieſen Gerüchten Glauben verſchafft. Wir werden weiter unten ſehen, wie ſie gegen Joſeph abermals in umlauf wurden. 3.* Spaßmacher. blickt habe? und daß ich jezt aus dem Innern Ga⸗ liciens komme? Ich mußte eine Wallfahrt nach der Stadt des großen Apoſtels Sanct Jacob antreten, um von ſeiner Allmacht mir den Abſchluß eines Pro⸗ zeſſes zu erbitten, der ſchon laͤnger als anderthalb Jahrhunderte waͤhrt. Wuͤrde wohl in der guten alten Zeit, unter Karl dem Zweiten zum Beiſpiel, ein Mann von ſo rothem und ſelbſt von ſo blauem Blut*) als das meinige iſt, ſo ferne Gegenden durch⸗ teiſt haben? Meine Familie hat ſo etwas nicht er⸗ lebt, ſeit jenem meiner Ahnherrn, der einer von den zwoͤlf Paladinen Kaiſer Karls des Großen war und — wofern ich meiner Familienchronik trauen darf— bei den Hoffeſten der Tafelrunde ſtets an der rechten Seite ſeiner Kaiſerlichen Majeſtaͤt zu ſitzen pflegte. Ihr muͤßt noch ſehr jung und ſehr von den neuen Ideen eingenommen ſein, daß ihr euch nicht eben ſo ſehr daruͤber wundert, wie ich; denn ihr wißt ja doch wohl, wo Fativa liegt?“—*San Felipe el Real,“ erwiederte ich, indem ich den Namen brauchte, den der erſte unſerer Bourbons dem alten Saͤtabis der Vorzeit ertheilte.—*Nein, Tativa!“ ant⸗ wortete er mit Heftigkeit, und zum erſtenmal wur⸗ den ſeine Augen lebhaft.»Tativa, das Sagunt der neueren Zeit, die unſterbliche Stadt, deren Mauern die franzöſiſchen Janſeniſten zerſtoͤren, de⸗ ren Namen ſie von unſern Karten vertilgen konnten! *) In einigen Gegenden Spaniens, beſonders in dem König⸗ reich Valencia, theilt ſich der Adel nach der Farbe des gel⸗ ven, rothen und blauen Blutes in verſchiedene Klaſſen ein. 134 Doch dieſer Name wird ewig in der Geſchichte leben, unvergaͤnglich, wie das Andenken an jene beruͤhmte Belagerung, die ſie gerade heute vor hundert Jah⸗ ren zur Vertheidigung Seiner Majeſtaͤt des Herrn Don Carlos des Dritten von Seſterreich*) aushielt. Mein Großvater, ſeine Frau, drei von ſeinen Soͤh⸗ nen und ſeine beiden Toͤchter, von denen die juͤngſte noch nicht funfzehn Jahr alt war, ſuchten auf den Ringmauern der Stadt ihren Tod. Ihr Haus wurde zerſtoͤrt und iſt, Gott ſei Dank! ſeitdem nicht wieder hergeſtellt worden; auch ſoll es nie wieder hergeſtellt werden, ſo lange als„„ Durch ein Wunder, womit die Koͤnigin der Engel uns begluͤckt hat, iſt gerade der Saal, worin Seine Majeſtaͤt meinem Großvater verſprach, ihn zum Mitglied des hohen Raths von Kaſtilien zu ernennen, der einzige, der mitten unter den Ruinen unverſehrt geblieben iſt; ein Wunder der Art will ſchon etwas ſagen. Auch ſtudirt mein Sohn die Rechte, ſo gut wie ich es fru⸗ her gethan habe. Die Verſprechungen der Koͤnige ſind heilig, und ſchon laͤngſt habe ich es geſagt: es giebt nur ein Mittel gegen ſo vieles Unheil.“ Wir erreichten endlich die Nachtherberge. Der Hauptpaſſagier, ein bejahrter Kaufmann, an ben der Wagen vermiethet war, verlangte, daß man et⸗ was weiterhin auf dem Wege erſt Nachtquartier machen ſolle; allein die Dragoner erklaͤrten ſich da⸗ gegen, denn ihre Pferde waren zu ſehr abgemattet. *) Der Erzherzog, welcher Philipps des Fünften Mitbewer⸗ ber um die ſpaniſche Krone war. 135 Der Merder des Grafen hatte ſich in die Gebirge geworfen, dort eine zahlreiche Bande verſammelt, und verbreitete unter dem Namen Bartholomeo von Darroca in dem ganzen Koͤnigreich Leon Furcht und Entſetzen.—*Wenn ihr durchaus weiter zu rei⸗ ſen verlangt,“ ſagte der Brigadier,* ſo gebt uns unſere Bezahlung, und bittet die Mutter Gottes, eure Geldkaͤſten ſo gut zu beſchutzen, als es unſere Karabiner gethan haben wuͤrden.“ Der Paſſagier ſah ſich genoͤthigt nachzugeben, doch zeigte ſich auf ſeinem ernſten Geſicht ein tiefer Schmerz. Er gieng ins Wirthshaus und verlangte ein Zimmer, worin er allein ſein könnte; indeß das einfache Haͤuschen hatte den Fremden zuſammen nur ein einziges Ge⸗ mach anzubieten. Die laͤrmende und rohe Unterhal⸗ tung der Soldaten ſchien ſein bekuͤmmertes Gemuͤth zu verletzen.—*Ich begreife nicht, ſagte mein hoher Reiſegefaͤhrte mit einer Miene voll Wichtigkeit und nach einem lauten Seufzer,'wie ihr, Herr Kaufmann, euch im mindeſten aͤrgern koͤnnt, ihr, der ihr im Innern eines guten Wagens fahret, wo ihr ganz anſtaͤndig und bequem bei euern Geldkoffern ſitzen koͤnnt, während ein Mann wie ich, obwohl freilich aus Mangel an Zeit, ſich auf einen Platz ver⸗ bannt ſehen muß.„. Indeß ich weiß gluͤcklicher Weiſe ein Mittel gegen ſo vieles Unheil.“ Der Kaufmann fuhr aus ſeiner Niedergeſchlagenheit em⸗ por und antwortete mit Heftigkeit:»Ein Mann wie ich, Herr Hidalgo, der den Muth gehabt hat, ſich durch ſeine Bemuͤhungen ein ehrenwerthes —————— ů——— ₰*—*— 136 Vermoͤgen zu erwerben, und der daßelbe genießt, ohne darauf einen Stolz zu gruͤnden, welcher viel⸗ leicht gerecht ſein wuͤrde, und ohne in dem Beſitz deſſelben ſeinen ganzen und alleinigen Genuß zu fin⸗ den, ach, ein ſolcher kann wohl den Schmerz em⸗ pfinden, denn er hat ein Vaterherz. Zum wenigſten, wenn ein furchtbarer Schlag meine Tochter ſo eben in Verzweiflung verſetzt und ihr zugleich ihren Gat⸗ ten und ihren Sohn entriſſen hat, ſo iſt es nicht der Erbe eines hohen Namens, den ich beweine, ſondern mein Enkel, in welchem ich mich wieder verjuͤngt er⸗ blickte, und ſein Vater iſt es, der Gatte meiner ge⸗ liebten Matea, deſſen Mord. Ich ergriff ſeine Hand und rief:“Wie? ihr ſeid alſo Don Do⸗ mingo?“—*Wie wißt ihr denn das? Kennet ihr meine Tochter?“—*Ich war in dem ſchreck⸗ lichen Augenblick bei ihr.“—“Ach, nun weiß ich, wer ihr ſeid,“ antwortete er und ſchloß mich in ſeine Arme. Der Kaufmann von Kadir konnte nicht Worte finden, um mir alle Empfindungen ſeines vaͤterlichen Herzens auszudruͤcken.»Ohne euern Beiſtand,“ ſagte er,'wuͤrde ich nicht mehr auf der Welt ſein; wie koͤnnte auch ein Vater ſeine heißgeliebte Tochter uͤberleben? Kurz, Matea iſt mir nicht entriſſen; die kleine Aldouza wird ihrem Leben die Heiterkeit wiedergeben, welche ihre Liebe dann auch uͤber das meinige verbreiten wird. Alles dies iſt euer Werk. Edelmuͤthiger junger Mann, ich vermag euch nichts anzubieten, als einen Dheil meines Vermoͤgens, und 137 ich fuͤhle nur zu ſehr, wie wenig dies iſt fur eine ſolche mir erwieſene Wohlthat.“ So aͤußerte ſich der Gadetanier. Er war be⸗ reits zu den Jahren gelangt, wo man kalte Berech⸗ nungen anzuſtellen anfaͤngt. Seine Manieren wa⸗ ren derb, in ſeinen gewoͤlbten Augenbraunen lag etwas rauhes, und in ſeinem großen Munde eine gewiſſe Bitterkeit; es ſchien unglaublich, daß ſeine vertrockneten Augen je Thraͤnen vergoſſen haben koͤnnten. Sein blaſſes und magres Geſicht verrieth in der Regel blos durch das Feuer ſeines Blicks die Glut ſeiner Gedanken und Gefuͤhle; mitten in ſeinen ungeſtuͤmſten Bewegungen blieben ſeine Geſichtszuͤge unveraͤndert, ſein Geſicht ward bei zunehmender in⸗ nerer Anſtrengung blos immer blaͤſſer, ſeine Geſtalt verrieth ſo wenig Leben als der Marmor, und die⸗ ſer ſeltſame Kontraſt, der die ungeahnte Gewalt ſei⸗ ner Gefuͤhle bisweilen auf eine wahrhaft erſchreckende Weiſe hervortreten ließ, gab ſeinen weicheren Her⸗ zensergießungen einen ganz beſonderen Werth. Die Erwerbung eines ſolchen Freundes ſchien mir eine neue Gunſt des Gluͤcks zu ſein. Ich uͤber⸗ legte, daß ſeine Klugheit meine Jugend leiten, daß ſeine Zuneigung mir den Palaſt ſeiner Tochter oͤffnen wuͤrde. Der Hidalgo von Tativa ſtoͤrte durch ſeine verdoppelten Seufzer mich aus dieſen ſuͤßen Traͤume⸗ reien. Bei ſeiner angebornen Verachtung gegen alles, was nur irgend etwas mit Handel oder In⸗ duſtrie gemein hatte, konnte er gar nicht begreifen, wie dieſe Spielart des menſchlichen Geſchlechts die⸗ 138 ſelben Freuden und Bekuͤmmerniſſe haben koͤnne, welche, wie er glaubte, blos den Adelsklaſſen von rothem und blauem Gebluͤt ausſchließlich vorbehal⸗ ten ſeien. Don Domingo warf einen verachtenden Blick auf den Fativaner, und ſpazierte ſodann einſam die Landſtraße entlang. Ich waͤre ihm gern gefolgt, allein der Hidalgo hatte mich ſchon fuͤr ſich in Be⸗ ſchlag genommen.»Der Herr Kaufmann,“ ſagte er zu mir,“will gar nicht einſehen, daß, wenn man⸗ der Mutter Gottes ſei Dank, einen ſo reinen und fleckenloſen Adel beſitzt, wie die unbefleckte Empfaͤng⸗ niß der Jungfrau Maria, man gewiſſe Dinge ganz anders empfindet, als Leute, welche ſich muͤhſamen Arbeiten widmen und folglich auch eine haͤrtere Rinde haben. Meine Vaͤter glaͤnzten unter den Cortes von Aragonien; es gab naͤmlich eine Zeit, wo die Krone Aragonien auch ihre Cortes hatte, und erſt Philipp von Anjou, der, den Ausſagen ſeiner Schmeichler zum Lrotz, einaͤugig und drei Viertel des Tages betrunken war, hat, wie ihr wißt, das alles zerſtört. Hier ſtieß der Hidalgo einen ſolchen Seufzer aus, daß Antonio ſich zu Boden warf, indem er verſicherte, er ſei durch den Sturmwind niedergeweht worden⸗ Der Fativaner nahm, ohne auf die Spaͤße des Za⸗ gal zu achten, den Faden ſeiner Geſchichte folgender⸗ maßen wieder auf:»Mein Geſchlecht beſteht aus hundert und drei und zwanzig bekannten Generatio⸗ nen ſeit dem Griechen Meneſtheus, welcher zu Saͤ⸗ 139 tabis oder Tativa den Grund legte, bevor er den Hafen von Santa Maria anlegte. In dieſem lan⸗ gen Zeitraume iſt ein einziges Maäͤdchen von dem Pfade der Weisheit, auf welchem ihre Vorfahren ihr vorangegangen, abgewichen, und es mußte dies lei⸗ der meine eigene Tochter ſein„„ Vor etwa vier Jahren kam naͤmlich ein junger Offizier und ſuchte in meinem Hauſe einen Zufluchtsort, indem er, wie er verſicherte, wegen ſeiner Anhaͤnglichkeit an das Haus Oeſterreich genoͤthigt ſei, ſein geaͤchtetes Haupt zu verbergen. Meine Tochter war ſchoͤn wie die En⸗ gel und wie die Heiligen des Himmels; ſie ward von dem Fremden verfuͤhrt, und entwich mit ihm aus dem vaͤterlichen Hauſe. So wie ſie ihr zwoͤlftes Jahr vollendet hatte, baten ſie mich um meinen vaterlichen Segen zu ihrer Verehelichung, und er⸗ hielten ihn wider meinen Willen; und um das Un⸗ glůͤck voll zu machen, ihr verabſcheuungswuͤrdiger Ehemann iſt, anſtatt einen Rang in der Armee zu haben, ein bloßer Buͤrgerlicher. Begreift ihr wohl eine ſolche Geſetzgebung, die da geſtatten kann, daß ein Maͤdchen„„ Das iſt aber eben die Verderb⸗ niß, welche das franzoͤſiſche Syſtem unter uns ein⸗ gefuͤhrt hat; und ich habe wohl Recht, wenn ich ſage: es giebt nur ein Mittel gegen ſo vieles Un⸗ heil.“ Ich ſuchte meinem Reiſegefaͤhrten dagegen in Er⸗ innerung zu bringen, daß eben dieſe Geſetzgebung, uͤber die er ſich mit Recht beklagte, das Werk jener Fuͤrſten ſei, die ſeinem Andenken ſo theuer waͤren. 140 Der Konbucteur zeigte uns jezt an, daß er den folgenden Tag noch vor Sonnenaufgang aufzubre⸗ chen gedenke. Der Hidalgo eilte ſofort zu einer der vier oder fuͤnf Lagerſtäten, die um uns her auf ei⸗ chenen Dielen zu recht gemacht waren, und hatte den Schmerz, zu ſehen, wie Don Domingo, der ſo eben von ſeinem einſamen Spaziergange zuruͤckkam, ſich auf ein weit ſaubereres und weicheres Lager hin⸗ ſtreckte, welches der reiche Gadetanier auf Reiſen ſtets bei ſich zu fuͤhren pflegte. Der Abkoͤmmling des Meneſtheus, uͤber das Ergebniß ſeiner Beſichtigun⸗ gen ſich kraͤnkend, murmelte vor ſich hin, daß es ge⸗ gen den ſteigenden Uebermuth der Kaufleute nur ein einziges Mittel gebe, und ſchlief ein, indem er die Himmelskoͤnigin oder das Haus Oeſterreich anflehte. Ich wollte nun auf der einzigen dieſer ſchlechten La⸗ gerſtäͤten, die gerade noch uͤbrig war, mich zur Ruhe niederlegen; allein der matte Schein einer kleinen ei⸗ ſernen Lampe war hinreichend, um mir zu zeigen, daß hier alle die triftigen Anlaͤſſe zu Beſchwerden, die auf der Halbinſel ſo haͤufig vorhanden ſind, beiſam⸗ men zu finden waren. Ich rief den Wirth. Er er⸗ ſchien, und zwar in Begleitung ſeiner Frau und ſei⸗ ner Toͤchter. Der Vortrag meiner Beſchwerden ward mit einer Flut, mit einem Ungewitter von Ge⸗ ſchrei, Schmaͤhworten und Drohungen erwiedert. Die Leute und die Soͤhne des Wirths waren mit ih⸗ ren Flinten bewaffnet, herbeigeeilt. Die Dragoner, ihren Cigarro rauchend, beobachteten eine ſtrenge Neutralitaͤt. Der Advokat von Tativa erwachte, 141 um ſich an die angreifende Parthei anzuſchließen. Meine Verweichlichung war in ſeinen Augen eines von jenen aus Frankreich eingefuͤhrten Dingen, uͤber die man ſich nicht genug beklagen koͤnne, und die Unbequemlichkeiten, uͤber die ich mich be⸗ ſchwerte, gehoͤrten noch mit zu jener guten alten Zeit, die ihm ſo lieb und werth war. Ich mußte endlich dem Sturme weichen, und entſchloß mich frohen Muths, auf zwei Baͤnken, die ich an einander ſchob, den Schlaf zu ſuchen, der denn auch nicht lange auf ſich warten ließ. Die ſuͤßen Gefuͤhle, die mich ſeit den Thoren von Salamanca innerlich be⸗ wegt hatten, behaupteten ihre Herrſchaft noch fort, und gluͤckſelige Traͤume unterhielten die ganze Nacht hindurch in meinem Herzen kuͤhnere Wuͤnſche, als die des Tages geweſen waren. Fuͤr einen Juͤng⸗ ling von achtzehn Jahren iſt Schlafen und Wachen wenig unterſchieden; man vertauſcht in dieſem Al⸗ ter blos einen Traum mit dem andern. Den folgenden Tag noͤthigte mich Don Domingo, an ſeiner Seite Platz zu nehmen. Als der Kativa⸗ ner mich nun ſo in den Wagen hineinſteigen ſah⸗ dachte er abermals daran, wie ſehr doch jezt aller Unterſchied der Staͤnde und des Ranges aufgehoben und umgekehrt ſei. Antonio antwortete ihm mit ei⸗ nem ſeiner Scherze; die Bedeckung miſchte einigen derben Soldatenwitz in die Spaͤße des Andaluſiers; in dieſem Augenblick gab der Mayoral das Zeichen zum Aufbruch, ein lauter Schrei pflanzte es bis zu unſerem Geſpann fort, und die Mauleſel eilten mit 142 uns von dannen, als wollten ſie uns in die Abgruͤnde hinunterſchleudern. Matea's Vater ward nicht müde, mit mir von ſeiner Tochter zu reden, und zwar um ſo mehr, da auch ich nicht muͤde wurde, ihn anzuhoͤren. Es war zu Corunna, da er eben nach unſern uͤberſeeiſchen Reichen ſich einzuſchiffen im Begriff geweſen war, wo ihm einige Zeilen von der Hand der Graͤfin das ent⸗ ſetzliche Ungluͤck gemeldet hatten. Unter dieſen Er⸗ zaͤhlungen gelangten wir endlich an die Thore von Madrid. Mein Herz klopfte heftig. Das ganze Geruͤſt meiner Freuden war ſo eben zuſammengeſunken; es war, als ob eine feindſelige Fee es mit ihrem Zau⸗ berſtabe beruͤhrt haͤtte. Es giebt keinen maͤchtigeren und ſchnelleren Zauber, als den des Gefuͤhls, wel⸗ ches damals meine Seele zu beherrſchen anfieng; er macht uns abwechſelnd, bald von Furcht, bald von Hoffnung wahnſinnig. Doch nur in der Entfernung von der geliebten Perſon hegen wir Vertrauen, dann erblicken wir ſie blos in dem Schmuck jener Anmuth, die uns bezaubert hat; in der Naͤhe dagegen fuͤhlen wir blos alle die Leiden, die ſie uns bereiten kann. Wir fuhren laͤngs den gebuͤſchreichen Ufern des Manzanares dahin. Ich wußte nicht, daß dies die ſchoͤnſte Seite von Madrid ſei, und erwartete alſo eine Welt von Wundern. Die Stadt, auf der ſtei⸗ len Abdachung einer Ebene liegend, die am Fuß der Somo⸗Sierra beginnt, entfaltete ſich vor uns ma⸗ jeſtaͤtiſch wie ein Amphitheater. Die Alleen der Flo⸗ 143 rida verdeckten uns den oͤden unbebauten Zwiſchen⸗ raum, der den Abhang der Huͤgel, von den Mauern der Stadt bis an das tiefe Becken hin, einnimmt, in welchem des Manzanares kaum bemerkbarer Strom ſich hinzieht. Ich ſah blos die Höhen. Auf ihren Ehrfurcht gebietenden Gipfeln zeigten ſich Pracht⸗ thore, Kirchthuͤrme ohne Zahl, und der praͤchtige Palaſt, der die Stelle des vormaligen Alcazar's einnimmt. Bald waren wir uͤber die erſte der bei⸗ den ungeheuern Bruͤcken hinuͤber, unter denen der ſchwache Strom ſich faſt verliert, und ich fuhr durch das Segoviſche Thor. Das verwirrte Geſchrei gan⸗ zer Heerden von Rindern, Schafen, und beſonders von Eſeln, die ſich hier in jeder Hinſicht durchkreuz⸗ ten, das eintoͤnige Rufen der Aguadores*), die auf ihrem Ruͤcken die ſchwere Waſſertonne fort⸗ ſchleppten, die dumpfen Glocken langer Zuͤge von Mauleſeltreibern, welche der Hauptſtadt die Reich⸗ thuͤmer der Provinzen zufuͤhrten, die Schellen der Wagen, die mit furchtbarer Schnelle quer uͤber die Straßen und um die Straßenecken herum flogen, die Geſaͤnge der Prozeſſionen, die von allen Seiten her einander in den Weg kamen, die Zaͤnkereien des zierlich gekleideten Andaluſiers, des halbnackten Va⸗ lenciers, des Bewohners von Mancha in ſeinem alt⸗ romiſchen Sagum, all dieſer mannigfache Laͤrm er⸗ ſcholl zu gleicher Zeit um mich her, und die ſchlecht angelegten Straßen, die in keinem edeln Stil aufge⸗ *) Waſſorträger. fuhrten Gebaͤude und die geſchmackloſen Spring⸗ brunnen vermochten meine ganz aus aller Faſſung gebrachte Bewunderung nicht wieder in Schwung zu bringen. Endlich ſtieß der Zagal einen gellenden Schrei aus. Die Mauleſel ſtanden auf einmal ſtill, und ich ließ mich nach der Wohnung meiner Eltern fuh⸗ ren. Sie kamen ſo eben aus der benachbarten Ka⸗ pelle. Beide druckten mich an ihre Bruſt und ver⸗ gaßen auf einen Augenblick das Traurige ihrer ein⸗ ſamen Lage. Mein Bluͤck war indeß nur unvoll⸗ kommen, denn meine Schweſter war ja nicht mehr im elterlichen Hauſe, um an unſerer Freude theil⸗ zunehmen. 6 Donna Leonor, die meiner ſchmerzlichen Weh⸗ muth entgegenkam, unterhielt mich ſogleich von Ma⸗ ria, vom Markis, und von ihrer Ehe. Eines von jenen ungeheuern Landguͤtern, die das ſaͤmmtliche Grundgebiet Spaniens— mit Ausnahme deſſen, was die Geiſtlichkeit davon beſitzt— in die Haͤnde weniger Großen geben, war, der herrſchenden Sitte gemaͤß, den Haͤnden der Markiſin zu unumſchraͤnkter Verfugung uͤbergeben worden, und ſchon bewunder⸗ ten die Bauern daſelbſt ſie als eine beſchirmende Schutzgoͤttin der Gegend. Sie ſahen hier zum er⸗ ſtenmal eine hohe Perſon, die auf ihren Landbeſitzun⸗ gen reſidirte, und dieſe neue Erſcheinung, die fuͤr ſie eine fruchtbare Quelle von Segen war, erfuͤllte ſie mit Freude. Die Kloͤſter ſind bei uns die einzi⸗ gen Wohngebaͤude, welche das flache Land etwas 145 beleben. Waͤhrend im uͤbrigen Europa die adeli⸗ gen Herren, um ſich von der Macht der Koͤnige unabhaͤngig zu erhalten, auf ihren Schloͤſſern zu⸗ ruckgezogen lebten und den Aufenthalt in den Städ⸗ ten den Buͤrgern uͤberließen, waren ſie bei uns ge⸗ noͤthigt, mit ihren Familien und ihrem Vermoͤgen einen Zufluchtsort hinter den ſtaͤdtiſchen Ringmauern zu ſuchen, an die der Maure ſich nicht hinan⸗ wagte. Daher iſt es denn gekommen, daß Spa⸗ nien keinen einflußreichen Adel mehr hat, daß der Geiſt der Gleichheit ſich der Namensrangordnung widerſetzt hat, daß die unumſchraͤnkte Konigsge⸗ walt ſich hier fruͤher und vollſtäͤndiger ausgebildet hat, als anderswo.— Aber eben daher iſt es denn auch gekommen, daß die Ordensgeiſtlichkeit, die einzigen Grundbeſitzer, die an Ort und Stelle reſidiren und in der Naͤhe ihres Grundes nnd Bo⸗ dens leben, ſo tief darin Wurzel geſchlagen hat, und dies gerade iſt eines der groͤßten Hinderniſſe, die der Einfuͤhrung einer freien Regierungsform im Wege ſteht. Ich eilte in die Wohnung der Graͤfin. Don Domingo, welcher neben ihr ſaß, ſchloß das Kind, welches ich vertheidigt hatte, in ſeine Arme, uͤber⸗ reichte mir es dann zum Liebkoſen, und ſagte zu mir: »Freund, dieſe Kleine mag unſere große Schuld ge⸗ gen euch abtragen, ſie ſelber mag ſich mit euch ab⸗ finden. Meine Tochter und ich wir geben ſie euch.“ Bei dieſen Worten, bei welchen meine Dankbarkeit mehr auf das tiefe Gefuͤhl ſah, welches ſie ihm ein⸗ 10 146 gegeben, als auf die Zukunft, die ſie mir verhießen, druͤckte ich dem Kaufmann die Hand, und als ich ſah, daß auch Matea mir die ihrige reichte, ſo er⸗ griff ich dieſelbe voll Entzuͤcken und druͤckte meine Lippen darauf. Eine ungekannte Glut durchloderte meine Bruſt; ich hoͤrte kaum, wie die Gräfin in jenem Tone, der bis ins Innerſte der Seele drang, zu mir ſagte: »Empfanget von der Mutter heute den Trauring, den ihr dereinſt meiner Tochter uͤberreichen werdet.“ Mit dieſen Worten ſteckte ſie ihren koſtbaren Ring an meinen Finger. Eine Inſchrift war in denſelben eingegraben, welche meinen Namen mit dem ihrigen verſchlang, nebſt dem Datum des Tages, an welchem ich Aldouza's Wiege der Wuth des Aragoniers entriß. Ich war trunken von Liebe und Wonne. Matea befand ſich noch in jenen erſten Wochen ihres Wittwenſtandes, wo die Frauen in ihrem reich⸗ ſten Staat die Beileidsbeſuche des Hofes und der Stadt erwarten. Ihr ſchwarz ausgeſchlagenes Zim⸗ mer und ihr Trauerſchmuck verliehen ihrem melan⸗ choliſchen Laͤcheln und der eigenthuͤmlichen Lebhaftig⸗ keit ihrer Augen noch einen neuen Reiz; ihr feuriges Gemuͤth und ihr heiterer Geiſt ſchien dieſe duͤſtre Kleidung noch mehr zu heben, und gleichſam die ſchoͤnſten Reize des Lebens im Trauerflor des Todes zu zeigen. Ich ſuchte Worte und fand keine. Sie ſprach mit mir von der Verbindung, wozu ihr Va⸗ ter den erſten Gedanken gehabt, und ſagte zu mir mit ihrer uͤberredenden Liebenswuͤrdigkeit, daß ſie 147 von nun an von ihren muͤtterlichen Rechten Gebrauch machen, ſich mein Zutrauen erwerben, und meine Schritte auf der langen Laufbahn leiten wollte, die ich zu betreten im Begriff war. Eine ihrer Kammerfrauen, welche am Fenſter Gitarre ſpielte, ſtand ploͤtzlich auf, um die Ankunft des Friedensfuͤrſten anzumelden. Sie hatte naͤmlich geſehen, wie die Gardiſten und die Fahnen, die ver⸗ moͤge einer ſeltſamen Beguͤnſtigung beſtaͤndig Godoy's Wagen umgaben, unten an der Hausthuͤr hielten. Ich wollte nebſt Domingo mich entfernen; allein ploͤtzlich oͤffneten ſich mit Geraͤuſch alle Thuͤren, und herein trat—— Jaime, mit Ordensbaͤndern von allen Farben verbraͤmt und mit einer ſolchen Maſſe goldner Stickereien uͤberladen, daß ſeine Kleidung darunter gar nicht zu ſehen war. *Zu deinen Fuͤßen, Matea!“ rief er aus, indem er die Graͤfin an die Stirn kuͤßte, legte dann ſeinen von Gold und Federn bedeckten Hut auf ein Betpult, nahm die Gitarre der Camarera*), ſchlug dar⸗ auf einige von jenen Accorden an, die ein konigliches Ohr entzuͤckt hatten, und brachte dann vor einem Spiegel, der ſo eben aus Frankreich angekommen war, um den benachbarten Saal zu zieren, ſeine Haare wieder in Ordnung. Sodann kam er wieder zuruͤck und umſchlang den Leib der ſchoͤnen Wittwe, und waͤhrend ſeine Vertraulichkeiten mein Blut in Wallung ſetzten, ſchien das Lächeln, womit er ſeine *) Sammerfrau. 10* 148 Geberden und Worte begleitete, anzudeuten, er ſei im voraus von dem überzeugt, was Matea ihm ant⸗ wortete, daß er naͤmlich durchaus und beſtaͤndig lie⸗ benswuͤrdig ſei.—*Indeß, ſchoͤner Kouſin,“ fugte ſie mit Wuͤrde hinzu, ſei in etwas groͤßerer Ferne liebenswuͤrdig gegen mich; deine Huldigungen könnten mir furchtbare Unannehmlichkeiten zuziehen.“ Jaime hatte bis dieſen Augenblick gethan, als ob er mich gar nicht bemerkte. Donna Matea, die durch dieſe Unterhaltung gepeinigt zu ſein ſchien, lenkte endlich ſeine Aufmerkſamkeit auf mich. Mein ehemaliger Mitſchuͤler ließ auf mich einen ſeiner Blicke fallen, indem er von ſeinem Herrn jene ſtolz⸗ vornehme Haltung erborgte, die vielleicht mehr noch als Godoy's Verwaltung den allgemeinen Unwillen des Volks gegen ihn in einem Lande erregte, wo die perſoͤnliche Wuͤrde des Mannes nie ungeſtraft ver⸗ lezt wird. Ich wunderte mich, daß der Beſitz der Gewalt ſo viel Dreiſtigkeit verleihe, und daß auf dieſem beweglichen Theater des Ehrgeizes gerade die mittelmaͤßigſten Schauſpieler am geſchickteſten die Toga auf eine ſtolz verachtende Weiſe zu tragen wußten.—*Ihr habt,“ ſagte er zu mir,»einen wahrhaften Muth gezeigt. Das iſt ſehr gut, man wird fuͤr euch ſorgen. Beilaͤufig, ihr ſeid ja der Bruder der ſchoͤnen Donna Maria de las Anguſtias! Eine reizende Frau, und gewiß die ſchoͤnſte, die auf der Welt zu finden iſt.“—*Ei, Comthur,„ un⸗ terbrach ihn Matea,“daß ihr doch ſo in meiner Ge⸗ 4 genwart Lobſpruͤche der Art ſpenden könnt! Wenn 149 ich eiferſüchtig ware, ſo„“— Ei, eil“ erwiederte er mit einem langen Lachen,»ich verſtehe mich nicht darauf, den Frauen zu ſchmeicheln. Bei meiner Generals Ehre! ich verderbe dadurch gewiß keine einzige.“ Auf dieſer lezten Aeußerung beharrte er hartnaͤckig; dann fuhr er fort:»Vaͤter, Vor⸗ muͤnder, Ehemaͤnner, jedermann hat Furcht vor mir; ſo gewiſſenhaft treibe ich mein General⸗Handwerk. Mein Vorbild bleibt fur mich der erſte Konſul.“— „Da hat freilich die Monarchie viel Ruhm zu erwar⸗ ten,“ dachte ich, aber ganz laut; ſo empoͤrt war ich uͤber dieſe Sprache, uͤber dieſe Formen, uͤber den Gedanken, daß ein Menſch der Art je einer von den Lenkern des Staats werden koͤnnte. Das Wort, welches mir in meinem Unwillen entſchluͤpfte, war nicht verloren; er erroͤthete, und ich triumphirte. Ungeachtet ſeiner Groͤße war ich doch ſtaͤrker als er⸗ In der Jugend nimmt man naͤmlich das Wort Kraft“ in einem anderen Sinne, als im reiferen Alter; die Gewalt der Seele iſt da noch die einzige Macht, die man zu begreifen und zu achten verſteht.. Ich entfernte mich voll Zorn. Das laute Lachen einer rauſchenden Luſtigkeit verfolgte mich bis in die lezte Gallerie, wo ich ſtehen blieb, um meinen Man⸗ tel umzunehmen. Die peinlichen Empfindungen meiner Seele giengen allmaͤhlig in weichere Gefuͤhle ͤber. Ich trug ja an meinem Finger einen Ring, den einſt Matea getragen; ich hatte gefuͤhlt, wie eine ihrer Haͤnde uͤber meine Haarlocken hinglitt, waͤh⸗ rend ich auf die andere mich niederneigte; die rei⸗ 150 zende Hand hatte ſich eine ſo lange Weile meinem dankbaren Gefuͤhl uͤberlaſſen; ich hatte es gewagt, feurige Kuͤſſe darauf zu druͤcken„ So viele Entdeckungen in einer mir bisher unbekannten Welt verſetzten mein Gemuͤth in eine Unruhe, in eine Ue⸗ berſpannung, die noch voll Reiz fuͤr mich war, und auch ohne Nachſicht gegen andere! Jede andere Er⸗ innerung ſchwand fern von mir hinweg. Ich ver⸗ gaß alles, den Comthur und ſeine unedle Sprache und ſein unverſchaͤmtes Gluͤck, ſogar die Nachgiebig⸗ keit der Graͤfin gegen ſeine kecke Galanterie vergaß ich. Ich hatte auf ſie alle meine Traͤume von koͤr⸗ perlicher und geiſtiger Schoͤnheit, alle jene taͤuſchen⸗ den Farbenlichter, in welchen meine jugendliche Phan⸗ taſie die Frauen erblickte, alle jene Vollkommenhei⸗ ten eines Geſchlechts, deſſen entſcheidende Herrſchaft ͤber unſer Lebensgluͤck ich nun bereits kennen gelernt hatte, ſammt und ſonders uͤbergetragen. Haͤtte ich dieſer meiner heiligen Verehrung entſagen ſollen, ſo wuͤrde die Welt fuͤr mich in Trͤmmern gefallen ſein⸗ Die Jugend muß durchaus etwas haben, wofuͤr ſie begeiſtert iſt. Wer in das Leben eintritt, ohne die⸗ ſen ſchuldigen Zoll begeiſterter Verehrung zu entrich⸗ ten, der wird durchs ganze Leben hingehen, ohne daß ihm ſeinerſeits je etwas der Art zu Theil werden wird. Der groͤßte Meiſter der antiken Weltweis⸗ heit, jener geborene Spanier, Seneca, ſchlug vor, daß man jeden Augenblick irgend einem Helden oder Weiſen ehrfurchtsvoll huldigen ſolle; ich fuͤr mein Theil wuͤrde die Frauen dazu vorſchlagen. Eine 157 ſolche Religiofitaͤt entfernt von den Lippen bes Jüng⸗ lings den Becher grobſinnlicher Wolluſt, ſie macht aus der Liebe eine ſtrenge Huͤterin, die uns durch die Gefahren der Welt hindurchleitet und uns das innigſte Gluͤck des Lebens zugleich als das edelſte Ziel unſeres Strebens, als den wuͤnſchenswertheſten und vollkommenſten Lohn darſtellt. Zweites Kapitel⸗ —— Ein neues Leben hatte fuͤr mich begonnen. Ich empfieng von der Graͤfin haͤufige Recados*). Eben ſo ſtolz als begluͤckt durch dieſe Beweiſe ihres Wohlwollens, trug ich die Handbillets, die ſie ge⸗ ſchrieben, auf meinem liebeklopfenden Herzen. Fruͤh Morgens bald nach Sonnenaufgang fruͤhſtuͤckte ich mit ihr Chocolade, begleitete ſie dann in die Meſſe, und entfernte mich erſt um die Stunde, wo der Strom der Beſuche erwartet wurde. Vergebens ſuchte ſie bisweilen in unſeren Unterhaltungen meine Zukunft an die ihrer Tochter zu knuͤpfen. Hätte es auch in meinem Character gelegen, einen hoͤheren Rang an⸗ zunehmen, den ich blos einer Heirathsverbindung, aber nicht meinen perſoͤnlichen Verdienſten verdankte, ſo wuͤrde doch ſtets ein unwiderſtehlicher Zug meine Blicke von der Wiege Aldouza's zu ihr ſelber hinge⸗ lenkt haben. Bald wuͤrde der Klang ihrer Gitarre, *) Sendungek, Botſchaften. vereint mit dem durchdringenden und anmuthigen Ton ihrer Stimme, bald das Spiel ihres Schleiers, welches abwechſelnd ihre ſchoͤnen Haare und ihre le⸗ bensvolle Geſtalt enthuͤllte und wieder verſchleierte, bisweilen auch ein ploͤtzlicher ſchmerzvoller Seufzer ihre und meine Bemuͤhungen, in die gluͤhende Be⸗ wunderung meiner Seele irgend ein Gefuͤhl von Pie⸗ taͤt des Sohnes zu miſchen, fruchtlos gemacht haben. Enblich gieng ich aus, und begab mich nach der Puerta del Sol, wo ich mich unter die Offi⸗ ziere, Moͤnche und Kaufleute hinſetzte, welche zu je⸗ der Stunde dieſen Platz anfullen, der durch mehrere ſich kreuzende Straßen gebildet wird. Matea unter⸗ ließ keinen Vormittag, wo ſie nicht wenigſtens eini⸗ gemal uͤber dieſen Platz hinweg gieng, und ich wußte ihr vielen Dank fuͤr ihr Erſcheinen in der Mitte dieſer unbeweglichen Gruppen, gleichſam als wäre es nicht der bloße Zufall, der ſie dahin fuͤhrte, oder als wuͤßte ich mit Gewißheit, daß ſie mit um meinetwillen ſich ſo vor der unaufmerkſamen Menge ſehen ließe. Damals verfloß nicht leicht ein Tag, wo nicht die Damen vom hoͤchſten Range wie die geringſten Manolas*) durch ihre Andachtsuͤbungen oder durch ihre abzuſtattenden Beſuche uͤber dieſen Ver⸗ ſammlungsplatz von Muͤßiggaͤngern aus allen Stäͤn⸗ den gefuͤhrt wurden. Ich betrachtete ſie mit einem Gefuͤhl von Verwunderung. Ihre einfache, ja ich moͤchte ſagen, ihre ſo unberfaͤlſchte Nationaltracht giebt den Frauen der Halbinſel einen gewiſſen Reiz, *) Frauen aus den unteren Ständen. 153 den ſie, wie mich duͤnkt, anderswo nicht leicht haben koͤnnen. Dieſer ſchlanke Wuchs, den kein fremdar⸗ tiger Schmuck, kein Halstuch den Blicken entzieht, dieſer bloße Kopf, an welchem der Schleier blos das dichte Haar uͤberſchattet, dieſes ſchwarze Kleid, das wegen ſeines gleichmaͤßigen Schnittes alle Alter und Staͤnde gleich macht, ein lebhafter und entſchloſſener Gang, große feurige Augen, die nach allen Seiten hin gefaͤhrliche Blicke fallen laſſen,— das iſts, was die Spanierinnen unterſcheidet. Dies geht ſo weit, daß ſogar die Gewohnheit, allein zu erſcheinen und ſich nicht von einem Manne am Arme fuͤhren zu laſ⸗ ſen, ihnen einen Reiz mehr verleiht. Wir in unſere weite Maͤntel vermummt, ſie dagegen in ihren engen und kurzen Basquinen*), die alle ihre natuͤrli⸗ chen Reize dem Blick verrathen, wir bilden gleichſam zwei verſchiedene Feldlager, wovon das eine beſtimmt zu ſein ſcheint, das andere herauszufordern. Auch bemerkte ich auf der Puerta del Sol viele Maͤnner, die keinesweges blos um muͤßig zu gehen, ſich da eingefunden hatten. Viele derſelben waren⸗naͤmlich um der wichtigſten Angelegenheiten willen, die ſie Tag fur Tag beſchaͤftigten, dahin gekommen; ſie wa⸗ ren naͤmlich blos da, um des beſtaͤndigen Anblicks der unzaͤhligen voruͤbergehenden reizenden Frauen zu genießen. Unter ihnen zeichnete ſich beſonders ein Gardeoffizier aus, deſſen gewaltiger Hut mit dem unendlich langen Federbuſche ſeine Figur vollends * Frauen⸗Unterröcken. 154 nieberdrückte, die eben ſo ſehr durch ihre zierliche Regelmaͤßigkeit, als durch ihre ganz einzige Kleinheit merkwuͤrdig war. Indem er den ganzen Tag vor der Fontaine des guten SErfolgs ſaß, gerade an der Stelle, wo ſich die fuͤnf oder ſechs großen Stra⸗ ßen kreuzen, deren Zuſammentreffen die Puerta del Sol bildet, ſo war er gerade auf dem Wege, wo alle ſchoͤnen Madrilenen*) vorbei mußten, und es war auch nicht eine darunter, mit welcher er nicht Reden, Blicke oder wenigſtens ein Laͤcheln wechſelte. Es war gerade ſo, als ob er der Zeremoönienmeiſter dieſes oͤffentlichen Platzes waͤre, und jede ankom⸗ mende Frau empfangen und bewillkommen muͤßte. Da ich noch nicht wußte, welche Vertraulichkeit da⸗ mals die Geſchlechter ſo wie die Staͤnde einander naͤherte, ſo bewunderte ich an dem jungen Offizier dieſe erſtaunliche Ausbreitung ſeiner intimen Bekannt⸗ ſchaften; voch wuͤrde ich ihm keine derſelben benei⸗ det haben, wenn nicht ſeine Hand mit einem lebhaf⸗ ten Ausdruck von Vertraulichkeit jedesmal dem Faͤ⸗ cher der Graͤfin einen vertraulichen Gruß zugeworfen haͤtte. Matea beſchaͤftigte mich ausſchließlich, und der Anblick ſo vieler reizbegabter Frauen knüpfte um ſo mehr mein ganzes Daſein an einen einzigen Na⸗ men. Diejenige, welcher wir huldigen, wird nie⸗ wals ſo heiß geliebt, als wenn ihr ganzes Geſchlecht um uns her alle ſeine Reize von Jugend, Anmuth und Schoͤnheit entfaltet. *) Madridderinnen. 155 — Der ſpaniſche Grande, welcher das Regimenk der ſpaniſchen Garde kommandirte, hatte die naͤchſte Muſterung zu meiner Aufnahme unter die koniglichen Fahnen beſtimmt. Dieſer erſehnte Tag brach endlich an. Schon mit fruͤhem Morgen zog ich die Uniform an. Ich konnte es kaum erwarten, der Graͤfin den glaͤnzenden Gardeoffizier an der Stelle des bisherigen ſchwarzen Licentiaten von Salamanca zu zeigen. Wenn man zum erſtenmal in ſeinem Leben Sporen anlegt, ſo erwaͤchſt einem aus dem Beſitz des Degens ein ſolches Gefuͤhl von Kraft, daß man an keine Hin⸗ derniſſe mehr glaubt. Es iſt einem dann, als ob von nun an alle Palmenzweige leicht errungen wer⸗ den muͤßten, die Palmen der Liebe wie des Sieges⸗ Ich traf die Tochter Domingo's, wie ſie eben vor der Wiege der kleinen Aldouza, um dieſe zu zer⸗ ſtreuen, die Taͤnze Andaluſiens wiederholte. Sie begleitete ihre eben ſo zierlichen als fluͤchtigen Tanz⸗ ſchritte mit der Schellentrommel und mit ihrer Stimme. Dieſe ſuͤdlichen Taͤnze, die mit allen ihren lebhaften Stellungen, ihren fluͤchtigen Vewegungen, ihren harmoniſchen Schwebungen und Schwingun⸗ gen von ihr ausgefuͤhrt wurden, liehen der Anmuth ihrer Perſon einen neuen Reiz; und wiederum dieſe National⸗Lieder, dieſe lebendigen Bilder gaben ihr eine hinreißende Schoͤnheit, die ihr vielleicht nicht von Natur eigen war. Die Graͤfin gewaͤhrte mir endlich auf meine Bitten einen Bolero*). Sie — *) Ein ſpaniſcher Tanz. 156 nahm Kaſtagnetten, begruͤßte ihren abweſenden Taͤn⸗ zer mit einer wahrhaft koͤniglichen Wuͤrde, und flog nun dahin; ſie ſtellte dieſe nach dem Tact abgemeſ⸗ ſenen Pantomimen, die der Phantaſie des Spaniers wie eine Herausforderung, vielleicht wie eine Ver⸗ heißung wohlgefallen, mit ſo viel Leichtigkeit, Feuer und Wahrheit dar, daß man glaubte, man ſaͤhe den⸗ jenigen wirklich vor ſich, den ſie zu rufen, zu fliehen, aufzumuntern und wiederum zu fliehen ſchien. Da glitt ihr Fuß ploͤtzlich aus; ich fieng ſie auf, und umſchlang ihren Leib. In dieſem Augenblicke trat der Comthur unangemeldet herein, und warf einen Blick auf mich, worin ſich Staunen und Zorn mahl⸗ ten. Ich war zu heftig bewegt, um ihm Trotz zu bieten, und entfernte mich daher. Nachdem ich im Buen⸗Retiro umhergeirrt, den Prado mehreremal durchſtreift, und immerfort hingeſehen hatte, ob ich vielleicht Matea auf ihrem Mirador*) erblicken wuͤrde, horte ich die Stunde ſchlagen, wo ich mich nach dem Quartier der Garde begeben ſollte. Das Regiment ſtand bereits vor der Kaſerne unter den Waffen. Als ich dieſe alten Krieger erblickte, welche meiner Jugend und meiner Unerfahrenheit gehorchen ſollten, ſo floͤßte meine Achtung vor ihnen mir ein Gefuhl von Stolz und Schuͤchternheit ein. Dieſe lange Reihe von Soldaten, dieſer glaͤnzende General⸗ ſtab, das Geſchmetter der Trompeten, der Zuſam⸗ menlauf einer ungeheuern Volksmaſſe, Don Luis ) Ein Valcon, der im Sommer mit Jalouſteen, im Winter mit Glasfenſtern verſehen iſt. 157 und meine Mutter unter den Umſtehenden, die ab⸗ weſende Maria, die großen und heiligen Pflichten, die ich uͤbernahm,— alle dieſe Dinge, theils ſo ehrfurchtgebietend, theils ſo neu, verſetzten meine Seele in eine tiefe Unruhe. Ich zog meinen Degen, die Fahne Spaniens neigte ſich vor meinem Schwur, daß ich ihr treu bleiben wolle. Gott mußte ihn ver⸗ nehmen, dieſen Schwur der Ehre; mein Herz ergoß ſich ganz in die heiligen Worte, die ich ausſprach⸗ Die Volksmenge, welche auf dieſe feierliche Verei⸗ dung aufmerkſam war, ſchien eben ſo bewegt zu ſein wie ich, und mein Vater ließ auf das Kreuz Karls des Dritten, das ſeine Bruſt ſchmuͤckte, eine Thraͤne fallen. Der Ruf: es lebe der Koͤnig! ließ ſich eine lange Weile hindurch hoͤren, und drang zugleich aus aller Herzen; dies Wort umfaßte das ganze Vater⸗ land mit. Die Offiziere umringten mich; alle trugen auf ihren offenen Geſichtern das reinſte Wohlwollen. Unter den zuvorkommendſten erkannte ich den galan⸗ ten Ritter der Puerta del Sol. Sein lebhaftes Auge, ſeine ungeſtuͤmen Bewegungen, ſein kriegeriſches An⸗ ſehn, ſeine Luſtigkeit, gefielen mir anfangs. Er ſchleppte einen großen Soͤbel nach, und ſein langer Knebelbart uͤberſchattete die Haͤlfte ſeines Geſichts. Bereits mit dem Range eines Obriſten bekleidet, kommandirte er die Kompagnie, zu welcher ich ge⸗ hoͤrte, und ſchien etwa in meinen Jahren zu ſein. Er nahm meine Hand in die ſeinigen, ſchuͤttelte ſie unaufhoͤrlich, umarmte mich, um die Bekanntſchaft 158 vollſtändig zu machen, und ſagte zu mir:»Demonio! Herr Don Alonſo, ſeid mir willkommen! Ihr habt eure Pruͤfungen beſtanden, und wir werden uns alle freuen, euch zum Kameraden zu haben. Demonio! ihr und ich, wir ſind ja bereits Verwandte und Freunde; denn ihr ſeid ja der Bruder einer meiner Verwandtinnen, und der Lebensretter einer andern⸗ Ihr koͤnnt auf Don Carlos im Leben wie im Tode rechnen.“ Don Carlos war der aͤltere Sohn Don Juan's, und Bruder des Don Jalme. Sein Blick hatte ſo viel Freundlichkeit, ſeine Aeußerungen uͤber meine Familie hatten ſo viel Natuͤrlichkeit, daß ich ſeine Aufrichtigkeit nicht in Zweifel ziehen konnte. Ich verließ ihn mit einer Stimmung, als ob mir ein Stein vom Herzen waͤre, da ich in ihm keinen neuen Feind von mir gefunden hatte. Dies einemal ſah ich noch einen wolkenloſen Horizont vor mir ſich aus⸗ dehnen, und das Bild der Graͤfin erſchien mir in der Mitte meiner feurigen Hoffnungen, als ſollte es mich belehren, wie viel Seligkeit die Hand Gottes, welche die Frauen ſchuf, auf Erden ausgeſtreut hat. Als ich in die Wohnung meiner Eltern zuruͤck⸗ kehrte, hoͤrte ich von weitem ſchon Donna Leonor weinen. Bei meinem Eintritt ſah ich durchs kleine Fenſterchen meinen Vater, ganz beſtuͤrzt ſo wie ſie, neben ihr daſitzen. Ich oͤffnete die Thuͤr, und er⸗ fuhr nun, daß ein Mann in koͤniglicher Lioree mir ſo eben eine Botſchaft uberbracht und ſich, ich weiß nicht mehr durch welchen Grund, wegen ſeiner Ver⸗ 159 ſpätung entſchuldigt habe. Es war naͤmlich ein Befehl vom Kriegsminiſterium, der uͤber meine Be⸗ ſtimmung anders verfuͤgte, und mich zu einem aus⸗ waͤrtigen Regiment ſchickte, welches damals in den sden Savannen von Neu⸗Mexiko kantonnirte · Das Datum, unter welchem dieſer traurige Befehl aus⸗ gefertigt war, belehrte mich, daß ich gleich bei mei⸗ nem erſten Zuſammentreffen den unerbittlichen Haß des Comthurs gegen mich erregt hatte. Der Befehl war an demſelben Tage ausgefertigt. Ich mußte nun alles, was mir lieb und werth war, verlaſſen, Don Luis, meine Mutter, Fray Pablo, den ich noch nicht einmal zu beſuchen Zeit gehabt hatte, meine Schweſter, die ich waͤhrend meines halbjaͤhrigen Ur⸗ laubs zu ſehen und zu ſprechen gehofft, endlich Ma⸗ tea, deren unumſchraͤnkte Gewalt uͤber mich ich in dieſem Augenblick kennen gelernt haben wuͤrde, wenn ich ſie nicht laͤngſt ſchon gekannt haͤtte. Darauf er⸗ hielt ich eine zweite Botſchaft von der Krone. Ich glaubte anfangs, die Graͤfin habe durch den beguͤn⸗ ſtigten Hoͤfling von ſeiner elenden Rache Nachricht erhalten, und habe nun den Streich, den er gegen mich fuͤhrte, abzuwenden geſucht. Beim Durchle⸗ ſen fand ich indeß darin den Befehl, daß ich ſchon den folgenden Tag nach Corunna abgehen, und auf dem Poſtſchiff des folgenden Monats nach meinem Beſtimmungsort abreiſen ſolle. Die Welt von ſuͤßen Daͤuſchungen, in die ich mich noch vor einer Stunde verloren hatte, ver⸗ ſchwand nun auf einmal; ein duͤſtrer Schleier um⸗ gab mich; ich fragte mich: was iſt das doch fur eine geheimnißvolle Macht, die ſtets mitten aus unſern freudigſten Genuͤſſen einen tiefen Schmerz hervorge⸗ hen laͤßt, gerade als ob der Menſch dadurch, daß er ſich dem Genuß derſelben hingab, ſeiner Beſtimmung untreu wuͤrde, und als ob das Schickſal ihn dann jedesmal ſogleich gewaltſam wieder zu dem Lvoſe ſei⸗ nes Erdenlebens zuruͤckfuͤhren muͤßte, das heißt,— zum Ungluͤck! Ich eilte nach der Wohnung der Graͤfin. Man ſagte mir, ſie ſei ſo eben in der Vesper. Ich ſuchte ſie vergeblich auf. Alles fehlte mir nun auf einmal, der Troſt ſo wie die Hoffnung. Es war gerade um die Stunde des Tages, wo die Sonne am gluͤhend⸗ ſten brennt. Madrid, welches noch kurz vorher ſo voll Geraͤuſch geweſen war, ſchwieg jezt todtenſtill; es lag im Mittagsſchlummer. Der Anblick aller die⸗ ſer durch weiße Vorhaͤnge verdeckten Fenſter und aller der oͤden Gaſſen hatte etwas duͤſteres, das zu dem Zuſtande meiner Seele nur zu ſehr paßte. Blos einige Franzoſen trotzten dieſer gluͤhenden Dempera⸗ tur; ſie waren in meinen Augen gleichſam die Be⸗ duinen dieſer Wuͤſte. Das Gewuͤhl von Muͤßiggan⸗ gern war von der Puerta del Sol verſchwunden; einige derſelben, die vor der Sonne doch nicht ſo ganz das Feld raͤumen wollten, hatten ſich in die naͤchſten Laͤden gefluͤchtet. Don 2 Domingo, der mit einigen Praͤlaten, Granden und Offizieren im Laden eines benachbarten Schwertfegers ſich uͤber politiſche Angelegenheiten ſehr lebhaft unterhalten hatte, trat 161 vor meinen Augen, noch ganz erhitzt von dem lebhaften Geſpraͤch, das er da gefuͤhrt hatte, he⸗ raus.“Guten Tag,“ rief er mir zu, indem er mir die Hand reichte;»auf der Puerta del Sol giebt es heute faſt gar nichts Neues; wiſſet ihr etwas?“—»Eine einzige Neuigkeit,“ erwie⸗ derte ich.—»Wirklich?“ unterbrach er mich mit ſeiner gewohnten Lebhaftigkeit;»ſo waͤre das Geruͤcht alſo doch wahr? Wenn erſcheint er an den Pyrenaen? Ich hatte das wohl ſchon lange vor⸗ ausgeſehen.“ Und mit dieſen Worten uͤberließ ſich Matea's Vater dem Laufe ſeiner Ideen, ohne daß ich dieſe feurige Beweisfuͤhrung von der Richtigkeit ſeiner Anſichten im mindeſten aufzuhalten vermochte. Endlich fand doch meine Erzaͤhlung von mei⸗ nem Misgeſchick zwiſchen zweien ſeiner politiſchen Plaͤne ein Platzchen Raum. Ich hatte geglaubt, ſein ganzer Unwille wuͤrde losbrechen, wenn er die unedle Rache erfuͤhre, die mich aus dem Vaterlande verbannte. Allein ohne im mindeſten davon ergrif⸗ fen zu werden, erwiederte er: Eure Verbannung wird nicht von langer Dauer ſein. Der General Bonaparte iſt der Held unſeres Jahrhunderts, der Herkules der Freiheit. Er wird mit ſeiner Keule in der Hand den Erdkreis durchſtreifen, uͤberall die Ungeheuer vertilgen, und ihr wißt ja, daß der Herkules des Alterthums auf ſeinen weiten Wan⸗ derungen auch Spanien nicht vergaß.“ Ich ſeufzte uͤber dieſe verwegenen Wuͤnſche; mir war, als 11 * ſähe ich die furchtbare Strafe voraus, womit die WVorſehung ſie dereinſt ahnden wuͤrde. Don Do⸗ mingo glaubte, ich riethe ihm, ſich etwas behut⸗ ſamer zu aͤußern, und fuhr daher fort:“Was habe ich denn zu fuͤrchten? Die Puerta del Sol ruft einſtimmig den Sieger von Marengo herbei. Durch ihn wird wenigſtens das ganze große Werk zur Ausfuͤhrung kommen, welches der Friedensfuͤrſt bereits vorbereitet. Durch ſein Verfahren gegen das hohe koͤnigliche Paar erſchuͤt⸗ tert er die Anhaͤnglichkeit der Spanier an unſern Koͤnigsthron, er vollbringt das, was vielleicht zwanzig Jahrhunderte nicht zu vollbringen im Stande geweſen waͤren, und ruͤttelt die Spanier aus ihrer dumpfen Fuͤhlloſigkeit auf. Die Gran⸗ den, voll Unwillen, daß ein bloßer Emporkoͤmm⸗ ling an ihrer Spitze ſteht, und die Moͤnche, die wegen ſeiner Nachſicht gegen die neuen Ideen voll Verzweiflung ſind, lernen nun mit uns gemein⸗ ſchaftliche Sache zu machen gegen das alte Sy⸗ ſtem. So werden denn alle gemeinſchaftlich zu einem Ziele hinwirken, und endlich den Untergang der bisherigen Verfaſſung Spaniens herbeifuͤhren helfen.“ Don Domingo hielt hier inne, faßte mich dann bei der Hand und ſagte:»Was mich betrifft, ſo bin ich uͤber dieſe Anordnung ganz entzuͤckt; denn ich werde nun euer Reiſegeſellſchafter werden. Ich —————— k 163 wollte zwar erſt in drei Tagen abreiſen; allein ich reiſe nun ſchon morgen und werde euer Fuͤhrer und Geleiter ſein.“ Mit dieſen Worten zog er mich mit ſich fort, miethete einen Wagen bis nach Corunna, trug mir auf, zum General⸗Kapitaͤn zu gehen und um eine Bedeckung anzuhalten, und eilte ſodann ſei⸗ nen Geſchaͤften nach. Don Carlos holte mich unterweges ein. Er ſprach mit mir ſehr lebhaft uͤber den Befehl, der mich einer Waffenkameradſchaft entriſſe, uͤber die er ſich ſchon gefreut hatte. Ich wunderte mich, als ich von ihm erfuhr, daß die Grafin ſelber ihm meine Verbannung gemeldet hatte. Droͤſtet euch uͤbri⸗ gens,“ fuͤgte der Bruder Jaime's hinzu,»ihr wer⸗ det nun nicht es mit anſehen duͤrfen, wie man in die⸗ ſem Palaſte hier Schandthaten unſerer Vertheidigung anvertraut, vor denen die Einbildungskraft ſich ent⸗ ſetzt. Demonio! ich muß geſtehen, der König mit ſeiner Unterwuͤrfigkeit unter den gebieteriſchen Wil⸗ len einer Koͤnigin, die ja doch nur Sklavin eines an⸗ dern iſt, mit ſeiner zuchtigen Blindheit gegen die an⸗ ſtoßigen Scenen, die an ſeinem Hofe vorfallen, ruͤhrt mich im innerſten meiner Seele. Es giebt an ihm auch nicht eine einzige Reigung, nicht eine einzige Tugend, die nicht zu ſeiner Unehre, nicht zu unſerem Ruin beitruͤge. Nach einer acht und dreißig jaͤhri⸗ gen Ehe betet er noch eine Gemahlin an, die uͤber ſeine leichtglaͤubige Liebe laut lacht, und die ſeinen ganz ſich ſelbſt ͤberlaſſenen Soͤhnen auch noch die Stätze ſeiner vaͤterlichen Liebe zu entziehen ſucht. 416 164 Seine Regierung iſt eine Geiſſel fuͤr ein Volk, wel⸗ ches er liebt; die Exiſtenz aller derer, die er zu Eh⸗ renſtellen erhebt, iſt fuͤr ihn ein Schimpf. Werdet ihr es wohl glauben, daß geſtern, als er einen jun⸗ gen Gardeoffizier in einer reichen Equipage voruber⸗ fahren ſah, er ſeine koͤnigliche Gemahlin Marie Luiſe fragte, ſeit wenn denn Don*** ſo vermoͤgend ge⸗ worden ſei; worauf Don Manuel das Wort nahm, und, ſeine Pflichten gegen ſeine koniglichen Gebieter mit Fuͤßen tretend, indem er den einen als Koͤnig und als Freund, die andere als Koͤnigin und als Frau beleidigte, zur Antwort gab: Seitdem ein altes Weib ihn unterhaͤlt.“ Den folgenden Tag verließ ich zur beſtimmten Stunde voll Verzweiflung meine weinenden Eltern. Dieſer Augenblick war eben ſo grauſam fuͤr ſie, als fuͤr mich. Ich war voll Unwillen daruͤber, daß die oberſte Gewalt im Staate, dieſes Schwert, das blos durch das Zuſammenwirken Aller und zum Wohl Al⸗ ler geſchmiedet iſt, das Werkzeug niedriger Leiden⸗ ſchaften werden und in dem Bewußtſein des Juͤng⸗ lings furchtbare Zweifel hervorrufen konnte. Das eben iſt das Verbrechen der Despoten und ihrer We⸗ ſire: ſie entmuthigen unſere edelſten Hoffnungen, und ſetzen uns in Gefahr, uns mit Schrecken die Feage aufzuwerfen, in wie weit wohl unſere Ver⸗ nunft ſtärker ſei als das Ungluͤck, ob es wohl noch Tugend, Gerechtigkeit, ja einen Gott gebe. Ich wollte nun zu Don Domingo eilen. Seine Tochter empfieng mich im Bade. Ihre langen 8 1 — 165 ſchwarzen Haare, welche eine ihrer Kammerfrauen mit wohlriechenden Waͤſſern beſprengte, wallten bis zur Erde hernieder; nie klopfte mein Herz in unge⸗ ſtuͤmerer Bewegung. Matea erzaͤhlte mir in dieſem Augenblick, daß der Comthur uͤber meine Verban⸗ nung mit ihr geſprochen habe; zugleich ſagte ſie mir, welche fruchtloſe Verſuche ſie gemacht habe, um ihn zu beugen. Der Gedanke an all das Unheil, das ein ſolcher Menſch vermoͤge ſeiner unſittlichen Gewalt mir zufuͤgen, das Bild aller der Lebensguͤter, die er mir vielleicht entreißen konnte, entzuͤndete in meiner Bruſt einen Unwillen, der eben ſo gluͤhend war, als die Wuͤnſche, die ich darin hegte.»Saget ihm,“ rief ich aus,»ſaget ihm ja, daß ich eine tiefe Ver⸗ achtung gegen ihn hege. Dies einzige Wort reicht hin, um mich an ihm zu raͤchen.“—»um des Himmels willen, Freund,“ erwiederte die Graͤfin, indem ſie meine Haͤnde ergriff, beſchwichtiget dieſen unvorſichtigen Jaͤhzorn, aͤußert euch nicht ſo uͤber einen der Vertrauten der hoͤchſten Gewalt. Denkt an Aldouza, denkt an ihre Mutter, deren Gedanken euch uͤberall hin begleiten und uͤber euer Schickſal wachen werden. Mein junger Kouſin iſt offenbar eben ſo ſehr mit Albernheiten als mit Ehrenzeichen uͤberladen; indeß wenn ihr euch ſeine Ungnade in noch hoͤherem Grabe zuzieht, was ſoll dann aus euch werden?“— Jaime's Ungnade! dies Wort reizte vollends meinen Zorn aufs aͤußerſte.»Mir liegt wenig daran,“ antwortete ich,»in der Welt etwas mehr zu werden, wenn ich nur das bleibe, wozu 166 mich Gott geſchaffen hat, nämlich ein echter Spa⸗ nier und ein rechtſchaffener Mann!“ Dieſe Scene, ſo ſehr ſie mich aufreizte, gab mir zugleich Muth⸗ um Don Domingo's Aufforderung zu genuͤgen und mich anzuſchicken, ihm zu folgen. Matea ließ mir die kleine Aldouza zur lezten Liebkoſung überrei⸗ chen und erlaubte mir, ſie ſelber zu umarmen. Noch nie hatte ich ſie ſo bezaubernd und ſo ſchoͤn gefun⸗ den, noch nie hatten ſich meinen Augen ſo viele Reize dargeboten, und gerade jezt mußte ich ſie verlaſſen. Mein Mund fieng eine ihrer Thraͤnen auf, die mei⸗ nigen floſſen nicht; ich war empfindungslos, ſtumm, vor Betruͤbniß eiskalt. Mein alter Freund ſchleppte mich, faſt ohne daß ich es wußte, mit ſich fort. 3 Drittes Kapitel. — Unſer Geſpann fuͤhrte uns laͤrmend von bannen; ich war wie ein Menſch, den ſo eben ein gewaltſa⸗ mer Stoß betaͤubt hat. Wer jemals ſich von dem Gegenſtande ſeiner Liebe entfernen konnte, der hat die hoͤchſte Schmerzensprobe des Lebens uͤberſtanden, und das ungluͤck wird ihn nie mehr uͤbermannen. Es dauerte lange, ehe ich den Zagal wiederer⸗ kannte, der uns nach Corunna zuruͤckfuhr. Er gruͤßte mich endlich mit heitrer Miene; es war An⸗ tonio. Seine Froͤhlichkeit preßte mir das Herz zu⸗ ſammen.—*Edler Herr,“ ſagte er zu mir, 167 ſeitdem ich euch das leztemal ſah, ſind mir entſetz⸗ lich viel Abenteuer begegnet. Zwei Stunden nach unſerer Ankunft reiſte der Koͤnig mit dielem Pomp nach dem Luſtſchloſſe ab, wo ſeine Vorfahren begra⸗ ben ſind. Das Mauleſel⸗ Preſſen ward ausgerufen, man nahm die armen Thiere in Beſchlag, die ich aus dem Innern Galiciens mitgebracht hatte; keines der⸗ ſelben widerſetzte ſich, ſie kennen gar zu gut die Ver⸗ pflichtungen der Vaſallen Seiner Majeſtaͤt. Indeß auf dem halben Wege nach San Lorenzo ſpannte man ſie vor den Wagen des großen Gitarrenſpielers, den ihr kennt. Darin fanden ſie denn einen Mis⸗ brauch, und als ob ſie gleichſam dagegen proteſtiren wollten, warfen ſie ihren Wagen in einen Graben. Unſere liebe Frau von Atocha erlaubte indeß, daß der Graben nicht ſo ſeine Schuldigkeit that, als ſie es gethan hatten, und ſo hat denn die Hoͤlle ihr Ei⸗ genthum noch nicht wieder an ſich genommen. Doch ich, der ich, wie ihr ſehet, gar nicht dafuͤr konnte, mußte in groͤßter Eil die Flucht ergreifen; man wollte mich naͤmlich dazu brauchen, um den groͤßten Baum der Fresneda mit dem Orden des goldenen Vließes zu ſchmuͤcken. So belohnt man die, welche darauf bedacht ſind, dem Koͤnig gut zu dienen.“ Am Fuße der Guabarrama⸗Berge mußten wir ausſteigen. Ueberraſcht ſank ich hier in die Arme meines Vaters und der Donna Leonor. Sie hatten ſich das Vergnugen nicht verſagen können, mich noch einmal zu umarmen, und ſie hatten während meines Beſuchs bei Donna Matea mir den Vorſprung ab⸗ 168 gewonnen. Ich weinte, als ich ſie an meine Bruſt druckte. Vor einem Monat hatte ich auf derſelben Stelle ebenfalls Thraͤnen vergoſſen, aber damals waren es Thraͤnen der Freude, die jetzigen linderten blos meine Verzweiflung. Meine Eltern ſtiegen mit mir zu Fuß bis zum oberſten Gipfel dieſer ehr⸗ furchtgebietenden Bergkette, welche der Stadt Ma⸗ drid zur Zierde und zur Vormauer dient. Wir be⸗ fanden uns vor dem marmornen Lowen, der, auf je⸗ nen ſteilen Hoͤhen daſtehend, ſein weites Reich von da aus zu beherrſchen ſcheint. Nach der einen Seite hin breiteten ſich die Ebenen Kaſtiliens aus, die ich ſo eben verließ; auf der andern, Waͤlder, Berge, weiterhin der Ocean und jenes Amerika, wo ich an der Stelle einer Mutter gaͤnzliche Verlaſſenheit, an⸗ ſtatt Matea's blos Verzweiflung und Einſamkeit fin⸗ den ſollte. Donna Leonor, vom Schmerz erſchoͤpft, vielleicht auch von dem plotzlichen Uebergange aus einer gluͤhenden Temperatur in eine Eis⸗ Atmoſphaͤre, ward in meinen Armen ohnmaͤchtig. Unſere Be⸗ muͤhungen, ihr zu helfen, blieben lange Zeit frucht⸗ los. Ich wuͤnſchte, Don Domingo moͤchte ohne mich weiterfahren; allein der Unteroffizier, welcher die Militaͤrbedeckung kommandirte, zeigte mir einen Befehl vor, daß er mich nicht aus den Augen laſſen ſolle. Ich brachte alſo meine Mutter in die Tar⸗ tane*), worin ſie hergefahren war; Don Luis vermiſchte ſeine Thraͤnen mit den meinigen, und ich ) ein Riethswagen zu zwei oder vier Mauleſeln. reiſte von dannen, vielleicht blos aufrecht gehalten durch meinen Unwillen gegen dieſe despotiſche Ge⸗ walt, die dem Eigenſinn eines Gecken, einem Boͤſe⸗ wicht von Einfluß zu Gefallen, einen Sohn von ſei⸗ ner ſterbenden Mutter losriß. Wie ſehr fuͤhlt man das Schreckliche, was in der Verbindung der Ge⸗ walt mit der Ungerechtigkeit liegt, gerade dann, wenn der Streich, der von jener Hoͤhe ausgeht, un⸗ ſere innigſten Neigungen trifft und uns tief im Her⸗ zen verwundet! Der gute Antonio verließ ſeine Mauleſel, trat zu mir an den Kutſchenſchlag, und gab mir ſeinen Ingrimm zu erkennen.„Ich,“ ſagte er,»wuͤrde meine Seele den heiligen Erzengeln empfohlen haben, und der Unteroffizier wuͤrde augenblicklich des Todes geweſen ſein. Meine Stutzbuͤchſe hat noch nie ei⸗ nen Chriſtenmenſchen auf zweihundert Schritt ver⸗ ſehlt.»Freund,“ erwiederte ganz ernſthaft mein Reiſegefahrte;*dieſer Mann da iſt nicht Schuld an der Tyrannei, woran deine Vernunft ſo großen Anſtoß nimmt.“— Laßt das,“ erwiederte der Andaluſier.»Wenn der Koͤnig, unſer Herr, eine Ungerechtigkeit befiehlt,— denn Seine Majeſtaͤt kann ja nicht alles ſehen und alles wiſſen— und man da zu ihm ſagte, wie es unſere Biscajiſchen Staaten machen,»wir werden das nicht vollziehen“*), ſo Die Formel lautet nämtich ſo: Se obedezca, pero no se cumpla(man gehorche, aber vollziehe es nicht). Auf dieſe Weiſe verbindet denn der Bissajer Ehrerbietung und Freiheits ſinn zugleich. mußte Seine Majeſtät wohl endlich ſeinen Sinn aͤn⸗ dern. Ergon die, welche es vollziehen, ſind ſtraf⸗ barer als der, welcher es befiehlt. Auch wuͤrde ich ſie dann alle todtſchlagen, wie Renegaten⸗Hunde, was ſie denn auch wirklich ſind.“ Und ohne weiter die Antwort des Kaufmanns abzuwarten, kehrte er wieder zu ſeinen Mauleſeln zuruck, redete jeden bei ſeinem Namen an, und kam dann zu uns zuruͤck, und ſagte: Ich wundere mich jezt nicht mehr, daß der Unteroffizier ſich ſo benommen hat, er hat ein filbernes Neſtelband, und mag alſo wohl ein Kind vom Hofe ſein. Leute wie dieſer haben wohl einen vergoldeten Mund und eine vergoldete Seele, aber was das ſponiſche Herz betrifft, davon haben ſie keine Vorſtellung. Leute wie wir dagegen wuͤrden ihren Monarchen nicht taͤuſchen, noch auch vor einem Schurken ſich buͤcken können.“ Don Domingo konnte nicht aufhoͤren, uͤber die Unwiſſenheit zu ſeuf⸗ zen, welche die edelſten Eigenſchaften des Herzens und einen geſunden Verſtand, der ſo ganz geeignet war, die allgemeine Freiheit leicht und fruchtbringend zu machen, ſo dem Fanatismus und der Knechtſchaft zur Beute hingab. Er verſuchte es, dem jungen Za⸗ gal richtigere Begriffe beizubringen. Antonio, durch dieſes Geſpraͤch aufgemuntert, erzaͤhlte uns nun ſeine Geſchichte, etwa mit folgenden Worten: „Ich bin der Sohn eines der beruͤhmteſten Ma⸗ tadore*), die nur je ſeit dem Anbeginn unſerer *) Der Soreador⸗ welcher beauftragt iſt, den Stier zu töd⸗ ten. Seine Rolle iſt die glänzendſie, aber auch die gefährlichfte. Sein Rame kommt von matar(tödten). 171 Monarchie gebluͤht haben. Als ein ſchoner und wohlgebildeter Mann trat Enrique Enriquez zu jenen Zeiten auf, wo der Adel, dem ketzeriſchen Karl dem Dritten, dieſem Verfolger der heiligen Inquiſition, der ehrwuͤrdigen Vaͤter von der Geſellſchaft Jeſu, und des edlen Spieles, zu Gefallen, ſchon nicht mehr auf dem Kampfplatze erſchien. Die jungen Perren von Abel verlernten ſehr bald die edle Kunſt, den Stier zu bekaͤmpfen. Es blieb ihnen blos ihr reicher Schmuck, der von den neuen Kaͤmpfern bald treu nachgeahmt wurde; dieſe waren zwar von min⸗ der hoher Abkunft, aber weit gewandter als jene fruͤheren. Der Glanz des Stiergefechts wurde nebſt der Zierlichkeit des Koſtuͤms beibehalten, und die Ge⸗ fahr, wie der Genuß dabei ſtieg immer mehr.“ »Die Gewandtheit und der Muth meines Vaters waren eben ſo groß als ſeine Schoͤnheit. Wenn man ihn nur erblickte, ſo reichten die Faͤcher, die Schleier, die Beifallrufe faſt nicht mehr hin, um die allgemeine Begeiſterung fuͤr ihn an den Tag zu legen. Nie bedurfte er mehr als einen einzigen Dolchſtoß, um das Stiergefecht zu endigen. Seitdem iſt dieſe Wiſſenſchaft ſehr ausgeartet. Die älteſten Greiſe werden euch ſagen, daß die beruͤhmteſten Matadore, die es heute nur giebt, und auf deren Anſchauen ganz Spanien begierig iſt, dennoch dem großen Enrique nicht aͤhnlicher ſind, als der Generaliſſimus, den ihr kennt, dem Ruy Diaz el Cid und dem Gonſalvo von Cordova.“ Ich darf es euch nicht erſt ſagen, da der Ruf 172 es euch genugſam gemeldet haben wird, daß die reichſten Unternehmer Andaluſiens ſich um die Ehre ſtritten, meinen Vater zu beſitzen, um ſich den Sieg uͤber ihre Nebenbuhler von la Mancha zu ſichern. Er haͤtte ſich ein anſehnliches Vermoͤgen ſammeln konnen; aber ein gewiſſer Hang zum Verſchwenden, ſeine Vorliebe fuͤr ausgeſuchten Putz, ſeine immer⸗ waͤhrenden Reiſen, die er ſtets mit einem wahrhaft koͤniglichen Prunk unternahm, ſeine haͤufigen Opfer⸗ gaben an Kloͤſter, um ſeine begangenen Ausſchwei⸗ fungen abzubuͤßen, zehrten ſeine unermeßlichen Be⸗ ſoldungen wieder auf. Seine Schoͤnheit haͤtte fuͤr ihn eine eben ſo ergiebige Geldquelle werden koͤnnen als ſein Talent; allein da er etwas darein ſetzte, blos vornehme Liebſchaften zu haben, ſo benutzte er ſeine korperlichen Vorzuͤge blos, um ſeine Luſt und ſeinen Stolz zu befriedigen, aber nicht, wie andere ſeines Gleichen, um ſich Geld zu machen.“ „Als er nun ſo ſeine Jugend unter den mannig⸗ faltigſten Gluͤckserfolgen verlebt hatte, heirathete er die Dochter eines reichen Paͤchters im Herzogthum L***, welches bekanntlich eine von den drei großen Grundbeſitzungen iſt, in welche das ganze weite und ſchoͤne Andaluſien getheilt iſt. Kurze Zeit darauf ward er indeß ſeinem laͤndlichen Aufenthalt durch einen Befehl des Hofes entriſſen. Karl der Dritte hatte noch nie ſeinen Voͤlkern das Schauſpiel eines koniglichen Wettkampfes gegeben. Allein er ſollte jezt bald Gott dem Vater fuͤr ſeine abtruͤnnige Re⸗ gierung Rechenſchaft ablegen. Schon hatten der Prinz und die Prinzeſſin von Aſturien, die damals ſo große Hoffnungen erweckten, nicht mehr noͤthig, ihre Vorliebe fuͤr einen der achtungswuͤrdigſten Zweige des Nationalruhms zu verbergen. Die Thronerben feierten im Escurial Wettkaͤmpfe, deren Laͤrm und Geraͤuſch den faſt ſchon entſeelten Monarchen zur Strafe noch auf ſeinem Sterbebette wie eine Buͤßung quaͤlen ſollte. Karl und Maria Luiſe wollten, daß Enrique die Feſte von San Lorenzo durch ſeine Ge⸗ genwart verherrlichen ſollte. Zum ungluck begab er ſich auf den Circus, ohne daß er zuvor Zeit ge⸗ habt hatte, der heiligen Meſſe beizuwohnen; da ſprang ein Stier wuͤthend uͤber die Schranken. Der beruͤhmte Matador, welcher noch den Augenblick er⸗ wartete, wo er in der Kampfbahn erſcheinen ſollte, fand ſich hier angegriffen, ohne zu ſeinen Waffen ſeine Zuflucht nehmen zu koͤnnen. Gott ließ es in⸗ deß nicht zu, daß er ſein Leben einbuͤßte; aber er blieb zeitlebens verſtuͤmmelt. Spanien erfuhr in einem und demſelben Augenblick, daß mein Vater nie mehr den Kampfplatz betreten werde, und daß Karl der Dritte verſchieden ſei.“ *Enriquez zog ſich nun an die Seite ſeiner jun⸗ gen Lebensgefaͤhrtin zurüͤck. um dieſelbe Zeit ſtarb die Herzogin von L***, und ihr Erbe war ihr Schwiegerſohn Don Juan, damals General⸗Kapi⸗ taͤn von Havana. Der neue Herzog trat ungeſäumt ſeine neue Erbſchaft an. Er nahm meinen aͤlteren Bruder Aparicio, dem die Ehre zu Theil wurde, ein geweihtes Ordenskleid anzulegen, in ſeinen beſonde⸗ ren Schutz. Dieſer legte ſein Ordensgeluͤbde in Eſtremadura ab, und beſuchte uns ſodann, um ſſch uns in ſeiner neuen Wuͤrde zu zeigen. Wir alle kuͤßten ihm vor Freude und Ehrerbietung die Haͤnde. Der Herzog verſprach ihm, ihn zu hoͤhern geiſtlichen Aemtern zu befoͤrdern; allein Seine Excellenz hat bis jezt noch nicht Wort gehalten. Fray Aparicio kehrte nun nach Eſtramadura zuruͤck, blieb aber nicht lange daſelbſt, ſondern kam dann in eine Kloſterge⸗ meinde nach Salamanca. Gegenwaͤrtig hat er ſo eben durch die Gnade ſeines hohen Beſchützers den Eremitenpoſten im koͤniglichen Garten von Buen Retiro erhalten.“— Fray Aparicio war kein anderer als der Entfuͤh⸗ rer Margarita's, eben derſelbe, deſſen Verleumdun⸗ gen und Raͤnke meinen Vater gezwungen hatten, ſeine edle Duͤrftigkeit in den Gebirgsſchluchten der Somo Sierra zu verbergen. Don Juan, der ſei⸗ nem Haſſe getreu geblieben, hatte ihn als Helfers⸗ helfer ſeiner niedrigen Rache gebraucht. Der An⸗ daluſier bemerkte, daß mich irgend ein ſchmerzlicher Gedanke beſchaͤftigte, und um mich dgher zu zer⸗ ſtreuen, nahm er den Faden ſeiner Geſchichte folgen⸗ dermaßen wieder auf. »Alles, was in dieſer Welt vorgeht, muß gut ſein, weil Gott es ſo haben will. Indeß kommt es mir doch vor, als ob ich weit beſſer fuͤr das Kloſter gepaßt haben wuͤrde, als mein Bruder. Schon in meiner fruͤhen Jugend wuͤnſchte ich mir ein ſo abge⸗ ſchiedenes und heiliges Leben; indeß, ſo wie in den vornehmen Familien blos die juͤngſten Soͤhne ins —.— 175 Kloſter gehen dürfen, ſo duͤrfen es in den unſrigen blos die aͤlteſten. Ganz gewiß mag ich eines ſo ho⸗ ben Amtes nicht wuͤrdig geweſen ſein, da Gott meine Berufung nicht genehmigte. Ich ſtudirte mit den uͤbrigen Kindern der Umgegend bei dem Pfarrer, der uns in den Schriften des Ariſtoteles ohne Anſtoß le⸗ ſen lehrte, und ich ließ mich bereits nach dem Bac⸗ calaureus⸗Litel geluͤſten, als ein großes Ungluͤck alle meine Hoffnungen uͤber den Haufen warf. Mein Vater ſuchte ein kleines Gaͤrtchen gegen einen Mayoral der Meſta*) zu ſchuͤtzen, der ein ſtoͤrriger Aragonier und vielleicht eben derſelbe war, der neu⸗ lich dem ganzen Salamanca Stoff gab, von ſeinem und eurem Muthe zu reden, denn er hieß ebenfalls Bartholomev. Dieſer Menſch ſah in der Auffuͤh⸗ rung einer einfachen Mauer, die um unſern kleinen Garten gezogen wurde, um unſer Gemuͤſe gegen den verheerenden Durchzug der⸗ ungeheuern umherirren⸗ den Schafheerden zu ſichern, einen foͤrmlichen Ein⸗ griff in das Privilegium jener furchtbaren Bevor⸗ rechteten. Ein Gelehrter, der in den Geſetzen der Monarchie bewandert war, verſicherte uns, jener barbariſche Anſpruch ſei durch nichts begruͤndet, daß man naͤmlich alles Grundeigenthum im ganzen Reiche ohne Umzaͤunung und ohne Schutzwehr laſſen ſolle. Doch jene Menſchen, die ſich ſelber das unbeſchraͤnkte Recht zu verwuͤßten angemaßt haben, haben ſich zu⸗ gleich auch von jeher zu Richtern uͤber den Misbrauch —— * Man vergleiche oben die Anmerkung S. 118. 176 aufgeworfen, den ſie von dieſer Tyrannei etwa ma⸗ chen koͤnnten. Der Gerichtshof der Meſta verur⸗ theilte Enrique zur Strafe. Der Herzog, der ſel⸗ ber ein Eigenthuͤmer von Merinos war, konnte ihn um ſeines eigenen Intereſſes willen nicht ſchuͤtzen, und gab ihn dem Groll des ganzen Vereines von Schafheerdenbeſitzern preis. Wir mußten unſer Haͤuschen verlaſſen; die Prozeßkoſten richteten mei⸗ nen Vater vollends zu Grunde. Die Verzweiflung meiner Eltern erfuͤllte mich mit Unwillen gegen eine Gewalt, durch welche drei Chriſten ſo ungerechter Weiſe und ſo hart behandelt wurden. Ich dachte auf Rache, auf dieſe Art von Gerechtigkeit, die in Ermangelung eines andern Schutzes der Schwache ſich ſelber ſchuldig iſt, gegen die niedertraͤchtigen An⸗ griffe des Staͤrkeren. Doch wie ſollte ich an einen Unterdruͤcker herankommen, der dem Dolche keinen Koͤrper darzubieten hat?“ »Ich mußte mich alſo darauf beſchraͤnken, von meinem heiligen Schutzpatron eine beſſere Zukunft zu erwarten, und beſchaͤftigte mich von nun an blos damit, meinen alten Vater durch meiner Haͤnde Ar⸗ beit zu ernaͤhren. Das uͤbrige wißt ihr.“ Bei dieſen Worten lief der gute Antonio zu ei⸗ nem ſeiner Mauleſel hin, der im Berganſteigen die Vieja*), mit welcher er zugleich angeſchirrt war, mishandelte.»Armer Freund,“ rief der Zagal, »es wird dir nichts helfen, wenn du auch die Alte *) Die Alte. 177 beißeſt und ſchlaͤgſt; nicht jeder verſchafft ſich durch ein ſolches Verfahren den Rang eines Fuͤrſten.“ Am Abend des zwoͤlften Dages erreichten wir Corunna. Das Oktober⸗Poſtſchiff ſollte gerade den folgenden Dag nach Havana abſegeln. Noch lange vor Sonnenaufgang machte ich mich auf, um von weitem den ſteilen Felſen zu betrachten, auf welchem der Herkulesthurm ſteht, unbeweglich ſeit dreißig Jahrhunderten unter den Revolutionen Spaniens und den Stuͤrmen bes Hceans, welche er beide zu ſeinen Fußen ſich brechen ſieht. Ich durchſtreifte die Haͤfen, und irrte um die Feſtungswaͤlle. Auf den Mauern ſtehend, erblickte ich zu meiner Linken die Rhede, die Feſtungswerke, worin der beruͤhmte Malaſpina damals als Gefangener ſchmachtete, das Kap Prior, hinter welchem ſich Ferrol verbarg, weiterhin der Ocean, den ich ſo eben jezt zu durchſe⸗ geln im Begriff war, und die ehrfurchterregende lange Linie bergiger Kuͤſten, von welchen aus die Alten es zu hoͤren vermeinten, wie die Sonne jeden Abend ſich mit großem Geraͤuſch in den Schvoß des weiten Meeres tauchte. In der Ferne ſah ich jezt drei Reiter heranſpren⸗ gen, und zwar ſo ſchnell, als nur ihre Pferde zu laufen vermochten. Die Eilfertigkeit ihres Laufs zog zuerſt meine Aufmerkſamkeit auf ſich. In dem einen derſelben erkannte ich an den barfußigen Beinen einen Bewohner des flachen Landes, die reiche Livree des lezteren kuͤndigte einen Pagen aus einem großen Hauſe an, und zwiſchen ihnen zeigte ſich eine Frau, 12 178 die den Lauf der beiden immer mehr zu beſchleunigen ſchlen. Ihr Schleier flatterte im Winde, ein Hut nach franzoſiſcher Mode bedeckte ihren Kopf, die Fe⸗ vern deſſelben nickten bis auf die Schultern herab; uͤbrigens war ſie von leichtem und zierlichem Wuchſe, und lenkte das Pferd mit eben ſo viel Anmuth als Sicherheit. Ich konnte im Voruͤberfliegen ihre Ge⸗ ſichtsʒůge freilich nicht erkennen, doch ihre edle Hal⸗ tung ſetzte mich in Verwunderung, und mein Herz ward wunderbar bewegt, als ſdie Zugbruͤcken, die bisher aufgezogen geweſen, vor ihr niederſanken. Ein ploͤtzlich in mir aufſteigender Gedanke zog mich hinter ihrer Spur her, und ich kam eben ſo ſchnell als die Fremde in der Fonda*) an. Sie war es, es war Maria, die ich an meine Bruſt bruͤckte. Nach einer Trennung von mehr als drei Jahren gewaͤhrte der Himmel mir das Gluͤck, ſie an der Schwelle meiner Verbannung aus dem Vaterlande noch einmal zu ſehen. Dieſe drei Jahre hatten ihrer aͤußern Haltung mehr Feſtigkeit, ihrem Auge mehr Ausdruck, ihrer Schoͤnheit. mehr Seele gegeben; dazu kam, daß die Bewegung einer ſo wei⸗ ten Reiſe ihr Geſicht mit einer ungewohnten Roͤthe velebte. Ich konnte nicht umhin, zu bemerken, wie ſchoͤn ſie war, ſchoͤner als alles, was bisher meine Augen geſehen hatten. Matea's Bild erſchien mir, als wollte es mir meine ungetreue Bewunderung zum Vorwurf machen, doch die Zeiten waren nicht mehr, *) Ein Gaſthof vom erſten Range, worin man logiren un ſpeiſen kann. 2 179 wo meine Begeiſterung fur die Graͤffn und fuͤr Maria ſich kreuzen oder ſich in den Weg kommen konnte; ich ſah in meiner Schweſter beſtaͤndig eine Dochter des Himmels, waͤhrend Matea ſich mir als das liebens⸗ wuͤrdigſte darſtellte, was es auf Erden geben konnte. Nach dem erſten Verſtummen, welches lebhafte Aeußerungen der Ueberraſchung und der Freude zu begleiten pflegt, ſagte meine Schweſter zu mir: »Laßt uns jezt keine Zeit verlieren, ich habe deren ſchon zu viel verloren. Dein Brief, worin du mir dein Ungluͤck meldeteſt, iſt erſt vor fuͤnf Dagen in meine Haͤnde gelangt. Der Markis hatte ſo eben vom Koͤnige den Befehl erhalten, wieder ſeinen Dienſt anzutreten. Obwohl er an Krankheit litt, ſo erbot er ſich doch gegen mich, daß er augenblicklich nach Madrid eilen und einen Verſuch machen wolle, dein Loos zu aͤndern. Er iſt bereits dahin abgereiſt; ich ſelber ſchiffte mich zu San Sebaſtian ein, doch wi⸗ drige Winde noͤthigten mich, zu Santona wieder an⸗ zulanden. Ich nahm nun Pferde, und eilte die Kuͤſte entlang, zwiſchen dem Ocean und den Gebir⸗ gen, durch prachtvolle Thaͤler, an ſchauerlichen Ab⸗ gruͤnden, an den ſchoͤnſten Naturſcenen, die es auf der Welt geben kann, dahin, und ſiehe, hier bin ich nun in deinen Armen, wenigſtens noch zeitig genug, um deine Abreiſe zu hemmen.“— Bei dieſen Wor⸗ ten blitzte anfangs die Hoffnung, Matea wiederzuſe⸗ hen, und zugleich einer noch aͤlteren und nicht min⸗ der innigen Neigung nicht entriſſen zu werden, vor meinen Augen auf; dann aber bedachte ich wieder, 12* 180 daß ich meine Ruͤckkehr bem übermuͤthigen Gardeof⸗ fizier, dem Mitſchuler, der mich geaͤchtet hatte, ver⸗ danken ſollte. Ich ſah ihn ſchon im Geiſte, wie er meine Begnadigung zu den Fuͤßen der Markiſe, viel⸗ leicht noch unter den kraͤnkendſten Huldigungen fallen laſſen wuͤrde.»Nein,“ rief ich aus, indem ich voll Zorn aufſtand, meine Schweſter und ich, wir wer⸗ den nie nach den Wohlthaten des Sohnes von Don Juan die Hand ausſtrecken. Tauſendmal lieber will ich mein Leben am Ende der Welt zubringen, und alle Qualen erdulden, denen dein ungluͤcklicher Bru⸗ der preisgegeben iſt.“— Maria faßte mich bei der Hand und ſagte zu mir:»Alonſo, vom Frie⸗ densfuͤrſten ſelber hat ſich der Markis erboten, deine Ruͤckkehr auszuwirken. Es gilt hier deine Gegen⸗ wart und deine Zukunft, es gilt zugleich die Ruhe deiner Schweſter, die dich hiermit flehentlich bittet. Was wuͤrde aus mir werden, wenn zwiſchen uns bei⸗ den das Meer und die weite Welt laͤge? Du biſt der Freund meiner Kindheit, du allein troͤſteſt mich und richteſt mich auf; verlaß du mich⸗nur nicht.“ Hier wurde Maria durch einen Strom von Thraͤnen unterbrochen, den ſie vergebens zuruͤckzuhalten ſuchte. Ihr Schmerz verrieth mir mehr, als ihr gezwunge⸗ ner Briefwechſel, welcher tiefe Kummer in ihrer Seele wohnte.—*Deine Betruͤbniß macht mich troſtlos,“ erwiederte ich;*haͤtte ich dich mit dei⸗ nem Looſe zufrieden hier zuruͤckgelaſſen, ſo wuͤrde das meinige ertraͤglicher geweſen ſein, und ich wuͤrde mit mehr Muth und Hoffnung von hier abgereiſt 181 ſein.“—»Du wrirſt alſo abreiſen?“ antwortete ſie, indem ſie ihr Haupt aufhob und ihre thränenfeuch⸗ ten Augen auf mich heftete, welche mich um Verzei⸗ hung zu bitten und aͤngſtlich auf meine Antwort zu warten ſchienen. Ich ward erſchuͤttert.„Geliebte Mariquita,“ ſagte ich zu ihr,» dich jezt zu verlaſſen, wird mir tauſendmal ſchwerer werden, als der Tod mir ſein wuͤrde; doch wir wollen es andern Leuten uͤberlaſſen, ſich zu Mitſchuldigen der gemeinſamen Schande zu machen und ſich vor dem Götzen zu de⸗ muͤthigen, den ihr Herz haßt und verachtet. Mich, fuͤr meinen Dheil ſoll man nie zu den Klienten eines Voͤſewichts zaͤhlen, der alles Gluͤck, allen Ruhm, alle Wuͤrde der Nation zu zerſtoͤren im Begriff iſt. Ein Menſch wie dieſer, der vor den Augen aller Welt in einem ſolchen Grade der Achtung der Menſchen Pohn geſprochen hat, daß er ſich nicht ſcheute, ſich die Vorrechte des Throns anzumaßen, ſeine eigene Familie zu Staatsaͤmtern und Ehrenſtellen zu erhe⸗ ben, er, der durch ſeinen anſtoßigen Lebenswandel die oͤffentliche Sittlichkeit vergiftet hat, ein ſolcher Menſch ſoll niemals weder Maria noch Maria's Bru⸗ der je zu ſeinen Fuͤßen ſehen. Es koſtet mich ein großes Opfer, alles, was mir irgend heilig und theuer iſt, zu verlaſſen; allein es muß einmal ſein!“ Die Markiſin ſchwieg, aber in ihren Augen malte ſich die Verzweiflung. Ich faßte ihre Hand und druͤckte ſie. In dieſem Augenblick trat Don Do⸗ mingo herein, und ſagte zu mir:»Ich bin ganz troſtlos. Ein Kurier, den Matea mir nachſchickt, 182 melbet mir einen Unfall, der mir allo meine Plaͤne uͤber den Haufen wirft. Der Bankerut eines Lond⸗ ner Hauſes noͤthigt mich, euch zu verlaſſen. Lebet daher wohl! wir wollen hier gleich von einander Ab⸗ ſchied nehmen; ich komme euch indeß ſehr bald nach. Lebet wohl, Freund, ja ich kann ſagen, mein Sohn! Ich gehe blos noch einmal in meine Wohnung, um in der Eile noch einen Brief an den Vice⸗Koͤnig zu ſchreiben, den ich euch an Bord ſchicken werde.“ So war mir denn jede Stutze in jenen fernen Himmelsſtrichen entzogen, nach denen ich jezt fortſe⸗ geln ſollte.“Es thut nichts,“ ſagte ich indeß zu Maria, die ihre Augen zum Himmel emporgewender und ihr Haͤnde wie zum Gebet oder wie in volliger Ergebung gefaltet hatte,»es thut nichts! ich werde unter dem fremden Himmelsſtrich allein ſein, ohne Beſchutzer, ohne Freund; doch ich werde mich durch die Ungerechtigkeit des Schickſals eben ſo wenig nie⸗ derbengen laſſen, als durch die Ungerechtigkeit der Menſchen!“ Ich war außer mir. Die Markiſin ſchloß mich in ihre Arme und ſagte zu mir in einem herzzerreiſ⸗ ſenden Tone;»Du willſt alſo deine arme Schwe⸗ ſter verlaſſen, Spanien verlaſſen, alles verlaſſen, was dir lieb und werth iſt?„„ Du haſt freilich Recht,“ fuhr ſie nach einer Weile fort, indem ſie ſich wieder ermannte,“ bein Loos wird auf dieſe Art edler und vielleicht auch gluͤcklicher ſein. Ach!“ fugte ſie dann mit verdoppeltem Schluchzen hinzu, 183 »du haſt Recht, man muß ſich nicht vor der Unge⸗ rechtigkeit beugen!“ In dieſem Augenblick trat ein Solbat herein, welcher mir den Befehl uͤberbrachte, daß ich mich auf der Stelle an Bord des Schiffes begeben ſolle. Maria druͤckte mir die Hand, und ſagte zu mir im Tone des uͤberwundenen Schmerzes:»Als ich er⸗ fuhr, daß du in den koͤniglichen Dienſt getreten ſeieſt, beſtellte ich zu Bourdeaux fuͤr dich einen Degen, in deſſen Klinge auf der einen Seite unſere beiden Na⸗ men, auf der andern die Worte; Gott, der Koͤnig, das Vaterland, eingegraben ſind. Er iſt aber noch nicht geweiht. Drum komm, und laß uns in die erſte beſte Kirche hineintreten, die wir auf unſerem Wege antreffen werden, und laß uns da meine allerheiligſte Schutzpatronin bitte“, daß ſie dich auf dem Meere beſchutzen, dir in deiner Verban⸗ nung Troſt zuſenden, und unſeren heutigen traurigen Abſchied nicht zu einem ewigen machen moͤge.“ Ehe ich den Gaſthof verließ, gieng ich noch ein⸗ mal auf Don Domingo's Zimmer, um ihn zum lez⸗ tenmal zu umarmen, und meine Schweſter ſeiner vaͤterlichen Sorgfalt zu empfehlen. Ich wuͤnſchte, daß ſie die Reiſe nach Madrid mit ihm in einem Wa⸗ gen machen koͤnnte. Er verſprach mir, daß er auf die junge Markiſin alle die Zuneigung uͤbertragen wolle, die er fuͤr mich empfinde, und ich trennte mich nun von dem Vater Matea's, nicht ohne das herz⸗ zerreißende Gefuͤhl, als verloͤre ich nun die Graͤfin ſelber. „184 Ich kehrte jezt zu Maria zuruͤck, und wir gien⸗ gen nun mit einander fort. Der Abgeſandte des Gouverneurs, ein unter den Waffen graugewordener Krieger, erfuͤllte mit einer Art von Beſchaͤmung und Betruͤbniß ſeinen Auftrag, mich auf dem Fuße zu begleiten. Endlich trafen wir auf unſerem Wege eine Kirche. Sie war ganz ſchwarz ausgeſchlagen, und erwartete vermuthlich die Ankunft irgend einer vornehmen Leiche, oder hatte dieſen Beſuch ſo eben erhalten. Die gelben Wachskerzen darin waren nir⸗ gends angezuͤndet, außer im hohen Chor der Kirchez ſie warfen daher nur einen ſehr matten Schein an die duͤſtern Gewoͤlbe, und kaum ein daͤmmernder Widerſchein von ihnen fiel bis in das Innere einer engen Kapelle, worin ſo eben Meſſe geleſen wurde. Ich bat den Prieſter um die Einſegnung des edlen Geſchenks der Markiſin. Der Soldat hielt den De⸗ gen uͤber mein Haupt, der Prieſter ſprach die geweih⸗ ten Worte daruͤber, und ich guͤrtete mir ſodann die Waffe um, welche mir die reinſte aller Frauen gege⸗ ben, welche Gott durch den Mund ſeines Dieners eingeſegnet hatte, und worauf die Pflichtem eingegra⸗ ben waren, fuͤr welche ich ſeitdem unzaͤhligemale mein Leben preisgegeben habe. Dieſen Degen, wel⸗ chen Napoleon, als ich ſein Gefangener war, mir an meiner Seite ließ, dieſen Degen hat mir nachmals der Furſt, deſſen Krone ich damit vertheidigt hatte, von meiner Seite geriſſen. Der duͤſtre Trauerſchmuck des heiligen Gebaͤudes, der matte Lichtſchein, der auf Maria's erblaſſende —— X 185— Stirn fiel und mir hinter uns den guten Antonio in knieender Stellung zeigte, die Pflichten, die ich jezt uͤbernahm, meine Verbannung aus dem Vaterlande, mein Schmerz, die ſo ganz entgegengeſetzten Gefuͤhle, in die mein Herz getheilt war, gaben dieſer einfachen Scene etwas Feierliches, das mich mit frommer An⸗ dacht erfullte. Das Bild Matea's kam vor meine Seele; allein ich ließ mich durch die Erinnerung an ſie nicht hinreißen. Die Gemuͤthsregungen, die es in mir haͤtte erwecken koͤnnen, wuͤrden ſchwerlich die⸗ ſes ehrwuͤrdigen Ortes und des feierlichen Moments wuͤrdig geweſen ſein. Meine Schweſter begleitete mich bis nach dem Hafen. Ich hatte ſie nie heißer geliebt, als in die⸗ ſen ernſten Augenblicken, wo ich von ihr ſcheiden mußte. Es war, als ob die heilige Zeremonie durch die Erhebung meiner Seele auch zugleich dieſer rei⸗ nen und feurigen Reigung neue Kraft verliehen haͤtte. Dennoch hatte ich den Muth, mich dem Abſchiede meiner holden Freundin zu entreißen. Die Religion hat eine Wuͤrde, vor welcher der Schmerz verſtummt, und eine Weihe, die dem ſtechendſten Druck des Un⸗ gluͤcks die Suͤßigkeit irgend einer großen Hoffnung beimiſcht. Maria, die am Strande ſtehen blieb, hatte unter⸗ deß die Augen ohne Unterlaß auf mich gerichtet. Un⸗ ſere Blicke konnten ſich nicht mehr begegnen, aber ſie erriethen ſich noch gegenſeitig. Da wurden auf einmal die Anker gelichtet, der Ruf: es lebe der Koͤnig! drang aus aller Munde, und das Schiff 186 rückte ſich von der Stelle. Bei der erſten Bewegung dieſes gebrechlichen Gebaͤudes, welches jezt uͤber die unermeßlichen Flaͤchen des atlantiſchen Oceans mein Daſein zu einer andern Haͤlfte der Welt und meines Vaterlandes hinuͤbertragen ſollte, brach mein Herz; meine Familie, Matea, beſonders meine Schweſter und mein Heimatland, alles ſchwand mir nun auf einmal aus dem Geſicht. Mitten auf der Rhede fuͤhrte uns noch ein Boot den Biſchof von zu, den ich anfangs gar nicht einmal bemerkte. Ein Menſch ſprang aus dem Kahne, eilte auf mich zu und kuͤßte mir die Hand; es war der gute Antonio, welcher mir das Schreiben uͤberbrachte, welches Don Domingo mir verſprochen. Dieſen Morgen,“ erzaͤhlte er mir,»gieng ich ſehr fruͤh zur Beichte, um mir Vergebung meiner Suͤnden zu holen. Da traf ich denn jenen hochwuͤrdigen Herrn, und bat ihn auf den Knieen: Hochwuͤrdiger Herr, ihr wuͤrdet mich zum gluckſeligſten aller Diener Jeſu Chriſti ma⸗ chen, wenn ihr die Gnade haͤttet, eine Meſſe zu le⸗ ſen, fuͤr meinen alten und kranken Vater, fuͤr mich armen Suͤnder, und dann auch noch fuͤr einen jun⸗ gen Kavalier, welcher genoͤthigt iſt, ſeine Eltern zu verlaſſen, ſo wie ich die meinigen verlaſſen habe, und ans Ende der Welt zu reiſen. Ihr koͤnnt euch da⸗ her meine Freude vorſtellen, als Gott nun euch ſel⸗ ber an die Stufen des Altars hinfuͤhrte, an welchem ein Biſchof fur euch betete. Ihr ſehet, daß es euch an guten Vorbedeutungen gar nicht fehlt, und ich verlaſſe euch daher weit beruhigter, als ich geglaubt 187 W hatte; auch ſcheint es mir unmöglich, daß es auf lange ſein koͤnnte.“ Mit dieſen Worten neigte er ſich nach meiner Hand herab, und ich kuͤßte ihn. Es war dies der lezte frohe Eindruck unter dem Himmel Spaniens, und der gute Antonio vertrat in dieſem Augenblick die Stelle aller der theuern Seelen, welche eine unerbittliche Gewalt meinen Armen entriß. Er ſtieg ſodann wieder in den Nachen ein, welcher nach der Stadt zuruͤckruderte. Ich war nun allein, auf einmal ganz allein mitten auf dem Meere; mir blieb blos noch die Kraft uͤbrig, um ſündhaften Verſuchun⸗ gen nachzuhaͤngen; ich haͤtte am liebſten gewuͤnſcht, daß mich der Meeresabgrund verſchlungen haͤtte. Lange Zeit noch ſuchten meine Augen voll Sehn⸗ ſucht am fernen Rande des oſtlichen Horizontes noch einmal dieſes Spanien zu erblicken, von welchem ich mich jezt immer weiter entfernte. Noch einmal ſa⸗ hen wir vor den Kuͤſten Galiciens jene kleine Inſel⸗ gruppe, welche die Alten den Goͤttern geweiht hat⸗ ten. Auch Gallien hatte an derſelben Kuͤſte ſeine heilige Inſel. Ich ſollte nun bald auf den gegen⸗ uberliegenden Geſtaden des atlantiſchen Meeres die Sandhaufen erblicken, welche die Indianer der Vor⸗ zeit einſt ihren Gotzen gewidmet halten. So waren denn von jeher auf den am meiſten vorſpringenden Punkten der alten wie der neuen Welt Altaͤre errich⸗ tet. Ein und derſelbe Gedanke, der unter den ver⸗ ſchiedenartigſten Religionsgebraͤuchen doch immer noch kenntlich hervorſchimmerte, erhob da das menſchliche Herz zu einer gemeinſamen Vorſehung 7 % 188 empor, und die beiden Erdhaͤlften, obwohl damals noch einander ganz fremd, ſtimmten doch wenigſtens darin mit einander uͤberein, daß ſie dieſem Ocean Verehrung erwieſen, aus deſſen Schooße dereinſt durch einen gegenſeitigen Austauſch und Verkehr fuͤr alle beide Wohlſtand, Freiheit, mit einem Wort Ci⸗ viliſation, dieſe Wohlthat des Himmels, die alle uͤbrigen in ſich faßt, hervorgehen ſollte.* — Fuͤnftes Buſch. Fortſetzung des Manuſcripts von Ainhoa. Erſtes Kapitel. Zum erſtenmal in meinem Leben ſah⸗ich die Flaͤche des Oceans vor meinen Blicken aus einander ge⸗ rollt. In die Unermeßlichkeit dieſer ſich bewegen⸗ den Waſſerwuͤſte ſich verlierend, blos durch eine zerbrechliche Schiffsplanke von dem bodenloſen Ab⸗ grunde getrennt, uͤberlaͤßt der Menſch ſich abwech⸗ ſelnd bald den Empfindungen des Stolzes, bald denen der Furcht. Der Gedanke an alles das, was ſein Erfindungsgeiſt vermag, erhebt ſeine Phantaſie, waͤhrend anderſeits die Groͤße der Na⸗ tur ſeinen Geiſt zu Boden druͤckt. Auf dem Meere hat, wie auf dem Lande, die Nacht gewiſſe Schoͤn⸗ heiten, die mehr als alle Pracht des Tages Ehr⸗ furcht und beſonders Ruͤhrung einzufloͤßen vermo⸗ gen. Nichts lenkt da unſere Aufmerkſamkeit von dem dumpfen Geraͤuſch der Wogen ab, und ihre ernſte Harmonie wirkt auf unſere Seele, wie eine feierliche begleitende Stimme, die uns aufrichtet und erhebt. Die unzaͤhligen Lichter, die am blauen Himmelsgewoͤlbe funkeln, und vom Waſſerſpiegel vergroßert zuruckgeworfen werden, reden zu unſe⸗ rem Geiſte von der unendlichen Allmacht, die alles geſchaffen hat. Der Leichtſinnige lernt hier denken und fuͤhlen, der Zweifler glauben, der Leidende ſei⸗ ne Hoffnung und ſeinen Muth wiedergewinnen, ne⸗ ben der allesvermogenden Kraft offenbart ſich hier unſerer Seele die ewige Guͤte. So verminderte ſich hier auch in meiner Bruſt die Verzweiflung, waͤhrend die Liebe darin zunahm. Lange Zeit begleiteten uns auf unſerer Meer⸗ fahrt noch die Voͤgel des feſten Landes. Wer ver⸗ mag das Entzucken zu beſchreiben, womit der See⸗ reiſende auf ſeiner ſchauerlichen Ueberfahrt von der einen Erdhaͤlfte zur andern dieſe traulichen Gaͤſte Europa's betrachtet, das er jezt als das gemeinſame Vaterland anſieht? Mein Gemuͤth folgte ſo gern ihrem Fluge nach, und ich ward traurig, als ich ſehen mußte, wie ſie uns allmählig wegen des noͤrd⸗ licheren Himmelsſtrichs verließen. Alle hatten uns bereits verlaſſen, als eines Tages eine Schwalbe mit ſchwerem Fluge, faſt ganz von Kaͤlte erſtarrt und von Ermattung uͤberwaͤltigt, auf unſerem Schiffe Zuflucht ſuchte. Die Winde hatten ſie auf die unwirthbaren Flaͤchen des Oceans verſchlagen⸗ Ich nahm ſie in meine Haͤnde, ich ſuchte ihre zar⸗ ren Glieber wieder zu erwaͤrmen, die von Lodes⸗ froſt zitterten. Vielleicht hatte eben ſie in den Ge⸗ birgen von Buytrago mir gar oft in meiner Kindheie die Ruͤcktehr des Fruͤhlings angekuͤndigt; vielleicht hatte ſie ſeit meiner Abreiſe meine Schweſter fuͤr mich beten oder Matea ſich meiner ſehnſuchtsvoll 194 erinnern geſehn. Indeß ſie ſtarb unter meinem fruchtloſen Anhauch, und— ſoll ich es geſte⸗ hen?— nicht ohne Ruͤhrung uͤbergab ich dieſe Gefaͤhrtin meiner Verbannung den Fluthen des Hceans. Ach, dachte ich bei mir ſelber, werde ich wohl in der neuen Welt, in die ich jezt wider meinen Willen hinausgetrieben werde, jene Pflege finden, die ich ihr jezt erwies? und wird wohl, wenn mich der Tod da auf meiner Laufbahn hin⸗ wegraffen ſollte, eine Thraͤne dann meine vergeſſe⸗ nen Ueberreſte in jenen bodenloſen Abgrund hinab begleiten, in den alle irdiſchen Dinge zulezt ver⸗ ſinken? Mit ihr war Europa fur mich dahin, und ich fuͤhlte mich noch einſamer auf meinem Schiffe. Ich kannte niemanden auf demſelben, außer dem Bi⸗ ſchofe von***, den ich oft in Matea's Hauſe ge⸗ ſehen zu haben mich erinnerte. Er war es, der meinen Degen in der Kirche geweiht, und fruͤher durch ſeine Gerechtigkeitsliebe das Leben meiner Mutter zu Mexico gerettet hatte. Don Iſidro hatte ein ehrfurchtgebietendes Aeu⸗ ßere; eine ernſte Heiterkeit verkuͤndete die innere Ruhe ſeines chriſtlichen Gemuͤths; ſein halb kahles Haupt, welches die Kaſteiungen fruh gebleicht hat⸗ ten, war voll Majeſtaͤt. Er war ſo eben im Be⸗ griff, eine der weitlaͤuftigſten Disͤceſen Neuſpa⸗ niens zu uͤbernehmen. Sein apoſtoliſcher Eifer in den gefaͤhrlichſten Miſſionen, eine Sittenſtrenge, welcher ſelbſt der Argwohn nie das geringſte anhaben ————————————— 192 konnte, waren hinreichende Gruͤnde, um den wei⸗ ſen Inquiſitor zur Biſchofswuͤrde zu erheben. Es war Don Manuel nicht gelungen, auch mit den Befoͤrderungen im geiſtlichen Stande Unterſchleif zu treiben. Dank ſei es der Aufrechthaltung der alten Formen, welche die Vorſchlaͤge der Camara bei Beſetzung geiſtlicher Pfruͤnden auf einen Kreis beſchraͤnkten, in welchen ſich nur ſelten ein Unwuͤr⸗ diger eindraͤngt!— die hoͤhere Geiſtlichkeit Spa⸗ nieus weiß ſich bei den Völkern durch das zwei⸗ fache Uebergewicht hellerer Einſichten und edlerer Sitten Ehrerbietung zu verſchaffen. So verdankt denn die Kirche dem republikaniſchen Theile ihrer Verfaſſung den Ruhm, mitten unter den verderb⸗ liche n Unordnungen unſerer Regierung gleichſam wie ein Heiligthum fortzubeſtehen, wo die Tugend fuͤr den Ehrgeiz keine uͤberfloͤſſige Sache iſt. Die Unterhaltungen mit Don Iſidro hatten fuͤr mich um ſo groͤßern Reiz, da es ſehr leicht war, den Namen Matea's darin zu nennen, und die Auf⸗ merkſamkeit des Greiſes an dieſe Erinnerung zu knuͤpfen.—*Ich erinnere mich noch recht gut daran,“ ſagte er eines Dages zu mir, als er mit mir auf dem Verdeck ſeine Pfeife rauchte,»wie dies reizende Kind geboren wurde. Der Vater deſſelben war damals noch mein Freund.“— »Wie?“ unterbrach ich ihn,»und er iſt es alſo jezt nicht mehr?“—*Ihr koͤnnt es ſchon daraus ſehen,“ fuhr der Biſchof fort,»daß wir nicht mit einander gereiſt ſind, obwohl wir Madrid an ei⸗ 193 nem und demſelben Tage verließen. Indeß hege ich fuͤr ſeine Tochter eine wahrhaft vaͤterliche Zaͤrt⸗ lichkeit. Sie vertrat bei mir die Stelle jener inni⸗ gen Neigungen, welche Gott allen ſeinen Geſchoͤpfen auf ſo mannigfaltige Weiſe eingepflanzt hat; mein, durch die Laͤnge der Jahre altgewordenes Herz wird in ihrer Naͤhe wieder jung, ihre aufmerkfame und unterwuͤrfige Zuneigung bezahlt mir die meinige mit Wucher wieder zuruͤck, ja ſie hat mich ſogar gegen die wild abweichenden Meinungen ihres Vaters ge⸗ ſchutzt, der, wie die Schrift ſagt, vetdorben iſt bis ins innerſte Mark ſeiner Gebeine.“—»Wie?“ rief ich aus;»Don Domingo ſollte kein rechtſchaffe⸗ ner Mann ſein?“—»Wie kann er es ſein?“ er⸗ wiederte Don Iſidro,*da er ein Deiſt oder vielmehr ein Atheiſt iſt. Sein taͤglicher Verkehr mit den aus⸗ waͤrtigen Nationen hat ihn verdorben. Er hat philoſophiſche Vuͤcher in Haͤnden gehabt, und das Gift derſelben eingeſogen. Dank ſei es der Einfalt Godoy's, dieſes wuͤrdigen Patrons aller De⸗ magogen, wir haben in unſerem Spanien nur zu viel ſolcher Leute, die voll Begier ſind, an die Stelle ei⸗ ner Vergangenheit, an welcher ihr Stolz Anſtoß nimmt, eine Zukunft zu ſetzen, die ſie ſelber nicht kennen; und welche Zerſtoͤrungen verlangen dieſe Voͤſewichter? die des Throns der Koͤnige und der Altaͤre des Chriſtenthums.“ Hatte wohl Matea's Vater dieſen Unwillen ver⸗ dient, oder vielmehr, warum mußte doch in der po⸗ litiſchen Welt die Verſchiedenheit der Anſichten ſtets 13 194 die Sprache der Verachtung im Munde fuhren? Verachtung! dieſes bittre Gefuͤhl, wodurch wir in unſern Gedanken diejenigen, die es uns einfloͤßen, tief unter die menſchliche Wuͤrde herabſetzen, kann es denn ſo leicht Platz im Herzen finden, daß dieſer tugendhafte Diener des Evangeliums es in ſeinem Innern hegen und es ſo ohne alle Ueberwindung aͤu⸗ ßern konnte? Und ich? war ich dazu beſtimmt, ſolche Schmaͤhungen meinem Haupte zuzuziehen, oder ſie gegen andere auszuſtoßen, ſobald ich einmal in den Fall kommen ſollte, bei dieſem großen Streite, der die Welt ſpaltet, Parthei zu nehmen? Die Zu⸗ kunft ſchien mir von nun an Gefahren zu drohen, die ich nicht vorausgeahndet hatte; nachdem ich bis⸗ her immer der Meinung geweſen war, daß im Leben alles darauf ankomme, ſich die Achtung der Welt zu erwerben, ſah ich nun wohl ein, daß in einem Lande, welches der Zwietracht preisgegeben iſt, es keine oͤffentliche Achtung giebt. An ihrer Statt herrſchen da neben einander zwei feindliche Stimmen, deren jede, wenn ſie Lob ſpendet, weit weniger hoͤrbar iſt, als das entgegengeſetzte Geſchrei, die aber alle beide in ihren Anforderungen gleich gebieteriſch, in ihren Misgriffen gleich unerbittlich ſind. Dieſe ganz neue Anſicht der Laufbahn, die ſich vor mir oͤffnete, er⸗ fuͤllte mich mit tiefer Traurigkeit. Seit dem Tage, wo ich das vaͤterliche Haus verließ, hatte ich auch nicht einen Schritt gethan, der mir nicht neue Ent⸗ deckungen hervorbrachte, noch auch irgend eine Ent⸗ deckung gemacht, die nicht irgend eine gluͤckliche Täu⸗ 195 ſchung in mir zerſtört ober mir nicht irgend eine un⸗ annehmlichkeit erzeugt hätte. Die ſteigenden Jahre haben mich freilich ſeitdem gelehrt, die Stimme der Pflicht hoͤher zu achten, als jeden fremden Beifall; indeß hat doch die Macht der Jahre nicht meine fruͤ⸗ here Denkungsart ganz zu vertilgen vermocht, und noch heute bedauere ich jeden, den das verwerfende Urtheil eines rechtſchaffenen Mannes nicht tief ſchmerzt, geſetzt auch, es waͤre unverdient. Unterdeß ſchien doch das anſtoßige Leben des Ho⸗ fes und der Verfall der Monarchie dem ehrwuͤrdigen Geiſtlichen kraͤftige Gegenmittel zu erfordern. Er beklagte vor allen mit hoher Waͤrme die Leiden des jungen Kronerben. Eine furchtbare Krankheit hatte die Jugend des Prinzen*) mit Qual erfuͤllt. So⸗ dann wuchs er als Gefangener auf der erſten Stufe des Thrones auf, umringt von einflußreichen Spio⸗ nen; und er, der einſt ein großes Volk zu regieren beſtimmt war, aber nirgends, als blos an einigen Bedienten freundlich zugethane Geſichter und Mienen entdecken konnte, ſollte ſich durchaus daran gewoͤh⸗ nen, nirgend anderswo einen Austauſch von Her⸗ zensergießungen und von guten Rathſchlaͤgen zu ſu⸗ chen. Seine Verfolger hielten ihn und ſeine juͤnge⸗ — *) So heißt bekanntlich vorzugsweiſe der Thronerbe, der Prinz von Aſturien, während die übrigen Mitglieder der königlichen Familie blos Infanten beißen. Es iſt bekannt, was der ge⸗ genwärtige König Ferdinand zur Antwort gab, als man in ſeiner Gegenwart den Friedensfürſten Godoh Prinz genannt hatte.„Es giebt,« erwiederte er, win ganz Spanien keinen Prinzen, außer mir« 13* 496 ren Bruͤber abſſchtlich von jedem Verkehr mit dieſer Welt entfernt, worin er doch einſt einen ſo beden⸗ tenden Platz einnehmen ſollte. Es war nicht ſchwer, die fernen Plaͤne durchſchimmern zu ſehen, womit man das koͤnigliche Erbe in die Haͤnde des niedrig⸗ ſten Menſchen zu ſpielen ſuchen wollte. Die Anſtif⸗ ter dieſes Komplotts waren Willens, wenn ſie je zu⸗ fallig etwa verrathen werden ſollten, Spanien fuͤr das Mislingen ihres Planes zu beſtrafen; ſie hatten ein Mittel gefunden, ſich dieſe meuchelmoͤrderiſche Befriedigung zu verſchaffen, und dies beſtand darin, den ertoͤdtenden Einfluß der Dyrannei zu benutzen, um in dem kuͤnftigen Lenker unſerer Schickſale die Quelle alle der edelmüthigen Eigenſchaften und der Einſichten, wodurch Koͤnige allein groß werden koͤn⸗ nen, fruͤh ſchon zu vertilgen. Die Erzaͤhlungen Don Iſidro's machten mir den Namen Don Ferdinands noch theurer, als das Blut, woraus er entſproſſen war. Alle meine Wuͤnſche wandten ſich nach ihm hin, als zu dem verheißenen Wiederherſteller des Ruhms und der Freiheit meines Vaterlandes, und mein aufbrauſender Unwille ſah in ſeiner Befreiung die Wiederherſtellung aller der alten Inſtitutionen meiner Vorfahren. Der Biſchof gab meiner Anſicht ſeinen vollen Beifall.»Allein bedenket,“ fuͤgte er dann wohl hinzu,»daß es keine wohlthaͤtigen Reformen giebt, außer wenn ſie vom Throne herab ausgehen, ſo wie ja auch aller Segen der Erde vom Himmel herab⸗ kommt. Zu wuͤnſchen, baß der Act der hoͤchſten — 197 Gewalt vom Volke ausgehe und von bieſem erſt an den Landesherrn gelange, hieße eben ſo viel, als zu wuͤnſchen, daß der Tajo oder der Orinoko wieder zu ihren Quellen zuruͤckfließen ſollen, und hieße wahr⸗ haft die groͤßte Thorheit mit der groͤßten Frevelthat verbinden.“ Der ehrwuͤrdige Herr ſtellte mir auf dieſe Weiſe die weltlichen Angelegenheiten von einer ganz neuen Seite dar. Ganz anders waren ſie mir in meiner Findheit von Don Mathias, ſpaͤter voh einigen Pro⸗ feſſoren der Univerſitaͤt, zulezt von Don Domingo, dargeſtellt worden. Es machte mir Vergnuͤgen, ſie von dieſen verſchiedenen Standpunkten aus zu be⸗ trachten, zugleich ſtellte mein Urtheil ͤber die Grund⸗ ſätze und Anſichten ſich feſter, die mein ganzes Leben hindurch mich leiten ſollten. Der Himmel blieb fortwaͤhrend unbewoͤlkt, und ein guͤnſtiger Wind fuͤhrte uns bald ins Angeſicht der Kuͤſten Amerika's. Die Vorſehung, welche Neu⸗ Spanien mit allem begabte, was irgend nur die Er⸗ oberungsſucht der Fremden reizen kann, ſcheint die Kuͤſten deſſelben dazu beſtimmt zu haben, die Frem⸗ den abzuſchrecken. Der Golf von Mexico bietet in ſeinem ganzen weiten Umfange den Schiffen blos ei⸗ nen einzigen und noch obendrein ſehr gefährlichen Ankerplatz dar, den von Vera Cruz; und gerade dort haben ſich zwei verheerende Landplagen in die Herrſchaft des ganzen Jahres getheilt: das gelbe Fieber naͤmlich und der Rordwind herrſchen da ab⸗ 198 wechſelnd und mit unerbittlicher Strenge von einer Sonnenwende zur andern. I„ch kam im November an, alſo in der Jahrs⸗ zeit der Orkane. Wir hatten die Antillen durchſegelt, hatten den Seeweg verfolgt, den vor dreihundert Jahren ein großer Seefahrer gebahnt, und waren ſo ins Angeſicht des Coffer von Perote und des flam⸗ menden Gipfels des Hrizaba gelangt, die wie ein zwiefacher Pharus oben auf den Cordilleren daſtehen, gleſchſam wie zwei ungeheure Thärme, die ſich von der unermeßlichen Kette der mexicaniſchen Alpen los⸗ Beriſſen. Druͤber, jenſeit des Reiches der Stuͤrme, entfaltete ſich vor unſern Augen das majeſtaͤtiſche Amphitheater eines Kontinents, das hoͤher über der Meeresflaͤche liegt, als die Berggipfel der Pyrenaen, und der Strand, an welchem Hernan Cortez einſt ſeine Fahnen aufgepflanzt, enthuͤllte bereirs bis an den fernen Hintergrund der Gebirge ſeinen duͤrren und einfoͤrmigen Anblick. An der Scheidegrenze zwiſchen der See und der Wuſte zeigte vor uns Vera Cruz ſeine Mauern, die eben ſo von den Fluthen des Oceans wie von einem Meer von Sande rings umla⸗ gert ſind; und unſere Schiffspaſſagiere, die vorher ihre Augen unablaͤßig nach dem feſten Lande hinge⸗ richtet hatten, wendeten ſie jezt nach dem atlantiſchen Ocean zuruck, wie nach einem ſchoͤnen Aufenthalts⸗ orte, den man ſo eben zu verlaſſen im Begriff iſt und gern noch einmal zu ſehen wuͤnſcht. Das Schloß von Sanct Juan de ulloa trat weit hinter uns in die feuchte Flaͤche zuruͤck. Die Kanonen deſ⸗ 109 ſelben begruͤßten unſer Schiff und die konigliche Flagge deſſelben, und dieſe Donnerſtimmen riefen eine große Menge von Menſchen nach dem Hafen hinaus, die alle voll ungeduldiger Sehnſucht da ſtan⸗ den, um Bruͤder, Ehegatten oder Söhne zu bewill⸗ kommen. Ich war der einzige, dem von dem un⸗ bekannten Strande her weder die Arme einer Schwe⸗ ſter, noch die einer Geliebten oder Mutter ſich ent⸗ gegenſtreckten. Auf einmial erhebt ſich ein leichter Seewind, die Sonne ſchießt gluͤhendere Strahlen auf unſere Haͤup⸗ ter herab, das Meer faͤngt an hohe Wellen zu wer⸗ fen, der Orkan bricht wuͤthend los, und der Sturm wirft uns auf die furchtbaren Sandbaͤnke der Opfer⸗ inſel. Auf dieſer Inſel pflegten naͤmlich, ehe die Religion Chriſti den wilden Aberglauben der Vorzeit verſcheuchte, die Eingeborenen ihren Goͤttern zu Eh⸗ ren Menſchenblut zu vergießen; und noch bis auf den heutigen Tag iſt dieſer Strand menſchenmoͤrderiſch geblieben, nur daß heutzutage blos der Hcean ſich hier ſeine Menſchenopfer nimmt. Wir wurden auf den Strand getrieben; das Schiff ſtutzte ſich blos noch auf ſeinen im Sande feſt⸗ ſitzenden Kiel, und ſchien blos noch auf eine neue Woge zu warten, um gen Himmel empor zu fliegen; uns blieb nichts uͤbrig, als der Dod. Bei den erſten Vorzeichen der annahenden Gefahr hatte jeder von uns ſich beeilt, ſeinem Schutzheiligen einen Theil jener Guͤter anzugeloben, um derentwil⸗ len die meiſten das Meer durchſchifften. Das 200 Schiffsvolk hatte ſo eben dem Apoſtel von St. Com⸗ poſtella einen dreißig Ellen hohen ſilbernen Maſt⸗ baum verſprochen. Jedoch es galt hier nicht mehr blos die irdiſche Lebensrettung; die Beziehungen und Ausſichten dieſer Welt gingen zu Ende, denn wir befanden uns ja hier bereits an dem Uebergangs⸗ punkt in das jenſeitige Daſein. Einige, mit dem Roſenkranze in der Hand, andere, Heiligenbilder an ihre Lippen druͤckend, oder ein Scapulier ent⸗ huͤllend, das ſie unter ihrem Rocke verſteckt trugen, der eine, heilige Reliquien mit ſeinen Thraͤnen be⸗ netzend, ein anderer, voll Freude in dieſem allge⸗ meinen Ungluͤck wenigſtens noch ein echtes Stuͤck vom Kreuz Chriſti bei ſich zu haben, alle mit ein⸗ ander, ihr Haupt unter die Hand Gottes beugend, welcher das Leben verleiht und es wieder zuruͤck⸗ nimmt, wandten die Augen von dem Abgrunde hinweg, um blos an die Ewigkeit denken koͤnnen, deren Reich jezt anbrechen ſollte. Don Iſidro, der wie eine jener Himmelser⸗ ſcheinungen, wovon die heilige Schrift redet, mit ſeinen ſilberweißen Locken und ſeinem langen, im Sturm flatternden Gewande, ganz einſam auf dem Oberverdeck ſtand„Aſtreckte ſeine mit dem Kru⸗ zifir verſehene Hand aus, ſegnete uns mit einer ſo feſten Stimme, als kaͤme ſie aus den himmliſchen Raͤumen herab, und fuͤgte dann in einem Lone, der das Brauſen des Seeſturms uͤbertoͤnte, die Worte hinzu:»Ich habe das Amt empfangen, einem jeden, der bußfertige Reue fühlt, ſeine Suͤn⸗ 204 den zu erlaſſen“ So ſprach er; unterdeß erhob ſich die lezte Welle von fern, thuͤrmte ſich hoͤher, und kam wie ein rollender Waſſerberg an uns her⸗ an.*Im Namen Gottes des Vaters, des Soh⸗ nes, und des heiligen Geiſtes, fuhr der Prieſter fort, Herlaſſe ich euch eure Suͤnden, meine Bruͤ⸗ der!“ Auf dieſe geweihten Worte folgte ein dum⸗ pfes Schweigen, und auf die Stille ein furchtbares Krachen. Der Ruf: lebe wohl, o Vaterland! es lebe der Koͤnig! ließ ſich noch einmal vernehmen; aber diesmal erſcholl er bereits aus dem tiefen Waſſerabgrunde empor. Der Stoß, der unſer Schiff zertruͤmmerte, hat⸗ te uns dem Strande der Kuͤſte etwas genaͤhert, und es ſchien nicht unmoͤglich, dieſen vollends zu errei⸗ chen. Neben mir war Don Iſidro, mit dem die Wellen ihr Spiel trieben, im Begriff, auf immer zu verſchwinden. Ich konnte unmoͤglich den Mann hilflos ſterben laſſen, der meine Mutter vom Lode gerettet hatte; ich faßte ihn alſo. Die Fluthen trugen uns dem feſten Lande zu. Es giebt nichts ſo Ehrfurcht gebietendes, als dieſe reißendſchnellen Uebergaͤnge, dieſe ſo ganz entgegengeſetzten Schauſpiele, dieſes ſturmvolle Loos eines Menſchen, der bald in den tieſſten Meeresabgrund hinunter taucht, bald oben auf der Spitze hochgethuͤrmter Wellen ſchwebt, die ſogleich wieder aus einander gehen, und die Em⸗ pfindungen, die dann in der Seele ſich wechſelnd verdraͤngen, haben etwas von der Großartigkeit und der wechſelnden Mannigfaltigkeit dieſer großen Sce⸗ ————— ne an ſich. Ich glaubte am ufer druͤben Donna Leonor, meine Schweſter und Matea zu ſehen, wie ſie die Arme mir entgegen ſtreckten. Dieſes taͤu⸗ ſchende Blendwerk verdoppelte mir den Muth. Mei⸗ ne Einbildungskraft, durch die furchtbare Bewe⸗ gung der Wellen aufgeregt, verfolgte, ich weiß ſelbſt nicht mehr welche ungeheure Traumgebilde und glaͤnzende Phantome, und dieſe Fieberhitze der Hoff⸗ nung ſtieg endlich bis zum Wahnſinn. Von nun an ſchwand meine Beſinnung, und ich erinnere mich blos noch, daß ich bei meinem Er⸗ wachen mich von zwei Maͤnnern auf den Schultern getragen füͤhlte. Eine Menge von Kreolen um⸗ ringte mich, und unter der neugierigen Menge ſtan⸗ den unter andern auch pechſchwarze Afrikaner und kupferfarbene Indianer. Dieſe Spielarten des menſchlichen Geſchlechts, dieſe Farben, dieſe Ge⸗ ſichtsbildungen von einer Verſchiedenheit, die bis⸗ weilen einen ſchneidenden Kontraſt bildet, bisweilen ſich in unmerkliche Nuancen verliert, alles dies er⸗ fuͤllte mich mit dem traurigen Gedanken, daß ich unter einem neuen Himmel, in einer fuͤr mich frem⸗ den Welt wieder zum Leben erwacht ſei. Unterdeß bildeten ſich Gruppen um mich her, welche theil⸗ nehmend mit mir von meinen Leiden ſprachen, die ſich anſchickten, mir Beiſtand zu leiſten, und die in dem Zuſchnitt meiner Geſichtsform oder in dem Ton meiner erſten Worte einige Spuren zu ent⸗ decken ſuchten, aus welcher Provinz ich wohl her ſei. Ihre Theilnahme ermunterte mich wied rzum 203 Leben, und auf die Heimat meiner Vorfahren mich berufend, antwortete ich ihnen, daß ich ein Altka⸗ ſtilianer ſei. Bei dieſen Worten entfernten ſich alle ſogleich und ich blieb allein auf dem gluͤhenden Strande zuruͤck. Ich wußte nicht, daß die Biscajer, Katalonier und Galicier, die den großten Theil der ſpaniſchen Anſiedler in der neuen Welt ausmachten, formliche Kaſten bilden, deren partheiiſche Gaſtfreundſchaft jeden von ſich weiſet, der ſich ihnen nicht durch eine gemeinſame Abkunft empfiehlt. Obwohl ſie Soͤhne eines und deſſelben Vaterlandes ſind, ſteht man ſie dennoch von Geſchlecht zu Geſchlecht auf einem und demſelben Boden Kolonieen bilden, welche ihre ei⸗ ferſuͤchtige Rivalitaͤt von einander trennt, und die, wie einſt ihre Vaͤter in Europa, blos darin uͤber⸗ einſtimmen, daß ſie gegen die Unterthanen der Kro⸗ ne von Kaſtilien dieſelbe eiferfuͤchtige Feindſchaft he⸗ gen, welche die uͤbrigen Unterthanen der katholiſchen Koͤnige*) ſeit der allmähligen Vereinigung der verſchiedenen Reiche gegen ſie fͤhlen. Einige mitleidige Schiffsjungen fuͤhrten mich durch die Straßen von Vera Cruz. Ich hatte blos noch ſo viel Kraft, um einzuſehen, unter welchen Vorbedeutungen ich von meinem Verbannungsorte Beſitz nahm. Enblich oͤffnete ſich ein Haus mei⸗ *) Den Beinamen eines katholiſchen Königs erhielt zuerſt König Ferdinand im Jahr 1496 vom Pabſte. 204 —— nem elenden Zuſtande, und ein Luch ward mir zu Deckung meiner Bloͤße zu Theil. Faſt kaum aus den muͤtterlichen Armen gekom⸗ men, ſah ich mich jezt zweitauſend Seemeilen weit von meiner Wiege entfernt und ohne Zufluchtsort. Blos der Degen Maria's war mir noch uͤbrig, ſei⸗ ne Inſchrift redete zu mir von meinen Pflichten, und ich verlor den Muth nicht. Der Hauswirth, der mich in ſeine Behauſung aufgenommen, war ein Rechtsgelehrter, der wegen ſeiner Prozeß⸗Inſtruction beruͤhmt war, uͤbrigens ſeine Stunden dem Gebet, dem Schlaf und der Ruhe widmete, bisweilen aufſtand, um vor den Heiligenbildern, womit ſein Haus tapezirt war, niederzuknieen, und nach einer ſolchen Anſtrengung dann nicht mehr den Muth hatte, um ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf die zahlloſen Geſchaͤfte zu richten, womit er uͤberladen war. Der Spanier in den Kolonieen ſcheint noch leidenſchaftlicher als der Spanier in Europa fuͤr den traurigen Zeitver⸗ treib eingenommen zu ſein, auf die Misgriffe und Fehler der menſchlichen Juſtiz zu ſpeculiren. Auch dort iſt der Stolz, faſt haͤufiger noch als der Eigen⸗ nutz, eine reiche Quelle gerichtlicher Fehden. Alle Laſter des Mutterlandes ſind in der andern Erd⸗ haͤlfte einheimiſch geworden, und ſie ſcheinen da⸗ ſelbſt tiefere Wurzeln geſchlagen zu haben, als die Nationaltugenden. Der Stolz des Kreolen ent⸗ ſpringt nicht aus dem Gefühl ſeiner perſoͤnlichen 8 Würde, ſonbern beſteht blos in einem lechzenden 205 Durſt nach Titeln, Ordenszeichen, Ehrengraden. Die Hand nach den Wohlthaten des Mutterſtaates ausſtreckend, den ſein Herz nur zu oft verabſcheut, begierig nach allem, was ihm dem Enropaͤer gleich⸗ ſtellt, unerbittlich in Hinſicht alles deſſen, was ſeine kleinliche Eitelkeit beunruhigt, laͤßt er die koͤ⸗ niglichen Audienzen*) von dem Geraͤuſch ſei⸗ ner verkannten Rechte, ſeiner verlezten Anſpruͤche wiederhallen. Ein Drittheil der wiſſenſchaftlich gebildeten Bevoͤlkerung widmet in den großen Staͤd⸗ ten ſich dem Gewerbe, die Zugaͤnge zu dem Tem⸗ pel der Geſetze in Beſchlag zu nehmen. Dieſe hungrige Schaar hat ſich gleichſam zuſammen ver⸗ ſchworen, die Prozeſſe ewig dauernd zu machen, und die Langſamkeit der Foͤrmlichkeiten, die Dun⸗ kelheit der Geſetze, die wohlberechnete Traͤgheit der Juſtizbehoͤrden, alles kommt ihren Beſtrebun⸗ gen nur zu ſehr zu Gute. Einige Licentiaten, die unter der Leitung Don Euſebio's ihre Peſantia**) durchmachten, konn⸗ ten unmoͤglich fuͤr die Beduͤrfniſſe ſeiner zahlreichen Klienten hinreichen. HObwohl er ein wuͤthender Kreole und ein gluͤhender Feind aller neuen Ankoͤmm⸗ linge aus dem Mutterlande war, ſo ließ er ſich den⸗ noch meine dienſtfertige Hilfe gefallen, da dieſe ihm wegen meiner fruͤheren Studien und wegen *) Gerichtsſäte. **) Im Deutſchen etwa ſo viel als! pſichtmäßige kiſuntot: Jahre, Referendariatszeit. — —— 206 meiner Thaͤtigkeit von einigem Nutzen ſein konnte. Die Zeit, welche ich bei ihm zubrachte, gab mir uͤber die unentwirrbaren Formen unſeres Prozeß⸗ verfahrens hinlaͤnglichen Aufſchluß. Ich ſah, wie ein einziger Rechtsſtreit dreihundert Jahre waͤh⸗ ren konnte, und ich ſeufzte ſehnſuchtsvoll nach der Zeit, wo der heilige Name der Gerechtigkeit nicht mehr einer neuen Bedruͤckung, einer neuen Beein⸗ traͤchtigung zum Deckmantel dienen wuͤrde. So ſtudivte ich denn alſo die Landesgeſetze, anſtatt mich im Waffendienſt zu uͤben, und den Ertrag meiner juriſtiſchen Arbeiten verwendete ich zum Ankauf einer Epaulette. Die Ankunft des Poſtſchiffes aus Spanien ver⸗ ſchaffte mir den erſten Genuß, den ich auf ame⸗ rikaniſchem Boden haben ſollte. Der Kammerherr hatte die Verheißung meiner Zuruͤckberufung nicht bewirken koͤnnen. Unterdeß beunruhigte Don Jai⸗ me ſeine junge Tante durch eine ſehr verdaͤchtige Dienſtbefliſſenheit. Er wuͤnſchte, daß ihre Vor⸗ ſtellung bei Hofe unverzuglich ſtattfinden ſollte, und uͤbernahm ihre Beſchuͤtzung gegen jeden, der unter dem Vorwand, ihre Abkunft ſei tief unter der Grandezza, ihr nur irgend die ihrem Range und ihrer Schoͤnheit gebuͤhrenden Ruͤckſichten verwei⸗ gern wollte. Sie war ſo zartfuͤhlend, mit ihm nie uͤber mich zu ſprechen, ſo ſehr war ſie ver⸗ ſichert, alles bei ihm bewirken zu koͤnnen. Ich freute mich uͤber dies edle Schweigen von ihrer Seite; die Protection des kecken Gardeoffiziers 207 wuͤrde in meinen Augen der aͤrgſte Schimpf fuͤr mich geweſen ſein. Noch nie hatte ich einen ſo tiefen Un⸗ willen uͤber die Verderbniß des Hofes empfunden, noch nie empfand ich es ſo tief, wie heilig Maria in meinen Augen ſei; ſie ſchien mir ſo hoch uͤber die Wuͤnſche der Menſchen, ſo hoch uͤber die Erde er⸗ hoͤht, als der Himmel ſelber, dem ſie anzugehoͤren ſchien. Dieſe geliebte Schweſter hatte von ihrem neuen Standpunkte ſo eben Beſitz genommen. Der vor⸗ malige Gouverneur von Havana war unter der Zahl derer, die es ſich nicht verſagen konnten, ihre Huldi⸗ gungen ihr darzubringen. Der Verfolger der Donna Leonor vermochte nicht anders, als erblaſſend vor der Tochter der einſt von ihm Hingeopferten zu er⸗ ſcheinen. Die Pein eines boͤſen Gewiſſens war auf ſeinem Geſichte ausgepraͤgt, und ſeine Gewiſſens⸗ angſt trieb ihn unaufhaltſam zu duͤſtern Froͤmmig⸗ keitsuͤbungen hin. Er hatte es ſich zur Aufgabe ge⸗ macht, Tag und Nacht fuͤr arme Leute jene Todten⸗ gehaͤuſe zu verfertigen, die unſerer irdiſchen Huͤlle in die lezte Wohnung mitgegeben werden. Sein Hobel fand unter der Grandezza mehr als einen Nachahmer, und der Markis kraͤnkte ſich oft, wenn er ihn mit andern achtungswuͤrdigen Perſonen den Ruhm dieſes frommen Werkes theilen ſah. Er haßte in ihm den Entfuͤhrer jener Nichte, die er ver⸗ loren hatte. Obwohl gleich damals bei der Entfuͤh⸗ rung ein Fremder verhaftet worden war und ſich als den Schuldigen angegeben hatte, ſo zweifelte der 208 Kammerherr doch nicht, daß ſein Schwager dies Komplott geleitet habe, zumal da dieſer zu jener Zeit noch nicht eine ſo reiche Erbſchaft gemacht hatte, um ſeinen Soͤhnen noch großere Reichthuͤmer und Eh⸗ renſtellen zuzuſichern. »Don Domingo— ſchrieb mir Maria— har mir die Aufmerkſamkeit erwieſen, mich der Graͤfin von D*** vorzuſtellen und mit ihr bei unſeren El⸗ tern Beſuch zu machen. Der ſeltene Verſtand und das einnehmende Betragen der Donna Matea haben die immer noch jugendlich lebhafte Phantaſie Don kuis verführt. Freilich ſprach ſie mit ihm ohneUn⸗ terlaß von dir. Sie trieb ihre Artigkeit ſo weit, daß ſie die kleine niedliche Aldouza zu uns fuͤhren ließ, als diejenige, welche dir zu deiner kuͤnftigen Lebensgefaͤhrtin verſprochen ſei. Unſer Vater, fuͤr den alles ſogleich zur Gegenwart und Vergangenheit wird, ſpricht ſchon immer von ſeiner Schwiegertoch⸗ ter, und troͤſtet ſich uͤber alle Unannehmlichkeiten ſei⸗ nes Lebens durch die Ausſicht, ſeine beiden Kinder, deren Eintritt in die Welt fuͤr ihn die Quelle ſo vie⸗ len bittern Kummers geweſen, mit dem Range der Grandezza geſchmuͤckt zu ſehen. Don Domingo wuͤnſcht mir politiſche Ideen beizubringen; wenn es ihm gelingt, ſo werde ich ihm dafuͤr chriſtliche Ideen einzufloͤßen ſuchen. Das iſt mit eines meiner tiefen Bekuͤmmerniſſe, ſo ſehen zu muͤſſen, wie unſer Jahrhundert die Grundſaͤtze und den Glauben unſe⸗ rer Väter abſchwoͤrt. Ach, geliebter Freund, deine Maria bittet dich flehentlich, ja nicht Gott aus dei⸗ 209 nem Herzen zu verbannen. Laß mir wenigſtens die Hoffnung, dich dereinſt in einer Welt wiederzufinden, wo es keine Trennung und keine Verbannung mehr giebt. Seit unſerer lezten Zuſammenkunft in Co⸗ runna fuͤhle ich mehr als jemals, wie unentbehrlich du deiner traurigen Schweſter warſt. Die weiten Fernen, die uns ſcheiden, die Gefahren, denen du ausgeſetzt biſt, dieſe Gedanken verfolgen mich bis ins Schauſpiel, in unſere Geſellſchaftskreiſe, kurz ͤberall hin, wo dein Bild mir vorſchwebt, und dies wohnt beſtaͤndig in meinem Herzen.⸗Wo ſind die Tage unſerer Kindheit hingeſchwunden, wo wir beide noch mit einander die Bergſpitzen erklimmten, wo du mir deinen Arm zur unterſtützung botſt und ich dich durch meine Liebe anfeuerte? Da verſprachen wir einander, gemeinſam die Bahn durch dieſes Le⸗ ben zu gehen, das wir damals noch nicht kannten. Warum hat doch der Beſchluß des Himmels alle jene Wuͤnſche, ach, und alle jene Ahnungen unſerer Ju⸗ gend getaͤuſcht!“ Der Markis betruͤbt ſich uͤber die geheime Schwermuth, die mich befallen hat. Er fuͤhrt ab⸗ ſichtlich mich jedesmal zu den Stiergefechten. Allein ich bin ſo einfaͤltig geweſen, dem unglucklichen Stier meine ganze Theilnahme zuzuwenden. Ich kann dies ſtolze Thier nur bewundern und beklagen in dem Augenblick, wo es ungeachtet ſeines Muthes und ſeiner Kraft den Streichen von Gegnern zu erliegen im Begriff iſt, von denen kein einziger den Einzelkampf gegen daſſelbe zu beſtehen im Stande ſein wuͤrde. 14 210 Ein ganzes Volk, deſſen Ackergefilde dieſer Stier noch geſtern pfluͤgte, verſammelt ſich heute, um zu ſeinem Tode Beifall zu klatſchen. Dieſes grauſame Geberdenſpiel betruͤbt mich gerade ſo, als waͤre ſie ein Bild jener Kaͤmpfe, welche die Mittelmaͤßigkeit, der Undank und der Neid gegen das Genie oder ge⸗ gen die Tugend beſteht.“ „ch beſuche zuweilen das Theater. Die Tra⸗ godien haben mich oft ſehr bewegt, allein die Sai⸗ netes* langweilen mich und ſetzen mich in Ver⸗ wunderung. Bald ſind es die einfachſten Worte, bald die unverſtaͤndlichſten Phraſen, die in der an⸗ weſenden Verſammlung ein Entzuͤcken erregen, das faſt demjenigen gleich kommt, welches der Tanz des Bolero zu erwecken pflegt. Ich kann nun einmal an dem kein Vergnuͤgen finden, was ich nicht ver⸗ ſtehe, und alle Maͤnner, die dann in unſerer Näͤhe ſind, ſetzen mich dann durch unverſchaͤmte Blicke voll Staunen und Spott in Verlegenheit. Sogar meine eigenen Leute, welche unſere Loge vollends fuͤllen, geſellen ihr Laͤcheln zu dem bittern Spott der Kava⸗ liere. Frey Don Jaime benutzt dieſen Moment zu ſeinen Beſuchen, und ſeine wiederholten Scherze tragen dann noch mehr dazu bei, mir das Theater⸗ vergnuͤgen hoͤchſt zuwider zu machen.“ „Warum hat doch in der neuen Sphaͤre, worein mich Gott geſetzt hat, nichts von alle dem, was an⸗ *) Eine Art Zwiſchenſpielt, die zur unterhaltung der Zuhörer zwiſchen den Schauſpielen gegeben werden. Sie beſtehen meilt aus muthwilligen und kecken Poſſen. 211 dere Perſonen meines Alters erfreut, den mindeſten Reiz fuͤr mich? Ich muß mir immer erſt Vernunft⸗ vorſtellungen machen, um Freude an etwas zu haben, ich muß mich quaͤlen, um ſie da zu finden, wo jeder⸗ mann ſie ſo leicht findet. Andere Frauen wiſſen ſich zu befriedigen, ohne zu Studien ihre Zuflucht zu neh⸗ men, ohne ſich durch eine Arbeit zerſtreuen zu duͤr⸗ fen; einige Beſuche, die ſie anzunehmen oder abzu⸗ ſtatten haben, fuͤllen ihr ganzes Tagewerk aus. Ich dagegen bin nicht ſo gluͤcklich, ſondern muß mein Daſein erſt durch den Reiz irgend einer meiner Lieb⸗ lingsbeſchaͤftigungen, durch Zeichnen oder Leſen, er⸗ weitern. Ich muß vermittelſt der Buͤcher ſtets auf Unkoſten anderer leben, aus mir ſelber wuͤrde ich blos Langeweile ſchoͤpfen, und ich fuͤhle, daß bei meiner Gemuͤthsſtimmung die Langeweile bald in Verzweiflung uͤbergehen würde.“ Die Draurigkeit, wovon Maria mitten im Glanz der Groͤße verfolgt wurde, gieng aus ihrer Seele in die meinige bis uͤber das atlantiſche Meer heruͤber. Es lag von jeher eine unausſprechliche Wonne in ei⸗ ner Liebe, die eben ſo wahr als rein, das edelſte und hoͤchſte Daſein, das ich nur je zu erkennen und zu lieben vermochte, an mein Daſein knoͤpfte. Die Sympathie der Seelen veredelt jeden, der ſie in ſich fuͤhlt; ſie belebt die Einöde, ihre Macht verleiht ſelbſt den Pruͤfungen des Lebens einen ge⸗ wiſſen Reiz; denn ſie ſichert ſchon in dieſer Welt ei⸗ nen Lohn unſern Anſtrengungen zu, die ihn ſonſt erſt in der jenſeitigen Welt zu erwarten gehabt haben wuͤr⸗ 14* 212 den, ſie giebt uns das ſittliche Gefuhl eines andern Weſens zum Fuͤhrer, das unſer eigenes moraliſches Gefuͤhl unterſtuͤtzt und verſtaͤrkt, und deſſen Beifall in unſern Augen mehr Gewicht hat, als alle Stim⸗ men des Ruhms. Eine ſolche Neigung ſtellt die Freundin, die ſie uns einfloͤßt, in unſern Augen ſehr hoch; ja es liegt etwas religioͤſes in ihr, da die Liebe eben ſo viel Theil daran hat, als die Verehrung⸗ Zweites Kapitel. —— Vier Monate waren ſo verſtrichen, und ich konnte nun endlich meine Blicke nach Neu⸗Biscaja richten, wo ich in mein Regiment eintreten ſollte. Als ich Vera Cruz verließ, war der Sommer der Aequinoctialgegenden, der im October beginnt, ſeinem Ende nahe. Das gelbe Fieber wuͤthete gegen die duͤrren Gegenden der Seekuͤſte hin. Ich hoffte dem gluͤhenden Einfluß der Suͤdweſtwinde zu entge⸗ hen, wenn ich das prachtvolle Amphitheater der Cor⸗ dilleren erſtiege, und hoffte dort zu Ende Mai's die Donner murmeln zu hoͤren, welche in dieſen Klima⸗ ten dem Winter vorauszugehen pflegen. Indeß ſeit einiger Zeit hat der Himmel ſo gut ſeine Revolutio⸗ nen wie die Erde, und Neuſpanien hat es erlebt, daß die Zeit der Duͤrre ſich nicht mehr auf die von der Natur ihr zugewieſenen acht Monate beſchraͤnkte, 213 ſondern das ganze Jahr hindurch herrſchte, oder hoͤchſtens im September auf kurze Zeit den wohlthaͤ⸗ tigen Ungewittern Platz machte. So fand ich denn auch den gluͤhenden Sommer unſerer Gegenden in der winterlichen Jahrszeit des Aequators wieder, und alle Glut der heißen Zone druͤckte mich nieder. Es wuͤrde mir ſchwer werden, alle die Leiden zu ſchildern, die ich unter dem Druck eines brennenden Himmelsſtriches auf meiner Reiſe durch dieſen Kon⸗ tinent zu erdulden hatte, wo mir alles neu war, ſelbſt die Geſichtsbildung der Menſchen, und wo ich unaufhoͤrlich unter Voͤlkerſchaften gerathend, deren zwanzigerlei verworrene Sprachen ich nicht verſtand, wo ich, irre gefuͤhrt durch die Erſcheinungen der Nacht, wie durch die des Tages, und weder uͤber meinem Haupte die bekannten Sternbilder meiner Kindheit, noch um mich her die Pflanzenwelt, die Landſchaften, die Fernſichten meines Vaterlandes wiederfindend, heute uͤber ewigen Schnee, morgen durch tiefe, von der gluhenden Lava gehoͤhlte Schluch⸗ ten, bisweilen durch reiche Thaͤler, noch oͤfter durch ode Savannen wanderte; wo ich keinen anderen Zu⸗ fluchtsort hatte, als irgend eine einſame Huͤtte oder den Tambo*) der Mauleſeltreiber, dieſen rohen Wagenſchoppen, den die beſchränkte Politik des ho⸗ hen Raths von Indien in der Mitte eines jeden Fle⸗ ckens zum Gebrauch der Reiſenden errichten ließ, um die kupferfarbene Bevoͤlkerung dieſer Gegenden * Ein indianiſches Wort; etwa ſo viel als: Herberge. 214 von jeder Anſteckung fremder Anſichten und Sitten fern zu halten. Indeß hatte doch das Elend und die Noth einer ſolchen Reiſe keinen ſo großen Einfluß auf mich, daß ich nicht die Scenen, die ſich meiner Bewunderung darboten, haͤtte betrachten ſollen. Soll ich es ver⸗ ſuchen, ein Gemaͤlde noch einmal zu zeichnen, wel⸗ ches die Natur mit ihrer Allmacht ausgeſchmuͤckt, und durch das Zauberſpiel ihrer Phaͤnomene groß⸗ artig macht? Amerika iſt wirklich eine neue Welt, die ſich vor dem erſtaunten Blick des Europaͤers aus⸗ breitet. Wie ſoll man dieſe anmuthigen oder wohl ſelbſt grandioſen Wirkungen einer Atmoſphaͤre ſchil⸗ dern, welche durchſichtiger und duͤnner als die un⸗ ſrige iſt, die ein helleres Licht durch ſich hindurch laͤßt, reich an Farben und Reflexen iſt, dem Auge die Fernen naͤher ruͤckt, und nach allen Seiten hin in dem tiefen Dunkelblau des Himmels in den ſchaͤrf⸗ ſten Umriſſen den impoſanten Bau jener Cordilleren zeigt, von denen der eine Gipfel das alte Reich des Montezuma bis zu einer alpengleichen Hoͤhe empor⸗ hebt? Ihre Abhaͤnge entfalten ſich, mit angebau⸗ ten Feldern, Weidetriften, uralten Waͤldern, rei⸗ chen Staͤdten und mit Provinzen bedeckt, die in Eu⸗ ropa fuͤr Koͤnigreiche gelten wuͤrden; ihre von Schnee blendendweißen Gipfel ziehen ſich wie eine ungeheure ſilberne Binde uͤber der weiten Landſchaft hin, die ſie bekraͤnzen. Ueber dieſe majeſtaͤtiſchen Gebirgszuͤge ſteigen zum Himmelsgewoͤlbe, das ſie zu durchbrechen ſcheinen, bald gewaltige Maſſen aus 215 lebendigem Fels gehauen empor, die man wegen ih⸗ rer leichten und koloſſalen Form fuͤr Rieſen, die oben auf den Bergen ſtuͤnden, halten moͤchte, bald unge⸗ heure Baſaltmauern, die ſich in den ſeltſamſten For⸗ men, wie regelmaͤßige Ruinen von Kolonnaden, wie zertruͤmmerte Vorhallen, oder wie Arkaden in uͤber⸗ menſchlichem Stil aufgefuͤhrt, darſtellen,— ſchau⸗ erliche Ruinen von Bauwerken, die blos ein uͤberir⸗ diſcher Baumeiſter ſo aufzufüͤhren und wieder zu zer⸗ ſtoͤren vermochte! Oft auch bleibt der Wanderer am Fuße von Vulkanen ſtehen, deren Krater ſechs⸗ mal hoͤhen iſt als der Aetna und der Veſuv. Hier thuͤrmen ſich die Kegel des Orizaba und des Perote wie ewige Pyramiden empor, dort die Spitzen des Colima und des Jorullo, weiterhin auf dem Central⸗ Plateau neben der Stadt des Guatimozin erheben ſich der Jzaccihualt und der Popocatepetl, dieſe ſtol⸗ zen Nebenbuhler des Chimboraſſo, majeſtaͤtiſch in der Mitte ihres Reichs, gleichſam wie Koͤnig und Koͤni⸗ gin der mexicaniſchen Andesberge. So ſtellt ſich dem Auge dieſes Kolonieland dar, das fuͤnfmal groͤßer als das Mutterland iſt, jenes gluͤckliche Land, deſſen Baumaterial Porphyr und Gold iſt, deſſen Oberflaͤche dem Kunſifleiß des Men⸗ ſchen reichere und wuͤnſchenswerthere Schätze dar⸗ bietet, als der innere Schooß der Erde. Vermoͤge der bergigen und ungleichen Geſtaltung des Bodens, iſt ein einziger Tag hinreichend, um aus dem Son⸗ nenbrand des Aequators in das Eis der Polarlaͤnder zu gelangen. Die Pflanzengeſchlechter, die von deu Ebenen der Kuͤſte und von der unterſten Liefe der Thaͤler bis zum Aufenthalt des ewigen Reifes hinauf wachſen, wechſeln in eben dem Maaße um den Wan⸗ derer her, als er bei ſeinem Bergſteigen die Zone und Lufttemperatur wechſelt. Am Strande der beiden Meere hin, wo die Perle unter dem Sande hervor⸗ blitzt, beginnt die Region der heilſamen Jalape, der Ananas, der koͤſtlichen Fruͤchte, die unſer Europa gar nicht kennt, des Taback's, dieſes treuen Lieb⸗ lings der Spanier in beiden Erbhalften, der im Pa⸗ laſt der Koͤnige, wie unter dem elenden Zelte unſerer Hirten dir Langeweile des Armen, wie die Lange⸗ weile der Großen aufheitert; hier liefert die Jatropha dem Duͤrftigen das naͤhrende Maniokbrot, hier ent⸗ faltet der Piſangbaum ſein zartes Laub und bietet den Haͤnden des Menſchen Nahrungsmittel dar, die an Ueberfluß ſo wie an Wohlgeſchmack die Getreide⸗ arten unſerer Gegenden weit uͤbertreffen; in den Schluchten treibt die Stechwinde weithin ihre nuͤtzli⸗ chen Wurzeln, die dickbelaubte Liane, welche die Va⸗ nille liefert, durchbalſamt mit ihren Duͤften und ta⸗ pezirt mit ihren zierlichen Bluͤthen die Spalten der Felſen, die Ufer der Stroͤme, das Dickicht der Ge⸗ hoͤlze. Neben dem Kaktus, deſſen furchtbare Sta⸗ cheln den Scharlachwurm beſchuͤtzen, ſchmuͤckt die Staude, welche den fuͤr die Kuͤnſte und Gewerbe ſo wichtigen Indigo erzeugt, ferner der Kakaobaum, dem das Leben des Spaniers in Amerika wie daheim auf der pyrenaiſchen Halbinſel ſeinen hauptſächlich⸗ ſien Unterhalt verdankt, die Baumwollenpflanze, die 247 Pfefferſtaude, zuſammen oder abwechſelnd mit ihren herrlichen Blumengewinden das Bett der Fluͤſſe oder die Abhaͤnge der Berge. Das Zuckerrohr von Daiti laͤßt mitten durch dieſes große Naturgemaͤlde ſein leichtes Gruͤn hervorragen; der Kaffehbaum reicht bis an die Grenzſcheide des ewigen Fruͤhlings; der Reis und der Mais, der Yam und die Bataten knuͤ⸗ pfen ihre Erzeugniſſe an eine und dieſelbe fruchtbare Scholle; der Weinſtock Aſiens und der Weizen Eu⸗ ropa's wachſen hier um die Wette; der Oelbaum, der Flachs, der Hanf, erwarten blos noch, daß man ihnen das Buͤrgerrecht ertheile, um ſofort dem Va⸗ terlande des Goldes und Silbers neue Guͤter der Erde zu verſchaffen. In jeder Höͤhe findet ſich die Kartoffel, die im Pflanzenreich ganz ſo wie unter den Thieren der Hund, dieſer treue Begleiter des Men⸗ ſchen, uͤberall einheimiſch wird, wo der Menſch nur irgend zu leben vermag, und die nicht minder leicht anzubauende und noch wohlthaͤtigere Agave laßt wie eine Wunderquelle dreimal des Tages dem Pfluͤger wie dem Hirten Wein und Honig ausſtroͤmen, und das bis in die Nachbarſchaft der eiſigen Zone hin. Dieſer gluckliche Voden, der ſich fuͤr den Anbau der Pflanzen aller Gegenden eignet, darf der Pflan⸗ zer blos aufwuͤhlen, um alle Metalle zu finden, die der Schooß der Erde nur irgend in ſich ſchließen kann. Das Eiſen, das Kupfer, das Queckſilber, das bis jezt in den Minen Reuſpaniens faſt vergeſſen ruht, iſt eine bis jezt faſt ungekannte Quelle kuͤnfti⸗ gen Gluͤcks uud Wohlſtandes, welchem dereinſt die 218 alte Welt zinsbar werden wird. Mexico, welches faſt in der Mitte des Erdkreiſes gelegen iſt, kann nach der einen Seite hin mit den Werkſtaͤtten Eu⸗ ropas, nach der andern hin mit den Factoreien Aſiens in Verbindung treten; zwei Oceane, die eine Kuͤſtenſtrecke von funfzehnhundert Stunden Laͤnge beſpuͤlen, dienen ihm von zwei Seiten her als ein verknuͤpfendes Band mit der uͤbrigen Welt, im Nothfall ſogar als eine trennende Scheide⸗ wand. Aber nicht blos die Erzeugniſſe des Bodens und die Anſichten der Gegenden aͤndern ſich mit dem Klima zugleich; ſondern auch auf die Sitten, auf die Wohnung und die Geſichtsbildung des Menſchen aͤußert ſich der maͤchtige Einfluß derſelben. Nur daß der Menſch gerade in dem Maße deſto mehr Kraft und inneres Leben hat, je geringere Le⸗ benskraft und Schoͤnheit die Pflanzenwelt zeigt. Dies kommt daher, weil die Fruͤchte ſeiner Arbeit ihm weit mehr Gedeihen bringen, als die Fruͤchte ſeines Bodens. Auch ſcheint er dies wirklich von jeher gefuͤhlt zu haben; denn nach dem Beiſpiel der fruͤheren und urſpruͤnglichen Bevoͤlkerung draͤngten ſich auch die ſpaͤteren Eroberer des Landes in die hoͤheren Gegenden hin, auf das ungeheure Plateau von Anahuac, dieſen Mittelpunkt der Kultur und Geſittung fruͤherer Zeiten. Hier bluͤhten unter den blutigſten Fehden die Tlascalaniſchen Republiken und die Monarchie der Azteken, dieſe ſtolzen Riva⸗ len, welche man das Griechenland uud das Perſien 2¹9 der neuen Welt nennen koͤnnte; hier ſieht man Staͤdte, geſchmuͤckt mit den Erfindungen des menſch⸗ lichen Geiſtes, mit den ausgeſuchteſten Gegenſtaͤn⸗ den des Luxus, mit den wohlthätigen Erzeugniſ⸗ ſen der Kuͤnſte und Gewerbe, die mitten unter den ehrwuͤrdigen Ruinen einer laͤngſt dahingeſunkenen Ordnung der Dinge ihre europaͤiſche Pracht entfal⸗ ten; hier ſtehen noch uralte Tempel, die ihre Er⸗ bauer und ihre Goͤtter laͤngſt uͤberlebt haben, unge⸗ heure Altaͤre, vor denen die Seele von dem maje⸗ ſtaͤtiſchen Eindruck ergriffen wird und eine gewiſſe religioͤſe Ruͤhrung empfindet, große Waſſerleitun⸗ gen, die der alten Roͤmer wuͤrdig geweſen waͤren, Pyramiden, die an Groͤße jenen Monumenten gleichkommen, welche in den Ebenen Alt⸗Aegyptens ebenfalls durch die Verehrung der Himmelskoͤrper emporgethuͤrmt wurden. Sechs bis acht Nillionen Menſchen ſind die einzigen Inſaſſen dieſes bezaubernden Landes, wel⸗ ches ein Drittheil der Bevoͤlkernng der alten Welt ernaͤhren koͤnnte. Gleichſam als waͤre es von je⸗ her dazu beſtimmt, alle dem, was die entlegenſten Himmelsſtriche erzeugen, zum Vereinigungspunkt zu dienen, geben ſogar die Bewohner durch den Kontraſt ihrer Hautfarbe und ihrer Sitten und Gebraͤuche der ganzen Naturſcene, die ſie beleben, vollends einen ungewoͤhnlichen Anblick. Die drei großen Spielarten unſeres Menſchenſtammes leben hier neben einander; die verſchiedenartigſten Miſchun⸗ gen, die unmerklichſten Abſtufungen von Schwarz, Weiß und Kupferroth laufen hier in einander, waͤhrend daneben viele Familien noch die urſpruͤngliche Bil⸗ dungsform in ihrer ganzen Schaͤrfe beibehalten haben. Warum mußten doch Menſchen aus allen Zo⸗ nen ſich blos darum auf den Hoͤhen der Cordil⸗ leren begegnen, um ſich gegenſeitig zu haſſen? warum mußte dieſer Kaſtenunterſchied, der ſich auf das leerſte Vorrecht gruͤndet, das der Zufall aus⸗ theilt, uͤberall Unterdruͤckung und Feindſchaften verhreiten? Es giebt keine Farbe der menſchli— chen Haut, die nicht von dem Stolz der Weißen irgend einen Rang oder irgend einen Namen er⸗ halten haͤtte. Keine Ariſtokratie in der Welt hat aͤngſtlicher die unteren Staͤnde klaſſifizirt oder beſſer den Haß nach den Rangunterſchieden vertheilt, als hier. Hier triumphiren die Schlauen, deren Grundſatz iſt, die andern zu trennen, um ſelber herrſchen zu können. Der Eingeborne aus den untern Volksklaſſen, der ſchon im Reiche Monte⸗ zuma's zum Poͤbel gerechnet wurde, ſeufzt jezt unter dem Joch der Stellvertreter des ehemaligen aztekiſchen Adels, naͤmlich unter Municipalobrig⸗ keiten, die, anſtatt ihre Mitbruͤder zu beſchuͤtzen, fortwaͤhrend ihre Mitbuͤrger zertreten, um zu ver⸗ geſſen, daß ſie ſelber noch unter hoͤheren Gebie⸗ tern ſtehen. Dieſe Kaziken, obwohl jezt zum Range des kaſtilianiſchen Adels erhoben, verab⸗ ſcheuen den Kreolen, welcher der Nachkomme je⸗ ner Eroberer iſt, von denen ſie einſt beraubt und 221 gepluͤndert wurden. Die Kreolen*), die nur zu oft dem Andenken an das Mutterland untreu ge⸗ worden und gegen die Wohlthaten deſſelben un⸗ dankbar ſind, koͤnnen dem neuen Ankoͤmmling aus der alten Welt die Aemter und Ehrenſtellen nicht verzeihen, womit eine unkluge Politik ihn faſt aus⸗ ſchließlich bekleidet. Zulezt endlich die Kaſten von vermiſchtem Gebluͤt, welche von den reinen Racen gar nicht anerkannt werden, ſtehen in allgemeiner Verachtung. Von den Afrikanern ſpreche ich hier nicht. Der ſchwarze Neger iſt derjenige, dem das Auge im ſpaniſchen Amerika am ſeltenſten begegnet. Kaum ſechstauſend von den Soͤhnen Guinea's zeigen ſich hier und da in Mexico, gleichſam um von den bar⸗ bariſchen Geſetzen Zeugniß zu geben, die nur zu lange die Welt regiert haben. Europa weiß dies noch lange nicht genug; keine Gattung von den Reichthuͤmern dieſer Gegenden wird von dem Schweiß eines Sklawen benetzt, ſondern freie Haͤnde bear⸗ beiten die Schachte in der Erde, ſo wie die Ober⸗ flaͤche derſelben. Selbſt der zinsbare Indianer iſt wirklicher Unterthan, nicht Leibeigener des Eroberers. Die Geſchichte wird dereinſt der ſpaniſchen Monar⸗ chie dies Lob nicht verſagen: nie umgab ein Sie⸗ *) Die Weißen unterſcheiden ſich in Kreolen oder Nachkom⸗ men von Spaniern, die ſich vor Alters ſchon in Mexico niederließen, und in Europaͤer oder Spanier, die ſo eben erſt elngewandert ſind, um da zu wohnen. 222 ger den Beſiegten mit ſo vielen Schutzwachen als hier. Die Geſetze des Mutterſtaates waren für den Eingebornen der neuen Welt weit väterlicher geſinnt, als ſie in den meiſten europäiſchen Mo⸗ narchieen gegen die Bauern derſelben ſind. Ihm iſt die Municipalfreiheit zu Theil geworden, und die Audienzen*) halten das Schwert der Ge⸗ rechtigkeit zu Vertheidigung ſeiner Rechte gezuͤckt; ihm ſteht die hoͤhere Geiſtlichkeit ſchon ſeit drei Jahrhunderten mit ihrem ganzen Anſehen bei; er findet ferner einen maͤchtigen Schutz in dem Ge⸗ genſatz der verſchiedenen Rivalitaͤten, die uber ſei⸗ nem Haupte gegen einander ſtoßen. Allein, waͤh⸗ rend man ſo viel fuͤr die Sicherheit des Eingebo⸗ renen that, warum hat man doch ſo wenig fuͤr die Erziehung dieſes herabgeſunkenen Volksſtammes gethan? Selbſt wohlthaͤtige Einrichtungen wur⸗ den fuͤr ihn verderblich. Die Schutzwehren, die man rings um die Doͤrfer der Indianer aufgefuͤhrt hat, halten vielleicht manche feindliche Angriffe ab, aber ſie haben auch die Aufklärung und den Kunſt⸗ fleiß davon ferngehalten. Die zinspflichtigen Un⸗ terthanen wie ihre Kaziken ſtehen im Sumpfe ih⸗ rer Unwiſſenheit und ihrer Sittenloſigkeit ſtill. Ich weiß wohl, daß man die Schuld dieſer Aus⸗ artung ihrem Charakter und ihrer Anſicht beimißt, und daß man von ihren unzählbaren Laſtern redet; * Obergerichtshofe. 223 allein dies iſt die gewoͤhnliche Sophiſtenſprache der Gewalt.— Es iſt freilich leicht, ein ganzes Volk, das unter dem Druck ſteht, zu verdammen. Ich fuͤr mein Theil, wenn ich eine ganze Nation in Verderbniß ſehe, halte mich hierin jedesmal an ſeine Geſetze; denn es iſt ja eben die Aufgabe jeder Staatsverwaltung, die Gemuͤther auf den rechten Weg zuruͤckzubringen und ſie im Guten zu befeſtigen, den Verſtand aufzuklaͤren, die Sitten zu ordnen und zu verbeſſern. Und dies zu thun— man muß es nur geſtehen, haben ſich die Weißen nur zu oft gefurchtet. Unſere uͤberſeeiſchen Beſitzungen werden ſeit Jahrhunderten durch den hohen Rath von Indien verwaltet. Dieſer, hartnaͤckig und eiferſuͤchtig, wie es alle Koͤrperſchaften der Art ſind, wollte von dem Innern Kaſtiliens aus alle Faͤden dieſes großen Gewebes, das man hoͤchſte Gewalt nennt, in der Hand behalten, ja er wollte alle Orte und alle Zeiten unter ſeine unwandelbaren Syſte⸗ me beugen. Die Furcht bemeiſterte ſich ſeiner Gedanken, die Furcht, dieſe unmoraliſche Rath⸗ geberin, die ihn ſeit dreihundert Jahren die Kunſt lehrt, die Kolonien zu entnerven, um die Rechte des Mutterſtaats zu vertheidigen. Nicht zufrie⸗ den mit der Feindſchaft der verſchiedenen Haut⸗ farben, unterhielt er auch im Innern der einzel⸗ nen Kaſten verſchiedene Innungen und Gewalten, und ſeinen Beſtrebungen iſt es zuzuſchreiben, daß 224 die Kuͤſtengegenden, die Sitze des Handels und zugleich auch der freiſinnigen Ideen, und ander⸗ ſeit, das Plateau, der Aufenthalt großartiger Exiſtenzen, nie einen Augenblick aufgehoͤrt haben, ſich zu verleumden und ſich zu haſſen. Er hat ferner den Metallreichthum mit dem Ackerreich⸗ thum, den Stolz des Prieſterſtandes mit den ri⸗ valiſirenden Anſpruͤchen des Adels, die Juſtizbe⸗ hoͤrden mit den Granden und der Geiſtlichkeit, die Militairgewalt mit der Civilverwaltung in eine feindſelige Beruͤhrung gebracht; und durch dieſen innern Krieg verſtaͤrkt, hat er ſich nicht geſcheut, die Fabrikation und Production zu ver⸗ bieten, die dem Ackerbau und dem erloͤſchenden Erwerbfleiß der Halbinſel eine heilſame Rivalitaͤt gegenuͤber geſtellt haͤtten; er hat ſorgfaͤltig die Duͤrftigkeit im Innern eines Landes unterhalten, das der Kornſpeicher, der Fruchtgarten und die Schatzkammer der Welt ſein koͤnnte. Wie viele Krevlenfamilien, wie viele indianiſche Doͤrfer ſind der Verzweiflung preisgegeben, weil ſie die uner⸗ meßlichen Savannen in ihrer Nachbarſchaft nicht urbar machen duͤrfen, welche ſeit der Eroberung des Landes vermoͤge der Einfuͤhrung der Majorate oͤde und muͤßig da liegen! Indeß neben dieſen kuͤmmerlichen Lebensver⸗ haͤltniſſen erheben ſich, faſt ohne alle vermittelnde Uebergangsſtufen, Reichthuͤmer, die ans fabel⸗ hafte grenzen. Dieſe aͤußerſten Pole der menſch⸗ lichen Geſellſchaft haben gar nichts mit einander 225 gemein, außer die Laſter; denn es giebt in der Armuth wie im Reichthum einen gewiſſen Grad, der ganz gleiche Fruͤchte hervorbringt, naͤmlich: Fuͤhlloſigkeit, Unwiſſenheit, Aberglauben, Vergeſ⸗ ſenheit ſeiner Pflichten und das Beduͤrfniß der Raͤnke, endlich Ausſchweifung, die einzige Zer⸗ ſtreuung eines Daſeins, das alle Quellen des Gluͤcks oder alle Leiden des Unglucks erſchoͤpft hat. DieGeiſtlichkeit, dies Band zwiſchen zwei Staͤn⸗ den wie zwiſchen zwei Voͤlkern, gehoͤrt vermoͤge ihres Stolzes zu den Siegern, durch⸗ihre Schaͤtze zu den Reichen, durch ihre Predigten zu den Be⸗ ſiegten, und zu den Armen vermoͤge ihrer Amts⸗ verrichtungen, ja zu allen Staͤnden durch ihre Macht, ihr Intereſſe und die Bande des Blutes. Ihre Dotation beſteht nicht in Grundeigenthum, ſon⸗ dern in ungeheuern Kapitalen, und dieſe Art von Eigenthum, deſſen Werth von dem jedesmali⸗ gen Beduͤrfniß des Kunſtfleißes, des Ackerbaues und des Handels abhaͤngt, hat den ſeltenen Vor⸗ theil, daß es das Intereſſe der Geiſtlichkeit an den allgemeinen Wohlſtand des Ganzen knuͤpft. Der Einfluß des Klima's, die regſamen Leidenſchaften der eingeborenen Frauen, welche ſich durch die rohe Haͤrte des Indianers empoͤrt fuͤhlen, vielleicht auch die liebevolle Sprache und die innigen Annaͤherun⸗ gen der Religion, der Einfluß eines bedeutenden Anſehens, endlich jene allgemeine Verweichlichung der Sitten und Gewohnheiten, die ſich uͤberall fin⸗ 15 226 det, wo unermeßliche Glücksgäter vorhanden find, ſo viele Urſachen zuſammengenommen haben freilich ſelbſt bis in die chriſtliche Kirche Verderbniß ver⸗ breitet Allein mitten unter den Uneinigkeiten, unter dem Prunk und dem zugelloſen Streben der KFloͤſter haben doch immer noch hohe Tugenden ein⸗ zelner Maͤnner den alten Glanz des Heiligthums zu erhalten gewußt; die Praͤlaten wiſſen ſich die einſtimmige Achtung des Volks zu erwerben, und immer noch finden ſich Biſchoͤfe, die, wie Bartho⸗ meo de Lascaſas oder Vasco de Quiroga, am Hofe zu Madrid die Sache Mexico's und zu Mexico die Sache der Eintracht fuͤhren,— fromme Welt⸗ weiſe, die gern zu gleicher Zeit den Schutz der Ge⸗ ſetze und die Wohlthaten des Evangeliums uͤber die ganze Menſchheit ausbreiten moͤchten! So iſt dieſes Mexico, welches blos eine ein⸗ ſichtsvolle und edelgeſinnte Verwaltung erwartet, um ſehr bald die Welt durch einen wundergleichen Wohlſtand in Staunen zu ſetzen. Ungeachtet ſo vieler verderblicher Staatsgrundſaͤtze, die ſeit der Thronbeſteigung des Hauſes Bourbon, beſonders ſeit der Regierung Karls des Dritten befolgt wur⸗ den, hat die Volksmenge doch zugenommen, die Kuͤnſte und Gewerbe haben ſich entwickelt, die Wiſ⸗ ſenſchaften haben gluͤckliche Verehrer gefunden, die Civiliſation hat in den Geiſtern und Herzen tiefe Wurzeln geſchlagen. Die Befreiung der Vereinig⸗ ten Staaten Nordamerika's und die franzoͤſiſche Re⸗ volution hat uͤber dieſe uͤberſeeiſchen Reiche bisher 227 ungekannte Ideen ausgeſaͤt, ſchon iſt von dieſem furchtbaren Brennſtoff eine Feuersbrunſt aufgegan⸗ gen, und wenn wir uns nicht beeilen, den Indianer und die Kaſten durch die Befreiung von dem druͤcken⸗ den Tribut zu entwaffnen, den Pflanzer durch die Freigebung aller Arten von Anbau, den Kaufmann durch Handelsfreiheit, den Prieſter durch Entfer⸗ nung der fremden Großwuͤrdentraͤger der Kirche, bie ſeinem rechtmaͤßigen Ehrgeiz den Lohn aller ſei⸗ ner Bemuͤhungen entziehen, die Reichen und die Großen durch Zulaſſung zu einer gewiſſen Theil⸗ nahme an der Verwaltung,— wer weiß, was dann das gemeinſchaftliche Zuſammentreten ſo vie⸗ ler Erbfeinde auf die Laͤnge noch gegen die Rechte und das Anſehen des Mutterlandes alles wagen kann? Drittes Kapitel. —— Meine Lehrjahre im Waffenhandwerk legte ich unter dem Himmel Neu⸗Biscajas, an dem noͤrd⸗ lichſten Ende des Reiches, ab. Ich ſtrreifte mit meinen Waffenbruͤdern an den Grenzen der Inten⸗ dantſchaft von Durango hin und her in jenen ein⸗ ſamen Grenzpoſten, deren ſchwache Beſatzung weder hinreicht, den umherſchwaͤrmenden Indianer zu vertilgen, noch den ackerbauenden Indianer zu ſchuͤtzen. Vor mir dehnten ſich unerbaute Steppen 15* 228 hin, die bis zu den Allegany⸗Vergen und an das Nordmeer reichend, zugleich mit den Vereinig⸗ ten Freiſtaaten Nordamerika's, mit dem uͤberatlan⸗ tiſchen Spanien und mit Rußland in Beruͤhrung ſind. Hinter mir hatte ich faſt eben ſo graunvolle Bezirke, deren wenige Bewohner von Schrecken ergriffen ſich nach den entfernten Staͤdten der Z⸗ tendantſchaft gefluͤchtet hatten⸗. Ich lebte, von der Welt durch Wuͤſten geſchi⸗ den, ohne irgend einen Menſchen zu ſehen, außer denen, die ich mit dem Degen in der Fauſt zum Kampf oder zur Verfolgung durch endloſe Einoͤden hinzufuͤhren hatte. Meine Liebe, durch die Leiden, die ich in der Wuͤſte auszuſtehen hatte, hoͤher auf⸗ geregt, zeigte mir in Domingo's Tochter die Quelle eines unermeßlichen Gluͤcks, und meine Einbildungs⸗ kraft, die ſich den feurigſten Traͤumen uͤberließ, ſchoͤpfte daraus nur neue Qualen. Ich brachte die Tage und Monate damit hin, daß ich ungedul⸗ dig ihre Briefe erwartete, ſie voll Entzuͤcken durch⸗ las und immer wieder las. Woher xuͤhrte wohl der Kontraſt ihrer leeren muͤhſam zſammengeſtop⸗ pelten Phraſen mit ihrer leichten und glaͤnzenden muͤndlichen Unterhaltung, waͤhrend dagegen Ma⸗ ria, die in ihrem Benehmen und in ihrer Sprache ſtets ſo einfach war, in alles, was aus ihrer Fe⸗ der kam, ſo viel Leben und Waͤrme ergoß? Ein ſolcher Briefwechſel, worin ich hartnaͤckig blos Nahrung fuͤr meine Liebe ſuchte, bot nur meiner Verzweiftung Nahrung dar 229 Es mußte in dieſen beiden Frauen, die mein Ge⸗ muͤth ſo verſchiedenartig anſprachen, durchaus etwas ganz entgegengeſetztes liegen, was ich nicht begrei⸗ fen konnte. Die gemeinſamen Familienverhaͤltniſſe haͤtten ſie doch ſonſt einander naͤher fuͤhren muͤſſen. Auch ihre Lage war ja faſt ein und dieſelbe. Beide waren unter dem Druck feindſeliger Vorurtheile in die Welt eingetreten; die eine hatte die Macht der⸗ ſelben bereits erfahren, die andere ſollte ſie am Ende noch empfinden. Matea that gegen die Markiſin wie auch gegen meine Eltern wiederholte Schritte, um ſich ihnen zu naͤhern. Don Luis war der einzige, der ſie erwiederte; und zwar that er es mit der gaͤnz⸗ lichen Dahingebung, die in ſeinem Character lag⸗ Zum erſtenmal in meinem Leben aͤußerte ich einen Wunſch gegen meine Schweſter, den dieſe zuruͤckwies. Dieſe Luͤcke in einer Seelenharmonie, die bisher ſo vollkommen geweſen, ſchmerzte mein Gemuͤth und erſchwerte mir durch eine neue Betruͤbniß die Leiden meiner einſamen Lage⸗ Die Graͤfin ward endlich muͤde, einer Freund⸗ ſchaft nachzugehen, die ihr beſtaͤndig verweigert wurde. Maria ſtrahlte damals gerade in dem blen⸗ dendſten Lichte der Hofgunſt, das durch eben die Hand, die mich in der Verbannung hielt, ihr zuge⸗ wendet worden war. Jaime rechnete auf die Ver⸗ fuͤhrungen des Stolzes und der Dankbarkeit; er lenkte die Gnade der Koͤnigin auf die ganz aus aller Faſſung gebrachte Maria. Der Maria⸗Louiſen⸗ Orden uͤberraſchte ſie einſt ploͤtzlich; die Granden 230 — draͤngten ſich um ſie her, und ſchienen es jezt anzu⸗ erkennen, daß der Markis, ohne die Ehre ſeines Ranges bloszuſtellen, ſich habe mit der Enkelin der⸗ jenigen ehelich verbinden konnen, die einſt vor ihm ſeine jetzigen Titel beſeſſen und ihnen Ehre gemacht hatten; die Frauen beneideten ſie um die Huldigun⸗ gen deſſen, welcher der Vertraute des Gebieters von Spanien war. Die Graͤfin, welche fortwaͤhrend von dieſem Hofe zuruͤckgeſtoßen worden war, an welchem jezt die gluͤckliche Markißin im hochſten Glanz der Ehre ſchimmerte, ſchrieb die ſtolze Sprodigkeit derſelben einer beleidigenden Eitelkeit, einer ehrgei⸗ zigen Behutſamkeit zu. Doch der Reiz der Ehren⸗ bezeigungen hatte uͤber ein ſo edles und reines Ge⸗ muth keine Gewalt; fur ſie konnte das Gluck nicht in einer Sphaͤre wohnen, wo der Prunk die Stelle der Wuͤrde, das Rauſchende die Stelle inneren Ge⸗ nuſſes, der fluͤchtige Moment die Stelle der Zukunft, der Blick eines maͤchtigen Boͤſewichts die Stelle des Verdienſts und der Tugend vertritt. Ihr Gemahl, der Kammerherr, der ſeine Tage in den unterwuͤrfi⸗ gen Braͤuchen des Palaſtes zugebracht; gefiel ſich darin, dieſe pomphaften Pflichten zu vervielfältige Doch ihre Unerfahrenheit erhielt durch die Raͤnke Palaſtes, die jezt offen vor ihren Blicken dalagen, eine ſchmerzliche Aufklaͤrung. Sie ſchrieb mir fol⸗ genden Brief daruber. 1* 221 »Seie einem Jee ſeitdem nämlich meine vergoldeten Baͤnder trage, habe ich in der Welt⸗ und Menſchenkenntniß traurige Fortſchritte gemacht, und meine Entdeckungen verurſachen mir ein Gefuͤhl von Erniedrigung und Muthloſigkeit. Ich bin die⸗ ſer leeren Ehrenbezeigungen muͤde, die man von Leu⸗ ten annehmen muß, die man verachtet, und gegen ſolche erwiedern muß, die man nicht achten kann. Man ſpricht ganz laut von einem Umgangsverkehr, gegen den mein Herz ſich empoͤrt; die Nichtachtung der heiligſten Pflichten treibt weder den Strafbaren noch den Schmeichlern eine Schamroͤthe ins Ge⸗ ſicht. Ja es ſcheint ſogar, als ob die Blicke der Maͤnner ſich in dem Maße um die Frauen her draͤn⸗ gen, je mehr dieſe ſich vor der Welt Schande zuge⸗ zogen haben; das heißt doch, mein Geſchlecht mit einer grauſamen Verachtung behandeln.“ »Alles, was mich ſo lange Zeit her in Erſtaunen ſetzte, kraͤnkt mich jezt, da ich jezt in unſerem hoh⸗ len, leeren und muͤßigen Daſein die Politik der Maͤn⸗ ner und deren Wirkungen kennen gelernt habe. Sie geſtatten uns kaum, daß wir zur Noth ſchreiben ler⸗ nen, um ihnen die Laſt der Sorgen fuͤr die Haus⸗ haltung abnehmen zu können. Die Erlernung des Spiels auf der Gitarre oder auf dem Klavier iſt uns blos darum erlaubt, weil wir mit unſeren Accorden ihre unangenehmen Gefuͤhle beſchwichtigen, oder ihre erſtarrten Gemuͤther wieder aufzumuntern vermoͤgen. Doch diejenigen von uns, die der unausſtehlichen —— 232 Mode zum Crotz ſich bis zum Studium der ſchoͤnen Kuͤnſte, zu dem Leſen geiſtreicher Buͤcher, zu den Kenntniſſen erheben, die das Leben aufheitern und erweitern, dieſe können dem unerbittlichen Schickſal nicht entgehen, laͤcherlich gemacht zu werden. Die Eiferſucht und der Stolz der Maͤnner hat, vermoͤge einer wahrhaft unvernuͤnftigen Berechnung, die Un⸗ wiſſenheit und den Muͤſſiggang in das Leben der Frauen eingefuͤhrt, und blos die hochſte ſittliche Ver⸗ berbniß kann die vergifteten Fruͤchte dieſer Barbarei genießen. Da ihr Maͤnner in demſelben Maße, in welchem ihr unſere Beſtimmung herabwuͤrdigtet, ſel⸗ ber ſchlechter wurdet, ſo ſeid ihr ſo weit geſunken, daß ihr ein Vergnuͤgen, ein Beduͤrfniß darin findet, durch eure Rebe wie durch euer Betragen, durch eure veraͤchtliche Behandlung wie durch eure eben ſo kraͤn⸗ kenden Artigkeiten, in uns jene Selbſtachtung zu er⸗ ſticken, ohne die es nichts edles und heiliges im Leben giebt. Es iſt faſt, als ob Gott uns blos eine einzige Beſtimmung, nämlich die, euch zur Augenluſt zu die⸗ nen, und nur einen einzigen Reiz gegeben haͤtte, naͤmlich den der Jugend und der Schönheit. WVir ſind blos die Werkzeuge eurer Leidenſchaften, die Spielwerke eurer Launen, und weil ihr bisweilen vor euern Opfern das Knie beuget, ſo glaubt ihr gegen uns von eurer Anbetung und von unſerer Herrſchaft uͤber euch reden zu können. Aber was iſt das fuͤr eine unheilige Anbetung, die nicht diejenigen Gaben des Himmels im Auge hat, bie in uns als ein Funke der Majeſtät des Hochſten zu betrachten ſind? was 233 iſt das fuͤr eine Herrſchaft, gegen welche ſich unſer BGewiſſen und unſere Frauenwuͤrde emport? Ach, die Maͤnner begreifen uns nicht, die an uns blos Lebensgefaͤhrtinnen haben wollen, die ihnen voͤllig gleich und aͤhnlich ſind, die den bloßen Lugenſchein, die hoͤchſte Entartung der Liebe an die Stelle der ſuͤ⸗ ßeſten und— wie mich duͤnkt— heiligſten Empfin⸗ dung auf Erden ſetzen wollen.“ »Wie kommt es, daß gerade das katholiſche Koͤnigreich, das einzige, wo unſere erhabene Reli⸗ gion ausſchließlich herrſcht, wo ſo viele heilige Diener derſelben an ihren Altaͤren ohne Unterlaß durch ihre Gebete neue Segnungen zu erflehen ſuchen, daß dies gerade dasjenige ſein muß, wo man— wie allge⸗ mein verſichert wird— die Wohlanſtaͤndigkeit am meiſten verletzt, die Frauen am meiſten verkannt ſieht? Man verſichert mich, daß in England, in Frankreich und Deutſchland die Frauen den Platz einnehmen, der ihnen von der Vorſehung angewie⸗ ſen iſt. Dort ſind ſie weder Sklawinnen noch Koͤni⸗ ginnen, ſondern Gattinnen und Mutter; dort giebt es blos eine Verfuͤhrung, die durch ſeltene Eigen⸗ ſchaften des Geiſtes und Herzens hervorgebracht wird, dort ſtehen die Tugenden in Anſehen, die Sprache des Umgangs iſt keuſch und zuͤchtig,„ doch, was ſage ich? Wie kann man an eine ſolche Vollkommenheit glauben, da Großbritanien ketzeriſch, Deutſchland von dem Lutherthume angeſteckt, Frank⸗ reich zur Haͤlfte heidniſch iſt?“ »Wir ſind dazu geboren, daß alle Männer ge⸗ 234 gen uns von ihrer Achtung ſprechen ſollen, doch nur ein einziger von Liebe; nur dann kann unſer Leben edel und ſuͤß ſein. KDeine Briefe machen mich auf meinen Frauennamen recht ſtolz, da du mir anver⸗ trauſt, was er dir fuͤr Gefuͤhle einfloͤßt. Deine Aeußerungen beſtaͤrken mich recht darin, was mir mein Herz ſo oft ſchon wiederholt hat, daß der Gott der Liebe, durch den wir auf der Welt ſind, nicht die ſchwaͤchere Haͤlfte ſeiner Kinder enterbt hat, daß nichts unvollkommenes und grobſinnliches uns je befriedigen kann, daß wir blos dazu da ſind, um euer Daſein zu verſchoͤnern, ihr dagegen, um das unſrige zu ehren. Ach, mein Alonſo, hoͤre nie auf, ſo zu denken! Du wirſt dadurch ſtets einen hoͤheren Werth und ein hoͤheres Gluͤck beſitzen. Vielleicht wirſt du einſt diejenige finden, die der Himmel füͤr dich beſtimmt hat, und wie groß muß die Gluͤckſelig⸗ keit derſelben dann ſein, wenn ſie fuͤhlen wird, wie richtig du ſie wuͤrdigſt, wie wahrhaft du ſie liebſt und achteſt; wie ſtolz wird ſie auf dich ſein, wie beſeligt durch deine Liebe! Aber wird ſie auch ein ſo hohes Gluͤck ganz ju verdienen wiſſen?“„ Jeden Tag erregten die unruhigen Bewegungen in der Welt, die unverſchaͤmte Zuneigung des Com⸗ thurs, und die ärgerlichen Auftritte im Palaſt mehr Muthloſigkeit und Niedergeſchlagenheit in der Bruſt Maria's. Fern von ihr hinweg ſchwanden die Taͤu⸗ ſchungen, welche den Fruͤhling unſeres Lebens zu umgaukeln pflegen, und ſie klagte daruͤber, daß ſie bereits in das Alter getreten ſei, wo jene gaukelnden 235 Jugendtraͤume erloͤſchen, wo die ganze Welt farblos wird und einſchrumpft, wo alle Gegenſtäͤnde dieſer Welt ſich verkoͤrpern, uns mit einer kalten Wirklich⸗ keit umgeben, und unſer Daſein in enge Grenzen ein⸗ zwaͤngen, die wir weder zu achten noch zu uͤberſchrei⸗ ten vermoͤgen. *Der erſte Augenblick, wo man eine ſolche Ent⸗ deckung macht,— ſchrieb ſie mir— iſt fuͤr Frauen etwas entſetzliches, fuͤr ſolche wenigſtens, die, wenn alles um ſie her ſtockt und zu Eis erſtarrt, unter die⸗ ſem harten Himmelsſtrich noch ein glaͤhendes und regſames Leben in ſich bewahren. Wir ungluͤcklichen haben nicht, wie ihr, hohe Pflichten zu erfullen, in erhabenen Scenen mitzuhandeln, Gefahren und Hin⸗ derniſſe zu beſiegen. Ach, ſegne, ſegne dein Loos! Du haſt durch deinen Mannesnamen das Recht und die Kraft zu handeln empfangen; ich dagegen ver⸗ mag nichts, und dieſer Gedanke hat etwas grauſa⸗ mes fuͤr mich, wovon mein Herz erbebt. Ich ſchreibe oft ganze Blaͤtter voll, denen ich meine in⸗ nerſten Gedanken anvertraue, und adreſſire ſie an dich, als an das einzige Weſen in der Welt, das mich verſteht; dann erinnere ich mich wieder an meine Beſtimmung, und vernichte wieder die Kinder meiner traurigen Phantaſieen. In meiner Verzweif⸗ lung eile ich dann oft an den Fuß der Altäre, und ich fuͤhle dann, daß die milde Gewalt der Religion allein mich zu beruhigen vermag. Indeß läſtige Pflichten entreißen mich dann ſogleich wieder meiner Einſamkeit und treiben mich in den Kreis eitler und leerer Zerſtreuungen, unter denen ich, wie der Mar⸗ kis verlangt, nach ſeinem Veiſpiel mein ganzes Le⸗ ben hinbringen ſoll. Wie ſehr beneide ich unſerem Bruder Pablo die Stille und den Frieden ſeines kloͤ⸗ ſterlichen Lebens! Wie gluͤcklich ſind die Braͤute des Heilands, daß ſie ohne alle Zerſtreuung blos unter erhabenen Betrachtungen leben koͤnnen, die den Ue⸗ bergang aus dieſem lebendigen Nichts zu der ewigen Ruhe ſo ſehr erleichtern!— Ruhe! ach, werde ich dich wohl je noch wiederfinden, außer einſt unter dem deckenden Leichenſteine?“ Dieſelbe Poſt hatte mir außer Maria's Briefe auch noch ein Schreiben von meinem Bruder und zwar folgendes Inhalts mitgebracht. »Die Empfindungen, die mich bei meinem Ue⸗ bergange aus dem WVeltleben ins Kloſterleben beglei⸗ teten, ſind mir auch unter dem haͤrenen Moͤnchs⸗ kleide noch treu geblieben. Die Strenge der Ordens⸗ regel hat dieſelben nur noch mehr aufgereizt. Der gefuͤhlloſe und faſt viehiſche Gehorſam, der von uns gefordert wird, empoͤrt mein Gemuͤth, das an die milde Behandlung im vaͤterlichen Hauſe gewoͤhnt iſt. Die Einfoͤrmigkeit unſerer Andachtsuͤbungen, die Menge nichtsfrommender Pflichten, die das unwan⸗ delbare Erbtheil aller unſerer Lebenstage ausmachen, laſſen in meinem Innern eine Leere, die ſich mit Er⸗ innerungen und unkloͤſterlichen Gedanken ausfuͤllt. Nicht blos, daß dieſe duͤſtern und ſtummen Gewoͤlbe, dieſe abſchreckenden Zellen, dieſes Kleid von grober Wolle, das Feuer, das mich verzehrt, noch mehr an⸗ fachen; ſondern noch mehr, muͤßig an Kopf und Herzen ungeachtet einer immerwaͤhrenden Beſchaͤfti⸗ gung, ganz allein ſtehend mitten unter zweihundert Augenzeugen meines Lebens, gezwungen, alle meine Empfindungen zu erſticken, alle meine Leiden zu ver⸗ ſchweigen, werde ich einer unausſprechlichen Ver⸗ zweiflung zur Beute. Das Gefuͤhl meiner Verlaſ⸗ ſenheit ſteigert vollends meine Schmerzen, und zu⸗ gleich meine unbeſtimmte, ungeduldige Sehnſucht.“ »Indeß das Bewußtſein, daß ich in meinem Innern Unrecht thue, macht mich in Gegenwart mei⸗ ner Obern zu ſchwach, um mir es zu erlauben, das Joch der ſtrengen Kloſterzucht auch nur durch die leichteſten Fehltritte abzuſchuͤtteln. Allein wird mir wohl auch Gott die Gemuͤthsſtimmungen verzeihen, die ich ſo oft an den Fuß der Altaͤre mitbringe? Ach, uͤber welche Wuͤnſche wuͤrde ich dem hoͤchſten Richter Rechenſchaft ablegen muͤſſen, wenn einmal ein Blitzſtrahl mich traͤfe, wenn ich in der Kirche auf den Knieen liegend, mit niedergeſchlagenen Au⸗ gen, mit beweglichen Lippen die heiligen Hymnen herſage, oder wenn ich ganze Stunden lang in ſtum⸗ mer Begeiſterung die Werke der großen Meiſter Flan⸗ derns, Spaniens und Italiens betrachte! O Ra⸗ phael, warum hat doch dein Genius der todten Lein⸗ wand ſo viel Leben eingehaucht, und den Geſtalten, die dein Pinſel ſchuf, ſo viel Seele verliehen?“ »Wenn die übrigen Bruͤder nicht etwa ein feſtes und gebieteriſches Vorurtheil hegen, ſo empfinden ſie gewiß großentheils ganz eben ſolche Qualen wie 238 ich. Die Verwandtſchaft des Characters hat mich allmaͤhlig an einen Hieronymiten eng geknuͤpft, der mir zum Fuͤhrer gegeben worden war. Wir wagten es, ſtufenweiſe einander unſere geheimſten Empfindun⸗ gen anzubertrauen, endlich ergoſſen unſere Herzen ſich ganz in einander. Es ergab ſich, daß ganz die⸗ ſelben Unruhen und Zweifel uns ganze Tage und ganze ſchlafloſe Naͤchte hindurch angſteten. Wir beweinen nun beide gemeinſchaftlich die Verwegen⸗ heit eines Vaters, der uber eine ganze Lebenszukunft verfuͤgt, der die biegſame Unkunde eines jugendli⸗ chen Alters benutzt, um ſeinen Sohn zu dem Schwur zu vermoͤgen, daß er von nun an abgeſtorben gegen alle Neigungen und Beſtrebungen der Welt, der Wohl⸗ thaten des Himmels verluſtig, kurz in einem Zuſtande leben wolle, wo er jene Kraͤfte der Seele und des Geiſtes, die Gott zur Erhabenheit und zum Gluck der menſchlichen Beſtimmung ſchuf, entweder unge⸗ braucht laſſen oder gegen ſich ſelber kehren muß.“ »Er iſt aͤlter als ich, beſitzt eine umfaſſende Ge⸗ lehrſamkeit, und benutzt dieſe gern dazu, um mei⸗ ne Unerfahrenheit bei der Wahl der Buͤcher, die mich in meiner Langeweile aufheitern ſollen, zu lei⸗ ten. Ich folge ihm auf ſeinen Streifereien durch das Gebiet der auslaͤndiſchen Literatur. Mit Ab⸗ ſcheu weiſen wir die Schriften jener Philoſophen von uns, die aus einer gewiſſen Vertilgungsſucht es wagten, an Gott ſelber ſich zu vergreifen und an die heilige Bundeslade der Offenbarung ihre ruchloſen Haͤnde zu legen; dagegen troͤſten uns wie⸗ 239 derum in unſerem Schmerz die Werke jener großen Maͤnner, welche die Irrthuͤmer und die wahren Dog⸗ men, die Menſchenſatzungen und die echten Glau⸗ benslehren zu ſcheiden wußten. Wir uͤberzeugen uns dann, daß unſer muͤßiges Daſein ein Ungluck fuͤr den Staat ſo wie fuͤr uns ſelber iſt, und unſere Wuͤnſche eilen dem Dage entgegen, wo dieſe barba⸗ riſchen Einrichtungen dahinſinken und unſerem ge⸗ feſſelten Leben die Freiheit wiedergeben werden.“ »Die Nation befindet ſich in jenem Zuſtand von Unbehaglichkeit, der gewoͤhnlich großen politiſchen Bewegungen vorherzugehen pflegt; Spanien geht es gerade ſo wie den Reichen des Orients. Die unumſchraͤnkte Gewalt erlaubt den Privatneigun⸗ gen nicht, auf dem Throne Wurzel zu faſſen; wer da ſagen kann: der Staat, das bin ich! iſt kein Menſch mehr; das Familienintereſſe ſchwindet in ſeinen Augen, vor einem groͤßeren und theureren Intereſſe. So ſehen wir denn auch von einer Re⸗ gierung bis zur andern den Prinzen von Aſturien ſtets an der Spitze einer Verſchwoͤrung ſtehen, die gegen die Ausuͤbung des koͤniglichen Anſehens ge⸗ richtet iſt. Karl der Vierte hatte ſeine Parthei noch bei Lebzeiten ſeines Vaters, er ging ſo weit, die Miniſter des großen Koͤnigs, dem er ſein Le⸗ ben verdankte, niederzuſtoßen; als er nun Herr der Monarchie geworden war, mußte er ſich auf ein gleiches Schickſal gefaßt machen; der Enkelſohn nimmt Rache fuͤr den Großvater.“ Man will verſichern, daß diesmal der junge Prinz nicht der angreifende Theil ſei, man ſpricht von einem ruchloſen Haß, den das Herz einer Mutter bei der Wiege ihres Sohnes geſchworen habe; ich weiß nun zwar nicht, ob Spanien uͤber eine ſo ab⸗ ſcheuliche Erſcheinung betruͤbt iſt, allein ich weiß ſo viel, daß der Friedensfuͤrſt ungeachtet aller Einker⸗ kerungen und Landesverweiſungen es nicht verhin⸗ dern kann, daß nicht eine Parthei um den Kron⸗ erben ſich ſammelt.“ »Don Ferdinand lebt mit ſeiner jungen und ſchoͤnen Gemahlin in dieſe Einoͤde verbannt, und wir haben den Heerd, auf dem die ihn umringenden Intriguen geſchmiedet werden, vor unſern Augen.“ »Schon laͤngſt hat ſich eine klöſterliche Parthe gebildet, welche dem Friedensfuͤrſten ſeine Nachſicht gegen die franzoͤſiſche Revolution, das minder blu⸗ tige Verfahren der Inquiſition, die Fortſchritte der neuen Ideen nicht verzeihen kann, und ſie verabſchent ſeine Wohlchaten mehr noch als ſein anſtoßiges Be⸗ tragen, weil dieſe Wohlthaten blos aus jener allge⸗ meinen Schlaffheit einer ſchwachen, unentſchloſſe⸗ nen, unachtſamen und dem nuͤgen ergebenen Regierung entſprungen ſind. Donna Antonia, die Tochter der Koͤnigin Karoline, hegt einen heftigen Haß gegen die große Befreiung von 1789 und ge⸗ gen die kaiſerliche Gewalt, die daraus hervorgegan⸗ gen iſt. Don Ferdinand mußte naturlich dieſen Anſichten ſeiner Gemahlin beitreten; die Hoffnun⸗ gen des Kloſterbundes beruhen nun ganz auf ihm, und da Godoy ein enges Buͤndniß mit dem Kabi⸗ 241 nett der Tuilerien geſchloſſen hat, ſo verbinden ſich die Feinde des Friedensfuͤrſten mit den Feinden Napoleons, und England iſt ihre auswaͤrtige Stuͤtze. So verleiht denn alſo Großbritannien ungeachtet ſeiner freien Verfaſſung und ſeines ketze⸗ riſchen Kirchenthumes den Gegnern der Fort⸗ ſchritte des menſchlichen Geiſtes, den Verfechtern der alten Irrthuͤmer den Beiſtand ſeines Waffen⸗ buͤndniſſes, und der Name des franzoͤſiſchen Kai⸗ ſers erſcheint uns im Gegentheil gleichbedeutend mit den beiden Worten: Reformen und Auf⸗ klaͤrung.“ »Der Bruch des Friedens von Amiens, ber das Intereſſe unſerer am Meere liegenden Provin⸗ zen vernichtet, hat nun noch das engliſche Syſtem durch maͤchtige Beiſtaͤnde verſtaͤrkt. Unſere Kauf⸗ leute machen nun, ungeachtet ihrer republikani⸗ ſchen Ideen, mit der kirchlichen Parthei gemeinſa⸗ me Sache. Und ſo ſind denn zwei feinbliche Heere durch gleiche Gefahr unter eine und dieſelbe Fahne verſammelt, und ruͤcken gemeinſchaftlich in den Kampf, um nach dem Siege einander umzubringen.“ »Die reichhaltige Bibliothek unſeres Kloſters beſucht taͤglich und zwar ganze Stunden lang ein eng⸗ liſcher Literator, gegen den ich eine geheime Abneigung fuͤhle. Ich ſehe in Sir Georges einen Beſchuͤtzer der Ketten, unter denen ich ſeufze, auch unterhaͤlt er ei⸗ nen innigen Verkehr mit einer Perſon, die durch ihre wuͤthend ultramontanen und knechtiſchen Anſichten ſelbſt unſere Kloſtergemeinde in Staunen ſetzt.“ 3 16 242 »Fray Cayetano, ein Katalonier von niedriger Herkunft, iſt, obwohl er noch ſehr jung iſt, neuer⸗ dings zum Pater Provinzial des Dominikanerordens ernannt worden. Er kommt oft und nimmt die Gaſtfreundſchaft unſeres Kloſters in Anſpruch, und wir zweifeln nicht, daß ſeine Beſuche mehr dem Hofe, als dem Kloſter gelten. Er, ein unerſchuͤt⸗ terlicher Verfechter des Altars, formt Gott und die Menſchen nach ſeinem eigenen Bilde, indem er dem erſten ſein Streben nach irdiſcher Herrſchaft, den lezteren ſeine Lehren von kloͤſterlichem Gehorſam aufdraͤngt.“ »Fray Cayetano beſchuldigt die Mehrzahl der Ordensgeiſtlichen von San Lorenzo der Laulichkeit. Wie kann er nun aber mit einem Fremdlinge ein⸗ verſtanden ſein, der ſich im Zuſtand der Empoͤ⸗ rung gegen die roͤmiſche Kirche befindet? Dieſe unnatuͤrliche Verbindung floͤßt uns gegen die eng⸗ liſche Parthei ein gerechtes Mistrauen ein. Wir ſagen uns oft, daß Großbritannien den Grund⸗ ſaͤtzen, mit denen ſeine eigenen Geſetze und ſei⸗ ne Religion im Widerſpruch ſtehen, gewiß nicht ſeinen Beiſtand leihen wuͤrde, wenn nicht der Triumpf derſelben die Quellen unſeres oͤffent⸗ lichen Wohls fuͤr immer austrocknen muͤßte. Dieſe Macht will den Alleinbeſitz der Freiheit, weil dieſer ſodann den Alleinbeſitz des Reichthums und des Ruhmes verheißt.“ »Alles laͤßt erwarten, daß große Begebenheiten im Werke ſind. Sittenverderbniß und Zwietracht 243 herrſchen am Hofe, Erbitterung in den Städten und auf dem Lande. Warum ſoll dein armer Bru⸗ der muͤßiger Zuſchauer der großen Scenen bleiben, die unſerem Vaterlande eine neue Geſtalt geben werden? warum ſoll Maria fortwaͤhrend im prun⸗ kenden Schimmer des Hofes glaͤnzen, die Bahn des Ehrgeizes und der Ehre durchlaufen, waͤhrend der ungluͤckliche Pablo„„„„„ Hier brach der Brief ab. Ich wunberte mich, wie Fray Pablo aus ſeiner Floſterzelle neidiſche Blicke auf mein Schickſal und auf das der Markiſin werfen konnte, waͤhrend ſie und ich unter vergol⸗ deten Zimmerdecken wie auf den einſamen Savan⸗ nen dieſelben feurigen Wuͤnſche und dieſelbe Ver⸗ zweiflung mit uns umhertrugen. So verwegen ſind aber uͤberhaupt die Wuͤnſche und die Sehn⸗ ſucht des Menſchen! Stets mit ſeinem Looſe un⸗ zufrieden, glaubt er immer, ſeines gleichen werde vom Schickſal beſſer behandelt als er, und wenn er nun in die Geheimniſſe der fremden Bruſt ein⸗ dringen koͤnnte, was wuͤrde er da meiſt finden?— den Kummer, der ihn ſelber verzehrt. Der Koͤnig und der Hirt haben aus den Haͤnden der gerechten Vorſehung ein und daſſelbe Loos empfangen, und die aͤußern Umſtaͤnde machen eben ſo wenig das Gluͤck aus, als der Putz die Schoͤnheit ausmacht; hoͤchſtens vermindern oder erhoͤhen ſie dieſelbe.“ Nach einem Zwiſchenraum von zwei Monaten erhielt ich von meinem Bruder die Fortſetzung ſei⸗ nes vorigen Briefes. 16* 244 „Eines Abends— ſchrieb er mir— war die ganze Luft von den Duͤften des Fruͤhlings durch⸗ balſamt. Ich war zufaͤllig in den Garten der In⸗ fanten hinabgegangen, und waͤhrend ich die Schat⸗ tengebuͤſche des Cerro Machota durchſtreifte, ver⸗ hoͤrte ich den Ruf der Kloſterglocke, welche die Bruͤ⸗ der zu ihrem heiligen Geſchaͤft rief. Der Dag war gluͤhend heiß geweſen, und ich athmete daher mit Luſt jene erſte Nachtkuͤhlung ein, welche in einem von Blumen durchdufteten Garten, unter Blaͤt⸗ tergewoͤlben, die von liebeluſtigen Melodieen wie⸗ derhallen, ſo unbeſchreiblich anmuthig iſt, zumal dann, wenn die Natur— ſo zu ſagen— voll inniger Wolluſt iſt. Ich genoß dieſe geheimniß⸗ volle Naturſcene nicht ohne das tiefe Gefuͤhl, daß das Schoͤpfungswerk hoͤchſt unvollkommen ſein wuͤrde, wenn der Sohn Adams auf der Erde all⸗ ein geblieben, und wenn die Welt dieſe zugleich ſo berauſchenden und ſo feierlichen Momente fuͤr ihn allein darboͤte. Gluͤhende Seufzer entſchluͤpf⸗ ten meiner Bruſt. Auf einmal ſchien ein fremder Laut mir zu antworten. Ich bebte;“ es waren ſchluchzende Seufzer. In meiner Naͤhe, am Fuß einer Steineiche, ſaß eine Frau und weinte. Ihre Augen, welche Thraͤnen vergoſſen, ſchienen blos dazu geboren zu ſein, um den Prunk koͤniglicher Groͤße und Feſte zu erblicken. In den Zeiten, wo⸗ rin wir leben, haben die Bourbons, wie einer von ihnen geſagt hat, ſterben gelernt; ſie haben alſo auch wohl noͤthig, weinen zu lernen. Doch die 24⁴⁵ erhabene Antonia ſeufzte nicht unter dem Druck ber Volkswuth; ſondern despotiſche Gewalt, eine ruchloſe Mutter, ein Guͤnſtling, beſtochene Tra⸗ banten ſind es, die ein Daſein truͤben, das von Natur und Gluͤck wetteifernd mit allem ausge⸗ ſchmuͤckt wurde, um auf der oberſten Hoͤhe menſch⸗ licher Zuſtaͤnde zu glaͤnzen. Neben der Siciliane⸗ nerin*) und mit ihrem Schmerz den ihrigen ver⸗ einend, ſaß eine Frau, die mein Auge in Ver⸗ wunderung ſetzte. Ein heller Lichtſtrahl ruhte ver⸗ klaͤrend auf ihrem Geſicht und auf ihrer Geſtalt. Ich blieb ſtehen. Es war eben dieſelbe Fremde, deren Anblick in mir an dem Tage, wo ich meinem Grabe zu reiſte, eine Glut entzuͤndet hatte, die noch immer fort brannte. Sie entfernte ſich, in⸗ dem die Prinzeſſinn, welche durch mein ploͤtzliches Erſcheinen erſchreckt worden war, ſie mit ſich fort⸗ zog. Mein Blick verfolgte ſie bis an die Lichtun⸗ gen der Herreria. Es verging eine lange Wei⸗ le, ich weiß ſelbſt nicht wie lang, ehe ich den Ruͤck⸗ weg nach meiner Zelle antrat.“ »Meine Verlegenheit verrieth genugſam, daß meiner Verſpaͤtung eine ſtrafbare Urſache zum Grunde liege. Ich konnte meine Zuflucht nicht zu einer Luͤge nehmen; nicht etwa aus Dugend, ſon⸗ dern aus Schwaͤche. Maͤnner, deren Lebenswan⸗ del nicht dnrchaus ohne Flecken war, bewaffneten *) In der ſpaniſchen umgangsſprache bezeichnet man Prinzeſſin⸗ nen oft mit dem Ramen ihres Vaterlandes. —— 246 ſich gegen meinen Fehltritt mit der ganzen Strenge der Kloſtergeſetze. Soll ich dir es geſtehen? Ich ſtieg in das finſtere Gefaͤngniß erſt hinab, nachdem man mich durch die unedelſte aller Zuͤchtigungen ge⸗ brandmarkt hatte. Verwuͤnſcht ſei auf ewig dieſes Ordensgeluͤbde, welches den Menſchen zugleich aller Wuͤrde und alles Gluͤcks beraubt! Ich eriſtire nur noch, um zu haſſen und ach, zu liebenz eine wahn⸗ ſinnige Leidenſchaft zehrt mich auf. Ich wuͤnſchte mir Gluck, daß ich in meinem finſtern Aufenthalts⸗ orte mich ganz frei mit meinen Traͤumen, mit mei⸗ nen Erinnerungen und mit meinen Qualen allein be⸗ fand;— frei! und zwar zum erſtenmal. Kein Blick brachte mich aus meiner Faſſung, keine Pflicht kam, um meine Stunden zu beherrſchen, oder um meine Gedanken zu zerſtreuen oder zu beklemmen. Endlich ward ich wieder ans Lageslicht gebracht, aber ich brachte in das Kloſter eine neue Aufregung in mir zuruͤck, das heißt, das Beduͤrfniß einer neuen Verſtellung. Das iſt nun einmal das Lvos meiner Beſtimmung, ein unwuͤrdiges Loos, das mir oft eine Schamroͤthe uͤber mich ſelber ins Geſicht tteibt. Der Beruf, den man mir auferlegt hat, verurſacht mir nicht blos Pein und Kummer, ſondern buͤrdet mir auch Laſter auf. Die Gewohnheit des Zwanges und der Falſchheit entnervt meinen Character, und es giebt ja doch keine Tugend ohne Kraft, keinen Ruhm ohne dieſe.“ Der traurige Pablo ſah bald nachher Maria, welche genoͤthigt wurde, dem Hofe nach ſeinem Sitze 247 ins Escurial zu folgen. Sie hatten das ſuͤße Ver⸗ gnuͤgen, mit einander weinen zu koͤnnen⸗ Dieſer Hof, welcher ſeine anſtoͤßigen Scenen an dem Grabe laͤngſt hinabgeſunkener Koͤnige ſpielte, und die Stille eines Kloſters durch das Geraͤuſch tauſend ſtrafbarer Leidenſchaften ſtoͤrte, empoͤrte die junge Markiſin mehr als jemals. Dagegen war ſie von der Prin⸗ zeſſin von Aſturien ganz entzuͤckt, die von Tugend und Anmuth ſtrahlte, und die ſich noch durch eine ſeltene Characterkraft der oͤffentlichen Achtung em⸗ pfahl. Die Liebe eines ganzen Volkes entſchaͤdigte ſie und ihren Gemahl fuͤr die Leiden und die Lange⸗ weile ihrer Gefangenſchaft. »Die hohen Gefangenen— ſchrieb mir meine Schweſter— haben niemanden um ſich als Kerker⸗ meiſter. Godoy hat ſich zum Verwalter ihrer Ein⸗ kuͤnfte aufgeworfen. Antonia darf ſich nicht einmal das geringſte in ihrer haͤuslichen Einrichtung beſor⸗ gen; ihr Feind hat ſogar die Basquine*, die ſie traͤgt, beſtellen laſſen. Man ſcheint ſie durch den Druck des unglucks zu irgend einer Widerſetzlich⸗ keit zwingen zu wollen, um ſodann vor den Augen der Welt irgend einen ungeheuern Gewaltſchritt rechtferti⸗ gen zu koͤnnen. Ganz Spanien beſchuldigt eine Mutter, daß ſie darauf hinarbeite, eine blutige Luͤcke in der Thronfolge zu machen, deren Ausfuͤllung ſodann der Guͤnſtling uͤber ſich nehmen wuͤrde.“ »Nicht genug, daß die Trabanten uͤber jede ih⸗ *) Ein kurzer und enger Rock, ohne Beſatz, den die Spa⸗ nierinnen auer Stände tragen.— 248 rer Aeußerungen, ihrer Blicke und Aeußerungen ein forfaͤltiges Protokoll fuͤhren,— ſoll ich es ſagen, daß die Nachſpuͤrungen der Tyrannei ſie ſogar bis an ihr eheliches Lager verfolgen? Jeden Abend, wenn alle Beobachter entfernt und alle Lichter aus⸗ geloͤſcht ſind, ruͤcken die beiden Ehegatten ganz leiſe ihr eheliches Bette fern von der Mauer hinweg, die, wie ſie wiſſen, eigens dazu eingerichtet iſt, um ſie zu verrathen. Hier erſt wagen ſie dann im Stillen ei⸗ nige Thraͤnen zu wechſeln, und vor Anbruch des Tages kehren ſie dann wieder, voll Freude daruͤber, daß ſie auf kurze Zeit ihre Feinde zu hintergehen ver⸗ mochten, an den Ort zuruͤck, wo beſtaͤndig das Ohr eines Angebers lauſcht, um jene innigeu Herzenser⸗ gießungen zu behorchen, die doch eigentlich keinen andern Zeugen haben ſollen, als Gott und die ver⸗ ſchwiegene Nacht. Don Ferdinand waͤchſt auf dieſe Weiſe in Sklawenfeſſeln groß, wie wird er dereinſt im Stande ſein, als König zu leben?“ »Unter ſo ungluͤcklichen Umſtaͤnden muß natür⸗ lich der Name Ferdinand, dieſer erinnerungsreiche, glorreiche Name, in der Liebe des Volks reißende Fortſchritte machen. Alle Leiden des Vaterlandes ſcheinen ſich uͤber ſein erhabenes Haupt zu haͤufen, und Spanien verehrt in ihm den Stellvertreter des oͤffentlichen Elends. Alles leidet, alles ſeufzt, von einem Ende des Reichs bis zum andern. Die Sil⸗ berſteuer Amerika's gelangt eben ſo wenig mehr an unſere Kuͤſten, als deſſen Bodenserzeugniſſe, Handel giebt es fuͤr uns nur noch uͤber die Pyrenäem, und 249 dort erſcheint er, wie verſichert wird, bei dem Ver⸗ fall unſerer Fabriken ganz wie ein neuer Krebsſcha⸗ den. Unterdeß laſtet eine Milliarde*) von Schul⸗ den auf dem Staate; unſere Paͤchter, die mitten unter dem Reichthum ihrer Producte darben, bieten uns den Ertrag ihrer Ernten an, und vermoͤgen nicht ihre Pacht zu zahlen, die Armen haben keine Arbeit, und die Reichen keine Einkuͤnfte, Verzweif⸗ lung, Mord und Hunger verbreiten ſich durch das flache Land und fallen unſere Staͤdte an, Peſt und Krieg blokiren unſere Kuͤſten, die ganze Armee bet⸗ telt an den Heerſtraßen, die Nation, die ihr Haupt unter die Schmach und unter die entſetzlichen Land⸗ plagen beugen muß, hat zu ihrer Vertheidigung blos fruchtloſe Seufzer und inbruͤnſtige Gebete; dieſe Klagen eines ganzen Volkes dringen aber nicht bis an den Fuß des Thrones„„ Wir wollen hoffen, daß der Himmel ſie endlich erhoͤren wird.“ Maria, anſtatt die geheimen Gefuͤhle ihres Her⸗ zens zu verbergen, ſcheute ſich im Gegentheil nicht, die Bewunderung, die ſie fuͤr die hohen Unterdruͤck⸗ ten empfand, vor den Augen aller an den Tag zu legen. Der Comthur hatte bisher auf das Verfuͤh⸗ reriſche der Hofgunſt gerechnet; allein jezt— ſei es nun, daß er den Einfluß der Ungnade verſuchen wollte, oder daß er fuͤr ſeine eigene Perſon beſorgt wurde,— zog er den maͤchtigen Arm zuruͤck, der die Markiſin bisher in einer feindſeligen Atmoſphaͤre em⸗ — *) Tauſend Millionen. porgehalten hatte, und ſogleich fielen nun der Groll der Schmeichler des Friedensfuͤrſten und die Vorur⸗ theile der Granden um die Wette uͤber ſie her. Der Hof ward ihr verboten, die Damen ihres Ranges hoͤrten auf, ſie als ihres gleichen zu behandeln, und mitten in Madrid befand ſie ſich auf einmal in einer tiefen Einſamkeit; denn die Ungnade des Hofes hat die wunderbare Zauberkraft, eine thebaiſche Wuͤſte ſogar mitten im Schvoße einer volkreichen Stadt her⸗ vorzubringen. Blos die Oberin des Kloſters*** und Don Carlos blieben ihr noch treu. Es erhoben ſich ſogar Stimmen, die ſie der Undankbarkeit an⸗ klagten, weil ſie den Wuͤnſchen des maͤchtigen Man⸗ nes kein Gehoͤr gegeben, der— wie man verſicherte — der Stifter ihrer vornehmen Heirath geweſen, und ſie dazu berufen hatte, ihren unbedeutenden Na⸗ men hinter hohe Titel zu verbergen. So traf denn noch einmal das Verdammungsurtheil der Welt ge⸗ rade diejenige, die ſich geweigert hatte, es zu ver⸗ dienen. ——————— ——— Sechstes Buch. Fortſetzung des Manuſcripts von Ainhoa. erſtes Kapitel. — Das Stubium des Kriegsdienſtes unb die damit verbundenen Anſtrengungen trugen dazu bei, mir den Gang der Zeit etwas weniger langweilig und druͤ⸗ ckend zu machen, und einige gluͤckliche Zufaͤlle beguͤn⸗ ſtigten meine erſten Waffenthaten. Ich war ſo eben zum Grade eines Kapitaͤns befoͤrdert worden, und hatte daruͤber eine der groͤßten Freuden meines Le⸗ bens empfunden, als auf einmal innere Unruhen mein Regiment aus den duͤrren Ebenen, die ſich laͤngs dem Carcal hinziehen, nach dem äußerſten Ende der Sierra Madre hinriefen. Boͤſe Geruͤchte hatten die Landbewohner zur Ver⸗ zweiflung gebracht. Es war bekannt geworden, daß der hohe Rath von Indien aus Nachgiebigkeit gegen den Argwohn des Mutterſtaates an den Vicekoͤnig den Befehl abgefertigt hatte, die Weinreben ausrot⸗ ten zu laſſen, die ſeit einigen Jahren der Hauptreich⸗ thum mehrerer noͤrdlichen Gegenden geworden wa⸗ ren. Die Klugheit der Oberbehoͤrde hatte nun zwar die Ausfuͤhrung dieſes verwegenen Unternehmens —— ——————————— 252 gehemmt; allein die Pflanzer hatten auf die Nach⸗ richt von der bevorſtehenden Gefahr die Waffen er⸗ griffen, und waren durch Ueberlaͤufer von den Pro⸗ vinzialmilizen verſtaͤrkt worden. Aus Haß gegen die Kreolen waren die Kompagnieen der farbigen Leute gerade diejenigen, die fuͤr die Fahnen des ſpa⸗ niſchen Vaterlandes die unverletzlichſte Treue be⸗ waͤhrten. An der Spitze der Unzufriedenen hatte ſich ein Mann geſtellt, der fruͤher in Havana irgend ein un⸗ bedeutendes Handelsgeſchaͤft getrieben hatte. Don Marcos hatte ſich ſpaͤter in die Gebirge von Guachi⸗ nango zuruͤckgezogen und ſein geringes Vermoͤgen fuͤr jene mexikaniſche Eitelkeit dahingegeben. die der katholiſche Koͤnig als die ergiebigſte Mine ſeiner Do⸗ maͤnen zu bearbeiten pflegt; kein Opfer war ihm zu groß geweſen, um ſich den Vorzug zu verſchaffen, in der Miliz Epauletten tragen zu duͤrfen, und um ſich den Rang, den er ſich durch dieſe koͤnigliche Gunſt erworben, noch mehr zu ſichern, hatte er ſo eben mit ſchweren Koſten von der Audienza ein Dekret zu⸗ wege gebracht, wodurch ſein ſchwarzbraunes Geſicht fuͤr weiß erklaͤrt wurde. Stolz darauf, einen ſol⸗ chen Ditel dem Augenſchein zum Trotz fuͤhren zu koͤn⸗ nen, wuͤrde er ein treuer Unterthan geblieben ſein, wenn die Verwaltungsbeamten nicht vorher ſeine Tabackspflanzungen ausgerottet und jezt ſeine noch uͤbrigen Anpflanzungen bedroht haͤtten. Ein ſpani⸗ ſcher Lakai gab ihm vollends noch durch kecke Schmaͤ⸗ hungen den triftigſten Anlaß zu neuen Beſchwerden. 253 Dieſer Elende, der ſich durch das Beiſpiel ſeines Herrn, eines maͤchtigen Beamten, zu gleicher Anmaßung berechtigt glaubte, hatte es ſich zum Geſchaͤft gemacht, ſo oft er Don Marcos in Uni⸗ form und unter den Waffen ſah, ganz öoͤffentlich uͤber die zweideutige Farbe ſeiner Haut bittere Spottreden zu fuͤhren, und zwar mit jener euro⸗ paͤiſchen Unverſchaͤmtheit, deren Anſtoͤßigkeit das Mutterland laͤngſt ſchon hätte aus dem Wege raͤumen ſollen. Der Kreole raͤchte ſich dadurch, daß er den Degen zog, und unzaͤhlige Pflanzer ſchloſſen ſich an ihn an. „Es waͤre zu arg,— ſagte er zu ihnen— wenn man noch die Beleidigungen dieſer Bettler ertragen ſollte, die aus Europa hieher gekommen ſind, um ſich mit unſerem Eigenthum zu berei⸗ chern. Der elendeſte Chapeton*) ſieht uns aus ſeinen kaſtilianiſchen Lumpen veraͤchtlich an, und ſcheut ſich nicht jeden unter uns zu ſchmaͤhen, der irgend reich oder vornehm iſt. Sind ſie denn wei⸗ ßer als wir? Denken ſie denn, daß der Name Amerikaner nicht eben ſo ſchoͤn klingt, als der ihrige? Die nordamerikaniſchen Freiſtaaten haben ihn ja auf der ganzen Erde groß und beruͤhmt gemacht. Hier unterbrach ein allgemeines Beifallrufen den Redner, welcher nach einer Pauſe *) Ein Spottname, den die Kreolen den aus Europa an⸗ kommenden Spaniern, die arm ſind, zu geben pflegen. 254 wieder fortfuhr:»Sie ſagen euch freilich, ihre Monarchie ſei noch eben ſo maͤchtig als vormals, zu den Zeiten der Eroberung unſeres Landes, und ganz Europa ſtehe unter ihren Befehlen;— dieſe Luͤgner! Ich dagegen verſichere euch, daß mit Ausnahme einiger kleinen Staaten, unter denen die ſpaniſche Halbinſel eben keine ſonderliche Rolle ſpielt, dieſes Europa nur aus zwei Reichen beſteht: aus England, dieſem habſuchtigen Ketzerreiche, das eine Feindin Gottes und der Menſchen iſt, und aus Frankreich, der wahrhaftigen Koͤnigin der alten Welt, den Vaterlande Raynal's, Montesquieu's und der Encyclopädiſten, das durch ein einziges Heer vor acht Jahren den Koͤnig Karl auf ſeinem alten Throne er⸗ ſchuͤtterte. Unfähig, ihre geringen Erblande zu re⸗ gieren und zu ſchutzen, maßen ſich dieſe ausgearteten Spanier gleichwohl an, Amerika ausſchließlich ver⸗ walten zu wollen. Ihr wißt ja, ob jemals einer von uns zu Staatsaͤmtern gelangen konnte, welche Vorzuge er auch haben mochte! Es iſt Zeit, daß wir endlich einmal eine nationale Regierung und be⸗ freundete Geſeſetze bekommen, daß wir von unſerem Boden alle die Gaben verlangen, die er unſerer Muͤhe und Pflege verheißt, daß nicht mehr die in ſeinem Schvoß verborgen liegenden Schaͤtze zweitau⸗ ſend Seemeilen weit uͤbers Meer wandern, um un⸗ ſere Tyrannen zu beſolden, daß unſere Kuͤſten den Wohlthaten eines freien Handelsverkehrs offen ſte⸗ hen, daß wir nicht mehr mitten unter den Reichthuͤ⸗ mern der Welt im Elend ſchmachten duͤrfen. Laßt 255 uns endlich einmal auf der Erdhaͤlfte herrſchen, die unſere Vorfahren erobert und fruchtbar gemacht ha⸗ ben; laßt uns unter den beiden Erdgegenden, von denen die eine arm, entfernt, unbekannt iſt, die an⸗ dere dagegen reich, von unſeren Haͤnden urbar ge⸗ macht, das Grab unſerer Vaͤter und die Wiege un⸗ ſerer Soͤhne iſt, uns ein Vaterland ausſuchen. Ein Mutterland kann nur dasjenige heißen, welches ſeine Kinder naͤhrt, aber nicht ein ſolches, das ſie aus⸗ ſaugt und unterdruͤckt.“ Don Marcos miſchte abſichtlich in alle ſeine An⸗ reden die Erinnnerung an den Admiral und an den Markis mit ein; ſo nennt naͤmlich Amerika gewoͤhnlich den Chriſtoph Colombo und den Hernan Cortez, ſo wie vormals Griechenland ſeinen Homer vorzugsweiſe den Dichter nannte. Im Namen der großen Maͤnner; welche Amerika's Unterwerfung bewerkſtelligt hatten, rief er oͤffentlich die Unabhaͤn⸗ gigkeit aus.»Sie waren— behauptete er— die letzten Helden, welche Kaſtiliens Boden hervorbrachte. Seit ihrer Zeit iſt Spanien nicht mehr in Europa; ſondern die Mutter Gottes und die Heiligen wollen, daß es bei uns ſei.“ Alle diejenigen, deren Pflanzungen in Gefahr waren, oder die irgend Beleidigungen zu raͤchen, oder mehr zu gewinnen als zu verlieren hatten, eilten unter die Fahnen der Aufruͤhrer. Die ge⸗ heimen Freunde der Unabhaͤngigkeit ſprengten aus, daß mehrere Floͤſter die Empoͤrer beſoldeten, daß ſogar weiſe Pfarrer ſie zum Kampf aufmunterten. 256 Auf der andern Seite verbreitete man, indianiſche Kaziken und Moͤnche hätten verſprochen ihre Doͤr⸗ fer aufzuwiegeln, und anſtatt moraliſche Urſachen, die Leidenſchaften der Menſchen und ihre gerechten Beſchwerden, anzugeben, gab man, wie gewoͤhn⸗ lich, die Fortſchritte der Empoͤrung den Anſchlaͤ⸗ gen eines Einzigen Schuld. Die Regierung richtete ihre Aufmerkſamkeit auf einen jungen Adeligen, der reich genug war, um die ganze Empoͤrung in Sold zu nehmen, aber nicht entſchloſſen genug, um Gut und Leben an die⸗ ſes furchtbare Wagſpiel zu ſetzen. Don Criſtoval verdankte den Bemuͤhungen ſeiner Vorfahren einige Millionen jaͤhrlicher Einkuͤnfte, und ſeinem Reich⸗ thum den Titel und Rang eines Kaſtilianers, wo⸗ mit er dieſen unermeßlichen Erbbeſitz ſchmuͤckte. Man hatte nicht geſehen, daß er wie andere ſeines gleichen in Europa den Genuß geſucht haͤtte, den ihm ſein Vermoͤgen verſchaffen konnte. Sogar der Hof des Vicekoͤnigs hatte keinen Reiz fuͤr ihn, und der Aufenthalt in Mexico war ihm laͤſtig. Man konnte ſagen, daß der Graf von***, bei ſeiner ſeltenen Schoͤnheit, bei ſeinem Verſtande, der um⸗ faſſend genug war, um in den Wiſſenſchaften jene Erholung und das Gluͤck zu finden, das die Ju⸗ gend Amerikas ſeit funfzig Jahren darin wettei⸗ fernd ſucht, faſt alle Vorzuͤge der Natur und des Gluͤcks beſaß; aber ſeinem Gemuͤth fehlte es an Leben, und keine Freude, kein Schmerz vermochte einen lebhafteu Eindruck darauf zu machen. Das Stubium der Wiſſenſchaften und die Frauen, dieſe großen Anreizungen fuͤr jeden gefuͤhlvollen und den⸗ kenden Mann, ſchienen auf ſeine ſtolze oder Phantaſie gar nicht zu wirken. Don Criſtoval hatte ſeinen Sitz auf einem je⸗ ner Schloͤſſer, die mitten unter den elenden Huͤt⸗ ten indianiſcher Staͤmme eine wahrhaft koͤnigliche Pracht zur Schau legen; es lag auf der Hochebene von Cholula und von Tlazcala. Hier bluͤhten einſt maͤchtige Republiken; hier bewahrt der Ein⸗ geborne vielleicht mehr als irgend anberswo ein maͤnnliches Andenken an die Wuͤrde ſeiner Vorfah⸗ ren, und zwar nicht etwa darum, als ob der Zins⸗ pflichtige, der unter dem Uebergewicht druͤckender Ariſtokratieen ſtets erlag, jemals mit Sehnſucht an die Zeiten vor der europaͤiſchen Beſitznahme zuruͤck⸗ denken koͤnnte, ſondern darum, weil in den Ueber⸗ lieferungen republikaniſcher Staaten immer fuͤr das Gemuͤth etwas erhebendes liegt, das an die Ver⸗ gangenheit alle Traͤume von Gluͤck und Ruhm zu knuͤpfen pflegt. Der Adel der Vorzeit hat noch auf den Doͤrfern einige Spuren ſeines urſpruͤnglichen Characters beibehalten; wenn ſie auch, wie die uͤbrigen Kaziken, ihre Mitbuͤrger druͤcken, ſo beu⸗ gen ſie ſich doch nicht ſo kriechend vor ihren Be⸗ ſiegern. Gerade ſo war ein alter Stvimer, der in der Nachbarſchaft des Grafen lebte. Wenn man ihn in ſeinem groben und ſchmutzigen Leibrock, barfuß, in ſeiner Huͤtte von Schilf wohnen ſah, ſo haͤtte 17 man ſchwerlich geglaubt, daß dieſer Mann weit als ein Abkoͤmmling des ehemaligen Ober⸗ prieſters von Cholula verehrt wurde, noch weniger aber, daß in dieſem niedrigen Winkel ein Mann von hohem Adel lebe. Seine Vorfahren, die zu ſtolz waren, um von dem Privilegium ihrer Abkunft Gebrauch zu machen, hatten den kaſtilianiſchen Adelsrang verachtet, der ihnen zu Theil geworden war. Sie lebten fern von allem Verkehr mit den Weißen, und ſo folgte der Sohn auf den Vater, oh⸗ ne daß ſie eine andere Sorge kannten als das Ge⸗ ſchaͤft der Municipalverwaltung, oder einen andern Genuß als den der ſtarken Getraͤnke. 5 Nur zwei Bekuͤmmerniſſe hatten das Leben des achtzigjaͤhrigen Greiſes getruͤbt, und zwar beide durch Veranlaſſung ſeiner zwei Doͤchter. Die Frauen dieſer Nation unterſcheiden ſich von den Maͤnnern durch einen hoͤheren Grad von Energie. Die Ver⸗ achtung eines kalten und muͤrriſchen Geſchlechts er⸗ bittert ihre Leidenſchaften; ein großer Theil von ihnen, und zwar gerade die edelſten vpon Gemuͤth und Abkunft, ſuchen in der Stille der Kloͤſter die uͤberſpannten Leiden der Einſamkeit, waͤhrend a⸗ dere ſich allen Eingebungen einer gebieteriſchen und unzufriedenen Einbildungskraft hingeben. Der Greis hatte ſehen muͤſſen, wie ſeine aͤltere Tochter fern von ihm hinweg floh und ſich aus einem Eigenſinn, der unter den Wendekreiſen nur zu haͤufig vorkommt, an einen freigelaſſenen Neger gehaͤngt hatte. Jetzt machte nun auch die junge 259 Guatimotzila, obwohl ſie von einer hoͤheren Den⸗ kungsart war, dem Stolz ihres Vaters nicht ge⸗ eingeren Kummer. Sie liebte naͤmlich den Grafen, und dieſes Gefuhl erfuͤllte und bekuͤmmerte ihr gan⸗ zes Leben. Ungeachtet aller ihrer Beſtrebungen, den Sieg uͤber ſich zu behaupten, ſtiellte ihr doch fortwaͤhrend ihr Herz vor, welch ein unendliches Gluͤck es fuͤr ſie ſein wuͤrde, ein Daſein zu ruͤhren und zu verſchoͤnern, das blos auf den erſten Hauch der Liebe zu warten ſchien, um zum Leben zu er⸗ wachen. Doch dies ſollte ihr Loos nicht ſein. Wenn auch der alte Kazike nicht geglaubt haͤtte, daß das Geſchlecht ſeiner Vorfahren durch ihre Liebe zu einem Weißen herabgewuͤrdiget wuͤrde, ſo war doch die Erinnerung an die alte Republik von Cholula und eine Ausſtattung von einer Million ein unuͤberſteigliches Hinderniß, das nach der Mei⸗ nung der Weißen ſie von dem Grafen trennen mußte. Don Criſtoval wandte zuweilen in muͤßigen Augenblicken ſeine Aufmerkſamkeit auf das india⸗ niſche Dorf hin. Er brachte ihnen entweder hilf⸗ reiche Unterſtutzung oder Befehle, ſah den Maͤn⸗ nern oft zu, wenn ſie ihre melancholiſchen Abend⸗ taͤnze hielten, wunderte ſich, daß die Frauen bei dieſen Spielen kein anderes Geſchaͤft hatten, als Agavenwein oder Maisbrantewein einzuſchenken, und ging dann wieder ſeine Straße. Ein indiani⸗ ſcher Prieſter hatte ihm uͤber die geheime Neigung Guatimotzilas einen Wink gegeben, auch wußte er, 260 daß ſie die ſchoͤnſte unter den Lochtern des alten Amerikas ſet. Bisweilen war ſogar ihr Bild bis in die Leere ſeines Herzens gedrungen, ſo wie ein Klang aus der Ferne bisweilen auf einen Augen⸗ blick das Schweigen der Einoͤde unterbricht. Die Ungluͤckliche war allen Qualen einer Leiden⸗ ſchaft preisgegeben, die ſich weder Befriedigung zu verſchaſſen, noch auch ſich zu bezaͤhmen vermag; man ſah, wie ſie allmaͤhlig hinwelkte und verging; der Hauch des Todes ſchien ſie angeweht zu haben. Das Geruͤcht von dem ausgebrochenen Auf⸗ ſtande richtete endlich ihr niedergeſchlagenes Ge⸗ muͤth wieder etwas auf. Sie glaubte, wenn es ihr gelaͤnge, dem Vaterlande bedeutende Dienſte zu leiſten und ihren Namen beruͤhmt zu machen, ſo wuͤrde ſie wenigſtens bei ihrem Tode in Don Cri⸗ ſtoval's Seele das Bedauern zuruͤcklaſſen, daß er ſie nicht beſſer gekannt habe. Sie ging nicht ſo weit, daß ſie vom Schickſal das groͤßte Gluͤck, daß ſie ſich nur denken konnte, gefordert haͤtte, das Gluͤck naͤmlich, dereinſt die Gemahlin des Grafen und die Mutter ſeiner Soͤhne zu werden, ihrer Lie⸗ be genuͤgte es ſchon, wenn das Herz des Spaniers ihr Theilnahme geſchenkt und gefuͤhlt haͤtte, daß Guatimotzila ſeiner Liebe nicht unwuͤrdig geweſen. Die Empoͤrer, die in mehreren Treffen geſchla⸗ gen worden waren, hatten ſich an den ufern des Montezuma zerſtreut. Der Aufſtand ſchien bereits wieder erſtickt zu ſein, als ploͤtzlich feindſelige — 261 Stimmen dem ganzen Mexico einen unſinnigen Plan Godoy's meldeten. Dieſer Menſch hatte naͤmlich die Finanzen, den Handel, den Credit der Monar⸗ chie zerſtoͤrt, fuͤr die einfachſten Beduͤrfniſſe des Staats fehlte es an Geld, und er wußte blos fuͤr den Prunk ſeines Hofes noch welches aufzutreiben. Bei dieſer Geldbeduͤrftigkeit der Regierung beſchloß Don Manuel aus Neuſpanien das Kapital von 200 Millionen herauszuziehen, welches die Geiſt⸗ lichkeit ſeit drei hundert Jahren auf den mepikani⸗ ſchen Boden angelegt hatte, um ihn ergiebiger zu machen. Die Ausfuͤhrung dieſes Planes war nicht moglich, und der hohe Rath von Indien ſuchte ihn vergeblich durchzuſetzen. Allein der Laͤrm war ein⸗ mal erhoben, und es gab keine Pflanzung, die nicht gefaͤhrdet, kein Grundeigenthum, das nicht da⸗ durch erſchuͤttert wurde. Das Feuer des Buͤrgerkrieges entbrannte von neuem, Don Marcos vereinigte abermals ſeine ver⸗ ſprengte Schaar, und Guatimotzila glaubte blos einer hoͤhern Eingebung zu folgen, wenn ſie das vaͤterliche Haus verließe. Da ſie feurig und ſchoͤn war, ſo fand ihre Be⸗ redſamkeit leicht Eingang. Sie redete nicht blos mit jener uͤberſtroͤmenden Wortfuͤlle, die das Erb⸗ theil ihrer Nation und der unſrigen zu ſein ſcheint; ſondern ihre Gedanken gewannen auch durch die Kenntniſſe, die ein alter Prieſter aus ihrer Familie ihr einſt beigebracht, Kraft und Nachdruck. Schlau, wie es alle Indianer, ja alle abhaͤngigen Voͤlker —— 262 ſind, weil Liſt die Waffe des Schwachen iſt, rebete ſie zu einem jeden die Sprache, die er am beſten zu verſtehen vermochte. In den Herzen der Kazi⸗ ken ſuchte ſie großartige Erinnerungen und hohe Hoffnungen zu wecken; ihre Bemuͤhungen arbeite⸗ ten darauf hin, den Haß, welchen faſt dieſe ganze Klaſſe gegen den Kreolen hegt, auf den Europaer hinzulenken, und um die Beſorgniſſe, welche die meiſten bei dem Gedanken an Freiheit empfinden, zu beſchwichtigen, ſagte ſie zu ihnen, daß ſie, in Ermangelung einer auswaͤrtigen Unterſtutzung, doch ganz gewiß auf die des großen Haufens rech⸗ nen koͤnnen, und die Bewegung des allgemeinen Aufſtandes wuͤrde ſie ohne Schwertſchlag wieder in den Rang ihrer Vorfahren einſetzen. Allein dieſer ausgeartete Landesadel, der auf ſeinen Antheil an der Dyrannei zu ſtolz und in ſei⸗ nem Antheil an der Sklawerei grau geworden war, gab dieſer Aufforderung kein Gehor. Deſto mehr boͤrten auf ſie die zinspflichtigen Indianer. 6 es iſt endlich Zeit,“— rief ſie—»auf Wohlthaten Verzicht zu leiſten, die fuͤr uns blos Beſchimpfungen oder Beeintraͤchtigungen ſind. Wo⸗ zu hat euch der Cacicazgo*) genuͤtzt, außer dazu, daß er euch Vorſtaͤnde gab, die euch, ohne ſelber verantwortlich zu ſein, druͤcken können, die zu gleicher Zeit von euch den Grundzins der alten Verfaſſung uud den der jetzigen Unterthaͤnigkeit for⸗ Vürde und Gebiet eines Kaziken. 263 dern, die allein unter euch die Sprache der Wei⸗ ßen verſtehen, allein mit ihnen in Verkehr ſtehen, und unter ſich uͤbereingekommen ſind, euch von je⸗ nen Genuͤſſen fern zu halten, die dem gluͤcklichen Bewohner der Städte zubeſchieden ſind? Wozu hilft es euch, daß eure Waaren nicht die Alca⸗ vala*) bezahlen duͤrfen, da eure Haͤupter der Schmach der Kopſfſteuer unterworfen ſind? Die Unverſchaͤmten! Indem ſie unſere ganze Nation unter Vormundſchaft ſtellten, ſiellten ſie euch die Erklaͤrung, daß ihr unmuͤndig ſein ſolltet, als eine Wohlthat ihrer Oberherrſchaft dar; und um euch angeblich gegen die Bedruͤckungen der Kreolen zu beſchuͤtzen, haben ſie euch jeden Act des buͤrgerli⸗ chen Lebens unterſagt. Soͤhne der tlascalaniſchen Republiken, lernet endlich einmal eure Freunde kennen! Wer anders hat eure Doͤrfer allen Wei⸗ ßen verſchloſſen, als der Europaͤer, welcher be⸗ fuͤrchtet, daß ihr mit ihnen ein Buͤndniß ſchließen koͤnntet? Wer wagte es, zu euern Toͤchtern zu ſa⸗ gen: ihr duͤrft keinen Spanier lieben! Die Bar⸗ baren! gerade als ob es von dem menſchlichen Willen abhienge, die Liebe ſeiner Bruſt zu beherr⸗ ſchen, oder als ob das nicht hieße, den Geſetzen Gottes auf das grauſamſte zu widerſtreben und mit dem Leben der Menſchen ſpielen, wenn man einem tiefverwundeten Herzen auch noch die Ausſicht auf Eine ſehr laͤſtige und druͤckende Abgabe, die von allen Lebens⸗ mitteln im ganzen ſpaniſchen Reiche gezahlt werdeu muß. ———————————————— 5 eine ſo heilige Verbindung raubt!“ Hier hielt Guatimotzila einen Augenblick inne, trocknete ſich die Thraͤnen ab und fuhr dann fort:»Die Furcht blos hat dieſe unmenſchlichen Verordnungen ein⸗ gegeben, blos die Furcht hat um eure Gefilde dieſe traurigen Schranken gezogen, und waͤhrend eure Volkszahl zunimmt, ohne daß euer Grundgebiet ſich erweitert, hat blos der Hunger das Vorrecht, dieſe Schranken zu uͤberſchreiten, und eure Weiber und Kinder vor euern Augen hinzumorden; die Furcht hat euch den Gebrauch der Pferde und der Waffen unterſagt;— nun gut! ihre Furcht ſoll fuͤr uns kein verlorener Wink ſein! Da ſie zit⸗ tern, ſo muͤßt ihr doch ſehr furchtbar ſein!“ Ich verkuͤndige euch im Namen unſerer lieben Frau von Guadalupe* Sieg. Sie iſt in unſerer Mitte geboren, als eine Zeugin unſeres Ungluͤcks liebt und ſchaͤtzt ſie uns, und ſie hat mir befohlen, euch zu melden, daß ſie fuͤr uns kaͤmpfen wird.“ Die Indianer hoͤrten dies an; ſie zweifelten nun nicht mehr in ihrem halb katholiſchen, halb heidni⸗ ſchen Glauben, daß die Tochter des Teoteuctli von Cholula in irgend einem geheimen Verkehr mit dem Himmel ſtehe, und viele folgten ihr nach. Guatimotzila wandte ſich jezt gegen die Straße *) Ihr Bild fand man in dem Schurz eines Indianers. Unſere liebe Frau de los Remedios, die nach Europa gebracht wor⸗ den iſt, iſt die einzige, welche ihr die Verehrung der Mexica⸗ ner ſtreitig macht; die Europäer ſo wie die uͤbrigen Klaſſen der Einwohner theilen ſich in dieſen zwiefachen Kultus. 265 hin, die nach Vera Cruz fuͤhrt. Lange Zuͤge don Mauleſeln, mit den Reichthuͤmern beider Welten beladen, ſteigen unaufhoͤrlich dieſen ſteilen Weg auf nieder. Hier begegnen oft in kreuzenden Richtungen die Fruͤchte und das Gold Neuſpaniens den Wun⸗ derwerken unſerer Kunſtwerkſtaͤtten, bisweilen ſogar einem antiken Apollo oder einer Venusbildſaͤule, die da beſtimmt ſind, mit ihren idealiſchen Formen eine Erdhaͤlfte zu ſchmuͤcken, die dem Zeitalter des Phi⸗ dias und Praxiteles voͤllig unbekannt war; der In⸗ digo von Guatimala, das Kupfer von Coquimbo, das Pelzwerk Nordamerika's, alle von Acapolco kom⸗ menden Waaren, alle Erzeugniſſe Aſien's, haben kei⸗ nen andern Weg, um durch das amerikaniſche Gebiet bis nach dem ſie erwartenden Europa zu gelangen, als dieſen. Vielleicht gelingt es einſt einer maͤchtigen Hand, füͤr Mexico dies Herkuleswerk zu vollbringen, und die beiden Meere durch eine Straße, wie die von Gibraltar iſt, in Verbindung zu ſetzen. Die feurige Amazone gieng bei Nacht, waͤhrend die Mauleſel frei und ungebunden in den Savannen weideten, in die Zelte der Mauleſeltreiber, und rich⸗ tete an ſie ihre aufruͤhreriſchen Reden. Sie ſagte ein und daſſelbe an die, welche Indianer waren; da⸗ gegen die aus den Kaſten*), ſie mochten nun Mu⸗ latten**), Meſtizen***) oder Chinos****) ſein, *) Menſchen von gemiſchter Abkunft. **) Von einem Schwarzen und einer Weißen erzeugt, oder umgekehrt. ***) Von einem Europäer und einer Indianerin abſtammend, oder umgekehrt, von einer Europäerin und einem Indianer.! **) Die von einem Indianer und einer Negerin, oder von einem Neger und einer Indianerin erzeugt ſind. 266 erinnerte ſie an den ſchmachvollen Tribut, den ſie wie Sklawen entrichten muͤßten, und an die Schande, womit ſie gebrandmarkt waͤren, wie viel Vermoͤgen ſie ſich auf dem anſtaͤndigſten Wege auch immer er⸗ worben haben moͤchten. Die ſchoͤne Indianerin vergroͤßerte auf dieſe Weiſe ihren Anhang. Sie ſchrieb an Don Criſtoval, was ſie gethan und was ſie beſchloſſen habe, und ver⸗ einigte ſich dann mit dem Aufruͤhrerheere. Dieſe wuͤrden bald hoͤchſt furchtbar geworden ſein, wenn ſie nicht an ihrer Spitze einen jener aufbrauſenden und dabei duͤnkelhaften Menſchen gehabt haͤtten, welche die beſte Sache zu verſchlechtern, die ſicherſten Maßregeln einer Parthei zu vereiteln im Stande ſind. Don Marcos verband das hitzige Blut eines Negers, das zum TDheil in ſeinen Adern floß, mit dem ganzen Stolz eines Menſchen, der ſo eben ſich zum Range eines Weißen emporgeſchwungen hat. Er fuͤrchtete als Neuadeliger, ſeinen Rang durch eine ſo unadelige Verbindung bloszuſtellen. Daher ge⸗ ſchah es denn, daß die eingeborenen Prieſter wegen ſeines veraͤchtlich herabblickenden Hochmuths die Fahnen verließen; die beleidigten Kaziken fuͤhrten ihre Staͤmme zu den koͤniglichen Truppen uͤber, und die Kaſten von gemiſchter Abkunft traten unter die braunen Kompagnieen der Provinzialmilizen. Gua⸗ timotzila, die voll Verzweiflung, aber feſt entſchloſ⸗ ſen war, den Sieg oder den Tod zu ſuchen, hatte bald nur noch ein kleines Heer von Tlascalteken uͤbrig, die dem Blute, das in ihren Abern floß, ih⸗ ren Aufmunterungen, ihrer Schoͤnheit treu blieben, vielleicht auch durch die Erinnerung an das Vater⸗ land begeiſtert und froh waren, nach dreihundert Jahren endlich wieder einmal die Wonne der Schlacht zu genießen. Don Marcos, der in eben dem Grade unkluͤger war, als er an Kraft ihr nachſtand, begnuͤgte ſich nicht damit, auf die Europaͤer heftig loszuziehen, ſondern ſprach auch von einer religioͤſen und politi⸗ ſchen Reform. Die Ideen von Volksherrſchaft und von voͤlliger Gleichheit, die von einem Demagogen, der ſie nicht einmal verſtand, mit Ungeſtuͤm vorge⸗ tragen wurden, ſetzten eben ſo ſehr die Werkzeuge als die Beſchuͤtzer des Aufſtandes in Schrecken. Den erſteren erſchienen dieſe tollen Reden als ruchlos, den lezteren als gefahrdrohend. Der Kreolenheld war faſt ohne Schwertſchlag geſtuͤrzt, als die koͤnig⸗ lichen Truppen den fliehenden ereilten. Don Marcos und Guatimotzila verſchanzten ſich in den dichten Waͤldern und hinter den ſpitzigen Gi⸗ pfeln des Actopan⸗Gebirges. Es war Nacht. Der Himmel der Wendekreiſe entfaltete ſeine groß⸗ artigen Sternbilder, zahlloſe Johanniswuͤrmchen flo⸗ gen wie ſpruͤhende Feuerfunken umher, und es war, als ob die Erde ebenfalls ihre Sterne haͤtte, ſo gut wie das Firmament, fallende Sternſchnuppen zogen nach allen Richtungen hin feurige Furchen durch die Atmoſphaͤre, und die Koͤnigin der Naͤchte hatte auf ihrem feierlichen Gange den Himmelsbogen entlang einen ungeheuern Kranz von blaͤulichen und vergol⸗ 268 deten Dünſten um ſich. Die königlichen Lruppen blickten voll religisſer Andacht unverwandt auf jenes Kreuz des Suͤdens*) hin, welches Hernan Cortez, Queſada und Pizarro einſt als das Lab a⸗ rum Conſtantins, als ein Zeichen des Triumpfs und der Eroberung betrachtet hatten, welches der ſchutzende Gott Spaniens an dem Himmelsgewoͤlbe aufgehangen habe. Doch jezt ſchienen ſich ungluͤck⸗ liche Vorbebeutungen daran zu knuͤpfen. Ritten aus der Stellung und Linie der Rebellen erhob der dreihundert Fuß hohe Felſen Mamanchota, den ſein uͤber die Bergabhaͤnge herab geworfener ungeheurer Schatten noch groͤßer machte, ſeine ſchlankgeformte Maſſe, gleichſam als ſtaͤnde der Schutzgeiſt Amerika's aus des alten Guatimotzin's Grabe auf, um dieſem neuen Kampf beizuwohnen. Der ſtolze Gipfel des Koloſſes verdeckte einen Dheil des himmliſchen Kreu⸗ zes. Dieſer Anblick erfullte die Gemuther unſerer Soldaten mit Entſetzen: ſie waren auf ihrem Mar⸗ ſche gegen den Feind ſchon halb beſiegt. Doch als ſie ſeine Linien erreicht hatten, erhoben ſie noch ein⸗ mal ihr Auge, ſahen das Sternbild von der Be⸗ ſchattung des ſchwarzen Phantoms befreit, und rie⸗ fen: Sieg! Indeß Guatimotzila durchflog die Reihen; ihr weißes Kleid, das im Nachtwinde flatterte und ihre zierliche Geſtalt in den Lichtungen des Waldes wie auf dem Gipfel der Anhoͤhen kenntlich machte, ließ —.— *) Ein bekanntes Sternbild jener Zone. ſie vor den Augen beider Heere wie ein geiſterhaftes Weſen erſcheinen. Ihre Worte weckten in den Ge⸗ muͤthern jene Feuerbegeiſterung, wovon ihr Gemuͤth erfuͤllt war, und die Indianer und ſelbſt die Kreolen hielten ſie fuͤr jene mexikaniſche Jungfrau, deren Wil⸗ len ſie verkuͤndigte, und deren Macht ſie zu lieben und zu verehren gewohnt waren. »Sie wird mit allen ihren Chapetonen“— rief ſie in ihrem uͤberſpannten Religionseifer aus— „geſtͤrzt werden, dieſe heilige Jungfrau, die aus Europa heruͤber gekommen, und von den Chapeto⸗ nen bei uns eingefuͤhrt worden iſt. Ihr wißt es ja ſelber, ob nicht Mexico, ſo oft es bei oͤffentlichen Un⸗ faͤllen unſre liebe Frau de los Remedios anflehte, je⸗ desmal genoͤthigt war, von ihren ohnmaͤchtigen Al⸗ taͤren zuruͤckzutreten und zu unſerer heiligen Jungfrau ſeine Zuflucht zu nehmen; ihr wißt es, ob nicht un⸗ ſere liebe Frau von Guadalupe immer die Wuͤnſche erhoͤrt, die ihre Nebenbuhlerin nicht zu erfuͤllen im Stande iſt. Sie, die eine Amerikanerin wie wir iſt, hat auch dieſelben Feinde wie wir; ſie kaͤmpft, wie wir, fuͤr einen Altar und fuͤr ein Vaterland.“ Auf dieſe Anrede draͤngten die Rebellen mit er⸗ neutem Muthe unſere Angriffe zurück, und die Hel⸗ din, die ſich jezt ſchon der Trunkenheit des Sieges berließ, ſah bereits im Geiſte, wie das freigewordene Mexico ſich unter ſeinen Mithuͤrgern einen Beherrſcher ausſuchte, den wuͤrdigſten erwaͤhlte, und auf das Haupt ihres Geliebten eine Krone ſetzte, an welcher der Rame der ungluͤcklichen Guatimotzila, von dem 270 —— dankbaren Vaterlande eingegraben, hell ſchimmerte, als ſie auf einmal bemerkte, daß ihre Krieger um ſie her die Flucht ergriffen und ihre glaͤnzenden Luftſchloͤſ⸗ ſer mit ſich fortriſſen.; Ach,“ rief ſie voll Verzweif⸗ lung,*heilige Jungfrau von Depeyacac, erinnere dich, wie unſere Vorfahren auf eben dieſem Felſen, wo du jezt deinen Sitz haſt, die große Tonanzin, die Mutter Gottes der Vorzeit, zuchtigten; wenn du, wie jene, uns ebenfalls im Kampf unterliegen laſſen konnteſt, wir wuͤrden dich eben ſo zertruͤmmern wie ſie.“ Ungeachtet dieſer Verwuͤnſchungen des begeiſter⸗ ten Heldenmaͤdchens und des Glaubens der Empoͤrer, wurden ſie dennoch auf allen Punkten durchbrochen. Ich traf auf Don Marcos, unſere Waffen begegneten ſich, der Degen, den mir Maria gegeben, tauchte ſich in Blut, und der Kreole unterlag.! Die ſchoͤne Indianerin flog zu ſeinem Schutze herbei. Ich ver⸗ mochte nicht, meinen Arm gegen ſie zu erheben, fon⸗ dern voll innerer Ruͤhrung, gleichſam als ob dieſe Frau meine Schweſter oder Matea waͤre, neigte ich meinen Degen vor ihr, indem ich faſt eben ſo ſehr furchtete, ſie zu verwunden, als ſie gefangen nehmen zu ſehen, waͤhrend ſie dagegen unerſchrocken und mit dem Dolche nach mir zielend laut ſchreiend Kampf und Tod von mir begehrte. Auf einmal ſprengt ein Reiter, in ſeinen Mantel gehuͤllt, aus dem Walde hervor, ſchießt wie der Blitz auf uns los, ergreift die Wahnſinnige und verſchwindet mit ihr hinter dem Felſen von Mamanchota. ——— —,—— 274* Die beiden Heere zweifelten keinen Augenblick, daß die Enkelin der Oberprieſter der heiligen Stadt der Vorzeit durch ein Wunder zu den Wohnungen der Seligen entruͤckt worden ſei, und alles, was von den Rebellen noch uͤbrig war, und die Haͤlfte unſerer Soldaten fielen auf die Kniee. Sie waren noch mit dem Geſicht zur Erde geneigt, als ein Prieſter im Biſchofskleide auf dem Wege von Guanaxato heran⸗ kam, in die Mitte der Kaͤmpfenden trat, und mit Ehrfurcht gebietender Stimme den Siegern befahl, vom Morden abzulaſſen, und den Rebellen, ihre Waffen niederzulegen, nach ihren Wohnungen zuruͤck⸗ zueilen und durch ihre Unterwerfung ihren Frevel⸗ thaten Vergebung zu verſchaffen. Es war, als er⸗ blickte man den erhabenen Schatten des Bartholomeo de Las Caſas. Er ſelber wuͤrde ſchwerlich mehr Wuͤrde und Machtgewalt gehabt haben; denn die Aufruͤhrer warfen ſogleich ihre Flinten oder ihre ro⸗ hen Lanzen hin und zerſtreuten ſich, und unſere Trup⸗ pen begnuͤgten ſich, ſie mit dem Ruf, es lebe der Koͤnig! zu verfolgen, den das Echo tauſendfach wie⸗ derholte und von Gipfel zu Gipfel bis in eine unend⸗ ſiche Ferne verlaͤngerte. Ein Lichtſtrahl fiel auf das Geſicht des Greiſes⸗ Es war Iſidro; er lebte, ich hatte ihn dem Staat und der Kirche gerettet. Es wuͤrde mir unmoͤglich ſein, das zu ſchildern, was ich damals empfand⸗ Die Gefuͤhle auf dem Schlachtfelde haben in dem Jugendalter des Lebens etwas ſo uͤberſpanntes; auch war in der Scene, die uns umgab, ſo viel großar⸗ 272 tiges! Ich hatte ſo eben meinem Vaterlande einen Dienſt geleiſtet, ich hatte das Leben einer jungen und“ ſchoͤnen Frau geſchont, ich empfieng den Segen ei⸗ nes edeln Mannes, der mir fuͤr ſeine Lebensrettung dankte. Wehe dem Unglucklichen, der nach ſolchen Momenten nicht ohne Murren alle harten Pruͤfungen, die ihm in der Folge die Vorſehung etwa zuſenden moͤchte, freudig uͤbernehmen wollte! Der ehrwuͤrdige Biſchof ſchloß mich in ſeine Arme. Auf ſeinem ehrfurchtgebietenden Antlitz ſprach ſich das reinſte und hoͤchſte Wohlwollen aus. Auch er hatte geglaubt, auf der Rhede von Vera Cruz auf ewig von mir getrennt worden zu ſein, als ich aller Kraft und Beſinnung beraubt, meine theure Buͤrde mir entſchluͤpfen ließ. Die ſtuͤrmende Woge trug ihn damals ans Ufer, und da er nur Leichname auf den Wellen umhertreiben ſah, ſo hielt er mich fuͤr unwiederbringlich verloren, und ſetzte fuͤr mich be⸗ tend ſeinen Weg fort. Jezt, wo er das Oberhaupt einer zahlreichen Heerde geworden war, eilte er ſo eben herbei, um ſie vor Verirrungen zu bewahren, oder ſie vor dem Arme unſerer Gerechtigkeit zu ſchuͤtzen. In der That, kaum war die Gefahr voruͤber, ſo folgte auch ſchon die Strafe auf dem Fuße. Die Menſchenliebe des Mannes Gottes kaͤmpfte nur zu oft vergebens gegen die Wuth des Staatsbeamten, der, nachdem er durch ſeine Tyrannei den Aufſtand er⸗ regt oder ihn doch dadurch, daß er die Anmaßungen ſeiner Diener bevollmaͤchtigte, mit veranlaßt hatte, V —,—————————————————— ——— c) 273 jezt die neberreſte der Emporung durch Schutthaufen und Blutgeruͤſte zu erſticken ſuchte. Dieſer ſtolze Staatsbeamte, der das Leben der Menſchen, uͤber die er geſetzt war, fur nichts achtete, der ihre Rechte mit Fuͤßen trat, und auf ihr Elend das Gebaͤude ſei⸗ nes Glucks aufzufuͤhren beſchaͤftigt war, hatte unter ſeinen Dienern und— wie man verſicherte— zu⸗ gleich zum vertrauteſten Rathgeber jenen angeblichen Baccelaureus Fortunato. Dieſer Elende, der, wie er vorgab, fuͤr die Rechte des Mutterſtaates leiden⸗ ſchaftlich eingenommen war, ſuchte ſich fuͤr ſeine Ernievrigung durch die hoͤchſte Grauſamkeit zu raͤ⸗ chen, und das barbariſche Verfahren, wodurch er das Anſehn der Krone Spaniens und ſeine eigene Gewalt geltend zu machen ſuchte, duͤnkte er ſich in ſeinen Augen groͤßer zu werden. Vergebens be⸗ muͤhte ſich der Biſchof, die Schlachtopfer dem welt⸗ lichen Arme zu entreißen, vergebens verlangte er An⸗ erkennung des ſichern Zufluchtsortes, den die meiſten dieſer irregefuͤhrten Unglucklichen in den Kirchen geſucht hatten. Allein das Schrecken regierte; blos die Reichen kauften ihr Leben los, die Armen mußten ſterben. Gluͤcklicher Weiſe konnte ich mich mit meinen Waffengefaͤhrten von dem Schauplatz unſeres Sieges, der jezt zu einer Scene des Grauens geworden war, entfernen. Zur Belohnung fuͤr unſere geleiſteten Dien⸗ ſte erhielten wir den Ruf, den Beſatzungsdienſt in der Hauptſtadt des Reiches zu verſehen. Dieſe Gunſt verſchaffte uns das ſchoͤnſte und erhabenſte Schau⸗ 18 274 ſpiel, beseßmn irgend auf der Welt geben kann. Das tiefe hal von Lenochtitlun iſt naͤmlich mit⸗ ten in den weiten Gebirgsſtock der Andesberge von Anahuac geſenkt; in einem umkreiſe von beinahe achtzig Stunden umgeben es die beiden Gebirgsarme der Cordilleren mit einer ehrfurchtgebietenden Mauer von ſteilen Bergen und beſchneiten Gipfeln. Wir kamen eben auf der Straße von Pachuca durch einen Wald von alten Eichen, Cypreſſen und bluͤhenden Roſengebuͤſchen, als ſich dieſer prachtvolle Thalkeſſel, wie ein ungeheurer Korb, ploͤtzlich vor unſern Bli⸗ cken oͤffnete. Von den lezten Stralen der Abend⸗ ſonne beleuchtet, ſchimmerten die ſechs großen Seen, die ſich im Grunde des Thals in einer Hoͤhe, zu wel⸗ cher der Sanct Gotthard nicht hinanreichen wuͤrde, ausbreiten, wie ungeheure, an einander hangende Silberſcheiben, die das Plateau in zwei gleiche Theile ſcheiden. Um dieſe Landſeen, welche mit anmuthi⸗ gen, gruͤnen und bebauten Inſeln geſchmuͤckt ſind, und die ſich um zierlich angelegte Doͤrfer anſpuͤlend herumziehen, erſtreckt ſich eine Ebene, die von furcht⸗ baren Gießbaͤchen durchfurcht, durch einzeln ſtehende Berge durchſchnitten, und durch weite Schluchten durchbrochen iſt, welche der Dattelbaum und die Yucca verſchoͤnern. Das Auge uͤberſchaut hier mit einem Blick fruchtbare Ackergefilde, eine reiche Vege⸗ tation, rieſenhafte Geſtalten von mexicaniſchen Cy⸗ preſſen, Alleen, Waſſerleitungen, bewundernswuͤr⸗ dige Kunſiſtraßen, Staͤdte und prachtvolle Tempel. — 275 In der duftigen Ferne des ſüdweſtlichen Horizontes läͤßt die Koͤnigin der amerikaniſchen Staͤdte, die Stadt Guatimotzin's und Hernan Cortez's, gleich⸗ ſam zwiſchen den Bergkegel des Chapoltepec und ei⸗ nen unermeßlichen Landſee eingeklemmt, ihre Thuͤrme erſcheinen oder vielmehr vom Auge errathen, und im Hintergrunde dieſes bezaubernden Gemaͤldes, uͤber die hohen Berggipfel von Ahualco heruͤber, ragen die beiden Vulkane von Puebla wie zwei unvergaͤng⸗ liche Saͤulen uͤber die ganze weite Scene, und glaͤn⸗ zen noch lange in der Feuerglut des Abendroths, waͤhrend bereits unten uͤber die umliegenden Thaͤler und Berge ſich die Schatten der Nacht ausbreiten. Die gewaltigſten Werke, die nur jemals von Menſchenhaͤnden geſchaffen worden, lagen zerſtreut um uns her. Zu unſerer Rechten lag der De ſa⸗ gue*) von Huehuetoca, ein vier Stunden langer Gang, der durch zweihundertjaͤhrige Anſtrengungen durchs Gebirge gehauen wurde, um die drohenden Gewaͤſſer des Thales nach dem Rio de Montezuma und von da nach dem Meere der Antillen abzufuͤhren. Zu unſerer Linken, doch etwas ſuͤdlicher, erhoben ſich in der Ebene von TDeotihuecan zwei koloſſale Py⸗ ramiden, welche eine ganze Schaar kleinerer Pyra⸗ miden in einem wohlberechneten Abſtande umgiebt, um auf Erden das zahlreiche Gefolge ſinnbildlich dar⸗ zuſtellen, welches am Himmel droben die beiden Lich⸗ ter des Tages und der Racht begleitet. So zeigt *) Kangl. 18* —— 5 276 uns Amerika im Mittelpunkt der mexicaniſchen Hochebene eben ſo ehrfurchterweckende Truͤmmer als nur immer die aͤlteſten Bauwerke der alten Welt ſein koͤnnen. Der Gelehrte findet in ihnen dieſelbe Kombination aſtronomiſcher Daten, religioſer Ge⸗ heimniſſe und menſchlicher Beſtrebungen wieder, die ſich in den Geſetzen und Monumenten der Indier, Chaldaͤer, Aethiopier, Aegypter und Kreter ausgepraͤgt hat, und die ganz augenſcheinlich den Characterzug der fruͤhſten Civiliſativn bildet, und den gemeinſamen Urſprung aller Voͤlker bezeugt. Unterdeſſen hatten dichte Gewoͤlke einen duͤſtern Schleier uͤber unſeren Haͤuptern zuſammengezo⸗ gen, und nur beim Leuchten des Blitzes vermochten wir den Weg nach dem Salzſee von Tezcuco zu fin⸗ den, der vormals die Mauern der Hauptſtadt Montezuma's beſpuͤlte, gegenwaͤrtig aber nur noch von fern die Ringmauern der neuen Stadt bedroht. Als wir an ſeinen Ufern angelangt waren, ſuchten wir in der Finſterniß Fahrzeuge, die uns an das Ziel unſeres Marſches bringen ſollten. Bei dem Anblick unſerer geſchloſſenen Reihen, vielleicht auch beim Geraͤuſch unſerer Waffen, oͤffnet ſich plötzlich einige Schritte von uns eine indianiſche Strohhuͤtte, und ein Unbekannter eilt aus derſelben hervor, der eine Frau in ſeinen Armen traͤgt; in demſelben Augenblick aber reißt ſich auch das ganze Stuͤck Boden, worauf ſie treten, vom ufer los und zieht ſie mit ſich durch die Fluthen fort. Hinter ih⸗ nen her ſüͤrzen ſich einige Menſchen in die See, 277 ——— und verfolgen das vor ihnen hinſchwebende beweg⸗ liche Luſtwaͤldchen. Die Soldaten, von heiligem Schauer ergriffen, ſahen ſtillſchweigend zu, wie es mit ſeiner Huͤtte von Bambusrohr, ſeinen Obſi⸗ baͤumen, und ſeinem weiten Blumenguͤrtel auf den Wogen dahinſchwamm. Schon verlor ſich dieſes amerikaniſche Delos wie ein großer Schatten in den in einander laufenden Tinten der Wolken und der Waſſerflaͤche, als auf einmal einer von jenen Bliz⸗ zen, welche Himmel und Erde in Feuer zu ſetzen ſcheinen, die Finſterniß erhellte. Beim Scheine dieſes gewaltigen Feuerleuchtens ſah man die flie⸗ hende Inſel, ihre gruͤnen Wipfel und ihre Bewoh⸗ ner wie in einen Lichtocean getaucht wieder zum Vorſchein kommen. Ein eingebornes Maäͤdchen von Anachuac lag da auf den Knieen, hatte eine Hand nach dem Meeresabgrunde ausgeſtreckt, und die Augen zum Firmament emporgewendet, und druͤck⸗ te die Hand eines jungen Weißen, der ſich liebe⸗ voll auf ſie herabneigte, an ihr Herz⸗ Noch in ihrer knieenden Lage hatte ſie ſo viel Ausdruck von Majeſtaͤt, daß ſie eher den Elementen zu gebieten, als ſie zu fuͤrchten oder den Herrn derſelben an⸗ zurufen ſchien⸗ Auf das helle kicht eines Augenblicks folgte ſo⸗ gleich die tiefſte Nacht, und der ſeltſame Nachen, ſeine Geheimniſſe, und das trauliche Paaar, das auf demſelben fern von dannen fuhr, alles war auf einmal wieder verſchwunden, wie ein taͤuſchen⸗ 278 des Lraumgeſicht beim Erwachen wieder in die Daͤmmerung zerfließt. Wir folgten ſchnell der Spur der geheimniß⸗ vollen Reiſenden, doch ohne ſie zu erreichen oder wiedererblicken zu koͤnnen. Bei Tagesanbruch war die ganze Oberflaͤche des Sees mit Chinampas tapezirt, d. h. mit ſchwimmenden Inſeln, die zu⸗ gleich Raſen⸗ und Baumſtucke vorſtellend, fuͤr die⸗ ſes Wunderland ein Schmuck und eine Zierde ſind. Unzaͤhlige Böte, ebenfalls mit den hellſchimmernd⸗ ſten Blumen und den wohlſchmeckendſten Fruͤchten beladen, draͤngten ſich nach dem Kanale von Viga hin, um jenen Tribut des Fleißes des Indianers einer Bevoͤlkerung zuzufuͤhren, die begierig dar⸗ auf wartet. 3weites Kapitel. . —— Ich kam mit dem fruͤhen Morgen in Mexico an. Die Gegend ringsum iſt ein Garten oder vielmehr ein wunderſchoͤner Park. Sie wird im Hinter⸗ grunde von der majeſtatiſchen Mauer der Cordille⸗ ren umſchloſſen, deren Entfernung wegen der Stra⸗ lenbrechung der Luft minder groß erſcheint als ſie wirklich iſt, und deren Hoͤhe dieſe ſcheinbare Naͤhe noch groͤßer macht. Die unermeßlichen Waſſer⸗ ſpiegel, die daran grenzen, machen die Pracht dieſer Naturſcene vollſtändig. Dieſe majeſtaͤtiſche 280 Bei meiner Ankunft ward ich zu dem Poſten eines Platzmajors von Merico erhoben. Indem ich nun ſo den Lohn meiner geleiſteten Dienſte in den⸗ ſelben Gegenden empfing, wo die Ungerechtigkeit der Menſchen meine Mutter hatte mit Schimpf brandmarken wollen, genoß ich fuͤr ſie und Don Luis die unerwartete Genugthuung, die mir das Schickſal gewährte; ihr erlittenes Ungluͤck ſchien durch mein Gluͤck ausgetilgt zu ſein, In meiner Befoͤrberung ſah ich zugleich auch eine Befriedi⸗ gung fuͤr den Stolz Natea's; je hoöͤher ich ſtieg, je mehr naͤherte ich mich ihr, und ſchon wagte ich unter die Wuͤnſche einer baldigen Ruͤckkehr nach Eu⸗ ropa die Hoffnung des ſuͤßeſten Lohnes zu miſchen, der nur je auf Erden meinem Streben zu Dheil werden konnte. Um dieſelbe Zeit entſchluͤpfte auch Maria wie⸗ derum jener Achtserklaͤrung, die auf kurze Zeit ſie betroffen hatte, und ſchon fing die Welt wieder an, ſich zu ihr hinzudraͤngen, denn ſie ſucht haͤufig den⸗ jenigen auf, der ſie verſchmaͤht. Die Gemuͤths⸗ ſtimmung der Markiſin machte fuͤr ſie die Zuruck⸗ gezogenheit zu einem Beduͤrfniß, die Klugheit machte ihr dieſelbe zum Geſetz. Hätte ſie aufgehoͤrt, im Innern der Haupſtadt als jene geächtete zu leben, ſo haͤtte leicht ihr und dem Markis eine peinlichere Verbannung zubeſchieden werden koͤnnen. Sie ſchrieb mir: »Die Welt iſt wie jene willfaͤhrigen Wogen, die ungeſtuͤm dahin treiben, wohin der Wind ſie fuͤhrt, 281 und dann allmaͤhlig wieder an den Strand zuruck⸗ kehren, den ſie vorher ungeſtuͤm verlaſſen hatten. Ich ſehe, daß ſich eine oͤffentliche Meinung bildet, welche nachſichtiger iſt, als die des Hofes. Die vom Hofe ſogenannte Parthei des Prinzen von Aſtu⸗ rien zieht alle die an ſich, die nur irgend von Don Manuel und ſeinen Trabanten gereizt oder veraͤcht⸗ lich behandelt worden ſind, und da zu dieſer Par⸗ thei nun beinahe ſchon die ganze Nation gehoͤrt, ſo iſt dadurch den Opfern der Tyrannei ein weiter Zufluchtsort geoͤffnet; allein dieſe Rolle eines Opfers paßt nicht fuͤr meinen Character, und ſie zu uͤber⸗ nehmen, hieße ſo viel als, die Unzufriedenen zu Abhilfe ſeiner Leiden herbeirufen.“ »Der Friedensfuͤrſt hat ſo eben vom paͤbſtlichen Stuhle die Vollmacht erhalten, die Guͤter der Geiſt⸗ lichkeit zu verkaufen. Dieſes Actenſtuͤck, welches einen Pabſt und einen katholiſchen Koͤnig gegen die Rechte der Kirche bewaffnet darſtellt, hat hier gro⸗ ßen Unwillen erregt. Die Hoffnungen aller ſtuͤtzen ſich jezt mehr als je auf Don Ferdinant. Man ſpricht ganz laut davon, ihn auf den Thron zu ſetzen, und ich ſehe, wie die heftigſten Feinde der franzoͤſiſchen Revolution, eben die, welche dem Friedensfuͤrſten ſein Waffenbuͤndniß mit derſelben gar nicht verzeihen koͤnnen, Fray Cayetano, mein ehemaliger Kapellan, meine Schwaͤgerin, die gute Oberin des Kloſters***, ſich vereinigen, um die Zugel der Regierung mit Gewalt in andere Haͤnde zu legen, und zwar in Verbindung mit Don Carlos, 282 der ein Atheiſt zu ſein ſich ruͤhmt, mit Don Do⸗ mingo, welcher republikaniſch geſinnt iſt, und mit allen Anhaͤngern der neuen Ideen, welche durch den Seekrieg erbittert ſind. Ich wundere mich erſtaunlich uͤber ſolche Vereine, noch mehr aber uber die Plaͤne, welche die Vertheidiger der Glau⸗ benslehre hegen, in welcher ich erzogen und groß geworden bin. Wie koͤnnen ſie daran denken, ſich an der koͤniglichen Gewalt zu vergreifen? Sie antworten mir dann freilich, es geſchehe blos darum, um die Religion Jeſu Chriſti zu beſchuͤtzeu; ich weiß das wohl; allein, wenn die Reinheit der Beweggruͤnde jeden Gewaltſchritt entſchuldigt, wer wird es da wagen, ſich zum Richter und Raͤcher aufzuwerfen?“ „Man hat mir in dieſem ſeltſamen Drama eben⸗ falls eine Rolle zuertheilen wollen. Sor Maria de los Dolores hat es mehr als einmal verſucht; die Graͤfin von D*** gab ſich ſogar die Muͤhe, den Einfluß ihrer gewandten Beredſamkeit an mir zu verſuchen, ſie wollte mich durch ihr Beiſpiel in die thätigen Reihen dieſer Oppoſition mithinuͤber⸗ ziehen. Allein, wie konnte man glauben, daß ich, die vom Hofe und der Welt zuruͤckgeſtoßene, mich in Bewegung ſetzen wuͤrde, um vom Partheigeiſt mir eine Wiedereinſetzung in meine vorige Stellung und zugleich Rache zu verſchaffen? Ich werde viel⸗ mehr ganz in Frieden und, wo moglich, ganz in Vergeſſenheit zu bleiben ſuchen. Vergeſſenheit muß uns Frauen zur Entſchädigung dienen fuͤr unſer unthaͤtiges Loos; denn der Name der Frauen kann niemals Gerauſch oder Aufſehen erregen, ohne daß ihre Ruhe dadurch geſtort wird.“ „Die Sphäre der politiſchen Bewegungen iſt eine ganz eigenthuͤmliche Welt, die man kennen ler⸗ nen muß, aber blos um ſie zu fliehen und das Gluͤck der Zuruͤckgezogenheit begreifen zu lernen. Seitdem ich dieſe hohe Region durchkreuzt habe, ſteigen in mir oft bange Zweifel an dem auf, was mir bisher immer als feſt und erſchuͤtterlich galt. Indeß dergleichen Gedanken floͤßen mir jedesmal wieder Entſetzen ein. Fray Cayetano ſtellte mir ſie immer als ruchlos dar. Seine Amtsbefoͤrderung hat ihn von mir entfernt, und ich bin jezt ohne Fuͤhrer; denn ich habe an ſei⸗ ner Stelle den Freund und Lehrer unſerer Kind⸗ heit, den Doctor Don Mathias, angenommen, welcher ſeinen Lehrſtuhl in Salamanca verloren hat. weil er in ſeinen hiſtoriſchen Vorleſungen die An⸗ ſichten des Hofes nicht theilen wollte. Er war ohne Poſten und ohne Brot; blos aus Dankbarkeit nahm ich ihn in mein Haus auf; denn ſeine Grundſaͤtze erſchrecken mich, und ſeine Gelehrſamkeit verwirrt mich mehr, als ſie mich beruhigt.“ »Das einzige, wovon er mich ſehr keicht zu überzeugen vermocht hat, iſt der Zuſtand von Ver⸗ derbniß und Ohnmacht, zu welchem die Monarchie ſeit jenen Zeiten unſerer Kriege und unſerer Natio⸗ nalverſammlungen herabgeſunken iſt; dagegen kann 284 ich mich nicht uͤberreden, daß unſere heilige Religion durch abgottiſche Gebraͤuche befleckt ſein ſoll. Un⸗ ſer Spanien war unlaͤngſt noch ſo reich an großen Männern und an beruͤhmten Schriftſtellern; es hatte einen Adel, der ſo ſtolz vor ſeinen Beherrſchern, und Krieger, die der ganzen Welt ſo furchtbar wa⸗ ren! Die Liebe war hier ſo erhaben, ſo zart; jezt dagegen ſcheint ſie zu Eis erſtarrt, ja ſie vermag nichts mehr von alle dem hervorzubringen, was dem Privatleben Reiz und Wuͤrde verleiht, nichts von dem, was den Einfluß hoher Gefuͤhle und hoher Ge⸗ danken auf die Richtung der menſchlichen Schickſale beweiſet. Sage mir, geliebter Bruder, wird wohl dies neue Zeitalter, das ich uͤberall ankuͤndigen hore, dieſem hinſchmachtenden Koͤrper der Monarchie eine Seele wiedergeben? wird es bewirken, daß die Größe und die Schande nicht in Genoſſenſchaft treten koͤn⸗ nen, und daß es, um fuͤr einen Chriſten zu gelten, nicht mehr hinreichend ſein wird, blos die Kirchen⸗ feſte heilig zu halten, waͤhrend man dabei den Vor⸗ ſchriften des Evangeliums Hohn ſpricht? Wenn das wäre, ſo wuͤrde ich es wagen, in die Wuͤnſche mit einzuſtimmen, die ich von allen Seiten aͤußern hoͤre. Die Schande und das Elend koͤnnen keine gottliche Einrichtung ſein.“ In dem Augenblick, wo ich mich ſo eben freute, zu wiſſen, daß Maria jene aͤußere Ruhe wiederge⸗ funden habe, deren Abweſenheit die inneren Leiden bitterer macht, murmelte ein Ungewitter uͤber mei⸗ nem Haupte. Die Behoͤrden, die Großen, alle, die 285 — mir bisher Aufmerkſamkeit und Achtung in reichem Maße erwieſen hatten, zeigten mir jezt auf einmal eine kalte Außenſeite; ſogar der gemeine Sara⸗ gate, dieſer halbnackte Bewohner der Straßen Me⸗ rico's, verbarg bei meinem Anblick ſein Haupt unter das wollene Gewand, welches ihn umſchließt. Fortunato benahm ſich ganz ſo, als ob er der urheber dieſer unerwarteten Verfolgung waͤre. Sein Herr war naͤmlich zur Belohnung ſeiner blutigen Dienſte zum Fiscal der koniglichen Audienza ernannt worden. Der Gatte Margarita's ſah mich in einer angenehmen und glaͤnzenden Lage, und mein Gluͤck verletzte ihn wie ein unrechtmaͤßiger Beſitz. Alle ſeine Leidenſchaften waren wild, alle ſeine Gefuͤhle bitter, alle ſeine Entwuͤrfe ungluͤckbringend. Er war un⸗ glucklich, doch nur in der Art, wie es ein Boͤſewicht oder Strafbarer iſt, der das Gift, welches ſein Herz eingeſogen hat, nach außen hin zu verbreiten ſucht. Er verbarg ſorgfaͤltig den eiferſuͤchtigen Groll, den er uͤber die Verſchiedenheit unſerer beiderſeitigen Lebensſchickſale empfand. Voll zuvorkommender Freundlichkeit ſuchte er oft bei mir ſeine alten Rechte als Ritſchuͤler in Anſpruch zu nehmen; doch waͤh⸗ rend er mich mit ſeinen ehrerbietigen Huldigungen verfolgte, wendete er ſeinen unheilvollen Einfluß dazu an, dieſes Gluck zu zerſtoren, welches ihm ein Dorn im Auge war. Die Boͤſen ſind immer die ſtaͤrkeren auf der Welt. Ich ward angeklagt, daß ich, um den Baum der Empoͤrung mit der Wurzel auszurotten, nicht alles gethan haͤtte, was in mei⸗ 286 ner Macht und in meiner piche geſtanden habe. Man wuͤnſchte, daß Europa mich wegen des Blutes der Guatimotzila, das ich nicht vergoſſen, zur Re⸗ chenſchaft ziehen ſollte. Don Iſidro ward in dieſe Ruͤge ebenfalls mit hinein verflochten, und ich freute mich, meinen Namen einem ſo ehrwuͤrdigen Namen beigeſellt zu ſehen. Fortunato's Herr wiegelte einige alte Juſtizperſonen, einige Ordensgeiſtliche und ſogar Frauen gegen mich auf, und dieſer Verein verlangte mit lautem Geſchrei meine Verbannung, und zwar im Namen des Geſetzes, welches allen den Ungluͤck⸗ hen, die je unter den Haͤnden des Inquiſitions⸗ gerichts geweſen, und deren ſaͤmmtlichen Nachkom⸗ men den Eintritt in das ſpaniſche Amerika verwehrt. Der Vicekoͤnig hatte unterdeß erfahren, daß ein eng⸗ liſches Landungsheer unſere Kuͤſten von La Plata bedrohe, und er gab mir den Auftrag, dieſe Nach⸗ richt nach Buenos Ahres zu uͤberbringen. Kurze Zeit darauf ward Fortunato nach Europa zuruͤckgeſchickt, und ihm zugleich jeder Zutritt zu den Kolonieen fuͤr immer unterſagt. Seine Angebereien und ſeine treuloſen Komplotte hatten naͤmlich in Me⸗ xico Unruhen erregt. Es war gerade in den erſten Tagen des neuen Jahres 1806. England hielt noch die alte und neue Welt blokirt, und ich mußte daher den Weg uͤber das Andesgebirge einſchlagen, um an den Rio de la Plata zu gelangen. Am Ende meiner Reiſe hatte ich beinahe in ſeiner ganzen Laͤnge das dreizehnhun⸗ dert Stunden lange amerikaniſche Gebiet durchflogen, das der Krone Spaniens gehoͤrt. Dieſe Reiſe zeigte mir recht, wie ſehr dieſe neue Welt fuͤr die ungeheuere Beſtimmung geſchaffen iſt, welche die alte Welt ihr bereitet. Dereinſt werden dieſe Fluſſe, die wie wo⸗ gende Meere daherſtroͤmen, nicht mehr ſtumme Ein⸗ öden durchkreuzen, ſie werden dem Gewerbfleiß ihre gewaltige Kraft, und dem Handel ihren ungeſtuͤmen Lauf zur Unterſtuͤtzung darbieten; das Krokodil wird ſich aus dieſen Sämpfen, die es verpeſtet, durch ein zweites Amſterdam und durch ein zweites Venedig verdraͤngt ſehen, und die ungeheure Boaſchlange wird aus dieſen Savannen, die eine Welt zu ernaͤh⸗ ren im Stande ſind, verbannt werden. Als ich dieſe Gegenden durchreiſte, oder vielmehr ſie von den Hoͤhen der Andes herab betrachtete, hatte Mi⸗ randa bereits ihnen die Fahne der unabhaͤngigkeit dargeboten. Nachdem er zwei Jahre lang zuruͤckge⸗ ſchlagen worden war, begann er ſein Werk von neuem, und einem Bolivar gelang es endlich, es zu vollenden. Der Einfall der Franzoſen lockerte das Band, welches die Kolonieen feſthielt, etwas auf, und die unumſchraͤnkte Gewalt zerriß es vollends. Suͤdlich von der Erdenge von Panama fand ich den Anbau, die Gewerbe und die Reichthuͤmer, welche durch die Arbeit des Menſchen hervorgebracht wer⸗ den, weit minder entwickelt als im Norden; dage⸗ gen hat die Vorſehung weit mehr fuͤr dieſe Aequinoc⸗ tialgegenden gethan, wo die Natur in der Verſchwen⸗ dung ihrer Schaͤtze faſt die Grenzen ihrer Macht uͤber⸗ ſchritten zu haben ſcheint. Schoͤner geſchmuͤckt als 288 Mexico, verdankt dies bezaubernde Land nicht etwa blos ſeinen Cordilleren die Wohlthat, alle Zonen in ſich zu vereinigen. Der Bewohner, wenn er ſich in einer gewiſſen Hoͤhe anſiedelt, ſieht aus der Mitte der Felſen, die ſeine Wohnung umkraͤnzen, ein zwei⸗. tes Aſien zu ſeinen Fuͤßen ſich hindehnen, ein zweites Europa umgiebt es, und ein zweites Groͤnland ſteigt uͤber ſeinem Haupte in das Gebiet der Wolken hin⸗ auf. Jede dieſer Gegenden zeigt ſich ſeinen Blicken unter ganz verſchiedenartigen Vegetationsformen; die Gewaͤſſer, die Waͤlder, die Luͤfte, ſind mit den Be⸗ wohnern aller Klimate bis an die aͤußerſte Scheide⸗ grenze der Fruchtbarkeit hin bevoͤlkert. Jenſeits des Chimboraſſo herrſcht der Kondor; dieſer Koͤnig der Lfte, der in ſeinem Fluge die entgegengeſetzteſten Zo⸗ nen umfaßt, ſchwingt ſich von dem gluͤhenden Sande der Kuͤſte auf, um an der aͤußerſten Grenze unſerer Atmoſphaͤre in einer Hohe zu ſchweben, wohin unſere Luftſchiffer ihm nicht wuͤrden folgen können,— gleichſam als ſuchte er durch ſeinen kuͤhnen Auf⸗ ſchwung die heidniſche Allegorie zu rechtfertigen, die . den Adler dem Gott der ätheriſchen Regionen zum 1 Sinnbilde gab. Die Hochebenen von Rio Bamba, von Quito und von Peru liegen hoͤher, als die von Anahuac; doch blos den Alpen Suͤdamerika's iſt es von der Natur vergoͤnnt, Anpflanzungen, Staͤdte, und blůͤ⸗ hendeuniverſitaͤten noch in einer Hoͤhe zu tragen, die dem des Pico auf Teneriffa gleichkommt. Da erhe⸗ ben ſich die ſchroffſten Spitzen und die furchtbarſten 289 Vulkane der Erde, da begegnen ſich die grauen⸗ vollſten Abgruͤnde, welche der Wanderer auf einer wankenden Bruͤcke von Bambusrohr uͤberſchreitet, da ſtürzen ganze Stroͤme in ungeheuern Waſſerfaͤl⸗ len herab, Ruinen von Bergen, die in ſich ſelber zuſammengeſturzt ſind, deuten auf unterirdiſche Erd⸗ erſchuͤtterungen hin, wodurch ſie zertruͤmmert und vielleicht fruͤher gebildet worden waren. So viele majeſtatiſche Schauſpiele, unter denen ͤberall der Gewerbfleiß und der Luxus Europa's hervorſchim⸗ mern, geben dem ſuͤdlichen Amerika einen unbe⸗ ſchreiblich großartigen und lebensvollen Character. Es iſt, als ob die Natur in dieſen Gegenden, wo ſie noch jugendlich und wild iſt, all ihre urſpruͤngliche Kraft und Mejeſtat zeigte, und es nicht verſchmaͤh⸗ te, von den Kuͤnſten der alten Welt noch einen neuen Schmuck zu entlehnen. Endlich erreichte ich die weiten Ebenen von Buenos Ayros. Schon ſeit beinahe zwei Mona⸗ ten ſah dieſe Hauptſtadt ihre Mauern durch ein eugliſches Heer beſetzt. Indeß Großbritannien war in unſern Laͤndern blos durch die Bannfluͤche des paͤbſtlichen Stuhles und durch die trennenden Schran⸗ ken bekannt, die es durch ſeine Flotten zwiſchen den Kolonieen und dem Mutterlande aufgeſtellt hatte. Daher empoͤrten ſich denn auch der Stolz und die Rechtglaͤubigkeit— die beiden ſtaͤrkſten unſerer Nationalgefuͤhle— gegen dieſe Macht, und gaben dem Volkshaſſe den Character eines Vorur⸗ theils. Auch die Kreolen, die Indianer, die Me⸗ 19 290 ſtizen hatten die Waffen ergriffen. Eine Schaar jener rohen Hirten, die mit ihren Heerden in den Einoͤden von Parana und Urrugay umherirren, ward meinem Befehl anvertraut. Wir pflanzten un⸗ ſere Fahnen auf die Mauern von Buͤenos Ayres, und Carr Beresford mit allen ſeinen Truppen ſtreck⸗ te das Gewehr, am 12. Auguſt 1806. Ein Fran⸗ zoſe, der Admiral Liniers, hatte den hauptſaͤchlich⸗ ſten Antheil an der Ehre dieſes ruhmvollen Tages. Meine Indlaner hatten ſich durch ihr Ungeſtuͤm aus⸗ gezeichnet, womit ſie bis an die donnernden Batte⸗ rieen hinan Gefahren und Gemetzel geſucht hatten. Ihr glacklicher Erfolg empfahl mich dem Wohl⸗ wollen der Oberanfuͤhrer, und ich erhielt den Auf⸗ trag, die Nachricht von dieſem glorreichſten Siege, den unſere Waffen ſeit langer Zeit einmal wieder er⸗ rungen hatten, nach Eurupa zu uͤberbringen. Ich reiſte ab. So fuͤhrte mich denn mein Gluͤcksſtern, den uͤbermuͤthigen Gewalthabern der Monarchie zum Trotz, wieder in den Schooß meines Heimatlandes zuruͤck;— nur noch wenige Monate, und ich ſollte dann wieder zu Matea's Fuͤßen, in den Armen mei⸗ ner Schweſter liegen Es waren gerade vier Jahre verſtrichen, ſeit ich in der Verbannung lebte. Ich konnte mich von dieſen amerikaniſchen K⸗ ſten nicht entfernen, ohne einen ſtolzen Blick auf dies unermeßliche Gebiet zu werfen, welches dereinſt meinem Vaterlande die Erfullung ſeiner großen Be⸗ ſtimmung zu verdanken haben wird. Es iſt nur eine Stimme in Europa, wenn es darauf ankommt, 291 all das Gute aufzählen, das die Spanier in ihren Kolonien nicht gethan, und alles das Boͤſe, was ſie daſelbſt gethan haben.*) Freilich ha⸗ ben es dieſe Gegenden ſehen muͤſſen, wie der Fanatis⸗ mus und die Habſucht Tauſende hinopferte, und zwar in dem Anfange eines Jahrhunderts, welches ſpaͤterhin in dem Nittelpunkt des civiliſirten Euro⸗ pa's das Schauſpiel der Bartholomaͤusmacht geben ſollte; freilich hat eine von Gluͤck und Religions⸗ eifer trunkene, ihren Leidenſchaften zuͤgellos erge⸗ bene Soldatesca ihre Siege mit denſelben Greuel⸗ thaten befleckt, womit das brittiſche Kabinett in un⸗ ſern Tagen an den ufern des Indus und Ganges ſeine Siege entweiht hat; allein ſoll man denn bei einer ſchon drei Jahrhunderte lang dauernden Herr⸗ ſchaft immer nur an die wuͤthenden Gewaltſchritte einiger Abenteurer denken, welche dieſelbe gruͤnde⸗ ten? Dies hieße ja, die Monarchie Ludwigs des Vierzehnten mit dem erſten Eindringen der Fran⸗ ken, die Regierung Karls des Dritten mit der Niederlaſſung der Vandalen und Gothen ver⸗ wechſeln. Nan wunderte ſich, daß eine Handvoll Kaſti⸗ lianer ſo große Reiche habe unterwerfen koͤnnen; allein der Grund liegt darin, daß die einzigen civi⸗ liſirten Volker, die unſeren Soldaten begegneten, ) Geiſt der Geſete, Buch 10. Kap. 4. 19* namlich die Einwohner Peru's und Merico's, unter dem Joch unertraͤglicher Ariſtokratieen oder furcht⸗ barer Despoten ſeufzten. Sie boten daher den Spaniern die Hand, die nach der Weiſſagung ei⸗ nes alten Orakels kamen, um dem geſammten Amerika ein neues Leben zu bringen. Von dem Tage an, wo die koͤnigliche Regie⸗ rung in allen ihren überſeeiſchen Beſitzungen eine regelmäßige Juſtizverwaltung einfuͤhrte, konnten blos die Ariſtokraten der beiden Hochebenen ſich nach den uralten Zeiten, wie ſie vor der Eroberung waren, zuruͤckſehnen. Die Kaziken, die aus Ge⸗ bietern nun Unterthanen, aus unbeſchraͤnkten Un⸗ terdruͤckern beſchraͤnkte Gemeindevorſteher wurden, gelten zwar noch unter uns fuͤr Adelige, haben aber das Privilegium verloren, ihre eigene Nation mit Peitſchenhieben zu regieren, das Recht uber Leben und Tod zu handhaben, die einzigen Grund⸗ beſitzer zu ſein,— in der That, eine ſolche Strafe muß fuͤr die grauſamſten und ſchmachvoll⸗ ſten Tyrannen, unter denen nur je das menſch⸗ liche Geſchlecht geſeufzt hat, noch viel zu leicht erſcheinen. Der Indianer, der blos ein an die Scholle gebun⸗ dener Leibeigener, ein bloßes Laſtthier war, erhielt ſeitdem zwei der koſtbarſten Guͤter, welche nur irgend die burgerliche Geſellſchaft zu ertheilen vermag: per⸗ ſoͤnliche Sicherheit und Eigenthum; ſeine Doͤrfer wur⸗ den von nun an zu Republiken, die blos einem leich⸗ ten Tribut und einer eben ſo wenig druͤckenden Auf⸗ 298 ſicht unkerworfen wurden. Wenn ihm dieſe Wohltha⸗ ten jezt nicht mehr genuͤgen, wenn er, durch unſere Bemuͤhungen zu menſchlicher Wuͤrde erhoben, ſeinen rechtmaͤßigen Ehrgeiz noch weiter treibt und Buͤrger zu werden verlangt, ſo koͤnnen ſeine neuen Beduͤrfniſſe nicht gegen uns zeugen, ſondern blos von ſeinen Fort⸗ ſchritten in der Civiliſation ein Zeugniß ablegen. Was ſoll ich erſt noch von den wilden Indianern ſagen, von dieſen Horden elender Weſen, die ſonſt nur auf den Zweigen des Palmbaums lebten und ſich un⸗ ter einander verzehrten? Sind es nicht unſere Miſſio⸗ naͤre geweſen, die ſie aus ihren ſchmutzigen Suͤmpfen hervorgezogen, ſie ploͤtzlich unter den Schutz unſerer Geſetze geſtellt, und vor ihnen den ungeheuern Zwi⸗ ſchenraum geebnet und gebahnt haben, der den ſtumpf⸗ ſinnigen Bewohner der Wälder von dem Gruͤnder der ſchwebenden Gaͤrten und dem Erbauer der ewigen Py⸗ ramiden trennt? Wir erſt haben das Erdreich, wel⸗ ches ſie den Schlangen und Ottern und dem Jaguar überließen, gezwungen, die koͤſtlichſten Fruͤchte und die nuͤtzlichſten Pflanzen beider Erdhaͤlften hervorzubringen; wir erſt haben ihnen alle Erzeugniſſe unſerer Himmels⸗ ſtriche, das Pferd, den Stier, das Getreide, das Ei⸗ ſen zugefuͤhrt. Ich will hier gar nicht erſt die grau⸗ ſamen Menſchenopfer erwaͤhnen, welche das Evange⸗ lium unter ihnen abgeſchafft, noch auch die milden Tugenden, welche das Wort Gottes unter ihnen aus⸗ geſät hat; ich frage blos, welche Haͤnde waren es, 294 die mitten in den Einöden ihrer Kuͤſten und ihrer Ge⸗ birge, mitten in Moräſten, die ſo alt ſein mögen als die Suͤndflut, gewerbfleißige Meierhofe, handeltreibende Flecken, und Städte erbauten, die eine Zierde des ge⸗ bildeten Europa's ſein wuͤrden? Welche ſchirmende Aegide war es, welche die Enk⸗ wickelung ſo vieler edeln Schoͤpfungskeime dadurch ſchuͤtzte, daß ſie von dieſer Erdhälfte eine menſchen⸗ moͤrderiſche Plage fern hielt, die von jeher die andere Erdhaͤlfte verwuͤſtet hat? Iſt nicht der Krieg, deſſen Wuth vor unſerer Eroberung die civiliſirten wie die unangebauten Gegenden Amerika's verheerte, vor dem Kruzifir unſerer Religion und vor dem Scepter unſe⸗ rer Koͤnige verſchwunden? Die Zukunft wird es der⸗ einſt als eine ſeltene Erſcheinung in der Geſchichte be⸗ trachten, daß es einſt ein Land gab, welches vermöge unſeres Schutzes drei Jahrhunderte hindurch nicht von Menſchenblut benetzt wurde, wo ein Geſchlecht auf das andere ruhig folgte, und wo die Menſchen ſich unter dem Schatten des Friedens und der buͤrgerlichen Re⸗ gierung ſchnell vermehrten. Die Nachwelt wird fer⸗ ner ſagen, daß wir es waren, die auf den Hoͤhen der Andesberge und der Cordilleren die leuchtende Fackel der Wiſſenſchaften und Kuͤnſte aufſteckten. Ein Kad⸗ mus ward einſt in der alten Welt durch die Einfuͤh⸗ rung der Buchſtabenſchrift unſterblich, und wir haben neben der Buchdruckerkunſt, die um eben ſo viel hoher ſteht, als die Schreibekunſt, als die moderne Bildung 295 — aber det antiken erhaben iſt, auch noch dem neuen Kontinent alles das zugefuͤhrt, was jemals in dem Kreiſe menſchlicher Kenntniß erfunden und entdeckt worden iſt. Die Tyrier gruͤndeten Karthago, die Ae⸗ gypter Athen; doch Spanien hat ſeine Wohlthaten uber eine zweitauſend Stunden weite Landſtrecke ver⸗ breitet, und ganz Amerika iſt, ſo zu ſagen, durch daſ⸗ ſelbe aus der Wiege gehoben, erzogen und zum reife⸗ ren Jünglingsalter emporgeführt worden. Welches Volk hat jemals ſo viel fur die Menſchheit gethan? Freilich iſt ſeit einigen Jahren die Hand des Mut⸗ terſtaates in den uberſeeiſchen Reichen thaͤtiger geweſen, die alten Bande feſter zu knuͤpfen, als ihnen neue Ga⸗ ben zu ſpenden. Wir haben nämlich dieſe Voͤlker auf eine Stufe der Civiliſation und des Wohlſtands em⸗ porgebracht, wo jene Vormundſchaft, die bisher ſo wohlthätig geweſen, nur noch läſtig iſt; die oberſte Staatsgewalt ſteht nun, uͤber ihr eigenes Werk er⸗ ſchrocken, ſtill, ſie muß von nun an entweder einen Schritt zuruͤckthun oder ſich ſelbſt aufgeben. Es iſt in der Tyat ein großartiges Schauſpiel, wenn man ſieht, wie das junge Amerika ſeine lezten Feſſeln von ſich abſchuͤttelt und darnach trachtet, mit dem alten Europa gleichen Schritt zu halten— Einige Hochebenen im Innern, welche ſich von Ackerbau naͤh⸗ ren und mehr fuͤr den verbrauchenden Lurus, als fuͤr den erzeugenden und ſchaffenden Gewerbfleiß geeignet ſind, werden vielleicht druͤckende und beſchraͤnkende Ver⸗ — ——— faſſungen annehmen, allein die handeltreibende Beoöl⸗ kerung der Kuͤſten wird durchaus freie Staatseinrich⸗ tungen erhalten müſſen. Das Meer ſchon erzeugt re⸗ publikaniſche Rednerbuͤhnen. Die Regierungen, welche an den Kuͤſten des at⸗ lantiſchen Meeres dereinſt ihren Sitz einnehmen wer⸗ den, werden fuͤr die Konige unſerer europaͤiſchen Reiche mit Recht dann ein Stoff zu reiflichem Nachdenken ſein. Es werden von dorther Stimmen, vielleicht ſogar bewaff⸗ nete Arme ſich erheben, die, wenn ſie auch nicht im Stande ſein ſollten, das unter der Laſt ſeiner Jahre⸗ und mehr noch unter der Laſt ſeiner Guͤter und Ge⸗ nuͤſſe gebuͤckt einherſchleichende Europa wieder empor⸗ zurichten, wenigſtens Aſien unterſtuͤtzen werden, um den blutigen Staub einer drei⸗ bis viertauſendjaͤhri⸗ gen Knechtſchaft abzuſchuͤtteln. Es läßt ſich die Zeit vorausſehen, wo Indien durch große Beiſpiele belehrt und unterſtuͤtzt, die Herrſchaft der Aufklaͤrung und der Geſetze wieder bis in das Herz des Orients und bis auf jene Hochebenen ausdehnen wird, von denen das Menſchengeſchlecht in der Urzeit ausgegangen iſt. Die antike Bildung des Orients trieb in Grie⸗ chenland und Latium neue Schößlinge, welche bald an Kraft und Majeſtät den muͤtterlichen Stamm weit uͤbertrafen. Aus den Ueberreſten derſelben ſproßte die moderne Bildung und Wiſſenſchaft hervor, die noch mächtiger iſt, ihre Entdeckungen und wohlthätigen Er⸗ findungen noch weiter ausdehnt, und einerſeits bis in 297 die unermeßlichen Raume des Himmels empor, anber⸗ ſeits bis in die Tiefen der Erde hinab dringt. Wer weiß, welche Höhe ſie noch erreichen kann, wenn ſie dereinſt auf dieſen Wunderboden Amerika's verpflanzt werden ſollte, wo die Natur in allen Dingen nach ko⸗ loſſalen Geſtaltungen ſtrebt, wo die Groͤße der Schö⸗ pfungswunder die Geiſter wie die Gemuͤther erheben wird, wo die bloße Morgenroͤthe der Freiheit bereits in minder geſegneten Gegenden Maͤnner wie Franklin und Waſhington auftreten ſah? Die Voͤlker, welche ihre Hand nach den Geſchenken dieſer neuen Civiliſa⸗ tion ausſtrecken werden, werden vor ihren Vorfahren den Vortheil voraus haben, daß ſie zu dem ferneren Verfolg ihrer Beſtrebungen eine völlige Gleichheit der Ueberlieferungen, der Religion, der Sitten und der Sprache mitbringen, welche den kommenden Zeitaltern gewiß nicht als die geringſte wohlthaͤtige Folge der ſpaniſchen Eroberung erſcheinen wird. Die Zeiten werden kommen, wo der alte Kontinent den Scepter der Weltherrſchaft juͤngeren und ruͤſtigeren Haͤnden wird uͤberlaſſen muͤſſen. Dieſe Revolution, vor welcher die Gemuͤther zuruckbeben, hat die Menſch⸗ heit ſchon einmal erlebt. Vor dreitauſend Jahren war Aſien das, was Europa jezt iſt; es hatte ungeheure Reiche, wohlhabende Staͤdte, und handeltreibende Vol⸗ ker. Die Chriſtoph Colombo's jener Zeiten, vielleicht auch jener Herkules der Vorzeit, machten im Abend⸗ lande kuͤhne Entdeckungen. Griechenland und die bei⸗ den Heſperien, die vom blonden Menſchenſtamm, der damals noch ganz wild und roh war, bewohnt waren, die Inſeln des Mittelmeeres und die Ebenen, welche der Atlas umgiebt, empfiengen damals Kolonieen. Dieſe Kolonieen wurden allmäͤhlig großer und mächti⸗ ger, und nach Verlauf einiger Jahrhunderte hatten ſie bereits einen Namen, der fuͤr immer achtungswerth bleiben wird. Die Griechen wagten es, Sardes ein⸗ zuäſchern, und Karthago bedrohte Tyrus; die Römer herrſchten am Nil und am Euphrat. Wie ward dieſe ſeltſame Umgeſtaltung der Weltverhaͤltniſſe bewerkſtelligt? Was that Aſien, daß es einer Handvoll ſeiner Söhne, die an entlegenen Kuͤſten zerſtreut lebten, zinspflichtig werden mußte? Die vollendeten Jahrhunderte, viel⸗ leicht das laufende Jahrhundert, werden uns dieſe Frage beantworten. So viel iſt gewiß, wenn es je dahin kame, daß der menſchliche Geiſt bei uns in Europa unuͤberſteig⸗ liche Schranken anträfe, oder daß ein Verein deſpoti⸗ ſcher Gewalten und Intereſſen ſeinen Aufſchwung zu hemmen, und ihn wieder in die Wiege ſeines Kindes⸗ alters einſchnuͤren wollte, oder daß er wohl gar je vor den Strafen dieſer Frevelthat, vor den blutigen Ge⸗ genwirkungen, vor den furchtbaren Thorheiten moder⸗ ner Heroſtrate, welche die Freiheit auf demſelben Wege zu erjagen ſuchten, wie der alte Heroſtratus den Ruhm, ſich fluͤchten muͤßte, ſo wuͤrde er uͤber dem Weltmeer druben ſich einen Zufluchtsort aufſuchen, und Spanien —,———— 299 würde bann den Ruhm haben, einem ſolchen Ankömm⸗ ling ein ſeiner wuͤrdiges Aſyl bereitet zu haben. Dort werden dann diejenigen, die ihn heutzutage verfolgen, ihn nicht mehr erreichen köͤnnen. Der Ocean leiht blos den Wuͤnſchen der Induſtrie und der Gewerbe ſeinen Beiſtand; dagegen wird er, unfolg⸗ ſam gegen einen Terres, Amerika gegen die Barbaren vertheidigen, und ein ganzer Welttheil wird unabhaͤn⸗ gig bleiben, fruchtbar, reich an Guͤtern, den wir we⸗ der zu erobern noch zu vertheidigen wußten, ein gluck⸗ licher Welttheil, nach welchem der gefeſſelte Gedanke des Europaͤers oft wird ſeine Blicke hinwenden koͤn⸗ nen, als nach dem kuͤnftigen Vaterlande der Civiliſa⸗ tion und der Freiheit. Literariſche Anzeigen. — In vemſelben Verlage ſind erſchienen und in allen Buchhandlungen Deutſchlands und der Schweiz zu haben: Memoiren der Frau von Campan. Ueber das Privatleben der Koͤnigin Maria Antvi⸗ nette von Frankreich. Nebſt Erinnerungen und hiſtoriſchen Anekdoten aus der Regie⸗ rung Ludwigs des XIV. XV. XVI. Aus dem Franzoſiſchen treu uͤberſetzt. 3 Bände. gr. 8. 1824. Geheftetet 3 Rthlr. 20 Gr. Noch in keinem bisher erſchienenen Werke über die franzöſiſche Re⸗ volution, iſt deren Beginn und Fortgang, mit allen ihren Triebfedern und Verzweigungen, ſo klar und ergreifend geſchildert worden, als von der Frau von Campan in ihren Memoiren. Die Goͤttingi⸗ ſchen gelehrten Anzeigen erklären ſie für die wichtigſten und intereſſanteſten Aktenſtücke zur Geſchichte des franzöſiſchen Ho⸗ fes, des hohen Adels und der Partheiungen, welche beide ſtürzten, ja für die am meiſten hiſtoriſch wichtigen unter allen Memoiren, deren in den letzten Jahren ſo viele in Paris erſchienen ſind. Ne⸗ ven dieſer hiſtoriſchen Treue, gewähren ſie zugleich das Intereſſe ei⸗ nes anziehenden und tief erſchütternden Romans, in welchem die unglückliche Königin in aller ihrer Liebenswürdigkeit und Größe, als Hauptfigur eben ſo wahr als treffend dargeſtellt und geſchil⸗ dert iſt. Die Halsbandgeſchichte, früher immer unklar erzählt, gleicht einer merkwürdigen Epiſode, die bedeutſam in die Geſchichte eingreift und Unglück bringend nachwirkt. Die traurige Endkataſtrophe gewahrt man gleich von vorn herein düſter im Hintergrunde, und ſie gibt der ganzen an ſich ſchon zarten und gemüthvollen Darſtellung, etwas Wehmüthiges, und Lragiſches. Das Ganze iſt faſt dramatiſch gehalten; der Leſer wird durch die klare Anſchaulichkeie in der Darſtenung ſo mit fort⸗ geriſſen, daß die handelnden Perſonen, das ganze ungeheute Trei⸗ ben, vor ihm lebhaft erſcheinen und er in die Mitte aller dieſer Begebenheiten ſich verſetzt fühlt. Dem gten Vande ſind höchſt in⸗ tereſſante Anekdoten aus dem Leben dreier Ludwige, des Lten, 16ten und 16ten beigegehen. Memoiren des Hauptmanns Rock. ueber die Verhaͤltniſſe des Staats, der Kirche und des Volkes in Irland. Mit geſchichtlichen Er⸗ laͤuterungen und Belaͤgen, herausgegeben von Thomas Moore. Aus dem Engliſchen uͤber⸗ ſetzt. 8. Breslau, Verlag von Joſef Max und Komp. 1825. Kartonnirt 1 Rtlr. 12 gr. Der berühmte Dichter Shomas Moore giebt hier zum er⸗ ſtenmal, eine treue Schilderung von den politiſchen und kirchlichen Verhältniſſen Irlands, wie ſie von Anbeginn geweſen, und wie ſie ſich bis auf die neueſten Zeiten herab entwickelt und geſtaltet ha⸗ ben. Das ſeit Jahrhunderten fortgeführte Syſtem einer unerhörten Volksbedrückung, die fortwährende Bedrängniß der katholiſchen Kir⸗ che und ihrer Anhänger, die durch's Geſetz begünſtigten Erpreſſun⸗ gen der reichen proteſtantiſchen Geiſtlichkeit, die unglaubliche Ver⸗ wilderung des Volksſchulweſens, dies alles und vieles andere, was zu dem düſtern Gemälde des Zuſtandes jener unglücklichen Inſet gehört, wird hier durchaus nach den beſten engliſchen Quellen und Gewährsmännern erzählt und mit Thatſachen belegt, und bildet ſo gleichſam einen lebendigen Kommentar zu den neueſten engliſchen Parlamentsverhandlungen über dieſen Gegenſtand. Geſchichte des Oſt⸗Gothiſchen Reiches in Ita⸗ lien. Von J. C. F. Manſo. gr. 8. 1824. Fein Berliner Patent⸗Papier 2 Rthlr. 26 gr. Beſtes geleimt Velin⸗Papier 3 Rthlr. 26 gr. Die Geſchichte des Oſt⸗Gothiſchen Volks auf Itatiens Boden erſcheint hier zum erſtenmal in ihrem ganzen umfange. Bisher wurde bloß das Leben Theoderichs des Großen, oder vielmehr die Frage: wie ſich die Verfaſſung und die Verhältniſſe der Go⸗ then zu den Römern unter ihm geſtalteten, auf Veranlaſſung einer ——— — ,. — Preisaufgabe des Franzöſiſchen Inſtituts vor mehreren Jahren auf⸗ genommen und erörtert. Es wird daher von jedem Geſchichtsfreun⸗ de gewiß als verdienſtlich anerkannt werden, die, wenn auch nur vereinzelt daſtehende, doch in ſo vielen Beziehungen merkwürdige Erſcheinung der Oſt-Gothen in Italien, von ihrem erſten Ent⸗ ſtehen bis zu ihrem gänzlichen Erlöſchen, verfolgt zu ſehen, wie es in obigem Werke geſchehen iſt. Die erſte Hauptabtheilung enthält die eigentliche Geſchichte des Volkes und zerfällt in 6 Unter⸗Abtheilungen, von denen die bei⸗ den erſten Theoderichs Leben und ſeine Wirkſamkeit nach außen und innen umfaſſen, die drei folgenden enthalten die Re⸗ gierungen ſeinér Nachfolger, und die ſechſte liefert die ſpätere Geſchichte der Oſt⸗Gothen, und fucht den Einfluß zu entwickeln, den die Handlungsweiſe des Griechiſchen Kaiſers auf der einen, und das Benehmen der Gothen auf der andern Seite, die Verſchiedenheit der religiöſen Anſichten Genen eine kurze Einleitung vorangeſchickt iſt, die vielleicht auch den Theologen anziehen möch⸗ te), die Stellung der Römer zu den Gothen, und einiges andere auf die Schickſale der letztern hatten.. Die zweite Haupt⸗Abtheilung giebt 16 Beilagen, worunter wir nur die über den umfang des Oſt⸗Gothiſchen Reichs⸗ über die von Caſſiodor verwalteten Aemter und deren Folge, über Kunſt und Kunſtgeſchmackin Sheoderichs Zeitalter, und über die chronologiſche Folge der Be⸗ gebenheiten während der drei letzten Jahre des Grie⸗ chiſchen Gothiſchen Kampfes, als beſonders wichtig be⸗ zeichnen wollen.— Den Beſchluß macht; Enno dii Pane- gyricus, Theoderico Regi dictus, mit Varianten aus einer Münchner Handſchrift und einem fortlaufenden lateini⸗ ſchen Kommentar, deſſen der dunkle Rhetor ſo ſehr benöthiget iſt. * . Weihnachts⸗Gahe von Ludwig Lieck. —— In allen Buchhandlungen Deutſchlands und der Schweiz iſt zu haben: Pietro von Abano oder Petrus Apone. 8 aubergeſchichte von Ludwig Tieck. B. 1825. Verlag von Joſef Max und Komp. in Breslau. Sauber kartonnirt. Preis 1 Rthlr. Ludwig Tieck, der ſeit längerer Zeit die gebildete Leſewelt mit ſeinem begonnenen Novellen⸗Kranz hoch erfreuet, eröffnet mit obi⸗ gem ſeinen längſt verſprochenen Cyklus von Maͤhrchen und Zau⸗ bergeſchichten, und zwar recht bedeutſam mit dem berühmten Velt⸗ weiſen, Aſtrologen und Zauberer Apone. Seine Geſchichte, auf hi⸗ ſtoriſchem Grund und Boden ruhend, lebt noch jetzt in Paduas Sa⸗ genwelt, und verdiente eine ſo meiſterhafte Behandlung und Erneu⸗ ung, als in dem vorliegenden Buche gegeben iſt. Wie der Menſch⸗ wenn er in keckem, dünkelhaften Wiſſen, vom demuthsvollen kindli⸗ chen Glauben ſich losſagend, und der Schranken der Endlichkeit ver⸗ geſſend, über Gott und Natur ſich erheben will, zuletzt unvermeidlich dem Böſen als Opfer verfallen muß, zeigt und lehrt auch hier die wun⸗ derſame Geſchichte Apone's. Dieſer zunächſt werden folgen: 1. Her⸗ zog Friedrich von Schwaben. 2. Wittich vom Jordan. 5. Die Jugend des Malagys. 4. Die einſame Butg. 6. Die Schwäne. Nächſtens erſcheint: Kleine Buͤcherſchaut. Noebſt einer ungedruck⸗ ten Auswahl literariſcher Fluͤche und Wuͤn⸗ ſche von Jean Paul. Ein Anhang zur Vorſchule der Aeſthetik. 8. 1825. Auf Ve⸗ lin⸗Druckpapier und beſtes geleimtes Velin⸗ papier. Joſef Max und Komp. — S ſſ ſiſſ 8 9 11 12 13 14 15 16 ſ 17 18 19 2 S— 2 . ²