deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otkmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih und Seſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinter legen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf 1 Mk. 50 Pf. 2 Wer.— Pf 35 Auswärtige Aponnenten hab en für Hin⸗ und Zurückſ endung der Bücher auf ihre e Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene vder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des anſen verpflichtet. 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Kaunitz. Zweites Buch. Raunitz. Kultur⸗hiſtoriſcher Roman von Sacher⸗Maſoch. Zweites Buch: Die Epigramme Friedrich des Großen. Reue Ausgabe. Leipzig Ernſt Julius Günther 1873. F Es war die fröhliche Jahreszeit, wo das muntere Volk der Dörfer in uralten Spielen den Kampf des graubärtigen Winters mit dem jungen Frühlinge darſtellt. Die Geſellſchaft ſchlürfte mit gleich vollen Zügen die letzten Freuden des Salons und die erſten Düfte der Knos⸗ penzeit, und doch waren zwei ihrer vornehmſten Helden wie Gegner nach beendetem Duelle von ihrem Kampfplatze ab⸗ getreten. Voltaire hatte mit ſeiner Nichte, Madame Denis, Paris in der ſchwerfälligſten Reiſekutſche verlaſſen, um dem königlichen Freunde in Potsdam ſein Antlitz zu zeigen, und Kaunitz war— krank. Man war geneigt, ihn für den eingebildeten Kranken zu nehmen, aber es war Thatſache, daß das Haus der öſter⸗ reichiſchen Geſandtſchaft Wochen lang, Jedem der Athem holen mußte, um ſein Daſein zu friſten, verſchloſſen war, und wenn Geiſter dort aus- und eingingen, ſo waren es verſchwiegene Geiſter. Es war Thatſache, daß dichte grüne Vorhänge ſämmtliche Fenſter verhüllten, daß täglich zwei Mal der Wagen des königlichen Leibarztes Quesnay vorfuhr, und daß der Apotheker des Grafen ſich durch deſſen Medikamen⸗ tenrechnung in gute Laune zu verſetzen pflegte. Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. II. 1 * 2 Es war ein düſteres Bild, der Geſandtſchaftspalaſt mit ſeinen verhängten Fenſtern, aber die Kehrſeite war um ſo heiterer. Ein langer Balkon lief längſt dem mittleren Theil des Gebäudes gegen den Hof zu. Ein Dach auf ſchlanken Säulen ſchützte die üppige Ve⸗ getation, welche aus weißen, mit antiken Gebilden ge⸗ ſchmückten Thongeſchirren ſich um Wand und vergoldete Pfeiler ſchlang, um dichte grüne Gitter zu bilden und in Guirlanden wieder von der Decke herabzufallen. Dickes, ſammtweiches Moos war über den ſteinernen Boden gebrei⸗ tet. Warme Sonnenſtrahlen ſpielten auf Blumen und Blü⸗ then und füllten die Galerie mit leichtem Duft. Hier machte der kranke Botſchafter Maria Thereſia's ſeine Promenade im weiten, faltigen Sammtkleide mit dem leichten Shwale, hier begoß er aus ſilberner Kanne ſeine Blu⸗ men. Heiteres Behagen lag auf ſeinem ganzen Weſen. Er ſummte eine italieniſche Arie und ſchlug die muthwilligſten Triller, während am Portal, wie jeden Morgen, betreßte Diener mit bedenklichen Mienen nach ſeinem Befinden fragten. Kaunitz war fröhlich wie ein Kind, das mit ſich ſelbſt und der ganzen Welt zufrieden iſt. Er hatte auch Urſache dazu. Ein großes Stück ernſter Arbeit war auf die luſtigſte Weiſe et. Der Name Kaunitz war zu einer Loſung der Freude, zum Ewos für Paris und Voltaire war— in Potsdam. Das literariſche Kaffeehaus, die geiſtreichen Salons ————— 3 bekränzten den Mäcen Crebillon's mit Lorbeern und Ro⸗ ſen. Auf der Silbertaſſe Frangois' fanden ſich täglich mit den Briefchen Gabrielens jene der Marquiſe von Pompa⸗ dour zuſammen. Täglich legte der Secretair mit den De⸗ peſchen einen Bericht von Amadeus auf den Tiſch des Grafen. Kaunitz hatte ſeine Fäden nach allen Richtungen gezo⸗ gen und wieder untereinander geknüpft; jetzt ſaß er mitten darin und wartete des Erfolges. Während man ſeine Pulsſchläge zählte, berechnete er lächelnd die Zinſen ſeiner Krankheit in Verſailles und Heute fand ihn der Secretair beſonders vergnügt bei ſeinen Blumen. „Neuigkeiten?“ rief er ihm entgegen,„große Neuigkei⸗ ten, es iſt Zeit, daß ich geſund werde, Binder, was mei⸗ nen Sie?“ „Excellenz ſind nie im Zweifel darüber, was an der Zeit iſt.“ „Alſo ich ſoll wirklich geſund werden?“ „Gewiß.“ „Sie ſehen alſo nicht ein, daß ich gut gethan habe, krank zu werden?“ „Verzeihen, Excellenz—“ „Hören Sie, Binder,“ unterbrach ihn der Graf,„die Entfernung iſt die beſte Probe aller Gefühle. Ich habe einige Gefühle zu prüfen gehabt in Paris und Verſailles, da war es mit einem Schlage zu erreichen.“ „Und haben dieſe Gefühle die Probe beſtanden?“ fragte der Secretair. 4 „Alle!“ ſagte Kaunitz und erhob ſich von ſeinen Blu⸗ men,„Alle! weibliche und männliche. Die Menſchen ſind noch nicht ſo grundſchlecht, Binder, als man zuweilen mei⸗ nen möchte; es giebt edlere Thiere unter ihnen, wie dieſen Bären Amadeus, ich fürchte nur den claſſiſchen Steinwurf, wenn mich einmal eine Fliege necken ſollte. Aber es iſt wirk⸗ lich Zeit, geſund zu werden. Der Herzog von Richelieu hat große Plane! Eine neue Intrigue, die Marquiſe von Pompadour zu ſtürzen, beſchäftigt ihn.“ „Durch eine neue Geliebte?“ „Wie ſonſt! und dieſe neue Geliebte ſoll meine Ruſſin ſein.“ Der Secretair ſah den Grafen überraſcht an. „Ruhig, Binder, ich habe nie ein Wort mit ihr geſpro⸗ chen, ich habe ſie nur einmal geſehen im Theater, aber das war genug, das war ungeſund. Nun ſoll ſie die Maitreſſe Ludwig XV. werden. Die Ruſſin wird zu ſtolz ſein, mein lieber Richelieu, und Stolz iſt Moral beim Weibe. Aber es iſt immerhin Zeit, geſund zu werden. Wo iſt Quesnay?“ „Er iſt in wenigen Minuten hier.“ „Er iſt pünktlich,“ Kaunitz,„iſt er auch verſchwiegen?“ „Das iſt er,“ betheuerte Binder.„Es iſt ſein Ver⸗ dienſt, wenn man den Zuſtand Euer Excellenz für ſo be⸗ denklich hält, daß Ihre plötzliche Geneſung das Anſehen ſeiner Kunſt um nicht Geringes erhöhen wird.“ Francois erſchien in dieſem Augenblick auf der Schwelle, hielt aber inne, bis ſein Herr ihn mit einem flüchtigen Blicke geſtreift hatte. —,— — 5 Der Kammerdiener benahm ſich ſo, um den Grafen nicht durch ſein Erſcheinen zu überraſchen, denn er ſchwebte in ſeinen rothen Schuhen wie ein reiner Geiſt unhörbar über das Moos hin. Mit graziöſer Haltung reichte er Kau⸗ nitz auf ſilberner Taſſe ein Päckchen Briefe. Der Graf nahm einen davon, überflog lächelnd die Adreſſe und ſchüttete dann alle auf das Marmortiſchchen, vor dem er ſich im bequemen Lehnſtuhle niederließ. Behag⸗ lich ſtreckte er die Füße in das Moos und fragte den Secre⸗ tair:„Was für Nachrichten?“ Francvis entfernte ſich. „Vor Allem einige Urtheile über Euere Excellenz.“ „Das langweilt mich,“ unterbrach der Graf,„Anſich⸗ ten über Geiſt, Gemüth, Charakter, ob man dieſer oder je⸗ ner Weltanſicht folgt, wie man ſich ſelbſt in ſeiner Meinung von den Anderen ſpiegeln mag, Philoſophie, Moral, Paſ⸗ ſionen, und keine Ahnung von dem, was die Natur iſt. Menſchennatur! wer ergründet dich? wer forſcht nach dei⸗ nen Elementen? Blumen zerpflückt man, Steine wirft man in den Schmelztiegel, aber dich— dich will man conſtruiren wie den Stein der Weiſen, aber ihn findet Niemand und tiemand dich!—“ Der Graf ſchwieg eine Weile, während er die Briefe überflog.„Nun, Binder?“ „Geſtatten mir Excellenz doch— die Urtheile— ſie ſtehen in naher Beziehung zu Ihren Abſichten.“ „Zu meinen Abſichten? Alſo.“ „Ich habe Briefe von Wien.“ Binder zog ſie hervor. „Nur den Inhalt!“ befahl der Graf,„in aller Kürze.“ „Ganz kurz,“ entgegnete der Secretair, hat Euere Excellenz in Wien aufgegeben.“ * Kaunitz blickte ruhig zu Binder empor und fuhr dann fort zu leſen. „Ich ſpreche nicht von den Feinden Eurer Excellenz, dieſe triumphiren, ſie belächeln die kleinen Erfolge, ſo ſchreibt man mir, von Turin und Aachen, ſie zucken bedeutungsvoll die Achſeln über die öſterreichiſche Politik, über die Regie⸗ rung, welche den Poſten von Verſailles einem diplomati⸗ ſchen Schulknaben, ſo ſchreibt man mir, anvertrauen konnte, einem Schöngeiſt, der ſich von den Feſten Ludwig XV. ge⸗ fangen nehmen läßt, während deſſen Miniſter mit dem Kö⸗ nige von Preußen über einen neuen Krieg gegen Maria Thereſia unterhandeln.“ „Und meine Freunde?“ „Sie wiſſen ſich das Benehmen Eurer Excellenz nicht zu deuten, ſie ſehen die Beziehungen zu den Seemächten täg⸗ lich mehr erkalten und—“ „Gut,“ rief der Graf,„aber die Kaiſerin, wie meint man, daß ſie mein Benehmen beurtheilt?“ „Er braucht eine Erholung, er muß ſich zerſtreuen, das iſt ihre Antwort auf jedes Bedenken.“ Der Graf erhob ſich nun langſam, um über den Balkon zu ſchreiten. „Und Paris? was ſagt Paris von mir? weil wir uns einmal mit dem Urtheil über mich beſchäftigen.“ „Paris hält Euere Excellenz für den liebenswürdigſten Cavalier, den geiſtreichſten Freund der Künſte und Wiſſen⸗ ſchaften, einen Mann, wie geſchaffen, die gegenſeitigen Vor⸗ urtheile der Nationen zu beſeitigen, Beziehungen des Frie⸗ dens, des Verkehres und Austauſches zu vermitteln, aber es hält Euer Excellenz für einen— ſchlechten Diplomaten.“ 7 „Sehr gut! ſehr gut! Ich bin zufrieden, Binder, ſehr zufrieden, wirklich ſehr zufrieden. Was haben Sie noch?“ „Ercellenz befahlen mir, Bericht zu erſtatten über Voltaire.“ „Ja, Binder, vorzüglich über ſeinen letzten Beſuch bei der Marquiſe von Pompadour.“ Der Secretair verbeugte ſich.„Excellenz kennen meine intimen Beziehungen zu Frau von Denis.“ „Gewiß. Correſpondiren Sie mit ihr?“ „Wir nahmen den zärtlichſten Abſchied, Excellenz, ja ich bat ſie auf meinen Knien nur um die einzige Gunſt, meine Briefe nicht zurückzuweiſen. Sie lächelte und ver⸗ ſprach zu antworten. Ich habe ſie bis an den Schlag ihres Reiſewagens begleitet und lief noch eine Weile neben den Pferden her!“ „O! das muß ſich rührend ausgenommen haben.“ „Gewiß war ſie gerührt, denn ſie winkte mit dem Tuche und beantwortete meinen Brief mit der unanſtändi⸗ gen Eile eines verliebten Mädchens. Hier iſt das Schreiben.“ Kaunitz durchflog es.„Ich finde meine Vermuthun⸗ gen vollkommen beſtätigt. Seine Bosheit geht ſo weit, ſich vor der Freundin, die ihm einen Fußtritt gegeben hat, zu krümmen, um nur den Feind vernichten zu können. Voltaire hat die Marquiſe von Pompadour vor ſeiner Abreiſe auf⸗ geſucht, um vor ihr die Waffen zu ſtrecken, es war die beſte Gelegenheit, ihr zu zeigen, was für Waffen es ſind, die er führt. Er verließ Frankreich, um den Hof von Potsdam wie einen Tempel zu beziehen. Er kann von ſeinem Al⸗ tare herab Donner und Blitz verſenden gegen die Marquiſe, aber kommt, ehe er ſeine Stufen emporſteigt, um ihre Hand 8 zu küſſen und ihre Grüße an Friedrich den Großen in Em⸗ pfang zu nehmen. Es iſt Zeit, Binder, daß ich geſund werde. Da mel⸗ det Fransvis eben unſern Leibarzt.“ Mit behaglicher Geſchäftigkeit trat Quesnay auf den Balkon des Grafen. Er fragte nach dem Befinden, bot eine Priſe zuerſt dem Grafen, dann dem Secretair, ſprach von ſei⸗ nen Patienten, ſchönen Frauen, dem Theater, und ſchnupfte dann ſelbſt mit leidenſchaftlicher Haſt. Dieſen Moment be⸗ nutzte der Secretair, um ſich zu empfehlen. Kaunitz aber nahm den luſtigen Arzt unter den Arm, und ſagte leiſe: „Was macht ſie?“ „Die Fürſtin?“ Kaunitz nickte.. Quesnay griff lächelnd nach deſſen Puls.„Sie fiebern ja förmlich um dieſe Frau.“ „Ja, Quesnay, wenn ich nicht bald geſund werde, ſo werde ich krank vor Neugierde. Wir wollen überhaupt eine wahre Wunderkur in Scene ſetzen. Ich fahre heute aus.“ Quesnay, welcher an einer Guirlande geſpielt hatte, fuhr ſo entſetzt zurück, daß ihm der Aſt in der Hand blieb. „Meine Reputation! was fällt Ihnen ein!“ „Gerade Ihre Reputation, lieber Quesnay, will ich auf das Höchſte ſteigern. Geſtern Abend noch ſchwer krank, heute Morgen Reconvalescent, zu Mittag geneſen. Es lebe Quesnay! wird man in den Straßen rufen, wenn man Ihren Wagen erkennt.“ Der Doctor rieb ſich unaufhörlich die Stirne, ſah zu der Decke empor, rieb ſich wieder die Stirne, dann bog er ſchnell die Guirlande zuſammen, ſchlang ihre Enden feſt 9 in einander und ſetzte den Kranz auf Kaunitz Haupt.„Sie ſind ein Genie!“ rief er,„Sie fahren aus! gleich, wenn Sie wollen. Sie reiten, Sie gehen, es lebe Quesnay! wird man rufen.“ Der Graf nahm den Kranz herab, löſte ſeine Enden und peitſchte mit dem blühenden Aſt ſeinen Fuß. Ohne den Kopf zu erheben, ſprach er zu Quesnay:„Meine Phantaſie beſchäftigt ſich unaufhörlich mit ihr.“ „Ihre Phantaſie?“ entgegnete Quesnay,„ja Sie lieben mit der Phantaſie, Sie haben den beſten Willen zu lieben, aber Sie kommen nicht über die Vorſtellung davon hinaus. Ein Augenblick macht uns zu Knechten von Ge⸗ ſchöpfen, an denen wir nur Widerwärtiges fanden und Einſicht der beſten Eigenſchaften, Wohlgefallen, Vorſatz und Bemühung vermögen nicht in einem ganzen Menſchenleben Liebe zu erwecken.“ „Davon iſt nicht die Rede,“ erwiederte Kaunitz,„ich habe keine Zeit, mich zu verlieben, aber ich beſchäftige mich wider meinen Willen mit dieſer Ruſſin. Mit jedem präch⸗ tigen Stoffe bedecke ich ihre Schultern, jedes leuchtende Ju⸗ wel verſenke ich in die Wellen ihres Haares, jedes Gemälde, Muſik, Verſe beziehe ich auf ſie, nicht mit Gefühl, Alles mit heiterer Luſt eines Kindes, das ſich bei Sonnenſchein die Märchen weiter erzählt, welche es beim flackernden Ka⸗ min erlauſcht hat. Unlängſt las ich in der Zeitung von einer Dame, die in. den Canal ſprang, um ein Kind zu vetten und bildete mir ein, ſie müſſe etwas geweſen ſein.“ „Aber bedenken Sie doch den Reifrock!—“ „Was ſpricht man von dem Salon der Fürſtin?“ * 10 „Man erzählt ſich Märchen von ihr und Allem, was ſie umgiebt. Man ſchwelgt in der orientaliſchen Pracht ihres Palaſtes, in der Wolluſt ihres Despotismus.“ „Knyphauſen lernt ruſſiſch, Diderot findet die Leib⸗ eigenſchaft naturgemäß, und Couſton ſieht in der Knute Amor's vornehmſtes Enblem.“ Kaunitz warf den Aſt zu Boden und klingelte.„Ich bin geſund!“ riefer.„Binder, Francois, eilt, in einer Stunde ſoll ganz Paris es wiſſen. Quesnay hat ſein Meiſterſtück gethan. Ich bin geſund.“ ——— Die erſte Aufführung des Catilina hatte das Geheim⸗ niß des ſtillen Schloſſes und ſeiner geheimnißvollen Gebie⸗ terin gelüftet. An demſelben Abende, an dem Paris das erſte Mal den Namen der Fürſtin Alexandra Woronzow hörte, brachte ihn auch der Herzog von Richelieu in die Loge des Königs. Jetzt war Ludwig XV. wo möglich noch neugieriger, die ſchöne Frau, und womit ſie ſich umgab, kennen zu lernen. Früh am Morgen nach Crebillon's Triumph war der Herzog ſchon von dem Könige berufen und erhielt die ge⸗ meſſenſten Befehle„aus Gründen der Politik“, die Ruſſin und ihre Verhältniſſe auf das Genaueſte zu erforſchen. Vergnügt, ein Lied auf den Lippen, ging Richelieu an ſeine Arbeit. Noch war es nicht erwieſen, ob man wirklich eine vornehme Dame vor ſich habe, noch konnte ſie eine 11 Abenteurerin ſein, ja es war nicht unmöglich, daß ſie trotz ihres fürſtlichen Namens die Hauptſtadt Frankreichs mit Abſichten aufgeſucht hatte, welche jenen Richelieu's ent⸗ gegen kamen. Der Herzog war mit dem Weſen des Königs ſo weit vertraut, um ſeine Neigung nicht mißverſtehen zu können. Noch waren die Bande der Marquiſe von Pompadour ſtark genug, ihn zu halten, aber die Wolluſt der Knechtſchaft war ihm zu einer Gewohnheit geworden, deren Unbequemlichkeit er in Augenblicken zu fühlen begann. Ludwig XV. dachte gewiß nicht daran, ſich der Marquiſe zu entziehen, aber ſeine Laune trieb ihn, außer ihrem Boudoir Abenteuer zu ſuchen. Mehr erwartete der Herzog vorläufig noch nicht, mehr wäre ihm ungelegen geweſen, denn noch hatte er die Frau nicht gefunden, welche fähig war, aus einem kleinen Abenteuer eine Schlinge für den Nacken des Königs zu drehen. Er war zufrieden, daß es vorläufig eine Frau gab, welche die Neugierde deſſelben erregt hatte und deren Weſen ſeinen Planen zu ſchmeicheln ſchien. Richelieu zögerte nicht, ſich mit dieſer Frau in Bezie⸗ hung zu ſetzen. Aber wie war das möglich? Quesnay hatte der Pariſer Geſellſchaft angekündigt, daß ſie einen Salon eröffnen werde. Wirklich erfuhr man bald, daß es in ihrem Palaſte in der Stadt von Handwerkern und Arbeitern wimmle, welche eilig beſchäftigt waren, denſelben zu dieſem Zwecke einzurich⸗ ten,— noch wenige Tage vielleicht, und die Fürſtin erſchien in der Geſellſchaft. Dann war es zu ſpät, dann näherte ſich ihr jeder Lieutenant der königlichen Garde, dann war es * vorbei mit dem Abenteuer, vorbei mit der Neugierde des Königs. In ihrem Schloſſe war kein Einlaß zu bekommen. War doch nicht einmal ein Thor da, an welchem man den⸗ ſelben begehren konnte. Der Herzog flog durch alle Straßen, jetzt eilte er über die Promenade, jetzt in die Kirchen, in die Theater, er ritt hinaus zu dem ſeltſamen Gebäude, er ſtellte Wachen um daſſelbe auf. Alles vergebens. Endlich entſchloß er ſich zu einem Schritte, den er ſelbſt für unvorſichtig hielt, er wendete ſich an den franzöſiſchen Secretair der Fürſtin. Ein vertrauter Diener des Herzogs trat in den Klei⸗ dern eines Arbeiters in den Palaſt der Woronzow und be⸗ ſchied den Secretair auf eine Weiſe, welche nicht auffallen konnte, zu ſeinem Gebieter. Der Name Richelieu wirkte wie ein Zauberſpruch. Der Secretair gelobte tiefes Schweigen und erſchien in der Däm⸗ merung des Abends in dem kleinen Gewölbe einer Moden⸗ händlerin, welche einſt mit dem Herzoge in zatten Bezie⸗ hungen geſtanden war, und wo ihn derſelbe in Verkleidung erwartete. Zitternd nahm er auf Geheiß Richelieu's dieſem gegen⸗ über Platz. „Sie fürchten mich?“ ſagte der Herzog. „Jo,“ erwiederte er,„aber ſie fürchte ich noch mehr.“ „Wen?“ „Die Ruſſin.“ „Werden Sie auf meine Fragen antworten?“ „Wie ich kann.“ Richelieu ſtellte eine Reihe von Fragen, welche der Secretair nur ungenügend beantwortete. Er wußte von der Fürſtin, ihren Verhältniſſen, ihrem Leben ſo gut wie nichts, er konnte auch nichts wiſſen, denn ihre Dienerſchaft beſtand aus ruſſiſchen Leibeignen, mit denen er nicht in der Lage war, ſich über das Nothwendigſte zu verſtändigen. Die Fürſtin berieth ſich nicht, ſie befahl nur. Er war nichts Beſſeres, als einer ihrer Leibeignen in das Franzöſiſche überſetzt. Mit Entzücken ſprach er von der Schönheit ſeiner Gebieterin und ſchilderte ihren Reichthum mit den Farben von Tauſend und einer Nacht. Der Herzog zeigte ihm endlich ein Schreiben, worin er die Fürſtin in artigſter Weiſe bat, ihn zu empfangen, und bot dem Secretair eine bedeutende Summe, wenn er es an die Adreſſe überbringen wolle. Der kleine Franzoſe ſtieß einen Schrei der Angſt aus, welcher beredter war, als jede Ausflucht. „Sie können dies nicht thun?“ ſagte Richelieu. „Excellenz!“ entgegnete der Secretair,„ich fürchte die Baſtille, ich fürchte ſie ſehr, aber noch mehr fürchte ich den Tod.“ „Ach! es gilt doch nicht Ihr Leben?“ „Es gilt mein Leben, ſehen Sie ſelbſt meine Inſtruc⸗ tion.“ Er zog ſie hervor und gab ſie Richelieu.„Verboten bei ſtrenger Strafe eine Botſchaft, welcher Art immer oder von wem es auch ſei, zu überbringen. Nun heißt aber leichte Strafe bei ihr hundert Peitſchenhiebe und—“ „Sie wird Sie doch nicht köpfen laſſen?—“ „Nein! aber—“ „Sie kann es nicht wagen, Sie zu tödten.“ 14 „Aber ſie läßt mich peitſchen, bis ich ſelbſt mit Euer Ercellenz Erlaubniß— zu ſterben wage. Der König wird meinetwegen keinen Krieg anfangen mit der Czaarin und wer ſonſt kann ſo eine moskowitiſche Despotin zur Rechen⸗ ſchaft ziehen?“ Richelien verließ ſeinen Platz, um auf⸗ und abſchrei⸗ tend zu einem neuen Entſchluß zu kommen. Auch der Se⸗ cretair war aufgeſtanden und ehrfurchtsvoll bis zu der Thüre zurückgetreten. „Noch Eines,“ ſprach Richelieu,„iſt die Fürſtin Nachts in ihrem Palaſte?“ „Nein, im Schloſſe.“ „Gut.“ Der Herzog verabſchiedete den Secretair mit einem Geſchenke, wickelte ſich in ſeinen Mantel und eilte, ſeine Wohnung zu gewinnen. Unterwegs hielt er manchmal bei einer Straßenlaterne und ſchrieb Namen in ſein Notizen⸗ buch. Er ſchien nur eine Liſte zu entwerfen, aber ſein Geſicht glänzte dabei von dem heiteren Eifer eines Schulknaben, dem ſeine erſten Verſe gelungen ſind. Das geheimnißvolle Schloß der Ruſſin dehnte ſich in düſterer Einförmigkeit über den anſehnlichſten Theil einer ſanften Anhöhe aus, zu deren Füßen eine dürre ſandige Fläche lag, gegen Paris zu von einem nahen dichten Walde, nach allen anderen Richtungen hin erſt in größerer Entfer⸗ nung von Meierhöfen und Dörfern geſäumt. 15 Die Straße, welche einſt zu dem majeſtätiſchen Ge⸗ bäude geführt hatte, verlief in einem tiefen ſumpfigen Graben, ein Seitenpfad im Walde. Kein Geleiſe eines Wagens, keine Spur eines Pferdehufes, eines Fußes be⸗ zeichnete ſie mehr als menſchliche Fährten. Die Büſche, welche der Wald wie Vorpoſten gegen den Weg ausgeſtellt hatte, ſchüttelten ſich erſtaunt im Frühlings⸗ winde, als zwei Reiter im Morgenlichte auftauchten und die alte Straße zu gewinnen ſuchten. War Krieg im Lande, lag Beſatzung im Schloſſe, ſtand hinter dem Walde ein feindliches Lager? Die Reiter waren ihrem Aufzuge nach Parlamentäre. Ihre Kleider hatten den militäriſchen Schnitt. Degen und Piſtolen bildeten die Bewaffnung. Der Eine hielt, auf ſeinen Sattelknopf geſtützt, eine große weiße Fahne, um die Schulter des Andern hing die Trompete der damaligen Reiterei. Von Zeit zu Zeit brachte er das maſſive Inſtru⸗ ment an die Lippen und blies mit vollen Backen eine Fan⸗ fare, während der andere zugleich ſeine Fahne ſchwenkte, wie um ſich vor feindlichem Angriffe, oder Kugeln ſicher zu ſtellen. Am Fuße der Anhöhe, auf welcher das Schloß lag, hielten ſie. Dreimal blies der Trompeter, dreimal ſchwenkte der andere die Fahne. Kein Ton gab Antwort, keine Ge⸗ ſtalt zeigte ſich, Schloß und Gegend blieben einſam, öde, ſtille wie zuvor. Der Reiter mit der Fahne ſchüttelte den Kopf. Noch dreimal tönten die Fanfaren. Dann zog der Fahnenträger ein groß gefaltetes Papier aus der Bruſt her⸗ vor, breitete eine Art rieſiger Proklamation auf dem Halſe * 16 ſeines Pferdes aus und las mit lauter Stimme eine Kriegs⸗ erklärung in den zierlichſten Verſen. Im Namen des Her⸗ zogs von Richelieu und ſiebzehn anderer Cavaliere, welche er feierlich vorlas, künde er der Göttin der Liebe, welche, aus dem Olymp herabgeſtiegen, in dieſem geheimnißvollen Schloſſe Hof halte, Krieg an zu Waſſer und zu Lande, bis ſie die weiße Fahne aufhiſſe oder den Herzog und ſeine Ver⸗ bündeten zu ihren Gefangenen gemacht habe. Hierauf ſprengten die beiden Reiter um das Schloß und ließen von jeder Weltgegend aus ihre Fanfare und Kriegserklärung ertönen. Es blieb ſtille ringsum. Verdrießlich wandte der Fahnenträger ſein Roß und ſprengte, von dem Trompeter gefolgt, nach Paris zurück.— Nach Sonnenuntergang lagerte am Waldrande, wel⸗ cher der Hauptſtadt zugekehrt war, ein Trupp Reiter. Es waren junge Cavaliere von dem Hofe und der Garde Lud⸗ wig XV., alle prächtig gekleidet, mit Degen und Piſtolen bewaffnet, als Abzeichen trugen ſie eine feuerrothe Schärpe. Einige waren damit beſchäftigt, dürre Aeſte, Reiſig, ja ganze kleine Bäume zu einem mächtigen Feuer heranzutragen, andere luden ein Saumthiér ab, auf deſſen Rücken alle Lecke⸗ reien eines franzöſiſchen Marketenderzeltes gepackt waren. Ein Fäßchen war ſchnell herbeigerollt, angezapft und die ge⸗ füllten Gläſer klangen bei Geſang und Toaſten aneinander. Noch kamen Einzelne herbei. Lebhafter Zuruf empfing ſie. Sie ſtiegen von den Pferden und banden ihre Thiere an irgend einen Aſt. Ein zwanzigjähriger Lieutenant, Mar⸗ quis von Chauvelin, erheiterte die Geſellſchaft dadurch, daß er, ſobald ein neuer Ankömmling ſich angeſchloſſen hatte, dieſelbe Kopf für Kopf feierlich zählte. Endlich kam er zu dem Ergebniß, es ſeien Alle anwe⸗ ſend, bis auf ihren Anführer, den Herzog von Richelieu. Es war beinahe dunkel geworden, nur einzelne Sterne ſtanden am Himmel, als zwei Reiter langſam von Paris her ſich dem Wachtfeuer näherten. Chauvelin hatte ſie kaum erblickt, als er auch die ganze Schaar alarmirte. „Zwei Reiter,“ rief er,„das iſt gegen die Verabredung. Die Zahl iſt voll, der Herzog iſt es nicht, er kommt allein.“ Schnell war er im Sattel und ſprengte ihnen entgegen. Auf zwanzig Schritte riß er ſein Pferd zurück, ſpannte die Piſtole und rief ſie an. Ein lautes Gelächter Richelieu's antwortete auf ſein Manöver. Chauvelin grüßte zuvorkommend. „Sind Sie beiſammen?“ fragte der Herzog. Der Officier verneigte ſich.„Wir erwarten Sie nur, um unſern Feldzug zu beginnen. Doch wer iſt der Andere?“ Er deutete auf den Begleiter des Herzogs. „Der Mann mit der eiſernen Maske,“ entgegnete Ri⸗ chelieu lächelnd. Chauvelin bemerkte jetzt, als ſie zuſammen dem Walde zuritten, daß der Begleiter Richelieu's eine ſchwarze Sammt⸗ larve trug. Es war ſonſt nichts Ungewöhnliches in ſeinem Aeußeren. Er ſchien ein kräftiger Mann, trug elegante ſchwarze Kleider und Reiterſtiefel. Auf dem arſen Hute eine feuerrothe Schleife und die Schärpe, welche die ganze Geſellſchaft bezeichnete. ſie ſich dem Feuer näherten, Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. II. 2 blieb er zurück und hielt unweit deſſelben, während Riche⸗ lieu, von Chauvelin begleitet, hinzuſprengte. Jubelnd umringten die Cavaliere den Herzog, hoben ihn vom Pferde, trugen ihn auf ihren Armen im wilden lachenden Tumulte um das Feuer und ſetzten ihn auf dem Weinfaſſe nieder. „Erſt ein Glas Wein!“ rief Richelieu,„dann beginnt der Krieg, die Subordination.“ Er leerte das Glas, das ihm einer der Cavaliere reichte, ließ es noch einmal füllen und brachte es dem Manne mit der Maske. Der machte jedoch eine ablehnende Bewegung; ſo hielt er auf halbem Wege inne und ſtürzte es ſelbſt hinab. Die Cavaliere betrachteten indeß den geheimnißvollen Reiter mit einiger Neugierde, aber Richelieu ließ ihnen keine Zeit dazu.„Zu Pferde!“ tönte ſein Commando.— Im Fluge war die Schaar im Sattel und ſtellte ſich in zwei Reihen auf. „Graf Touvville,“ rief der Herzog,„Sie bilden mit zwei Herren unſere Vorpoſten. Sie reiten um das Schloß, umſtellen es, und ſignaliſiren ſchnell, was nur vorkommt. Prinz Conti, Sie nehmen mit einem andern Herrn Stel⸗ lung am Waldesrande und decken uns den Rücken, und nun, meine Herren, vorwärts!“ Tourville jagte mit ſeinen Begleitern voraus und voll⸗ zog den Befehl des Herzogs. Richelieu, dem ſich der geheim⸗ nißvolle Reiter wieder angeſchloſſen hatte, ſetzte ſich an die Spitze des Haupttrupps und führte denſelben gegen das Schloß, während Conti langſam folgte und an der Waldes⸗ ecke beobachtend hielt. Richelieu umritt eben den Sumpf, in dem die Straße mündete, als Tourville im Galopp zurück kam. „Es rührt ſich auf den Wällen,“ rief er,„Menſchen laufen auf und ab, es wird Ernſt.“ Der Herzog ſchwenkte luſtig ſeinen Hut. „Um ſo beſſer! Das Abenteuer iſt vollkommen. Auf Ihren Poſten, Tourville.“ Der Graf kehrte zurück. „Abſitzen!“ befahl der Herzog. Die Cavaliere ſprangen von den Pferden und banden ſie an die Weidenſtämme, welche ihre dürren Aeſte über den Sumpf ſtreckten.„Vor⸗ wärts!“ Richelieu und der Mann mit der Maske voran, die Andern in aufgelöſter Ordnung, ſchlichen ſie die Höhe zu dem Schloſſe hinan. Plötzlich tönte der Hufſchlag eines Pferdes. Tourville ſprengte heran. „Herzog!“ rief er,„das geht über den Spaß, ſie pflan⸗ zen Geſchütze auf den Mauern auf.“ „Zurück,“ befahl Richelieu. Die Cavaliere eilten der Senkung zu, wo ſie gegen das Schloß zu gedeckt waren und ſammelten ſich wieder bei den Weiden. „Sie haben Geſchütz!“ wiederholte Tourville. „Ach! ſie werden doch nicht Feuer geben auf harmloſe Nachtſchwärmer!“ entgegnete Chauvelin. „Sie halten uns für Räuber,“ meinte Tourville. „Wenn ſie doch Feuer geben,“ ſchrieen Andere. „Parlamentiren!“ rief es von allen Seiten. „Vorwärts, Trompeter,“ ſprach der Herzog,„ich will noch einmal die Kriegserklärung verleſen.“ Er eilte, von dem Trompeter begleitet, die Höhe empor; auf dem Walle ſah er jetzt deutlich die Umriſſe menſchlicher Geſtalten und wie ſie Geſchütze aufſtellten und gegen den Abhang richteten. Am Fuße des Walles ertönte dreimal die Fanfare, dann die Kriegserklärung, aber Richelien er⸗ hielt keine Antwort und das geſpenſtiſche unheimliche Treiben auf dem Walle dauerte fort. Der Herzog kehrte zu ſeiner Schaar zurück. „Was thun?“ ſagte er,„ſie iſt am Ende nicht im Schloſſe und ihre leibeignen Automaten klatſchen uns mit ihren Kugeln zuſammen wie Sommerfliegen!“ „Zu Pferde!“ riefen Einige,„zurück nach Paris!“ Andere fielen ihnen in die Zügel. Im Tumulte hörte man Richelieu's Stimme:„Wir fliehen nicht! Soll der Adel Frankreichs vor ein paar Geſchützröhren ausreißen! Wir ſind einmal da, jetzt vorwärts!“ „Siegen oder ſterben!“ rief Chauvelin. Die Cavaliere brachen in ein ſchallendes Gelächter aus. Gekränkt wendete ſich der begeiſterte Lieutenant ab und wetzte ſeine Degenklinge an der Sohle ſeines Stiefels. Nachdem der Herzog ſich umſonſt bemüht hatte, den Mann in der Maske zu entfernen, fragte er, ob die Piſtolen geladen ſeien. „Wie es befohlen war!“ rief Chauvelin,„jeder eine ſcharf, die andere blind.“ „Gut!— alſo vorwärts.“ So weit es ging, ſchlichen die Cavaliere durch Ge⸗ ſtrüppe und Senkungen des Bodens gedeckt, die Höhe hin⸗ auf. Jetzt hielten ſie inne. Chauvelin kroch allein am Bo— den vorwärts. Er erreichte den Wall und klomm leiſe, un— bemerkt, wo Steine ausgebrochen waren, ſeine Füße und 21 Hände einſetzend, hinauf. Nahe der Brüſtung zog er eine Strickleiter hervor, befeſtigte ſie an einem vorſpringenden Steine und ließ ſie herabfallen. In demſelben Augenblicke ſprang Richelieu auf und ſchwenkte den Degen. Die Ca⸗ valiere thaten daſſelbe und ſtürmten mit dem Rufe„Notre Pame!“ auf das Schloß zu. Es war der Augenblick, wo ſie erwarteten, mit einer Salve begrüßt zu werden, aber die Geſchütze des Schloſſes ſchwiegen. Die Cavaliere erreichten den Wall, einige klommen die Strickleiter empor, andere verſuchten an den Lücken der Mauer hinauf zu gelangen. Schon tauchten die Köpfe Ri⸗ chelieu's, Chauvelin's, des Mannes mit der ſchwarzen Maske über der Brüſtung empor— da— blitzte es auf dem Schloß⸗ thurme auf— plötzlich goß ſich über den ganzen Wall grie⸗ chiſches Feuer und beleuchtete weithin die Gegend. Vermummte füllten die Baſtion, die ſeltſamen Ge⸗ ſchütze vollten bis an die Brüſtung, ſchon ſtand Richelieu auf der Mauer und ſetzte den Fuß auf das nächſte Rohr, da traf die Stürmenden eine volle Salve. Ein wildes Geſchrei, von Kämpfenden, Verwundeten, Sterbenden ſchien es, durchtönte die Luft. Jetzt Tumult, Gelächter nun wieder der Aufſchrei— von Begoſſenen, Naſſen, Triefenden, Plätſchernden, Athemloſen, nicht Kugeln, dicke Strahlen eiſigen Waſſers, aus mehr als einem Dutzend rieſiger Feuerſpritzen, empfingen die Cavaliere und ſchlugen mit einer wahrhaft verheerenden Wirkung unter ſie; hier flog ein Hut, dort ein Degen. Einer ſtürzte von der Leiter und riß zwei Andere mit ſich. Vergebens hieben Richelieu und Chauvelin mit flachen Klingen auf die Bedienung der Feuerſpritzen ein, vergebens ſchwang ſich der Mann mit der Maske auf ein erobertes Rohr und ſuchte es gegen die Beſatzung zu vertheidigen. Andere rückten mit Handſpritzen heran und vervollſtändig⸗ ten durch ihr Kleingewehrfeuer den Sieg. Die Cavaliere flohen lachend, fluchend, ſchreiend. Die den Wall erſtiegen hatten, mußten folgen, wenn ſie nicht gefangen werden wollten. Sie ſtürzten, von den Salven der Feuerſpritzen bis an den Abhang verfolgt, im wirren Knäul zu der Senkung herab, triefend, wie vom Fieber geſchüttelt. Der ohne Hut, Jener ohne Degen, fanden ſie ſich zu⸗ ſammen. „Da iſt nichts zu machen,“ ſchrie der Herzog,„ls zum Rückzuge zu blaſen.“ Die Trompete klang, Jeder ſuchte ſeinen Sattel zu ge⸗ winnen, vom Walle tönte Gelächter. Tourville und Conti vereinigten ſich mit ihrer durch⸗ näßten Armee und von dem Lachen der Sieger weithin be⸗ gleitet, ſprengten ſie im Galopp nach Paris zurück. Am Morgen nach dem verunglückten Sturme des ge— heimnißvollen Schloſſes erſchien der Herzog von Richelien im Vorſaale des Königs und wurde nicht vorgelaſſen. Dies war ihm noch nie geſchehen. Beinahe heftig fragte er nach der Urſache. Der dienſtthuende Kammerherr zuckte die Achſeln und erklärte, Se. Majeſtät ſei ſehr leidend. Richelieu mußte ſich damit zufrieden geben. Aber auch an den folgenden Tagen blieb ihm die Thüre des Königs verſchloſſen. Er ſchien ſich in ſein Lvos zu fügen. 23 Bald erfuhr man auch, der Herzog ſei krank. Jetzt kam täglich zweimal ein Cavalier des Hofes, um nach ſeinem Befinden zu fragen, endlich verlangte der König nach ihm. Am nächſten Tage war Richelieu geneſen, und als er in Verſailles erſchien, beeilte man ſich, ihm die Thüren zu den königlichen Gemächern zu öffnen. „Ja, was machen Sie denn?“ rief ihm Ludwig XV. entgegen. „Ja, was machen Sie denn, Sire?“ fragte Richelieu, indem er den König erſtaunt betrachtete. Dieſer ſaß im Lehnſtuhl in einem koſtbaren Schlafrock von vrientaliſchem Stoffe, dicke Seidentücher um Hals und Kopf gewunden. Er machte mehr den Eindruck eines alten Weibes, als eines Königs von Frankreich, eines Verbündeten des großen Friedrich. „Da! da!“ ſagte der König mit einer Art heiſeren Geſanges,„da ſteckt es,“ er wies auf Kopf, Hals, Bruſt. „Was, Sire?“ „Der Schnupfen, hören Sie denn nicht?“ er bemühte ſich einige Male recht heftig zu huſten, wobei er den Herzog anſah und melancholiſch mit dem Kopfe nickte.„Ja! Ja!“ hierauf wickelte er ſich noch tiefer in ſeinen Schlafrock und fuhr mit kläglicher Stimme fort:„Das habe ich davon, daß ich Ihnen gefolgt bin. Sie ſind der Verführer, ich bin das Opfer!“ wieder huſtete der König heftig. „Sire!“ erwiderte der Herzog,„wir ſind alle das Opfer der Feuerſpritzen. In den Sälen von Verſailles, auf der 24 Wache, am Exercierplatze, überall huſtet es. Hier meldet man heiſer, dort commandirt man heiſer, die jungen Leute nennen die Krankheit den ruſſiſchen Huſten.“ „Nicht übel,“ ſagte Ludwig XV.,„aber was nützt mir das, ich bin für mehrere Wochen zu Grunde gerichtet, ich muß das Zimmer hüten, ich langweile mich. Sie wollte ich nicht ſehen, Kaunitz iſt krank, die Marquiſe iſt krank und wiſſen Sie, Richelieu, weshalb?“ „Sie will mich ſtrafen für das Abenteuer. Mein Zu⸗ ſtand verrieth mich. Nun glaubt ſie mehr, als geſchehen iſt oder geſchehen ſollte. Sie benimmt ſich, als hätte ſie mich bei einer Untreue ertappt.“ „Sire waren auch nicht weit davon.“ Der König brach in heftiges Huſten aus und rang mit einem Blicke gegen Himmel die Hände.„Mein Gott! ich und untreu!“ rief er ſo laut, als wenn er die Marquiſe an der Thüre wüßte,„aber der gottloſe Schnupfen, ich zittere vor Wuth, wenn ich denke, daß Millionen herumgehen, die nicht den Schnupfen haben und das Alles ſo ganz umſonſt. O! die Welt wird täglich ſchlechter, die Männer leiden am Schnupfen— und die Frauen an der Tugend.“ Scheu blickte Ludwig XV. um ſich, dann winkte er Richelieu näher zu kommen. Der Herzog trat hinter ſeinen Stuhl, und beugte ſich über deſſen Lehne zu dem Könige herab. „Ich habe Nachrichten von ihr,“ flüſterte er. „Von der Ruſſin?“ „Gewiß, Sire!“ „Und das ſagen Sie mir ſo ſpät, warum kommen Sie überhaupt heute erſt?“ 25 „Sire! ich war den Morgen nach der Affaire zur Stelle mit meinen Nachrichten, und wurde fortgeſchickt, war dann täglich zur Stelle und wurde täglich fortgeſchickt, bis ich— krank wurde.“ „Alſo! alſo!“ drängte Ludwig. XV. ungeduldig. „Sie hat ihren Salon eröffnet.“ „Ah! nun wie ſieht ſie aus? haben Sie mit ihr ge⸗ ſprochen?“ „Sie iſt zugleich die ſchönſte und geiſtreichſte Frau in Paris, natürlich die Marquiſe ausgenommen,“ fügte der Herzog lächelnd hinzu. „Laſſen wir die Marquiſe. Nun weiter, weiter.“ „Am Morgen nach der Affaire erhielt Jeder von uns zurück, was er beim Beſteigen des Walles verloren hatte, ſeinen Hut, oder Degen, oder ſonſt was, begleitet von der Einladung der Fürſtin Alexandra Woronzow, ihr Haus zu beſuchen.“ „Und Sie haben es natürlich gleich beſucht?“ ſagte der König und rieb heftig ſeine Hände. „Natürlich.“ „Natürlich,“ wiederholte der König und band ſich ſein Halstuch feſter,„alſo—“ „Ich habe nicht genug Witz und Phantaſie, Sire, um Ihnen die Pracht ihres Palaſtes, ihrer Erſcheinung zu ſchil⸗ dern, man unterhält ſich nur von ihr. Die Geſellſchaft macht den Eindruck ſchwärmender Bienen, welche Abend für Abend im Palaſte der Fürſtin, wie in ihrem Stocke zu⸗ ſammen kommen, dahin tragen ſie allen Honig, den ſie fin⸗ den, Diderot ſeine Philoſophie, Erebillon die Poeſie und Couſtou ſeine Plaſtik.“ Der König erhob ſich und ſchritt lebhaft durch das Zimmer. „O! die Gelehrten ſind doch ein unnützes Volk, wozu haben wir Facultäten, wozu Academien? Das forſcht nach dem Geiſte der Geſetze, nach den Urſachen des menſchlichen Elends, da ſteckt es,“ der König ſtieß den Finger mehrmals heftig auf ſeine Naſenwurzel und ſeine Kehle,„da— da— was iſt alle Verderbniß der Geſellſchaft gegen das,— man vertreibt Proteſtanten und Juden, Mäuſe und Flöhe! Die Academie ſoll einen Preis ausſetzen auf die Vertreibung des — Schnupfens.“ III. Die Fürſtin Woronzow wohnte jetzt in ihrem Palaſte in Paris. Das Geheimniß war zu Ende, das weibliche Myſterium zu einer Dame von Welt geworden, welche lange ſchlief, lange Toilette machte, Beſuche empfing, mit Miniſtern, Marſchällen, Geſandten fremder Mächte zu Mittag ſpeiſte, wieder ſchlief, wieder Toilette machte, um die Promenade oder das Theater zu beſuchen, wenn nicht der Abend Philo⸗ ſophen, Poeten, Künſtler um ſie verſammelte. Unter allen Namen, welche wie Schönheitspfläſterchen zur Mode gehörten, wurde keiner ſo oft von dem Thürſteher der ruſſiſchen Fürſtin genannt, als Guillaume Couſtou, der Bildhauer. Er hatte ihre Gunſt ſo ſchnell erobert, daß man eben 27 ſo geneigt war, dies dem ſchönen Schnitte ſeines Geſichts, als ſeiner Kunſt zuzuſchreiben. Natürlich ohne Achſelzucken, denn Couſtou galt als ein Träumer, ein Schwärmer,— als Schüler der Griechen im Bildwerke, war er auch Plato's Schüler in der Liebe. Es gab nicht einmal zu Gerede Anlaß, als die Fürſtin ihn in ihren Wagen, in ihre Loge nahm, als ſie ſich von ihm auf die Promenade begleiten ließ. Er trug ihren Fächer, er öffnete ihren Wagenſchlag. Das war Alles. Es gab nicht einmal zu Gerede Anlaß, als die Fürſtin für Guillaume Couſtou in ihrem Palaſte ein beſonderes Atelier herrichten ließ. Und was war dies für ein Atelier. Der Palaſt hatte einen Säulengang gegen den Park, rückwärts wie vorne gegen die Straße. Ueber wenig breite Marmorſtufen ſtieg man aus dem Erdgeſchoß in den Garten, und der blühende Frühling rankte ſich um Säulen und Wände und zu den Fenſtern herein. Im Erdgeſchoß lag Couſtou's Atelier, in der Ecke des Gebäudes. Ein kleiner Saal im italieniſchen Style, mit Säulen, einfachen Ornamenten, Moſaikboden. Eine Thüre auf den Corridor des Palaſtes, eine an⸗ dere in den Garten. Noch eine verborgen in der Wand geheimnißvoll. Man drückte an einem Knopfe des Ornaments und ſie ſprang auf. Sie führte in ein enges Nebengäßchen. Hier konnte der Künſtler erſcheinen, verſchwinden wie er wollte. Hier trat ein Modell unbemerkt ein, wie eine Geliebte. Couſtou's Leben war jetzt in dieſem Atelier. Hier be⸗ ſuchten ihn ſeine Gönner und Freunde. 28 Couſtou war nicht verliebt. Er war von der Schönheit der Fürſtin erfüllt, wie von der Idee eines Kunſtwerkes, aber ſie quälte ihn auch wie das Gebilde, das ſich losringen will aus dem ſchöpfe⸗ riſchen Geiſte. Sie dämmerte nicht blos ſchattenhaft in ſeiner Seele, ſie ging lebendig durch das Licht des Tages. Das beunruhigte ihn, das warf ihn nieder. Er lag im war⸗ men Strahl der Sonne, im Mondlicht auf dem Teppiche ſeines Saales und bildete, er knetete die Erde im Garten, ſeine Hand ſuchte abſichtslos aus der Brodkrume ihre könig— lichen Glieder zu geſtalten und entdeckte er es, ſo warf er das Ding zu Boden und zertrat es. Couſtou hatte der Fürſtin gegenüber etwas von der Stimmung eines Maskenballes. Für ihn war ſie wie ein reizendes, verwirrendes Abenteuer, deſſen Schleier man heben möchte um den Preis ſeines Lebens. Für ihn trug ſie immer die Sammtlarve, für ihn ſtreckte ſie die herrliche Hand aus den formloſen Falten des Domino. Er fühlte ganz, jene Seelenangſt zu erkennen, zu entdecken, ehe das Gedränge ſie entführte, die Seelenangſt, ſie für immer zu verlieren. Seine Sinne wivbelten. Einmal warf er ſich der Fürſtin zu Füßen und bat um jene Gunſt, welche die Fornarina dem Raphael gewährt. Die Ruſſin ſah ihn mit ihren großen ruhigen Augen an. „Ich will Sie nicht beleidigen!“ rief der Bildhauer, „ich beuge meine Knie vor Ihnen, wie einer Ihrer Leib⸗ eignen, nicht die Liebe, die Kunſt begeiſtert mich! Wenn mein Auge frech iſt, wenn nur ein Blick Sie kränkt, ſo laſſen Sie mich blenden, und ich will zeitlebens 29 unter Ihrem Tiſche die Brodſamen zuſammenleſen, wie die Könige Aſiens unter dem Tiſche der Semiramis.“ Der Blick der Fürſtin ruhte lange auf ihm.„Couſtou! ich bin ſchön,“ ſprach ſie endlich. Der Bildhauer antwortete mit einem Tone, der aus der Tiefe ſeiner Bruſt zitterte und ſenkte das Haupt. „Haben Sie den Muth, mich zu meißeln, Couſtou?“ „Ich habe ihn!“ rief er leidenſchaftlich. „Gut! Erwarten Sie mich— aber— behalten Sie Ihre Sinne beiſammen, Couſtou.“ Auch Richelieu beſuchte das Atelier des Bildhauers. Er ſetzte ſich vor eine angefangene Statue und betrachtete ſie lange und mit großer Aufmerkſamkeit. „Wir ſind doch kein Volk für die Plaſtik mehr,“ ſagte er nach einer Weile.„Unſere Frauen ſind reizend, aber ſie ſind nicht ſchön. Was die Natur noch geben mag, verdirbt Corſet und Schnürſtiefel.“ „Sie machen Fortſchritte, Couſtou, ſeitdem Sie die Ruſſin kennen. Was man ſo ſieht, Kopf, Büſte, Arm, wie prächtig iſt das. Da lernt man die Griechen beſſer verſtehen, als aus Antiquitäten und äſthetiſchen Eſſays. Da, Ihre Statue, Kopf, Büſte, Arm, welche Vollen⸗ dung— was meinen Sie, Couſtou, wenn Sie das Uebrige dazu bekämen?“ Couſtou wendete ſein flammendes Geſicht von dem Herzog ab. „Kommt ſie herab?“ fragte Richelieu. Der Bildhauer ſchwieg. 30 „Couſtou,“ fuhr der Herzog fort,„ich will Ihnen dank⸗ bar ſein bis an mein gottſeliges Ende, ich muß die Fürſtin ſehen.“ Couſtou ſchrak zuſammen. „Hier,“ rief Richelieu,„in Ihrem Atelier,„hören Sie mich, Couſtou, ich beſuche die Fürſtin in ihrem Salon, Riche⸗ lieu die Woronzow, ich will ihr begegnen Stirne gegen Stirne, der Mann dem Weibe, dem ſchönen Weibe, das Jeden wahnſinnig macht, welcher in den Bannkreis ihres Athems gelangt.“ Couſtou erwiderte nichts, er hielt die Hand über die Augen, ſah ſeine Statue an, und trat dann zu derſelben, um ſeine Arbeit fortzuſetzen. „Sie wollen nicht, Couſtou?“ ſprach der Herzog. „Wie kann ich! Die Fürſtin beſucht mein Atelier ver⸗ trauend wie einen Beichtſtuhl! Darf ich ſie verrathen?“ „Gewiß nicht. Ich trete unerwartet, eigenmächtig ein. Ihnen iſt es geſtattet, mir entgegen zu treten.“ „Geſtattet, Herzog? Geboten durch die Ehre, durch Alles, was die männliche Geſinnung ausmacht, aber Sie werden nicht eintreten.“ „Ich werde.“ Richelieu erhob ſich. Der Bildhauer machte eine Bewegung. „Im Namen des Königs.“ Couſtou blieb einen Augenblick wie ſtarr, dann brach er in ein unbändiges Gelächter aus und lachte und lachte, bis der Herzog, etwas verletzt, ſein Atelier verlaſſen hatte! Koſacken gingen durch den Park jagten den Kammer⸗ diener, welcher ſich auf einer Marmorbank bei der Lektüre von Moliere's eingebildetem Kranken wälzte, hinaus und ſchloſſen das Gitterthor, das in den Palaſt führte. Couſtou lag träumend im Fenſter und ſtarrte in den Abendhimmel. Jetzt hörte er deutlich, wie an ſeiner Thüre Riegel vorgeſchoben wurden. „Will man mich hier gefangen halten?“ dachte er lächelnd. Es traten Leibeigene aus dem Garten ein, ſchloſſen die Fenſter und ließen die ſchweren Vorhänge herabfallen. Couſtou ſah ihnen heiter zu, die Arme auf der Bruſt verſchränkt. Dann gingen ſie hinaus und ſchloſſen auch die Thüre, welche in den Park führte.„Alſo dieſer Palaſt iſt wirklich eine kleine Baſtille!“ dachte Couſtou. Der Saal war einen Augenblick vollkommen dunkel, plötzlich goß ſich von oben magiſches Licht in denſelben. Couſton badete ſich überraſcht in deſſen roſigen Wellen. Er war in ein Märchen gerathen. Die Decke leuchtete, die Säulen begannen zu klingen; jetzt ſprang die eine auf und die Fürſtin ſtand in ſeinem Atelier. Er ſchrie auf und zog ſich ſcheu bis an die Wand zurück. Nicht die Rococodame, das Weib ſtand vor ihm, das Weib, das Praxiteles gemeißelt, Raphael gemalt, dem Sa⸗ lomo's hohes Lied klang und das Sonett Petrarka's. Ein weißes Gewand floß von ihr auf den Boden herab, darüber ein weiter dunkler Pelz; ihre Haare, von wenigen Nadeln emporgehalten, ſtürzten um ſo voller bis auf die Schultern. Sie ſtrich ſie aus der Stirne und lachte. „Faſſen Sie ſich, Couſtou!“ ſprach ſie,„ich bin es, Sie ſind ja außer ſich,— faſſen Sie ſich, ich will es.“ Der junge Bildhauer fuhr mit der Hand über die Augen, dann preßte er die beiden geballten Fäuſte vor die Stirne und ließ endlich die Arme zu beiden Seiten nieder⸗ ſinken. Noch zitterten ſeine Knie; aber er ſchritt feſt auf die Fürſtin zu. „Ich danke Ihnen, gnädige Frau,“ ſagte er mit einer tiefen Verbeugung. „Ich bin gekommen, mein Wort zu löſen.“ Couſtou wurde noch bleicher. „Ich glaube, Sie fürchten ſich vor mir?“ „Nein, gnädige Frau! ich bewundere Sie, ja ich bete Sie an.“. „Sie fangen gut an,“ ſagte die ſchöne Frau ruhig, kreuzte die Arme auf der Bruſt und vergrub die feinen roſigen Finger in den weiten Aermeln ihres Pelzes. „Ich bete Sie an,“ wiederholte Couſtou,„Ihre Schön⸗ heit, Ihre erhabene Geſinnung, die Fornarina führte die Liebe, die Leidenſchaft vor die Staffelei des Raphael, Sie führt die Kunſt, die Begeiſterung in dieſen Saal und— das Vertrauen in die menſchliche Natur.“— Der Mund der Ruſſin zuckte verächtlich. „Ich vertraue nur mir ſelbſt. Aber hier gebiete ich. Vergeſſen Sie das nicht, Couſtou! Faſſen Sie ſich, Sie wollen, daß ich Ihnen vertraue. Das Weib vertraut nur dem Starken, und ſtark iſt nur, wer ſeiner ſelbſt mächtig iſt. Sie ſind außer ſich, Couſtou, jetzt ſind Sie es ſchon und Sie wollen—“ Sie lachte verächtlich. „O! wie klein wird der Mann in der Hand des Weibes. Mir iſt, als könnte ich jetzt Brodkügelchen aus Ihnen machen, Guillaume Cvuſtou.“ Majeſtätiſch ſchritt die Fürſtin durch den Saal, Couſtou preßte die glühende Stirne an die Säule. „Denken Sie, Couſtou, was ich thue,“ ſprach die ſchöne Frau, indem ſie wieder voll Hoheit vor ihm ſtehen blieb.„Ich thue es für die Kunſt. Was ein Weib dem Manne, den es liebt, nicht gewährt, gewähre ich dem Künſtler; wehe Ihnen, Couſtou, wenn Sie aufhören, es zu ſein.“ Sie hob die Hand ſo drohend über das gelockte Haupt des Bildhauers, daß ihm das Blut aus dem Herzen trieb. „Nur etwas Geduld,“ flehte er,„etwas Geduld. Ich will mich faſſen, ich will ja, ich faſſe mich.“ Er ſchritt auf und ab; mit dem weiten Aermel ſeines faltigen Künſtlertalars wiſchte er ſich die Stirne, die Linke ſchlug er geballt vor das Herz, und holte Athem aus tiefer Bruſt. Die Rufſin betrachtete ihn mit heiterem Behagen. Je mehr ſich der Bildhauer in ſeine Qualen verſtrickte, um ſo mehr wuchs ihr Vergnügen an denſelben. Sie ſchien ſich daran ſättigen zu wollen. Sie ließ ſich nieder, nach⸗ Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. II.. 3 34 läſſig in ihren Pelz verſenkt, und ſah zu, wie ihre weiße Hand in deſſen ſchwarzen Wellen auf und ab tauchte. Couſtou biß die Zähne übereinander, trat an ſeinen Boſſirſtuhl und begann deſſen Scheibe zu reinigen. „Was wollen Sie aus mir machen?“ fragte die Fürſtin ſchalkhaft. „Ich hätte Luſt zu einer Gorgo,“ erwiederte Couſtou lächelnd. Sie ſchüttelte das Haupt.„Ich fürchte, Sie werden nicht zu Stein, Couſtou?“ „Ol ich bin es bereits,“ rief der Bildhauer und klopfte auf ſein Herz,„hier und überall. Aber bleiben wir bei der Arbeit.“ Die Fürſtin nickte beifällig.„Sie machen vorerſt eine Skizze, nicht wahr, Couſtou, und arbeiten dann in Marmor, zuerſt groß, dann in das Feine?“ Der Bildhauer bejahte. „Uebereilen Sie ſich nicht,“ fuhr die ſchöne Frau fort, „ich kann Ihnen als Modell ſtehen, ſo oft Sie wollen.“ Couſtou wurde es kalt.„Nein! nein!“ rief er,„ich werde Sie nicht oft bemühen. Ich wollte Sie zeichnen, aber ich habe es aufgegeben. Die Statue ſoll ein Porträt werden. Ich will den erſten Blick feſthalten und meine Hand trifft beſſer als mein Blei⸗ ſtift. Ich mache ein lebensgroßes Modell. Ich wage dabei etwas. Wenn der Thon feucht bleiben ſoll, weich, bildſam, muß ich raſch ſein.“ Damit ſchob er ſich den Boſſirſtuhl zurecht, ſchraubte deſſen bewegliche Scheibe tief herab und machte den Thon bereit. Die Fürſtin legte die Arme auf ihrem Nacken 35 übereinander, lehnte ſich zurück und blickte zu der Decke hinauf. Beide ſchwiegen. Schweigend nahm der Bildhauer den naſſen Schwamm, die Boſſirhölzer; noch fühlte er mehrmals mit der Hand vorſichtig den Thon an. „Ich bin bereit,“ ſagte er endlich. Die Fürſtin erhob ſich in kalter Hoheit, aber das heiße Blut goß ſich verrätheriſch über Antlitz und Büſte. Mit zwei heftigen Wendungen des Kopfes warf ſie ihr Haar über die Schultern.„Ich will an dieſer Säule ſtehen,“ ſagte ſie. Couſton nickte ſchweigend. Sie lehnte ſich an die Säule und ſah empor.„Die Beleuchtung iſt gut.“ Couſtou gab keine Antwort,— ſie löſte langſam die Schnüre, welche ihren Pelz hielten, den Gürtel ihres weißen Gewandes. Couſton vergrub ſeine Hand in dem feuchten Thon. Sie ſtand einen Augenblick ſtill und murmelte, was er nicht verſtehen konnte. „Es muß ja ſein!“— ſie ließ entſchloſſen den Aermel, das Gewand von der rechten Schulter fallen. Ihr Buſen floß wie Licht auf den dunklen Pelz herab. „Jetzt!“ rief ſie,„aber behalten Sie Ihre Sinne bei⸗ ſammen, Couſtou.“ Sie ſtreifte die Pantoffeln ab und ſtieß ſie mit dem Fuße weg. Sie wollte ihr Gewand abwerfen, es widerſtand, ſie neſtelte noch daran, aber ſchon wurde der Fuß bloß; Couſtou ſtreckte die Hände gegen ſie aus, wankte einen Schritt vorwärts und lag vor ihr auf den Knien. „Was thun Sie, Couſtou!“ rief die Fürſtin, trat zurück und zog mit einer energiſchen Wendung den Pelz herauf. Er aber preßte die Stirne an ihr Knie, ihre Hand entſchlüpfte ihm in den weiten Aermel, er umfaßte ihre Hüfte und bedeckte ihre Füße mit Küſſen. „Fort! Ihre Lippen brennen mich,“— ſie ſtieß ihn mit dem Fuße von ſich.— Er lag, das Geſicht gegen die Erde, die Hände über dem Scheitel krampfhaft verſchlungen. Sie hatte ſich vollends angekleidet, das Auge immer auf ihn gerichtet. Ihre Lippe bebte noch. „Kommen Sie zu ſich,“ ſagte ſie nach einer Weile. „Stehen Sie auf!“ ſie ſtieß ihn ſanft mit dem Fuße. „Stehen Sie auf!“ Couſtou hob das Haupt und ließ es wieder in die Hände zurückſinken.— „Sie verſtehen ihn zu behandeln,“ ſagte zu gleicher Zeit eine fröhliche Stimme hinter der Fürſtin. Sie wendete ſich lebhaft und erblickte Richelieu, der mit verſchränkten Armen daſtand. Die Fürſtin flammte auf.„Was ſuchen Sie hier? Wie kommen Sie hieher?“ „Sprechen Sie leiſe,“ ſagte der Herzog,„das Auf⸗ ſehen, das Sie erregen, kann nur Ihnen Verlegenheit bereiten.“ „Sie irren ſich,“ erwiederte die Fürſtin, und klatſchte in die Hände. Die Thüren raſſelten. Leibeigene, mit Dolchen und Piſtolen bewaffnet, traten in den Saal. „Ich ſehe, Sie verſtehen auch mich zu behandeln,“ ſagte der Herzog.„Aber brauchen Sie dieſe da,“— er wies auf die Leibeigenen,—„um Ihre Tugend zu behaupten?“ Die Fürſtin ſah Richelien ſtolz an, dann winkte ſie und ihre Diener verſchwanden. „Sie haben alſo den Muth, mir gegenüber zu ſtehen,“ ſagte der Herzog,„Stirne gegen Stirne?“ „Gehört dazu Muth?“ erwiederte die Fürſtin mit vornehmem Achſelzucken. „Sie ſchätzen mich gering,“ ſagte der Herzog nach einer Pauſe,„Sie lächeln, Sie zucken die Achſeln. O! Ihre Verachtung, Madame, iſt— Coquetterie. Sie iſt min⸗ deſtens neu und eigenthümlich.“ Die Fürſtin ging mehrmals durch den Sagl. „Nun, wie lange werde ich Ihre Geſellſchaft noch ge⸗ nießen?“ fragte ſie endlich heiter. „Ich muß ſo unartig ſein, Sie noch eine Weile damit Zu beläſtigen,“ entgegnete Richelieu,„aber was iſt mit Cvuſtou, iſt er todt?“ Er beugte ſich über den Bildhauer, welcher noch immer bewegungslos, das Geſicht gegen die Erde, lag. „Laſſen Sie ihn liegen,“ rief die Fürſtin,„laſſen Sie ihn, Richelieu.“ „Wie Sie befehlen,“ damit näherte er ſich wieder der Fürſtin. „Was haben Sie mit ihm angefangen?“ ſagte er leiſe, „der gute Junge iſt ſteif wie Holz. Haben Sie ihm die Knute gegeben? ich meine die moraliſche.“ 38 Die Ruſſin lächelte. „Sagen Sie mir, Madame,“ fuhr der Herzog fort, „die Tugend muß doch manchmal ſehr langweilig ſein.“ „Wie das Laſter,“ erwiederte ſie und ſah auf Richelieu. „Das Leben macht uns Alle einſeitig,“ fuhr dieſer fort,„Sie ſind einſeitig in Ihrer Tugend, wie ich in der Sünde. Es könnte für uns Beide anziehend ſein, in Ver⸗ kehr zu treten, unſere Erfahrungen auszutauſchen.“ „Ich ſehne mich nicht darnach.“ „Sie ſind aufrichtig.“ „Auch das iſt eine Tugend.“ „Können Sie aufrichtig ſein, Herzog?“ „Befehlen Sie.“ „Was ſuchen Sie bei mir?“ Die Ruſſin lehnte ſich über den nächſten Seſſel und betrachtete Richelieu. Er wich ihr aus und taſtete an Couſtou's Boſſirſtuhl herum. „Wie kann man Thon wählen, kalten feuchten Thon für dieſen Leib.— Es fehlt ihm doch an Geſchmack. Dabei iſt er ein Egoiſt, er möchte jede Schönheit verborgen halten, ſich allein aufbewahren und doch fehlt es ihm an Muth ſie zu genießen. Wie ein Geizhals vergräbt er ſeine Schätze.“ „Sie reden von Couſtou's Statuen?“ „Auch Sie hätte er vergraben, Sie haben gut daran gethan, ihm kein Gehör zu ſchenken, ſehr gut gethan. Erhören Sie Andere, erhören Sie Bernis, erhören Sie Quesnay,— nur Guillaume Couſtou erhören Sie nicht,— erhören Sie mich.“— Die Fürſtin wendete ſich ab:„Das alſo!“— „Er wollte Sie verſchleiern, einmauern, hüten wie ein Myſterium, lebendig begraben. Ich will Sie in einen Tempel ſtellen, wo ganz Frankreich Sie anbeten ſoll.“ „Wenn ich ſchon eine Gottheit ſein muß, ſo will ich eine jener Aſiatiſchen ſein, die man durch Schweigen an⸗ betet. Nun, Richelieu, beten Sie mich an.“ Die Fürſtin zuckte übermüthig mit den Lippen. „Da bin ich Atheiſt,“ erwiederte er; ging mit geſenk⸗ tem Blick ein paar Schritte und überlegte.„Was würden Sie ſagen, gnädige Frau, wenn— wenn Sie in Couſtou's Atelier dem König von Frankreich begegnen würden?“ „Ich würde dafür ſorgen,“ antwortete ſie ſchnell,„daß ich ihm nicht wieder begegnen würde.“ Sie hatte den Kopf ſtolz emporgeworfen, die Augen blitzten zornig. In demſelben Augenblicke war ſie ver⸗ ſchwunden, die Säule hatte ſie aufgenommen. Sie ſtieg wieder die Wendeltreppe hinauf, welche zu ihren Gemächern im erſten Stockwerke führte. Die Peitſche in der Hand, rief ſie nach ihrem Secretair. Er war nicht zu finden. Der Herzog von Richelieu hatte ihn beſtochen. Er war entflohen. Kaunitz machte der Fürſtin ſeinen erſten Beſuch in vollem feierlichem Staate und wurde ebenſo empfangen. Er war ſchwarz gekleidet, in ſeidenen Strümpfen und Schuhen. Ueber dem dunklen Sammetrocke trug er die hellen Farben der Ordensbänder. Sein Haar war einfach frifirt und gepudert. Unter dem linken Arm trug er den Chapeaubas, die Hand ruhte auf dem zierlichen Gefäße des Degens. Die Fürſtin rauſchte, in demſelben Augenblicke, als der Graf in ihren Empfangsſaal trat, in perlengrauer Robe mit großen Arabesken von derſelben Farbe herein. Ein reicher Beſatz von Blonden fiel nach rückwärts in faltiger Schleppe und von den geſchlitzten Aermeln herab, während eine graue Feder aus dem blendend weißen Haar ſich zu dem üppigen Nacken herabbog. Sie hatte den Fächer geſenkt und erwiederte mehr heiter als ceremoniel die ſteife Verbeugung des öſter⸗ reichiſchen Grafen. Sie betrachteten ſich gegenſeitig mit einer Neugierde, welche gegen alle gute Sitte verſtieß. Es war nur ein Augenblick, dann nahm die Dame auf dem Sopha Platz und der Cavalier ſetzte ſich in einen der ſteilen Lehnſtühle, welche daſſelbe umgaben, den Hut zierlich auf das vorgeſtreckte Knie geſtützt. „Ich bin neugierig,“ begann die ſchöne Frau,„einen Mann kennen zu lernen, welcher das Leben ſo ſehr liebt.“ „Und ich,“ entgegnete er raſch,„eine Frau kennen zu lernen, die es ſo gering ſchätzt.“ „Iſt Ihnen dies ſo merkwürdig?“ „Bei einer Frau, bei Ihnen, Ihr Auge blickt ſtolz bewußt, Ihre Stirne iſt heiter, ruhig, und ſein Leben geringſchätzen, heißt ſich ſelbſt gering ſchätzen.“ „Nein, nur die Menſchen,“ entgegnete die Fürſtin ablehnend, ſie ſank an die Lehne des Sophas zurück und fächelte ſich heftig.„Iſt das vornehmſte Geſchöpf Gottes nicht herzlich verächtlich? wie ein Uhrwerk auf das In⸗ einandergreifen der kleinſten zerbrechlichſten, erbärmlichſten — Federchen, Rädchen, Stiftchen geſtellt? Vermag das Geſchöpf Gottes einen großen Gedanken, ein mächtiges Gefühl, länger feſtzuhalten als die Regenpfütze den Sonnenſtrahl, der über dieſelbe gleitet? Unſere Weisheit iſt eine gute Tafel und unſere Liebe— Achl ich verachte die Menſchen von ganzer Seele.“ Die Fürſtin klopfte mit dem hohen Stöckel ihres Atlasſchuhes auf den hölzernen Schemel und ſah vor ſich, als wollte ſie das ruhige Auge des Grafen vermeiden. Kaunitz erwiederte langſam, ohne ſich zu übereilen: „Sie ſchätzen den Menſchen gering, ſind Sie nicht ſelbſt aus dem armen geſchmähten Geſchlecht? Iſt es nicht Ihre Liebe, deren Bezeichnung Sie mir ſchuldig geblieben ſinde Die Fürſtin erröthete. „So kommen Sie aus dem Kreiſe nicht heraus,“ fuhr der Graf fort,„Sie kehren immer zu ſich zurück, Sie mögen anfangen, was Sie wollen.“ Die ſchöne Frau ließ ihre wunderbaren Augen for⸗ ſchend auf Kaunitz ruhen. Die feinen Brauen waren ärgerlich zuſammengezogen. Die Finger ſpielten unge⸗ duldig auf der Lehne des Sophas. „Man liebt doch nicht das Leben um ſeiner ſelbſt willen,“ ſprach ſie kalt und ſicher,„der Zug wäre thieriſch, man liebt die Luft, die man athmet, die Roſe, die uns blüht, die Traube, die uns reift.“ „Das Weib, das uns küßt Die Ruſſin lachte. „Um zu athmen, zu küſſen, wie man will, darf man das Leben nie als eine Laſt, nie als einen Schatz empfinden, den man hütet und begräbt, es muß immer nur die Lippe 42 bleiben, die küßt, der Arm, welcher Beſitz ergreift von dem, was das Auge reizt.“ „Wie aber, wenn uns nichts mehr verlocken kann, den Arm darnach auszuſtrecken?“ „Dann ſinkt auch Arm und Lippe im Preis und man ſchätzt das Leben nicht höher als ein lahmes Pferd oder einen Schuh ohne Sohle. Haben Sie Zadig geleſen?“ fragte Kaunitz. „Welche Frage?“ „Sie iſt nicht ſo unpaſſend, als ſie im erſten Augen⸗ blicke ſcheint. Voltaire ſagt von Zadig, er habe im erſten Buche Zoroaſter's gelernt, daß die Eigenliebe ein mit Wind gefüllter Ballon iſt, aus dem die furchtbarſten Stürme hervorbrechen, wenn man ihm den kleinſten Stich beige⸗ bracht hat.“ „Was ſoll das hier?“ „Sie erſtaunen, Fürſtin, daß Sie immer zu ſich zurüc⸗ kehren. Gehen Sie nicht immer von ſich aus. Ihre Phi⸗ loſophie macht der Egoismus.“ „h „Gewiß, Madame, gefüllt von der Selbſtliebe ſteigt der Ballon des Menſchenlebens in die Wolken des Ideals, man ſchätzt Alles hoch, ſo lange man ſich ſelbſt überſchätzt. Nun empfängt man Stich auf Stich und ſinkt, und fällt zur Erde nieder. Je kleiner man geworden iſt, je kleiner uns die Welt gemacht hat, um ſo armſeliger erſcheint ſie ſelbſt, man mißt fort und immer fort mit ſeinem Ich— nur wie wir ſelbſt ſind, wie wir uns finden, finden wir die Welt.“ „Verachtet Selbſtſucht das Menſchenleben und die Menſchenwelt, ſich ſelbſt?“ Kaunitz machte eine abwehrende Bewegung mit der Rechten, ſah einen Augenblick ſtarr vor ſich hin und ſprach dann, ohne ſich zur Fürſtin zu wenden, wie im lauten Selbſtgeſpräche: „Dieſe Weltverachtung,“ rief er,„iſt die letzte Con⸗ ſequenz des Egoismus. Wenn der Menſch wirklich die Welt im Kleinen iſt, ſo iſt dieſe Welt ſehr unvollkommen, denn ſie kann nicht für ſich und in ſich allein beſtehen. Ich bin ein Freund der Aufklärung und Ihrer Literatur, ich bin für dieſelbe in meinem Vaterlande thätig, aber vor⸗ läufig haben wir nur zerſtört. In früherer Zeit ſorgte die Religion dafür, daß der Menſch nicht auf ſich allein gerichtet war, ſie brachte ihn in Verbindung mit einer höheren Welt, er konnte ſicher ſein, Aufſchlüſſe über ſeine Beſtimmung durch den Mund des Prieſters von oben ſo regelmäßig zu empfangen, wie das Zeitungsblatt, auf das er abonnirte. Freilich kam man in Conflicte mit ſich und der Weltordnung, aber für dieſen Fall gab es herrliche Erfindungen, die Reue, die Buße, die Entſagung. Man war nie im Zweifel darüber, was gut oder böſe, recht oder unrecht iſt, man war nicht leicht in Gefahr, unſicher zu werden.“ Die Rococodame blickte den Grafen erſtaunt an.„Die Pbiloſophie verdirbt uns alſo?“ unterbrach ſie ihn beinahe heftig. Kaunitz ſah etwas zur Decke empor. „Denken Sie erſt darüber nach?“ fragte die ſchöne Frau etwas ungeduldig. „Ja, Madame, ich ſpreche nie ohne zu denken. Ich antworte nie, um nur zu antworten, oder meine Anſicht zu vertheidigen. Ich laſſe mich überzeugen und * 44 deshalb denke ich über manchen Einwurf länger nach, als es die gute Sitte erlaubt.“ „Nun?“ „Die Philoſophie verdirbt uns. Ja, Madame, jene Philoſophie, welche das Ich an die Spitze ſtellt. Es iſt gut, wenn der Menſch in ſich einkehrt, ſich mit ſich ſelbſt beſchäf⸗ tigt, aber wir ſind ohnehin nur zu ſehr geneigt, uns auf unſer Selbſt zurückzuziehen, ich würde eine Philoſophie vor⸗ ziehen, welche uns aus uns ſelbſt herausführen würde, den Menſchen zu. Wie bald hat man ſich ſelbſt ſatt, die ſchlech⸗ teſte Geſellſchaft iſt einem bald lieber als der Verkehr mit ſich ſelbſt. Wir ſind uns nie genug, wir brauchen Andere. Sind dieſe nicht auch wie wir? Und ſind ſie ſelbſüchtig wie wir, dann iſt das Leben ein ſich Ueberliſten, ein ſich Ueberwältigen, ein ſich Ausſaugen bis zum Ekel.“ Die Fürſtin nickte.„Das iſt unſere Geſellſchaft.“ „Nein, Madame! nicht Alle bleiben bei dem Ekel ſtehen. Endlich kommt man zu einem Sichbeſcheiden, Sichfügen, einem Eingehen auf Andere. So wird der eigene Egoismus zuletzt durch den fremden aufgehoben und die Thatſache, die Nothwendigkeit, die Gewalt der Maſſen über den Einzelnen führt endlich dahin, wo Manchen von Anfang an die Liebe hinweiſt: zu der Unterordnung des Individuums unter die Geſammtheit, ſei ſie eine Familie, ein Staat, oder die ganze Menſchheit.“ Die Fürſtin ſchüttelte das ſchöne Haupt.„Wäre das nicht auch Egoismus?“ ſagte ſie, während es ſinnverwir⸗ rend, weltverhöhnend um ihre Lippe, ihr Kinn ſpielte. „Patriotismus, Glaubenseifer, Menſchenliebe! Wie Jeder nur bemüht iſt, ſich dem Andern zu verbergen, welche Ver⸗ 45 ſchwendung der Sprache, und dann klagt man, wenn man nicht verſtanden wird. Nennt Selbſtſucht, was Ihr fühlt, man wird Euch gleich verſtehen.“ Kaunitz verſank in Gedanken. „Nun,“ fragte die Fürſtin,„was für ein Ding von Selbſtſucht iſt es, das Sie bewegt, Graf?“ Kaunitz antwortete nicht. „Denken Sie nach,“ ſagte die Fürſtin,„nur nicht zu lange.“ Sie erhob ſich, um an das Fenſter zu treten, den Vorübergehenden, den Wagen nachzuſehen. „Was uns bewegt,“ ſprach Kaunitz, ohne ſeinen Seſſel zu verlaſſen,„hat den Charakter einer Kraft. Kräfte mißt man durch ihre Gewalt, ihre Wirkungen. Können Sie die Wirkungen des Patriotismus, der Menſchenliebe, jenen des Egoismus vergleichen?“ „Gewiß nicht!“ erwiderte die Fürſtin lebhaft.„Der Egoismus iſt eine Naturkraft, wie das Waſſer, die Luft, das Feuer. Ihre Wirkungen ſind einzeln und planlos. Man hat aber Maſchinen erfunden, welche dieſe Wirkungen beherr— ſchen und ſteigern, die Maſchinen des Egoismus ſind Men⸗ ſchenliebe, Patriotismus.“ Kaunitz machte ſeine abwehrende Bewegung mit der Rechten, das einzige Zeichen von Ungeduld, das er manch⸗ mal gab. „Nein!“ rief er,„geben wir es auf, uns zu über⸗ zeugen.“ Er lachte„Das Geſpräch darf nie etwas Anderes ſein wollen, als Mittheilung. Wie man ſo luſtig darauf los ſpricht von Menſchen und Völkern, und Jeder ſpricht eigentlich nur von ſich ſelbſt, nicht von Anderem„nur wie das Andere uns erſcheint, wie es ein Theil von uns ge⸗ worden iſt. Man wird den Andern nie verſtehen, weil man nie der Andere werden kann. Hier ſtößt man an die Grenzen der Perſönlichkeit.“ „Auch ich muß es aufgeben, Sie verſtehen zu wollen,“ rief die Ruſſin,„Sie haſſen den Egoismus, aber Sie be⸗ wachen ängſtlich jedes Tröpfchen Blut, jedes kleinſte Organ in Ihrem Leibe, Ihre Geſundheit, Ihr Leben. Iſt Ihre Diätetik auch eine Wiſſenſchaft der Menſchenliebe?“ „Nein, ſie hat mehr von der That des Decius und Regulus.“ Die Fürſtin wendete ſich überraſcht um. „Gewiß!“ ſagte Kaunitz. Die ſchöne Frau ſah ihm gerade in das Auge, und ihr tolles kindliches Lachen klang melodiſch durch das Gemach. „Sehen Sie,“ ſprach der Graf,„wir verſtehen uns auch nicht.“ „Vielleicht doch.“ Und ſie lachte wieder. Kaunitz ſtand auf.„Ich müßte Ihnen ein Capitel Politik zum Beſten geben und etwas öſterreichiſche Ge⸗ ſchichte.“ Er legte die Hand vor die Stirne und ſchwieg einen Augenblick. „Ich möchte lange leben,“ ſagte er leiſe,„ſehr lange. Ich zittere, wenn ich denke, wie wenig hundert Jahre für einen Staat, für meine Ideen ſind! aber Sie verſtehen mich ja nicht.“ Der Diener meldete einen neuen Beſuch. Kaunitz empfahl ſich. Die Fürſtin beſchäftigte ſich lange noch mit ihm und ſeinem Geſpräche, es verwebte ſich mit ihren Träumen. Als . Quesnay ihr am nächſten Morgen ſeine gewöhnliche Viſite machte, fragte er nach dem Eindrucke, welchen Kaunitz auf ſie gemacht habe. „Ich kann ihn nicht erklären,“ ſagte ſie,„ich habe ver⸗ geſſen, daß ich ein Weib bin, und es gab keinen Augenblick, in dem er mich daran erinnert hätte.“ Der Herzog von Richelieu hatte einen Brief von ſeinem Freunde Voltaire erhalten, welcher geeignet war, ihn in einige Aufregung zu verſetzen. Richelieu liebte Frankreich. Er fühlte, daß deſſen Macht, deſſen Ruhm unter der Re⸗ gierung Ludwig XV nicht zugenommen hatte. Die verfehlten Unternehmungen, die Mißgriffe, Unglückund Niederlagen des öſterreichiſchen Erbfolgekrieges brannten ihm auf der Seele. Der Friede von Aachen hette Frankreich aus einer pein⸗ lichen Lage erlöſt. Jetzt verrieth ihm Voltaire's Brief neue kriegeriſche Plane des Königs von Preußen, Plane, welche Frankreich in neue undankbare Verwickelungen zu ziehen drohten. Die nahen Beziehungen, in welchen der Herzog zu dem Hauſe Machault ſtand, beſtimmten ihn ſofort, den Staats⸗ miniſter aufzuſuchen. Er ließ ihn den Brief leſen und wartete ſchweigend die Wirkung ab. Machault las, las und las wieder. Er ſtützte das Kinn in die Hand, wiſchte ſich mit dem rothſeidenen Tuche die 48 feuchte Stirn und las wieder. Dann ſah er Richelieu fra⸗ gend an. „Iſt er gut unterrichtet?“ ſtammelte endlich der arme dicke Mann. „Voltaire iſt immer gut unterrichtet.“ „Ich weiß es, ich weiß es,“ beſtätigte Machault,„es iſt auch buchſtäblich wahr. Ich ſelbſt habe Se. Majeſtät und die Marquiſe aufmerkſam gemacht auf die Abſichten des Kö⸗ nigs von Preußen, aber ſo— ſo gefährlich glaubte ich die Lage nicht. Es waren für mich Ideen, Wünſche, was weiß ich. Da ſind es planmäßige Entwürfe, Entſchlüſſe. Er will Böhmen und Mähren erobern, er ſucht Verbündete.“ Richelieu nickte.„Er droht uns, unerwartet in Ver⸗ wicklungen hinein zu ziehen, welche er ſelbſt geſchaffen hat, er will allein die Situation machen, der ſich dann Niemand entziehen kann.“ „Nun wir ſind gewarnt,“ bemerkte der Miniſter. Er faltete die dicken Hände beinahe bittend. „Richelieu,“ fuhr er fort,„jetzt iſt es an Ihnen, von Ihrem Einfluſſe auf den König einen Gebrauch zu machen, den der Staat Ihnen davon zu machen gebietet. Ich werde ſuchen, die Marquiſe zu überzeugen. Wir müſſen aus un⸗ ſerer paſſiven Politik heraustreten, wenn der König von Frankreich noch etwas mehr bedeuten will, als der König von Polen. Wir müſſen den Frieden in Europa aufrecht erhalten durch unſeren Willen, unſere Macht, oder einen Krieg führen, deſſen Plan von uns ausgeht, deſſen Erfolg uns bleibt. Friedrich der Große darf uns nicht mehr in das Schlepptau nehmen. Was ſagen Sie aber zu dieſem Knyp⸗ hauſen? wie harmlos er iſt, wie unſchuldig, möchte ich ſagen. 49 Ich habe Alles von Kaunitz beſorgt und dieſen Preußen für nicht mehr als einen lebendigen Ladſtock gehalten, und nun— o! man lernt nie aus! nie!“ Wie geſchickt er die Abſichten ſeines Monarchen zu verbergen gewußt hat, ſeine diplomatiſche Feinheit geht ſo weit, ſich einen Anflug von Dummheit zu geben, aber mich täuſcht er nicht mehr, mich nicht.“ Richelien lächelte. „Sind Sie nicht einverſtanden?“ „Man behauptet, daß der große König von Preußen ſich gerne ſolcher Werkzeuge bedient,“ erwiderte Richelien, „bei denen er darauf rechnen kann, daß ſie nie einen Willen, einen Gedanken äußern, ja womöglich nicht einmal haben.“ „Sie glauben alſo?“ „Daß Knyphauſen ſo wenig von den Planen ſeines Königs weiß, als wir ſelbſt bisher davon gewußt haben.“ „Verzeihen Sie! verzeihen Sie!“ unterbrach ihn der Miniſter,„ich habe gewußt. Ich, ja. Jetzt bin ich vollkom⸗ men Herr der Situation. Ich will Ihnen die Sache erklären, Herzog, ſo werden Sie mich nicht verſtehen, ich will ſie durch ein Bild erklären, oder beſſer geſagt, ſo könnten Sie mich auch verſtehen, aber Sie ſollen mich nicht ganz verſtehen, ich darf Sie nicht in die Karten ſehen laſſen, alſo ein Bild. Nehmen wir an, Europa wäre ein Dorf und dieſe Hütte wäre das Cabinet von St. James, und jene Hütte das Wiener Cabinet, und eine andere das Preußiſche u. ſ.w. Nun ſo iſt Frankreich in dieſem Augenblicke der Thurm dieſes Dorfes und ich ſtehe auf dieſem Thurme und blicke über alle dieſe Hütten. Und nun— beſitze ich eine Brille, wie ich die aufſetze, ſind alle Sacher⸗Maſoch, Kaunip. II. 2 Dächer für mich wie Glas und ich ſehe durch alle Dächer, in alle Hütten und ſehe Alles, was darin geſchieht. Haben Sie mich verſtanden, Herzog?“ „Nicht ganz, lieber Machault.“ „Alſo gebrauchen wir ein anderes Bild.“ „Nein! nein!“ fiel Richelieu ein,„gebrauchen wir gar kein Bild.“ „Auch gut,“ ſagte Machault.„Alſo wir haben einmal das Heft in der Hand.“ „Ohne Bild, bitte ich Sie!“ rief der Herzog. „Ganz ohne Bild, natürlich. Was Oeſterreich betrifft, ſo bin ich vortrefflich unterrichtet. Ich habe Kaunitz ganz im Sack!“ damit klopfte Machault vergnügt an die Rock⸗ taſche. „Wirklich?“ Ja! ohne Bild, wirklich im Sack, und Rußland, nun Sie wiſſen ja—“ der Miniſter ſah ſich ziemlich ängſtlich um —„ich mache der Fürſtin Woronzow den Hof, und ſie— nun—“ Machault huſtete.— „Ja! ja!“ rief Richelieu,„ich ſehe Sie wirklich auf Ihrem Thurme, ohne ein Bild zu gebrauchen, wie Sie Ihre Augengläſer aufſetzen und ſehen, was kein Anderer ſieht.“ Machault lachte vergnügt.„Jetzt wollen wir zuſammen weiter miniren,“ ſagte er,„immer zuſammen. Vor Allem aber muß ich dieſem Knyphauſen auf den Zahn fühlen.“ Der Herzog machte eine Bewegung. „Natürlich ohne ein Bild zu gebrauchen, oder ihm we⸗ nigſtens zu verſtehen geben, daß man nicht bei der Naſe ge⸗ führt wird,— natürlich Alles, ohne ein Bild zu gebrauchen.“ Wenige Tage nach dem Beſuche, welchen der Herzog von Richelien bei dem franzöſiſchen Staatsminiſter gemacht hatte, kam Amadeus mit einer Würde, welche unwiderſteh⸗ lich zum Lachen reizte, und der wichtigſten Miene von der Welt, dem Geſandten Maria Thereſia's ſeinen Bericht zu erſtatten. „Wie ſiehſt Du nur aus,“ ſagte Kaunitz,„haſt Du zu viel getrunken?“ „Nichts von dem,“ entgegnete Amadeus und ſetzte ſich nachläſſig dem Grafen gegenüber.„Wir haben einige wich⸗ tige Nachrichten im Allgemeinen und Beſondern. Das iſt Alles. Wo fange ich nur gleich an?“ Er verſenkte ſeinen dicken Kopf in den rothen fleiſchigen Händen. „Bei dem Wichtigſten!“ rief Kaunitz.„Beeile Dih⸗ „Alſo das Wichtigſte wäre der große Friedrich, eigent⸗ lich nein! eigentlich wäre es der Krieg, eigentlich auch nicht.“ „Zur Sache!“ „Sehr gut. Wiſſen Sie was, Euer Gnaden, ich will die ganze Geſchichte erzählen, das iſt das Beſte. Sie finden dann ſchon heraus, was Sie brauchen, was weiß ich.“ „Erzähle alſo.“ „Ja, wie geſagt, ich will die ganze Geſchichte erzählen. Alſo da kommt der Herr Staatsminiſter zu uns, ich meine zu der preußiſchen Excellenz, nun gut, ſoll ich erzählen, wie er vorfährt, wie—“ „Nein, laſſen wir ihn eintreten bei Sr. Excellenz“ „Richtig. Eigentlich nein! Auch das nicht. Ich will Ihnen erzählen, wie ich von der Sache erfahren habe. Gut. Ich ſtehe alſo im Zimmer vorne und putze meine Stiefel, ich meine nämlich die Stiefel der preußiſchen Excellenz. Nun 4* 5 gut, da höre ich, wie man in das Zimmer kommt zur Excel⸗ lenz und höre die Stimme des Herrn von Machault. Man rückt die Seſſel. Sie ſetzen ſich alſo. Man ſpricht ſo von der ſchönen ruſſiſchen Fürſtin, vom Wetter, vom Theater, dann rücken die Seſſel zuſammen, ſie ſprechen leiſe— nun wozu hat man denn Ohren— alſo ich horche ſo etwas hin und da höre ich denn, wie der Franzoſe immer fort von ganz geheimen Planen ſpricht, die unſer König hat, und immer ſpricht er vom König, aber nur ſo, und ich denke mir gleich, der ſchlägt nur ſo auf den Sack und meint den Eſel, ich meine meinen Herrn, der will ihm ſo die Würmer aus der Naſe ziehen; und ſie rücken die Seſſel noch näher zuſammen und meine preu⸗ ßiſche Excellenz weiß noch weniger von den Planen unſers Königs, als der Machault, aber der glaubt, meine Ex⸗ cellenz verſtellt ſich nur ſo und ſetzt ihm tüchtig zu.»Wenn Ihr König Böhmen und Mähren haben will, ſagt der Herr von Machault, ſo ſoll er es bei Zeiten ſagen. Wir haben auch noch ein Wörtchen mitzureden!« aber meine Excellenz, die ſtaunt nur immer ſo und meint, ſie werde an Se. Majeſtät referiren. Herr von Machault aber rückt wieder ein Stück näher mit dem Seſſel und ſpricht davon, daß unſer König Schleſien verlieren kann, wenn er ſo mit dem Palaſch drein geht, ohne ſich früher bei ſeinem Könige Louis zu melden. Meine Excellenz aber will immer nur referiren. Und ſo reden ſie denn eine Weile, dann rücken die Seſſel auseinander. Ach! denke ich, die ſind fertig, und mache fort, und putze die Stiefel weiter. Da ſagt der Herr von Machault, meine Excellenz verſuche das umſonſt, ihn zu täuſchen, er wiſſe, daß unſer König unſere Kaiſerin mit Krieg überziehen wolle und zwar bald. Bald!“ wiederholte Amadeus wichtig. „Nun was ſagen Euer Gnaden zu den ſaubern Planen wieder auf unſer Böhmen und Mähren?“ Kaunitz ſchwieg. „Euer Gnaden werden wohl auch gleich referiren. Wie wäre es denn, wenn Euer Gnaden dabei auch meiner Er⸗ wähnung thäten thun? Es wäre nur, damit unſere Kaiſerin wüßte, wer der Amadeus iſt, und was für treue Unterthanen ſie noch hat in dem Schleſien.“ Der Graf nickte. „Das freut mich, daß Euer Gnaden das gleich einſehen. So, das wäre in Ordnung. Gut, weiter, mit den Epigram⸗ mibus iſt nichts zu machen. Mein Herr hat ſie unter dem Kopfpolſter, will ich glauben, ſpricht auch nichts mehr davon. Gut, wollen ſehen. Aber verliebt iſt meine Excellenz.“ „Verliebt!“ rief Kaunitz erſtaunt. „Verliebt wie ein Türke,“ brummte der Schleſier,„wie ein Tatar.“ „In wen zum Beiſpiel?“ „In die ruſſiſche Fürſtin zum Beiſpiel. Aber Alles in Ehren, ganz ſo wie der alte griechiſche Profeſſor es vor⸗ ſchreibt, der— nun meine Excellenz hatte einmal einen Hund, den ſie ſo nannte— richtig, Plato hieß das Vieh, alſo gut. Da fragt mich die Ercellenz: Was meint Er, Amadeus, ſollen wir nicht der Fürſtin einen Blumenſtrauß ſchicken? Gut, ſag' ich. Aber dann hat meine Excellenz wieder keine Courage und ſtellt ſich unter die Fenſter von der ruſſiſchen Madame und ſeufzt, daß einem das Herz brechen möchte, und da muß ich ihn begleiten und mit ſeufzen, damit es mehr ausgiebt und die Madame es hört. Und das Alles für den gewöhn⸗ lichen Dienſtlohn. Es iſt ein harter Dienſt, ein harter Dienſt, 54 wenn ich nicht Euer Gnaden Bekanntſchaft gemacht bätte, hielt ich es nicht aus. Freut mich ſehr die Bekanntſchaft, recht ſehr, im Allgemeinen und Beſondern.“ Amadeus ſtand auf, kratzte mit dem Fuße nach rück⸗ wärts aus, und wollte gehen, beſann ſich aber. „Richtig, was die MadameFürſtin betrifft, die iſt auch nicht da in dem Paris, um ſich zu amüſiren.“ „Wie?“ „Nun, ich meine nur ſo, was man ſo hört; meine Ex⸗ cellenz hat auch davon geſprochen mit dem Machault.“ „Daß die Fürſtin eine politiſche Miſſion hat?“ „So etwas dergleichen. Was man ſo hört. Nun der Himmel weiß, ob es wahr iſt“ Sobald Amadeus fort war, rief die Klingel den Secre⸗ tair.„Merken Sie ſich, Binder, daß ich in die Fürſtin Alexandra Woronzow verliebt bin.“ Die Marquiſe von Pompadour war übler Laune. Sie erledigte mit dem Abbé Bernis die dringenſten Angelegen⸗ heiten, warf dann die Feder hin und trieb in ſeltſamer Unruhe in ihrem Boudoir umher. Bernis vollzog genau ihre Befehle, nachdem er das letzte Actenſtück gefaltet und an das betreffende Miniſterium adreſſirt hat, richtete er ſeinen Blick auf die Marquiſe und fragte theilnehmend nach der Urſache ihrer Verſtimmung. „Bernis,“ ſprach die Pompadour ernſt,„ich habe Ihnen ſeit Jahren ein Vertrauen geſchenkt, das Sie meine jedes⸗ malige Lage überſchauen läßt, wie keinen Andern. Sie wiſſen, daß Richelieu bemüht iſt, die Fürſtin Woronzow zur Geliebten des Königs zu machen.“ „Ich weiß es,“ unterbrach Bernis die Marquiſe,„es wird ihm jedoch nie gelingen. Die Fürſtin iſt eine eben ſo ſtolze als ſchöne Frau.“ „Man ſagt, daß ſie tugendhaft iſt.“ „Was man ſo nennt,“ fuhr der Abbé fort,„was nennt man aber Tugend bei der Frau? Kein Handeln, keine That, nur Widerſtand gegen das Verlangen Anderer. Die letzten Gründe dieſes Sichenthalten, Abweiſen, Verſagen ſind ſo verſchieden wie die Frauen ſelbſt, aber man ſieht nur das Ergebniß und nennt es Tugend. Die Tugend der Fürſtin Woronzow iſt Stolz und Weltverachtung. Ich glaube mich nicht zu täuſchen, wenn ich in dieſer Ruſſin eine politiſche Perſönlichkeit ſehe; glauben Sie nicht, Madame, daß Diplo⸗ maten mit den Reizen der Fürſtin gefährlicher wären, als Kaunitz und Friedrich der Große; welche Waffen hat man gegen einen Gegner, in den man ſich verliebt?“ „Um ſo ſchlimmer, Bernis,“ rief die Marquiſe von Pompadour.„Die Frau wird Ludwig XV. widerſtehen, wird es aber die Diplomatin dem Könige von Frankreich? Die Fürſtin iſt in der That eine räthſelhafte Erſcheinung. Wer ergründet ihr Geheimniß? Kennen wir die Plane, welche ſie hier verfolgt, und halten Sie es für möglich, daß ſie hierher gekommen iſt, um ſich von Knyphauſen und Couſtou den Hof machen zu laſſen?“ „Keinesfalls. Aber können wir annehmen, daß die Abſichten der Czaarin mit jenen des Königs, Richelieu's übereinſtimmen?“ „Daß ich über dieſe Abſichten im Zweifel bin, beunru⸗ vigt mich eben ſo ſehr,“entgegnete die Marquiſe„Der König vernachläſſigt mich, er iſt nicht mehr verliebt, das wäre zu ertragen, aber ich langweile ihn.“ Die ſchöne, geiſtvolle Frau ſprach das vollkommen ruhig aus Der Abbé verſuchte etwas einzuwenden. Die Mar⸗ quiſe lachte. Bemühen Sie ſich nicht, mein Freund, ich weiß genau, wie reizend, wie unterhaltend ich bin. Ich könnte Couſton vielleicht wahnſinnig machen, aber den König langweile ich. Mir ſagt es ſein ſchlaffes Geſicht, mir ſagen es ſeine müden Augen. Da ſitzt er im Stuhle und ſtreckt die Beine von ſich und ſieht zu, wie ich auf und ab gehe. Sonſt lag ich in dem Stuhle und er kniete vor mir. Ich langweile ihn. Mir ſagt es Richelien's Intrigue. Richelien wagte es nicht, der Fürſtin Anträge zu machen—“ Verzeihen Sie, Madame,“ fiel Bernis ein,„es war noch gar nicht die Rede von Anträgen.“ „Wovon denn? Aber es ſei. Er würde alſo nicht um die Fürſtin werben, wenn er nicht des Königs gewiß wäre. Meine Lage iſt ſchlimm genug, die Plane des Königs von Preußen machen ſie zu einer verzweifelten.“ Der Abbé ſtarrte in das Papier, welches vor ihm lag, und ſchwieg. „Sie wiſſen, Bernis, was ein Krieg für mich bedeutet, ein Krieg, in welchem Ludwig XV. der Bundesgenoſſe Frie⸗ drich des Großen iſt. Der König von Preußen iſt der be⸗ rühmteſte Feldherr unſerer Zeit, Glück und Unglück werden ibm gleichviel Gelegenheit geben, ſeine glänzenden Talente zu entfalten. Sein Name wird wieder auf allen Lippen ſein Er marſchirt an der Spitze ſeiner Soldaten, er ſchläft 57 mit ihnen unter freiem Himmel oder dem Zelte von grober Leinwand. Die feindlichen Kugeln ſchlagen in ſeinen Stab wie in ſeine Bataillone, und ſein Verbündeter, der König von Frankreich?“ ſie lachte auf,„der ſpielt Piquet in Ver⸗ ſailles und küßt die Pompadour. Nein, Bernis, das iſt un⸗ möglich. Ludwig wird in das Feld ziehen, Richelieu begleitet ihn und ich ziehe aus dem Schloſſe von Verſailles in die Baſtille.“ Bernis erſchrak. „Warum nicht, Bernis? Wäre ich nur die Geliebte des Königs, aber ich bin auch der erſte Miniſter Frankreichs, und Staatsmänner, die unbequem werden—“ ſie lachte, zuckte die Achſeln, und lachte wieder, aber ihr Antlit war bleich geworden.„Sie antworten nicht, Bernis? Sie können nicht antworten. Ja, mein Freund, die Gefahr iſt groß, ich lang⸗ weile den König. Langweile ich auch Kaunitz?“ fragte ſie nach einer Weile. „Er war krank,“ entſchuldigte der Abbé. Frau von Pompadour zuckte die Achſeln.„Er iſt es alſo nicht mehr. Warum beſucht er mich nicht?“ „Beſucht er den König?“ erwiederte Bernis. „Nein!“ Die Marquiſe vertiefte ſich wieder in die Schriftſtücke, welche auf ihrem Tiſch lagen, plötzlich blickte ſie auf.„Sagen Sie Kaunitz, daß er mich beſuchen ſoll, ſonſt—“ „Sonſt wollen Sie ihn nicht mehr ſehen.“ „Nein! ſonſt beſuche ich ihn.“ Kaunitz war eben daran, mit der kleinen Gabriele Frie⸗ den zu ſchließen. Er ſaß aufrecht wie eine Pagode auf einem geſtickten Schemel zu ihren Füßen in dem niedlichen Boudoir, deſſen Rococopracht mit ihrem bunten Schnickſchnack, ihren tauſend Schnörkeln, Eckchen, Sächelchen, den charakteri⸗ ſtiſchen Hintergrund für die ausgelaſſene Schöne und ihren ſteifen Liebhaber abgab. „Sie wollen alſo Frieden ſchließen, Sie ſtrecken die Waffen?“ fragte die Rococodame, welche graziös wie eine jene reizenden Nippes vor Kaunitz ſtand. „Die Friedenspräliminarien ſind eröffnet,“ antwortete der verliebte Botſchafter. „Erſt die Präliminarien?“ ſprudelte es von den Lip⸗ pen der kleinen tollen Franzöſin.„Hl ich kenne die Ge⸗ ſchichte des Friedens von Aachen. Frankreich wollte nicht nachgeben, da vernichtete ein engliſcher Admiral unſere Flotte, und Frankreich ſchloß Frieden. Alſo nocheine Schlacht, noch ein Sieg.“ Sie fuhr mit den Händchen in die Puderſchachtel und wie der Pulverdampf einer Völkerſchlacht, flog es über Kaunitz und ſeine ſorgfältige Toilette. Ruhig lächelnd ſah er auf ſein Sammtkleid herab, indeß die niedlichſten Schuhe, Pantöffelchen, Coiffuren, Handſchuhe folgten! „Ich ſchließe Frieden!“ rief er heiter. „Endlich!“ jubelte die Kleine, indem ſie durch das Zimmer tanzte.„Aber wie ſehen Sie aus?“ Jetzt hatte ſie 59 auch ſchon den Federwedel und ſtäubte über ſeine Kleider, Haare, Wangen. „Seit wann nehmen Sie ſo viel Antheil an der Poli⸗ tik?“ fragte der Graf gutmüthig, während er die Spitzen an dem leichten Gewande der Geliebten ordnete. „Seitdem der erſte Staatsmann Europa's vor mir kniet.“ „Und der beſte Reiter,“ fügte Kaunitz ernſthaft hinzu. „Sie?“ rief Gabriele. „Gewiß,“ ſprach er,„ich ſitze im Sattel wie ein Pferde⸗ hirt der ungariſchen Haide.“ „Ol ich habe ein Pferd für Sie,“ rief Gabriele,„einen wilden Araber, beſteigen Sie ihn!“ Uebermüthig ſchob ſie ihm mit dem Fuße einen Seſſel zu. Vergebens ſetzte ſich der Graf in Haltung, um ihr zu ant⸗ worten, vergebens wehrte er der Muthwilligen. Sie zupfte ihn am Ohr und befahl: „Sie legen mir Generalbeichte ab.“ „Worüber?“ „Ueber Ihre politiſchen Intriguen!“ „Wie kommen Sie darauf?“ ſagte Kaunitz. „Ich wache und träume nur Politik,“ rief Gabriele, „ſeitdem Sie mich anbeten. Ich war ſo ſtolz auf Sie. Kaunit hieß es, er hat den Frieden von Aachen geſchloſſen, er hat alle Geſandten bei der Naſe geführt. Das war doch allerliebſt und jetzt— jetzt ſagt man, er ſitzt im Kaffeehauſe mit den Philoſophen, ſpielt mit dem Könige Piquet, und macht der kleinen Gabriele den Hof. Mein guter Ruf leidet darunter. Das kann ſo nicht bleiben. Sie müſſen intri⸗ 60 guiren, Ränke ſchmieden gegen alle Mächte, alle Herrſcher, alle Miniſter, was ſuchen Sie ſonſt in Paris?“ „Nichts, reizende Gabriele, als Paris.“ „Paris?“ „Paris, die Geſellſchaft, die Literatur, den Hof Ludwig des XV. und die Liebe.“ „Allerliebſt,“ entgegnete die kleine Franzöſin,„dann ſind Sie aber ein ausgemachter Taugenichts!“ „Ich ein Taugenichts?“ rief Kaunitz. „Ja, ein Taugenichts. Sendet Oeſterreich ſeine Ge⸗ nies in die Hauptſtädte ſeiner Feinde, damit ſie dort er⸗ fahren, daß es keinen Gott gibt, oder Schäferſpiele auf⸗ führen? Sie ſind ein Taugenichts oder Sie haben Geheim⸗ niſſe, amüſante Geheimniſſe hinter dem Rücken eines Mäd⸗ chens, welches Sie liebt, Sie ewig lieben wird.“ Gekränkt flüchtete Gabriele in eine Fenſterecke. Kaunitz klopfte ihr beſchwichtigend den vollen Nacken, aber ſie ſchnellte empor wie ein Doſenteufelchen. „So begütigt man Pferde,“ rief ſie zornig,„merken Sie ſich das, beſter Reiter von Europa!“ Sie begann immer munterer die Melodie, dazu trillernd eine Menuette und zog ihn plötzlich in den Tanz, ſo raſch, daß er willenlos, unbeholfen ihren Bewegungen folgen mußte. „So, jetzt habe ich meine Laune wieder. Sie ſollen mir dieſelbe nicht mehr verderben.“ „Sie wollen meine Geheimniſſe nicht anhören?“ fragte der Graf. „Gewiß nicht!“ „Auch wenn ich Sie bitte?“ Nein Kaunitz ordnete ſeinen Anzug vor dem Wandſpiegel, deſſen maſſive Platte zwei von Faunen getragene Arm⸗ leuchter beleuchteten. „Dann ſteige ich in den Wagen,“ fuhr er fort. Gabriele gab ihm keine Antwort, lehnte ſich in den Armſeſſel und ſchloß die Augen. Tief verneigte ſich der Diplomat vor ſeiner Dame. Ein bei ihm ſeltener Zug von Ungeduld flog über ſeine ſcharfen, geiſtvollen Züge. An der Thüre blickte er zurück, dann rauſchte der Vorhang hinter ihm zu. „Er geht nicht,“ ſagte ſich die Kleine, welche mit dem Rücken gegen ihn ſaß. „Er geht!“ Schon erhob ſie ſich, ihm nachzueilen, aber gleich hatte ihn der Spiegel verrathen, wie er wieder durch die Vorhänge herein ſah. Schnell gefaßt, öffnete Gabriele ihre Haare, warf ſie mitzwei anmuthigen Bewegungen des Kopfes über die Schulter und begann ſie zu kämmen.„Endlich iſt er fort,“ flüſterte ſie wie zu ſich ſelbſt,„dieſer langweilige Menſch. Geheimniſſe hat er. Mit Pferden mag er um⸗ gehen können, mit Frauen nicht.“ Kaunitz trat in das duftige Bondoir zurück. „Wer iſt da?“ fragte Gabriele, ohne ſich umzuſehen. Der Graf legte ſein ſpaniſches Rohr unter die Chineſen auf der Toilette, daß ſie wild durcheinander die Köpfe ſchüttelten. „Sie ſind wieder da?“ „Ich war noch gar nicht fort.“ „Wollen Sie mir im Ernſt mit Ihrer Politik die Nacht verderben?“ 62 Gemeſſen begann der Graf:„Sie können heute nicht ruhig ſchlafen, wenn Sie nicht über meine Miſſion unter⸗ richtet ſind. Ich will mich kurz faſſen. Die Seemächte—“ „Was gehen mich die Seemächte an.“ „Die Seemächte waren bisher Oeſterreichs treueſte Verbündete. Seit dem Frieden zu Aochen ſind unſere Beziehungen erkaltet.“ „Wie die unſeren!“ rief Gabriele,„ſeit dem Frieden bei der Menuette.“ „Da der Friede von allen Mächten nur als ein Waffenſtillſtand angeſehen wird„fuhr der Graf fort,„ſo ſendet mich meine Herrſcherin hieher, um das Bündniß mit England und Holland neu zu befeſtigen. Dies iſt mein ganzes Geheimniß, unſere natürliche Politik.“ „Wie aber kommen Sie in Paris zu dieſer Miſſion?“ „Man vermeidet gern jedes Aufſehen in ſolchen Ange⸗ legenheiten. Verhandlungen in Wien, in London oder im Haag konnten die Landmächte aufregen. Unſer Bündniß beſteht jedoch nur zu defenſiven Zwecken, und die See⸗ mächte—“ „Bin ich eine Landmacht oder eine Seemacht?“ fiel Gabriele muthwillig ein.„Aber ich verſtehe Sie jetzt voll⸗ kommen. Sie kamen als Geſandter nach Paris, Sie ſetzen den Staatsmann bei Seite und ſcheinen ganz davon erfüllt, ob eine neue Tragödie Erebillon's den Regeln des Ariſtoteles entſpreche, ob ein Kopfputz der Pompadour ſich Bahn breche, und während der holländiſche Geſandte mit Ihnen Tulpen zog, ſpannen Sie das Netz für Holland und wäh⸗ rend des Wettrennens mit Lord Albemarle warfen Sie die Schlinge für England.“ 63 „An Ihnen iſt ein Diplomat verdorben,“ antwortete der Graf. „Nehmen Sie mich in die Schule, ich will mir alle Mühe geben, meine natürlichen Anlagen zu entwickeln.“ Es klopfte an die Tapete. „Sie müſſen gehen,“ ſagte die kleine Franzöſin. „Richelieu kommt, ich will nicht, daß er Sie trifft.“ Kaunitz küßte ihre Fingerſpitzen und entfernte ſich raſch.— „Er iſt fort,“ ſagte Gabriele. Machault öffnete die Tapete und ſah in das Bondoir. „Alſo Allianz mit den Seemächten,“ ſprach er enttäuſcht, „das ſteht nicht dafür, daß er ſich in Dich verliebt hat.“— Gabriele las mit munterm Gelächter die erſten Ge⸗ ſänge der Jungfrau von Orleans. Der Thürvorhang bewegte ſich. „Ah! Richelieu!“ rief ſie fröhlich und warf das Gedicht auf den Boden.„Richelien, der Ehemann aller Frauen.“ „Nur der Deine nicht,“ ſprach der Herzog, indem er ſeinen weißen Mantel von der Schulter gleiten ließ und ſtreichelte die Hand der Kleinen, Allerliebſten.„Haſt Du ihn gefangen, kleine Coquette?“ „Wen?“ „Kaunitz.“— „Gefangen!“ lachte ſie,„der große Staatsmann, der Geſandte Maria Thereſia's an dem Hofe von Verſailles, gefangen von der kleinen Gabriele?“— „Das iſt meine Erziehung,“ ſagte der Herzog.„Dein Vater blieb im Felde, ein Schneehaufe war ſein Sterbe⸗ kiſſen; mir übergab er ein kleines Mädchen, die Erbin ſeines Namens, ſeines Wappens, und ich erzog Dich.“ „Schöne Erziehung,“ entgegnete Gabriele,„indem Du vor meinen Augen täglich gegen alle zehn Gebote ſündigſt.“ „Das iſt meine Erziehung,“ ſprach Richelieu,„das Laſter wird Dir langweilig.“— Gabriele unterbrach ihn:„Und ich?“ „Die tugendhafteſte kleine Närrin in Paris, ja in Frankreich und der laſterhafteſte große Narr zu Deinen Füßen.“ „Kaunitz?“ fragte die Kleine. „Kaunitz?“ unterbrach ſie der Herzog,„ach ja, Kaunitz iſt auch in Dich verliebt. Du aber— liebſt Du ihn auch?“ „Ich habe meine Freude an dieſer Rarität von einem Liebhaber, wie an einem chineſiſchen Götzen.“ „Kaunitz aber iſt verliebt, wie haſt Du das gemacht?“ Gabriele entgegnete lebhaft: „Sag' mir, wie Du das anfängſt, daß alle Frauen Dich lieben? Ich liebe Dich nicht. Ich finde nur noch Deine Augen gefährlich.“ „Bin ich ein Greis?“ entgegnete er lebhaft,„Richelien, der um jede Frau wirbt, ſich mit jedem Manne ſchlägt, ein Greis? Ein halbes Jahrhundert iſt an mir vorüber⸗ gegangen, nennt man das alt ſein?“ „Nur Deine ewige Jugend macht Dich alt,“ rief Ga⸗ briele.„Man zählt nach Deinen Siegen bei den Frauen—“ 65 „Und zieht die Summe eines Patriarchenlebens,“ rief Richelieu lachend. „Du ſammelſt Frauen,“ fuhr Gabriele fort,„wie Andere Steine, Pflanzen, Seltenheiten, und mit der Wuth des Sammlers, willſt Du Alles beſitzen, was Du ſiehſt. Die Liebe iſt Dir eine Wiſſenſchaft geworden.“ „Und würde ſie es nicht verdienen?“ erwiederte Richelien lebhaft angeregt.—„Wir wenden ein Leben daran, um ſicher zu ſein, wie viel Jahre ein König am Nil geherrſcht hat, die Füße der Inſekten, die Fäden der Blumen zu zählen, um Geſetze aufzuſtellen, wie der Menſch denken, fühlen, wollen, handeln ſoll. Wir ſind Gelehrte vor dem Spiegel und in der Küche, aber in der Liebe ſind wir Alle Dilettanten.“ „Eine Flöte mag man mißhandeln, da hält man ſich einfach die Ohren zu; aber wenn das Inſtrument ein Menſchenherz iſt, und jeder Griff iſt falſch und jeder Miß⸗ ton iſt ein Schrei des Schmerzes!“ „Du aber biſt ein Gelehrter in der Liebe, Richelieu!“ „Kaum mehr als ein fleißiger Forſcher und hier nur auf einem kleinen Gebiete, ich ſtudire die Frauen.“ „Wir wiſſen, mit welchem Erfolge.“ „Und doch wäre ich in Verlegenheit, eine Theorie zu geben. Ich bin in der Liebe mehr das, was die Aerzte einen guten Diagnoſten nennen.“ „Du kennſt die Frauen, ſagt man,“ erwiederte Gabriele, „wie Jene die Krankheit auf den erſten Blick, aber auch die Frauen kennen Dich und Du wirſt doch von allen geliebt!“ „Auch von Dir?“ Sacher⸗Maſoch. Kaunitz. II. 5 66 Die Kleine ſchlug mit dem Fächer nach ihm und ver⸗ langte Antwort auf ihre Frage. „Du beſtehſt darauf, daß ich Dir eine Theorie gebe?“ „Allerdings.“ „Kleine Philoſophin, das ſteckt im Blute jetzt, wer Erfahrungen macht, ſoll ſie augenblicklich in ein Syſtem bringen, da haben wir am Ende eben ſo viel Syſteme als Individuen. Das wollen unſere Philoſophen nicht be⸗ greifen, das Individuum. Sie wollen den Menſchen von allen Feſſeln befreien, von jenen des Glaubens wie des Vorurtheiles, ſie wollen die Ketten der Kirche, der Geſell⸗ ſchaft, des Staates ſprengen, aber ſie ſchmieden uns dafür in die furchtbareren der Theorie. Die Inguiſition hat doch nur die Glieder der Menſchen gefoltert, nicht auch ihre Gedanken, ihre Regungen; das hat ſie der Philoſophie überlaſſen.“ „Mit welchem Feuer Du ſprichſt!“ ſagte Gabriele. „Du ſtehſt auf der Rednerbühne und ich bin die franzöſiſche Akademie.. Alſo Dein Syſtem?“— „Iſt eben kein Syſtem,“ ſagte Richelieu.„Vielleicht irre ich. Glück hat bei den Frauen, wer lieben kann mit ſeinem vollen Leben, mit Blut und Seele, wer das nicht kann, der laſſe ſich blos lieben, auch er wird ſiegen und verführen. Was dazwiſchen liegt, läuft auf Unglück in der Liebe hinaus, z. B. auf das, was man häusliches Glück nennt.“ Der Herzog ſtimmte in Gabrielens tolles Gelächter fröhlich ein und fuhr fort:„Da hätte ich beinahe eine Theorie aufgeſtellt, hier, wo Alles einzeln ſteht, und nichts ſeines Gleichen hat, hier, wo das Individuum Alles iſt. 67 Jeder will uns den Pfad weiſen, denn Jeder wird Er⸗ fahrungen machen, welche allen anderen widerſprechen.“ „Ja! wir Frauen,“ ſcherzte Gabriele,„ſind keine Blumen, deren Fäden man zählen kann.“ Richelieu ſchüttelte das Haupt. „Von den Frauen kann ja nie die Rede ſein, immer nur von einer Frau. Wer glücklich lieben will, muß ewig oder immer wieder lieben, das iſt mein Geheimniß. Und jetzt liebe ich Dich, kleine Allerliebſte!“ „Auch ich bin ein Individuum, Richelieu!——— „Gewiß, die Fäden, die Du ſpinnſt, ſchöne Gabriele, ſind auch noch nicht gezählt.“ „Gehört zu der Liebe nicht auch angeborenes Talent?“ fragte Gabriele. „Gewiß,“ erwiederte der Herzog,„doch auch hier lernt man nie aus. Ein halbes Jahrhundert der Liebe rauſcht an mir vorüber, und damit ich mich meines Glückes, meiner Wiſſenſchaft nicht überhebe, ſendet mir der Zufall eben jetzt auf einmal zwei Frauen, die ich nicht verſtehe.“ „Die Dich nicht lieben,“ rief ſie.„Ich bin die eine— „Gabriele!“— „Schnell die zweite—“ „Die Fürſtin Woronzow,“ ſprach der Herzog.„Bei Dir, Gabriele, hoffe ich noch von der Zeit, aber die Ruſſin werde ich nie verſtehen, denn ſie iſt tugendhaft.— Sie iſt ſchön wie die Liebesgöttin, das ſind die Madonnen ge⸗ wöhnlich, aber ſie ſprüht Geiſt. Geiſt! und tugendhaft! O! meine Herren Philoſophen, wo iſt da ein Syſtem?“ „Du machſt mich neugierig, kennſt Du dieſe Ruſſin?“ 68 „Ich kenne ihre Erſcheinung, ſie nennt Frau Ju⸗ piter Couſine, ihre Augen—“ „Schöner, wie die meinen?“ „Deine ſind blau, kleine Allerliebſte. Ich kenne den Anzug dieſer Frau, ihre Stimme, ihre Haltung, ihre Be⸗ wegungen, ich weiß, was Paris von ihr ſpricht— ſie kenne ich nicht.“ „Paris ſpricht von ihr?“ rief Gabriele.„O! Richelieu, was ſpricht Paris von ihr?“ „Da ſind die Salons, die Kaffeehäuſer, die Frauen, die Dichter, die Philoſophen, da haſt Du die öffentliche Meinung Frankreichs, die Seele des Staatskörpers, der zwiſchen den Pyrenäen und Ardennen ſchläft. Das ſtreitet für den Staat, für Gott, die Menſchheit!— nein, Gabriele, für das eigene kleine Selbſt, und der Menſch gilt nur, wenn er nützt oder wenn er unterhält.— Erſtaunſt Du, wenn in dieſer Geſellſchaft, welche nichts mehr glaubt, das Unglaubliche Aufſehen erregt?“ „Sie erregt Aufſehen,“ ſprach Gabriele.„Wie macht ſie das?“ „Unerwartet erſcheint ſie in Paris, ſie erregt Auf⸗ ſehen, denn ſie iſt ſchön. Das Aufſehen ſteigert ſich, denn ſie iſt von Geheimniſſen umgeben. Mehr als tauſend Jahre alt, wohnt ſie in einem Schloſſe, ohne Thore und Fenſter, eingemauert wie eine Veſtalin, die ihr Gelübde brach; endlich erſcheint ſie in der Geſellſchaft, ſie iſt die Freundin der Czaarin, Herrin von Tauſenden von Sklaven. Sie empfängt in einem Palaſte, deſſen Luxus nicht ſeines Gleichen hat.— Der Geſellſchaft iſt ſie wie dieſer Palaſt, dem Einzelnen wie das Schloß, das keinen Zugang hat. 69 Das Aufſehen erreicht den höchſten Grad, denn ſie hat keinen Liebhaber!“ „Keinen Liebhaber!“ wiederholte Gabriele.„Das finde ich begreiflich, wenn man tauſend Jahre hat.“ „Du aber biſt noch nicht volljährig, kleine Gabriele!“ „Dieſe Frau hat alſo den Stein der Weiſen?“ „Wenigſtens! Ihr haben ſich Geheimniſſe der Natur erſchloſſen, denen die Weiſen vergebens ſeit Jahrtauſenden nachforſchen. Ihr Schloß iſt eine alchimiſtiſche Küche, ſie verkehrt dort mit den Geiſtern längſt Verſtorbener. Sie hat eine Macht im Blicke, welche Jeden in ihre Gewalt giebt.“ „Was hältſt Du von ihren Geheimniſſen?“ fragte die Kleine,„verbergen ſie nicht eine politiſche Miſſion?“ „Das haſt Du von dem Verkehr mit Kaunitz. Du ſiehſt überall Politik, ich Selbſtſucht oder— Liebe; mit dieſen Dietrichen erſchließe ich alle Myſterien, auch jene der Politik.— Man will von ſich reden machen. So wohnt die Ruſſin in einem Hauſe ohne Thüren, ſo trägt Kaunitz ſeinen kleinen Thermometer, und Friedrich der Große erobert Schleſien.“ „Ich aber verſichere Dich,“ ſagte Gabriele,„daß Kaunitz in ſeinem kleinen Thermometer eine politiſche In⸗ trigue verbirgt.“ „Dann auch nur, um von ſich reden zu machen. Er will überall ſeine Rolle ſpielen, dieſer lange Kaunitz, unter den Weltweiſen und unter den Kindern der Welt. Sag' mir, warum ich ihn haſſe?“ „Soll ich den Dietrich Selbſtſucht anwenden?“ fragte Gabriele. „Ich haſſe ihn!“ rief der Herzog. „Weil Verſailles ihn liebt,“ entgegnete ſie. „Du haſt Recht. Er gefällt der Marquiſe von Pom⸗ padour, und unterhält den König, er iſt alſo im höchſten Grade gefährlich, mehr als alle Philoſophen.“ „Du, Richelieu, der eleganteſte Cavalier Frankreichs, in Gefahr durch den ſteifen Kaunitz? Wie iſt das möglich?“ „Nur bei Ludwig XV.,“ ſagte Richelieu,„deſſen Lei⸗ denſchaft es iſt, beherrſcht zu werden.“ „Und wer ihn beherrſcht,“ rief Gabriele,„beherrſcht Frankreich!“ „Aber ihn beherrſcht nur, wer ihn unterhält. So iſt die Pompadour die Gebieterin Frankreichs.“ „Nicht durch die Schönheit, durch die Liebe?“ fragte Gabriele. „Sie iſt nur noch die Freundin Ludwig XV.,“erklärte der Herzog,„aber ſie hat ihn ſtudirt. Er fühlt die Laſt der Regierung, ſie nimmt ſie ihm ab, und ſpielt mit ihm auf der Börſe. Würde der fromme Ludwig Gott leugnen, ſo wäre es nur aus Neid um ſeine Allwiſſenheit. Die Mar⸗ quiſe weiß, was die Stadt ſpricht, ſie iſt im Beſitze aller Anekdoten, aller Intriguen, ja ſie zettelt hier und da einen kleinen Skandal an, nur— um ihn dem Könige erzählen zu können.“ „Wenn aber die Marquiſe alle Schwächen des Kö⸗ nigs ausbeutet, was bleibt für Dich, Richelieu?“ warf Gabriele ein. Der Herzog lächelte. „Die Jagd, die Frauen,— ſo iſt das Leben in Ver⸗ ſailles ein Krieg um Ludwig XV. zwiſchen Pompadour und 71 Richelieu, jeder Tag eine Schlacht, ein Sieg, eine Nieder⸗ lage.“ „Wie aber,“ fragte die Kleine,„war es möglich, daß Du die Pompadour, daß ſie Dich nicht längſt geſtürzt?“ „Wir haben es Beide verſucht,“ antwortete der Herzog, „wie ich keine Pompadour, fand ſie keinen Richelieu.“ „O, welches Leben!“ rief Gabriele,„mir erzählſt Du kaum davon. O! Richelieu, nimm mich mit nach Verſailles, ich könnte den König ſehen, die Pompadour, die Damen im Staate und Jagden und Duelle! O! Richelieu, nimm mich nach Verſailles!“ Der Herzog ſchlang beide Arme um das Mädchen und ſprach ernſthaft:„Du beteſt doch täglich, Gabriele?“ Sie nickte.„Täglich!“ „So bete anſtatt: Führe mich nicht in Verſuchung, führe mich nicht nach Verſailles.“ „Führe mich in Verſuchung!“ rief Gabriele. Richelien ſchüttelte das Haupt. „Ueberhaupt,“ fuhr das niedliche Mädchen fort,„iſt es Zeit, daß ich einmal in die Welt trete. Ich möchte Auf⸗ ſehen erregen.“ „Wie möchteſt Du das anfangen?“ Sie ſann nach.„Ja wie? es müßte mir Jemand recht den Hof machen.“„ „Gut,“ ſagte der Herzog,„ich mache Dir den Hof.“ „Und ich laſſe mir ihn machen,“ entgegnete Gabriele, „denn das erregt Aufſehen, und ich will Aufſehen erregen. Was iſt man heutzutage, wenn man kein Aufſehen erregt? Wer beachtet mich? Das kleine Ding, nun ſie iſt nicht übel. Aber Richelieu, der Herzog von Richelieu, der Freund des 72 Königs von Frankreich, der Feind der Pompadour, macht ihr den Hof. Oh! wie ſie groß wird, die kleine Gabriele. Sie iſt hübſch, heißt es, ſehr hübſch, eine Schönheit! O! Richelieu mache mir den Hof, ich werde Aufſehen erregen, und führe mich nach Verſailles.“ „Kein Wort mehr von Verſailles,“ ſagte der Herzog. „Im Gegentheil,“ antwortete die Kleine lebhaft,„jedes zweite Wort von Verſailles.“ Richelieu warf ſeinen Mantel um und verneigte ſich vor dem ſchönen Kinde. „Ich bin böſe!“ rief ſie. Er lachte und verließ das Boudoir. Sie rief ihm nach:„Richelieu!“ Der Herzog kehrte zurück. „Ich glaube,“ ſagte Gabriele,„die Pompadour hat einen Richelieu gefunden.“ „Einen Richelieu?“ Der Herzog ſah das Mädchen erſtaunt an. Es legte die kleine Hand auf ſeine Schulter und fuhr fort:„Wenn der König eines Tags findet, daß Graf Kaunitz ihn beſſer unterhält, als der Herzog von Richelieu?“ Der Herzog ging aufgeregt durch das kleine Gemach. „Du überraſchſt mich,“ ſprach der Graf,„es flattert lange ſchon drohend um mein Haupt, ich wollte es mir nicht ge⸗ ſtehen. Was weißt Du, Mädchen, von dem Grafen?“ „Es find wohl müßige Gedanken,“ ſagte Gabriele, „die Pompadour haßt Dich ebenſo, wie Kaunitz den König von Preußen. Wie nun, wenn eine Intrigue ſie ver⸗ bündet?“ Richelieu unterbrach ſie lebhaft.„Wenn ſie Friedrich 73 den Großen aufgiebt, um mich zu ſtürzen, um unumſchränkt und ſicher in Frankreich zu gebieten? dann Intrigue gegen Intrigue! Hat die Marquiſe mit dem Geſandten Maria Thereſia's ein Bündniß geſchloſſen, ſo verbünde ich mich mit jenem Friedrich des Großen.“ „Richelieu!“ ſprach Gabriele,„wenn aber der König dennoch findet, daß Graf Kaunitz ihn beſſer unterhält, als Richelieu?“ „Dann!—“ rief der Herzog— „Was dann, Richelieu?“ „Dann,“ ſprach er kalt,„dann, Gabriele, führe ich Dich nach Verſailles.“ „Haſt Du in mir eine Pompadour gefunden?“ fragte ſie raſch. „Gabriele!“ rief Richelieu. Sie ſah ihm ruhig in das Auge. „Nein,“ fuhr er fort,„Du wirſt ſiegen durch Deine Schönheit, durch Deine Tugend. Der König wird zu Deinen Füßen liegen, aber Du— Du erhörſt ihn nicht. Das iſt der Weg, die Pompadour zu ſtürzen.“ Gabriele klopfte neckend die Wange des Herzogs und ſagte:„Richelieu, ich glaube, Du biſt eiferſüchtig!“ „Eiferfüchtig? auf wen?“ „Auf Deine Tochter.“ Der Herzog lachte. „O! das gibt noch ein Unglück“ rief Gabriele,„oder eine Tochter, die ihren Vater heirathet.“ Der Palaſt der Fürſtin Alexandra Woronzow ver⸗ ſammelte eine Geſellſchaft reich an Glanz und Gegenſätzen, entſprechend einer Zeit, deren Marken zugleich durch die größten politiſchen, kriegeriſchen und geiſtigen Eroberungen bezeichnet ſind. Die erſten Namen des Hofes, der Wiſſenſchaft, der Kunſt, die höchſten Aemter des Staates, wie der Kirche tön⸗ ten aus dem Munde des Thürſtehers, deſſen Ruf die Ein⸗ tretenden meldete. Hier begegnete dem Cavaliere, deſſen Auge von den Frauen, deſſen Degenſpitze von den Männern gefürchtet war, die geiſtesſtolze Schönheit, welche die Größen des Ta⸗ ges vor ſich im Staube ſah, der Dichter, deſſen Geſang im⸗ mer grüne Kränze um ihre Siege wand; der Gelehrte, deſſen erſtes Buch ſoeben geleſen wurde, traf auf den jungen Officier, welcher ſich im Erbfolgekriege ſeine erſten Lor⸗ beeren geholt hatte. Die Säle, in welchen ſich dieſe Verſammlung bewegte, waren mit der maſſiven, durch tauſendfachen Zierrath über⸗ ladenen Pracht des Jahrhunderts geſchmückt, die Kunſt hatte in dieſelbe ausgezeichnete Schöpfungen des Malers und Bildners gewebt. Hier lachte die ganze Naivität der erſten bibliſchen Geſchichte auf die Zeitgenoſſen Voltaire's herab, dort bildete die nackte Götterſchönheit des Olympes einen Gegenſatz zu den mit Fiſchbein gepanzerten, von Reifröcken umſpannten Damen, den Herren im Jabot und Tauben⸗ flügelfriſur, deſſen Jronie ſich ungeahnt über die Geſellſchaft ergoß. 75 Auch Richelieu war jetzt über die Schwelle der Ruſſin getreten. Der heitere Glanz, welcher auf ſeinem Geſichte lag, ließ Niemand ahnen, welche Leidenſchaften in ihm ge⸗ tobt, welche Gedanken, Entwürfe ſich in ſeinem Kopfe be⸗ kämpft hatten. Stolz das Haupt erhoben, ſchritt er durch die Reihen, er nickte den Freunden zu und ſeine Augen grüßten die Damen. Jetzt war er wieder der ewige Jüng⸗ ling, Richelieu. Den Hut unter dem Arme, die Linke an dem Degen trat er in den Kreis, welcher die Fürſtin umgab. Alexandra Woronzow war eine Schönheit der Ro⸗ cocozeit. In dem Rahmen eines jener olympiſchen Gemälde hätte ſie keine ausgezeichnete Rolle geſpielt. Sie fand ihre Decoration an geſtutzten Taxushecken und geſchnittenen Bäumen, an dem wunderlichen Mobiliar, den Spiegeln, den ſtrahlenden Luſtern. Wer die Rococodame liebt, darf ſich ihr nicht zu Füßen werfen, in Sehnſucht ihre Kniee, ihren Leib umfaſſen, der Reifrock könnte in Unordnung gerathen. Er hat Zeit, ſein Tuch fallen zu laſſen und mit Anſtand auf demſelben ein Knie zu beugen. Ihr Corſet darf über der zierlichſten Taille das reizende Geheimniß einer Frauenbüſte offenbaren, denn der mächtige Reifrock zwingt Diſtanz zu halten Die Rococodame iſt kein offener Platz, den man im Sturme erobert, oder verliert, ſie iſt eine Feſtung, die regel⸗ mäßig belagert werden muß und nur auf ehrenvolle Bedin⸗ gungen capitulirt. Nichts in dem Ausſehen der Fürſtin verräth den weib⸗ lichen Caglioſtro, welchen die Welt in ihr ſieht. Sie über⸗ 4 * trifft alle Frauen an Toilette, Munterkeit, Beweglichkeit. Sie, die Heldin einer Hexenküche? Wie bauſcht ſich und rauſcht das ſchwarze Atlasgewand über dem gelbſeidenen Unterkleide, die Spitzen, welche die Arme umſäumen, ſind in immerwährender Bewegung, im⸗ merfort klappen die Stelzchen, auf denen die niedlichſten Füße ruhen. Nur ihr Kopf bleibt bedeutend. Trotz der feinen Pro⸗ portionen haben ihre Züge ein feſtes Gepräge, das keine Schminke, kein Schönheitspfläſterchen auslöſchen kann; ihre Stirne iſt frei, ſie denkt. Die Naſe von feinem Schnitte, gebogen, durchſichtig; die leicht aufgeworfenen Lippen ſchlie⸗ ßen den kleinen Mund feſt über dem ſtarken, runden Kinn — ſie fühlt, ſie will. Die Fürſtin grüßte Richelieu lebhaft mit dem Fächer. Die Seide kniſterte in hundert Falten, die Stelzchen klapp⸗ ten, die Spitzen flogen auf und ab. Der Herzog verneigte ſich tief. „Ich grüße in Ihnen die ewige Jugend!“ rief er. Betroffen ſah ihn der Kreis an. Lächelnd fuhr er fort: „Man ſagt, Fürſtin, daß Sie die Kinderjahre längſt hinter ſich haben!“ Die Beſtürzung der Umſtehenden erreichte den höchſten Grad. So viel Fächer ſo viel Augenpaare ſuchten ihren Schutz, nur die Fürſtin ſah dem Herzog unbefangen in das Antlit. „Sie unterhalten uns da mit Alltäglichkeiten,“ ſprach ſie heiter,„das Wunder, auf das Sie anſpielen, vollzieht 77 ſich in der Geſellſchaft täglich an ſo viel Toiletten. Sie ſelbſt, Richelieu, können ja nicht alt werden.“ „Vortrefflich, unſer kleiner Richelieu muß in ſpäten Tagen Logik lernen, das kommt daher, wenn man ſo be⸗ harrlich Krieg führt gegen die Vernunft.“ Es war Quesnay, der ſo herausfordernd Richelieu's Entgegnung abgeſchnitten hatte. Raſch wendete ſich derſelbe zu dem Staatsökonomen. „Unſere Philoſophen,“ ſprach er,„beweiſen täglich, daß Philoſophie und Vernunft ſich fliehen wie zwei ſchöne Frauen. Ich kämpfe nur gegen die Philoſophie, dieſes Sur⸗ rogat des geſunden Verſtandes, dieſe Schminke, welche das natürliche Roth des Witzes erſetzen ſoll.“ „Sie reden der Philoſophie übel nach, wie man eine Frau verläſtert, die Einem einen Korb gegeben hat!“ warf die Woronzow ein. „Sie vergleichen die Vernunft mit einer Frau, Her⸗ zog!“ erwiederte Quesnay,„dann iſt der Verſtand eine ehrenwerthe, hausbackene Ehefrau, der Witz ein allerliebſtes, munteres Mädchen, die Vernunft, Richelieu, iſt ein vorneh⸗ mes Weib von königlichen Formen, ſie lächelt jenem nur, der ihr ſein Leben weiht! Merken Sie ſich das, arſchall der Liebe!“ „Gewiß, mein Herr Corporal der Hekonomen!“ ent⸗ gegnete Richelien,„und die Philoſophie iſt ein Fräulein, das alt geworden iſt aus— Tugend!“ „Sie haben mir aus der Seele geſprochen, Herzog,“ ſagte Miniſter Machault.„Ich gönne den Philoſophen die kleine Lection, man darf es heutzutage nicht laut ſagen, ſonſt verfällt man dem literariſchen Scheiterhaufen, aber 78 wo gerathen wir hin? Es iſt kaum mehr möglich, Miniſter zu ſein! Auf was ſoll man nicht Rückſicht nehmen? Ich begreife, daß man eine Frau im Auge haben muß, welche der König liebt, aber ſtudieren ſoll man das Volk, die öffent⸗ liche Meinung! ein Miniſter ſtudieren! Nicht genug, daß man eine Frau nie ausſtudiert, auch noch das Volk! die öffentliche Meinung! die Philoſophen! die Academie! die Literatur!“ „Freilich!“ rief Quesnay,„was hat z. B. unſere Wiſſenſchaft der Staatswirthſchaft mit den Abgaben zu ſchaffen, welche das franzöſiſche Volk in die ſtets leeren Da⸗ naidenfäſſer der Staatskaſſen ſchöpfen muß! Aber wenn die Pompadour ein neues Kleid braucht, das iſt entſcheidend für die Reichsfinanzen!“ „Leider nicht,“ ſeufzte Machault,„denn ich habe von der Marquiſe ſo eben den Befehl bekommen, ein neues Steuerſyſtem nach Ihrer Theorie auszuarbeiten.“ Quesnay färbte ſich vor Vergnügen. „Wie das wohl thut,“ bemerkte Richelien mit vernich⸗ tender Eile,„Quesnay! Philoſoph! Corporal!“ „Auch ich bin Philoſophin!“ rief die Fürſtin. „Und eben ſo eitel!“ lachte der Herzog.„Wer zweifelt daran? Sie haben nicht weniger Anlaß dazu als Quesnay! Sie werden die Schöpferin eines neuen Syſtems der Liebe! Ihre Theorie hat ſogar einige Verwandtſchaft mit ſeiner! Wie er alle Stände im Staate verhalten will, demſelben Abgaben zu leiſten, ſo zwingen Sie Jedermann zu der Steuer der Huldigung; vor Ihnen ſchützt kein Rang, kein Alter mehr!“ Die Fürſtin lachte, die Spitzenärmel ſchwirrten. „Ah! Bernis!“ rief ſie, den galanten Abbe begrüßend, „der Dichter des Boudoirs!“ „Wiſſen Sie das Neueſte, Fürſtin?“ ſprach dieſer, während ſein Blick den Kreis der Woronzow überflog,„das Pikanteſte, meine Herren? Kaunitz, der genialſte Sonder⸗ ling, Kaunitz, der gegenwärtig in Paris den letzten Gaſſen⸗ jungen beſchäftigt, Kaunitz iſt verliebt!“ „Kaunitz verliebt?“ rief die Fürſtin. Richelieu's feines Lächeln, eine Handbewegung Ques⸗ nay's deuteten an, daß ſie längſt davon unterrichtet ſeien. „Kaunitz verliebt!“ wiederholte die Woronzow,„wiſſen Sie das gewiß?“ „Von ihm ſelbſt!“ antwortete der Abbé. „Kaunitz verliebt!“ ſprach die Fürſtin,„unmöglich!“ „Sie denken ſo übel von ihm,“ warf der Herzog ein, „weil er in Paris als Philoſoph gilt!“ „Er gilt nicht weniger in Verſailles als Hofmann,“ ſagte Quesnay.„Er iſt ein kleines Räthſel, wie Sie, gnädige Frau!“ „Iſt er nicht die Offenheit ſelbſt?“ ſagte Bernis. Der preußiſche Geſandte, welcher bisher in einem Lehnſtuhl verſunken der Menuette zugeſehen hatte, näherte ſich bei dieſen Worten lebhaft. „Offenheit!“ ſagte er,„er hat ſo wenig einen Vertrau⸗ ten, als Maria Thereſia Verſe macht.“ „Das finde ich von Beiden ſehr klug,“ bemerkte die Woronzow. „Hl dieſer Kaunitz zieht ſeinen Menſchen an und aus wie ein Kleid,“ ſagte der Herzog von Richelieu.„Er hat ſeine Charaktere für jede Lage, wie ſeinen Anzug für jedes 80 Wetter, jede Temperatur. Er trägt wie ſeinen kleinen Thermometer auch einen politiſchen, einen geiſtigen Wärme⸗ meſſer bei ſich. Die Temperatur ändert ſich, raſch ein an⸗ deres Kleid! Er geht aus dem philoſophiſchen Kaffeehaus an den Toilettentiſch der Pompadour, ſchnell ein anderes Geſicht.“ Die Fürſtin drohte Richelien mit dem Fächer. „Kaunitz,“ ſprach ſie lebhaft,„hätte Moliéère nie den Stoff zum Tartuffe gegeben.“ „Vielleicht zu dem eingebildeten Kranken,“ ſagte Ques⸗ nay.„Er iſt ein Sonderling aus Philoſophie. Was Sie Verſtellung nennen, nennt der Menſchenkenner Vielſeitigkeit, der Arzt elaſtiſche Nervoſität. Solche Men⸗ ſchen wie Kaunitz werden überall ihre Umgebung wieder⸗ ſpiegeln, denn ſie ſind nicht bornirt genug, um ihr Weſen ſtets unverſehrt zu bewahren, aber ſie werden auch jeder Umgebung um ſo mehr ihren Stempel aufdrücken, als ſie dieſelbe auf ſich wirken laſſen und ſcheinbar in ihr auf⸗ gehen. Was man gewöhnlich Charakter nennt, iſt ſtarre Selbſtſucht, ſchreiende Ungerechtigkeit gegen Andere. Wer auf Menſchen wirken will, muß ihnen liebend nahetreten. Halten Sie dies feſt und Kaunitz erklärt ſich Ihnen ganz natürlich. Seine Empfänglichkeit macht ihm fremdes Weſen anziehender als verwandtes, daher ſeine Vorliebe für Frankreich, unſere Sprache, ſeine Theilnahme an unſern Beſtrebungen, immer geſteigerter, je ferner ſie ihm liegen. Er will mit Allen verkehren, darum bequemt er ſich Allen, ohne ſich ſelbſt aufzugeben. Die Anziehung, welche das frivole, elegante Frankreich auf den ſtrengen, tiefen Heſterreicher übt, iſt der einzige 81 Beweggrund, welcher ihn beſtimmte, den Botſchafterpoſten in Paris anzunehmen. Seine angeborene Fähigkeit, was um ihn iſt, zu ſehen wie es iſt, nicht getrübt durch die eigene Perſönlichkeit, ſeine Theilnahme für Alles, was das Leben ausmacht, haben auf Hochſchulen und weiten Reiſen aus ihm früh einen Mann gemacht, dem die Ideen ſeiner Zeit in's Blut gegangen ſind, der mit den großen Zielen derſelben be⸗ freundet iſt, einen Mann, fähig auf jeden Menſchen, jeden Gegenſtand einzugehen, einen Mann, der beſtimmt iſt, das Jahrhundert der Aufklärung in Heſterreich zu vertreten.“ „Das ſoll heißen, dort Ihr Steuerſyſtem einzuführen,“ entgegnete Richelieu. Das fröhliche Lachen des ganzen Kreiſes reizte den Leibarzt, er erwiderte lebhaft: „Lachen Sie nur! wir nennen ihn mit Stolz den Un⸗ ſern, wie Friedrich den Großen, wie die erſten Geiſter aller Völker durch ihre Bildung!“ „Kaunitz ein großer Mann,“ antwortete Richelieu, „da iſt es Zeit, daß auch ich an meine Unſterblichkeit denke. Ich werde ſeine Biographie ſchreiben.“ „Seine Biographie!“ rief es von allen Seiten. „Beginnen Sie alſo!“ ſprach die Woronzow. „Sie befehlen!“ entgegnete Richelieu. „Erſtes Capitel. Der große Kaunitz liegt als ein ſehr kleiner Kaunitz in ſeiner Wiege. Er ſchreit und zappelt mehr als andere Kinder. Sie glauben, Quesnay, ich werde ſagen, man ſchloß daraus, er werde ein Philoſoph werden. Nein! Seine Eltern erblickten in ihm einen gebornen Prediger.“ „Wie entfloh er der Tonſur?“ fragte die Fürſtin. 8 6 Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. II. 82 „Seine älteren Brüder ſtarben. Zweites Capitel. Er ſtudirt jetzt die Wiſſenſchaft, Andere zu ſcheeren: die Juris⸗ prudenz. Hier ſchon zeigt ſich ſeine von Quesnay gerühmte Vielſeitigkeit. Er reiſt durch halb Europa, die Vielſeitigkeit nimmt zu. Er trillert mit dem Italiener, wettrennt mit dem Britten, duellirt mit dem Franzoſen, ſtreitet mit dem Deut⸗ ſchen über das Abendmahl, lernt von dem Holländer Schlitt⸗ ſchuhlaufen, um Diplomat zu werden und zu Aachen die Geſchäftsträger aller Staaten auf das Eis zu führen. Die Vielſeitigkeit hat ſich entwickelt.“ „Wann kommen wir nach Paris?“ rief die Fürſtin heiter. „Im dritten Capitel,“ entgegnete der Herzog.„Im Kaffeehauſe ſitzt der Philoſoph Kaunitz, vor ihm liegt die Zeitung, er blättert in derſelben nach— nützlichen Er⸗ findungen. Was iſt ihm jetzt das engliſche Parlament gegen das neue Stück von Crebillon! Er ſtützt das Kinn auf den Knopf des ſpaniſchen Rohres und lauſcht, welche Blöße ihm der fromme Bonnet gibt, gegen den er Mon⸗ tesquieu's»Geiſt der Geſetze« vertheidigt. Im Salon finden wir den Edelmann Kaunitz. Er iſt mit der geſuchteſten Einfachheit gekleidet. Wie harmlos er plaudert! über Philoſophie? nein! über Pferde und Hunde, über Rendezvous mit Damen und Männern. Die Hand ſpielt mit der Uhr oder mit dem Degen. Der Hofmann Kaunitz erſcheint in Verſailles. Was iſt ihm jetzt die reizendſte Frau gegen ein Wort des Königs, was ſind ihm tauſend Verſe der Henriade gegen ein Lächeln der Pompadour, und friſirt ſich die Marquiſe nach ſeiner Idee, ſo iſt er glücklicher, als wenn ſeine Gedanken Einfluß nehmen auf Quesnay's Theorien von der Wirthſchaft des Staates.“ „Sie haben uns da ein vollſtändiges Bild von dem Grafen gegeben,“ bemerkte Machault vergnügt. „Schade, daß es nur ein Schattenriß iſt,“ meinte Bernis. „Sie machen uns an die Dreieinigkeit glauben,“ ſprach die Fürſtin,„denn ich ſehe in Ihrem Kaunitz des Kaffee⸗ hauſes, des Salons, des Hofes nur einen Kaunitz— den Staatsmann. Ich ſehe ihn ganz nur von einer großen Aufgabe erfüllt.“ Richelien lächelte. „Sie lachen,“ fuhr die Fürſtin fort,„wiſſen Sie ſo gewiß, daß er nicht eine beſſere Arbeit thut, wenn er mit Bonnet philoſophirt, und für die Pompadour Friſuren er⸗ ſinnt, als wenn z. B. Knyphauſen mit ſeinem großen Kö⸗ nige Depeſchen wechſelt? Ihr Bild, Richelieu, iſt wahrlich nur ein ärmlicher Schattenriß.“ „Sie müſſen aber zugeben,“ ſprach der Herzog,„daß ich— gleich einem Maler von Fähigkeit— ihn nicht mit jenen Zügen gezeichnet habe, welche Jedem in's Auge fallen. Die Menge fängt überall das Unweſentliche auf. Je mehr ſich ein Menſch mit dergleichen Pfläſterchen beklebt, um ſo unkenntlicher wird er. Soll ich Ihnen die Pfläſterchen des Grafen Kaunitz nennen? Den kleinen Thermometer, den er in der Taſche trägt, die Scheu vor der Krankheit, die Eitelkeit, am beſten zu Pferde zu ſitzen, das Tuch vor dem Munde, das ſind die * 84 Farben, mit denen die Geſellſchaft ſein Bild malt! Mir iſt mein Schattenriß lieber! Ein perpetuum mobile wirkt in Kaunitz: die Eitelkeit. Er iſt Philoſpph aus Eitelkeit, Staatsmann aus Eitelkeit, und wenn er verliebt iſt, verliebt aus Eitelkeit. Er weiß, daß er häßlich iſt, alſo ein geborner Verführer— oder ſeine Liebe iſt eine Intrigue!“ Die Fürſtin ſpielte mit dem Fächer. „Wen liebt er denn?“ fragte ſie, beiläufig wie man fragt:„Welches Wetter haben wir?“ oder„Was für ein Stück ſteht auf dem Zettel?“ aber ihr Auge ſprühte wie elektriſche Funken. Richelieu erwiderte raſch:„Wenn Kaunitz ein Akroſti⸗ chon macht— aber laſſen Sie ſich ja keines vorleſen, ſie ſind noch gewiſſenloſer als die Verſe Friedrich des Großen— ſo lauten die Anfangsbuchſtaben der acht Zeilen: Gabriele!“ Der Fächer der Fürſtin wurde unruhig. Bernis antwortete mit ironiſchem Lächeln: „Der Kaunitz des Hofes betet die Marquiſe von Pom⸗ padour an.“ Der Fächer zitterte. „Sie irren Beide,“ ſprach Quesnay,„ich traf Kaunitz heute bei ſeinem chemiſchen Herde beſchäftigt. Den Kopf in die Hände geſtützt, ruft er mir entgegen: Quesnay! Quesnay! Sagen Sie mir, welche Elemente haben ſich ge⸗ gattet, um dieſe Frau zu bilden?“ „Welche Frau?“ fragte die Fürſtin. „Auch ich ſehe ihn erſtaunt an,“ fuhr der Leibarzt fort, „und frage wie Sie: Welche Frau? Haben Sie eine Frau in der Retorte?“ 85 „Und ſeine Antwort?“ tönte es von allen Lippen. Der Fächer hatte ſeine Ruhe wiedergewonnen. „Nun?“ fragte Bernis ungeduldig. „Er legte die Hand auf das Herz,“ ſagte Quesnay, „hier haben Sie die Retorte.“ „Und die Frau?“ „Die Fürſtin Woronzow!“ Die Ruſſin erhob ſich lebhaft. „Heutzutage liebt man eine Frau nicht,“ rief ſie,„man philoſophirt über ſie.“ Richelieu wendete ſich zu Quesnay. „Meinen Gruß an Kaunitz und er ſoll Lectionen neh⸗ men im Rapier!“ Ein einziger hohnlachender Blick der Woronzow ſtrafte ihn, dann zog ſie ſich an Quesnay's Arm zurück. „Ich bin krank!“ ſprach ſie. „Sie langweilen ſich,“ erwiderte der Arzt. „Verſammelt mein Salon nicht heute Alles, was in Paris durch Schönheit, Geiſt und Anſehen glänzt und gilt? Und dennoch— mich ekelt das Leben an, ich bin krank.“ „Ja es iſt eine Krankheit der Zeit,“ antwortete S. „der Puls geht ruhig und die Gedanken fiebern. Ihnen fehlt nichts, oder Alles, wenn Sie wollen.“ „Ich bin nicht geſchickt im Räthſelauflöſen,“ warf die Ruſſin hin. „Ihnen fehlt Arbeit und Liebe,“ ſagte der Leibarzt. „Arbeiten nicht hunderttauſend Sklaven für mich?“ ſprach die Ruſſin ſtolz. Quesnay lächelte.„Für Sie, das iſt es eben. Arbei⸗ ten Sie für Andere und lieben Sie.“ 86 „Ich haſſe mich ſelbſt!“ rief die Fürſtin. „Nein,“ entgegnete Quesnay,„Sie lieben ſich ſelbſt zu ſehr. Lieben Sie Andere, ſchließen Sie ſich mit ganzer Seele an das, was Sie umgiebt, ſei es ein kleiner Acker, ſei es die Wirthſchaft eines Volkes, aber, verzeihen Sie, ich ſpreche zu einer Frau, welche Paris zu ihren Füßen ſieht.“ „Nur Kaunitz nicht!“ rief die Ruſſin,„nur ihn nicht.“ „Auch das macht Sie krank,“ ſprach Quesnay.„Hier iſt aber ſchnelle Hülfe möglich.“ „Nun?“ „Verlieben Sie ſich!“ Die Fürſtin lachte.„Sie meinen, Quesnay, daß ich über Kaunitz philoſophiren ſoll.“ Während ſich im Saale die Paare im feierlich mun⸗ tern Takte der Menuette bewegten, hatte der Herzog von Richelieu den preußiſchen Geſandten an einen Spieltiſch gezogen. Knyphauſen miſchte die Karten, Richelieu beugte ſich über den Tiſch zu ihm und ſprach mit gedämpfter Stimme: „Sie lieben die Fürſtin Woronzow!“ Erſchreckt legte Knyphauſen den Finger auf die Lippen. „Das iſt ja bekannt,“ fuhr der Herzog fort. „Bekannt?“ ſagte Knyphauſen verlegen.„Ja! ich liebe die Fürſtin, ich bete ſie an! Glauben Sie, Herzog, daß Kaunitz—“ „Freilich,“ unterbrach ihn Richelieu lebhaft,„Sie müſſen Sturm laufen.“ 87 „Sturm?“ fragte der Preuße. „Sturm!“ ſagte Richelieu,„Cavalkaden! Serenaden! Verſe!“ „Verſe! Serenaden!“ wiederholte der Geſandte. „Oden und Sonette!“ erklärte Richelieu. „Epopéen! Liebeshymnen!“ ſeufzte Knyphauſen. „Und wenn Kaunitz doch nicht weicht,“ rief der Herzog, „ein Duell!“ „Ein Duell!“ wiederholte Knyphauſen,„Sie glauben alſo wirklich, daß Kaunitz—“ Der Herzog zuckte die Achſeln. „Ja er führt den Krieg Ihrer Staaten hier fort. Er durchkreuzt alle Ihre Abſichten.“ „Meine Abſichten? Welche Abſichten?“ fragte der Preuße erſtaunt. „Bei der reizenden Fürſtin, wie bei Hofe,“ erwiederte der Herzog. „Bei Hofe?“ ſagte Knyphauſen verblüfft, indem er das Blatt gab,„bei Hofe? Ich erſcheine ja gar nicht bei Hofe!“ „Sie erſcheinen nicht bei Hofe?“ rief Richelien, jetzt ſeinerſeits auf das Höchſte erſtaunt. „Haben Sie das gar nicht bemerkt?“ Der Herzog ordnete ſeine Karten. „In der That nicht,“ ſprach er lächelnd.„Aber er⸗ klären Sie mir doch!“ „Das iſt ſehr einfach,“ ſagte Knyphauſen mit Selbſt⸗ bewußtſein.„Was habe ich am Hofe zu ſuchen? Ludwig XV. iſt kein Friedrich und die Marquiſe von Pompadour kenne ich nicht.“ Richelien ließ das Blatt auf den Tiſch fallen. 88 „Sie kennen die Marquiſe von Pompadour nicht?“ rief er überraſcht. „Ich beſuche ſie nicht,“ ſagte Knyphauſen und legte ſeine Karten ebenfalls nieder. „Sie beſuchen ſie nicht? Sie ſind heute zum Märchen⸗ erzählen aufgelegt.“ „Auf Ehre!“ betheuerte der preußiſche Diplomat,„ich habe der Marquiſe nie einen Beſuch gemacht.“ „Nie einen Beſuch! Sie, der Geſandte unſeres großen Verbündeten, Sie— Sie kennen die Marquiſe von Pom⸗ padour nicht?“ rief der Herzog. „Auf Ehre!“ ſprach Knyphauſen „Sind Sie toll?“ fragte der Herzog. „Meine Grundſätze! Befehl des Königs, die Marquiſe nie und niemals zu beſuchen.“ „Befehl des Königs?“ wiederholte Richelieu,„es iſt nicht zu glauben, und weshalb?“ Knyphauſen zuckte wichtig die Achſeln. „Iſt das auch ein Geheimniß Ihrer Staatskunſt?“ fragte der Herzog mit verächtlichem Lächeln. „Staatsgeheimniß!“ ſagte Knyphauſen,„aber ich habe Vermuthungen.“ „Vermuthen Sie alſo gefälligſt.“ „Denken Sie,“ ſprach Knyphauſen,„ſie iſt ja nicht von Adel!“ Richelieu war ſtarr geworden. „Nicht von Adel!“ wiederholte er,„nicht von Adel— und darum?“ Knyphauſen fuhr eifrig fort: „Ich meine, man könnte darüber hinausgehen, daß ſie 89 nicht gekrönt, ja nicht einmal dem Könige vermählt,— aber nicht von Adel!“ „Sie ſprechen wie unſer Hof, aber darum ſehe ich noch nicht ein—“ „Aber, Herzog!“ rief Knyphauſen,„die Geliebte eines Königs von Frankreich nicht von Adel, ſie, die ſolchen Ein⸗ fluß hat, nicht von Adel, an dem Hofe zu Verſailles, wo der kleinſte Page von Adel, von altem Adel— nicht von Adel!“ Richelieu ſchlug ein helles Gelächter an. Schnell ge⸗ faßt, ſprach er dann halblaut:„Sie ſpielen ja Kaunitz in die Hände!“ „Ich habe Grundſätze!“ „Aber ſehen Sie die Gefahr nicht?“ Knyphauſen lächelte ungläubig. „Gefahr?“ ſagte er,„Gefahr, Herzog, für Ihren Ein⸗ fluß vielleicht, daß Kaunitz ſtatt Ihnen dem Könige ſein Geld abgewinnt und auf dem kleinen Theater der Pompa⸗ dour Ihre Rollen ſpielt.“ „Sie werden geiſtreich, kleiner Geſandte des großen Friedrich.“ „Gefahr! Kaunitz knüpfe Intrigue an Intrigue, ſo lange er nur die Politik aus dem Spiele läßt, und da ſind wir ſicher,“ erklärte Knyphauſen mit Würde;„das Miniſte⸗ rium iſt unſer, was am Hofe vorgeht, gilt uns ſo viel wie die Kabalen gegen Gulliver am Throne von Liliput.“ „Wirklich? Sie werden immer geiſtreicher!“ ent⸗ gegnete der Herzog.„Alſo nur die Politik kann Sie reizen, aber der Hof zu Verſailles, was hat der mit der Politik zu ſchaffen? Es kann Ihnen freilich gleichgültig ſein, wenn 90 Kaunitz an dem Hofe zu Verſailles Freunde findet, welche ihm hunderttauſend Mann ſtellen, wenn nur das Miniſte⸗ rium für Sie iſt!“ „Hundert— hunderttauſend Mann!“ ſtotterte der Preuße,„unmöglich! Das Miniſterium bemüht ſich ja, die Beziehungen zu Preußen immer freundlicher zu geſtalten.“ „Bemüht ſich? Das iſt hübſch von dem Miniſterium, wenn nicht der König—“ „Der König?“ wendete Knyphauſen lebhaft ein,„dem Könige iſt regieren ſo viel als ſich langweilen.“ „Nicht der Pompadour,“ widerſprach Richelieu,„ihr iſt herrſchen— Leben! ich kenne die Frauen, ſie müſſen täglich Elend, wie Seligkeit ſpenden! das iſt ihnen Bedürfniß wie Genuß. Die großen Frauen thun es im Staate, die andern in der Liebe.“ „Eine Pompadour,“ rief der Geſandte,„wird Frank⸗ reichs Politik ändern, Frankreich ſeinem Erbfeinde in die Arme führen?“ „Eine Pompadour,“ ſagte raſch der Herzog,„hat den Frieden von Aachen geſchloſſen.“ „Die Pompadour?— den Frieden?—“ „Zu Aachen! allerdings,“fuhr Richelieu fort,„ſie wollte den König nicht mehr in das Feld ziehen laſſen, denn im Heerlager war er der Chateauroux untreu geworden. Sie ſchrieb dem franzöſiſchen Bevollmächtigten: Kehren Sie nur mit dem Frieden in der Taſche zurück, und der Friede war geſchloſſen.“ „Sie hat den Frieden—?“ „Ja, denken Sie nur, und ſie iſt nicht von Adel!“ „Ah!“ Knyphauſen trocknete ſich mit ſeinem Sacktuche die Stirne. „Sie müſſen einen entſcheidenden Schritt thun,“ fuhr der Herzog fort,„die Marguiſe verſöhnen.“ „Wie ſoll ich das?“ fragte der preußiſche Geſandte kleinlaut. Richelien ſchien nachzudenken. „Sie— Sie müſſen ihr den Hof machen,“ ſagte er. „Den Hof?“ „Sie müſſen ſich ihr vorſtellen,“ ſprach Richelieu,„Sie werden bei Hofe erſcheinen. Bei etwas gutem Willen wird es Ihnen nicht ſchwer fallen, ſich in die Marquiſe zu ver⸗ lieben.“ „Verlieben?“ rief Knyphauſen. „Es wäre jedenfalls für Preußen nützlicher, als Ihre Leidenſchaft für die Woronzow. Sie werden ſich alſo in die Pompadour verlieben,“ erklärte der Herzog. „Nein! niemals!“ rief Knyphauſen. „Alſo mindeſtens ſo thun,“ ſprach Richelieu. „Ihr den Hof machen!— den Hof!— ich?“ „Knyphauſen!“ fuhr Richelieu fort,“ Geſandte Frie⸗ drich des Großen! Verführer! O, ich kenne Sie! Sie wer⸗ den Glück haben! Sie werden ihr den Hof machen!“ „Den Hof?“ Knyphauſen rang nach Athem.„Den Hof? ich?— ich werde ihr meine Aufwartung machen, ich werde in Verſailles bei allen Feſten erſcheinen, ich werde Schach ſpielen, Dame, Piquet, Triktrak, Domino— ja ſogar Theater! ich will—“ ein heroiſcher Entſchluß leuchtete in ihm auf,„ja ich will mit der Pompadour eine Menuette tanzen, aber ihr den Hof— den Hof machen— niemals! O, ich habe Grundſätze— den Hof— ich— ſie— Herzog, ſie iſt ja nicht von Adel.“ Richelieu behielt mit Mühe ſeine Faſſung. „Sie werden ſie beſuchen,“ erwiederte er,„das Andere wird ſich von ſelbſt machen.“ „Von ſelbſt!“ rief der Preuße.„Nie! Denken Sie, Herzog, daß ſie nicht von Adel iſt!“ „Ich weiß es.“ „Daß mein König,“ flüſterte der Geſandte,„ſein Windſpiel— es iſt ein ſehr ſchönes Thier,— Pompadour nennt?“ „Soll das der Marquiſe ſchmeicheln?“ „Daß mein König Ihre Regierung die Regierung Unterrock H. nennt? Daß er auf ſie die boshafteſten Verſe—“ Knyphauſen ſchlug ſich auf den Mund. „Es ſieht dem Freunde Voltaire's ähnlich,“ antwortete der Herzog.„Ihr König ſoll jedoch nicht vergeſſen, daß Voltaire's Satyre tödtet,— das heißt vor Europa lächer⸗ lich macht. Die Verſe Friedrich des Großen verwunden nur. Ihr König ſehe zu, daß ſie ihm nicht Schleſien koſten! Jetzt verſtehe ich das Lachen des Grafen Kaunitz!“ „Er lacht?“ erwiederte der Geſandte. „Er lacht!“ ſprach Richelieu,„es lachen Viele, aber wie er lacht!“ „Aber Kaunitz,“ wendete Knyphauſen ein,„iſt ja ganz nur Cavalier!“ „Im Salon!“ „Philoſoph!“ „Im Kaffeehauſe!“ „In Verſailles nur Hofmann!“ 93 „Freilich!“ rief der Herzog,„aber vergeſſen Sie die Dreieinigkeit der Woronzow nicht, immer nur Kaunitz der Staatsmann!“ „Herzog!“ ſprach Knyphauſen feierlich,„wenn Sie⸗ wiſſen, daß Kaunitz einen politiſchen Plan verfolgt— das wäre freilich entſcheidend.“ Der Herzog ſchwieg. Er ſah in Kaunitz einen Neben⸗ buhler, gegen den er Knyphauſen's Bündniß ſuchte. Er dachte ſo:„Kaunitz ſucht die Gunſt des Hofes, der litera⸗ riſchen Kreiſe. Er kann dies Alles für einen politiſchen Plan thun, er thut es vielleicht nicht, aber er könnte es thun, das iſt mir genug! Er thut es!“ Der Herzog ſtreckte die Hand gegen den preußiſchen Geſandten aus und ſprach leiſe: „Sie werden darüber ſchweigen?“ Knyphauſen zeigte ſich bereit, einen Eid darauf zu leiſten. „Erfahren Sie denn, Kaunitz ſucht in Paris—“ „Doch nicht?“ „Ja wohl!“ „Ein Bündniß gegen Preußen?“ Richelien nickte bedeutſam. „Aber die Seemächte,“ erwiederte der Geſandte,„das Miniſterium, das uns verſichert—“ Richelieu war durch Nichts aus der Faſſung zu bringen. „Da haben Sie es!“ rief er.„Nicht wahr, Sie ſehen jetzt die ganze Intrigue vor ſich?“ „Nicht ſo ganz!“ meinte Knyphauſen. „Sie ſehen,“ fuhr der Herzog fort. 94 „Ich ſehe,“ ſprach der Geſandte. „Sie ſehen,“ ſetzte Richelieu auseinander,„Kaunitz, wie er ſich an den König und die Marquiſe wendet und »das Miniſterium bei Seite läßt. Daraus ſchließen Sie mit Recht—“ „Ich ſchließe!“ „Daß auch der König und die Marquiſe das Mini⸗ ſterium bei Seite laſſen und es iſt Ihnen klar, was jetzt geſchehen wird!“ „Vollkommen klar!“ ſagte Knyphauſen. „Das Miniſterium wird das Bündniß leugnen, um ſo beſtimmter, je gewiſſer es iſt, daß der König daſſelbe geſchloſſen hat.“ „Ganz mein Gedanke!“ erklärte der Geſandte Friedrich des Großen. „Der König,“ ſagte Richelieu,„will ſich unterhalten! Ihm iſt die Liebe Unterhaltung, die Religion Unterhaltung, wie nun, wenn ihn einmal die Politik unterhält?“ „Ganz! mein Gedanke!“ „Der König hat ſeine Agenten an allen Höfen. Ihm entgeht Nichts! keine neue Liebſchaft der Czaarin und kein Vers Friedrich des Großen. Er bekommt die Verſe.“ „Auf ihn!“ unterbrach Knyphauſen. „So?“ ſagte der Herzog lächelnd,„hat Friedrich auch auf Ludwig XV. Satyren geſchrieben? Das iſt ja aller⸗ liebſt! alſo er hat dieſe Verſe.“ „Er hat ſie.“ „Er iſt empfindlich! die Verſe ärgern ihn.“ „Und ob!“ bemerkte der Preuße. „Er will ſich unterhalten,“ ſagte Richelieu,„was ver⸗ ſpricht ihm mehr Unterhaltung als eine Intrigue mit Kaunitz, welcher Paris beſchäftigt gegen Friedrich den Großen, der Europa in Athem hält? Er liebt den Skandal. Gäbe es einen größeren als ein Bündniß, hinter dem Rücken ſeiner Miniſter, ein Bündniß, das alle Verhältniſſe des Welttheils auf den Kopf ſtellt.“ „Aber welche Vortheile für Frankreich?“ rief Knyp⸗ hauſen. „Vortheile für Frankreich?“ antwortete Richelieu, „daß der König ſich unterhält, ſind das nicht Vortheile genug, um hunderttauſend Mann gegen Preußen ziehen zu laſſen?“ „Hören Sie auf mit Ihren hundert— tauſend— Mann— ich ſterbe!“ ſtöhnte der preußiſche Geſandte,„ich raſe!— Herzog!— Retten Sie! es iſt auch Ihr Intereſſe.“ „Nebenbei,“ erwiederte Richelien,„ganz nebenbei! Dennoch will ich es verſuchen, Sie aus Ihrer mißlichen Lage zu befreien und die Intrigue des Grafen Kaunitz zu nichte zu machen.“ Knyphauſen ſchüttelte dem Herzog gerührt die Hand. „Sie weihen Machault ein,“ ſprach Richelieu,„vor Allem aber müſſen Sie an den Hof.“ „Ich werde alſo der Pompadour meine Aufwartung machen.“ Richelien erhob ſich lebhaft.„Das werden Sie nicht,“ rief er. „O, ich athme wieder auf,“ antwortete der Geſandte, „meine Grundſätze!“ „Sie iſt nicht von Adel,“ fuhr Richelien fort,„Sie haben alſo alle Urſache, ſie zu beleidigen.“ „Ich möchte Sie küſſen, Herzog!“ „Sie erſcheinen in Verſailles, ohne ſich der Marquiſe vorzuſtellen.“ „Wie?“ fragte der preußiſche Diplomat erſtaunt. „Sie kennen ſie nicht,“ ſagte Richelieu. „Ich kenne ſie nicht!“ „Das beleidigt ſie und wir wollen ſie beleidigen.“ „Wir wollen ſie beleidigen!“ wiederholte der Ge⸗ ſandte. „Die Pompadour iſt für Kaunitz, unter uns geſagt, ſie iſt in ihn verliebt,“ ſprach der Herzog,„da iſt nichts zu machen. Wir überlaſſen ſie ihm.“ „Wir überlaſſen ſie ihm,“ bekräftigte Knyphauſen. „Die Karte, auf die wir ſpielen, heißt Ludwig XV.,“ rief Richelieu. „Und die Marquiſe?“ „Stürzen wir.“ „Wir ſtürzen ſie!“ rief Knyphauſen begeiſtert,„aber wie? Durch einen Unterrock MII.?“ „Sie errathen mich,“ ſprach Richelieu,„Sie ſind wirklich nicht ſo— tugendhaft, wie ich glaubte.“ „O, ich bin von Adel!“ erklärte der Preuße. „Wir bereiten ihr Ende, indem wir ſie—“ „Doch nicht?“ unterbrach Knyphauſen und machte die Bewegung des aus dem Wegeräumens. Richelieu lachte.„Mehr! mehr!“ „Am Ende lebendig begraben?“ „Etwas dergleichen,“ entgegnete der Herzog,„indem wir ſie lächerlich machen, und das iſt Ihre Aufgabe.“ „Meine?“ ſagte Knyphauſen, indem er mit großen Schritten auf⸗ und abeilte.„Nun gut!— Wenn Sie ſich mit mir einlaſſen, Madame d'Etioles, werden Sie ſchon lächerlich werden!“ Der Herzog hatte des Geſandten Hand gefaßt. „Wir machen ſie lächerlich,“ ſprach er ernſt,„durch die Epigramme Friedrich des Großen!“ „Die Epigramme!— ganz mein Gedanke!“ betheuerte Knyphauſen. „Die Pompadour,“ rief Richelien,„zertritt Jeden, der Frankreich über ſie lachen macht. Den König von Preußen kann ſie nicht in die Baſtille ſchicken!“ Kaunitz war eingetreten. Er ſchritt aufrecht, langſam, das ſpaniſche Rohr in der Rechten, das ruhige, ſchöne Auge ſtarr vor ſich, durch die majeſtätiſchen Säle der Ruſſin. „Den beſten Abend, Graf!“ rief ihm der Herzog von Richelieu entgegen. „Ich erwiedere ihn,“ ſagte Kaunitz kalt, indem er ſtehen blieb. „Wie ſteht es mit Ihrer Retorte?“ fuhr der Herzog unbefangen fort. „Mit welcher Retorte?“ fragte der Graf. „Nun, mit jener Retorte, in welcher ſich die ſchönſte Frau befindet.“ „Die Frauen überlaſſe ich Ihnen, Richelieu!“ „Auch dieſe Frau?“ fragte Richelieu mit einem Blicke auf die Fürſtin Woronzow, welche mit Quesnay auf der Schwelle des Saales erſchien. Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. II. 5 7 * „Auch dieſe, wenn ſie will,“ entgegnete Kaunitz, trat langſam zu dem Herzoge und legte ihm die Hand auf die Schulter,„aber ſie wird nicht wollen, Richelieu.“ „Dieſe Antwort verdient einen Degenſtoß!“ rief der Herzog. „Ich ſtehe zu Dienſten,“ ſagte der Graf mit unnach⸗ ahmlicher Gleichgültigkeit. „An der Gartenecke um Mitternacht,“ ſagte der Herzog. „Auf die Minute,“ erwiederte Kaunitz und neigte ſich mit gewohnter Gravität vor dem Gegner. „Richelieu wird ihn erſtechen!“ flüſterte Quesnay der Fürſtin zu. „Ich rette ihn,“ entgegnete dieſe erregt. Ein leichter Schlag mit dem Fächer, die Fürſtin ſtand vor dem Grafen. „Kaunitz!“ ſprach ſie leiſe,„Sie lieben mich!“ „Ich?“ ſagte Kaunitz erſtaunt. „Sie lieben mich!“ wiederholte die reizende Frau und legte zur lieblichſten Bekräftigung ihre Hand in die ſeine. Kaunitz fühlte einen kleinen Schlüſſel durch ſeine Finger gleiten. „Dieſer Schlüſſel öffnet die kleine Pforte in der Gar⸗ tenmauer.“ Damit trat die kleine Hand den Rückzug an. „Ich erwarte Sie um Mitternacht.“ „Um Mitternacht?“ wiederholte der Graf, dann ſah er ſtarr zu Boden. „Sie kommen?“ drängte die Fürſtin. „Auf die Minute,“ erwiederte Kaunitz, zog langſam die Uhr und fuhr fort:„Geſtatten Sie mir nur, Ihre Uhr zu ſehen, Fürſtin!“ Sie reichte ihm von der reichgegliederten Kette die niedliche Uhr in Geſtalt eines Apfels. „Hat Ihre Uhr den Fehler, vorzugehen oder zurück⸗ zubleiben?“ fragte Kaunitz. „Den letzteren!“ „Seltſam!“ ſagte er,„ich habe halb zwölf und Ihr Zifferblatt zeigt dreiviertel.“ Er nahm den kleinen Schlüſſel, welcher den Stiel des Apfels bildete, richtete die Uhr und gab ſie der Fürſtin zurück, welche mit einem triumphirenden Blicke auf Richelieu ſchied. Kaunitz ſah ihr nach, dann ging er raſcher als ge⸗ wöhnlich auf Richelien zu. „Herzog,“ ſprach er gelaſſen,„ich bitte um Ihre Uhr. Erſtaunt reichte ihm Richelieu dieſelbe. „Hat Ihre Uhr den Fehler, vorzugehen oder zurück⸗ zubleiben?“ „Den erſteren!“ „Seltſam!“ ſagte Sn„Ihre Uhr zeigt erſt drei⸗ viertel, und es iſt weit mehr.“ Damit richtete er Richelieu's Uhr und gab ſie ihm zurück. „So!“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„wenn Richelieu mich nicht erſticht, kann ich bei beiden Rendezvous erſcheinen— auf die Minute— um Mitternacht!“ Im nächſten Augenblicke flog es von Lippe zu Lippe, ein Unwohlſein habe die Fürſtin Woronzow gezwungen, ſich zurückzuziehen. Kaunitz ſtieg die Treppe hinab, das Tuch vor dem Munde im lebhaften Geſpräche mit ſich ſelbſt. „Es wäre mir doch unangenehm, wenn Richelieu mich erſtechen ſollte. Die glänzendſte Frau in Paris, die allmächtige Freun⸗ din der Czaarewna glaubt, daß ich ſie liebe. Die Woronzow iſt mein und durch ſie Rußland. Meine Plane reifen. Was thue ich? Schlagen muß ich mich!— Ah! ich gebe den Arm bloß und Richelieu wird die Blöße benützen. Er ſei Sieger im Zweikampfe, ich im Kampfe der Politik.“ Er blickte auf den kleinen Thermometer, der ihn ſtets begleitete und ſeufzte: „Wenn er mich aber dennoch erſticht?“ Er zuckte die Achſel. „Das ſteht in Gottes Hand! Das aber iſt gewiß: ich werde mich verkühlen!“ WI. Das Schlafgemach der Fürſtin Woronzow war wie ein reizendes Bild Watteau's. Teppiche mit wunderlichen Arabesken bedeckten Boden und Wände, während in Gold gefaßt ein farbenglühendes Gemälde von Simſon und Delila die Decke bildete. Das derbe ſchöne Weib, mit offenen braunen Flechten, von Brüſſeler Spitzen kaum verhüllt, das hier Simſon's Locken abgeſchnitten hatte, ſchien den Geliebten eher in die 101 Baſtille als den Philiſtern zu liefern. Lachend in die pur⸗ purnen Kiſſen des Lagers zurückgeworfen, ſtieß ſie den Verrathenen, deſſen Blick mehr flehend als vorwurfsvoll ſie ſuchte, mit dem Fuße von ſich. Sonderbar illuſtrirt der Königsmantel, welcher von den Polſtern Delila's herabgeſunken iſt, die Scene. Andere Gemälde, Landſchaften, Parkpartien, ſchmücken das Zimmer. Die niedlichſten Bildchen füllen die Fen⸗ ſtertiefe. ier füttert die geſündeſte holländiſche Dame chr Aefſchen, dort läßt ſie ihre Kleine im Staate eines Müt⸗ terchens Tanzunterricht nehmen. Gegenüber jagt ein dicker Cavalier mit einer wilden Meute ſchlanker ſchottiſcher Hunde den Hirſch. Das Halali ertönt. Jäger ſperren dem gehetzten Thiere mit Speer und Waidſchwert den letzten Ausweg. Stolz wird der Sieger mit dem Geweihe heimkehren. Soll es eine Bosheit des Zufalls ſein, daß in dem unteren Bildchen der anmuthigſte junge Page zu den Füßen ſeiner reizenden Frau kniet? Den blauſeidenen, mit goldenen Sternchen beſäeten Himmel des majeſtätiſchen Bettes trugen reich verſilberte Palmenſtämme, von ihm herab fielen die Vorhänge in ſchweren Falten bis auf die Erde. Vor einem engen, kleinen Sopha,— wie für Kinder berechnet, welche Herr und Frau ſpielen wollen,— balgten ſich zwei Liebesgötter um die koſtbare Tiſchplatte aus einem Stücke weißen Marmors, welche auf ihren Köpfen ruhte. Die eine Wand bildete ein rieſiger Spiegel. Ein Toilettentiſch mit all den Unentbehrlichkeiten einer ſchönen 102 reichen Frau, und ein kleiner Lehnſtuhl vollendeten die Ein⸗ richtung des niedlichſten Rococoſtübchens. Die Bewohnerin deſſelben hatte eben die vielen Panzer und Hüllen des Rococoſtaates von ſich geworfen und war mit Hülfe ihrer Zofen in einen reich gefalteten Schlafrock von Gold geſticktem türkiſchen Stoffe geſchüpft. Nur wie der Hauch eines Herbſtmorgens lag noch der Puder in dem prächtigen braunen Haare. Noch einmal ſah ſie in den Spiegel, dann entfernte ein Wink der Herrin wie im Fluge die leibeigenen Die⸗ nerinnen. Die zierlichſten Pantöffelchen wurden ſichtbar, als ſie langſam mit kaum mehr als einem Dutzend der kleinſten Schritte das Gemach durchmaß und dann in lächelndem Nachſinnen vor der gemalten Anſpielung in der Fenſtertiefe ſtehen blieb. „Nein! Nein!“ rief ſie,„unſere Scene wird kein Gegenbild liefern— gewiß nicht? Gewiß nicht.— Ich habe Kaunitz den Finten und Degenſtößen Richelieu's entführt, aber was fange ich nun mit ihm an?“ Sie ging wieder das Schlafgemach auf und ab.„Er ſchlägt einen Zwei⸗ kampf aus. So etwas entſchuldigt nur ein Rendezvous mit einer Frau. Mit dem neuen Tage muß er mein Cavalier ſein— für die Welt. Für die Welt? und warum dann nicht auch für mich?— Wir fürchten ja nur die Welt, wenn wir tugendhaft ſind, wir zittern nur vor dem Bonmot, wenn wir ſpröde thun. 103 Alſo doch ein Gegenbild? Nein! Nein! Nein! Ich habe ja alle Urſache, ihn zu quälen, den— er liebt mich und es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich ihn nicht erhöre, denn— ich liebe ihn. Ich verliebt?— Nein! Aber ich möchte es ſo gerne werden. Alle Heiligen! was iſt das?“ Deutlich hörte man jetzt von der Straße herauf das Geklirre der Degen, die Stöße, die Paraden des Zwei⸗ kampfes zwiſchen Kaunitz und Richelieu. Die Fürſtin ſprang an das Fenſter und riß es auf. „O, jetzt verſtehe ich ihn!“ rief ſie,„er wird auf die Minute kommen, oder ſterben.“— Sie beugte ſich hinab. „Er kämpft,“ murmelte ſie,„er iſt verwundet, er füllt!“ Sie ſchlug die Hände vor das Geſicht und lehnte ſich zurück———. So ſtand ſie, bis es leiſe hereintrat. Sie ſchrak empor,— es war Kaunitz. Mit großen dunklen Augen ſah ſie ihn an, er aber zog die Uhr mit der Linken— die rechte Hand trug er in der Schlinge— und ſagte ruhig:„Auf die Minute.“ Die Fürſtin hatte ſich gefaßt, ſie ſchritt, das Haupt um ſo höher tragend, als ihre Knie zitterten, zu dem kleinen Sopha und gab Kaunitz einen Wink, ſich zu ſetzen. Dieſer überflog mit einem Blicke das Himmelbett, die Toilette, Simſon und Delila. „Sie wird ſich bald ergeben,“ ſagte er ſich ſelbſt.„So gewinne ich eine Völkerwanderung für Heſterreich durch 104 eine Frau, der ich den Hof mache, und es iſt nicht einmal ein Opfer, denn ſie iſt wirklich reizend. Sie entzückt mich, wenn ich aber denke, daß es eigentlich Rußland iſt, dem ich den Hof mache, finde ich ſie die gefährlichſte Frau des Welt⸗ theils.“ „Sie zittern, Fürſtin,“ ſprach er, indem er den Arm⸗ ſeſſel nahm. Zufällig ſtreifte ſein Blick das Fenſter und tiefe Bläſſe trat in ſein Geſicht.„Ich glaube,“ ſtammelte er,— „Täuſchung!“ rief die Ruſſin. „Täuſchung?“ entgegnete Kaunitz;„es iſt wirklich offen.“ Zugleich huſtete er heftig. „Offen?“ ſprach die Fürſtin erſtaunt. „Das Fenſter meine ich,“ antwortete der Graf. Das Tuch vor dem Munde beeilte er ſich, daſſelbe zu ſchließen. Die Fürſtin lachte. „Wir ſind im Jahrhundert der Anekdote,“ rief ſie, „und fallen ihr Alle zum Opfer.“ „Täuſchung?“ wiederholte der Graf, noch immer mit dem Fenſter beſchäftigt. „Uns Frauen iſt ſie das Leben,“ ſagte die Ruſſin; „Täuſchung macht uns zu Göttern dieſer Erde. Wir ſind ſo aufgeklärt, daß wir an Nichts mehr glauben, als an das Unglaubliche. Wer glaubt an Gott? Niemand. Wer glaubt an den Stein der Weiſen? Jedermann. Wir lieben die Toilette, denn Toilette iſt Täuſchung wie die Kunſt. Wir ſind Künſtlerinnen im Leben.“ „Und die Liebe?“ fragte Kaunitz. „Täuſchung,“ entgegnete die Woronzow,„und wenn wir einem Mann ſagen:„„Ich liebe Sie,““ ſo heißt das: „„Ich finde es der Mühe werth, Sie zu täuſchen.““ „Und wenn wir einer Frau ſagen: Ich liebe Sie?“ „So heißt das,“ rief die Fürſtin,„es iſt der Mühe werth, daß Sie über mich lachen.“ „Lachen Sie über mich!“ Die Ruſſin ſchlug ein tolles Gelächter an. „Sie lieben mich?“ fragte ſie und wieder lachte ſie. „Liebe ich ſie?“ fragte ſich der Graf,„ich weiß es nicht, das thut aber nichts.“ Er ſchlang den Arm um die ſchöne Frau. „Ich bete Sie an!“ rief er. Die Fürſtin machte keine Bewegung, ſich loszumachen; ſie dachte ihn zu prüfen. Ruhig ſah ſie in ſein Auge und ſprach, während ihre Lippe ſich ſpöttiſch verzog: „Wie Sie ſtürmiſch ſind im Dienſte Heſterreichs.“ „Inm Dienſte Heſterreichs?“ wiederholte Kaunitz über⸗ raſcht.„Ich verſtehe Sie nicht.“ Die Fürſtin lächelte. „Der erſte Staatsmann des Welttheils in Paris, um den Hof zu machen?“ Kaunitz ließ die Taille der Ruſſin los und trat zurück. „Sie haben eine diplomatiſche Miſſion in Paris,“ ſprach er nach einer Pauſe, während welcher ſich die ſchöne Frau an ſeiner Verlegenheit weidete. „Erſtaunen Sie, Graf?“ antwortete ſie.„Suchen Sie nicht unſer Bündniß, unterhandeln Sie nicht mit den Mi⸗ niſtern der Kaiſerin von Rußland?“ Kaunitz verneigte ſich.„Jetzt verſtehe ich Ihre Inter⸗ vention zu meinen Gunſten, und dieſes téte Atéte—?“ 106 „Eine politiſche Schäferſtunde,“ unterbrach ihn die Fürſtin ſcherzend, aber ihre Lippe zitterte. Der Mann, welcher jetzt vor ihr ſtand, war der Staats⸗ mann Kaunitz, den hatte ſie nicht geſucht. „Haben Sie Vollmacht, zu unterhandeln?“ fragte er vorſichtig. Die Fürſtin verrieth mit keiner Bewegung, keinem Zucken in ihrem Marmorgeſichte, was über ihre Seele flog. Sie ſah ſich getäuſcht, den Mann, der ſie auf unerklärliche Weiſe anzog, um Rußland werben, nicht um ſie.„Seine Liebe iſt eine Intrigue,“ rief es in ihr,„er ſoll ſie büßen.“ Wie ſcherzend ſchlug ſie den Grafen mit dem Fächer und ſprach:„Ich habe nur Vollmacht, mir von Ihnen den Hof machen zu laſſen.“ Ungläubig ſchüttelte Kaunitz den Kopf.„Die Freundin der Czaarin in Paris, um ſich den Hof machen zu laſſen?“ Die Ruſſin warf den Kopf kokett zurück zärtlich ruhten ihre Augen auf den Grafen. „Nun?“ rief ſie. Kaunitz biß ſich in die Lippe, er hatte ſich bloßgeſtellt. Wie konnte er ſich retten? Nur durch eine Liebeserklärung. „Ich mache Ihnen alſo den Hof,“ ſagte er lebhaft. Die Ruſſin ſchüttelte den Kopf. „Ergeben Sie ſich!“ rief ſie ihm mit graziöſem Hoch⸗ muthe entgegen. Er ſtand vor ſeinem Sieger. „Ich ergebe mich,“ ſpracher,„auf Gnade und Ungnade!“ und beugte ſein Knie vor ihr. „Auf Ungnade!“ rief die Fürſtin hohnlachend. „Sie lieben mich nicht?“ fragte der Graf ruhig. „Nein!“ entgegnete die Woronzow mit ſchneidender Kälte.„Wir Frauen wollen nicht getäuſcht ſein, auch nicht aus Politik.“ Kaunitz erhob ſich gelaſſen.„Ich glaube, ich habe mich lächerlich gemacht, aber ich liebe Sie doch.“ „Lieben Sie mich nicht,“ flehte ſie mit erhobenen Hän⸗ den, dann kehrte ihm das ſchöne Weib den Rücken. Kaunitz betrachtete ſie entzückt.„Sie liebt mich nicht, dachte er, das iſt reizend, ſie will mich nicht lieben, das iſt bezaubernd, ſie will nicht, daß ich ſie liebe, das iſt verfüh⸗ reriſch. O! ſie iſt unwiderſtehlich.“ Dann nahm er Hut und Stock und fragte:„Fürſtin, wozu gaben Sie mir dieſen Schlüſſel?“ er hielt ihn empor und legte ihn auf den Tiſch. Die Ruſſin wendete ſich mit einer reizenden Bewegung zu ihm. „Kennen Sie ein Furchtbares?“ ſpottete ſie,„das über den Menſchen ſchwebt, es fällt in das Leben wie der Tod.“ Kaunitz zuckte zuſammen. „Es löſt alle Bande der Natur, alle Feſſeln des Ge⸗ ſetzes, es entführt den Freund dem Freunde, das Weib dem Gatten, und kommt es über ein Volk, ſo wird eine Revolu⸗ tion daraus— es iſt die Langeweile!“ Kaunitz ſah ſich gedemüthigt, verlacht, getreten, und der Fuß, der ihn trat, war ſo allerliebſt klein, die Lippe, die über ihn lachte, ſo berauſchend duftig, das Weib, das ihn demüthigte, ſo ſchön, ſo mächtig, und die Gewalt, die ſie unbarmherzig übte, wie Wolluſt. Er ſenkte das Haupt auf die Bruſt.„Ich glaube, ich werde einen dummen Streich machen und mich in dieſes 108 Weib verlieben.“ Damit verneigte er ſich ſchweigend und entfernte ſich langſam. Die Fürſtin begleitete ihn mit ihrem Blicke.„Er ſchweigt, er geht, er blutet!“ rief es in ihr,„ich bin ge⸗ rächt! doch ich gehe zu weit, er liebt mich nicht, er hat aber ſehr viel Anlage dazu.“ Sie machte eine Bewegung gegen ihn zu, ſie rief ihn zurück. „Lieben Sie mich?“ fragte der Graf. Die Fürſtin ſeufzte, als er aber ihre Hand faßte, ſchüt⸗ telte ſie den Kopf.„Ach! ich langweile mich wieder!“ Die Lippen des Grafen zogen ſich zuſammen. Die Ruſſin legte raſch die kleine Hand beſchwichtigend auf ſeine Schulter.„Kaunitz“ ſprach ſie,„ich warne Sie vor Beſtuſchef.“ Was ſie ſagte, kam ſo unerwartet, daß der Graf ſeine Aufregung nicht ganz verbergen konnte. „Vor Beſtuſchef?“ „Vor dem Miniſter der Czaarin,“ fuhr die Fürſtin fort.„England zahlt ſeine Wechſel.“ „Abſcheulich!“ rief Kaunitz und eine leichte Röthe färbte ſeine blaſſen Wangen. „Noch mehr,“ ſagte die Ruſſin,„Friedrich der Große ſendet dem Großfürſten Thronfolger ſeine Verſe und em⸗ pfängt dafür die Proſa der ruſſiſchen Staatsgeheimniſſe.“ Erregt ſchritt Kaunitz durch das niedliche Schlaf⸗ gemach. „Ich danke Ihnen mein Leben!“ rief er,„und,“ er blieb ſtehen und ſah die Fürſtin an,„Sie ſind doch die Geſandte der Czaarin.“ Ein fröhliches Gelächter der Fürſtin war die Antwort, aber der Graf zweifelte noch immer. „Sie ſind in einer Weiſe unterrichtet,“ ſprach er, nach⸗ dem er wieder Hut und Stock weggelegt hatte. „Ueber Beſtuchef? weil er mir den Hof machte.“ „Ueber die Beziehungen des Großfürſten,“ fuhr der Graf fort. „Weil er mich anbetete,“ erklärte die reizende Frau, „und ich ſeine Briefe an den Freund Voltaire's verbeſſern mußte.“ „O! dieſer ſchwarze Verräther an Rußland und der Orthographie!“ rief Kaunitz, ohne eigentlich nur einen Augenblick ſeine Ruhe zu verlieren.„Ich bin außer mir, Alles iſt verloren!“ Er warf ſich in den Lehnſeſſel. Die Fürſtin beugte ſich über die Lehne deſſelben.„Die Czaarin wird das Bündniß ſchließen.“ Kaunitz ſah überraſcht zu ihr empor.„Ohne ihren Miniſter?“ „Warum nicht?“ ſagte ſie,„ich bin keine Geſandte der Czaarin, aber die Freundin der Eliſabeth. Ich werde die Freundin bitten, mich der Gaarin als Diplomatin zu empfehlen.“ „Das wollen Sie?“ entgegnete der Graf, indem er auf⸗ ſtand.„Sie kennen alſo die Vortheile, welche Rußland—“ Die Fürſtin ſchüttelte lachend das Haupt. Ueberraſcht ergriff Kaunitz ihre Hand.„Und die Ge⸗ ſandte einer ſo verliebten Herrſcherin will nichts von Liebe wiſſen?“ „Es käme auf einen Verſuch an,“ entgegnete ſie. „Mein Leben gehört Ihnen.“ 110⁰ „Ich verlange mehr.“ „Mehr?“ ſprach Kaunitz. „Sie müſſen mich unterhalten!“ rief die Ruſſin. Kaunitz ſah ſie einen Augenblick ſprachlos an.„Un— ter— halten—, Sie verlangen mehr als das Leben!“ ſtam⸗ melte der Graf und ſank in den Arnſeſſel zurück, dann ſprang er auf.„Soll ich die Flöte blaſen wie Friedrich der Große? Soll ich ein Tanzbär werden? Unterhalten!“ Die Fürſtin lachte.„Dann verſteht es ſich von ſelbſt, daß Sie Gabriele nicht mehr ſehen.“ Kaunitz war ſtarr geworden.„Gabriele,“ wiederholte er,„nicht mehr ſehen. Verlangen Sie mein Leben, ja daß ich Sie unterhalte, aber das— das kann ich nicht.“ „Sie lieben ſie!“ rief die Ruffin aufflammend.„Gehen Sie!“ mit einer ſtolzen Bewegung des Armes verſtärkte ſie ihr Gebot. Feierlich trat der Graf zu ihr.„Ich liebe ſie nicht,“ ſagte er,„aber denken Sie, was geſchehen kann.“ „Sie wird ſich doch nicht das Leben nehmen,“ erwie⸗ derte die Fürſtin beruhigt. „Es wird ſich Niemand finden, der meine Geheimniſſe dem franzöſiſchen Miniſterium verrathet.“ Dieſes Mal war die Fürſtin überraſcht.„Wie?“ rief ſie. „Hören Sie alſo,“ fuhr Kaunitz fort,„ich komme nach Paris. Ich ſehe Gabriele—“ „Auf der Straße, im Theater, und Sie verlieben ſich in ſie.“ „Noch nicht,“ entgegnete Kaunitz,„der engliſche Geſandte betet ſie an, er führt mich zu ihr. Ich finde ſie reizend.“ „Und Sie verlieben ſich in ſie,“ unterbrach ihn die Fürſtin. „Noch nicht,“ entgegnete Kaunitz,„ſie kokettirt mit mir.“ „O! die Männer!“ rief die Fürſtin,„Sie verlie⸗ ben ſich.“ „Noch nicht. Ich bin täglich entzückt von ihrem Geiſte, ihrer tollen Laune.“ „So verlieben Sie ſich doch endlich,“ ſagte die Fürſtin ungeduldig. „Noch nicht,“ entgegnete er.„Ich bleibe Eis. Ich er⸗ fahre aber, daß ſie die Geheimniſſe des engliſchen Geſandten dem Herzog von Richelieu, dem franzöſiſchen Miniſterium verrathet. Da— verliebe ich mich in ſie. Und bei einem Soupé, die Götter Griechenlands konnten nicht beſſer ſpeiſen, waren die Beziehungen zu England zerriſſen, und Gabriele meine Vertraute!“ Die Fürſtin lachte.„Meine Nebenbuhlerin tödtet mich durch Lachen!“ rief ſie.„O! Kaunitz, Sie fangen an, mir gefährlich zu werden, denn Sie unterhalten mich. Und Sie lieben mich wirklich?“ fragte ſie und wieder brach ſie in ein tolles Lachen aus. „Sie lachen,“ entgegnete Kaunitz ernſt,„ich werde Ihnen doch beweiſen, daß ich Sie liebe.“ Er ging mit großen Schritten auf und ab. „Sie erſchrecken mich,“ erwiederte die Fürſtin,„Sie werden doch nicht ohne Ihren Thermometer ausgehen?“ „Ich werde Sie in meine politiſchen Plane einweihen,“ ſagte Kaunitz. Die Fürſtin erinnerte ſich, daß er keinen Vertrauten habe, ſie war geſpannt, ihn zu hören.„Eine politiſche 2 Beichte?“ ſprach ſie,„gut, ich will ſie hören und ſehen, ob ich Ihnen die Abſolution gebe. Sie ſuchen Verbündete, Sie wollen alſo den Krieg erneuern?“ „Nur fortſetzen,“ antwortete er. „Muß dieſer Krieg nichtOeſterreichzerſtören?“ fragte ſie. „Oeſterreich war ein Gedanke,“ ſagte Kaunitz,„als Maria Thereſia den Hermelin um ihre Schulter warf, Leben wurde der Gedanke, die pragmatiſche Sanetion Oeſterreichs Magna Charta, als die preußiſchen Kanonen dröhnten. Was den mächtigen Baum zertrümmern ſollte, gab ihm das Leben wieder. Es fielen ſaftige wie dürre Zweige, doch kräftig treibt der Baum wie nie zuvor. Oeſterreichs Feinde ſind der Stillſtand, die Gewohnheit; nicht Tyrannen haben uns verdorben, gutherzige Familienväter, Betbrüder, ſchlechte Wirthe! Sie kennen die Politik Karl des VI., Sie wiſſen, wie er ſeiner Tochter das habsburgiſche Erbe ſicherte; nicht durch Reichthum, Liebe ihrer Völker— durch Dokumente, Ceſſio⸗ nen, Traktate und Sanktionen! Nicht durch Musketen, durch Papier! So waren wir ein Staat, ein Volk auf dem Papiere, und man dachte uns in Stücke zu reißen wie ein Stück Papier. Wie zur Wachtparade rücken die Feinde in das Land. Das war vor dem ein Schimpfen und ein Raiſonniren, die Gemüſeweiber weinten heiße Thränen über die Regie⸗ rung, und da man ſcheiden ſoll von ihr, da iſt auf einmal Alles lieb geworden, ja der Kehricht eines ſchlechten Regi⸗ ments. Da ſpürt es der Schiffer, der ſein Floß auf der Moldau rudert, der Schütze auf dem Alpenſteig, der Hirt, der ſeine Roſſe durch die Pußta jagt. Das Herz geht Allen auf. Vergeſſen, ausgetilgt ſind alle Leiden. Der Sturm, der Feind iſt da, hervor, hervor die alten Waffen aus den Türkenkriegen, und nicht Armeen — ihre Völker ziehen für Maria Thereſia in das Feld. Nach einem langen, wechſelvollen Kriege ſchließen wir zu Aachen einen günſtigen Frieden, und Europa ſieht das erſte Mal ein Heſterreich, nicht durch Erbverträge, Teſta⸗ mente, ein Oeſterreich durch den Willen ſeiner Völker!“ „Soll ein ſolcher Friede nur ein Waffenſtillſtand ſein?“ ſagte die Fürſtin. „Das iſter— unſern Feinden,“entgegnete Kaunitz.„Ich aber denke ihn nicht ſchlechter zu benützen. Daß Frankreich und Oeſterreich ſich unaufhörlich ohne Vortheil bekämpfen, das nennt man in London und im Haag das europäiſche Gleichgewicht. Darauf ruht die Politik der Seemächte und ihre Zärtlichkeit für Oeſterreich. Unſere Staatsweisheit diente ihnen bisher aus Gewohnheit ſo treuherzig, daß ich endlich mit Maria Thereſia die Geduld verlor. Ich wollte ihrem Dienſte entſagen, denn ich konnte auf die Ideen ihrer Politik nicht mehr eingehen, ſie aber ging auf meine ein, und ſandte mich hieher. Mein Plan iſt die Allianz mit Frankreich. Ge⸗ lingt ſie, ſind die Beziehungen zu den Seemächten gelöſt, und ich bin ihr Miniſter! Maria Thereſia iſt Königin von Ungarn, Böhmen, Gräfin von Tyrol, ſie ſoll die Herrſcherin eines großen Heſterreichs werden. Das will ich! und gelingt es nicht, der Gedanke iſt eine That, und andere Zeiten werden ihn erfüllen.“ „Er hat ſeine Plane in meine Hand i es Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. II. 114 in der Seele des ſchönen Weibes,„o! er liebt mich!“ die Fürſtin trat zu ihm.„Kaunitz!“ ſagte ſie,„ich fange an zu glauben—“ „Daß ich Sie anbete?“ „Daß Sie—“ die Fürſtin hatte ſich gefaßt—„ein ſchlechter Diplomat ſind. Wenn ich Sie verrathe?“ „Sie verrathen mich nicht,“ antwortete Kaunitz herzlich. „Ihre Plane ſchreiten wie Rieſen durch den Welttheil. Werden Sie in Liliput Alliirte finden?“ Die Fürſtin ging aufgeregt durch das Gemach. Jetzt hob ſie das ſtolze Haupt und ſah auf ihn.„Und das Alles,“ ſagte ſie,„für einen Staat auf dem Papier? Ich verſtehe Sie nicht!“ Kaunitz ſchüttelte den Kopf. Die Augen erhoben, ſprach er vor ſich hin: „Jeder Menſch hat Etwas, ein Eigenthum, das ihm Niemand nehmen kann; eine Idee! Sie wird mit ihm geboren, ſie klingt im Liede, das ihm die Mutter an der Wiege ſingt, ſie ſpielt mit ihm die Kin⸗ derſpiele und mit ihm wird ſie groß. Sie mahnt ihn oft, ſie ſtellt ſich ihm entgegen, aber ſie iſt ſein, und hat er ſeine letzte Hoffnung eingeſcharrt, und ſeinen Glauben, ſeine Liebe, — ſie bleibt ihm doch. Wenn man ihm flucht und ihn von Thür' zu Thüre ſcheucht, von Land zu Land, ſie wandert fort mit ihm und fort, und immer fort!— Meine Idee, wie nenne ich dich? Mein Leben, meine Liebe, mein Gebet: mein Vaterland!“ Bewegt ſah die Fürſtin auf den harten Mann, ſah wie deſſen eherne Züge eine Bewegung verklärte, welche nur ſelten aus der Tiefe ſeiner Seele heraufleuchtete. „Kaunitz!“ rief ſie und ſtreckte die Hand nach ihm aus, welche er lebhaft ergriff.„Sie— Sie ſind wirklich ein Son⸗ derling! Und Ihre Alliirten?“ „Der Zufall, die Frauen!“ „In der That zwei mächtige Alliirte,“ ſpottete ſie fröh⸗ lich.„Und Sie denken im Ernſte daran, Frankreich zu ge⸗ winnen?“ „Mehr als je!“ entgegnete der Graf.„Ich ſpreche mit den Miniſtern Ludwig XV. vom Wetter, aber ich ſpiele mit dem Könige Piquet. Die Pompadour gebietet, ſo lange Ludwig XV. nicht gähnt, aber wenn er gähnt? Ich ſorge dafür, daß er nicht gähnt. Eine Intrigue Richelieu's kann die Marquiſe ſtürzen, ich ſorge für eine Intrigue, welche Richelien ſtürzt.“ „Wie?“ „Das weiß ich ſelbſt noch nicht,“ erklärte der öſter⸗ reichiſche Diplomat,„aber ich weiß, daß ich Alles nützen werde— Alles— ich werde nicht vergeſſen, daß Friedrich ein Gottesläugner iſt, und daß der fromme Ludwig auf der Börſe ſpielt.“ Damit küßte er die Hand der ſchönen Frau und nahm ſeinen Hut.„Wollen Sie meine Alliirte ſein?“ „Haben Sie eine Intrigue für mich?“ fragte ſie leb⸗ haft erregt. „Warten Sie!“ Kaunitz ſah einen Augenblick zu Bo⸗ den, dann hob er raſch die ſchönen geiſtvollen Augen zu ihr empor. „Ludwig XV. und die Pompadour zittern vor keiner Revolution, aber vor der Satyre. Wiſſen Sie, was das in Frankreich ſagen will, lächerlich werden? Ol ich könnte Ihnen Märchen erzählen, wunderbarer als jene Serzeradens. Die Satyre hat Catilina zur Auf⸗ führung gebracht. Sie hat Voltaire, meinen gefährlichſten Gegner, aus Frankreich vertrieben. Verſchaffen Sie mir die Verſe Friedrich des Großen.“ „Verſe?“ erwiederte die Ruſſin erſtaunt. „Kleine Satyren, Epigramme, in denen der Eroberer Schleſiens alle Herrſcher Europa's geißelt.“ „Und dieſe Verſe?“ rief die Fürſtin ungeduldig. „Hat der preußiſche Geſandte,“ entgegnete Kaunitz. Die Fürſtin lachte.„Dann, Kaunitz, meine Hand, Sie ſollen ſie bekommen, die Achſe der europäiſchen Politik, ha! ha! ha!— die Epigramme Friedrich des Großen.“ VIII. Am nächſten Morgen unterhielt ſich Paris mit dem Duelle zwiſchen Richelieu und Kaunitz. Das Geheimniß⸗ volle ſeines Benehmens ſteigerte noch das Intereſſe, welches man an Kaunitz nahm. Man machte Beſuche, welche man einige Zeit vernach⸗ läſſigt hatte, nur um Details zu erfahren. War wirklich die wunderbare Ruſſin die Urſache des Streites? war es die reizende Ziehtochter Richelieu's, die kleine Gabriele? War der Herzog eiferſüchtig auf die Gunſt des Königs, welche Kaunitz ſo raſch erobert hatte, gab es nicht politiſche Motive, welche mit geſpielt hatten? So fragte man in den Kaffeehäuſern, in den Salons, auf der Promenade, in Verſailles. Der Leibarzt des Königs, Francois Quesnay, war in der Lage, Auskunft zu geben zuerſt über die Scene, welche dem Zweikampfe vorausgegangen war, er ſtellte den Herzog als denjenigen dar, welcher— aus einer ihm unbekannten Urſache— den Streit geſucht habe. Die Folgen ſtellte er im Augenblicke als nicht ganz unbedenklich dar. Kaunitz hatte erſt mehrere Stunden nach dem Duelle ſeine ärztliche Hülfe geſucht. Mit einem nothdürftigen Verbande hatte er in großer Eile den Kampſplatz verlaſſen. Niemand wußte, wo er nach Mitternacht geweſen war. Als er Quesnay in ſeinen Palaſt berief, war die an und für ſich unbedeutende Wunde auf das Höchſte gereizt, und ſchon am Morgen ſtellten ſich Symptome ein, welche den Leibarzt beunruhigten. Auf ſeinen Wunſch verließ Kaunitz noch an demſelben Tage Paris in einer Sänfte, und zog ſich auf ſein Landgut zurück. Quesnay widmete ihm hier die ärztliche Sorgfalt eines Freundes. Abgeſchiedenheit, Ruhe, die eiſerne Con⸗ ſequenz, mit welcher der Graf alle Anordnungen des Arztes befolgte, die Frühlingsluft, die friſche Schönheit der Land⸗ ſchaft, welche ſein kleines Jagdſchloß umgab, machten Kau⸗ nitz ſchnell geneſen. Bald konnte er, den Arm in der Schlinge, auf Francois und Binder geſtützt, die ſteinerne Treppe langſam hinab⸗ ſteigen, in dem Wäldchen, welches hinter dem Gebäude lag, herumgehen, auf den Moosbänken ſitzen und die allerliebſte 1¹8 Bauernwirthſchaft, welche das Wäldchen verſteckt hielt, beſuchen. Jetzt erſt geſtattete ihm der Arzt wieder die Beſchäf⸗ tigung mit ſeinen politiſchen Planen, jetzt erſt durfte der Secretair wieder Briefe, Depeſchen, Berichte vorlegen, durfte Francois Amadeus vorlaſſ en. Beſuche empfing der Graf nicht. Hinter dem Schloſſe, noch auf der Anhöhe, auf welcher daſſelbe lag, befand ſich eine Moosbank, von der aus man über die Bäume des Wäldchens weit in die Gegend blickte. Hier ließ Kaunitz einen ſchönen Marmortiſch aufſtellen, und nannte das Plätzchen fortan ſein Arbeitscabinet. Seine Stimmung war die beſte von der Welt. Täg⸗ lich ſprengte ein Koſack der Fürſtin Woronzow vor das Schloß und brachte ein parfümirtes Billet mit kühnen, feinen Schriftzügen. Es enthielt nie mehr als die Frage, wie er ſich befinde und einen Gruß, aber der Graf bewahrte Correſpondenz ſo ſorgfältig wie ſeine Depeſchen. Seine Situation hatte ſich vortheilhaft verändert. Er hatte in der Ruſſin ſeine Verbündete gefunden, während Richelieu und K Knyphauſen ſich offen als Feinde ent⸗ gegengeſtellt hatten. Amadeus berichtete, daß die preußiſche Gejandtſchaft ſich in lebhafter Bewegung befinde, ſeine Excellenz ſtehe mit ihrem Könige in dem regſten Depeſchenwechſel, der Herzog von Richelieu erſcheine beinahe täglich und kaum weniger oft werde ſein Beſuch von Herrn von Knyphauſen erwiedert. Der Herzog ſei äußerſt vorſichtig, Alles werde ganz geheim, bei verſchloſſenen Thüren verhandelt, Briefe in Chiffern gewechſelt. 119 Von Wien aus erhielt der Graf Nachricht von neuen Schwierigkeiten, welche die Seemächte erhoben, man be⸗ klagte ſich über die Zweideutigkeit und den Eigennutz der⸗ ſelben. Sie verlangten mehr, als man zu leiſten hatte, und erfüllten nicht, was ſie vertragsmäßig zugeſagt hatten. Das Bündniß mit England und Holland begann ſogar den Mi⸗ niſtern Maria Thereſia's, deren Politik auf demſelben ruhte, läſtig zu werden. Mit Rußland ſtand Kaunitz ſeit längerer Zeit ſchon in Verhandlungen, welche er durch Beſtuchef an die See⸗ mächte verrathen glaubte. Er erwartete darüber von Tag zu Tag Naochricht von der Fürſtin Woronzow. Mit Sonnenuntergang kam Crebillon. Der Graf zog ſich mit ihm in das Schloß zurück, ließ ſich von dem greiſen Dichter vorleſen, plauderte mit ihm über die Literatur und ſpielte wohl auch manchmal Triktrak, was Crebillon beſon⸗ ders Freude machte. Der alte Mann ſchlief dann im Schloſſe und kehrte am Morgen in dem Wagen des Grafen nach Paris zurück, um ſeine Arbeiten in der königlichen Bibliothek wieder aufzunehmen. An einem kalten Abende war Crebillon etwas früher gekommen und ſofort von. Kaunitz, der ſich ſchon in ſein Zimmer zurückgezogen hatte, zu einer Partie eingeladen worden. Aber er ſchüttelte nur den Kopf, rieb ſich vergnügt die Hände und wartete, bis der Graf ſeine Befehle ertheilt hatte Als ſie allein waren, zog er raſch einen Brief aus der Bruſttaſche und drückte ihn dem Grafen in die Hände. Dann tanzte èr wie toll durch das Zimmer, und rief 120 immer:„Das iſt Etwas! das iſt Etwas!“ und ſang und lachte und hüpfte wieder auf einem Fuße.„Crebillon, der alte Crebillon, iſt doch noch was nütze. Crebillon kann auch dankbar ſein La! la! la!“ Der Graf hatte indeß den Brief entfaltet und geleſen. Sein Geſicht verrieth nichts von dem Eindrucke, den das Schreiben auf ihn machte. Es war von Voltaire, die Adreſſe an Frau von Deffant. Voltaire theilte ſeiner Freundin Einzelheiten ſeiner Reiſe, ſeines Aufenthaltes in Potsdam mit, zuletzt erwähnte er der Grüße, welche ihm die Marquiſe von Pompadour an den König von Preußen mitgegeben habe. Der Mar⸗ quiſe hatte er geſchrieben, daß Friedrich der Große dieſelben artig erwiedere, der Freundin geſtand er, daß der König ſich über Frau von Pompadour luſtig mache.»Preußen ſei kein Land für Schäferinnen und Seladons.« Daß er ſein Windſpiel Pompadour nenne und nie daran gedacht habe, der Geliebten Ludwig XV. ein verbindliches Wort zu ſagen. Nur die größte Verlegenheit habe Voltaire ge⸗ zwungen, der Marquiſe gegenüber zu einer Lüge ſeine Zu⸗ flucht zu nehmen. Als Kaunitz zu Ende geleſen hatte, ſtreckte er Ftebillon die Hand hin. „Ich danke Ihnen!“ ſagte er beinahe kalt, aber der alte Mann ſprang wieder voll Vergnügen im Zimmer herum und jubelte in abgeriſſenen Verſen, unzuſammen⸗ hängenden Melodien, machte den Finger naß und ſchrieb an die Scheiben:„Crebillon kann dankbar ſein!“ „Sie haben mir ein Papier übergeben, deſſen Wichtig⸗ keit für mich Sie nur ahnen können!“ ſagte Kaunitz. 121 „Ol ich ahne! ich ahne!“ „Sie glauben nicht,“ fuhr der Graf fort,„welch' wich⸗ tiges Rädchen Sie damit in meine diplomatiſche Maſchine eingefügt haben.“ „Ol ich glaube! ich glaube!“ nickte Crebillon. „Ich muß es behalten um jeden Preis,“ ſprach Kau⸗ nitz.„Dieſes Papier, dieſer Brief iſt mir von einem Werthe, den man in Zahlen gar nicht ausdrücken kann; wie ge⸗ langten Sie zu dem Beſitze dieſes Briefes, wie können Sie es rechtfertigen, daß er in meinen Händen bleibt?“ „La! la! la!“ ſang Crebillon,„man iſt auch Diplo⸗ mat. Das iſt Alles ganz einfach. Ich verſichere Sie, Graf, ganz einfach. Die Deffant iſt eine Dame nach der Mode, das wiſſen Sie. Ich bin in der Mode, folglich bin ich der beſte Freund der Deffant, Voltaire iſt aus der Mode, aus Paris, aus der Welt, die Deffant zuckt über Voltaire nur noch die Achſeln, vorläufig wenigſtens. Es iſt Mode, Satyren auf Frau von Pompadour zu ſchreiben, zu leſen, zu verbreiten. Iſt dieſer Brief Voltaire's nicht die boshafteſte Satyre auf die Marquiſe? Wer könnte ihn beſſer verbreiten, als der Mann nach der Mode, Crebillon, Proſper Crebillon, der Dichter des Catilina?“ Crebillon lachte.„Man iſt Diplo⸗ mat! Ha! man iſt es, la! la! la! la!“ „Wie lange kann ich den Brief behalten?“ fragte Kau⸗ nitz vorſichtig. „So lange, bis die Marquiſe von Pompadvur ihn ge⸗ leſen hat.“ Kaunitz ſah den greiſen Poeten an, aber erwiederte kein Wort.„Wollen wir zu unſerem Triktrak?“ ſagte er 122 „O nicht Triktrak,“ rief Crebillon.„Triktrak iſt mein Spiel, ich ſpiele es gerne, ſehr gerne, leidenſchaftlich, aber Ihr Spiel iſt Piquet, warum ſollen Sie denn immer mein Spiel ſpielen? Wenn ich das annehme, wäre ich rückſichts⸗ los, unartig, und ich bin nicht rückſichtslos und bemühe mich auch, nicht unartig zu ſein. Alſo Piquet.“ „Aber, lieber Crebillon, Sie kennen es ja nicht.“ „Habe es nicht gekannt, wollen Sie ſagen, habe es nicht gekannt. Aber ich habe es gelernt, was gelernt? ſtu⸗ diert, im Kaffeehauſe, auf der Bibliothek, ſo im Gehen, ich werde Ihnen meinen Mann ſtellen.“ „Sie überhäufen mich ja heute mit Aufmerkſamkeiten,“ erwiederte der Graf lächelnd. „Muß ich das nicht!“ rief Crebillon, indem er den kleinen Spieltiſch holte,„ich bin alt, und wenn ich bald ſterbe, ſo müßte ich es am Ende ohne Ihnen nur Etwas von Ihrer Güte, von Ihrer—“ Thränen traten in ſeine Augen. „Aber Crebillon!“ rief der Graf. „Ja! Ja! ich könnte ſterben, ohne Ihre Aufmerkſam⸗ keiten erwiedert zu haben. Da muß ich mich beeilen, und was thue ich endlich, es iſt nicht der Rede werth. Aber Sie — Sie—“ Crebillon ſchob ſich den Seſſel zurecht, legte das Spiel Karten auf den Tiſch und miſchte. Kaunitz ſah dem Alten lächelnd zu, wie geſchickt er Alles machte, wie er Karten gab, warf, nahm, anſagte, ſpielte, ganz wie ein alter Spieler. Crebillon hatte ein gutes Blatt, und gewann. Jetzt gab Kaunitz. Crebillon kaufte ſehr glücklich und gewann 123 wieder.„Ich habe Unglück,“ ſagte Kaunitz ruhig und notirte das Spiel. „Nein! Sie ſpielen ſchlecht!“ ſagte eine volle ſchöne Stimme hinter ihm. Kaunitz wandte ſich überraſcht um, auch Crebillon erhob ſich verlegen— eine ſchwarz gekleidete Dame ſtand hinter der Lehne des Grafen. Sie ließ den dominvähnlichen Seiden⸗ mantel auseinanderfallen und nahm die Sammtlarve herab. Es war die Fürſtin Woronzow. Sie geſtattete Kaunitz nicht, ſich zu erheben, ſondern ſetzte ſich ihm gegenüber. Der Graf wechſelte mit Crebillon einen Blick, worauf ſich dieſer leiſe entfernte. „Wie kommen Sie hieher?“ fragte der Graf verlegen. „Sie vergeſſen, daß es für mich keine Mauern gibt, kein Schloß, keine Riegel, der Boden verſchlingt meine Schritte.“ „Diesmal war es der dicke Teppich,“ entgegnete Kau⸗ nitz lachend,„aber wie kommen Sie in das Schloß?“ „Fragen Sie nur nicht viel, lieber Graf, ich bin allmächtig, das wiſſen Sie. Ich bringe Ihnen wichtige Nachrichten,“ ſagte die Fürſtin. „Sie ſind ein Engel!“ „Nein! aber Etwas, was Ihnen lieber ſein Ich bin die Geſandte der Czaarin.“ Sie übergab Kaunitz ihre Vollmacht.„Ich komme heute wirklich, nicht um mir den Hof machen zu laſſen, ſondern um mit Ihnen zu unter⸗ handeln.“ Kaunitz ergriff ihre Hand. Sie ſchlug ihn mit der andern leicht über die Fin ger. „Laſſen Sie das. Bleiben wir bei der Sache.“ 124 „Das iſt eben die Sache,“ erwiederte der Graf, ſtrei⸗ chelte die kleine Hand und küßte der Reihe nach die roſigen Fingerſpitzen. Die Fürſtin zog ſie zurück.„Bleiben wir bei unſerm Bündniß.“ „Das meine ich eben,“ rief Kaunitz, ſtreifte den langen Handſchuh der Fürſtin herab und drückte die Lippen auf ihren Arm. „Bei dem Bündniſſezwiſchen Oeſterreich und Rußland.“ „Zwiſchen Heſterreich und Rußland,“ entgegnete Kau⸗ nitz,„zwiſchen mir und Ihnen, es iſt meine Leidenſchaft, Bündniſſe zu ſchließen.“ „Und wieder zu löſen.“ „Gewiß nicht. Bündniſſe, welche auf natürlichen In⸗ tereſſen, gegenſeitigen Vortheilen beruhen, welche von den Verhältniſſen dictirt werden.“ „Sie reden doch von dem Bündniſſe zwiſchen Oeſterreich und Rußland?“ unterbrach ihn die Ruſſin. „Natürlich ſpreche ich davon,“ entgegnete Kaunitz, „aber es gibt auch andere Bündniſſe—“ „Bleiben wir vorläufig bei dem Bündniſſe zwiſchen Oeſterreich und Rußland. Mein Gott, was iſt das?“ Die Fürſtin ſprang auf und nahm die Sammtlarve vor das Geſicht. Verſtört trat der Secretair des Grafen in das Zimmer. „Die Marquiſe,“ ſtotterte er. „Welche Marquiſe?“ rief die Woronzow, ihre Augen ſprühten. „Die Marquiſe von Pompadour. Sie folgt mir auf dem Fuße.“ 125 Die Fürſtin hob die Hand wie drohend, Kaunitz ergriff ſie lebhaft und drückte ſie wiederholt an ſeine Lippen, an ſein Herz. Die Fürſtin eilte dem Ausgang zu, auf der Schwelle hielt ſie. Sie winkte Kaunitz, in dieſem Augen⸗ blick trat durch die andere Thüre eine verſchleierte Dame in das Zimmer. Einen Augenblick nur ſahen ſich die beiden Frauen— in dem nächſten hatte die Tapete die Ruſſin aufgenommen. Auch Binder war verſchwunden. Die Dame machte erſt einige Schritte gegen die Tapete, dann blickte ſie zurück und ſchlug den Schleier empor. Die Marquiſe von Pompa⸗ dour ſtand vor Kaunitz. „Wer war dieſe Frau?“ ſagte ſie heftig. „Das iſt ein Geheimniß.“ Die Marquiſe lachte auf. Ihr Lachen klang unheim⸗ lich, zerriſſen.„Ja! Ja!“ ſprach ſie,„ein Geheimniß!“ „Ein Geheimniß meiner Politik.“ „Nicht Ihres Herzens?“ ſprach Frau von Pompa⸗ dour kalt. „Die Geheimniſſe meines Herzens,“ erwiederte Kau⸗ nitz,„ſchlingen ſich wie blühende Guirlanden um Frau von Pompadour.“ „Wie galant!“ lachte die Marquiſe,„wie abſcheulich galant. Fahren Sie nur ſo fort. Aber wie, Kaunitz, wenn die Dame, welche Sie verließ, hinter jener Tapete ſteht, wenn ſie heute Abend Ihre Untreue mit wörtlicher Treue in ihr Tagebuch ſchreibt?“ Kaunitz blickte nach der Tapete. Es zuckte um ſein Herz, aber er ſchritt entſchloſſen auf Frau von Pompadour zu und beugte das Knie vor ihr. 126 „O! Sie ſind wirklich ein Held!“ rief die Marquiſe, „Da haben Sie meine Hand!“ Sie ſtreckte ſie ihm mit voller, heiterer Liebenswürdigkeit entgegen. Kaunitz preßte ihre Hand an ſein Herz. „Schöne und geniale Frau!“ rief er,„die ich mehr anbete als alle Heiligen der römiſchen, griechiſchen und armeniſchen Kirche. Deren Stimme wie Geſang von Nach⸗ tigallen, deren Auge wie Blumen eines Zaubergartens—“ „Bin ich in Bicétre?“ unterbrach ihm die Marquiſe lachend.„Wirklich Ihr Kopf iſt heiß,“— ſie hatte die kalte weiße Hand auf ſeine Stirne gelegt,—„Sie ſind krank, Kaunitz,“ ſie fragte zärtlich und ſtreichelte ihn.„Ihre Wunde brennt, nicht wahr?“ „Sie brennt, ſie ſchmerzt,“ erwiederte Kaunitz,„und doch iſt dieſe Qual wie Genuß. Aber Sie ſind herzlos, Sie laſſen ſie nicht heilen, in die Wunde, die Sie mir ge⸗ geben, ſtoßen Sie immer wieder den kalten Stahl— bis ich zu Ihren Füßen ſterbe.“ „Sehr gut! ſehr gut!“ lachte Frau von Pompadvur, „ſehr gut deklamirt. So was hört man nur im Théatre frangais. Aber genug davon. Sie lieben mich und ich erlaube Ihnen, mich zu lieben. Was iſt da noch ein Wort darüber zu verlieren. Sprechen wir von etwas Wichtigerem.“ Sie ſchritt zu dem Seſſel, welchen kurz vorher die Fürſtin Woronzow verlaſſen hatte, ſetzte ſich und ſpielte mit den Karten, welche den kleinen Tiſch bedeckten. „Kaunitz,“ ſagte ſie leiſe,„ſetzen Sie ſich zu mir, nahe, ganz nahe.“ Er gehorchte. „Ich habe Ihnen ſehr viel zu ſagen.“ Sie ſah ihn an. „Ich bin auf das Aeußerſte geſpannt.“ Sie ſah ihn noch einmal an, dann begann ſie eine Patience zu legen und ſagte ruhig, gleichgültig:„Der König von Preußen bedroht Sie mit einem neuen Kriege.“ „Ich weiß es.“ „Auch daß er Böhmen und Mähren ſehmen will?“ „Auch das. Auch daß ſie Savoien und die Nieder⸗ lande—“ „Nein! nein!“ rief die Marquiſe beinahe heftig. Kaunitz ſchüttelte den Kopf. „In dieſem Augenblicke ſteht Friedrich der Große mit ſeinen Planen noch ganz allein.“ „Er wird nicht allein bleiben, Frankreich wird ſich mit ihm verbünden,“ erwiederte Kaunitz. „Nein!“ ſagte Frau von Pompadour,„ich will keinen Krieg— ich will nicht erobern, ich will behaupten, was mein iſt. Der Krieg gegen Oeſterreich wäre ein Krieg gegen mich, Kaunitz, ich kenne meine Lage, ich kenne den König, ich kenne Richelieu.“ Die Marquiſe ſchwieg und ſenkte den Blick in die Karten. Dann fuhr ſie mit der Hand durch das Spiel und warf es zuſammen. „Kaunitz,“ ſagte ſie,„der König betet, wiſſen Sie, was das heißt? Der König langweilt ſich. Alles ſteht auf dem Spiele, meine Macht, meine Herrſchaft, mein Leben!“ „Unterhalte ich ihn nicht?“ fragte der Graf. „Heute noch,“ entgegnete Frau von Pompadour, „morgen vielleicht nicht mehr.“ „So nützen Sie den heutigen Tag, Marquiſe.“ „Wie?“ Kaunitz erhob ſich und ging durch das Zimmer mit 128 großen Schritten, die Augen erhoben. Die Marquiſe folgte ſeinen Bewegungen mit einem Blicke, welcher die größte Spannung verrieth. Endlich nahm der Graf ſeinen Sitz wieder ein, lächelte und ordnete die Falten an dem weiten Gewande der Marquiſe. Frau von Pompadour ſah ihn fragend an. „Ich lebe in Paris wie Hanns im Glücke,“ ſagte Kaunitz.„Im Kaffeehauſe unter den Dichtern, auf der Promenade mit den Damen, in Verſailles Arm in Arm mit Ludwig XV. und zu Ihren Füßen— da zerrinnen Pakte und Traktate, Kriegserklärungen und Friedensſchlüſſe wie leichte Sommerwolken im Dufte über mir. Ich ver⸗ geſſe, daß Maria Thereſia mich nicht an die ſchönen Augen der Marquiſe von Pompadour geſandt hat.“ „Sie dichten,“ ſcherzte ſie. „Ol ich vergeſſe wieder,“ rief Kaunitz,„Ihre Herr⸗ ſchaft, Ihre Macht, Ihr Leben iſt bedroht, der König lang⸗ weilt ſich, eine Intrigue Richelieu's kann Sie ſtürzen.— Ich gebe Ihnen eine Intrigue, welche Richelieu ſtürzt, welche den König für immer in Ihre Feſſeln ſchlägt und wobei ich doch meiner Pflicht als Geſandte meiner Herr⸗ ſcherin ein wenig nachkomme, um dann ganz nur der Sklave der ſchönſten Frau zu ſein.“ „Schnell die Intrigue.“ „Ein Bündniß mit Heſterreich!“ ſagte Kaunitz harmlos. „Gegen Preußen? Gegen Friedrich den Großen?“ rief die Marquiſe wie erſchreckt. „Gegen die Langeweile des Königs, gegen Richelieu,“ entgegnete Kaunitz unbefangen. Die Marquiſe erhob die gefalteten Hände wie flehend. „Ich ſage Ihnen ja, Kaunitz, daß der Krieg mich ſtürzt, daß ich keine größere Gefahr kenne als den Krieg, daß ich vom Kriege nichts hören will.“ Kaunitz verlor ſeine Ruhe keinen Augenblick.„Sie ſcherzen, Marquiſe,“ ſagte er heiter,„Sie fürchten den Krieg nicht, Sie fürchten nur, daß der König in's Feld zieht.“ Die Marquiſe nickte. „Wir verſtehen uns beſſer, als Sie vielleicht glauben,“ fuhr der Graf fort,„Ludwig XV. wird in das Feld ziehen gegen uns, nie gegen Friedrich— den größten General unſerer Zeit.— Nur ein Bündniß mit Preußen, ein Krieg gegen Heſterreich wird Sie ſier Marquiſe, das Bündniß mit Maria Thereſia wird Ihre Stellung nur befeſtigen, und wer ſagt Ihnen, daß wir überhaupt den Krieg wollen? Heſterreich ſteht nicht allein, ich will offen gegen Sie ſein, Sachſen, Polen, Rußland ſind unſere Verbündeten. Wenn Frankreich der Coalition beitritt, dann erreichen wir, was Sie eben ſo aus ganzer Seele wünſchen wie ich,— den Frieden.“ „Glauben Sie das nicht,“ ſprach die Marquiſe,„der König von Preußen giebt ſeinen Plan nicht auf. Das Bündniß führt zum Kriege— „Es ſei,“ entgegnete Kaunitz,„es führt zum Kriege.“ „Dieſer Krieg iſt unmöglich, er widerſtrebt dem fran⸗ zöſiſchen Volke.“ Kaunitz lachte.„Seit wann erinnern Sie ſich des Volkes?“ „Friedrich iſt ein großer Mann, ein ndenſhe. ein Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. II. 130 General, deſſen Name der Geſchichte angehört; ich läugne es nicht, daß ich ihn mit vollſter Sympathie betrachte.“ „Freilich!“ ſagte Kaunitz,„Sie haben alle Urſache dazu. Wie freundlich erwiedert er z. B. Ihre Grüße. Zei⸗ gen Sie mir doch den Brief Voltaire's.— Sie haben ihn nicht bei ſich? wie iſt das möglich, Sie tragen ihn nicht immer fort an Ihrem Herzen? Wie ſchreibt doch Voltaire gleich von Mars, der die Grüße der Venus erwiedere und die allerliebſten Verſe!“ Die Marquiſe wurde roth. „Sie erröthen, daß Sie dieſen Brief ſo ſchnöde behan⸗ deln. Ach! Brief iſt Brief! da haben Sie einen anderen, er iſt auch von Voltaire, er handelt auch von den Grüßen des Königs von Preußen, des großen Mannes, des Herr⸗ ſchers, des Generals, deſſen Name neben Cäſar und Alexander in der Weltgeſchichte ſtehen wird, den Sie mit voller Sympathie betrachten, da iſt er—“ Kaunitz zog Voltaire's Brief an Frau von Deffant hervor und gab ihn lachend Frau von Pompadour. Dieſe ſah hoch erſtaunt auf Kaunitz, dann auf den Brief.. Der Graf nickte ihr zu, ihn zu leſen. Die Marquiſe entfaltete ihn raſch und las. „Was iſt das?“ rief ſie zornig, zerknitterte den Brief, während ſie ihn zu Ende las, ſprang dann auf, ſchlug die geballten Fäuſte zuſammen und blickte zur Decke empor. Kaunitz betrachtete ſie eine Weile mit großer Befrie⸗ digung.„Marquiſe,“ ſagte er endlich ſanft,„Sie haben in Frankreich eine Stellung, um welche man Sie mit Un⸗ recht beneidet, der König ſcheint Ihr Sklave, aber eigentlich 131 ſind Sie nicht viel mehr als Serzerade, die von Nacht zu Nacht durch ein neues Märchen ihr Daſein behauptet!“ „So iſt es!“ „Aber Sie allein ſind Schuld daran. Sie haben Ihre ganze Macht nur auf die Liebe gegründet, auf Vergnü⸗ gungen, Genuß! Wenn Sie den König langweilen, ſind Sie verloren. Gründen Sie Ihre Macht auf die Politik. Wer will Sie ſtürzen?“ Die Marquiſe ſtützte den Kopf in die Hand. „Fahren Sie nur fort.“ „Ihre Politik kann nur auf Oeſterreich gerichtet ſein. Der König von Preußen braucht Sie nicht. Er hat Frank⸗ reichs Heere für ſich kämpfen geſehen,— während er über Sie lachte, Madame!“ „Oh!“ Die Marquiſe preßte die Lippen zuſammen. „Wird er Sie halten? Nein. Unſere Lage iſt eine andere. Wenn das Bündniß mit uns Ihre Politik iſt, dann müſſen die Mächte, welche mit Frankreich alliirt ſind, Alles aufbieten, damit Sie die Stellung am Hofe von Verſailles behaupten, welche Sie jetzt einnehmen. Die Mächte müſſen jede Nebenbuhlerin ferne halten, denn eine neue Geliebte iſt bei Ludwig XV.— eine neue Politik.“ Die Marquiſe betrachtete den Grafen ſchweigend. Es flog wie Unmuth über ſeine Stirne. Sie beeilte ſich, die Hand beſchwichtigend auf ſeinen Arm zu legen.„Ich habe mich für klug gehalten,“ ſagte ſie,„für politiſch. Gegen Sie aber bin ich wie ein Kind... Ein Bündniß mit Heſterreich! Ja! das iſt die Politik, das iſt eine Intrigue, welche Ludwig XV. für immer an mich feſſelt.“ 9* 132 „Der König ſpielt gerne den Diplomaten, die Vor⸗ ſehung Frankreichs, er hat ſeine Agenten an allen Höfen, Agenten, die ihm allein Bericht erſtatten. Wie nun, wenn er ein Bündniß ſchließen kann ohne ſeine Miniſter, er allein— ein Bündniß, das alle Verhältniſſe des Welttheils verändert, ein Bündniß, mit dem er alle Monarchen, Diplomaten, Miniſter, Journaliſten, Publiciſten und Wirthshauspolitiker bei der Naſe führt?“ „Ja! das iſt eine Intrigue, die ihn reizen kann,“ antwortete Frau von Pompadour. „Hat er das Bündniß geſchloſſen,“ fuhr Kaunitz fort, „dann entſtehen Verhandlungen, das langweilt den König, er überläßt ſie Frau von Pompadour, dann entſteht vielleicht ein Krieg. Das langweilt den König, er überläßt das Commando dem Herzog von Richelieu. So ein Krieg, mein Gott! kann Jahre dauern, auf dieſe Weiſe bleibt dem Könige die Intrigue, der Marquiſe von Pompadour das Scepter und Richelieu— der Lorbeer.“ Frau von Pompadour klatſchte in die Hände. „Ich der erſte Miniſter, und Richelien der erſte Ge⸗ neral des Königs. Dieſe Idee iſt koſtbar. Ja! ſo iſt die europäiſche Politik an meine Perſon geknüpft, ſo regiere ich Frankreich, Europa!“ Sie erhob ſich und ordnete ihre Toilette.„Kaunitz, ich bin entſchloſſen.“ Kaunitz ergriff ihre Hand, welche ſie ihm ſtumm reichte. So ſtanden ſie ſchweigend.„Ich muß fort,“ ſagte die Marquiſe plötzlich,„bringen Sie mir den Entwurf eines Bündniſſes zwiſchen Frankreich und Heſterreich. Es ſoll auch ein Bündniß zwiſchen uns werden, Kaunitz, ich hoffe es, ein feſtes, inniges Bündniß, Kaunitz!“ „Und ein ewiges,“ erwiederte er, indem er zärtlich ihren bloßen Nacken küßte. Frau von Pompadour zog überraſcht ihren Mantel empor und hüllte ſich in den Schleier.„Und die Dame?“ fragte ſie. „Welche Dame?“ Die Marquiſe drohte mit dem Finger. „Eine Verbündete.“ „Ohl ich errathe,“ ſprach die Marquiſe, indem ſie einen Schritt zurücktrat,„die Fürſtin Woronzow. Sie machen ihr den Hof.“ Kaunitz legte die Hand auf das Herz. „Deklamiren Sie nicht, ich beſchwöre Sie, es iſt ſpät und ich will ſchlafen gehen. Ich verſtehe Sie jetzt ganz, ich glaube es wenigſtens. Sie lieben an der Fürſtin, was Sie an mir lieben“— ſie lachte,—„ihren Einfluß— läugnen Sie nicht,— ich gebe Ihnen ja Recht. Unter⸗ halten wir uns, Kaunitz, aber lieben wir uns nicht. Es iſt langweilig und dann— ich liebe nicht, ich bin frei— bleiben Sie auch frei, Kaunitz, es giebt keine Liebe!“ Die ſchöne Frau nahm ihn um den Hals und küßte ihn.„Leben Sie wohl, Kaunitz! und glauben Sie mir, es giebt keine Liebe—“——— Damit war ſie fort.— Kaunitz blickte wohl noch nach der Thüre, aber ſie kam nicht zurück. Er ging im Selbſtgeſpräche auf und ab. „Sie iſt pikant,“ ſagte er ſich,„ſehr pikant, höchſt pikant. O! dieſe Pompadout beginnt mich auch zu intereſ⸗ ſiren, es iſt furchtbar! aber wen liebe ich denn jetzt eigentlich? Die Marquiſe oder die Fürſtin? Mein Herz ſoll ſprechen.“ 134 Sein Herz ſchwieg. „Der Fall iſt ſchwierig.“ Er ſetzte ſich und ſtützte den Kopf in die Hände. Jetzt ſtand er auf. „Hl ich werde zu Werke gehen wie ein Philoſoph, ich werde Knöpfe ziehen.“ Damit zog er ſein Tuch aus der Taſche und knüpfte ein Ende. „Der Knopf, das iſt die Ruſſin. So—“ Er nahm die Enden zuſammen, wickelte ſie durch⸗ einander und zog feierlich mit abgekehrtem Geſichte. „Die Pompadour!“ rief er. Es war ein Ende ohne Knopf. „Ah! ich will lieber noch einmal ziehen!“ Wieder war es ein Ende ohne Knopf, welches in ſeinen Händen blieb. „Wieder die Pompadour!“ Kaunitz machte ein paar Schritte und blieb dann ſtehen. Er hielt den Knopf in der Hand und betrachtete ihn. „Dieſe Ruſſin, wie ſchön ſie iſt, dieſer hohe Geiſt, und dieſe vollen duftigen Lippen. Warum hab' ich Dich nicht gezogen? Du haſt es mir angethan. Soll ich noch einmal lopſen?“ Wieder ſah er den Knopf an. „Ach! Du biſt es, die ich liebe.— Es iſt heraus! Ich, Kaunitz, der den Frieden zu Aachen geſchloſſen hat, Kaunitz, der am Wege iſt, Oeſterreich zu reformiren und die Karte von Europa zu verändern— ich bin der Sklave eines Weibes!“ Der nächſte Tag war prächtig warm und duftig. Kau⸗ nitz hatte ſeine Schlinge entfernt, ſchob jedoch die Hand vorſichtig in die Bruſt. Nachdem Quesnay ihn verlaſſen hatte, ſaß er auf der Moosbank hinter dem Schloſſe und dictirte dem Seeretair eine Depeſche an Maria Thereſia. Gegen Mittag kam Amadeus, der Straßenſtaub lag wie dicker grauer Nebel auf ihm, er ſelbſt triefte vor Schweiß. Wie er Kaunitz erblickte, blieb er erſt eine Weile ſtehen und lachte ſich ſo nach Herzensluſt aus, dann kam er näher, machte ſeine tiefe Reverenz und zog den Hut ab. „Iſt das eine Hitze,“ ſagte er, indem er auf Binder blickte, nahm ſein blutrothes Taſchentuch und wiſchte ſich Stirne und Wangen.„Sehr heiß! ſehr heiß!“ fuhr er fort, ſetzte den Hut wieder auf, riß einen dicht belaubten Zweig vom nächſten Kaſtanienbaum und ſuchte damit ſeine Kleider abzuſtauben.„Bald fertig! bald fertig!“ ſagte er end⸗ lich und blickte dem Secretair über die Schulter in das Schriftſtück. „Nun, was haſt Du?“ fragte Kaunitz. „Nichts! nichts! Euer Gnaden, es iſt nur ſo heiß.“ „Sprich nur,“ ſagte der Graf,„was haſt Du zu melden?“ Amadeus blickte auf den Secretair und fächelte ſich mit dem Kaſtanienzweige.„Darf der zuhören?“ Binder lachte. Kaunitz winkte dem Schleſier ungeduldiger, als es dieſer von ihm gewohnt war. 136 „Nun! nun! man darf wohl fragen. In der Diplo⸗ manie gibt es ſo ſeine Winkelzüge, und jeder hat da ſeine eigenen Mucken. Aber wenn ich einmal reden ſoll, ſo hören Sie auch, Euer Gnaden, und ſchauen nicht immer in das große Papier da.“ Amadeus nahm mit dieſen Worten ruhig die Depeſche dem Grafen aus der Hand, legte ſie ſäuberlich zuſammen und auf den Tiſch.„Sie können ſchon ſchreiben,“ ſprach er zu Binder, als dieſer bei ſeiner Arbeit anhielt und auf ihn ſah. „Alſo,“ ſagte Kaunitz heiter,„was gibt es?“ „Was kann es geben, wenn ich ſo in der Hitze heraus⸗ laufe, daß mir die Sonne nur gleich ſo auf den Kopf brennt. Der Richelieu war heute bei uns. Sie ſind außer ſich. Er und die preußiſche Excellenz, weil der König— nicht unſer König, ſondern der hieſige—“ er zeigte mit dem um⸗ gedrehten Daumen hinter ſich nach Paris zu,„weil er Euer Gnaden beſuchen wird.“ „Der König!?“ rief Kaunitz. „Wer ſonſt! Heute noch, und das ganz Incognito. Er haltet es ganz geheim, vor der Madame Pompadour, vor dem Richelieu, vor dem ganzen Hofe, aber heraus kommt er, das iſt gewiß, ganz allein kommt er. Der Richelieu hat es erfahren und da haben ſie die Köpfe zuſammengeſteckt, er und mein Herr.“ „Das iſt wichtig, ſehr wichtig,“ ſprach Kaunitz. Dachte einen Augenblick nach und fragte dann Amadeus, ob er Zeit habe, für ihn einen Ritt zu machen. „Zeit! wo werde ich nicht Zeit haben, für Euer Gna⸗ den, Zeit! heiß iſt es zwar, ſehr heiß, aber Zeit! mein Gott Zeit! ſoll ich den Schimmel ſatteln laſſen?“ „Warte nur.“ Kaunitz nahm Amadeus bei der Hand, breitete ſie flach aus und zählte ihm zehn Goldſtücke darauf. „Aber Euer Gnaden—“ „Das vorläufig. Du haſt mir einen großen Dienſt geleiſtet. Jetzt laß den Schimmel ſatteln meinetwegen und hole dann einen Brief hier ab.“ Amadeus gehorchte. Kaunitz zog die Hand aus der Bruſt, und bewegte ſie. „Sie thut wohl noch etwas weh, aber es muß ſein.“ Er nahm Papier, Feder und ſchrieb mühſam einige Zeilen, faltete ſie, ließ den Seeretair ſiegeln und ſchrieb die Adreſſe an Frau von Pompadour. Amadeus meldete, daß er bereit ſei.„Reite ſo ſchnell Du kannſt,“ ſagte der Graß,„aber in der Stadt mußt Du an einem vertrauten Orte abſteigen, man ſoll Dich nicht auf einem meiner Pferde ſehen. Dieſen Brief beſorge ſo ſchnell als Du kannſt an die Adreſſe.“ „Sie weiß, von wem er iſt, die Madame?“ fragte der Schleſier vorſichtig. „Natürlich. Niemand anders darf es jedoch ahnen, verſtehſt Du, Amadeus?“ „Ich verſtehe.“ „Nun reite in Gottesnamen.“ „Kommen Sie, Binder,“ ſagte der Graf, als der Schleſier fort war,„ich will Ihnen einige Aufträge geben. Auch der Dienerſchaft habe ich Befehle zu ertheilen. Der König beſucht mich— das iſt gut. Die Marquiſe kommt. Ich habe einen Plan, er iſt etwas ſeltſam, phantaſtiſch, aber eben deshalb wird er gelingen.“ Sie bogen in das Schloß. „Sehen Sie den Amadeus,“ ſagte Kaunitz, indem er 138 auf die Straße wies,„wie der dahinjagt. Wenn er nur nicht den Hals bricht.— Sie haben mir vor einiger Zeit einen Plan vorgelegt, einen reizenden Plan für die Einrichtung unſers Bauernhauſes hinter dem Wäldchen. Haben Sie ihn bei der Hand?“ „Er iſt in meinem Portefeuille.“ „Suchen Sie ihn ſofort, Binder.“ Der Secretair hatte ihn ſogleich gefunden und brachte ihn dienſtfertig in das Cabinet des Grafen. „Wie viel Zeit brauchen Sie, Binder, um das nied⸗ liche Ding einzurichten, ich meine, wenn Maler, Bildner, Zimmerleute und die andern Arbeiter zur Stelle ſind?“ Der Secretair dachte nach, rechnete an den Fingern, berechnete wieder, endlich ſagte er ziemlich ſchüchtern:„Vier Wochen.“ „Ah! ich kann Ihnen nicht vier Stunden dazu geben!“ rief Kaunitz. „Vier Stunden!“ wiederholte Binder ſtarr. „Nicht vier Stunden. Vor Sonnenuntergang müſſen Sie fertig ſein. Einige Details will ich Ihnen erlaſſen, manche der Kleinigkeiten, welche vielleicht die meiſte Zeit und Arbeit in Anſpruch nehmen, aber im Großen müſſen Sie heute fertig werden in wenig Stunden; laſſen Sie Maler, Arbeiter kommen, verwandeln Sie mir die nackte Natur der Hütte in die reizendſte Idylle, eilen Sie, thun Sie, was Sie wollen, pflaſtern Sie den Leuten ihren Weg von Paris hieher mit Goldſtücken, machen Sie Luftſprünge, aber bis Sonnenuntergang müſſen Sie fertig ſein. Kein Wort, lieber Binder, nachher! nachher! was Sie wollen, aber jetzt kein Wort mehr, es hält Sie ja nur auf.“ 139 „Es iſt nicht möglich,“ ſagte Binder verzweifelt. „Sie irren, Sie irren, es iſt Alles möglich, was man will,“ entgegnete Kaunitz. „Es iſt nicht möglich,“ wiederholte der Secretair. „Sie wollen alſo nicht?“ ſagte Kaunitz ſtreng. Binder nahm ſich mit beiden Händen beim Kopf und rannte davon.„Es iſt nicht möglich!“ rief er. Es war Mittag, als er dies ſagte. Vier Stunden ſpäter meldete er dem Grafen, daß die Idylle fertig ſei. Die Sonne neigte ſich dem Untergange, als Kaunitz am Fuße des Hügels, auf welchem ſein Jagdſchloß lag, den König von Frankreich empfing. Ludwig XV. ſprang leicht und gefällig vom Pferde, ſtreichelte es, klopfte ihm den Hals und übergab es dem Reitknechte des Grafen. Der König war allein gekommen, nicht einmal ein Diener durfte ihn begleiten. Er blickte zuerſt um ſich, in die Landſchaft, auf das Schloß, dann nahm er Kaunitz' Arm.„Nun? wie geht es?“ fragte er liebenswürdig, fuhr jedoch fort, ohne die Er⸗ klärung des Grafen abzuwarten. „Sie müſſen mir das Duell erzählen, Kaunitz, alle Details, auch Geſtändniſſe müſſen Sie mir ablegen, wo Sie nach Mitternacht waren, ehe Quesnay Sie in Ihrem Palaſte fand, gewiß ein kleines Abenteuer, nun das iſt ja das Beſte, was man thun kann, alle Details, alle, Graf, man ſtirbt in dem Paris vor Neugierde und Langeweile. Ach! Sie Glücklicher, Sie langweilen ſich nicht, aber ich, Sie haben mich ganz verlaſſen, erſt ſind Sie eine wahre Ewig⸗ keit krank, dann müſſen Sie mit dieſem Taugenichts von Richelieu Ihre Klinge kreuzen. Ach! es war wirklich unartig von Ihnen, ſehr unartig, daß Sie ſich haben verwunden laſſen. Da haben Sie mich jetzt, ich halte es in Verſailles nicht mehr aus. Ich will wiſſen, wie Sie ſich befinden, und dann meine Langeweile los werden.“ Kaunitz neigte lächelnd ſein Haupt.„Sire,“ ſagte er, „Ihr Beſuch überraſcht mich beinahe unangenehm.“ „Unangenehm?“ „Gewiß, Sire! In Verſailles erſcheine ich, ich möchte ſagen im geiſtigen Staatskleide, geſchmückt mit ſo viel Witz Laune, Scherz, Frohſinn, Erfindung und Phantaſie, als ich nur aufbringen kann, hier überraſchen Sie mich gleichſam in Hemdärmeln. Ich bin nicht vorbereitet, ich weiß nicht, was ich anfangen ſoll, um Sie nicht ſo oft gähnen zu ſehen, als die Minute Secunden hat.“ „Sie irren, mein lieber Graf,“ ſagte der König,„Ihr Anblick ſchon unterhaltet mich, und dann das Land, ich liebe das Land, glauben Sie ja nicht, daß ich es mit den Augen eines verwöhnten Städters, eines Monarchen anſehe. Wenn ich Dichter wäre, würde ich nichts ſchreiben als Idyllen! Gibt es etwas Rührenderes, als im Abendſonnenſchein eine Heerde! Die geſättigten Kühe liegen im fetten Gras der Wieſe, die Kälbchen hüpfen um ſie herum, die Glöckchen tönen, und die ſchönſte Hirtin mit dem kürzeſten Röckchen und den kleinſten Füßchen windet ſich einen Kranz aus Kornblumen.“ Der König warf mit zwei Fingern und halb⸗ geſchloſſenen Augen einen Kuß in die Luft.„O! Duft, welche Muſik!“ Der König deutete mit der Hand auf das Schloß und ſeine Umgebung. 4 „Das Alles gefällt mir nicht; von Ihnen hätte ich etwas Anders erwartet. Wir haben ja darüber geſprochen.“ „Ich erinnere mich, Sire,“ entgegnete Kaunitz. „Ich habe Geſchmack darin, aber das gefällt mir nicht. Sie gehen auf das Land und nehmen ſo ein Stückchen Stadt mit zum Taſchengebrauch. Ich hätte das mehr idylliſch gemacht.“ „Verzeihen Sie, Sire, da hinter dem Wäldchen liegt eine Hütte, die zur Noth eine Idylle vorſtellen kann.“ „Alſo vorwärts, geradeaus in die Idylle, aber wie iſt es mit dem Duell, erfahre ich nichts?“ und wieder ehe Kau⸗ nitz antworten konnte:„Sehen Sie, ich wußte es, bei Ihnen werde ich meine Langeweile los. Die Hütte, die Sie da haben, wollen wir zuſammen einrichten, ich komme jetzt täglich heraus, das wollen wir reizend machen, eine kleine Heerde, ſtattliche glänzende Kühe, auch Lämmchen— weiße Lämmchen, was meinen Sie, Kaunitz, und dann“— der König wurde immer lebhafter—„dann eine Hirtin! eine Hirtin! gegen die unſere Marquiſen und Salondamen eine Heerde Gänſe ſein ſollen— an Anmuth? Ol ich komme täglich heraus.“ Sie traten aus dem Wäldchen. „Aber, was iſt denn das!“ der König fiel Kaunitz ent⸗ zückt um den Hals,„das iſt ja ganz meine Idee, ſo habe ich Ihnen meine Idylle gemalt! und was iſt meine Phan⸗ taſie gegen dieſe Wirklichkeit. Ol! das iſt Natur! das iſt Poeſie!“ Kaunitz lächelte. Vor dem Könige lag eine ſammetgrüne Wieſe, von einem kleinen Bache durchſchnitten, welcher über bunte Kieſel 142 murmelte und hüpfte. Ein kleiner ſandbeſtreuter Pfad führte zu einer Hütte, deren Wände reizende Schnitzwerke waren, während das Dach aus dem feinſten weißen Stroh beſtand. Prächtige Baumgruppen bildeten ihren Hinter⸗ grund, nur eine einzige große Linde war auf dem niedlichen Hügel neben der Hütte ſtehen geblieben. Eine von Künſt⸗ lerhand geſchnittene Bank lief um den dicken Stamm der⸗ ſelben. Das Ganze war eine Phantaſielandſchaft eines Ma⸗ lers, eine Idylle der Rococozeit. Ludwig blickte lange entzückt hinüber.„Kommen Sie, kommen Sie!“ rief er dann,„wir müſſen das Alles in der Nähe ſehen.“ Der König pflückte Blumen und ſteckte ſie in ſein Knopfloch, kniete bei dem Bache nieder und ließ die Wellen über ſeine Hand ſpringen. Jetzt wollte er in die Hütte treten, aber er fand ſie verſchloſſen. „Die Hirtin iſt mit ihrer Heerde auf der Wieſe.“ „Eine Hirtin!“ rief Ludwig XV., während er um die Hütte ging und vergebens einen Eingang ſuchte,„eine Hirtin! gewiß eine reizende Hirtin?“ „Sie werden ſelbſt entſcheiden können, Sire, ich höre die Abendglocke im Dorfe.“ „Man wird dann wohl auch etwas Milch haben können, und Butter und ein ſchwarzes Brod, o, was für Leckerbiſſen! Aber ſetzen wir uns.“ Der König ſtieg raſch den Hügel hinauf und nahm unter der Linde Platz. Kaunitz folgte ihm. „Dieſer Duft!“ rief der König,„dieſer Duft, bemerken Sie doch nur dieſen Duft, und dieſe Melodie des Waldes! 143 O! wie das die Seele weit macht, ſehnſüchtig, ſchwellend— wie die Liebe.“ „Sie finden, Sire, daß die Natur und die Liebe in ihren Wirkungen ähnlich ſind?“ „Ich finde es. Beide regen auf, machen unruhig, unſtät, und doch iſt man nur durch ſie glücklich! glücklich in der Natur! glücklich durch die Liebe! Sind Sie verliebt? ant⸗ worten Sie nicht, Sie ſind es, wir kennen die Geſchichte vom Duell, Sie ſind verliebt, deshalb ſind Sie glücklich, deshalb langweilen Sie ſich nicht.“ Kaunitz verſuchte zu ſprechen, aber der König ließ ihn nicht zu Worte kommen. „Ich glaube, daß uns, die wir verurtheilt ſind, der Natur zu entſagen, unſer Leben in Gräbern, die wir unſere Paläſte nennen, zuzubringen, daß uns eigentlich nur die Frauen glücklich machen können.“ „Da möchte ich doch widerſprechen, Sire—“ „Widerſprechen Sie nicht!“ rief der König,„wozu widerſprechen, mich überzeugen Sie nicht. Ich möchte immer verliebt ſein.“ „Sind Sie es denn nicht, Sire?“ „Sie meinen die Marquiſe,“ ſagte Ludwig XV. etwas kleinlaut,„nun ja, ich liebe ſie, wenn Sie wollen, aber es iſt nicht mehr das, was ich meine, jene glückliche Unruhe, jenes fieberhafte Glück, jenes Träumen, und Zittern. Ich liebe die Frauen, aber man hält es doch nicht immer mit einer aus. Die Marquiſe bleibt doch ewig die Marquiſe!“ „Verzeihen Sie, Sire, aber da muß ich widerſprechen.“ „Widerſprechen! Sie müſſen immer widerſprechen, Kaunitz!“ rief der König. „Sie erlauben mir ja gar nicht, Sire—“ „Nicht? haben Sie nicht früher widerſprochen?“ „Verzeihen Sie, ich habe überhaupt nicht geſprochen.“ „So! Sie werden mir am Ende noch den Vorwurf machen, daß ich Sie nicht zu Worte kommen laſſe. Gut, ſprechen Sie alſo.“ „Was Sie bei den Frauen ſuchen, Sire,“ ſagte Kaunitz, „iſt neben der Liebe, dem Vergnügen, die Originalität, das Individuelle. Wir ſind mehr oder minder von der Bildung mit einem und demſelben Lack übertüncht, es ermüdet, immer dieſelbe einförmige Farbe zu ſehen, die Frauen haben tau⸗ ſend wechſelnde Farben wie die Natur.“ „Sehr gut.“ „Müſſen Sie aber dieſe Farben wirklich an verſchie⸗ denen, immer neuen Frauen aufſuchen? Können Sie nicht in einer Frau vereinigt ſein, kann Ihnen dieſe eine Frau nicht immer neu erſcheinen?“ „Ausgezeichnet! ausgezeichnet!“ unterbrach der König, „und eine ſolche Frau iſt Frau von Pompadour, wollen Sie ſagen.“ Kaunitz nickte, denn der König ließ ihn nicht ſprechen. „Sehen Sie, das iſt richtig. Wäre die Marquiſe nicht dieſe geniale, originelle Frau, glauben Sie, daß ich ſie ſo lange ausgehalten hätte? Sie iſt am Morgen eine Putz⸗ macherin mit den verliebteſten Augen, den zärtlichſten Händen, am Abende eine griechiſche Göttin aus Marmor, heute Porzellanfabrikantin, morgen Jägerin, übermorgen Schauſpielerin. Jetzt verſchönert ſie Paris und im Hand⸗ umkehren ſich ſelbſt. Ich ſpeiſe mit der reizendſten Ungarin zu Nacht, und wenn ich ihr in das Boudoir folge, liegt eine 145 Indianerin in meinen Armen. Sie verändert ſich unauf⸗ hörlich, ſie beſchäftigt meine Phantaſie vom Morgen bis zu dem Abende, ſie iſt immer neu, aber— ſie iſt mir nicht mehr — neu!“ „Ich verſtehe Sie nicht, Sire, ich könnte die Marquiſe anbeten.“ „Thun Sie das, Kaunitz,“ ſagte Ludwig,„thun Sie das!“ „Eine Frau bleibt immer neu, die gewöhnlichſte lernt man nie aus, und welch' eine Frau iſt Frau von Pom⸗ padour!“ „Sie haben wieder Recht,“ erwiederte der König,„man lernt eine Frau nie aus, ich habe die Marquiſe auch nicht ausgelernt, aber das iſt es eben, man verliert endlich die Luſt— weiter zu lernen!“ Kaunitz lachte.„Nehmen Sie ſich in Acht, Sire, Sie werden geſtraft werden. Wenn Sie eines Tages entdecken, daß Sie ein ſchlechter Schüler waren und von vorne an⸗ fangen müſſen bei der Marquiſe?“ Der König ſeufzte.„Das i alles Kunſt, Kunſt! ich lechze nach Natur! wo bleibt nur Ihre Hirtin?“ Kaunitz erhob ſich und blickte über die Hütte in den Hain, welcher die Decoration derſelben bildete. „Da iſt ſie!“ rief er,„hören Sie die Glöckchen?“ Der König ſtand vergnügt auf und klatſchte in die Hände.„Iſt ſie ſchön?“ fragte er. „Reizend,“ antwortete Kaunitz,„und— neu, ganz neu.“ „Schelm!“ rief der Konig und ſchlug ihn lächelnd mit dem Handſchuh auf die Wange.„Kommen Sie!“ munter Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. II. 10 146 ſprang Ludwig den Hügel herab. Kaunitz folgte ihm, wie immer, langſam und bedächtig. Jetzt ertönten die Glöckchen ganz nahe und ſchon kam die ſtattliche Leitkuh, milchweiß mit melodiſcher ſilberner Glocke an rothſeidenem Bande, um die Ecke, nach ihr die kleine Heerde idealer Kühe und Kälber, alle glänzend, die Lämmer wie mit ſilberner Wolle bedeckt. Ihnen folgte im zierlichen idylliſchen Schritt die Hirtin. Der König eilte ihr entgegen, blieb aber, von ihrer Schönheit betroffen, ſtehen. Sie war eine hohe ſchlanke Geſtalt im kurzen weißen Röckchen, das roſaſeidene Achſelbänder hielten. Das weiße Hemd quoll aus dem Roſamieder wie Schnee um die volle Bruſt und die tadellos gebildeten Arme. Ihr kleiner, weißer Atlashut ruhte leicht auf dem reichen braunen Haare, bunte Bänder fielen, mit den langen Flechten vermiſcht, über die Schultern herab. Ihre Hand hielt einen vergoldeten Hirtenſtab, ihre bloßen Füße leuchteten wie weißes Feuer auf dem grünen Sammet der Wieſe. Sie war vom Kopf bis zum Fuße die Hirtin des Schäferſpiels, der Idylle, das Naturkind Rouſſeau's. „Sagen Sie ihr nicht, wer ich bin,“ ſprach Ludwig leiſe zu dem Grafen. Dann trat er graziös auf ſie zu. „Du haſt uns lange warten laſſen, Kind,“ ſagte Kaunitz. „Sie werden das ſchöne Kind doch nicht ſchelten wol⸗ len?“ rief Ludwig aus und nahm die Hirtin freundlich beim Kinn. Das ſchöne Kind wendete ſich verſchämt ab, alles mit der Grazie des Schäferſpiels. Um ſo mehr war der König entzückt. „Willſt Du uns Milch und Butter geben?“ fragte der Graf. „Aber was fällt Ihnen ein, Graf,“ ſprach der König, „es iſt ja gar nicht möglich, daß dieſe kleinen Hände uns bedienen!“ Die Hirtin ſuchte ihr Geſicht dem Könige zu verbergen, welcher ſich eifrig bemühte, in ihre ſchönen Augen zu ſehen. „Und ſchwarzes Brod,“ ſetzte Kaunitz hinzu. „Gehen Sie mir mit Ihrem ſchwarzen Brod,“ ſagte Ludwig,„verlangen Sie Nektar, Ambroſia, Blumenduft, Honig—, aber Butter, Milch, ſchwarzes Brod!?“ „Wir wollen alſo ſelbſt—“ Die Hirtin entſchlüpfte in demſelben Augenblicke dem Könige und floh, von ihm verfolgt, in die Hütte. Auf der Schwelle wendete ſich Ludwig zu Kaunit um:„Was wollen Sie da mit Ihrem verwundeten Arm, wir müſſen einen Tiſch holen, ſetzen Sie ſich nur oben auf die Bank.“ „Sie befehlen, Sire!“ ſagte Kaunitz und gehorchte mit einem Lächeln auf den Lippen. Ludwig trat in die Hütte. Einen Augenblick nur feſſelte ihn die Flur mit den reizendſten kleinen Wand⸗ gemälden und Liebesgöttern geſchmückt. Durch die halb⸗ geöffnete Thüre winkte ihm das bunte glänzende Gewand der frommen Hirtin. Wie er den Fuß über die Schwelle ſetzte, ſtieß er einen Ruf der Ueberraſchung aus. „Das Boudoir einer Nymphe!“ rief er,„und die reizendſte der Nymphen!“ damit ſchlang er den Arm um die feine Taille der Hirtin. Sie aber ſagte raſch mit einer Stimme, die ihn ſeltſam 148 wunderbar berührte.„Was wollen Sie, Sire, wir ſind nicht in Verſailles!“ Ludwig trat überraſcht zurück. Die Hirtin lachte. „Nehmen Sie den Tiſch.“ Sie wies hin und der König gehorchte, ohne ein Wort zu erwiedern, ihrem Winke. „So,“fuhr ſie fort— bei einem allerliebſten Schrank be⸗ ſchäftigt—„da wäre Milch—“ ſie goß ſie aus einem großen Topfe von weißem Porzellan in eine Kanne, deren Leib aus einem blühenden Buſch, deren Henkel aus einem Faun beſtand, der ſich nach dem Schlafe dehnend zurückbog. Dann legte ſie phantaſtiſch geformte Butter auf einen Teller, der aus Weinlaub geflochten ſchien, und nahm einen kleinen Laib Brod unter den Arm.„Butter, Brod wäre auch da. Jetzt vorwärts.“ Leicht und gewandt hüpfte ſie aus der Hütte, der König folgte, ſo raſch er konnte, mit dem Tiſche. „Rühren Sie ſich nicht!“ rief er Kaunitz zu, welcher ihm entgegen wollte, ſtellte den Tiſch vor der Bank auf und half der reizenden Hirtin denſelben decken. „Sie kennt mich!“ ſagte er leiſe zu Kaunitz. „Möglich!“ erwiederte dieſer lächelnd. „Sie kennt mich beſſer, als Sie glauben,“ flüſterte Ludwig. „Auch möglich,“ ſprach der Graf. „Nun, ſchöne Hirtin! leiſte uns Geſellſchaft,“ ſagte der König fröhlich und zog die Widerſtrebende zu ſich auf die Bank nieder. Sie kehrte ſich ab, aber Ludwig XV. t ihr ſanft den Kopf herum. „Da habe ich ſie,“ lachte er; ſie aber ſchloß die Augen. Der König winkte Kaunitz vergnügt und küßte ſie raſch auf die Stirne. Sie ſah erſchrocken auf mit den ſchönſten Augen, die Ludwig je geſehen und ſchlug ihn mit der Hand raſch nach einander auf beide Wangen. Der König duckte nur etwas unter den Tiſch, fing ſie wieder und küßte ſie herzhaft auf die Lippen. Die Schäferin ſchrie auf und floh den Hügel hinab. Ihre Heerde hatte ſich auf der Wieſe gelagert. Sie ergriff ein Lämmchen, ſetzte ſich damit in das Gras, und küßte es. Der König rückte ganz nahe zu Kaunitz und ſagte leiſe: „Die kleine Kokette! aber welche Natur in jedem Worte, jeder Bewegung! Sehen Sie nur hin, wie ſie mit dem ſchneeweißen Schäfchen ſpielt und dabei immer herüber blinzelt, und— aber ſehen Sie das Kind einmal aufmerkſam an— welche Aehnlichkeit! welche auffallende Aehnlichkeit. Sie müſſen es doch auf den erſten Blick finden, ſehen Sie nur hin.“ Kaunitz betrachtete die Schäferin mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit und ſagte dann trocken:„Ich finde keine Aehnlich⸗ keit, Sire.“ „Keine Aehnlichkeit, mein Gott! keine Aehnlichkeit, iſt ſie nicht ganz, aber ganz die Marguiſe?“ „Die Marquiſe?“ ſagte Kaunitz erſtaunt. „Natürlich verjüngt, ohne Puder im Haare, ſchlanker, ungezwungen, lebhaft, kindlich in ihren Bewegungen,“ fuhr Ludwig fort,„aber doch die Marquiſe, ſehen Sie nur die Augen.“ Dabei ſprach der König der Milch tüchtig zu und ſtrich große Stücke Brod mit Butter an, um ſie mit der 150 unglaublichſten Schnelligkeit zu verſchlingen.„Ich fühle etwas wie natürliches Wohlwollen für das Kind,“ ſagte er, während ſeine Backen unermüdlich kauten,„Wohlwollen, Neigung, Liebe, laſſen Sie mich doch einen Augenblick allein mit der ländlichen Schönen, wir muthen ihrer Verſchämt⸗ heit zu viel zu. Ja! ganz die Marquiſe,“ ſprach er wieder in ihr Anſchauen verſunken,„nur lieblicher, o! um wie vieles lieblicher, reizender! Sie iſt in ihrer Unſchuld ge⸗ fährlicher als eine Frau, welche ihre Eroberungen mit dem Genie eines Cäſar zu machen weiß. Laſſen Sie mich.“ Kaunitz blieb auf der Bank, während Ludwig ſich wie⸗ der der Hirtin näherte. Sie erhob ſich, und trieb ihre kleine Heerde der Hütte zu. „Willſt Du fort, liebes Mädchen?“ rief der König. „Muß an die Arbeit!“ ſagte ſie kurz. „Du! Arbeit?“ „Ja Arbeit!“ dann hob ſie den Hirtenſtab und jagte die Lämmer zuſammen. Die Leitkuh betrat die Hütte, die andern Thiere folgten. Gegenüber dem Boudoir der Nymphe befand ſich ein idealer Stall, von Parfüm erfüllt. Mit einem Boden, einer Streu, welche nie ein Huf berührt hatte, die Thiere ſtutzten bei dieſem Anblick und zeigten ſich mit den Veränderungen, welche der Secretair ſeit ihrem Auszuge auf die Weide vorgenommen hatte, nicht einverſtanden. Sie ſträubten ſich, aber der König half und die gutmüthigen Thiere nahmen endlich halb gezwungen ihre Plätze ein. „Was nun, mein Kind?“ fragte Ludwig. Die Schäferin ergriff einen Kübel und ſagte kurz: „Melken!“ „Ah! Du melken!“ „Warum nicht?“ Sie ſetzte ſich auf den Schemel, und begann, ſo gut oder ſo ſchlecht ſie es konnte, mit den feinen Händen zu melken. Der König ſah ihr erſt eine Weile zu, dann nahm er ſie um den Leib und zog ſie an ſich. „Laß mich,“ ſagte er zärtlich,„laß mich.“ „Sie wollen melken?“ Der König nahm ihr den Kübel.„Allerdings will ich melken,“ ſagte er.„Deine lieben kleinen Hände,“ ſprach er, indem er ſie ſtreichelte,„ſind zu etwas Anderm beſtimmt.“ „Wozu denn allenfalls?“ ſagte die Schäferin mit ſchel⸗ miſchem Lächeln und ſtemmte zierlich die Arme ein. „Zum Küſſen allenfalls!“ Ludwig ergriff ſie und führte ſie an ſeine Lippen. „Wozu noch allenfalls?“ fragte ſie. „Allenfalls um meine Wange zu ſtreicheln.“ „Wis „So!“ Ludwig führte ihre Hand.„HO! wie das wohl thut!“ „Und wozu noch allenfalls?“ ſagte ſie munter, und ſah kokett den verliebten König an,„allenfalls um die Kuh zu melken, welche Frankreich heißt?“ Der König blickte beinahe erſchreckt auf die Hirtin. „Du denkſt, mein ſchönes Kind?“ ſprach er. „O! ich denke gar nicht daran,“ rief die Hirtin und lachte,„aber wie ungeſchickt!“ Damit riß ſie dem Könige den Kübel fort, daß die friſchgemolkene Milch über ihn ſpritzte. Ludwig erhob ſich „ 152 in der luſtigſten Verlegenheit.„Schnell zum Bache!“ rief ſie und zog ihn hinaus. Hand in Hand liefen ſie über die Wieſe. Am Waſſer kniete ſie nieder, und wuſch ſein Kleid. Kaunitz war weithin nicht zu entdecken. Die Sonne ſank, es dämmerte. Die Hirtin ſang ein Lied, die Waldvögel antworteten mit einzelnen Tönen. Der König ſetzte ſich auf einen Stein, der am Ufer des Baches lag und verſank in Gedanken. Die Stimme der Hirtin berührte ihn ſeltſam, wie die Erinne⸗ rung an ein vergangenes Glück. Sie klang ſo bekannt, ſo anmuthig entzückend. Die Schäferin ſang muthwillig weiter, von Zeit zu Zeit bückte ſie ſich, um eine Blume zu pflücken. „Gieb Sie mir!“ bat Ludwig. „Wem ſonſt?“ antwortete ſie kokett, ſetzte ſich zu ihm und band einen Kranz. „Sind Sie verliebt?“ fragte ſie gleichgültig. „Verliebt?“ „Ja, verliebt!“ „In wen allenfalls?“ fragte Ludwig ſentimental, beugte ſich zu ihr zurück und ſchaute zärtlich in ihre ſchönen Augen. „Nun, in mich.“ Der König lehnte ſich an ihr Knie.„Und Du?“— „Ich?“ ſagte die Schäferin mit anmuthigſter Leicht⸗ fertigkeit,„ich möchte die Marquiſe von Pompadour ſein.“ „Wirklich!“ Ludwig richtete ſich halb auf, zog ihr Haupt an ſeine Bruſt und küßte ſie leidenſchaftlich auf die Lippen. 153 „Aber die Marquiſe!“ rief die Schäferin,„gefällt Sie Ihnen noch?“ Sie fragte ſcharf und eiferſüchtig. „Die Marquiſe,“ entgegnete der König,„ich liebe ſie.“ „Hhle „Aber Dich liebe ich noch mehr!“ Die Schäferin ſprang auf und verſuchte ihm zu ent⸗ fliehen. „Höre mich nur,“ flehte Ludwig, den Arm um ſie ge⸗ ſchlungen,„Du biſt ja die Marquiſe!“ „Ich?“ „Nur biſt Du— weit— weit—“ „Was?“ fragte die Schäferin lächelnd. „Weit hübſcher,“ rief der König,„und weit— weit jünger.“ Die Schäferin lachte, ſprang über den Bach, ſetzte ſich in das Gras, lachte und lachte.„Aber, mein Gott!“ rief ſie, „erkennen Sie mich denn wirklich nicht?“ Der König ſtand ſtarr, blickte hinüber auf die Schäferin und ſtrich mit der Hand über die Stirne. Sie lachte noch immer, mit einem Satze war ſie über den Bach, umſchlang den König mit beiden Armen und küßte ihn mit voller Leidenſchaft. „Jeanette!“ rief der König,„jetzt habe ich Sie er⸗ kannt, ſo küßt nur eine Frau in Frankreich— die Mar⸗ quiſe von Pompadour!“ Wenige Tage, nachdem die Hirtin des Grafen Kaunitz den König von Frankreich wieder zu ihrem Sklaven gemacht hatte, führte Richelieu Herrn von Knyphauſen 166 Ver⸗ ſailles. Im Wagen gab er ihm noch eingehende Winke über ſein Verhalten. „Sie werden dem Könige ſchmeicheln,“ ſagte er,„und es gibt Nichts, womit man ihm nicht ſchmeicheln könnte. Wenn Sie ſich von Ihrem Staunen über die Pracht von Verſailles etwas erholt haben, gerathen Sie außer ſich über die Toilette des Königs, und erringen Ihre Faſſung nur, um ſich über ſein Geſpräch zu entzücken. Können Sie mit Anſtand eine Partie Piquet verlieren?“ Knyphauſen nickte. „Gut, Sie gewinnen den K gönig Die Marquiſe wird Alles aufbieten, Sie lächerlich zu machen. Sie ſehen aber nicht, was ſie thut, und hören nicht, was ſie ſpricht, denn Sie kennen ſie ja nicht.“ „Wie fange ich das an?“ fragte der Preuße. „Sie ſetzen ihr eine unerſchütterliche Kaltblütigkeit entgegen. Für Sie gibt es keine Pompadour, nur eine Luftſäule, einen leeren Raum, den Andere ſo nennen.“ „Vortrefflich,“ meinte Knyphauſen,„aber denken Sie, Herzog, in was für furchtbare Situationen ich ge⸗ rathen kann!“ „Was für Situationen?“ „Herzog, wenn ſie—“ — 55 „Sie,“ unterbrach ihn Richelieu,„es giebt keine ſie.“ „Die Luftſäule meine ich, wenn ſie nieſt.“ „Nieſt,“ rief der Herzog lachend. „Wenn ſie nieſt,“ fuhr Knyphauſen fort,„und ich ver⸗ geſſe mich und ſage: zur Geneſung, denken Sie, Herzog, zur Geneſung. Ich ſage es nicht, gewiß nicht, aber nehmen wir an, ich ſage es. Wir ſind verloren. Oder die Marquiſe—“ „Welche Marquiſe?“ fragte Richelieu. „Der leere Raum alſo— gähnt— und ich,“— Knyphauſen überfiel ſchon bei Gedanken ein mächtiges Gähnen,—„ich gähne mit— „Sie gähnen alſo nicht?“ „Aber Sie ſehen ja, daß ich ſchon bei dem Gedanken gähne.“ Richelieu lachte. „Herzog, wir ſind gerettet, ich halte mein Tuch vor und mein Gähnen verwandelt ſich in Rührung.“ In Verſailles führte Richelieu den Geſandten in den kleinen Empfangsſaal des Königs. Lichter und Kronleuchter erfüllten denſelben mit blen⸗ dendem Lichte. Die Mitte nahm ein runder Spieltiſch ein. Sieben Seſſel waren um denſelben geſtellt, zwei Spiele großer Karten aufgelegt. „Es iſt ein Wagmß,“ erklärte der Herzog,„ich führe Sie in den engſten Kreis von Verſailles ein.“ „Ich wage Alles,“ erwiederte der preußiſche Geſandte. „Die Marquiſe,“ rief Richelieu, und zog ihn in ein Fenſter. Frau von Pompadour erſchien in prächtigem Haus⸗ kleide, gefolgt von dem Miniſter Machault, dem Grafen 156 Kaunitz, Frangois Quesnay dem Leibarzte des Königs und dem Abbé Bernis, welche im Vorſaale ihre Ankunft er⸗ wartet hatten. „Der preußiſche Geſandte,“ flüſterte Kaunitz der Mar⸗ quiſe zu. Frau von Pompadour ſah Knyphauſen durch das Augenglas an, dann ſetzte ſie ſich unbefangen an den Tiſch und miſchte die Karten. Kaunitz ſtützte ſich auf die Lehne ihres Seſſels. „Das iſt eine neue Intrigue Richelieu's,“ ſagte ſie ihm leiſe,„das iſt eine Kriegserklärung.“ Eine Handbewegung der Marquiſe lud die Anweſenden zum Sitzen ein, während der Abbé aus ihrer Chatouille Gold vor ſie ſchüttete. Die Karten flogen— das Hazardſpiel war eröffnet. Jetzt wurden die Thüren feierlich aufgethan, und der König trat langſam herein, ein Buch in den Händen. Zwei Diener begleiteten ihn, der eine trug die Geldcaſſette. Alle erhoben ſich. „Welches neue Werk beglücken Ihre Hände, Sire?“ fragte Frau von Pompadour. „In dieſer Zeit des Unglaubens,“ ſprach Ludwig XV., „des Atheismus, ſollte ich es nicht wagen, es laut zu ſagen, aber ich bin der König von Frankreich. Dieſes Buch iſt ein Gebetbuch und ich habe mich mit meinem Schöpfer unterhalten.“ „Aber doch unterhalten,“ ſagte Richelieu leiſe zu dem preußiſchen Geſandten. „Sie ſind ein Freigeiſt, Kaunitz?“ fragte der König mit der Miene eines Inquiſitors. „Sire,“ entgegnete der Graf,„ich halte die Religion für eine ſehr gute Gewohnheit.“ Der König winkte. Man nahm Platz und ſetzte das Spiel fort. Ludwig ſah Kaunitz in die Karten.„Ihr Blatt ver⸗ führt,“ ſagte er. „Spielen Sie auf daſſelbe?“ Der König trat mit einer ablehnenden Bewegung zurück.„Nein, nein,“ er ſah wieder eine Weile zu, dann ſprach er ernſthaft:„Glauben Sie, daß Gebet und gute Werke aus der Hölle erlöſen?“ „Gewiß,“ antwortete der Graf. Das Spiel hatte indeß den König immer mehr ange⸗ zogen. Vorgebeugt, verfolgte er mit ſeinen Blicken die Karten, die Goldſtücke. Er küßte das Gebetbuch und gab es einem Diener, während er dem andern winkte, welcher die Caſſette trug. Kaunitz bemerkte es.„Wollen Sie Almoſen?—“ „Sehen Sie doch Ihr Blatt, Kaunitz, Ihr Blatt,“ fiel der König ein,„ich will auf dieſes Blatt ſpielen,“ damit griff er raſch in die Caſſette und legte Gold zu der Karte des Grafen. kniff ihn in die Wange. „Ah! mein kleiner Richelien!“ rief er,„werden wir uns unterhalten?“ „Sire, eine kleine Intrigue,“ erwiederte der Herzog. „Gewiß gegen die Marquiſe?“ „Sire, es gelingt mir nie, Sie zu überraſchen! Ich habe den preußiſchen Geſandten mitgebracht.“ Der König wendete ſich raſch um und erblickte ihn. Knyphauſen verneigte ſich tief. „Dieſes Mal,“ ſagte Ludwig betroffen,„diesmal haben Sie mich ſehr überraſcht. Die Marquiſe wird böſe werden, aber da— da er einmal da iſt— der Gedanke iſt wirklich gut— recht gut— ſehr gut.“— Er lachte, nahm Knyphauſen unter den Arm und führte ihn zu dem Spiel⸗ tiſche. Frau von Pompadour entſchlüpfte aber in demſelben Augenblicke der gefährlichen Situation. „Sire! Wir ſpielen das neue engliſche Spiel, das uns Lord Albemarle gelehrt hat,“ ſprach ſie. „Gut, gut,“ erwiederte Ludwig und lud Knyphauſen mit einer Bewegung der Hand ein, ſich ihm gegenüber zu ſetzen. Richelieu legte lächelnd die Hand auf den letzten Seſſel der Partie, aber Frau von Pompadour wechſelte raſch mit Kaunitz einen Blick und der Graf nahm ihren Sitz ein. „So!“ rief ſie lächelnd,„Sie ſpielen die Partie mit dem Strohmann!“ „Ich ein Strohmann!“ ſtotterte Knyphauſen verlegen. Die Uebrigen lachten. Damit begann die Partie. Das Spiel langweilte jedoch den König bald. Er nahm den Arm des Grafen Kaunitz und ging mit ihm auf und ab. „Ich danke meinem Schöpfer,“ ſagte er,„wenn ich wieder bei Ihnen bin. Alle Menſchen langweilen mich. Mein Hof— langweilt mich, meine Miniſter— lang⸗ weilen mich—“ „Und die Marquiſe?“— „Die Marquiſe— langweilt mich.“ „Aber Richelieu?“ fragte der Graf unſchuldig. Ludwig ſah hinüber nach dem Herzog, führte Kaunitz bis an die Thüre und ſprach dann ganz leiſe:„langweilt mich—, nur Sie unterhalten mich. Sie haben gewiß eine kleine Ueberraſchung für mich, ich ſterbe vor Neu⸗ gierde.“ „Dieſesmal iſt es nicht der Mühe werth,“ entgegnete der Graf,„eine Jagd—“ „Eine Jagd?“ unterbrach Ludwig lebhaft,„eine Jagd! Sie wiſſen, wie ich die Jagd liebe.“ „Eine Jägd,“ ſetzte Kaunitz auseinander,„bei der auch die Damen erſcheinen.“ „Allerliebſt,“ ſagte der König,„ich ſehe ſie in Jagd⸗ toilette, das Hütchen mit wallenden Federn, die Jacke zeigt die feine Taille und das kurze Röckchen, die Füßchen! Kaunitz, die Füßchen— Oh!“ „Immer eine Dame und ein Cavalier auf einem Stand — das Loos führt die Paare zuſammen.“ „Sehr gut,“ ſprach Ludwig XV.,„und was jagen wir?“ „Papageien!“ „Papageien!“ rief Ludwig aus, indem er den Grafen umarmte.„Papageien, aber— woher?“ „Ich habe zweihundert Stück aus Afrika verſchrieben, ſie ſind heute angekommen,“ entgegnete Kaunitz. „Zweihundert Papageien,“ wiederholte der König,„und ich habe mit Heſterreich Krieg geführt! Marquiſe! Richelieu! Zweihundert Papageien! Wir jagen morgen im Parke von Verſailles. Zweihundert Papageien!— Aber das iſt morgen, dann iſt Alles vorbei, und ich— langweile mich wieder.“ „Dann, Sire, ein Maskenball.“ „Das iſt dageweſen.“ „Ein Carrouſſel,“ fuhr Kaunitz fort. „Wettrennen! dageweſen.“ „In Holland, Sire, laſſen ſie die Katzen Wette laufen.“ „Katzen,“ wiederholte Ludwig,„das wäre etwas, und dann?“ „Dann vielleicht“— Kaunitz ſah Richelien ſich mit dem preußiſchen Geſandten nähern.„Wenn wir allein ſind, Sire,“ fügte er raſch hinzu. „Treten Sie zurück,“ rief der König würdevoll,„der kaiſerliche Geſandte hat dem Könige von Frankreich eine wichtige Eröffnung zu machen.“ Richelieu entfärbte ſich etwas—„Sire,“ ſagte er verlegen.— „Staatsgeheimniß!“ ſprach der König, und Alle traten zurück. „Nun?“ fragte Ludwig ungeduldig. Der Graf zögerte.„Dann vielleicht, ich wage es kaum.“ „Wenn es nur unterhält,“ drängte der König. „Eine kühne Spekulation.“ „Eine Spekulation?“ fragte Ludwig immer mehr ge⸗ ſpannt. „Auf Staatspapiere!“ ſprach der Graf. „Sie finden Vergnügen daran!“ rief Ludwig über⸗ raſcht. 161 „Vergnügen?“ entgegnete Kaunitz,„Genuß, Leiden⸗ ſchaft, das Leben!“ „Sie ſpielen alſo auf der Börſe?“ „Er ahnt nicht, daß ich auch—,“ dachte der König, und ein feines Lächeln ſpielte auf ſeinen Lippen. „Ich ſpiele auf der Börſe, Sire,“ ſagte Kaunitz. „Wiſſen Sie, was das iſt? Was iſt das Spiel am grünen Tiſche gegen das Spiel auf der Börſe? Was iſt Hazard gegen die Agiotage? Was reizt uns bei dem Spiele? Der Zufall, die Combination.— Da haben Sie Alles: Zufall, Combination, Gewalt und Genie. Das Spiel auf der Börſe iſt kein Zweikampf; es iſt eine Schlacht und Sieg heißt nicht, dem Gegner nach langem Kampfe die Klinge in den Leib bohren. Sic heißt: Die Wahlſtatt decken Tau⸗ ſende von Feinden.“ „Sie begeiſtern mich!“ rief der König,„alſo eine Spekulation, aber wie wollen Sie dieſelbe einleiten, im tiefſten Frieden?“ „Nichts leichter. Wir ſprengen ein Gerücht aus, an dem kein wahres Wort iſt, das aber Alles für ſich hat, die Papiere fallen, wir kaufen. Dann widerrufen wir, die Papiere ſteigen—“ „Und wir verkaufen,“ fiel Ludwig ein,„ausgezeichnet aber ein Gerücht, was für ein Gerücht?“ Kaunitz ſchien nachzudenken.„Wir verbreiten, daß jede Ausſicht verſchwunden iſt, das Deſicit zu decken.“ „Das iſt bei uns nichts Neues,“ ſagte der König,„Sie finden gewiß etwas Beſſeres.“ „Sire, was meinen Sie zu einem Handelsvertrage mit England, der die franzöſiſche Induſtrie ruinirt?“ Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. II. 11 162 „Macht mehr Wirkung, mehr,“ meinte Ludwig.„Aber Sie, Sie finden noch etwas Beſſeres, Kaunitz, ſo einen Schreckſchuß.“ „Ich habe ihn.“ „Ich ſterbe vor Neugierde,“ flüſterte der König. „Ein Gerücht, das alle Börſen Europa's alarmiren wird, das Gerücht von einem Bündniſſe zwiſchen Frankreich und Oeſterreich!“ „Genial,“ ſprach der König,„aber wer glaubt daran?“ „Alle Welt, Sire!“ „Wie?“ „Ueberlaſſen Sie das mir.“ Der König ſchüttelte den Kopf.„Nehmen wir an,“ ſagte er,„Sie ſitzen im literariſchen Kaffeehauſe, man ſpricht davon, man lacht, was wollen Sie ſagen?“ „Ich werde ſo ſprechen, Sire: Wem hat der letzte Krieg Vortheile gebracht?“ „Vortheile? Frankreich bei Gott ſo wenig als Oeſter⸗ reich,“ antwortete der König. „Doch Heſterreich,“ fuhr Kaunitz fort,„wollte ſich behaupten und es gelang ihm. Frankreich wollte erobern und es eroberte nicht ſo viel Erde, um ſine todten Soldaten begraben zu können.“ „Vortrefflich,“ fiel der König ein.„Sie überzeugen.“ „Nahe an drei Jahrhunderte iſt die Geſchichte dieſes Welttheils die Geſchichte eines Kampfes zwiſchen Heſterreich und Frankreich. Worin beſtehen ihre Eroberungen? nach drei Jahrhunderten?“ Kaunitz ſprach mit immer größerem Feuer und riß den leicht erregbaren König hin. 163 „Unſere Eroberungen?“ rief dieſer,„in Schulden.“ „Während die Rieſen Frankreich und Heſterreich in fruchtloſem Streite gegenſeitig ihre Kräfte banden, nahmen die Zwerge, was zu nehmen war, im dreißigjährigen Kriege Schweden wie jetzt Preußen und Sardinien.“ „Sie regen mich auf!“ rief der König. „Heſterreich und Frankreich,“ ſchloß Kaunitz,„ſind nur entzweit, damit Andere gewinnen, vereinigt beherrſchen ſie Europa— und ſo iſt das Gerücht von einem Bündniß zwiſchen Beiden nicht ſo unglaublich, Sire.“ „Unglaublich!“ entgegnete Ludwig,„es iſt unglaub⸗ lich, daß ſie ſich ſeit drei Jahrhunderten bekämpfen. Jetzt habe ich einmal eine Idee,— Kaunitz,“ fuhr er ſtolz fort, „ich ſchließe ein Bündniß mit Oeſterreich!“ „Aber Ihre Miniſter.“ „Ich bin König von Frankreich, ich kann Bündniſſe ſchließen, wie ich will. Denken Sie, wenn von mir ſo etwas ausgeht, eine europäiſche Umwälzung, was iſt dann Friedrich gegen Ludwig?“ „Ludwig der Große wird man ſagen.“ „Ludwig der Große,“ wiederholte der König,„er regiert nicht blos, wird man ſagen, er hat Ideen! Ludwig der Große! Ich leſe mich ſchon in der Weltgeſchichte, alle Gelehrten ſtudiren mich, und die kleinſten Schüler lernen mich auswendig. Wird aber Maria Thereſia wollen?“ „Es wird ſie reizen,“ entgegnete Kaunitz,„der Welt zu zeigen, daß die Politik Oeſterreichs ihre Politik iſt, und nicht die ihrer Miniſter.“„ „Das meine ich eben,“ ſagte der König,„wie die Politik Frankreichs meine Politik iſt, nicht die meiner 164 Miniſter. Stellen Sie ihr vor, Kaunitz, die Weltgeſchichte, die Gelehrten, die kleinen Schüler, ſie wird wollen, ſie wird wollen!“— „Sire!“ erwiederte Kaunitz,„Sie wirken auf dieſe Weiſe bei einer Intrigue mit, wie ſie alle hundert Jahre vorkommt.“ „Intrigue.“— Neugierig ergriff Ludwig den Arm des Grafen.„Eine Intrigue, wie ſie alle hundert Jahre—“ „Zwiſchen mir und meiner Kaiſerin,“ entgegnete Kaunitz. „Eine Intrigue, die ich nicht weiß,“ ſprach der König erbittert.„Alle meine Agenten in Wien ſind entlaſſen; lieber Kaunitz“ bat er,„Sie ſagen mir dieſe Intrigue.“ „Ja!“ erwiederte er,„aber nicht dem Könige, ſondern dem ritterlichen Ludwig.“ „Sagen Sie: Ihrem Freunde Ludwig.“ „Oh Sire „Alſo!“ ſprach Ludwig voll Ungeduld. „An dem Tage, wo wir das Bündniß ſchließen, geht das öſterreichiſche Miniſterium in die Luft!“ „Das ganze öſterreichiſche Miniſterium,“ ſagte der König,„in die Luft. Oh! das wird Lärm machen, denken Sie ſich die Wirkung auf der Börſe. Auch mein Miniſterium muß in die Luft. Zwei Miniſterien an einem Tage, ſo etwas iſt noch nicht dageweſen. Das nennt man Welt⸗ geſchichte— und wer iſt die Seele dieſer Intrigue?“ „Ludwig der Große!“ „Ganz Frankreich ſoll ſich unterhalten, denn der König unterhält ſich. Kaunitz! ich laſſe Sie nicht mehr fort. Wir müſſen den ganzen Tag zuſammen ſein, ſpekuliren, politiſiren, intriguiren. Sie werden bei mir wohnen, hier in Verſailles.“ Raſch ſchritt der König gegen den Spieltiſch zu, und rief lebhaft den Herzog. Mit Richelieu erhoben ſich die Uebrigen und näherten ſich. „Gemächer für Kaunitz,“ befahl der König,„hier im Flügel neben mir— keine Widerrede!“ Zu Kaunitz ge⸗ wandt, fügte er leiſe hinzu:„Sie ſollen alle meine De⸗ peſchen leſen.“ Dann rief er wieder:„Wie ich mich unter⸗ halte!!“ eilte trillernd auf und ab, nahm Kaunitz unter den Arm und flüſterte ihm in's Ohr:„Der Page bringt täglich zweimal den Courszettel, Kaunitz zweimal, und Sie unterhalten ſich auch, nicht wahr?“ „Vortrefflich,“ verſicherte der Graf. Knyphauſen und Richelieu wechſelten einen Blick. Die Marquiſe winkte dem Miniſter. „Der König iſt in guter Laune, er wird unter⸗ ſchreiben.“ Machault übergab Frau von Pompadour raſch die verlangten Aktenſtücke. Die reizende Frau legte kokett ihre Hand auf den Arm des Königs und bat um ſeine Unterſchrift. Ludwig weigerte ſich auf das Artigſte, die Feder in die Hand zu nehmen. „Sire, es ſind die wichtigſten Angelegenheiten,“ er⸗ klärte die Marquiſe. „Die wichtigſten,“ entgegnete Ludwig lachend,„die wichtigſten, von denen haben Sie keine Ahnung, nicht wahr, Kaunitz?“ Dieſer zuckte verlegen die Achſeln. 166 „Ich verſtehe nicht,“ ſprach Frau von Pompadour. „Sie ſollen Alles erfahren, Alles, heute noch, nicht wahr, Kaunitz?“ „Wenn Sie nur leſen wollten,“ ſagte Frau von Pompadour. „Heute will ich nur in Ihren Augen leſen,“ ſagte der König, indem er galant die Hand der Marquiſe an ſeine Lippen führte,„und unterſchreiben, daß Sie die reizendſte Frau Frankreichs ſind, nicht wahr, Kaunitz?“ Die Marquiſe lachte, der Graf nahm aber die Akten aus ihrer Hand, durchflog ſie, und reichte ſie dann dem Könige. „Ich ſoll,“ ſprach Ludwig. „Leſen, Sire.“ „Leſen?“ „Ja, Sire, leſen, gleich leſen. Es iſt das neue Steuer⸗ ſyſtem nach den Ideen des Herrn von Quesnay.“ Der König nahm die Akten, ſah verlegen bald Kaunitz, bald die Marquiſe, bald den Leibarzt an, der mit hochge⸗ röthetem Geſichte zur Seite ſtand. „Das ſoll ich leſen?“ ſagte er endlich und ſah hinein. „Die Feder!“— „Aber Sire,“ wendete Machault ein, während die Marquiſe dem Könige mit graziöſer Eile die Feder reichte. „Sie ſind mit den Ideen des Herrn von Quesnay nicht einverſtanden, lieber Machault!“ bemerkte der König, indem er zu dem Tiſche ging.„Es thäte mir leid, denn ich bin einverſtanden und ich bin der König von Frank⸗ reich!“ Damit unterſchrieb er. „Ich wünſche Eurer Majeſtät Glück zu der großen 167 Reform,“ ſagte Kaunitz,„meine Kaiſerin wird Ihrem Beiſpiele folgen.“ „Geben Sie Kaunitz den Trumpf zurück,“ ſprach der Herzog leiſe zu dem preußiſchen Geſandten. „Preußen wird wohl, wie überall, auch hier Oeſter⸗ reich zuvorkommen,“ ſagte Knyphauſen, indem er ſich in die Bruſt warf. Richelien nickte ihm beifällig zu. „Sie können Alles ſagen in Berlin, Alles,“ fuhr Knyphauſen fort,„auch wenn Sie nicht von Adel ſind.“ Der König zupfte Kaunitz am Arm.„Antworten Sie ihm,“ ſagte er leiſe. „Preußen iſt eben eine geiſtreiche Geſellſchaft,“ ſetzte Knyphauſen auseinander,„Heſterreich— eine gutmüthige Familie.“ „Bei Gott!“ fiel Kaunitz dem Preußen in's Wort, „und Maria Thereſia eine brave Hausmutter. Wiſſen Sie, was Muttexliebe iſt? Wir Oeſterreicher wiſſen davon zu erzählen. Mir iſt mein Oeſterreich, mein altes väter⸗ liches Haus mit ſeinem alterthümlichen Geräthe, ſeinen Spinneweben, ſeinem Nepomuk doch lieber— als Euere friſch getünchte Wachtſtube Eures kleinen Preußen— denn es ift ein gewaltig Haus!“ „Was hat denn Oeſterreich für die Civiliſation ge⸗ than?“ ſouflirte Richelieu dem preußiſchen Geſandten. „Was hat denn Oeſterreich für die Civiliſation gethan?“ fragte dieſer mit großer Würde. „Geſchrieben nicht,“ antwortete Kaunitz raſch,„ge⸗ kämpft an den Grenzen des Welttheils gegen die Mongolen und die Türken. Und wenn Jahrhunderte die Arbeit Krieg heißt und die Ernte Siege, da wird zum Schwert die Feder, und wer nicht fechten kann, der wandere aus. Dafür gab Preußen der Literatur die Verſe Friedrich des Großen und erfand— den Zopf!“ „Sehr gut, ſehr gut,“ rief Ludwig. Alle lachten. Knyphauſen faßte krampfhaft des Herzogs Arm.„Retten Sie mich,“ flehte er. „Gut. Geben Sie Acht,“ antwortete Richelieu,„es iſt ein Stückchen wie die Eroberung Schleſiens.“ Damit ließ er Gabrielens Bild fallen. „Was fiel da?“ fragte der König. Richelien ſpielte den Verlegenen und ſuchte das Bild mit ſeinem Fuße zu verbergen.„Ich weiß nicht,“ ſtot⸗ terte er. „Sie ſuchen etwas zu verbergen,“ ſagte Ludwig,„das unterhält mich.“ „Ein Bild,“ rief Frau von Pompadour. „Eine Dame,“ ſprach der König, indem er es lorg⸗ nettirte. Kaunitz hob das Bild auf und reichte es Ludwig XV. „Wirklich eine Dame, eine reizende Dame, nicht wahr, Kaunitz?“ Der Graf ſah das Bild an und erkannte Gabriele. In demſelben Augenblicke kannte er auch die Gefahr in ihrem ganzen Unfange. „Wen ſtellt das Bild vor, Richelieu?“ fragte der König.„Ein Jeal, wird er ſagen, geben Sie Acht, Kaunitz, ein Neal!“ „Das Fräulein Gabriele von Severin,“ ſagte der Herzog,„meine Ziehtochter.“ Machault ſah ihn überraſcht an. „Erziehen Sie ſo viele Reize für ein Kloſter?“ fuhr der König fort.„Warum iſt ſie nicht an meinem Hofe? Ah! Das trifft ſich ſehr gut. Morgen bei dem Papageien⸗ ſchießen erlaube ich, Ihren Fehler gut zu machen, Herzog.“ Richelieu verneigte ſich. „Gefangen!“ rief Frau von Pompadour. „Lachen Sie nicht,“ flüſterte ihr Kaunitz zu,„es iſt eine neue Liſt des Herzogs, dieſe Gabriele ſoll uns den König entführen und Sie ſtürzen!“ XI. Noch in derſelben Nacht, wo das Spiel des Königs ſtattfand, empfing die Marquiſe von Pompadour den Grafen Kaunitz im Geheimen, um mit ihm ihre Lage und ihr Verhalten zu beſprechen. Der öſterreichiſche Diplomat war überzeugt, daß Richelieu auf das Erſcheinen des Fräulein von Saint Severin am Hofe einen weitgehenden Plan gebaut habe, daß die Papageienjagd die größte, die nächſte Gefahr biete. Die Marquiſe erkannte es wohl, daß es nicht möglich war, den König zu beſtimmen, ſei es, das Feſt aufzugeben, ſei es, Gabriele fallen zu laſſen. Gab man ihm einen Wink von einer Intrigue Richelieu's, ſo konnte ihn dies nur noch mehr reizen, der lieblichen Gefahr in das Auge zu ſehen. Die Marquiſe dupfte nicht Einſprache erheben, ſie konnte die Jagd nicht abſagen, aber ſie konnte ſie auf⸗ ſchieben, Zeit gewinnen. Sie beſchloß, krank zu werden. Sollte das Feſt auch nur um wenige Tage verzögert werden, Kaunitz war indeß in die Lage verſetzt, die Abſichten der Gegner auszu⸗ forſchen. Der Graf fand es vor Allem wichtig, den König in die Fäden ſeiner neuen Politik ſo zu verſtricken, daß ein anſtändiger Rückzug nicht mehr möglich war. Die öffent⸗ liche Meinung mußte ſich für das Bündniß mit Oeſterreich erklären. Kaunitz entſchloß ſich, ſeine politiſche Theorie in einer kleinen Brochure auseinander zu ſetzen. Man ſollte in Zweifel darüber bleiben, wer der Verfaſſer ſei; man durfte nicht ahnen, daß die Marquiſe von Pompadour mit den Ideen derſelben einverſtanden ſei, daß ſie an ihrer Ver⸗ öffentlichung Theil nehme. Die Schrift ſollte noch in dieſer Nacht geſchrieben, im Laufe des nächſten Tages gedruckt, am Abende bereits in Tauſenden von Exemplaren ausge⸗ geben, durch Austräger verbreitet werden. Alles ſollte eben ſo raſch als geheim geſchehen. Kaunitz verließ Frau von Pompadour, um ſeinem Secretair im Fluge die glänzenden beſtechenden Sätze ſeines Syſtems zu diktiren. Die ganze Nacht brannten im öſterreichiſchen Geſandt⸗ ſchaftshotel die Kerzen. Frau von Pompadour riß nach Mitternacht an der Glockenſchnur, der Leibarzt wurde gerufen, der König nicht vorgelaſſen, Freund Quesnay ſchüttelte den Kopf, verſchrieb eine kleine Apotheke, Diener liefen ein und aus. Alles ging auf Fußſpitzen. Am nächſten Vormittag blieben die Fenſter der Gebieterin Frankreichs verhängt und das Feſt im Parke von Verſailles war abgeſagt. Kaunitz war erſt gegen Morgen mit der Brochure fertig geworden. Er warf ſich auf das Bett, und ſchlief nur wenige Stunden, während welchen Binder in ſeinem Auftrage zu Bernis eilte und einen Buchdrucker finden ſollte, welcher im Stande war, den Druck noch im Laufe des Tages zu beſorgen. Ehe der Secretair zurück war, hatte der Graf ſeine Toilette gemacht, mit beſorgter Miene ſelbſt über das Befinden der Marquiſe Erkundigungen ein⸗ gezogen und war wieder in ſeine Wohnung zurückgekehrt. Hier fand er Amadeus in einer Stimmung, welche an Wuth grenzte und dem Grafen ſeine gute Laune wiedergab. „Nichts zu erfahren!“ tobte der Schleſier.„Nichts als Heimlichkeiten! pure Heimlichkeiten! Sie fahren hin und her, die preußiſche Excellenz, der Richelien, der dicke Miniſter! verdammte Heimlichkeiten! Das Eine nur, Euer Gnaden, haben wir aufgeſchnappt, Sie haben was vor mit einem Frauenzimmer.“ Kaunitz lächelte.„Das Frauenzimmer iſt die Nichte des Miniſters.“ „Richtig,“ ſagte Amadeus,„das Frauenzimmer muß hübſch ſein, verflucht hübſch, denn ſie halten Alle zuſammen große Stücke auf das kleine Ding. Wie ſagte nur gleich Richelieu?“* Amadeus wiegte ſeinen dicken Kopf und krabbelte an ſeinem Kinn.„Richtig! die Madame, ich meine den König ſeine Madame, muß ſo eine Comödie mit ihm aufgeführt haben, wo ſie ſehr unſchuldig gethan hat, was weiß ich, kurz, da ſagt der Richelien, der König ſei ganz verliebt ge⸗ worden durch dieſe Unſchuld ſeiner Madame, aber das ſei nur ſo Comödie, jetzt meint der Herzog, ſoll er die rechte Unſchuld kennen lernen, von dem Frauenzimmer nämlich.“ „Das Alles ſtimmt mit dem überein, was ich ſelbſt beobachtet habe, mit den Schlüſſen, die ich gezogen. Es iſt gut, Amadeus.“ „Es iſt nicht gut, Euer Gnaden,“ ſagte der Schleſier, „es iſt gar nicht gut. Ich halte es nicht mehr aus bei der preußiſchen Excellenz, die verfluchten Heimlichkeiten, nichts als Heimlichkeiten, und— da habe ich gemeint, wenn vielleicht Euer Gnaden—“ „Du willſt in meinen Dienſt?“ Amadeus nickte verſchämt. „Gut,“ ſagte Kaunitz,„Du biſt von dieſem Augenblicke mein Diener.“ Amadeus ſtürzte auf ihn zu und küßte ſeine Hände. „Gut! aber Du bleibſt bei Herrn von Knyphauſen, bis ich— Paris verlaſſe.“ „Schon gut,“ ſagte Amadeus vergnügt,„wenn ich nur ſchon weiß, weſſen Brod ich eigentlich eſſe, und daß ich wie⸗ der kann abgetreten werden an meine Kaiſerin. Ich könnte Euer Gnaden umarmen, wenn es nicht gegen den Reſpekt wäre, ſo laſſen wir es aber bleiben.“ Er ging und kehrte zurück.„Aber Eines noch,“ ſprach er,„ſonſt könnte ich wohl nicht— ich meine— Euer Gnaden— erlauben doch — daß— daß— ich manchmal— lache!—“ „Ueber mich?“ Er nickte. 173 „Ja! ja! geh' nur jetzt.“ Ol ich wußte es, Euer Gnaden ſind doch der beſte, lächerlichſte, großmüthigſte Herr.“ Gerührt küßte er noch einmal die Hand des Grafen und eilte dann fort. Binder brachte ſchlimme Botſchaft. Kein Buchdrucker war in der Lage, ſo ſchnell zu drucken. Jeder hatte noch andere Beſtellungen, nur einer, er hieß Loupon, behielt das Manuſecript und verſprach in einer Stunde Antwort. Frangois meldete bald darnach den Abbé Bernis. Kaunitz lud ihn ein, Platz zu nehmen und ſetzte ihm ſofort mit der liebenswürdigſten Offenheit den Inhalt ſeiner Schrift auseinander. „Sie ſind zu klug, Abbé,“ ſagte er,„als daß ich nur einen Augenblick daran denken könnte, Ihnen gegenüber den Diplomaten nach altem Style zu ſpielen. Ich bin kein Intriguant, ich bin ein Staatsmann. Was ich offen er⸗ kläre, aufrichtig biete, wollen Sie offen und aufrichtig an⸗ nehmen oder ablehnen. Meine Schrift hat einen ſehr ein⸗ fachen Zweck: das Bündniß mit Frankreich.“ Bernis rückte auf ſeinem Seſſel. „Für mich iſt es ein politiſcher Vortheil, ein Lortheil meines Staates, für Frau von Pompadvur iſt es eine Lebensfrage, folglich auch für Sie.“ Der Abbé zog ſeine Handſchuhe an den Fingern nieder und ſtrich ihre Falten gleich. „Der Verfaſſer dieſer Schrift,“ fuhr der öſterreichiſche Geſandte fort,„oll vorläufig unbekannt bleiben, am wenig⸗ ſten ſoll man auf mich rathen; aber nun fällt mir ein, daß 174 ich Ihnen den Gefallen thun könnte und Sie als den Ver⸗ faſſer gelten laſſen.“ „Mich?“ „Ja, in dem Augenblick, wo das Bündniß unterzeich⸗ net wird, iſt das Miniſterium Machault unmöglich,“ ſagte Kaunitz. „Wer wird ſein Nachfolger?“ „Derjenige offenbar, deſſen Programm das Bündniß, derjenige, welchen die öffentliche Meinung als den Vertreter der neuen franzöſiſchen Politik anſieht und welcher zugleich die Gunſt des Königs und der Marquiſe beſitzt. Die Gunſt, lieber Abbé, beſitzen Sie, es fehlt Ihnen offenbar nur noch das Programm, dieſes Programm enthält aber meine Schrift.“ „Sie meinen alſo,“ ſagte Bernis beinahe tonlos, ge⸗ preßt. „Daß Abbé Bernis der Nachfolger des Herrn von Machault ſein wird.“ Der Abbé reichte Kaunitz die Hand.„Ich bin der Verfaſſer Ihrer Schrift.“ „Gut,“ entgegnete der Graf,„Paris muß es wiſſen, ehe die Schrift ausgegeben iſt.“ „Alſo bis heute Abend.“ „So iſt es.“ „Sie haben Recht, die Schrift iſt ein Miniſterpro⸗ gramm,“ ſprach Bernis, nachdem er nachgedacht hatte,„ich bin Ihr Schuldner für das Leben, lieber Graf.“ Binder kam mit dem Buchdrucker Loupon. „Ich kann die Schrift nicht drucken,“ ſagte der kleine Mann ganz kurz. „Sie wollen nicht,“ ſagte Kaunitz. —5⁵ „Ich kann nicht.“ „Warum, wenn ich bitten darf?“ „Weil ſie ſtaatsgefährlich iſt.“ „Staatsgefährlich!“ rief der Abbé,„wiſſen Sie, Herr Loupon, daß ich der Verfaſſer bin?“ „Sehr viel Ehre für mich,“ antwortete der Buch⸗ drucker,„ſehr viel Ehre, aber— ich drucke ſie doch nicht, denn ſie iſt ſtaatsgefährlich.“ „Woher wiſſen Sie das?“ fragte der Graf. „Ich habe ſie geleſen.“ „Sehr viel Ehre,“ ſprach der Abbé,„wir wollen aber Ihre Lettern, Ihren Satz, Ihr Papier, Ihren Druck, nicht Ihre Kritik.“ „Die Kritik iſt von dem Herrn Miniſter von Machault,“ erklärte mit unerſchütterlichem Phlegma der Buchdrucker. „Von Herrn von Machault, wie kommt die Schrift zu Herrn von Machault?“ rief Kaunitz. „Durch mich, wenn Sie erlauben. Die Schrift iſt ſtaatsgefährlich,“ ſagte Loupon,„ich mußte ſie dem Herrn einiſter vorlegen.“ „Das haben Sie gut gemacht,“ ſagte Kaunitz,„und was ſagte der Herr Miniſter, ich bin neugierig, was ſagte er— über den Styl?“ „Darüber ſagte er nichts,“ meinte der Buchdrucker be⸗ troffen,„aber er ſchrieb ein Verbot.“ „Das haben Sie wirklich gut gemacht, Herr Loupon, ſehr gut gemacht.“ Damit entließ Kaunitz den verblüfften Buchdrucker. Der Abbé übernahm es, ſelbſt einen Buchdrucker zu 176 ſuchen, welcher den Druck der Schrift und die Verantwor⸗ tung übernehme. Er fand ihn nicht. Das Verbot des Miniſters war bereits an alle Buch⸗ drucker gelangt. Eine Zeile der Marquiſe konnte daſſelbe aufheben, aber ſie ſollte, ſie durfte nicht mit der Broſchüre in Verbindung gebracht werden. Kaunitz ſann auf andere Mittel. Als ihm gegen Abend der Abbé und Binder ziemlich troſtlos mittheilten, die Drucklegung der Schrift ſei eine Unmöglichkeit, war er hei⸗ ter und ſagte ruhig.„Es iſt Alles möglich, was man will⸗ nicht wahr, Binder? Alles.“ Der König von Frankreich langweilte ſich. Es war dies nichts Neues, aber heute Abend langweilte er ſich entſetzlich. Als Kaunitz eintrat, umarmte er ihn und ſtrich an ihm herum wie ein Kind, dem man Spielzeug bringt. „Was haben Sie für mich? Sie haben gewiß etwas, ich langweile mich himmelſchreiend, ſodomitiſch! Haben Sie etwas?“ „Etwas ſehr Ergötzliches,“ ſagte der Graf. „O! wirklich! Alles, was Sie ſagen, unterhält mich, aber etwas beſonderes Ergötzliches alſo?“ „Es betrifft unſere Spekulation,“ begann der Graf. „Unſer Bündniß, meine Idee!“ erwiederte der König. Kaunitz zog ſeine Schrift hervor. „Was iſt das?“ —— 177 „Eine Schrift, Sire, eine Broſchüre, welche unſer po— litiſches Syſtem auseinanderſetzt, von mir verfaßt.“ Ludwig XV. nahm begierig das Manuſcript, ſetzte ſein Naſenglas auf und ſetzte ſich zu dem nächſten Armleuchter, um in demſelben zu blättern.„Von Ihnen verfaßt, das iſt ſehr ergötzlich. Und dieſe Schrift ſoll wohl gedruckt werden?“ Kaunitz nickte. „Was wählen Sie für Lettern? nehmen Sie das beſte Papier, es macht mehr Effekt. Sie glauben nicht, was das Effekt macht.“ „Ich habe das Manuſeript einem Buchdrucker anver⸗ traut,“ fuhr Kaunitz fort. „Welchem?“ „Herrn Loupon.“ „Schlechte Lettern, zahlloſe Druckfehler, keinen Ge⸗ ſchmack eine nichtswürdige Druckerei,“ ſagte der König mit dem ganzen Zorn eines Buchdruckers. „Herr Loupon hat den Druck der Schrift abgelehnt.“ „Er hat es nicht gewagt.“ „Er hat noch mehr gewagt,“ erklärte der Graf,„er hat ſie Herrn von Machault zu leſen gegeben.“ „Ah!“ der König ſprang auf,„das, das iſt— ein Majeſtätsverbrechen— Loupon ſoll in die Baſtille— ſchon ſeiner vielen Druckfehler wegen.“ „Herr von Machault hat ein Verbot erlaſſen, an alle Buchdrucker der Hauptſtadt und des Landes, ein Verbot bei Strafe ewigen Gefängniſſes, die Schrift zu drucken, als ſtaatsgefährlich und rebelliſch.“ „Meine Ideen,“ rief Ludwig XV.,„ſtaatsgefährlich und rebelliſch! Machault ſoll auch in die Baſtille.“ Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. II. 12 Kaunitz folgte dem Könige, der heftig im Zimmer auf und ab ging, und bemühte ſich, ihn zu beſchwichtigen.„Vor⸗ läufig,“ ſagte er,„ſind es nicht die Ideen Eurer Majeſtät, nicht meine Ideen, nur die Ideen eines Unbekannten, eines politiſchen Dilettanten.“ „Ja! ja!“ erwiederte der König,„vorläufig iſt es nichts mit der Baſtille, vorläufig muß ich ſogar das Verbot billi⸗ gen, als einen Akt der höchſten Vorſicht und Klugheit meines Miniſteriums begrüßen. Soll ich Machault dafür einen Orden geben?“ „Aber die Schrift muß gedruckt werden. Kein Buch⸗ drucker in Frankreich wird ſie drucken, keiner!“ Der König lachte.„Sie irren ſich, Graf, ich weiß einen, der ſie drucken wird, der die ſchönſten Lettern hat, das feinſte Papier und nie einen Druckfehler macht.“ „Und dieſer Buchdrucker?“ „Bin ich ſelbſt,“ ſagte Ludwig XV. „Welch ein Gedanke!“ rief Kaunitz. „Nicht wahr, ein großer Gedanke? Wir ſelbſt drucken Ihre Schrift.“ Aufgeregt eilte der König in den Vorſaal, und ertheilte den Befehl, Niemand vorzulaſſen, Niemand zu melden, der Graf habe ihn verlaſſen, er ſei zu Bette, ſolle es heißen. Dann nahm er das Manuſcript, winkte Kaunitz und ging voran durch mehrere der anſtoßenden Zimmer in den kleinen Saal, welchen er zu ſeiner Druckerei eingerichtet hatte. Zuerſt warf er einige große Holzſcheiter in das praſſelnde Feuer des großen Kamins. „Legen Sie zu, Kaunitz, legen Sie zu.“ Während der Graf das Feuer ſchürte, zog der König ſeinen Rock aus, zerlegte das Manuſcript in einzelne Blät⸗ ter, heftete das erſte über den Setzerkaſten und machte ſich an die Arbeit.„Sie können das nicht, lieber Graf,“ ſprach er ſtolz zu dem Geſandten,„es gehört viel Uebung dazu, und auch— etwas Talent; aber ſprechen Sie nicht, ich werde irre, und Druckfehler ſind mir peinlicher als Gewiſſensbiſſe — aber Sie können das Papier vorbereiten.“ Kaunitz unterhielt das Feuer, machte das Papier zu⸗ recht und der König ſetzte. So ging die Arbeit fort, endlich war ein Bogen beiſammen. „Wir machen jetzt einen Probedruck. Kommen Sie, greifen Sie zu!“ Der König unterrichtete Kaunitz, der half, ſo gut er konnte, Ludwig fluchte, aber es ging vorwärts. „Jetzt machen Sie die Correctur,“ ſagte er,„es iſt zwar unnöthig, aber machen Sie ſie doch.“ Seine Augen glänzten.„Wir haben nicht viel mehr, ich habe abſichtlich kleinere Lettern genommen— es ſieht elegant aus, und je kleiner die Broſchüre wird, um ſo beſſer. Alſo die Correctur.“ Der König wiſchte den Schweiß von der Stirne und ſetzte fleißig weiter. Als Kaunitz den Bogen durchgeſehen hatte, fragte er ſcheinbar gleichgültig:„Nun, wie viel Druck⸗ fehler?“ „Zuerſt hier einen,“ ſagte Kaunitz. „Zuerſt— ah!— das iſt unbedeutend, aber wir wollen es doch corrigiren.“ „Dann hier ein ſinnſtörender Druckfehler.“ „Sinnſthrend!“ ſagte der König ſtarr.„Ach! un⸗ möglich!“ „Doch, hier.“ „Richtig!“ rief Ludwig XV.,„richtig! Pagina drei, das 12* war, wie Sie zu mir geſprochen haben. Ich habe es ja vorausgeſagt.“ „Verzeihen Sie, Sire, ich habe nicht einmal den Mund aufgethan.“ „Aber Kaunitz,“ ſprach der König vorwurfsvoll,„iſt da ein Druckfehler oder nicht? Iſt dieſer Druckfehler ſinn⸗ ſtörend oder nicht?“ „Der Druckfehler iſt wirklich ſinnſtörend.“ „Nun ſehen Sie, alſo haben Sie den Mund aufgethan. Stille, bitte ich Sie, ich ſetze weiter.“ Kaunitz rückte an den Kamin und durchflog noch ein⸗ mal den Abdruck, da ſtanden das erſte Mal ſeine Ideen auf dem Papiere in ſchönen Lettern, und dort ſtand der König von Frankreich und ſetzte ſie. Es war ſo eigenthümlich ſtille. Die Wanduhr pickte, der Kamin praſſelte wie im Schloſſe von Auſterlitz, er ſenkte den Kopf in die Hände. Ihm war es, als träume er, als ſei das Alles nicht möglich, als lauſche er den traulichen Tönen des elterlichen Hauſes, ſein Herz ſchlug wie damals, ſeltſame Ideen ſpukten in ſeinem Kopfe, ſtand nicht dort die Mutter und zog die ſchnarrenden Gewichte der Uhr empor?— Nein! das war der König von Frankreich, der die übriggebliebenen Lettern zurückwarf, und in der Hand hielt er jetzt ſeine Ideen, zierlich gedruckt, ſieg⸗ reich entwickelt, ein politiſches Syſtem. „Ich bin fertig!“ rief Ludwig,„raſch einen Probedruck von dem da.“ Kaunitz eilte, ihm zu helfen. Dann ſaßen ſie zuſammen und beſorgten die Correctur. Zur größten Befriedigung des Königs fanden ſie nicht einen Fehler. „So, jetzt in Gottesnamen an den Druck!“ Haſtig machte der König alles zurecht. Auch Kaunitz warf ſeinen Rock ab, langte zu, reichte und half. Der Druck begann. Kaunitz fuhr manchmal nach der Stirne, über die Augen,— aber er träumte nicht, die Preſſe arbeitete, die Schrauben ſeufzten, die Bogen flogen— bis tief in die Nacht. XII. Fröhlich tönten die Jagdhörner im Parke von Ver⸗ ſailles. Damen und Cavaliere im Jagdkleide lagerten an der Marmortreppe des Schloſſes und erwarteten das Er⸗ ſcheinen des Königs. Die niedliche Flinte über die Schulter geworfen, kam Gabriele, von Richelien begleitet. Der preußiſche Geſandte eilte ihnen entgegen. „Herzog,“ flüſterte er,„ſetzen Sie uns endlich Ihren Plan auseinander!“ „Ich ſtütze ihn auf die heutige Jagd,“ erklärte Riche⸗ lieu.„Das Loos führt die Paare zuſammen— es iſt die Idee des Grafen Kaunitz— aber unter den Looſen iſt keines mit dem Namen des Königs.“ „Hier iſt es!“ rief Gabriele und ließ es vor Knyphau⸗ ſen's Augen flattern. „Ich verſtehe.“ „Wenn es alſo an Gabriele iſt,“ fuhr Richelieu fort. „Zieht ſie dieſes Loos,“ fiel der preußiſche Geſandte ein. „Das Ludwig XV. zu ihrem Ritter macht.“ „Zu meinem Sklaven!“ rief Gabriele. „Und ich bringe der Fürſtin Woronzow eine Serenade,“ ſagte Knyphanſen,„mit türkiſcher Muſik und eine Ode in hundertfünfzig Stanzen.“ „Kaunitz iſt verloren!“ rief Gabriele. Die breite Steintreppe herab kam Miniſter Machault in fieberhafter Aufregung. „Was iſt Ihnen?“ fragten die Freunde. „Die Courſe fallen,“ antwortete er heftig. „Die Cvurſe?“ wiederholte Richelieu. „Man erfährt, daß Kaunitz in Verſailles wohnt— pa⸗ niſcher Schrecken auf der Börſe— die Courſe fallen!“ „Aber erklären Sie uns,“ flehte Knyphauſen. „Erklären!“ ſprach der Miniſter,„es verbreitet ſich das Gerücht von einem Bündniß zwiſchen Frankreich und Oeſter⸗ reich, die Courſe fallen.“ „Unmöglich!“ entgegnete Knyphauſen erſchreckt. „Unmöglich!“ fuhr Machault fort,„es iſt eine Bro⸗ ſchüre erſchienen darüber, eine Broſchüre, welche heute ganz Paris lieſt, die Courſe fallen.“ „Unmöglich!“ „Man erfährt, daß Kaunitz der Freunbin der Czaarin den Hof macht, die Courſe fallen.“ „Stille,“ warnte Gabriele,„dort iſt er ſelbſt.“ Der öſterreichiſche Geſandte ſtieg am Parkthore vom Pferde. Im Augenblick war ein Koſack an ſeiner Seite, und übergab ein Billet, das er durchflog. Es lautete: „Ich ahne, daß Sie in eine Lage gerathen werden, aus welcher Sie nur eine Frau befreien kann. Sobald die 183 Jagd zu Ende iſt, bin ich am Thore des Parkes von Ver⸗ ſailles. Alexandra, Fürſtin Woronzow.“ „Es iſt gut!“ ſprach Kaunitz und ſteckte das Billet zu ſich, dann näherte er ſich mit ironiſcher Zuvorkommenheit ſeinen Gegnern. Er trug hohe Stiefeln, einen Shwal, das Tuch vor dem Munde. „Wie ſehen Sie aus!“ rief Richelieu. Gabriele be⸗ grüßte ihn etwas ſpröde, aber kokett. „Jagen wir denn auf Eisbären?“ fragte ſie. „Mein Barometer zeigt Sturm.“ „Da zeigt Ihr Barometer ſehr richtig,“ entgegnete Richelieu. „Sie ſehen aber,“ ſagte Kaunitz ſehr ruhig,„daß der Sturm mich nicht überraſcht.“ Er lorgnettirte alle Anwe⸗ ſenden.„Ich fürchte ſie alle nicht— nicht Sie, mein Herr Miniſter, denn Sie langweilen den König, nicht Sie, mein Herr Geſandte, denn Sie langweilen ihn gleichfalls, nicht Sie, Herzog von Richelieu. Sie allein fürchte ich,“ fuhr er fort, während er galant Gabrielens Finger an ſeine Lippen führte,„Sie wollen den König erobern, ich fürchte, Sie werden ihn erobern.“ Rauſchende Muſik kündete den König an. Die Marquiſe am Arm ſtieg er die breiten Stufen herab, zu beiden Seiten freundlich grüßend. Richelien ſtellte Gabriele vor. „Willkommen in Verſailles,“ ſprach Ludwig XV.,„will⸗ kommen.“ Dann wandte er ſich zu dem öſterreichiſchen Grafen. „Sie iſt allerliebſt, nicht wahr Kaunitz?“ winkte dem Herzog und nahm deſſen Hut. Richelien ſchüttete die Lvoſe in den⸗ 184 ſelben und bot ihn dann der Marquiſe. Sie zog.„Kau⸗ nit!“ rief ſie. Er kniete nieder und empfing ihre Schärpe. Ungeduldig bemächtigte ſich Ludwig des Hutes und reichte ihn Gabriele.„Wenn Sie meinen Namen ziehen,“ ſprach er,„werde ich dem Zufalle Altäre bauen.“ Gabriele wühlte unter den Looſen, dann zog ſie eines heraus. „Entfalten Sie es,“ bat Ludwig. „Der König!“ rief Gabriele. „Iſt das Zufall?“ fragte Frau von Pompadour den Grafen. „Kriegsliſt!“ entgegnete dieſer,„aber wir ſchlagen ſie doch aus dem Felde.“ Indeß die andern Damen um ihre Cavaliere looſten, führte Richelien den König und ſeine Dame zu ihrem Stande. Derſelbe befand ſich auf einer Anhöhe unter einem mächtigen alten Lindenbaum. Weithin blickte man von ſeiner Moosbank über die Wipfel der Alleen. Hier verließ der Herzog das Paar. Unbefangen blickte Gabriele auf den König. Leb' wohl glänzende Gabriele! Dem Könige von Frankreich ſteht die naivſte Frau ſeines Reiches gegenüber. Ludwig näherte ſich ihr mit heiterer Galanterie. 6 erwarte Ihre Befehle,“ ſprach er. „Meine Befehle, Sire?“ antwortete die Kleine mit dem unſchuldigſten Geſichtchen von der Welt.„Sire, man hat Ihnen geſagt, daß ich vom Lande bin.“ „Vom Lande?“ wiederholte der König. „Ja, Sire! und weil ich vom Lande bin, Sire, glau⸗ ben Sie, ich weiß nicht, was ſich ſchickt. O! ich weiß das ſehr gut!“ „Ich bin für die Jagd Ihr Ritter, Ihr Sklave,“ ſagte Ludwig, von ſo viel Schönheit und Unſchuld gerührt.„H! gäbe es ein Loos, das mich für immer dazu machen würde.“ „Mein König, mein Sklave!“ rief Gabriele. Sie lachte Ludwig in's Geſicht. Fröhlich ſtimmte er ein. Die Naivetät übte bereits ihren Zauber. Die Jagd hatte begonnen. Die erſten Papageien flat⸗ terten ſchwerfällig heran, aber das laute Lachen des Königs verſcheuchte ſie wieder. „Stille!“ ſagte Gabriele, indem ſie ſich auf die Moos⸗ bank ſetzte und ihr niedliches Gewehr auf die Kniee legte. „Stille am Stande.“ „Alſo ganz ſtille,“ erwiederte der König.„Sie wiſſen ſo gut, was ſich ſchickt, meine Kleine, ſchickt es ſich, daß ich mich zu Ihnen ſetze?“ „Bitte!“ rief Gabriele, ihre Röckchen flogen hin und her, während ſie ſich bemühte, dem Könige Platz zu machen. Ludwig betrachtete ihre Hände mit der Lorgnette und ſagte dann leiſe:„Wie kann man ſo kleine Hände haben!“ Wie überraſcht hielt Gabriele ihre Hand neben jene des Königs. „Wirklich recht kleine Hände,“ ſagte ſie. Der König faßte lebhaft ihre Hand und ſtreichelte ſie zärtlich.„Mit dieſen Händchen wollen Sie ſchießen?“ Mit allerliebſtem Erſtaunen betrachtete die kleine Ko⸗ kette ſein Gebahren.„Und Sie ſind der König von Frank⸗ reich?“ rief ſie. 186 „Zweifeln Sie daran?“ „Sie ſind alſo wirklich der König?“ „Haben Sie mich anders gedacht?“ fragte dieſer. „Ja!“ entgegnete Gabriele,„ich habe Sie mir vor⸗ geſtellt wie die Könige in unſrer Chronik, mit Krone und Scepter, auf dem Throne mit einem langen, langen Ge⸗ ſichte und ſchrecklichen Augen. Ich habe mich vor Ihnen gefürchtet.“ „Und Sie finden mich?“ fragte er. „Ich fürchte mich nicht vor Ihnen,“ erwiederte die kleine Kokette. „Wirklich nicht?“ i „Aber mein Geſicht—?“ fragte der König. „Aber, Sire,“ antwortete die Kleine verſchämt, und zupfte an ihrem Gewehre. „Und meine Augen?“ ſagte der König. „Aber, Sire!“ rief Gabriele und rückte weg. Ringsum im Parke tönten die Schüſſe. Mit rauſchen⸗ dem ſchweren Flügelſchlage flüchteten die prächtigen Vögel Afrika's hieher, wo die kleine Kokette auf den König Jagd machte. Ludwig wurde von Minute zu Minute immer ver⸗ liebter. Gabriele ſpielte die Verlegenheit eines reizenden Kindes mit unnachahmlicher Grazie. Sie machte Miene, dem Könige zu entfliehen, aber er ſing ſie und führte ſie zurück. Derb ſchlug ſie ihn auf die Hand, mit welcher er ihre Taille gefangen hielt. Ludwig zog ſie zurück und rieb eifrig ſeine Finger. Gabriele hatte ihn gut getroffen.„Sie iſt allerliebſt!“ dachte er, aber die Hand rieb er noch immer. „Sire! die Papageien!“ rief Gabriele ärgerlich. „Nehmen Sie an, ich bin ein Papagei,“ ſprach Ludwig zärtlich. „Sire, Sie ein Papagei?“ entgegnete die Kleine mit ihrem munterſten Lachen. „Ja!“ rief Ludwig,„und ſagen mir irgend Etwas vor, z. B.„„Ich liebe Sie,““ und ich will es Ihnen nach⸗ ſprechen und nicht müde werden, zu wiederholen: Ich liebe Sie!“ damit drückte er Gabrielens Hände an ſein Herz. „Sire, das ſchickt ſich nicht.“ „Sie ſehen mich noch mit Krone und Scepter und dem langen Geſicht!“ rief Ludwig. Gabriele blickte ihn beinahe zärtlich an und erwiederte lebhaft:„Nein, Sire, ich— ich fürchte mich nicht vor Ihnen.“ „Aber Sie haben kein Vertrauen zu mir.“ „Im Gegentheil, ich könnte Ihnen Alles ſagen.“ „Unſchuld!“ ſagte der König,„ich will alſo Ihr Ver⸗ trauter ſein.“ Freudig ſchlug Gabriele die Hände zuſammen. „Ja!“ rief ſie,„ja!“ Gleich wandte ſie ſich aber wieder ab und ſagte kleinlaut:„Nein!“ „Ja! Ja!“ rief der König.„Bitte! Bitte!“ „Alſo,“ ſprach ſie in reizender Verwirrung,„ich— ich — Nein! Nein!“ und wollte wieder entfliehen. Ludwig hielt ſie zurück.„Ich will Ihnen helfen,“ ſagte er, indem er ihre Hand ſtreichelte.„Sie haben ein Verhältniß“— „Nein!“ entgegnete Gabriele unbefangen. „Ein Verhältniß, ein Verhältniß!“ rief der König. „Nein, Sire!“ ſagte Gabriele zornig weinerlich. 188 „Mit Richelieu?“ „Nein, Sire!“ rief ſie immer heftiger. „Man deutete mir doch an—“ „Niemals!“ betheuerte die Kleine. „Niemals!“ wiederholte Ludwig,„reizendes Wort. Niemals! Dieſes Wort ſoll man fortan mit großen Lettern drucken in allen Büchern, die in meinem Reiche erſcheinen. Niemals! Was aber haben Sie mir dann zu vertrauen?“ Gabriele blickte ängſtlich um ſich. Der König hielt ihre Hände und ſeine Lippen berührten faſt ihre Wangen. „Ich zittere,“ ſagte ſie,„und doch kann ich es nur Ihnen ſagen.“ „Ich ſterbe vor Neugierde.“ „Sire,— Sie— Sie— wiſſen, was verboten iſt,“ fuhr Gabriele fort. „Was verboten iſt?“ ſprach der König erſtaunt. „Ich meine, Sie geben die Geſetze, Sire,“ antwortete Gabriele ſo unſchuldsvoll, daß der König keine Ahnung haben konnte, wie viel Bosheit hinter ihren Worten ver⸗ ſteckt war. „Die Geſetze,“ ſagte Ludwig verlegen,„ja— es giebt viel— ſehr viel Geſetze!“ Gabriele ſchlug die ſchelmiſchen Augen nieder.„Iſt es verboten,“ fragte ſie ſchüchtern,„nein, ich kann es nicht ſagen.“ „Aber Sie ſagen es doch,“ drängte Ludwig. „Iſt es verboten,“ flüſterte ſie,„einen König zu lieben?“ „Verboten?— einen König?“ wiederholte Ludwig überraſcht,„Sie lieben einen König?“ — „Ja!“ rief Gabriele,„aber,“ fügte ſie raſch hinzu, „nur— wenn es nicht verboten iſt.“ „Gabriele,“ jubelte der König,„kleine, ſüße, kleine Gabriele! wie heißt er, dieſer König? Auguſt? Nein! Nein! Nein! Friedrich? Nein! Nein! Nein! Georg? Nein! Nein! Nein! Aber gewiß nicht Ludwig?“ Gabriele wendete ſich ab, mit den Händen ihr Geſicht verhüllend. „Ludwig heißt er!“ fuhr der König fort,„o! ſüße Unſchuld! Ludwig! und er liebt Sie wieder.“ „Kann denn ein König lieben?“ „O! Kann ein König geliebt werden?“ ſagte Ludwig und umſchlang Gabriele. „Ja!“ rief ſie mit einer anmuthigen Wendung gegen ihn. „Sie lieben mich?“ fuhr Ludwig entzückt fort,„Sie lieben mich und lieben Sie mich nicht, dann werde ich auf dem Throne ſitzen mit Krone und Scepter und einem langen Geſicht!“ „Stille!“ Gabriele machte ſich los und eilte, die Flinte ſchußfertig im Arme, an den Rand des Hügels. Der König beobachtete ſie mit Entzücken. Jetzt legte ſie an, der Lauf blitzte, ein prächtiger Papagei ſtürzte herab, ſchlug noch einige Male gegen die Erde und lag dann zu ihren Füßen. „Ich habe getroffen! ich habe getroffen!“ jubelte Gabriele. „In das Herz, Gabriele!“ rief Ludwig, indem er das Knie vor ihr beugte.„Ihr König liegt zu Ihren Füßen.“ „Stehen Sie auf,“ bat ſie. „Es iſt Frankreich, das vor Ihnen auf den Knieen liegt.“ „Stehen Sie ſchnell auf,“ erwiederte Gabriele,„ich liebe nicht Frankreich, ich liebe Sie.“ Ludwig erhob ſich und umſchlang das reizende Mädchen. „Ich aber lege Ihnen Alles zu Füßen, was mein iſt, meine Millionen, mein Reich, mein Volk!“ „Alles! Alles!“ antwortete ſie.„Nur ſich ſelbſt nicht, und ich liebe ja Sie allein.“ „Ich gehöre Ihnen.“ „Mein alſo, ganz mein! Nein, Sie täuſchen mich und ich bin ſo eiferſüchtig,“ ſagte ſie, indem ſie ſich ſchmachtend an ſeine Schulter lehnte,„auf Frankreich, auf Ihre Unter⸗ thanen.“— „Auf meine Unterthanen?“ unterbrach ſie der König, „da haben Sie wenig Urſache.“ „Auf die Marquiſe von Pompadour. O! ſie wird auf ewig vom Hofe verbannt.“ Erſchrocken ſah der König Gabriele an. „Ich ſehe, Sie haben nicht das Herz dazu,“ ſprach die Kleine verächtlich und kehrte ihm den Rücken. „Das Herz wohl,“ antwortete Ludwig, indem er nach den Händen des reizenden Mädchens haſchte,„aber nicht den Muth.“ „Ach ja!“ wiederholte ſie,„ſo fehlt auch mir der Muth, Kaunitz aus meiner Nähe zu verbannen.“ „Kaunitz?“ fragte der König, flammend vor Eifer⸗ ſucht. „Wiſſen Sie nicht, daß er mir den Hof macht?“ „Den— Hof?“ ſtammelte Ludwig. „Ja, und ich ſoll ihm den Rücken kehren, ihm, der mich, ach! ſo glühend liebt. O! man kann nie genug ge⸗ liebt werden!“ „Nie genug!“ rief der König,„er bekommt ſeine Päſſe.“ —„Aber die Speculation“— zuckte es durch ſeine Seele, „das Bündniß— meine Idee?——— Ah! Ein ſchönes Weib iſt mehr als alle Ideen der Welt⸗ geſchichte!“ „Alſo die Politik iſt meine Nebenbuhlerin?“ entgeg⸗ nete Gabriele lebhaft,„jetzt weiß ich, warum ich ſie ſo haſſe, die abſcheuliche Politik, und auch Sie. Ich liebe Sie nicht, ich haſſe Sie, Sire, ich haſſe Sie.“ Stolz warf ſie die Flinte über die Schulter und hüpfte davon. Der König eilte ihr nach. Bisher hatte man um ſeine Gunſt gebuhlt, jetzt mußte er einmal um Liebe werben wie ein Schäfer, das ent⸗ zückte ihn. „Nie wieder ſollen meine Finger eine Depeſche er⸗ brechen,“ ſchwur er,„nur Ihre ſüßen Liebesbrieſchen, Gabriele!“ Sie ſchüttelte ſchmollend den Kopf. „Aber reizt es Sie denn nicht, zu regieren?“ fragte der König. „Nein!“ „Wenn ich Sie bitte?“ „Nein!“ „Sie lieben mich,“ ſagte Ludwig,„Sie ſollen alſo Alles mit mir theilen, auch das Unangenehme. Theilen Sie meine Krone mit mir!“ 2 Gabriele war beſiegt, ſie warf ſich an ſeine Bruſt. „Ludwig!“ flüſterte ſie,„ich will Alles mit Ihnen theilen.“ Der König küßte ihre Hände. „Aber regieren,“ ſprach ſie,„wie fange ich das an? Ich habe einen Fehler mit zur Welt gebracht,“ ſetzte ſie lachend hinzu,„einen Fehler, der mir überall im Wege iſt. Jeder Gedanke wird mir ſogleich zu einer Perſon und dann kann ich Perſonen und Gedanken nicht mehr unter⸗ ſcheiden.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ „Gleich das erſte, Beſte,“ ſagte Gabriele,„Heſterreich! Mir iſt Heſterreich Kaunitz und wenn ich gegen Oeſterreich bin, ſo iſt es, weil Kaunitz mir nicht gefällt.“ „Sie werden aber die Abneigung gegen Oeſterreich bekämpfen,“ meinte der König. „Gut,“ rief Gabriele,„ich werde mir Mühe geben, an Kaunitz Gefallen zu finden.“ „Er bekommt ſeine Päſſe,“ ſagte Ludwig trocken. Zärtlich ſah die Kleine zu ihm empor.„Sie wer⸗ den mit Oeſterreich kein Bündniß ſchließen?“ fragte ſie harmlos. „Es iſt mir nie eingefallen,“ ſagte Ludwig, und ver— ſuchte Gabriele zu küſſen. „Sire, wenn man uns geſehen hätte!“ rief die Kokette, aber diesmal war ihr Geſicht mit dunkler Röthe übergoſſen. „Ganz Frankreich ſoll uns ſehen!“ ſagte Ludwig. „Nein!“ erwiederte Gabriele, indem ſie mit einem Blicke den König zurückwies,„unſere Liebe muß ein Ge⸗ heimniß bleiben.“ „Das koſtet mir das Leben,“ ſprach der König,„ich 193 muß es Richelieu ſagen, ich muß es W vielen Anderen ſagen. Ein Geheimniß!“ „Und wenn ich Sie Lügen ſtrafe?“ rief Gabriele. „Gabriele! O! Sie ſind tugendhaft, ich weiß es,“ ſagte der König,„aber das wird ſich geben, wenn Sie einige Zeit in Verſailles ſind. Sie werden mich lieben?“ „Ich liebe Sie ja— aber“— „Tiefes Geheimniß!“ erklärte Ludwig. „Nur wenige Stunden,“ ſagte Gabriele,„wir ent⸗ gehen auf dieſe Weiſe allen Unannehmlichkeiten, welche die Verbannung der Marquiſe, die Entfernung des Grafen nach ſich ziehen würden.“ „Daran habe ich gar nicht gedacht,“ meinte der König, „aber wie entgehen wir dieſen Unannehmlichkeiten?“ „Ich entführe Sie, Sire!“ rief die Kleine ent⸗ ſchloſſen. „Sie mich? Das iſt himmliſch, und wohin entführen Sie mich?“ fragte Ludwig voll Entzücken. „Auf mein Schloß.“ „Ja! dort werde ich Muth haben,“ betheuerte der König,„von dort aus verbanne ich die Marquiſe von Pompadour und ſende Kaunitz ſeine Päſſe, und das Ren⸗ dezvous?“ „Bei dem Bosquet am Ausgange des Parkes.“ Es tönten die Jagdhörner, Jäger und Jägerinnen kamen die Allee herauf, die Geſellſchaft ſammelte ſich bei dem Stande des Königs. „Die Geſchichte wird allerliebſt,“ flüſterte Ludwig. „Eine Novelle des Boccaccio.“ „Und der Titel?“ fragte der König. Sacher⸗Maſoch, Kannitz. II. 13 194 „Ein Mädchen, das ſeinen Liehhaber entführt.“—— „Ich danke Ihnen für den Gedanken, den himmliſchen Gedanken dieſer Jagd,“ ſprach der König lächelnd zu dem öſterreichiſchen Geſandten. „Zweihundert Papageien ſind gefallen,“ ſagte dieſer, „ſind Sie mit Ihrer Beute zufrieden, Sire?“ „Nicht der König— Ludwig hat gejagt, es iſt die ſchönſte Beute meines Lebens.“ Richelieu näherte ſich triumphirend. „Den Reiſewagen!“ befahl der König leiſe. Dann gab er der Marquiſe von Pompadour den Arm und führte die Jagdgeſellſchaft in fröhlichem Zuge nach Verſailles. An der Marmortreppe kehrte Kaunitz zurück; er lehnte ſich an den claſſiſchen Rücken einer marmornen Nymphe und zog ſeltſame Figuren in den Kiesſand, das Auge zu Boden geſenkt. Da berührte es ſeine Schulter. Die Fürſtin Woronzow ſtand im prächtigen ruſſiſchen berwurfe, Federhut, das ſpaniſche Rohr in der Hand, vor ihm. „Maria Thereſia hat eine große Schlacht verloren,“ ſagte Kaunitz ruhig. „Noch nicht.“ „Ich verzweifle,“ fuhr der Graf fort, ohne ſich nur im Geringſten erregt zu zeigen.„Gabriele hat den König erobert und Sie— lieben mich noch immer nicht.“ „Ich liebe Sie noch immer nicht.“ „Wiſſen Sie das ſo gewiß?“ fragte er. Die Ruſſin zog einen kleinen Thermometer hervor. „Ich trage ihn an meinem Herzen,“ ſagte ſie„Er ſteht 4 noch immer auf dem Eispunkte. Sie müſſen Ihre Liebe auch nach dem Thermometer einrichten, Kaunitz.“ „Mein Gott, Sie erinnern mich,“ entgegnete er und blickte auf ſeinen Thermometer.„Es iſt Abend geworden und ich,“— er knöpfte ſeinen Rock zu,— plötzlich huſtete er—„da haben Sie es.“ „Sie ſind koſtbar!“ ſprach die Fürſtin,„aber ſehen Sie die Dame dort?“ „Es iſt Gabriele.“ Sie war es. In einen weißen Mantel gehüllt, erſchien ſie oben auf der Marmortreppe und blickte vorſichtig in den Saal zurück. Es war dunkel geworden. „Ein Rendezvous mit dem Könige,“flüſterte Alexandra Woronzow, während ſie Kaunitz in das Bosquet zog,„ſie ſieht uns nicht, vielleicht iſt uns der Zufall, Ihr Alliirter, günſtig.“ Gabriele ſchlich die Stufen herab. Der König mußte im Augenblicke hier ſein,— aber ſie konnte doch nicht allein bleiben, wo war nur Richelien? Sie kehrte wieder zurück. Jetzt kam der König. Er hatte, um Aufſehen zu ver⸗ meiden, den Weg durch den Park genommen. Leiſe trat er in das Bosquet. „Gabriele!“ rief er mit unterdrückter Stimme. Kaunitz zog ſich auf den Fußſpitzen zurück, indem er der Treppe nahe kam, verſcheuchte er Gabriele in den Saal. „Gabriele!“ flüſterte der König, und ſchlang ſeinen Arm um die Fürſtin. Dieſe ſtieß ihn ſtolz zurück.„Mein Herr!“ rief ſie. 4 13* Der König blickte einen Augenblick in ihr Antlitz. „Die Venus von Milo!“ rief er und trat, von ihrer Majeſtät verwirrt, zurück. In demſelben Augenblick war ſie ihm entflohen. Lud⸗ wig folgte raſch, aber Kaunitz trat ihm mit gezücktem Degen in den Weg. „Halt! die Dame, die Sie verfolgen—“ „Kaunitz!“ rief der König, welcher gleichfalls den Degen gezogen hatte. Der Graf that, als erkenne er jetzt erſt den König. „Majeſtät!“ ſagte er, indem er die Spitze ſeines Degens ſenkte. „Wer iſt dieſe Göttin?“ „Die Fürſtin Woronzow.“ Eben ſtieg der Herzog von Richelieu triumphirend die Treppe herab, auf deren oberem Abſatze Gabriele wieder ſichtbar wurde.„Sire, der Wagen!“ rief er. „Was für ein Wagen?“ fragte der König erſtaunt. „Zu Ihrer Abreiſe, Sire!“ ſagte Richelieu. „Zu meiner Abreiſe?“ entgegnete Ludwig,„ich reiſe nicht!“ XIII. Eine Frühlingsnacht hatte alle ihre wollüſtigen Reize über die Hauptſtadt Frankreichs ausgegoſſen. An dem Fenſter ihres Gartenſaales ſtand die Fürſtin Woronzow. Berauſchender Duft ſtrömte herein und das Licht der Sterne umfloß dämmerhaft das ſchöne Weib. 197 Jetzt wendete ſich die Fürſtin und ſtreckte ſchweigend dem Manne, der eintrat, die weiße Hand entgegen. Es war Kaunitz. Tief neigte er ſich vor der wunderbaren Frau, ſchritt einmal durch den Saal, warf ſich in einen Lehnſtuhl und ließ ſein Haupt auf die Bruſt ſinken. Die Ruſſin machte einige Schritte gegen ihn. „Was haben Sie?“ fragte ſie mit einem weichen Ton der Stimme, welcher dem Grafen bei ihr fremd war. „Ich bin krank,“ entgegnete er düſter. „Ein europäiſches Unglück,“ ſprach die Woronzow. „Denken Sie nur, wenn ich ſterbe!“ erwiederte der Graf,„meine Ideen, meine Plane, und ich habe doch Alles gethan, mich meinem Staate zu erhalten.“ „Ja! Sie ſind ein Patriot!“ rief die Fürſtin.„Wie ein Spartaner tragen Sie Ihren Thermometer!“ „Sie lachen!“ ſagte Kaunitz,„ich bin krank!“ „Sie ſind verliebt!“ „Verliebt?“ rief er, und ſtand überraſcht auf. „Ja! verliebt!“ ſagte er.„Ich ſteige in den Reiſe⸗ wagen, ſobald das Bündniß geſchloſſen iſt.“ „Dann packen Sie Ihre Koffer nicht!“ „Sie ſind gepackt!“ erwiederte er entſchieden. „Kaunitz!“ rief die Fürſtin aufgeregt und ſah ihm bei⸗ nahe zornig in das Auge. „Hat der König Ihre Einladung angenommen?“ „Ludwig XV. iſt heute Abend mein Gaſt.“ Kaunitz lächelte.„Er iſt ſeit geſtern verwandelt.“ „Er liebt!“ ſprach ſie. 198 „Er langweilt ſich nicht mehr,“ antwortete der Graf, „er druckt verliebte Verſe.“ „Er druckt?“ „Allerdings, er druckt verliebte Verſe!“ ſagte er lächelnd und immer freier, ſiegreicher entfaltete ſich ſein Hu⸗ mor.„In Verſailles befindet ſich eine Buchdruckerei, das Spielzeug des Königs von Frankreich. Bewegt ihn ein Ge⸗ danke, eine Leidenſchaft, greift der zur Feder, jener zur Palette, Ludwig XV. zur Preſſe. Wie Andere ihre Gefühle malen, in Muſik ſetzen, dichten, druckt er ſie.“ „Er druckt ſie?“ entgegnete die Woronzow. „Wenn er einen Witz machen will, druckt er Voltaire, wenn er ſentimental wird, ein Sonett an Laura und ſeine Seele iſt erleichtert.“ Die Fürſtin lachte.„Wird er darum das Bündniß unterzeichnen?“ „Wenn er noch einmal in Ihr Auge ſieht,“ erwiederte der Graf. „Er unterzeichnet nicht,“ ſcherzte die Fürſtin. „Oh, in dem Auge ruht die Macht zu binden und zu löſen,“ fuhr er fort,„was nur verborgen iſt, dem Lichte aufzuſchließen, die Schätze, die verkannte Weisheit aufge⸗ ſammelt, die Geheimniſſe des Hermelins, wie ein verlornes, einſames, tief verſenktes Menſchenherz.“ „Ein Weib ſoll die Geſchicke einer Welt entſcheiden?“ rief die Fürſtin. „Das Leben einer Welt iſt ein erhabenes Schauſpiel,“ ſagte Kaunitz.„Völkerwanderungen, Heereszüge, Congreſſe und Concilien, Städtebrand, Seeſchlachten, Krönungszüge, Parlamente, Rebellionen!“ Er lachte auf.„Die Welt⸗ 199 geſchichte,“ ſagte er,„iſt die göttliche Comödie. Hätte He⸗ lena dem Paris nie ein Rendezvous gegeben, Troja hätte nie gebrannt, nie hätte ein Homer geſungen! Die Völker wandern, weil die Hunnen leere Futterſäcke haben, eine Ohr⸗ feige macht den Cid zum Campeador, eine bleichſüchtige Jungfrau jagt das ſchönſte Britenheer aus Frankreich, Roxo⸗ lannas weiche Arme entſetzen Wien von Sultan Soliman, und hätte Cromwell eine beſſere Verdauung gehabt, ſo wäre Karl I. nicht auf dem Blutgerüſte geſtorben!“ „Und alte Feinde,“ ſprach die Fürſtin,„Frankreich und Oeſterreich verſöhnt die Koketterie einer Frau!“ „Gewiß!“ „Denn ſie iſt ſchön!“ „Sie iſt keine Liebesgöttin,“ ſagte Kaunitz,„ſie iſt eine Rococodame! nicht die Wolke, nicht die blühende Erde— das Parquet iſt ihr Boden. Sie hat eine Taille wie ein Epigramm, nur ihr dunkles Ange macht an die Wunder glauben, die man demſelben zuſchreibt. Man fragt ſich: Iſt es die Lava der Begeiſterung, oder das Eis der Selbſt⸗ ſucht, bacchantiſche Luſt oder unausſprechliche Trauer, was in demſelben glänzt und zittert? Wer ſich in dieſes Auge verſenken möchte, dem könnten ſo wie jenem Mönche, der die Ewigkeit denken wollte, tauſend Jahre vergehen wie ein Augenblick. Der Hermelin um ihre üppigen Schultern verkündet die Herrin von tauſend leibeigenen Sklaven, ihr Auge die geborene Gebieterin der Menſchen. Es iſt ein Auge, das Gewalt hat über Alles, was da lebt.“ „Auch über Sie?“ fragte die Fürſtin. „Auch über mich,“ entgegnete er. Sie machte eine Bewegung. „Lachen Sie nicht,“ fuhr er fort,„ich bin gekommen, Ihnen Lebewohl zu ſagen.“ „Kaunitz!“ rief ſie, indem ſie einen Schritt gegen ihn that, wie gebietend hob ſich ihr Arm, aber ſie ließ ihn wie⸗ der finken. Ihr Antlitz war wieder Marmor geworden, kalter, ſchönheitsſtolzer Marmor, ein Götterbild ſtand vor ihm, nur ihre Lippe bebte. „Sie haben ſich meines Landes angenommen,“ ſagte er,„ich danke Ihnen, ich danke Ihnen!“ „Und Sie wollen fort auch ohne das Bündniß?“ „Die Traktate mit den Seemächten ſind abgelaufen, ſie müſſen gelöſt oder erneuert werden. Hier iſt mein Ab⸗ berufungsſchreiben.“ Er reichte es ihr. Einen Augenblick ruhten ihre Augen darauf, un gab ſie es ihm ſchweigend zurück. „Die nächſte Stunde entſcheidet,“ ſprach er. „Der König von Frankreich iſt heute Abend der Gaſt der Woronzow,“ entgegnete die Fürſtin.„Wir ſpielen den Bohnenkönig, wenn mich die Bohne trifft? Und ſie wird mich treffen! wenn ich Sie zu meinem König wähle?“ „Muß ich Ihnen ewige Treue ſchwören?“ ſagte Kaunitz lächelnd. „Nein! ewige Unterhaltung!“ Er hob die Hand wie abwehrend.„Ich habe den Muth, einen Weltkrieg zu entzünden, Oeſterreich zu regieren, aber ich habe nicht den Muth, Sie zu unterhalten.“ „Und wenn ich Sie dennoch wähle?“ „Im Spiel,“ ſprach er.„Das Leben ſoll aber nie zum Spiele werden. Und habe ich mit der Liebe geſpielt, Sie ſind mir zu gut dazu. Darum ſage ich Ihnen Lebewohl.“ 201 „Kaunitz!“ Die Fürſtin hatte ſeinen Namen ausge⸗ ſtoßen wie einen Schrei. Ueberraſcht, verwirrt wendete ſie ſich ab und ſchüttelte das Haupt, als wollte ſie die Thränen aus den feuchten Augen ſchleudern. „Leben Sie wohl,“ fuhr Kaunitz fort,„leben Sie wohl! und erinnern Sie ſich zuweilen meines kleinen Thermome⸗ ters. Wenn die Geſchütze Heſterreichs auf dem Schlachtfelde dröhnen, es iſt ein Gruß, den Ihnen Kaunitz ſendet! Leben Sie wohl! und wenn ein kleiner Drahtbinder ſich in die Straßen der Czaarenſtadt verirrt, an Ihre Pforte klopft! Oh! nehmen Sie ihn auf, auch er grüßt Sie von mir! leben Sie wohl! leben Sie wohl!“ Er wendete ſich zum Gehen. „Du großer Mann!“ rief die Fürſtin,„alle Mächte des Welttheils kannſt Du auf das Schlachtfeld treiben, die Geſchicke Heſterreichs an Deinen Namen knüpfen für Jahr⸗ hunderte, aber Du kannſt nicht in die kleine Seele eines Weibes ſehen.“ „Alexandra!“ „Siehſt Du denn nicht, daß ich Dich liebe?“ ſie breitete die Arme nach ihm aus. Kaunitz ſchrie auf und ſank zu ihten Füßen. Sie um⸗ ſchlang ihn, ſie beugte ſich über ihn, ihr Haupt ruhte auf dem ſeinen. Als ſie es wieder emporhob, ſah Kaunitz entzückt zu ihr hinauf. „Mich liebſt Du?“ rief er,„mich! und ich ſoll meinen Verſtand behalten? Feierlich wie Karl V. ſoll er ſeiner Herrſchaft entſagen, den Hermelin der Klugheit werf ich ab, das Scepter der Gewalt über mich— ich lege es in Deine Hände! Du ſollſt ſeine Nachfolgerin ſein und über mich ge⸗ — 202 bieten, unumſchränkt, Tyrannin! Du liebſt mich? O ſieh mich an, bin ich es, ich, der närriſche Kaunitz mit dem klei⸗ nen Thermometer und dem großen Stocke— den Du liebſt?“ „Ich liebe einen Freigeiſt,“ ſagte die ſchöne Frau und ſtrich ihm mit der Hand über die Stirne,„er lacht über Alles, aber— erſchrick nicht, ich allein weiß es— ſeine Jronie iſt nur der Vorhang, der ſein Allerheiligſtes, ſein Inneres von dem Gewühl der Menſchen ſcheidet, denn es iſt eine Wohnung Gottes und Engel halten Wacht, wo der Allmäch⸗ tige thront— ich liebe— einen Gecken.—“ „Einen Gecken?“ fragte Kaunitz noch immer auf den Knieen. „Ey fürchtet Waſſer, Sonnenſtrahlen,“ fuhr ſie fort, „ja die Luft und zittert, daß man ihn nicht für ehrlich halte.“ „Ah!“ „Er ſchlägt ſich aber mit einem Feinde, von dem es heißt, daß er ſeine Gegner tödtet,— fürchte nicht, ich ver⸗ rathe es nicht,— und was wir gut und böſe nennen, iſt ſeiner Seele eingeätzt, und dieſe Seele iſt von Stein, wie die berühmten Tafeln auf dem Sinai! ich liebe einen— Wüſtling— die Liebe iſt ihm eine Krankheit, das Weib die ſüße Arzenei— aber— es hört mich Niemand— ſein Herz iſt wie ein Kindermärchen und ſeine Sehnſucht: Leibeigen zu werden einem Weibe“ „Leibeigen?“ rief Kaunitz. „Freilich,“ entgegnete übermüthig das junge Weib, „und zürnt er den Frauen, ſo iſt es, weil ſie ihn immer wieder freigeben.“ „Du wirſt mich aber nicht freigeben?“ „Niemals!“ erwiederte ſie.„Ich will Dich an die Kette legen.“ Sie ſchloß ihn in ihre Arme.„Liebſt Du mich aber auch, Du großer, ernſter Mann, das tolle junge Weib mit tauſend Fehlern, tauſend Launen? das nur einen großen Vorzug hat vor allen Frauen, den— daß es Dich über Alles liebt?“ Kaunitz ſtand auf, ſchlang den Arm um ſie und führte ſie zu dem Fenſter. „Sieh' in den Himmel, wie Stern auf Stern empor⸗ taucht aus dem Duft der Nacht, ſo ſäet die Liebe immer neues Licht in das Geliebte, bis alle Schatten aufblühen im Märchenglanz.“ Sie ſchmiegte ſich an ihn.„Du liebſt mich,“ ſprach ſie,„liebſt Du mich aber mehr auch als Dein Land, Dein Volk?“ „Wie könnt' ich das?“ entgegnete er.„Ich liebe Dich, ſo wie ich Oeſterreich liebe und dieſe Liebe iſt unendlich.“ XIV. Kaunitz hielt noch das ſchöne Weib umſchloſſen und bedeckte ihre Lippen mit Küſſen, als lärmende, türkiſche Muſik, unter den Fenſtern der Fürſtin, ſie aus ſeinen Armen ſcheuchte. „Was iſt das?“ rief ſie. „Eine Serenade,“ antwortete der Graf. „Soll es der König ſein?“ fragte ſie. „Sehen Sie doch!“ Sie ſah ihn vorwurfsvoll an. Er faltete bittend ſeine Hände. „Nein!“ „Ich beſchwöre Sie,“ flehte er. „Nein!“ „Dann ſehe ich!“ entgegnete Kaunitz ruhig. Die Fürſtin hielt ihn zurück. „Um Gotteswillen, das Zimmer iſt erleuchtet, man er⸗ kennt Sie!“ „Dann ſehen Sie ſelbſt.“ Die Fürſtin blieb im anmuthigſten Trotze, den Kopf erhoben, ſtehen. Langſam ſchritt er gegen das Fenſter. Jetzt war ſie raſch an demſelben und beugte ſich herab. Er ſetzte ſich in einen Lehnſtuhl zu ihr, ſo daß ihn Niemand bemerken konnte und fragte leiſe:„Wer iſt es? Der König?“ „Knyphauſen!“ Sie wollte fort, er hielt ſie zurück und rückte mit dem Stuhle näher zu dem Fenſter. „Um ſo beſſer,“ ſagte er,„der preußiſche Geſandte in Ihrem Netze, das dürfen wir uns nicht entgehen laſſen.“ Die Fürſtin ballte in komiſcher Wuth die Fauſt. Kaunitz rückte noch näher. „Sie erſcheinen im Fenſter, wie ihn das rühren wird.“ Die Abendluft verſchlang eben den letzten Paukenſchlag. „Die Muſik ſchweigt, das bedeutet etwas,“ ſprach der Graf,„was thut er?“ Er machte Miene, ſich zu erheben. Die Fürſtin drückte ihn in den Seſſel, dann beugte ſie ſich über die Brüſtung. „Er— er blickt hinauf.“ ———— 205 „Zu den Sternen?“ fragte Kaunitz. „Nein, zu mir!“ entgegnete ſie. „Und?“ „Und ſeufzt!“ ſagte ſie. „Dann,“ antwortete Kaunitz,„dann ſeufzen Sie auch.“ „Ich ſeufzen?“ rief die Fürſtin entrüſtet. „Ich beſchwöre Sie!“ bat Kaunitz mit erhobenen Händen. „Nein!“ „Seufzen Sie,“ flehte er, indem er vor ihr nieder⸗ kniete. „Nein!“ ſie ſtampfte mit dem Fuße. Kaunitz ſtand auf.„Gut, dann ſeufze ich.“ „Mein Gott, nein!“ rief die Fürſtin,„da ſeufze ich lieber ſelbſt.“ „Alſo?“ Sie beugte ſich über das Fenſter und ſeufzte. „Inniger!“ bat er,„es gilt ja die Verſe, das Bündniß! ſo beiläufig: Ach!“ Kaunitz ſtieß den rührendſten Seufzer aus. Die Fürſtin ſeufzte noch einmal. „Sehr gut, ſehr gut! was thut er jetzt?“ „Er tritt näher— er— ſpricht.“ „Was ſagt er?“ fragte Kaunitz hinter ihr verborgen, „er fleht!“ „Um eine Unterredung,“ antwortete ſie. „Die Sie ihm gewähren,“ entſchied Kaunitz. „Nein!“ entgegnete die Fürſtin und verließ das Fenſter. „Soll ich?“ drohte der Graf. 206 Raſch beugte ſie ſich hinab. Kaunitz dictirte ihr die Antwort. „Kommt er?“ „Er kommt! fort!“ befahl ſie. Kaunitz ſchlüpfte hinter den Fenſtervorhang. „Und wenn er in Flammen geräth?“ ſagte die Fürſtin. „Werden Sie zu Eis!“ erwiederte er. „Und wenn er mich in Flammen ſetzt?“ ſagte ſie boshaft. „Dann mache ich ihn kalt!“ rief er und zog ſich zurück. Die Fürſtin warf ſich in den Lehnſtuhl, welcher an dem Fenſter ſtand und blickte in die Nacht. Knyphauſen trat herein. An der Schwelle blieb er ſtehen, eine Rolle in der Hand und hielt Rath. „Die Serenade hat ihre Wirkung gethan, jetzt kommt die Ode in hundertfünfzig Stanzen.“ Er ſah die Ruſſin an. „Wie ſchön ſie iſt! ich bin allein mit ihr, ganz allein, aber ich habe Grundſätze. Wenn ſie mich nur anſehen wollte.“ Er huſtete. Die Fürſtin machte eine Bewegung. „Sie ſind es,“ ſagte ſie,„Sie haben eine Unterredung verlangt.“ „Erfleht,“ ſtammelte er,„ich habe— weil— da— da⸗ mit— denn—“ „Sie wollen ſich entſchuldigen,“ bemerkte die Fürſtin. Ihre Ruhe ſetzte ihn vollends in maßloſe Verlegenheit. „Ja!— ent— entſchuldigen,“ ſprach er,„daß— daß ich— daß Sie— daß ich— ich lebe—“ „Daß Sie mir die Serenade gebracht haben.“ „Richtig— die Serenade und dann— daß—“ —— „Nun?“ „Ach! daß— daß ich Sie— liebe,“ ſtieß er mühſam heraus. „Sie lieben mich?“ „Ja!“ ſagte er,„denn Ihre Augen und die Himmels⸗ lichter—“ er entfaltete die Ode, aber er hielt ſie verkehrt in der Hand,„die in dem blauen, blauen— Walde glaube ich, des blauen Himmels mit blauen Strahlen.“ Die Fürſtin trat zu ihm und blickte in die Ode. „Verſe!“ rief ſie,„Verſe! Wer hat Ihnen denn ver⸗ rathen, daß Verſe mich beſtechen, berauſchen, verführen— Verſe!“ „Hundertfünzig Stanzen,“ ſprach Knyphauſen. Die Fürſtin wendete ſich enttäuſcht ab. „Eine Ode,“ fuhr er fort,„eine Liebeshymne.“ „In hundertfünfzig Stanzen.“ „Ach!“ „Sie ſagten doch,“ bemerkte er ſchüchtern,„daß Verſe—“ „Verſe,“ wiederholte ſie,„freilich Verſe! nicht Verſe, welche wie Seufzer, wie Guitarrentöne ein Hauch der Luft verſchlingt— Verſe, die wie Pfeile klingen! Den Dichter liebe ich, der ſcharfe Worte, tapfere Gedanken in ſeinem Köcher ſchüttelt gegen Laſter, Thorheit, Aberglauben, Vor⸗ urtheile, die Ausrufer und Tagelöhner der Selbſtſucht und der Tyrannei, und ſie wie Pfeile ſendet in das Herz der Feinde! Er iſt ein Dichter und ein Mann!“ „Und ich!— eine Ode in hundertfünfzig Stanzen,“ ſeufzte der preußiſche Geſandte. 208 „So einem Dichter wird jeder Vers zum Liebespfeile,“ ſagte die Ruſſin. „Ich verzweifle!“ „Verzweifeln!“ rief ſie,„ein Mann von Geiſt?“ Dankbar lächelte Knyphauſen, dann ſtöhnte er wieder: „Ich ſoll Satyren ſchreiben?— ich?— Oh)l ich ſchreibe ſie, bogenlange, grimmige Satyren.“ „In hundertfünfzig Stanzen,“ ſpottete die Fürſtin,„Sie kämpfen im Jahrhundert des Voltaire mit Elephanten, wie König Pyrrhus. Inſekten, kleine Epigramme tödten auch.“ „Hätte ich nur eine Idee,“ ſeußzte er. „Ich will Ihnen eine geben: Die Fürſten des Welt⸗ theils.“ „Wie?“ „Eine Satyre auf alle Herrſcher Europas.“ „Ich verſtehe,“ ſtotterte er,„die Idee kann einem aber den Hals koſten.“ „Der Gedanke entzückt Sie mit Recht,“ fuhr die Fürſtin mit boshaftem Lächeln fort,„Ludwig XV. und die Pom⸗ padour, klingt das nicht ſchon wie eine köſtliche Satyre? Ja, Sie werden eine ſchreiben!“ „Eine Reihe kleiner Epigramme!“ „Klein!“ ſeufzte Knyphauſen. „Und giftig!“ „Giftig,“ ſtammelte er. „Sie überraſchen mich damit,“ ſagte die Ruſſin,„noch ehe meine Gäſte kommen.“ Sie eilte zu ihrem niedlichen Schreibtiſch.„Hier iſt Feder, Tinte und Papier.“ 3 „Epigramme!“ klagte der Geſandte. „Sie gelingen Ihnen und dann—“ „Dann?“ wiederholte er mit einem verliebten Blicke auf die Fürſtin. „Dann!“ rief ſie mit einer Koketterie, gegen die der preußiſche Geſandte nicht gewaffnet war,„dann!“ Sie ſchritt majeſtätiſch in dem Saale auf und ab, während Knyphauſen Feder und Papier nahm, und ſich an⸗ ſchickte, die befohlenen Epigramme zu ſchreiben. „Ich ſoll Satyren ſchreiben! ich!“ lautete ſein ſchwer⸗ müthiges Selbſtgeſpräch,„ich!— auf die Fürſten! ich werde noch ſelbſt zur Satyre, mir fällt nichts ein, gar nichts!“ Er grübelte, tauchte die Feder ein und ſpritzte ſie wieder aus, er zerkaute ihren Bart— vergebens! Jetzt faßte er über⸗ raſcht ſeine Stirne.„Ah! mir fällt doch etwas ein.“ Er zog ein kleines Heft hervor.„Da— da ſind ſie ja fertig die Epigramme, klein, giftig, auf alle Fürſten Europas. Da ſind ſie in den Verſen Friedrich des Großen. Oh, warum bin ich nicht Friedrich der Große!“ Er ſeußzte tief. Es war gewiß das einzige Mal, daß der König um ſein poetiſches Talent beneidet wurde. „Ich habe es! ich gebe die Verſe des Königs der Fürſtin als meine Verſe. Da ſind ſie ja! Epigramme genug,“ er blät⸗ terte haſtig in dem Hefte,„Ludwig XV., die Pompadour, die Czaarin wenn ſie aber erfährt?— die Liebe entſchuldigt Alles. Wenn aber mein König erfährt, daß ich— es iſt ein literariſcher Diebſtahl, ein unerhörter literariſcher Diebſtahl! ich ſtehle ſeine Verſe— der Geſandte die Verſe ſeines Königs — die Liebe entſchuldigt Alles!“ Noch ein hielt Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. II. 20 ihn zurück.„Man ſagt aber, daß die Verſe Friedrich des Großen— Knyphauſen! von Knyphauſen! Du wirſt doch nicht beſſere Verſe machen wollen als Dein König?“ Er erhob ſich. Die Woronzow trat näher.„Nun?“ „Ich— ich bin fertig,“ ſagte er. „Fertig?“ „Hier find die Verſe,“ erwiederte Knyphauſen ſtolz und reichte ſie der Fürſtin. „So ſchnell?“ ſprach ſie.„Sie haben eine gewandte Feder.“ „Ja, recht gewandt,“ ſagte der Geſandte,„oh, ich— ich bin zum Satyriker geboren. Voltaire!— Voltaire iſt gegen mich ein Elegienſchreiber, Europa ſoll vor mirzittern. Wenn die Epigramme gelungen ſind— dann—“ Unbemerkt trat Kaunitz zwiſchen dem Vorhange hervor zu ihnen und die Fürſtin gab ihm hinter Knyphauſen's Rücken die Verſe. „Guten Abend,“ ſagte Kaunitz. Knyphauſen ſchrack zuſammen.„Gu— guten Abend!“ „Sind es die Verſe Friedrich des Großen,“ fragte die Fürſtin leiſe. „Das werden wir gleich erfahren,“ ſagte Kaunitz. „Meine Verehrung für Ihren großen König,“ ſagte er laut,„ſteigt von Tag zu Tag. Er hat uns Schleſien ge⸗ nommen, dafür aber allerliebſte Verſe gegeben.“ Kaunitz entfaltete das Heft und ſah hinein. „Verſe?“ ſagte Knyphauſen erſtaunt. „Epigramme,“ erwiederte der Graf. „Epigramme?“ wiederholte Knyphauſen verblüfft. „Klein und giftig!“ bemerkte Kaunitz. Klein, giftig! ich bin verloren!“ murmelte der preu⸗ ßiſche Geſandte. „Epigramme auf alle Herrſcher Europas,“ fuhr Kau⸗ nitz fort. „Unſere Idee!“ rief die Fürſtin. „Wirklich— un— unſere Nee,“ ſtammelte Knyp⸗ hauſen,—„ganz unſere Idee! ich bin verloren.“ Heftig wiſchte er mit dem Tuche Stirn und Wange. „Ich habe hier auch eine Reihe kleiner giftiger Satyren auf die Herrſcher Europas,“ ſagte die Fürſtin unbefangen. „Vergleichen wir doch!“ Knyphauſen ſank beinahe in die Knie.„Um Himmels Willen,“ beſchwor er leiſe die Fürſtin.„Gnade! literariſcher Diebſtahl, Anbetung!— Liebe! verrathen Sie mich nicht! — Gnade!“ „Die Satyren, welche Sie mir gegeben,“ fragte die Fürſtin leiſe,„ſind?—“ „Die Verſe Frisdrich des Großen,“ ſtammelte Knyp⸗ hauſen. Seine Lage war verzweifelt. Da klang die Thüre, der Herzog von Richelieu trat ungerufen, unangemeldet in den Gartenſaal der Fürſtin. Die Fürſtin maß ihn mit zornigem Blicke von oben bis unten, er aber verneigte ſich mit boshaftem Lächeln. „Fürſtin,“ ſprach er,„der König von Frankreich bittet die Venus von Milo—“ „Herzog!“ rief ſie. „Es ſind die Worte Seiner Majeſtät. Bittet Sie, ihn zu empfangen, allein, ohne Zeugen, ehe die Geſell⸗ ſchaft—“ 14* 212 „Sagen Sie Ihrem König,“ antwortete die Für⸗ ſtin ſtolz. „Er wartet am Fuße der Terraſſe,“ ſprach Richelieu. Die Fürſtin lachte auf.„Welch ein Gedanke,“ mur⸗ melte ſie.„Ich erwarte ihn,“ ſagte ſie und entließ Richelieu mit einem verächtlichen Kopfnicken. „Gnade!“ murmelte Knyphauſen, faltete mit einem jammervollen Blicke auf die Ruſſin die Hände und ſchlich dem Herzoge nach. Raſch trat die Fürſtin auf Kaunitz zu. „Haben Sie das Bündniß entworfen?“ „Hier iſt es.“ Er gab es ihr. Die Fürſtin verbarg es an ihrem Buſen. „Schreiben Sie mit verſtellter Schrift der Marquiſe von Pompadour,“ gebot ſie,„daß der König in dieſem Augen⸗ blicke zu meinen Füßen liegt. Eilen Sie, wenn ich an dieſes Fenſter trete, pochen Sie an die Thüre. Können Sie eifer⸗ ſüchtig ſein?“ „Ich fange an, es zu werden,“ fagte Kaunitz. „Um ſo beſſer! fort!“ Der Gartenſaal der Fürſtin hatte zwei Thüren. Während Kaunitz durch die eine heraustrat, kam der König zu der andern herein. Er war in einen dunklen Mantel gehüllt. * „Sie ſind allein, Fürſtin?“ Sire Der König ſtand in ihrem Anblick verſunken. „Ihre Augen ſind wirklich wie arabiſche Märchen. Man möchte ſie ſich erzählen laſſen tauſend und eine Nacht.“ Er warf ſeinen Mantel ab, und näherte ſich der ſchönen Ruſſin.„Sie haben mir vergeben?“ fragte er. „Wir Frauen verzeihen ſo gerne Beleidigungen, welche Huldigungen ſind!“ „Dies gibt mir Muth,“ antwortete der König. „Wozu, Sire?“ fragte ſie mit einer Majeſtät, vor der er ſich beugen mußte. „Sie— Sie wieder zu beleidigen,“ entgegnete Ludwig. Die Woronzow lachte, aber im nächſten Augenblicke ſchrak ſie zuſammen, und ſah ängſtlich um ſich. „Wird ſind doch allein?“ fragte der König. „Es hat Sie wohl Niemand geſehen, Sire?“ „Ich glaube doch,“ meinte er verlegen. „Mein Gott!“ „Ein Mann mit einem großen Stocke,“ fuhr er fort. „Es war Kaunitz!“ rief ſie,„oh Sire! ich habe Ihnen viel geopfert— meine Ehre!“ ſie ſank in den Lehnſtuhl und preßte das Tuch vor die Augen. Der König warf ſich vor ihr nieder.„Sehen Sie mich knieen,“ rief er,„mit Ihnen klagen, mit Ihnen weinen, giebt es denn kein Mittel, kein Mittel, die Welt zu täuſchen?“ Die Fürſtin erhob ſich.„Ja es gibt ein Mittel!“ „ 214 „Ich wähle jedes,“ ſagte der König, indem er gleich⸗ falls aufſtand. „Sie müſſen Diplomat werden.“ „Ich verſtehe,“ entgegnete er,„für die Welt haben Sie eine Miſſion in Paris und der König von Frankreich er⸗ ſcheint bei der Geſandten der Czaarin.“ „Damit Ludwig der Woronzow den Hof machen kann.“ „Der Gedanke iſt wirklich neu und unterhält mich. Aber, worüber unterhandeln wir?“ „Soll ich Ihnen die Vortheile eines Schifffahrtstraktats auseinanderſetzen?“ ſcherzte ſie. „Nein! nein! ich ſchließe allenfalls ein Bündniß mit Rußland.“ „Ein Bündniß!“ rief die Fürſtin,„meine Kaiſerin wünſcht es lebhaft, aber Sire, Rußland verbündet ſich eben mit Oeſterreich.“ „Ich auch mit Oeſterreich,“ ſagte der König,„es iſt ja eben meine Idee!“ „Mein Gott! man überraſcht uns,“ rief die Fürſtin und eilte an das Fenſter, dann an beide Thüren und ſperrte ſie. „Sie erſchrecken mich,“ ſagte Ludwig. „Wenn es Kaunitz wäre?“ antwortete ſie. „Er liebt Sie?“ „Er iſt eiferſüchtig.“ „In der That,“ ſagte der König,„geſtern im Park hätte er mich faſt erſtochen.“ In dieſem Augenblick klopfte es an die Thüre. — „Fliehen Sie,“ beſchwor ihn die Fürſtin. Er verſuchte durch die andere Thüre zu entkommen, da klopfte es auch an dieſe. „Hier auch,“ ſeufzte der König,„es iſt die Pompadour.“ „Es iſt Kaunitz!“ rief die Fürſtin,„fliehen Sie, er tödtet Sie.“ Es pochte heftig an beide Thüren. „Er wird die Thüre ſprengen,“ rief die Fürſtin und rang die Hände. „Wir ſind verloren,“ flüſterte er und warf ſich in einen Armſeſſel. „Wir ſind gerettet,“ ſagte ſie. „Wie?“ „Er ſucht einen Liebhaber und findet einen Diplo⸗ maten,“ erwiederte die Ruſſin. Entzückt drückte Ludwig ihre Hände an ſein Herz. „Wir verhandeln über das Bündniß,“ jauchzte er. „Hier iſt der Entwurf,“ antwortete ſie, indem ſie denſelben auf den Tiſch legte.„Schnell das Schreib⸗ zeug.“ Der König lief um daſſelbe und ſtellte es auf den Tiſch vor dem Divan. „Schnell die Kerzen,“ befahl ſie. Der König eilte und brachte die Kerzen. „Sie führen das Protokoll, Sire, ich öffne.“ Ludwig XV ſetzte ſich auf den Divan, faltete einen Bogen Papier und ſchrieb eilfertig. Die Fürſtin öffnete beide Thüren. Kaunitz und die Marquiſe von Pompadour traten zugleich, aufgeregt, in den Saal. „Verrätherin!“ rief der Graf heftig. „Ein Rendezvous,“ ſagte die Marquiſe, bebend vor Zorn. Kaunitz riß den Degen aus der Scheide.„Ich tödte ſie und ihn.“. Der König, welcher mit dem Rücken gegen ihn ſaß, ſprang auf. Der Graf ſpielte den Ueberraſchten.„Ah! der König!“ murmelte er. „Sie kommen wie gerufen,“ ſagte dieſer.„Kaunitz! Marquiſe! wir ſind eben daran, das Bündniß“— „Zu unterzeichnen,“ fiel die Ruſſin in's Wort. Frau von Pompadour blieb betroffen ſtehen. „Was hat das zu bedeuten?“ ſprach ſie. Kaunitz ſteckte den Degen ein und näherte ſich ihr.— „Daß wir uns lächerlich gemacht haben,“ ſagte er leiſe. „Ihre Eiferſucht,“ erwiederte die Marquiſe ſpöttiſch. „Wir haben uns nichts vorzuwerfen,“ entgegnete der Graf, indem er ſich gegen ſie verneigte. „Das Bündniß?“ fragte die Pompadour. „Zwiſchen Rußland, Frankreich und Oeſterreich,“ ent⸗ gegnete die Fürſtin. Die Marquiſe antwortete mit einem Ruf der Ueber⸗ raſchung. „Haben Sie Etwas einzuwenden?“ fragte der König. „Nichts, nichts,“ ſtammelte ſie,„aber die Fürſtin“— „Die Geſandte der Czaarin,“entgegnete die Woronzow. „Hier meine Vollmacht.“ Sie überreichte ſie mit einer ſpöttiſchen Verbeugung der Marquiſe. Wagen auf Wagen rollte vor den Palaſt der Fürſtin. „Meine Gäſte,“ ſprach ſie, indem ſ ſie Ludwig die Feder reichte,„unterzeichnen Sie.“ Der König lehnte mit anmuthiger Galanterie ab. „Unterzeichnen Sie!“ Kaunitz verfolgte die Scene mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit. „Für die Czaarin,“ ſagte die Fürſtin, unterſchrieb und gab die Feder dem König. Dieſer ſetzte eben ſo raſch ſeinen Namen unter das welthiſtoriſche Dokument. Zuletzt Kaunitz. „Im Namen Maria Thereſia's',“ ſagte er ernſt. „Ihre Angſt um mich hat Sie verrathen,“ flüſterte Ludwig der Ruſſin zu,„Sie lieben mich.“ „Die Geſellſchaft!“ Beide Thüren wurden weit geöffnet, Gäſte der Fürſtin füllten raſch den Saal. Miniſter Machault ſtellte Fräulein von Severin der Herrin vor. Ihm folgten Richelieu, der Leibarzt Quesnay, der preußiſche Geſandte, Bernis, Crebillon und Couſtou. Raſch bildeten ſich Gruppen und die Fragen des Tages flogen von Lippe zu Lippe. „Meine Damen, meine Herren,“ ſprach der König, „ich grüße Sie, was giebt es Neues in Paris?“ „Man unterhält ſich heute mit einer neuen politiſchen Theorie, Sire,“ antwortete Quesnay. „Wie ſo?“ meinte der König. „Mit einer Brochüre,“ ſprach Crebillon.„Es giebt. heute in Ihrer Hauptſtadt, Sire,“ fuhr Quesnay 218 fort,„der es begreifen könnte, daß Heſterreich und Frankreich ſich ſeit beinahe drei Jahrhunderten bekämpfen.“ „Aber die Courſe ſinken, Sire,“ bemerkte der Herzog von Richelieu. „Um ſo beſſer,“ ſagte Ludwig,„hören Sie, Kaunitz?“ Leibeigene der Fürſtin brachten in feierlichem Zuge den Bohnenkuchen und ſtellten ihn auf den Tiſch. „Sire!“ ſagte die Woronzow,„eröffnen Sie den Boh⸗ nenkönig. Das Spiel kommt aus den Niederlanden. Jeder ſchneidet von dem Kuchen, und wer in ſeinem Antheile die Bohne findet, iſt Bohnenkönig, wählt ſeine Königin—“ „Oder ſeinen König,“ meinte Ludwig. „Und herrſcht an dieſem Abend unumſchränkt.“ Da⸗ mit reichte die Fürſtin dem Könige das Meſſer. Während ſich die Geſellſchaft fröhlich um den Kuchen gruppirte, das Meſſer von Hand zu Hand wanderte, Jeder ſein Stückchen unter Lachen der Uebrigen vergebens nach der Bohne durchforſchte, ſaß Gabriele abſeits, das Köpſchen geſenkt. „Du biſt traurig, Töchterchen,“ ſagte Richelieu, und beugte ſich über die Lehne ihres Seſſels. „Haben mich nicht alle meine Anbeter verlaſſen?“ ſchmollte die Kleine. „Alle?“ ſagte der Herzog.— „Albemarle, der König, Kaunitz—“ „Und ich?“ „Du?“ „Liebe ich Dich nicht?“ ſprach Richelieu. „Richelieu!“ rief ſie zornig. „ „Ich lüge nie,“ ſprach er,„mein Leben war toll—“ „Das glaube ich Dir auf's Wort.“ „Die Frauen waren dem Herzog von Richelieu was dem Knaben Richelieu ſein Spielzeug.“ „Das glaube ich Dir auf's Wort,“ ſagte Gabriele. „Dann glaube mir auch, daß ich jetzt Dein Spielzeug ſein möchte, kleine Gabriele.“ „Richelieu!“ rief das Mädchen, beinahe erſchreckt. „Veine Tochter, willſt Du meine S werden?“ fragte er. „Was thut man nicht, um Aufſehen zu erregen,“ rief Gabriel e, und warf ſich an ſeine Bruſt. Eben ſchnitt die Fürſtin Woronzow ihr Stück von dem Kuchen, ſie zertheilte es, und hob plötzlich die Bohne hoch empor.„Hier iſt ſie,“ rief ſie,„hier iſt die Bohne!“ „Heil meiner Königin,“ rief Kaunitz. „Ihr Reich beginnt,“ ſagte Ludwig XV. man den Eid der Treue, des Gehorſams, ich verlange ihn.“ Die ganze Geſellſchaft leiſtete denſelben. Dann ließ ſich die Fürſtin auf den Divan nieder, die Uebrigen in den Fauteuilles um ſie. „Was gebietet unſere Königin?“ fragte der Graf. „Die Literatur iſt die Seele der Geſellſchaft,“ ſagte ſie, „ihr weihe ich dieſen Abend.“ „Ich werde dies benützen und der Geſellſchaft einige Verſe vorleſen,“ erklärte Kaunitz. „Was bedeutet das?“ murmelte Knyphauſen. „Verſe, gut!“ ſprach der König. Bei der Thronbeſteigung,“ ſprach die Fürſtin,„leiſtet „Ich erzähle einen kleinen Roman,“ ſagte die Fürſtin. „Roman, ſehr gut,“ ſtimmte Ludwig XV. bei. „Auch ich möchte Ihre Geduld in Anſpruch nehmen,“ unterbrach Gabriele,„aber ich wage es nicht, nach dem Roman der Fürſtin, nach den Verſen des Grafen Kaunitz.“ „Beginnen Sie alſo,“ gebot die Bohnenkönigin. „Ich bin neugierig,“ ſprach der König. „Elegien, Sire,“ bemerkte Kaunitz. „Eine Reiſebeſchreibung,“ rief Gabriele. „Reiſt man aus Unterhaltung oder aus Wißbegierde?“ fragte der König. „Heut zu Tage reiſt man aus Liebe,“ antwortete Gabriele mit lachender Bosheit. Eine lebhafte Bewegung der Geſellſchaft folgte ihren Worten. Der König ſah Gabriele befremdet an. „Ein König,“ fuhr dieſe fort,„wo er regiert, habe ich vergeſſen,— alſo ein König, der nicht regiert.“ „O!“ rief Ludwig überraſcht. „Verliebt ſich. In wen, das habe ich wiederum vergeſſen. Wer kann ſich Alle merken, in die er ſich verliebt—“ Die Geſellſchaft wurde unruhig. „Wirklich,“ ſprach der König. „Er will aus Liebe reiſen,“ erzählte Gabriele. „Er reiſt aber nicht,“ unterbrach Kaunitz. „Nein, eine neue Liebe läßt ihn nicht reiſen,“ fuhr ſie fort,„aber ach! die neue Geliebte reiſt— aus Liebe.“ Ludwig XV. ſtand lebhaft auf und ſah die Ruſſin an. „Sie erzählen uns ein Märchen!“ ſprach er. Gabriele lachte.„Der märchenhafte Reiſewagen ſteht am Thore— der Fürſtin Woronzow.“ „Das iſt nicht möglich!“ rief der König. Die Geſellſchaft rauſchte durcheinander. „Fällen Sie kein Urtheil, Sire,“ ſagte die Fürſtin, „ich bitte Sie, ehe Sie meinen Roman gehört haben.“ Ludwig ſetzte ſich.„Ich bin auf das Aeußerſte ge⸗ ſpannt,“ ſagte er. „Eine Frau,“ begann ſie. „Eine königliche Schönheit,“ unterbrach ſie Lud⸗ wig XV. „Hat drei Bewerber,“ erzählte ſie weiter.„Alle lieben ſie, und eines Jeden Huldigung muß ſie mit Stolz erfüllen. Sie aber ſoll entſcheiden zwiſchen ihnen, denn Einem nur kann ſie gehören. Was thut ſie?“ „Sie läßt ihr Herz entſcheiden!“ ſagte der König. „Das hat längſt entſchieden. Sie aber ſchmerzt es, „Nein“ zu ſagen den beiden Anderen, denn ſie wird ihrer Neigung ſtets mit Freude denken. So wählt ſie denn ein Spiel.“— Die Fürſtin erhob ſich lächelnd.„Ah! es fällt mir eben ein, daß ich meinen König zu wählen habe.“ „Sie wählen?“ rief es von allen Seiten. „Kaunitz!“ Der Graf beugte ſich über ihre Hand. Ein Schrei der Ueberraſchung von allen Lippen be⸗ gleitete die Erklärung der ſchönen Frau. „Und die Moral von der Geſchichte?“ ſpottete Richelieu. „Ein Verliebter iſt ein ſchlechter Diplomat.“ Der König hatte ſich gefaßt.„Graf Kaunitz,“ ſprach er würdevoll,„das Bündniß—“ Der Graf gab es dem Könige mit ſtolzer Bereitwillig⸗ keit zurück. „Sie bekommen dafür Ihre Päſſe, glückliche Reiſe, Fürſtin!“ er gab Frau von Pompadour den Arm, und ſchritt, von den meiſten der Anweſenden gefolgt, dem Ausgange zu. Aber die Fürſtin hob gebietend den ſchö⸗ nen Arm. „Sie gehen nicht!“ rief ſie. Der König blieb ſtehen. „Welche Sprache einem Könige gegenüber!“ rief Richelieu heftig. „Die Sprache der Gebieterin,“ ſagte die Fürſtin mit der Majeſtät einer Despotin.„Noch gilt ein königliches Wort, dem Könige gebiete ich, wie Euch allen, als Bohnen⸗ königin, und ich gebiete: Bleibt!!“ Der König kehrte zurück, mit ihm die ganze Ge⸗ ſellſchaft. „Ich aber verlange meine Päſſe, Sire!“ ſprach Kaunitz mit Humor.„Ohne Bündniß, aber mit einer neuen Staatskunſt verlaſſe ich Verſailles. Das Staatskleid des Diplomaten wird der Reifrock, Liebesbriefe werden zu Kriegserklärungen und Friedensſchlüſſen.“ „Bündniſſe zu Intriguen,“ ergänzte Ludwig XV. gereizt. „Intriguen,“ fuhr Kaunitz mit freier Ironie fort,„ja häßliche Intriguen, wo nur die Staatskunſt entſcheiden ſollte! Ein Mann, der ſein Volk vor allen anderen achtet, ſchmeichelt einem anderen Volke, bei dem— die Staatsklug⸗ 223 heit entſcheidet. Iſt das nicht eine häßliche Intrigue? Ein Mann, geliebt von einem Götterweibe, macht mit galantem Feuer Damen den Hof, bei denen— die Staatsklugheit ent⸗ ſcheidet. Iſt das nicht eine häßliche Intrigue? Ein Mann, den ein Gedanke nur beherrſcht, ſein Vaterland, unterhält einen König, bei dem— die Staatsklugheit allein entſcheidet. Iſt das nicht wieder eine häßliche Intrigue? Um ſo mehr, als er dies alles nur für ein Bündniß that, an das er ſeines Lan⸗ des Zukunft knüpfte. Iſt das nicht eine häßliche Intrigue? Und hier ſteht der Intriguant Kaunitz, der Geſandte Heſter⸗ reichs an dem ſtaatsklugen Hofe von Verſailles!“ „Sie befehlen, Fürſtin, daß ich mich beleidigen laſſe!“ rief der König. „Befehlen Sie, Fürſtin, daß Friedrich der Große Verſe macht?“ fragte Kaunitz lächelnd. „Was bedeutet das,“ rief Ludwig. „Sire!“ ſagte Kaunitz,„Sie unterhalten ſich mit einer kleinen Buchdruckerei, in der Sie ſelbſt den Satz be⸗ ſorgen, wie den Abzug. Wie wäre es, wenn Sie ſich mit Ihrem großen Verbündeten auch zu einem literariſchen Unternehmen verbänden? Sire! Es gäbe ein welthiſtoriſches Bändchen, die Verſe Friedrich des Großen, gedruckt von Ludwig XV.“ Kaunitz zog das Heft mit den Satyren des Königs von Preußen hervor. Aufgeregt umgab ihn die Geſell⸗ ſchaft. „Was werde ich hören!“ ſprach der König. „Leſen Sie!“ rief die Fürſtin. „Leſen Sie, leſen Sie!“ tönte es von allen Seiten.— Knyphauſen ſank in einen Seſſel. Kaunitz trat zurück, im weiten Kreiſe um ihn die Geſellſchaft. Er las: „Die philoſophiſche Kaiſerin. „Bis in den fernen Norden Dehnt die Philoſophie ihr Reich, Predigt unter Sklavenhorden, Die Menſchen ſind alle gleich. Im Hermelin thront ihre Schülerin In dem Palaſt der Czaaren, Sie ſchwört,— daß alle Menſchen Gleich— vor ihrem Herzen waren.“ Der ganze Kreis lachte. „Eine Kriegserklärung in Verſen!“ rief die Ruſſin, „meine Herrſcherin nimmt ſie an.“ „Wir lachen, ohne daß wir die Bohnenkönigin um Erlaubniß gefragt haben,“ ſprach der König. „Sie verzeihen,“ ſetzte die Marquiſe lachend hinzu, „aber— ha! ha! ha!“ „Leſen Sie weiter,“ befahl die Fürſtin ruhig. „Die Finanzmarquiſe!“ „Wie?“ rief die Marquiſe. „Die Finanzmarquiſe,“ wiederholte er. „Das ſind Sie, liebe Pompadour,“ ſagte der König lachend. „Abſcheulich!“ rief dieſe zornig.„Leſen Sie, leſen Sie!“ Kaunitz las: „Ihr Onkel war ein General, Der Pächter der Finanzen, Es konnte füglich ihr Gemahl Nur Onkels Tänze tanzen!“ Frau von Pompadour unterdrückte einen Wuthſchrei, aber ihre Augen funkelten vor Racheluſt und ſie bebte am ganzen Leibe. „Wie ungerecht flucht Pompadour Die Volksdesperation, Sie nimmt ja Frankreichs letzten Sons Nur aus Familien⸗Tradition.“ Lautes Lachen begleitete den Schluß des Gedichtes. „Wer lacht?“ rief die Marquiſe mit einem vernich⸗ tenden Blicke. „Ich ſterbe,“ ſtöhnte Knyphauſen in ſeinem Seſſel. „Sie verzeihen!“ ſagte die Fürſtin,„aber ha! ha! ha! Kaunitz leſen Sie. Ha! ha! ha!“ „Der Herkules Frankreichs.“ „Der Herkules?“ fragte Ludwig etwas beunruhigt. „DerHerkules Frankreichs,“ fügte Kaunitz hinzu. „Sollte Friedrich,“ ſagte der König,„nein! das kann nicht ſein. Leſen Sie!“ Der Graf las mit ſcharfer Betonung. Wort für Wort ſchnellte er wie vergiftete Pfeile in die Seele des Königs und der Marquiſe: „Der Herkules Frankreichs. An den Rocken baunt Omphale Den verliebten Seladon, Es ſpielt den größten der Skandale Mit ihr Alkmene's Götterſohn. Es wiederholt in unſern Tagen In Verſailles ſich die Geſchichte—“ „In Verſailles?“ rief Ludwig XV. „Doch keinen Herkules am Siegeswagen, Peitſcht des Steuerpächters Nichte!“ Sacher⸗Maſoch, Kannitz. II. 15 226 Der König ſprang auf.„Das— das, das ſind—“ ſtotterte er wüthend— „Die Epigramme Friedrich des Großen,“ antwortete Kaunitz. „Keinen Herkules peitſcht,“ wiederholte Ludwig XV. Peitſcht des Steuerpächters Nichte,“ half der Graf dem königlichen Gedächtniſſe nach. „Oh! ich werde ihm Antwort geben!“ ſagte Frau von Pompadour heftig. „Auf Beleidigungen giebt es nur eine Antwort!“ entgegnete Kaunitz. „Einen Degenſtoß,“ rief Ludwig XV. „Der Zweikampf der Könige und der Völker iſt der Krieg,“ ſagte Kaunit. „Graf Kaunitz!“ ſprach Ludwig ſtolz.„Es ent⸗ ſcheidet doch die Staatsklugheit in Verſailles,— Liebes⸗ Briefe werden kein Bündniß löſen oder ſchließen!“ „Aber Verſe!“ flüſterte die Fürſtin Kaunitz zu. „Sie kehren nach Wien zurück,“ fuhr der König fort, „grüßen Sie Maria Thereſia, unſere Verbündete!“ Ein Sturm von Stimmen und Leidenſchaften wogte nach dieſen Worten durch den Saal. „Marquiſe!“ ſchloß der König,„Sie werden ein neues Miniſterium bilden und dem preußiſchen Geſandten ſeine Päſſe ſenden.“ „Unſer Heer befehligt der tapfere Herzog von Richelieu,“ ſagte Frau von Pompadour mit einem triumphirenden Blick auf ihn. Dann winkte ſie Bernis:„Folgen Sie uns, mein Herr Miniſter!“ Der König gab ihr den Arm. Die Geſ ellſchaft beeilte ſich zu folgen. Die Fürſtin begleitete ihre Gäſte bis zu der Treppe, dann kehrte ſie zurück. „Jetzt iſt Frankreich feſt mit uns verbunden,“ rief ihr der Graf fröhlich entgegen. „Und Oeſterreich mehr als ein Gedanke, erwiederte die ſchöne Frau, während ſie den weißen Armum ihn ſchlang. „OD! Träume!“ ſprach Kaunitz, das Auge erh hoben wie ein Seher,„ſüße Träume, die wie goldner Nebel um meine Wiege ſchwebten. Oh! werde wahr, Gedanke meiner Ju⸗ ger nd Aus vielen Ländern nur ein weites Land, aus vielen Völkern nur ein großes Volk! Ein Oſtreich für den Geiſt 1 der Menſchheit!! Ende Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. — ſ ſ ſih 1 n 1 n 6 7 8 9 10 11 2 13 14 15 16