Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seiß und Tefebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothe. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. f 2 Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme„ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. beträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:—f 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3„ 3 5. Auswäptige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 6. Schadenersatz. 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Wofür Ludwig XIV. ſeine Generäle, ſeine Armeen vergebens in das Feld geſchickt hatte, das war für die Denker und Dichter, für die geiſtreichen Frauen Frankreichs die Frucht leichter Siege. Die Univerſalmo⸗ narchie des Geiſtes war gegründet, während die politiſche ein Phantom blieb, das noch einige Zeit die Völker ſchrecken ſollte. Die Gebildeten waren eine große Geſellſchaft von Pa⸗ ris bis St. Petersburg, von Stockholm bis Rom, eine Ge⸗ ſellſchaft, deren Zeichen und Ceremonien nur dem Einge⸗ weihten geläufig waren, mächtig und thätig wie der Orden der Freimaurer. Ihre Logen waren die Höfe, die Akade⸗ mien, die Salons, die Theater, die Kaffeehäuſer. Wie ein Netz waren ſie über Europa gebreitet, durch ſie herrſchte die Sprache, der Geſchmack, die Bildung der Franzoſen. Ein langer blutiger Krieg bedrohte die junge Schö⸗ pfung. Frankreich machte im Bunde mit dem jungen, erobe⸗ rungsſüchtigen Könige von Preußen einen Verſuch, Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. I. die öſterreichiſche Monarchie zu zerſtören. Die Enkelin der römiſchen Kaiſer, die Erbin ſo vieler Königreiche und Län⸗ der ſollte nur noch die Königin von Ungarn ſein. Friedrich der Große war in Schleſien eingerückt, um ſein kleines Königreich zu vergrößern und der preußiſchen Königskrone, welche von der Jronie des Zeitalters um⸗ ſpült war, den Glanz von Siegen, Eroberungen, politiſchen Erfolgen zu geben, um die Weinſtuben und Zeitungsſchreiber zu beſchäftigen. Frankreich führte ſeine Truppen nach Oeſter⸗ reich und Böhmen, damit dem Kampfe der Jahrhunderte um die Herrſchaft in Europa ein Ende gemacht werde. Was Ludwig XIV. angeſtrebt, Eugen von Savoyen vereitelt hatte, ſchien Ludwig XV. wie im Spiele erringen zu können. Der alte Gegner ſollte vernichtet, ſein Gebiet unter die Sieger vertheilt werden, aber die junge Frau, welche damals den habsburgiſchen Hermelin trug, kämpfte den Kampf gegen Frankreich und ſeine Verbündeten muthig und glücklich, wie einſt Karl V., wie die Helden des dreißig⸗ jährigen Krieges, und jenes um die ſpaniſche Erbfolge. Im Frieden verlor ſie Schleſien, aber Heſterreich hatte ſich das erſte Mal neben Deutſchland als ſelbſtſtändige Macht gezeigt und behauptet. In dem Friedensinſtrumente wurde der öſterreichiſche Staat, wie die Erbfolge Maria Thereſia's von den europäiſchen Mächten anerkannt. Nahe an acht Jahre war der gebildete Welttheil ein Heerlager, bis der Congreß zu Aachen demſelben den Frie⸗ den, Frankreich ſeine geiſtige Weltherrſchaft wieder gab. Die zerriſſenen Fäden wurden wieder angeknüpft, für die Geſellſchaft ſchien der Friede nie geſtört worden zu ſein. Der große König von Preußen und der große Staatsmann 3 0 Oeſterreichs galten in derſelben gleichviel, als Männer von Geiſt. Die Hauptſtadt Frankreichs war das Rom einer un⸗ ſichtbaren Kirche. Von hier aus waren jene Helden ausge⸗ zogen, welche das achtzehnte Jahrhundert mit glänzenderen Siegen, als Eugen und Marlborough mit ruhmvolleren Er⸗ oberungen als Peter der Große und Friedrich II. bezeichnet haben. Das Kreuz der Verfolgung auf der Bruſt zogen ſie in das heilige Land des Geiſtes, kämpften Schlachten für die menſchliche Natur gegen die Unwiſſenheit, in der ſie ihren furchtbarſten Feind, die Quelle aller ihrer Leiden ſa⸗ hen. Das Zeitalter Buffon's, Montesquieu's, Voltaire's und Rouſſeau's nannte ſich ſtolz das Johr hundert der Auf⸗ klärung. Die Fürſten, die Höfe, die vornehme Welt wetteiferten mit Buchhändlern und Schauſpielern jene Ideen zu verbrei⸗ ten, welche ein halbes Jahrhundert ſpäter ihre Throne er⸗ ſchüttern, ihre Vorrechte zertreten ſollten. Europa hatte nur eine Literatur, wie eine Mode. Ka⸗ tharina las die Geſänge der Jungfrau mit demſelben Ent⸗ zücken, mit dem ſie in Sibirien den von ihr verbannten ruſſiſchen Großen erfüllten. Das Kleid des Königs von Preußen trug denſelben Schnitt wie jenes des Siegers von Kollin. Die Mutter Joſef II. kämmte ihre Haare wie die Geliebte des Königs von Frankreich. So groß das Leben der franzöſiſchen Hauptſtadt durch die tauſend Fäden und Menſchen war, welche hier aus allen Enden der Welt zuſammenfloſſen, ſo bewegten ſich doch ge⸗ rade jene tonangebenden Kreiſe in den kleinſten Verhält⸗ niſſen. 1* Die Hauptſtadt Frankreichs war eine Welt, das Paris, das Europa beherrſchte eine Kleinſtadt. Jeden Tag verlangte das Gerücht ſeinen Götzen und ſein Opfer. Wie Nachbar Hans und Nachbar Peter fanden ſich Voltaire und Richelieu in dem Kaffeehauſe an demſelben Tiſche zuſammen. Wie von der Frau Apothekerin und der Frau Richterin flüſterte man von der Marquiſe von Pom⸗ padour und der ruſſiſchen Kaiſerin. Man wußte es, wenn Diderot einen neuen Hut aufgeſetzt hatte eben ſo genau, als wenn ein Miniſterwechſel bevorſtand. In dem Winter, wel⸗ cher dem Friedensſ chluſſe folgte, bot ein neuer Gaſt der Welt⸗ ſtadt unerſchöpflichen Stoff. Ein fremder Sonderling, deſ⸗ ſen Name erſt durch die Urkunde von Aachen bekannt gewor⸗ den war, der öſterreichiſche Geſandte an dem Hofe von Verſailles, Graf Kaunitz. In diplomatiſchen Kreiſen war man geneigt, den Frie⸗ den nur als eine Waffenruhe anzuſehen. Mit Ausnahme des Königs von Preußen war Niemand durch denſelben be⸗ friedigt. Die Parteien ſtanden ſich noch gegenüber, aber ihre Reihen begannen ſich zu löſen. Die Beziehungen Frank⸗ reichs zu Preußen waren durch die letzten Ergebniſſe des öſterreichiſchen Erbfolgekrieges eben ſo gelockert worden, als jene Heſterreichs zu den Seemächten. Unter dieſen Verhältniſſen legte man dem Poſten eines öſterreichiſchen Botſchafters in Paris eine ungewöhnliche Wichtigkeit bei. Die Wahl, welche Maria Thereſia getroffen hatte, ſchien dieſe Anſicht zu rechtfertigen. 5 Graf Kaunitz war durch außerordentliche ſtaatsmän⸗ niſche Talente raſch zu dem hohen Range eines Staatsraths und bevollmächtigten Miniſters emporgeſtiegen. Seiner genialen Umſicht, ſeinem Geſchicke, fremde Schwächen, Fehler, Verſäumniſſe zu benützen, dankte ſeine Monarchin in glei⸗ chem Maße die unerwartet günſtige Redaktion des Vertrages von Aachen. Freund und Feind war Kaunitz auf dem Congreſſe ge⸗ genüber geſtanden, nach allen Seiten hin hatte er die In⸗ tereſſen ſeines Vaterlandes verfochten, nicht nur ſpielte er die glänzendſte Rolle, der Schluß des ſeltenen Schauſpiels überraſchte die Welt und trug den Namen des Diplomaten, welcher am Congreßtiſche größere Siege erfochten, als Ma⸗ ria Thereſia's Generale im ganzen Erbfolgekriege, ſchnell durch Europa. Sein Erſcheinen in Paris verſetzte alle Kreiſe in Auf⸗ regung, man erwartete einen neuen diplomatiſchen Feldzug, Cabalen, Intriguen, offenen Kampf und Ueberliſtung. Das Benehmen des öſterreichiſchen Grafen ſtrafte jedoch alle Er⸗ wartungen Lügen. Anfangs gab man ihm Zeit, ſich glänzend einzurichten, als dieß jedoch zu lange Friſt in Anſpruch nahm, waren ſeine Minen ſo tief unterirdiſch, ſeine Gewebe ſo fein, daß ſie ſich dem geübteſten Auge entzogen. Als Kaunitz jedoch das harmloſeſte Daſein mit unnachahmlicher Grazie und Sorgloſigkeit fortſpann, erreichte das Intereſſe an ſeiner Perſönlichkeit, wie an ſeinem Treiben, den höchſten Grad. Sie waren auch ſeltſam genug. Mit den Miniſtern, den Diplomaten verkehrte der Graf nur in gegenſeitigen Höflichkeitsbeſuchen. Er ſtand mit 6 Lord Albemarle, dem Geſchäftsträger des befreundeten Eng⸗ land, auf keinem vertrauteren Fuße als mit Herrn Ulyſſes von Knyphauſen, dem Botſchafter des Eroberers von Schle⸗ ſien. Dagegen war er mit den Luſtſpieldichtern, den Sa⸗ tyrikern, den Gelehrten, den Philoſophen ſchnell bekannt ge⸗ worden. Er fehlte regelmäßig bei den diplomatiſchen Di⸗ ners, nie bei dem Abendeſſen einer reizenden Frau. Er entſchuldigte ſich, wenn man von ihm Auskunft verlangte über das Temperament des franzöſiſchen Staatsminiſters, oder über den Styl des holländiſchen Rathsſecretairs, aber er wußte genau, bei der wie vielten Taſſe Quesnay, der Leibarzt des Königs, ſeine Theorien über die Wirthſchaft des Staats zu entwickeln begann, und jede Wendung in der Schule der Frauen oder dem eingebildeten Kranken war ihm geläufig. Sein Tag war die Toilette, die Promenade, die Vi⸗ ſite, das Diner, das Cafeé, der Salon, das Theater, er lebte das Leben eines Franzoſen von Stand und Geiſt, nicht je⸗ nes eines Geſchäftsträgers einer fremden Macht. In ſeiner Wohnung, ſeiner Loge verkehrten die Schriftſteller wie in der Akademie, oder den Bureaux d'esprit. Wenn er Arm in Arm mit Montesquieu ging, überſah er leicht den ruſ⸗ ſiſchen Geſandten, mit deſſen Hofe das Gerücht Oeſterreich eben in wichtige Verhandlungen treten ließ. In Verſailles verkehrte der Graf als täglicher Gaſt. Kaunitz war gerne geſehen, denn er brachte keine Noten, keine Depeſchen, keine Aktenſtücke, heute eine allerliebſte Anekdote, morgen die Idee zu einem Zeitvertreibe, welcher den König aus ſeiner Apathie emporſchnellte. Er unterhielt, denn er ſchien keinen andern. Zweck zu haben, als zu unter⸗ 7 halten. Bald war er in die unſchuldigen Toilettegeheim⸗ niſſe der Pompadour und die Intriguen des Königs von Frankreich eingeweiht, denn überall zeigte er ſich theilneh⸗ mend, voll Verſtändniß, zart und verſchwiegen. Je weniger er die Welt beſchäftigen zu wollen ſchien, um ſo mehr gab er ihr zu rathen, zu deuten, auszulegen. Niemand erregte er jedoch im höheren Grade, als den Leiter der auswärtigen Angelegenheiten Frankreichs, den Miniſter von Machault. An dem Tage, an welchem die Ernennung des Grafen Kaunitz zum Botſchafter in Paris der franzöſiſchen Regie⸗ rung mitgetheilt worden, war Machault's große Carroſſe bis ſpät in die Nacht durch die Straßen geraſſelt. Die Ankunft des Geſandten gab das Zeichen zu einer Geſchäftigkeit in der Staatskanzelei, wie ſie nur große Ereigniſſe, Bündniſſe und Verträge zu begleiten pflegte. Der erſte Beſuch wurde kühl und beobachtend aufge⸗ nommen, kalt und vorſichtig erwiedert. Die lächelnde Zu⸗ vorkommenheit des öſterreichiſchen Diplomaten wurde als boshafte Maske in den Akten regiſtrirt. Als der Graf ſich den divlomatiſchen Kreiſen ferne hielt, galt dieß als kluges Manöver. Der franzöſiſche Staatsmann machte ſich ſchlag⸗ fertig, aber der erwartete Angriff blieb aus. Eine nicht gekannte Unruhe erfaßte Herrn von Ma⸗ chault. Mit jedem Tage, welcher ohne eine Intrigue des Grafen verſtrich, verlor er mehr von ſeiner guten Laune. Bekannte fanden ihn ſchlecht ausſehend, Freunden fiel ſeine Zerſtreutheit auf. Als Kaunitz ſeine Beſuche in Verſailles in immer kürzeren Zwiſchenräumen wiederholte, bekam Machault wieder eine beſſere Farbe, und war im Stande, im Theater herzlich zu lachen. Als jedoch die politiſche At⸗ moſphäre am Hofe unverändert blieb, und Kaunitz fortfuhr, der Marquiſe von Pompadour Schönpfläſterchen zuzuſchnei⸗ den und dem Könige in ſeiner kleinen Druckerei die Correc⸗ tur zu beſorgen, verlor der franzöſiſche Miniſter alle Eßluſt. Kaunitz errichtete in ſeinem Palaſte ein chemiſches Labora⸗ torium und ein kleines Theater. Der Puls des Herrn von Machault begann zu fiebern. Geſtern hatte Graf Kaunitz einen Courier warten laſ⸗ ſen, denn er war mit Abbé Bernis in einen Streit über die neuen, von den Staatsökonomen aufgeſtellten Grund⸗ ſätze der Beſteuerung verwickelt. Herr von Machault hat in Folge deſſen eine ſchlafloſe Nacht gehabt. Am frühen Morgen, tiefe Stille herrſchte noch in der Straße unten, und im Palaſte dès Miniſters, nur hier und da durch das Schreien von Laſtträgern und die erſten leiſen Schritte der Dienerſchaft in den Corridors unterbrochen— ging Machault, die Hände in den Taſchen des ſeidenen Schlafrocks verſenkt, den Kopf mit dem unzer⸗ ſtörten Toupet des vergangenen Tages auf die breite Bruſt herabgebeugt, in ſeinem Schlafzimmer auf und ab. Von Zeit zu Zeit zog er die Glocke. Jedes Mal trat der alte Kammerdiener herein und meldete, daß die Damen des Hauſes noch nicht angekleidet ſeien. Endlich ſchlug die Stunde des Frühſtücks. Düſter ſchritt der Miniſter durch die Reihe ſeiner Zimmer in den kleinen Saal, in welchem die Familie allein oder mit den Hausfreunden ſich ver⸗ ſammelte. Das Gemach war im Geſchmacke der Zeit über⸗ füllt mit Einrichtung, Zierath, bizarrem Spielzeug, Alles bunt, reich vergoldet, aber eckig und ſteif. Zwiſchen ausgeſuchten Cabinetsſtücken franzöſiſcher und 9 niederländiſcher Meiſter, bedeckten die Wände die Bildniſſe der Familie Machault. Es war ein altes Geſchlecht, das ſeinen Stammbaum in fränkiſche Zeiten zurückführte, präch⸗ tige, ſtolze Geſtalten, doch trugen nur wenige der älteren kriegeriſche Abzeichen. Einer fiel auf, der war gegen die Ketzer im ſüdlichen Frankreich in das Feld gezogen. Von ihm ſchien die Familie den frommen Hang geerbt zu haben, denn viele der Neueren trugen das geiſtliche Gewand. Die Meiſten hatten Frankreich als Staatsmänner gedient, das waren feine, durchgeiſtigte Köpfe. Nur Einzelne trugen den Purpur des Parlaments von Paris. Ihren Enkel, den Miniſter, welcher ſich unmuthig in einen der hohen Lehnſtühle hineingezwängt hatte, reihte ſein Aeußeres mehr unter die Aebte und Domherren der Familie. Schon die Jugendgenoſſen hatten ihn nur den kleinen Abbé genannt. Jetzt war er ein Bild feiner, ſelbſt— gefälliger Behaglichkeit, nur um ſeine Stirne ſpielte etwas von dem beweglichen Geiſte der diplomatiſchen Ahnherren, und aus ſeinem Auge leuchtete in Augenblicken die begei⸗ ſterte Herzhaftigkeit des Albigenſer Helden. Früh in den Staatsdienſt getreten, nicht um, gleich den meiſten jungen Cavalieren in Frankreich, zu ſpielen, zu kokettiren, zu duelli⸗ ren, ſondern erfüllt von einem ernſten Berufe für ein Va⸗ terland, das er ernſt liebte, ſtieg er von Stufe zu Stufe. Ihm fehlten große Ideen, ſtarke Grundſätze; aber er war klug und gewandt, und die gleichmäßige Gunſt Ludwig XV. und der Marquiſe von Pompadour übergab ihm die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten Frankreichs. Bisher hatte er ſein Amt mit glänzenden Erfolgen ver⸗ waltet, jetzt ſtörten ihn zwei Dinge in ſeiner Bahn ſeine 10 Beleibtheit und Kaunitz. Der Umfang des Staatsminiſters ſprach ſeinem Talente, durch alle Verhältniſſe durchzuſchlü⸗ pfen, Hohn. Wenn er ſeußzte, ſo erſchrak ſeine Gemahlin nicht weniger, als wenn die Garden bei der Parade in Ver⸗ ſailles ihre Dechargen abgaben. Als guter Cavalier und Katholik war er natürlich ver⸗ mählt. Seine Gemahlin aus dem Hauſe St. Severin galt in Paris als die dickſte Dame, man behauptete, die Carroſſen des Miniſters ſeien auf Beſtellung gearbeitet. Wenn das Ehe⸗ paar Machault in einem Wagen fuhr, ſo ſperrte es gewiß jede engere Straße. Im Uebrigen war Frau Zephyrine von Machault eine feine, angenehme Dame, um deren Züge nicht wenig von jenem geiſtigen Reize ſchwebte, der das häßlichſte Frauengeſicht in Frankreich noch adelt und nicht ſelten ge⸗ fährlich macht. Schien ſie auch auf den erſten Blick eine jener wohlbeleibten Myfrows, welche ringsum in allerlieb⸗ ſten Genrebildchen die Wände zierten, ſo ſprudelten doch ihre Worte, ihre Laune in echt franzöſiſcher Lebhaftigkeit. Sie hatte ihrem Gemahle keinen Erben ſeines Namens ge⸗ geben, er hing aber mit um ſo größerer Zärtlichkeit an ihr. Um ihre Stunden zu verkürzen, war eine entfernte Ver⸗ wandte, Gabriele von St. Severin, in ſeinem Hauſe aufge⸗ nommen worden. Den Vater des reizenden jungen Mäd⸗ chens hatte auf dem Rückzuge von Prag unter Belleisle der böhmiſche Schnee begraben. Sein Teſtament übergab das Kind dem Herzoge von Richelieu. Dieſer ſelbſt, ein tapferer Soldat, ſandte die kleine Gabriele aus dem Feldlager den Verwandten in Paris. Frau von Machault zog ſie wie eine Mutter auf, aber Vater nannte die Kleine ſtets nur den Herzog von Richelieu, 11 welcher, aus den Schlachten des Erbfolgekrieges zurückgekehrt, ſich nach ſeiner Art der Erziehung des Mädchens annahm. Die kleine Gabriele nannte ſie der Palaſt Machault, nannte ſie Richelieu, nannte ſie Paris, und doch war ſie aufgeblüht im wunderbaren jungfräulichen Reize. Die kleine Gabriele!— groß war ſie wirklich nicht. Aber— bin ich nicht groß? ſagte ſie täglich, wenn ſie im weißen Spitzenmantel zu dem Frühſtücke kam, legte die Hände auf Machault's Schultern, und ſtrengte ſich an, auf den Fuß⸗ ſpitzen ſtehend mit ihrem Köpſchen ſein Kinn zu erreichen. So auch heute. Aber dießmal erwiederte der Miniſter die Zärtlichkeit der Kleinen mit einem kalten Kuſſe auf die ſchöne Stirne, führte die Finger ſeiner Frau mit ſteifer Förmlichkeit an die Lippen und faßte einen Stuhl. Erſtaunt ſahen die Frauen ſein Benehmen, die Schat⸗ ten um die ſonſt ſo fröhlichen Augen. „Sie haben nicht geſchlafen, mein Gemahl,“ ſprach Zephyrine lebhaft.„Haben Sie die Nacht außer dem Hauſe zugebracht?“ „Nein, Madame,“ erwiederte der Miniſter. Man nahm Platz um den Tiſch, das Frühſtück wurde aufgetragen. „Das iſt es nicht,“ rief die Kleine.„Staatsgeſchäfte, Sorgen um Frankreich. Nicht? Oh! wir verſtehen das, wir Diplomaten.“ Mit einem trüben Lächeln ſtreichelte Machault dem lieblichen Mädchen die Härchen aus der Stirne, welche ſich unter dem bunten Morgenhäubchen losgemacht hatten. „Ihr Diplomaten,“ rief Zephyrine,„ſchlafloſe Nächte, wenn der Gegner minirt, ſchlafloſe Nächte, wenn er ſich ſtill verhält.“ „Das iſt es eben,“ ſeufzte Machault bei der erſten Taſſe,„wer ergründet dieſen Kaunitz. Ich wollte lieber Mönch ſein, wie Henri von Machault und in dem Staub der Kloſterbibliothek nach alten Handſchriften ſuchen, als in ſeinem glatten Geſichte leſen. War ich bei ſo viel Geſandtſchaften, hab' ich unter einer ſo großen Zahl von Miniſterien gedient, leite ich die Angelegenheiten Frank⸗ reichs, bin ich der erſte Rath Ludwig XV., damit ein jun⸗ ger Botſchafter, der füglich noch irgendwo attachirt ſein könnte, mich am Narrenſeile hat? Kleine Gabriele, von Dir hoffe ich noch mehr als von allen unſeren Agenten und Di⸗ plomaten. Schönes Kind, wie ſteht es mit dem Lord?“ Die kleine Gabriele war nämlich eine große Diplo⸗ matin. Ihre lebhaften Augen nahmen manchen unvorſich⸗ tigen Staatsmann im feindlichen Lager gefangen, und ſeine Geheimniſſe flatterten als duftende Liebesbrieſchen in das Boudoir der ſchönen Gabriele. Jetzt hatte ſie den langen Lord Albemarle, den engli⸗ ſchen Geſandten am franzöſiſchen Hofe, gefeſſelt. „Für den Lord iſt Kaunitz ein Räthſel wie für uns,“ erklärte die Diplomatin. „Und Du haſt ihn geſtern wirklich auf die Folter ge⸗ ſpannt?“ „In allem Ernſte,“ erwiederte Gabriele.„So lang er iſt, der Lord, lag er zu meinen Füßen, er war ſo gefühlvoll, ich glaube, er hätte eigenhändig ſeine Inſtructionen an den Straßenecken angeſchlagen, wenn ich es gewünſcht hätte. Kaunitz hat keine Vertrauten.“ „Das iſt es,“ beſtätigte Machault und verließ den Seſ⸗ ſel. Bekümmert ſchritt er durch den Saal, ſah die Bildniſſe 13 der Ahnen, die feinen Köpfe der Diplomaten ſeiner Fami⸗ lie, und faßte ungeduldig nach dem ſeinen. „Mein Gemahl,“ ſagte Zephyrine,„Sie geben ſich ſelbſt Räthſel auf, ich finde, daß der Graf Kaunitz ein liebens⸗ würdiger Sonderling iſt, und nichts weiter.“ „Liebenswürdig?“ ſagte der Miniſter, und ſeine Augen bekamen etwas von dem Feuer des Albigenſer. Er war nämlich kein Ehemann nach der Mode, ſondern zärtlich, verliebt, eiferſüchtig wie irgend ein Held in Calderon's Comödien. „Wenn er wirklich nach Paris gekommen iſt, um ſich und Anderen Vergnügen zu machen—“ „Das wäre!“ eiferte Machault,„mir macht er wahr⸗ lich viel Vergnügen!“ „Wenn ihm der Poſten eines Botſchafters nur das Mittel iſt, ſeine geiſtreichen Paſſionen zu befriedigen.“ „Wirklich,“ entgegnete der Miniſter,„ſo hat er unter Anderem auf dem Congreſſe zu Aachen die Paſſion gehabt, alle Bevollmächtigten bei der Naſe zu führen.“ „Jetzt beginne ich, die Naſe des Lord Albemarle zu verſtehen,“ warf Gabriele hin. „Kaunitz iſt nicht harmlos, kann nicht harmlos ſein,“ betheuerte Machault mit Feuer,„dieſer Congreß! wie habe ich die Inſtructionen bis in das Kleinſte ausgearbeitet, aber die Marquiſe—“ „Die Pompadour?“ fragte Gabriele. „Ihre Inſtruction für unſern Bevollmächtigten lautete kurz und bündig:»Machen Sie es, ſo gut Sie können, mein Herr, aber kommen Sie uns ja nicht anders zurück, als mit dem Frieden in der Taſche, dieß iſt der einzige, der letzte Wille des Königs!«“ „Und weshalb?“ „Weshalb? ſie fürchtet den Krieg, denn er hat ihre Vorgängerin geſtürzt.“ „Dieß wußte Kaunitz?“ „Oh! er wußte mehr von den Inſtructionen unſeres Bevollmächtigten als ich ſelbſt. Nun brauchte er nichts weiter als Zeit und Zähigkeit. Er hatte Beides im Ueber⸗ fluſſe dieſer Heſterreicher, und wir gar nicht; denn die Mar⸗ quiſe braucht mehr Zeit, eine ihrer Locken über das Holz zu ziehen als ein Miniſterium zu entlaſſen. Er iſt nicht harm⸗ los, der Graf, er kann nicht harmlos ſein, aber wer ergrün⸗ det ihn?“ „Ich,“ rief Gabriele lachend. „Du!“ ſagte Machault ſtarr. „Warum nicht?“ fragte die Kleine. „In der That,“ fuhr der Miniſter, plötzlich erheitert, fort,„wir haben es jetzt kaum nöthig, über die engliſchen Verhältniſſe ſo genau unterrichtet zu ſein. Wenn Du dem Lord den Abſchied gibſt— erſchießen wird er ſich nicht. Wenn Du dieſen Heſterreicher zu Deinem Sklaven machſt, kleine Gabriele, Du retteſt Frankreich, gibſt mir meine Ruhe wieder, mein Lachen, meinen Appetit, meine Nächte.“ „Behüte,“ fiel Zephyrine in's Wort.„Mein Gemahl! Sie vergeſſen, was Sie dem jungen Mädchen und ſeinem Rufe ſchuldig ſind. Wenn dieß der Weg iſt, Kaunitz zu ent⸗ räthſeln, wenn dieß Ihnen wieder die Ruhe gibt, mein Gemahl—“ ſie ſtand auf, ein heroiſcher Entſchluß ſprach ſich auf ihrem Geſichte aus,—„ſo will ich—“ „Sie?“ rief Machault erregt. „Ja! ich will—“ „Kaunitz in Ihre Feſſeln ſchlagen? Allerliebſt!“ froh⸗ lockte Gabriele. Todtenbläſſe hatte ſich auf dem behäbigen Geſichte des Miniſters gelagert. „Sie— Sie wollen— Nein!“ ſprach er, und rang wehmüthig die Hände—„dreiundzwanzig Jahre leben wir in einer glücklichen Ehe— und Sie, Madame— Sie wol⸗ len— Nein— Nein!“ Flehend faßte er die Hände ſeiner Gemahlin. „Bedenken Sie doch Ihre Nächte!“ „Das eben,“ ſagte Machault, und der Angſtſchweiß trat auf ſeine Stirne. „Ihren Appetit!“ „Das eben.“ „Ihre Laune!“ Machault nickte. „Frankreich!“ „Nein, Zephyrine, Sie— Sie werden nicht mit ihm kokettiren.“ „Aber Frankreich!“ „Nein, um dieſen Preis will ich keine Löſung,“ ſprach der zärtliche Gatte, führte die Gemahlin zu dem kleinen Sopha und nahm an ihrer Seite Platz, fröhlich, wie wenn alle Geheimuiſſe des öſterreichiſchen Geſandtſchaftshauſes vor ihm erſchloſſen lägen. „So! jetzt biſt Du wieder gut, und lachſt auch,“ flüſterte Gabriele, indem ſie ſich über Machault's Schulter beugte. „Und Kaunitz?“ fragte er beinahe traurig. „Den überlaſſe mir,“ erwiederte die Kleine mit über⸗ müthigem Lachen, dann ſetzte ſie ſich zu dem Flügel, klim⸗ perte und trillerte, das Köpfchen dem Paare auf dem Sopha zugewendet, das alte Lied von dem verliebten Schäfer. II. Slavenherzöge waren Kaunitz' Ahnen. Im rothen Wappenſchilde führte das Geſchlecht zwei Seeroſen, eben ſo zwiſchen den Adlerflügeln des Helmes. Auf der Wanderung ſtand einſt ihr Volk rathlos an einem ungeheuren See, da warf der Herzog ſich zu Pferde in die Fluth, ſchwamm hin⸗ über und brachte die zwei Seeblumen als Zeichen. Ein Kaunitz kämpfte am Lechfelde gegen die Ungarn. Ein anderer baute die Burg Kanize an der Iglawa. Hei⸗ rath und Krieg vermehrten die Macht der Kaunitze. Sie führten polniſche Königstöchter heim, zogen mit Barbaroſſa gegen das aufrühreriſche Mailand. Im Kampfe gegen einen Kaunitz fiel Herzog Jaſomirgott von Oeſterreich. Ein Kau⸗ nitz verwaltete Kärnthen für Premyſl Ottokar, und wieder einer ſchloß den großen Landfrieden. In allen Schlachten, die auf öſterreichiſcher Erde geſchlagen wurden, floß ihr Blut. In ollen großen Geiſteskämpfen fochten ſie tapfer mit. Sie ſchützten Lutheraner und Wiedertäufer, den Druck und Han⸗ del ihrer Schriften. Im Hauſe der Kaunitz auf dem Markte zu Brünn verſchwor ſich der mähriſche Adel für den Win⸗ terkönig. Zwei Kaunitz waren verurtheilt, auf dem Alt⸗ ſtädter Ring in Prag unter dem Schwerte des Henkers zu ſterben. Ihre Nachkommen ſtifteten Kloſtergüter. Schon der Urgroßvater erwarb ſich großen Ruhm als Staatsmann. Ihm dankte Oeſterreich die bairiſchen Hilfs⸗ truppen, welche Wien von den Türken entſetzen und Ofen ſtürmen halfen. Der Großvater ſchloß den Frieden zu Ryßwick. Der Vater des Grafen kehrte von der Geſandtſchaft in Rom und Spanien zurück, um Mähren als Landeshauptmann zu re⸗ gieren. Er hatte zwanzig Kinder, fünf Söhne. Den Sohn, welcher ſeinen Namen unſterblich machen ſollte, beſtimmte er zu dem geiſtlichen Stande. Als Dom⸗ herr lag er in der Wiege, aber die älteren ſtarben, oder fie⸗ len auf dem Schlachtfelde, ſo wurde der Jüngſte der Erbe des Majorats. Ihn umgab jetzt die ganze ängſtliche Sorge einer Mut⸗ ter, welche nur einen Sohn hat. Kaum durfte er an die Luft. Jede Anſtrengung, jeder Zwang wurde ihm wie ein Uebel ferne gehalten. Von Liebe, Güte, Sorgfalt umgeben, wurde auch der kleine Kaunitz gütig, freundlich, menſchlich. Er wußte nicht, was das iſt: Gewalt erleiden oder üben. Er ehrte die Frei⸗ heit fremden Willens, Denkens, Fühlens, wie er ſelbſt frei war in Allem, ehe er noch wußte, was man ſo nannte, ehe ihn die großen Ideen des Jahrhunderts berührt hatten. Beſſer als Lehrer und Hofmeiſter hatte ihn die Mutter vorbereitet, ſie aufzunehmen. Als er das Aelternhaus ver⸗ ließ, um an der Univerſität zu Wien das Jus zu ſtudiren, lag ſeine Seele offen für den Samen der Zeit. Die ernſten Bilder der Regierung Karl VI. hatten ſich in die Spiele des Knaben gemiſcht. Das Schlachtgetümmel von Peterwardein, die Sturmtrommeln von Temeswar und Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. I. 2 Belgrad, die Töne des„Prinz Eugen, der edle Ritter“ klangen in ſein kleines Leben. Damals gab es noch keinen öſterreichiſchen Staat. Die deutſchen Kaiſer waren zugleich Könige von Ungarn und beſaßen Land und Volk in Welſch⸗ land. Die Habsburger rangen noch um jene Weltmonar⸗ chie, welche Karl V. in das Kloſter von St. Juſte getrieben hatte. Und doch war Alles, was den jungen Kaunitz um⸗ gab, gemacht, dieſes Oeſterreich, das ſich gebildet hatte, nicht auf dem Papier, aber in feſter Wirklichkeit, liebzugewinnen und treu zu halten in dem tiefſten Herzen, wie den ehren⸗ werthen Vater, wie die gute Mutter, die Amme, den freund⸗ lichen Erzieher. Das Blut der alten Slavenherzoge war in der Fami⸗ lie mit königlichem Blut der Piaſten, mit deutſchem und magyariſchem gemiſcht worden. Die Mutterſprache des kleinen Kaunitz war jene der böhmiſch⸗mähriſchen Slaven. Bald lernte er Deutſch, aber die Sprache ſeines Lebens wurde die Weltſprache, das Franzöſiſche. Mit guten Kenntniſſen verließ er Wien, um noch zwei Hochſchulen zu beziehen. Seine Wahl traf proteſtantiſche: Leipzig und Leyden. So erweiterte er ſeinen Geſichtskreis nicht weniger als ſein Wiſſen. Dann ſah er England, die Niederlande, Italien, Frankreich, nicht flüchtig, er lebte das fremde Leben mit. Wie er ſich von Allem frei zu ma⸗ chen ſuchte, was er nicht als ein allgemeines Merkmal des entwickelten Menſchen fand, ſo faßte er überall aus dem Nationalen für ſich das rein Humane heraus. Nichts verſäumte er. Wie er jeden merkwürdigen Dom, jede berühmte Malerſtube beſuchte, nie in ſeiner Loge fehlte, wenn ein Luſtſpiel Molière's, eine Tragödie Shak⸗ — 19 ſpeare's auf dem Zettel ſtand, ſo trieb er ſich verkleidet in den Matroſenſchänken herum und in den holländiſchen Waf⸗ felbuden. Wer nur von London bis Neapel einen berühm⸗ ten Namen trug, war vor ſeinem Beſuche nicht ſicher. Sein Geiſt hatte ſich zu großer Schärfe und Tiefe entwickelt. Al⸗ les ſuchte er kennen zu lernen; was er that, gründlich zu thun. So wurden die Angewöhnungen ſeiner Mutter in ein Syſtem gebracht, deſſen Lücken auf den weiten Reiſen durch die berühmteſten Aerzte ergänzt wurden. So entſtand ſeine gründliche Diätetik, mit der er ſich das ganze Leben durch gründlich plagte. So vollendete ſich ſeine pedantiſche Ordnung an den Muſtern holländiſcher Niedlichkeit und Reinlichkeit. So ſtrenge und rein hielt er auch ſein Weſen, ſein in⸗ neres Leben. Voll Maß erſchien er in Haltung, Bewegung, Geberde und Geſ ſpräch. Nur ſelten, wie ein flüchtig Roth, brach ſein lebl haftes Gefühl durch die verſtändige, bewußte, wie unveränderliche Oberfläche. Die Paſſion war ihm fremd, er haßte ſie wie Sklaverei, ie wie Thor⸗ heit. Er machte den Hof, weil es Sitte war und guter Ton, und behandelte die leichtfertigen Schönen in B zrüſſel und Paris mit komiſcher Ehrlichkeit. Nie nannte ihn ein Weib ſeinen Knecht. So kehrte er zurück. Voll Liebe für die Heimat, wie ein Fremder zu ihrem Leben, ihrem Glauber t, ihrem Brauch, ohne Vorurtheil, durch Richts befangen, als einen maßlo⸗ ſen Ehrgeiz. Jetzt empfing er einen Eindruck, der ſein Le⸗ ben beſtimmte. Die Erzherzogin Maria Thereſia feierte ihre Vermäh⸗ lung mit dem Großherzoge Franz Stephan von Loth rinen. 2* 0 Der Trauung in der Hofkirche bei den Auguſtinern folgte ein glänzendes Feſt. Auf dem Coſtümballe erſchien Maria Thereſia als Sultanin. Sie war neunzehn Jahre alt, in herrlicher weiblicher Schönheit aufgeblüht. Die kleinſten Füße ſahen aus den weiten Beinkleidern von indiſchem Zeuche hervor. Ein türkiſcher Shawl floß als Gürtel um ihre Hüften. Ein weiter Kaftan, mit Hermelinpels gefüttert und ausgeſchlagen, umfloß über einem Oberkleide von Gold⸗ ſtoff ihre majeſtätiſche Geſtalt und zeigte unverhüllt den Buſen einer mediceiſchen Venus. Das reiche Haar quoll ohne Puder in blonder Fülle unter dem hohen ſpitzen Tur⸗ ban hervor, deſſen wehende Reiherfeder eine große Agraffe blitzender Brillanten trug. Kaunitz ſah die Prinzeſſin das erſte Mal. Sie richtete freundliche Worte an ihn, er er— zählte von Paris und vom Haag. Fortan blieb ihm die wunderbare Erſcheinung, ihr Auge, der Ton ihrer Stimme in der Seele. Der Kaiſer hatte keinen männlichen Erben. Maria Thereſia war beſtimmt, die Herrin ſeiner Länder zu werden, und die pragmatiſche Sanktion ſollte ihr den Beſitz derſel⸗ ben ſichern. Kaunitz trat in den Staatsdienſt. Der Kaiſer er⸗ nannte ihn bald zum Reichshofrathe. Während er an der ſchwerfälligen Maſchine des heiligen Römiſchen Reichs be⸗ ſchäftigt war, welche täglich ſtille zu ſtehen drohte, befeſtig⸗ ten ſich die Anſichten, welche er auf ſeinen Reiſen, und in die Erblande zurückgekehrt, gewonnen hatte, zu einer feſten politiſchen Ueberzeugung. Damals ſchon war für ihn die Auflöſung Deutſchlands, der Verluſt der Kaiſerkrone eine 21 Gewißheit. Die Reichszuſtände betrachtete er mit einem Gemiſch von Unwillen und Heiterkeit. Die deutſchen Verhältniſſe erſchienen ihm nur als läſtige Feſſeln für das ſich mächtig entfaltende Heſterreich. Sie abzuſtreifen in demſelben Maße als die eigene Staaten⸗ bildung vorwärts ſchritt, ſchien ihm die oberſte Aufgabe ſeiner Regierung, im Vereine mit einer innern Politik, welche die Zerſtörung der feudalen Ordnung und Verhält⸗ niſſe, die Befreiung des leibeigenen Bauernſtandes zu be⸗ ſchleunigen, die Entfeſſelung des Handels, der Induſtrie, die Vernichtung der politiſchen Selbſtſtändigkeit der Pro⸗ vinzen, vor allem Ungarns, die Herſtellung eines Staats⸗ haushalts, einer Verwaltung, einer Rechtspflege nach den Ideen der Zeit und ſo die S eines modernen Staats mit dem Aufgebote aller Macht und Kräfte durchzu⸗ führen hätte. Mit aufrichtigem Schmerze ſah er damals die Apathie der Staatsmänner in Wien, den legitimen Schlendrian des heimiſchen Regiments. Der Tod ihres Vaters berief Maria Thereſia zur Re⸗ gierung der öſterreichiſchen Länder— der deutſche Kaiſer⸗ thron war erledigt. Kaunitz verließ ſeinen Poſten und zog ſich auf ſeine Güter in Mähren zurück. Dem Reiche wollte er nicht die⸗ nen. Je mehr es ihn aber drängte, Alles was er war und was er ſein nannte, Maria Thereſia zu Füßen zu legen, um ſo mehr hielt es ihn zurück, es ihr zu bieten. Während der Adel aller Provinzen am Throne der neuen Herrſcherin ſein Knie beugte, ſchoß Kaunitz Rebhühner in den Feldern um Auſterlitz. Er ſchien die Sultanin im grünen Hermelinkaftan ver⸗ geſſen zu haben. Sie hatte ihn nicht vergeſſen. Als die Gefahr am größten war, berief ſie ihn zu ſich, und ſendete ihn als ihren Bevollmächtigten nach Italien. Von Nord und Weſt brachen die Feinde in das Land. In Böhmen und Ungarn zeigte ſich der alte Geiſt der Auf⸗ lehnung. In Linz huldigte man dem Baiern. Alles ſchien in Stücke zu gehen, Maria Thereſia hieß nur noch die Kö⸗ nigin von Ungarn. Da lag in ihrer Perſönlichkeit das Reich. Sie, ihre Schönheit, ihr hoher Geiſt, ihre Thränen, die hinreißende Beredtſamkeit einer jungen Mutter, band die widerſtreben⸗ den Nationen zuſammen. Für ſie raſſelten ihre Säbel aus der Scheide, für ſie rüſteten die ungariſchen Stände, die böhmiſchen, die Tiroler. Und für Oeſterreich kämpften ſie und entriſſen ſeine Länder dem Feinde. Für Schleſien er⸗ oberten ſie Baiern. Kaunitz eilte in Maria Thereſia's Intereſſe von Rom nach Florenz, nach dem ſchwierigen Turin. Ueberall ſicherte er ihr Bündniſſe, ihren Beſitz. Der Krieg hatte bereits viele Jahre gedauert, beide Theile waren ermüdet, da ſen⸗ dete Maria Thereſia Kaunitz in die Niederlande. Hier begann er die Fehler der äußern Politik ſeiner Regierung ebenſo klar zu überſehen, wie jene der innern. Das traditionelle Bündniß mit den Seemächten er⸗ ſchien ihm bald ebenſo verderblich, wie das ängſtliche Feſt⸗ halten an dem übriggebliebenen ceremoniellen Trödel des deutſchen Reiches. Damals ſchon ſetzte er auseinander, daß England und Holland Heſterreich ſtets nur benützen, benützt haben und benützen werden, um Frankreich in 23 Schach zu erhalten, während ſie ebenſo Oeſterreichs Macht⸗ entwickelung durch Preußen und Sardinien zugleich in Deutſchland und Italien zu hemmen und zu vereiteln ſuchen werden. Noch ſchenkte man ihm keinen Glauben. Jetzt bekam er die Rolle des Friedensſtifters zwiſchen den uneinigen öſterreichiſchen und engliſchen Generalen, den unglücklichen Feldzug in den Niederlanden vollends ſatt. Als die Franzoſen Antwerpen einnahmen, bat er um ſeine Entlaſſung. Maria Thereſia berief ihn nach Wien. Sie verhan⸗ delte mit ihm allein, unerwartet verließ er die Reichshaupt⸗ ſtadt und begab ſich in geheimer Miſſion nach London. Die öſterreichiſchen Miniſter begannen Mißtrauen zu ſchöpfen. Ihr Zweifel machte ſchlecht verhehltem Unmuthe Platz, als bald darauf die Ernennung des Grafen zum wirklichen Conferenzminiſter erfolgte. Zugleich erhielt er von ſeiner Herrſcherin ein Porträt, zu dem ſie kurz nach ihrem Vermählungstage im Coſtüm der Sultanin geſeſſen.(Das Bild iſt gegenwärtig im Be⸗ ſitze des Fürſten Metternich und befindet ſich in dem Schloſſe Königswart in Böhmen.) Man war nicht weniger erſtaunt, daß Graf Kaunitz ſich neuerdings dem Dienſte Maria The⸗ reſia's widmete, ohne daß die Grundſätze ihrer Politik eine Veränderung erfahren hatten, als daß die Monarchin ihm ihr Vertrauen in ſo reichem Maße ſchenkte. Auf dem Feldzuge in den Niederlanden hatte Lud⸗ wig XV. die Chateauroux vergeſſen, die Marquiſe von Pom⸗ padour, ihre Nachfolgerin, hielt den königlichen Geliebten in Verſailles gefeſſelt, aber ſie ſuchte demſelben Schickſale 24 zu entgehen, indem ſie den Frieden um jeden Preis zu ihrer Loſung machte. Dies wußte Kaunitz. Mit der Ueberzeugung gerüſtet, daß der franzöſiſche Bevollmächtigte auf alle Bedingungen eingehen werde, erſchien er auf dem Congreſſe zu Aachen. Sein Werk war es, daß Maria Thereſia nichts verlor, als Schleſien, das ihr ſchon das erſte Kriegsjahr und der erſte Friedensſchluß mit dem Könige von Preußen genom⸗ men hatte. Mit Erſtaunen erfuhr Europa die Bedingungen des Friedens zu Aachen. Maria Thereſia hatte ein mäch⸗ tiges Reich geſichert, ihre Feinde ihr Pulver umſonſt ver⸗ ſchoſſen, nicht einmal der König von Preußen zeigte ſich zu⸗ friedengeſtellt. Seine Abſichten auf Böhmen waren ein offenes Geheimniß. Kaum war der Friede unterzeichnet, als neue diplo⸗ matiſche Schachzüge begannen. Man ſah der Berufung des glücklichen Bevollmächtigten von Aachen nach Wien, einem Miniſterwechſel entgegen, als der Graf ſeine Koffer packen ließ und ſtill, wie er zu kommen und zu gehen pflegte, den öſterreichiſchen Geſandtſchaftspalaſt in Paris bezog, um den Wiſſenſchaften und den ſchönen Künſten zu leben und den Hof von Verſailles zu unterhalten. „Seine Excellenz iſt eben aufgewacht,“ ſagte der Kam⸗ merdiener des Grafen Kaunitz, indem er einem einfach, aber ſehr anſtändig gekleideten Manne die Thürvorhänge des kleinen Empfangszimmers zurückſchlug. Der Eintretende ſah nach der Uhr.„Ich wußte es,“ 25 ſprach er ruhig,„es iſt eben neun Uhr im öſterreichiſchen Ge⸗ ſandtſchaftspalaſte, ich richte meine Uhr täglich vier Mal nach jener des Grafen. Täglich vier Mal, Vormittag und Nachmittag jedes Mal, wenn ich komme und gehe; der Graf iſt ſehr genau, ich wäre unglücklich, wenn ich einmal früher oder ſpäter käme, und wäre es auch nur die Kleinigkeit einer Minute.“ Der Kammerdiener hatte alle dieſe Auseinanderſetzun⸗ gen mit zuſtimmendem Kopfnicken begleitet. „So,“ ſprach der Andere, und ſchloß den Deckel ſeiner großen ſilbernen Uhr, nachdem er ihre Zeiger wieder mit jenen der maſſiven Wanduhr in die genaueſte Uebereinſtim⸗ mung gebracht hatte.„So, hören Sie Francvis, jetzt ſchlägt es erſt neun Uhr in Notredame, die Uhren gehen doch ſehr ungleich.“ „Auch die Menſchen,“ warf der Kammerdiener ein, „der neue Vorleſer—“ „Der Franzoſe?“ fragte der Andere. „Der Windbeutel,“ bekräftigte der Kammerdiener, „geſtern Abend iſt er genau um ſieben Minuten zu ſpät ge⸗ kommen.“ „Sieben Minuten,“ ſagte der Andere beinahe er⸗ ſchrocken. „Sieben Minuten, volle fieben Minuten,“ fuhr der Kammerdiener wichtig thuend fort,„volle ſieben Minuten hat der Graf gewartet.“ „Nicht glaublich!“ „Doch!“ „Er wird ungeduldig geworden ſein.“ „Sie wiſſen, Herr Secretarius,“ fuhr Francvis fort, „daß der Graf nie ungeduldig wird. Ruhig ſaß er da, volle ſieben Minuten, aber in der achten—“ „Als der Franzoſe kam—“ „Hat er ihn ſofort entlaſſen, gezahlt, ſo viel ihm ge⸗ bührt, ordentlich, keinen Sous mehr oder weniger, kein Wort mehr oder weniger, keine Miene— Nur ſo hat er es gemacht.“ „Ich verſtehe,“ ſagte der Secretair. „Die Handbewegung!“ „Ja! mit der Rechten, leicht, aber eiſern, wie wenn er einen Degenſtoß pariren wollte.“ „Freilich, und der Windbeutel war über die Schwelle.“ „Neuer Vorleſer aufzunehmen,“ notirte der Secretair. „Der Graf hat noch nicht befohlen.“ „Er wird befehlen,“ ſagte der Secretair. „Jetzt wird er klingeln,“ ſagte der Kammerdiener, nachdem er auf die Uhr geſehen.„Ohl er iſt die Ordnung ſelbſt, man iſt ſtrenge gehalten, aber man weiß doch, woran man iſt. Jetzt gleich!“ Es klingelte. Francois verſchwand in der Thüre, welche zu den inneren Gemächern des Grafen führte. Schnell kehrte er zurück.„Ich hab' ihm ſeine Kleider gereicht, jetzt zieht er ſich an.“ „Immer allein,“ bemerkte der Secretair. „Tag für Tag,“ ſagte Frangois,„es iſt mir immer ſonderbar, ich glaube, er iſt verſchämt, er hat es von der Mutter her, nie darf ihm Jemand Hilfe leiſten, nie zu⸗ ſehen. Allein kleidet er ſich an und aus. Es iſt mir immer ſonderbar, wenn ich an die Liebesabenteuer des Grafen 2 denke, die Mamſell Proli in Brüſſel, die La, la, la!“ Er trillerte leiſe eine italieniſche Arie. „Sie iſt in Paris!“ „Ei! was Sie ſagen, Herr Secretarius, die Proli? die ſchwarze Italienerin? wird ſie hier ſingen, oder ſollte ſie dem Grafen— So, ſo!“ „Ich weiß nicht,“ bemerkte der Secretair. „Alſo die Proli,“ ſagte der Kammerdiener,„ja wenn ich mich ſoerinnern wollte— Jetzt iſt er angekleidet,“ unter⸗ brach er ſich ſelbſt,„treten wir ein.“ Eröffnete die Thüre und folgte dem Secretarius Friedrich von Binder ge⸗ ſchäftig durch mehrere kleine, im anmuthigſten franzöſiſchen Geſchmacke eingerichtete Zimmer in das Schlafgemach des Grafen. Dieſer ſchritt im dunkeln ſammtenen Schlafrocke, einen kleinen indiſchen Shawl turbanartig um den Kopf geſchlun⸗ gen, auf den Teppichen auf und ab. Den eintretenden Secretair begrüßte er mit leichtem, aber wohlwollendem Kopfnicken. Die hohe ſchlanke Geſtalt, das gebieteriſche Antlitz mit der ſanftgewölbten Stirne, der feingebogenen Naſe, den vollen Lippen machten noch jedes Mal auf Binder einen impoſanten Eindruck. Einen Augenblick ließ Kaunitz die ſchönen ruhigen blauen Augen auf demſelben wie fragend ruhen, dann winkte er dem Kammerdiener. Ein kleines Tiſchchen von eingelegter Arbeit ſtand in der Mitte des Zimmers unter der Hängelampe, welche die ganze Nacht brannte. Der Kammerdiener ſtellte zwei Büch⸗ ſen von getriebenem Silber auf daſſelbe, dann öffnete er ein Käſtchen von Mahagoniholz, aus dem er eine kleine Wage 28 nahm. Mit einem kleinen Löffel nahm er aus einer der Büchſen gemahlenen Kaffee und ſchüttete denſelben auf die eine Schale, während der Graf die Wage emporhielt und der Secretair die andere Schale mit der vorgeſchriebenen Zahl kleiner Gewichte verſah. Nachdem der Kaffee gewogen war, geſchah daſſelbe mit dem Zucker. „So lebe ich,“ ſagte der Graf zu dem Secretair,„nur die ſtrengſte Ordnung kann die widerſtrebenden Elemente meines Leibes zuſammenhalten. Wenn ich es auch nicht zu lange machen kann, ſo will ich mich doch mit dem“— das Wort„Tod“ über die Zunge zu bringen, war ihm unmöglich—„mit dem Teufel tüchtig um meine Seele bal⸗ gen. Es iſt gut!“ Der Kammerdiener verſchwand mit den wohlgewoge⸗ nen Beſtandtheilen des Frühſtücks, daſſelbe zu bereiten. „Jetzt die Neuigkeiten!“ wendete ſich Kaunitz zu dem Secretair. „Die wichtigſten“— „Haben Sie erfahren, wer jener Unverſchämte iſt, wel⸗ cher mich ſeit Wochen Tag für Tag, Schritt für Schritt verfolgt?“ „Noch nicht, Excellenz, doch hab' ich der Polizei die Anzeige gemacht“— „Und die Perſonbeſchreibung beigefügt?“ „Genau und umſtändlich, es iſt ein kleiner feiſter Mann mit dicker wulſtiger Naſe“— „Und ſo weiter,“ ſagte Kaunitz,„portraitiren Sie ihn mir nicht ſo genau, der Menſch macht mich ohnehin krank. Wo ich aus dem Wagen ſteige, ſteht er an meinem Schlage, und lacht mir in's Geſicht; wo ich gehe, geht auch er, wenn 29 ich meine Schritte verdopple, er wird nicht müde, und lacht vergnügt, bleibe ich zurück, da iſt er ſchon umgekehrt und lacht wie toll. Will ich ihn faſſen, ſehe ich ihn wie eine Lufterſcheinung verſchwinden, um ihn wieder am Thore meines Palaſtes zu finden, wenn ich nach Hauſe zurück⸗ kehre.“ „Ich vermuthe, daß es ein ungeſchickter Agent des Königs von Preußen iſt.“ „Ihr Anhaltspunkt?“ „Es iſt gewiß, daß er ſich zwei Mal angelegentlich mit dem preußiſchen Geſandten von Knyphauſen unterhal⸗ ten hat.“ „Unterhalten?“ „Oder unterredet, kurz man hat ihn in ſeiner Beglei⸗ tung geſehen.“ „Sonderbar, ich halte ihn für einen verrückten Künſt⸗ ler. Nun Ihre Neuigkeiten, Binder.“ „Man ſchätzt Excellenz in den hieſigen literariſchen Kreiſen ſehr hoch, aber man hegt noch einiges Mißtrauen gegen den Fremden, oder geradezu gegen den Oeſterreicher.“ Der Graf ſah theilnahmlos vor ſich hin. Binder fuhr fort:„Es iſt eine Partei hier und zwar eine ſehr ſtarke, welche den König von Preußen wie einen Gott anſieht: die franzöſiſchen Schriftſteller und Gelehrten, die er an ſeinen Hof berufen, hängen hier mit tauſend Fäden zuſammen, welche ſie, ſo oft es nothwendig erſcheint, im Intereſſe des königlichen Gönners ſpielen laſſen. Bei Anderen ſind es die Sitze in der Akademie von Berlin„die Jahrgelder, welche ihnen winken. Sie alle ſind aber mehr 30 oder minder Leute, die nur zuſammen gelten, einer aber überragt ſie alle“— „Sie meinen Voltaire?“ unterbrach ihn der Graf. „Er iſt der größte Feind Oeſterreichs.“ „Das wohl nicht,“ warf der Graf mit einer abweh⸗ renden Bewegung der rechten Hand ein. „Aber ein entſchiedener Parteigänger Friedrich's!“ „Das allerdings, und Ihre Neuigkeit? wiſſen Sie, wie ihm beizukommen wäre?“ Binder verneinte. „Alſo nichts!“ „Doch,“ erklärte der Secretair,„hier hält ihn vor allem die Marquiſe von Pompadour, aber er iſt im Begriffe, Paris zu verlaſſen.“ Erſtaunt ſah Kaunitz vom Boden auf. „Er iſt in Unterhandlung mit dem Könige von Preu⸗ ßen. Er verläßt Paris, um nach Potsdam zu gehen.“ „Das wäre etwas, das wäre viel, Voltaire unterhält einen lebhaften Briefwechſel, aber Briefe ſind Dokumente, er wird vorſichtig ſein, er kennt die Baſtille, er wird uns von Potsdam aus nicht halb ſo viel entgegenſetzen können, als hier, wo ſeine böſe Zunge keine Zügel kennt.— Und Sie erfuhren dies?“ „Durch ſeine Nichte Madame Denis“— „Die kleine häßliche Kokette?“ „Dieſelbe,“ erzählte der Secretair,„ich darf wohl nicht zu ſehr in der Bewunderung der Literatur hinter Excellenz zurückbleiben. Seit mehreren Wochen habe ich es mir zur Aufgabe geſetzt, Madame Denis ſo oft ich ihr begegne, an⸗ zuſeufzen und oft zu begegnen, geſtern erhielt ich das erſte Rendezvous.“ „In ihrer Wohnung?“ „Zu dienen, Ercellenz. Voltaire war im Theater, ein Schmuck von Amethyſten“— er zog die Rechnung aus der Taſche— „Gut,“ ſagte der Graf. „Machte ſie redſelig, ich überreichte ihn auf meinem Sacktuche knieend. Sie nannte mich einen deutſchen Bären, einen Unverſchämten“— „Aber ſie nahm ihn“— „Noch mehr, ſie legte ihre Hände um meinen Hals.“ Kaunitz lächelte.„Ich will Ihnen die Erinnerung an Ihre Seligkeiten erſparen.“ Binder fuhr fort:„Mein Erſtaunen kannte keine Gren⸗ zen, als ſie ſich die Nichte Voltaire's nannte. Ich ſpielte ſeinen Bewunderer mit ausgezeichnetem Glücke, lenkte das Geſpräch auf die franzöſiſche Geſellſchaft in Potsdam und ſprach mein Bedauern aus, daß Friedrich Leute wie La Mettrie und Arnaud an ſich ziehe und von einem Voltaire kaum Kenntniß nehme. Das war zu viel für den Ehrgeiz der kleinen Denis und das Geheimniß kam zum Vorſchein.“ „Er geht alſo gewiß?“ „Nicht ſo ganz, es handelt ſich noch um das Jahr⸗ geld.“ „Er geht alſo nicht, denn Friedrich iſt geizig.“ „Hier kaum, aber je mehr er bietet, um ſo mehr for⸗ dert Voltaire.“ „Es muß alſo noch etwas geſchehen, um die Unter⸗ handlung zur Reife zu bringen,“ erklärte Kaunitz.„Paris 32 muß Voltaire verleidet werden. Aber wie? Nun wir wer⸗ den ſehen.“ Der Kammerdiener brachte das Frühſtück. Der Graf nahm Platz an dem Tiſchchen und ſchickte ſich an, ſeinen Kaffee zu nehmen. „Lord Albemarle,“ meldete Frangois. „Lord Albemarle um dieſe Stunde?“ „Er läßt ſich nicht abweiſen.“ „Gut,“ entſchied Kaunitz,„er wird empfangen, ſo ferne er Zeuge meiner Toilette ſein will, ſage ihm das.“— Lang⸗ ſam ſchlürfte er den Kaffee, nahm etwas feines Gebäck und leerte dann zwei kleine geſchliffene Gläſer Waſſer, welche Frangois auf einer Taſſe bereit hielt. Der Graf ſtand auf, während Frangois alle Thüren der ganzen Zimmerreihe weit öffnete. „Geheizt?“ „Zu Befehl, Ercellenz, nach dem Thermometer fünfzehn Grade durchaus.“ Kaunitz ſchritt durch die ganze lange Reihe ſeiner Zimmer, in jedem derſelben hing ein Thermometer, in jedem ſah er auf den Stand der Queckſilberſäule, erſt als er im letzten angelangt war, nickte er beifällig, kehrte eben ſo zurück und begab ſich in ſeine Garderobe. Zwei Diener ſtanden hier hinter einem kleinen Roll⸗ ſeſſel, der eine hatte den Pudermantel über dem Arme, der andere war mit Kamm und Bürſte bereit zu friſiren. Kaunitz ſetzte ſich.„Lord Albemarle,“ ſagte er ge⸗ meſſen. Der Kammerdiener ging. „Noch eine Neuigkeit, Excellenz,“ bemerkte Binder, „Signora Proli iſt in Paris.“ „So,“ ſagte der Graf gleichgültig,„ſie gilt noch als meine Geliebte, Sie werden ſie aufſuchen und ihre Be⸗ fehle einholen, verſtehen Sie?— Ferner iſt ein neuer Vor⸗ leſer aufzunehmen, die Bedingungen kennen Sie. Ferner können Sie dem Schneider ſagen, daß mir die neue Mode ſeiner Mantelkragen gar nicht gefällt. Das iſt Alles“— „Lord Albemarle!“ meldete Francvis. Gemeſſenen Schrittes kam der Lord in die Garderobe, eine große maſſive Geſtalt, mit langer Naſe und uner⸗ ſchütterlichem Phlegma. „Ercellenz überfallen mich bei meiner Toilette,“ ſagte Kaunitz, erhob ſich, um den Gruß des Britten zu erwidern, und ließ ſich wieder nieder. Der Diener gab ihm den Pudermantel um, löſte den Shawl, der andere begann die Haare des Grafen zu ordnen. Der Kammerdiener ſetzte für den Lord einen Lehnſtuhl, dem Grafen gerade gegenüber. Der engliſche Geſandte ſetzte ſich und begann kalt, indem er eine Depeſche aus der Taſche zog: „Ihre Regierung iſt bereits das zweite Jahr den Ge⸗ neralſtaaten fünfmalhunderttauſend Patacons ſchuldig.“ „Das iſt mir neu,“entgegnete Kaunitz.„Den linken Flügel vor,“ kommandirte er den Friſirenden. „Fünfhunderttauſend Patacons!“ „Ganz neu,“ ſagte Kaunitz„daß wir ein Anlehen in Holland zu zahlen haben.“ „Kein Anlehen, Exeellenz, fünfhunderttauſend Pata⸗ cons für die holländiſchen Beſatzungen in Ihren Feſtungen.“ „Ah! das nennen Sie Schulden?“ „Fünfhunderttauſend Patacons, allerdings.“ „Werden nicht mehr gezahlt,“ ſagte Kaunitz Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. I. 3 „Das iſt es eben.“ „Werden nicht mehr gezahlt. Die Holländer ſind gute Leute. Wir haben ihre Güte mißbraucht, und werden für die Zukunft unſere Feſtungen allein vertheidigen müſſen,“ ſeufzte Kaunitz. „Allein,“ ſagte Albemarle ſtarr. „Ja wohl, die fünfhunderttauſend Patacons werden nicht mehr gezahlt, Excellenz.“ „Aber der Barriörentractat, meine Regierung wird erſtaunt ſein, irritirt!“ „Bedauere—“ „Meine Regierung hofft, daß Excellenz Ihren Einfluß in Wien aufbieten werden—“ „Damit die Seemächte des von ihnen ſo oft betonten großen Opfers, welches ihnen der Tractat auferlegt, ent⸗ bunden werden? Allerdings Excellenz, Sie können Ihrem Kiniſter mittheilen, daß ich dies gethan habe, und eben deshalb werden die—“ „Fünfhunderttauſend Patacons—“ ſagte Albemarle. „Nicht mehr gezahlt, nie und nimmermehr.— Biſt Du fertig?“ Beide Diener eilten mit Spiegeln herbei, damit der Graf ſeine Friſur von allen Seiten kritiſiren könne. „Sie pudern ſich nicht?“ fragte der Lord erſtaunt. „Ich thue es auf etwas eigenthümliche Art,“ erwiderte Kaunitz,„damit das Haar gleichmäßig angeſtäubt wird.“ Er führte den Lord in ein Nebenzimmer, das nur die Be⸗ ſtimmung hatte, das Toupet des Grafen zu vollenden. Vier⸗ undzwanzig Diener, jeder einen großen chineſiſchen Fächer in der Hand, traten ein, ſie ſtellten ſich je zwei gegenüber, und bildeten ſo eine Gaſſe durch das ganze Zimmer. „Wollen Sie Jemand Spitzruthen laufen laſſen?“ ſagte der Lord erſtaunt und ſetzte ſein Naſenglas auf, um das ſeltſame Schauſpiel beſſer zu betrachten. „Mich ſelbſt,“ entgegnete Kaunitz,„ſehen Sie nur zu.“ Francois führte eine neue Schaar von Dienern her⸗ bei, jeder derſelben trug eine kleine runde Schachtel, ſie nahmen gleichfalls in zwei Reihen hinter den mit Fächern Bewaffneten Stellung. Kaunitz trat in die Gaſſe, der Kam⸗ merdiener klatſchte in die Hände und im Augenblick war das ganze Zimmer wie von dem Pulverdampf einer Schlacht von weißen Wolken erfüllt, welche die Diener mit den rie⸗ ſigen Fächern von allen Seiten dem Grafen zuwehten. Der Lord ſtand ſprachlos, während Kaunitz zwiſchen den Reihen der Diener auf⸗ und abſchritt. „Nun?“ ſagte er, als ſein Haar duftig wie vom friſch gefallenen Schnee glänzte. „Herrlich!“ ſagte der Lord, während Francvis ihm mit der Bürſte an Leib rückte.„Was will man?“ „Excellenz ſind ſelbſt— bei dieſer Gelegenheit—“ „Wirklich!“ ſagte der Lord und ſah ſich von oben bis unten mit feinem Puder bedeckt. „Wie der verliebte Kavalier in dem neuen Luſtſpiel,“ lächelte Kaunitz. „Ja! wo die ſchöne Müllerin“— fügte Francois hin⸗ zu und bürſtete Albemarle. „Herrlich,“ ſagte dieſer wieder,„und ſolche Erfindun⸗ gen machen Sie, Graf, und halten ſie der Welt vor, unverzeihlich.“ „Seine Excellenz der Herr Staatsminiſter von Ma⸗ chault,“ meldete der Secretair. „Er findet mich im Morgenanzug,“ ſagte Kaunitz, warf den Pudermantel ab und bat den Lord, in den kleinen Salon, in welchem ſie bereits Herrn von Machault einge⸗ treten fanden. Der Staatsminiſter näherte ſich dem Grafen mit einer Zuvorkommenheit, die etwas Fieberhaftes hatte.„Ich bin ſo glücklich,“ begann er,„als der Ueberbringer eines Briefchens meiner Gemahlin Ihre Wohnung betreten zu können.“ „Kennen Sie den Inhalt?“ fragte Kaunitz. „Ich glaube ihn zu kennen.“ Machault überreichte das Briefchen, das einen betäubenden Duft ausſtrömte. Der Lord ſetzte ſein Naſenglas auf und betrachtete ſprachlos den Miniſter. „Geſtatten Sie mir das Siegel zu brechen,“ ſprach Kau⸗ nitz, er hielt das Billet zwiſchen den Fingern. Als ſich beide Herren verbeugten, öffnete er daſſelbe und zog es mehrmals durch die Luft. Es war eine der vielen Sonderbarkeiten des öſterreichiſchen Grafen, ſtark parfümirte Gegenſtände einer Art Quarantaine zu unterziehen, ehe er dieſelben in die Nähe ſeiner Naſenflügel brachte. Nachdem er geleſen, verwahrte er das feine Blatt an ſeiner Bruſt und dankte dem Miniſter mit verbindlichem Lächeln. Dieſer neigte ſich, den Hut zwiſchen den Händen, und fragte eben ſo ſüß, ob er ein„Ja“ überbringen dürfe. Kaunitz verbeugte ſich graziös— „Ja,“ rief Herr von Machault,„o! ich fliege mit die⸗ ſem unſchätzbaren Ja zurück.“ Noch drei gegenſeitige Verbeugungen bis zu der Schwelle, tief und langſam mit weitausgeſpreizten Armen, 37 und der Miniſter Ludwig XV. verſchwand hinter dem Thürvorhang. „Was hat er nur?“ ſagte Albemarle,„er iſt wie aus⸗ gewechſelt.“ Kaunitz erklärte ſein Erſtaunen über das Benehmen des Staatsminiſters in demſelben Maße wie der Lord. „Ueberbringt er Ihnen ſelbſt die zärtlichen Briefe ſei⸗ ner Frau?“ Kaunitz lächelte. „So einem Franzoſen ſieht alles ähnlich,“ fuhr der Britte fort;„nun ſo ganz unter uns, haben Sie ein Verhält⸗ niß mit Madame Zephyrine von Machault? ich habe Sie in meine Beziehungen zu Fräulein Gabriele von Severin ſtets redlich eingeweiht.“ Der Graf durchflog noch einmal das Billet.„Nichts von dem, ich kenne die Dame nur von der Promenade. Wie ſoll ich das verſtehen, leſen Sie ſelbſt.“ Albemarle las, dann ſprach er:„Eine Einladung im engſten Zirkel der Familie, ich bin nicht eingeladen, ſonder⸗ bar, und er ſelbſt— Kennen Sie ſeine Schwäche?“ „Welche? Ich kenne ſo manche,“ erwiederte der öſter⸗ reichiſche Diplomat. „Herr von Machault iſt ja im höchſten Grade eifer⸗ ſüchtig.“ „Eiferfüchtig, gut zu erfahren.“ Kaunitz trat an die Thüre, im Nebenzimmer ſaß der Secretair an dem. Schreib⸗ tiſche, die Feder in der Hand.„Herr von Machault iſt im höchſten Grade eiferſüchtig,“ wiederholte der Graf, wie ohne Abſicht. Binder nickte und notirte. „Eiferſüchtig wie der Mohr von Maſter Shakeſpeare; 38 ich glaube, wenn Sie ſeiner Frau den Hof machen würden, könnte dieß allein Urſache werden, daß Sie Ihre Päſſe bekommen.“ „Gut zu erfahren,“ ſagte Kaunitz. „Sie machen ihr aber nicht den Hof?“ fragte der Lord mit einigem Mißtrauen. „Noch nicht,“ entgegnete Kaunitz. „Excellenz werden doch nicht einen neuen Krieg herauf⸗ beſchwören wollen?“ „Ja wohl, Excellenz, einen trojaniſchen Krieg um die ſchöne Helena des Palaſtes Machault.“ Albemarle zuckte die Achſeln und ſchob den dreieckigen Hut unter den Arm, ein Zeichen, daß er ſich empfahl. „Und die fünfhunderttauſend Patacons?“ „Werden nicht mehr gezahlt.“ Nachdem Graf Kaunitzden engliſchen Diplomaten biszur Schwelle begleitet hatte, kehrte er zu ſeinem Secretair zurück. „Sind Sie fertig?“ „Ja,“ ſagte dieſer und überreichte dem Grafen einen gefalteten Bogen. Kaunitz las: „Protokoll über die Unterredung mit Seiner Excellenz dem königlich großbritanniſchen Botſchafter Lord Albe⸗ marle.“ III. Kaunitz beſuchte täglich die Promenade. Hier ſpann er ſeine Beziehungen zu den Damen, den geiſtreichen Krei⸗ 20 39 ſen weiter. Ein prächtiger kalter Wintertag begünſtigte ſei⸗ nen Ausgang. Wie er ſein Ueberkleid befahl, fragte Frangois etwas unſicher:„Zehn Grad, aber Windſtille und Sonne, ſoll ich Numero ſieben, oder nur den violetten Anzug Numero ſechs?“ „Die Sonne operirt ſtark, Excellenz,“ ſagte Binder, „Numero ſechs dürfte genügen.“ Der Graf hatte nämlich angemeſſen den verſchiede⸗ nen Jahreszeiten, der Witterung, der Temperatur, eine Reihe von Anzügen, deren Scala er genau einhielt. „Bleiben wir bei Numero ſechs,“ ſagte er,„ich will hoffen, daß Sie mich nicht verkühlen wollen, Binder.“ Am Thore noch gab Kaunitz dem Secretair den Auf⸗ trag, ſo raſch als möglich zu verbreiten, daß er der Gemah⸗ lin des Staatsminiſters den Hof mache und in Juwelier⸗ läden und bei Nippeshändlern unter geheimnißvollen An⸗ deutungen Beſtellungen zu machen. „Wenn er jedoch Excellenz fordert?“ fragte beſcheiden von Binder. „Das wird er nicht,“ entgegnete Kaunitz beſtimmt,„er wird gegen mich Intriguen ſpinnen, Alles aufbieten, dem Könige und der Marquiſe meine Geſellſchaft zu verleiden, Erklärungen fordern, heute über Toskana und morgen über die Grenzſtreitigkeiten in Flandern und endlich dahin ge⸗ langen, wo ich ihn haben will. Adieu.“ Von Niemand begleitet, ſchritt Kaunitz der Promenade zu. Unbefangen ließ er ſich von den Wellen der Spazier⸗ gänger tragen, zuvorkommend grüßend, verbindlich dan⸗ kend, bis eine feine Hand ſich auf ſeinen Arm legte. Es ————— 40 war eine beinahe weibliche Hand, ſie gehörte dem ſchönen Abbé Bernis, dem Philoſophen, dem Poeten, dem Freunde der Pompadour. Dieſe feine Hand hatte die Liebesbriefe geſchrieben, welche Frau von Etioles zur Marquiſe von Pompadour, zur Geliebten Ludwig's XV., zur Herrin des franzöſiſchen Staates gemacht hatten. Ohne die gewöhnlichen Höflichkeitsformen auszutauſchen, ergriff Bernis den Arm des öſterreichiſchen Geſandten. „Haben Sie Voltaire's Briefe geleſen?“ flüſterte er erregt. „Briefe? Voltaire's? Sie müßten eben heute im Buch⸗ handel erſchienen ſein—“ „Nein, Nein!“ erwiderte der Abbé heftig, aber im⸗ mer leiſe,„Sie kennen die Beziehungen Voltaire's zu Ma⸗ dame Deffant?“ Kaunitz beſtätigte. „Sie gehört zu den Vielen, mit denen er im Brief⸗ wechſel ſteht. Voltaire ſchreibt nie an die Adreſſe, ſeine Briefe ſind immer an Europa gerichtet. Was er nicht wagen kann, drucken zu laſſen, gelangt— natürlich ſtets gegen ſei⸗ nen Willen— durch Freundinnen, Gönner an das Licht des Tages, die entſetzlichſten Bosheiten, die unglaublichſten Perſönlichkeiten. Die Deffant beſitzt eine reiche Auswahl ſolcher vertrauter Briefe und bewahrt ſie. Je verſchwie⸗ gener ſie ſich zeigt, um ſo rückhaltloſer wird Voltaire und ſchreibt Dinge, die er nicht für Europa beſtimmt hat, ja nicht einmal für mich zum Beiſpiel.“ „Hat er Sie angegriffen?“ „Hören Sie nur. Ein kleines Epigramm entzweit Vol⸗ taire und die Deffant, Voltaire vernachläſſigt den geiſtrei⸗ chen Kreis der reizenden Frau und kehrt ihm endlich den 41 Rücken. Sie aber— o! ſie iſt erfinderiſch— ſeit geſtern Abend lieſt ſie ihren Freunden Voltaire's Briefe vor, um ſie, wie ſie ſagt, für ſeine Abweſenheit zu entſchädigen.“ „Der Gedanke iſt gut.“ „Sehr gut!“ rief der Abbe,„in der That ſehr gut, wenn ſie einen ernſten Krieg mit Voltaire und die Reihen ſeiner Freunde lichten will.“ „Sie glauben, daß dies Voltaire ſchaden wird?“ „Es giebt Niemand von literariſcher Bedeutung in Frankreich, den Voltaire in dieſen Briefen verſchont hätte.“ „Alſo auch Sie nicht?“ „Auch mich nicht. Auch andere Männer von Geiſt nicht. Auch Sie nicht, lieber Graf!“ Kaunitz lächelte. „In ſo guter Geſellſchaft,“ ſagte er,„darf man wohl mit Herrn von Voltaire nicht einmal rechten.“ „Warum nicht?“ „Und Sie glauben wirklich, daß dies Voltaire ſchaden könnte?“ „Ich bin davon überzeugt.“ „Erlauben Sie mir, Ihnen zu widerſprechen, Abbé; man lacht am Ende doch über die Briefe, denn ſie ſind ohne Zweifel gut. Und uns wird nichts übrig bleiben, als mit⸗ zulachen, und Voltaire's Name leuchtet mehr als je.“ „Nimmermehr!“ rief Bernis zornig. „Ja, wenn Voltaire Feinde hätte,“ ſagte Kaunitz,„dann würden Sie mich leicht überzeugen.“ „Glauben Sie, Graf,“ beeilte ſich der Abbé zu erklä⸗ ren,„daß ihm ſeine Ausfälle Freunde gemacht haben? Zäh⸗ len Sie ſeine Satyren und Epigramme und Sie haben die Zahl ſeiner Feinde.“ 42 Kaunitz ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Menſchen genug, die er verletzt hat, aber keine Feinde, Menſchen, die ſein Genie bewundern und um ſo mehr be⸗ wundern, je tiefer ſie deſſen Stachel gefühlt haben, keine Feinde. Feinde, nenne ich Menſchen von mittelmäßigen Talenten, unfähig den zerſtörenden, den ſchöpferiſchen Geiſt zu erfaſſen, Menſchen, zitternd um ihre Tagelöhnerarbeit, weil die Erde erſchüttert wird, Menſchen, krank an häßlichem, unverſöhnlichem Neide, das nenne ich Feinde, ſolche Feinde hat Voltaire nicht.“ „Er hat ſie, Kaunitz, er hat ſie,“ ſagte der Abbé bei⸗ nahe tonlos; er hatte die Hand des Grafen erfaßt, welcher alle ſeine Nerven zittern fühlte.„Man huldigt Voltaire in den literariſchen Kreiſen, weil man ihn fürchtet, weil Jener, welcher ihn angreift, allein zu bleiben und lächerlich zu wer⸗ den beſorgt, weil eine auffallende Gelegenheit fehlt, ihm die Sympathien zu kündigen. Laſſen Sie heute dieſe Gele⸗ genheit kommen und Sie werden ſehen, daß—“ der Abbé faßte ſich,„daß Voltaire Feinde hat.“ „Da iſt er,“ rief Kaunitz. „Voltaire?“ fragte Bernis aufgeregt, und ſeine Blicke ſchweiften weithin über die Promenade. „Nein!“ entgegnete Kaunitz.„Jener Menſch, der mich verfolgt— da iſt er.“ „Ein Menſch, der Sie verfolgt?“ „Sehen Sie nur ſelbſt.“ Ein kleiner plumper Menſch in einfachem Anzuge, hohen Stiefeln eines Reiters, den Hut in das dicke rothe Geſicht gedrückt, eine kleine Thon⸗ pfeife im breiten Munde, die Hände in den Taſchen, ſchob ſich durch die Spaziergänger. Sein ganzes Weſen war 43 darnach angethan, hier unter den Abbés, Marquiſen und Officieren Aufſehen zu erregen. Er ſchien große Eile zu haben. Wenige Schritte vor Kaunitz hielt er inne, zog ehr⸗ erbietig ſeinen Hut bis zur Erde und neigte ſich eben ſo tief, dann brach er in ein herzliches ſchallendes Gelächter aus und verſchwand in der Menge. Bernis reizte das Ungewöhnliche des ganzen Vor⸗ ganges unwiderſtehlich zum Lachen. „Das geſchieht mir täglich,“ bemerkte Kaunitz. „Unglaublich,“ erwiderte Bernis,„ich will dem Chef der Polizei die Sache an das Herz legen.“ „Soll ich mich bei jedem Schritte von Ihren Polizei⸗ ſpionen begleitet ſehen?“ ſagte der Graf. „Es wird nichts Anderes übrig bleiben. Um aber zu Voltaire zurückzukehren, wodurch haben Sie ihn aufge⸗ bracht?“ „Bedarf es ſo viel, um Voltaire's Satyre herauszu⸗ fordern?“ ſprach Kaunitz.„Der Dichter der Henriade iſt der Freund des Königs von Preußen, und ich habe Vol⸗ taire's Nichte verſchmäht.“ „Die kleine Denis?“ lachte Bernis,„ſie hat mit Ihnen kokettirt! O, Sie geben mir Stoff für ein Luſtſpiel. Und Sie ſind kein Feind Voltaire's?“ „Wie ſollte ich! ich bin nur der Feind der Unfähig⸗ keit, der Unwiſſenheit. Schwärmeriſche Verehrung für das Talent, die Kunſt, die Wiſſenſchaft iſt der Grundzug meines Charakters. Voltaire iſt ein Genie, wie ſollte ich ſein Feind ſein!“ „Ihr Diener, Graf!“ „Ihr Diener, Abbé!“ 44 Schon war auch der Unbekannte zur Stelle, ſchon hatte er Kaunitz in's Geſicht gelacht und war auch wieder ver⸗ ſchwunden. Lächelnd kehrte Bernis zu dem öſterreichiſchen Diplomaten zurück. „Sie laſſen ſich einmal nicht den Rang ablaufen, lie⸗ ber Graf. So oft ſich Paris mit etwas Anderem beſchäf⸗ tigen möchte, als mit Ihnen, gleich haben Sie etwas Neues, das die Welt ergötzt. Dieſes Abenteuer wird heute alle Kreiſe entzücken. Die Ruſſin tritt in den Hintergrund.“ „Welche Ruſſin?“ fragte Kaunitz. „Sie wiſſen noch nichts von der Ruſſin?“ rief der ſchöne Abbé erſtaunt,„nichts von der geheimnißvollen Frau, welche alle Welt aufregt?“ Kaunitz verneinte, der Abbé fuhr fort: „Niemand hat ſie geſehen und doch iſt Paris voll von ihrer märchenhaften Schönheit. Sie iſt reich wie die orien⸗ taliſchen Feen. Der König von Frankreich könnte an ihrer Schwelle betteln; ſie wohnt außer der Stadt in einem gro⸗ ßen alten Schloſſe, das keine Fenſter und Thüren hat— man vermuthet, daß ſie den Stein der Weiſen beſitzt und dort ihre Goldküche hat, denn alle Wunder der Schöpfung ſind ihr erſchloſſen.“ Aus einem geſchloſſenen Wagen mit phantaſtiſchem Wappen winkte Kaunitz der gelbe Handſchuh einer Dame. Der Graf verließ den Abbé. An der Straßenecke hielt der Wagen, Kaunitz trat an den Schlag, aus dem ſich die Mar⸗ quiſe von Pompadour herausbeugte.„Kaunitz,“ rief ſie mit heller fröhlicher Stimme, während ihre kleine Hand mit dem großen Fächer die Haare des Grafen zu zerſtören ſuchte,„ich will Sie warnen. Lord Albemarle ſchmachtet in 45 den Roſenketten des Fräulein Gabriele von Saint Severin. Sehen Sie zu, daß die Geheimniſſe Ihrer Politik nicht den Tert zu ſeinen glühenden Liebesliedern abgeben. Leben Sie wohl.“ Der Fächer klopfte ſeine Wangen, der reizende Frauenkopf verſchwand, der Wagen rollte raſch davon. Ein ſchallendes Gelächter begleitete ſeine Abfahrt. Der räthſelhafte Mann war wieder hinter Kaunitz geſtan⸗ den und auch ſchon weithin nicht mehr zu entdecken. Graf Kaunitz fand ihn wieder, als er ſich dem Geſandtſchaftspa⸗ laſte näherte. Diesmal hoffte er ihn zu'erreichen, aber der Unverſchämte war auf ſeiner Hut. Voll Ehrfurcht grüßte er den Grafen, und rannte, während ihn das Lachen heftig ſchüttelte, davon. „Was wiſſen Sie von der Ruſſin?“ fragte Kaunitz den Secretair. „Nicht mehr, als daß ſie ſehr ſchönes Pelzwerk hat.“ Kaunitz leiſtete der Einladung des Miniſters pünktlich Folge. Machault entſchuldigte ſich auf das Liebenswür⸗ digſte, daß er ihm den Abend raube und bat ihn, nicht zu vergeſſen, daß nicht der Miniſter Ludwig XV., nur Machault ihn zu ſich gebeten habe. Kein glänzendes Feſt werde die Schönheiten, die geiſtvollen Männer der Hauptſtadt Frank⸗ reichs um ihn verſammeln, die Damen wünſchten nur eine Stunde mit dem Manne zu plaudern„von dem alle Kreiſe gleich entzückt ſind. Dann führte er ihn in den kleinen Salon. Wie bunte Inſekten erſchienen die Damen in den bauſchigen übereinander geſchürzten, durch den Reifrock weit 46 ausgeſpannten Seidengewändern, darüber die knappe Taille, die kurzen aufgeblähten Aermel wie Flügelchen an den Armen, die Haare emporgekämmt, wie in zwei zierliche Fühler auslaufend. So flatterte die kleine Gabriele lybel⸗ lenhaft herein, Madame Zephyrine brauſte wie eine Hum⸗ mel nach. Dem Empfange, ſo ceremoniel ſteif er war, gab die franzöſiſche Liebenswürdigkeit eine lebhafte Farbe. Man zwängte ſich, ſo gut es ging, in die engen ſteilen Lehnſtühle, der Kaffee kam in kleinen goldgeränderten Schalen, das Geſpräch war im Fluſſe. Der Graf war ein gewandter Mann; ein Odyſſeus, ſteuerte er ſicher durch die Klippen des Geſpräches. Er hatte das Talent, ſich mit Allen zugleich zu beſchäftigen, die Geſellſchaft in einen Ring zu faſſen. Frau Zephyrine er⸗ zählte er, in welcher Toilette Maria Thereſia auf dem un⸗ gariſchen Landtage zu Preßburg erſchienen war, der kleinen Gabriele hatte er den rieſigen Fächer abgenommen und fächelte ihre Wangen, während ſeine Augen die Perlen⸗ reihen von Zähnen zu würdigen wußten, welche ſie bei dem Schlürfen des Kaffees zeigte. Zu gleicher Zeit bediente ſeine Linke den Miniſter aus dem kleinſten Perlmutterdös⸗ chen mit einer Priſe Spaniol. Dann erzählte er dem Fräu⸗ lein von Saint Severin von dem Leben auf dem Eiſe in den Niederlanden, Markt und Reiſen, Geſchäft, Beſuch, Vergnügungen, und erregte die Heiterkeit des ganzen Krei⸗ ſes, indem er einen Liebeshandel— die Angebetete und den Galan auf Schlittſchuhen— ſchilderte, während er die be⸗ ſonderen Gefühle ſeiner Zuhörer noch dadurch anregte, daß er Gabrielens Augen immer wieder hinter dem Fächer und 47 Sacktuche zu finden wußte; daß er von Zeit zu Zeit auf Machault's, wie er ſagte, unſchätzbare Mieris und Oſtades wies und Zephyrinens garſtigem Mopſe den dicken braunen Kopf kraute. „Sehen Sie doch,“ ſagte Kaunitz,„dort in dem klei⸗ nen Rahmen das koſtbare Bild, es ſtellt eine vornehme Niederländerin dar, ſie hat das von Reben umrahmte Fenſter geöffnet und eine Traube gepflückt, während ihr lachendes Antlitz den Zuſeher zum Genuſſe einzuladen ſcheint, ſei es der herrlichen Frucht, ſei es der blühenden Lippen.“ „Ich finde nichts Koſtbares an der Dame, als ihre Ohr⸗ gehänge,“ rief Gabriele. „Ich bin ſo unglücklich, mein Fräulein, meine Behaup⸗ tung aufrecht erhalten zu müſſen. Kann es etwas Reizen⸗ deres geben, als dieſe Frauen eines Jordaen's van Steen, de Hooghe, Dow, dieſe Flamänder, dieſe Holländerinnen, welche Behaglichkeit, welche Friſche!“ Er ließ ſeine Augen erſt über alle die kleinen Bilder ſchweifen und dann längere Zeit auf Frau Zephyrine ruhen. „Was ſoll das?“ dachte Machault, welcher mit Befrie⸗ digung die erſten Koketterien des Grafen und der Kleinen wahrgenommen hatte. „Sie ſind doch Alle— entſetzlich dick,“ ſagte Gabriele. „Was willſt Du damit ſagen, Kind?“ entgegnete Zephy⸗ rine ſpitz. „Dick!“ rief Kaunitz,„wie können Sie, mein Fräu⸗ lein, ein ſolches Wort gebrauchen. Geſund, möchte ich ſa⸗ gen, üppig, vollendet, ſinnbethörend.“ 48 Zephyrine warf Kaunitz einen dankbaren Blick zu. Machault nahm Priſe auf Priſe. „Dick?“ fragte Kaunitz,„nennen Sie die Mediceiſche Venus auch dick?“ „Nun, die Venus dürfte man wohl ſchlank nennen,“ warf Machault ein. „Schlank?— darüber iſt man nicht einig, aber Alle kommen darin überein, daß ſie ſchön iſt. Was iſt die Schön⸗ heit? das Ebenmaß aller Formen, ihre vollkommene Run⸗ dung; wo wäre dieſe in höherem Grade, als eben bei einer Frau, welche Sie, mein Fräulein— ich kann das Wort kaum ausſprechen— dick nennen. Ja ich wage zu behaup⸗ ten, die Schönheit iſt eben— die Dicke.“ „Da könnte man ſie ja wägen,“ lachte Gabriele. Sie fühlte Kaunitz' Jronie, aber ſie ſah die zauberhafte Wir⸗ kung, welche dieſelbe auf Zephyrine übte und das Erbleichen des Miniſters. „Eine magere Frau iſt nie ſchön, kann nie ſchön ſein,“ fuhr Kaunitz fort,„warum erfüllt uns der ſchlanke Reiz eines ſchönen Mädchens mit einem unerklärlichen Ent⸗ zücken?— es iſt die Ahnung deſſen, was das holde Ge⸗ ſchöpf uns verſpricht—“ „Nämlich dick zu werden,“ unterbrach ihn Gabriele, bemüht, Machault und Zephyrine den Ton des Grafen rein hören zu laſſen, und dieſer Ton war ſo höhniſch ſchmei⸗ chelnd, ſo übermüthig lachend, aber ſie hörten ihn nicht. „Helena war dick,“ behauptete Kaunitz, ohne ſich irre machen zu laſſen,„von den meiſten griechiſchen Göt⸗ tinnen wiſſen wir, daß ihre olympiſche Schönheit ſich mußte von Pfauen, Tauben und anderem Geflügel ziehen laſſen; — Kleopatra konnte nur durch hundert Ruder in Bewegung geſetzt werden; es iſt bekannt, welcher furchtbaren Procedur ſich die Amazonen unterwerfen mußten. Wenn ſie weni⸗ ger ſchön— nämlich mager geweſen wären— hätten ſie ſich dieſelbe erſparen können.“ Der niedliche Mops begann furchtbar zu heulen. Ma⸗ chault, deſſen Fuß immer heftiger unter dem Tiſche geklopft hatte, hatte ihn auf die ſchwarze Pfote getreten. Er heulte mit tief gefühltem Weltſchmerz. Kaunitz hob ihn zum Ent⸗ ſetzen des ganzen Kreiſes beim Felle über den Tiſch. Ze⸗ phyrine unterdrückte einen Schrei, als ſie den kleinen Lieb⸗ ling hoch in der Luft ſchweben ſah.— Der Mops ſperrte er⸗ ſtaunt die Augen und Zähne auf und winſelte nur noch leiſe. „Sehen Sie den Mops,“ ſagte Kaunitz; er ließ ſich durch die Angſt der Zuhörer, das Zappeln des Thieres nicht ſtören.„Sehen Sie den Liebling der Damen, den Götzen der Boudoirs, den Vertrauten jeder Schäferſtunde, iſt er mager?“ Der Miniſter war bereit, ihn als das reizendſte Thier anzuerkennen, und machte einen vergeblichen Verſuch, ihn aus ſeiner Lage zwiſchen Himmel und Erde zu befreien. „Iſt er mager? frage ich: da haben Sie das Ideal der Schönheit!“ Damit ſetzte er den Mops zu den Füßen ſeiner Herrin nieder. Die zarteſten Bande waren in dieſem Augenblicke zwiſchen Zephyrine und dem Grafen geknüpft. Kaunitz' Auge richtete ſich auf Gabriele, welche das Tuch vor den Lippen, vor Lachen ſchluchzend, ſeine letzten Auseinanderſetzungen begleitet hatte. „Graf, Sie beſitzen ſeltene Kenntniſſe von den Frauen,“ Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. I. 4 50 ſagte der Miniſter gereizt.„Sie werden hohes Lehrgeld gezahlt haben!“ „Ich möchte nur behaupten, daß ich gelehrig war.“ „Sie haben oft geliebt,“ ſagte Zephyrine mit einem ſchmachtenden Blicke. Er ſchien ihn nicht zu beachten, in Gedanken verſunken; aber Machault bemerkte, daß Kau⸗ nitz mit unnachahmlicher Zartheit unter dem Tiſche herum⸗ trat. Seine Fußſpitze ſuchte offenbar eine fremde, aber welche? galt es Zephyrine?— jetzt trat er auf Ma⸗ chault's breiten Schuh. Der verhielt ſich mäuschenſtille. Er trat leiſe, es war die erſte ſchüchterne Werbung. Der Miniſter hielt den Athem an ſich. Er trat wieder— drin⸗ gender— leidenſchaftlicher— keine Erwiederung. „Das gilt ihr,“ dachte Machault,„er kann doch meine Füße nicht mit den Füßchen der Kleinen verwechſeln.“ Jetzt trat Kaunitz mit unausſprechlicher Liebesgluth.„Wenn das ſo fortgeht,“ ſagte ſich der Miniſter,„ſo tritt er mir die Fußzehen ab.“ Jetzt ſtieß es von drüben an ſeinen Fuß. „Oho, ſo weit ſchon, ſie finden ſich offenbar nicht,“ damit zog Machault ſeinen Fuß zurück, ſeine Augen bohrten ſich in das Antlitz ſeiner Gemahlin. Sie ſchälte ſorglos einen Apfel. Das war zu viel.— Hülfe ſuchend gegen ſo viel Treuloſigkeit und Bosheit, blickte Machault auf Gabriele, welche ſich lebhaft mit Kau⸗ nitz unterhielt. Plötzlich überſtrömte tiefe dunkle Röthe ihre Wangen, ihre Stirne, ja floß bis in die niedlichſten Ohrläppchen. Machault nahm vergnügt eine Priſe. Leiſe taſtete er mit ſeiner Fußſpitze vorwärts. Da war Ga⸗ brielens Fuß. Der Miniſter zog im überſtrömenden Ge⸗ 51 fühle den Mops auf ſeine Knie, preßte ihn an ſein Herz und küßte ſeine kalte Schnauze mit großer Zärtlichkeit. „Ich habe nie geliebt;“ ſagte Kaunitz,„was man ſo nennt, hatte bei mir den Charakter von Liebhabereien.“ „Wie iſt das zu verſtehen?“ fragte jetzt Machault mit ungeheuchelter Wißbegierde. „Wie erkläre ich mich,“ ſagte der Graf,„ſoll ich Sie mit allen meinen kleinen Studien und Paſſionen lang⸗ weilen?“ „Wie viel ſtattliche holländiſche Liebespfeile mögen Ihr Herz verwundet haben!“ bemerkte Gabriele. „Ich weis es nicht auswendig,“ ſagte Kaunitz,„es mögen zwiſchen zwanzig und dreißig ſein; oh! ich habe ſie innig geliebt, denn ich liebe die Reinlichkeit leidenſchaftlich.“ „Die Reinlichkeit?“ fragte Machault erſtaunt. „Gewiß, damals war dieſe Schwäche bei mir zu einer Art Fanatismus geworden; Sie werden nun einſehen, wie gefährlich mir die netten Holländerinnen werden mußten. Meine Verehrung Ihrer Literatur machte, daß ich bei mei⸗ nem erſten Aufenthalte in Paris beinahe jede Dame anbe⸗ tungswürdig fand, weil ſie— franzöſiſch ſprach.“ „Aber die Proli haben Sie doch geliebt!“ rief Ga⸗ briele. „Es war Ihre erſte Liebe,“ bemerkte Zephyrine. „Nein,“ ſprach er,„damals war die Muſik meine Lei⸗ denſchaft und die Signora eine gefeierte Sängerin. Ich habe ſie täglich auf dem Claviere begleitet. Meine erſte Liebe— damals war ich eben mit dem Syſteme meiner Diä⸗ tetik beſchäftigt— war eine Engländerin aus Geſundheits⸗ rückſichten. Und ich habe eine düſtere Ahnung, daß mich 4* meine Vorliebe für Pelzwerk noch einmal zu dem Sklaven einer Ruſſin machen wird.“ Die Damen lachten. Ordnung, Dätetik, Literatur, Muſik, Pelzwerk, das flog nur über den diplomatiſchen Webſtuhl des Miniſters. „Seltſame Paſſionen!“ ſprach er vor ſich hin. Er über⸗ legte, ob er Gabriele zuerſt in dem koſtbaren Marder ſeiner Frau auftreten laſſen ſollte, ob eine duftende Correſpon⸗ denz, nicht von Liebesbriefen— von berühmten Recepten— den öſterreichiſchen Geſandten mit unzerreißbaren Banden feſſeln möchte. Er erinnerte ſich einiger Verſe, welche er als galanter Attaché verfaßt hatte und, ohne ſich an der Lite— ratur Frankreichs zu verſündigen, der kleinen Diplomatin überlaſſen konnte. Zuletzt entſchied die leibhafte Gegenwart des Flügels, und er forderte das Fräulein von Severin zu dem Vortrage einer italieniſchen Arie auf. Gabriele weigerte ſich keinen Augenblick.„Der Graf hat die Proli geliebt,“ ſprach ſie,„dafür will ich ihm mit meinem Geſange die Ohren zerreißen. Für jeden Liebes⸗ ſchwur einen Triller in dem Style, wie ihn vorher der Moys geſchlagen hat, für jede zärtliche Umarmung eine falſche Note.“ „O Sie werden ſehr falſch ſingen,“ entgegnete Kau⸗ nitz. Madame Zephyrine präludirte bereits auf den Taſten. „Wählen Sie ſelbſt,“ rief Gabriele,„eine ſtolze hel⸗ denmäßige Arie aus der Opera heroica, dann ſollen Ihnen meine franzöſiſchen Chanſons um ſo beſſer gefallen.“ „Wenn Sie mich nicht gemordet haben,“ bemerkte der Graf; er lehnte ſich an die Ecke des Claviers, ſo daß er zugleich Zephyrine die Blätter wenden und dem Fräu⸗ 53 lein die Noten halten konnte. Machault rückte aber ſogleich von der andern Seite mit ungeſtümer Galanterie heran, feſt entſchloſſen, dem Grafen, welcher das eine Blatt ſchon zwiſchen den Fingern hatte, die übrigen zu entreißen. „O ich will umwenden,“ befeſtigte er ſich in ſeinem Vorhaben.„Ihn will ich umwenden, ja die ganze Welt, ehe ich ihn eine Note umſchlagen laſſe, die meine Frau ſpielt.“ Das Turnier war eröffnet. Gabriele begann, ſie ſang ſicher und anmuthig, aber die wüthende Heldin nahm Geſtalt und Züge einer Schä⸗ ferin an, die ſich mit ihren munteren Lämmchen um die bunten Blumen auf der Wieſe ſtritt. Bisher ging es ganz gut. Jetzt galt es umzuwenden. Kaunitz warf das Blatt hinüber, ſchon hatte Machault das nächſte ergriffen und hielt es krampfhaft feſt. Es ging noch immer gut. Gabriele trillerte, Zephyrine ließ ihre Finger in der Schlußcadenz ruhen, zu Kaunitz emporſehend be⸗ merkte ſie, daß er ſtarr auf ihre kleinen vollen Hände ſah und ſeufzte. Verwirrt ſpielte ſie weiter. Machault wendete vorſichtig, während ſeine zweite Hand wie ein Raubvo⸗ gel über den Noten ſchwebte. Jetzt ſtieß ſie hinab und da war auch der Gegner— keiner gab nach— Beide hielten das Blatt— ſtumme Verbeugungen— ſtummes Nicken— Achſelzucken— Sängerin und Begleitung werden irre— das Tempo wird immer raſcher genommen.—„Ich war der Erſte,“ liſpelte der Miniſter;„falſch,“ ſagt Kaunitz, giebt mit der Arie den Takt. Schlüſſel, Noten und Takt verſchwimmen Gabrielen vor den Augen.—„Ich!“ ſagt der Miniſter— ein langer Triller—„Wenden!“ ruft Ze⸗ phyrine— Machault zerrt das Blatt zu ſich, unten hält es 54 Kaunitz.—„Wenden!“ ruft Zephyrine, Machault macht einen verzweifelten Verſuch.— Ein Schmerzenston—„der Mops?“— nein, das Blatt,— er reißt es mitten durch.— Eine Hälfte iſt gewendet, die andere bleibt in Kaunitz' Hän⸗ den.— Gabriele ſchlägt einen wilden Triller, Zephyrine lacht, der Mops heult.— Die Arie iſt zu Ende. Machault hält noch immer ſprachlos ſein Blatt.— Kaunitz hat das Sacktuch des Fräulein von Severin erobert und ſich zugleich über Zephyrinens Hände gebeugt. „Sie haben geſeufzt, als meine Hände— das Clavier mißhandelten.“ „Mißhandelten?“ ſeufzte Kaunitz,„die Hände einer Kleopatra? ich habe geſeufzt, daß ich kein Clavier bin.“ Machault riß an dem Notenblatte— ein Stück blieb in ſeinen Händen. „Was thun Sie, mein Gemahl?“ fragte Zephyrine. Der Miniſter, mit dem Stücke Notenblatt in der Hand, eilte durch das Zimmer,— er war irre geworden an der Menſch⸗ heit— vorzüglich aber an ſeiner Frau.— Er wußte nicht mehr, ob Kaunitz ihr den Hof mache oder Gabrielen oder Beiden zugleich. Ohne jede Begründung, wie eine Streit⸗ frage in feierlicher Disputation, warf er Kaunitz den Satz vor die Füße: „Iſt es möglich, daß man in Mehrere zugleich verliebt iſt?“ Ein Aufſchrei lachenden Entzückens der kleinen Ga⸗ briele antwortete. „Nehmen wir ihn in die Beichte,“ rief ſie, und berührte mit ihrem Fächer die Schulter des Grafen. „Soll ich antworten?“ ſagte dieſer,„ſo will ich damit 55 beginnen, daß ich frage: was nennen Sie verliebt? Herr von Machault.“ „Verliebt?“ antwortete der Miniſter, etwas aus der Faſſung gebracht,„nun, verliebt nenne ich, wenn Jemand recht— verliebt iſt.“ Das Lachen der Damen, der feine Spott um den Lip⸗ pen des Grafen entzündeten den Miniſter. „Mein Gott!“ ſagte er,„man verliebt ſich nicht ſo, wie man ein Stück ſchreibt nach den Regeln des Ariſtoteles! Den feſſelt ſchlagfertiger Witz, naive Munterkeit, Jenen Schönheit, ſtolze Formen.“ „Ausgezeichnet,“ rief Kaunitz.„Sie ſcheinen auch ge⸗ lehrig geweſen zu ſein, Herr von Machault.“ Zephyrine ſah ihren Gemahl an, er war purpurroth geworden. „Ausgezeichnet,“ fuhr der Graf fort,„alſo iſt alle Liebe ein Begehren nach fremder Eigenſchaft.“ „Verwandtes zieht Verwandtes an,“ bemerkte der be⸗ häbige Miniſter mit einem ſtolzen Blick auf ſeine Frau. „Ich möchte behaupten, daß wir unſer Gegentheil lie⸗ ben,“ ſagte Kaunitz. Machault bemerkte mit Entſetzen, daß der Graf ſehr mager war. Dieſer ſprach weiter:„Es iſt bekannt, daß ſehr ſchöne Frauen häßliche Männer, wenn ſie ſich durch Geiſt und Ta⸗ lente auszeichnen, jenen mit dem glänzendſten Aeußern vor⸗ ziehen, daß Männer, deren Erfolge bei den reizendſten Frauen ſprichwörtlich geworden ſind, ihr Leben in der An⸗ betung einer Dame beſchließen, welche die Natur mit Lie⸗ benswürdigkeit und ſcharfem Verſtande für den Mangel der Anmuth entſchädigt hat. Man liebt ſein Gegentheil.“ „Sie lieben alſo auch Ihr Gegentheil?“ fragte Ga⸗ briele. „Du haſt es ſchon gehört,“ antwortete Machault erregt und ſtreichelte zornig die ſchöne Hand ſeiner Gemahlin. „Gewiß, mein Fräulein,“ ſagte der Graf,„ſeitdem ich ſelbſt den holländiſchen Malern Stoff für Genrebildchen liefern könnte, ſeitdem mein Leben ein Recept iſt, beginne ich ein ſeltſames Intereſſe für das tolle Sichgehenlaſſen zu fühlen, jenes erhabene in den Tag Hineinleben, jenen frevelhaften Leichtſinn, jenes wilde Spielen mit Allem, was uns umgiebt und mit uns ſelbſt— mein Gott, iſt das Chaos!“ Machault nahm ſich vor, nicht mehr mit Gabriele über ihre Nachläſſigkeit zu rechten; ſo oft ihn jetzt ein Wort des Grafen traf, ſtellte er ſich lebhaft ihr Boudoir vor, und war beruhigt. „Erörtern wir die Frage nach einer andern Methode,“ rief er,„wann iſt Jemand überhaupt verliebt?“ Kaunitz erwiederte lebhaft:„Ich zum Beiſpiel bin, glaube ich, in dieſem Augenblicke verliebt.“ Gabrielens Augen begegneten den ſeinen, ſie ſagten ihr:„Du biſt mein Gegentheil,“ es verwirrte ſie, ihre Augen⸗ lider ſchloſſen ſich etwas, aber ſie ſchlug ihren Blick nicht nieder. „Sie ſind verliebt?“ fragte Zephyrine,„verliebt?“ Darauf war Machault nicht gefaßt; jetzt aber konnte er Gewißheit erlangen, jetzt eine Gewiſſensfrage:„Welche Ihrer Liebhabereien iſt diesmal im Spiele?“ warf er ſcher⸗ 57 zend hin, aber ſeine Augen hatten das unheimliche Feuer des Albigenſer Kämpfers. „Noch ſchwanke ich,“ ſagte Kaunitz. „Er ſchwankt,“ ſagte Machault und zwang ſich, un⸗ befangen zu lächeln. „Er ſchwankt,“ ſagte ſich Zephyrine und betrachtete wohlgefällig ihr Bild im Spiegel. „Er ſchwankt,“ lächelte Gabriele,„o er ſchwankt nicht.“ „Ich ſchwanke,“ ſprach Kaunitz;„vielleicht iſt mein Geſchmack noch zu wenig entwickelt; aber ich geſtehe es— ich ſchwanke; ſeitdem ich wieder den claſſiſchen Boden der Mode betreten habe, iſt mir der Beſitz aller jener reizenden kleinen Dinge, die wir auf Tiſche, Commoden, Kamine zu ſtellen pflegen, zu einer Leidenſchaft geworden, gegen die alle meine früheren Gefühle die eines Wickelkindes ſind. Da erſcheint der bunt bemalte kugelrunde Chineſe, der Gegen⸗ ſatz der niedlichen Schäferinnen, Möpſe und Marquiſen aus Gips und Porcellan, erobert ihren Platz neben der Uhr, bekämpft ſie mit allem Fanatismus einer ſchlechten Sache und ich— ſchwanke— ich ſchwanke zwiſchen Nippes und Pagode.“ „Er ſchwankt, er liebt Beide,“ rief es in dem Miniſter, „die Pagode. O ich erkenne ſie, die kugelrunde Pagode, mich täuſcht er nicht. Die Pagode iſt meine Frau!“ „Nun frage ich Sie,“ ſagte Kaunitz unbefangen zu dem Miniſter,„ſoll ich nicht ein Opfer der Schwermuth werden? Ich liebe jene reizende Nippes mehr als mein Leben; iſt ſie nicht die Schalkhaftigkeit, die Zierlichkeit, die Anmuth ſelbſt? das Märchen von der Elfenwelt? Da 58 wackelt die runde chineſiſche Göttin tyranniſch in mein Leben, und es iſt vorbei.“ „Er iſt göttlich,“ dachte Gabriele.„Seine Bilder⸗ ſprache,“ ſeufzte Zephyrine.„Er iſt kühn wie Dante und zärtlich wie Petrarca.“ „Ich fürchte, ſie wird unendlich grauſam ſein, dieſe buddhaiſtiſche Göttin, und unerſättlich in Opfern,“ ſeufzte Kaunitz. „Die kleine Schäferin wäre gewiß leichter zu behan⸗ deln,“ meinte Machault. „Glauben Sie das nicht,“ ſagte Kaunitz,„ich zittere vor den Frauen, ihr Dienſt iſt der grauſamſte Cultus, den es giebt.“ „Sie vergleichen uns den egyptiſchen Göttinnen,“ rief Gabriele. „Noch mehr, den indiſchen. Wie Schiwas' Gattin, die dämoniſche Parvati, zieht das ſchöne Weib auf ſeinem ſtolzen Siegeswagen und er zermalmt die Bekenner, die ſich unter ſeine Räder werfen. Ich zittere vor Ihnen.“ „Vor mir?“ lachte Gabriele. „Denken Sie an jene Dame, die den verliebten Troubadour, in Wolfsfelle genäht, mit ihrer Meute durch die Wälder hetzte. Und Sie würden weniger grauſam ſein?“ „Kaum,“ rief Gabriele,„wenn ich auch keine Pagode bin, ich verlange Menſchenopfer; auch mein Cultus ſoll entſetzlich ſein. Wenn Sie mich lieben, Graf, müſſen Sie ſich verkühlen.“ „Verkühlen?“ ſagte Kaunitz.„O Parvati! Du biſt ein Engel, eine gute Fee in einem Kindermärchen, wenn ſolche Greuel möglich ſind!“ Gabrielens Schlafzimmer war das einer Puppe. Als wollte ſie Auskleiden und Schlafen ſpielen, ſaß ſie an dem Abende, an welchem Kaunitz' Fußſpitze das erſte mal liebe⸗ flehend die ihre berührt hatte, im weißen Nachtgewande, den Puder aus dem dunklen Haare gekämmt, auf ihrem Himmelbette, ſchaukelte ihre Füße mit den grünen perſi⸗ ſchen Schuhen und ſchien zu träumen. Plötzlich ſtreifte ſie die Pantoffeln ab, ſang einige Paſſagen der Arie heroica und wiegte ſich in den Polſtern. Es rieſelte an die Schei⸗ ben.„Das iſt der Schnee,“ ſagte ſich die Kleine.„Wie das heimlich iſt in ſeinem Stübchen, warm wie im kleinen Neſte liegen, während der Winter ſtörriſch an die Scheiben pocht; poche nur! poche nur!“ und wieder ſang der kleine Vogel ſein fröhliches Lied. Das Rieſeln wiederholte ſich, aber nur in längeren Abſätzen. Gabriele lachte:„Kaunitz würde keine ruhige Stunde in meiner Nähe haben, es ſchneit nicht einmal ordentlich an meine Fenſter. Die Nach⸗ läſſigkeit herrſcht hier unumſchränkt.“ Es rieſelte wieder. „Nun war es doch eher wie Regen, oder Sand?“ rief die Kleine, und ſchnell waren die kleinen Füße in den far— bigen Schuhen, das niedliche Mädchen im Pudermantel, deſſen kleine Spitzen in der Eile des Hineinſchlüpfens wie Schneeflocken um daſſelbe tanzten, und an dem Fenſter, deſſen Vorhänge ſie leiſe auseinander zog. Der Mond warf ſein Licht in die Straße. Sie konnte einen ſchlanken Mann, 60 in einen dunklen Mantel gehüllt, erkennen, der unter ihren Fenſtern auf⸗ und abſchritt und von Zeit zu Zeit ſich bückte, um eine Handvoll Sand und Steinchen aufzuklauben und an ihre Scheiben zu werfen. Es war Kaunitz.— Er konnte ſie nicht ſehen, aber er ſah ſie doch, denn ſie hatte vergeſſen die Lampe zu verlöſchen, welche die reizenden Linien ihrer unverhüllten Geſtalt ſchattenhaft auf die weißen Vorhänge zeichnete. Weil er ſie ſah, füllte er in immer kürzeren Pau⸗ ſen ſeine Hände und es rieſelte jetzt beinahe ununterbrochen an ihre Scheiben. An der Ecke ſtand ein Anderer. Nicht Gabriele be⸗ merkte ihn, noch Kaunitz; ſo oft dieſer den Rücken kehrte, erſchien er, ſo oft der Graf ſtehen blieb, um Sand außzu⸗ heben, floh er raſch hinter die Ecke. Unbändig lachte er bei jeder Bewegung des Grafen; die Thonpfeife im Munde zerbiß er, um ſich nicht zu verrathen. Sobald ſich der Graf der Ecke näherte, promenirte er die andere Fronte hinab. Hier waren Zephyrinens Zimmer. Schwärmeriſch ſtand ſie an ihrem Fenſter und ſah in den Mond; als die Schritte des Fremden eintönig in der Stille der Nacht wiederhall⸗ ten, wurde ſie aufmerkſam, ihre Augen fanden ihn, ſie ſeufzte. Jetzt glaubte der Verfolger des Grafen denſelben um die Ecke, raſch ſchoß er hinüber und ſtieß an ihn. Kaunitz griff an ſeinen Degen. Der Unbekannte brach wie gewöhnlich in ein ſchallendes Gelächter aus und ſuchte das Weite. Auf dem Rückwege kam Kaunitz durch die Rue St. An⸗ toine; von Zeit zu Zeit blieb er ſtehen und huſtete heftig, das Tuch vor den Lippen. Er ſah ſchwermüthig in den Nachthimmel, dachte er an Parvati? In der Mitte der Straße rannte eine ſeltſame Geſtalt auf und ab, es war ein zierlicher hagerer Mann, trotz der Winterkälte nur mit zerriſſener Tuchhoſe und einer alten Weſte bekleidet. Ohne Hemd, ohne Hut, ohne Oberkleid rannte er auf und ab, das Fieber ſchien ihn zu ſchütteln. Er rieb ſich die Hände und tanzte mit ſchlotternden Füßen durch den Schnee, einen Gaſſenhauer ſummend. Kaunitz blieb ſtehen und winkte ihm; der lief an ihm vorbei. Es war ein Greis, die weißen Haare flatterten ihm um den Kopf. „Ich habe keine Zeit, mein Herr,“ ſprach er in dem gebildetſten Franzöſiſch.„Das Geſpräch entflammt, erregt, ich komme aber dabei in Gefahr, zu erfrieren. La! La! La!“ Ein ſeltſames Gefühl ſchien den öſterreichiſchen Ge⸗ ſandten feſtzuhalten, er ſprach endlich, das Tuch vor den Lippen, kaum verſtändlich einige Worte. Der alte Mann kam zurück. „Mein Herr, wiſſen Sie, was das iſt, ein Princip? gewiß! Kennen Sie die Tragödien des Aeſchylus? gewiß! Kennen Sie den Geiſt der Geſetze? gewiß! Aber, mein Herr, Sie wiſſen nicht, was das iſt, ein ungeheiztes Zimmer. Ich mache ſo jeden Abend meine kleine Bewegung in Hemd⸗ ärmeln, damit ich ſchlafen kann. La! La! La!“ „Mein Herr,“ ſprach Kaunitz,„Sie verrathen Bil⸗ dung; welches Unglück, welche Schuld hat Sie in dieſe un⸗ würdige Lage verſetzt? Darf ich Ihnen meine Hülfe an— bieten, ſind Sie ein ſchlechter Wirth?“— Der Alte lachte —„ein Spieler?“— er lachte, Kaunitz Frage ſchien ihn zu erheitern—„am Ende ein Verbrecher?“— Der Alte lachte.„Wer ſind Sie denn?“ 62 „Ein Dichter,“ ſprach der Alte beinahe tonlos. Dann lachte er auf wie im Wahnſinn, aber Thränen rollten über ſeine Wangen.„La! La! La!“ tanzte er durch die Straße. „Mein Herr!“ ſprach Kaunitz,„lohnt Frankreich ſeine Geiſter wie ſeine Soldaten?“ „Ol ich bettle nicht,“ ſagte der Alte. „Dennoch werden Sie meine Dienſte nicht zurück⸗ weiſen.“ „Ich weiſe ſie zurück. La! La! La „Nennen Sie mir Ihren Namen.“ „Ich nenne ihn nicht. La! La! La!“ „Ich werde ihn erfahren,“ rief Kaunitz,„wenn ihn Frankreich kennt.“ „Es hat ihn vergeſſen,“ ſprach der Greis, ſeine Stimme zitterte. Der Froſt ſchüttelte ihn, er lief wieder durch die Straße. Kaunitz folgte ihm und faßte ihn beim Arme. „Mein Herr, ich erfriere,“ ſprach der Greis. „Das ſollen Sie nicht,“ ſagte Kaunitz;„verkühlt habe ich mich ohnehin.“ Damit warf er raſch ſeinen Mantel ab, und wickelte ihn um den Greis. „Mein Herr,“ rief dieſer;„Ihren Mantel.“ „Ich weiſe ihn zurück,“ antwortete der Graf und eilte davon. „Ihren Namen! Ihren Namen!“ rief der Alte. „Ich nenne ihn nicht.“ Damit war Kaunitz um die 1 Ecke. „Ihren Namen!“ rief der Andere weinend;„Ihren Namen, Ihren Namen!“ In zitternder Aufregung kam der Staatsminiſter von Machault zu dem Frühſtücke. „Es iſt heraus,“ ſagte er heftig.„Es iſt heraus.“ „Was iſt heraus?“ ſprach Zephyrine. „Der ganze Liebeshandel.“ „Was für ein Liebeshandel?“ „Füße treten; niederländiſche Schönheit; Muſik, Pa⸗ gode! wollen Sie nicht vielleicht auch noch Ihren Pelz an⸗ ziehen, Madame?“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Sie ſollen mich verſtehen,“ rief Machault,„ein Wort will ich Ihnen zurufen, ein einziges Wort, dieſes Wort ſoll das Blut in Ihren Adern erſtarren machen.“ „Nun?“ „Fenſterpromenade!“ rief der Miniſter. Ein leichtes Roth überflog Zephyrinens Wangen. Gabriele lachte. „Sie lachen, mein Fräulein?“ „Ich lache, denn“— „Sie wiſſen auch von der Promenade?“ „Allerdings.“ „Alle alſo! mein ganzes Haus!“ „Mein Gott!“ ſprach Zephyrine.„In der That?“ rief Gabriele. „Warum ſoll der Graf nicht?“ ſagte Zephyrine. „Eine Fenſterpromenade machen?“ rief Gabriele. „Mir?“ „Mir!“ rief auch Zephyrine. 64 „Alſo Beiden!“ rief Machault;„es iſt heraus! Der Pagode und Nippes. Ja die Mufik!“ „Mein Gemahl,“ begann Zephyrine. „Bemühen Sie ſich nicht, Madame, ich weiß Alles.“ „Alles?“ Zephyrine zuckte ſtolz die Achſeln und nahm mit affek⸗ tirter Gleichgültigkeit ihren Kaffee. Machault ging mit großen Schritten zu der Glockenſchnur und zog ſie. Der alte Kammerdiener trat ein. „Mein wackerer Jaques, erzähle doch Madame die ergötzliche Geſchichte von heute Nacht, verſtehſt Du?— O ſie iſt ſehr ergötzlich!“ Der Kammerdiener ſagte gelaſſen:„Ein Mann“— „Der Graf,“ verbeſſerte Machault. „Nein,“ ſagte der Kammerdiener,„das habe ich nicht geſagt, ein Mann hat uns bis nach Mitternacht im Schlafe geſtört— Tapp!— Tapp!— Tapp!— ging es uner⸗ müdlich auf und ab.“ „Unter meinen Fenſtern,“ rief Gabriele. „Das habe ich nicht geſagt,“ ſprach Jaques. „Wie ſah er aus?“ fragte Zephyrine. „Es war ein kleiner Mann,“ ſagte der Kammerdiener. „Klein?“ rief Gabriele. „Klein?“ fragte Zephyrine erſtaunt. „Klein!“ ſprach der Miniſter.„Du ſagteſt doch groß?“ „Das habe ich nicht geſagt,“ entgegnete der Alte;„es war ein kleiner Mann, das könnte ich beſchwören.“ „Groß!“ rief Gabriele. „Klein!“ ſagte der Kammerdiener. „Zugegeben,“ ſprach der Miniſter,„die Anſichten 65 über menſchliche Größe ſind verſchieden, ſeitdem die Philv⸗ ſophen ihr luftiges Handwerk ohne allen Zunftzwang be⸗ treiben. Zugegeben— o dieſe Philoſophie, ſie hat alle Bande gelöſt, auch jene der Ehe. Zugegeben— es war ein kleiner Mann— aber hager.“ „Dick, meine ich,“ ſagte der Kammerdiener. „Nicht doch, Jaques,“ erklärte der Miniſter.„Hager, ſtelle Dir doch recht lebhaft vor, ich wäre da unten auf und ab gegangen, wirſt Du ſagen— hager?“ Nein, Excellenz, ich werde ſagen dick, ſehr dick, und bei dem Manne ſage ich dick, ziemlich dick.“ „Dick!“ riefen die Damen. „Du ſagteſt doch erſt hager?“ warf ihm der Herr vor. „Dick,“ betheuerte der Kammerdiener,„ich will es beſchwören.“ „Alſo groß und dick,“ ſagte Machault. „Nein, klein und dick.“ „Und unter weſſen Fenſtern?“ fragte Zephyrine. „Ich meine unter Niemandes Fenſtern,“ ſagte der alte Jaques,„es war ein Vagabund, ein Nachtſchwärmer, im Schlafe hatte er uns geſtört— Tapp— Tapp— Tapp!“ Zephyrine betrachtete triumphirend ihren Gemahl. Der war bereit, um Gnade zu bitten.— Da kam die Zofe, ein duftendes Briefchen auf der ſilbernen Taſſe. „Von Seiner Excellenz dem Grafen Kaunitz.“ „An wen?“ riefen die Damen. „An Madame,“ ſagte Machault neuerdings erregt und reichte das Billet ſeiner Frau mit boshafter Galanterie. „An Gabriele,“ ſprach Zephyrine ruhig und warf es der Kleinen in den Schooß.„Verſe?“ fragte ſie. Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. I. 5 66 „Ein Billet doux?“ „Ein Recept,“ rief Gabriele, überflog es und reichte es dem Miniſter. „Wirklich ein Recept,“ ſagte dieſer,„die Unterſchrift Quesnay, Leibarzt des Königs. Das Recept iſt für den Huſten.“ „Das iſt eine Liebeserklärung!“ rief Gabriele,„Kau⸗ nitz hat ſich verkühlt!“ IV. Wie Karl V., ließ Ludwig XV. den Mann, der ihn erzog, ſein Reich regieren, aber der Kaiſer begann ſich ſeit dem Tode des Herrn von Chievres ernſtlich zuerſt in den Regierungsangelegenheiten zu unterrichten, dann dieſelben mit eiſernem Willen zu leiten. Ludwig nahm den Staat an dem Sterbebette Fleury's in ſeine Hände, um aus demſelben nach wenig Tagen ein Spielzeug ſeiner Geliebten zu machen. Frau von Chateauroux ſah nicht blos den König von Frankreich zu ihren Füßen, täglich erſchienen ſeine Mini⸗ ſter, um die wichtigſten Angelegenheiten durch ihr Kopf⸗ nicken entſcheiden zu laſſen. Der Krieg gegen Maria The⸗ reſia, den ſie begünſtigt hatte, um ihren Günſtling Belleisle mit Lorbeeren beſchenken zu können, bereitete ihren Sturz. Ludwig XV. langweilte ſich. Feldlager, Schlachtfelder, Belagerungen verſprachen ihm etwas Neues, Zerſtreuung, Unterhaltung. So erſchien er unter ſeinen Truppen. 67 Im Sturme eroberte er die Sympathieen der Fran⸗ zoſen, des Heeres, ſeiner Edelleute; da kam eine ſchwere Krankheit über ihn. Zu Metz rang er zwiſchen Tod und Leben. Mit aller Macht der Religion traten die Prieſter ſei⸗ ner Kirche an das Sterbebett des Königs. Ehe ſie ihm die letzten Tröſtungen ſpendeten, ſollte er ſeiner Geliebten ent⸗ ſagen, ſich mit ſeiner Gemahlin verſöhnen. Nur der Herzog von Richelieu hatte den Muth, der Kirche die Spitze zu bieten, unerſchrocken trat er zwiſchen das Krankenbett des Königs und ſeine frommen Peiniger, ſtolz, höhniſch; den Geiſt Voltaire's auf der Zunge, warf er ihnen die religiöſen Folterwerkzeuge zerbrochen vor die Füße, bis die eigene Furcht des Königs vor der ewigen Verdammniß gegen ihn Partei nahm. Ludwig XV. verbannte die Geliebte und ſchloß die Gemahlin, die an ſeinem Lager erſchien, wieder in ſeine Arme, aber Richelieu blieb ſein Freund, der Günſtling ſeiner Seele. Eine Wendung des Lebens wurde auch zu einer Wendung der Krankheit, Ludwig XV. genas und zog wie im Triumphe in ſeine Hauptſtadt ein. Bald hatte er wie⸗ der die ernſte Stunde von Metz vergeſſen, die Mahnungen der Kirche, die Thränen der Gemahlin verflatterten im Winde und die Chateaurour trat, wenn auch mit gebroche⸗ nem Herzen, ihre Herrſchaft wieder an. Die Wolluſt, ihre Feinde in den Staub zu treten, wurde ihr noch zu Theil, dann endete ſie glänzend, könig⸗ lich, wie ſie gelebt, geherrſcht hatte. Noch war ihr Reich nicht zu Ende, als eine andere ſchöne Frau die Hand bereits kühn nach demſelben ausge⸗ ſtreckt hatte. Sie war die Tochter des Generalpächters der Finanzen von Lenormand, Tochter ſeiner Geliebten, be⸗ ſtimmt, die Geliebte eines Königs zu werden. Sie wurde jung die Frau des Neffen Lenormand's, d'Etioles, die Seele eines jener geiſtreichen Kreiſe, welche in Paris in Mode und Literatur den Ton angaben. Die Freunde der jungen reizenden Frau hießen Fon⸗ tenelle, Voltaire, Montesquieu. Nicht der König ſuchte ſie zu erobern, ſie beſchloß, ihn zu ihrem Knechte zu machen. D Etioles liebte ſie zärtlich, ſie lebte in der glücklich⸗ ſten Ehe, aber ſie ſuchte nicht das Glück— ſie wollte den Lurus, die Macht; ihre Koketterie war Ehrgeiz, ihre Sinnlichkeit Herrſchaft. Sie verlangte nach Majeſtät, denn ſie fühlte ſich zur Herrin geboren. Wie andere Frauen Gaben für die Kunſt, für die Ge⸗ ſellſchaft, für die Liebe beſitzen, ſo hatte ſie das Talent, ſich alles unterthan zu machen. Wie der König im Holze von Senart jagte, kam ſie im Wagen vorbei, zuerſt blendete ihn ihre Schönheit, die Toilette, welche ſie zur Kunſt entwickelt hatte. Auf einem Balle gab ihr die Maske Gelegenheit, Lud⸗ wig XV. durch ihren ſprühenden Geiſt, ihren Witz zu ent⸗ zücken. Als er die Bekannte aus dem Holze von Senart hinter der ſchwarzen Sammtlarve entdeckt hatte, erwachte in dem Könige ein Kunſtenthuſiasmus, den die literari⸗ ſchen Kreiſe ſeiner Hauptſtadt bisher bitter an ihm vermißt hatten. Natürlich erſchien Ludwig auch bei Frau von Etioles 69 — ihre Gemälde, ihre Statuen, ihre Seltenheiten zu ſehen. Wenige Tage darauf zog ſie als Nachfolgerin der Chateau⸗ roux in Verſailles ein. Kein Zeichen der Macht ſollte Jeannette Antoinette d'Etioles ſchmücken, aber ſie ſollte dieſelbe um ſo despo⸗ tiſcher üben, ſie liebte nie, um ſo glühender, wahnſinniger wurde ſie geliebt. Ihr Gemahl beſchwor ſie, zu ihm zurück⸗ zukommen, noch immer betete er ſie an, er bat, nur ihre Hände noch einmal küſſen, auf ſeinen Knieen ihre Rückkehr erflehen zu dürfen. Sie las ſeinen Brief lachend dem könig⸗ lichen Liebhaber vor und verbannte ihn aus Paris. Bald konnte der König ſie nicht mehr entbehren, er erhob ſie zur Marquiſe von Pompadour, ſie regierte und ſorgte für ihn nur wie für ein unartiges Kind, für Spielzeug. Alle ſeine Leidenſchaften theilte ſie, ohne einer einzigen unterthan zu werden. Sie zog mit ihm in das Feld und ſah ruhig die Schre⸗ cken des Schlachtfeldes, die Verſtümmelten, die Verwun⸗ deten, die Todten. Der König liebte es, ſich leiten zu laſſen, ſo auch von dem Zufall, er ſpielte. Die Pompadour verſtand es, mit Geſchmack Bank zu geben, mit Grazie zu gewinnen, mit Haltung zu verlieren. Für Ludwig XV. hatte das Schauſpiel einen großen Reiz. Die Marquiſe ſtellte in Verſailles ein niedliches Theater auf und erſchien ſelbſt auf den Bretern. Sie jagte mit dem Könige, ſie beſuchte ihn in ſeiner kleinen Druckerei, verſah ihn mit den reizendſten Verſen, überraſchte ihn mit Epigrammen, bei denen Ludwig XV. zugleich den Setzer, Drucker und Austräger machte. 70 Mit dem Geliebten las ſie jeden Abend die Kornpreiſe, ſpeculirte auf das Steigen und Fallen der Staatspapiere, ſie wußte mit dem Courszettel und dem Getreidewucher zu gebahren, wie mit Amt und Würden, Krieg und Frieden. Es langweilte ſie, mit dem Könige in das Feld zu ziehen und das Ende der Chateauroux warnte ſie vor einer Trennung. Auf die Weiſe blieb Frankreich nichts übrig, als zu Aachen einen ungünſtigen Frieden zu ſchließen. Nur eine Liebhaberei des Königs theilte ſie nicht— das Meſſehören und Beichten. Dafür war ſie Protectorin der Literatur, der Kunſt und jener Philoſophie, welcher Ludwig XV. gerne den Rücken kehrte. Nur ein Zweig der Literatur intereſſirte ſie Beide gleichmäßig— die Satyre, das Pamphlet. Als Ludwig in Metz auf dem Krankenbette lag, ſtürm⸗ ten die Pariſer die Poſt um Nachrichten, dem Boten, der ſeine Geneſung brachte, küßten ſie die Stiefel— jetzt konnte man in Frankreich durch nichts ſo populär werden, als wenn man über den König und ſeine Geliebte ſeinen Spott ergoß. Freigebig vertheilte die Pompadour an Zeichner und Dichter Sitze in der Akademie der Satyre— der Baſtille. Vor dem Stirnrunzeln der Pompadour zitterten die Mi⸗ niſter, die Cavaliere, die Marſchälle Frankreichs; nur ein Mann in ganz Frankreich beugte ſich ihr nicht, er verkehrte auf gleichem Fuße mit ihr, wie es einem Monarchen ziemt. Auch er war es durch die Liebe. Er, der unbeſiegbare Nebenbuhler der Marquiſe in der Gunſt Ludwig XV., der Herzog von Richelieu, war ſchön wie ein griechiſcher Gott, jetzt noch, nachdem er ein halbes Jahrhundert hinter ſich hatte, der Liebling der Frauen— in ihrer Gunſt hatte er keinen Nebenbuhler. Voltaire und Ludwig— den König im Reiche des Gei⸗ ſtes und den König von Frankreich— nannte er ſeine Freunde. Schon der Knabe Richelieu hatte durch ſeine gute Laune, ſeine köſtlichen Einfülle, die Gunſt Ludwig's erobert, ſeine böſe Zunge hatte ihn wie Voltaire früh mit der Baſtille bekannt gemacht. Kaum volljährig, wurde er von der franzöſiſchen Aka⸗ demie eingeladen, neben Fontenelle und Crebillon ſeinen Sitz einzunehmen, er, der nicht einmal orthographiſch ſchreiben konnte. Drei Akademiker verfaßten ihm die An⸗ trittsrede, man lachte in Paris wie in Verſailles, aber auf den Schlachtfeldern des Erbfolgekrieges zeigte er ſich als tapferer Soldat, als einer jener letzten Ritter Frankreichs; vor Ludwig's Augen bedeckte er ſich bei Fontenoy mit Ruhm und eroberte den König vollends, als er zu Metz den Bann der Kirche wagte, für eine ruhige Todesſtunde ſeines Kö⸗ nigs. Nie konnte die Pompadour ihn beſiegen. Er war mächtig wie das Weib, deſſen Schuhe der König an⸗ und auszog. Das Jagdhorn tönt. Im Holze von Senart jagen der König von Frankreich und Richelien. Am Rande des Waldes halten ſie jetzt Raſt. Lud⸗ wig XV. iſt eine behäbige Geſtalt, vierzig Jahre ſind ohne Spuren der Sorge, der Leidenſchaften an ihm vorüberge⸗ 72 gangen; den Kopf hält er hoch mit graziöſem Stolze, aber ſein Geſicht iſt beinahe jugendlich glatt und lacht dem Herzoge zu, der auf dem weichen Mooſe ſeine Waidtaſche auspackt. „Ja, hier wollen wir das Frühſtück nehmen, mein Freund,“ ſagt der König, bemüht, den ſchönen Jagdhunden zu wehren, die ihn umringen, an ihm emporſpringen, ſeine Hände und das Blut von ſeinem Hirſchfänger lecken, und ihre Liebkoſungen nur unterbrechen, um Freudentöne aus⸗ zuſtoßen, in welche ſtets die ganze wilde Meute einſtimmt. „Hier, Richelieu. Und dann wollen wir wieder einmal— plaudern— allein— ungeſtört— wie damals, wo der König von Frankreich noch Niemandes Unterthan war. Das Joch der ſchönſten Frau des Welttheils bleibt doch ein Joch.“ Damit ſetzte er ſich auf einen Baumſtamm, der am Wege lag. „Plaudern wir, Richelieu, wie damals, wo wir den Reizen der Chateauroux entflohen— im Holze von Senart, im Zelte von Fontenoy.“ „Sire,“ ſagte Richelieu und bot dem König auf einer feinen Serviette kaltes Fleiſch,„und diesmal auch ent⸗ flohen— der Marquiſe von Pompadour!“ „Nicht doch!“ entgegnete der König,„aber man liebt doch den Wechſel, Richelieu, im Wechſel liegt das Leben. Ich bin begierig, in welcher Toilette uns die Marquiſe heute überraſchen wird; aber ich grüße darum doch mit dieſem Becher Burgunder den Wald, den freien Wald von Senart!“ Er nahm einen ſilber en Becher aus den Händen des Herzogs, hob ihn hoch urk und leerte ihn vergnügt. 173 Die Jagdhunde hatten ſich um den königlichen Herrn gelagert, einer nur hatte das Recht, ſeinen Kopf auf Lud⸗ wig's Knieen ruhen zu laſſen. Der König ſtreichelte ihn und ſprach dann leiſe zu dem Herzog, der im Mooſe zu ſeinen Füßen lag: „Richelieu! Es iſt doch eine Bosheit von dem Könige von Preußen—“ „Daß er Schleſien genommen hat, Sire! Allerdings.“ Ludwig ſchüttelte den Kopf. „Mein Agent in Berlin hat geſchrieben, Richelieu.“ Der Herzog zeigte nicht das geringſte Erſtaunen, denn er wußte, daß der König, welcher nicht den Muth hatte, ſich dem Einfluſſe der Pompadour zu entziehen und gegen ihre Regierung und die Politik der von ihr ernannten Mi⸗ niſter Einſprache zu erheben, geheime Agenten an allen europäiſchen Höfen unterhielt, um nicht ſelten den Planen und Bemühungen ſeiner eigenen Regierung entgegen zu wirken, alle Hofintriguen und Anekdoten zu erfahren und wenn es ihn unterhielt, eine Art Vorſehung zu ſpielen und eine Allwiſſenheit im Kleinen zu ſein. „Nun, was hat der Schelm geſchrieben?“ fragte Richelieu. „Es iſt doch eine Bosheit,“ ſagte Ludwig und rückte näher.„Sie wiſſen, daß Friedrich immer von Windſpielen umgeben iſt, die er zärtlich liebt. Beſonders erfreut ſich eine ſchöne, blendendweiße Hündin ſeiner königlichen Gunſt.“ „Da finde ich noch keine Bosheit.“ „Aber er nennt ſie Pompadour!“ „Wen?“ rief Richelien und richtete ſich lebhaft auf. 74 „Wen anders,“ ſagte der König,„als das Windſpiel!“ „Pompadour!“ wiederholte der Herzog mit ausge⸗ laſſenem Lachen.. „Ja, es ſteht im Berichte,“ fuhr der König fort,„ab⸗ ſcheuliche Bosheit; und dabei ſagt er, ſeine Pompadour koſte ihn nicht den hundertſten Theil von dem, was ſein königlicher Bruder— ich nämlich— für die ſeine aus⸗ gebe.“ „Das ſteht auch im Berichte?“ rief Richelien.„Sire ernennen doch den Mann zum Ludwigsritter!“ Er lachte, daß ihm die Thränen in die Augen kamen und der König ſtimmte fröhlich ein. „Hier iſt der Bericht,“ ſagte Ludwig und zog ein Pa⸗ pier aus der Taſche;„nein, es ſind die Kornpreiſe von Bordeaux— ungeheure Preiſe— die Hungersnoth ſteht dort vor der Thüre. Es iſt ein Glück, daß wir ſo bedeu⸗ tende Vorräthe aufgeſpeichert haben.“ „Denken Sire daran, Ihr Korn dort zu vertheilen?“ „Mein Gott, was würde das nützen, Herzog, die paar Scheffel Getreide, ein Tropfen in das Meer; ich denke nur daran, daß wir gut verkaufen werden— bei 37 Pro⸗ zent rechne ich den Vortheil.“ Richelieu ſchwieg, dieſe Paſſion des Königs erfüllte den ritterlichen Soldaten mit einem Mißbehagen, das nur ein Meiſter der Verſtellung, wie es der Herzog war, ver⸗ bergen konnte. „Hier iſt der Bericht,“ ſagte der König, warf ihn ſcherzend dem Herzoge in's Geſicht und ſtand auf.„Sehen Sie dort den Pfad, Richelieu?“ „Jä Sire“ „Dort war es, wo ich die Pompadour das erſte Mal ſah. Oben kam ich aus dem Walde und ſie fuhr an mir vorbei, ſie wollte auffallen, denn es iſt nur ein Pfad, keine Fahrſtraße, und der ſchwere Wagen konnte ſich nur Schritt für Schritt bewegen.— O, wie ſie ſchön war. Ich grüßte — das war Alles— aber dies war genug, die Eiferſucht der Chateauroux zu wecken. Erinnern Sie ſich noch des Abends im Schloſſe von Etioles?“ „Ich ſehe das Alles vor mir, Sire, als wäre es geſtern Abend geweſen. Wir flüchteten uns vor dem Regen.“ „Sie erinnern ſich nicht, Richelieu, ein Gewitter war es, ein furchtbares Gewitter.“ „Im Schloſſe ſpielte man gerade—“ „Im Coſtüme einer griechiſchen Königin kam uns die Herrin des Schloſſes entgegen; auf unſern Wunſch wurde weiter geſpielt und der Donner machte die Muſik dazu.“ „Und die Chateauroux, Sire? Sie konnten nicht ein Wort an Madame d'Etioles richten, ohne daß ſie an dem Geſpräche Theil genommen hätte.“ „Ja,“ ſagte der König,„ſie hat ihren Poſten be⸗ hauptet gleich einem tapfern Soldaten bis zu dem letzten Athemzuge.“ „Sire haben denn doch Madame d'Etioles ſehr ſchnell erobert.“ „Sie wollte ſich erobern laſſen,“ ſagte der König, „aber um ſo tapferer hat ſie ſich gewehrt. O! das waren ſüße Tage, Richelieu! Im Holze von Senart, im Schloſſe von Etioles, in ihrem Salon zu Paris— ſüße Tage der erſten Werbung, der erſten Liebeszeichen, der Sehnſucht, der Erhörung. Das iſt nun vorbei, Richelieu. Was kommt jenen füßen Tagen gleich!“ Der König verſank in tiefes Nachdenken. Richelien beobachtete ihn mit einem Blicke, dem nichts entging. „Ich beneide Sie nicht, Sire,“ ſprach er unbefangen, „die ſchönſte Frau gehört Ihnen, die geiſtreichſte, die lie⸗ benswürdigſte— Sie gebieten über die höchſten Reize un⸗ umſchränkt.— Die anderen Frauen haben keinen Zauber mehr, der Sie gefangen nehmen könnte— Sie ſind zu Ende, Sire, mit der Liebe— ich beneide Sie nicht. Wen wollen Sie noch finden nach einer Pompadour?“ „Und Sie, Richelieu?“ fragte der König. „Ich,“ erwiederte der Herzog,„ich liebe alle Frauen. Ich breite meine Arme nicht nach Erinnerungen aus. Die ſüßen Tage der erſten Werbung— ſie kommen immer wie⸗ der— wenn man immer wieder liebt.“ „Oh!“ rief der König lachend,„ich durchſchaue Sie, Sie wollen die Marquiſe aus dem Sattel heben durch eine — neue Dame!“ „Es füllt mir nicht ein, Sire,“ ſagte Richelien,„gegen die Marquiſe zu intriguiren.“ Der König drohte ihm mit dem Finger. „Mein Gott,“ fuhr der Herzog fort,„bin ich denn ein Frauenhändler des Serails?— Die ſchönſte Frau, Sire, gehört Ihnen, die ſchönen Frauen mir— ſo theilen wir die Welt des Schönen, des Genuſſes— ich glaube, wir können Beide zufrieden ſein.“ „Ich bin auch zufrieden, Richelien.“ Der Herzog ſah lachend in die Landſchaft. — „Ich bin zufrieden,“ ſagte der König, ſah hinüber auf ihn und wurde unruhig.„Hören Sie, Richelieu, ſehr zufrieden.“ Er klopfte ihm auf die Schulter und trillerte. „Hören Sie— ſehr— ſehr zufrieden.“ Der Herzog lachte. „Sie,“ fuhr der König fort,„Sie haben Urſache, un⸗ zufrieden zu ſein.“ „Ich?“ fragte Richelien erſtaunt. „Sie— Sie,“ ſagte der König lebhaft,„iſt Ihnen nicht die Prinzeſſin Conti untreu geworden, die reizende Blonde?“ „Haben Sie das bemerkt, Sire?“ „Wie ſoll ich die Conti nicht bemerken, die ich täglich ſehe,“ rief der König.„Bleiben Sie bei der Sache— iſt Ihnen nicht die Conti untreu geworden?— Nennen Sie mir heute ein Paar Lippen in Frankreich, welche Ihren Kuß dulden, ohne mit einem Backenſtreich zu antworten.“ Richelien lachte. „Da haben Sie Ihr Syſtem, Ihre ſchlechten Grund⸗ ſätze,“ ſchloß der König.„O, die Treue iſt eine ſchöne Tugend, ſchon die Religion gebietet ſie.“ „Gewiß,“ ſprach Richelieu,„aber ich bin der Freund Voltaire's.“ „Laſſen Sie Voltaire bei Seite.“ „Gut— die Prinzeſſin hat mich verlaſſen, Sire; alle Frauen verlaſſen mich, Sire— ich habe noch nie eine Frau verlaſſen, alſo bin ich wohl die leibhafte Treue?— Nein — aber das nennt man mit Anſtand untreu werden.“ Der König ſchritt, von den ſchönen Thieren ſeiner Meute begleitet, an dem Rande des Waldes auf und ab. „Die Conti iſt mir untreu geworden,“ fuhr Richelien fort und füllte ſeinen Becher.„Dieſen Becher ihr, der reizenden Prinzeſſin!“ „Warum füllen Sie den Becher nicht noch einmal?“ fragte der König. „Ich fülle ihn,“ rief Richelieu, goß ihn voll ſchäu⸗ menden Weines und hob ihn empor.„Die Liebe iſt todt, es lebe die Liebe! Paris iſt todt, es lebe St. Petersburg.“ „Wie?“ fragte der König. „Ich meine die Ruſſin, Sire.“ „Die Ruſſin?“ „Die ſchönſte Frau gehört Ihnen, Sire— die ſchönen Frauen dem Herzoge von Richelieu!“ „Alſo eine ſchöne Ruſſin?“ „So ſagt man.“ „Welche Farbe hat ihr Auge?“ „Darüber, Sire, iſt man noch ebenſo wenig im Rei⸗ nen, wie über ihre Abſtammung, ihren Stand.“ „Eine Abenteurerin alſo,“ ſagte der König und zuckte verächtlich die Achſeln. „Das iſt ſie.— Ihr Leben iſt ein Abenteuer— ja ſie ſelbſt. Geheimniſſe, wie jene, womit ſich die Prieſter der Iſis umgaben, verhüllen dieſes Weib, aber ich ſehe durch den Märchenſchleier nur ſie— ihre königliche Geſtalt— den Kopf einer Venus!“ Der König war näher gekommen. „Iſt ſie eine Zauberin?“ „Etwas dergleichen. Wann ſie geboren iſt, darüber iſt man im Zweifel, aber es iſt gewiß, daß ſie ſchon zur Zeit des Perikles auf der Welt war, daß ſie mit Nero und Karl dem Großen verkehrt hat— wie ich mit Ihnen, Sire — Andere halten die griechiſche Helena, Aſpaſia und ſie für eine Perſon.“ „Helena?“ wiederholte der König und hatte ſich damit zu Richelien geſetzt.„Sie iſt alſo ſehr ſchön?“ „Das iſt ſie, Sire, ich habe ſie nur im Wagen ge⸗ ſehen, aber ſie iſt die einzige Frau, welche mit der Mar⸗ quiſe einen Vergleich aushält. Andere halten ſie für das ſchönſte Weib in allen fünf Welttheilen.“ „Wirklich?“ ſagte der König und ſeine Augen leuch⸗ teten,„und ſie iſt eine Ruſſin— wiſſen Sie das gewiß?“ Man ſagt es, Sire, man ſagt es.— Ich weiß nur, daß ihre Diener wilde Geſellen ſind, die eine fremde, när⸗ riſche Sprache ſprechen.“ „Sie müſſen Erkundigungen einziehen, Richelieu. Wir müſſen in's Reine kommen über dieſe Frau, ihre Ge⸗ heimniſſe zerreißen.“ Richelieu kannte die Neugierde des Königs. „Es wird nicht gelingen, Sire, wie wollen Sie einer Frau beikommen, deren Schloß nicht einmal Fenſter hat, geſchweige eine Thüre?“ „Da wird freilich Ihre Kunſt zu nichte, Richelieu, Dietriche, Strickleitern— aber wir müſſen doch— ich hätte keine ruhige Stunde!“ „Sire,“ rief der Herzog.„Sind Sie nicht mehr zu⸗ frieden?“ Der König war überraſcht. „Sie mißverſtehen mich,“ ſprach er,„dieſe Ruſſin— ich begreife meine Agenten in St. Petersburg nicht. Sie 80 werden ſehen— da ſteckt ein großes politiſches Geheimniß dahinter, eine europäiſche Kabale— Sie werden ſehen.— Ich kenne die Czaarin Eliſabeth—“ „Ich auch,“ ſagte Richelieu,„ſie iſt das verliebteſte Weib in ihrem Reiche. Aber da fällt mir eben ein— wenn ſie— wenn ſie es wäre?“ „Die Czaarin?“ rief Ludwig erregt. „Warum nicht?“ ſetzte der Herzog auseinander,„Fſie hat eine krankhafte Sehnſucht nach Liebesabenteuern— wenn ſie die Langeweile aus ihrem Reiche vertrieben hätte, um, von dem tiefſten Geheimniſſe umgeben, hier, im Ta⸗ bernakel der Mode, in Paris—“ „Die Werke der Barmherzigkeit zu üben.“ „Sie ſind ein Religionsſpötter, Richelieu, das habe ich Ihnen oft verwieſen, Ihnen iſt nichts heilig, nicht ein⸗ mal der Jeſuitenorden. Aber diesmal können Sie Recht haben— wenn es die Czaarin wäre?“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Sire, daß Sie nicht in ihre Netze fallen.“ „Warum nicht?“ ſprach Ludwig und klopfte ſeinem Jagdhund den Rücken.„Eine Liebſchaft des Königs von Frankreich und der ruſſiſchen Kaiſerin— ganz im Gehei⸗ men, wie die erſten Seußzer eines Schülers. Es wäre mindeſtens neu— und ſchön iſt ſie alſo. Richelien, wir haben in Verſailles ein Bild von der Czaarin Eliſabeth— ich habe es noch nie recht angeſehen. Das Bild, Richelieu, laſſen Sie heute Abend, wenn die Marquiſe zu Bett iſt, in mein Zimmer ſchaffen, verſtehen Sie, Richelieu, ganz im Geheimenz; es iſt ein politiſches Geheimniß, wir müſſen vorſichtig ſein.“ 81 Damit brachen ſie auf. Das Jagdhorn ertönte, die Hunde bellten, die Reit⸗ knechte ſprengten mit den Pferden heran. Der König und der Herzog ſchwangen ſich in den Sattel. Auf der Straße wirbelte der Staub auf, es war ein Officier, der heranſprengte. Hundert Schritte von dem Könige entfernt zog er den Hut. „Was bringen Sie?“ rief der König. „Aufſtand in Bordeaux!“ rief der Officier und über⸗ reichte eine Depeſche. Der König hielt ſein Pferd an und durchflog ſie. „Es iſt gut. Sind Truppen in Bewegung geſetzt?“ Ja Sire „Es ſind wohl nur Tumulte?“ „Das Volk hat einen Steuerpächter erſchlagen.“ Der König fuhr fort:„Es iſt der Hunger, ſage ich Ihnen, der Hunger— die armen Leute! die Soldaten wer⸗ den ſie niederſchießen. Die ganze Sache wird in acht Ta⸗ gen vorüber ſein. Aber die Papiere werden doch fallen, Richelieu— wir müſſen kaufen— viel kaufen. Galopp, Galopp, nach Verſailles!“ Der Herzog von Richelieu beurtheilte das Jagdaben⸗ teuer von Senart ſehr beſtimmt. „Der König iſt der Marquiſe müde. Seine Erinne⸗ rungen, die Tumulte, das Steigen der Kornpreiſe, das Fallen der Papiere macht heute die Pompadour allmächtig, 6 Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. I. aber der König wird ihrer morgen wieder um ſo mehr müde ſein. Es gilt, eine Frau zu finden, welche ihn feſſelt; aber welche Frau iſt im Stande, Ludwig XV. zu feſſeln, welche Frau iſt im Stande, eine Pompadour zu ſtürzen!“ Trotz der Zweifel, welche ihn quälten, der Furcht, durch eine ernſte Intrigue gegen die Marquiſe die Gunſt des Königs zu verſcherzen, beſchloß er, raſch zu handeln. Der Jagd im Holze von Senart ſollte eine Jagd auf die reizenden Frauen Frankreichs folgen; das Jagdhorn ertönte diesmal nicht für den Herzog, es galt die hohe Jagd um den Thron von Frankreich. Der Herzog dachte ernſt⸗ lich an die Ruſſin, deren Geheimniſſe, deren wunderbare Schönheit Paris beſchäftigten. Ihm galt ſie für eine jener Abenteurerinnen, welche ein Merkmal ſeiner Zeit bildeten, wie die reizenden Polinnen am Hofe zu Dresden, wie die Italienerinnen in Wien, eine jener Frauen, welche die Schönheit berufen hatte, Fürſten und Unterthanen zu ihren Sklaven zu machen. Ihr Aufenthalt war ein verfallenes Schloß in der Nähe der Hauptſtadt. Die Ruine war vor Kurzem ſo weit hergeſtellt worden, daß ſie Menſchen als Wohnung dienen konnte. Zugleich waren auf den Befehl der Beſitzerin die Ringmauern wieder aufgebaut, Thore und Fenſter ver⸗ mauert worden. Man wußte, daß es eine Frau war, die das Gebäude bezog; nur ſelten ſah man ſie in der Gegend, dicht verſchleiert, zu Pferde, von einer anſehnlichen Schaar be⸗ waffneter Diener begleitet. Wie ſie im Schloſſe aus⸗ und einging, wußte Niemand. Nie klang dort ein Fenſter, nie eine menſchliche Stimme. 83 Es war öde, ſtill, wie eines jener rieſigen Gräber, das afrikaniſche Völker ihren Königen errichtet. Nur ſelten ſtieg bei Nacht qualmender Rauch aus dem Thurme, von ſprühenden Funken begleitet, und wälzte ſich träge um das Gebäude. In Paris hatte man erfahren, daß die Myſterien jenes Schloſſes eine Ruſſin umgeben, von deren Schönheit man ſich Märchen der Tauſend und eine Nacht erzählte. Sie ſchien nach der Weltſtadt gekommen zu ſein, um dort noch einſamer zu leben, als auf einer Steppe des ſüd⸗ lichen Rußlands. Mit der Welt verkehrte ſie durch einen franzöſiſchen Secretair, mit dieſem nur durch kleine Zettel. Sie ſelbſt hatte er nur einmal geſehen. Er war mit einem ihrer Diener in Streit gerathen. Der Ruſſe zog das Meſſer und warf ſich auf den ſchwäch⸗ lichen Franzoſen, er ſchwebte zwiſchen Leben und Tod. Da ſtand die Herrin vor ihnen. Ein Blick aus ihrem großen Auge, und der Leibeigene kroch auf dem Boden und küßte weinend den Saum, den ihr Kleid in den Staub warf. Der Franzoſe ſtieß einen Schrei aus, von ihrer Schön⸗ heit überraſcht. „Sind Sie verletzt?“ fragte ſie in gutem Franzöſiſch. Der Seecretair verneinte und ſtammelte verwirrte Phraſen. Sie ſah den Ruſſen noch einmal an, lund die Tapete hatte ſie wieder aufgenommen. An dieſen Secretair hielten ſich die Neugierigen der Hauptſtadt. 6* Er ſchilderte ſeine Herrin als ſchön, reich und ſeltſam über alle Begriffe. Leibeigene bedienten ſie mit ſtummer Ehrfurcht, wie eine aſiatiſche Despotin. Sie fürchteten ihre Blicke mehr wie Peitſchenhiebe, denn ihr Auge hatte eine Gewalt, die jeden von ihrem Willen abhängig machte. In Paris erſchien die räthſelhafte Frau nur ſelten, in einem kleinen geſchloſſenen Wagen. Ein wildes Geſpann ruſſiſcher Pferde flog mit 2 durch die eliſeiſchen Felder. Auf einem Maskenballe der vornehmen Welt war eine Dame erſchienen, welche man für die Ruſſin hielt. Sie ſchien hoch gewachſen, aber der ſchwarze Mantel umhüllte ihre Geſtalt, die ſeidene Kapuze das Haupt, nur ihre Augen verſendeten aus der Sammtlarve Blicke wie Todespfeile. Sie ſchritt an dem Arme eines Mannes durch den Saal, welcher gleich ihr ein tiefes Schweigen beobachtete. Zehn Koſacken begleiteten ſie mit krummen Säbeln und Piſtolen bewaffnet. Seitdem beſchäftigte ſich Paris mit ihr kaum weniger als mit dem Grafen Kaunitz. Richelieu ritt ſeit der Jagd im Holze von Senart täg⸗ lich, nur von einem Diener begleitet, um das geheimnißvolle Schloß, konnte aber nichts entdecken. Ein Köhler im benachbarten Walde war einmal in das Gebäude geführt worden, mit verbundenen Augen hat⸗ ten ihn fremdartig ausſehende Männer durch den Wald ge⸗ bracht, es ſchien ihm, daß er hinabſteige und durch dumpfe feuchte Gänge ſchreite. In einem thurmartigen Gewölbe fiel ſeine Binde. Man fragte ihn, ob er im Dienſte der Herrin bleiben wolle, aber ihn ſchauderte vor dem düſtern feuchten Aufenthalt, und er kehrte auf demſelben Wege an das Tageslicht zurück. Richelieu fand ihn, aber der Köhler war nicht im Stande, ihm den Eingang zu dem Schloſſe zu weiſen, nur deutete er auf die Erde und ſchien den Herzog aufmerkſam zu machen, daß ein geheimer unterirdiſcher Gang in das Gebäude führe. Richelieu faßte zuletzt den Entſchluß, das Schloß von einem Sonnenuntergang zu dem andern zu beobachten. Im Walde übergab er ſein Pferd dem Diener und ſchickte ihn zurück. An dem Feuer des Köhlers wartete der Herzog die Nacht ab. Der volle Mond begünſtigte das Abenteuer. Gegen Mitternacht erſt trat er aus den Wolken und umſpann die grauen Mauern und Thürme des Gebäudes mit ſeinem blaſſen Golde. Der Herzog nahm einen Kienſpan von dem Feuer des Köhlers und leuchtete ſich durch des Waldes Dickicht. Dann warf er ihn weg und ſtieg die ſanfte Höhe zu dem Gebäude empor. Stille war es in der Landſchaft und im Schloſſe. Aus der Mauer ragten einzelne Steine zackig hervor, Richelien verſuchte an denſelben emporzuklettern, aber er kam nicht hoch. So oft ihm der Verſuch mißlang, er wie⸗ derholte ihn immer, bis ein munteres Lachen über ſeinem Haupte ertönte. Er ſah überraſcht empor, eine dunkle Geſtalt beugte ſich von der Mauer zu ihm herab, der Herzog faßte ſeinen Degen. „Laſſen Sie Ihre Waffe in der Scheide, gehen Sie ſchlafen,“ rief ihm eine weiche wunderbare Frauenſtimme zu.„Hier giebt es keine Siege zu erfechten, nicht auf dem Schlachtfelde, nicht im Zweikampfe, nicht im Boudoir, ge⸗ hen Sie ſchlafen. Gehen Sie ſchlafen, Richelieu.“ V Der Geſandte Friedrich des Großen an dem Hofe von Verſailles, Freiherr Ulyſſes von Knyphauſen, pflegte jeden Morgen ſeine Depeſchen zu eröffnen, während ſein Diener Amadeus den Bart Seiner Excellenz raſirte und den Zopf des preußiſchen Ulyſſes flocht, um ihn gegen die franzöſi⸗ ſchen Toupets und Taubenflügel in ſeiner preußiſchen Ge⸗ ſinnung zu befeſtigen. Das Geſchlecht des Geſandten war ein pommerſches, ein Knyphauſen erſcheint im dreißigjäh⸗ rigen Kriege unter den Generälen des Schwedenkönigs. Jetzt dienten ſie dem Könige von Preußen als Beamte, Di⸗ plomaten. Herr von Knyphauſen war eine ſtramme, kräftige Ge⸗ ſtalt mit beinahe ſoldatiſcher Haltung, und einem Schnurr⸗ bart, wie ihn der alte Ziethen trug. Die Art und Weiſe, wie er den Kopf ſteif im Genicke trug, ließ ihn größer er⸗ ſcheinen. Je unbeweglicher er war, um ſo ſeltſamer kon⸗ traſtirte mit ſeinem Aeußern das Bemühen, dem Beiſpiele ſeines Königs zu folgen: Franzoſe zu werden, die ritterlichen Sitten, die feinen Galanterien, die ſchöngeiſtige Freiheit der Pariſer vornehmen Welt in den märkiſchen Sand ſeiner 87 Natur zu pflanzen. Wie ſein Geiſt in moderner philoſo⸗ phiſcher Bildung unterging, ſo ſtak er ſelbſt jeden Morgen in einem weiten gelben Schlafrocke mit phantaſtiſchen ro⸗ then Rieſenblumen, in dem er Arme und Beine, die ihm im⸗ mer zu lang waren, geſchickt zu verbergen wußte. Als er zweimal vergeblich mit dem großen Stocke an die Thüre geklopft hatte, rief er mit feſter rauher Stimme„Amadeus!“ — Die eine Hand in einen großen Reitſtiefel des Geſandten verſenkt, die andere mit einer Bürſte bewaffnet, trat Ama⸗ deus herein. Ein Schleſier, war er nach dem Breslauer Frieden in die Dienſte des Diplomaten getreten. Derſelbe war bei den Unterhandlungen thätig geweſen, welche Schle⸗ ſien mit der Krone Preußens vereinigten. Der kleine feiſte Amadeus ließ dies ſeinem Herrn noch immer fühlen, wobei ihm der ſchleſiſche Mutterwitz gegen die pommerſche Naivität des Herrn von Knyphauſen we⸗ ſentliche Dienſte leiſtete. „Amadeus!“ ſchrie ihn die Excellenz an,„wo bleibt Er Schlingel, ſchlechter Kerl!“ und der Stock flog in die Luft. „Bitte, bitte,“ ſagte Amadeus trocken,„das ſind Exceſ⸗ ſen Seiner Majeſtät Weiland Friedrich Wilhelm II. Unſer großer König hat ſich bei den Philoſophen anwerben laſſen und bei den Poeten, weshalb er auch grauſam die Flöte bläſt.“ „Hör Er auf mit ſeinen hochverrätheriſchen Bemer⸗ kungen— Er— Er ſchlechter Kerl— und das ſag' ich Ihm ein für alle Mal, gebrauche Er mir keine Fremdwörter mehr — Er richtet ſie ja auf die abſcheulichſte Art zu— verſteht — Er— Er Schlingel.“ „Der Schlingel verſteht, wie ſoll der Schlingel es auch ben, ein für alle Mal. Auch wäre der Kerl längſt aus Ex⸗ cellenz Dienſt gegangen, wenn wir uns nicht ſo gut ver⸗ ſtänden, ich meine der Kerl und Eure Excellenz, und der Kerl nicht Euer Ercellenz ſo ungeheure Liebe affectiren möchte!“ „Affectir Er mir da kein Stiefelputzen,“ ſagte der Ge⸗ ſandte,„weiß Er nicht, daß Er mir den Bart zu kratzen hat?“ „Allerdings, zu kratzen Excellenz,“ ſagte Amadeus, „auch liegen die Depeſchen ſchon draußen, wir können ſie dann gleich zuſammen leſen, beim Raſiren mein' ich.“ „Was hat Er da zu meinen, Er Depeſchen leſen, Er dummer Kerl!“ „Eure Excellenz ſind doch nie verlegen um ein Wort,“ ſagte Amadeus ruhig und holte das Raſirzeug,„während ich nicht die richtigſten Tempora zu den Vocabulis und Adjec⸗ tivora finde.“ „Herr Gott! der Kerl bringt mich um,“ rief Knyphau⸗ ſen und ſetzte ſich in den Lehnſtuhl. Amadeus ſah ihn groß an. „Wiſſen Excellenz das auch ſchon?“ „Was?“ „Daß ich Ercellenz umbringe?“ „Du bringſt mich um,“ ſchrie der Geſandte entſetzt und ſprang auf. „Nicht im Allgemeinen,“ ſagte Amadeus und ſchliff ſein Raſirmeſſer,„ſondern im Beſondern.“ „Ein Schuft iſt Er, ein Mörder im Allgemeinen und Beſondern.“ „Sehen, Ercellenz,“ ſprach Amadeus wehmüthig,„Fjetzt nicht verſtehen, da Ercellenz es dem Kerl täglich geſagt ha⸗ 89 iſt es wieder gut, ich hab' Euer Gnaden geärgert und kann nun den Tag ruhig ſein.“ Knyphauſen nahm ihn beim Ohr:„Mich geärgert hat Er, Er ſchlechter Kerl? unterhalten hat Er mich, unterhalten, weiß Er das?“ und damit riß er ihm beinah das Ohr wund. „Ich ſage, es iſt ſchon gut,“ entgegnete der Diener,„für heute iſt es gut, und jetzt wollen wir uns raſiren und De⸗ peſchen leſen. Es iſt Alles wegen Schleſien, Excellenz, daß Sie dabei waren in Breslau, wie ich an Preußen abgetre⸗ ten worden bin, das kann ich Euer Excellenz einmal nicht verzeihen, Excellenz ſelbſt müſſen zugeben, daß es nicht ſchön war, weder von unſerem Könige—“ „Was!“ donnerte Knyphauſen, indem er ſich ſetzte. „Noch von Euer Excellenz,“ fuhr Amadeus fort, und ſeifte ihn derb ein. Jetzt konnte er ungeſtört weiter reden, denn der Geſandte eröffnete die Depeſchen ſeines Königs. „Es iſt Alles wegen Schleſien, es will mir gar nicht mehr gefallen, ſeitdem es nicht mehr im Haus Oeſterreich liegt, deshalb haben mich Excellenz auch mitbekommen nach Paris, ſonſt gewiß nicht. Ja und wenn ich ſo denke an un⸗ ſere Kaiſerin—“ „Wie?“ „Nun ſie iſt doch auch jetzt Eurer Excellenz Kaiſerin. Wie ich ſo denke und es mir in den Sinn kommt, daß ich ein abgetretener Oeſterreicher bin, dann werd' ich wüthend, und ich, ich werde Ercellenz noch einmal den Hals abſchnei⸗ den.“ Damit begann er zu raſiren. „Biſt Du toll?“ flüſterte der Geſandte ſo ſanft er nur konnte, und immer ſüßer, je näher das Meſſer ſeiner Kehle kam,„Du biſt doch ſo ein lieber guter Kerl.“ 90 „Der Kerl iſt gut, das iſt gewiß,“ jetzt war er an der Kehle;„Excellenz geben zu, daß es ſchlecht war von Ex⸗ cellenz.“ „Was?“ liſpelte Knyphauſen,„was lieber Amadeus?“ „Mit dem Frieden.“ „Freilich, mein Lieber, jetzt gebe ich Dir alles zu.“ Amadeus fuhr mit dem Meſſer langſam die Kehle auf und ab.„Hartnäckig iſt er.“ „Ich?“ ſagte Knyphauſen ſanft,„was fällt Ihm ein.“ „Der Bart, Excellenz.“ „Das iſt etwas Anderes.“ „Das wäre ja gegen allen Reſpekt.“ „Gewiß, ich widerſpreche Ihm ja nicht einmal.“ „Alſo Excellenz geben jetzt zu, daß der König—“ „Freilich, mein lieber Amadeus.“ „Ich bin doch begierig, was der wieder ſchreibt,“ er raſirte jetzt am Ohre. Knyphauſen erinnerte ſich, daß hier eine der gefährlichſten Adern liege, ihm wurde es immer heißer, er ſagte mit ſeinem ſüßeſten Lächeln:„Wir wollen gleich ſehen, was er ſchreibt, nicht wahr, Amadeus?“ „Ja, Excellenz,“ er hielt am Ohr und ſah in die De⸗ peſchen. „Jetzt ſoll ich— ich den Voltaire nach Potsdam brin⸗ gen, was unſer großer König nicht alles von einem Ge⸗ ſandten verlangt.“ „Ach, den Voltaire, den Schreiber!“ ſagte Amadeus mit Geringſchätzung,„den da, von dem der Türke letzthin auf⸗ geführt worden iſt.“ „Er meint den Mahomed,“ ſagte Knyphauſen und verſuchte unbefangen zu lächeln. „Ja,“ entgegnete Amadeus, fuhr noch einmal mit dem ſcharfen Meſſer die Kehle des Geſandten herab, wuſch und trocknete ihn dann ab. Knyphauſen athmete auf.„Alſo den Zopf,“ begann er entſchiedener. „Excellenz ſind gleich reſoluter, wenn der Bart einmal weg iſt, ſagte Amadeus;„kurios, in der Bibel war's doch anders mit dem Simſon.“ „Halt Er ſein Maul!“ brach der Geſandte los. „Es iſt gut, ſag' ich,“ fuhr Amadeus fort,„alſo den Vol⸗ taire, geſchieht dem Könige ſchon recht, was er uns genom⸗ men hat, muß er am Ende noch hergeben für die Schreiber, die franzöſiſchen, als wenn es unſer eins nicht auch richten könnte.“ „Der König,“ ſagte Knyphauſen,„will einmal den Vol⸗ taire in Potsdam haben. Bei dem ſeligen Könige hätte ich die Sache noch begriffen, wenn der Voltaire ſechs Schuh gemeſſen, aber ſo, ich ſoll noch Alles verſuchen, und wenn es dennoch nicht geht, ihm zugeſtehen, was er will, Jahr⸗ gehalt, Penſion, Orden, Kammerherrnſchlüſſel, Wohnung im königlichen Schloſſe. Ohl es iſt weit gekommen.“ Amadeus flocht ihm eben den mächtigen Zopf. „Da wird es wohl nicht ſchwer fallen, den Türken⸗ ſchreiber hinzubekommen.“ „Das iſt es eben, er will ihn haben, aber billig. Weiß Er nicht, wie ſparſam der König iſt?“ „Das weiß ich nicht, aber ich kann mir es denken.“ „Wie?“ „Ich ſtelle mir ihn ſo vor wie Excellenz.“ —— — „Bin ich ein Geizhals, hat Er nicht das beſte Leben, ſchlechter Kerl?“ „Der ſchlechte Kerl meint es auch nicht im Allgemei⸗ nen, nur im Beſondern, mit Worten und Redensarten, in Exemplo ſparen Excellenz gar nicht gegen den Kerl, damit aber Excellenz ſehen, wie ich es gut meine, ſo will ich mich für Excellenz opfern; ich will nach Potsdam gehen.“ „Er?“ „Sofern unſer König den Türkendichter nicht kennt.“ „Sie ſchreiben ſich nur Briefe.“ „Abgemacht, im Allgemeinen will der König den Tür⸗ kendichter, im Beſondern kennt er ihn nicht, ſo ſchicken Ex⸗ 2 cellenz mich.“ „Ihn? 4* O 7 „Ja. „Ihn als Voltaire?“ „Ja mich als den Türkendichter, ich vill es billiger thun, aus purer Affectation.“ Knyphauſen brach in ein anhaltendes ſchallendes Ge⸗ lächter aus, das war für ihn ſogar zu viel. Gekränkt ſprach Amadeus:„Excellenz lachen ſich den Zopf zu Grunde,“ und damit ergriff er ihn und hielt Knyp⸗ hauſen daran feſt. „Hol Ihn der Teufel,“ rief dieſer.„Er reißt mir ihn noch aus.“ Amadeus flocht und knüpfte darauf los, ohne auf die Einreden zu achten.„Leſen Sie lieber Ihre Depeſchen, Ex⸗ cellenz,“ ſagte er endlich trotzig. „Mein Gott! mein Gott!“ rief Knyphauſen und ver⸗ ſank in ſeinem Schlafrocke.„Ich ſoll den Voltaire nach — 93 Potsdam bringen— billig— ich ſoll erfahren, wer die Ruſſin iſt, welche in Paris ſo viel Aufſehen erregt. Das auch noch.“ „Unſer König muß doch überall ſeine Naſe hinein⸗ ſtecken,“ ſagte Amadeus, und betrachtete wohlgefällig ſein Werk, den Zopf. Er hatte ihn eben vollendet.„Dort iſt der Spiegel,“ ſagte er,„Excellenz werden wohl dem Zopf die Approbation ertheilen.“ Zornig ſtand Knyphauſen auf, ſah in den Spiegel und ſprach trocken:„Gut, Er kann gehen.“ „Es ſind noch Depeſchen da,“ erwiederte der Schleſier mit unverſchämter Gutmüthigkeit, und begann die hohen Stiefel ſeines Herrn am Fuße deſſelben zu putzen. „Ja die Ruſſin! es iſt eine Dame vom Hofe der Kai⸗ ſerin von Rußland,“ ſagte der Geſandte,„verſteht Er? und die Oeſterreicher und Engländer unterhandeln mit den Ruſ⸗ ſen. Alſo giebt es hier etwas, das ſoll ich herausbringen, meint der König.“ „Excellenz ſchreiben ihm eben,“ ſagte Amadeus und brachte einen Stock,„daß wir unſer Möglichſtes thun wer⸗ den und wir Zwei werden die Ruſſin gewiß ruiniren.“ „Eruiren will der Eſel ſagen— Den Galarock und die Sterne!“ befahl Knyphauſen.„Ich muß zu dem Mi⸗ niſter.“ „Ja wegen der Abendamüſirung, wo Seine Excellenz Graf Kaunitz dabei war.“ „Ich muß Erklärung fordern.“ „Freilich,“ ſagte Amadeus,„er iſt noch lange darauf in der Gaſſe auf⸗ und abgegangen, und hat mit kleinen Steinchen an die Scheiben geworfen, freilich.“ „Was Er ſagt!“ „Freilich.“ Knyphauſen eröffnete die lette Depeſche. „Was iſt, Excellenz?“ ſagte Amadeus, der mit dem Galakleide kam und den Geſandten vernichtet in ſeinem Lehnſtuhle liegen fand. „Das iſt zu viel,“ ſagte Knyphauſen nach einer lan⸗ gen Pauſe. Amadeus hob ein Heft auf, das den Händen ſeines Herrn entfallen war.„Das ſind ja Verſe!“ ſagte er. „Freilich Verſe, weiß Er nicht, daß unſer König Verſe macht?“ „Freilich, im Allgemeinen und Beſondern wollte mir das nicht einleuchten, das war die türkiſche Muſik und der Stock vom ſeligen König.“ „Was weiß Er!“ „Das weiß ich, er hat ihm die Bücher immer an den Kopf geworfen, darum hat er ſie ſo geleſen, und die Flöte hat er geblaſen wegen der Pfeifen und Trommel bei der Wachtparade. Deshalb wollte er Deſertionen prakticiren!“ „Es mag wahr ſein,“ ſprach Knyphauſen,„mein Va⸗ ter hat mich immer zu dem Buche geprügelt, und wenn ich im Familienkonzert die Poſaune blaſen mußte, da hätte ich oft gewünſcht, ich wäre ein Engel geweſen, und hätte zum Gerichte geblaſen— Tu— Tu— Tu!— „Sehr gut,“ ſagte Amadeus,„ich möchte Excellenz ſo Eines blaſen hören mit dem König, da könnte man ſo eine Idee bekommen von dem jüngſten Tag!“ Knyphauſen blickte ſtarr in die Verſe Friedrich des Großen. 95 „Da ſieht Er ſelbſt, Verſe, auf alle Monarchen in Eu⸗ ropa. Da ſind ein paar auf Maria Thereſia, auf die Czaa⸗ rin, auf die Pompadour, nun der geſchieht recht. Es ſind entſetzliche Verſe, ein europäiſcher Krieg könnt' entſtehen durch dieſe Verſe, ſie brauchen nur ſo einem Eſel in die Hände zu kommen, und mir vertraut ſie der König an! Das iſt mein Tod! Ich ſoll ſie verbreiten und doch nicht ver⸗ breiten! Ich ſoll merken laſſen, daß es der König iſt, und doch nicht merken laſſen. Das iſt mein Tod! Die Pfeife!“ Amadeus nahm eine geſtopfte kleine Thonpfeife und reichte ſie dem Geſandten. „Feuer! hier ſieht Er, das kommt Alles vom Flöten⸗ blaſen. Der alte König, der liebte nur die Trommel und die Poſaune, das war doch ein ſolides Inſtrument. Der frühere König hat von einem Diplomaten nichts verlangt, als eine große anſehnliche Statur, und einige Kenntniß von dem preußiſchen Exercitium. Der jetzige König, der verlangt — Geiſt, viel Geiſt, Kenntniſſe, Wiſſenſchaft, Literatur.“ „Im Allgemeinen, aber im Beſondern ſoll der König alles ſelbſt regieren, und täglich die Politik machen wie den Küchenzettel, ſo hat es mir wenigſtens der lange Franzoſe geſagt in Potsdam, der unſerm großen König ſeinen großen Zopf dreht, und da ſagt dann der König wie unſer Heiland, wenn er Amt und Würden vergiebt:»Selig ſind die Armen im Geiſte, denn ihrer iſt das Himmelreich.«“ „Was will Er damit ſagen?“ „Daß unſer großer König es nicht ſo genau nimmt mit den Talentibus bei ſeinen Abgeſandten und Diplomaten.“ „Sieht Er, das habe ich auch gedacht, als der König mich nach Paris kommandirte Aber was verlangt er jetzt!“ „Der König?“ „Wer ſonſt! Berichte über Literatur, Theaterkritiken, Voltaire, Verbreitung ſeiner Verſe, die Ruſſin! Das iſt mein Tod! Ich ſage Ihm, dieſe Ruſſin beſonders iſt mein Unglück! ich weiß es voraus. Ich werde mich in ſie ver⸗ lieben, denn ſolche geheimnißvolle Frauenzimmer bethören die Jugend, ſie wird mich verführen. Er kennt meine Grundſätze Wenn ſie nur vom Adel iſt.“ VI. Waren es lateiniſche Schüler, Officiere, junge Zei⸗ tungsſchreiber, welche noch nach Mitternacht an einem klei⸗ nen Tiſche des literariſchen Kaffeehauſes ſaßen, lärmten, lachten, ſtritten? Der mit dem Rücken an der weißgetünch⸗ ten ſchmuzigen Wand, ein kleiner freundlicher Mann mit intelligentem Kopfe war Quesnay, der Leibarzt des Kö⸗ nigs, das Haupt der ſtaatswirthſchaftlichen Schule der ſo⸗ genannten Oekonomiſten. Ihm gegenüber der blaſſe junge Künſtler mit dem italieniſchen Profil eines Raphael: Guil⸗ laume Couſtou der Bildhauer. Mit ihnen bildeten der elegante Abbé Bernis und Graf Kaunitz den munte⸗ ren Kreis harmloſer Nachtſchwärmer. „Ich bin ſo glücklich,“ ſprach Couſtou,„als wär' ich ein Theolog und hätte einen neuen Beweis für das Daſein Gottes aufgefunden.“ „Der Fuß der Pompadour macht ihn zum Deiſten,“ ſpottete Quesnay. 97 „Warum nicht!“ erwiederte der erregte Bildhauer,„es iſt das Vollkommenſte was Sie ſehen können, und verräth nicht das Werk den Meiſter? und gelingt es mir, ihm dies Meiſterwerk nachzubilden, bekenne ich ihn nicht lauter, als wenn ich das Credo bete.“ „Gewiß, mein braver Couſtou,“ ſagte Kaunitz und klopfte ihn auf die Wange,„aber verliebt iſt man in die Marquiſe nicht? „Verliebt?“ entgegnete Couſtou,„in ihren Fuß, ja verliebt! ich ſeufze nach dieſem Fuße, ich möcht' ihn küſſen! ich könnte mich tagelang mit ihm unterhalten.“ Der ganze Kreis lachte. „Ludwig XV. hat einen neuen Nebenbuhler,“ rief Quesnay. „Was ihren Fuß betrifft,“ ſagte Bernis. „Ach! wer den Fuß nimmt,“ rief Quesnay,„nimmt die Marquiſe dazu.“ „Bleiben wir bei der Sache,“ ſagte Kaunitz. „Die Sache iſt der Fuß der Marquiſe von Pompa⸗ dour,“ rief Quesnay. „Das Meiſterwerk der Schöpfung,“ ſagte Bernis. „Alſo bleiben wir bei dem Fuße,“ fuhr Kaunitz fort. „Die Marguiſe iſt die leibhafte Vorſicht, ſie läßt Couſtou ihren Fuß modelliren, ſonſt ſchneidet er ihn ab, ſie zieht die künſtleriſche Amputation vor.“ „Sie haben Recht,“ erwiederte der Bildhauer,„ihr Fuß iſt für mich geſchaffen, ich muß ihn beſitzen, und denken Sie, ich kann ihn beſitzen durch meine Kunſt.“ „Dagegen ſind freilich Kammerherrnſchlüſſel und Lud⸗ wig⸗Orden werthlos wie Spielmarken.“ Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. I. 7 98 „Das ſind ſie,“ rief Couſtou,„laſſen Sie dieſe Voltaire und Richelieu nach Hauſe tragen. So mächtig die Mar⸗ quiſe von Pompadour iſt, für Couſtou hatte ſie nur eine Gnade, ihre höchſte, ſie hat ſie dem armen Künſtler gewährt, jetzt iſt ſie arm, Ihr alle ſeid arm, unendlich arm, nur ich bin reich, unendlich reich, mein iſt der Fuß der Pompadour.“ „Sein Wahnſinn iſt vollendet wie ſeine Statuen,“ ſagte Bernis. „Wir wollen einen Orden ſtiften,“ ſprach Quesnay. „Couſton ſoll den Vorſitz haben und das Bundeszeichen wird der Fuß der Pompadour.“ „Er kommt in die Mode,“ bemerkte Bernis,„ich ſehe ihn ſchon auf den Kaminen, die Herrſchaft des Chineſen geht zu Ende.“ Couſtoulſah den Abbé groß an mit flammen⸗ den Augen. „Sie glauben, ich könnte?“ „Er will damit geizen,“ ſagte Quesnay. „Das will ich,“ ſprach der Bildhauer.„Soll ihn Jeder erhandeln können für ein paar ſilberne Königsköpfe? Der Fuß iſt mein!“ „Glücklicher Couſtou,“ ſeufzte Kaunitz.„Er kann ſeine Leidenſchaften befriedigen, und ich, ich gäbe ihm ſo gerne den Fuß, wenn die Marquiſe mein wäre.“ „Die Marquiſe hat Sie bezaubert,“ ſagte Bernis, „man erzählt doch.“ „Mein Gott,“ rief Kaunitz,„was erzählt man nicht.“ „Ich glaube nicht daran,“ ſagte Quesnay. „Ich auch nicht,“ rief Couſtou,„Madame Machault ge⸗ genüber bin ich Atheiſt, aber an die Marquiſe glaube ich.“ „Mein Bekenntniß iſt ähnlich jenem des Türken,“ ſprach Quesnay,„ich ſage, es gibt nur eine Schönheit und ich bin ihr Prophet!“ „Welche?“ fragte der Kreis. „Die Ruſſin,“ erwiederte Quesnay mit feinem Lächeln. „Wie?“ riefen Alle und rückten dem Arzte näher. „Habe ich es nicht gewußt?“ fuhr dieſer fort,„jetzt ſind ſie Alle oben auf, der verliebte Abbé, der Graf mit Ma⸗ dame, Couſtou mit ſeinem Fuß!“ „Was wiſſen Sie von der Ruſſin?“ fragte Bernis. „Heraus mit der großen Neuigkeit,“ drängte Couſtou. Auch Kaunitz legte ſeine Hand auf die des Leibarztes, und ſein Auge fragte noch lebhafter als die ſchnellen Lippen der Andern:„Sie haben ſie geſehen?“ „Allerdings,“ ſagte Quesnay, und weidete ſich an der Neugierde der drei Tiſchgenoſſen.„Ich habe ſie geſehen, die Ruſſin, das ſchöne Myſterium, das Paris bis zum Wahn⸗ ſinn gebracht hat, ich komme von ihr.“ Ein Ruf der Ueberraſchung von allen Lippen.„Sie kommen von ihr?“ „Eben jetzt,“ ſagte Quesnay, nahm ſeine Doſe und wartete dem Kreiſe auf. „Spannen Sie uns nicht auf die Folter,“ rief Bernis und ſtieß die Doſe zurück. Langſam langte der Leibarzt in die Doſe, nahm eine Priſe und ſprach dann:„Couſtou wird närriſch werden, denn ſie hat wundervolle Füße!“ „Wirklich!“ Neues Beſtürmen von allen Seiten. „Ich komme eben von ihr, gefüllt mit Neuigkeiten, aber man kommt hier nicht zu Worte.“ „Stille!“ ſagte Couſtou. „Wie ich heute den König verlaſſe, und in meinen 5 Wagen ſteigen will, tritt ein phantaſtiſch gekleideter Diener an den Schlag und übergibt mir, ohne ein Wort zu verlie⸗ ren, ein Billet. Ich frage, er ſchweigt und zuckt die Achſeln, endlich antworten mir Töne, die mein Ohr nie gehört hat. Es iſt mit ihm kein Geſpräch anzuknüpfen. Das Billet ſagt nichts als:„Die unglücklichſte Frau, die gefährlichſte Kranke erwartet den berühmteſten Arzt.“ Keine Unterſchrift, kein Wappen, das ſie verrathen könnte. Alles geheimnißvoll, ſeltſam, und dabei ſieht der Kerl von einem Diener mit einer Sanftmuth drein, etwa wie ein Eisbär, oder ruſſiſcher Wolf. Er war auch etwas desgleichen.“ „Sehr pikant,“ unterbrach Bernis.„Nur weiter,“ ſagte Kaunitz. „Ich bleibe dabei,“ rief Quesnay, und nahm wieder langſam und feierlich eine Priſe,„man kann hier nicht zu Worte kommen.“ „Doch, doch,“ riefen die Andern,„fahren Sie fort, raſch, raſch!“ „Das will ich,“ ſagte Quesnay,„alſo ich entſchloß mich mit Rückſicht auf die gefährlichſte Kranke.“ „Oder den berühmteſten Arzt,“ unterbrach der Abbé. „Da haben wir's,“ ſagte Quesnay,„man kommt nicht zu Worte.“ „Stille!“ ſagte Kaunitz. Bernis ſtemmte die Arme auf den Tiſch und legte die Hände vor die Lippen.„Nun?“ fragte Kaunitz. „Alſo ich will in meinen Wagen ſteigen, aber der Eis⸗ bär deutet auf eine geſchloſſene Sänfte, mit welcher ein Paar Schlingel ſeiner Gattung bereit ſtehen. Dabei ſuchte er ſich durch das lieblichſte Geheul zu erklären, ſeine Bemü⸗ hungen rühren mich.“ „Steigen Sie doch endlich in die Sänfte,“ ſagte Couſtou. Quesnay ſah ihn an, dann fuhr er fort: „Die Sänfte war eine wandelnde Baſtille. Kaum ſaß ich in derſelben, als ich zu ſpät entdeckte, daß ich mich unter Schloß und Riegel befand. Kein Lichtſtrahl fiel durch die ſchwarzgefärbten dicken Scheiben.“ „Sie wiſſen alſo nicht, wohin man Sie führte?“ „Ich hatte keine Ahnung. Als die Sänfte hielt und geöffnet wurde, befand ich mich in der glänzend erleuchteten Säulenhalle eines Palaſtes im italieniſchen Style, den ich vergebens in meinem Gedächtniſſe ſuchte. Der Eisbär heulte wieder etwas, und führte mich mit einem Zähnefletſchen, das ein Lächeln ſein ſollte, die Marmortreppe hinauf. An⸗ dere Diener führten mich durch eine Reihe prächtiger Säle. Dienerinnen kamen an mir vorbei, alle phantaſtiſch geklei⸗ det. Alle ernſt— ſtumm. Vor einem rothen mit ſchweren Goldfranſen beſetzten Vorhange, wie man ihn im Serail hat, ließ man mich warten, bis eine Glocke ertönte. Der Eisbär fletſchte die Zähne und ließ mich eintreten. Hinter mir rauſchte der Vorhang zu.“ „Endlich iſt er bei ihr,“ ſprach Bernis. „Bei ihr,“ wiederholte Quesnay.„Sie haben Recht, man ſoll ihren Namen nicht eitel nennen, denn man ahnt, was die Allmacht iſt, wenn man ſie ſieht.“ „Iſt ſie ſchön?“ fragte Kaunitz. „Das Wort iſt eine Blasphemie bei dieſer Frau. Wie ich eintrete, ſteht ſie die Hände auf dem Rücken an dem Ka⸗ mine, ein weites Gewand, ein prächtiger Schlafpelz, bis auf 102 das Parquet niederfließend, zeigen ihre claſſiſchen Formen. Das braune Haar, durch Perlenſchnüre gehalten, übergießt mit einzelnen loſen, geringelten Flechten ihre Büſte.“ „Kein Reif? kein Puder?“ fragte Couſtou. „Trägt die mediceiſche Venus einen Reifrock?“ erwie⸗ derte Quesnay. „Der Roman iſt fertig,“ rief der ſchöne Abbé. „Sie ſtand da wie aus Marmor. Was ſeid Ihr Bild⸗ ner! Griechen, Italiener, Couſtou's! Bettler, arme Stüm⸗ per! Was ſind Eure Werke? Fratzen gegen dieſes Weib.“ „Couſtou wird närriſch werden,“ rief Bernis. „Das wird er, hier iſt der Leib zu den Füßen der Pom⸗ padour.“ „Weiter, weiter,“ rief der Kreis. „Nicht einmal den Kopf bewegte ſie,“ erzählte der Leib⸗ arzt.„Ich ſah in ihr Auge wie in ein dunkles Räthſel. »Quesnay,« ſprach ſie,»Sie ſind ein Künſtler, die menſch⸗ liche Natur iſt Ihnen wie Couſtou der Marmor, wie Voltaire die Sprache, heilen Sie auch eine kranke Seele?« Ich ſah ſie erſtaunt an. Da lächelt ſie.»Oh ich habe noch meinen ge⸗ ſunden Verſtand, Quesnay, fuhr ſie fort,»mein Puls geht ruhig, ich leide auch nicht an Melancholie, und doch bin ich die gefährlichſte Kranke, Leibarzt des Königs, die Sie noch behandelt haben. Ich bin reich, mächtig, alles Glück eines Herrſchers nenne ich mein! Tod und Leben hängt an meinen Lippen. Das Weib, das meine Schönheit haßt, liebt meine Stimme und flieht vor mir in meine Arme. Den Mann, der Rettung ſucht vor meinem Lachen, wirft ein Blick zu meinen Füßen nieder, und doch bin ich die unglücklichſte Frau! Wenn ich einfältiger wäre, oder gefühlvoller, könnte „ 103 ich einen Selbſtmord begehen. Ich kann nur noch lachen, wenn ich denke, wozu ich lebe. Mich heilen Sie nicht.«“ „Was haben Sie geantwortet?“ fragte Kaunitz. „Wenig Vernünftiges,“ erwiederte Quesnay,„das Abenteuer verwirrte mich. Hat Sie irgend ein großer Verluſt des Herzens getroffen? fragte ich. Nennen Sie mir Ihr Unglück?»Sie hören ja,« ſagte ſie, ohne die Geduld zu ver⸗ lieren,»das Glück, das Glück quält mich, halten Sie mich nicht für eine Ihrer Marquiſen, die ein paar Ohrgehänge glücklich machen können, ich bin nicht in den kleinlichen Ver⸗ hältniſſen Eurer Civiliſation aufgewachſen, ſondern im Reiche des Despotismus, ſelbſt eine Despotin. Damit ver⸗ ließ ſie den Kamin, und ſchritt durch das Gemach, den Pelz wie eine Schleppe hinter ſich. Die Welt ſcheint Ihnen nichts mehr zu bieten, ſprach ich, wenn ich Sie verſtehe, Sie ſchätzen, was Sie umgibt, zu gering, um ſich damit nur zu beſchäftigen. Sie blieb ſtehen.»Sie beginnen mich zu verſtehen, mein Leiden iſt die Langeweile!«“ „Die Krankheit des Königs von Frankreich!“ ſagte Kaunitz,„da ſind Sie ja ihr Arzt.“ „Ich bin es auch,“ erwiederte Quesnay ſtolz. „„Es iſt ein furchtbares Leiden,« fuhr ſie fort,»aber Sie werden mich heilen. Sie verſtehen mich.« Dann ſchwieg ſie und winkte mir endlich mit dem Kopfe,»für heute iſt es genug,« ſprach ſie,»wir ſehen uns wieder.«“ e „Sie überlaſſen mir den Stoff,“ rief Bernis,„das wird ein Roman, für den mir Didot tauſend Franken zahlen ſoll.“ „Iſt die Geſchichte zu Ende?“ fragte Couſtou. „Soll ich Ihnen noch einmal von der Sänfte“— „Nein, Nein,“ riefen Alle durcheinander. „Und Sie nehmen gleich an, daß die Dame die Ruſſin war?“ ſagte Kaunitz. „Wer ſonſt?“ „Wer ſonſt?“ ſprach Kaunitz.„Sie haben Recht, ſie iſt es, ſie ſoll ſehr ſchönes Pelzwerk haben, ſagt mein Secre⸗ tair, und die Langeweile iſt ihre Krankheit? Werden Sie die Schöne nach derſelben Methode behandeln wie den König?“ „Mein Gott, der König!“ erwiederte Quesnay,„bei dem iſt ſie unheilbar, da kann ich nur Palliativmittel an⸗ wenden.“ „Wie ſo?“ fragte Couſtou. „Sehen Sie, mein lieber Couſtou, das iſt ſehr einfach, ſobald das Leben eines Menſchen keinen andern Zweck hat, als ſich ſelbſt, tritt nur zu früh jene Langeweile der Seele ein, deren Ende nicht ſelten der Selbſtmord, nicht ſeltener die ent⸗ ſetzlichſten Greuel ſind. Männer, die arbeiten müſſen für das tägliche Brod in irgend einem Sinne, unterliegen dieſem Lei⸗ den ſeltener als die Frauen, beſonders jene, deren Anſehn, de⸗ ren Reichthum oder Schönheit dieſelben zu beneidenswerthem Glücke berufen zu haben ſcheint. Gegen dieſe Langeweile iſt das, was man gewöhnlich ſo nennt, eine Laune, eine Sehn⸗ ſucht nach der Thätigkeit, die man ſein nennt, und von der man ſich für kurze Zeit getrennt hat. Dieſes Leiden der Seele kann geheilt werden, ſo lange ein Menſchenherz noch theilnehmen kann an etwas Anderem, ſo lange ein Men⸗ ſchengeiſt noch thätig ſein kann, für etwas Fremdes außer ihm, und wäre es— ein räudiger Hund ja oft drückt nur die Gewöhnlichkeit die herrlichſte Natur ſo tief herab und große unerwartete Verhältniſſe treten plötzlich ein, und laſ⸗ ſen ſie groß, aufopfernd, lebensvoll erſcheinen. Wer ſich 105 noch begeiſtern kann durch irgend Etwas, der iſt noch nicht verloren!“ Kaunitz ſah ſtarr vor ſich,„Ludwig XV. iſt verloren,“ ſagte er kalt. „Gewiß,“ fiel Bernis ein,„bei ihm iſt es öde, wo wir geänſtigt werden von dem, was wir Gedanken, gequält von dem, was wir Gefühl nennen.“ „Sie haben Unrecht,“ ſagte der Leibarzt,„ich habe ge⸗ ſehen, wie das geworden iſt, ich kenne ihn, ich weiß, wie das enden wird.“ „Mit den Luſtbarkeiten eines Nero?“ fragte Couſtou. „Mit dem Roſenkranze,“ antwortete Quesnay.„Lud⸗ wig XV. iſt gut,“ fuhr er fort,„heiter wie ein Kind, es fehlt ihm nicht an Fähigkeiten, ja er hat Witz, Schärfe des Ur⸗ theils, Stärke des Willens. Ihn haben ſeine Erzieher, die Jeſuiten, die Frauen verdorben. Jetzt noch kann er erregt werden, wie große Gedanken fliegt es über ihn, aber es ſind nur die Schatten, welche ſie in ſeine Seele werfen. Er be⸗ herrſcht ein ausgedehntes Reich, er lebt, er liebt die ſchönſte, geiſtreichſte Frau— um ſich zu unterhalten.“ „Sie glauben, daß er Willen hat?“ fragte Kaunitz. „Einen ſtarken Willen,“ entgegnete Quesnay.„Er iſt nur zu bequem, ihn in der Regierung durchzuſetzen.“ Bernis ſchüttelte den Kopf. „Er iſt ſchwach, die Marquiſe ihn, ſo regiert ſie unumſchränkt.“ „Er iſt nicht ſchwach,“ beſtritt S lebhaft,„und iſt er es— nur gegen ſie, denn er iſt ihr zugethan, ſo ſehr es ihm nur möglich iſt. Ihr gegenüber fehlt es ihm an Muth, das iſt es. Die Regierung Frankreichs iſt ein Ma⸗ 106 rionetten⸗Theater, die Miniſter ſind die Gliederpuppen, die Pompadour zieht an den Drähten, ſie regiert, aber der Kö⸗ nig hat ſeine geheimen Agenten an allen Höfen, und intri⸗ guirt gegen ſeine Miniſter, gegen die Marquiſe.“ „Alſo gegen ſich ſelbſt,“ ſagte Kaunitz. „Glauben Sie mir,“ fuhr der Leibarzt fort,„er kann ſich nicht begeiſtern; von Gottes Gnaden auf die Erde ge⸗ ſetzt, weiß er nicht, was das iſt, ſorgen für ſich oder Andere; aber er iſt klug und gut. Sie glauben überhaupt nicht, wie gut die menſchliche Natur iſt. Wo die Welt nur Greuel ſieht, Abſcheulichkeiten, Laſter, ruht oft noch ein Ueberfluß von Adel.“ „Der König iſt gut,“ ſagte Couſtou,„aber Bordeaux iſt im Aufſtande. Dem Hunger giebt man die Schuld, den Steuerpächtern, dem Wucher, unſer erſter aber iſt der König. „Der Getreidehandel,“ entgegnete Quesnay,„iſt eine ſeiner Liebhabereien wie das Börſenſpiel, aber auch nichts mehr.“ Couſtou lachte. „Aber dieſe Liebhabereien zerſtören den Staat; wenn der König im Hazard verſpielt, zahlt er aus ſeiner Privat⸗ chatoulle, das iſt richtig, aber der Ausfall wird aus der Staatskaſſe erſetzt, das iſt ebenſo richtig.“ „Wenn Ludwig XV. jedoch gewinnt,“ erwiederte Ques⸗ nay,„ſo entſchädigt er den Verlierenden durch— ein Amt.“ „Das iſt auch richtig,“ rief Couſtou,„aber wer ent⸗ ſchädigt da? wieder der Staat! und wer verliert dabei? das Volk, deſſen Würden am Spieltiſche vergeben werden.“ „Man ſieht, Couſtou, daß Sie mit Rouſſeau umgehen,“ ſagte Bernis. 107 „Fragen Sie Rouſſeau über die Lage unſeres flachen Landes, Paris iſt nicht Frankreich.“ Gewiß!“ rief Quesnay erregt, zog die Aermel etwas empor und ſah im Kreiſe umher.„Gewiß, man wird noch einiges Lehrgeld zahlen müſſen, aber die Regierung und die Geſellſchaft werden ſich endlich unſern Ideen, den Ideen der Staatsökonomen beugen.“ „Sie verſprechen ſich von denſelben eine Verbeſſerung der Lage der Landleute?“ „Gewiß!“ ſagte Quesnay,„man muß, wie ich, zu Fuße durch ihre Dörfer gewandert ſein, ihre Hütten beſucht ha⸗ ben, um ihr Elend zu kennen. Dieſes Elend hat mich lange und ernſt beſchäftigt, es ſtand mir vor der Seele, wenn ich zu meinen Patienten fuhr, am Krankenbette, im Salon der Geoffrin, in Verſailles, ſo entſtand mein Syſtem. Ich theile Rouſſeau's Ideen nicht. Ich erkenne die Natur an, aber auch die Geſchichte iſt eine Macht. Die Menſchen ſind nicht gleich. Die Gleichheit mag der Naturzuſtand ſein, ich gebe es zu, aber auch die Roheit, ſie war da, als der Menſch eine Gattung war, wie das Thier. Er iſt ein Individuum ge⸗ worden, durch die Civiliſation. Ich erkenne die hiſtoriſchen Verhältniſſe an, auf ihnen ruht mein Syſtem. Der Staat tritt an die Stelle der Familie, der Patriotismus an jene des Triebes, des Inſtinktes. Ich erkenne den Adel an, ich erkenne auch ſeine Stellung im Staate an, aber je bevor⸗ zugter dieſelbe iſt, je mehr der Staat ihm giebt, um ſo mehr ſoll er dem Staate geben. Es giebt kein Unrecht, keine Thorheit, die jener gleich käme, nur die niederen Stände zu beſteuern. Die Steuerfreiheit iſt ein Privilegium für 108 Sclaven und Heloten, nicht für den Adel, ebenſo iſt es mit der Kirche.“ „Wir haben Sie!“ rief Couſtou.„Sie ſagen, Lud⸗ wig XV. iſt klug und gut! Wie kommt es denn, daß er Ihr Syſtem nicht einführt? Wäre er klug, er müßte es des leeren Staatsſchatzes wegen thun, und wäre er gut für das arme Volk.“ „Das Syſtem findet ſeinen Beifall,“ ſprach Quesnay heftig,„aber nicht jenen des Hofes, der Miniſter.“ „Ol ich weiß,“ lachte Bernis.„Mein lieber Ques⸗ nay, ſagt der König, wenn er kommt. Was giebt es Neues? Das phyſiokratiſche Syſtem der Oekonomiſten, ſagt unſer Quesnay regelmäßig.“ Alle lachten, auch Quesnay nickte heiter mit dem Kopfe. Bernis fuhr fort: „Mein lieber Quesnay, ſonſt nichts? Und Ihre Mi⸗ niſter ſind Dummköpfe oder Schurken, Sire, ſagt Ques⸗ nay regelmäßig. Was Sie da ſagen! antwortet der König, denn er liebt es, wenn Quesnay raiſonnirt und je mehr, um ſo beſſer— es mag für einen König, deſſen erſter Miniſter ſeine Geliebte iſt, ſeinen Reiz haben, ein freies Wort zu hören. Alſo Dummköpfe, ſagte der König, oder Schurken, ſagt Quesnay. So geht es fort und dann klopft ihm der König die Wange und nennt ihn zuletzt ſeinen Denker!— aber es bleibt Alles beim Alten— das Steuer⸗ ſyſtem— die Marquiſe, die Miniſter.“ „Sehr gut,“ ſagte Kaunitz. „Sie ſind auch gegen mich,“ lachte der Leibarzt. „Im Gegentheil,“ ſagte der öſterreichiſche Geſandte, „ich intereſſire mich lebhaft für Ihr Syſtem. Geben Sie 109 Oeſterreich einen dauerhaften Frieden und Sie werden von einer Reihe großer Reformen überraſcht werden. Mich in⸗ tereſſirt Ihr Syſtem um ſo lebhafter, als ſeine Ideen un⸗ ſeren Staatsmännern, unſerer großen Kaiſerin nicht ſo ferne liegen, als Sie vielleicht glauben.“ Quesnay's Augen leuchteten. „Man intereſſirt ſich für mein Syſtem in Oeſter⸗ reich?“ fragte er lebhaft. „Mich vor Allen,“ ſagte Kaunitz,„beſchäftigt es un⸗ aufhörlich; und Sie ſagen alſo, daß die Marquiſe gegen daſſelbe iſt?“ „Das ſage ich nicht,“ erwiederte Bernis.„Die Mar⸗ quiſe iſt keine gute Wirthin und in ſoweit iſt es ein Un⸗ glück, daß die Wirthſchaft, der ſie vorſteht, Frankreich heißt; aber ſie iſt eine geniale Frau, ſie beſchützt die Kunſt, die Wiſſenſchaft, die Literatur.— Quesnay's Syſtem hat den Beifall der geiſtreichen Kreiſe gefunden, die Pompadour kann alſo nicht die Feindin des Syſtemes ſein, aber Ques⸗ nay iſt der Feind der Pompadour, das iſt es.“ Quesnay wies die Anſicht des Abbé ſchweigend mit der Hand zurück. „Warum veröffentlichen Sie das Syſtem nicht?“ fragte Cvuſtou. „Warum hauen Sie nicht ein Pamphlet auf Lud⸗ wig XV. in Stein? Weil das Parlament uns verklagen würde, Couſtou, auf Hochverrath und Rebellion.“ „Haben Sie das Syſtem fertig? ich meine vollſtändig bis in das Kleinſte ausgearbeitet? leſerlich niedergeſchrie⸗ ben?“ fragte Kaunitz. Quesnay verſenkte ſeine Hand in die Rocktaſche. 110 „Wir ſind verloren!“ rief Bernis.„Wiſſen Sie denn nicht, daß er wie ein Mörder mit ſeinem Dolche, ſtets mit ſeinem Syſtem bewaffnet iſt! Wir ſind verloren. Jetzt lieſt er es vor.“ „Nicht eine Zeile,“ ſagte Quesnay. „Geben Sie Ihr Syſtem mir,“ ſagte Kaunitz. „Ihnen? Wollen Sie es in Oeſterreich—“ „Ich will Ihnen nichts verſprechen,“ ſagte Kaunitz, „aber von heute an erſcheine ich nicht mehr ohne Ihr Syſtem in Verſailles.“ „Sie wollen?“ rief der Kreis. „Ich will ſehen, ob der König und die Marquiſe hartnäckiger ſind, als die Bevollmächtigten auf dem Con⸗ greß zu Aachen.“ „Wein!“ rief Bernis,„Wein!“ „Nur keine Exceſſe,“ ſagte Kaunitz. „Ein Glas dem Syſteme und Ihnen!“ ſprach Couſtou. „Ein Fremder, wollen Sie uns am Hofe unſeres Königs verfechten— das fordert Wein!“ Die Flaſche regte die ſeltſamen Geſellen noch mehr auf. Bernis begann Liebeslieder zu ſingen, Couſtou warf mit der Flaſche den heiligen Denis herab, deſſen traurige Gipsgeſtalt ihn lange ſchon auf dem Kamine genirt hatte, Kaunitz ſteckte das Syſtem zu ſich. „Ich will Paris in Aufruhr bringen,“ ſagte er,„den Hof, den Kreis der Geoffrin.“ „Sie werden ſehen,“ ſagte Bernis,„dann wird die Deffant Oppoſition machen.“ „Das wird ſie,“ bekräftigte Couſtou. „Ich nehme den Kampf auf!“ ſprach Kaunitz,„unſer kleiner Tiſch hier ſoll noch berühmt werden— verlaſſen Sie ſich auf mich, Quesnay, das Syſtem ſetze ich durch.“ Ein heftiges Gelächter unterbrach den Grafen. Alle ſprangen auf. „Man verhöhnt uns!“ rief Quesnay. Couſtou eilte gegen die Thüre. Niemand war im ganzen Kaffeehauſe. „Sonderbar!“ ſagte Quesnay. „Soll es Ihr Verfolger ſein?“ bemerkte Bernis. „Wie?“ fragten die Andern. „Ein Menſch,“ ſagte Kaunitz,„der mir überall auf der Ferſe iſt, um mir regelmäßig in's Geſicht zu lachen— und da iſt er wieder!“ Er hatte die Thüre leiſe aufgemacht und ſteckte den Kopf herein, in demſelben Augenblicke hatte ihn auch Kaunitz beim Ohr und zog ihn in die Kaffeeſtube herein. Er verſuchte gar nicht ſich loszumachen, ſondern lachte, daß ihm die hellen Thränen über die Backen liefen. „Was wollen Sie?“ fragte Couſtou. „Warum verfolgen Sie den Grafen?“ ſagte der Abbé. „Sie lachen über mein Syſtem,“ ſprach Quesnay und nahm ihn bei dem andern Ohr. Er ſchlug ihn jedoch auf die Hand, daß der Leibarzt überraſcht losließ. „Was Seiner Excellenz erlaubt iſt,“ ſagte er in ſchlech⸗ tem Franzöſiſch,„das iſt im Allgemeinen Niemand erlaubt, nicht einmal der preußiſchen Excellenz, und die iſt doch mein Herr.“ Es war Amadeus. „Du ſtehſt in Dienſten der preußiſchen Regierung?“ ſagte Kaunitz deutſch. „Im Allgemeinen wohl,“ antwortete Amadeus,„im 112 Beſondern bei der preußiſchen Ercellenz, dem Herrn von Knyphauſen.“ „Biſt Du der Läufer?“ fuhr Kaunitz in ſeinem Exa⸗ men fort und ließ das Ohr des Gefangenen los, um ihn bei dem Rocke zu faſſen. Excellenz ſtrengen ſich unnöthig an,“ ſagte Amadeus, „ich laufe ohnehin nicht davon.“ Dabei ſah er Kaunitz ernſt⸗ haft in's Geſicht und begann wieder zu lachen, daß der feine Bernis ſich die Ohren zuhielt. „Biſt Du der Läufer?“ „So etwas,“ ſagte Amadeus. „Oder der Reitknecht?“ fragte Kaunitz mit einem Blicke auf ſeine Stiefel. „Auch!— auch der Kammerdiener, Bartſcheerer, drehe auch den Zopf ſeiner Excellenz.“ „Warum verfolgſt Du mich?“ fuhr Kaunitz fort. „Verfolgen? Himmliſcher Herr!“ entgegnete Ama⸗ deus.„Ich Euer Gnaden verfolgen! Ich ſchwärme für Euer Gnaden, wie der König von Preußen für den Voltaire.“ „Der Kerl wird intereſſant,“ ſagte Kaunitz zu den Um⸗ ſtehenden. „Aber Seine Schwärmerei hat Grenzen?“ „Im Beſondern wohl, aber im Allgemeinen nicht. Euer Gnaden ſind einmal der liebſte lächerlichſte Herr, den ich noch geſehen habe!“ „Ich! Schlingel!“ ſagte Kaunitz und faßte ihn beim Ohr. „Incommodiren ſich Euer Gnaden nicht,“ ſagte Ama⸗ deus ſchluchzend vor Lachen, und küßte die Hände des Gra⸗ fen.„Es iſt doch ſo, Euer Gnaden ſind der lächerlichſte 113 Herr! Das muß wahr ſein! und ſeitdem ich Euer Gnaden Bekanntſchaft gemacht habe, vernachläſſige ich ſogar den Dienſt, um Euer Gnaden zu ſehen.“ „Und mir in's Geſicht zu lachen,“ rief Kaunitz. „Himmliſcher Herr!“ betheuerte Amadeus.„Es iſt pure Affectation! Wenn ich ein Frauenzimmer wäre,“ ſagte er, und zupfte verſchämt an ſeinem Rocke,„würde ich glau⸗ ben, daß ich in Euer Gnaden verliebt bin.“ „Biſt Du ein Preuße?“ „Im Allgemeinen wohl,“ antwortete Amadeus,„aber im Beſondern ein abgetretener Oeſterreicher.“ „Ein Schleſier alſo!“ „Zu dienen! O! Euer Gnaden, ich kann es nicht ver⸗ ſchmerzen! Es war doch etwas Anderes— Euer Gnaden nennen mich doch ordentlich Du, bei der Preußiſchen Excel⸗ lenz bin ich: Er— und man iſt doch noch Menſch, wenn man auch Preuße geworden iſt.“ Kaunitz lachte.„Wie heißt Du?“ „Amadeus, im Beſondern, im Allgemeinen Meier. Die Meier ſind nämlich ſehr ʒahlreich in Schleſien— Wie⸗ ſenmeier— Pillenmeier— Katzenmeier—“ „Und ſo weiter,“ ſagte Kaunitz.„Da haſt Du zwei Dukaten.“ „Kremnitzer,“ ſeufzte Amadeus. „Dafür läßt-Du mich künftig in Ruhe,“ fuhr Kau⸗ nitz fort. „Was?“ ſagte Amadeus entrüſtet.„Ich ſoll Euer Gnaden nicht mehr ſehen?— Behalten Euer Gnaden das Geld— es ſind Kremnitzer— aber ich thue es nicht!“ „Was willſt Du denn eigentlich?“ fragte Kaunitz ruhig. 8 Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. I. „Mancherlei!“ ſagte Amadeus,„aber es wäre gut, wenn Euer Gnaden mich in Dienſt nehmen wollten, ſchon wegen der Affectation.“ „Pünktlich biſt Du, Schlingel!“ ſagte Kaunitz nach einigem Nachdenken.„Auf die Minute warſt Du zur Stelle, und haſt mir in das Geſicht gelacht, aber ich kann Dich nicht brauchen. Nimm' lieber die Dukaten.“ Damit legte ſie der Graf auf den Tiſch und nahm Quesnay's Arm. „Ich nehme ſie,“ ſagte Amadeus,„aber glauben Euer Gnaden ja nicht, daß damit Alles aus iſt mit meiner Affec⸗ tation. Ich werde Euer Gnaden nächſtens einen Beſuch machen.“ VII. Täglich um eilf Uhr Vormittag arbeitete Graf Kaunitz mit ſeinem Secretair. Als er die Actenſtücke, die Depeſchen erledigt hatte, winkte er diesmal Binder zu bleiben.„Der Huſten hat nachgelaſſen,“ ſagte er,„dafür iſt mir der Kopf öde und wüſt von dem literariſchen Kaffeehauſe. Ich wage viel, Binder, denken Sie, es war zwei Uhr nach Mitternacht, der ſtarke Kaffee, der Wein, die kalte Nachtluft!“ „Excellenz,“ entgegnete der Secretair,„haben doch gearbeitet, wie wenn Sie ganz wohl wären. Nicht eine Spur von Ermüdung oder Schlaffheit.“ „So?— mag ſein, es iſt die gute Natur, Binder, die gute Natur! Was wiſſen Sie von Voltaire?“ „Alles noch in der Schwebe,“ antwortete Binder, 115 „Voltaire will den Tyrannen ſpielen in Potsdam und dem Könige wie ſeinem Kreiſe Geſetze vorſchreiben. Der Dichter Arnaud z. B. gefällt dem Verfaſſer der Henriade nicht, nun ſoll ihn Friedrich einfach entlaſſen. Der König hat aber ſein Wort verpfändet und wehrt ſich wie ein Löwe um ſeine Potsdamer Franzoſen.“ „Die Denis,“ ſprach der Graf,„hat Ihnen noch keine Schwäche Voltaire's verrathen, die wir benutzen können?“ „Keine.“ „Dann, Binder, müſſen wir uns an jene halten, die auf der Hand liegen. Es iſt bekannt, wie eitel Voltaire iſt, er duldet keinen Nebenbuhler. Da er jedoch in allen Rich⸗ tungen thätig iſt, in der Philoſophie, Geſchichtsſchreibung, im Epos, der Satyre, wie im Romane und auf dem Thea⸗ ter, ſo wird es nicht ſo ſchwer ſein, auf einem dieſer Gebiete einen Nebenbuhler zu finden, den die Protection, der Neid gegen Voltaire's Genie, höher emportragen und deſſen Er⸗ folge, je unverdienter ſie ſind, Voltaire's Bosheit— und er iſt ſehr boshaft— um ſo mehr entfeſſeln und dem großen Denker, dem Schöpfer der Mérope und des Mahomed, den Aufenthalt in Paris unmöglich machen. Gekränkt, ver⸗ wundet verläßt er Frankreich, um ſeine Feinde durch die Triumphe von Potsdam zu demüthigen. Das iſt meine Idee! Woran denken Sie, Binder?“ „Ich denke an Rouſſeau.“ Der Graf machte eine ablehnende Bewegung mit der Rechten.„Rouſſeau wäre ein furchtbarer Gegner,“ ſprach er;„aber ſeine Ideen bedrohen die vornehme Welt, das Königthum; es wäre der Weg, Voltaire zu beſiegen, um 116 noch gefährlichere Feinde zu wecken.— Kein Wort mehr von Rouſſeau. Ich denke an das Theater, Binder! Die Bühne iſt eine Welt. Das Buch findet immer nur den Ein⸗ zelnen. Tauſend kleine Eroberungen bedeuten erſt einen Sieg. Von den Brettern herab wendet ſich der Dichter an ein Volk. Wie unſelbſtſtändig iſt der Einzelne. Eine Kritik, die den Verfaſſer verurtheilt, und nur Wenige nehmen ſein Buch noch zur Hand. Im Theater iſt keine literariſche Ca⸗ binetsjuſtiz möglich, es iſt ein Volksgericht, vor dem man ſteht, im Augenblicke wird man gehoben oder geſtürzt, und welche Bundesgenoſſen hat nicht der Dichter an dem Schau⸗ ſpieler, an der Decoration, dem Coſtüme, den Lampen, der Muſik? Wie viel gehört dazu, um einen Leſer glauben zu machen, was er lieſt, um zu erzielen, daß ihm aus Buchſta⸗ ben, aus todten Worten Geſtalten aufſteigen, Leidenſchaften, ein wirkliches bewegtes Leben, und wie oft verfällt der Schriftſteller in dem Bemühen, einer lahmen Phantaſie Flügelſohlen unterzubinden in Unnatur, Unwahrheit, und ſeine Menſchen werden Fratzen. Die Bühne giebt dem Ge⸗ bilde des Dichters Leben und wäre es auch nur für eine flüch⸗ tige Stunde, und man glaubt ihm, und das Unmögliche wird wahr, weil es verkörpert iſt, weil es ſich dem Auge ſtellt; weil ihm Worte gegeben ſind, nicht todte— nein! lebendige, klingende, ſinnbethörende Menſchenworte! Ich denke an das Theater, Binder! Hier einen Nebenbuhler, und Voltaire verläßt Paris!“ „Gewiß, Excellenz,“ entgegnete der Secretair,„aber Voltaire herrſcht hier unumſchränkter als irgendwo. Das Publikum läßt gute Stücke fallen, denn es will nur Vol⸗ taire ſehen.“ „Ja! der Dichter der Mérope hat keinen Nebenbuhler,“ ſprach Kaunitz,„aber er hat längere Zeit kein Stück auf die Bühne gebracht. Seine älteren Tragödien können das Pu⸗ blikum unmöglich ſo feſſeln, daß es jetzt nicht eine hervor⸗ ragende fremde Schöpfung mit Beifall begrüßen ſollte. Der Augenblick iſt günſtig. Aber woher die Tragödie nehmen? Bernis hat nicht das Talent, um dieſen Kampf aufzuneh⸗ men. Sonſt weiß ich Niemand. Wir werden am Ende ſelbſt eine ſchreiben müſſen, Binder!“— Der Graf kleidete ſich zu der Promenade an. „Haben Sie noch immer keinen Vorleſer gefunden?“ „Doch,“ entgegnete Binder.“ „Ich will heute noch dieſe Angelegenheit zu einem Ab⸗ ſchluſſe bringen.“ „Ich bin im Beſitze einer ganzen Liſte von Vorleſern, aber keiner von dieſen würde Excellenz zufrieden ſtellen können.“ „Zeigen Sie doch,“ ſprach Kaunitz. Binder gab ihm die Liſte, er ſah ſie durch. „Crebillon,“ ſagte er nach einer Weile. „Der ältere Crebillon,“ entgegnete der Secretair. „Warum iſt er unterſtrichen?“ „Er iſt mir ſehr empfohlen worden,“ ſagte Binder, „aber es iſt eine zarte Angelegenheit, Crebillon iſt im größ⸗ ten Elende.“ „Im Elende?“ ſagte Kaunitz,„das iſt der Tragiker Crebillon— der jüngere iſt es, der die Romane geſchrie⸗ ben hat. Im Elende alſo!— Der Dichter von Rhada⸗ miſte im Elende!“ „Er muß ſehr alt ſein?“ „Bei fünfundſiebzig Jahre,“ entgegnete Binder. „Von aller Welt verlaſſen, lebt er von dem Verdienſte von Hochzeitsgedichten und Taufſprüchen, welche er für die Krämer und Handwerker auf Beſtellung arbeitet, in einer ärmlichen Dachſtube. Seine Freunde ſind kranke Hunde und Katzen, mit denen er ſein Brod theilt. Dennoch verſchmäht er jede Hülfe, welche ihm das Mitleid bietet, er will arbeiten, verdienen. Wie ſoll er aber, alt, hungrig, er⸗ froren, Etwas ſchaffen, das ihm Rettung aus dieſen Verhält⸗ niſſen brächte, und wäre er es auch im Stande, ſo wird er im nächſten Augenblicke von ſeinen Gläubigern wieder beraubt.“ „Sie glauben, daß er die Stelle eines Vorleſers an⸗ nehmen würde?“ fragte Graf Kaunitz. „Ich bin davon überzeugt, und möchte den Verſuch ſchon der Wirkung wegen wagen, die es auf die literariſchen Kreiſe machen muß, wenn ein berühmter franzöſiſcher Dichter durch Eure Excellenz— durch den öſterreichiſchen Geſandten ſeiner unwürdigen Lage entriſſen würde.“ „Die Stelle müßte nur einen Vorwand abgeben, ihn zu unterſtützen,“ antwortete Kaunitz;„ich denke nicht daran, mir von Crebillon die Werke ſeiner Nebenbuhler vorleſen zu laſſen. Aber der alte Mann muß ſehr zart be⸗ handelt werden. Können Sie mich zu ihm führen?“ „Er iſt nur Nachts zu Hauſe, bei Tage ſitzt er in den gemeinſten Branntweinſchenken, nur um vor der Winter⸗ kälte Schutz zu finden. Auch muß ich bemerken, daß er ſehr verwahrloſt iſt.“ „Der Dichter von Rhadamiſte im Elende!“ wieder⸗ holte Kaunitz, indem er ſtarr vor ſich hinſah. „Gut! Alſo jetzt auf die Promenade und heute Nacht zu Crebillon!“ Aus dem geiſtreichen Salon der Frau von Geoffrin führte Binder den Grafen Kaunitz in eine der ſchmuzigſten, engen Nebengaſſen der Rue Saint Antoine:„Hier wohnt Crebillon,“ ſagte der Secretair vor einem hohen ſchmalen Hauſe, deſſen einer Thorflügel aus den Angeln geriſſen an der Mauer lehnte.„Wir erſparen den Thürhüter;“ da⸗ mit ſtieß er den andern Flügel auf und zog den Grafen an der Hand die ſteile finſtere Treppe drei Stockwerke em⸗ por— Noch einige Stufen. Ein fahles Licht fiel durch die Ritzen einer niedrigen Thüre. „Hier?“ fragte Kaunitz. Binder nickte. „Laſſen Sie mich allein,“ ſprach der Geſandte. Der Secretair entfernte ſich. Der Graf klopfte leiſe an die Thüre. „Biſt Du es, Catilina?“ fragte eine heiſere Stimme. Der Graf klopfte noch einmal. „Geh' nur durch das Fenſter;“ ſagte die Stimme,„ich halte es offen für Dich und friere, daß mir die Zähne klappern. Voltaire liegt auf meinem Rocke. Ol ich ſtehe nicht auf, geh' durch das Fenſter.“ Kaunitz drückte jetzt an der Klinke. Die Thüre ſprang auf.— In einer kleinen niedrigen Dachſtube, durch deren offenes Fenſter ſich der volle Mond ergoß, lag auf einem unreinlichen, elenden Lager ein alter Mann, den das Fieber ſchüttelte. Er richtete ſich auf und ſagte verächtlich:„Ein Menſch! Was wollen Sie von mir?“ Kaunitz trat näher. Ein Schrei der taſchi ertönte von den Lippen des Greiſes. 120 „O,“ rief Kaunitz,„meine Bekanntſchaft aus der Rue Saint Antoine?“ „Sie kommen, um Ihren Mantel—“ ſagte der Greis. „Hier iſt er, er hat mir gut gethan.“ „Nein!“ ſprach Kaunitz,„ich komme zu dem Dichter von Rhadamiſte.“ „Sie kommen?“ ſtotterte der alte Mann— „Zu Crebillon,“ ſagte Kaunitz. „Zu mir?“ rief der Greis,„Sie kennen mich alſo! nein, nein! Sie täuſchen mich.“ „Ich täuſche Sie nicht,“ ſagte der Graf;„ich komme zu Crebillon, deſſen Trauerſpiele mich mit Entzücken er⸗ füllt haben.“ „Sie— Sie— kennen meine Trauerſpiele?“ ſtam⸗ melte Crebillon,„mein Gott! ſpricht man denn noch von mir? Wer ſind Sie, mein Herr? Sie kennen jetzt meinen Namen, ich muß den Ihren wiſſen.“ „Ich bin Kaunitz,“ ſagte der Graf. „O! der Geſandte der Maria Thereſia,“ rief Cre⸗ billon;„mein Gott, ich habe Ihnen nicht einmal einen Seſſel zu bieten— und Sie— Sie kennen meine Trauer⸗ ſpiele! Mein Gott, wenn ich nur aufſtehen könnte, aber es wäre unanſtändig.“ „Erlauben Sie nur, daß ich dies Fenſter ſchließe,“ ſagte Kaunitz,„wir werden uns verkühlen.“ „Ach ja!“ ſagte Crebillon verlegen,„es iſt aber wegen Catilina; nun er wird pochen. Schließen Sie alſo, wenn Sie die Güte haben wollen.“ Kaunitz verriegelte das Fenſter.. 121 „Da haben Sie meine Kerze!“ rief Crebillon und deu⸗ tete auf den Mond.„Könnte ich nur Licht machen.“ „Das iſt das Geringſte,“ entgegnete Kaunitz,„aber es iſt nicht geheizt und ich werde krank.“ „Was iſt da zu machen?“ ſprach Crebillon. „O, wie habe ich mich gefreut, mit dem berühmten Dichter zu plaudern— und jetzt—“ „Sie gehen alſo wieder?“ ſagte Crebillon mit einem Seufzer. „Nein!“ erwiderte Kaunitz,„wenn Sie erlauben, daß ich einheize.“ „Gut,“ ſagte der Alte,„aber nur für Sie.“ „Und Licht mache.“ „Einverſtanden, aber nur für Sie.“ „Haben Sie freundliche Nachbarn?“ „Nur das Fräulein unten wegen des Catilina, er macht nämlich ihrer Katze den Hof.“ „Wer iſt Catilina?“ fragte Kaunitz. „Da iſt er ſelbſt,“ rief Crebillon,„er pocht, ich will ihm öffnen.“ Ein großer ſchwarzer Kater erſchien am Fenſter. Er rieb ſich an demſelben und ſchlug dabei mit dem langen buſchigen Schweife an die geflickten Scheiben. Kaunitz öffnete. Mit einem Satze war das mächtige Thier aufdem Lager des greiſen Dichters und überhäufte ihn mit Liebkoſungen. „Wo iſt das Fräulein?“ „Rechts!“ ſagte Crebillon. Der Graf fand ſchnell die Thüre und auf ein wieder⸗ holtes Klopfen öffnete eine anſtändig gekleidete Dame. 122 „Darf ich Sie gegen augenblickliche Zahlung bitten, mir für Herrn Crebillon etwas Holz und Kerzen zu überlaſſen?“ Damit nahm Kaunitz ein Goldſtück aus der Börſe. „Sehr gerne,“ ſagte das Fräulein,„hier iſt die Kerze, hier das Holz.“ Kaunitz lud die Scheite auf ſeinen Arm und zündete die Kerze an. Auf dem Herde der Dame loderte ein kleines Feuer. „Sie kochen?“ fragte der Graf. Die Dame bejahte. „Werden Sie die Güte haben, uns einen Kaffee zu machen?“ „Mit Vergnügen,“ entgegnete ſie,„ich bin ohnehin in Verlegenheit, Ihnen herauszugeben.“ „Gut,“ ſprach der Graf,„wir erwarten Sie alſo.“ „Mein Gott, Sie machen ſich Auslagen,“ ſagte Cre⸗ billon. „Ich werde mir wohl für mein Geld einheizen dürfen,“ ſagte Kaunitz, während er das Holz in den Kamin legte. Bald praſſelte in demſelben das Feuer. Behaglichſtreckte ſich der Kater auf dem Geſimſe und leckte ſein glänzendes Fell. „Iſt er nicht ein ſtolzes Thier?“ fragte Crebillon,„er würdigt Sie keines Blickes, nur gegen mich iſt er die Zärt⸗ lichkeit ſelbſt, ein ſchwarzes Lämmchen, eine Taube! Da haben Sie meine Freunde— dort iſt der Voltaire—“ er zeigte einen räudigen Hund, der auf der Erde auf Cre⸗ billon's Rocke lag—„und hier mein Philoſoph— er kommt hervor— die Wärme lockt ihn.“ Damit deutete er auf einen kranken Kater, welcher unter ſeinem Bette hervor⸗ kroch, ſich ſtreckte und dehnte und langſam vorſichtig die Pfoten vor ſich ſetzend, dem Kamine zuſchritt.„Er iſt 123 blind,“ ſagte Crebillon,„aber die beſte Seele von der Welt, die andern verlaſſen mich alle, aber der nicht. Er iſt ein aufrichtiger Freund. Das wird ein ſchwerer Tag ſein, wenn ich den begrabe! Nun wärme dich nur. Das thut gut! Sie verdenken es mir doch nicht, wenn ich denen gegenüber thue, als wenn ich hätte heizen laſſen. Es iſt nur des nöthigen Reſpectes wegen. Man darf ſich nie etwas vergeben.“ Die Dame kam mit dem Kaffee.„Was haben Sie ge⸗ than?“ ſagte Crebillon zornig.„Sie wollen mich beſchämen.“ „Nein, Crebillon! das will ich nicht, ich will Sie bitten, mein Gaſt zu ſein, das iſt Alles. Ich bitte Sie, Crebillon, ich bitte Sie recht ſehr!“ „Es wird wohl ſein müſſen,“ ſagte der greiſe Dichter und ſtreckte die magere Hand gegen Kaunitz,„ich danke Ihnen.“ Kaunitz ſchenkte die kleinen Taſſen voll, ordnete das Gebäck und bediente den Greis. So ärmlich die Stube war, wurden die feinen Formen des Salons Geoffrin nie außer Acht gelaſſen. Die Stube war warm geworden, die Katzen ſchnurrten um die Wette, Crebillon's Augen leuchteten, der Kaffee regte ihn auf. „Haben Sie meinen Atreus geleſen?“ fragte er lebhaft. „Er muß auf der Bühne eine erſchütternde Wirkung gemacht haben,“ antwortete Kaunitz. Crebillon nickte lächelnd.„Es war ein Triumph!“ ſagte er,„mein erſter!“ Er lehnte ſich in ſeine Polſter zu⸗ rück und verſank in Erinnerungen. Sein Antlitz verklärte ſich, ſeine Finger zählten Jamben. Er fuhr fort:„Meine erſten Verſe habe ich in der Schule gemacht, zu Dijon bei den Jeſuiten. Ich las Aeſchyllus und Sophokles und ſollte Advocat werden. Zu Fuße kam ich nach Paris zu dem Pro⸗ curator Prieur, er war ein Ehrenmann, ich ſegne ſein An⸗ gedenken. In Prieur's Schreibſtube ſollte ich das Jus an⸗ wenden lernen, aber Prieur liebte das Theater, die Poeſie, gleich mir, mit einer unbezwingbaren Leidenſchaft. Glan⸗ ben Sie, wir haben dem Parlamente viel Arbeit gemacht? Hl anſtatt Klagen und Repliken zu verfaſſen, deklamirte Prieur, und ich, ſobald er nämlich das Schlagwort gab, recitirte die Gegenrede ſo gut ich es eben konnte. Anſtatt über den ſchleppenden Rechtsgang zu raiſonniren, verriſſen wir die Schauſpieler, und gingen Abend für Abend in das Theater, anſtatt in die Gerichtsſitung. Sie müſſen wiſſen, daß ich etwas— zornig bin, aber ich glaube— gut dabei. Nun Prieur aber meinte, zum Ad⸗ vocaten würde ich es nie bringen, wenn ich ihm aber Verſe ſagte oder die neuen Stücke beſprach, klopfte er mir auf die Achſel und ſagte: Schreiben Sie ein Stück, Crebillon, Sie haben Talent, viel Talent, ſchreiben Sie ein Stück.“ „So entſtanden die Kinderdes Brutus,“ ſprach Kaunitz und ſchenkte die Taſſen wieder voll. „Sie wiſſen das?“ ſagte Crebillon,„o! es war eine ſchöne, ſchöne Zeit. Nun die Schauſpieler, Sie wiſſen, daß dieſe an dem königlichen Theater über neue Stücke abzu⸗ ſtimmen haben, fanden das Stück ſchlecht. Ich weiß nicht, ob es ſo war. Ich erinnere mich aber jenes Abends deutlich. Ich erhielt es zurück. Wie ein Kind hatte ich es ge⸗ liebt, auch jetzt noch trug ich es vorſichtig im Arme nach 5 Hauſe, richtete im Kamin einen Scheiterhaufen auf, legte das Stück in das Feuer und ſaß dabei, bis das letzte Blatt verkohlt war. Ich habe die ganze Nacht geweint um das Stück. Prieur! ſagte ich, ich habe kein Talent, die Schau⸗ ſpieler wiſſen es beſſer. Die Schauſpieler wiſſen ſelten ihre Rollen, ſagte er, das iſt Alles was ſie wiſſen. Sie haben Talent, ſchreiben Sie ein neues Stück.“ „Sie ſchrieben IJdomeneus,“ ſagte Kaunitz. „Auch das kennen Sie!“ rief der Greis.„Hören Sie alſo: Prieur liebte das Schreckliche über Alles. Schreiben Sie nur recht ſchrecklich, Crebillon, ſagte er, ſchrecklich, ſagte er bei jeder Scene, jedem Verſe— ſo wurde das Stück ſchreck⸗ lich, aber es wurde aufgeführt. Der letzte Act,— das Pu⸗ blikum iſt ſehr unartig— die erſten Acte wurden applaudirt — der fünfte ausgeziſcht. Wir kamen aus dem Theater, Prieur und ich. Sie müſſen das anders machen, ſagte der wackere Procurator, ſchrecklicher! Man liebt heutzutage das Schreckliche. Ich ſetzte mich alſo noch dieſelbe Nacht nieder und ſchreibe den fünften Act ganz neu. Prieur macht Kaffee, er war ſo gütig wie Sie, ſitzt an meiner Seite und ſtößt mich nur von Zeit zu Zeit mit dem Arme. Schrecklicher! ſagt er, Crebillon, ſchrecklicher. So ſchreibe ich den Act in fünf Tagen ganz neu, das erregt Aufſehen, das Stück gefällt! Jetzt weihe ich mich ganz der Bühne, dichte Atreus, und reiche ihn ein. O, es war eine ſchöne Zeit!“ Thränen traten in die Augen des alten Mannes. „Die Aufführung findet ſtatt. Paris iſt auf den Fü⸗ ßen. Kein Sitz zu haben, man ſtürmt das Parterre, die 126 Galerien, mein gütiger Prieur iſt ſterbens krank, aber er läßt ſich in die Loge tragen, um mein Stück zu ſehen. Das Stück erregt Beifall— Act für Act— ein Sturm.“ Crebillon hielt inne, dann fuhr er fort, ſeine Stimme zitterte:„Prieur ſchließt mich in ſeine Arme. Ich ſterbe, ſagte er, aber ich ſterbe zufrieden. Ich habe Sie zum Dich⸗ ter gemacht, ich hinterlaſſe in Ihnen einen Mann, welcher der Nation angehört. Ol es war eine ſchöne Zeit. Es fol⸗ gen Elektra, Rhadamiſte, binnen acht Tagen zwei Auf⸗ lagen! Lerxes, Semiramis, Pyrrhus, bis Vol⸗ taire's Stern aufſteigt und der Crebillon's erbleicht.“ „Sie haſſen Voltaire?“ fragte Kaunitz. „Nein!“ erwiederte Crebillon ſanft,„mein Gott! es ſoll Jeder ſeine ſchönen Tage haben, was bleibt uns endlich, als die Erinnerung. Aber Voltaire hat— laſſen wir das— er iſt ein böſer Menſch, der dort—“ er wies auf den Hund,—„den nenne ich ſo, weil er böſe iſt und mir die Anderen beißt. Aber Catilina ohrfeigt ihn und ich prügle ihn. Es iſt das einzige Thier, das ich ſchlage. Ich denke dabei, ich prügle Voltaire. O! man hat doch noch ſeine Freude, wenn man auch ver⸗ laſſen iſt und einſam. Aber nein! ich bin nicht verlaſſen, Sie ſind bei mir mit Ihrem Kaffee, wie damals der alte Prieur, als ich den letzten Act des Idomeneus ſchrieb!“ „Und Ihre Thiere,“ ſagte Kaunitz ſeltſam ergriffen, „laſſen Sie wohl nie Ihre Einſamkeit fühlen?“ „Der Blinde iſt immer bei mir,“ ſprach Crebillon. „Catilina iſt ein Abenteurer; kühn, tapfer wie der Römer, kennt er auch keine Schranke. Es giebt keine Ehe in der Nachbarſchaft, die er nicht ſtören würde. Mit dem Blinden iſt es anders. Das iſt ein Philoſoph. Ich liebe die kranken Thiere mehr, wie die andern, weil ſie leiden, und das Lei⸗ den macht geiſtiger; ſie ſtehen dem Menſchen näher, auch ich verſtehe ſie beſſer. Wenn der Mond wächſt, wird er un⸗ ruhig,“— er deutete auf den blinden Kater,—„aber er kann es nicht mehr wagen, wie Catilina über die Dächer zu ſchreiten. Da habe ich ihm eine Galerie gemacht vor dem Fenſter, da geht er auf und ab, dann ſetzt er ſich, die armen blinden Augen gegen den Mond und ſingt ſeine Liebeslieder. Sie glauben nicht, wie das rührend iſt, er ſingt ſo ſanft, ſo elegiſch. Ich verſtehe ihn! aber es iſt Alles umſonſt. Wie lange bemühe ich mich, ihm eine Frau zu finden. Ach! die Frauen ſind leichtfertig, vergnügungsſüchtig, auch die Katzen⸗ frauen.“ „Crebillon!“ ſprach⸗Kaunitz, indem er liebevoll die Hand auf jene des Greiſes legte.„Sie haben ſeitdem kein Trauerſpiel geſchrieben?“ Verwirrt ſenkte der Alte den Blick.„Doch,“ ſprach er leiſe;„glauben Sie den Leuten nicht, halten Sie mich für keinen Müßiggänger. Ol ich arbeite Trauerſpiele, furcht⸗ bare, entſetzliche Trauerſpiele, und Luſtſpiele, luſtig, wie ich ſelbſt es bin. Ol ich arbeite, ich arbeite! Ich habe viele, ſehr viele Trauerſpiele geſchrieben. Es fehlt mir zwar an Dinte und auch an Papier, aber ich habe doch oft das ſchöne Licht, den Mond, dann lieg' ich hier in den zerriſſenen Kiſſen und ſchreibe Vers auf Vers an die weiße Wand— ſo!“— er zog mit dem Finger Kreiſe in die Luft.— „Ich führe ſie auch auf— ich allein, und die dort ſind mein Publikum, und wenn Catilina und der Blinde ergrif⸗ „ 128 fen ſind von einer Scene, heult Voltaire aus Neid. Die draußen ſollen mir aber nicht eines auf der Bühne ſehen, das iſt meine Rache. Ja! Proſper Crebillon dichtet Trauer⸗ ſpiele. Jetzt eben ſchreibe ich eines,“ flüſterte er.„Den ſchwarzen habe ich darnach genannt!“ „Sie ſchreiben ein Trauerſpiel?“ rief Kaunitz,„Proſ⸗ per Crebillon, Sie ſchreiben es für Frankreich!“ Der alte Dichter ſtarrte Kaunitz an. „Ich ſelbſt,“ fuhr dieſer fort,„bringe Ihnen Papier, Feder, Dinte, und Ihr Trauerſpiel wird aufgeführt auf dem Theater des Königs.“ „Mein Gott!“ rief Crebillon,„iſt das auch wahr?“ „Ich!“ rief Kaunitz„ich führe es auf.“ „Sie?“ „Ich, Crebillon, ich führe Ihr Stück auf.“ „Sie!“ rief der Greis,„Sie führen mein Stück auf!“ geiſterhaft richtete er ſich auf, das Auge auf die Wand ge⸗ heftet.„Ol ich dichte!“ rief er,„ich dichte! Stille!— Sehen Sie doch, das iſt das Forum.— Nacht iſt es, nur der volle Mond wirft ſein Licht dämmernd in die Säulenhallen; Stille iſt es, tiefe Stille!— und da iſt er!— dort— dort — tritt er auf— in der weißen Toga.— Catilina!“ „Sie wollen dem Geſandten, dem Grafen einen Be⸗ ſuch machen?“ ſagte die Nachbarin erſtaunt zu Crebillon. „Sie haben ja nichts anzuziehen.“ „Das iſt es eben,“ ſagte der Greis heiter;„Sie, mein 129 Fräulein werden es aber möglich machen, daß ich die Pflich⸗ ten des Anſtandes nicht verletzen muß.“ „Wie ſoll ich das?“ ſagte die Nachbarin neugierig, „Sie wiſſen, wie dürftig ich ſelbſt bin!“ „O! Sie ſind ein weiblicher Sardanapal,“ ſagte Ere⸗ billon.„Sie wollen auf Ihren Schätzen ſterben. Hat Ihnen Ihr Bruder, der Officier, nicht einen Hut mit Treſſen hin⸗ terlaſſen? In dieſem Hute werde ich wie ein Edelmann ausſehen.“ „Sie haben Recht, Herr Crebillon, aber Sie werden mir ihn gewiß nicht zu Grunde richten?“ „Gewiß nicht, Fräulein Sardanapal!“ Sie lief und kam mit dem Hute wieder. Crebillon ſetzte ihn auf.„O! ich werde noch Staat machen,“ ſprach er;„nun wenden Sie ſich gegen das Fenſter,“ damit ſprang er aus dem Bette, nahm den Mantel des Grafen Kaunitz über ſich und rief:„Fräulein! Sehen Sie mich nun an. Nun? was ſagen Sie jetzt?“ „Prächtig,“ ſagte die Nachbarin,„nur dürfen Sie ſich nicht vergeſſen und den Mantel auseinanderſchlagen.“ „La! la! la!“ ſang Crebillon und ſchritt mit der beſten Haltung durch das Zimmer. Die Thiere kamen heran und ſahen ihn verwundert an. „Aber, mein Gott!“ ſchrie die Nachbarin auf. „Sie haben mich erſchreckt und auch den Blinden,“ ſagte Crebillon. Dabei ſtreichelte er die kranke Katze.„Was giebt es denn?“ „Mein Gott!“ ſagte das Fräulein,„Sie haben ja keine Schuhe, Herr Crebillon.“ „In der That,“ ſagte Crebillon,„aber das thut nichts. Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. I. 9 130 Meine Schuhe ſind zerriſſen, aber Sie— Sie geben mir Ihre Schuhe!“ „Meine Schuhe!“ rief die Nachbarin erſchreckt. Gewiß!“ ſagte Crebillon;„ich kenne Ihren Tag. Sie ſind jetzt zu Hauſe und leſen die Legende, das können Sie auch in meinen zerriſſenen Schuhen thun und ich gehe in Ihren guten Schuhen zu dem Grafen Kaunitz,“ damit reichte er ihr mit einer zierlichen Verbeugung die letzten Reſte zweier Schnallenſchuhe. „In Gottes Namen alſo,“ ſagte die Nachbarin,„neh⸗ men Sie meine Schuhe!“ zog ſie aus und der Dichter von Rhadamiſte ſchlüpfte ſchnell hinein. „Wie ſehe ich nun aus, Fräulein?“ fragte Crebillon. „Wie ein Cavalier,“ ſprach ſie.„Gehen Sie mit Gott!“ „Ich danke Ihnen! auf Wiederſehen, Nachbarin, auf Wiederſehen! la, la, la.“ Im Palaſte des Grafen fragte er nach dem Secretair. Dieſer geleitete ihn augenblicklich in den kleinen Empfangs⸗ ſaal, wo Kaunitz den greiſen Dichter herzlich in ſeine Arme ſchloß. „Wie ſoll ich Ihnen danken, daß Sie mich ſo bald be⸗ ſuchen! Ich ſehe daraus, daß Sie Ihren Catilina nicht an die Wand ſchreiben wollen,— aber nehmen Sie doch den Mantel ab.“ „Den Mantel?“ ſagte Crebillon verlegen,„darf ich ihn nicht mehr behalten?“ „Doch, doch!“ ſagte Kaunitz,„aber Sie erinnern mich an eine Behauptung Bernis'. Sie wiſſen, er iſt kühn in Behauptungen. Letzthin, im literariſchen Kaffeehauſe, als von Ihnen die Rede war—“. „Sie ſprechen von mir!“ ſprach Crebillon verſchämt, „im— im—“ „Im Kaffeehauſe der Literatur,“ entgegnete Kaunitz, „freilich jeden Abend. Bernis nun behauptete, daß Sie viel größere Füße hätten als ich.“ „Was ſo ein Abbé nicht Alles behauptet,“ ſagte Cre⸗ billon, und betrachtete ſeine Füße. Kaunitz klingelte.„Frangois, meine Schuhe.“ Der Kammerdiener hatte ſie bereits in der Hand.„Nun ver⸗ ſuchen Sie,“ bat der Graf. „Ich bitte Sie!“ „Ihre Dienerſchaft errathet Sie,“ bemerkte Crebillon, indem er die Schuhe des Grafen anzog. „Sehen Sie,“ ſagte Kaunitz,„ich gewinne die Wette. Die Schuhe ſind wie für Sie gemacht. Nun müſſen Sie ſich aber auch damit ſehen laſſen.“ „Muß ich das?“ fragte Crebillon. „Sie wollen doch nicht, daß ich die Wette verliere?“ „Sie ſollen die Wette gewinnen,“ ſagte der Dichter und ſteckte in jede Taſche des Mantels einen der Schuhe ſei⸗ ner Nachbarin. Der Graf klingelte wieder. Francvis erſchien mit einem Rocke. „Gehört das auch zur Wette?“ fragte Crebillon betroffen. „Gewiß!“ erwiderte Kaunitz und breitete den Rock aus. „Ich!“ ſagte Crebillon, indem ſeine Verlegenheit von Augenblick zu Augenblick ſtieg,—„das— das— kann ich nicht.“ F Kaunitz war bemüht, ihm den Mantel herabzunehmen, 9* aber Crebillon war erfinderiſch, ſich in demſelben zu be⸗ haupten. „Ich— ich— habe ja nichts— gar nichts an,“ ſprach er endlich und ſein Blick irrte in dem Zimmer umher. „Um ſo beſſer,“ ſagte Kaunitz, indem eine Bewegung ſeiner Hand Francois entfernte;„ich kenne Ihre Toilette und will ſelbſt den Kammerdiener machen.“ Damit zog er Crebillon den Mantel herab. Der Greis ſchlüpfte ſchnell in den Rock des Grafen, deſſen Schöße ihm bis auf die Ferſen fielen, er hatte Mühe, mit den Händen die Taſchen zu erreichen. Crebillon ſah ſich in dem Wand⸗ ſpiegel und lachte. „Verzeihen Sie,“ ſagte Kaunitz,„das Beinkleid habe ich vergeſſen!“— Schon war Francvis wieder zur Hand. „Mein Gott, Sie täuſchen mich!“ rief Erebillon,„kann ich das Alles annehmen und werden Sie dann ſagen: Pros⸗ per Crebillon iſt ein Mann, wie er ſein ſoll?“ „Sie ſchreiben mir den Catilina!“ ſagte Kaunitz, „wollen Sie mich beſchämen?“ „Gut!“ rief Crebillon,„aber ich ſchreibe den Cati⸗ lina für Sie, für Sie allein. O! ich räche mich.“ Da überfiel es den alten Mann wie tiefe Trauer. „Man wird ihn mir aber nehmen,“ ſagte er ängſtlich. „Wer?“ fragte Kaunitz. „Meine Gläubiger, ſie nehmen mir Alles. Wenn ich ihn hier ſchreiben könnte bei Ihnen! Aber ich falle Ihnen gewiß zur Laſt.“ „Sie geben mir eine Idee,“ ſagte Kaunitz,„wollen Sie mein Gaſt ſein? auf meinem Landgute, ferne von der Stadt, wo Sie Niemand entdecken ſoll?“ „Warum nicht?“ erwiederte Crebillon,„wenn ich Ih⸗ nen dort den Catilina ſchreiben kann, er wird gut, der Catilina!“ „Ich bin entzückt!“ ſprach Kaunitz,„morgen, wenn es dämmert, wird ein verdeckter Wagen vor Ihrem Hauſe ſtehen. Mein Seeretair wird Sie begleiten.“ Crebillon ſchüttelte den Kopf.„Es geht doch nicht. Ich habe die dort vergeſſen. Es geht nicht, denken Sie, der Blinde, es wäre ſein Tod.“ „Nehmen Sie doch Ihre Freunde mit.“ „Sie— Sie— erlauben!“ rief Crebillon,„o! wie danke ich Ihnen— er wird ſich erholen auf dem Lande— ich danke Ihnen.“ Am Abende eilte ein alter Mann durch die Rue Saint Antoine und declamirte mit heftiger Bewegung:„Wie lange wirſt Du noch unſere Geduld erſchöpfen Catilina!— Voltaire!“ VIII. Der ſchönſte Wintermorgen blickte heiter glänzend in die Fenſter von Verſailles. Auch der König war guter Laune, verliebt wie ein junger Gatte ſtand er vor dem Vorhange, welcher das Schlafgemach der Marquiſe von Pompadour von ihrem allerliebſten Boudoir trennte, und lauſchte den Athemzügen der geliebten Frau. „Sie ſchläft noch,“ ſagte die Zofe. „ 134 „Sie ſchläft,“ wiederholte der König, indem er auf den Fußſpitzen durch das Zimmer ging,„und ich kann es nicht erwarten, ſie zu ſehen.“ „Sire! wenn die Marquiſe das wüßte, würde ſie heute gar nicht aufwachen.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Ludwig XV.„Ol ſie iſt grauſam. Sie ſchläft. Aber— ich— ich— werde— ſie wecken.— Sie verrathen mich nicht.“ Ludwig XV ſtieß vorſichtig die Reitpeitſche durch die Stäbe des goldenen Käfigs, welchen der weiße Papagei der Marquiſe bewohnte. Der Vogel ſträubte ſein Gefieder und ſchoß zornige Blicke auf den König, jetzt berührte ihn die Peitſche leiſe, aber ſie berührte ihn und das war geng. „Ludwig!“ ſagte der Papagei vorwurfsvoll. „Wirſt du ſchweigen!“ ſprach der König und traf ihn beſſer. „Ludwig!“ ſagte der Papagei noch einmal, gleichſam ermahnend. „Der verrathet mich,“ flüſterte der König, damit be⸗ gann er ſeine Reitpeitſche leiſe an der Fenſterſcheibe zu ſchwingen. „Summt ſie nicht wie eine Fliege— eine von den großen?—“ „Gewiß! Sire, aber wir haben Froſt und Winter—“ „Mein Gott! Sie haben Recht, aber ich glaube, ſie iſt bereits erwacht.“ Die Marquiſe bewegte ſich. Der König theilte den Vorhang.“ 135 „Sie ſchläft nicht!“ rief er, eilte an ihr Himmelbett und kniete ihr zu Häupten nieder. Ueberraſcht richtete ſich die Marquiſe auf. „Woher dieſe Gluth?“ ſprach ſie lächelnd.„Haben Sie nicht mit Richelieu im Holze von Senart gejagt?“ Sie entzog ſich kokett der Umarmung Ludwig's. „Haben Sie mich nicht dafür volle acht Tage aus Ihrer Nähe verbannt?“ „Verbannt?“ erwiederte die Pompadour.„Sie ſelbſt haben ſich verbannt.“ „Durfte ich Ihnen folgen? Sind Sie mir nicht ent⸗ flohen?“ „Entflohen?“ „Nach Ihrem Landgute.“ „Um zu beweiſen, daß ich keine ſo ſchlechte Wirthin bin, als mich die Satyre in läßt.“ „Nach Vincennes— un unſer gemeinſames Werk zu bſichtigen 1 Porzellanfabrik—“ „Es iſt auch Ihr Werk, Sire, aber Sie waren nicht zur Stelle.“ „Nein, Antoinette, aber zur Stelle war ich— am Mor⸗ gen— vor dieſem Vorhange,— um Ihre Pantoffel,— Ihre kleinen Pantoffel klappen zu hören— Antoinette!“ „Sie können ſie auch küſſen, Sire, wenn Sie wollen,“ ſagte die Marquiſe und entſchlüpfte noch einmal dem könig⸗ lichen Geliebten. „Nein!“ entgegnete dieſer,„ich will Ihre Füße küſſen.“ „Nein!“ rief die ſchöne Frau. „Ja!“ ſagte der König und ſuchte ihren Fuß zu erhaſchen. — Sie aber ſtieß ihn lachend mit dem Knie zurück. „Wie Sie zudringlich ſind, das erinnert mich an mei⸗ nen Traum.“ „Sie haben geträumt?“ „Von einer großen— großen Fliege.“ „Groß?“ „Groß wie Sie, Sire,“ wieder war ihm ihr niedlicher Fuß entſchlüpft. „Sie hatte Flügel, wie Segel eines Kriegsſchiffes, und ſchlug damit ſchwerfällig die Luft, mir ward Angſt, ich warf mit dem Polſter nach ihr. Sie aber kam immer wie⸗ der und flatterte und ſummte.“ „Ha! ha! ha! die Fliege bin ich,“ ſagte der König. „In der That,“ lachte die Marquiſe. „Ich habe geſummt?“ ſagte der König. „Sie flattern um mich,“ rief die Marquiſe.„Wie rette ich mich?“ Eben ertappten ſeine Hände ihr Füßchen. „Hl der Polſter,“ und ſie warf das kleine Federkiſſen dem Könige in das Geſicht. Er ließ los. Sein rothes Sammtkleid war mit kleinen Federn überſäet. Der König lachte. Die Marquiſe lachte, der Papagei lachte und die Zofe, die auf einer kleinen Porzellantaſſe das Frühſtück brachte. „Oho!“ rief der König,„Sie wollen einen Kaffee neh⸗ men, den ich nicht bereitet habe, das iſt Verrath an der Liebe.“ „Gewiß!“ entgegnete die Marquiſe,„ich verdiene die Baſtille, aber ich fühle etwas wie—“ „Wie Rührung?“ unterbrach ſie der König. „Nein, wie Appetit,“ ſprach die Pompadour,„und ich nehme den Kaffee.“ „Nein! das ſollen Sie nicht,“ rief der König entrüſtet, „ehe ich zugebe, daß Sie einen Kaffee nehmen, den gewöhn⸗ liche Hände bereitet haben, trinke ich ihn ſelbſt!“ „Aber, mein Gott! ich habe Appetit und er iſt ja ge⸗ nießbar.“ „Es iſt Ihr gutes Herz,“ ſagte Ludwig XV.,„das Sie ſo nachſichtig macht.“ „Nein! mein Appetit,“ rief die Marquiſe und ergriff die Taſſe. Der König faßte eben ſo eilig die Kaffeeſchale und ſprach:„Das ſagen Sie nur ſo. Sie wollen mich täuſchen. O! Sie ſind Meiſterin der Verſtellung, aber— dieſer Kaffee iſt gegen meine Regierungsgrundſätze. Sind Sie nicht die Geliebte des Königs von Frankreich? Ich weiß, was ich meiner Würde ſchuldig bin!“ Damit entriß er der Pompadour den Kaffee und warf das ganze Service in die Ecke, daß das koſtbare Porzellan gleich den Splittern einer platzenden Granate umherflog. Die Marquiſe rief zornig:„Jetzt machen Sie mir den Kaffee, Sie ſelbſt, augenblicklich, ich gebe Ihnen eine Vier⸗ telſtunde Zeit, ich weiß, was ich meinem Appetit ſchul⸗ dig bin.“— Mit einer reizenden Bewegung zog ſie ſich in ihre Pol⸗ ſter zurück. „Das will ich,“ entgegnete der König,„ich ſelbſt mache den Kaffee.“ Die Klingel rief die Zofe. Im Augenblicke war die niedlichſte Kaffeemaſchine, das Käſtchen mit den braunen Bohnen, die Zuckerbüchſe, Alles zur Hand. „Sehen Sie, es kocht ſchon prächtig,“ ſagte der König, der eilig an das Werk gegangen war. Die Marquiſe ſchwieg. „Erſt drei Minuten,“ ſagte der König,„es kocht ſchon. Da muß ich aber erſt den Kaffee mahlen.“ Die Klingel rief noch einmal die Zofe. Auch die Kaffeemühle war da. „Antoinette,“ ſagte Ludwig XV.,„Sind Sie böſe?“ Er ſetzte ſich auf einen Polſterſchemel zu ihrem Bette und nahm die Kaffeemühle zwiſchen die Kniee. Noch gab ſie keine Antwort. Er begann die Kurbel zu drehen, jetzt ſchneller, jetzt langſam, das gab wunderbar lächerliche Töne. Die Marquiſe preßte erſt die Lippen zuſammen, dann drückte ſie das Geſicht in das Kiſſen— jetzt ein Ton wie aus dem Liebesliede eines Katers— die Marquiſe lachte auf, wie toll warf ſie ſich im Bette. Der König ſprang auf, umſchlang ſie und küßte auf ihr Geſicht, ihren Nacken, ihren Buſen blutrothe Flecke. „Mein Gott!“ rief die Marquiſe,„Sie ſind ein Künſt⸗ ler auf der Kaffeemühle, Sie entlocken ihr Andantes, Alle⸗ gros, Lieder und Sonaten!“ „Sie ſind nicht mehr böſe, Antoinette?“ „Wie könnte ich? ich bin entwaffnet durch ein Concert auf der Kaffeemühle! Geben Sie mir meine Schuhe.“ „Sie wollen aus dem Bette?— aber beim heiligen Denis, ich vergeſſe den Kaffee!“ 8 Nit einer Art Wuth preßte Ludwig die Kaffeemühle wieder zwiſchen ſeine Kniee und mahlte heftig fort, von dem übermüthigen Gelächter der Geliebten begleitet, dann ſchüt⸗ tete er den Kaffee in die Maſchine und begann ihn zu kochen. „Haben Sie Neuigkeiten für mich?“ fragte Ludwig XV. „Die Hülle und Fülle,“ erwiederte die Pompadour. „Ich habe eine für Sie,“ ſagte der König,„ich wette, ſie wiegt alle Ihre kleinen Intriguen auf.“ „Die wäre?“ „Aber, Sie werden plaudern, Antoinette—“ „Ich plaudere nie, Sire, außer mit Ihnen, das wiſ⸗ ſen Sie.“ „Ich weiß es, alſo— Voltaire verläßt Paris.“ „Paris?“ „Frankreich.“ „Das iſt unmöglich!“ rief die Marquiſe. „Es iſt doch möglich,“ ſagte der König, an der Ma⸗ ſchine beſchäftigt.„Ihre Dichter, Ihre Geiſter, Antoinette, ſind doch eigentlich recht gewihniche Menſchen, was iſt da das Vaterland, die Nation gegen eine goldgefüllte Börſe!“ „Voltaire,“ ſagte die Marquiſe,„verläßt Frankreich, es iſt nicht möglich!— Der Dichter der Henriade, der An⸗ walt der Unſchuld, der Streiter gegen die Unwiſſenheit, die uns alle noch gefangen hält— Voltaire, vor deſſen Feder unſer Parlament, die Kirche, die Geſellſchaft zittert— Vol⸗ taire gibt ſeine Miſſion in Frankreich auf für— Gold!“ „Er geht nach Potsdam zu dem Könige von Preußen!“ ſagte der König. „Alſo iſt es der Ehrgeiz, b ihn entführt. Voltaire 140 muß verletzt ſein, beleidigt, unzufrieden. Er will Frank⸗ reich, er will uns zeigen, daß Europa ihm geben kann, was wir ihm verſagen.“ „Was verſagen wir ihm denn, Marquiſe?“ fragte Lud⸗ wig XV.,„beherrſcht er nicht den Geſchmack, die Literatur, das Theater? Habe ich ihm nicht Auszeichnungen ertheilt, welche die Könige von Frankreich bisher nur ihren erſten Edelleuten zu Theil werden ließen?“ „Ich weiß, was ihm fehlt. Voltaire möchte mit mir Briefe wechſeln, wie mit Friedrich, und ſeinen König ſei⸗ nen Freund nennen, wie den tapfern Philoſophen von Potsdam.“ Ludwig XV. ſchenkte den Kaffee ein und bediente da⸗ mit die ſchöne Frau, welche ihn und ſein Reich unum⸗ ſchränkt beherrſchte. „Ich werde Sie nicht überzeugen,“ ſagte ſie ſcherzend, „Trajan wird ſeinem Poeten nie verzeihen!“ „Erinnern Sie mich nicht daran,“ ſprach Ludwig,„ich könnte mich ärgern.“ „Trajan!“ rief die Marquiſe,„Du entkommſt mir nicht! das iſt es! deshalb büßt Voltaire! deshalb ſoll er Frankreich verlaſſen.“ „Verbanne ich ihn denn?“ entgegnete der König,„ihn lockt der preußiſche Hof, die Berliner Akademie, der Jah⸗ resgehalt, Orden.“ „Ueberbieten Sie Friedrich,“ erwiederte die Pompa⸗ dour,„und Voltaire wird bleiben!“ „Nein, Antoinette, er wird nicht bleiben.“ „Aber, Sire, welcher Verluſt für Frankreich, für Sie!“ „Nun, ich werde mich tröſten.“ „Aber ich nicht!“ „Sie werden ſich tröſten. Sie lieben den Dichter der Meérope, der Henriade, ich weiß es; ich leſe ſeine Bücher nicht und ſehe ſeine Stücke nie an, das wiſſen Sie auch. Nie hatte Voltaire ſich eines Zeichens meiner Gunſt zu rühmen, — daß er es heute thun kann, dankt er Ihnen, den Kammer⸗ herrnſchlüſſel, den Sitz in der Akademie— Ihnen, Antoinette! Ich liebe ihn nicht, denn er iſt irreligiös und unmoraliſch.“ Die Marquiſe ſchlürfte langſam ihren Kaffee. „Unſere Zeit, Sire, unſere ganze Literatur iſt nicht religiös.“ „Aber ich bin es,“ ſagte der König.„Sie beſchützen dieſe Literatur, ich bin ihr Gegner. Was der Fronde, den Hugenotten nicht gelang, damit bedrohen dieſe Philoſo⸗ phen, dieſe Schriftſteller die Geſellſchaft, den Thron. Laſſen Sie ſich von Richelieu erzählen, was für Ideen Rouſſeau im Salon der Geoffrin entwickelt, und von Bernis Einiges aus der Pucelle deklamiren. Es wird das Furchtbarſte, was noch geſchrieben worden iſt, jeder Vers eine Blasphemie. Voltaire geht vielleicht nur deshalb nach Potsdam, um nicht in die Baſtille zu wandern.“ Die Marquiſe gab dem Könige die Taſſe zurück. „Sie ſelbſt erkennen die Macht der Literatur an,“ ſprach ſie,„wie ich die Gewalt, welche die Religion über das Volk . hat. Nun gut. Soliſt Frankreich unſer. Sie üben Ihren Einfluß durch die Kirche, die Jeſuiten, ich durch Voltaire und Diderot.“ „Ich kann Ihnen nicht Rechtgeben,“erwiederte Ludwig. „So geben Sie mir meine Schuhe.“ Der König beeilte ſich, ſie ihr anzuziehen. 142 Einen Augenblick hielt er ihren Fuß in der Hand. „Wenn ich denke,“ ſprach er,„daß Couſtou ihn model⸗ liren ſoll, daß ſeine Hand ihn berühren wird, daß ſeine Augen— ich werde eiferſüchtig.“ Die Marquiſe ſtieg aus dem Bette, ſchlüpfte in einen, in unzählige kleine Falten gelegten, ſpitzenbeſetzten Puder⸗ mantel und band ihr reiches Haar mit einem breiten Sei⸗ denbande zuſammen. „Ich begreife, daß Sie die Künſte beſchützen,“ ſagte der König und umſchlang die Pompadour.„Sie allein hätten genügt, ein mediceiſches Zeitalter der Malerei, der Bild⸗ hauerkunſt hervorzurufen, als ein unerreichbares Ideal der Künſtler, denn welcher Meißel, welcher Pinſel kann dieſe Formen nachbilden!“ „Sie ſchmeicheln,“ ſagte die Marquiſe,„Sie ſind alſo nicht verliebt, und ich war ſo glücklich in dieſem Gedanken!“ Sie ſchlug die ſchönen Augen zu dem Könige auf, daß er vollends wieder in ihrer Gewalt war. Sie beugte ſich zurück an ſeine Bruſt, wie Duft fühlte Ludwig ihre Lippen auf den ſeinen; Richelieu, das Holz von Senart, die Ruſſin, die Philoſophen verſchlang die Luft mit einem einzigen Athemzuge der ſchönen Frau. Die Marquiſe klopfte mit dem Fächer auf den Tiſch. Das war das Zeichen für den Staatsminiſter, einzu⸗ treten. Sie kehrte dem Könige den Rücken, welcher ſich im 143 Lehnſtuhle wiegte und zuweilen verſtohlen einen Kuß auf ihre bloße Schulter drückte. So regierte ſie. Herr von Machault nahte ihr mit den demüthigſten Verbeugungen; ſchon das große, überfüllte Portefeuille un⸗ ter dem Arme umgab ihn mit dem Glanze der Wichtigkeit. Er ſuchte ſich darüber zu beruhigen, daß die Marquiſe wohl geruhet habe, aber ſie unterbrach ihn lebhaft:„Sprechen Sie von den Tumulten, Machault, nicht von mir.“ „Von den Tumulten—“ „Ich bewundere Sie,“ ſagte die Pompadour.„Sie haben immer zehn andere Dinge auf der Zunge, aber ich komme doch immer zuerſt, und es wäre doch allerliebſt, wenn Sie nach mir fragen wollten und es hieße ernſthaft, wie befindet ſich Bordeaux?“ „Sehr übel,“ ſagte Machault,„die Tumulte nehmen immer größere Dimenſionen an.“ „Warum ſagen Sie nicht: Unruhen?“ „Sie ſagten doch ſelbſt vorhin Tumulte, alſo wenn Sie befehlen: Unruhen.“ „Warum ſagen Sie nicht: Aufſtand, Machault, es iſt doch ein Aufſtand.“ „Aufſtand? Sie ſagten ſelbſt: Unruhe. Aber, wenn Sie wollen, der Aufſtand wächſt, die Truppen müſſen—“ „Nun? Was müſſen die Truppen?“ „Feuern.“ „Feuern? Warum ſagen Sie dies ſo kleinlaut? Sie ſchießen doch nicht blind?“ „Nein!“ „Gut!“ ſagte die Marquiſe.„Man ſoll Feuer geben, ein paar Todte und die Ruhe iſt hergeſtellt. Dann ein 3 1 144 ſtrenges Gericht und ſie wird nicht wieder geſtört. Die Geſchichte iſt am Ende nicht einmal das Pulver werth, das dort verſchoſſen wird.“ „Doch,“ flüſterte der König,„die Courſe fallen, wären Sie nicht geneigt zu kaufen?“ „Warum nicht?“ ſagte die Marquiſe. „Gut,“ erwiederte der König,„ich gebe Auftrag zu kaufen, für mich und Sie. In zwei Wochen iſt Alles vor⸗ über, dann gehen alle Staatspapiere in die Höhe, wir ver⸗ kaufen und die Geſchichte iſt dann immer einige Tauſend werth.“ Was haben Sie noch?“ fragte die Marquiſe den indem ſie die Seſchon über die durchflog. „Die Anweſenheit des Grafen Kaunitz in Paris be⸗ ginnt den Frieden zu gefährden,“ meinte Machault. „Der Friede iſt meine Politik,“ ſagte die Pompadour, „denn der König will den Frieden.“ „Ich will ihn,“ ſagte Ludwig. „Kaunitz befeſtigt ihn täglich,“ fuhr die Pompadour fort.„Seine Liebenswürdigkeit, die Anmuth ſeines Weſens, ſeines Geiſtes hat uns mit Oeſterreich mehr verſöhnt, als der Friede zu Aachen. Wir haben in dieſem Augenblicke kei⸗ nen Feind in Europa.“ „Auch keinen Freund,“ entgegnete der Miniſter.„Un⸗ ſere Beziehungen zu Preußen werden in demſelben Maße gelockert, als jene zu Heſterreich beſſer geworden ſind.— Sie wünſchen den Frieden, wer wünſchte ihn nicht? eben den Frieden zu erhalten, bedarf es oft des Krieges. Der König von Preußen rüſtet ſich zu einem neuen Kampfe. Er will 145 Böhmen. So lange er dieſes nicht beſitzt, wird er jeden Vertrag brechen, jeden Frieden ſtören. Maria Thereſia weiß dies, Beweiſe dafür ſind die Reformen in ihren Fi⸗ nanzen, ihrem Kriegsweſen. Es regt ſich überall in ihrem Staate, es iſt nicht mehr das alte Heſterreich, das wir vor uns haben. Maria Thereſia hat mächtige Verbündete, die Seemächte werden ihr jede Unterſtützung leihen, und daß der Wiener Hof mit Rußland unterhandelt, darüber bin ich ſo glücklich, heute Papiere vorlegen zu können—“ er zog ſie aus dem Portefeuille und übergab ſie dem Könige, aus deſſen Händen ſie ebenſo ſchnell in jene der Marquiſe übergingen. Machault fuhr fort:„Der König von Preußen wird in dieſem Kriege nicht ſiegen, wenn er aber unterliegt, wenn ſein Staat wieder zu einer Macht letzten Ranges herabſinkt, wird ſich Oeſterreich nicht ſeiner Erfolge im Erbfolgekriege gegen unſere Heere erinnern, iſt Maria Thereſia nicht hoch⸗ geſinnt und ehrgeizig genug, die Plane Karl V. aufzuneh⸗ men, werden England und Holland nicht dieſelben unter⸗ ſtützen, wird Frankreich nicht gedemüthigt werden, wenn erſt Preußen bezwungen iſt?“ Kalt entgegnete die Marquiſe:„Preußen hat an Ihnen einen warmen Fürſprecher. Sie ereifern ſich jedoch unnö⸗ thig. Denken wir daran, das Bündniß mit Preußen zu löſen? Denken Sie daran, Sire?“ „Ich denke nicht daran,“ erwiederte Ludwig. „Sie kennen jetzt den Willen des Königs,“ ſprach die Pompadour.„Wer ſtört alſo unſer Verhältniß zu Preu⸗ ßen? Friedrich ſelbſt.“ „Kaunitz,“ rief der Miniſter,„Kaunitz, Marquiſe. Ver⸗ ſailles, die geiſtreichen Kreiſe, die Kaffeehäuſer, Alles Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. I. 10 „ 146 zeichnet ihn aus. Wer ſpricht von dem preußiſchen Ge⸗ ſandten?“ Die Marquiſe lachte. „Der König ſoll Botſchafter ſenden, die unterhalten.“ „Das iſt es nicht allein,“ ſagte Machault,„nicht zu⸗ rückgeſetzt wird Herr von Knyphauſen, er exiſtirt gar nicht, er— er hat noch nie eine Einladung vom Hofe erhalten.“ „Aus Rückſicht für unſere Zehen, mein lieber Mi⸗ niſter,“ entgegnete der König.„Müſſen wir nicht beſor⸗ gen, daß er ſie uns abtritt, da er nicht einmal weiß, daß er der Marquiſe einen Beſuch zu machen hat.“ „Er hat der Marquiſe noch keinen—?“ fragte Ma⸗ chault ſtarr. „Noch keinen Beſuch gemacht,“ ſprach die Pompadour. „Man kennt ihn alſo gar nicht.“ „Da will ich doch gleich—“ ſagte Machault. „Behüte!“ rief die Marquiſe,„er könnte glauben, daß ich Werth auf ſeinen Beſuch lege. Kein Wort, Machault, ich verbiete es,“ ſagte ſie feſt. Der Miniſter beugte ſich folgſam bis zur Erde. „Beruhigen Sie ſich,“ ſagte die Marquiſe.„Auch Herr von Ky— Kypauſen, ich kann den Namen kaum aus⸗ ſprechen, wird den Frieden nicht ſtören.“ „Aber Kaunitz?“ Die Marquiſe lachte. „Er iſt ein gefährlicher Menſch,“ ſagte Machault.„Je unſchuldiger er ſcheint, um ſo gefährlicher. Ein offener Feind iſt immer vorzuziehen. Er geht Arm in Arm mit den Philoſophen, er läßt ſeine Perrücke durch vierund⸗ — 147 zwanzig Bedienten pudern, ja er kann in zwei Frauen zu⸗ gleich verliebt ſein.“ „Iſt das gewiß?“ fragte die Marquiſe. „Man hat Beweiſe,“ ſagte der Miniſter.„Jemand, der das kann, iſt Alles im Stande.“ Die Marquiſe winkte. Der Miniſter zog ein Bündel Acten aus dem Por⸗ tefeuille. „Soll ich unterſchreiben?“ fragte der König, unange⸗ nehm überraſcht,„laſſen Sie das für Morgen.“ „Nur das Decret für Bernis,“ bat die Pompadour. „Es iſt ein kleiner Troſt für die bedeutende Summe, welche er bei dem letzten Spiele an Sie verloren hat.“ „Richtig,“ ſagte der König und ſetzte ſeinen Namen unter den Act. Der Miniſter ſchloß ſeine Papiere wieder in das Por⸗ tefeuille, düſtere Zweifel lagerten auf ſeiner Stirne.„Das iſt wie eine Kriſis in unſerer Politik,“ ſagte er ſich.„Der preußiſche Geſandte hat der Marquiſe keinen Beſuch ge⸗ macht, und Kaunitz ſpielt mit ihr Triktrak!“ Am Toilettentiſch, während ſie ihre Locken kräuſeln ließ, gab die Pompadour Audienz. Nur ein Seſſel war in dem Zimmer, die königlichen Prinzen mußten vor ihr ſte⸗ hen, wie die Abbés und Diplomaten. Zu ihren Füßen lag Couſtou, der Bildhauer, auf ſeinem Knie ruhte marmorſchön der bloße Fuß der ſchönen Frau— ſeine Augen, ſeine feinen, 10* durchgeiſtigten Hände verfolgten die Linien deſſelben, wäh⸗ rend die Marquiſe über die Lehne zurückgebeugt, einer Sa⸗ tyre zuhörte, welche Bernis vorlas. „Die Verſe ſind nicht einmal gut,“ ſagte die Pompa⸗ dour, als der Abbé geendet hatte. „Aber ſie erregen Aufſehen,“ antwortete Quesnay. „Man erregt immer Aufſehen,“ ſprach die Marquiſe, „wenn man über Dinge oder Perſonen ſpottet, über die Niemand zu lachen wagt.“ „Man lacht aber doch!“ ſagte der Herzog von Riche⸗ lieu, welcher mit Machault im Fenſter ſtand. Die Pompadour ſah ihn mit einem Blicke an, der je⸗ dem Andern ein Todesurtheil bedeutet hätte, er aber hielt ihn ruhig aus. „Finden Sie mich z. B. lächerlich?“ ſagte ſie. „Ein wenig,“ verſetzte Richelieu, indem er mit der Reitpeitſche die Lehne ihres Seſſels klopfte. „Aber ich wette, Marquiſe, daß Sie mich nicht lächer⸗ lich finden!“ Er ſang ein frivoles Liedchen und warf ſich auf das Bett der Marquiſe. Eine lebhafte Bewegung der Anweſen⸗ den begleitete ſeine Kühnheit. „Was thun Sie?“ fragte die Marquiſe zornig. „Ich erſpare es Ihren Dienern, mir einen Seſſel zu holen. Bemühen Sie ſich nicht, ich bin zufrieden. Es iſt ein koſtbares Lager, ſehr koſtbar, ich könnte es auf den Sous berechnen, wie koſtbar es iſt.“ Die Marquiſe warf ihm noch einen Blick des Haſſes über die Achſel zu, dann fragte ſie:„Wer iſt der Verfaſſer dieſer Satyre, Bernis?“ 149 „Ich kenne ihn nicht,“ ſagte der Abbé.„Das Gedicht iſt in unzähligen Abſchriften in Paris verbreitet, aber man kennt den Verfaſſer nicht.“ „Man kennt ihn nicht!“ rief die Marquiſe.„Den Po⸗ lizeiminiſter!“ Er trat ein. „Wer iſt der Verfaſſer dieſer Verſe?“ ſagte die Pom⸗ padour ruhig und reichte ſie ihm. „Der Schriftſteller Desforges,“ entgegnete der Mi⸗ niſter. „Er wird verhaftet,“ ſprach die Marquiſe. „Er iſt verhaftet,“ verſetzte der Polizeiminiſter. „Denken Sie, Marquiſe, wenn Sie mich ſo in Ihrer Gewalt hätten, wie den armen Desforges!“ rief Richelieu. „Was wollen Sie mit ihm thun?“ fragte Bernis. „Sie läßt ihn viertheilen,“ ſagte der Herzog. „Ich meine, Sie laſſen ihn laufen,“ bemerkte Bernis. „Gewiß, Ihre Gnade würde ihn am empfindlichſten ſtrafen,“ ſprach Richelieu.„Aber ſie läßt ihn viertheilen, — denken Sie an Maurepas!“ „Was iſt mit ihm?“ fragte Kaunitz. „Kennen Sie die Geſchichte nicht?“ entgegnete Riche⸗ lieu.„Gut, ich will ſie zum Beſten geben.— Maurepas war Marineminiſter der Marquiſe— des Königs wollte ich ſagen. Die Marquiſe hatte ihn beinahe eben ſo lieb, wie ihren Papagei. Wie dieſer ſein:„Ludwig! Ludwig!“ ſo rief Maurepas von früh bis Abend ſein:„Pompadour!“ Er war ſo gut abgerichtet, ſo gelehrig! und nahm den Zucker — Orden Landgüter, Würden aus den Händen ſeiner Ge⸗ bieterin, ohne ſie nur ein einziges Mal in die Finger zu 150 beißen. Da fand die Marquiſe eines Tages einige Verſe unter ihrer Serviette— boshafte Verſe, wie ſie täglich auf ſie gemacht werden— die Marquiſe hat für die Satyre eine große Vorliebe, ſie lieſt die Verſe, ihre Wangen flammen vor Entzücken. Der Verdacht trifft Maurepas— und Mau⸗ repas—“ „Wird geviertheilt?“ fragte Couſton entſetzt. „Nein, Couſtou!“ rief die Marquiſe lachend, indem ihr Fuß neckend ſeine Wange ſchlug. „Doch!“ fiel Richelieu ein,„geviertheilt in Maurepas, Marineminiſter, Ordensritter, Landgut— die Orden be⸗ kommt der König zurück, das Landgut die Marquiſe, das Miniſterium ein Papagei, der keine Verſe macht, und ihm bleibt nur der Maurepas.“ „Und was thun Sie mit Desforges?“ fragte Couſtou. „Sinnen Sie auf eine Strafe,“ rief die Marquiſe den Umſtehenden zu,„die originellſte ſoll ihn treffen!“ „Er ſoll ein Lobgedicht auf Sie machen,“ meinte Ri⸗ chelieu. „Das ſoll er,“ bekräftigte Kaunitz.„Sie ſind guter Laune, Marquiſe, ſeien Sie gnädig!“ Die Marquiſe lachte. „Ich habe es,“ rief ſie.„Die Baſtille iſt abgenützt, ich will den Ppeten abrichten wie einen Papagei! Laſſen Sie einen eiſernen Käfig machen für Desforges, Machault, einen Käfig, in dem er weder ſtehen, noch liegen kann. Ich ſelbſt will ihn in den Käfig ſperren und zahm machen!“ „Mein Gott!“ ſeufzte Machault. „Scheint Ihnen die Strafe zu läppiſch für den Schimpf, den er mir angethan?“ fragte die Pompadour ſtreng. Der Miniſter ſtammelte verlegen einige unzuſammen⸗ hängende Worte. „Es bleibt alſo bei dem Käfige!“ fuhr die Marquiſe fort. „Wie lange?“ fragte Machault ſchüchtern. „Wie lange ich ihn eingeſperrt halten will,“ ſagte die Pompadour.„Nun, einige Jahre!— Genug davon!— Waren Sie im Louvre, Kaunitz?“ „Ich habe geſtern viele Stunden dort zugebracht,“ er⸗ wiederte der Graf. „Was ſagen Sie zu Couſtou's Venus? iſt ſie nicht ein Meiſterwerk?“ „Gewiß!“ verſetzte Kaunitz,„denn ſie iſt Ihnen ähnlich.“ Couſtou erröthete. Richelieu ſprang auf. „Ein Portrait der Marquiſe,“ rief er.„Dieſe Idee iſt göttlich! Ein Portrait— von den Locken herab bis zu ihrem niedlichen Fuße. Couſton, Sie ſind ein Genie! Wir haben ein Denkmal für die Marquiſe, ein Denkmal! Ihre Statue wird aufgeſtellt, Couſtou, und die Geſchichte unſerer Tage iſt geſchrieben!“ 8 Graf Kaunitz ſaß an dem kleinen Tiſchchen ſeines Schlafzimmers. Frangvis ſchenkte den Kaffee ein und mel⸗ dete einen alten Bekannten des Grafen, der ſich weder ab⸗ weiſen laſſe, noch ſeinen Namen nennen wolle. 152 „Kennſt Du ihn?“ fragte Kaunitz. „Nie geſehen,“ erwiederte Frangois.„Es iſt ein kleiner Mann.“ „Elegant?“ „Kaum anſtändig.“ „Es wird der Sonderling ſein, der verrückte Battiany,“ ſagte der Graf.„Führe ihn herein.“ Francois verließ das Zimmer, wenige Augenblicke ſpäter war er im heftigen Wortwechſel mit dem Fremden an der Thüre. „Ich bitte einzutreten,“ ſagte er gereizt. „Man klopft, ehe man eintritt,“ entgegnete kalt der Andere. „Man klopft nicht, weil unſer Graf es nicht verträgt,“ ſagte Frangois. „Man klopft aber doch.“ „Nein, man klopft nicht!“ Damit ſchob Frangois den Fremden in das Zimmer. „Du biſt es?“ rief Kaunitz. „Ja, ich bin es,“ ſagte der Eintretende. „Du biſt der alte Bekannte?“ „Gewiß, Excellenz, von der Straße ſchon und dann aus dem Kaffeehauſe,“ entgegnete Amadeus,„und— da bin ich, Excellenz, den verſprochenen Beſuch zu machen. Nun, ich bin ein Mann von Wort im Allgemeinen und im Beſondern. Lange genug habe ich auf mich warten laſſen, aber da bin ich.“ Francois ſah erſtaunt bald ſeinen Grafen, bald deßen alten Bekannten an, verließ aber auf einen Wink des Er⸗ ſteren raſch das Zimmer. 153 „Ich komme auch wegen der Kremnitzer,“ fuhr der Schleſier fort, indem er Kaunitz auf die Schulter klopfte. „Excellenz ſehen, daß ich kein gewinnſüchtiger Menſch bin, die haben gar nicht gewirkt.“ „Soll ich etwa—“ „Nein! nein!“ rief Amadeus,„ich laſſe mir meine Liebe einmal nicht abkaufen. Was ich brauche, gibt mir mein Herr, und für Euer Gnaden iſt das pure Affektation.“ „Deine Zuneigung, mein guter Amadeus, iſt aber im Widerſpruche mit der preußiſchen Politik.“ „Mein Gott!“ rief der Schleſier,„habe ich denn Euer Excellenz neulich, wie wir zuſammen im Kaffeehauſe waren, nicht die ganze Sache auseinandergeſetzt, in Punkto, daß ich es nicht verwinden kann, weil ich ein abgetretener Oeſterreicher bin!“ „Alſo Du liebſt Deinen Herrn nicht?“ „Doch! doch! Er iſt ein guter Herr, trotz ſeinem Zopf, ein ſparſamer Herr, nur nicht in Punkto von Worten. Er iſt nämlich ſehr klar in ſeiner Redeweiſe. Und ich putze ihn und klopfe ihn, und ſcheere ihn, und wir leben ganz gut zuſammen, aber es iſt Alles wegen Schleſien.— O, wenn ich daran denke, daß er bei dem Frieden dabei war in Breslau, wo ſie mich abgetreten haben.— O! das iſt es.— So muß ich ihn jeden Tag ärgern, und ärgere ich ihn ein⸗ mal nicht, ſo kann ich die Nacht nicht ruhig ſchlafen, und träume immer von unſerer Kaiſerin und einem verfluchten Huſaren, der rittlings auf mir ſitzt und mir den Bauch aufſchneidet. Euer Gnaden können gewiß das Schleſien auch nicht verſchmerzen?“ 154 „Glaubſt Du?“ ſagte Kaunitz ruhig.„Nun vielleicht haſt Du auch gehört, daß Maria Thereſia weint, wenn ſie einen Schleſier ſieht.“ „Euer Gnaden—“ „Nun?“ „Euer Gnaden—“ ſagte Amadeus, und drehte ſeinen Hut zwiſchen den Händen, dann ſtieß er den Grafen biſe mit dem Ellenbogen.„Euer Gnaden—“ „Nun?“ „Euer Gnaden möchten gewiß den Preußen auch recht ärgern?“ „Welchen Preußen?“ fragte Kaunitz gleichgültig. „Nun, den Preußen im Allgemeinen und Beſondern.“ „Wenz. B. im Beſondern?“ „Den großen Fritz, unſern König, und vielleicht könnte dabei mein Herr, der Knyphauſen, auch ſeinen Theil bekommen? Euer Gnaden möchten ihn gewiß auch einmal ärgern. Ol ich kenne das, ich weiß, wie das iſt in der Di⸗ plomanie!“ Kaunitz ſtand auf und legte die Hand vertraulich auf den Arm des Schleſiers. „Ich will Dir ein Geſtändniß machen, Amadeus. Ich habe gar nichts gegen Preußen, noch weniger gegen Euern großen König Friedrich, am wenigſten gegen Herrn Ulyſſes von Knyphauſen.“ „Aber ärgern möchten Euer Gnaden ſie doch alle zu⸗ ſammen?“ Kaunitz nickte. „Ich verſtehe,“ ſagte,„es iſt wegen Schle⸗ ſien. Oh!“ 155 „Guter Amadeus,“ verſetzte Kaunitz,„es wird aber wohl bei Deinem frommen Wunſche bleiben.“ „Im Allgemeinen wohl,“ meinte der Schleſier,„aber im Beſondern könnte man doch wenigſtens meinen Herrn ärgern. Ich ärgere ihn jeden Tag, denn, denke ich, iſt der Geſandte da für ſeinen König, ſo muß er ſich auch für ihn ärgern. Meine ganze Hoffnung iſt auf Euer Gnaden ge⸗ richtet!“ „Du haſt nicht ganz Unrecht,“ entgegnete Kaunitz, „vielleicht ärgere ich noch einmal Deinen Herrn und Deinen König im Allgemeinen und im Beſondern.“ „Euer Gnaden ſind doch ein guter Patriot,“ ſagte Amadeus,„nun ich will dafür ein recht ſchlechter ſein, ich meine für den Preußen, und Excellenz werden ſehen, wir werden es weit bringen.“ „Du freilich mußt es am beſten wiſſen, wie man Deinen Herrn ärgern kann,“ meinte der Graf. „So recht ärgern, daß er gelb wird,“ antwortete Amadeus.„Vielleicht mit dem Voltaire?“ „Wie?“ „Mein Herr ſoll ihn nach Potsdam prokuriren. Es wäre freilich ein deliquenter Biſſen für unſern König, der ſelbſt grauſame Verſe macht. Ich meine, wenn der den Voltaire nicht bekommt, ſo ärgern ſie ſich beide, mein Herr und der König.“— Kaunitz lächelte. „Voltaire wird Friedrich den Großen erſt recht ärgern, wenn er in Potsdam iſt.“ „Gut zu erfahren,“ ſagte Amadeus,„Euer Gnaden wiſſen doch Alles. Da wollen wir unſer Möglichſtes thun, 156 damit er nach Potsdam kommt. Aber was meinen Ex⸗ cellenz, ließe ſich nicht etwas mit den neuen Verſen machen von unſerem Könige?“ „Verſe?“ „Ja, unſer König hat grauſame Verſe gemacht auf alle Potentaten in Europa— auch nicht— ich meine auf alle, die das Regiment führen, wie auch die Madame Pom⸗ padour.“ „Es mögen traurige Verſe ſein,“ ſagte Kaunitz kalt, ſeine Händ ſpielte mit der Uhr und ließ ſie repetiren. „Traurig!“ rief Amadeus und lachte auf.„Traurig! Zum Todtlachen ſind die Verſe! Wie der König auf Alle loszieht.“ Seltſam zuckte es in Kaunitz' ſchönem Auge, ſein Ge⸗ ſicht aber blieb kalt und unbeweglich. „Du haſt wohl nicht recht gehört—“ „Gehört!“ lachte Amadeus.„Geleſen, Euer Gna⸗ den! Wir leſen Alles zuſammen, ich und die preußiſche Ercellenz, die Depeſchen und die Briefe, die der König uns ſchreibt. Ich ſage Euer Gnaden, zum Todtlachen ſind die Verſe im Allgemeinen und im Beſondern!“ „Wirklich, alſo ein Spottgedicht?“ „Kein Spottgedicht, es ſind deren viele. Eines iſt auch auf unſere Maria Thereſia, das hat mich ſehr betrübt— dann auf den König hier und ſeine Madame— auch die Czaarin bekommt ihren Theil.“ „Die Verſe ſind alſo gut genug, Ludwig XV., die Pompadour, die Kaiſerin Eliſabeth zu ärgern,“ ſagte Kaunitz naiv.„Wie ſollen ſie aber den König ärgern, der 157 ſie verfaßt hat, der ſeinen Spott über Freund und Feind ergießt?“ „Das iſt es eben,“ verſicherte Amadeus lebhaft,„über Freund und Feind. Mein Herr ſoll ſie verbreiten, aber Niemand darf wiſſen, daß ſie von unſerem Könige ſind. Mein Herr ſagt ſelbſt, ein europäiſcher Krieg könnte ent⸗ ſtehen, wenn dieſe Verſe ſo einem Eſel in die Hände kämen. Da denke ich nun, wenn ich ſie hätte—“ „Daß ein europäiſcher Krieg entſtehen könnte?“ ſprach Kaunitz lächelnd. „Gewiß, Euer Gnaden, und wir bekommen am Ende Schleſien zurück, oder eigentlich nein— wir verlieren— nein—“ „Erhitze Dich nicht,“ ſagte Kaunitz.„Die Verſe ſind kaum gut genug, um jene, denen die Satyre gilt, zu ver⸗ letzen.“ „Zum Todtlachen ſind ſie,“ rief Amadeus,„wir haben ſie zuſammen geleſen, ich und mein Herr, zum Todtlachen— auch meine ich es nicht ſo wegen des europäiſchen Krieges, als um meinen Herrn und den König zu ärgern. Die Verſe ſind ein Staatsgeheimniß, ſagt mein Herr, was meinen nun Euer Gnaden, wenn wir die Verſe publi⸗ ciren?“ „Das will ja der König von Preußen.“ „Was meinen Euer Gnaden, wenn wir den König auch publiciren?“ „Ich meine,“ entgegnete Kaunitz,„daß ich vor allem ſelbſt die Verſe leſen muß, alſo bringe ſie einmal mit, guter Amadeus— es hat keine Eile, durchaus keine Eile—“ „Ich meine, es hat doch Eile,“ ſagte Amadeus,„ſie 158 ſtecken im Schlafrocke bei uns nämlich, da will ich gleich— aber nein— Euer Gnaden, das wäre ja ein Diebſtahl.“ „Wer ſagt Dir denn, daß Du Deinem Herrn die Verſe ſtehlen ſollſt, Tölpel—“ „Jetzt, Euer Gnaden, jetzt waren Sie doch einmal ganz wie die preußiſche Excellenz.“ „Du biſt ſehr gewiſſenhaft, Amadeus,“ ſagte Kaunitz, „das iſt ſehr ſchön von Dir, alſo laß Du es bleiben, Deinem Herrn und dem König ein Schnippchen zu ſchlagen. Guten Morgen, Amadeus.“ „Excellenz ſind gleich ſo raſch,“ ſagte Amadeus, nachdem er zögernd an der Thüre gehalten hatte.„Die Verſe müſſen ja nicht geſtohlen ſein, Excellenz nehmen Ab⸗ ſchrift und es iſt gut.“ Treuherzig näherte er ſich dem Grafen,„Alſo es bleibt dabei, Euer Gnaden, daß wir die preußiſche Excellenz recht ärgern mit den Verſen und ſo weiter.“ „Gut, gut!“ ſagte Kaunitz, mit ſeinem Jabot beſchäf⸗ tigt.„Geh' nur jetzt!“ „Euer Gnaden werden mich einmal nicht los,“ ſagte Amadeus,„Euer Gnaden ſind der lächerlichſte Herr, das kann Euer Gnaden Niemand ſtreitig machen, der aller⸗ lächerlichſte Herr, und ein ſo guter Oeſterreicher, daher meine Affektation, und verſtellen ſich Euer Gnaden nicht ſo— Euer Gnaden ſind mir eigentlich auch gut.“ Kaunitz lächelte. „Freilich,“ fuhr Amadeus fort,„alſo ich werde Euer Gnaden bald wieder einen Beſuch machen.“ Er ſcharrte mit dem Fuße und empfahl ſich. 159 „Warte!“ Amadeus kehrte zurück. „Ich haſſe nichts mehr als die Unordnung,“ ſagte Kaunitz,„bei mir muß alles regelmäßig und auf die Minute gehen.“ Amadeus nickte.„Das iſt ja eben ſo lächerlich bei Euer Gnaden.“ „Wenn Du kommen willſt, Amadeus, ſo komme täg⸗ lich. Kannſt Du das nicht, ſo bleibe lieber ganz aus. Auch mußt Du wiſſen, daß ich mich nicht gerne langweilen laſſe! Alſo täglich kommſt Du, auf die Minute, nie ohne Neuig⸗ keiten.“ „Im Allgemeinen und im Beſondern,“ ſagte der Schleſier fröhlich,„um zehn Uhr alſo, da habe ich der preußiſchen Excellenz gerade den Zopf geflochten, da weiß ich Alles genau, was bei dem Preußen los iſt, und da wollen wir dann täglich etwas aufbringen, was meinen Herrn ärgert, daß er gelb wird im Allgemeinen und im Beſondern.“ Kaunitz nahm eine große ſilberne Uhr aus ſeiner Sammlung und gab ſie Amadeus. „Du haſt jetzt keine Ausrede, wenn Du nicht pünkt⸗ lich biſt.“ „Aber die Uhr— wenn ich ſie verderbe—“ „Sie gehört Dir.“ „Mir— Euer Gnaden— das iſt zu viel!“ Er küßte die Hände des Grafen.„Das iſt animos— das iſt beinahe lächerlich. Alſo auf die Minute.“ Eine ſtolze Bewegung des Kopfes entfernte Amadeus, dann ſchrieb Kaunitz einige Zeilen an Maria Thereſia. 160 Er ſchloß:„Ich ſtehe nicht mehr allein. Ich habe Verbündete— Crebillon's Catilina und die Verſe Fih des Großen.“ Kaunitz hatte nahe bei Paris ein kleines Landgut ge⸗ kauft. Niemand wußte es. Hieher konnte er ſich vor dem Pariſer Leben lüchten, hier ſeine Beziehungen zu den reizenden Frauen der Geſell⸗ ſchaft, des Hofes fortſpinnen. Hieher hatte er jetzt den greiſen Dichter Prosper Crebillon entführt. Binder hatte ſeine Noth, den alten Mann fort⸗ zubringen. So elend ſein Daſein war, ſo ſchien ihm jedes Stück deſſelben jetzt beſonders werthvoll. Der Secretair mußte ihm jeden ſeiner Fetzen mit einem Aufwande von Dialektik ſtreitig machen. Voltaire den Hund, und Catilina den Kater empfahl Crebillon mit rührender Aengſtlichkeit ſeiner freundlichen Nachbarin. Dieſe hatte von Kaunitz, ohne Crebillon's Wiſſen, ein anſehnliches Koſtgeld für die beiden Thiere empfangen, und verſprach den Kater zu kämmen, den anderen zu waſchen, und ſich mit ihnen zu unterreden, damit ſie nicht der Melan⸗ cholie zum Opfer fallen. Die Augen voll Thränen nahm Crebillon von ſeiner Dachſtube Abſchied. Er bat den Secretair vorauszugehen, kehrte noch einmal zurück und kniete weinend auf dem Eſtrich. Noch einmal ſchloß er Voltaire an ſich und küßte 161 Catilina's ſchwarzen Kopf, dann nahm er die blinde Katze auf den Arm und eilte die Treppe hinab. Schon auf der Fahrt durch die belebten Gaſſen der Hauptſtadt ergoß ſich die herrliche Heiterkeit ſeines reinen Gemüthes über ihn. Jede Priſe, die ihm der Secretair bot, erwiderte Crebillon mit einem ausgelaſſenen Straßenliede, dann hörte er Binder die Schönheiten ſeines Rhadamiſte zer⸗ gliedern, ſtreichelte den Blinden und war glücklich. Beſonders entzückte ihn der Anblick des Landgutes. „Hier ſoll ich wohnen?“ ſagte er,„mein Gott, wird der Graf mit Einem Trauerſpiele zufrieden ſein?“ Auf einer Anhöhe ſtand ein kleines Jagdſchloß im Style der Zeit. Hinter demſelben lag ein Wäldchen. Wenn man daſſelbe durchſchritt, wurde man von der zierlichſten Bauernwirthſchaft überraſcht. „Sie haben die Wahl,“ ſagte Binder. „Oh! der Graf iſt zu gütig,“ antwortete Crebillon, „ich wähle das Schloß. Mißverſtehen Sie mich nicht, es iſt nur, weil es ſich beſſer heizen läßt, und der Blinde liebt die Wärme ſo ſehr!“ Im Schloſſe bewunderte Crebillon die ſchöne Stein⸗ treppe, die Gänge, die Säle. „Das iſt alſo mein Zimmer,“ ſprach er, als Binder ihn einführte.„Zaß ich es nur geſtehe, mir wird etwas bange. Soll ich wirklich ganz allein ſein in dem ſchönen Zimmer? es iſt zu groß für einen Menſchen, zwar iſt der Blinde bei mir, aber doch— Zwei Diener, nicht in der Livrée des Grafen, ſondern Sacher⸗Maſoch, Kaunitz⸗ I. 11 162 einfach dunkel gekleidet, hatten die Ankommenden em⸗ pfangen. Binder ſtellte ſie dem greiſen Dichter vor. „Dieſe Leute ſind nur da, um Ihnen zu dienen.“ „Mein Gott!“ ſagte Crebillon, und ſchlug die Hände zuſammen. „Sie ſind unumſchränkter Herr dieſes Schloſſes,“ fuhr der Secretair fort,„und verfügen über Alles, ſo will es der Graf.“ Der Secretair kehrte hierauf nach der Stadt zurück und ließ Crebillon allein mit dem blinden Kater und ſeinem Catilina. Zuerſt war der Greis von einer raſtloſen Neugierde beſeelt, Alles zu ſehen, Alles zu erfragen. Die Hände in den Taſchen ſchlenderte er durch die Gänge und Gemächer des Schloſſes. Jedes Deckengemälde, jede Statue, jedes der kleinen Kabinetsſtücke lud ihn zur Betrachtung ein, erregte ſein Entzücken. Gleich verlangte er von den Dienern Name und Lebensbeſchreibung des Künſtlers, und zeigte ſich ver⸗ zweifelt, wenn ſie ihm nicht zu ſagen wußten, wen ein Portrait darſtelle. So trieb er ſich auch in der Gegend herum, bis ein Landmann, dem er begegnete, ihn mit ſeinem Blicke ver⸗ folgte. Jetzt faßte ihn eine namenloſe Angſt, man beobachte ihn, man ſuche ihn, man werde ihn entdecken. Es war Abend geworden. Er lief in das Schloß zurück. Er fragte die Diener, ſie betheuerten, Niemand kenne ſeinen Aufenthalt. Er be⸗ ſchwor ſie Wache zu halten, es gelte ſein Leben, ſeine Ehre. Er müſſe ihrem Grafen das Stück ſchreiben, das ſei er ſchuldig, das brenne ihm auf der Seele. Ehe er es nicht gethan, könne er kein Auge ſchließen, nicht zum Schlafe, nicht zum Tode. Dann verlangte er Stemmeiſen und Hacke, ſtieß ein kleines, viereckiges Loch unten in der Thür aus. Da ſollten ſie ihm das Eſſen hineinreichen. Er aber ſchloß ſich ein. Mit ſchweren Teppichen ver⸗ hängte er die Fenſter. Den Tiſch rückte er an ſein Bett und bereitete mit fieberhafter Haſt, was er benöthigte, um ſeine Dichtung niederzuſchreiben. „Sie ſind da,“ rief er immerfort laut,„ſie ſind um mich— ſie ſind um mich, ich ſehe ſie, ich kann ſie hören, wenn es nur ſtille wird und dunkel.“ Es war dunkel.„Ich höre ſie,“ ſprach Crebillon, das Auge ſtarr vor ſich,„da— Cicero, pſt! pſt!“ Den Finger an die Lippe gelegt, zog er ſich leiſe in eine Ecke des Zimmers zurück und kauerte ſich in derſelben nieder. Lange lag er, die Nacht, die Einſamkeit ſtellten die Geſtalten ſeines Trauerſpiels wie leibhaftig vor ſeine Seele. Kaum wagte er zu athmen, nur ſeine Finger waren in ewiger Bewegung. Es war, als entrolle ſich die Be⸗ gebenheit vor ihm, als belauſche er ſie nur, als zähle er und zwinge nur was da geſchehen, in den Vers.„Ich muß es niederſchreiben,“ rief er endlich,„ich werde ſie verſcheuchen, ich muß aber doch—“ Er begann zu weinen.„Sie ſind fort,“ rief er,„aber ſie ſind mein,“ damit ſprang er auf, und recitirend präch⸗ tige Verſe voll hoher tragiſcher Gewalt, zündete er haſtig 164 die Lampe an, warf ſich über ſein Papier und ſchrieb. Er ſeufzte, er lachte, er weinte, er ſchrieb und ſchrieb Nacht und Tag, und Nacht. Ein neues Luſtſpiel war im königlichen Theater auf⸗ geführt worden. Das Publikum hatte ſtürmiſche Zeichen des Mißfallens gegeben, der König nach dem erſten Akte die Loge verlaſſen. Das literariſche Kaffeehaus war mit Neugierigen gefüllt, welche ein Urtheil von den Lippen Voltaire's oder Diderot's zu hören, den Namen des Ver⸗ faſſers zu erfahren hofften. Er war am Schluſſe der Vor⸗ ſtellung nicht genannt worden. Dies machte das ſchlechte Stück zum Tagesgeſpräche aller Kreiſe. Mit Kaunitz ſaßen Quesnay, Bernis, Couſtou an dem bekannten kleinen Tiſche. „Sie kennen den Verfaſſer,“ riefen ſie durcheinander. Lächelnd zog der öſterreichiſche Geſandte mit dem naſſen Kaffeelöffel ſeltſame Figuren auf die Steinplatte, und ſagte ruhig:„Ich kenne ihn.“ „Er kennt ihn, nennen Sie ihn,“ ertönte es wieder. „Ich kenne ihn,“ ſagte Kaunitz,„ich bin es nicht, aber er iſt unter uns.“ „Unter uns,“ ſprach Couſtou. Aller Augen richteten ſich auf Bernis. Der lachte auf. „Sie werden doch nicht denken, daß ich—“ ſagte er, nicht ohne freiem Bewußtſein. „Doch,“ entgegnete Kaunitz. Quesnay drohte dem Abbé mit dem Finger. 165 „Sie können glauben,“ ſagte Bernis in komiſcher Verzweiflung,„Ihr Verdacht iſt wirklich beleidigend.“ „Das Stück iſt ſchlecht, da iſt nichts zu ſagen,“ be⸗ merkte der Leibarzt.„Und Bernis iſt der Verfaſſer,“ wiederholte Kaunitz „Nein!“ rief der Abbé.„Ja,“ der Leibarzt.„Nein! nein!“ der Abbé,„es iſt ein Scherz des Grafen.“ „Wenn es ein Scherz iſt, dann nennen Sie es einen Scherz der Stadt Paris, der literariſchen Kreiſe, des Hofes.“ „Man ſagt, daß das Luſtſpiel, welches geſtern durch⸗ fiel „Von Ihnen iſt,“ fiel Kaunitz ein. „Das ſagt man?“ „Man ſagt es nicht; aber Voltaire ſagt es,“ ſprach Kaunitz ruhig,„und morgen iſt es eine Thatſache.“ „Aber ich habe es nicht geſchrieben,“ rief Bernis ver⸗ zweifelt. „Es iſt dennoch eine Thatſache, denn Voltaire ſagt es.“ „Ich werde eine Erklärung abgeben,“ rief Bernis. „Die Niemand glaubt,“ entgegnete Kaunitz. „Ich werde gegen Voltaire eine Brochure ſchreiben.“ „Die Niemand lieſt,“ ſagte Kaunitz.„Sie müſſen das anders machen, lieber Abbé, das Luſtſpiel iſt einmal da, und Sie gelten als der Verfaſſer.“ „Ich bin ein Opfer der Bosheit Voltaire's.“ „Angenommen, es iſt alſo ein gut geführter Streich, er trifft. Sie haben alle Urſache, ihn zu erwiedern.“ „Wie?“ fragte Bernis. „Ueberlaſſen Sie das Quesnay,“ erwiederte Kaunitz, 166 „treten Sie mit ihm in Geſellſchaft, auch er hat eine kleine Rache an Voltaire zu üben.“ „Ich?“ fragte Quesnay erſtaunt. „Ich meine Ihres Syſtemes wegen,“ ſprach Kaunitz. „Was iſt damit?“ fragten die Andern. „Es iſt eben nichts damit,“ antwortete der Graf,„ſo lange Voltaire in Paris iſt.“ „Voltaire iſt gegen mein Syſtem,“ rief Quesnay er⸗ regt. „Ja, ſo iſt es, mein wackerer Quesnay, die Marquiſe läßt es mir bei jeder Gelegenheit durchblicken. Voltaire iſt gegen Ihr Syſtem, denn es ſcheint ihm den Ideen Rouſſeau's im Staate Bahn zu brechen.“ „Aber Voltaire iſt doch Rouſſeau's Freund!“ „So ſcheint es, aber Rouſſeau's Ideen bedrohen die vornehme Welt, und Voltaire iſt auch der Freund der Pompadour.“ Quesnay rückte entrüſtet ſein Jabot und zerrte an ſeinen Manſchetten.„Wir haben alſo Urſache uns Glück zu wünſchen, wenn Voltaire Paris verläßt.“ „Ich für meinen Theil werde trauern,“ ſagte Kaunitz, „Frankreich verliert ſeinen glänzendſten Geiſt, ſeinen—“ „Ich verpflichte mich, mit Ihnen zu trauern,“ unter⸗ brach Quesnay den Grafen,„wenn er nur einmal Frank⸗ reich verlaſſen hat.“ „Hoffen Sie nichts davon,“ ſprach Kaunitz,„jede Macht wächſt durch die Entfernung; daß die Fürſten ſich dem Volke nur an Feiertagen zeigen, wie Götter oder Heiligen⸗ „Bilder, gibt ihnen die Gewalt, der wir uns beugen. Vol⸗ taire in Potsdam iſt die Allmacht.“ 167 „Sie haben recht,“ rief Bernis,„keine Baſtille, kein Parlament zügelt im fremden Lande ſeine Bosheit.“ „Voltaire,“ fuhr Kaunitz fort,„mit allen ſeinen Schwächen, Voltaire hier unter uns, wo man ihn Back⸗ werk naſchen ſieht und zanken hört, iſt etwas, vor dem man zittert; bewundert und gefürchtet verläßt er Frankreich, um mit jeder neuen Meile, die ihn entfernt, zu wachſen in der öffentlichen Meinung.“ „Das ſoll er nicht,“ rief Quesnay. „Er ſoll Paris nicht ungeſtraft verlaſſen,“ ſchrie Ber⸗ nis,„ich ſchreibe ein Trauerſpiel.“ „Mein Gott!“ ſagte Kaunitz beinahe erſchrocken,„ich glaube, Sie wollen uns ſtrafen, und nicht Voltaire. Armer Dichter der Pucelle, Alles haßt dich, Jeder iſt dein Feind!“ „Ich nicht,“ erwiederte Couſtou. „Es wäre auch undankbar von Ihnen,“ ſprach der Graf,„Voltaire iſt einer Ihrer wärmſten Bewunderer. Unter Anderem hat er Ihren Fuß der Pompadour geſehen, und ein ſo maßloſes Entzücken über dieſes Meiſterwerk ge⸗ äußert, daß die Marquiſe Sie beauftragen wird, für Vol⸗ taire—“ „Ich ſoll— den Fuß Wi „Nachbilden für Voltaire,“ erklärte Quesnay. „Ich thue es nicht,“ rief Couſtou.„Er will ihn nach Potsdam nehmen, meinen Fuß, den König von Preußen unterhalten, unterhalten mit meinem Fuß, ich— ich—“ „Es iſt das Beſte,“ ſagte Kaunitz,„Sie gründen einen Bund der Vergeltung, ſchwarze Mäntel und Kapuzen, Ab⸗ zeichen: Fuß der Pompadour, Mordwaffe: Trauerſpiel von Bernis.“ Damit erhob er ſich und nahm Hut und Stock. 168 Von der Thüre kehrte er zurück.„Meine Neuigkeiten ſind noch nicht zu Ende,“ ſprach er. Er zählte an den Fingern.„Richtig! Bernis Verfaſſer des Luſtſpiels, dann Crebillon—“ „Was iſt mit Crebillon?“ riefen Alle. „Der alte Crebillon ſchreibt ein neues Trauerſpiel.“ „Er ſchreibt es nicht!“ entgegnete Bernis. „Doch!“ „Er ſchreibt es alſo nicht zu Ende, ſeine Gläubiger nehmen es ihm.“ „Er iſt aus Paris verſchwunden,“ fuhr Kaunitz fort, „Niemand kennt ſeinen Aufenthalt, aber man weiß, daß Crebillon dichtet.“ „Ein Trauerſpiel,“ ſagte Couſtou. „Oh! wenn er es nur zu Ende brächte,“ klagte Quesnay.. „Es müßte auf dem königlichen Theater aufgeführt werden,“ ſprach Bernis lebhaft,„es würde gefallen, es würde hinreißen, Voltaire wäre vernichtet.“ „Es muß aufgeführt werden,“ rief der Chor. „Ich ſchreibe den Schluß,“ ſchrie Bernis. „Sie kennen meine Leidenſchaft für Ihre Literatur;“ ſagte Kaunitz,„noch habe ich kein Stück Crebillon's auf der Bühne geſehen.—“ „Ich für meinen Theil werde Alles aufbieten, ſein neues Stück zur Aufführung zu bringen,“ unterbrach Bernis. „Auch ich,“ rief Quesnay. „Ich mache die Claque,“ ſchrie Couſton. „Aber Crebillon iſt ja verſchwunden,“ meinte Quesnay. „Offenbar,“ entgegnete Kaunitz,„aber nur bis ſein X 169 Trauerſpiel fertig iſt. Wird aber das königliche Theater daſſelbe annehmen?“ „Ich gewinne die Pompadour,“ erwiederte Bernis. „Ich den König,“ ſprach Quesnay. „Ich die Schauſpieler,“ ſchloß Couſtou. „Der Bund der Vergeltung gegen Voltaire iſt ge⸗ ſchloſſen,“ rief Kaunitz,„und die Mordwaffe— das Trauer⸗ ſpiel von Crebillon.“ Im einfachen Kleide, ſeinen Dienern kaum kenntlich, ritt Kaunitz in ſeinem Schloſſe ein.„Wie befindet ſich der Fremde?“ fragte er, indem er den Bügel verließ. „Er iſt ſeit mehreren Tagen in ſeinem Zimmer ein⸗ geſperrt,“ antwortete der Diener, welcher dem Grafen die Treppe hinaufleuchtete.„Durch eine Oeffnung in der Thüre befahl er, ihm das Eſſen zu reichen. Aber er hat es wie unberührt gelaſſen, er ſchien auf das Höchſte aufgeregt, wir hörten ihn deutlich mit ſich ſprechen, auch hat er immerfort Lichter gebrannt, aber ſeit heute Morgen iſt es ganz ſtill in ſeinem Zimmer.“ Jetzt waren ſie an der Thüre. Kaunitz klopfte; keine Antwort. Er klopfte noch einmal, kein Ton, kein Athem⸗ zug. Er pochte ſtark, und immer ſtärker mit dem ſpaniſchen Rohr, er rief den Namen des greiſen Dichters, aber er be⸗ kam keine Antwort. Endlich befahl er, die Thüre auf⸗ zuſprengen. „Wir haben es bisher nicht gewagt,“ bemerkte der Diener,„obwohl wir das Schlimmſte beſorgten“ Der 170 Andere hatte die Hacke geholt, und ſtemmte ſie in die Thüre. Beide ſtießen mit aller Kraft, es tönte wie ein Schmerzens⸗ laut durch die Luft, die Flügel ſprangen auseinander. Kaunitz nahm dem Diener das Licht aus der Hand und leuchtete in das Zimmer, dann trat er an das Bett. Da lag Crebillon auf dem Rücken, bleich, mit geſchloſſenen Au⸗ gen, geöffneten Lippen, in ſeinem Arme den blinden Kater. „Iſt er todt?“ fragte Kaunitz entſetzt und beugte ſich über ihn. Er athmete— er ſchlief. Auf dem Tiſche lag eine Handſchrift, es war Catilina. 4 Bernis erſchien in höchſter Aufregung bei dem Gra⸗ fen Kaunitz, welcher eben im Auf- und Abgehen ſeinem Se⸗ cretair Depeſchen diktirte. „Sie ſind verſtört,“ ſprach der Graf,„was iſt ge⸗ ſchehen, ſind Sie in Ungnade gefallen bei der reizenden Marquiſe?“ „Ich bin außer mir,“ entgegnete Bernis und warf ſich in einen Stuhl,„Catilina iſt verboten.“ „Verboten?“ ſagte Kaunitz kalt.„Was iſt Catilina?“ „Das Stück von Crebillon,“ rief Bernis,„er hat es bei dem königlichen Theater eingereicht, die Schauſpieler haben es mit Entzücken geleſen und zur Aufführung ange⸗ nommen, aber das Miniſterium hat dieſelbe unterſagt. Ca⸗ tilina iſt verboten!“ „Das Stück wird eben ſtaatsgefährlich ſein,“ ſagte Kaunitz. 17 „Das Stück iſt eben gut,“ antwortete Bernis,„und Voltaire iſt der Freund der Pompadour.“ Nach dieſen Wor⸗ ten ſtand der Abbé auf und trat feierlich auf Kaunitz zu. „Graf,“ ſagte er,„auf Ihnen ruht jetzt unſere ganze Hoff⸗ nung, auf Sie blickt die Kunſt, das Theater, die geiſtreiche Geſellſchaft— Europa.“ „Auf mich?“ entgegnete Kaunitz lächelnd. „Ja,“ fuhr Bernis fort,„Sie werden Catilina zur Aufführung bringen.“ „Ich?“ „Sie, Sie allein. Unendliche Schwierigkeiten ſind hier zu bekämpfen, unendlicher Ruhm zu ernten. Die literari⸗ ſchen Kreiſe werden Alles aufbieten, Quesnay, ich ſelbſt un⸗ ſeren ganzen Einfluß in die Wagſchale werfen. Aber wird man uns hören? Wir gelten als Partei und damit fertigt man uns ab. Sie, Graf, Sie allein ſind unbefangen, denn welches perſönliche Intereſſe könnten Sie daran haben, ob Catilina aufgeführt wird, oder nicht!“ „In der That,“ entgegnete Kaunitz. „Ihnen wird man glauben, Sie ſind ein Fremder, aber Sie nehmen lebhaft Theil an unſerem geiſtigen Leben, ohne von dem Parteikampfe deſſelben ergriffen zu ſein. Sie müſſen einſtehen für Catilina.“ „Sehr gerne,“ ſprach Kaunitz,„ich möchte mich ſogar . lebhaft für das Stück verwenden, aber wie die Aufführung durchſetzen, gegen das Miniſterium— die Marquiſe?“ „Sie ſetzen es durch, Sie allein,“ erklärte Bernis,„der König findet an Ihrer Unterhaltung Geſchmack, Sie werden Gelegenheit finden, ihm Catilina zu empfehlen, es wird Ihnen leicht werden, ihn zu überzeugeu, wenn Sie darauf 172 das Hauptgewicht legen, daß Crebillon's neues Trauerſpiel Voltaire's Lorbeern welken machen wird, denn Ludwig XV. haßt Voltaire.“ „Und bietet doch alles auf, ihn feſtzuhalten.“ „Weil die Marquiſe es verlangt,“ antwortete der Abbé, aber er haßt ihn doch. Hören Sie nur. Nach dem Siege von Fontenoy erhielt Voltaire von der Marquiſe den Auf⸗ trag, ein Feſtſpiel zu verfaſſen. Die Marquiſe verfolgte dabei einen doppelten Zweck: den königlichen Geliebten durch den gefeierten Dichter zu verherrlichen und dem poeti⸗ ſchen Freunde die königliche Gunſt zu erobern. In glän⸗ zender Weiſe fand die Aufführung ſtatt, die Zuſeher jubel⸗ ten, als Trajan— Ludwig XV.,— von der Göttin des Ruh⸗ mes— Frau von Pompadour, gekrönt wurde. Der König zeigte ſich geſchmeichelt, die Abſicht der Marguiſe ſchien be⸗ reits erfüllt, als Voltaire, der eitle Voltaire, welcher, ſo⸗ bald der Vorhang gefallen, zu der königlichen Loge geeilt war und aufgeregt vor dem Eingange derſelben auf und ab ſchritt, ſelbſt den Siegeskranz von ſeinem Haupte riß. Als der König aus der Loge trat, rief Voltaire mit lächer⸗ lichem Pathos:„Iſt Trajan zufrieden?“ Der König ant⸗ wortete mit keinem Worte, gab der Marquiſe den Arm und verließ das Theater.“ „Das iſt koſtbar,“ ſagte Kaunitz,„das wollen wir be⸗ nutzen, ich ſpiele heute Abend mit dem Könige Piquet, ich will ein kühnes Spiel ſpielen und Trajan ſoll dabei die Karten ausgeben.“ Der Abbé dachte einen Augenblick nach, dann ſprach er:„Sie gewinnen den König und die Marquiſe, der Partie folgt, wie jeden Abend, das feierliche Stiefelausziehen des 173 Königs, dann erwarte ich Sie an der Schweizer Wache. Sie zeigen ein lebhaftes Intereſſe für Frau von Pompadour.“ „Ich bete Sie an,“ erwiederte Kaunitz lebhaft. „Ihr Gebet ſoll heute noch erhört werden.“ „Wie?“ „Ich beobachte die Marquiſe ſeit längerer Zeit und glauben Sie mir, ich kenne ſie, ich wage die Baſtille darauf, daß die Marquiſe—“ „Daß ich ſie erobere!“ rief Kaunitz. Der Abbé lachte:„Daß ſie erobert ſein will.“ Im prachtvollen Hauskleide ſaß der König an dem Kamine ſeines Cabinets und nahm den Bericht des Herzogs von Richelieu beinahe ungeduldig entgegen. „Ich langweile mich,“ ſagte Ludwig XV.;„was Sie da für mich haben, das war alles ſchon da. Kleine Intri⸗ guen ohne alle Bedeutung, alle Originalität. Iſt denn das ſchöne Frankreich wirklich ſo langweilig geworden, es ſollte eine Unterthanspflicht ſein, ſeinen Herrſcher zu unterhalten, man könnte ein Geſetz darüber erlaſſen.“ Der König lachte etwas über ſeinen Einfall und Richelieu lachte mit. So verlangte es ſein Amt— ſeine Würde. „Ich langweile mich,“ ſagte Ludwig, und ſchritt durch das Cabinet.„Es ſind jetzt nahe an zwei Wochen, daß ich mich nur im Schlafe unterhalten habe, aber man kann doch nicht immer ſchlafen.“ „Sire! es würde die Marquiſe ſehr betrüben, wenn ſie ahnen würde—“ 174 „Richelieu! Sie werden mich doch nicht verrathen! Oh! die Marquiſe unterhält mich ſehr.“ Der König un⸗ terdrückte bei dieſen Worten ein leichtes Gähnen.„Was iſt mit der Ruſſin?“ „Alle meine Bemühungen, dieſes Geheimniß zu durch⸗ dringen, waren bisher vergebens.“ „Was iſt mit Voltaire?“ „Ich hoffe, daß es mir gelingen wird, ihn zu bewegen, dem Könige von Preußen für ſeine Einladung zu danken.“ „Er bleibt alſo. Es wird die Marquiſe freuen.“ „Sie nicht, Sire?“ „Mich, nun ja, mich auch. Er iſt doch ein gefeierter Name, es wäre für Frankreichs Feinde ein Triumph, wenn ſein berühmteſter Dichter in das Ausland ginge.“ „Voltaire wird bleiben,“ ſagte Richelieu,„ihn hat das neue Stück von Crebillon aufgeregt, das Verbot deſſelben wird ihn gewiß dankbar finden.“ „Warum iſt das Stück verboten?“ fragte der König. „Sire haben es ja ſelbſt—“ „Richtig, ich habe es verboten; ja Herzog, die Staats⸗ weisheit hat zuweilen ihre unerforſchlichen Wege, wie die Allmacht. Mein Miniſterium iſt gegen das Stück— die Marquiſe— ich auch— vor allem ich, es darf mir nicht auf⸗ geführt werden.“ „Voltaire wird dieſer Entſchluß Eurer Majeſtät mit tauſend neuen Banden an ſein Vaterland feſſeln.“ „Was iſt mit Kalit ich glaube, ich langweile mich, ſeitdem er ausgeblieben.“ „Er iſt krank,“ erwiederte Richelien,„die Geſellſchaft vermißt ihn ſeit mehreren Tagen.“ 175 „Da kommt mein Denker, unſer Leibarzt Quesnay, der wird das genau wiſſen. Sie können gehen, Richelieu.“ Der Herzog verließ das Cabinet, nachdem der Leibarzt eingetreten war, und, ohne ſich zu verbeugen, Hut und Stock auf den Tiſch gelegt hatte. „Frangois Quesnay, wie geht es?“ fragte der König. „Das iſt eine Frage, Sire, welche ich an Sie zu rich⸗ ten habe. Zuerſt der Puls— die Zunge—“ Der König folgte pünktlich jeder Aufforderung.„Gut. Richtig, daß ich es nicht vergeſſe, Kaunitz wird ſogleich vorfahren; wenn Sie mit ihm Piquet ſpielen wollen, ſo ſagen Sie es Ihrem Kam⸗ merherrn, ſonſt läßt ihn Richelieu gewiß abweiſen.“ Der König gab ſofort Befehl, den Grafen unangemel⸗ det vorzulaſſen.„Was giebt es Neues?“ fragte er dann den Leibarzt. „Das Alte,“ entgegnete Quesnay lebhaft,„Ihre Mi⸗ niſter, Sire, gehören nach Bicötre, wenn Sie nicht die Ba⸗ ſtille verdienen.“ „Was ereifert denn meinen Denker ſo ſehr?“ ſprach Ludwig. Dabei klopfte er wohlwollend Quesnay's Wange. „Das Verbot von Crebillon's Stück,“ ſagte der Leibarzt. „Das Wohl meines Philoſophen wird doch nicht an einem Trauerſpiele hängen?“ „Gewiß nicht, aber das Wohl Frankreichs, die Ehre meines Königs.“ „Oh!“ „Gewiß! Sire, wiſſen Sie, was man in Europa ſagen wird, was man in Ihrer Hauptſtadt ſagt?“ „Nun, was ſagt man?“ „Daß Ihre Regierung vor einem Stücke zittern muß.“ 176 „Sagt man das?“ rief der König.„Quesnay, Sie ſind doch der Einzige, welcher mir die Wahrheit ſagt, man ſoll ſehen, daß ich vor keinem Stücke zittere. Aber— Voltaire — die Marquiſe— es geht doch nicht.“ „Es geht auch nicht mit meinem Syſteme, Sire, aber die gegenwärtigen Tumulte entheben mich jeder Beweis⸗ führung gegen meine Gegner.“ „Ihr Steuerſyſtem, Quesnay,“ entgegnete der König, „iſt das weiſeſte, das anwendbarſte, das es giebt.— Aber— da geht es eher noch mit dem Stücke von Crebillon. Was meinen Sie, Kaunitz?“ fragte er den eintretenden Geſandten. „Verzeihen Sie, Sire,“ ſagte dieſer,„wenn ich hier meine Meinung zurückhalte.“ „Sie ſind alſo im Widerſpruch mit meiner Entſchei⸗ dung?“ „Ich verſtehe ſie nicht,“ entgegnete Kaunitz. „Erklären Sie ſich,“ ſprach der König. „Voltaire verläßt Frankreich,“ ſagte der Graf. Der König verneinte. „Es iſt eine Thatſache,“ fuhr Kaunitz fort,„ſo gewiß, als das Verbot des Catilina. Voltaire verläßt Frankreich.“ „Sie irren ſich,“ antwortete Ludwig,„Catilina wurde verboten, damit Voltaire bleibt.“ „Er bleibt nicht,“ ſagte Kaunitz,„der gefeierteſte Dichter Frankreichs geht in das Ausland, wie ein Meteor zieht ein Theil jenes Glanzes, welcher bisher Ihre Hauptſtadt, Ihren Thron umgab, nach Potsdam, den jungen Ruhm des Kö⸗ nigs von Preußen zu verklären.“ „Es iſt ärgerlich,“ ſprach Sii„aber wie Voltaire feſthalten?“ 177 „Das iſt nicht die Frage, Sire,“ entgegnete Kaunitz, „aber wie Voltaire's Glanz feſthalten?“ „Ich glaube, Sie zu verſtehen,“ ſagte Quesnay.„Vol⸗ taire's Stern ſoll verlöſchen, ehe er uns verläßt, nur ſein Schatten ſoll, wie zum Orkus, nach Preußen gleiten.“ „Aber wie Voltaire vernichten?“ ſagte der König. „Durch Crebillon's neues Trauerſpiel.“ Ludwig XV. ſah Kaunitz überraſcht an. „Die Idee iſt unbezahlbar!“ rief der Leibarzt. „Iſt das Stück gut?“ fragte Ludwig nach einer Pauſe. „Es iſt das Meiſterſtück Crebillon's,“ entgegnete Ques⸗ nay,„er hat ſich ſelbſt übertroffen.“ „Ich hatte ihn vergeſſen,“ ſprach Ludwig.„Wo lebt er?“ „In Paris, Sire,“ rief Kaunitz,„von den Menſchen verlaſſen, in ſtolzer Einſamkeit, mit kranken Thieren, arm, hungernd und elend.“ „Sein Stück ſoll aufgeführt werden, ich will es, Kau⸗ nitz, ich will es, und ich ſage Ihnen, es wird aufgeführt wer⸗ den.“ Erregt ging er durch das Zimmer. „Erinnern Sie ſich meiner Worte,“ flüſterte Quesnay, „iſt er nicht beſſerer Regungen fähig?“ Kaunitz antwortete mit einem Lächeln. „Das Stück iſt gut,“ rief Ludwig,„aber wird es Bei⸗ fall finden? Beherrſcht nicht Voltaire despotiſch unſere Bühne?“ „Das Stück iſt gut,“ antwortete der Graf,„aber wäre es auch noch ſo ſchlecht, es fände Beifall.“ „Wie?“ fragte der König erfreut. Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. I. 12 178 „Das Volk der Literaten,“ ſcherzte Kaunitz,„hat große Luſt, ſich gegen ſeinen König zu empören.“ „Das Stück wird aufgeführt,“ entgegnete Ludwig. „Voltaire verläßt Frankreich, ſo bleibt uns Crebillon. Vol⸗ taire wird ſterben vor Neid, er wird weinen wie ein bos⸗ haftes Kind. Wir wollen das gleich machen, man würde mich ſonſt überlaufen; die Miniſter— die Marquiſe—“ „Iſt die königliche Ordre da,“ fiel Quesnay ein,„muß ſich Alles fügen.“ Damit legte er ein Blanquet auf den Tiſch. „Eine Feder!“ rief Ludwig. Kaunitz reichte ſie. Der König ſchrieb:„Catilina, Trauerſpiel von Crebillon, wird auf meinem Hoftheater ſofort einſtudirt und in einer Woche aufgeführt, mit nie geſehener Pracht der Ausſtattung, auf meine Koſten.“ Die Marquiſe von Pompadour war am Abende mit dem Abbe Bernis, ihrem Geheimſecretair, eingeſchloſſen, um Staatsgeſchäfte zu erledigen. Wichtige Aktenſtücke waren ihr vorgelegt worden, ſie machte ihre Notizen, als der Abbé ſich Muth zuſprach, und ihr endlich eröffnete, der König habe die Aufführung des Catilina erlaubt. „Es iſt nicht möglich!“ rief die Marquiſe und warf die Feder von ſich. „Der König hat eine Ordre unterzeichnet, ſie iſt in den Händen Quesnay's, und wird ſoeben den königlichen Schauſpielern vorgeleſen.“ „Warum ſagen Sie mir das jetzt erſt, Bernis?“ 179 „Weil ich Voltaire haſſe,“ ſagte dieſer kühner,„weil Sie ſich in das Unvermeidliche fügen und es zu Ihren Zwecken ausbeuten müſſen. Der König, ſo bereit er iſt, ſich Ihrem Willen zu fügen, ſo unerſchütterlich iſt er, wenn er einmal ſeinen Willen öffentlich kundgab. Er kennt keine Rückſicht, wo es gilt, ſeine Würde, den Glanz ſeines Thrones zu behaupten. Catilina wird aufgeführt, Sie haben nun die Aufgabe, der Welt zu zeigen, daß er nur aufgeführt wird, weil Sie es wollen.“ Die Marquiſe entſchloß ſich raſch.„Schreiben Sie dem Direktor des königlichen Theaters,“ ſagte ſie,„daß der König meinen Bitten nachgegeben hat, und daß ich ihn dafür verantwortlich mache, wenn das Stück nicht mit un⸗ gewöhnlicher Sorgfalt in Scene geſetzt wird, ich weiſe unter Einem meine Kaſſe an, das Koſtüm zu beſtreiten, es ſoll Alles übertreffen, was bisher auf dem königlichen Theater geſehen worden.“ Nach einer Pauſe ſprach Frau von Pompadour:„Ber⸗ nis, es hat mich nicht überraſcht, daß der König dies that; er iſt mir ſeit einiger Zeit entfremdet, ich unterhalte ihn nicht mehr, ich ſehe den goldenen Stab der Herrſchaft meiner Hand entgleiten; aber ich ſinne vergebens, woher das kommt.“ „Nicht von Richelieu, er iſt ja der Jugendfreund Vol⸗ taire's— von Kaunitz,“ erwiderte Bernis. „Von Kaunitz!“ rief Frau von Pompadour erregt, „Kaunitz gegen mich?“ „Nicht gegen Sie,“ ſagte der Abbé,„nur für Cre⸗ billon, ihn bewegt nichts, als das Intereſſe an unſerer Bühne, unſerer Literatur.“ 12 180 „Wiſſen Sie das gewiß, Bernis?“ „Verzeihen Sie, ihn bewegt noch eines—“ „Sie machen mich neugierig, er haßt Voltaire.“ „Nein, er liebt Sie,“ erwiederte Bernis. Die Marquiſe ſah ihn an.„Iſt das möglich?“ fragte ſie ruhig. „Iſt es möglich, Sie nicht zu lieben?“ Die Marquiſe lachte.„Sie ſind auch in mich verliebt, Bernis, ich weiß das, es war, wie jeden Abend, Ihre offi⸗ zielle Liebeserklärung, ſie gehört zu Ihrem Amte, aber Kaunitz?— Auch er zieht mich wunderbar an. Sein willen⸗ volles, bewußtes Leben, ſein Geiſt— Catilina ſoll auf⸗ geführt werden, ſchon Kaunitz zu lieb, eilen Sie in das Theater, Bernis, verkünden Sie es den Schauſpielern, nehmen Sie meinen Tragſeſſel, Sie ſind raſch zurück, und wir erledigen dann noch die Depeſchen.“ Die ſchöne Frau war gewohnt, ihre Befehle raſch er⸗ füllt zu ſehen. Der Abbé verließ daher ſofort das Gemach. Die Marquiſe verſank einige Augenblicke in Nachdenken, dann ſchüttelte ſie den Kopf, als wollte ſie die düſtern Bil⸗ der verſcheuchen, und vertiefte ſich in die Staatsſchriften, welche ihren Tiſch bedeckten. Mit der kalten Ruhe eines klugen, erfahrenen Mannes verrichtete ſie die ernſte Arbeit, und ſah erſt auf, als der Thürvorhang wieder rauſchte. „Sie ſind es, Bernis?“ ſagte ſie,„ſetzen Sie ſich, raſch, raſch.“ Der Eingetretene nahm an dem Tiſche Platz, und ſchickte ſich an zu ſchreiben. Die Marguiſe diktirte ihm »einen Brief an den Geſandten in St. Petersburg. „Sind Sie fertig? zeigen Sie.“ Er reichte ihr das — —— — Blatt. Die Marquiſe blickte hinein und ſchlug ein helles Gelächter an.„Abbeé, ſind Sie verrückt! das iſt ja eine Liebeserklärung!„Die Marquiſe von Pompadour an den Ritter D'Aſſas, Geſandten in St. Petersburg. Ich liebe Sie,» ha, ha, ha.—„Ich—“ In dieſem Augenblicke ſah ſie den Abbé an, und trat betroffen zurück. Es waren Ber⸗ nis' Kleider, Bernis' Geſtalt, aber nicht Bernis' Geſicht. „Mein Gott, was bedeutet das?“ rief ſie. Der Abbé warf Mantel und Perrücke ab, und Kaunitz lag zu den Füßen der ſchönen Frau. Die Marquiſe lachte.„Graf, Sie ſind ein Sonderling in der Liebe wie im Leben, aber wenn Sie der König hier trifft—“ ſie ging zur Thüre. „Sie weiſen mir die Thüre?“ fragte der Graf. „Nein,“ entgegnete die Marquiſe,„ich ſperre ſie nur.“ „Ich will Sie nicht um Verzeihung bitten,“ ſagte Kau⸗ nitz;„wenn Sie meine Leidenſchaft erwiedern, bedarf ich der⸗ ſelben nicht, und finden Sie an mir keinen Geſchmack, ſo können Sie mir nie verzeihen, was ich gethan habe.“ „Sie lieben mich,“ ſprach Frau von Pompadour, „aber Sie intriguiren gegen mich.“ „Ich!“ antwortete der Graf. „Sie, wer ſonſt!“ rief die Marquiſe.„Haben Sie nicht den König beſtimmt, Catilina aufzuführen?“ „Gewiß,“ ſagte Kaunitz. „Kennen Sie meine Beziehungen zu Voltaire nicht?“ „Eben weil ich ſie kenne; ich fürchte, daß Sie Voltaire näher ſtehen, als die Marquiſe von Pompadour dem Dichter der Henriade, deshalb ſoll mir Voltaire nach Pots⸗ dam— da haben Sie meine Intrigue.“ „Und das ſagen Sie mir!“ rief die Marquiſe. 182 „Ja! Und ich fange damit an, daß ich Sie ſelbſt gegen Voltaire aufbringe.“ „Wie wollen Sie das anfangen?“ „Die Jungfrau, welche Frankreich von den Britten befreit hat, ſoll es auch von Voltaire befreien. Kennen Sie die Pucelle?“ „Das neue Gedicht Voltaire's?“ „Es ſind erſt einzelne Geſänge, aber Thiriot lieſt ſie in den Salons vor, und ſo kommt man in ihren Beſitz.“ Er zog ein kleines Heft aus der Taſche.„Es iſt ein böſes Gedicht, gleich im erſten Geſange wird ein König von Frankreich geſchildert, der ſich ſehr ſchwach zeigt, weil er in die ſchönſte Frau ſeines Landes verliebt iſt, und darüber zuerſt ſeinen Kopf und dann beinahe ſein Reich verliert.“ „Das ſteht in Voltaire's Jungfrau?“ rief die Mar⸗ quiſe. „Es iſt hiſtoriſch,“ ſagte Kaunitz, und reichte Frau von Pompadour das Heft, welche daſſelbe durchflog. „Gleich im zweiten Geſange iſt wieder von dieſem Könige und ſeiner Geliebten die Rede. Da“— er wies über die Schulter der Marquiſe auf einige Verſe.„Da hält ihm der heilige Denis eine Strafpredigt.— Aber regen Sie ſich nicht auf, Voltaire läßt gewiß die Namen Karl VMII. und Agnes Sorel ſehr groß drucken, damit man nicht meint, daß von Ludwig XV. und der Marquiſe von Pom⸗ padour die Rede iſt.“ Die Marquiſe zerknitterte das Heft in der Hand. „Das iſt Ihnen gelungen, Kaunitz,“ ſagte ſie,„ich geſtehe es, es gibt nichts in der Welt, wofür ich ſo empfindlich wäre, als die Satyre, ich haſſe ſie eben, weil ich ſie fürchte, „ 183 ſie kennt keine Schranke, nichts iſt ihr heilig, nichts ſchüch⸗ tert ſie ein. Voltaire ſoll mir büßen. Ich komme ihm zuvor, Catilina ſoll aufgeführt werden, Catilina ſoll gefallen.“ „Hier haben wir Friede geſchloſſen,“ ſprach Kaunitz, „aber ich erkläre Ihnen noch einmal den Krieg. Dies Mal gilt es Quesnay's Steuerfyſtem.“ Die Marquiſe lachte.„Sie ſind koſtbar. Ihre Liebes⸗ werbung beginnt mit einem Fußfall und endet mit dem Steuerbogen.“ „Ich könnte Ihnen keinen überzeugenderen Beweis meiner Neigung geben;“ fuhr der Graf fort,„ſeit ich Frank⸗ reich kenne, beſteht die Finanzwiſſenſchaft dieſes Landes darin, die Einkünfte des Königs und damit Ihre Einkünfte zu vergrößern. Man hat darüber vergeſſen, daß dieſelben nur mit dem Reichthume des Volkes ſteigen und fallen können.“ „Sie erſchrecken mich nicht,“ erwiederte die Marquiſe, „ich fürchte mich vor dem Volke nicht.“ „Auch nicht vor dem Volke, das nichts mehr zahlen kann?“ Die Marquiſe ſchwieg betroffen. Kaunitz fuhr fort:„Sie werden bald nur die Wahl haben, Ihre Einkünfte fühlbar vermindert oder anſehnlich geſteigert zu ſehen.“ „Wie das Letztere?“ „Durch Quesnay's Syſtem. Die Idee, die in dem⸗ ſelben ruht, iſt eine freie, menſchliche, volksfreundliche, und doch dient ſie unter den gegebenen Verhältniſſen gerade dem Königthume, am meiſten Ihnen ſelbſt. Ich verſtehe gar nicht, wie man ſich derſelben ſo lange verſchließen 184 konnte. Für den Grundſatz, daß die Staatskoſten gemein⸗ ſam von allen Ständen getragen werden ſollen, nehmen die Philoſophen, die geiſtreichen Kreiſe, das Parlament, alle Elemente der Oppoſition lebhaft Partei. Wie konnte es Ihnen bisher entgehen, Marquiſe, daß, indem Sie dieſen Grundſatz annehmen, Sie die Laſten der unteren Schichten ermäßigen, unbeſchreiblichen Jubel erregen, und durch das Erlöſchen der Steuerfreiheit des Adels und der Geiſtlich⸗ keit die Staatseinnahmen eine Höhe erreichen, welche alle Finanz⸗Operationen Ihrer Miniſter nicht einmal mit dem Ruine des Landes erkaufen konnten?“ Die Marquiſe ſah den Grafen lange an.„Haben Sie das Syſtem?“ Kaunitz gab es ihr. Sie legte es auf den Tiſch und fuhr fort:„Ihre Art, die Frauen zu erobern, iſt noch nicht da geweſen, wer könnte Ihnen widerſtehen?“ „Sie gehören mir?“ rief Kaunitz. „Ich will Sie nicht täuſchen, ich kenne die Leidenſchaft nicht, nie hat mich eine Wallung beherrſcht, mich überwäl⸗ tigt kein Gefühl, mein Blut, meine Sinne ſind mir unter⸗ than. Aber wie ich mir ganz gehöre, ſo kann ich mich auch ganz hingeben an das Genie, an einen großen Charakter, einen glänzenden Geiſt, und ſo— wenn Sie wollen— ge⸗ höre ich Ihnen.“ Xl. Die bevorſtehende Aufführung des Catilina auf könig⸗ liche Koſten hielt Paris in Aufregung. Schon fanden die Proben ſtatt. Crebillon's Name war auf allen Lippen. Die Freunde Voltaire's fühlten ſich unbehaglich. Er ſelbſt ſchien unbekümmert. An dem Vorabende der Aufführung, während ſich an allen Straßenecken Gruppen bildeten, welche den Theaterzettel von Catilina laſen, ſuchte der Herzog von Richelieu den Dichter des Mahomed auf. Er fand ihn an ſeinem Schreibtiſche behaglich mit einem Hefte unleſerlich geſchriebener Verſe beſchäftigt. „Was machen Sie?“ fragte der galante Herzog den berühmten Freund. „Ich waſche die ſchmuzige Wäſche des Königs von Preußen,“ antwortete Voltaire. „Wie ſoll ich das verſtehen?“ „Ich corrigire ſeine Gedichte.“ „Sie ſind heiter!“ ſagte Richelieu. „Wird nicht morgen Catilina aufgeführt?“ „Sie erwarten alſo von dieſer Vorſtellung Ihren Triumph?“ „Etwas dergleichen,“ erwiederte Voltaire.„Man in⸗ triguirt gegen mich, der König findet keinen Geſchmack an mir, und die Marquiſe von Pompadour findet Geſchmack an dem Grafen Kaunitz. Das iſt Alles. Ich werde morgen einige Feinde im Parterre haben, ſie werden Beifall klat⸗ ſchen, den guten Geſchmack herausfordern, und— Nun das Publikum iſt wie eine Schlange, es ziſcht ſein. an, ehe es daſſelbe verſchlingt.“ 186 Richelieu ſah den Freund ſchweigend an, dann ſagte er:„Sie denken alſo gar nicht daran, noch im letzten Augen⸗ blicke die Aufführung irgendwie zu hindern?“ Voltaire lachte.„Im Gegentheil, ich ſende meinen Bedienten hinein, damit er Beifall klaſcht.“ „Sie haben doch viele Feinde,“ fuhr der Herzog fort, „die vornehme Welt ſieht es nicht gern, daß Sie Rouſſeau beſchützen, und ſo für ſeine Ideen einzuſtehen ſcheinen.“ „Mein Gott!“ rief Voltaire,„ich verabſcheue, wie Sie, ein Syſtem, worin ich nur den Stolz eines Narren ſehe. Was ſieht die vornehme Welt ferner nicht gerne an mir?“ „Ihre Jungfrau von Orleans ſchwebt drohend über der Geſellſchaft, man fürchtet, daß Sie zu weit gehen, in Ihren Angriffen auf die Geiſtlichkeit auch die Religion mit Füßen treten. Was Thiriot aus Ihrem Gedichte vorlieſt, ſcheint zu beweiſen, daß Sie ſich Ihre komiſchen Figuren in den Reihen der Heiligen ſuchen. Sancho Panſa ſoll ein Karthäuſer ſein gegen Ihren heiligen Denis und Dulcinea von Toboſo eine blumige Elfe gegen Ihre Johanna D'arc.“ „Dennoch,“ entgegnete Voltaire,„bin ich kein Feind unſerer Kirche, im Gegentheil kämpfe ich nur dafür, daß es Jedem erlaubt ſein ſoll, auf ſeine Weiſe närriſch zu ſein.“ Richelieu lachte.„Ich ſehe, Catilina hat Ihnen nichts von Ihrer guten Laune genommen, und wenn morgen Pa⸗ ris von Crebillon's neuem Ruhme wiederhallt?“ „Was iſt der Ruhm?“ ſagte Voltaire boshaft.„Was iſt der Ruf? Im ſechsten Geſange der Jungfrau von Or— leans beſchreibe ich den Tempel ſeiner Göttin. Dort, wo die Häupter der Alpen in die Wolken ragen, ſteht er aus Marmor durchſichtig erbaut, von keinem Dache, keinem Thor 187 beſchützt, jedem offen, der da kommt. Spiegel ſind ſeine Wände, in denen ſich Schön und Häßlich, Jung und Alt bewundern kann nach Herzensluſt. Tauſend Wege führen zu ihm empor, Wege voll Gefahr, während Einer empor⸗ klimmt, brechen Hundert ſich den Hals, und ſo iſt ſo Man⸗ cher auf dem Olympe angelangt und weiß nicht wie. Die Herrin dieſes Tempels iſt die alte plauderhafte Göttin. Fürſten, Weiſe, Krieger, Prieſter liegen auf den Knieen vor ihr, alle flehend:»Oh Göttin! die Du alles weißſt und ohne Unterbrechung ſprichſt, aus Mitleid ſprich ein we⸗ nig nur von uns.? Um ihre heißen Wünſche zu befriedigen, hat die Göttin immer zwei Poſaunen. Die an den Lippen verkündet ihre Heldenthaten, die andere unter ihrem Sitze macht uns bekannt mit all' dem Plunder neuer Bücher, den Schöpfungen käuflicher Federn, ſogenannten Dichtern, des wahren Genius elenden Verkleinerern, ſie alle, nachdem ſie kaum der Göttin Rücken voll Andacht und Erſtaunen ange⸗ ſehen— mit Peitſchenhieben aus dem Heiligthum ver⸗ trieben.“ Ein Billet mit ſchönen feinen Schriftzügen rief den Leibarzt des Königs zu ſeiner geheimnißvollen Kranken. Die verdeckte Sänfte— die ſeltſamen Diener brachten ihn, wie damals, in ihren Palaſt. Diesmal fand er ſie heiter, geſprächig, in eine Wolke von Seide und Spitzen gehüllt. „Freund Quesnay,“ rief ſie ihm entgegen,„ein klei⸗ nes Zeichen von Beſſerung, ich intereſſire mich für Ca⸗ tilina!“ 188 „Sie fahren in das Theater?“ ſagte der Arzt ver⸗ gnügt. „Ich habe eine Loge, wollen Sie mein Gaſt ſein?“ Quesnay lehnte ab.„Mein Platz iſt heute im Par⸗ quet,“ ſagte er.„Es iſt eine Schlacht, die heute gekämpft wird, und ich habe ein Commando zu führen.“ „Ich weiß das, es ſchwebt etwas um dieſen Catilina, das mich anzieht. Crebillon in ſeiner Dachſtube, das Kaffee⸗ haus, die Scene im Cabinete des Königs, und die Bewe⸗ gung, in der ſich heute Paris befindet, es ſind bunte Farben genug, Bilder voll Eigenthümlichkeit und Leben.“ „Sie wiſſen das Alles?“ ſagte der Arzt. „Noch mehr;“ einen Augenblick betrachtete ſie ihn, dann fragte ſie:„Kennen Sie Kaunitz?“ „Ich kenne ihn.“ „Er macht mich ungeduldig,“ fuhr die ſchöne Frau fort. „Ich lache täglich über ihn, und ich geſtehe, es giebt auch Augenblicke, wo ich über ihn nicht lachen kann. Ich ver⸗ ſtehe ihn nicht, ich kann ihn nicht überſehen. Er macht mir nicht den Eindruck, wie ihn ein Mann zu machen wünſcht. Aber es iſt doch ein Eindruck und das regt mich auf.“ „Sie ſind auf dem beſten Wege, ſich ſelbſt zu heilen,“ rief Quesnay heiter;„ich hätte Luſt, Ihnen den Grafen zu verſchreiben, täglich zweimal zu nehmen, Vor- und Nach⸗ mittag, und Sie ſind in zwei Wochen geſund. Sie ſehen das Leben an, wie Ihre Reichthümer, jeder Augenblick fin⸗ det Sie bereit, beide für eine Laune zu verſchwenden. Er liebt das Leben unausſprechlich. Wie eine Mutter ihr kran⸗ kes Kind verzärtelt, wartet er und hütet und pflegt ſich ſelbſt, und doch ſchaltet er mit ſeinem Leben, wie ein treuer 189 gewiſſenhafter Schuldner, denn es gehört ganz nur den Ge⸗ danken, die ihn leiten und erfüllen. Sie aber ſind ſelbſtſüch⸗ tig und eigenmächtig.“ „Ich kann mich nicht unterordnen,“ ſprach ſie,„und wäre es mein eigenes Erkennen, dem ich mich fügen ſoll, es ſteht mir dann als etwas Fremdes gegenüber, und ich will Niemand Unterthan ſein, als mir ſelbſt. Bin ich jetzt bei dieſem Athemzuge, was ich bei dem vorigen, was ich geſtern war? Sich ein Daſein nach Grundſätzen, nach leiten⸗ den Gedanken aufbauen, ſetzt den ewigen Frühling voraus und die ewige Jugend. Giebt es ein Geſetz in der Natur, dann iſt es auch in mir, und nur in meiner eigenen Bruſt kann ich ſein Gebot erlauſchen.“ „Ich werde Ihnen doch den Grafen verſchreiben,“ ant⸗ wortete der Leibarzt,„Sie müſſen ihn kennen lernen, ma⸗ chen Sie ihn durch Ihre liebenswürdige Garde zu Ihrem Gefangenen, und kerkern Sie ihn auf Ihrem Schloſſe ein, oder laſſen Sie Ihr Geheimniß fallen und erſcheinen Sie in der Geſellſchaft; aber es iſt wirklich hohe Zeit, wenn ich zu meinem Sitze gelangen will.“ „Sie verlaſſen mich,“ ſprach die Dame,„auf Wieder⸗ ſehen alſo im Catilina.“ — Als Kaunitz vor dem königlichen Theater aus dem Wagen ſtieg, fand er Amadeus an dem Portale ſtehen. „Es iſt nichts mit den Verſen,“ ſagte er,„heute den letzten Verſuch gemacht— alles umſonſt, die preußiſche Ex⸗ cellenz trägt ſie immer bei ſich. Staatsgeheimniß heißt es, 190 dafür hat mein Herr das gleich eingeſehen mit dem Stücke, in voller Uniform war er beim Miniſter.“ „Haſt Du Deine Leute“ fragte Kaunitz,„für heute Abend?“ „Alle zur Stelle, Euer Gnaden, mitten im Parterre, ihrer Funfzig wohlgezählt, die ſollen mir ein Spektakel ma⸗ chen. Ich ſehe alſo immer auf Euer Gnaden, und ſobald das Tuch vor den Mund genommen wird, bricht es los.“ Der Graf zog eine Börſe und warf ſie Amadeus in den Hut. „Euer Gnaden ſind doch lächerlich gut und freigebig,“ meinte der Schleſier,„die preußiſche Excellenz hat mich auch hereingeſchickt, den Crebillon herauszuklopfen, denn wenn das Stück gefällt, ſagt mein Herr, geht der Voltaire ſchon ganz gewiß zu unſerm Könige. Nun gut, auch ſollen paſſende Stellagen im Discurs applaudirt werden, meinte Excellenz, und wenn einer von den Acteurs davon laufen möchte, ſoll man ihn beim Namen rufen, und das Alles für einen preu⸗ ßiſchen Thaler, ſage einen Thaler; Euer Gnaden begreifen, daß, da das beſte Trauerſpiel durchfallen könnte.“ „Vorwärts, auf Deinen Poſten,“ rief Kaunitz. Da fühlte er ſich bei dem Mantel gezerrt, Crebillon ſtand an ſeiner Seite. „Mein Gott!“ ſagte er mit zitternder Stimme,„finde ich Sie endlich, ich halte es zu Hauſe nicht aus, auch nicht im Theater, auch nicht auf der Straße, könnte ich doch mein Stück wieder haben, nie mehr ſollte mich der Ehrgeiz ſtechen, aber ſo iſt Alles vorbei; ſie kennen es auswendig, mein Stück gehört nicht mehr mir.“ 191 „Nein, Crebillon,“ antwortete der Graf,„Ihr Stück gehört Frankreich, der Menſchheit, kommen Sie.“ „Nur einen Augenblick, wenn Sie erlauben,“ ſprach der Greis,„ich will mir das Publikum anſehen, und dann wieder gehen.“ Der Graf trat mit Crebillon in ſeine Loge. Der Dich⸗ ter blieb im Hintergrunde, auf den Fußſpitzen vorgebeugt, blickte er in das Haus. Es war zum Erdrücken voll. Kau⸗ nitz muſterte es mit den Blicken eines Generals, der ſeine Schlachtordnung und jene des Feindes in Augenſchein nimmt. Die Mitte des Parterres nahm Amadeus mit ſei⸗ ner tapfern Schaar ein, um ſie wogte es von unbefangenen Zuſchauern, jenen Wellen, die ein leichter Windſtoß Für oder Wider in Bewegung ſetzt. Zerſtreut hatten unter denſelben Parteigänger Voltaire's Platz genommen, auch das Par⸗ quet hatten ſie ſtark beſetzt, aber hier waren ſie durch Ques⸗ nay mit den Oekonomiſten und ſeinem übrigen Anhange und Couſtou, welcher eine Cohorte junger Künſtler in's Ge⸗ fecht führte, in die Mitte genommen. Durch die Logengänge flog der ſchöne Abbé Bernis, die Damen zu gewinnen. „Es verſchwimmt mir vor den Augen,“ ſagte Crebil⸗ lon,„ich muß fort.“ „Bleiben Sie doch, der Sieg iſt unſer,“ antwortete Kaunitz. Crebillon ſchüttelte den Kopf, hüllte ſich in ſeinen Mantel und verließ die Loge. Kaunitz gegenüber erſchien Miniſter Machault, mit Madame Zephyrine und der reizenden Gabriele. Auch Vol⸗ taire war im Theater, unbefangen ſcherzte er mit dem Herzoge von Richelieu. Da fliegt es ſeltſam durch das 192 Haus. Iſt es der Dichter, den man entdeckt hat, iſt es der König? Eine Frau beugt ſich über die Brüſtung, Niemand kennt ſie, aber aller Augen ſuchen ſie. Die„Ruſſin!“ flüſtert es von Loge zu Loge, von Bank zu Bank. Lange Jahre haſt Du Dein Stück mit Dir herumge⸗ tragen, wie einen heiligen Wahnſinn, armer Dichter, mit dem Blute Deines Herzens haſt Du es geſchrieben, das ſchöne Weib wirft einen Blick nur in das volle Haus und Du biſt vergeſſen. Kaunitz iſt in das Parquet hinabgeſtiegen, hier ereilt ihn das Auge der wunderbaren Frau, und mit einer Haſt, die ihm ſo fremd ſchien, faßt er Quesnay's Arm.„Heben Sie den Schleier von dieſem Geheimniß,“ ruft er,„wer iſt dieſes Weib?“ Lächelnd zieht Quesnay ein Billet hervor und giebt es dem Grafen.„Sie ſelbſt,“ ſagte er ruhig,„haben ihn in dieſem Augenblick gehoben. Die geheimnißvolle Ruſſin er⸗ ſcheint in der Geſellſchaft, die Fürſtin Woronzoff eröffnet ihren Salon.“ Das Billet mit ihrer Schrift verbirgt der Graf zer⸗ knittert in ſeiner Bruſt. Das Orcheſter beginnt, Catilina ruft ihn und er eilt auf ſeinen Platz. Man erwartet nur noch den König, um anzufangen. Jetzt erſcheint er, mit ihm die Marquiſe von Pompadour. Die Glocke tönt, der Vorhang rauſcht empor, das Stück be⸗ ginnt. Draußen an der kleinen Pforte, durch welche die Schauſpieler auf die Bühne gelangen, ſteht ein Mann mit weißen Haaren, der hat es gedichtet. Er lauſcht jedem Tone, der zu ihm herausdringen möchte, aber die Wagen raſſeln und verſchlingen Mißfallen oder Beifall. Einer, der die Stühle geſetzt hat im Senate, kommt heraus und ſieht ihn da ſtehen. „Wollen Sie das Stück nicht ſehen?“ fragt er Cre⸗ billon,„treten Sie doch ein.“ „Nein, nein, mein Freund, ich habe meinen Platz im Theater, aber es iſt mir zu heiß geworden.“ „Sie intereſſiren ſich alſo nicht für das Stück?“ „Oh! ich— ich intereſſire mich ſchon, der Dichter iſt mein Freund, oder beſſer geſagt, ich bin ſein Freund, viel⸗ leicht der einzige Freund, den er hat.“ „Mein Herr,“ ſagt der ſtolze Mann des Senats,„Sie irren, Crebillon hat beſſere Freunde, als die da auf der Straße auf- und abſpazieren, und in den Mond ſehen.— Hören Sie den Sturm—“ Crebillon ergreift ſeine Hand.„Catilina!“ ruft er, „mam lacht nicht über ihn!“ Der Mann kehrt ihm verächtlich den Rücken. Deut⸗ lich hört Crebillon das Beifallklatſchen, jetzt wieder, und im⸗ mer wieder, es zieht ihn die Stufen empor, jetzt iſt er auf der Bühne, noch hört er die letzten Verſe des Actes. Der Vorhang fällt, wie das Meer rauſcht es durch das Haus. „Das Publikum verlangt ungeſtüm nach Crebillon,“ hört er neben ſich ſagen,„ich will in ſeinem Namen danken.“ „Danken Sie, danken Sie— ich— ich— kann ja nicht!“ ruft er, breitet ſeine Arme nach dem Publikum aus, und ſinkt zu Boden. Sacher⸗Maſoch, Kaunitz. I. 13 Derſelbe Miniſter, welcher ſich beeilt hatte, auf ein Stirnrunzeln der Pompadour, Catilina zu verbieten, feierte jetzt den glänzenden Erfolg deſſelben an feſtlicher Tafel mit dem Dichter und ſeinen Freunden. Rührend war die Ver⸗ legenheit, in welche Crebillon durch ſeinen Triumph ver⸗ ſetzt war, ſie wurde noch geſteigert, als er die Serviette nahm, und ein königliches Dekret in ſeinen Schooß fiel, das ihm eine Stelle an der Bibliothek verlieh. Noch ſtammelte er dem Miniſter ſeinen Dank, als eine verdeckte Schüſſel vor ihn geſetzt wurde, und die Hausfrau ihn einlud, den Deckel zu heben.„Iſt das für mich allein?“ fragte er,„was wird das ſein? Ich wage es nicht.“ Gabriele kam ihm zuvor und reichte ihm auf ſilberner Schüſſel ein zweites Dekret, das ihm einen Jahresgehalt von 1000 Franks ausſetzte. „Mein Gott!“ ſagte der Greis,„unſere Noth hat alſo ein Ende, wir werden alle geſund werden, Voltaire, Cati⸗ lina, der Blinde und ich.“ Zum Nachtiſch erhielt der Dich⸗ ter ein drittes Dekret, es eröffnete ihm, daß der König eine prachtvolle Ausgabe ſeiner Werke zu ſeinem Gunſten ange⸗ ordnet habe. Man trank ſein Wohl, die Unterhaltung wurde immer ungezwungener, eines jener fröhlichen Bacchanale der Rococozeit voll Anſtand und Grazie. Dem Backwerke, den Torten folgten muthwillige Lieder und die„blinde Kuh.“ Die kleine Gabriele hatte den Miniſter gleich ertappt, er kniete vor ihr, um ſich die Augen verbinden zu laſſen. „Gabriele, ſüße Gabriele,“ flüſterte er,„haſt Du ſie geſehen im Theater, ihn und meine Frau, ich verliere mei⸗ nen Verſtand, ich beſchwöre Dich, bei Allem was Dir heilig iſt, mache Kaunitz in Dich verliebt.“ Gabriele lachte. „Es wird nicht möglich ſein, den Reizen meiner Ge⸗ mahlin gegenüber, aber verſuch' es doch!“ „Gut,“ ſagte ſie.„So, Sie ſehen ausgezeichnet, fan⸗ gen Sie mich, aber machen Sie es nicht zu ungeſchickt.“ Machault löſte ſeine Aufgabe vortrefflich. Erſt trieb er Bernis aus einer Ecke in die andere, jetzt glaubte ihm Crebillon mit Mühe entronnen zu ſein. Neckend ſchwebte Gabriele um ihn, immer kühner, immer näher, da war ſie auch gefangen. „Nehmen Sie ſich in Acht, Kaunitz,“ rief ſie, indem ſie die Binde empfing,„ich habe es auf Sie abgeſehen, Sie will ich fangen.“ „Es wird Ihnen nicht ſchwer werden,“ ſagte der Graf. — Die Jagd begann. „Sie ſieht!“ rief Bernis. Gabriele lachte und toll und immer toller ging es aus einer Ecke in die andere, und durch die lange Reihe der Zimmer. Jetzt galt es Couſtou, jetzt dem Abbé, endlich Kaunitz. Sie trieb ihn vor ſich her. Er flüchtete hinter den Fenſtervorhang, da war er rettungslos verloren. Wie ein Tiger auf ſeine Beute, ſprang ihm die Kleine mit muthwilligem Lachen nach, und ſchloß ihn in ihre Arme. Auch er umſchlang das liebliche Mädchen. Die Binde war ihr von den Augen gefallen, ſie fühlte ſeine Lip⸗ pen auf den ihren, aber ſie wehrte ihm nicht. „Sie ſehen, daß Crebillon's Lorbeern mich ſchlafen laſſen,“ ſagte Voltaire, als Richelieu an dem nächſten Mor⸗ gen mit dem preußiſchen Geſandten in ſein Zimmer trat. Mit ihm kamen andere Freunde des Dichters, alle mit den Mienen von Leidtragenden, nur Richelieu hatte nichts von ſeiner guten Laune eingebüßt. Lächelnd ſprach er:„Sie werden uns die Stelle vorleſen von dem Tempel des Rufes.“ „Nein!“ antwortete Voltaire, der behaglich im Bette lag,„eine andere vom Palaſte der Thorheit.“ Er richtete ſich auf und recitirte:„Dort, wo einſt das Paradies der Narren war, wo das Chaos und die Nacht ihre Herrſchaft übten, ehe dieſe Welt entſtand, dort iſt das Reich der Thor⸗ heit. Dies greiſe Kind trägt einen grauen Bart, ein ſchie⸗ lend Auge, einen ſchiefen Mund. Die Unwiſſenheit iſt ihre Mutter, um ihren Thron verſammelt iſt die ganze alberne Familie: der Narrenſtolz, die Trägheit, die Leichtgläubig⸗ keit. Aſtrologen, Goldmacher, Theologen bilden ihren Hof⸗ ſtaat. Sie iſt bedient, ſie iſt geſchmeichelt wie eine Königin, und doch nur ein ohnmächtiges Phantom, ein Hilperic, ein König ohne Macht, ein Werkzeug nur und ihr Miniſter der Betrug.“ „Vortrefflich,“ ſagte Richelieu,„ich fürchte nur, daß Crebillon Ihnen dieſe Stelle ſtreicht.“ „Crebillon— mir?“ rief Voltaire aufgeregt. „Der König hat ihn ſo eben zum Cenſor bei dem Po⸗ lizeigerich ernannt,“ bemerkte Knyphauſen. „Sie glauben, daß ich deshalb nach Potsdam gehe, mein Herr Geſandte, Sie irren ſich, wiſſen Sie, was ich 1 thue? alle Trauerſpiele, welche Crebillon geſchrieben, ſchreibe ich noch einmal, ich ſchreibe eine Semiramis, einen Oreſtes, ja einen Catilina, Frankreich ſoll dann entſcheiden zwiſchen mir und ihm.“ Er zog heftig ein Bündel Papiere unter dem Kopfpolſter hervor.„Da haben Sie den Plan zu Semira⸗ mis— da Dreſtes— hier das gerettete Rom,“ eines nach dem andern flog dem preußiſchen Geſandten vor die Füße. Knyphauſen entgegnete trocken:„Mein König hat es ſich einmal in den Kopf geſetzt, den erſten franzöſiſchen Dichter an ſeinem Hofe zu haben. Der Dichter Arnaud iſt an ſeinem Hofe, wenn Sie die Stelle refuſiren, macht er ihn dazu—“ Eben trat Bernis lächelnd über Voltaire's Schwelle. „Was bringen Sie?“ fragte dieſer gereizt. „Einige Verſe Ihres königlichen Freundes,“ ſprach der Abbé mit boshafter Artigkeit, und reichte ſie Voltaire. „Die Verſe ſind wirklich ſchlecht, recht ſchlecht, auch das Gleichniß, Friedrich der Große vergleicht nämlich Arnaud mit der aufgehenden und Voltaire mit der untergehenden Sonne.“ Voltaire ſchrie bei dieſen Worten auf, und ſprang im Hemde aus dem Bette.„Meinen Paß!“ rief er,„meinen Paß! ich reiſe ab.“ — 5 2 G — 2 —„ — 2 S 32 5 62 8 — 6 ———— — 6 9 8 9 10 11 12 13 14 15 16 18 — —