Leihbibliothet 15 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 5 von 8 Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ceiß- und geſebedingungen.“ 1. Offens ein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Pesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſohen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat: 1 F— V 1 W 50 2 W. Pf 3„ 5 in„. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und ſelbſt zu ſorgen. 3. Schadenersatz. 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John Churchill, Herzog von Marlborough, war um das Bündniß des Kurfürſten mit Frankreich zu ſtrafen, an der Spitze eines aus allen gegen den eroberungsſüchtigen Ludwig XIV. ver⸗ bündeten Nationen zuſammengeſetzten Heeres in Baiern eingedrungen und ſtand jetzt bei Friedberg, um dem anrückenden Marſchall Tallard die Spitze zu bieten, während ſeine leichten Truppen, die Verheerung der Pfalz durch zu rächen, das Land bis München hin verwüſteten. Die Natur zeigte dabei, wie ſonſt, ihr heiteres Antlitz, ein nur von einzelnen leichten Wölkchen flüchtg durchzogener Himmel ſe ſich über die Landſchaft, . die Sonne des heißen Auguſtmorgens goß ihr flüſſiges Gold auf die hüpfenden Wellen der Donau und in die vom Thau blitzenden Kelche der Blumen. Lerchen ſtiegen ſchmetternd aus den von Pferdehufen niederge⸗ tretenen Saaten und auf dem Strohdache eines nahen Bauernhofes, deſſen Bewohner geflüchtet, deſſen Thüren mit Flintenkolben eingeſchlagen waren, klapperte ein Storch wie im tiefſten Frieden.. Ebenſo unbeſorgt und fröhlich zeigte ſich eine Gruppe von Herren und Damen, welche auf einem kleinen grünen Hügel im Graſe lagerte und deren helles ausgelaſſenes Gelächter ſich von Zeit zu Zeit gar ſelt⸗ ſam mit den kriegeriſchen Signalen und den Flüchen der auf der nahen Heerſtraße mit Weib, Kind und Vieh fliehenden Landleute vermiſchte. Die ganze vor⸗ nehm ausſehende Geſellſchaft ſchien ſich hier mitten zwiſchen den kämpfenden Parteien zu Scherz und Spiel zuſammengefunden zu haben, denn in einer kleinen Ent⸗ fernung ſtanden ihre Pferde an ein paar verkrüppelte Weidenbäume gebunden, und wenn die Damen in ihrer, damals ausſchließlich von Paris aus di tirte„eleganten Toilette ſich in nichts Weſentlichem unterſchieden, ſo ſah man an den Herren dafür das bunteſte von Uniformen aus aller Herren Länder. Neben dem grellrothen goldſtrotzenden Rock der 5 engliſchen Garde zeigte ſich der vorne und rückwärts aufgeſchlagene der Haustruppen Ludwig's XIV. in hellem Blau, das entblößte Knie des Schotten rivali⸗ ſirte mit dem pechſchwarzen Schnurrbart des ungariſchen Huſaren. Es war die Zeit der galanten Kriegführung. Als bei dem Einfall in die Pfalz ein deutſcher Offizier ſei⸗ nen Gegner, der ihm die Spitze des Degens auf die Bruſt geſetzt hatte, um Pardon bat, erwiderte der F Fran⸗ zoſe mit einem verbindlichen Lächeln:„Ich bin in Allem Ihr Diener, nur dieſe eine Bitte muß ich Ihnen leider abſchlagen“, und ſtieß ihn mit artiger Grazie nieder. Die Frauen der Offiziere gingen mit in den Krieg und andere ſchloſſen ſich ihnen an, ganz in der Weiſe wie man heutzutage in ein Bad geht, um ſich die Zeit zu vertreiben. Während die Heere der Baiern und Franzoſen einerſeits, der Engländer und Deutſchen andererſeits von Tag zu Tag einen großen entſcheidenden Zuſam⸗ menſtoß erwarteten, fanden ſich Damen und Offiziere aus beiden Lager n auf dem weiten Raume der die bei⸗ derſeitigen Vorpoſten trennte, zuſammen, um zu plau⸗ dern, ſich den Hof machen zu laſſen, Liebesintriguen anzuknüpfen oder ein kleines Spiel zu machen. Ja, nicht ſelten geſchah es, daß dié franzöſiſchen Offiziere die engliſchen und deutſchen Damen in aller Form zu einer Vorſtellung der franzöſiſchen Schauſpieler, welche die Armeen Ludwig's XIV. jederzeit begleiteten, ein⸗ luden und die feindlichen Schönen der Einladung Folge leiſteten. Wie immer bildete auch heute die ſchöne Ungarin, Gräfin Rabatin, den Mittelpunkt des jovialen Kreiſes und thronte, als gälte es ihre Macht auch äußerlich zu verſinnlichen, hoch über den anderen, welche ſich ein⸗ fach im duftigen Graſe gelagert hatten, auf einem rie⸗ ſigen Feldſtein, über den der Prinz von Rohan zuvor⸗ kommend ſeinen weißen Reitermantel gebreitet hatte. Die Gräfin war in jenem Alter, wo die Frauen am gefährlichſten zu ſein pflegen, gefährlich den jungen Männern durch die üppige Majeſtät ihrer Reize und eine gewiſſe Ueberlegenheit, gefährlich den erfahrenen durch ihren Geiſt und die kokette Kunſt, immer neu und pikant zu erſcheinen. Ein leichter weißer Schlaf⸗ rock, à la Watteau, mehr beſtimmt ihre herrlichen For⸗ men erſt recht in das Licht zu ſetzen als zu verhüllen, und ein kleiner Strohhut, welcher hoch oben auf ihrem Lockenthurme ſchaukelte, gaben ihr das idylliſche Aus⸗ ſehen einer jener Schäferinnen, wie ſie in den Poeſien und auf den Gemälden jener Tage eine hervorſtechende Rolle ſpielen, aber die großen, ſchwarzen, funkelnden —— * Augen der Gräfin ſprachen der Schäferidylle Hohn und ſchienen vielmehr anmuthige Geſchichten zu erzählen im Stile des Dekamerone. Der Königin des bunten Kreiſes zunächſt bemerkte man Lady Townshend, eine hohe ſchlanke Dame mit blondem Seidenhaar und blauen Sammtaugen, und die Gräfin Tarier, eine kleine, in⸗ triguante, ewig ſprudelnde Franzöſin, welche nur dann keine Mediſance auf der Zunge hatte, wenn ihr kleiner rother Mund, wie eben jetzt, mit Confekt gefüllt war. Die merkwürdigſte Erſcheinung war indeß die manns⸗ große, ſtarkknochige Freifrau von Willſtorf, welche in ihren ſchweren großgeblümten Roben gleich einer hol⸗ ländiſchen Fregatte mit feierlicher Langſamkeit einher⸗ rauſchte, während ihre tiefe Mannesſtimme an die Trom⸗ pete Joſua's mahnte, und dabei doch überzeugt war, daß die geſammte galante und ungalante Männerwelt beider Heerlager liebentbrannt zu ihren, Füßen liege, von denen der malitiöſe Lord Campbell behauptete, daß ihr feſter Tritt Feſtungen einſtürzen und Todte in ihren Gräbern erwecken könne. Die reſolute Dame führte eben kräftig das Wort und verſuchte die franzöſiſchen Offiziere davon zu überzeugen, daß die Lage ihres Heeres keine günſtige ſei, Prinz Eugen rücke heran und die von den Alliirten belagerte Feſtung Ingolſtadt ſei dem Falle nahe. C0 „Erlauben Sie mir an unſerem Unheil zu zwei⸗ feln“, ſpottete der Prinz von Tingrh,„wenn ſtatt dem Prinzen Eugen Sie vorrücken würden, Madame, dann bliebe uns freilich nichts übrig, als uns zu ergeben, ebenſo wäre Ingolſtadt verloren, wenn Sie ſtatt dem Markgrafen von Baden vor dieſer Feſtung liegen würden.“ „Schmeichler!“ lachte die Freifrau und gab dem Prinzen einen leichten Schlag mit ihrem Fächer, von dem er, wie er ſpäter betheuerte, einen blauen Fleck davontrug. „Meſſieurs“, miſchte ſich die ſchöne Rabatin in das Geſpräch,„es ſind in der That Anzeichen vorhan⸗ den, daß man auch von Ihrer Seite die Conſtellativn als eine füß die deutſchen und engliſchen Waffen vor⸗ theilhafte anſieht und ſogar den Frieden wünſcht.“ „O! wir wiſſen, daß der Herzog von Marlborvugh, welcher als Diplomat ebenſo gefährlich iſt wie als Courmacher, den Kurfürſten von Baiern dem Bünd⸗ niſſe mit Frankreich untreu zu machen geſucht hat“, rief der Kapitän Gaſſpir vom Regimente Luxembourg, „wir ſind auch über den Erfolg dieſer Bemühungen unterrichtet, aber die Sachlage hat ſich vollkommen ver⸗ ändert, ſeitdem franzöſiſche Truppen Baiern betreten haben. Der Kurfürſt hat ſich mit dem Heere des Mar⸗ — 9 ſchall Tallard vereinigt und die Unterhandlungen mit dem Herzoge abgebrochen.“ „Um ſo beſſer“, rief Graf Trautmannsdorf, Ritt⸗ meiſter der öſterreichiſchen Kaiſer⸗Chevaux⸗legers,„dann brauchen wir den Degen auch nicht in die Scheide zu ſtecken, was jedem braven Soldaten nur Freude machen kann.“ „Ich denke, Graf, Sie werden denſelben nur zu bald gebrauchen können“, plauderte Frau von Carbis, eine Kokette aus der Schule der Ninon de[Enclos, „Prinz Eugen bietet uns ja eine Schlacht an, bei— ja wie heißt das Ding, wer kann ſich die garſtigen deutſchen Namen merken!“ „Ich zweifle daran, daß der Prinz ſo unvorſichtig ſein wid „Uns mit ſeinen 18,000 Mann den Weg verlegen zu wollen? Gewiß nicht“, fiel Prinz Tingry dem öſter⸗ reichiſchen Chevaux⸗legers in das Wort,„aber ich fürchte für ſeinen Ruhm, daß er einem ungleichen Kampfe nicht mehr wird ausweichen können.“ „Prinz Eugen marſchirt, ſoviel ich weiß, parallel mit dem Marſchall“, ſchmetterte die Baronin, welche vom Kriegshandwerk ſprach wie ein alter Korporal. „In der That“, ſtimmte Frau von Carbais bei, „aber er hat geſtern bei dem Dorfe— ach! wie heißt nur das Ding?“— ſie ſchnalzte ärgerlich mit den kleinen Fingern. „Bei Höchſtädt“, kam ihr Prinz Rohan zu Hilfe. „Ja, ja, bei Hock— ſteudte Halt gemacht und es iſt daher jede Stunde ein Zuſammenſtoß mit un⸗ ſeren Truppen zu erwarten“, ſchloß die hübſche Frau. „Madame, ich muß Ihnen widerſprechen“, ſprach Trautmannsdorf,„Prinz Eugen, deſſen Genie ſeine egner nicht weniger anerkennen, als wir, die wir ihiw mit Stolz den unſeren nennen. Swird ſich keines 5 ſoſ ſchüldhaften Fehlers ſchuldig machen und ſich in keine Poſitivn werfen, welche dem Marſchall Gelegen⸗ heit geben würde, ſich zwiſchen ihn und Marlborough 8 einzuſchieben und jeden der Beiden mit überlegenen Kräften vereinzelt zu ſchlagen.“ „Um ſo ſchlimmer dann für Ihren Feldherrn“, ſagte der Prinz von Tingry,„denn er hat dieſen ſchüler⸗ haften Fehler thatſächlich begangen und dürfte dem Marſchall kaum mehr entkommen.“ „O! an das Entkommen denkt Prinz Eugen nicht“, rief die Gräfin Rabatin,„wenn er bei Höchſtädt gegen Ihre Waffen Front macht, dann iſt er auch an der Spitze der tapferen Oeſterreicher und der unüberwind⸗ 5 lichen preußiſchen Bataillone des Erfolges ſicher“ Der Streit wäre noch hitziger geworden, wenn ——— 1¹ in dieſem Augenbli cke nicht ein„Wer da?“ in nächſter Nähe und bar ann zwet aufeinanderfolgende Schüſſe die Geſellſ wf. allarmirt un auseinander geſprengt hätten. Alles eiſte zu den Pferden und in wenig Augenblicken jagten Damen und Offiziere mit kurzem Gruß nach allen Weltgegenden auseinander. „Wer da 4rief es noch einmal. Das ſneen Fluſſe her“, ſagte Graf Traut⸗ mannsdorf zu dem engliſchen Gardeoffizier Sir Camp⸗ bell,„ſehen wir nach, was es gibt.“ Nach wenigen leichten Sätzen ſtanden ihre Pferde an dem Ufer der Donau ſtille und den beiden Offizieren bot ſich ein ebenſo ſeltſames als reizendes Bild dar. Auf den Wellen des Fluſſes trieb ein kleiner Kahn, deſſen Fährmann offenbar durch die Schüſſe der Poſten erſchreckt auf ſeinem Geſicht lag, während eine junge Bäuerin von außerordentlicher Schönheit ſtehend das Ruder führte und das Ufer, an dem ein engliſcher Grenadier kaltblütig ſein Gewehr von St lud, zu erreichen ſuchte. „Kommen Sie mir zu Hilfe!“ rief ſie jetzt den beiden Reitern zu,„man ſchießt auf mich, Freund und Feind!“ Eben ſchlug der S wieder ſein Gewehr auf ſie an. 12 „Biſt Du toll?“ ſchrie ihm Sir Campbell zu,„auf Frauenzimmer ſchießen!“ „Sie gibt keine Loſung.“ Jetzt blitzte und knallte es vom anderen Ufer und eine franzöſiſche Kugel fiel unweit des Kahnes in das Waſſer. Die Frau, welche in demſelben ſtand, ſah ſich um, mehr neugierig als erſchreckt, und ſtieß dann an das Ufer. Erſt als Trautmannsdorf ihr die Hand bot und ſie ſich raſch und graziös auf das Land ſchwang, erkannte er ſie. „Gräfin Altan!“ rief er freudig überraſcht. „Man empfängt mich hier recht liebenswürdig“, ſprach ſie mit einem reizenden Lächeln,„aber wir haben keine Zeit zu verlieren, führen Sie mich zum Herzog von Marlborough, ich bringe Depeſchen vom Prinzen Eugen und Nachrichten von höchſter Wichtigkeit.“ Das Hauptquartier des Herzogs von Marlborough befand ſich in der Nähe von Friedberg, aber nicht in einem jener prächtigen Schlöſſer, welche unweit des Lagers dem verwöhnten Lebemann und Liebling der Damen alle Bequemlichkeiten der großen Städte anzu⸗ bieten ſchienen, ſondern, wie er es liebte, mitten unter ſeinen Soldaten. Gleich einem Palaſte überragte das für den Feldherrn aus farbiger Seide und friſch ge— 13 fällten Bäumen des nahen Nadelwaldes aufgerichtete luftige Prachtgebäude, vor dem auf hohem Maſte Eng⸗ lands Fahne wehte, die weite Zeltſtadt, in deren Straßen Soldaten, Soldatenweiber, Marketenderinnen, handeltreibende Hebräer, Bauern, welche Lebensmittel brachten, elegante Damen und reich gekleidete Cavaliere ein buntes Gemenge und ein rauſchendes Leben her⸗ vorriefen, das jenem von London, Paris oder Wien kaum nachſtand. Der Herzog von Marlborvugh, welcher, von ſeinen Adjutanten umgeben auf einem Feldfeſſel vor ſeinem Zelte ſaß, war noch immer der ſchöne elegante Mann, der einſt als Fähnrich der Nebenbuhler ſeines Königs geweſen war und der Eiferſucht Karl's II. ſein Haupt⸗ mannspatent und die Gelegenheit dankte, in den Reihen der damals verbündeten franzöſiſchen Armee unter Meiſtern wie Turenne, Condé und Vaubon die Kriegs⸗ kunſt zu erlernen. Seine Geſtalt beſaß jene ſeltene Vereinigung von Anmuth und Kraft, welche den Mann für Frauen ſo unwiderſtehlich macht, während ſich in ſeinem beſtechenden Antlitz eine gleich gefährliche Mi⸗ ſchung von Schönheit und Geiſt zeigte. Vor Allem war es aber der kühne durchdringende Blick ſeines Adler— auges, das unter den ſtolz geſchwungenen Brauen und der ſchneeweißen Lockenperücke hervorblitzte, welches ihn 14 zu dem Liebling der Götter, zu dem Sieger auf dem Felde der Ehre wie im Boudvir ſchöner Frauen machte. Vor Marlborough ſtand ein kleines, dunkelgeklei⸗ detes Männchen, mit rieſiger Allonge und einem bos⸗ haft feinen Lächeln um die dünnen Lippen, während der erſtere mit unzweideutigem Vergnügen ein Minia⸗ turporträt betrachtete, das ihm der Maler eben über⸗ reicht hatte. Das Männchen hieß Benjamin Wintereich und war ein ſehr geſuchter Künſtler in Aquarell aus München, den Marlborough's leichte Reiter mit an⸗ deren Gefangenen in das Lager gebracht hatten und welchen der Herzog, ein eifriger und geſchmackvoller Beſchützer der Künſte, durch Aufträge, welche er ihm ertheilte und glänzend bezahlte, für die erlittene Angſt und Noth zu entſchädigen ſuchte. Das kleine Portrait ſtellte die ſchöne Gräfin Ra⸗ batin dar, in einem weißen duftigen Gewande und mit einer gelben Roſe in den blauſchwarzen Locken. „Prächtig!“ rief der Herzog, nachdem er das kleine Bild lange mit Entzücken angeſehen.„ganz wunderbar aufgefaßt und wiedergegeben, für dieſes Bild vermag ich Sie gar nicht zu bezahlen, Monſieur Wintereich. Sehen Sie doch, meine Herren, und bewundern Sie!“ Während das Bild in der Gruppe der Generale und Offiziere von Hand zu Hand ging, trat der kleine Maler dem Herzoge mit ſeinem feinen, boshaften Lächeln näher und zog raſch eine zweite kleine Aquarelle aus der tiefen Taſche ſeines langen Atlasrockes. „Was haben Sie da?“ „Eine mythologiſche Scene;“ erwiderte Wintereich, indem er das Bild mit einer devoten Verbeugung über⸗ reichte,„ausſchließlich für Hochdero Privatamuſement gemalt und beſtimmt.“ Marlborough überflog die kleine Elfenbeinplatte und mußte halblaut auflachen. Der feine Pinſel des kleinen Wintereich hatte auf derſelben eine jener kleinen allegoriſchen Sathren her⸗ vorgezaubert, welche die damalige Zeit der beginnenden Aufklärung ſo ſehr liebte. Auf grünſammtenem Raſen lagerte Gräfin Rabatin, hoch geſchürzt, den Köcher um die Schultern, als Diana, von Nhmphen, in denen unſchwer ihre Freundinnen Lady Townshend und die Gräfinnen Hadik und Wratislaw zu erkennen waren, umgeben, im Begriffe ſich in dem nahen Quell zu baden, welcher zu ihren Füßen ſprudelte, während Actäon, mit dem albernſten Geſichte ihres Gatten, des Gene⸗ rals Rabatin, die Zweige theilte und in ihr Anſchauen verloren, das rieſige Hirſchgeweih, das auf ſeinem Kopfe emporgeſchoſſen war, nicht zu bemerken ſchien. „Sie ſind ein kleiner Taugenichts, Monſieur Winter⸗ 16 — S eich“, rief der Herzog, das verfängliche Bild zu ſich ſteckend,„aber ich bin mit Ihnen ſehr zufrieden und werde es nicht bei beifälligen Worten bleiben laſſen.“ Der Maler verneigte ſich wieder höchſt reſpektvoll und verſenkte ſeine Hand zum dritten Male in die Taſche ſeines Rockes, welche unerſchöpflich ſchien, aber diesmal wurde er durch den Grafen Trautmannsdorf unter⸗ brochen, welcher mit militäriſchem Gruße auf Marl⸗ borough zutrat, während die Gräfin Altan in einiger Entfernung, den klugen Blick ihrer blauen Augen auf den galanten Helden geheftet, ſtehen blieb. Die feine zierliche Geſtalt der Gräfin kam durch den kurzen Bauernrock, welcher ihre niedlichen Füße ſehen ließ und das knappe Tuchmieder, über dem ſich das weiße Hemd verrätheriſch bauſchte, noch mehr zur Geltung. Der Herzog ſah ſie überraſcht an und näherte ſich ihr dann raſch, um ſie lächelnd beim Kinn zu nehmen.„Welch ein reizendes Bauernmädchen“, rief er,„wie nennſt Du Dich, kleine Unſchuld?“ Die Gräfin wurde blutroth. „Kein Bauernmädchen, Durchlaucht“, beeilte ſich Trautmannsdorf einzufallen,„ſondern die Gräfin Altan, welche uns Nachrichten von dem Prinzen Eugen bringt.“ Jetzt war es an Marlborvugh roth zu werden, 17 er trat verwirrt zwei Schritte zurück und zog ſeinen Federhut tief bis zur Erde herab.„Vergeben Sie die ſeltſame Begrüßung“, bat er mit ſeiner bezaubernden Liebenswürdigkeit,„aber wie konnte ich ahnen—“ „Mindeſtens darf ich Ihnen nicht den Vorwurf der Schmeichelei machen, Herzog, den unſere Cavaliere mehr als einmal von mir bekommen haben“, erwiderte die Gräfin ſchalkhaft,„und da wir Frauen angenehme Wahrheiten immer gerne hören, ſo bedankt ſich die Gräfin Altan für die Huldigung, welche dem Bauernmädchen zu Theil wurde.“ Der Herzog biß ſich beſchämt in die Lippe, er fand keine Worte, zum erſten Male ſeit ihn Mars und Venus mit Lorbeeren krönten, behandelte ihn eine junge Frau mit jener ſpielenden Ueberlegenheit, welche auch den erfahrenſten und kühnſten Mann aus der Faſſung bringt. Er begnügte ſich daher die Abgeſandte Eugen's mit einer artigen Handbewegung einzu⸗ laden in ſein Zelt zu treten und folgte mit Traut⸗ mannsdorf. „Welchen Weg haben Sie genommen, Gräfin?“ begann er, nachdem dieſelbe auf einem der Feldſeſſel, welche ſeinen mit Karten und Plänen bedeckten Tiſch umſtanden, Platz genommen hatte. Sacher-Maſoch, Wiener Hofgeſchichten. II. 2 18 „Da keine Zeit zu verlieren iſt, kam ich auf dem kürzeſten“, entgegnete ſie,„auf der Donau. Die fran⸗ zöſiſchen Poſten waren ſo galant, mich ohne Anſtand vaſſiren zu laſſen, erſt als ſie bemerkten, daß ich mich Ihrem Lager näherte, ſchoſſen ſie mir nach.“ „Sie waren alſo in Gefahr?“ „Wie man es nimmt“, lachte die Gräfin,„die Franzoſen waren ſehr weit entfernt und Ihre Grena⸗ diere zielen, Gott ſei Dank, recht ſchlecht.“ „Meine Leute haben Sie gleichfalls mit Kugeln empfangen?“ „Allerdings“, ſpottete die Altan,„aber ihr Feld⸗ herr hat ſich ja beeilt, ihr Verſehen ſofort gut zu zu machen. Nun aber zur Sache. Prinz Eugen ſteht mit ſeinem Corps bei Höchſtädt in einer ſehr gefähr⸗ lichen Poſition—“ „Das erſte, was ich davon höre“, unterbrach Marlborough,„der Marſchall hat ſich mit ſeiner Ar⸗ mee zwiſchen uns geſchoben und mir alle Nachrichten von dem Prinzen abgeſchnitten.“ „Eugen hat zwei Mal an Sie geſendet.“ „Offenbar hat der Feind ſeine Kurire aufge⸗ fangen.“ „So dachte der Prinz auch und deshalb hat er mich geſendet. Er hoffte, daß ich in dieſen Kleidern —— 19 die feindlichen Linien werde paſſiren können, und da bin ich alſo, um Sie zu bewegen, Herzog, ſich auf Umwegen, ſo raſch als nur möglich mit uns zu ver⸗ einigen und dem Marſchall eine Schlacht zu liefern.“ „Erklären Sie mir vor Allem, Gräfin, was den ſonſt ſo vorſichtigen Prinzen von Savohen beſtimmt hat, ſich von dem Feinde einholen zu laſſen und mit nur 18,000 Mann den mehr als dreifach überlegenen Tallard zum Kampfe herauszufordern.“ „Die Ehre, Herzog“, gab die reizende Frau leb⸗ haft zur Antwort,„die Ehre unſerer Waffen und des deutſchen Vaterlandes. Der Feind ſoll nicht ungeſtraft den Fuß auf deutſche Erde ſetzen dürfen. Ein Rückzug in dieſem Augenblicke hieße nicht Vorſicht, ſondern Feigheit und Schmach, und die Chre iſt unter allen Umſtänden mehr als der Erfolg. Dies ſind die Er⸗ wägungen, welche den Prinzen Eugen beſtimmt haben, bei Höchſtädt Halt zu machen. Da er aber ſeine Kräfte durchaus nicht überſchätzt, ſo hofft er, daß Sie ſich beeilen werden, Ihre Armee mit der ſeinen zu vereinigen und iſt bereit, Ihnen den Oberbefehl und den Ruhm des Sieges ungeſchmälert zu überlaſſen.“ „Ich erkenne in dieſem Angebot den edlen Cha⸗ rakter des Prinzen, dem es nie um perſönliche Vor⸗ theile, ſondern ſtets nur um das allgemeine Wohl zu — 20 thun iſt“, ſprach der Herzog, von der Ritterlichkeit Eugen's hingeriſſen,„ich theile ſeine Anſchauungen in Allem und Jedem und bin gleich ihm für eine nach⸗ haltige Entſcheidung auf dem Schlachtfelde, da ich mir täglich ſage, daß ein dauerhafter Friede für Europa nur durch die Demüthigung Frankreichs und ſeines ländergierigen Königs zu erreichen iſt, aber ich bin nicht der Wiener Hofkriegsrath und ſtecke nicht unter den überklugen Perrücken, welche von London aus die Feldzüge beſſer zu leiten glauben, als wir, die wir dem Feinde täglich ins Auge blicken. Ich würde aber nun die einen ebenſowenig fragen, wie die anderen, aber da ſind zum Ueberfluß noch die deutſchen Fürſten hier in unſerem Lager mit ihren kleinen Kontingenten, die wir am Ende doch nicht entbehren können, weil ſie alle zuſammen ein ganz ſtattliches Corps bilden, Fürſten, die 1000 Mann kommandiren und für 100,000 den Mund vollnehmen, alle höchſt ehrenwerthe, höchſt vorſichtige und bedächtige Pedanten. Sie ſehen, daß meine Lage keine beneidenswerthe iſt! Dennoch werde ich Alles aufbieten, um meine Generale von der Noth⸗ wendigkeit, eine Schlacht zu liefern, zu überzeugen. Kehren Sie ſo raſch als nur möglich auf dem Land⸗ wege, wo Ihnen keine Gefahr droht, zu dem Prinzen zurück, und ſagen Sie ihm, daß ich ihn bitten laſſe, 21 ſich zu einer Beſprechung bei mir einzufinden. Meine Equipage ſteht zu Ihrer Verfügung.“ „Ich ziehe ein Pferd vor“, entgegnete die Gräfin ſich erhebend,„und Sie, Trautmannsdorf, bitte ich um Ihren Schutz.“ Wenige Minuten ſpäter verließ die Altan das Lager Marlborough's vonſ dem öſter⸗ reichiſchen Grafen und vieren ſeiner Chevaux legers begleitet. Der Herzog ritt mit ihnen bis zu den Vor⸗ voſten. Auf dem Heimwege zeigte er ſich auffallend wortkarg. „Eine ſchöne Frau, dieſe Altan“, ſagte General Lumley, der ſich an ſeiner Seite befand,„ſie könnte beinahe mit der Rabatin rivaliſiren.“ „Wie können Sie die Beiden nur vergleichen, Sir!“ rief Marlborough,„die Rabatin erbleicht neben ihr wie Sternenſchein bei Sonnenaufgang!“ * Früher als der Herzog es für möglich gehalten, kehrte die Gräfin von Höchſtädt zurück, ſie traf ihn in Geſellſchaft aller jener Damen, welche ſein Hauptquar⸗ tier belebten, und einiger junger Offiziere beim Feder⸗ ballſpiel, heiteres Lachen tönte ihr von weitem ſchon entgegen und ſie befand ſich bereits auf dem grünen Plan mitten unter den ſich Rettenden und Verfolgen⸗ den, vhne daß Marlborvugh ſie bemerkt hätte. Ein 22 lauter Schrei der Freifrau von Willſtorf, welcher allen durch Mark und Bein ging, machte ihn erſt aufmerk⸗ ſam. Schon hatte die letztere die Altan in ihre Arme geſchloſſen und mit einer Emphaſe, welche bei ihr ebenſo komiſch als aufrichtig war, bewillkommt. Nun kamen auch andere Oeſterreicherinnen, die Hadik, die Wratislaw und zuletzt auch die Generalin Rabatin herbei, um die Angekommene zu begrüßen und mit Fragen zu beſtürmen. Man hatte ſich ſeit Wien nicht geſehen und es gab daher viel zu erkundigen und zu erzählen. Die Gräfin Altan hatte ihre Bauernkleider abge⸗ legt und ſtand jetzt in der geſchmackvollſten Toilette einer vornehmen Modedame aus der Zeit Ludwig XIV. in dem freudig aufgeregtem Kreiſe. Marlborvugh, welcher ſie mit ſeinen Blicken verſchlang, mußte ſich jetzt geſtehen, daß ſie die ſchönſte Frau ſei, die ihm bisher im Leben begegnet, ſie ſtellte nicht allein die Rabatin, welche als die Venus ſeines Lagers galt, ſondern alle gefeierten Damen des engliſchen Hofes tief in Schatten. Der Herzog befand ſich wieder in nicht geringer Verwirrung, als ſie unbefangen auf ihn zutrat und ihm die baldige Ankunft Eugen's ankündigte. „Du darfſt uns nicht mehr verlaſſen, Altan“, —————ũjů— 23 rief die Willſtorf, indem ſie ihre derbe Hand auf den zarten Arm der jungen Freundin legte. „Vorläufig denke ich auch nicht daran“, erwiderte die Abgeſandte Eugen's,„aber habt Ihr auch Quar⸗ tier für mich?“ „Das verſteht ſich“, brauſte der weibliche Grena⸗ dier auf,„Du wirſt bei mir wohnen.“ „Sehr liebenswürdig“, erwiderte die Altan,„und ich nehme mit Vergnügen an.“ Ein böſer Zufall für den Herzog wollte, daß eben zwei engliſche Dragoner einen Offizier mit verbundenen Augen vor ihn brachten. Die Altan ſah die franzö⸗ ſiſche Uniform und errieth ſofort, daß es ſich um eine Unterhandlung mit dem Feinde handle. Es ſchoß ihr in demſelben Augenblicke durch den Kopf, daß die Gegner des Herzogs denſelben wiederholt in den Zei⸗ tungen und im Parlament offen der Beſtechlichkeit an⸗ geklagt hatten, und ein furchtbarer Verdacht bemächtigte ſich ihrer. Raſch entſchloſſen ergriff ſie den Arm Marl⸗ borough's und flüſterte ihm zu:„Sie zögern eine Schlacht zu liefern, Herzog, weil Sie mit dem Mar⸗ ſchall in Beziehungen ſtehen, welche—“ „Welche ich ſelbſt noch nicht kenne“, der Herzog mit Würde,„bemühen Sie ſich in mein Zelt, 6 24 Gräfin, Sie ſollen Zeugin meiner Unterredung mit dem feindlichen Parlamentär ſein.“ „Sie wiſſen ſehr gut, daß mir der Anſtand dies verbietet.“ „Ich habe nichts dagegen, daß die Baronin Sie begleitet.“ Die Altan ſah den Herzog mit einem durchdrin⸗ genden Blick an, nahm dann den Arm der Willſtorf und trat in das Zelt. Marlborough bot den Damen Sitze und zog dannn den Vorhang zu, welcher ſeinen luftigen Palaſt in zwei Gemächer theilte; ſo konnten die beiden Frauen, ohne ſelbſt bemerkt zu werden, Alles hören, was in dem vorderen Raume geſprochen wurde. Der franzöſiſche Offizier wurde hereingeführt und demſelben die Binde abgenommen. „Prinz Rohan“, rief der Herzog überraſcht. „Mein Compliment, Durchlaucht“, begann der Franzoſe,„ich ſchätze mich glücklich, in ſo angenehmer Miſſion vor Ihnen erſcheinen zu dürfen.“ Marlborvugh bat den Prinzen Platz zu nehmen und ließ ſich ihm gegenüber an dem mit Karten be⸗ deckten Tiſche nieder. „Mein Auftrag lautet ſehr kurz und einfach“, cctee erſcheinen.“ „Ich verſtehe.“ Der Prinz erhob ſich und wurde, nachdem man ihm wieder die Augen verbunden hatte, von den Dra⸗ gonern abgeführt. „Sie unterhandeln alſo mit den Franzoſen?“ rief die Altan, welche erregt auf den Herzog zueilte. „Ich bitte, Gräfin, um das Eine“, gab Marl⸗ borough zur Antwort,„verurtheilen Sie mich erſt nach meiner Unterredung mit Tallard.“ Wenige Minuten ſpäter wurde dem Herzoge ein franzöſiſcher Cabinetscvurier gemeldet, welcher ihm eine Depeſche zu übergeben habe. Man führte ihn in das fuhr Prinz Rohan fort,„Marſchall Tallard bittet Sie um eine Unterredung.“ „Zu welchem Zwecke?“ „Dies auseinanderzuſetzen iſt eben ſchon die Sache des Marſchalls.“ „Wo ſoll dieſe Zuſammenkunft ſtattfinden?“ „Hier in Ihrem Zelte und zwar auf der Stelle.“ „Iſt der Marſchall ſo nahe?“ „Ich habe ihn bei Ihren Vorpoſten verlaſſen, er kann in wenigen Minuten hier ſein.“ „Sagen Sie ihm alſo, daß ich ihn erwarte.“ „Aber der Marſchall wünſcht hier incognito zu 26 Zelt und nahm ihm die Binde ab. Kaum hatte ſich der engliſche Offizier, welcher ihm das Geleite ge⸗ geben, entfernt, ſo eilte Marlborough ſeinem ritter⸗ lichen Gegner entgegen und ſtreckte ihm beide Händ hin. „Willkommen Marſchall“, rief er,„was bringen Sie Gutes?“ Tallard, einer jener glänzenden franzöſiſchen Offi⸗ ziere aus der Zeit Ludwig's XIV., in einer Perſon der tapfere Soldat, der feine Hofmann und der kunſt⸗ liebende Schöngeiſt, erwiderte die Begrüßung eben ſo liebenswürdig.„Ich bringe das Beſte was ich brin⸗ gen kann, den Frieden.“ „Hat Ihr König Ihnen Vollmacht ertheilt, auf einer beſtimmten Baſis mit uns zu unterhandeln?“ fragte Marlborough. „Noch nicht, aber er hat mich beauftragt, Ihnen einen Waffenſtillſtand anzubieten, welcher, wie ich glaube, nur ein Vorbote des Friedens ſein kann und vor allem dem Prinzen Eugen willkommen ſein dürfte, welcher ſich bei Höchſtädt in einer vorgeſchobenen und gefährlichen Poſition befindet.“ „Ich theile Ihre Anſicht nicht, Herr Marſchall“, erwiderte der Herzog,„vielleicht nur deshalb, weil ich mir einbilde, Ihren König beſſer zu kennen als Sie 2 ſelbſt. Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen den großen Plan Ludwig's XIV., welcher ſeinem ſtrategiſchen Genie alle Ehre macht und der Ihnen vorläufig unbe⸗ kannt zu ſein ſcheint, auseinanderzuſetzen. Ihr König iſt des Feſtungskampfes in Italien und den Nieder⸗ landen müde, er will einen entſcheidenden Schlag füh⸗ ren. Ein Waffenſtillſtand, dem vielleicht zum Scheine Friedensunterhandlungen folgen, ſoll uns ſo lange un— thätig erhalten, bis Vendome über Tirol und Villeroi von der Moſel her ſich mit Ihnen und dem Kurfürſten vereinigt haben, dann würde man die Unterhandlungen abbrechen, uns mit der Uebermacht erdrücken und das Donauthal hinab gegen Wien operiren. Der Plan iſt wie geſagt vortrefflich, ſchade nur, daß nicht alle Vorausſetzungen eintreffen, daß es Vendome nicht ge⸗ lingen wird, durch die Tiroler Päſſe, welche von dem braven Volke jenes treuen Landes mit Aufopferung und Glück vertheidigt werden, vorzudringen, und daß ich Sie, Herr Marſchall, und den Kurfürſten von Baiern geſchlagen haben werde, ehe Villervi eintrifft.“ „Sie nehmen alſo den von uns angebotenen Waffenſtillſtand nicht an?“ „Timeo Panaos—“ lächelte der Herzog. „Mein Auftrag iſt noch nicht erſchöpft“, fuhr Tallard in einiger Verlegenheit fort. 28 „Noch nicht erſchöpft?“ Marlborough runzelte die Stirne.. „Mein König befiehlt mir, Sie, für den Fall, daß Sie dieſen Waffenſtillſtand, der, wie geſagt, zum Frieden führen ſoll, abſchließen, ſeiner unbegrenzten Dankbarkeit zu verſichern, und überläßt es Ihnen, Herr Herzog, die Bedingungen zu ſtellen, welche—“ „Vergeben Sie, Herr Marſchall, daß ich Ihnen in das Wort falle“, rief Marlborvugh ſtolz und ab⸗ weiſend,„es ſcheint, daß man in Verſailles den Ver⸗ leumdungen meiner Feinde im Parlament mehr Glau⸗ ben ſchenkt, als in England ſelbſt. Ich beeile mich daher, Ihnen dieſelbe Antwort zu geben, welche ich den baieriſchen Städten ertheilte, als ſie mich durch das Anbot großer Summens zu beſtimmen ſuchten, der Verheerung ihres Landes Einhalt zu thun. Ich ſagte ihnen, die Truppen der Königin von England ſind nicht da um Geld zuſammenzuſchlägen, ſondern um den Kurfürſten zu zwingen, Raiſon anzunehmen. Daſ⸗ ſelbe ſage ich Ihnen. Mir blutet das Herz bei den Gräueln dieſer Verwüſtung, welche das gebildete Eu⸗ ropa in Schlachtfeld verwandeln, aber nicht wir haben dieſen Krieg begonnen, ſondern Ihr ehrgeiziger Mo⸗ narch. Jetzt aber, wo ich den Degen zur Vertheidigung des Gleichgewichtes von Europa und der Ehre meines 29 Vaterlandes gezogen habe, werde ich ihn nicht ein— ſtecken, ehe Ihr König ihn nicht einſteckt, ehe Ihr König nicht Raiſon angenommen hat. Mit Gott, Herr Mar⸗ ſchall!“ Damit endete dieſe welthiſtoriſche Unterredung. „Sind Sie nun mit mir zufrieden, Gräfin?“ fragte der Herzog, nach der Entfernung des Marſchalls raſch in das Innere des Zeltes tretend. „Sie haben edel geſprochen“, erwiderte die Altan mit einem Blicke voll freudiger Genugthuung,„und groß gehandelt, nun müſſen Sie aber auch Wort hal⸗ ten und den Marſchall ſchlagen.“ „Ich ſehe, Oeſterreich hat eine Diplomativn in mein Lager entſendet, welche dem Abgeſandten Frank⸗ reichs weit überlegen iſt“, rief Marlborough überraſcht, „ich werde mir alle Mühe geben, Gräfin, Ihrem Geiſte jene Erfolge zu verſchaffen, welche demſelben unſtreitig gebühren, aber wir wollen ſehen, ob es mir gelingt, mit dieſen militäriſchen Pedanten fertig zu werden. Wollen Sie vielleicht auch unſerem Kriegsrathe bei⸗ wohnen?“ „Nein, Herzog, ich vertraue Ihnen jetzt“, ſprach die ſchöne Frau,„Sie haben mich beſiegt.“ „O wie glücklich wäre ich, wenn dies der Fall wäre!“ fiel der Herzog ein. 30 „Sie ſind ſo ſehr gewöhnt zu erobern, Herzog“, gab die Gräfin lächelnd zurück,„daß Sie nur das Erobern ſelbſt, nicht aber die Eroberung beglückt.“ „Es käme auf den Widerſtand an, den ich fände!“ „Das heißt mit anderen Worten, um Sie für immer zu beglücken, darf man ſich niemals von Ihnen einnehmen laſſen. Aber ich will Sie nicht länger Ihren Generalen entziehen. Auf Wiederſehen, Herzog“. Die Damen verließen das Zelt, welches eine halbe Stunde ſpäter von engliſchen und deutſchen Uniformen in allen Farben gefüllt war. Ein Zettel Marlborough's benachrichtigte die Altan von dem Erfolge des Kriegsrathes„Wer wäre all⸗ mächtig“, ſchreibt er ihr,„wenn nicht eine zugleich ſchöne und geiſtvolle Frau es wäre! Wenn es Ihnen gelingt, den Prinzen von Baden zu beſtimmen, daß er die Armee verläßt und die Belagerung von Ingol⸗ ſtadt übernimmt, ſind wir Herren der Situation, aber an dieſem entſetzlichen Pedanten, welcher eine ganze ſtrategiſche Bibliothet verſchluckt zu haben ſcheint, ſchei⸗ tert alle Beredtſamkeit und alle Berechnung.“ „Was ſchreibt Dir der Herzog?“ fragte die Will⸗ ſtorf, in deren Gegenwart die Gräfin das Blatt las. Die Letztere ſah ſie an, ein luſtiger Gedanke überflog raſch ihre reine Stirne.„Er ſchreibt mir“, ſaßte ſie, 3 „daß der Prinz von Baden ſterblich in Dich verliebt „In mich?“ „Nun, biſt Du etwa nicht zum Verlieben?“ * Die Ankunft des Prinzen Eugen von Savoyen im Hauptquartiere Marlborough's erfüllte alle jene, welche für eine raſche Entſcheidung durch eine Haupt⸗ ſchlacht, für die Offenſive ſtimmten, mit neuen Hoff⸗ nungen. Es war ein Anblick, der ſeines Gleichen ſuchte, als ſich die beiden genialen Feldherren, welche vereint eine Reihe der glänzendſten Siege erfechten ſollten, vor dem Zelte des Herzogs begegneten und die Hände reichten. Gab es doch nicht leicht zwei größere Gegenſätze als den hochgewachſenen kräftigen Herzog von Marlborough, deſſen Züge mit Adonis und Apollo wetteiferten, den galanten Liebling der Frauen und den kleinen ſchwächlichen Eugen, den die große Allonge⸗ verücke zu erdrücken drohte, mit ſeinem ſchmalen, gel⸗ ben Altenweibergeſichte, das bei dem Rauſchen eines Frauenkleides ſo furchtbar erſchrecken konnte, während es bei dem Donner von 200 Feuerſchlünden mit kei⸗ ner Wimper zuckte. Mit jener Hitze, welche ihn in fo viel Schlachten zum Herren des Kampffeldes machte, ſtürmte' Eugen auch hier auf ſein Ziel los.„Wann liefern wir die Schlacht, Herzog?“ begann er— „jeder Tag, den wir verlieren, macht den Erfolg un⸗ gewiſſer.“ „Wir ſind leider noch nicht ſo weit, Hoheit“, entgegnete Marlborough, indem er den Prinzen unter den Arm nahm und, ſich von ſeinem Stabe entfer⸗ nend, mit ihm in der nächſten Zeltgaſſe auf und ab ging.„Sie wiſſen, wie abhängig wir von unſern Unterbefehlshabern ſind, wir haben dies im Feldzuge von 1702 in den Niederlanden erfahren. Es iſt ſchwer zu befehlen, wenn Niemand gehorcht. Ein Erfolg iſt nur dann möglich, wenn alle meine Generale für die Schlacht ſtimmen.“ „Wer iſt ſo wahnſinnig, ſich gegen dieſelbe aus⸗ zuſprechen?“ entgegnete Eugen. „Der Prinz von Baden.“ „Dann ſchicken Sie ihn fort oder ſtellen Sie ihn vor ein Kriegsgericht.“ „So weit reichen meine Vollmachten nicht.“ „Mir ſcheint doch, daß dieſelben ſehr dehnbar ſind“, ſprach Eugen mit der ihm eigenthümlichen Schärfe der Betonung,„denn ſie haben Ihnen geſtat⸗ tet, zuerſt mit dem Kurfürſten und eben jetzt mit Tal⸗ lard zu unterhandeln.“ Der Herzog biß ſich auf die Lippe.„Sie ſchei⸗ 33 nen nur gekommen zu ſein, um mich anzuklagen, Hoheit.“ „Jetzt iſt der Augenblick, wo wir den Angriff wagen können und müſſen“, fuhr Prinz Eugen fort. „Sobald Vendome und Villervi ſich mit Tallard ver⸗ einigt haben, ſind wir in die Defenſive verſetzt. Wenn Sie noch länger zögern, das zu thun, was Sie ſelbſt für das einzig Richtige halten, dann—“ „Vollenden Sie doch!“ „Dann müßte das Gefühl der Hochachtung, das ich für Sie empfinde, einem ganz andern weichen.“ „Sie ſind hart in Ihrem Urtheil.“ „Wir haben keine Zeit zu Artigkeiten“, fiel Eugen heftig ein,„ich muß heute, ja in dieſer Stunde noch erfahren, ob ich auf Sie zählen darf oder nicht.“ Er ließ Marlborough's Arm los. „Ich bedaure, keine entſcheidende Antwort geben zu können“, ſagte der Herzog. „Dann werde ich eine Stellung wählen, in der ich mich mit Vortheil vertheidigen kann“, brach Prinz Eugen mit einer Feſtigkeit, die zu ſeinem zarten Aeu⸗ ßeren im Widerſpruch zu ſtehen ſchien, ab. „Sie verlaſſen mich?“ „Ich werde die Schlacht, welche geliefert werden muß, allein liefern.“ Sacher-Maſoch, Wiener Hofgeſchichten. II. 0 „Und was wird man von mir ſagen, wenn ich Sie ohne Unterſtützung der gewiſſen Niederlage ent⸗ gegen gehen laſſe?“ rief der Herzog erregt. „Man wird Sie einen Verräther nennen, Her⸗ zog.“ Eugen ſprach die Beleidigung, welche ihres Gleichen ſuchte, mit kalter Ruhe aus, den Blick her⸗ ausfordernd auf Marlborvugh geheftet. Der Herzog erbleichte bis in die Lippen, trat einen Schritt zurück, lüftete den Hut und verließ dann den Prinzen, um in ſein Zelt zu eilen. Eugen blieb wie angewurzelt ſtehen, noch immer lag der ſtrenge Ausdruck der Em⸗ pörung auf ſeinem Geſichte, als ein Frauengewand auf ihn zurauſchte und ein leichter Fächerſchlag ſeinen Arm traf. Der Held von Zenta, welcher dem ritter⸗ lichen Marlborough vor Kurzem noch wie ein furcht⸗ loſer Ankläger und unerbittlicher Richter gegenüber⸗ geſtanden, ſchien mit einem Male ganz wieder in den ehemaligen„kleinen Abbé“ verwandelt, als er die ſchöne Gräfin Altan vor ſich ſah.„Was haben Sie dem Herzog gethan?“ begann ſie in einem Tone, wel— cher Eugen noch mehr verwirrte. „Ich habe ihm geſagt, wofür ich ihn halte“, ſtot⸗ terte der Held. „Für was halten Sie ihn alſo?“ „Für einen Berräther.“ —————— „Das iſt er nicht.“ „Iſt ſein Betragen nicht verdächtig?“ „Ich habe mich überzeugt, daß Marlborough der redlichſte, uneigennützigſte Mann iſt“, entgegnete die Gräfin,„nicht er trägt die Schuld an den Fehlern, welche hier begangen werden und welche Sie ſo ſehr aufgebracht haben, daß Sie unſeren treueſten Verbün⸗ deten beſchimpfen.“ „Die Kälte, mit der er unſere Lage auffaßt—“ ſtammelte Prinz Eugen. „Kann allerdings ebenſo verderblich werden wie Ihre Hitze“, fiel die Altan ein,„eben deshalb müſſen Sie Beide immer nur vereint handeln, die Natur hat Sie für einander geſchaffen, zu Genoſſen, zu Freunden. Was ſoll nun werden? Der Herzog ſieht ſeine Ehre verletzt, er wird Ihnen eine Herausforderung ſenden.“ „Die ich annehmen werde—“ „Die Sie nicht annehmen werden“, unterbrach ihn die Gräfin lebhaft.„Sind Sie von Sinnen, Prinz? Haben zwei tapfere Soldaten, zwei Feldherren, wie Sie und Marlborough, angeſichts des Feindes noch eine andere Pflicht, als dieſem die Spitze zu bie⸗ ten? Ihre Degen gehören dem Vaterlande, gehören Europa und derjenige von Ihnen, der ſie zuerſt zu einem anderen Zwecke zieht, der iſt ein Verräther.“ 3* Eugen blickte verwirrt zu Boden.„Sagen Sie das Marlborough“, murmelte er endlich. „Kommen Sie“, rief die Altan in einem Tone, der jeden Widerſpruch ausſchloß.„Sie haben den Her⸗ zog beleidigt, an Ihnen iſt es, ihn zu verſöhnen. Kom⸗ men Sie!“ Sie nahm ihn unter den Arm und führte Eugen, der unterwegs mindeſtens drei Mal über ihre Schleppe ſtolperte, dem Herzoge zu, welcher in ſeinem Zelte in unbeſchreiblicher Aufregung auf⸗ und abging. „Hier bringe ich Ihnen einen guten Freund“, rief die Altan mit ihrer melodiſchen, herzgewinnenden Stimme,„den ſeine Hitze wieder einmal fortgeriſſen hat, und der ſehr erfreut wäre, wenn Sie vergeſſen wollten, welchen Streich der einſtige Dragoneroberſt dem General Prinzen Eugen geſpielt.“ Der Herzog bot nun Eugen die Hand und die beiden großen Männer blickten ſich lange ſtumm in das Auge. In derſelben Stunde, welche ſie für immer zu entzweien drohte, wurde ihre Freundſchaft beſiegelt für immer, dieſes edle Bündniß, in welchem es keinen anderen Wettſtreit gab, als den, mit Aufopferung jedes perſönlichen Ehrgeizes dem allgemeinen Wohle zu die⸗ nen und welches Eurppa vor dem franzöſiſchen Joche bewahren ſollte. „Nun ſind wir treue Verbündete und wollen es † 37 bleiben“, begann endlich Marlborvugh.„Unſere erſte Aufgabe muß es ſein, den Prinzen von Baden, welcher ſich als älteſter General mit mir in das Kommando theilt, zu entfernen, dann gibt es kein ernſtes Hinder⸗ niß für unſere Pläne mehr.“ „Ueberlaſſen Sie den Prinzen mir“, fiel die Gräfin ein. „Wie das?“ ſtaunte Eugen. „Sie ſollen gleich ſehen.“ Die Gräfin trat aus dem Zelte und winkte der Freifrau von Willſtorf, welche mit anderen Damen auf dem Plane vor dem⸗ ſelben Federball ſpielte, zu ſich.„Hier ſehen Sie die Holde, Herzog“, rief die Gräfin, ihre koloſſale Freun⸗ din hereinzerrend,„der es, wie Sie mir mittheilen, ſo ſehr gelungen iſt, das eiſerne Herz des Prinzen Lud⸗ wig von Baden zu bezwingen.“ Marlborvugh ging bereitwillig auf den Scherz ein und ſchilderte die Leidenſchaft des Prinzen in ſo grellen Zügen, daß ſogar Eugen's ſtets marmorne Züge ein Lächeln überſchlich. „Aber der Prinz iſt, wie Sie wiſſen, ein Aus⸗ bund von Tugend“, nahm dann die Altan das Whrt, „wenn Hoheit von Savoyen uns Frauen fürchtet, ſo verabſcheut und haßt uns Prinz Ludwig. Sie müſſen alſo alle jene weibliche Zartheit, welche Ihnen ſonſt 38 ſo reizend läßt, liebe Willſtorf, bei Seite laſſen und dem Prinzen ſcharf zu Leibe gehen. Er wird ſeine Gefühle für Sie hinter Kälte, Unwillen, ja vielleicht hinter ſoldatiſche Grobheit zu verſtecken ſuchen, aber Sie laſſen ſich durch nichts irre machen, Sie laſſen ihn nicht mehr los, bis das ſüße Geſtändniß ſeinen Lippen entſchlüpft iſt.“ „Aber Sie behandeln dieſe zarte Angelegenheit mit ſo wenig Diseretion, Gräfin“ ſtammelte der weib⸗ liche Grenadier mit mädchenhaftem Erröthen. „Weil das Wohl des Staates, die Zukunft Eu⸗ ropa's dies gebieteriſch fordern“, ſprach die Altan mit komiſchen Pathos,„fragen Sie nicht weiter, theure Freundin, handeln Sie! Alle civiliſirten Nationen blicken in dieſem Augenblicke auf Sie. Sie müſſen uns dieſen Bären bändigen und wer vermöchte dies, wenn nicht Sie, der Juno an Geſtalt, Minerva an Geiſt und Diana an Keuſchheit vergleichbar? Ja, Sie werden triumphiren, und dann— wer weiß!— Lud⸗ wig's Hand iſt frei— Prinzeſſin von Baden wäre kein ſo übler Titel.“ „Prinzeſſin von Baden!“ lispelte die Willſtorf, „ce serait impossible, aber eine Trauung auf die linke Hand, wie romantiſch! Man ſagt, daß die Maintenon mit Ludwig XIV. in dieſer Weiſe vermählt iſt.“ 1 Aice „Alſo nur Muth, theure Freundin—“ „Die Rückſicht für das Staatswohl iſt es“, flü⸗ ſterte die Freifrau— ihr Flüſtern klang noch immer wie Trommelwirbel oder das Geknatter des Kleinge⸗ wehrfeuers—„welche alle Bedenken zum Schweigen bringt“ Der Herzog von Marlborvugh war nahe daran, ſich die Zunge abzubeißen. Als die beiden Damen das Zelt verließen, blieb Eugen nachdenklich vor der Karte ſtehen, während der Herzog in ein ſchallendes Gelächter ausbrach.„Wir ſpielen, ſcheint es, mit dem Feuer, ſtatt muthig mit beiden Händen hineinzugreifen und es zu verlöſchen“, meinte Eugen,„verſprechen Sie ſich von dieſer Luſtſpielintrigue irgend einen Er⸗ folg?“ „Den beſten“, gab Marlborough heiter zur Ant⸗ wort.„Sie kennen Ludwig von Baden, es gibt nichts Entſetzlicheres für ihn, als das ſogenannte ſchöne Ge⸗ ſchlecht und die Baronin iſt nicht die Frau, ſein Vor⸗ urtheil zu beſiegen, die wäre im Stande, einen Marl⸗ borough in die Flucht zu treiben. Dieſe Altan hat den Teufel im Leibe“ „Eine prächtige Frau.“ „Sehr viel wenn Eugen dies ſagt.“ „Ich verehre ſie, weil ſie ſchön wie Venus, klug 40 wie Dido, muthig wie Semiramis, und dabei nicht im mindeſten galant iſt.“ „Sollte dies ein Vorzug ſein?“ ſeufzte der Herzog. „In unſerer Zeit, wo ſchöne Frauen ihre Haare um das Scepter der Könige wickeln, gewiß.“ Wir ſind nie geneigter in das Netz einer Kokette zu fallen, als wenn wir aufrichtig lieben und es nicht wagen, der Geliebten ein Geſtändniß zu machen. Dies war genau die Lage Marlborough's. Er liebte, aber nicht in ſeiner gewohnten leichten und chevaleresken Weiſe, ſondern mit einem Ernſte, welcher einem deut⸗ ſchen Poeten des achtzehnten Jahrhunderts alle Ehre gemacht hätte; und je mehr ihm die ſichere Haltung, die elegante Würde der ſchönen Altan imponirte, um ſo tiefer gerieth er in das Garn der Gräfin Rabatin, welche— eine echte Tochter ihrer Zeit— die Liebe auf ihr Banner geſchrieben hatte wie Marlborough den Ruhm. Die drei Damen Willſtorf, Rabatin und Altan bewohnten zuſammen ein kleines, von ſeinen Beſitzern verlaſſenes Schloß, welches etwa eine Stunde von dem Lager der Alliirten und eine Vierelſtunde von den äußerſten Poſten der engliſchen Arrieregarde, in der Richtung gegen München zu lag, und um ſo ſicherer 1 ſchien, als die leichten engliſchen und deutſchen Reiter das Land unabläſſig durchſtreiften. Das Gebäude, welches mit feinem Luxus möblirt war, hatte an ſei⸗ ner hinteren Front eine große Terraſſe, von der aus man in einen kleinen Park, im Geſchmack von Verſailles, gelangte, deſſen geſtutzte Alleen wie die Fronten preußiſcher Grenadiere aus sſahen und deſſen Bäume alle rieſige Allongen zu tragen ſchienen. Ein halbes Dutzend Springbrunnen murmelte und plätſcherte Tag und Nacht, und in den duftenden Roſenbüſchen ſangen die Nachtigallen. Es war ein Ort wie ge⸗ ſchaffen für Liebe und Liebesglück in dem galanten Sinne der Zeit, welche den Schmerz, gleich dem Olhmpe der Griechen, den armen Staubgeborenen überließ und als etwas Gemeines verachtete. In dem Schloſſe war ein alter Mann, eine Art Caſtellan, zurückgeblieben, deſſen ſchlechtes gebrochenes Deutſch, welches einem heiſeren Krähen glich, ſofort den Franzoſen verrieth. Er behandelte die Damen, ſowie ihre Zofen mit feiner Cvurtviſie und ſchien über die anmuthige Einquartirung um ſo weniger böſe zu ſein, als ſie ihn vor jeder anderen, minder liebens⸗ würdigen bewahrte. Da alle Welt von den Beziehungen des Herzogs von Marlborough zu der ſchönen Ungarin wie von 42 etwas Bekanntem und Selbſtverſtändlichem ſprach, ſo fiel es der Gräfin Altan, welche in der ungezwungen⸗ ſten Weiſe mit derſelben verkehrte, durchaus nicht auf, daß täglich Briefe von dem Herzoge kamen und von der Gräfin Rabatin beantwortet wurden, um ſo we⸗ niger als die letztere die zärtlichſten Zeilen ungenirt unter ihrem Schmuck und ihren Spitzen auf der Toi⸗ lette und dem Marmorſims des Kamins umherſtreute. Es berührte ſie daher recht ſeltſam, daß ſie, als ihr Auge bei der Rückkehr aus dem Lager zufällig auf einen Brief fiel, welcher bei den Handſchuhen der Gräfin Rabatin offen da lag, eine fremde, ihr unbe⸗ kannte Schrift entdeckte. Ein zweiter Blick, welcher die Unterſchrift traf, verſetzte ſie in noch größeres Erſtaunen. Sie las den Namen des Grafen Mathias Frangipani, welcher, wie ſie gut wußte, den ungari⸗ ſchen Rebellen angehörte. Die Gräfin Rabatin, welche in einen ſchmalen Lehnſtuhl verſunken, ein franzöſiſches Buch las, ſchien von einer plötzlichen Ahnung getrie⸗ ben, als ſie ſich im nächſten Augenblicke erhob und den verfänglichen Brief in einer Weiſe, welche noch mehr Verdacht erregen mußte, zu ſich ſteckte. Sollte ein Einverſtändniß zwiſchen der Coeur- Dame Marlborough's und den Aufſtändiſchen in Un⸗ garn beſtehen? Dann war das Zögern des Herzogs 43 freilich ganz anders zu erklären und Eugen war doch im Rechte, ſeine Anklage auszuſprechen, wenn er ſie auch nicht an die gehörige Adreſſe gerichtet hatte. Die kluge Altan begann die Ungarin mit der harmloſeſten Miene von der Welt zu beobachten, und während ſie dieſelbe nach Frauenweiſe mit Küſſen zu erſticken drohte, nahm ſie jede Gelegenheit wahr, den Schleier ihrer gefährlichen Geheimniſſe zu lüften. Vor Allem gab ihr jetzt die Intimität der Rabatin mit dem franzöſi⸗ ſchen Haushofmeiſter zu denken. Als die Damen nach dem Speiſen auf der Terraſſe Chocolade nahmen, war es in ihren Augen kein Zufall mehr, daß die Ungarin, kurz nachdem der Franzoſe an ihnen vorüber in den Park gegangen war, ſich erhob und langſam die Allee, in welcher er ſich verloren hatte, einſchlug. Schnell entſchloſſen folgte die Altan, indem ſie in einen Laub⸗ gang einbog, welcher mit dem erſteren parallel lief. Bald ſchlugen Stimmen an ihr Ohr. Sie blickte durch das grüne Gitter des Taxus und ſah in einiger Ent⸗ fernung die Gräfin Rabatin mit dem Franzoſen im Geſpräche, ohne den Inhalt deſſelben vernehmen zu können. Die Ungarin ſchien auf das Höchſte erregt, denn ihre Wangen flammten, und zugleich unentſchie⸗ den, denn der Franzoſe ſprach mit großem Eifer, of⸗ fenbar in der Abſicht ſie zu überreden. Nach einiger Zeit geſellte ſich ein Menſch zu ihnen, der äußerſt ver— dächtig ausſah, denn ſeine ſchlechte Kleidung ſtand im grellſten Widerſpruche zu ſeiner ſorgfältigen Friſur und dem feinen, vornehmen Geſichte, das ſo eigen⸗ thümlich, faunenhaft zu lächeln verſtand. Endlich übergab er ihr einen Brief, den ſie vor ſeinen Augen mit einer gewiſſen Haſt las und dieſer Brief ſchien ſie vollends zu beſtimmen, denn ſie reichte ihm ihre Hand, welche er mit einem Blicke, welcher mehr ſchmei⸗ chelhaft als ehrerbietig war, an die Lippen führte. Dann trennten ſich die Drei, der Fremde, um mit dem Haushofmeiſter in dem Gebüſche zu verſchwinden, die Gräfin, um in das Schloß zurückzukehren, wo ſie von der Altan, welche ihr vorausgeeilt war, mit der unbefangenſten Miene von der Welt empfangen wurde. Die Damen machten hierauf Toilette und fuhren dann in der Caroſſe der Baronin in das Lager. „Nun, wie weit ſind Sie denn mit ihrem Prin⸗ zen?“ fragte die Altan leiſe ihre koloſſale Freundin. „Er thut noch immer nichts dergleichen“, ſeufzte die Willſtorf,„und da ſagt man, wir Frauen ſeien Künſtlerinnen in der Verſtellung! Dieſer ſcheinbar ſo biedere Soldat macht uns alle zu Schanden.“ „Wirklich?“ „Er läßt ſich nichts anmerken von ſeiner Leiden⸗ — 45 ſchaft, nicht daß geringſte! Je zärtlicher ich ihn an⸗ blicke, um ſo grimmiger flucht er vor ſich hin. Seine Selbſtbeherrſchung hat etwas Antikes an ſich. O! Ich bewundere ihn ebenſo ſehr, als er mich liebt.“ Im Lager angekommen eilte der weibliche Grena⸗ dier mit ſtürmiſcher Liebenswürdigkeit auf den Prinzen von Baden zu. Dieſer ſaß auf einem Feldſeſſel und ſah den Anderen zu, welche das franzöſiſche Spiel „Jakob und Jakobine“ ſpielten— ſeine Füße, welche die Narben ſo vieler Schlachten trugen, vermochten den von Kugeln durchlöcherten Körper nur ſchwer auf⸗ recht zu erhalten. Wenn er zu Pferde ſaß, den Kom⸗ mandoſtab auf das Knie geſtützt, und ſeine Regimen⸗ ter im mörderiſchen Feuer gegen die feindlichen Batte⸗ rien führte, da war er auch der Mann von Eiſen, der kühne Held, der umſichtige General, aber wie er ſich jetzt, die Arme auf den Goldknopf ſeines Stockes geſtützt, nach vorwärts lehnte, glich er vielmehr einem mürriſchen Greiſe oder einem hilfloſen Kinde. „Wie haben Hoheit geruht?“ fragte die Willſtorf mit verſchämter Theilnahme— ſie wußte, daß der Prinz eben von ſeinem Nachmittagsſchläfchen aufge⸗ ſtanden war. „Es geht an“, brummte Ludwig von Baden. „Gewiß haben ſüße Träume hochdero lorbeerge⸗ 46 krönte Stirne umſpielt?“ fuhr die Baronin fort. Man kicherte bereits um ſie her. „Gott ſei Dank, hab' ich nicht von Ihnen ge⸗ träumt“, erwiderte der Prinz mit ſeiner rauhen Stimme. „Wie er ſich verſtellt, der edle Mann!“ flüſterte die Baronin der Altan zu. Die anderen Damen lach⸗ ten und zogen die neu Angekommenen in den Kreis. Sir Magendie war ſo boshaft, als Jakob den Schlüſ⸗ ſel vor die Füße der Willſtorf zu werfen, welche als Jakobine gleich einem ſpielenden Elephanten auf dem grünen Plane umhertrampelte und bald gefangen war. Graf Trautmannsdorf übernahm es ihr die Augen zu verbinden und ließ ſie, auf Anſtiften der Altan, unter dem Tuche weg, ſo viel als möglich ſehen. Die Ba⸗ ronin trat in den heiteren Kreis und gab das Zeichen, auf das ſich derſelbe um ſie zu drehen begann; als ſie ihn wieder ſtille ſtehen hieß, ſah ſie unmittelbar vor ſich die ſchwarzen glänzenden Stiefel des Prinzen von Baden und ſeinen Stock, ſie that einige Schritte vorwärts und da das junge Volk ſpitzbübiſch ausein⸗ ander wich, erblickte ſie bald auch ſeinen galonirten Rockzipfel. Sie warf den Schlüſſel und als ſich Nie⸗ mand meldete, nur das unterdrückte Lachen umher im⸗ 47 mer lauter wurde, hüpfte ſie vorwärts und ſchloß den Prinzen in ihre Arme. „Hol' Sie der— Melac“*), rief dieſer aufge⸗ bracht,„hat das Frauenzimmer Schießpulver im Leibe?“ Er machte ſich kräftig los und erhob ſich, um in dem Zelte Marlborough's Rettung zu ſuchen. „Wie ſteht es, Durchlaucht, mit der Belagerung von Ingolſtadt?“ begann er grämlich wie ein vertrock⸗ neter Schulmeiſter. „So ſchlecht als nur möglich“, erwiderte raſch der Herzog, dem die Frage des Prinzen ſehr gelegen kam. „Alſo keinerlei Fortſchritte?“ „Im Gegentheil“, fuhr Marlborvugh fort,„es iſt dem Feinde gelungen, mehrere unſerer Arbeiten zu zerſtören.“ „Hm!“ der Prinz ſtützte ſich auf ſeinen Stock und verſank in Nachdenken. „Die Soldaten ſagen— aber was kümmert uns das am Ende!“ „Was ſagen die Soldaten?“ „Daß es nur einen General gebe“, ſprach der *) Man pflegte damals gerne Namen des Verwüſters der Pfalz wie ſpäter jenen Nadasdy's an die Stelle des Teufels zu ſetzen. 5 Herzog unbefangen,„einen ritterlichen Kriegshelden und Meiſter der Belagerung, welcher im Stande ſei die Feſtung zu bezwingen.“. „Wer wäre dies?“ „Eure Hoheit.“ n Es folgte eine lange Pauſe, endlich ergriff der Prinz das Wort.„Eure Durchlaucht wünſchen alſo— „Ich?“ verwahrte ſich der Herzog lebhaft;„ich möchte Eure Hoheit um keinen Preis der Welt bei der Armee entbehren, wenn auch hier vorläufig kein entſcheidender Schlag zu erwarten iſt.“ „Nicht zu denken“, brummte Prinz Ludwig,„dür⸗ fen keine Schlacht wagen, Herzog.“ „Ganz meine Anſicht“, ſtimmte Marlborough bei, „eben deshalb wäre es ſchlimm für den Fall, daß Marſchall Tallard mit überlegenen Kräften anrückt, eine vom Feinde beſetzte Feſtung im Rücken zu haben, während das von uns eroberte Ingolſtadt uns eine außerordentlich feſte Stellung gewähren würde.“ „In Verbindung mit einem verſchanzten Lager“, fiel der Prinz ein,„wo wir ruhig abwarten könnten. Hm! Will darüber vachdenken.“ Marlborongh ſeußzte, denn er wußte, daß der Prinz lange nachzudenken 49 pflegte und gewöhnlich dann erſt zu einem Entſchluſſe kam, wenn die Ereigniſſe ihn weit überholt hatten. Unterdeſſen zog ſich über dem Haupte, oder eigent⸗ lich der hundertlockigen Perücke des militäriſchen Pe⸗ danten ein Gewitter zuſammen, zu dem die ſchalkhafte Gräfin Altan in ihrem patriotiſchen Eifer die unſchul⸗ digen aber wirkſamen Theaterblitze lieferte. Als ſich mit Anbruch der Dunkelheit die Geſellſchaft zerſtreute, kehrte die Baronin Willſtorf nicht wie ſonſt mit den beiden anderen Damen nach Hauſe zurück, ſondern blieb bei der Generalin Hadik, deren Zelt neben dem ihres Gemahles im Lager ſtand, und ſchien hier mit Ungeduld etwas zu erwarten. Prinz Ludwig von Baden pflegte vor Mitternacht zu Fuße und ohne jede Begleitung die Zeltſtadt nach allen Richtungen zu durchſtreifen und die Poſten zu viſitiren. Die helle Nacht erleicherte ihm heute dieſen für ihn ſonſt ſo beſchwerlichen Gang. Die ſilberne Halbkugel des Mondes ſchwebte hoch oben von keinem noch ſo dünnen Wolkenſchleier verhüllt und ihr weißes Licht ließ die Vedetten und Vorpoſten in der Ferne wie ausgeſchnittene Papierſoldaten erſcheinen. Schon hatte der Prinz, ohne etwas Anſtößiges oder Ver⸗ dächtiges zu bemerken, die Poſtenkette am Fluſſe er⸗ reicht, als ſich plötzlich von dem weißen Stamme einer Sacher⸗Maſoch, Wiener Hofgeſchichten II. 4 großen Birke eine Geſtalt loslöſte und im feierlichen Schritte der Geſpenſter auf ihn zukam. In der zwei⸗ felhaften Beleuchtung erſchien ſie rieſig groß und zu⸗ gleich durchſichtig in ihrem ſchleppenden weißen Ge⸗ wande. Der Prinz, welcher die unter Ludwig XV. beginnenden Beſtrebungen der Aufklärer als gottes⸗ läſterlichen Unfug verdammte und verachtete, dachte ſofort an die weiße Frau, von der er als Knabe manche ſchauerliche Geſchichte gehört, und bekreuzte ſich. Zum erſten Male in ſeinem Leben fühlte er etwas wie Furcht und die Haare auf ſeinem Scheitel begannen, ſo weit es die Wucht der Allonge erlaubte, aufzu⸗ ſtehen. Er war im Begriffe irgend einen frommen Spruch an das Geſpenſt zu richten, aber der Soldat verließ ihn auch in dieſem Augenblicke nicht und er meinte„Alle guten Geiſter“ oder etwas Aehnliches ausgeſprochen zu haben, als ein kräftiges„Wer da?“ ſeinen Lippen entfuhr. „Ich bin es“, antwortete eine bekannte Stimme. „Wer?“ „ „Wer zum Teufel?“ „Ich, die Sie ſo ſchwärmerifch adoriren, um deretwillen Sie hier im ſilbernen Lichte Luna's pro⸗ meniren.“ Schon hing die große Baronin an ſeinem —— Bteiiihhe 51 Arme und begann ihn mit Liebkoſungen zu er⸗ drücken. „Sind Sie denn toll?“ rief der Prinz,„wer ſagt Ihnen—“ „Daß Sie mich lieben, Hoheit? Alle Welt ſagt es! O! Ihre Maske, ſo vortrefflich ſie auch gewählt war, hat doch Niemanden getäuſcht.“ 3„ „Wetter, ich will nichts weiter von dieſen Alfan⸗ zereien hören“, ſchrie der Prinz und riß ſich los. „Wozu noch dieſe Verſtellung?“ liſpelte die Will⸗ ſtorf,„hier ſind wir ohne Zeugen, Niemand hört uns als die ſchweigſame Nacht und die keuſche Luna.“ „Aber Sie glauben doch nicht—“ „Ich glaube, daß Sie der edelſte Prinz unſeres Welttheils ſind“, fuhr der weibliche Grenadier begei⸗ ſtert fort,„und daß Sie lange genug einen ſchweren Kampf mit Ihrem Herzen geführt haben, aber dieſer Kampf iſt überflüſſig, denn ich liebe Dich, tapferer Kriegsheld.“ „Sie lieben mich? Ja, bin ich denn ein junger Fähnrich, den man zum Beſten hat, um ſich die Lange⸗ weile zu vertreiben?“ brach Ludwig von Baden mit der ganzen bärbeißigen Wucht ſeines choleriſchen Tem⸗ peramentes los.„Ich ſage Ihnen ein für alle Mal, ich mag von dieſem Schnick Schnack nichts hören, ich „ bin nicht in der Laune, derlei Allotrias mit mir trei⸗ ben zu laſſen. Suchen Sie ſich irgend einen jungen Gecken oder Sauſewind dazu aus. Und damit Gott befohlen!“ „Willſt Du mich ſchon verlaſſen, Geliebter?“ rief die Freifrau mit einem ſchmachtenden Blick. „Was ſollen denn meine Soldaten denken“, brummte der Prinz,„wenn ſie uns im Mondenſchein ſelbander luſtwandeln ſehen wie ein Paar careſſiren⸗ der Katzen, am Ende glaubt man noch, daß wir ein nächtliches Rendezvous—“ „O! Ich ehre Deine Tugend, biederer Degen“, fiel die Willſtorf ein,„und will Dich allein laſſen, ſo ſehr ſich mein Herz auch dagegen ſträubt, aber morgen, Geliebter, will ich alle Deine ehrenwerthen Bedenken zum Schweigen bringen, die letzte Schranke zwiſchen uns niederreißen und Dich den Herren und Damen als meinen Verlobten vorſtellen. Adieu! ſüßer Mann, Adieu!“ Kußhände werfend hüpfte ſie davon. Der Erdboden zitterte unter ihr. Ludwig von Baden blieb wie verſteinert ſtehen, endlich nahm er mit der Miene eines Verzweifelten den Hut ab, wiſchte ſich die Stirne, blickte zum Monde empor und dann auf den Fluß. Wer ihn ſo geſehen hitte, würde in ihm gewiß keinen eiſernen Soldaten und General, ſondern einen ſchwärmeriſch Verliebten, oder doch mindeſtens einen lhriſchen Dich⸗ ter vermuthet haben. Die für ihn entſetzliche Frau verfolgte ihn noch, als er ſich auf ſeinem Feldbette ausgeſtreckt hatte, im Schlafe. Er erwachte mit einem lauten Fluche und kalten Angſtſchweiß auf der Stirne — er hatte geträumt, daß ihn die Willſtorf vor der Front geküßt und daß ſeine Soldaten dazu Viktoria geſchrieen hatten. Konnte es für ihn noch etwas Schrecklicheres geben? Die Sonne legte ihr ſchimmerndes Gold bereits tief hinein in die Gemächer der Damen auf das glatte Parquet und ſchien die Teppiche, welche hie und da auf demſelben lagen, mit ſchimmernder Stickerei zu bedecken, als die Altan endlich ihr Himmelbett, das wahrhaftig mehr einer olympiſchen Wolke, als dem Lager eines irdiſchen Weibes glich, verließ, um bald darnach, die ſchlanken Glieder in einen weißen Spitzen⸗ ſchlafrock gehüllt, auf rothen Sammtpantöffelchen mit hohen klappernden Abſätzen in das Boudoir der Grä⸗ fin Rabatin zu ſchlüpfen. Die ſtolze Lagervenus ſaß vor einem Spiegel, den ihr zwei vergoldete Amoretten mit ſichtlichem Vergnügen hielten und ließ ſich von ihrer Zofe die in hundert Papilloten, wie in ebenſo viel weißen Knoſpen ſteckenden Locken aufrollen. Wäh⸗ rend auf ihrem reizenden Kopfe allmälig einer jener Haarthürme entſtand, welche uns unſere Urgroßmütter auf ihren Porträts ſo impoſant, ſo feſtungsmäßig un⸗ einnehmbar erſcheinen laſſen, warf die kleine muntere Kammerkatze, deren raſche Zunge in ihrer unermüd⸗ lichen Geſchwätzigkeit dem Tik⸗Tak einer Wanduhr glich, ſorglos die Papierſchnitzel weg, aus welchen die Papilloten gemacht waren und zu denen ſie Gott welche glühenden Liebesſchwüre und zierlichen Verſe der ver⸗ ſchiedenen Anbeter ihrer Herrin zerriſſen hatte, auf dem Teppich herum. Die leichtſinnige Gräfin achtete auf dieſe Seufzer, welche gleich Schmetterlingen, die ſich die Flügel verbrannt haben, matt zu Boden ſanken, ebenſo wenig, wie ihre Dienerin. Nicht ein⸗ mal die Altan würdigte dieſelben einer Aufmerkſam⸗ keit, denn wie konnte ſie, die kluge intriguante Frau, nur einen Augenblick daran denken, daß man Staats⸗ geheimniſſe gleich werthloſen Kieſelſteinen auf den Boden umherſtreuen könne! Da bemerkte ſie, daß eine ihrer Locken aufgegangen ſei und bückte ſich, um das erſte beſte Stück Papier aufzuheben, mit dem ſie den bedenklichen Toilettenfehler gut machen wollte. Junge, vollblütige Frauen werden immer roth, wenn ſie ſich bücken, die Altan aber war, als ſie den Kopf erhob, 55 bleich wie carariſcher Marmor. Sie hatte auf dem verrätheriſchen weißen Streifen, den ſie aufgeleſen, ein Wort entdeckt, ein einziges Wort, aber dieſes eine genügte, um ſie ganz aus der Faſſung zu bringen. Auf dem Papiere ſtand der Name Marſin, es war der Name des Günſtlings Ludwig's XIV., welcher mit dem Marſchall Tallard zuſammen das Kommando über die anrückende franzöſiſche Armee führte. Die Altan drehte raſch ihre Locke mit dem ge⸗ fährlichen Papiere ein und trat an das Fenſter, um ihre Bewegung zu verbergen; ſie hatte nicht den Muth, einen zweiten Streifen aufzuheben, und ſie hatte ihn auch nicht nöthig, ſie wußte genug. Das Uebrige ſagte ihr ihr lebhaftes Ahnungsvermögen. Die ſchöne Rabatin hatte ihre Toilette noch nicht beendet, als ihr der franzöſiſche Caſtellan mit einem eigenthümlichen ſüßlichen Lächeln ein Schreiben über⸗ gab und leiſe, im Tone intimen Einverſtändniſſes hin⸗ zufügte:„Vom Herzog.“ Die ſieggewohnte Göttin lächelte indeß nicht, Flammen zuckten von ihren Wan⸗ gen zu der ſonſt ſo kalten heiteren Stirne empor, ihr Buſen flog heftig. Sie erbrach das Siegel und las den Brief, ſtützte das Kinn in die kleine Hand, dachte nach, und las noch einmal. 56 „Der Diener, der ihn gebracht, wartet auf Ant⸗ wort“, erinnerte der Caſtellan. „Sagen Sie ihm— doch nein—“, ſie erhob ſich, nahm einen der vielen Briefe, die auf dem Kamin halb zerriſſen umherlagen, trennte ein unbeſchriebenes Blättchen herab, ſchrieb wenige Worte mit dem Blei⸗ ſtift auf daſſelbe, fiegelte es und gab es dem Fran⸗ zoſen, der ſich nach einer Verbeugung im Menuett⸗ Style mit gravitätiſcher Schnelligkeit entfernte. Noch nie war die Altan mit der ſchönen Ungarin ſo zärtlich geweſen, wie jetzt, ſie verdrängte ihre Zofe vor dem großen Ankleideſpiegel, ließ es ſich nicht neh⸗ men, ihr ſelbſt alle jene Dienſtleiſtungen, welche die Toilette einer Modedame erforderte, zu erweiſen, und benutzte jede derſelben zu einer feinen Huldigung, welche einer ſchönen Frau von Seite ihres Geſchlets ſtets noch um vieles mehr ſchmeichelt als von Seite des männlichen. Während ſie ihr den fiſchbeinernen Panzer anlegen half, den man damals Corſett nannte, bewunderte ſie den Wuchs der Rabatin, und drückte einen Kuß auf ihre Büſte, welche ſie mit jener der Liebesgöttin verglich; bei dem Ordnen der Spitzen, welche den vollen Arm umgaben, betrachtete ſie ent⸗ zückt ihre Hand und ſtreichelte ſie mit der Verſicherung, daß ſie eine„peau de velours“ beſitze. Zuletzt gerieth 5 ſie in eine Begeiſterung ohne Grenzen über den kleinen Fuß der Ungarin. „Welch ein Fuß!“ rief ſie aus,„werth den Nacken eines Königs zum Schemel zu haben. O! Warum bin ich nicht ein Mann, wie beneide ich den Herzog!“ Die Rabatin, welche vor Freude roth geworden ſchüttelte leicht das ſtolze Haupt.„Sie irren ſich, liebe Altan, es iſt Marlborvugh bis jetzt nicht gelungen—“ Sie endete den Satz nicht. „Was Sie ſagen!“ ſtaunte die Altan, ſie wußte jetzt, was ſie zu erfahren für nöthig hielt. „Aber er beſtürmt mich in einer Weiſe“, fuhr die Ungarin fort,„er droht, er fleht und droht wie⸗ der—“ „Er hofft, daß ſich hier in dieſem Park eine Grotte der Liebe findet.“ „Es ſcheint, denn er verlangt von mir ein Ren⸗ dezvous, und dies zu ſo ſpäter Stunde—“ „Daß Sie es ihm abſchlagen mußten?“ „Nicht doch.“ Die Rabatin erröthete wieder. „Er kommt alſo? 2 „Ja, liebe Altan, aber jett, bei vollem goldenem Sonnenſchein.“ „Ich verſtehe, und Sie werden ihm bei dieſer Gelegenheit erklären—“ . 58 „Ach! Das iſt es ja eben, ich weiß nicht, ob ich den Muth dazu haben werde“, ſeufzte die ſchöne Frau, „aber es iſt mir in jedem Falle lieb, daß ich Sie an der Seite habe, theure Altan. Sie werden mich be⸗ ſchützen, wenn ich den Herzog abzuweiſen nicht die Kraft habe und wenn——“ ſie ſtockte und ſah die Altan halb mißtrauiſch, halb bittend an. „Und Wache halten, wenn er kommt— nicht?“ Die Altan heftete ihren klugen Blick durchdringend auf die Verrätherin. „O! Sie ſind ſo gut und ſo klug“, rief die Un⸗ garin, die Altan ſtürmiſch in ihre Arme ſchließend, „Sie errathen, was man auf der Zunge, ja auf dem Herzen hat, Sie ſind nicht ſo ſchwerfällig und ſo be⸗ denklich wie die Willſtorf, Ihnen darf man vertrauen.“ Die beiden Damen nahmen hierauf ihre Chocolade auf der Terraſſe und beluſtigten ſich damit, den Sperlingen, welche ſie ſchreiend umflatterten, Broſamen zuzuwerfen. So verging die Zeit, bis der Caſtellan den Herzog meldete. Er that dies nicht ausdrücklich, dazu war er viel zu ſchlau und viel zu gut erzogen, er begnügte ſich vorüber zu gehen, zu grüßen und der ſchönen Un⸗ garin einen Blick zuzuwerfen, welcher mehr ſagte, als ein ehrerbietiger deutſcher Diener im Stande geweſen wäre, in einem Dutzend Worte auszudrücken. Die 59 Rabatin ſuchte das glühende Erröthen, welches dieſer Wink über ihr Antlitz ergoß, wohl oder übel hinter ihrem Fächer zu verbergen. Nach einer Weile ſtand ſie auf, lächelte der Altan zu und ging mit ihrem rei⸗ zend trägen Gang, ſich weich in den Hüften wiegend, den mittleren Baumgang des Parkes hinauf. Die Altan blieb ſcheinbar gleichgiltig ſitzen. Kaum hatte ſie jedoch die Ungarin aus dem Geſichte verloren, ſo daß ſie auch unmöglich von ihr geſehen werden konnte, als ſie mit der wilden Grazie eines jungen Mädchens die Marmorſtufen der Terraſſe hinabſprang und auf Umwegen dem hinteren Gitterthore des Parkes zueilte, an dem, wie ſie vermuthete, das Rendezvous zwiſchen der Rabatin und dem Herzog von Marlborough ſtatt⸗ fand. In einiger Entfernung von dem Orte ſah ſie den franzöſiſchen Caſtellan Wache halten. Um ſeinem ſcharfen Auge zu entgehen, duckte ſie ſich in das Gras hinter die kleinen Büſche, welche hier die Wieſe um⸗ ſäumten und ſchlich ſo leiſe vorwärts wie ein Soldat, der ſeinen Feind überrumpeln will. In dieſer Weiſe erreichte ſie ein dichtes Bosquet, das nahe dem Gitter des Parkes ſtand und konnte, indem ſie ſich in dem⸗ ſelben niederließ, durch das Laubwerk ſpähend das weiße Gewaud der Ungarin und den rothen goldge⸗ ſticten Rock Marlborough's unterſcheiden. Von ihrem Geſpräche konnte ſie uur abgeriſſene Worte vernehmen, aber der Zufall wollte, daß ſich das galante Paar, welches auf dem kniſternden Kiesweg lebhaft auf und nieder ging immer mehr ihrem Verſtecke näherte. Sie ſah jetzt, daß der Herzog den Arm um die nur noch ſchwach Widerſtrebende geſchlungen hatte und hörte ſie endlich in das von ihm ſo heiß begehrte nächtliche Stell⸗ dichein willigen.„Aber ich ſtelle eine Bedingung“, fügte die Ungarin hinzu. „Befehlen Sie“, erwiderte der Herzog. „Sie müſſen allein und unbemerkt, ohne Gefolge, ja, ohne jede Begleitung das Lager verlaſſen und ſich um Mitternacht hier an dieſer Stelle einfinden.“ „Sie haben doch nicht gefürchtet, daß ich bei ſolchen Gelegenheiten mit einigen Regimentern und Batterien anrücke?“ ſpottete Marlborvugh. Wieder verlor ſich das Geſpräch, indem Beide ſich dem Gitterthore näherten, an dem des Herzogs Pferd angebunden ſtand, Gräfin Altan verſuchte auch vergebens etwas zu ſehen, aber bald ſchlug kauter Hufſchlag an ihr Ohr, der ſich raſch entfernte, es war offenbar Marlborough, der, ſeinem Lager zu, davon gallopirte Das weiße Kleid der Rabatin ſchimmerte einen Augenblick durch das Blättergrün und ihr ener⸗ giſcher Schritt machte den Kies des Weges heftig 61 kniſtern, verlor ſich aber gleichfalls bald in der Ferne. Die Altan blieb noch einige Zeit auf ihrem Po⸗ ſten, bis der Caſtellan das Thor geſchloſſen und ſich gleich den Andern entfernt hatte. Doch dann verließ ſie däs ſchützende Bosquet nur, um auf der nächſten Steinbank, welche in der Taxuswand wie in einer grünen Grotte ſtand, Platz zu nehmen und lange und genau zu überlegen. Als ſich die Frauen wieder trafen, um zuſammen zu ſpeiſen, ergriff die Ungarin den Augenblick, wo die Freifrau noch nicht anweſend war, um die Altan zu bitten, ihr für dieſe Nacht ihren Beiſtand zu leihen. „Soll ich Wache halten?“ fragte dieſe mit einer rei⸗ zenden Naivetät, hinter der ſich ihr überlegener Geiſt ſo anmuthig zu verbergen wußte.„Eigentlich nicht“, ſtammelte die Rabatin,„ich würde vielmehr wünſchen, — wenn Sie unter irgend einem Vorwand—“ „Ah! Ich ſoll mit der Willſtorf im Lager bleiben?“ „Ich bitte Sie darum“, beeilte ſich die Rabatin zu ſagen,„aber Sie ſind mir doch nicht böſe?“ „Böſe? Weshalb?“ lachte die Altan,„ich liebe ja den Herzog nicht.“ Das Erſcheinen der Baronin machte dem Flüſtern der Beiden ein Ende. Unterdeſſen hatte Prinz Ludwig von Baden den Herzog mit Ungeduld erwartet. Als er ankam, eilte er ihm ſo raſch er nur konnte entgegen, erzählte ihm das Abenteuer der verfloſſenen Nacht und bat ihn um Rath und Hilfe.„Dieſes Frauenzimmer iſt im Stande und macht Ernſt mit der Heirath“, ſchloß er,„und wenn ich mich ihrer auch erwehre, ſpiele ich dann doch eine Rolle, welche ſich mit der Würde eines Feldherrn ſchlecht genug verträgt.“ „Vor allem darf ein Held wie Sie“, entſchied Marlborvugh, nachdem er ſich den Schein gegeben hatte, den kurioſen Fall reiflich zu erwägen,„nie un⸗ galant, nie unritterlich gegen eine Dame ſein, und da nicht anzunehmen iſt, daß die Baronin ohne Avancen von Ihrer Seite—“ „Um Himmelswillen, Sie glauben doch nicht 2. „Daß Sie die Baronin belagern und einnehmen müſſen?— Unbedingt.“ „Nun, da belagere ich doch lieber Ingolſtadt“, murmelte der Prinz von Baden,„ich muß am Ende doch vor dem verteufelten Frauenzimmer die Flucht ergreifen und da es vor Ingolſtadt, wie Sie mir neu⸗ lich ſagten, nicht vorwärts gehen will, ſo ließe ſich das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden.“ „Und wir ſollen Sie hier verlieren, Hoheit!“ rief Marlborough mit geſchickt geheucheltem Kummer,„o nein, die Armee kann Sie nicht entbehren.“ „Ich beſchwöre Sie“, flehte Ludwig von Baden, „mich hier nicht zurückzuhalten, ich will fort und zwar auf der Stelle, ehe das Weibervolk ausrückt. Sie leihen mir doch Ihre verdeckte Kutſche?“ „Sie ſteht Hoheit zu Dienſten, aber—“ „Abgemacht, ich übernehme das Kommando vor Ingolſtadt“, fiel Ludwig freudig ein,„ich ſende Ihnen für mich ein Dutzend anderer Generale, Gott ſei Dank, daß wir einen Ausweg gefunden! Herr, wir loben dich! Geben Sie aber Acht, daß mir die Will⸗ ſtorf nicht nachkommt, ſonſt laſſe ich das Frauenzimmer in eine Kanone laden und in die Feſtung hinein⸗ feuern.“ In der That verließ er eine halbe Stunde ſpäter das Lager und zwar zu rechter Zeit, denn man ſah noch in der Ferne den Staub, den ſeine Kutſche auf⸗ wirbelte, als ein Adjutant Eugen's mit verhängten Zügeln ankam. Er brachte die ernſte Meldung, daß Marſchall Tallard ſich an der Spitze der vereinigten franzöſiſch⸗bairiſchen Armee gegen Eugen gewendet habe und die Lage des letzteren eine äußerſt gefähr⸗ liche ſei. Marlborvugh ſendete auf der Stelle den Herzog 64 von Württemberg mit ſiebenundzwanzig Schwadronen Eugen zu Hilfe und gab zugleich den Befehl, daß ſich ſein ganzes Heer marſchfertig zu machen habe. % * Die Damen verließen an dieſem Tage das Schloß nicht vor dem Abend, man erwartete ſie vergebens in der Zeltſtadt bei den gewöhnlichen Amuſements und 3 die Mediſance gewann ein neues reiches Feld für Ver⸗ muthungen und Bosheiten aller Art. Nach Sonnen⸗ untergang bat die Altan die Baronin, mit ihr in das Lager zu fahren, die große, reich verzierte Carroſſe der Willſtorf wurde angeſpannt und die Ungarin, er⸗ freut, in der Altan eine ſo verläßliche und pünktliche Bundesgenoſſin zu finden, begleitete ſie noch bis zum Schlage und küßte ſie mit einer Emphaſe, welche der klugen Frau ein Lächeln abnöthigte. Als ſie auf dem grünen Plane vor dem Hauptquartier ankamen, galt die erſte Frage der Willſtorf dem Prinzen von Baden. Die Nachricht von ſeiner Abfahrt nach Ingolſtadt ſchmetterte ſie förmlich nieder, nur mit Mühe hielt man ſie von dem Entſchluſſe ab, dem geliebten Flücht⸗ ling nachzueilen. Eine geheimnißvolle Andeutung der Altan über die Einſprache ſeines hohen Hauſes gegen die Verbindung mit einer Frau, welche nicht Prinzeſſin von Geblüt ſei und die Tugend des Prinzen, welche ihm jedes andere Verhältniß verbiete, ſchien ſie endlich für den Augenblick zu beſchwichtigen. Die beiden Damen ſchloſſen ſich hierauf einem Kreiſe von Offizieren und vornehmen Frauen an, welcher in dem Zelte der Gräfin Hadik Hazard ſpiel⸗ ten. Die Barvnin ſuchte ihre unglückliche Liebe da⸗ durch zu betäuben, daß ſie auf die Karte eines jungen Fähnrich hitzig ſetzte und regelmäßig verlor. Es wurde Nacht, ohne daß die Spieler ſich ge⸗ trennt hätten und mit der Höhe der Gewinnſte und Verluſte ſteigerte ſich der Eifer der Betheiligten ſehr, daß es von Niemanden bemerkt wurde, als di Gräfin Altan ſich leiſe entfernte. Eine Stunde vor Mitternacht verließ eine hübſche ſchlanke Bäuerin mit kleinen zierlichen Schuhen, ſchnee⸗ weißen Strümpfen und einem rothen Mieder, das bei jeder Bewegung in ſeinen Nähten krachte, das Lager; ſie zog ihr weißes Kopftuch vor das Geſicht und ſchien Eile zu haben, denn ſie gab den Poſten, welche ſie anriefen, keine Antwort und kam ſo, da die Soldaten ſo galant waren, nicht zu feuern, ungehindert bis zu dem Schloſſe, das die Gräfin Rabatin bewohnte. Sie näherte ſich auf der Straße zuerſt der Hauptfront des ſtattlichen Gebäudes, gebrauchte indeß dabei die Vor⸗ ſicht, raſch von einer der großen Pappeln, welche die⸗ Sacher-Maſoch, Wiener Hofgeſchichten. II. ſelbe zu beiden Seiten umgaben, zur andern zu laufen und ſich hinter den ſchwarzen Stämmen zu verbergen, denn der Mond verbreitete eine ſtarke Helle, ſo daß man jeden Gegenſtand auf die Entfernung von meh⸗ reren hundert Schritten deutlich genug unterſcheiden konnte. Die ganze große Front zeigte nicht ein erleuchtetes Fenſter, alle Bewohner des Schloſſes ſchienen im tiefen Schlafe zu liegen. Die hübſche Bäuerin, welche hier jeden Weg und Steg genau zu kennen ſchien, wendete ſich hierauf über die Wieſe einem kleinen Bache zu, welcher in der ſtillen feierlichen Nacht doppelt munter und laut über die bunten Kieſel ſprang, eilte über einen ſchmalen Steg und ſchlich dann längs der Wei⸗ denbäume und Haſelnußſträuche, welche an dem Ufer ſtanden, dem Gitter des Parkes zu. Sie verbarg ſich in einem Gebüſch, von dem aus ſie das rückwärtige Thor des Schloßgartens unausge⸗ ſetzt im Auge behalten konnte, und ſchien hier etwas zu erwarten. Es währte nicht lange, ſo näherte ſich ein Reiter vorſichtig dem Gitter und hielt an dem Thore, er blickte um ſich, ſteckte den kleinen Finger in den Mund und ahmte den Schlag eines Finken nach. Einige Zeit blieb alles ſtille, dann gab ein Finken⸗ ſchlag Antwort. Der Reiter war mit derſelben offen⸗ 67 bar zufrieden, denn er verharrte in ſeiner Stel⸗ lung. Wieder nach einer Weile ſang das Thor kläglich in ſeinen roſtigen Angeln und der franzöſiſche Caſtel⸗ lan trat heraus, lüftete ſeinen Hut und erſtattete dem Reiter irgend eine Meldung. Das Geſpräch der Bei⸗ den ſchien dem Pferde deſſelben offenbar zu lange zu werden, denn es machte plötzlich eine Wendung und drehte ſich mit ſeinem Reiter ganz herum, ſo daß im hellen Mondlicht unter dem weißen Mantel die glän⸗ zende franzöſiſche Dragoneruniform ſichtbar wurde. Nachdem noch einige Worte gewechſelt worden waren, entfernte ſich der Cavalleriſt raſch, nahm jedoch ſeinen Weg nicht auf der Straße, ſondern mitten durch Feld und Wieſen, welche den Hufſchlag ſeines Pferdes voll⸗ kommen verſchlangen. Der Caſtellan blickte nach allen Seiten aus und nachdem er nichts Verdächtiges entdeckt hatte, kehrte er in den Park zurück. Die hübſche Bäuerin verließ jetzt ihr Verſteck und kehrte eilig auf die Straße zurück; ſie vergaß alle Vorſicht und lief mitten auf derſelben vorwärts in der Richtung des Lagers, doch hatte ſie nur zu bald den Athem verloreu und mußte ſich auf den hölzernen Stufen vor einer ſchmerzhaften Mutter Gottes, welche 5 den gekreuzigten dornengekrönten Sohn im Schvoße hielt, niederlaſſen. Sie ſaß noch nicht lange, als wie⸗ der ein Reiter, diesmal jedoch die Straße vom Lager her, auf das Schloß zukam, ſorglos, ein Liedchen ſummend, im leichten Galopp, und das Gold ſeiner rothen Uniform ohne Scheu im Mondlicht blitzen laſ⸗ ſend. Es konnte nur Marlborough ſein, der leicht⸗ ſinnige, ritterliche Marlborough, der wie einſt der Page Churchill, ohne Furcht und ohne Vorſicht zu einer Schäferſtunde eilte. Als er noch fünfzig Schritte von dem Mutter⸗ gottesbild entfernt war, ſprang die hübſche Bäuerin auf und eilte ihm entgegen. Der Herzog parirte ſein Pferd und blickte mit lächelndem Erſtaunen auf die reizende Erſcheinung, welche ohne ein Wort zu ſpre⸗ chen, den Finger auf den Mund legte und ihm mit der anderen Hand ein Zeichen gab, umzukehren. „Ich ſoll zurück“, begann der Berzog⸗„und wes⸗ halb?“ „Es droht Ihnen Gefahr.“ „Gefahr?— Von Deinen ſchönen Augen, Kind, nicht ſo? Zwei Abenteuer für eines; in dieſer Nacht muß ein beſonders Se Stern mich leuchten.“ „Scherzen Sie nicht, Herzog“, fuhr die Bäuerin 69 fort,„Sie ſetzen nicht allein Ihre Perſon, ſondern den ganzen Erfolg dieſes Krieges auf das Spiel.“ Marlborvugh ſah die hübſche Sprecherin einen Augenblick ſtarr an und nahm dann ſeinen Hut ab. „So politiſch kann nur eine Frau ſprechen— Gräfin Altan.“ „Kehren Sie auf der Stelle um“, fuhr die Altan fort,„ich habe die Gräfin Rabatin im Verdachte, daß ſie den Lockvogel abgibt, der Sie in das Netz unſerer Feinde ziehen ſoll.“ „Welche Vermuthung“, rief der Herzog,„wie kommen Sie auf eine ſo romanhafte Kombination?“ „Wenden Sie Ihr Pſerd, ehe es zu ſpät iſt, die Erklärung werde ich Ihnen nicht ſchuldig bleiben.“ „Nein, Madame, ſo leichten Kaufes gibt Marl⸗ borough die Ausſicht auf einen Sieg nicht auf!“ „Dann ſehen Sie dieſes Blatt!“— ſie reichte ihm den Streifen Papier, den ſie von der Toilette der Rabatin an ſich genommen hatte. Der Herzog kehrte ſich gegen den Mond, um leſen zu können.„Die Unterſchrift Marſin's“, ſagte er dann. „Es iſt ein Stück von einem Briefe, den die Gräfin heute Morgen empfing und jetzt eben ſah ich einen franzöſiſchen Dragoneroffizier mit dem Eaſtellan an der Pforte des Parkes ſprechen.“ 70 „Unmöglich!“ rief der Herzog. Die Altan zuckte die Achſeln.„Meine Miſſion iſt zu Ende“, ſprach ſie,„Sie werden mir glauben, wenn es zu ſpät iſt. Gott beſchütze Sie.“ Mit einem elaſtiſchen Sprunge war ſie im nächſten Augenblicke jenſeits des Straßengrabens und verlor ſich in den Gebüſchen, welche den Rand der benachbarten Wieſe nach allen Richtungen hin umſäumten. Marlborvugh blickte ihr zuerſt einige Zeit betrof⸗ fen nach, dann gab er ſeinem Pferde die Sporen und galoppirte dem Parke zu. Kaum war er hinter den Bäumen der Allee verſchwunden, ſo kam die Gräfin vorſichtig aus ihrem Verſtecke hervor, jedoch nur um ſich noch ſchneller als das erſte Mal hinter das ſchü⸗ tzende Laub zurück zu ziehen, denn wieder tönte Huf⸗ ſchlag. Diesmal war es ein ganzer Trupp, der plötz⸗ lich zwiſchen den Pappeln auftauchte, auf die Straße herausbog und langſam auf das Schloß zu ritt. Die Altan ſah deutlich die Uniformen der franzöſiſchen Dragoner, und die gezogenen Säbel in ihren Händen blitzen; die Angſt beklemmte ihr die Bruſt, ſie wagte es nicht, ſich zu bewegen, kaum zu athmen. Als die feindlichen Reiter an ihr vorbei waren, wendete ſie ſich erſt raſch dem Parke zu; eine plötzliche unbewußte Regung Marlborvugh zu Hilfe zu eilen, war es, welche 7 ſie in dieſer Richtung trieb, aber ſie beſann ſich nach wenigen Schritten, blieb ſtehen und in dem Augen⸗ blicke, wo ſich der Gedanke den Herzog zu retten, ſcharf und deutlich in ihrem klugen Köpfchen ausſprach, wußte ſie auch ſchon blitzſchnell, daß Rettung nur bei dem etwa eine Viertelſtunde vom Schloſſe entfernten engliſchen Vorpoſten zu ſuchen ſei. Sie kehrte alſo um, ſetzte auf die Straße hinüber und lief, ſo raſch ſie nur konnte, dem Lager zu. Diesmal beſiegte die Angſt die weibliche Schwäche; ſtatt zu erlahmen wuchs ihre Kraft im Vorwärtseilen, ſie verlor auch nicht den Athem, Cherubimflügel ſchienen ſie zu tragen. Mit einem Male tönten Schüſſe in ihrem Rücken, ſie er— ſchrak und hielt inne, jedoch nur um ſofort wieder weiter zu fliegen, aber ſie hörte jetzt auch den Galvpp eines Pferdes hinter ſich auf der Straße und hörte ihn, trotz ihrer verdoppelten Eile näher und näher kommen; endlich erlahmte ſie und bei dem Verſuch, dem Verfolger zu entgehen und von der Straße auf das benachbarte Feld hinüber zu ſpringen, ſank ſie in dem Graben zuſammen. Noch einmal richtete ſie ſich auf, aber in dem Augenblicke war auch ſchon der Reiter zur Stelle und hielt ſein Pferd an. „Sie ſind es, Gräfin?“ rief eine bekannte Stimme. 50 7— Es war Marlborough, welcher ſofort aus dem Sattel ſprang und die am ganzen Leibe bebende junge Frau aufrichtete.„Eilen Sie“, ſprach ſie in einem Tone, der mehr vom Befehle als der Bitte an ſich hatte, „nicht mir droht Gefahr, ſondern Ihnen, ſuchen Sie die Vorpoſten zu gewinnen, ich bedarf Ihres Armes nicht, ich helfe mir ſelbſt davon“— Sie ließ ihm nicht einmal Zeit zu antworten, ſondern eilte in das Gebüſch, in dem ſie im nächſten Augenblicke verſchwun⸗ den war. Der Herzog blickte ihr betroffen nach, dann be⸗ ſtieg er raſch ſein Pferd und ſprengte davon. Bald kamen ihm die franzöſiſchen Reiter in kur⸗ zem Galopp nach, als ſie ihn aber weithin nicht mehr entdecken konnten, machten ſie Halt, beriethen ſich un⸗ tereinander und kehrten dann wieder um— die Gräfin athmete auf. Nach einiger Zeit erſchien ein Trupp engliſcher Gardereiter, welche mit verhängten Zügeln auf das Schloß zu ritten, ſie fanden daſſelbe jedoch vollkommen leer. Mit den feindlichen Dragonern waren auch die Verräther, die ſchöne Rabatin und der franzöſiſche Caſtellan, verſchwunden. Indeß ſuchte der Herzog ſelbſt die Gräfin Altan. Er ritt auf der Straße hin und her, er durchſtreifte 6 —5 03 die Felder, Wieſen und Gebüſche, welche ſich zu beiden Seiten derſelben hinzogen, ohne ſie zu finden. Endlich tönte ein lautes: Wer da? durch die ſtille Nacht. Eine innere Stimme ſagte Marlborvugh, daß es der Gräfin galt, er gab ſeinem Pferde die Sporen und kam eben an, als wieder einer ſeiner Grenadiere auf ſie feuern wollte. Er ſchlug dem wachſamen Manne den Flintenlauf in die Höhe und bot der unerſchrocke⸗ nen Frau ſein eigenes Pferd an. Die Altan dankte mit einem ſtummen Kopf⸗ ſchütteln. „Sie ſind mir böſe, Gräfin“, begann der Herzog in ſeiner ſicheren, leichten Art. Sie nickte. „Böſe, weil ich ſo leichtfertig mein Leben auf das Spiel geſetzt habe“, fuhr Marlborough herzlich fort. „Nicht Ihr Leben, Herzog“, gab die ſtets ſchlag⸗ fertige kleine Frau zurück,„ſondern das Leben des kommandirenden Generals, des Siegers in ſo vielen Schlachten.“ Marlborough biß ſich in die Lippe, er fand lange keine Antwort und als er ſie endlich fand, war die ſchöne Altan verſchwunden. * 74 Es war ein herrlicher kühler Morgen, als Gräfin Altan am ſolgenden Tage, dem 11. Auguſt 17034, herausging, um ſich in der Ratur, welche ſie wie alle Damen jener geſpreizten, verdrehten, unnatürlichen Zeit leidenſchaftlich liebte, von dem friſchen Sommer⸗ winde die Sorgen vom Herzen wegfächeln zu laſſen. Sie hatte noch nicht Toilette gemacht, was ihr ſehr zu Statten kam: ihre feine Geſtalt hatte daher nichts von einem der barock zugeſtutzten Bäume von Verſail— les an ſich, und ihr Kopf mahnte nicht im Entfern⸗ teſten an das Modehündchen, den Bologneſer. Ihre Locken fielen, nur von einem blauen Bande gehalten, frei und üppig auf die bloßen Schultern. Ein weißes Kleid mit weißem couvrirten Auſputz ließ ſie ausneh⸗ mend ſchlicht, reizend und jugendlich erſcheinen. Ge⸗ gen die Sonne, welche über die tiefgrünen Wipfel des Waldes herüber ihre erſten heißen Strahlen in die Ebene warf, ſchützte ſie ſich durch einen großen, mit Schwanenflaum garnirten Fächer. Sie eilte ſo raſch es nur anging durch die Straßen der Zeltſtadt, ſprang an den Vorpoſten vorüber, die ernſten Schnurrbärte freundlich grüßend, und ließ ſich draußen, wo kein Menſch war und daher auch kein Soldat, auf einem Feldrain nieder. Hier ſaß ſie, ohne etwas zu denken oder zu erwägen, ganz nur von der Seligkeit erfüllt, welche ihr die anmuthige Landſchaft, die Würze der kräftigen Luft erregte, athmete und athmete wieder, ſchaute und wurde nicht ſatt zu ſchauen, die gelben Saatfelder, welche Niemand zu ſchneiden dachte, deren Aehren ſich unter dem Fruchtſegen zur Erde neigten, die fernen weißen Dächer, die blauen Säulen, welche hie und da aus denſelben emporſtiegen, die grünen Wieſen wie Sammet geſpannt, wie Smaragd leuch⸗ tend, den Fluß, von dem leichte Nebel aufwärts zogen gleich durchſichtigen Spitzenſchleiern, den Golddunſt, der über der Erde geheimnißvoll webte, die glitzernden Netze, mit denen die Sonne Alles ſo feſtlich überzog, den blauen Himmel, in dem einzelne kleine Wölkchen ſchwammen, wie Schwäne in einem klaren See, ſie ſah aus dem Lager Flinten blitzen, ſah die Mündungen der Geſchütze gleich ſchwarzen Zielſcheiben vor die weißen Zelte geheftet, und ſie horchte auch von Zeit zu Zeit bald dem munteren Liedchen, das ein Cüraſ⸗ ſier ſang, und dem Wiehern des Hengſtes, den er ſtriegelte, bald den Lerchen, die ſich nah und ferne aus den Feldern in den Himmel erhoben und jubelten, bald dem ſilberhellen Waſſer, das unmittelbar zu ih⸗ ren Füßen mit Kieſeln ſpielte und die Vergißmeinnicht am Ufer mit Tropfen bewarf, die dann in der Sonne wie Edelſteine blitzten. Sie war ſo verloren in dieſes 76 ſüße Athmen, dieſes ſelige kindliche Schauen und Hor⸗ chen, daß ſie den Schritt nicht hörte, der ſich ihr näherte, noch das Klirren des Sporens. Als daher eine wohlbekannte ſchöne Menſchen⸗ ſtimme ſo ganz plötzlich zu ihr ſprach, ſchrak ſie zu⸗ ſammen und blickte mit ihren großen Augen erſtaunt auf, eiwa wie ein Reh, das auf einer einſamen Wald⸗ wieſe ruht und unerwartet einen Menſchen aus dem Dickicht treten ſieht. „Es ſcheint Ihnen nicht eben angenehm, Gräfin, mich zu ſehen“, begann Marlborough, der ſchüchtern faſt wie ein Page vor der kleinen Frau ſtand. „Ich habe Sie nicht erwartet, Herzog—“ „Sie ſind mir böſe?“ „Gewiß, ſehr böſe.“ „Nun, dann ſtrafen Sie mich, in Gottes Namen, und zwar recht grauſam, damit Sie mir dann um ſo eher vergeben.“ „Ich vergebe ſehr ſchwer Unbeſonnenheiten, bei — Männern, bei Generälen; einem Cornet oder Stu⸗ denten mögen ſie ganz gut zu Geſichte ſtehen.“ „Strafen Sie mich alſo“, flehte der Herzog. „Nein, nein.“ „Weshalb nicht?“ „Weil ich Ihnen dann nicht mehr zürnen vürfte.“ „Wie unerbittlich!“ „Ich behandle Sie viel zu milde, Herzog“, fuhr die ſchöne Frau, in der That erregt, mit heißen Wan⸗ gen und fliegender Bruſt fort,„wenn ich Ihre Königin wäre, würde ich Sie abſetzen.“ „Wirklich!“ „Sie ſind kein Mann, dem man eine Armee, dem man das Schickſal eines Krieges anvertrauen kann.“ „Da wäre alſo eine Strafe gefunden, Gräfin“, fuhr Marlborough fort,„ich erkenne Sie hiermit feier⸗ lich als meine Königin an, und gebe mich ganz in Ihre kleinen Hände, ach! was haben Sie für wunder⸗ ſchöne Hände—“ „Wir ſprechen von Ihrer Beſtrafung, Marlbo⸗ rough“, unterbrach ihn die Altan raſch und mit großem Ernſt. Wie ſie jetzt ihre Brauen zuſammenzog, er⸗ ſchien ſie dem Herzog in der That eines Thrones wür⸗ diger, als die ſchwache verliebte Anna, und er beeilte ſich zu verſichern, daß er ſich vollkommen als ihren Unterthan betrachte. „Ich bin nicht ſcherzhaft geſtimmt“, ſagte ſie. „Ich auch nicht.“ „Sprechen Sie mithin ernſthaft!“ „Vollkommen ernſthaft, ich gebe mich in Ihre Hände.“ . „Herzog!“ „Vollkommen ernſthaft, und beſtrafen Sie mich alſo, Sie haben mehr Talent zum General wie ich. Ich ſtelle mich unter Ihre Befehle.“ „Herzog“, erwiderte die ſchöne Frau, nachdem ſie ihn lange angeſehen hatte,„wollen Sie mich verſöhnen?“ „Um jeden Preis.“ „Ihr Wort?“ „Mein Wort.“ „Gut, ich bin in der Laune, Sie zu beſtrafen, ich nehme alſo die Macht, welche Sie mir einräu⸗ men, an.“ „Sehen Sie in mir Ihren Unterhan.“ „Einen pflichtvergeſſenen General“, ſprach die Gräfin, indem ſie ſich raſch erhob und den Kopf mit den blitzenden Augen imponirend zurückwarf, ihre ſanfte Stimme klang wunderbar energiſch. „Der ſich unter Ihre kleinen Füße wirft“, lächelte Marlborough,„und ſich darauf freut, von denſelben getreten zu werden.“ „Dem jedoch dieſes Vergnügen nicht zu Theil wird“, lächelte die Gräfin. „Sondern?“ „Ihr Ehrenwort, daß ich jetzt zu befehlen habe“, erwiderte ſie mit energiſcher Stimme, mit einer Stimme die keinen Spaß zu verſtehen ſchien. „Mein Ehrenwort.“ „Gut, ſehr gut“, fuhr die ſchöne Frau fort,„ich beſtrafe Sie alſo auf der Stelle und ſetze Sie für vier⸗ undzwanzig Stunden ab.“ „Nur für vierundzwanzig Stunden?“ „Vierundzwanzig Stunden unter den Befehlen einer Frau! Fragen Sie erſt, Herzog, ob Sie das aus⸗ halten. Aber geben Sie mir Ihren Arm, wir haben Eile.“— Sie ſchritten im lebhaften Tempo dem Lager zu, die junge zarte Frau ſchien Flügel zu haben an den kleinen Füßen.„Senden Sie ſofort nach der Baronin Willſtorf“, ſagte ſie kurz und ohne Umſchweife,„ich brauche eine Gardedame, ich bin bereit, dem deutſchen Vaterlande Alles zu opfern, nur nicht meinen guten Ruf und es ſind böſe Zungen in dem Lager. Senden Sie auch nach Ihren Offizieren. Ich habe wichtige Be⸗ fehle zu ertheilen. Sie aber, Herzog, verbannen ſofort Alles, was ſelbſtſtändiger Gedanke, eigener Wille oder perſönliches Gefühl heißt—“ „Alles und Jedes, nur dieſes einzige mächtige Gefühl für Sie nicht“, rief Marlborough. „Sie ſind fortan nur noch eine Marionette“, fuhr „ 80 die Gräfin ſo gleichgiltig fort, als hätte ſie die Worte des Herzogs überhört,„verſtehen Sie wohl, meine Marionette!“ „Ich verſtehe.“ Vor dem Zelte Marlborvugh's angelangt, ſetzte ſich die Gräfin auf einen Feldſeſſel, der zufällig da ſtand.„Laſſen Sie einen zweiten Stuhl bringen“, be⸗ fahl ſie,„einen Tiſch und Schreibzeug.“— Schon war einer der Adjutanten des Herzogs davongeeilt, um die Baronin zu holen, ein anderer, um die Offiziere des Hauptquartiers zu verſammeln, jetzt brachte ein Reit⸗ knecht Stuhl, Tiſch und Schreibzeug. „Schreiben Sie!“ Marlborough nahm an dem Tiſch Platz, faltete einen Bogen Papier und ergriff eine Feder. „Ordre an—“ diktirte die Gräfin,„welcher Ihrer Generale hat dieſe Nacht Bereitſchaft gehabt?“ fragte ſie ſich unterbrechend. „Churchill.“ „Wie viele Truppen ſind ſomit marſchbereit?“ „Zwanzig Bataillone.“ „Alſo“— ſie fuhr fort zu diktiren—„Ordre an den General Churchill, ſich ſofort mit den zwanzig Bataillonen, welche marſchbereit ſind, in Bewegung zu F 8¹ ſetzen und ſo ſchnell als nur möglich mit dem Prinzen Eugenius zu vereinigen.“ Marlborough warf einen ſeltſamen Blick auf die Altan, ſie bemerkte ihn nicht.„Haben Sie zu ver⸗ einigen?“ ſagte ſie. „Alſo Ihre Unterſchrift.“ Marlborough unterzeichnete. „Sofort zu übergeben“, fuhr die Gräfin fort, nachdem ſie die Ordre überflogen hatte. Marlborough rief eine Ordonnanz herbei, welche wenige Augenblicke ſpäter mit dem Befehl davon ſprengte. „Schreiben Sie!“ befahl wieder die ſchöne Frau. „Zu Befehl!“ „Ordre an ſämmtliche Generale des alliirten Heeres, ſich auf der Stelle marſchfertig zu machen, und das Lager abzubrechen Alles ſo eilig wie nur möglich.“ Sie blickte auf ihre Uhr, welche eine kleine Birne mit grünen emaillirten Blättern darſtellte.„Wir haben ſechs Uhr. Schreiben Sie: Um 10 Uhr wird ab⸗ marſchirt.“ „Aber—“ „Haben Sie?“ „Ja.“ * Sacher-Maſoch, Wiener Hofgeſchichten. II. „Unterſchreiben Sie!“ Nachdem der Herzog ge⸗ 6 82 horcht hatte, fuhr ſie fort:„Dieſe Ordre iſt ſofort an ſämmtliche Generale auszufertigen und denſelben ſchleu⸗ nigſt zuzuſtellen.“ Eine Minute ſpäter ſaßen fünfzehn Offiziere an fünfzehn Tiſchen, und fünfzehn Federn kratzten über das Papier. Nun kam die Baronin an⸗ gerückt, ſtramm wie eine Grenadierkolonne, daß der Boden zitterte.„Was gibt es denn ſo früh?“ fragte ſie. „Wir marſchiren ab, ſüße Freundin“, rief die Altan,„und morgen, ſpäteſtens übermorgen liefern wir eine große Schlacht.“ „Die Schlacht wird— wenn Sie ſo fortfahren, Majeſtät— unvermeidlich ſein“, ſagte Marlborough ernſter als bisher. „Verlaſſen Sie ſich darauf, daß ſie morgen ſchon unvermeidlich ſein wird“, ſpottete die Gräfin. „Es lag zwar in meiner Abſicht, mich mit Eugen zu vereinigen“, fuhr der Herzog fort,„aber ich fürchte, Sie übereilen—“ „Ruhig, Marionette!“ Der Herzog ſchwieg. Die große Baronin, die von dem Allen kein Wort verſtand, glotzte ihn mit offenem Munde an.„Kommen Sie, wir wollen Toilette machen!“ damit riß ſie die Altan aus ihrem Erſtaunen und mit ſich fort. Es dauerte indeß nicht allzu lange, und der Her⸗ 83 zog ſah die beiden Damen zu Pferde zurückkehren, beide in Amazonen verwandelt, die Willſtorf auf einem rie⸗ ſigen ſchweren Holſteiner, der einem weißen Elephanten glich, während ſich die ſchöne Altan auf einem ſchlanken ſchwarzen Ungarroſſe ſchaukelte und in ihrer fließenden grünen Robe und dem ſpaniſchen Hütchen mit der wehenden weißen Feder, das ſie ſo muthig aufgeſetzt hatte, ſo hinreißend ſchön war, daß Marlborvugh die⸗ ſelbe Empfindung hatte, wie einer, den eine Kugel in das Herz trifft. Sie betrachtete ihn lächelnd, ſie wußte, daß ſie ihn bezauberte und ſie wollte ihn bezaubern, ſie ſpielte jetzt zugleich mit der Reitgerte und mit ſei⸗ nem Herzen. „Ich reite mit Churchill“, ſprach ſie,„Ihre Auf⸗ gabe, Herzog, iſt es, uns recht bald nachzukommen.“ „Wie, Sie verlaſſen mich?“ ſchrie Marlborough auf. „Bin ich nicht Ihre Königin?“ „Allerdings.“ „Sie haben alſo weiter nichts zu thun, als zu gehorchen.“ „Aber ich werde vor Sehnſucht nach Ihnen ſterben.“ „Sehnen Sie ſich wirklich ſo ſehr nach mir und meiner Geſellſchaft“, rief ſie, ſich ſchalkhaft zu ihm neigend,„dann weiß ich guten Rath. Holen Sie uns 6. ſchnell ein, marſchiren Sie raſch, Herzog, marſchiren Sie raſch!“ Sie grüßte und ſchon tanzte das feurige Thier mit ihr davon. Marlborvugh blickte ihr nach, wie verzückt. Ach, ſie wiegte ſich ſo ſchön im Sattel, ſo verführeriſch, wie er noch keine Dame auf ihren Polſtern hingegoſſen ſah! „Marſchiren Sie raſch“, rief ſie noch einmal über die Achſel zurück, dann ſah er nur noch ihre weiße Feder ſchaukeln über den niederen Zelten. „Marſchiren Sie raſch“, klang es ihm noch im Ohr mit ihrer ſüßen, ſchalkhaften Stimme,„marſchiren Sie raſch!“ % Marlborough marſchirte nun in der That ſehr raſch, denn er bewirkte noch an demſelben Abend ſeine Vereinigung mit Eugen. Es war eine große denkwür⸗ dige Stunde, als ſich die beiden Heere mit tauſend⸗ ſtimmigem Hurrah begrüßten. Die Preußen, Oeſter⸗ reicher, Dänen, welche der edle Ritter befehligte, eilten aus den Zelten und ſchüttelten den vorbeimarſchiren⸗ den Engländern und Reichstruppen die Hände, wäh⸗ rend die beiden großen Feldherren ſich herzlich umarmten und dann zuſammen in das Lager einritten. Vor dem Zelte, das für Marlboroughaufgeſchlagen war, erwar⸗ teten die Damen den galanten Helden. Er ſprang vom 85 Pferde und eilte auf die Altan zu, welche ihn mit ihrem hinreißenden Lächeln willkommen hieß. „Nun, iſt meine Majeſtät mit mir zufrieden?“ rief er heiter. Die Gräfin nickte ihm zu und gab ihm die kleine bebende Hand, die er zärtlich küßte.„Ich lobe Sie, Herzog, aber noch iſt Manches von Ihrer Seite zu leiſten, ehe ich Ihnen ganz vergebe.“ „Befehlen Sie nur.“ „Bis morgen früh ſechs Uhr bin ich Oberkomman⸗ dant“, neckte ihn die ſchöne Frau. „Auch dann, Gräfin, für immer, wenn Sie es wünſchen.“ „Marſchall Tallard ſteht uns gegenüber, eine Schlacht iſt nicht zu vermeiden“, fuhr ſie fort.„Treffen Sie alſo Ihre Anſtalten, Herzog!“ „Wir werden ſofort einen Kriegsrath halten“, erwiderte Marlborough. Die Gräfin kräuſelte ſpöttiſch ihren rothen Mund. „Einen Kriegsrath“, ſprach ſie,„muß das ſein?“ Sie blickte auf Eugen. „Es iſt ſo in der Ordnung“, ſagte der Prinz von Savohen. „Nun, dann halten wir alſo Kriegsrath“, nahm die Gräfin ſeufzend das Wort,„aber ich kenne die 86 militäriſchen Perücken. Ein Soldat, ein Mann iſt nicht bedenklich, wo es die Ehre ſeines Vaterlandes, wo es Kampf und Sieg gilt, aber dieſe Profeſſoren der edeln Kriegskunſt ſind vor lauter Theorie und Wiſſenſchaft zu keiner That zu vermögen. Ich kann es mir lebhaft vorſtellen, wie das ſich machen wird. Wo ſtehen die Franzoſen? fragt der Soldat. Bei Höchſtädt, ſagt der Kriegsrath und die Perücken ſtim⸗ men zu. Wo liegt Höchſtädt? fragt der Soldat, der Mann, damit wir wiſſen, wo wir ſie zu ſchlagen haben.— In einer ſtarken Poſition, ſagen die Perücken. Um ſo beſſer, ſagt der Mann, da halten ſie uns Stand.— Die Poſition iſt nicht zu nehmen, ſagt der Kriegsrath. Ah! gehen Sie mir, Herzog, was fra⸗ gen Sie bei den Perücken an, wo es kühn zu denken, wo es raſch zu handeln gilt? Sind Sie ein Mann?“ „Bei Gott, ich weiß es nicht mehr, Gräfin“, rief der Herzog.„Ich könnte Verſe machen und ſie zur Guitarre ſingen, im Mondſchein ſchwärmen, träumen, ſeufzen. Bin ich ein Mann? Kann ich eine Schlacht befehligen? O! ſtände ich im Felde mit Englands und mit Deutſchlands Macht, Sie allein— Sie mit Ihrem kleinen Fächer würden mich in die Flucht jagen. Ein verliebter Knabe bin ich, ich liefere keine Schlacht.“ „Herzog, ſind Sie bei Vernunft?“ 87 „Ich glaube nicht.“ Eugen blickte betroffen bald auf Marlborough, bald auf die Gräfin. „Beherrſchen Sie ſich doch“, ſagte dieſe leiſe zu dem Herzog,„was ſoll die Welt von uns denken!“ Marlborough verneigte ſich und eilte, Anſtalten zu treffen, um ſo bald als nur möglich ſämmtliche Generale der Alliirten in ſeinem Zelte zu einem Kriegs⸗ rathe zu vereinigen. Eine Stunde ſpäter waren Alle beiſammen, eine glänzende aber äußerſt curioſe Ver⸗ ſammlung. Man ſah alle erdenklichen Uniformen durch⸗ einander gemiſcht und dazwiſchen die hellen Gewänder der Frauen. Die meiſten ſaßen auf Feldſeſſeln um einen langen mit Karten bedeckten Tiſch, Eugen mit ſeiner hohen Lockenperücke, unter der ſein ſchmales, gelbes, runzliches Geſicht noch mehr zuſammen zu ſchrumpfen ſchien, Marlborough ſchön und ritterlich wie immter, der Herzog von Württemberg, der Herzog von Holſtein, der die Hannoveraner befehligte; neben dem rothen Rock des engliſchen Infanterie⸗Generals Rowe ſah man Sir Lumley, den Reiterführer, als blauen Dragoner, an der Seite der Gräfin Trautmannsdorf, den Prinzen von Heſſen in hirſchledernen Hoſen, Juchtenſtiefeln mit Pfundſohlen, weißem Rock und Camiſol, den Pallaſch an der Seite, Alles, wie es damals die kaiſerlichen 51 Reiter trugen; ein blauer, mit Gold verſchnürter Hu⸗ ſaren⸗Dolman erſchöpfte ſich in Artigkeiten gegen eine weiße, in Roſenbouquets reich geſtickte Seidenrobe, welche der Lady Magendie angehörte. Auf einem türk'⸗ ſchen Divan, den man aus einem Schloſſe in der Nähe entführt hatte, hatte ſich die Gräfin Altan mit dem General Churchill niedergelaſſen. Man war ſo ziemlich vom erſten Augenblicke an einig, daß eine Schlacht geliefert werden müſſe, aber während Marlborvugh und Eugen für den Angriff ſtimmten, wollten ſich ſämmtliche anweſende deutſche Fürſten und einige der engliſchen Generale auf die Vertheidigung beſchränken. Die letzteren hielten die fran⸗ zöſiſche Poſition für unangreifbar, und die franzöſiſch⸗ baieriſche Armee für zu ſehr überlegen. Man ſchätzte dieſelbe nicht übertrieben auf ſechzig Tauſend Mann und neunzig Kanonen, während die vereinigte Armee Marlborough's und Eugen's nur fünfundfünfzig Tauſend Mann mit fünfzig Kanonen zählte. Zudem hatte Tallard eine kompakte Maſſe von fünfundvierzig Tauſend Franzoſen unter ſich, während das alliirte Heer, bunt genug, aus Engländern, Preußen, Oeſterreichern, Württembergern, Dänen, Holländern, Hannoveranern und Heſſen zuſammengewürfelt war. „Meine Gründe für den Angriff“, ſagte Prinz 89 Eugen,„ſind bald erſchöpft, aber ich denke, daß ſie ſchlagend genug ſind. Der feindliche Plan zielt dahin, alle ſeine Kräfte hier zu vereinigen, und dann in das Herz Deutſchlands vorzudringem Im Augenblicke iſt die Situation die für uns verhältnißmäßig günſtigſte. Villervi iſt allerdings bis in die Moſelgegend gelangt, aber Vendome, der ſeinen Weg aus Oberitalien über Tirol genommen, iſt nicht im Stande, den Brenner zu überſchreiten. Ein Cvurier hat mir die Nachricht ge⸗ bracht, daß die braven Tiroler ſich erhoben haben, und den Franzoſen jeden fußbreit Landes ſtreitig machen. Vendome iſt trotzdem bis Brixen gekommen, vermag jedoch nicht weiter vorzudringen. Tallard iſt alſo in dieſem Momente noch iſolirt und nur jetzt ein Erfolg möglich.“ Die militäriſchen Perücken ſprachen hierauf viel von Strategie, ſie holten ihre Exempel aus der Bibel und aus den Werken der Alten, ſie räuſperten ſich und huſteten und demonſtrirten, aber Eugen faßte ſie bei ihren guten deutſchen Herzen, die trotz aller Theorie warm genug unter ihren goldberänderten Camiſols ſchlugen, und endlich ſtimmten ſie Alle für die Schlacht, für den Angriff. „Wer ſoll das Oberkommando führen?“ fragte der Herzog von Württemberg. „Wer anders, als der Herzog von Marlborvugh!“ rief Eugen. „Wer anders als Prinz Eugen von Savohen!“ rief Marlborough. Zwiſchen dieſen beiden großen Männern beſtand nicht die mindeſte Eiferſucht, beide waren nur von dem einen Gedanken erfüllt, zu ſiegen, dem Uebermuth Frankreichs, der Eroberungsgier Ludwigs XIV. Schran⸗ ken zu ſetzen. Die beiden edeln Kriegsgenoſſen, ſich an Aufopferung und Höflichkeit überbietend, wären nie zu einem Reſultat gekommen, wenn nicht eine kluge Frau den Knoten gelöſt hätte. Prinz Eugen Tag für Tag abwechſelnd das Kom⸗ mando führen ſollen“, rief die ſchöne Altan. chill. Heſſen hinzu. zum Beſchluß erhoben, Eugen und Marlborough drück⸗ ten ſich freundſchaftlich die Hände. „Ich mache den Vorſchlag, daß der Herzog und Alle blickten auf ſie. „Ein vortreffliches Auskunftsmittel“, ſagte Chur⸗ „Das Ei des Columbus“, fügte der Prinz von Der Ausſpruch der Gräfin wurde auf der Stelle Die Generale verabſchiedeten ſich. 91 „An welchem Tage liefern wir die Schlacht?“ fragte die ſchöne Altan. „An einem Tage, wo Eugen den Befehl führt“, erwiderte Marlborough raſch,„ich vermag keine Schlacht zu leiten, wir müßten ganz gewiß geſchlagen werden, wenn ich führe.“ „Welche Schwäche!“ ſagte die Gräfin vorwurfs⸗ voll. „Geben Sie mir das Herz des Soldaten zurück, Gräſin“, flüſterte ihr der Herzog zu,„und den Kopf des Generals, dann will ich commandiren, aber ſo? es wäre Wahnſinn. Marlborough liefert keine Schlacht! Marlborvugh möchte Frieden haben mit der ganzen ſchönen Gotteswelt, ſeine Seele iſt zur Idylle geſtimmt, ja, ja, er folgt lieber den flatternden Bändern der Ge⸗ liebten, als Englands ſieggekrönten Fahnen! Der Sie⸗ ger iſt beſiegt, der Stolze unterworfen, Marlborough liefert keine Schlacht.“ Er warf ſich auf einen Seſſel und ſtarrte vor ſich hin. „Was iſt dem Herzog?“ fragte Eugen, während er mit der Gräfin aus dem Zelte trat,„er iſt wie verloren— iſt er krank?“ „Nein, Eugen, Marlborough iſt verliebt.“ „Verliebt?— in wen?“ Die ſchöne Frau begann zu lachen, ſo laut, ſo 92 herzlich, ſo jubelnd, daß Eugen vollkommen ſeine Faſſung verlor. „Ich verſtehe“, ſtammelte er endlich,„aber dann ſind Sie, Sie allein Schuld, Gräfin, wenn ein geſchieht.“ Die Altan lachte noch immer. „Aber haben Sie denn nicht ſo viel Patriotis⸗ mus“, ſagte Eugen,„um fünf Minuten ernſthaft zu bleiben und vernünftig zu reden?“ „Nein, mein lieber, unartiger Eugen“, lachte die Gräfin wieder,„aber ich beſitze den Patrivtismus, mich von Marlborough lieben zu laſſen, das iſt zwar weder ernſthaft noch vernünftig, aber ſehr nützlich, Eugen, und ſehr Vergebens bemühte ſich Eugen, am 12. Auguſt den Herzog für den folgenden Tag, wo derſelbe den Oberbefehl zu führen hatte, zum Angriff zu bewegen. Eugen befehligte das kleinere Corps, er wollte clſo Marlborough am Schlachttage den Ruhm der Führung überlaſſen. Der Herzog nahm indeß Ausflüchte über Ausflüchte, er hörte nur halb, was Eugen vorbrachte und ſchien ganz nur mit den Vorbereitungen zu einem Feſte beſchäftigt, welches er Abends den Damen zu geben gedachte. Eugen verließ ihn endlich beinahe er⸗ zürnt, um der Gräfin Altan Vorwürfe zu machen, aber die kleine Frau lachte wieder ſo herzlich und ſo conſequent, daß der große Prinz von Savohen die erſte Niederlage in ſeinem Leben erlitt und einen mehr komiſchen als ſtrategiſchen und geordneten Rückzug an⸗ trat. Er fehlte auch Abends bei dem Feſte, was jedoch die Anderen nicht hinderte, fröhlich und unbeſorgt zu ſein Marlborough hatte den Park eines kleinen Schloſ⸗ ſes, das innerhalb der Linien der Alliirten lag und von ſeinen Bewohnern verlaſſen war, in eine Art Elh⸗ ſium verwandelt, aber freilich ein Elyſium mit Perücke und Tabaksdoſe. Die Bäume im Geſchmacke von Ver⸗ ſailles geſtutzt, trugen alle große grüne Allonge⸗Perücken, die Tuffſtein⸗Grotten, welche im Dickicht zerſtreut lagen, ſahen ſämmtlich wie krauſe weiße Perücken aus, welche Gott weiß woher zwiſchen die grünen Büſche herabge⸗ fallen waren, die Lampions in allen Farben, welche ſich ſinnig geordnet, gleich unzähligen Regenbogen von Stamm zu Stamm ſpannten, trugen Schirme wie Perücken, das Schloß hatte ſeine Allonge und der Tempel der Venus und die weißen Götter in den grünen Niſchen der Taxuswände ſahen alle aus, als ob ſie ſchnupfen würden, wenn es auch nicht ganz klar war, woraus ſie ſchnupften, es müßte denn Mars ſeinen Helm heimlich in eine große Doſe verwandelt haben und die Taube der Liebesgöttin den Spaniol im Schnabel zutragen. In den Zweigen glänzten Oran⸗ gen, die an Bindfäden befeſtigt waren, gleich den gol⸗ denen Aepfeln der Heſperiden. Ein Bach murmelte geſchäftig, die Schloßuhr ſpielte eine Gavotte und der Mond blickte heiter auf die geputzten Herren und Da⸗ men, welche den Feengarten durcheilten. Eine unſicht⸗ bare Muſik verſendete ſüße ſchmeichelnde Melodieen. In der Mitte eines von Roſengebüſchen köſtlich eingefaßten Platzes war ein kleiner Plan geebnet wor⸗ den, der im ſilbernen Lichte der holden Luna gleich einem glatten Parquet ſchimmerte. Hier vereinigte ſich die illuſtre Geſellſchaft und Alles was ſchön, jung oder galant war, tanzte. Seitwärts ſtanden kleine, heller⸗ leuchtete Lauben für die alten Herren, welche es vor⸗ zogen, Domino, Dame oder Karten zu ſpielen. In einem großen türkiſchen Zelt wurden Erfriſchungen ſervirt. Man unterhielt ſich vortrefflich, plauderte, lachte, mediſirte, naſchte und liebelte; aber Alles fein, vornehm und graziös, und als die Geſellſchaft vom Tanze er⸗ müdet ſchien, lagerte ſich der ganze Kreis an dem blu⸗ migen Ufer des Baches und ſpielte:„Stirbt der Fuchs ſo gilt der Balg.“ Ein Roſenzweig wurde angezündet 95 und ging raſch verglimmend von Hand zu Hand. Gräfin Hadik reichte ihn dem Herzog von Marlborough, als er ſchon dem Erlöſchen nahe war.„Stirbt der Fuchs ſo gilt der Balg“, rief der galante General und reichte den Zweig raſch der ſchönen Altan, doch kaum hatten ihre weißen Finger denſelben berührt, erloſch er. Ein muthwilliges Gelächter begleitete den ſpaßhaften Augenblick. „Seltſam“, murmelte Marlborvugh,„ich dachte, daß Sie nur das Geſchick beſitzen, Flammen zu er⸗ wecken, nicht aber zu erſticken.“ „Ich bin nur dort im Stande anzuzünden“, ent⸗ gegnete die Gräfin ſchlagfertig,„wo nicht viel Geſchick dazu gehört.“ „Ich bitte um ein Pfand, Gräfin“, ſprach jetzt Sir Campbell, indem er vor die Altan hintrat und ſeinen Hut darreichte. Sie warf ein Armband in den⸗ ſelben und das Spiel ging weiter. Als beinahe alle Anweſenden Pfänder in den Hut des jungen engliſchen Offiziers geworfen hatten, begann man dieſelben auszulöſen. Die Damen zeigten ſich aus⸗ nehmend erfinderiſch, neue Qualen für die Herren zu erſinnen und pikante Gelegenheiten für ſich, ihren Günſt⸗ lingen ihre Huld zu beweiſen. 96 „Was ſoll das Pfand in meiner Hand?“ fragte Campbell. „Es ſoll in den Brunnen fallen.“ „Zu gewöhnlich!“ „Es ſoll in das Kloſter gehen, Buße thun und warten, bis es Jemand erlöſt“, entſchied Gräfin Wratislaw. „Alſo Gräfin Altan“, rief Campbell, ihr das Arm⸗ band überreichend,„wollen Sie ſich bemühen—“ „Wohin ſoll ich gehen?“ „In die nächſte Grotte.“ Die Gräfin hüpfte zwiſchen den Roſen durch und verbarg ſich in einer Grotte, welche dem Platze, auf dem man ſaß und ſpielte, recht nahe lag, aber durch ein Netz grüner Ranken ſo dicht verſchleiert war, daß die ſchöne Frau auf der weichen Moosbank in der That wie hinter einem Kloſtergitter ſaß. „Wer ſoll Sie erlöſen, Gräfin?“ rief die Wra⸗ tislaw. „Der Herzog von Marlborvugh“, gab die Altan zur Antwort. Marlborough erhob ſich.„Was habe ich zu thun?“ „Sie fragen, wie viele Thüren Sie zu öffnen haben, um die Gräfin zu befreien“, entgegnete die 97 Wratislaw,„und ſo viele Thüren ſie Ihnen angibt, ſo oft müſſen Sie die Altan küſſen.“ Schon flog Marl⸗ borough davon. „Wo ſind Sie, ſchöne Dido?“ rief er. „Hier“, tönte die ſüße Stimme der Altan. Er blieb vor dem Eingange der Grotte ſtehen und fragte:„Wie viele Thüren muß ich öffnen, um Sie zu befreien?“ Die Altan hielt es für vortheilhaft, ſich hinter recht viele zu verſchanzen und rief laut und eilig: „Fünfzig.“ Alle lachten, während Marlborough in die Grotte trat und ſich vor der klugen Frau, die diesmal ſo unklug geweſen war, demüthig auf ein Knie nie⸗ derließ. „Ich habe, wie es ſcheint, eine Thorheit begangen“, ſagte die Gräfin unwillig. „Nein, ſchöne Dido, Sie haben ſehr weiſe und ſehr großmüthig gehandelt, denn Sie haben mir das Recht gegeben, Ihnen fünfzig Küſſe zu rauben.“ „Sie werden mich nicht küſſen, Herzog“, ſagte die Altan ſtreng und verließ zugleich die Grotte. „Wirklich nicht?“ ſagte der Herzog, der ihr gleich einem Pagen folgte— es fehlte nur, daß er ihr die Schleppe trug und er ſagte es ſo naiv, 3 hübſch, Sacher-Maſoch, Wiener Hofgeſchichten II. daß die Altan ſich zu ihm wendete, freundlich, beinahe gnädig. „Sprechen wir von der Schlacht, Herzog!“ fügte ſie hinzu. S „Ach, ſprechen wir nicht von der Schlacht!“ „Von was denn?“ „Von meiner Liebe, meiner Anbetung für Sie!“ „Sie lieben mich, Marlborough?“ „Gräfin—“ „Sprechen wir von der Schlacht, Herzog, es iſt in Ihrem Intereſſe.“ Sie ließ ſich auf einem grün⸗ ſammtenen Raſenſitz nieder, welcher in einer Niſche des Taxus unter einem Amor ſtand, der ſeine vergoldeten Pfeile ſchärfte. Hier waren ſie allein und doch nicht allein, der ganze luſtige Kreis jenſeits der Raſenge⸗ büſche konnte ſie ſehen, aber Niemand war im Stande, eine Silbe von ihrem Geſpräche zu vernehmen. „Gräfin, mir ergeht es nicht wie jenem glimmen⸗ den Zweige, ich brenne, ſobald ich in Ihre Nähe komme, lichterloh.“ „Ich habe Ihnen dies ſchon erklärt.“ „Es iſt keine Kunſt, mich in Flammen zu ſetzen?“ „Nein, Sie ſind ſehr galant, mein lieber Herzog, und ſehr flatterhaft.“ Unten auf dem Plane nahin das Auslöſen der 99 Pfänder ſeinen heiteren Verlauf, unabläſſig tönte an⸗ muthiges Lachen herauf. „O wie böſe Sie ſein können!“ ſeufzte der ver⸗ liebte Held. „Darf man es denn wagen, Ihnen gut zu ſein?“ fragte die Altan mit einem ſo reizenden Augenaufſchlag und einem Lächeln um die Mundwinkel, das Marl⸗ borvugh erbeben machte. „Ach! wenn Sie mich lieben könnten!“ „Soll ich Sie lieben?“ ſagte die ſchöne Frau, „ſoll ich? Ich hätte beinahe Luſt, Sie zu ſtrafen, in⸗ dem ich— indem ich Ihnen geſtatte, mich anzubeten. Sie ſtolzer Held! Sieger in ſo viel Schlachten und ſo viel Boudoirs! Aber ich fürchte auch für mich. Wenn Sie mir davonflattern, nicht für lange, aber doch davonflattern!“ „Nein! Nie!“ ſchwur der Herzog. „Die alten Römer ſtreckten ihre Hand in das Feuer“, fuhr die Altan in feierlichem Tone ſcherzend fort,„und es gab Römerinnen, die Kohlen aßen. Soll ich die glühenden Kohlen der Eiferſucht auf mein Herz legen? Aber das Vaterland verlangt es und ſo will ich denn—“ „Sie wollen mich lieben—“ jauchzte der Herzog. „Nein, Herzog, ich vermag nicht, Sie zu lieben, 6 ſo zu lieben, wie Sie die Liebe nehmen, aber in mei⸗ ner Art— vielleicht!“ „Sie geben mir Hoffnung— „Hören Sie mich: Satan die Gewalt eh, ſich klein zu machen wie ein Mäuschen und wieder groß wie ein Thurm. Ich verlange von einem Manne daſſelbe, er muß ein Held ſein, den die Welt bewun⸗ dert, aber ein Blick von mir muß ihn klein machen, ſo klein—“ ſie hielt die Hand knapp über den Erd⸗ boden—„ſo klein, daß ich ihn in die Taſche ſtecken kann, verſtehen Sie?“ „Verlangen Sie, daß ich Ihr Sklave ſein ſoll, ich werde ſelig ſein, Ihren Fuß auf meinem Nacken zu fühlen.“ „Das glaube ich Ihnen, Herzog, Sie haben lange genug den Sultan geſpielt. Abwechslung iſt reizend. Ich möchte beinahe wetten, daß Sie ſich nach dem— Pantoffel ſehnen.“ „Ich?— nein Gräfin, dem Pantoffel würde ich mich niemals beugen.“ „Niemals? auch dann nicht, wenn er ſo niedlich wäre wie dieſer“, ſie zog raſch den kleinen rothen Pantoffel mit dem hohen ſchwarzen Abſatz vom Fuße und zeigte ihn Marborough;„betrachten Sie ihn mit Ehrfurcht, Herzog, es iſt das Scepter, mit dem Semi⸗ 10¹ ramis die Welt regiert hat, den Gemahl und Sohn, mit dem ſie Aſien und Europa unterworfen, Elephan⸗ ten und Kriegsmaſchinen in Bewegung geſetzt hat, es iſt das Schwert, mit dem Judith den Holofernes ent⸗ hauptet, es iſt der Kommandoſtab, mein lieber Herzog, mit dem ich morgen Ihr ſtolzes Heer in die Schlacht führen, Ihre Bataillone zum Sturm gegen die franzö⸗ ſiſchen Batterien jagen werde.“ „Laſſen Sie mich ihn küſſen, dieſen Feenſchuh“, bat der verliebte Feldherr. „Nein, nein“,— ſie ſchlüpfte raſch hinein. „Nicht einmal Ihren Schuh, Grauſame?“ „Sie erinnern mich, daß ich Ihnen Küſſe ſchulde.“ „Fünfzig Küſſe!“ „Fünfzig Küſſe“, lächelte die Altan,„das iſt viel, das müſſen Sie ſich verdienen, Herzog!“ „Wäre das möglich?“ entgegnete Marlborough mit feiner Galanterie. „Wir werden ſehen“, fuhr die ſchöne, kluge Frau fort,„Sie bekommen morgen fünfzig Küſſe.“ „Volle fünfzig?“ „Volle fünfzig, aber Sie müſſen ſie ſich holen.“ „Wo und wann? Befehlen Sie nur, Gräfin!“ Beſtimmen Sie Ort und Zeit des Rendezvous!“ „Werden Sie aber auch erſcheinen?“ 102 „Ich werde erſcheinen.“ „Unter allen Umſtänden?“ „Bei meiner Ehre!“ „But!“ Die Altan erhob ſich, ihr großes Auge haftete voll und glückverheißend auf dem Herzog. „Und das Rendezvous 2. fragte dieſer unge⸗ duldig. „Morgen um zehn Uhr Abends, bei der Wind⸗ mühle zu Höchſtädt.“ Marlborvugh blickte die Gräfin überraſcht an und blieb einige Zeit ſtumm. „Hinter den Linien der Franzoſen?“ fagte er end⸗ lich,„ich verſtehe. Gräfin, Sie ſind ein wunderbares Weib!“ Er gab ihr vertraulich den Arm und führte ſie zurück auf den Plan, mitten in den ausgelaſſenen Kreis.„Zu Pferde, meine Herren!“ wendete er ſich zu den Offizieren,„zu Pferde, berufen Sie die Gene⸗ rale, das ganze Hauptquartier, wir liefern morgen Frankreich eine große Schlacht!“ Im franzöſiſchen Lager zu Höchſtädt war eben Theatervorſtellung, die Pariſer Schauſpieler ſpielten den„Geizigen“ Molière's, als ein Adjutant dem Mar⸗ ſchall Tallard die Meldung erſtattete, eine Dame aus dem feindlichen Lager habe die Vorpoſten paſſirt und —— 103 wünſche ihn auf der Stelle zu ſprechen. Der galante Marſchall eitte ſelbſt, den Schlag ihrer Carroſſe zu öffnen, ſie ſtieg aus und er erkannte beim fahlen Licht der Wagenlaternen die Gräfin Altan. „Sie hier, Madame?“ Der Marſchall ſtrahlte vor Freude, er hielt die Lage Eugen's für eine ver⸗ zweifelte und ſah in der klugen Frau einen weiblichen Diplomaten, den man abgeſchickt hatte, um mit ihm zu unterhandeln. „Ja, Marſchall, wie Sie ſehen“, lächelte die Altan, „ich habe mit Ihnen zu ſprechen.“ „Wollen Sie ſich in meine Loge bemühen?“ „Gerne.“ Der Marſchall gab ihr ſeinen Arm und geleitete ſie zu dem rothſammtenen Fauteuil, der an der Brü⸗ ſtung ſtand, er ſelbſt nahm ihr zur Seite Platz. Das Theater war in allen Räumen gefüllt, in den Logen ſaßen die Damen der Armee und die Pariſer Koketten in geſchmackvoller grande parure, die Sitze und das Parterre nahmen die Offiziere ein, auf der Gallerie bejubelten die Soldaten den Humor und Witz Mo⸗ lidres. Alle Lorgnetten richteten ſich auf die Altan. „Sie iſt hübſch und ſogar elegant“, ſagte eine Dame zu der andern,„aber es fehlt ihr die Pariſer Tournure.“ „Nun Madame, ich ſtehe zu Dienſten“, begann der Marſchall. „Es iſt eine zarte Angelegenheit, in der ich Ihre Liebenswürdigkeit in Anſpruch nehmen muß“, ſagte die Altan. „Ich bin diskret.“ „Alſo hören Sie, Marſchall. Ich habe dem Her⸗ zog von Marlborvugh für morgen Abend ein Rendez⸗ vous gegeben—“ „Beneidenswerther Marlborough!“ „Ein Rendezvous, Marſchall, bei der Windmühle zu Höchſtädt. Und da wollte ich Sie denn bitten—“ „Daß ich mich zurückziehen ſoll—“ „Nein Marſchall, daß Sie ſich ſchlagen laſſen.“ Tallard lächelte.„Sie wollen mich glauben ma⸗ chen, Madame, daß Eugen uns morgen angreift?“ „Eugen vereinigt mit Marlborough.“ „Ich glaube nicht, daß dieſe Vereinigung ſtattge⸗ funden; meine Spione berichten mir, daß der General Churchill—“ „Laſſen Sie Ihre Spione aufhängen, Marſchall.“ „Angenommen, daß es ſo wäre, wie Sie ſagen, Madame, ſo ſind Marlborough und Eugen nicht ſtark genug, um Poſitionen wie die unſern anzugreifen oder gar nehmen zu können. Sie werden mir daher nicht — — zürnen, wenn ich an die Schlacht, welche Sie mir für morgen ankündigen, nicht glauben kann.“ Die Altan zuckte die Achſeln, ſie hatte ihren Zweck erreicht, ſie wußte, daß Tallard umſoweniger an die Schlacht glauben werde, je offener ſie von derſelben ſpreche.„Aber Sie geſtatten mir doch wohl, Mar⸗ ſchall, der Schlacht von der Windmühle aus zuzuſehen und Marlborough dort zu erwarten?“ „Mit Vergnügen, aber ich fürchte, daß Sie ver⸗ gebens warten werden.“ „Nous verrons!“ Die ſchöne Frau begann hierauf das Publikum zu muſtern und auch den Schauſpielern einige Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken. Tallard ſaß wie auf Kohlen. Das ſichere Weſen der Altan verrieth dem gewiegten Diplomaten, daß etwas im Anzuge ſein müſſe, aber an das Nächſte, an den Kampf wollte er nicht glau⸗ ben, und erſchöpfte ſich daher in den wunderlichſten Combinationen. Nach dem Schluſſe des Stückes wurde der Vorhang noch einmal aufgezogen. Es war näm⸗ lich Sitte, daß ein Mitglied vortrat und die nächſte Vorſtellung annoncirte. Auch diesmal erſchien eine Dame, trat graziös bis an die Rampe vor und kün⸗ digte lächelnd an:„Meine Damen und Herren, mor⸗ gen findet wegen der Schlacht bei Höchſtädt keine Vor⸗ ſtellung ſtatt.“ Im Theater enſtand eine heftige Bewegung.„Es ſcheint iu der That, daß Sie gläubige Seelen gefun⸗ den haben“, lächelte der Marſchall. Er führte ſie darauf zu der Gräfin Tarier, welche die Altan mit offenen Armen aufnahm und ihr ein Nachtquartier anbot. Als die Damen Toilette für die Nacht mach⸗ ten, hörten ſie Kolben vor dem Thore des Hauſes niederraſſeln. „Was ſoll das?“ rief die Franzöſin zum Fenſter herab. „Eine Ehrenwache für die Gräfin Altan.“ „Ah! das ſoll wohl heißen, daß ich eine Gefan⸗ gene bin?“ lachte die Oeſterreicherin.„Koſtbar, wie vorſichtig der Marſchall iſt— Frauen gegenüber, aber an die morgige Schlacht glaubt er nicht.“—— Am frühen Morgen des welthiſtoriſchen 13. Au⸗ guſt 704 verließ die Gräfin Altan, nach eingenom— menen Dejeuner, mit ihrer Wirthin das Haus, um ſich zu der Windmühle bei Höchſtädt zu begeben. Der Prinz von Tingryh hatte die Damen vor dem Thore erwartet und begleitete ſie jetzt, als„Beſchützer“, im Auftrage des Marſchalls. Das ganze Lager ſchien noch in tiefen Schlaf 107 verſunken, als ſie daſſelbe durchſchritten, in Feld und Wald waren bereits Hunderte fröhlicher Stimmen erwacht, Lerchen jubelten, Amſeln pfiffen, das Ge⸗ zwitſcher der Sperlinge miſchte ſich mit dem monotonen Zirpen der Grillen. Alles war ſo heiter, ſo friſch und friedlich, der Himmel lachte blau und wolkenlos und die goldene Sonne ſchien zu lachen, und der ſilberhelle Bach ſpielte muthwillig kichernd über die Kieſel hin. Ein leichter Nebel ſtieg aus der ſumpfigen Niederung, welche zwiſchen dem franzöſiſchen Lager und jenem der Alliirten lag, ballte ſich immer dichter zuſammen und machte, als die Damen die Windmühle erreichten, bereits jede Ausſicht unmöglich. Die Altan nahm auf einer Holzbank Platz, welche vor der Thür ſtand, die Gräfin Tarier zu ihren Füßen im Graſe, der Prinz bot ihnen ſeine Bonbonnière an und erzählte Pariſer Neuigkeiten. Mit einem Male wurde im franzöſiſchen Lager Reveille geblaſen, Pfeifen und Trommeln ertönten, Alles kam in Bewegung, Ordonnanzen ſprengten vor⸗ bei und verſchwanden nach einiger Zeit in dem dich⸗ ten Nebel. Die Allarmkanonen wurden gelöſt, es dauerte nicht lange, ſo kam Marſchall Tallard auf ſeinem Falben geritten, um ihn ſeine Offiziere. Zu⸗ gleich ertönten jen ſeits des Dorfes Letzingen die erſten Schüſſe. Es waren dies die Plänkler Eugen's, welche auf die franzöſiſchen Vorpoſten und Vedetten geſtoßen waren. „Es ſcheint ernſt zu werden“, ſagte der Prinz zu den Damen. „Triumphiren Sie nicht“, rief Tallard von Wei⸗ tem ſchon der Altan zu,„ich laſſe mich nicht täuſchen. Ihre Truppen ſind uns, vom Nebel begünſtigt, auf den Leib gerückt, aber dieſer Angriff ſoll nur den Rückzug Ihrer Armee auf Nördlingen maskiren. Meine Spione melden dies—“ „Laſſen Sie Ihre Spione aufhängen, Marſchall!“ ſpottete die Altan. Von verſchiedenen Seiten kamen jetzt Reiter mit verhängten Zügeln und rapportirten, daß der Feind in dichten Colonnen anmarſchire.„Es iſt kein Zwei⸗ fel, daß die ganze Armee Eugen's und Marlborough's gegen uns vordringt“, lautete die Meldung Rohan's. Jetzt erſt begann Tallard, an den Ernſt der Situation zu glauben. Er und Marſin durchritten die Zeltreihen, feuerten die Soldaten an und ſtellten ihre Truppen, ſo gut es in der Eile ging, zur Schlacht auf. Auf dem rechten Flügel ſtand Tallard, an die Donau gelehnt, in dem Dorfe Blindheim, vor ſeiner Fronte waren ſechsundzwanzig Bataillone und zwölf . 109 Schwadronen der beſten franzöſiſchen Nativnaltruppen poſtirt. Marſin, der auf dem linken Flügel die Baiern befehligte, hatte ſeine Flanke durch eine Reihe von Anhöhen gedeckt und Letzingen ſtark beſetzt. Im Cen⸗ trum war das Dorf Obergau, der Schlüſſel der Po⸗ ſitivn, mit Truppen vollgepfropft. Sümpfe und zahl⸗ reiche Bäche ſchützten die Front der Franzoſen und Baiern. Alle Dörfer waren mit leichten Verſchanzun⸗ gen umgeben, verbarrikadirt und mit Geſchütz geſpickt. Die ganze Armee ſtand auf einer ſich langſam erheben⸗ den Anhöhe, von der aus die franzöſiſchen Geſchütze die Ebene beherrſchten. Als Tallard wieder bei der Mühle erſchien, hat⸗ ten die Geſchütze bereits begonnen auf Eugen's Preußen und Dänen, welche tapfer vorrückten, zu ſpielen. Gegen Blindheim marſchirte die engliſche Grenadiercolonne, Gewehr in Arm, ruhig und ſiegesgewiß. „Nun, Marſchall?“ rief diesmal die Altan dem franzöſiſchen Feldherrn entgegen;„was ſagen Sie jetzt, verdienen Ihre Spione nicht, gehängt zu werden?“ „Ich bleibe dabei, daß es ein Rückzugsgefecht iſt“, erwiderte Tallard, indem er vom Pferde ſtieg und ſich den Damen näherte. „Ein Rückzugsgefecht allerdings“, rief die Oeſter⸗ 11¹0 reicherin ſtolz und zuverſichtlich,„aber nicht für uns, ſondern für Sie, lieber Marſchall!“ Marlborough hatte noch in der Nacht mit Eugen den Schlachtplan entworfen. Ehe er das Zeichen zum Angriff gab, beſuchte er noch jedes Regiment, jede Batterie und überzeugte ſich von der Tragweite der Geſchütze, dann empfing er das Sakrament, während alle Regimenter Gottesdienſt hielten. Er ſaß von ſei⸗ nen Offizieren umgeben, auf dem Boden und nahm ein frugales Frühſtück ein, als ein Adjutant Eugen's die Meldung brachte, daß er bereit ſei. Jetzt ſtieg Marlborough zu Pferde.„Nun, meine Herren, auf Ihre Poſten!“ rief er heiter, und die Generale, die Adjutanten galvppirten nach allen Richtungen davon. Das Geſchützfeuer wurde lebhaft und lebhafter. Die Engländer und die Deutſchen, welche unter Marl⸗ borough den linken Flügel bildeten, rückten langſam bis an das Ufer der Bäche vor, während Eugen's brave Preußen und Dänen im heftigſten Feuer die breiten Betten derſelben auf ihrer Seite mit Faſchinen aus⸗ füllten und ihre Artillerie auf dieſe Weiſe auf das andere Ufer brachten, wo dieſelbe ſofort dem Feinde zu antworten hegann. Auf dieſem Flügel waren die Verluſte außer⸗ „X ordentlich, zweitauſend Mann waren gefallen, ehe es Eugen nur gelang, über die Bäche und Sümpfe zu kommen. Um halb ein Uhr erſt war dieſer Theil der Operation beendet und nun gab auch Marlborough das Zeichen zum allgemeinen Vorrücken. Während er die Linie der Garden entlang ritt, ſchlug, nur wenige Schritte von ihm entfernt, eine franzöſiſche Kanonenkugel ein und er wurde mit Erde beſpritzt. Er verzog keine Miene, ſondern ritt im Schritte weiter und ſprach zu ſeinen Soldaten. Die erſte Linie der Engländer überſetzte raſch die Bäche zwiſchen Blindheim und Unterglau, welche hier ziemlich ſchmal waren und marſchirte in prachtvoller Ordnung dem feindlichen Feuer entgegen, mit fliegen⸗ den Fahnen und muthigem Trommelwirbel. Marlborvugh hatte ſofort die Schwäche der feind⸗ lichen Aufſtellung entdeckt: die beiden Hauptpunkte der⸗ ſelben, die mit Truppen überfüllten Dörfer Blindheim und Oberglau lagen ſo weit auseinander, daß ſie ſich gegenſeitig nicht einmal durch Artilleriefeuer unter⸗ ſtützen konnten und die Verbindung war, unvorſichtig genug, nur durch eine Linie Cavallerie hergeſtellt. General Rowe drang im mörderiſchen Feuer feind⸗ licher Vierundzwanzigpfünder an der Spitze von fünf engliſchen und vier heſſiſchen Bataillonen bis Blind⸗ 2 heim vor. Hier von einer Musketenſalve empfangen und dezimirt, ſtürmten die Braven dennoch unerſchrocken vorwärts bis die Paliſſaden ihnen Halt geboten. Ver⸗ gebens ſchlug der General mit ſeinem Degen an die⸗ ſelben und forderte zum Angriff mit dem Bajonette auf, vergebens verſuchten ſeine Leute dieſelben mit den Händen herauszureißen. Die Hälfte von ihnen war gefallen, Rowe ſchwer verwundet, ſein Oberſt⸗ lieutenant, ſein Major getödtet, als die franzöſiſchen Gensdarmen zu Pferde ſie in der Flanke angriffen. In der Unordnung, welche einriß, nahmen die feind⸗ lichen Reiter die engliſche Fahne, aber die tapferen Heſſen eroberten ſie auf der Stelle wieder zurück. Friſche franzöſiſche Schwadronen eilten herbei, aber ſchon ſtürzten ihnen fünf engliſche entgegen und warfen den überlegenen Feind zurück. Doch immer neue franzöſiſche Reiterei ſprengte heran, während die Fußtruppen in den Gräben von Blindheim ein mörderiſches Feuer unterhielten. Engländer und Heſſen wichen endlich in vollkom⸗ mener Auflöſung zurück. Marlborvugh's Angriff auf Blindheim hatte indeß ſeinen Zweck erreicht. Während die franzöſichen Schwadronen hier beſchäftigt waren, drang Churchill mit ſeiner Infanterie in dem Dorfe Unterglau ein und die geſammke Reiterei der Verbün⸗ . 113 deten, die enzliſchen Dragoner an der Spitze, ſpreng⸗ ten durch die Bäche und auf den ſchwachen Punkt der feindlichen Poſition zwiſchen Blindheim und Oberglau los. Ihnen entgegen eilte die franzöſiſche Cavallerie zum Angriff. Es kam zu einem allgemeinen hitzigen Reitergefechte, das mit abwechſelndem Glücke hin⸗ und herwogte; aus Blindheim wurde auf die engliſchen Reiter gefeuert, während Churchill's Leute in Unter⸗ glau die Reihen der franzöſiſchen Schwadronen lich⸗ teten. Doch Marlborvugh führte immer neue Maſſen in das Gefecht, den Engländern folgten die däniſchen und hannoveraniſchen Reiter. Vor Oberglau war indeß der Prinz von Holſtein von dem aus dieſem Dorfe debvuchirenden feindlichen Colonnen zurückgeworfen, er ſelbſt gefangen worden, ſeine Bataillone flohen, das Centrum der Verbündeten war durchbrochen. In dieſem entſcheidenden Augenblicke ſprengte Marlborough ſelbſt mit mehreren engliſchen Schwa⸗ dronen herbei, warf die feindliche Infanterie über den Haufen und trieb ſie gegen Oberglau, während drei friſche Bataillone ein heftiges Feuer in ihrer Flanke unterhielten und ein kaiſerliches Reiterregiment hier den Sieg vollenden half. Eugen hatte mit dem preu⸗ ßiſchen Fußvolk eine Batterie von ſechs Geſchützen ge⸗ Sacher-Maſoch, Wiener Hofgeſchichten. II. 8 114 nommen. Die öſterreichiſche Cavallerie warf die fran⸗ zöſiſche auf dieſem Flügel, wurde aber bald wieder zum Weichen gebracht, ſo daß auch Eugen mit den Preußen und Dänen retiriren mußte. Vergebens attakirte Eugen's Reiterei noch zwei Mal, der Kurfürſt von Baiern jagte ſie jedesmal wieder in die Flucht. Eugen hielt jedoch mit ſeiner Infanterie gegen die feindlichen Reiter unerſchütterlich Stand. Immer wieder brauſte die franzöſiſche und baieriſche Cavallerie heran, die braven Preußen feuerten kaltblütig wie auf dem Paradeplatz, während das erſte Glied knieend den Pferden die Bajonette entgegenſtreckte. Ein baieriſcher Dragoner zielt auf Eugen, nur wenige Schritte von ihm entfernt, ein kaiſerlicher Reiter hieb ihn jedoch nieder. Als die feindlichen Schwadronen ſich endlich zurückzogen, war der Boden mit den Todten und Ver⸗ wundeten, welche ſie zurückließen, weithin bedeckt. Marlborough führte jetzt mit gezogenem Degen drei heſſiſche Bataillone im Centrum vor, zugleich ſprengte die Reiterei der Verbünveten in geſchloſſenen Reihen achttauſend Mann ſtark die Anhöhe hinan. Die franzöſiſche Cavallerie zehntauſend Mann ſtark, hielt feſt Stand, wurde aber endlich zurückge⸗ trieben und löſte ſich in wilder Flucht auf. 145 Die Schlacht von Höchſtädt war gewonnen. Die Cavallerie der Alliirten ritt neun Bataillone, welche Tallard im letzten Augenblicke hinter ſeine Rei⸗ ter poſtirt hatte, nieder, und bedrohte Marſin's Schwa⸗ dronen im Rücken, ſodaß auch dieſe eilig zurückgingen. Jetzt war die feindliche Infanterie in den Dörfern iſplirt. Eugen ſtürmte als der Erſte mit ſeinen Preußen und Dänen Letzingen und trieb die Baiern mit dem Bajonett hinaus. Marſin trat hierauf mit ſeinem ganzen Flügel den Rückzug an und überließ Tallard ſeinem Schickſale. Dieſer tapfere General warf ſich mit größter Bravvur ſelbſt in das Getümmel, um ſein Fußvolk in Blindheim zu retten, es gelang ihm auch, einen Theil ſeiner Reiter zu ſammeln und jen⸗ ſeits des Lagers aufzuſtellen, aber dies konnte die Ver⸗ bündeten nicht mehr aufhalten. In wildem Jagen kamen die engliſchen, deutſchen und däniſchen Reiter heran und ſprengten das Cen⸗ trum der Franzoſen vollends auseinander. Ein Theil floh gegen die Donau, der andere gegen Höchſtädt. Die erſteren wurden von Marlborvugh theils in den Fluß geſprengt, theils gefangen, und Tallard ſelbſt, im Dorfe Sonderheim umzingelt, mußte ſeinen Degen dem Prinzen von Heſſen übergeben. 8* 1¹6 General Hompeſch verfolgte jene, die gegen Höch⸗ ſtädt retirirten, und machte drei Bataillone Infanterie zu Gefangenen. Marlborough ſchrieb auf der Brüſtung einer Brücke mit Bleiſtift die Siegesdepeſche und ſendete dann Tallard ſeine eigene Equipage. Die Verfolgung des geſchlagenen Feindes durch die Reiterei währte bis in die Dunkelheit hinein. Alle Colonnen der Engländer hatten ſich gegen Blindheim gewendet, das zugleich von ihren Batterien beſtrichen wurde, aber die Franzoſen wehrten ſich ver⸗ zweifelt, und erſt, als Blindheim zu brennen begann, ergaben ſie ſich. Das Regiment Navarra warf ſeine Fahnen in das Feuer und vergrub ſeine Waffen. Die Verluſte waren groß, aber die Reſultate des Sieges noch viel glänzender: Eugen hatte ſechstauſend Mann verloren, Marlborough fünftauſend, die Fran⸗ zoſen zwölftauſend. Die Verbündeten machten zwölf⸗ hundert Offiziere und dreizehntauſend Soldaten zu Gefangenen, eroberten ſiebenundvierzig Geſchütze, fünf⸗ undzwanzig Standarten und neunzig Fahnen. Bei ihrem Rückzuge durch den Schwarzwald ver⸗ loren die Franzoſen und Baiern noch viele Tauſende durch Deſertion, im Ganzen bei vierzigtauſend Mann. 147 Sie erreichten kaum zwölftauſend Mann ſtark den Rhein und gaben alle Donaufeſtungen den Siegern Preis. Die ſtolzen ſiegesgewiſſen Regimenter zogen jetzt in der traurigſten Verfaſſung über die Straßburger Brücke nach Frankreich zurück. Der große Plan Ludwig's XIV. war ggeſcheitert, Deutſchland geret⸗ tet!— Die Damen Altan und Tarier hatten ſich vor den Kugeln, welche den fliehenden Franzoſen nach⸗ flogen, in das Innere der Mühle geflüchtet. Es war noch nicht zehn Uhr, als Marlborough anlangte, vom Pferde ſtieg und mit ſeinem Degen an die Thür pochte. „Wer iſt da?“ fragte die Altan unerſchrocken. „Gut Freund!“ Sie öffnete und ſchon lag der Sieger von Höch⸗ ſtädt zu ihren Füßen. „Da bin ich, Gräfin“, rief er von Glück und Freude ſtrahlend,„Sie ſehen, ich habe Wort gehalten, werden Sie mir nun das Ihrige halten?“ Die Gräfin hob ihn auf und blickte zu ihm empor mit einem Blick voll Liebe und voll edlen Stolzes.„Ja, Herzog“, ſagte ſie,„jetzt glaube, jetzt vertraue, jetzt gehöre ich Ihnen. Danken wird Ihnen die Mitwelt und noch die ſpäteſten Geſchlechter wer⸗ den Ihren Namen mit Bewunderung nennen und mit Genugthuung erzählen von dieſem Rendezvous zu Höchſtädt.“ — Die Keuſchheitscommiſſion. Es war im Winter des Jahres 1758, ein eiſiger Nordwind trieb Schnee und Eis in die hohen Fenſter der Wiener Hofburg, heulte in den Kaminen und rüt⸗ e telte an den Thüren, als Nachts eine hohe, ſchöne „ Frau im leichten weißen Nachtkleide, den üppigen Buſen entblößt, das herrliche blonde Haar bis auf den Nacken losgeringelt, das Licht der Kerze, welche ſie hielt, vorſichtig mit der Hand dämpfend, auf den Fußſpitzen durch die Corridore ſchlich. War es die weiße Frau, welche nach dem Volksglauben, dem Reiche große Gefahren, dem Hauſe Habsburg ſchwere Schick⸗ ſalsſchläge verkündend, ſich von Zeit zu Zeit ſehen ließ? Nein, für eine der Gruft Entſtiegene war die Erſcheinung viel zu reizend und lebenswarm, für eine die Unheil verkündet, ihr Geſicht nicht finſter, ihr blaues Auge nicht drohend genug. Oder war es eine der galanten Schönen des Wiener Hofes, welche heimlich, unter dem Schutze der ſtürmiſchen Nacht, zu einem Rendezvous eilte? Schön genug war ſie, um Liebe zu finden und um ihr ſtarkes Kinn, ihren zwar kleinen, aber wollüſti⸗ gen Mund mit den vollen Lippen, lag auch die ener⸗ giſche Luſt, Liebe zu ſuchen, und doch war dieſe Frau die tugendhafteſte ihres Volkes, ja ihres Jahrhunderts, zu einer Zeit, als die gekrönten Meſſalinen Rußlands mit ihren Grenadieren Orgien feierten, die ehrbare deutſche Hausfrau auf dem Throne, die große Kaiſerin, in ihrem ganzen Leben in Niemanden verliebt als in ihren Mann, den ſchönen Franz Stephan von Lothringen. Es war Maria Thereſia, welche, von Eiferſucht auf ihren galanten Gatten und von einer krankhaften Liebe zur Moral gleichmäßig getrieben, Nachts, wenn der ganze Hof ſie ſchlafend wähnte, ihr Lager verließ, um in ihrem Hauſe, wie ſie die kaiſerliche Burg nannte, über Ehre und Zucht zu wachen. Leiſe ſchlich ſie durch die Gänge, blieb an jeder Thüre ſtehen und lauſchte, ob nicht eine ihrer Hofdamen oder Kammerfräulein verbotenen Beſuch habe, blickte durch die Schlüſſellöcher, ob nicht eine derſelben noch Licht brenne, und wenn ſie einmal Verdacht gefaßt hatte, dann geſchah es nicht ſelten, daß ſie unerwartet in das Zimmer der ſchönen . 123 Verbrecherin trat, um felbſt Hausſuchung zu halten und vor Allem nach Liebesbriefen zu fahnden. Entdeckte ſie aber bei dieſen thranniſchen Eingriffen in fremde Herzensgeheimniſſe ſtatt einem frivolen Aben⸗ teuer eine treue, ehrliche Liebe, welche ſich aus irgend einer Rückſicht vor der Welt verbergen mußte, dann erwachte ihre Gemüthlichkeit, ihre Paſſivn Ehen zu ſtiften und das Glück der Liebenden war gemacht. Diesmal ſchien ihr der Zufall beſonders günſtig, denn kaum hatte ſie ihre nächtliche Runde begonnen, als deutlich die Schritte eines Mannes auf den Steinen des Corridors hallten. Der Klang der Sporen verrieth einen Soldaten, Maria Thereſia dachte ſofort an ihren Mann, verlöſchte die Kerze und zog ſich in die Tiefe eines Fenſters zurück. Sie ſtand nur wenige Sekun⸗ den, ſo kam ein Mann an ihr vorbei, hoch, ſchlank, ganz die Geſtalt des Kaiſers, aber in einen weißen Mantel gehüllt, den dreieckigen Treſſenhut tief in die Stirne gedrückt, ſo daß ſie in der Pneli trotz ihres ſcharfen Auges nicht Gewißheit erlangen konnte. „Er geht gewiß zu einem Rendezvous“, war der erſte Gedanke der eiferſüchtigen Frau. Schnell entſchloſſen eilte ſie ihm nach durch den Corridor und trat dann raſch in ihr Schlafgemach. Der Mann im Mantel hörte die Thüre gehen und 124 blieb einen Augenblick ſtehen, um zu horchen. So ge⸗ wann ſie Zeit. Als er ſeinen Weg fortſetzte, war ſie ihm bereits wieder auf den Ferſen. Sie hatte trotz der ſtrengen Kälte nur eine Mantille um die Schulter ge⸗ worfen, ihr heißes Blut bedurfte keiner wärmeren Hülle, ſie ſaß im Winter gerne bei offenem Fenſter am Ar⸗ beitstiſche, und wenn ſie einen Pelz trug, ſo war es nur, weil ſie wußte, daß er den effectvollſten Rahmen, für ihre ſtolze Schönheit, ihre üppigen Formen bildete. Vor dem Thore der Burg blieb der Mann im Mantel ſtehen und blickte um ſich, ob ihm Niemand gefolgt ſei, ob ihn Niemand bemerke, dann ging er mit raſchen Schritten über den Michaeler Platz dem Kohlmarkte zu. Die Kaiſerin, welche ſich einen Augenblick an die Mauer geſchmiegt hatte, folgte ihm von Weitem, aber ſo, daß ſie ihn nicht aus dem Auge verlor, durch die Straßen. Vor einem hohen, ſchmalen Hauſe mit nur drei Fenſtern Front, in der Nähe des Rothenthurm⸗ thores, blieb der von ihr Verfolgte ſtehen und klopfte mit dem ſchweren Klopfer an das Thor.» Oben im dritten Stock klang ein Fenſter, erſchien ein blonder Mädchenkopf und zog ſich raſch wieder zurück. Nach einer Weile wurde geöffnet. Der Mann im Mantel verſchwand im Thore, . 125 1i das ſich ſofort hinter ihm ſchloß. Die Kaiſerin ſtampfte zornig mit dem Fuße auf und ging dann raſch auf das Haus zu, um irgend ein Wahrzeichen ihrem Ge⸗ dächtniſſe einzuprägen. Ueber dem Thorgiebel ſah ſie beim zweifelhaften Licht der Sterne einen vergoldeten Fiſch. Dies war genug. Sie war im Begriff den Rückweg anzutreten, als ihr ein kleiner dicker, mit einem Rohrſtocke bewaff⸗ neter Mann den Weg vertrat. „Halt, ſchöne Frau“, rief er, aber durchaus nicht mit dem Tone eines Don Juans,„wohin des Weges, ſo ſpät in der Nacht?“ Die Kaiſerin ſchritt ſtolz an ihm vorüber, ohne ihn einer Antwort zu würdigen. „Halt, ſage ich noch einmal“, ſchrie er, ſie am Arme faſſend. „Was will Er?“ herrſchte ihm Maria Thereſia zu. „Thu' Sie nicht ſo ſtolz“, erwiderte der Mann, „ich habe mein Recht, Sie zu fragen.“ „Ein Recht hat Er, ehrbare Frauen wie ein Wege⸗ lagerer anzufallen“, entgegnete die Kaiſerin aufbrau⸗ ſend,„laß er mich los.“ „Ehrbare Frauen!“ lachte der Mann,„nichts da, Sie iſt arretirt im Namen der Keuſchheitscommiſſion.“ In demſelben Augenblicke klatſchte eine derbe Ohr⸗ feige auf ſeiner Wange, er ſchwankte, verlor ſeinen Hut und bückte ſich ihn aufzuheben— indeß war ihm die ſchöne Beute entflohen und er mußte ſich damit begnügen, ihr ein paar ungariſche Kernflüche nachzu⸗ ſenden. Die ſchöne Blondine hatte ſich beeilt das Thor zu ſchließen, ohne den Mann im Mantel näher zu betrachten.„Biſt Du es auch wirklich, Leopold“, ſagte ſie jetzt beinahe furchtſam. Statt zu antworten ſchloß ſie der junge Offizier an ſeine Bruſt und drückte einen langen Kuß auf ihre friſchen Lippen. „Nun erkenne ich Dich“, fiüſterte ſie,„aber was haſt Du da für ein paar Eiszapfen im Geſicht?“ „Das iſt der ungariſche Schnurrbart, ſtreng ge⸗ wichſt nach dem Reglement und tüchtig eingeſchneit“, entgegnete der Lieutenant. „Wie konnteſt Du heute fort“, ſprach hierauf das Mädchen ein wenig beſorgt,„von der Burgwache?“ „Das iſt meine Sache“, erwiderte der Lieutenant, „nun bin ich da, und bin für ein Viertelſtündchen nicht mehr der Unterthan der Kaiſerin Maria Thereſia, ſondern der Jungfer Carolina Deckermann.“ „Nun ſo komm, Du— Du— Spitzbub Du“, rief die kleine Blondine,„weiß ich doch nicht, woher ich die Liebe zu Dir nehme und den Muth, den hoch⸗ edlen Herrn Leopold von Planta, Ihrer kaiſerlichen Majeſtät Osfizier, ſo mir nichts, dir nichts bei dunkler Nocht einzulaſſen, als gäbe es keine Keuſchheitscom⸗ miſſion in unſerer guten Wiener Stadt.“ „Ah! Was kümmern uns die Spürnaſen des Herrn Baron Handl“, ſagte der kaiſerliche Offizier, während er Arm in Arm mit der bürgerlichen Gelieb⸗ ten die Treppe hinaufſtieg,„lieben wir uns nicht ehr⸗ bar genug? Lebſt Du mit Deiner Mutter nicht redlich von Eurer Hände Arbeit, habe ich Dir je mehr ge⸗ ſchenkt als ein Blumenſträußl oder einen Kanarien⸗ vogel und fehlt überhaupt noch etwas als mein Haupt⸗ mannspatent, daß wir vor den Altar treten und Mann und Weib werden?“ „Ich weiß es, Du meinſt es ehrlich“, flüſterte das Mädchen,„aber die Leute im Hauſe und die Spione, die jetzt überall herumſchnüffeln, wie leicht iſt es um unſereins geſchehen. Es war ein recht närriſcher Ein⸗ fall von unſerer Kaiſerin, dieſe Keuſchheitscommiſſion, wozu ſoll das gut ſein?“ „Das will ich Dir gleich erklären“, erwiderte der Offizier, ehe er jedoch fortfahren konnte, hatte das Mädchen die Thüre ihrer kleinen Wohnung geöffnet, und al Frau Deckermann den lieben Gaſt in der 128 erleuchteten Thüre ſtehen ſah, ſtand ſie raſch von der Arbeit auf und eilte ihn zu begrüßen. „Schön, daß Sie kommen, Herr von Planta“, rief die alte Frau, deren feines Geſicht noch Spuren von Schönheit trug,„die Lina hat ſchon gefürchtet—“ „Ich bitte Dich“, fiel das Mädchen lebhaft ein, „ſetze ihm noch Dinge in den Kopf, er iſt ſo einge⸗ bildet genug. Nun nehmen Euer Hochwohlgeboren ge⸗ fälligſt Platz und ſagen uns, was das eigentlich mit der Keuſchheitscommiſſion iſt.“ Der Offizier warf ſeinen Mantel über einen Seſſel, und wie er jetzt in den dunklen Schuhen und Gamaſchen, der weißen Uniform mit rothem Aufſchlag, daſtand, war er ein Bild fröhlicher Jugend und Kraft, und ſein hübſches Geſicht wurde durch das künſtliche Alter, das der Puder in ſein Haar geſtreut hatte, noch friſcher und roſiger. Er ſetzte ſich neben die Mutter Deckermann, welche fortfuhr zu flicken und zog die Geliebte auf ſeinen Schvoß. „Was fällt Dir ein“, rief dieſe,„ſchickt ſich das?“ „Gewiß!“ Aber das hübſche Mädchen machte ſich dennoch los und holte ſich einen Stuhl, und wie ſie dabei mit den rothen Abſätzen ihrer Stöckelſchuhe herumklapperte und ihr geblümter Zitzrock hin' und her flog, da be⸗ 129 trachtete ſie der junge Lieutenant mit einem tiefen Vergnügen, in welchem ſich die aufrichtigſte, herzlichſte Liebe ausſprach. Auch jetzt noch, als ſie neben ihm ſaß, konnte er ſich an ihrem reizenden Geſichtchen, das von dem ſchönſten blonden Haare und der kleinen weißen Mullhaube ſo lieblich eingerahmt war, nicht ſatt ſehen. „Nun, weißt Du noch immer nicht, wie ich aus⸗ ſehe?“ begann die muthwillige Wienerin;„ich denke, Du könnteſt mir etwas erzählen.“ „Richtig, Du willſt wiſſen, Lina, wie es mit der Keuſchheitscommiſſion iſt“, erwiderte der Offizier. „Ja, Euer Gnaden.“ „Nun, das brauche ich Dir wohl nicht zu ſagen, daß es mit der Moral in unſerem luſtigen Wien nie weit her war“, erklärte der Offizier,„während in den deutſchen Reichsſtädten die Nymphen der Frau Venus nur bei Nacht ihr geſchminktes Geſicht auf der Straße zu zeigen wagten, trieben ſie hier bei hellem Tage ihr Spiel, in auffallendem Pomp, ſo trugen ſie nach der Türkenbelagerung prächtige Türkenpelze, und als die ungariſchen Malcontenten bis vor Wien drangen, den Dolman und den Kalpak mit hohem Reiherbuſch. Nicht viel beſſer machte es unſere hohe Société, in der es unter dem verſtorbenen Kaiſer Karl VI. ebenſo zum Sacher-Maſoch, Wiener Hofgeſchichten II. 9 guten Ton gehörte, einen Cicisbeo im italieniſchen Sthle zu beſitzen wie Läufer und Haiduken. Das Beiſpiel des Adels aber verdarb die Sitten des Vol⸗ kes und ſo wurde die kaiſerliche Reſidenz die leicht⸗ fertigſte Stadt des heiligen römiſchen Reiches. Um ieſem Unweſen zu ſteuern, die Moral zu überwachen, die Sittenloſigkeit zu ſtrafen, hat Maria Thereſia die Keuſchheitscommiſſion eingeſetzt. Die böſe Welt aber behauptet, es ſei der Kaiſerin dabei weniger um die Moral und mehr darum zu thun geweſen, ihren Ge⸗ mal bei ſeinen Abenteuern zu beaufſichtigen und ſeiner Galanterie einen Riegel vorzuſchieben. Gewiß iſt es, daß Fürſt Kaunitz das Project der Kaiſerin nur des⸗ halb mit ſo viel Eifer ausgeführt hat, weil die Keuſch⸗ heitscommiſſion ihm Gelegenheit und Vorwand bot, in einer andern Form die franzöſiſche Geheimpolizei bei uns einzuſchmuggeln, zu deren Einführung Maria Thereſia durchaus nicht ihre Zuſtimmung geben wollte. So, mehr weiß ich ſelbſt nicht.“ Damit nahm er das neugierige Blondköpfchen an ſeine Bruſt und drohte es mit Küſſen zu erſticken, bis es eine Hand frei bekam und ihn bei ſeinem ſchönen Zopfe erwiſchte. „So, jetzt biſt Du mein Gefangener“, rief ſie. 13⁴ „Ja, das bin ich“, lachte der Offizier,„und werde es immer bleiben.“ Den nächſten Morgen erſchien Maria Thereſia, wie immer, wenn der Kaiſer ihren Zorn erregt hatte, beim Dejeuner in einem auffallend koketten Negligé. Sie wollte offenbar ſchön ſein und ſie war noch immer ſchön, ſobald ſie nur wollte. Statt des Reifrockes, über dem ſich damals die Roben der vornehmen Da⸗ men, die natürlichen Linien der Geſtalt entſtellend, bauſchten, trug ſie ein einfaches weißes Gewand, in welchem ſich ihre majeſtätiſchen Formen ſcharf und elaſtiſch zeichneten, während der weite Schlafpelz von grünem Atlas mit Hermelin gefüttert und verſchwen⸗ deriſch ausgeſchlagen, ihr etwas Orientaliſches gab und ihre herrliche Büſte und den wahrhaft kaiſerlichen Kopf noch impoſanter erſcheinen ließ. Ihr reiches rothblondes Haar trug ſie ungepudert, halb offen, nur von einem grünen Atlasband gehalten, in den Ohren große Perlen. Der Kaiſer betrachete ſie, nachdem er ihre Hand geküßt hatte, einen Augenblick erſtaunt, aber mit ſicht⸗ lichem Wohlgefallen. „Wie geht es Dir?“ fragte er, nachdem ſie, ohne ihn beſonders zu beachten, Platz genommen hatte. 132 Maria Thereſia zuckte die Achſeln. „Haben Dich Deine Miniſter geärgert?“ Die Kaiſerin nieſte. „Zum Wohlſein!“ Maria Thereſia nieſte noch einmal. „Ah! Du haſt den Katarrh, jetzt begreife ich, daß Du ſo übler Laune biſt“, fuhr der Kaiſer fort,„haſt Dich wieder erkältet, mit Deinen ewigen Hitzen, haſt gewiß mit bloßem Halſe und offener Bruſt bei offenem Fenſter in Deinem Cabinet geſeſſen, während Kaunitz und Joſeph in ihren Pelzröcken bei Dir gefroren ha⸗ ben. Wir kennen das.“ Die Kaiſerin begann, ohne daß ſie ihrem Gemal nur ein Wort, nur eine Silbe zur Antwort gegeben hätte, die Papiere durchzuſehen, welche der dienſtthuende Kammerherr ihr auf einer ſilbernen Taſſe präſentirte, Berichte, Bittgeſuche, Briefe. Sie überflog die meiſten nur um den Gegenſtand zu erkennen, notirte mit Blei⸗ ſtift das Reſſort, dem ſie es zur Behandlung zuwies, oder gleich ihre Entſcheidung, denn Frauen leſen raſch und Maria Thereſia war bei allen ihren großen Fähig⸗ keiten und Tugenden und ihren edlen, über das Ge⸗ meine hoch erhabenen Geſinnungen doch nur ein— Weib, und der ſchwächſten eines. Plötzlich kam die Monarchin auf ein Actenſtück, 133 das beſonders wichtig ſchien, denn kaum hatte ſie die Ueberſchrift geſehen, ſo begann ſie es auffallend lang⸗ ſam und aufmerkſam zu leſen. Der Kaiſer, welcher mit ſeiner Uhr ſpielend auf und ab ging, warf neugierig einen Blick über ihre Schulter hinein, es war ein Bericht der Keuſchheits⸗ commiſſion, den die eiferſüchtige Frau mit ſo viel Andacht las. „Sollte wieder irgend etwas über mich rapportirt worden ſein?“ dachte der Kaiſer, denn ſo umſichtig er als Regent ſeines Landes und als Finanzmann, ſo zärtlich er als Gatte und Vater war, hatte er doch ſeine Schwäche und kannte ſie ſelbſt nur zu genau, das leichte franzöſiſche Blut in ſeinen Adern nahm es mit der ehelichen Treue nicht ſehr genau und er mußte jederzeit auf gewiſſe Entdeckungen von Seite der Kai⸗ ſerin gefaßt ſein. „Es iſt nicht zu glauben“, ſagte Maria Thereſia nach einer kleinen Pauſe, gleichſam im lauten Selbſt⸗ geſpräch,„wir mögen thun was wir wollen, die beſten Anſtalten, die größte Strenge, Strafen und warnende Exempel genügen nicht mehr, der Sittenloſigkeit zu ſteuern, die täglich mehr um ſich greift. Es ſteht ſchlimm um die Religion, ſchlimmer noch um die Moral. Das ſind die Früchte der Aufklärung, der —— Philoſophie, der ſchlechten Bücher, Zeitungen und Theaterſtücke.“ „Wieder dieſe Anklagen gegen den Geiſt der Zeit!“ unterbrach der freiſinnige Kaiſer ſeine Gemalin.„Ich gebe zu, daß dieſe allgemeine Gährung auf allen Ge⸗ bieten menſchlichen Wiſſens und Schaffens momentan der Geſellſchaft, ihrer feſten ſittlichen Ordnung einigen Schaden bringt, aber man muß über dem Schatten das Licht nicht überſehen, das unſern bisher ſo dunk⸗ len Welttheil zu erleuchten beginnt und ſich hoffentlich bald über den ganzen Erdball verbreiten wird, auch iſt es die Aufklärung nicht allein.“ „Ja, das wiſſen wir“, brauſte Maria Thereſia auf,„es iſt auch das böſe Beiſpiel von oben, das die guten Sitten des Volkes verdirbt, gehen nicht die Höfe, die Regenten, welche als Muſter der Frömmigkeit und Tugend daſtehen ſollten, voran, wenn es gilt, den Glauben zu belächeln, voran in jeder Art Frivolität und Laſter? Dieſer König von Preußen, dem die fran⸗ zöſiſchen Scribenten den Beinamen des„Großen“ bei Lebzeiten ſchon gegeben haben, ſchreibt er nicht ſelbſt verderbliche Bücher, ſteht er nicht mit Voltaire in Briefwechſel und brüſtet ſich noch damit; dieſe Czarin Katharina, tritt ſie nicht Moral und Anſtand mit Füßen und wird ſie nicht dafür' von den Poeten in 135 pompöſen Oden beſungen? Und das freche Frauenzim⸗ mer, das in Verſailles regiert, dieſe Pompadour, die das Auspeitſchen verdient! Aber wir brauchen ja nicht ſo weit zu gehen, wir haben ja die verderblichen Exempel ganz in unſerer Nähe.“ „Es ſteht richtig etwas über mich in dem Rap⸗ porte“, dachte der Kaiſer und ſtützte ſich auf die Lehne des Stuhles, auf dem ſeine Gemalin ſaß, um begue⸗ mer leſen zu können. „Ja ſieh nur ſelbſt“, ſagte dieſe erregt,„wenn Leute, die dem Throne nahe ſtehen, derlei Schandthaten begehen.“ „Was für Schandthaten?“ ſtammelte der Kaiſer. „Ein Mann von meinem hohen Adel“, erwiderte Maria Thereſia,„ein Baron von Kronenburg hat, wie mir berichtet wird, ein Bürgermädel, guter ehr⸗ barer Leute Kind, verführt, halb mit Gewalt, und das Mädel dann ſitzen laſſen.“ „Das iſt infam“, rief der Kaiſer ſichtlich erleich⸗ tert,„und verdient eine ſtrenge Züchtigung, verurtheile ihn, das Mädel zu heirathen.“ „Wäre das eine Strafe?“ erwiderte Maria The⸗ reſia,„das ſähe einer Belohnung gleich, überdies iſt es zu ſpät, das arme Mädel hat ſich ihre Schande ſo zu Herzen genommen, daß ſie ſich im Prater in die 136 Donau geſtürzt hat und ehe Hilfe kam, war ſie er⸗ trunken. Aber der Bube ſoll es mir büßen, der Kro⸗ nenburg.“ Die Kaiſerin nahm den Bleiſtift und ſchrieb an den Rand des Rapportes:„Der Kronenburg iſt ſo⸗ fort zu arretiren, er ſoll ſeines Adels verluſtig ſein und fünf Jahre eingeſperrt werden, in Eiſen gehalten, und ſoll die Gaſſen kehren wie die andern Sträflinge. Morgen ſchon will ich ihn vor der Burg mit dem Beſen hantiren ſehen, von meinem Fenſter aus.“ „Du verſtehſt zu ſtrafen“, ſagte der Kaiſer, wel⸗ cher dem raſchen kühnen Zuge ihrer Hand gefolgt war. „Aber auch zu belohnen“, entgegnete Maria The⸗ reſia mit ſtolzem Selbſtgefühl. „Soll dieſes reizende Negligé, in welchem Du heute erſchienen biſt“, ſagte der Kaiſer, mit der Hand leicht über den Hermelin ihres Schlafpelzes ſtreichend, „eine Belohnung oder eine Strafe für mich ſein?“ „Wie Du es nimmſt“, antwortete Maria Thereſia. Der Kaiſer, welcher in alle ſchönen Frauen und folglich auch in ſeine Gemalin verliebt war, ſchlang den Arm um ſie und wollte ſie küſſen, ſie entzog 6 aber raſch und unwillig ſeiner Umarmung. „Was haſt Du?“ fragte er. „Ich bin böſe auf Dich.“„ „Böſe?“ „Recht böſe.“ „Und weshalb?“ „Als wenn Du einem nicht täglich, ja ſtündlich Anlaß geben würdeſt.“ „Biſt Du wieder einmal eiferſüchtig?“ „Was ſich der Herr einbildet“, entgegnete Maria Thereſia ſpöttiſch. „Liebe ich Dich nicht“, rief der Kaiſer,„zärtlich und herzlich? Bin ich nicht galant gegen Dich, wie am erſten Tage unſerer Ehe?“ „Gewiß“, antwortete die Kaiſerin,„aber gegen hundert Andere auch.“ „Hundert?“ „Nun, über die Zahl wollen wir nicht rechten.“ „Aber nun biſt Du wieder gut“, ſprach der Kai⸗ ſer, welcher jedes Mal durch den Trotz ſeiner ſchönen Gemalin zu größerer Zärtlichkeit gereizt wurde. „Nein.“ Der Kaiſer ließ ſich neben dem Stuhl Maria Thereſia's auf ein Knie nieder und legte die Arme um ihre Hüften. „Laß das“, rief ſie,„ich will nichts von Dir wiſſen.“ 138 „Aber ſiehſt Du nicht, wie verliebt ich in Dich bin“, flüſterte er. „Wirklich?“ fragte ſie lächelnd. „Liege ich nicht wie ein Liebender vor Dir und flehe um Erhörung?“ „Ich aber“, erwiderte die Kaiſerin, ihn auf die Stirne küſſend,„erhöre Dich nicht.“ „Du?“ „Nein, gewiß nicht.“ „Aber ich bin ſo verliebt!“ „Und Du ſollſt es auch bleiben, und eben des⸗ halb erhöre ich Dich nicht“, lachte Maria Thereſia, „ſteh' nur auf.“ Und ohne ihren zärtlichen Gatten weiter zu be⸗ achten, ſetzte ſie das Leſen des Rapportes fort. Plötzlich brach die ſchöne eiferſüchtige Frau in ein ſchallendes Gelächter aus. „Was haſt Du denn wieder?“ fragte der Kaiſer. Die Kaiſerin ſchüttelte ſich vor Lachen.„Nein— der Handl— unſer Herr Präſident der Keuſchheits⸗ commiſſion— es iſt zu komiſch—“ „Was iſt mit dieſer Säule der Moral?“ ſpottete der Kaiſer. „Denke Dir— heute Nacht— macht er ſelbſt den Polizeimann und will ein Frauenzimmer arretiren.“ S 435 Maria Thereſia vermochte wieder vor Lachen nicht zu reden. „Nun— und?“ „Und bekommt dabei eine tüchtige Ohrfeige— ha! ha! ha!“ „Der Handl?“ „Ja, und rapportirt mir auch darüber— ganz ernſthaft— es iſt zum Todtlachen— und das Beſte bei der Sache iſt, daß er nicht einmal weiß, von wem er die Ohrfeige bekommen hat.“ „Wie iſt das möglich?“ „Die Malefikantin iſt ihm eben entkommen.“ Die Kaiſerin erhob ſich lachend, reichte lachend ihre ſchöne, kleine volle Hand dem Kaiſer zum Kuſſe und verließ lachend das Gemach. Sie berief, nachdem ſie Toilette gemacht hatte, ihren dertrauten Kammerdiener Gebler in ihr Arbeits⸗ kabinet und befahl ihm, über das blonde Mädchen im dritten Stock des Hauſes zum goldenen Fiſch in der Rothenthurmſtraße genaue Erkundigungen einzu⸗ ziehen nnd ihr ſo ſchnell als möglich Bericht zu er⸗ ſtatten. 3 Als Kaunitz gegen Mittag in ihr Cabinet trat, war Maria Thereſia in beſter Laune und zeigte wenig 140 Luſt, ſich mit Staatsgeſchäften zu beſchäftigen. Sie trug jetzt ein blaues Kleid und das Haar ſtark ge⸗ pudert, was ihrem Geſichte einen eigenthümlich gut⸗ müthigen Ausdruck gab. „Nun, wie ſteht es mit Seiner Geſundheit, Kau⸗ nitz“, fragte ſie, nachdem ſie einen flüchtigen Blick in die Depeſchen geworfen, welche der Reichskanzler auf ihrem Arbeitstiſche niedergelegt hatte. „Aergerlich, Majeſtät, ärgerlich“, ſagte der Fürſt, welcher mit feinſter Eleganz ganz in ſchwarzen Sammet und nach franzöſichem Schnitt gekleidet war. Er muſterte dabei, über den Kopf der Monarchin weg, in dem großen Spiegel, welcher ihm gegenüberhing, ſeine Friſur und Toilette. „Was hat er wieder für Schmerzen?“ „Der Papſt macht mir Schmerzen.“ „Oh! laß' Er mir den Papſt in Ruh.“ „Gerne, Majeſtät, wenn nur der Papſt mich in Ruhe ließe.“ „Sprechen wir von etwas Anderem“, ſagte die Kaiſerin,„Er ſieht, ich bin heute gut aufgelegt, will Er mir die Laune verderben, Kaunitz, oder gar den Appetit?“ „Ich werde mir alle Mühe geben, Majeſtät nicht aufzuregen“— erwiderte der Fürſt,„aber“— 14¹ „Er weiß ſehr gut, daß es mir nicht möglich iſt, mit Ihm über den Papſt zu reden, ohne in Zorn zu gerathen“, unterbrach Maria Thereſia ihren Günſtling, „Er iſt auch ſo ein Freigeiſt, Kaunitz, lieſt ſchlechte Bücher, beſucht die Kirche nicht, am Ende iſt er gar ein Freimaurer?“ Der Fürſt lächelte fein. „Nun es ſieht ihm ähnlich“, rief Maria Thereſia. „Wollen Majeſtät vielleicht jetzt meinen Bericht“, begann der Fürſt nach einer kleinen Pauſe. „Nein! nein!“ deprecirte die ſchöne Monarchin, „heute nichts von der Politik. Er predigt mir ja im⸗ mer, ich ſoll die Künſte, die Wiſſenſchaften, die Lite⸗ ratur protegiren, ſoll es den Königen von Frankreich und Preußen gleich machen und der Kaiſerin von Ruß⸗ land. Nun wir wollen heute zuſammen im Belvedere ein paar neue Gemälde anſehen, welche mir der Erz⸗ herzog aus Brüſſel geſchickt hat. Er kann ſich zu mir in den Wagen ſetzen, Kaunitz.“ „Wie Majeſtät befehlen.“ Die Kaiſerin zog die Glockenſchnur. Ein Adjutant trat ein. „Hat Er anſpannen laſſen?“ „Zu Befehl, Majeſtät.“ „Bringe Er mir etwas zum Umnehmen.“ Der Adjutant entfernte ſich. Statt ſeiner erſchien jetzt die Oberſthofmeiſterin Gräfin Fuchs, eine Polo⸗ naiſe nach der neueſten Mode, wie ſie die Polin Ma⸗ ria Lesczinska an dem franzöſiſchem Hofe eingebürgert hatte, von ſchwarzem Atlas mit ſchmalen Streifen dunklen Pelzwerks beſetzt, auf dem Arme. „Majeſtät wollen ausfahren?“ begann ſie. „Ja, hat Sie wieder etwas einzuwenden?“ „Wie ſollte ich wagen, aber Majeſtät werden doch nicht allein“, bemerkte die Hoheprieſterin der Etiquette. „Meinetwegen, Sie kann mitfahren, aber ſchnell muß Sie beiſammen ſein, hört Sie?“ Die Oberſthofmeiſterin half der Kaiſerin die Po⸗ lonaiſe anziehen und ſaß dann in wenigen Minuten an ihrer Seite in der großen Staatskaroſſe, während Fürſt Kaunitz den Damen gegenüber Platz nahm. Am Fuße der Treppe im Belvedere erwartete der Maler Stülpnagel, ein alter Pedant ohne Geſchmack und Urtheil die Monarchin und führte ſie in den neuen Saal, in dem die neu angekommenen Gemälde auf⸗ geſtellt waren. „Es ſind durchaus Bilder der niederländiſchen Schule“, begann er,„hier zuerſt ein Genrebild von Mieris, die Seidenhändlerin nenne ich es, mit Eurer Majeſtät Approbation.“ . 143 Stülpnagel zeigte Maria Thereſia das bekannte Bild, auf welchem ein Cavalier ſeine Einkäufe macht, ſich jedoch mehr mit der ſchönen Verkäuferin in der Pelzjacke zu beſchäftigen ſcheint als mit den Waaren, welche ſie ihm vorlegt. „Ein ſehr ſchönes Bild“, ſagte die Kaiſerin,„aber eigentlich unmoraliſch, findet Er nicht, Kaunitz?“ „Wie, Majeſtät?“ „Sieht er nicht den alten Mann da beim Kamin, der den feinen Herrn beobachtet, es iſt offenbar eine verheirathete Frau, der er den Hof macht und gar unter das Kinn greift, das iſt doch nicht erlaubt; aber was iſt denn das?“ ſchrie die Kaiſerin auf, ſie eilte ein paar Schritte auf ein großes Bild zu, das ein nacktes ſchönes Weib darſtellte, und wandte ſich dann, das Antlitz mit tiefem Roth übergoſſen, ab. „Fidonc“, murmelte die Oberſthofmeiſterin, nach⸗ dem ſie das Bild durch die Lorgnette betrachtet hatte. „Das iſt ein Rubens“, ſagte Kaunitz, der daſſelbe mit Kennerblick muſterte,„welch ein herrliches Colorit, welcher wunderbare Fleiſchton, man begreift dieſer Venus gegenüber, daß ſeine Zeitgenoſſen ihn beſchul⸗ digten, Menſchenblut in ſeine Farbe zu miſchen, es iſt doch eine Venus?“ 144 „Nein, Excellenz, es iſt ein Porträt“, erklärte der Maler. „Ein Porträt!“ rief die Kaiſerin,„unglaublich! und wer iſt dieſes ſchamloſe Weib?“ „Es iſt Helene Formann, Rubens zweite Frau“, erwiderte der Maler. „Nun, das entſchuldigt die Sache“, ſagte Maria Thereſia ruhiger,„aber das Bild darf nicht in die Galerie kommen, es könnte doch Aergerniß geben.“ „Wie, kaiſerliche Majeſtät“, wendete der kunſt⸗ ſinnige Fürſt ein,„Sie wollten dieſes herrliche Werk dem Publikum entziehen? Das iſt ja nicht mög⸗ lich!“ „Dann muß meinetwegen die Mhthologie her⸗ halten“, erwiderte die ſittenſtrenge Monarchin,„und das Bild ſoll als Venus oder Nhmphe oder wie es Ihm beliebt, im Katalog erſcheinen.“ „Da muß ich mich wieder unterſtehen zu depre⸗ eiren“, begann Stülpnagel, mit einer unglaublichen Krümmung des Rückens ſich Maria Thereſia nähernd, „jeder Mann vom Fache muß augenblicklich erkennen, daß es ſich hier um ein Porträt handelt, die mhthologiſche Bezeichnung könnte Wien im Auslande blosſtellen, wir kämen in alle Zeitungen, Majeſtät.“ „Gut, ich weiß jetzt den beſten Ausweg“, entſchied 145 die Kaiſerin,„mal' er der Madam einen Pelz herum, Stülpnagel.“ „Majeſtät ſcherzen“, ſtammelte Kaunitz. „Es iſt mein voller Ernſt“, erwiderte Maria The⸗ reſia. „Aber ich beſchwöre Eure kaiſerliche Majeſtät“, flehte der Fürſt,„es iſt ja eine wahre Barbarei.“ „Was, Barbarei?“ rief Maria Thereſia heftig, „glaubt Er, ich verſtehe nichts von Gemälden? Bar⸗ barei! Ich habe es geſagt und dabei bleibt es, Punktum!“ „Ein Bild von Rubens!“ ſeufzte Kaunitz„und da ſoll ein Stülpnagel— aber Majeſtät ſind doch auch auf dem Bilde, welches Sie als Sultanin bei Ihrem Hochzeitsfeſte darſtellt, ziemlich— devoilirt. „Ja von oben, Kaunitz“, ſagte die Kaiſerin,„aber nicht von unten. Er kennt jetzt meine Intention, Stülpnagel, das Bild kommt in die Galerie, aber es bleibt bei dem Pelzmantel.“ ** In einem mit dem feinſten Luxus der Zopfzeit eingerichteten kleinen Cabinet, das mit ſeinem teppich⸗ belegten Boden, ſeinen geblümten Damaſtmöbeln, Spiegeln, kleinen franzöſiſchen und holländiſchen Genre⸗ bildern, den Nippes auf dem Kamin eher dem Boudvir Sacher⸗Maſoch, Wiener Hof eſchichten II. 10 * 146 einer Rococoſchönen, als einem Bureau ähnlich ſieht, ſitzt an einem kleinen Secretär von mit Perlmutter eingelegtem Mahagoniholze, ein Mann mit einem ge⸗ müthlichen Bäuchlein, einem dicken, glattraſirten lächeln⸗ den Geſicht in einem türkiſchen Schlafrock, den man für einen frivolen Chevalier, einen jovialen Künſtler, einen galanten Abbé, ja für alles in der Welt halten könnte, nur nicht für den Präſidenten der Keuſchheits⸗ commiſſion, den gefürchteten Baron Handl. Er blickt eben lächelnd in einen der hiſtoriſchen kleinen Zettel Maria Theriſia's, durch welche ſie Mi⸗ niſtern und Behörden ihre Willensmeinung kundzu⸗ geben pflegte. Der Inhalt lautet: „Mein lieber Baron Handl! Die Ohrfeige hat Er wohl verdient, hat Er doch ſeine Naſe überall, wo es nicht nöthig iſt, und ſcheint blind zu ſein, wo Er die Augen aufthun ſollte. Ein Herr vom Hofe beſucht heimlich bei Nacht ein ſchönes Bürgersmädel in der Rothenthurmſtraße beim goldenen Fiſch im dritten Stock. Caroline Deckermann heißt das Mädel. Davon weiß Er natürlich wieder nichts und kann der ganze Handel doch nur ein ſchlechter, verbotener ſein. Laß Er mir die Leute invigiliren, aber vorſichtig und mit guter Manier, auch muß Er mir das Mädel . 147 ſchonen, damit es keinen Stadtſcandal gibt, denn es iſt eine hohe Perſon im Spiele. Maria Thereſia.“ Der Präſident der Keuſchheitscommiſſion legte den Finger an die hochweiſe Polizeinaſe. „Hohe Perſon?— offenbar der Kaiſer— da heißt es in der That vorſichtig ſein— iſt man nachläſſig, ſo ſetzt es den allerhöchſten Zorn ihrer Majeſtät der Kaiſerin— iſt man ſtrenge— ſo fällt man in Un— gnade beim Kaiſer. Hm! Hm!“ Der Herr Präſident zog die Klingel. Ein alter, magerer, gelber Beamter erſcheint. „Sind von den Officianten welche anweſend?“ „Sämmtliche, Excellenz, zum Rapport.“ „Eintreten.“ Das kleine, vornehme Cabinet füllte ſich hierauf mit Figuren in dem Genre von Fallſtaffs, Rekruten, Leute, die man eher im Zuchthauſe, in der verrufenſten Kneipe oder im Bordell zu ſehen erwartete, als in dem Allerheiligſten der Keuſchheitscommiſſivn. Baron Handl fand es nicht einmal nöthig ſich umzuwenden, um mit dieſer Bande zu ſprechen. „Kennt einer die Jungfer Caroline Deckermann, Rothenthurmſtraße—“ fragte er, den Officianten den Rücken kehrend. „Beim goldenen Fiſch, dritter Stock, allerdings“, 10* beeilte ſich ein kleiner, einäugiger Mann, mit roth⸗ ſammetnen verſchoſſenen Kniehoſen, im gelbgrünen Frack, einzufallen. „Was kann Er von ihr ſagen, Luchsheim?“ „Nur Gutes, ſoweit die Informationen reichen“, erwiderte der Einäugige,„das Mädel wohnt bei ſeiner Mutter, Beide ernähren ſich redlich von Handarbeit, Stricken, Nähen, Sticken.“ „Iſt das Mädel ſchön?“ „Eine reine Nymphe.“ „Empfängt das Mädel Beſuche von Herren?“ „Nicht daß ich weiß.“ „Aber ich weiß es“, ſchrie Baron Handl auf, „ich muß mein Genie überall haben, indeß Ihr Hallunken Euer Brod umſonſt eßt. Freilich empfängt ſie Beſuch, Beſuch vom Hofe, hohen Beſuch, bei Nacht, Luchsheim, davon weiß Er natürlich wieder nicht? He? Aufgepaßt jetzt! Meine Inſtruktion für alle Officianten der Com⸗ miſſivn: das Mädel iſt zu beobachten und auf den Herrn vom Hofe, der ſie beſucht—“ „Wer ſoll der ſein?“ fragte Luchsheim. „Ich weiß es“, ſagte der Präſident,„und das iſt mir genug. Alſo beobachten, aber fein, vorſichtig, mit guter Manier, auch muß das Mädel geſchont werden, alſo, bei Entlaſſung, kein Geſchwätz, keine Brutalität, . 8 149 Ihre Majeſtät die Kaiſerin nimmt ein beſonderes In— tereſſe an der Sache. Gibt es einen Stadtſkandal, ſo „ werde ich an dem Schuldigen ein warnendes Exempel ſtatuiren. Verſtanden? He?“ Alle Officianten verneigten ſich bis zur Erde. „Marſch!“ Der Präſident der Keuſchheitscommiſſion war wie⸗ der allein. 3„Alſo ſchön iſt das Mädel“, ſagte er bei ſich, „nun, da wollen wir uns doch die Mühe nicht verdrießen laſſen und die Nhymphe ſelbſt invigiliren, natürlich Alles nur im Intereſſe von Ihrer Majeſtät Dienſt.“ Mutter und Tochter Deckermann ſaßen an dem kleinen Arbeitstiſche mit ihrer Arbeit beſchäftigt. Erſtere ſtrickte ſchwarze Strümpfe für einen Jeſuitenpater, Lina war eben daran, eine Grafenkrone über einem A in ein koſtbares Damenſacktuch zu ſticken. „Es dunkelt bereits ſtark“, begann Frau Decker⸗ mann,„laß es gehen, es greift die Augen an, das Weißſticken in der Dämmerung. Die Gräfin zahlt Dich nicht dafür, wenn Du blind wirſt.“ „Gott ſei Dank ſind meine Augen geſund“, er⸗ widerte das Mädchen,„die Gräfin will das Tuch heute 150 noch haben und ſie recommandirt mich dafür ander⸗ wärts.“ Nun ſo machen wir mindeſtens Licht“, ſagte die 3 Mutter,„vorher will ich aber die Fenſter verhängen.“ Kaum hatte Frau Deckermann mit Hilfe eines hohen Schemels dieſe Operation beendet und eine kleine Oellampe angezündet, als es an ihre Thüre klopfte. „Wer mag das ſein?“ ſagte Lina „Planta, wer ſonſt?“ entgegnete die Mutter. Schon war das ſchöne Mädchen dem Geliebten entgegen geflogen, aber es prallte in der Thür auf einen fremden Mann, deſſen Anzug, diamantene Hemd⸗ knöpfe und Galanteriedegen auf den erſten Blick den Hofmann verriethen. „Es iſt nicht der Rechte“, rief er mit gutmüthigem Lächeln, indem er das Mädchen in ſeinen Armen auf⸗ fing,„aber es macht nichts, ſolch' ein Gruß von ſo ſchöner Dame iſt einem Jeden willkommen.“ „Vergeben Sie mein Herr“, ſtammelte Lina,„aber Sie— aber— ich—“ „Sie haben mich nicht erwartet, ich zweifle nicht daran, entſchuldigen Sie ſich nicht.“ „Was werden Sie von mir denken?“ „Ich denke, daß es charmant ſein muß, im Ernſte ſo von Ihr empfangen zu werden, Mademviſelle, wie — ——— ſprach Lina, indem ſie es dem Fremden präſentirte, es mir durch einen Scherz des Zufalls zu Theil ge⸗ worden iſt.“ „Mit wem haben wir die Ehre“, fragte die Mutter. „Erlauben Sie, daß ich mich ſetze, Frau Decker⸗ mann“, ſagte der Mann mit dem gutmüthigen Lächeln, dabei ſaß er aber ſchon in dem maſſiven, ledernen Lehnſtuhl. „Bttte, bitte“, erwiderte die Mutter,„aber wir möchten doch wiſſen—“ „Ja, man verliert etwas den Athem“, fuhr der fremde Herr fort,„drei Treppen und dann, ohne daß man darauf gefaßt iſt, ein Mädchen an der Bruſt und was für ein Mädchen, ſchön wie die Grazien—“ „Sie vergeben, gnädiger Herr“, fiel Lina ein, „wenn ich Sie bitte, uns zu ſagen—“ „Alles, was Sie will, Mademvoiſelle“, antwortete der Fremde,„aber laſſen Sie ſich ja nicht in Ihrer Arbeit ſtören, wohl eine Aufmerkſamkeit, ein Jabot für — für Jemand— he?“ Der Mann mit dem gut⸗ müthigen Lächeln kniff ein Auge ein und nickte dem Mädchen wie ein vertrauter Freund zu. „Ich weiß nicht, was Sie meinen, gnädiger Herr“, gab die Mutter zur Antwort. „Es iſt ein Taſchentuch für die Gräfin Althahn“, „es muß heute noch abgeliefert werden, Sie verzeihen daher—“ das Mädchen fuhr fort zu ſticken. „Was würde man Ihr nicht verzeihen, Mademvi⸗ ſelle“, erwiderte der Fremde,„außer, daß Sie ihre ſchönen Augen ſo angeſtrengt— Sie hat wirklich wun⸗ derſchöne Augen— aber findet ſich denn nicht ein Freund für dieſe ſchönen Augen, ein vornehmer, ein reicher Freund, he?“ „Jetzt haben Sie mich, gegen Ihren Willen, über den Zweck Ihres ſonderbaren Beſuches aufgeklärt, mein Herr“, entgegnete Lina in ſcharfem Tone,„und ich muß Sie bitten—“ „Wie kommt Sie zu dem Deutſch, zu dieſen Re⸗ densarten“, rief der Fremde,„Sie lieſt verbotene Bücher, he?“ „Sind Sie etwa von der Cenſur?“ antwortete Lina ſpöttiſch. „Nun werden wir endlich erfahren“, ſprach die Mutter erregt. „Wer wird denn einen Scherz gleich ſo übel neh⸗ men?“ ſagte der Fremde. „Wenn es nur ein Scherz iſt, der Sie zu uns geführt hat“, erwiderte Lina Deckermann, ſich erhebend, „ſo haben Sie dabei nicht bedacht, daß er uns im Ernſte bloßſtellen und in's Gerede' bringen kann, mich — und meine Mutter, die wir uns beſcheiden und ehrlich durch unſerer Hände Arbeit ernähren, und denen bis heute Niemand etwas Uebles nachſagen kann.“ „Pardon, Mademviſelle“, rief der Fremde ſich er⸗ hebend,„ich ſehe, mein Beſuch iſt Ihnen nicht ange⸗ nehm, das freut mich.“ „Das freut Sie?“ rief Lina mit einem zweifel⸗ haften Lächeln. „Gewiß, es freut mich, daß Sie ſo grob und kurz angebunden mit mir war und meinen verſteckten An⸗ trag ſo offen zurückgewieſen hat“, fuhr der Mann mit dem gutmüthigen Lächeln fort,„denn wiſſen Sie nur, ich bin der, der über die Moral zu wachen hat.“ „Sie— über die Moral!“ rief Lina, in ein muthwilliges Lachen ausbrechend. „Und ich kann Ihr das Zeugniß geben, daß Sie ein braves Mädchen iſt“, ſagte der Fremde, indem er aufſtand. „Ein Zeugniß von unſchãtzbarem Werthe“, ſpot⸗ tete das Mädchen mit einem ironiſchen Knix. „Gewiß“, erwiderte der Fremde mit Nachdruck, „denn ich bin—“ In dieſem Augenblicke wurde die Thüre geöffnet und ein Zwerg in türkiſchen Kleidern mit einem großen Kopfe und einem unbändigen Turban machte den Frauen ſeine Referenz. „Jetzt erfahren wir wieder nicht wer der iſt“, murmelte die Mutter. „Kann ik ſpreken Signora Deckel— deck— Sig⸗ nora Carolina“, begann der Zwerg in gebrochenem Deutſch mit lateiniſchem Accent. „Die bin ich“, rief Lina. „Meine Signora, La prima Donna Diana di Pompili läßt Sie bitten die Signora Carolina ſu ihr, für maken eine Arbeit. Sogleich.“ „Heute noch?“ „Ja heute nok, Signora“, erwiderte der Zwerg. „Ich werde kommen“, ſagte das Mädchen,„bitte mir nur die Wohnung—“ „Ik, Signora— ik ſu ma Signora“, ſtammelte der Zwerg, heftig geſtikulirend. „Aber ich kann doch nicht Abends mit einem Herrn“, ſagte Lina. „Nun, in dieſem Galan dürfte ſelbſt die Keuſch⸗ heitscommiſſivn keinen Anſtoß nehmen“, flüſterte die Mutter. „Gewiß nicht“, ſagte der Mann mit dem gut⸗ müthigen Lächeln,„ich bürge Ihuͤen dafür.“ 155 „Sie“, rief Lina,„wer ſind Sie denn alſo, wenn man fragen darf?“ „Ich bin Baron Handl, der Präſident der Keuſch⸗ heitscommiſſion.“ * % Der Zwerg war hineingegangen, um ſie zu mel⸗ den, Lina ſtand indeß mit klopfendem Herzen vor der Portière, welche das Boudoir der Primadonna der italieniſchen Oper, Signora Diana Pompili, der ge⸗ feierteſten Schönheit des damaligen Wiens und Mai⸗ treſſe des mächtigen Miniſters Fürſten Kaunitz ver⸗ ſchloß. „Nur eintreten, Mademviſelle“, rief eine helle Stimme voll Heiterkeit und Wohllaut. Der große, lächelnde Kopf des Zwerges theilte die ſchweren Vorhänge und nickte dem beſcheidenen Mädchen aufmunternd zu. Lina holte noch einmal tief Athem und trat ein. Auf einem türkiſchen Ruhebette lag eine junge Dame in einem jener reizenden Schlafröcke mit einer großen Falte rückwärts, wie man ſie auf den Bildern Watteau's ſieht, und dieſe Dame war allerdings das Schönſte, was die blonde Stickerin bisher von ihrem Geſchlechte geſehen hatte. Dieſe ſchwungvollen Linien der Geſtalt, dieſen zugleich feinen und großen Schnitt der Züge beſitzt der Norden nur auf antiken Cameen und in den Bildwerken der Griechen; Augen wie dieſe, die hier unter den kühn gezeichneten dunklen Brauen glühen, träumen und drohen, hatte Lina bis jetzt nur im Belvedere bei den Schönen Titians und Paul Veroneſe's geſehen. Sie begreift, daß man dieſes Weib lieben, ja anbeten muß, daß ein Mann dem⸗ ſelben nur als Selave nahen kann, ſie ſelbſt fühlt ſich der Signora gegenüber ſo klein, ſo arm, ſo häßlich, ſo demüthig. Aber die Italienerin mit ihrem guten Herzen, ihrem glücklichen Inſtinkte hat das gleich weg und ſie zieht das deutſche ſchöne Mädchen zu ſich auf das Ruhebett nieder und ſtreichelt und küßt ſie ſo lange, bis Blondchen ſich bei ihr ganz heimiſch fühlt und zu plaudern beginnt, von ihrer Mutter, ihren Lebensver⸗ hältniſſen, ja von ihrer Liebe, und die ſchöne, mäch⸗ tige Primadonna erwidert ihr Vertrauen und ſpricht von ihrer Heimat im Süden, ihren abenteuerlichen Schickſalen, ihrer Stellung bei der Oper und endlich von dem Fürſten Kaunitz. Sie entläßt das Mädchen, reich beſchenkt mit allerlei Tand, die ein junges Herz erfreut, und mit zahlreichen Aufträgen und vft bald ſelbſt bei ihr einzuſprechen. 155 Frohen Muthes eilt Lina Deckermann nun zu der Gräfin Althahn und liefert das Sacktuch ab Sie wird hier nur von der Kammerfrau empfangen, aber dieſe beglückt ſie mit der Zufriedenheit ihrer Gebieterin und dem Befehle, ſich ſogleich bei der Fürſtin Auer⸗ ſperg, der einflußreichen Hofdame der Kaiſerin, in der Hofburg einzufinden, wo neue Beſtellungen ihrer fleißi⸗ gen Hände harren. Geſchäftig trippelte Blondchen die Treppe hinab und ſteht ſchon wenige Minuten ſpäter im Vorzimmer der Fürſtin, es iſt Niemand da um ſie zu melden, und ſo hört ſie, gegen ihren Willen, ein Geſpräch, das in dem anſtoßenden Boudvir geführt wurde. Es ſind zwei Stimmen, eine ſcharfe männliche und eine tief melodiſche weibliche, welche mit einander zu ſtreiten ſcheinen. „Sie zürnen mir“, ſagt die männliche Stimme, „iſt dies der Lohn meiner Liebe, meiner Anbetung?“ „Ich beſchwöre Sie, verlaſſen Sje mich auf der Stelle“, flehte die weibliche Stimme,„Sie machen mich unglücklich, denken Sie doch an die Eiferſucht der Kaiſerin, wenn ſie ahnen würde, daß Sie hier ſind, daß Sie in mein Zimmer dringen, während ich bei der Toilette bin, wenn ſie uns ſo fände, allein und mich in dieſem Negligé.“ 158 „So hören Sie mich doch nur an“, fiel die männliche Stimme ein „Ich will nichts hören, verlaſſen Sie mich— „Laſſen Sie ſich nur ſagen, daß ich Ihr Diener ſein will, Ihr Sklave.“ „Sklaven befiehlt man, ich befehle Ihnen alſo zu gehen.“ „Ich gehorche nur, wenn Sie mir ein Rendez⸗ vous geben.“ „Was fällt Ihnen ein?“ „Ich rühre mich ſonſt nicht von der Stelle.“ „Mein Gott! Wenn die Kaiſerin—“ „Sie ſoll mich zu Ihren Füßen finden—“ Lina Deckermann huſtete, um ſich dem Päärchen im Boudvir anzumelden. Es wurde ſofort ſtill, dann rauſchte ein Frauengewand. Eine hübſche Frau von etwa dreißig Jahren ſteckte den Kopf durch die Vorhänge. „Wer iſt Sie?“ fragte ſie beinahe barſch. „Die Stickerin, welche die Frau Gräfin Alt⸗ hahn— „Warte Sie nur ein wenig“, erwiderte die Dame freundlicher und zog den Kopf zurück. Nach einer Weile rief ſie:„Komm' Sie nur herein, Kleine.“ Lina trat in das Boudvir, deſſen eine Ecke ein 150 mit weißen Vorhängen drapirter Toilettentiſch ein⸗ nahm, vor dem eben die Fürſtin ihre Friſur beendet hatte, ſie ſaß jetzt im Pudermantel auf einem kleinen Sopha und beſtellte mit auffallender Haſt und Unruhe einen weißen geſtickten Schlafrock. Während Sie Lina das Deſſein übergab und ihre Wünſche erklärte, ſchien es dem Mädchen, als bewege ſich von Zeit zu Zeit die Draperie des Toilettentiſches, offenbar war hier der kühne Anbeter verſteckt. „Weiß Sie was“, ſagte endlich die Fürſtin,„ich habe jetzt den Kopf ſo voll, es iſt beſſer, ich komme noch ſelbſt zu Ihr wegen der Sache. Meine Zeit iſt gemeſſen, alſo Adieu mein liebes Kind, Adieu!“ Lina empfahl ſich und eilte nach Hauſe. Kaum hatte ſie das Boudvir der Auerſperg ver⸗ laſſen, ſo begann der Toilettentiſch zu reden. „Liebe Fürſtin, wann geben Sie mir denn das verſprochene Rendezvvus?“ „Ich habe Ihnen nichts verſprochen“, erwiderte die Fürſtin,„ich habe heute Ihretwegen meine Kam⸗ merfrau fortgeſchickt und Sie ſind dafür recht indis⸗ cret, ich liebe Sie, ja, aber Sie müſſen auf der Stelle fort.“ „Ich bleibe hier, bis Sie mir das Rendezvous bewilligen.“ „Sie ſind ein unverbeſſerlicher Sünder.“ „Alſo?“ „Ein Rendezvous? Wo denn um Himmelswillen.“ „Offenbar bei Ihnen.“ „Unmöglich. Sie vergeſſen die Kaiſerin.“ „Wiſſen Sie einen andern Ort?“ Nein „Da fällt mir ein, bei der kleinen Stickerin, welche hier war.“ „In der That, das geht, ich will alſo hinkommen, ich will Alles arrangiren, nur verlaſſen Sie mich jetzt, ich bitte Sie, Majeſtät.“ Der Kaiſer kam hinter dem Toilettentiſch hervor, ließ ſich vor der Auerſperg auf ein Knie nieder und küßte ihre Hand, dann verneigte er ſich tief und ver⸗ ließ raſch ihre Appartements. Als er glücklich draußen war, athmete die Für⸗ ſtin auf und machte das Kreuz. Der nächſte Morgen bot den Bewohnern Wiens ein ſeltſames Schauſpiel, unter den Arreſtanten, welche, die Füße in Eiſen, den Beſen auf der Schulter, von einem Gefängnißauffeher gefolgt, klirrend auf dem Burgplatze erſchienen, um vor der Thür der ſtrengen Landesmutter zu kehren, ſah mun den Sproſſen eines 16¹ edlen Geſchlechtes, einen Löwen der damaligen Haute volée, den jungen ſchönen Baron von Kronenburg, welcher ſein Geſicht den zahlreichen Neugierigen ver⸗ gebens zu verbergen ſuchte, und während er, Thränen der Wuth und Reue in den Augen, ſeine Arbeit be⸗ gann, erſchien oben an dem offenen Fenſter der Hof⸗ burg die Kaiſerin, ſtrahlend in Schönheit und Heiter⸗ keit, lehnte ſich auf die Ellenbogen geſtützt herab und betrachtete ihn mit ſichtlichem Behagen. Es dauerte jedoch nicht lange, ſo theilte ein Wa⸗ gen die gaffende Menge, es war Fürſt Kaunitz, der zum Vortrage bei der Kaiſerin vorfuhr. Nachdem ſein Lakai den Schlag geöffnet, ſtieg der große Staats⸗ mann langſam heraus, küßte einer Dame, welche dicht verſchleiert in ſeinem Wagen ſitzen blieb, die Hand und hieß den Kutſcher warten. Als Kaunitz in das Kabinet der Kaiſerin trat, lag ſie noch immer am Fenſter und unterhielt ſich mit dem grauſamen Spaße, den ſie ſich ſelbſt bereitet hatte.„Schau Er einmal, Kaunitz“, rief ſie, ſich vor Lachen ſchüttelnd,„mit welcher Grandezza der Kronen⸗ burg die Straße kehrt, es iſt zum Todtlachen.“ Der Fürſt warf einen Blick durch das Fenſter und ſchloß es dann. Obwohl er in ſeinem ſchönen Pelzrock wohl verwahrt war, nahm er noch zum Ue⸗ Sacher-Maſoch, Wiener Hofgeſchichten. II. 11 Hofg berfluſſe das Battiſttuch vor den Mund und begann ſo ſeine Relation. Die Kaiſerin ging während derſelben, die Arme auf der Bruſt gekreuzt, mit großen Schritten auf und ab, von Zeit zu Zeit näherte ſie ſich dem Fenſter, plötzlich blieb ſie an demſelben ſtehen, wurde unruhig, öffnete es und blickte hinaus. Kaunitz hüſtelte, hörte auf zu ſprechen, hüſtelte wieder und als die Kaiſerin ihre Promenade fortſetzte, beeilte er ſich, neuerdings das Fenſter zu ſchließen. „Pardon“, ſagte Maria Thereſia lächelnd,„ich vergeſſe immer, daß Er die friſche Luft ſo ſehr fürch⸗ tet, fahr' Er nur fort, ich habe Alles gehört.“ Der Fürſt hatte indeß kaum eine Depeſche gele⸗ ſen, welche auf den von ihm berührten Gegenſtand Bezug hatte, als Maria Thereſia neuerdings das Fenſter aufriß und mit ſichtlicher Aufregung einen Gegenſtand auf dem Burgplatze fixirte. „Was haben Eure Majeſtät?“ begann der Fürſt. „Sieht Er den Wagen dort?“ rief die Kaiſerin. Kaunitz war an das Fenſter getreten und blickte durch ſeine goldene Lorgnette. „Ein Wagen, ja wohl, Majeſtät.“ „In dieſem Wagen ſitzt aber eine Dame.“ „Eine Dame?“ 163 „Und noch dazu dicht verſchleiert.“ „Warum ſoll denn in dem Wagen keine Dame ſitzen?“ ſagte Kaunitz, das Fenſter wieder ſchließend. „Weil— weil— ich wette, es iſt etwas Unrech⸗ tes dabei“, ſprach Maria Thereſia immer heftiger, „wenn ich nur wüßte, wem der Wagen gehört.“ „Der Wagen gehört mir, Majeſtät“, entgegnete der Fürſt. „So? Warum hat Er das nicht früher geſagt, aber dann weiß er wohl auch, wer die Dame iſt?“ „Allerdings, Majeſtät“, entgegnete der Fürſt ruhig, „aber wollen wir nicht fortfahren—“ „Wer iſt alſo die Dame?“ „Ich hätte beinahe vergeſſen, Majeſtät“, fiel Kau⸗ nitz ein,„die bewußte Angelegenheit mit dem römiſchen Stuhle—“ „Schon wieder dieſe Sache, von der ich nichts hören will“, rief die Monarchin ärgerlich. „Der Papſt erlaubt ſich Eingriffe in unſere Rechte, Majeſtät“, fuhr Kaunitz fort. „Ich aber ſage Ihm, ich will vom Papſte nichts hören.“ „Dann bin ich zu Ende.“ Die Kaiſerin öffnete das Fenſter wieder und der 1* 464 6„ Fürſt benutzte dieſen Augenblick, um hüſtelnd, das Tuch vor dem Munde, zu echappiren. * 3 Als der Fürſt aus dem Burgthore trat, fiel ſei⸗ nem ſcharfen Auge ſofort ein verdächtig ausſehender Mann auf, welcher um ſeinen Wagen herumſchlich und offenbar ſpionirte, wer die verſchleierte Dame in demſelben ſei; wie er den mächtigen Miniſter erblickte, zog er ſeinen Hut bis zur Erde, öffnete ihm den Schlag und half ihm einſteigen, dann verneigte er ſich lächelnd, als aber der Wagen ſich langſam in Bewegung ſetzte, trabte er demſelben nach. Die verſchleierte Dame blickte indeß durch das kleine Fenſter im Fond zurück und bemerkte es recht⸗ zeitig. „Excellenz“, begann ſie aufgeregt,„man verfolgt uns, es iſt derſelbe Mann, der ſeit einer Stunde um den Wagen herumgeſchlichen iſt und mich beobachtet hat.“ „Derſelbe, der mir einſteigen half?“ ſagte Kaunitz. „Derſelbe.“ „Nun, wir wollen ſehen“, ſprach der Fürſt, zu⸗ gleich öffnete er eines der Glasfenſter vorne und be⸗ fahl dem Kutſcher nicht zu der Wohnung der Prima⸗ „ 165 donna, ſondern kreuz und quer durch die Stadt zu fahren. Während der unfreiwilligen Spazierfahrt verlor das galante Paar den Späher wirklich aus dem Auge, kaum bog aber die ſchwerfällige Carroſſe in die Herren⸗ gaſſe, in welcher die Italienerin wohnte, ſo ſtand der Mann, der dem Reichskanzler den Schlag geöffnet hatte, wieder an der Ecke und grüßte. „Haben Sie ihn geſehen“, flüſterte die Prima⸗ donna. Der Fürſt nickte. „Was hat dies zu bedeuten?“ fuhr die Italienerin fort,„ich fange an, mich zu fürchten.“ Sie ſchmiegte ſich ängſtlich an Kaunitz an. „Es iſt offenbar ein Officiant der Keuſchheits⸗ commiſſion“, erwiderte der Fürſt,„welcher heraus⸗ kriegen will, wer die Göttin iſt, die mich begleitet.“ „Keuſchheitscommiſſion!“ wiederholte Diana,„mein Gott, Sie wiſſen, wie genau die Kaiſerin in ſolchen Dingen iſt, ſie würde einer Kammerſängerin, welche falſch ſingt, aber tugendhaft iſt, der erſten Künſtlerin Europas vorziehen, wenn die letztere eine Liaiſon hat. Sobald ich, und wäre es auch mit Ihnen, das ge⸗ ringſte Aufſehen errege, falle ich in Ungnade, verliere mein Engagement, um das mich alle Sängerinnen 166 Italiens beneiden, meine ganze Reputation, ja es iſt möglich, daß mir der Pranger oder, wie dem Kronen⸗ burg, das Gaſſenkehren winkt.“ Wieder öffnete der Fürſt das Glasfenſter und befahl dem Kutſcher zu dem Palais der Staatskanzlei zu fahren. „Es bleibt nichts übrig, als daß Sie ein Aſyl bei mir annehmen“, ſagte Kaunitz,„wir diniren zu⸗ ſammen und unter dem Schutze der Dunkelheit können Sie dann unbehelligt und unentdeckt mein Haus ver⸗ laſſen.“ „Ich nehme Ihren Vorſchlag dankbar an“, ent⸗ gegnete Diana,„ja, ich möchte lieber Kieſelſteine eſſen, als morgen in dem Rapporte des Herrn Baron von Handl figuriren.“ „Verlaſſen Sie ſich darauf, daß Monſieur Jean, mein franzöſiſcher Koch, ſelbſt Kieſelſteine nicht blos genießbar, ſondern ſogar geſchmackvoll und pikant zu ſerviren verſtände.“ „Ich bin überzeugt davon.“ „Aber dieſer Spitzbube“, ſprach der Fürſt ſich umblickend,„er folgt uns in der That und in welchem Trab, wenn ich an die Seelenwanderung glauben würde, müßte ich annehmen, daß der Geiſt eines Wie⸗ ner Fiakerroſſes in den Kerl gefahren iſt. Sehen Sie, 167 Signora, das iſt die Freude, die man mit ſeinen Kin⸗ dern erlebt.“ „Wie?“ „Sie wiſſen vielleicht nicht, daß ich die Marotte der Kaiſerin genährt habe, nur um ſie zu meinen Zwecken auszubeuten und unter dem moraliſchen Deck⸗ mantel dieſer Keuſchheitscommiſſion die Geheimpolizei, welche ich als Botſchafter Heſterreichs in Paris an der Quelle zu ſtudiren Gelegenheit hatte, bei uns ein⸗ geführt habe. Jetzt iſt ſie dafür, wie ſie ſehen, mir ſelbſt auf dem Halſe.“ Die Italienerin lachte. Die Caroſſe des Fürſten fuhr eben in den Hof der Staatskanzlei, der Portier ſchloß das Thor hinter derſelben und Kaunitz führte die Primadonna an ſei⸗ nem Arme die Hintertreppe hinauf durch eine ver⸗ borgene Tapetenthüre in ein mit Kunſtgegenſtänden angefülltes kleines Kabinet, in welchem eine Viertel⸗ ſtunde ſpäter ein delikates Diner für zwei Perſonen ſervirt wurde. Nachdem die Signora eine kleine Sieſta gehalten, öffnete ſie das Clavier, der Fürſt ſelbſt begleitete ſie und ſie ſang ihre reizenden italieniſchen Arien bis es Abend wurde. Der Fürſt beeilte ſich, die Primadonna, ehe noch 108 die Straßenlaternen angezündet waren, nach Hauſe zu bringen. Sie wickelte ſich in ihren Pelz und zog den ſchwarzen venetianiſchen Schleier feſt um den Kopf zuſammen, dann verließen ſie das Palais, Arm in Arm. Aber wehe! Da ſtand auch ſchon der Tugend⸗ wächter, grüßte ehrerbietig und folgte dem Paare, wie eine Laterne, auf zehn Schritte Entfernung. „Ich bin verloren“, flüſterte die Italienerin,„der Halunke läßt nicht ab, und ich kann doch nicht bei Ihnen übernachten.“ „Kennen Sie denn Niemand, Signora, keine Dame, zu der ich Sie geleiten könnte, um den Men⸗ ſchen da zu täuſchen?“ fragte der Fürſt. „Eine Dame? Da fällt mir das Mädchen ein, bei dem ich eben allerhand Stickereien beſtellt habe. Dort kann ich bleiben, bis die Luft rein iſt“, entgeg⸗ nete Diana. „Vortrefflich“, meinte der Fürſt,„ich führe Sie alſo dahin und verlaſſe dann das Haus ohne Sie. Der Spitzbube iſt dann überzeugt, daß Sie dort wohnen und gibt die Bahn frei.“ „Aber wird die hohe Keuſchheitscommiſſion an⸗ nehmen, daß eine Stickerin oben im dritten Stocke einen koſtbaren Pelz beſitzt?“ . 169 „Warum nicht“, meinte Kaunitz,„wenn ſie nur hübſch iſt.“ Wieder war es Dämmerung und wieder ermahnte Mutter Deckermann das hübſche Töchterchen ihre Au⸗ gen zu ſchonen, umſonſt, Lina trillerte ein munteres Liedchen und ſtickte emſig fort an einem reizenden Nachtjäckchen für die ſchöne Sängerin, welche ihr Herz ſo ganz für ſich gewonnen hatte, daß das Mädchen trotz ſeiner Armuth ſie weder um die Gunſt der Kai⸗ ſerin, noch ihren Luxus oder den Fürſten Kaunitz be⸗ neidete, ja um dieſen am wenigſten, denn ihr Offizier war ja noch weit jünger und hübſcher und als er plötzlich hereintrat, da flog ſie herzlicher als je um ſeinen Hals und drückte einen derben Kuß auf ſeine Lippen. Im nächſten Augenblicke beſann ſie ſich aber. „Nächſtens werden Euer Gnaden bei helllichtem Tage kommen“, ſpottete ſie,„geniren Sie ſich nur nicht, was liegt auch daran, ein armes Mädchen um ſeine Ehre zu bringen.“ „Lina! Was ſoll das?“ entgegnete der Lieutenant beinahe erzürnt. „Das ſoll nichts weiter, mein Herr“, fuhr Blond⸗ chen fort,„als daß man von Ihren Beſuchen bei mir weiß, daß die hohe Keuſchheitscommiſſivn in Perſon hier war, um zu ſpioniren.“ 170 „Die Keuſchheitscommiſſion?“ „Ja, Herr Baron Handl ſind höchſt eigenbeinig unſere Treppen emporgeſtiegen“, erzählte Lina,„und haben mich in's Verhör genommen.“ „Wie?“ In dem Augenblicke hörte man ſchwere Tritte die Treppe heraufkommen. „Um Gotteswillen, wenn er das iſt“, ſchrie Lina auf. „Er? Wer?“ fragte der Lieutenant, in einer eiferſüchtigen Wallung an den Degen greifend. „Mach Du mir auch noch Geſchichten“, rief das Mädchen,„Du mußt ſort— nein, das geht nicht— Du mußt Dich alſo verſtecken.“ Es klopfte. „Raſch! Raſch!“ flüſterte die Mutter, während Lina den Wandſchrank öffnete, ihren Anbeter hinein⸗ ſtieß, hinter ihm ſperrte und den Schlüſſel abzog. Es klopfte zum zweiten Male. „Herein.“ Es war wirklich der Präſident der Keuſchheits⸗ commiſſion, der jetzt eintrat, und ſich vor den beiden Frauen artig verneigte. „Was gibt uns die hohe Ehre“, begann die Muttr, ſich erhebend. . 5 5 5 * — „Ich komme in der Angelegenheit Ihrer Made⸗ moiſelle Tochter“, erwiderte Baron Handl mit ſeinem gutmüthigſten Lächeln. „Wollen Sie vorerſt Platz nehmen, gnädiger Herr“, ſagte Frau Deckermann. „Nur keine Umſtände“, antwortete der Präſident, „ich nehme an, daß Sie mich für Ihren wahren Freund anſieht, Mademoiſelle Carolina.“ „Wie ſollte ich wagen“, ſagte das Mädchen, die Augen niederſchlagend. „Wird er nicht erſticken?“ flüſterte ihr die Mut⸗ ter zu. „Der Schrank hat ja Luftlöcher“, gab Lina zur Antwort,„aber ſpioniren wird der Schelm.“ „Wie meinen Sie?“ fiel Baron Handl ein, der ſich vergebens bemü: hatte, die Worte, welche die beiden Frauen wechſelten, zu erhaſchen. „Ich meine, daß Sie zu gütig ſind, Herr Baron“, entgegnete Lina.. „Nicht mehr als Sie es verdient“, ſagte der Präſident,„ich habe eine ganz beſondere Affection für Sie, Mademviſelle Lina, und Sie wird dies leicht begreifen, wenn Sie jeder Zeit die mir von Ihrer Majeſtät übertragene hohe, ich möchte beinahe ſagen, göttliche Miſſion im Auge behält, auf Erden über die 172 Tugend zu wachen. Sie iſt ein braves Frauenzimmer, aber es iſt nicht genug, daß Sie brav iſt, Sie ſoll auch brav bleiben.“ „Ich hoffe—“ „Was hoffen“, unterbrach der Tugendhüter das Mädchen,„wir wollen ſicher gehen, Sie ſoll hier in Wien gleichſam als ein Muſter daſtehen für den gan⸗ zen Bürgerſtand. Das iſt meine Sache.“ „Mein Gott, ich verſtehe Sie nicht“, ſtammelte das Mädchen. „Damit Sie nicht in Verſuchung geführt wird durch Pracht und Luxus, Mademviſelle Lina“ fuhr Baron Handl fort,„denn der Luxus hat ſchon man⸗ ches brave Frauenzimmer auf Abwege geführt, werde ich Ihr ſelbſt ein feines Quartierchen nehmen auf dem Kohlmarkt oder Graben und es einrichten wie für eine Prinzeſſin und Kleider ſoll Sie haben, alles nach der Pariſer Mode— und jeden Abend will ich Sie beſuchen, Mademviſelle Lina, um Sie in Ihren Grund⸗ ſätzen zu beſtärken.“ „Herr Baron“, erwiderte Lina feſt und ruhig, obwohl ihr ſchönes Geſichtchen von der dunklen Röthe des Zornes flammte,„ich brauche Niemand, der meine Rechtſchaffenheit bewacht, ich bin Gott ſei Dank bis jetzt ordentlich geweſen—“ Es klopfte wieder. Frau Deckermann öffnete die Thür ein wenig und trat dann raſch hinaus.„Eine hohe Dame, Lina, mach' ein wenig Ordnung“, rief ſie zugleich. Das Mädchen verſtand den Wink. „Sie müſſen fort, gnädiger Herr“, ſagte ſie. „Ich?“ rief der Präſident ſeine Stirne trocknend, „lieber gleich in den Rachen der Hölle, man darf mich hier nicht ſehen, und nun gar eine hohe Dame— verſteck' Sie mich, Jungfer.“ „Das geht nicht“, erwiderte Lina entſchieden, „was würde man denken.“ Aber der geängſtigte Präſident hatte ſich bereits in die Ecke hinter die ſpaniſche Wand geflüchtet, und von Frau Deckermann gefolgt trat die Fürſtin Auer⸗ ſperg in die Stube. Sie nickte dem hübſchen Mädchen freundlich zu nahm dann in dem Lehnſtuhl Platz, um mit ihr eine Reihe von Beſtellungen zu beſprechen. Die Frauen waren indeß damit noch lange nicht zu Ende, als es wieder klopfte und auf das„Herein“ der Mutter Deckermann der Kaiſer in einen weißen Mantel gehüllt, hereintrat. „Mon Dieu!“ begann er,„welche Ueberraſchung, Sie hier, Fürſtin.“ „In der That, ich habe nicht erwartet, Eure 174 Majeſtät hier zu treffen“, entgegnete die Auerſperg, während der Kaiſer ihre Hand galant an die Lippen führte. Frau Deckermann war mehr todt als lebendig, ſie ſtarrte den Monarchen ſprachlos an, während Lina ihr Herz bis zum Halſe hinauf klopfen fühlte. Der Präſident, in Angſtſchweiß gebadet, blickte mit gefalteten Händen gegen den Himmel, als ob er ſich und die Keuſchheitscommiſſion dem Schutze deſ⸗ ſelben empfehlen wollte „Sie wohnt hier recht hübſch, Madame“, wendete ſich der Monarch zu Frau Deckermann, welche noch immer kein Wort hervorbrachte, dafür aber einen Knir machte, wie wenn ſie in die Erde ſinken wollte. „Aber ein wenig beſchränkt“, ſprach die Fürſtin mit einem bedeutſamen Blick auf ihren kaiſerlichen Anbeter. „Es ſcheint“, fügte dieſer hinzu,„hat ſie nur dies eine Zimmer?“ „Zu dienen, kaiſerliche Majeſtät“, antwortete Lina. „Hm!“ machte der Kaiſer,„aber da ließe ſich doch abhelfen, wenn Sie, ſchöne Fürſtin, allenfalls das hübſche, brave Mädchen in ihren Schutz nehmen.“ „Wir ſprechen noch davon“, meinte die Auerſperg. — 8 175 „Erlauben Sie mir ſofort—“ begann der Kaiſer, aber ein kräftiges Pochen unterbrach ihn. „Wer iſt da?“ fragte Lina, welche ſchnell zur Thüre geeilt war und den Riegel vorgeſchoben hatte, denn ſie war jetzt nicht mehr im Zweifel darüber, daß die männliche Stimme im Boudoir der Fürſtin die des Kaiſers geweſen war und die Zuſammenkunft bei ihr keine zufällige ſei. „Ich bin es, liebe Mademoiſelle“, gab die volle, melodiſche Stimme der italieniſchen Primadonna zur Antwort,„mach' Sie doch gleich auf, ein Mann ver⸗ folgt mich, er iſt ſchon auf der Treppe.“ „Augenblicklich“, erwiderte Lina. „Man darf uns hier nicht treffen“, flüſterte die Auerſperg,„ſchicke Sie doch die Perſon fort.“ „Das kann ich nicht“, entgegnete Lina,„aber ich will Sie verſtecken.“ „Wo aber?“ fragte der Kaiſer, ſichtlich aufgeregt. „Hier“, Lina theilte die Bettgardine. Die Auerſperg flüchtete ſich raſch hinter dieſelbe, während der Kaiſer ohne viel zu fragen ihr folgte. „So“, Lina öffnete, Diana trat von Kaunitz be⸗ gleitet raſch herein, winkte ihr die Thür zu ſchließen und warf zugleich ihre Hüllen ab.„Sie muß ſchnell 176 meine Sachen nehmen, liebe Lina, und den Kerl fort⸗ weiſen, ja?“ Ehe das Mädchen noch verſtand, um was es ſich handelte, war mit der energiſchen Hilfe der Italienerin die Metamorphoſe vollbracht. Es klopfte wieder. „Geh' Sie nur hinaus und ſei Sie recht grob mit ihm“, bat Diana. Das Mädchen trat, ohne weiter zu überlegen, in dem prachtvollen Pelz der Primadonna, tief verſchleiert hinaus. Ein Mann, der vor der Thüre ſtand, wich ehrerbietig zurück und zog den Hut. „Ich wollte nur fragen, ob hier Jungfer Decker⸗ mann wohnt?“ ſagte er höflich. „Allerdings“, antwortete Lina. „Kann ich ſie ſprechen?“ „Ich bin die Deckermann“, zugleich ließ das Mäd⸗ chen den Schleier fallen. Der fremde Mann blickte einen Augenblick mit aufrichtigem Wohlgefallen in das hübſche, friſche Ge⸗ ſicht des jungen Mädchens, das durch den koſtbaren dunklen Pelz ein gar vornehmes Relief bekam und ver⸗ neigte ſich dann artig. „„Das iſt mir genug“, ſagte er und ging raſch die Treppe hinab. Als er aus dem Hauſe treten wollte, wurde er jedoch von zwei anderen Männern ſehr höf⸗ lich, aber energiſch angehalten. .„Verzeihen Sie, mein Herr“, ſagte der eine der⸗ ſelben,„aber Sie müſſen uns ſchon erlauben, Ihr Geſicht beim Lichte näher zu betrachten.“ „Mit Vergnügen“, entgegnete der, der von oben kam. Sie führten ihn hierauf zur nächſten Straßen⸗ laterne.„Hol' mich der Teufel, Luchsheim!“ rief der eine in dem Augenblick, wo das Licht auf das Spitz⸗ bubengeſicht des Angehaltenen fiel. „Oh! Ihr Hallunken“, erwiderte dieſer lachend, „Ihr Taugenichtſe, iſt das Eure Wachwachſamkeit, ſind daß Eure guten Augen?“ „Ja, was machſt denn Du hier“, begann der eine der Spione. „Ich“, erwiderte Luchsheim,„ich habe Entdeckungen gemacht.“ „Du auch?“ riefen die beiden Anderen. „Ich auch“, ſpottete Luchsheim,„habt Ihr etwa außer meiner hohen Perſon noch wen erwiſcht? Ich ſage Euch aber, ich habe Alles heraus, Alles, ich habe das Pärchen bis hierher verfolgt.“ „Was für ein Pärchen?“ fragten die anderen Officianten der Keuſchheitscommiſſion. Sacher-Maſoch, Wiener Hofgeſchichten. II. 12 178 „Die Deckermann offenbar und den Herrn vom Hofe. „Ich auch“, riefen die beiden Anderen. „Ihr auch“, wiederholte Luchsheim ungläubig, „nun, wer ſoll es denn ſein?“ „Ich bin ihm bis hierher nachgeſchlichen“, ſagte der eine,„es iſt Niemand Geringeres als der Kaiſer.“ „Der Kaiſer“, lachte Luchsheim,„o! Du unver⸗ beſſerliches Rhinvceros! der Fürſt Kaunitz iſt es.“ „Der Kaunitz“, ſpottete der Dritte.„Erſtens iſt er gar nicht mit dem Mädel gekommen, ſondern allein, und zweitens iſt es gar kein Herr vom Hofe, ſondern—“ „Wer ſonſt?“ „Unſer Herr Präſident.“ „Der Handl?“ „Der Handl; ich bin ihm bis hierher nachgegan⸗ gen, und über die Treppe bis zur Deckermannſchen Thüre. „Unſinn“, ſchrie Luchsheim,„ich verfolge ſie ja ſeit Mittag, ich habe ihn bei hellem Tage zu ihr in den Wagen ſteigen ſehen in der Hofburg.“ „Den Kaiſer?“ „Nein, den Kaunitz“, erwiderte Luchsheim, und ich gehe stante pede zur Kaiſerin, es ihr zu melden., 179 „Ich auch“, ſchrie der Zweite,„ich werde ihr melden, daß es der Handl iſt, der alte Sünder.“ „Und ich leiſte einen Eid“, rief der Dritte,„daß es der Kaiſer iſt.“ *& % Das kluge Mädchen war indeß unbemerkt Luchs⸗ heim die Treppe hinab gefolgt und hatte hinter dem einen geſchloſſenen Thürflügel ihres Hauſes ſein Ge⸗ ſpräch mit den beiden anderen Officianten der Keuſch⸗ heitscommiſſivn belauſcht, ſie hatte nicht Alles verſtan⸗ den, aber genug um die ganze Größe der Gefahr er⸗ meſſen zu können, in welcher in dieſem Augenblicke ſie ſelbſt und alle in ihrem Stübchen verſammelten hohen und niedern Perſonen ſchwebten. Sobald ſie ſich über⸗ zeugt hatte, daß die drei Spione den Weg zur Hofburg einſchlugen, flog ſie, ſo raſch es ihr nur der ſchwere, ungewohnte Pelz geſtattete, die Treppe empor und ſtürzte mit dem Rufe:„Wir ſind alle verloren“, in ihr Stübchen. „Verlvren? wie?“ fragte Diana aufgeregt, wäh⸗ rend Kaunitz die Unglücksbotin ruhig durch ſeine Lorg⸗ nette fixirte, zu gleicher Zeit hatten die ſpaniſche Wand, die Bettgardine und der Schrank heftige Emotionen, welche jedoch in der allgemeinen Beſtürzung von Nie manden bemerkt wurden. „Die Kerls denunciren uns der Kaiſerin“, fuhr Lina fort. „Wie?“ rief die Mutter entſetzt. „Sie ſind auf dem Wege in dieBurg“, ſagte Lina. „Aber was wollen ſie denn denunciren?“ fragte Kaunitz, ohne nur einen Moment ſeinen hiſtvriſchen Gleichmuth zu verlieren. „Darüber ſind ſie ſelbſt noch uneins“, erwiderte Lina, in der Abſicht alle Anweſenden zugleich zu war⸗ nen.„So viel iſt gewiß, daß ſie einem Liebespärchen auf der Fährte ſind und meine Wenigkeit bei allen dreien als die Heldin des Abenteuers gilt, über den Galan aber gehen ihre Meinungen ſehr auseinander ein Jeder will ihm bis zu meinem Hauſe auf dem Fuße gefolgt ſein, trotzdem behauptet der eine, es ſei Seine Excellenz Fürſt Kaunitz, der andere, es ſei der geſtrenge Herr Präſident der Keuſchheitscommiſſion, Baron Handl, und der dritte gar Seine Majeſtät der Kaiſer.“ „Seltſam“, murmelte Kaunitz,„aber in jedem Falle iſt die Luft da unten jetzt rein und wir wollen dies benutzen, um rechtzeitig zu verſchwinden, denn wie ich meine Kaiſerin kenne, iſt ſie im Stande und kommt auf die Meldung dieſer Hallunken in höchſteige⸗ ner Perſon hierher.“ Der Schrank ſeufzte bei dieſer Ausſicht tief auf, die ſpaniſche Wand bebte vor Angſt und die Bettgar⸗ dine blähte ſich wie das Segel eines vom Sturm ge⸗ peitſchten Schiffes auf. „In jedem Falle rechnen Sie auf meinen Schutz und meine Protection“, ſagte der Fürſt huldvoll, gab der Primadonna, welche indeß in ihren Pelz geſchlüpft war, galant den Arm und führte ſie die Treppe hinab. Kaum hatte das erſte Liebespärchen die Stube ver⸗ laſſen, kam das zweite hinter der Bettgardine hervor. „Liebe Jungfer“, flüſterte die Auerſperg,„will Sie ſo gut ſein und nachſehen, ob wir ohne Gefähr aus dem Hauſe können?“ Lina eilte hinaus und kehrte faſt athemlos mit der Meldung zurück, daß weithin nichts Verdächtiges zu bemerken ſei. Die Fürſtin küßte hierauf Lina raſch auf die Stirn und ſprach:„Ich werde Ihr das nie vergeſſen, gutes Mädchen, was Sie heute treu an mir gehandelt.“ Lina verneigte ſich ſtumm. „Sie kann ſich von ihrem Kaiſer jede Gnade aus⸗ bitten, Mademviſelle“, fügte der Gemahl Maria The⸗ reſia's hinzu,„gute Nacht.“ Damit empfahl er ſich und eilte, mit der galanten Hofdame das Freie zu gewinnen. ————— „Nun, ſehen Sie wie Sie hinauskommen, Herr Präſident!“ rief Lina. „Ich eile jetzt, liebe Kleine“, flüſterte der in Angſt ſchweiß gebadete Keuſchheitsminiſter, ihr eine Kußhand zuwerfend,„aber ich komme wieder und werde mich Ihr dankbar zeigen, Adieu, Adieu!“. Als endlich auch er die Treppe hinabpolterte, be⸗ gann der Lieutenant im Waondſchrank Spectakel zu machen. „Gleich, gleich“, rief Lina, während ſie lachend ihren Anbeter in Freiheit ſetzte,„nun aber fort, ſo ſchnell Dich Deine Füße tragen, Levpold.“ Der Offizier ſchlang ſeinen Arm um die Geliebte und ſchloß ihr mit einem herzhaften Kuß den Mund, dann ſchritt er, ohne ſich beſonders zu beeilen, ſporen klirrend die Treppe hinab. Vor dem Thore ergriff unerwartet eine hohe, dichtverſchleierte Dame in einem dunklen Mantel ſeinen. Arm. „Halt mein Herr, gedulde Er ſich“, ſagte ſie feſt, ja gebieteriſch. „Womit kann ich dienen?“ erwiderte der Lieutenant. „Ich will ſeinen Namen wiſſen, mein Herr.“ „Meinen Namen? das iſt recht ſpaßhaft, meine Gnädige“, ſprach Planta, ſeinen Schnurrbart drehend. . — 183 „Spaßhaft oder nicht“, entgegnete die Verſchleierte, „ich will, daß er mir auf der Stelle antworte.“ „Oho, nur nicht ſo hitzig“, rief Planta,„hat man vor einem kaiſerlichen Offizier nicht mehr Reſpekt?“ „Keinen Straßenſpektakel, wenn ich bitten darf“, ſagte Luchsheim, mit ſeinen Spießgeſellen vortretend, „laſſen Sie uns bei der Laterne Ihr Geſicht ſehen, Herr Offizier, und es iſt gut.“ „Mein Geſicht, was wollt Ihr von meinem cht⸗ lichen Geſicht, Ihr Spitzbuben“, ſchrie der Lieutenant, „wer ſeid Ihr überhaupt, Rede geſtanden, oder ich ziehe vom Leder.“ „Im Namen der hohen kaiſerlich königlichen Keuſch⸗ heitskommiſſivn“, rief Luchsheim. „Keuſchheitscommiſſion!“ unterbrach ihn der Offi⸗ zier, aus vollem Halſe lachend,„ich habe mir weiß Gott nicht eingebildet, daß die leibhaftig als eine ſchöne Dame herumgeht, allen Reſpect vor ihr, Frau Keuſch⸗ heit.“ Er machte der Verſchleierten eine ſpöttiſche Re⸗ verenz.„Ihr k. k. Hallunken aber nehmt die Füße auf den Buckel!“ Als die Officianten die Bahn nicht ſofort frei⸗ gaben, zog der Lieutenant, ohne ſich lange zu beſinnen, ſeinen Degen und hieb mit der flachen Klinge auf ſie los. Sie ergriffen die Flucht in der Richtung des Rothenthurmthores, während Planta ſich lächelnd der verſchleierten Dame näherte. „Ich habe Ihre Begleiter vertrieben, gnädige Frau“, ſprach er, ihr galant den Arm bietend, er⸗ lauben Sie mir daher, Sie nach Hauſe zu führen.“ „Er hat wirklich den Muth dazu“, erwiderte die Verſchleierte. „Warum nicht?“ ſagte Planta,„iſt die Expedition ſo gefährlich, lauert irgendwo ein eiferſüchtiger Ge⸗ mal? Uebrigens werden Sie wohl wiſſen, daß es einem kaiſerlichen Offizier nie an Courage mangelt.“ „Er führt mich alſo bis zu meiner Thür?“ „Wie Sie befehlen.“ Ein voller Frauenarm lehnte ſich nachläſſig vor⸗ nehm auf den des Lieutenants. „Wohin alſo?“ fragte dieſer. „Ich werde Ihn ſchon führen“, erwiderte die Ver⸗ ſchleierte, indem ſie die Richtung des Stefansplatzes einſchlug,„aber hat Er ſo wenig Reſpect vor dem Geſetz, vor der Kaiſerin, daß Er ihre Diener fo be— handelt, mein Herr Offizier, das iſt ein grober Ge⸗ waltact was er da verübt hat.“ „Reſpect habe ich vor meiner Kaiſerin“, fiel der Lieutenant ein,„vor dieſen k. k. Hallunken aber und der ganzen hohen Keuſchheitscommiſſion nicht den min⸗ ——— — 185 deſten. Mein Leben gehört der Kaiſerin, weil ſie eine große Regentin, eine gute Frau, und, was in den Augen eines jungen Lieutenants auch etwas werth iſt, das ſchönſte Weib iſt, das ich geſehen habe.—“ „Meint er?“ „Unbeſchadet Ihrer Reize, meine Gnädige, muß ich das doch behaupten. Was mir aber von der Kai⸗ ſerin fatal iſt—“ „Fatal? So?“ „Ja, geradezu unausſtehlich“, rief der Lieutenant, „das iſt ihre Eiferſucht.“ Die Verſchleierte begann herzlich zu lachen. „Verzeihen Sie, aber ich finde das gar nicht lächer⸗ lich“, fuhr er fort,„denn die ſonſt ſo verſtändige Frau wird durch dieſe Schwäche zu allerhand Unſinn ver⸗ leitet.“ „Unſinn!“ rief die Verſchleierte mit einem Tone, der den jungen Offizier beinahe erſchreckte,„Er muß zuerſt überlegen und dann ſprechen.“ „Was iſt da zu überlegen“, erwiderte Planta, „kann es einen größeren Unſinn geben, als dieſe Keuſchheitscommiſſion, welche nur dazu gut iſt, die anſtändigen Leute zu vexiren und den Hallunken Vor⸗ ſchub zu leiſten?“ „Den Hallunken?“ „Wie zum Beiſpiel dieſem Handl, der unter dem Vorwande über die Moral zu wachen, ehrbare Mäd⸗ chen mit ſeinen Anträgen verfolgt.“ „Leeres Gerede“, rief die Verſchleierte,„aber Ihn ſcheint die Keuſchheitscommiſſion gewaltig zu geniren.“ „Gewiß, weil ich ein anſtändiger Menſch bin“, ſagte Planta. „Er geht aber doch auf nächtliche Abenteuer aus.“ „Da iſt wieder die hohe Commiſſion daran Schuld“, antwortete der Lieutenant,„die es einem ehrlichen Liebhaber unmöglich macht, ſein braves Mädel bei Tage aufzuſuchen.“ „Gibt es auch ehrliche Liebhaber beim Militär?“ fragte die Verſchleierte. „Gewiß.“ „Solche, die ein braves Mädel heirathen wollen?“ „Ja, wohl wollen, aber nicht können.“ „ arum aber nicht?“ „Weil die Gage, welche unſere große Kaiſerin zahlt, kaum für den Lieutenant genug iſt, und erſt für Frau und Kinder—“ erwiderte Planta,„und wenn alſo das brave Mädel kein Vermögen hat—“ „So muß Er ſehen, daß Er avancirt“, fiel die Unbekannte ein, ſich auszeichnen—“ „Wo etwa?“ 187 „Im Kriege „Was hilft das, es gibt Andere, die ſich im Bou⸗ doir auszeichnen und einem dann doch vorkommen.“ Die Verſchleierte lachte wieder einmal herzlich. „Und hat Er ſein Mädel wirklich ſo lieb?“ „Das will ich meinen, es iſt aber auch das beſte Geſchöpf in ganz Wien.“ „Wie heißt die Jungfer?“ „Lina Deckermann.“ „Deckermann!“ rief die Verſchleierte,„Er iſt alſo der Liebhaber, der Nachts in die Rothenthurmſtraße ſchleicht, in das Haus zum goldenen Fiſch.“ „Nun, was iſt da Unrechtes dabei.“ „Aber wie kommt Er in die Burg?“ „In die Burg?— wenn ich commandirt bin— wie zum Beiſpiel vorgeſtern.“ Die Verſchleierte blieb einen Augenblick ſtehen und lachte wieder. „Aber Sie ſind ſehr heiter Madame“, ſagte Planta. „Da iſt Er ſchuld daran“, erwiderte die Unbe⸗ kannte,„wenn er aber das Mädel ſo ſehr liebt und gute Abſichten hat mit der Deckermann, warum ver⸗ traut Er ſich nicht der Kaiſerin, ſtatt Nachts herum⸗ zuſchleichen, wie ein Vagabund?“ 188 „Bitte—“ „Aber dazu fehlt Ihm wohl die Courage?“ Jetzt erſt bemerkte der Lieutenant, daß er mit ſeiner Begleiterin vor der Burg angelangt war. Sie blieb ſtehen und zog mit einer graziöſen Bewegung ihren Arm aus dem ſeinen. „Hier bin ich zu Hauſe“, ſagte ſie. „In der Burg?“ ſtammelte der Offizier nicht wenig erſchrocken,„Sie gehören am Ende zum Hofe, meine Gnädige.—“ „Allerdings—“ „Nun da habe ich eine ſchöne Dummheit ge⸗ macht—“ „Warum—?“ „Habe Ihnen ſo mir nichts, dir nichts, mein Herz ausgeſchüttet und Sie ſind im Stande und denunciren mich der Kaiſerin—“ „Ich ſage der Kaiſerin kein Wort von Allem, was Er mir geſtanden hat, nicht einmal, daß Er ſie für das ſchönſte Weib anſieht, und das würde ihr doch ſchmeicheln. Meine Hand darauf.“ Sie reichte ihm ihre volle, kleine Hand, welche der Offizier galant küßte. „Ich danke Ihm für die Begleitung. Adieu!“ — . 5 — * 189 Damit kehrte ſie ihm den Rücken und er ſah ſie noch majeſtätiſch durch das Thor der Hofburg ſchreiten. Das war eine Verwirrung in dem Stübchen bei Deckermann am nächſten Morgen. In aller Frühe ſchon hatte ein kaiſerlicher Hatſchier einen Zettel gebracht mit dem Befehl, die Jungfer Lina habe ſich um 10 Uhr im Audienzſaal der Kaiſerin einzufinden und ihr Moralitätszeugniß mitzubringen. Der grobe, blaugraue Wiſch trug den Namenszug: Maria Thereſia. Die Mutter kniete vor dem heiligen Antonius und betete und Lina hatte rothgeweinte Augen, als der Lieutenant Leopold von Planta in voller Parade⸗ uniform hereintrat. „Das iſt eine ſchöne Geſchichte“, begann er,„die Kaiſerin hat mich vor ſich citirt, Alles iſt verrathen, und ich bin auch ſelbſt ſchuld an unſerem Unglück.“ „Da lies“, erwiderte das Mädchen ihm den Zettel hinhaltend. „Du biſt auch citirt“, rief der Offizier,„es wird immer beſſer.“ „Wo ſoll ich bis 10 Uhr ein Moralitätszeugniß auftreiben“, jammerte Lina. „Dazu wäre denn ich da“, rief in dieſem Augen⸗ 190 blick eine ſchwere, polternde Stimme,„ihr wohlaffectiv⸗ nirter Freund Handl.“ „Na, Sie kommen gerade recht, Herr Baron“, rief Lina,„Sie ſind ſchuld an unſerem ganzen Un⸗ glück.—“ „Ich? mein Gott, ich bin ſelbſt in der Klemme“, erwiderte der Präſident,„da lies Sie—“, er reichte ihr einen Zettel, der auf ein Haar jenem Lina's und des Offiziers glich. „Was? Sie auch!“ rief das Mädchen. „Es geht mir an den Kragen, liebes Linchen“, flehte der Präſident der Keuſchheitscommiſſion,„wenn Sie mich nicht rettet, einer meiner Officianten hat mich der Kaiſerin denuncirt, meine eigenen Creaturen zeugen wider mich, man hat mich Abends zu Ihr ſchleichen ſehen, aber Sie wird ſagen, liebes Linchen, daß es ein Anderer war, nicht wahr?“ „Ein Anderer?“ fragte Lina erſtaunt. „Wer immer, nur nicht ich“, jammerte der Prä⸗ ſident. „Das geht doch nicht“, entgegnete Lina,„ich muß wohl der Kaiſerin die Wahrheit ſagen.“ „Nichts darf Sie ihr ſagen, liebes Linchen, es wird bei Gott nicht Ihr Schade ſein, aber Sie muß einen Andern nennen“, fuhr der Präſident fort. 494 „Ja, aber wen?“ entgegnete das Mädchen. „Hat Sie denn keinen Liebhaber?“ ſagte der Keuſch⸗ heitspräſident, mit einem Blick auf den Offizier. Die Deckermann lächelte ſpitzbübiſch. „Wenn Sie einen Anbeter hat, der ſie liebt, und der es redlich mit ihr meint, woran ich nicht zweifle“, fuhr der Präſident fort,„ſo ſage Sie nur Alles friſch weg bei der Audienz und Sie macht noch Ihr Glück, denn es iſt eine Art Leidenſchaft der Kaiſerin, Leute zu verheiraten, welche ſonſt nicht zuſammen kämen.“ „Aber vor Allem brauche ich ein Moralitätszeug⸗ niß—“, ſprach Lina, an ihrer Schürze zupfend. „Nun, wenn es nichts weiter iſt“, rief der Baron Handl lachend,„Sie ſoll ein Teſtamonium haben, wie noch keines von mir ausgeſtellt wurde, ſeitdem die Keuſchheitscommiſſion beſteht. Gib Sie mir Feder, Tinte und Papier—“ Lina eilte, das Verlangte zur Stelle zu ſchaffen, der Herr Präſident zog hierauf ſeine Handſchuhe aus und ſchrieb mit einem fauniſchen Lächeln: Moralitäts⸗Zeugniß. Es wird hiermit beſtätigt, daß die Jungfer Lina Deckermann, wohnhaft in der Rothenthurmſtraße beim goldenen Fiſch, ſich des beſten Leumunds erfreut, einen durchaus ſittlichen, ehrbaren und anſtändigen Lebens⸗ 192 wandel führt, ſich redlich und fleißig von ihrer Hände Arbeit ernährt und mit einem Worte als ein leuchten⸗ des Muſter der Sittſamkeit aufgeſtellt werden kann. K. k. Keuſchheitscommiſſion. Baron Handl. „So, iſt das nicht ein Zeugniß, das ſich gewaſchen hat?“ rief der Präſident, das Aktenſtück dem Mäd⸗ chen überreichen“ „Ich bin ſehr dankbar“, ſagte Lina mit einem halbſpöttiſchen Knix. „Nun viel Glück zur Audienz und meine Referenz allerſeits.“ Nicht lange nachdem Baron Handl das Haus verlaſſen hatte, klopfte Fürſt Kannitz an Lina's Thüre. „Ich ſtöre doch nicht“ ſagte er, als er den jun⸗ gen hübſchen Offizier erblickte. „Ich bitte Excellenz“, rief Frau Deckermann. „Dieſer Herr Lieutenant von Planta iſt mein Bräutigam“, ſagte Lina, welche mit dem Moralitäts⸗ zeugniß in der Taſche Muth bekam. „Ihr Bräutigam, ah! das trifft ſich charmant“, erwiderte Kaunitz mit ſeiner unerſchütterlichen Ruhe, „weiß Sie, Mademoiſelle, daß man mich mit Ihr im Verdachte, ja ſogar der Kaiſerin denuncirt hat, aber Sie wird die Sache aufklären, Sie wird ausſagen 193 daß Sie es war, die geſtern von ihrem Bräutigam begleitet, zu mir in mein Palais fuhr, um für ihn das Patent eines Oberlieutenants zu erbitten und dann an ſeinem Arme zu Fuß nach Hauſe zurückkehrte und damit kein Zweifel iſt—“ der Fürſt ſetzte ſich an den Tiſch und warf einige Worte auf einen Bogen —„hier die Ernennung, das Patent kann ſich der Herr Oberlieutenant in einer Stunde ſelbſt holen.“ „O! mein Gott“, rief Lina. „Welche unverdiente Gnade“, ſtammelte der Offi⸗ zier. Der Fürſt grüßte huldvoll mit der Hand und entfernte ſich raſch. „Nun ſoll man nicht an Wunder glauben“, ju⸗ belte Lina,„iſt der Menſch da Oberlieutenant gewor⸗ den im Handumdrehen für ſeine Heldenthaten im Wandſchrank da“, und ſie fiel ihm um den Hals, und die Liebenden ſangen und ſprangen in der Stube um⸗ her, daß Alles, was auf Käſten und Tiſchen ſtand, mitzutanzen begann. Mitten in die tolle Mette trat der Kaiſer herein. Der Offizier nahm Stellung an den Hoſennäthen. „Laß Er das ſein, Herr von Planta“, rief der leut⸗ ſelige Monarch,„wir ſind ja unter uns. Ich komme in einer ſchlimmen Angelegenheit, meine liebe Kleine Sacher-Maſoch, Wiener Hofgeſchichten II. 13 —— ———————————— Die Kaiſerin weiß, daß ich geſtern bei Ihnen war „Offenbar eine Verwechslung, Majeſtät“, fiel Lina ein, welcher immer dreiſter wurde. „Wie?“ ſprach der Kaiſer. „Majeſtät tragen denſelben Mantel, wie mein Bräutigam—“ „Und folglich—“ „War es Herr von Planta, welcher geſtern Abend—“ „O! Sie hat Esprit, Mademviſelle“, rief der Kaiſer,„nicht wahr, Herr Lieutenant?“ „Oberlieutenant“, corrigirte Lina. „In welchem Regimente?“ „Kaunitz.“ „Kaunitz?“ wiederholte der Kaiſer, dann flog plötzlich ein Lächeln über ſein Geſicht,„da komme ich alſo zu ſpät, denn ich hatte die Abſicht, ihn in mei⸗ nem Regimente— aber was iſt da zu machen, da er ſchon Oberlieutenant iſt—“ „Majeſtät können ihn ja zum Hauptmann machen“, fiel Lina ein,„es giebt Fürſten und Grafen genug bei uns in Oeſterreich, welche es in der Wiege werden, der da iſt wenigſtens ausgewachſen.“ Der Kaiſer lachte laut auf und ſagte dann: — —— 105 „Sie hat recht, Mademvoiſelle. Er kann ſich in einer Stunde das Patent holen, Herr Hauptmann.“ Lina fiel dem Kaiſer zu Füßen, er hob ſie auf, indem ſeine Lippen leicht ihre Stirne berührten, und war, ehe der vor Freude verſteinerte Offizier ihm dan⸗ ken konnte, zur Thüre hinaus. „Nun können wir heirathen“, jauchzte Lina und lachte und weinte durcheinander, der neugebackene Hauptmann ſaß ſprachlos im Lehnſtuhl und drehte, ohne es zu wiſſen, ſeinen Schnurrbart, Frau Decker⸗ mann betete. Wieder klopfte es und die Fürſtin Anerſperg trat dicht verſchleiert ein:„Nur einen Augenblick, mein liebes Linchen“, begann ſie,„ah, iſt dies Ihr Bräu⸗ tigam?“ „Zu dienen, Durchlaucht.“ „Gratulire beiderſeits, und ich komme nur, um zu fragen, wenn die Hochzeit iſt und um Ihr zu ſa⸗ gen, liebes Linchen, daß ich Ihr die ganze Ausſtattung gebe, das laſſe ich mir nicht nehmen.“ Kaum hatte die Fürſtin den Dank des jungen Paares empfangen, ſo klopfte es wieder. Die Auer⸗ ſperg trat raſch hinter die ſpaniſche Wand und herein ſtürmte die ſchöne Italienerin in einer pompöſen mit Hermelin beſetzten Polonaiſe von Roſa Atlas, während 13* 196 ihr Zwerg den Pelz und Schleier, welchen ſie geſtern getragen hatte, auf dem Arme trug. „Liebe Lina“, rief ſie, das Mädchen ſtürmiſch umarmend,„der Fürſt hat mir Alles geſagt, Sie opfert ſich für uns, gute Seele, nun, der Himmel wird es Ihr lohnen, damit aber jeder Zweifel ſchwin⸗ det, muß Sie meinen Pelz und Schleier nehmen, wenn Sie zur Audienz geht.“ „Und wenn die Kaiſerin mich fragt, wie ich zu der Pracht komme?“ meinte Lina. „So ſagt Sie, es iſt ein Geſchenk der Signora Diana di Pompili“, erwiderte die Primadonna,„denn ich bin gekommen, Sie zu bitten, daß Sie den Pelz von mir annimmt.“ „Aber Signora, Sie ſind zu gütig“, deprecirte Lina. „Und auch dies“— Diana zog ein Etui hervor und reichte es dem Mädchen, das es verlegen öffnete, und als es ihr daraus entgegenblitzte, beinahe erſchrak. „Diamanten!“ ſtammelte ſie,„das iſt ja zu viel.“ „Sie verdient mehr, als ich Ihr geben kann“, erwiderte die Primadonna,„ich bitte Sie aber, mit dem Wenigen zufrieden zu ſein und Ihre aufrichtige Freundin nicht zu vergeſſen.“„ Es ſchlug vom Stefansthurme halb zehn Uhr. —= 197 „Um Gotteswillen zieh Dich an, Kind“, rief die Mutter,„es iſt Zeit zur Audienz.“ Die Sängerin nahm hierauf mit einem Kuſſe von dem liebenden Mädchen Abſchied. Als ſie fort war, kam die Fürſtin hervor, flüſterte Lina ein paar liebens⸗ würdige Worte über ihren Anbeter in das Ohr und verließ dann gleichfalls eilig das vminöſe Haus. Als Lina fertig war, machte ihr die Mutter das Kreuz auf die Stirne und ſegnete ſie. „Nun es wird uns hoffentlich nicht den Kopf koſten“ ſagte Planta. „Nun, in Gottes Namen“, ſprach Lina,„zur Kaiſerin.“ * Als Planta vorgerufen wurde, ſtand Maria The⸗ reſia in einem Kleide von blauer Seide mit viereckigem Ausſchnitt, welcher ihre üppige Bruſt ſehen ließ, an ihrem Schreibtiſche und ſtützte die Hand auf denſelben. „Er macht mir ſchöne Geſchichten, mein Herr Offizier“, begann ſie,„fängt Amouren mit rechtſchaffenen Bürgermädchen an, verſpricht das Heirathen und weiß doch, daß die Gage, welche ich zahle, kaum für Ihn genug iſt.“ Der junge Offizier erſchrack nicht wenig, denn er 198 hörte ſeine eigenen Worte von geſtern aus dem Munde der Monarchin und erkannte ihre Stimme. „Majeſtät“, ſtotterte er,„ich— Sie— wie konnte ich denken“— „Nun, er hat mir recht böſe Dinge geſagt“, unter⸗ brach ihn die Monarchin lächelnd,„aber es ſei Ihm verziehen, erſtens weil ich gerne die Wahrheit höre, und dann, weil er mich gar ſo ſchön findet.“ Planta wurde über und über roth wie ein ver⸗ ſchämtes Mädchen. „Aber es hilft Ihm nichts“, fuhr Maria Thereſia fort,„Er muß jetzt die Deckermann heirathen, will Er?“ „Oh! ich bin der glücklichſte Menſch“, rief Planta. Maria Thereſia klingelte, Ihr vertrauter Kammer⸗ diener Gebler führte auf dieſes Zeichen, wie ſie es be⸗ fohlen hatte, die Jungfer Deckermann herein. Die Kaiſerin ging auf ſie zu und betrachtete ſie mit ſicht⸗ barem Wohlgefallen, plötzlich aber verfinſterte ſich ihre Stirne. „Wie kommt Sie zu dem Pelz, Mamſell“, ſagte ſie,„der iſt ja ein wahres Prachtſtück, hat Sie ſich den mit Ihrem Sticken verdient?“ „Zu dienen, Majeſtät“, erwiderte Lina uner⸗ ſchrocken,„ich habe ſehr viel für die Pompili gearbeitet 199 und die Signora hat mich ſehr lieb gewonnen und hat mir ihren eigenen Pelz zum Hochzeitsgeſchenk gegeben.“ „So“— die Stirne der Kaiſerin erheiterte ſich, „ich habe Sie rufen laſſen, weil ich gehört habe, daß Sie ein Ausbund der Tugend iſt. Hat Sie ihr Mo⸗ ralitätszeugniß bei ſich?“ Lina übergab es knieend der Monarchin, welche es langſam und aufmerkſam las. „Das iſt einmal ſchön“, ſagte Maria Thereſia, „ich liebe die Sittſamkeit. Sie geht wohl auch fleißig in die Kirche? Nun, ich gebe alſo meine Einwilligung, Sie kann meinen Offizier da heirathen und ſo lange Sie lebt hat Sie eine Penſion von mir und Ihre Bu⸗ ben ſollen in der Wiener Neuſtadt erzogen werden zu braven kaiſerlichen Offiziren, denn— das kann Ihr Zukünftiger da am beſten ſagen— wenn auch die Gage klein iſt, ſo iſt doch die Ehre groß.“ Die Liebenden warfen ſich der Monarchin zu Fü⸗ ßen, welche ſie ſegnete und dann huldvoll aufhob Nach ihnen erſchien der Präſident der Keuſchheits⸗ commiſſion, den Angſtſchweiß auf der Stirne, im Au⸗ dienzſaal. „Nun, es hat ſich Alles zum Beſten aufgeklärt mit 200 der Deckermann“, ſagte Maria Thereſia,„unſer Ver⸗ dacht war unbegründet.“ „Ja— ja— wohl“, ſtotterte der Präſident. „Aber Seine Officianten ſind keinen Schuß Pulver werth“, fuhr die Kaiſerin fort,„Ein jeder von Ihnen hat einen Anderen zu dem Mädchen gehen ſehen und das Beſte von der Sache iſt, ſogar Ihn hat man als den Verehrer des Mädchens denuncirt, denk' Er, Handl.“ Die Kaiſerin brach in ein ſchallendes Gelächter aus.— Und Abends, als der Kaiſer in ihr Boudvir trat, ſaß Maria Thereſia in ihrem grünen Schlafpelz auf dem türkiſchen Divan und lächelte ihm zu. „Habe ich wieder eine Strafe verdient?“ fragte er, ihre Negligèe muſternd. „Nein, heute ſoll es eine Belohnung ſein“, rief die Kaiſerin, die Zipfel ihres Schlafpelzes emporhebend, „ich habe Dich im Verdacht gehabt—“ „Mit wem denn wieder?“ „Mit einer gewiſſen Deckermann.“ „Und“ „Ich habe Dir Unrecht gethan. Das erſte Mal ſeitdem wir verheirathet ſind.“— „Du haſt mir jedesmal Unrecht gethan“, rief der 201 Kaiſer, indem er ſich neben ſie ſetzte und den Arm zärtlich um ſie ſchlang,„und wenn Du's nicht glaubſt, laß' ich mir ein Moralitätszeugniß geben von der ho⸗ hen Keuſchheitscommiſion.“ Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Johannes Scherr: NMichel. Geſchichte eines Deutſchen unſerer Zeit. Dritte, neu durchgeſehene Auflage. 2 ſtarke Bände. Elegant. broſchirt 9 Mark. Vin Pebrruzigtr oder Das Paſſionsſpiel von Zweite Auflage. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 3 Mark.“ Novellenbuch von JohannesScherr. 6 Bände. Preis pro Band 4 Mark 50 Pfg. verlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. ſſſſ ſſif 15 1 1 7 18 1 20 16