— S Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Zeſehedingungen 1. Ofrensein der Bibliothek. Die Bibligthek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines-Sages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— S auf 1 Monat: TW— 1 W 50 Pf. 2 M.— f. — 3 5„„—„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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December 1764, während Deutſchland unter den Schrecken und Verwüſtungen des ſiebenjäh⸗ rigen Krieges litt, an dem die Ruſſen als Verbündete der Kaiſerin Maria Thereſia Theil nahmen, ſaßen in dem kleinen Palaſte den ſich die Großfürſtin Katha⸗ rina, ſpätere Czarin Katharina II. erbaut hatte, um in demſelben, von ihrem Gatten, dem Thronfolger Pe⸗ ter, getrennt, ungehindert ihren literariſchen Neigungen und den Freuden der Liebe leben zu können, zwei Frauen an dem kleinen Marmorkamin, deſſen breiten Sims zwei Faune auf ihren hämiſchen Bocksköpfen trugen. Die eine derſelben, üppig ſchön und ohne be⸗ ſonders groß zu ſein von einer alles unterwerfenden Majeſtät, war die Gebieterin dieſer Räume, die galante und geiſtvolle Prinzeſſin, auf welche damals ſchon die Augen Europa's und alle Hoffnungen der ruſſiſchen 4 Nation gerichtet waren. Die kleine, graziöſe, ſchlanke Dame mit dem bleichen, nervöſen Geſichtchen, welche ihr Geſellſchaft leiſtete, war die neunzehnjährige Fürſtin Katinka Daſchkow, die Schweſter der Favorite des Thronfolgers, des Fräuleins Eliſabeth Woronzow. Die Großfürſtin, welche, die Arme über der im⸗ poſanten Büſte gekreuzt, in ihrem Sammtfauteuil lag, und die großen grauen Augen ſeit geraumer Zeit auf die verglimmenden Holzſcheite geheftet hatte, ſchien in ernſte, ja düſtere Gedanken verſunken, während ihre unruhige Freundin bald die Gluth mit dem kleinen Blasbalg anfachte, bald die Spitzen, mit denen ihre Seidenrobe beſetzt war, ordnete oder den dicken Por⸗ cellan⸗Chineſen auf dem Sims mit dem großen Kopfe wackeln ließ. Die Beiden ſchienen etwas mit Spannung zu er⸗ warten. Endlich rauſchte die Portiere und eine kleine dicke Frau mit gemeinen aber klugen Zügen kam raſch in das Zimmer. Es war die vertraute Kammerfrau und Liebes diplomatin der Großfürſtin, Jwanowna Tſchere⸗ kowskoja. „Nun, iſt es wahr?“ rief ihr die Großfürſtin, ſich lebhaft aufrichtend, entgegen. 5 „Ja“, ſagte die Kammerfrau,„es iſt alles rich⸗ ——— 2——— —————— 5 tig, die Kaiſerin Eliſabeth Petrowna liegt im Ster⸗ ben.“ Die Großfürſtin ſprang auf, ging zweimal mit großen Schritten durch das Zimmer und blieb dann, den herrlichen Arm auf den Kamin geſtützt, ſchweigend ſtehen. Die beiden Frauen betrachteten ſie lange Zeit, ohne ein Wort zu ſprechen, mit inniger Theilnahme, endlich erhob ſich die kleine Fürſtin und indem ſie die Hand Katharina's ergriff, ſprach ſie:„So traurig in dem Augenblicke, wo Sie an dem Ziele Ihrer Wünſche ſtehen, wo Ihnen die Krone winkt?“ „Ich bin nicht traurig, Katinka“, entgegnete die Großfürſtin mit jenem liebenswürdigen Ton, der ihr alle Herzen gewann,„nur ernſt, ſo ernſt, wie es meine Lage erfordert. Weiß ich, was mich in den nächſten Stunden erwartet? Mein Gemahl liebt mich nicht.“ „Weil Ihr überlegener Geiſt ihn in Schatten ſtellt“, rief die Fürſtin Daſchkow. „Er liebt mich nicht“, wiederholte Katharina,„und doch wird er mir nie verzeihen, daß ich einen Andern zu lieben mich hinreißen ließ. Er hat mehr als ein⸗ mal gedroht, mir das Haar ſcheeren und mich einſperren zu laſſen. Ich muß beſorgen, daß er, wenn er die Macht dazu in Händen hat, ſeinem Haß gegen mich die Zügel ſchießen läßt.“ 6 „Sie ſollten Ihren Gemahl beſſer kennen“, lachte die Daſchkow,„im Augenblicke des Zornes decretirt er die tollſten Dinge, eines Nero würdig, und einige Stunden ſpäter hat er ſeine eigenen Befehle ſo voll⸗ kommen vergeſſen, daß er oft das Gegentheil thut.“ „Hat er nicht den jungen Polen Poniatowski, als er ihn in der Maske eines Friſeurs in Oranien⸗ baum vor meinem Palaſte ertappte, hängen laſſen wollen?“ warf Katharina ein. „Aber er hat ihn doch nicht gehängt“, rief die kleine Fürſtin. „Und einige Tage ſpäter hat Niemand ſo ſehr über das ganze Abenteuer gelacht, wie der Großfürſt Peter“, fügte die Kammerfrau hinzu,„und wie war es mit dem Koſaken Unufri, der ihn beſtahl? Am er⸗ ſten Tage wollte er ihn hängen, am zweiten knuten laſſen, am dritten wurde er zu ewigem Gefängniß ver⸗ urtheilt, und nach ein paar Wochen freigelaſſen und iſt jetzt dem Prinzen der Liebſte unter ſeinen Bedien⸗ ten. Euer Mann, Katharina, iſt ein Narr, ein reiner Narr, wenn Ihr Euch die Mühe nehmen wolltet, ihn zu behandeln, er würde Euch aus der Hand freſſen.“ Die beiden Damen brachen über die draſtiſche Auseinanderſetzung der dicken Kammerfrau in ein lau⸗ tes Gelächter aus. ee 7 „Er wird es ſich überlegen, gegen Euch was zu unternehmen“, fuhr dieſe indeß fort,„er weiß, daß ihn Niemand liebt, was ſoll man auch von einem Manne erwarten, welcher alles, was ruſſiſch iſt, ver⸗ achtet und der ergebene Diener des Königs von Preu⸗ ßen iſt, den er, gleich einem Affen, in Allem nach⸗ ahmt. Er weiß ebenſo gut, daß die Großen des Rei⸗ ches, wie das Volk Euch verehren, denn Ihr ſchätzt die ruſſiſche Kirche und unſere alten Sitten, und ſeid ebenſo wohlmeinend und klug, als er ein boshafter Dummkopf iſt.“ „Wenn er aber meinen Zuſtand entdeckt?“ fiel die Großfürſtin ein.„Bis jetzt iſt es meiner treuen Katha⸗ rina Jwanowna gelungen, ihm durch weite, faltige Gewänder das gefährliche Geheimniß zu verbergen, aber mit jedem Tage wird die Gefahr der Entdeckung größer, beſonders wenn er Kaiſer wird und ich an ſeiner Seite öffentlich erſcheinen ſoll, ich kann doch nicht im— Schlafrock den Thron beſteigen?“ „Laßt nur mich machen“, erwiderte die Kammer⸗ frau,„er trägt ſeinen preußiſchen Rock, Ihr werdet dafür in der ruſſiſchen Tracht erſcheinen und ihm weis machen, daß es nur zu ſeinem Vortheil geſchieht, um das Volk zu beſänftigen, das die fremden Kleider verabſcheut. Auch kömmt uns der Winter zu ſtatten, 8 der einen ſolchen Anzug rechtfertigt, und ehe das Früh⸗ jahr kömmt iſt ja ſo alles, mit Gottes Hilfe, überſtanden.“ „Du haſt recht, ich will thun wie Du geſagt“, ſprach die Großfürſtin nach einer Pauſe,„und ich will meinen Stolz ganz bei Seite ſetzen und ihm mit aller Freundlichkeit entgegenkommen, ſehe ich mich aber trotz⸗ dem von ſeinem Haß bedroht, dann bin ich entſchloſ⸗ ſen, das Aeußerſte zu wagen, ich ſtelle mich unter den Schutz der Nation, erkläre ihn für wahnſinnig und ergreife ſelbſt die Zügel der Regierung. Früher oder ſpäter muß es doch ſo kommen, ich kann nicht gehor⸗ chen, ich bin geboren um zu herrſchen und will lieber Feiheit und Leben verlieren, als mein ganzes Daſein in einem Boudvir verträumen.“ „Jetzt erkenne ich die große Seele meiner Katha⸗ rina wieder“, rief die Fürſtin Daſchkow begeiſtert, „was haben wir zu fürchten? Wenig, während uns das höchſte Ziel winkt. Treten Sie ihrem Gemahl furchtlos entgegen und er wird beginnen Sie zu fürch⸗ ten. Ihnen gebührt der Hermelin und Sie müſſen, Sie werden den Thron beſteigen und müßten ſie über ihn wegſchreiten.“ Sie iß todt“ rieß in dieſen Augenblicke ein kleiner Mann in Koſakentracht, welcher leiſe und demüthig eingetreten und an der Thüre ſtehen ge⸗ ** — —— ——— 9 blieben war, der Kammerdiener der Großfürſtin, Schkurin. „Wer— die Kaiſerin?“ fragte Katharina. „Ja, ſie iſt ſo eben ſelig im Herrn entſchlafen. Der Großfürſt Peter iſt im Winterpalaſte, Alles eilt, ihm zu huldigen.“ Katharina ſchien einen Augenblick nachzuſinnen, dann ſagte ſie:„Ich will zu ihm, kleide mich raſch an, Katharina Jwanowna, und zwar— ruſſiſch— ver⸗ ſtehſt Du, ſo ruſſiſch als nur möglich.“ * In einem kleinen, mit gelbem Damaſt tapezirten Saale des Winterpalaſtes ſtand der neue Kaiſer von Rußland, Peter III., den Rücken an den maſſiven, reich verzierten Ofen gelehnt und wärmte ſich. Er trug die Uniform ſeiner holſteiniſchen Garde nach preußiſchem Schnitt, deren echt militäriſches Anſehen mit ſeiner ſchwächlichen, krankhaft erregten Erſcheinung ſonderbar kontraſtirte, er hatte das Haar in zwei großen Locken an den Schläfen, ſtark gepudert und den preußiſchen Zopf; während er aus einer kleinen Thonpfeife unab⸗ läßig dampfte, ſtützte ſich ſeine Rechte auf einen Rohr⸗ ſtock. Um ihn ſtanden ſeine Adjutanten und einige Kammerherren und Hofbediente, denen er Befehle er⸗ theilte. N 10 „Hat man dem Senate das Ableben der Kaiſerin angezeigt?“ fragte er. „Auf der Stelle, Majeſtät“, erwiderte der General Melgurow, der zu den beſonderen Lieblingen Peters gehörte. „Und der Shynode?“ „Alle Ihre Befehle, Majeſtät, ſind pünktlich voll⸗ zogen worden.“ „Gut, gut“, ſagte Peter, indem er auf- und ab⸗ ging,„Alles muß fortan militäriſch gehen, raſch und ſtramm, echt preußiſch. Der König von Preußen ſoll mit mir zufrieden ſein. Wo iſt Wolkow?“ Ein Kammerherr eilte, den Genannten zu holen. Als er eintrat, rief der Kaiſer:„Nun, geheimer Rath, was iſt mit unſerem Manifeſt, mach mir nicht zu viele Worte, vergiß nicht, daß ich kein Profeſſor und kein Diplomat bin, ſondern ein Soldat. Faſſe Dich kurz, kurz, Wolkow, dans la manière du roi de Prusse.“ „Hier iſt das Manifeſt“, ſagte der geheime Rath, daſſelbe ſeinem Gebieter übergebend, welcher es über⸗ flog.„Gut“, rief dieſer,„ganz meine Intentivn.“ Dann nahm er die Feder, welche ihm Wolkow über⸗ reichte, und unterzeichnete das Document. „Befehlen Majeſtät nicht, daß man die Kaiſerin benachrichtige?“ fragte der Kammerherr Woronzow. ——— 1¹ „Welche Kaiſerin?“ „Hochdero Gemahlin.“— „Ja ſo, meinetwegen, man ſoll ſie aviſiren, man ſoll ihr ſagen, daß ich ihr befehle auf der Stelle—“ „Da iſt ſie ſelbſt“, flüſterte Wolkow. Wirklich rauſchten Frauengewänder und Katha⸗ rina, von der Fürſtin Daſchkow gefolgt, trat in den Saal. Sie trug über der ſilbergrauen Seidenſchleppe eine lange und weite ruſſiſche Jacke von kirſchrothem Sammt, prächtig mit Zobelpelz gefüttert und ausge⸗ ſchlagen und reich mit Gold verſchnürt, auf dem ſchnee⸗ weiß gepuderten ſtolzen Haupte eine Koſakenmütze von Zobelpelz, an der mittels einer Diamantenagraffe ein kleiner weißer Federbuſch befeſtigt war. „Ich komme Dich zu beglückwünſchen, mein Ge⸗ mahl“, begann ſie mit ihrer ſchönen energiſchen Stimme. „Danke Dir“, ſchnitt ihr Peter das Wort ab, „aber was ſoll dieſer Carnevalsſcherz, wir ſind, denke ich, nicht in Moskau zur Zeit IJwan des Schreck⸗ lichen.“ „Soll ich etwa gleich Dir die preußiſche Uniform und den Zopf tragen“, erwiderte Katharina raſch,„mit Pfeife und Stock herumgehen?“ Peter brach in ein lautes, pöbelhaftes Lachen aus. „Nein, zum Soldaten taugſt Du nicht“, rief er;„denn 12 — Du kannſt nicht gehorchen, und Disciplin iſt die Hauptſache.“ „Da ich aber weiß, daß Du die franzöſiſche Tracht ebenſo wenig liebſt, wie alles Uebrige franzöſiſche We⸗ ſen“, fuhr Katharina fort,„werde ich fortan die ruſ⸗ ſiſche tragen und damit zugleich unſerem Volke ſchmei⸗ cheln, das den preußiſchen Schnitt Deiner Kleider nicht eben gern ſieht.“ „Wie politiſch“, ſpöttelte Peter III. „Ich denke, es iſt der Augenblick gekommen, mein Gemahl, wo wir es ſein müſſen“, erwiderte Katharina ruhig. „Majeſtät“, meldete jetzt Wolkow, ſich demüthig nähernd,„der Senat iſt erſchienen, um Ihnen zu hul⸗ digen.“ „Führt Alle in den Thronſaal“, rief Peter, klopfte ſeine Pfeife aus, um ſie dann, gleich einem Grenadier Friedrich des Großen, in die Taſche ſeiner Uniform zu ſtecken und reichte Katharina den Arm. In dem großen Prunkſaale angelangt, ſtieg der Kaiſer mit ſeiner Gemahlin die Stufen des Thrones empor, und da nur ein Sitz da war, winkte er Katharina, ſich niederzulaſſen, und empfing, neben ihr ſtehend den auf preußiſche Art geſtülpten Hut mit breiter Treſſe und einer kleinen Kokarde von weißem Pferdehaar auf dem 13 Kopfe, auf ſeinen Rohrſtock geſtützt, die Huldigung der Großen des Reiches, des Senates, der Synode, der Miniſter und Generale ſowie der Behörden. Aus dem Thronſaale begab ſich hierauf das kaiſerliche Paar in die Hofkapelle, wo der Staatsrath Wolkow, wie es üblich war, das Manifeſt verlas, mit dem Peter III. ſeinen Regierungsantritt begleitete. Er nannte ſich in demſelben den einzig wahren und rechtmäßigen Erben des ruſſiſchen Kaiſerthrones und verhieß„in allen Stücken in die Fußtapfen des weiſen Monarchen, ſei⸗ nes Großvaters, Peters des Großen, zu treten, und ſolchergeſtalt das Wohl ſeiner Unterthanen noch mehr emporzubringen.“ Der Erzbiſchof von Nowgorod, Setſchin, erwiderte hierauf mit großer Salbung:„Kaiſer Peter Feodoro⸗ witſch, Ebenbild Peters des Großen, ſowol dem Na— men als auch der That nach, wir bringen Dir, was ſchon Dein Eigen iſt. Beſteige den ſouverainen erbli⸗ chen Thron Deiner Vorfahren, der Dir bereits im Jahre 1742 durch unſeren Eid erblich verſichert wor⸗ den iſt, und deſſen rechtmäßigen Beſitz Europa und Aſien Dir zuerkannt.“ Nach einem feierlichen Gottes⸗ dienſte folgte die Eidesleiſtung der Truppen, unter Commando des General⸗Feldmarſchalls Fürſten Tru⸗ betzkoi. Die Leibeompagnie war im großen Saale 14 verſammelt, während die Garden und die Feldregi⸗ menter vor dem Palaſte aufgeſtellt waren. Hunderte von Fackeln verwandelten die Nacht in Tag. Der Kaifer ritt langſam die Front der Truppen ab, wäh⸗ rend dieſelben das Gewehr präſentirten und unter klingendem Spiel die Fahnen vor ihm ſenkten. Die erſten Regierungsacte Peter III. ſchienen wirk⸗ lich einen allgemeinen Umſchwung zu verheißen. Er ſchloß Frieden mit Friedrich dem Großen, rief 20,000 Verbannte aus Sibirien zurück, hob die ſogenannte geheime Kanzlei, eine Art politiſcher Inquiſition, auf, ebenſo die Folter und die Strafe der Knute. Dem Senate wurde das preußiſche Landrecht zur Annahme und Ueberſetzung in das Ruſſiſche vorgelegt. Drückende Handelsmonopole wurden aufgehoben, die Salzpreiſe, vorzüglich mit Rückſicht auf die ärmeren Klaſſen, her⸗ abgeſetzt. Beinahe zu gleicher Zeit begann aber der neue Czar durch ſeine Verfügungen in religiöſen Dingen insbeſondere die Geiſtlichkeit und das Volk gegen ſich aufzuregen. Er beſchäftigte ſich ernſtlich mit dem Ge⸗ danken, alle Kloſtergüter einzuziehen, ſchaffte Faſten und Heiligenbilder ab, befahl den Prieſtern, ihre Bärte zu ſcheeren und gleich den proteſtantiſchen Paſtoren kurze Röcke zu tragen. Dies Alles beleidigte das Ge⸗ 6——————— 15 fühl der Maſſen nicht weniger, als die Soldaten ſich mit Schmerz von den ruſſiſchen Uniformen trennten und die von Peter III. ihnen octrohrten preußiſchen anlegten. Die Kaiſerin Katharina war dagegen ſo klug, ſtets in ruſſiſcher Tracht zu erſcheinen und die ſtrengen Faſten ſo wie alle anderen Gebräuche der ruſſiſchen Kirche mit Oſtentation zu beobachten. So gewann ſie immer mehr Boden, während Pe⸗ ter III. bei ſeinem Volke und ſeiner Armee von Tag zu Tage unbeliebter und endlich ſogar förmlich ver⸗ haßt wurde Wenn der Senat trotzdem bei ihm um die Er⸗ laubniß nachſuchte, ihm eine goldene Bildſäule ſetzen zu dürfen, ſo klang dies beinahe wie Ironie und einen noch traurigeren Eindruck machte die Antwort, welche Peter III. demſelben gab:„der Senat könne dem Golde eine beſſere Beſtimmung geben, da er hoffe, ſich ein bleibenderes Denkmal in den Herzen ſeiner Unter⸗ thanen zu ſetzen.“ ℳ ** Monate waren ſeit der Thronbeſteigung Peter III. vergangen, während er ſich durch ſeine Verachtung der ruſſiſchen Kirche und Sitten, die Einführung der preu⸗ ßiſchen Uniform und Zucht in der Armee die Herzen 16 ſeiner Unterthanen und Soldaten vollſtändig entfrem⸗ det hatte und mit ſeinen Damen und Günſtlingen die Nächte hindurch wuſte Orgien feierte, lebte die Kaiſerin Katharina zurückgezogen in einem Kreiſe liebenswür⸗ diger und geiſtreicher Menſchen. Wenn die Geſellſchaf⸗ ten des Kaiſers an die Wachtſtube mahnten, ſo glichen ihre Cirkel den Pariſer Salons, hier wie dort war die Literatur der Brennpunkt der Unterhaltung. Immer näher rückte der Tag heran, vor dem ſich Katharina, welche von dem Jähzorn des Kaiſers das Schlimmſte beſorgen mußte, ſo ſehr fürchtete. Den 29. April 1762 Nachmittags war ſie nicht mehr im Zweifel, daß ſie jede Stunde die Kataſtrophe erwar⸗ ten dürfte. Sie lag in ihrem Schlafgemach, in einen mit dunklem Pelzwerk gefütterten und beſetzten grün⸗ ſeidenen Schlafpelz eingehüllt, auf einem Divan, um ſie waren ihre Vertrauten, die Fürſtin Daſchkow, die Kammerfrau Tſcherekowskoja und Graf Panin, der Erzieher ihres Sohnes, des Großfürſten Paul, ver⸗ ſammelt. „Das Wichtigſte wäre, den Kaiſer zu jener Zeit ferne zu halten, wo das Ereigniß eintritt“, ſagte die Daſchkow,„er müßte unter irgend einem Vorwand be⸗ ſtimmt werden, für einige Stunden den Palaſt zu verlaſſen.“ 17 „Wie wäre das möglich?“ fragte Katharina. „Es muß möglich gemacht werden“, rief die Für⸗ ſtin,„iſt er im Palaſte, ſo ſind wir keinen Augenblick ſicher, daß er ſeine Geſellſchaft verläßt, um Ihnen irgend einen rohen Scherz, der in derſelben in Scene geſetzt wurde, mitzutheilen, und dann—“ „Dann bin ich verloren“, murmelte Katharina. „Ich werde mit Schkurin ſprechen“, ſagte die Kammerfrau,„das iſt ein ſchlauer und entſchloſſener Mann, der vor Nichts zurückſchreckt und Euch bis in den Tod ergeben iſt.“ „Rufe ihn, ich ſelbſt will mit ihm reden“, ſagte Katharina. Der Kammerdiener erſchien, hörte die Kaiſerin an und ließ dann ſeine grauen Fuchsaugen auf dem Parquet haften, jedoch nur einen Augenblick, dann glitt ein verſchmitztes Lächeln von einem ſeiner breiten Mundwinkel zu dem andern.„Wenn es Nichts wei⸗ ter iſt, das wäre leicht zu machen“, murmelte er. „Wie Schkurin?“ fragten beinahe Alle zugleich. „Sehr einfach“, ſprach der Kammerdiener,„der Kaiſer läßt ſich die neuen Feueranſtalten, die er ein⸗ geführt hat, ganz beſonders angelegen ſein, und iſt bei jedem Feuer ſtets der Erſte an Ort und Stelle, Tag und Nacht ſtehen zu dieſem Zwecke Pferde geſattelt. 2 Sacher-Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. IW. Man wird alſo ſehen, daß es heute Abend irgendwo brennt, recht entfernt, allenfalls in Waſilii Oſtrow.“ „Du wärſt im Stande, Feuer anzulegen, Schku⸗ rin!“ ſchrie Katharina auf. „Warum nicht?“ erwiderte der Kammerdiener, die Achſeln zuckend. „Denkſt Du nicht an die armen Menſchen, die ihr Hab und Gut dabei verlieren?“ „Nun, ich werde mein eigenes Häuschen in Wa⸗ ſilii Oſtrow anzünden“, ſagte Schkurin. „Vortrefflich“, rief Katharina,„morgen ſollſt Du den doppelten Werth von mir erhalten.“ Schkurin verneigte ſich und verſchwand hinter der Portiére.— ——— — In einem kleinen einfach möblirten Saal des Winterpalaſtes unterhielt ſich Peter III. wie gewöhn⸗ lich mit ſeinen Getreuen. An einer langen Tafel ſaßen bunt durcheinander der Kaiſer, ſeine Favorite Eliſa⸗ beth Woronzow, Gräfinnen, Schauſpielerinnen, Gene⸗ rale, Staatsräthe und einige junge holſteiniſche Offi⸗ ziere, welche ſich zu Lieblingen Peter's aufgeſchwungen hatten. Man trank, ſang und dampfte Tabak, daß die ganze Geſellſchaft wie im Nebel ſaß. „Du ſollſt leben, kleiner Eisbär“, rief der Czar, 19 ſein mit blutrothem Burgunder gefülltes Glas ſeiner Favorite zutrinkend. Eliſabeth Woronzow, welche mit ihrem unförmlich dicken Körper, ihrem großen Kopfe, ihrer ſtumpfen aufgeworfenen Naſe und den kleinen lebhaften Augen, welche aus ihrem von Blattern zerriſſenen Geſichte hervorblinzelten, wirklich etwas an einen Bären mahnte, ſprang auf und ſchrie:„Wenn ich ein Bär bin, ſo biſt Du ein Storch, Peter, ein Storch mit einem lan⸗ gen Schnabel und zwei langen mageren Beinen und dies auf Dein Wohl.“ Sie nahm ein Glas Waſſer und ſchüttete es ihm in's Geſicht. Peter III. lachte über dieſen groben Spaß wie toll und der ganze Kreis ſtimmte, ohne ſich durch die anweſende Majeſtät be⸗ irren zu laſſen, laut ein. Unter den Verbannten, welche Peter II. amneſtirt hatte, befanden ſich auch der General Münnich, der Herzog Biron und der ehemalige vertraute Leibarzt der Czarin Eliſabeth, Leſtog. Biron war durch Münnich, Münnich durch Leſtoq geſtürzt worden. Insbeſondere waren die erſten zwei unverſöhnliche Gegner. Eben deshalb zog ſie der Kaiſer mit Vor⸗ liebe in ſeinen Abendeirkel, um ſich an ihren Feind⸗ ſeligkeiten zu beluſtigen. Eben jetzt ſaßen Münnich und Biron an der Tafel einander gegenüber, und der 0* 20 Czar, der beſonders gut aufgelegt war, rief plötzlich: „Herzog Biron, ſtoßen Sie mit den General Münnich an.“ Als Beide zögerten, rief er von Neuem:„Stoßen Sie an, ich befehle es.“ Biron, der bis in die Lippen bleich geworden war, ergriff ſein Glas und erhob ſich, Münnich folgte ſeinem Beiſpiel, da ſtürzte ein Adjutant herein und unterbrach die ſeltſame Scene durch die Meldung, daß es in dem entfernteſten Theile von Waſſilii Oſt⸗ row brenne. Sofort ſprang der Kaiſer auf, ſchnallte ſeinen Degen um, ſtülpte ſeinen Hut auf und eilte hinaus. Kaum hatte er den Saal verlaſſen, maßen ſich die beiden Gegner ſtumm, mit einem Blicke voll Haß und Verachtung, und kehrten einander den Rücken.——— In dem Augenblicke, wo der Kaiſer an den Gemä⸗ chern ſeiner Gemahlin vorübereilte, kam ihm der Gedanke ſie zu beruhigen. Ohne etwas Arges zu ahnen, war er nahe daran, die ganze Intrigue zu vereiteln und das ſeit Monaten mit ſo viel Raffinement bewahrte Geheimniß zu entdecken. Aber zum Glück für Katharina begnügte er ſich damit, die Thür ihres Schlafgemaches zu öffnen und hineinzurufen,„ſie ſolle ſich nicht ängſtigen, das Feuer ſei weit entfernt und ohne Bedeutung.“ „ 2⁴ Dann warf er ſich auf das bereit ſtehende Pferd und ſprengte davon. Als er gegen Morgen zurückkehrte, war Alles glücklich vorüber und die Kaiſerin konnte nach mehr⸗ monatlicher Angſt endlich aufathmen. Vier Wochen nach dem Brande in Waſſilii Oſtrow verließ die Kaiſerin zum erſten Male den Palaſt, um ihren Gemahl auf dem Exercirplatze zu beſuchen, wo er perſönlich von 7 Uhr früh bis Mittag und von Mittag bis Abend ſeine Truppen nach dem preußiſchen Reglement drillte. Sie kam eben dazu, wie Peter II. einen Soldaten, der den Parademarſch durchaus nicht begreifen wollte, mit ſeinem Rohrſtocke jämmerlich zu⸗ ſammenprügelte.„Wie kannſt Du Dich nur einer ſol⸗ chen Bagatelle wegen ſo ſehr erhitzen“, ſagte Katharina. „Der Parademarſch iſt keine Bagatelle“, erwiderte Peter,„ihm dankt Friedrich der Große alle ſeine Siege.“ „Ich dachte bis jetzt ſeinem Genie“, wendete die Kaiſerin ein. „Was nützt das Genie des Feldherrn, wenn ſeine Soldaten nicht marſchiren können“, ſchrie Peter,„was willſt Du übrigens da, hier iſt kein Bureau d' esprit und wir beſchäftigen uns weder mit Voltaire noch mit Diderot.“ „Ich bin gekommen, um Deine Soldaten zu ſehen“, ſagte Katharina,„und die Wunder, welche, wie man mir erzählt, das preußiſche Exercitium bei ihnen übt.“ „Das läßt ſich hören“, brummte Peter II,„ja! ja! wir machen Fortſchritte. Wenn mir der König von Preußen in einem Jahre den Befehl ertheilt, für ihn die Hölle zu erobern, ich nehme ſie mit meinen Soldaten, ich nehme ſie.“ „Du betrachteſt Dich alſo nur als ſeinen Gene⸗ ral?“ „Ja, und ich bin ſtolz darauf es zu ſein.“ „Wenn Du in Allem Preußen nachahmſt, könnteſt Du mir auch, wie es dort die Königin und die Prin⸗ zeſſinnen haben, ein Regiment geben“, ſagte Katharina, welche damit den Plan verfolgte, ſich bei den Soldaten einzuſchmeicheln. „Ein Regiment“, murmelte Peter,„warum nicht, wenn es in Preußen ſo iſt, iſt es jedenfalls in Ord⸗ nung. Aber vorher muß man das Exercitium kennen, Madame, und den Parademarſch, muß ſelbſt Disciplin haben, ehe man commandirt, ich ſelbſt habe alle Grade in der preußiſchen Armee durchgemacht. Du ſollſt heute noch als Gemeiner zum Regimente Jmailow aſſentirt werden.“ Katharina lachte. 23 „Das iſt mein Ernſt, Madame, und jetzt laſſen Sie uns unſere Pflicht erfüllen.“ Er begann wieder den Drillmeiſter zu ſpielen, während Katharina ihre Promenade fortſetzte. An demſelben Abende war die Kaiſerin eben da⸗ mit beſchäftigt, ſich Voiltaire's Pucelle von der Fürſtin Daſchkow vorleſen zu laſſen, als Peter III., die kleine Thonpfeife im Munde, und von dem General Melgu⸗ row, der eine Soldatenflinte trug, gefolgt, eintrat. „Laß jetzt einmal den franzöſiſchen Quatſch“, be⸗ gann der Kaiſer,„wir wollen exerciren.“ „Vortrefflich“, rief die Kaiſerin, der die Sache Spaß machte und ſprang lebhaft auf,„aber in dieſen Kleidern, das geht doch nicht.“ „Es wird ſchon gehen, wenn man einen tüchtigen Exercirmeiſter hat, für den mich ſogar der König von Preußen gelten läßt“, entgegnete der Kaiſer ſtolz. „Und ich?“ rief die kleine muthwillige Fürſtin Daſchkow,„darf ich auch mitexerciren?“ „Gewiß, Prinzeſſin, wenn es Ihnen Vergnügen macht“, ſagte Peter III. geſchmeichelt,„aber aſſentiren kann ich Sie nicht, weil Sie das Militärmaß nicht haben.“ „Alſo eine zweite Flinte“, ſprach Katharina. Der General beeilte ſich dieſelbe zu bringen und 24 dann begann in dem anſtoßenden leeren Vorſaal das Exercitium. Es war ein koſtbares Schauſpiel, die große, kräftige Kaiſerin und die kleine Fürſtin neben einander im Gliede ſtehend, die Flinten im Arm, und der Kaiſer, den Hut auf dem Kopfe, die Pfeiſe im Munde, den Stock in der Hand, mit der ganzen Gra⸗ vität eines preußiſchen Corporals, vor der Front, die ſeltenen Rekruten in den Handgriffen unterweiſend. Zu ſeiner nicht geringen Ueberraſchung ging alles er⸗ ſtaunlich gut, denn die beiden ſchönen Frauen begriffen denn doch ein wenig raſcher als die gemeinen Sol⸗ daten. „Sieh, General, wie das klappt, wie ſtramm ſie ſich halten“, ſagte Peter zu Melgurow,„weit beſſer ſogar als unſere Holſteiner, jetzt erkläre ich mir die Geſchichte von den Amazonen.“ „Du wärſt im Stande noch eine zweite Armee aus Weibern zu errichten“, ſpottete die Kaiſerin. „Ruhig im Glied“, ſchrie Peter III ſie an. „Aber—“ „Ruhig!“ wiederholte er, mit dem Fuße ſtampfend, „Schultert— präſentirt das Gewehr.——“ Nun wurde täglich exercirt und die beiden Damen übertrafen bald die älteſten Grenadiere der Garde an Fertigkeit und an Raſchheit vorzüglich in den Tempos 25 beim Laden, deren Ausbildung bei ſeinen Truppen Friedrich dem Großen ſeine Siege erfechten half. Der Kaiſer war über dieſe Fortſchritte ſehr erſreut aber Katharina hatte ſich trotzdem ihm gegenüber eine weit ſchwierigere Stellung geſchaffen, denn er ſah in ihr jetzt weniger ſeine Gemahlin, als vielmehr den ge⸗ meinen Soldaten, als der ſie beim Garderegimente Ismailow eingereiht war, und forderte als ihr General unbedingten Gehorſam. Bei einem Feſte, das er in dem Schloſſe Oranien⸗ baum, ſeinem Lieblingsaufenthalte im Sommer, gab, befahl er ihr, die ſonſt an ſeinen lärmenden und wilden Unterhaltungen nie Theil nahm, zu erſcheinen. Sie ge⸗ horchte. Ihre ſcheinbare Unterwerfung machte ihn noch übermüthiger. Als der Wein die Köpfe der An⸗ weſenden und den ſeinen insbeſondere erhitzt hatte, be⸗ fahl er plötzlich ſeiner Gemahlin, ſeine Favorite Eliſa⸗ beth Woronzow mit dem Katharinenorden zu decvriren. Der ganze heitere Kreis erſchrack über dieſe Zu⸗ muthung und erwartete einen ernſten Zuſammenſtoß der beiden Gatten; um ſo größer war das Erſtaunen, als Katharina ſich von ihrem Sitz erhob und ihrer Nebenbuhlerin lächelnd das Band um den Hals legte. Peter III. war auf Alles gefaßt geweſen, nur nicht auf ein ſo raſches und liebenswürdiges Nachgeben von 26 Seite Katharina's. Nun ſtieg ſeine boshafte Luſt, ſie zu quälen und zu demüthigen, auf das Höchſte. „Eine Pfeife für meine Frau“, befahl er ſeinem Adjutanten. „Bemühen Sie ſich nicht“, fiel Katharina artig, aber feſt ein. „Du wirſt rauchen“, gebot Peter. „Ich rauche nicht“, entgegnete die Kaiſerin mit ſtolzer Ruhe. „Was biſt Du?“ ſchrie jetzt Peter im Zorn,„Du biſt ein gemeiner Soldat, ein gemeiner Soldat muß rauchen, und was bin ich? ich bin Dein General! und ich befehle Dir zu rauchen, folglich muß Du rauchen.“ Katharina ſtand auf und verlangte ihren Wagen. „Da geblieben, iſt das Subordination?“ ſchrie Peter. Sie warf ihm nur noch einen raſchen verächtlichen Blick zu, um dann den Saal und wenige Augenblicke ſpäter Oranienbaum zu verlaſſen. Der Kaiſer ſchäumte vor Wuth:„Ich laſſe ſie füſiliren“, ſchrie er,„auf Inſubordination ſteht der Tod. Sie ſoll mich kennen lernen, füſiliren laſſe ich ſie, füſiliren.“ Am folgenden Morgen kam der General Melgurow, von dem Kaiſer abgeſchickt, in den Palaſt der Kaiſerin und meldete ihr, daß er dei Befehl habe, ſie zum Pro⸗ 27 foß zu führen. Katharina konnte bei dieſer uner⸗ hörten Mittheilung unmöglich ernſt bleiben, ſie brach in ein lautes Lachen aus und ſagte endlich:„Was iſt das für ein Scherz, wir ſind doch nicht im Carneval?“ „Es iſt voller Ernſt“, gab der General zur Ant⸗ wort,„und ich bitte Euere Majeſtät, ſich dem Willen des Kaiſers zu fügen. In einer Stunde wird er ſeinen Befehl zurücknehmen, denn geſtern Abend wollte er Sie erſchießen, vor zwei Stunden noch Gaſſen laufen laſſen und eben jetzt hat er ſich für den Profoßenarreſt entſchieden.“ „Gut, ich will mich diesmal noch fügen“, ſprach Katharina,„aber Sie geſtatten mir wol, erſt Toilette zu machen?“ Der General verneigte ſich. Eine Stunde ſpäter befand ſich die Kaiſerin beim Profoß. Die erſte Regung, als ſie die Thüre hinter ſich ſperren hörte und ſich in dem großem Zimmer mit den vergitterten Fenſtern gefangen ſah, war laut und herzlich zu lachen, dann begann ſie ſich in ihrem Kerker umzuſehen und bemerkte jetzt erſt, zu ihrer nicht ge⸗ ringen Ueberraſchung, daß ſie nicht allein war. Auf einer hölzernen Pritſche lag ein Mann aus⸗ geſtreckt, der, in ſeinen Soldatenmantel gewickelt, einen geſunden Schlaf ſchlief. Neugierig, ihren Schickſalsge⸗ * 28 noſſen kennen zu lernen, näherte ſich die Kaiſerin ihm und blickte, über ihn gebeugt, in ein Antlitz von ſeltener männlicher Schönheit. „Ein ſchöner junger Mann“, murmelte ſie, wer mag es ſein? am Ende ein gemeiner Soldat?“ Und doch konnte ſie ſich nicht losreißen, ja ſie neigte ſich mehr und mehr zu ihm hinab, ſchon waren ihre Lippen nahe daran, ſeine Stirne zu berühren, da regte er ſich und erwachte. „Ein Traumbild“, murmelte er, indem er ſie an⸗ ſtaunte,„nein! nein! ein Weib, ein lebendiges Weib!“ ſogleich ſprang er auf und ergriff ihre Hand, welche ſie ihm willig überließ.„Wer ſind Sie und wie kommen Sie hierher?“ „Kennen Sie mich nicht?“ gab Katharina lachelnd zur Antwort. „Mein Gott— Sie— Sie ſind“, ſtammelte er. „Ich bin die Kaiſerin—“ Der ſchöne Mann warf ſich raſch vor ihr auf ein Knie und blieb ſo, das Haupt demüthig geneigt, liegen. „Was thun Sie“, fuhr Katharina heiter fort, „wir ſind jetzt Genoſſen, Kameraden, und ich gefangen ſo wie Sie, ſtehen Sie doch auf, wir wollen ſehen wie wir die Zeit tödten. Vor Allem, wie heißen Sie?“ 29 „Mein Name iſt Gregor Orlow, ich bin Lieutenant bei der Artillerie.“ „Und Ihr Vergehen?“ „O! mehr als das, ein Verbrechen.“ „Ein Duell?“ „Nein, Majeſtät, viel ärger, ich habe mir die Freiheit genommen der Prinzeſſin Kurakin, Verlobten des Generals Schuwalow, beſſer zu gefallen als der General.“ Katharina lachte.„Das iſt allerdings ein Maje⸗ ſtätsverbrechen“, rief ſie. „Nein, dieſes bin ich eben im Begriffe jetzt zu be⸗ gehen“, verſicherte der ſchöne Offizier. „Es wird immer beſſer“, ſpottete die Kaiſerin. „Das Glück mit der ſchönſten Frau der Erde, und noch dazu auf Befehl des Gemahls dieſer Frau, zu⸗ ſammen eingeſperrt zu ſein, wird einem nichtzum zweiten Male zu Theil“, rief Orlow,„ein Thor, der die Ge⸗ legenheit nicht benützt—“ „Mein Herr—“ „Ol ſieh mich nicht ſo ſtrenge an“, fuhr Orlow fort,„Du Göttin aus dem Olhmp, zu mir armen Sterblichen herabgeſtiegen! Ich weiß Du kannſt lieben, weshalb willſt Du mir wehren, Dir zu huldigen, Dich anzubeten?“ 30 „So ſtehen Sie doch endlich auf“ befahl Katharina. Orlow erhob ſich und ergriff von Neuem ihre Hand.„Erklären Sie mir, wie eine Frau Ihrer Art, geboren den Hermelin zu tragen, zu herrſchen, Sclaven zu ihren Füßen zu ſehen, mit ſo viel Gleichmuth die Rohheiten eines Corporals ertragen kann, denn Ihr Gemahl und mein Kaiſer, Peter III. iſt Nichts weiter als ein guter Corporal.“ „Sie ſind kühn“, murmelte Katharina. „Ja“, erwiderte Orlow,„ich wage Alles, ich wage — wenn Sie es mir befehlen, Peter zu ſtürzen und Sie auf den ruſſiſchen Thron zu erheben, und ich wage noch mehr—“ „Noch mehr?“ „Ich wage es, Sie zu lieben, Majeſtät.“ Katharina hatte ſich auf einer hölzernen Bank niedergelaſſen und betrachtete den großen ſchönen Mann, der vor Leidenſchaft bebend vor ihr ſtand, mit ſicht⸗ lichem Wohlgefallen.„Nun wir wollen ſehen, vb Ihnen auch dann der Muth nicht fehlt“, ſagte ſie lächelnd, „wenn ich Ihnen ſage: Sie gefallen mir Orlow, ich will Sie zu meinem— Spielzeug machen.“ „Machen Sie mich zu ihrem Sclaven“, rief der junge Officier und warf ſich der Kaiſerin zu Füßen. * ⸗ 34 Wirklich klirrte nach einer Stunde der Schlüſſel⸗ bund des Profoß und der General Melgurow kündigte Katharina an, daß ſie frei ſei. Auf der Schwelle wendete ſie ſich zu Orlow um und ſprach:„Wir ſehen uns wieder.“ Die Stunde, welche die Kaiſerin beim Profoß zugebracht hatte, ſollte für Peter III. verhängnißvoll werden. Sechs Wochen ſpäter hatte ihn ſeine Gemahlin mit Hilfe Gregor Orlows entthront, und am 17 Juli 1762 wurde er von deſſen Bruder Alexei Orlow und ſeinen Helfershelfern erdroſſelt. Die ſchöne Siegerin beſtieg als Katharina II. den ruſſiſchen Thron und erhob den ſchönen Artillerie⸗ Offizier zu ihrem Günſtling. —— Rero im Reifrock. Sacher-Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten W. 3 „Eine neue Verſchwörung der Garden iſt ent⸗ deckt!“ Das war der Morgengruß Orlow's am 23. Mai 1765 an die Czarin Katharina II. Sie ſprang mit beiden Füßen aus dem Bette und faßte den Günſtling bei dem Goldkragen ſeiner Uni⸗ form.„Haſt Du ſie verhaftet, Gregor?“ rief ſie zornig. „Sie ſind in Deiner Hand, Katharina.“ Die Kaiſerin nickte und zeigte vergnügt lächelnd ihre ſchönen Zähne, dann warf ſie einen mit flandri⸗ ſchen Spitzen beſetzten leichten Schlafrock über ſich, riß an der Glocke und berief ihre Vertrauten. Ohne Or⸗ low weiter zu beachten, ging ſie, die Arme auf der Bruſt verſchränkt, mit großen Schritten in ihrem Schlaf⸗ gemache auf und ab. In wenig Minuten waren die 36 Fürſtin Daſchkow, Graf Panin, Geheimrath Teglow, Generallieutenant Wegmare um ſie verſammelt. Zuletzt erſchien Frau von Mellin, die ſchöne Ama⸗ zone, welche das Regiment Tobolsk als Oberſt kom⸗ mandirte, im grünen militäriſchen Ueberrock, den klei⸗ nen dreieckigen Hut kokett auf das Toupet geſtülpt, die Reitpeitſche in der Hand. Zu ihr wendete ſich die Kaiſerin zuerſt. „Setzen Sie ſich zu Pferde, liebe Mellin“, rief ſie noch immer erregt,„theilen Sie ſcharfe Patronen an Ihre Soldaten aus und führen Sie das Regiment hierher zur Ablöſung der Garden Eilen Sie.“ Der ſchöne Oberſt ſalutirte und flog dann rau⸗ ſchend aus dem kaiſerlichen Schlafgemache. „Eine neue Verſchwörung der Garden“, fuhr Ka⸗ tharina fort,„will die Empörung gegen mich kein Ende nehmen? Was wollen die Menſchen, die ſich un⸗ ter meine Räder werfen, wie wahnſinnige Indier vor den Wagen ihrer Göttin? Ich muß ſie zermalmen und ich will doch kein Blut ſehen. Seit zweiundzwan⸗ zig Jahren iſt kein Schaffot in meiner Hauptſtadt auf⸗ gerichtet worden, heute will ich aber ein Exempel ſta⸗ tuiren! Graf Panin, eilen Sie in die Kaſerne unſerer Garden und ſprechen ſie den Verführten zu; Sie, Tag⸗ low, verſammeln den Senat. Ihre Truppen, General — 37 Wegmare, beſetzen die Straßen zum Palaſt, Ihre Ge⸗ ſchütze, Orlow, fahren unten auf dem Platze auf.“ Die Kaiſerin machte eine Bewegung gegen das Fenſter. Jeder neigte ſich tief und eilte den Befehl der unumſchränkten Herrin Rußlands zu vollziehen. Nicht lange darnach verlangte eine Deputation der Garden, welche die Wache im Palaſte bezogen hatten, von ihr Gehör. Katharina erbleichte, aber be⸗ fahl kurz und ſtolz ſie einzulaſſen. Die Deputation marſchirte herein, zwei Offiziere, zwei Unteroffiziere, zwei Soldaten, und ſtellte ſich in Reih und Glied. Die Kaiſerin ſchritt langſam ihre Front ab, Mann für Mann feſt ins Auge faſſend und blieb dann vor ihrem Toilettentiſch ſtehen, die Hände nach rückwärts auf denſelben geſtützt. „Wer hat Euch gewählt?“ „Unſer Regiment.“ „Zu welchem Zwecke?“ „Wir verlangen Gerechtigkeit für unſere Kame⸗ raden.“ „Ihr bittet um Gnade.“ „Um Gerechtigkeit.“ 3 „Gerechtigkeit ſoll ihnen werden“, rief die Kaiſerin 38 rroth vor Zorn,„und Euch! Bei dem nächſten Kom⸗ plotte laß ich Eure Regimenter decimiren.“ „Wenn Ihr es wagt“, rief der Sprecher der Sol⸗ daten, ein junger Offizier. „Es wird ſich zeigen was ich kann, Adieu!“ Ka⸗ tharina kehrte ihnen den Rücken und trat an das Fen⸗ ſter.„Geht!“ Die Garden rührten ſich nicht. „Geht!“ herrſchte ſie ihnen zu. „Wir gehen nicht!— Gebt unſere Leute heraus!“ ſchrieen ſie tumultuariſch durcheinander. „Gieb ſie heraus!“ rief der junge Offizier, un⸗ ſanft Katharinens Arm faſſend. Die Fürſtin Daſchkow riß ihn zurück. In dem⸗ ſelben Augenblick tönten die Trommeln des Regimentes Tobolsk und der weiße Federbuſch der Frau von Mel⸗ lin winkte die Straße herauf. „Ich gebe ſie nicht“, erwiderte Katharina kalt. „Strenge Strafe wird die Empörer treffen. Und nun zu Euch. Wer für Rebellen bittet, iſt ſelbſt Rebell.“ Sie trat raſch auf den jungen Offizier zu und riß ihm den Degen aus der Scheide.„Ihr ſeid mein Gefan⸗ gener. Und Ihr“— rief ſie majeſtätiſch den Andern zu—„gebt Euch gutwillig, Ihr ſeid in meiner Hand.“ Kolben raſſelten nieder, Frau von Mellin erſchien 39 in der Thüre, ihre Soldaten hatten alle Ausgänge be⸗ ſetzt. Stumm, das Haupt geſenkt, ließen ſich die De⸗ putirten der Garden verhaften und abführen. Bald raſſelten von allen Seiten die Trommeln, die Ge⸗ ſchütze, Orlow, Wegmare folgten Frau von Mellin auf dem Fuße; das Volk wogte auf und ab, planlos, mehr neugierig als aufgeregt, die Garden hatten ſich gefügt und baten durch Panin um Gnade für die Schuldigen. Die Empörung war zu Ende. „Ich will ein Exempel ſtatuiren“, ſprach Katha⸗ rina,„ich gab mein Wort.“ Zugleich ſtreifte ſie den Spitzenärmel empor und beſah den Fleck, den die rauhe Hand des jungen Rebellen in ihren vollen Arm ge⸗ drückt hatte.„Ich will ihre Köpfe fallen ſehen.“ „Für diesmal laß Dir den Appetit vergehen“, entgegnete Orlow,„es iſt nicht zu wagen. Eine öffent⸗ liche Hinrichtung kann uns neue unermeßliche Gefahren wecken.“ „Sind wir ſo ſchwach?“ „Wir ſind es, ſo lange Prinz Jwan lebt“, ſprach Panin,„ihn nannte man den Garden als den recht⸗ mäßigen Czar.“ „Wer nannte ihn?“ „Die Prieſterſchaft, die Dir mißtraut, die Du mit Deinen Reformen beleidigſt.“ 40 „Sollen die Rebellen deshalb ſtraflos ausgehen?“ fragte die Daſchkow. „Sie müſſen ſterben“, rief die Kaiſerin mit funkeln⸗ den Augen,„man begrabe ſie in den Kaſematten ohne Licht, ohne Speiſe und Trank, dort ſollen ſie verfaulen“. Während ſie mit heftigen Schritten durch das Ge⸗ mach ging, zeigte die ſchöne Frau ihren Anhängern den üppigen zornig wogenden Buſen ebenſo erbarmungs⸗ los wie ſie das Todesurtheil ihrer Feinde ſprach. „Zieht die Truppen im Palaſte in den Kaſernen zuſammen und laßt ſie unter Waffen bleiben bis zum Abend. Ich werde zu Pferde ſteigen und mich dem Volke zeigen. Jetzt aber will ich mich ankleiden“, fügte ſie ſchelmiſch lächelnd hinzu.„Au revoir“. Sie waren allein, Katharina die Große, wie Vol⸗ taire die Czarin getauft hatte, und Katharina die Kleine, wie der Hof ſcherzweiſe die Fürſtin Daſchkow nannte. Die Kaiſerin war in der vollen Blüthe ihrer Schönheit, eine mittelgroße Geſtalt von den feinſten Proportionen, etwas zu üppig für den Reifrock, wie modellirt für das Piedeſtal einer antiken Göttin. Die Ungebundenheit ihres Spitzennegligés zeigte bald die kleinſten Füße, die niedlichſten Hände, bald den präch⸗ tigen Buſen. 4⁴ War ſie auch eine Meiſterin der Verſtellung, ihr Kopf verrieth ſofort das große Weib, das zum Herr⸗ ſchen geboren war. Auf ihrem Antlitz lag eine naive Selbſtvergötterung, eine ſonnige Freude an ſich ſelbſt. Die hohe edle Stirne, das große klare blaue Auge, die kühnen zornigen Brauen, die feine ſchwungvolle Naſe, dieſer kleine Mund mit den allerliebſten dicken Lippen, beinahe zu klein zum Küſſen, dieſes auffallend entwickelte runde harte Kinn, dieſer Amazonenhals, die kleinen neroniſchen Ohren, das üppige, trockene, rothblonde Haar, das unter dem Kamme kniſterte und ſprühte wie ein Miniaturgewitter, das Alles ſprach deutlich: dieſes Weib verlangt unbändig nach Herr⸗ ſchaft und Genuß, aber ſie hat auch das Genie zu lenken, zu gebieten, zu genießen, den ſtarken Willen, den Hinderniſſe nur ſpornen. Es fehlt ihr aber auch nicht an Liſt dieſelben zu umgehen, wenn ſie nicht zu zertreten ſind. In dieſem Weibe iſt keine Spur von Sentimalität, aber auch keine Grauſamkeit. Sie wird kein Mittel ſcheuen, ihren Zweck raſch und vollſtändig zu erreichen, ſie wird durch das Blut ihrer Gegner waten, wenn es ſein muß, aber ſie wird Niemand quälen. Ja, es ſpricht ein feiner menſchlicher Geiſt aus ihrem Antlitz, es liegt eine gewiſſe Güte auf demſelben, die Güte des Löwen gegen die Maus. 42 Sie iſt die gefährlichſte Deſpotin, ſie ſtrömt eine wollüſtige Athmosphäre aus, vor ihr beugt ſich frei⸗ willig jedes Knie und jeder Nacken iſt bereit, ſich ihr Joch aufzuladen. Die„kleine Katharina“ bildet den größten Gegen⸗ ſatz zu ihr. Die Fürſtin Daſchkow iſt eine ſchmächtige, geiſtige Frau mit unruhigen Bewegungen, einem blei⸗ chen nervöſen Geſichtchen, das unendlich geſcheidt, un⸗ endlich veränderlich und unendlich pikant iſt. Die beiden Damen ſchwiegen geraume Zeit, dann ſehen ſie ſich einen Augenblick an. Sie haben ſich ſo⸗ fort verſtanden. „Wollen wir Toilette machen, Katinka?“ ſpricht die Kaiſerin und öffnet ihr Haar.„Nein!“ ruft ſie plötzlich und ſtampft mit dem Fuße.„Wir wollen plaudern.“ Die Fürſtin ging raſch zu der Thüre, welche in den Vorſaal führte, öffnete ſie, blickte hinaus und ſchloß ſie wieder. Dann ſetzte ſie ſich auf ein Tabvuret zu den Füßen der Kaiſerin, und ſagte leiſe:„Jwan muß ſterben“. „Ja, er muß ſterben“, ſprach die Kaiſerin trübe, dabei ſtützte ſie den Kopf ſchwermüthig in die Hand, wie ein verliebtes Mädchen. „Du darfſt nicht dulden, daß ſich Dir Etwas ent⸗ 43 gegenſtellt“, flüſterte die Daſchkow eifrig fort,„jeder Tag bringt neue Gefahren, neue Hemmniſſe. Du haſt das Recht, ſie aus dem Wege zu räumen und die Pflicht, denn Deine Bahn geht aufwärts. Du ver⸗ folgſt große menſchliche Ideen, ihnen mußt Du dieſen blöden Knaben opfern. Iwan muß ſterben.“ „Du biſt die einzige Seele, der ich wahrhaft ver⸗ traue, meine einzige Freundin“, begann Katharina II. „Nein, Du haſt keine Freunde“, fiel die Fürſtin ein,„Du machſt aus Freunden wie aus Feinden Werk⸗ zeuge Deiner Thaten. Du haſt Recht. Auch ich bin nur Dein Werkzeug, aber Du bindeſt mich mit den ſtärkſten Banden echter Sympathie. Ich liebe die Menſchheit, ich liebe mein Vaterland und beiden dienſt Du, indem Du die Zügel führſt.“ „Ich will es“, entgegnete Katharina II.„ob ich es kann, wird die Zukunft, wird die Geſchichte ent⸗ ſcheiden. Siehſt Du, ich denke ſo. Die franzöſiſchen Philoſophen haben die große Wahrheit entdeckt: der Menſch iſt zur Freiheit geboren, frei kann er aber nur durch Bildung werden. Ich beherrſche ein Rieſenreich. Ich will in dieſem Reiche Bildung ſäen, damit auch hier einſt die Saat der Freiheit reift. Ich weiß daß kein Menſch das Recht hat andere zu knechten, aber meine Natur verlangt nach Herrſchaft, 44 nach unumſchränkter Herrſchaft. Und wenn ich Bil⸗ dung, Freiheit erſt zertreten müßte, um zu herrſchen, ich zweifle keinen Augenblick, daß ich es thäte und ohne Bedenken. In dieſem Reiche aber hat mein Wille keine Schranken, ich kann hier gebieten, wie ein Alex⸗ ander, jede meiner Launen ſättigen, wie ein Nero, und für die Menſchheit wirken, wie ein Philoſoph. Die Gegenwart iſt mein, die Zukunft kann ich neidlos mei⸗ nem Volke geben. Die„Semiramis des Nordens“ wie Voltaire mir ſchmeichelt, will ich nicht blos heißen, ſondern wahrhaftig ſein. Glaube mir, man verzeiht uns Mächtigen der Erde unſere Laſter, aber keine Schwächen, und ſind meine Entwürfe nicht groß, nicht menſchlich genug, um ihnen manchen tollen Kopf zu opfern, manche Un⸗ menſchlichkeit zu vergeben?“ „Deine Politik überraſcht Europa“, erwiderte die Daſchkow,„Frankreich und Heſterreich ſehen ſich durch Dich getäuſcht, indem Du mit Friedrich dem Großen Hand in Hand gehſt. Die katholiſchen Mächte ſehen ſtaunend, wie Du die Diſſidenten in Polen offen zu beſchützen wagſt, wie Du dieſem unruhigen Volke in Poniatowski einen König giebſt, der Dein gekrönter Sklave iſt.“ „Muth iſt Alles, Katinka. Ich habe den Muth, 45 der eine große Politik macht. Ich bin entſchloſſen, vor⸗ wärts zu gehen, ohne Rückſicht, ohne Erbarmen. Ich will Rußland vor Allem groß machen. Die Fäden meiner Diplomatie ſpielen mit Erfolg nach allen Rich⸗ tungen, meine Heere bedrohen zugleich Schweden, Po⸗ len, die Türkei und Aſien. Ich will die Türken aus Europa jagen und Polen theilen: mein Volk ſoll ſich aus der Barbarei erheben. Große Reformen ſind in das Leben getreten. In religiöſer Duldung ſteht mein Reich oben an, der Handel die Gewerbe blühen auf. Ich kenne das Uebel, das unſern Landbau hemmt und will es an der Wurzel anfaſſen, ich will die Leibeigenſchaft aufheben, ich will Deputirte aller Stände, aller Völker meines Reiches nach meiner Hauptſtadt berufen, damit ſie ein neues Geſetzbuch ſchaffen und dieſe Verſamm⸗ lung ſoll der Anfang eines Parlamentes ſein. Hat je ein Monarch dies Alles freiwillig gethan, wenn ihn keine Empörung dazu zwang? Ich thue es, weil ich will und dies gibt mir ein Recht zu herrſchen. Daß ich dies Recht ſo ſchwer er⸗ kaufen muß, iſt das meine Schuld? Ich haſſe Maria Thereſia, weil es ihr ſo leicht gemacht wird, zugleich groß und tugendhaft zu ſein. Kein ſtarkes Herz kann ohne Liebe und ohne Ehrgeiz leben. Ich habe meinen Gatten geſtürzt, getödtet, weil 46 ich mußte, weil ich ihn nicht liebte und weil ich herr⸗ ſchen wollte. Er konnte es nicht. Hätte er mir den Thron freiwillig geräumt, ich hätte ihn geſchont. Ich habe einmal Blut vergießen müſſen um zu regieren, jetzt kann von etwas mehr oder weniger nicht mehr die Rede ſein. Wer ſich gegen mich empört ſoll in den Kaſematten meiner Feſtungen verfaulen. Ich habe ein Recht zu herrſchen, und ich will herrſchen!“ Die Fürſtin ſah ſie mit einem bedeutungsvollen Blicke an. „Du glaubſt wol Katinka, ich täuſche mich über meine Lage“, fuhr die Kaiſerin fort. Ich ſchrieb ein⸗ mal an Voltaire— wie gleich?“— ſie dachte nach. „So war es: „In der ungeheuren Ausdehnung Rußlands iſt ein Jahr nur ein Tag, wie tauſend Jahre vor dem Herrn. Dies meine Entſchuldigung, daß ich noch nicht ſo viel gethan habe als ich ſollte.“ Dazu die vielen rohen und widerſtrebenden Elemente, die Unzufrieden⸗ heit aller Jener, welche auf die Thronumwälzung ihre Hoffnungen gebaut haben und ſich getäuſcht ſehen, aller Jener die ſich durch meine Reformen in ihren Inter⸗ eſſen bedroht finden. Bis jetzt habe ich glücklich lavirt, die Partei Orlow und die Partei Panin gegen ein⸗ ander abgenützt, mir beide dienſtbar gemacht, meine 47 Mitſchuldigen vor meinen Triumphwagen geſpannt. Liegt nicht ſogar Humor darin, wenn ich den Arzt, der dem Vater das Gift bereitet, zum Leibarzt des Sohnes machte?“ „Zum Leibarzt deines Sohnes, des Thronfolgers“, warf die Fürſtin ein. Die Kaiſerin zuckte die Achſeln.„Ich habe ſogar aus dem Geliebten meinen Sklaven gemacht, und doch bedroht mich jeder neue Tag mit neuen ſchlimmen Zeichen. Als ich in Moskau feſtlich einzog, im kaiſer⸗ lichen Hermelin, hat mich auch nur ein einziger Jubel⸗ ruf begrüßt? Das Volk ſtand ſchweigend in den Straßen und ſtaunte das Gepränge an. Die Garden bereuen ihre That und dieſe ehrgeizige Prieſterſchaft, die ich mit den Waffen des Jahrhunderts bekämpfe, ſtellt mir dieſen Popanz entgegen, dieſen blöden Prinzen Jwan. Aber dieſer Popanz hat zum Unglück Blut in den Adern und ich werde dieſes Blut vergießen müſſen, gegen meinen Willen.“ „Aber wie?“ fragte die Daſchkow mit reizender Naivität. „Wie?“ die Kaiſerin verſank in Nachdenken. „Wie?— das iſt es. Auf dem Hermelin ſieht man jeden Blutfleck abſcheulich. Ich darf kein neues Blut vergießen.“ 48 „Iſt das nöthig?“ lachte die kleine Fürſtin mit den Spitzen ſpielend, welche den Schlafrock ihrer Herrin umſäumten.„Du wirſt ihn liebenswürdig tödten, ohne Aufſehen.“ „Meinſt Du?— Apropos— Du ſiehſt ſo blaß aus. Härmſt Du Dich um Deinen General in Polen? Soll ich Deinem Gatten einen Urlaub geben?“ „Um Gotteswillen“, fiel die Daſchkow lebhaft ein, die Hände flehend zu der Deſpotin erhoben,„Du erſchreckſt mich.“ Die Czarin lachte und legte den Arm leicht auf ihren Nacken.„Hat Panin Deine Schlinge noch feſt um den Hals, meine Kleine?“ „Er wohnt mit mir in Gatſchina.“ „Sehr gut. Du darfſt ihn jetzt am Wenigſten los laſſen, Katinka, Du mußt ihn unter Deiner Auf⸗ ſicht behalten. Der alte Geck hätte nicht übel Luſt, meinen Sohn auf den Thron zu ſetzen, den Knaben Paul, und den Regenten zu ſpielen. Behalte ihn im Auge und— in der Schlinge.“ „Verlaſſe Dich auf mich.“ Die Kaiſerin erhob ſich, trat an das Fenſter und ſchwieg. „Es gibt doch Augenblicke meine Kleine“, ſprach 49 ſie dann nach einer Weile,„wo mich die Herrſchaft müde macht und troſtlos.“ Die Daſchkow rührte ſich nicht. „Und was das Schlimmſte iſt, Katinka, Orlow langweilt mich!“ Die„kleine Katharina“ ſah überraſcht zu der großen Katharina empor, dann ſpielte ein allerliebſtes muthwilliges Lächeln um ihre Mundwinkel. „Jetzt wollen wir Toilette machen“, rief die Kai⸗ ſerin lachend,„und dann zu Pferde ſteigen und un⸗ ſerem treuen Volke unſer Antlitz zeigen.“ III. Die Czarin gab Audienz im Sommerpalaſte. Zwei Welttheile hatten die ſeltſamſten Typen in ihrem Vorſaal zuſammen geworfen. Neben dem run⸗ den Kaufmann von Nowgorod mit vollem Barte, dicken goldenen Ringen in den fleiſchigen Ohren, ſtand ernſt der magere Tartar mit bronzenen Zügen, langem ſchwarzen Schnurrbart. Ueber den gelben kahlen ge⸗ ſchlitzten Kopf des Kalmücken blickte das edle Antlitz, das kühne Auge des Koſaken. Leibeigene Bauern, mächtige Große, Soldaten, Popen, Juden, Lipowaner, Jeſuiten. Eine wunderliche Antichambre. Mitten drin ſtand ein junger Offizier, ſchlank, Sacher-Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten W. 4 50 wohlgebaut, mit dem bleichen träumeriſchen Geſicht, den großen ruhigen Märthreraugen eines Fanatikers. „Lieutenant Mirowitſch vom Regiment Smolensk“ rief der dienſtthuende Kammerherr. Wenige Augen⸗ blicke darnach ſtand der junge Offizier vor ſeiner Kai⸗ ſerin. Sie trug über dem ſchwarzen Kleide, das ſich kniſternd über dem weiten Reifrock bauſchte, ein brei⸗ tes blaues Ordensband, in dem hohen weißen Toupet einen kleinen Reichsapfel aus einem einzigen großen Diamanten mit dem griechiſchen Kreuze, als die ein⸗ zigen Atribute der Herrſchaft. Der junge Offizier ſah aber nur den weißen Bu⸗ ſen der das blaue Band hob, die üppigen Locken welche von dem gekrönten Haupt hinab fielen, er ſah zum erſten Male das ſchönſte Weib ſeines Reiches, das ihn vom Kopf bis zum Fuße wohlgefällig muſterte und gnädig wie einen Sklaven. Er kniete nieder und überreichte ſeine Bittſchrift. „Steht auf.“ „Ich huldige der ſchönen Frau“, ſprach veſhe der Offizier„von der Monarchin verlange ich mein Recht.“ Damit erhob er ſich und ſah Katharina II. furchtlos in das Auge, über dem die ſtolzen Brauen etwas zuſammenzogen. 54 „Wie iſt Ihr Name?“ „Mirowitſch.“ „Lieutenant?“ „Im Regiment Smolensk.“ „Sie bitten um eine Gnade?“ „Um mein Recht.“ Wieder zogen ſich die ſtolzen Brauen zuſammen. „Nun was wollen Sie?“ „Vor Allem eine Frage an Eure Majeſtät richten.“ „Nun, die Audienz iſt mindeſtens originell. Fra⸗ gen Sie alſo, Lieutenant— wie gleich?“ „Mirowitſch.“ „Lieutenant Mirowitſch, Sie unterhalten mich.“ Mirowitſch biß die Zähne zuſammen und wurde blutroth. „Nun fragen Sie mich Ich befehle es.“ „Ertragen Sie die Wahrheit Majeſtät?“ Die neroniſchen Brauen zuckten, aber im nächſten Augenblicke ſchon ruhte das ſchöne Auge der Monar⸗ chin mit wollüſtigem Intereſſe auf dem jungen Offizier. „Nun, eine Frage an Sie, Lieutenant— wie gleich?“ „Mirowitſch.“ „Lieutenant Mirowitſch, lieben Sie die Lektüre?“ „Leidenſchaftlich, Majeſtät.“ „Sie leſen Romane, ich merke, Ihre Phantaſie iſt darnach, Ihr Ton— nun ich habe auch lange Zeit Romane geleſen. Leſen Sie gute Bücher, Mirv⸗ witſch, allenfalls Voltaire. Ich leſe eben ſeine Ge⸗ ſchichte Peters des Großen und habe die Abſicht, die Briefe des Monarchen, in denen er ſich ſelbſt malt, herauszugeben. Wiſſen Sie, was mir an ſeinem Cha⸗ rakter am Beſten gefällt? Daß auf ihn— ſo zornig er auch war— die Wahrheit jederzeit ihre volle Wir⸗ kung übte.“ „Majeſtät!“ „Nun ſagen Sie mir jetzt was Sie wollen.“ „Ich bin ein Ukrainer, Majeſtät, der Sohn eines ſtolzen freien Volkes, der Enkel jenes Mirowitſch, der mit Mazeppa focht, deſſen Name in den Liedern der Koſaken lebt. Er büßte wie viele ſeines Volkes den Abfall vom Czar mit dem Verluſte ſeiner Güter. Hier ſteh' ich als ſein Enkel, Majeſtät, mit einem gro⸗ ßen edlen Namen arm und dürftig, und bitte um mein Recht. Vergebens habe ich dies Recht bei allen Aem⸗ tern, allen Gerichtshöfen dieſes Reiches geſucht. Da dachte ich, das größte Herz in dieſem Reiche müßte auch das beſte ſein und das gerechteſte und nun ſteh ich vor Eurer Majeſtät und bitte jenen Spruch der Willkühr aufzuheben, mich in das Beſitzthum meiner Väter wieder einzuſetzen.“ Die Kaiſerin lächelte.„Sie haben viel zu viel Romane geleſen Mirowitſch“, ſagte ſie mit der Gut⸗ müthigkeit der Löwin,„Ihr Recht ſoll geprüft werden, ſo ſehr ich mir auch erlaube an demſelben zu zweifeln. Vertrauen Sie aber auf meine Gnade und— leſen Sie gute Bücher.“ Die großen Augen des armen Ukrainers fieberten der Kaiſerin entgegen, er verneigte ſich und machte eine Bewegung nach der Thüre. „Küſſen Sie mir die Hand, Mirowitſch.“ Der junge Offizier warf ſich der Czarin zu Fü⸗ ßen und zwei Thränen fielen auf ihre Hand. „Sie ſind ein Kind, Lieutenant“, rief Katharina II. überraſcht,„leſen Sie Voltaire und— warten Sie hier meine Entſcheidung ab. Verſtehen Sie, Mirv⸗ witſch?“ Verwirrt preßte dieſer die kleine warme Hand der Kaiſerin noch einmal an ſeine Lippen und noch einmal. Dann erhob er ſich und ſtürzte aus dem Kabinet. Katharina II. blickte einen Augenblick lächelnd zu Boden, dann klingelte ſie und berief den Polizei⸗ miniſter. 54 „Notiren Sie—“ Die Excellenz zog ihr Portefeuille. „Mirowitſch, Lieutenant im Regimente Smolensk.“ „Alter?“ „Sie ſollen ja keinen Paß ſchreiben.“ „Alſo dieſer Mirowitſch—?“ „Jung, ſchön, muthig, ehrgeizig. Legen Sie mir ſo ſchnell als möglich ſeine Conduite vor.“ Der Polizeiminiſter verneigte ſich. „Apropos, ich will auch wiſſen ob er Liaiſons gehabt hat und mit wem und— ob er in dieſem Augenblicke eine Geliebte hat. Verſtehen Sie?“ „Ich verſtehe. Eine Geliebte.“ W. Mehr als eine Woche war ſeit der Audienz des jungen Offiziers verfloſſen, er wartete noch immer auf eine Erledigung ſeiner Bittſchrift. Da fand er eines Abends als er von einem Spa⸗ ziergange zurückkehrte ein elegantes Billet auf dem Bo⸗ den ſeiner Stube liegen, es war offenbar durch das offene Fenſter hereingeworfen worden. Die Adreſſe war an ihn gerichtet. Eine unbekannte Schrift, die kleinen unruhigen Züge einer Frau. Der Inhalt lautete: 55 „Mein Freund! Sie erwarten eine Entſcheidung der Kaiſerin über Ihr Schickſal. Sie können lange warten. Die Kaiſerin iſt gütig aber— vergeßlich. Um an dieſem Hofe Etwas zu erreichen, brauchen Sie Protektivn, die Protektion einer Frau, denn die Frauen regieren in Petersburg. Ich will Ihre Protektorin ſein. Wenn Sie Muth haben, ſo finden Sie ſich heute Nacht, wenn die Uhr elf ſchlägt, vor der Kirche von Kaſan ein. Sie werden dort einen Wagen treffen. Man wird Ihnen die Augen verbinden, Hände und Füße ſchließen. Laſſen Sie Alles mit ſich geſchehen, fragen Sie nicht. Ein ſüßer Lohn erwartet Sie. Eine Freundin.“ Mirowitſch ging mit ſich zu Rathe, er faßte und verwarf ein Dutzend Entſchlüſſe. Der Zeiger der Uhr gab zuletzt den Ausſchlag. Er nahm ſeinen Mantel, drückte den Hut tief in die Stirne und verließ das Haus. Die Nacht war ſter⸗ nenlos, finſter. Dichte Nebel wallten um die Kirche von Kaſan. Als Mirowitſch dem Portale nahte, trat der dunkle Wagen beinahe geſpenſtiſch hervor, die ſchwar⸗ zen Pferde ſcharrten ungeduldig den Boden. Zwei Vermummte empfingen ihn, legten ihm ſchweigend leichte ———— ——— ů—— Hand⸗ und Fußſchellen an und verbanden ihm die Augen mit einem weißen Tuche. Derlei Abenteuer waren in Petersburg zur Zeit des Frauenregimentes unter drei Czarinnen— Anna — Eliſabeth— Katharina— ſo gewöhnlich, daß kaum ein Vorübergehender über die geheimnißvolle Procedur erſtaunt wäre. Es ging aber Niemand vorüber. Mirowitſch wurde in den Wagen erhoben, der Schlag geſchloſſen und fort ging es im raſenden Laufe. Als das unheimliche Fuhrwerk hielt, Mirowitſch wieder feſten Boden unter den Füßen fühlte, wehte eine ſcharfe ſchneidende Luft um ihn, er war offenbar im Freien. Man führte ihn breite Steintreppen empor, durch einen Corridor, eine Reihe von Zimmern. Jetzt war er allein. Ein Lichtſchimmer drang durch das Tuch. Noch einen Augenblick, dann ſprach eine ange⸗ nehme weibliche Stimme:„Beſorgen Sie Nichts, Mi⸗ rowitſch, Sie ſind in guten Händen.“ Ein Frauenge⸗ wand rauſchte, zwei zarte Hände bemühten ſich den Knoten des Tuches zu löſen, die Binde fiel. Er ſah ſich in einem kleinen mit vrientaliſchem Luxus einge⸗ richteten Gemache und wie er den Kopf wendete, er⸗ blickte er eine kleine zarte Frau in einem dunklen 57 Ueberrock, eine ſchwarze Sammtlarve vor dem Ge⸗ ſichte. „Geduld, ich muß Sie vorerſt von Ihren Feſſeln befreien.“ Sie nahm ihm die Handſchellen ab.„Nun löſen Sie ſelbſt den Reſt Ihrer Ketten.“ Mirowitſch gehorchte. Eine kleine zitternde Hand faßte die ſeine und zog ihn auf eine Ottomane nieder. „Verzeihen Sie meine Seltſamkeit“, ſprach die Dame mit der Maske,„aber ein Kavalier darf ſich von ſeiner Dame ſchon Etwas gefallen laſſen. Ich habe wichtige Gründe, mich mit Geheimniſſen zu um⸗ geben, aber Nichts ſoll mich hindern Ihnen zu nahen, Sie zu lieben, Sie mein zu nennen. Ich liebe Sie, Mirowitſch!“ Sie lehnte ſich an ſeine Schulter und ſchlang den Arm um ſeinen Hals. Mirowitſch fühlte ſein Herz ſtärker ſchlagen, er faßte die Hand der ge⸗ heimnißvollen Freundin, führte ſie an die Lippen und ſprach beinahe verſchämt:„Vergeben Sie, daß ich Ihnen nicht von Liebe ſpreche, Madame, daß ich Sie bitte, mich ſofort zu entlaſſen. Sie haben meinen Muth herausgefordert und mich ſo gezwungen vor Ihnen zu erſcheinen, aber ich kann Sie nicht lieben. Mein Geſtändniß kann Sie nicht verletzen, noch kenne ich Sie nicht, noch habe ich Ihre Züge nicht geſehen. „Sie ſollen ſie ſehen.“ „Um Gotteswillen— nein!“ Die Dame antwortete mit einem muthwillen La⸗ chen und nahm die Maske herab. Es war ein frem⸗ des, aber reizendes Geſichtchen, zwei große dunkle Augen ſchmachteten Mirowitſch entgegen, zwei rothe Lippen boten ſich den ſeinen zum Kuſſe. „Nun, gefall ich Ihnen nicht?“ Mirowitſch warf ſich der reizenden Frau zu Füßen. „Lachen Sie über mich, Madame, Sie verdienen, daß man Sie anbetet, daß man ſich tödten läßt, aber mein Herz verbietet es mir Sie zu lieben, meine Ehre — Sie zu täuſchen.“ „Sie lieben!“ rief die Schöne überraſcht. „Ja, Madame“, entgegnete Mirowitſch indem er ſich erhob. „Eine Andere?“ „Ja— eine Andere.“ „Und man ſagte mir doch“, murmelte die Dame. „Was Madame?“ „Daß Sie keine Liaiſon haben, noch keine Liaiſon gehabt haben.“ „Man ſagte Ihnen die Wahrheit.“ „Wie verſteh' ich das?“ „O Madame, Sie ſind ſchön, Sie ſind vornehm, 59 wenn Sie lieben, lieben Sie glücklich. Können Sie eine Liebe verſtehen, wie die meine, eine Liebe ohne Glück, ohne Hoffnung, eine Liebe, die vor ſich ſelbſt erſchrickt?“ „Ich verſtehe Sie, Sie lieben eine Frau, die Ihnen unerreichbar ſcheint. Thörichtes Kind, wer ſagt Ihnen, daß für die Liebe Etwas unerreichbar iſt. Es wäre denn die Mutter Gottes von Kaſan.“ „Es kömmt beinahe auf daſſelbe hinaus, Madame.“ „Sie lieben—?“ rief die Dame heiter. „Meine Kaiſerin! Der Unterthan ſeine Monar⸗ chin, der Sklave ſeine Herrin!“ In dieſem Augenblicke bewegte ſich der Vorhang, welcher das Fenſter des Gemaches von oben bis unten ſchloß. „Das iſt freilich ſchlimm“, ſprach die Dame,„aber ich habe ein gutes Herz, ich will Ihnen helfen ſo gut ich kann. Ich habe eine Freundin, Mirowitſch, welche die Geſtalt der Kaiſerin—“ „Nein, Madame, Sie verſtehen mich nicht. Ich beſchwöre Sie, entlaſſen Sie mich“, rief Mirowitſch. „So ſehen Sie ſie doch nur an— es iſt ganz Ihr Geſchmack. Da iſt ſie.“ Der Vorhang theilte ſich und eine hohe üppige Frau in einem ſchweren blauen Seidenkleide, das vorne 60 nach der Mode viereckig ausgeſchnitten ihre herrliche Bruſt unverhüllt zeigte, eine ſchwarze Sammtlarve vor dem Geſichte, näherte ſich dem überraſchten Offi⸗ zier. Ein Wink von ihr entfernte ihre Freundin, ſie machte zugleich eine Bewegung gegen den Diwan und lud Mirowitſch mit der Hand ein, ſich zu ihr zu ſetzen. Dem jungen Offizier ſtand das Herz ſtill. Dieſe Frau hatte etwas Wollüſtiges in ihrer Erſcheinung, das ihn berauſchte, etwas Herriſches in ihrem Weſen, das ihn vollſtändig unterwarf. Nachdem ſie, die Arme auf der Bruſt gekreuzt, ihn eine Weile angeſehen hatte, lachte ſie und fragte mit einer Stimme bei der ihn ein tiefer wollüſtiger Schauer überkam:„Wirſt Du mich lieben können, Mirowitſch?“ „Nein Sie lachte wieder.„Du liebſt alſo Deine Kai⸗ ſerin?“ „Ich liebe ſie und ſo leidenſchaftlich, ſo wahn⸗ ſinnig, daß eine Dame Ihres Standes dies nicht ver⸗ ſtehen kann“, rief Mirowitſch. „Warum nicht?“ Mirowitſch ſprang auf und ging im Gemache auf und ab. „Beruhigen Sie ſich. Man ſagt, daß die Kaiſerin 61 ſehr verliebt iſt und galante Abenteuer liebt. Viel⸗ leicht finden Sie Gnade vor ihren Augen.“ Mirowitſch blieb ſtehen und ſah die üppige Schöne beinahe erſchreckt an. „Ich glaube, Sie würden ſich vor Ihrem Glücke fürchten?“ Mirowitſch trat einen Schritt zurück, er war bis in die Lippen bleich geworden und bebte am ganzen Leibe. Jetzt kannte er dieſe wollüſtige Stimme, er ſank in die Knie und mit dem Antlitz zur Erde. „Haſt Du den Muth Deine Kaiſerin zu lieben?“ rief ſie und riß die Maske herab. Vor ihm ſtand Katharina II. gebieteriſch in hinreißender Schönheit. „Komm!“ Sie hob ihn auf—„Du biſt mein. Ich liebe Dich.“ Die üppigen Arme der Despotin ſchlangen ſich um ihn und zogen ihn an ihre leiden⸗ ſchaftlich wogende Bruſt. Mirowitſch fieberte. Katharina II. ſtampfte mit dem Fuße. „Muth, Mirowitſch, Du ſollſt mich lieben, ich will es. Du biſt mein Sklave, sans phrase. Es gibt Stunden wo ich ein Kind bin und ein Spiel⸗ zeug brauche. Komm, ich will mit Dir ſpielen.“ Das war zu viel. Mirowitſch riß ſeinen Degen aus der Kuppel und warf ihn zu Boden, dann faßte er die Czarin leiden⸗ ſchaftlich in ſeine Arme. Sie lag an ſeiner Bruſt, ihre Lippen ſogen ihm die Seele aus, ſeine Hände wühlten in ihren Locken, daß der Puder wie ein leichter Reif auf ſeine Schultern fiel. „Ich liebe Dich“, flüſterte die Kaiſerin,„ich will Dich glücklich machen, wenn Du Muth haſt, wenn Du ein Geheimniß bewahren kannſt. Niemand darf ahnen, daß ich Dir gehöre. Hier im Schloſſe von Gatſchina, im Pavillon der Fürſtin Daſchkow ſollſt Du mich fort⸗ an jeden Abend ſehen. Aber es wird eine Zeit kom⸗ men, wo meine Liebe Dich erhöhen wird vor allen An⸗ dern. Dein Schickſal iſt in Deiner Hand. Sei kühn, ſei vorſichtig und liebe mich. Es thut mir wohl, ge⸗ liebt zu werden.“ W Im Pavillon von Gatſchina ſaßen Katharina I. und die Fürſtin Daſchkow im vertraulichen Geſpräche. Die Czarin war zu Pferde gekommen, ſie trug hohe Männerſtiefel von Saffian, wie ſie von ruſſiſchen Bäue⸗ rinnen und Kaufmannsfrauen im vollen Staate getra⸗ gen werden, einen dunklen Männerüberrock, wie ihn die Modedamen damals trugen, einen kleinen dreiſpitz⸗ gen Hut mit wallender weißer Feder. Voll Ungeduld 63 klopfte ſie den Abſatz ihres Stiefels mit der Reitpeitſche, ſtand von Zeit zu Zeit auf, und warf ſich wieder un⸗ muthig in die Polſter der Ottomane. Die Daſchkow betrachtete ſie mit großer Neugier und plötzlich ſpielte ein feines Lächeln um ihre Lippen. „Du lachſt über mich, Katinka“, ſprach die Cza⸗ rin,„was lachſt Du?“ „Du biſt ſehr verliebt.“ „Weiß Gott, ſehr verliebt, in wahrhaft unkaiſer⸗ licher Weiſe.“ „Seit einem Monat ſiehſt Du Mirowitſch bei mir, Abend für Abend, und er iſt Dein, wie ein Sklave, und doch hat ſich Dein Vergnügen an ihm noch nicht abgenützt. Ich bewundere Dich. Und heute, nachdem er mehr als einen Monat Dir gehört, biſt Du ſogar die erſte bei dem Rendezvvus und kannſt Deine Unge⸗ duld ihn zu ſehen kaum bemeiſtern. Du biſt wahr⸗ haftig verliebt.“ „Wahrhaftig“, nickte die Kaiſerin, und legte nach⸗ läſſig ihr rechtes Bein über das linke.„Ich bin ver⸗ liebt, das iſt es aber nicht allein. Mirowitſch liebt mich. Man wird nicht zu oft geliebt und niemals ſo mit ganzem Herzen, mit ganzen Sinnen, daß kein Ge⸗ danke, keine Regung bleibt für eine Andere Er iſt mein mit Leib und Seele. Ich ergötze mich an ihm und ſeiner Liebe, wie ein Gvurmant an einem ſeltenen Gerichte.“ Die beiden Frauen ſchwiegen eine Weile. Die Kaiſerin horchte auf.„War das nicht der Hufſchlag eines Pferdes?“ „Nein.“ „Mir ſchlägt das Herz“, ſprach Katharina II. und legte die Hand gegen die Bruſt. „Du große kleine Frau“, rief die Daſchkow,„und was willſt Du mit ihm anfangen?“ „Ich weiß es nicht“, entgegnete die Kaiſerin und trat an das Fenſter, um ihre Verlegenheit zu verbergen. „Du weißt es nicht?“ „Das eine weiß ich nur“, begann die ſchöne Des⸗ potin ernſt,„gemein darf er nicht enden.“ „Wie alſo?“ „Wie eine Flamme, die ſich ſelbſt verzehrt.“ „Das iſt ein grauſamer Gedanke.“ „Vielleicht, aber ein Gedanke voll Pveſie.“ „Muß er überhaupt enden?“ fragte die Fürſtin. Die Kaiſerin nickte.„Ich habe mich in ihm ge⸗ täuſcht, Katinka. Mein Herz iſt befangen, aber mein Kopf iſt frei. Mirowitſch iſt kein Mann, um einen Orlow zu ſtürzen, zu erſetzen, er iſt ein Schwärmer.“ 65 „Das, was ihn mir ſo liebenswürdig macht, macht ihn gefährlich für den Staat. Mit ihm kann es nur ein kurzes wollüſtiges Intermezzo geben. Was aber dann mit ihm anfangen?“ „Deine Liebe hat eine furchtbare Logik.“ Katharina II. ging auf und ab, die Hände auf dem Rücken, das Haupt geſenkt.„Er wird mir unbe⸗ quem werden, er liebt mich, er iſt leidenſchaftlich, mu⸗ thig, er wird Spektakel machen, mich compromittiren.“ „Und Dich langweilen“, warf die Daſchkow ein „Vielleicht auch das. Was alſo mit ihm anfan⸗ gen? Er muß entfernt werden, aber wie?“— Die ſchöne Frau dachte jetzt kalt und ruhig über den Ge⸗ liebten nach, wie über ein Staatsgeſchäft:„Sein Fa⸗ natismus könnte mir vielleicht nützlich werden. Warte nur.“ Sie ſtand ſtill und verſchränkte ihre Arme auf der Bruſt. Plötzlich flog ein grauenhaftes Lächeln über ihre ſtrengen Züge.„Welch' ein Gedanke“, rief ſie,„ich habe es.— Was ſagſt Du dazu?“ ihre Stimme ſank zum Flüſtern herab,„wenn ich dieſen Mirowitſch benütze— um mich von Jwan zu befreien.“ Die Daſchkow ſchauerte zuſammen. „Fürchte Nichts, Katinka, der ſterbende Thron⸗ prätendent ſoll den unbequemen Liebhaber mitreißen ein das Grab.“ Sacher-Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten IV. 5 66 „Wie?“ „Ueberlaß das mir— ja— dabei— bleibt es. Ich bin entſchloſſen. Zwei Sorgen fallen zugleich von meiner Bruſt, zwei ernſte große Sorgen, die mir den Schlaf raubten und die Ruhe. Ich werde bald wieder ſchlafen können.“ „Du biſt grauſam, Katharina!“ „Nur klug, meine Kleine.“ Die Fürſtin überlegte.„Kannſt Du ihn für dieſe That gewinnen, ſo thue es bald“, ſagte ſie dann, thue es heute noch. Jwan muß ſterben und bald ſter⸗ ben, ſo bald als möglich. Gewinne Mirowitſch, wenn Du es kannſt und heute noch.“ „Nein, Katinka“, erwiderte die Kaiſerin,„noch macht er mir zu viel Vergnügen. Er ſoll enden in einer That, die mich befreit, die mich erlöſt, aber dann — dann erſt, wenn ich ihn ſatt habe— und heute!— O!—“ ſie ſchrie entzückt auf.„Das iſt ſein Schritt, ſeine Stimme!“ Die Kaiſerin flee Mirowitſch entgegen und warf ſich mit zärtlichem Lachen an ſeine Bruſt. Wenige Tage ſpäter erſchien die Fürſtin Daſchkow im Kabinete der Kaiſerin, welche eben an Voltaire ſchrieb. „Es iſt die höchſte Zeit, Deinen Plan auszufüh⸗ ren“, ſprach ſie erregt.„IJwan muß ſterben. Du kennſt 67 die Macht, welche die Prieſterſchaft über Dein Volk hat. Deine Reformen gefährden dieſe Macht und ſie kehrt ſich, heute noch in voller Kraft, gegen Dich. Sie nennen Dich eine Fremde, eine Aufklärerin, welche das alte Recht verletzt, die alten Sitten, den alten Glauben, und nennen gegen Dich den rechtmäßi gen Czar Jwan, den Erben Rußlands, nach dem Te⸗ ſtamente der Czarin Anna.“ „Verdammt“, rief die Kaiſerin und ſtampfte mit dem Fuße. „Du mußt Mirowitſch opfern, die Liebe Deiner Größe opfern.“ „Wer ſagt Dir, daß ich Mirowitſch liebe?“ ſprach Katharina II.,„aber er iſt mein liebſtes Spielzeug. Ich werde weinen, wenn ich es zerbrochen habe.“ „Du findeſt kein beſſeres Werkzeug zu dieſer That als Mirowitſch“, fuhr die Daſchkow fort,„eile ihn zu gewinnen.“ „Noch unterhält er mich und ich ſoll—“ „Du mußt— heute noch.“ „Nein, heute nicht. Heute will ich ihn noch ein⸗ mal lieben, wie ein Weib liebt.“ „Alſo morgen“, fiel die Daſchkow ein. „Morgen?— Eh bien! Morgen will ich dafür ein Nero im Reifrock ſein. Iſt das nicht geiſtreich ge⸗ 68 ſagt, kleine Daſchkow? Das kömmt daher, wenn man mit Voltaire im Briefwechſel ſteht. Ich muß morgen ſchön ſein. Ich will eine Tvilette machen, die ihn gleich von vornherein die Beſinnung nimmt. Sonſt ſchmückt man das Opfer, ich will mich für mein Opfer ſchmücken. Alſo morgen.“ VI. Als Mirowitſch an dem nächſten Abend in den Pavillon von Gatſchina eintrat, lag die Kaiſerin auf der Ottomane und ſchien zu ſchlafen. Sie lag auf dem Rücken, die eine Hand unter dem Kopfe. Ein halbdurchſichtiges Gewand von roſigem perſiſchen Stoffe, ein offener dunkelgrüner Schlaſpelz, mit ſchwarzem Zobel verſchwenderiſch ausgeſchlagen und gefüttert, um⸗ floſſen ſie. Ihre göttlichen Formen badeten ſich in dem dunklen Pelze. Im Athmen wogte ihre Bruſt, zuckten ihre Lippen. Mirowitſch näherte ſich leiſe, kniete nieder und küßte ihren bloßen Fuß, welcher den Pantoffel abge⸗ ſtreift hatte. Katharina II. ſchrak empor, ſtieß ihn von ſich, ſah ihn mit großen Augen an und zog ihn dann raſch an ihre Bruſt.„Ich habe einen böſen Traum gehabt;“ 69 flüſterte ſie,„mir war als hätte ich Dich verloren. Liebſt Du mich noch?“ Statt einer Antwort ſank das Haupt des Gelieb⸗ ten auf ihre Knie und er bebte am ganzen Leibe. Ka⸗ tharina betrachtete ihn mit grauſamen Vergnügen. „Geh' Du liebſt mich nicht“, ſtrach ſie dann mit einem Tone, der ihm in das Herz ſchnitt.„Rühre mich nicht an, ich will nichts von Dir wiſſen.“ Entſetzt ſprang Mirowitſch auf und warf ſich im nächſten Augenblicke wieder leidenſchaftlich zu ihren Füßen nieder.„Katharina, Du machſt mich wahnſin⸗ nig“, ſchrie er auf,„binde mich an einen Pfahl und peitſche mich, bis mein Blut mich badet, ich werde jauchzen! Lege mich wie die chriſtlichen Märtyrer auf einen glühenden Roſt.“ „Narr!“ rief die Kaiſerin. „Sag mir: Du langweilſt mich, ich will noch Dein ſein bis zum nächſten Neumond, dann aber fällt Dein Haupt und ich will Dir danken wie meinem Gott.“ Katharina lachte.„Nun womit wollen wir be⸗ ginnen?“ ſprach ſie, indem ſie ihm das verwirrte Haar aus der Stirne ſtrich,„mit dem glühenden Roſt?“ Mirowitſch ſchlang beide Arme um ſie, preßte ſein glühendes Geſicht an ihre Marmorbruſt und zitterte. „Rühr' mich nicht an“, ſagte ſie wieder lachend, „ich will Dich heute prüfen, ich will grauſamer ſein als Peitſche und Roſt.“ Mirowitſch ſah ſie an.„Du haſt heute Etwas vor“, ſprach er,„Du biſt ſo ſeltſam ſchön.“ „Ja“, rief ſie heiter,„ich will Dich fangen⸗“ „Bin ich nicht gefangen?“ „Noch nicht ganz.“ „Nun ſo ziehe das Netz zuſammen. Da haſt Du mich“, flüſterte er im Liebeswahnſinn,„mache mit mir was Du willſt.“ „Narr! Bedarf ich dazu Deiner Erlaubniß“, ent gegnete Katharina mit einem Blicke, welcher Mirowitſch das Blut in den Adern erſtarren machte. Er küßte ihre üppige Schulter, von der der Pelz herabgeſunken war. „Küſſe mich nicht“, rief die Kaiſerin und ſtieß ihn roh und ſchnöde mit dem Fuße von ſich.„Ich will Dich erſt wieder lieben, wenn Du ganz mein biſt, ein Ding in meiner Hand.“ „Das bin ich, Katharina“, betheuerte er mit feuch⸗ ten weinenden Augen.„Ich verlange Dir nur Etwas zu ſein, ein Sklave, ein Ding, ein Spielzeug, ein In⸗ ſtrument, mache aus mir, was Du willſt und wirf mich weg, wenn ich Dir unnütz bin.“ Die Kaiſerin ſah ihn beinahe gerührt an. Dann beugte ſie ſich zu ihm und küßte ihn auf die Stirne. „Mirowitſch“, ſprach ſie mit ſanfter Stimme,„wenn Du mich liebſt, befreie mich von meiner größten Sorge — von—“ „Du haſt Sorgen?“ ſprach Mirowitſch zärtlich leiſe.„O ſprich, befiehl Deinem Sklaven.“ „Ich kann nicht ruhig ſchlafen, mein Geliebter“— ſie beugte ſich zu ihm und legte die Lippen an ſein Ohr„ſo lange Jwan lebt.“ „Prinz Jwan!“ rief Mirowitſch. „Er iſt der rechtmäßige Czar durch das Teſta⸗ ment der Kaiſerin Anna. Ich muß es ſelbſt bezeugen. Ich habe ihn nicht entthront, die Czarin Eliſabeth riß ihn aus der Wiege in den Kerker. Dort wuchs er auf wie ein Thier im Käfig, fern von der menſchlichen Geſellſchaft. Ein Mann, mit den Gedanken, mit dem Herzen, mit der Ausdrucksweiſe eines Kindes, reizt dieſer blöde Prinz jetzt den Ehrgeiz aller Unzufriedenen, aller meiner Feinde. Man ſtellt ihn mir entgegen, man will mich durch ihn ſtürzen.“ „Nimmermehr!“ rief Mirowitſch. Er richtete ſich groß auf, ein blinder Fanatismus lag in dieſem Au⸗ genblicke auf ſeinem bleichen Geſichte, in ſeinen ver⸗ ſunkenen Augen. 72 „Der nächſte Tag kann meinen Thron zertrüm⸗ mern, mein Geliebter, willſt Du mich im Kerker ſehen, oder“— ſie preßte die Hände vor das Geſicht. „Soll ich ihn morden?“ flüſterte Mirowitſch,„Ge⸗ liebte!“ Seine Stimme war heiſer vor Aufregung. „Mirowitſch!“ ſchrie Katharina auf, ſie ſchien erſchreckt. „Du mußt ihn aus dem Wege räumen“, fuhr er eifrig fort,„ſo ſprich ſein Todesurtheil und ich voll⸗ ſtrecke es. Laß mich dann auf das Rad flechten, rette Deinen Namen, ich ſterbe gerne für Dich, Katharina!“ Er küßte ihre Hände, ihre Füße und weinte. „Beruhige Dich, mein Freund“, ſprach die Kaiſerin „ich werde Deine treuen Hände nicht mit Blut be⸗ flecken. Ich habe einen Plan. Du ſollſt ihn erfahren. Willſt Du alſo in dieſer Sache ganz nur mein Werk⸗ zeug ſein?“ ch will“, entgegnete Mirowitſch,„ich bin ja Dein— Dein bis in den Tod.“ „Sprich nicht vom Tode“, flüſterte die Kaiſerin, „mir ſchauert.“ Einen Augenblick war ihr ſchönes Antlitz grauenhaft entſtellt.„Heute winkt uns das Leben, Mirowitſch“, rief ſie dann mit dem Lachen einer Bacchantin,„küſſe mich!—“ „ 73 VI. „Die Kaiſerin geht nach Livland“, flog es von Mund zu Mund. Die widerſprechendſten Meinungen über den Zweck dieſer Reiſe wurden laut. Zuletzt einigte man ſich darin, daß Katharina II dieſelbe unter⸗ nehme, um mit Poniatowski zuſammen zu kommen. Sie habe Orlow ſatt, hieß es, die Liebe zu dem ritter⸗ lichen Polen ſei wieder mächtig in ihr erwacht, und dergleichen mehr. Ehe der Nero im Reifrock den Reiſewagen beſtieg, wurde die Fürſtin Daſchkow in das kaiſerliche Kabinet berufen. Katharina II. ging unruhig im Zimmer auf und ab. Sie ſchien ausnehmend heiter, ſummte eine frivole italieniſche Arie und betrachtete ſich von Zeit zu Zeit mit einem gewiſſen Stolze im Spiegel. „Ich bin ſchön“, ſprach ſie lebhaft,„ich habe Mirowitſch glücklich gemacht, ſeine kühnſten Träume überflügelt, er kann nun für mich ſterben. Aber ich will ihn nicht mehr ſehen, der Abſchied würde mich aufregen. Hier ſind die Inſtruktionen für ihn, hier die Summen die er braucht.“ Sie übergab beides der Fürſtin, ſchritt dann zu ihrem Schreibtiſche, nahm ein Aktenſtück von demſelben, las es noch einmal aufmerk⸗ ſam und unterzeichnete hierauf raſch.„Lies.“ Die Daſchkow las. Es war eine Ordre an die beiden der Kaiſerin treu ergebenen Offiziere, Kapitain Wlaſſiew und Lieutenant Tſchekin, welche den Prinzen Iwan in ſeinem Kerker in Schlüſſelburg bewachten und mit ihm in einem Zimmer ſchliefen, und enthielt den Befehl, ſobald ein Verſuch zur Befreiung des Ge⸗ fangenen gemacht werde, denſelben auf der Stelle zu tödten. Begründet war derſelbe durch die Aufregung, welche zu Gunſten des Prinzen immer bedrohlicher an den Tag trat. „Für Petersburg habe ich meine Maßregeln ge⸗ troffen“, ſprach Katharina II. mit impoſanter Ruhe, „Orlow nehme ich mit mir, Panin bleibt, ich über⸗ laſſe ihn Dir, Du bewachſt ihn, Du hafteſt mir für ihn. Mein Sohn der Thronfolger bleibt in ſeinen Händen.“ Die Daſchkow machte eine Bewegung.„Ich kenne Panin“, fuhr die Czarin majeſtätiſch fort,„es könnte ihm einfallen meine Abweſenheit zu benützen, den Großfürſten Paul zum Kaiſer auszurufen und für den Knaben zu regieren, aber Panin iſt vorſichtig und unentſchloſſen. Bei der erſten Regung einer Empörung bemächtigſt Du Dich meines Sohnes und bringſt ihn zu mir. Die beſten Offiziere der Garde begleiten mich, was hier bleibt ſind junge Leute ohne Kriegserfahrung. Im entſcheidenden Augenblicke werden an die Feld⸗ 75 regimenter ſcharfe Patronen ausgetheilt und wagen die Garden den Aufſtand mit der blanken Waffe, dann habe ich die Armee in Livland und wehe ihnen, wenn ich als Siegerin in meiner Hauptſtadt einziehe. Lebe wohl!—“ An demſelben Tage, an welchem die Kaiſerin Pe⸗ tersburg verließ, kehrte auch Mirowitſch zu ſeinem Regimente zurück, welches eben in der Stadt Schlüſſel⸗ burg in Garniſon lag. Die Kompagnien deſſelben zu hundert Mann löſten ſich Woche für Woche bei dem Dienſte in der Feſtung ab. Acht Mann bewachten den Gang zu der Kaſematte, in welcher der rechtmäßige Czar Jwan gefangen ge⸗ halten wurde. Mirowitſch verbrannte ſofort nach ſeinem Eintreffen in Schlüſſelburg ſeine Inſtruktionen ſorgfältig in dem Feuer ſeines Kamins und ging dann mit ebenſoviel Liſt als Fanatismus an die Ausführung derſelben. Mit dem Gelde, das ihm die Fürſtin Daſchkow eingehändigt hatte, beſtach er drei Unteroffiziere und zwei Soldaten ſeines Regiments. Er ſagte ihnen, der Prinz Iwan ſei ihr rechtmäßiger Czar nach dem Teſtamente der Kaiſerin Anna und er habe den Ent⸗ ſchluß gefaßt, denſelben aus ſeinem Kerker zu befreien. Kurz darauf traf ihn ſelbſt der Wochendienſt und er benützte denſelben, um alle Verhältniſſe der Feſtung auszukundſchaften und beſtimmte endlich die Nacht des ſechszehnten Juli für den Losbruch. An demſelben Abende ging ſein Dienſt zu Ende. Er bat den Commandanten Berednikow um die Er⸗ laubniß, denſelben noch fortſetzen zu dürfen. Der Feſtungscommandant ertheilte ſie ihm nicht nur bereit⸗ willig, ſondern vergaß ſogar, wie es ſchien, ihm die Schlüſſel der Feſtung abzufordern. In der Nacht des ſechszehnten Juli 1765, Schlag ein Uhr öffnete Mirowitſch ſeinen Mitverſchworenen die Ausfallspforte. Sie eilten auf die Wache, riefen die Kompagnie zuſammen und Mirowitſch las den Soldaten mit lauter Stimme einen falſchen Ukas des Senates vor:„Da die Kaiſerin Katharina II. müde iſt, über barbariſche, undankbare Völker zu herrſchen, die ihren ruhmwürdigen Bemühungen in keiner Weiſe ent⸗ gegenkommen, hat ſie den Entſchluß gefaßt, das ruſſiſche Reich zu verlaſſen und ſich mit dem Grafen Orlow zu vermählen“;— bei dieſen Worten zitterte ſeine Stimme —„jetzt, wo ſie an der Grenze ihres Reiches angelangt iſt, will ſie die Kaiſerkrone dem unglücklichen Fürſten Iwan zurückgeben. Darum befiehlt der Senat dem Lieutenant Mirowitſch, denſelben aus dem Gefängniſſe zu befreien und ſofort nach Petersburg zu bringen“ 77 Die Soldaten brachen in wilden Jubel aus, mehr als fünfzig derſelben griffen ſofort zu den Waffen, einige hoben Mirowitſch auf die Schultern und fort ging es unter Hurrahrufen zu der Wohnung des Com⸗ mandanten. Berednikow war ſeltſamer Weiſe noch nicht zur Ruhe gegangen und kam ihnen in voller Uni⸗ form entgegen. „Im Namen des rechtmäßigen Kaiſers Jwan, den Ihr ungerecht gefangen haltet, Euren Degen!“ rief Mirowitſch. Berednikow übergab ihn ſchweigend und wurde auf Mirowitſch' Befehl von zwei Verſchworenen in ſeiner Wohnung bewacht. Mirowitſch drang nun mit ſeiner Schaar in die Kaſematte, welche zu Jwan's Kerker führte. Die Wachen gaben Feuer. Von beiden Seiten fielen Schüſſe, ohne daß jemand verwundet wurde. Man hatte den Soldaten blinde Patronen ausgetheilt. Mirowitſch erreichte zuerſt die Thüre des Gefäng⸗ niſſes und pochte mit ſeinem Degengefäß an dieſelbe. „Wer da?“ rief Kapitain Wlaſſiew. „Gute Freunde“, ſchrie Mirowitſch,„öffnet, im Namen des Senates öffnet!“ „Wir dürfen nicht“, entgegnete Lieutenant Tſchekin. „Dann brechen wir die Thüre auf“, rief Miro⸗ witſch, zugleich ſtemmten ſich mehrere der Empörer gegen dieſelbe.„Gebt unſeren Czar heraus e „Wir können keinen Widerſtand leiſten“, ſchrie Wlaſſiew„wir müſſen den Prinzen tödten, ſo lautet unſere Ordre.“ Prinz Jwan war eben durch den Lärm erwacht und ſaß bleich mit erſchrockenen Augen auf ſeinem Bette. Die beiden Offiziere warfen ſich mit einem Male auf ihn. Jwan ſprang auf Wlaſſiew los und ſuchte ihm den Degen zu entreißen, in demſelben Augenblicke ſtieß ihm Lieutenant Tſchekin den ſeinen in den Leib. Der Prinz wankte und brach mit einem Schrei zu⸗ ſammen. Beide ſtachen nun in ihn hinein bis er mit acht Wunden in ſeinem Blute lag. Dann öffnete Wlaſſiew die Thüre mit den Worten:„Da habt Ihr Euren Czar.“ Mirowitſch und die Soldaten, welche mit ihm in den Kerker gedrungen, ſtanden geſenkten Hauptes ſchwei⸗ gend um einen Sterbenden. In wenig Augenblicken war alles vorbei. Mirowitſch wandte ſich erſchüttert ab„Flieht!“ rief er den Soldaten zu,„der Czar iſt todt. Unſere heldenmüthige That hat dieſen traurigen und verderblichen Ausgang herbei geführt. Ich gebe mich der Kaiſerin gefangen.“ Damit reichte er ſeinen Degen dem Kapitain. Die Empörer warfen zugleich die Waffen weg und baten um Gnade. Noch in derſelben Nacht ſandte der Feſtungscom⸗ mandant einen Courier an die Kaiſerin. Als Katha⸗ rina lI. die Nachricht empfing, leuchtete einen Augen⸗ blick eine entſetzliche Freude in ihrem Antlitz. Dann biß ſie die Zähne zuſammen. Sie dachte an Mirowitſch. Eine Stunde ſpäter war ſie auf dem Wege nach Petersburg. VIII. Der Tod des Prinzen Jwan rief in der Haupt⸗ ſtadt eine ungeheuere Aufregung hervor, man beſchul⸗ digte den Hof, die Kaiſerin geradezu des Mordes. Der Pöbel, die Garden zeigten eine verdächtige Be⸗ wegung. Die Fürſtin Daſchkow gab ſofort im Namen der Kaiſerin dem Generallieutenant Wegmar den Befehl, die Feldregimenter in den Kaſernen zu konſigniren und ließ ſcharfe Patronen an dieſelben austheilen. Mitten in der Verwirrung erſchien die Kaiſerin, ruhig, ſiegesgewiß. Sie betrachtete die Volkshaufen, welche ihrem Wagen folgten, mit einem verächtlichen Lächeln, indem ſie mit den Fingern auf dem Wagen⸗ ſchlage trommelte. 80 Noch an demſelben Tage trat ſie vor den Senat mit eiſerner Stirne im vollen kaiſerlichen Pomp. „Eine entſetzliche, blutige That iſt geſchehen“, ſprach ſie majeſtätiſch,„eine Schaar von Wahnſinnigen hat ſich gegen uns empört und in der Abſicht, den unglücklichen Prinzen Iwan zu befreien und auf unſeren Thron zu erheben, deſſen Tod herbeigeführt. In Bezug auf dieſen von meinen Vorgängern als Staatsgefangener behan⸗ delten Prinzen habe ich nur die Befehle beſtätigt, welche den mit ſeiner Bewachung betrauten Offizieren von der letzten Regierung ertheilt worden ſind. Ich hätte als obſolute Herrſcherin in dieſem Reiche das Recht, den Zuſammenhang des Schlüſſelburger Atten⸗ tates durch eine von mir ernannte Commiſſion un⸗ mittelbar unter meinen Augen unterſuchen zu laſſen. Mir iſt aber dieſes verabſcheuungwürdige Verbrechen ſo ſehr zu Herzen gegangen, daß ich mich für dieſen ganz beſonderen Fall meiner höchſten Gewalt enkleide und dem Senate hiemit die Machtvollkommenheit er⸗ theile, die Unterſuchung über die bei dieſem Attentate verwickelten Perſonen zu führen und in letzter Inſtanz ohne Appellation über dieſelben die rechtskräftigen Ur⸗ theile zu fällen.“ So groß die augenblickliche Wirkung dieſer Er⸗ klärung auf den Senat war, nahm das Volk dieſelbe 8⁴ doch nur mit Mißtrauen auf und in der Geſellſchaft flüſterte man, die zwölf Senatoren, welche in dieſen Gerichtshof gewählt wurden, ſeien durchaus ergebene Creaturen des Hofes, das Ganze ein abſcheuliches ab⸗ gekartetes Spiel. Indeß waren Mirowitſch und ſeine Mitſchuldigen in Ketten nach Petersburg gebracht worden. Der Erſtere zeigte einen Gleichmuth, ja eine Heiterkeit, welche neuen Verdacht erregten. Gleich im erſten Ver⸗ höre ſagte er ruhig, er habe die Abſicht gehabt, die Kaiſerin zu ſtürzen, den wahren Herrſcher zu befreien. In dieſem Sinne beantwortete er alle Fragen, welche im Laufe des Prozeſſes an ihn gerichtet wurden, klar, beſonnen, ohne Umſchweife, ohne ſich nur ein einziges Mal in Widerſprüche zu verwickeln. Der„Nero im Reifrock“ konnte mit ſeinem Opfer zufrieden ſein. Am 20. September 1765 wurde endlich das Ur⸗ theil in dieſem hiſtoriſchen Prozeſſe geſprochen. Mirowitſch wurde mit Zuſtimmung des Synods, der Inhaber der drei erſten Rangklaſſen und der Prä⸗ ſidenten der Collegien als Aufrührer und Reichsver⸗ räther ſchuldig erkannt und zur Enthauptung durch das Beil verurtheilt. Er hörte das Urtheil ſchweigend mit kaltem Blute an, dann ſenkte er das Haupt und ein ſeltſames Lächeln flog über ſein bleiches Geſicht. Sacher-Maſoch Ruſſiſche Hofgeſchichten W. 6 82 Seine Mitſchuldigen, 68 an der Zahl, wurden theils zu Spießruthen, theils zu Zwangsarbeit verurtheilt. Das Urtheil wurde der Kaiſerin durch den Sena⸗ tor Neglujew zur Beſtätigung vorgelegt. Katharina II. ſaß an dem rieſigen holländiſchen Kamine ihres Arbeitszimmers und las der Daſchkow einen launigen Brief Voltaire's vor. Neglujew über⸗ gab das Aktenſtück, Katharina blickte hinein, warf es gleichgiltig auf den Kaminfims und entließ den Se⸗ nator mit einer gnädigen Kopfbewegung. „Es iſt das Urtheil“, ſprach die Daſchkow erregt. „Ja, Mirowitſch iſt zum Tode durch das Beil verurtheilt“, entgegnete die Kaiſerin nachläſſig. „Wirſt Du es unterzeichnen?“ fragte die Fürſtin raſch. „Hör' erſt den Brief zu Ende“, ſprach Katharina heiter. Die Daſchkow überlief es. Als die Czarin zu Ende war, hob ſie das Ur⸗ theil vom Kaminſimſe und breitete es auf ihren Knieen aus. „Gib mir eine Feder, Katinka.“ „Du wirſt ſein Todesurtheil unterzeichnen?“ ſchrie die Daſchkow auf. „Gewiß. Die Feder!“ Die Fürſtin erhob ſich langſam. 83 „Raſch!“ Die Kaiſerin ergriff die Feder, welche ihr die Daſchkow zögernd reichte, und ſetzte mit einem energiſchen Zuge ihren Namen unter das Todesurtheil des Geliebten. „Du wirſt es aber nicht vollziehen laſſen, Du kannſt es nicht!“ rief die Fürſtin. „Und warum nicht, Kleine?“ „Panin war bei mir“, fuhr die Daſchkow fort, „Mirowitſch rechnet zuverſichtlich auf Gnade.“ Katharina zuckte die Achſeln.„Ich könnte ihn begnadigen“, ſprach ſie lächelnd,„ihn verbannen, aber wird er leben können ohne mich? und könnte er es dann ließe ich ihm das Haupt erſt recht mit wahrer Luſt herunterſchlagen.“ „Du kannſt noch ſcherzen!“ „Nun denn Ernſt, Katinka“, fuhr die Kaiſerin mit ſtrengem unerbittlichen Geſichte fort.„Man klagt uns des Mordes an in ganz Europa, man beſchuldigt uns des Einverſtändniſſes mit Mirowitſch, wenn ich ihn ſchone beſtätige ich den Verdacht. Ich muß ihn opfern.“ „Und wenn Du Dich in ſeinem Charakter irrſt?“ warf die Daſchkow ein,„er hofft auf Gnade.— Wenn er ſich getäuſcht ſieht? wenn er auf dem Schaffote Enthüllungen macht?“ 84⁴ „Auch das iſt zu bedenken“, ſprach die Kaiſerin, „er liegt nun zwei Monate in Ketten und es muß er⸗ värmlich kalt in einem Kerker ſein. Wenn ſeine Glu⸗ chen verloſchen ſind, wenn ſein wollüſtiger Rauſch ver⸗ ſgen iſt Die Kaiſerin lehnte ſich zurück und hob die Augen zum Plafond empor.„Ich möchte ihn ſehen— ich ſollte ihn ſehen. Der arme Teufel! Nichts kann ihn retten, er muß ſterben, aber er muß bis zum letzten Augenblicke glauben, daß ich ihn liebe, daß das Ganze nur ein grauſames Spiel iſt und in dieſem Glauben muß ihn das Beil des Henkers treffen.“ X. Es war die Nacht vor der Hinrichtung. Mirowitſch lag auf dem feuchten Strohlager ſei⸗ nes finſtern kalten Kerkers, das Antlitz zur Erde, und ſeltſame Gedanken, ſeltſame Empfindungen zogen durch ſein Hirn, ſeine Bruſt. Er ſah die Mutter, die ihm am winterlichen Feuer die alten Geſchichten ſeines Volkes erzählte und wunderbare Märchen und ihm Koſakenlieder ſang voll wildem Freiheitsſinn und Le⸗ bensübermuth, er ſah den alten Diener, der ihn zum Regimente geleitet und ihn bewacht hatte wie ſeinen Sohn, der den jungen Fähndrich nach einer in Trunk 85 und Spiel durchwachten Nacht am Morgen wie ein Vater ſchalt und meiſterte. Beide lagen längſt im Grabe und er war allein, allein im Kerker, in Ketten, und auch ſie hatte ihn verlaſſen, die er bis zum Wahn⸗ ſinn liebte, für die er zum Rebellen, zum Mörder geworden war— — Nein— ſie nicht. Die Wand raſſelte und that ſich auf, ein Luftzug kam über ihn, ein Gewand rauſchte, er richtete ſich auf. Katharina II. ſtand an ſeinem Lager und er — er lag jetzt zu ihren Füßen und küßte dieſe kleinen Füße und ſeine Thränen floſſen auf ſie herab. Die Kaiſerin war durch eine geheime Thüre in ſeinen Kerker getreten, ſie hielt eine Fackel in der Hand, welche ſie in einer eiſernen Schließe an der Wand befeſtigte, um ſich dann zärtlich über ihn zu beugen. „Es iſt kalt hier“, ſprach ſie, indem ſie fröſtelnd den koſtbaren Pelz über ihrer Bruſt zuſammenzog. „Du biſt ſo bleich. Wie iſt Dir mein Freund?“ „Gut, gut“, ſagte er leiſe und lehnte ſein Haupt an ihr Kniee, ſeine Augen glühten wie im Fieber. „Nur manchmal—“ „Was ſagſt Du?“ „Manchmal faßt mich doch ein Schauer“, fuhr er fort,„ich bin ſo lange ſchon im Kerker in ſchweren Ketten und verurtheilt, und Du haſt das Urtheil be⸗ ſtätigt. Das Spiel iſt furchtbar ernſt geworden, Ka⸗ tharina— Ich habe mich, wie Du gewollt, ganz in Deine Hand gegeben. Da haſt Du mich nun, wie ein Ding. Ja ſchlimmer noch, denn das Ding hat kein Empfinden, keine Gedanken, keine Einbildungen. Und ich bilde mir mancherlei ein. Ich habe Dich ſo lange nicht geſehen, Du biſt mir fremd geworden und mein Leben und Tod iſt bei Dir.“ Die Kaiſerin ſchwieg. „Liebſt Du mich noch?“ begann Mirowitſch wie⸗ der.„O wenn Du mich ſatt biſt und kein Erbarmen haſt! und doch— dann— dann lieber ſterben.“ Katharina hob ihren Pelzüberwurf graziös in die Höhe, ließ ſich auf dem Stroh nieder und nahm das Haupt des Unglücklichen ſanft in ihren Schvoß. Es war ein wollüſtiges Grauen, ein Kitzel für ihre welt⸗ müden Nerven, zu denken, daß dieſes Haupt, das ſo wahnſinnig von ihr träumte, das jetzt noch zwiſchen ihren Händen glühte, morgen durch das Beil des Henkers fallen ſollte. „Wir ſpielen ein furchtbares Spiel“, ſprach ſie dann,„aber das Spiel muß zu Ende geſpielt werden. Ich kann es Dir nicht erſparen. Man klagt mich laut 87 des Einverſtändniſſes mit Dir an. Ich darf Dich erſt auf dem Schaffot begnadigen.“ Mirowitſch ſah ſie entſetzt an, mit großen Augen wie ein Kind. „Fürchte Nichts“, rief ſie und zog ihn höher an ihre Bruſt. „Verrathe mich nicht“, flehte er mit zitternder Stimme.„Wenn Du mich tödten mußt, ſag es, ich ſterbe gern für Dich.“ Die Kaiſerin lächelte ſonderbar, und leiſe wie in Gedanken ſenkte ſie die wollüſtig feuchten Lippen zu den ſeinen und küßte ſie wieder. Er fieberte in ihren Armen, die düſtere Wölbung des Kerkers ſchwand für einen Augenblick. „Steige muthig die Stufen zu dem Blutgerüſt empor mein Freund, denn ich will nicht, daß man ſich an Deiner Todesangſt ergötzt. Sei ruhig, ich ſelbſt bringe Dir Gnade und ſtatt des weißen Tuches winkt von Weitem ſchon mein Hermelin.“ Die Kaiſerin ſtreichelte ihn, ſah ihm lange ſtumm in das Auge und erhob ſich dann. Mirowitſch ſtützte das glühende Geſicht in beide Hände. „Wenn Du mich täuſchen könnteſt“, murmelte er, „wärſt Du teufliſch grauſam.“ 88 „Ein Nero im Reifrock“, lachte die Kaiſerin, aber ihr Lachen klang ſo hölzern, gezwungen, daß eine entſetzliche Angſt über ihn kam, er warf ſich vor ihr nieder und umfaßte verzweifelt ihre Kniee. „Mir ſchaudert Herrin, wenn Du mir nicht gnä⸗ dig biſt— wenn Du mich tödten läßt. Ich zittere vor Dir. Erbarme Dich!“ Katharina II lachte.„Es iſt blos kalt und feucht hier“, rief ſie,„auch mich fröſtelt. Ich werde gehen.“ Kaltblütig machte ſie ſich von ihm los und nahm die Fackel. Seine Hände ſanken herab, er kniete vor ihr ſtumm, apathiſch, wie der Sklave vor der Gebieterin, der Verbrecher vor ſeinem Richter. „Ich leide furchtbar, Katharina“, flüſterte er,„aber ich leide ja für Dich.“ In der Thüre wendete ſie ſich noch einmal zu ihm. „Du ſollſt bald erlöſt werden“, ſprach ſie milde, „leb wohl.“ „Leb wohl!“ X. Der Tag brach an. Tiefer Schnee lag auf Dächern und Straßen 89 die Sonne ſchwamm als eine rothe Dunſtkugel in dem weißen Himmel. Das Kommando, welches Mirvowitſch zur Hinrich⸗ tung abholte, fand ihn ſchlafend, ein heiteres Lächeln verklärte ſein Geſicht. Er hörte die Kolben raſſeln und richtete ſich auf. Aus ſeinen Träumen ſchwebte das Bild des wahnſinnig geliebten Weibes in die furchtbare Wirklichkeit herüber und erfüllte ſein Herz mit ſüßer Hoffnung. Sie konnte nicht ſo entſetzlich grauſam ſein, ſie konnte ihn nicht verrathen. Mirowitſch ſtand auf und verließ feſten Schrittes ſeinen Kerker, ihm winkte Glück und Freiheit. Er grüßte freudig die ſcharfe Luft, die ſeine Wangen kühlte, das roſige Licht, den heimathlichen Schnee. Aufrecht, das Haupt ſtolz erhoben, ein Lächeln um die Lippen ſchritt er im Zuge, den rauhen Soldaten⸗ mantel um die Schultern. Seit zweiundzwanzig Jah⸗ ren hatte die Hauptſtadt keine Hinrichtung geſehen. Landvolk war herbeigeſtrömt, der Zug konnte durch die vollgepfropften Straßen nur langſam vorwärts kommen. Alle Fenſter, alle Balkone waren beſetzt und Schritt für Schritt kam er dem Blutgerüſte näher; der Gedanke machte Mirowitſch wieder erbleichen, ihn frö⸗ ſtelte. Der Prieſter ſprach zu ihm von der Sünde, der Vergeltung und dem ewigen Leben. Er hörte Nichts, ihm klang immer nur ihre Stimmen im Ohr: „Ich ſelbſt bringe Dir Gnade.“ Aber es war ſo früh, die Nebel lagen noch auf der Erde, wenn ſie ihn vergaß? wenn ſie die Stunde verſchlief? Schon ſah er das Schaffot, es ragte hoch über die Häupter des Volkes empor, welches es umgab. Ein Regiment Fußvolk hatte ein großes Viereck um daſſelbe gebildet, nur einzelne Schlitten vornehmer Da⸗ men, welche in prächtigen Pelzen da ſaßen und ihn lorgnettirten, um jedes leiſe Zucken der Todesangſt von ſeinem Geſichte herab zu leſen, hatten in demſelben Einlaß gefunden. Am Fuße des Gerüſtes empfing der Gerichtshof den Verurtheilten. Noch einmal wurde feierlich das Schuldig über ihn geſprochen. Kalten Blutes, ruhigen Angeſichts hörte Mirowitſch das Urtheil verleſen, ſah er den Stab brechen, die Kerze verlöſchen. Man übergab ihn dem Henker. Als man ihm die Hände auf den Rücken band überlief es ihn. Er fühlte ſich nun vollkommen willen⸗ los der Gewalt, der Gnade oder Ungnade der Gelieb⸗ ten hingegeben.„Ich ſelbſt bringe Dir Gnade!“ mur⸗ melte er und ein ſanftes Lächeln überflog ſein entſetz⸗ lich bleiches Geſicht. 9¹ Man zögerte noch. Der Polizeimeiſter blickte auf die Uhr und flüſterte mit dem Henker, er hatte den Befehl, bis zu einer beſtimmten Stunde und Minute auf Begnadigung zu warten. Jetzt führten ſie Mirowitſch endlich die Stufen des Schaffots empor, jetzt ſtand er oben und blickte umher. Eine unabſehbare Menge umgab daſſelbe, todtenſtille. Noch keine Bewegung, welche das Nahen der Monarchin angekündigt hätte! Ein tiefer Schauer kam über Mirowitſch, die Knie bebten ihm. Da ſtand der furchtbare Block, der Henker ſtützte das blanke Beil auf denſelben. Man wollte Mirowitſch die Augen ver⸗ binden, er wies es zurück und blickte gen Norden. Von dort mußte ſie kommen, kalter Schweiß ſtand auf ſeiner Stirne, das Herz ſchlug ihm bis zum Halſe hinauf. Da ſah er einen Schlitten, der pfeilſchnell heran⸗ geflogen kam, näher, immer näher, ſie war es— ihr Hermelin glänzte im Sonnenlicht. Lächelnd kniet er nieder, noch einmal blickt er hin⸗ über, er erkennt ſie, die Menge wogt auf und ab, er legt ſein Haupt auf den Block und lacht. Die Kaiſerin fliegt im phantaſtiſchen Schlitten, in Zobelfelle köſtlich gebettet herbei, ſie trägt einen Ueber⸗ wurf von blutrothem Sammt mit Hermelin— er ſieht 92 Alles deutlich— und hat eine hohe Mütze von Her⸗ melin auf dem göttlich ſchönen Haupte. Heute iſt ſie eine Göttin, die Leben gibt und nimmt. An ihrer Seite ſitzt die Fürſtin Daſchkow und zittert. Der Schlitten der Kaiſerin theilt die Menge, ſie ſieht das Schaffot, ſie ſieht Mirowitſch knieen— ein Blitz fährt durch die Luft. Die Fürſtin Daſchkow ſchließt die Augen. Jetzt hebt der Henker ein blutiges Haupt empor und zeigt es der Menge. 8 — — — 8 — 8 — — — 8 8 — — — — — 8 — — — 6 82 — — 3— 5 Der erſte Maitag 1767 täuſchte die Erwartungen der Bewohner von Moskau in keiner Weiſe. Dieſer anmuthigſte der ruſſiſchen Feſttage wird Jahr für Jahr durch eine allgemeine Ausfahrt nach einem nur wenige Werſt entfernten Gehölze gefeiert; da aber nur zu oft ein neu eintretender Froſt oder Regen die Freude ver⸗ dirbt, wird ſchon mehrere Tage vorher ängſtlich nach jedem Wölkchen ausgelugt. Nur diesmal war es ein richtiger Maitag, die Bäume grünten und die Gebüſche zeigten die erſten Blüthen; aller Orten tönte munterer Vogelgeſang und ein blauer Himmel überſpannte die alte Czarenſtadt. In dem Hauſe des reichen Kaufherrn Peter Pau⸗ lowitſch Samſonow war eine kleine aber dafür um ſo lautere Geſellſchaft verſammelt, um an der Fahrt theil⸗ zunehmen. Das Haus lag in der breiteſten Straße 1 5— 96 von Kilai⸗gorod, hatte eine hölzerne, weiß getünchte Freitreppe, einen marmorirten Balken, ein Dach, aus dem eine kleine vergoldete Kuppel hervorſprang, und in dem anliegenden Gärtchen einen chineſiſchen Pavil⸗ lon. In dem großen Prunkzimmer nahmen die Herren Süßigkeiten und Thee und warteten auf die Frauen, welche noch mit ihrem Anzuge beſchäftigt waren. Es waren vier Männer da, der Hausherr Samſonow, ein großer, feiſter, behäbiger Kaufmann von altem Schlage, in ruſſiſcher Tracht, ſeidenem Kaftan, breitem Gurt, das runde Geſicht von einem runden Bart eingerahmt, der Bruder ſeiner Frau, Herr Jamrojewitſch, Schrei⸗ ber in der Reichskanzlei, ein kleines dürres Männ⸗ chen in zimmtfarbenem Frack, weißer Halsbinde, gelb⸗ ſeidener Weſte, taubengrauen Knieehoſen, Strümpfen und Schuhen, mit gepudertem Kopf, zwei dicken Locken an den Schläfen und einem Zöpfchen, das dem ge⸗ ſtutzten Schwänzchen eines Hündchens ähnlich ſah. Ferner Jwan Sergiewitſch Babunin, der Schwieger⸗ ſohn Samſonows, der Gatte ſeiner älteſten Tochter Feodora, ein junger Mann in ruſſiſcher Tracht, mit von Blattern zerriſſenem Geſicht, deſſen Geſchäft und Arbeit einzig und allein darin beſtand, eine Anzahl ſchöner Häuſer in Moskau zu beſitzen; endlich ein junger Offizier, der Kapitän Apoſtol Tſchoglokow. 97 Der letztere hatte den Vortheil, in ſeiner knappen, reichgeſchmückten Uniform ſeine hohe kräftige Geſtalt in günſtigſter Weiſe zeigen zu können. Der Puder, welcher ſein Haar vollkommen weiß machte, ſtach wirk⸗ ſam von dem gebräunten Geſicht ab, deſſen Züge edel und deſſen dunkelblaue Augen feurig und ſchwärmeriſch zugleich waren. Herr Jamrojewitſch hatte an dieſem Tage ganz beſonderes Unglück. Er ſpielte gern den in alle Mh⸗ ſterien der Politik eingeweihten Staatsmann, obwol ſeine Thätigkeit für das Wohl des Vaterlandes bei⸗ nahe ausſchließlich darin beſtand, die Federn zu ſchnei⸗ den, mit denen die Miniſter unterzeichneten. Jedesmal, wenn er etwas erlauſcht hatte, gab er ſich die Miene des Unterrichteten aber Unergründlichen, machte gerne halbe Anſpielungen und drehte ſeine Tabatiere vor⸗ nehm zwiſchen dem Daumen und Zeigefinger der rech⸗ ten Hand, bis er endlich die Neugier Aller erregt hatte, dann, wenn man ihn mit Fragen beſtürmte, erglänzte ſein ſonſt lederfarbenes Geſicht purpurn, gleich der aufgehenden Scheibe des Mondes, und end⸗ lich begann er mit leiſer Stimme zu erzählen, was er wußte, und durch abgebrochene Worte, durch Räuſpern, Blaſen, Spucken, Huſten zu ergänzen, was er nicht wußte. Heute hatte er aber Unglück. Er war feier⸗ Sacher-Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten IV. 7 98 lich eingetreten, ohne daß es Jemand bemerkt hatte, ſaß mit einem in wichtige Falten gelegten Geſicht ſchweigend da, ohne daß Jemand davon Aufhebens machte und hatte dann bereits zum fünften Male die vielſagenden Worte hingeworfen:„Ihre Majeſtät die Kaiſerin wird heute an der Ausfahrt theilnehmen“, ohne daß einer der Anweſenden eine Frage daran ge⸗ knüpft hätte. Eben nahm er einen neuen Anlauf, drehte ſeine Tabatiere raſch wie eine Wetterfahne im Sturme zwiſchen den Fingern und murmelte:„Die Kaiſerin— weshalb mag ſie nach Moskau gekommen ſein?“ als die Frauen eintraten und wieder Niemand ſeine my⸗ ſteriöſen Worte beachtete. Voran ſchritt Frau Eudoria Samſonow, eine Vierzigerin, die gewiß einmal ſehr hübſch, friſch und zart, jetzt aber wie die meiſten Ruſſinnen dieſes Alters entſetzlich dick war und mit Mühe in ihrem Fett zu athmen ſchien. Sie ſah in ihren reichen altruſſiſchen Kleidern wie ein aufgeputztes Schlittenpferd aus. Ihr folgte die verheirathete Tochter Feodora Babunin, dann kamen die beiden unverheiratheten, Eliſabetha und Basja, alle drei hübſch, weiß und roth, mit unverkennbarer Anlage zur Ueppigkeit, und feſtlich geſchmückt. Ganz zuletzt trat raſch und ſtölz ein junges Mädchen von 99 kaum ſechszehn Jahren, mittelgroß, ſchlank, mit reichem dunkeln Haar und feurigen Augen in das Zimmer, es war die jüngſte Tochter und die ſchönſte, Maſcha, von allen die Zigeunerin genannt. Ihr erſter Blick traf den hübſchen Offizier, der ſich erhoben hatte und nach einer tiefen Verbeugung im Stile der Menuette gegen die anderen Frauen auf ſie zuging und ihre Hand küßte. Nach ruſſiſcher; Sitte beugte ſich die ſchöne Maſcha lebhaft zu ihm hin und ihre friſchen Lippen berührten ſeine Stirne. Niemand ſah etwas Auffälliges in dieſer Begrüßung, um ſo weniger, als Tſchoglokow für den begünſtig⸗ ten Bewerber der ſchönen Kaufmannstochter galt. Maſcha hatte ihre reine Stirn mit einer Stirnbinde, Perlen auf rothem Sammt, gekrönt, welche ihr Haupt gleich einem Heiligenſchein umſtrahlte, und trug einen neuen rothen Scharafan mit rother goldgeſtickter Seide. Herr Jamrvjewitſch hielt dieſe Gelegenheit, die ſich ſeiner ſtaatsmänniſchen Beredtſamkeit darbot, feſt und ſprach, diesmal mit einer Stimme die Niemand überhören konnte;„Maſcha, Du ſiehſt heute wahrhaftig wie die Czarewna ſelbſt aus, ja, ja, nun Du wirſt ſie ſehen, Ihr Alle werdet ſie ſehen, ſie fährt heute aus. Wie Mancher wird ſich etwas dabei denken, etwa: 7* 100 Wie kommt es, daß unſer Mütterchen Katharina II. eben jetzt in Moskau iſt und nicht anderswo?“ In der That war es diesmal dem zimmtfarbenen Schreiber gelungen, die Aufmerkſamkeit Aller zu er⸗ regen.„Ja, wie kommt es, daß die Kaiſerin eben jetzt in Moskau iſt?“ ſagte Samſonow, und ähnlich er⸗ klangen zu gleicher Zeit die Fragen aller Anderen, mit Ausnahme des Kapitains, deſſen Stirn ſich finſter runzelte. „Allerdings“, erwiderte Jamrojewitſch langſam, die Tabatière verharrte dabei gleichfalls in diplomati⸗ ſcher Ruhe,„wer reden dürfte, aber ſo— es gibt Geheimniſſe— Staatsrückſichten—“ „Nun wir wollen alſo nicht in Euch dringen, fiel Babunin ein,„ſondern an unſere Ausfahrt denken.“ „Dringt immerhin in mich“, antwortete der Schreiber mit großer Würde,„ich werde nichts ver⸗ rathen, das iſt ſo unſere Art in der Reichskanzlei.“ Man ging die Treppe hinab und nahm in zwei ſchönen Wagen Platz, in dem einen ſaßen der Kauf⸗ herr, ſeine Frau, der Kapitän und Maſcha, in dem zweiten die drei anderen Töchter mit Babunin. Man fuhr durch die Straßen des alterthümlichen Moskau zwiſchen Steinpaläſten und hölzernen Häuſern, bis die Wagen die prächtige Allee rieſiger Fichten erreichten, 10¹ welche auf dem ganzen Wege von mehreren Werſt die Fahrenden begleiten, und hier ihren Platz in der lan⸗ gen Reihe der verſchiedenartigſten Fuhrwerke einnahmen. Das ganze reiche und wohlhabende Moskau ſchien auf der Wanderung, doch auch der kleine verarmte Adel durfte und wollte an dieſem Tage nicht fehlen. So ſah man denn zwiſchen den prachtvollen mit feurigen Racepferden beſpannten Equipagen der Großen, in denen Damen mit hohen Toupés und weit gebauſchten Roben ſaßen und die ſicher unaufhörlich in Bewegung waren, deren Kutſchböcke und Tritte mit goldſtrotzen⸗ den Dienern beſetzt waren, andere von Schindmähren gezogen, deren Geſchirr mit Stricken zuſammengebun⸗ den war, während die Livree der Lakaien Riſſe zeig⸗ ten. Hier neumodiſche Glaswagen, dort alte Kut⸗ ſchen, Archennoahs auf Rädern, bei jedem Schritte ächzend. Zwiſchen den beiden Reihen von Wagen, die ausfuhren oder zurückkehrten, ſah man elegante Herren, Offiziere und Soldaten, welche die Ordnung aufrecht erhielten, auf raſchen Pferden hin und her ſprengen, während rechts und links Tauſende von Bauern, feſt⸗ lich gekleidet, dem Schauſpiel zuſahen. Mehr als zweitauſend Kutſchen waren in Bewe⸗ gung, und Tauſende von Menſchen füllten das Gehölz, als die Geſellſchaft dort ankam. Baumgruppen wech⸗ 102 ſelten mit großen Wieſen und blühenden Gebüſchen ab, die Wohlgeruch verſendeten. An geeigneten Stel⸗ len waren geräumige Zelte aufgeſchlagen, in denen die Großen Erfriſchungen nahmen und ihre Freunde be⸗ wirtheten. „Nun, Herr Vetter, wo bleibt denn die Czarewna“, begann Babunin, nachdem man ausgeſtiegen und einige Zeit in dem glänzenden Gewühl umhergegangen war „Wir werden ſie ſehen, ich ſage es Euch, und noch recht oft werden wir ſie ſehen, ſie wird länger in Moskau verweilen als man denkt, es ſind wichtige Dinge im Zug; ja, wer reden dürfte“, ſeufzte der Schreiber und drehte die Tabatière würdevoll zwiſchen den Fingern. „Ob es dies iſt oder jenes, was unſer Mütterchen Katharina vorhat“, ſagte Samſonow,„gewiß wird es zu unſerem Beſten ſein.“ Tſchoglokow ſchoß einen ſeltſamen Blick auf ihn und biß ſich in die Lippe feſt, als zwinge er ſich zu ſchweigen. „Man darf nichts ſagen“, fuhr der Schreiber fort,„am wenigſten urtheilen, aber Jeder muß es lo⸗ ben, eine ſolche Regierungshandlung, in einem Staate nämlich, wo es nur einen Herrn gibt und alle ande⸗ ren Sklaven ſind, eine unerhörte Großmuth; die Eng⸗ länder werden ſtaunen; und was haben ſie dann vor uns voraus? Nichts haben ſie vor uns voraus, nicht das Mindeſte.“ „Wovon ſprichſt Du“, ſtaunte Samſonow. Die Tabatière lief wie das Rad eines Scheeren⸗ ſchleifers zwiſchen den Fingern des Schreibers.„Wo⸗ von ich ſpreche? Von einem Staatsgeheimniß. Vor vielen Monaten ſchon ſind Ukaſe in die entfernteſten Gegenden des Reiches geſchickt worden. Damals war noch nicht Zeit davon zu reden, deshalb habe ich kei⸗ nerlei Andeutung gewagt—“ damals hatte er näm⸗ lich von der Sache nichts gewußt—„aber jetzt, kann man— ſo im Familienkreiſe nämlich— und derglei⸗ chen— kann man es wagen— unſere große Monar⸗ chin— es wird dieſer Tage ein Manifeſt erſcheinen, das Abgeordnete aller Nationen Rußlands hierher nach Moskau beruft, um die neuen Geſetze zu bera⸗ then—“ „Seid Ihr von Sinnen?“ ſchrie der Kapitän äüf „Herr Offizier, ich habe das Manifeſt eigenhändig — abgeſchrieben.“ „Alſo ein Parlament ſollen wir erhalten wie in England?“ ſagte Babunin. „Durch den freien Willen und die Gnade der 104 Czarin“, fügte Samſonow hinzu,„Jja, ja, es iſt eine große, eine weiſe, herablaſſende Frau, unſere Herrin Katharina II. Viele Jahre möge ſie leben und regie⸗ ren, viele Jahre!“ Mit einem Male entſtand eine lebhafte Bewegung, ein Wogen und Drängen in den Menſchenmaſſen. „Die Kaiſerin, von der Prinzeſſin Daſchkow be⸗ gleitet, es iſt ihr goldener Wagen!“ rief der Schreiber. In einer Karoſſe aus vergoldetem Holz, deren Wände venetianiſches Glas bildete, ſaßen zwei Frauen, die eine ſchön und majeſtätiſch, mit einer Koſakenmütze auf dem gebieteriſchen Haupt, die andere kaum hübſch zu nennen, aber voll Grazie, Leben und Geiſt. Ma⸗ ſcha hatte den Arm des Kapitäns gefaßt und führte hn raſch bei Seite.„Du ſollſt ſie nicht ſehen“, ſagte ſie. „Wen?“ „Die Kaiſerin.“ „Weshalb, thörichtes Mädchen?“ fragte Tſchog⸗ lokow überraſcht. „Weil— ich weiß eigentlich ſelbſt nicht wes⸗ halb—“, gab Maſcha zur Antwort,„aber ich muß jedesmal zittern wenn von Katharina die Rede iſt, vielleicht iſt es ein Vorgefühl, daß ſie Dich mir ent⸗ reißt. Sie wählt ihre Günſtlinge unbekümmert um ee hetecheeedeeheh Katharina ſo ſehr fürchte, ſag mir das?“ 105 das Urtheil der Welt, und Du— Du, weshalb ſoll⸗ teſt Du ihr nicht gefallen?“ „Biſt Du ruhig, wenn ich Dir ſage, daß Katha⸗ rina mir nie gefährlich werden kann?“ „Wirklich? Sie iſt doch ſehr ſchön!“ „Aber ich haſſe ſie“, murmelte der Kapitän. Maſcha ſchien ihn nicht zu verſtehen.„Was Du ſagſt“, ſtieß ſie endlich verwundert hervor. „Sie iſt eine Thrannin, ſie hat ihren Gatten er⸗ morden laſſen“, fuhr Tſchoglokow fort,„und belügt Europa mit dem Schein großer Handlungen, während ſie ihr Volk barbariſcher mißhandelt, als es je ein Nero oder Kaligula gewagt hat.“ „Ich verſtehe Dich nicht“, ſagte das Mädchen nach einer Weile,„aber es iſt mir genug, daß Du ſie nicht liebſt.“ „Und dieſes ruſſiſche Parlament! Was iſt das, was ſoll das ſein?“ fuhr der Kapitän fort,„eine er⸗ bärmliche Komödie, um ihre Lobredner im fernen Frank⸗ reich zu täuſchen und zu neuen Paneghriken zu be⸗ geiſtern, uns kann ſie nicht betrügen, denke daran, wie lächerlich das enden wird. „Nun ſage mir aber“, rief Maſcha plötzlich, „wenn Du ſie ſo ſehr haſſeſt, warum ich mich vor . 106 Diesmal war Herr Jamrojewitſch wirklich gut unterrichtet geweſen. Das kaiſerliche Manifeſt, welches Abgeordnete aller Nutionen und Stämme des großen Rußland zur Berathung neuer Geſetze nach Moskau berief, erſchien in den nächſten Tagen und verſetzte Europa in Staunen, die Ruſſen ſelbſt aber in nicht geringe Furcht. War die Abſicht der abſoluten Selbſtherrſcherin, der mit dem Blut ihres Gemahls und ſo vieler Un⸗ glücklichen, welche ſich zu ihrem Sturze verſchworen hatten, befleckten Deſpotin, ihrem Volke, das zum größ⸗ ten Theile noch in den Ketten der Sklaverei ſchmach⸗ tete, mit einem Male die Freiheiten Englands, die Theilnahme an der Geſetzgebung, aus eigenem Antriebe einzuräumen, ernſt zu nehmen, oder war es ein kühner Scherz im Stile Jwan des Schrecklichen, der die Großen des Reiches aufforderte, einen Nachfolger zu wählen und als ſie erklärten ſie fänden keinen Mann, der würdig ſei nach ihm den Thron einzunehmen, ihnen höhniſch zurief: Das iſt Euer Glück, wenn Ihr einen gefunden hättet, hätte ich ihm und Euch die Köpfe herunterſchlagen laſſen? Die treuen Unterthanen Katharinas ſträubten ſich zuerſt überhaupt Abgeordnete zu wählen, und als man ihnen befahl von ihrem Rechte Gebrauch zu machen, 107 machten die Gewählten Schwierigkeiten nach Moskau zu gehen, und entſchloſſen ſich erſt dann dem Rufe der Monarchin Folge zu leiſten, als man ſie mittelſt Po⸗ lizei hinzuſchicken drohte. Ein Parlament, deſſen De⸗ putirte mit Eskorte wie Verbrecher eingeliefert werden müſſen, das wäre denn doch für das Rußland Katha⸗ rinas zu ſkuril geweſen. Endlich fanden ſich die Ge⸗ wählten in Moskau ein. Seit dem Thurmbau zu Babel hatte man nicht ſo verſchiedene Racen und Nationen, ſo ſeltſame Menſchentypen an einem Orte vereint ge⸗ ſehen, ſie kamen aus den Eisfeldern der Polargegen⸗ den und aus den grasreichen Steppen des Südens, von den Ufern des Intis und der Wolga. Es war eine Verſammlung, die ihres Gleichen ſuchte, aber ſie endete auch genau ſo wie der Thurmbau zu Babel. Die Deputirten waren unfähig, ſich untereinander zu verſtändigen, als man ihnen aber die Abſichten der Monarchin verdolmetſchte, waren ſie ſofort einig, dieſelbe als groß, weiſe und als Mutter des Vater⸗ landes zu bezeichnen. Im Uebrigen ſchienen ſie nicht zu verſtehen, was man von ihnen begehrte und blieben unerſchütterlich dabei, keine Meinung über die ihnen vorgelegten Ge⸗ ſetze zu haben. Alles, was das Mütterchen Czarin habe niederſchreiben laſſen, ſei ohne Zweifel über jeden 108 Tadel erhaben, erklärten ſie immer von Neuem, und ſie ſeien nur da, um ihren Befehlen zu gehorchen und ihr in Allem zu dienen. Mit einem ſolchen Parla⸗ mente zu regieren, das zu Allem„ja“ ſagte, widerte ſogar die neroniſche Natur einer Katharina an. Sie entließ alſo die Abgeordneten huldvoll nach Hauſe— es war für dieſelben der ſchönſte Moment ihrer Thätigkeit für das Wohl der Völker Rußlands— und die Freiheitskomödie war zu Ende. Denkmünzen aus Gold wurden zur Verherrlichung derſelben geſchlagen und an die Deputirten vertheilt. Die Mehrzahl derſelben verkaufte ſie gleich in Moskau an dortige Goldſchmiede. An dem Tage, wo die merkwürdige Verſammlung auseinander ging, kam Tſchoglokow in ungewöhnlicher Aufregung zu ſeiner geliebten Maſcha. Er fand ſie mit ihrer Schweſter Eliſabetha im Gärtchen hinter dem Hauſe, in dem chineſiſchen Pavillon mit dem Auf⸗ nehmen kleiner Knaben beſchäftigt. Der Kapitän begrüßte die Mädchen und warf einen Blick auf Maſcha, den dieſe in unzweideutiger Weiſe an ihre Schweſter weiter gab. Eliſabetha ent⸗ ſchuldigte ſich mit einer Arbeit, die ſie im Hauſe zu verrichten hatte, und ließ die⸗Liebenden allein. 109 „Weißt Du bereits die große Neuigkeit?“ begann der Kapitän. „Wie ſoll ich etwas wiſſen? Der Vetter war heute noch nicht da, wir erfahren alle Neuigkeiten nur durch ihn.“ „Erinnerſt Du Dich meiner Vorherſagung am erſten Mai?“ fuhr Tſchoglokow fort. „Ich erinnere mich“, ſagte das ſchöne Mädchen. „Alles iſt ſo eingetroffen wie ich ſagte. Die Ver⸗ ſammlung der Deputirten iſt eben heimgeſchickt worden. Die Czarin hat keine andere Abſicht gehabt, als Eu⸗ ropa eine Komödie vorzuſpielen, aber ihre getreuen Unterthanen benehmen ſich bei derſelben ſo über alle Erwartung albern, daß ſie nahe daran war, ſich vor allen civiliſirten Nationen lächerlich zu machen und es daher vorzog, die allzu dienſteifrigen Werkzeuge nach Hauſe zu ſenden. Und dieſes Weib preiſen Männer wie Voltaire und Diderot! Die Maske der Humani⸗ tät, der Liebe für Künſte und Wiſſenſchaften ſoll aber Europa nicht länger über das Meduſenantlitz täuſchen das ſich hinter derſelben verbirgt?“ „Apoſtal, Du führſt ſehr gefährliche Reden“, rief das gute Mädchen entſetzt,„ſprichſt Du auch ſo zu Deinen Kameraden oder anderen Leuten?“ „Nein, Geliebte, nur zu Dir.“ 110 Maſcha athmete auf.„Beſänftige Dich“, ſagte ſie mit ihrer freundlichen ſilberhellen Stimme, zugleich zog ſie ihn auf den gepolſterten Sitz nieder und um⸗ ſchlang den theuren Mann mit beiden Armen,„was kümmern uns dieſe Dinge, iſt es für unſere Liebe, unſer Glück nicht gleichgiltig, wer auf dem Throne ſitzt und wie die Miniſter ſich nennen?“ „Das iſt ſehr ſelbſtſüchtig gedacht“, erwiderte Tſchoglokow,„nur weil Alle— vielleicht mit einer einzigen Ausnahme— ſo denken, iſt dieſe Thrannei, dieſe Mißregierung möglich. Haſt Du denn kein Ge⸗ fühl für Dein Vaterland, für Dein Volk, Maſcha?“ „Aber, Geliebter, es hat ſich ja eben gezeigt, daß dieſes Volk keine Veränderung wünſcht.“ „So iſt es, Maſcha“, ſprach der Kapitän,„Jja Du haſt die Wahrheit geſprochen und das iſt eben das Entſetzliche. Der unaufhörliche Druck der Tyrannei, dieſes ununterbrochene Frauenregiment, dieſe weibliche Sultans⸗ und männliche Paſchawirthſchaft hat uns Ruſſen ſo erniedrigt, ſo aller Menſchenwürde beraubt, daß wir nicht einmal dort mehr von der Freiheit etwas wiſſen wollen, wo ſie uns von unſeren Be⸗ drückern gleichſam anbefohlen wird. Ich muß vor Scham erröthen, wenn ich daran denke, wie die Nach⸗ welt von uns urtheilen wird, die wir dieſe Schmach 1¹⁴ ruhig, ohne Widerſtand, beinahe vergnügt ertragen. Haben wir deshalb unter Peter dem Großen einen Schritt vorwärts gethan, der ſo kühn, ſo überraſchend war, daß alle Völker Europas uns anſtaunten, um dann wieder unter vier Czarinnen, ebenſoviel Deſpo⸗ tinnen, die nur von ihrer Laune und niemals von einem großen Gedanken geführt werden, in die Reihe der aſiatiſchen Horden herabzuſinken? Katharina I., Anna, Eliſabeth, Katharina II. Welche Aufeinanderfolge von Entwürdigung, Schmach und Elend! Aber die Ent⸗ ſetzlichſte von Allen bleibt doch dieſe Semiramis des Nordens, wie Voltaire unſere gegenwärtige Ge⸗ bieterin nennt, Semiramis wohl nur, weil ſie gleich der aſiatiſchen Herrſcherin über die Leiche ihres Gatten hinweg den Thron beſtieg, aber die Aſiatin breitete über ihre Verbrechen, ihre Laſter und Ausſchweifungen den Purpur großer Thaten und weiſer Einrichtungen. Katharina I. iſt aber nichts weiter als eine neue Meſſalina, eine zweite Königin von Achem. Man ſagt, daß die Menſchheit unabläſſig vorſchreitet. Ich kann es nicht glauben. Da habe ich mir vor wenigen Ta⸗ gen bei einem Trödler ein Buch gekauft, das ihm, mit vielen anderen ein franzöſiſcher Tanzmeiſter ver⸗ handelt hat. Lies das einmal—“ er zog einen fran⸗ zöſiſchen Plutarch hervor und gab ihn Maſcha, welche 112 den Deckel aufſchlug und mit dem Finger die Buch⸗ ſtaben verfolgend zu leſen verſuchte. „Was iſt das“, ſagte ſie endlich,„iſt das fran⸗ zöſiſch? Du haſt wol vergeſſen, daß ich nur die ruſ⸗ ſiſche Kirchenſchrift leſen kann und auch dieſe nur, wenn die Buchſtaben recht groß ſind, wie in den Gebetbüchern und Evangelien.“ „Wie ſchade!“ rief der Kapitän,„aber warte, ich will Dir Einiges daraus überſetzen.“ Er ſuchte in dem Buche, fand endlich die Lebensbeſchreibung des Lykurgos und begann Satz für Satz ſo gut er es eben traf, der Geliebten zu verdolmetſchen, während ſie den Arm um ſeinen Nacken geſchlungen mit ihm in die vergilbten Blätter blickte und aufmerkſam zu⸗ hörte. Als er zu Ende war, wendete er ſein von Be⸗ geiſterung glühendes Antlitz der Geliebten zu.„Waren das Menſchen in jener alten, längſt verfloſſenen Zeit, war das ein Volk in Sparta, und dieſer Lykurgos, welch ein Mann! Welche Vaterlandsliebe! Er geht freiwillig in die Verbannung, er gibt ſich den Tod, weil die Spartaner ihm mit einem heiligen Eide ge⸗ loben, an den herrlichen Geſetzen, die er ihnen gegeben hat, nichts zu ändern vor ſeiner Rückkehr.“ „Wie ſchön Du jetzt biſt“, ſagte das Mädchen, 1¹3 „ich erinnere mich nicht, Dich je ſo geſehen zu haben. Dieſer Mann muß ſehr gut und groß geweſen ſein, da er nach ſo vielen, vielen Jahren noch im Stande iſt, bloß durch die Erinnerung an ihn, Dich ſo ſchön zu machen, mein Geliebter.“ Tſchoglokow zog Maſcha gerührt an ſeine Bruſt und küßte ſie mit jener Innigkeit, welche nur gute und reine Herzen empfinden können, dann nahm er den Plutarch wieder zur Hand und las weiter von Solon, Themiſtokles, Cato und den beiden Gracchen, er las ſo lange, bis Frau Eudoxia Samſonow auf der Schwelle erſchien. Die gute dicke Frau paßte vortrefflich in den Rahmen des chineſiſchen Pavillons, ſie ſtand da, ſelt⸗ ſam und merkwürdig wie eine Pagode und nickte mit dem Kopfe ganz ſo ernſthaft wie eine Pagode. „Es iſt Zeit etwas zu eſſen, meine Kinder“, ſagte ſie lächelnd, ſie lächelte immer wenn ſie ſprach. Einige Tage ſpäter, an einem kalten unfreund⸗ lichen Herbſtabend, während draußen der Regen in Strömen herabfloß und der Sturm in den Schorn⸗ ſteinen heulte und an den Fenſterſcheiben unheimliche Lieder ſang, ſaß Samſonow mit ſeiner braven Frau in der Nähe des warmen Ofens beim Dominoſpiel, Eliſabetha bereitete den Thee, Basja einen Sacher-Maſoch, Hofgeſchichten IV. rothen Scharafan mit Gold, und Maſcha ſpielte mit einem weißen Hündchen, das ihr Tſchoglokow zum Geſchenke gemacht hatte. Alle blickten von Zeit zu Zeit auf die große Schwarzwälderuhr, ſie erwarteten den Kapitän und mit nicht geringer Sehnſucht, denn alle liebten ihn. Endlich trat er ein und begrüßte zuerſt die Eltern, dann die Mädchen herzlich und ſcherzhaft wie immer, aber Maſcha hatte ſofort entdeckt, daß er furchtbar bleich war. Sie zog ihn in eine Fenſterniſche und faßte beſorgt ſeine Hand, die ſich wie ein Stück Eis anfaßte. „Was haſt Du?“ fragte ſie,„biſt Du krank?“ „Ich habe die ganze Nacht geleſen“, antwortete er. „Sollte dies allein Urſache ſein—“ „Und— ich bin zu einem großen Entſchluſſe ge⸗ kommen, Maſcha.“ „Zu was für einem Entſchluſſe, Geliebter, Du erſchreckſt mich.“ „Ich habe heute Nacht von Cäſar geleſen, mein theures Mädchen“, ſagte der Kapitän„und von Bru⸗ tus. Der Erſtere war ein großer Held im alten Rom, der ruhmreiche Thaten verrichtele, zum Lohn die höchſte Würde im Staate bekleidete, aber damit nicht zufrie⸗ den war.“ „Was wollte er noch?“ „Er wollte König werden, der Ehrgeizige.“ „Weshalb ſollte er dies nicht werden, wenn er ein großer Mann war, wie Du ſagſt.“ „Merke auf“, fuhr der Kapitän fort,„Cäſar war in der That würdig König zu werden, aber es gab brave Leute in Rom, die ſelbſt dem beſten Mann die Freiheit des Vaterlandes nicht zum Opfer bringen wollten. Der angeſehenſte dieſer Patrioten hieß Bru⸗ tus. Cäſar betrachtete dieſen Brutus wie ſeinen Sohn, als es aber hieß, Cäſar ſei geſonnen am erſten Tage des Märzmonates in den Senat zu gehen und ſich dort durch ſeine Freunde zum Könige erheben zu laſ⸗ ſen, da ſagte Brutus: Dann iſt es meine Pflicht, nicht zu ſchweigen, ſondern für die Freiheit zu ſtreiten und ſelbſt mein Leben aufzuopfern. Caſſius aber, ſein Schwager, erwiderte:„Welcher Römer wird gleichgil⸗ tig bleiben, wenn Du Dich für die Freiheit aufopferſt?“ „Und was thaten dieſe Beiden?“ forſchte Maſcha erregt. „Sie verſchworen ſich mit anderen angeſehenen Männern und an dem erſten Tage des Märzmonates gingen Sie mit Dolchen bewaffnet in den Senat.“ „Und?“ „Uud ermordeten Cäſar.“ 6 „Apoſtal! Um Himmelswillen! Und Du— Du willſt die Kaiſerin ermorden!“ „Ja, Maſcha, das will ich“, ſprach der Kapitän mit feierlicher Ruhe. Das Mädchen ſah ihn noch einen Augenblick ent⸗ ſetzt an, dann begann es plötzlich zu lachen.„Ich merke jetzt, Du ſcherzeſt, willſt mich ängſtigen, es kann ja nicht Dein Ernſt ſein.“ „Meinſt Du“, erwiderte der Kapitän düſter,„ich ſage Dir aber, daß ich nicht ruhig ſein kann, Maſcha, daß mir das Glück an Deiner Seite als eine Sünde erſchiene, ſo lange dieſes laſtervolle Weib lebt. Ich höre eine Stimme, die zu mir ſpricht: Brutus Du ſchläfſt! Ich will wach werden und mit mir dieſes arme Land erwecken.“ „Apoſtal, gibt es denn kein anderes Mittel, keinen anderen Weg?“ fragte angſtvoll das Mädchen. „Jeder andere Weg führt nach Sibirien.“ „Und dieſer auf das Schaffot.“ „So ſei es, ich will ein großes Beiſpiel geben“, ſagte Tſchoglokow,„und ſcheitere ich, ſo ſoll der Koran Recht behalten, der da ſagt: „Es gibt keine Erlöſung für ein Volk, das von einem Weibe regiert wird.“ „Mein Geliebter—“ 117 „Genug davon.“ Maſcha ſchwieg und beherrſchte ihre Aufregung ſo gut, daß Niemand im Hauſe von dem was ſich vorbereitete eine Ahnung hatte, als ſie aber in ihrer Stube allein war, warf ſie ſich vor den Heiligenbildern nieder und weinte und betete die ganze Nacht hindurch bis zum Morgen. * 6 Auf dem großen Platze vor dem Kreml blitzten Tauſende von Bajonetten, ſtampften und wieherten die Pferde der Reiterei, drohten die ſchwarzen Mün⸗ dungen der Kanonen. Die Czarin Katharina II. hielt hier die Parade über die Garniſon von Moskau ab. Nachdem die Truppen in drei Treffen aufgeſtellt waren, ſprengte ſie mit einem glänzenden Stabe heran, wurde mit Muſik und Senken der Fahnen empfangen und ritt dann langſam die Front ab. Sie ſaß auf einem weißen Araber, der ſie mit einem gewiſſen Stolz zu tragen ſchien, in leichter und doch imponirender Haltung. Auf dem weißgepuderten Haar ſaß ein dreieckiger Hut in der Form wie ihn damals die Soldaten bei der Wache trugen, mit brei⸗ ter Goldborte und kleinem Federbuſch. Ueber dem grauen Reitkleide hatte ſie eine Uniform aus grünem Tuch mit rothen Aufſchlägen und Gold an, die kleine 118 Hand im weißen Stulphandſchuh führte kräftig die Reitgerte. Während die Kaiſerin durch die Reihen ritt, wurde ſie von jeder Kompagnie mit den Worten: Guten Tag un⸗ ſerer Czarin! gegrüßt, und ſie erwiderte„Guten Tag“, mit einem liebenswürdigen Lächeln. Als ſie an Tſchoglo⸗ kows Kompagnie vorbei kam, ließ ſie plötzlich ihr Pferd langſamer gehen, und heftete ihren Blick, der mehr wie einen muthigen Mann zittern gemacht hatte, voll und ruhig auf den neuen Brutus. Der Kapitän hielt ihn aus, ohne nur mit der Wimper zu zucken, in ſei⸗ nem Auge loderte Haß und Fanatismus, aber Katha⸗ rina II. ſchien die Gluth deſſelben ganz anders aufzu⸗ faſſen, denn ſie wendete ſich auf der Stelle zu dem General Grafen Apraxie und fragte nach dem Namen des jungen ſchönen Offiziers. Auf einmal, als ſie die Regimenter vor ſich de⸗ filiren ließ, ſuchte und fand ihr großes gebieteriſches Auge den Kapitän und diesmal wurde ihm ſogar ein gnädiges, nur ihm bemerkbares Kopfnicken zu Theil. Nach der Parade in ihre Gemächer zurückgekehrt, ließ Katharina I. ſofort den Grafen Panin zu ſich befehlen und gab ihm den Auftrag, ihr ſo raſch als möglich über den Kapitän Tſchoglokow zu berichten. Die Auskünfte, welche ſie ſo dringend begehrte, kamen 149 indeß viel früher als ſie erwartete von ganz anderer Seite und lauteten ſeltſam genug. Die Czarin hatte nur Zeit gehabt, ihre militäri⸗ ſchen Kleider mit einem reichen Negligee zu vertauſchen, als ihr eine Perſon gemeldet wurde, welche ihr wich⸗ tige und dringende Mittheilungen zu machen habe. „Wer iſt es?“ fragte ſie die Stirne runzelnd. „Ein junges Mädchen, die Tochter eines Kauf⸗ manns in Kilai⸗gorod.“ „Und welchen Gegenſtand betreffen die Mitthei⸗ lungen?“ „Sie behauptet, nur Ihrer Majeſtät ſelbſt Alles ſagen und geſtehen zu können.“ Katharina II. blickte einen Augenblick zu Boden, ſie beſann ſich offenbar, dann gab ſie einen Wink, der ſo viel bedeutete als: ich will das Mädchen ſprechen. Ehe dieſes eintrat, hatte die Monarchin noch Zeit ge⸗ habt, ſich ſehr genau im großen Wandſpiegel zu be⸗ trachten, um dann in einer nachläſſigen Atitüde auf dem Ruhebette Platz zu nehmen. Als ſich das Mädchen endlich mit der Selbſtherr⸗ ſcherin Rußlands allein ſah, blieb es, einer Bildſäule gleich, an der Thüre ſtehen, von der ſchweren rothen Damaſtportidre halb bedeckt, und begann zu weinen. „Nun, ſage mir raſch, was Du zu ſagen haſt“, 120 begann Katharina II. lächelnd,„bedenke daß ich nicht ganz ſo viel Zeit habe wie Du.“ Die helle Stimme der Kaiſerin wirkte in ganz anderer Weiſe auf das Mädchen als die Majeſtät ih⸗ rer Erſcheinung, ſie eilte auf dieſelbe zu, warf ſich ihr zu Füßen und hob flehend beide Hände empor.„Gnade!“ ſtieß ſie angſtvoll hervor. „Für wen mein Kind?“ fragte Katharina ſanft. „Für einen Mann, den ich liebe“, erwiderte das Mädchen ſchluchzend. „Was hat er für ein Verbrechen begangen?“ „Er will erſt eines begehen.“ Ei“, lachte die Czarin,„und ich ſoll ihm vor⸗ her eine Verzeihung gewähren, damit er es ungeſtraft verüben kann? Nicht übel ausgedacht.“ „Nicht ſo, Majeſtät“, rief das Mädchen,„ich drücke mich ſchlecht aus. Es handelt ſich darum, eine ſchreckliche That zu verhindern und dem, der ſie vor⸗ hat, Ihre Gnade zu erwirken.“ „Immer räthſelhafter“, ſagte die Czarin,„vor Allem aber, wie iſt Dein Name, wer ſind Deine Eltern?“ „Ich heiße Maſcha und mein Vater iß der Kauf⸗ mann Samſonow in Kilai⸗gorod.“ „Nun, Maſcha, ſtehe auf und erzähle mir ruhig 424 und zuſammenhängend Alles, was Du auf dem Herzen haſt.“ „Nicht früher, Majeſtät, als bis Sie mir Gnade gewähren für den Unglücklichen.“ „Ich muß den Fall kennen, ehe ich entſcheide.“ „Nein, Majeſtät, Sie müſſen früher vergeben, ehe ich den Mann, den ich ſo heiß und innig liebe, in Ihre Hände liefere, denn ich thue dieſen Schritt nicht allein um Ihr Leben zu retten, gnädigſte Frau, ſon⸗ dern auch das ſeine, nur meine Liebe, meine Angſt um ihn treibt mich, ihn zu verrathen.“ „Es handelt ſich alſo um eine Verſchwörung—“ „Nein—“ „Doch, doch, ein neuer Anſchlag auf mein Leben“, fragte Katharina raſch und Ki „Das habe ich nicht geſagt— „Gewiß haſt Du das g S das, mein Täubchen.“ „Ich habe nichts geſagt“, rief Maſcha, deren Muth mit jedem Worte ſtieg,„und werde nichts ſa⸗ gen, wenn Sie mir nicht ſein Leben ſchenken.“ „Es gibt Mittel, Kind—“ „Ich fürchte nicht, in den Kerker geworfen und mit Ketten beladen zu werden.“ „Und die Folter?“ „Auch dieſe nicht, ich fürchte nichts in der Welt für mich, und Alles nur für ihn“, ſagte das Mädchen mit einer Achtung heiſchenden Entſchloſſen⸗ heit.„Brauchen Sie Gewalt, Majeſtät, dann Gnade Ihnen Gott, kein Menſch wird Sie erretten wenn ich ſchweige, und Sie werden ſterben wie Cäſar ſtarb.“. „Was weißt Du von Cäſar?“ „Ich weiß, daß er ein Thrann war und daß Brutus ihn ermordet hat.“ Katharina II. ſah das muthige Mädchen groß an, ſprang auf und durchſchritt heftig das Gemach, ſie überlegte; daß hier die Gewalt ihres Szepters nicht ausreichte, ſah ſie jetzt klar genug, ſie wollte es alſo mit der Macht ihrer Perſönlichkeit und mit ihrer überlegenen Klugheit verſuchen.„Höre mich an“, be⸗ gann ſie, nachdem ſie mit auf der Bruſt gekreuzten Armen vor Maſcha ſtehen geblieben war,„wenn ich Dich jetzt hier feſthalte und meinen Polizeichef beauf⸗ trage, binnen einer Stunde feſtzuſtellen, wer jener Mann iſt, den Du liebſt, kenne ich auch den neuen Brutus, vor dem ich mich zu hüten habe. Du ſiehſt, ich brauche nur zu wollen und Dein Geliebter iſt in meiner Gewalt, ich kann dann mit ihm beginnen was mir gut dünkt, ihn foltern laſſen bis er geſteht, * 123 und wenn er geſtanden hat, ihn auf das Blutgerüſte ſenden. Verſtehſt Du? Aber ich will nicht. Ich habe Mitleid mit Dir. Sage alſo, was verlangſt Du von mir?“ „Ich bitte um Gnade, Majeſtät, um Vergebung für ihn“, flehte Maſcha,„er iſt kein böſer Menſch, nur ein wenig verblendet und ſchwärmeriſch.“ „Du ſagſt mir, daß er und andere mich ermorden wollen.“ „Er allein.“ „Gut, er allein. Darf eine ſolche That ſtraflos bleiben? Bedenke mein Kind, was ich meiner hohen Stellung, meiner Würde ſchuldig bin“, fuhr die Cza⸗ rin fort,„ich muß ihn ſtrafen, aber ich verſpreche Dir ihn nicht zum Tode zu verurtheilen—“ „Ach! Majeſtät, wenn Sie ihn in den Kerker oder nach Sibirien ſenden, iſt er für mich gleichfalls todt.“ Katharina dachte nach, nur wenige Sekunden, dann überflog es ihr ſchönes kluges Antlitz, wie die Freude des Sieges.„Alſo ich will noch mehr ver⸗ ſprechen, mein kaiſerliches Wort, daß er nicht länger als ein Jahr gefangen bleibt. Ich denke, die Strafe iſt für einen Hochverräther und Mörder milde genug. Biſt Du nun zufrieden?“ 124 „Ja, Majeſtät.“ „Nun nenne mir ſeinen Namen.“ „Es iſt der Kapitän Tſchoglokow.“ „Tſchoglokow!“ ſchrie Katharina II. auf,„wirk⸗ lich Tſchoglokow! welche räthſelhafte Fügung, Und er haßt mich alſo?“ „Er ſagt es.“ „Und hat eine Verſchwörung angezettelt—“ „Nein, Majeſtät, er hat weder Mitſchuldige noch Mitwiſſer.“ „Biſt Du deſſen ſicher.“ „Ja, Majeſtät.“ „Du kannſt gehen mein Kind.“ Eine huldvolle Handbewegung und Maſcha war entlaſſen. Die Kaiſerin berief ſofort den Chef ihrer Polizei und befahl den Kapitän Tſchoglokow auf der Stelle zu verhaften und vor ſie zu führen, dann begab ſie ſich in ihr Kabinet um die eingelaufenen Depeſchen durchzuſehen. Stunde auf Stunde verging, Katha⸗ rina wurde ungeduldig und ſendete einen Offizier nach dem Chef der Polizei, endlich kam dieſer und meldete, der Kapitän ſei verſchwunden. Einer ſeiner Kamera⸗ den habe ihn zuletzt unter den Fenſtern der Kaiſerin auf⸗ und abgehen ſehen. Von da an ſchien jede Spur verloren. Man hatte vor ſeiner Wohnung, vor der 125 Kaſerne ſeines Regimentes, an allen Orten, die er zu beſuchen pflegte, Leute aufgeſtellt mit dem Befehl ihn gefangen zu nehmen, damit ſchien die Weisheit der Polizei erſchöpft. „Haben Sie ihn auch bei dem Kaufmann Sam⸗ ſonow geſucht?“ fragte die Kaiſerin. „Dort zuerſt, Majeſtät.“ „Und verlautet, daß er abgereiſt iſt?“ „Durchaus nicht, Majeſtät.“ Nach dem Diner ſendete Katharina wieder an den Polizeichef. „Keine Spur von dem Kapitän?“ „Keine, Majeſtät.“ „Wo pflegt er zu ſpeiſen?“ „Bei dem Major Borodinſto, ſeinem Oheim.“ „Und—“ „Er wurde heute vergebens erwartet.“ „Seltſam.“ Abends gab eine Theatervorſtellung, in welcher Herren und Damen des Hofes mitwirkten, den Ge⸗ danken der Czarin eine andere Richtung, aber kaum war ſie nach Mitternacht in ihr Schlafgemach einge⸗ treten, erinnerte ſie ſich Tſchoglokows. Sie ließ ſich nicht entkleiden, ſondern eilte in ihr Kabinet und be⸗ rief noch einmal den Polizeichef und mit ihm den Gra⸗ fen Orlow. Nachdem ſie nochmals vernehmen mußte, daß von dem Kapitän nichts zu entdecken ſei, trat die Sorge für die Sicherheit ihrer Perſon in den Vor⸗ dergrund, und ſie traf Anſtalten die Wachen zu ver⸗ doppeln und die Gänge, aus denen geheime Thüren in ihre Gemächer führten, ſtark beſetzt zu halten. Dann erſt kehrte ſie in ihr Schlafgemach zurück, ging aber nicht zur Ruhe, ſondern begnügte ſich damit, ihre Prunk⸗ robe abzulegen und in einen beguemen mit koſtbaren Spitzen beſetzten Schlafrock zu ſchlüpfen. Nachdem ſie ihre Kammerfrauen fortgeſchickt hatte, ſetzte ſie ſich an ihren Sekretär und ſchrieb, um ſich zu zerſtreuen, an Voltaire. Bemüht, ihren lebhaften Geiſt zu ſammeln und in ſeinem vollen Glanze ſprühen zu laſſen, vergaß ſie die ganze übrige Welt und mit ihm den Kapitän, der ihr Leben bedrohte, da— als ſie von dem beſchriebe⸗ nen Blatt aufblickte, um ſelbſtzufrieden vor ſich hin zu lächeln, ſtand plötzlich ein bleicher Mann mit unheim⸗ lich glühenden Augen vor ihr und ſie erkannte Tſchv⸗ glokow. So wenig Katharina auf dieſe plötzliche ſie be⸗ drohende Erſcheinung gefaßt war, ſo erſchrak ſie doch nicht im mindeſten; ohne ihre Miene nur einen Augen⸗ blick zu verändern, ja ohne nur die Feder fortzulegen, * — 127 aber den Blick immer feſt auf den Gegner gerichtet, lehnte ſie ſich zurück und ſprach:„Seien Sie mir will⸗ kommen, Kapitän, ich habe eben an Sie gedacht.“ Und als Tſchoglokow ſchwieg fuhr ſie fort:„Ja, ja, es iſt ſo wie ich Ihnen ſage, und ich habe bedauert, daß ich nur Kaiſerin und nicht auch ein wenig Zauberin bin, ich hätte Sie auf der Stelle in dieſes Zimmer hergezaubert, denn ſeitdem ich Sie heute bei der Pa⸗ rade bemerkte, beſchäftigte ich mich immerfort mit Ih⸗ nen, Sie haben einen Eindruck auf mich gemacht, und— wer weiß—“ ſie zuckte mit hinreißender Liebenswür⸗ digkeit die Achſeln—„Orlow hat, um mich zu kränken, geſtern von mir Urlaub begehrt, ich bin jetzt in der Laune, ihm denſelben zu gewähren. Aber wie kommen Sie hierher? Ich fange an, an Zauberei zu glauben.“ „Ich bin durch den Kamin gekommen, Katharina“, gab der Kapitän rauh zur Antwort,„aber Du er⸗ ratheſt wohl nicht zu welchem Zwecke?“ Katharina warf die Feder von ſich und begann laut zu lachen.„Zu welchem Zwecke dringt man in das Schlafgemach einer Frau!“ „Du irrſt Dich—“ „Nein, mein Freund, ich irre mich nicht, Du biſt nicht der Erſte, deſſen Sinne ich in Aufruhr gebracht habe“, fuhr die Czarin fort,„ich ſollte Dir böſe ſein, 128 aber ich liebe die kühnen Männer, wenn ſie— ſchön ſind.“ Sie ſtand auf, ging raſch zu dem prachtvollen Ruhebett, das in der Nähe des Kamins ſtand und ließ ſich ſo kokett wie nur möglich auf demſelben nie⸗ der.„Hierher! Weißt Du nicht wo Dein Platz iſt? Zu meinen Füßen! Komm, Du ſollſt mir die Zeit ver⸗ treiben, aber wehe Dir, wenn Du nicht raſend verliebt biſt, komm!“ „Ich haſſe Dich, Thrannin!“ rief Tſchoglokow, „und werde Dich für Deine Miſſethaten ſtrafen, wie Du es verdienſt. Kein Menſch iſt hier Dich zu be⸗ ſchützen—“ „Glaubſt Du“, ſprach Katharina,„und wenn ich im Stande bin, mich ſelbſt zu beſchützen?“ Sie ſtand auf, ging furchtlos auf Tſchoglokow zu und legte die ſchöne weiße Hand auf ſeine Schulter.„Du willſt mich tödten? Du?“ „Ich werde Dich tödten—“ „Nein, Du wirſt zu meinen Füßen liegen und um meine Gunſt flehen“, rief die Czarin,„wenn Du mich ermorden wollteſt, ſo hätteſt Du es bei der Pa⸗ rade thun müſſen oder anderswo, dort wo ich nur die Monarchin bin, hier wo ich nur Weib bin, hier kannſt Du mich nicht tödten, hier mußt Du mich lie⸗ ben, mich begehren, und bin ich nicht begehrenswerth? 10 Jetzt wo ich weiß, daß Du mich haſſeſt, jetzt reizt mich der Gedanke, Dich in meinen Armen zu haben, um ſo mehr. Wirf Deinen Dolch weg, Brutus, komm, ich will gnädig ſein.“ Ehe der Kapitän noch ahnen konnte was ſie beabſichtigte, hatte ſie die vollen weichen Arme um ihn geſchlungen und zog ihn zu dem Ruhebett hin. „Nein! nein! ich verabſcheue Dich“, ſchrie Tſcho⸗ glokow und zog den Dolch hervor, den er in ſeiner Bruſt verborgen hatte; in demſelben Augenblick riß ſich aber Katharina von ihm los, ſprang auf den Kamin zu, ergriff eine Piſtole, die mit geſpanntem Hahn auf dem Sims bereit lag und richtete ſie auf ſeine Bruſt. „Rühre Dich nicht von der Stelle, oder ich erſchieße Dich!“ Während Tſchoglokow ſich einen Augenblick beſann, fand Katharina II. Zeit, ſich behende wie eine Tigerin bis an die Wand zurückzuziehen und an dem Knopf zu drücken, welcher die geheime Thüre öffnete. Durch dieſen Eingang kam ſonſt Orlow, kamen ihre anderen Günſtlinge, welche ſie für Stunden erwählte und dann wieder fortſchickte zu ihr, jetzt aber blitzten durch den⸗ ſelben Degen und Bajonette und als der Kapitän auf ſie zueilte, um ſie mit ſeinem Dolche niederzuſtoßen, ſtürzten ihm zwei Offiziere und doppelt ſo viel Grena⸗ diere der Leibwache entgegen. Sacher-Maſoch Ruſſiſche Hofgeſchichten. 9 130 Tſchoglokow ſetzte ſich mit unglaublicher Kühnheit zur Wehr. „Tödtet ihn nicht, nehmt ihn mir lebend und un⸗ verletzt gefangen“, befahl die Czarin. Es entſtand ein wüſtes Handgemenge, in welchem Tſchoglokow einen der Offiziere tödtete, und den zwei⸗ ten, ſowie einige feindliche Soldaten verwundete, zuletzt ſah er ſich aber doch zu Boden geworfen und gefeſſelt. Katharina II. blickte mit grauſamer Befriedigung auf den Todfeind, der nun auf Tod und Leben in ihre Hand gegeben war„Führt ihn fort“, ſagte ſie, „und verwahrt ihn gut, vorher aber ſollſt Du wiſſen, Tſchoglokow, daß ich von Deinem Anſchlag wußte und mich auf denſelben vorbereiten konnte. Ich wäre wie Cäſar unter dem Dolche des Brutus von Deiner Hand gefallen, wenn nicht ein braves Mädchen geweſen wäre, das mich vor Dir warnte.“ „Maſcha! Unmöglich!“ ſchrie der Gefangene Ka⸗ tharinens auf. „Du haſt es errathen“, erwiderte dieſe,„Maſcha Samſonow.“ Tſchoglokow fiel wie ein Stück Holz zu Boden, ſeine Sinne ſchwanden. Wie ein Lauffeuer verbreitete ſich die Nachricht von dem Attentate Tſchoglokows und ſeiner Gefangen⸗ nahme in Moskau. Maſcha wurde am folgenden Tage in aller Frühe durch den Schreiber der Reichskanzlei, Herrn Jamrojewitſch, von dem Ereigniß unterrichtet, welcher die weitgehendſten Conjekturen an daſſelbe knüpfte. Obwol ſie überzeugt war, recht und auch klug gehandelt zu haben, und ihre Eltern ſowol wie Jamrojewiſch ihren Schritt billigten, fühlte ſie doch eine peinliche Angſt um den Geliebten, und ihre Thrä⸗ nen floſſen unaufhörlich, bis ein Kammerherr der Cza⸗ rin erſchien und ſie zu derſelben entbot. Jetzt wurde ſie ſofort ruhig. Die Kaiſerin wird ihr Wort halten, dachte ſie, deshalb läßt ſie mich rufen. Sie zog raſch ihre beſten Kleider an und ſtieg mit dem Kammerherrn in den bereit ſtehenden Hofwa⸗ gen. Im Palaſte angelangt wurde ſie in das Boudoir der Kaiſerin geführt, wo man ſie warten ließ. Katharina ließ ſie nicht lange im Zweifel, ſie trat majeſtätiſch, den Kopf in den Nacken zurück ge⸗ worfen, herein in einem ſchwarzen Sammetkleide, das ihr in langer Schleppe nachfloß und ihre herrliche Büſte im vollen Leuchten blendender Ueppigkeit ſehen ließ. Maſcha näherte ſich der Kaiſerin und knieete vor ihr nieder. 9* „Ich bedaure Dich“, begann Katharina mit einem böſen Lächeln, während ſie das Mädchen vor ſich knieen ließ,„es iſt anders gekommen als wir dachten, trotz Deiner Warnung hätte Tſchoglokow ſeinen Mordan⸗ ſchlag auf mich ausgeführt, wenn nicht meine Geiſtes⸗ gegenwart ihn entwaffnet, meine Liſt ihn in mein Netz geführt hätte. Denke Dir, der arme Mann, der den Brutus ſpielen, mich erſtechen wollte, lag zu meinen Füßen und flehte um meine Gunſt, ja, ſo wahr ich lebe, armes Kind, aber er ſoll es büßen, daß er Dir untreu war, wenn auch nur wenige Sekunden. Wir laſſen ihn auf das Rad flechten, was meinſt Du?“ Maſcha begann heftig zu ſchluchzen. „Nun, ſprich“, fuhr die Czarin fort, ſie ließ das Mädchen noch immer vor ſich auf den Knieen liegen, „biſt Du einverſtanden, oder willſt Du noch weitere Qualen für den Elenden erſinnen?“ Maſcha ſchüttelte traurig den Kopf.„Wenn mein Geliebter von der Macht Deiner Schönheit beſiegt wurde, erhabene Frau, ſo kann ich ihm deshalb nicht zürnen. Welcher Mann kann Dich ſehen, Dir nahen, ohne Dich anzubeten?“ Katharina lächelte und diesmal freundlich, die ungezwungene Huldigung des ſchlichten Mädchens ſchmeichelte ihr. * 133 „Ich vergebe ihm, daß er von Deinen göttlichen Reizen berauſcht, mich vergaß“, fuhr Maſcha fort, „und ich flehe zu Dir, Herrin, des Wortes zu geden⸗ ken, das Du mir gnädig gabſt.“ „Ich gab es für den Fall, daß Deine Warnung den Vorſchlag des Wahnwitzigen vereitelt.“ „Nein, nein, Du gabſt es ohne Bedingung.“ „Wirklich.“ Katharina zog die Brauen zornig zu⸗ ſammen.„Und wenn ich mich meines Verſprechens für entbunden halte, wo willſt Du mich verklagen?“ „Bei Dir ſelbſt“, rief Maſcha,„denn Du kannſt nicht ſo unedel ſein, Du biſt groß und daher auch großmüthig. Was ſoll noch heilig ſein, wenn 1 das Wort einer Monarchin?“ „Ich kann Tſchoglokow nicht begnadigen“, ent⸗ gegnete Katharina II. ſcharf und abweiſend,„das hieße die Unzufriedenen ermuntern! Und er ſelbſt! Wäre ich vor ſeinem Haſſe je ſicher? Glaub mir, Maſcha, ich muß unerbittlich ſein: Nur die Todten kehren nicht wieder.“ „Bei allen Heiligen“, ſchrie das arme Mädchen auf,„Du tödteſt mich mit ihm. Erbarme Dich meines jungen Lebens.“ „Genug, Maſcha“, ſagte die Kaiſerin plötzlich ſtehen bleibend mit jener ihr eigenthümlichen Strenge, 134 durch die ſie Jeden zittern machen konnte, ſobald ſie nur wollte ſogar den rauhen Orlow,„genug, ich werde ſonſt ungeduldig und ſchicke Dich fort. Tſchoglokow muß ſterben.“ „Auf der Stelle?“ „Nein, vorher werde ich ihn foltern laſſen um zu erfahren, ob er Mitſchuldige hat.“ „Er hat keine“ „Deshalb ſchenke ich ihm die Martern doch nicht“, höhnte die Czarin. „Um Gotteswillen! Haſt Du vergeſſen, was Du mir verſprochen haſt?“ „Ich habe es in der That vergeſſen.“ Maſcha ſprang auf und blickte die Czarin mit allem Haß und Abſcheu, der ihrer ſanften Seele zu Gebote ſtand, an.„O, ich ſehe zu ſpät, daß Tſcho⸗ glokow recht hat, ja, Du biſt die neue Semiramis, wie ſie Dich nennen, Du biſt ohne Erbarmen, Du kennſt die Güte nicht, Blut klebt an Deinen Kleidern und Du wirſt Blut vergießen, ſo lange Du lebſt. O⸗ ich Wahnſinnige, die Dich retten wollte! Es iſt eine gute That, Dich zu ermorden.“ „Mädchen!“ ſchrie Katharina I. zornig, die ge⸗ ballte Fauſt gegen Maſcha erhebend, aber ſie beſann ſich ſofort und zuckte nur verächtlich die Achſeln,„ich ſehe, Du haſt wirklich Deinen Verſtand verloren.“ * 135 „Beſſer den Verſtand als die Ehre.“ „Was ſagſt Du?“ „Ich nenne Dich ehrlos, wenn Du Dein kaiſer⸗ liches Wort nicht hältſt.“ Katharina trat einen Schritt zurück, ihre hellen Augen ſchoſſen grüne Blitze, ihre Lippen zuckten krampf⸗ haft, während ihre Bruſt heftig wogte.„Das hat mir noch Niemand geſagt.“ „Ich ſage es Dir“, rief Maſcha,„ich, die Dich nicht fürchtet. Tödte mich, ich ſage doch, daß Du ehr⸗ los, daß Du wortbrüchig biſt.“ Katharina ſah das muthige Mädchen lange an, dann ſagte ſie mit impoſanter Ruhe und einem Lä⸗ cheln voll Liebreiz um die vollen, wollüſtigen Lippen: „Ich werde mein Wort halten, genau ſo halten, wie ich es Dir gab. Wiederhole mir alſo, wie lautet mein Verſprechen?“ „Du verſprachſt, ihn nicht zu tödten.“ „Iſt dies Alles?“ fragte Katharina II. lauernd. „Und Du gabſt mir Dein Wort, ihn nicht länger als ein Jahr gefangen zu halten.“ „So iſt es“, beſtätigte die Czarin,„dies verſprach ich, und dies will ich Dir auch halten, genau ſo wie ich es Dir verſprach, keinen Buchſtaben weniger und keinen mehr. Ich werde Tſchoglokow nicht hinrichten laſſen und nur ein Jahr im Kerker halten, verſtehſt Du wohl, aber es iſt ſeine Sache, in dieſem Jahre nicht zu verhungern, denn er wird weder Speiſe noch Trank erhalten.“ „Alle Heiligen!“ „Und heute noch laſſe ich ihn auf die Folter ſpannen und befragen, denn Du ſagſt nicht, daß ich Dir verſprach, ihn nicht zu martern.“ Maſcha wurde es Nacht vor den Augen, ſie tappte längs der Wand hin, aber ſie fand die Thüre nicht. „Bleibe“, herrſchte ihr die Czarin zu,„Du wirſt dabei ſein, wenn man Tſchoglokow befragt, als Zeuge und als Angeber.“ Das arme Mädchen raffte ſich noch einmal auf und that einen Schritt auf die Kaiſerin zu, aber ihre Kniee brachen und ſie ſtürzte vor der unerbittlichen Feindin nieder, mit dem Antlitz zur Erde. Katharina zog die Glocke und ließ ſie fortbringen. Als Maſcha zu ſich kam, befand ſie ſich in einem großen Saal, in welchem fünf reichgekleidete Männer an einer roth bedeckten Tafel ſaßen. Vor ihnen ſtand Tſchoglokow, die Hände auf den Rücken gebunden, der Henker ſchnallte ihn an ein Seil, das von der Folter herabhing, und ſeine Knechte begannen ihn aufzuziehen. Während der furchtbarſten Martern ſagte Tſcho⸗ 137 glokow genau ſo aus, wie im gewöhnlichen Verhör. Er läugnete nicht, daß er den Plan entworfen, ſein Vaterland zu befreien, die Czarin zu ermorden, aber er blieb unerſchütterlich dabei, daß er keine Mitſchul⸗ digen habe und daß Niemand um ſeinen Anſchlag ge⸗ wußt habe als ſeine Verlobte. Nun wurde Maſcha befragt. Sie hielt ſich mit Mühe aufrecht, und ihre Stimme erſtarb faſt auf ihren Lippen. Ihre Ausſage ſtimmte mit jener des Kapitäns vollkommen überein. Nachdem Tſchoglokow alle Grade der Folter durchgemacht hatte und ſtandhaft geblieben war, be⸗ ſchloß der Gerichtshof das Urtheil zu ſchöpfen. In dieſem Augenblicke erſchien die Kaiſerin auf den Arm Orlows geſtützt. „Hat er geſtanden?“ fragte ſie ſcheinbar gleich⸗ giltig. „Die That allerdings, Majeſtät“, erwiderte der Präſident,„aber er läugnet Mitſchuldige und Mit⸗ wiſſer zu haben.“ „Man ſoll ihn foltern und zwar ohne Gnade.“ „Es iſt geſchehen.“ „Gut“, fuhr Katharina fort, indem ſie zuerſt Maſcha, dann Tſchoglokow ſcharf in das Auge faßte, „und hat man das Mädchen belohnt?“ „Majeſtät haben nichts angeordnet.“ „Angeber muß man immer bezahlen“, ſagte die Czarin raſch,„und zwar gut bezahlen.“ Sie zog eine Börſe mit funkelnden Goldſtücken hervor und warf ſie Maſcha zu, ganz ſo, wie man Bettlern eine Kopeke zuwirft. Das arme geguälte Mädchen ſtieß einen gellenden Schrei aus und ſtürzte ohnmächtig nieder! Die Börſe fiel zur Erde. Nur die Todten kehren nicht wieder! Tſchoglokow ſtarb im Kerker. Maſcha ſiechte langſam dahin, bis die Eltern ſie auf das Land, weit weg von Moskau brachten. Dort erholte ſie ſich, und dort verlangte ſie für immer zu bleiben. Ihr Vater kaufte ihr ein kleines Haus mit einem Garten, in dem ſie einſam, nur mit ihren Blumen beſchäftigt und von einer alten Bäuerin bedient, ihr Leben fortſpann. Sie erreichte ein hohes Alter; die Türkenkriege, die Theilung Polens, die Kämpfe mit den Franzoſen rauſchten an ihr vorüber; ſie ſah Napoleon nach Mos⸗ kau marſchiren und die große Armee auf ihrem Rück⸗ zuge; ſie erlebte es noch, daß Czar Alexander ſiegreich 139 aus Frankreich zurückkehrte und daß Nikolaus den Thron beſtieg. An dem Tage, wo die Nachricht von dem ruſ⸗ ſiſchen Siege bei Navarin eintraf, ſchlief ſie in ihrem Lehnſtuhl ſitzend für immer ein, in ihrem Schooße lag ein Medaillon, das eine Locke enthielt, auf dem Deckel ſtanden die Worte:„Apoſtal Tſchoglokow“ und„für immer.“ Die Kunſt geliebt zu werden. Im einem mit grüner Seite tapezirten kleinen Boudoir, das einer großen Gartenlaube glich, ſaß ein junger Mann von außerordentlicher Schönheit einer jungen reizenden Frau gegenüber und hielt ihr die Seide, welche ſie auf eine kleine Rolle von Elfenbein wickelte. „Wieder verknüpft“, rief die Dame, welche in einem wogenden Duft von Muuſſelin und Spitzen da⸗ ſaß, und ſtampfte dabei mit dem kleinen Fuße unge⸗ duldig auf, ſo daß der goldgeſtickte Sammtpantoffel und der durchbrochene Strumpf ſichtbar wurde.„Sehen Sie mich nicht ſo verliebt an, Lanskoi, Sie ſind ſchuld mit ihren ſchmachtenden Augen, Sie allein!“ „Wie ſoll ich Sie aber anſehen?“ fragte der ſchöne Lanskoi naiv,„ich kann nicht verbergen, was ich für Sie fühle, Gräfin Braniſcha, ich kann es nicht.“ „Bah! Sie fangen mir an langweilig zu werden 144 mit ihrer ſchwärmeriſchen Anbetung. Unſere Herren am Hofe haben insgeſammt keine Gefühle mehr, ſie em⸗ pfinden nur noch Wallungen des Blutes, aber zu viel Liebe ermüdet auch.“ „Ermüde ich Sie, Gräfin?“ „Mehr als das“, rief die lebhafte kleine Frau ihm die Seide entreißend,„Sie fangen an mir un⸗ ausſtehlich zu werden.“ „Weshalb dulden Sie mich denn um ſich?“ fragte Lanskvi mit dem Erſtaunen eines Kindes. „Weil ich eben ein viel zu gutes Herz habe“, ſpru⸗ delte die Gräfin Braniſcha hervor,„dieſes Herz bringt mich beinahe täglich zu Schaden, ich hätte Ihnen längſt den Abſchied geben müſſen, aber ich fühle noch immer Mitleid mit Ihnen und Ihrer Verzückung; jetzt iſt es aber vorbei, ich will rückſichtslos ſein, und Ih⸗ nen die Wahrheit ſagen: Ich liebe Sie nicht und was noch viel ſchlimmer iſt, ich verzweifle, ſobald Sie nur eintreten, denn ich weiß dann, daß Sie mich mit Ih⸗ rer Zärtlichkeit wieder zu Tode ennuhiren werden.“ „Sie geben mir alſo den Abſchied, Gräfin?“ „Ja, ja, gehen Sie.“ „Sie ſchicken mich fort, weil Sie mich nicht lie⸗ ben?“. „Vielleicht nur, weil Sie mich zu ſehr lieben.“ * Lanskvi erhob ſich mit dem unſchuldigſten und reizendſten Lächeln von der Welt, ſchnallte ſeinen De⸗ gen um und führte die kleine Hand der ſchönen Bra⸗ niſcha galant an die Lippen. Wie er ſo vor ihr ſtand, war er der ſchönſte Mann, den nur die Phantaſie eines großen Malers erfinnen kann, das herrliche Bild friſcher Jugend und ungezwungener Nobleſſe„Ich danke Ihnen für die Kunſt die Sie mich gelehrt ha⸗ ben“, ſagte er. „Welche Kunſt?“ „Die Kunſt geliebt zu werden“, gab Lanskvi mit einer leichten graziöſen Verneigung zur Antwort. „Wie das?“ rief Gräfin Braniſcha,„was 3 Sie mir da für Räthſel auf?“ „Sie haben mir eben eine Lection ertheilt, die für mich unbezahlbar iſt.“ „Sie betrachten ihre Entlaſſung aus meinem Lie⸗ besdienſt—“ „Als eine koſtbare Lehre“, fiel Lanskoi der Gräfin in das Wort. „Die Sie durchaus nicht zu betrüben ſcheint“, ſprach die reizende Frau, ärgerlich an ihrem Taſchen⸗ tuche zerrend. „Im Gegentheil, die mich entzückt.“ „Sie lügen!“ Sacher-Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten IV. „Ich ſpreche die Wahrheit, gnädige Frau“, fuhr Lanskvi mit ſteigender Heiterkeit fort,„ich liebe mit aller Leidenſchaft und Schwärmerei—“ „O! ich weiß—“ „Nein, nein, Sie wiſſen nicht“, unterbrach Lanskoi, „ich liebe eine Dame, deren Beſitz mich zum Gotte, deren Verluſt mich zum Elendeſten der Menſchen ma⸗ chen würde Um nun bei dieſer Dame keinen kaus pas zu machen, entſchloß ich mich, mich ihr erſt dann zu nähern, wenn ich ebenſo ſicher bin ſie zu erobern als zu behaupten, wenn ich alſo nicht mehr Schüler, ſon⸗ dern Meiſter bin, in der Kunſt geliebt zu werden. Ich bin alſo drei Jahre in die Schule gegangen, Grä⸗ fin, und wie es ſcheint mit dem beſten Erfolg. Ich war ſchwärmeriſch, zärtlich, hingebend, voll Anbetung und habe Sie— gelangweilt; ich werde alſo bei der Dame, die ich liebe, trocken, kalt, ablehnend, voll Gleich⸗ giltigkeit erſcheinen und werde ſie bezaubern. Dieſe Theorie verdanke ich Ihnen, und Sie werden jetzt wol verſtehen, weshalb ich mich ſo ſehr für Ihren Schuldner halte.“ „Abſcheulich!“ rief die Gräfin,„Sie haben mich alſo nicht geliebt?“ „Aufrichtigkeit gegen Aufrichtigkeit: Nein.“ „O! Sie ſind ein Ungeheuer, Lanskoi!“ * „Ich war nur Ihr gelehriger Schüler, Madame.“ „Und dieſe andere, die Sie lieben“, ſagte Gräfin Braniſcha nach einer Weile,„iſt ſie ſchön?“ „Alle Welt ſagt es.“ „Schöner wie ich?“ „Man nennt ſie die Krone ihres Geſchlechtes.“ Die kleine Gräfin ſprang von ihrem Sitze auf, mit einer Wildheit, die ſich bei dem gepuderten Haar⸗ thurm, den ſie trug, dem Pompadyurſchlafrock und den Stöckelſchuhen eigentlich recht komiſch ausnahm, klap⸗ perte auf ihren rothen Stelzchen mit der Tragik einer Schauſpielerin von Verſailles im Zimmer auf und ab, warf eine koſtbare Schale an die Wand, daß die Scherben gleich den Splittern einer Granate umher⸗ flogen, ergriff den kleinen Schürhaken um damit der Reihe nach alle die kleinen dickbäuchigen Porzellanchi⸗ neſen auf dem Kaminſims zu köpfen und brach endlich in lautes Weinen aus. 2 „Ich habe Sie gekränkt, Gräfin“, flüſterte Lans⸗ koi, während er ſich ihr näherte,„das lag nicht in meiner Abſicht, vergeben Sie mir.“ „Sagen Sie, daß Sie mich lieben, dann will ich nicht mehr weinen“, gab die reizende Frau, wie ein kleines Kind ſchmollend, zurück. „Welche Laune mit einem Male!“ 10* 148 „Verſichern Sie mir, daß ich ſchön bin“, fuhr die Gräfin fort,„daß es in Ihren Augen keine reizen⸗ dere Dame gibt als mich, daß dies Alles nur eine boshafte Komödie war, die Sie geſpielt haben, mir nur zu beweiſen, daß Sie amüſant ſein können, eine Strafe, die ich durch meine Unart verdient habe—“ „Aber, Gräfin“, unterbrach Lanskvi das Wortge⸗ ſprudel kleinen 5„Sie lieben mich ja nicht— „Ich liebe Sie nicht?“ Sie blieb vor ihm ſtehen und ballte die kleinen Fäuſte,„Sie verdienen es gar nicht, daß ich Sie ſo ſehr liebe—“ „Aber vor einer Viertelſtunde ſchickten Sie mich doch fort—“ „Das war— vor einer Viertelſtunde, jetzt liebe ich Sie, und liebe Sie leidenſchaftlich“, ſie ſchlang raſch beide Arme um ſeinen Nacken und zog ihn an ſich,„mich ſo zu quälen, nun ſagen Sie mir endlich daß— daß Sie mich anbeten.“ „Gräfin, Sie ſind in der That eine bezaubernde Frau und Sie würden mich jetzt zu Ihren Füßen ſehen, wenn ich nicht— eine andere lieben würde.“ „Sie wollen mich nicht?“ „₰c darf Ihnen nicht huldigen, mein Herz iſt vergeben.“ * „Schwören Sie.“ „Ich ſchwöre.“ „Ol! ich bin die unglücklichſte Frau von der Welt!“ ſie warf ſich auf das Ruhebett und ſchluchzte heftig, während Lanskvi laut zu lachen begann.„Was, Sie können noch lachen, Sie Abſcheulicher?“ „Ich freue mich nur des Sieges meiner Theorie“, ſprach Lanskvi ruhig,„es ſcheint, daß ich die Kunſt geliebt zu werden ſehr gründlich bei Ihnen gelernt habe, da eine Viertelſtunde der Kälte, der Gleichgiltig⸗ keit von meiner Seite genügt hat, dieſe Leidenſchaft in Ihnen zu entzünden, die Sie meine Zärtlichkeit und Schwärmerei ſo langweilig, ſo unerträglich fanden.“ „Sie verſchmähen mich alſo wirklich, Lanskvi?“ „Nein, reizende Gräfin“, entgegnete der junge Of⸗ fizier mit einem feinen Lächeln um die vollen Lippen, „ich will Ihnen ſogar recht eifrig den Hof machen, wenn Sie damit zufrieden ſind, daß ich mich von Ihnen lieben laſſe und dabei für eine andere Frau glühe.“ „Ach! iſt ſie denn wirklich gar ſo ſchön?“ fragte die Gräfin. Sie richtete ſich auf, trocknete ihre Augen und blickte mit ſüßem Verlangen auf Lanskvi. „Die griechiſchen Bildner haben nichts Vollkomm⸗ neres geſchaffen“, gab Lanskvi zur Antwort,„wenn die Welt gegen die Mitlebenden je gerecht ſein könnte, würde ſie dieſes herrliche Weib in Marmor meißeln und in einen Tempel ſtellen als Göttin der Liebe.“ „Wirklich! Und ich kenne dieſe Frau? Ich will ſie kennen, Lanskoi“, rief die Gräfin Braniſcha. „Wenn Sie den Namen meiner Göttin errathen, werde ich nicht läugnen“, antwortete er. „Sie rauben mir meine Ruhe“, ſagte die reizende kleine Frau,„aber ich will mich ſchon rächen, ich werde Sie tödten— mit Küſſen natürlich.“ Und mit einem Male ſprang ſie wild⸗graziös wie eine Bachantin im Gemach umher, ſang, lachte, jubelte, umſchlang Lans⸗ koi mit ihren vollen Armen, küßte ihn bis ihm der Athem ausging und tanzte von Neuem, bis der Haar⸗ thurm zuſammen brach und eine Wolke weißen Puders aufſtieg. Als Lanskoi am folgenden Tage gegen Mittag in den Salon der Gräfin Braniſcha trat, fand er ſie in grande parure zur Ausfahrt bereit, der Haarthurm, welcher wie friſch gefallener Schnee ſchimmerte, war mit blitzenden Juwelen in allen Farben durchflochten, die einen Regenbogen von ſeltener Koſtbarkeit bildeten, zwei ſchwere ſeidene Roben, die untere in farbigen 454 Blumen, die obere in Gold und Silber geſtickt, bauſch⸗ ten ſich über einander. „Ich habe vernommen, daß man heute Nacht die Eisberge auf der Newa errichtet hat“, rief ihm die kleine Frau entgegen. „So iſt es, Gräfin.“ „Wir wollen hinfahren und ſie anſehen“, fuhr die Gräſin Braniſcha fort,„ich freue mich kindiſch, es gibt ſo viel Spaß dabei.“ „Ich ſtehe zu Dienſten.“ „Vielleicht ſehen wir auch bei dieſer Gelegenheit die Göttin, welche Sie anbeten.“ „Es wäre ein Glück, das ich gar nicht zu hoffen wage.“ Die kleine Frau begnügte ſich, den Frevler mit einem Fächerſchlag zu ſtrafen, barg ihren zarten Kör⸗ per mit ſeinem ritterlichen Beiſtand in koſtbare Win⸗ terhüllen und bald ſaßen ſie weich aneinander geſchmiegt im Schlitten, der ſie im Fluge entführte, mit hellem Schellengeklingel kamen ſie auf der matt ſilbernen, feſt gefrorenen Decke der Newa an, und hielten in der Nähe der beiden Eisberge, welche dieſelben hoch über⸗ ragten. Lanskoi hob die kleine Frau aus dem Schlit⸗ ten und nun ſchritt ſie fröhlich, von der Seite mit 152 einem ſtolzen Lächeln zu ihm aufblickend, an ſeinem Arme dahin. Zwei Gerüſte von etwa fünfzig Fuß Höhe waren in einer Entfernung von achthundert Schritten von einander aufgeſtellt. Jedes derſelben hatte in der Mitte eine Plattform, zu der man auf einer hölzernen Treppe gelangte, während die andere ſich ſteil zur Erde neigende Seite mit Eisblöcken ausgefüllt war, die durch Aufgießen von Waſſer während der Nacht zu einer ſpiegelglatten Schlittenbahn verkittet worden waren. Zu beiden Seiten ſtanden hohe grüne Tannen in das Eis gepflanzt. Unabläſſig erſtiegen Leute aller Stände, vornehme Damen, durch ſibiriſche Winterpracht kennt⸗ lich, Offiziere, Kaufleute, gemeine Muſchiks, die Treppe, um ſich oben in einen kleinen flachen Schlitten zu ſetzen und von einem der bärtigen Männer, die daraus ein Geſchäft machten, gegen Zahlung einiger Kopeken, mit Hülfe eines mächtigen Schwunges die ſchimmernde Bahn mit fabelhafter Geſchwindigkeit hinabführen zu laſſen. Tauſende von Menſchen wogten hin und her, koſtbare Schlitten, in denen reich gekleidete Damen ſaßen, während die Herren gleich Dienern rückwärts ſtanden, theilten die Menge, ein Muſikcorps ſpielte 453 und die armen Muſchiks ſprangen wie die dreſſirten Bären umher, lachten und ſangen. „Kommen Sie, Lanskoi“, ſagte die Gräfin Bra⸗ niſcha, nachdem ſie eine Weile zugeſehen und ſich an der Geſchicklichkeit und Ungeſchicklichkeit der Fahrenden gleich erluſtigt hatten,„wir wollen es auch einmal verſuchen. Nehmen wir einen Führer, oder darf ich mich Ihrer Kunſt anvertrauen?“ „Erlauben Sie mir den Schlitten zu lenken“, bat Lanskvi. „Sehr gern“, lachte die kleine Frau,„aber un⸗ ter der Bedingung, daß wenn wir umwerfen, ich auf Sie zu liegen komme, ich werde Sie nicht er⸗ drücken.“ Das junge, ſchöne, heitere Paar ſtieg raſch die Stufen des Gerüſtes aufwärts, miethete oben einen bequemen Schlitten, in dem ſich die Gräfin Braniſcha anmuthig niederließ, während Lanskoi voran ſeinen Platz einnahm. Er blickte noch einmal lächelnd auf ſeine reizende Gefährtin zurück und gab dann dem Fuhrwerk den entſcheidenden Stoß, es nur mit ſeinen Händen lenkend. Wie von Flügeln fortgeriſſen, raſten ſie den Abhang hinab und kamen glücklich unter fröh⸗ lichem Lachen und Beifall der Menge unten an. Als ſie ausſtiegen blickte Alles auf das prächtige Paar. 154 „Sie iſt ſehr hübſch“, ſagte eine alte Schnaps⸗ händlerin zu einem Kuchenverkäufer,„er aber iſt die Schönheit ſelbſt.“ Immer von Neuem ſtieg die Gräfin mit ihrem Anbeter empor und jedesmal führte er ſie blitzſchnell und ſicher den ſteilen Abhang herab. Es war reizend anzuſehen, wie ſie vor Freude in die Hände klatſchte, oder die Arme lachend von rückwärts um ſeinen Nacken ſchlang. Wieder waren die Beiden auf der Plattform an⸗ gelangt und ſtiegen fröhlich in den Schlitten, den der Lakai der Gräfin ihnen jedesmal nachtrug, wenn ſie die Stufen erklommen, ſchon war der erſte Schwung, der dem gefährlichen Fahrzeug die Richtung gibt, gelun⸗ gen, ſchon ſauſte das Paar den Eisberg hinab und Lanskoi ſaß da, kühn und ſtolz wie Apollo, der den Sonnenwagen lenkt, da mit einem Male verließ der Schlitten die Bahn, ſtieß mit aller Gewalt gegen das Geländer, ſchlug um, und eine bunte Maſſe flog den Abhang hinab. Ein allgemeiner Aufſchrei begleitete den Unfall, aber ſchon erhob ſich die Gräfin Braniſcha, welche auf Lanskoi wie auf einem Fauteuil ſaß, purpurroth zwar, aber kichernd und ſchüttelte die kleinen blitzenden Eisſternchen ab, mit denen ihr Sammetmantel überſäet war und auch Lanskvi zeigte ſich unverſehrt. * 455 „Mein Gott, wie ſehen Sie aus“, flüſterte die Gräfin, als ſie endlich Zeit gewonnen hatte ihn anzu⸗ ſehen. Lanskvi war todtenblaß, ſeine Augen ſchienen aus ihren Höhlen zu treten, er bebte am ganzen Leibe wie ein Fieberkranker. „Kommen Sie, Gräfin, kommen Sie“, bat er in einem Tone, den ſie noch nie bei ihm gehört hatte, und ſchon hatte er ihren Arm in den ſeinen gelegt und zog ſie fort. Die kleine reizende Frau aber wendete den Kopf zurück und ſuchte mit dem ſcharfen Inſtinkt des Weibes unter der Menge die den Eisberg umgab, die Frau, die Lanskvi liebte; ſie weinte mit einem Male, daß nur ihr Anblick ihn ſo verwirrt und das ganze Unheil herbeigeführt haben konnte. Und wie ſie ſuchte und ſuchte, entdeckte ſie plötz⸗ lich einen hochgebauten Schlitten mit zwei weißen Rennthieren beſpannt und in demſelben ein Weib von ſeltener Schönheit, deſſen Majeſtät durch den ſchweren Prunk ihrer Toilette nicht wenig erhöht wurde, und dieſes ſchöne gebieteriſche Weib war die Kaiſerin Ka⸗ tharina II. Wenn die kleine Braniſcha noch einen Augenblick in Zweifel geweſen wäre, ihre gefährliche Nebenbuhlerin entdeckt zu haben, ſo mußten ihr die Worte, die Lanskoi ſprach, als ſie in den Schlitten ſtiegen, Gewißheit geben.„Haben Sie nicht bemerkt, daß die Czarin gerade ankam als wir ſtürzten“, fragte er. „Ich denke vielmehr, wir ſtürzten weil die Czarin ankam“, erwiderte die Gräfin ihn ſixirend. „Sie wird über mich gelacht haben“, murmelte Lanskoi mit einem Seufzer,„ich ſah ſie mit Korſakow ſprechen, der hinter ihr auf dem Schlitten ſtand.“ Die kleine Frau zog ihren Schleier vor das Ge⸗ ſicht, um ihre Thränen zu verbergen.„Wer weiß, was ſie ihm mitzutheilen hatte“, gab ſie mit halberſtickter Stimme zur Antwort„ſie liebt ihn ja.“ „Glauben Sie, daß eine Katharina einen Korſa⸗ kow lieben kann?“ gab Lanskvi raſch und heftig zu⸗ rück,„was iſt er? Eine Puppe, ein gezähmter Affe, mit dem ſie ſich die Zeit vertreibt“ „Nun, er iſt doch ihr erklärter Günſtling.“ „Es iſt die Art der Löwin, daß ſie gern mit Mäuſen ſpielt.“ Damit endete das Geſpräch. Katharina II. ließ ſich indeß von Korſakow, der durch ihre Gunſt vom gemeinen Gardeſergeanten zum Grafen und Oberſten emporgeſtiegen war, um die bei⸗ den Eisberge herumfahren und beluſtigte ſich an dem kühnen Flug der kleinen Schlitten und den naiven Späßen ihres Volkes. Auf der Rückfahrt lehnte ſie * 157 ſich plötzlich zurück und ſagte zu Korſakow:„Kennſt Du den Offizier, der ſich der Braniſcha in ſo rührender Weiſe als Polſter darbot?“ „Ich kenne ihn.“ „Wie nennt er ſich?“ „Lanskvi.“ „Er ſchien mir hübſch zu ſein.“ „Er gilt als der ſchönſte Mann.“ „Wirklich! Er wird wol ſehr unglücklich ſein, vor meinen Augen eine ſo lächerliche Rolle geſpielt zu haben?“ „Das fürchte ich nicht.“ Die Czarin zog die ſtolzen Brauen ärgerlich zu⸗ ſammen.„Wie ſoll ich das verſtehen?“ „Weil er ſich nichts daraus machen würde, Dir ganz und gar zu mißfallen.“ „Ei! Weißt Du das ſo gewiß.“ „Aus ſeinem eigenen Munde.“ „Seltſam.“ Die Czarin verſank in Nachdenken. „Ich finde es pikant“, murmelte ſie, mehr im Selbſt⸗ geſpräche vor ſich hin, als zu ihrem Günſtlinge ge⸗ wendet,„zu wiſſen, daß wo Alles ſchmeichelt und hul⸗ digt und um meine Gunſt wirbt, es einen gibt, einen einzigen Menſchen der mir mißfallen will.“ „Das habe ich nicht geſagt“, nahm Korſakow das Wort,„ich vermuthe, daß Du Lanskvi ſo gleichgiltig biſt, daß er ſich ebenſowenig die Mühe geben würde, Dein Mißfallen zu erregen, als Deine Gunſt zu er⸗ ringen.“ „Wie ungalant mir das zu ſagen“, rief Katha⸗ rina ſtrenge und verweiſend,„Du kannſt doch den ge⸗ meinen Menſchen nie verbergen, ich begreife oft nicht, daß ich einen ſo rohen und geiſtloſen Gecken, wie Du biſt, um mich dulde.“ „Ich ſpreche aber wie ich denke.“ „Das iſt es eben, und Du denkſt gemein.“ „Und Du biſt eitel, wie ein junges Mädchen“, lachte Korſakow laut auf, wobei er zwei Reihen ſehr großer weißer Zähne zeigte. „Sprechen wir von Lanskoi“, ſagte die Kaiſerin, welche ſich die Miene gab⸗ ſeine neue Rohheit zu über⸗ hören,„wie urtheilt er alſo über mich?“ „Er findet daß Du dick wirſt und er liebt die dicken Frauen nicht“, erwiderte der ehemalige Sergeant. „Das beweiſt nur, daß er klug iſt“, rief Katha⸗ rina mit einem ſpöttiſchen Zucken der Mundwinkel, „die Braniſcha war ihm ohne Zweifel eine ſüße Laſt, ich an ihrer Stelle hätte ihn erdrückt.“ Korſakow brüllte wie ein Stier vor Vergnügen „ 159 über den Scherz der Kaiſerin und ſtampfte mit den Füßen gleich einem Muſchik beim Tanze. Katharina würdigte ihn weiter keines Wortes, wies ſeinen Arm zurück, als er ihr vor dem Winter⸗ palaſte beim Ausſteigen helfen wollte und ließ ihn an dem Tage nicht mehr vor. Bei der nächſten Cour gab ſie der Gräfin Braniſcha einen Wink und zog ſich mit ihr, vertraulich und ungezwungen wie ſie es liebte und an ihrem Hofe zum Geſetze erhoben hatte, in die Ecke eines Sophas zurück. „Nun, haben Sie ſich von dem Schreck erholt?“ begann Katharina. „Ich bin gar nicht erſchrocken, Majeſtät“, erwiderte die Gräfin Braniſcha,„und ich glaube, daß in dieſem Falle—“ „Keine unſerer Damen erſchrocken wäre“, fiel die Czarin luſtig ein,„es war in der That ein angeneh⸗ mer Fall. Wie hieß doch gleich der junge Offizier, den ſie in dieſer Weiſe beehrten.“ „Es war der junge Lanskvi.“ „Sie lieben ihn?“ „Gewiß, Majeſtät“, ſagte die Barniſcha treuher⸗ zig„aber er liebt mich nicht.“ „O! er ſcheint alſo die Frauen überhaupt zu haſſen“, ſagte die Czarin, die immer mehr ins Feuer gerieth. „Vergeben Majeſtät, nur mich.“ „Tröſten Sie ſich liebe Braniſcha“, ergriff Katha⸗ rina lebhaft das Wort,„er urtheilt auch über mich in einer Weiſe, die mich beleidigen könnte, wenn ſie mich nicht ergötzen würde. Dieſer junge Offizier hat meine Aufmerkſamkeit erregt. Ich will ihn ſprechen, über mich urtheilen hören, ohne daß er ahnt daß ich es bin, die ihm naht. Sie werden mir dabei behilf⸗ lich ſein, meine Kleine.“ „O! Welche Auszeichnung“— die Gräfin fieberte vor Zorn. „Ich habe bereits meinen Plan“, fuhr Katharina fort,„werde Ihnen denſelben aber erſt eine Stunde vor der Ausführung mittheilen, bis dahin leben Sie wohl, und tröſten Sie ſich damit, daß ich Ihr Schickſal theile, er mag uns Beide nicht, der ſchöne Lanskvi.“ Kurze Zeit nach der Unterredung der beiden Frauen fand bei dem Grafen Panin ein Maskenball ſtatt. Lanskvi der ſich bisher den Hofkreiſen ganz ferne gehalten hatte, erhielt gleichfalls eine Einladung zu demſelben und ſprach der Gräfin Braniſcha gegenüber ſeine Verwunderung darüber aus. * 161 „Ich muß wol erſcheinen?“ meinte er und ſah dabei recht unglücklich aus. „Gewiß müſſen Sie da ſein“, gab die ſchöne Braniſcha boshaft zur Antwort,„Sie haben da die beſte Gelegenheit, ſich Ihrem Ideal zu nähern.“ „Wie?“ „O! Die Naivität kleidet Sie allerliebſt“, ſpottete die Gräfin.„Sollten Sie wirklich nicht wiſſen, daß bei ſolchen Gelegenheiten die Kaiſerin in Maske er⸗ ſcheint und unerkannt die erſten Fäden ihrer Liebes⸗ intriguen knüpft?“ „Katharina wird da ſein? Wiſſen Sie das gewiß?“ „Sie wird ſogar in meiner Begleitung erſcheinen.“ „O, Sie machen mich zum Glücklichſten der Sterb⸗ lichen“, rief Lanskoi,„und wie werde ich Sie er⸗ kennen?“ „Ich werde Sie auf den Fuß treten.“ Wirklich erſchien Lanskoi auf dem Balle des Gra⸗ fen Panin, und zwar in einem ſich knapp anſchmie⸗ genden Koſtüme von blauem Atlas, das ſein jugend⸗ ſchönes Geſicht und ſeine herrlichen Formen in das glänzendſte Licht ſetzte. Er war noch nicht zweimal durch den Saal gegangen, als ſich ihm zwei weibliche Masken näherten, beide in ſchwarzen Sammt gekleidet, Sacher-Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten IV. 44 die eine groß und üppig, die zweite von ſchlanker Zierlichkeit. Sie begrüßten ihn und die Letztere be⸗ rührte ſeinen Fuß mit der Spitze des ihren. „Iſt es wahr, was die Chronik von Dir ſagt“, begann die Majeſtätiſche, indem ſie nachläſſig ſeinen Arm nahm und ihn in eines der kleinen mit Weinen gefüllten Apartements führte, welche den Saal um⸗ gaben,„biſt Du wirklich ein Weiberfeind?“ „Ich weiß nicht, wodurch ich dieſen üblen Ruf verdiene“, entgegnete Lanskvi, er bebte unter der Be⸗ rührung der angebeteten Frau, deren Arm mit ſüßer Wucht auf dem ſeinen laſtete. „Man behauptet, daß Du Dich von einer unſerer reizendſten Damen lieben läßt, ohne ihre Leidenſchaft zu erwidern.“ „Ganz richtig.“ „Daß Dir ſogar die Kaiſerin gleichgiltig iſt.“ „Ebenſo richtig, aber dies würde mich nicht hin⸗ dern, eine andere Frau zu lieben, wenn ſie nach mei⸗ nem Geſchmack wäre.“ „Die Braniſcha iſt alſo nicht nach Deinem Ge⸗ ſchmack?“ „Nein.“ „Und Katharina.“ „Läßt mich gleichgiltig“, gab Lanskoi zur Ant⸗ * 163 wort, während alle ſeine Sinne im Aufruhr waren und er ihr am liebſten gleich vor aller Welt zu Füßen geſtürzt wäre,„ſo gleichgiltig, daß ich gar nicht faſſen kann, weshalb alle Welt ſie anbetet und Frauen ſogar in Verzückung über ihre Schönheit gerathen.“ „Du findeſt ſie alſo nicht ſchön?“ „Im Gegentheil, ich finde, daß ſie die Liebes⸗ göttin ſelbſt iſt“, brach Lanskoi los,„daß es ſchon namenloſe Luſt bereiten müßte, der Schemel ihrer Füße zu ſein, daß—“ „Nun, warum fährſt Du nicht fort?“ Lanskoi hatte ſich indeſſen wieder gefaßt,„däß ſie die vollkommenſte Frau wäre“, ſchloß er,„aber ſie beſitzt kein Herz, ſie kann nicht lieben und das läßt ſie in meinen Augen reizlos erſcheinen; wenn ich nur anbeten will, kann ich vor der marmornen Liebes⸗ göttin knieen, ſie wird ihre eiſig kalten Arme niemals öffnen, um mich zu umſchlingen, und Katharina—“ „Verſuch es doch, ob ſie Marmor bleibt, ich glaube, Du könnteſt ihr gefallen.“ „Das fürchte ich eben ſo ſehr“, fiel Lanskvi ein, „ſie würde vielleicht die Opferflamme meines jungen Herzens als ein Zimmerfeuerwerk benutzen, um ſich damit die Zeit zu vertreiben aber Liebe für Liebe, Leidenſchaft für Leidenſchaft zu geben iſt ſie ſo wenig 11* fähig, wie der Eiskranz auf der Newa Blüthen trei⸗ ben kann.“ „Und wenn Du Dich irren ſollteſt, wenn das Eis dieſes Herzens ſich in einen Blumengarten ver⸗ wandeln könnte, ſobald es der Sonnenblick der Liebe berührt? Katharina iſt noch nie geliebt worden.“ „Weißt Du das ſo gewiß, Du Räthſelhafte?“ „Sie iſt begehrt, worden wie vielleicht kein Weib ſeit der griechiſchen Helena, aber geliebt, geliebt iſt ſie nicht worden.“ Kaum hatte die Czarin dieſe Worte ausgeſprochen, als ſich ein roſa Domino ihr näherte und ihr etwas in das Ohr flüſterte. Sie richtete ſich ſtolz und drohend auf und ging mit großen Schritten dem Saale zu, plötzlich blieb ſie aber ſtehen, wendete ſich um und winkte Lanskvi zu ſich.„Ich ſage Dir, Katharina iſt noch nie geliebt, aber ſie iſt mehr als einmal verrathen worden. Leb wohl, wir werden uns wiederſehen.“ Sie grüßte ihn gnädig mit der Hand und ver⸗ ſchwand dann im Gewühle. Lanskoi athmete auf.„Wiſſen Sie was geſchehen iſt“, flüſterte ihm eine wohlbekannte Stimme zu, wäh⸗ rend ſich ein zarter Arm des ſeinen bemächtigte,„die Daſchkow hat entdeckt, daß Korſakow der Czarin un⸗. treu iſt.“ 165 „Untreu— Katharina untreu—“ rief Lanskvi, „unb mit wem?“ „Mit der Gräfin Bruce.“ „Unmöglich.“ „Als wenn bei Euch Männern etwas unmöglich wäre“, ſeufzte die arme kleine Frau. 8 In allen Boudvirs wurde in den nächſten Tagen nur von der einen großen Neuigkeit geflüſtert, welche den Hof in unbeſchreibliche Aufregung verſetzt hatte: Die Kaiſerin war einer Liaiſon Korſakows mit der Gräfin Bruce auf die Spur gekommen und der Platz eines erklärten Favoriten war frei geworden. Allgemein ſtaunte man über die Mäßigung, welche die Kaiſerin bewies und pries ihre Milde. Weder die Nebenbuhlerin noch der treuloſe Geliebte wurden be⸗ ſtraft, beide behielten ihren Rang und ihre Stellung am Hofe, nur die Gunſt der Czarin hatte der Letztere für immer verwirkt und dies traf ihn empfindlich genug. Nach Sibirien geſchickt werden iſt ein hartes Lvos, aber am Hofe bleiben ohne Einfluß oder Be⸗ deutung zu beſitzen und von Jenen, von denen man gefürchtet war, kaum beachtet werden, iſt ein lächer⸗ liches Schickſal und Korſakow war nicht der Mann es mit Würde zu tragen. Aber wer fragt überhaupt noch nach ihm? Am wenigſten Katharina II., welche mehr als alle anderen über die Nachſicht ſtaunt, welche ſie in dieſem Falle gezeigt hat. Sie frägt ſich immer wieder was ſie wol ſo aller Rachſucht entkleidet, ja geradezu fröhlich geſtimmt hat bei dem unerhörten Verrath? Sie faßt es nicht, daß ſie ſich weder als Monarchin noch als Weib beleidigt fühlt, und wie ſie ſinnt und forſcht und grübelt, da fühlt ſie mit einem Male, daß eigent⸗ lich ſie die Treuloſe, die Verrätherin iſt, daß ihr Kor⸗ ſakow läſtig war, ſeitdem ſie Lanskoi das erſte Mal ſah und ſie weiß jetzt, daß ſie Lanskvi liebt. Sie ſchämt ſich faſt vor ſich ſelbſt, ſich dieſes Geſtändniß abzulegen, aber ſie verſchmäht es, ſich zu täuſchen; das iſt nicht bloßes Wohlgefallen, kein Auf⸗ flammen der Leidenſchaft, am wenigſten ein Rauſch der Sinne, was ſie mit ſüßer, nie gekannter Gewalt zu Lanskvi hinzieht, es iſt Liebe, es kann nur Liebe ſein, dieſe wunderbare Empfindung, welche ihr zu⸗ gleich ſo viel Seligkeit und Schmerz bereitet und ſie ſo furchtſam macht, daß ſie, die allmächtige Despotin, nicht zu hoffen wagt auf Gegenliebe, und ſo ſelbſtlos, daß ſie nur den einen holden Gedanken hegt und nährt, das ganze Füllhorn des Glückes über den aus⸗ zugießen, den ſie liebt. * 167 Lanskvi wird an den Hof beſchieden und erſcheint zum erſten Male bei einer Theatervorſtellung in der Eremitage. Noch nie hat Katharina ſich mit ſo viel Sorgfalt angekleidet, ſie ſah ängſtlich auf jede Schleife, jedes noch ſo winzige Schönheitspfläſterchen, und wie ſie ſich zuletzt in dem Spiegel ſieht, iſt ſie dennoch unzufrieden. Kaum hat man ihn unter den Herren im Parterre erblickt, wo er ſich beſcheiden im Hintergrunde hält, entſteht ein Neigen der Köpfe, ein Flüſtern und Lorgnettiren, das ſich bis zu der Loge der Monarchin fortpflanzt. „Lanskvi iſt ſoeben eingetreten“, ſagt die Prin⸗ zeſſin Werongow leiſe zu dieſer,„ſoll ich Befehl er⸗ theilen, daß er ſich Eurer Majeſtät vorſtellt?“ Katharina erröthet wie ein junges verliebtes Mädchen und nimmt den Fächer vor das Geſicht. „Ich weiß nicht“— ſtammelt ſie,„rathen Sie mir doch, Prinzeſſin.“ „Ich ſende nach ihm“, erwidert dieſe,„Lanskoi iſt ſo reizend und ſo anſpruchslos, er verdient, daß Sie gütig mit ihm ſind, Majeſtät.“ Und wie er erſt die Loge betreten hat und ſich ehrerbietig vor ihr verneigt, da fühlt die Despotin ihr Herz heftig pochen und ihr Auge, das dem ſeinen nicht zu begegnen wagt, folgt der Stickerei ihrer Robe, und ihre ſonſt ſo beredten Lippen, denen jederzeit Einfälle voll Geiſt und Bosheit wie tödtliche Pfeile entſchwir⸗ ren, verſtummen. Die Prinzeſſin kommt ihr zu Hilfe und unterhält ſich mit Lanskoi, welcher indeß ſeinen Blick unverwandt auf der Kaiſerin haften läßt. Dieſe erinnert ſich zu rechter Zeit, daß er ſie ſchön findet, ja der Liebesgöttin vergleicht und dies gibt ihr Muth. Sie erhebt das große helle Auge halb neugierig, halb zärtlich zu ihm und berührt ſeinen Arm mit dem Fächer. „Sie ſcheinen mich gar nicht zu bemerken, Lanskvi“, beginnt ſie,„iſt es wahr, daß Sie mich ſo ſehr haſſen?“ „Ich fühle für Eure Majeſtät, was mir geziemt“, entgegnete dieſer. „Und was geziemt Ihnen, wenn ich fragen darf?“ „Ehrfurcht.“ Katharina blickt auf die kleine Bühne, auf der eben die Aufführung eines kleinen Probewerkes vor ihr beginnt und ſpricht den Abend kein Wort mehr. Und wieder fand ſich Lanskoi ein anderes Mal auf ihren Befehl beim Spiele ein. Nur die Ver⸗ trauten der Monarchin wurden demſelben beigezogen. Der kleine erwählte Kreis verſammelte ſich in den klei⸗ nen Apartements der Eremitage, wo jede Etiquette * verbannt war und man ſich mit heiterer Ungezwungen⸗ heit unterhielt. Lanskoi wurde von der Kaiſerin ein⸗ geladen mit ihr, abſeits von den Uebrigen, eine Partie Domino zu ſpielen. Die ſchöne mächtige Frau hatte es längſt aufgegeben, mit ihm zu kokettiren, ſie zeigte ſich einſilbig, begnügte ſich ihn immerfort anzuſehen, ſchmachtete, ſeufzte und zerdrückte endlich ſogar ein paar Thränen in ihren ſonſt ſo gebieteriſchen und ge⸗ fürchteten Augen. Lanskvi ſchien dies Alles nicht zu bemerken, er zeigte ſich ehrerbietig und voll Aufmerkſamkeit, aber kalt wie ein Eisblock. „Welchen Rang bekleiden Sie in meiner Armee?“ fragte plötzlich Katharina. „Ich bin Lieutenant, Majeſtät und ſchätze es mir zur Ehre.“ „Sie ſind allzu beſcheiden“, lächelte die ſchöne Despotin,„ich habe es mir in den Kopf geſetzt, Sie avanciren zu laſſen und zwar recht ſchnell. Sie ſind General, Lanskoi.“ Der arme Junge wurde todtenbleich.„Majeſtät ſcherzen wohl?“ „Es iſt mein Ernſt.“ „Dann beſchwöre ich Eure Majeſtät, dieſe Aus⸗ zeichnung, welche mein Verdienſt weit überſteigt, zurück⸗ zunehmen“ flehte Lanskoi.„Senden Sie mich gegen die Schweden, Polen oder Türken, befehlen Sie mir auf der Stelle, mein Leben für Sie hinzugeben, ich werde es mit Freude, ja mit Begeiſterung opfern, aber eine Erhöhung, die mir in keiner Weiſe zukommt, be⸗ ſchämt, erdrückt mich.“ „Sie ſind brav, Lanskvi, brav und treuherzig“, entgegnete Katharina II. gerührt,„ich danke Ihnen, aber ich bin nicht gewohnt, ein Wort zurückzunehmen, Sie ſind General und bleiben es.“ Lanskvi wollte ſprechen. „Widerſetzen Sie ſich nicht“, rief ſie im Tone des Befehls, einen Augenblick erwachte die Despotin in ihr, aber ſofort war ſie wieder nur das liebende Weib,„ich bitte Sie darum“, fügte ſie ſanft, beinahe ängſtlich hinzu. Lanskoi neigte ſich ſtumm vor ihr und ſchwieg. Fortan mußte er zu jeder Tageszeit der Mäch⸗ tigen Geſellſchaft leiſten, mehr als einmal trat die Verſuchung an ihn heran, ſeinem Vorſatz untreu zu werden, ſich vor ihr niederzuwerfen, ihr zu geſtehen, daß er ſie liebe, ſie anbete, wie noch nie ein Weib angebetet worden ſei, aber die Kraft ſeines Willens ſiegte immer wieder und er verharrte in ſeiner achtungs⸗ vollen Zurückhaltung, ſeiner beiſpielloſen Kälte. * Katharina, dieſe Frau, die gewohnt war, Sklaven um ſich zu ſehen wenn ſie nur winkte, Götzendiener wenn ſie befahl, wagte es nicht, dem ernſten Manne gegenüber, den ſie wahrhaft liebte, nur ihre Neigung anzudeuten, aber ſie verrieth ſich bei jedem Anlaß und machte dadurch dem bis zum Wahnſinn in ſie ver⸗ liebten Lanskvi den Kampf um ſo ſchwerer. Sie ſchien endlich auf das Glück der Liebe an ſeiner Seite ganz zu verzichten, ſie war nur noch darauf bedacht, von aller Selbſtſucht frei, ihm das Leben zu ver⸗ ſchönern, ſeine geliebte Geſtalt mit Glanz und Herr⸗ lichkeit zu umgeben. Vor allem beſchäftigte ſie ſich angelegentlich mit der Erziehung des ſchönen Lanskvi, ſie ließ ihn in den Wiſſenſchaften und Künſten von den hervorragendſten Geiſtern unterrichten, während ſie es ſelbſt übernahm, ihm feine Sitten zu lehren. Als er einige Fortſchritte im Clavierſpiel gemacht hatte, ließ ſie ſich von ihm begleiten wenn ſie ſang. In allen den kleinen Komödien, welche ſie für das Bijoutheater der Eremitage ſchrieb, mußte Lanskoi den Liebhaber ſpielen, während ihr ebenſo gewiß jedesmal die Rolle der Liebhaberin zufiel. Sie beſchenkte ihn wie man ein Kind beſchenkt oder eine Geliebte und es waren ihre ſeligſten Augenblicke, wenn er ſich von ihrer Sorgfalt erfreut zeigte. Es gab Nächte, wo ſie nicht ſchlief, wo ſie auf ihrem üppigen Lager ſaß und Thränen vergoß, dann ſtand ſie am Morgen mit rothgeweinten Augen auf und verſchmähte es Speiſe zu ſich zu nehmen. So⸗ bald er aber da war, erhellte ſich ihr ſchönes Antlitz, und ſie konnte wieder lächeln und mit ihm ſcherzen und plaudern, ſich und die Welt vergeſſen. Und wie⸗ der einmal in einer Nacht voll Unruhe, voll Qual und Schweigen, faßte ſie einen herviſchen Entſchluß. „Er hat Recht“, ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„ich habe kein Herz, ich putze ihn auf wie meine Puppe und thue ihm ſchön, aber dies Alles nur um mir Freude zu machen. Ich habe mich noch nie ernſtlich mit ſeinen Wünſchen beſchäftigt. Fortan ſoll von mir gar nicht mehr die Rede ſein, ich will ihn glücklich machen, vollkommen glücklich.“ Ein eigenhändiges Schreiben der Czarin berief Lanskoi für den Abend in die Eremitage, es war in demſelben weder von einer Theatervorſtellung, noch einem Concert, noch einer Soirée oder einem Spiel die Rede, und es war auch von keinem Leibkoſaken, ſondern von einem jungen hübſchen Kammermädchen überbracht worden. Das Ganze glich auf ein Haar der Einladung zu einem Rendezvvus. Lanskoi, der keinen Augenblick darüber in Zweifel war, daß ihm ein téte-Atéte mit der gefährlichſten Frau Europas bevorſtehe, küßte das wohlriechende Blatt mit den theu⸗ ren Schriftzügen und rüſtete ſich zu dem bevorſtehenden Kampfe Er machte mit aller Sorgfalt und Koketterie Toilette und es gelang ihm alle ſeine körperlichen Vor⸗ züge in das glänzendſte Licht zu ſetzen; und wie er endlich in den knappen hohen Stiefeln mit Goldquaſten, den ſein tadelloſes Bein knapp einſchließenden weißen Beinkleidern, der rothen goldverſchnürten Koſakenjacke, das leicht gepuderte Haar von einer hellgrauen Mar⸗ quiſe zuſammengehalten vor dem Spiegel ſtand, lächelte er ſich wohlgefällig an, wie der ſchöne Narciß ſein Bild im reinen Quell bewundert hatte, hing den krummen mit Edelſteinen beſetzten Säbel an goldener Schnur um die Schulter, nahm den Kolpak in die Hand und ſtieg in den Schlitten, der ihn pfeilſchnell zu dem kaiſerlichen Palaſte hintrug. An jenem geheimnißreichen Hinterpförtchen, durch das Aslow, Mirowitſch, Waſiltſchikow, Potenckia, Za⸗ wadowski, Zoritz and Korſakow die Eremitage betreten hatten, um den verliebten Launen der neuen Semina⸗ mis zu dienen, erwartete das vertraute Kammermäd⸗ chen den Glücklichen, welcher gleich den Spartanern 174 des Leonitas ſeiner Niederlage reich geſchmückt und heiter entgegen ging. Das ſchmucke Kätzchen hüpfte munter voran durch die Korridore und die Treppe hinauf, plötzlich drückte ſie die Hand an die Mauer und eine zweite geheime Thüre ſprang auf, durch die der mit Sehnſucht Er⸗ wartete in ein von wollüſtigem Dämmerlicht erfülltes kleines Vorgemach trat. „Hinter jener Portière dort erwartet Sie das Glück“, flüſterte ihn noch ſeine reizende Führerin zu, dann verſchwand ſie, die Wand ſchloß ſich hinter ihm und Lanskvi war der Gefangene Katharinas. Sein Herz pochte heftig, ſeine Pulſe flogen, er blieb einen Augenblick vor dem Vorhang ſtehen um ſich zu ſammeln, dann ſchlug er ihn langſam zurück und erblickte in einem feenhaften kleinen Boudvir die Czarin, welche mit einer ſilbernen Zange das Feuer in dem herrlichen Marmorkamin ſchürend, ihm den Rücken kehrte. Als die Portiére leiſe rauſchend hinter ihm zufiel, wendete ſie raſch den Kopf und nickte ihm freundlich zu.„Es iſt noch kalt hier, oder ich bin vielleicht zu leicht ange⸗ zogen“, ſagte ſie mit einem verſchämten Lächeln. Lanskvi überflog mit einem glühenden Blick dieſe üppige Prachtgeſtalt, welche über einem weißen Unter⸗ kleide von köſtlichen Spitzen in einen offenen Schlaf⸗ * 175 rock von gelber Seide gehüllt zu frieren ſchien, aber es war nur die Aufregung, die holde Furchtſamkeit der Leidenſchaft, welche die ſonſt ſo wenig bedenkliche und energiſche Despotin wie ein junges verliebtes Mäd⸗ chen zittern machte. Lanskvi ergriff den kleinen Blaſe⸗ balg der auf dem Boden lag, ließ ſich auf ein Kniee nieder und begann das Feuer anzufachen. Die Czarin ſah ihm lange mit einem Blicke hol⸗ der Güte zu, dann legte ſie langſam die weiße herr⸗ liche Hand auf ſeine Schulter.„Lanskoi“, begann ſie, „ich habe mich in dieſen Tagen viel mit Ihnen be⸗ ſchäftigt. Haben Sie wol auch meiner gedacht?“ „O! gewiß Majeſtät“, erwiderte er. Katharina ſeufzte. „Habe ich etwas geſagt, was die Unzufriedenheit Eurer Majeſtät erregt hat?“ fragte Lanskvi raſch. „Nein, mein Freund, aber ich bin unzufrieden mit meinem Schickſal, das mich auf die öden Stufen des Thrones geführt hat, wo ich mich ſo einſam, ſo verlaſſen fühle. Ich will nicht ſagen, daß mir eine Hütte genügen würde, aber ein kleines Schlößchen ab⸗ ſeits der großen Straße der Welt, ein Kreis guter Freunde, ein Mann, dem mein Herz gehört und der auch mich liebt, welche Seligkeit müßte das ſein!“ „Gäbe es einen Wunſch, deſſen Erfüllung nicht 176 in Ihrer Macht liegt?“ entgegnete Lanskvi, noch im⸗ mer vor ihr knieend. „Kann ich einem Herzen befehlen, mich zu lieben?“ rief Katharina mit einem Anflug von Bitterkeit,„ein Wink von mir wird den Mann meiner Wahl zu mei⸗ nem gehorſamen willenloſen Sklaven machen, gewiß, aber es gibt keine Gewalt, Liebe zu erwecken!“ „Doch, Majeſtät, die Gewalt der Schönheit.“ Katharina zuckte die Achſeln.„Man ſagt mir, vaß ich ſchön bin, Lanskoi, ja ich habe es ſo oft ge⸗ hört, daß es mich beinahe langweilt, ſchön zu ſein. Ich möchte häßlich ſein, aber geliebt um meiner ſelbſt willen, von dem Manne, der mein ganzes Sein be⸗ zwungen, ſo daß nichts übrig iſt von Katharina, was nicht ihm gehörte.“ Lanskoi erhob ſich und blickte der Czarin mit ſeinen ſchönen leuchtenden Augen voll und unerſchrocken in das bleiche Antlitz, das von Wehmuth überfloſſen. doppelt reizend erſchien.„Wäre es möglich, Majeſtät, daß Sie nicht geliebt werden, nicht ſo geliebt, wie Sie es wünſchen?“ Katharina erröthete und begann leiſe zu beben. „Sprechen wir nicht von mir“, ſagte ſie nach einer kleinen Pauſe,„ich habe mir vorgenommen, mich nicht mehr mit meiner Perſon zu beſchäftigen, ſondern ganz * 477 nur mit Ihnen, Lanskoi“, dabei ſtreckte ſie ihm die Hand mit einer Herzlichkeit hin, die ihn vollends ent⸗ waffnete.„Beantworten Sie mir offen jede Frage, mein Freund, es wird nur zu Ihrem Beſten ſein, of⸗ fen und ehrlich, ich wünſche es.“ „Mein Wort, Majeſtät, ich werde nur die Wahr⸗ heit ſprechen.“ „Nun, ſo ſagen Sie mir vor Allem, was ich thun kann, um Sie vollkommen glücklich zu machen“, be⸗ gann Katharina.„Ich hoffe, Sie lieben und werden wieder geliebt, denn ohne Liebe gibt es kein wirkliches Glück.“ „Gewiß Majeſtät.“ „Sie lieben alſo?“ „Mit ganzer Seele?“ „Ich möchte mein Leben hingeben für die Frau, die ich liebe.“ „Sie iſt alſo ſchön, dieſe Frau?“ „Das ſchönſte Weib der Erde.“ „Und ſie liebt Sie wieder“, murmelte die Kaiſe⸗ rin mit einem ſchmerzlichen Lächeln,„o! gewiß, ſie muß Sie lieben!“ „Ich wage nicht, daran zu denken.“ „Iſt ſie ſo tugendhaft, oder ſo ſtolz?“ Sacher-Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. TV. 42 „Sie iſt für mich unerreichbar.“ „Und das macht ſie unglücklich, mein Freund?“ „Nein, Majeſtät, ich bin ſelig, wenn ich nur in ihrer Nähe weilen darf.“ „Ich will dieſe Frau kennen, Lanskoi“, rief Ka⸗ tharina, indem ſie den Kopf in den Nacken zurück⸗ warf.„Schnell, wie iſt ihr Name?“ „Es iſt die einzige Frage, welche ich nicht beant⸗ worten darf.“ „Auch dann nicht, wenn ich es Ihnen befehle ſagte Katharina, ſich mit einem Male in ihrer vollen Majeſtät aufrichtend,„ich befehle Ihnen, mir die Frau zu nennen, die Sie lieben, und zwar auf der Stelle.“ „Muß ich gehorchen?“ Die Kaiſerin nickte. Im ſelben Augenblick lag Lanskvi zu ihren Füßen. „Vergebung, Majeſtät, aber die Frau, die ich liebe, die ich anbete—“ „Nun, wie nennt ſich dieſe Frau?“ rief die Cza⸗ rin, mit dem Fuße ſtampfend. „Katharina I.“ „Lanskoi! Sie lieben mich— iſt das mögli —“ jubelte die ſchöne Despotin. „O! Katharina, wäre es denn möglich, 2 ch? Sie nicht * 179 zu lieben?“ rief Lanskvi, indem er ihre Hände ergriff und mit Küſſen bedeckte. „Und Du fragſt nicht, ob ich Dich wieder liebe? Du haſt Recht Lanskvi, Du mußt es in meinem Au⸗ gen leſen, was Du mir biſt. Ja, Lanskvi, ich liebe, zum erſten Male, ſeitdem ich das Licht der Welt erblickt, liebe ich, und Du biſt es, der mich bezwang, der mich ſo elend und ſo unſäglich glücklich gemacht. Aber nicht von mir ſoll die Rede ſein, von Dir allein, Geliebter, Dich will ich glücklich ſehen, das iſt für mich die höchſte der Freuden.“ Sie umſchlang ihn mit wilder Zärt⸗ lichkeit und ihre Lippen ſuchten fiebernd die ſeinen. Katharina II. liebte, dieſes beiſpiellos kühne Weib, das den kaiſerlichen Gemahl mit dem Degen in der Fauſt vom Throne geſtoßen und ohne Erbarmen er⸗ würgt, das jeden ſeiner Günſtlinge zum demüthigen Knecht ſeiner wollüſtigen Launen gemacht hatte, liebte mit ganzer Seele, erbebte furchtſam, wenn es die Stirne des Geliebten von dem kleinſten Schatten verdüſtert ſah, und Tag und Nacht, im Wachen und Träumen nur von dem einen Gedanken beſeelt, ihn zu beglücken. Es waren Stunden nie geahnter Seligkeit, welche Katharina II. mit den ſchönen liebenswürdigen Lans⸗ koi, im Winter in der prachtgeſchmückten Eremitage, im Sommer in dem lieblichen Zarskon Selv ver⸗ brachte. Niemand hätte in dem liebenden Weibe, das an der Seite des Geliebten, zärtlich an ihn geſchmiegt, im Schlitten dahinflog, oder ſich in ſilberhellen Mond⸗ nächten mit ihm im Kahne ſchaukelte, das im prunk⸗ vollen Boudoir vor ihm auf den Knieen lag und ſich nicht ſattſehen konnte an ſeinem Antlitz, und nicht ein⸗ ſchlafen konnte, wenn er ihren Kopf nicht in ſeine Hände gebettet hatte, Niemand hätte in dieſem hinge⸗ benden, ſchwärmeriſchen Weib voll Güte und Aufopferung die Despotin wieder erkannt, deren Wolluſt die Bachana⸗ lien eine etwas größere Type, Agrippina und Meſſalina, deren Grauſamkeit die Gräuel eines Nero erneuert hatten. „Sie liebt Lanskvi wie ſie noch Keinen geliebt“, ſagte Fürſt Daſchkow zu ſeiner Gemahlin. „Sagen Sie lieber, Lanskvi iſt der erſte, den ſie liebt“, erwiderte die Prinzeſſin,„und dieſe Frau, die uns ſeit langem die glänzendſten Proben von Genie, Klugheit, Muth, Entſchloſſenheit und Unbeugſamkeit gegeben hat, überraſcht uns mit einem Male mit dem, was wir Alle am wenigſten bei ihr geſucht haben, mit einem großen, guten und zärtlichen Herzen.“ Die Macht, welche Lanskoi über Katharina II. gewann, war eine unumſchränkte und beiſpielloſe, aber —. daß man ihn allgemein liebte, beweiſt, daß er dieſelbe in keiner Weiſe mißbraucht hat. Wenn ſie ihn be⸗ ſchenkte, ſo geſchah es immer gegen ſeinen Willen und er zeigte ſich jedesmal beſchämt und verwirrt. Als ſie ihm dem Winterpalaſte gegenüber einen Palaſt erbauen ließ, vermied er es lange Zeit ſich öffentlich ſehen zu laſſen und brachte kein Wort des Dankes über die Lippen, als ſie aber ihre Büſte in Marmor der Prin⸗ zeſſin Daſchkow verehrte, vergoß er Thränen, denn er liebte Katharina wahnſinnig, daß er nicht einmal ihr todtes kaltes Abbild Jemand Anderem gönnen wollte. Das Glück dieſer einzigen Liebe war die Pveſie im Leben Katharinas und wie echte Poeſie nicht ohne Tragik ſein kann, ſo war auch dieſem wunderbaren Traum ein raſches und unſeliges Ende vorbeſtimmt. Katharina II. trug, wie jeder Menſch, ihr Schick⸗ ſal, ihr Verhängniß in ſich. Ihre Hände waren mit Blut befleckt und auf ihre Stirne war der Fluch ge⸗ ſchrieben. Ihre Liebe war tödtlich wie ihr Haß. Nachdem ſie Lanskoi ein Jahr beſeſſen, begannen ſeine Wangen zu bleichen, und er welkte langſam an ihrer Seite dahin. Die berühmteſten Aerzte wurden berufen, aber ihre Kunſt ſcheiterte an dem ſchönen Jüngling, der den Keim des Todes in ſich trug. Die Kaiſerin war der Verzweiflung nahe. Nach⸗ 182 dem ſie alles aufgeboten hatte, den Geliebten zu retten und ihn dennoch verloren wußte, da blieb ihr nur das eine, ihm ſeine letzten Tage zu verſchönern durch ihre Liebe, zu verklären durch das, was ihm nicht die Kaiſerin, was ihm nur das zärtliche treue Weib bie⸗ ten konnte. Sie pflegte ihn wie die Frau den geliebten Gat⸗ ten, wie die Mutter ihr Kind. Durch viele Wochen wich ſie Tag und Nacht nicht von ſeinem Lager, er bekam keinen Tropfen Arznei, den ſie ihm nicht gereicht hätte, ſie hielt ihm den Tel⸗ ler, aus dem er aß, das Glas, aus dem er trank, ſie war unermüdlich dem nach Athem Ringenden die Kiſ⸗ ſen zu richten. Während Lanskvi mit dem Tode rang ſtand die Regierungsmaſchine des größten europäiſchen Reiches ſtille, das Scepter war der Hand Katharinas, die es ſo männlich groß geführt hatte, entſunken, dieſes herrſch⸗ füchtige wolluſtheiſchende Weib war nur noch fähig zu weinen und zu beten. „Ich ſterbe“, ſprach Lanskvi mit ſeiner ſanften Stimme, am Morgen, ehe er hinüberging,„aber ich trauere nicht um den Verluſt meines jungen Lebens, ich war in dieſer Spanne Zeit, die mir an Deiner Seite gegönnt war, ſo überreich geſegnet mit allem — Glück der Erde, wie es andere Menſchen niemals wa⸗ ren, welche die Dauer eines Patriarchenlebens erreichten. Es gibt nichts in der Welt, das ewige Dauer hätte, auch Deine Liebe Katharina hätte ſich vielleicht mit der Zeit verzehrt, ich danke Gott, daß er das geiſtige Licht in meiner Bruſt verlöſchen läßt, ſo lange Du mich noch liebſt, ſo lange ich Dir noch etwas bin.“ „O! Lanskvoi“, rief die Despotin mit einem Auf⸗ ſchrei des höchſten Schmerzes,„Du warſt mir Alles, und Nichts bleibt mehr zurück, wenn Du mir entriſſen wirſt, glaube mir, ich hätte Dich immer ſo grenzenlos geliebt, wie ich Dich jetzt liebe und ich werde Dich niemals, niemals vergeſſen, niemals.“ Das ſtolze Weib, zu deſſen Füßen Millionen lagen, warf ſich ſchluchzend an dem Bette nieder und preßte die Stirne, die das Diadem trug, verzweifelt gegen das kalte Holz. So lag ſie, bis der Todeskampf eintrat, dann hielt ſie den angebeteten Mann in ihren Armen und an ihrer Bruſt athmete er aus, ihre Hand in den ſeinen mit einem holden Lächeln um die noch blühenden Lip⸗ pen. Katharina ſtürzte an der Leiche ohnmächtig zu Boden, ſelbſt wie eine Todte. Durch volle drei Monate trauerte ſie um Lans⸗ koi, einſam, in Zarskon Selo, und durch volle drei Monate durfte Niemand ihre Gemächer betreten, nicht einmal ihre Miniſter. Eine Wittwe kann um den ge⸗ liebten Gatten nicht aufrichtiger trauern, als ſie es um den Geliebten that. In dem Parke von Zarskon Selo erhebt ſich ein herrlicher Obelisk von koſtbarem Marmor, der die rührende Aufſchrift trägt:„Dem Treueſten der Treuen es iſt dies das Denkmal, das die Liebe der großen Katharina dem ſchönen Lanskvi geſetzt. — — — — — S — — S — — — — — — — „— — Sd — — S ſe Die Eremitage, das reizende Aſyl der Czarin Ka⸗ tharina II. und ihrer verliebten Launen, war hell er⸗ leuchtet, ein Zeichen, daß die allmächtige Frau, Despo⸗ tin in der Liebe wie in ihrem Reiche, ihre Günſtlinge zu ſich befohlen hatte, um ihr die Zeit zu vertreiben. „Es wird dort oben wieder einmal einen ausge⸗ laſſenen Abend geben“, ſagte der eine der wacheſtehen⸗ den Grenadiere, ein alter Soldat Suwarows, zu ſeinem jungen Kameraden, indem er das eine Auge ſcherzhaft ſchloß und zu den blinkenden Scheiben emporzwinkerte. „Welches Glück, der Kaiſerin zu gefallen“, erwi⸗ derte der zweite Grenadier,„iſt es wahr, daß ſie nicht ſelten aus den Reihen der Soldaten einen ausgewählt hat, der Gnade fand vor ihren Augen, und ihn aus niederem Stande und Armuth emvorhrb zu Würde und Reichthum?“ 188 „Gewiß iſt dies wahr“, beſtätigte der alte Sol⸗ dat,„aber ebenſo wahr iſt es, daß Du keine Urſache haſt, jene zu beneiden, welche gegenwärtig in ihrer Gunſt ſtehen. Ja, vor Jahren, da war unſer Müt⸗ terchen Katharina ein Weib zum Niederknieen, zum Anbeten ſag' ich Dir, ſo wahr ich den Pulverdampf von Ismail noch in der Naſe habe, aber jetzt—“ er machte eine ſehr verdächtige Bewegung mit der Hand— „es gehört ein geſegneter Apetit dazu.“ „Aber ſie ſieht doch immer gut aus, was man ſo beurtheilen kann“, meinte der junge Grenadier. „Was kannſt Du denn beurtheilen“, ſchnaubte der Veteran,„ein Weib mit ſiebenundſechzig Jahren iſt unter allen Umſtänden ein altes Weib, und von einem alten Weibe, das eine Krone trägt, begünſtigt werden, iſt ein großes Glück, das einem großen Un⸗ glück auf ein Haar ähnlich ſieht.“ „Aber das gute Eſſen und der Wein“, meinte der Verehrer Katharinas,„es muß da oben ſehr luſtig zugehen.“ „Gewiß“, bekräftigte der alte Soldat,„ſie nennen das die Soiréen der Eremitage.“ „Was ſoll das wieder heißen?“ „Dummkopf! Wenn Du nicht franzöſiſch verſtehſt, * S ſo thue wenigſtens dergleichen, es iſt nobel und ein Grenadier muß etwas auf ſich halten.“ „Ich möchte aber trotzdem wiſſen, um was es ſich handelt“, ſagte der junge Soldat. „Es handelt ſich darum, daß, wenn ein Weib den Teufel im Leibe hat, ein altes Weib deren drei be⸗ herbergt, und folglich läßt ſich die Kaiſerin jetzt von drei ſo jungen Burſchen den Hof machen. Begreifſt Du?“ „Vollkommen.“ Während ſich die Schildwachen unten in dieſer harmloſen Weiſe unterhielten, lagen oben in dem klei⸗ nen Vorſaal drei junge Leute in ebenſoviel Fauteuils ausgeſtreckt und gähnten um die Wette. „Die Peſt“, begann der eine, der ſchönſte und an⸗ muthigſte von den dreien, es war Platow Zvubow, „ſie läßt uns noch warten, dieſer übelriechende Fett⸗ koloß.“ „Ich habe einen artigen Scherz ausgedacht“, er⸗ widerte Peter Saltykow, ein junger Athlet mit groben, gemeinen Zügen,„in Italien ſoll es Sitte ſein, im Carneval die Damen mit Parfüm zu beſpritzen, wir wollen daſſelbe thun, die Kaiſerin wird es für eine jener Neckereien anſehen, welche ihren Beifall finden, wenn ſie hübſch und graziös ausgeführt wird, und herzlich lachen, während wir uns Erleichterung ver⸗ ſchaffen.“ „Wenn ich denke, daß dieſes Weib einſt vergöt⸗ tert wurde!“ ſeufzte Valerian Zoubow, der minder ſchöne aber kräftigere Bruder Platows. „Daß ſie mit Recht vergöttert wurde“, ſchrie Platow,„das eben iſt zum Raſendwerden, daß ſie einſt in der That wie eine Göttin war, alle Welt ſagt es und ihre Bilder bezeugen es, die anderen durften ſie damals anbeten, wir aber, wir ſollen vor einem Miſthaufen knieen, weil ihn ein Purpurmantel bedeckt.“ „Schweig, ich höre die Maſchine raſſeln“, mur⸗ melte Saltykow. In der That, es klang ein eigenthümliches Ge⸗ räuſch in der Tiefe, ähnlich dem Aufziehen eines ſchwe⸗ ren Brunneneimers, im Parquet ſprang eine viereckige Thür auf, eine verbeſſerte Theaterverſenkung, und auf einem Fauteuil ſitzend, ſtieg Katharina II. langſam aus dem Boden herauf. Die einſt ſo elaſtiſche bewegliche Amazone voll Energie und Anmuth war im vollſten Sinne des Wortes zu einem Fettklumpen, einem Monſtrum ge⸗ worden, das nicht mehr fähig war, eine Treppe zu erſteigen und mit Hilfe einer Maſchine aus einem 197 Stockwerke in das andere aufgezogen werden mußte. Als der Stuhl, in dem die Kaiſerin ruhte, ſtill ſtand und die Oeffnung im Parquet ſich lärmend geſchloſſen hatte, ſeufzte die erſtere tief auf.„Nun, das wäre wieder überſtanden“, ſagte ſie,„man will mir nicht glauben, aber es macht mir Mühe, ebenſoviel Mühe wie Euch das Gehen. Ich möchte aufſtehen, helft mir doch, Ihr braven Jungen.“ Platow Zoubow, der erklärte Favorit, ſchlang die Arme um die Despotin und hob ſie auf, während ſein Bruder und der athletiſche Salthkow ſie an den Hän⸗ den emporzerrten. „Es geht ſchon, es geht vortrefflich“, murmelte Katharina. Als ſie endlich auf den Füßen ſtand, küßte ſie Platow mit mütterlicher Zärtlichkeit auf die Stirn, ſtreichelte ſeinem Bruder mit einem liebens⸗ würdigen Lächeln die Wange und reichte Saltykow die Hand zum Kuſſe.„Ich bin mit Euch zufrieden“, nickte ſie dazwiſchen,„dafür wollen wir uns auch heute unterhalten, luſtig ſein, lachen, ich lache ſo gern.“ Auf Platows Arm geſtützt, ſchwankte die alternde Despotin durch eine Reihe prunkvoller Gemächer in das kleine Boudvir, in welchem ſie mit ihren Günſt⸗ lingen die Ausgelaſſenheiten, die Orgien und Myſterien einer Agrippina und Meſſalina zu erneuern pflegte, die 192 beiden anderen von ihr Erwählten folgten langſam, nicht eben ſehr vergnügt. In dem mit ausgeſuchtem Luxus möblirten kleinen Raume angelangt, ließ ſich die Kaiſerin ſchwerfällig in einem bequemen Fauteuil nie⸗ der und lehnte ſich mit einem Seufzer zurück, genau ſo, wie wenn ſie von einer langen Promenade oder einem ſcharfen Ritt ermüdet heimgekehrt wäre. Platow ſetzte ſich neben ſie auf einen Stuhl, Valerian Zoubow beugte ſich über die Lehne und Salthkow hatte auf einem Schemel Platz genommen, ſo daß ſie die Füße in ſeinen Schvoß ſetzen konnte. Unförmig, eine kupferige Röthe auf den Wangen, ſaß Katharina II. doch mit aller Pracht, die der Mo⸗ narchin, und aller Koketterie, die der vielerfahrenen Frau zu Gebote ſtand, geſchmückt da, ein leuchtendes Diadem über der von zahlloſen kleinen Runzeln be⸗ deckten Stirn. Ihre einſt in ganz Europa berühmten, von mehr als einem Künſtler in Marmor nachgebilde⸗ ten Füße bildeten mit den angeſchwollenen Beinen nur noch eine formloſe Maſſe. Der Blick des einſt ſo geiſtſprühenden gebietenden Auges war matt und er⸗ loſchen, und alle Wohlgerüche, welche ſie in ihre rei⸗ chen Kleider goß, waren nicht im Stande, den grauen⸗ haften Grabgeruch zu verbergen, den ſie ausſtrömte. Es war nichts mehr an dieſem Weibe, was dem 193 Manne Liebe einflößen, oder ihn nur reizen konnte, aber Katharina II. hing bis zuletzt mit dämoniſcher Luſt am Leben, am Genuß, und als ihre Anbeter fehl⸗ ten, befahl ſie mit dem Chnismus der Macht Skla⸗ ven zum Dienſte ihrer Lüſte. Während ihre Soldaten in den Kriegen gegen die Türken, Schweden, Polen bluteten, ihre Unterthanen Hungers ſtarben, feierte ſie hier jene ſchamloſen Feſte der Willkür und Ausſchwei⸗ fung, welche die Welt artig die„Soiréen der Eremi⸗ tage“ nannte. Das Alter ſchien die Leidenſchaften ihrer Jugend zu erneuern. Seit den Tagen der beiden Orlows hatte der ruſſiſche Hof nichts Aehnliches mehr geſehen, als ſie jetzt in Geſellſchaft der drei jungen Leute, die ſie ſich zu Genoſſen erwählt hatte, an beſtialiſcher Genuß⸗ ſucht darbot. Ihre Zärtlichkeit erregte den Widerwillen, ja die Furcht der Beglückten, ohne daß ſie ſelbſt es nur im Geringſten geahnt hätte, ſie wäre das Weib geweſen, den Mann, der kein Vergnügen in ihren Armen em⸗ pfand, dafür auf das Schaffot zu ſenden, wenn ſie nicht vielleicht einen grauſameren Reiz darin gefunden hätte, ihn noch mehr durch ihre Liebkoſungen zu ſtrafen. Sie ſprach noch immer mit einer gewiß ungeheu⸗ chelten Bewunderung von ihrem Genie wie von ihrer Sacher-Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten IV. 13 194 Schönheit, und in dem damaligen Rußland hätte man gewiß vergebens den Menſchen geſucht, der es gewagt hätte, dieſem weiblichen Caligula die Wahrheit zu ſagen, ſo ungeſchminkt und friſchweg zu ſagen, wie etwa der redliche Sonnenfels in Wien der ſtolzen aber edlen Kaiſerin Maria Thereſia. Das ganze Leben der großen Katharina war nichts als eine lange Krimreiſe. Wie dort Potemkin eine entvölkerte Wüſte für das forſchende Auge der gewaltigen Frau in blühende Län⸗ dereien verwandelt und in derſelben für die Dauer eines Tages Städte, Dörfer, Paläſte, ein frohes wohl⸗ hab endes Volk hineingezaubert hatte, Phantasmago⸗ rien, die ſofort wieder verſchwanden, wenn die Gebie⸗ terin, vor der ſogar er Furcht empfand, ihnen den Rücken kehrte, ſo war ſie auch während ihrer ganzen Regierungszeit, auf dem Throne, vor der Front ihrer Truppen, im Cirkel des Hofes und in ihrem wolluſt⸗ athmenden Boudoir von der Lüge begleitet und ge⸗ ſchmeichelt, ſie war ſtolz auf die Thaten, welche ſie als Herrſcherin vollbracht hatte, ohne von dem entſetz⸗ lichen Elend zu wiſſen, das unabläſſig ihren Fußſtapfen folgte, ſie ſchwelgte in allen Genüſſen des Lebens und ſah dabei immer nur Marionetten um ſich, welche lach⸗ ten, wenn ſie es befahl und ebenſo gut auf Commando liebten und glücklich waren. * 195 Das Boudoir der Eremitage, in welchem ſie ihre letzten Orgien feierte, war ſeltſam und bezeichnend ge⸗ nug geſchmückt. Zwei große Gemälde hingen an der einen Wand, das war Alles, aber es war genug, um die Abgründe dieſer dämoniſchen Frauenſeele wie durch einen Blitz zu erhellen. Das eine derſelben ſtellte den Brand der türkiſchen Flotte in der Bai von Tſchesme dar, das andere die Niedermetzlung der unglücklichen Polen in dem erſtürm⸗ ten Praga. An dieſen beiden furchtbaren Scenen hing ihr Blick oft minutenlang mit einem Ausdruck von tiefer Sättigung, der mehr als einen ihrer Günſt⸗ linge erſchreckt hatte. Auch jetzt mitten in dem halb kindiſchen, halb lasciven Geplauder mit den drei Adoniſen, die den Lüſten dieſer alternden Venus dienten, blieb ihr Auge an den beiden ſchrecklichen Bildern haften und endlich befahl ſie Valerian Zoubow, dieſelben mit einem der großen Armleuchter von getriebenem Silber beſſer zu beleuchten. Während er, den Ausdruck thieriſcher Gleich⸗ giltigkeit in dem ſchönen Geſichte, ſchweigend gehorchte, ſprang Solthkow lebhaft auf, ſo daß die Füße der Despotin etwas unſanft gegen den Fußſchemel ſtießen. „Was thuſt Du, Dummkopf“, ſchrie ſie zornig auf,„Du thuſt mir weh.“ 13* 196 „Ich mag dieſe verdammten Schlächtereien nicht ſehen“, fluchte Solthkow, den Bildern den Rücken kehrend. „Was? Du magſt nicht ſehen, was mir Freude macht?“ rief Katharina,„Du biſt alſo ein Verräther?“ „Wie ſoll es ihn entzücken Blut fließen zu ſehen, Blut, das ſo natürlich gemalt iſt“, ſuchte Platow die Thrannin zu beſchwichtigen. „O! hätte ich es nur rauchen geſehen, als es in Strömen die Straßen von Praga durchfloß“, rief Ka⸗ tharina,„es hätte mir wohl gethan, unſäglich wohl. Wie haben ſie mich geſchmäht, dieſe Polen, wie haben ſie mir getrotzt! und endlich kam doch der Tag der Rache, als mein herrlicher Suwarow ſie ſchlug, wo er Praga mit Sturm nahm und zwanzigtauſend Polen niedermetzelte, Soldaten, Edelleute, Bürger, Frauen, Kinder. Ei! wie ich jubelte, als man mich mitten in der Nacht mit der ſüßen Botſchaft weckte, ich ſprang aus dem Bette wie ich war, und lief im Hemde, mit bloßen Füßen zu meinen Frauen.„Steht auf“, ſchrie ich,„ich bin gerächt, die Polen ſind ausgerottet! Su⸗ warows Arrisregarde marſchirte durch Praga bis an die Knöchel im„Blut.“ Soltykow, der bis jetzt mühſam an ſich gehalten, * — ———— 197 brach jetzt mit einem Male in ein ſchallendes Gelächter aus. „Was lachſt Du?“ herrſchte ihm Katharina II. zu. „Ich habe mir“, antwortete Soltykow noch immer vom Lachen halb erſtickt—„gar ſo lebhaft— vorge⸗ ſtellt— wie komiſch das wäre— wenn— wenn heute Nacht— ſo eine Nachricht käme— und Du wollteſt— aus dem Bette ſpringen— Ha! Ha! Ha!“ „Ich glaube, er will ſich über mich luſtig machen, dieſer Tölpel“, ſagte die Czarin mehr erſtaunt als zornig. Die beiden Zoubows begannen nun gleichfalls zu lachen und dies brachte die Despotin erſt recht in Hitze. „Er ſoll auf der Stelle gezüchtigt werden, der Elende“, gebot ſie, nachdem ein Verſuch ſich zu erheben miß⸗ glückt war,„komm zu mir, komm nur, fürchte Dich nicht, mein Engelchen.“ Soltykow rührte ſich nicht. „Bringt ihn mir her“, kreiſchte Katharina,„auf der Stelle bringt ihn mir.“ „Was iſt das für ein Unſinn“, rief jetzt Solty⸗ kow,„ich freue mich ſchon auf das Eſſen und kann das verwünſchte Bild ebenſowenig anſehen, wie ich in eine Fleiſchbank gehen mag, es verdirbt mir den Ap⸗ petit.“ 198 „Warte nur, ich will Dich ſchon treffen, empfind⸗ lich treffen“, gab die Czarin ruhiger zurück, dann drückte ſie an einer verborgenen Feder, die mit einer Glocke unten in Verbindung war und das Signal gab, das Souper zu ſerviren. Wie alles in der Eremitage für die Intimität eingerichtet war, ſo geſchah auch dies in ſo märchenhafter Weiſe, wie in tauſend und einer Nacht, kein Diener betrat den der Liebe und ihren Freuden geweihten Raum, ſondern der Boden öffnete ſich und beim Klange einer ſüßen Muſik ſtieg die Tafel eines Lucullus empor. „Nun wollen wir trefflich ſpeiſen“, entſchied Ka⸗ tharina,„ich, Platow und Valerian, und Du, Thier von einem Menſchen, Du wirſt auf allen Vieren unter dem Tiſch herumkriechen und vielleicht da oder dort einen Biſſen bekommen, wenn Du recht hübſch darum bitteſt.“ „Das fällt mir wol nicht ein“, ſagte Soltykow, ſich breit an den Tiſch ſetzend. „Wirſt Du gehorchen?“ ſchrie Katharina,„unter den Tiſch mit ihm, ich ſende ihn nach Sibirien, ich laſſe ihn auf die Folter ſpannen, in einen Käfig ſperre ich ihn, wie den Rebellen Pagatſchuw, ſobald er nicht unter den Tiſch kriecht.“ „Nun meinetwegen“, brummte Soltykow, brachte * raſch, während Katharina auf Platow geſtützt um die Tafel herum zu dem für ſie beſtimmten Sitze ging, hinter ihrem Rücken ein Rebhuhn bei Seite und kroch unter den Tiſch, um daſſelbe gleich einem Hunde mit den Zähnen zu zerreißen. Indeß tafelten die Anderen ſo köſtlich, wie es nur aus der Feenküche der Eremitage möglich war, ſcherz⸗ ten und lachten. Katharina ſchien Solthkow vergeſſen zu haben. Nun, bekomme ich gar nichts zu trinken?“ mel⸗ dete ſich plötzlich ſeine Stimme aus der Unterwelt. „Gieb ihm ein Glas Wein“, ſagte Katharina. Platow Zoubow reichte es ihm unter den Tiſch. „Noch eins“, rief Soltykow nach kurzer Zeit, „oder beſſer gleich eine ganze Flaſche.“ „Ja, gieb ſie ihm“, entſchied die Czarin,„aber er muß ſie auf einen Zug auf meine Geſundheit leeren.“ Als Solthkow die Flaſche glücklich errungen hatte, rief er laut:„Es lebe die Kaiſerin aller Reußen Ka⸗ tharina II.! Der Himmel ſchenke ihr noch viele Jahre und laſſe ſie Jahr für Jahr zunehmen an Fett vor Gott und den Menſchen.“ „Soll ich Dich um einen Kopf kürzer machen laſſen, Solthkow?“ fragte die Kaiſerin, von Neuem aufge⸗ bracht. 200 Eine unheimliche Stille entſtand an der Tafel. „Das thut wohl, Ihr Knaben“, fuhr die Despo⸗ tin fort,„zu wiſſen, daß man ſo und ſo viel Milliv⸗ nen Menſchen beherrſcht wie eine Heerde Lämmer, Alle, die mein Szepter erreichen kann, ſind meine Sklaven, ich kann ſie foltern, ich kann ſie tödten wenn es mir beliebt. Gott hat mir dieſe Macht gegeben und kein Menſch kann ſie mir nehmen—“ Wieder begann Soltykow zu lachen. „Was hat denn der Tölpel heute?“ fragte Ka⸗ tharina. „Ich denke—“ brüllte er unter dem Tiſch—„ach! der Gedanke iſt zu komiſch—“ „Nun, was denkſt Du?“ „Wenn ſie Dich, Katharinchen, ſo an das Bret der Guillotine geſchnallt hätten, wie den dicken König Lud⸗ wig XVI. in Paris, wäre das nicht komiſch?“ Die Kaiſerin wurde bis in die Lippen bleich und ließ die Gabel fallen.„Was für ein abſcheulicher Ein⸗ fall“, murmelte ſie,„woran erinnert mich der Tölpel! Dieſe franzöſiſche Revolution wächſt von Tag zu Tag wie die Sündfluth und droht alle Throne zu verſchlin⸗ gen. Ob wir es erleben werden, daß auch hier in St. Petersburg— nein! nein! ich will nichts davon hören. Noch leben wir und genießen unſer Leben und —,— wenn wir fallen ſollen, ſo ſei es wie Sardanapal. Wein her! Trinkt, Ihr Burſchen, trinkt und ſingt.“ Sie erhob das Glas und ſtieß mit Platow an. Valerian trat dem Bruder unter dem Tiſche auf den Fuß und ſah ihn zugleich bedeutungsvoll an.„Die Gelegenheit wäre günſtig“, ſagte er leiſe. „Was meint er?“ fragte die Czarin. „Er meint, daß die Gelegenheit günſtig wäre, der Herrſchaft der Republik in Frankreich mit einem Male ein Ende zu machen“, ſagte Platow. „Wie das?“ „Oeſterreich und England ſuchen Dein Bündniß.“ „Habe ich Ihnen nicht zwölf Schiffe geſchickt.“ „Das iſt es eben, Du mußteſt ein Heer abſen⸗ den.“ „Wer hat Dich bezahlt, Platow?“ „Niemand.“ „Lord Whitwouth, nicht?“ „Aus mir ſpricht nur die Liebe zu Dir“, erwi⸗ derte Plätow. 2 „Wirklich“, ſagte Katharina,„was verlangſt Du alſo?“ „Ich bitte Dich, morgen Abend den engliſchen und öſterreichiſchen Geſandten hier zu empfangen.“ „Warum nicht“, ſpottete Katharina,„aber Eſter⸗ hazy iſt ein hübſcher Mann, wenn er mir gefallen ſollte, würdeſt Du wol vor Eiferſucht ſterben?“ „Er wird nicht ſterben“, ſchrie Soltykow unter dem Tiſch,„meinen Kopf zum Pfande, er wird am Leben bleiben.“ 3 Einige Tage ſpäter, an dem Abende des d. No⸗ vember 1796, näherten ſich durch den vom winter⸗ lichen Schnee bedeckten Park drei Männer der Eremi⸗ tage, alle drei zu Fuß, in koſtbare Mäntel gehüllt. Sie beeilten ſich in keiner Weiſe, ſondern blieben im Ge⸗ gentheil von Zeit zu Zeit ſtehen und unterhielten ſich leiſe. „Ich finde es ganz natürlich“, ſagte der eine, ein noch junger ſchlanker Mann von hübſchen Zügen, deſſen ſchwarzer aufgedrehter Schnurrbart mit dem weißen Toupée auffallend contraſtirte,„ganz natürlich, daß Sie für einen Dienſt von ſolcher Wichtigkeit und Trag⸗ weite auch einen entſprechenden Lohn verlangen, aber ich denke, derſelbe müßte ſich nach dem Erfolge un⸗ ſerer Miſſion richten. „Ganz meine Anſicht, Graf Eſtherhazy“, ſtimmte der zweite bei, der wohlbeleibt und etwas kurzathmig war. 203 „Ihre Auslegung hat etwas für ſich“, erwiderte der dritte, der Favorite Katharinas, Platow Zoubow, „und ich handle gewiß gegen mein Intereſſe, wenn ich dieſelbe höflichſt ablehne, aber nach meinem Dafürhalten iſt es die vollkommen ungeſtörte vertrauliche Zuſam⸗ menkunft mit der Kaiſerin, für die ich Ihre Erkennt⸗ lichkeit beanſpruche, Lord Whitwouth, und nicht für das Reſultat, das Sie erzielen, denn dieſes iſt Ihre Sache, mein Verdienſt aber, daß ich Sie Beide hier einführe.“ „Verſtehe vollkommen“, ſprach der Lord. „Ich denke alſo, wir machen die Sache in dieſer Weiſe ab“, fuhr Platow Zoubow fort;„Sie bezahlen mir zweitauſend Pfund, und zwar auf der Stelle, denn wenn wir uns noch lange hier unterhalten woll⸗ ten, ſo könnte dies nur auf Koſten Ihrer Naſe ge⸗ ſchehen.“ Er bückte ſich, füllte Schnee in ſeine hohle Hand und reichte ihn dem engliſchen Geſandten. „Bei Gott“, rief dieſer, indem er erſchreckt ſein Geſicht betaſtete,„ich bin nahe daran mich zu er⸗ frieren.“ „Erlauben Sie“, lächelte Platow und. begann die Naſe des Lord heftig mit Schnee zu reiben. „O! Sie verbrennen mich.“ „Es ſcheint Ihnen nur.“ 204 „Retten wir uns doch in die Eremitage“, rief Eſterhazy, deſſen Ohren gleichfalls zu brennen be⸗ gannen. „Da iſt die Pforte“, fügte Lord Whitwouth hinzu, „haben Sie den Schlüſſel?“ „Den goldenen Schlüſſel zu dieſer Pforte haben Sie, Excellenz“, gab Platow Zoubow mit einer leichten Verbeugung zur Antwort. „Es bleibt uns nichts übrig“, ſeufzte der engliſche Geſandte,„dieſer Barbar hier läßt uns nur die Wahl, zu erfrieren oder uns loszukaufen.“ „O, es gibt auch ein Drittes“, ſagte der Günſt⸗ ling ſtolz. „Und das wäre?“ „Sie kehren um.“ „Wer denkt daran.“ „Haben Sie die Summe bei ſich, Amice“, flüſterte Eſterhazy, ſeine Ohren in Schnee badend. „Hier iſt ſie“, entgegnete der Britte, zog eine große Brieftaſche hervor und überreichte Zoubow einen Wechſel. „Alles in Ordnung“, ſagte dieſer, nachdem er das Papier überflogen. „Wir können eintreten.“ „Endlich“, ſprach Eſterhazy aufathmend. * — Zoubow ſchloß die geheime Pforte auf, ließ die beiden Geſandten ein und ſperrte hinter ihnen wieder ab, dann führte er ſie durch einen Korridor und über eine teppichbelegte Treppe in das erſte Stockwerk, wo ſie in einem behaglich ewärmten Kabinet ſich ihrer ſchweren Winterhüllen entledigen und aufathmen konnten. „Nun ſtehe ich vollkommen zu Ihren Befehlen, meine Herren“, begann Zoubow,„verfügen Sie alſo, ob Sie zugleich oder einzeln und in welcher Ordnung und Weiſe Sie der Czarin vorgeführt ſein wollen.“ Nach kurzem Beſinnen gab der engliſche Geſandte ſeine Meinung dahin ab, daß es beſſer ſei, die Kai⸗ ſerin wiederholt in dieſer Angelegenheit zu beſtürmen und äußerſt unklug wäre, ſein Pulver auf einmal zu verſchießen. Es wurde alſo beſchloſſen, daß die beiden Diplomaten, jeder für ſich, ihr Glück bei der ebenſo eigenwilligen als launenhaften Frau, die das Scepter Rußlands führte, verſuchen ſollten. „Wer ſoll zuerſt eintreten?“ fragte Eſterhazh. „Wir werden looſen“, entſchied Whitwouth. „Ich ſtelle Ihnen zu dieſem Zwecke meine Würfel zur Verfügung“, rief Zoubow, dieſelben aus der tiefen Taſche ſeiner galonirten Seidenweſte hervorholend. Der engliſche Geſandte nahm ſie mit einer ſteifen 206 Reverenz, holte tief Athem, ſchüttelte ſie heftig in ſeiner großen Fauſt und ließ ſie dann auf einen kleinen koſt⸗ baren Tiſch mit einer herrlichen Malachitplatte fallen. „Sieben“, zählte Platow Zoubow. Nun warf der öſterreichiſche Botſchafter. „Elf“, riefen alle drei zugleich. „Ich habe alſo den Vortritt“, ſagte Eſterhazh. „Verzeihen Sie, Excellenz“, fiel der Britte ein, „aber wir haben ja noch gar nicht feſtgeſetzt, ob jener den Vorrang hat, der mehr Augen wirft oder umge⸗ 2 kehrt?“ „Sehr richtig“, ſtimmte Zoubow ein. 3 „Wir müſſen alſo nochmals würfeln“, ſprach. Eſterhazy. „Ja, und derjenige, welcher weniger Augen wirft, 5 geht voran“, beſtimmte Whitwouth. Er bemächtigte ſich der Würfel, ſchüttelte ſie geraume Zeit und warf endlich zwei. Eſterhazy erklärte ſich für beſiegt und ſtreckte ſich behaglich auf dem Sopha aus, während der engliſche Geſandte dem Günſtling Katharinas durch einen lan⸗ gen Corridor und eine Flucht der reizendſten kleinen Kabinete folgte. Zuletzt rauſchte noch ein ſchwerer Vorhang und jetzt ſtand er in dem Boudoir der Cza⸗ rin, welche mit überladener Pracht gekleidet neben * Valerian Zoubow auf einem Ruhebett ſaß, während Solthkow das Feuer im Kamin ſchürte. „Hier bringe ich Seine Excellenz, Lord Whitwouth“, begann Zoubow. „Willkommen“, ſagte Katharina, hielt die goldene Lorgnette vor die müden erloſchenen Augen und be⸗ trachtete den beleibten Diplomaten mit impertinenter Neugier.„Er iſt um nichts hübſcher geworden, ſeit ich ihn nicht geſehen habe“, ſagte ſie dann leiſe zu Platow.„Geht jetzt, meine Kinder, aber bleibt in der Nähe“, fügte ſie laut hinzu. Die beiden Zoubow ver⸗ neigten ſich tief und verließen das Gemach, Solthkow folgte ihnen, die Hände in den Hoſentaſchen, einen Gaſſenhauer pfeifend. „Setzen Sie ſich, Lord“, ſprach Katharina,„und vergeſſen Sie, daß Sie ſich der Herrſcherin des größ⸗ ten europäiſchen Reiches, der genialſten Ihres Jahr⸗ hunderts gegenüber befinden.“ „Ich werde mich bemühen—“ „Wir wollen recht vertraulich plaudern.“ „Ich bin ſehr glücklich, Majeſtät.“ Katharina M. nickte lebhaft.„Ich glaube Ihnen, und es läge allerdings nur bei mir, Sie vollends zu. beglücken, aber ich ziehe es vor, wenn wir bei den Staatsaffairen bleiben, lieber Lord, ſprechen wir alſo von Politik und nur von Politik.“ 1 Der Lord, welcher mit einem Male begriff, welche Deutung ſein nächtlicher Beſuch in der Höhle der kaiſerlichen Dido erfahren hatte, beeilte ſich in dem Momente, wo die Gefahr für ihn vorüber ſchien, die ſelbſtgefällige Frau durch eine Schmeichelei für ſich zu gewinnen. „Es iſt allerdings eine äußerſt ſchwierige Aufgabe, eine Herkulesarbeit, möchte ich ſagen, der ſchönſten und vollkommenſten Dame der Erde gegenüber nur 3 von Geſchäften zu ſprechen, aber ich werde Alles auf⸗ 1 bieten, um mein Herz zum Schweigen zu bringen.“ „Sie, oder vielmehr die engliſchen Miniſter, wün⸗ ſchen, daß ich mich energiſcher an dem Krieg gegen Frankreich betheilige“, unterbrach ihn Katharina I. „So iſt es, Majeſtät, darf ich die Gründe ent⸗ wickeln?“ „Wozu?“ lächelte die Czarin,„wenn ich dieſes republikaniſche Frankreich, wenn ich den Abenteurer, der ſich Bonaparte nennt und alle Regeln der Kriegs⸗ kunſt in ſo plebejiſcher Weiſe vernichtet, nicht ſo ſehr verabſcheuen würde, könnten Sie noch ſo viel Gründe für die Allianz mit England und Heſterreich anführen, ich würde mich doch nicht überzeugen laſſen. Aber * 209 ich haſſe dieſe Bewegung, dieſe Ideen und Phraſen, welche von Frankreich aus die Welt zu ergreifen und alle Verhältniſſe umzuſtürzen drohen. Ich muß Ihnen geſtehen, mein lieber Lord“— ihre Stimme ſank zum leiſen geiſterhaften Flüſtern herab—„daß ich nachts von böſen Träumen, von entſetzlichen Viſionen geplagt werde, ja ſogar bei Tage ſehe ich Dinge—— O, es iſt entſetzlich.“ Sie legte die Hände vor das Geſicht und ſchwieg geraume Zeit.„Ja, was wollte ich ſagen? Richtig, ich entſinne mich, ich will die Franzoſen aus⸗ rotten“, fuhr ſie fort,„wie ich die Polen ausgerottet habe, und mit ihnen dieſe Ideen und dieſe furchtbaren Geſichte. Sehen Sie doch dies Bild, es ſtellt die Erſtürmung Pragas durch meinen braven Suwarow dar, ich werde dieſen braven Suwarow nach Frank⸗ reich ſenden und er wird mir dieſes abſcheuliche Paris erſtürmen und die Republikaner über die Klinge ſprin⸗ gen laſſen wie dort die Polen. Es iſt eine Lüge, das von den Menſchenrechten, die Menſchen ſind geboren, um zu dienen und zu gehorchen, und ich, ich bin da, um zu gebieten, und ſo lange ich lebe, werde ich mei⸗ nen Fuß auf den Nacken dieſer Sklaven ſetzen, die von Freiheit träumen und von Herrſchaft des Volkes.“ „Wer zweifelt daran, Majeſtät“, beeilte ſich Lord Whitwouth zu erklären,„wenn Sie in Frankreich Sacher-Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. W. 14 regiert hätten, wäre es nie zu dieſen Scenen einer neu hereinbrechenden Barbarei gekommen.“ „Gewiß nicht“, ſagte die Czarin,„und doch ſind wir alle nicht ganz freizuſprechen, ich ebenſo wenig wie der König Friedrich II. von Preußen und der Kaiſer Joſeph. Wir alle haben dieſen Philoſophen, dieſen Poeten geſchmeichelt, die mit ſüßen Worten von Ge⸗ nialität zu uns kamen und dieſe verderblichen Grund⸗ ſätze wie Dolche heimlich verborgen hielten. Wir ſelbſt haben dieſe Ideen genährt und groß gezogen, die ſich jetzt gegen uns kehren und unſere Macht bedrohen. Ich habe wenigſtens die Genugthuung, daß ich einen dieſer Herven unter meiner Peitſche gehabt habe, man hätte ſie alle nach Sibirien ſenden oder auspeitſchen ſollen.“ „Sie ſprechen mir aus der Seele, Majeſtät“, ſprach der engliſche Geſandte,„und wir dürfen alſo darauf rechnen, daß Sie eine Armee unter Suwarow nach Frankreich entſenden?“ „So iſt es.“ „Wie viel Mann, Majeſtät?“ „Achtzigtauſend Mann.“ „Das läßt ſich hören“, fuhr der Lord fort,„es iſt dies jedenfalls ein ganz anderer Beiſtand als jener, den Sie uns durch Ihre zwölf alten Schiffe—“ * 21¹ „Was wollen Sie“, fiel Katharina lebhaft ein, „Sie haben mir eine Million Sterling Subſidien be⸗ willigt, dafür konnten Sie auch nicht mehr verlangen.“ „Und was hätte England zu leiſten, wenn Sie dieſe Armee unter Suwarow abſchicken.“ „England müßte mir drei Millionen Sterling zahlen.“ „Angenommen.“ „Und dann—“ die Czarin zögerte es auszuſpre⸗ chen, weil ſie auf Widerſpruch gefaßt war. „Noch eine Bedingung?“ „Die entſcheidende“, ſagte Katharina II. ſtolz. „Sie wiſſen, daß es ein Lieblingsgedanke von mir iſt, die Türken aus Europa zu vertreiben. Ich helfe Ihnen die neuen Barbaren an der Seine vernichten, und dafür laſſen wir England und Oeſterreich fechtend gegen die alten Feinde der Civiliſativn an der Donau.“ „Ueber dieſen Punkt vermag ich allein in keiner Weiſe zu entſcheiden“, erwiderte der Lord,„ich muß es dem öſterreichiſchen Geſandten überlaſſen.“ „Er ſoll kommen“, rief Katharina,„ich ſehe Eſter⸗ hazy gern, er iſt ein hübſcher, ein edler Mann, iſt er in der Nähe?“ „Es bedarf nur eines Winkes Eurer Majeſtät und er liegt zu Ihren Füßen“, antwortete Whitwouth, 1 4* 212 dann erhob er ſich, führte die Hand, die ihm die Cza⸗ rin reichte, reſpektvoll an die Lippen und entfernte ſich. Wenige Augenblicke ſpäter trat Eſterhazy in das Boudvir der Despotin. „Ah! gut, daß Sie kommen“, rief ihm Katha⸗ rina II. entgegen,„ich bin Ihnen ſehr geneigt, Graf, ſehr geneigt, hat Ihnen der Lord geſagt, um was es ſich handelt? Aber laſſen wir die Politik bei Seite—“ „Ich muß im Gegentheil dringend bitten, Maje⸗ ſtät—“ „Gut. Nehmen Sie alſo meine Bedingungen an?“ „Heſterreich wird gern bereit ſein, Eure Majeſtät bei einem neuen entſcheidenden Kriege gegen die Pforte zu unterſtützen“, erwiderte Eſterhazy,„wenn es darauf rechnen kann, wie bei der Theilung Polens—“ „Ich verſtehe“, fiel die Kaiſerin ein,„Heſterreich will eine Vergrößerung Rußlands nur dann zugeben und ſogar unterſtützen, wenn es ſich ſelbſt vergrößert. Dagegen wüßte ich nichts einzuwenden. Sie werden mich bereit finden, jene ſerbiſchen Provinzen, welche an Ungarn grenzen, abzutreten. Wir werden morgen von der Kante das Nähere ausmachen. In der Haupt⸗ ſache ſind wir jetzt einig, nicht wahr, lieber Eſterhazy 24 „Es iſt leicht, ſich mit Eurer Majeſtät zu ver⸗ ſtändigen“, gab Eſterhazy zur Antwort. * 21¹3 „Das kommt daher, mon ami, weil ich eine große Regentin bin“, ſprach Katharina II. ſtolz,„aber ich bin nicht allein eine große Frau, ſondern auch eine ſchöne Frau, was meinen Sie?“ „O! gewiß.“ „Eh bon, nicht allein die Vernunft, auch das Herz hat ſeine Rechte, vous comprenez“, fuhr die al⸗ ternde Despotin fort, indem ſie Eſterhazy mit dem ſü⸗ ßeſten Lächeln ihrer welken Lippen zu ſtacheln ſuchte, „wir haben für heute genug von Pvlitik geſprochen, die Kaiſerin von Rußland entläßt den öſterreichiſchen Botſchafter, aber Katharina behält den Grafen Eſter⸗ hazy bei ſich, denn ſie liebt die ſchönen und liebens⸗ würdigen Männer, und Eſterhazy beſitzt beide Eigen⸗ ſchaften in hohem Grade.“ „O! Majeſtät ſind zu gütig“, ſtammelte Eſterhazy, der erſchreckt zwei Schritte zurückgewichen war. „Sie ſind zu beſcheiden, mon ami, kommen Sie nun näher, Sie gefallen mir gut, ja, ſehr gut, nur näher.“ Eſterhazy ergab ſich mit einer Armenſündermiene in ſein Schickſal und that wieder ein paar Schritte vorwärts. „Noch näher“, flüſterte Katharina von Gnade ſtrahlend,„ganz nahe“, und als er ihr endlich nicht 2¹4 mehr entkommen konnte, ergriff ſie mit einer Lebhaf⸗ tigkeit, welche im lächerlichſten Contraſte zu ihrer Monſtroſität ſtand, ſeine Hand und zwang ihn, ſich neben ihr auf dem Ruhebette niederzulaſſen, dann drückte ſie an der verborgenen Feder und der Tiſch aus der Unterwelt ſtieg reich gedeckt empor. „Wir wollen zuſammen ſoupiren“, ſagte die Cza⸗ rin,„und dann—“ ſie blickte Eſterhazy durch die halb⸗ geſchloſſenen Lider kokett an—„dann ſollen Sie die ſchönſte Stunde Ihres Lebens feiern.“ Eſterhazy beugte ſich galant über die Hand Ka⸗ tharinas und hauchte einen zärtlichen Kuß auf dieſelbe. „Ich bin doch der größte Patriot, den es je gegeben hat“, ſagte er zu ſich ſelbſt. „Mucius Scävola und Regulus ſind wahre Kin⸗ der an Aufopferung gegen mich.“ Als die beiden, von dem glücklichſten Erfolge ge⸗ krönten Diplomaten ſich am Morgen des 6. Novem⸗ bers 1796 in aller Frühe trafen, um zuſammen den Allianztraktat mit Rußland zu entwerfen, ſeufzte Lord Whitwouth tief auf und ſagte:„Wir haben 80,000 Mann und den großen General Suwarow erobert, das iſt ichtig, aber drei Millionen Sterling! Die Sache kommt uns theuer zu ſtehen.“ 245 „Mir noch theurer“, fiel Eſterhazy ein. „Wie das?“ „Denken Sie, dieſe alte Meſſaline hat mir die Gnade erwieſen, ihr die Zeit vertreiben zu dürfen, wiſſen Sie, was das heißt, einer Katharina die Zeit vertreiben?“ „Ich verlange nicht, es zu wiſſen“, erwiderte der Lord mit dem Lächeln eines Sathyr. Katharina II. ſtand dagegen in der beſten Laune von der Welt auf und unterhielt ſich, während ſie aus einer echt chineſiſchen Taſſe den Kaffee ſchlürfte, heiter und unbefangen mit ihren Frauen. „Ich freue mich darauf, Platow Zoubows Geſicht zu ſehen“, ſagte ſie,„er wird heute etwas böſe drein⸗ ſchauen, aber ich ſage Euch, ſo muß man die Männer behandeln, genau ſo. Wie er mich wieder lieben wird, jetzt, wo ich das Gift der Eiferſucht in ſeine Seele gegöſſen habe, wie ein Narr wird er ſich geberden.“ Die alternde Despotin lachte bei dem Gedanken, der ſie wollüſtig berührte, laut auf, erhob ſich müh⸗ ſam und ſchwankte, noch immer lachend, in ihr Kabinet. Plötzlich hörten ihre Frauen einen gellenden Schrei, ſie eilten ihr nach und fanden ſie, mit dem 246 Geſicht zur Erde, wie von einer entſetzlichen Viſive niedergeſchmettert, todt auf dem Boden liegen. So endete die ſchönſte und genialſte Frau des achtzehnten Jahrhunderts nach einem Leben voll nero⸗ niſcher Luſt und neroniſcher Thaten. Ende. Druc von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. verlag von Ernſt Zulius Günther in Leipzig. Jrauenherzen. Zwei Novellen von Touiſe Mühlbach. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 3 Thlr. Nomaden. Roman von Robert Byr. 5 Bände. So. Elegant geheftet. Preis 4 Thlr.— Wrak. Zwei Novellen von Robert Byr. 3 Inßalt: Trümmer.— Der Tuwan von Panawang. 4 Bände. 80. Elegant broch. Preis 3 Thlr. 15 Ngr. Berlag von Ernſt Zulius Günther in Teipzig. Keuelin Chillingly. Roman von Edward Bulwer. Aus dem Engliſchen 3 Bände. Eleg. geh. Preis 5 Thlr. Dus Geſchlecht der Znkunft. Roman von Edward Bulwer. Aus dem Engliſchen von Jenny Piorkowska. Autoriſtrte Ausgabe. 1 Band. 8. Geheftet. Preis 1 Thlr. Die Lovels auf Arden. Roman von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 3 Thlr. 15 — Berlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Alles um ein Richts Roman von Georg Köberle. 3 Bände. 8o. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Ein Zoman aus der Rapoleoniſchen Zeit VvOni Karl Frenzel. 5 Bde. 8. Eleg. geh. Preis 4 Thlr. 15 Ngr. Uovellen von Farl Frenzel. 2 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. verlag von Ernſt Zulius Günther in Teipzig. John Halifax, Gentleman. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Zweite Auflage. 2 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr. Ein muthiges Weib. der Verfaſſerin„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. gr. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 1 5 Ngr. Hannah. . Von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Fophie Berena. Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. ilccctee — v— ſſſiſ 4 ſ ſſſ 16 17 18 19 ſſſ ò 11 12 13 1 ſſſſſſ 8 9 10 15