Leihbiblivthet . deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur *„ Eduard Oftmann in Gießen, 6 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Keſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht jur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden 2 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines Tag von Morgens gabe geliehenen Buches wird von ſ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 6 den angenommen. 2 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 6 wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 M.— Pf. 1 MWr 5 Pf. 2 Mt.— Pf. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr 6. Schadenersatz. ſelbſt zu ſorgen. 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III. — P Potemkin, der allmächtige Günſtling der Czarin Katharina II., der glückliche Eroberer der Krim, hatte ſich als Generalgvuverneur der neu einverleibten Pro⸗ vinzen und Großadmiral des ſchwarzen Meeres, eine Stadt an dem Ausfluſſe des Dniepr erbaut, die er Cherſon nannte, und in welcher er von fabelhaftem Glanz umgeben reſidirte. Im Jahre 1778 erbaut, zählte die Stadt kaum acht Jahre ſpäter bereits 40,000 Einwohner, welche der, wo es eine ſeiner Lieblingsideen auszuführen galt, rückſichtslos energiſche Potemkin zum Theil mit Gewalt dorthin verflanzt hatte. Zuerſt wollte er eine Stadt haben und in kaum einem Jahre ſtand ſie da; dann beſchloß er, daß dieſe Stadt ſich durch eine große Bevölkerung auszeichnen ſolle und die Men⸗ 4 ſchen ſtrömten zu, wie es ſein Wunſch war; endlich befahl er, daß Cherſon ein großer Handelsplatz werde, und als man 1786 zählte, blühte der Handel in Cher⸗ ſon wie in keiner anderen Stadt des ſüdlichen Ruß⸗ lands. Mitten auf dem Quai, welcher den Hafen umſäumte, lag der Palaſt, den ſich Potemkin erbaut hatte, auf einem großen freien Platze. Den Schiffen, welche aus dem ſchwarzen Meere zum erſten Male in Cherſon ein⸗ liefen, erſchien er, aus großen Quadern von einem genialen Baumeiſter erbaut, an die herrlichen Bauten Italiens, den wie von Titanen aufgerichteten Palazzo Pitti in Florenz oder jenen der Peſaro an dem Canal grande der Bella Venezia mahnend, und doch war das Ganze nur ein beſcheidener Holzbau; wie alles Ruſſiſche, dem noch immer vorherrſchenden Nomadencharakter der größten europäſchen Nativn entſprechend, nur für den Augenblick erbaut, um in dem nächſten abgeriſſen zu werden, wie ein Zelt, wie die Laubhütte des Zigeu⸗ ners. Aber die äußere Verkleidung des armſeligen höl⸗ zernen Baues ſuchte an Reichthum unter den Paläſten Aſiens und an künſtleriſcher Schönheit unter jenen Eu⸗ ropa's ihresgleichen. Mit noch größerer Verſchwen⸗ 5 dung aller Mittel der Kunſt und Induſtrie war das Innere dieſes wahrhaft fürſtlichen Sitzes eingerichtet⸗ denn Potemkin liebte die Künſte leidenſchaftlich, vor Allem die Muſik, ſo daß ſein Palaſt ein Orcheſter von nicht weniger als achtzig Muſikern und einen Chor von bei⸗ nahe ebenſo viel Sängern beherbergte. Der Palaſt des Generalgouverneurs war von einem großen Park im engliſchen Geſchmack umgeben, der ge⸗ gen die Stadt zu den Charakter eines Obſtgartens an⸗ nahm. Hier war im Spätſommer des Jahres 1786 am frühen Morgen ſchon ein junges Mädchen damit beſchäf⸗ tigt, herrliche Pflaumen in ein Körbchen zu flücken, das eigentlich ſchon den Namen eines Korbes verdiente. Das Mädchen war ganz in hellen geblümten Mouſ⸗ ſelin im Geſchmacke der Rocoecvzeit gekleidet, was zu ihrem goldblonden Haare ſehr gut ließ; der kleine Schäfer⸗ hut, der auf ihrem Köpſchen ſaß, ließ zwei himmelblaue Bänder auf ihrem Nacken hinabflattern; ſie ſtand auf den Fußſpitzen und in dem Bemühen, die Zweige ab⸗ zuleſen, wiegte ſie ſich mit Anmuth in den Hüften. Ihr kleines zierliches Figürchen ſtimmte vortrefflich zu dem reizenden Geſichtchen mit dem eigenwilligen Stumpf⸗ näschen und dem vollen rothen Mund. Von Zeit zu Zeit ſummte ſie ein franzöſiſches Lied⸗ 6 chen, deſſen ausgelaſſene Melodie hell und herausfordernd in den Garten hinausklang. Offenbar hatte ſie keine Ahnung davon, daß ſie beobachtet wurde und noch dazu von einem ſehr hübſchen jungen Cavalier, der in dem feinſten rothen Atlasanzug, den mit Goldborten benähten dreieckigen Hut auf dem milchweißen Toupet, den blitzen⸗ den Galanteriedegen an der Seite, kaum fünfzig Schritte weit von ihr in einem Bosquet ſtand. Die blonde Schöne aber pflückte unbekümmert ihre Pflaumen fort und trillerte gleich einer Lerche, bis ſie ſich plötzlich von einem kräftigen Arm umſchlungen fühlte und der hübſche Cavalier aus dem Bosquet ihr die Lip⸗ pen, denen eben ein Angſtgeſchrei entſchlüpfen wollte, mit einem feurigen Kuſſe ſchloß. Aber beinahe in dem⸗ ſelben Augenblick hatte ſich auch das Mädchen wieder losgeriſſen und maß den allzu kühnen Liebeswerber mit einem vernichtenden Blick „Sind Sie mir böſe, Natalie?“ fragte der junge Cavalier. e Ga „Nicht ſo fremd, mein Fräulein“, fiel der Lie⸗ bende ein.„Sie wiſſen, wie ſehr ich Sie verehre, an⸗ bete—“. „Wie ſoll ich das wiſſen?“ „Sie haben es wohl in meinen Augen geleſen.“ — 7 „Ich habe das bis heute nicht bemerkt, mein Herr Graf!“ „O, Sie finden Vergnügen daran, mich zu quälen!“ rief der Graf.„Aber ich laſſe mich nicht durch Ihre klei⸗ nen Malicen täuſchen. Ich liebe Sie mit aller Innig⸗ keit und Gluth meines Herzens, das noch nicht geliebt hat, und es iſt mir unmöglich, ferner ohne Sie zu leben.“ „Armer Graf“, ſpöttelte das Fräulein.„So jung und ſchon dem Tode geweiht.“ „Sie weiſen mich alſo zurück?“ murmelte der Graf, vor Aufregung bebend. Die Kleine lächelte und reichte ihm mit der rei⸗ zendſten Schalkhaftigkeit den Korb mit den Pflaumen. „Soll das Ihre Antwort ſein?“ „Ein Korb?“ „Ja, ein Korb.“ „Sie fügen alſo zu der Vernichtung aller meiner Hoffnungen, meines Lebensglückes, noch den Spott?“ ſtammelte der arme Junge.„Sie haben indeß Recht, mein Fräulein; Natalie von Engelhardt, die Nichte des mächtigen Potemkin, weiß wohl einen glänzenderen Gatten zu finden, als den beſcheidenen Branizki.“ Da⸗ mit ſtellte der Graf den Korb zu den Füßen der grau⸗ 8 ſamen Schönen nieder und nahm mit einer ehrerbietigen Verneigung Abſchied. „Nein, Branizki“, rief Natalie, ihn zurückhaltend, „ſo dürfen Sie nicht gehen, nicht mein Hochmuth iſt es, der uns trennt, aber mein Oheim würde es nie zu⸗ geben, daß ich Ihnen meine Hand reiche.“ „Sind nicht die Grafen von Branizki eine der erſten Familien Polens?“ entgegnete der junge Cavalier raſch. „Gewiß“, beſänftigte das Fräulein,„aber ich glaube—“. „Sie lieben mich nicht, das iſt es.“ „Das iſt es nicht“— die Worte entſchlüpften der ungen Schönen halb gegen ihren Willen, ſo daß ſie nicht wenig erſchrack, als Branizki ſich zu ihren Füßen niederwarf und ihre Hand an ſeine Lippen preßte. „Stehen Sie auf“, flehte ſie,„wenn Potemkin—“ „Er ſoll kommen, ich fürchte ihn nicht—“. „Aber ich“, ſprach Natalie;„ich glaube, er iſt— aber lachen Sie mich nicht aus— er iſt ſelbſt, ohne es zu wiſſen, ein wenig in mich verliebt, und wird niemals ſeine Einwilligung geben—“. „Dann ſoll er Sie in ein Kloſter ſperren!“ rief der Pole empört. „Dieſer Palaſt, die Höhle des tauriſchen Löwen, 9 iſt ſchlimmer als ein Kloſter“, verſicherte Natalie;„aber ich will Ihnen beweiſen, daß ich Sie nicht geringſchätze, daß Sie mir werth ſind, und ich erlaube Ihnen da⸗ her, mit meinem Oheim zu ſprechen.“ Jetzt kannte das Entzücken des feurigen Polen keine Grenzen, er ſchloß Natalie in ſeine Arme und hätte ſie mit Küſſen erſtickt, wenn nicht eine Beiden wohlbekannte gebieteriſche Stimme vom Palaſte her wie ein Blitz zwiſchen ſie gefahren wäre. „Natalie!“ rief die Stimme. Das mit Purpurröthe übergoſſene Fräulein raffte ſchnell ihr Körbchen zuſammen und eilte davon, wäh⸗ rend der Graf langſam in einem weiten Bogen um den Palaſt herumging und ſich dann dem vorderen Portal deſſelben näherte. Hier ſpielte eine eigenthümliche Scene. Menſchen der verſchiedenſten Nationen und Stände: Tartaren, die ſpitze Kegelmütze auf dem Kopfe, Koſaken in weiten Pluderhoſen, Juden in langen ſchwarzen Kaftanen, Muhamedaner, kleinruſſiſche Bauern, das Haar in die Stirne geſchnitten, vornehme Damen in bauſchigen Da⸗ maſtroben, ihre geſchminkten, mit Schönheitspfläſterchen bedeckten Wangen fächelnd, Popen, Soldaten und Ma⸗ troſen lagerten vor dem Palaſte des mächtigen General⸗ gouberneurs oder ſtanden, Bittſchriften in den Händen, 10 umher. Zwei Grenadiere, das Gewehr im Arm, hielten Auf einmal trat ein hoher Mann mit ſchönen ge⸗ bieteriſchen Zügen aus dem Palaſte, das eine Auge durch eine ſchwarze Binde bedeckt, in ſeinem ungewöhn⸗ lichen Aufzuge, barfuß, über dem groben Hemde einen türkiſchen Schlafrock von ſeltener Pracht, das unbedeckte Haupt der Sonne preisgebend, eine höchſt ſeltſame Er⸗ ſcheinung, halb Sultan, halb Philoſoph. „Nun, was habt Ihr?“ rief er mit ſtarker Stimme, „hierher mit Euren Bittſchriften und Klagen!“ Ein Theil der Anweſenden warf ſich auf die Kniee, Andere näherten ſich barhaupt in tiefſter Demuth. Jetzt erblickte der bloßfüßige Mann im koſtbaren Schlafrocke den Polen. „Bon jour, Monsieur Branizki“, begann er, „was führt Sie zu mir?“ „Ein Anliegen, das ich Eurer Excellenz nur unter vier Augen vortragen kann“, entgegnete der Graf. »Bon, alſo warten!“ rief der Bloßfüßige, die Schrif⸗ ten in Empfang nehmend; als er fertig war, winkte er Branizki und trat mit ihm in ein mit Trophäen, Fah⸗ nen und Waffen geſchmücktes Zimmer des Erdgeſchoßes. „Was ſucht man bei Potemkin?“ begann er, als ſie allein waren. 14 „Ich will ohne Umſchweife reden, Excellenz,“ ſprach der Pole. „Sehr verbunden, alſo?“ „Ich liebe die Nichte Eurer Excellenz, Fräulein von Engelhardt, und bitte um Ihre Einwilligung zu meiner Vermählung.“ Potemkin räuſperte ſich heftig.„Sie ſind alſo der Gegenliebe meiner Natalie ganz ſicher?“ „Nicht im Mindeſten“, beeilte ſich Branizki zu er⸗ klären. „So?— nun, Sie können ſie ja ſelbſt fragen,“ ſagte Potemkin und zog die Glocke. Zuerſt kam ein Koſak, dem der General⸗Gouverneur flüſternd einen Befehl ertheilte, worauf derſelbe verſchwand. Wenige Minuten und Natalie trat in das Zimmer. „Da iſt ſie“, ſprach Potemkin;„mein gutes Kind, der Herr Graf, ein junger Mann, den ich ſehr ſchätze, hält um Deine Hand bei mir an, wir haben Dich bit⸗ ten laſſen, um vor Allem Deine Meinung einzuholen.“ „Sie wiſſen, mein theurer Oheim, daß Ihr Wille in Allem der meine iſt“, erwiderte Natalie mit einem ſchelmiſchen Seitenblicke auf Branizki durch die langen Wimpern. „Das heißt alſo, Du biſt ſehr erfreut über die Ehre, welche Dir der Herr Graf zugedacht hat“, er⸗ 12 klärte Potemkin,„aber da Dein Herz keine Liebe für ihn fühlt—“. „Das habe ich nicht geſagt“, fiel die Kleine ein. „Was haſt Du denn geſagt?“ brauſte Potemkin auf;„Sie haben gehört, lieber Graf, wir haben keine Hoffnung auf dieſes Feenkind, deſſen Launen zahllos ſind, wie die Sterne am Himmel. Vergeben Sie da⸗ her, wenn ich Sie nicht länger aufhalte, aber Sie ſehen, ich bin ſehr beſchäftigt.“ Er nahm raſch die Schriften unter den Arm und die kleine Blondine bei der Hand und zog dieſelbe aus dem Gemach. Branizki blieb ſprachlos zurück. II. In den nächſten Tagen fand der verliebte Pole keine Gelegenheit, ſich der Dame ſeines Herzens zu näh⸗ ern, er durchſtreifte den engliſchen Park, welcher Po⸗ temkin's Reſidenz umgab, nach allen Richtungen, lag Stunden lang am Morgen unter irgend einem Baume oder ſtand halbe Nächte unter den Fenſtern des Palaſtes, alles vergeblich; er ſah die Tartaren, Koſaken, Juden und Bauern mit ihren Bittſchriften, er ſah Potemkin bloßfüßig in ſeinem türkiſchen Schlafrock erſcheinen und dieſelben in Empfang nehmen, er ſah, wenn Alles zu Ee 13 ſchlafen ſchien, nur da und dort ein Fenſter erleuchtet war, wohl einmal einen Schatten vorüber ſchweben, den er für Natalie hielt, aber ſie ſelbſt ſchien verſchwun⸗ den. Endlich gefiel ihm die Rolle des ſeufzenden Schäfers nicht mehr und er begann auf einem halbwilden Roſſe aus der Ukraine die menſchenleere, baumloſe Steppe um Cherſon zu durchſtreifen, nur von ein paar ſchlan⸗ ken engliſchen Windhunden von gelber Farbe begleitet. Eines Abends, als er wieder in dieſer Weiſe durch das hohe Gras ſtrich, das ihm um die Knie ſpielte, und den Trappen zuſah, welche von Zeit zu Zeit aus dem grünen Ocean, der ihn umgab, emporſtie⸗ gen und ſich gleich Silhouetten auf dem blaßrothen Him⸗ mel abzeichneten, hörte er auf einmal in weiter Ferne eine wohlbekannte liebe Stimme. Er wendete ſich raſch im Sattel, kein Zweifel, es war das Fräulein von Engelhardt, das in einem grünſammtnen Reitkleide, ein Hütchen mit weißen Straußenfedern auf dem wohlge⸗ puderten Toupet, ſich anmuthig im Sattel ſchaukelnd auf milchweißem Pferde daher kam. „Was machen Sie denn hier?“ rief ſie ihm jetzt zu,„wiſſen Sie nicht, daß hier mein Reich iſt?“ und ihr Pferd parirend ergriff ſie das ſeine bei den Zügeln. „Ich mache Sie zu meinem Gefangenen, mein Herr“, ſchloß ſie mit allem Ernſte, der ihr zu Gebote ſtand. 14 „Ach! ich trage Ihre Feſſeln ohnehin mehr als mir lieb iſt“, erwiderte der Pole. „Wer wird denn gleich ſeufzen?“ ſpottete ſie,„es gibt noch genug hübſche Mädchen auf der Welt. Ein Mann darf unter keinen Umſtänden den Kopf hängen laſſen.“ „Das thu' ich auch nicht“, ſprach Branizki,„ich habe mich nur in dieſe Einſamkeit geflüchtet, um auf Rache zu ſinnen.“ „An mir?“ fragte Natalie mit einem reizenden Lächeln. „Nein— an Potemkin.“ Die beiden jungen Leute ritten jetzt neben einander der Gouvernementsſtadt zu. „O! ich werde ihn lehren, ich werde ihn vernichten.“ „Ich bin neugierig, wie Sie das anfangen wol⸗ len“, fiel Natalie ein. „Direkt nach Petersburg zur Czarin will ich mich begeben“, rief Branizki, deſſen Augen zornig funkelten. „Ich werde ihr über ihren Liebling die Augen öff⸗ nen, parole d'honmeur, ich werde ihr erzählen, wie dieſer Herr Potemkin die Krim erobert hat, welche ſchändliche Intriguen er ſpielen ließ, wie viel Blut er ohne Noth vergoß, ich werde ihr erzählen, wie er dem von den Türken abhängigen rechtmäßigen Khan dieſes Landes, Dewlet Gherai, in einem ſeiner Verwandten, 15 Sahim Gherai, einen Prätendenten entgegengeſtellt hat. Majeſtät, werde ich fortfahren, er hat dieſem neuen Khan auch eine Leibgarde aus ruſſiſchen Soldaten ge⸗ geben, dieſer ſaubere Herr Potemkin, aber nicht etwa, um denſelben zu bewachen, ſondern zu keinem anderen Zwecke, als um ſie von den Tartaren maſſakriren zu laſſen. Und als die einfältigen Tartaren dem ſauberen Herrn ſeinen Willen thaten und dieſe Leibgarde wirk⸗ lich niederhieben, da war der Vorwand, den er lange geſucht hatte, gegeben, um in die Krim einzurücken, da trieb er die unglücklichen Tartaren wie eine Heerde Schafe vor ſich hin, und was nicht im Kampfe fiel und ſich dem Scepter Euerer Majeſtät gutwillig unter⸗ werfen wollte, mußte über die Klinge ſpringen. Sie werden ſtaunen, Majeſtät, daß Ihre Generäle ſolche blutgierige Tiger ſind. O! es fand ſich unter denſelben doch einer, der Anſpruch auf den Ehrentitel„Menſch“ erheben kann, er erklärte dem großen Würger kaltblü⸗ tig:„ich bin kein Scharfrichter“, aber Potemkin lächelte, denn ihm ſtanden ja genug andere Henkersknechte zu Gebote und ſie ſchlachteten ſeinem Befehle gehorchend dreißigtauſend Menſchen, Mann und Weib, Greis und Kind, Tauſende Anderer wurden in Leibeigenſchaft nach Rußland geſchleppt.“ „Fügen Sie aber auch hinzu,“ fiel Natalie ein, 16 „Daß durch dieſen Krieg die Krim, die Inſel Tau⸗ ris und der Kouban dem ruſſiſchen Reiche einverleibt worden ſind, daß den Ruſſen das ſchwarze Meer und die Schlüſſel des Orients in die Hände geliefert, daß in den eroberten Ländern durch dieſen verruchten Potemkin wie mit einem Zauberſtabe große Städte wie Cherſon, Mariapol, Katharinoſlav aus der Erde gezaubert wur⸗ den, Handel, Manufakturen zu blühen beginnen, daß ſelbſt die Fruchtbäume, deren ſich der Bewohner der Krim jetzt erfreut, von ſeiner Hand gepflanzt ſind—“. „Ja, ſo lieſt man es in den offiziellen Berichten, die jeden Monat nach Petersburg geſendet werden“, unterbrach Branizki die Geliebte;„ich werde aber Ka⸗ tharina die ungeſchminkte Wahrheit ſagen, ich werde ihr ſchildern, wie ihr Liebling in den mit ſo viel Blut bezahlten Ländern regiert, wie er ſie mit einem prah⸗ leriſchen Namen des Alterthums Taurien nennt, um die Welt zu blenden, wie aber dies berühmte Cherſon die Hauptſtadt einer Wüſte iſt und eine zweite Wüſte „Ruhm Katharina's“(Slava Jekatherina) getauft wurde, ſcheinbar eine wohlerdachte Schmeichelei, in Wirklichkeit eine freche beiſpielloſe Sathre; ich werde der Kaiſerin ſchildern, wie dieſer große Eroberer die ihm anver⸗ trauten Provinzen entvölkert und plündert, wie er das Volk und den Staat in gleich ſchamloſer Weiſe beſtiehlt, —.————. E— 47 Sahim Gherai's, des abgedankten Chans Jahrgeld unter⸗ ſchlägt und ihn— als er ſich zu beklagen wagte— in die Verbannung ſchickte; ich werde die Vergangen⸗ heit dieſes ſchönen klaſſiſchen Bodens und ſeine Gegen⸗ wart gegen einander halten, werde dieſe Tartaren vor⸗ führen, wie ſie vor Kurzem noch in koſtbare Seide ge⸗ kleidet, in Paläſten, großen Städten oder prächtigen Zelt⸗ lagern wohnten und jetzt in Lumpen gehüllt gleich Zi⸗ geunern durch Sumpf und Steppe irren.“ „Ja, thun Sie das“, murmelte Natalie, deren Miene ſich während Branizki's Erzählung immer mehr verfinſtert hatte,„leider kann ich Sie nicht Lügen ſtra⸗ fen, eilen Sie zur Kaiſerin, öffnen Sie ihr die Augen, es iſt der ſicherſte Weg, ſich an Potemkin zu rächen und an mir“. „An Ihnen?“ fragte Branizki beſtürzt. „Auch an mir“, flüſterte das Fräulein,„denn es wird uns für immer trennen.“ „Und das würde Sie ſchmerzen?“ rief der Pole. „Ja, denn ich liebe Sie“, entgegnete Natalie, dies⸗ mal mit aller Einfachheit der Wahrheit. Branizki ſchlang raſch ſeinen Arm um ſie und ein feuriger Kuß ſchloß die ſchalkhaften Lippen Nataliens. „Und Sie wollen mein ſein, ganz mein?“ ſtammelte er, als ſie ſich endlich ſanft losgemacht hatte. Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten III. 2 18 „Sie müſſen mir vor Allem verſprechen, klug zu ſein, mein Freund“, ſagte Natalie, die Hand leicht auf ſeine Schulter geſtützt,„dann wird Alles nach Wunſch gehen, vertrauen Sie nur mir. Ich habe es mir einmal in den Kopf geſetzt, Sie für Ihre Ver⸗ meſſenheit, mich heirathen zu wollen, zu beſtrafen, in⸗ dem ich wirklich Ihre Frau werde, und wenn ich mir etwas in meinen kleinen Kopf geſetzt habe, ſo iſt dies wenigſtens ebenſoviel, als wenn Potemkin ſeinen großen Kopf aufſetzt.“ Noch nie hatte Natalie ihren Oheim in ſolcher Aufregung geſehen, als wie er heute zum Frühſtück kam; ſein noch ungepudertes und unfrifirtes Haar hing in verworrenen Strängen in die Stirne und über die Schultern herab, den perſiſchen Schlafrock hatte er rückwärts mit beiden Händen zuſammengeballt und ohne den lukulliſch gedeckten Tiſch zu beachten, ſchritt er heftig im Zimmer auf und ab, bis die Diener auf ſei⸗ nen gebieteriſchen Wink daſſelbe verlaſſen hatten. „Gregor Alexandrowitſch, was iſt Ihnen?“ be⸗ gann Natalie, indem ſie raſch die Kaffeekanne, aus der ſie den duftenden Mokka in zwei Schalen von Por⸗ zellan de Sevres geſchüttet hatte, wegſtellte,„Sie ſehen aus, als wäre der jüngſte Tag hereingebrochen.“ ———— ₰ durch Großthaten im Dienſte des Reiches 19 „Es iſt auch etwas dergleichen vor der Thüre“, entgegnete der Allmächtige, mit bebender Hand ein Pa⸗ pier entfaltend;„ſoeben bringt mir ein Kourier dieſes Handſchreiben der Czarin, ſie kündigt mir in dem⸗ ſelben an, daß ſie mich in allernächſter Zeit beſuchen werde.“ „Und dies regt Sie auf, mein Oheim“, rief Na⸗ talie,„war dies nicht das Ziel Ihrer Berechnungen?“ „Ja, ja“, ſchrie Potemkin,„aber ſie kommt mir zu früh, viel zu früh. Du weißt, mein Kind, wie mein Einfluß auf dies herrſchſüchtige, wie es ſchien unbän⸗ dige Weib mit dem Tage begann, wo ich ihren Schwä⸗ chen, dieſelben klug benutzend, die Zügel ſchießen ließ; Potemkin, der Liebende, verzichtete auf die Gunſt der Katharina, damit Potemkin der Staatsmann um ſo mehr Gewalt über ſie erringe. Seit Panin's und Orloff's Tode hatte ich auf dieſem Gebiete keinen Neben⸗ buhler, und jene, welche ihre Laune zwiſchen mich und das Herz der Frau ſtellte, verſtand ich— ſo oft einer die Hand nach den Attributen der Macht ausſtreckte 5 zu rechter Zeit in die Dunkelheit hinabzuſtoßen, aus der ſie emporgeſtiegen.“ „Der erſte, der Dir ernſtlich gefährlich zu werden drohte, war Lanſkoi“, bemerkte Natalie;„Du wollteſt und durch 2* —— 20 eine freiwillige Verbannung der Macht, welche er über die Czarin gewann, ein Gegengewicht geben.“ „So iſt es“, bekräftigte Potemkin,„deshalb eroberte ich mir die Krim und ging hierher als Gouverneur, ich war der Kaiſerin mehr als einmal dadurch, daß ich ihre Nähe für einige Zeit mied, wieder intereſſant und lieb geworden, es war ein glückliches Manöver, das auch diesmal die beſten Früchte getragen hätte, aber da mußte dieſer Lanſkvi ſterben. Die Czarin, dieſes ſelbſtſüchtige Weib, das ein Herz von Stein in der Bruſt zu tragen ſcheint, weint um ihn wie ein kleines Mädchen, das ſeinen Hänfling begraben hat, drei volle Monate ſperrt ſie ſich von der Welt ab, lebt wie eine Eremitin, trauert und ſucht Troſt in der Philoſophie⸗ Nach drei Monaten wünſcht ſie mich zu ſehen, ſie iſt es, die mich einladet und ich wage es, nicht zu kommen. Nun kommt ſie zu mir und das iſt eben der jüngſte Tag, der über uns alle hereinbricht.“ „Wie?“ fragte Natalie erſtaunt. „Haſt Du nicht meine Berichte an die Czarin ge⸗ leſen?“ Natalie nickte. „Habe ich Katharina nicht oft genug die Länder, die ich in ihrem Namen verwalte, als ein Paradies geſchildert, das unter meiner ſorgſamen Hand aufge⸗ 2¹ blüht iſt?“ ſprach Potemkin;„was wird dieſes Weib, das jeden Anlaß, mich zu demüthigen, mit Jubel er⸗ greifen wird, dazu ſagen, wenn es ſtatt dieſes Para⸗ dieſes eine Wüſte findet? Woher ſoll ich die Straßen, die Städte, die Dörfer, die heerdenreichen Triften, die wohlgenährte und hübſchgekleidete Bevölkerung, den regen Handel, die Flotten nehmen, von denen ich in meinen Relationen ſprach. Du ſiehſt, ich ſtehe vor einem furchtbaren Gerichte und hieße es, der tiefſte Sturz erwartet mich von meiner ſchwindelnden Höhe, ja der Tod, ich würde dieſem Schickſal der Großen ruhig in das Auge ſehen, aber daß ich vor dieſem Weibe, deſſen Thrann ich bis jetzt war, wie ein Sclave ſtehen, zittern, ja vielleicht auf meinen Knieen um Vergebung betteln ſoll, und dann als gefallener Stern in irgend einem Sumpf verächtlicher Unthätigkeit auslöſchen, das frißt mir das Herz. Nein, ſo darf ich nicht enden, ſo will ich nicht enden. Ehe ich dies über mich hereinbrechen laſſe, will ich lieber Alles kühn auf eine Karte ſetzen, ich laſſe ſie hieher kommen, wo ich Herr bin, und zwinge ſie, mir Hand und Scepter zu reichen, oder— wenn ich unterliege— mich auf das Schaffot zu ſenden.“ Fräulein von Engelhardt brach in ein lautes muth⸗ williges Lachen aus. „Du kannſt in dieſem Augenblicke lachen?“ rief —— — —˖˖— 22 Potemkin ſtarr vor Empörung. „Warum nicht?“ entgegnete Natalie,„muß es nicht unwiderſtehlich zum Lachen reizen, wenn man einen Mann wie Sie, Gregor Alexandrowitſch, ſo ganz den Kopf verlieren ſieht, um Dinge willen, die es kaum werth ſind, dieſen köſtlichen Mokka kalt werden zu laſſen?“ „Wie?“ „Tant de hruit pour une omelette!“ „Biſt Du von Sinnen, kleines Frauenzimmer?“ ſchrie Potemkin und ſtampfte mit den Füßen. „Stille! Stille!“ flüſterte Natalie, indem ſie vor den brülleuden Löwen hintrat und ſich auf die Fußſpitzen erhebend beide Hände begütigend auf deſſen Schultern legte,„man erzählt nicht allein Kindern Märchen und nicht allein Kinder finden an Märchen Gefallen.“ „Wie meinſt Du das?“ erwiderte Potemkin ruhi⸗ ger; er ahnte, daß ſeine kluge Nichte gleich dem Mäus⸗ chen in der Fabel in dem Netze, in das der Löwe hineingerathen ein Loch zu nagen unternehmen wollte. „Das kleine Frauenzimmer meint, daß auch Po⸗ temkin den Verſuch machen ſoll, der Czarin ein Mär⸗ chen zu erzählen, und daß die große Kaiſerin genau 23 ſo viel Vergnügen daran finden wird, als ein kleines Kind.“ „Ein Märchen?“ ſtaunte der Gewaltige, der von dem Allen nichts verſtand. „Ja, ein Märchen“, lachte Natalie,„in dem es eine Straße giebt aus purem Waſſer aufgebaut und Städte, die gleich der Fata Morgana der Steppe für einen Tag am Horizonte erſcheinen, um von der näch⸗ ſten Nacht verſchlungen zu werden, und Menſchen, die Flüche auf den Lippen, ſich im Tanze drehen und fröh⸗ liche Lieder ſingen.“ W. Wenige Tage nachdem das kleine Frauenzimmer dem großen Potemkin ſeinen guten Einfall mitgetheilt hatte, begann derſelbe mit all' der titaniſchen Kraft und Energie, die ihm zu Gebote ſtand, denſelben zu verwirklichen. Tauſende von Händen arbeiteten daran, die Felſen zu ſprengen und zu entfernen, welche den Lauf des grü⸗ nen Dniepr hemmten und einengten, tauſend andere richteten phantaſtiſche Gerüſte auf, wietzu einem großen Spektakelſtück auf dem Theater, und wieder Tauſende zogen mit ſchwergeladenen Saumthieren von Moskau und Warſchau gegen Cherſon. Hier ſchien ein neuer — 5 24 Thurm von Babel zu entſtehen, dort glaubte man die hängenden Gärten der Semiramis aufblühen zu ſehen. Die Czarin Katharina II. hatte indeß mit einem großen Gefolge, in dem ſich auch die Geſandten ſämmtlicher europäiſcher Mächte befanden, Petersburg verlaſſen und den Weg nach Kiew eingeſchlagen. Nicht weniger als fünfhundertundſechzig Pferde mußten auf jeder Station bereit gehalten werden, um dieſe unerhörte Reiſegeſellſchaft weiter befördern zu können. In Kiew machte die mächtige Gebieterin in Europa und Aſien Halt. Die Weiterreiſe ſollte auf dem Dniepr gemacht werden und noch hielt das Eis die Fluthen deſſelben gefangen. Die Czarin hielt in der alten Czarenſtadt durch einige Monate ihr Hoflager, ein Feſt folgte dem andern, die ruſſiſch gefinnten Po⸗ len Branizki, Lubomirski, Sapieha, Potozki kamen hier⸗ her, um ihr zu huldigen. Endlich machte der Frühling Potemkin's grüne Waſſerſtraße frei und Katharina II. konnte ſich mit ihrem Gefolge auf fünfzig Galeeren einſchiffen und den Strom hinabrudern. Ein wunderbares Schauſpiel entfaltete ſich jetzt längs beider Ufer vor den Augen der Czarin und ihrer ſtaunenden Begleiter. Wo die Gegner Potemkin's, vor Allem der vor ihrer Abreiſe aus den Reihen der Garde zum Dienſte der Kaiſerin als Adjutant berufene, von ihr begünſtigte Mamanoff, eine menſchenleere Wüſte, eine zweite Sahara erwartet hatten, zeigten ſich nah und ferne große Städte, deren vergoldete Thürme im Sonnenlicht erglänzten, Dörfer aus hübſch gebauten weißgetünchten und mit rothen Ziegeln gedeckten Häu⸗ ſern, wie ſie damals den meiſten Ländern des Oſtens vollkommen fremd waren, auf grünen Triften weideten große Heerden von Rindern, Pferden und Schafen beſter Race, hier zogen Landleute, hinter dem Pfluge gehend, Furchen in den ſchwarzen fetten Boden, dort ſaßen die Alten vergnügt bei mächtigen Krügen vor einer Schenke, deren grüner Kranz freundlich winkte, während jüdiſche Muſikanten dem ſchmucken jungen Volke, das ſich jauch⸗ zend im Koſak drehte, zum Tanze aufſpielten. Die verſchiedenſten Nationen in ihren ſeltſamen bunten Trachten hatten ſich zur Begrüßung ihrer Gebie⸗ terin eingefunden und ſchwenkten ihre Mützen und jauchz⸗ ten ihr zu, wenn ſie vorbeikam, ſie ſah Griechen, Arme⸗ nier, Kleinruſſen, Koſaken, Tartaren, Juden, Karaiten, Lipowaner und Zigeuner. Mit einem Gefühle erlaub⸗ ten Stolzes ſaß ſie in kaiſerlicher Toilette auf dem Verdeck ihrer vergoldeten Galeere und fragte Potemkin, der kalt und ſelbſtbewußt ihr zur Seite ſtand, bald um — 26 den Namen einer Stadt, deren weiße Mauern am Ho⸗ rizonte ſchimmerten, bald um die Völker, welche ſich zu ihrer Begrüßung herandrängten, und Potemkin kam keinen Augenblick in Verlegenheit, er nannte Namen, die man vergebens auf der beſten Karte geſucht hätte und welche— wie er gut wußte— dem Gedächtniß der Czarin beinahe ebenſo raſch entſchwanden als ſie in ihrem Ohr verklangen. Mamanoff benutzte eine kleine Pauſe, in der der Wojewode Potozki Potemkin in ſein Geſpräch zog, um Katharina einzuflüſtern, dies Alles ſei nur ein Gaukelſpiel, mit dem Einbruche der Nacht beginne die öde Steppe. Aber die Nacht kam und die Czarin, welche ab⸗ ſichtlich auf dem Verdecke blieb, ſah von fünfzig zu fünfzig Ruthen rieſige Holzſtöße brennen, welche weit⸗ hin Tageshelle verbreiteten, und ſah beim Schein der⸗ ſelben, wie früher im Sonnenlicht, Städte, Dörfer, fröh⸗ liche, gut gekleidete Menſchen wie die bunten Bilder einer Laterna magica ununterbrochen vorüberziehen. „Nun, Mamanvoff“, ſprach ſie, die Stirne ſpöttiſch runzelnd. Mamonaff biß ſich in die Lippen und ſchwieg. „Wo werden wir übernachten, Potemkin?“ wendete ſich Katharina mit einem Blicke voll Befriedigung an den Generalgouverneur. 2 „Wenn es Eurer Majeſtät genehm iſt, in Ihrem Palaſte zu Katharinenburg“, erwiderte der Gefragte. „Katharinenburg? Ich höre den Ort zum erſten Male nennen“, ſtaunte die Czarin,„und habe bis heute nicht gewußt, daß ich in demſelben einen Palaſt be⸗ ſitze.“ „Das was Seine Excellenz ſo euphemiſtiſch einen Palaſt nennt, dürfte wohl ein artiges Holzhaus im Style kleinruſſiſcher Edelhöfe ſein“, ſpottete Mamanoff. „Es iſt ein Palaſt, den Eurer Majeſtät demüthiger Sclave Potemkin für Sie erbaut hat,“ erwiderte Po⸗ temkin, den jungen Günſtling keiner Antwort, ja nicht einmal eines Blickes würdigend, zur Czarin gewendet. „Majeſtät werden ſich überzeugen.“— Eine Stunde ſpäter landete die Galeere Katha⸗ rina's vor einem feenhaft beleuchteten Gebäude, von dem mit perſiſchen Teppichen belegte und mit Blumen geſchmückte Stufen bis zu dem Fluſſe herabſtiegen; die an einen griechiſchen Tempel mahnende mit herrlichen Kolonnaden umgebene Fagade zeigte im Giebel das Bruſtbild Katharina's, Lampions in allen Farben be⸗ deckten von Roſenguirlanden umgeben die Außenwände, während das Innere, das Katharina an Potemkin's Arm betrat, mit aſiatiſcher Pracht und europäiſchem Comfort geſchmückt war; niederländiſche Tapeten, ita⸗ lieniſcher Marmor wetteiferten mit venetianiſchem Glas und chineſiſchem Porzellan, die Räume, welche die Cza⸗ rin für eine einzige Nacht beherbergen ſollten, würdig zu ſchmücken. Als die von allen Genüſſen überſättigte Frau vor dem mit duftendem Sandelholz geheizten Kamin ihres Schlafgemaches Platz genommen hatte, blickte ſie durch ihre Lorgnette mit Geringſchätzung auf Mama⸗ noff und ſprach dann zu Potemkin, ihm die Hand zum Kuſſe reichend:„Ich bin zufrieden, Gregor Alexandro⸗ witſch, ja mehr als das, ich bin überraſcht— gute Nacht!“ Und doch hatte Mamanoff Recht und Alles war nur ein Blendwerk, das die Czarin bis nach Cherſon begleitete, nichts mehr als in der Wüſte hervorgezau⸗ berte Dekorationen eines nie dageweſenen Spektakel⸗ ſtückes, deſſen Maſchiniſt Potemkin hieß und in welchem Katharina ſelbſt wider Willen mitſpielen mußte. Die Feenſchlöſſer, welche ſie Nachts aufnahmen, waren elende Holzgerüſte, welche, nachdem ſie ihren Dienſt gethan, wieder abgeriſſen wurden; von den Städten, welche ſie ſah, ſtanden nur die Mauern und die Thürme, die Dörfer, welche ſie in der Nähe ſah, waren aus Pappe aufgerichtet, jene in der Ferne auf Leinwand gemahlte Theatercouliſſen, alles erbaut, um ————— 29 ſie zu entzücken und am nächſten Tage wieder vom Erdboden zu verſchwinden, Menſchen und Thiere, welche von vierzig Meilen in der Runde von den Koſaken mit ihren langen Peitſchen zuſammen getrieben und in hübſche Kleider geſteckt worden waren, wurden, wäh⸗ rend die Czarin ſchlief, Nachts weiter getrieben, um am folgenden Tage an neuen Orten und in neuen Kleidern die Staffage der von Potemkin hervorgezau⸗ berten reichen Landſchaften zu bilden. Es war der echte Triumphzug einer Deſpotin, ein Märchen von Macht und Glück des Volkes, wo ſie ihren Fuß hinſetzte, Reichthum und Jubel vor ihr und nach ihr die Wüſte und das Schweigen des Todes. F In Kanew hatte ſich der König von Polen, einſt als einfacher Edelmann Poniatowski dem Herzen der Großfürſtin Katharina nahe ſtehend, zur Begrüßung der jetzt allmächtigen Czarin eingefunden, in Katharinoſlav erwartete ſie der Kaiſer Joſeph II, um ihr ſeine Hul⸗ digungen darzubringen, und begleitete ſie nach der tau⸗ riſchen Hauptſtadt. Im Triumph zog Katharina II. hier ein, an dem Oſtthor von der bedeutungsvollen Inſchrift:„Hier geht der Weg nach Bhzanz“ begrüßt. Cherſon wimmelte von Fremden aller Nationen, welche das nie dageweſene Schauſpiel mit anſehen wollten. Die Czarin beſuchte den Bazar, in dem von Potemkin aus Moskau und Warſchau herbeigeſchafte Waaren aller Art aufgeſtapelt lagen, und den Hafen, überall empfing ſie den Eindruck, daß ſie ſich in einer großen und reichen Handelsſtadt befinde. Kaum war die eitle machtſtolze Frau in dem Pa⸗ laſte Potemkin's, in dem ſie wohnen ſollte, angekommen und hatte ſich der Prachtgewänder, welche ſie beim Ein⸗ zuge trug, entledigt, um ſich in einem behaglichen tür⸗ kiſchen Schlafrock auf einer Polſterottomane auszu⸗ ſtrecken, trat ihr Günſtling Mamanoff unangemeldet herein und erhob von Neuem die heftigſten Anklagen gegen Potemkin. Er behauptete, der Generalgouverneur von Taurien habe die Monarchin nur hierher gelockt, um ſie zur Ehe zu zwingen, ſchon ſei Cherſon und die Umgegend nur ein großes Heerlager der ihm blind er⸗ gebenen Truppen, neue Corps ſeien von allen Seiten im Anzug, der entſcheidende Schlag in wenig Stunden zu gewärtigen. Katharina II. verlor keinen Augenblick ihre Ruhe, ja Gleichgiltigkeit. „Begib Dich auf der Stelle zu Potemkin“, ſprach ſie endlich,„und ſage ihm, daß ich ihm befehle, ſich ſo⸗ fort bei mir einzufinden.“ 34 „Aber, Majeſtät, Sie kennen doch Potemkin's rohes Naturell—“. „Ich fürchte nichts in dieſer Welt“, unterbrach die majeſtätiſche Frau Mamanoff,„alſo auch dieſen Potemkin nicht, den Ihr alle fürchtet.“ „So laſſen Sie mich wenigſtens in Ihrer Nähe ſein“, bat Mamanoff, ſich der Czarin zu Füßen werfend. „Nein, mein Freund, ich will mit ihm allein ſein. Thun Sie, wie ich geſagt“, gebot Katharina. Mamanoff verließ die Monarchin in der höchſten Aufregung. Wenige Minuten ſpäter ſtand Katharina II. Potem⸗ kin gegenüber. Katharina ſchien den Mann, der über ſie eine Ge⸗ walt hatte, wie kein anderer, zuerſt mit ihrem Blick durchdringen zu wollen, ehe ſie das Wort an ihn rich⸗ tete, aber keine Miene verrieth die Abſichten, welche er in ſeiner Bruſt verbarg. „Weißt Du, Gregor Alexandrowitſch“, begann die Czarin endlich,„daß man Dich ſchlimmer Dinge, hoch⸗ verrätheriſcher Pläne anklagt?“ „Und meine Gebieterin ſchenkt dieſen Anklagen Glauben?“ erwiderte Potemkin mit kalter Würde. „Nein, Gregor Alexandrowitſch“, ſprach Katha⸗ rina II.,„denn man beſchuldigt Dich, daß Du mich 32 treulos hieher gelockt habeſt, um mit Gewalt meine Hand und den Thron von Rußland zu uſurpiren, und dies halte ich für unmöglich. Ich kenne Deine Ergebenheit, wie Du mein Weſen kennſt, das, zur Herrſchaft geſchaffen, keinen Mann über ſich, ja nicht einmal neben ſich duldet.“ Potemkin lächelte.„Meine Kaiſerin“, entgegnete er nach einer kleinen Pauſe,„kann ruhiger unter dieſem Dache ſchlafen, als in Ihren Paläſten zu Petersburg und Zarskoje Selv. Nie wird es Ihrem Diener in den Sinn kommen, Sie Ihrer Freiheit oder Macht be⸗ rauben zu wollen.“ „Was haſt Du alſo für Pläne mit mir?“ mur⸗ melte Katharina II., indem ſie die Arme auf der Bruſt gekreuzt, raſch auf Potemkin zutrat,„denn ich ſehe es Dir an, daß Du etwas im Hinterhalte haſt.“ „Darf ich offen ſprechen?“ „Ich befehle es Dir.“ „Nun denn, ja, ich habe geheime Abſichten“, erwiderte Potemkin,„welche ich nur meiner großen Monarchin eröffnen kann. Ich habe Dich hierher geführt, um Dir den Weg nach Byzanz zu zeigen. Du haſt Dich über⸗ zeugt, daß dieſe Länder, die mein Schwert für Dich erobert hat, in wenig Jahren zu den blühendſten Deines Reiches geworden ſind, wir ſind nun ſtark genug, an eine neue, größere Aufgabe zu denken.“ —— „Und dieſe wäre?“ „Die Vertreibung der Türken aus Europa.“ „Ein großer Gedanke!“ ſprach die Czarin. „Ein Gedanke, werth, von einer großen Regentin, wie Du es biſt, ausgeführt zu werden“fuhr Potemkin fort.„Du S ihn längſt erfaßt, alle Deine ruhmreichen Thaten, Deine weltgeſchichtlichen Unternehmungen ha⸗ ben in den letzten Jahren dieſe Richtung genommen, zögere nicht zu vollenden, was Du ſo herrlich begonnen, die Aufgabe, die Dir das Schickſal gab, als Dich auf den alten Thron der Czaren rief, das vrientaliſche Reich des griechiſchen Kreuzes neu aufzurichten.“ „Und iſt dies Alles, was Du mir zu ſagen haſt, Gregor Alexandrowitſch?“ fragte Katharina I. nach einigem Nachdenken. „Nein, Gebieterin—“. Eine ſtolze Bewegung der noch immer mißtrau⸗ iſchen Deſpotin ſchien Potemkin in ſeine Schranken weiſen zu wollen. „Was noch?“ „Es fehlt nicht an Unzufriedenen in Deinem Reiche, die nur auf den Augenblick warten, wo Dein Sohn volljährig iſt, um Dich zu zwingen, ihm den So einzuräumen, der ihm dann nach dem Geſetz gebührt— 6 Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. III. 3 34 „O, ich kenne ſie, dieſe Elenden!“ murmelte Ka⸗ tharina. „Aber kennſt Du auch die falſchen Freunde in Deiner Umgebung, dieſe Kreaturen, die wie Hunde vor Dir kriechen und doch keinen Moment zögern werden, Dich preiszugeben, wenn ihnen ein Vortheil winkt?“ fuhr Potemkin fort;„ich allein diene Dir in unwan⸗ delbarer Treue, nicht aus Selbſtſucht, nein, aus Liebe, aus Liebe zu Dir und dem Vaterlande. Dieſes Auge“— er deutete auf die ſchwarze Binde—„das ich um Deinetwillen im Zweikampf mit Alexis Orloff durch einen Piſtolenſchuß verlor, es zeugt beſſer für mich und die Reinheit meiner Abſichten, als die Phraſen der Mamanvoffs und wie die anderen Geſchöpfe Deiner Laune heißen.“ „Du willſt, daß ich Mamanoff entlaſſe?“ begann Katharina, von Potemkin's Worten ſichtlich ergriffen. „Nein, Gebieterin, wie ſollte ich es wagen“, ent⸗ gegnete Potemkin lebhaft,„ich will Dich nur überzeu⸗ gen, daß der Zeitpunkt da iſt, den wir Beide ſeit ſo viel Jahren erſehnt haben, die Türken nach Aſien zu jagen.“ „Sind wir auch ſtark genug, dieſen Rieſenplan auszuführen, mein Freun d?“ ſagte Katharina, mit großen Schritten auf⸗ und abgehend. 35 „Wir ſind nur ſchwach, wenn wir Frieden halten,“ erklärte Potemkin;„dann erhebt die Verſchwörung, die Intrigue im Innern ihr Schlangenhaupt, wir brauchen einen Krieg, um die Armee zu beſchäftigen, mit ihr die unzufriedenen Elemente den Feuerſchlünden der Osmanen entgegen zu führen.“ „Du haſt Recht, aber wir brauchen Verbündete—“, warf die Czarin ein. „Von Deinen geheimſten Abſichten ſeit Jahren un⸗ terrichtet“, ſprach Potemkin leiſe,„habe ich mit dem Kaiſer Joſeph II. unterhandelt—“. „Und er iſt geneigt?“ „Mehr als das. Er iſt entſchloſſen, mit uns gegen den Halbmond in das Feld zu ziehen.“ „Das haſt Du vollbracht, Gregor, Du, den man mir als Rebellen ſchildert?“ rief Katharina II. mit leuchtenden Augen. Potemkin neigte ſich ſtumm vor der mächtigen Frau, dieſe aber ſtreckte ihm herzlich beide Hände ent⸗ gegen, und als er von der Größe des Momentes über⸗ wältigt, ſich vor ihr auf die Kniee warf, legte ſie ſanft die Rechte auf ſeine Schulter und ſprach:„Jetzt ſind wir einig, Gregor Alexandrowitſch, und nichts in der Welt ſoll uns mehr entzweien!“ —— —— 3* — 36 Zu Cherſon wurde im Mai 1787 der denkwürdige Vertrag zwiſchen Katharina II. und Joſeph II geſchloſſen, in welchem ſie ſich zum Kriege gegen den Sultan und zur Theilung der Türkei verbanden. In dieſem ſieg⸗ reichen Kriege errang ſich insbeſondere Suwarow, der Feldherr Potemkin's, ſeine ſchönſten Lorbeeren; von öſterreichiſcher Seite wurde der Kampf mit wechſelndem Glücke geführt und Joſeph erlebte das Ende deſſelben nicht.— Die Czarin beſuchte nach dem Abſchied von Potem⸗ kin noch Sebaſtopol und genoß von dem Kaſtell aus den Anblick ihrer mit bengaliſchem Feuer beleuchteten Kriegsflotte, dann kehrte ſie auf einem anderen Wege in ihre Reſidenz zurück. Von Petersburg aus verlieh ſie Potemkin den ſtol⸗ zen Beinamen des„Tauriers“ und befahl dem Senat, eine Ruhmſchrift auf den Eroberer der Krim aufzuſetzen und im ganzen Reiche zu publiciren. An dem Tage, wo Potemkin freudeſtrahlend ſeiner Nichte die große Botſchaft brachte, ſagte dieſe mit einem ſchelmiſchen Lächeln:„Nun, Gregor Alexandrowitſch, wem danken Sie denn eigentlich dies Alles, ſo viel Gnade ſtatt der befürchteten Ungnade und Verbannung?“ „Dir, mein Kind, wem ſonſt?“ erwiderte der Tau⸗ rier, das hübſche Mädchen zärtlich ſtreichelnd. —— 237 „Und mein Lohn?“ rief die Kleine. „Du ſelbſt ſollſt ihn beſtimmen“, ſagte Potemkin. „Iſt dies Dein Ernſt?“ „Gut— dann verlange ich die Hand Branizki's.“ „Branizki's Hand? Wie kann ich Dir geben, was nicht mir gehört?“ „Aber mir gehört er lange ſchon“, rief Natalie, „ich liebe ihn und er liebt mich, alſo fehlt nur Ihr Segen, Oheim!“— Potemkin drehte wohl ein wenig wild an ſeinem Schnurrbart, aber eine Viertelſtunde ſpäter ſegnete er doch das Liebespaar, das von ſeinem Glücke trunken vor ihm kniete. Nur Eine Bedingung ſtellte er: die Gräfin Bra⸗ nizki durfte ihn ebenſo wenig verlaſſen, als das Fräu⸗ lein Engelhardt, und wenn dann die jungen Eheleute mit ihrem berühmten Oheim Abends beim flackernden Kamine ſaßen, war mehr als einmal von dem Einfall Nataliens die Rede, dem ſie ihr Glück dankten, und von dem gelungenen„Märchen Potemkin's.“ ———————— ₰ Venus und Adonis. Erſtes Kapitel. An einem heißen Sommernachmittag des Jahres 1785 hatte in einem dichten, ſchattigen Gebüſch des Parkes von Zarskoje Selo ein junger Maler ſein luftiges Atelier aufgeſchlagen. Seine ſchlanke Geſtalt und ſein edel geſchnittener Kopf mit den glühenden dunklen Augen verriethen auf den erſten Blick den Italiener. Er ſaß auf einem Stein und zeichnete, und vor ihm ſtand ſein Modell, ein junges hübſches ruſſiſches Bau ernmädchen mit blondem Haar und vollem Buſen, das er trotz ihrem verſchämten Widerſtreben zu dieſem Zwece von der nahen Gänſeweide entführt hatte. Plötzlich theilten ſich die Zweige des grünen Muſenaſyles und eine Frau von dem Umfange einer holländiſchen Häringstonne ſtand vor den Beiden, die ländliche Ve⸗ nus ſtieß einen gellenden Schrei aus und lief davon, während der italieniſche Maler einige kräftige heimath⸗ 42 liche Flüche ausſtieß. Der weibliche Störenfried ſtand indeß, die Arme auf der koloſſalen Bruſt verſchränkt, vor ihm und lachte ſo, daß ſich der ganze Rieſenkörper ſchüttelte. Es war offenbar eine vornehme Dame, denn ſie hatte das reiche Haar gepudert und trug ein weißes Negligée von den koſtbarſten flandriſchen Spi⸗ tzen. Sie mochte vor Jahren ſchön geweſen ſein, aber jetzt war ihre Geſtalt geradezu unförmig und das Ge⸗ ſicht, in das Breite verzerrt, trug den Stempel ge⸗ meiner Wolluſt; nur ihr Auge konnte noch beſtechen, es war ein großes ſchönes blaues Auge voll Geiſt und Kühnheit, und es lag etwas Gebieteriſches in dem Blick deſſelben. „Welcher Satan hat Sie hergeführt, Madame?“ begann der Maler in ziemlich gutem Franzöſiſch. „Der Satan der Neugierde,“ erwiderte die Unbe⸗ kannte;„ich ſah Sie zeichnen, und da ich die Künſte liebe und beſchütze—“. „Sehr edel von Ihnen“, unterbrach ſie der Ita⸗ liener,„aber eben deshalb hätten Sie mir die Kleine nicht verſcheuchen ſollen; nun bleibt das Bild unvoll⸗ endet.“ „Sie ſollen mich dafür malen“, erwiderte der weibliche Koloß mit nachläſſiger Majeſtät. „Sie? Iſt das Ihr Ernſt?“ rief der Maler. 43 Die Dame nickte, während der junge Italiener in ein ebenſo unartiges als ausgelaſſenes Gelächter ausbrach. „Sie wollen mich alſo nicht malen?“ begann die Dame, die ſtolzen Brauen finſter zuſammenziehend. „Es fällt mir nicht ein—“. „Bin ich nicht ſchön?“ fragte die Unbekannte mit unnachahmlichem Selbſtbewußtſein. „O! Sie ſind außerordentlich ſchön,“ erwiderte der Maler ſcherzend,„aber beinahe ebenſo dick als ſchön.“ „Wie nennen Sie ſich?“ „Tomaſi,“ ſagte der Maler, zuckte die Achſeln und packte zuſammen. „Ich gefalle Ihnen offenbar nicht“, ſagte die Unbe⸗ kannte,„aber dies hat nichts zu ſagen, Sie gefallen mir und Sie werden mich malen, Adieu.“ Sie nickte gnädig mit dem Kopfe und ſchritt langſam davon. Der Italiener folgte ihr von Weitem, in dem Laub⸗ gange, in den er nun einbog, fand er ſeinen Freund und Landsmann Boſchi, mit dem er nach Rußland ge⸗ zogen war, um dort, gleich den franzöſiſchen Philoſophen und den italieniſchen Sängern, an dem glänzenden Hofe der leichtſinnigen Czarin Katharina II. ſein Glück zu machen. Er theilte ihm ſein Abenteuer mit und ſie 44 lachten noch Beide über das Monſtrum, das ſich durch ſeinen Pinſel verewigen laſſen wollte, als ein Offizier der Garde vor ſie hintrat und ſich erkundigte, welcher von Ihnen der Maler Tomaſi ſei. „Ich!“ ſagte der junge Italiener. „Ich habe den Befehl, Sie in den Palaſt zu füh⸗ ren,“ ſagte der Offizier. „Mich? und auf weſſen—“. „Auf beſonderen Befehl Ihrer Majeſtät der Kai⸗ ſerin.“ Tomaſi folgte hierauf dem Offizier, welcher ihn durch die Alleen des Parkes und die Korridore des prachtvollen Sommerſitzes der Czarin bis zu einer Thüre führte, vor der er Halt machte.„Hier treten Sie ein,“ ſagte er,„Frau von Protaſow, Hofdame Ihrer Majeſtät, erwartet Sie, von ihr werden Sie das Weitere hören.“ Es entging dem ſchlauen Italiener nicht, daß der Offizier dabei eigenthümlich ſpöttiſch lächelte. Tomaſi erwartete, dadurch irregeführt, hin⸗ ter der Portidre, welche er jetzt theilte, den weiblichen Koloß zu finden, deſſen Bekanntſchaft er im Park ge⸗ macht. Um ſo angenehmer war er enttäuſcht, als er auf einer Ottomane ausgeſtreckt eine junge Dame er⸗ blickte, welche ihm im erſten Augenblicke als ein Ideal der Schönheit und Anmuth erſchien. Sie war zwe gleich allen ruſſiſchen Frauen, ebenfalls üppig, aber von einer reizenden, ſinnverführenden Fülle, welche nir⸗ gends die als klaſſiſch geltenden Körperlinien zu ſehr überſchritt; ihr feines Geſichtchen zeigte ebenſo regel⸗ mäßige als gewinnende Züge, und die dunklen Augen blickten unter den langen Wimpern mit einer Art ſchelmiſcher Lüſternheit hervor, welche den ſonſt kecken Maler nicht wenig in Verwirrung ſetzte. Die Dame wies ihm einen Sitz an und betrachtete ihn noch einige Zeit ſeltſam prüfend, ehe ſie das Wort an ihn richtete. „Ich bin Sofia von Protaſow“, begann ſie end⸗ lich,„Sie kennen wohl mein heiteres Amt.“ „Vergeben Sie, ich bin ebenſo fremd am Hofe der großen Katharina, wie in Rußland überhaupt,“ ent⸗ gegnete der Maler. „Hören Sie alſo,“ ſagte die ſchöne junge Frau, „die Czarin iſt, wie Sie auch außer Rußland erfahren haben werden, eben ſo ſchwach als Weib, wie ſie groß iſt als Regentin.“ „Man erzählt, daß ſie ihre Günſtlinge wie Hand⸗ ſchuhe wechſelt,“ fiel der Italiener ein;„aber ich finde dies ſehr begreiflich bei einer Frau, welche zugleich die mächtigſte und ſchönſte in Europa iſt.“ „Sie vergeſſen, daß Katharina IM. jetzt ſechsund⸗ fünfzig Jahre zählt,“ erwiderte Frau von Protaſow, ₰ 46 „ſie war noch mit Vierzig ſo verführeriſch, daß Jeder ihrer Günſtlinge mit demſelben Eifer der Frau wie der Monarchin huldigte; aber jetzt iſt ſie unförmig dick und ſtrömt eine Atmoſphäre aus, welche der ſtärkſte Parfüm zu übertäuben nicht im Stande iſt. Und die⸗ ſer Fettklumpen iſt ebenſo verliebt und in ſeinen Nei⸗ gungen ebenſo flatterhaft, wie es einſt die jugendſchöne Frau war. Katharina II. betreibt heute die Liebe wie ein Gourmand das Eſſen, ſie will nicht blos ſpeiſen, gut und fein ſpeiſen, ſondern ſie verlangt die größte Abwechſelung; es vergeht kein Tag, wo ſie nicht ein neues Opfer— Pardon, einen neuen Glücklichen— ent⸗ deckt und zu ihrem Zeitvertreib wählt. Heute haben Sie Gnade vor Ihren Augen gefunden. „Ich!“ ſtammelte Tomaſi entſetzt. „Sie ſcheinen nicht ſehr entzückt von der Aus⸗ ſicht, welche ſich Ihnen eröffnet,“ meinte Frau von Protaſow ſpöttiſch. „In der That— nicht,“ ſagte der Italiener; „aber wie kommt die Kaiſerin dazu?—“ „Sie hat Sie vor einer Viertelſtunde etwa im Parke—“. „Dieſes Monſtrum, das mein Modell vertrieben, mit dem ich ſo kurz angebunden war—“, fiel To⸗ maſi ein. 47 „War Katharina II.“ ſprach Frau von Protaſow. „Und dieſes Weib ſoll ich lieben,“ ſchrie Tomaſi, „das iſt ja unmöglich.“ „Die Kaiſerin verſteht das Unmögliche möglich zu machen,“ lächelte die ſchöne Frau.„Vergeſſen Sie nicht, daß ihr allerhand liebreizende Bagatellen zur Dispoſition ſtehen, wie die Knute, Sibirien und nöth⸗ igensfalls das— Schaffot.“ „Das Schaffot“ ſchrie der Italiener auf, dem es eiſig über den Rücken rieſelte. „Nun— ſie hat Mirowitſch enthaupten laſſen aus keinem anderen Grunde, als weil ihr ſeine fana⸗ tiſche Liebe anfing läſtig zu werden,“ erklärte die Protaſow,„ſie kann einmal das Umgekehrte ver⸗ ſuchen.“ „Mein Gott! in welche Geſchichte bin ich da hin⸗ eingerathen,“ jammerte der Maler;„Odiſſeus in dem Palaſte der Circe war gegen mich beneidenswerth.“ „Iſt denn das Unglück, von einer Kaiſerin ge⸗ liebt zu werden, gar ſo groß,“ ſpottete Frau von Protaſow. „Gewiß,“ entgegnete Tomaſi,„wenn die Kaiſe⸗ rin, wie es hier der Fall iſt, über zwei Zentner wiegt.“ „Aber Rubens hat doch ſehr dicke Ideale gemalt—“. —— 48 „Ich bin kein Rubens, meine Gnädige—“. „Ihre Verzweiflung iſt ebenſo heiter als verdäch⸗ tig,“ ſprach die Vertraute Katharina's nach einer klei⸗ nen Pauſe.„Ich zweifle keinen Augenblick länger, daß Sie verliebt ſind, verliebt in eine andere.“ „Bei allen Heiligen, nein, mein Herz iſt frei,“— ſchwor der Maler. „Frei ganz frei?“ „Vollkommen frei.“ „Nun, das ändert die Sache ein wenig zu Ihrem Vortheil,“ ſprach die reizende Frau mit einem ſelt⸗ ſamen Lächeln,„denn es gibt noch eine Dame in die⸗ ſem Palaſte der Circe, welche Gefallen an Ihnen findet.“ „Gefallen— an mir?“ „Großen Gefallen.“ „Und iſt dieſe Dame vielleicht auch“—, erwiderte der Italiener, mit ſeinen Händen den rieſigen Umfang der Czarin andeutend. „Dieſe Dame iſt allerdings auch nicht gerade mager“, entgegnete Frau von Protaſow. „Aber doch jung und ſchön,“ rief Tomaſi. Frau von Protaſow zuckte die Achſeln.„Ich kenne Ihren Geſchmack nicht,“ ſprach ſie, den Kopf kokett zur Seite neigend,„ſehen Sie ſich ſie alſo noch einmal gut an und entſcheiden Sie ſelbſt.“ Zweites Kapitel. In den nächſten Tagen trennte ſich Frau von Protaſow immer nur für wenige Augenblicke von dem Geliebten. Während draußen die Sonne Menſchen, Thiere und Pflanzen zu verſengen drohte, hielt die reizende Kerkermeiſterin Tomaſi in ihren weiten kühlen Gemächern gefangen. Dann lag ſie träge auf einer türkiſchen Polſter⸗Ottomane und der glückliche Maler ſaß zu ihren Füßen und ſpielte die Laute, oder ſie plauderten allerhand kindiſches Zeug, wie es nur ein paar Verliebte können. Und kam der Abend heran, dann ſchwärmten ſie, gleich luſtig ſummenden Bienen, in den grünſchattigen Laubgengen des Parkes, um endlich, wenn der Him⸗ mel die ganze Pracht ſeiner Sterne, gleich einer Sticke⸗ rei in Gold, entfaltet hatte, den Palaſt der gütigen Fes dieſes Sommernachtsmärchens aufzuſuchen. Sucher⸗Maſoch, Rufſiſche Hofgeſchichten. III. 6 6 * 8 50 Die Kaiſerin ſchien, zum Glücke für die Liebenden, den Italiener vergeſſen zu haben, um ſo unangenehmer wurde Sofia von Protaſow überraſcht, als Katharina I. ihr plötzlich einmal, bei einem Lever, einen Wink gab, näher zu treten, und ohne ſich vor den anweſen⸗ den Damen und Herren des Hofes und ihrem Günſt⸗ ling Potemkin im Mindeſten zu geniren, mit ſichtbarem Intereſſe um den jungen Maler fragte. „Ich habe bis heute gezögert, Eurer Majeſtät Be⸗ richt zu erſtatten“, begann Frau von Protaſow er⸗ röthend,„weil ich leider nicht in der Lage bin, von dem jungen Menſchen irgend etwas Günſtiges zu melden.“ „Wirklich,“ erwiderte Katharina befremdend,„finden Sie ihn nicht ſchön?“ Frau von Protaſow zuckte die Achſeln.„Ich wage es nicht, dem Urtheile Eurer Majeſtät vorzu⸗ greifen, aber Tomaſi iſt eben ſo roh, als ſchön.“ „Was Sie Rohheit nennen,“ ſprach die Czarin⸗ mit ihrer Chokolade beſchäftigt,„iſt vielleicht nur un⸗ bändige Männlichkeit.“ „Vergebung, Majeſtät,“ beeilte ſich Frau von Protaſow zu erwidern,„dieſer Italiener iſt viel mehr ein ungezogener Knabe als ein Mann, die gemeinſten Manieren beeinträchtigen ſeine körperlichen Vorzüge.“ 54 „Ihr ſonſt ſo ſcharfer Blick ſcheint diesmal getrübt, liebe Sofia,“ entgegnete die Czarin,„da muß ich mir wohl ſelbſt Klarheit verſchaffen—“. „Aber Majeſtät—“. „Genug von dieſer unbedeutenden Angelegenheit,“ entſchied die eigenwillige Selbſtherrſcherin;„ich will Tomaſi heute noch ſehen, und er ſoll mich malen, ver⸗ ſtehen Sie, Protaſow?“ Die arme verliebte Frau, welche in dieſem Augen⸗ blicke Alles verloren ſah, denn Katharina gegenüber war Ungehorſam ſo viel als Selbſtmord, verneigte ſich ſtumm und verließ dann raſch den Flügel der Kai⸗ ſerin, um Tomaſi ihr Leid zu klagen. Dieſer wollte indeß die Sache durchaus nicht ernſt nehmen.„Vor Allem will ich Sie jetzt malen, theure Sofia,“ ſprach er, ſeine Staffelei zurecht rückend,„und dann wollen wir ſehen, wie wir der liebevollen Häringstonne dort drüben, trotz ihrem Sibirien, einen Poſſen ſpielen.“ „Aber die Czarin will Sie heute noch ſehen, Tomaſi.“ „Pah!“ „Sie wird an mir und Ihnen Rache nehmen, wenn wir ihr Widerſtand leiſten.“ Tomaſi lachte nnd begann ſeine Farben zu miſchen. 4* 52 „Alſo Sie wollen mich wirklich malen,“ ſeußzte die ſchöne junge Frau. „Gewiß, und zwar auf der Stelle.“ „Aber wie? in welcher Toilette?“ „Ich werde Sie als eine der olympiſchen Schön⸗ heiten malen.“ „Ich ſoll eine Göttin werden,“ ſtaunte die ko⸗ kette Dame. „Sie ſind es bereits,“ lachte Tomaſi,„und ich ſtelle den glücklichen Sterblichen vor, zu dem Sie von Ihrem hohen Olhmp herabgeſtiegen ſind, Endymion, wenn Sie wollen.“ „Unmöglich, ich kann doch nicht als Diana—“, ſtammelte Frau von Protaſow. „Oh! die Marquiſe von Pompadvur hat ſich auch mit den Emblemen dieſer jungfräulichen Jägerin ma⸗ len laſſen,“ fiel Tomaſi ein,„auch Sie ſollen Bogen und Köcher tragen, um die Liebespfeile anzudeuten, welche Sie ohne Mitleid nach allen Männerherzen verſenden. „Schmeichler!“ Der Italiener gab der ſchönen Frau die Attitude und begann hierauf zu malen. Plötzlich ſchrie Frau von Protaſow auf:„Ich hab's, ich hab's“ und be⸗ gann im Gemach herumzutanzen. „Was haben Sie?“ fragte der Maler verblüfft. —— „Wir ſind gerettet!“ jubelte Frau von Protaſow. „Ich kenne einen Freibauern hier in der Nähe, bei dem ich Sie verborgen halten will, und der Kaiſerin ſage ich, daß Sie plötzlich erkrankt ſind und deshalb Zarskoje Selo verlaſſen haben.“ Ohne ihren Anbeter weiter zu fragen, packte ſie ihn in ihre gedeckte Portechaise und ließ ihn auf Um⸗ wegen durch ihre vertrauten Diener nach dem Hofe des Freibauern bringen, während ſie ſelbſt ein Pferd beſtieg und vor ihm an Ort und Stelle eintraf, um raſch alles Uebrige mit dem treuen und bereitwilligen Alten abzumachen. Dann kehrte ſie in den Palaſt zu⸗ rück und ließ ſich auf der Stelle bei der Kaiſerin melden. „Wo bleibt der Maler!“ rief Katharina II., welche in einem prachtvollem Negligé in einem Fauteuil ſaß und ſich von Zeit zu Zeit von oben bis unten mit Parfüm beſprengte. „Er— er iſt verhindert,“ ſtammelte die Ver⸗ traute. „Verhindert, wenn ich befehle!“ ſprach die Czarin ſchwer athmend, ihre Bruſt begann im Zorne gleich einem Meer zu wogen. „Tomaſi iſt plötzlich krank geworden, Majeſtät!“ fuhr Frau von Protaſow fort,„er hat Zarskoje 54 Selo verlaſſen befindet ſich bei einem Bauern hier in der Nähe—“ „Er hat der Stelle n zu werden,“ ge⸗ bot Katharina I.,„und wenn er binnen einer Stunde nicht vor mir erſcheint, ſollen ihn vier Grenadiere holen.“ „Unmöglich, Majeſtät!“ rief Frau von Protaſow, „denn Tomaſi hat eine Krankheit, welche ebenſo ge⸗ fährlich als anſteckend iſt.“ „Doch nicht die Blattern?“ fragte die Czarin raſch. „Ja wohl, die Blattern, Majeſtät,“ erwiderte Frau von Protaſow aufathmend. „Dann freilich,“ murmelte Katharina,„dann geht es nicht.“ „Gewiß nicht,“ bekräftigte die Vertraute,„Maje⸗ ſtät dürfen Ihre gefeierte Schönheit nicht einer ſolchen Gefahr ausſetzen.“ „Finden Sie mich noch ſchön?“ lächelte Katha⸗ rina II. gnädig. „Wer käme in Ihre Nähe, ohne von Ihren Rei⸗ zen begeiſtert zu ſein.“ „Wirklich, ich ſehe heute ſehr gut aus,“ ſprach Katharina— ſie hatte ſich ſchwerfällig erhoben und ihren rieſigen Körper zu dem nächſten Wandſpiegel geſchleppt—„ſehr gut. Sobald Tomaſi wieder geſund iſt, ſoll er mich als Venus malen.“ Drittes Kapitel. Der Herbſt hatte den Hof der nordiſchen Semiramis früher als ſonſt aus Zarskoje Selo vertrieben, auch Tomaſi war nach Petersburg übergeſiedelt, wo er in Geſellſchaft ſeines Freundes Boschi den Hintertrakt des Palaſtes Protaſow bewohnte und die ſchöne Ge⸗ bieterin deſſelben in allen möglichen Stellungen und Toi⸗ letten zeichnete und malte. Der ganze Olymp wurde entvölkert, um ihren Palaſt zu ſchmücken; hier ſtieg die Geliebte als Anadiomene aus dem Meeresſchaum, dort verwandelte ſie, von ihren Nymphen umgeben, Tomaſi⸗Acteon in einen Hirſch, während ſie in dem nächſten Saale als Götterkönigin, den Pfau zur Seite, neben Jupiter⸗Boschi thronte. Der Winter verging den Liebenden in Geſellſchaft der Muſen und des kleinen ſchalkhaften Liebesgottes — 56 ganz vortrefflich. Die Kaiſerin hatte in dem bach⸗ antiſchen Strudel ihrer verſchwenderiſchen Hofhaltung, ihrer Bälle, Aſſembleen, Schlittagen und winterlichen Volksfeſte den ſchönen italieniſchen Maler ſammt ſei⸗ nen Blattern vollkommen vergeſſen. Und wieder war es Frühjahr geworden und wieder Sommer, und Katharina II. reſidirte neuerdings in dem reizenden Landſitz der ruſſiſchen Czaren. Ein Zufall wollte, daß ſie eines Abends mit der Prin⸗ zeſſin Mentſchikoff promenirend an jenem Gebüſche vorbeikam, in welchem ſie Tomaſi damals zeichnend überraſcht hatte. Mit einem Male ſtand, durch eine leicht erklär⸗ liche Ideen⸗Aſſoziation hervorgezaubert, das Bild des ſchönen Italieners in voller Farbenfriſche wieder vor ihrer Seele. A Propos!“ begann ſie,„haben Sie nie mehr etwas von jenem italieniſchen Maler gehört, Prinzeſſin, welcher mich im vorigen Jahre malen ſollte, jedoch durch einen merkwürdigen Zufall an demſelben Tage, an dem er zu beginnen hatte, an den Blattern er⸗ krankt iſt.“ „Wie hieß er, Majeſtät?“ erwiderte die Prin⸗ zeſſin.„Ich habe nie Etwas von ihm gehört.“ „Sein Name iſt mir entfallen,“ ſprach Katharina 57 II.,„aber ſeine jugendlich ſchlanke Geſtalt ſteht deut⸗ lich vor mir.“ „Ein italieniſcher Maler?“ ſann die Prinzeſſin nach.„Doch nicht jener am Ende, den Frau von Protaſow dieſen Winter geheimnißvoll in ihrem Pa⸗ laſte beherbergt hat, der die Plafonds und Wände ihrer Säle mit den prächtigſten Bildern aus der Nij logie geſchmückt?“ 1 „Unmöglich!“ rief die Czarin,„aber nein, doch nicht unmöglich, Prinzeſſin. Wenn dieſe Protaſow, wenn ſie mich hintergangen hat, Sie ſollen dann ein⸗ mal ſehen, wie ich ſtrafen kann.“ Ihre Augen rollten unheimlich, und die ganze Fettmaſſe, Katharina II. ge⸗ nannt, begann gleich einer Gallerte zu zittern. Kaum war die zenterſchwere Deſpotin in den Palaſt zurückgekehrt, befahl ſie Frau von Protaſow in ihr Arbeitskabinet, in dem ſie, an eine zornige Ente mah⸗ nend, mühſam auf⸗ und abwackelte. „Bon soir, meine Theure!“ begann ſie.„Sagen Sie mir doch, was aus dem italieniſchen Maler ge⸗ worden iſt, den vorigen Sommer die Blattern verhin⸗ dert haben, mich zu malen.“ „Er hat— er iſt— er wird,“ ſtammelte die Vertraute in unbeſchreiblicher Verwirrung. „Man beſchuldigt Sie, ma chére, ihn in Ihrem 58 quirirte die Monarchin, mit den Fingern ungeduldig auf der Fenſterſcheibe trommelnd. „Zu welchem Zweck?“ entgegnete die Protaſow mit einem erzwungenen Lächeln. Katharina trat auf ſie zu und heftete ihre durch⸗ dringenden blauen Augen forſchend auf ihr Antlitz. „Soll ich es Ihnen ſagen?“ „Ich kann beim beſten Willen nicht errathen,“ ſagte die Vertraute, welche ihre Ruhe ſo ziemlich wiederge⸗ wonnen hatte. „Man erzählt, daß er Ihren Palaſt mit Gemäl⸗ den geſchmückt hat,“ fuhr die Czarin fort. „Allerdings,“ hauchte die Protaſow. „Sie kennen alſo ſeinen Aufenthalt?“ „Sehr gut. Ich gebe Ihnen alſo drei Tage Zeit, um dieſen— wie hieß er doch— dieſen Maler aufzutreiben. Ich will mich von ihm malen laſſen, es iſt einmal eine Laune von mir, und ich wünſche nicht, daß Sie in irgend einer Weiſe ſich nachläſſig zeigen oder meine Abſicht durchkreuzen. Bon soir!“ Damit wurde die am ganzen Leibe bebende Ver⸗ traute von der auf das Höchſte gereizten Kaiſerin ent⸗ laſſen. Sie beſtieg ſofort ihre Portechaise und ließ Hauſe in St. Petersburg gefangen zu halten,“ in⸗ 59 ſich nach dem Höſchen des alten Freibauern tragen, bei dem ſie, wie im vorigen Jahre, Tomaſi und ſei⸗ nen Freund Boschi einquartirt hatte. „Ich bin die unglücklichſte Frau der Welt“, rief ſie in dem Augenblick, wo ſie die Schwelle der Isba überſchritt, in der die beiden Maler hauſten. „Was iſt geſchehen?“ fragte Tomaſi erregt. „Die Kaiſerin— ich weiß nicht, wie ſie ſich Ihrer wieder erinnert hat— genug, ſie will ſich von Ihnen um jeden Preis malen laſſen,“ berichtete die geängſtigte Schöne;„ſie hat mir befohlen, Sie läng⸗ ſtens binnen drei Tagen zu ihr zu bringen. Mir droht Ungnade, Entlaſſung, ja vielleicht noch weit mehr.“ „Nun ſo laſſen Sie mich denn in Gottesnamen das Monſtrum malen,“ fiel Tomaſi ein. „Aber die Blattern, ſie wird die Spuren derſel⸗ ben vergebens ſuchen, und errathen, daß wir ſie ge⸗ täuſcht haben. Oh! ſie iſt furchtbar in ihrem Zorne, grauſam, unerbittlich,“ ſeufzte die ſchöne Frau. „Verdammt!“ murmelte Tomaſi. „Ich habe einen glücklichen Einfall,“ rief plötzlich Boschi, der indeß vor ſich hingebrütet hatte.„Sehen Sie einmal meine Viſage an, wie die von den Blat⸗ tern zerriſſen iſt, ja ſie haben mir ſogar das linke 60 Auge zerſtört. Ich habe ſo ziemlich Tomaſi's Geſtalt, ich werde bei der Czarin ſeine Rolle ſpielen und uns Allen iſt geholfen. Ihre Idhlle erfährt keine Unter⸗ brechung, und ich mache noch mein Glück an dieſem kurivſen Hofe, ſo wahr ich Adriano Malefuzzi Boschi heiße.“ „Boschi, Du biſt ein Prachtkerl“, ſchrie Tomaſi auf,„ein wahres Genie, ich habe es immer ge⸗ ſagt.“ „Wir ſind gerettet!“ jauchzte Frau von Protaſow. „Morgen Abend ſchon will ich Sie der Czarin vor⸗ ſtellen, verſuchen Sie, was Ihr Mutterwitz und die Kühnheit, an der es Ihnen ebenſo wenig fehlt, über die launenhafte Herrſcherin von Gottes Gnaden ver⸗ gen Während die Liebenden ſich an dem nächſten Tage gleich muthwilligen Kindern in dem Obſtgarten, welcher die Isba des Freibauern umgab, ſorglos um⸗ hertriebeu, ſchien Boschi mit einem Male ganz verwan⸗ delt; er, auf deſſen Zunge ſonſt ſtets irgend eine Bos⸗ heit oder ein Witz ſaß, ließ den Kopf hängen und machte die trübſeligſte Miene von der Welt. Seine Mappe in der Hand ſchlenderte er in der Gegend hin und her und hielt allerhand tragikomiſche Monvo⸗ loge. 61 „O, warum bin ich nicht ſchön!“ ſagte er im⸗ mer wieder zu ſich ſelbſt,„ich könnte jetzt der Günſtling der mächtigſten Monarchin der Erde werden. Sie iſt zwar rund wie ein Häringsfaß und riecht auch wie ein ſolches, aber ſie kommandirt ein großes Reich, un⸗ ermeßliche Schätze ſtehen ihr zur Verfügung.“ Er blieb vor einem Bache ſtehen, welcher mur⸗ melnd über die Steine ſprang und ihn zu verſpotten ſchien. „Bin ich denn wirklich ſo häßlich?“ fragte er und beugte ſich über das Waſſer, aus deſſen bewegtem Spiegel ihn ſein Geſicht verzerrt angrinſte.„In der That ein abſcheulicher Kerl, aber dieſer Bach hier iſt ein muthwilliger Geſelle, der ſeinen Scherz mit mir treibt. Ich will einen redlicheren fragen.“ Einige hundert Schritte weiter lag ein kleiner Teich. Boschi lief zu demſelben hin und betrachtete ſich neugierig in demſelben.„Nun ſehe ich viel beſſer aus“, ſeufzte er,„aber zum Verlieben doch nicht. Verflucht ſei die Stunde meiner Geburt.“ Er befand ſich jetzt auf einer großen friſch ge⸗ mähten Wieſe, welche mit zahlreichen Heuſchobern be⸗ deckt war, in einiger Entfernung lag ein hübſcher Landſitz, deſſen weißgetünchte Mauern von dem friſchen Grün der ſie umgebenden Baumgruppen wirkſam ab⸗ —— en—— —— 62 ſtachen. Das Ganze gab ein freundliches ländliches Bild, ſo verſchieden von den Landſchaften ſeiner tos⸗ kaniſchen Heimath, daß Boschi von demſelben gefeſſelt ſich in den nächſten Heuſchober ſetzte und zu zeichnen begann. Plötzlich war es ihm, als ob der Heuſchober ſeufze. „Seltſam“, brummte er,„ein Heuſchober, der ebenſo unglücklich zu ſein ſcheint wie ich, am Ende iſt er verliebt. He! wer iſt da?“ Keine Antwort. „Alſo doch der Heuſchober.“ Nach einiger Zeit ertönte hinter ihm ein deut⸗ liches Schnarchen. „Nicht übel“, lachte Boschi,„nun ſchläft er gar. Hier in dieſem von Menſchenhand noch ziemlich un⸗ entweihtem Lande ſcheint die Natur beſeelt zu ſein wie zu Aeſops Zeiten in Griechenland. Aber wir wollen doch ſehen.“ Boschi erhob ſich und umſchritt langſam den Heu⸗ ſchober, da lag plötzlich ein Jüngling von außer⸗ ordentlicher Schönheit vor ihm im Heu auf dem Rücken und ſchlief. Raſch holte er ſich ſeine Mappe und be⸗ gann den herrlichen Fremden, der weit mehr als das Seufzen des Heuſchobers an Hellas mahnte, zu zeichnen. 63 Boschi war mit ſeiner Skizze beinahe fertig, als der ſchöne Schläfer ſeine jungen Glieder zu ſtrecken be⸗ gann und zugleich die vollen rothen Lippen zu einem lauten Gähnen öffnete. „Rühren Sie ſich nicht, mein Herr, Sie verder⸗ ben mir mein Bild!“ ſchrie der Maler. Der Fremde war jetzt vollkommen wach geworden, ſetzte ſich auf und ſah ihn erſtaunt an. „Legen Sie ſich nur noch für wenige Minuten auf den Rücken“, rief Boschi. „Zu welchem Zweck?“ fragte der Fremde, der den Italiener nicht begriff. „Sehen Sie nicht, daß ich dabei bin, Sie zu zeichnen.“ „Mich?“ 5 Sis Der junge Mann lachte hell auf. „Lachen Sie ſo viel es Ihnen Vergnügen macht“, erklärte Boschi,„aber nehmen Sie Ihre frühere Stel⸗ lung ein.“ Der Fremde, dem das Abenteuer Spaß machte, fügte ſich endlich den Bitten des Italieners und die⸗ ſer konnte ungeſtört ſeine Zeichnung vollenden.„So, jetzt ſind Sie frei“, ſprach er, ſeine Mappe zuſammen⸗ ———— 64 packend,„darf ich ſchließlich noch fragen, mit wem ich die Ehre habe?“ „Mein Name iſt Platon Zuboff“, erwiderte der Jüngling ſich erhebend,„ich bin Lieutenant in der Preobraſchenskiſchen Garde und im Augenblick hier auf Urlaub bei meinen Eltern. Das Gebäude, das Sie dort ſehen, iſt der Stammſitz unſerer Familie. Und Sie?“ „Boschi, Maler aus Florenz“, ſprach der Ita⸗ liener,„aber wiſſen Sie, mein junger Herr, daß Sie ein Glückskind ſind?“ Sie „Sie irren“, ſagte Zuboff,„ich bin der unglück⸗ lichſte Menſch in ganz Rußland, vielleicht in der gan⸗ zen Welt.“ „Unmöglich.“ „Doch“, fuhr der ſchöne Lieutenant fort,„ich kann nicht avanciren, und meine Geliebte hat einen Anderen geheirathet, wollen Sie noch mehr?“ „Nicht zu glauben, Sie— ein junger Mann von ſo ſeltener Schönheit—“. „Oh! Sie ſchmeicheln—“. „Nicht im mindeſten.“ „Mir hat noch nie Jemand geſagt, daß ich ſchön 65 bin und ſo vergeben Sie mir, wenn ich Ihren Wor⸗ ten wenig Glauben ſchenke.“ „Das verſtehen Sie nicht“, ſchrie Boschi.„Wenn ich Ihnen ſage, Sie ſind ſchön, ſo können Sie über⸗ zeugt ſein, daß Sie es ſind. Und Sie laſſen ſich ſo ohne weiteres vom Schickſal verfolgen, Sie, ein Mann von der Natur mit allen jenen Gaben beſchenkt, um an„ dem Hofe der nordiſchen Semiramis die erſte Rolle zu ſpielen? Laſſen Sie mich machen, junger Held, wir * müſſen Freunde werden, und wenn Sie dieſen Lieute⸗ nantsrock mit der Generalsuniform vertauſcht haben, dann vergeſſen Sie Ihren treuen Boschi nicht ganz.“ „Sie halten es für möglich“, rief Zuboff. 5 „Ich werde Sie protegiren“, ſprach Boschi“ mit komiſcher Würde,„und das iſt in dieſem Augenblicke mehr, als wenn Potemkin Sie beſchützen würde.“ „Aber ich verſtehe nicht—“, ſtammelte Zuboff.. „Sie brauchen auch gar nichts zu verſtehen.“ Am folgenden Tage wurde Boschi, der ſich auf das Lächerlichſte aufgeputzt hatte, durch Frau von Protaſow bei der Kaiſerin eingeführt, welche in einem Fauteuil ſaß, die Füße auf einem Seſſel ausgeſtreckt, und ein neues franzöſiſches Buch las. Sie ſah den Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten III 5 66 Maler lange forſchend an und begann endlich über ſeine Toilette, welche an ſeinen Farbenkaſten mahnte, zu lächeln. „Sie alſo ſind der Maler Tomaſi?“ fragte ſie. „Ja, Majeſtät.“ „Ich hätte Sie beinahe nicht wieder erkannt“, fuhr Katharina II. fort,„es iſt eben lange her, daß ich Sie nicht geſehen habe“ „O! Majeſtät ſind zu gütig gegen ihren ſubmiſſen Knecht“, erwiderte Boschi mit einem plumpen Kratz⸗ fuß,„Majeſtät wollen mir nicht ſagen, daß mich in der Zwiſchenzeit dieſe abſcheulichen Blattern ſo zerriſ⸗ ſen haben, daß mich mein beſter Freund, der Maler Boschi, beinahe nicht mehr kennt.“ „Ich bedauere Ihr Unglück lebhaft“, ſprach Katha⸗ rina II., das Buch weglegend,„Sie waren ein ſehr hübſcher Mann, ja ſehr hübſch ohne Uebertreibung, man mußte Ihnen auf den erſten Blick gut ſein.“ „Und jetzt finden Majeſtät, daß ich eine Art Unge⸗ heuer geworden bin,“ rief Boschi,„aber ich hoffe, daß eine Dame von Ihrem beiſpielloſen Genie mir des⸗ halb Ihre Gunſt nicht ganz entziehen wird.“ „Ich hatte die Abſicht, mich von Ihnen malen zu laſſen“, begann die Czarin. „O! geben Sie dieſe Abſicht nicht auf, Maje⸗ — „ 67 ſtät“, flehte Boschi.„Wenn Sie mich der außerordent⸗ lichen Gnade würdig finden, durch meinen Pinſel die Reize der ſchönſten Frau der Welt zu verewigen—“. „Sie dachten damals anders über dieſen Punkt“, fiel die Czarin lächelnd ein. „Damals habe ich noch nicht Rubens ſtudirt“, betheuerte Boschi,„aber jetzt ſchwöre ich, daß Sie an Reizen nicht Ihres Gleichen haben, Majeſtät, ich ſchwöre dies, ſo war ich Tomaſi heiße.“ „Gut denn, Sie ſollen mich malen“, entgegnete Katharina II. Boschi ſtürzte in überſtrömender Dank⸗ barkeit zu ihren Füßen nieder und küßte die kleine fette Hand, welche ſie ihm huldvoll reichte.„Ich will aber kein Portrait, ſondern irgend ein mythologiſches Bild“, fuhr ſie fort. Es war die Eitelkeit aller durch Korſett und Stöckelſchuhe entſtellten Damen der Ro⸗ cvccvzeit, auf der Leinwand in der Rolle irgend einer ſtark dekolletirten himmliſchen Frau zu prangen. „Natürlich ein mhthologiſches Bild“, ſchrie der ſchlaue Italiener, noch immer vor der nordiſchen Semi⸗ ramis auf den Knieen,„und wenn ich Sie ſo vor mir ſehe, Majeſtät, in Ihrer ganzen unwiderſtehlichen, koloſſalen Schönheit, ſo ſage ich mir, Sie können nur die Liebesgöttin vorſtellen, keine andere. Ich werde ein großes Bild malen in dem Genre wie jenes Paolo 5* Veroneſes in Palazza Manfrei zu Venedig,„Venus und Adonis.“ „Ja, aber wo nehmen wir den Adonis her, mein lieber Tomaſi“, ſeufzte die Czarin. „Schade, daß die Blattern Sie ſo mitgenommen haben, Sie wären ein prächtiger Adonis geweſen. O! wie ſchön Sie waren, armer Tomaſi!“ Sie legte ihm zärtlich die Hand auf die Schulter. „Das iſt einmal nicht zu ändern, Majeſtät“, rief Boschi,„aber ich werde mir ſchon ein paſſendes Mo⸗ dell auftreiben, laſſen Sie das nur meine Sorge ſein.“— Schon am nächſten Tage begann Boschi zu malen, er ſkizzirte die ganze Szene und ließ dann die Czarin ſitzen. Es gelang ihm vortrefflich, das ſchwierige Problem zu löſen, ein gutes Porträt zu liefern und doch zugleich ein berückend ſchönes Weib auf die Leinwand zu zaubern. Katharina II. erſchien auf ſeinem Bilde um mindeſtens dreißig Jahre verjüngt, mit allen Reizen geſchmückt, welche ſie zur Zeit beſaß, als ſie, den Hut mit Eichen⸗ laub bekränzt, bei der rothen Schenke die Truppen zur Empörung gegen ihren Gemahl, den Czaren Peter IM. fortriß. Sie war ſehr zufrieden und konnte ſich kaum von dem Bilde trennen, als Boschi es in ſeine Wohnung bringen ließ, um auch den Adonis zu malen, der vor⸗ 69 läufig nur mit ein paar kühnen Strichen gezeichnet, zu ihren Füßen lag. Es wurde Herbſt, und der Hof war wieder in St. Petersburg, als er das Gemälde beendet hatte. Er ſtellte es in einem Saale des Win⸗ ter⸗Palaſtes auf und ließ die Czarin einladen, es zu prüfen. Katharina II. kam ſo raſch, als es nur ihr Körperumfang geſtattete. Boschi zog den Vorhang, welcher das Bild verhüllte, weg. In dieſem Augen⸗ blicke ſtieß ſie einen Schrei der Verwunderung aus. „Herrlich!“ rief ſie,„entzückend! Sie ſind ein ausge⸗ zeichneter Künſtler, Tomaſi, aber dieſer Adonis, dieſer Jüngling, welcher an ſüßer Schönheit ſeines Gleichen ſucht, iſt wohl nur Ihr Ideal? „Nein, Majeſtät,“ erwiderte Boschi trocken,„die⸗ ſer Adonis iſt ein wirklicher lebendiger Menſch und nennt ſich Platon Zuboff.“ „Unmöglich“ rief Katharina II., das Bild an⸗ ſtarrend,„mindeſtens haben Sie ihn ſehr verſchö⸗ nert.“ „Nicht im Mindeſten“, entgegnete der Maler,„üb⸗ rigens können ſich Majeſtät ſſelbſt davon überzeugen.“ „Ja, das will ich auch“, ſagte die Czarin in un⸗ beſchreiblicher Aufregung, und heute noch, ja auf der Stelle.“ 70 Als Boschi mit dem ſchönen Zuboff in den Saal trat, in welchem die Czarin noch immer in dem Anſchauen des Bildes ſich vertiefte, blieb dieſe Anfangs ſprachlos, dann ſtammelte ſie, bald den Adonis auf der Lein⸗ wand, bald den Jüngling, der erröthend vor ihr ſtand, mit den Augen verſchlingend:„Ja, Tomaſi, ſie haben recht, das iſt Adonis, wie er leibt und lebt.“ Dann näherte ſie ſich Zuboff, der ſich demüthig auf ſein Knie niederließ, und ſprach ihn auf die Wange klopfend:„Sie gefallen mir ſehr gut, junger Mann, wenn Ihre Geiſtes⸗ gaben in keinem zu großem Mißverhältniß mit Ihrer körperlichen Schönheit ſtehen, werden Sie Ihr Glück machen, ich ſage Ihnen das, ich, die Kaiſerin.“ Mit gnädigem Lächeln reichte ſie ihm die Hand und Zu⸗ boff preßte dieſelbe ſtürmiſch an ſeine Lippen. Die Kaiſerin ſeufzte. Sie hatte ſich im erſten Augenblicke ſterblich in ihn verliebt, aber ſo ſchwach dieſes große Weib auch war, ſie verlor ihre äußere Würde, den Glanz ihrer Krone nie aus dem Auge und hätte um Alles in der Welt keinen unbedeutenden WMenſchen durch ihre Gunſt Einfluß auf die Geſchicke ihres Staates gewinnen laſſen wollen. Sie ſendete alſo Zuboff zu Frau von Protaſow und beauftragte die letztere, den Adonis ſo vertraut als nur möglich zu machen und im intimen Verkehr 74 mit ihm ſeine Talente, ſowie ſein Weſen und ſeinen Charakter zu ſtudiren und ihr dann Bericht zu er⸗ ſtatten. Die ganz außerordentliche Schönheit Zuboff's machte auf Frau von Protaſow denſelben Eindruck wie auf die Czarin. Die junge weltgewandte Frau fand Anfangs keine Worte, denn— als ſie ihn mit der kindiſchen Bewegung eines ſchwärmeriſchen Mäd⸗ chens einlud, neben ihr auf dem Sopha Platz zu neh⸗ men, ſchoß ihr das Blut verrätheriſch in die Wangen, und als Zuboff, den das reizende Weib, mit dem er ſich allein ſah, gleichfalls entzückte, ihre Hand berührte, begann ſie zu beben. Der Pfeil Amors hatte ihr Herz ebenſo ernſtlich verwundet, wie jenes ihrer kaiſerlichen Gönnerin. Eine Stunde verrann in zärtlichem Geplauder und eine zweite. Frau von Protaſow hatte ihre Ruhe wie⸗ der gewonnen und ließ alle die feinen gefährlichen Künſte ihrer Coquetterie ſpielen, um den ſchönen Adonis zu feſſeln, zu erobern, was ſehr überflüſſig war, denn er lechzte ja förmlich darnach, ſich in ihr Netz zu ſtürzen. Aus einem ceremoniellen Beſuch war zuletzt eine Schäferſtunde geworden. Beide hatten an dieſen Ausgang nicht im Entfernteſten gedacht. Die Thür war offen geblieben, und ſo geſchah es, daß Zuboff zu den Füßen der reizenden Frau lag und ſie ihn mit den üppigen Armen umſchlungen hielt und Tomaſi, der wirkliche Tomaſi, der begünſtigte Anbeter der Frau von Protaſow, plötzlich im Boudvir der ſchönen Ver⸗ rätherin vor der Gruppe ſtand, welche, ſo maleriſch ſie war, ihn in beiſpielloſe Wuth verſetzte. „Sofie!“ ſchrie er auf,„was muß ich ſehen! Schlange! Satan! Ich erwürge Dich.“ Er ſtürzte auf die Geliebte los, aber Zuboff hatte ſich raſch erhoben und ſeinen Degen gezogen. „Was will dieſer Menſch?“, pagte er, gleichfalls von Eiferſucht ergriffen. „Beachten Sie ihn nicht“, entgegnete Frau von Protaſow mit unglaublicher Kaltblütigkeit,„er iſt nicht ganz bei Sinnen, und wenn er ſeinen Anfall hat, guälen ihn die merkwürdigſten Einbildungen, laſſen Sie mich allein mit ihm, ich werde ihn ſchon zur Rai⸗ ſon bringen.“ „Einbildungen?“ ſchrie der Italiener, bilde mir alſo ein, daß Sie mich lieben.“ „Gewiß bilden Sie ſich das ein“, unterbrach ihn Frau von Protaſow mit einem muthwilligen Gelächter, „gehen Sie, Zubvff, ſeien Sie ohne Sorgen, ich fürchte mich nicht vor ihm.“ Zuboff ſteckte ſeinen Degen ein, küßte die Hand ——— 73 der ſchönen Frau und verließ mit einem triumphiren⸗ den Blick auf Tomaſi das Gemach. Kaum war Frau von Protaſow allein mit dem Maler, ſchnellte ſie vom Sopha empor, ergriff Tomaſi bei beiden Ohren und be⸗ gann ihn, gleich einem unartigen Jungen, bei denſelben hin und her zu zerren.„Wie können Sie mich ſo blos⸗ ſtellen“, rief ſie dahei,„wir ſind geſchieden, für im⸗ mer geſchieden. Verlaſſen Sie mich anf der Stelle.“ Kaum hatte ſie ihn losgelaſſen, fiel Tomaſi vor ihr auf die Knie und begann ſie um Vergebung zu bitten. Sie ſchmollte noch einige Zeit, dann ſagte ſie:„Gut. Ich will diesmal noch mit Ihnen gnädig ſein, aber wehe Ihnen, wenn Sie noch einmal eiferſüchtig ſind.“ „Habe ich denn keine Urſache dazu?“ wendete der arme verliebte Maler ſchüchtern ein. „Nein „Wirklich nicht?— aber die Situation, in welcher—“. „Zuboff iſt ſeit heute der Günſtling der Czarin“, ſagte Frau von Protaſow raſch,„Sie wiſſen, daß Katharina II. kleine Stücke in franzöſiſcher Sprache verfaßt und vor ihrem Hofe aufführen läßt. In ihrem neueſten Produkte ſpielen ich und Zuboff die Lieben⸗ den und ſo waren wir eben daran, eine Szene zu pro⸗ biren.“ 74 „Wirklich?“ Alle weiteren Zweifel erſtickte die Frau mit ein Paar feurigen Küſſen. Der Bericht, den Sofie von Protaſow nach acht Tagen der Czarin über Platon Zuboff erſtattete, lautete ſo günſtig, daß Katharina II. den Adonis auf der Stelle zum Oberſten avanciren und ihm Ge⸗ mächer im Palaſte anweiſen ließ. Er war nun der tägliche Genoſſe der beiden Frauen und ſie wetteiferten, ihn mit Liebenswürdigkeiten zu überhäufen. Auch Boschi, der falſche Tomaſi, hatte ſein Glück gemacht. Katharina II. hatte ihm eine bedeutende Summe für ſein Bild„Venus und Adonis“ auszahlen laſſen, und weitere Szenen aus der Mythologie, ſowie ein Porträt Platon Zuboff's bei ihm beſtellt. Auch erhielt er eine Wohnung und ein prächtiges Atelier im Palaſt. Tomaſi ſchien vollkommen beruhigt; da wollte ein boshafter Zufall, daß er eines Abends, als ihn Sofie bereits verabſchie det hatte, zurückkehrte, um ſein Stizzen⸗ buch zu holen, das er in ihrem Boudvir vergeſſen hatte. Schon im Korridor hörte er ein Paar Stimmen, welche ſich im Zimmer ſeiner Schönen lebhaft zu unterhalten ſchienen, als er ſich ihrer Thüre näherte, unterſchied er 6 deutlich die ihre und jene eines Mannes. Svfort fiel ſein Verdacht auf Zuboff. Er legte das Auge an das Schlüſſelloch und ſah ſeinen Nebenbuhler mit Frau von Protaſow auf einer Ottomane ſitzen. Sie hielten ſich umſchlungen, plauderten und von Zeit zu Zeit zog die Treuloſe den Adonis an ſich und küßte ihn auf die vollen blühenden Lippen. Tomaſi klopfte. Es wurde ſtill, aber Niemand meldete ſich. Er klopfte noch einmal. Jetzt rief Frau von Protaſow:„Wer iſt da?“ „Ich, liebe Sofie.“ „Ich bin bereits zu Bett“, gab ſie zur Antwort. „Ich habe mein Skizzenbuch vergeſſen“, fuhr der Italiener fort,„ſei ſo freundlich mir nur für einen Augenblick zu öffnen.“ „Du kannſt es Morgen holen.“ „Nein, meine Liebe, denn ich will den Morgen be⸗ nutzen und nach der Natur zeichnen.“ „Du wirſt eben Morgen nicht zeichnen.“ „Iſt Jemand bei Dir“, begann jetzt Tomaſi, den die Eiferſucht wahnſinnig machte,„Dein Betragen iſt ſehr geeignet, Verdacht einzuflößen.“ „Narr!“ rief die Verrätherin,„ich muß Dir alſo öffnen, um Dich zu überzeugen, wie albern Du biſt.“ Tomaſi blickte wieder durch das Schlüſſelloch, er ſah wie Frau von Protaſow den Adonis in einer Fenſterniſche verbarg, die Vorhänge zuzog und dann über ihr Nachtkleid einen prächtigen Schlaſpelz um⸗ warf. Endlich öffnete ſie. Tomaſi trat ein, ſchloß die Thüre und heftete einen Blick voll Schmerz und Wuth zugleich auf das ſchöne Weib, das ihm mit halb aufgelöſtem Haare, das dunkle ſchwellende Pelzwerk um die üppige Büſte und die vollen Arme, reizender als je erſchien.„Alſo doch verrathen“, murmelte er,„durch eine falſche gleißneriſche Schlange, aber ich werde Dich zertreten, Schlange, Du ſollſt mir keinen mehr be⸗ ſtricken.“ Er ergriff die Geliebte beim Arme und riß ſie zu Boden. „Biſt Du von Sinnen?“ ſtammelte Frau von Protaſow. „Ich bin nur zu ſehr bei Verſtand“, ſchrie er,„ich ſehe jetzt Alles klar, Elende, ich werde Dich tödten und dann ihn, der dort hinter dem Vorhang ſteckt.“ „Hilfe“, rief die ſchöne Frau,„Hilfe!“ Schon hatte Tomaſi die ſtarke ſeidene Schnur von ihrem Schlafpelz herabgeriſſen, um ihren Hals ge⸗ ſchlungen und drohte ſie damit zu erwürgen, als ein Fauſtſchlag in das Genick ihn zu Boden ſtreckte und 77 im nächſten Augenblicke Zuboff den Fuß auf den Halb⸗ betäubten ſetzte. Ehe er ſich faſſen konnte, hatte die ſchöne Verrätherin raſch entſchloſſen mit derſelben Schnur, mit der er ſie erdroſſeln wollte, ſeine Füße gefeſſelt und es wurde nün ſeinem Nebenbuhler leicht, ihm mit ihrer Hilfe auch die Hände auf den Rücken zu binden und ihn mit ihrem Taſchentuche zu knebeln. Jetzt, wo der unglückliche Maler ſich weder regen, noch einen Laut von ſich geben konnte, trat Frau von Protaſow vor ihn hin und ſprach mit ſpöttiſchem Lächeln:„Nun, Tomaſi, biſt Du jetzt zufrieden? Wenn Du es noch nicht wiſſen ſollteſt, ſo ſage ich es Dir jetzt, Du langweilſt mich, ich liebe Dich nicht mehr, ich liebe dieſen Adonis hier, Dich aber werde ich über die Grenze ſchaffen laſſen, denn Du fängſt an läſtig zu werden.“ Noch in derſelben Nacht wurde Tomaſi auf Be⸗ fehl des Polizei⸗Chefs, welcher der Vertrauten der Kai⸗ ſerin ſtets zur Verfügung ſtand, in einer Kibitke, mit Ketten beladen, von Prlizeidienern eskortirt, abgeführt und erſt an der preußiſchen Grenze frei gelaſſen. Er rächte ſich in ſehr origineller Weiſe durch zwei Bilder, welche er in Paris ausſtellte und die un⸗ beſchreibliches Auffehen erregten. Das eine ſtellte Ka⸗ tharina II. als Circe dar, plump wie eine holländiſche Nymphe, von ihren Höflingen umgeben, welche ihrem Charakter entſprechend in Thiere verwandelt ſind. Orloff erſcheint als Bär, Potemkin als Tiger, Zuboff als Pfau. Die zweite Leinwand zeigte Frau von Protaſow als Diana, welche von Tomaſi als Actäon im Bade überraſcht wird und denſelben in einen Hirſch verwan⸗ delt. Es war der Augenblick feſtgehalten, wo die Verwandlung damit beginnt, daß auf dem Haupte To⸗ maſi's ein Geweihe emporſchießt. Von beiden Bildern fertigte der Italiener Stiche⸗ an und ſendete Exemplare an die Czarin, welche ſich raſend ärgerte und an Frau von Protaſow, welche herzlich darüber lachte. Amor mit dem Forporalſtock. 7 — 5 3 6 6 * 3 J. Zwiſchen den geſtutzten Taxushecken des Parkes von Zarskoje Selo, welche rechts und links wie glatt⸗ polirte grüne Wände ſtanden, promenirten zwei von ſchwerer Seide umbauſchte junge Frauen in heiterer ungezwungener Unterhaltung. Wie ſie lachten und von Zeit zu Zeit nach den bunten Frühlingsfaltern haſchten, hätte Niemand geahnt, daß die kleine, ſchön gebildete Hand der Einen, welche jetzt ſo harmlos mit dem Fächer ſpielte, zu gleicher Zeit das Szepter des größten Reiches in Europa mit männlicher Ener⸗ gie führte. Es war die Czarin Katharina II., noch immer in voller, beinahe jugendlicher Schönheit ſtrah⸗ lend. Sie war nur mittelgroß, aber ihre wahrhaft kaiſer⸗ liche Haltung und ihre majeſtätiſche Büſte ließen ſie hoch und gebieteriſch erſcheinen, noch mehr jedoch wie ihre Geſtalt imponirte ihr Kopf mit den ſchön ſtrengen Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. III. 6 82 Zügen eines Nero, der kleine feſtgeſchloſſene Mund über dem runden feſten Kinn, die kleine kühn gebogene Naſe, der finſtere Schwung der dunklen Brauen über den durchdringenden großen blauen Augen, und der Blick dieſer Augen war es vor Allem, der die Millionen wie die Einzelnen zu ihren Füßen nieder⸗ warf, dieſer Blick, in dem zu gleicher Zeit ſo viel dämoniſche Herrſchſucht, ſelbſtbewußte Gelaſſenheit und wohlwollende Güte lag. Die Begleiterin der Kaiſerin, im offenen Schlaf⸗ rock von Roſa⸗Atlas à la Wateau, dieſelbe um einen halben Kopf überragend, mit diaboliſchen ſchwarzen Augen und einem kleinen eigenſinnigen Stumpfnäschen, iſt eine junge Wittwe, Frau von Mellin, von ganz aparter, man möchte ſagen Furcht einflößender Schön⸗ heit. Sie hat etwas von einer Tigerin, vor allem die ein wenig verkürzte grauſame Katzenlippe, welche die herr⸗ lichſten Zähne hervorblitzen läßt, und dann jenen weichen, elaſtiſchen, ſprungbereiten Gang wie auf Sammt⸗ ſohlen. Wenn ſie lacht, wird ſie erſt recht un⸗ heimlich. „Alſo Sie haben Ihrem armen Seladon den Ab⸗ ſchied gegeben, liebe Mellin,“ ſagt gerade die Kaiſerin, „in aller Form?“ „Ich habe ihn wie einen Hund vor die Thüre gejagt“, erwidert die ſchöne Wittwe; diesmal kniſtert der Sand zornig unter ihren Füßen. „Aber es wird Eklat geben,“ fuhr Katharina II. fort,„er galt doch bereits als Ihr erklärter Bräutigam!“ „Majeſtät hätten in meiner Lage gewiß nicht an⸗ ders gehandelt“, entgegnete Frau von Mellin. „Wer weiß!“ ſprach Katharina II. „Ich bitte Majeſtät, ſich nur die Scene zu ver⸗ gegenwärtigen“, erzählte die beleidigte Schöne;„Kapitän Pauloff hatte mich ſveben verlaſſen, mich, die er an⸗ zubeten vorgab. Ein unglückſeliger Zufall führt mich wenige Augenblicke ſpäter in den Vorſaal und was ſehe ich— ol es iſt ſchändlich, es iſt ehrlos!— ich ſehe ihn, wie er ſeinen Arm um die Taille meiner Zofe geſchlungen hat und im Begriffe iſt, ihr einen Kuß zu rauben.“ „Einen Kuß!“ rief die Kaiſerin lachend,„und deshalb—“. „O! ich habe ihn gezüchtigt dafür“, fuhr Frau von Mellin fort;„aber damit iſt es nicht genug; ich werde Rache an ihm nehmen, an dem ganzen lüg⸗ neriſchen treuloſen Geſchlechte; ich haſſe die Männer mehr als je, ich verachte ſie ſo ſehr, daß ich nicht begreifen kann, wie es möglich war, daß dieſe ſchwa⸗ chen willenloſen Geſchöpfe ſo lange über uns geherrſcht 6* 84 haben. Aber Sie werden die Welt umkehren, Majeſtät, ſchon haben ſich die Frauen, ſeit Ihrer glorreichen Thronbeſteigung, des Hutes, Oberrockes und Stockes des Mannes bemächtigt, ſie haben ſich den Sattel und die Waffen erobert und mehrere der kühnen Amazonen dienen in den Reihen Ihres Heeres als Offiziere*), eine Frau von hohem Geiſte und tiefer Gelehrſamkeit hat ſich den Präſidentenſtuhl der Aka⸗ demie der Wiſſenſchaft errungen**), wir dürfen nicht ruhen, ehe wir nicht regieren und die Männer uns vollſtändig unterthan ſind. Wie beneide ich Eure Majeſtät um die unumſchränkte Macht, welche Sie über Millionen dieſer Elenden haben, welche nicht viel mehr ſind als Ihre Sclaven, Ihrer Willkür preis⸗ gegeben!“ „Sind Sie nicht im Kleinen eine abſolute Herr⸗ ſcherin wie ich?“ erwiderte Katharina M. heiter;„gibt es nicht mehr als zweitauſend Seelen, welche Ihr Eigen⸗ thum ſind?“ „Aber ich möchte Sclaven haben“, rief die ſchöne *) Es iſt hiſtoriſch, daß unter Katharina II. viele Frauen dienten und Regimenter kommandirten. Die Gräfin Saltikoff kämpfte tapfer gegen die Türken. **) Die Fürſtin Daſchkoff. 85 Männerfeindin,„welche denken, fühlen, wie ich ſelbſt, nicht verthierte Leibeigene, gebildete Männer—“. „Und vor Allem Pauloff—“, fiel Katharina II. ein. „Ja— Pauloff.“ „Sie haſſen ihn wirklich?“ „Ob ich ihn haſſe—“. „Es würde mich in der That unterhalten“, ſagte die Czarin nachſinnend,„aber wie könnte man das machen?“ „Laſſen mich Eure Majeſtät nur einen Tag an Ihrer Statt regieren“, flehte die ſchöne Wittwe mit erhobenen Händen. „Was fällt Ihnen ein?“ antwortete die Kaiſerin, ein wenig die Stirne runzelnd,„aber— ich hab's— Sie ſollen ein Regiment bekommen—“. „Ein Regiment?“, ſtaunte Frau von Mellin. „Das Regiment Tobolsk iſt eben frei“, ſagte Katharina II.,„ich ernenne Sie zum Oberſten deſ⸗ ſelben—“. „Welche Gnade!“— Die ſchöne Wittwe küßte die Hände der Kaiſerin. „Als Herrin über Tod und Leben Ihrer Soldaten und Offiziere haben Sie Gelegenheit genug, Ihre grauſamen Launen zu befriedigen. Aber, ich bitte ſehr, ohne Ungerechtigkeit.“ 86 „Und iſt Pauloff in dem Regimente?“ fragte die racheluſtige Schöne raſch. „Nein, ſo viel ich weiß.“ „Aber Sie geben mir ihn, Majeſtät?“ Katharina II. lachte.„Wir werden ſehen!“ „Ich bitte Eure Majeſtät kniefällig“, rief Frau von Mellin, indem ſie ſich vor der Kaiſerin nieder⸗ warf,„geben Sie mir dieſen Menſchen— er verdient unter den Korporalſtock zu kommen, er iſt der frechſte, leichtfertigſte und hochmüthigſte Mann in Rußland, und er hat unſer ganzes Geſchlecht beleidigt.“ „Indem er Ihre Zofe küßte?“ lachte die Czarin. „Er ſchmäht die Frauen bei jeder Gelegenheit“, fuhr Frau von Mellin fort,„ja er wagt es, Sie ſelbſt—“. „Mich?“ Die Czarin biß ſich in die Lippe. „Eure Majeſtät können ſich ſelbſt überzeugen.“ „Ja, ich will mich überzeugen“, rief Katharina H., riß zornig einem Schmetterling, den ſie eben gefangen hatte, die Flügel aus und warf ihn in die Dornen. ſit Die Hauptwache der Garde in Zarskoje Selv war das Rendezvvus ſämmtlicher junger Offiziere jener Re⸗ gimenter, welche die ſchöne nordiſche Deſpotin zu hüten — — 87 hatten vor Soldatenverſchwörungen und Palaſtrevolu⸗ tionen. Vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Frühroth rollten hier die Würfel, die Silber⸗ rubel mit dem Bilde Katharina's auf dem ſchmutzigen Tiſche von rohem Holze. Um Mitternacht, wenn die Kaiſerin in ihrem Kabinete arbeitete, neue Geſetze prüfte, Depeſchen las, an Voltaire oder Diderot ſchrieb, die Hofdamen ſich hinter die Gardinen ihrer hohen Himmelbetten zurückgezogen hatten, der Palaſt und die Gärten der neuen Semiramis zu ſchlafen ſchienen, war hier der Lärm der Spielenden, Trinkenden, Betrun⸗ kenen, Streitenden am größten und artete nicht ſelten zur wüſten Orgie aus. So auch heute. Die Talglichter, mit denen der kleine unſaubere Raum ſpärlich beleuchtet war, und welche vollkommen heruntergebrannt waren, warfen ihre düſteren Lichter auf etwa zwanzig vom Wein erhitzte, geröthete oder von der Leidenſchaft bleich verzerrte Geſichter junger Lieutenants und Kapitäne, welche durcheinander ſchrieen, johlten und ſangen. Diesmal ſpielten ſie Onze et demi. Kapitän Pauloff hielt die Bank. Es war ein hoher ſchlanker Mann mit hübſchem Geſichte, großen leb⸗ haften Augen und einem Anſtrich von Kühnheit, der ihm ſehr wohl ſtand. Er ſaß in dem allgemeinen 88 Toben ruhig, ja ſchwermüthig, denn er verlor immer⸗ fort. Von Zeit zu Zeit biß er ſich in die Lippe oder zerſchnitt mit ſeinem Sporn unter dem Tiſche die Diele, aber er beklagte ſich nicht und fluchte auch nicht. Unbemerkt waren zwei neue Gäſte an den Tiſch herangetreten, offenbar Offiziere, denn ſie trugen den ruſſiſchen Soldatenmantel, aber ſie hatten ſich ſo ein⸗ gewickelt und die dreieckigen Hüte ſo tief in die Stirne gedrückt daß man das Regiment nicht erkennen und ihre auffallend hübſchen, beinahe weiblichen Züge nicht unterſcheiden konnte. Eben rief ein Dragoner: va banque!— Die Bank war geſprengt. Kapitän Pauloff zog leiſe an ſeinem kleinen ſchwar⸗ zen Schnurrbart, der glückliche Reiteroffizier ſtrich das Geld ein— ein Rubel fiel zur Erde. Pauloff hob ihn auf, betrachtete die impoſante, von Hermelin umrahmte Büſte der Czarin mit einem zweifelhaften Lächeln und warf ihn dann zu den an⸗ deren. „Nimm ſie, die ſilberne Dame“, rief er,„iſt meine letzte, ich habe einmal kein Glück mit den Frauen. Die Kameraden lachten. „Weil ſie wiſſen, daß Du ſie nicht liebſt“, mur⸗ melte der höher Gewachſene der beiden Ankömmlinge. S Sicceeb ——————— 89 Ol ich liebe ſie ſchon“, entgegnete Pauloff, verächt⸗ lich mit den Lippen zuckend,„aber ich achte ſie nicht.“ „Und warum nicht?“ „Warum? Weil das Weib an und für ſich ein untergeordnetes Geſchöpf iſt“, ſagte Pauloff,„indeß war es doch auszuhalten, ſo lange die Frauenzimmer ihre Kinder aufzogen, kochten, ſpannen und nähten, jetzt aber präſidiren ſie den Gelehrten und kommandiren Regimenter.“ Ein wüſtes Gelächter folgte ſeinen Worten. „Und gibſt Du keine Ausnahme zu?“ „Eine Ausnahme?“ antwortete Pauloff trocken,„ich weiß keine.“ „Nun— unſere Czarin!“ O! das iſt freilich eine große Frau, ein ſtarker Geiſt“, ſpottete Pauloff,„die verſteht das Regieren, wie eine Marionette das Komödieſpielen, geſtern hieß das Stück Orloff, heute heißt es Potemkin, und kein Menſch weiß, wie es morgen heißen wird!“ Diesmal entſtand tiefe Stille und ein jeder der Anweſenden ſah den Anderen mißtrauiſch an. „Du haſt zu viel getrunken“, ſagte endlich der Dragoner. „Fehlgeſchoſſen“, fiel ein finniſcher Jäger ein,„der ſpricht genau ſo, wenn er nüchtern iſt.“ S 90 „Nimm Dich in Acht vor den Frauen“, ſagte plötzlich eine ſonore Stimme hinter Paulow— in demſelben Augenblick fühlte er eine Hand, die ihm auf die Schulter klopfte. Zugleich erhoben ſich die Kameraden, und in dem allgemeinen Tumult war es den beiden Vermummten gelungen, unbemerkt in das Freie zu gelangen. Was beſchließen Eure Majeſtät?“ begann der Größere der Beiden, welche raſch dem Palaſte zuſchrit⸗ ten. Es war Frau von Mellin. „Der Unverſchämte ſoll mir büßen“, rief Katha⸗ rina II., ſtehen bleibend und zornig mit dem Fuße ſtampfend,„Sie ſollen ihn haben, liebe Mellin, Sie ſollen ihn haben!“ III. Am nächſten Morgen unterzeichnete die Czarin zwei Dekrete. Das eine ernannte Frau von Mellin zum Kommandanten des Regiments Tobolsk, das zweite verſetzte den Kapitän Pauloff aus dem Regimente Simbirsk in jenes des ſchönen weiblichen Oberſten. Vier Tage ſpäter ſtand das Regiment in dem großen Hofe ſeiner Kaſerne im Viereck aufgeſtellt, um ſeinen neuen Befehlshaber im Reifrock zu erwarten. Die Offiziere witzelten unter ſich halblaut, die alten grauen —— 9 Soldaten machten finſtere Geſichter, die Rekruten lach⸗ ten und ſtießen ſich mit den Ellenbogen. Endlich kündigte ein Vorreiter in rother Livree auf weißem Pferde die Erwartete an, welche gleich darnach in vergoldeter Staatskaroſſe, von vier präch⸗ tigen Schimmeln gezogen, vorfuhr, und ehe der Oberſt⸗ lieutenant ihr den Schlag öffnen konnte, kühn und elaſtiſch herausſprang. Sie trug über einem grauen Seidenkleide die Uniform des Regimentes in Form einer eng anſchließenden grünen Sammtjacke mit rothem Aufſchlag und goldener Borte, auf dem hohen ſchneeweißen Toupee einen kleinen dreieckigen Hut mit wallender weißer Feder und friſchem Eichenlaub, an der Seite den Degen, in der Hand den langen Rohr⸗ ſtock mit Elfenbeinknopf, wie er damals bei Offizieren, Standesperſonen und vornehmen Damen Mode war. Sie ſchritt, während die Fahne geſenkt wurde, die Trommeln wirbelten, die Pfeifen durcheinander ſchrill⸗ ten, Muſterung haltend die Front des Regimentes ab und blieb dann in der Mitte des Viereckes ſtehen, die Arme ſtolz auf der Bruſt gekreuzt. „Soldaten“, ſprach ſie,„Ihr ſeht in mir Euren neuen Oberſten. Indem Ihre Majeſtät, unſere glor⸗ reiche Kaiſerin Katharina II., mich zu dieſem ehren⸗ vollen Poſten berief, wollte Sie weniger mich und 92 meine geringen Verdienſte als vielmehr ihr Geſchlecht ehren, das bisher eine unverdiente Zurückſetzung er⸗ fahren hat. Meine Aufgabe iſt es, Euch nun zu be⸗ weiſen, daß die Hand einer Frau Euch ſanft und gü⸗ tig leiten kann, ohne jener Feſtigkeit zu entbehren, welche irrthümlich dem Manne als ein Vorzug ſeines Geſchlechts zugeſchrieben wird. Ich werde liebevoll gegen Euch ſein, ſo lange Ihr Euere Pflicht thut, jeder⸗ zeit gerecht— aber ſtreng und unerbittlich, wo es der Dienſt Ihrer Majeſtät, die Ehre unſerer Fahne verlangt. Sie, meine Herren Offiziere, erſuche ich, in meine Abſichten einzugehen, Ihre Untergebenen als Menſchen zu behandeln und wo Strafen unvermeidlich ſind, ſolche zu wählen, welche das Ehrgefühl des Sol⸗ daten ſchonen, insbeſondere verbiete ich den Stock und will, daß wo körperliche Züchtigung unvermeidlich iſt, dieſelbe durch die Peitſche oder das Gaſſenlaufen voll⸗ zogen wird. Die Peitſche iſt poetiſch, der Stock gemein und entehrend.“ „Es lebe unſer Mütterchen Oberſt!“ riefen die Soldaten nach dieſer originellen Anrede. Zuletzt ließ ſich Frau von Mellin die Offiziere vorſtellen. Als die Reihe an Pauloff kam, heftete ſie ihre ſchwarzen blitzenden Augen geradezu drohend auf ihn. 93 „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Kapitän“, ſagte ſie,„ich höre, Sie ſind ein wenig leichtfertig, ein Nachtſchwärmer und Spieler, und dazu noch ein Feind meines Geſchlechtes, von welchem doch alle Verfeinerung der Sitten kommt. Ich wünſche nicht, daß Sie ſich nachläſſig im Dienſte oder in irgend einer Weiſe wider⸗ ſpenſtig gegen meine Befehle zeigen, es würde die ſchlimmſten Folgen für Sie haben.“— Es wurde ihm nun eine Kompagnie zugetheilt, in der ſich ſehr viele Rekruten befanden. Der leichtlebige junge Offizier mußte in Folge deſſen beinahe den gan⸗ zen Tag auf dem Exerzierplatze zubringen und fand Gelegenheit genug, ſich in dem Reglement wie in Ge⸗ duld zu üben. Sein ſchöner Oberſt erſchien auffallend oft auf dem Platze und ſah mit einem ganz beſon⸗ deren Intereſſe zu, wie Pauloff ſeine Rekruten drillte. Bis jetzt hatte ſich der ſonſt ſo leidenſchaftliche Mann keine Blöße gegeben, aber deshalb entſagte ſeine Fein⸗ din der Hoffnung nicht, ihn doch einmal zu fangen, und war er einmal nur in ihre Hand gegeben, dann Gnade Gott! Als der Kapitän wieder einmal damit beſchäftigt war, ſeine Wilden zu drillen, geſchah es, daß ein alter Korporal einen Rekruten, welcher ſich beſonders ungeſchickt zeigte, mit dem Kolben ſeines Gewehres 94 auf das Bein ſchlug. In dieſem Momente erſchien Frau von Mellin. „Herr Kapitän Pauloff!“ begann ſie kalt im Be⸗ fehlshabertone. Der Kapitän grüßte mit dem Degen und näherte ſich dann. „Wie können Sie dulden“, fuhr der weibliche Oberſt fort,„daß dieſer Mann ſo mißhandelt wird?“ „Ich habe nichts bemerkt“, erwiderte Pauloff. „Sie ſollen Alles bemerken, was auf dem Exerzier⸗ platze bei Ihren Leuten geſchieht“, ſprach Frau von Mellin trocken.—„Weshalb haſt Du dieſen Mann mit dem Kolben geſtoßen?“ wendete ſie ſich dann an den Korporal. „Zu Befehl, gnädige Frau Oberſt“, entgegnete der alte Soldat,„weil er nicht begreifen will“ „Und da meinſt Du, daß er den Kolben beſſer verſtehen wird als Dich?“ ſagte Frau von Mellin, die Brauen zuſammenziehend; zugleich trat ſie raſch vor den Rekruten hin— blieb aber vor demſelben gerade⸗ zu ſprachlos ſtehen. 6s war ein Mann von zugleich ſo blendender und vollendeter Schönheit, wie ihn Frau von Mellin noch nie geſehen hatte und wie er um ſo weniger an dem Hofe Katharina's zu finden war. Er mußte auf eine Frau, welche weder die Gemälde der großen Italiener, noch 95 die Bildwerke der Griechen kannte, einen wahrhaft unbeſchreiblichen Eindruck machen. Kaum älter als zwanzig Jahre, bartlos, duftig, weiß und voll wie ein Mädchen, erſchien der junge Grenadier trotz ſeiner Höhe von beinahe ſechs Fuß eigentlich nicht groß, ſo proportionirt war ſein Bau im Ganzen wie in den Einzelheiten. Am Ueberraſchendſten wirkten jedoch der Adel und die harmoniſche Feinheit ſeiner Geſichtszüge. Kurz, es war ein Adonis im Soldatenrock, welcher vor der Rococcv⸗Venus ſtand. Nach einer Pauſe ſagte Frau von Mellin zu dem Kapitän:„Wie nennt ſich der Mann?“ „Iwan Nahiwoff“, erwiderte der Gefragte. „Wie lange dient er?“ „Kaum vierzehn Tage.“ „Um ſo mehr Nachſicht darf er für ſich in An⸗ ſpruch nehmen“, erwiderte der weibliche Oberſt,„ich wünſche, daß Sie dieſen prächtigen Rekruten nicht den rohen Händen und Stöcken der Korporale überlaſ⸗ ſen, ſondern ſich ſelbſt mit ſeiner Ausbildung be⸗ faſſen.“ „Ich? „Ja, Sie.“ Frau von Mellin nickte dem ſchönen Grenadier, der von dem Ganzen nicht viel verſtand, gnädig zu und wendete ſich nach einer anderen Ab⸗ theilung ihres Regimentes. „Alſo ich ſoll perſönlich das Vergnügen haben, Dein Exerziermeiſter zu ſein?“ murmelte Pauloff, als ſeine Tyrannin ihm den Rücken gedreht hatte.„Wohl nur deshalb, weil Du ein Bischen länger und hübſcher biſt als die Anderen!— Meinetwegen. Aber nimm Dich zuſammen, Burſche, denn ich habe noch weniger Geduld als der alte Schnauzbart mit ſeinem Kolben. Alſo: Habt Acht! Marſch! Einundzwanzig, zweiundzwanzig!“ Der Kapitän nahm den ſchönen Grenadier tüch⸗ tig in die Arbeit. Anfangs ging Alles ganz gut, wie es aber an die Gewehrgriffe beim Laden ging, welche damals, nach preußiſchem Muſter, ſehr ſtramm und raſch eingeübt wurden, wollte es durchaus nicht klappen, und plötzlich pfiff das ſpaniſche Rohr Pauloff's, das er gleich jedem Offizier der Rococcozeit trug, über Iwan's Rücken. Zu ſeinem Unglück hatte ſich ſein ſchöner Oberſt ihm eben wieder unbemerkt genähert. „Pfui!“ rief Frau von Mellin zornig„habe ich meinen Offizieren nicht befohlen, ihre Soldaten gut zu behandeln? Iſt dies das gute Beiſpiel, das Sie Ihren Unteroffizieren geben?“ „Vergeben Sie, gnädige Frau,“ erwiderte Pauloff, deſſen Antlitz flammende Röthe bedeckte,„aber der Mann iſt ungeſchickt und faßt ſchwer auf.“ 97 „Das wollen wir doch gleich ſehen“, ſprach Frau von Mellin.„Man muß eben Geduld haben und ein wenig Philanthropie.“ Sie nahm das Gewehr aus Jwan's Händen und zeigte ihm die Griffe, einen nach dem andern, indem ſie jeden für ſich von ihm wiederholen ließ. „Gut— ſehr gut— ſehen Sie, wie das geht— Sie haben keine Geduld— Sie haben Ihre Damen im Kopfe anſtatt Ihrer Soldaten“, fielen inzwiſchen die Worthiebe auf Pauloff. „So— jetzt— Alles zuſammen“, befahl der weibliche Oberſt. Jwan machte die Tempo's. „Halt, Du haſt vergeſſen die Patrone abzubeißen“, rief Frau von Mellin. Jwan ſchulterte und begann das Laden von vorne. „Noch einmal!“ „Halt, Du mußt den Ladeſtock aufſetzen“, unter⸗ brach ſie ihn,„ſo— kräftig— kräftiger— noch ein⸗ mal!“ — Der ſchöne Grenadier ſchulterte und fing wieder mit der Wendung halblinks und dem Beifuß des Ge⸗ wehres an. „Aber Iwan“, rief Frau von Mellin ſchon ein wenig minder ſanft,„Du haſt wieder die Patrone nicht abgebiſſen.“ Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. III. 7 98 Der Adonis machte ein unbeſchreiblich dummes Geſicht; er begriff offenbar nicht, welche Bedeutung es für ſein ruſſiſches Vaterland und ſein Mütterchen, die Czarin haben könne, ob er eine Patrone, die nur in der Einbildung ſeines Korporals, ſeines Kapitäns und ſeines Oberſten exiſtirte, abbeiße oder nicht. „Alſo noch einmal—“. Wieder die unglückſelige Patrone. „Beiß ſie doch ab“, fuhr der weibliche Exerzier⸗ meiſter auf. Jetzt war es vollends aus; ſobald Jwan ſah, daß man mit ihm die Geduld verlor, ſtieg ihm das Blut zu Kopfe und er ſah und hörte nichts mehr. „Hörſt Du, die Patrone—“. Jwan ſtarrte vor ſich hin in das Leere. „So beiß doch!“ ſchrie Frau von Mellin. Der Rekrut machte ein rundes Maul wie ein Karpfen. „Hörſt Du nicht?—“ Iwan hörte in der That nichts mehr. Da klatſchte eine tüchtige Ohrfeige auf ſeine welche ihn zur Beſinnung brachte. Pauloff, der ſich bis jetzt herviſch bezwungen, brach in ein ſchallendes Gelächter aus.— „Sie lachen“, ſtammelte der weibliche Oberſt wü⸗ ——— 3 3 99 thend,„Sie wagen zu lachen?— Das iſt Inſubor⸗ dination, das iſt ein Akt der Widerſetzlichkeit gegen Ihren Vorgeſetzten—“. „Aber Madame—“. „Kein Wort mehr—“. Pauloff lachte fort. „Sie lachen noch immer?“ ſagte Frau von Mel⸗ lin, bleich vor Zorn.„Gehen Sie ſofort zum Pro⸗ foßen.“ Pauloff verneigte ſich und verließ, ſich noch im⸗ mer vor Lachen ſchüttelnd, den Exercierplatz. Der weibliche Oberſt ging hierauf, die Hände auf dem Rücken, ſchweigend vor dem ſchönen Grena⸗ dier auf und ab, dann in einiger Entfernung vor ihm ſtehen bleibend, begann er:„Biſt Du wirklich ſo ein Tölpel, Jwan Nahimoff, oder iſt es mehr Trotz und Eigenſinn bei Dir?“ Der Adonis gab keinen Laut von ſich. „Nun, antworte doch, kannſt Du Dir nicht merken, daß Du die Patrone abzubeißen haſt?“ „Nein“, ſagte der Rekrut. „Und weßhalb nicht? Weßhalb merkſt Du Dir, daß Du den Ladeſtock in den Lauf zu ſtoßen haſt?“ „Weil ich den Ladeſtock in Händen halte, die Pa⸗ trone aber nicht“, entgegnete der Grenadier,„und 7* 100 überhaupt nicht weiß, wie eine Patrone ausſieht.“ „Es iſt Logik in dem, was Du ſagſt“, meinte Frau von Mellin. Dann rief ſie den alten Korporal und befahl eine ſcharfe Patrone zu bringen. Die Patrone in der Hand machte ſie jetzt das Exercitium noch einmal durch und reichte ſie dann Jwan. „Wirſt Du es jetzt treffen?“ „Alſo— gib Acht auf das Kommando—“. Es ging vortrefflich „Sehr gut, noch einmal.“ Wider lief die Sache ohne Anſtand ab. „Ah! ich merke, Du biſt ein Sohn der Natur“, rief Frau von Mellin,„Dir taugt das Abſtrakte nicht, Du mußt ſehen, hören oder in Händen halten, was Du auffaſſen ſollſt. Kannſt Du leſen?“ Ni „Möchteſt Du es erlernen?“ fragte ſie. „O! für mein Leben gern“, antwortete der ſchöne Grenadier. „Warte nur, wir wollen gleich einen Verſuch ma⸗ chen.“ Frau von Mellin zog ein kleines Buch aus der Taſche ihres grünen Sammtüberrockes und begann, die kleine Hand auf die Schulter des Soldaten legend, ihm die Buchſtaben zu zeigen und zu erklären. —, — — —, 101 „Aber dies ſind keine ruſſiſchen Buchſtaben“, ſagte Jwan. „Woher weißt Du das?“ „Ich habe oft die großen Kirchenbücher geſehen be junſerem alten Kirchenſänger.“ „Ja, Du haſt Recht, es ſind lateiniſche Buch⸗ ſtaben.“ „Und die Worte verſtehe ich auch nicht“, ſagte der Grenadier,„es iſt nicht unſere Sprache.“ „Ganz recht“, gab Frau von Mellin zur Ant⸗ wort,„es iſt franzöſiſch, das Buch nennt ſich Candide und der Mann, der es geſchrieben, Voltaire, iſt der größte Geiſt unſerer Zeit, den die Kaiſer und Könige wie ihres Gleichen achten.“ „Ich möchte das Buch leſen“, meinte Jwan,„ich möchte überhaupt Alles leſen, Alles lernen, Alles er⸗ fahren, was war und iſt und die zukünftigen Dinge, ich möchte die alten Chroniken kennen und wiſſen, wie es in fremden Ländern iſt, in Frankreich und bei den Türken.“ „Nun, Dein Wunſch ſoll in Erfüllung gehen“, ſagte Frau von Mellin lächelnd,„Du gefällſt mir, Du gefällſt mir ſehr gut, ich werde Dich unterrichten laſ⸗ ſen, ja ich ſelbſt werde Deine Bildung übernehmen.“ „Gott ſoll es Ihnen lohnen“, rief der Grenadier, 102 indem er ſich nach der Art ruſſiſcher Bauern vor ſei⸗ nem Oberſten niederwarf und den Saum des hellen Frauengewandes küßte,„alle Heiligen ſollen Sie be⸗ ſchützen, ſchönes Mütterchen, und werde ich auch fran⸗ zöſiſch erlernen?“ „Ja— auch franzöſiſch!“ lachte Frau von Mellin. IV. Ein Jahr und darüber war ſeit dem Morgen auf dem Exercierplatze des Regimentes Tobolsk verfloſſen, und Jwan Nahimoff war Dank der von Rouſſeau'ſchen Prinzipien geleiteten Fürſorge ſeines ſchönen Mütter⸗ chen Oberſt, ſeinen Lehrern und noch mehr der er— ſtaunlichen ruſſiſchen Bildſamkeit, aus einem uuwiſſen⸗ den Bauern, einem halbwilden Leibeigenen ein Mann von Bildung und feinen Sitten geworden, freilich nicht in dem Sinne unſerer Zeit, aber er wußte von der Welt, ihren Geſchicken und Einrichtungen, von Ge⸗ ſchichte, Geographie, Naturgeſchichte und Literatur bei⸗ läufig ſo viel, wie die Hofleute Katharina's, er be⸗ wegte ſich mit dem Anſtand und der Grazie eines Cavaliers Ludwigs XV., und was die Hauptſache war, er ſprach franzöſiſch beſſer als die meiſten Ruſſen jener —— 103 Zeit und las franzöſiſch, was die wenigſten ſeiner „gebildeten“ Landsleute im Stande waren. Und vor Allem war er ein ſtrammer Soldat, nicht allein, daß er nie mehr vergaß, die Patrone ab⸗ zubeißen, er hatte es in den Ladetempo's zu einer Schnelligkeit gebracht, wie ſie nur den beſten alten Grenadieren Friedrichs des Großen eigen war, und galt als der beſte„Driller“ junger Soldaten. Längſt zierte die Auszeichnung des Sergeanten ſeinen Uni⸗ formrock, aber er ſtrebte weiter. Es war eine Zeit wo gemeine Soldaten durch ihre Tapferkeit vor dem Feinde, ihre Talente oder die Gunſt ſchöner Frauen zu den höchſten militäriſchen Würden ſtiegen, die Zeit der Orloff und Potemkin. Auch IJwan Nahimoff träumte von goldenen Epauletten und dem breiten Bande des Georgskreuzes. Jede Minute, welche ihm der Dienſt der Kaiſerin frei ließ, verwendete er uner⸗ müdlich dazu, ſich in militäriſchen Dingen zu unter⸗ richten; mit einem preußiſchen Deſerteur, einem deut⸗ ſchen Paſtorſohne, ſtudirte er die Taktik der Griechen und Römer und die Feldzüge der Preußen. Man be⸗ gann ſich in mititäriſchen Kreiſen und ſogar am Hofe für ihn zu intereſſiren. Böſe Zungen nannten ihn den Potemkin der Frau von Mellin. 104 Indeß ebenſo gewiß Amor es war, der ihn mit dem Korporalſtock in den verſchiedenen Wiſſ enſchaften drillte, ebenſo unſchuldig waren bisher die Beziehungen des ſchönen Grenadiers zu ſeinem Oberſt im Reifrock geweſen. Frau von Mellin ſelbſt war ſich über den Charakter ihres Intereſſes für ihn am wenigſten klar. Eines Abends— Jwan Nahimoff hatte eben mit ſeiner Kompagnie die Wache im Palaſte bezogen— ſaß er in einem der duftigen Hol lunderbüſche des Parkes von Zarskvje Selo gleich einem ſcheuen Vogel ver⸗ borgen und las, als unerwartet ein Frauengewand ganz in ſeiner Nähe rauſchte. Jwan hielt den Athem an, aber vergebens. „Wer iſt hier?“ fragte eine ſchöne energiſche Stimme. Jwan trat hervor und nahm Stellung. Vor ihm ſtand eine majeſtätiſche Frau, deren gebietender Blick freundlich auf ihm haften blieb.„Ein Soldat?“ ſagte ſie lächelnd,„und ein Soldat, der liest.—“ Sie nahm das Buch aus ſeiner Hand.„Fran⸗ zöſiſch ſogar— der Anti⸗Macchiavell— nun, mein Bruder Friedrich kann zufrieden ſein, er iſt bei Leb⸗ zeiten in das Volk gedrungen. Wie nennſt Du Dich?“ „Iwan Nahimoff.“ 105 Die Dame zog ein Notizbuch hervor und ſchrieb den Namen hinein; dann gab ſie dem Soldaten das Buch zurück, lächelte und ging weiter die Allee hinab. Am anderen Morgen, kurz vor der Ablöſung, rief die Wache in das Gewehr. Jwan ſtand am Flügel, die Mannſchaft präſentirte, die Fahne wurde zur Erde geſenkt, die Trommeln wirbelten, von vier Rap⸗ pen gezogen flog eine ſchöne Frau im Hermelin vor— bei. Jwan hatte ſie ſofort erkannt, es war die Dame von geſtern. „Wer war die Frau in dem Wagen?“ fragte er leiſe ſeinen Nebenmann. „Du kennſt ſie nicht?“ erwiderte dieſer,„wer kann es ſein als unſer Mütterchen, die Czarin!“ Jwan wurde purpurroth. „Warum biſt Du wieder ſo roth im Geſichte?“ rief Pauloff, indem er ſeinen Degen einſteckte,„das iſt gegen das Reglement, es iſt nicht erlaubt, daß ein Soldat im Gliede röther iſt als die anderen. Ich laſſe Dich dafür auf vierundzwanzig Stunden krumm ſchließen.“ v. Es ſchlug ſechs Uhr Abends. Die Stunde, zu der Frau von Mellin ihr großes Ziehkind, den ſchönen 106 Grenadier, bei ſich erwartete. Die junge reizende Frau ſchritt ſeit einer halben Stunde aufgeregt in ihrem Bvudvir auf und ab, nur von Zeit zu Zeit vor dem* großen Trumeauſpiegel ſtehen bleibend, um von Neuem zu ſehen, wie anmuthig ihr der offene Schlafrock von weißem Mull mit den Roſabändern ließ. Noch eine halbe Stunde verſtrich, Jwan kam nicht. Die Unge⸗ duld der ſchönen Amazone, welche zu befehlen, Alles ihrem Winke folgen zu ſehen gewohnt war, wuchs von Minute zu Minute. Sie begann Klavier zu ſpielen. Es ſchlug ſieben Uhr. Der Oberſt⸗Kommandant ſprang zornig auf und„ ſchickte in die Kaſerne. „Wo bleibt er?“ rief ſie dem zurückkehrenden Diener entgegen. „IJwan Nahimoff iſt im Arreſt.“ „Im Arreſt— wer hat gewagt?“ „Der Herr Kapitän Pauloff hat ihn krummſchließen laſſen.“ „Krummſchließen!“ ſeufzte der weibliche Oberſt. „Nun wohl— wir werden ſehen!——“— Als Iwan an dem nächſten Tage pünktlich zur feſtgeſetzten Stunde erſchien, fragte Frau von Mellin haſtig:„Was haſt Du begangen, weshalb hat Dich Dein Kapitän krummſchließen laſſen?“ 107 „Weil ich roth geworden bin.“ „Weil Du— ah! es nicht zu glauben, der ab⸗ ſcheuliche Thrann!“ rief die ſchöne Amazone. „Und bei welcher Gelegenheit biſt Du roth ge⸗ worden?“ forſchte ſie weiter. „Als Ihre Majeſtät die Czarin vorbeifuhr“, be⸗ richtete Jwan in aller Unſchuld. „So— dann haſt Du es verdient“, ſtotterte Frau von Mellin; ihre Lippen zuckten unheimlich, ihre dunklen Augen loderten.„Was haſt Du roth zu wer⸗ den, wenn Du die Czarin ſiehſt, gefällt ſie Dir ſo ſehr, biſt wohl verliebt, was? Weißt Du nicht, daß das ein Verbrechen iſt, wenn Du in Deine Kaiſerin verliebt biſt, ja wenn Du überhaupt verliebt biſt?— Du ſollſt nur an Deine Flinte denken und an Deine Bücher. O! es gibt indeß noch Mittel. Dich zu kuriren, ſiehſt Du hier!“ Die eiferſüchtige Frau hatte ihren Rohr⸗ ſtock ergriffen und hielt ihn ihrem erſchreckten Günſt⸗ ling unter die Naſe. „Verſtehſt Du mich?“ „Ja, ich verſtehe“, ſagte Jwan, aber er hatte von der ganzen Sache nichts weiter verſtanden, als daß Iwan der Schreckliche und ſein Leibwächter, wie ſie im Volksliede verkörpert ſind, wahre Engel gegen ſei⸗ nen Kapitän und ſeinen Oberſten waren. „So“, ſagte Frau von Mellin,„jetzt wollen wir in Ovid's Kunſt zu lieben weiter leſen.“ Sie ſetzte ſich auf das kleine Sopha und Iwan auf ein Tabou⸗ ret zu ihren Füßen. Sie reichte ihm den franzöſiſchen Ovid. Er ſchlug das Buch auf, wo das rothſeidene Merkzeichen darin lag und las— aber ſeine Stimme zitterte. VI Das war ein böſer Tag für das Regiment. Der ſchöne Oberſt erſchien in der böſeſten Laune beim Morgenrapport, in jener Laune, in der die gefürchtete Soldatendeſpotin ſtets„gerecht“, aber mit unerbitt⸗ licher Strenge und ohne das geringſte Erbarmen ſo lange Knute und Spießruthen ſpielen ließ, bis die Falten von ihrer Stirne verſchwunden waren. Auch heute mußte ſie Strafen diktiren, Seufzer hören, Blut ſehen und das Alles nur weil ſie Jwan geſtern Abend trotz ſeiner Verſicherungen nicht verſtanden hatte. Ihre düſtere Toilette, ein Oberkleid von ſchwarzem Sammet mit dunklem Zobelpelz beſetzt, das über dem Unterkleide von gleichem Stoff und gleichen Farben eng in die Taille ſchloß und dann weit nach rückwärts auseinanderfloß, paßte vortrefflich zu ihrer neroniſchen 109 Stimmung. Sie hätte am liebſten gleich die Kaſerne angezündet und ihr ganzes Regiment verbrannt. Vor ihr ſtanden Officiere und Unterofficiere und erſtatteten ihre Berichte. „Der Soldat Peter Repkin wurde auf friſcher That bei einem Einbruch in das Gewölbe des Kaufmanns Nowoſilkoff ergriffen“, meldete ein Ka pitän. „Iſt dies ſein erſter Fehltritt?“ fragte Frau von Mellin. „Allerdings, er hat ſich bisher ganz gut aufge⸗ führt—“. „Er ſoll alſo nur gepeitſcht werden—“. „Wie viel Hiebe?“ „Fünfzig.“ „Dimitri Paſchkan hat ſeinen Kameraden beſtoh⸗ len—“, ſagte ein anderer Kommandant. „Paſchkan? War der nicht ſchon abgeſtraft?“ fragte der militäriſche Nero, die Brauen zuſammen⸗ ziehend. „Allerdings, wiederholt abgeſtraft.“ „So, da muß man den Burſchen diesmal ſchär⸗ ſer faſſen“, entſchied Frau von Mellin böſe lächelnd, „er ſoll mir vorerſt durch eine Woche in den Bock ge⸗ ſpannt werden und zwar in einem finſtern Kerker bei 110 Waſſer und Brod und dann ſoll er Spießruthen lau⸗ fen, zehn Mal durch zweihundert Mann.“ „Das wird der Mann kaum aushalten“, ſagte der Kommandant,„er iſt noch jung und ſchwächlich.“ „Nun, ſoll er meinetwegen in der Gaſſe ſterben!“ rief die ſchöne Frau,„an ſo einem Menſchen verliert die Geſellſchaft nichts.“ „Der Sergeant Iſidor Tſcholowik hat ſich bei einem Raufhandel in der Schenke ſeinem Lieutenant widerſetzt und die Hand gegen ihn erhoben—“ „Solche Fälle müſſen beſonders ſtrenge geſtraft werden“, ſagte Frau von Mellin,„ſonſt löſen ſich alle Bande der Disciplin. Der Mann iſt zu degradiren und zwanzig Mal durch zweihundert Mann zu jagen. Hält er es aus, ſo iſt er nach Sibirien abzuführen.“ Nach einem köſtlichen Diner ſich halb träge, halb mißmuthig auf dem Balkon ihres kleinen Palaſtes die Zähne ſtochernd, ſah Frau von Mellin den Exekutio⸗ nen zu, welche auf ihren Befehl auf dem großen Platze vor der Kaſerne vollzogen wurden. Sie ſah kaltblütig die von ihr Verurtheilten an den Pfahl bin⸗ den, unter der Peitſche des Profoßen bluten oder in der Gaſſe vor den Bajvnetten, welche dieſelbe ſperrten, zuſammenbrechen, und warum nicht?— Sie that kein Unrecht, ſie quälte Niemand, ſie fand nur Vergnügen 14¹ an der Gerechtigkeit, welche ſie nach Recht und Gewiſſen übte. Plötzlich trieb es ſie, in die Kaſerne zu gehen. Sie konnte ſich keine Rechenſchaft von dem geben, was ſie dahin zog, aber ſie mußte hin. Sie ſetzte eine kleine runde Mütze von Zobelpelz auf ihr weiß gepudertes Haar und ſchritt, ihr ſpaniſches Rohr in der Hand, raſch über den Platz hinüber. Welch' ein Schauſpiel bot ſich ihr im Kaſernenhofe! Vor der Front ſeiner Kompagnie ſtand Pauloff auf den Degen geſtützt, während zwei Korporale ihren Günſtling Jwan, welcher die Hände ge⸗ bunden hatte und in höchſter Verzweiflung Verwünſch⸗ ungen ausſtieß und weinte, auf die bereit ſtehende Prügelbank zu ſchnallen ſuchten. Schon ſchien der Widerſtand des ſchönen Grenadiers fruchtlos und die Kameraden freuten ſich, ihn, der längſt ihren Neid er⸗ regt, unter dem Korporalſtock ſtöhnen zu hören, da brachte Frau von Mellin Hilfe zu rechter Zeit. „Was geſchieht hier?“ rief ſie von Weitem ſchon. Sofort hielten die Korporale ein. „Ich ſtrafe einen Soldaten“, ſagte Kapitän Pau⸗ loff kalt, während in ihm alles kochte, denn auch er hielt Jwan für ſeinen glücklicheren Nebenbuhler. „Wofür?“ fragte der weibliche Oberſt,„und mit welchem Rechte?“ 112 „Mit dem Rechte, welches mir als Kompagnie⸗ chef zuſteht, meine Leute für Dienſtvergehen zu ſtrafen“, erwiderte Pauloff noch immer gelaſſen. „Was hat der Mann begangen?“ warf Frau von Mellin ein,„gewiß wieder eine Bagatelle, iſt er dies⸗ mal vielleicht bleich geworden, als er im Gliede ſtand?“ „Er iſt geſtern Abend eine volle Viertelſtunde nach dem Zapfenſtreiche zu Hauſe gekommen“, ſagte der Ka⸗ pitän. „Wahrhaftig, eine volle Viertelſtunde?“ höhnte der weibliche Oberſt,„und dafür eine ſo unmenſchliche, entehrende Strafe?“ „Ob der Zapfenſtreich um eine Minute oder um eine volle Stunde überſchritten wird“, entgegnete Pau⸗ loff,„iſt gleichgiltig— übrigens handelt es ſich hier noch um etwas ganz Anderes. Dieſer Mann verſchmäht es, ſich zu rechtfertigen, ja er verweigert trotzig jede Antwort darüber, wo er den geſtrigen Abend zuge⸗ bracht und auf welche Weiſe er abgehalten wurde—“. „Wenn es nichts weiter iſt“, ſagte Frau von Mellin„darüber kann ich Aufklärung geben. Ich weiß, wo IJwan Nahimoff geſtern Abend war. Dies wird Ihnen wohl genügen, Herr Kapitän.“ „Nein, dies genügt mir nicht“, rief Pauloff, dem 113 die Zornesadern auf der Stirne ſchwollen,„ich muß wiſſen, wo der Mann war.“ „Müſſen Sie das wirklich wiſſen?“ ſpottete Frau von Mellin,„nun gut, IJwan Nahimoff war geſtern Abend bei mir—“. Pauloff entfärbte ſich, in der Kompagnie entſtand ine unbeſchreibliche Bewegung. „Wenn der Mann trotzdem eine Strafe verdient“, ſagte Frau von Mellin mit einer Würde, welche Pan⸗ loff förmlich zu Boden ſchmetterte,„ſo ſtrafen Sie ihn menſchlich... vergeſſen Sie nie, daß es einer Ihrer Brüder iſt, der gefehlt hat—“. „O! wir kennen dieſe lächerlichen Sentenzen, dieſe modernen Ideen franzöſiſcher Vhiloſophen“, erwiderte Pauloff, welcher die Herrſchaft über ſich vollkommen verlor,„es ſtünde Ihnen beſſer an nicht zu vergeſſen, was Sie mir, dem Edelmanne und Officiere, ſchuldig ſind, als mich— und ſich ſelbſt— eines gemeinen Soldaten wegen dem Gelächter Preis zu geben.“ „Glauben Sie?“ ſagte Frau von Mellin, deren Augen Blitze ſchoſſen, welche aber immer ruhig, ja ſpöttiſch blieb.„Ich finde dagegen nichts lächerlicher als Pretenſionen, welche ſich auf Vorzüge ſtützen wie Adelsbrief und Officierspatent, die man jeden Augen⸗ blick zerreißen kann. Was bleibt dann übrig, wenn das Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. III. 8 114 Einzige nicht vorhanden iſt, was heutzutage noch ge⸗ achtet wird, der echte Menſchenwerth?“ „Noch bin ich Officier!“ rief Pauloff. „Sie ſind es nicht mehr“, gab der Oberſt im Reif⸗ rock keck und ſchneidend zur Antwort und riß zugleich Pauloff die Epauletten herab. „Sie wagen...7“ ſtammelte dieſer, nach dem De⸗ gen greifend. „Ich bin hier an der Czarin Stelle, wer mir un⸗ gehorſam iſt, verletzt ſeine Pflichten gegen die Monar⸗ chie“, fuhr Frau von Mellin fort, während ihr Sammt⸗ kleid drohend kniſterte;„ich habe ſtrengſtens verboten, meine Soldaten mit dem Stocke zu ſtrafen. Sie ha⸗ ben mein Verbot verhöhnt, Ihre Pflicht als Officier mit Füßen getreten. Sie ſind ein Rebell, Sie verdie⸗ nen exemplariſch geſtraft zu werden. Ich degradire Sie hiermit zum gemeinen Soldaten und Sie, Jwan Nahimoff, ernenne ich zum Kapitän und Kompag⸗ niechef.“ Pauloff war nahe daran umzuſinken. Er brachte keinen Ton hervor, Thränen füllten ſeine Augen, wäh⸗ rend Jwan, deſſen Bande raſch gelöſt wurden, vor der ſchönen Amazone dankend ſeine Kniee beugte. „Darf ich Sie an einem Tage, wo Sie mich ſo mit Gnaden überſchütten“, ſagte der neue Kapitän, 1¹5 „noch um eine beſondere Gunſt bitten, gnädige Frau?“ „Nun?“ „Geben Sie mir den Gemeinen Pauloff in meine Kompagnie“, bat Iwan mit feindſelig lauerndem Blicke. Ein diaboliſches Lächeln überflog das ſchöne er⸗ barmungsloſe Antlitz der beleidigten Frau.„Es ſei, aber unter einer Bedingung—“. „Sie haben zu befehlen“, ſagte Nahimoff. „Ich befehle alſo den Gemeinen Pauloff zu Ih⸗ rem perſönlichen Dienſt, Herr Kapitän“, ſagte Frau von Mellin,„und was die lächerlichen philanthropiſchen Sentenzen der franzöſiſchen Philoſophen betrifft, ſo ſuchen Sie dieſelben bei dieſer Gelegenheit zu vergeſ⸗ ſen, lieber Nahimoff, und kaufen Sie ſich bei Zeiten eine Peitſche, denn Hunde und Diener muß man peitſchen!“ X Wenige Tage nach der Kataſtrophe, welche Pau⸗ loff aus ſeiner eingebildeten Höhe zu den Füßen ſei⸗ ner Feinde herabſtürzte und ihn rettungslos der Will⸗ kür und dem Uebermuthe derſelben preisgab, wurde 8* 1416 das Regiment Tobolsk in das Lager beordert, wel⸗ ches zur Uebung der Truppen nach preußiſchem Mu⸗ ſter nur eine Stunde von Zarskoje Selo entfernt auf beſonderen Befehl Katharina's, der Verehrerin Fried⸗ richs des Großen, errichtet worden war. Der neue Kapitän Jwan Nahimoff war hier der Gegenſtand der lebhafteſten Aufmerkſamkeit von Seiten der Officiere wie der Damen des Hofes, welche ihn, wie es damals Sitte war, theils ungenirt vor aller Welt, theils ungenannt mit den koſtbarſten Dingen be⸗ ſchenkten. Er ſaß eben mit einigen Kameraden in ſei⸗ nem Zelt beim Kartenſpiel, als ein Lakai in der Livree wie ſie von der Palaſt⸗Dienerſchaft der Czarin getragen wurde, eintrat, ſich verneigte, dem Liebling Fortuna's ein großes Packet übergab und ſofort wieder verſchwand. „Ein neues Präſent, Du Glückpilz! Was mag das ſein!“ riefen die jungen Officiere durcheinander. Nahimoff öffnete vorſichtig die Umhüllung, ſie ent⸗ hielt einen jener koſtbaren Pelze, mit denen Katha⸗ rina I. die franzöſiſchen Philoſophen zu beſchenken pflegte, wenn ſie nach Petersburg ſie zu beſuchen kamen. Ein allgemeiner Ruf der Ueberraſchung folgte der Enthüllung. Nahimoff hob das wahrhaft kaiſerliche Geſchenk empor und hielt es auseinander; es war ein großer 117 weiter Pelz von grünem Sammt mit dunklen Zobel⸗ fellen gefüttert und verſchwenderiſch ausgeſchlagen. „Ein Pelz für einen Großfürſten!“ ſchrie einer der Kameraden. „Ja für den Czaren ſelbſt“, betheuerte ein An⸗ derer. „Aber was mache ich damit?“ ſeufzte Nahimoff, der bereits eitel wie ein kokettes Weib war.„Ich kann ihn doch nicht zu meiner Uniform tragen!“ „Was fällt Dir ein“, unterbrachen ihn Mehrere zugleich,„es iſt ja ein Schlafpelz! „Komm, probire ihn“, ſagte ein junger Lieutenant und wollte Jwan hineinhelfen. „Nein, nein“, erwiderte dieſer,„wozu hätte ich denn meinen Diener?„He! Pauloff!“ Der ehemalige Kapitän trat raſch und gehorſam, aber durchaus nicht demüthig herein. Er trug jetzt den gewöhnlichen Soldatenrock, war aber noch immer mit Sorgfalt friſirt. „Hilf mir in den Pelz da!“ befahl Nahimoff. Pauloff gehorchte ſchweigend. „Prachtvoll!“ riefen die Officiere. Nahimoff ſah in der That wunderbar ſchön in dem Schlafpelz aus, beinahe wie ein verkleidetes Weib, eine der kühnen Amazonen Katharina's. 118 „Aber dazu gehören unſtreitig türkiſche Pantalons und Hausſtiefeln“, entſchied ein junger Graf, der in Paris geweſen war. „Glaubſt Du?“ ſagte Nahimoff,„nun, das läßt ſich ja machen.“ Er ſetzte ſich auf ſein Bett und ſtreckte Pauloff den einen Fuß hin.„Verſtehſt Du nicht?“ ſchrie er auf, als der ehemalige Kapitän ſich einen Augenblick beſann.„Ausziehen! Du biſt jetzt ein gemeiner Soldat, mein Diener, alſo ſo gut wie mein Sclave, gehorche oder—“. Pauloff gehorchte. Als die Toilette beendet war, trat Nahimoff vor den Spiegel und betrachtete ſich in demſelben wohlgefällig von allen Seiten. „Nun, Deine Schöne iſt aber wirklich ſplendid“, ſprach der junge Graf. „Wie? Wer?“ fragte Jwan erſtaunt. „Ich denke, unſer ſchöner Oberſt, Frau von Mel⸗ lin!“ Pauloff erbleichte bis in die Lippen. „Frau von Mellin!“ ſtaunte Nahimoff,„meinſt Du, daß ſie—“. Die Kameraden brachen in ein lautes Lachen aus. Zufällig hatte Nahimoff indeß die Hände in die Taſchen ſeines Schlafpelzes geſteckt.„Was iſt das?“ murmelte er, ein kleines Etui hervorziehend. — 9 „Noch etwas? Laß ſehen“, baten die Kameraden. Nahimoff öffnete und blieb mit allen Anderen ſprachlos, denn das Etui enthielt das Bild der Czarin in Brillanten gefaßt und ein Billet von ihrer Hand. „Dem ausgezeichneten Kapitän Iwan Nahimoff von ſeiner wohlaffektionirten Kaiſerin Katharina II.“ Nahimoff war bis an die Ohren roth geworden, aber nicht wie die Kameraden glaubten, über die un⸗ verhoffte vielverheißende Gunſt der Kaiſerin, ſondern über die Idee des Grafen, das Geſchenk müſſe von Frau von Mellin ſein. „Alſo es iſt eine ausgemachte Thatſache“, ſagte er zu ſich ſelbſt,„daß Dich dieſes ſchöne Weib liebt, und daß Du ſie wieder liebſt. Alle wiſſen es, nur Du und ſie, ihr ſelbſt habt keine Ahnung davon. Aber die Kamaraden haben Recht,— es ſoll anders werden!“ Und als wollte ſie Antwort bringen auf ſeinen halb erbitterten halb luſtigen Monolog, erſchien zu rechter Zeit Frau von Mellin, von zwei anderen Ama⸗ zonen, der Fürſtin Lubina Mentſchikoff und Hedwig Samarow, begleitet, auf der Schwelle ſeines Zeltes. „O! gnädige Frau!“ ſtammelte Nahimoff in un⸗ beſchreiblicher Verwirrung,„ich bin, wie Sie ſehen, 120 gar nicht in der Verfaſſung, Damen— dieſe Toi⸗ lette—“. „Eine Toilette, die ebenſo koſtbar, als geſchmack⸗ voll und reizend iſt“, ſagte Frau von Mellin, den Ado⸗ nis durch ire Lorgnette betrachtend. Pauloff ſtand ſeitwärts mehr todt als lebendig. „Gewiß ein Geſchenk“, begann Frau von Mellin, vor Eiferſucht fiebernd. „Ja, ein Geſchenk“, erwiderte Nahimoff furchtſam wie ein Schulknabe. „Von einer Dame?“ „Ja— von— einer Dame.“ „Wer iſt dieſe Dame?“ „Es iſt— es“— Nahimoff wiſchte ſich den Armenſünderſchweiß von der Stirne—„es iſt die Kaiſerin.“ „Die Kaiſerin!“ wiederholte Frau von Mellin ſcheinbar gleichgültig.„Das habe ich mir gleich ge⸗ dacht, ſie hat Geſchmack, den beſten feinſten Ge⸗ ſchmack.“ „Aber wollen die Damen nicht Platz nehmen?“ bat Nahimoff, dem das Blut zu Kopfe ſtieg.„He! Stühle, Pauloff“ Frau von Mellin, welche ihren ehemaligen An⸗ beter jetzt erſt bemerkte, ließ ihre dunklen Augen lange —, 12¹ und ſeltſam auf demſelben haften, dann ließ ſie ſich mit der Fürſtin Mentſchikoff auf eine Ottomane weber welche vor dem Zelte ſtand. „Wir wollen im Freien ſitzen“, ſagte ſie. „Alſo Tiſch und vor das Zelt!“ gebot Nahimoff. Der ehemalige Kapitän gehorchte mit dem Eifer eines Sclaven, der die Peitſche fürchtet. Nachdem Alle Platz genommen hatten, befahl Nahimoff etwas kalte Küche und Wein. Augenblicklich war Alles zur Stelle. „Wie ſind Sie mit Ihrem Diener zufrieden?“ fragte Frau von Mellin nachläſſig, während Pauloff die Gläſer füllte. „Vortrefflich“, ſagte Nahimoff,„er iſt gehorſam wie ein Hund und ſchnell wie der Blitz. Wäre er übrigens anders, ſo bin ich der Mann, ihn mir zu dreſſiren. Noch eine Flaſche!“ Pauloff eilte ſie zu bringen. „O! wie ſchön Sie heute ſind!“ begann Nahimoff, ſeinen Feldſeſſel näher zu Frau von Mellin rückend. „Ich?— und warum gerade heute?“ lächelte Frau von Mellin,„Sie haben noch nie bemerkt, daß ich ſchön bin, Herr Kapitän.“ „Ich— in der That“, ſtammelte Jwan—„wie 122 hätte ich auch wagen ſollen, aber ich habe immer da⸗ rauf geſchworen, daß Sie die ſchönſte Frau an unſerem Hofe ſind—“. „Ich bitte— nach der Kaiſerin“, fiel Frau von Mellin boshaft ein. „Nein, vor der Kaiſerin—“. „Wie galant auf einmal—“. „Ich bin nicht galant, ich bin verliebt“, flüſterte Nahimoff. Frau von Mellin zuckte die Achſeln. „Ich weiß, daß Sie eine Männerfeindin ſind“, fuhr der Adonis fort,„daß ich ohne Hoffnung liebe.“ Eben war Pauloff zurückgekehrt und hörte, wäh⸗ rend er die Flaſche auskorkte, die letzten Worte. „Warum ohne Hoffnung?“ erwiderte Frau von Mellin, kokett mit dem Fächer ſpielend. „O! Sie machen mich zum Glücklichſten der Sterblichen!“ jubelte Nahimoff,„fülle die Gläſer— Pauloff!“ Der ehemalige Kapitän zitterte am ganzen Leibe vor Wuth und Eiferſucht und ſo geſchah es, daß er den rothen Wein ſtatt in das Glas der ſchönen Frau, die er jetzt raſender als je liebte, über ihre weiße, mit Bouquets in farbiger Seide geſtickte Robe goß. „Wie ungeſchickt!“ rief Frau von Mellin. Nahimoff ſprang auf, riß die Peitſche, welche am Eingange ſeines Zeltes am Nagel hing, herab und wollte Pauloff ſchlagen, dieſer zog aber blitzſchnell ein Meſſer aus ſeinem Gürtel und ſtieß damit gegen die Bruſt des Uebermüthigen. Nahimoff wich dem Stoße geſchickt aus, ſtürzte ſich mit überlegener Kraft auf den vor Erregung Be⸗ benden, entwand ihm die Waffe, warf ihn zu Boden und ſetzte ihm den Fuß auf die Bruſt. Dies Alles war das Werk eines Augenblickes. Die Damen, welche entſetzt aufgeſprungen waren, be⸗ gannen zu lachen, als ſie den unglücklichen Pauloff ſich in ohnmächtiger Wuth wie einen Wurm unter dem Fuße Nahimoff's krümmen ſahen. Soldaten liefen herbei und banden Pauloff an Händen und Füßen. Während ſie ihn wegführten, ſah er noch, wie Frau von Mellin ihr Glas gegen Nahimoff erhob und auf ſein Wohl trank. Dann ſah er nichts mehr.. Es wurde Nacht vor ſeinen Augen. VII. Pauloff hatte die Hand gegen ſeinen Vorgeſetzten erhoben mit der offenkundigen Abſicht, denſelben zu tödten. Das Kriegsgericht verurtheilte ihn zum Tode. 124 Frau von Nelin erwartete, daß er ſie um Gnade bitten werde. Drei Tage verſtrichen. Pauloff bat nicht. Es kam der Morgen, an welchem die Hinrich⸗ tung ſtattfinden ſollte. Ein Officier ſuchte, als der Tag graute, den Verurtheilten auf und forderte ihn auf, um Pardon zu bitten. Pauloff ſchüttelte den Kopf. „Frau von Mellin ſelbſt erwartet es“, ſagte der Officier,„ja, 6 darf beinahe ſagen, ſie hat mich hier⸗ her geſchickt— „Ol ich dieſe Frau“, erwiderte Pauloff mit einem ſchmerzlichen Lächeln,„ſie will nur ſehen, daß ich mich vor ihr demüthige, daß ich, wo möglich, auf den Knieen um mein Leben bettle, um dann um ſo ge⸗ wiſſer keinen Pardon zu geben.“ „Sie irren ſich—“. „Ich irre mich nicht, ich danke Ihnen, aber ich irre mich nicht und ich werde nie und niemals um Gnade bitten“, ſchloß der Verurtheilte. Als die ſchöne Amazone von ſeinem Entſchluſſe Meldung erhielt, ſtampfte ſie zornig mit dem Fuße und befahl dann, auf der Stelle zur Epekution zu ſchreiten. Es war ein Frühlingsmorgen voll Licht, Duft und 125 Friſche, als Pauloff in der Mitte eines Detachements Grenadiere den Weg zum Tode ging. Auf den blühen⸗ den Zweigen der Kirſchbäume zwitſcherten Sperlinge und Finken, vom nahen Dorfe klangen freundlich hell die Kirchenglocken herüber. Auf der Richtſtätte erwartete Frau von Mellin, ganz in grünen, zobelbeſetzten Sammt gekleidet, den Rohrſtock in der Hand, vor der Front ihres Regimentes den Verurtheilten. Bei dem Anblicke des ſchönen, geliebten, grau⸗ ſamen Weibes durchſchauerte es Pauloff— aber er verlor keinen Augenblick ſeine Faſſung. Noch einmal trat der Officier, welcher das Exe⸗ cutionskommando führte, an ihn heran und forderte ihn leiſe auf, eine Gnade zu erbitten. „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen“, ſagte Pauloff,„und bitte Sie, nach meinem Tode Frau von Mellin und IJwan Nahimoff zu ſagen, daß ich ihnen vergeben habe, aber ich bitte nicht um Gnade.“ Zu⸗ gleich warf er Rock und Mütze ab und trat feſten ruhi⸗ gen Schrittes vor den Sandhaufen. Der Profoß verband ihm die Augen. Das Exekutionskommando marſchirte auf. Sechs Mann traten vor, ſechs Flintenläufe zielten auf Pauloff's Bruſt. 126 „Feuer!“ Die Decharge knallte, exakt wie auf dem Exercier⸗ platze; aber Pauloff ſtand noch immer aufrecht. Und ehe er noch verſtehen konnte, was geſchehen war, fiel die Binde von ſeinen Augen und das ſchöne, grauſame, angebetete Weib lag unter Thränen lachend an ſeiner Bruſt. So ſeltſam iſt das weibliche Herz! So lange ſie in IJwan Nahimoff den armen Leibeigenen, den ge⸗ meinen Soldaten, den Halbwilden ſah, während ihr Pauloff als Ihresgleichen ſtolz und übermüthig gegen⸗ über ſtand, haßte ſie den Letzteren und glaubte den Erſteren zu lieben. Wie ſie aber einmal Nahimoff zu ſich erhoben hatte, wie er durch ſeine Gaben ſogar zu glänzen begann, war er ihr nicht mehr intereſſant und die Wagſchale des unglücklichen, auf das Tiefſte ge⸗ demüthigten Pauloff tieg. Gerade in dem Augenblicke, wo ſie ihn unter dem Fuße Nahimoff's ſah, erwachte die Liebe zu ihm in ihrer Bruſt mit verdoppelter Gewalt und ſie war von da an entſchloſſen, ihm nicht allein das Leben, ſondern* auch ihr Herz und ihre Hand dazu zu ſchenken. Aber ſie konnte es ſich nicht verſagen, ſeine Feſtigkeit, ſeinen Muth auf eine Probe zu ſtellen, welche er, ſo ſchwer ſie auch war, glänzend beſtanden hatte. tu.lx&cxcæcu 127 „Sie lieben mich?“ waren die erſten Worte, welche Pauloff ſtammelte,„und Sie haben mich ſo ſehr ge⸗ haßt?“ „Ich habe Sie nie gehaßt“, flüſterte Frau von Mellin. „Weshalb haben Sie mich dann ſo entſetzlich ge⸗ quält?“ ſagte Pauloff. „Nicht ich— Amor war es—“. „Amor?“ „Ja— aber Amor mit dem Korporalſtock.“ Eine Frau auf Vorpoſten. 9 Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. III. Auf allen Heerſtraßen Rußlands marſchirten Re⸗ gimenter, zogen Geſchütze und Munitionscollonnen nach dem Süden.„Es giebt Krieg mit den Türken“, ſagten die Soldaten,„unſer Mütterchen, die Czarin, will Frie⸗ den haben, aber Potemkin will den Krieg und ſo giebt es Krieg.“ Die armen Soldaten, welche ſcheinbar kampf⸗ luſtig, ihre Lieder ſingend, in das Lager von Cherſon einrückten, dabei aber mit ſchwerem Herzen an die hei⸗ mathliche Stube mit den rauchigen Heiligenbildern oder an ihr blauaugiges Liebchen zurückdachten, trafen in ihrer Naivität das Richtige. Katharina II. hatte alle Luſt, auf den blutigen Lorbeeren, die ſie geerntet, aus⸗ zuruhen, und bot Alles auf, den drohenden Zuſam⸗ menſtoß mit der Pforte hinauszuſchieben, aber Potem⸗ kin, der Taurier, drängte zum Krieg, und forderte durch ſeinen Hochmuth den Sultan in beiſpielloſer Weiſe heraus. 92 132 Schon wimmelte es um Cherſon von Regimen⸗ tern der regulären Linie und Cavallerie, von Koſaken und den neu ausgehobenen Tartaren und man ſprach in dem Kreiſe, der Potemkin umgab und den man in Petersburg im Hinblick auf die ſchönen Amazonen, welche in demſelben den Ton angaben, das Serail Potemkin's nannte, von dem Feldzuge als einer aus⸗ gemachten Thatſache und ſchien ſich nur noch durch einige rauſchende Feſte für die bevorſtehenden Gefahren und Entbehrungen entſchädigen zu wollen, als unerwartet der Staatsſecretär Fürſt Besborodko im Lager er⸗ ſchien. Potemkin ſtampfte zornig mit dem Fuße, als man ihm die Ankunft deſſelben meldete, denn er war keinen Augenblick darüber im Zweifel, daß die Miſſion des Fürſten Stillſtand in ſeinen Unternehmungen zu bedeu⸗ ten hatte und ein Werk ſeiner Gegner am Hofe ſei, vorzüglich der Woronzow, mit denen Besborodko eng liirt war, aber der übermüthige Taurier wußte eben ſo gut, daß der Fürſt ein Liebling der Kaiſerin ſei und daß es in dieſem Falle zuvorkommend, und fein zu ſein galt, er empfing daher den Staatsſecretär mit vſtenſibler Liebenswürdigkeit. „Mein lieber Besborodko“, rief er, ihn bei den Händen faſſend,„was führt Sie zu uns, Sie, die 133 Friedenstaube, hier, wo die Kanonen das große Wort haben.“ „Leider, leider, Excellenz,“ erwiderte Besborodko, „ſehe ich mich hier, wo die Kaiſerin vor Kurzem noch durch Werke des Friedens bezaubert wurde, in ein Heerlager verſetzt, ohne daß ich ahnen könnte, welche Ab⸗ ſichten Sie mit Märſchen und Rüſtungen verbinden.“ „Sollten Sb, der gewiegte, gefeierte Diplomat, wirklich nicht errathen, daß das, was Sie hier zu ſehen bekommen, das Vorſpiel eines Krieges iſt?“ ſprach Potemkin mit einem ſpöttiſchen Lächeln. „Ich denke wir leben mit allen Mächten Europa's im beſten Frieden“, entgegnete Besborodkv. „Allerdings“, rief Potemkin,„meine Vorbereitungen gelten auch nur einer Macht, die nach Aſien gehört und die wir hoffentlich in kurzem dorthin gejagt haben werden.“ „Ihr alter Lieblingsgedanke“, gab der Staatsſec⸗ retär zur Antwort.„Die Türken aus Europa vertrei⸗ ben, welches Ruſſenherz müßte ſich nicht dafür begei⸗ ſtern, aber wir können nicht immer ſo handeln, wie wir wollen, es giebt Staaten erſten Ranges, welche ein Intereſſe haben, die Türkei zu erhalten. Was Sie hier begonnen haben, Excellenz, iſt ein gefährliches Spiel, ich komme Sie abzumahnen, es könnte unabſehbare Folgen haben für uns und auch für Sie.“ „ 134 „Sprechen Sie im Namen der Kaiſerin?“ „Allerdings“, fuhr Besborodko fort,„Ihre Maje⸗ ſtät hat Ihnen die Truppen geſendet, welche Sie ge⸗ wünſcht haben. Ein kaiſerliches Handſchreiben, welches ich überbringe, giebt Ihnen den Oberbefehl über die Armee und unumſchränkte Gewalt in jeder Richtung für den Fall des Krieges.“ Potemkin griff haſtig mit unverhohlener Freude nach dem Handſchreiben, das ihm der Staatsſecretär übergab. „Ich wiederhole ausdrücklich,“ ſagie dieſer,„für den Fall des Krieges, aber es wird zu keinem Kriege kommen.“ „Laſſen Sie mich nur ſorgen“, fiel Potemkin ein. „Wir haben im Gegentheil dafür geſorgt, daß der Friede erhalten bleibt,“ ſagte Besborodko.„Die Kai⸗ ſerin hofft auf dieſem Wege mehr zu erreichen, als urch ſiegreiche Schlachten. Das franzöſiſche Miniſte⸗ rium hat an ſeinen Botſchafter Choiſeul in Conſtan⸗ tinopel einen Courier abgeſendet mit der Miſſion, den Divan zu beſänftigen.“ „Den Divan zu beſänftigen“, brach Potemkin los,„als wenn wir Urſache hätten, ſeinen Zorn zu fürchten. O! Wankelmuth des Weibes, wie groß dachte 135 dieſe Katharina vor Kurzem noch, wie kühn war ihre Sprache, und jetzt iſt ihre einzige Sorge, den Divan zu beſänftigen.“ Besborodko verzog keine Miene.„Mein Auftrag geht auch dahin, daß Sie ſo lange als nur möglich jeden Zuſammenſtoß mit den Türken zu vermeiden haben.“ „Alſo kurz und gut, wir werden den Türken den Krieg nicht erklären?“ „Nein.“ Potemkin ging mit großen Schritten auf und ab. „Man bedauert in Petersburg allerdings, daß einem ſo ausgezeichneten Feldherrn neuerdings die Ge⸗ legenheit entgeht, einen Sieg zu erfechten,“ fügte der Staatsſecretär jetzt mit vernichtender Bosheit hinzu. Po⸗ temkin ſah ihn einen Augenblick ſtarr an, dann trat er ganz nahe zu ihm hin und ſchlug ihm derb auf die Schulter. „Sie ſpielen auf das Band des Georgsordens an“, ſagte er mit kalter Ruhe,„das mir fehlt, und das ein Feldherr nur nach einem entſcheidenden Siege erhalten kann. Verlaſſen Sie ſich darauf, Fürſt, und vergeſſen Sie nicht es ihren Freunden in Petersburg zu ſagen, ich werde mit den Türken Krieg führen, nur weil mir das Band des Georgsordens fehlt, und werde ſie ſo ſchlagen, daß es keinen Menſchen in Ruß⸗ 136 land geben wird, der es mir nicht zuerkennen würde. Adieu!“ Ohne ſich um die Befehle der Kaiſerin zu küm⸗ mern, ſetzte Potemkin ſeine militäriſchen Vorbereitun⸗ gen fort und begann, zum Entſetzen des Staatsſecre⸗ tärs, der Miene machte, an ſeiner Seite zu bleiben, eine Truppen gegen die türkiſche Grenze vorzuſchieben. Schon war Potemkin in Petersburg als Rebell bezeich⸗ net, aber das Glück liebte ihn wie Wenige und auch diesmal kam es ihm zu Hülfe. Während in ſeinem Palaſte die ſchönen abenteuer⸗ lichen Frauen, welche die Kriegstrompete herbeigelockt hatte, und ein Theil ſeiner Offiziere beim Spiele ver⸗ ſammelt waren, erſchien Besborodko todtenbleich, eine Depeſche in der Hand.„Sie haben Recht behalten,“ ſprach er mit bebender Stimme,„der an Choiſeul ab⸗ geſendete Courier iſt unterwegs von den Türken er⸗ mordet worden, und die Pforte hat uns den Krie erklärt!“ „Hurrah!“ rief Potemkin,„Champagner her, wir haben Krieg, Kinder; auf Wiederfet en, Besborodko, hente übers Jahr in Conſtantinopel!“ „Meine Miſſion iſt zu Ende,“ ſagte der Staats⸗ ſecretär,„die Ihre beginnt.“ „Reiſen Sie mit Cott“, erwiderte Potemkin, 137 „und ſagen Sie Denen in Petersburg, daß ſie bald von mir hören werden.“ Während im Palaſte die Champagnergläſer an einander klangen und der Jubel ſich durch die Stadt in das Lager fortpflanzte, wo einmalhundertfünfzigtau⸗ ſend Mann unter wildem Hurrahrufen ihre Hüte mit Eichenlaub ſchmückten, hatte Potemkin ſofort nach dem General Suwarow geſchickt, dem Mann, der ſein Ver⸗ trauen beſaß, wie kein anderer. Als Suwarow eintrat, ſaß Potemkin vor einem Tiſche, auf dem er ſeine Karte ausgebreitet hatte, mit ihm zugleich blickte ſeine Nichte, die Gräfin Branizka, ihre ſchönen Arme auf ſeine Schulter geſtützt, in die⸗ ſelbe; hinter dem Tiſche ſtand ein türkiſches Ruhebett, auf dem zwei Frauen von blendender Schönheit, zärt⸗ lich umſchlungen, das Haar von Juwelen funkelnd, die langen offenen Roben von perſiſchem, golddurch wirktem Stoffe mit koſtbarem Pelzwerk beſetzt, gleich Sultaninnen lagen. Ihnen zu Häupten ſtand im grün⸗ ſammtenen Reitkleide eine junge Frau, hoch und üppig gewachſen, mit reichem blondem Haare und jenem Blick, der Thiere bändigt und Menſchen unterwirft; ſie neckte die beiden Schönen auf der Ottomane mit einer Reitgerte, welche ſie in der Hand hielt, und ſo gab es ringsum Geſchrei und Gekicher, bis der ſchmäch⸗ — 138 tige magere Mann mit dem fahlen kränklichen Geſichte in einer verſchoſſenen Uniform ſeines Regiments an den Tiſch trat, und ſeine Hand nachläſſig auf denſel⸗ ben ſtützte. Sofort herrſchte tiefe Stille. „Gut, daß Sie da ſind, General“, rief Potemkin, ihm die Hand reichend.„Wir haben Krieg, wie Sie wiſſen, es gilt raſch vorzugehen, ich habe meinen Plan fertig, nun möchte ich aber Ihre Meinung hören.“ Suwarow warf einen Blick auf die ſchönen Frauen, welche ihn neugierig muſterten, er kannte die Gräfin Branizka und die beiden Favoritinnen Potemkin's auf der Ottomane, von denen die eine, mit dem blau⸗ ſchwarzen Haare und dem edeln Antlitz einer Aſpiſa, eine Griechin Zeneide Kolokotonis, die zweite mit dem reizenden Stumpfnäschen eine Tochter des durch ſeine ſchönen Frauen berühmten Hauſes Potozki war. Die Amazone im grünen Sammetkleide kannte er nicht, aber ſie ſchien Eindruck auf ihn zu machen, denn ſein Auge weilte um vieles länger bei ihr als ſonſt bei irgend einer Frau. „Ich habe wohl bereits über dieſen Feldzug nachge⸗ dacht“, erwiderte Suwarow mit jener Trockenheit, welche bei ihm ſo charakteriſtiſch war,„aber hier wäre es wohl nicht am Platze, davon zu ſprechen. Pläne müſſen 139 ſo lange ſie nicht durch Thaten an das Tageslicht treten, geheim bleiben und Frauen plaudern. „Sie hören, meine Damen,“ rief Potemkin lachend, „der General iſt ſo unempfindlich gegen ihre Reize, daß er durchaus nicht böſe ſein wird, wenn Sie uns allein laſſen.“ Halb träge, halb unwillig erhoben ſich die beiden Sultaninnen, die Gräfin Branizka folgte lachend ihrem Beiſpiel, nur die Frau mit dem gebieteriſchen Auge blieb. „Mich trifft Ihr Verdikt wohl nicht, General?“ ſagte ſie ruhig. „Und weßhalb nicht?“ fragte Suwarow ebenſv. „Weil ich zur Armee gehöre.“ „Sie? Wie das?“ „Die Gräfin Iwan Soltikoff kommandirt das Regiment Simbirsk“, fiel Potemkin ein. „Im Frieden wohl, wo das Soldatenſpielen ein Zeitvertreib iſt gleich einem Ball oder einer Amour,“ ſagte Suwarow, die Braunen zuſammenziehend,„aber die Türken werden nicht blind laden wie die Garden bei den Manövern in Petersburg.“ „Sie lieben uns Frauen nicht, General,“ rief die Soltikoff,„ich weiß es.“ „Beſonders dann nicht“, unterbrach ſie Suwarow, 140 „wenn ſie ſtatt des Kochlöffels den Degen füh⸗ ren.“ „Sie gehören alſo auch zu jenen Helden, welche ſich vor dem Weibe fürchten und demſelben gern eine untergeordnete Stellung anweiſen, weil ſie fühlen, daß das Weib von der Natur zur Gebieterin des Mannes beſtimmt iſt“, entgegnete die ſchöne Amazone.„So lange indeß eine Frau in Rußland auf dem Throne ſitzt, müſſen Sie es ſich ſchon gefallen laſſen, daß wir dieſelben Rechte in Anſpruch nehmen wie Sie und folglich auch das ſchönſte derſelben, das Recht, für das Vaterland zu kämpfen und zu ſterben. Die Gunſt der Czarin hat mir ein Regiment anvertraut, Ge⸗ neral, und ich hoffe, Ihnen im Kugelregen den Beweis zu liefern, daß ich dieſer Gunſt auch werth bin.“ „Gegen die kommen Sie nicht auf, Suwarow“, rief Potemkin lächelnd,„machen wir Frieden mit ihr, ſie ſoll an unſerem Kriegsrathe theilnehmen, ſchwatzen wird ſie nicht, ich verbürge mich für ſie.“ „Zur Sache alſo“, ſagte Suwarow,„ich denke, wir beginnen damit, Otſchakoff zu belagern und es zu nehmen, ehe die türkiſche Armee heranrückt.“ „Dies iſt auch mein Plan“, erwiderte Potemkin. „Damit aber die Einſchließung der Feſtung ein vollſtändige wird, und die Belagerung nicht geſtört 141 werden kann,“ fuhr Suwarow fort,„muß ein ſelſtſtän⸗ diges Corps ſofort über den Bug gehen und gegen jene türki⸗ ſchen Truppen, welche ſich bei Troizkoje ſammeln, vperiren.“ „Und Sie wollen dieſes Corps commandiren?“ „Ja.“ „Gut. Ich gebe Ihnen dieſes Commando,“ ſprach Potemkin,„aber Sie dürfen durchaus nichts wagen, ſich vor allem in keine Schlacht einlaſſen, da Sie über⸗ legene Kräfte gegen ſich haben werden.“ „Wer ſagt das?“ „Meine Spione. Es iſt die feindliche Hauptar⸗ mee, die ſich dort concentrirt.“ „Glaube nicht“, ſagte Suwarow trocken. „Peter Ogriſch, mein beſter Spion, hat den Groß⸗ vezier im Lager geſehen, es iſt alſo kein Zweifel.“ „Wer ſagt dem Peter Ogriſch, daß es wirklich der Großvezier war, den er geſehen?“ „Er hat ihn reiten geſehen in ſeinem Amtspelz von weißem Atlas mit ſchwarzem Zobel, dem Ueſcht⸗ Türk, den, wie Sie wiſſen, kein Anderer tragen darf als der Großvezier. Er hat auch die zwei brillantenen Reiherbüſche geſehen auf ſeinem Turban. Alſo noch⸗ mals Vorſicht und keine Schlacht.“ „Ich werde morgen in aller Frühe abmarſchi⸗ ren“, ſagte Suwarow. 142 „Gregor Alexandrowitſch“, wendete ſich jetzt die Gräfin Soltikoff raſch zu Potemkin,„geſtatten Sie mir, mich mit meinem Regimente dem Corps des Ge⸗ nerals Suwarow anzuſchließen.“ „Ich bitte Sie, Excellenz,“ fiel Suwarow ein, „mich mit allen Unterröcken zu verſchonen.“ „Warum, General?“ entgegnete Potemkin,„ler⸗ nen Sie doch galant ſein gegen Damen.“ „Gott beſchütze mich, das werde ich nie lernen“, murmelte Suwarow. „Vielleicht doch, General,“ lachte Potemkin,„wenn wir Ihnen einen ſo guten Lehrmeiſter mitgeben wie die ſchöne tapfere Gräfin hier.“ „Ich darf alſo mit?“ fragte ſie erfreut. „Ja, Gräfin, aber vergeſſen Sie nicht, daß Sie dann unter dem Commando Suwarow's ſtehen“, ant⸗ wortete der Taurier. „O! Ich werde mir alle Mühe geben“, rief ſie lachend,„daß er bald unter dem meinen ſteht.“ „ Am nächſten Tage, im Morgengrauen, marſchirte Suwarow mit ſeinem Corps aus dem Lager bei Cher⸗ ** ſon ab und rückte in Eilmärſchen, indem er die Feſtung 143 Otſchakoff links liegen ließ, den Türken entgegen. Das Regiment Simbirsk, von der Gräfin Soltikoff befehligt, bildete mit einigen Sotnien Koſaken die Arrièregarde. Auf dem ganzen Marſche ſah der Ge⸗ neral die ſchöne Amazone nicht. Als er durch Spione die Nachricht erhielt, daß die feindliche Armee bei Kin⸗ burn Stellung genommen und ſich durch eine Recognos⸗ cirung von der Richtigkeit dieſer Meldung überzeugte, ging er direct auf dieſelbe los. Es war ein regneriſcher Sommertag, trübe und wolkig, die Truppen lagerten auf dem durchnäßten Boden, während die Koſaken der Vorhut bereits Füh⸗ lung mit dem Feinde hatten und kleine Scharmützel mit den irregulären türkiſchen Reitern beſtanden. Nach Sonnenuntergang verſammelte Suwarow ſeinen Stab und ſeine Offiziere. „Ich werde morgen den Türken eine Schlacht liefern“, ſagte er trocken.„Mit Sonnenaufgang hat ein Jeder bereit zu ſein, gute Nacht, Kameraden.“ Dann wendete er ſich zu der Gräfin Soltikoff.„Noch ein Wort mit Ihnen, Madame!“ Als ſie allein wa⸗ ren, ſprach er, die Hände auf dem Rücken, auf und abgehend:„Ich rathe Ihnen nochmals, Gräfin, mich zu verlaſſen, ich bin kein Paradegeneral, es iſt eine gefährliche Expeditivn, der Sie ſich angeſchloſſen ——————— 144 haben. Potemkin verſteht nichts vom Kriege. Ich werde die Türken nicht beobachten, wie er meint, ſon— dern angreifen und ſchlagen.“ „General, vergeben Sie mir, wenn ich es wage, Sie an die Befehle, die Sie empfangen und an die Tak⸗ tik, welche vereinbart wurde, zu erinnern“, erwiderte die Gräfin,„ich thue es aus Theilnahme für Sie, ich würde bedauern, wenn Sie Unglück hätten.“ „Meine Taktik iſt:„Vorwärts und ſchlage!“ (tupej i bij)“, entgegnete Suwarow kalt,„und was Ihre Beſorgniß betrifft, ſo verlaſſen Sie ſich darauf, daß ich ſiege oder falle.“ „Gut denn, dann laſſen Sie mich die Gefahr mit Ihnen theilen, General.“ „Ein Schlachtfeld iſt kein Boudvir.“ „Wenn Sie mit Ihrem ſchwächlichen leidenden Körper ein Held geworden ſind, Suwarow“, entgegnete die ſchöne muthige Frau,„weshalb ſoll ich mit meinem kräftigen und geſunden nicht mindeſtens ein guter Sol— dat ſein?“ „Ich bin ein Mann, Gräfin.“ „Und ich ein Weib, das iſt noch mehr.“ „Wie Sie glauben.“ „Suwarow ſetzte ſich hierauf zu Pferde und ritt, unbekümmert um die türkiſchen Vorpoſten, welche wieder⸗ 145 5 holt Feuer auf ihn gaben, ganz nahe an die feindliche Stellung, er überzeugte ſich, daß dieſelbe ſtark verſchanzt ſei und daß die Türken auf ſeinen beiden Flanken vorrückten. „Sie wollen uns umgehen“, murmelte er,„gut, ſehr gut, ich möchte nur wiſſen, welcher Dummkopf ſie commandirt.“ Der Morgen brach an, die Sonne ſchien kräftig und theilte raſch die Nebel, welche gleich Rauchſäulen gegen Himmel ſtiegen. Die Ruſſen ſtanden in Schlacht⸗ ordnung. Suwarow ritt in ſeiner ſchmuckloſen Uni⸗ form durch ihre Reihen und befahl der Infanterie, die Patrontaſchen abzulegen.„Der Feind iſt ſtark ver⸗ ſchanzt“, ſagte er,„wir müſſen ihn mit dem Bajonnet angreifen. Wer einen Schuß abfeuert, wird füſilirt.“ Das Regiment Simbirsk bildete die Reſerve. „Was auch geſchehen mag“ ſagte Suwarow zur Grä⸗ fin,„Sie rühren ſich nicht von der Stelle, nur im äußerſten Falle, wenn Alles flieht und die Gefahr groß iſt, führen Sie Ihr Regiment gegen den Feind!“ Vor der Front des Regimentes lag ein kleiner Hügel, auf dem Suwarow mit ſeinem Stabe Poſto faßte, neben ihm hielt die Gräfin auf einem feurigen ſchwarzen Pferde. So unempfindlich der berühmte Held ſouſt war, dieſes Weib gefiel ihm und die Gräfin war Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. III. 10 146 auch in der That in ihren hohen ſchwarzen Reitſtiefeln, den weißen Beinkleidern, der grünen mit Gold ver⸗ zierten Uniform, dem dreieckigen, mit Eichenlaub be⸗ kränzten Hut auf dem mit einer grünen Schleife gebun⸗ denen blonden Haare, der ſchönſte Soldat, den man ſich denken konnte. Suwarow zeigte ſich auch um vieles geſprächiger als ſonſt. „Sie fangen an, ſich zu entwickeln“, ſagte er, auf die Türken deutend, deren Fahnen und Flinten hinter den Schanzen ſichtbar wurden.„Es ſind Janitſcharen, vortreffliche Truppen, ſehen Sie ihre weißen Mützen, die umgeſtülpten Aermeln gleichen?“ „Wie kommen ſie zu dieſer ſeltſamen Kopfbe⸗ deckung?“ fragte die Gräfin. „Als ſie errichtet wurden, ſegnete ſie der Scheich der Derwiſche und indem er den Aermel ſeines weißen Oberkleides abſchnitt und einem Soldaten auf den Kopf ſetzte, ſprach er:„So ſollen ſie die Feinde ſchre⸗ cken und Janitſchari, das iſt neue Truppen, heißen.“ Sie ſind nicht wenig ſtolz darauf. Der Sultan ſelbſt iſt Janitſchar des erſten Regimentes. An dem Tage ſeiner Krönung, wenn ihm nämlich im Ejab der Säbel um⸗ geſchnallt wird, zieht er an der Kaſerne des 61. Regi⸗ mentes vorbei, nimmt dort Kaffee und Sorbet und ſagt zu den Janitſcharen:„Will's Gott, zu Rom oder 147 Regensburg ſehen wir uns wieder.“ Ein unſchuldiges Vergnügen, das man ihnen gönnen kann.“ „Und was bedeutet die rothe Fahne, die dort ficht⸗ bar wird?“ fragte die Gräfin. „Das ſind die Spahis, ihre beſte Reiterei“, erwi⸗ derte Suwarow,„aber es iſt Zeit!“ Er machte das Kreuz und gab dann das Zeichen zum Angriff. Mit einem Male wirbelten auf der ganzen ruſſiſchen Linie die Trommeln und ſämmtliche Regimenter gingen vor. Die Geſchütze begannen das Feuer und als die Ruſſen ſich den türkiſchen Schanzen näherten, wurden ſie auch von der feindlichen Infanterie mit einer ver⸗ heerenden Decharge empfangen, zugleich wurde Sturm⸗ ſtreich geſchlagen und Alles lief rit gefälltem Bajonnett, Hurrah rufend, auf den Feind. Der Pulverdampf und der Staub, welcher auf⸗ ſtieg, entzogen für kurze Zeit das eigentliche Schlacht⸗ feld den Blicken des Generals. Als ſich die grauen Wolken theilten, ſah er ſeine Truppen auf allen Punk⸗ ten weichen. Er gab ſeinem Pferde die Sporen und ritt unter ſie, ihnen Muth zuzuſprechen. Schnell ordneten ſich die Glieder und die ganze Linie ging noch einmal zum Angriff vor, doch ebenſo fruchtlos wie das erſte Mal. Die Türken erhoben ein wildes Allahrufen und 10* 148 ihre Muſikbanden fielen mit dem betäubenden Lärm ihrer großen Trommeln, Pauken und Halbmonde ein. Angriff auf Angriff wurde abgeſchlagen. Da ſtellte ſich Suwarow ſelbſt an die Spitze ſeiner Leute und führte ſie im heftigſten Kugelregen bis zu der Schanze, ſchon war dieſelbe an einigen Stellen von den Ruſſen erſtiegen, als Suwarow einen Schuß in den Leib erhielt und von ſeinem Adjutanten zurückgebracht wurde; jetzt wich Alles in Unordnung zurück. Noch einmal ſammelten ſich die Regimenter Dank der erbärmlichen türkiſchen Taktik, welche ſie unverfolgt ließ, und noch einmal liefen ſie Sturm. Diesmal artete aber ihr Rückzug in Flucht aus und zugleich fiel die türkiſche Reiterei den Ruſſen in die Flanke. Vergebens ſendete Suwarow ſeine Koſaken den Spahis entgegen, ſie wurden gewovfen, die Verwirrung war unbeſchreiblich, jeder dachte nur noch daran, ſich zu retten. Da ſtieg Suwarow, obwohl ſchwer verwundet, in den Sattel, ſprengte den Koſaken entgegen und warf ſich mitten unter ſie vom Pferde herab.„Lauft nur, lauft“, rief er„und gebt Euren General den Türken preis!“ Dieſe Worte wirkten wie ein Zauberſpruch. Im Augenblick ſtand die ganze fliehende Armee 149 wie eine Mauer und wendete ſich im nächſten gegen den Feind. Zugleich brach die Gräfin mit ihrem Re⸗ gimente vor und führte es, den Degen hoch erhoben, gegen die Verſchanzungen, welche die Janitſcharen ver⸗ laſſen hatten, um die fliehenden Ruſſen zu verfolgen. Sie kümmerte ſich wenig um die Kettenkugeln, welche ihr die türkiſchen Geſchütze entgegenſendeten und welche ganze Reihen ihres Regimentes niederriſſen, ſchon ſtand ſie auf der Schanze, um ſie ſtarrten die Bajonette ihrer Soldaten, die türkiſchen Artilleriſten wurden niederge⸗ ſtoßen, die Geſchütze waren genommen, die ruſſiſche Fahne wehte hoch über ihnen, die Regimenter, die in der Ebene kämften, ermuthigend. „Vorwärts und ſchlag!“ das den Soldaten wohl⸗ bekannte Wort ihres Generals, erſcholl von Tauſenden von Stimmen. Ein furchtbares Handgemenge begann, die Türken wichen, von ihren eigenen Schanzen aus im Rücken beſchoſſen. Die Schlacht bei Kinburn war ge⸗ wonnen. Suwarow ſetzte ſich, während ſeine Koſaken den Feind verfolgten, auf eine Trommel und ſchrieb auf dem Rücken eines Soldaten folgenden denkwürdigen Bericht: „Heute den Feind bei Kinburn getroffen und auf das Haupt geſchlagen. Wie ſtark er war, weiß ich nicht, weil ich nicht darnach gefragt habe. Suwarow.“ 150 Die Nacht war hereingebrochen, Suwarow lag in einem kleinem Zelte, das man ſchnell für ihn aufge⸗ ſchlagen, duf Stroh, über das ſein hiſtoriſcher Schaf⸗ pelz ausgebreitet war. Der Feldſcheer hatte ihm eben die Kugel herausgezogen und den Verband angelegt, als die Gräfin eintrat, mit Blut beſpritzt, mit Staub bedeckt, die gelbrothe Gabelfahne des 37. Janitſcharen⸗ regimentes in der Hand. Soldaten ihres Regimentes folgten mit den Keſſeln, welche weit mehr als die Fahne, als Palladium der Janitſcharen galten. „Ich bringe Ihnen dieſe Trophäen, General“, ſagte ſie ſtolz,„als Beweis, daß eine Frau zu Zeiten auch mit etwas Anderem umzugehen weiß als mit dem Kochlöffel.“ Suwarow lächelte und gab ihr die Hand.„Ich hoffe daß Sie unverletzt ſind“, ſagte er. „Aber Sie, Sie ſind verwundet!“ rief die ſchöne Frau mit lebhaftem Antheil. „Die Wunde iſt nicht gefährlich“, ſagte der Feld⸗ ſcheer,„aber der General braucht Ruhe und Pflege, ich werde die Nacht bei ihm wachen.“ 3 „Nein, das iſt meine Sache“, fiel die Gräfin raſch ein,„die Frau, welche Blut vergoſſen hat, hat um ſo mehr die Pflicht, Wunden zu heilen, aber Sie erlauben, General, daß ich es mir vorher bequem mache.“ Sie verließ das Zelt, um in Kurzem in türkiſchen Pantoffeln und einem leichten Schlafrock zurückzukehren; dann ſchickte ſie alle Anderen fort und ſaß wie ganze Nacht bei dem Verwundeten, ihm die Arznei reichend und von Zeit zu Zeit den Verband wechſelnd. Als am Morgen einer ſeiner Adjutanten in das Zelt Suwarow's trat, winkte ihm der General, ſich ruhig zu verhalten und, auf die Gräfin deutend, welche auf einem Bund Stroh, den Kopf auf einem umge⸗ ſtülpten Feldkeſſel, eingeſchlafen war, ſprach er: „Sehen Sie an, können Sie ſich ein ſchöneres Weib denken?“ So groß auch Potemkin's Freude über den Sieg bei Kinburn war, ſo empfand er doch etwas wie Neid gegen Suwarow. Er beglückwünſchte ihn in den ſchmeichelhafteſten Ausdrücken, aber er zog mehrere Regimenter ſeines Corps, darunter auch jenes der Grä⸗ fin Soltikoff, an ſich, um Suwarow jede weitere Un⸗ ternehmung unmöglich zu machen. Der Sieger von Kinburn war auf dieſe Weiſe den ganzen Sommer über verurtheilt, die türkiſche Landarmee zu beobachten, während Potemkin im Juli 1788 die Belagerung der 152 am ſchwarzen Meere gelegenen Feſtung Otſchakoff be⸗ gann. Die Belagerung machte indeß nur wenig Fort⸗ ſchritte, Ne Beſchießung beläſtigte die Türken bei wei⸗ tem nicht ſo, als die Ruſſen von der beiſpielloſen Hitze litten, und als endlich im Lager die Peſt ausbrach, ſchien der ſo glücklich begonnene Feldzug eine uner⸗ wartet ungünſtige Wendung nehmen zu wollen. Der Winter ſetzte zwar der furchtbaren Seuche, welche die Reihen der Ruſſen decimirt hatte, Grenzen, aber dafür ſtellte ſich jetzt, als eine natürliche Folge der unge⸗ nügenden Vorkehrungen Potemkin's, der Hunger ein. Da, als die Noth am größten war, ſendete Po⸗ temkin den General Hahn ab, um das Commando des Corps zu übernehmen, das am Bug ſtand, und berief Suwarow zu ſich. Der General ſtaunte, als er den Zuſtand der Truppen und der Belagerungsarbeiten ſah und ande⸗ rerſeits den prächtigen Holzpalaſt, den ſich Potemkin im Lager erbaut hatte, und welcher, gleich jenem zu Cherſon, durch die ſchönen Frauen in Prachtpelzen, die denſelben belebten, mehr einem Serail als einem Haupt⸗ quartier glich. Während die Soldaten froren und hungerten, gab es hier Feſte, Schlittagen, Bälle und Concerte, welche jenen in St. Petersburg nichts nachgaben. In einem 153 Saale war ein kleines Theater aufgeſtellt, auf dem die reizende Polin Potozka, die Gräfin Münnich und eine echte Pariſerin, Frau von Monſignh, auch eine der Fa⸗ voritinnen Potemkin's, im Verein mit einigen fran⸗ zöſiſchen Offizieren, franzöſiſche Komödien aufführten. Suwarow nahm das ihm angebotene Quartier in dieſem Feentempel nicht an, ſondern ließ ſich ein Zelt mitten unter ſeinen Soldaten aufſchlagen und bet⸗ tete ſich, gleich ihnen, auf Stroh. So fand ihn am nächſten Morgen die Gräfin. Er lag in ſeiner Uniform, mit ſeinem alten Schafpelz zugedeckt, auf ſeinem ſpartaniſchen Lager und ſtudirte einen Plan. Als er die ſchöne Frau erblickte, welche unerwartet, in ihrem koſtbaren Zobelpelz, majeſtätiſch wie eine Herrſcherin, vor ihm jtand, ſprang er auf und ſtreckte ihr herzlich beide Hände entgegen.„Sb früh auf?“ rief er ſtaunend. „Gewiß!“ entgegnete lächelnd die Gräfin.„Ich gehöre nicht zu den Odalisken Potemkin's, die noch am praſſelnden Kamin und in ihren Schlafpelzen der Froſt ſchüttelt. Ich bade täglich, wie unſere Soldaten, im Schnee und das erhält friſch und geſund—.“ „Und ſchön!“ fügte Suwarow hinzu. Die Gräfin ſchien von ſeiner Galanterie keine No⸗ tiʒ nehmen zu wollen. 3 154 „Nun, was ſagen ſie zu unſerer Situation?“ fuhr ſie, mit feiner Ironie um die blühenden Lippen, fort. „So kommen wir nicht vorwärts“, murmelte Suwarow,„an eine Breſche iſt nicht zu denken. Es bleibt nichts übrig, als einen allgemeinen Sturm zu wagen.“ „Sie wiſſen, General, daß Potemkin ſich dazu nicht entſchließen wird.“ „Er wird ſich entſchließen müſſen.“ „Aber Sie erfrieren uns ja, Suwarow“, rief plötzlich die ſchöne Frau,„Sie haben kein Bett, ja nicht einmal einen Pelz!“ „Doch!“ Der General zeigte lächend auf ſei⸗ nen alten Bauern⸗Schafpelz.„Dies und meine Uniform, das iſt meine ganze Garderobe, und auf dieſem Stroh ſchlafe ich ebenſo ſanft wie Sie in Ihren Eiderdaunen.— Aber, um uns noch einmal mit dem Krieg zu beſchäftigen, dieſer Potemkin verſteht ſo viel von einer Belagerung wie Sie, Madame!“ Die Gräfin drohte Suwarow mit dem Finger. „Nun, ich würde immerhin lieber unter Ihrem Commando ſtehen, Gräfin, als unter dem ſeinen“, be⸗ eilte er ſich hinzuzuſetzen. „Nun kommen Sie aber mit mir, General“, rief die ſchöne Amazone,„wir wollen unſere Batterien be⸗ ſuchen und dann zuſammen frühſtücken. Suwarow verließ mit der Gräfin ſein Zelt und machte Miene, reſpectvoll einen Schritt entfernt neben ihr zu gehen. „Nicht ſo, Ihren Arm!“ befahl ſie mit einem Blick, der unbedingten Gehorſam verlangte. „Was werden die Soldaten ſagen, wenn ich mit einer Dame—“, erwiderte Suwarow. „Sie gehen mit keiner Dame, keiner Favorite“, ſchnitt ihm die Gräfin das Wort ab,„ſondern mit einem Kameraden, der Pulver gerochen hat!“ Damit nahm ſie, ohne weiter zu fragen, ſeinen Arm, und ſie ſchritten durch die Zeltſtadt, ein ſeltſames Paar, der ſchwächliche Mann in der armſeligen Uniform und die große, ſchöne Frau im fürſtlichen Pelz, die ſeidene Schleppe weit im Schnee nachſchleifend. ** * Die türkiſchen Generäle in der Feſtung, welche durch Spione und Ueberläufer über die Lage der Ruſ⸗ ſen wohl unterrichtet waren und täglich Feenmärchen von den ſchönen Sultaninnen und Amazonen hörten, mit denen ſich Potemkin umgeben hatte, entſchloſſen ſich endlich zu einem nächtlichen Ausfall, in der Abſicht, die 156 Belagerungsarbeiten zu zerſtören, oder doch mindeſtens ſich in der allgemeinen Verwirrung der ruſſiſchen Houris zu bemächtigen. Vorher ſendeten ſie einen Par⸗ lamentär ab, um den Ruſſen den Glauben beizubringen, die Feſtung ſei unhaltbar und nahe daran, ſich zu er⸗ geben. Mit dieſer Miſſion wurde der Sagardſchi⸗Paſcha, der Commandant der 64. Dſchemaat(Regiment) der Janitſcharen, der ſogenannten Spürhundswächter(Sa⸗ gardſchi) betraut. Der Zufall wollte, daß an dem Tage, wo er ſich, unter dem Schutze der weißen Fahne, den ruſſiſchen Linien näherte, das Regiment Simbirsk die Vorpoſten bezogen hatte. „Die Gräfin Soltikoff empfing den Parlamentär in ihrem prachtvollen Zelte, das viel mehr einem ele⸗ ganten Damenboudoir, als der Wohnung eines Ober⸗ ſten glich, und da es noch früh am Morgen war, im reizendſten Frauengewande. Der Türke ſtaunte das ſchöne Weib, das in einem reich mit ſchwarzem Zobel beſetzten Negligé von weißem Atlas unverſchleiert und halb liegend auf einem Divan ſaß, und deſſen wie Gold ſchimmerndes Haar, nur von einem weißen Bande gehalten, über ihre üppigen Schultern herabfloß, ſprach⸗ los an, dann neigte er ſich, die Arme auf die Bruſt 157 gekreuzt, demüthig vor ihr. Er hielt ſie nämlich, ihrer Toilette nach, welche an den Amtspelz des Großveziers mahnte, für eine Art weiblichen Großvezier der Ruſſen, um ſo mehr, als auf ſeine Frage, wo der Commandant ſei, die Gräfin ſich als denſelben bezeichnet hatte. Auch der Sagardſchi⸗Paſcha war ein Mann von ſeltener blendender Schönheit, welche durch ſeinen prächtigen ſchwarzen Bart und ſeinen reichen Anzug, das weite rothſeidene Beinkleid, die Weſte von Goldſtoff den grünſammtenen Zobelpelz und den Turban mit dem Reih⸗ erbuſch auf brillantenem Stiel, nicht wenig erhöht wurde. Einen Augenblick ſtanden ſich das ſchöne Weib und der ſchöne Maim, Beide gewohnt und Beide werth Selaven zu ihren Füßen zu ſehen, ſchweigend gegen⸗ über, dann brachte der Türke ſeinen Auftrag vor. Er bot die Uebergabe der Feſtung an, verlangte aber für die Beſatzung freien Abzug, mit Waffen und klingen⸗ dem Spiel. Die Gräfin erwiderte, man werde am folgenden Tage dem Commandanten Antwort geben. „Ich hoffe, Ihr nehmt die Uebergabe nicht an,“ ſagte der Paſcha dann, deſſen dunkle Augen ohne Un⸗ terbrechung mit verzehrender Gluth auf der ſchönen blonden Nordländerin ruhten. „Und weshalb?“ 158 „Weil Du das ſchönſte Weib biſt, das ich je gefehen habe“, ſprach der Paſcha,„und ich, wenn der Kampf fortgeſetzt wird, meinen Kopf dafür wage, daß Du, ehe der Mond voll wird, mein Serail ſchmückſt, weiße Roſe im Garten des Paradieſes!“ Die Gräfin lachte.„Und wenn das Umgekehrte geſchieht, wenn Du in meine Hände fällſt, Muſelmann, was glaubſt Du, daß ich mit Dir anfangen werde?“ „Du wirſt mich zu Deinem Sclaven machen.“ „Ich werde Dich wie einen Hund vor meinem Zelte an die Kette legen!“ rief die Amazone. Damit entließ ſie den Parlamentär. Noch an demſelben Tage kam ein ruſſiſcher Ue⸗ berläufer in die Feſtung, welcher die Uniform des Re⸗ giments Simbirsk trug, und wurde vor den Sagard⸗ ſchi⸗Paſcha geführt. „Weshalb haſt Du Deine Fahne verlaſſen? fragte dieſer. „Weil ich es wagte, zu dem ſchönen Weibe, das uns befehligt, die Augen zu erheben“, ſagte der Ueberläufer. „Sprichſt Du von Eurem Großvezier, dem Weibe mit dem goldenen Haar und den Augen, aus denen der blaue Himmel blickt?“ „Ja, mächtiger Vezier.“ „Und was that ſie Dir?“ „Sie ließ mich peitſchen gleich einem Hunde.“ „Es ſieht ihr gleich ſie hat den Geiſt eines Mufti und die Würde eines Sultans“, ſagte der Paſcha ſeuf⸗ zend. „Ich bin zu Dir gekommen, weil ich mich an dem ſtolzen Weibe rächen will; ſie hat geſchworen, Dich, ehe der Mond voll iſt, gleich einem Hunde an die Kette zu legen; ehe der Mond voll iſt, ſoll ſie Deine Sklavin ſein, herrlicher Vezier.“ „Wenn Du dies kannſt, Giaur, ſollſt Du von mir kaiſerlich belohnt werden, wie der große Sultan ſeine Diener zu belohnen pflegt.“ „Bis morgen früh hat ſie den Vorpoſten“, ſagte der Ueberläufer.„Heute giebt ſie den Offizieren und Soldaten ein Feſt, denn ſeitdem ihr die Uebergabe an⸗ geboten iſt, wiegt ſich im Lager der Ruſſen Alles in vollkommener Sicherheit. Bis Mitternacht werden ſie ſo ziemlich alle betrunken ſein.“ „Was? Auch die Frauen?“ rief der Türke entſetzt. „Gewiß!“ „Allah! Allah!“ ſeufzte der Paſcha, auch die weiße Roſe im Garten des Paradieſes trinkt?“ „Verlaß Dich darauf, und mehr als Thau“, ſprach der Ueberläufer,„ſie wird nicht nüchtern ſein. Wenn 160 Ihr einen Ausfall wagt, und ich Euch führe, werden ſie alle ohne Schwertſtreich in Eure Hände fallen.“ Als der Abend kam, zeigte ſich wirklich in dem Lager des Regimentes Simbirsk eine ungewöhn⸗ liche Beleuchtung, und auch Muſik klang von Zeit zu Zeit herüber. Der Paſcha hatte ſeine Vorkehrungen getroffen. Vor Mitternacht verließ er, von dem Ueber⸗ läufer geführt, an der Spitze ſeines Fußregiments von 400 Mann und der 50 Reiter, die jeder Janitſcharen⸗ Dſchemaat beigegeben waren, die Feſtung. Sie fanden die äußerſten ruſſiſchen Vorpoſten in der That vollſtändig betrunken und konnten ſie, ohne daß Blut vergoſſen oder ein Schuß abgefeuert wurde, gefangen nehmen. Nun drangen die Janitſcharen zu Fuß, von ihren Of⸗ fizieren geführt, in das Lager des Regiments Simbirsk, während der Paſcha mit ſeinen erleſenen Reitern, welche auf ihren feurigen Pferden, mit den helmartigen Hau⸗ ben, auf denen hohe Federbüſche wehten, in den weißen Kaftans und den ſammtnen Luchs⸗ und Zobelpelzen, Jeder ſelbſt gleich einem Paſcha erſchienen, auf das von bengaliſchen Flammen beleuchtete Prachtzelt der ſchönen Gräfin losſprengte. Statt aber, wie er erwartet, ſchöne Frauen und wehrloſe Männer zu finden, regte es ſich mit einem Male ringsum in allen Zelten, Laufgräben und Bat⸗ 161¹ terien und Tauſende von Bajonetten ſtarrten ihm und ſeinen Janitſcharen von allen Seiten entgegen. Der Ueberläufer war ein Abgeſandter der Gräfin geweſen, der den Paſcha in ihre Schlinge gelockt hatte. „Ergebt Euch!“ rief die Gräfin den Ueberliſteten zu, „oder ich laſſe Euch alleſammt über die Klinge ſpringen!“ Die Türken berathſchlagten, und ſtreckten endlich die Waffen. Die Gräfin eilte, ihren Gefangenen in Empfang zu nehmen„Nun“, ſprach ſie mit grauſamem Spott, „Du haſt Zeit, Dich heute Nacht im Bellen zu üben, denn Morgen wirſt Du ohne Erbarmen an die Kette gelegt, wie ich es Dir verſprochen.“ „Ich bin Dein Sclave, beginne mit mir, was Dir gefällt“, erwiderte der Türke und warf ſich mit dem Antlitz zur Erde vor ihr nieder, um den Saum ihres Gewandes zu küſſen. Aber die ſchöne Frau blieb ungerührt. Sie ließ am nächſten Tage vor ihrem Zelte eine hölzerne Hunde⸗ hütte aufrichten und den armen verliebten Türken in derſelben anketten. Am Abend, bei einem fröhlichen Male, das ſie den Favoritinnen Potemkins und ihren Offizieren gab, kam ſie plötzlich auf den barocken Einfall, ihren Hund, wie ſie den Paſcha nannte, bellen zu laſſen. Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. III. 11 162 Sie ließ es ihm durch ihre Kammerfrau befehlen, und als er ihr nicht gehorchte, ſondern mit echt orien⸗ taliſcher Gleichgültigkeit liegen blieb, wie er ſeit vielen Stunden lag, den Kopf an das kalte Holz gepreßt, ſprang ſie auf und rief:„Wir wollen doch ſehen, wer jetzt Herr iſt, er oder ich.“ „Ja, er muß bellen!“ ſchrie die ganze muthwillige Meute ſchöner galanter Frauen, welche in ihrem Zelte verſammelt war. Im Nu hatten ſie ſich alle in ihre Pelze gehüllt und eilten hinaus. Als ſie ihn lachend um⸗ ſtanden, ließ der Türke, überraſcht und trunken von ſo viel weiblichen Reizen“ die ſie ihm ohne Scheu zeigten, ſein dunkles Auge ron Einer zur Anderen ſchweifen, die ſchlanke, graziöſe Potozka, wie die von Leidenſchaft glühende Griechin, die elegante Monſignh und die üp⸗ pige Münnich gleich bewundernd, aber zuletzt blieb es doch wieder auf der Gräfin Saltikoff haften, welche ihre Grauſamkeit noch verführeriſcher erſcheinen ließ, als ſonſt. „Wirſt Du bellen, Hund?“ fragte ſie ruhig. Die andern Damen brachen in ein ſchallendes Gelächter aus. Der Türke ſchüttelte trotzig den Kopf. „Ich würde ihn an Ihrer Stelle ſo lange peitſchen, bis er meinen Willen thäte“, ſagte die Polin, in deren lebhaften Augen etwas Diaboliſches lag. 163 „Sie haben Recht“, ſagte die Gräfin Saltikoff, und raſch holte ſie die Peitſche, ein Attribut, ohne das eine ruſſiſche Venus des vorigen Jahrhunderts nicht zu denken war„Ich peitſche Dich todt, wenn Du nicht auf der Stelle bellſt“, rief ſie mit einem Blick, der jedes Erbarmen ausſchloß. Der Paſcha ergab ſich endlich in ſein Schickſal und begann laut zu bellen, während die grauſamen Schönen umherſtanden und ſich vor Lachen ſchüttelten Anfangs December 1788 war ein neuer ſtarker Schneefall eingetreten, welcher die ohnehin elenden Straßen des ſüdlichen Rußland⸗ vo Ukommen unprakti cabel machte und der Armee vor Otſchakoff jede Zufuhr abſchnitt. Potemkin kam in ernſte Gefahr, mit ſeinen Soldaten und ſeinen ſchönen Sultaninnen zu ver⸗ hungern. Als das Elend auf das höchſte geſtiegen war kamen die Soldaten zu Suwarow und baten ihn um Rath und Hülfe.„Väterchen Alexander Waſſiljewitſch“ klagten ſie,„wir haben nichts mehr zu eſſen, unſere Stiefeln ſind durch und in unſere Uniformen bläſt bei hundert Löchern der Wind hinein Rette uns, Väter⸗ chen Suwarow!“ 11* 164 „Für uns alle giebt es keine andere Rettung mehr, als Sturm“, erwiderte der General.„Wir müſſen Otſchakoff nehmen oder ſterben!“ Der Ausſpruch des von dem ganzen Heere ange⸗ beteten Suwarow ging von Mund zu Mund, endlich rotteten ſich die Soldaten zuſammen, Tauſende zogen, grüne Tannenreiſer auf den Hüten und brennende Stroh⸗ bündel in den Händen, Abends durch das Lager vor den hölzernen Palaſt des Tauriers und verlangten den Sturm auf Otſchakoff. Potemkin, durch die furchtbare Lage, die ihm keine andere Wahl mehr ließ, gezwungen, gab mit ſchwerem Herzen ſeine Einwilligung, ihm bangte um das Blut ſeiner Soldaten nicht minder als den Erfolg. Er übergab Suwarow das Eommando der Stürmenden und dieſer traf mit ſeiner beiſpielloſen Energie raſch ſeine Anſtalten. Am Abende des 17. December wurden Freiwillige aus den Regimentern aufgerufen, welche die erſte Sturmcolonne bilden ſollten, die, da ſie zuerſt auf die Minen und ſpaniſchen Reiter ſtieß, in der Regel ſo gut wie geopfert war. Man brauchte 600 Mann, da aber Suwarow ſelbſt ſie führte, meldeten ſich meh⸗ rere Tauſend, unter denen geloſt werden mußte.. Die Gräfin Saltikoff befand ſich gleichfalls unter 165 denjenigen, welche ſich als Freiwillige gemeldet hatten, und ſie verſtand es ſo einzurichten, daß auch das Lvos ſie traf. „General, ich werde an Ihrer Seite ſein!“ ſagte ſie zu Suwarow. „Das verhüte Gott!“ erwiderte er. „Und weshalb?“ „Weil ich zum erſten Male in meinem Leben etwas wie Angſt fühlen würde.“ „Angſt um mich—?“ fragte die ſchöne Amazone freudig überraſcht. „Ja denn, Gräfin“, murmelte er verlegen,„ich bitte Sie, bleiben Sie im Lager.“ „Nein, Suwarow, ich bleibe nicht“, ſagte ſie raſch mit ihrer herrlichen Energie,„ich würde wieder in Angſt ver⸗ gehen, wenn ich nicht bei Ihnen wäre. Sie müſſen mir ſchon geſtatten, heute mit Ihnen zu ſiegen oder zu ſterben.“ Die denkwürdige Nacht des 17. December brach an. Ohne Trommelſchlag, die Füße mit Stroh um⸗ wunden, die erſte Colonne, von Suwarow geführt, ohne einen Schuß im Lauf und ohne Patrontaſchen, voran, die anderen in einer Diſtanz von 1000 Schritten fol⸗ gend, ſetzten ſich die Ruſſen in Bewegung. Kein Laut verrieth das große Unternehmen. Schon ſtanden die Freiwilligen vor dem Feſtungsgraben, Suwarow machte 166 das Kreuz und warf ſich, der Erſte, hinein. Die An⸗ deren ſtürmten nach. Der Ueberfall gelang vollſtändig, die türkiſchen Poſten wurden überraſcht und niedergemacht, der Wall erſtiegen. Kein Schuß fiel, nur das Bajonet arbeitete. Aber jetzt entſtand Alarm in der Feſtung und die Ja⸗ nitſcharen ſtürzten von allen Seiten auf die Baſteien, die nachfolgenden Regimenter wurden überall von einem mörderiſchen Feuer empfangen, zugleich machte ein Theil der Beſatzung einen Ausfall und ſchnitt Suwarow mit ſeinen ſechshundert Mann von der übrigen Armee ab. Die Gräfin hatte, nur von einigen Freiwilligen ihres Regiments gefolgt, zuerſt die ruſſiſche Fahne auf der Mauer von Otſchakoff aufgepflanzt und die türkiſchen Kanoniere niedergehauen, dann war ſie in die Straßen der Stadt vorgedrungen und hier von allen Seiten umzingelt worden. In dem Augenblicke, wo es für Suwarow galt, die Verbindung mit den anderen Sturmcolonnen her⸗ zuſtellen, vermißte er die Gräfin, er rief ihren Namen, Niemand antwortete. Todesangſt faßte ihn, ſtatt die eroberte Batterie zu behaupten, warf auch er ſich mit ſeinen Leuten in die Stadt, nur von dem ſeinen Gedanken beſeelt, ſie zu retten. Für kurze Zeit ſchien Alles ver⸗ loren, die Stürmenden begannen zu weichen, die Türken 167 erhoben ein beſtialiſches Siegesgeſchrei. Da hörte Fürſt Repnin, daß Suwarow abgeſchnitten ſei, warf ſich vom Pferde unter ſeine Soldaten und rief, die Fahne er⸗ greifend:„Suwarow, unſer Vater, iſt gefangen, mir nach, wer kein Feigling iſt.“ „Suwarow, Suwarow gefangen, rettet Suwarow“! lief es von Mund zu Mund und Alles lief von Neuem zum Sturme. Fürſt Repnin drang zuerſt mit zwei Regimentern ein und brachte Suwarvw, der ſich be⸗ reits im Rücken bedroht ſah, Hülfe zur rechten Zeit. Unaufhaltſam führte der Held nun ſeine Leute vor⸗ wärts, die Janitſcharen vor ſich niedermetzelnd, bis er den weißen Federbuſch der Gräfin wiederſah. Sie ſelbſt ſtand, nur von wenigen Soldaten umgeben, an ein Haus gelehnt, die Flinte eines Gefallenen in der Hand, und wehrte ſich mit der letzten Kraft der Ver⸗ zweiflung. „Tödtet ſie nicht, ſie muß lebendig in unſere Hände fallen“, riefen die Türken einander zu, ein Jeder wollte das ſchöne Weib beſitzen. Da fiel Suwarow, in einer Hand den Degen, in der anderen die Lanze eines Ko⸗ ſaken, mitten unter ſie, trieb ſie auseinander und be⸗ freite ſo die Gräfin, welche ſeine Hand ergriff und in fieberhafter Aufregung an ihr Herz preßte. 168 Jetzt erſt bemerkte Suwarow, daß die Gräfin blutete.„Sie ſind verwundet?“ rief er. „Ich glaube“, entgegnete ſie matt. „Wo, um Gotteswillen?“ Sie wies auf ihren linken Arm, er hatte die Stelle bald entdeckt und während ringsum Schüſſe fie⸗ len, das Geſtöhn der Verwundeten und Sterbenden ſich in das Feldgeſchrei der Kämpfenden miſchte, preßte er ſeine Lippen auf die Wunde und begann ſo das Blut zu ſtillen. Ein furchtbares Blutbad, ein Gemetzel ohne Glei⸗ chen folgte. Als die Sonne ſich erhob, wehte die ruſ⸗ ſiſche Fahne von allen Wällen und Thürmen. Otſcha⸗ koff war erſtürmt. * Drei Tage lang wurde die Stadt geplündert. Dreißigtauſend Gefallene von beiden Seiten bedeckten das Schlachtfeld von Otſchakoff. Als Potemkin daſſelbe in Augenſchein nahm und ſeine todten und verſtümmelten Soldaten ſah, begann er laut zu weinen. So ſeltſam waren in dieſem gro⸗ ßen Barbaren Selbſtſucht und Rohheit mit Großmuth und Güte gemiſcht. Nachdem man die gefallenen Ruſſen beerdigt hatte, 169 wurden die Leichen der Janitſcharen auf dem feſtge⸗ frorenen Liman aufgeſchichtet in der Abſicht, daß ſie der kommende Eisſtoß im Meere begrabe. Die ruſſi⸗ ſchen Damen aus dem Gefolge Potemkin's kamen nun in Schlitten, in ihre prachtvollen Pelze gehüllt, und fuhren um dieſe grauenvollen Pyramiden herum, die kraftſtrotzenden Leiber der todten Janitſcharen bewun⸗ dernd. Eine Scene, bei der ſich das Haar emporſträubt. Potemkin erhielt von der Kaiſerin Katharina I. für den Sieg bei Otſchakoff das große Band des Ge⸗ orgsordens, hunderttauſend Rubel, den Titel eines Hetmans der Koſaken und einen mit Diamanten be⸗ ſetzten und mit Lorbeer umwundenen Feldherrnſtab. Ein noch herrlicherer Lohn wurde Suwarow zu Theil. Die Wunde der Gräfin Saltikoff war ſo unbe⸗ deutend, daß ſie ſchon nach wenigen Tagen das Bett verlaſſen konnte. Als ſie das erſte Mal, in warmes Pelzwerk gehüllt, in ihrem Fauteuil ſaß, kam Suwa⸗ row, ſich nach ihrem Befinden zu erkundigen. „Sie ſind noch recht bleich, Gräfin“ ſagte er beſorgt. „Und Sie noch viel mehr, General“, erwiderte ſie lächelnd,„man könnte beinahe glauben, daß Sie eine bei weitem gefährlichere Wunde davongetragen haben.“ 170 „So iſt es, Gräfin“, ſeufzte er,„der Volksglaube behauptet, daß man Demjenigen, von deſſen Blut man getrunken, mit Leib und Seele verfallen iſt. An mir ſcheint dies zur Wahrheit zu werden. Sie haben mich an der Kette wie den armen Paſcha und wenn es Ihnen beliebt, werde auch ich in Kurzem vor Ihrem Zelte den Mond anbellen können.“ „Nein, General“, ſagte die Gräfin mit einem Blicke, der den Genenal ſüß durchſchauern machte,„für Sie weiß ich eine beſſere Stelle.“ „Und dieſe wäre?“ „Zu meinen Füßen, Suwarow, denn von da iſt es nicht mehr weit zu meinem Herzen.“ Schon lag der Held von Kinburn und Otſchakoff vor ihr auf den Knieen und die ſchöne muthige Frau ſchlang in inniger Liebe die Arme um ihn. „ — ðo — — — — — S — — — S 8 — 8 Sd Es war im Winter des Jahres 1775, zu der⸗ ſelben Zeit, wo die Kaiſerin Katharina II. in der alten Czarenſtadt Moskau die Sieger im Türkenkriege durch Feſtlichkeiten von nie geſehener phantaſtiſcher Pracht ehrte, als ſich mehrere Familien ruſſiſcher Landedelleute in der Gegend von Tula vereinigt hatten, um auch in ihrem Kreiſe und nach ihrer Art die neuen Triumphe ihres Vaterlandes und Heeres zu feiern. So verſammelten ſich denn an dem erſten Tage, wo die Luſtbarkeit in echt nativnaler naiver Weiſe in dem Hauſe der Uruſſow begann, um an den folgenden bei den Matſchkowski und Repnin fortgeſetzt zu werden, die Diener eingerechnet nahe an zweihundert Perſonen, welche beinahe alle zugleich in großen, zum Theil recht märchenhaft aufgeputzten Schlitten in den großen Hof eingefahren waren. Es entſtand ein unbeſchreiblicher 174 Wirrwarr von Menſchen, Thieren und Tönen, denn Jeder ſuchte zuerſt die ſchweren Winterhüllen abzu⸗ werfen, und in den warmen Saal, in dem die rieſige Tafel gedeckt war, zu gelangen; die Herren fluchten, die Damen ertheilten Befehle, Kutſcher und Lakaien ſchrieen, die Pferde wieherten und drei Muſikbanden ſpielten mit unerſchütterlichem Gleichmuth zu gleicher Zeit drei verſchiedene Stücke, die Spielleute Repnins, in Bärenfälle eingenäht, auf einem großen Schlitten ſtehend, einen wilden Janitſcharenmarſch, jene Matſch⸗ kowski's, unter der Freitreppe ſtehend, eine erhabene altſlaviſche Hymne zur Ehre Gottes, und das auf dem hölzernen Balcon poſtirte Orcheſter Uruſſow's den luſtigſten Koſakentanz, deſſen es nur mächtig war. Während der Hausherr und die Hausfrau bemüht waren, ihre Gäſte mit barbariſcher Herzlichkeit zu begrüßen, und in ihr Haus zu geleiten, ſtand ſeitwärts unter den Schutze der Freitreppe der junge Uruſſow, halb keck, halb ſcheu die Hände in den Taſchen ſeiner weit plo⸗ dernden Hoſen und muſterte die geigenden und blaſen⸗ den Bären, deren infernaliſche Muſik und rieſige türkiſche Trommel ihm ungeheuer zu gefallen ſchienen. Von der Galanterie eines franzöſiſchen Edelmannes jener Tage, von der Pflicht als Sohn des Hauſes den jungen Da⸗ men ſeine Dienſte anzubieten, hatte er eben ſo wenig 175 eine Ahnung, als von den philoſophiſchen oder mora⸗ liſchen Serupeln eines deutſchen Jünglings der Wer⸗ therzeit. Da blieb ſein Blick zufällig auf einem jungen, von der Kälte roſig angehauchten Geſichtchen haften, das einem reizenden weiblichen Bären anzugehören ſchien, denn nicht anders ſaß die kleine Dame in ihrem Schlit⸗ ten, bis an die Naſe in Pelz gewickelt und bis über die Kniee mit allerhand warmen Fellen bedeckt und rief unabläſſig bald den danebenſtehenden, mit ein paar Nachbarn Complimente wechſelnden Eltern, bald ihren mit den Dienern Uruſſow's den Willkomm⸗Schnaps ſaufenden Leibeigenen zu:„Helft mir doch, ich kann nicht heraus!“ Da geſchah ein Wunder. Der junge Maxim Uruſſow ſprang, alle Scheu bei Seite ſetzend, herbei, und zog das allerliebſte Perſönchen aus all' dem Rauh⸗ werk hervor, und wie er ſie einmal in den Händen hatte, beſann er ſich nicht weiter und trug ſie gleich über die Schneehaufen, die ihm den Weg ſperrten, in das Haus hinein, wo er ſeine ſchöne Laſt ehrerbietig zur Erde ſetzte. Die kleine Dame, welche der warme Herzſchlag des hübſchen Jungen noch röther gemacht hatte, als die ſcharfe Winterluft, bedankte ſich nicht im mindeſten bei ihm, ſondern ſprach, ihm den Rücken 176 kehrend:„Helfen Sie mir doch aus dem Man⸗ tel hervor, Maxim Petrowitſch.“ Maxim beeilte ſich, der ſchönen Bärin zu gehorchen und jetzt, wo er nichts von ihren großen hellen Augen zu befürchten hatte, ſagte er ſehr raſch und ſehr laut“ „Aber Sie ſind doch groß geworden, Angela Jwanowna, ſeit den zwei Jahren, wo Sie im Kloſter waren und ich Sie nicht geſehen habe, groß und ſchön.“ „Sie ſcherzen Maxim Petrowitſch“ „Ich ſcherze nicht“. Jetzt begegneten ihre hellen Augen ſeinen tief dunkeln und jetzt trieb es auch ihm das Blut in die Wangen. „Maxim, da ſteht der Tölpel“, rief in dieſem Augenblicke der Hausherr, welcher Frau Repnin am Arme, die Treppe hinaufzuſteigen im Begriffe war, „führe doch Mademviſelle Angela, mach' den Cavalier, lerne Manieren, man ſieht gleich, daß Der nicht in Paris war“. Angela, die einzige Tochter der Repnins, gleich ihrem Jugendfreunde Maxim unwiſſend und naiv, wie es eben nur Ruſſen des vorigen Jahrhunderts ſein konnten, nahm ohne Umſtände ſelbſt den Arm des rath⸗ los Daſtehenden und ſagte mit einer Art, die Maxim unendlich vornehm erſchien:„So macht man es, Marim 477 Petrowitſch, ich ſehe ſchon, ich muß Sie in die Schule nehmen.“ „Ja, thun Sie das, Mademviſelle Angela“, erwi⸗ derte Maxim,„Sie haben ſich ſehr verändert im Klo⸗ ſter, eine ganze Dame ſind Sie geworden, Mademoi⸗ ſelle Angela“ Die Kleine lächelte nur. Bald war Alles in dem großen Saale verſammelt und das Mahl begann, ein echt ruſſiſches Mahl, bei dem ſich die Tiſche bogen und der Wein im vollſten Sinne des Wortes in Strömen über den Fußboden floß und das von zwölf Uhr Mittag bis zum Abend währte. Dann ſtürzten fünfzig Diener herein und ſchleppten die Tiſche fort und ſtellten die Stühle an die Wände, die Muſik ſpielte eine Polonaiſe und Alt und Jung ſtellte ſich ein Paar hinter dem andern in endloſer Reihe zu dem gravitätiſchen Tanze auf, mit welchem damals jeder Ball eröffnet wurde. Maxim Uruſſow und Angela Repnin ſaßen bei der Tafel nebeneinander und tanzten faſt die ganze Nacht zuſammen. Am nächſten Tage, nachdem man ſich nach einem geſunden Schlafe bei einem ſolenen Frühſtücke zuſammengefunden und erquickt, beſtieg die ganze Ge⸗ ſellſchaft von Neuem die Schlitten, nur daß jetzt die jungen Damen nicht mehr bei ihren Eltern ſaßen, Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten III. 12 178 ſondern bei ihren Cavalieren. Maxim führte Angela und jagte mit ſeinen vier feurigen Pferden aus der Ukraine Allen voran, das ſchöne Mädchen ſchmiegte ſich warm an ihn und lachte vergnügt über hundert Dinge, die es ſonſt mit der größten Gleichgiltigkeit ge⸗ ſehen hatte, über die Krähen, die auf den Weiden⸗ bäumen ſaßen, über die großen rothen Federbüſche, welche auf den Köpfen der Pferde tanzten, über die luſtige Muſik der Schellen und Maxim's lange Peitſche, welche er von Zeit zu Zeit, um ſie zu erſchrecken, gleich einer Piſtole knallen ließ. Schon ſahen die jungen Leute den Herrenſitz der Matſchkowski aus großen kahlen Pappelbäumen hervor⸗ winken, da rief Angela, deren Uebermuth keine Grenzen hatte,„ach, Maxim, wie ſchön wäre das, wenn wir jetzt umwerfen würden!“ und ſchon war es geſchehen und ſie lagen lachend auf dem weichen Schnee, wie in einem Hermelinpelz, die Pferde waren ſtehen geblieben, Maxim hob Angela auf ſeine Arme, trug ſie in den Schlitten, der ſich von ſelbſt wieder aufgerichtet hatte und ſie waren doch die Erſten, welche unter Peitſchenknall und Geklingel in den Hof der Matſchkowski einfuhren. Hier ſchloß ſich der heiteren Geſellſchaft eine ziem⸗ lich reife, aber nicht üble Frau, Gräfin Labanoff an, 179 welche als Hofdame der Kaiſerin Katharina IH. großes Anſehen in dem ländlichen Cirkel genoß. Eine echte Modedame der Rococcozeit von pedantiſcher Zierlichkeit und Manierlichkeit, konnte ſie es nicht unterlaſſen, an Jedem, der in ihre Nähe kam, zu muſtern und zu er⸗ ziehen, heute ſchien ſie ſich das junge muthwillige Pär⸗ chen als Opfer erſehen zu haben, denn ſie begann da⸗ mit, als ſie Angela anſichtig wurde, über deren deran⸗ girte Taille zu ſeufzen, und machte ſich dann unter immerwährenden mon Dieu's an Maxim, deſſen Hals⸗ binde ſie ordnete. „Wie das hier aufwächſt“, murmelte ſie,„gleich wilden Sperlingen, um die ſich Keiner kümmert, der Umgang mit Frauen fehlt ihm, Monſieur Uruſſow, mit gebildeten, feinen, erfahrenen Frauen, die verſtehen es, einen jungen Mann zu erziehen, nicht aber derlei junge Gänschen.“ „O! die Gänſe ſind nützliche Thiere“, erwiderte Maxim in ſeiner derben Art,„und bei weitem nicht ſo dumm, als wofür man ſie hält und jedenfalls paſ⸗ ſen Gans und Gänſerich beſſer zuſammen, als Gans und Pfau, der Letztere mag noch ſo ein prunkvolles Rad ſchlagen, auch ſollen die Pfauen ein ſehr hartes Fleiſch haben.“ Angela hätte Maxim in dieſem Augenblicke küſſen 12½ 180 mögen, ſo freute ſie ſich darüber, daß er den Muth hatte, die Hofdame, vor der Alles ſcherwenzelte, abzu⸗ trumpfen. Aber damit war die Sache nicht abgethan. Die Gräfin, der der ſchmucke Junge gefiel und die um Alles in der Welt gerne ſeine Erziehung übernommen hätte, geſellte ſich zu den Eltern Uruſſow's und ſetzte ihnen auseinander, wie der prächtige Junge hier voll⸗ kommen verwildere, und wie es ein Leichtes ſei, ihn als Pagen an dem Hofe der Czarin zu placiren. Zu⸗ fällig waren die Eltern Angela's in der Nähe und ſtimm⸗ ten der Gräfin zu und ſprachen es wiederholt aus, daß ſie es als hohes Glück anſehen würden, wenn ihre Tochter Gelegenheit hätte, ſich am Hofe zu einer voll⸗ kommnen Dame auszubilden. „Ja, ja“, ſagte der alte Uruſſow,„für ein Mäd⸗ chen mag das ganz gut ſein, aber mein Maxim ſoll kein Geck werden und kein Riechfläſchchen tragen, ſon⸗ dern den Degen. Ich habe nicht umſonſt mit Potemkin gedient, der jetzt die Gunſt unſerer Kaiſerin in ſo hohem Maße beſitzt. Maxim ſoll Soldat werden, gegen die Türken fechten.“ Am dritten Tage bei Repnin tanzte Angela nur noch mit Maxim, die zwei galten allgemein als ein Paar, ehe ſie ſelbſt nur im Entfernteſten daran dachten. Bei dem Kehraus, einem wilden Koſak, verlor Angela, deren e 181 los gegangene Flechten ſich bereits gleich Schlangen um ihren Nacken ringelten, endlich auch einen Schuh; ſie lachte und als Maxim ihn aufhob, rief ſie:„Was ſoll ich damit, er hält nicht mehr, werfen Sie ihn zum Fenſter hinaus.“ „Da weiß ich etwas Beſſeres damit anzufangen“. rief Maxim, lief zu der Credenz hin— füllte Angela's Schuh mit goldenem Wein von Tokai und leerte ihn mit einem Zuge auf ihr Wohl. „Beſuchen Sie uns bald wieder“, flüſterte das ſchöne Mädchen, als die Gäſte ſich am nächſten Mor⸗ gen mit ſchweren Köpfen trennten, dem hübſchen lu⸗ ſtigen Jungen zu. „Wenn Sie mir es erlauben“, ſagte Maxim zu Boden blickend. „Ich erlaube Ihnen, nicht länger als einen Tag auszubleiben“, entſchied Angela,„und nun Adieu! und träumen Sie von mir.“ „Ich werde mir alle Mühe geben“, erwiderte Maxim. Als er mit ſeinen Eltern davon fuhr, ſtand ſie auf der Freitreppe und winkte mit ihrem Tuche und er zog ihren Schuh aus der Bruſt hervor uud führte ihn an die Lippen. Wirklich verging nur ein Tag, den alle Theilnehmer 182 an dem Siegesfeſte mehr in als außer dem Bette zu⸗ brachten, und Maxim kam in ſeinem Schlitten mit den vier Ukrainern, ſich nach dem Befinden des ganzen Repnin'ſchen Hauſes und insbeſondere der Mademvi⸗ ſelle Angela Jwanowna von Repnin zu erkundigen. Die alten Leute, welche die Annäherung des jungen Uruſſow an ihre Tochter gerne ſahen, begrüßten ihn mit geſteigertem Wohlwollen und ermunterten dann Angela, welche ſittſam bei Seite ſtand, dem lieben Gaſte etwas auf dem Klimperkaſten, den Herrn Rep⸗ nin etwas euphemiſtiſch ein Clavier nannte, vorzuſpie⸗ len. Mademviſelle ſetzte ſich und begann zu prälu⸗ diren; jetzt zog Maxim aus ſeinem Mantel eine Gui⸗ tarre hervor und unternahm es, ſie zu accompagniren, die Alten hörten einige Zeit zu, dann eilte Frau Rep⸗ nin in die Küche, für ein ordentliches Eſſen zu ſorgen, und Herr Repnin ging davon, ſich eine türkiſche Pfeife zu ſtopfen. Das war der entſcheidene Augenblick. Mit einem Male lag die Guitarre auf dem Klim⸗ perkaſten und Maxim zu Angela's Füßen, der er eine glühende Liebeserklärung machte, an der ſelbſt die ma⸗ nierliche Gräfin Labanoff nichts auszuſetzen gehabt hätte. Angela aber brach in ein lautes Gelächter aus. 183 „Sie lachen, Angela Jwanowna,“ ſprach Maxim tief gekränkt, noch immer auf den Knieen,„Sie ver⸗ achten alſo meine Gefühle.“ „Nein, nein“, rief ſie,„aber ich lache, weil Sie mir ſo ernſthaft Dinge mittheilen, die ich längſt weiß.“ „Sie wiſſen?“ „Ich weiß, daß Sie mich lieben und ich— ich liebe Sie auch“, ſagte das reizende Mädchen, ihre weißen Arme um ſeinen Nacken ſchlingend. Da ſprang er jubelnd auf, hob ſie auf, drehte ſich mit ihr wie toll herum und küßte ſie ordentlich ab. Bis jetzt hatte Angela noch immer mit ihrer großen Pariſer Puppe geſpielt, jetzt begann ſie Maxim zu ſtrigeln und zu putzen, und es war heiter anzuſehen, wie ruhig er ſich es gefallen ieß, wenn ſie ihn auf einen Schemel niederſetzte, und ſeinen wilden Kopf mit Kamm und Bürſte zu bearbeiten begann, oder ihn mit allerhand farbigen Bändern zu verſchönern ſuchte. Endlich war es ſo weit, daß Maxim's Vater feierlich für ſeinen Sohn um Angela's Hand warb. Die Repnin's gaben mit vieler Freude ihre Zuſtimmung, aber von beiden Seiten wurden Bedingungen gemacht, Angela ſollte zwei Jahre am Hofe zubringen, und Ma⸗ rim ebenſolange dem Vaterlande dienen. Die Liebenden fügten ſich, weil ſie ſich fügen mußten, und weil es 184 keine vollſtändige Trennung galt, denn ſie gaben ſich das Wort, ſich in der Reſidenz, ſo viel es nur ihr Dienſt erlaubte, zu ſprechen, oder mindeſtens doch zu ſehen. So machten denn die beiden Väter mit ihren Kindern gemeinſchaftlich die Reiſe nach Moskau, und kehrten dort in demſelben Gaſthofe ein. Repnin führte gleich am nächſten Tage Angela zu der Gräfin Labanoff, welche das hübſche Kind mit freundlicher Herablaſſung aufnahm, ſie ihrer Protection verſicherte, und in der That ſchon nach wenigen Tagen der Czarin vorſtellte. Angela fühlte ihr Herz heftig vochen, als ſie der mächtigen Frau gegenüberſtand, welche in zwei Welttheilen gebot, und mit ihrer kleinen weißen Hand ſo entſcheidend in die Geſchicke der Menſch⸗ heit eingriff. Katharina II. war damals ſechsundvier⸗ zig Jahre alt, aber von einer an Pracht und Geſchmack ihres Gleichen ſuchenden Toilette unterſtützt, noch im⸗ mer eine der ſchönſten Frauen von Europa. Ihr durch⸗ dringendes blaues Auge ruhte kurze Zeit forſchend auf dem lieblichen Mädchen, dann ſpielte ein reizendes Lä⸗ 3 cheln um den kleinen herriſchen Mund der geiſtvollen 8 Deſpotin und ſie ſprach:„Ich ernenne Sie zu meinem Kammerfräulein, Angela Jwanowna, Sie gefallen mir, ja Sie gefallen mir ſehr gut, wir werden bald Freun⸗ dinnen werden, hoffe ich.“ Angela ergriff in ihrer naiven Freude, ohne erſt abzuwarten, daß die Kaiſerin ihr dieſelbe reiche, die Hand der Monarchin und küßte ſie.. Katharina II. ſtrich ihr leicht über das Haar, und gab der Gräfin, welche in ihrer Manierlichkeit über das bäueriſche Benehmen ihres Schützlings einer Ohn⸗ macht nahe war, einen Wink, das Mädchen den Ver⸗ ſtoß nicht merken zu laſſen. Beinahe zur ſelben Stunde ſtellte Herr Uruſſow ſeinen Sohn dem mächtigſten Manne Rußlands, dem Günſtling Katharina's, Potenkim, vor. Obwohl er einſt als Capitän mit dem Lieutenant Potemkin zuſammen gedient hatte, ſtand er doch jetzt ziemlich kleinlaut und mit einem gewiſſen Beben vor dem General⸗Adjutanten Potemkin, dieſer aber, ſo roh und unverſchämt er auch gegen Perſonen war, welche neben oder über ihm ſtanden, zeigte ſich überall leut⸗ ſelig, ja freundlich, wo man ihm anſpruchslos oder gar, wie es hier geſchah, in Ehrfurcht erſterbend nahte. Der junge Uruſſow geſiel dem General, und damit war Alles abgemacht, er erhielt in wenigen Tagen das Patent als Fähnrich, und trat in das Regiment Sim⸗ birsk ein, während Angela ihren Dienſt in der Nähe der Monarchin begann. Die beiden Väter kehrten be⸗ glückt auf ihre Landgüter zurück, wo ſie lange Zeit 186 ein Gegenſtand der Bewunderung und Neugier für ihre Nachbarn blieben, welche Alle weder die Czarin geſehen, noch mit Potemkin gedient hatten. Maxim befreundete ſich raſch mit dem Dienſt und ſeinen Kameraden. Unter den Letzteren ſchloß ſich Ei⸗ ner, welcher gleich ihm in der Gegend von Tula ge⸗ boren war, beſonders zärtlich an ihn an. Er hieß Arkadi Wuſchitſchinkoff, und wenn er nicht die Uniform ihrer Majeſtät getragen hätte, wäre er wohl von aller Welt eher für einen wohlhabenden und wohlgenährten Kaufmann oder Wirth, als für einen Helden oder nur einen Soldaten gehalten worden. Obwohl noch ſehr jung, denn der Flaum ſproß ihm noch kaum um das Kinn, hatte er doch den Umfang von zwei gewöhnlichen Männern, und dieſer Contraſt ſeines Rieſenkörpers und ſeines kindiſchen weißrothen Geſichtes mit den dicken rothen Negerlippen gab ihm etwas unwiderſtehlich Komiſches, ſo daß er denn auch die verdächtige Aus⸗ zeichnung genoß, zugleich der Liebling und das Stich⸗ blatt des ganzen Regimentes Simbirsk zu ſein; bisher hatte er in einer wahrhaft impoſanten Vertilgung von verſchiedenen Schnäpschen für die Leiden, welche ihm die oft böſen Witze der Kameraden bereiteten, Troſt geſucht, jetzt ſchloß er ſich mit überſtrömender Liebe an den gutmüthigen einfachen Maxim, dem Einzigen, dem 187 es nie beifiel, ſeine Spottluſt an ſeinem Schmerbauch und ſeiner rothen Naſe zu üben. Die Beiden waren bald unzertrennlich, um ſo mehr, als es ſich fand, daß ſie in derſelben Compagnie, ja in demſelben Gliede neben der Fahne des Regiments ſtanden. Nicht lange, nachdem Maxim den Soldatenrock angezogen hatte, ſollte eine große Parade aller in Mos⸗ kau garniſonirenden Truppen vor der Czarin ſtatt⸗ finden. Den Tag vorher war Alles, was die Gamaſchen trug, raſtlos beſchäftigt, die Uniformen, das Riemen⸗ zeug und die Waffen zu putzen. Nach kurzem Schlaf begann in der Nacht das Friſiren und das Eindrehen der Zöpfe, wobei einer der Soldaten dem andern half, und zuletzt Alle, um das reglementmäßige Haarge⸗ bäude nicht zu zerſtören, ſitzend ſchlummerten, bis die Trommler Reveille ſchlugen. Während die Regimenter mit fliegenden Fahnen auf den Paradeplatz herauszogen, war die Kaiſerin noch mit ihrer Toilette beſchäftigt, denn die große Frau war nicht damit zufrieden, zu herrſchen, ſie wollte auch gefallen. In dem Augenblicke, wo Angela bemüht war, die Schleppe der Monarchin in ſchöne Falten zu legen, wendete ſich Katharina II. plötzlich zu ihr und ſagte: 188 „Du haſt noch keine Parade geſehen, ich erlaube Dir mitzufahren.“ Angela ſchoß vor Freude das Blut in die Wan⸗ gen, denn ſie hatte den Geliebten, ſeitdem ſie am Hofe war, noch nicht geſehen. Sie machte ſich raſch bereit, und beſtieg dann mit der Czarin, der Fürſtin Daſchkoff und der Gräfin Labanoff den kaiſerlichen Wagen, welcher ſie raſch an ihr Ziel brachte. Angeſichts der Truppen verließ Katharina II. den⸗ ſelben, um zu Pferde zu ſteigen, und von einer glän⸗ zenden Suite von Generälen und Officieren begleitet, die Front der Regimenter abzureiten, während ihre Damen vom Wagen aus dem Schauſpiele zuſahen. Das Regiment Simbirsk ſtand am linken Flügel, An⸗ gela, welche die Soldaten mit unbeſchreiblicher Auf⸗ regung muſterte, ſtieß plötzlich einen Schrei aus. „Was haben Sie, Fräulein Repnin?“ ſagte die Gräfin zurechtweiſend. „Ich— ich bin erſchrocken—“, ſtammelte das arme Mädchen. „Erſchrocken, weshalb?“ „Ich dachte, es wird geſchoſſen“ Die Damen lachten, indeß hatte Angela nicht die mindeſte Furcht vor dem Schießen, aber ſie hatte Ma⸗ rim entdeckt, der in ſeiner Uniform ſchön wie ein Gott 189 daſtand, ſo ſchön, wie er ihr noch nie erſchienen war; er trug die Fahne und blickte muthig vor ſich hin, ohne ſie zu bemerken. Jetzt ſpielte die Muſik, die Trommeln wirbelten, Katharina II. kam huldreich dankend im Schritt vorbei, Maxim ſenkte die Fahne, in dieſem Augenblicke ſchien das Pferd der Czarin zu ſtutzen, oder hielt ſie es ſelbſt an, genug ſie blieb einen Augenblick vor dem ſchönen Fähnrich ſtehen und wechſelte dann einige Worte mit dem General, der die Parade comman⸗ dirte und der mit geſenktem Degen an ihrer Seite ritt. In dieſem Augenblicke erfaßte Angela eine namen⸗ loſe Angſt, eine Empfindung, vor der ſie ſich keine Rechenſchaft zu geben wußte. „Du biſt ein Glückspilz— die Kaiſerin hat Dich angeſehen“ murmelte Arkadi. „Mich? Was wäre an mir Merkwürdiges?“ er⸗ widerte Maxim. „Das Pferd der Czarin iſt über Arkadi's Bauch erſchrocken“, flüſterte ein Anderer lächelnd, und das Lächeln pflanzte ſich durch die Reihen fort. Nach beendeter Revue begann das Defiliren, diesmal war das Regiment Simbirsk das letzte, das vorüberzog. „Gieb Acht, jetzt“, ſagte Arkadi leiſe, indem er Maxim mit dem Ellbogen ſtieß, und diesmal war es 190 kein Zweifel, das ſchöne Weib, das ſtolz und gebiete⸗ riſch gleich einer Königin der Amazonen auf dem präch⸗ tigen Schimmel ſaß, ließ ihre großen hellen Augen mit unbeſchreiblichem Wohlwollen auf Maxim ruhen, der unter dieſem Blicke zu zittern begann, wie ein zum Tode Verurtheilter. Nach der Parade waren die Generäle und die Oberſten der Regimenter bei der Kaiſerin zur Tafel. Nachher zog ſich Katharina II. in ihre Garderobe zu⸗ rück, und warf die prachtvollen Staatsroben ab, um es ſich in einem kaum minder koſtbaren Schlafrock von perſiſchen goldgeſticktem Scharlach bequem zu machen; nachdem ſie ſich auf einer Ottomane aus grünem Damaſt ausgeſtreckt, entfernte ein Wink der ſchönen Deſpotin ihre Frauen, nur Angela hieß ſie bleiben. „Gieb mir einen Zahnſtocher“, gegann ſie. Das Kammerfräulein beeilte ſich, den Befehl der Gebietcrin zu vollführen. „Nun, was ſagſt Du zu der Parade?“ fragte die Czarin. „Es war ein glänzendes Schauſpiel, von dem mir jetzt noch der Kopf wirbelt“, erwiderte Angela. „Und was gefiel Dir am beſten dabei? Haſt Du Dir irgend einen jungen Officier in den Reihen unſerer 191 Krieger ausgeſucht, den Du durch Deine Gunſt beglücken willſt?“ Das ſchöne Mädchen erröthete und ſchlug die Au⸗ gen nieder. „Du biſt ein Kind, Angela“, ſagte Katharina, „komm zu mir.“ Sie zog das Mädchen zu ihren Füßen nieder, und legte den vollen Arm nachläſſig um ihren Nacken.„Weißt Du, wer mir bei dem ganzen Spectakel am beſten gefiel? Du biſt ſo gut, ſo unſchuldig, Angela, ich habe Zutrauen zu Dir, und will Dich zur intimen Freundin meines Herzens und ſeiner Geheimniſſe machen. Sahſt Du im Regimente Simbirsk—“. Angela begann am ganzen Leibe zu beben. „Was haſt Du? Du zitterſt“, fragte die Monar⸗ chin raſch. „Die Huld Euerer Majeſtät iſt ſo groß—“. „Daß ſie Dir Furcht einflößt“, lächelte Katharina. „Höre alſo. Haſt Du im Regimente Simbirsk den jungen Officier bemerkt, welcher die Fahne trug?“ „Allerdings, Majeſtät.“ „Findeſt Du nicht, daß er wunderbar ſchön iſt?“ „Allerdings.“ „Ja, jeder Menſch muß es finden, es iſt eine Er⸗ ſcheinung, wie wir ſie nur noch aus den Gebilden der Antike ahnen konnten“, ſprach die Kaiſerin„da ſteht 192 ſie aber verkörpert vor uns, mit warmem pulſirenden Le⸗ ben. Cin Mann, berufen, alle Frauen wahnſinnig zu machen, und alle andern Männer als Sclaven zu ſei⸗ nen Füßen zu ſehen. Dies Schickſal hat die Natur in ſein Antlitz geſchrieben, und zu ſeinem Glücke habe ich die Macht, es ihm zu erfüllen.“ Angela war das Weinen nahe, aber Katharina bemerkte es in ihrem Enthuſiasmus nicht.„Ich liebe dieſen auferſtandenen Apollo und Adonis“, fuhr ſie fort,„aber obwohl die unumſchränkte Gebieterin eines mächtigen Reiches, habe ich doch alle Urſache, vorſich⸗ tig zu ſein, und darf ihm meine Gunſt nicht gleich offen vor aller Welt zuwenden. Potemkin bewacht eifer⸗ ſüchtig die Rechte, welche er an meinem Hofe beſitzt, es könnte ſchlimme Folgen für mich, wie für den ſchö⸗ nen Fähnrich haben. Ich bin mit mir zu Rathe ge⸗ gangen, und habe mir eine Intrigue erſonnen, zu der Du, Angela, mir die Hand leihen ſollſt. Du wirſt ihm vorerſt ſchreiben, und ihn zu einer Unterredung ein⸗ laden. Das Weitere wird ſich finden.“ „Majeſtät haben nur zu befehlen“, ſtammelte Angela. „Fürchte nichts“, bemühte ſich die Monarchin ſie zu beruhigen,„Dein Ruf ſoll bei dieſer Affaire keinerlei Gefahr laufen. Nun aber wollen wir an ihn ſchreiben.“ 193 Katharina II. erhob ſich und ging, von Angela gefolgt, in ihr Arbeitscabinet, wo ſie das Mädchen an den mit hellem Holze kunſtvoll eingelegten Mahagoniſecre⸗ tär ſetzte, und auf und- und abſchreitend zu dictiren begann: „Mein Herr! „Eine Dame vom Hofe, welche Sie durch Ihre Erſcheinung bezaubert haben, wird von dem unbezähm⸗ baren Wunſche gequätt, Ihre nähere Bekanntſchaft zn machen. Wenn Ihr Herz noch frei iſt, ſo finden Sie ſich morgen Abend um neun Uhr vor dem kleinen chine⸗ ſiſchen Pavillon im Garten der Czarin ein. Der ſüßeſte Lohn erwartet Sie.“ „Nun, die Adreſſe.“ Angela erbleichte. „An den Fähnrich im Regimente Simbirsk, Maxim von Uruſſow.“ „So, jetzt beſorge den Brief auf der Stelle an ſeine Adreſſe“, ſprach die Czarin. Angela verließ raſch das Cabinet, draußen ſtürzten ihr die hellen Thränen über die Wangen, ſie kam in einem Zuſtande vollkommener Verzweiflung und Auf⸗ löſung in das Uppartement der Gräfin Labanoff, warf ſich vor ihr auf die Knie und ſchluchzte. Die Gräfin ſuchte ſie zu beruhigen, und forſchte nach der Urſache Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. III 13 194 ihres Gemüthszuſtandes, als aber Angela ihr Alles erzählt hatte, ſchüttelte auch ſie bedenklich den Kopf. Sie meinte, ſo wie die Dinge ſtünden, bliebe nichts übrig, als ſich dem Willen der Monarchin in Allem zu fügen, Widerſtand könnte den Liebenden nicht al⸗ lein ihr Lebensglück, ſondern vielleicht Freiheit und Leben koſten. Katharina II. ſei bei aller ihr Seelen⸗ größe nur ein Weib, und habe Launen, welche oft ebenſo ſchnell verſchwinden, als ſie gekommen ſind. „Und ich ſoll ihm den Brief der Czarin übergeben“, klagte Angela,„ſoll ihn noch ſelbſt zu ihren Füßen führen?“ „Ja, das mußt Du, mein Kind“, ſagte die Gräfin, „wenn Du nicht Maxim opfern, oder zum mindeſten für immer verlieren willſt. Aber wir wollen gleich nach ihm ſenden, und ihm ſeine Inſtruction ertheilen.“ Eine Stunde ſpäter trat Maxim bei der Gräfin ein, und ſchloß Angela, welche mit einem Aufſchrei an ſeinen Hals flog, ſtürmiſch an ſeine Bruſt. Staunend hörte er die Eröffnung der beiden Frauen an, dann las er den Brief, den die Czarin dictirt hatte. Das erſte, was er ſagte, war:„Aber ſie fragt ja, ob mein Herz noch frei iſt, wie wäre es, wenn ich offen ſagte: nein Da ich nicht wiſſen ſoll, daß ſie es iſt, kann ſie ſich durch meine Aufrichtigkeit nicht beleidigt fühlen, 3 195 dieſelbe gilt ja nicht der Monarchin, ſondern einer na⸗ menloſen Unbekannten.“ „Sie braucht nur zu wiſſen, daß Ihr Herz einer Anderen gehört, Maxim,“ erwiderte die Gräfin, „um noch heftiger nach Ihrem Beſitz zu ſtreben. Ihr müßt Euch fügen, mir in Allem gehorchen lernen, noch iſt Alles zu gewinnen.“ „Ach, wäre er nur häßlich“, lächelte Angela unter Thränen,„es iſt doch ein wahres Unglück, einen Gelieb⸗ ten zu haben, der ſo ſchön iſt.“ An dem nächſten Abende, es hatte eben neun Uhr geſchlagen, traten zwei junge Männer, der Eine hoch und ſchlank, der Andere klein und von erſtaunlicher Breite, aus den Gebüſchen, welche den chineſiſchen Pa⸗ villon der Czarin umgaben, und näherten ſſch dem⸗ ſelben. Es war Maxim, von ſeinem Freunde Arkadi begleitet. „Du Glückpilz, Du Narr Gottes“, ſeufzte der Letz⸗ tere, dem ſein rieſiger Bauch den Athem benahm, und ihn ſo zu einer gewiſſen Sentimentalität im Ausdruck zwang,„kaum vierzehn Tage beim Regimente, und bereits ein Liebling einer hohen Dame, und am Ende noch einer ſchönen Dame, denn kannibaliſch reich und voll Einfluß ſind ſie Alle. Morgen biſt Du Lieutenant, in einem Monate Capitän, in einem Jahre Oberſt. 33* 196 Aber wer nur die Dame ſein mag? Am Ende gar die Czarin ſelbſt.“ „Was fällt Dir ein.“ „Warum nicht. Ich habe den Blick gemerkt, den ſie Dir geſtern bei der Parade zuwarf, ganz wie ein Geier, der auf ein Täubchen ſtoßen will. Sei nur nicht zu furchtſam, Maxim.“ In dem Pavillon brannte Licht, zwei Frauen ſtan⸗ den hinter der feſt verſchloſſenen Jalvuſie, Beide dicht verſchleiert. „Sie kommen“, ſagte jetzt die Größere, zog mit einer majeſtätiſchen Bewegung die dunklen Vorhänge zuſammen, und verbarg ſich hinter denſelben.„Thue jetzt, wie ich Dir geſagt.“ Angela verlöſchte das Licht, und ſetzte ſich auf den Divan, der in der Nähe des Fenſters ſtand; ihr Herz klopfte heftig. Maxim ſtieg leiſe die Stufen em⸗ por, öffnete die Thüre und blickte hinein. „Sind Sie da?“ fragte er. „Treten Sie ein, und ſchließen Sie die Thüre“, gebot Angela mit zitternder Stimme. Maxim gehorchte, und näherte ſich dann dem Di⸗ van, plötzlich faßte eine Hand den Schößel ſeiner Uni⸗ form, und zog ihn an ſich.„Madame,“ ſtammelte der arme Junge, der eine entſetzliche Angſt ausſtand. 197 „Fürchte Dich nicht, ich bin es“, flüſterte Angela, „aber die Kaiſerin lauſcht hinter dem Vorhang.“ Jetzt hatte Maxim mit einem Male ſeine ganze Kühn⸗ heit wieder.„Sie haben mir geſchrieben, Madame oder Mademviſelle“, fuhr er fort,„daß ich das Glück habe, Ihnen zu gefallen, laſſen Sie mich jetzt auch Ihr Ange⸗ ſicht ſehen, damit ich Ihnen ſage, ob ich Sie lieben kann.“ „Das iſt unmöglich.“ „Aber ich muß mich doch überzeugen.“ Er umſchlang Angela, und ſeine Hand ſuchte die ihre.„Eine reizende kleine Hand“, ſagte er„und glühend wie Feuer, und dieſe ſchlanke Geſtalt, v, Sie find jung, ſehr jung, und gewiß auch ſchön.“ „Nein, nein“, erwiderte Angela, und verſuchte ſich los zu machen. Aber Maxim gefiel die Rolle, die er ſpielte, nur zu gut.„Sie ſind jung und ſchön, ich habe bis jetzt nur meine Kaiſerin geliebt, aber ich fühle jetzt ſchon, daß ich auch Sie lieben, Sie anbeten werde. Ihre Nähe, Ihr Athem— möchte ich ſagen— haben Etwas, was mich unwiderſtehlich berauſcht.“ Er warf ſich auf beide Kniee vor ihr nieder und ſeine Lippen brannten in einem leidenſchaftlichen Kuß auf den ihren. „Aber, mein Herr, wie können Sie wagen“, rief Angela. 198 „Sie haben mich hierher beſchieden“, ſagte Maxim „und jetzt wollen Sie grauſam gegen mich ſein, nein, nein, Ihr Herz gehört mir, wie Sie mir ſelbſt ge⸗ ſtanden haben, und ich bin der Mann, mir jetzt alles Uebrige dazu zu nehmen.“ Der Vorhang rauſchte zornig. Maxim kümmerte ſich aber wenig um den Zorn der Kaiſerin, er hielt die Geliebte in ſeinen Armen und bedeckte ſie mit Küſſen; Angela wehrte ſich lange Zeit vergebens, bis es plötzlich von Außen an die Jalouſie klopfte. „Was iſt's?“ fragte Marim. „Man kommt, machen wir, daß wir fortkommen“, gab Arkadi zur Antwort. „Ja, ja, Sie müſſen mich verlaſſen und zwar auf der Stelle“, gebot Angela. „Auf Wiederſehen!“ flüſterte Maxim, indem er ſie nochmals an ſeine Lippen zog. „Auf Wiederſehen.“ Er ſtürzte hinaus und verbarg ſich mit Arkadi in dem Gebüſch. Die Damen verließen jetzt gleichfalls den Pavillon und gingen langſam auf dem weißen Kieswege. Ihnen kam raſch ein Mann entgegen, der bei ihrem Anblick ſtutzte und den Hut abnahm. — 199 „Sie hier, General—“. „Ja— Majeſtät— ich—“. „Habe ich Ihnen nicht ein für allemal verboten, mich bei meinen Spaziergängen zu beläſtigen“, ſagte die Czarin ſtrenge. „Ich dachte nur—“. „Gehen Sie“, gebot die Deſpotin, ihr Fuß trat heftig auf den Kies, ſo daß Funken unter ihm hervor⸗ ſtoben, dann drehte ſie ihm den Rücken und er ſchlich davon wie ein gezüchtigter Leibeigener. „Weißt Du, wer das war?“ fragte Maxim. „Ich kenne ihn nicht.“ „Es war Potemkin.“ „Potemkin!“ ſtaunte Arkadi,„dann war die große majeſtätiſche Dame niemand Anderes, als die Kaiſerin. Ich gratulire Sr. Excellenz zu dieſer Eroberung und bitte nur, ſeinerzeit dero gehorſamſten Diener Arkadi Waſſi⸗ liew Wuſchitſchinkoff nicht ganz zu vergeſſen. Jetzt aber wollen wir uns für den ausgeſtandenen Schreck bei meiner lieblichen Anaſtaſia erholen“. Damit nahm er Maxim unter dem Arme unb führte ihn durch ein Labhrinth von Straßen in ein enges ſchmut⸗ ziges Gäßchen und hier in eine rauchige, niedere Schnaps⸗ boutique, in der die Wittwe Anaſtaſia Nikitiſchna Srebrna das Regiment führte. Es war Niemand mehr in der Spelunke als die Wirthin und eine große weiße Katze, der ſie apathiſch den Rücken ſtrich. „Hier ſtelle ich Euch meinen Freund Maxim Rep⸗ nin vor“, ſagte Arkadi nachläſſig,„und das, mein Lie⸗ ber, iſt meine Naſtka, meine ſchöne reizende Anaſtaſia; habe ich zu viel geſagt?“ Die kleine runde Wittwe war wirklich gar nicht übel und dabei hatte ſie eine Art, ihren trägen, lang⸗ ſamen Anbeter zu behandeln, welche demſelben ſehr wohl bekam. „Seid Ihr von Sinnen voder ſeid Ihr betrunken“, ſagte ſie,„zu dieſer Stunde zu kommen, bei was für einem verruchten Weibsbild ſeid Ihr wohl geweſen? Geht nur!“ „Mein Freund hatte eine Affaire mit einer vor⸗ nehmen Dame, verſteht Ihr“, entgegnete Arkadi, die hübſche Wittwe umſchlingend,„das hat uns aufgehal⸗ ten, ich aber liebe nur Cuch, treu wie Gold.“ Anaſtaſia lächelte, die Katze machte einen Buckel und richtete dann gähnend ihre Krallen, Arkadi aber gab der runden Schönen einen herzhaften Kuß. Sie drückte ihn auf einen Stuhl nieder und ſprach wie er⸗ zürnt:„Da bleibt und rührt nicht. Was wollt Ihr etwa trinken?“ „Was Ihr uns gebt.“ W Während ſie mit der rechten zwei Gläſer voll⸗ ſchenkte, küßte Arkadi ihre linke Hand.„Rührt Euch nicht, ſage ich“, ſie ſchlug ihn auf den Mund. „Ein herrliches Weib“, murmelte Arkadi,„ſie hat eine Art wie eine Czarin, die würde Euch regieren, trotz einer Katharina!“ Anaſtaſia zuckte verächtlich die Achſel, ſetzte ſich auf Arkadi's Knie und begann mit ſeinem Zopf zu ſpielen. Maxim lag noch im Bette und träumte, als Ar⸗ kadi ſpornklirrend in ſeine Stube trat und ein großes geſiegeltes Schreiben auf ſeine Decke warf.„Habe ich es Dir nicht geſagt“, ſchnaubte er,„da haſt Du Deine Er⸗ nennung zum Lieutenant.“ „Wie? was?“ ſagte Maxin. „Lieutenant biſt Du?“ ſchrie Arkadi dem Schlaf⸗ trunkenen zu. „Nein, doch Fähnrich?“ „Lieutenant, ſage ich Dir.“ „Ich? „Ja, Du, und Adjutant.“ „Wie iſt das möglich?“ „Durch einen Unterrock iſt heut zu Tage Alles möglich“, brummte Arkadi;„beſonders wenn es ein Un⸗ terrock iſt, der nicht unter einem gewöhnlichen Weiber⸗ kittel, ſondern unter einem mächtigen Hermelinpelz ſteckt. Steh' auf, Glückspilz, kleide Dich an, Du biſt von der Czarin zur Audienz beſchieden.“ „Ich— zur Audienz?“ „Wer ſonſt, aber ich will Dir helfen“, und er zog ihn bei den Füßen aus dem Bette und begann ſeine Kleider in Stand zu ſetzen. Als Maxim zur beſtimmten Stunde im Audienzſaal unter den Bittſtellern ſtand, war ihm durchaus nicht wie einem Glückpilz zu Muthe, ſondern wie einem jungen Mädchen, das die Eltern, ohne es zu fragen, verheirathen wollen und das nun angſtvoll der Ankunft des Bräutigams entgegenſieht. Der dienſtthuende Kam⸗ merherr nannte ſeinen Namen und Maxim trat in das Zimmer, in welchem die Kaiſerin den Bitten und Klagen ihrer Unterthanen Gehör zu ſchenken pflegte. Sie ging, die Arme auf der Bruſt gekreuzt, auf und ab und ſtand plötzlich in einem ſchwarzen Sammtkleide, eine kleine Krone aus Diamanten in den weißen Locken, in ihrer ganzen Majeſtät vor dem jungen Officiere. „Ich habe Sie zum Lieutenant und zum Adjutan⸗ ten in meinem Palaſte ernannt“, begann ſie,„weil Sie mir wohl gefallen und ich Ihnen ſehr gewogen bin.“ „Ich weiß nicht, Majeſtät, wie ich ſo viel Gnade—“, ſtotterte der unglückliche Günſtling. 203 „Gnade kann man niemals verdienen“, fiel die Kaiſerin ein,„ſie kommt unerwartet wie ein Geſchenk von oben, ein Wunder oft ſelbſt für Jenen, der ſie ſpendet. Deshalb kann man aber auch ebenſo leicht und unerwartet in Ungnade fallen. Merken Sie ſich das, Maxim Petrowitſch und richten Sie alle Ihre Schritte hier am Hofe darnach ein.“ Die Kaiſerin lächelte ihm huldvoll zu und wen⸗ dete ihm dann den Rücken, ſie ſuchte, indem ſie den Anblick des ſchönen jungen Mannes mied, ihre Lei⸗ denſchaft für ihn zu bekämpfen, er aber nahm es für ein Zeichen, daß er entlaſſen ſei, verneigte ſich ſtumm und wollte gehen. „Sie dürfen mir danken, ehe Sie gehen“, ſprach Katharina II, ſich raſch zu ihm wendend,„küſſen Sie mir die Hand, ich erlaube es Ihnen.“ Maxim ließ ſich auf ein Knie nieder und führte die Hand der Monarchin an ſeine Lippen. „Wie reſpectvoll“, ſpottete Katharina,„Sie halten mich wohl für eine grauſame Thrannin, ja für Semira⸗ mis ſelbſt, wie mich Voltaire galant getauft hat, und ich, ich will von meinen Unterthanen nicht allein ver⸗ ehrt, ſondern auch geliebt werden, und Sie behaupten doch, mich zu lieben, Maxim Petrowitſch.“ Der junge Officier kniete wie auf Kohlen. „Stehen Sie auf“, befahl die Kaiſerin leiſe und ſchmeichelnd,„ich ſehe, daß ich ſelbſt mich der angenehmen Mühe unterziehen muß, Sie küſſen zu lernen.“ Maxim erhob ſich und das ſchöne gebieteriſche Weib legte ſanft die vollen Arme um ſeinen Hals. „So, mein junger Freund, ſo machte es Venus, als ſie Adonis am Abhange des Libanus traf und der ſchöne Jüngling verlor allen Reſpect vor der Eöttin und küßte ſie. Nun, fehlt Ihnen auch jetzt noch der Muth dazu?“ Katharina zog ihn an ſich, und ihre Lippen be⸗ rührten feucht und glühend die ſeinen. „Nun— ich will ſehen, ob Sie auch gelehrig ſind.“ Maxim hatte trotz ſeiner Angſt bei dem ſinnbe⸗ thörenden Kuß des herrlichen Weibes eine Art Rauſch erfaßt, er ließ es ſich nicht noch einmal befehlen. Raſch entſchloſſen umfaßte er mit ſeinen kräftigen Ar⸗ men die Czarin und küßte ſie noch einmal. Jetzt zitterte ſie an ſeiner Bruſt und das Blur ſchoß ihr verrätheriſch in die Wangen. „Jetzt gehen Sie“, ſprach ſie,„ich liebe Sie, Ma⸗ xim Petrowitſch; dies auf den Weg.“ Als Maxim in einem Zuſtand unbeſchreiblicher Ver⸗ wirrung in den Audienzſaal zurückkehrte, ſtand Potem⸗ kin in einer Fenſterniſche und winkte ihn zu ſich. 205 „Alſo das nennen Sie Dankbarkeit, Herr Lieute⸗ nant“, begann er mit unterdrückter Wuth. „Excellenz, ich verſtehe nicht“, ſtammelte Maxim. „Ich weiß Alles“, unterbrach ihn Potemkin,„die Czarin iſt in der Laune, einen Roman mit Ihnen zu ſpielen und Sie hoffen mich zu verdrängen und an meine Stelle—“. Jetzt unterbrach Maxim ebenſo heftig den mächtigen Günſtling Katharina's. „Kein Wort weiter, Sie treten meiner Ehre nahe, Excellenz. Ich ſtrebe nicht darnach, Sie zu verdrängen, im Gegentheil, die Gunſt der Kaiſerin ſetzt mich in Schrecken, denn ſie droht mir, mein Glück zu rauben. Ich liebe meine Braut, Angela Repnin, von ganzem Herzen, habe keinen anderen Ehegeiz, als von ihr wie⸗ der geliebt zu werden, und verwünſche die Stunde, wo wir Beide an dieſen Hof gekommen ſind.“ Die Art und Weiſe, in der der junge Mann ſprach, trugen ſo ſehr den Stempel der Wahrheit, daß Potem⸗ kin, der ſtets Mißtrauiſche, Vorſichtige, ihm Glauben ſchenkte. „Sie ſollen Ihr braves Mädchen nicht verlieren“, ſprach er, Maxim die Hand bietend,„wir haben hier ein gemeinſames Ziel zu erreichen, und wollen daher redliche Freunde und Verbündete ſein.“ ———————— „Wie ſoll ich es alſo anfangen, Excellenz“, erwi⸗ derte Maxim aufathmend,„um bei der Kaiſerin in Ungnade zu fallen?“ „In Ungnade?“ Potemkin brach in ein lautes Lachen aus,„es klingt unglaublich, hier, wo Alles um Gunſt und Gnade buhlt, intriguirt, kriecht und kämpft, hier ſucht der ehrliche Burſche Ungnade.“ „Ja wohl, Ungnade“, rief Maxim,„und zwar Un⸗ gnade um jeden Preis!“ Noch denſelben Abend erhielt Maxim durch eine vertraute Kammerfrau der Czarin einen Brief derſelben, in welchem ſie ihn zu ſich berief. Er ging zu Potemkin und berieth ſich mit demſel⸗ ben. Der erfahrene Mann, der einzige, unter deſſen Ein⸗ fluß Katharina II. ſo lange ſie lebte ſtand, gab ihm eine eingehende Inſtruction, in der er jeden nur denkbaren Fall vorſah und beſprach. Beruhigt ging der junge Lieutenant jetzt an das Werk. Er begann damit, daß er nicht bei der Czarin erſchien, ja nicht einmal ihren Brief beantwortete. Am nächſten Tage wurde er in das Cabinet der Kaiſerin befohlen, welche die Stirne zornig runzelte, als er eintrat. Potemkin hatte ihm geſagt, daß die Czarin geiſtreiche Männer liebe und ihm den Wink gegeben, ſich ſo albern als möglich zu ſtellen. 207 „Weshalb ſind Sie geſtern Abend nicht gekommen?“ herrſchte ihn Katharina I. an,„Sie verdienten, gezüch⸗ tiget zu werden, wie ein unartiger Knabe.“ „Hätte ich kommen ſollen?“ entgegnete Maxim er⸗ ſtaunt. „Haben Sie meinen Brief „Alſo?“ „Ja, Majeſtät, erhalten e ich ihn wohl“, ſprach Maxim mit dem dümmſten Geſicht von der Welt,„aber nicht geleſen.“ „Nicht geleſen? was ſoll das?“ „Weil ich nicht leſen kann, Majeſtät.“ „Sie können nicht leſen!“ ſagte Katharina II. ſtarr. „Und— und— da ich wußte, daß der Brief — daß er von Eurer Majeſtät— wagte ich nicht, ihn mir von Jemand Anderem zu laſſen“, ſtammelte Maxim. „Das fehlte noch“, rief Katharina II.,„gut, für diesmal ſind Sie entſchuldigt, aber Sie ſollen mir ſo⸗ fort leſen lernen, ich ſelbſt will Ihre Lehrerin ſein. Heute Abend um acht Uhr iſt die erſte Lection, wagen Sie es nicht, dieſelbe zu verſäumen.“ „Würde ich in Ungnade fallen?“ fragte angenehm überraſcht. —————————— „Mehr als das“, ſagte Katharina II. ſtreng,„eine neue Beleidigung würde ich unerbittlich ſtrafen.“ „Mit Degradation?“ „Ja wohl, mit Degradation und dann—“. „Dann?“ rief Maxim erſchreckt. „Ja, dann ſind Sie gemeiner Soldat, mein lie⸗ 6 ber Freund“, fuhr die Czarin fort,„und ein Soldat, den man dem ſtrengſten Commandanten übergibt. Bei dem geringſten Vergehen— und ein guter Commandant ſorgt dann dafür, daß Sie bald eines begehen— ſind Sie ohne Pardon der Kuute verfallen.“ „O, ich werde pünktlich ſein, Majeſtät“, ſeufzte Maxim, der mit ſchlotternden Knieen vor dem ſchönen Weibe ſtand, das ebenſo grenzenlos grauſam ſein konnte, als es zu lieben im Stande war. „Auf heute Abend denn“—. Der Abend kam. Schon eine halbe Stunde vor acht Uhr ſtand Maxim vor der Thüre des kaiſerlichen Boudoirs, in das er diesmal beſchieden war und hin⸗ ter dieſer Thüre mußte Angela der Czarin bei dem Negligé behilflich ſein, das dieſe machte, um ihren Bräutigam zu berücken. Die reizende Unordnung der weiß gepuderten Locken und Löckchen ſchien gelungen, Reifrock und Corſett der Rocvecodame, ähnlich den Rüſtſtücken eines mittelalterlichen Ritters, waren abge⸗ 209 legt, über einem Brüſſelerhemde floß ein langer Rock von weißer Seide von den Hüften der Czarin bis zur Erde hinab und in ſchimmernder Schleppe nach. Jetzt ſchlüpfte Katharina langſam, ſich ſelbſtzufrieden in dem Spiegel betrachtend, in den weiten Schlafpelz von blut⸗ rothem Sammet, der mit glänzendem Hermelin gefüt⸗ tert und verſchwenderiſch ausgeſchlagen war. Indem ſie ihre Arme anmuthig in dem reichen Pelzwerk badete, drohte das arme Mädchen hinter ihr in die Knie zu ſinken. „Was haſt Du?“ „Ach! der Pelz iſt ſo ſchwer.“ Die Augen voll Thränen befeſtigte Angela zuletzt noch einen weißen Spitzenſchleier auf dem Haupte der Kaiſerin, welcher auf ihren Schultern herabfallend Alles das, was er zu verbergen ſchien, ſinnbethörend durchſchimmern ließ. „Glaubſt Du, daß er mich ſo lieben wird, Angela,“ ſagte die Czarin, ſich mit einem ſtolzen Blick im Spie⸗ gel muſternd. „Ich fürchte“, wollte das Mädchen zur Antwort geben.„Wem wäre es möglich, Sie nicht zu lieben!“ ſagte ſie dann. Katharina küßte ſie auf die Stirne und entließ ſie, dann warf ſie noch einen Blick in den Spiegel und öffnete die Thüre. Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. III. 14 Sie ein Sie ließ ſich nachläſſig auf einem Fauteuil nieder und betrachtete mit unverhülltem Vergnügen den ſchö⸗ nen, jungen Menſchen, der demüthig und in ſein Schick⸗ ſal ergeben wie ein Sclave vor ihr ſtand. Und war er nicht in der That ihr Sclave, der Sclave ihrer Leidenſchaft, ihrer Laune? „Reichen Sie mir das Buch, das dort auf dem Tpilettentiſch liegt“, befahl die Kaiſerin. Maxim ge⸗ horchte.„So, jetzt ſetzen Sie ſich.“ Sie ſchob ihm mit dem Fuße den Schemmel hin und als er zu ihren Füßen ſaß, legte ſie die Hand leicht auf ſeine Schul⸗ ter und zeigte ihm die Buchſtaben und hieß ihn, ſie nachſprechen. Maxim benahm ſich ſo einfältig bei der Lectivn, daß Katharina II. nur zu bald die Geduld verlor und ungeduldig mit dem Fuße ſtampfend das Buch wegwarf. „Wie gefällt Ihnen meine Toilette?“ fragte ſie dann kokett,„dieſer Pelz?“ Sie ſchlug ihn einen Augen⸗ blick auseinander, ſo daß der Hermelin wie weißes Mondlicht an ihr herunterfloß. „Als Kaiſerin müſſen Sie ihn wohl tragen“, ent⸗ gegnete Maxim mit abſichtlicher Naivetät,„aber er muß entſetzlich heiß machen.“ Die Czarin begann ſich über ihren Adonis zu 2¹11 ärgern.„Ich will verſuchen, Sie die Buchſtaben ſchrei⸗ ben zu laſſen“ ſagte ſie nach einer kleinen Pauſe,„ſtel⸗ len Sie den kleinen Tiſch dort, hierher vor mich.“ Nachdem Maxim es gethan, verlangte ſie Feder und Tinte. Nun winkte dem Günſtling, der um jeden Preis in Ungnade fallen wollte, die verlockendſte Ge⸗ legenheit zu einem Hauptevup; er nahm das Schreib⸗ zeug, ſchickte ſich beim Tragen ſo tölpelhaft als nur möglich an und als er ihr nahe genug war, ließ er es mit einem lauten Schrei fallen, die Czarin ſprang auf, der ſchwarze Strom rieſelte über den Schnee ihres Schlafpelzes und das Silber ihrer Robe zur Erde hinab. Im ſelben Augenblicke klatſchte eine derbe kaiſerliche Ohrfeige auf der Wange Maxim's, dem dabei vor Seligkeit das Herz zerſpringen wollte. Es war ihm gelungen, die ſchöne Deſpotin in Zorn zu bringen. Er ſchien gerettet. „Wie kann man ſo ungeſchickt ſein?“ grollte Katha⸗ rina IH. und ein zweiter Schlag ihrer kleinen energiſchen Handilluſtrirte ihre Worte. Aber nun geſchah Etwas, was die ganze ſchöne Wirkung des Cvups, den Maxim ausgeführt, vernichtete, die Kaiſerin hatte in der Auf⸗ regung nicht bemerkt, daß ſie, bemüht ihre Toilette zu retten, ihre Hände in Tinte gebadet hatte. Jetzt ſah ſie plötzlich, daß die beiden Ohrfeigen, welche Maxim rechts 14* 212 und links empfangen hatte, ihn in einen Neger verwan⸗ delt hatten.„Mon dieu! Wie ſehen Sie aus!“ rief ſie und ſchüttelte ſich vor Lachen. Maxim trat vor den Spiegel und als er ſich ſah, begann er gleichfalls herzlich zu lachen. Die Czarin ge⸗ wann zuerſt ihre Ruhe wieder. „Ach, jetzt iſt es mir in der That heiß geworden“, ſagte ſie,„reichen Sie mir ein Glas Waſſer.“ Nachdem ſie getrunken, gab ſie es Maxim zurück.„Sie dürfen auch trinken“, ſagte ſie,„ja, ich erlaube Ihnen ſogar, Ihre Lippen an die Stelle zu legen, auf der die mei⸗ nen geruht haben.“ „Ich danke, Majeſtät.“ „Sie danken—“. „Ich— ich— trinke kein Waſſer,“ ſtammelte Marim, zum Aeußerſten entſchloſſen. „Ja, was trinken Sie denn?“ „Schnaps.“ „Schnaps?— pfui!— Marſch! Aus meinen Augen.“ Katharina kehrte ihm empört den Rücken und er, überzeugt, daß er jetzt endlich wirklich in Ungnade gefallen ſei, eilte aus ihrem Boudoir und tanzte im vollen Uebermuth der Jugend durch die Zimmer und die Treppe hinab. Das Erſtaunen des unglücklichen Maxim kannte keine 2¹3 Grenzen, als er wenige Tage nach der heiteren Kata⸗ ſtrophe mit der Czarin durch Potemkin die Eröffnung erhielt, daß Katharina II. durchaus nicht geſonnen ſei, das Spielzeug, das ſie ſich erwählt hatte, ſo leichten Kaufes aufzugeben. Sie ließ ihm zwar wiſſen, daß er auf unbeſtimmte Zeit aus ihrer Nähe verbannt ſei, aber nur um ſich gründlich und fleißig mit ſeiner Aus⸗ bildung in jeder Richtung zu befaſſen. Von der Mo⸗ narchin beordert, kam zuerſt ein Tanzmeiſter, der ihn bei dem Geſang einer alten Geige in allen möglichen Pas jener ſteifen ceremoniellen Zeit exercirte, nach ihm erſchien ein franzöſiſcher Sprachmeiſter, der die Aufgabe hatte, ihm die Sprache Voltaires in möglich kurzer Zeit einzutrichtern und zuletzt kam ein deutſcher Profeſſor, der ihn in den Wiſſenſchaften unterwies. Das tägliche Téte-à- Téte mit dieſen drei Perücken gefiel Maxim ungleich beſſer, als jenes mit dem ſchönen verliebten Weibe im kaiſerlichen Pelz. Er war, wie alle Ruſen, von großer Begier, ſich zu unterrichten, erfüllt und machte über⸗ raſchende Fortſchritte. Drei Monate waren vergangen, in denen der junge Officier weder die Czarin, noch die Geliebte geſehen hatte, da wurde er eines Tages wie⸗ der zur Monarchin beſchieden. Die Rolle des Dummkopfs und des Tölpels konnte er nicht mehr ſpielen, das gab ſogar Potemkin zu, er ſtand 214 alſo mit aller Grazie, die ihm der Tanzmeiſter verliehen hatte, vor Katharina, ihrer Befehle ge⸗ wärtig. „Sie haben fleißig gelernt, Maxim Petrowitſch“, begann dieſe mit roſigem Wohlwollen,„Ihre Lehrrr ſtellen Ihnen die beſten Zeugniſſe aus. Ich will Ihnen alſo Ihre Ungeſchicklichkeiten in Bauſch und Bogen verzeihen und mich ein wenig mit Ihrer Carriore be⸗ faſſen. Heute noch ſoll ein Courier nach Berlin ab⸗ gehen, ich habe Sie zu dieſer Miſſion auserſehen, weil ich Ihnen Gelegenheit geben will, ſich auszuzeichnen. Aber einem Lieutenant kann man ſo wichtige Depeſchen nicht anvertrauen. Ich habe Sie alſo zum Capitän ernannt.“ „O! Majeſtät!“ rief Maxim freudig überraſcht und ließ ſich vor der Kaiſerin auf ein Knie nieder, nicht mit jenem wilden Enthuſiasmus, wie er es ſonſt gethan, ſondern mit der ganzen Anmuth eines franzö⸗ ſiſchen Cavaliers, ganz ſo, wie es ihn der Tanzmeiſter gelehrt. „Wie hübſch Sie jetzt knieen“, ſprach Katha⸗ rina II., ihn durch die Lorgnette betrachtend.„So, jetzt küſſen Sie mir auch die Hand.“ Maxim führte die Hand der Czarin mit galanter Zärtlichkeit an die Lippen. 2¹5 „Sie haben auch im Küſſen Fortſchritte gemacht“, ſagte Katharina II. lächelnd,„verdanken Sie dieſelben auch Ihrem Tanzmeiſter oder haben Sie darin andere Lehrmeiſter gehabt?“ Sie ſchlug ihn mit der Hand leicht auf die Wange.„Holen Sie jetzt Ihre Depeſchen bei dem Generaladjutanten, Herr Capitän, und reiſen Sie mit Gott.“ Als Maxim bei ſeinem Gönner Potemkin eintrat, rief ihm dieſer von Weitem ſchon entgegen: „Ich gratulire, Capitän, ich gratulire“, dann ſetzte er leiſe hinzu: „Aber die Depeſchen werden Sie nicht überbringen, ich habe bereits einen Anderen damit abgeſchickt. Wir werden einen neuen Streich ausführen, auf den Sie ge⸗ wiß in Ungnade fallen. Gehorchen Sie mir nur blind, Sie werden es nicht bereuen.“ Gegen Abend ließ ſich Potemkin bei der Monarchin melden. „Was bringſt Du, Gregor Alexandrowitſch, Du ſcheinſt ſehr aufgeregt?“ rief die Czarin. „Und mit Recht, Majeſtät“, entgegnete Potemkin, „Sie haben dieſen Uruſſow gegen meinen Rath heute Vormittag mit wichtigen Depeſchen abgeſchickt. Wenn ich nun nicht wäre, hätte ſie der unvorſichtige Knabe, ohne es zu wollen, dem Feinde in die Hände geſpielt.“ 2¹6 „Wies“ „Herr Uruſſow iſt, ſeitdem er durch die mütter⸗ liche“— Potemkin, betonte das Wort abſichtlich ſehr ſtark—„Vorſorge Euerer Majeſtät aufgehört hat, ein Einfaltspinſel zu ſein, dafür ein Raufbold, Spieler und Trinker geworden.“ „Er trinkt Schnaps—“. „Ja wohl, gemeinen Schnaps“, fiel Potemkin ein, „und ſo kam er denn vor vier Stunden vollſtändig be⸗ trunken zurück und meldete mir, daß er die Depeſchen verloren habe.“ „Verloren, der Elende—“, ſchrie Katharina I. auf. „Majeſtät wiſſen, daß es in Rußland von Spi⸗ onen unſerer Gegner wimmelt. Wie leicht konnten dieſe für uns compromittirenden Papiere in ihre Hände fallen. Ich beſtieg alſo auf der Stelle ſelbſt ein Pferd, und eilte auf der Straße, welche der Cvurier einge⸗ ſchlagen hatte, von Schänke zu Schänke, denn in jeder hatte dieſer Uruſſow Halt gemacht und getrunken—“. „Schnaps?“ fragte die Czarin. „Ja, gemeinen Schnaps“, fuhr Potemkin fort, „und endlich fand ich einen klugen Wirth, der das dem Betrunkenen entfallene Packet aufgehoben und wohl verwahrt hatte. Ich ſandte auf der Stelle einen an⸗ 217 deren Courier nach Berlin und habe den Capitän Uruſ⸗ ſow auf die Wache führen laſſen, wo er der Strafe harrt, welche Eure Majeſtät über ihn zu verhängen geruhen werden.“ „Er muß exemplariſch beſtraft werden“, entſchied die Kaiſerin, welche zornig auf und abging,„ich de⸗ gradire ihn hiermit zum Gemeinen und verurtheile ihn zu hundert Knutenhieben.“ „Majeſtät, dieſes Urtheil iſt etwas hart“, bemerkte Potemkin, der nicht im Entfernteſten daran dachte, die Strafe vollziehen zu laſſen und dem das Lachen nahe war. „Ich will aber hart ſein“, rief Katharina II., „und mehr als das, ich will in dieſem Falle ſogar grauſam ſein, die Execution hat morgen um zehn Uhr Vormittags ſtattzufinden und ich ſelbſt werde derſelben zuſehen.“ Pot mkin, welcher ſeine Gebieterin kannte und wußte, daß im Augenblicke nichts weiter zu machen war, verneigte ſich und ging. Nach einer Stunde wurde er von Neuem zu ihr beſchieden. „Es wäre doch unmenſchlich, dieſen ſchönen jungen Menſchen unter der Knute des Henkers ſterben oder nur verſtümmeln zu laſſen“ ſagte Katharina I. „Gewiß, Majeſtät.“ 218 „Aber bei der Degradation bleibt es.“ „Wie Eure Majeſtät befehlen.“ Am nächſten Tage war auch die Degradation auf⸗ gehoben und als Maxim bei Potemkin erſchien, eröff⸗ nete ihm dieſer lachend, daß die Kaiſerin ihm die über⸗ ſtandene Angſt als Strafe anrechne und ihn zum Oberſten ernannt habe. Maxim hielt es Anfangs für Scherz, aber als er das Patent ſah, konnte er nicht länger zweifeln und war in ſeinem Jubel nahe daran, Potemkin die Hand⸗ zu küſſen. „Aber die Angſt, die ich ausgeſtanden habe?“ ſagte er dann,„was für eine Angſt habe ich denn ausgeſtanden?“ „Ja, das iſt eine große Geſchichte“, erklärte ihm Potemkin,„während Sie mit Ihren Kameraden zechten, waren Sie zuerſt verhaftet, dann degradirt und zur Knute verurtheilt und dann wieder begnadigt.“ „Alſo ſie wollte mich im Ernſte knuten laſſen“, fragte Maxim mit einigem Schauder. „Allerdings und noch ſelbſt dabei zuſehen“ lachte Potemkin,„ja, die Frauen ſind unberechenbar, mein lieber Maxim Petrowitſch, und vor Allem dann, wenn ſie uns lieben.“ Nicht lange, nachdem der junge Oberſt ſein Regi⸗ 2¹9 ment übernommen hatte, fand in der Nähe von Mos⸗ kau ein großes Manöver unter den Augen der Kaiſerin ſtatt. Ein Theil der Truppen unter dem Commando Suwarows ſtellte die Türken vor und ſollte durch eine kühne Flankenbewegung umgangen und gezwungen werden, ſich der Kaiſerin, an deren Seite Potemkin die Ruſſen befehligte, auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Aber die Sache kam ganz anders. Nicht umſonſt hatte Potemkin dem Oberſten Uruſ⸗ ſow die Führung der Truppen anvertraut, welche das geniale Manöver ausführen ſollten und mit demſelben Tags vorher die Karte ſtudirt. Als der Moment kam, wo die Ruſſen unerwartet den Türken in Flanke und Rücken fallen ſollten, war⸗ tete Katharina II. vergebens auf die Reiter Uruſſows, welche die Reſerve Suwarows anfallen, auf ſeine Ge⸗ ſchütze, welche den Feind in ein Kreuzfeuer nehmen ſollten. Eine Viertelſtunde verſtrich und eine zweite, dann ſprengte Suwarow durch eine plötzliche Attaque ſeiner Cavallerie das Centrum der Ruſſen und nahm die Kaiſerin gefangen. Die Kaiſerin machte gute Miene zum böſen Spiel, ſie reichte Suwarow lachend die Hand, aber ihr gan⸗ zer Zorn entlud ſich jetzt auf das Haupt des Oberſten. 220 Ein Adujutant wurde abgeſchickt, ihn vor die Czarin zu laden. Er kehrte allein und mit einer reglementwidrig heitern Miene zurück. „Wo iſt der Oberſt“, fragte Katharina II. mit einer gewiſſen Heftigkeit. „Der Herr Oberſt läßt ſich eniſchibigen es iſt ihm unmöglich“,— ſagte der Adjutant, der in Gefahr war, ſich die Zunge abzubrechen. „Unmöglich, wenn ich es befehle?“ rief die ſchöne Deſpotin. „Der Herr Oberſt ſteckt mit ſeinen Kanonen, Sol⸗ daten und Pferden bis an den Hals in einem großen Sumpf“, ſagte der Adjutant. Die Kaiſerin ſtutzte einen Augenblick, dann brach ſie in ein ſchallendes Gelächter aus, in das der Gene⸗ ralſtab und endlich die ganze Armee einſtimmte. „Glauben Majeſtät nicht, daß es an der Zeit wäre, dieſen Herrn Oberſten in Penſion zu ſchicken,“ ſagte Potemkin, als er auf dem Rückweg neben ihr ritt. „O! Durchaus nicht an der Zeit“, rief Katha⸗ rina II. mit einem Blitz ihrer kühnen geiſtvollen Au⸗ gen,„dieſer Oberſt iſt, wie ich ſehe, im Stande, Sie eiferſüchtig zu machen, lieber Potemkin, und das macht 221 mir ſo viel Spaß, daß ich ihn jetzt erſt recht protegiren will.“ Die Kaiſerin hatte mit ihrem Vertrauten Potem⸗ kin in ihrem Cabinet gearbeitet, ſie war zu dem Ent⸗ ſchluſſe gekommen, eine Reihe drückender Steuern auf⸗ zuheben und ein ganz neues Syſtem der inneren Ver⸗ waltung einzuführen, bei welchem zum erſten Male die Grundſätze der franzöſiſchen Philoſophen zur Anwen⸗ dung kommen ſollten. Sie hatte die Entwürfe, welche vor ihr lagen, mit dem außerordentlichen Scharffinn, der ſie charakteriſirte, ſchnell erfaßt und auf der Stelle die Schwächen derſelben erkannt und Potemkin jene Verbeſſerungen dictirt, welche ſie nöthig fand. Nun ſtreckte ſie ſich müde in den weichen Sammtpolſtern aus und ihr Auge mit ruhigert Spotte auf den ein⸗ zigen Mann heftend, der ihrem Herzen wirklich nahe ſtand, fragte ſie, in der Abſicht, ſich mit ſeinen Qua⸗ len die Zeit zu vertreiben: „Biſt Du noch immer eiferſüchtig, Gregor Alexan⸗ drowitſch?“ „Auf wen?“ „Auf Uruſſow.“ „Nicht mehr.“ „Nicht mehr? Und was hat Dich ſo ſchnell ge⸗ heilt?“ „Die Ueberzeugung, daß meine Eiferſucht grund⸗ los war“, ſagte Potemkin. „Du glaubſt alſo nicht, daß ich ihn liebe?“ fragte Katharina II. lauernd. „Ich glaube nur nicht, daß der Oberſt Dich liebt.“ „Wie das?“ „Oder beſſer geſagt, ich glaube, daß er eine Andere liebt.“ Potemkin blickte mit einer Siegesgewißheit auf die Kaiſerin, welche dieſelbe verwirrte. „Eine Andere? Du lügſt.“ Potemkin zuckte die Achſeln.„Ueberzeuge Dich ſelbſt.“ „Wie kann ich das?“ „Noch heute Abend, wenn Du willſt.“ „Gut denn, noch heute Abend, und wenn Du Recht behältſt?“ ſprach Katharina, ſich erhebend. „Verſprichſt Du mir, daß er in Ungnade fällt und den Hof verlaſſen muß?“ fiel Potemkin raſch ein. „Ha! mein Freund, doch eiferſüchtig“, ſprach Ka⸗ tharina II. angenehm überraſcht,„und wenn ich Recht behalte, Potemkin, was dann?“ „Dann ſchicke mich nach Sibirien“, ſagte Po⸗ temkin. „Das kann ich ſo auch thun“, entgegnete Katha⸗ F 223 rina II. mit boshafter Eile, denn ſie ließ keine Ge⸗ legenheit vorübergehen, den Mann, deſſen Macht ſie fühlte, zu demüthigen. „Was könnteſt Du nicht, wenn es Dir beliebt“, ſprach Potemkin, ohne einen Augenblick ſeine Miene zu ändern,„ich bin Dein Unterthan, Dein Sclave.“ Katharina ſah ihn, ohne ein Wort zu ſagen, an und reichte ihm dann die Hand. „Ich werde mich hüten, Dich nach Sibirien zu 6 ſchicken“, ſagte ſie herzlich,„ich brauche Dich hier viel nothwendiger. Alſo, heute Abend.“— Als es vollkommen dunkel geworden war, ging Maxim, wie es ihm ſein Gönner geboten hatte, durch den kaiſerlichen Garten, die von beſchnittenen Taxus⸗ wänden eingerahmte Hauptallee hinauf, bis zu dem Springbrunnen, der ſeinen ſilbernen Strahl hoch in die Luft warf und in tauſend Diamanten zerſchellt in die von einer nackten Nymphe gehaltene große Muſchel zu⸗ rückfallen ließ. Er ſetzte ſich auf die Raſenbank, welche ihm bezeichnet war; ſie war durch einen Amor kennt⸗ lich, der im Begriffe, ſeinen Pfeil abzuſchießen, in der von der Taxuswand gebildeten grünen Niſche hinter ihm ſtand. Hier blieb er ſitzen, betrachtete die wunder⸗ baren Gebilde der Sterne an dem wolkenloſen Himmel und dachte an Angela. Plötzlich ſtand eine weiße Geſtalt vor ihm. War es die Kaiſerin? Er erhob ſich und nahm ehrerbietig den Hut ab. „Ich bin es, Maxim“, ſprach eine wohlbekannte Stimme, deren ſüßen Klang er ſo lange entbehrt hatte, und zwei weiche Arme umfingen ihn. Nach einem langen Kuſſe machte ſich Angela los.„Das iſt nicht genug“, ſagte ſie,„ich werde auf der Bank ſitzen und Du mußt vor mir knieen und mir Liebe ſchwören.“ „Muß ich?“ „Denke, daß wir die Kaiſerin aufbringen müſſen.“ „Wie?“ „Frage nicht weiter, Potemkin will es ſo und das ſei Dir genug. Auf die Knie!“ ſie deutete mit ihrer weißen Hand auf den Boden und ſchien Maxim mit einem Male ſo majeſtätiſch, daß er ihr gehorchen mußte. Da lag er nun zu ihren Füßen und ſchwor, das Auge bald zu ihr, bald zu den Sternen erhoben, allerhand Unſinn und die Sterne hörten geduldig zu, aber An⸗ gela gab ihm einen eichten Backenſtreich und flüſterte: „nicht ſo toll!“ Und wie ſie ihn jetzt an ihre Bruſt zog und ſein liebes Antlitz mit Küſſen bedeckte, ſtand Katharina I. mit Potemkin hinter der grünen Wand und fieberte vor Wuth und Eiferſucht. 225 „Ich könnte ihn zerreißen“, murmelte ſie und da ſie es nicht konnte, kneipte ſie Potemkin heftig in den Arm. „Hören wir, was ſie ſagt, die Schöne ſpricht mit ihm“, entgegnete der Günſtling, der ſeine Heiterkeit mit Mühe verbarg. „Jetzt, Maxim, jetzt gilts“, flüſterte Angela, ſo daß es Niemand als er hören konnte,„die Czarin iſt da, ich höre den Sand unter ihren Füßen kniſtern.“ „Und ich ſehe ihren Hermelinpelz durch die grüne Wand ſchimmern“, wiſperte Maxim.„Alſo ſchieß los.“ „Mein lieber Oberſt“, begann Angela laut,„Sie ſchwören mir, daß Sie mich lieben und doch ſcheint es mir, daß Sie eine andere Dame viel mehr als mich lieben?“ „Wer ſollte das ſein?“ erwiderte Maxim ebenſo vernehmlich. „Die Kaiſerin, ſagt man und man ſagt auch, daß Sie ſehr in ihrer Gunſt ſtehen“, fuhr Angela fort. „Ich will es nicht leugnen, daß ſie ſehr gnädig gegen mich iſt“, gab Maxim zur Antwort,„aber wie können Sie glauben, daß eine Frau von ihrem Genie und ihrer Würde ſich ſo viel vergeben könnte, einen jungen unbedeutenden Menſchen wie mich zu lieben?“ eacher⸗Raſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. III. 15 226 „Hörſt Du?“ ſagte Potemkin leiſe zu Katharina. „Aber Sie, Sie lieben ſie“, fuhr Angela fort. „Ich?“ antwortete der junge Oberſt,„Katharina II. iſt die ſchönſte Frau der Erde.“ „Hörſt Du“, flüſterte jetzt die Czarin ihrem Ver⸗ trauten zu. „Ich verehre die große Herrſcherin“, fuhr Maxim fort,„und bete das ſchöne Weib in ihr an, aber eben deshalb wage ich es nicht, die Augen zu ihr zu erheben und ich hätte nicht einmal den Muth, ſie zu lieben.“ „Hörſt Du“, ſagte Potemkin. „Ich liebe Sie, theure Angela“, ſchloß Maxim, „Sie allein.“ „Nun denn, Herr Oberſt, auch ich liebe Sie“, gab Angela ſo laut als nur möglich zur Antwort, und ſie begannen ſich von Neuem zu küſſen wie zwei Täub⸗ chen, die beim Sternenlicht im grünen Buſche ſchnäbeln. „Die Verrätherin!“ murmelte Katharina,„ſie ſoll es mir büßen.“ „Sie?“ ſagte Potemkin,„das wäre eine Unge⸗ rechtigkeit und noch mehr eine Unklugheit, und dieſer beiden weiblichen Schwächen halte ich meine große Kai⸗ ſerin nicht für fähig.“ „Du haſt Recht, aber ſie regen mich auf, und thun mir weh, und das Geküſſe nimmt kein Ende, 27 ich könnte raſend werden, kömm', Gregor.“ Sie eilte mit den raſchen Schritten eines jungen Mädchens die Allee hinab, dann durch einen grünen Seitengang, immer von Potemkin gefolgt, bis zu einer zweiten Fon⸗ taine und ließ ſich hier auf einer Raſenbank nieder, über der eine weiße ſteinerne Venus mit einem ſteiner⸗ nen Adonis koſ'te.„Sei doch kein Bär, Gregor, was thut man, wenn man unter dem flimmernden Sternen⸗ himmel allein iſt mit einer Frau.“ „Mit dem ſchönſten Weibe der Erde, willſt Du ſagen, Katharina“, rief Potemkin mit aufrichtigem Enthuſiasmus,„man knieet nieder und betet an“ Und er warf ſich zu ihren Füßen nieder und ſein Antlitz in dem ſchimmernden Pelzwerk begraben, bedeckte er die herrliche Büſte der Czarin mit feurigen Küſſen. Katharina lächelte.„Aber wir ſollten die Beiden doch ſtrafen“, ſagte ſie. „Du haſt Recht“, erwiderte Potemkin,„und zwar recht empfindlich.“ „Wie meinſt Du?“ „Indem wir ſie zuſammen verheirathen.“ Als die Kaiſerin in ihrem Schlafgemache allein war, im Begriffe zur Ruhe zu gehen, erwachte mit einem Male, je mehr ſie deſſelben Meiſter geworden zu ſein glaubte, ihr Gefühl für den treuloſen Adonis 15* mit erneuter Gewalt. Sie war zu ſtolz, ihm ferner von Liebe zu ſprechen, aber ſie war Weib genug, zu wünſchen, daß er ſie liebe, ſie wollte ein Netz von Coquetterie und Wolluſt um ihn ſpannen, ihn ahnen laſſen, daß ihr Beſitz für ihn nicht ſo unerreichbar war, als er dachte, und ihn dann fortſchicken, den Pfeil im Herzen, nicht ſie durfte die Verſchmähte ſein, ſondern er ſollte zu ihren Füßen liegen, verſchmäht und verlacht. Sie ſchrieb an ihn:„Undankbarer! Ich weiß, daß Sie eine Andere lieben, aber dennoch will ich Sie noch einmal ſehen, morgen um Mitternacht im chine⸗ ſiſchen Pavillon.“* Dieſen Brief erhielt Maxim am nächſten Morgen, diesmal ging er aber nicht zu Potemkin, ſondern er⸗ ſann ſich ſelbſt einen tollen Spaß. Er ſchloß die Zei⸗ len von der Hand der Czarin in ein anderes Couvert ohne Adreſſe und ſendete damit einen treu⸗verläßlichen Diener in die Caſerne des Regimentes Simbirsk, wo ſie dem dienſtthuenden Unterofficier für Herrn Arkadi Wuſchitſchinkoff übergeben wurden. Es währte nicht gar zu lange und Arkadi trat ſchwer athmend bei ſeinem Freund, dem Oberſten, ein. „Lies dieſen Brief“, ſprach er feierlich. Er ſchien um mindeſtens fünf Zoll gewachſen. Maxim las mit großem Ernſt und gab dann das Billet Arkadi zurück. —„Was ſagſt Du?“ t„Daß Du der eigentliche Glückspilz biſt.“ „Ich— aber ich weiß ja gar nicht, von wem dieſe Zeilen ſind. Ein Lakai hat ſie gebracht, das ſteht feſt, aber es gibt viele Lakaien!“ ſeufzte Arkadi. „Gewiß, aber es gibt nur eine Frau, welch dieſe kühnen, ich möchte ſagen deſpotiſchen Schriftzüge hat“, gab Maxim zur Antwort. 1„Wer ſoll das ſein?“ „Sieh' die Unterſchrift.“ 5„Katharina.“ „Nun?“ „Nun.“ „Die Czarin, wer ſonſt.“ „Aber die liebt ja Dich“, ſagte Arkadi mißtrauiſch. „Was Dir einfällt, die Dame damals war eine ganz andere, ihr danke ich, daß ich Oberſt geworden bin, denke Dir nun, welche Laufbahn erſt Dir winkt, 1 wenn die Czarin ſelbſt—“. „Laß' mich niederſetzen, mir wird ſchwül“, ſeufzte Arkadi. „Aber ſie ſchreibt da, ſie will mich noch einmal ſehen“, fuhr er fort,„noch einmal!“ „Sehr einfach. Erinnerſt Du Dich genau aller Umſtände damals bei meinem Rendezvvus im chine⸗ ſiſchen Pavillon?“ „Ja.“ „Erinnerſt Du Dich der großen najeſttiſchen Dame, welche meine Schöne begleitete?“ „Das war Katharina und dunnts hat ſie Dich geſehen, als Du an die Jalvuſie klopfteſt und ſich in Dich verliebt“, ſchloß der Oberſt ſeine Auseinander⸗ ſetzung. liebe?“ frug Arkadi, der noch immer zweifelte. „Frage ſie ſelbſt.“ „Hm! hi! heilige Mutter von Kaſan, Du meinſt alſo, daß ich ſo, wie ich bin, heute Nacht zu dem Rendezvous gehen ſoll?“ „Gewiß, ich fürchte nur Eines, daß Du Si bei der ſchmalen Thüre nicht hinein kannſt“, lachte Maxim. „Ich will alſo gehen, aber nur wenn Du mich begleiteſt, Maxim.“ „Abgemacht.“ Sie ſchüttelten ſich die Hände.— Gegen Abend kam Arkadi wie gewöhnlich zu der hübſchen Schnapswittwe. Diesmal tiefe Falten auf der Stirne und die rothe Naſe hoch erhoben. „Wie aber hat ſie erfahren, daß ich eine Andere 23¹ „Guten Abend, Frau Srebrna“, begann er mit Würde. „Seit wann ſtehen wir ſo feierlich miteinander“, erwiderte Naſtka, die Arme in die Seiten ſtemmend, „trägt Er die Naſe wie ein General und ſpricht Er wie ein Metropolit.“ „Ja, die Zeiten ändern ſich, Frau Srebrna und die Menſchen mit ihnen“, ſeufzte Arkadi,„heute noch Fähnrich, morgen vielleicht in der That General. Sie wiſſen, Anaſtaſia Nikitiſchna, daß mein Herz nur für Sie ſchlägt, aber es ſind Verhältniſſe eingetreten—“. „Was ſchwatzt der Eſel da?“ „Eine hohe Dame hat ihr Auge auf mich gewor⸗ fen“, fuhr Arkadi fort. „Auf ihn?“ Ha! ha! ha! wohl die Czarin ſelbſt, nicht“ ſpottete Naſtka. „So iſt es, Anaſtaſia, die Czarin ſelbſt“, erwi⸗ derte Arkadi mit einem Anflug von Rührung,„mir bleibt als getreuem Unterthan Ihrer Majeſtät nichts übrig, als zu gehorchen. Wir müſſen ſcheiden, Anaſtaſia Nikitiſchna.“ „Aber das iſt ſehr traurig“, ſagte Naſtka plötz⸗ lich in verändertem Tone, denn es ging ihr an's Herz. „Sehr traurig, Anaſtaſia Nikitiſchna“, flennte Ar⸗ kadi,„geben Sie mir einen Schnaps.“ Sie ſchenkte ein und ihre Thränen perlten mit in das Glas.— Als es vom benachbarten Thurme Mitternacht— ſchlug, ſtand Arkadi, mit einem Herzen voll Angſt, das. wie eine ganze Bauernſchmiede hämmerte, an Maxim's 1 Seite vor dem chineſiſchen Pavillon. „So, jetzt iſt es Zeit“, flüſterte Maxim;„geh' hinein.“ „Aber Maxim“, ſeufzte Arkadi,„ſieh einmal die. kleine enge Thüre an, wie ſoll ich da hinein?“ 5 „Nur vorwärts.“ Maxim verbarg ſich im Gebüſch 2 und Arkadi ſchob ſich ſachte in den Pavillon hinein, der vollkommen dunkel war.„Pſt! iſt wer da?“ fragte er. Keine Antwort.„Pſt! Majeſtät!“ fuhr er fort.. Alles blieb ſtille wie zuvor. Er hätte ſich am liebſten gleich wieder aus dem Staube gemacht, aber da fielen ihm allerhand angenehme Dinge ein, wie Sibirien, Knute und Ketten und er blieb mitten im Pavillon ſtehen und begann andächtig zu beten. Endlich ging die Thüre hinter ihm und Katharina trat ein.„Sind Sie da?“- „Ja, ich bin da, und erlöſe uns von allem Uebel, Amen,“ murmelte Arkadi mit tiefer Grabesſtimme. „Sind Sie heiſer, Oberſt“, ſprach die Czarin, „Ihre Stimme klingt ganz anders als ſonſt.“ — ſtieß die Kaiſerin einen Schrei aus. 233 „Schon Oberſt“, dachte Arkadi,„das geht ſchnell, wenn das ſo fortgeht, bin ich, wenn ſie fortgeht, min⸗ deſtens General.“ „Ich ſollte Ihnen eigentlich zürnen“, ſprach die Czarin. „Wegen der Anderen“, fiel Arkadi ein;„keine Urſache, Majeſtät, iſt ſchon aus.“ „Schon aus?“ „In Folge hochdero Briefes abgebrochen.“ „Iſt das möglich? Sie lieben mich alſo?“ flüſterte Katharina, Arkadi umſchlingend. „Wie ein Narr, Majeſtät.“ Katharina gab dem dicken Fähnrich einen feurigen Kuß.„Aber Sie ſind ja dick geworden, Oberſt“, ſagte ſie dann erſtaunt,„überhaupt erkenne ich Sie nicht mehr, Ihre rauhe Stimme und Ihre Ausdrücke, die ein wenig nach der Schnapskneipe duften.“ „Vergebung, Majeſtät.“ „Und ſie riechen auch nach Schnaps, ü donc!“ rief die Czarin,„nun machen Sie aber Licht.“ Arkadi gehorchte. In dem Augenblicke, wo er die Kerzen des ſilbernen Armleuchters angezündet hatte, „Was iſt das? Wer ſind Sie? Wer hat es gewagt?“ rief ſie im höchſten Zorne mit dem Fuße ſtampfend. „Dieſer Brief— Majeſtät— ich glaubte— ich dachte— Ol heilige Mutter von Kaſan, ich bin un⸗ ſchuldig!“ ſtöhnte der Coloß und warf ſich vor Katha⸗ rina auf die Kniee, daß der ganze Pavillon dröhnte. „Da iſt der Brief.“ Die Kaiſerin nahm ihn.„Dieſe Zeilen ſind aller⸗ dings von mir.“ „Ich habe ſie durch einen La— La— kaien er⸗ halten“, ſtotterte Arkadi, mehr todt als lebendig. „Und ich habe Sie geküßt“, rief Katharina mit flammenden Augen. „Nein, nein, nein; ich ſchwöre, Majeſtät, daß es kein Kuß war;“ ſchrie der dicke Fähnrich in der Angſt ſeines Herzens. „Können Sie das wirklich beſchwören“, ſprach die Kaiſerin, welcher es bei dem Anblick ihres unfrei willigen Seladons und ſeiner Verzweiflung immer hei⸗ terer zu Muthe wurde. „Ich will ſchwören, daß dies Alles ein Traum iſt und ich jetzt auf meiner Stelle in der Caſerne liege, nichts als ein Traum, ein ſchwerer Traum.“ „Ja, ſo iſt es“, ſagte die Kaiſerin, welche die Hand gnädig auf Arkadi's Schulter legte,„und im Traume ſagt Ihnen Ihre Kaiſerin, daß Sie Capitän ſind.“ „Ca— Ca— pi— tän?“ „6 „6 235 „Und wenn Sie erwachen, liegt das Patent un⸗ ter Ihrem Kopfpolſter.“ . „Und ſie haben doch wieder ein Rendezvous mit dem Oberſten gehabt“, ſagte Potemkin plötzlich, wäh⸗ rend ihm die Kaiſerin von einem neuen Handelspro⸗ jecte auf dem ſchwarzen Meere ſprach. Er ſprach im⸗ mer ſehr ceremoniell, wenn er ſich die Miene gab, der Beleidigte zu ſein. „Schilt mich nicht, Gregor“, erwiderte Katharina II. ſanft und beinahe verſchämt,„ich wollte ihn noch ein⸗ mal ſehen, aber es iſt mißlungen.“ „O! ich weiß.“ „Still, ſtill!“ rief die Czarin. „Zu welchem Zwecke wollten Sie ihn ſehen?“ fuhr Potemkin fort. „Ich bin doch nur ein Weib“, ſagte Katharina II., „und wenn ich ſchon den Hermelin trage, ein eitles ſchwaches Weib im Hermelin. Ich habe die Laune ge⸗ habt, dieſen jungen Adonis zu begünſtigen, ſie iſt vor⸗ über, jetzt quält mich ein andere Laune?“ „Und dieſe wäre?“ „Nicht die Verſchmähte zu ſein“, ſagte ſie raſch; „ihn zu meinen Füßen vor Liebe ſterben zu ſehen und dann— auszulachen.“ „Nun, das wäre noch zu erreichen“, gab Potem⸗ kin lächelnd zur Antwort. „Glaubſt Du, nun dann gönne mir dieſen Triumph“, flehte die Allmächtige. „Mehr als das, ich will dem Oberſten, der Dich das ſchönſte Weib der Erde nennt und alſo unbewußt ſchon liebt, ſagen, daß er nicht ohne Hoffnung liebt“, erklärte der Günſtling, der die Gefahr, die ihn bedrohte, geſchwunden ſah;„er wird heute noch zu Deinen Füßen liegen.“* „Und ich werde über ihn lachen, mein Wort, Gre⸗ gor Alexandrowitſch, und Du weißt, das iſt mir heilig.“ Die hübſche Wittwe ſaß gegen Abend zum Sterben betrübt hinter ihren Schnapsflaſchen und dachte an Ar⸗ kadi, den Günſtling der Czarin, den General. Plötzlich ging die Thüre auf und er trat, von Maxim begleitet, ein. Sie hätte ihm an den Hals fliegen mögen, aber ſie rührte ſich nicht. „Die Herren befehlen?“ „Zürnen Sie mir, Anaſtaſia Nikitiſchna“, begann Arkadi, der ſich hinter Maxim verſchanzt hatte. „Wie hätte ich das Recht, Ihnen zu zürnen“, gab Naſtka kühl zur Antwort. Es war ihr nicht ent⸗ gangen, daß Arkadi ziemlich kleinlaut war.„Steht es ſo“, dachte ſie und war entſchloſſen, ihren Vortheil „ * — —— 237 unbarmherzig auszubeuten.„Sind Sie bereits General, Herr Wuſchitſchinkoff?“ „Das nicht, aber Capitän“, entgegnete Arkadi apa⸗ thiſch, als verſtände ſich das bei ſeinen Meriten von ſelbſt. „Capitän— dieſer Eſel— iſt das wahr?“ ſchrie die Wittwe aufgebracht;„er belügt uns, ſchäm' er ſich, er Branntweinfaß!“ Die Beiden ſchwiegen, Maxim, weil er ſich zu⸗ ſammennehmen mußte, um nicht zu lachen, und Ar⸗ kadi, weil er ein Gewitter heraufziehen ſah, vor dem er keine Rettung wußte. „Iſt er wirklich Capitän geworden?“ wendete ſie ſich zu dem Oberſten „Ja, Frau Srebrna, er iſt in der That Capitän“, ſagte Maxim. „Durch die Gnade der Czarin?“ „Ja, durch Gottes Erbarmen“, ſagte Arkadi;„ge⸗ ben Sie mir einen Schnaps, Frau Srebrna.“ „Alſo die Kaiſerin hat wirklich Gefallen gefunden an dieſem Branntweinfaß, dieſem heiſeren Raben, die⸗ ſem Eſel“, ſchrie die hübſche Wittwe. „Nein, Anaſtaſia“, erwiderte Arkadi gerührt; „Sie denkt nicht an mich und ich, ich liebe nur Dich, Alles war eine Prüfung.“ „Eine Prüfung? Wie?“ ſagte die Erzürnte ſtarr. 238 „Ich wollte mich überzeugen, ob Du mich auch wirklich liebſt, und da— da erſann ich dieſes Mär⸗ chen“, bemühte ſich Arkadi zu erklären;„Alles nur eine Prüfung, theure Raſtka, welche Du glänzend beſtanden haſt, Du reines Gold, Du;“ er wollte ſie umarmen „Halt, Musje Arkadi“, ſagte die hübſche Wittwe kalt mit einem böſen Blick, der dem armen Fähnrich kaum weniger Todesangſt bereitete, als jener, der ihn zu den Füßen Katharina's niedergeſchmettert hatte. „So raſch geht das nicht. Ich bin kein Kind, dem man Märchen erzählt und was die Prüfung betrifft, ſo könnte ich damit viel eher bei Ihnen beginnen. So mir nichts, dir nichts kränkt man mich nicht.“ „Aber was willſt Du denn dann eigentlich?“ fragte Arkadi, der ſich immer kleiner werden fühlte. „Was ich will“, ſprach die Wittwe mit einer Ent⸗ ſchiedenheit, welche jeden Widerſpruch von vorne herein ausſchloß.„Du haſt mir meinen Theil gegeben, ich werde Dir jetzt Deinen geben. Du haſt Dich an mei⸗ ner Qual beluſtigt, jetzt ſollſt Du mir einmal ordent⸗ lich zappeln. Für die Prüfung ſollſt Du Deine Strafe erleiden. Ich verzeihe Dir, ja—“. „O! göttliche Naſtka!“ ſchrie Arkadi, umſchlang ſie und küßte ſie derb auf ihre vollen rothen Lippen. „Ich verzeihe Dir“, fuhr ſie fort, nachdem ſie ſich Se —— — — — — ee 239 den Mund mit der Schürze abgewiſcht,„aber unter der Bedingung, daß Du Pich ruhig von mir hauen läßt.“ „Hauen?“ „Ja, gehaut mußt Du werden“, entſchied ſie;„alſo wähle, eine tüchtige Tracht Prügel oder Trennung für immer.“ „Was ſoll ich thun, Maxim“, jammerte Arkadi; „ich muß ihr ihren Willen thun“. Der Oberſt ging lachend davon, er ſah noch, wie Naſtka die Thüre ſchloß und behaglich den Aermel aufſchürzte, dann begab er ſich raſch in den Palaſt. Katharina erwartete den Oberſten diesmal in ihrem Schlafgemach. Sie lag in einem weißen duftigen Schlaf⸗ rock auf einer türkiſchen Polſterottomane und lächelte ſeltſam, als er damit begann, ſich vor ihr niederzu⸗ werfen und ihren Fuß zu küſſen.„Wie feurig auf ein⸗ mal“, ſagte ſie;„was für ein Ereigniß hat denn Ihre Gefühle ſo ſehr verändert, wo nehmen Sie die Kühn⸗ heit her, mir ſo zu nahen.“ „Katharina“, rief Maxim, alle Etiquette bei Seite ſetzend;„ich war blind bisher und bin auf einmal ſehend geworden, die Bewunderung für Dein Genie, Deine Größe hat mich geblendet, ich ſah Deine Schön⸗ heit, Deine Reize, die nicht ihresgleſchen haben, aber der Gedanke, Dich zu beſitzen, ſchien mir zu vermeſſen, — zu feenhaft; jetzt aber iſt die Binde gefallen, ein Him⸗ mel voll Liebe und Seligkeit hat ſich mir aufgethan und ich fühle, wo Du biſt, iſt der Genuß, das Leben die Freude; wo Du nicht biſt, der Schmerz, die Qual, der Tod. Sage mir, daß ich Dich lieben darf, daß ich unter den Sclaven, welchen das Glück zu Theil geworden iſt, zu Deinen Füßen liegen und Dir gehor⸗ chen, Dir dienen zu dürfen, Dir der am wenigſten Verhaßte bin.“ „Nun, Oberſt, ich will aufrichtig ſein“, ſagte die Czarin, deren Herz bei den begeiſterten Worten des ſchönen Mannes eine ſtolze Freude erfüllt hatte;„ich haſſe Sie nicht.“ „Du liebſt mich alſo?“ „Das habe ich nicht geſagt?“ „Aber Du erlaubſt mir, Dich anzubeten?“ „Ja, Oberſt, beten Sie mich an,“ ſagte ſie cvquett. Maxim umſchlang das ſchöne Weib mit einer Leidenſchaft, die, ſo ehrlich er auch gegen Angela war, doch etwas mehr als Comödie war. Die Czarin war es, die ſich endlich losmachte. „Genug“, ſagte ſie. „Ich verſtehe Dich nicht“, flüſterte Marim;„haſt Du mich zu Dir beſchieden, um mich wieder fortzu⸗ ſchicken, wie einen Knaben?“ 241 „Laß mich“, ſagte ſie;„ich will mich ſchön machen.“ „Biſt Du's nicht?“ „Ich will Dich vollends wahnſinnig machen“, mur— melte ſie, erhob ſich und ſchlüpfte in eine mit dunklem Pelzwerk verbrämte weite Jacke, welche auf einem Stuhle bereit lag.„Wie gefall ich Dir ſo?“ fragte ſie mit einem Blick, der Maxim für kurze Zeit die Beſin⸗ nung raubte. „Du biſt wunderbar—“, ſein Auge hing trunken an dem ſchönen majeſtätiſchen Weibe, deſſen herrliche Büſte in dem dunkeln Pelzwerk noch blendender erſchien. „Sei mein, Katharina, ganz mein, Du wollteſt mich wahnſinnig ſehen, ich bin es. Sei gnädig jetzt, erbarme Dich meiner.“ Beide, der treue Bräutigam und das grauſame coquette Weib, hatten ihre Rollen vortrefflich ſtudirt und die Comödie klappte bis jetzt ausgezeichnet; nun kam es aber doch ein wenig anders, als es der Oberſt, oder die Czarin, oder gar Potemkin und Angela dachten. Die Leidenſchaft des ſchönen Mannes ergriff die Sinne der Kaiſerin und als er ſie auf die Ottomane niederzog und mit feurigen Küſſen die höhniſchen Worte erſtickte, welche ſie bereits auf den Lippen hatte, da, in dem Augenblicke, wo er erwartete, von ihr mit Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten III. 16 242 Füßen getreten und verlacht zu werden, zog ſie ihn plötzlich an ihre Bruſt und er mußte nun gute Miene zum böſen Spiele machen, das eigentlich gar nicht ſo+ böſe war. Die ſchöne Deſpotin gehörte ihm, aber nur für einen ſeligen Augenblick, dann erwachte mit einem Male die neroniſche Natur in ihr und ſie wollte die Wolluſt, den ſchönen Mann, den ſie liebte, zu verſchmähen, ebenſo voll und ungeſchmälert genießen, als jene, ihn zu beſitzen „Was glaubſt Du nun, Maxim Petrowitſch“, begann ſie;„Du glaubſt, daß ich Dich liebe.“ „Ich weiß es nicht,“ ſtammelte er;„ich weiß 5 nur, daß ich Dich anbete, daß ich nicht leben kann ohne Dich.“ „Das wäre ſehr ſchlimm für Dich,“ erwiderte Ka⸗ tharina I. mit ſchneidender Kälte„denn ich liebe Dich nicht. Du warſt ein Spielzeug, das mir Ver⸗ gnügen machte, ſo lange ich es nicht beſaß und mir jetzt gleichgiltig, morgen vielleicht ſchon widerwärtig iſt.“ „Katharina,“ ſchrie Maxim auf. „Was willſt Du noch? fuhr ſie, ſich aufrichtend, fort;„Du Wurm, der dazu da iſt, ſich unter meinem Fuße zu krümmen, Sclave! gut genug, mir eine Stunde zu vertreiben, nicht mehr! Aus meinen Augen, Du langweilſt mich.“ 2⁴3 „Jetzt biſt Du mein, Du ſchönes Weib,“ rief, Maxim ſie umfaſſend,„und keine Macht der Welt ſoll Dich mir entreißen.“ Die Czarin ſtieß ihn von ſich, zog ihr Pelzwerk über der blendenden Bruſt zuſammen und klingelte. „Du ſprichſt im Fieber,“ ſagte ſie mit einem Blicke, den ſie dem Oberſten gleich einem Dolch in das Herz ſtieß, kalt und vernichtend. Auf den erſten Ton der Glocke waren vier Ko⸗ ſaken ihrer Leibwache eingetreten, welche auf einen Wink der Kaiſerin den Oberſten ergriffen und durch eine Reihe von Zimmern in ein vollkommen leeres klei⸗ nes Gemach ohne Fenſter führten. Hier ſtießen ſie ihn hinein und ſchloſſen die Thüre, in welcher ſich ein kleines Schubfenſter befand. Es ging jetzt auf und Ka tharina II. blickte hinein. „Nun, Oberſt, wollen wir ſehen, ob es mir nicht gelingt, die Gluthen Ihrer Leidenſchaft ein wenig ab⸗ zukühlen,“ ſprach ſie; im nächſten Augenblicke ſtürzte von der Decke ein förmlicher Platzregen auf den armen verliebten Thoren nieder und aus allen Wänden ſpran⸗ gen kräftige Waſſerſtrahlen, welche gleich unſichtbaren Furien auf ihn losſchlugen. Katharina aber ſah zu und lachte. Ihre verletzte Eitelkeit war befriedigt, ſie hatte Rache 244 genommen und als ſie zuletzt den Oberſten, gleich einem naſſen Pudel, entließ, ſagte ſie— nicht mehr mit jenem grauſamen Spott, der ihn ſo vernichtet hatte, ſondern mit liebenswürdiger Schalkhaftigkeit:„Lieben Sie mich noch?“ „Ich bete Sie an,“ erwiderte Maxim, ſich vor ihr niederwerfend,„und werde Sie anbeten bis zum letzten Athemzuge.“ Das gefiel der Kaiſerin und ſie reichte ihm beim Abſchied gnädig die Hand zum Kuſſe. Am nächſten Tage hieß es, Oberſt Uruſſow ſei in Ungnade gefallen und habe ſeinen Abſchied bekommen. Angela folgte ihm nach wenigen Tagen, um mit der Bewilligung der Czarin ſeine Frau zu werden. Ehe noch ein Jahr vergangen war, waren die jungen Ehe⸗ eute mit einem ſchönen kräftigen Knaben beſchenkt und Potemkin, der Taurier, war ſein Pathe. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. ſſſſſſſſſſſſſſſſ ſu ſ . 8 9 10 11 12 13 17 18 19