L ivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Eduard Oktmann in Cieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreit Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag ⸗ Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommet⸗ 3. Caution. müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem he deſſelben entſprechende Summe hinter legen, welche bei deſſe Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Pücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf 1 M. 50 Pf. LMk— Pf. *„„ 5. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurtcſt der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. 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Diderot, der Enchelopädiſt, der Philoſoph und Kri⸗ tiker, der geiſtvolle Novelliſt, deſſen„Rameau's Neffe“ und„Jakob der Fataliſt“ wir heute noch mit jenem großen Genuſſe leſen, den uns nur wahrhaft klaſſiſche Schöpfungen gewähren, zeigte in ſeinem alltäglichen Weſen denſelben herben kauſtiſchen Humor, denſelben ſtets ſchlagfertigen Witz, wie in ſeinen Schriften, welche ihn wenigſtens ebenſo raſch gefürchtet wie beliebt ge⸗ macht hatten und nicht allein in ſeinem Vaterlande, ſondern beliebt und gefürchtet ſo weit damals die fran⸗ zöſiſche Sprache in Wiſſenſchaft, Literatur und Geſell⸗ ſchaft herrſchte und das war ſo ziemlich in der ganzen gebildeten und halb gebildeten Welt. Diderot ſpottete über Alles und ganz beſonders über ſeine Freunde, die Poeten, die Philoſophen und die Monarchen, mit denen er im Briefwechſel ſtand. Auch die„Semiramis des Nordens“, wie Voltaire halb 12 ſchmeichelnd, halb boshaft Katharina II. von Rußland getauft hatte(denn auch Semiramis hatte über die Leiche ihres Gemahls hinweg blutbefleckt den Thron beſtiegen) gehörte zu Diderot's Freunden und ſtand mit ihm wie mit Voltaire, Grimm und anderen großen und kleinen Geiſtern ihrer Zeit in lebhafter Korre⸗ ſpondenz. Auch an dieſem ebenſo ſchönen als genialen „weiblichen Pabſt“ wie er die Czarin nannte, übte Diderot ſeinen Witz und ganz beſonders ſpottete er über die franzöſiſchen Gelehrten, welche alle ihre Habe in einem Schnupftuch mit ſich tragend, an den Hof Katharina's zogen, um mit Diamanten überſäet von dort heimzukehren und das Lob der großen Frau und des heiligen Rußlands zu ſingen, und er ſpottete ſo lange, bis er ſich endlich ſelbſt entſchloß, die„Philo⸗ ſophin auf dem Throne“ zu beſuchen. Es waren zwei Briefe von weiblicher Hand, welche ihn zu dieſem Entſchluſſe brachten, der Ausdruck von „zarter Hand“ wäre bei denſelben nicht ganz am Platze geweſen, denn die Hände, von denen hier die Rede iſt, hatten kühn den Degen geſchwungen, rebelliſche Sol⸗ daten gegen ihren Kaiſer geführt, Blut vergoſſen und die eine hielt jetzt kräftig das Scepter eines großen Reiches, während die andere den goldenen Stab der — Akademie der Wiſſenſchaften führte. Die beiden Briefe rührten nämlich von den beiden Katharina's her, von der„großen Katharina“, welche Rußland regierte und ihrer reizenden Freundin, der„kleinen Katharina“, wie der Hof ſpöttiſch die Fürſtin Katinka Daſchkoff nannte, welche der Czarin geholfen hatte, ihren Gemahl Peter III. vom Throne zu ſtoßen und jetzt als die gelehrteſte Ruſſin auserſehen war, der Petersburger Akademie zu präſidiren. Die Kaiſerin ſchrieb unter Anderem:„Wenn Sie nicht bald zu mir kommen, mein lieber Philoſoph, ſo komme ich zu Ihnen, aber nicht allein, ſondern gefolgt von meiner Armee und entführe dann Frankreich mit einem Male alle ſeine großen Geiſter. Wollen Sie alſo vermeiden, daß ich Ihr Vaterland, das ich ſo lebhaft ſchätze und liebe, mit Krieg überziehe, ſo packen Sie augenblicklich Ihre Koffer.“ Und die Fürſtin Daſchkoff ſchrieb:„Die Kaiſerin, die abſolute Herrin von fünfzig Millivnen Sclaven, langweilt ſich wieder einmal, wiſſen Sie was das heißt, eine Czarin langweilt ſich? Das bedeutet ſo viel als: Rußland zittert und erwartet von Ihnen ſeine Be⸗ freiung von dem kaiſerlichen Zorne. Allen Ernſtes, Sie ſind der Einzige, mein genialer Freund, dem wir Alle, und vor Allen die Kaiſerin ſelbſt es zutrauen, daß Sie deren böſe Laune, welche nun ſchon drei Mo⸗ nate währt, zerſtreuen. Die Kaiſerin brennt von Be⸗ gierde, Ihre perſönliche Bekanntſchaft zu machen und nicht die Kaiſerin allein; Katharina, die Große, er⸗ wartet Sie; Katharina, die Kleine, ſeufzt nach Ihnen; der Hof, das Reich und ganz beſonders unſere Akade⸗ mie der Wiſſenſchaften hofft Alles von Ihnen. Kom⸗ men Sie alſo ungeſäumt und wenn Sie grauſam ge⸗ nug wären, uns Ihre Perſon noch länger vorzuent⸗ halten, ſo ſenden Sie Ihr Portrait. Wir werden hun⸗ dert Miniaturkopien davon anfertigen laſſen und es Alle auf dem Herzen tragen.“ Das war zu viel Weihrauch ſelbſt für die Philo⸗ ſophie eines Diderot. Und— Diderot war nicht blos Philoſoph, er war auch ein Weltmann— er war ga⸗ lant, er liebte die Frauen, beſonders wenn ſie jung und ſchön waren, und jedem der Petersburger Briefe lag auch ein Bild bei. Das eine zeigte einen ſtolzen Kopf mit großen ausdrucksvollen grauen Augen und dem kleinſten Munde, die herrliche Büſte von einem breiten Ordensband um⸗ ſäumt, das zweite ein feines leidenſchaftliches Geſicht⸗ chen mit halbgeſchloſſenen dunklen Sammetaugen, beide geiſtvoll, beide ſchön, beide verlockend. Diderot ſtand zwiſchen den beiden Portraits im vollſten Sinne wie der Eſel zwiſchen den beiden Heu⸗ bündeln, die ſein chniſcher Rameau citirt; er hielt in der Rechten das der Kaiſerin, in der Linken jenes der reizenden Präſidentin und endlich ging er zu ſeinem Schneider und beſtellte einen neuen Anzug auf Credit — der Credit eines Philoſophen war damals uner⸗ meßlich— und vertauſchte ſeinen Hut, den in ganz Paris berühmten„ſchäbigen Filz des Diderot“ mit einem neuen modernen Dreiſpitz, und ſchleifte eigenhän⸗ dig ſein kalbledernes Felleiſen herbei, und packte und wickelte ſich dann in einen großen blauen Mantel, den er von ſeinem Vater geerbt und ſtieg in den Poſt⸗ wagen. Paris trauerte als es Diderot's Abreiſe erfuhr und Petersburg frohlockte. So viel bedeutete damals ein Mann von Geiſt. Petersburg frohlockte. Das heißt, es frohlockte mit Dieſe kleine Ausnahme bil⸗ einer kleinen Ausnahme. dete der große Philoſoph und Naturforſcher Paul 8 Jwanowitſch Lagetſchnikoff. Lagetſchnikoff's hauptſächliche, ja einzige Größe beſtand in der grenadiermäßigen Höhe, durch welche ſeine Geſtalt die aller anderen Petersburger Gelehrten überragte. In allem Uebrigen, was einen wiſſenſchaft⸗ lichen Kopf ausmacht war Lagetſchnikoff ſehr klein. Wie kam es, daß er dennoch als ein Stern erſter Größe an dem Petersburger Himmel leuchten konnte? Lagetſchnikoff war eben Gelehrter geworden, wie man damals in Rußland Miniſter oder General wurde, durch die Gunſt der Kaiſerin. Er war in Moskau geboren, der Sohn eines wohlhabenden Kleinbürgers und hatte nicht mehr und nicht weniger Bildung ge⸗ noſſen als jene Männer, welche zu jener Zeit den ruſſiſchen Staat lenkten, ſeine Schlachten gewannen und aus denen die feine Geſellſchaft Petersburgs be⸗ ſtand. Bis zu ſeinem zwanzigſten Jahre half er dem Vater in ſeinen Geſchäften und Arbeiten und beſchäf⸗ tigte ſich nebenbei mit dem Ausſtopfen von Thieren und dieſes betrieb er mit einem gewiſſen Geiſt und Humor und vor Allem mit jener Originalität, welche überall ſo entſcheidend iſt. Er begnügte ſich nicht da⸗ mit, ſeinen Bälgen den Schein des Lebens wiederzu⸗ geben, er verſtand es mit jener dem ruſſiſchen Volks⸗ charakter eigenthümlichen Schalkhaftigkeit den Charakter, die Lebensweiſe jedes Thieres anzudeuten und ver⸗ einigte wohl auch häufig mehrere derſelben zu komiſchen oder ſathriſchen Gruppen, welche er hinter den Fenſtern ſeines Elternhauſes ausſtellte und die ſtets zahlreiche Schauluſtige und Käufer heranlockten. Als Katharina II. zur Zeit ihrer Krönung i in Moskau weilte, ging ſie nicht ſelten, von der Fürſtin Daſchkoff und anderen Damen und Herren ihres Hofes begleitet, durch die Straßen der uralten Stadt, um ſich an den wechſelnden farbenreichen Scenen ruſſiſchen Volkslebens zu beluſtigen. Eines Tages kam ſie an dem Häuschen Lagetſchni⸗ koff's vorbei, ſah ſeine ausgeſtopften Thiere, blieb von der ſpaßhaften Seltſamkeit derſelben gefeſſelt ſtehen und betrachtete ſie mit einem Lächeln, das bald zu einem lauten Gelächter wurde. Da war ein Dom⸗ pfaff, welcher von einer kleinen Kanzel herab einer bunten und andächtigen Gemeinde von Finken, Zeiſigen, Stieglitzen, Meiſen, Emmerlingen, Bachſtelzen und Sper⸗ lingen predigte; ein Adler, eine Kaiſerkrone auf dem Kopfe, welcher einen Hahn zerriß, während ihm ein halbes Dutzend Hennen demüthig Glück zu dieſem Akt landesväterlicher Liebe zu wünſchen ſchien. Am Mei⸗ ſten ergötzte jedoch die Kaiſerin eine weiße Katze, welche nan einem Zaun mit ihrem ſchwarzen Gatten, einem rieſigen Kater koſ'te und während ſie echt weiblich dem⸗ ſelben ſchmeichelte, einem hinter dem Zaun verborgenen Anbeter einen Liebesbrief zuſteckte. 10 Auf den Befehl der Monarchin fragte zuerſt der ſie begleitende Adjutant um den Namen des aparten Künſtlers und endlich trat Katharina ſelbſt in die mit Heiligenbildern beklebte dämmerhafte Stube, um den jungen Lagetſchnikoff kennen zu lernen. Der arme Junge ſtand mehr todt als lebendig vor der ſchönen allmächtigen Frau, welche ſich an ſeiner tölpelhaften Demuth und an ſeiner Angſt beinahe noch mehr er⸗ götzte wie vorher an ſeinen ausgeſtopften Thieren. Lagetſchnikoff war hoch und ſchlank gewachſen und von jener glücklichen Geſichtsbildung, welche auf den erſten Blick für ſich einnimmt. Er gefiel der Kaiſerin und damit war ſein Schick⸗ ſal entſchieden, ſein Glück gemacht. Die Kaiſerin ver⸗ ſtand es, Talente zu entdecken. Sie entdeckte in Lagetſchnikoff den Zoologen, wie ſie in Orloff den Staatsmann entdeckt hatte und ſpäter in Potemkin den Feldherrn. Lagetſchnikoff wurde auf Koſten der Kaiſerin zum Gelehrten herangebildet, zum Philoſophen und Natur⸗ forſcher, denn die Wiſſenſchaften waren damals noch nicht ſo ſtreng getrennt wie heut zu Tage. Nachdem er die nöthige Vorbildung genoſſen, wurde er auf ein paar deutſche Univerſitäten und dann auf ein Jahr nach Paris geſchickt. ee 1¹ Von dort kam Lagetſchnikoff als vollendeter Welt⸗ mann zurück, elegant, galant und vor allem den Frauen gefährlich. Aus dem hübſchen jungen Menſchen war ein ſchöner Mann geworden und aus dem ſchönen galanten Manne, dem Günſtling der Damen, wurde raſch ein gefeierter Gelehrter. Lagetſchnikoff hatte indeß im Auslande nur ver⸗ lernt, was er ſo eminent gekannt hatte: Thiere aus⸗ ſtopfen und nichts Ordentliches dafür gelernt, aber er hatte ſich die Ausdrücke der Wiſſenſchaft geläufig ge⸗ macht und führte die Phraſen der Pariſer Philoſophen im Munde. Wer wagte noch an ſeiner wiſſenſchaftlichen Größe zu zweifeln?. Niemand als— er ſelbſt. Er hatte, wie alle Unwiſſenden, einen unauslöſch⸗ lichen Haß auf Alle, die Kenntniſſe oder Gelehrſam⸗ keit oder gar Genie beſaßen, und ſo erwachte in dem Momente, wo er Diderot's bevorſtehende Ankunft in Petersburg erfuhr, ein aus Eiferſucht und Angſt ge⸗ miſchtes Gefühl in ihm und aus der Furcht, durch den großen Enchelopädiſten blosgeſtellt zu werden, wurde die Ueberzeugung, daß Diderot nur zu dem Zwecke komme, um ihn lächerlich zu machen, um ihn zu vernichten. Er haßte daher Diderot, ehe er ihn 12 noch kannte und ſann auf Rache, ehe ihn dieſer noch beleidigt hatte, ja ehe Diderot noch von der Exiſtenz Lagetſchnikoff's, des großen Ausſtopfers und kleinen Naturhiſtorikers, etwas wußte. Eine unvorſichtige Aeußerung verrieth der Kaiſerin ſeinen Gemüthszuſtand und Katharina II. war boshaft genug, ſich fortan auf Diderot's Ankunft doppelt zu freuen. Wenn der Verfaſſer von„Rameau's Reffen“ in der eiſigen Winterkälte von den ſchlechten Fuhrwerken hin⸗ und hergeworfen ſeinen Entſchluß noch ſo oft bereuet hatte, der Empfang, den ihm die Kaiſerin in Peters⸗ burg bereitete, entſchädigte ihn für Alles. Die Gilden der Kaufleute, die Zünfte, die Schulen, die Akademie waren ihm entgegen gezogen, er mußte an der Seite des Grafen Orloff in einen ſechsſpännigen Gallawagen ſteigen, welcher durchaus aus Glas, ihn ſowohl Alles ſehen ließ, als den berühmten Mann der ſchauluſtigen Menge zeigte. Die Truppen bildeten Spalier. Am Fuß der Treppe im Winterpalaſte erwartete ihn Ka⸗ tharina II. mit ihrem ganzen Hofſtaate und jetzt, wo ſie im Thronkleide, die Krone auf dem ſchönen Haupte, 13 leibhaftig vor ihm ſtand, erſchien ſie ihm noch weit reizender, noch weit verführeriſcher als auf dem Bilde, welches er von ihr erhalten hatte. Entzückt küßte er die Hand, welche ſie ihm herzlich entgegenſtreckte und ſtolperte vor Vergnü⸗ gen und Begeiſterung zwei Mal, als die Czarin ſei⸗ nen Arm nahm und mit ihm die Marmorſtufen em⸗ porſtieg. Katharina ließ es ſich nicht nehmen, ihm ſelbſt die Gemächer anzuweiſen, welche ihm in der Nähe der ihren im Palaſte eingerichtet worden waren, ſie machte ihn ſelbſt mit den Bequemlichkeiten derſelben bekannt und führte ihn zu einem Schrank, welcher die bedeu⸗ tendſten Werke der franzöſiſchen Literatur enthielt. Sie nahm einen Band heraus und ſchlug den Deckel auf, es waren Diderot's Dialoge. „Ich kann Ihnen gar nicht ausſprechen, Herr Diderot“, fügte ſie mit dem liebenswürdigſten Lächeln hinzu,„wie glücklich ich mich ſchätze, Sie zu beſitzen, ja Sie ſind jetzt mein und keine Macht der Erde ſoll Sie mir entreißen.“ „Befehlen Sie über mich“, erwiderte Diderot,„Sie ſehen von heute an einen treuen Unterthan mehr zu Ihren Füßen.“ Und wirklich kniete der Philoſoph in dieſem Augenblick vor der ſchönen Deſpotin und führte 14 gleich einem ryſſiſchen Muſchik(Bauer) den Zipfel ihres Gewandes an die Lippen. Katharina II. beeilte ſich, ihn aufzuheben und ihm dieſe ernſt gemeinte Schmeichelei den Ordensſtern anzuheften, der bis jetzt auf ihrer eigenen üppigen gefunkelt hatte. Damit verließ ihn die allmächtige Fee. Diderot wünſchte ſich nochmals Glück zu ſeiner Ankunft und warf ſich dann in ſeinen neuen Pariſer Anzug. So erſchien er eine halbe Stunde ſpäter in dem gtoßen Empfangsſaal, in welchem der Hof verſammelt war. Hier begrüßte ihn zuerſt die graziöſe Präſidentin der Akademie, die reizende Fürſtin Daſchkoff. Auch ſie erſchien ihm weit bezaubernder als ihr Portrait, ja ſie gewann im Leben noch mehr als die Czarin, denn ſie hatte eines jener feinen geiſtigen Geſichter, welche erſt im Geſpräche, in der Erregung ihren vollen Reiz gewinnen. Bald kam auch die Kaiſerin. Sie hatte gleichfalls ihre Toilette gewechſelt und erſchien jetzt in einem ſchwerſeidenen blauen Schleppkleide, nach der Sitte der Zeit dekolletirt, das reiche Haar mit Puder wie mit Schnee bedeckt, eine kleine Krone von Diamanten mit dem griechiſchen Kranz auf dem Scheitel, eine Venus im Reifrock. Sie nahm Diderot's Arm und ſtellte ihm, dem 15 armen Philvſophen, die anweſenden Würden⸗ träger und Cavaliere vor. Dann entließ ſie den Hof und zog ſich mit Dide⸗ rot, der Fürſtin Daſchkoff, den Grafen Panin und Orloff, der Gräfin Saltikoff und Frau von Mellin in einen im chineſiſchen Geſchmack eingerichteten Sa⸗ lon zurück. Der kleine auserleſene Kreis gruppirte ſich um den Kamin, welcher eine behagliche Wärme ausſtrömte und plauderte zwanglos, lebhaft wie eine Geſellſchaft guter Freunde über Wiſſenſchaft und Li⸗ teratur, über die Welttage, über Frankreich. Diderot war hingeriſſen, er ſprach gut, er ſprach glänzend und entzückte alle Anweſenden, vor Allem die Kaiſerin. Man wünſchte ſich gegenſeitig Glück zu dieſer Aqui⸗ ſition. An der Kaiſerin war nichts mehr von jener Abſpannung, jener Langeweile zu bemerken, welche ihre Umgebung in der letzten Zeit ſo erſchreckt hatten, eher eine gewiſſe Unruhe, ſie ſchien etwas zu erwarten. Von Zeit zu Zeit neigte ſie ſich zu der Fürſtin Daſchkoff und ſprach leiſe mit ihr. Endlich meldete ein Kammerherr den Herrn Paul Iwanowitſch La⸗ getſchnikoff. Das Geſicht der Czarin leuchtete auf. Lagetſchnikoff trat im feinſten franzöſiſchen Hof⸗ kleide, friſch gepudert und parfumirt herein, verneigte 16 ſich vor der Monarchin, dann vor dem ganzen Kreiſe und ließ ſein glühendes blaues Auge auf Didervt haften. „Herr Diderot, hier ſtelle ich Ihnen Lagetſchnikoff vor“, ſprach die Kaiſerin, abſichtlich ſeine wiſſenſchaft⸗ liche Stellung nicht betonend,„Sie kennen ihn wohl bereits dem Namen nach.“ Diderot, welcher nie etwas von einer wiſſenſchaft⸗ lichen Größe Lageſſchnikoff gehört hatte, vermuthete, durch die athletiſche Geſtalt des Gelehrten verleitet, einen Helden vor ſich zu haben und erwiderte, ſich artig verbeugend:„In der That, Herr General, der Ruf Ihrer Tapferkeit, Ihres militäriſchen Genies iſt längſt bis nach Frankreich gedrungen.“ Der ganze Kreis begann, nachdem die Kaiſerin das Signal dazu gegeben, laut zu lachen, ſo laut und herzlich zwar, wie an Höfen und ganz beſonders am Hofe Katharina's, wo ein Jeder die eiſige Luft Sibi⸗ riens in der Naſe hatte, ſelten gelacht wurde. Diderot ſtieg das Blut zu Kopfe und Lagetſchnikoff? Lagetſchnikoff wurde bleich bis in die Lippen und drohte umzuſinken. „Daſchkoff“, rief die Kaiſerin,„geben Sie ihm ein Glas Waſſer, der Herr Profeſſor iſt einer Ohn⸗ macht nahe. Unter den Feſtlichkeiten, welche in Petersburg zu Ehren Diderot's veranſtaltet wurden, ſtand in erſter Linie eine feierliche Sitzung der von Katharina ge— gründeten und Leich dotirten Akademie der Wiſſen⸗ ſchaften, in welcher Diderot als Mitglied proklamirt werden und einen Vortrag halten ſollte. Das Bild, welches dieſe Sitzung den auf den Gallerien zahlreich verſammelten Zuſehern aus den höheren Ständen bot, war eigenthümlich genug. Wäh⸗ rend die Akademiker in ihren ſchwarzen Roben, mit großen Allongeperücken auf dem Kopfe, im Halbkreiſe ſitzend, die eine Seite des Saales einnahmen, ſah man auf dem erhöhten Präſidentenſitz die Fürſtin Daſchkoff im langen rothſammtenen Talar, das jugendliche Ge⸗ ſichtchen nur um ſo blühender und reizender unter der ſchweren Lockenperücke hervorblickend, die große goldene Kette um den Hals, den ſchweren mit der Weltkugel Zeſchmückten Stab ihrer Würde in der kleinen Hand. Seitwärts ſtand der Thron der Czarin. Nach⸗ dem dieſelbe im vollen kaiſerlichen Schmuck auf dem⸗ ſelben Platz genommen hatte, von ihrem Hofe umgeben, eröffnete der ſchöne weibliche Präſident mit einer ſehr ernſthaften Rede die Sitzung. Er begrüßte die Ver⸗ ſammlung, theilte derſelben das für die Wiſſenſchaft beglückende Ereigniß, die Ankunft Diderot's mit und Sachet-Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. I. 2 ſtellte den Antrag, den gefeierten Philoſophen zum Mit⸗ gliede der Akademie zu ernennen. Sämmtliche Anweſende, die Kaiſerin nicht ausge⸗ nommen, erhoben ſich zum Zeichen der Zuſtimmung von ihren Sitzen. Hierauf forderte die Fürſtin Herrn Lagetſchnikoff auf, Diderot einzuführen. Dies geſchah auf beſondern Befehl der Monarchin. Lagetſchnikoff war noch immer ſehr bleich, aber er unterzog ſich ſeiner Aufgabe mit aller Gewandtheit. Als Diderot an ſeiner Hand im Saale erſchien, wurde er von der Verſammlung mit Applaus empfangen. Die ſchöne Präſidentin ſtieg von ihrem erhöhten Sitz herab, und bat Diderot, die ihm verliehene Würde als ein„geringes Zeichen“ der Bewunderung, welche die Akademie für ihn hege, anzunehmen. Diderot dankte. Dann führte ihn die Daſchkoff zu dem Präſidentenſitze und bat ihn, ſeinen Vortrag zu halten, dem das ganze gebildete Petersburg mit größter Spannung ent⸗ gegenſehe. Zu jener Zeit war der Philoſoph zugleich Natur⸗* forſcher, Hiſtoriker, Kritiker, Pvet. So unternahm es denn Diderot, über eine Frage zu ſprechen, welche da⸗ mals ſchon von den in allen Zweigen menſchlichen Wiſſens revolutionären Philoſophen Frankreichs ange⸗ 19 regt worden war, die Verwandtſchaft des Menſchen mit den Thieren und ſeine Abſtammung von dem Affen. Diderot's Vortrag erregte begreiflicher Weiſe ſchon durch ſeinen Inhalt ungeheure Senſation. Als er zu Ende war, eilten die Akademiker zu ſeinem Sitze, um ihn mit Schmeicheleien zu überhäufen. Als ſich der Beifallsſturm etwas gelegt hatte, rief eine Stimme aus der Tiefe des Saales:„Ausge⸗ zeichnet, Herr Diderot, aber wir bitten noch um den Beweis für Ihre geiſtreiche Theorie, Sie ſind uns den Beweis ſchuldig geblieben.“ Und dieſe Stimme war die Stimme Lagetſchni⸗ koff's. Seinen Worten folgte eine tiefe peinliche Stille, die Kaiſerin ſuchte mit ihren großen durchdringenden Augen den Frevler zu entdecken und jetzt hatte ſie ihn auch entdeckt. „Sie, Lagetſchnikoff“, ſprach ſie ſpöttiſch,„was haben Sie einzuwenden?“ „Herr Diderot“, erwiderte der von Eiferſucht ver⸗ zehrte Gelehrte,„hat glänzende Hypotheſen aufgeſtellt, aber er hat nichts von alledem bewieſen.“ „Sie zweifeln alſo, daß der Menſch vom Affen abſtammt?“ fragte Diderot mitleidig lächelnd. „Ja, ich wage es, daran zu zweifeln“, rief La⸗ 2 20 getſchnikoff,„bis Herr Diderot einen Affen zum Reden gebracht hat.“ Neue Senſativn. Diderot war verſucht zu ſagen:„Aber ich habe ja Sie eben zum Reden gebracht, Herr Lagetſchnikoff.“ Er unterdrückte indeß dieſen böſen Witz und entgeg⸗ nete ſcheinbar ruhig:„Ich erſtaune, daß ein Natur⸗ forſcher wie Sie nicht weiß, daß es redende Affen gibt.“ „Redende Affen“, ſprach Lagetſchnikoff, ſpöttiſch die Achſeln zuckend,„davon weiß ich in der That nichts. Und wo gäbe es dieſe redenden Affen?“ „Auf Madagaskar“, erklärte Diderot mit vollkom⸗ mener Seelenruhe. In der That war jedoch Diderot von der Exiſtenz ſeiner redenden Affen ebenſowenig überzeugt wie ſein Gegner. Stark in Behauptungen, Theorien, Gedanken⸗ perſpectiven wie alle Matadore des achtzehnten Jahr⸗ hunderts nahm er es mit dem Beweiſe ſeiner Lehrſätze nicht ſehr genau und war wie alle ſeine Zeitgenoſſen da, wo ihn die Thatſachen im Stiche ließen, gleich be⸗ reit, zu Erfindungen zu greifen. „Wenn es wirklich redende Affen gibt“, begann Lagetſchnikoff von Neuem,„dann ſtelle ich den Antrag, daß die Akademie Herrn Diderot erſucht, ihr einen „—— „—— A ſolchen vorzuführen, bis dahin aber ſeine Thevrie für unbewieſen, unhaltbar und phantaſtiſch erklärt.“ Die Kaiſerin warf einen zornigen Blick auf La⸗ getſchnikoff und erhob ſich zum Zeichen, daß die Sitzung aufgehoben ſei. Die Akademiker folgten ihrem Bei⸗ ſpiele und ſo kam Lagetſchnikoff's Antrag nicht zur Abſtimmung, aber die Zuverſicht, mit welcher der Letz⸗ tere gegen Diderot, gegen den berühmten Diderot auf⸗ getreten war, ließ doch in der Bruſt aller Anweſenden einen kleinen Keim des Zweifels zurück. Die Kaiſerin ſogar zeigte von jenem Tage an eine Sehnſucht nach dem redenden Affen, welche bald eben ſo groß wurde wie jene, welche ſie vorher nach Dide⸗ rot gehabt. „Haben Sie Anſtalten getroffen, den Affen zu be⸗ kommen?“ fragte Orloff. „Iſt der Affe unterwegs?“ fragte der Graf Panin. „Wann kommt der Affe?“ fragte die Gräfin Sal⸗ tikoff. „Diderot, ich weiß, daß Sie uns nächſtens über⸗ raſchen werden“, ſagte die Daſchkoff. „Womit, Fürſtin?“ „Nun mit dem redenden Affen.“ „Diderot, Sie ſind ſchwermüthig“, ſprach eines Abends die Fürſtin Daſchkoff zu dem Philoſophen, welcher im Cirkel der Czarin in einer Ecke ſaß und den Kopf hängen ließ. „Ja, in der That“, ſtammelte dieſer. „Und ich weiß auch weshalb“, fuhr die reizende Fürſtin fort. „Sie wiſſen“, murmelte Diderot immer verwirrter. „Soll ich es Ihnen ſagen?“ „Hm— um Gotteswillen— nein.“ „Der einzige Grund Ihrer Verſtimmung“, flüſterte die Fürſtin, ſich zu ſeinem Ohre neigend,„iſt der redende Affe.“ Diderot ſah ſie überraſcht an:„Der Affe?“ ſprach er endlich,„nein, der Affe iſt es nicht.“ „Was alſo?“ „Darf ich es Ihnen geſtehen“, ſagte der Philo⸗ ſoph, die kleine Hand der Fürſtin faſſend. „Ol jetzt errathe ich“, ſprach dieſe liebenswürdig, ohne ihm ihre Hand zu entziehen. „Wie?“ „Sie ſind verliebt.“ „Ja, ich bin verliebt“, erwiderte Diderot leiſe, aber mit voller Leidenſchaft,„nein, verliebt iſt nicht ——— r——— 23 das Wort, ich bin wahnſinnig, ich bete an— ich— verzweifle.“ „Sie lieben alſo ohne Hoffnung?“ „So ſcheint es.“ „Ah“, rief die Fürſtin,„Sie lieben die Kaiſerin.“ „Nein, die Kaiſerin verehre ich mehr als jede an⸗ dere Frau“, entgegnete Diderot,„ich bewundere ihren hohen Geiſt, ihren männlichen Willen, ich betrachte ihre außerordentliche Schönheit wie man das Bild einer griechiſchen Göttin betrachtet mit ſtummen Ent⸗ zücken, aber ich liebe eine Andere.“ „Eine Andere?“ ſprach die Daſchkoff, ihre Hand noch immer in der ſeinen.„Laſſen Sie mich rathen, die Gräfin Saltikoff?“ Diderot ſchüttelte den Kopf. „Hedwig Samarin.“ „Auch nicht.“ „Dann kann es nur Frau von Mellin ſein.“ „Wer könnte es ſein“, erwiderte Diderot glühend, „als Sie ſelbſt, reizendſte der Frauen, liebenswürdigſte Philoſophin.“ „Ich? Sie lieben mich“, rief die Daſchkoff,„wiſſen Sie denn nicht wie eiferſüchtig mein Mann iſt?“ „O! ich weiß es und ich weiß auch, daß er dieſem 24 Talente den Poſten eines Gouverneurs im ſüdlichen Rußland dankt.“ Ein Schlag mit dem Fächer ſtrafte den Ver⸗ wegenen. In dieſem Augenblicke näherte ſich Lagetſchnikoff dem Pariſer Philoſophen. „Ich gratulire Ihnen“, begann er tückiſch lächelnd. „Wie ſo, Herr Profeſſor.“ „Nun man erzählte ſoeben, daß Sie mich in Grund⸗ bohren werden.“ „Sie in den Grund, wie das?“ fragte die Daſch⸗ koff. „Nun, Herr Diderot hat einen Affen.“ „Einen Affen“, ſchrie die Fürſtin erfreut auf und⸗ auf die Kaiſerin zueilend rief ſie, die Hände wie ein vergnügtes Kind zuſammen ſchlagend:„Diderot hat einen Affen, Diderot hat einen Affen!“ Als die Fürſtin den nächſten Tag erwachte, es war gegen Mittag, denn die Damen jener Zeit hielten ihr Lever ziemlich ſpät, fand Sie ein duftiges Brief⸗ chen auf dem Tiſchchen, das an ihrem orientaliſch üp⸗ pigen Lager ſtand. Es lautete: 25 „Göttin! Unnahbare! Ich liebe Dich. Ich liebe Dich ſo wahnſinnig, daß ich alle meine Philoſophie um einen Kuß Deiner duftigen Lippen, meine Freiheit, mein Leben um eine glückliche Stunde in Deinen Armen geben würde. Ich ſpüre eine unbezwingbare Luſt in mir, dumme Streiche zu machen. Ich fürchte, daß ich eines Tages vergeſſen könnte, wie hoch, unerreichbar hoch Du über mir ſtehſt. Eile alſo, mir Deine ſüßen Feſſeln anzulegen oder be⸗ fiehl mir zu fliehen in die Eisfelder des Nordens, wo Alles erſtarrt und wo vielleicht auch dieſe Gluth ver⸗ löſchen wird, welche mich zu verzehren droht, verlöſchen mit dem letzten Athemzuge Deines Unterthanen Diderot“. Als die Fürſtin dieſes Billetdour geleſen, lächelte ſie zuerſt, dann ſtützte ſie den Kopf auf die Hand und ſann nach. Die Kaiſerin langweilte ſich von Neuem. Diderot war als Unterhaltungsſtoff erſchöpft, Lagetſchnikoff wurde mit ſeinen Anſpielungen auf den „redenden Affen“ ſchließlich auch monoton. Orloff reizte die ſchöne Deſpotin längſt zum Gähnen. 26 Was thun? Dieſe Frage ſtellte ſich die„kleine Katharina“ im⸗ mer wieder, während ſie den Abend nach einer ermü⸗ denden Sitzung des Staatsrathes zu den Füßen ihrer einſilbigen gähnenden Freundin, der„großen Katha⸗ rina“ ſaß. „Kannſt Du denn aber auch gar nichts erſinnen, was mir Zerſtreuung bieten würde“, rief die Czarin endlich beinahe zornig,„Du fängſt an lau, unaufmerk⸗ ſam, unwillig zu werden, Katinka.“ „Majeſtät.“ „Arrangire doch wenigſtens eine kleine Verſchwö⸗ rung“, fuhr Katharina M. fort,„das giebt doch einige kleine Emotionen. Man läßt Einige knuten, Andere ſchickt man nach Sibirien und die Vornehmſten auf das Schaffot. Es iſt pikant, einen Mann, mit dem man heute noch verbindliche Phraſen tauſcht, morgen den Kopf auf den Block legen zu ſehen.“ Die Daſchkoff erſchrak.„Aber—“. „Nun, ich finde es pikant“, ſprach Katharina,„be⸗ ſonders wenn ich denke, daß es nur von mir abhängt, dieſe Menſchen, die da in Todesangſt vergehen, zu be⸗ gnadigen, daß ich, ich allein es bin, die ſie ſterben läßt. Aber Du fürchteſt Dich, glaube ich, vor mir.“ Es entſtand eine Pauſe. ——— 27 „Nun“, begann die Kaiſerin von Neuem,„fällt Dir denn nichts, gar nichts ein.“ „Doch etwas—“ Die Fürſtin zog Diderot's Brief hervor und reichte ihn der Kaiſerin, welche ihn las und zu lächeln begann. „Und er ſelbſt hat Dir dieſen Brief übergeben?“ fragte ſie dann. „Ich fand ihn heute Morgen auf meinem Nacht⸗ tiſch.“ „Und Du glaubſt, daß er wirklich verliebt iſt?“ „So wahnſinnig verliebt, wie er ſich hier aus⸗ drückt?“ „Ich habe keine Urſache, daran zu zweifeln.“ „Du ſchmeichelſt.“ „Wie?“ ſagte die Fürſtin erſtaunt. Katharina erhob ſich, trat vor den Spiegel, ord⸗ nete ihre weißgepuderten Löckchen und betrachtete ſich mit einem ſeltſamen Blick. „Nun warum nicht“, ſagte ſie endlich,„ich bin noch ſchön.“ Die Fürſtin unterdrückte einen Ausruf. Die Kaiſerin bezog offenbar Diderot's Brief wie ſeine Leidenſchaft auf ſich. „Um ſo beſſer“, dachte im nächſten Augenblick die Daſchkoff. „Wenn er mich wirklich ſo ſehr liebt“, begann Katharina II. „Er betet Sie an“, rief die Daſchkoff. „Dann verſpricht uns dieſe Liebesnarrheit eines großen Philoſophen einiges Amuſement“, ſprach die Czarin,„aber wir müſſen vorſichtig ſein, er ſcheint kühn, zu Allem entſchloſſen. Wir müſſen unſeren guten Ruf im Auge behalten.“ Die Daſchkoff machte ſich an der Robe ihrer kai⸗ ſerlichen Freundin zu ſchaffen, ſo verbarg ſie das Lä⸗ cheln, das ihr muthwilliges Geſichtchen überflog. „Die Tugend iſt die erſte Pflicht einer Philoſo⸗ phin“, fuhr Katharina II. fort,„und ich will meinen Unterthanen mit gutem Beiſpiel vorangehen.“ Die Daſchkoff beſſerte noch immer an der kaiſer⸗ lichen Robe. „Nun aber ſetz' Dich zu mir, Katinka“, ſagte die Czarin,„und wir wollen verabreden, was geſchehen ſoll.“ Die beiden Freundinnen ließen ſich beim Kamin nieder. „Wollen Sie Diderot erhören, Majeſtät?“ begann die Fürſtin. 29 „Wie kannſt Du nur glauben.“ „Alſo abweiſen?“ „Ebenſowenig.“ „Was dann?“ „Vor der Hand— ignoriren.“ „Und?“ „Seiner Gluth eine ſibiriſche Kälte entgegenſetzen“, entſchied Katharina II. „Um ſie zu dämpfen oder ganz auszulöſchen?“ fragte die Daſchkoff naiv. „Nein, Närrchen“, lachte die Kaiſerin,„um ſie um ſo mehr anzufachen.“ Diderot wartete vergebens auf Antwort. Wenn er die Daſchkoff beſuchen wollte, war ſie nicht zu Hauſe, wenn er in den Cirkeln der Kaiſerin das Wort an ſie richten wollte, verſtand ſie es jedesmal, einem Geſpräche unter vier Augen geſchickt auszuweichen— und dabei dieſes ewig gleiche kalte Lächeln! Und die Kaiſerin? War die Fürſtin Schnee, ſo ſchien Katharina II. Eis. Didervot begann darüber nachzudenken, ob er un⸗ Affe. Er ſchrieb eine neue Epiſtel: „Meine Göttin! Zürnen Sie? Was bedeutet Ihr Schweigen? Wenn Sie mich tödten wollen, ſo tödten Sie mich raſch und wollen Sie ſich nicht einmal die Mühe geben, mein Todesurtheil zu unterſchreiben, ſo geben Sie mir gnä⸗ digſt ein Zeichen, ob ich hoffen darf, ob nicht. Morgen Abend auf dem Hofballe. Eine rothe Kokarde im Haar bedeutet„Ja“ eine weiße„Nein“. Ihr elender Knecht Diderot.“ Er gab dem Billet die Aufſchrift:„An Katharina“ und ſteckte es in ſeine Manſchette mit der Abſicht, es noch denſelben Abend der Fürſtin perſönlich zu über⸗ geben, denn er zweifelte bereits daran, daß ſie das erſte Briefchen erhalten habe. Der Abend kam. Der Cirkel bei der Kaiſerin war auffallend klein und dies erſchwerte Diderot's Manö⸗ ver nicht wenig. Dennoch gelang es ihm, einen Augen⸗ blick einen Fauteuil neben der Daſchkoff zu gewinnen. „Gnade, Fürſtin“, murmelte er. „Für wen?“ fragte ſie. wiſſend ein Majeſtätsverbrechen begangen habe. Jetzt hatte er es heraus, es war der Affe, der verdammte „Für mich.“ „Sie wiſſen doch.“ „Nehmen Sie wenigſtens dieſes Billet.“ Er ver⸗ ſuchte es in ihre Hand gleiten zu laſſen. „Unvorſichtiger, die Kaiſerin beobachtet uns“, flüſterte die Daſchkoff. Wirklich ruhten die Augen der Kaiſerin auf den Beiden. „Aber ich beſchwöre Sie“, fuhr Diderot fort,„wie ſoll ich?“ „Sehen Sie die Bachantin dort“, ſprach die Für⸗ ſtin nach kurzem Beſinnen. „Ja.“ „Und die Schale, welche ſie 2. „Auch dieſe.“ „Legen Sie Ihr Billet in dieſe Schale, aber ſo, daß es Niemand bemerkt, ich werde indeß die Aufmerk⸗ ſamkeit der Kaiſerin abzulenken ſuchen.“ Die Fürſtin erhob ſich und näherte ſich Katharina. „Nun?“ ſagte dieſe geſpannt. „Er hat Ihnen wieder geſchrieben“, antwortete die Daſchkoff. „Wo iſt der Brief?“ „Er iſt eben im Begriffe, ihn in die Weinſchale der Bachantin dort zu legen“, erwiderte die Daſchkoff. 32 „Wir thun, als ob wir es nicht ſehen würden“, flüſterte Katharina II., mit dem Fächer ſpielend. Jetzt war es gelungen. Diderot athmete auf. Auf dem Hofballe, welcher ein wahrhaft märchen⸗ haftes Bild von dem Luxus jener Zeit bot, erſchien Diderot, einer der Erſten. Die Ungeduld malte ſich deutlich genug auf ſeinem Antlitz. Die Fürſtin ließ ſehr lange auf ſich warten. Jetzt trat ſie in den Saal. Diderot klopfte das Herz. Er ſuchte die Kokarde zu entdecken, aber vergebens — er fand weder die rothe noch die weiße. Hatte die Fürſtin ſeinen Brief nicht erhalten? War er in fremde Hände gefallen? In dieſem Augenblick erſchien die Kaiſerin, ſtrah⸗ lend vor Schönheit, in einer vollkommen weißen Toi⸗ lette, einer weißen Atlasrobe mit langer Schleppe und mit Volants von weißen Spitzen, einen weißen Fächer in der Hand, Diamanten um den vollen weichen Hals, das Haar in Locken, gepudert, ſchneeweiß, nein, nicht ganz. Was war das? Diderot erſchrak bis in die Tiefe ſeiner Seele. In dem ſchneeweißen Haare der Kaiſerin, der großen genialen Frau, der ſchönen Herrin von fünfzig 33 Millivnen Selaven, loderte gleich einer Flamme die Kokarde, die rothe Kokarde! Die rothe Kokarde! Diderot träumte von ihr die ganze Nacht. Bald ſtand ſie als eine große rothe Sonne an dem weißen Petersburger Himmel, bald rollte ſie als ein rothes Rad vorbei, auf dem die Glücksgöttin ſtand. Endlich wurde ſie zu einer Zauberblume, welche unter den Fenſtern des Winterpalaſtes mitten im Schnee blühte. Diderot brach die rothe Blume mit entſchloſſe⸗ ner Hand und wo er jetzt ging, warfen ſich die Men⸗ ſchen vor ihm nieder, das Antlitz zur Erde, alle Thü⸗ ren ſprangen auf vor der Zauberblume und die ſchönſte Prinzeſſin wachte aus tauſendjährigem Schlafe auf und reichte dem armen Philoſophen Hand und Scepter und dieſe Prinzeſſin hatte die ſchönen gebietenden Au⸗ gen und die Züge der Czarin. „Katharina!“ rief Diderot und wachte auf. Es war heller Tag. Er klingelte. Der Hofbediente, welcher ihm zur Verfügung geſtellt war, trat ein und brachte zwei Schreiben in jenem großen Formate, welches offizielle Actenſtücke andeutet. Sacher⸗Maſoch Ruſſiſche Hofgeſchichten, II. 3 34 „Zwei Briefe, Excellenz“, ſprach der Lakai, er nannte Diderot ſtets Excellenz. „Wer hat ſie gebracht?“ fragte Diderot. „Der Diener der Akademie.“ „Gut.“ Der Lakai entfernte ſich. Diderot erbrach die Briefe, welche beide mit dem großen Siegel der Akademie der Wiſſenſchaften ver⸗ ſchloſſen waren; der eine enthielt die rothe Kokarde, der zweite von der Hand der Fürſtin Daſchkoff die wenigen Worte:„Ungetreuer, ich muß Sie ſprechen. Kommen Sie ſobald als möglich. Ich erwarte Sie.“ „Flatterhafter!“ rief die Fürſtin dem verblüfften Philoſophen entgegen, als er eine Stunde ſpäter in ihr Boudvir trat. „Ich— wie? Sie ſpotten meiner noch, Grauſame“, entgegnete Diderot. „Iſt das Philoſophenart?“ fuhr die Daſchkoff fort,„zuerſt mir ein Geſtändniß zu machen und dann der Kaiſerin?“ „Ich— der Kaiſerin— ich errathe— mein Brief“, 35 ſtammelte Diderot,„aber er war für Sie beſtimmt, und die rothe Kokarde?“ „Bedeutet, daß Ihre Majeſtät die Kaiſerin Katha⸗ rina II. Ihr Geſtändniß nicht ungnädig aufgenom⸗ men hat.“ „Aber ich liebe ja Sie, Prinzeſſin, und nicht die Kaiſerin“, klagte Diderot. „Das thut nichts zur Sache“, erwiderte die Daſch⸗ koff ruhig,„aber die Kaiſerin liebt Sie.“ „Die Kaiſerin— mich?“ „Ja, Sie, mein Herr“, ſagte die Daſchkoff,„und Sie haben mit mir nur ein frivoles Spiel getrieben.“ „Aber, Fürſtin, ich ſchwöre Ihnen—“. „Der Schwur eines Philoſophen, eines Atheiſten“, ſpottete die Daſchkoff. „Ich liebe nur Sie“, rief Diderot,„ich bete Sie an, kleine Göttin!“ „Alſo wirklich, mich lieben Sie“, ſprach die Für⸗ ſtin, den Ton verändernd,„armer Diderot, nun ſo erfahren Sie denn: Auch ich liebe Sie, aber jetzt iſt Alles vorbei, Sie haben ſich der Kaiſerin erklärt—“. „Das habe ich ja eben nicht gethan.“ „Nun ſie glaubt es einmal, das iſt daſſelbe. Wenn Ihnen Ihr Leben, Ihre Freiheit lieb iſt“, erwiderte die Daſchkoff,„ſo laſſen Sie fortan von Ihrer Liebe 36 für mich nichts merken. Auf dieſem Boden hier iſt Katharina II. allmächtig.“ „Was ſoll aber geſchehen?“ fragte der Philoſoph ſchüchtern. „Wer weiß?“ entgegnete die Daſchkoff, welche ſich koſtbar damit amuſirte, einen ſo großen Geiſt zu du⸗ piren,„die Kaiſerin denkt ſeit einiger Zeit daran, ſich wieder zu vermählen.“ „Mein Gott! Sie halten es für möglich“, ſchrie Diderot auf; er konnte ſein Entzücken nicht ver⸗ bergen. „Die Kaiſerin beſchäftigt ſich damit, in Rußland ein Zeitalter der Humanität, der Philoſophie zu be⸗ gründen“, antwortete die Fürſtin,„es läge alſo nahe, einen Geiſt wie Sie—“. „Sie ſcherzen.“ „Ich ſcherze nicht“, erwiderte die Daſchkoff,„man nennt unſer Jahrhundert nicht umſonſt das philoſo⸗ phiſche; Monarchen, Generäle, Staatsmänner ſehen in den Philoſophen ihre Meiſter, ihre Lehrer, Sterne, welche ſie leiten und deren Glanz den ihren erhöht. Europa würde kaum erſtaunen, wenn Katharina II., die Philoſophin auf dem Throne, den letzteren mit einem Diderot theilen würde. Ich hoffe, daß Sie auch dann noch mein Freund ſein werden.“ — 37 „Ihr Anbeter bis zum letzten Athemzuge“, rief Diderot, die Hände der Fürſtin an ſeine Lippen preſſend. „Still! Still!“ ſagte dieſe,„die Wände haben Ohren und in Petersburg ganz beſonders lange Ohren. Sie haben jetzt Niemand zu lieben als die Kaiſerin.“ „Und die Czarin hat Ihnen vertraut?“ „Alles, ſie hat mich Ihren Brief leſen laſſen, ſie hat mir geſtanden, daß ſie vom erſten Augenblicke an eine tiefe Sympathie für Sie empfunden habe, ſie ver⸗ langte von mir das Siegel der Akademie und ſchloß die rothe Kokarde, mit welcher ſie Ihnen auf dem Balle ein Zeichen ihrer Gunſt gegeben, eigenhändig in ein Couvert, das ſie mir zur Beſorgung an Sie übergab.“ „Es iſt alſo Alles aus“, ſeufzte Diderot. „Im Gegentheil, es fängt erſt recht an“, rief die Daſchkoff,„aber jetzt wiſſen Sie Alles, Sie Glücklichſter der Sterblichen, Sie neuer Endymion, dem das Glück im Schlafe kommt. Gehen Sie jetzt und vergeſſen Sie zu den Füßen der„großen“ Katharina nicht ganz die „kleine“. Nachdem Diderot ſie verlaſſen hatte, brach die Daſchkoff in ein helles Gelächter aus, dann ſetzte ſie 38 ſich an ihr kleines Secretair und ſchrieb an Lagetſch⸗ nikoff. Der Profeſſor ließ nicht lange auf ſich warten. Eine Wolke von Wohlgeruch ging vor ihm her. Er führte die Hand der Fürſtin an die Lippen und nahm auf ihren Wink ihr gegenüber Platz. „Lagetſchnikoff“, rief die Fürſtin mit erkünſtelter Emphaſe,„armer, armer Freund, Sie ſind ver⸗ loren.“ Lagetſchnikoff entfärbte ſich.„Verloren, weshalb, ich habe doch nichts— nichts Schlechtes— kein Ver⸗ brechen—“. „Wer ſpricht davon“, erwiderte die Fürſtin,„es iſt viel ſchlimmer, denken Sie, aber Sie geben mir Ihr Ehrenwort, zu ſchweigen.“ „Mein Ehrenwort.“ „Diderot hat der Kaiſerin eine Liebeserklärung ge⸗ macht.“ „Der Unverſchämte!“ ſchrie Lagetſchnikoff. „Sagen Sie der Beneidenswerthe“, antwortete die Daſchkoff,„die Kaiſerin erwidert ſeine Leidenſchaft und— aber erſchrecken Sie nicht zu ſehr— ſie denkt ſogar daran, ſich mit Diderot zu vermählen.“ Lagetſchnikoff war nahe daran, vom Seſſel zu fallen. ——— 39 „Denken Sie ſich nun Diderot als Czaren und Sie als ſeinen Unterthan“, fuhr die Daſchkoff fort, „er iſt im Stande und läßt Sie an Stelle des„reden⸗ den Affen“, mit dem Sie ihm das Leben ſo ſauer ge⸗ macht haben, für das Muſeum ausſtopfen.“ Lagetſchnikoff ſprang auf, eilte wie ein Raſender im Boudvir auf und ab, verwünſchte Diderot, die Kaiſerin, die Stunde, wo er geboren wurde und ſtürzte endlich hinaus, ohne von der Fürſtin Abſchied zu nehmen. Er warf ſich in ſeinen Wagen und jagte zu Or⸗ loff. „Graf, die Welt geht unter“, rief er, bei demſelben eintretend. „Iſt es Ihr Ernſt“, entgegnete Orloff betreten, „haben Sie wiſſenſchaftliche Symptome.“ Lagetſchnikoff rang nach Athem. „Ja wohl, Symptome“, ſtieß er hervor,„die Kai⸗ ſerin will ſich vermählen.“ „Die Kaiſerin“, ſagte Orloff ſtarr,„mit wem?“ „Mit Diderot.“ Katharina II. langweilte ſich nicht mehr, ja ſie unterhielt ſich beinahe zu gut, eine Emotion jagte die 40 andere. Orloff beſtürmte ſie mit Vorwürfen, La⸗ getſchnikoff lag vor ihr auf den Knieen und weinte vor Eiferſucht, Diderot reizte ſie durch die Art und Weiſe, wie er ſich um ihre Gunſt bewarb, unwiderſteh⸗ lich zum Lachen, und das heiterſte Schauſpiel boten der, gleich allen geiſtreichen Frauen, boshaften Czarin die Cirkel, in welchen ſich Orloff, Lagetſchnikoff und Diderot wie drei in einen Käfig geſperrte Tiger be⸗ nahmen. Katharina I. amuſirte ſich damit, alle drei unbarmherzig zu quälen und erſann zu dieſem Zwecke die tollſten Dinge. Eines Abends arrangirte ſie eine Partie Tarok zwiſchen den Dreien. Ein anderes Mal bei einem Pfänderſpiele mußte Orloff Diderot zehn Küſſe geben. Wieder ein Mal beſprach ſie allen Ernſtes die Errich⸗ tung einer Akademie für Affen, auf welcher dieſelben zu Menſchen herangebildet werden ſollten und ernannte Lagetſchnikoff proviſoriſch zum Rektor derſelben. Und Diderot hörte ſo lange von ſeiner Liebe für die Kaiſerin ſprechen, daß er endlich ſelbſt daran glaubte und mit fieberhafter Ungeduld den Augenblick erwar⸗ tete, wo er ſich ihr zu Füßen werfen konnte. —— 3 3 —i 4¹ Katharina II. gab ihm endlich ſelbſt Gelegenheit dazu. Sie bat ihn, mit ihr Plato zu leſen, und ſie wählte die erſte Abendſtunde zu dieſer Lectüre. Diderot war außer ſich vor Glück, goldene Phan⸗ taſieen, ſchimmernde Hoffnungen umtanzten ihn gleich einem Mückenſchwarm. Die erſte Lection kam heran. Diderot befand ſich nach langer Zeit wieder einmal der Kaiſerin allein gegenüber, und wie ſchön war ſie gerade heute, als ſie ſich mit ihm an dem flackernden Kamin niederließ, wie zierlich lag ihre kleine Hand in dem Lederbande, aus dem ſie den„Staat“ von Plato zu leſen begannen. Diderot war ſeiner Sinne kaum mächtig, und ſo oft — und es geſchah recht oft— die Kaiſerin zufällig mit ihrem feinen Finger die ſeinen ſtreifte, oder mit ihren Locken ſeine Wange berührte, ſchrak er zuſammen und als ſie endlich, wie es ſchien, von dem Gegen⸗ ſtande hingeriſſen, den Arm auf die Lehne ſeines Stuh⸗ les legte, und über ſeine Schulter in das Buch blickte, da verlor er ganz die Beſinnung, und ehe er ſelbſt noch wußte, was er that, lag er zu ihren Füßen. „Aber Diderot, was fällt Ihnen ein?“ rief die Monarchin. „Majeſtät, ſchicken Sie mich nach Sibirien“, er⸗ widerte Diderot,„laſſen Sie mich köpfen, rädern oder 42 viertheilen, ich liebe Sie dennoch, ich bete Sie an und ich will keine Minute länger leben, wenn Sie mich von ſich ſtoßen.“ „Lieber Diderot, ſtehen Sie vor Allem auf“, ſprach Katharina II., welcher das Lachen nahe war, „es könnte Jemand—“. „O! meine Göttin!“ ſeufzte Diderot und bedeckte die Hände der Czarin mit Küſſen. „Sie lieben mich alſo wirklich“, begann Katha⸗ rina; ſie war ſo gnädig, ihm ihre Hand zu überlaſſen. „Wie ein Wahnſinniger.“ „Nun, mein lieber Diderot“, fuhr die Czarin fort, „unſer Jahrhundert iſt, wie Sie wiſſen, ein ſkeptiſches. Erlauben Sie mir daher an Ihrer Liebe zu zweifeln, bis Sie mir Beweiſe gegeben haben.“ „Fordern Sie, welchen Sie wollen, Majeſtät“, rief Diderot mit leidenſchaftlicher Wärme. „Nun, ſo ſchaffen Sie mir den Affen“, erwiderte Katharina II. raſch. „Den Affen?“ wiederholte Diderot erſtaunt,„wel⸗ chen Affen?“ „Den redenden Affen von Madagaskar“, ſagte die Czarin, ſich erhebend,„und bis dahin kein Wort mehr von Liebe. Adieu, mein lieber Diderot.“ Damit entſchwebte die Kaiſerin, und ließ den ver⸗ 43 blüfften Philoſophen gleich einem beſtraften Schulkna⸗ ben auf ſeinen Knieen liegen. „Ich bin verzweifelt“, ſagte Diderot zur Fürſtin Daſchkoff, welche lächelnd vor ihrem Toilettentiſch ſaß und mit ihrer Friſur beſchäftigt war. „Warum? Die Kaiſerin liebt Sie ja“, entgegnete die niedliche Fürſtin, welche in ihrem weißen Morgen⸗ negligée und dem ſpitzenbeſetzten Pudermantel einem Kinde glich. „Aber ſie glaubt nicht an meine Liebe!“ „Ihre Liebe?“ antwortete die Daſchkoff,„an die glauben Sie ja ſelbſt nicht.“ „Wer ſagt Ihnen—“. „Sie ſelbſt“, rief die Daſchkoff,„haben Sie mir nicht vor kurzem noch aufrichtig geſchworen, daß Sie mich allein lieben, anbeten?“ „Ja, allerdings“, erwiderte der Philoſoph etwas verwirrt,„vor Kurzem noch— aber jetzt— jetzt—“. „Jetzt lieben Sie die Kaiſerin?“ „Raſend.“ „Vortrefflich. Alſo was wollen Sie noch?“ „Die Kaiſerin verlangt Beweiſe, daß ich ſie liebe, und was für Beweiſe.“ „Sehr begreiflich.“ „Sie will nicht an meine Liebe glauben, ehe ich nicht— denken Sie, Prinzeſſin— ehe ich ihr nicht den„redenden Affen“ geſchafft habe.“ „Nun ſo reiſen Sie in Gottes Namen nach Na⸗ dagaskar“, entgegnete die Daſchkoff. „Madagaskar iſt weit“, jammerte der verliebte Philoſoph,„und ich bin gar nicht ſicher, daß ich dort einen redenden Affen finde.“ „Nicht?“ „Ich glaube, es giebt überhaupt keinen“, rief Di⸗ derot in ſeinem Schmerz,„ich wenigſtens habe noch keinen geſehen.“ „Dann bedaure ich Sie, mein lieber Diderot“, ſetzte ihm die Fürſtin mit boshaftem Mitleid ausein⸗ ander,„aber ich kenne die Kaiſerin, ſie wird ſich jetzt nicht zufrieden geben, ehe ſie nicht den Affen hat, nur an der Hand dieſes Affen können Sie den Thron Rußlands beſteigen, nur mit ihm Katharina's Herz erobern.“ „Ich nehme mir das Leben.“ „Welcher Verluſt für die Wiſſenſchaft.“ „Ja, was ſoll ich ſonſt thun?“ Die Daſchkoff ſtützte das feine ſchlaue Köpſchen in die Hand und ſann nach, dann ſchwebte ein Lä⸗ cheln über ihr Geſicht. Der Einfall iſt koſtbar, ſagte ſie ſich ſelbſt, und was das Beſte iſt, ich dupire Alle damit, ſogar die Kaiſerin. „Mein Freund“, wendete ſie ſich hierauf an den Philoſophen,„wenn ich Diderot wäre, würde ich ge⸗ rade das Hoffnungsloſe meiner Lage zu einem Genie⸗ ſtreich ausbeuten.“ „Wie? Sagen Sie mir nur wie?“ „Einen redenden Affen“, fuhr die Daſchkoff fort, „unter uns können wir es uns ja geſtehen, giebt es nicht.“ „Nein, den giebt es nicht“, erklärte Diderot jetzt ganz apodiktiſch. „Die Kaiſerin verlangt denſelben jedoch als Be⸗ weis Ihrer Liebe.“ „Nun, mein lieber Diderot“, ſprach die Fürſtin mit Pathos.„Wenn Sie auch den Affen nicht herbei⸗ ſchaffen können, ſo liegt es doch in Ihrer Hand, der Kaiſerin einen noch weit größeren Beweis Ihrer Liebe zu geben, der ſie rühren muß.“ „Ich bin auf das Aeußerſte geſpannt.“ „Sie ſelbſt machen ſich ihr als redenden Affen zum Geſchenk.“ 46 „Ich?— mich?— als Affen?“ ſtaunte der Pari⸗ ſer Philoſoph. „Ja, Sie“, entſchied die Fürſtin,„Sie reiſen ab unter dem Vorwande, den Wunſch der Kaiſerin zu erfüllen, laſſen ſich in das Fell eines Affen nähen, und durch einen vertrauten Diener der Czarin präſentiren.“ „Eine herrliche Idee“, ſchrie Diderot,„Prinzeſſin, ich möchte Sie küſſen für dieſe Idee!“ und trotz dem Schreien und Sträuben der kleinen Daſchkoff ſchloß er ſie an ſeine Bruſt und gab ihr einen herzhaften Kuß. Abends ſprach man am Hofe nur von der plötz⸗ lichen Abreiſe Diderot's nach Madagaskar und dem „redenden Affen.“ Eine Woche nach Diderot's Abreiſe wurde der Präſidentin Fürſtin Daſchkoff unter der Adreſſe der Petersburger Akademie der Wiſſenſchaft durch einen franzöſiſchen Zoologen folgendes Schreiben eingehändigt. „Hochverehrte und Hochgeehrte! Die Kunde von dem Vortrage und der genialen Theorie unſeres großen Diderot iſt raſch bis in ſein Vaterland gedrungen, zu gleicher Zeit aber zu unſerem Bedauern das Gerücht, das ein gewiſſer Lagetſchnikoff, 1 47 welcher ein ete Thierausſtopfer ſein ſoll, dieſe Theorie beſtritten hat. Wir beeilen uns, Ihnen jene Beweiſe in die Hand zu geben, welche in dieſer Frage entſcheidend ſind und überſenden in aller Ehrfurcht als ein unterthäniges Geſchenk für Ihre Majeſtät die Kaiſerin Katharina II. von Rußland ein Exemplar des redenden Affen von Madagaskar. Die Geſellſchaft der Zoologen in Paris.“ Die Fürſtin Daſchkoff hatte von der Geſellſchaft der Zoologen in Paris nie etwas gehört, ſie verſtand augenblicklich, daß der Brief von Diderot fingirt ſei, und der Ueberbringer deſſelben geſtand auch, daß er ein franzöſiſcher Sprachmeiſter ſei, welchen Diderot in Reval für ſeine Comödie gewonnen. „Und wo iſt der Affe?— Herr Diderot— will ich ſagen“, fragte die Fürſtin. „In dem Hotel zum Auge Gottes, in welchem wir abgeſtiegen ſind.“ „Gut, ſagen Sie Herrn Diderot, daß ich ihn ſelbſt mit meinem Wagen abholen werde.“ „Herr Diderot will ſich in ſeinem Käfig trans⸗ portiren laſſen“, entgegnete der Sprachmeiſter.„Um ſo beſſer“, ſagte die Fürſtin,„ich werde alſo mit den Leuten kommen, welche ihn tragen ſollen.“ 7 48 Die Fürſtin bekleidete ſich hierauf mit allen Zei⸗ chen ihrer Würde, der großen Allonge, dem rothen Ta⸗ lar, der Kette und dem Stabe und fuhr zuerſt in den Winterpalaſt, um der Kaiſerin das überraſchende Er⸗ eigniß mitzutheilen. Dann eilte ſie, von vier Hofbe⸗ dienten gefolgt, welche eine Sänfte trugen, in den Gaſthof zum Auge Gottes. Indeß hatte ſich im Winterpalaſte der ganze Hof verſammelt, um den Affen mit allen, dieſem Wunder der Natur gebührenden Ehren zu empfangen. Auch Profeſſor Lagetſchnikoff war auf beſonderen Befehl der Monarchin anweſend. Der Augenblick, in welchem der Affe in den Saal hinein gebracht wurde, war feierlich. Die Kaiſerin ſtand in der Mitte ihrer Damen, die Herren bildeten einen Halbkreis. Voran ſchritt die Fürſtin mit dem als Doctor gekleideten Sprachmeiſter, hinter ihr trugen die vier Hoflakaien den Käfig auf ihren Schultern und ſetzten ihn langſam in der Mitte des Saales nieder. Die Kaiſerin eilte zuerſt auf denſelben zu, und dies war für alle Anweſenden das Signal, jede Eti⸗ quette bei Seite zu laſſen und den Käfig zu umringen; man drängte und ſtieß ſich ohne Rückſicht, wie es der 49 ſüße Pöbel macht, wenn er einen Savoyarden oder Bärentreiber anſtaunt. Diderot's Maske war ſo gelungen und er ver⸗ ſtand es ſo trefflich, die Haltung und Bewegungen des Affen nachzuahmen, daß Alle getäuſcht wurden, Alle, bis auf Lagetſchnikoff, den Ausſtopfer. Sein ſcharfes Auge erkannte ſelbſt durch die Git⸗ . ter hindurch ſofort die Näthe, welche den Balg zu⸗ ſammenhielten. „Oho! Ein Menſch im Affenbalg“, dachte er,„wir wollen abwarten, was das zu bedeuten hat.“ Die Kaiſerin befahl, nachdem ſich Alle an dem Wunder ſatt geſehen, den Käfig in ihre Gemächer zu bringen. „Ob er auch ſpricht?“ fragte die ſchöne Gräfin Saltikoff. „Wie heißt er?“ wendete ſich Orloff an den Sprach⸗ meiſter. „Jaques“, erwiderte dieſer. „Jaques“, rief die Kaiſerin in franzöſiſcher Sprache,„ſprichſt Du?“. „Ja“, gab der Affe deutlich zur Antwort. „Er ſpricht“, ſchrie Katharina II. auf. „Er ſpricht“, ſtaunte Orloff. Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. II. 4 „Er ſpricht“, verwunderte ſich der ganze Hof, „der Affe ſpricht.“ Der franzöſiſche Zoologe hatte ſich beeilt, das Weite zu ſuchen; die Kaiſerin hatte zuerſt die Abſicht, ihm die Aufſicht über das Weltwunder zu übertragen, nun wurde ein vertrauter Hoflakai damit beauftragt. Der Käfig wurde in einem beſonderen Apparte ment aufgeſtellt und die Kaiſerin ſelbſt fütterte den Affen, welcher mit großer Fertigkeit Früchte und Con⸗ fekt aus ihren Händen nahm und ſich überhaupt als ein höchſt gebildeter Affe erwies. Bis zum Abend bot derſelbe an und für ſich durch ſeine einfache Anweſenheit im Winterpalaſte genügen⸗ den Unterhaltungsſtoff, aber es giebt nichts unbeſtän⸗ digeres als Frauenlaune und eine Selbſtbeherrſcherin hatte offenbar das Recht, die launenhafteſte der Frauen zu ſein. Mittags war Katharina außer ſich über ihren Affen, Nachmittags machte er ihr noch große Freude und als der Abend kam, war er ihr gleichgiltig. Sie ſaß mit der Daſchkoff in ihrem Boudoir und ſchnalzte mit den Fingern. Sieheeſeihe 5¹ „Was fangen wir an?“ rief ſie ein wenig er⸗ müdet. „Laſſen wir den Affen kommen“, ſagte die Fürſtin. Die Kaiſerin machte eine unnachahmlich verächt⸗ liche Bewegung mit den Lippen. „Wo mag jetzt Diderot ſein?“ begann ſie. „Zu Schiff, Majeſtät.“ „Schade, wir könnten eine Lection halten.“ „Aber der Affe“, ſagte die Daſchkoff. „Ich kann doch nicht mit dem Affen Platv leſen!“ „Warum nicht“, gab die Fürſtin zur Antwort, „es käme nur auf den Verſuch an.“ Die Monarchin zuckte die Achſeln.„Aber da fällt mir ein, daß wir noch gar nicht wiſſen, ob der Affe auch abgerichtet iſt“, ſprach ſie,„ob er Kunſtſtücke kann.“ Der Fürſtin wurde ein wenig bange um Diderot, aber der Muthwille ſiegte über das Mitleid. O! ge⸗ wiß kann er Kunſtſtücke.“ Die Kaiſerin machte hierauf, von der Daſchkoff begleitet dem Affen eine Viſite, welcher recht trübſelig in ſeinem Käfige daſaß und als die beiden Damen eintraten, unzweideutige Zeichen von Freude gab. „Laſſen wir ihn heraus“, ſagte die Daſchkoff. „Aber er kann uns beißen“, meinte die Czarin und ſchnell entſchloſſen, befahl ſie dem Hofbedienten, 4* 52 noch vier andere mit Stöcken und Peitſchen verſehene Lakaien zu holen. Als die Leute zur Stelle waren, wurde der Käfig geöffnet. Diderot ſtieg langſam heraus und dehnte ſeine Glieder, die in der fatalen Affenſtellung im engen Käfig ziemlich ſteif geworden waren. „He! Kannſt Du Kunſtſtücke?“ fragte die Czarin. Der Affe ſchüttelte, die gefährlichen Utenſilien der Lakaien mißtrauiſch betrachtend, den Kopf. „Nein?“ „Nein“, antwortete der Affe. „Aber ich will, daß Du Kunſtſtücke machſt“, ent⸗ ſchied die Kaiſerin mit der vollen Willkür einer Deſ⸗ potin,„einen Stock her, er muß über den Stock ſpringen.“ Einer der Hoflakaien hielt den Stock, der Affe verſuchte zu ſpringen, aber die ſteifen Füße verſagten den Dienſt und er fiel auf die Naſe. „Noch einmal“, gebot die Kaiſerin. Der Affe verſuchte noch einmal, noch viermal, aber vergebens. Katharina II. verlor die Geduld. „Warte, ich will Dich abrichten“, rief ſie mit zor⸗ nig blitzenden Augen und nahm raſch einem der Die⸗ ner die Peitſche aus der Hand. Die Daſchkoff war nahe daran ſich die Zunge — 53 vor Lachen abzubeißen, aber Diderot war es gar nicht lächerlich zu Muthe, er ſchrie auf und flüchtete ſich hinter den Käfig, wo er am ganzen Leibe zitternd ſtehen blieb. Der jämmerliche Anblick, welchen er bot, reizte endlich auch die Czarin zum Lachen.„Diesmal ſei's Dir geſchenkt“, rief ſie,„Du boshafter Affe, aber Du ſollſt mir ordentlich dreſſirt werden. Sperrt ihn in den Käfig.“ Es geſchah. Hierauf wurde Lagetſchnikoff citirt. „Herr Profeſſor“, ſprach die Kaiſerin,„ich will, daß mein Affe Kunſtſtücke lernt und zwar in der kür⸗ zeſten Zeit, ich habe Sie dazu auserſehen, ihn abzu⸗ richten, ich hoffe, Sie werden meinem Vertrauen ent⸗ ſprechen.“ Lagetſchnikoff verbeugte ſich lächelnd. „Er ſoll ſofort zu Ihnen gebracht werden“, fuhr Katharina II. fort,„ordne das Nöthige an, Katinka.“ Jetzt war es Ernſt und diesmal war das Mit⸗ leid der Daſchkoff doch ſtärker als ihr Muthwille. Als ſie mit dem Profeſſor durch die Reihe der Zimmer ſchritt, ſprach ſie leiſe, aber dringend zu ihm:„Um Gotteswillen, Lagetſchnikoff, Sie dem Affen nichts zu Leide.“ 54 „Und warum nicht, wenn ich bitten darf?“ ſagte Lagetſchnikoff mit tückiſcher Demuth. „Weil— weil“, ſtammelte die Prinzeſſin. „Ich will es Ihnen ſagen“, ſprach Lagetſchnikoff, „dieſe Komödie kann Laien täuſchen, aber nicht das Auge des Gelehrten“— er hätte ſagen ſollen des Aus⸗ ſtopfers—„dieſer redende Affe von Madagaskar iſt ein Betrüger.“ „Schweigen Sie „Ein Menſch— „Nicht ſo laut“, ſehte die Fürſtin. „Ich will ihm ſchon ſein Affenweſen herauspeit⸗ ſchen“, ſchwor Lagetſchnikoff. „Aber ſo nehmen Sie doch Vernunft an“, erwi⸗ derte die Daſchkoff in der höchſten Angſt,„es iſt ja Diderot!“ „Diderot!“ Lagetſchnikoff war einen Agenblic ſtarr vor Ueberraſchung, aber ſein Erſtaunen machte ſchnell einem namenloſen Triumphe Platz, er war ganz roth vor Freude. „Diderot ſelbſt“, ſprach er mit einem ſin Lächeln, „es iſt mir ſehr lieb, daß Sie mir dies geſagt haben, Prinzeſſin, und ich gebe Ihnen hiermit mein Chrenwort, daß ich ihn ſo behandeln werde, wie er es verdient.“ 55 Der redende Affe war auf Anordnung der Fürſtin Daſchkoff ſammt ſeinem Käfig in eine verdeckte Sänfte geſetzt und zu Lagetſchnikoff gebracht worden, ohne daß er ahnte, was eigentlich mit ihm geſchah. Die Fürſtin vermied es bei dieſer Gelegenheit, mit ihm in Berüh⸗ rung zu treten und auch der Profeſſor war ſo klug, Diderot die Gefahr zu verbergen, in welcher ſich der⸗ ſelbe befand. Er ſetzte ſich in ſeinen Wagen und fuhr voraus. Seine Wohnung befand ſich in dem zvolv⸗ giſchen Muſeum, wo er alleiniger Herr und Gebieter war, ein vollkommener Paſcha. Ein halbes Dutzend Kabinetsdiener ſtand unter ſeinen Befehlen und war gewohnt, ihm auf den Wink zu gehorchen. In dem Augenblicke, wo die Lakaien den Käfig im Muſeum abgeſetzt hatten und das Thor hinter ihnen wieder geſchloſſen worden, war Diderot ſeinem Neben⸗ buhler auf Gnade und Ungnade preisgegeben. Lagetſchnikoff erwartete ſein Opfer im Muſeum; das Zimmer, in welchem der mit einem Teppich ver⸗ hüllte Käfig aufgeſtellt wurde, war auf ſeinen Befehl vorher glänzend erleuchtet worden, dann ſchickte er ſeine Diener fort und ließ den Teppich eigenhändig fallen. Diderot ſtieß vor Schreck einen Schrei aus.„He, Affe!“ rief Lagetſchnikoff, mit ſeinem Rohrſtock durch die Stäbe ſtoßend,„gib Acht, was ich Dir ſage. Die Kaiſerin 56 hat Dich mir zur Dreſſur übergeben und zwar ſoll ich Dich ſo raſch als möglich zu den ſchwierigſten Kunſt⸗ ſtücken abrichten, das wird wohl ohne Schläge nicht gehen, nimm Dich alſo zuſammen. Morgen früh iſt die erſte Lection. Der Affe begann zu toben, zu jam⸗ mern, an dem Gitter zu rütteln. „Ruhe!“ gebot Lagetſchnikoff,„reize mich nicht, hier bin ich unumſchränkter Herr und Niemand rettet Dich vor meinem Zorn.“ Der Affe zog ſich in eine Ecke zurück und fieberte vor Angſt und Wuth. Lagetſchnikoff verließ hierauf das Muſeum. Auf ſeine Anordnung wurden die Lichter verlöſcht und der Affe mußte bis zum nächſten Morgen faſten. Schlafen konnte er auch nicht viel, denn ſeine Lage in dem engen Käfige war recht unbequem und ſeine Aufregung nahm eher zu als ab, und ſchlief er für kurze Zeit ein, ſo quälten ihn die entſetzlichſten Träume. Lagetſchnikoff ſtand am nächſten Vormittag wie immer ziemlich ſpät auf, dann machte er Toilette und befahl endlich, Diderot, welcher ſeit Tagesanbruch von 57 Minute zu Minute ſeinen Peiniger erwartet hatte und bereits mehr todt als lebendig war, vorzuführen. Während der Käfig herein gebracht, die Thüre deſſelben geöffnet und der Affe von den Dienern mit Stöcken heraus getrieben wurde, lag Lagetſchnikoff im üppigen Schlafpelz behaglich auf einem türkiſchen Di⸗ van und betrachtete Diderot mit grauſamem Vergnü⸗ gen. Sein ſchönes friſches Geſicht blühte unter der koketten Puderperücke wie eine junge Roſe, während ſein Gegner, der„künftige Czar“ unter ſeiner Affenmaske kreideweiß wurde. „Wie heißt Du?“ fragte der Tyrann. Diderot ſchwieg. „Gieb mir die Peitſche“, ſagte Lagetſchnikoff mit einer leichten Kopfbewegung. Einer der Diener reichte ihm eine große Peitſche an kurzem Stiel, bei deren Anblick dem armen Affen das Herz bis zum Halſe hinauf ſchlug. „Jaques, heiße ich“, ſchrie er,„Jaques.“ „Oho! ich ſehe, Du biſt bei weitem nicht ſo dumm, wie Du ausſiehſt“, erwiderte Lagetſchnikoff.„Alſo, Jaques, wir werden mit dem Stockſpringen anfangen.“ Der Profeſſor ließ einen der Diener den Stock halten und rief dann im Tone eines Kunſtreiters „Alloh! hopp! hopp!“ 58 Diderot ſah die Peitſche in Lagetſchnikoff's Hand, die Stöcke der Diener und ſprang daher mit allem Aufwand von Kraft und Geſchicklichkeit über den Stock hin und zurück, und immer höher hielt man ihm den Stock auf Lagetſchnikoffs Befehl und immer höher ſprang er. „Bravo! Bravo!“ rief der Profeſſor,„ich ſehe Du biſt gelehrig. Nun wollen wir Dich lehren ein Frühſtück ſerviren.“ Auf den Wink Lagetſchnikoff's wurde ein Choco⸗ ladenbrett mit feinem Frühſtück hereingebracht. „Gieb Acht, Jaques“, gebot der Profeſſor,„ſtelle das kleine Tiſchchen von dort hierher.“ Der Affe beeilte ſich zu gehorchen. „Sehr gut. Jetzt die Chokolade.“ Auch dies gelang vortrefflich. Lagetſchnikoff aß hierauf mit großem Appetit. „Biſt Du hungrig, Jaques“, fragte er tückiſch. „O ja“, erwiderte der Affe. „Sehr hungrig?“ „Sehr.“ „So iſt's recht“, ſprach der Profeſſor,„Plenus venter non studes liben ter.“ Nachdem er ſein Frühſtück beendet und der Affe das Service und Tiſchchen entfernt hatte, begann La⸗ 59 getſchnikoff:„Jetzt zu etwas Schwererem. Kannſt Du auf dem Kopfe ſtehen?“ „Nein.“ „Nun, ich kann es auch nicht“, ſprach der Pro⸗ feſſor,„aber wenn mich einer mit der Peitſche in der Hand unterrichten würde, möchte ich es wohl eben ſo raſch lernen, als Du es jetzt lernen mußt. Alſo“, er erhob ſich und ließ die Peitſche knallen. Diderot ſchlug in ſeiner Angſt zwei prächtige Purzelbäume, aber auf dem Kopfe ſtehen, das ging über ſein Affentalent hinaus. „Jaques, Du giebſt nicht Acht, auf eins, zwei, drei, mußt Du es vollbringen“, rief Lagetſchnikoff. „Eins.“ Diderot ſetzte ſich in Poſentur. „Zwei— drei—“. Da lag der Affe platt auf dem Bauche. „Ah! Du biſt ungehorſam, warte nur“, ſchrie Lagetſchnikoff. der dieſen Augenblick längſt mit wahrer Wolluſt erwartet hatte.„Ich will Dich lehren“, zugleich ſchwang er die Peitſche; Diderot machte einen Luft⸗ ſprung und ſuchte die Peitſche zu ergreifen und als ihm dies nicht gelang, ſich vor ſeinem Peiniger zu retten, aber Lagtetſchnikoff verfolgte ihn aus einer Ecke in die andere, bis er athemlos ausrief: 60 „Halten Sie ein, ich bin ja Diderot.“ Dieſe unerwartete Wendung brachte Lagetſchni⸗ koff zum Senken der Peitſche. „Ich bin Diderot“, betheuerte der Philoſoph noch einmal. „Das kann jeder Affe ſagen“, erwiderte ſein Pei⸗ niger. „Hol' Sie der Teufel“, ſchrie der Affe,„ich bin ja wirklich Diderot, es iſt ja Alles nur Scherz.“ „Biſt Du wirklich Diderot“, erwiderte Lagetſchni⸗ koff mit feierlichem Ernſte,„ſo war es der Urtheils⸗ ſpruch einer höheren Macht, welcher Dich in einen Affen verwandelt und ſo erbärmlich in meine Hände gegeben hat, damit Dein Hochmuth, Dein Dünkel ge⸗ demüthigt werde, und Du in mir Deinen Herrn und Meiſter erkennſt. Erkennſt Du das?“ „Ich ſage Ihnen ja, lieber Herr Lagetſchnikoff“, entgegnete der Affe,„ich bin kein Affe, ſondern der wirkliche Diderot, in Affenbälge eingenäht.“ „Ich frage noch einmal: Erkennſt Du in mir Deinen Herrn und Meiſter?“ rief Lagetſchnikoff. „Ich in Dir meinen Meiſter, Du elender Thier⸗ ausſtopfer“, ſchrie Diderot und ſprang ſeinem verhaßten Gegner an die Kehle. Er hätte ihn in ſeiner Wuth erwürgt, wenn die Diener nicht dazwiſchen geſprungen 6¹ wären. So war es aber das Werk weniger Augen⸗ blicke, daß er von Lagetſchnikoff's Leuten überwältigt und auf ſeinen Befehl an den maſſiven Käfig gekettet wurde. „So, mein lieber Diderot“, begann Lagetſchnikoff mit einem höhniſchen Kopfnicken,„alſo ein elender Thierausſtopfer bin ich. Nun warte nur!“ Er ſtreifte den weiten Aermel ſeines prächtigen Schlafpelzes zurück und begann ſeinen Nebenbuhler zu peitſchen, ſein ſchö⸗ nes Geſicht ſtrahlte dabei vor Vergnügen, während Diderot erſt tobte, dann jammerte und endlich um Gnade bat.„Keine Gnade“, rief Lagetſchnikoff fort⸗ peitſchend,„ehe Du mich nicht als Deinen Herrn und Meiſter anerkennſt.“ „Ich erkenne Sie an“ ſchrie Diderot. „Nicht ſo“, ſprach ſein Meiſter,„auf die Knie.“ Diderot zögerte, da traf ihn noch einmal die Peitſche und ſchon lag er vor ſeinem Nebenbuhler auf den Knieen. Den nächſten Tag wurden die Exercitien mit dem Stocke fortgeſetzt. Gegen Abend kam Lagetſchnikoff in das Muſeum und verkündigte Diderot den Beſuch der Czarin. „Bei dem geringſten Verſuch, den Sie machen, Ihr Affenincognito zu brechen“, fügte er hinzu,„ſind Sie verloren. Halten Sie ſich das jederzeit vor Augen.“ Nachmittags erſchien Katharina II., begleitet von dem Grafen Orloff. Lagetſchnikoff ließ die Monarchin auf einem Divan Platz nehmen und führte dann gefolgt von ſeinen Dienern, deren einer mit einer türkiſchen Trommel, ein anderer mit Tamtams verſehen war, den, wie er ſich ausdrückte,„ezähmten“ Affen vor. „Sehen Sie dieſes Exemplar einer boshaften hoch⸗ müthigen betrügeriſchen Race“, ſprach er mit Pathos, „nicht unähnlich unſeren heutigen Gelehrten, Majeſtät, von mir binnen vierundzwanzig Stunden gezähmt, dreſſirt, meinem Willen vollkommen unterworfen.“ Diderot wüthete innerlich. „Nun, Jaques“, fuhr Lagetſchnikoff fort,„zeige Deine Künſte.“ 6r hielt ihm den Stock hin.„Hopp!“ Der Affe ſprang mit Grazie und immer höher und höher. „Bravo! Bravo!“ rief Katharina II. und klatſchte in die Hände. „Wirklich erſtaunlich“, fügte ſie nach einer Weile hinzu. 63 „Nun bringe Ihrer Majeſtät ein Glas Waſſer“, gebot Lagetſchnikoff. Der Affe goß aus einer auf einem Nebentiſch be⸗ reit ſtehenden Karaffe Waſſer in ein Glas und reichte es Katharina II., in dem Augenblicke, wo ſie es nahm und er ihr alſo ganz nahe war, ſchien ihm die Ge⸗ legenheit, ſeinem Peiniger zu entkommen, doch zu gün⸗ ſtig; er ſtürzte plötzlich der Kaiſerin zu Füßen und ſchrie:„Retten Sie mich, Majeſtät, ich bin Diderot.“ Katharina I. hörte jedoch von ſeinem Angſtſchrei kaum mehr als eine Silbe, denn Lagetſchnikoff hatte den Fall vorgeſehen und wie Diderot ſich vor der Kaiſerin niederwarf, fielen ſeine Leute mit einer ohrzerreißen⸗ den Janitſcharenmuſik ein, welche ſeine weiteren Worte verſchlang. Zu gleicher Zeit ergriffen andere den un⸗ glücklichen Philoſophen und ſchleppten ihn hinaus. Als dies geſchehen war, verſtummte die Muſik. „Majeſtät“, ſprach Lagetſchnikoff, ſich bei der Kai⸗ ſerin, welche ſich die Ohren zugehalten hatte, entſchul⸗ digend,„vergeben Sie dieſes draſtiſche Mittel, aber es iſt das einzige, dieſes bösartige Thier, wenn ein Ausbruch ſeiner Beſtialität erfolgt, zu ein⸗ zuſchüchtern und zu bewältigen.“ „Aber das Thier ſchien doch vorher ſo S ſo zahm?“ meinte Hrloff. 64 „Das iſt eben das Gefährliche ſeiner Natur, dieſe Tücke, dieſe jeſuitiſche Heuchelei, möchte ich ſagen. Man iſt bei dieſer Gattung Affen nie ſicher, daß man nicht plötzlich erwürgt oder mindeſtens erheblich verletzt wird.“ „Sie halten es alſo nicht für möglich, Profeſſor“, ſprach die Kaiſerin,„daß dieſer Affe hier je ohne Ge⸗ fahr im Zimmer gehalten werden kann.“ „Unmöglich“, betheuerte Lagetſchnikoff,„ich würde für nichts ſtehen.“ „Was alſo dann mit ihm anfangen?“ meinte Katharina. „Es iſt jedenfalls ein ſeltenes Exemplar“, erwi⸗ derte Lagetſchnikoff,„ich würde ihn mir daher für das Muſeum ausbitten.“ „Sie wollen ihn tödten.“ „Ich will ihn ausſtopfen, Majeſtät“, ſprach La⸗ getſchnikoff,„vollkommen dreſſiren läßt er ſich einmal nicht.“ „Alſo Sie wollen, daß ich ſein unter⸗ ſchreibe?“ „Nein, Majeſtät, ſchenken Sie ihn nur dem Mu⸗ ſeum.“ „Alſo gut, lieber Lagetſchnikoff“, ſprach die Kai⸗ ſerin,„ich mache Ihnen den Affen zum Geſchenk.“ ————— 65 „Mir, Majeſtät?“ rief Lagetſchnikoff vor Vergnü⸗ gen erröthend. „Ja, Ihnen. Nun was iſt da Beſonderes daran.“ „Alſo der Affe gehört mir, ganz mir.“ „Graf Orloff, Sie ſind Zeuge“, ſagte Lagetſchni⸗ koff lauernd. „Wozu dieſe Umſtände Profeſſor“, ſprach die Kaiſerin, ſich zum Fortgehen anſchickend. „Majeſtät, ich habe Ihr Wort“, rief Lagetſchnikoff, „der Affe iſt mein. Ich ſtopfe ihn auf der Stelle aus.“ Lagetſchnikoff dachte allen Ernſtes daran, ſeinen unglücklichen Nebenbuhler auszuſtopfen. Von einem Bedenken oder Mitleid war keine Spur in ihm, er war trotz allem äußern Schliff, trotz aller Eleganz, ja Feinheit, welche er ſich angeeignet hatte, doch ein Bar⸗ bar und lebte zu einer Zeit, in welcher man noch in den gebildeſten Ländern täglich Menſchen auf die grau⸗ ſamſte Art foltern und hinrichten ſehen konnte, in einem Lande, wo es gleich Thieren behandelte Selaven gab und das Menſchenleben keinen Werth hatte. Er wollte ſich nicht einmal damit begnügen, ſeinen Gegner zu tödten. Wie die Juſtiz jener Tage ihrem Opfer erſt tage⸗ Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. II. 5 ————————— lang die Glieder verrenkte und zerriß, ehe ſie daſſelbe dem Henker übergab und dieſer es auf der Kuhhaut zur Richtſtätte ſchleifte und ſtundenlang mit dem Rade quälte, ehe er ihm den Gnadenſtoß gab, ebenſo berei⸗ tete ſich Lagetſchnikoff vor, den unglücklichen Philoſo⸗ phen mit vollem Behagen zu zerfleiſchen. Nachdem er ſich ein lukulliſches Souper und einige Flaſchen feinen franzöſiſchen Weines in ſein Laboratorium hatte ſtellen laſſen, machte er ſich's erſt recht bequem, ſchlüpfte in ſeine türkiſchen Pantoffeln und ſeinen prächtigen weiten Schlafpelz und befahl dann, den Affen hereinzubringen. Sechs Diener trugen Diderot, welcher vergebens ſich zu wehren verſucht hatte, in das Laboratorium und ſchnallten ihn an Armen und Beinen auf dem Sezirtiſch feſt. Lagetſchnikoff beſchäftigte ſich indeß kaltblütig mit einer Paſtete. Die Diener entfernten ſich. „Sie werden mich mißhandeln, Herr Lagetſchni⸗ koff?“ begann Diderot. „Nein“, erwiderte jener mit einem teufliſchen Lä⸗ cheln,„ich werde Sie ausſtopfen.“ „Ausſtopfen!“ ſchrie Diderot auf. „Ja, ausſtopfen für mein Muſeum, wenn Sie nichts dagegen haben.“ ————— „Es kann Ihr Ernſt nicht ſein.“ „Es iſt mein voller Ernſt.“ „Sind Sie toll?“ „Sie waren toll“, erwiderte Lagetſchnikoff, ein Glas Wein ſchlürfend,„als Sie mich beleidigten.“ „Ich habe mich dafür vor Ihnen gedemüthigt.“ „Wie es ſich gehört“, ſagte ſein Peiniger artig, „aber daraus folgt noch nicht, daß ich Sie nicht aus⸗ ſtopfen darf.“ „Wollen Sie einen Mord begehen?“ tobte Diderot. „Was wählen Sie für pöbelhafte Ausdrücke, für Experimente der Wiſſenſchaft, mein Herr Philoſoph“, höhnte Lagetſchnikoff,„nennt man bei Ihnen in Frank⸗ reich einen Affen ausſtopfen einen Mord begehen.“ „Aber ich bin kein Affe!“ „Sie ſind ein Affe“, entgegnete Lagetſchnikoff, „für mich ſind Sie ein Affe und ſind es auch immer geweſen.“ „Vergeſſen Sie, daß mich das Geſetz ſchützt?“ „In Rußland giebt es kein Geſetz, als den Willen der Czarin“, antwortete Lagetſchnikoff. „Die Kaiſerin wird Sie ſtrafen.“ „Die Kaiſerin!“ lächelte Lagetſchnikoff,„eben die Kaiſerin war es, die Sie mir zum Geſchenk gemacht hat.“ 68 „Mich!“ ſchrie Diderot auf. Si „Mich, Didervt?“ „Sie, den Affen von Madagaskar.“ Lagetſchnikoff hatte ſein Souper beendet, wiſchte ſich den Mund mit der Serviette, ſchloß die Thür und holte ſeine Inſtrumente. „Herr Lagetſchnikoff, haben Sie doch Erbarmen“, begann der Affe zu flehen, als er ſah, daß ſein Feind Ernſt machte. „Ich habe kein Erbarmen“, lächelte Lagetſchnikoff, „ich ſtopfe Sie aus, gerade ſo wie Sie mich ausge⸗ ſtopft hätten, wenn Sie Kaiſer von Rußland gewor⸗ den wären.“ Er begann ſeine Meſſer zu wählen und zurecht zu legen. „Um Gotteswillen“, ſtöhnte Diderot. „Machen Sie ſich doch nicht lächerlich“, höhnte ſein Peiniger,„für uns Philoſophen giebt es ja keinen Gott.“ „Es giebt einen Gott“, ſchwor Didervt in ſeiner Todesangſt. „Wenn es einen giebt“, entgegnete Lagetſchnikoff, ſich, das Meſſer in der Hand, ſeinem Opfer nähernd, „ſo hat er Sie in meine Hand gegeben zu Strafe für ihren Dünkel und Hochmuth und ich werde Sie 69 ohne Erbarmen ausſtopfen“ und nachdem er die Aer⸗ mel ſeines Schlafpelzes emporgeſchlagen, ſetzte er ſein Meſſer mit einem grauſamen Lächeln auf die Bruſt des winſelnden Diderot. „Nun, hat Lagetſchnikoff's Zögling Fortſchritte ge⸗ macht, Majeſtät“, fragte die Daſchkoff die Czarin, als dieſelbe in ihre Gemächer zurückgekehrt war. „Ah! es iſt ein bösartiges Thier“, erwiderte Ka⸗ tharina II.,„wir haben es aufgegeben. Lagetſchnikoff ſtopft ihn aus.“ „Stopft ihn— aus?“ ſtammelte die Daſchkoff. „Warum nicht?“ rief Katharina II.,„ich habe ihm den Affen zum Geſchenk gemacht und er ſchien ſehr glücklich darüber.“ „Und er will ihn ausſtopfen?“ „Ja, allerdings ausſtopfen“, entgegnete die Kai⸗ ſerin ungeduldig,„und zwar ſogleich.“ „Mein Gott— der Affe—“, ſchrie die Daſch⸗ koff,„es iſt ja Diderot—“. „Diderot?“ „Diderot, ja Diderot“, rief die Daſchkoff,„er iſt im Stande, ihn zu tödten.“ „Diderot— ausgeſtopft— es iſt zum Todtlachen“, rief die Kaiſerin und brach in ein ſchallendes Geläch⸗ ter aus. Die Fürſtin aber eilte die Treppe hinab in ihren Wagen und jagte zu dem Muſeum, um Diderot zu retten. Sie war in Todesangſt. Es dauerte einige Zeit, ehe man ihr öffnete, ſie flog die Treppe hinauf und an die Thür des Labora⸗ toriums. „Lagetſchnikoff! Oeffnen Sie!“ „Zu welchem Zweck“, erwiderte er,„ich kann nicht öffnen.“ „Im Namen der Kaiſerin!“ „Ich ſtopfe eben im Namen der Kaiſerin den Affen aus.“ „Aber es iſt ja Diderot“, rief die Fürſtin. „Nun ſo ſtopfe ich Diderot aus“, erwiderte La⸗ getſchnikoff ruhig,„ich frage nicht, wen ich ausſtopfe, ich gehorche nur dem Befehle der Kaiſerin.“ „Die Kaiſerin befiehlt Ihnen, bei Gefahr Ihres Lebens Diderot frei zu laſſen.“ Jetzt erſt ließ Lagetſchnikoff, wenn auch unwillig, von ſeinem Beginnen ab, und öffnete die Thür. „Lebt er noch?“ fragte die Daſchkoff. „Leider.“ „Und iſt er unverſehrt.“ „Leider, leider.“ Diderot war gerettet. Die Daſchkoff brachte ihn im Triumphe in den Palaſt zurück, aber dem Philv⸗ 1. ſophen brannte fortan das Petersburger Parquet un⸗ ter den Füßen. Wenige Tage darnach verließ er Hof und Reich der nordiſchen Semiramis. Er kehrte wie alle franzöſiſchen Gelehrten mit Dia⸗ manten beladen nach Paris zurück, aber es iſt nicht bekannt, daß er in die Lobeshymnen ſeiner Vorgänger auf Katharina II. und Rußland mit eingeſtimmt hätte. Ein Damen-Duell. Das Fußregiment der Preobraſchenskiſchen Garden hatte die Wache im Winterpalaſte bezogen. Es war im Frühſommer, aber die Czarin Katharina die Zweite ſchien noch immer nicht daran zu denken, das feſtliche Petersburg mit dem idhlliſchen Landaufenthalt von Zarskvje Selo zu vertauſchen. In der geräumigen weißgetünchten Wachſtube ſchliefen die Soldaten ſitzend, aus Furcht, ihre großen feſtgewickelten Zöpfe zu beſchädigen; in dem kleinen anſtoßenden Officierszimmer lagerten Lieutenants und Junker von den verſchiedenſten Regimentern um einen langen ſchmierigen Tiſch und ſpielten Onze et demi; ſie ſpielten bereits den ganzen Nachmittag und ſpielten bis in die Nacht hinein bei dem ſpärlichen Lichte einer kleinen Hellampe, welche von der rußigen Decke herabhing. Nur Einer ſpielte nicht. Es war ein junger ſchlanker Officier mit blühendem Geſicht und großen hellblauen Augen unter dunklen Wimpern und „ — 76 dunklen Brauen, welche ſich beinahe coquet von dem weißen Toupet abhoben. Er ſaß, die Beine weit von ſich geſtreckt, die Hände nach rückwärts in die Taſchen ſeines grünen Uniformfrackes verſenkt, in einer finſtern Ecke und ſtarrte vor ſich hin. Jetzt verließ auch ein Zweiter den Spieltiſch; er athmete auf und blickte um ſich, dann näherte er ſich dem Cameraden in der Ecke. „Du ſpielſt nicht mehr, Koltoff?“ begann er, die Hand auf ſeine Schulter legend. „Nein— und Du?“ „Ich bin fertig“, erwiderte der Zweite.„Ich habe Alles verſpielt.“ „Ich auch“, ſprach Koltoff,„aber bei Dir, mein lieber Lapinski, bedeutet das im Grunde Nichts oder doch nicht viel. Eine Carambole mit Deinem theueren Vater, eine Sittenpredigt, und damit gut. Ich bin ruinirt. Ich habe entſetzlich viel Schulden, wie Du weißt, und keinen Vater, der ſie zahlen würde, nicht einmal einen Onkel, den ich beerben könnte; ich habe heute meine Gage verſpielt in der wahnſinnigen Hoff⸗ nung, das Glück könnte mir läche'n und mir ein paar Tauſend Rubel in den Schvoß werfen wie neulich dem Grafen Saltikoff, und jetzt ſtehe ich da, ohne eine Kopeke, und in ganz Rußland giebt es — 77 Niemand mehr, der mir eine Kopeke leiht. Mir bleibt alſo nichts übrig, als mich zu erſchießen.“ „Hör' mir auf“, erwiderte ſein Freund.„Wie Du richtig bemerkt haſt, gilt es nur eine Carambole mit meinem theuren Vater, und wir haben Geld.“ „Das heißt, Du haſt Geld.“ Nein viy „Ich kann doch nicht—.“ „Was kannſt Du nicht?“ „Von Deinem Gelde leben“, ſprach Koltoff;„die Ehre gebietet mir, mich zu tödten“ „Ah! ich glaube, Du haſt zu viel getrunken“, er⸗ widerte Lapinski, die Achſeln zuckend;„aber ſage mir lieber gleich, wie viel Du brauchſt, es geht in Einem.“ Koltoff ſchwieg. „Nun, wenn Du durchaus nicht willſt“, ſprach Lapinski ärgerlich,„ich dränge meine Liebe und Freund⸗ ſchaft Niemandem auf.“ Damit ſtülpte er den dreieckigen goldbordirten Hut ſo heftig auf ſeinen wohlgepuderten Kopf, daß eine weiße Wolke aus demſelben emporwirbelte, und verließ ſporenklirrend die Wache; als er jedoch vor dem niedrigen Thore ſeines Wohnhauſes ſtand und bereits den Klopfer in der Hand hatte, da fielen ihm die Worte ſeines Cameraden ſchwer und beängſtigend 78 auf die Bruſt; er kehrte um und ging mit raſchen Schritten zu Koltoff's Wohnung, ſprang über die Planke, welche den Hof derſelben umfaßte, und die morſche Holztreppe empor. Durch die Thür ſeines Freundes fiel ein weißer Streifen Licht auf die Diele. Er war alſo gleich⸗ falls nach Hauſe zurückgekehrt und noch wach. La⸗ pinski klopfte. Keine Antwort. Er klopfte ſtärker und rief zugleich:„Um Gotteswillen, mach' auf; Geld, es iſt Geld da für Dich!“ Nun hörte er Schritte, dann wurde eine Lade zugeſchoben, endlich öffnete Koltoff. Lapinski erſchrak über die Veränderung, die in ſo kurzer Zeit mit ſeinem Freunde vorgegangen war; das Haar hing ihm wirr in das bleiche Geſicht, die Augen waren tief in ihren Höhlen eingeſunken und zeigten ein unheimliches unruhiges Feuer. Lapinski hatte inſtinctmäßig, als wenn er ihn von einem Vorhaben abhalten wollte, ſeine Hand ergriffen und blickte verſtört im Zimmer umher, ohne daß er etwas Verdächtiges entdecken konnte, dann näherte er ſich raſch dem Tiſche, welcher in der Fenſtertiefe ſtand und auf dem Koltoff zu ſchreiben pflegte. Dieſer machte eine Bewegung, aber ſchon hatte der Camerad 6 „—— — 79 eine Lade hervorgezogen und in derſelben die Piſtole entdeckt, deren Hahn noch geſpannt war. „Alſo wirklich?“ ſtammelte Lapinski; mehr ver⸗ mochte er im Augenblicke nicht. Beide ſchwiegen einige Zeit. Dann nahm La⸗ pinski das Wort.„Habe ich Dir nicht geſagt, daß ich Dir Geld ſchaffen will?“ „Ich erkenne Deine treue Freundſchaft von ganzem Herzen an“, erwiderte Koltoff,„aber ich bin nicht im Stande auf fremde Koſten zu leben. Es handelt ſich ja bei mir nicht um momentane Hülfe. Es fehlt jede Aus⸗ ſicht für die Zukunft, und wenn ich auch von Brod und Waſſer leben und Spiel und Frauen für immer abſchwören will, wie ſoll ich von meiner elenden Lieutenantsgage meine Schulden zahlen? Zuletzt wird mir doch nichts übrig bleiben als— eine Kugel.“ „Sollte es wirklich keinen anderen Ausweg mehr geben?“ ſprach Lapinski.„Laß uns nachdenken. Aber verſprich mir vor Allem, nichts gegen Dein Leben zu unternehmen, ehe unſer Witz ſich nicht erſchöpft hat. Gieb mir die Hand darauf.“ „Unter Bedingungen“, entgegnete Koltoff. „Gut“, entſchied der Erſtere,„wenn wir binnen einem Monate zu keinem Reſultate gelangt ſind, ſteht es Dir frei—.“ 80 „Mich zu erſchießen?“ „Zu erſchießen, zu erſäufen, zu vergiften, rädern zu laſſen, was Dir beſſer gefällt.“ „Abgemacht.“ Die Cameraden ſchüttelten ſich herzlich die Hände. „Aber was haſt Du für ein Project?“ begann Koltoff. „Vor der Hand noch gar keins“ erwiderte Lapinski, „aber mir iſt nicht bange darum. Gäbe es etwas Er⸗ finderiſches auf der Welt als das Hirn eines Lieute⸗ nants? Alſo gieb Acht! Fangen wir gleich mit dem Kühnſten an. Stürze Orloff und ſchwinge Dich zum Günſtling der Czarin auf.“ „Was fällt Dir ein!“ rief Koltoff. „Warum nicht?“ meinte der Camerad.„Die Geſchichte iſt nur halb ſo lebensgefährlich wie das Erſchießen, Du biſt ein hübſcher Junge, es muß Dir gelingen.“ Koltoff antwortete mit einem lauten Lachen. „Warum lachſt Du?“ fuhr Lapinski fort.„Heut⸗ zutage iſt Alles möglich, Alles, ſag' ich Dir, das Wunderbarſte und Seltſamſte, genau ſo wie zu Zeiten des Kalifen Harun al Raſchid. Aber ich ſehe, zu einem ſolchen Wageſtück haſt Du nicht den Muth, oder iſt Katharina die Zweite vielleicht nicht ganz nach 8¹ Deinem Geſchmacke? Ziehſt Du die ſchwarzen Augen vor?“ „Genug des Spaßes ſagte hierauf Koltoff,„der Weg, den ich gehen ſoll, muß vor Allem ein ehrlicher ſein.“ „Hm“— Lapinski ſann nach.„Ich hab' es!“ ſchrie er plötzlich auf.„Ich hab' es. Du mußt hei⸗ rathen.“ „Heirathen? Nein, da will ich mich lieber er⸗ ſchießen“, erwiderte der Lieutenant mit dem Ausdrucke wirklichen Entſetzens in dem jugendlichen Geſichte. „Verloren biſt Du einmal“, lachte der Camerad, „ſo wähle mindeſtens die angenehmſte Todesart und heiathe „Angenommen, ich könnte mich entſchließen“, ſprach Koltoff,„wo fändeſt Du eine Frau für mich, eine reiche Frau, die dem armen verſchuldeten Officier die Hand reichen würde?“ „Nichts leichter als das“, erwiderte Lapinski; „ein armes Mädchen zu finden, das Dich nimmt, aus purer Liebe nimmt, das hielte ſchwer; unſere Fräulein vom alten Adel und leeren Geldſack ſpeculiren ſämmt— lich auf Generäle oder mindeſtens auf einen reichen Bojaren vom Lande; aber eine Dame, die ſelbſt ein großes Vermögen hat, kann ſich ſchon den Luxus ge ſtatten, einen Mann zu nehmen, den ſie liebt.“ Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten, II. 6 82 Koltoff lächelte.„Du haſt vielleicht ſchon eine Braut für mich in petto?“ „Warum nicht? Hundert auf einmal“, ſprach Lapinski,„ich habe darin ſchon manchem braven Menſchen geholfen aus reinem Vergnügen an der Sache, und weil ich, wie Dir bekannt, in Allem Ord⸗ nung liebe und halte, ſo habe ich mir zu dieſem Zwecke ein genaues Lexikon aller unſerer heirathsfähigen Damen angelegt.“ „Wie?“ rief Koltoff immer heiterer,„ein Heiraths⸗ lerikon?“ „Hier“, fuhr Lapinski fort, ein ziemlich volumi⸗ nöſes Notizbuch hervorſuchend,„da haſt Du es. Du findeſt ſie alle beiſammen, unſere Schönen, jede mit genauer Perſonbeſchreibung, ſowie Angabe ihres Ver⸗ mögens, Charakters, Vorlebens und anderweitiger Ver⸗ hältniſſe.“ „Das iſt in der That koſtbar“, lachte Koltoff. „Laß alſo ſehen.“ Und die beiden munteren Officiere begannen das Heirathslexikon zu ſtudiren. „Ich wäre dafür, alphabetiſch vorzugehen“, begann Lapinski nach einer Pauſe,„verſuche bei der Erſten Dein Glück, und bekommſt Du einen Korb, ſo belagere die Zweite und ſo fort von A bis Z.“ „Das wäre doch zu leichtſinnig“, meinte Koltoff, [* 83 „ich bin meinetwegen bereit, meinen Nacken dem Pan⸗ toffel einer Frau zu beugen, aber es muß ein Pan⸗ toffel ſein,— eine Frau wollte ich ſagen, welche ich liebe.“ „Wie iſt alſo Dein Geſchmack, blond, braun, ſchwarz?“ „Vor Allem lege ich auf ein beſcheidenes Weſen Werth.“ „Dann erſchieße Dich auf der Stelle“, rief Lapinski, „im Reiche und am Hofe der nordiſchen Semiramis Katharina der Zweiten ein beſcheidenes Weſen! Weißt Du nicht, das unſere beſten Frauen, von dem Bei⸗ ſpiel oben verführt, mindeſtens Amazonen und Blau⸗ ſtrümpfe ſind?“ „Was alſo thun?“ „Wenn Du ſchon zu gewiſſenhaft biſt, alphabetiſch vorzugehen, ſo laß das Fatum entſcheiden“, meinte der übermüthige Camerad. „Wie?“ „Wie? Ganz einfach. Wir machen es wie die Araber, wenn ſie ihren Koran um Rath fragen“, er⸗ widerte Lapinski,„wir ſtechen mit einer Nadel in mein Lexikon, und dort, wo die Spitze haften bleibt, dort haſt Du Deine Braut zu ſuchen.“ „Gut.“ Lapinski nahm hierauf eine Nadel und verfuhr ganz in der Weiſe und mit dem Ernſte orientaliſcher Fataliſten, dann ſchlug er das durchſtochene Notizbuch auf.„Du haſt ungeheures Glück“, ſagte er, nachdem er den Stich aufgeſucht und geprüft.„Dein Schickſal führt Dich zu der zugleich ſchönſten und reichſten Dame meines Verzeichniſſes.“ „Laß ſehen!“ rief Koltoff erregt. „Lubina Fürſtin Mentſchikoff“, las Lapinski, „Wittwe des Fürſten Jwan, dreiundzwanzig Jahre alt, hohe impoſante Geſtalt, ſchlank, herrliche Formen, ſtolze, ſchöne Geſichtszüge, ſchwarzes Haar, ſchwarze feu⸗ rige Augen, tiefe Altſtimme. Charakter feſt und verläßlich, Weſen gebieteriſch, aber liebenswürdig und anmuthig, viel Geiſt, große Bildung, beſitzt ein Vermögen von zwei Millionen Rubeln, vollkommen frei und unver⸗ ſchuldet, iſt ihren Verwandten gegenüber vollkommen ſelbſtſtändig. Ihr Ruf ſowohl in ihrer Ehe, als ſeit⸗ dem, der beſte. Beſondere Bemerkungen: gilt als Männerfeindin.“ „Dient ſie nicht in der Armee?“ fragte Koltoff. „Warte. Richtig, ja. Sie dient im Regimente Simbirsk und hat den Rang eines Majors.“ „Das kommt ungelegen“, meinte Koltoff. „Weshalb? Unſere Amazonen tragen ja ſämmt⸗ — 85 lich Officiersepauletten, die Gräfin Jwan Saltikoff, Frau Samarin, Fräulein Sophie Nariſchkin und viele Andere, und Frau von Mellin kommandirt ſogar ein Regiment.“ „Aber ich bitte Dich“, rief Koltoff,„wie ſoll ich es anfangen, meinem Vorgeſetzten eine Liebeserklärung und einen Heirathsantrag zu machen?“ „Ich weiß nichts davon, daß dies gegen das Reglement wäre“, entgegnete Lapinski.„Zu Deinem Glücke hat Peter der Große nicht im Entfernteſten daran gedacht, daß es Lieutenants in Reifröcken und einen Major geben könnte, welcher der mediceiſchen Venus Concurrenz macht. Alſo faſſe Dir ein Herz, es wird Dir nicht den Kopf koſten, beziehe jetzt ruhig Dein Bivouac, und morgen beginnen wir die Ope⸗ rationen, das heißt, der Herr Lieutenant der Preobra⸗ ſchenskiſchen Garde wird anfangen, dem Herrn Major des Regimentes Simbirsk den Hof zu machen.“ „Und wenn mich der ſchöne Major für meine Kühnheit in Arreſt ſchickt?“ lachte Koltoff. „Dann tröſteſt Du Dich damit“, erwiderte der Camerad,„daß Amor Dein Profoß iſt.“ 86 Ees war gegen Mittag, als Koltoff am nächſten Tage von ſeinem Freunde aufgepoltert wurde, welcher in roſigſter Laune, den Schnurrbart unternehmend auf⸗ gedreht, mit den großen Sporen klirrend, bei ihm eintrat. „Zu den Waffen?“ ſchrie Lapinski.„Auf den Feind! Der Krieg beginnt, zu den Waffen!“ und zu gleicher Zeit ſtellte er ſich vor den Nachttiſch und be⸗ gann mit den Fäuſten auf demſelben Reveille zu trom⸗ meln. Koltoff, der Selbſtmörder, dehnte ſich behaglich in ſeinem Bette und gähnte.„Was drängſt Du ſo?“ ſprach er langſam gedehnt,„wir haben ja nichts zu verſäumen.“ „Wir haben ſehr viel zu verſäumen“, rief der Camerad;„Du vergißt, daß ich nur vier Wochen Zeit habe, um Dich zu verheirathen, mein Geliebter, und dann, wenn es nicht gelungen iſt, biſt Du toll genug, Deinem koſtbaren Leben ein Ende zu machen. Alſo zu den Waffen, um ſo mehr als dies die Stunde iſt, wo die Fürſtin Lubina Mentſchikoff nach den über⸗ einſtimmenden Berichten meiner Spione auf der Ter⸗ raſſe ihres Palaſtes die Morgenchocolade nimmt.“ „Du haſt ſchon Spione?“ murmelte Koltoff er⸗ ſtaunt, indem er ſich anzukleiden begann. „Spione, gute Spione ſind für eine geſchickte und erfolgreiche Kriegführung unentbehrlich“, antwortete Lapinski,„man muß über die Aufſtellung und die Be⸗ wegungen des Feindes ſtets auf das Genaueſte unter⸗ richtet ſein, um darnach ſeine Dispoſitionen treffen zu können.“ Der luſtige junge Officier blickte auf ſeine Uhr.„Es fehlt eine Viertelſtunde zu Zwölf. Genau vor fünfzehn Minuten iſt unſere Göttin er⸗ wacht, in weiteren fünfzehn Minuten wird ſie ihre Morgentvilette beendet haben und Schlag zwölf Uhr auf die Terraſſe heraustreten. Alſo beeile Dich.“ In wenigen Minuten war Koltoff fertig, und die beiden Freunde durchſchritten, ein franzöſiſches Kriegslied der Zopfzeit trällernd, die Straße, welche zu dem Palaſte der Fürſtin Mentſchikoff führte, aber ſie näherten ſich dieſer feindlichen Feſtung, wie Lapinski das in ſchönem Renaiſſanceſthle erbaute, von einem weitläufigen Parke, im Geſchmak von Verſailles, um⸗ gebene Gebäude nannte, von rückwärts, durch ein ſchmutziges Gäßchen, das längs der Gartenmauer lief. „Kein Menſch in der Nähe“, ſprach Lapinski, „laß uns ſomit vor Allem recognoseiren.“ Koltoff ſtellte ſich auf ſeine Anordnung an die Mauer des Parkes und ſein Camerad ſchwang ſich auf ſeine Schulter und blickte hinein.„Auch im Garten iſt Alles ſtill“, meldete er,„und weithin nichts zu entdecken. Wir können es alſo wagen, ein⸗ zudringen.“ Ohne Weiteres ſchwang ſich Lapinski hierauf von der Schulter ſeines Freundes auf die Mauer, und von dieſer mit Hülfe eines Aſtes auf einen naheſtehenden Nußbaum, von welchem er ſich raſch zur Erde herab⸗ gleiten ließ. „Warte“, ertönte ſeine Stimme von innen,„ich will ſehen, ob ich keine Breſche entdecke.“ Die Breſche fand ſich nicht, aber dafür eine Gartenleiter, welche vor einer halbgeſtutzten Taxus⸗ hecke aufgeſpreizt ſtand. Lapinski bemächtigte ſich ihrer und ſchob ſie über die Mauer, drüben wurde ſie von Koltoff aufgefangen, der wenige Secunden darnach auf der Mauer erſchien und die Leiter an ſich zog, um dann bequem auf ihren Sproſſen in den Garten hinabzuſteigen. Die beiden Freunde näherten ſich nun, durch die langen parallel laufenden Hecken verdeckt, dem Palaſte, von dem eine geräumige Terraſſe mit breiten Stufen gegen den Garten ablief. Sie ver⸗ bargen ſich hinter einem großen Bosquet rother Roſen, etwa fünfzig Schritte von derſelben entfernt. Auf der Terraſſe ſtand zwiſchen ſchlechten geſchmack⸗ loſen Statuen der Venus und des Liebesgottes ein kleines Tiſchchen, für eine Perſon gedeckt, und vor — 89 demſelben ein ſammtner Armſtuhl und ein Fußſchemel von gleichem Stoffe. Nicht lange, und ein Diener in geſticte Livree nach franzöſiſchem Schnitte erſchien und brachte auf einem ſilbernen Brette die Chocolade, während ein zweiter die Flügelthüren weit öffnete. Eine Dame trat mit raſchem Schritte in ſtolzer gebieteriſcher Haltung heraus. Nach der Beſchreibung des Heirathslexikons ſeines Cameraden konnte Koltoff keinen Augenblick zweifeln, daß es die Fürſtin Lubina Mentſchikoff war, aber die lebendige Erſcheinung wirkte ganz anders, als das todte Wort. Koltoff war in der erſten Secunde von der jugend⸗ lich majeſtätiſchen Geſtalt, dem feinen geiſtvollen Ge⸗ ſichte, den großen blitzenden ſchwarzen Augen der ſchönen Amazone überraſcht, in der zweiten geblendet, in der dritten bis zum Wahnſinn verliebt. Die Fürſtin trug ihr dunkles, nur ganz leicht gepudertes üppiges Haar in einem großen, von einem hellrothen Bande zuſammenge⸗ haltenen Knoten, über dem duftigen weißen Spitzennegligé einen Schlafpelz von rothem Atlas mit reichem Hermelin⸗ beſatz, nach damaliger Mode in der Taille knapp an⸗ ſchließend und dann in reichen Falten ſich einbauſchend bis zu der Schleppe, welche weit zurückfloß. Ohne daß ſie nur im Geringſten ahnte, man beobachte ſie, benahm 90 ſie ſich doch bei ihrem Frühſtück mit der ganzen coquetten Anmuth einer Roevecodame, ſo daß der gute Lieutenant von der Preobraſchenskiſchen Garde nahe daran war, alle Subordination bei Seite zu ſetzen und dem ver⸗ führeriſchen Major vom Regimente Simbirsk glatt⸗ weg zu Füßen zu ſtürzen. „Nun, wie gefällt Dir Deine Braut?“ fragte Lapinski im Flüſtertone. „Du haſt mich hierher geführt“, erwiderte Koltoff, „nur um mich noch unglücklicher zu machen; wie ſoll ich nur eine Secunde hoffen, dieſes herrliche Weib, dieſe Gottheit mein zu nennen, wo ſoll ich den Muth her⸗ nehmen, mich ihr zu ſie oder gar um ihre Hand zu werben?“ „Sehr gut, ausgezeichnet“, ſprach leiſe ſein Freund, „Du biſt verliebt, ja iii lichterloh, wie ich ſehe. Alles nach Wunſch— „Wie?“ „Laß mich nur manövriren.“ „Was haſt Du vor?“ „Du mußt ihr eine Liebeserklärung machen“, fuhr Lapinski fort. „„Ja, aber wie ſoll ich das anfangen?“ fragte Koltoff ziemlich rathlos.„Ich kann doch nicht hier—.“ 9⁴ „Ich denke nicht im Entfernteſten daran“, ent—⸗ gegnete Lapinski. Indeß hatte ſich, von dem Geräuſche auf der Terraſſe und dem Anblick der Fürſtin angelockt, von dem Dache des Palaſtes herab, ſowie aus allen Büſchen und Aeſten eine zahlreiche Geſellſchaft von Sperlingen, Finken, Zeiſigen, Stieglitzen um die ſchöne Frau verſammelt, welche ihr Brod zerpflückte und den ſchreienden und durcheinander flatternden kleinen Bettlern die Krumen deſſelben zuwarf. „Genug, Du wirſt Dich doch nie ſattſehen“, fuhr Lapinski fort,„ſo reizend auch die 3 gerade jetzt iſt. Komm alſo, ich habe einen Plan, Du wirſt heute noch die Bekanntſchaft der ſtolzen machen. Was ſage ich, heute! Auf der Stelle.“ Die beiden Officiere verließen hierauf ihr Verſteck und den Park auf demſelben Wege, auf welchem ſie denſelben betreten hatten. Eine Stunde nach dem Frühſtück pflegte die Fürſtin Lubina Mentſchikoff eine Spazierfahrt durch die Stadt zu machen und dann in der Caſerne ihres Regimentes den Bataillonsrapport entgegen zu nehmen und die dringendſten Angelegenheiten zu erledigen. 92 Zugleich mit ihrer Equipage waren diesmal die beiden Lieutenants zur Stelle, welche ſich indeß darauf beſchränkten, den Palaſt und das Fuhrwerk aus weiter Entfernung zu beobachten. Der Wagen der Fürſtin im Rococcoſtyle war eine jener ſchwerfälligen Kriegs⸗ maſchinen, mit denen die eroberungsluſtigen Damen jener Tage zum Siege zogen; auf vier hohen Rädern ruhte ein viereckiger vergoldeter Kaſten mit Glaswänden, welche die in demſelben ſitzende Dame von allen Seiten deutlich zu ſehen geſtatteten. Ein großer dicker Kutſcher in rother Livree mit großem dicken Zopf und einer weißen Halsbinde, welche gleich einem Rieſenſchmetter⸗ ling unter ſeinem Kinn ſaß, leitete die ſchönen Hol⸗ ſteiner Pferde mit großer Würde. Zwei Lakaien ſprangen aus dem Palaſte hervor, 8 der eine riß den Schlag auf. Die Fürſtin folgte raſchen Schrittes in einer Uniform, welche weibliche und männliche Toilette geſchmackvoll verband; über die hohen ſchwarzen Reitſtiefeln, an denen gewaltige Sporen ſaßen, fiel eine reichfaltige ſammtne Robe von dem Grün des ruſſiſchen Soldatenkleides, welche, da ſie von keinem Reifrock aus einander geſpannt wurde, in natürlichen maleriſchen Falten fiel. Ein Ueberrock von gleichem Stoff und gleicher Farbe mit rothem Auf⸗ ſchlag und goldenen Litzen umſchloß die Taille, an dem ſchwarzen Lackgürtel hing der Stoßdegen, auf dem weißen Toupet ruhte der dreieckige Hut mit weißem Federbeſatz. „Nun kaltes Blut und Geiſtesgegenwart!“ ſprach Lapinski. Die ſchöne Amazone war eben im Begriff ihre Handſchuhe zu knöpfen, als ein Bettler, welcher bis⸗ her mit den Pferden ſchön gethan hatte, ſie um eine Gabe anſprach. Sie warf ihm eine Münze zu, ſtieg elaſtiſch in den Wagen, der Lakai ſchloß den Schlag und der Wagen rollte davon. Die Pferde gingen im ruhigen ſtolzen Trabe, aber nicht lange. Nach wenigen Schritten ſchon wurden ſie unruhig, fielen in ein raſcheres Tempo, begannen ſich zu bäumen, zu wiehern und zeigten Luſt durchzugehen. Der Kutſcher riß ſie mit aller Kraft zurück, aber ein neuer Anlauf, den die Pferde nahmen, warf ihn vom Kutſchbock her⸗ ab und in den Straßenkoth. Die Pferde raſten mit dem ſchwerfälligen Wagen, welcher jeden Augenblick umzuwerfen drohte, davon, die Fürſtin war in Ge⸗ fahr— ſie richtete ſich vom Sitze auf und ſuchte das Fenſter zu öffnen, vergebens. Der Pöbel ſchrie und lief dem Wagen nach, wodurch die Pferde nur noch ſcheuer wurden. Da, im entſcheidenden Augenblick ſtürzte ſich Lieutenant Koltoff dem Geſpann entgegen, warf ſich den Pferden in die Zügel und brachte ſie zum Stehen. Lapinski war in der nächſten Secunde gleich⸗ falls zur Stelle und faßte die Pferde, während Koltoff— den zertrümmerten Wagenſchlag öffnete und die Fürſtin, welche, von Glasſplittern verwundet, am Kopfe und an den Händen blutend, ohnmächtig geworden war, heraushob. Er trug ſie auf ſeinen Armen in ihr Palais zurück und ließ ſie auf einen Lehnſtuhl, den die herbeigeeilte Dienerſchaft im Thorwege aufſtellte, nieder. Während ihre Kammermädchen ihr mit Waſſer und Eſſenzen Hülfe leiſteten, lag der junge Officier, unbekümmert um die gaffende Umgebung, vor ihr auf den Knieen und bedeckte ihre Hände mit Küſſen. End⸗ lich ſchlug die Fürſtin die Augen auf, ſah Koltoff lange und erſtaunt an und fragte: „Was iſt geſchehen? Wo bin ich?“ Der junge Officier erklärte ihr die Lage, in welcher ſie ſich befand, indeß kam ſie ſelbſt vollkommen zur Beſinnung und dankte ihrem Retter mit einigen abge⸗ brochenen Worten, dann erhob ſie ſich und zog ſich, auſ den Arm ihrer alten Amme geſtützt, in ihre Ge⸗ mächer zurück. rltoff ſuchte ſeinen Freund auf, welcher ihn mit einem ſelbſtgefälligen Lächeln erwartete. ———— 95 „Nun, Du dankſt mir nicht einmal“, begann er, „habe ich meine Sache nicht gut gemacht?“ Koltoff verſtand ſeinen Cameraden nicht und ſah ihn mit unzweideutigem Erſtaunen an.„Du— wie ſoll ich das verſtehen?“ ſtammelte er endlich. „Hältſt Du Dich für ſo einen Glückspilz“, erwiderte Lapinski,„daß die fürſtlich Mentſchikoff'ſchen Pferde Dir zu lieb aus eigenem Antriebe durchgehen, damit Du die Ehre und das Vergnügen haſt, ihre Gebieterin zu retten?“ Koltoff war vollſtändig verblüfft.„Alſo Du haſt — aber wie?“ ſtotterte er. „Haſt Du den alten Bettler bemerkt, welcher ſich an den Pferden zu ſchaffen machte, während Deine Göttin einſtieg?“ fragte Lapinski. „Ja, nun?“ „Der geriebene Burſche hat dem einen Gaul, mit dem ich übrigens das lebhafteſte Bedauern fühle, einen brennenden Feuerſchwamm in die Nüſter geſteckt.“ „In Deinem Auftrag?“ ſchrie Koltoff auf. „Allerdings, damit Du Gelegenheit habeſt, der Fürſtin das Leben zu retten“, entgegnete ſein Camerad mit vollkommener Seelenruhe. „Du biſt ja ein furchtbarer Menſch!“ rief Koltoff. „Bedenke, welches Unglück geſchehen konnte!“ „Ich habe keinerlei Bedenklichkeit, wo es das Glück, das Leben eines Freundes gilt“, erwiderte Lapinski. „Uebrigens iſt Alles gut abgelaufen, wozu ſich alſo jetzt über alle möglichen und unmöglichen Möglichkeiten den Kopf zerbrechen!“ „Aber wenn die Fürſtin todt geblieben wäre?“ „Nun, ſo hätten wir ſie beweint“, entgegnete der leichtfertige Gardelieutenant,„und das Heirathslexikon von Neuem zu Rathe gezogen. Aber ſie iſt vor der Hand nicht geſtorben und der Schreck, den der Herr Major trotz ſeiner ſchönen Uniform und ſeinem Degen ausgeſtanden, wird ihm hoffentlich nicht ſchaden. Du biſt jetzt auf das Glänzendſte bei der ſchönen Lubina eingeführt und ich kann es mir lebhaft vorſtellen, wie ſie jetzt aufgelöſt auf ihrer Ottomane ruht und Du ihr im Traume erſcheinſt, ſchön wie Adonis, ſtark und muthig wie Hercules, von bengaliſchen Flammen effect⸗ voll beleuchtet. Komm, mein Junge, trinken wir eine Flaſche guten Weins—.“ „Ja, das wollen wir“ ſtimmte Koltoff bei,„auf das Wohl der Fürſtin—“ „Was fällt Dir ein?“ lachte Lapinski;„auf jenen großen Unbekannten, der den Feuerſchwamm entdeckt hat!“ 6 2 Gegen Abend erſchienen die beiden Officiere in L voller Parade in dem Palaſte der Fürſtin, um über das Befinden derſelben Erkundigungen einzuziehen. Nach⸗ dem man ihnen darüber die beruhigendſten Verſiche⸗ rungen gegeben, traten ſie den Rückweg an. „Höre“, begann Lapinski,„wir können uns doch nicht ſo ohne Weiteres damit zufrieden geben, daß man uns mittheilt, die Fürſtin ſei ſo gut wie un⸗ verſehrt und vollkommen wohl. Es iſt anſtändig und klug, daß wir unſerer Freude darüber, daß dieſer Un⸗ fall keine ernſten Folgen gehabt hat, auf irgend eine Weiſe Ausdruck geben. Was hältſt Du von einer Serenade?“ Koltoff brach in lautes Lachen aus.„Eine Sere⸗ nade, ohne eine Kopeke im Sack zu haben!“ „Warum nicht?“ erwiderte ſein ausgelaſſener Camerad, ſeine Säcke umkehrend.„Sieh' mich an, ich beſitze noch baare anderthalb Rubel, und doch wollen wir allen Geldſäcken zum Trotz der Fürſtin heute eine Serenade bringen, wie ſie das kleine Weibchen ge⸗ wiß noch nicht erlebt hat.“ Während Koltoff noch den Kopf ſchüttelte, zählte Lapinski das Geld, ein und einen halben Rubel in ſeine Hand und beauftragte ihn, Papiere in allen Farben, Oel und Unſchlittkerzen einzukaufen; er ſelbſt Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. II. 7 98 nahm es auf ſich, die Muſik, ſowie ein preciöſes Bvuquet, wie er ſich ausdrückte, herbeizuſchaffen. „Ich fange an zu glauben, daß Du mit dem Teufel im Bunde biſt“, meinte Koltoff. „Allerdings“, erwiderte Lapinski,„und zwar mit einem armen, aber luſtigen Teufel.“ Damit trennten ſich die Freunde. Nach einer Stunde trafen ſie, wie es Lapinski angeordnet hatte, in der Caſerne der Preobraſchenskiſchen Garde zuſammen, Lapinski mit einem rieſigen Bouquet, deſſen Zuſammenſtellung zwar viel zu wünſchen übrig ließ, das aber nichtsdeſtoweniger durch die Seltenheit ſeiner Blumen und die Pracht ſeiner Farben imponirte. „Wie kommſt Du dazu?“ fragte Koltoff, während er den ſchweren Strauß in der Hand hielt und be⸗ wundernd betrachtete. „Auf die billigſte Weiſe von der Welt“, erwiderte Lapinski;„ich ſtieg auf dem bekannten Wege in den Garten der Fürſtin und band dort höchſt eigenhändig das Bouguet.“ „Du haſt alſo die Blumen geſtohlen?“ „Nehmen wir an, es wäre ſo“, erwiderte der wenig bedenkliche Camerad,„ſo geſchah es nur, um ſie der Eigenthümerin wieder in kürzeſter Zeit zurück⸗ zuſtellen.“ „ S— 99 „Du biſt unverbeſſerlich“, meinte Koltoff. Lapinski hatte indeß bei ſämmtlichen Wäſcherinnen des Regimentes die Wäſcheſtangen requirirt, und jetzt begannen ſeine Soldaten unter ſeiner Anleitung aus den von Koltoff eingekauften Kerzen und dem in Oel getränkten farbigen Papiere Lampions zu verfertigen und auf den Stangen zu befeſtigen. Das Ganze ging ſo militäriſch raſch und genau vor ſich, daß mit ein⸗ getretener Dunkelheit der Abmarſch beginnen konnte. Vorn gingen Soldaten mit brennenden Lampen in allen Farben, dann folgten in einem Spalier von Lampions die beiden Officiere, Koltoff mit dem Bouquet und hinter ihnen ſämmtliche kleine Tambours und Pfeifer der Preobraſchenskiſchen Garde in voller Parade, friſch gepudert, mit ſteifen Zöpfchen. Den Zug ſchloſſen wieder Soldaten mit Lampivns. Zahl⸗ reiche Gaffer folgten; als man vor dem Palaſte der Fürſtin Halt machte, war bereits eine unabſehbare Menſchenmenge verſammelt. Lapinski ſtellte ſeine Leute in ein Quarré, welches, von den farbigen Lampions umgeben, gar nicht übel ausſah, und poſtirte ſich mit Koltoff unmittelbar vor der Front deſſelben dem Balcon des ſchönen weiblichen Majors gegenüber. Als Alles bereit war, hob er den Rohrſtock, welchen damals jeder Officier trug, und die 100 Tambours eröffneten die ſeltſame, echt ſoldatiſche Serenade mit einem hölliſchen Wirbel, dann fielen die Pfeifen ein und alle zuſammen ſpielten nunmehr den originellen zierlich pedantiſchen Marſch, nach welchem die Rococcoſoldaten damals maſchirten und der auch beim Gaſſenlaufen üblich war. Es währte nicht lange, ſo klang die Glasthür des Balcons, und die ſchöne Lubina trat heraus im weißen Nachtgewande, eine Sammetmantille umgeworfen; ſie blickte ſichtlich erſtaunt auf die Menge, die Tambours die Officiere; erſt als Koltoff ſeinen Hut abnahm und mit einem kräftigen Wurf den rieſigen Blumenſtrauß emporſchleuderte, ſo daß er zu den Füßen der Fürſtin niederfiel, erkannte dieſe den Retter ihres Lebens und verſtand ſeine Abſicht. Sie dankte mit artiger Verneigung, hob die Blumen auf, und als die Tam⸗ bours wieder ihren Wirbel ſchlugen, hielt ſie ſich die Ohren zu und brach in lautes Lachen aus. Lapinski gebot Ruhe. Die Fürſtin dankte noch⸗ mals mit einem bezaubernden Lächeln und zog ſich zurück. Wenige Augenblicke ſpäter erſchien ein Kammer⸗ diener, welcher in ihrem Namen die beiden Officiere einlud, zu ihr zu kommen. „Vorwärts!“ flüſterte Lapinski ſeinem ſtrahlenden Cameraden zu.„Jetzt liegt Alles in Deiner Hand. ——— Erkläre Dich ihr auf der Stelle. Ich führe indeß meine kleinen Helden nach Hauſe.“ Während die Serenade ſchwenkte und abmaſchirte, wobei Lapinski noch tüchtig wirbeln ließ, ſtieg Koltoff langſam, bei jedem Treppenabſatz anhaltend und Athem ſchöpfend, die Stiege empor. Der Kammerdiener führte ihn durch eine Flucht herrlich eingerichteter Säle, ſchlug eine Portière zurück, und im nächſten Augenblicke ſtand der junge Officier der reizenden Frau gegenüber, mit ihr allein in einem Boudoir, wie es nur jene Zeit ſo coquett und ſinneverwirrend einzurich⸗ ten verſtand. Die Fürſtin war ſo tactvoll, nicht nach ſeinem Freunde zu fragen, ſondern lud Koltoff mit der an⸗ muthigſten Handbewegung und dem liebenswürdigſten Lächeln, als verſtehe ſich ihr Téte à Téte von ſelbſt, ein, neben ihr auf dem echt türkiſchen Divan Platz zu nehmen. „Vergeben Sie“, begann Koltoff,„Fürſtin, die armſelige Art und Weiſe, in der ich meiner Freude über Ihre Rettung aus einer ſo ernſten Gefahr Aus⸗ druck gegeben habe, aber—.“ „Weshalb vergeben?“ unterbrach ihn die Fürſtin. „Es war eine echt militäriſche Serenade.“ „Sie ſind zu gütig“, erwiderte der Gardelieutenant; 102 „aber ich bitte nochmals, nicht darnach meine Gefühle für Sie zu beurtheilen.“ „Ich bin von Ihren guten Geſinnungen gegen mich überzeugt“, ſagte die ſchöne Frau, indem ſie ihre dunkle Sammetmantille fallen ließ und die Büſte einer olympiſchen Göttin zeigte. „O, ich wäre glücklich, wenn ich mein Blut für Sie verſpritzen, mein Leben für Sie geben könnte!“ rief Koltoff leidenſchaftlich erregt. „Illuſionen der Jugend!“ ſprach die Fürſtin; „aber Sie wählen Worte, wie man ſie nur einer Frau gegenüber gebraucht, welche man liebt.“ „Und Sie finden es recht traurig, daß ein armer— Lieutenant die Fürſtin Mentſchikoff zu lieben wagt?“ „Traurig? Nein.“ „Alſo lächerlich!“ rief Koltoff. „Noch weniger“, erwiderte die ſchöne Frau, mit den Spitzen ihres Deshabillés ſpielend. Zugleich zuckte ein muthwilliges Lächeln um ihre Mundwinkel. „Aber Sie lachen doch“, rief Koltoff vorwurfsvoll. „Ueber Ihre Zaghaftigkeit“, entgegnete die coquette Rococcoſchöne,„ſie ſteht dem Soldaten ſchlecht an.“ „Sie ermuthigen mich alſo?“ „Wozu?“ „Sie zu lieben.“ . — 103 „Lieben Sie mich denn?“ rief die Fürſtin und ſchlug ein helles Lachen an. „Aber jetzt lachen Sie doch über den armen Lieutenant!“ ſagte Koltoff bitter. „Bei Gott, nein!“ entgegnete die Fürſtin auf einmal ſehr ernſt. „Lachen Sie nur“, fuhr der junge Officier fort, „verſpotten Sie mich auf das Unbarmherzigſte, ich liebe Sie dennoch und werde Sie immer lieben; ich bin glückſelig, daß ich Ihnen nun einmal ſagen darf, wie ſehr, wie unausſprechlich ich Sie liebe, wenn Sie mich auch auf der Stelle für immer aus Ihrer Nähe verbannen.“ „Wer ſagt Ihnen, daß ich dies thue?“ entgegnete die Fürſtin, welche ſich offenbar an der jugendlichen Gluth des Lieutenants ergötzte. „Sie verbannen mich nicht?“ ſchrie Koltoff auf. Die ſchöne Lubina legte den Finger auf den Mund, um vorerſt den Ausbruch ſeiner Freude ein wenig zu mäßigen, und als der hübſche Officier noch einmal, noch dringender, aber leiſe fragte, ſchüttelte fie den Kopf. O, wie reizend, wie verheißend war dieſes Kopfſchütteln für Koltoff! „Sie lieben mich alſo wieder?“ flüſterte er, von 104 der Liebenswürdigkeit ſeines Vorgeſetzten, des Majors vom Regimente Simbirsk, fortgeriſſen. „Das habe ich nicht geſagt“, beeilte ſich Lubina, ſeine Hoffnungen coquett vernichtend, einzufallen,„aber —“, ſie lächelte wieder mit ihrem bezaubernden Lächeln, „ich erlaube Ihnen, mich zu lieben.“ „Und Sie erlauben mir, um Ihre Gunſt, um Ihre 1 Hand zu werben?“ rief der von Neuem entflammte Lieutenant. „Wie kühn auf einmal!“ ſagte die Fürſtin. „Sie verbieten es mir wenigſtens nicht?“ drängte Koltoff, ihre kleine Hand ergreifend, welche ſich ver—. gebens in die weißen Spitzenwellen zu retten ſuchte. 6. „Nein, nein“, lachte Lubina. In demſelben Augenblicke lag Koltoff zu ihren Füßen und küßte ihre Hände, und die ſchöne Roeveco⸗ dame wurde auffallend roth, trotz der weißen und rothen Schminke, mit der ihr Geſicht bemalt war. Einige Tage ſpäter, an einem warmen Sommer⸗ 5 nachmittag, gingen die Fürſtin und Koltoff in einer ſchmalen Allee des Mentſchikoff'ſchen Parkes, durch die dichte grüne Taxuswand vor der Sonne geſchützt, auf und ab. Sie ſprachen lange nicht, ſondern ſchienen 1 5—— 105 damit beſchäftigt, mit ihren Blicken den Faltern zu folgen, welche paarweiſe über die Spaliere herein- und hinausflogen und, hier und da ſich auf der Erde niederlaſſend, ihre farbenprächtigen Flügel ausein⸗ anderſpannten. Endlich ſchlug die ſchöne Lubina einen Seitenweg ein und ſie kamen zu einem reizenden Plätzchen, einer maſſiven Steinbank, von den Zweigen einer alten Eiche beſchattet, der gegenüber ein Spring⸗ brunnen plätſcherte, und hinter der rieſigen Marmor⸗ muſchel, in welche derſelbe ſein helles ſchäumendes Waſſer warf, ſtand eine von einem Italiener der Antike fein nachgebildete Gruppe, Venus und Adonis. Koltoff heftete ſeine Augen mit einem ſo ſeltſamen Ausdrucke auf dieſe Gruppe, daß Lubina, ihm leicht mit dem Fächer treffend, fragte, ob er die marmorne Dame ſchöner finde als ſie. Koltoff gab keine Antwort. Nach einer kleinen Weile ſeufzte er aber und ſprach:„Glauben Sie nicht, daß die Menſchen damals weit glücklicher waren als jetzt?“ „Sie meinen, weil die ſchönen Göttinnen des Olymps damals zu den Sterblichen herabſtiegen?“ „Nein, weil ſie lieben konnten“, ſprach Koltoff;„es iſt, als hätten Corſett und alle natürlichen Empfindungen erſtickt.“ „Warum gerade Corſett und Reifrock?“ fiel die 106 Fürſtin ein.„Glauben Sie, daß das Jabot und der Zopf dem Herzen freieren Spielraum laſſen?“ Der Lieutenant zuckte die Achſeln, ihm ſchien es doch, daß er ordentlich liebe und darin den verliebten Herven des Alterthums in Nichts nachgebe, aber die Fürſtin war anderer Anſicht. „Sie glauben, mich zu lieben“, ſprach ſie,„aber was iſt das, was Sie da empfinden? Ein wenig Ein⸗ bildung, ein wenig Eigenſinn und ſehr viel— Eitel⸗ keit. Heut zu Tage liebt man nicht mehr, ſondern hat Liaiſons, und nicht das Herz, nicht die Leiden⸗ ſchaft ſind es, welche dieſe zarten Bande knüpfen, nur die Langeweile.“ „Und was hätte dieſen Umſchwung in der menſch⸗ lichen Natur hervorgebracht?“ „Die Philoſophie“, erwiderte die Rococcodame, „wir denken zu viel über unſere Gefühle nach, als daß dieſelben tiefe Wurzeln faſſen könnten, und wir haben Ideale, welche uns die Freude an der Wirk⸗ lichkeit verderben, und wäre die letztere noch ſo ſchön, noch ſo lachend. Bleiben wir gleich bei mir ſelbſt ſtehen. Sie haben mir, gleich im erſten Augenblicke, als ich nach jenem Unfall zur Beſinnung kam und Sie vor mir knieen ſah, ſehr wohl gefallen—.“ Koltoff erröthete und blickte verſchämt zu Boden. vn — 107 „Sie gefielen mir an jenem Abende, wo Sie mir nach der vriginellen Serenade Ihre Liebe geſtanden“, fuhr Lubina fort,„beinahe noch beſſer, und jetzt—.“ „Jetzt finden Sie mich bereits unausſtehlich!“ rief Koltoff. „Nein“, erwiderte die Fürſtin, mit ihrem Fächer und jedem einzelnen Worte tändelnd,„jetzt glaube ich ſogar, daß ich Sie liebe.“ „Sie lieben mich!“ ſchrie der junge Officier auf, und ſo heftig zwar, daß ein kleines Rothkelchen, das vom Rande des Baſſins aus neugierig mit ſeinen Edel⸗ ſteinaugen das Paar betrachtet hatte, erſchreckt aufflog. „Es ſcheint“, ſagte die Fürſtin,„oder was ſoll es bedeuten, daß mein Herz ſo heftig klopft, wenn Sie eintreten, und auch dann, wenn Sie bei mir ſind, lange noch. Entſcheiden Sie ſelbſt.“ Und die coquette Schöne nahm die Hand des jungen Officiers und legte ſie auf ihr Herz. „In der That“, ſtammelte Koltoff. „Nun denn, nehmen wir an, daß ich Sie liebe“, fuhr Lubina fort.„Wie lange werde ich Sie lieben? Ich bin ſo unglücklich, ein ſehr hohes männliches Ideal in meiner Seele zu tragen. Begegnet mir nun ein Mann im Leben, der durch einen oder den anderen oder mehrere jener Vorzüge, welche ich von einem 108 echten Manne unzertrennlich halte, meine Phantaſie erregt, ſo meine ich, ihn zu lieben, ja, ich liebe ihn vielleicht wirklich, ich bin begeiſtert von ihm, ich könnte alle die Thorheiten eines jungen Mädchens begehen, bis— bei fortgeſetzter und ſchärferer Betrachtung — an meinem glänzenden Monde die Flecken hervor⸗ treten.“ „Wie?“ „Bis ich jene dunklen Stellen entdecke, welche jeder Menſch in ſeinem Weſen hat“, fuhr die ſchöne Frau fort,„dann ſehe ich plötzlich, wie weit der Mann, den ich liebe, von dem Manne entfernt iſt, den ich mir träume, und ich bin enttäuſcht, meine Neigung iſt entwurzelt, ich habe kaum Mitleid, wo ich vor Kurzem noch Bewunderung hatte.“ „Das iſt aber recht traurig“, ſagte Koltoff, eigentlich wußte er aber weder, was er von der Fürſtin denken, noch was er ſagen ſollte. „Sie ſehen alſo“, fuhr dieſe fort,„daß ich Un⸗ recht begehe, Unrecht an mir und dem Manne, dem ich mich gebe, wenn ich eine neue Ehe eingehe.“ „Und wie iſt das männliche Ideal beſchaffen,* das Ihnen vorſchwebt?“ fragte Koltoff nach einer kleinen Pauſe. „Der Mann, den ich liebe, dem ich gehören ſoll“, ——————————— — 109 erwiderte Lubina,„muß alle Vorzüge des Körpers mit jenen des Geiſtes vereinigen, er muß zu gleicher Zeit ein vollkommener Cavalier, ein tapferer Soldat und ein Philoſoph von nicht gewöhnlichem Geiſte ſein.“ „Sie verlangen viel“, ſtammelte der junge Lieute⸗ nant, ihn erſchreckte vorzüglich die Philoſophie. „Gewiß finden ſich alle die Eigenſchaften ſelten vereinigt“, ſagte Lubina,„Jja vieleicht nie. Voltaire iſt häßlich wie ein Affe und Moritz von Sachſen hat die Logik eines Corporals; aber wenn dies wirklich ſo iſt, bin ich, wenn mein Geiſt in höheren Regionen ſchwebt, verpflichtet, ſtatt meiner göttlichen Träume mit der gemeinen Wirklichkeit vorlieb zu nehmen. Be⸗ klagen Sie mich.“ Die Fürſtin verſank in Nachdenken. „Werde ich je mein Ideal finden?“ ſprach ſie nach einiger Zeit, den Blick ihrer dunklen ſeelenvollen Augen ſchwermüthig in die Weite verloren. Koltoff ſchwieg, und er ſchwieg auch beharrlich, als die ſchöne Frau, ſcheinbar unabſichtlich, zuerſt mit ihrer Fußſpitze die ſeine berührte, dann mit ihrem vollen warmen Arm ſeine Hand ſtreifte.„Eine ſelt⸗ ſame Frau“, dachte er,„ſollte ſie wirklich unfähig ſein zu lieben?“ Und die Fürſtin? Die Fürſtin ſagte zu ſich:„Ein 11⁰ ſeltener Lieutenant. Er ſcheint zu viel in Plato ge⸗ leſen zu haben.“ Koltoff kam bald täglich zu der ſchönen Fürſtin, ja es gab Tage, wo er dienſtfrei war und ſich dafür von früh bis Abends dem Dienſte der launiſchen Göttin weihte, und Lubina verfügte in der That über ihn, wie eine Olympierin über den Erdgebornen, wie die Gebieterin übér den Sclaven. Wenn ſie ausritt, war es Koltoff, welcher ihr in den Sattel helfen, welcher ſie begleiten mußte, und das Reiten mit ihr war ein ge⸗ fährliches Ding, denn ſie ſetzte kühn über Gräben, Hecken und andere Hinderniſſe, ſo daß der dienende Cavalier nicht ſelten in die Gefahr kam, das Genick oder doch mindeſtens Arm und Bein zu brechen. Im Parke wurde ein Schießſtand eingerichtet, Lubina ſchoß mit ihrem Anbeter um die Wette, und hier be⸗ währte ſich neuerdings, daß Amor blind iſt, denn der gute Lieutenant fehlte regelmäßig die Scheibe, und alle die ſchönen alten Bäume, welche dieſelbe umgaben, trugen bereits die Spuren ſeiner Kugeln. Im Parterre des Palaſtes war ein kleiner Fecht⸗ ſaal eingerichtet, in welchem ſich die kühne Amazone 114 und ihr Anbeter täglich auf der Menſur gegenüber⸗ ſtanden, Lubina über dem weißen hochgeſchürzten Ge⸗ wande einen leichten Bruſtpanzer, Beide mit Draht⸗ masken und großen Stulphandſchuhen, das Floret in der Hand, und dann, nachdem der Appel gegeben, gab es kaum etwas Reizenderes, als die ſchöne Frau, wenn ſie mit ſchlangenähnlicher Behendigkeit die Stöße des Gegners auffing, zurückſprang und wieder zum Angriffe übergehend, ihn bis an die Wand trieb, wo ſie ihn gewöhnlich durch eine Finte entwaffnete und ihm die Spitze ihrer Waffe zum Zeichen des Sieges auf die Bruſt ſetzte. Aber es blieb nicht bei dieſen Körperübungen, bei denen der Officier in ſeinem Elemente war; er mußte der Amazone, welche ſich, wie alle vornehmen Damen ihrer Zeit, mit Philoſophie, Naturwiſſenſchaften, ſchöner Literatur, Geſchichte beſchäftigte, auch auf den gei⸗ ſtigen Kampfplatz folgen, und ſo eifrig Koltoff war, in jenen Stunden, welche ihm ſeine Göttin frei ließ, das Verſäumte nachzuholen, ſeinen Kopf mit den Philoſophe⸗ men der Griechen, Römer und der franzöſiſchen Enchelo⸗ pädiſten zu füllen, ſich mit den herrlichen Werken eines Homer und Virgil, eines Horaz und Ovid, wenn auch nur in ſchlechten franzöſiſchen Ueberſetzungen, bekannt. zu machen, die Modedichtungen Voltaire's, Diderot's, 142 Lafontaines zu verſchlingen; die Fürſtin, welche mit einem, wenn auch ſehr oberflächlichen, doch weitſchwei⸗ fendem Wiſſen einen lebhaften, weiblich feinen Geiſt und eine große natürliche Beredtſamkeit verband, bereitete ihm viel ſchwere Stunden; er gerieth endlich ganz in die Rolle eines Schülers dem gelehrten Meiſter gegenüber und ſtellte ſich zu den phyſikaliſchen Erperimenten und den aſtronvmiſchen Beobachtungen, bei denen er Lubina beiſtehen mußte, ſo naiv an, daß die Fürſtin ſich an ihm noch mehr ergöste, als an den erzielten wiſſenſchaftlichen Ergebniſſen. Eine griechiſche Rotunde auf einer großen Wieſe ihres weitläufigen Parkes bildete das Studio der Fürſtin; es enthielt im Erdgeſchoß einen chemiſchen Heerd und alle die myſteriöſen Anſtalten der damaligen, noch mit der Alchymie Hand in Hand gehenden Chemie und Phyſik; in dem obern Stockwerk befand ſich eine große Bibliothek, zwiſchen deren hohen Fächer⸗ käſten Globen, Büſten berühmter Männer der Wiſſen⸗ ſchaft und Thiergerippe aufgeſtellt waren; das oberſte Ge⸗ ſchoß mit weit durchbrochenen Fenſtern und die Plattform dienten zu aſtronomiſchen Zwecken, und wenn die Fürſtin, durch einen weiten ſchwarzen Sammettalar und eine runde Sammethaube vor der kalten Nacht⸗ luft geſchützt, mit ihrem Adepten hier oben erſchien 143 und das Sternrohr zu richten begann, machte ſie den Eindruck eines weiblichen Fauſt. Es ſchien aber der gelehrten Amazone bald nicht mehr zu genügen, daß ihr Anbeter ſich ohne Groll von ihr entwaffnen ließ und ihr mit den Retorten und Quadranten zur Hand war. Er mußte die Flöte blaſen lernen, um ſie zu begleiten, wenn ſie auf dem Piano ſpielte, er nahm auf ihr Geheiß Tanz⸗ ſtunden bei einem Pariſer Tanzmeiſter, welcher ſich in Petersburg niedergelaſſen hatte, und hatte die Aufgabe, täglich nach dem Eſſen, während ſeine Göttin in dem künſtlich verdunkelten Zimmer ruhte, ihre Hunde ſpazieren zu führen. Endlich gab ihm Lubina förmliche Proben auf, ganz wie die Damen der Troubadours und Minne— ſänger es zu thun pflegten. Sie hatte in ihrem Parke unter Anderm einen großen braunen Bären, welcher in einem weiten Zwinger verwahrt war. Derſelbe war ſehr jung in ihren Beſitz gekommen und zeigte daher nur noch geringe Spuren von Wildheit. Immer⸗ hin war jedoch eine Unterhaltung unter vier Augen mit ihm ein Wageſtück. Lubina verlangte alſo eines Morgens mit dem liebenswürdigſten Lächeln von der Welt von ihrem An⸗ beter, er möchte in den Käfig des Bären und Sacher⸗ Maſoch⸗ Ruſſiſche Hofgeſchichten. II. [14 den drolligen braunen Geſellen nach der damaligen Mode friſiren. Koltoff war im erſten Augenblicke ſtarr, aber er beſann ſich nicht lange und gehorchte. Zu ſeinem Glücke ſtand er ſeit langem ſchon, ohne daß ſeine grauſame Herrin es wußte, mit dem Bären auf gutem Fuße. Er brachte ihm täglich Obſt und Honigſcheiben, welche derſelbe mit einem ganz beſonders artigen Knurren und Brummen entgegennahm. Auch diesmal führte der Gardelieutenant derlei Leckereien bei ſich, und nachdem er noch zwei Piſtolen und ein perſiſches Jagdmeſſer zu ſich geſteckt und ſich mit Kamm, Bürſte, Pomade und Puder verſehen hatte, ließ er ſich von dem Gärtner den Zwinger aufſchließen und trat in das Gefängniß ſeines gefährlichen Freundes, während die ſchöne Lubina, vor dem Gitter ſtehend, mit einem ſeltſamen, halb neugierigen, halb ſchauer⸗ lichen Reiz die eigenthümliche Scene beobachtete. Der Bär blieb Anfangs vollkommen gleichgültig, er ließ ſeinen mächtigen Kopf auf den Vordertatzen ruhen und blinzelte nur mit den kleinen Augen nach rechts und links. Koltoff rief ihn mit ſtarker Stimme an. Er rührte ſich nicht. Hierauf warf der kecke Lieutenant etwas von ſeinem Obſt in die Futterſchüſſel des Bären und ſchob ſie ihm hin. Der Bär ſchnupperte, ſetzte ſich — 15 auf und leckte an dem Obſt. Plötzlich richtete er ſich aber in ſeiner vollen imponirenden Größe auf und wollte, ein eigenthümliches Gewinſel ausſtoßend, Koltoff umarmen. Die Fürſtin erſchrack und ſchrie auf, ſie hielt ihren Anbeter für verloren. Der Bär hatte indeß durchaus nichts Uebles im Sinn, der Geruch des Honigs, den Koltoff bei ſich führte, hatte ihn aus ſeiner ſüßen Ruhe geweckt, und als er ſich aufrichtend ſeinem Freund erkannte, verſuchte er nach echt täppiſcher Bärenart denſelben zu liebkoſen. Koltoff ſchob ihm raſch eine große Honigſcheibe in den Rachen, worauf ſich der Bär artig niederſetzte und die Augen wie ein echtes Leckermaul ſchließend zu naſchen begann. Nun war der Augenblick da, das kühne Wag⸗ niß auszuführen. Koltoff beſann ſich nicht lange, ſondern nahm den zottigen Kumpan friſch in die Arbeit, er kämmte ihm, ſo gut es ging, mit Hülfe der Pomade das Kopfhaar zu einem Toupet zuſammen und beeilte ſich, ſo vft das Thier ungeduldig zu werden ſchien und ihm darüber brummend ſeine Bemerkungen machte, demſelben eine neue ſüße duftende Honigſcheibe zuzu⸗ werfen. In wenigen Augenblicken war der große Kopf des Bären dicht eingepudert, ſchneeweiß, gleich dem eines Elegant, und Koltoff zog ſich raſch auf den 8* * 116 Fußſpitzen zurück. Als ſich die Thür des Zwingers hinter ihm ſchloß, athmete er auf. Das gefährliche Abenteuer war überſtanden. Lubina überhäufte ihn mit ſchwärmeriſchen Lobes⸗ erhebungen, ihr Herz ſchien bezwungen, aber zur größten Ueberraſchung des armen Lieutenants gab ſie ihm noch denſelben Abend eine neue Prüfung auf. „Sie haben mir einen ſo großen bewunderungs⸗ würdigen Beweis von Ihrer Kaltblütigkeit und Ihrem Muthe gegeben“, ſagte ſie,„daß es Ihnen gewiß ſelbſt erwünſcht ſein wird, mir nun auch eine Probe von Ihrem Geiſte und Ihren Kenntniſſen zu geben.“ Koltoff erſchrack, er fand keine Worte und ver⸗ neigte ſich nur ſtumm. „Ich werde Ihnen eine Ihrer würdige Aufgabe ſtel⸗ len“, fuhr die gelehrte Amazone fort.„Schreiben Sie ein Werk unter dem Titel„Der Menſch und die Natur', weiſen Sie in demſelben alle Beziehungen nach, welche zwiſchen Beiden beſtehen, zeigen Sie, inwieweit der Menſch von ſeiner großen Mutter abhängig iſt, ab⸗ hängig bleiben muß, worin er ſich von ihr befreien, ja ſogar über ſie ſtellen und auf ſie einen Einfluß gewinnen kann. Aber ich vergeſſe, daß Sie ja ſelbſt es ſind, welcher uns über dieſe Materie ganz neue, ungeahnte Perſpektiven eröffnen wird.“ Koltoff hatte ſich noch nie ſo unglücklich gefühlt, nie in ſeinem Leben, nicht einmal in jener Nacht, wo er ſich erſchießen wollte, als heute, wo er die ſchöne Fürſtin Mentſchikoff als zukünftiger Verfaſſer des Buches„Der Menſch und die Natur“ verließ. Wo ſollte er die Ideen, wo die Kenntniſſe, ja wo nur das leere Papier zu dieſem verwünſchten Werke hernehmen? Er ließ ſich den ganzen folgenden Tag im Palaſte Mentſchikoff nicht ſehen, ſondern irrte trübſelig in den Straßen umher, ſah auf der Wache dem Kartenſpiel der Cameraden zu, und ſchlich endlich zu ſeiner Tanzſtunde, und über⸗ all war es ihm, als ob ihn eine Stimme verfolge und ihm in das Ohr raune:„Der Menſch und die Natur!“ und wie er bei der Menuette in der dritten Poſi⸗ tion ſtehend den erſten Geigenſtrich ſeines Tanzmeiſters Monſieur Perdrix erwartete, entfuhren ihm unwillkür⸗ lich die unſeligen Worte:„Der Menſch und die Natur!“ Der kleine Franzoſe, welcher eben den Bogen er⸗ hoben hatte, ſetzte ab und ſah den Lieutenant erſtaunt an. „Der Menſch und die Natur“, wiederholte er, „was haben Sie damit?“ „Bemitleiden Sie mich“, erwiderte Koltoff,„ich ſoll ein Buch ſchreiben über dieſen Gegenſtand, ein philoſophiſches Werk in der Art der franzöſiſchen Ench⸗ clopädiſten, und habe keinen Dunſt davon.“ 118 „Nun, ſo laſſen Sie es bleiben“, meinte der kleine Franzoſe. „Aber es hängt mein Lebensglück, ja vielleicht mein Leben von dieſem unſeligen Buche ab!“ rief Koltoff. „Ihr Leben?“ entgegnete der Tanzmeiſter lächelnd. „Ich ſchwöre es Ihnen, mein Leben“, rief der Ruſſe, und dabei ſah er ſo verzweifelt aus, daß der kleine Franzoſe dadurch überzeugt wurde, und mit ihm auf Rettung zu ſinnen begann. Als Koltoff ihn zum Vertrauten gemacht und in alle Umſtände eingeweiht hatte, machte der kleine Franzoſe plötzlich einen Luftſprung und begann dann, ſeine alte verſtimmte Geige mörderiſch mit dem Bogen bearbeitend, in der Stube herumzutanzen, und zwar alle nur denkbaren Schritte und Tacte durch einander, dann ſchlug er eine Pirouette und ſagte, vor dem er⸗ ſtaunten Koltoff in einer graziöſen Poſitur ſtehen bleibend: „Ich rette Sie, ich ſchreibe Ihnen das Werk.“ „Wie“, ſchrie Koltoff,„Sie wollen, herrlicher, goldener Monſieur Perdrix?“ Er umfaßte den kleinen Mann, hob ihn in die Luft und ſprang mit ihm her⸗ um.„Nun, wie aber machen wir das?“ ſagte der Lieutenant, als er Monſieur Perdrix wieder der Erde zurückgegeben hatte;„denn ich für meinen Theil will lieber täglich zwei Mal den Bären friſiren und pudern, als eine Zeile daran ſchreiben.“ „Wie? wie ich das mache, junger Leonidas?“ ſchmunzelte der alte durchtriebene Tanzmeiſter.„Sie bekommen das Werk, parole d'honneur, aber Sie fragen mich nie, wie ich es gemacht habe.“ Es vergingen einige Wochen. Koltoff kam gegen Abend ſtets nur für Augen⸗ blicke zu der Fürſtin, und war auch ſonſt wenig zu ſehen, er gab ſich ganz die Miene, in ſeinen Studien vergraben zu ſein. Indeß war der Tanzmeiſter Monſieur Perdrir in der That in einem wahren Gebirge von Büchern vergraben, er hatte Alles, was an philoſophiſcher und naturhiſtoriſcher Literatur in der Reſidenz Katharina's der Zweiten aufzutreiben war, um ſich an⸗ gehäuft und ſchrieb, auf das Gerathewohl in die Maſſe hineingreifend und bald den, bald jenen Band, jetzt Ariſtoteles, jetzt Hippokrates, dann Voltaire, Quesnay, Baco, und wieder einmal Ariſtoteles am⸗ putirend— denn abſchreiben oder beſtehlen iſt kein Wort für die mörderiſche literariſche Schlächterei, welche der Alte unter den Philoſophen anrichtete— und ſchrieb und las und ſchrieb wieder und hatte in nicht 120 vier Wochen ein ganz ſtattliches Manuſeript beiſammen. Allerdings gehörte davon kein Gedanke, keine Phraſe, kaum eine Wendung ihm, aber er hatte mit der ſeinem. Volke eigenthümlichen Geſchicklichkeit Alles klar ge⸗ ordnet und— was nur in einer ſtreng entwickelten, akademiſchen Sprache, wie die ſeine, dem Halbgebildeten möglich war— in gutem klarem, ja elegantem Fran⸗ ſöſiſch niedergeſchrieben. Koltoff war, als er das Manuſecript las, auf deſſen Titelblatt in ſchöner Fracturſchrift die Worte „Der Menſch und die Natur, ein philoſophiſcher Verſuch von J. Koltoff, Lieutenant in der Preobraſchenskiſchen Garde“, ſtanden, von ſeinem eigenen Werke ſo begeiſtert, ja gerührt, daß er Thränen vergoß, Monſieur Perdrix ſeinen Lebensretter nannte, ihn umarmte, küßte, in fünf Kneipen ſchleppte, in jeder auf Koſten Lapinski's glänzend bewirthete und ihm endlich, gleichfalls aus Lapinski's Taſche, ein Honorar von zehn Rubeln, da⸗ mals in der That eine ſtolze Summe, einhändigte. Lapinski, der von„Dem Menſchen und der Natur“ kein Wort verſtand, zeigte ſich gleichfalls entzückt. Koltoff konnte alſo mit dem Bewußtſein einer Leuchte der Wiſſenſchaft vor die ſchöne Lubina treten. Noch denſelben Abend las er die Schrift des Tanz⸗ meiſters, von der er jetzt ſchon ſelbſt überzeugt war, — 121 daß es ſeine Schrift ſei, der Fürſtin vor, welche ihn von Zeit zu Zeit durch ein„wie geiſtreich!“ oder„vortreff⸗ lich!“ oder„in der That ganz neu, vollkommen neu!“ unterbrach, ſo daß er zuletzt, mit gerechtem Stolz er⸗ füllt, ihr und ſich ſelbſt das Wort gab, bei dieſem erſten Schritt, den er ſo beſcheiden einen„Verſuch“ ge⸗ nannt hatte, nicht ſtehen zu bleiben, ſondern zu ſeinem und ſeines Vaterlandes Ruhme auf dem ſo glücklich betretenen Pfade fortzuſchreiten. „Der Menſch und die Natur“ aber kam aus den Händen des ſchönen Majors in jene der Fürſtin Daſch⸗ koff und wurde von dieſer der Czarin vorgelegt. Und Katharina die Zweite, dieſes geniale Weib mit dem kühnen Blicke eines großen Mannes, las es. Sie las es und ſagte:„Es enthält nichts Neues, aber es ver⸗ räth umfaſſende Kenntniſſe und es iſt ſehr gut ge— ſchrieben.“ Damit war das Glück des jungen Officiers ge⸗ macht. Einige Tage nach der kaiſerlichen Lecture erhielt er das Patent eines Capitains im Regimente Tobolsk, welches damals gleichfalls eine Dame, die ſchöne Amazone Frau von Mellin, befehligte. Das Manu⸗ ſeript des franzöſiſchen Tanzmeiſters aber wurde auf Koſten der Petersburger Akademie gedruckt. Der Siegesjubel des philoſophiſchen Officiers wurde nur dadurch ein wenig getrübt, daß auch der „Capitain“ Koltoff, der Verfaſſer des Buches„der Menſch und die Natur“, die ſchöne Amazone mit nicht größerem Erfolge belagerte, als der Lieutenant Koltoff, der Friſeur des Bären. Die coquette Schöne wich mit ebenſoviel Geſchick als Ausdauer jeder Auseinanderſetzung. aus. Und endlich geſchah es, daß Koltoff eines Abends bei der liebenswürdigen Lubina einen Anderen fand. Dieſer Andere war ein ſchöner Pole Czartoriski, welcher den polniſchen Geſandten nach Petersburg begleitet hatte; er zeichnete ſich durch die ſeiner Nation nächſt der franzöſiſchen eigenthümliche Eleganz und Feinheit des Benehmens aus, hatte in Paris die Mode⸗ ſchriftſteller kennen gelernt und verſtand es, über das phyſiokratiſche Syſtem und die Rechte des Menſchen ebenſo blendend zu ſprechen, wie über die Toilette der Marquiſe von Pompadour und die Einrichtungen des Hirſchparkes. Als er die Fürſtin verließ, küßte er ihr mit einem mehr liebenswürdigen als ehrerbietigen Blick die Hand, und die Fürſtin erwiderte dieſen Blick mit einem Lächeln. Koltoff, in dem längſt Alles wogte, begann zu — — 8. —— — — 123 fiebern. Kaum hatte der Pole das Gemach verlaſſen, ſo überhäufte er Lubina mit Vorwürfen, welche ihn ruhig, ja gleichgültig anhörte. „Alſo dies iſt Ihr neues Ideal?“ rief der von Eiferſucht entſtellte wüthende Capitain endlich. „Sie ſind in der That ein Mann von Geiſt“, erwiderte die Fürſtin.„Sie errathen, was Andere kaum ahnen. Sie haben mich in dieſem Augenblicke über meine eigenen Gefühle aufgeklärt. Ja, dieſer Pole iſt mein Ideal, er—.“ „Für wie lange?“ unterbrach ſie Koltoff barſch, „es gab eine Zeit, wo Sie ein anderes Ideal hatten.“ „Ja wohl, ein anderes“, lispelte die Fürſtin mit einem müden Lächeln,„ich habe ſchon viele Ideale gehabt.“ Koltoff ging mit großen ungeduldigen Schritten in dem duftigen Boudvir auf und ab, ſo daß ſich die weißen Fenſtervorhänge wie Segel aufblähten und die Porzellanchineſen auf dem Kamin mit den Zgroßen Köpfen zu nicken begannen. Jetzt blieb er vor der übermüthigen Frau, welche er gegen ſeinen Willen köſtlich unterhielt, ſtehen und ſprach ſehr ernſt, beinahe feierlich:„Wir müſſen zu einem Reſultate kommen, Madame!“ „Alſo kommen wir zu einem Reſultate“, ſpottete Lubina. 124 „Heute noch!“ „Heute noch.“ „Sie werden offen und ohne Rückhalt auf meine Fragen antworten!“ „Offen und ohne Rückhalt?“ „Offen und ohne Rückhalt.“ „Lieben Sie mich noch?“ begann Koltoff ſein Verhör. Die Fürſtin ſchwieg. „Ich bitte um Antwort“, rief Koltoff ſchon etwas unartig.„Lieben Sie mich noch?“ „Wie ſoll ich darauf antworten?“ lispelte die Fürſtin. „Sie verſprachen mir zu antworten, offen und ohne Rückhalt“, fuhr Koltoff vor Wuth zitternd fort, „alſo antworten Sie.“ Die Fürſtin zögerte noch immer. „Lieben Sie mich noch!“ fragte Koltoff immer heftiger. „Ich weiß es nicht“, erwiderte die Fürſtin, die Achſeln zuckend. „Nun vielleicht wiſſen Sie, ob Sie jenen Herrn lieben!“ ſchrie Koltoff. „Ich weiß es eben ſo wenig“, ſagte die Fürſtin. 125 „Jedenfalls ſcheine ich hier überflüßig zu ſein“, ſprach Koltoff und nahm ſeinen Hut. In demſelben Augenblicke ſprang die Coquette auf und hielt ihn zu⸗ rück.„Sie dürfen nicht gehen“, ſprach ſie ebenſo ſtolz als dringend,„ich verbiete es Ihnen.“ Koltoff ſtieß ein grobes bäueriſches Gelächter aus und ging, er war auf das Aeußerſte gebracht, da — er war eben im Begriffe, die Thür hinter ſich zu ſchließen— geſchah, was er am wenigſten erwartet, die Fürſtin brach in Weinen aus, ſank zu Boden und bekam Krämpfe. Koltoff eilte ihr zu Hülfe, er war von Neuem gefangen.— Der Monat, welchen ſich Lapinski zu ſeiner Ver⸗ heirathung ausbedungen, war längſt verfloſſen, aber Koltoff ſchien es nicht zu bemerken, er dachte nicht im Entfernteſten mehr daran, ſich zu erſchießen. Er kam täglich wie zuvor zu der Fürſtin, war täglich nahe daran, vor Wuth und Eiferſucht zu erſticken, nahm jedesmal ſeinen Hut, um für immer zu gehen, und blieb jedesmal von der ſchönen Coquette im neuen Netze gefangen. Er wäre nie in ſeinem Leben zu einem Ende ge⸗ kommen, wenn nicht Lapinski, ſein treuer Camerad, neuerdings intervenirt hätte. „Es iſt klar, daß die Fürſtin Dich liebt“, ſagte 126 dieſer eines Tages zu Koltoff, der ihm ſeine Leiden klagte,„denn liebte ſie Dich nicht, ſo hätte ſie längſt den Polen genommen und Dich gehen laſſen, denn Du biſt wahrhaftig weder ſo liebenswürdig, noch ſo geiſtreich, wie Du Dir einbildeſt, trotz Deinem Werke der Menſch und die Naturs es kann alſo nicht blos der Reiz Deiner Unterhaltung ſein, der Dich ihr ſo werth macht, daß ſie ſofort Krämpfe bekommt, wenn Du an das Deſertiren denkſt. Sie liebt Dich, alſo benutze Dein Heidenglück, dringe auf eine Entſcheidung von ihrer Seite, und wenn ſie, wie ich erwarte, Dich ab⸗ weiſt, bleibe einmal wirklich aus, ſei ein Mann, trotze nur eine Woche ihren Thränen, ihren Krämpfen ihren Bitten, ihren Briefen, und ſie iſt Dein.“ Koltoff ging noch an denſelben Abend an die Ausführung deſſen, was ihm ſein Freund ſo klar entwickelt hatte. Er nahm eine gewiſſe ernſte, ja würdevolle Miene an und blieb Anfangs ſo einſilbig, daß die Fürſtin ihren Anbeter herzlich langweilig fand, und als nicht einmal das wärmſte Lob, das ſie dem Polen ſpendete, ihn aus ſeiner Ruhe brachte, be⸗ gann die ſchöne Frau zu gähnen und endlich mit ihrem Affen zu ſpielen. „Dies muß ein Ende nehmen“, begann der Capi⸗ tain ziemlich rauh. — 127 „Was muß ein Ende nehmen?“ erwiderte die Fürſtin, welche mit Vergnügen Leben in die Situa⸗ tion kommen ſah. „Das Spiel, das Sie treiben“, ſagte Koltoff. „Wer will mir verbieten mit meinem Affen zu ſpielen?“ antwortete Lubina boshaft. „Alſo Ihr Affe bin ich—“, ſchrie Koltoff auf. „Wer ſpricht denn von Ihnen?“ unterbrach ihn die Fürſtin mit einem kühlen Lächeln. „Von wem ſprechen wir denn?“ „Von meinem Affen, dieſem reizenden Thierchen hier“, entgegnete Lubina, indem ſie daſſelbe zärtlich an ihre Bruſt ſchloß. „Ich aber ſpreche von mir“, begann Koltoff von Neuem,„von Ihnen, von uns.“ „Ach! thun Sie das“, lispelte Lubina,„ich höre Sie ſo gerne ſprechen.“ „Sie haben mir erlaubt, um Ihre Gunſt, um Ihre Hand zu werben“ fuhr der Capitain fort;„ich bin heute gekommen, um mir eine Entſcheidung über mein Schickſal zu holen, und ich werde nicht gehen, ohne dieſelbe von Ihnen empfangen zu haben.“ „Aber bedenken Sie doch, Capitain, was die Leute ſagen würden, wenn Sie ſich bei mir einlogirten“, erwiderte Lubina ſpöttiſch. „Sie wollen mir alſo keine entſcheidende Antwort geben?“ „Nein“, erwiderte die Fürſtin,„aber wenn Sie fortfahren, ſo zu ſchreien und zu poltern, werde ich mich erinnern, daß ich Ihr Vorgeſetzter bin.“ „Auch das noch!“ ſtammelte Koltoff, dem der Zorn den Athem benahm.„Wiſſen Sie, daß Sie eine Cv⸗ quette ſind, eine herzloſe Coquette?“ „Möglich“, erwiderte Lubina und begann zu lachen. „Verſpotten Sie mich nur“, ſchrie der Capitain außer ſich,„Sie ſind doch mein, und kein Menſch ſoll Sie mir entreißen!“ Zugleich ſtürzte er auf ſeinen ſchönen Vorgeſetzten los und ſchloß ihn in ſeine Arme. Die Fürſtin ſchrie um Hülfe, während Koltoff ſie mit Küſſen bedeckte, aber es kam ihr Niemand zu Hülfe, als der kleine Affe, welcher ſeine Herrin in Gefahr ſah, Koltoff auf den Rücken ſprang und ihn ſolange biß und kratzte, bis der wahnſinnige Anbeter die Fürſtin losließ und auf ihren Befreier, blutend, den Degen in der Hand, Jagd machte. Aber jetzt kam Lubina ihrem Liebling zu Hülfe. Mit voller Majeſtät trat ſiedem Wüthenden entgegen. „Herr Capitain“, rief ſie im Commandoton.„Ich befehle Ihnen, ſofort Ihren Degen einzuſtecken.“ Und 129 als Koltoff, wenn auch ſichtlich betroffen, nicht gleich Folge leiſtete, fuhr ſie, mit dem Fuße ſtampfend, im Zorne fort:„Wiſſen Sie, was Sie begehen? Das iſt Inſub⸗ ordination. Ich ſende Sie hiermit auf die Wache.“ Koltoff wollte ſich entſchuldigen. „Kein Wort!“ rief der ſchöne Major.„Geben Sio mir Ihren Degen Koltoff übergab der Geliebten ſeinen Degen, ver⸗ neigte ſich und ging. Nachdem Koltoff volle vierundzwanzig Stunden auf der Wache geweſen, erhielt er ſeinen Degen zu⸗ rück. Die Fürſtin begleitete dieſen Act mit keinerlei Kundgebung von ihrer Seite; ſie ſaß in ihrem Bvudoir und lachte mehr als je und erwartete ihren Anbeter ſofort nach ſeiner Freilaſſung als reuigen Sünder vor ihr zu ſehen. Aber er kam nicht. Es verging ein Tag, es vergingen zwei, eine Woche, Koltoff kam nicht. Der Major vom Regimente Simbirsk und der Capitain vom Regimente Tobolsk trotzten miteinander wie ein paar unartige Kinder. Koltoff ſchweifte zu Fuß und zu Pferde ruhelos in Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten II. 9 130 der wüſten Landſchaft um Petersburg umher, er ſchlief nicht, er aß nicht, er fühlte ſich im höchſten Grade un⸗ glücklich; aber er hatte ſich geſchworen, nie und nimmer den erſten Schritt zur Ausſöhnung mit der Fürſtin zu thun, und er blieb feſt. Lubina Mentſchikoff quälte ihre Kammerfrauen, ihre Soldaten, ihren Affen, ihre Hunde, vor Allem ſich ſelbſt; aber ſie war zu ſtolz, einzugeſtehen, daß ſie zu weit gegangen war, daß ſie mit Koltoff ein coquettes Spiel getrieben, und vor Allem zu ſtolz, einzugeſtehen, daß ſie ihn liebe; und das fühlte ſie jetzt beinahe zu ihrer Beſchämung täg⸗ lich mehr; ſie entbehrte ihn, ſie ſehnte ſich nach ihm, ſie weinte vor Zorn in ihre Kiſſen, ab er ſie brachte es doch nicht über ſich, ihm zuerſt die Hand zur Verſöhnung zu bieten, ſo gern ſie auch die ſeinige ergriffen hätte. Da geſchah es, daß eines Tages den Officieren des Regimentes Tobolsk bei der Wachtparade von ihrem Oberſten Frau von Mellin ein neuer Camerad vorgeſtellt wurde, der Lieutenant Sophia von Nariſchkin. Dieſer neugeſchaffene Lieutenant war eines der reizendſten Mädchen der damaligen ruſſiſchen Ariſto⸗ kratie. Auf dem Lande, in der idylliſchen Umgebung eines ruſſiſchen Dörfchens, in den patriachaliſchen Sitten ruſſiſcher Landedelleute aufgewachſen, war Sophia von Nariſchkin, wie viele Frauen und Mäd⸗ 13¹ chen jener Tage von der Erſcheinung Katharina's ge blendet, durch eine abenteuerliche Phantaſie dem Kreiſe ihrer Familie, der engen weiblichen Sphäre entrückt, * zur Amazone geworden, aber zu gleicher Zeit das un⸗ ſchuldige, gute, ehrbare Landmädchen geblieben, das mit ariſtokratiſchem Anſtand und angeborenem Mutter⸗ witz eine edle Einfalt der Geſinnung verband, welche damals an dem Hofe von Petersburg nicht weniger ſelten war, als an jenem von Verſailles. Man iſt nie mehr geneigt, ſich zu verlieben, als wenn man von einer Geliebten beleidigt, getäuſcht oder verlaſſen worden iſt. Koltoff ſah in ſich ein Spielzeug, das die ſchöne Lubina zu ihren Zeitvertreibe benutzt und dann weg⸗ geworfen hatte. Alles, was die Natur des Mannes ausmacht, empörte ſich in ihm hei dieſem Gedanken, und es iſt natürlich, daß er im erſten Augenblicke, wo er das ſchöne hochgewachſene Mädchen mit den wunder⸗ baren blauen Augen ſah, es liebte und beinahe in dem nächſten ſchon es demſelben geſtand. Der Eindruck, den der junge Capitain auf Sophia machte, war auch kaum weniger günſtig. Das cameradſchaftliche Ver⸗ hältniß erleichterte die Annäherung, und ſo waren Koltoff und Fräulein von Nariſchkin bald unzertrenn⸗ lich, und ſie fanden es beide ſo natürlich, ſich zu lie⸗ 9* 132 ben, daß ſie vollkommen darauf vergaßen, es ſich zu ſagen und ſich über ihre Abſichten für die Zukunft zu verſtändigen. Um ſo mehr beſchäftigte ſich die Welt mit den⸗ ſelben, und man nannte Fräulein von Nariſchkin längſt die Braut des Capitains Koltoff, ja man be⸗ zeichnete ſchon den Hochzeitstag, ehe die Liebenden über den erſten Kuß hinaus waren. Das Gerücht drang natürlich auch zu der Fürſtin Mentſchikoff, und die ſchöne Frau entdeckte plötzlich, daß ſie den Mann, den ſie ſo raffinirt auf die Probe geſtellt, den ſie ſelbſt von ſich geſtoßen, mit der hef⸗ tigſten Leidenſchaft liebte; ſie verzehrte ſich vor Eifer⸗ ſucht und war ſofort entſchloſſen, Alles aufzubieten, um ihn wieder zu ihren Füßen zurückzuführen. Er liebe ſie noch immer, ſagte ſich ihre Eitelkeit, nur weil ſie ihn ſo ſchlecht behandelt, habe er ſich aus Verzweiflung in die Arme einer Anderen geworfen. Welche Reize konnte das ſimple Landmädchen für ihn haben! Ein Wink von ihr, dem ſchönen, eleganten, geiſtvollen Weibe und er war ihr Sclave wie zuvor. Sie ſchrieb an ihn, indeß noch immer hochmüthig, wenige Zeilen nur, ſie erlaube ihm zu kommen. Aber Koltoff war unartig genug, von der Erlaubniß keinen Gebrauch zu machen. Sie ſchrieb ein zweites Mal, 133 es klang ſchon wie Entſchuldigung, und als Koltoff dennoch nicht kam, bat ſie ihn um Vergebung und erſuchte ihn zu kommen. Koltoff gab noch immer kein Lebens⸗ zeichen. Da war der Stolz der ſchönen Coquette ge⸗ brochen; ſie hatte den Mann, den ſie liebte, deſſen Be⸗ ſitz ihr zu ihrem Glücke unentbehrlich ſchien, für ſich verloren und noch dazu verloren an eine Andere, die ihn liebte und die er wieder liebte. Sie ſchrieb noch ein⸗ mal, Sie geſtand ihre Liebe, ſie verrieth ihre Lei⸗ denſchaft, ihre Eiferſucht und ſie flehte um eine Unter⸗ redung. Koltoff erwiderte in ebenſo höflicher wie dener Weiſe, er habe der Fürſtin nichts zu ſagen, und nichts, was es auch ſei, was ſie ihm etwa mitzutheilen hätte, könne jetzt noch die Situation ändern. Wie ſie über ihr Ideal längſt enttäuſcht ſei, ſo ſei er fern von ſeinen früheren Illuſionen, fern davon, ſie noch anzu⸗ beten. Er bitte ſie alſo, auf die gewünſchte Unterred⸗ ung zu verzichten. Eine Laune des Zufalls es indeß, das Kol⸗ toff zwei Tage, nachdem die Fürſtin ſeine Antwort empfangen hatte, ihrer Caroſſe in einer engen Gaſſe begegnen mußte, wo ein Ausweichen unmöglich war. Die Fürſtin ließ halten und wartete nicht ab, bis der Lakei herabſprang; ſie beeilte ſich, den Schlag 134 ſelbſt zu öffnen und Koltoff beide Hände entgegenzu⸗ ſtrecken. Der Capitain nahm ſie jedoch nicht, ſondern ver⸗ neigte ſich mit kalter Artigkeit, und nachdem er ſich über das Befinden der Fürſtin beruhigt hatte, entfernte er ſich raſch mit einem ebenſo ceremoniellen Gruße. Die Fürſtin aber warf ſich in eine Ecke des gold⸗ verzierten Wagens und weinte. *— Dem kurzen ruſſiſchen Herbſt war ein ſtrenger Winter gefolgt; die nordiſche Capitale hatte ſich in ihren weißen Schneepelz gehüllt; die armen Leibeigenen, die Kleinbürger, rückten in ihrem Isbi und in den Branntweinſchenken zuſammen, die Reichen und Gro⸗ ßen an den Kaminen ihrer Paläſte; Concerte wechſel⸗ ten mit Theatervorſtellungen, Geſellſchaften mit Bällen ab. Die Fürſtin Lubina Mentſchikoff ſchien ihren flüchtigen Anbeter vergeſſen zu haben, und Koltoff und Fräulein von Nariſchkin waren noch immer kein Braut⸗ paar. Der Verfaſſer des Buches„Der Menſch und die Natur“ hatte indeß ein neues Buch„Betrachtungen über die Fortſchritte des menſchlichen Geiſtes“ mit Hülfe des franzöſiſchen Tanzmeiſters Monſieur Perdrix vom Sta⸗ pel gelaſſen und damit die Aufmerkſamkeit der Peters⸗ 135 burger Bureaux d'esprit und der Kaiſerin Katharina der Zweiten in noch höherem Maße auf ſich gezogen. Auf dem erſten Hofballe dieſes Winters erſchien er denn auch mit einem ganz neuen Bewußtſein, mit dem, für einen kenntnißreichen und geiſtvollen Mann zu gelten, von der Gunſt der Czarin wie von einer Glorie umgeben. Er verlor ſich auch diesmal nicht wie ſonſt im glänzenden Schwarme der Cameraden, mit ihnen die Damen betrachtend, ihre Toiletten bewitzelnd und ihre Chronik recapitulirend, ſondern geſellte ſich zu einigen gewiegten Diplomaten und gefeierten Gelehrten der Petersburger Akademie der Wiſſenſchaften. Die Stirn in tiefe Falten gelegt, hatte er ſogar für Sophia von Nariſchkin, welche bald nach ihm eintrat, nur einen höflich kühlen Gruß und ſchien die Fürſtin Mentſchikoff, welche ſtolz an ihm vorüberrauſchte, nicht einmal zu bemerken. Im Gedränge fügte es ſich, daß ſich die beiden Nebenbuhlerinnen das erſte Mal gegenüberſtanden und feindſelige Blicke wechſelten. So prächtig, ja berauſchend die Erſcheinung der Fürſtin in ihrer ſchweren weißen, mit Roſenbouqueten in farbiger Stickerei bedeckten Robe, ihrem blitzenden Diamantenſchmuck war, ſo konnte Sophia doch den ſtechenden drohenden Blick ihrer ſchwarzen Augen ruhig aushalten und ſpöttiſch lächeln, denn ſie war ja die Siegerin, und die Beſiegte geſtand es ſich zu, daß dieſes ſchlanke Mädchen mit den großen treuen, naiv fragenden Augen bezaubernd war. Das kurze Téte à Téte der Damen wurde durch den Eintritt der Czarin unterbrochen. Alle Blicke wand⸗ ten ſich der ſchönen genialen Monarchin zu, welche in natürlicher ungezwungener Majeſtät durch den Saal ſchritt. Katharina die Zweite war noch immer ſchön und ſie verſtand es wie keine andere Frau ſich immer ſo zu kleiden, daß ihre Schönheit zur ſiegreichſten Geltung kam. Sie trug ein veilchenblaues Sammtkleid, deſſen viereckiger, mit Hermelin beſetzter Ausſchnitt ihre herr⸗ liche Büſte blendend hob. Streifen von Hermelin, durch Cocarden deſſelben Pelzwerkes unterbrochen, liefen bis zu dem Saum des Gewandes, der breit mit Hermelin ausgeſchlagen in reicher Schleppe zurückfloß. Das hoch⸗ aufgekämmte, ſchneeweiß gepuderte Haar trug eine kleine Nadel von Diamanten mit dem griechiſchen Kreuz, zwi⸗ ſchen den Löckchen, welche auf der Stirne niederfielen, zitterten einzelne Diamanten gleich Thränen. Die Kaiſerin ſchien heute Abend in befonders guter Laune, ſie erwiderte die ehrfurchtsvollen, beinahe de⸗ müthigen Grüße ihres Hofes mit huldreicher Herab— — eiutaeie4eie 137 laſſung, richtete, ein reizendes Lächeln um den kleinen Mund mit den vollen Lippen, an verſchiedene Perſonen das Wort und begann endlich in liebenswürdig ſcher⸗ zendem Tone ein längeres Geſpräch mit dem Zvologen Lagetſchnikoff, welcher zu gleicher Zeit eines der be⸗ kannteſten Mitglieder der Petersburger Akademie der Wiſſenſchaften und der ſchönſte Mann Rußlands war. Das Orcheſter eröffnete den Ball, wie es damals im ſlaviſchen Oſten Sitte war, mit einer Polonaiſe. Die Kaiſerin nahm den Arm des Grafen Panin und ſchritt mit ihm an der Spitze der Colonne. Der zweite Tanz war die Menuette. Die Fürſtin Lubina Mentſchikoff, durch den An⸗ blick ihrer Nebenbuhlerin und die Gleichgültigkeit Kol⸗ toffs, welcher ſie, die gefeierte Schöne, die ſtolze Herrin von viertauſend Seelen, zu überſehen wagte, auf das Aeußerſte aufgebracht und gereizt, griff jetzt zu dem letzten thranniſchen Mittel, um ſich dem Manne zu nähern, der noch vor Kurzem ihr unterwürfiger Sclave geweſen war, ſie machte von ihrem Rechte als Hof⸗ dame und Fürſtin Gebrauch und befahl den Capitain zum Tanze. Koltoff aber beging das Unerhörte, nie Dageweſene, dieſem Befehl nicht Folge zu leiſten, er entſchuldigte ſich bei dem Kammerherrn, welcher ihm denſelben über⸗ 138 brachte, und— tanzte mit Sophia Nariſchkin, welche an dieſem Abende alle Damen des Hofes in den Schat⸗ ten ſtellte und der Gegenſtand allgemeiner Bewunderung war. Dies mar zu viel. Das Orcheſter hatte nur wenige Tacte der Me⸗ nuette geſpielt, als die Fürſtin Mentſchikoff, ihrer ſelbſt nicht mehr mächtig, die Reihen der Tanzenden durchbrach, um Fräulein von Nariſchkin zu inſultiren. „Ich habe Sie zum Tanze befohlen, Capitain“, ſprach ſie zuerſt zu Koltoff gewendet,„und Sie wagen es—“, weiter kam ſie nicht, die Wuth erſtickte ihre Stimme. „Ich gehorche einem früheren Befehl des Fräulein von Nariſchkin“, erwiderte Koltoff kalt. „Ah! die Prinzeſſin muß alſo vor Ihrer Dirne, vor einer Landſtreicherin zurückſtehen!“ rief Lubina im höchſten Zorn. „Sie vergeſſen ſich“, fiel Koltoff ein, während Fräulein von Nariſchkin, bis in die Lippen bleich, der Fürſtin entgegentrat. „Ich verlange Genugthuung für dieſen Schimpf, den ich nicht verdient habe“, ſtammelte das e hoch⸗ entrüſtete Mädchen. „Da haben Sie Ihre Genugthuung“, rief die Für⸗ ſtin und vergaß ſich ſo weit, daß ſie den Fächer erhob, 139 um die Nebenbuhlerin zu ſchlagen. In demſelben Au⸗ genblick trennten die Umſtehenden, von der Handlungs⸗ weiſe Lubina's empört, die Streitenden, aber der öffent⸗ liche Scandal war fertig; die Czarin befahl beiden Damen ſofort den Saal zu verlaſſen. Sie gehorchten. Die Fürſtin wurde von dem Gra⸗ fen Orloff zu ihrem Wagen gebracht, wo ſie in convul⸗ ſiviſches Weinen ausbrach. Fräulein von Nariſchkin hatte ſich indeß, an dem Halſe ihrer Mutter ſchluchzend, mit dem naiven Aus⸗ druck zu Koltoff gewendet: „Ich kann Ihnen nicht helfen, Sie müſſen mich jetzt heirathen“. Koltoff, außer ſich vor Entzücken, Ort und Um⸗ gebung vergeſſend, ſchloß das ſchöne beleidigte Mädchen an ſeine Bruſt, und Fräulein von Nariſchkin verließ den Winterpalaſt erſt, nachdem ſie den Capitain als ihren Bräutigam vorgeſtellt hatte. Damit war aber die Sache nicht zu Ende. Am nächſten Tage ſendete Fräulein von Nariſch⸗ kin, ohne Wiſſen ihrer Eltern und ihres Bräutigams, Frau Hedwig von Samarin zu der Fürſtin Lubina Mentſchikoff mit einer Herausforderung zum Zwei⸗ kampfe und die Fürſtin nahm dieſelbe„mit Vergnügen“ an. In der nächſten Stunde verhandelten die Secun⸗ 140 danten der beiden Theile, Frau Hedwig von Sa⸗ marin, Officier im Regimente Tobolsk, und Gräfin Saltikoff, Major im Regimente der finniſchen Schützen, über die Bedingungen des Rencontres. Es wurde feſtgeſetzt, daß die Waffen Piſtolen ſein ſollten, und die Gegner auf dreißig Schritt Entfernung auf Commando zu gleicher Zeit ſchießen, und zwar drei Mal. Wenn ſich in dieſen drei Gängen keine Verwun⸗ dung ergäbe, ſo ſei dadurch der Ehre Genüge geſchehen und der Zweikampf als beendet anzuſehen. Den nächſten Morgen trafen ſich die beiden Par⸗ teien in einem Wäldchen in der Nähe Petersburg. Es war ein ſchöner, ruhiger, aber empfindlich kalter ruſ⸗ ſiſcher Wintertag, weithin Nichts zu ſehen als ein paar große Raben, welche mit ihren ſchwarzen Fittichen lang⸗ ſam über den weißen Himmel ſegelten. Da der Schnee ziemlich hoch lag, ſo mußte für Duellanten und Zeugen erſt die Bahn frei gemacht werden, wozu die Letzteren Bauern aus der Gegend requirirten. Als alle Vorbereitungen beendet waren, kam zuerſt Fräulein von Nariſchkin in phantaſtiſch prächtigem Schlitten, welcher einen großen weißen Schwan darſtellte, und gleich nach ihr die Fürſtin. 6 144 Beide Damen beeilten ſich, die Bärenfelle, mit denen ſie bedeckt waren, und die großen Pelze, in welche ſie ſich eingehüllt hatten, abzuwerfen, und ſtanden ſich nun, nachdem ſie ſich kalt, aber artig begrüßt, in der cvquetten Amazonentracht jener Zeit gegenüber. Die Fürſtin Lubina Mentſchikoff trug hohe ſchwarze Reitſtiefeln, über der reichfaltigen grünen Sammtrobe einen Ueberrock von gleichem Stoffe mit dem Aufſchlage des Regimentes Simbirsk, reich mit Zobelpelz beſetzt und mit Gold verſchnürt. Die Toilette des Fräuleins von Nariſchkin, der durch Katharina's Vorliebe ſogar hoffähig gewordenen Koſakentracht nachgebildet, beſtand in Halbſtiefeln von rothem Saffian, einem kurzen, rothen Sammtrock, welcher nicht weiter als bis zu dem Fußknöchel herab⸗ fiel, einer enganſchließenden Jecke von demſelben Stoffe mit breiter Hermelinverbrämung und einer hohen run⸗ den Mütze von Hermelin. Die beiden Damen maßen ſich mit Blicken, welche deutlich genug ihre Unverſöhnlichkeit verriethen, dennoch verſuchten die Secundanten, wie es ihre Pflicht war, dieſelben zu einem Ausgleiche zu bewegen. Vergebens. Die Fürſtin hatte erſt auf der Fahrt zu dem Duellplatze erfahren, daß Fräulein von Nariſchkin die Braut Koltoffs ſei, und war entſchloſſen, ihre Nebenbuhlerin zu tödten. 142 So wurde denn die Entfernung abgeſchritten, an den Stellen, wo ſich die beiden duellirenden Damen aufſtellen ſollten, je ein Pflock eingeſchlagen. Dann luden die Secundanten gemeinſchaftlich die Piſtolen und ga⸗ ben endlich das Zeichen zur Aufſtellung. Noch wenige Secunden und die Fürſtin und Fräulein Nariſchkin ſtanden ſich gegenüber, die Piſtole, den Hahn geſpannt, in der Hand. Die Zeugen nahmen ihren Poſten ein und gaben das Commando:„Fertig!“ Keine der bei⸗ den Amazonen verrieth eine Bangigkeit, im Gegentheil zeigten ſich beide kaltblütig und unerſchrocken, wie alte geriebene Duellanten von Profeſſion. „Eins— zwei— drei—“. Zwei Schüſſe blitzten. Die Secundanten ſprangen herzu. Niemand war verwundet. Man lud alſo die Waffen von Neuem und nahm von Neuem Stellung. Noch einmal ertönte das Commando, noch einmal knallten die Piſtolen; diesmal war die Mütze des Fräu⸗ lein Nariſchkin von der Kugel der Fürſtin durchlöchert. Fräulein Nariſchkin nahm ſie ab, betrachtete ſie lächelnd und ſtülpte ſie wieder auf. Ehe jedoch die Piſtolen zum dritten Male geladen werden konnten, kamen im Carrière zwei Reiter herbei, welche von Weitem ſchon mit einem weißen Tuche wehten, und zu gleicher Zeit 143 wurde ein Schlitten ſichtbar, welcher gleichfalls die Richtung nach dem Kampfplatze nahm. Die beiden Reiter waren Koltoff und Lapinski. Sie ſprangen von den ſchweißbedeckten ſchäumenden Pferden und der erſtere eilte, die kämpfenden Damen zu trennen. Er bat, er beſchwor, er drohte, Alles ver⸗ gebens. Fräulein von Nariſchkin verlangte zornglühend mit dem Fuße ſtampfend, Abbitte von Seite der Fürſtin für die angethane Beleidigung; die ſchöne Wittwe wies dagegen jedes Anſinnen dieſer Art mit ſtolzer höhniſcher Heftigkeit zurück. Beide riefen endlich, man möge die Bahn frei geben, damit ſie zum dritten Male die Ku⸗ geln wechſeln könnten. Während dieſes Wortwechſels war der Schlitten, welcher, wie die Officiere, auch von Petersburg her kam, pfeilſchnell herangeſchoſſen, die dompfenden Roſſe hiel⸗ ten unweit des Duellplatzes und zwei Damen, in koſt⸗ bare Pelze gehüllt und dicht verſchleiert, ſtiegen aus und nahten ſchnellen Schrittes. Die erſte, im kaiſer⸗ lichen Hermelin, majeſtätiſch und gebieteriſch, trat zwi⸗ ſchen die Streitenden und gebot Einhalt, zugleich den Schleier zurückſchlagend. Es war die Czarin Katharina die Zweite, ihre Begleiterin die Fürſtin Daſchkoff. Die Czarin hatte von dem ungewöhnlichen Zwei⸗ kampfe erfahren und war herbeigeeilt, um womöglich 144 das Blutvergießen noch zu verhindern. Sie fragte die bei⸗ den Damen, welche in einiger Verlegenheit vor ihr ſtanden, mit einem Blicke, welcher keinen Widerſpruch aufkommen ließ, ob ſie ſich ihrem Schiedsſpruche unter⸗ werfen wollten. Beide Duellantinnen verbeugten ſich ſchweigend. Die Monarchin ließ ſich hierauf die Urſache des Zweikampfes mittheilen, aber ſie begnügte ſich nicht mit den Erklärungen der beiden Damen, ſie forſchte nach dem tieferen Grunde ihres Haſſes, der ſich ſo un⸗ zweideutig ausſprach, und als ſie Koltoff erblickte, wandte ſie ſich an ihn, und der junge Officier war ehrlich oder indiscret genug, Alles zu geſtehen. Katha⸗ rina die Zweite lächelte. „Hören Sie alſo mein Urtheil in dieſem ſeltſamen Streite“, ſprach ſie dann.„Ich verbiete die Fort⸗ ſetzung dieſes Zweikampfes, der Ehre iſt Genüge ge⸗ ſchehen; was aber dieſen jungen Officier betrifft, ſo befehle ich, daß er jener der beiden Damen ſeine Hand reichen ſoll, welche ihn mehr liebt.“ „Dann gehört er mir!“ rief die Fürſtin. „Nein, mir!“ fiel Fräulein Nariſchkin ein. Beide ſchworen, daß ſie nicht leben könnten ohne ihn. Katharina die Zweite lächelte wieder. —— 145 „Sie machen mir die Sache recht ſchwer“, ſagte ſie, die Achſeln zuckend.„Indeß habe ich einen neuen Ausweg gefunden. Koltoff iſt die Urſache dieſes Strei⸗ tes, es iſt daher gerecht, daß er ſeine Schuld büßt. Da Sie Beide gleich gerechte Anſprüche an ſeine Per⸗ ſon zu haben glauben und es nicht möglich iſt, ihn in zwei Theile zu theilen, ſo gebiete ich, daß er ſich an jenen Baum dort ſtellt, und Sie, meine Damen, ſo lange auf ihn ſchießen, bis Ihr Blutdurſt geſättigt iſt.“ „Das iſt ja nicht möglich!“ ſtammelte Fräulein von Nariſchkin. „Was wäre unmöglich, wenn ich es befehle?!“ erwiderte die Kaiſerin, die ſtolzen Brauen finſter zu⸗ ſammenziehend.„Vorwärts, Koltoff, an jenen Baum dort!“ Der junge Officier war todtenbleich geworden, aber er gehorchte. Die Gräfin Saltikoff lud die Piſtolen. „Nun ſchießen Sie, meine Damen!“ befahl Katha⸗ rina die Zweite. Die Fürſtin ſpannte den Hahn ihrer Piſtole und trat vor.„Ich liebe ihn ſo ſehr“, ſprach ſie auf das Höchſte erregt,„daß ich ihn lieber todt zu meinen Füßen ſehen will, als in den Armen einer Andern“, und ſie zielte auf Koltoff. Socher⸗Maſoch Ruſſiſche Hofgeſchichten, II. 10 146 In dem Augenblicke jedoch, wo ſie abdrückte, ſchlug ihr Fräulein von Nariſchkin mit einem Aufſchrei der Verzweiflung den Lauf in die Höhe, ſo daß der Schuß in die Luft ging. „Nein, nein“, rief ſie zugleich,„er darf nicht ſter⸗ ben, nehmen Sie ihn hin, meine Liebe iſt zu groß, ich will ihn lieber verlieren, als ſein Blut fließen ſehen!“ Die Fürſtin jubelte.„Nun ſind Sie mein, Koltoff“, rief ſie,„mein Sclave!“ „Gemach“, ſprach die Kaiſerin, ihr die Hand auf die Schulter legend,„Fräulein Nariſchkin hat bewieſen, daß ſie ihn mehr liebt, als Sie. Er gehört ihr.“ Zwei Wochen ſpäter feierte Koltoff ſeine Ver⸗ mählung mit Sophia von Nariſchkin. Der neue Paris. 10* . Regentage in Zarskoje Selo. Der Himmel war mit einem einförmig grauen Wolkentuche verhängt und ſchüttelte unaufhörlich ſein trübes Waſſer auf die Erde, welches tiefe Rinnen in dieſelbe ſchnitt, Bäche, kleine lehmiggelbe Flüſſe bildete und einförmig um das Luſt⸗ ſchloß der zweiten Katharina ſang und plätſcherte. Der Regen ſchlug'in einförmigem Takte griesgrämig auf die Steine der Höfe, auf die Marmorplatten der Veſtibuls und Korridore, an die großen Fenſter. Eine bleierne Langeweile hatte ſich der Kaiſerin und ihrer vergnügungsſüchtigen Umgebung bemächtigt. Vorbei war es mit den prächtigen Gartenfeſten der ſchimmernden Feeninſel, der dörflichen Rococco-Idylle, welche Orloff mit ſo viel Verſchwendung und Geſchmack zur Beluſtigung ſeiner launenhaften, phantaſtiſchen Her⸗ rin in Szene geſetzt hatte. Man tanzte, man ſpielte mit Karten und Domino, man mediſirte, intriguirte und liebelte, aber dieß Alles war ja an dem Hofe Ka⸗ 150 tharina's ſo alltäglich, und man langweilte ſich alſo bei dem Klang der Geigen und zu den Füßen der Ge⸗ liebten. Die Verzweiflung hatte den höchſten Grad er⸗ reicht, da trat Graf Orloff mit einer neuen Idee her⸗ vor, einem allegoriſchen Maskenballe. Es war Abends im Zirkel der Kaiſerin, wo er ſein Projekt vortrug, und es war eigentlich kein Projekt mehr, er hatte ſeit achtundvierzig Stunden beinahe unausgeſetzt mit dem Hofdekorateur berathen, und hundert Koſtümeurs, Ma⸗ ler, Papparbeiter, Vergolder waren im Erdgeſchoſſe thätig, ſeine bizarren Einfälle zu verwirklichen. „Ich verkenne Ihre Abſicht, Ihren guten Willen nicht, mein lieber Graf,“ ſprach Katharina II., mit dem Fächer ſpielend,„aber dieß iſt Alles ſchon da⸗ geweſen und ich fürchte, wir werden dabei nicht we⸗ niger gähnen, als bei den Witzen, welche Graf Panin mit Aufopferung ſeiner Geſundheit im Schweiße ſeines Angeſichts erſinnt.“ Die Kaiſerin legte hierauf den Fächer vor den Mund, um ihr Gähnen zu maskiren. „Geſtatten mir Eure Majeſtät nur den Verſuch,“ bat Orloff. „Nun, es ſei“, erwiderte die Monarchin,„aber welche Rolle haben Sie mir dabei zugedacht?“ „Die Rolle der Gottheit,“ ſprach Orloff,„vor 154 der ſich dieſes Schauſpiel entrolleu ſoll, die gött⸗ liche Komödie dieſer Welt vor unſerem Schöpfer.“ Katharina lächelte. Orloff verneigte ſich und verſchwand; er ſchien für vierundzwanzig Stunden aus der Liſte der Lebendi⸗ gen geſtrichen. Aber es wurde wieder Abend und Zarskoje Selo flammte auf in einem Meer von Lichtern; es regte ſich in allen Winkeln des Palaſtes und Muſik verkün⸗ dete den Anfang des Feſtes. Die Säle füllten ſich mit den Schönen den Kavalieren des Hofes. Ein Jeder erſchien in einem kleidſamen und koſtbaren Koſtüme, die Meiſten die Larve vor dem Geſicht. Katharina II. ſchritt an dem Arme des Grafen Orloff durch die glänzende Geſellſchaft; ſie trug die maleriſche Tracht de Koſaken, welche ſie ſo ſehr liebte, und indem ſie dieſelbe mit der franzöſiſchen Mode zu verſchmelzen verſtand, ſogar hoffähig gemacht hatte. Rothe Stiefeln vom feinſten Saffian zeigten unter dem kurzen weißen Atlasrock die kleinen Füße der nordiſchen Semiramis, auf welche dieſelbe eben ſo ſtolz war, wie auf ihre Siege über die Türken, eine Jacke aus rothem Sam⸗ met ohne Aermel, um die Taille mit Gold gegürtet, zeigte die herrlichen, ſchlank üppigen Formen der Cza⸗ rin und ihre wunderbar gebildeten, marmorſchönen Arme; —————— ũů———— 152 auf dem rothblonden Haare, welches in zwei großen, golddurchflochtenen Zöpfen über den Rücken fiel, ruhte die chlinderförmige Koſakenmütze, an der eine blitzende Brillantagraffe den kleinen weißen Reiherbuſch hielt. Katharina II. ſtrahlte wieder einmal in voller Ju⸗ gend und Schönheit, aber um ihren kleinen, vollen Mund ſpielte es wie Müdigkeit, wie Verdruß und Lange⸗ weile. 3 Orloff bemerkte es und beeilte ſich, die Kaiſerin zu dem erhöhten Sitze zu geleiten, den er für ſie hatte errich⸗ ten laſſen, dann neigte er ſich tief zur Erde und klatſchte in die Hände. Auf dieſes Signal ſprangen zwölf Bären herein und machten, während Alles lachend und ſchreiend zu⸗ rückwich, die Mitte des Saales frei, welcher, mit großen Vierecken aus weißem und ſchwarzem Holz belegt, ein rieſiges Schachbrett bildete. Und wieder klatſchte Orloff in die Hände. Da erklang lärmende Janitſcharenmuſik und die ſchwarzen Schachfiguren, als Türken koſtümirt, zogen ein. Der ſchwarze König als Sultan, die Königin als Sultanin, den Turban mit dem Reiherkuſch geziert, die Läufe waren Agas mit Roßſchweifen in der Hand, die Thürme wandelnde Feſtungen, auf deren Zinnen der Halbmond blinkte und aus deren Luken die Mündungen kleiner Geſchütze hervordrohten, die Reiter waren Mameluken auf Papproſſen, die Bauern Janitſcharen in ihrer vol⸗ len Kriegsrüſtung. Sie zogen unter dem Klange ihrer Schlachtmuſik durch den Saal und nahmen dann ihre Plätze ſpielgerecht auf der einen Seite des Schachbrettes ein. Auf ein neues Zeichen Orloff's ertönten hierauf Trommeln und Pfeifen und die weißen Figuren rückten in den Saal. In der Königin, welche gleich Katharina II. das Koſakenkoſtüm trug, war unſchwer die Czarin zu er⸗ kennen, die Stelle des weißen Königs nahm ein ruſſi⸗ ſcher General ein, die Thürme erſchienen gleichfalls als Feſtungen, aber mit dem griechiſchen Kreuz auf den Zinnen, die Läufer als Fahnenjunker, die Pferde als Koſaken, die Bauern als uuſſiſche Grenadiere mit hohen Blechmützen. Nachdem die Chriſten gleichfalls an der Kaiſerin vorübergezogen waren, ſtellten ſie ſich den Türken ge⸗ genüber zum Kampfe, und Orloff lud Katharina I. zum Spiele ein, welche lächelnd mit einem beifälligen Kopfnicken darauf einging und den Grafen Panin zu ihrem Gegner wählte. Graf Panin war Hofmann genug, um ſeine Par⸗ tie mit Anſtand zu verlieren; es hatte allen Anſchein⸗ 154 daß er mit allem Aufwand ſeiner Kunſt kämpfte und nur dem überlegenen Scharfſinn der Czarin un⸗ terlag. Als endlich Katharina II. Schach und Matt rief, die Czarin des Schachſpiels vortrat und der Sultan ſich ihr auf Gnade und Ungnade ergebend in die Kniee ſank, war der Jubel allgemein und die Freundin Ka⸗ tharina's, die geiſtvolle Fürſtin Daſchkoff, beglückwünſchte Orloff zu dem gelungenen Einfall. Die Schachfiguren zogen noch einmal mit klin⸗ gendem Spiel durch den Saal und räumten dann das Feld. Orloff klatſchte wieder in die Hände. Auch diesmal erklang auf das Zeichen Muſik, aber jetzt waren es Triangel, griechiſche Flöten und Hörner. Ein wilder, luſtiger Chor tanzender und jubelnder Bachantinnen ſprang in den Saal, und der Eindruck der jugendlichen Geſtalten mit Sandalen in leichten Gewändern, Pantherfelle um die Schultern, Wein⸗ laub um die Schläfe und im fliegenden ſchwarzen Haare, im Gegenſatz zu den geſchminkten, mit Schönpfläſterchen beſäeten gepuderten Damen in ihren Reifröcken und weit ausgebauſchten Roben auf hohen rothen Stöckeln, ſteif in der dritten Poſition ſtehend, war unbe⸗ ſchreiblich. ——— ů————————— Den ſchönen ausgelaſſenen Mädchen folgten Ba⸗ chus auf einem von vier Panthern gezogenen Wagen und Silen auf ſeinem Eſel. Hinter ihnen ein Rudel Faune mit Bocksfüßen. Sie machten alle Halt vor dem Throne der Czarin, Bachus begrüßte ſie als die Schöpferin eines neuen goldenen Zeitalters und die Bachantinnen und Faune ſchrieen: Evo! und legten Getreidegarben, Trauben und Früchte zu ihren Füßen nieder. Auf Bachus folgte Apollo, umgeben von den Muſen, den Künſten und Wiſſenſchaften; auch dieſe feierten die Kaiſerin, ihre„geniale Freundin“, die Philoſophin auf dem Throne; Apollo nahm ſeinen Lorbeerkranz vom Haupte und reichte ihn Katharina II., ſein Gefolge beugte huldigend das Knie vor ihr und Urania bot ihr die Erdkugel zum Schemel ihrer Füße dar. Die Kaiſerin dankte gnädig nach allen Seiten hin, aber ganz beſonders freundlich blieb ihr Auge heute auf Orloff haften. Dieſer hatte aber noch lange nicht die letzte Karte ausgeſpielt. Der Mythologie folgte die Gegenwart auf dem Fuße. In langem Zuge kamen alle Völker der Erde, „der Semiramis des Nordens“ ihre Huldigungen dar⸗ zubringen. Franzoſen, Deutſche, Spanier, Italiener, 156 Britten, Holländer, Ruſſen, Polen, Türken, die Sa⸗ mojeden auf ihren mit Hunden beſpannten Schlitten, Neger mit Papageienfedern bekleidet, in allen Farben bemalte Indianer, chineſiſche Taſchenſpieler, welche ihre Künſte zeigten, indiſche Fakirs, welche zur allgemeinen Beluſtigung gleich Störchen auf einem Beine ſtanden und beim Flötenſpiel ihre gezähmten Schlangen tan⸗ zen ließen. Selbſt der verwöhnte Hof einer Katharina war von all' dem Glanz, all der farbenbunten Mannigfaltig⸗ keit geblendet und die Czarin lächelte. Beinahe zu gleicher Zeit zerriß ein ſcharfer Oſtwind die Wolkenſchleier draußen und trieb ſie in weiße Maſ⸗ ſen zuſammengeballt gegen Weſten. Es tropfte nur noch und zahlreiche Sterne funkelten an dem reinen nächtlichen Himmel. ℳ Die Czarin macht Toilette. Die mächtigſte Frau der Erde, in deren kleinen wunderſchönen Händen das Schickſal vieler Völker liegt, ſitzt, von ihren Hofdamen umgeben, vor ihrem Toilettentiſch und läßt ihre Locken durch die feinen, durchſichtigen Finger gleiten. Der Toilettentiſch der großen kleinen Frau, von weißem Mull und Spitzen umbauſcht, gleicht einer Wolke, welche Venus benutzt, um ihr ambroſiſches Haar zu 157 ordnen. Auch der Czarin hält Amor, wie Jener, den goldenen Spiegel, aber ein Liebesgott aus Gips. Die Kaiſerin kann trotz dem ſpitzenbeſetzten Puder⸗ mantel, welcher ſie mit ſeinem pappſteifen Faltenwurf nicht eben maleriſch einhüllt, noch immer mit der Lie⸗ besgöttin rivaliſiren. Ihre Formen ſind zugleich ſtolz und ſchön, und ihr herrlicher Kopf zeigt deutlich genug die Gebieterin der Menſchen, das ſchöne, geiſtvolle, willensſtarke Weib, das auch ohne Hermelin herrſchen, daß auch außer Rußland Sclaven zu ihren Füßen ſehen würde. Jeder, der ſie ſieht, iſt überzeugt, daß ſie die ſchönſte Frau ihres Reiches, vielleicht des Welttheils iſt, alle Huldigungen, welche ihr dargebracht werden, ſind ernſt gemeint, nur ſie ſelbſt zweifelt daran, ſie entdeckt täglich neue Fehler an ſich, ſie findet, daß ſie alt wird, und ſucht es durch die feinſten Künſte der Tvilette zu verbergen. Wenn die Czarin in den Spiegel blickt und lächelt, dann lächeln die Hofdamen und Kammerfrauen, die Zofen und Adjutanten, ja der kleine Bologneſer zu den Füßen der Kaiſerin, und das Lächeln pflanzt ſich bis zu den großen, ernſthaften Grenadieren mit den großen ſchwarzen Schnauzbärten fort, welche an dem Palaſtthore Wache ſtehen. Blickt dagegen die Czarin in den Spiegel und 158 zieht die feinen hochgeſchwungenen Brauen zuſammen, oder legt gar die hohe, geniale Stirn in Falten, dann zittern die Hofdamen und der Bologneſer heult unter den Fußtritten der Herrin, und die ſechs Fuß hohen Grenadiere ſcheinen noch um eine Elle länger und um einen Schnauzbart ernſthafter geworden zu ſein. „Ich weiß nicht, was es mit den Locken iſt“, ſagte die Czarin,„ſie halten nicht, und ohne Locken kann ich mich gar nicht ſehen laſſen, ſie müſſen dieſe kleinen, fatalen Runzeln hier verdecken“, und dabei legte ſie die Stirne in böſe Falten. „Aber, Majeſtät“, wagte Fräulein von Ramiroff zu entgegnen,„dieſe Runzeln exiſtiren nur in Ihrer Phantaſie.“ „In meiner Phantaſie!“ rief Katharina II. auf⸗ flammend.„Blicken Sie her, was iſt das?“ „Das ſind Falten, Majeſtät!“ ſtotterte die zu Tode erſchrockene Hofdame. „Alſo?“ „Aber— dieſe Falten— ſind ein Produkt—“, begann das Fräulein, wieder Muth faſſend. „Ein Produkt? Die Runzeln auf meiner Stirne ein Produkt?“ entgegnete die Kaiſerin fiebernd,„was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich wage Eure Majeſtät aufmerkſam zu machen,“ 159 erwiderte das Fräulein,„daß dieſe Runzeln in der Regel nicht vorhanden, daß ſie im Augenblicke ein Produkt Ihrer—.“ Die Arme fand das Wort nicht und zitterte am ganzen Leibe. „Nun, heraus damit!“ gebot Katharina II.,„ich be⸗ fehle es Ihnen!“ „In dieſem Augenblicke find die Runzeln ein Pro⸗ dukt Ihrer—.“ „Meiner—2“ „Ihrer Laune, Majeſtät!“ In dieſem Augenblicke klatſchte eine kaiſerliche Ohr⸗ feige auf die Wange des Fräuleins Ramiroff. „Mein Gott“, rief die Czarin, zugleich er⸗ ſchrocken und mitleidig 4 Hand betrachtend,„Sie bluten!“ Die Hand Katharina war in der That roth, aber nicht vom Blute der Ramiroff. „Ah! es iſt nur die Schminke“, ſprach die Kaiſerin und begann zu lachen; die Hofdamen und Kammer⸗ fräuleins lachten und Fräulein Ramiroff ſtimmte ſelbſt laut in das allgemeine Gelächter ein. Die beiden Grenadiere unten ſchritten grade finſter, das ſchwere Gewehr im Arm, an einander vorbei, als das helle Lachen jugendlicher Frauenſtimmen zu ihnen heruntertönte, und als ſie einander den Rücken kehrten, 160 begannen ſie gleichfalls zu lachen, und lachten, daß ſich ihre Zöpfe ſchüttelten. . Nach dem Diner lag Katharina auf einem türki⸗ ſchen Divan von grünem Damaſt, und die kleine, rei⸗ zende Fürſtin Daſchkoff las die erſten Geſänge aus Voltaire's Pucelle. Aber für die Czarin ritt Sankt Denis vergebens auf ſeinem Regenbogen herein, machte der derbe La Hire fruchtlos ſeine groben Witze, ſie blieb unbeweglich und ein einziges Mal nur kräuſelten ſich ihre Lippen zu einem Lächeln. „Sogar Voltaire vermag Sie nicht aufzuheitern,“ ſprach die Daſchkoff, das Buch zuklappend, nachdem ſie ihren Finger als Merkzeichen eingelegt.„Seit zwei Jahren beinahe haben Sie ſich auf ſein neues Werk gefreut, und nun es da iſt, der große Dichter Ihnen das erſte Exemplar, das aus der Preſſe kommt, ſen⸗ det, nun fehlt es beinahe, daß Sie bei den köſtlichen Scenen, den Witzen, die einander jagen, den reizenden Verſen— gähnen!“ „Nein, nein, Katinka“, erwiderte die Monarchin, „ich bin im Gegentheil entzückt; aber die zärtlichen, flammenden Worte, die König Karl an ſeine Geliebte Sorel richtet, wollen mir nicht aus dem Sinn, ſie haben mich verſtimmt, erbittert. Wie lautet die Stelle 16⁴ gleich? Warte nur. Meine theure Agnes, Idol mei⸗ ner Seele, die ganze Welt wiegt Deine Reize nicht auf. Siegen und herrſchen iſt eine Thorheit, mein Parlament legt mich heute in den Bann, dem ſtolzen Engländer iſt Frankreich unterworfen, ahl er ſei König und beneide mich, ich beſitze Dein Herz, ich bin mehr König als er— So, Katinka, ſpricht die wahre Liebe,— die ſüße Leidenſchaft, aber ſo ſpricht ſie nur zu dem Weibe, das jung und ſchön iſt, und ich, meine Kleine, werde täglich älter und häßlicher—.“ „Katharina, was fällt Dir ein?“ „Ja, nenne mich wieder Du“, ſprach die Czarin, den Arm um den Hals der Freundin ſchlingend,„wie damals, wo wir zuſammen gegen den Kaiſer konſpi⸗ rirten, wo ich noch geliebt, ja angebetet wurde, wo mein bloßes Erſcheinen, mein Anolick genügte, um ſelbſt rohe Menſchen, gemeine Soldaten hinzureißen, ihr Leben für mich auf das Spiel zu ſetzen, obwohl ich ihnen nichts zu geben hatte, als höchſtens einen dankbaren Blick. Ol herrliche Jugendzeit, Du biſt dahin!“ „Was haſt Du nur?“ entgegnete die Daſchkoff. „Ich werde alt.“ „Wer ſagt Dir das?“ „Mein Spiegel.“ „Dein Spiegel lügt!“ rief die Fürſtin lebhaft,„Du Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten II. 11 8 162 biſt jung, wie Du damals warſt in jenen ſchönen ſtür⸗ miſchen Tagen.“ „Aber zähle doch die Jahre!“ wendete die Czarin ein. „Du biſt jung, weil Du ſchön biſt!“ erwiderte die Daſchkoff,„weil Du jeden Mann vor Dir knieen ſehen kannſt, Du magſt im kaiſerlichen Schmuck oder im Scharafan der Bäuerin erſcheinen.“ „Glaubſt Du?“ „Frage Orloff.“ Die Kaiſerin zuckte mit unnachahmlicher Verachtung die Achſeln.„Orloff, was iſt er am Ende? Mein Unter⸗ than. Muß er mir nicht ſchmeicheln? Wenn ich gnä⸗ dig bin, ſo bedeutet das für ihn Ehrenſtellen, Orden, Reichthum; wenn ich die Stirn runzle, Ketten, Sibi⸗ rien, ja vielleicht das Schaffot. Was iſt mir die Hul⸗ digung eines Unterthans? Wer ſagt mir, ob ich noch ſchön bin?“ Die Czarin ſtützte ſich auf ihren ſchönen weißen Arm und ſann nach. Abends ſaß Katharina II. mit Orloff in der offenen Gallerie. Vor ihnen lag der ſchlummernde Park. Zahl⸗ loſe Sterne blitzten an dem tiefblauen Himmel. Ein kühler Wind ſpielte mit den kleinen weißen Löckchen 163 der Czarin und blies den Puder aus ihrem ſchnee⸗ weißen Haare über Orloff's dunkle Uniform. Die Czarin ſaß imeinem Negligee von grünem Atlas mit ſchwarzem Pelzwerk beſetzt, auf einem kleinen Sopha und Orloff auf einem Tabouret zu ihren Füßen, und ſie unterhielt ſich damit, ſeinen großen, ſchönen Zopf aufzulöſen und von Neuem zu flechten. „Nun, wie gefällt Ihnen meine Toilette?“ „Sie wiſſen, Majeſtät,“ erwiderte der Graf,„daß ich ſtets nur Sie ſehe und nie Ihre Toilette.“ „Dießmal haben ſie Unrecht, ihr ſo wenig Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken“, ſprach Katharina II.,„denn ſie iſt ein Reſultat der Wiſſenſchaft, und wenn ich heute gut ausſehe, danke ich es nur dieſem köſtlichen Farben⸗ conzert.“ „Vergeben Sie, Majeſtät“, Jab Orloff naiv zur Antwort,„aber davon verſtehe ich nichts.“ „Alſo geben Sie Acht“, ſagte Katharina,„das kräftige Grün dieſes Atlaſſes hat die Aufgabe, ein ſanftes Roth auf meine Wangen zu zaubern, das weiche ſchwarze Pelzwerk erhöht die Weiße meiner Büſte, der Puder in dem Haare, welcher in demſelben ein künſt⸗ liches und anmuthiges Greiſenalter hervorruft, läßt da⸗ für mein Geſicht jugendlicher erſcheinen, als es wirk⸗ lich iſt, und die Locken verbergen die Falten auf der Stirn.“ 11 164 „Falten!“ rief Orloff,„Sie haben ja gar keine Falten.“ „Doch!“ „Nein!“ „Ich aber ſage Ja!“ „Und ich ſage Nein!“ „Sie finden mich alſo wirklich noch ſchön?“ fragte die Kaiſerin. „Schöner als je!“ „Weshalb ſind Sie denn ſeit einiger Zeit ſo kalt?“ warf Katharina II. lauernd ein. „Kalt? ich? bete ich Sie nicht an?“ „Es giebt Beter, welche vor dem Götterbilde knieen, Gebete murmeln und etwas ganz Anderes dabei denken.“ „Ich ſchwöre, Majeſtät!“ rief Orloff. „Schwören ſie nicht“, ſchnitt ihm die Czarin das Wort ab,„ich glaube Ihnen doch nicht! Ja, wenn Sie mir ernſte Proben Ihrer Huldigung geben wollten, wie jener franzöſiſche Ritter, der für ſeine Dame in den Löwenzwinger hinabſtieg. Dann— werde ich wieder glauben, daß ich ſchön bin.“ „Befehlen Sie mir jede Probe!“ rief Orloff,„ich bin bereit, mein Blut für Sie zu verſpritzen!“ „Ich nehme Sie beim Wort!“ ſprach Katharina lebhaft. 165 „Nun, was ſoll ich thun?“ fragte Orloff. Sein Auge blitzte vor Erregung und Muth. „Soll ich dem Sultan inmitten ſeiner Treuen den Bart ausreißen, oder die Bären des Fürſten Radziwil) zwingen, Spaniol zu ſchnupfen?“ Die Czarin lachte. „Ich danke Ihnen, Orloff!“ ſprach ſie, ihm die Hand zum Kuſſe reichend,„ich bin mit Ihnen zufrieden. Ich ſehe, es iſt Ihnen Ernſt, und will alauben, daß Sie für mich in den Veſuv hinabſtiegen.“ „In die Hölle, Majeſtät!“ betheuerte der Graf. „Wer ſagt mir aber, ob dieß der Kaiſerin gilt, oder der Frau?“ rief Katharina II. „Welch' häßlicher Zweifel?“ murmelte Orloff. „Ich zweifle ja nicht an Ihnen“, ſprach die Mo⸗ narchin mit jener Herzensgüte, welche die Zeitgenoſſen an ihr ſo unwiderſtehlich fanden,„ich zweifle an mir. Ich werde alt, Orloff, wenden ſie nichts ein, ich werde häßlich. Als ich noch ein Kind war und zu Hauſe in Deutſchland, da erzählte mir meine Aja ein Märchen von einer Königin, die einen Spiegel hatte, einen Zauberſpiegel, und wenn ſie ſang: Der polniſche Wojewode Radziwil, der bekannte Sonder⸗ ling, errichtete eine Bärenuniverſität, in welcher er ſeine Lieblings⸗ thiere ſo nefflich abrichten ließ, daß ſie ſogar an ſeiner Tafel die Stelle der Lakeien vertraten. 166 Spiegel an der Wand, Wer iſt die Schönſte im ganzen Land?“ ſo gab der Spiegel Antwort.— Ich gäbe gern mein halbes Reich für dieſen Spiegel.“ Zu unrechter Zeit erhielt die Czarin ein Geſchenk aus Italien, eine antike Vaſe, welche ihre Aufregung noch ſteigerte. Sie ſelbſt wußte zu wenig von der griechiſchen Welt, als daß ſie im Stande geweſen wäre, ſich die ſeltſamen Gebilde, welche das herrliche Gefäß zierten, zu deuten. Ein Mitglied der Petersburger Akademie, der Phi⸗ lologe Bateux wurde nach Zarskvje Selv berufen, um vor der Monarchin den Erklärer zu machen. Ein Blick auf die vier Figuren der Vaſe genügte, um den Ge⸗ lehrten über den Gegenſtand der Darſtellung zu unter⸗ richten. „Es iſt das Urtheil des Paris,“ ſprach er gelaſſen. „Wenn ich nicht irre,“ fiel ihm Katharina II. leb⸗ haft in das Wort,„hatte dieſer Paris zu entſcheiden, welche Frau die ſchönſte ſei.“ „Erlauben Sie mir, Majeſtät, das Bild zu erklä⸗ ren und zugleich die Geſchichte mit wenig Worten zu erzählen,“ erwiderte der Philologe. „Alſo!“ „Dieſer Mann hier in der phrygiſchen Mütze iſt 167 Paris, der Sohn des Königs von Troja; er weidet, wie es damals Prinzen thaten, während Königstöchter die Wäſche wuſchen, die Schafe auf dem Berge Ida. Da erſcheinen drei Frauen vor ihm, alle ſtolz und ſchön, und verlangen, er ſoll Einer von ihnen den Preis der Schönheit zuerkennen, um den ſie in Streit gerathen ſind. Dieſe drei Frauen ſind Göttinnen des Olymps; dieſe mit der Krone hier iſt Juno, die ſtolze Gemahlin Jupiters, des oberſten der Götter; die mit dem Helm Mi⸗ nerva, die Göttin der Weisheit; die dritte, von Tauben be⸗ gleitet, Venus, die Göttin der Liebe. Paris ſoll der ſchön⸗ ſten den Apfel reichen, den er eben in der Hand hält.“ „Und wie entſchied er?“ „Wie würden Majeſtät entſcheiden?“ „Für Venus!“ „So entſchied auch Paris, und die Liebesgöttin belohnte ihn dafür mit dem ſchönſten Weibe der Erde, der Helena, Gemahlin des Königs Menelaus von Sparta. Paris entführte ſie mit Hülfe der Venus und gab ſo den Anlaß zu dem trojaniſchen Kriege und dem Unter⸗ gange Trojas.“ Die Czarin nickte befriedigt und entließ den Ge⸗ lehrten mit ein paar gnädigen Phraſen, aber in ihrem Herzen ſaß der Pfeil. Fortan beſchäftigte ſich ihre Phan⸗ taſie nur mit dem Urtheile des Paris, dem ſchönen Kö⸗ 168 nigsſohne, welcher die Schafe auf dem Berge Ida wai⸗ dete, den drei Göttinnen, die ihn zum Schiedsrichter gewählt hatten, der ſchönen Frau, um deren willen Troja in Brand geſteckt wurde. Die Vaſe mit dem Urtheile des Paris ſtand in dem Schlafgemache der Monarchin auf einem Trumeautiſche, und ſie verſank in ihre Be⸗ trachtung am Morgen, wenn ſie ihr üppiges Lager verließ und Nachts, ehe ſie zur Ruhe ging, und die Szene auf dem Ida miſchte ſich noch in ihre Träume. Es wurde endlich zur fixen Idee bei der Czarin, das Urtheil des Paris zu wiederholen. Und wenn ſie es recht erwog, wer hinderte ſie daran? War ſie nicht auch eine Göttin auf Erden, war ſie nicht die unum⸗ ſchränkte Herrin eines großen Reiches, eines Volkes von Leibeigenen? War nicht, was ſie wünſchte, was ſie wollte, ſo gut wie geſchehen? Aber wo den Königs⸗ ſohn finden, und wenn es auch kein Königsſohn ſein mußte, wo den Mann finden, der ſie nicht kannte, der nicht ihr Bild, den ſtolzen Kopf, die olympiſche Büſte vom Kaiſermantel umwallt, mindeſtens auf einer Münze geſehen hatte, den Mann, welcher ohne Furcht und ohne Schmeichelei ſein Urtheil frei und unbefangen abgeben konnte, denn nur ein ſolches hatte Werth für ſie. Andererſeits hatte ſich Katharina I. ſo ſehr in die 169 Idee hineingelebt, daß ſie dieſelbe, wenn nicht im Ernſte, ſo doch wenigſtens im Spiele verwirklichen wollte. Die Kaiſerin hatte bereits wiederholt an ihrem Hofe dramatiſche Vorſtellungen arrangirt. Sowohl im Winterpalaſte in Petersburg, als in dem Luſtſchloſſe von Zarskoje Selo war ein weitläufiger Saal zu einem reizenden kleinen Theater nach franzöſiſchem Muſter eingerichtet. Ebenſo wie Friedrich der Große Verſe machte und in Conzerten die Flöte blies, ſchrieb Ka⸗ tharina M., als echte Tochter ihrer Zeit, als Herrſcherin des philoſophiſchen Jahrhunderts, für dieſes Theater⸗ ſtücke und ſpielte, gleich Nero, ſelbſt in der Komödie mit. Die Stücke, welche die Czarin zur Verfaſſerin hatten, waren meiſt kleine Allegorieen. Aber einzelne derſelben trugen den Charakter beißender Sathren. Es fehlte Katharina weder an dem nöthigen Geiſt und Witz, noch an der nöthigen Bosheit, um ihr Zeitalter, das ihr ſo viele Blößen darbot, zu geißeln. Katharina, der Komödiantin, kam die ſtolze Schön⸗ heit ihrer äußern Erſcheinung, ihr ausdrucksvolles Ge⸗ ſicht, ihr lebhaftes Auge, ihr volltönendes Organ und die ihr in ſo großem Maße eigene angeborene Verſtel⸗ lungskunſt zu Statten. Man könnte ſagen, ſie war eine geborene Schau⸗ 170 ſpielerin, wenn ſie nicht noch weit mehr eine geborene Herrſcherin geweſen wäre. Katharina II. kam alſo, als ſie eines Abends wie⸗ der die unglückliche Vaſe, welche ihrem eiteln Herzen ſchon ſo viel unnöthige Schmerzen bereitet hatte, be⸗ trachtete, auf den Einfall, das Urtheil des Paris in einem kleinen Stücke auf ihrem Theater in Zarskoje Selo zur Darſtellung zu bringen und dieſes Stück ſo⸗ fort ſelbſt zu ſchreiben. Sie theilte der Fürſtin Daſchkoff und Orloff den Plan mit. Es verſteht ſich, daß dieſe beiden Günſtlinge der Kaiſerin demſelben den wärmſten Beifall ſpendeten, denn es war eine neue Ausſicht geboten, die Kaiſerin in jenen Stunden, Pelche ihr die Staatsgeſchäfte, die Korreſpondenz mit den größten Geiſtern ihrer Zeit, einem Friedrich dem Großen, Voltaire, Diderot, und die Tvilette frei ließen, auf gute Art zu beſchäftigen und zu zerſtreuen. Und mit jener beiſpielloſen Energie, mit der ſich dieſe geniale Frau den Thron erobert hatte, mit der ſie die Zügel der Regierung unbekümmert um äußere und innere Feinde führte, begann ſie noch in derſelben Stunde die Arbeit, ſie ſchloß ſich in ihr Kabinet und ſchrieb und ſchrieb, bis der letzte Vers auf dem Papier ſtand und das rothe Frühlicht ſich mit dem gelben Schein ihrer Kerzen miſchte. 17¹ Dann warf ſie einen Pelz um die bloßen Schul⸗ tern und trat auf den Balkon hinaus, um ihr glühen⸗ des, übernächtiges Antlitz an der friſchen, feuchten Luft zu kühlen. Alles ſchlief ringsum, der Palaſt, der Park, das Dörfchen, die weiten Felder, nur die beiden Grenadiere wachten, welche vor dem Portale Wache ſtanden, und dieſe unterhielten ſich leiſe, um nicht einzuſchlafen. „Es wird etwas ſetzen,“ ſagte der eine, ein alter Burſche mit weißem Schnurrbart. „Was ſoll es ſetzen?“ erwiderte der andere, ein rothwangiger Rekrut. „Einen Krieg, denk' ich.“ „Wie ſo? Weßhalb einen Krieg?“ „Es brannte die ganze Nacht Licht im Kabinet der Czarin.“ „Und was bedeutet das?“ „Das bedeutet, daß die Kaiſerin wacht und arbei⸗ tet, während Alles ſchläft, und ſomit, daß ein wichti⸗ ges Ereigniß bevorſteht.“ „Bſt?“ machte der Rekrut,„man belauſcht uns.“ „Wer?“ „Eine Dame.“ „Es iſt die Kaiſerin,“ ſprach der Veteran, nach⸗ dem er einen Blick auf den Balkon geworfen. 172 „Es fröſtelt ſie, wie es ſcheint.“ „Das iſt immer ſo nach einer ſchlafloſen Nacht,“ belehrte der alte den jungen Soldaten;„ſie ſieht auch ganz verteufelt ſchlecht aus.“ Die beiden ehrlichen Kerle unten ahnten nicht, daß ihre Kaiſerin es franzöſiſchen Jamben dankte, daß ſie an dem gelinden Sommermorgen trotz ihrem großen Pelze fror, und daß das wichtige Ereigniß eine Komödie war. Die Kaiſerin las ihr Stück zuerſt im Kreiſe ihrer Vertrauten, der Fürſtin Daſchkoff, Gräfin Saltikoff, Frau von Mellin, den Grafen Orloff und Panin vor, welche ſich von Stoff und Form gleich ſehr entzückt zeigten. Nachdem die Lobeserhebungen, welche der kaiſerlichen Autorin galten und dieſelbe gleich Weihrauchwolken umwirbelten, erſchöpft waren, kam die A Aufführung der kleinen my⸗ thologiſchen Komödie zur Sprache. „Wie beabſichtigen Maſeſtät die Rollen zu verthei⸗ len?“ fragte Frau von Mellin, die kühne Amazone, welche das Regiment Tobolsk kommandirte. „Ich will diesmal von der bei unſeren theatra⸗ liſchen Vorſtellungen üblichen Art und Weiſe abgehen,“ gab die Czarin zur Anwort,„und wil eine förmliche Abſtimmung ſtattfinden laſſen, an welcher nicht allein unſer Hof, ſondern auch der geſammte Adel, die df . 473 ziere, die Mitglieder unſerer Akademie der Wiſſenſchaf⸗ ten und die Künſtler theilnehmen ſollen.“ „Alſo eine Art Plebiszit,“ bemerkte die ebenſo gelehrte als reizende Fürſtin Daſchkoff, die Präſidentin der von Katharina II. gegründeten Petersburger Aka⸗ demie der Wiſſenſchaften. „Ganz richtig,“ erwiderte die Czarin,„ich habe es mir in den Kopf geſetzt, diesmal dem Schau⸗ piel eine tiefere Bedeutung zu geben. Die ſchönſte Frau unſeres Reiches ſoll die Rolle der Venus, die geiſtreichſte jene der⸗Minerva und die imponirendſte jene der Junv ſpielen.“ „Dann müßten Eure Majeſtät alle drei olympiſchen Damen zu gleicher Zeit darſtellen,“ beeilte ſich der alternde Geck Graf Panin zu bemerken. „Dieſe alberne Schmeichelei hebe ich von Ihnen er⸗ wartet,“ ſagte die Kaiſerin;„aber zur Sache. Um je⸗ dem Mißverſtändniß vorzubeugen, ſo ſoll zuerſt darüber abgeſtimmt werden, wer die ſchönſte Frau Rußlands iſt, und zwar ohne Rückſicht auf die ſonſtigen Eigenſchaften derſelben. Die Dame) welche auf dieſe Frage aus der Urne hervorgeht, iſt die Liebesgöttin. Die zweite Frage wird dahin gehen: welche unter den übrigen ſchönen Frauen Rußlands die geiſtreichſte iſt? Dieß iſt offenbar Minerva. Die dritte Frage wird aber lauten: welche unter 3 3 174 den übrigen ſchönen Ruſſinnen iſt die imponirendſte, die königlichſte Erſcheinung? Sie ſoll die Juno unſeres Spieles ſein.“ „Eine reizende Idee!“ rief die Daſchkoff. „Charmant! köſtlich!“ jubelten die Andern. An dem nächſten Tage ſchon ergingen die Einla⸗ dungen zu der originellen Verſammlung in Zarskoje Selo, und an dem feſtgeſetzten Abende füllten ſich die weiten Säle des Luſtſchloſſes mit Hofleuten, den Her⸗ ren und Damen des Petersburger Adels, Offizieren der Garde und der anderen in Petersburg und Zars⸗ koje Selo garniſonirenden Regimenter, den Gelehrten der Akademie, Malern, Muſikern, Poeten und anderen Ar⸗ tiſten. Alle waren in der geſpannteſten Erwartung. Die Kaiſerin erſchien endlich am Arme des Gra⸗ fen Panin in einem Kleide von Roſaſeide mit Gold⸗ ſtickerei, friſche Roſen im ſchneeweiß gepuderten Haare. „Wie ſchön ſie iſt, wie bezaubernd, wie wahrhaft kaiſerlich!“ lief es durch die Verſammlung, welche die ſchöne Frau mit aufrichtiger Bewunderung betrachtete; aber Katharina II. ſelbſt war unzufrieden und ihr Blick ſchweifte müde und gedankenlos über die Menge hin. Nachdem die Kaiſerin Cvur gehalten und mit jenen Mitgliedern des alten Adels, welche ſelten am Hofe er⸗ ſchienen, einige freundliche Worte gewechſelt hatte, 175 brachten auf ihren Wink zwei Pagen die Vaſe mit dem Urtheile des Paris und ſtellten ſie in der Mitte des Saales auf einer Marmorkonſole auf. Die Czarin for⸗ derte hierauf den gelehrten Philologen Bateux auf, der Verſammlung das Bild zu erklären, und er unterwarf ſich dieſer Aufgabe mit eben ſo viel Geſchick als Geſchmack. Alles drängte ſich hierauf zu dem Kunſtwerke, um die Szene ſelbſt zu bewundern. Die Meiſten hatten bisher weder von Paris, noch von ſeinem Urtheilsſpruche auf dem Berge Ida etwas gehört und ſahen auch zum er⸗ ſten Male ein antikes Bildwerk. Als die Neugierde und Schauluſt der großen Kin⸗ der und franzöſiſch plaudernden Wilden, denn dieß waren die Ruſſen zur Zeit der großen Katharina, be⸗ friedigt waren, theilte Graf Orloff der Verſammlung mit, daß ein Pvet, welcher ungenannt bleiben wolle, die auf der Vaſe vorgeſtellte Geſchichte in einem Stücke be⸗ handelt habe, welches auf dem kaiſerlichen Theater in Zarskoje Selo zur Aufführung kommen werde. Orloff hatte aber bei Zeiten dafür geſorgt, daß die kaiſerliche Verfaſſerin der kleinen Komödie Jedermann bekannt war, und ſo fand ſich Katharina M. in der That nicht wenig ge⸗ ſchmeichelt, als ſich nach der Vorleſung des Stückchens durch die Fürſtin Daſchkoff, welche dieß vortrefflich ver⸗ ſtand, ein wahrer Beifallsſturm erhob. 176 „Das Sujet iſt charmant, charmant!“ meckerte der alte Woronzow. „Und die Verſe!“ ſchrie Graf Saltikoff.„Dieſe Jamben könnten den Neid eines Voltaire erregen!“ „Die Worte, welche der Liebesgöttin in den Mund ge⸗ legt werden, ſind geradezu unwiderſtehlich,“ liſpelte Fürſtin Lubina Mentſchikoff. „Die Beſetzung der Rollen in dieſem Stücke,“ nahm Orloff von Neuem das Wort,„wird nicht, wie es bisher üblich war, durch Ihre Mäjeſtät die Kaiſerin, ſondern durch die hier verſammelten Damen und Herren erfolgen, und zwar ſo, daß die Wahl in keiner Weiſe und alſo am wenigſten auf die hier anweſenden Per⸗ ſonen beſchränkt iſt. Die Abſtimmung ſoll überdieß eine geheime bleiben und daher durch Stimmzettel er⸗ folgen“ Pagen vertheilten hierauf Papierſtreifen und Blei⸗ ſtifte an die Anweſenden. „Die erſte Frage, welche ich an die Verſammlung richte,“ fuhr Orloff fort,„lautet: Wer iſt die ſchönſte Frau in Rußland? Die Dame, deren Name aus der Urne hervorgeht, ſoll die Venus darſtellen.“ Eine längere Pauſe entſtand; ein Jeber ſuchte ſo raſch als möglich ſeinen Papierſtreifen zu beſchreiben und in die Vaſe mit dem Urtheil des Paris zu werfen; 477 aber um dieſe entſtand ein nicht geringes Gedränge, und da über tauſend Perſonen verſammelt waren, währte es geraume Zeit, ehe alle ihre Stimmen abge⸗ geben hatten. Die Kaiſerin ließ es ſich nicht nehmen, mit dem Fürſten Woronzow und der Gräfin Saltikoff ſelbſt das Skrutinium vorzunehmen, ſo ſehr war ſie beſorgt, von ihren Hofleuten getäuſcht zu werden; aber der erſte wie der letzte Zettel enthielt den Namen„Katharina II.“, und als dieß Reſultat verkündet wurde, begrüßte es die erleſene Verſammlung ſelbſtverſtändlich mit Ju⸗ bel. Die Kaiſerin dankte lächelnd. Unterdeß war über die drei weiteren Fragen ab⸗ geſtimmt worden. „Wer iſt unter den anderen chönen Frauen Ruß⸗ lands die geiſtreichſte?“ „Wer die impoſanteſte?“ „Wer ſoll den Prinzen Paris ſpielen?“ Als die geiſtreichſte Frau ging beinahe einſtimmig die Fürſtin Katinka Daſchkoff, als die impoſanteſte die Amazone Gräfin Saltikoff, welche ihren Muth ſpäter auf dem Schlachtfelde gegen die Türken bewährte, und als Paris Lagetſchnikoff, Mitglied der Akademie und einer der ſchönſten Männer ſeiner Zeit, hervor. Der Ab⸗ Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten II. 12 178 ſtimmung entſprechend wurden die Rollen in der kai⸗ ſerlichen Komödie„das Urtheil des Paris“ beſetzt: Ve⸗ nus— die Czarin Katharina II., Juno— die Gräfin Iwan Saltikoff, Minerva— Fürſtin Katinka Daſchkoff, Paris— Lagetſchnikoff. Ein heiteres, glänzendes Gartenfeſt ſchloß die vri⸗ ginelle Verſammlung. Die Inſzeneſetzung des„Urtheils des Paris“ bot eine Reihe der heiterſten Szenen. Die Kaiſerin ſowohl als die beiden anderen Da⸗ men, weche in dem kleinen Stücke ſpielten, hatten doch eine Ahnung davon, daß die olhmpiſchen Göt⸗ tinen nicht in Schlafröcken à la Wateaux auf ihren Wolkendivans zu ruhen, und nicht mit Stöckelſchuhen, Toupets und ſpaniſchen Rohren auf die Erde herabzu⸗ ſteigen pflegten. Die Czarin berief alſo das gelehrte Mitglied der Petersburger Akademie, den Philologen Bateux, an ihr Hoflager, um bei der Inßzeneſetzung mit Rath und That an die Hand zu gehen. Sofort nach der Ankunft des hochweiſen Mannes wurde eine Konferenz gehalten, an der außer Monſieur Bateux, die Czarin, die Fürſtin Daſchkoff, die Gräfin Saltikoff und Lagetſchnikoff theilnahmen. 179 „Ich hoffe, mein lieber, gelehrter Bateux“, begann die Kaiſerin, nachdem man Platz genommen hatte, „Sie kombiniren uns mit Hülfe Ihrer tiefen Studien ein recht brillantes Koſtüm, beſonders ich als Göttin der Schönheit und Liebe muß ſchon in meiner Toilette vor den beiden anderen Damen ausgezeichnet werden. Wie iſt alſo Ihre Anſicht darüber, wie pflegte Venus zu erſcheinen, wenn ſie ſo zu ſagen in pleiné parure war?“ „Ich bedaure, Majeſtät,“ erwiderte der alte, ſchlaue Philologe boshaft lächelnd,„Ihnen keine beſſere Aus⸗ kunft geben zu können, aber gerade die Toilette der Liebesgöttin war ſehr einfach.“ „Sehr einfach?“ entgegnete die Kaiſerin,„ach! was Sie da ſagen! Wie alſo?“ „Es war die einfachſte Tvilette, welche überhaupt denkbar iſt,“ fuhr Bateux fort,„wie ſich Eure Majeſtät ſelbſt ſofort auf dieſer antiken Vaſe überzeugen können, ſie beſtand nämlich— aber ich wage es kaum auszuſprechen.⸗ „Aber wir haben ja keine Zeit zu verlieren!“ rief Katharina II. lebhaft.„Aus was beſtand alſo dieſe ein⸗ fache Toilette?“ „Sie beſtand nur aus einem Gürtel,“ erwiderte der Philologe. Anfangs blieben die Damen ſprachlos. 12* 180 Dann brachen ſie alle zugleich in ein ſchallendes Gelächter aus. „Wo denken Sie hin,“ ſagte endlich die Czarin, „das iſt ja unmöglich!“ „Aber es iſt das einzige richtige Koſtüm,“ ſagte der Gelehrte. „Nun, ſo müſſen Sie mir ſelbſt etwas kombiniren,“ entſchied Katharina,„und auch den beiden anderen Damen.“ Bateux ſchlug hierauf das griechiſche Koſtüm vor und meinte, die einzelnen Göttinen ließen ſich genügend durch ihre Embleme, Venus durch ein Taubenpaar, Juno durch die Krone und den Pfau, Minerva durch Panzer, Helm und Lanze und die Eule charakteriſiren. Die Kaiſerin ließ ſich Zeichnungen vorlegen, rief aber nach dem erſten Blick:„Wie? Wir ſollen ohne Puder im Haare erſcheinen? Bateux, Unmenſch, Sie wollen uns alſo gleich um zwanzig Jahre altern laſſen! Das iſt unausführbar!“ „Vergeben Majeſtät,“ erwiderte Bateux,„aber wir finden weder im Homer, noch Ovid oder Virgil, daß die griechiſchen Göttinnen, oder die römiſchen, gepudert waren.“ „Ah, Ihr Ovid und Homer ſind ja reine Barba⸗ ren!“ ſeufzte die Saltikoff. 181 „Und ohne Reifrock ſchrumpfen wir ja zu Kindern, zu Pygmäen zuſammen,“ wendete die Daſchkoff ein. „Hiſtoriſche Treue iſt eine ſehr ſchöne Sache, aber man wird uns auslachen.“ „Ja, man wird uns auslachen,“ ſekundirte die Sal⸗ tikoff. „Nein! nein! nein!“ riefen die drei ſchönen Rococcv⸗ damen,„Reifrock und Puder können wir nicht ablegen Unmöglich!“ „Wie es Ihnen beliebt,“ erwiderte Bateur lächelnd. „Wenn die allmächtige Beherrſcherin aller Reußen es befiehlt, ſo muß die Liebesgöttin ihre klaſſiſchen Formen in einem Reifrock bergen, und wenn ihr dies zu wenig iſt, mag ſie ihre ambroſiſchen Locken pudern.“ Schließlich einigte man ſich dahin, die drei Göttinnen im Reifrock und weißen Schleppkleide erſcheinen zu laſ⸗ ſen, und ihnen nur als Oberkleid eine römiſche Tu⸗ nika zu geben. Ebenſo war es ausgemacht, daß Juno ihre Krone und Minerva ihren Helm auf ein wohlge⸗ pudertes Toupet ſetzen ſollten. Die Wiſſenſchaft ſtreckte ihre Waffen vor der Mode. Aehnliche komiſche Anſtände gab es mit dem Deko⸗ rateur, welcher im Hintergrunde des idäiſchen Haiites die Stadt Rom mit der Engelsburg erſcheinen laſſen wollte. 182 Endlich war das große Problem gelöſt; Maler, Tapezierer, Schneider und Vergolder begannen zu ar⸗ beiten und die Proben nahmen ihren Gang. Bateur fungirte bei denſelben als Suuffleur, die Czarin ſelbſt als Regiſſeur, und es iſt glaubwürdig, daß, wenn ein Regiſſeur Sibirien und die Knute zur Verfügung hat, ein Stück ſehr raſch und ſehr gut einſtudirt wird. So war denn kaum eine Woche ſeit jener Nacht vergangen, in welcher Katharina II. das Stück verfaßt hatte, und ſchon konnte der Hof von Zarskoje Selo und die Petersburger feine Geſellſchaft zu der Auffüh⸗ † rung deſſelben geladen werden. Der Zudrang zu der Vorſtellung war ganz außer⸗ ordentlich, ſeit langer Zeit hatte kein Hoffeſt eine ſo erleſene und glänzende Geſellſchaft verſammelt, wie an dem Abende, wo in Zarskoje Selo„das Urtheil des Paris“ gegeben wurde. Der Zuſchauerraum war überfüllt; in den Logen hatten die Damen des hohen Adels, die Würdenträger und Generäle mit ihren Frauen, im Parket die übrigen Adeligen, die Mitglieder der Akademie Platz genommen, das Parterre war beinahe ausſchließlich von den Of⸗ fizieren beſetzt. Das Auditorium wogte und rauſchte wie ein See, ſo daß die Ouverture des Orcheſters kaum gehört wurde. — 183 Endlich ertönte die Glocke, der Vorhang erhob ſich. Die Scene ſtellte den idäiſchen Hain dar. Im Hintergrunde ſah man Troja, vorne unter den Cedern und Palmen lagerten die königlich trojaniſchen Schafe, aus Pappe und Wolle gefertigt; ſanfte Muſik kündigte Paris an. Lagetſchnikoff erſchien im phrhgiſchen Koſtüm mit dem Hirtenſtabe, aber wohlgepudert und wohlbezopft, hielt eine idhlliſche Anſprache an die Natur und ſeine Schafe und nahm dann unter einem Baume Platz, um ein Solv auf ſeiner Hirtenflöte zu blaſen. Sein Kon⸗ zert ſchien ihn jedoch nicht weniger zu langweilen, als das Publikum, denn er ſchlief dabei ein. Nun fuhr eine Wolkenequipage heran, auf der Frau Junv, Gräfin Saltikoff, in königlicher Haltung thronte; ſie trug über dem volympiſchen Reifrock ein meergrünes Gewand und eine römiſche Tunika von derſelben Farbe, auf dem ſchönen Haupte erhob ſich ein impoſantes Toupet, und auf der weißen Haarburg, welche an ewig beſchneite Alpenfirnen mahnte, ruhte die Krone der Götterkönigin; in der Rechten hielt ſie ein Szepter, zu ihren Füßen ſtand ein Pfau mit offe⸗ nem Rade. Nachdem Juno ihre Verſe aufgeſagt hatte und von * 184 der Wolke herabgeſtiegen war, ſegelte die letztere davon und eine neue fuhr vor. Dießmal war es Minerva im blauen Gewande, goldenenen Bruſtpanzer und Helm, eine Lanze in der Hand und die Eule zur Seite. Die Daſchkoff dekla⸗ mirte indeß ihre Jamben ſo vorzüglich, daß lauter Beifall ihrer Standrede folgte. Auch ſie ſtieg zuletzt aus ihrer himmliſchen Karoſſe und nun kam der Knalleffekt. Muſik, bengaliſche Beleuchtung und auf einem goldenen Fuhrwerke im Sthle römiſcher Kampfwagen, von Tauben gezogen, den geflügelten Amor mit Pfeil und Bogen an der Seite, erſchien Venus auf dem Kampſfplatze und wurde mit ſtürmiſchem Applaus be⸗ grüßt. Katharina II. ſah übrigens wirklich bezaubernd aus in dem duftigen weißen Gewande, deſſen Bauſchen von Roſenguirlanden gehalten wurden, und ſprach ihre Verſe hinreißend. Neuer Beifall. Dann ſtieg auch ſie zur Erde herab und entließ ihr Geſpann, ſich den beiden andern Göttinnen zugeſellend. Vereint unterzogen ſich nun die drei Schönen der Auf⸗ gabe, den ſchlafenden Schäfer zu wecken, was endlich gelang. Paris machte, was leicht begreiflich iſt, große 185 Augen, als er der drei himmliſchen Damen anſichtig wurde, und ſein Erſtaunen nahm noch zu, als ihm der Zweck ihrer Anweſenheit und ſeine Aufgabe erklärt wurde. Nun wetteiferten die Göttinnen, dem ſchafe⸗ hütenden Königsſohne ihre Vorzüge und Reize zu ex⸗ pliziren, er ließ ſich aber weder von Juno, noch von Minerva irre machen und reichte zuletzt knieend„der Schönſten der Schönen“, Venus, den Apfel. Ungeheurer Jubel, Tuſch des Orcheſters, die kai⸗ ſerliche Komödie iſt zu Ende. „Eine Komödie, nichts mehr“, ſagte die Czarin am nächſten Morgen bei ihrem Lever zu der Fürſtin Daſchkoff,„ein eingebildeter Triumph; wer bürgt mir dafür, daß nicht Alles, auch die Abſtimmung, Schein und Trug war? Ich will mein Urtheil des Paris im Ernſte haben und ich ruhe nicht, bis es mir gelungen iſt, die Szene vom Berge Ida in unſeren abſtrakten Tagen auf ruſſiſchem Boden zu wiederholen.“ „Ich zweifle nicht, Majeſtät, daß Sie Alles, was Sie wollen, auch auszuführen im Stande ſind“, erwiderte die Fürſtin,„aber es dürfte doch einige Schwierig⸗ keiten bieten, einen Mann zu finden, deſſen Geſchmack maßgebend ſein kann, und der zugleich nicht das ſchöne, gebietende Antlitz ſeiner Kaiſerin kennt.“ 186 „Schmeichlerin!“ rief die Czarin,„aber darin biſt Du im Irrthum. Weshalb ſoll nur der Geſchmack eines Gebildeten gelten? Müßte nicht ein naives, von keinen Vorurtheilen beherrſchtes, von keinen akademiſchen Regeln irregeleitetes Kind der Natur richtiger, unbe⸗ fangener urtheilen können?“ „Aber unſere Naturkinder riechen nach Knoblauch“, wendete die Daſchkoff ein „Nun, ſo parfümirt man ſie.“ „Und ſie ſind auch nicht beſonders— rein.“ „Nun, ſo läßt man ſie waſchen“, lachte die Kai⸗ ſerin.„Ich habe es mir einmal in den Kopf geſetzt, und ich werde meinen Paris finden.“ „Es iſt alſo Ihr voller Ernſt?“ fragte die Daſch⸗ koff. „Mein voller, ernſteſter Ernſt“, wiederholte die Czarin ſpöttiſch, mit komiſchem Pathos,„und wie Ernſt es mir iſt, ſollſt Du daraus ſehen, daß ich noch heute Couriere nach allen Weltgegenden ausſenden werde mit der Aufgabe, einen Mann zu ſuchen, welcher jung, hübſch, naiv und wo möglich— gewaſchen iſt, und bei allen dieſen hochwichtigen Eigenſchaften ſeine Czarin nie geſehen hat, nicht einmal auf einem Silberrubel, geſchweige denn von Angeſicht zu Angeſicht, einen Mann, der, wenn ich vor ihm erſcheine, nicht weiß, daß ich 187 die Kaiſerin bin, der mich ohne Krone und Kaiſermantel ſchön findet.“ In der That gingen an demſelben Tage vier Cou⸗ riere mit der gleichlautenden Inſtruktion, den neuen Paris zu ſuchen, nach Nord und Süd, Oſt und Weſt ab, ohne daß die Kaiſerin nur einen Augenblick daran dachte, auf dieſem Wege ihr Ziel zu erreichen; es war nur ein wohlerwogener, feiner Schachzug, um die Auf⸗ merkſamkeit ihres Hofes, insbeſondere ihrer nächſten Umgebung, von denen ſie jederzeit einer wohlgemeinten, aber unbequemen Einmiſchung, ja einer ſchmeichleriſchen Täuſchung verſehen ſein mußte, von ſich abzulenken, denn ſie war entſchloſſen, die Auffindung und Wahl des ſeltenen Jünglings Niemand Geringerem als ſich ſelbſt anzuvertrauen. Katharina II. hatte die Gewohnheit, die erſten Abendſtunden, jene Dämmerzeit, welche der Franzoſe „zwiſchen Hund und Wolf“ nennt, allein in dem ein⸗ ſamſten Theile des Parkes von Zarskoje Selv zuzu⸗ bringen. Der Garten war dann für Jedermann ab⸗ geſperrt, Niemand, nicht einmal die vertrauteſten Freunde der Czarin, durften ihr nahen. Womit ſie ſich in dieſer Zurückgezogenheit beſchäf⸗ tigte, darüber ſind die Memviren der Eingeweihteſten aus jenen Tagen ſehr verſchiedener Meinung, eben ſo 188 getheilt waren die Anſichten am Hofe.„Sie meditirt“, ſagten Einige;„ſie beſchäftigt ſich mit einem großen dichteriſchen Werke“, ſagten Andere;„ſie empfängt ge⸗ heime Depeſchen und diplomatiſche Agenten, welche mit ihr allein verkehren und ihr allein bekannt ſein ſollen“, ſchloſſen wieder Andere; und die Kaiſerin ſelbſt? Katharina Il ſagt in einem Briefe an den genialen ruſſiſchen Dichter Derſchawin*), ſie gebe die einſamen ländlichen Stunden in Zarskoje Selo um nichts in der Welt, ſie ſei in denſelben weder Monarchin noch Phi⸗ loſophin, ſie könne dann, was ihr ſonſt nie vergönnt ſei— ausruhen und ſich an den einfachen Eindrücken der Natur erbauen. Dieſe einſamen Stunden benutzte die Czarin jetzt zur Ausführung ihres olympiſchen Planes. Wenn alle Welt ſie in einer der ſchattigen, tiefgrünen Lauben des Parkes in Betrachtungen oder mit einer großen politiſchen Compination beſchäftigt glaubte, eilte ſie im weißen Sommerkleide, eine ſchwarze Seiden⸗ mantille um die Schultern, durch die Laubgänge zu der kleinen Pforte der Außenmauer, welche in das freie Feld führte und zu der ſie allein den Schlüſſel beſaß. *) Bodenſtedt hat Mehreres von deſſen Gedichten, unter an⸗ deren ſeine ſchöne„Ode an Gott“, in das Deutſche übertragen. Vorſichtig öffnete ſie dieſelbe, vorſichtig ſich nach allen Seiten umblickend, verließ ſie den Park und ſchloß die Thür eben ſo behutſam hinter ſich ab. Dann ſuchte ſie raſch das kaum zweihundert Schritt entfernte Wäldchen zu gewinnen. Hatte ſie dieß erreicht, dann war ſie vor Ueberrumpelung ſicher. Aus dem Wäld⸗ chen machte ſie dann ihre Entdeckungsreiſen durch die Wieſen, die Felder, bis in die benachbarten Dörfer. Dieſes Spiel trieb ſie bereits ein paar Tage, als ſie eines Abends auf den Einfall kam, ihre ſeltſame Streifung in die Nacht hinein auszudehnen, wo die Knaben und Jünglinge in Rußland zur Sommerzeit ihre Pferde auf die Waide zu treiben pflegen. Der Mond war im Zunehmen und beleuchtete die weite Ebene hell genug, ſo daß jeder einzelne Gegen⸗ ſtand mindeſtens in ſeinen Umriſſen dertlich hervortrat. In der Luft war jener den ruſſiſchen Dörfchen und Landſchaften eigenthümliche aromatiſche von Wer⸗ muth und Thyhmian. Katharina hatte auf der Waide nahe dem Gehölz und Zarskvje Selo die Reſte eines Hirtenfeuers entdeckt, ſie verbarg ſich alſo, als ſie auf dem Rückwege das Wäldchen erreichte, in den dichten Gebüſchen am Rande deſſelben und harrte. Dießmal ſchien ihr der Zufall günſtiger. Denn 190 ſie wartete noch keine Viertelſtunde, ſo ertönte das Knallen einer Peitſche und ein Rudel mit einem Stricke zuſammengekoppelter Pferde kam in kurzem Trab heran, von einem Hirten getrieben, welcher ohne Sattel auf einem großen, muthigen Schimmel ſaß. An der Stelle, wo noch verkohlte Reſte des geſt⸗ rigen Feuers umherlagen, ſprang er herab, trug Reiſig zuſammen und zündete es an. Noch kehrte er der Kaiſerin den Rücken, aber ſie ſah ſofort an ſeiner ſchlanken, elaſtiſchen Geſtalt, daß er jung war; er trug ein Ueberhemd und eine Hoſe aus grober Leinwand, und einen breiten Strohhut auf dem Kopfe. Endlich kehrte er ſein Geſicht zu ihr und die Flamme des brennenden Reiſigs fiel voll und grell darauf. Er war hübſch— ja mehr als das— ſchön— ſein regelmäßiges Geſicht mit der geraden Naſe, den fei⸗ nen Brauen, den großen blauen Augen, von hellbraunem Haare eingerahmt, hatte nur ein wenig zu viel von jenem blöden Bauernausdruck, und dann war er wirk⸗ lich nicht gewaſchen. Indeß achtete die Kaiſerin auch nicht viel darauf, im Gegentheil, ihr klopfte das Herz 5 ein wenig, denn ſie ſah ſich der Erfüllung ihrer ſelt⸗ ſamſten Laune gegenüber, ſie hatte ihren Paris gefunden. Der junge Hirte rief hierauf ſeinen Schimmel, welcher bereits behaglich zu graſen angefangen hatte; es war offenbar ſein Liebling, und er wußte es, denn er beeilte ſich gar nicht, dem Rufe zu gehorchen, ſon⸗ dern ſchnaubte nur etwas und ſchlug mit dem Schweife. Der Hirte ging hierauf auf das Thier zu und band ihm die Vorderfüße mit einem Stricke zuſammen, ſo daß er ſich nur langſam hüpfend fortbewegen konnte, und überhäufte es mit Scheltworten, welche eigentlich eben ſo viel Liebkoſungen waren. Dann blöſte er die andeten Pferde eins nach dem andern von der Koppel, und entließ jedes erſt, nachdem er ihm gleichfalls die vor⸗ deren Füße gefeſſelt hatte. Während nun ſeine Heerde ringsum zufrieden ſchnaubend das Gras brach, ſchnitt der junge Menſch einen Hollunderaſt ab und begann ſich eine Pfeife daraus zu fertigen. Die Kaiſerin, das verwöhnte, launenhafte Weib, das ſonſt bei den glänzendſten Vergnügungen bald zu gähnen pflegte, ſah allem Dem, was der hübſche, ein⸗ fältige Burſche mit großer Wichtigkeit und Bedächtig⸗ keit that, in einer Art Spannung zu, ſie hörte das ſchwermüthige Volkslied, deſſen Weiſe er auf ſeiner Pfeife blies, mit mehr Genuß, als die Bravourarien der italieniſchen Opernſänger, und als der junge Hirte Feld⸗ blumen zu pflücken und mit Haſt zu einem Strauße . 192 zu binden begann, ſo brannte ſie vor Begier, zu er⸗ fahren, wem derſelbe beſtimmt ſei. Endlich hatte der neue Paris unter einer Linde am Rande des Wäldchens Platz genommen, und wäh⸗ rend er noch mit ſeinen Blumen beſchäftigt war, näherte ſich ihm Venus Katharina II. unbemerkt, im weichen Mooſe auf den Fußſpitzen ſchleichend, und ſaß, ohne daß er ſich deſſen verſah, plötzlich an ſeiner Seite. „Guten Abend!“ ſagte ſie. Der Hirte ſah ſie erſtaunt mit großen Augen und offenem Munde an. Dann rückte er ein wenig zur Seite und machte das Kreuz. „Fürchteſt Du Dich vor mir?“ ſprach Katharina II. „Nein“, erwiderte der Burſche,„aber es iſt nicht gut für eine Menſchenſeele, wenn ſie mit einer Ru⸗ ſalka*) oder ſonſt einer Zauberin ſpricht.“ „Du hältſt mich alſo für eine Zauberin?“ „Ich weiß nicht, für was ich Dich halten ſoll,“ erwiderte der junge Hirte,„aber jedenfalls i Du aus einer andern Welt.“ „Vielleicht haſt Du Recht“, ſprach die Kaiſerin, *) Die ruſiſche Nire, welche junge Männer mit ihrer ſilber⸗ hellen Stimme an ſich lockt und dann mit ihren goldenen Haaren erwürgt. „aber wer ſagt Dir, daß ich deßhalb böſe oder ver⸗ derblich ſein muß? Im Gegentheil, ich bin Dir gut geſinnt.“— „Das ſagen alle böſen Geiſter“, entgegnete der Hirte. „Aber ich bin kein böſer Geiſt“, verſetzte die Mo⸗ narchin,„ich will Dein Beſtes, und Gott ſei Dank habe ich auch die Macht, Dein Glück zu begründen.“ „Da Du den Namen Gottes ausgeſprochen haſt“, ſprach der Hirte,„kannſt Du in der That kein gefal⸗ lener Engel oder böſer Geiſt ſein. Ich danke Dir alſo, daß Du es ſo gut mit mir meinſt; aber wie willſt Du mein Glück gründen und was habe ich dabei zu thun?“ „Du haſt nichts zu thun, als mir zu gehorchen. Willſt Du das?“ fragte Katharina II. „Soferne Du nichts Unrechtes oder Unchriſtliches von mir verlangſt“, antwortete der Hirte. „Gut. Wie nennſt Du Dich alſo?“ „Wenn Du eine Zauberin biſt, ſollteſt Du es wiſſen.“ „Ich frage auch nicht etwa, weil ich es nicht weiß“, erwiderte Katharina II., welche ſich in ihrer überirdiſchen Rolle gefiel. „Weßhalb alſo?“ „Um zu ſehen, ob Du in allem die Wahrheit ſprichſt.“ Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten, II. 13 194 „Mein Name iſt Nikolaus“, ſagte der junge Hirte. „Leben Deine Eltern noch?“ Ja „Hier in der Nähe?“ „Dort im Dorfe.“ „Sind ſie arm?“ „Ja, arme Leibeigene.“ „Und Du? fühlſt Du Dich ſehr unglücklich?“ „Nein“, erwiderte der Hirte,„ich habe, was ich brauche, ich ſinge, pfeife, höre zu, wenn meine Mutter den jüngeren Kindern Märchen erzählt, und—.“ „Sage mir Alles!“ „Nun“, fuhr Nicolaus fort,„ich habe auch ein Mädchen, ein hübſches Mädchen, die mir gut iſt und der ich von Herzen gut bin; was brauche ich noch?“ „Und möchteſt Du nicht frei ſein?“ fragte die Monarchin,„und reich, und Dein Mädchen zum Weibe nehmen und ſie in ein ſchönes Haus führen und ſie in ſchöne Gewänder kleiden?“ „Ja wohl, das möchte ich“, erwiderte Nicolaus,„für meine Katinka wäre mir nichts gut genug, ſie müßte eine Schuba*) tragen, wie die Prinzeſſinnen in den Märchen.“ „Katharina nennt ſich Dein Mädchen?“ „Ja, Katharina.“ Anſſiſches Prunktleid. * — 195 „Und iſt ſie ſchön?“ „Mir gefällt ſie.“ „Und ich“, begann die Kaiſerin nach einer kleinen Pauſe,„wie gefall' ich Dir?“ Der junge Hirte ſah ſie an, erwiderte jedoch keine N Sylbe. „Nun?“ fragte Katharina II. noch einmal,„fin⸗ deſt Du mich ſchön? Aber ſprich die Wahrheit!“ „Für eine Alte geht es an“, erwiderte der neue Paris. „Du hältſt mich für alt?“ rief die Monarchin. „Haſt Du doch weißes Haar,“ meinte der Hirte. „Wie alt glaubſt Du alſo, daß ich bin?“ „So etwas bei ſiebenzig Jahre.“ Die Kaiſerin brach in ein ſchallendes Geläch⸗ ter aus. „Aber ich bin ja gar nicht alt!“ ſprach ſie dann heiter. „Ja, das meint Jede,“ erwiderte Nikolaus,„und Jede macht ſich jünger, als ſie iſt; übrigens magſt Du für eine Zauberin, die tauſend Jahre alt werden und weit älter noch, immerhin jung ſein.“ „Weißt Du was,“ ſprach Katharina II.,„ich bin alt und jung, wie ich grade will. Nächſtens ſ Du mich mit blonden Haaren ſehen.“ 196 „Da würdeſt Du mir ſchon beſſer gefallen,“ ſprach der neue Paris,„ich liebe das blonde Haar ſehr, meine Katinka iſt auch blond und ſchön, weit ſchöner noch als unſer Mütterchen, die Zarewna Katharina.“ „Haſt Du denn die Zarewna geſehen?“ fragte Katharina. „Nein.“ „Wie kannſt Du alſo urtheilen? Du kennſt wohl ihr Geſicht nur von den Silberrubeln her?“ „Wie käme ich zu Silberrubeln!“ lachte der Hirte. „Wenn ich hier und da ein paar Kopeken habe, bin ich zufrieden und die ſind ſo ſchmierig, daß man von der Kaiſerin nicht viel mehr ſieht.“ „Man hat Dir alſo von ihr erzählt?“ „Allerdings.“ „Aber es heißt doch, daß ſie ſehr ſchön iſt?“ „Gewiß, ſehr ſchön“, antwortete der Hirte,„aber meine Katinka iſt doch noch ſchöner. Uebrigens kannſt Du ſelbſt urtheilen, denn da kommt ſie eben.“ Wirklich kam auch ein junges, hübſches Bauern⸗ mädchen mit edler Geſichtsbildung, langen blonden Zöpfen und großen blauen Augen im koketten rothen Scharafan über die Wieſe hergeſchritten; als ſie ihren Liebſten an der Seite einer fremden Frau erblickte, rief ſie mit ihrer hellen, jugendlichen Stimme von —— * —— E 197 Weitem ſchon:„Nikolaus, wen haſt Du da bei⸗Dir? Was will die Alte?“ „Sie iſt eine gute Zauberin,“ ſprach der Hirte, „ſie will uns beſchützen und unſer Glück begründen.“ „Das iſt ſchön von Ihnen, liebe gnädige Frau Hexe“, ſprach die Kleine, machte einen Knix und küßte der Kaiſerin, welche ſie wohlgefällig betrachtete, die Hand. „Ja, ich will Euch glücklich machen“, ſprach Ka⸗ tharina I.; jetzt aber verlaſſe ich Euch, denn Ihr habt Euch gewiß Dinge zu ſagen, bei denen ein Drittes, und wäre es auch die beſte Fee, überflüſſig iſt.“ Die Kaiſerin erhob ſich, küßte die hübſche blonde Bäuerin auf die Stirne, nickte Nicolaus, welcher ſich vor ihr auf die Kniee geworfen hatte und den Saum ihres Kleides küßte, huldvoll zu und verſchwand im Wäldchen. Den nächſten Tag empfingen die beiden Hofdamen Fürſtin Daſchkoff und die Gräfin Saltikoff den Befehl der Monarchin, ſich bei Eintritt der Dunkelheit in mythologiſchen Koſtümen, aber ohne Puder im Haare, im Parke von Zarskoje Selo einzufinden. Sie zerbrachen ſich den Kopf über dieſe neue uner⸗ klärliche Laune der Kaiſerin und kamen endlich zu dem Reſultate, dieſelbe habe einen Paris gefunden, 198 aber wie und wo, darüber ſtellten ſie vergebens Nach⸗ forſchungen an, denn keiner der ausgeſendeten i war bis jetzt zurückgekehrt. Die Neugierde der beiden ſchönen Frauen wurde jedoch eher noch geſteigert, als die Kaiſerin ſich bei dem nächtlichen Rendezvous einfand und ihnen lächelnd die Mittheilung machte, ſie habe den neuen Paris, einen jungen hübſchen Hirten, welcher weder ſie noch ihr Bildniß geſehen habe, gefunden und habe die Abſicht, heute noch den Schiedsſpruch auf dem Berge Ida zu wiederholen. „Wenn ich auch alles Das, was mir über meine Schönheit geſagt wird, für höfiſche Schmeichelei nehme,“ fügte Katharina II. hinzu,„ſo habe ich dagegen keine Urſache, in die allgemeine Stimme Zweifel zu ſetzen, welche meine Freundinnen Daſchkoff und Saltikoff— nach mir— als die ſchönſten Frauen Rußlands be⸗ zeichnet, und darf mir daher keinen ſo leichten Sieg verſprechen, ſondern muß in Ihnen, meine Damen, ebenbürtige und gefährliche Rivalinnen begrüßen. Der Kampf um den Preis der Schönheit iſt ſomit ein ern⸗ ſter und ſein Ausgang ein ſehr zweifelhafter.“ Die drei ſchönen Frauen ſchritten hierauf durch den Park dem Wäldchen zu, voran Katharina II. als Venus, die blonden Haare über den vollen weißen ——— Nacken fluthend, ihr nachfolgend die Fürſtin Daſchkoff als Minerva im glänzenden Helm und Panzer, mit der Lanze bewaffnet, und die Gräfin Saltikoff die gol⸗ 3 dene Krone auf den blonden Locken. An dem Rande des Wäldchens lagerten ſie ſich, von dem grünen Blattwerk verſteckt, im Mooſe, pflückten Blumen, wanden Kränze und ſcherzten, während der Mond und das Heer der Sterne heraufzog; und die Nach⸗ tigallen in den Büſchen ringsum zu ſchluchzen begannen. Endlich ertönte Pferdegetrappel, und der neue Paris kam mit ſeiner Heerde, zündete wieder zuerſt ein großes Feuer an und band dann ſeinen Thieren die Vorderfüße. Die Damen ließen ihn ruhig verrichten, was er zu verrichten hatte, und erſt als er ſich mit ſeiner Hirtenflöte an das Feuer ſetzte, rieſen ſie ihn beim Namen. „Wer ruft mich?“ ſprach der neue Paris überraſcht. „Nikolaus!“ tönte es wieder im Dreiklang durch die Nacht. „ Der Hirt bekreuzte ſich. „Nikolaus!“ rief es wieder. „Wer Ihr auch ſeid“, antwortete jetzt der Pfer⸗ dehirte,„kommt heraus, in Gottes Namen, ich fürchte Euch nicht!“ 200 Ein muthwilliges Gelächter antwortete ſeiner fei⸗ erlichen Mahnung, aber es kam Niemand zum Vor⸗ ſchein. „Nun, wenn Ihr Euch nicht zeigen wollt“, rief er hierauf,„dann habt Ihr wohl alle Urſache, Euch zu verſtecken, Ihr alten Hexen!“ Wieder daſſelbe ausgelaſſene Lachen. „Ja, Hexen, alte Hexen ſeid Ihr“, ſchimpfte der Pferdehirte,„alte, verſchrumpfte Weiber mit Katzenbuckel, zahnloſem Munde und Triefaugen, ſo recht alte, uralte Hexen, tauſend Jahre alt!“ „Zweitauſend!“ antwortete es. „Was, zweitauſend“, rief der Hirte,„zehntan⸗ ſend!“ „Ja, zehntauſend!“ ſpotteten die Stimmen. „Freilich, ſo geht ihr daher mit Euren Krücken,“ ſprach der Hirte und verſpottete ſie, indem er ein altes, gebücktes, hinkendes Weib nachahmte. Ein lautes Lachen begleitete ſeine draſtiſche Mi⸗ mik, dann traten auf einmal die drei ſchönen, jungen Frauen aus dem Dickicht heraus und näherten ſich ihm. Das Mondlicht fiel grell auf ihre hellen Gewänder und beleuchtete ihre reizenden Geſichter voll und deutlich. „Da ſind wir, Nikolaus!“ rief die Kaiſerin. 3. 3. „Wir alte Hexen!“ fügte die Fürſtin Daſchkoff hinzu. „Zehntauſend Jahre alt!“ lachte die Saltikoff. „Alt, verſchrumpft, mit unſeren großen Katzen⸗ buckeln!“ fiel Katharina I. ein, und die drei Damen begannen eine hinter der anderen, die eine Schulter emporziehend, auf der Wieſe herumzuhinken, dann reich⸗ ten ſie ſich plötzlich die Hände und tanzten im Kreiſe um den ſprachloſen Hirten herum. „Bleibt mir vom Leibe!“ rief dieſer endlich.„Ich bin ein guter Chriſt, ich will nichts von Euch!“ Die drei Damen lachten und hielten ſtill. „Erkennſt Du mich denn nicht?“ fragte die Kai⸗ ſerin. Der Hirte betrachtete ſie mit einer gewiſſen from⸗ men Furcht. „Ja, ich erkenne Dich“, ſprach er dann,„Du biſt die Zauberin von geſtern Abend.“ „Ich verſprach Dir, jung zu erſcheinen“, ſagte Katharina II.,„gefalle ich Dir ſo beſſer?“ Der Hirte kratzte ſich hinter den Ohren und ſchmunzelte.„So gefällſt Du mir freilich beſſer,“ murmelte er,„Du haſt Dich ſchön gemacht, ſchöner noch als meine Katinka, aber deßhalb biſt Du doch eine alte Hexe, und wer ſind Deine Begleiterinnen?“ 202 „Es ſind gute Zauberinnen, ſo wie ich“, erwiderte Katharina I. „Und was begehrt Ihr von mir?“ fragte der Hirte. „Das ſollſt Du ſogleich erfahren“, ſprach die Kai⸗ ſerin,„vor Allem ſag' mir aber, wie Dir meine Be⸗ gleiterinnen gefallen.“ „Nun, Ihr ſeid alle drei ſchön“, begann der Hirte, „da iſt nichts zu ſagen.“ „Welche würdeſt Du aber nehmen, wenn Du zwiſchen uns Dreien die Wahl hätteſt?“ fragte die Gräfin Saltikoff. „Das wäre ſchwer zu ſagen,“ meinte der Hirte, 8 „ich würde am liebſten alle Drei nehmen.“ Die Damen brachen in ein ſchallendes Geläch⸗ ter aus. „Ihr ſeid Alle ſchön,“ fuhr der Hirte fort;„die da, die Große“, ſprach er, auf die Gräfin Saltikoff deutend,„die iſt ſo ein rechtes Mordweib und wäre gar tüchtig in's Haus und zur Arbeit“, dabei faßte er ihren Arm an und prüfte wohlgefällig die kräftigen Muskeln deſſelben. Die Damen kamen nicht mehr aus dem Lachen. „Die Kleine dafür“, er deutete auf die Daſchkoff, „das iſt ſo ein liebes Schneckchen, ein rechtes Kätzchen, 92 92 203 die kann gewiß recht ſchön thun und herzen, und die Blonde,“ dabei ſah er die Kaiſerin ganz beſonders wohlgefällig an,„die hat eine ſo ſtolze Figur und fei⸗ nes Angeſicht und muthige Augen und iſt ſo hübſch rund, — aber was habt Ihr da zu lachen?“ „Nun höre, um was es ſich handelt“, ſprach die Kaiſerin,„zwiſchen uns iſt ein Streit entſtanden, welche wohl die Schönſte ſei, und wir haben Dich er⸗ wählt, in demſelben zu entſcheiden, weil wir Dich für einen klugen Burſchen halten, und Du ſollſt ohne Furcht ganz nach Deinem Herzen den Schiedsſpruch ſprechen.“ „Das wollte ich ſchon,“ erwiderte der Hirte,„aber verſichert mich Deſſen, daß, wenn ich ſage: Dieſe iſt die Allerſchönſte unter Euch, mich die zwei andern mit ihrem Haß verfolgen?“ „Wir ſchwören es Dir, daß wir Dich nicht haſen und verfolgen, ſondern beſchützen wollen alle Drei, Du magſt entſcheiden wie Du willſt!“ rief die Kaiſerin. „So ſchwört!“ ſagte der Hirte. „Wir ſchwören bei Gott dem Allmächtigen!“ rie⸗ fen die drei Damen. „So iſt es recht“, verſetzte Nikolaus. „Wir ſind alle Drei mächtig und welcher Du auch den Preis ertheilſt“, ſprach die Kaiſerin,„eine Jede iſt im Stande, Dein Glück zu begründen.“ ——z——— 204 „Du ſollſt belohnt werden!“ rief die Saltikoff. „Kaiſerlich!“ fügte die Daſchkoff hinzu. „Werdet Ihr mir Geld geben?“ fragte der Hirte. „Ja,“ antworteten die Drei. „Wollt Ihr mir einen Schatz zeigen und heben helfen?“ rief der Hirte. „Ja, einen Schatz.“ „Gut. Alſo was ſoll ich thun?“ fragte er. „Hier iſt ein Apfel,“ ſprach die Kaiſerin, ihm den⸗ ſelben reichend,„dieſen Apfel ſollſt Du Jener von uns Dreien geben, welche Du für die Schönſte anſiehſt.“ Der junge Hirt blieb nun, den Apfel in der Hand, ſtehen und betrachtete, ſich bedächtig am Kopfe kratzend, die drei ſchönen Frauen. Er überlegte genau, indem er ſie immer wieder verglich und von Zeit zu Zeit den Kopf ſchütttelte und ſeufzte; endlich reichte er der Kaiſerin den Apfel. „Die Dicke da“, ſprach er,„iſt die ſchönſte uuter Euch.“ Katharina II. erröthete vor Freude, die beiden anderen Damen klatſchten vergnügt in die Hände und riefen:„Bravo! das haſt Du gut gemacht, Du kluger Hirte.“ Der kluge Hirte ſchien Anfangs über dieſes Komp⸗ liment ganz verdutzt, dann ſchlug er mit den flachen — 205 Händen auf die Kniee und lachte, daß ihm die Thrä⸗ nen in die Augen traten. „Weßhalb lachſt Du?“ fragte die Kaiſerin. „Was macht Dich ſo luſtig?“ forſchte die Gräfin. „Biſt Du von Sinnen?“ ſagte die Daſchkoff. „Nein, ich lache nur“, rief der Burſche,„es iſt auch zu ſpaßig, daß Ihr zwei ſo zufrieden ſeid mit meinem Schiedsſpruch, ſtatt das Maul zu verziehen. Ich dachte, die Beiden, welche den Apfel nicht bekom⸗ men, würden vor Zorn berſten, und Ihr freut Euch noch, ha! ha! ha!“ Er lachte wieder ſo, daß er ſich die Seite halten mußte. „Nun, was bekomme ich alſo jetzt von Euch für einen Lohn?“ fragte Nikolaus mit einigem Mißtrauen; „ich habe das Meinige nach beſtem Wiſſen und Gewiſ⸗ ſen gethan, thut Ihr jetzt das Eure! Wo iſt der Schatz?“ „Du ſollſt ihn haben,“ ſprach die Kaiſerin,„aber das geht nicht ſo raſch. Zuerſt mußt Du drei Tage und drei Nächte beten und faſten, und dann will ich Dich unterweiſen, wie Du den Schatz heben kannſt.“ „Nichts da“, erwiderte der Hirte ärgerlich,„zuerſt war vom Beten und Faſten keine Rede, ich will meinen Schatz auf der Stelle!“ „Aber es geht nicht ſo ohne Weiteres“, beſchwich⸗ tigte die Daſchkoff. 206 „Das wäre,“ ſagte der Burſche,„ſeit mir ſchöne Zauberinnen, wenn Ihr nicht Alles zu Gelde machen könnt, allenfalls ſo, daß Ihr die Blätter an den Bäumen da berührt mit Eurem Stäbchen und es wer⸗ den lauter Rubel daraus.“ Er wies dabei auf das vergoldete Holzſzepter der Junv Saltikoff. „Was verſtehſt Du von unſeren Zaubereien“, ſagte die Gräfin,„faſſe Dich in Geduld!“ „Ich will nicht Geduld haben!“ ſchrie der Hirte erboßt.„Ich ſehe, Ihr treibt Euren Spaß mit mir.“ „Beruhige Dich“, ſprach Katharina II.,„wir ge⸗ ben Dir, was wir von Geld bei uns haben, und in drei Tagen ſollſt Du den Schatz heben.“ „Das läßt ſich hören,“ meinte der Burſche. Die drei Damen begannen hierauf in ihren Kleidern nach Geld zu ſuchen, aber die falſchen Göttin⸗ nen hatten eben ſo wenig, wie die echte Venus, Juno und Minerva, Münze bei ſich. Die Verlegenheit wuchs. „Aha!“ rief der junge Hirt endlich,„Ihr habt kein Geld, Ihr habt nur Euren Spaß mit mir gehabt, wartet, ihr Weibsbilder, ich will Euch ſchon das Fell klopfen!“ + Auf dieſe unzweideutige Redewendung ergriffen J E 207 die drei Damen die Flucht, aber ſo raſch und leicht⸗ füßig ſie waren, der junge Burſche holte ſie dennoch ein und riß die Kaiſerin beim Aermel zurück; in dem Augenblicke aber, wo er zum Schlage ausholte, warf Katharina ihr ſtolzes Haupt in den Nacken und heftete ihre großen blauen Augen auf ihn mit jenem ruhigen, gebieteriſchen Blick, vor dem ihr Gemahl Czar Pe⸗ ter III. und Orloff mehr als einmal gezittert hatten. Nikolaus begann etwas zu ſtammeln, was Nie⸗ mand verſtand, und ließ ſie langſam los. „Was ich verſpreche, halte ich“, ſagte die Kaiſe⸗ rin,„iſt Dir mein Wort nicht genug?“ „Ja, ja, ſchon, wenn—“, ſtotterte der Burſche. „Ich habe es ja nicht ſo gemeint.“ „So laß uns jetzt ruhig unſeres Weges gehen!“ riefen die beiden anderen Damen. „Wenn Ihr mir ſchon kein Silber oder Gold geben wollt“, erwiderte hierauf der galante Hirte,„ſo müßt Ihr mir doch Jede mindeſtens einen Kuß geben.“ „Was Dir einfällt!“ lachten die Damen und liefen raſch dem Parke zu, aber der neue Paris ließ ſich nicht ſo leicht abtrumpfen, er verfolgte ſie ſchreiend bis zu dem Pförtchen, und da ſie ſich nicht die Zeit nahmen, es hinter ſich abzuſperren, durch den Park von Zarskoje Selo bis zu dem Palaſte, und unmittel⸗ 208 bar vor dem glänzend erleuchteten Portale deſſelben, Angeſichts der beiden ernſthaften Grenadiere, welche das Gewehr präſentirten, ereilte er die Kaiſerin, um⸗ ſchlang ſie mit ſeinen kräftigen Armen und preßte einen derben Kuß auf ihre vollen Lippen. Katharina I ſchrie auf, brach in lautes Lachen aus und floh, als der neue Paris ſie losließ, die Treppe hinauf, von den beiden andern Damen gefolgt. Zu gleicher Zeit faßte ein Offizier der Wache den kühnen Burſchen und befahl den herbeigeeilten Solda⸗ ten, ihn in Gewahrſam zu bringen. Nikolaus ſetzte ſich zur Wehre, war aber raſch zu Boden geworfen und gebunden. „Laßt mich los!“ tobte er.„Was habe ich denn gethan, ein Kuß iſt doch kein Verbrechen!“ „Dieſer Kuß iſt ein Verbrechen!“ ſchrie der Offi⸗ zier,„und noch dazu ein Majeſtätsverbrechen!“ ½ Beim Lever der Kaiſerin am nächſten Morgen fragte Graf Orloff, was mit dem Leibeigenen zu ge⸗ ſchehen habe, welcher ein ſo beiſpielloſes, freches Atten⸗ tat auf ſeine Herrin und Monarchin verübt habe. Der Graf legte dabei, obwohl er mit Mühe das Lachen verbiß, ſein Geſicht in ernſte, wichtige Falten. „Attentat?“ entgegnete Katharina II.„Sie mei⸗ 209 nen doch nicht den einfältigen Burſchen, der mir, ohne mich zu kennen, einen Kuß geraubt hat? Wenn an dieſem Vorfall nach Ihrer Anſicht etwas Strafbares iſt, ſo bin ich allein die Schuldige, denn ich habe den jungen Menſchen in Verſuchung geführt.“ Orloff wurde roth, das Lachen war ihm vergangen, er bebte vor Zorn.„Wie, Eure Majeſtät haben—“, mehr brachte er nicht über die Zunge. „Was iſt mit dem Menſchen geſchehen?“ fragte die Kaiſerin, ohne Orloff einer Erklärung zu würdigen. „Er iſt im Kerker“, entgegnete dieſer. „Gut, ich werde ſelbſt das Weitere über ihn ver⸗ fügen“, entſchied die Gebieterin in ziemlich ungnädigem Tone.— Unterdeß lag der neue Paris in einem engen, finſteren Verließ, an Händen und Füßen ſchwere Ket⸗ ten, auf einem Bunde Stroh, überzeugt daß er ſich in der Gewalt böſer, rachgieriger Zauberinnen be⸗ finde.„Sie werden mich erſt recht mißhandeln und quälen“, dachte er bei ſich,„und dann in irgend ein Thier verwandein, allenfalls in einen Hund, und ich muß mein Leben in einer Hundehütte beſchließen.“ Nicht lange nach der Unterredung Orloff's mit der Czarin öffnete ſich indeß die Thüre ſeines Kerkers und eine Dame in einem ſchwarzſeidenen Mantel, Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. II. 14 210 welcher ihre Geſtalt vollkommen einhüllte, eine ſchwarze Sammetlarve vor dem Geſicht, trat herein. „Nikolaus“, ſprach ſie,„wie befindeſt Du Dich?“ „Wie ſoll ich mich befinden!“ erwiderte der Hirte ärgerlich.„Du haſt jetzt leicht meiner ſpotten, verrä⸗ theriſches Frauenzimmer; aber iſt das recht, mich vor⸗ erſt zu bitten, daß ich Einer von Euch Dreien, welche ich für die Schönſte halte, den Apfel gebe, und mir nur einen Apfel zu geben, und nachdem ich nach meinem Ge⸗ wiſſen entſcheide, Rache nehmen? Ich habe es Euch angeſehen, daß Ihr alle Drei den Apfel möchtet, und hätte ich ihrer dreie gehabt, ſo hätte jede ihr Obſt be⸗ kommen, aber ſo war es nicht möglich.“ Die maskirte Dame begann zu lachen. „Wenn ich Dich unter meine Hände bekäme, böſe Here“, ſchrie der Hirte,„dann würdeſt Du bei Gott nicht lachen!“ „Alles Dieß, mein lieber Nikolaus“, ſprach hierauf die Maske“, war nur eine Prüfung, nun wird Dein Unglück bald zu Ende ſein und Dein Glück ſeinen An⸗ fang nehmen; wie willſt Du dann Deine Verwün⸗ ſchungen gut machen?“ „Ich glaube Euch nichts mehr“, ſagte der Hirte „treibt Eure Späße mit einem Andern!“ Die Dame verließ hierauf ſeinen Kerker und zwei Männer in ſchwarzen Mänteln, Larven vor dem Ge⸗ ſicht, traten ein, nahmen dem überraſchten Burſchen die Ketten ab, verbanden ihm die Augen und befahlen ihm, mit ihnen zu gehen. Sie führten ihn durch Gänge, dann viele Stufen empor, dann wieder eben fort. Endlich fiel die Binde und Nikolaus der Pferde⸗ hirte ſtand ſprachlos mit offenem Munde im Thron⸗ ſaal der Kaiſerin. Katharina II. ſaß, die Krone auf dem Haupte, den Kaiſermantel um die üppigen Schultern, unter dem rothſammtenen Baldachin, ihr zur Seite ſtanden die Fürſtin Daſchkoff und die Gräfin Saltikoff in glänzender Toilette, der Hofſtaat bildete einen Halb⸗ kreis um den am ganzen Leibe zitternden jungen Menſchen. Aber der neue Paris faßte ſich raſch ein Herz und rief, auf die Czarin zueilend:„Da biſt Du ja, wortbrüchige, verrätheriſche Hexe, und da find auch Deine ſauberen Genoſſinnen—.“ „Nikolaus!“ ſchrie in dieſem Augenblicke eine ihm wohlbekannte Stimme,„biſt Du von Sinnen, es iſt unſer Mütterchen, die Zarewna!“ und Katinka, das hübſche Bauernmädchen, ſtürzte auf ihren Liebſten zu und riß ihn von den Stufen des Thrones, auf die er bereits den Fuß geſetzt hatte, wieder zurück. „Was haſt Du, biſt Du auch eine Hexe?“ rief der Burſche, Katinka von ſich ſtoßend. 14* 212 „Du machſt uns unglücklich“, murmelte dieſe. „Ah, ſie ſollen mich gleich in einen Eſel oder Hund verwandeln“, fuhr der neue Paris fort,„ich ſage es doch heraus, Dieſe da, dieſe Drei, Die mit der Goldkrone und die Beiden neben ihr, ſind zu mir gekommen, Nachts, und haben mich bethört—.“ Die Kaiſerin begann zu lachen.„Genug des Scherzes und der Täuſchung!“ ſprach ſie,„wir ſind weder gute noch böſe Zauberinnen, mein Freund, aber immerhin mächtig genug, Dein Glück zu begründen. Du biſt hier in Zarskoje Selo und ich bin Deine Czaarin Katharina II.“ „Auf die Kniee!“ flüſterte Katinka dem vollſtändig vernichteten Geliebten zu und als er wie erſtarrt ſtehen blieb, gab ſie ihm einen liebevollen Stoß, ſo daß er auf einmal, das Antlitz zur Erde, vor der Kaiſerin dalag. „Gnade! Gnade!“ flehte er, ihm war in dieſem Augenblicke das Weinen nahe. „Steh auf!“ gebot die Kaiſerin. Katinka richtete ihn auf, aber ſo, daß er vor dem Throne knieen blieb. „Ich habe Dir Glück und Reichthum verheißen“, fuhr Katharina I. fort,„und Du kannſt nun ſelbſt urtheilen, ob ich Wort halte. Hier iſt Dein Freibrief und hier jener Deines Mädchens.“ 2¹3 Die Czarin ſtieg die Stufen des Thrones herab und übergab dem neuen Paris die Dokumente. „Dies iſt nur der Anfang“, fuhr ſie fort.„Nun Du ein freier Mann biſt, erhebe ich Dich in den Adel⸗ ſtand mit dem Namen Paris von Idanow, da Du, ein neuer Paris auf einem neuen Ida, den Schiedsſpruch geſprochen und den Preis der Schönheit zuerkannt haſt, ich ſchenke Dir und Deinen Nachkommen das Dorf Zolotagvra, was ſo viel heißt als goldener Berg; dieß iſt der Schatz, den ich Dir verſprach; überdieß werde ich Katinka auf meine Koſten ausſteuern, und ſie ſoll auch die Schuba haben, die Du gewünſcht.“ Die beiden jungen Leute begannen nun vor Freude zu ſchluchzen und die Füße der Kaiſerin zu küſſen. Katharina II. entzog ſich jedoch raſch ihrem Danke und überließ es den Damen Daſchkoff und Sal⸗ tikoff, das glückliche Liebespärchen nach den Zimmern zu geleiten, welche ihnen die Czarin bis zu ihrer Vermählung im Palaſte angewieſen hatte. Als ſich die Nachricht von dem ſeltſamen Ereig⸗ niß in der Umgegend verbreitete, kamen die Eltern, Verwandten und Freunde des neuen Paris und ſeiner Katinka, um ihnen ihre Glückwünſche darzubringen, und Tauſende von Landleuten ſtrömten nach Zars⸗ koje Selo, um die Glückskinder anzuſtaunen. 2¹4 Die Hochzeit wurde mit großem Prunke gefeiert. Die Kaiſerin gab der Braut eine wahrhaft fürſtliche Ausſtattung, die Fürſtin Daſchkoff beſchenkte ſie mit einem Diamantenſchmuck, die Gräfin Saltikoff mit einer Schuba, und ein kaiſerlicher Hofwagen brachte die Neuvermählten, welche ſich ſtets der beſonderen Gunſt ihrer Monarchin zu erfreuen hatten, in ihr neues Beſitzthum. Ende des zweiten Bandes. Pruck von Richard Schmibt in Reubnitz⸗Leipzig. Diterot in Petersburg. Ein Damen⸗Duell Der neue Paris.. Inhalt: 4 i 7 8 9 10 11 42 13 h — t 5 3.