2—,—— 5— — 5„. 6 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatun von 5 Ednard Olkmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih- und Geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen—— 2. lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ n angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme nes Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 6 * für wöchentlich 2 Bücher: 4 Pücher: 6 Bücher: . ſ =rr ———————————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 M.— Pf. „3„ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigener Koſten und Geſahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene un vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer inſn Erſatz des Ganzin verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen häben. G * N ———— Ruſliſche Hofgeſchichten. Hiſtoriſche Novellen von Zacher-Maſoch. Erſter Band. Keipzig, Ernſt Julius Günther. 1873. Die letzten Tage Beter des Großen. Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. I. 1 P 3wei gute Freunde. In einem mit herrlichen Gemälden niederländiſcher Künſtler geſchmückten und mit aſiatiſcher Pracht ein⸗ gerichteten Gemache des kaiſerlichen Palaſtes zu Peters⸗ burg ging der allmächtige Günſtling Peter des Großen, Fürſt Mentſchikoff, mit ſeinem Freunde Rumianzoff in vertraulichem Geſpräche auf und ab. Der Erſtere, ein ſtattlicher Mann mit hübſchem Geſicht, aber gemeinen Zügen, das Haar nach franzöſiſchem Schnitt und bis auf den volksthümlichen Schnurrbart glatt raſirt, trug die ruſſiſche Feldmarſchallsuniform, grün mit Gold. Sein helles Auge, aus welchem die ganze Schlauheit eines ruſſiſchen Bauers ſprach, war nicht im Stande, eine gewiſſe innere Freude zu verbergen, während er mit vfficieller Trauer in Miene und Haltung die wich⸗ 1* ⸗ tigen Mittheilungen ſeiner ergebenen Creatur entgegen⸗ nahm. „Und iſt dies Alles verbürgt?“ fragte er endlich einen Augenblick innehaltend. „Verbürgt, ſehr wohl verbürgt“, ſagte Rumian⸗ zoff,„meine Nachrichten kommen von Tolſtoi, welcher, wie Eurer Excellenz wohl bekannt ſein wird, ſeit dem Beginn des perſiſchen Krieges ſich immer in der un⸗ mittelbaren Nähe Seiner kaiſerlichen Majeſtät befindet.“ „Peter iſt alſo wirklich ernſthaft krank?“ „Sehr ernſthaft“, erwiderte Rumianzoff,„ſehr ge⸗ fährlich, ja wenn man den franzöſiſchen Aerzten, welche ihn begleiten, glauben darf, unheilbar.“ „Hm! Wir müſſen alſo bei Zeiten unſere An⸗ ſtalten treffen“, murmelte der Fürſt. „Wer ſoll, wenn ich wagen darf, die Anſicht Eurer Excellenz einzuholen, wer ſoll nach dem Tode des Cza⸗ ren den Thron beſteigen?“ „Wer ſonſt als Katharina!“ fiel Mentſchikoff bei⸗ nahe heftig ein. „Katharina?“ ſtaunte der Vertraute,„ich dachte doch—.“ „Laß Deine Gedanken bei Seite“, rief Mentſchi⸗ koff,„ſie ſind überflüſſig, Leute wie Du, ſollen nicht —— 5 denken, ſondern gehorchen, ausführen, was Andere wohl bedacht haben.“ „Das verſteht ſich ja von ſelbſt“, entſchuldigte ſich Rumianzoff,„Excellenz wiſſen, daß Sie unbeſchränkt über mich gebieten, aber man darf doch Meinungen haben, Vermuthungen.“ „Nun, was vermutheſt Du alſo?“ ſprach der Fürſt lächelnd. „Ich vermuthe, daß Katharina, welche wohl die Gemahlin des Czaren iſt, aber nicht von kaiſerlichem Blute.—“ „Sie war eine Leibeigene, ganz richtig, wie ich— Paſtetenbäcker“, unterbrach der Fürſt ſeinen Freund, „wenn man aber, wie Du ſiehſt, vom Paſtetenbäcker Fürſt, Miniſter und Feldmarſchall werden kann, ſo ſehe ich kein Hinderniß, daß eine Leibeigene den Thron beſteigen könnte. Uebrigens iſt Katharina bereits ge⸗ krönt und, was die Hauptſache iſt, Peter hat ſie in ſeinem Teſtamente zu ſeiner Nachfolgerin beſtimmt.“ „Wirklich“, erwiderte Rumianzoff,„dann gratu⸗ lire ich Eurer Excellenz von ganzem Herzen, denn wenn Katharina regiert, ſo heißt das ſo viel, als Mentſchi⸗ koff iſt Alleinherrſcher aller Reußen.“ „Du überſchätzeſt meinen Einfluß auf dieſe 6 herrſchſüchtige Frau, die ſich ihr ganzes glänzendes Schickſal ſelbſt gemacht hat“, ſagte der Fürſt. „Aber man ſpricht doch davon, daß—“, Ru⸗ mianzoff wagte nicht, ſeinen Satz zu vollenden. „Wovon ſpricht man?“ rief der Fürſt.„Du weißt, ich höre gern die Wahrheit und die öffentliche Meinung, wenn dieſe letztere auch nicht immer die Wahrheit iſt, alſo beſorge nichts, ſage mir Alles.“ „Man ſpricht ſo, das dumme Volk nämlich—“. „Und der Hof wohl auch?“ „Ja, auch der Hof“, beſtätigte Rumianzoff,„aber Excellenz werden mir wirklich nicht böſe werden?“ „Nein, nein, alſo was ſpricht der Hof?“* „Man meint, Excellenz hätten mit feiner Abſicht Ihre damalige Sklavin und— und—“. „Und Maitreſſe—“. „Und Maitreſſe, Katharina, dem Czaren zugeführt, um durch ſie denſelben um ſo ſicherer zu beherrſchen.“ „Was dieſe Leute doch Alles wiſſen“, murmelte Mentſchikoff,„zugeführt hätte ich ſie dem Czaren! Verborgen habe ich ſie vor ihm, vergraben wie man einen Schatz vergräbt, denn ich war raſend in ſie ver⸗ liebt, raſend ſag' ich Dir. Hätteſt Du ſie nur geſehen, wie ſchön ſie war, wie munter, immer guter Laune, wie verführeriſch, das war ein Leben, als ich ſie beſaß, 7 ich habe ſeitdem keine ſo vergnügten Stunden mehr ge⸗ habt. Wie verbarg ich ſie vor ihm, aber Peter entdeckte ſie doch, oder beſſer geſagt, ſie verſtand es, ſich von ihm entdecken zu laſſen, die Herrſchſüchtige, die Kokette, und von dem Augenblick an, wo ſie außer Zweifel war, daß ſie auf den Kaiſer Eindruck gemacht hatte, war ihr Plan fertig, ſtand ihr großes Ziel deutlich vor ihrem Geiſte, und ſie hat es erreicht. Ich aber, ich hätte vor Wuth und Eiferſucht ſterben mögen, als mir Peter ſagte: Sie gefällt mir, ich nehme ſie mit. Als ſie für mich verloren war, entzückte ſie mich noch weit mehr als damals, wo alle ihre Reize mir zur Verfügung ſtanden und ſo ſpaßhaft es Dir vorkommen mag, ich gäbe heute noch viel darum, dieſes Weib, das mich in ſo ſchlauer Weiſe verathen hat, zu beſitzen.“ „Katharina iſt noch immer ein ſehr begehrenswerthes Weib“, bemerkte Rumianzoff,„man behanptet übrigens, daß auch Eure Excellenz in großer Gunſt bei ihr ſtehen.“ „Gunſt?“ lachte Mentſchikoff,„es fehlte noch, daß meine ehemalige Selavin mich mit dem Stocke tractiren würde, wie Peter der Große ſeine Getreuen, wenn er übler Laune iſt. Gunſt? ſie fühlt, daß ſie etwas gut zu machen hat mir gegenüber, und ſo hat ſie ſtets, ſoweit es ihr die Klugheit erlaubte, meine Partei ergriffen, das iſt nicht zu leugnen.“ „Man ſpricht aber, daß Katharina in einem nähe⸗ ren Verhältniß—“ meinte der Vertraute. Mentſchikoff lachte laut auf.„Sie?— Sie iſt zu klug, ſich mit mir oder irgend Jemand einzulaſſen. Von dem Augenblicke an, wo ſie die Geliebte des Cza⸗ 3 ren war, durfte ich ihr nur noch als Diener nahen, dann, als ſie ſeine Gemahlin wurde, war ich mit einem Schlage ihr Unterthan, ihr Sclave, verſtehſt Du und wenn ich es gewagt hätte, mehr als den Saum ihres Kleides zu küſſen, es hätte mir den Kopf gekoſtet. Sie hätte mich geopfert, ohne nur mit den Wimpern zu zucken, aus Klugheit verſtehſt Du?“ „Sonderbar“, ſprach Rumianzoff,„ſonderbar“,. und ſchüttelte den Kopf.. Der Fürſt füllte aus einer Flaſche Sauterne, die auf dem Tiſche ſtand, ſein Glas mit Wein und leerte es auf einen Zug.„Aber ſprechen wir von dem per⸗ ſiſchen Feldzug“, ſagte er dann,„wir haben ſchlimme Nachrichten, ſehr ſchlimme Nachrichten.“ „Wie?“ „Der ganze Troß unſerer Armee, ſomit Proviant— und Munition, iſt in der Gegend von Aſtrachan den Elementen zum Opfer gefallen.“ „Die Elemente waren alſo ſehr gefällig gegen den Fürſten Mentſchikoff“, meinte der gute Freund. — ——— 9 Der Fürſt runzelte ein wenig die Stirn.„Der Kaiſer“, fuhr er dann fort,„wird in eine unangenehme Lage kommen, ſeine Truppen werden nichts zu eſſen haben, und, was noch weit ſchlimmer iſt, es wird bald an Pulver und Blei fehlen.“ „Eine abſcheuliche Geſchichte“, ſeufzte Rumianzoff, „der Kaiſer wird ſehr zornig werden.“ „Das fürchten wir.“ „Sagen wir lieber: das hoffen wir“, fiel Rumian⸗ zoff ein,„denn Zorn iſt ungeſund, und ſo wäre bei dem Zuſtande Peters zu erwarten—“. „Dieſer Feldzug gegen Perſien war eine wahn⸗ ſinnige Unternehmung“, fiel Mentſchikoff ein,„der Kai⸗ ſer hat ihn unternommen und wir werden ihn verant⸗ worten müſſen.“ „Darum wäre es S beſſer, wenn—.“ „Wenn?“ „Wenn der Czar, ehe das Unheil hereinbricht, das Zeitliche ſegnen würde“, ſchloß der Vertraute. „Freilich! Freilich! Aber es wird noch einige Zeit brauchen“, murmelte Mentſchikoff,„dieſer Peter iſt keine Filigranarbeit, ſondern eine eiſerne, unverwüſtliche Ruſſennatur, der Proceß der Auflöſung wird bei ihm nicht ſo raſch erfolgen.“ 10 „Man könnte ja denſelben beſchleunigen“, ſagte Rumianzoff leiſe. „Beſchleunigen“, entgegnete Mentſchikoff,„ich ſehe, Du haſt wirklich manchmal Gedanken, gute Gedanken, äußere ſie aber keinem Andern gegenüber, es könnte Dir den Kopf koſten. Wir wollen die Sache über⸗ legen. Du haſt vortreffliche Einfälle, mein Freund.“ „Auf mich können Eure Excellenz in jedem Falle zählen“, ſagte der Vertraute, indem er ſich tief ver⸗ neigte. „Ich zähle auch auf Dich“, entgegnete der Fürſt, „ich zähle ſehr auf Dich, aber es iſt noch nicht an der Zeit. Die wahre Weisheit beſteht nicht darin, ſeine Pläne rückſichtslos zu verfolgen, ſondern vielmehr, die Verhältniſſe und Thatſächen auszubeuten. Es heißt warten, warten vor Allem, wie ſich die Dinge in Perſien geſtalten.“ „Katharina's ſind Eure Excellenz doch vollkommen ſicher?“ forſchte Rumianzoff. „Wie oft ſoll ich Dir noch ſagen, daß ich ihrer gar nicht ſicher bin“, ſchrie der Fürſt auf,„ich habe, ſeitdei der Kaiſer ſie mir in Lievland weggenommen hat, nicht zwei Worte mit ihr unter vier Augen ge⸗ ſprochen.“ „Wäre das möglich?“ 11 4 „Es iſt ſo.“ „Aber ihrer Neigung ſind Sie doch ſicher.“ Mentſchikoff zuckte die Achſeln. „Es iſt bekannt, daß Katharina Sie geliebt hat.“ „Geliebt!— mich!“ rief der Fürſt,„wer kann ſagen, daß ihn dieſes Weib geliebt, daß ſie überhaupt geliebt hat. Ich weiß nicht, ob ſie mich geliebt hat, aber ſo viel weiß ich, daß ſie den Kaiſer nicht liebt, ſie iſt klug genug, ſich in ihn zu finden, ſich ihm unter⸗ zuordnen. Aber ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn ſie ſeiner Tyrannei nicht üderdrüſſig wäre, wenn ſie nicht etwas wie Haß gegen ihn empfände.“ „Das wäre etwas“, meinte Rumianzoff,„da ließe ſich anknüpfen.“ Der Fürſt war indeß an das Fenſter getreten. „Da iſt ſie“, murmelte er. „Wer?“ „Die Kaiſerin, ſie macht ihre Promenade im Park.“ „Iſt das nicht Frau von Ball, welche ſie be⸗ gleitet?“ „Allerdings.“ „Sie ſoll ſeit neueſter Zeit ſehr in Gunſt ſtehen bei Hofe“, warf Rumianzoff hin. „Bei Katharina, ja“, erwiderte Mentſchikoff,„von 12 niederländiſchen Eltern in Rußland geboren, beſitzt ſie die feine franzöſiſche Bildung, ohne in unſeren Sitten fremd zu ſein, daher der doppelte Zauber, den ſie übt. Aber ſieh doch einmal die Czarin an, iſt ſie nicht noch immer ein reizendes Weib, ein Weib, um deſſentwillen man dumme Streiche machen könnte?“ Rumianzoff lächelte.„Sie iſt in der That ſchön und ſelbſt ihre Körperfülle dient nur dazu, ſie noch verführeriſcher zu machen, aber deshalb werden wir es doch Anderen überlaſſen—“. „Dumme Streiche zu machen?“ unterbrach ihn Mentſchikoff.„Allerdings, und uns damit begnügen, dieſelben zu unſerem Vortheil auszubeuten.“ * II. Katharina. Nachdem Katharina mit ihrer Begleiterin die große Allee des Parkes wiederholt hin und zurück gemeſſen hatte, blieb ſie ſtehen und ſeufzte.„Es iſt genug“, ſprach ſie dann,„es wird dunkel und kühl, gehen wir hinauf. Aber was fangen wir heute an? Eigentlich 13 iſt es doch ſehr langweilig, ſeitdem der Czar fort iſt; ſo raſch und heftig auch ſein Weſen iſt, wo er iſt, iſt Leben, Bewegung, man kommt nicht zur Ruhe.“ „Und fühlen ſich Majeſtät wohl bei dieſem Leben?“ fragte Frau von Ball. „Mindeſtens verzweifle ich nicht vor Langeweile, wie jetzt“, rief Katharina. „Majeſtät vermiſſen den Czaren ſo ſehr, weil Sie ihn lieben“, bemerkte die Begleiterin. „Weil ich ihn liebe“, wiederholte Katharina und verſank in Nachdenken.„Wiſſen Sie, liebe Ball, daß ich eigentlich nie geliebt habe? Ich muß es mindeſtens glauben, nach Allem, was ich von Anderen über dieſes„ ſüße, trunkene Gefühl höre. Ich habe von der Süßig⸗ keit der Liebe wenig empfunden. Die Schuld mag an mir liegen.“ „Nein, ſie liegt an dieſen Männern, welche in dem Weibe nicht die Krone der Schöpfung ſehen, wie andere gebildete Nationen, ſondern die Sclavin ihre Lüſte.“ „Man liebt alſo in Frankreich anders wie bei uns?“ fragte die Kaiſerin. „Ja, meine Mutter hat es mir oft genug erzählt, wie dort der Mann der Sclave der Geliebten iſt, welche er knieend anbetet, der er mit Begeiſterung dient, ihr Ritter, der jeden Augenblick bereit iſt, für ihren 14 Beſitz, ihre Ehre ſein Leben im Zweikampf hinzu⸗ geben.“ „Ich kann nicht leugnen, ich möchte ſo eine Liebe kennen lernen“, erwiderte Katharina,„aber wie wäre das möglich, für mich möglich?“ „Gerade für Sie“, rief Frau von Ball,„iſt nichts unmöglich, ſobald Sie nur wollen. Sie ſind die Ge⸗ mahlin eines mächtigen Monarchen, die Beherrſcherin eines großen Reiches geworden, um als Kaiſerin Scla⸗ vin zu bleiben? Was iſt Ihre ganze Macht, wenn ſie nicht einmal im Stande iſt, Ihnen Ihr Leben mit jenen Dingen zu ſchmücken, nach denen Ihr Herz ver⸗ langt?“ Die Czarin begnügte ſich zu ſeufzen. „Sie lieben den Kaiſer nicht“, fuhr die Vertraute fort. Katharina machte eine abwehrende Bewegung. „Ich bin lange genug an dieſem Hofe“, ſprach Frau von Ball,„um alle Verhältniſſe zu durchblicken, Sie lieben Peter den Großen nicht. Sie waren ehr⸗ geizig, gut, Ihr Ehrgeiz hat ſein Ziel erreicht, wenn Sie aber jetzt auf dem Gipfel Ihrer Macht dieſelbe nicht zu genießen wiſſen, wenn Ihr Leben arm bleibt an allen wirklichen Freuden, wie das Leben einer 0 15 Sclavin, war dieſes Ziel dann dieſer Anſtrengungen, der Opfer, die Sie gebracht haben, werth?“ „Sie irren ſich“, entgegnete Katharina,„wenn Sie glauben, daß Peter mir gleichgültig iſt. In der rohen Kraft, ja in der Thrannei des Mannes liegt ein großer Reiz für das Weib, das nicht zur Herr⸗ ſchaft berufen iſt.“ „Nicht zur Herrſchaft der Gewalt“, gab Frau von Ball zur Antwort,„aber zu der Herrſchaft der Liebe.“ In dieſem Augenblicke, die beiden Damen waren bereits nahe dem Palaſte, ertönte in einiger Entfernung im Garten zuerſt eine Laute und dann eine wunder⸗ bare Tenorſtimme, welche ein elegiſches italieniſches Lied ſang. Die Kaiſerin horchte und blieb, die Hand auf den Arm ihrer Begleiterin geſtützt, ſtehen, bis die letzten Accorde verklungen waren. „Ein ſchönes Lied und eine noch ſchönere Stimme“, ſagte ſie dann, zur Freundin gewendet,„wer mag der Sänger ſein?“ „Ich habe keine Ahnung“, erwiderte die Vertraute. „Suchen Sie es zu erfahren, ich gäbe viel, ſehr viel darum, ihn zu kennen“, rief Katharina,„es muß eine pvetiſche Natur ſein, einer von jenen Rittern, welche Sie mir ſo verführeriſch geſchildert haben, welche vor uns knieen und uns anbeten, als die Krone der Schöpfung.“ „Ich will ihn aufſuchen“, ſprach Frau von Ball. „Nein, nein“, fiel die Kaiſerin ein,„und doch— ja. Gehen Sie, oder noch beſſer— gehen wir zu⸗ ſammen.“ Die beiden Frauen durcheilten hierauf die Laub⸗ gänge des weitläufigen Parkes. Von Zeit zu Zeit tönte leiſe die Laute und zeigte ihnen ſo den Weg. Plötzlich hielt Frau von Ball inne und wies auf einen künſtlichen Felſen hin, welcher ſich neben dem Baſſin eines Springbrunnens erhob.„Dort ſitzt er“, flüſterte ſie,„er hält die Guitarre im Arme, es iſt kein Zweifel. Soll ich ihn anſprechen?“ „Nein.“ „Warum nicht?“ „Ich will es ſelbſt thun“, ſprach die Czarin. „Um ſo beſſer“, ermunterte ſie ihre Vertraute, „ich will indeß Wache halten, damit uns Niemand überraſcht.“ Katharina näherte ſich raſch dem Baſſin. Der Sänger ſchien ſie nicht zu bemerken bis ſie vor ihm ſtand und ihre kleine, von Malern und Bildhauern ſo ſehr bewunderte Hand auf ſeine Schulter legte. Jetzt zuckte er zuſammen und erhob ſich in unbeſchreiblicher 7 Verwirrung; er hatte die Kaiſerin erkannt, aber nicht das brachte ihn um ſeine Geiſtesgegenwart, ſondern die gebietende Schönheit des üppigen We bes, das vor ihm ſtand und der tiefe herrliche Ton ihrer Stimme. „Ich danke Ihnen“, begann Katharina.„Ihr Lied hat die böſen Geiſter verſcheucht, welche meine Seele gefangen hielten in Trübſinn und Finſterniß. Ihre Stimme hat mich erlöſt, dieſe ſeltſam ſüße, weh⸗ müthige Stimme.“ „Fort, fort“, unterbrach ſie in dieſem Augenblicke Frau von Ball,„es nahe Schritte vom Palaſte her.“ Der Sänger beugte ein Knie vor der Czarin, erhob ſich dann und verſchwand raſch hinter der Tarus⸗ wand des nächſten Laubganges. Die Kaiſerin kehrte hierauf mit ihrer Begleiterin in den Palaſt zurück, ſie zeigte ſich den ganzen Abend auffallend zerſtreut und ging früh zu Bette. „Das wäre ein Mann, den ich lieben könnte“, ſagte ſie beim Auskleiden plötzlich zu Frau von Ball. „Wer?“ fragte dieſe. Katharina gab ihr keine Antwort. Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. I. 2 18 III. Der Sänger wird entdeckt. „Wiſſen Sie, daß ich von ihm geträumt habe?“ waren die erſten Worte der Kaiſerin, welche ſie am nächſten Morgen ſprach, als Frau von Ball bei ihr eintrat. „Von dem Sänger?“ „Ja, es war ein komiſcher Traum“, ſagte Ka⸗ tharina. „Hier in meinem Schlafgemache ſtand der ſchöne Jüngling vor mir und ſchwur mir Liebe. Ich aber wehrte ihn ab und ſagte: Ich will jene Liebe, welche den Mann zum Sclaven der Geliebten macht, zu ihrem Ritter, der für ſie zu ſterben verſteht. Da nahm er— es iſt zu komiſch— denken Sie, da nahm er ſeinen Kopf ab, etwa wie man einen Hut abnimmt und legte ihn vor meine Füße. Jetzt erſt bemerkte ich, daß ein Blutſtrom aus demſelben floß, welcher ſich immer mehr ausbreitete, höher und höher ſtieg und mich zu ver⸗ ſchlingen drohte. Ich ſchrie auf, da war mit einem Male aus dem Blute, das mich umrieſelte, ein rother Kaiſermantel geworden, welcher majeſtätiſch von meinen Schultern herunterfloß.“ — — 19 „Ein merkwürdiger Traum“, ſprach Frau von Ball. „Er ſcheint mir eine Warnung.“ „Wie?“ „Eine Warnung, mich nicht dieſem Gefühle hin⸗ zugeben, welches ſeit geſtern Abend mein Herz beun⸗ ruhigt“, entgegnete Katharina I.„und doch, ich muß wiſſen, wer der Sänger iſt, ich will ihn ſprechen, forſchen Sie nach.“ „Es iſt unnöthig, Majeſtät“, flüſterte Frau von Ball.„Ich kenne jetzt den Sänger.“ „Es iſt ein Fremder? Nicht?“ rief die Czarin. „Es iſt mein Bruder Moens de la Croix“, er⸗ widerte Frau von Ball. „Ihr Bruder!“ „Ja, Majeſtät.“ Katharina ging in einer Aufregung, welche ihre Vertraute noch nie an ihr bemerkt hatte, in ihrem Schlafgemache auf und ab. Endlich ſagte ſie:„Ich vertraue Ihnen. Schweigen Sie über Alles, was Sie ſeit geſtern Abend geſehen und gehört haben. Ich will Ihren Bruder in meiner Nähe haben. Ich ernenne ihn zu meinem Pagen und heute noch ſoll er ſein Amt antreten.“ „Welche Gnade, Majeſtät“, rief Frau von Ball, ſich der Monarchin zu Füßen werfend. 2* mich vielleicht in Ihren Augen rechtfertigen.“ 20 „Zeigen Sie ſich derſelben würdig“, erwiderte Katharina,„indem Sie dieſelbe nicht mißdeuten. Schweigen Sie auch Ihrem Bruder gegenüber, er darf nicht wiſſen, nicht einmal ahnen, welchen Eindruck er mir gemacht hat, denn ich bin entſchloſſen, dieſes Ge⸗ fühl, das in mir mächtiger zu werden droht als meine Einſicht und mein Wille, zu bekämpfen. Würde ich anders handeln, ich würde nicht allein mich, ſondern Moens mit mir verderben und das ſoll nicht ſein. Sie kennen unſern Hof, Sie kennen den Czaren, ver⸗ letzen Sie unſer gefährliches C Geheimniß mit keinem Worte, keiner Miene.“ „Majeſtät können mir in jeder Weiſe vertrauen“, ſagte Frau von Balt. „Stehen Sie auf“, gebot Katharina.„Staunen Sie auch nicht darüber, daß ich Mvens in meiner Nähe haben will; ſein liebes Antlitz, ſeine wunderbare Stimme werden mir den Kampf erleichtern. Er muß mir, jedesmal wenn Trübſinn mich befällt oder mein Herz wankend wird, eines ſeiner Lieder ſingen, das wird mich ſtärken, erheben, mir neue Kraft geben zum Kampfe mit mir ſelbſt. Und endlich, lachen Sie nicht über mich, ich bin kein junges Mädchen mehr, ich weiß es, aber ich liebe dennoch zum erſten Male, dies wird ———— ——— 2 „O, Majeſtät!“ rief die Vertraute. „Gehen Sie jetzt und bringen Sie mir Ihren Bruder“, ſchloß die Czarin. Frau von Ball ſuchte auf der Stelle Moens S „Die Kaiſerin hat Dich zu ihrem Pagen ernannt“, rief ſie ihm zu. Der junge, beſcheidene Mann fand im erſten Augenblick kein Wort der Erwiderung, kein Zei⸗ chen der Freude. „Nun, Du jubelſt nicht“, fuhr Frau von Ball fort,„Du machſt ſogar ein recht einfältiges Geſicht. Mein Kind, Du weißt vielleicht nicht, was dieſe Er⸗ nennung bedeutet? Sie heißt ſo viel, als die Kaiſerin iſt Dir gewogen und Katharina liebt Dich!“ „Katharina!“ ſchrie Mvens auf,„Katharina liebt mich?“ „Nun, was iſt da ſo Beſonderes daran“, ent⸗ gegnete Frau von Ball,„es iſt nicht das erſte Mal, daß eine Monarchin ihren Unterthan, ihren Diener liebt. Aber vorläufig darfſt Du ihr nicht merken laſſen, daß Du etwas von ihrer Leidenſchaft für Dich weißt, denn ſie will ſich bezwingen. Sie fürchtet den Großen, das iſt Alles.“ „Sie hat recht“, murmelte Moens,„ich zittere bei dem Gedanken ſchon, für— ſie, nicht für mich, denn ich würde mein Leben gern für ſie hingeben.“ 22 4 „Dein Leben und Du zitterſt für— ſie“, wieder⸗ holte Frau von Ball,„Du liebſt alſo Katharina?“ Mvens blieb ſtumm. „Du liebſt ſie“, murmelte die Schweſter,„um ſo beſſer. Du wirſt alſo, was ich beabſichtigt habe, gern und freudig thun.“ „Wie?“ „Du mußt die Czarin vollkommen erobern“, flüſterte Frau von Ball;„Peter der Große kann un⸗ möglich lange mehr leben, dann beſteigt Katharina den Thron und wir regieren mit ihr Rußland.“ „Welche tollen Gedanken, welche gefährlichen Pläne“, rief Mvens,„nie werde ich mich zu ähnlichen Intriguen mißbrauchen laſſen. Ich liebe nicht die Czarin, ich liebe Katharina, das ſchöne, liebenswürdige Weib.“ „Du biſt ein Kind, wir reden noch mehr davon, zieh Dich jetzt ſchön an, wir gehen zur Kaiſerin“, ſagte Frau von Ball. Sie dachte jetzt nur daran, ihren Bruder herauszuputzen; der flüchtige Eindruck im Parke mußte erneuert und verſtärkt werden, das war ihr vor Allem klar. Alles Weitere, dachte die ehr⸗ geizige Frau, müßte ſich von ſelbſt machen, wenn nur die Kaiſerin erſt Myens wirklich liebe. Frau von Ball half dem auf das Höchſte Verwirrten ſein Halstuch binden und machte ihm dann eine kühne Friſur. 23 Endlich war er fertig und konnte ihr in den Pa⸗ laſt folgen. Katharina, die ſonſt ſo kluge, kalte Frau, war unfähig ihre Bewegung zu verbergen, als Frau von Ball mit ihrem Bruder eintrat; flammende Röthe bedeckte ihre Wangen und ſtieg bis zu der gebieteriſchen Stirn empor, ihr Buſen flog heftig auf und ab und ihre Augen flammten dem Geliebten entgegen. Es wurden nur wenige ceremonielle Worte ge⸗ wechſelt, dann entließ die Czarin ihren neuen Pagen mit einer leichten Handbewegung. Von dieſem Augenblicke an blieb Moens de la Croix jedoch beinahe ununterbrochen in der Nähe Ka⸗ tharina's, freilich nie, ohne daß ſeine Schweſter Zeuge ihres Beiſammenſeins geweſen wäre. Um ihn zu ſehen, zu ſprechen, erfand die Czarin tauſend kleine Dienſt⸗ leiſtungen, denen ſich Moens mit einer Begeiſterung unterzog, welche nur aus wahrer Liebe zu ihr ent⸗ ſpringen konnte. Nicht zwei Wochen waren vergangen, und es konnte im Hauſe der Kaiſerin, am Hofe nichts geſchehen ohne den Pagen Moens und folglich ohne ſeine herrſchſüchtige Schweſter, welche die Zügel immer mehr an ſich riß und auf dieſe Weiſe bald Anlaß zur allgemeinen Unzufriedenheit gab; aber Katharina hörte nichts, wollte nichts hören. Sie war glücklich zum erſten Male in ihrem ſo reich bewegten Leben und 24 doch nahte ihr Moens nur als ergebener Diener und berührte nie mehr als die Spitzen ihrer roſigen Finger, wenn ſie ihm ihre ſchöne kleine Hand zum Kuſſe reichte. Wenn der Abend kam, ſaß der ſchöne Page auf einem Schemel zu den Füßen ſeiner Gebieterin und ſang ihr italieniſche und franzöſiſche Lieder oder las ihr vor. Er begleitete ſie zu Pferde, wenn ſie ausritt, er mußte ihr das große Portefeuille nachtragen in den Senat. Von Tag zu Tag wurde die Leidenſchaft der mächtigen Frau zu dem ſchönen, edelgeſinnten jungen Manne größer und größer, aber noch immer war ihr Wille ſtärker als ihr Herz, ihr Blut. Noch immer fürchtete ſie ihren Gatten mehr als ſie Mvens liebte. MW. Bruder und Schveſter. Das Zimmer, welches Moens ſeit ſeiner Ernennung zum Pagen der Czarin im kaiſerlichen Palaſte bewohnte, machte bei Weitem mehr den Eindruck, einem jungen Mädchen als einem jungen Manne zu gehören. Statt — — 25 Rapieren und Piſtolen, welche damals ausſchließlich die Wände junger Cavaliere zierten, ſah man hier eng⸗ liſche Holzſchnitte in ſchwarzen Holzrahmen, allerlei Liebesſcenen aus Shakeſpare darſtellend, Romeo und Julia, Hamlet und Ophelia, Othello und Desdemona, Petruchio und das böſe Käthchen. Die Mitte der Stube nahm ein kleines Clavier ein, deſſen Taſten im Geſchmacke der Zeit mit Perlmutter ausgelegt waren, die Fenſter waren mit Blumenſtöcken gefüllt und ſtatt eines Jagdhundes oder einer Dogge, ſpazierte ein zärt⸗ liches Pärchen rothfüßiger gurrender Turteltauben auf der Diele auf und ab. Es war früh am Morgen; Moens ſaß in einem leichten, ſeidenen Schlafrock, das lange Haar in wir⸗ ren Locken bis über die Schultern hinab, in einem altväteriſchen Lehnſtuhl und ſpielte die Laute, welche für ihn zu ſprechen ſchien, denn die Melodien, welche er ihr entlockte, ſtimmten vollkommen zu dem halb ver⸗ lorenen, ſchwermüthigen Ausdruck ſeines bleichen Geſichts. Plötzich wurde die Thüre lebhaft geöffnet und mit leichtem, elaſtiſchem Schritt, friſch und munter, im koketten Morgennegligee, trat Frau Ball herein. Sie betrachtete ihren Bruder, der kaum den Kopf zu ihr gewendet hatte, mit ſpöttiſchen Erſtaunen, trat endlich 26 ganz nahe vor ihn hin und legte ihm die Hände auf die Schultern. „Verliebter Träumer! Wie befinden wir uns“, be⸗ gann ſie lächelnd. „Herzlich ſchlecht“, erwiderte Moens leiſe,„aber ich hoffe, dieſer qualvolle Traum, den wir Leben, und mit ihm der noch weit grauſamere, den wir Liebe nen⸗ nen, wird bald ausgeträumt ſein.“ „Moens, Kind!“ rief die Schweſter mit einem Male ernſthaft.„Biſt Du verrückt? Den Kopf hängen laſſen, weil man eine Kaiſerin liebt und von ihr ge⸗ liebt wird, das iſt zu toll. Einen Andern würde ſein Hlück übermüthig machen und Dich ſcheint es nieder⸗ zudrücken.“ „Du nennſt Glück, was mich um alle Fröhlichkeit gebracht hat, und mir als letztes einziges Ziel ein frühes Grab zeigt“, murmelte Moens. „Grillen, nichts als Grillen eines jugendlichen Kopfes, in dem noch Alles wirr durcheinander ſprießt, Blumen des Geiſtes und abſcheuliches Unkraut. Du warſt von je ein Schwärmer. Als Kind ſchon ſtreckteſt Du auf den Armen Deiner Amme die Händchen nach dem Mond aus, wenn ſein ſilbernes Antlitz hereinblickte“, erwiderte die Schweſter, indem ſie ſich auf den Schooß des melancholiſchen Pagen ſetzte und die Arme um 27 ſeinen Nacken ſchlang.„Ich will Euch beide bald von dieſer Krankheit, die Euch befallen hat, heilen. Ja, ja, die Czarin ſeufzt auch von früh bis Abend wie ein junges Mädchen, das zum erſten Male einen Schnurrbart auf ſeinen Lippen gefühlt hat, und in der Nacht ſpricht ſie aus dem Schlafe: Mvens, mein theu⸗ rer Moens. Ich ſage Dir, ſie iſt verliebt, ganz toll iſt ſie in Dich. Benutze alſo, was die Gunſt des Schickſals—“. „Niemals“, unterbrach Moens ſeine Schweſter, „im Gegentheil, ich leide zu ſehr in ihrer Nähe, und wenn ich ihr nicht ganz gleichgiltig bin, ſo wird ihr das Verſtändniß für meinen Zuſtand nicht ganz fehlen und ſie wird mich entlaſſen. Ich will fort, weit fort, wo ich ſie nicht ſehe, wo kaum ihr Name an mein Ohr ſchlägt, ich will in den Krieg, zur Armee des Czaren.“ „Kind, was fällt Dir ein?“ rief Frau von Ball aufſpringend. „Es iſt kein Einfall, es iſt ein Entſchluß.“ „Du willſt fort?“ „Du hörſt, zur Armee, ich will ſehen, ob mir nicht der Pfeil eines Perſers das wilde Blut, das Herz zur Ruhe bringt“, erwiderte der ſchöne Page, indem et aufſtand und, die Arme auf der Bruſt verſchränkt, im Gemache auf und ab ging. „Und wenn Katharina Dich nicht von ſich läßt?“ fragte Frau von Ball ſchalkhaft. „Sie wird mich ziehen laſſen.“ „Nein, ſag' ich Dir.“ „Dann werde ich fliehen.“ „Es iſt nicht zu glauben, Du wärſt im Stande Dein Glück mit Füßen zu treten“, rief die Schweſter, deren Herrſchſucht mit dem Zartgefühl des ſchönen Pa⸗ gen nichts gemein hatte. „Ich habe einen Brief an die Czarin geſchrieben, in welchem ich ſie um meine Entlaſſung aus ihrem Dienſte und um Einreihung in die Armee bitte“, ent⸗ gegnete Moens. Frau von Ball brach in ein lautes Gelächter aus. „Lache nur“, fuhr Moens fort,„Dir mag es lächerlich erſcheinen, die Gunſt einer Monarchin, welche zugleich das ſchönſte Weib ihres weiten Reiches iſt, zu⸗ rückzuweiſen, aber ich bin noch nicht genug von der Hofluft verdorben, um zu begreifen, daß ich ohne Ge⸗ wiſſensbiſſe die Frau eines Andern, die Gemahlin mei⸗ nes Kaiſers lieben darf.“ „Wie moraliſch“, rief Frau von Ball noch immer lachend.„Laß mich alſo Deinen Brief leſen.“ 29 „Hier iſt er—“. Frau von Ball entfaltete das Papier, das ihr Bruder ihr eingehändigt hatte, und las: „Majeſtät! Die hohe Gunſt und Gnade, welche mir Eure Majeſtät bis jetzt ſo huldreich gezeigt haben, ermuthigt mich, eine demüthige Bitte zu den Füßen Eurer Maje⸗ ſtät niederzulegen. Die Hofluft beängſtigt mich, meine Seele iſt krank geworden, ſeitdem ich dieſelbe athmen muß. Ich beſchwöre Eure Majeſtät, mich aus Ihrem perſönlichen Dienſte zu entlaſſen und mir gnädigſt ein Officierspatent in der Armee, welche gegen die Perſer kämpft, zu verleihen. Dort kann ich zugleich Eurer Majeſtät und dem Staate dienen. Ueberzeugt, daß meine Bitte ein geneigtes Gehör finden wird, danke ich Eurer Majeſtät in vorhinein auf meinen Knieen und werde nie aufhören, Eure Majeſtät zu ſegnen und zu preiſen, als Eurer Majeſtät treueſter Unterthan und ergebenſter Selave Mvens de la Croix.“ „Sehr gut“, rief Frau von Ball, nachdem ſie das Document zu Ende geleſen,„mein aimabler Bruder macht Fortſchritte, ein Stil, um den Dich jeder Oberſt⸗ hofmeiſter beneiden könnte. Willſt Du dieſen Wiſch höchſt⸗ eigenhändig der Czarin übergeben?“ 30 „Nein, ich wollte Dich bitten—“, ſprach Moens zögernd. „Mich?“— ein ſchelmiſches Lächeln umſpielte den ſchönen Mund der jungen Frau, welche ſich an einem plötzlichen Einfall zu erheitern ſchien—„eigentlich ſollte ich es nicht thun, aber ich liebe Dich, Moens, ich liebe Dich wahrhaftig, und ſo will ich Deinen Brief der Kaiſerin übergeben.“ Sie ſteckte ihn zu ſich, küßte ihren Bruder auf die Stirne und verließ dann raſch ſeine Stube, um zu der Czarin zu eilen. V. Eine Monarchin, die nicht leſen kann. Die Czarin Katharina I. war in ihrem Gar⸗ derobezimmer damit beſchäftigt, vor einem in Gold gefaßten Spiegel franzöſiſcher Arbeit alle jene kleinen Künſte anzuwenden, welche der Schönheit einer Frau eine gewiſſe Ewigkeit verleihen. Endlich ſchien ſie fer⸗ tig, ſie betrachtete ſich mit einem Wohlgefallen, das ſie noch reizender machte, als ſie ſchon in der That war. „Iſt es nicht ſträflich, daß ich mich ſchön mache“, begann ſie, zu ihrer Vertrauten gewendet,„während mein Gemahl im Felde iſt und vielleicht Entbehrungen 34 leidet, iſt es nicht geradezu verbrecheriſch, daß ich mich für einen Mann ſchön mache, der nicht mein Gatte iſt und von dem ich weiß, daß ſeine Phantaſie ſich mehr als erlaubt mit mir beſchäftigt?“ „Was wäre da für ein Verbrechen zu ſuchen“, erwiderte Frau von Ball,„wir Frauen wollen alle und wo möglich Allen gefallen, nicht allein unſerem Anbeter oder Gatten, warum ſollte die Krone unſeres Geſchlechtes eine Ausnahme machen?“ „Sie entſchuldigen mich, ſtatt mich zurecht zu weiſen.“ „Gewiß und noch mehr.“ „Noch mehr“, fiel die Czarin ein,„Sie glauben alſo, daß ich weniger wage, als ich wagen könnte?“ „Ich würde in Ihrem Falle nicht ſo bedenklich ſein.“ „Sprechen wir offen, liebe Ball, ganz offen“, er⸗ widerte Katharina,„ich mache nur noch für einen Toilette, ich will ſchön ſein wie eine Göttin für Ihren Bruder, Moens will ich gefallen, keinem andern, und nicht allein gefallen, ich möchte ihn ich möchte ihn wahnſinnig machen.“ „Dann, Majeſtät“, fiel Frau von Ball ein, indem ſie eine neue, prachtvolle Robe, welche ſie auf dem Arme hatte, lächelnd entfaltete,„iſt dicſes herrliche Kleid über⸗ flüſſig, denn Moens kennt nur noch einen Gedanken, nur noch eine Empfindung: Katharina!“ 32 „Er liebt mich“, ſchrie die Kaiſerin auf, indem ſie ſich erhob.„Aber nein, nein, es darf ja nicht ſein. Nie darf er wagen, mir von ſeinen Gefühlen zu ſprechen, nie ſoll er erfahren, wie theuer er mir iſt.“ „Warum nicht?“ „Warum“, entgegnete die Kaiſerin,„weil es ihm, weil es mir den Kopf koſten könnte.“ „Deshalb nur?“ rief Frau von Ball,„dann kön⸗ nen Sie unbeſorgt ſein. Wer ſoll ein Geheimniß ent⸗ hüllen, das nur wir drei kennen?“ „Auch wäre es eine große Sünde“, verbeſſerte ſich Katharina. „Eine Sünde, von der Niemand weiß“, lachte die frivole Hofdame,„iſt keine Sünde.“ „O! ich bin recht unglücklich“, ſeufzte die mächtige Frau und war im Begriff, ihre Hände gegen ihr Ant⸗ litz zu preſſen; da fiel es ihr aber zu rechter Zeit ein, daß ſie die kunſtvolle Schminke verwiſchen würde und ſie ließ ihre Arme wieder herabſinken. „Unglücklich“, wie derholte Frau von Ball,„die Schönſte Ihres Geſchlechtes, eine Kaiſerin, eine Frau, die liebt und von dem Manne, den ſie erwählt hat, angebetet wird!“ „Was hilft das Alles, ich muß mir doch verſagen, was das Beſte, Köſtlichſte am Leben iſt“, klagte die 33 Czarin, während Thränen in ihre Augen traten. Sie war verliebt, wie nur je ein junges Mädchen, eine ſüße Unruhe, eine ahnungsvolle Sehnſucht hatte ſich ihrer Seele bemächtigt. Wenn ſie Mvens nicht ſah, fühlte ſie unbeſchreibliche Qualen und war er bei ihr, ſo befiel ſie eine namenloſe Angſt, ſich zu vergeſſen, ſich ganz zu verlieren und ſie athmete für einen Augenblick auf, wenn er ſie verließ. „Ich habe nicht gewußt, ja nicht einmal geahnt, was Liebe iſt“, fuhr die Czarin fort,„es iſt zugleich das Seligſte und Schmerzlichſte, was über den Men⸗ ſchen kommen kann. Iſt es möglich, daß ein Mann ſolche Macht über ein Weib gewinnt, wie dieſer Mo⸗ ens über mich. Hören Sie mich und glauben Sie mir, denn es iſt mein voller, ſchmerzlicher Ernſt, ich wollte, ich könnte alle dieſe Abzeichen der Gewalt und des Reichthums von mir werfen, ich möchte wieder die arme Leibeigene ſein, aber dafür in ſeinen Armen liegen, ohne ihn iſt das Leben troſtlos. Lieber ſter ben.“ Die Kaiſerin weinte. Frau von Ball wagte es lange Zeit nicht ſie in ihrem Schmerze zu ſtören.„Majeſtät“, begann ſie endlich,„zweifeln offenbar an Moens' Treue, an meiner Verſchwiegenheit.“ Sacher⸗Moſoch, Nuſſiſch Hofgeſcichten. 1. 3 „Keinen Augenklick“, gab Katharina zur Antwort, „aber ich täuſche mich nicht über die Gefahren, denen ein Einverſtändniß mit Moens uns Alle preisgeben würde.“ „Majeſtät ſind alſo entſchloſſen, dieſe Liebe zu bekämpfen?“ „Feſt entſchloſſen“, erwiderte Katharina,„ich muß das beſte Gefühl, das je von meinem Herzen Beſitz er⸗ griffen hat, ausrotten um jeden Preis.“ „Dann zögere ich nicht länger, Eurer Majeſtät die⸗ en Brief meines Bruders zu übergeben, worin er um eine Entlaſſung als Page und um Verſendung zur Armee bittet“, ſprach Frau von Ball, während ihre Augen einen eigenthümlichen Ausdruck von Falſchheit annahmen; ſie ſpielte offenbar die letzte Karte aus und berechnete einen böſen Coup. Mit einer tiefen Ver⸗ beugung überreichte ſie der Monarchin das Schreiben. „Er will fort“, murmelte Katharina,„ganz fort?“ „Und für immer“, fügte Frau von Ball boshaſt hinzu. „Das ſteht Alles in dieſem Brief?“ ſeufzte die Czarin, denſelben erbrechend und langſam entfaltend. „Armer Freund! Was ſchreibt er mir alſo, Sie wiſſen, daß ich nicht leſen kann, leſen Sie mir ſeinen Brief vor.“ ——— 35 Die intriguante Hofdame nahm ehrerbietig das Schreiben aus der Hand der Monarchin und begann es laut zu leſen; aber es lautete ganz anders, als der beſcheidene Mpens geſchrieben; ſie las aus dem Papier heraus, was ihr zu ihren Zwecken am dienlichſten ſchien. „Majeſtät! Ich weiß, daß es eine Beleidigung Ihrer hohen Würde iſt, was ich hier wage, aber ich will lieber ſterben, als länger ſchweigen. Schicken Sie mich auf das Schaffot oder nach Sibirien, wenn ich Ihren Zorn zu ſehr errege, aber erfahren Sie vorher, daß ich Sie liebe, Sie anbete, ſo wahnſinnig wie nur je ein Mann ein ſchönes Weib angebetet hat. O! dürfte ich nur einziges Mal mich vor Ihnen nieder⸗ werfen, Ihre Füße küſſen, aber ich weiß, es wäre ein zweites Verbrechen. Schicken Sie mich auf das Schaf⸗ fot; wollen Sie aber Gnade üben, ſo ſenden Sie mich zu unſerer glorreichen Armee, welche eben ſiegreich ge⸗ gen die Perſer kämpft. Dort wird mein Herz Ruhe finden, Erlöſung durch den Tod, den ich ſuchen werde wie eine Geliebte. Ihr verzweifelter Unterthan und Diener Moens de la Croix.“ „Sind Sie zu Ende?“ „Ja, Majeſtät.“ 3* ———— — tharina,„aber er hat recht, er ſoll, er muß fort.“ „Ich darf alſo ſagen, daß Eure Majeſtät ſeine Bitte gnädig erfüllen wollen?“ „Ja, er ſoll ein Patent haben; ehe er aber zur Armee abgeht, könnte ich—“ Katharina wagte es nicht, den Gedanken, welcher ſich ihrer bemächtigt hatte, aus⸗ zuſprechen. Die Vertraute ſchwieg gleichfalls, aber ein un⸗ merkliches Lächeln erhellte ihre Züge. „Er geht ja fort für immer“, rief die Czarin plötzlich entſchloſſen„und wie ſagten Sie? Eine Sünde, von der Niemand weiß, iſt keine Sünde; ich will ihn ſehen, ehe er uns verläßt, aber allein und ganz im Ge⸗ heimen, verſtehen Sie mich?“ Frau von Ball verneigte ſich demüthig; das Spiel war gewonnen. VI. Das erſte Töte à Töte. Eine Stunde ſpäter erſchien die Hofdame bei ihrem Bruder, dem Pagen und überreichte ihm ſchwei⸗ gend ein verſiegeltes Cvuvert. „Iſt dies für mich?“ fragte Mvens. „Armer Junge, wie er mich liebt“, ſeufzte Ka⸗ 37 „Für Dich, für wen ſonſt“, gab Frau von Ball ziemlich barſch zur Antwort. Moens brach das Siegel, das Couvert enthielt ein Officierspatent. „Das Uebrige mündlich“, fuhr die Hofdame fort; „die Kaiſerin iſt auf das Höchſte beleidigt und erzürnt darüber, daß Du ſo ohne Weiteres ihren Dienſt auf⸗ gibſt, ſie befiehlt Dir, Morgen ſchon den Hof zu ver⸗ laſſen und wenn Dir Dein Kopf lieb iſt, Dich nie mehr vor ihr blicken zu laſſen. Damit iſt mein Auf⸗ trag erfüllt.“ Die Seidenrobe rauſchte zornig der Hofdame nach, als dieſelbe hierauf mit großen Schrit⸗ ten aus dem Zimmer ihres Bruders eilte. „Vorbei“, murmelte Moens,„vorbei.“ Er ſaß kurze Zeit in Gedanken verſunken, Thrä⸗ nen glänzten an ſeinen Wimpern, dann raffte er ſſich auf und ging in die Stadt, ſeine Equipirung zu beſorgen. Als er zurückkehrte, fand erauf ſeinem Eiſche ei⸗ nen Brief; die Adreſſe verrieth eine Damenhand. In dem Briefe lag ein kleiner Schlüſſel, Moens betrachtete ihn erſtaunt und las dann: „Eine Dame, welche Sie liebt, wünſcht Sie vor Ihrer Abreiſe zu ſprechen. Dieſer Schlüſſel öffnet die Thür des kleinen, weißen Pavillons, welcher im Parke 38 in der Nähe des Neptunbaſſins ſteht. Schlag elf Uhr Nachts werden Sie erwartet.“ Der ſchöne Page lächelte wehmüthig, legte den duftigen Brief wieder auf ſeinen Tiſch und beſchloß bei ſich, von der liebenswürdigen Einladung keinen Ge⸗ brauch zu machen. Zum Glück oder eigentlich zum Unglück kam ſeine Schweſter und ſah den Brief. „Was haſt Du da?“ fragte ſie. „Sieh ſelbſt.“ „Du nimmſt das Rendezvous doch an?“ ſprach ſie dann. „Nein.“ „Biſt Du von Sinnen“, ſchrie Frau von Ball auf,„Du wirſt bei dem Rendezvvus erſcheinen, wenn Dir Dein Leben lieb iſt.“ „Wie ſoll ich das verſtehen“, ſtammelte Moens. „Die Kaiſerin iſt ohnehin für Dich verloren“, er⸗ widerte die Hofdame,„laß' alſo die ſchöne Gelegen⸗ heit, eine neue Protectorin zu finden, ja nicht vor⸗ übergehen.“ „Ich ſuche auf dieſer Erde Nichts mehr als den Tod“, entgegnete Mvens. „Wie es Dir gefällt“, ſpottete die ehrgeizige Schweſter, aber verſäume mir ja nicht das Rendezvous. Oder noch beſſer, ich hole Dich, wenn es Zeit iſt.“ . 39 Eine Viertelſtunde vor elf Uhr klopfte ſie in der That an die Thür ihres Bruders, welche ſie von innen ver⸗ ſperrt fand. Zuerſt gab der Page keine Antwort, dann bat er ſie, ihn in ſeinem Schmerze nicht zu ſtö⸗ ren; erſt auf vieles und dringendes Zureden von ihrer Seite öffnete er und kleidete ſich an. „Ich verlange ja nicht, daß Du Deine geheim⸗ nißvolle Beſchützerin liebſt“, ſagte Frau von Ball, „aber es iſt doch in der Art, ihr zu danken und klug ſich ihrer Theilnahme für die Zukunft zu verſichern.“ Sie hing ihrem Bruder den Mantel um die Schultern und ſetzte ihm den dreieckigen Federhut auf, dann zog ſie ihn mit ſich fort, durch die dunklen Gänge, eine ge heime Treppe hinab und ſchloß ein ihm unbekanntes Pförtchen auf, das in den Garten führte. Am ent⸗ gegengeſetzten Ende deſſelben lag der weiße Pavillon. Die zuvorkommende, dienſtfertige Schweſter ſtieg raſch die drei kleinen Stufen, welche zu demſelben führten, empor und öffnete. Moens trat ein; in dem Augenblicke umfingen ihn zwei volle, weiche Frauenarme und zu gleicher Zeit ſperrte Frau von Ball die Thüre hinter ihm. Er war gefangen. Es faßte ihn zugleich Angſt und Wuth, aber nicht zu lange, denn ſchon beruhigte ihn der ſüße, wohl⸗ bekannte Ton einer tiefen Frauenſtimme, welche zu ihm ſprach und der warme, duftige Athem, der ſeine Wange ſtreifte, berauſchte ſeine Sinne wie Blumen⸗ duft. „Ich danke Ihnen, Mvens, daß Sie gekommen ſind“, begann die Stimme,„daß Sie mir, wenn auch einmal nur, ein einziges Mal, Gelegenheit geben, unter dem Schutze der Nacht Ihnen zu ſagen, daß ich Sie liebe und wie ich Sie liebe. O! Sie ahnen nicht, pon welchen entſetzlichen Qualen mein Herz zerriſſen wird; ich ſoll Sie verlieren, vielleicht für immer, ehe Sie noch mein waren, aber ich will alle Bedenken, alle Pflichten bei Seite werfen, ich kann nicht von Ihnen laſſen, mag auch die Welt untergehen.“ Moens ſtürzte auf die Knie nieder und bedeckte die Hände der verliebten Frau mit Küſſen. „Liebſt Du mich?“ flüſterte ſie. „Ob ich Dich liebe?“ rief Moens,„weshalb fliehe ich Dich, den Hof, ja das Reich, weshalb ſuche ich den Tod?“ „Du darfſt nicht ſterben, Moens“, murmelte ſie, „Du mußt leben, für mich.“ „Jür Dich? Du ſagſt das, Du? Und es iſt Dein Wunſch, daß ich bleibe“, ſtammelte der Page. „Mein Wunſch, mein Wille“, erwiderte ſie raſch —3 4¹ und gebieteriſch,„ich befehle Dir zu bleiben, ich Deine Herrin, Deine Kaiſerin.“ VII. Verrath. Moens ging in Folge des Stelldichein im weißen Pavillon nicht zur Armee, ſondern blieb am Hofe und war durchaus nicht böſe, anſtatt am Wachtfeuer auf feuch⸗ ter, kalter Erde, in den Armen des herrlichen Wei⸗ bes zu liegen. Er war ſo glücklich in dem Beſitze Katharina's, daß er nicht im Entfernſten daran dachte, die Gunſt der Kaiſerin in irgend einer Weiſe für ſich auszubeuten, um ſo mehr nutzte ſeine herrſchſüchtige Schweſter die Schwäche der Monarchin aus, ſie riß allmälig die Zügel ganz an ſich, dominirte bald offen den Hof und begann auch in allen öffentlichen Ange⸗ legenheiten ihren Einfluß geltend zu machen. Die Folge war, daß die Geſchwiſter, welche für allmächtig galten, in kurzer Zeit den allgemeinen Haß auf ſich geladen hatten und man den Urſachen nachzuforſchen begann, denen ſie ihre beiſpielloſe Macht über die Kaiſerin zu danken hatten. Niemand war mehr beunruhigt durch die neuen Günſt linge Katharina's als Mentſchikoff; aber äußerlich ver⸗ 3 42 ſtand er es vortrefflich, ſeine an Gleichgiltigkeit gren⸗ zende Würde zu bewahren. Zum erſten Male verlor er ſeine Faſſung Ru⸗ mianzoff gegenüber, als ihm dieſer eine Andeutung dar⸗ über machte, daß die Kaiſerin Moens liebe und der⸗ ſelbe ihr beglückter Anbeter ſei. Da durchmaß er ſein Zimmmer mit großen Schritten, prügelte ſeine Diener und zerſchlug mit dem Knopf ſeiner Reitpeitſche einen prachtvollen venetianiſchen Trumeauſpiegel in Trümmer. Kaum hatte ihn Rumianzoff verlaſſen, ſo berief der Fürſt einen Mann, der ihm ſchon wiederholt große Dienſte geleiſtet hatte, ſeinen Spion Jwan Golowka. Von leibeigenen Eltern ſtammend, unter der niedrigſten Hefe des Petersburger Pöbels aufgewachſen, hatte die⸗ ſer, mit echt ruſſiſcher Schlauheit, Gewandtheit und Menſchenkenntniß begabt, in die Paläſte der Vor⸗ nehmen, ja bis in die Nähe des Monarchen zu dringen verſtanden, es gab in Petersburg keine Perſon, die ihm fremd war, kein Lebensverhältniß, das er nicht kannte. Dieſem Manne übertrug Mentſchikoff die ſchwie⸗ rige Aufgabe, in das Geheimniß einzudringen, welches das ungewöhnliche Verhältniß der Geſchwiſter La Crvix zur Monarchin umgab. Nach wenigen Tagen ſchon kam der Spion und „ 43 wurde von dem Fürſten in ſeinem Cabinet em⸗ pfangen. „Nun, was bringſt Du?“ rief ihm Mentſchikoff ſchon von weitem entgegen. „Wenig, Eure Excellenz, wenig, oder ſo zu ſagen Nichts!“ erwiderte Jwan ſchmunzelnd. „Weshalb kommſt Du dann?“ „Nun, man hört ſo Manches, wenn man unter die Leute kommt und Eure Excellenz wiſſen, die Stimme des Volkes iſt die Stimme Gottes.“ „Was ſagt alſo das Volk, Du Dummkopf“, ſchrie der Fürſt ungeduldig. „Das Volk meint, Ihre Majeſtät hätte in Ab⸗ weſenheit Ihres Herrn, gleich der Czarin in dem al⸗ ten Liede, einen jungen, ſchönen Mann in ihren Dienſt genommen, um ſich mit ihm ein wenig die Zeit zu vertreiben.“ „Iſt das Alles?“ ſchrie Mentſchikoff. „Für heute wohl“, erwiderte IJwan. „Dann auf der Stelle aus meinen Augen, Du Hundeſeele!“ ſchrie der Fürſt,„Du Rabenſohn, willſt Du mit mir Deinen Scherz treiben?“ und er ſprang auf den Spion los und ſtieß ihn mit Fußtritten zur Thür hinaus. Schon am nächſten Tage brachte Jwan, durch die 44 Liebesbeweiſe, welche ihm der Fürſt gegeben, ſichtlich gehoben, nähere Daten. „Ich kenne den Ort, wo die Czarin mit dem Pagen ihre Zuſammenkünfte hält“, ſchloß er ſeinen Bericht,„wenn Sie wollen, Väterchen, ſollen Sie ſich ſelbſt von Allem überzeugen und zwar noch in dieſer Nacht.“ „Gut, ich will mit Dir gehen, aber der Teufel ſoll Dich holen, wenn Du mir einen Streich ſpielſt“, murmelte Mentſchikoff.„Ich werde Sie nach zehn Uhr abholen, Väterchen“, lächelte Jwan. Der Fürſt nickte gnädig, damit war der Spion für diesmal entlaſſen. Mentſchikoff befand ſich, ſeitdem er an dem Liebeshandel der Czarin mit Moens nicht mehr zweifeln konnte, in einer grenzenloſen Aufregung, wie ein junger Ehemann, der an der Treue ſeiner Gattin irre zu werden beginnt, wurde er von den heftig⸗ ſten Qualen der Eiferfucht gefoltert; er nahm weder Speiſe noch Trank zu ſich und Alles, das Unſcheinbarſte reizte ſeine Wuth. So kam die Nacht heran. Als es zehn Uhr ſchlug, trat Jwan Golowka durch die geheime Thür in das Cabinet des Fürſten. „So ſpät“, ſchrie Mentſchikoff,„Du verdienſt die Knute, Schurke.“ „— 45 „Es iſt zehn Uhr, Euere Excellenz“, erwiderte der Spivn. „Hätteſt Du nicht um neun Uhr kommen ſollen?“ „Nein, um zehn“, gab IJwan ruhig zur Antwort. „Ja, ja, Du haſt recht“, entgegnete Mentſchikoff, „aber jetzt iſt es zehn, was zögerſt Du noch, ſie ent⸗ kommen uns.“ „Sie entkommen uns nicht“, ſprach Iwan.„Die Kaiſerin kommt um elf Uhr zu dem Stelldichein, der Page ein wenig früher. Wir werden um halb elf Uhr zur Stelle ſein und alle Zeit haben, unſeren Poſten, von dem aus wir ſie belauſchen, gut zu wählen.“ „Alſo vorwärts“, gebot Mentſchikoff. „Noch nicht, Väterchen“, ſprach der Spion,„dieſe Kleider mit dem vielen glitzernden Golde würden Sie verrathen.“ Er packte den ſchlichten Anzug eines ruſ⸗ ſiſchen Muſchik aus, den er in einem Tuche mitge⸗ bracht hatte und half dem Fürſten denſelben anlegen. Dann drückte Mentſchikoff die Ottermütze tief in die Stirne, hüllte ſich in einen dunklen Mantel und ver⸗ ließ mit Jwan auf geheimen Wegen den Palaſt. Der Spion führte ihn um denſelben herum in eine finſtere, ſchmutzige Straße, welche den rückwär⸗ tigen Theil des kaiſerlichen Gartens einſäumte. An der Mauer deſſelben lag ein großer Steinhaufen, da 46 gegenüber das Haus eines reichen Kaufmannes gebaut wurde. Die Beiden erkletterten denſelben und konnten nun bequem in den Garten blicken, den kleinen weißen Pavillon ſowohl als die beiden Wege, welche zu dem⸗ ſelben führten, überſehen. „Wie ſpät iſt es“, begann Mentſchikoff nach einer Weile,„die Zeit verſtreicht entſetzlich langſam.“ „Eure Excellenz würden einen ſehr ſchlechten Späher abgeben“, erwiderte Jwan;„denn es fehlt Ihnen an dem Wichtigſten, an Geduld.“ „Wenn Dir ſo zu Muthe wäre, wie mir, Zigeu⸗ nerſohn“, fluchte der Fürſt,„Du würdeſt auch die Mi⸗ nuten zählen.“ Träge ſchlich Viertelſtunde auf Viertelſtunde dahin, endlich nahten Schritte, der Kies kniſterte verrätheriſch unter dem Fuße des ſchönen Pagen. Er war in einen dunklen Mantel eingewickelt, der Hut bedeckte die Stirne und warf einen tiefen Schatten über die Au⸗ gen. Dennoch erkannte ihn Mentſchikoff auf der Stelle. Moens ſtieg die Stufen des Pavillons empor, öffnete leiſe die Thür und verſchwand in demſelben. Wieder einige Minuten ängſtlichen Harrens, dann kniſterte der Kies von Neuem. Diesmal war es eine Dame, in einen großen Pelz gehüllt, den Kopf von einem Schleier umgeben. ———— —ů — F ————— 47 Mentſchikoff konnte nicht zweifeln, er kannte die Um⸗ riſſe dieſer Geſtalt, dieſen etwas ſchwankenden Gang nur zu genau, es war Katharina. Auch ſie betrat den Pavillon, vann war lange Zeit Alles ſtill. „Gehen wir“, begann der Spion,„Eure Excellenz ſcheinen zu frieren.“ „Was fällt Dir ein?“ „Sie zittern ja am ganzen Leibe und klappern mit den Zähnen“, meinte Jwan. Der Fürſt antwortete ihm mit einem Fauſtſchlag in's Genick. „Ich will bleiben, bis ſie den Pavillon verlaſſen“, ſagte er nach einer Weile. Jwan ſchwieg. Es ſchlug Mitternacht, es ſchlug ein Uhr Morgens, zwei Uhr. „Die Zwei ſcheinen ſich ſehr gut zu unterhalten“, flüſterte der Spion. Diesmal ſchwieg Mentſchikoff. Es war nahe an drei Uhr Morgens, als die Kai⸗ ſerin, diesmal an dem Arme des Pagen, den Pavillon verließ. Nachdem ſie einige Schritte gethan, legte ſie ihre kleine weiche Hand auf die Schulter des Glück⸗ lichen und ſprach:„Mvens, gute Nacht.“ 48 Mentſchikoff ſeufzte tief auf und preßte die glühende Stirn an die eiskalte Gartenwand. VIII. Peter der Große und ſein Weib. Je mehr die Liebe in den Herzen der Beiden wuchs, die ſich auf den Stufen des Thrones, wo ſonſt nur kalte Berechnung und üppige Herrſchſucht herrſcht, gefunden hatten, um ſo mehr vernachläſſigten ſie jede Vorſicht. Es ſchien in ihnen eine Ahnung rege, daß ein ſo leidenſchaftsvolles, übermenſchliches Glück, mie ſie es ſich gegenſeitig gaben, nicht von Dauer ſein könne und es trieb ſie eine innere wunderbare Gewalt, die Spanne Zeit, die ihnen und ihren Wonnen zugemeſſen war, auszunutzen, den Kelch der Freuden auszuleeren bis zur Neige, ehe er gewaltſam von ihren Lippen weggezogen würde. Moens ging unangemeldet bei der Kaiſerin ein und aus und der ganze Hof, der neidiſch ziſchelte und grollte, warf ihm ſüße Schmeicheleien zu, gleich Bonbons und beugte ſich vor dem erklärten Günſtling Katharina's und ſeiner Schweſter, welche, während die Beiden träumten und ſchwelgten, mit ſtarker Hand die Zügel der Herrſchaft im Palaſte wie 49 im Reiche an ſich geriſſen hatte. Frau von Ball war klug genug, den Vortheil, den ihr die Liebe der Mo⸗ narchin zu ihrem Bruder gab, auszubeuten, aber nicht klug genug, ihre Macht zu verbergen. Offen vor aller Welt, mit ſchamloſer Stirne übte ſie ihre Protectionen und ſie ging noch weiter, ſie begann Officierspatente und Aemter, ſowie Orden zu verkaufen. Die Czarin, von Perſonen, die es ehrlich mit ihr meinten, gewarnt und von dem Umfug, den die Schweſter ihres ſchönen Pagen trieb, unterrichtet, ſchien denſelben nicht bemerken zu wollen. Die ſonſt ſo kluge, nüchterne Frau hatte alle Beſinnung verloren. Sie ging wie eine, die im Schlafe wandelt, durch die Säle des Czarenpalaſtes, wenn Moens nicht in ihrer Nähe weilte; ſie lebte nur noch, wenn er zu ihren Füßen lag; dann hielt ſie mit ihm ihre Welt in den Armen. Es war an einem trüben Herbſtmorgen. Die Bäume begannen ihr roth und gelbes Laub abzuwerfen und die Krähen zogen in ſchwarzen Schaaren den Städten zu und umflatterten gleich düſteren Boten des Unheils den Palaſt. Die Czarin hatte kaum ihr von aſiatiſcher Pracht ſchwellendes Lager verlaſſen, ihr noch durch keinen Puder entſtelltes rothblondes Haar mit einem him⸗ melblauen Seidenbande in einen herrlichen goldſchim⸗ Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten I. 4 mernden Knoten geſchlungen und ein leichtes weißes mit Spitzen beſetztes Morgengewand umgeworfen, als ſie Mvens zu ſich kommen ließ. Der ſchöne Page war be⸗ reits im vollen Staate, ja mit ſorgfältiger Eleganz ge⸗ kleidet; aber er ſah aus, als ſei er vor Kurzem von einem wüſten Gelage aufgeſtanden, ſo bleich, verſtört und übernächtig war ſein Geſicht und ſo düſter loderten ſeine ſchwärmeriſchen Augen in demſelben. Er ließ ſich vor der Kaiſerin auf ein Knie nieder und führte ihre ſchöne weiße Hand an die Lippen, nicht mit der Ehr⸗ furcht des Unterthans oder gar mit jener Demuth des Sclaven, welche an dem barbariſchen Hofe Peter des Großen den guten Ton und die Etiquette erſetzte, ſon⸗ dern mit der Galanterie eines franzöfiſchen S aus der Zeit Ludwig XIV. „Was befiehlt meine Herrin?“ begann er. „Nicht ſo förmlich, Moens“, ſprach die Czarin, „ich bedarf heute mehr als je Deiner Liebe. Entſetzliche Träume haben mir den Schlaf dieſer Nacht geſtört, einmal bin ich ſogar mit einem gellenden Schrei er⸗ wacht, der alle meine Frauen aufgeſchreckt hat. Komm zu mir, mein Freund, lege Deine ſanfte Hand auf mein Herz und beruhige es.“ Sie zog ihn an, iht re volle, herrliche Bruſt empor, küßte ihn mit dem gaſgen Wahnfinn heimlicher verbotener Liebe und ſetzte ſich „ v mit ihm auf einen Divan, der auf koſtbaren per⸗ ſiſ chen Tep pichen ſtand. Seltſam“, murmelte Moens,„auch ich habe ge⸗ träumt und nicht ſo angenehm wie ſonſt. Wie von Furien wurde meine Seele von wilden Phantaſien mit Schlangen gepeitſcht bis zum Morgen. Ich erinnere mich nur, daß Du plötzlich vor mir ſtandeſt, bräutlich geſchmückt im weißen ſchimmernden Seidenkleide, ein Diadem von Perlen überder herrlichen Stirne, Perlen⸗ ſchnüre um Hals und Ate geſchlungen. „Perlen bedeuten Tränen“, ſeufzte Katharina. „Ich hielt Deine Hand“, fuhr Mvens fort,„und ſo traten wir vor den Altar. Aber ſtatt der Orgel ertönten jetzt Trommeln im gellenden Wirbel und vor uns öffnete ſich ein Grab.„Du mußt hinab, Moens“, rieſſt Du,„um meinetwillen“, und ich ſprang hinab und tänzte gleich einem Raſenden in dem Grabe umher und Du ſtandeſt oben und lachteſt und warfſt Deine Perlen, eine nach der andern, zu mir herab; plötzlich ſtand Peter der Große, Dein Gemahl Dir zur Seite und ich hörte ihn ſagen:„Was zitterſt Du, Katharina?“ —„Ach! Das Grab iſt ſo kalt!“ gabſt Du zur Antwort. Da hing der Czar einen prachtvollen Zobelpelz um Deine Schultern und Du hüllteſt Dich fröſtelnd in den⸗ ſelben. Plötzlich fiel aber, wie ich ſo tanzte, mein 4* 52 Kopf von meinen Schultern und gerade vor Deine Füße hin, Du brachſt in ein tolles Lachen aus und Peter hob ihn raſch auf und ſprach:„Komm, Katinka⸗ wir wollen Ball ſpielen mit dem Kopfe des Mvens, damit Dir warm wird.“ „Ein entſetzlicher Traum“, ſagte die Czarin ſin— nend,„eine böſe Vorbedeutung. Gieb acht, Moens, daß uns ein Unglück widerfährt.“ Sie lehnte ihr Haupt leiſe an ſeine Bruſt und blieb, den Arm um ihn ge⸗ ſchlungen, lange ſtumm in finſteren, traurigen Ge⸗ danken, bis Moens ſich mit einem Male losmachte und vor ihr niederwarf. „Aengſtige Dich nicht, angebetete Frau“, rief er mit einem Enthuſiasmus, der ſelbſt ein häßliches Ge⸗ ſicht verklärt hätte und das ſeine doppelt verführeriſch erſcheinen ließ,„was kann dies Alles bedeuten, als daß ich vielleicht mein Leben für Dich geben muß. Sollte dies uns erſchrecken, uns die Stunden verbittern, wo wir Bruſt an Bruſt die Seligkeit der Himmel trinken, Nein, Katharina, laß mich ſterben für Dich, wie ich nur für Dich allein lebe und athme, wirf mir dann Deine Thränen, dieſe koſtbarſten aller Perlen, nach in das Grab und ich werde keinen Augenblick mein Schick⸗ ſal beklagen. Ja, oft weine ich, wenn mir die Sprache den Ausdruck verſagt für die Unendlichkeit meiner Liebe; ich könnte Dir nur im Tode mit dem letzten Blicke meiner Seele ſagen, was Du mir biſt und wel⸗ ches Glück Du mir bereitet, ein Glück ohne Grenzen und ohne Ende.“ „O! Moens, das iſt es eben, was ich fürchte“, erwiderte Katharina,„daß es endet, daß es enden muß. Mir ſchauert vor den Dingen, die mein Herz ahnt, vor dem nächſten Tage, ja vor der nächſten Stunde.“ Während ſie den ſchönen Pagen von Neuem umſchlang, rauſchte der Thürvorhang. Moens erhob ſich raſch und blieb einige Schritte von der Monarchin in ehrerbietiger Haltung ſtehen Eine Kammerfrau trat ein und meldete den Fürſten Mentſchikoff, welcher auf den Wink der Czarin in das Zimmer trat, ſich tief“ verbeugte und dann mit einem ſüßen Lächeln nach dem Befinden der Kaiſerin fragte. Nachdem ſie ihm ziemlich kühl und unwillig gedankt hatte, verneigte er ſich von Neuem und über⸗ reichte ihr dann ein großes Schreiben, welches auf grobem blaugrauen Papier das Siegel des Czaren⸗ zeigte.„Ein Courier hat dies für Eure kaiſerliche Majeſtät überbracht“, ſprach er, die Czarin feſt in das Auge faſſend.„Seine Majeſtät der Czar hat den Krieg mit Perſien glücklich beendet und einen vor⸗ theilhaften Frieden geſchloſſen.“ „Der Czar kehrt zurück“, rief Katharina bis in die Lippen erbleichend. „Er iſt unterwegs“, entgegnete Mentſchikoff. Er ſah die Beſtürzung der Kaiſerin und ihm entging auch nicht der Blick, den ſie und der Page Moens raſch wechſelten. Er fühlte dieſen Blick wie Feuer auf ſei⸗ nem Herzen brennen, die wüthendſte Eiferſucht in ſei⸗ nen Eingeweiden wühlen; aber er bezwang ſich und konnte ſogar lächeln, als die Czarin den Brief ihres Gemahls eröffnet hatte und von den Anſtalten zu ſei⸗ nem Empfange ſprach. Peter der Große wünſchte im Triumphe in ſeiner Hauptſtadt einzuziehen, gleich den römiſchen Cäſaren, die er nachzuahmen ſuchte, als nach ſeinem Siege über Karl XII. zwölftauſend gefangene Schweden vor ſeinem Wagen marſchirten. Die Czarin übertrug es dem Fürſten, die Befehle des Kaifers auszuführen und entließ dann Mentſchikoff mit einer kurzen Handbewegung. Als er aber das Zimmer verlaſſen hatte, war ihre Kraft zu Ende und ſie warf ſich weinend an die Bruſt des treuen Moens. An dem Tage, wo die Sieger von Derbent in der Hauptſtadt einzogen, ſtrömte das Volk von vielen Meilen in der Runde herbei, um ſie zu begrüßen und das Gepränge des ſeltenen Schauſpiels anzuſtaunen⸗ 6 ſ 55 Die Straßen waren mit Menſchen gefüllt, alle Bal⸗ kone, alle Fenſter, ja ſogar Dächer und Räume, die eine Ausſicht boten, dicht beſetzt. Die Kaiſerin war ihrem Gemahl im vollen Pompe ihrer Würde in einem vergoldeten Glaswagen, in wel⸗ chem man ſie von allen Seiten ſehen konnte, entgegen gefahren. Frau von Ball ſaß an ihrer Seite, während der Page Moens neben dem Schlage ritt. Fürſt Mentſchikoff kommandirte die Truppen, welche zu bei⸗ den Seiten der Straße Spalier bildeten. . Der Czar war in einem leichten Wagen ſeinen Soldaten vorangeeilt. Als er Katharina erblickte ließ er halten und ſprang mit jener ihm eigenthüm⸗ lichen Behendigkeit heraus, um ſie zu umarmen. Sie hatte gleichfalls ihre Caroſſe verlaſſen und ſtreckte ihm beide Hände entgegen, während er ſie, ohne viele Um— ſtände zu machen, beim Kopfe nahm und zuerſt auf die Stirne, dann auf den Mund küßte. Dann ſprach er in ſeiner, bei aller Rohheit gewinnenden leutſeligen Weiſe mit den vornehmſten Perſonen ihres Gefolges und als Mentſchikoff heranſprengte und nachdem er den Kaiſer militäriſch begrüßt, ſich vom Pferde herab zu ſeinen Füßen warf, küßte er ihn auf die Wange und hob ihn raſch auf. Als ſeine Suite herankam, warf der Czar den 56 infachen Koſakenmantel, den er trug, ab, und ſtand in der Uniform eines Generals mit allen ſeinen Orden da. Er war noch immer eine imponirende Erſcheinung voll Kraft und Behendigkeit; aber ſein Geſicht trug neben dem Stempel eines großen Geiſtes einen ab⸗ ſtoßenden Zug von Härte und Grauſamkeit, ja Beſtia⸗ lität. Im raſchen Schritt kamen die ſiegreichen Regi⸗ menter heran, von tauſendſtimmigem Zuruf begrüßt. Jetzt ſtieg der Czar zu Pferde und winkte Katha⸗ rina, das Gleiche zu thun. Der Stallmeiſter führte ihren weißen Zelter vor und Moens, der raſch abge⸗ ſprungen war, hielt ihr den Bügel. Jetzt erſt bemerkte Peter der Große den Jüngling und ſeine ſeltene Schönhett. „Wer iſt der junge Menſch?“ fragte er, während ſein Auge mit einer Art Feindſeligkeit auf ihm ruhte. „Moens de la Crvix, mein Page“, gab die Czarin zur Antwort. Peter der Große nickte und ſetzte ſich dann ſchwei⸗ gend an die Spitze ſeiner Truppen. Vor ihm zogen zweitauſend vornehme Perſer aus den eroberten Prr⸗ vinzen Dagheſtan, Schirwan, Mazanderan und Uſter⸗ abad, in ihrer prachtvollen orientalſchen Tracht. Dann folgten Elephanten und Kameele mit Schätzen bela⸗ den, eroberte Fahnen und Waffen. An der Teéte des Regimentes der Preobraſchenſkiſchen Garde ritt Peter der Große, den Degen in der Hand, den Hut mit Lorbeer bekränzt. Neben ihm die Kaiſerin im weißen goldgeſtickten Thronkleide, einen rothſammtenen Hermelin⸗ mantel von den Schultern niederwallend, die Krone auf dem Haupte. Hinter ihnen kam das Gefolge zu Pferde, dann folgten die Truppen in Paradeuniform, die Hüte mit Tannenreiſern geſchmückt. Die Hauptſtadt brauſte wie ein Meer in dem wilden Jubel des Volkes, Fah⸗ nen und Tücher wurden geſchwenkt, Tauſende von Kränzen und Reiſern fielen gleich einem grünen Re⸗ gen auf die Soldaten hinab, welche mit lauten Hurrah's antworteten und mit der fröhlichen Beute ihre Gewehre und Rüſtung ſchmückten. Vor dem Palaſte erwartete der Senat den Kaiſer und die Vorſtände der Hauptſtadt und die Kaufleute begrüßten ihn mit Salz und Brod und brachten ihm und der Kaiſerin reiche Geſchenke. Dem Triumphzuge folgte ein prunkvolles Mahl, bei dem Fürſt Mentſchikoff einen Toaſt auf den Kaiſer, Peter der Große auf die Armee, und Fürſt Repnin auf die Kaiſerin ausbrachte. Es war ſpät, als der Kaiſer aufbrach und ſih mit ſeiner Gemahlin in ſeine Gemächer zurückzog. Er 58 ging zuerſt in ſeine Garderobe, um ſich umzukleiden. Als er dann in einem grünen Seidenſchlafrock in ihr Schlafgemach trat, rief er erſtaunt:„Was ſoll das, Katinka, was fangen wir mit dieſen Fetzen an.“ Katharina ſaß nämlich, wie ſie den Feſtſaal ver⸗ laſſen, im vollen kaiſerlichen Schmuck auf einem Stuhle, in tiefe Gedanken verſunken und blickte befremdet, bei⸗ nahe erſchreckt auf den Czar. Dieſer nahm ihr raſch den Mantel ab und reichte ihn der Kammerfrau, die auf ſeinen Ruf erſchienen war.„Hilf der Czarin ſich auskleiden“, ſchrie er,„raſch! raſch!“ und eine zweite, die herbeigerannt kam, ſtieß er unſanft in die Seite und befahl einen Schlafrock für ſeine Gemahlin. Als dieſe ihre Tvitette beendet, und die Kammerfrauen ſich entfernt hatten, zog er ſie raſch auf ſeinen Schvoß und ſprach, ihren vollen Nacken ſtreichelnd:„So ge⸗ fällſt Du mir, Katinka; aber was haſt Du, Du be⸗ nimmſt Dich wie eine Bauernbraut, die ſich ziert, um für einen Ausbund von Tugend zu gelten. Was ſoll das? Ich kenne Dich nicht mehr. Behandelſt mich wie einen Fremden, mich den Peter, Deinen Kaiſer, Deinen Mann. Was hat ſich in meiner Abweſenheit verändert?“ „Ich wüßte nicht“, flüſterte Katharina. „Aber ich weiß“, rief Peter,„warum küſſeſt Du mich nicht? Ha! was ſollen dieſe feierlichen Fratzen, 3 „ 59 das Schauſpiel iſt zu Ende, den Degen haben wir— ſo Gott will— für lange in die Ecke geſtellt zu dem Spinnrocken der alten Weiber, jetzt iſt der Czar bei der Czarin, der Mann bei ſeinem Weibe, auf das er ſich ſo ſehr gefreut hat, in ſeinem Zelte mitten unter dem Lärm des Kriegslagers und in der Schlacht, wenn die Kugeln ringsum einſchlugen. Ja, ich weiß jetzt wieder ſo recht, Katinka, wie ich Dich liebe, und Du, Du blickſt drein, als hätteſt Du zu viel Kwas(ſaure Suppe der Ruſſen) gegeſſen.“ Katharina lächelte.„Du warſt ſo lange fort von mir und ich muß mich erſt wieder an Dich gewöhnen“, ſprach ſie, indem ſie den Arm ſanft um ſeinen Nacken legte,„das iſt Alles, und das iſt nicht meine, ſondern Deine Schuld.“ „Da haſt Du wieder Recht“, murmelte Peter, ſie mit einer Art andächtigem Entzücken betrachtend,„wie klug Du biſt und wie ſchön! Ich habe noch kein ſchö⸗ neres Weib geſehen als Du biſt, Katinka, wo ich auch war, weder in Holland, noch Deutſchland, noch jetzt in Aſien. Ich bin ſtolz, Dich zu beſitzen, aber auch Du kannſt auf mich ſtolz ſein, denke ich, was?“ „Ich bin es auch“, erwiderte die Czarin und jett endlich begannen ihre Augen zu leuchten, wie einſt in ſchöneren Tagen. —— 60 „Nun, dann küſſe mich“, rief der Czar, und ſie, von dem Momente hingeriſſen, alles Andere vergeſſend, ein echtes Weib, warf ſich an ſeine Bruſt und begann ihn zu küſſen mit jener Zärtlichkeit, welche dem großen rohen Manne mehr als eine ſchwere Stunde verſüßt und mehr als einmal ſeine wilden Leidenſchaften ge⸗ bändigt hatte. IX. Der Ueberfall. So glücklich ſich auch Peter der Große nach ſo langer Trennung in den Armen ſeiner Gemahlin fühlte, ſo viel Erquickung er auch aus dem Geſpräche mit dieſer ſeltenen Frau ſchöpfte, welche, ohne leſen oder nur ihren Namen ſchreiben zu können, alle Staats⸗ männer ihres Reiches an Klugheit und Weitſicht über⸗ traf, die Veränderung, welche im Weſen Katharina's vorgegangen war, entging ihm doch nicht. Da er aber, mit allen anderen Eigenſchaften eines cchten Ruſſen, auch die Schlauheit ſeines Volkes beſaß, verbarg er dieſe Entdeckung ſorgfältig vor Jedermann, wohl be⸗ dacht, eine zweite größere zu machen, der Urfache die⸗ ſer Veränderung auf die Spur zu kommen. So liebe⸗ voll und unbefangen ſein Benehmen gegen Katharina 6¹ war, ſo beobachtete er ſie doch unaufhörlich, und end⸗ lich bemerkte er den ſeltſamen, wehmüthigen Ausdruck, mit dem ihr Auge, wenn auch nur ſelten und vorſich⸗ tig, jenem des ſchönen Pagen begegnete. Er richtete nun ſein Augenmerk auf Moens und ſeine bleichen Wangen, ſein unheimlich glühendes Auge, ſein ruheloſes, unſtetes Weſen beſtärkten ſeinen Verdacht. Daß der Page die Czarin liebe, darüber war er bald nicht mehr im Zweifel. Aber ſie? Erwiderte ſie dieſe Leidenſchaft eines jungen ſchwärmeriſchen Herzens? Spielte ſie nur— wie es Frauen ihres Alters lieben — muthwillig mit den Flammen, die ihr entgegen lo⸗ derten, oder ließ ſie ſich gnädig ſeine Huldigungen ge⸗ fallen, wie man ſich im Winter doppelt an den Blumen freut, die einem hinter Glas und Mauer aufblühen? Oder hatte ſeine Leidenſchaft ſie gerührt, fühlte ſie für ihn ebenſo warm, wie er für ſie, und wie weit war ſie dann gegangen? Hatte ſie ihre Pflichten, die Würde einer Herrſcherin ganz vergeſſen? Dieſe Gedanken beſchäftigten den Kaiſer, deſſen Mißtrauen grenzenlos war, unaufhörlich und erregten furchtbare Qualen in ſeiner Bruſt. Eines Tages, er ging eben, wie er es liebte, in unſcheinbaren Kleidern mit Mentſchikoff in den mit Schnee bedeckten Straßen ſpazieren, fragte der letztere 62 in einem Tone, der dem Kaiſer nicht auffallen ſollte: „Finden Majeſtät die Czarin nicht verändert?“ Peter blieb ſtehen, ſeine Augen bohrten ſich in das Antlitz des Fürſten, und in ſeiner Weiſe geradezu auf die Sache losgehend, begann er mit rauher, gepreßter Stimme:„Verändert, ſagſt Du, Du weißt etwas, Saſcha (Alexander), was weißt Du, ſprich, ohne Umſchweife. Ich befehle es Dir.“ „Wie ſollte ich wagen“, ſtotterte Mentſchikoff, der eine unangenehme Wendung vorausſah. „Spiele mir nicht den Diplomaten, Saſcha“, fuhr der Czar mit erhobener Stimme fort,„ich rathe Dir gut—“. „Majeſtät, eine unbeſonnene Frage, nichts wei⸗ ter—“. „Nichts weiter?“ ſchrie der Czar aufgebracht, faßte Mentſchikoff bei der Bruſt und begann ihn zu ſchütteln,„Du weißt etwas, ſprich, vder ich erwürge Dich.“ „Nichts weiß ich, Nichts“, ſtöhnte der Fürſt. Schon hatte ſich ein Haufe Neugieriger um die Beiden verſammelt, welcher ſie für nichts weiter als Kaufleute hielt, welche bei einem Handel in Streit ge⸗ rathen waren, und Stimmen wurden laut, welche ſie zu begütigen und andere, welche ſie noch beſſer auf — 63 einander zu hetzen ſuchten, während die Uebrigen gaff⸗ ten und lachten. Als Peter der Große endlich den am ganzen Leibe bebenden Fürſten bei den Haaren zu Bo⸗ den riß und ihm eine ſchallende Ohrfeige gab, jubelte die Menge und ein kräftiger Kutſcher trat näher, legte dem Czaren eine Hand auf die Schulter und rief:„Du biſt ein rechter Kerl, hau ihn nur recht, den feigen Spitzbuben.“* Jetzt erſt bemerkte Peter der Große die Menge, die ihn umſtand, und ſofort wandte ſich ſein Zorn ge⸗ gen dieſelbe. Er ergriff den Kutſcher beim Rock und ſchleuderte ihn mit einem Fußtritt mitten unter die Gaffer, dann hob er ſeinen Stock und begann fluchend auf ſie loszudreſchen. Im Nu hatte er den ganzen Knäuel auseinander getrieben; aber es wäre ihm zu⸗ letzt doch ſchlecht gegangen, wenn nicht ein paar Sol⸗ daten dazu gekommen wären, die ihn erkannten. In dem Augenblicke, wo der Kutſcher, der ſich auf⸗ gerafft hatte, ihn von hinten beim Kragen ergriff, rie⸗ fen die Soldaten:„Es iſt der Czar! Um Gotteswillen, laßt los, es iſt der Czar!“ Im Augenblick lag die Menge vor ihm auf den Knien. „Das iſt der Elende“, riefen die Soldaten, den Kutſcher ergreifend,„der Hand legen wollte an den Czar.“ 64 „Was wollteſt Du?“ fragte Peter der Große, ihn aus ſeinen grauen Augen anblitzend. „Den Schlag wollt' ich Dir zurückgeben, Väterchen, was weiter“, erwiderte der Kutſcher, die Achſel zuckend. „Nun— da warſt Du im Rechte—“, ſagte der Czar,„laßt ihn los, und hier für die gute Meinung.“ Er ließ einige Silbermünzen in ſeine Hand gleiten. „Gott ſegne den Czar!“ rief der Kutſcher, ſeine Mütze in die Luft werfend, und die Menge ſtimmte jubelnd ein, während Peter der Große mit Mentſchi⸗ koff, der ſich todtenbleich aufgerafft hatte, in eine Sei⸗ tenſtraße bog. „Nun, willſt Du jetzt reden?“ begann der Czar, indem er ſeinen Stock hob. „Soll ich Alles ſagen, was auch daraus entſtehen mag?“ entgegnete Mentſchikoff, deſſen Lippen von Wuth und Bosheit zuckten. „Ich befehle es Dir, ich, der Czar.“ „Nun denn, Katharina liebt—“ „Den Pagen!“ ſchrie Peter der Große auf. Mentſchikoff nickte. „Und Du weißt, wie weit ſie gekommen ſind?“ „Ich weiß es.“ „Sprich, Sprich!“ „Sie hat mit ihm Zuſammenkünfte gehabt 65 „Zuſammenkünfte?“ raſte Peter. „Heimlich— in tiefer Nacht.“ „Du lügſt, Saſcha“, rief der Czar plötzlich heiter. „Ich vergeſſe, wie ſehr Du ſelbſt in dieſes Weib ver⸗ liebt warſt, Du haſt ſie mir ungern überlaſſen, ich erin⸗ nere mich noch jedes Umſtandes, und ich wette, jetzt, wo ſie aus Deiner Sclavin Deine Gebieterin geworden iſt, gefällt ſie Dir noch viel beſſer. Der hübſche Knabe iſt natürlich auch in ſie verliebt, warum nicht, es wäre eine Kunſt, ſie nicht zu lieben, das weißt Du am beſten, und von Eiferſucht verblendet, weißt Du nichts Beſ⸗ ſeres anzufangen, als zu lügen und ſie zu verleumden.“ Peter der Große brach in ein lautes ſchallendes Ge⸗ lächter aus. Mentſchikoff ſagte ihm Nichts, als was er ſelbſt ſeit ſeiner Rückkunft ahnte; aber als der Zweifel, der ihn folterte, durch die Beſtätigung eines Andern zu, Gewißheit werden ſollte, jetzt wollte er es nicht glauben jetzt wies er die entſetzliche Wahrheit von ſich.“ „Majeſtät, ich lüge nicht!“ rief der Fürſt nach einer kleinen Pauſe. „Mentſchikoff“, ſprach der Czar mit einer kalten Ruhe, welche zugleich etwas Großartiges und Grauen⸗ erregendes an ſich hatte,„Du klagſt Deine Kaiſerin eines ſchweren Verbrechens des Treubruches an. Beweiſe, was Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten, I. 5 66 Du mir angedeutet haſt und wovon Du Wiſſenſchaft zu haben vorgibſt. Ein Hofgeſchwätz überzeugt mich nicht. Ich will wirkliche Beweiſe haben, und lieferſt Du ſie mir nicht und zwar in kürzeſter Zeit, ſo haſt Du gelogen und ich laſſe Dich vor den Augen Katha⸗ rina's todtpeitſchen, verſtehſt Du, und nun genug da⸗ von.“ Mentſchikoff, der ſeinen Herrn kannte, war entſetz⸗ lich bleich geworden. Er verneigte ſich ſtumm und ſie gingen dann weiter, ohne mehr ein Wort zuſammen zu ſprechen.—— Seit der Rückkehr des Czars war es den Lieben⸗ den nur äußerſt ſelten gegönnt geweſen, ſich zu ſprechen. Nur wenn der Czar, von Staatsgeſchäften ermüdet oder nach einem feſtlichen Mahle, früher zur Ruhe ging⸗ und Alles im Paläſte ſchlief, durfte es der Page wa⸗ gen, das Schlafgemach Katharina's zu betreten. Seine Schweſter hielt dann im Vorſaal Wache; aber es waren doch immer ängſtliche Stunden, ein ruheloſes Glück und nicht einmal die berauſchenden Küſſe des ſchönſten Weibes, wie der Czar Katharina genannt hatte, waren im Stande, die böſen Ahnungen zu verſcheuchen, welche die ſonſt ſo klare Stirn des Jünglings umdüſterten. Es war eine ſtürmiſche Winternacht; der Schnee pochte an die Fenſter und der Wind heulte in den Ka⸗ 67 minen. Peter hatte ſich am Abend mit Mentſchikoff in ſein Cabinet eingeſchloſſen, um zu arbeiten, dann war er plötzlich zu der Czarin gekommen und hatte ihr be⸗ fohlen, zu Bett zu gehen, auch er ſei müde und wolle ruhen. Als die Lichter in ſeinem Flügel längſt erloſchen waren, kein Menſch mehr im Palaſte zu wachen ſchien, ſtanden zwei Männer in kurzen Pelzröcken, den Hut in die Stirne gedrückt, mit Piſtolen und Stöcken bewaffnet, unter den dicht beſchneiten Bäumen des Gartens, un⸗ bekümmert um den Sturm, der oben in den Wipfeln und unten in ihrem Haare wüthete und ſie mit den eiſigen Flocken in's Geſicht ſchlug. „Es iſt genau eine Stunde“, ſagte der eine im grünſammtenen mit dunkelem Zobel gefütterten und ausgeſchlagenen und mit Gold verſchnürten Rocke,„ge⸗ nau eine Stunde, daß ich ſie ſchlafen geſchickt habe. Noch iſt Nichts zu bemerken. Nicht einmal der Schim⸗ mer eines Lichtes. Weh' Dir, Mentſchikoff, wenn Du gelogen haſt.“ „Ich bitte Eure Majeſtät, ſich für eine Viertelſtunde ganz meiner Leitung anzuvertrauen“, ſagte der Fürſt, der einen Luchspelz von ſchwarzem Tuche trug und ſehr bleich war. „Gut, ich will thun, was Du verlangſt; aber ich gebe Dir nur die Viertelſtunde, die Du ſelbſt verlangt haſt“, entgegnete der Czar,„dann will ich Gericht hal⸗ ten über ſie oder über Dich, Schurke.“ „Plötzlich kniſterten Schritte im Schnee und ein vermummter Mann kam ebenſo raſch als leiſe auf die Beiden zu. Der Fürſt ging ihm entgegen, wechſelte einige Worte mit ihm und wendete ſich dann zu dem Kaiſer.„Es iſt Zeit“, ſagte er. Peter der Große ſenfte auf und folgte ihm. Sie traten durch eine geheime Thüre in den Palaſt, ſtiegen, von Niemandem bemerkt und ohne nur das geringſte Geräuſch zu verurſachen, die mit Teppichen belegte Treppe empor und ſtanden jetzt vor dem Vorſaal der Kaiſerin. Frau von Ball hatte die Thür deſſelben von innen geſperrt. Mentſchikoff verſuchte leiſe die Klinke, dann klopfte er. „Wer iſt da?“ fragte eine weibliche Stimme. „Euch droht Gefahr, öffnet“, erwiderte Mentſchi⸗ koff mit verſtellter Stimme. Er erhielt keine Antwort; aber man hörte deutlich ein Frauengewand rauſchen, eine Thüre öffnen und zu⸗ ſchlagen. Jetzt verlor Peter der Große, vor Wuth und Eiferſucht ſinnlos, die Geduld und rief:„Brechen wir die Thür ein, Saſcha.“ Sie ſtemmten ſich Beide mit voller Gewalt an dieſelbe, nach kurzem Widerſtand flog ſie auseinander, und der Czar ſtürzte, von ſei⸗ —— n—————— S——— † ——— 69 nem Vertrauten gefolgt, durch den finſtern Vorſaal in das Schlafgemach ſeiner Frau, welches er gleichfalls ohne Licht fand. „Wer iſt da?“ fragte Katharina mit dem Tone tiefen Erſtaunens; ſie lag in ihrem Himmelbette und hatte die Gardinen zugezogen. „Mach' Licht“, gebot der Czar dem Fürſten. In wenig Augenblicken hatte dieſer die Kerzen des Arm⸗ leuchters, der auf dem Nachttiſch der Kaiſerin ſtand, angezündet, und wies ſtumm auf das Fenſter, welches offen ſtand. „Ei, Katinka“, begann Peter der Große,„biſt Du krank, ſeit wann leideſt Du ſo ſehr an Hitze, wer hat das Fenſter geöffnet und zu welchem Zweck?“ „Ich habe es geöffnet, weil man zu ſtark geheizt hat“, erwiderte die Czarin mit zitternder Stimme. „Zu ſtark geheizt!“ Peter derſ Große eilte zum Ka⸗ min hin und kehrte dann ebenſo raſch zu dem Bette zurück, deſſen Vorhänge er heftig auseinanderriß. Er ſah die Kaiſerin, mit ihrem Schlafpelz bekleidet, mit verwirrtem Haare in den ſeidenen Kiſſen ausgeſtreckt. „Es iſt nicht einmal mehr warme Aſche im Kamin“, rief er,„das Feuer iſt ſeit mindeſtens zwei Stunden abgebrannt, und hier im Zimmer iſt es ſo heiß, daß Du im Pelze ſchläfſt.“ Er ergriff den Arm Katharina's und riß ſie mit einem einzigen Ruck ſeiner Eiſenfauſt aus dem Bette, ſo daß ſie mit einem Male auf dem Boden zu ſeinen Füßen lag.„Wer war bei Dir, Elende, und hat Dich durch jenes Fenſter dort verlaſſen?“ murmelte er mit von Wuth erſtickter Stimme. „Niemand war bei mir“, entgegnete Katharina ruhig. „Du willſt nicht geſtehen?“ „Ich habe Nichts zu geſtehen.“ Der Czar ließ ſie los und begann das Zimmer zu durchſuchen; der ſchwere dunkle Vorhang des zweiten Fenſters war zugezogen; er theilte ihn mit einer zor⸗ nigen Bewegung und zerrte Frau von Ball, welche ſich hier verborgen hatte, hervor.„Ah! da iſt ja die ſau⸗ bere Kupplerin dieſes Liebeshandels“, ſchrie er,„die leidet wohl nicht an Hitze, ſondern an Kälte, wollte ſich einen ſchönen Kuppelpelz verdienen, die arme Haut, nun, ich will Dir ſchon warm machen.“ Er ſchlug ſie wiederholt in's Geſicht und ſchleuderte ſie dann auf den Boden hin. Dann ſetzte er ſeine Unterſuchung fort. Die Kaiſerin hatte ſich indeß erhoben und ſtand ihm furchtlos gegenüber.„Was ſoll dieſer Auftritt, der meine Ehre kränkt“, begann ſie,„und noch dazu vor Zeugen. Die Arme, die Deine Rohheit ebenſo ———————— —————— 7¹ kennt und fürchtet, wie alle Anderen an dieſem Hofe, hat ſich, um Deiner böſen Laune zu entgehen, verſteckt, das iſt ihr ganzes Verbrechen.“ In dieſem Augenblicke befand ſich Peter der Große in der Nähe des Fenſters; er bückte ſich, um etwas auf⸗ zuheben, und näherte ſich dann langſam mit einem furchtbaren Blick ſeinem Weibe. „Ihr ganzes Verbrechen, wirklich?“ begann er mit einem Hohne, der alle Anweſenden ſchauern machte,„ich aber ſage Dir, ſie hat ſich ihren Kuppelpelz wohl ver⸗ dient und ſoll belohnt werden. Gieb ihr den Deinen und auf der Stelle“ So barock und ſpaßhaft war dieſer große Wilde noch in ſeinem höchſten Zorne. Als Katharina zögerte, wendete er ſich zu Mentſchikoff. „Schließe das Fenſter, ſie erhitzt ſich ſonſt zu ſehr, wenn ſie ihn abwirft. Nun aber raſch, ſie verdient ihn und ich will Dich entblößt ſehen, ich liebe das, Du weißt es. Gieb ihr den Pelz.“ Die Kaiſerin ließ ihn von ihren Schultern herab⸗ gleiten und Frau von Balt, welche ſich inzwiſchen auf⸗ gerafft hatte, zog ihn bebend an.„Ein prächtiger Pelz, ein kaiſerlicher Pelz, nicht wahr?“ ſpottete der Czar, „und wie gut er dem ſanften Täubchen läßt, nur ihre blaſſen Wangen entſtellen ſie ein wenig, warte, ich will Dich ſchminken.“ Mit dieſen Worten ſchlug er Frau von Ball, welche in ein lautes Schluchzen ausbrach, rechts und links in's Geſicht. Dann trat er raſch vor Katharina hin, welche jetzt im leichten durchſichtigen Nachtgewande, wie der Czar es in böſer Abſicht ver⸗ langt hatte, vor ihm ſtand. „Was iſt denn das hier, Katinka“, fragte er mit einem kalten grauſamen Lächeln, ihr ein kleines glän⸗ zendes Ding entgegen haltend. Katharina fand keine Antwort. „Soll ich es Dir ſagen?“ ſchrie Peter der Große plötzlich, von ſeiner ganzen barbariſchen Wildheit er⸗ faßt,„ine Schuhſchnalle iſt das, und Dein Anbeter hat ſie hier verloren, als er durch jenes Fenſter dort entfloh. Du elendes, treuloſes, verbrecheriſches Weib!“ Zugleich hob er ſeinen Stock und begann ſie zu ſchlagen. Als Peter der Große ſeine Gemahlin verlaſſen hatte warf ſich Frau von Bal ſchluchzend zu den Füßen der⸗ ſelben nieder.„Wir ſind verloren“, rief ſie. „Noch nicht“, erwiderte Katharina, welche keinen Augenblick ihre Geiſtesgegenwart verloren hatte,„der erſte Zorn des Czars iſt jetzt verraucht. Wenn nur Dein Bruder nicht die Unbeſonnenheit begeht, zu fliehen. Dann freilich wäre unſere Schuld erwieſen. Eile zu ihm. Er ſoll ſich nicht entfernen, er ſoll Alles dulden, was der Czar über ihn verhängt, er leidet für mich, ſag' ———— — ihm das. Mit Peter werde ich ſchon ſelbſt fertig werden.“ Frau von Ball verließ raſch das Gemach, um den Befehl der Kaiſerin zu vollführen; aber im Vor⸗ ſaale fand ſie zwei Grenadiere, welche ſie zurückwieſen. Händeringend kehrte ſie zurück.„Wir ſind von Wachen umgeben“, ſprach ſie,„man behandelt uns als Ge⸗ fangene.“ Katharina erwiderte Nichts; ſie öffnete das Fen⸗ ſter, auch unten blitzten Gewehrläufe.„Vor der Hand können wir freilich Nichts thun“, ſagte ſie dann;„aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.“ Sie ging auf und ab.„Er hat mich furchtbar mißhandelt“, begann ſie nach einer Weile,„ſieh doch.“ Sie entblößte ihre Schul⸗ tern und zeigte ſie ihrer Vertrauten.„Und wie gut er in ſeiner Wuth noch Alles überlegt; als er mir beſahl, Dir meinen Pelz zu geben, hatte er bereits die Abſicht, mich zu ſchlagen und wollte mir nicht einmal den ge⸗ ringen Schutz gönnen, den mir das dichte Pelzwerk ge⸗ währte.“ Und mitten in ihrem Entſetzen begannen die beiden Frauen herzlich zu lachen.— Peter der Große hatte ſich indeß in ſein Cabinet zurückgezogen, wo er zuerſt wie ein Raſender tobte, Stühle und Geräthe zerbrach und ſich dann gleich einem zornigen Kinde zu Boden warf und laut weinte. ————— So traf ihn Fürſt Repnin, der Einzige, welcher außer Mentſchikoff einigen Einfluß auf ſeine ſtarke Seele beſaß, und der auf die Kunde von dem furchtbaren Vorfall, die ſich blitzſchnell verbreitet hatte, herbeigeeilt war, um den Czar, von deſſen Wildheit das Aeußerſte zu beſorgen war, ſo viel als möglich zu beſänftigen. „Wer iſt hier?“ fragte Peter der Große mit mat⸗ ter Stimme. „Ich— Majeſtät.“ „Wer?“ „Repnin.“ „Du, mein Freund.“— Der Czar erhob ſich und ſtrich ſein wirres Haar aus der Stirne.„Es ſteht ſchlecht um uns. Ein großes Unglück iſt geſchehen.“ „Ich weiß, Majeſtät.“ „Weißt Du auch Alles?“ „Alles.“ „Und was haſt Du mir zu ſagen?“ „Ich zittere für meinen Kaiſer“, ſagte Repnin. „Für mich?“ „Ja, für Eure Majeſtät; die Schuldigen werden der Strafe, welche ſie wohl verdient haben, nicht ent⸗ gehen“ fuhr der Fürſt fort;„aber ich fürchte, daß mein Herr und Czar ſich von ſeinem gerechten Zorne zu weit hinreißen läßt.“ 75 „Zu weit?“ rief Peter der Große,„als gäbe es hier ein zu weit. Sie müſſen beide ſterben, auf dem Blutgerüſte vor allem Volke ihre Sünden büßen, das iſt beſchloſſen.“ „Nein, Majeſtät, es iſt unmöglich, daß Sie die Kaiſerin auf dieſe Weiſe ſtrafen.“ „Unmöglich!“ „Ich denke nicht daran, die Kaiſerin in Schutz zu nehmen,“ erwiderte Repnin;„aber mein großer Kaiſer darf ſogar in dieſer unglücklichen Stunde, darf, ſelbſt auf das Tiefſte beleidigt, ſeine große Aufgabe nicht ganz vergeſſen. Er hat ſich das erhabene Ziel geſteckt, Rußland in die Reihe der gebildeten Staaten von Eu⸗ ropa einzuführen. Mit ſtaunender Bewunderung blickt die Welt auf ihn, auf die großen Kriegsthaten, wie auf die unſterblichen Werke des Friedens, die er voll⸗ führt, aber unſer Land und unſer Volk betrachtet man noch mit gerechtem Zweifel und will nicht an den Be⸗ ſtand deſſen glauben, was ein ſeltener Rieſengeiſt auf dieſem unwirthlichen Boden unter halbwilden Barbaren geſchaffen. Peter der Große darf der Welt kein Schau⸗ ſpiel geben, das dieſelbe entſetzen würde, und ſeinem Volke kein ſo blutiges Beiſpiel von Grauſamkeit und Barbarei, er, von dem bisher nur Licht ausgegangen iſt und Veredlung. Nein, das darf nicht ſein. Unſere Feinde würden ſonſt den größten Triumph feiern und unſere Freunde und die Freunde der Menſchheit wür⸗ den trauernd ihr Antlitz verhüllen.“ Peter der Große gab dem Fürſten keine Antwort; er ſchritt langſam auf und ab, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, aber er begann nachzudenken, und damit war ſchon Etwas gewonnen.„Soll ich ſie alſo heimlich tödten laſſen,“ begann er nach einer Weile. „Nein, das wäre noch entſetzlicher“, ſprach der Fürſt.„Die Kaiſerin muß in jedem Falle geſchont werden, damit die Welt ſich überzeugt, daß der Mo⸗ narch, welcher die Sitten Europa's zu uns verpflanzt hat, dieſelben nicht in ſeinem eigenen Hauſe mit Füßen tritt.“ „Du haſt recht“, ſagte Peter der Große,„aber er—“. „Er muß ſein Verbrechen mit dem Tode büßen“, entgegnete Repnin.„Vor ein paar Jahren iſt ein Ge⸗ ſetz erſchienen, das auf Unterſchleife und Beſtechlichkeit den Tod ſetzt. Frau von Ball hat ſich in dieſer Rich⸗ A tung ſchwerer Vergehen ſchuldig gemacht. Es wäre vielleicht das Beſte, ihren Bruder nur als Mitſchul⸗ digen derſelben vor Gericht zu ziehen.“ „Er wird leugnen.“ „Er wird nicht leugnen“, gab Repnin zur Ant⸗ . 3 8 77 wort,„wenn er ſich in jedem Falle verloren ſieht und durch ſein Geſtändniß die Kaiſerin retten kann.“ „Gut“, ſprach der Czar,„ich will in dieſem Falle, ſo ſchwer es mir kommt, nicht ruſſiſch, ſondern euro⸗ päiſch vorgehen. Der Page Moens ſoll auf der Stelle vor mir erſcheinen, Du aber führe die Czarin hierher, ſie ſoll Zeuge der Liebkoſungen ſein, welche ich ihm erweiſen will.—— Als Mvens in das Cabinet des Kaiſers trat, ſtand derſelbe in der Fenſtertiefe mit dem Fürſten Repnin, während die Czarin in einiger Entfernung auf einem Lehnſtuhle ſaß. Sie war noch immer im RNachtkleide, über das ſie ihren dunklen Schlafpelz geworfen hatte, aber ihr Haar war wieder geordnet und ſie hatte ihre Ruhe, ſowie die blühende Farbe ihrer Wangen vollkom⸗ men wieder gewonnen. Als ſie den Geliebten erblickte, zuckte ſie nur unmerklich mit den Augen, behielt aber vollkommen ihre Faſſung. Der Czar trat vor Moens hin, maß ihn mit einem vernichtenden Blicke von oben bis unten und ließ endlich ſein Auge auf ſeinem rechten Fuße haften. „Man hat Dich wohl in ſüßen Träumen geſtört, Moens de la Ervix“, begann er höhniſch,„und ſo haſt Du Dich in der Eile nicht ſo ſorgfältig angezogen, — 78 als man es ſonſt von einem Pagen der Kaiſerin und einem Liebling der Damen erwarten ſollte. Sieh doch, da fehlt die Schnalle an Deinem rechten Schuh.“ Myens blickte erſchrocken hinab, er ahnte den Zu⸗ ſammenhang. „Aber der Kaiſerin mißfällt es, wenn ihre Pagen ohne Schuhſchnallen umhergehen“, fuhr Peter der Große fort,„und ſo hat ſie mir dieſe Schnalle hier für Dich gegeben, die ſich in ihrem Zimmer gefunden hat.“ Mit dieſen Worten warf er ſie ihm vor die Füße. Moens war blutroth geworden, er wollte ſprechen, aber er vermochte nur zu lallen. „Nun aber zur Sache“, ſprach der Czar mit im⸗ poſanter Ruhe,„die Kaiſerin hat Dich und Deine Schweſter eines ſchweren Vergehens angeklagt und die ſtrengſte Beſtrafung deſſelben verlangt. Du biſt beſchul⸗ digt, Aemter und Officierspatente verkauft zu haben, Du haſt Dich von fremden Mächten bezahlen laſſen; weißt Du wohl, daß auf Beſtechlichkeit und Unehrlich⸗ keit von Staatsdienern der Tod geſetzt iſt? Du haſt Dein Leben verwirkt und die Kaiſerin iſt durch⸗ aus nicht geſonnen, es Dir zu ſchenken.“ Moens ſchwieg, Peter der Große aber ſprang plötz⸗ lich, in neu erwachender Wuth, wie ein Tiger auf ihn los, und begann ihn mit den Fäuſten zu ſchlagen, dann —— 79 warf er ihn zu Boden und trat ihn mit den Füßen. Er hätte ihn erwürgt, wenn Fürſt Repnin ihn nicht gehindert hätte. „Elender Schurke“, ſchrie er dabei,„ich werde Dich lehren ſo das Vertrauen der Czarin zu mißbrauchen, Ge⸗ ſchenke anzunehmen, Stellen zu verſchachern; was ſoll ich mit ſolchen käuflichen, ehrloſen Dienern anfangen, in den tiefſten Kerker mit ihm, man ſoll ihm den Proceß machen auf der Stelle.“ Die Kaiſerin ſah, wie es ſchien, ihren Günſtling ohne nur die geringſte Regung des Mitleids in die⸗ ſer brutalen Weiſe mißhandeln. „Wirf Dich der Czarin zu Füßen“, ſagte end⸗ lich Peter der Große,„bitte ſie um Gnade. Sie allein iſt es, die Deinen Tod will. Bitte ſie recht inſtändig, vielleicht vergibt ſie Dir.“ Moens erhob ſich nur, um vor Katharina in die Kniee zu ſinken. Die Sprache verſagte ihm, er hob flehend die Hände zu ihr empor, die ihm, ohne nur die mindeſte Bewegung zu verrathen, ihr kaltes Marmor⸗ antlitz zuwendete. „Ich begebe mich in dieſem Falle ganz meines Richteramtes“, fuhr der Czar mit einem höhniſchen Blicke auf Katharina fort.„Verurtheile ihn oder be⸗ gnadige ihn, wie Du es für gut findeſt.“ —— 80 Die Czarin ſchwieg. „H! ich kenne ſie“, wendete ſich der Kaiſer zu Mvoens,„wenn ſie beleidigt iſt, kennt ſie kein Erbarmen. Alſo Du willſt ihm nicht das Leben ſchenken. Sieh ihn doch an, er iſt noch ſo jung. Biſt Du unerbittlich? Soll er ſein Vergehen wirklich mit dem Leben büßen?“ Katharina nickte. „Du verurtheilſt ihn zum Tode?“ „Ja“, ſprach ſie mit eiſiger Ruhe. Der arme Moens verſtand von dem Allen nur ſo viel, daß das Weib, das ihn liebte und das er mit dem ganzen Wahnſinn ſeines jungen Herzens anbetete, ihn preisgegeben hatte, um ſich ſelbſt zu retten. „Da die Kaiſerin Nichts von Gnade wiſſen will“, ſagte der Czar kalt,„ſo führen Sie den Verbrecher ab, Fürſt Repnin, und verhaften Sie auch auf der Stelle ſeine Schweſter, ſie hat gleichfalls ſchwere Schuld auf ſich geladen.“ „Sie iſt unſchuldig“, rief Katharina ſich lebhaft erhebend,„ich bitte um Gnade für ſie.“ „Nein“, ſchrie der Czar,„keine Gnade. Du haſt mir das Leben dieſes Jünglings verweigert, ich werde dafür Deine Creatur, dieſes ſchändliche treuloſe Weib ebenſo erbarmungslos ſtrafen. Kein Wort mehr von dieſer Angelegenheit.“ 81 „Ich wiederhole“, rief die Czarin. Da zerſchmetterte Peter der Große mit einem einzigen Schlag ſeiner Eiſenfauſt einen prachtvollen venetianiſchen Spiegel, der die Wand zierte, ſo daß er in tauſend Stücke auseinanderſtob.„Du ſiehſt“, rief er, „daß es nur einer Bewegung meiner Hand bedarf, um dieſen Spiegel in Staub zu verwandeln, aus dem er entſtanden iſt.“ „Nun, und was haſt Du damit gethan? Den Schmuck Deines Palaſtes verachtet; glaubſt Du, daß er dadurch ſchöner wird?“ ſagte Katharina und brach in Thränen aus.*) Dies ſchien Peter den Großen zu beſänftigen. „Die Elende ſoll mit dem Leben davon kommen“, ſagte er nach einer Pauſe;„aber ich werde ſie knuten laſſen.“ „Erbarmen, mein Gemahl!“ flehte die Kaiſerin. „Fünfzig Hiebe“, murmelte er. „Sie ſtirbt beim zehnten“, betheuerte Katharina. „Sterben ſoll ſie nicht“, entgegnete der Czar,„alſo zehn Hiebe.“ „Verbanne ſie.“ „Nein, zehn Hiebe, dabei bleibts.“ Auf einen Wink des Kaiſers entfernte ſich die Czarin. Dann ließ Fürſt Repnin den unglücklichen Mieſer Vorgang, ſowie die Wuth ſind vollkommen hiſtoriſch. Sacher⸗Maſoch, Rufſiſche Hofgeſchichten. I. 6 82 Pagen in das Gefängniß abführen und Frau von Ball, welche ſich noch immer in dem Schlafgemach Katha⸗ rina's, von Grenadieren bewacht, befand, gleichfalls verhaften. Als die Czarin ſich nach dieſer Nacht des Schreckens endlich allein ſah, ſtürzte ſie bei ihrem Bette nieder und ihr Schmerz löſte ſich in einem Strome heißer Thränen. Am Morgen fanden ſie ihre Frauen auf dem Bo⸗ den liegen, den Kopf an die Säule ihres Himmelbettes gelehnt, ſo hatte der Schlaf ſie übermannt. Sie konnte doch ſchlafen, aber der Czar in ſei⸗ nem Cabinete und der unglückliche Mens in ſeinem feuchten Kerker hatten die ganze Nacht kein Auge ge⸗ ſchloſſen. Am folgenden Tage erſchien Fürſt Repnin in dem Gefängniß, in der Abſicht, Mvens auf den bevorſtehen⸗ den Proceß vorzubereiten. Als er eintrat, lag der Page mit ſeinem Mantel zugedeckt, mit Ketten beladen, auf einem Lager von Stroh und ſchlief. Die Natur hatte ihr Recht gefordert und endlich über Verzweiflung und Todesangſt den Sieg davon getragen. Der Fürſt ſtand lange in den Anblick des ſchönen, unglücklichen jungen Mannes vertieft, ehe er denſelben 83 durch den Kerkermeiſter wecken ließ. Als Moens die Augen aufſchlug, ſtarrte er zuerſt die kahlen Wände, an denen das Waſſer herunterſickerte, dann den Für⸗ ſten erſtaunt an; endlich begriff er ſeine Lage, erhob ſich und begrüßte den Fürſten. Nachdem dieſer durch einen Wink den Kerkermeiſter entfernt hatte, ergriff er die Hand des Pagen und begann:„Moens de la Crvix, ich halte Sie trotz des Vergehens, das Sie ſich haben zu Schulden kommen laſſen, für einen jungen Mann von edlem Charakter und nobler Geſinnung, deshalb bin ich zu Ihnen gekommen, in der Abſicht, Sie darüber aufzuklären, welchen Einfluß Sie auf das Schickſal Ihrer Mitſchuldigen üben können. Der Czar kennt die Beziehungen, in denen Sie zu ſeiner Gemah⸗ lin geſtanden haben und es gibt Nichts in der Welt, was ihn beſtimmen könnte, Ihnen dieſelben zu vergeben. Ich will offen gegen Sie ſein. Hoffen Sie nicht auf Gnade. Sie ſind verloren in jedem Falle; aber es liegt ganz in Ihrer Macht, die Kaiſerin zu retten. Wollen Sie ſich für die Frau, welche Sie lieben, welche Sie mit Ihrer Gunſt zu dem glücklichſten, beneidens⸗ wertheſten der Menſchen gemacht hat, vpfern?“ „Ja, das will ich“, erwiderte Moens mit dem warmen Tone echter Begeiſterung,„ich will für ſie — 1i 3 84 leiden, ja für ſie ſterben, wenn es ſein muß. Sagen Sie mir nur, was ich zu thun habe.“ „Der Czar iſt geneigt, ſeine Gemahlin zu ſchonen, wenn er Sie ſtrafen kann, ohne Ihr ſträfliches Verhält⸗ niß zu ihr überhaupt zur Sprache zu bringen“, fuhr Fürſt Repnin fort;„Sie wiſſen daß im Jahre 1714 ein Geſetz erlaſſen und ſeitdem wiederholt erneuert wurde, das auf Beſtechung und Beſtechlichkeit die Strafe der Infamie und des Todes durch das Schwerdt ſetzt. Ihre Schweſter, Frau von Ball, hat ſich wiederholt gegen dieſes Geſetz verſündigt. Wir wiſſen, daß Sie an ihrem Verbrechen keinen Theil haben, aber wenn Sie Muth und Begeiſterung beſitzen und einer edlen Aufopferung fähig ſind, werden Sie die Vergehen Ihrer Schweſter auf ſich nehmen. Der Czar wird Sie dann für dieſe verurtheilen und nicht allein die Czarin, ſondern auch Ihre Schweſter, ſo weit es möglich iſt, ſchonen.“ Moens hatte, das Haupt traurig geſenkt, dem Fürſten zugehört.„Ich bin bereit zu thun, was man von mir verlangt“, ſagte er,„und habe nur noch einen Wunſch—“. „Welchen?“ fragte Repnin, als er den Satz zu voll⸗ enden zögerte. „Ich möchte, daß Katharina weiß, daß ich mich 85 opfere, um ſie zu retten, daß ich für ſie das Blutgerüſt beſteige, es wird mir mein ſchweres, trauriges Geſchick erleichtern und mich über die Todesſchauer der letzten Augenblicke erheben, denn es iſt entſetzlich, zu ſterben, wenn man ſo jung iſt wie ich, und ſo glücklich war, ach! ſo namenlos glücklich.“ „Die Kaiſerin erwartet dieſes Opfer von Ihnen“, ſprach Repnin,„ſie hat mir aufgetragen, Sie zu grüßen und Ihnen zu ſagen, daß ſie Ihr Andenken treu be⸗ wahren wird bis zum Ende ihrer Tage.“ „Das hat ſie Ihnen aufgetragen“, rief Moens erregt,„o! daran erkenne ich ſie, dieſe herrliche einzige Frau. Ja! ich will für ſie ſterben und mit Freude, mit Entzücken ſogar mein Blut für ſie verſpritzen. Sa⸗ gen Sie ihr das“. Gerührt reichte der Fürſt dem unglücklichen Jüng⸗ ling die Hände, und als er ſeinen Kerker verließ, glänz⸗ ten Thränen in ſeinen Augen. Unmittelbar aus ſei⸗ nem Gefängniß begab er ſich zu der Kaiſerin, welche ihn in dem kleinen Empfangsſaal ihres Flügels er⸗ wartete. „Nun, was bringen Sie, Fürſt“, rief ſie ihm ent⸗ gegen. „Wie ich erwartet— Rettung, vollkommene Sicher⸗ heit“, erwiderte der Fürſt,„Moens iſt entſchloſſen, — ein Geſtändniß abzulegen, das ihn der vollen Strenge des Geſetzes, der Schärfe des Schwertes preisgibt. Damit wird der Czar ſich zufrieden geben, er wird Moens enthaupten laſſen und Sie ſchonen.“ „Gott ſei Dank“, murmelte Katharina. Sie, die noch vor Kurzem für Moens gezittert, athmete jetzt bei dem Gedanken auf, ihr Leben gleichſam durch das ſeine loszukaufen.„Ich bin Ihnen zu großem Danke verpflichtet, Fürſt Repnin, und ich wünſche nur Ge⸗ legenheit zu finden, Ihnen zu beweiſen, wie ſehr ich mich als Ihre Schuldnerin betrachte.“ Sie reichte dem Fürſten ihre kleine zitternde Hand, welche dieſer ehr⸗ erbietig an die Lippen führte. „Und wie haben Sie ihn gefunden?“ fragte ſie endlich,„iſt er gefaßt, klagt er mich nicht an, macht er es mir nicht zum Vorwurf, daß ich ihn aufopfere?“ „Er denkt nicht daran.“ „Armer Moens“, ſeufzte ſie, dann gab ſie dem Ge⸗ ſpräch eine andere Wendung und hatte ihren unglück⸗ lichen Geliebten für den Augenblick vollkommen ver⸗ geſſen. Der Proceß gegen die Geſchwiſter de la Croix be⸗ gann noch an demſelben Tage und nahm, da beide gleich in dem erſten Verhör vor ihren Richtern ein umfaſſendes Geſtändniß vblegten, einen raſchen Fort⸗ — 87 gang. Der Page Moens zeigte ſich bemüht, jeden Vorwurf, den man ſeiner Schweſter machte, dadurch zu entkräften, daß er denſelben auf ſich nahm und der Gerichtshof ließ ihn gewähren. Es wurde als be⸗ wieſen angenommen, daß Moens, deſſen Uneigennützig⸗ keit allbekannt war, Geſchenke angenommen hatte, um die Heirath des Prinzen von Holſtein zu Stande zu bringen, daß er Stellen in der Armee und bei ver⸗ ſchiedenen Aemtern an die Meiſtbietenden verkauft und ſich in jeder Richtung der Beſtechlichkeit im höchſten Grade ſchuldig gemacht habe. Seine Schweſter erſchien nur als Mitwiſſerin ſei⸗ ner Verbrechen in jenen Fällen, wo ſie ihre Theilnahme abſolut nicht leugnen konnte. Am vierten Tage wurde das Urtheil verkündet; es lautete bei Frau von Ball auf zehn Knutenhiebe und Deportation nach Sibirien, bei ihrem Bruder Moens auf Tod durch das Schwert. Er hörte es vollkommen gefaßt, ja gleichgiltig an, während ſie in krampfhaftes Schluchzen ausbrach und ohnmächtig weg⸗ getragen werden mußte.. Zuerſt wurde das Urtheil an Frau von Ball voll⸗ zogen. Die feine, verwöhnte Dame mußte, die Hände auf den Rücken gefeſſelt, in leichten Kleidern, von dem Scharfrichter und ſeinen Knechten geleitet, in einem Spalier von Grenadieren zu Fuße zur Richtſtätte ziehen, von der Menge begafft und verhöhnt. An Hrt und Stelle angekommen, wurde ſie, nachdem ihr nochmals das Urtheil vorgeleſen worden, bis zu den Hüften entblößt und an Händen und Füßen feſtgebunden. Einer der Hen⸗— kersknechte nahm ſie auf ſeinen Rücken, während ein zweiter ſie bei den Füßen hielt, ſo daß ſie ſich nicht rühren konnte. „Herr, erbarme Dich meiner“, murmelte ſie unauf⸗ hörlich, während der Scharfrichter ſein furchtbares In⸗ ſtrument ergriff und ſich vier Schritte hinter ſie ſtellte. Dann ging er zwei Schritte vor, ſchwang die Knute und traf ſie auf die Schultern, jeder Hieb zog tiefe Furchen in den üppigen Leib der Unglücklichen, das Blut floß in Strömen herab, beim fünften Hiebe be⸗ gann ſie zu ſchreien. Es war ein grauenhafter herz⸗ zerreißender Ton, beim achten konnte ſie nur noch ſeuf⸗ zen, beim zehnten hatte ſie die Beſinnung verloren. Sie wurde nun losgebunden, in einen Karren gebracht und an dem folgenden Tage nach Sibirten transportirt. Am folgenden Morgen ſollte das Urtheil an dem Pagen Mvens de la Crvir vollzogen werden. Auf dem⸗ ſelben Platze, wo ſeine Schweſter geknutet worden war, wurde ein hohes hölzernes Schaffot aufgeſchlagen, auf dem der Richtblock ſtand. 6. 89 Moens hatte die Nacht ruhig geſchlafen. Als am frühen Morgen der Prieſter kam, um mit ihm zu beten, war er bereits angekleidet und hatte Kaffee und etwas Wein zu ſich genommen. Er ließ ſich mit einer gewiſſen Heiterkeit die Ket⸗ ten abnehmen, von dem Henker das lange, ſchöne Haar abſchneiden und die Hände auf den Rücken binden. Fürſt Repnin trat ein und fragte um die letzten Wünſche des zum Tode Verurtheilten. „Sagen Sie dem Czar und ſeiner Gemahlin, daß ich beiden meinen Tod vergebe und der letzteren, daß ich gerne ſterbe, wenn ſie damit ihre Ruhe und ihr Glück erkaufen kann“, ſprach der Unglückliche mit edler Haltung und ohne jede Bitterkeit in Ton und Ausdruck.„Auch meiner Schweſter vergebe ich; ſie be⸗ darf am meiſten meiner Verzeihung und nun gehen wir mit Eott.“ Er verließ feſten Schrittes das Gefängniß und legte den Weg zur Richtſtätte in aufrechter, ſtolzer Hal⸗ tung zurück, ſein Blick ſuchte unter der unabſehbaren Menge, welche die Straßen füllte, Bekannte zu ent⸗ decken und gelang es ihm, grüßte er ſie mit eleganter Nachläſſigkeit. Die furchtbare Kälte, welche herrſchte, machte ihn von Zeit zu Zeit fröſteln, aber er bezwang 90 ſich, um nicht den Eindruck zu machen, daß es Todes⸗ ſchauer waren, die ihn ſchüttelten. Endlich ſah man über den Köpfen der vielen Tauſende, welche daſſelbe umſtanden, das Schaffot dü⸗ ſter in den weißen Winterhimmel emporragen. Mvens wies mit dem Kopfe auf daſſelbe und lächelte dem Fürſten Repnin, welcher das Erecutivnscommando führte, zu. Ein Garderegiment bildet ein großes Quarée um das furchtbare Gerüſte und öffnete ſeine Glieder nur, um den Verurtheilten und ſein Geleite einzulaſſen. Von den Henkern geführt, ſtieg Moens raſch die Stu⸗ fen empor und blickte, oben angelangt, zuerſt gegen den Himmel, dann auf die Menge. Fürſt Repnin las ihm das Urtheil vor, zerbrach das Stäbchen und übergab ihn dann dem Henker. Schon knieete Mvens vor dem Richtblock, ſchon lag ſein Haupt auf demſelben; aber der Scharfrichter zögerte, den Streich zu führen. Er ſchien etwas zu erwarten. Die Menge wurde unruhig. Moens wendete ſich zu dem Scharfrichter und ſprach leiſe einige Worte mit demſelben. Er bat ihn, ein Bild der Kaiſerin, das er, in Brillanten gefaßt, auf ſeiner Bruſt trug, nach ſeinem Tode unbemerkt zu 9¹ ſich zu nehmen; die koſtbare Einfaſſung ſollte ſein Lohn werden, wenn er das Portrait vernichte. Der Scharfrichter verſprach, den Wunſch des Un⸗ glücklichen, deſſen letzter Gedanke noch der Rettung des von ihm angebeteten Weibes galt, zu erfüllen. Wenige Augenblicke, nachdem er die Meldung er⸗ halten, daß der Zug zur Richtſtätte ſich in Bewegung geſetzt hatte, trat Peter der Große in das Schlafgemach ſeiner Gemahlin, riß die Gardinen ihres Bettes aus⸗ einander und ſchrie, ſie derb beim Arme rüttelnd:„Steh auf, wir wollen ausfahren.“ „Ausfahren? So früh?“ ſagte ſie erſtaunt. Frage nicht lange, ſondern thue, was ich Dir ſage“, herrſchte ihr der Czar zu, dann riß er an der Glocke. Die Kammerfrauen eilten herbei und halfen Katharina Toilette machen.„Was haben wir für Wetter?“ fragte ſie, während ihr Haar friſirt wurde. „Herrliches Wetter“, gab der Czar zur Antwort. „Ja wohl, herrliches Wetter“, beſtätigte die alte Kammerfrau, welche mit der Robe der Kaiſerin herein⸗ trat,„die Sonne ſcheint faſt wie im Sommer, aber es iſt doch kalt.“ „Kalt?“ fragte die Czarin ſchüchtern, ſie war ſehr empfindlich und zitterte vor den Forcetouren ihres Gemahls. 92 „Ja wohl, grimmig kalt“, murmelte der Czar; „aber eben deshalb fahren wir aus.“ „Willſt Du, daß ich erfriere“, rief Katharina. „Du wirſt nicht erfrieren, ich habe dafür geſorgt“, entgegnete Peter der Große, trat in die Thüre und winkte ſeinem Leibkoſaken, welcher, einen Pelz von niegeſehener Pracht auf dem Arme, eintrat und den⸗ ſelben vor der Kaiſerin entfaltete. Dieſe ſtieß in freudiger Ueberraſchung einen Schrei aus.„Das iſt ja blauer Fuchs“, ſtammelte ſie. Die alte Kammerfrau nickte.„Das Koſtbarſte, was es auf der Welt gibt“, murmelte ſie. Die Kaiſerin ſprang auf, um ihrem Gemahl mit einem Kuſſe zu danken; er ſtieß ſie aber zurück.„Spä⸗ ter“, ſagte er,„es iſt nicht die einzige Ueberraſchung heute, Du haſt Dir lange ſo einen Pelz gewünſcht nun ſollſt Du ihn würdig einweihen und zwar auf der Stelle. Der Pelz war von Penſéeſammt, auf dem der Silberſchimmer des blauen Fuchſes einen wunderbaren Effect machte. Die Frauen beriethen, welche von den Roben der Czarin wohl am beſten dazu ſtimmen würde und wählten zuletzt eine von mattgelbem Atlas. „Beeile Dich“, rief Peter der Große, mit dem Fuße ſtampfend, aber Katharina konnte es ſich nicht verſagen, nachdem ſie vollkommen angezogen und in ihren Pracht⸗ 93 pelz geſchlüpft war, noch einen Augenblick vor den großen Wandſpiegel zu treten. So ſtand ſie denn in ſorgloſer Eitelkeit, mit einem ſtolzen Lächeln, ganz nur in das Anſchauen ihrer majeſtätiſchen Schönheit ver⸗ ſunken, während der Mann, der ſie anbetete wie eine Gottheit, für ſie den ſchweren Weg zum Tode ging. Endlich nahm ſie den Arm ihres Gemahls und ſtieg mit ihm die Treppe hinab und in den mit vier milchweißen Pferden beſpannten, vergoldeten Schlitten, welcher, nachdem ſie ſich zurecht geſetzt, mit Windeseile über den feſtgetretenen Schnee dahinflog. Der Czar ſaß ſchweigend neben ihr, während ſie gleich einem beſchenkten Kinde unaufhörlich ſchwatzte und lachte; erſt als ſie ſich der Richtſtätte näherten und ſie die ſchwarzen Wogen der zahlloſen Volksmenge hin und her ſchwanken ſah, begann ſie das Entſetzliche zu ahnen; ſie ſollte den Geliebten ſterben ſehen. Jetzt ſah ſie deutlich das Blutgerüſte, den Block, ſie ſah ihn knieen, noch wenige Minuten und das Schwert des Scharfrichters blitzte hoch oben in der Luft— ein dumpfer Schrei entrang ſich der Menge. Der kaiſerliche Schlitten kam in dem Augenblicke an, wo der Henker das blutige Haupt des ſchönen Moens mit den halbgeſchloſſenen gebrochenen Augen 94 auf den Pfahl geſteckt und aufgepflanzt hatte. Peter der Große hatte kein Auge von Katharina gewandt, aber an dieſem Weibe ſcheiterte das Raffinement ſei⸗ ner Grauſamkeit. Nicht der leiſeſte Seufzer verrieth, was in ihrer Seele vorging, ſie ſaß unbeweglich mit wahrhaft antiker, impoſanter Ruhe neben ihm. Und als er bei der Rückfahrt in ſeiner rohen Weiſe mit einigen Worten ihrer Schönheit huldigte, konnte ſie ſogar lächeln. XII. Die Czarin verſchwört ſich. So lange Katharina Urſache hatte, für ihr eige⸗ nes Leben zu zittern, hatte ihre Selbſtſucht die Theil⸗ nahme an dem Schickſal des Geliebten zurückgedrängt. Als ſie ſich aber in Sicherheit ſah, kehrte mit dem ruhigen, monvotonen Gang ihres Lebens auch die Er⸗ innerung des verlorenen Glückes, der genoſſenen Freu⸗ den, und mit dieſen der Schmerz um den edlen ſchönen Mann mit verdoppelter Gewalt wieder. Sie konnte lachen in dem Augenblicke, wo ſie ihrer Vertrauten die blutigen Striemen zeigte, welche ihr der Czar geſchla⸗ gen, ſie konnte ſogar lächeln, nachdem ſie das Haupt 95 des Geliebten auf dem Pfahl geſehen, aber jetzt kam eine tiefe, ſtumme, unendliche Trauer über ſie, jene Trauer, welche das Herz verſteinert und die Thränen verſiegen macht. Peter der Große ſah, was in der Seele dieſes Weibes vorging, das mehr als jedes an⸗ dere räthſelhaft und unberechenbar war und eine finſtere Ahnung flatterte unaufhörlich mit Fledermaus⸗ flügeln um ſein Haupt. Er fühlte etwas wie Furcht, wenn er dem eiſigen theilnahmloſen Blick ſeiner Frau begegnete und wie alle Menſchen, die ihre Angſt über⸗ täuben wollen, begann er die, von der er das Schlimmſte beſorgte, zu demüthigen und herauszufordern. Er wußte, daß er ſie am empfindlichſten traf, wenn er ihren Stolz, ihre Herrſchſucht verletzte. Bis⸗ her hatte ſie einen entſcheidenden Einfluß auf ſeine Re⸗ gierung genommen, kein noch ſo geringfügiges Staats⸗ geſchäft wurde ohne ſie erledigt und es ſchien beinahe, als ſei Peter der Große unfähig, einen Entſchluß zu faſſen, ohne ſich vorher mit ihr zu berathen Jetzt blieb ſie aus ſeinem Cabinet verbannt und ebenſo ängſtlich mied er ihr Schlafgemach, denn dort fürchtete er, daß ſie neue unzerreißbare Schlingen um ihn legen und ihn gegen ſeinen Willen wieder zu ihren Füßen niederziehen könne. Erſchien ſie bei großen Tafeln, Hoffeſten oder öffentlichen Anläſſen an ſeiner Seite, ſo richtete er, wenn es nicht zu vermeiden war, einige Worte an ſie, aber ſtets in einer trockenen, kurzen Weiſe, welche das Herz der eitlen Frau jedesmal bluten machte. Sonſt ſprach er nie mit ihr und wenn ſie fragte, erhielt ſie keine Antwort. Vor einem Jahre hatte er ſie noch ſo ſehr geliebt, war ihre Macht über ihn noch eine ſo unbegrenzte, daß er ſie, das Bauernmädchen von Marienburg, die ehemalige Leibeigene und Maitreſſe Mentſchikoffs, zur Czarin krönen ließ und ſie, nachdem er früher ſchon von dem unverſöhnlichſten Haſſe gegen ſeinen Sohn Alexis getrieben, das Erbfolgegeſetz umgeſtoßen hatte, in ſeinem Teſtamente feierlich zu ſeiner Nachfolgerin er⸗ nannte. Jetzt trat er einmal gegen Abend in ihr Boudvir, während ſie, in Gedanken verſunken, an dem ausge⸗ kühlten Kamine ſaß, in dem es nur noch unter der weißen Aſche ein wenig glimmte. Kein Licht brannte. Eine tiefe Dämmerung füllte das kleine Gemach mit grauem geſpenſtiſchen Nebel, aus dem ſich von Zeit zu Zeit Geſtalten loszulöſen und dem in ſeinem Schmerze erſtarrten, unſeligen Weibe zu winken ſchienen. Katharina ſchrie auf, als Peter der Große uner⸗ wartet vor ihr ſtand; aber ſie faßte ſich im nächſten 97 Augenblicke und ſchob ihm einen Stuhl zu dem Kä⸗ mine hin. „Du ſcheinſt nicht erfreut über meinen Beſuch“, begann er rauh und ſpöttiſch. „Ich war verloren in Erinnerungen, als Du eintrateſt“, ſagte ſie gleichgiltig„und ſo geſchah — „Daß mein theures Antlitz Dich erſchreckte“, rief Peter lachend,„es müſſen ſchöne, wunderbare Erinner⸗ ungen geweſen ſein, in denen ich Dich ſtörte. Es iſt heute die Stunde der Erinnerung. Auch mir iſt man⸗ ches in den Sinn gekommen, woran ich lange nicht gedacht. Auch dieſes Document hier.“ Er reichte der Czarin ein zuſammengefaltetes Papier. „Was ſoll ich damit“, fragte ſie. Leſt „Wie ſoll ich leſen—.“ „Aha! es iſt dunkel, ich vergaß, mach' alſo Katharina zündete die Kerzen an. „So“, fuhr Peter mit einem böſen Lächeln um die vollen, wulſtigen Lippen fort,„jetzt lies.“ „Du weißt ja, daß ich nicht leſen kann“, entgeg⸗ nete Katharina kalt. Der Czar ſchlug mit der Fauſt auf den Sims Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. I. 7 * — 3* 98 des Kamins, daß das Porzellan auf demſelben zu tan⸗ zen begann und brach in ein lautes, bäueriſches Ge⸗ lächter aus.„Eine Kaiſerin, die nicht leſen kann“, ſchrie er,„das iſt doch zu komuſch, Du hätteſt bei der Spindel und dem Butterfaſſe bleiben ſollen, Katinka, es wäre beſſer geweſen für uns Beide. Katharina war bis in die Lippen erbleicht; aber ſie erwiderte Nichts. „Alſo muß ich Dir ſagen, was Du da in Händen hällſt“, fuhr Peter der Große fort,„es iſt mein Teſta⸗ ment, in dem ich Dich zu meiner Nachfolgerin ernannt habe, verſtehſt Du?“ Die Czarin ſah ihn erſtaunt an. „Aber hier es iſt kalt, mein heize ein“, ſagte er raſch. „Ich werde der Kammerfrau klingeln“, antwortete Katharina, welche in der Zumuthung ihres Gemahls eine neue Demüthigung ſah. „Nein, Du ſelbſt wirſt heizen, Czarewna“, rief Peter„und damit Deine hohe Würde nicht zu ſehr dar⸗ unter leidet, werde ich Dir dabei behilflich ſein.“ Er nahm Späne, die bereit lagen und Holz, es herbei und ſchichtete es im Kamine zu einem an⸗ ſehnlichen Scheiterhaufen auf.„Nun, zünde an“, ſagte er mit dem gleichgiltigſten Tone. 99 „Womit?“ fragte Katharina. „Nun mit dem erſten Beſten“, gab Peter zur Antwort,„mit dem Papier, was Du in Händen hälſt.“ „Peter,—“, ſchrie ſie auf; ſie verſtand jetzt erſt ſein ſeltſames Beginnen. „Nun— wird es?“ ſchrie er und da ſie zögerte, nahm er ſein Teſtament, riß es in Stücke und reichte ihr dieſelben.„Zünde an.“ Sie zündete die Stücke über dem Lichte an, kniete dann ruhig vor dem Kamine nieder und machte Feuer. „So, jetzt wird es warm und wir könneu ange⸗ nehm mit einander plaudern, Katinka“, ſagte der Czar. Sie aber erhob ſich mit einem Lächeln, das jedem Anderen das Blut in den Adern erſtarren gemacht hätte und ſetzte ſich ihm gegenüber.„Ja, wir wollen plaudern“, und ſie begann, wie er es in früheren beſ⸗ ſeren Tagen liebte, allerhand Geſchichten und Schnur⸗ ren zu erzählen und je weniger er lachen zu wollen ſchien, um ſo toller und ausgelaſſener wurde ihre Laune. Als er ſie endlich verlaſſen hatte, rief ſie ihre Kammerfrauen, ließ ſich entkleiden und ging zu Bett; aber nur um mit offnen Augen zu träumen, denn ſie konnte nicht ſchlafen. Seitwärts von ihrem prachtvollen Lager brannte ein Nachtlicht, deſſen kleine rothe Flamme, wenn ſie von Zeit zu Zeit angſtvoll aufflackerte, ſeltſame Linien und Geſtalten in die Dunkelheit zeichnete. Katharina verfolgte ſie mit wehmüthiger Aufmerkſamkeit und bald begann ihre ſchmerzlich fiebernde Phantaſie dieſelben zu ergänzen und um die Wette mit dem kläglichen Lämpchen immer neue Bilder vor ihr geiſtiges Auge zu zaubern. Wenn die Fenſtergardine ſich leiſe regte, da war es ihr, als ſei der geliebte Mann heimlich hereingeſtiegen und nähere ſich ihr, um ſie plötzlich in ſeine Arme zu ſchließen und mit Küſſen zu erſticken und dann ſah ſie wieder plötzlich ſein blutiges Haupt mit den halbgeſchloſſenen Augen vom Pfahle herab winken und die bleichen Lippen ſich bewegen, ſie anzuklagen und Rache von ihr zu fordern an ſeinem Mörder. Und mit neuer, furchtbarer Gewalt ergriff ſie der Gedanke, der in ihr aufgedämmert war, als ſie an der Seite ihres Gemahls an dem Blutgerüſte vorbeifuhr; alle Dä⸗ monen ihrer Bruſt waren mit einem Male entfeſſelt, ihre Rechte ballte ſich wie um den Griff eines Dolches. Er, den ſie jetzt ebenſo wüthend haßte, als ſie ſein Opfer unſäglich geliebt hatte, mußte ſterben, von ihrer Hand ſterben, ſie wollte mit einem Male den Geliebten rächen und die Zügel der Herrſchaft an ſich reißen, die er ihr für immer zu entziehen drohte. Immer tol⸗ ler wurde der Wirbel, Furien erhoben ſich ringsum aus der Erde, Schlangen in den Händen, Rachegeiſter umſchwebten ſie auf nächtlichen Fittichen, da löſte es ſich mit einem Male von der Wand, theilte die Vor⸗ hänge ihres Himmelbettes und ſtand vor ihr— im weißem Mantel. „Moens“, ſchrie ſie auf. „Laſſen wir die Todten ruhen“, erwiderte eine wohlbekannte Stimme. Sie ſtarrte die Erſcheinung an und erkannte end⸗ lich Mentſchikoff, den ihre vertraute alte Kammerfrau eingeführt hatte. „Ich bin ein lebendiger Mann“, fuhr der Fürſt fort,„und dieſer nützt Ihnen in Ihrer gegenwärtigen Lage um Vieles mehr, als Jener, den die Würmer eſſen“. „Sie, Mentſchikoff“, murmelte die Kaiſerin,„was wollen Sie hier, wollen Sie mich morden, wie Sie den armen Moens gemordet haben?“ Mentſchikoff ſchüttelte den Kopf; nachdem ſein Wink die Vertraute entfernt hatte, ließ er ſeinen Mantel fal⸗ len und warf ſeinen Hut auf denſelben. „Waren Sie es nicht, der uns dem Kaiſer ver⸗ rathen hat?“ rief die ſchöne Frau, deren Bruſt zornig wogte und deren Auge den Fürſten zu durchbohren ſchien. „Ja, Katharina“, entgegnete Mentſchikoff finſter, „ich habe Sie verrathen.“ „H! ich wußte es“, murmelte ſie, in die Polſter zurückſinkend. „Ich habe Sie verrathen“, fuhr er fort,„und mein Werk war es, daß der Kopf des ſchönen Pagen unter dem Beil des Henkers gefallen iſt. Darin haben Sie ſich nicht geirrt; aber haben Sie ſich auch die Frage beantwortet, weshalb ich dies Alles gethan habe?“ Die Czarin ſchwieg. „Um Ihretwillen, Katharina“, ſprach der Fürſt. „Um meinetwillen, Elender?“ „Haſſen Sie mich denn ſo ſehr?“ „Nein, ich liebe Sie nur ſo ſehr“, erwiderte Ment⸗ ſchikoff.„Haben Sie denn nie geahnt, was ich leide? Ich habe Sie geliebt, als Sie nur ein armes Bauern⸗ mädchen, als dieſe herrlichen Schultern noch nicht mit dem Hermelin geſchmückt waren, ich lag zu den Füßen meiner Leibeigenen und war glücklich, wenn ſie mir ein Lächeln ſchenkte. Da kam der Czar. Ol wenn —— Sie wüßten, was ich für Höllenqualen gelitten habe, als er Sie entdeckte, als Sie ihn zu ermuntern ſchie⸗ nen, als er Sie mir endlich entriß. Alle Ehren, die er über mich gehäuft, alle Reichthümer, welche ich in ſeinem Dienſte erwarb, waren nicht im Stande, mich dieſen Raub an meinem Herzen vergeſſen zu machen⸗ Damals dachte ich, Sie ſeien nicht fähig zu lieben, ich ſah Sie nur vom Ehrgeiz, von der Herrſchſucht getrieben und ich fand es endlich natürlich, als das Schickſal Sie zur Gebieterin Rußlands und mich, den einſtigen Herrn Ihrer Perſon und Ihrer Reize zu Ihrem Scla⸗ ven machte. Da kam jene Stunde, welche mir Ihr Geheimniß entdeckte; ich ſah plötzlich, daß Sie ein Herz haben und ſah dieſes Herz für einen Andern ſchlagen. Das vermochte ich nicht zu ertragen, Neid und Eifer⸗ ſucht brachten mich von Sinnen und ich wurde zu dem Teufel, der Ihr Paradies zertrat, nicht weil ich Ihr Feind bin, Katharina, ſondern weil ich Sie heute noch anbete wie damals. Er warf ſich vor ihr nieder, ergriff ihre Hand und preßte ſie an ſeine Lip⸗ pen, und Katharina, das Weib, deſſen Geliebten er dem Henker überliefert, das jetzt aber wie von einem einzigen diaboliſchen Gedanken beherrſcht war, überließ ihm dieſe kleine, ſchöne fiebernde Hand und ſagte endlich leiſe:„Und der Czar? Wenn Sie mich lieben, Ment⸗ 104 ſchikoff, müſſen Sie ihn noch viel mehr haſſen, als jenen Unglücklichen.“ „Sie blicken in die Tiefe meines Herzens“, entgeg⸗ nete der Fürſt leiſe,„ich haſſe ihn, wie vielleicht noch nie ein Menſch einen andern gehaßt hat.“ „Dann rächen Sie mich“, ſagte die ſchöne Frau raſch. „Das will ich auch“, gab der Fürſt lebhaft zur Antwort,„deshalb bin ich unter dem Schutze der Nacht zu Ihnen gekommen; ich ſtelle mich zu ihrer Verfügung, machen Sie mich zu Ihrem Werkzeug, Sie werden kein treueres, kein gehorſameres finden und keines, auf das ſie ſo bis zum Aeußerſten zählen können wie auf mich. Befehlen ſie über mich.“ Katharina ſchwieg einige Zeit, dann ſchlang ſie ihre weichen Arme um ſeinen Hals, zog ſein Haupt an ihre Bruſt und flüſterte ihm in das Ohr.„Peter muß ſterben.“ Mentſchikoff nickte. „Ich ſelbſt will ihm den Tod geben, verſtehen Sie“, fuhr die Czarin fort,„und in dem Augenblicke, wo er ſeinen Athem aufgiebt, muß er wiſſen, daß ich es bin, die ihn gemordet. Aber jetzt ſtehen Sie auf.“ Der Fürſt erhob ſich und ſie ſtieg aus ihrem Him⸗ melbette gleich der Liebesgöttin. —— 105 Raſend vor Leidenſchaft ſtürzte Mentſchikoff, von ihren üppigen Reizen berauſcht, von Neuem zu Ihren Füßen nieder und umfaßte ihre Knie wie ein Verur⸗ theilter, der um ſein Leben bittet. Sie lächelte.„Was beginnen Sie“, ſagte ſie ſpöt⸗ tiſch,„wollen Sie, daß ich mich erkälte, reichen Sie mir lieber meinen Schlafpelz.“ Der Fürſt beeilte ſich, den grünſammtenen mit gol⸗ dig ſchimmerndem Zobelpelz gefütterten und beſetzten Schlafrock von der Lehne des Stuhles zu nehmen und ihr in denſelben hinein zu helfen. Die herrlichen Glie⸗ der weich in das ſchwellende Pelzwerk geſchmiegt, ließ ſich das ſchöne verführeriſche Weib auf einen Divan nieder, welcher in der Nähe des Kamins ſtand und zog den Fürſten an ihre Seite. „Ich kann alſo unbedingt auf Sie rechnen“, be⸗ gann ſie. „Ich bin bereit, wenn es nöthig iſt, mein Blut für Sie zu verſpritzen“, erwiderte Mentſchikoff mit der Begeiſterung der Leidenſchaft. „Ich will ja nicht Ihr Blut, ſondern jenes meines Gatten“, ſagte ſie mit einem teufliſchen Lachen,„aber ich verlange, daß Sie mir gehorchen.“ „Und was wird mein Lohn ſein?“ fragte Ment⸗ ſchikoff. 106 „Wer wird jetzt ſchon vom Lohne ſprechen“, er⸗ widerte Katharina, indem ſie ihm einen leichten Schlag auf die Wange gab,„Sie wiſſen, daß es dann in mei⸗ ner Hand liegt, Sie zu beglücken, wie es vielleicht kein anderes Weib auf dieſer Erde vermag.“ „Wer zweifelt daran“, ſeufzte der Fürſt.„O! wie ſchön ſind Sie, Katharina.“ „Ja, Mentſchikoff, ich weiß, daß ich ſchön bin“, lächelte ſie,„und ich weiß, daß meine Reize ein Sporn ſind, mit dem ich Sie treiben kann, wohin ich will. So lange ich Sie zu meinen Füßen ſchmachten laſſe, bin ich Ihrer ſicher. Ich werde von jetzt an alle Künſte der Tvilette und alle Grauſamkeit der Coquetterie in Bewegung ſetzen, um Sie rafend zu machen, und ich bin überzeugt, daß Sie dann— wenn ich es befehle — Ihren eigenen Vater morden würden.“ Sie drapirte ihre marmorgleiche herrliche Büſte mit dem dunklen Pelzwerk und legte ſich dann vertraulich an die Bruſt Mentſchikoff's zurück, ihre Füße auf den Divan ausſtreckend. „So wollen wir mit einander reden“, ſagte ſie. Der Fürſt ſeufzte und verſchlang das ſchöne Weib mit ſeinen Blicken, während ſie ihm mit kaltblütiger Berechnung ihren verbrecheriſchen Plan zu entwickeln begann. 107 XIII. Der Tag der Rache. Zwei Wochen waren vergangen, ſeitdem ſich die Kai⸗ ſerin mit dem Fürſten Mentſchikoff zu dem Untergange ihres Gemahls verſchworen hatte; da kam ein unſeliger Zufall ihren Abſichten entgegen. Der Czar wurde, als er mit ſeinem Secretair in ſeinem Cabinete arbeitete, plötzlich von einem heftigen Unwohlſein befallen. Man brachte ihn zu Bett und berief die geſchick⸗ teſten Aerzte, aber Peter der Große, ein echter Natur⸗ ſohn, verabſcheute die Arzeneien und verachtete die Me⸗ dicin. Er ließ alle Mittel, die man ihm verſchrieb, mit beiſpielloſem Starrſinn unberührt und drohte Je⸗ nen, die ihn mit Bitten beſtürmten, der Meinung der Aerzte nachzugeben, mit dem Stocke. Sein Leiden ver⸗ ſchlimmerte ſich von Tag zu Tag, um ſo mehr, als er, von der Unruhe des Fiebers getrieben, ſein Lager verließ und ſich aus einem Zimmer in das andere ſchleppte, vom Lehnſtuhl auf den Divan, vom Divan an das vffene Fenſter, von hier auf den Balkon, auf dem der Schnee lag, und vom Froſt geſchüttelt wieder zurück unter ſeine Decken und Bärenfelle. Endlich ſagte er eines Tages mit einem tiefen Seufzer:„Mir kann Niemand helfen als Katharina. 108 Sie hat mit ihren Mitteln immer Wunder bei mir gewirkt, ſo oft ich auch krank war, ſie verſteht mehr als alle Facultäten Europa's und kennt meine Natur genau. Sie könnte helfen, aber ſie wird nicht wollen.“ Graf Tolſtvi, der Mentſchikoff blind ergeben war und dem dieſer den Dienſt bei dem kranken Czaren anvertraut hatte, ſprach die Ueberzeugung aus, daß der ausdrückliche Wunſch des Monarchen genügen werde, die Czarin an ſein Krankenlager zu rufen. „Glaubſt Du?“ ſagte Peter der Große,„Du weißt nicht, wie ich ſie behandelt habe, ſeit— ſeit damals. Aber es ſei. Verſuche Dein Glück bei ihr.“- Tolſtoi ging und Peter der Große ſchwankte von* ſeinem Lager zu einem großen Lehnſtuhl, in den er ſich fallen ließ. Wenige Minuten und Tolſtvi kehrte mit der Nach⸗ richt zurück, daß die Kaiſerin erſcheinen werde. Der Czar athmete auf. Unterdeß hatte Katharina Mentſchikoff zu ſich be⸗ rufen und die beiden trafen ihre Anſtalten, die Stunde 6 der Vergeltung, welche das von Racheluſt erfüllte Weib ſeit Monaten erſehnt, nahte, und ſie war nicht allein entſchloſſen, ſich zu rächen, ſondern ſich mit dem ganzen Behagen geſättigten Haſſes und beſriedigter Grauſam⸗ 3 keit an den Zuckungen ihres Opfers, das ihr nicht mehr entgehen konnte, zu weiden. Sie trat, ihre Hausapotheke in der Hand, in das Schlafzimmer des Kaiſers, welcher einen Verſuch machte, ſich zu erheben und ihr entgehen zu gehen, aber durch einen neuen heftigen Anfall daran verhindert wurde . „Ich danke Dir, meine Geliebte, daß Du gekommen biſt“, ſprach er mit rauher, gepreßter Stimme,„ich habe mich in meinen Leiden ſehr nach Dir geſehnt. Deine Nähe thut mir wohl, Dein Blick, Deine Hand, ſind eben ſo viel Arzneien für mich. Ich habe ſie ja ſo lange entbehrt. Die Kaiſerin packte ihre Fläſchchen aus und prüfte ſie, indem ſie dieſelben gegen das Licht hielt. „Gieb mir Deine Hand, Katinka“, begann der Czar von Neuem und als ſie ihm dieſelbe reichte, küßte er ſie und ſtreichelte ſie zärtlich.„Wie kalt ſie iſt“, murmelte er,„aber ich will Dir vor Allem meinen Zuſtand ſchildern.“ Während Katharina ihm zuhörte und ihm dann mit der ernſten Miene eines Arztes den Puls fühlte, hatte der Fürſt alle Anweſenden entfernt und die Thü⸗ ren geſperrt. Seine Ereaturen Tolſtoi und Rumian⸗ zoff hielten die Ausgänge beſetzt. Es war Niemand —— 110 im Gemach, als Peter der Große, Katharina und Ment⸗ ſchikoff. Jetzt nahm Katharina ein Glas, füllte es mit Waſſer, träufelte aus einem dunklen Fläſchchen einen braunen Saft in daſſelbe und reichte es dem Kaiſer, der es mißtrauiſch betrachtete, gleich einem Kinde, das ſich vor einer bitteren Medicin fürchtet. „Muß ich das trinken?“ fragte er naiv. „Ja, Du mußt und zwar auf einmal“, erwiderte Katharina. Peter der Große ſetzte das Glas an die Lippen und leerte es auf einen Zug. Katharina bemächtigte ſich in demſelben Augenblicke des Glaſes und des Fläſch⸗ chens, aus dem ſie ihm den Trunk gemiſcht und ver⸗ ließ raſch das Gemach. „Wohin geht ſie?, fragte Peter. „Sie wird ſogleich wieder hier ſein“, gab Ment⸗ ſchikoff zur Antwort. Wirklich kehrte Katharina ſehr raſch zurück und ſtellte ſich ihrem Gemahl gegenüber, ihn ſcharf in das Auge faſſend. Er bemerkte plötzlich, daß ſie jetzt daſ⸗ ſelbe Kleid und denſelben Prachtpelz trug, in welchem er ſie vor das Schaffot ihres Geliebten geführt hatte. Was ſoll das?“ fragte er,„dieſe Kleider ſind mir unangenehm, ſie erwecken mir Erinneungen—“. 1¹¹ „Erinnerungen, welche mir in dieſem Augenblicke ganz beſonders werthvoll find“, unterbrach ihn Katha⸗ rina laut und höhniſch,„erinnerſt Du Dich jenes kal⸗ ten, ſonnigen Wintermorgens, wo Du mich im Schlit⸗ ten vor jenes blutbeſprengte Gerüſt führteſt, auf dem das Haupt des unglücklichen Moens aufgeflanzt war?“ „Was willſt Du damit“ fragte Peter der Große, zugleich faßte ihn aber ein tiefer Schauer und ein wü⸗ thender Schmerz begann in ſeinen Eingeweiden zu wühlen.„Wie wird mir“, ſtöhnte er,„es iſt als woll⸗ ten meine Sinne ſchwinden— was haſt Du mir ge⸗ geben, Katharina?— mein Gott! mein Gott!“— Von entſetzlichen Qualen gepeinigt, wollte er ſich er⸗ heben, aber er ſank matt und gebrochen in ſeinen Stuhl zurück.„Mentſchikoff, Katharina, Ihr— Ihr ahnt nicht, was ich leide— iſt ſo etwas möglich in einer Welt, die ein allmächtiger und gütiger Gott re⸗ giert. Hilf mir, Du dort oben, oder ich verfluche Dich und das Leben, das Du mir gegeben haſt!“ Er ſchrie in ſeinem Schmerze wie ein Wahnſinniger und fuhr fort, während ihm der Angſtſchweiß auf die Stirne trat, die unerhörteſten Blasphemien auszuſtoßen. Katharina ſtand vor ihm, ſtumm und regungslos, und ließ ihren kalten Blick auf ihrm haften. „Es geht mit mir zu Ende“, ſtöhnte er plötzlich, „ich will— ich— will— ſchreiben. Ich will ein — ein Teſtament machen. Papier! Papier!“ Katharina reichte ihm ruhig ein Blatt Papier. „Eine Feder!“ brüllte er jetzt in ſeiner wahnſin⸗ nigen Pein. Mentſchikoff blickte auf Katharina und erſt als ſie ihm zunickte, brachte er das Schreibzeug. Sie ſelbſt nahm jetzt die Feder, tauchte ſie in Tinte und reichte ſie dem Czar. Peter der Große begann, ſeine rechte zitternde Hand mit der linken unterſtützend und führend, zu ſchreiben. Nur wenige Zeilen konnte er mühevoll auf das Papier bringen. „Ich ſterbe bei vollkommener Beſinnung. Mein Weib, Katharina, klagte ich das Ehebruches an und erkläre ſie des Thrones verluſtig, der durch ihre Laſter nur beſchmutzt würde. Uebergebt Alles meiner Tochter Anna—“, weiter kam er nicht. Die Hand und das Auge verſagten den Dienſt. Er ſank weinend zurück.„Muß ich denn ſterben?“ ſtöhnte er in den fürchterlichſten Convulſionen,„ich will nicht, will nicht ſterben!“ „Du biſt verloren“, erwiderte Katharina,„Nichts auf dieſer Welt vermag Dich zu retten.“ „Wer ſagt Dir das?“ ſchrie der Czar auf, ſeine 113 Hand ſuchte zitternd ſeinen Stock; aber ſie fand ihn nicht. Todesangſt erfaßte ihn wie einen Verbrecher. „Ich ſehe Nichts mehr, was um mich iſt“, mur⸗ melte er,„Nebel, nichts als Nebel, ich fürchte mich, denn aus dem Nebel kommen die Geſpenſter, da— da ſind ſie ſchon— Alexis— was winkſt Du mir, mein Sohn— und dort der Page ohne Kopf— mein Gott! mein Gott!“ Die Geiſter aller Jener, deren Blut er vergoſſen, ſchienen vor ihm aus der Erde zu ſteigen und ihn drohend zu umgeben. So roh und gewaltthätig ſeine Natur war, ſo feige und muthlos zeigte er ſich jedes Mal, wenn eine ernſte Gefahr an ihn herantrat, ſo in jener verzweifelten Lage am Pruth, wo er in ſeinem Lager von den Türken eingeſchloſſen war und ihn nur die Liſt und Schönheit Katharina's und die Beſtechlichkeit des Großveziers gerettet hatten, ſo jetzt, wo er die Schauer des Todes fühlte. Seine letzten Augenblicke waren nicht die eines großen Mannes, ſondern jene eines grauſamen Thrannen. Und wie ſeine Verzweif⸗ lung auf das Höchſte geſtiegen war, kehrte— zu neuer Qual— für wenige Minuten ſein Bewußtſein zurück. Die Schmerzen ſchienen nachzulaſſen, er blickte ſcheu um ſich und winkte Katharina, näher zu treten. „Es geht beſſer“, murmelte er, das Haupt an ihre Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten, I. 8 144 glatt zu ſtreichen.„Deine Arzenei wirkt.“ „Ja, Peter, ſie wirkt“, rief das ſchöne Weib mit einem gellenden Gelächter, während ihre Augen von Mordluſt funkelten,„und eben deshalb ſtirbſt Du.“ Der Czar ſtarrte ſie an, er ſchien ſie nicht zu ver⸗ ſtehen. „Rache für Moens!“ fuhr ſie fort,„Du ſtirbſt durch mich!“ „Gift! Gift!“ ſchrie Peter der Große noch mit der letzten Kraft auf,„laß ſie verhaften, Mentſchikoff, wirf ihr den Kopf vor die Füße.“ Er ballte die Fäuſte, um ſie zu ſchlagen, aber ſie lachte ſeiner Ohnmacht, und ſtieß ihn mit aller Kraft vor die Bruſt, ſo daß er vor Wuth weinend in den Seſſel zurück fank. „Mentſchikoff gehört mir“, ſprach ſie dann mit eiſiger Ruhe,„Du ſtirbſt verlaſſen von Allen, ohne Freund, von Deinem Weibe verflucht.“ „Das Teſtament“, murmelte der Czar. Katharina ergriff es und riß es in Stücke.„O! damit wollen wir heizen, wie mit jenem, in dem Du mich zu Deiner Nachfolgerin ernannt haſt“, ſagte ſie mit vernichtendem Hohne,„Elender! ſieh jetzt, wie Du ganz in meine Hand gegeben biſt. Stirb und erfahre, Bruſt gelehnt und begann den Pelz an ihrem Aermel 1¹5⁵5 daß Du ſtirbſt, damit ich herrſche, denn ich werde Deinen Thron beſteigen.“ Peter der Große bäumte ſich noch einmal auf⸗ ſeine Augen drehten, ſeine Lippen bewegten ſich, er 3* hob die geballten Fäuſte gegen Katharina, welche vor F.. ihm ſtand und eine Lache anſchlug und während ſie ihn verlachte, brach er zuſammen.— Sein Auge verglaſte. Er war todt. So ſtarb der größte Herrſcher Rußlands am 8. Februar 1725, 52 Jahre alt, auf dem Höhepunkte 1 ſeines Glückes und ſeiner Macht. 1 Einen Augenblick blieben die beiden Zeugen ſeines furchtbaren Endes ſprachlos. Dann ſagte Mentſchikoff. „Ich glaube, er iſt todt.“ Katharina legte die Hand auf ſeinen Kopf, dann das Ohr an ſeine Bruſt und horchte. „Er iſt todt“, ſagte ſie nach einer Weile, bin Und jetzt raſch an's Werk.“ XIV. Ver ſäet, dererntet. Verſtört, aber zum Aeußerſten entſchloſſen, traten die Mörder Peter des Großen aus dem Gemache, in. 8* 146 welchem der todte Kaiſer lag. Katharina ſperrte die Thüre hinter ſich ab und nahm den Schlüſſel zu ſich. Rumianzoff und Tolſtoi näherten ſich, ohne ein Wort zu ſprechen und knieten vor dem blutbefleckten kühnen Weibe nieder.„Wir grüßen Dich, Gebieterin Rußlands“, ſagte der Erſtere„und erwarten Deine Befehle.“ Katharina winkte ihnen, ſich zu erheben und traf raſch und mit ſicherer Berechnung ihre Anordnungen. Sie entſendete Tolſtvi, um den Senat auf der Stelle in den kaiſerlichen Palaſt zu berufen. Rumianzoff eilte in die Kaſernen der Regimenter Preobrajenski und Semenowski, während Mentſchikoff zu dem Erzbiſchof von Nowgorod fuhr. Katharina ging in unbeſchreiblicher Aufregung in ihrem kleinen Empfangsſaal auf und ab. Der Erſte, welcher zurückkehrte, war Mentſchikoff. Der Erzbiſchof trat mit ihm ein und begrüßte die Czarin ehrerbietig- „Der Kaiſer iſt ſpeben plötzlich geſtorben“, begann Katharina. Der Erzbiſchof erſchrack ſichtlich, aber faßte ſich ſchnell.„Ein großes Unglück für das Reich“, ſagte er, den Kopf ſchüttelnd. „Noch größeres abzuwenden“, fiel die Czarin ein,„muß unſere nächſte Sorge ſein, der Staat muß 3 ein Haupt haben, ehe die Parteien ſich erheben und Zwietracht ſäen, welche das ſtolze Gebäude des Dahin⸗ geſchiedenen gefährden könnte.“ „So viel ich weiß“, ſagte der Erzbiſchof mit einem lauernden Blick,„iſt ein Teſtament da—“ „Es iſt keines da“, unterbrach ihn Katharina; „aber der Czar hat mich ſterbend im Beiſein Mentſchi⸗ koffs zu ſeiner Nachfolgerin ernannt. Ich bin ent ſchloſſen, die Zügel der Herrſchaft zu ergreifen und rechne auf Euere Unterſtützung dabei. Die Stunde iſt gekommen, wo ich meine Freunde kennen lernen werde und meine Feinde. Ihr kennt nun meine Abſicht und meinen unerſchütterlichen Willen. Richtet Euch danach.“ Ohne ihm weiter ein Wort zu gönnen, entließ ihn die ſchöne Frau im Vollgefühl ihrer Majeſtät mit ei⸗ nem leichten Kopfnicken. Unterdeſſen hatte Rumianzoff den Regimentern die entſetzliche Nachricht gebracht, alle Soldaten, welche furchtlos den Schweden, Türken und Perſern die Stirne geboten, weinten gleich Kindern und als der Abgeſandte Katharina's ihnen ſagte, Peter der Große habe ſeine Gemahlin ſchon bei Lebzeiten gekrönt, da⸗ mit ſie nach ihm den Thron beſteige, es gäbe aber Leute, die den letzten Willen des großen Todten nicht achteten und umzuſtoßen ſuchten, da riefen Hunderte ———* 5 118 von Stimmen: Nieder mit Rebellen, es lebe Katha⸗ rina, unſer Czar!“ Als Rumianzoff hierauf noch Geld und Brannt⸗ wein an die Garden vertheilte, ſtieg die Begeiſterung auf das Höchſte. Es wurde Allarm geſchlagen und die beiden Regimenter ſammelten ſich um ihre Fahnen, be⸗ reit für Katharina zu ſiegen oder zu ſterben. Während dies in den Kaſernen geſchah, veſam⸗ melte ſich der Senat in dem großen Thronſaal. Die Kunde von dem unerwarteten Ableben des Czaren hatte ſich blitzſchnell verbreitet, Volksmaſſen umlagerten den Palaſt und harrten mit Spannung der Beſchlüſſe, welche die Kirchenfürſten und die Großen des Reiches faſſen würden. Die Spione Mentſchikoffs, als biedere Landleute und Kaufleute verkleidet, hatten vollauf zu thun, die rechte Stimmung in dieſelbe zu bringen. Die beſte Wirkung machte einer, der unter der Maske eines Branntweinhändlers den ſüßen Pöbel mit Schnaps be⸗ geiſterte und dabei die gute Eigenſchaft hatte, das Geld für etwas Ueberflüſſiges anzuſehen und daher keine Zahlung anzunehmen. Während unten das Volk in ſeiner Art über die Thronfolge ſtritt und lärmte, begann oben die glänzende Verſammlung ihre Berathung. Der Erzbiſchof von Nowgorod führte den Vorſitz — — 149 Mentſchikoff erſchien zuerſt allein vor dem Senat. „Peter I., unſer erhabener Kaiſer, iſt vor einer Stunde einer kurzen Krankheit erlegen“, begann er, „ein unberechenbarer Verluſt hat uns, das treue Volk der Ruſſen, das Reich und die ganze Mitwelt getrof⸗ fen, denn der Name des Dahingeſchiedenen war für Europa gleichbedeutend mit Bildung, Humanität und Fokkſchritt.“ Der Erzbiſchof erhob ſich, um der officiellen Trauer und Rührung Worte zu leihen. Viele Senatoren brachen in allem Ernſte in Thränen aus, denn es war von jeher ein nationaler Charakter der Ruſſen, ihre größten Des⸗ poten am meiſten zu lieben; ſo wurden Iwan der Schreckliche, Peter der Große und ſpäter Katharina II. von ihnen gleich vergöttert. Nachdem der Senat durch Aufſtehen von den Sitzen ſein tiefes Beileid ausgedrückt, ergriff Fürſt lexander Mentſchikoff von Neuem das Wort.„Der Kaiſer“, ſagte er,„hat in keiner Weiſe ſchriftliche Ver⸗ fügungen über die Nachfolge getroffen, mir jedoch in vertraulichen Stunden zu wiederholten Malen den Wunſch ausgeſprochen, im Falle ſeines Abſterbens ſeine Gemahlin Katharina, welche er in dieſer Abſicht vor etwa einem Jahre krönen ließ, den Thron beſteigen zu ſehen.“ 120 Nun entſtand ein ungeheurer Tumult. Ein Theil erhob ſich und ſchrie:„Wir wollen uns von keinem Weibe regieren laſſen, wir wollen einen Czaren, einen Mann, der rechtmäßige Erbe iſt Prinz Peter, der Sohn des Großfürſten Alexis, es lebe „Alexis iſt ausdrücklich enterbt“, rief Fürſt Repnin „und ſomit auch ſein Sohn der Thronfolge verluſtig. Soweit ich die Abſichten meines unvergeßlichen Herrn und Kaiſers kenne, hatte er die Krone ſeiner Tochter, der Prinzeſſin Anna zugedacht.“ Viele ſtimmten freudig bei.„Ja, ihr gebührt der Thron“, rief einer.„Sie hat den Geiſt ihres Vaters geerbt und iſt dabei die Güte ſelbſt“, betheuerte ein Anderer.„Hoch, Anna! Hoch Peter II./“ tönte es durcheinander. „Uebereilen wir uns nicht“, begann Fürſt Baſil Dolgorucki,„denken wir zuerſt an uns und dann erſt an den Thron. Wählen wir Jenen, der unſere alten Rechte und Freiheiten herſtellt und uns neue gewährt. Setzen wir einen Ausſchuß nieder, welcher eine Con⸗ ſtitution, etwa nach dem Muſter der ſchwediſchen, zu entwerfen hat, berathen wir dann über dieſelbe und legen wir ſie den Bewerbern um den Thron vor. Der⸗ — — 124 jenige, der ſie unterzeichnet und beſchwört, ſoll unſer Herrſcher ſein.“ Die Worte Dolgorucki's erregten einen Sturm von Beifall und Widerſpruch. Die Sache ſchien eine für die Mörder Peter des Großen unheilvolle Wendung zu nehmen, da— mitten in der größten Verwirrung und der leidenſchaftlichſten Debatte ertönten plötzlich die Trommeln der Regimenter Preobrajenski und Semenowski. Rumianzoff hatte mit denſelben den Palaſt um⸗ zingelt und alle Ausgänge deſſelben beſetzt. Jetzt erſt begannen die Senatoren den ganzen furchtbaren Ernſt der Sachlage zu begreifen. Es war plötzlich ſtill geworden im Saale und mitten unter dem Drommelwirbel und Geklirr der Waffen, trat Katha⸗ rina ein, in Trauerkleidern, das bleiche Geſicht von einem ſchwarzen Schleier verhüllt. Sie blieb mitten unter ihren Gegnern ſtehen, indem ſie dieſelben furchtlos in das Auge faßte. „So viel ich vernommen, haben ſich die meiſten Stimmen in dieſer erhabenen Verſammlung auf den Großfürſten Peter vereinigt“, begann ſie,„wenn ich je daran gedacht habe, die Zügel der Regierung zu er⸗ greifen, ſo war es nur in der Abſicht, den Thron dem 122 Sohne eines Prinzen zu erhalten, deſſen unglückliches Ende ich vor allen Anderen ſtets beweint habe.“ Sie berührte dieſen Punkt abſichtlich mit unerhör⸗ ter Frechheit, denn ſie wußte nur zu gut, daß man ſie beſchuldigte, ſeinen Tod verſchuldet und ihm, im Ein⸗ verſtändniß mit ſeinem Vater, Peter dem Großen, Gift gereicht zu haben. „Ich wäre jedoch zurückgetreten, wenn Ausſicht in dieſer Frage vorhanden geweſen wäre“, fuhr ſie fort,„aber ſchon ſehe ich den hohen Senat von Par⸗ teigeiſt ergriffen, ſchon höre ich die Stimmen, welche die Rechte des Thrones anzutaſten wagen und dies erin⸗ nert mich an die Pflichten, welche mir die Krönung auferlegt, das Reich vor Zwietracht zu bewahren und an die Rechte, welche mir dieſelbe verleiht. Ich bin entſchloſſen, von denſelben Gebrauch zu machen und den letzten Willen des Kaiſers zu erfüllen, indem ich das ſeiner Hand entſunkene Scepter ergreife. Ich verſpreche, den Großfürſten Peter ſo zu erziehen, daß er würdig wird, dem großen Monarchen in der Regierung nach⸗ zufolgen, deſſen Verluſt wir alle ſo ſchmerzlich be⸗ weinen.“ Wieder ertönten Trommeln und vor den Thüren des Verſammlungsſaales raſſelten die Kolben der Grenadiere nieder. Jetzt erhob ſich der Erzbiſchof von 123 Nowgorod und erklärte, daß der verſtorbene große Czar ihm gegenüber bei verſchiedenen„Gelegenheiten den Willen ausgeſprochen habe, nach ſeinem Tode alle Rechte der Souveränetät ſeiner Gemahlin zu übertragen und zwar mit den Worten, daß ſie, die das Reich an den Ufern des Pruth gerettet, es auch wohl zu regie⸗ ren verdient. Er ſchloß damit, daß er Katharina als Alleinherrſcherin und Kaiſerin aller Ruſſen aner⸗ kannte. Dies Beiſpiel wirkte. Die ganze Verſammlung erhob ſich mit lebhaftem Zuruf.„Es lebe die Kaiſerin Katharina I!“ ſchrie Mentſchikoff, indem er das Fenſter öffnete. Tauſende von Stimmen im Palaſte und um denſelben ſtimmten ein und der Ruf:„Es lebe Katharina pflänzte ſich durch die ganze Hauptſtadt fort. So eroberte ſich das Bauernmädchen von Marien⸗ burg, die Sclavin Mentſchikoffs, den alten Thron der Czaren. Katharina nahm huldreich die Glückwünſche der Senatoren entgegen und eilte dann in ihre Gemächer, wo ſie die Trauerkleider herabriß.„Genug der Heuchelei“, ſprach ſie,„wir ſtehen am Ziele.“ Eine Viertelſtunde ſpäter trat ſie, von Schönheit 124 ſtrahlend, das funkelnde, an den katholiſchen Heiligen⸗ ſchein mahnende Diadem der Czarewna auf dem Haupte, über der fließenden weißen Atlasſchleppe den rothſammtenen Hermelinpelz, heraus und zeigte ſich zu⸗ erſt vom Balkone den Soldaten und dem Volke. Dann ſchritt ſie, in ſtolzer Haltung gnädig lächelnd, die Marmortreppe hinab, von den Garden mit begeiſter⸗ ten Hurrahs begrüßt, ſtieg zu Pferde und ritt, von Mentſchikoff und einer glänzenden Suite begleitet, durch ihre Hauptſtadt, überall vom Volke umdrängt und mit Jubel empfangen. Spät am Abend kehrte ſie in den Palaſt zurück, und ſo, wie ſie war, im vollen Glanze der Schönheit und der Herrſchaft, befahl ſie Mentſchikoff, vor ihr zu erſcheinen. Er trat ein und ließ ſich auf ein Knie vor ihr nieder. „So iſt es recht, Du findeſt Dich ſchnell in Deine neue Stellung“, ſprach ſie mit einem feinen Lächeln, „vergiß nie, daß Du nur der erſte meiner Unterthanen biſt.“ „Dein Seclave“, erwiderte Mentſchikoff, und führte mit der Demteh eines ruſſiſchen Leibeigenen den Zipfel ihres Hermelinpelzes an die Lippen. 125 „Und Dein Lohn? Frägſt Du nicht mehr darnach“, ſpottete ſie. „Ich ſehe Dich im Hermelin und bin belohnt ge⸗ nug“, erwiderte er begeiſtert. „Wirklich“, ſagte ſie, indem ſie die Hand auf ſeine Schulter legte,„aber mir iſt wohl erlaubt, ein wenig daran zu zweifeln. Komm, mein Freund, ich werde Dir nicht ſagen, daß ich Dich liebe, ich habe nur einmal geliebt in meinem Leben, aber ich bin Dir dankbar. Komm, wir wollen zu vergeſſen ſuchen, was hinter uns liegt.“ Sie hob ihn auf und er ſchlang, vor Seligkeit halb von Sinnen, die Arme um ſie. Die Mörder Peter des Großen genoſſen die Früchte ihrer Verbrechen nicht lange. Die Nemeſis ereilte ſie nur zu bald. Katharina I. regierte nur zwei Jahre, dann ſtarb ſie, von Gewiſſensbiſſen gefoltert, unter ſchrecklichen Qualen in der Blüthe des Lebens, achtunddreißig Jahre alt. Peter II. folgte ihr. Obwohl er mit der Tochter Mentſchikoffs verlobt war, gelang es doch dem Dol⸗ gorucki, den letzteren zu ſtürzen, und zwar gerade in dem Augenblick, wo ſeine Macht eine unumſchränkte S ſchien. Er wurde aller ſeiner Würden und ſeines Ver⸗ mögens für verluſtig erklärt und nach Sibirien ver⸗ bannt, wo ſeine Frau ſich die Augen blind weinte und er ſelbſt nach zwei Jahren kummervollen Daſeins in tiefſter Schwermuth ſtarb. —= — S — S — — — — — S 8 3 — 8 Anna Jwanowna, die jüngere Tochter des Prinzen Iwan Romanow, Herzogin von Kurland, war Wittwe geworden. Sie beeilte ſich, das fremde unwirthliche Land ſo bald als möglich zu verlaſſen und klatſchte wie ein Kind vor Vergnügen in die Hände, als ſie wieder die Thürme ihres geliebten Petersburg erblickte. Anna IJwanowna war auch nicht viel mehr als ein Kind, aber ein großes, launenhaftes und ſehr verzogenes. Kind; eine echte Ruſſin des achtzehnten Jahrhunderts, hielt ſie das Leſen, das ihr Oſtermann, der Sohn eines lutheriſchen Paſtors, dann Kanzler des ruſſiſchen Reiches, gelehrt hatte, für eine gewaltige Wiſſen⸗ ſchaft und erzählte ihrem Lehrer, als ſie ihn wiederſah, mit lebhaftem Stolze, daß ſie ſeitdem auch ihren Namen ſchreiben gelernt habe. Sie war nun zweiunddreißig Jahre alt, über Mittelgröße, gut gebaut, doch von mehr als ſtattlichem Körperum⸗ fang, ihre formloſen Züge zeigten eine apathiſche Gut⸗ Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. T. 9 müthigkeit, aber in den ſpitzen Winkeln ihrer kleinen mongoliſchen Augen lauerte es wie Tücke, und manch⸗ mal blitzte es ſogar wie Grauſamkeit aus denſelben. Sie hatte ſich jetzt in einem kleinen, ihr gehörigen hölzernen Palaſte behaglich eingerichtet, denn Bequem⸗ lichkeit und ein ruhiges Wohlleben ging ihr über Alles, und ſaß hier in ihrem Salon in einem großen wohl⸗ gepolſterten Fauteuil, gleich einer Pagode, welche da iſt, um ſich anbeten zu laſſen, reichte Jedem, der zu ihr kam, zuvorkommend die Hand zum Kuſſe dar und langweilte ſich bald ebenſo herzlich, als ſie ſich in ihrem getreuen Herzogthum Kurland gelangweilt hatte. Sie verlangte täglich mehrmals nach Oſtermann, er ſollte ihr von den Zeitereigniſſen erzählen und ſie zerſtreuen, aber Oſtermann war ſo ungalant, wenig Zeit zu haben, und ſo bot er ihr denn endlich einen Erſatzmann, den Fürſten Anatolius Galitzin, an. „Kann er aber auch leſen?“ war die erſte Frage des großen Kindes. „Zu welchem Zweck, Hoheit?“ erwiderte Oſter⸗ mann. „Damit er mir die neueſten Zeitungen vorlieſt und auch hübſche Geſchichten und andere gute Bücher, wie ſie jetzt im Ausland geſchrieben werden“, ſagte W W ₰ 131 die Herzogin,„denn Sie wiſſen, mein Lieber, daß ich ſehr viel auf die Wiſſenſchaften halte“ Oſtermann verſicherte, daß der Fürſt alle Vor⸗ züge eines Gelehrten mit denen eines vollendeten Edel⸗ mannes vereine und zum Ueberfluſſe noch ſehr jung und ſehr hübſch ſei. Nun zögerte Anna Jwanowna nicht länger, ihre Einwilligung zu geben. Fürſt Anatolius Galitzin hatte in der That durch einen franzöſiſchen Hofmeiſter und einen deutſchen Lehrer eine für jene Tage ſeltene Erziehung genoſſen, war in der franzöſiſchen Literatur zu Hauſe und trotz ſeiner zwanzig Jahre im Stande, jedem mittelmäßigen Gelehrten die Spitze zu bieten. Als der blutjunge, hochgewachſene ſchöne Mann bei ihr eintrat und die Fingerſpitzen der Herzogin küßte, paſſirte derſelben etwas, das für ihre hohe Stellung ebenſo unſchicklich, als bei ihrem Körperum⸗ fang unbequem war, ſie verliebte ſich nämlich ſterb⸗ lich in denſelben und benahm ſich in ſeiner Gegen⸗ wart gleich einem Bauernmädchen, das zum erſten Male auf dem Tanzboden iſt. Sie kicherte, hielt ihr Sacktuch vor, um den Fürſten verſtohleu um ſo beſſer betrachten zu können, wurde bei jedem noch ſo unſchuldigen Worte, das er ſprach, ſchamroth, und wenn er aus einem der Bücher, die er mitbrachte, 6 etwas Merkwürdiges oder Seltſames las, ſchlug ſie ihn mit ihrer großen Hand nicht eben allzu ſanft auf die Backe oder auf die Schulter und lachte wie be⸗ ſeſſen. Galitzin, welcher ſeinen Geſchmack an hübſchen Nachbildungen antiker Statuen und Copien italieniſcher Gemälde gebildet hatte, dachte indeß in der Gegen⸗ wart der wohlgenährten fürſtlichen Dame an Alles, nur nicht an Liebe und wollte ihre Gefühle, welche ſie in bald mehr, bald minder zarte Vertraulichkeiten kleidete, durchaus nicht verſtehen. Er hatte ſein Ziel vor Augen, in der Diplomatie Carriere zu machen, und daher die Gelegenheit benutzt, dem Reichskanzler einen Dienſt zu erweiſen. Da wurde die dicke Schöne kühner und deutlicher. Eines Abends bemerkte Galitzin, daß ſie, welche ſonſt ungern Toilette machte, mit beſonderer Sorgfalt friſirt war und ihre üppigen Reize durch einen Schlaf⸗ rock von leichtem weißen Stoffe, wie ſie glaubte, in ſinnbethörender Weiſe durchſchimmern ließ. Er gab ſich die Miene, es nicht zu bemerken, und ſetzte ſeine Lectüre vom vorigen Tage fort. Plötzlich ſchlug ihm Anna Iwanowna das Buch aus der Hand, und da er, um bei der ſchlechten Be⸗ leuchtung von zwei Unſchlittkerzen beſſer zu ſehen, dem 3 Tiſche, an dem ſie ſaß, und ſo auch ihr, halb den Rücken zugewendet hatte, ergriff ſie ihn ohne alle Umſtände bei ſeinem ſchönen Zopfe und riß ſo ſeinen Kopf zu ſich herüber. „Will Er nicht lieber mich anſehen, Musje!“ rief ſie mit aller Energie, deren ſie fähig war,„ſtatt in das dumme Buch hineinzuſtarren.“ „Ich dachte, Hoheit haben mich zum Vorleſen be⸗ fohlen“, wagte Galitzin zu bemerken. „Ja denn“, ſagte Anna Jwanvwna, noch immer ſeinen Zopf in der Hand,„jetzt befehle ich Ihm aber, mich anzuſehen und mir zu ſagen, wie ich ihm gefalle.“ „Wie ſollte ich wagen“, ſtammelte der Fürſt. „Er kann ſchon einiges wagen“, fiel ſie ein, in⸗ dem ſie ihren Gefangenen endlich losließ,„alſo, wie gefalle ich Ihm, Musje Anatol?“ „Ich finde, das Hoheit ſehr wohl ausſehen—.“ „Findet Er mich ſchön?“ unterbrach ſie ihn, direct auf ihr Ziel losſteuernd. „O, gewiß!“ „Sieht Er alſo“, lächelte ſie,„auch ich finde Ihn ſchön, und wenn Er nur wollte, ſo könnte ich beinahe ſchwach werden.“ „Ich beſchwöre Hoheit, nicht ſchwach zu werden“, flehte Galitzin mit erhobenen Händen. „Ich bin die Herzogin von Kurland“, ſagte Anna Iwanowna mit einer Würde, welche ihr ſehr komiſch ſtand,„ich kann ſchwach werden, ſo oft ich es will, kein Menſch darf ſich darüber ein Wort erlauben, oder nur einen Gedanken; ſind doch Alle nur da, uns zu dienen, auch Er, Musje, iſt ſo viel als unſer Sclave, aber ich will gnädig gegen Ihn ſein, ich erlaube Ihm, hier auf der Stelle vor mir niederzuknieen und mir ſeine Liebe zu erklären.“ „Vergebung, Hoheit“, erwiderte Galitzin, ſich er⸗ hebend,„aber meine Lohalität verbietet mir, von dieſer Erlaubniß Gebrauch zu machen.“ „Eine ſchöne Loyalität“, ſagte Anna Jwanowna mit ſteigender Lebhaftigkeit,„welche Ihm verbietet, das zu thun, was ich wünſche.“ „Hoheit haben ſveben richtig bemerkt, daß ich nur Dero Sclave—“, wandte der Fürſt ein, dem der Angſtſchweiß auf der Stirn ſtand. „Mein Sclave iſt Er“, rief die Herzogin mit einem Anfluge von Majeſtät,„ſehr richtig, alſo hat Er mir zu gehorchen. Ich ſage Ihm alſo kurzweg, daß ich Ihn liebe und Ihm hiermit befehle, mich gleich⸗ falls zu lieben.“ „Ich bin außer Stande, dieſem Befehle Folge zu „ * leiſten“, gab Galitzin zur Antwort, indem er ſeinen Hut nahm und gegen die Thür zu retirirte. „Was, Er will mir nicht gehorchen?“ ſchrie Anna zornig. „Nein!“ Die Herzogin war außer ſich; aber zu bequem, den Lehnſtuhl zu verlaſſen, rief ſie:„Zu mir, gleich zu mir, ich muß Ihn beim Ohren nehmen.“ Und als Galitzin mit einer tiefen Verbeugung das Zimmer verließ, begann ſie wie ein boshaftes Kind mit den Füßen zu ſtampfen und zu weinen.„Ich will ihn haben, ich will ihn ſchlagen, ich will ihn ſchlagen!“ Aber der Fürſt war fort, und als er einige Tage nicht kam und ſie Oſtermann ſagen ließ, er möge ihr doch den„hübſchen Musje“ wieder ſchicken, erhielt ſie die Antwort: Galitzin habe Petersburg ver⸗ laſſen und eine Reiſe ins Ausland angetreten. An⸗ fangs war ſie ſprachlos; ſie begriff nicht, wie ein Menſch, der nur dazu auf der Welt war, um Ihres⸗ gleichen zu dienen und die Zeit zu vertreiben, ſie ver⸗ ſchmähen konnte, dann begann ſie, Alles um ſich her zu Boden zu werfen und zu zerbrechen, gab der Kammer⸗ frau, welche ſie zu Bett brachte, Fußtritte und ließ dem Koch wegen einer verſalzenen Suppe fünfzig Knuten⸗ hiebe ertheilen, endlich löſte ſich ihr Schmerz in Thränen. 136 „Was ſoll ich jetzt anfangen“, ſagte ſie zu Oſter⸗ mann,„ich kann kein Buch mehr ſehen, es erinnert mich an den Falſchen, oh! ich weiß es, er hätte mich geliebt, wenn ich nur nicht ſo dick wäre, ich bin doch eine ſchöne Frau und eine Herzogin, wie ſoll ich es machen, daß ich wieder ſchlank werde?“ Oſtermann rieth Bewegung an. „Das Gehen iſt zu mühſam“, hieß es. „Alſo Reiten.“ „Ja, ich will reiten.“ Ihr Stallmeiſter ſuchte ein ſchweres holſteiner Roß für ſie aus, einen wahren Elephanten, und ritt es zu, dann beſtieg ſie daſſelbe unter vielem Seufzen und verſuchte zuerſt in der Reitſchule ihr Glück. Es ging beſſer, als ſie erwartete, und bald fand ſie ſo viel Geſchmack daran, daß ſie täglich mehrere Stunden in der Umgebung der Reſidenz umherritt und zu⸗ ſehends agiler und ſchlanker wurde. Trotzdem war ſie viel zu bequem, um ſich, ſelbſt mit Hülfe ihres Stallmeiſters, vom Boden aus in den Sattel zu ſchwingen. Wenn ſie ausreiten wollte, führte ein Stallknecht das Pferd vor, und ein anderer brachte eine feſte hölzerne Bank, auf dieſe ſtieg ſie, und dann erſt auf das Pferd. Eines Tages mußte der eine ihrer Stallknechte, welcher in der Trunkenheit arge Exceſſe verübt hatte, auf der Stelle entlaſſen werden und ſein Nachfolger, der den Dienſt noch nicht kannte, verſäumte es, die Bank zu bringen. „Was ſoll das? Wo iſt die Bank?“ fragte Anna Jwanowna ärgerlich. „Wozu eine Bank?“ entgegnete der neue Stall⸗ knecht, nicht ohne einen gewiſſen Trotz, welcher der Herzogin gefiel; ſie ſah ihn erſt jetzt genauer an und entdeckte, daß er jung und ſehr hübſch war, und daß ihn die knappe Stall⸗Livree ſehr gut kleidete. „Wozu eine Bank?“ wiederholte Anna Jwanowna apathiſch,„damit ich auf das Pferd ſteigen kann.“ 6„Da ſteigt lieber gleich auf meinen Rücken“, rief der kecke Burſche und warf ſich vor dem Pferde, das wie eine Mauer ſtand, auf alle Viere nieder. Dies gefiel ſeiner Gebieterin noch um vieles beſſer, ſie lächelte, ſetzte den Fuß auf ihn und ſchwang ſich ſo mit Hülfe des Stallmeiſters in den Sattel. Dem hübſchen Stallknecht krachte wohl ein wenig die Wirbelſäule unter der fürſtlichen Laſt, aber er fragte in ſeiner jugend⸗ lichen Kraft nicht darnach und Anna Jwanowna noch weniger. „Wie heißeſt Du?“ frug ſie, die Zügel nehmend. „Ernſt Johann Biron.“ „Du biſt kein Ruſſe?“ 138 „Nein, ein Kurländer.“ „Ich bin Dir gewogen, Ernſt Biron“, ſprach Anna Iwanowna, ihm die Hand zum Kuſſe reichend, er aber warf ſich auf ein Knie nieder und rief:„Das iſt nicht für mich!“ „Was iſt alſo für Dich?“ lachte Anna Jwa⸗ nowna. „Wenn ich küſſen ſoll, ſo gebt mir Euren Fuß.“ Anna Jwanowna zog langſam den Fuß aus dem Bügel und ſtreckte ihn dem hübſchen Burſchen hin, der mit graziöſer Ehrfurcht ſeine Lippen auf denſelben drückte. „Nimm ein Pferd und reite mit mir“, gebot dann die ſchwache Frau, welche in dieſem Augenblicke bereits ebenſo ſehr in ihren Stallknecht verliebt war, wie vor einem halben Jahre noch in den Fürſten. Fortan begleitete ſie Biron täglich bei ihrem Spazierritt; bald befahl ſie ihn zu ihrem Dienſte in den Palaſt, und nach einem neuen halben Jahre war es ein offenes Geheimniß, daß Anna Jwanowna, Herzogin⸗Wittwe von Kurland, ihren Stallknecht zu ihrem Günſtling erhoben hatte. Im Jahre 1730 ſtarb Czar Peter II. Die nächſten Anſprüche an den Thron hatten die Töchter Peter's des Großen, dann die ältere Tochter Jwan Romanow's; aber Oſtermann und die mit ihm alliirten Fürſten Dolgoruckt warfen ihr Augenmerk auf die jüngere, Anna IJwanowna. Oſtermann nahm an, daß eine Fürſtin, die von ihm leſen gelernt hatte, auch in anderen Dingen ſeine dankbare Schülerin ſein werde. Die Dolgorucki gewannen den Senat. Anna Jwa⸗ nowna verſprach, Biron zu entfernen und die abſolute Macht der Krone zu Gunſten des Adels einzuſchränken. Um dieſen Preis beſtieg ſie den ruſſiſchen Thron. Als Baſil Dolgorucki zu ihr kam, um ihr den Be⸗ ſchuß des Senats, der ihr die Krone zuerkannte, zu melden, fand er in dem Zimmer der Herzogin einen gering ausſehenden Mann, dem er einen Wink gab, ſich zu entfernen. Dieſer geringe Mann war Biron, und der Wink, den ihm Dolgorucki gab, koſtete dem Letzteren den Kopf. Biron ſah dem mächtigen Führer der ruſſiſchen Ariſtokratie frech ins Antlitz und ging nicht; da er⸗ griff Dolgorucki den Unverſchämten beim Arme, um ihn mit Gewalt hinauszuweiſen, aber Anna Jwanowna eilte mit aller Lebhaftigkeit, die ihr zu Gebote ſtand, ihrem Günſtling zu Hülfe, und Dolgorucki mußte ſich damit begnügen, daß ſie die Artikel, welche er ihr vorlegte, unterſchrieb und beſchwor. 140 Kaum war die feierliche Krönung vollzogen, da zeigte es ſich, daß die Frau im kaiſerlichen Hermelin die Sclavin des geringen Mannes war, der einſt der Schemel ihrer Füße geweſen. Anna Iwanowna er⸗ klärte ſich, ohne die beſchworenen Punkte ferner zu be⸗ achten, zur Selbſtherrſcherin, was ſo viel hieß, als der Mann an ihrer Seite wollte nicht allein gebieten, ſondern unumſchränkt gebieten. Der Senat mahnte die Kaiſerin an ihr Verſprechen, Biron zu entlaſſen; ſie antwortete damit, daß ſie mit ihm durch die Stadt ritt und ſich ſo dem Volke zeigte. Eine dumpfe Gährung machte ſich unter dem Adel bemerkbar, man beſorgte eine Umwälzung; das war der Augenblick, den Biron erwartet und erhofft hatte. Der einfache, von den ſtolzen Bojaren verachtete Mann, der ſich jetzt, gleich einem aſiatiſchen Despoten, in einem goldgeſtickten Prachtpelz auf ſeidenen Polſter wälzte, begann ſein Rachewerk und zugleich ſein Henker⸗ amt. Die Kaiſerin galt als apathiſch und gut, aber eben deshalb war ſie ihm gegenüber ſchwach, ja willen⸗ los, und er war blutgierig wie ein Tiger und grau⸗ ſam wie eine Hyäne. Er begnügte ſich nicht damit, ſeine Feinde zu tödten, nein, er wollte den ſüßen Kelch der Rache bis 141 zur Neige leeren, er wollte ſie mit Füßen treten, ſie verhöhnen, ſie demüthigen, ehe er ihnen die ſtolzen Köpfe herunterſchlagen ließ. . Mit den Dolgorucki wurde der Anfang gemacht. Ein Befehl der Kaiſerin berief die ſtolzen Fürſten in den Palaſt. Ihre Entrüſtung kannte keine Grenzen, als ſie, ſtatt zu der Monarchin, in einen Saal ge⸗ führt wurden, in welchem Biron in ſeinem pelzbeſetzten Schlafrock auf einem Ruhebett lag und ſie mit ſpöt⸗ tiſchem Lächeln muſterte. „Wo iſt die Czarin?“ rief Baſil Dolgorucki. „Ich bin hier an ihrer Statt“, ſagte Biron. „Dies iſt eine Verletzung unſerer Rechte, wie der Würde der Monarchin“, ſchrie Jwan Dolgorucki. „Uns durch ihren Stallknecht empfangen laſſen!“ murrten die Anderen. „Und wie nennt Ihr die Artikel, welche Ihr der Kaiſerin vorgelegt habt“, entgegnete Biron mit un⸗ heimlicher, lauernder Ruhe,„und die Haltung, welche Ihr einnehmt, ſeit ſie die uneingeſchränkte Macht, welche ihr gebührt, wiederhergeſtellt hat? Ich nenne das erſtere die gröbſte Beleidigung der Majeſtät, und das letztere— Rebellion!“ „Du willſt uns zur Rede ſtellen?“ ſchrie Baſil Dolgorucki. „Mehr als das. Ich fordere Euch auf, dieſe Schrift zu unterzeichnen“, ſprach Biron, ſeinem Seere⸗ tär einen Wink ertheilend,„in welcher Ihr die Czarin um Vergebung bittet und bedingungslſe unter ihren Willen—“. „Soll wohl heißen, Deinen Willen, Bube“, brach Iwan Dolgorucki los,„nie und niemals werden wir dies unterſchreiben.“ „Dann knieet nieder und bittet um Euer Leben, Rebellen!“ rief Biron, indem er aufſprang und die Glocke zog. Soldaten der Leibwache drangen von allen Seiten in den Saal und nahmen die Dolgorucki gefangen, welche ſich trotzig in das Gefängniß abführen ließen. Nach einem kurzen Proceſſe wurden die Häupter der Familie zum Tode, die Anderen zur Verbannung nach Sibirien verurtheilt. Biron's Rache war damit nicht geſättigt. Er ließ den Dolgorucki's einen Wink geben, daß ſie auf Begnadigung rechnen könnten, wenn ſie ſich vor ihm demüthigten. Sie baten um eine Unterredung. Biron erſchien bei derſelben, gleich einem Herrſcher, in einem mit Hermelin gefütterten Ueberrock, den er, um die Dolgorucki's mit dieſem Attribut des Thrones zu höhnen, nachläſſig aus einander ſchlug. Sie warfen 143 ſich vor dem allmächtigen Günſtling auf die Knie und baten um Gnade. „Ich will Euch gern jede Gunſt erweiſen“, ſprach Biron mit einem teufliſchen Lächeln,„aber Euer Leben und Eure Freiheit kann ich Euch nicht ſchenken.“ Den nächſten Tag wurden zwei der Fürſten ent⸗ hauptet, die andern in das Exil abgeführt. Durch den erſten Erfolg kühn gemacht, begann nun Biron, die Reihen des ihm feindlichen ruſſiſchen Adels mit Hülfe des Henkers in beiſpielloſer Weiſe zu lichten, nur die Geſchichte Jwan's des Schrecklichen und einiger römiſchen Cäſaren verzeichnet ähnliche Vor⸗ gänge, wie ſie jetzt ſtattfanden. Nachdem die Feinde niedergeworfen waren, kam die Reihe an die Freunde der Kaiſerin; Keiner, der Einfluß oder Anſehen hatte, ſollte am Leben bleiben, das Blut floß in Strömen, in langen Wagenzügen wanderten die Verbannten in das mörderiſche Klima Sibiriens, nur Oſtermann wurde geſchont, ja es gelang ihm, ſich zum Liebling Biron's zu erheben. Die Kaiſerin unterſchrieb die vielen Todesurtheile, nur der beiſpielsloſen Gewalt weichend, welche Biron über ihre Seele gewonnen hatte, und jedesmal unter Thränen und Betheuerungen, daß ſie an all' dem Un⸗ glück unſchuldig ſei. 3 144 Einmal, als Biron ihr ein paar neue Todesurtheile vorlegte und ſie unter denſelben ihre treueſten Anhänger fand, bat ſie die Creatur ihrer Gunſt um Gnade für dieſelben, und als Biron unerſchütterlich blieb, warf ſie, die Czarin, deren Sclave er in der That war, ſich zu ſeinen Füßen und bat ihn ſchluchzend um das Leben der Verurtheilten. Biron aber riß ſie empor, ſchleppte ſie zum Tiſche hin, auf dem die furchtbaren Documente lagen, und zwang ſie, zu unterzeichnen, indem er ihr ſelbſt die Hand führte. Die Macht Biron's wurde eine unumſchränkte, als ſich zu der natürlichen Trägheit der Czarin mit den Jahren ein Leiden geſellte, das ihr jede Bewegung wie jede Anſtrengung zur Qual machte, die Gicht. Sie wollte nun von Regierungsgeſchäften ſo wenig als möglich hören und verweigerte oft apathiſch, wochen⸗ lang ſogar ihre Unterſchrift auf die Actenſtücke zu ſetzen, welche ihr von dem factiſchen Regenten Rußlands vorgelegt wurden. Dies reizte ſeinen Zorn und ſie war nicht ſelten ſeinen Mißhandlungen ausgeſetzt, begnügte ſich aber dann, vor ihren Kammerfrauen über ihn zu klagen und zu weinen. Sie Fenſter aufzureißen. ſprach er mit einem rohen Gelächter,„fort mit 14⁴5 Im Jahre 1740 war ein unerhört früher und beiſpiellos ſtrenger Winter eingetreten. Die Czarin hatte ſich erkältet und hatte, von Schmerzen gefoltert, nicht mehr den Muth, ihre Zimmer zu verlaſſen. Sie ſaß, in Pelze eingehüllt, in ihrem Polſter⸗ ſtuhle beim Kamin, in dem das Feuer nie ausgehen durfte, und ſpielte Karten mit einer alten Hofdame. In dem Zimmer war eine Temperatur zum Erſticken, ſie klagte aber immer noch über Kälte und hieß dem Heizer, von Neuem anzulegen. Da kam eines Tages Biron herein, in hohen Stiefeln, die Peitſche in der Hand, er kam von einem Ritt. „Was iſt das hier für eine Wirthſchaft“, ſchrie er,„eine Hitze zum wahnſinnig werden.“ „Ich aber friere, mein Kind“ nowna ſchüchtern. „Geh' an die Luft, dann wird Dir warm werden“, erwiderte er im Tone des Gebieters. „Ich kann aber nicht gehen, ich bin krank“, klagte die Czarin. „Einbildung“, rief er „ſagte Anna Iwa⸗ „und begann damit, alle „Er bringt mich um“, ſchrie Anna IJwanowna. „Im Gegentheil, ich bringe Dich zum Leben“, dieſen Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. 1. 10 146 Pelzen, einer genügt, und auf der Stelle hinaus ins Freie.“ „Ich kann nicht ſtehen“, jammerte die Czarin, „die Gicht—“. Biron faßte ſie bei den Händen und ſtellte ſie auf die Füße.„Nun? Einbildung, was habe ich ge⸗ ſagt?“ Ohne weiter zu ſragen, befahl er die Porie⸗ chaiſe der Kaiſerin. „Es iſt mein Tod“, klagte Anna Iwanowna und begann zu weinen, aber es half ihr nichts, ſie mußte, ſo ſchwer es auch ging, allein die Treppe hin⸗ abhinken und in die Portechaiſe ſteigen; die Träger hatten den Auftrag, ſie bis zu den letzten kleinen Häuſern an der Newa zu tragen und nicht vor zwei Stunden zurückzukehren. Zwei ihrer Damen folgten gleichfalls in Sänften. „O, es iſt grauſam kalt!“ ſeufzte die Kaiſerin, als die ſcharfe Luft ſich trotz der geſchloſſenen Fenſter und Pelz und Schleier fühlbar machte,„grauſam kalt!“ Es herrſchte auch in der That eine Kälte, deren ſich die älteſten Leute nicht entſinnen konnten; jeden Morgen fand man Menſchen in den Straßen, welche in der Nacht erfroren waren, und die Vögel fielen erſtarrt von den Bäumen und Dächern herab. Die Träger mußten von Zeit zu Zeit Halt machen und ihre Hände tüch⸗ 147 tig in einander ſchlagen und mit Schnee reiben, wenn ſie ihnen nicht erfrieren ſollten; jedesmal wenn dies geſchah, fror die arme gichtkranke Frau in der Sänfte erbärmlich und begann zu ſchluchzen und die Träger zu verwün⸗ ſchen.„Warum bleiben ſie ſtehen, man ſoll ſie vorwärts treiben, man ſoll ſie peitſchen, die Hunde!“ rief ſie. Endlich war der ſeltſame Zug in der entfernteſten Vorſtadt angelangt, wo nur noch einzelne halbver⸗ fallene kleine Häuſer mit windſchiefen Strohdächern am Fluſſe ſtanden; da ſchrie die Kaiſerin mit einer Art Entſetzen auf. In dem Eis der Newa war ein Loch ausgehauen und in demſelben ſtand ein großes kräftiges Weib in einem alten Halbpelz, der ihre bloße Bruſt ſehen ließ, und wuſch Wäſche. Die Czarin befahl zu halten und vergaß ſich in ihrer Ueberraſchung ſo weit, daß ſie das Fenſter ihrer Sänfte öffnete und ihren Hofdamen zurief:„Sehen Sie doch die Frau, die dort im Waſſer ſteht, welche robuſte Geſundheit, wie beneide ich ſie.“ Sie rief die Wäſcherin, welche ungern zu gehorchen ſchien, zu ſich und bewunderte ſie jetzt, wo ſie mit bloßen Füßen und rothen Wangen vor ihr im Schnee ſtand, noch mehr. „Wie nennſt Du Dich?“ fragte ſie. 10* 148 „Anna Iwanowna Nullinowa, gnädige Frau; aber es iſt kalt und ich bitte Euch, mich in meiner Arbeit nicht zu unterbrechen“, gab die Wäſcherin zur Antwort. „Nur wenige Worte, Anna Iwanowna“, ſprach die Czarin,„auch ich heiße nämlich ſo, wie fängſt Du das an, daß Du im Eiſe der Newa ſtehen kannſt und nicht erfrierſt, im Gegentheil ſo geſund und ſtark und hübſch bleibſt, denn Du biſt eine ganz hübſche Frau, Anna Iwanowna.“ Die Wäſcherin lächelte geſchmeichelt.„Nun mit der Geſundheit iſt es nicht weit her, Mütterchen“, erwiderte ſie,„ich bin wohl ab und zu ganz abſcheulich von der Gicht geplagt.“ „Von der Gicht!“ ſchrie die Czarin auf.„Und da gehſt Du mit bloßen Füßen in das Eis? Ich leide auch an der Gicht, meine Liebe, aber ich möchte weinen, wenn ich nur aus dem Zimmer ſoll. Freilich Du biſt noch jung, ich aber bin ſchon ſiebenundvierzig Jahre alt, da iſt das Blut nicht mehr ſo warm.“ „Erſt ſiebenundvierzig Jahre ſeid Ihr alt?“ rief die Wäſcherin, die Hände zuſammenſchlagend.„Und ſitzt da in der Sänfte und laßt Euch tragen wie ein hundertjähriges Mütterchen; das machen Eure heißen Stuben und Eure Pelze. Ich bin über fünfzig Jahre 14⁴9 und laufe Euch rein wie ein Zobel durch den Schnee.“ „Heilige Mutter von Kaſan“, ſeufzte die Czarin, „ich hätte Dich höchſtens für vierzig gehalten, Anna Iwanowna. O, wie glücklich Du biſt, gieb mir einen guten Rath, wie ſoll ich es anfangen, ſo rüſtig und hübſch zu werden wie Du.“ „Arbeitet ſo wie ich im kalten Waſſer, dann nehmt etwa ein Dampfbad und wälzt Euch darnach ein wenig im Schnee, und weggeblaſen iſt die Gicht“, ſprach die Wäſcherin,„aber jetzt iſt es Zeit, daß ich zu meiner Wäſche zurückkehre. Gott ſchütze Euch, Mütterchen.“ Kaum war die Czarin in den Palaſt zurückge⸗ kehrt, ließ ſie ſich einen großen Waſchtrog in das Zimmer ſtellen und begann trotz der Qualen, welche es ihr verurſachte, zu waſchen und mit jener apathi⸗ ſchen Beharrlichkeit, welche ſie in jeder Beziehung charakteriſirte, konnte ſie ſich durch mehrere Stunden, wie früher von ihren Pelzen und ihrem Fauteuil, jetzt von dieſer ſeltſamen Beſchäftigung nicht trennen. End⸗ lich war ſie, da das Zimmer ſehr warm geheizt war, ganz in Schweiß gekommen und fühlte ſich dadurch ein wenig erleichtert. „Nun aber müſſen Majeſtät in das Dampfbad“, beſchworen ſie ihre Hofdamen, als Anna Iwanowna 150 ſich erſchöpft auf ein Ruhebett ſinken ließ,„ſonſt wird es noch ſchlimmer, als es war.“ „Ja, ja“, ſtimmte die arme Frau bei,„ich will, geſund und hübſch werden wie meine Namensſchweſter, die Wäſcherin.“ Und ſie ließ ſich willig in das Dampfbad führen, mit Ruthen ſtreichen und mit Bürſten reiben, bis ſie weit mehr einem gekochten Krebs als einer Monarchin glich und dann im Schnee wälzen und wieder in den Dampf zurückführen, und ſo fort, bis ſie endlich todtmüde, in warme Pelze eingehüllt, auf ihrem Ruhebett lag und zum erſten Male ſeit vielen Monaten ruhig und ſüß ſchlief. An den nächſten Tagen wurde die Procedur fort⸗ geſetzt, und kaum waren zwei Wochen vergangen, onnte die Kaiſerin im offenen Schlitten durch Peters⸗ burg fahren und vor dem Häuschen der Wäſcherin ausſteigen und in ihre niedere rauchige Stube treten. „Ich bin gekommen, Dir zu danken, Anna Iwa⸗ nowna“, begann ſie, nachdem die überraſchte Wäſcherin ihr den Sitz unter den Heiligenbildern angewieſen; „ich danke Dir meine Geſundheit, bitte Dir eine Gnade aus.“ „Wenn es nur beſſer geht, Mütterchen“, ſagte die Wäſcherin verlegen,„mein Verdienſt dabei iſt gering.“ 15¹ „Alſo, was kann ich für Dich thun?“ begann die Czarin von Neuem. „Laßt Eure Wäſche bei mir waſchen“, gab Anna Iwanowna zur Antwort. Die Czarin und ihre Damen lachten. „Iſt dies zu viel verlangt?“ fragte die Wäſcherin betroffen. „Zu wenig, meine Liebe.“ „Wer ſeid Ihr denn, daß Ihr ſo freigebig ſeid?“ „Anna Iwanowna, Kaiſerin von Rußland“, er⸗ widerte die arme gichtkranke Frau ſtolz. „Heilige Mutter“— die Wäſcherin ſank in die Knie und begann in ihrer Herzensangſt zu beten. „Fürchte Dich nicht“, ſprach die Czarin freund⸗ lich,„ich bin Dir ſehr gnädig geſinnt, denn Du haſt mir ſo gut wie das Leben gerettet. Alſo verlange ſelbſt, was ich für Dich thun ſoll. „Nichts für mich, gnädigſtes Mütterchen Cza⸗ rewna“, rief die Wäſcherin,„aber nehmt Euch meines Kindes an; es iſt ein ſchönes Kind und ein gutes Kind, werth, von einer Czarewna begünſtigt zu wer⸗ den „Laß ſehen, wo iſt dies Wunderkind?“ Die Wäſcherin wagte es nicht, aufzuſtehen, ſondern rutſchte auf den Knieen aus der Stube und kehrte in wenig Augenblicken mit einem großen, herrlich gewach⸗ ſenen Mädchen zurück, deſſen Züge zugleich das Ge⸗ präge von Intelligenz, Güte und ſeltener Schönheit trugen.„Das iſt meine Tochter“, ſagte ſie nicht ohne Stolz. „Nun, Du haſt alle Urſache, Dich ihrer zu freuen“, ſprach die Kaiſerin huldvoll,„wie heißt Du, Kleine?“ „Anna IJwanowna“, erwiderte die Kleine, welche größer war als die Czarin, ohne Furcht, aber auch ohne jede Zudringlichkeit. „Du gefällſt mir ſehr wohl“, fuhr die Czarin fort,„ich werde Dich und Deine Mutter nicht vergeſſen, Ihr ſollt bald von mir hören, ſehr bald, und wie alt biſt Du?“ „Achtzehn Jahre.“ „Mein Gott, mein Gott!“ ſeufzte die Kaiſerin. „Wo iſt die Zeit, wo ich achtzehn Jahre alt war, wie geht das Leben dahin und die Jugend, und die Schönheit! Auch ich war einmal ſchön, Anna Iwa⸗ nowna.“ „Gnädigſte Czarewna ſind noch immer die ſchönſte Frau in Rußland“, betheuerte die Wäſcherin. Die Kaiſerin lächelte, ſie fühlte ſich in dieſem Augenblicke in dem niederen rauchigen Stübchen der 6 4* 153 Wäſcherin glücklich, wie ſeit langer, langer Zeit nicht unter dem goldenen Dache des Czarenpalaſtes. Um die Wiedergeneſung der Kaiſerin würdig zu feiern, kam Biron, der in ſeinem Weſen, in ſeiner Lebensweiſe und ſeinen Einfällen neben der Grauſam⸗ keit auch die an Tauſend und eine Nacht mahnende burleske Phantaſie vrientaliſcher D Despoten beſaß, auf die originelle Idee, aus dem Eiſe der Newa einen Palaſt zu erbauen und in demſelben ein glänzendes Feſt zu geben. Es gelang beſſer, als man erwartet, und der Eispalaſt, ein gefrorenes Märchen, lockte Tau⸗ ſende und wieder Tauſende Neugieriger nicht allein aus Petersburg, ſondern auch aus weiter Ferne herbei. Die Eisſtücke waren gleich Steinen ausgehauen und nach den Regeln der Baukunſt zuſammengeſetzt worden, ſo daß die Laſt des ſchweren, gleichfalls aus Eis be⸗ ſtehenden Daches von denſelben ohne Gefahr getragen wurde. Der Palaſt war zweiundfünfzig Fuß lang, ſechzehn Fuß breit und zwanzig Fuß hoch und mit allerhand architektoniſchem Zierath, gleichfalls aus Eis, geſchmückt. Vor demſelben ſtanden ſechs Ka⸗ nonen aus Eis, die auf der Drehbank gearbeitet waren, mit Lafetten und Rädern aus Eis und zwei Mörſern. Neben dem Palaſt befand ſich eine kleine Kapelle aus Eis, in der auch Altar, Fenſter und Betſtuhl aus Eis gearbeitet waren. Die Kaiſerin, welche ſich jetzt wieder ohne jede Anſtrengung bewegte, kam in einem mit vier Rappen beſpannten, einen Drachen vorſtellenden Schlitten, den Biron ſelbſt lenkte, zu dem Feſte, das ihr Günſtling gab. Sie ſaß, vom Kopf bis zum Fuße in ſchnee⸗ weißen köſtlichen Hermelin gekleidet, in ſchwarzen Bä⸗ renfellen. Als ſie den Eispalaſt erblickte, blieb ſie zu⸗ erſt von Erſtaunen ſprachlos, dann ſchlug ſie gleich einem Kinde in die Hände und eilte auszuſteigen und Alles genau zu beſehen. Die geladenen Gäſte, aus der Blüthe der ruſſi⸗ ſchen Ariſtokratie, waren aus Rückſicht für das eigen⸗ thümliche Lokal, von Biron angewieſen worden, in der alten Moskauer Bojarentracht zu erſcheinen, welche, beſonders den Damen, Gelegenheit bot, eine nie ge⸗ ſehene Pracht in edlem Pelzwerk, Goldſtickereien und Juwelen zu entwickeln. Eine glänzende Tafel im Eispalaſt, deſſen Boden mit dreifachen Bärenfällen bedeckt war, eröffnete das Feſt. Vor dem märchenhaften Gebäude ſpielte ein 1⁵5 Corps von dreihundert Muſikern, und als ſich Biron erhob, um auf die Geſundheit der Czarin zu trinken, gaben die Eiskanonen eine Salve Sie hatten die Größe von Sechspfündern, deren gewöhnliche Ladung aus drei Pfund Pulver beſtand. Man nahm aber nur ein viertel Pfund und ſetzte Kugeln aus gedreh⸗ tem Hanf auf. Obwohl das Eis der Geſchützröhre nicht über vier Zoll dick war, hielt es die Exploſion doch ſo gut aus, daß man nach der Tafel den Verſuch mit eiſernen Kugeln wagte. Die Czarin, von den Gäſten umgeben, ſah von den Stufen des Eispalaſtes aus dem nie dageweſenen Schauſpiel zu, das eine unabſehbare Menge herbeige⸗ lockt hatte. Es wurden Bretter von zwei Zoll Dicke als Ziel⸗ ſcheiben aufgeſtellt, welche von den Kugeln der Eis⸗ kanonen, in einer Entfernung von ſechzig Schritten, ſpielend durchbohrt wurden. Der Kanonade folgte ein Ball. Während die Kaiſerin an Biron's Seite die Po⸗ lonaiſe tanzte, hörte ſie die Gräfin Roſtopſchin einen Namen nennen, den ſie ſeit beinahe fünfzehn Jahren nicht gehört, und der ſogar im Stande war, ihr trä⸗ ges Blut in Wallung zu bringen, den Namen des Fürſten Anatol Galitzin. „Was iſt mit ihm?“ fragte ſie raſch, die Reihen der Tanzenden durchbrechend. „Man erzählt von ihm eine Geſchichte, die ſehr unwahrſcheinlich klingt“, ſagte die Gräfin,„er ſoll im Auslande zur katholiſchen Kirche übergetreten und vor wenig Tagen mit einer jungen, reizenden Franzöſin nach Petersburg zurückgekehrt ſein, in der Abſicht, ſich mit derſelben zu vermählen.“ „Zu vermählen?“ wiederholte Anna Jwanowna, am ganzen Leibe bebend.„Nun, wir wollen ſehen.“ Dann nahm ſie mit einer Heftigkeit, welche Biron an ihr ganz neu war, ihren Günſtling bei Seite und ſprach:„Ich erfülle Deinen Willen, wie ich nur kann, jetzt habe ich zum erſten Male, ſeit wir uns kennen, einen Wunſch, deſſen Erfüllung ich Dir befehle, verſtehſt Du, Biron, befehle. Der Fürſt Galitzin hat mich vor Jah⸗ ren beleidigt, er hat unſere heilige Kirche verlaſſen, ich will meine Rache an ihm haben, und zwar genau ſo, wie ich es Dir auftrage.“ Anna Iwanowna ſprach mit geballten Fäuſten und fliegender Bruſt, und ihre kleinen chineſiſchen Augen funkelten vor Mordluſt. Biron fühlte zum erſten Male etwas wie Reſpect vor ihr.„Deine Befehle werden ſtreng erfüllt werden“, erwiderte er. Eine halbe Stunde ſpäter wurden Fürſt Anatol i Galitzin und ſeine Braut, eine franzöſiſche Dame aus beſter Familie, in ſeinem Palaſte verhaftet. „Was iſt mein Vergehen?“ fragte der Fürſt. „Unbekannt“, erwiderte der Polizeioffizier kühl. „Auf weſſen Befehl erſolgt die Verhaftung?“ „Auf beſonderem Befehl Ihrer Majeſtät der Kai⸗ ſerin.“ Galitzin lachte auf, es war ein unheimliches, bit⸗ teres Lachen. Er wurde auf der Stelle von der Ge⸗ liebten getrennt und in das Gefängniß gebracht, wo er mit dem Leben abſchloß und ſich alles Ernſtes auf einen qualvollen und ſchimpflichen Tod vorbereitete. Indeß war es vollkommen dunkel geworden, und die Czarin ſah aus einem Fenſter des Eispalaſtes dem prachtvollen Feuerwerke zu, das auf dem Eiſe der Newa abgebrannt wurde und zuletzt in magiſcher Beleuchtung ihren Namen zeigte. Da trat Biron zu ihr und ſprach:„Es iſt geſchehen.“ „Gut“, ſagte Anna Jwanowna mit ſtolzer Ruhe; ſie gefiel ſich offenbar ſehr in der Rolle der Gebieterin. „Sende jetzt auf der Stelle zu der Wäſcherin Anna IJwanowna Nullinvwa, welche in einem der letzten Häuſer an der Newa wohnt, und zwar einen meiner Schlitten, eines meiner beſten Kleider, meinen ſchönſten Zobelpelz und einen großen dichten Schleier. Alle 158 dieſe Sachen hat die Wäſcherin anzulegen, ſich dicht zu verſchleiern, ſo daß ſie Niemand zu erkennen ver⸗ mag, und hierher zu kommen, wo ſie das Weitere er⸗ fahren wird.“ „Wie Du befiehlſt“, erwiderte Biron. „Dann entferne die Gäſte und ordne Alles an, wie ich es Dir geſagt“, fuhr die Carin fort,„und man ſoll der Wäſcherin mit aller Art begegnen, denn ſie hat mir das Leben gerettet, und ſie wohl in den Pelz und warme Felle einpacken, denn die Arme leidet ſehr an der Gicht.“ Als Galitzin, nachdem er kaum zwei Stunden in ſeinem Gefängniß zugebracht hatte, von dem Polizei⸗ offizier abgeholt und ihm bedeutet wurde, einen bereit⸗ ſtehenden Schlitten zu beſteigen, dachte er nicht anders, als die Czarin habe ihn zur Deportation nach Sibi⸗ rien begnadigt, und ergab ſich mit einer gewiſſen Hei⸗ terkeit in ſein Schickſal. Als er des magiſch beleuchteten Eispalaſtes an⸗ ſichtig wurde, fragte er erſtaunt den ihn begleitenden Offizier:„Was iſt das für ein neues Gebäude, ich kenne es nicht.“ Staunend hörte er ſeinen Begleiter die Entſtehung des ſeltſamen Bauwerkes und das eben abgehaltene Feſt ſchildern. Sein Erſtaunen wuchs, als der Schlit⸗ ten vor dem Eispalaſte hielt und der Offizier ihn in die neben demſelben ſtehende Kapelle führte. Vor dem glänzend erleuchteten Altare erwarteten ihn, in Geſell⸗ ſchaft eines Prieſters, ein unbekannter Mann mit einem Ordensſtern auf der Bruſt und eine dicht verſchleierte Dame in einem prachtvollen Hermelinpelze. Der Unbekannte winkte ihm, näher zu treten. „Ihr ſeid hierher beſchieden worden, Prinz“, begann er feierlich,„um aus meinem Munde das Urtheil zu ver⸗ nehmen, das Ihre Majeſtät die Czarin Anna Jwa⸗ nowna, Gott erhalte ſie, über Euch geſprochen. Ihre Majeſtät wäre im Rechte geweſen, Euch zum Tode zu verurtheilen, aber ſie läßt Gnade walten und verur⸗ theilt Euch bloß dazu, in dieſer Kapelle hier Eure Vermählung und in dem nebenſtehenden Eispalaſte Eure Hochzeit zu feiern.“ „Alles, was Ihre Majeſtät über mich beſchließt, iſt mir die höchſte Gnade“, erwiderte Galitzin, dem es durchaus nicht an ruſſiſcher Schlauheit fehlte,„und wenn Ihr, gnädiger Herr, Ernſt Biron ſeid—“ „Ja, der bin ich.“ „Dann bitte ich Euch, an der Stelle Ihrer Ma⸗ jeſtät meinen unterthänigſten Dank entgegenzunehmen“, ſchloß Galitzin, indem er ſich vor Biron auf ein Knie niederließ und deſſen Hand küßte. In dieſem Augenblicke hatte er das Herz des Günſtlings für ſich gewonnen. „Wo bleibt aber die Braut?“ murmelte die Dame im Hermelin. „Ich ſehe ſie eben kommen“, ſagte Biron. Von einem kaiſerlichen Kammerherrn geführt, trat jetzt eine hochgewachſene weibliche Geſtalt, über einem dunklen Sammetkleide in einen koſtbaren Zobelpelz ge⸗ hüllt und dicht verſchleiert, ein und näherte ſich de⸗ müthig und bebend der Dame im Hermelin, der ſie ehrerbietig den Saum ihres Kleides küßte. „Sei ruhig, Anna Jwanowna“, ſprach dieſe, „Alles, was hier geſchieht, geſchieht zu Deinem Glücke, in wenig Augenblicken biſt Du eine der vornehmſten und reichſten Frauen Rußlands.“ Der Prieſter trat vor den Altar und begann die Ceremonie. Zuerſt richtete er die üblichen Fragen an den Fürſten, dann an die verſchleierte Braut. „Anna IJwanowna“, wandte er ſich zu ihr. Da erſt erkannte Galitzin, daß es nicht die Fran⸗ zöſin war, die mit ihm vor den Altar getreten. Er ſah das impoſante Weib, das neben ihm ſtand⸗ über⸗ —————— 164 raſcht an, und zugleich traf ihn ihr Blick zum erſten Male und ruhte lange auf dem ſchönen, vornehmen Manne. Sie begann am ganzen Leibe zu beben, aber von einer ganz anderen Empfindung als vorher er⸗ griffen. „Ja“, ſprach ſie dann feſt und vernehmlich. Anna IJwanowna? Sollte es die Czarin ſein? Liebte ſie ihn noch immer? ſchwirrte es in Galitzin's Kopf. Die Ringe waren gewechſelt, die Beiden unauf⸗ löslich vereint. Da winkte die andere Verſchleierte und Biron führte die Gemahlin des Fürſten an ſeinem Arme aus der Kapelle; der Prieſter folgte. Als ſie allein waren, näherte ſich die Dame im Hermelinpelz raſch dem Fürſten.„Du glaubſt wohl, daß Du mit Deiner Franzöſin vermählt biſt“, mur⸗ melte ſie.„Haſt Du wohl gehört, Deine Frau heißt Anna Jwanowna; was würdeſt Du ſagen, wenn es dieſelbe Anna Iwanowna wäre, die Du vor fünfzehn Jahren ſo ehrlos verlaſſen haſt und die jetzt Deine Kaiſerin iſt.“ „Ich wäre der Seligſte der Sterblichen“, rief Galitzin, während er ſich innerlich bei dem Gedanken entſetzte. Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten, I. 2* 162 Die Dame ſchlug eine höhniſche Lache an.„Nein, dieſe Anna Jwanowna ſteht vor Dir.“ Sie ſchlug den Schleier zurück und maß den Fürſten mit einem Blick, in dem ebenſo viel Haß als Eiferſucht lag, denn bei dem Anblick des noch immer jungen und jetzt noch um vieles ſchöneren Mannes war in ihrer Bruſt die Liebe neu erwacht. „Majeſtät!“ ſtammelte Galitzin, in die Knie ſinkend. „Ja, das iſt Dein Platz, Sclave!“ rief die Cza⸗ rin,„Deine Franzöſin wurde auf meinen Befehl über die Grenze geſchafft, und ich habe Dir die Braut er⸗ wählt, keine aus fürſtlichem Geblüt wie mich, die taugt nicht für Dich, dem Sclaven taugt nur die Sclavin, Deine Anna Jwanowna iſt eine— Wäſche⸗ rin; geh' nun in das Brautgemach und grüße das alte Weib, das Dich dort erwartet, als Deine Gemah⸗ lin mit dem Hochzeitskuß.“ Mit dieſen Worten verließ ſie den Fürſten, und der Polizeioffizier erſchien, um ihn in den Eispalaſt zu führen. 2 Vor dem Thore deſſelben ſagte er zu Galitzin: „Eure Gemahlin erwartet Euch hier; die Czarin hat Befehl gegeben, daß Ihr Beide den Palaſt nicht vor Sonnenaufgang verlaßt, alle Fenſter und Thüren ſind 163 bewacht, wer zu entkommen ſucht, wird niedergeſchoſſen. Dies ſendet Euch Excellenz Biron.“ Damit händigte er dem Fürſten einen koſtbaren Pelz, ein Paar großer Pelzſtiefeln und eine Pelzmütze ein. „Es thäte ihm leid, wenn Ihr erfrieren würdet, und nun iſt meine Miſſion zu Ende.“ Der Fürſt trat in den Eispalaſt, welcher ſofort hinter ihm geſchloſſen wurde, warf das Pelzwerk Bi⸗ ron's auf den Boden und blickte um ſich. An der Wand ſtand ein großes, mit koſtbaren Fellen bedecktes Himmelbett, in der Mitte des Gemaches ein Tiſch für zwei Perſonen gedeckt, an demſelben zwei Sitze aus Bärenfellen, und Bärenfelle bedeckten auch den Boden. In der Tiefe eines Fenſters ſtand ſeine Gemahlin. Der Fürſt ſeufzte auf.„Alſo hier heißt es die Nacht zubringen“, ſagte er wie im Selbſtgeſpräch, „und noch dazu an der Seite eines alten Weibes. Alſo doppelter Froſt. Aber was hilft das, man muß ſich in ſein unabänderliches Schickſal fügen; das nennt man in Frankreich Philoſophie und bei uns geſunden Menſchenverſtand. Nun, mindeſtens für Magen und Kehle iſt geſorgt. Alſo komm', meine Liebe, eſſen wir zu Nacht.“ Seine Frau that raſch einige Schritte gegen ihn, um dann wieder ebenſo plötzlich einzuhalten. 11* 164 „Was haſt Du? Wenn ich Dir mißfalle, komm' immerhin näher, wir ſind einmal an einander ge⸗ ſchmiedet wie zwei Verbrecher bis an das Ende unſerer Tage, jetzt heißt es, ſich gutwillig vertragen. Komm'!“ Sie rührte ſich noch immer nicht. „Vorerſt wollen wir aber von der freundlichen Gabe Biron's Gebrauch machen.“ Der Fürſt zog den Pelz an, ſetzte die Mütze auf und machte Anſtalt, in die Stiefeln zu fahren. Da eilte die verſchleierte Frau plötzlich zu ihm, und ſich vor ihm niederwerfend, ſtammelte ſie:„Laßt mich Euch bedienen, gnädiger Herr!“ „Was fällt Dir ein?“ „Laßt mich Eure Sclavin ſein!“ Der Ton war ſeltſam, es lag etwas darin, was dem Fürſten ſo bekannt ſchien und was er doch nicht verſtehen konnte, aber der Ton kam vom Herzen und ging zum Herzen. „Deine Stimme klingt nicht wie die eines alten Weibes“, ſprach der Fürſt, ſie betrachtend,„und wenn der weite Pelz nicht trügt, ſcheinſt Du gut gebaut. Aber ich erinnere mich, daß ich Dir noch nicht den Hochzeitskuß gegeben habe.“ Seine Gemahlin ſprang auf und wich ſcheu einige Schritte zurück. Er folgte ihr. 165 „Du biſt mein Weib“, ſprach er,„ich grüße Dich als mein Weib.“ Er hob den Schleier, um ſie zu küſſen; aber dies⸗ mal wich er mit einem Schrei zurück. Nicht die alte Wäſcherin, welche ihm die Czarin angekündigt, ſtand vor ihm, ſondern ein junges, ſchönes Weib mit reichem blonden Haar und großen blauen Augen voll Ehrlichkeit und Klugheit und Güte und Liebe. „Du— Du biſt mein Weib?“ ſtammelte Galitzin. „Ja, Herr“, ſagte ſie ruhig; ſie ſah die Wirkung, welche ſie auf ihn gemacht hatte, und das gab ihr die volle Sicherheit wieder. „Und Du willſt mir dienen?“ „Ja, Herr, weil ich Euer Weib bin vor Gott und weil ich Euch liebe.“ „Nein, nein, Anna Iwanowna“, rief der Fürſt, „ich werde Dein Sclave ſein!“ Er warf ſich vor ihr nieder und bedeckte ihre Hände mit feurigen Küſſen. „Ihr erniedrigt Euch, gnädiger Herr“, rief ſie, ihn aufhebend. „Ich bin nicht Dein Herr!“ ſagte er. „Mein Gemahl— ich bin ja doch nur eine Wäſcherin; dieſes ſchöne Kleid und dieſer ſtolze Pelz ſind nicht mein“, ſagte ſie verſchämt. „Ich frage nicht darnach, nun biſt Du mein Weib“, erwiderte er raſch,„und ich will Dich in Hermelinpelze hüllen wie eine Monarchin. Aber erkläre, wie dies Alles kam.“ „Es iſt mir ſelbſt noch ein Räthſel“, ſagte ſie. „Die Kaiſerin hatte den Willen, meiner Mutter eine Gnade zu gewähren; meine Mutter aber bat ſie, mir, ihrer Tochter, ihre Gunſt zuzuwenden, und ſie ſchien einverſtanden. Heute plötzlich kam ein Schlitten mit dieſen Kleidern; die Kaiſerin befehle, die Wäſcherin Anna Jwanowna möge auf der Stelle erſcheinen, um mit einem reichen Fürſten vermählt zu werden. Da ſagte meine Mutter, die ſeit ein paar Tagen von der Gicht gelähmt im Bette liegt,„wie ſollte ich Hochzeit halten, von mir kann nicht die Rede ſein, nimm Du den Pelz und fahre hin.“ Und ich gehorchte, doch nicht gern, denn ich dachte, ein reicher Fürſt könne nicht anders als alt und häßlich ſein. Da erblickte ich Euch, gnädiger Herr, und—“. „Und?“ „Ich gehorchte gern.“ „Mein theures Weib“, rief der Fürſt,„nimm dieſen Kuß und mit ihm Alles, was nur mein iſt. Ich gehöre jetzt Dir, ſowie Du mein biſt, und keine Macht der Erde ſoll uns trennen.“ 167 Sie bebte, als ſeine Lippen die ihren berührten. „Und Du liebſt mich?“ flüſterte er. Sie erwiderte kein Wort, aber ſie ſchlang mit der Allgewalt der Liebe die Arme um ihn und gab ihm für den einen Kuß ungezählte andere zurück, bis zum Morgen. Und Gott Amor, der das ewige Feuer heiliger Liebe unſichtbar ſchürte, ſorgte dafür, daß die Neuver⸗ mählten nicht erfroren. . Als am Morgen die Verwechſelung, welche zu Gunſten des Fürſten ſtattgefunden hatte, bekannt wurde, lag die Czarin infolge einer heftigen Erkältung, welche ſie ſich bei dem Feſte im Eispalaſte zugezogen, von neuem mit einem heftigen Gichtanfall auf ihrem Schmerzens⸗ lager. Das Mißlingen ihres Racheplans trug nicht wenig dazu bei, ihre Leiden zu ſteigern und ihr Ende zu beſchleunigen. 5 Sie ſtarb kurze Zeit darnach im Delirium, bald von dem Eispalaſte, bald von den Eisfeldern Sibiriens phantaſirend, nachdem ſie zuvor Biron zum Regenten ernanut. Dieſer wendete dem Fürſten Anatol Galitzin 168 ——— ſeine Gunſt in demſelben Maße zu, als die Czarin Anna Jwanowna denſelben verfolgt hatte. Die ſchöne Gemahlin des Fürſten fand ſich mit 4 jener den Frauen überhaupt, und insbeſondere jenen der ſlaviſchen Race eigenthümlichen Bildſamkeit ſchnell in ihre neue Stellung und den fürſtlichen Luxus, der ſie umgab. Sie begnügte ſich aber nicht damit, ſondern ſuchte ſich in jeder Richtung zu unterrichten und Kenntniſſe 1 zu ſammeln, ſo daß ſie in kurzer Zeit alle Frauen ihrer Zeit und ihres Standes überflügelt hatte. Ihr Gatte, dem ſie zahlreiche Erben ſchenkte, lebte mit ihr in ungetrübtem Glücke, und jedesmal 1 wurde an dem Jahrestage im Kreiſe der Familie der glücklichen Idee der Czarin, den„Fürſten“ mit einer 4 „Wäſcherin“ zu verheirathen, gedacht, und der„Hochzeit im Eispalaſt“. S 2 .3 S S = — — — — E Es war im Jahre 1741. Eliſabeth, die ihrem Vater nur in ſeinen Schwächen und ſeiner Rohheit ähnliche Tochter Peter's des Großen, hatte ſich durch eine bei⸗ ſpiellos verwegene Palaſtrevolution den ruſſiſchen Thron erobert und begann in ihrer barbariſch⸗phantaſtiſchen Art als eine echte Deſpotin ihr Leben zu genießen. Natürlich verbreiteten ſich unter ihrer Regierung auch im Hofleben immer mehr jene grauſamen Exzeſſe, an denen die ruſſiſche Hofgeſchichte ſo reich iſt; einen der bezeichnendſten Fälle dieſer Art, welcher einen Einblick in das zügelloſe Treiben jener Kreiſe eröffnen ſoll, be⸗ handelt unſere folgende Erzählung. Die Czarin, im Bewußtſein, die ſchönſte Frau ihres Reiches zu ſein, was ihr nicht einmal ihre erbit⸗ terſten Gegner ſtreitig machen konnten, umgab ſich mit einem Kranze der hübſcheſten Frauen und Mädchen aus 172 der Mitte des ruſſiſchen Adels, welcher nur dazu diente, einen würdigen Rahmen für den Glanz ihrer maje⸗ ſtätiſchen Reize abzugeben und Eliſabeth ſelbſt noch ver⸗ führeriſcher und blendender erſcheinen zu laſſen. Unter den jungen Damen, welche dem kaiſerlichen Palaſte Schmuck und Farbe gaben, ſeine impoſanten Säle freundlich belebten, ſtritten die Prinzeſſin Gagarin und Fräulein von Olſufiew um den Preis der höchſten Anmuth. Es war nicht leicht, zwiſchen ihnen zu ent⸗ ſcheiden, ja die Aufgabe hätte ſogar einen Paris in Verlegenheit verſetzt, denn größere Gegenſätze, als die beiden Damen, laſſen ſich nicht mehr denken. Die Prinzeſſin Katinka Gagarin war eine hochgewachſene, ſchlanke Blondine mit einem Teint wie Mondlicht und von dem ſanfteſten Farbenduft der Roſe angehaucht; Nadeſchda von Olſufiew, eine kleine üppige Brünette mit blauſchwarzem Haare und einem Paare diaboliſcher Feueraugen. Lange ſchwankte die Waage, bis ſich das Zünglein endlich der Prinzeſſin zuneigte, ſie eroberte die Gunſt der Kaiſerin, und zu gleicher Zeit lag der ſchönſte, ele⸗ ganteſte und gefeiertſte Cavalier am ruſſiſchen Hofe, Graf Dimitri Strogonoff, zu ihren Füßen. Der Wettkampf der beiden jungen Damen hatte längſt in der Bruſt von Beiden eine Art Haß entzündet; — — Shleee 173 derſelbe kam jetzt, wo die Prinzeſſin Siegerin ſchien, vollends zum Ausbruch und zwar an demſelben Tage, wo Graf Strogonoff und Katinka dem Hofe als Braut und Bräutigam vorgeſtellt wurden. Fräulein von Olſufiew war in einem roſanen Atlas⸗ kleide mit weißer Spitzengarnitur erſchienen, und ihre Gereiztheit hinter einer heiteren Gleichgiltigkeit verber⸗ gend, ſchlug ſie plötzlich ihrer Nebenbuhlerin auf die Schulter und fragte ſie:„Wie gefällt Ihnen meine Tvilette?“ „Die Toilette, ſehr gut“, erwiderte die Prinzeſſin, „aber ſie kleidet Sie nicht, liebe Nadeſchda.“ „Und weshalb nicht, wenn ich bitten darf?“ rief die feurige Brünette, dunkelroth vor Zorn. „Weil das zarte Roſa zu ihrem mauriſchen Teint und dem lebhaften Roth Ihrer Wangen durchaus nicht ſtimmen will“, erwiderte die Prinzeſſin.„Wenn man eine Schönheit von dem Range unſerer Kaiſerin iſt, dann braucht man allerdings weder auf Schnitt noch Farbe zu achten, aber wir, die wir nur hübſch ſind, wir haben alle Urſache dazu.“ „Ich bin alſo in Ihren Augen eine Mohrin, eine Bäuerin mit Rothenrübenwangen?“ ſtammelte Fräulein von Olſufiew mit bebenden Lippen. „Aber was fällt Ihnen ein!“ beſänftigte die Prin⸗ zeſſin,„wie aufgeregt, liebe Nadeſchda, ich wollte Sie ja nicht beleidigen.“ „Sehr gütig von Ihnen“, murmelte Fräulein von Olſufiew, und aus ihren Augen einen vernichtenden Blick auf ihre Nebenbuhlerin werfend, kehrte ſie der⸗ ſelben den Rücken. Die Umſtehenden kachten, während die Czarin, welche den Lobſpruch der Prinzeſſin ge⸗ hört hatte, derſelben gnädig zunickte. Nadeſchda hatte indeß die Cour verlaſſen und ſich auf ihrem Zimmer eingeſperrt. Hier riß ſie das Roſa⸗ kleid, das ihr ſo viel Schmerzen bereitet, in Stücke und warf ſich dann weinend auf ihre Ottomane. Als ſie nach einer Weile ihre Thränen getrocknet, begann ſie mit dem Fuße zu ſtampfen, Verwünſchungen auszuſtoßen und endlich nachzudenken; plötzlich wurde ſie ganz ruhig, ja heiter. Offenbar hatte ſie einen Entſchluß gefaßt, der ihr beſondere Befriedigung gewährte. Sie kleidete ſich an, ließ ſich ein Pferd ſatteln und ſprengte hinaus in's Freie. Am nächſten Tage erſchien Nadeſchda wieder mit der größten Unbefangenheit bei dem Lever der Czarin; ihr Auge ſchien jedoch Jemand zu ſuchen, zu vermiſſen. 175 Erſt als Graf Strogonoff eintrat, blieb es an ſeinem ſchönen Antlitz haften und fortan ſchien ihre ganze Um⸗ gebung für die beleidigte Schöne nicht mehr zu exi⸗ ſtiren. Der eitle Mann bemerkte bald die Herausforderung, welche in Nadeſchda's Blick lag, und war ſchwach ge⸗ nug, auf ihre Koketterie einzugehen. Dadurch ermuthigt, ließ Fräulein von Olſufiew keine Gelegenheit unbenutzt, um ſich dem Verlobten ihrer Nebenbuhlerin zu nähern, und ſo offen, ſo ohne jede Rückſicht auf ihren Ruf zeich⸗ nete ſie den Grafen aus, daß man von der Leidenſchaft des ſchönen Mädchens für ihn am Hofe zu ſprechen begann. Die Rolle, welche Strogonoff dabei ſpielte, ſchmeichelte ihm nicht wenig, er ahnte nicht, daß er ſich bereits im Netze der rachſüchtigen Schönen befand und ſie nur den günſtigen Augenblick erwartete, um ihn ganz gefangen zu nehmen. Zuerſt fühlte er etwas wie kitleid für ſie, dann begann er ſich für ſie zu intereſ⸗ ſiren und endlich liebte er ſie und war außer ſich von Seligkeit, als ſie ihm geſtand, daß ſie ſein Gefühl theile, ja mehr noch, daß ſie ihn vergöttere. Wohin das Doppelverhältniß, in das er zu den beiden Nebenbuhlerinnen gerathen war, führen ſollte; Strogonoff wußte es ſelbſt nicht; er ſpielte nicht mit ihnen, ſondern ſie ſpielten um ihn ein ſeltſames ver⸗ hängnißvolles Spiel und Nadeſchda gewann in dem⸗ ſelben. Die Prinzeſſin, die Untreue des Grafen nicht ahnend, hatte die Laune, obwohl ihre Eltern längſt todt waren, ihre beabſichtigte Hochzeit im Vaterhauſe, ihre Trauung in der alten halbverfallenen Kirche ihres Dorfes zu feiern. Sie begab ſich, von den Segens⸗ wünſchen der Kaiſerin und des Hofes begleitet, auf ihre Güter und erwartete hier ihren Bräutigam, wel⸗ cher noch in der Reſidenz ſeine Angelegenheiten zu ordnen hatte. Es kam der Hochzeitstag, ſchon ſtand die Prinzeſſin im Brautkleide vor dem Spiegel und ihre alte Amme befeſtigte ihr den Mhrthenkranz auf den blonden Locken, als ſtatt des Bräutigams einer ſeiner Reitknechte mit einem Briefe deſſelben eintraf. Als die Prinzeſſin den Brief geleſen, entfärbte ſie ſich, begann zu zittern und ſank dann ohnmächtig in die Arme ihrer Amme. Zwei Wochen ſpäter erhielt ſie die Nachricht von der Vermählung Strogonoff's mit Fräulein von Olſufiew und zugleich durch einen Koſaken ihrer Nebenbuhlerin einen Zettel, der nur das Wort enthielt:„Frauen⸗ rache.“ ——ee Fünf Jahre waren ſeit dieſem traurigen Tage für die Prinzeſſin Gagarin verfloſſen; das unglückliche Mädchen hatte dieſelben ferne vom Hofe und der großen Welt auf ihrem Schloſſe in Peruſow zugebracht. Sie lebte in tiefſter Einſamkeit mit allerhand Studien im Geſchmacke der Zeit beſchäftigt, welche ihr den Bei⸗ namen der„Philoſophin“ eingetragen hatten. Da über⸗ raſchte ſie eines Tages die Botſchaft von dem Tode des Grafen Strogonoff. Kurze Zeit darnach erſchien die Prinzeſſin in der Reſidenz und wurde von der Kaiſerin auf das Liebevollſte empfangen. Sie ſchien in das Grab des einſt geliebten Mannes ihren Trübſinn und Menſchenhaß verſenkt zu haben, denn ſie zeigte ſich wieder unbefangen, heiter und lie⸗ benswürdig wie vordem, und es wurde der Czarin leicht, ſie zu beſtimmen, wieder in ihrer Nähe zu blei⸗ ben. Nadeſchda, die Wittwe des Grafen Strogonoff, brachte das Trauerjahr auf Reiſen in Deutſchland, Frankreich und Italien zu, und kehrte nach Ablauf deſſelben gleichfalls an den Hof zurück. Man war auf das Wiederſehen der beiden Nebenbuhlerinnen nicht wenig geſpannt. Alles kam indeß ganz anders, als man erwartete. Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hoſgeſchichten. T. 12 178 Die Prinzeſſin ſchien die ihr zugefügte Kränkung vollkommen vergeben, ja vergeſſen zu haben, denn bei der erſten Begegnung eilte ſie auf Nadeſchda zu, ſchloß dieſelbe zärtlich in ihre Arme und küßte ſie. Die Gräfin, obwohl nicht wenig überraſcht von dem Entgegenkommen der Prinzeſſin, beeilte ſich, daſſelbe in herzlichſter Weiſe zu erwidern. Wenige Wochen vergingen und die bei⸗ den Frauen, welche als die erbittertſten Feindinnen galten, waren die intimſten Freundinnen, und ihr Ein⸗ vernehmen ging ſo weit, daß ſie beſchloſſen, die heiße Sommerzeit, welche in der Reſidenz unleidlich war, gemeinſchaftlich auf dem Schloſſe der Prinzeſſin zuzu⸗ bringen. Die große Reiſekaleſche der Letzteren brachte die beiden Damen nach Peruſow. Es war ſpät Abends als ſie ankamen. Die Freun⸗ dinnen nahmen noch einen Thee zuſammen, dann zog ſich die ſchöne Gräfin Nadeſchda in ihren Schloßflügel zurück und die Prinzeſſin in ihr Schlafgemach, welches an dem entgegengeſetzten Ende des Schloſſes lag. Als ſie ſich überzeugt hatte, daß die Gräfin zur Ruhe gegangen war, empfing Prinzeſſin Katinka den Beſuch eines jungen Mannes, mit dem ſie eine längere Unterredung hatte. Als er ſie verließ, blieben ſie noch einen Augen⸗ blick in der Thüre ſtehen. — „Vergiß nichts von Allem, was ich Dir aufge⸗ tragen habe“, ſprach die Prinzeſſin,„vergiß nicht, Sergius, daß ich es bin, der Du Alles dankſt, was Du biſt, Deine Erziehung, die glückliche Lage, in der Du Dich befindeſt, und vergiß auch nicht, daß ich Dich be⸗ lohnen kann, wenn Du mir gehorſam biſt, und Dich ſtrafen, Dich zertreten wie einen Wurm, wenn Du wagſt, meinen Abſichten entgegen zu handeln.“ Sergius verneigte ſich tief, ja demüthig vor der Prinzeſſin, küßte ihr die Hand und entfernte ſich dann raſch. Den nächſten Morgen, nachdem die Damen das Frühſtück genommen, trat er ſchüchtern bei ihnen ein. „Hier ſtelle ich Dir einen entfernten Verwandten von mir vor“, begann die Prinzeſſin zu Nadeſchda ge⸗ wendet,„Sergius Iwanowitſch Pauloff, einen ebenſo beſcheidenen als gut erzotzenen und liebenswürdigen jungen Mann.“ Es hätte indeß der Empfehlung der Prinzeſſin gar nicht bedurft, um die Gräfin auf Sergius aufmerk⸗ ſam zu machen. Er war ſo ſchön und benahm ſich ſo fein und ſprach ſo reizend franzöſiſch wie nur irgend ein Ideal der Damen jener Tage. Der Vorſchlag der Prinzeſſin, auszureiten, wurde von Nadeſchda dankbar angenommen. Als Pferde 180 vorgeführt wurden, beeilte ſich Sergius, der Gräfin ſeine Hand zum Aufſteigen darzubieten. Nadeſchda erröthete, als ſie den Fuß auf dieſelbe ſetzte und ſich in den Sattel ſchwang. Als ſie in das Schloß zurückkehrten, hatte das feurige Herz der Gräfin bereits in bedenklicher Weiſe Intereſſe für den jungen Mann genommen, und ſie fand es gar nicht nöthig, dies vor der Prinzeſſin zu verbergen, ja ſie ließ alle Minen ſpringen, alle Künſte der Koketterie ſpielen, um den Jüngling zu bezaubern, und es gelang ihr vortrefflich. Noch in derſelben Nacht ſtand Sergius mit der Guitarre unter ihrem Fenſter und ſang ihr eine Serenade voll Liebesgluth und Poeſie gleich einem ſpaniſchen Ritter, und die ſchöne Gräfin erſchien, vom Sternenlicht unfloſſen, im Fenſter, und lächelte und nickte freundlich zu ihm herab. Am nächſten Tage ließ die Prinzeſſin das Liebes⸗ paar, das ſich ſo raſch zuſammengefunden, nicht ohne Abſicht viel allein; ſie entſchuldigte ſich am Morgen mit Geſchäften, welche ſie an den Schreibtiſch bannten, Nachmittags mit Beſuchen, welche ſie in der Nachbar⸗ ſchaft zu machen habe Nadeſchda und Sergius ſcherzten —————.— 181 indeß in dem weiten Schloßgarten gleich ausgelaſſenen Kindern. Die Gräfin im leichten Nhmphengewande von weißem Schleierſtoff, das dunkle Haar mit rothen Roſen geſchmückt, verbarg ſich bald in einer lauſchigen Grotte von Tuffſtein, bald hinter den hohen, grünen Taxuswänden, freilich nur, um Sergius im nächſten Augenblicke mit einem muthwilligen Liede an ſich zu locken, und ſich ſo immer wieder von ihm entdecken zu laſſen. Endlich floh ſie in einen kleinen chineſiſchen Pavillon, welcher einen kleinen Hügel krönte, und ver⸗ gaß die Thüre zu ſperren; hier wurde ſie von Sergius gefangen, aber zugleich lag der Sieger zu ihren Füßen und ſchwur ihr ewige Liebe. „Sergius“, murmelte das ſchöne, junge Weib, in⸗ dem es ſich gnadenvoll zu ihm herabbeugte,„ich will Sie nicht unnöthig quälen, mein Herz und meine Hand ſind frei— ſie gehören Ihnen, wenn Sie wollen.“ „Wie kann ich wagen, ein ſo hohes Ziel anzuſtre⸗ ben!“ erwiderte Sergius, immer noch auf den Knieen vor ihr,„ja wie kann ich nur daran denken, eine Frau von Ihrer vornehmen Geburt, Ihrer Stellung, Ihrem Reichthum mein zu nennen? Ich bin ein Mann, deſſen Niedrigkeit und Armuth ſchon das Verweilen in Ihrer Nähe als ein Verbrechen erſcheinen läßt. 182 „Wenn ich Ihnen aber ſage, Sergius“, rief die Gräfin lachend,„daß ich mich nicht in einen Geldſack oder in irgend ein gräuliches Wappenthier verlieben mag, daß ich Sie zum Gatten nehme, ſo wie Sie ſind, ohne Titel ohne Vermögen—“. „Dies wäre Ihr Ernſt, Nadeſchda?“ „Fragſt Du noch, Du Theurer, Vielgeliebter?“ rief ſie mit einer Leidenſchaft, wie ſie nur in der Bruſt einer vornehmen Ruſſin jener Tage entſtehen konnte. „Aber die Prinzeſſin“, wendete Sergius ein,„ſie wird niemals ihre Einwilligung ertheilen.“ „Iſt ſie nicht meine Freundin?“ ſagte die Gräfin. „Ich kenne ſie, ſie wird ſich unerſchütterlich zeigen“, antwortete Sergius. „Zugegeben, daß es ſo wäre“, rief die Gräfin, „nun dann werden wir ſie nicht weiter fragen.“ „Das wäre mir unmöglich“, murmelte Sergius. „Wie? Sind Sie ſo ſehr abhängig von ihr?“ „Sie iſt meine Wohlthäterin.“ „Warten wir alſo ab, was ſie ſagt“, ſchloß die Gräfin. Denſelben Abend noch erklärte die Gräfin ihrer Freundin, daß ſie Sergius liebe, und ihm die Hand reichen wolle. — 183 „Aber das iſt ja ganz unmöglich“, erwiderte die Prinzeſſin. „Weßhalb unmöglich?“ forſchte Nadeſchda. „Ich werde es als Deine aufrichtige Freundin niemals zugeben“, ſprach die Prinzeſſin mit einer Strenge, welche keinen Widerſpruch aufkommen ließ. Die Gräfin ſchwieg alſo für diesmal, als ſie aber am nächſten Tage Sergius beim Dejeuner vermißte, fragte ſie lehhaft nach ihm. „Schlage Dir den jungen Menſchen aus dem Kopf“, ſprach die Prinzeſſin. „Du meinſt, weil er arm iſt?“ „Ja und dann ſein Stand— ſprechen wir nicht mehr von ihm.“ „Aber wo iſt er?“ fragte Nadeſchda von Neuem. „Ich habe ihn fortgeſchickt.“ „Wohin?“ „Auf eines meiner Güter, weit von hier, wo er Dich vergeſſen wird und Du ihn“, entgegnete die Prinzeſſin. „Niemals!“ ſchrie die Gräfin auf. „Nun, wir verſuchen es eben“, ſprach die Prin⸗ zeſſin mit einem ſeltſamen Lächeln. Die Gräfin machte in den nächſten Tagen Miene, ſich zufrieden zu geben, aber ſie forſchte dabei ununter⸗ 184 brochen nach dem Aufenthalte des verbannten Sergius. Endlich gelang es ihr, eine Kammerfrau zu gewinnen und durch eine bedeutende Summe das Geheimniß ſeines Aufenthaltsortes zu erkaufen. Nadeſchda ſchützte jetzt vor, daß eine wichtige Angelegenheit ſie für einige Tage nach der Reſidenz führe. Die Prinzeſſin, in deren Auftrag jene Kammerfrau die Verrätherin geſpielt hatte, ſetzte der Abreiſe ihrer Freundin keinerlei Wider⸗ ſtand entgegen. Die Gräfin fuhr wirklich bis in die Reſidenz, ſchickte dort die Kaleſche der Prinzeſſin zurück und traf alle Anſtalten, um ihren Anbeter aus ſeiner Gefangen⸗ ſchaft zu befreien. Sergius ſpazierte eben auf dem Dorfe, in das ihn die Prinzeſſin geſendet, zwiſchen dem hohen Getreide und ſuchte blaue Kornblumen und rothen Mohn, die er zu einem bunten phantaſtiſchen Kranze zuſammenband, als die Gräfin plötzlich, aber nicht ſo unerwartet als ſie glaubte, vor ihm ſtand. „Nadeſchda!“ rief er, indem er ſich zugleich vor ihr niederwerfen wollte— ſie aber gab es nicht zu und ſchloß ihn in ihre Arme. „Wie kommen Sie hierher?“ ſtammelte Sergius verwirrt. „Frage nicht, mein Geliebter“, flüſterte die Gräfin, 185 „ich bin gekommen, Dich zu befreien. Dort, von den Bäumen jenes kleinen Haines verborgen, ſteht mein Wagen— er bringt uns nach der Reſidenz, wo in der Kapelle meines Palaſtes der Prieſter uns erwartet. Sonſt iſt es freilich üblich, daß der Cavalier ſeine Dame entführt, wir aber wollen es einmal umgekehrt verſuchen.“ „Sie wollten—2“ „Ja, ich will Dich entführen“, lachte Nadeſchda, „komm, beſinne Dich nicht lange, eilen wir, ehe uns Jemand entdeckt!“— Damit zog ſie Sergius fort. Als ſie im Wagen ſaßen und der Kutſcher die Pferde antrieb, ſagte die Gräfin:„Jetzt biſt Du mein, und keine Gewalt dieſer Erde ſoll Dich mir entreißen, aber was haſt Du da für einen Kranz?“ „Ich dachte an Sie, als ich ihn wandt“, flüſterte Sergius. Die Gräfin nahm ihn und drückte ihn auf ihre Locken.„Wie ſteht er mir?“ „Wunderbar!“ „So— ich danke Dir!“ In dieſer Weiſe ſcherzten ſie, bis der Wagen durch die Einfahrt des gräflichen Palaſtes rollte und an dem Fuße der breiten Marmortreppe anhielt. Leibeigene in bunten reichen Libreen ſtürzten herbei, die Gebieterin 186 herauszuheben und den Saum ihres Gewandes zu küſſen. Dieſe achtete ihrer indeß nicht, ſie dachte nicht einmal daran, Toilette zu machen, ſtaubbedeckt wie ſie war, eilte ſie mit dem Geliebten zur Kapelle und ſchien erſt dann vollkommen beruhigt, als der Prieſter ſie und Sergius mit dem unauflöslichen Bande der ruſſiſchen Kirche für immer vereinigt hatte. Es war ſeltſam, als das Paar den Altar verließ; die Gräfin glühte vor Erregung, während Sergius bis in die Lippen bleich war. „Was haſt Du, mein Geliebter, mein Gemahl?“ ſprach Nadeſchda zärtlich. „Nichts, nichts“, murmelte Sergius. Die Neuvermählten nahmen raſch ein kleines Mahl zuſammen ein, dann ſtiegen ſie von Neuem in den Wagen und verließen noch in derſelben Stunde die Reſidenz. Die Vermählung der Gräfin Strogonoff machte ungeheures Aufſehen. Die Czarin zürnte, daß dieſelbe ohne ihre Einwilligung ſtattgefunden, die Verwandten ereiferten ſich über die Wahl Nadeſchda's, nur eine einzige Perſon, jene, von welcher der höchſte Ausbruch des Unwillens zu erwarten war, die Prinzeſſin Katinka Gagarin, brach beim Empfang der Vermählungsbot⸗ ſchaft in wilden Jubel aus. 187 Wie dies kam? Dies Räthſel wird die Zeit uns bald löſen. III. Zwei Monate weilte die Gräfin mit ihrem Gemahle im Auslande, und während dieſer Zeit ſchwelgten ſie Beide in Liebe und frohem Genuß des Lebens. Mit Beginn des Winters kehrten ſie zurück. Gleich nach ihrer Ankunft begannen drohende Wolken für ſie herauf⸗ zuſteigen; die Verwandten, die Freunde zogen ſich von ihnen zurück, und als die Gräfin ſich der Czarin zu Füßen werfen wollte, um ihre Vergebung zu erflehen, wurde ſie von derſelben nicht empfangen. Die Prinzeſſin Gagarin befand ſich, trotz der rauhen Jahreszeit, auf ihrem Schloſſe. Zu ihr eilte jetzt Na⸗ deſchda in Begleitung ihres Gemahles. Wider Erwarten empfing die Freundin ſie herzlich, ja mit ſichtlicher Freude und bot ihr unaufgefordert ihre Vermittlung bei der Kaiſerin an. Nachdem ſie ihren Gäſten die beſten Zimmer des Schloſſes angewieſen, begab ſich die Prinzeſſin nach der Reſidenz, um die Monarchin zu verſöhnen. Nach wenigen Tagen ſchon konnte ſie mit den glänzendſten Hoffnungen heimkehren. Die Czarin— ſo eröffnete ſie der Gräfin— hatte zugeſagt, an einem Feſte theil⸗ 188 zunehmen, das die Prinzeſſin auf ihrem Schloſſe ver⸗ anſtalten wollte. Bei dieſer Gelegenheit ſollte ſich Na⸗ deſchda der Kaiſerin zu Füßen werfen und die Letztere werde nicht zögern, ſie aufzuheben und ihr zv vergeben. Die Gräfin dankte der aufopfernden Freundin in den übertriebenſten Ausdrücken; dieſe lehnte jedoch vor⸗ läufig alle Dankſagungen ab und beſchäftigte ſich nur mit dem Arrangement des projektirten Feſtes. Endlich war Alles bereit. Wagen auf Wagen kamen aus der Reſidenz und brachten der Prinzeſſin ihre vornehmen Gäſte. Zuletzt ſtieg aus vergoldeter Karoſſe die Czarin Eliſabeth, die ſchönen verweichlichten Glieder in einen koſtbaren Pelz gehüllt, und hob die Prinzeſſin welche ſie am Fuße der Treppe knieend empfing, auf, und küßte ſie liebevoll auf die Stirne. Nachdem die Monarchin Toilette gemacht, verſam⸗ melte ſich die ganze vornehme Geſellſchaft in dem weit⸗ läufigen Prachtſaale des Schloſſes bei der Tafel. Die Kaiſerin, welche eine veilchenblaue Sammetrobe mit reichem Hermelinbeſatz trug, ſchien beſonders aufgeräumt und unterhielt ſich mit ihrer Umgebung in ungezwun⸗ genſter Weiſe. Plötzlich näherte ſich ihr die Prinzeſſin, Nadeſchda an der Hand führend. Elifabeth runzelte ein wenig die Stirne, als die Gräfin aber ſich vor ihr niederzu⸗ —— werfen und laut zu weinen begann, reichte ſie ihr gnädig die Hand zum Kuſſe und ſprach, während ein eigenthüm⸗ liches, halb ſpöttiſches Lächeln um ihre vollen Lippen ſpielte:„Ihnen iſt vergeben, Nadeſchda— aber wo iſt Ihr Gemahl? Ich will ihn kennen lernen!“ Es lag in den Mienen der Czarin, ſo ſehr ſie ſich in dieſem Augenblicke auch zu verſtellen ſuchte, dennoch ein Zug, der es verrieth, daß ſie in das Geheimniß deſſen, was nun erfolgte, eingeweiht ſei. Daß ſie, die Ge⸗ krönte, ſich dazu hergab, bei einer ſolchen Scene mit⸗ zuſpielen, da beweiſt am deutlichſten ihre Luſt am grau⸗ ſamſten Ränkeſpiel und ihr verderbtes Gemüth. „Er wird dem Befehle Eurer Majeſtät auf der Stelle Folge leiſten“, ſprach die Prinzeſſin, während ſie zugleich Nadeſchda neben ſich einen Platz an der Tafel anwies. In dem Augenblicke trat Sergius mit den Dienern der Prinzeſſin herein; aber er trug nicht die glän⸗ zende Hofkleidung, ſondern die Tracht eines ruſſiſchen Bauern, das Haar wie ein Leibeigener geſchnitten. Er näherte ſich der Kaiſerin, eine Flaſche Burgunderweines, den Eliſabeth ſo ſehr liebte, in der Hand. „Was ſoll das— Sergius?“ murmelte Na⸗ deſchda. „Das ſoll bedeuten“, rief die Prinzeſſin ſich er⸗ 190 hebend mit ſcharfer weithin tönender Stimme,„daß ich im Begriff bin, eine Schlange zu zertreten, die ich lange genug in meinem Hauſe gehegt habe. Dieſer Menſch dort, Sergius Pauloff, der Gemahl der Gräfin Strogonoff, iſt mein Leibeigener!“ Die Kaiſe rin ſtieß ein kurzes Lachen aus, während die Gräfin mit einem Schrei zuſammenſank, aber ſie raffte ſich ſchnell wieder auf und ſtürzte auf Sergius zu.„Es iſt unmöglich“, rief ſie,„Sergius ſprich—“. „Es iſt ſo, wie die Prinzeſſin, meine gnädige Ge⸗ bieterin, es ſagt“, erwiderte Sergius, die Augen nie⸗ derſchlagend. 6 „Elender!“ murmelte die Gräfin, indem ſie ſich vernichtet abwandte. „Thu', wie ich Dir befahl!“ rief jetzt die Prin⸗ zeſſin. Sergius näherte ſich der Kaiſerin, um das Glas derſelben zu füllen; aber ſeine Hand bebte und der Wein ergoß ſich wie ein rother Blutſtrom über das ſchimmernde Pelzwerk ihrer Robe. „Ungeſchickter!“ rief die Czarin, und zugleich klatſchte die Hand der Prinzeſſin zweimal auf der Wange des armen Sergius. „Elender Sclave!“ rief ſie,„das ſollſt Du mir büßen. Ergreift ihn und gebt ihm hundert Peitſchenhiebe.“ 164 Die Diener ſtürzten ſich auf Sergius, welcher nicht einmal den Verſuch machte, ſich zur Wehte zu ſetzen, und führten ihn fort. „Gnade!“ ſchrie die Gräfin auf,„Gnade für meinen Mann!“ Die Prinzeſſin ſchüttelte den Kopf.„Nein, ſchöne Gräfin, in unſerem Wörterbuche iſt dieſes Wort ge⸗ ſtrichen, denn— Sie wiſſen ja— Frauenrache iſt grauſam!“ „Erbarmen, Katinka!“ ſtammelte die Gräfin, in⸗ dem ſie ſich vor ihrer Nebenbuhlerin niederwarf und ihre Kniee umfaßte. Die Prinzeſſin hatte keine andere Antwort für ſie, ein gellendes Hohngelächter. Nadeſchda verſuchte s, ſich zu erheben, in der Abſicht, Sergius nachzueilen, ſie ſank zu Boden und wurde e auf ihr Zimmer gebracht. „Nun bitte ich Dich aber ſelbſt um Gnade für Sergius“, flüſterte die Czarin der Prinzeſſin in das Ohr. „Majeſtät, ich denke ja gar nicht daran, ihn peit⸗ ſchen zu laſſen“, erwiderte dieſe ebenſo leiſe,„aber ſie muß glauben, daß der Mann, den ſie liebt, unter der Knute blutet.“ Als die Gäſte das Schloß verlaſſen hatten, ſaß 192 die Prinzeſſin in ihrem Boudoir auf einer Ottomane und vor ihr knieete Sergius. „Du haſt Deine Rolle gut geſpielt“, ſprach ſie huldvoll,„meiner Erziehung alle Ehre gemacht, Du ſollſt dafür auch belohnt werden und Deine kleine Kaſcha, die Du ſchon früher gerne als Braut heimführen wollteſt, bekommen!“ Sergius beugte ſich demüthig zu dem Fuße ſeiner Herrin nieder und“preßte einen dankbaren Kuß auf denſelben. Vergebens bot die Gräfin unethörte Summen, um ihren Gemahl, den ſie mit einer Art Wahnſinn liebte, ja anbetete, aus der Gewalt ihrer Feindin zu befreien. Als ſie ſah, daß Alles an dem Marmorherzen derſelben abprallte, Bitten ebenſogut als Drohungen, zog ſie ſich mit gebrochenem Herzen in ein Kloſter zurück, in wel⸗ chem ſie nach kaum einem Jahre ſtarb. An dem Tage, wo die Prinzeſſin Katinka von dem Ende ihrer Nebenbuhlerin Nachricht erhielt, ſchenkte ſie Sergius die Freiheit und vermählte ihn kurze Zeit darnach mit der ſchon genannten Kaſcha, der ſie ein hübſches Bauerngut zur Ausſteuer gab. —— — Eine weibliche Hchildwache. Sacher⸗Naſoch, Ruſſiſche Hoſgeſchichten I. Die ruſſiſche Hauptſtadt hat ſich ſeit mehr als zwei Wochen in ihren dichten glänzenden Schneepelz gehüllt. Die Czarin Katharina II reſidirt im Winter⸗ valaſt und ertheilt Audienz. Der große im Geſchmack der Renaiſſance dekorirte und meublirte Vorſaal iſt mit Bittſtellern aller Nationen des weitläufigen Reiches, aller Stände, aller Lebensalter gefüllt. Unter dem herrlichen, italieniſchen Gemälde der Mittelwand, das Semiramis, ihr blondes Haar kämmend, darſtellt in dem Augenblicke, wo ſie die Meldung von dem Auf⸗ ſtande ihrer Feldherren erhält, ſitzen zwei alte Diplo⸗ maten mit ſchneeweißen Puderperücken und großen Stöcken mit Elfenbeinknopf. Semiramis trägt einen mit Hermelin gefütterten offenen Schlafrock und hat einen ſchönen geiſtreichen und ſtrengen Kopf, der leb⸗ haft an Katharina II. errinnert. Seitwärts an dem großen hölländiſchen Kamine, in welchem rieſige Pflöcke von den Flammen verzehrt werden, flüſtert ein langer, 138 196 dürrer, gelber Jeſuit mit einem kirſchrothen, kugel⸗ runden Kapuziner; neben ihnen kauern drei Kirgiſen auf dem koſtbaren perſiſchen Teppiche, die Kniee nach muſelmänniſcher Sitte untergeſchlagen und verzehren andächtig ihre Zwiebeln. Die Uhr auf dem Sims ſpielt eine Menuette. In der Fenſtertiefe zwiſchen einem einarmigen Artillerieoffizier und einem franzö⸗ ſiſchen Tanzmeiſter lehnt ein polniſcher Jude, welcher, ununterbrochen näſelnd, zu beten ſcheint. Und mitten unter den ſeltſamen Gruppen ſteht ein junges, ſchönes Mädchen von höchſtens 18 Jahren; ihre feinen, edelgebildeten Züge, die ſchlanke, elaſtiſche Geſtalt, nicht minder als der Reifrock, die ſchwere Seidenrobe und der damals von den Modedamen ge⸗ tragene Männerpaletot von dunklem Sammt, der kleine Amazonenhut mit wallender weißer Feder verrathen die vornehme Abkunft. Sie ſcheint die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit zu erregen, die zwei alten Herren unter dem Bilde der Semiramis mindeſtens unterhalten ſich ſehr lebhaft von ihr. „Was mag ſie ſuchen“, ſprach der Eine gedehnt, „ein Dekret für ihren Liebhaber. Heutzutage kann man es bei uns durch nichts ſo weit bringen als durch die Protektion einer Frau, und welche Vorzüge dazu gehören, dieſelbe zu erringen, darüber brauche ich Euere Excellenz 197 wohl nicht aufzuklären. Genie und Verdienſt gelten nichts mehr, ein Paar ſchöne Augen, eine athletiſche Geſtalt und ein ſchwarzer Schnurrbart Alles.“ „Ja, wir haben das vollkommene Reich der Frauen“, erwiderte die Excellenz ſeufzend,„zur Strafe für die Sünden unſerer Väter und die unſeren. Eine Frau ſitzt auf dem Throne und führt die Zügel der Regierung mit einer Hand, die, ſo klein und weiß ſie iſt, doch aus Eiſen zu ſein ſcheint; eine andere Frau (die Fürſtin Katinka Daſchkoff) iſt Präſident der Akademie der Wiſſenſchaften, Frauen ſitzen über uns zu Gericht undcommandiren unſere Regimenter, und nächſtens werden ſie Meſſe leſen; ich erſtaune über nichts mehr.“ In dem Augenblicke winkte der dienſtthuende Ad⸗ jutant der jungen Dame einzutreten, welche in der nächſten Sekunde vor der allmächtigen Alleinherrſcherin aller Reußen ſtand. So muthig das junge Mädchen war, ſo klopfte ihr doch das Herz recht heftig, als ſie ſich das erſte Mal der großen Kaiſerin gegenüber ſah und ihr Auge auf ſich ruhen fühlte, aber die Erſcheinung der Mo⸗ narchin war auch impoſant genug und erſt dieſes großem helle Auge, das eine vollkommen zu durchdringen ſchien. Katharina II. war nicht groß, aber ihr Körper⸗ bau war von ſo herlicher, ſo vollendeter Symetrie und 198 Form und ihre Haltung eine ſo ungezwungen ſtolze, daß ſie zugleich hoch gewachſen und vollkommen ſchön erſchien. Die ſtrengen Züge ihres Geſichtes, die hohe Stirne, die kühn geſchwungene Adlernaſe, das volle harte Kinn wurden durch den vollen weichen Mund, das reiche, ſanft fließende Haar, das gütige Lächeln, das um ihre Augen ſpielte, gemildert. Sie trug eine reichfaltige Robe von blauem Atlas mit ſilbergeſtickten Blumen, deren viereckiger Ausſchnitt ihre herrliche Büſte unverhüllt zeigte, und ein rothes Ordensband. Die Kaiſerin nahm zuerſt das Wort. „Ihr Name?“ fragte ſie kurz und ſchneidend. „Jadwiga Alexandrowna Niewelinski“, ſtotterte das Mädchen und wurde purpurroth. Die Kaiſerin lächelte, ſie ſchien ſich des Eindrucks ihrer Perſönlichkeit zu freuen. „Weßhalb fürchten Sie mich?“ ſprach ſie dem Ausdruck ſeltener Güte, aber es war die Güte der Löwin gegen das arme Mäuschen, das in ihre Höhle gerathen iſt.„Sie zittern ja am ganzen Leibe, faſſen Sie doch Muth“, und zugleich nahm ſie das bebende Mädchen bei der Hand.„Sprechen Sie offen zu mir, ſagen Sie mir Alles, was Sie auf dem Herzen haben, Sie ſind ſo ſchön, ſo unſchuldig, ich könnte Ihnen ſehr gewogen ſein, ja ich bin es bereits; Ihre 199 Bitte iſt in vorhinein gewährt, ſprechen Sie ſie nur aus.“ „Majeſtät“— das Mädchen bebte und ſtotterte wieder. „Nun— raſch!“ „Ich— ich will Soldat werden“, rief das ſchöne, zu Tode erſchrockene Mädchen und warf ſich zugleich ſchluchzend der Monarchin zu Füßen. „Soldat? Sie?“ entgegnete die Kaiſerin,„und das ſagen Sie mir unter Thränen, ich finde— ich finde es eher zum Lachen—“ und die ſchöne Deſpotin brach in ein ſchallendes Gelächter aus,„und was treibt Sie zu dieſem Entſchluſſe?“ fuhr ſie ſort. „Unglückliche Liebe“, rief das Mädchen. „Armes Kind— und deßhalb wollen Sie—.“ Katharina M. lachte von Neuem, daß ihr die Thränen in die Augen traten,„aber ſtehen Sie doch auf!“ Sie hob das Mädchen zu ſich empor und küßte ſie auf die Stirn. „Vertrauen Sie mir, Jadwiga“, ſprach die Monarchin mit entzückender Liebenswürdigkeit.„Ich bin zu Ihrem Glück zu gleicher Zeit Frau, um Sie verſtehen, und Kaiſerin, um Ihnen helfen zu können, aber ich muß Alles wiſſen, Alles— ſetzen Sie ſich zu mir und beichten Sie.“ 200 Katharina führte die noch immer zitternde Jad⸗ wiga zu einem Sammtdivan und zog ſie an ihre Seite nieder. „Nun alſo—.“ „Ich liebe“, begann Jadwiga Niewelinski. „Welches junge Mädchen in Ihrem Alter bildet ſich das nicht ein!“ „Aber ich liebe aufrichtig, herzlich, tief und treu, Majeſtät!“ erwiderte Jadwiga. „Das iſt ſehr viel auf einmal“, bemerkte die Kaiſerin ein wenig ſpöttiſch,„und wer iſt ſo glück⸗ lich?“ „Ich liebe einen jungen Offizier.“ „Wie nennt er ſich?“ „Lieutenant Nikolaus Samarin.“ „In welchem Regimente?“ „Im Regimente Tobolsk.“ „Iſt er hübſch?“ „O! ſchön! und er hat auch Geiſt und Herz und einen herrlichen Charakter.“ „Kurz, er iſt ein Ideal“, erwiderte Katharina lächelnd,„Sie machen mich in der That neugierig. Und liebt er Sie wieder?“ „O gewiß, ich könnte nicht leben ohne ſeine Liebe!“ rief das ſchöne Mädchen begeiſtert. 201 „Was ſteht alſo Ihrem Glücke, Ihrer Verbindung entgegen?“ fragte Katharina. Meine Eltern“, erwiderte Jadwiga.„Unſere Familie iſt ſtolz auf ihren alten Namen und Reichthum, und Samarin iſt arm und man behauptet, er ſtamme von Leibeigenen ab.“ „Lächerlich!“ rief Katharina, die Achſeln zuckend, „als ob der Mann, unfrei oder frei geboren, zu etwas anderem da wäre, als unſer Sclave zu ſein. Ich ſehe aber noch immer nicht ein, wozu Sie Soldat werden wollen, mein armes, ſchönes Kind?“ „Majeſtät“, antwortete Jadwiga,„Sie werden mich augenblicklich verſtehen. Nicht genug, daß meine Eltern uns ihren Segen verweigern, unſere Verbin⸗ dung nicht geſtatten, haben Sie noch überdies, ſeitdem unſere Liebe durch Samarins Werbung offenkundig geworden iſt, ihm verboten, ihr Haus zu betreten, und bewachen mich ſo ſtrenge, daß wir uns ſeit Wochen nur aus der Ferne ſehen konnten. Da— als ich heute im Dome betete— kam es wie eine Erleuchtung über mich. Die große, geniale Frau, die auf Ruß⸗ lands Thron ſitzt und die Krone ſo kaiſerlich zu tragen verſteht, hat auch mein Geſchlecht gelehrt, die Feder und den Degen zu führen, die Gräfin Satikow, Fürſtin Mentſchikoff und viel andere Amazonen glänzen in den 202 Reihen unſeres Heeres durch ihre Schönheit und ihren Muth; ich will ihrem Beiſpiele folgen, meinen Arm, mein Leben der Kaiſerin weihen, vielleicht gelingt es mir, mich auszuzeichnen, die Aufmerkſamkeit der Mo⸗ narchin auf mich zu lenken und mir ſo den Geliebten, gleichſam den Degen in der Fauſt, zu erobern, und ſchnell entſchloſſen ging ich geradeaus in den Palaſt und zur Audienz, um Euere Majeſtät um Ihren Schutz und die Einreihung in die Armee und zwar in das Regiment Tobolsk, in welchem mein geliebter Nikolaus dient, unterthänigſt zu bitten.“ „Sehr gut“, rief die Kaiſerin überluſtig,„ſehr gut, vortrefflich ausgedacht, eines Weibes würdig. Nun, Ihre Bitte ſei gewährt, Jadwiga, kehren Sie ruhig zu Ihren Eltern zurück und erwarten Sie meine Anord⸗ nungen; ich werde Sie fortan nicht mehr aus⸗ dem Auge verlieren, denn ich bin Ihnen gewogen, Jadwiga Niewelinski, ſehr gewogen. Gehen Sie mit Gott!“ ——— Eine Woche war beinahe dahingegangen, ohne daß eine Ordre von Seiten der Czarin gekommen wäre; Jadwiga ließ bereits das ſchöne Köpfchen, das ſchon ſo kühne und reizende Hoffnungen genährt, ein wenig hängen; ſie ſaß jetzt von früh bis Abend an 203 dem Stickrahmen in der Fenſterniſche, bis der Klang von Sporen den Geliebten ankündigte, dann nickte ſie ihm zu und winkte ihm noch lange mit dem weißen Tuche, bis er um die Ecke bog. Auch heute harrte ſie auf ihn, aber vergebens, er kam nicht und die Wachtparade war doch längſt vorbei. Jadwiga's Herz pochte immer unruhiger und als die Glocke ſie an den Mittagstiſch rief, glühte ſie vor Aufregung und nahm ihren Platz an der Tafel ein, ohne eine Sylbe zu ſprechen oder etwas zu ſich zu nehmen. „Was iſt Dir?“ fragte die Mutter beſorgt. „Nichts, nichts“, erwiderte das Mädchen,„vielleicht werde ich krank.“ „Einbildungen!“ polterte der Vater,„ich werde Dich an einen vornehmen und reichen Mann ver⸗ heirathen, der wird Dich raſch von Deiner Krankheit heilen.“ 3 Dem armen Mädchen ſchoſſen die Thränen in die Augen, da— in dem Augenblicke der höchſten Be⸗ ängſtigung— meldete der Kammerdiener einen kaiſer⸗ lichen Adjutanten. „Was kann das ſein?“ ſtotterte der Vater,„aber führe ihn doch herein!“ Zugleich erhob ſich der alte Niewelinski und ging dem jungen Offizier entgegen, welcher ihm ſchweigend eine Ordre der Czarin über⸗ 204 gab. Herr Niewelinski erbrach ſie, las und las ſie wieder und ſagte endlich:„Bin ich toll, vergeben Sie, Herr Adjudant, oder kann ich nicht leſen. Ich bitte, leſen Sie gefälligſt ſelbſt.“ Der Adjutant nahm die Ordre und las:„Befehl der Kaiſerin an Alexander Jwanowitſch Niewelinski! Derſelbe hat ſofort nach Empfang Dieſes ſeine Tochter Jadwiga für den kaiſerlichen Kriegsdienſt auszurüſten.“ „Alſo doch“, fiel der Alte ein,„aber wie iſt das möglich— meine Tochter— für den Kriegsdienſt—“. „Wenn Ihre Majeſtät die Kaiſerin es befiehlt“, ſprach der Adjutant,„iſt Alles möglich.“ Dann las er mit lauter Stimme weiter:„Ich habe in meiner Gnade für Jadwiga Alexandrowna verfügt, daß die⸗ ſelbe in das Regiment Tobolsk eingereiht wird und hat ſich das Fräulein binnen 24 Stunden bei dem Oberſtcommandant dieſes Fußregiments, zu melden, und den Dienſt zu beginnen. Ihr Vater wird zu gleicher Zeit verhalten, dieſelbe in kürzeſter Zeit auf ſeine Koſten auszurüſten, und zwar mit vier Uniformen, zwei für die Parade und zwei für den Dienſt, welche ſämmtlich aus dem beſten Sammt anzufertigen ſind. Ferner hat er dem Gemeinen Jadwiga Alexandrowna Niewelinski im Regimente Tobolsk 50 Rubel monat⸗ lich Zulage zu geben.“ 205 „Mein Gott“, ſtammelte der Alte,„das kann ja nur Scherz ſein.“ „Es iſt voller Ernſt“, belehrte ihn der Adjutant. „Da muß ich gleich ſelbſt zur Kaiſerin“, rief die Mutter. „Sie wird Sie nicht empfangen“, ſagte der Ad⸗ jutant. „Alſo iſt dieſe Ordre unwiderruflich?“ rief der Vater. „Unwiderruflich“, antwortete der Adjutant. „Meine Tochter ein Soldat, ein Gemeiner!“ jam⸗ merte die Mutter. „Sei ruhig, Mutter“, ſprach Jadwiga,„der Kaiſe⸗ rin muß man ohne Widerrede gehorchen; das wollen wir auch thun und ich will der großen genialen Frau gerne, ja mit Enthuſiasmus dienen.“ „Erlauben Sie, daß ich mich ſetze“, ſeufzte Herr Niewelinski,„und dieſe Koſten; muß es wirklich Sammt ſein, thäte es nicht Tuch.“ „Wenn in der kaiſerlichen Ordre Sammt ſteht“, entgegnete der Adjutant lächelnd,„ſo thut es nichts als Sammt und die Damen, welche in der Armee dienen, tragen alle dieſen Stoff. „Und dieſe Zulage“, ſeufzte wieder der Alte, „aber da hilft nichts, Sibirien iſt auch nicht geheizt, 206 da heißt es, lieber den Sammt zahlen und die fünfzig Rubel.“ „Gewiß, Herr Niewelinski“, ſprach der Adjutant, „und ich werde mich beeilen, Ihrer Majeſtät Ihre Bereitwilligkeit, ſowie Ihren begeiſterten Dank zu melden.“ Damit ging er und ließ die Familie Niewelinski mit ihren ſehr gemiſchten Empfindungen allein, den Vater fluchend, die Mutter ſchluchzend, die Tochter im vollſten Jubel. Jadwiga ließ indeß ihren Eltern nicht merken, wie viel Anlaß ſie zu dieſer ſeltſamen kaiſerlichen Ent⸗ ſchließung gegeben und wie ſelig ſie über dieſelbe war, ſie machte ein möglichſt ſchwermüthiges Geſicht, beeilte ſich aber Tilette zu machen und ſtieg dann in eine Sänfte, welche ſie raſch zu dem Oberſten des Regi⸗ mentes Tobolsk brachte. „Ich bin durch die Kaiſerin in Alles eingeweiht,“ begann dieſer.„Auf mich können ſie unbedingt zählen.“ Dann klingelte er und beſchied durch eine Ordon⸗ nanz den Lieutenant Samarin zu ſich. Er erſchien in wenigen Minuten, ſalutirte und blickte, in militäriſcher Haltung an der Thüre ſtehend, mit Erſtaunen und eini⸗ ger Verlegenheit auf Jadwiga. 207 Der Oberſt indeß zog zwei Documente aus der Taſche und begann:„Ordre der Kaiſerin an den Lieutenant Samarin. Mein lieber Samarin! Ich finde es, Sie zum Capitän in Ihrem Regimente zu er⸗ nennen. Katharina II.“ „Zum Capitän!“ rief der überraſchte Samarin, „wie wäre das möglich!“ „Es iſt doch ſo“, erwiderte der Oberſt,„hören Sie nun weiter.“„Ordre der Kaiſerin an den Oberſt⸗ commandanten des Regiments Tobolsk. Das Fräulein Jadwiga Alexandrowna Niewelinski iſt mit heutigem Tage als Gemeiner in das Regiment Tobolsk zu aſſen⸗ tiren und ſofort einzureihen. Sie iſt in die Compagnie des Capitäns Samarin zu rangiren und es hat der genannte Capitän auf die Abrichtung dieſes Rekruten ſeine ganz beſondere perſönliche Sorgfalt zu verwenden.“ — Hören Sie, Herr Capitän,— Seine ganz beſon⸗ dere perſönliche Sorgfalt“—. „Werde nicht ermangeln.“— „Das ſetze ich von Ihrem Eifer für den Dienſt Ihrer Majeſtät voraus. Dem Soldaten Jadwiga Niewelinski iſt in der Kaſerne des Regiments ein ab⸗ geſondertes Zimmer mit aller einer Dame gebührenden Bequemlichkeit einzurichten und ein Mann zu ihrer perſönlichen Bedienung beizugeben, ſie iſt auch in 20 Allem wie ein Offizier zu halten. So, mein lieber Capitän, jetzt kennen ſie die Befehle ihrer Majeſtät und ich kann nur noch wünſchen, daß Sie ſtrenge dar⸗ nach handeln. Adieu!“ Nicht lange nach dem Capitän verließ auch Jad⸗ wiga den Oberſten und kehrte zu ihren Eltern zu⸗ rück, um die letzte Nacht unter dem Dache derſelben zu ſchlafen. Den nächſten Morgen ſtand ein jugendlicher, ſchlanker Musketier im Familienſaale des Hauſes Nie⸗ welinski; die zierlichen Füße in hohen ſchwarzen Kappenſtiefeln, über dem weißen Beinkleide den knap⸗ pen, grünen Leibrock mit ſcharlachrothen Aufſchlägen, „ber dem Leibrock, gleich allen den weiblichen Solda⸗ ten Katharina's, den grünſammtenen, mit Gold. reich verſchnürten Ueberrock, den kurzen Säbel an dem ſchwarzlackirien Wehrgehänge, das üppige blonde Haar ungepudert unter dem ſchwarzen dreieckigen Hute in einen großen Knoten geſchlungen. So nahm Jadwiga Alexandrowna Niewelinski Abſchied von ihren troſtloſen Eltern, welche ſie ſegne⸗ ten und ihr ebenſo weitläufige als unnütze Ermah⸗ nungen auf den Weg gaben. Dann ſtieg der verführeriſche Musketier in ein⸗ — 209 Sänfte und ließ ſich von zweien ſeiner Sclaven in die Kaſerne des Regiments Tobolsk tragen, wo er ſich bei dem Capitän Samarin zum Dienſte meldete. Soweit ging Alles ächt militäriſch, da in der Stube des Capitäns zwei jüngere Offiziere und einige weiß⸗ bärtige Unteroffiziere zum Rapporte anweſend waren; als aber der Capitän und der Rekrut allein waren, ſtürzte der Erſtere ſeinem Soldaten zu Füßen und der Letztere ſchlang ſeine Arme um den Hals des Vorge⸗ ſetzten und bedeckte deſſen Antlitz mit Küſſen. Nun überſprudelten gegenſeitig die? ragen die Antworten, bis ſich die Liebenden über ihre ebenſo reizende als ſeltſame Situation verſtändigt hatten. Sie ſaßen noch lange auf dem etwas defecten Sopha des armen Commandanten, bis der Trommel⸗ wirbel im Kaſernenhofe das Signal zur Muſte⸗ rung gab. Es war ein köſtlicher Anblick, als der junge hübſche Capitän jetzt ſeinen noch jüngeren und ſchöne⸗ ren Soldaten galant an ſeinem Arme herabführte, ihm ſelbſt die Muskete übergab und ihn in Com⸗ pagnie einreihte. Endlich war die geſammte Mannſchaft in einem großen Viereck angetreten und der Oberſt erſchien in voller Uniform mit Feldbinde, von ſeinen Officieren Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten J. 14 2¹0 begleitet und hielt Revue; als dieſelbe zu Ende war, verkündete er mit lauter Stimme, daß Ihre Majeſtät in beſonderer Gewogenheit für das Regiment das hoch⸗ geborne Fräulein Jadwiga Alexandrowna Niewelinski in daſſelbe eingereiht habe, es werde hiermit allen Officieren und Soldaten befohlen, daſſelbe mit der einem Kameraden gebührenden Freundſchaft und der einer Dame zuſtehenden Achtung und Galanterie zu behandeln. Schließlich ſtellte der Oberſt die Frage, wer die Bedienung des Fräuleins übernehmen wolle. Im Nu traten mehr als hundert Soldaten und Officiere aus dem Gliede, unter den Letzteren Capitän Samarin, welcher, als er ſich von ſo vielen Rivalen bedroht ſah, zierlich ein Knie vor dem Fräulein beugte und um dieſen Dienſt als ein Zeichen höchſter Gunſt bat.. Lächelnd wurde ihm dieſe Bitte als eine beſondere „Gnade“ gewährt und ſo wurde der Capitän der Diener ſeines jüngſten Soldaten. Er begann damit, daß er, nachdem die Revue beendet war, den ſchönen Musketier in das Zimmer führte, welches auf Befehl der Kaiſerin mit verſchwenderiſchem Luxus für den⸗ ſelben in der Kaſerne eingerichtet worden war. Jad⸗ wiga ſtieß einen Ruf der holdeſten Ueberraſchung aus, als ſie den reizenden kleinen Raum ſah. Die Mitte 2¹4⁴ deſſen Falten ein ſcheinbar in der Luft ſchwebender Amor zuſammenhielt, gegenüber hing das Bild Katha⸗ rina's im Kaiſermantel, die kleine Krone auf dem Haupte, unter demſelben lud eine Sammtottomane zum Ruhen und Plaudern ein, eine mit allen zu den Bedürfniſſen der damaligen Modedamen gehörigen Bagatellen beladene Toilette, ein Trumeauſpiegel, und eine rieſige Garderobe mit ſchönem Schnitzwerk voll⸗ endeten die Einrichtung, perſiſche Teppiche bedeckten den Boden und dämpften den Schritt, im Fenſter ver⸗ ſendeten Roſen und Levkojen ihren feinen Duft. Jadwiga war entzückt, gerührt, außer ſich vor Dankbarkeit für die gütige Fee, welche ihr Leben gleich einem goldenen Märchen arrangiren zu wollen ſchien. Sie blieb in der Kaſerne in Allem die vornehme Dame, nur daß ſie den Dienſt thun mußte, wie jeder andere Soldat, darin gab es keine Ausnahme. Am Morgen nach der Reveille kam der liebes⸗ kranke Capitän, um die Stiefeln, die Uniform und die Waffen ſeiner jungen Göttin zu putzen und in Stand zu ſetzen, dann brachte er ihr auf ſilberner Taſſe die Chocolade und nach dem Frühſtück harrte er vor der verſchloſſenen Thüre, bis der Musketier die Gnade hatte, ſeine Toilette zu beenden. 14* der Hauptwand nahm ein ſchneeweißes Himmelbett ein, 6 —— 212 Dann begann die Abrichtung im Kaſernenhofe. „Bruſt heraus!“ Erſt wurde die Haltung einge⸗ ſchärft, dann der Schritt eingeübt, dann kamen die Handgriffe mit der Muskete und da der weibliche Soldat um hundert Proecent raſcher begriff und beſſer behielt, als die Rekruten, die man vom Pfluge weg genommen hatte, ſo kam man raſch zum Exerziren im Gliede und in der ganzen Compagnie. Nach den Uebungsſtunden durfte Jadwiga ruhen, dann ſervirte der Capitän das Diner, Nachmittag wurde wieder exerzirt, dann nach dem Zapfenſtreich Thee genommen und geplaudert, geiſtreich und kindlich, albern und ernſthaft, wie eben zwei liebenswürdige, unſchuldige Liebende plaudern. Der Abſchied beſtand gewöhnlich darin, daß der Capitän einige Exerzitien repetirte. „Habt Acht— Präſentirt das Gewehr— Schul⸗ tert— Bei Fuß!“ Dann ohne Flinte:„Habt Acht— Marſch— Halt!“ Jetzt ſtand der Rekrut unmittelbar vor ſeinem Exerziermeiſter. „Zur Generaldecharge— Fertig— Schlagt an— Feuer—“ und zwei jugendliche, friſche Lippen brannten im feurigſten Kuſſe auf einander. 213 Jadwiga war etwa zwei Wochen Soldat und hatte wiederholt an den Exerzitien des Regiments Theil genommen, ſowie den Dienſt in der Kaſerne ver⸗ ſeben, auch zu einer Parade war ſie ausgerückt ge⸗ weſen und hatte einen huldreichen Blick der Kaiſerin empfangen, welche im Amazonenkleide, den Hut mit Tannenreiſern bekränzt, auf ihrem berühmten Schimmel die Front der Truppen abritt und ſie ſodann defiliren ließ. Es war an dem Mittwoch der dritten Woche ihres Kriegsdienſtes, als Samarins Compagnie die Wache im Winterpalaſte traf. Der junge Capitän führte Schlag zwölf Uhr Mittag ſeine Truppe mit klingendem Spiele und flie⸗ gender Fahne, die Geliebte als Flügelmann im dritten Gliede des erſten Zuges, vor der Hauptwache auf, löſte die einzelnen Poſten und ſchließlich die wache⸗ habende Compagnie der Preobraſchenksbſchen Garden ab und zog ſich dann in das Inſpektionszimmer zurück, während Jadwiga, die Arme auf der Bruſt gekreuzt, vor den Gewehren auf und ab ſtolzirte, die Vorüber⸗ gehenden muſterte und von denſelben noch neugieriger gemuſtert wurde. Auf einmal entſtand lebhafte Unruhe unter dem Volke auf dem Palaſtplatze, Alles drängte in einen Knäuel zuſammen, der ſich ebenſo raſch in ein langes 214 Spalier löſte, durch welches mit Blitzesſchnelle ein phantaſtiſcher Schlittenzug auf den Winterpalaſt zu⸗ ſchoß. Die Wache rief in das Gewehr und kaum hatten die Leute Zeit, anzutreten, ſo waren die Vorreiter in ihren grellrothen Koſakenanzügen ſchon vorbeigejagt und es folgte ein großer, vollkommen ſchwarzer Schlitten, deſſen Kopf ein ſchwarzer Schwan bildete, und in dem Schlitten ganz in ſchwarzen, glänzenden Bärenfellen ſaß die Kaiſerin Katharina, vom Kopf bis zum Fuße in ſchneeweißen Hermelin gekleidet, eine hohe Koſakenmütze von Hermelin auf dem Kopfe. Den Platz neben ihr nahm ein großer, ſchöner Mann mit ebenſoviel Roh⸗ heit als Hochmuth des Geſichtsausdruckes ein; es war ihr Günſtling, der Generallieutenant Graf Orloff. Die Wache präſentirte, die Fähne wurde geſenkt, die Trommel gerührt; die Kaiſerin übérflog die Truppe mit einem raſchen Blick und erkannte Jadwiga, welcher ſie mit dem weißen Handſchuh lebhaft uwinkte. Graf Orloff zog die Brauen zuſammen und blickte zurück, er fürchtete einen Nebenbuhler gefunden zu haben, als aber ſein Auge Jadwiga traf, lächelte er freudig überraſcht und grüßte gleichfalls, indem er ſeinen Hut artig lüftete. 2¹5 Es folgten noch fünf minder prunkvolle Schlitten, im erſten die reizende, geiſtreiche Fürſtin Daſchkoff, die intime Freundin der Kaiſerin, vom Volke die„kleine Katharina“ genannt, mit dem Oberſthofmeiſter Grafen Panin, ihrem Anbeter, in den übrigen die Hofdamen der Monarchin mit ihren Cavalieren. Nicht lange, nachdem der Zug prächtiger Schlitten vorübergeflogen war, ſchlug die Stunde der erſten Ab⸗ löſung und auf beſonderem Befehl der Kaiſerin wurde Jadwiga als Schildwache vor der Thüre poſtirt, welche unmitelbar zu den innerſten Gemächern ihrer allmäch⸗ tigen Freundin führte. Lange Zeit geſchah nichts Außerordentliches, ja nicht einmal etwas Gewöhnliches. Jadwiga ging, der Inſtruction ge welche ihr ihr geliebter Capitän ſehr eingehent e. eilt hatte, die Muskete im Arme, vor der großen, weißen reichvergoldeten Thüre auf und ab und gähnte wohl auch einmal ab oder zu. Endlich ging der eine Flügel in den Angeln und wurde, ehe Jadwiga Zeit hatte, ſich in Poſitur zu ſtellen, kräftig zugeſchlagen. Es war der Graf Orloff, welcher jetzt mit einem eigenthümlichen Lächeln vor der reizenden Schildwache ſtand. 216. „Ich küſſe Ihnen die Hände, mein Fräulein“, ke⸗ gann er mit einer galanten Verbeugung. Die weibliche Schildwache ſtand der empfangenen Inſtruction gemäß regungslos und gab keine Antwort, ja zuckte mit keiner Wimper. „Sie finden es gewiß unbeſcheiden, ja vielleicht ſehr unartig“, fuhr der einflußreiche Günſtling fort, „daß ich es wage, das Wort an Sie zu richten, ſchönſte der Amazonen, ohne Ihnen gebührender Maßen vor⸗ geſtellt zu ſein. Was? Nun ſo nehme ich mir denn die Freiheit, mich Ihnen ſelbſt vorzuführen. Sie ſehen in mir den armen Sterblichen, Graf Orloff genannt, Generallieutenant und Adjutanten Ihrer kaiſerlichen Majeſtät, arm, weil er ſo ſpät erſt das Glück genießt, in Ihr himmliſches Angeſicht blicken zu dürfen.“ Die ſchöne Schildwache rührte ſich nicht. „Aber habe ich Sie denn wirklich beleidigt, mein hochgeborenes Fräulein“, rief Orloff,„daß Sie Ihren ergebenſten Knecht keiner Antwort würdigen— oder —“— er brach in lautes Lachen aus—„nehmen Sie den Dienſt ſo ernſt—“— er lachte wieder— „ſo ernſt, daß Sie mir nicht einmal zwei Sylben gönnen. Aber ich will mit einer einzigen zufrieden ſein, mein ſchöner Rekrut—“. Der mächtige Mann blickte furchtſam um ſich. „Sie ſcheinen mir auch in der Liebe noch ein Re⸗ krut, ſchöne Jadwiga, erlauben Sie mir, im Kriegs⸗ handwerke Amors Ihr Exerziermeiſter zu ſein, ich will meiner reizenden Aufgabe mit allem Ernſte, allem Fleiße obliegen. Sagen Sie mir nur, daß ich Ihnen als Lehrmeiſter nicht ganz unangenehm bin, daß Sie mir erlauben, Sie anzubeten, Sie vorläufig auf meinen Knieen zu verehren, wie die heilige Mutter Gottes von Kaſan. Sprechen Sie nur dieſe eine Shlbe, ſagen Si Keine Antwort. „Aber, angebetete Kriegerin, Sie nehmen Ihre Aufgabe wirklich viel zu ernſt“, ſagte der Graf, nach⸗ dem er einige Minuten damit zugebracht hatte, in. Jadwiga's tiefen blauen Augen zu blicken,„muß ich Ihnen als Ihr Vorgeſetzter, als General der Armee, in deren Reihen Sie als einfacher Soldat dienen, be⸗ fehlen, mir Antwort zu geben? Gut. Ich befehle Ihnen alſo, Soldat Fräulein Jadwiga Alexandrowna Niewelinski, beantworten Sie ungeſäumt meine Frage. Erlauben Sie mir gnädigſt, Sie anzubeten?“ Keine Antwort. Die weibliche Schildwache ſteht regungslos, ohne nur mit einer Wimper zu zucken. „Antworten Sie, Mademviſelle“, rief Orkoff 218 ärgerlich,„wiſſen Sie nicht, was Subordination iſt. Oder leben Sie vielleicht gar nicht und ich muß Ihnen erſt, wie jener glückliche Bildhauer ſeiner ſchönen Statue, von der allmächtigen Venus Leben erflehen oder ſelbſt im Kuſſe einhauchen?“ Mit dieſen Worten wollte der kühne Eroberer ſchöner Frauen ſeine kräftigen Arme um Jadwiga ſchlingen, aber die weibliche Schildwache verſtand keinen Spaß und hielt ſich buchſtäblich an ihre In⸗ ſtruction. Sie wich zwei Schritte zurück und fällte das Bajonett. Aber dies ſchreckte einen Orloff nicht zurück. Zu⸗ erſt brach er in Lachen aus, dann ergriff er den Lauf der Muskete, welche ihn bedrohte, mit ſeinen eiſernen Händen und drückte ihn bei Seite. „Zurück oder ich ſchieße,“ rief die bedrohte Schild⸗ wache, aber ſchon hatte Orloff den einen Arm um ſie geſchlungen. „Ich ſchieße—“. Der übermüthige Günſtling lachte und war nahe daran, der weiblichen Schildwache einen Kuß zu rauben, da, in dem entſcheidenden Augenblicke fuhr ein Fächer dazwiſchen und zu gleicher Zeit gab eine kleine weiß⸗ behandſchuhte Frauenhand dem mächtigen Orloff eine ſchallende Ohrfeige. 2¹9 Vor dem entſetzten, auf friſcher That ertappten Manne und dem gleichfalls erſchreckt erröthenden Mäd⸗ chen ſtand hoch aufgerichtet, gebieteriſch mit vor Zorn funkelnden Augen die große Katharina. „Was geſchieht hier?“ rief die Kaiſerin heftig. „Was wagen Sie, und hier im Vorſaale meiner Ge⸗ mächer und gleichſam unter meinen Augen?“ „Majeſtät“, ſtotterte Orloff in unbeſchreiblich komiſcher Verlegenheit,„ich— ſie— dieſe Schild⸗ wache— das gnädige Fräulein wollte ich ſagen—“. „Ich habe Alles gehört“, fiel Katharina ſcharf ein,„das arme Mädchen hat ſich energiſch genug gegen Ihre ebenſo albernen als unverſchämten Galanterien vertheidigt, Sie allein ſind der Schuldige und Sie ſollen auch exemplariſch beſtraft werden.“ „Aber, Majeſtät—“. „Schweigen Sie, Elender, ja, Sie ſind ein Elen⸗ der“— und noch eine kaiſerliche Maulſchelle als Be⸗ kräftigung. „Kommen Sie, Jadwiga“, fuhr Katharina fort, „wir wollen uns darüber berathen, wie wir ihn ſtrafen, kommen Sie!“ Jadwiga rührte ſich nicht, ſondern blieb, das 226 Gewehr im Arme, den Blick feſt auf die Kaiſerin ge⸗ richtet ſtehen. „Nun, hören Sie nicht.“ Die weibliche Schildwache gab, wie es ſich ge⸗ hört, keine Antwort. „Ja, was haben Sie denn?“ rief die Monarchin ungeduldig. „Vergeben, Majeſtät“, nahm Graf Orloff dienſt⸗ befliſſen das Wort,„aber die Schildwache darf auf dem Poſten nicht reden.“ „Wie genau Sie das jetzt auf einmal wiſſen“, ſprach die Kaiſerin höhniſch.„Ich befehle Ihnen zu reden, Soldat!“ Keine Antwort. „Ich befehle Ihnen, mir zu folgen!“ rief die Kaiſerin. „Majeſtät“, begann wieder Graf Orloff,„die Schildwache darf den Poſten nicht verlaſſen, ehe ſie nicht abgelöſt wird.“ „Abgelöſt? Nun gut, wir wollen ſie ablöſen“, ſprach Katharina,„aber wie gleich? Ja, Orloff, Sie werden zur Strafe für Jadwiga Wache ſtehen—“. „Ich?“ rief Orloff betroffen. „Ja, Sie und dies ſoll noch lange nicht Ihre ganze und größte Strafe ſein“, entgegnete die Monar⸗ chin boshaft. —ůů— 22⁴ „Aber, Majeſtät, ich, ein Großer des Reiches, ein General, kann doch nicht Wache ſtehen“, wendete Or⸗ loff immer betretener ein. „Warum nicht“, rief Katharina,„ſobald ich es will? Iſt nicht mein Wille das oberſte, ja das allei⸗ nige Geſetz diefes Reiches, habe ich nicht aus Dir, Gregor Orloff, einen Grafen, einen General gemacht und biſt Du deshalb etwas mehr als ein lebendiges Spielzeug meiner Laune? Kann ich aus Dir nicht jeden Augenblick den letzten meiner Diener, meinen Stallknecht, einen armen, elenden Leibeigenen machen? Gehorche alſo und nimm die Muskete!“ „Majeſtät, ich beſchwöre Sie“, bat Orloff,„mich vor der Welt nicht ſo preis zu geben, meine und Ihre Würde eines Scherzes wegen nicht ſo preis zu geben!“ „Wer ſagt Dir, daß es Scherz iſt?“ entgegnete Katharina, welcher die beiſpielloſe Beſchämung, die komiſche Verzweiflung ihres Günſtlings immer mehr Vergnügen machte und welche ſich mit wahrhaft grau⸗ ſamer Freude an ſeiner Angſt, ſeiner Armenſünder⸗ miene weidete. „Es kann nicht Ihr Ernſt ſein“, ſtammelte Orloff. „Es iſt aber doch mein Ernſt“, rief die Kaiſerin. „Abgelöſt! Die Muskete zur Hand!“ — 222 „Es iſt unmöglich“, ſprach Orloff mit einigem Trotz,„ein General kann nicht Schildwache ſtehen.“ „Ich denke, ein General hat wie ein Soldat vor Allem zu gehorchen“, antwortete die Deſpotin mit dem Tone voller Strenge. „Ich gehorche nur dem Reglement, das Eure Majeſtät ſelbſt gegeben haben“, rief Orloff muthiger. „Und dieſes Reglement ſagt?“ „Daß ein General nie und niemals Wache ſtehen kann.“ In dieſem Augenblicke leuchtete etwas ſeltſam Teufliſches in dem Geſichte Katharina's auf, ſie lächelte, aber es war ein Lächeln, bei dem es Denjenigen, dem es galt, wie Tovesangſt überkam, das Lächeln des Inquiſitors, der den Ketzer auf die Folter zu ſpannen befahl, des Türken, welcher ſeinen Chriſten⸗Sclaven an den Pfahl binden und peitſchen hieß. „Alſo nie und niemals“, wiederholte die Kaiſerin, „nun das gefällt mir, Gregor Orloff, daß Du ſo pünkt⸗ lich und ſo eifrig dem Reglement gehorchſt, das ich, wie Du ſagſt, ſelbſt gegeben habe und daher vor Allem ſelbſt reſpektiren muß, aber was nun thun, da ich, wie Du wohl wiſſen wirſt, nicht gewohnt hin, meinen Willen je aufzugeben?“ Orloff zuckte die Achſeln. nachzudenken, dann rief ſie plötzlich vergnügt:„Ich habe es. Da ein General nie und niemals Wache ſtehen kann, ſo degradire ich Dich zum Stabsoffizier, Gregor Orloff—“. „Majeſtät—“. „Nun?“ ſprach Katharina, maliciös lächelnd, „iſt jetzt Dein reglementtreues Gewiſſen beruh⸗ igt?“ „Noch nicht ganz, Majeſtät“, ſprach der hoch⸗ müthige Günſtling herausfordernd,„denn nach dem Reglement kann auch ein Stabsoffizier nicht Schild⸗ wache ſtehen.“ Die Kaiſerin zuckte verächtlich die Achſeln. „Nun ſo degradire ich Dich hiermit zum einfachen Officier. Kannſt Du jetzt Wache ſtehen?“ Orloff entfärbte ſich auffallend und ſprach in ſeiner Verwirrung, die ſchöne Deſpotin immer mehr reizend:„Auch jetzt nicht, Majeſtät, denn nach dem Reglement kann nur ein gemeiner Sol⸗ dat—“. Es war heraus, das unſelige Wort; in dem Moment, wo er es ausgeſprochen, erſchrack Orloff ſelbſt vor demſelben, aber es war zu ſpät. „Nun ſo erfahre denn, was es heißt, meinem Die Kaiſerin gab ſich die Miene, einen Moment — 224 Willen entgegenzutreten und lerne ehorchen, Du Nichts,“ geg 8 rief die Kaiſerin zornig,„ich entkleide Dich hiermit aller Deiner Titel, Aemter, Würden und Orden, Gregor Orloff und degradire Dich zum gemeinen Sol⸗ daten.“ Damit riß ihm Katharina die Cpauletten und das Ordensband herab. „Und jetzt“, fuhr ſie mit kalter Grauſamkeit, den Blick höhniſch auf ihn geheftet, fort,„jetzt wirſt Du wohl nach dem Reglement Wache ſtehen können, und ich rathe Dir zugleich, keinen Augenblick zu vergeſſen, daß Du fortan dem Korporalſtocke unterſtehſt und bei dem geringſten Ungehorſam oder Fehltritt denſelben zu koſten bekommen wirſt.“ Orloff war todtenbleich geworden und bebte vor Wuth am ganzen Leibe, aber er wagte nicht mehr zu widerſprechen, nicht einmal mit einem Blick, er kaunte Katharina II. und hielt ſie für fähig, ihn, ihren Günſtling, den mächtigſten Mann an ihrem Hofe, in einer grauſamen Laune der öffentlichen Züchtigung, dem Spotte ſeiner zahlreichen Feinde, dem Gelächter des Pöbels preiszugeben. Die Kaiſerin kommandirte hierauf, gleich einem alten Wachtoffizier, die Ablöſung, ließ Orloff mit der Muskete im Arme vor der Thüre ihrer Gemächer als Schildwache ſtehen und zog ſich mit Jadwiga, beim P 225 5 Fortgehen noch einen vernichtenden Blick auf den de⸗ gradirten Günſtling werfend, in das Innere des Pa⸗ laſtes zurück. Als die Kaiſerin in ihrem, mit dem Luxus einer vrientaliſchen Deſpotin eingerichteten Schlafgemache angelangt war, brach ſie in lautes Lachen aus und warf ſich mit dem graziöſen Muthwillen eines jungen luſtigen Mädchens in die Polſter der Sammtottomane. „Nein“, rief ſie,„es iſt wirklich zum Todtlachen, wie ernſthaſt er ausſah, und ſahſt Du auch, Jadwiga, wie bleich er geworden iſt, bis in die Lippen bleich, er hat jetzt eine böſe Stunde, er glaubt ſich in der That verloren. Ol ich ſterbe noch vor Lachen, aber er verdient die Straſe, er verdient ſie und er ſoll mich noch auf den Knieen um Gnade bitten. Ich wette, er iſt überzeugt, daß es dabei bleibt, daß er als ge⸗ meiner Soldat eingereiht wird und wer weiß, ob er ſich nicht damit die Zeit vertreibt, ſich lebhaft die Szene auszumalen, wie ich ihn auf offenem Markte Gaſſenlaufen laſſe. O es iſt zum Todtlachen.“ Die nordiſche Semiramis kicherte und krümmte ſich in den Polſtern. echer⸗ Maſoch Ruſiſche Hrſgeſchchter r. 15 226 be Majeſtät, er ſollte Sie doch kennen“, flüſterte Jadwiga ein wenig furchtſam. „Er kennt mich“, erwiderte Katharina,„und eben deßhalb zittert er vor mir, ja, er hat Angſt vor mir und ich würde es ihm auch nicht rathen, ſie nicht zu haben, er wäre dann in der That verloren, wenn ich ahnen würde, daß er nur einen Augenblick zweifelt, ja, daß er nur zu hoffen wagt, ich wäre im Stan⸗ de—.“ Die Kaiſerin vollendete den Satz nicht, aber ſie biß die Zähne zuſammen und in ihrem ſchö⸗ nen Auge, das ſo zärtlich, ſo liebevoll zu blicken verſtand, funkelte jetzt nichts als blutgierige Mord⸗ luſt. „O! Du biſt großmüthig und gütig rief Jad⸗ wiga, vor der Kaiſerin niederſtürzend und ihre Häude mit feurigen Küſſen bedeckend. Katharina zog das liebenswürdige Mädchen an ihre Bruſt. „Ich bin nicht gut, und wenn ich es bin, ſo iſt es nur gegen Jene, welche es verdienen, ſo wie Du.“ „Und verdient Orloff Ihre Güte nicht?“ fragte Jadwiga. Die Kaiſerin lächelte und ſtrich ihr ſanft die 227 loſen Härchen aus der Stirne.„Nein“, ſfagte ſie dann. „Wie, Majeſtät!“ „Ich ſchätze ſeine großen Talente“, ſprach die Kaiſerin,„und ich bin ihm perſönlich gewogen, aber er weiß es ſelbſt am Beſten, daß er mir nicht unent⸗ behrlich iſt, ja bei Keinem wäre Güte oder Großmuth weniger gut angewendet, als bei dieſem wilden ruſ⸗ ſiſchen Eisbären. Ich kann ſeine Rohheit nur dadurch zähmen, nur dadurch Herr ſeiner unbändigen, wider⸗ ſpenſtigen Natur werden, daß ich ihn von Zeit zu Zeit daran erinnere, daß er nur mein Sclave iſt und ich ihn allen Ernſtes züchtige.“ „Wie ſoll ich das verſtehen, Majeſtät?“ erwiderte das erſtaunte Mädchen. „Du wirſt mich gleich verſtehen“, ſprach Katha⸗ rina,„komm.“ Jadwiga folgte mit einigem Herzklopfen der Monarchin, welche ihr voran in den kleinen Saal ſchritt, der vor ihrem Schlafgemach lag und in wel⸗ chem die Kaiſerin nur ihre intimſten Beſuche, ihre wenigen Freunde, die Fürſtin Daſchkoff, die Gräfin Saltikoff, Frau von Mellin, die beiden Orloff und den Grafen Panin zu empfangen pflegte. Aus dieſem reizend dekorirten und möblirten duftigen Raume führ⸗ 15* —— 228 ten zwei ucbeneinanderliegende Thüren, die eine in das Schlafgemach der großen Katharina, die zweite in ein Zimmer, welches ſie jetzt mit einem kleinen Schlüſſel aufſchloß. Dieſes Zimmer, in welches hier⸗ auf die beiden Damen traten, machte einen eigenthüm⸗ lichen myſteriöſen Eindruck. Vier kahle Wände ſtarrten den Eintretenden ent⸗ gegen, das ſpärliche Licht fiel nur durch ein kleines Fenſter ganz oben unter der Decke herein und ſogar dieſes war mit dicken Eiſenſtäben ſtark und dicht ver⸗ gittert. An der Wand, welche der Thüre lag, hing an einem Nagel eine große Knute. Sonſt war Nichts in dem Zimmer. Jadwiga blickte ſtaunend umher. Katharina ſchlug ein lautes muthwilliges Ge⸗ lächter auf.„Verſtehſt Du jetzt?“ fragte ſie. „Noch immer nicht, Majeſtät.“ „Nun, ſo will ich mich Dir genauer erklären“, ſagte die Monarchin.„Kennſt Du die Anekdote von dem ruſſiſchen Leibeigenen, der ſeinen Herrn bat, ſich einmal im Monate betrinken zu dürfen, damit er dann um ſo gewiſſer nüchtern bleiben und fleißig ſein könne?“ „Nein, Majeſtät“, antwortete Jadwiga. — —— S ——— 229 „Nun, der Herr erwiderte: Betrinke dich nur jeden erſten des Monats, dafür ſollſt du jeden zweiten des Monats fünfzig Knutenhiebe bekommen, damit du wieder vollkommen nüchtern biſt. O! du biſt ein gü⸗ tiges Väterchen, ſprach der Leibeigene, betrank ſich fortan jeden erſten, machte dann allen möglichen Spekta⸗ kel, wälzte ſich im Straßenkothe, begehrte auf, verſagte den Gehorſam, bekam dagegen ebenſo pünktlich jeden zweiten ſeine Knute, küßte darnach dem gütigen Väterchen die Hand und arbeitete den Reſt des Mo⸗ nats bei vollkommener Nüchternheit fleißiger, williger und beſſer als jeder Andere. So, meine liebe Kleine, iſt es mit meinem Sclaven Orloff. Er iſt der treueſte, der aufmerkſamſte, klügſte und vor Allem der gehor⸗ ſamſte aller meiner Diener, aber von Zeit zu Zeit be⸗ kommt er ſeinen Rauſch von Ehrgeiz, Herrſchſucht und Widerſpenſtigkeit und dann— dann muß er die Knute bekommen wie jener Leibeigene. Und da ich ihn nicht vor der Welt ſtrafen kann— denn ich dürfte, ohne meiner Würde als Frau und Monarchin zu vergeben, ohne Zweifel an meiner unumſchränkten Macht zu erwecken, eine öffentlich verhängte Strafe nicht wieder aufheben— bleibt mir nichts übrig, als ihn perſönlich zu züchtigen; jo komme ich weder in Gefahr, von dem ehrgeizigen Manne unterjocht zu — —— 1 3 —— 230 werden, noch den treuen, geſchickten Diener zu ver⸗ lieren. Sobald ich alſo bei Orloff Symptome von Ungehorſam entdecke, befehle ich ihm plötzlich, da wo er es am wenigſten erwartet, mitten in einem ver⸗ traulichen Beiſammenſein, mir in dieſes Zimmer hier zu folgen. Er erbleicht bis in die Lippen, er zittert, er hat Angſt vor mir, weil er weiß, daß er auf kein Erbarmen rechnen kann, er verlegt ſich wohl auch auf das Bitten, aber er folgt mir wie ein Lamm. Habe ich den Rebellen einmal hier, dann ſchließe ich die Thüre, hole raſch die Knute vom Nagel und peitſche ihn ohne Mitleid. Zuerſt flucht er, dann fleht er um Gnade, ich habe aber kein Gehör für ſeine Be⸗ theuerungen. Zuletzt liegt er vor mir auf den Knieen und küßt die Hand, die ihn gezüchtigt hat, kurz, der Eisbär iſt vollkommen gezähmt, freilich nur für einige. Zeit.“ Jadwiga blickte mit einer aus Bewunderung und Grauen gemiſchten Empfindung auf die Kai⸗ ſerin. Ich habe den Rebellen einmal ſchon mehr als zwei Wochen hier gefangen gehalten“, fuhr dieſe fort, während ſie mit Jadwiga das Zimmer verließ;„es hieß, er ſei in diplomatiſcher Miſſion abgereiſt, unter⸗ deß befand er ſich hinter dieſem Riegel.“ Die Kai⸗ S 24 Jerin zeigte dem erſtaunten Mädchen einen großen ſchweren Riegel an der Thüre und ſchob ihn mit kräftiger Hand zu.„Nun aber wollen wir unſeren Verbrecher ablöſen“, ſchloß Katharina,„er w ohnehin genug ausgeſtanden.“ Die beiden Damen kehrten hierauf in den Vor⸗ ſaal wo Orloff mit einem wahrhaft deſperaten Geſichte Schildwache ſtand. „Abgelöſt!“ rief die Kaiſerin. Jadwiga nahm die Muskete und mit derſelben im Arm ihren früheren Poſten ein. Orloff aber warf ſich der Kaiſerin zu Füßen. „Was willſt Du?“ herrſchte ihm dieſe kalt und finſter zu. „Gnade! Majeſtät, Gnade!“ flehte er. Katharina brach in lautes Lachen aus:„Nun für diesmal will ich Gnade für Recht ergehen laſſen. Hier haſt Du Deine Epaulettes und Dein Ordensband.“ Orloff ergriff freudig die Hand der Kaiſerin und bedeckte ſie mit den glühendſten Küſſen. „Freue Dich nur nicht zu früh, wir, ich und Jadwiga ſind zu Gerichte geſeſſen über Dich und haben Dich einſtimmig zur Knute verurtheilt.“ Orloff erbleichte und begann zu beben. „Aber Majeſtät—.“ Sna 232 Katharina zog die Brauen zuſammen, das war genug, er ergab ſich in ſein Schickſal. An der Thür wendete ſie ſich mit dem liebenswür⸗ digſten Lächeln zu Jadwiga und nickte ihr zu, und dann, noch immer dieſes Lächeln um die Lippen, hieß das ſchöne deſpotiſche Weib den vor ihr zitternden Günſt⸗ ling mit einer herriſchen Kopfbewegung ihr folgen. ————— Bald nach der ſeltſamen Szene zwiſchen Katharina und Orloff wurde die weibliche Schildwache abgelöſt. Den Reſt des Tages ver brachte Jadwiga in ſüßent Geplauder mit dem geliebten Capitän. Als es dunkel wurde, ſprach Samarin zu ihr: Geh' jetzt zur Ruhe, denn in der Nacht trifft Dich noch einmal die Wache.“ Jadwiga gehorchte und ſtreckte ſich auf dem Diban aus, welcher im Offizierszimmer ſtand, während Samarin mit ſeinen Lieutenants in der Wachſtube Karten ſpielte. Vor Mitternacht weckte er die Gelicbtel Sie nahm ihre Rüſtung und Muskete und folgte dem Unteroffizier, welcher ſie wieder in demſelben Vor⸗ ſaal poſtirte, in welchem ſie das erſte Mal Wache ge⸗ ſtan den hatte. Diesmal kam aber in nicht langer Zeit ein ſehr begreifliches Bangen über das arme Mädchen und ſie erſchrack endlich vor ihren eigenen Schritten, welche im Takte durch die Nacht hallten. Ringsum war tiefe Stille, Alles ſchien zu ſchlafen. Zuerſt ſehnte ſich Jadwiga nach irgend einem Ton, ei⸗ nem Geräuſch, welches das unheimliche Schweigen un⸗ terbrechen würde, dann begann ſie bei dem Gedanken zu zittern, daß ja eben die Geiſterſtunde begonnen habe und eine unruhige Seele ſich das Vergnügen machen könne, ihr eine Viſite abzuſtatten. Sie überzeugte ſich noch einmal, daß ihre Muskete geladen war und be⸗ gann dann andächtig zubeten. So verſtrich einige Zeit. Auf einmal näherten ſich leiſe Schritte die Treppen herauf. Sollte es ein Geſpenſt ſein? Oder Orloff? Das war vielleicht noch ſchlimmer. Zwei Männer, in dunkle Mäntel gehüllt, Sammt⸗ larven vor dem Geſicht, Blendlaternen in der Hand, traten in den Saal. „Halt! wer da?“ rief die weibliche Schildwache mit aller Kraft, welche ihr noch zu Gebote ſtand. „Gut Freund.“ „Loſung?“ „Pultawa.“ „Paſſirt!“ Die beiden geheimnißvollen Männer gingen an 234 Jadwiga vorüber, dann blieben ſie ſtehen und flüſter⸗ ten. Sie ſchienen zu berathſchlagen. Endlich kehrten ſie zu Jadwiga zurück und der Eine leuchtete ihr mit der Blendlaterne in's Geſicht.„Ah! Sie ſind es, Jad⸗ wiga Alexandrowna,“ ſprach eine dem Mädchen voll⸗ kommen unbekannte Stimme. „Das Schickſal hat ſie zu einer großen That aus⸗ erſehen,“ ſprach der Zweite,„folgen ſie uns!“ „Was wollen ſie von mir?“ rief die weibliche Schildwache, welche in ihrer Todesangſt Reglement und Inſtruction vergaß. s gilt, die Thrannin zu ſtürzen,“ nahm der erſte der beiden Vermummten das Wort,„welche durch den Mord ihres Gatten den Thron Rußlands uſurpirt und mit Strömen Blutes beſudelt hat, welche unſere Nation mit Füßen tritt, für die Menſchenrechte ſchwärmt“ und uns als willenloſe Marionetten behandelt.“ „Sie wollen die Kaiſerin tödten?“ rief das ent⸗ ſetzte Mädchen. „Nur gefangen nehmen“, ſprach der Zweite,„und wenn dies gelungen iſt, das Signal geben, auf das ſich die Garden erheben werden. Jedes edle Herz muß ſich für unſer Unternehmen begeiſtern. Wir rechnen auch auf Ihre Mitwirkung, Jadwiga. Sie ſollen für dieſelbe durch eine hohe Stellung, Reichthum und die — — 5 — ** 235 Hand des Mannes, welchen Sie lieben, belohnt werden, folgen Sie uns alſo!“ „Gewiß iſt der Zweck, den Sie verfolgen, meine Herren,“ ſprach das Mädchen„ein ſo reiner und pa⸗ triotiſcher, daß ihn jeder wahre Ruſſe billigen und un⸗ terſtützen muß. Wenn Sie mir daher zuſichern, daß Sie die Kaiſerin nur gefangen nehmen wollen, ſo werde ich Sie ſelbſt in ihr Schlafgemach führen und vor der Thüre deſſelben Wache halten, bis Sie das uns allen gleich verhaßte Weib geknebelt und gefeſſelt haben.“ „Vortrefflich,“ ſprach der erſte der beiden Männer. „Gehen Sie alſo voran, Jadwiga Alexandrowna“, fügte der Andere hinzu. Jadwiga legte den Finger an den Mund und ging voran, die Verſchworenen folgten. Alle drei ſchlichen leiſe auf den Fußſpitzen durch die anliegen⸗ den Zimmer, bis in den kleinen Saal, aus welchem die Thüre unmittelbar in das Schlafgemach der Mo⸗ narchin führte. „Hier iſt es“, ſprach Jadwiga,„treten Sie vor⸗ ſichtig ein, ſo können Sie die Czarin im Schlafe überraſchen.“ „Gut“, entgegnete der eine der Verſchworenen, „wir ſuchen ſie möglichſt unerwartet zu überfallen, und — 236 Sie halten indeß Wache und geben Feuer auf Jeden, der uns ſtören will.“ „Wie Sie es nöthig finden“, ſprach Jadwiga. „Alſo in Gottes Namen und mit Hülfe des heil. Nikolaus an das Werk“, ſprachen die Verſchwo⸗ renen. Jadwiga öffnete leiſe die Thüre, ſie traten ſtille, ja unhörbar ein und näherten ſich der entgegenge⸗ ſetzten Wand, wo ſie das Bett der Kaiſerin ver⸗ mutheten. In dieſem Augenblicke ſchloß Jadwiga raſch die Thüre und ſchob mit aller Kraft den ſchweren großen Riegel vor. Die Verſchworenen waren gefangen. „Was gibt es?“ „Was iſt das?“ „Verrath! Verrath!“ ſchrieen ſie durcheinander. Jadwiga hatte ſie ſtatt in das Schlafgemach Katharina's in das Zimmer geführt, in welchem die⸗ ſelbe Orloff zu züchtigen pflegte, und durch eine ein⸗ fache Mädchenliſt in ihre Gewalt bekommen. Verge⸗ bens verſuchten die Beiden durch das Fenſter zu entkommen, die Thüre einzubrechen. Jadwiga ſtürzte indeß an das Bett der ſorglos ſchlummernden Monar⸗ chin und ſchrie ſie aus dem Schlafe. Katharina war im Augenblick wach und hörte mit wachſender Aufregung den Bericht, welchen ihr das Mädchen im Fluge erſtattete. „Es gilt vor Allem, die Empörer zu überraſchen“, rief die Kaiſerin,„auf Dich und Samarin kann ich zählen.“ „Bis in den Tod!“ rief das Mädchen. „Eile alſo hinab, laſſe die Compagnie, ohne Lärm zu machen, in das Gewehr treten und Samarin mit zehn verläſſigen Leuten heraufkom⸗ men.“ Jadwiga flog die Treppe hinab. Wenige Minu⸗ ten darnach ſtand Samarin mit zehn Soldaten im Salon der Kaiſerin und Jadwiga trat in das Schlaf⸗ gemach. Katharina hatte einen Mantel umgeworfen, ſie lud eben ihre Piſtolen und ſteckte ſie zu ſich. Dann nahm ſie einen Degen, denſelben, mit dem ſie bei dem Beginn der Empörung gegen ihren Gemahl bei der rothen Schenke erſchienen war und ſo gerüſtet ging ſie hinaus. Sie gab Samarin die Hand und näherte ſich dann der Thüre, hinter welcher die beiden Ver⸗ ſchworenen tobten. „He! Man will mit Euch reden“, begann ſie. Darauf trat Stille ein. 238 „Kennt ihr meine Stimme?“ i „Wer ſpricht alſo mit Euch?“ „Die Kaiſerin.“ „Gut. Hört alſo, was ſie zu Cuch ſpricht“, fuhr Katharina fort,„Euch erwartet der Tod auf dem Rade und vor dem Tode die grauſamſte, entſetz⸗ lichſte Qual, ſobald Ihr nur den geringſten Wider⸗ ſtand leiſtet; ſobald Ihr Euch aber gutwillig feſſeln laßt und Euere Mitverſchworenen nennt, ſchenke ich Euch das Leben und die Freiheit.“ „Schwöre, Katharina.“ „Mein Wort genügt. Ergebt Ihr Euch alſo?“ „Ja, wir ergeben uns.“ Der Riegel wurde zurückgeſchoben. Samarin und ſeine Leute traten ein und legten die beiden Verſchwo⸗ renen in Ketten. Als man ihnen die Larven abnahm, erkannte man in ihnen zwei Officiere der Garde. Die aiſerin ſetzte ſich hierauf ſelbſt an den Tiſch und üieß ſich die Namen ihrer Mitverſchworenen diktiren. Es war eine lange Liſte. Als ſie zu Ende war, befahl die Kaiſerin, die Beiden in Gewahrſam zu bringen, dann ließ ſie die Fürſtin Daſchkoff, Orloff und ihre anderen Getreuen wecken. Samarins Compagnie wurde in ebenſo viel Abtheilunßen getheilt, als es Häupter der Verſchwör⸗ ung gab, an die Spitze dieſer kleinen Abthei⸗ lungen traten die Getreuen Katharina's, ja ſo⸗ gar die Fürſtin Daſchkoff mußte eine derſelben führen. Während durch ihre Getreuen in aller Stille die angeſehenſten Verſchworenen in ihren Wohnungen aufgehoben und verhaftet wurden, ritt die Kaiſerin ſelbſt, nur von Jadwiga begleitet, in die Kaſerne des Regiments Tobolsk. Samarin hielt mit zweien ſeiner Leute Wache im Winterpalaſt. Eine Viertelſtunde ſpäter umringte das Regiment Tobolsk die Kaſerne der unzufriedenen Garden und bemächtigte ſich durch raſches Ein⸗ dringen in die Korridore der Waffen derſeiben. Die Kaiſerin verſammelte hierauf die beſtürzten 5 und entmuthigten Soldaten im Hofe und ſprach ſelbit mit der ihr eigenthümlichen beſtechenden Beredtſam⸗ keit zu ihnen. Um ihren Worten noch mehr Nachdruck zu ver⸗ leihen, befahl ſie, die verhafteten Officiere vorzuführen und riß ihnen eigenhändig die Epaulettes herab, dann ließ ſie dieſelben in die Bergwerke des Ural zu lebens⸗ länglicher Zwangsarbeit abführen. Jene Zwei, welche die Namen ihrer Mitver⸗ Damit war di Schuß gefallen worden war. An dem nächſten Ta etwas länger, holen. Die erſt Jadwiga. Das ſchöne Mä heit und Prahlerei Katharina's ſtach. „Komm' an mein Monarchin, Krone. Dieſe Nacht gemacht für immer. bei mir Zutritt haben Dir erfüllen kann, ſei Di ernenne Dich hiermit Tobolsk und das St. Georgskreuz.“ oder ein Tropfen um ihre angegriffenen Nervei e Frage, als ſie aufwachte, dechen erſchien mit einer heit vor der Kaiſerin, all' der Stell ebenſo auffallend als „ich danke Du ſolſt f zu meiner Hofdame, nd denen „ ließ ſie gleichfalls ſie hierauf in das e Rebellion zu Ende, ohne daß ein Blutes vergoſſen ge ſchlief die ſchöne Deſpotin zu er⸗ war nach Beſcheiden⸗ werſchämt⸗ enjäger am Hofe vortheilhaft ab⸗ welche von der Ur Herz! liebe Jadwiga“, rief die Dir mein Leben, meine hat uns zu guten Freunden ortan unangemeldet und jeder Wunſch, den ich r in vorhinein gewährt. Ich zum Capitän im Regimente und verleihe Dir 241 Jadwiga ſank vor der Kaiſerin nieder und küßte ihre Hände. „Im Nebenzimmer warten Deine Eltern“, die Kaiſerin fort,„rufe ſie herein!“ Jadwiga ge⸗ horchte. „Mein lieber Niewelinski“, ſprach die Kaiſerin zu dem in Thränen gebadeten Vater,„Ihre Tochter hat ſo außerordentliche Verdienſte um mich, daß ich dieſelben auch auf außerordentliche Weiſe be⸗ lohnen muß. Ein gewiſſer Samarin hat ſich in dieſer ſelben Nacht als ein beſonders muthiger, um⸗ ſichtiger und treuer Officier gezeigt, ich habe ihn zum Oberſten der Garde ernannt und ihm den Georgs⸗ orden verliehen, und um Beide auf ungewöhnliche Weiſe zu belohnen, habe ich beſchloſſen, ſie miteinan⸗ der zu vermählen, weil dieſe beiden edlen, treuen und muthigen Herzen einander werth ſind und ein Geſchlecht von Treuen und von Helden begründen werden. Ich hoffe, Ihre Tochter und Sie, mein lieber Niewelinski, haben nichts dagegen.“ Jadwiga brach vor Freude in Schluchzen aus. Nachdem ihre Eltern ſich mit der Verbindung ein⸗ verſtanden erklärt hatten, befahl Katharina, Samarin vorzurufen. Sacher⸗Maſoch, Ruſſiſche Hofgeſchichten. I. 16 — 242 Der junge Oberſt ließ ſich ſofort, nachdem er eingetreten war, auf ein Knie nieder, um der Kaiſerin zu danken. „Graf Samarin“, rief Katharina mit ihrem lie⸗ benswürdigſten Lächeln,„ſtehen Sie auf und um⸗ armen Sie ihre Braut.“ ———— Zwei Wochen darnach erwartete eine Volks⸗ menge von vielen Tauſend Köpfen vor der Kaſan“ ſchen Kirche das ſeltſamſte Brautpaar, das je getraut worden iſt, den Oberſten Nikolaus Samarin und den Capitän Jadwiga Alexandrowna Niewelinski. Beide erſchienen in der Uniform ihres Regimen⸗ tes, aber Jadwiga trug den grünſammtenen goldver⸗ ſchnürten Rock diesmal über einer fließenden Atlas⸗ robe mit langer Schleppe und auf dem dreieckigen Hute den Myrthenkranz. Die Kaiſerin beſchenkte den Bräutigam am Hoch⸗ zeitstage mit einem Gute im ſüdlichen Rußland, die Braut mit den koſtbarſten Diamanten. Jadwiga blieb ſeid jener denkwürdigen Nacht eine der wenigen Vertrauten Katharina's, und übte bei mehr als eine Gelegenheit den wohlthätigſten Einfluß auf die mäch 5 243 tige Freundin, und wenn die Stirne derſelben ein⸗ mal beſonders umwölkt war, da verſtand ſie es, die finſteren Linien raſch zu verſcheuchen, indem ſie die Kaiſerin an Orloffs Armenfündergeſicht erinnerte und an die ebenſo tugendhafte als getreue weibliche Schildwache. Ende des erſten Bandes. „. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. 1 ie l ie au ne Inhalt: ie letzten Tage Peter des Großen 1 ie Hochzeit im Eispalaſt Bentäche ne weibliche Schildwache. ſn 18 19 20