— 1 Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gieſien, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. e Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 Abohnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ſ für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat; TF. „ 3„ 2„ 3 4— 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 8 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Britſchka des Gutsherrn mit drei mageren Bauernpferden beſpannt, war wie ein Kahn herangeſchwommen und hielt nun im Hofe. Der alte Koſak Petrenko ſtand auch bereits mit verſchlafenen Augen, Stroh im Haare, am Tritte und half zuerſt dem gnädigen Herrn Adam Kanwizki heraus, und dann dem jungen Geiſtlichen, den derſelbe als Erzieher für ſeine Kinder aus Lwow*) mitgebracht hatte. Der Alte küßte beide auf die Schulter und dann dem Geiſtlichen noch ganz beſonders die Hand. „Das iſt alſo der Herr Vater“, ſprach er gedehnt, „für unſeren kleinen Jaſiu. O jvjoj! So ein junges Herrchen— wird die gnädige Frau eine Freude haben! Hei! Lukaſch ſchläfſt Du noch! Reiße nur die *) Lemberg. 1* 5 Augen auf. Da iſt der Koffer des jungen Herrn Vaters.“ Lukaſch, ein robuſter Hofknecht mit kurzgeſchorenem gelben Haare und abſtehenden großen Ohren, ſchob den Koffer erſt einigemale bedächtig hin und her und ſpuckte ſich dann in die Hände. Indeß war die Herrin herabgekommen, eine kleine, ſchmächtige, nervöſe Polin, grün und gelb, aber pikant, das braune Haar in Papillotten, die Hände in den Taſchen ihrer ziemlich abgetragenen Kazabaika“) ver⸗ ſenkt, eine große Cigarre in dem kleinen rothen Munde. Ihre ſchwarzen Augen leuchteten vor Vergnügen. Sie empfing den Erzieher ihrer Kinder mit ausgeſuchter polniſcher Höflichkeit und entſchuldigte die Armuth des Hauſes, das ihn kaum werde nach Wuypſch bedienen können. „Nichts Neues? 2. fragte der Gutsherr, indem 6 ſeine Frau auf die Stirne küßte. Frau Celina Kanwizka zuckte die Achſeln. „Nachts war eine große Feuerröthe zu ſehen“, ſprach der alte Koſak. „Die ſahen wir auch, iſt es nicht waht, Hochwür⸗ den?“ rief Herr Kanwizki. *) Frauenjacke. 5 „Es iſt die Wahrheit“, antwortete der junge Geiſt⸗ liche. „Iſt alle Arbeit gethan?“ warf der Gutsherr hin. „Nur das Holz iſt noch aus dem Walde zu fahren“, ſagte der Koſak, indem er aufmerkſam die glänzenden Stiefel des geiſtlichen Herrn betrachtete. „Wie?— das Holz!“ „Wir haben keine Pferde gehabt.“— „Keine Pferde?“— „Nicht ein Huf.“ Der Gutsherr rang die Hände und wiegte den Kopf hin und her. „Da könnte ja gleich der muer da fahren“, rief Frau Celina. „Ja wirklich“, ſtimmte Herr Kanwizki erleichtert bei. Der Bauer, welcher ſich eben anſchickte, ſeine Pferde auszuſpannen, wendete nur etwas den Kopf, und machte dann die Stricke los. Er war ein Grundwirth aus Jamna und hieß Kvitka, war mittelgroß, mager, mus⸗ kulös, etwa 30 Jahre alt, ſein Geſicht mit dem in die Stirne geſchnittenen ſchwarzen Haare, den tiefliegenden Augen, dem langen Schnurrbart, dem unraſirten Kinn, machte einen grämlichen, traurigen Eindruck. „Hör' Kvitka“, ſprach der Koſak,„Du ſollſt in den Wald fahren.“ „Wer ſoll fahren?“ entgegnete der Bauer furcht⸗ ſam. „Nun Du.“ „Ja Du—“ „Ich nicht.“ „Biſt Du bei geſundem Blute!“ ſchrie der Koſak. „Was ſagt er?“ fragte der Gutsherr. „Er will nicht fahren.“ „Er will nicht fahren“, wiederholte die kleine reſo⸗ lute Frau,„iſt der Teufel in den Bauer gefahren?“— „Ich habe den Herrn nach Lwow geführt und zu⸗ rückgeführt“, ſagte Kvitka demüthig,„ich habe meine Robot geleiſtet für die Woche.“— „Wenn ich Dir aber ſage“, rief zornig die Herrin. „Das iſt gegen das Patent').“ „Er hat Recht“ fiel Herr Kanwizki ein,„laßt ihn, es ſoll ein Anderer fahren 3 Damit ſtieg er die Treppe hinauf, der junge Geiſt⸗ liche folgte. Der Bauer warf ſeinen Pferden die Stricke über den Rücken und wollte leiſe davon. „Halt ihn feſt!“ rief die Gutsfrau. *) Robotpatent Kuiſer Joſef's II. ——— 6 Der Koſak erwiſchte ihn noch beim Aermel und ſchob ihn in den Hof zurück. „Was wollt Ihr denn“, ſagte Kvitka kaltblütig, „ich habe meine Robot gethan.“— „Biſt Du auch ſo ein Hajdamak“)“, ſchrie der Koſak,„willſt Dich zur Wehre ſetzen.“ „Wirſt Du fahren?“ ſprach die Herrin bleich vor Zorn, indem ſie ihre Cigarre wegwarf. „Nein.“ „Den Kantſchuk her.“ So ſehr ihre kleine, fein geäderte Hand auch zitterte, hielt ſie den Bauer doch bei der Bruſt feſt, ergriff mit der andern den Kant⸗ ſchuk und hieb wüthend auf ihn los. Kvitka ſchob nur den Kopf raſch unter den Arm und hielt dann ruhig aus, bis ſie ermüdet die Peitſche wegwarf, ihn mit beiden Händen bei den Haaren ergriff, hin und her zog, mit dem Fuße trat und endlich los ließ. „Nun, was haſt Du jetzt?“ ſprach der Koſak. „Ah!“ Die Gutsfrau holte tief Athem und ging langſam in das Schloß. „Was ich habe? Meine geſunden Pferde“, ſprach der Bauer lächelnd, indem er ſeinen kleinen dürren Thieren den Nacken klopfte. Räuber, urſprünglich rebelliſcher Bauer. —— „Nehmt ihm die Pferde weg“, rief die Herrin ſich heftig umwendend. „Warum— doch“, ſtotterte der Bauer entſetzt. „Und peitſcht ihn aus dem Hofe!“ Der Koſak und der Knecht griffen nach den Kant⸗ ſchuks. Der Bauer aber ſchwang ſich raſch auf den Rücken des Handpferdes und jagte mit dem Geſpann davon. Der junge Geiſtliche, welcher die Scene von der Treppe mit angeſehen hatte ſchüttelte den Kopf. „Ihm nach“, befahl Frau Kanwizka, welche ihre volle Faſſung wiedergewonnen hatte,„nehmt ihm die Pferde, bringt ſie mir.“ Als ſie den jungen Geiſtlichen da ſtehen ſah, ſtieg ſie lächelnd die Stufen zu ihm hinauf;„man ärgert ſich doch unausgeſetzt in ſo einer Wirthſchaft“, ſprach ſie;„ein hübſcher Empfang für einen Gaſt. Kommen Sie!“ zugleich nahm ſie ſeinen Arm und führte ihn in das Speiſezimmer. Da ſaß Herr Kanwizki bereits behaglich im ſchmu⸗ tzigen Schlafrock mit langem Tſchibuk beim Frühſtück. „Aber Adam bedenke doch—“ 5 „Ich bin ſehr hungrig, meine Geliebte“, erwiderte der Gutsherr,„nehmen Sie doch Platz, Hochwürden. Hej! Petrenko! bediene den geiſtlichen Herrn.“ Man ſetzte ſich, Frau Celina machte in liebens⸗ würdigſter Weiſe die Wirthin. „Aber die Kinder!“ meinte Herr Adam. „Ich werde ſie gleich vorſtellen.“ Die Gutsfrau flog aus dem Zimmer und kehrte mit einem kleinen blöden Mädchen und einem halb⸗ wilden Buben von etwa zehn Jahren zurück, der ſeinen künftigen Erzieher mit lebhaften ſchwarzen Augen an⸗ glotzte. „Da haben Sie meine Iſidora und hier meinen Jaſiu, Ihren Zögling; küſſet doch dem hochwürdigen Herrn die Hand.“ Es geſchah mit großer Verlegenheit, der junge Geiſtliche ſchloß aber beide Kinder raſch in ſeine Arme, küßte ſie und ließ gleich den Jaſiu auf ſeinem Knie reiten. Bald fühlten ſich alle recht behaglich. Die Herrin zündete eine neue Cigarre an, dampfte nachläſſig vor ſich hin und beobachtete den Hochwürdigen. Das war ein echter polniſcher Geiſtlicher, kaum zwanzig Jahre alt, er hatte eben die erſten Weihen empfangen, ſchlank und hübſch, mit feinem blonden Haare, einem etwas kindlichen rothbäckigen Geſichte, kleiner Naſe, klugen grauen Augen, guten Zähnen, leichtem Goldflaum auf den ſtark aufgeworfenen Lippen. Sehr elegant, fein gekeidet, mit vornehmen Manieren, ariſtokratiſchem 10 Parfüm. Alles in der Welt ſchien ihn zu intereſſiren, er plauderte mit allerliebſter Wichtigkeit von Lemberg, der Literatur, dem polniſchen Theater, dem neuen Volks⸗ ſtück:„Krakowiaki i Gorali““), er zog den neueſten franzöſiſchen Roman aus der Taſche, er beſchrieb jede Actrice vom falſchen Haarzopf bis zum Stöckel herab, jede Toilette. „O! wie ſchön Frau Nowakowska als Barbara Radziwilowna war!“ Der Hausherr blickte bereits mit einem gewiſſen Reſpekt auf ihn.„Ein ſchöner Geiſt“, dachte er,„nur etwas romanhaft.“ Eben ging die Thüre auf und der Koſak brachte den Kvitka. „Nun was iſt mit Dir?“ fragte der Gutsherr. „Nun was ſoll man hat mir die Pferde weg⸗ genommen.“ Hern Adam ſah ſeine Frau an und ſchwieg. „Komm zu mir“, ſprach die Herrin. Der Bauer rührte ſich nicht. „Nun, warum kommſt Du nicht?“ „Die gnädige Frau wird mich bei den Haaren raufen“, erwiderte Kvitka. „Wirſt Du fahren?“ ²) Die Krakauer und die Bergbewohner. 4¹ „Wie ſollte ich, meine Pferde ſind ohne Athem, ſie fallen mir.“ „Du willſt alſo nicht. Was wirſt Du aber ſagen, wenn man Dir die Pferde nimmt?“ „Ich werde zum Kreisamt gehen.“ „Gut. Du willſt alſo auf die Bank! Petrenko leg' ihn nieder und—“ „Aber gnädige Frau, das kann ja nicht ſein!“ jammerte Kvitka. „Willſt Du noch zum Kreisamt?“ rief die Herrin und warf die Aſche von ihrer Cigarre ab. „Nein.“ „Und wirſt Du fahren?“ „Das kann ich nicht.“— „Ei, ſo hol' Dich der Teufel;“ rief der Gutsherr, „nehmtihmmeinetwegen ſchon die Pferde und jagt ihn fort.“ „Aber Herr, Gnädiger!—“ „Fort mit ihm“, herrſchte Frau Celina dem alten Koſaken zu. „Komm' Vetter“, ſprach dieſer und ſchob den klagenden Bauer mit zur Thüre hinaus. „Aber meine Pferde!“ „Willſt Du auf die Bank?“—— Kaum war Kvitka draußen, gab es neuen Lärm im Hofe. 12 „Was mag das wieder ſein?“ rief die Gutsfrau. „Sehen Sie doch, keine Ruhe.“— „Aber ich bitte, das iſt intereſſant“, verſicherte der junge Geiſtliche. „Ja, wie heißt denn der Hochwürdige eigentlich, wenn man fragen darf“, bemerkte Celina. „Pater Antoni Motolſti“, antwortete er erröthend. 3 „Hören Sie doch, welcher Lärm; darf ich nach⸗ ſehen?“ Die Gutsfrau beeilte ſich ein Fenſter zu öffnen. Im Hofe hielt ein Knecht einen Bauer mit grauem Haare und verbiſſenem fahlen Geſichte beim Kragen. Der Alte ſuchte ſich loszumachen und ſchrie über Unrecht. „Was iſt das?“ rief die Herrin herab. Der Koſak, Lukaſch und andere liefen herbei. „Ein Dieb“, rief der Knecht, der den Mann hielt. „Wer iſt es?“ „Hrehora aus Labje, er hat zehn Garben Weizen geſtohlen.“ „Lüg' und krepir' Du Türke“, ſchrie der Mann. „Was kannſt Du ſagen“, ſprach die Gutsfrau. „So ſprich“, rief Pater Antoni hinab. „Ich habe Robot gehabt bei der Ernte geſtern“, ſprach der Alte, indem er ſich bei jedem Worte wieder loszumachen ſuchte,„und ſie haben mir auf den Wagen — 13 geladen, bis es dunkel war, und haben ſo ſtark geladen, daß mir die Deichſel gebrochen iſt, und da bin ich um einen Strick gelaufen und ſie haben mir die Garben geſtohlen.“ „Wer?“ „Was weiß ich?“ „Du haſt ſie geſtohlen, du Hajdamak!“ ſchrie der Gutsherr, welcher indeß auch am Fenſter erſchienen war. „Nehmt ihm nur gleich die Ochſen, die er hat, die ſchönen ungariſchen Ochſen.“ „Gott ſoll mich ſtrafen, wenn ich geſtohlen habe“, ſchrie Hrehora,„der Herr darf mir nicht die Ochſen nehmen.“— „Was darf ich nicht!“ lachte der Edelmann,„ich kenne Dich lange ſchon, Du biſt ſo ein rechter Rebell. Geh' nur zum Kreisamt, ich habe Dich dort ſchon gut angeſchrieben. Du ſollſt es noch erfahren.“ Er drohte ihm mit der langen Pfeife. „Nun Ihr könnt es thun, ſo thut es“, ſagte der Bauer, welcher plötzlich ganz ruhig geworden war. „Wenn Du es nur einſiehſt, Hrehora“, ſagte der Knecht, und ließ ihn endlich los. „Ich ſehe es ein“, ſprach dieſer finſter,„a ber ich ſage Euch, der Magaß wird über Euch kom⸗ men.“ 14 „Wer? wer?“ rief der Geiſtliche neugierig. „Ihr habt den Jwan Boſſak halb todt geprügelt, und er iſt in das Gebirge gegangen und hat bei Ma⸗ gaß geklagt.“ „Und ſeid ihr alſo nicht wahrhafte Hajdamaken!“ ſchrie der Gutsherr giftroth im Geſichte.„Beklagt Euch nur! Der Galgen für den Magaß iſt auch ſchon gezimmert.“ „Hetzt ihn mit Hunden aus dem Hofe“, rief die Herrin. „Der Magaß wird über Euch kommen. Bleibt geſund!“— „Hej! Sultan!“ ſchrie der Koſak.„Hej! Bry⸗ tan!“— Der Alte lief was er laufen konnte, hinter ihm die Hunde.— „Was iſt das hier für ein widerſpänſtiges Volk“, ſprach Pater Antoni, indem er galant das Fenſter ſchloß. Man nahm wieder Platz. „Sehen Sie, das macht das Gebirge“, entgegnete Herr Adam, indem er ein großes Stück Butterbrod in den Mund ſchob. „Das darf Sie nicht beirren“, ſagte raſch Frau Kanwizka,„wir handhaben dafür die Ordnung.“ „Erlauben Sie“, begann der Geiſtliche,„die Leute ſind hier recht wild, Sie ſagten vorhin, das macht das 15 Gebirge. Meinen Sie, daß es Einfluß auf den Cha⸗ rakter übt?“ Der Edelmann machte erſtaunte Augen und nahm dann eine wichtige Miene an. „Wie Sie es nehmen wollen. Ja und Nein. Aber was wollte ich eigentlich ſagen. Wir haben hier, wenn der Herr erlaubt, im Gebirge ein anders Volk als in der Ebene. Der Huzule iſt ſtolz auf ſeinen Namen, es iſt eine ordentliche Hoffarth in den Leuten, weil ſie nie einem Edelmanne unterthan waren, nie eine Robot geleiſtet haben.“ „Nicht zu glauben“, rief der Geiſtliche und klatſchte mit der flachen Hand auf den Tiſch. „Was glauben Sie“, fuhr Herr Adam, ſelbſtge⸗ fällig ſeine lange Pfeife ſchmauchend, fort,„ſo ein Huzul verhungert lieber in ſeinen Bergen, als daß er für Geld bei einem von uns arbeiten ginge. Sie ſind wahrhaft arm und doch beſſer gekleidet als unſer Bauer, ſie rühren ſich tüchtig auf ihrem elenden Stück Feld, weiden ihre Schafe, treiben wohl ſogar Handel mit allerlei was ſie erzeugen, und Muth haben ſie Einer für Zehne. Schöne Leute! Schöne Leute— und dieſe Weiber!“ Herr Adam drückte die Augen zu und blies den Rauch durch die Naſe. „Was Sie ſagen.“ 16 „Sie finden hier Naturmenſchen, wie in den ame⸗ rikaniſchen Prairien“, warf Frau Kanwizka ein,„Ge⸗ ſtalten, wie ſie ſonſt nur in Romanen vorkommen.“ „Und Zauberinnen giebt es auch“, fügte der Guts⸗ herr ernſthaft hinzu. „Aber ich bitte Dich!“ rief die Edelfrau. „Nun ich könnte Manches erzählen“, ſprach Herr Adam, indem er furchtbar dampfte und ſich ganz in myſteriöſe Rauchwolken hüllte. „Wirklich.“ Der Koſak kam herein und begann den Tiſch abzuräumen. Frau Kanwizka ſah ihren Gatten mit unbeſchreiblicher Geringſchätzung über die Achſel an und wendete ſich zugleich an Herrn Antvoni. „Es giebt Leute unter ihnen, welche geheime Kräfte der Natur kennen“, erklärte ſie eifrig,„und dieſe Kenntniß vererbt ſich in gewiſſen Familien von Einem auf den Andern, das iſt die Wahrheit.“ Herr Antoni rückte eifrig näher. „Merkwürdig“, ſprach er,„alſo die Leute im Ge⸗ birge, die Huzulen, ſind freie Leute, von alten Zeiten her, und kühne Leute, etwa wie die Schotten im Walter Scott, oder die Indianer.“ „Ja, ſie laſſen nicht mit ſich ſcherzen“, antwor⸗ tete Herr Adam;„legen Sie unſern Bauer auf die 1 Bank, und er küßt Ihnen die Hand. Und ſo ein Hu⸗ zul! Na! Spaßen Sie nur mit ihm, er ſpaltet Ihnen den Kopf auf der Stelle.“ „Spaltet er“, rief der Geiſtliche,„womit ſpal⸗ tet er⸗ „Mit ſeinem Topor, das iſt ein Beil an einem langen Stiel, zugleich ein Bergſtock und eine Apt. Und hat auch Jeder beinahe ſeine Flinte, und machen ihm mehr Freude mit einer Handvoll Pulver, als mit einem Sack voll Dukaten.“ „Was Sie ſagen.“ „Kühne, ſtolze, luſtige Leute, aber rachſüchtig und leichtfertig, nur ihre Berge lieben ſie, es heißt:„Der Huzul ſtirbt in der Ebene.“ Im Ganzen ein wildes Volk, ſo ein Burſche iſt vft ganz erwachſen und war noch in keiner Kirche. Ein wildes Volk, rechte In⸗ dianer!“ „Ojvjoj!“ rief der Koſak,„und viel Räuber unter ihnen.“ „Räuber!“ rief der Geiſtliche. „Was wollte ich nur ſagen“, fiel der Gutsherr ein,„ja glauben Sie es, das verdirbt unſere Bauern hier, die haben den Huzulen den ganzen lieben Tag vor Augen, und dann finden ſie keinen Geſchmack an der Unterthänigkeit.“ Sacher-Maſoch, Galiziſche Geſch ichten. I. 2 18 „Und dazu die vielen Räuber!“ bemerkte der alte Koſak. „Schweig“, ſagte die Frau. „Räuber“, begann Herr Antoni erregt. „Wahrhafte Räuber“, antwortete Petrenkv. „Aber das iſt ja ſehr intereſſant; ich habe bis jetzt nur auf dem Theater Räuber geſehen.“— „So etwas aufzutiſchen“, raiſonnirte Frau Kan⸗ wizka. „Warum? das iſt ja recht— recht hübſch.“— „Auf dem Theater, das glaube ich“, erwiderte Herr Adam,„aber ſo danke ich dafi „Ja— aber verzeihen Sie mir doch“, bat der Geiſtliche,„ſind viele Räuber da?“ „Ojojoj! Millionen“, verſicherte der Koſak. „So ein Unſinn, Gäſte auf dieſe Weiſe zu beun⸗ ruhigen“, rief die Gutsfrau. „Ich bitte Sie, gnädige Herrin“, ſchwor der Geiſtliche,„das iſt mir ja ein Labſal. Ich bin ſo glücklich, daß ich da bin, bei Ihnen“, er küßte chevaleresk ihre Hand,„bei dem ſehr geſchätzten Herrn Adam, und unter ſolchen Räubern. Aber erzählen Sie. Woher kommen dieſe— dieſe Räuber?“ Er ſchien an dem Worte„Räuber“ ein beſonderes Gefallen zu finden. „Woher kommt das Gras?“ ſprach ſehr weiſe 19 Herr Adam,„woher kommt das Waſſer? Woher kommen die Metalle im Schvoße der Erde? das wächſt ſo und iſt auf einmal da. Iſt das richtig?“ er blickte herum und erwartete offenbar keinen Widerſpruch. „Nun, wie iſt es mit den Räubern? Kein Menſch weiß von einer Zeit, wo im Gebirge keine Räuber waren. Sie wachſen hier ſo wie das Gras, ohne Menſchen⸗ hülfe. Im alten Polen, als das Landvolk noch ſehr gedrückt war und— nun Sie kennen ja dieſe alten Geſchichten— da verließen viele kleinruſſiſche Bauern den Pflug und oft mit Weib und Kind und rotteten ſich in den Steppen zuſammen und im Gebirge und trieben das Räuberhandwerk und führten einen förm⸗ lichen Krieg gegen den Adel und dort am Don und Dnieper nannten ſie ſich Koſaken und hier in den Karpathen Ha jdamaken. Damals war die Leibeigen⸗ ſchaft und jetzt iſt noch die Robot. Und das lebt fort im Volke, in alten Geſchichten, in alten Liedern, und der Krieg dauert fort gegen den Adel, gegen die lateiniſche Kirche, und wird ſo lange dauern, bis der Bauer frei ſein wird.“ „Alſo dieſe Räuber ſind vielmehr eine Art Re⸗ bellen.“ „Gewiß.“ „Und warum ſchreitet da die Regierung nicht ein?“ N ——— 20 „Ich bitte Sie, ſie thun ja der Regierung Nichts, nie hat ſo ein Räuber einen Beamten des Kaiſers berührt, aber uns ziehen ſie die Haut herab.“ „Merkwürdig, wer hätte das gedacht!“ rief Herr Antoni ein über das anderemal. „Was iſt alſo dieſer Magaß, mit dem der Alte ſo gedroht hat. Auch ein Räuber?“ „Was ſoll ich Ihnen vom Magaß ſagen“, ent⸗ gegnete Herr Adam,„Sie müſſen das eine Weile mit⸗ machen, dann werden Sie ihn kennen.“ „Ich dachte ſo ein gemeiner Strolch etwa—“ „Was denken Sie“, rief Herr Adam, fuhr gleich⸗ ſam entrüſtet bis an die Lehne ſeines Seſſels zurück, riß die Augen weit auf, und breitete zugleich beide Hände wie Fächer gegen ihn aus. „So ein Magaß hier iſt ein Bohathr“), wie in den alten Heldenliedern, tapfer wie ein Janitſchar, verachtet Tod und Leben, plündert die Reichen, ſchützt die Armen, iſt überall und nirgends, heute hier, morgen da, und immer verliebt.“ ————————————————————— „Alſo ein ganzer Fra Diavolo wie in der Oper“, rief Pater Antoni. *) Der Paladin, Ritter und Troubadour der Oſtſlaven. 24 „Ja wohl, er hat den Teufel im Leih“, fügte Frau Kanwizka hinzu. „Er iſt auch unverwundbar“, miſchte ſich der Ko⸗ ſak hinein,„den kann keine Kugel treffen— der Teu⸗ fel wird wohl ſeinen Theil daran haben, und überall hat dieſer Magaß ſeine Spione, die ihm gleich Vieler⸗ lei zubringen. Ja, der hat erfahren was Leben iſt, und fürchtet den Tod nicht. Er hat eine Bande von einigen Tauſend Mann“— fuhr der alte Koſak fort. „Was ſprichſt du da“, fiel die Herrin ein. „Nun wenn es auch hundert Männer weniger ſind, was hat das zu ſagen, er beherrſcht die ganze Gegend, hält Gericht über den Adel und verſendet ſeine Briefe in alle Höfe.“ „Kann denn ſo ein Räuber hier ſchreiben?“ fragte der Geiſtliche erſtaunt. „Er kann Alles“, ſprach der Koſak. „Eſel“, rief die Gutsfrau. „Es iſt doch ſo“, ſchwor der Alte beleidigt, die Hand auf dem Herzen. „Es iſt ſo“, beſtätigte Herr Adam,„er hat einen kurioſen Heiligen bei ſich, einen Popenſohn und weg⸗ 22 gejagten Diak'), ſo einen deſperaten Seſce der ſchreibt ihm Alles.“ „Sehen Sie alſo, Frau!“— „Ich könnte noch Manches ſagen,“ meinte Pe⸗ trenko. Die Gutsfrau ſeufzte. „Alle dieſe Sachen werden Sie 6 „Mich?“ erwiderte Herr Antoni,„keine Idee! das unterhält mich.“ Im Hofe ſchlugen die Hunde an. Stimmen klangen durcheinander. Schwere Tritte kamen die Treppe herauf. Der Koſak öffnete die Thüre und blickte hinaus. „Wer mag das wieder ſein?“ ſeufzte Herr Kanwizki. „Der Michal.“— „Was wird er wollen.“ Der Michal, ein dicker rother Pächter mit ſil⸗ bernen Ringen in den Ohren, trat ganz verſtört her⸗ ein, verneigte ſich kaum, ſondern nahm ſich gleich beim Kopfe und wiegte ihn in den Händen hin und her. „Ein großes Unglück, gnädiger Herr.“ „So ſprich, Michal, ſprich!“ „Der Folwarek“*), Gnädiger, iſt heute Nacht niedergebrannt.“ *) Kirchenſänger. **) Vorwerk, Maierhof. . ——————— 23 „Ah! nicht möglich!“ Herr Adam ſaß ganz bleich und ſtarr auf ſeinem Seſſel, ſogar die reſolute Edel⸗ frau entfärbte ſich ein wenig. „Gott! Gott!“ jammerte der Pächter,„ich bin ein verlorener Menſch und es iſt nur eine Rache gegen Sie Gnädiger, wegen des Boſſak; der Magaß hat uns angezündet.“ „Der Magaß!“ ſchrie der Edelmann, und klopfte dann heftig ſeine rothe Thonpfeife aus. „Man muß hin“, ſagte er. „Ich reite mit dir“, ſetzte Frau Kanwizka hinzu, „und Sie gewiß auch, Herr Antoni?“— „O! ich— natürlich.“ „Nun ſo ſattle die Pferde, Petrenkv.“ Indeß machte die Herrin raſch Toilette. Sie ſah dann mit den offenen brauen Locken, in dem knapp anſchließenden Kleide noch einmal ſo hübſch aus.— Die Pferde wurden vorgeführt und man ritt nach der Brandſtätte. Das war nun ein trauriger Anblick, die weit⸗ läufigen Gebäude ein großer Aſchenhaufen, aus dem noch immerfort Rauch und Funken ſtiegen, ringsum halbverkohlte Balken. Ein Hund lief, den verſengten Strick um den Hals, mit wirtem Blick umher, und bleckte wild die Zähne. Unter einem Aepfelbaum ſaß die Pächterfrau, ihr jüngſtes Kind an der Bruſt, die andern trieben immer wieder die geretteten Kühe zu⸗ ſammen, welche ſich zu verlaufen drohten. Der Gutsherr ließ die Zügel fallen, verſchränkte die Arme auf der Bruſt und ſtarrte ſtumm in den Qualm und die Verwüſtung. 6 Seitwärts ragte ein Pfahl, den die Flammen mcht erreicht hatten. An demſelben war ein grobes Blatt Papier angenagelt. Der Pächter wies ſchweigend darauf hin. Sie kamen heran und laſen. Auf dem Blatte ſtand mit großen Buchſtaben: „Hier hat Magaß, der Räuber, Gericht gehalten nach dem alten Recht.“ Nachmittags ſaß die Herrſchaft mit dem neuen Erzieher in der Epheulaube hinter dem Hauſe und dampfte bei ſtarkem ſchwarzem Kaffee geſchmuggelten ungariſchen Tabak, in kleinen graziöſen von Frau Celina verfertigten Cigaretten. In den Beeten ſtanden ringsum halbentblätterte Monatsroſen, Levkojen mit angefaulten Blättern, große Georginen in allen Far⸗ ben, und ein leichter Wind rollte von Zeit zu Zeit das dürre Laub des weitläufigen Parkes zuſammen. 25 Die Sonne ſtand nieder und gab ein ſtechendes rothes Licht. Auf dem eingeſunkenen braunen Strohdach der Scheune klapperte ein Storch. „Idhlliſch! höchſt idylliſch!“ rief Pater Antoni, während er ſeinen Blick durch die Gegeud ſchweifen ließ., „Eine ſchöne Idylle“, murmelte die kleine Edel⸗ frau. „Aber betrachten Sie nur, gnädige Herrin, dieſe friedlichen mit Mvos überwachſenen alten Bäume“, fuhr der junge Prieſter fort,„dieſe Beleuchtung— kein Maler könnte ſie ſchöner hervorbringen— Alles hier iſt ppetiſch.“— Da erinnern Sie mich an ein Sprüchwort der Spanier“, ſprach Frau Celina:„Gleich hinter dem Kreuze ſteht der Teufel“— ſo ſteht hinter der„pol⸗ niſchen Idylle“ der rebelliſche Bauer mit der ge⸗ rade genagelten Senſe und der Räuber mit ſeiner Puſchka').“ Herr Adam nahm keinen Theil an der Unter⸗ haltung; er war ſehr verſtimmt. „Was iſt Dir?“ fragte die Frau. „Nimmt's dich Wunder?“ erwiderte er.„Wenn *) Flinte. 26 ich ſo den blauen Wolken nachſehe, welche aus meiner Cigarre emporſteigen, da fällt mir unwillkürlich ein, ſo raucht auch dein Folwarek! die unglückliche Brand⸗ ſtätte! Ach! es iſt doch ein beträchtlicher Schaden!“ „Es hilft Nichts, ſich über Das zu grämen, was nun einmal nicht mehr zu ändern iſt. Man muß ſich tröſten“, ſagte der geiſtliche Herr. „Erfinden Sie lieber etwas, dieſes gottvergeſſene Räubervolk auszurotten“, ſeufzte der Edelmann. „Nichts leichter“, ſprach der Pater,„vor Allem muß man des Hauptmanns habhaft werden.“ „Das haben Andere ſchon verſucht“, fuhr Herr Adam auf. „Und wie haben ſie es verſucht, mit Erlaubniß?“ „Mit Militär, vielem Militär“, erwiderte der Gutsherr wichtig. „Warum nicht gar mit Kanonen und Schiffen“, rief Pater Antoni. Pan Adam ſah ihn verblüfft an. „Mit Ihrer Erlaubniß“, fuhr der Geiſtliche fort, „man muß es ſo machen wie im Fra Diavolo.“ „Wie allenfalls?“ „Mit Liſt, Herr Adam, mit Liſt! Alle großen Räuber find ſtets nur durch die Verrätherei ihrer Geliebten gefallen, oder gefangen worden. Und ge⸗ S 27 ſchah es dem ſtarken Simſon im alten Teſtamente etwa anders?“ Herr Adam ſtützte ſein Kinn in die Hand, zog die Brauen philoſophiſch zuſammen und murmelte dann:„ein guter Gedanke, ein ſehr guter Gedanke.“ Dieſer Gedanke beſchäftigte das würdige Paar ſo ſehr, daß ſich Beide zurückzogen, um ihm weiter nachzuhängen, die gnädige Frau in das Haus, und der Edelmann in die Scheune. Pater Antvni begab ſich in den Hof. Im Hofe putzte der alte Koſak eben die Räder der Kaleſche, als der junge Geiſtliche herankam, ſich, die Hände auf die Kniee geſtützt, zu ihm herabbeugte und leiſe begann:„Mein Freund, was iſt Dir von dem Mädchen des Magaß bekannt?“ Der Koſak ſchien die Worte überhört zu haben, und fuhr in ſeiner Beſchäftigung fort, zwinkerte kaum mit den Augen und ſagte endlich:„Wir werden Regen be⸗ kommen, die Enten plätſchern.“ „Laſſen wir ſie plätſchern,“ erwiderte Pater An⸗ toni ruhig,„aber der Magaß hat alſo ein Mädchen.“ Wer „Der Räuber.“ 5 6 3 28 „Wie ſoll ich— „Du haſt es ja eben geſagt.“ „Ich?“ „Willſt Du rauchen, Vetter?“ Der Geiſtliche zog ſeinen geſtickten Tabakbeutel aus der Taſche. Der Koſak kraute ſich in den Haaren, ſeufzte und ſah ihn erſtaunt an. „Nun, wo iſt Deine Pfeife?“ Der Alte zog ſie verlegen lächelnd hervor, der Hochwürdige ſtopfte ſie ihm eigenhändig und gab ihm ſogar ein Zündhölzchen, was im Gebirge eine gewiſſe Rarität war. „Nun, wie ſchmeckt das?“ „Oh! es ſchmeckt gut.“— Er arbeitete weiter. „Nun,— wo hat er alſo dieſes Mädchen?“ Das Rad ſtöhnte und ſang erbärmlich. „Hier im Dorfe etwa?“— „Nein.“ „Wo alſo?“ „Was wollen Sie aber, heiliger Herr?“ ſagte der Koſak plötzlich finſter,„damit iſt nicht zu ſpaßen, es iſt eine gefährliche Sache, kümmern Sie ſich um dieſe Dinge nicht.“— „Wenn ich mich aber ſehr angelegentlich darum kümmern will.“ 29 „Wie es Ihnen beliebt;“ der Alte zuckte mitlei⸗ dig die Achſeln. „Alſo— wo hat dieſer Räuber ſeine Geliebte, iſt es ein Mädchen?“ „Ja, ein Mädchen.“ „Wo iſt ſie zu Hauſe?“ „Hier nicht“, erwiederte der Alte gleichſam nach⸗ denkend, langſam,„dort— weit— im Gebirge, Niemand weiß, wer ihre Eltern waren, ſie wohnt bei einer alten Widma'), welche allerhand Geheimniſſe kennt, Zauberei treibt, Gewitter macht, das Vieh fallen läßt und zu Zeiten nach Kiew reitet““), auf einem ſchwarzen Kater.“ „Aber geh' doch, auf einem Kater?“ „Was glauben Sie, es iſt ein Kater wie ein neu⸗ gebornes Kalb, Gott ſoll mich ſtrafen. Ueberzeugen Sie ſich.“ „Das will ich auch, ich gehe heute noch zu ihr und Du follſt mich führen; wilſt Du das thun?⸗ „Es iſt eine gefährliche Sache.“ „Du haſt alſo Furcht?“ Der Koſak zog die Stirne zuſammen.—„Meinet⸗ wegen. Ich will es thun.“ *) Wiſſende, Hexe. **) Auf den ruſſiſchen Brocken. 30 „Heute noch?“ „Heute noch.“ 63 „ In einer klaffenden Spalte des ſchwarzen Gebirges lagen zerſtreute Hütten eines Hirtendorfes. Eine hoch oben, über alle andern ragend, ſchien in den Fels gegraben und hob ſich nur unmerklich von dem grauen Geſteine ab, ein rechtes Eulenloch. Hier ſtand jetzt rathlos der junge Geiſtliche und ſuchte vergebens einen Eingang, endlich klopfte er nicht gerade ſtark an den feſtgeſchloſſenen hölzernen Fenſter⸗ laden. Erſt blieb alles ſtill, dann tönte eine tiefe hei⸗ ſere Stimme. „Biſt Du's?“ „Allerdings bin ich es.“ Der Laden hob ſich, ein braunes gefurchtes Ant⸗ t erſchien an der Heffnung und zwei große graue Augen hefteten ſich kalt auf den Prieſter. „Was ſuchſt Du bei mir?“ „Einen guten Rath.“ „Guter Rath iſt theuer. 6 „Ich will ihn laß mich ein.“ „Geh' um den Fels—“ der junge Geiſtliche machte 31 eine Bewegung—„nicht da— links, ich komme Dir entgegen.“ Wirklich erſchien die Alte auf dem zackigen Vor⸗ ſprung, half ihm mit der knochigen Hand denſelben er⸗ ſteigen und wies ihm den Weg in ihre Hütte. Pater Antoni mußte ſich in der Thüre bücken und trat dann vorſichtig über die Schwelle. Er befand ſich in einem großen, viereckigen, niedern Raume, welcher zwei Fen⸗ ſter gegen Süden, und außer dem Eingange, durch den er gekommen, noch eine zweite Thüre wies. Eine Treppe und eine Art Fallthüre führten nach aufwärts unter das grobbalkige Holzdach. Der Pater rekognoszirte die Oertlichkeit mit ängſtlicher Genauigkeit. Der Thüre gegenüber ſtand ein großer grüner Ofen, um den eine altersbraune breite Bank lief, ſeitwärts ein Tiſch, gleichfalls von hölzernen Sitzen umgeben; in einer Ecke ein reinliches Bett von einem groben Linnen ver⸗ hüllt, neben demſelben eine alterthümliche Truhe mit großen bunten Blumen bemalt und ein Schrank in demſelben ſlaviſch⸗byzantiniſchen Sthle. Auf dem offenen Herde brannte ruhig ein mäßiges Feuer, das ſeinen Rauch durch eine offene Luke des Daches aufwärts trieb. Die Wand war an verſchie⸗ denen Stellen mit griechiſchen Heiligenbildern beklebt. In der andern Ecke ſtand der wunderliche Sitz der 32 Alten aufgerichtet, ein geſchnitzter Schemel, nicht viel verſchieden von den Thronſeſſeln der Kaiſer zu Byzanz, mit rothen verblichenen Polſtern. Ein Holzblock, der eine höhniſche Fratze zu ſchneiden ſchien, diente als Fußbank, zu Häupten ragte drohend ein nackter, weiß gebleichter Pferdeſchädel. Die Alte ergriff die Spindel, welche ſie auf den Tiſch gelegt hatte, winkte dem Prieſter Platz zu nehmen und ließ ſich ſelbſt wieder auf ihrem Sitze nie⸗ der. Der junge Geiſtliche betrachtete ſie einige Zeit ſchweigend. Es war ein nicht gewöhnliches Weib, groß, hager, mit ſcharfer Naſe, einem Auge voll Geiſt und Kühn⸗ heit, ihr weißes Haar quoll beinahe ehrwürdig unter dem braunen Kopftuche hervor, ein weites graues Ge⸗ wand hüllte ſie mit maleriſchem antikem Faltenwurf ein. „Nun was beliebt für ein Rath, heiliger Herr!“ ſagte die Greiſin lauernd. „Ihr kennt geheime Kräfte der Natur“, begann der Prieſter,„man hat mich zu Euch geſchickt als einen Kranken“ „Ihr ſeid nicht krank“, erwiederte die Alte raſch und ſcharf,„das Einzige was Euch allenfalls fehlt, dürft Ihr nicht haben.“ h ——— —,— — 33 „Und das wäre?“ „Ein Weib.“ „Und Ihr ſeid wirklich eine Wiſſende?“ „Warum nicht gar eine Hexe“, rief die Alte ſpöt⸗ tiſch,„ich kenne einige Kräuter, einige Arzneien, ich kenne auch ein wenig die Menſchen, und habe einen Stein, der Schlangenbiſſe heilt, das iſt meine ganze Weisheit. Aber deshalb ſeit Ihr nicht gekommen.“ „Nein. Ihr habt ein Mädchen bei Euch.“ „Allerdings.“ „Ich wünſche mit ihr zu ſprechen.“ Die Alte blickte zu Boden, dann auf den jungen Geiſtlichen, diesmal feindſelig und mißtrauiſch. „Nun?“ „Nun,— was ſoll Euch die Dirne? Das geht nicht an, das geht bei Gott nicht an“, murmelte die Alte. „Ruft ſie nur.“ Der Geiſtliche ſtand auf und warf der Alten zwei Silberzwanziger in den Schvoß. „Wie ſoll ich ſie rufen?“ erwiderte die Alte, ohne die Münzen noch zu berühren,„ich will an dem, was Ihr etwa beabſichtigt, keinen Theil haben. Noch denke ich zu leben, und es iſt allem Anſchein nach Gefahr dabei. Aber ich kann Euch nicht verbieten hier zu warten, ſie wird ungerufen kommen.“— Sacher-Maſoch Galiziſche Geſchichten. 3 34 Die Alte begann emſig den Faden zu drehen, und ſummte vor ſich hin.— Die Sonne, im Niedergehen begriffen, brannte durch die offene Thüre auf die ſteinerne Diele— der Geiſtliche ſchwieg und jetzt ſchwieg auch die Alte. Da tönte ein ſeltſames mhſteriöſes Ziſchen und langſam hob ſich ein kleiner Kopf unter der dicken Felsplatte und ein zweiter: zwei Schlangen richteten ſich auf, blickten, mit ihren Zünglein zitternd, auf den fremden Gaſt, glitten dann leiſe über den Boden bis zu der warmen Holzſchwelle und ſtreckten ſich hier im brüten⸗ den rothen Lichte aus. Pater Antoni winkte ſtumm der Alten und deutete auf das fremdartige Schauſpiel. „Es ſind zwei von meinen Freunden“, ſprach dieſe. Ein Lächeln überflog ihr Geſicht.„Dort meldet ſich ein dritter.“ Auf dem Ofen richtete ſich ein großer ſchwarzer Kater gähnend auf und wirbelte ſeinen buſchigen Schweif empor, und jetzt begann auch die Grille ihren traulichen Geſang, und der Holzwurm gab den Takt dazu. Nicht lange, und eine kleine ſchlanke grüngoldene Eidechſe lief über die Diele, ließ ſich unweit der beiden Schlangen nieder, hob den klugen Kopf und drehte ihn behaglich im Sonnenlichte hin und her. Wieder nach einer Weile hörte der junge Geiſtliche ein ſtarkes Rauſchen wie von einem Frauengewande— die Alte richtete ſich auf— die Thüre ſeitwärts wurde lebhaft geöffnet und plötzlich ſtand ein ſchönes, junges Weib in derſelben, vom rothen Sonnenlichte wie von einer Glorie umfloſſen. Pater Antoni erhob ſich unwillkürlich, beinahe ehrfurchtsvoll. Die Erſcheinung war auch nicht weniger impoſant, als fremdartig und reizend. Eine junge Rieſin, kaum weniger als ſechs Fuß meſſend, aber von einer vollendeten Harmonie des Gliederbaues, ſtand, halb erſchrocken, halb drohend vor ihm— eine echte Tochter der Karpathen— eine ganze Huzulin. Ihr rundes Geſicht wies ſtarke, ja derbe, aber charaktervolle und herrliche Züge, der Teint zeigte jenes geſättigte, ſonnige Braun der Hirtenmädchen Murillos, die dichten, diaboliſchen Brauen zogen ſich finſter über den runden weiten Gluthaugen zuſammen, das Roth der vollen Lippen weitteiferte mit dem Scharlach der Bänder, von denen die ſeltene fluthende Pracht des Haares durchflochten und zuſammengehalten war. Kleine Muſcheln aus dem Tyhſſaflüßchen im ſchwarzen Gebirge — der vriginelle Hauptſchmuck der Karpathentochter — ſchwammen in demſelben wie in dunklen ſchimmern⸗ den Wellen. 3* 36 Ein faltiger Rock von blauem Tuche fiel von ihren Hüften über die hohen rothen Saffianſtiefel herab, ein Mieder von derſelben Farbe umſchloß ihren Oberleib, das feine Hemd zeigte über demſelben auf der Bruſt und an den breiten Aermeln bunte geſtickte Blumen, der breite rothe Gürtel, der Keptar') von weißem Tuche mit gelber Wolle ausgenäht, gaben ihr etwas prientaliſch Phantaſtiſches. Goldmünzen dienten ihr als Ohrgehänge, ſchlangen ſich in ſchweren Ketten um die Arme und fielen mit reichen Schnüren großer Ko⸗ rallen von ihrem Halſe bis auf die Bruſt herab. In der Hand hielt ſie einen Bergſtock, deſſen Knopf mit Blei ausgegoſſen war, auf ihrer Schulter ſaß ein großer Rabe, die weiten glänzenden Fittiche langſam be⸗ wegend. „Was ſucht Ihr da bei mir?“ fragte ſie mit jenem wunderbaren Violoncellton einer tiefen Altſtimme. Zugleich hob ſie drohend ihre Waffe, der Rabe flog krächzend auf und kreiſte mehrmals über dem Haupte des Prieſters, die Eidechſe und die Schlangen bargen ſich erſchrocken in den Steinritzen. „Nun, antwortet!“ „Ich ſuche Euch.“ *) Eine kurze Jacke ohne Aermel. 37 „Mich?“— Das junge gebieteriſche Weib maß ihn mit einem geringſchätzenden Lächeln, ſtellte dann den Stock ruhig in die Ecke, ſetzte ſich auf den Rand des Herdes und kreuzte die Arme auf der Bruſt. „Ihr ſeid ein Prieſter?“ begann ſie das eigen⸗ thümliche Verhör. „Ja“, erwiederte Pater Antoni, der vor ihr in der ſeltſamſten Empfindung aufrecht und ſcheu wie vor ſeinem Richter ſtand. „Woher ſeid Ihr?“ „Aus Lwöw.“ „Das iſt weit. Und woher kommt Ihr?“ „Von Jamna.“ „Aus dem Edelhofe?“ Ein ſtolzes Lächeln flog über ihre kühnen, ſchönen Züge. „Hat man Euch die Brandſtätte gezeigt und von Magaß, dem Opriſchek'), erzählt?“ „Man hat mir von ihm erzählt.“ „Und auch von mir?“ „Auch von Euch.“ „Und Ihr wurdet neugierig mich kennen zn lernen „In der That“, ſagte Pater Antoni,„Euch und den Magaß.“ *) Räuber. „———— 38 Die Huzulin heftete ihr Auge forſchend auf ihn, ein Auge, vor dem der junge muthwillige Prieſter das ſeine zur Erde ſenkte. „Nun, da habt Ihr mich. Was wollt Ihr noch?“ „Ich möchte Euch um eine Unterredung bitten.“ Die ſchöne Rieſin lächelte gleichſam mitleidig und 3 gab der Alten einen Wink, auf welchen dieſe ſich lang⸗ ſam entfernte. „Ihr könnt Euch ſetzen“, ſprach hierauf die Hu⸗ zulin mit der Miene einer Fürſtin. Pater Antoni näherte ſich ihr und bot ihr die Hand. Sie bewegte ſich nicht. „Gebt mir doch die Hand.“ Sie gab ſie kalt und vornehm, der junge Geiſtliche hielt ſie aber feſt und begann leiſe, dringend: „Ihr ſeid ein ſchönes Weib, bei Gott ein ſchönes Weib.“ „Das weiß ich, denn der beſte Mann im ganzen Gebirge liebt mich.“ „Und er wäre ein Dummkopf, nicht werth, daß ihn dieſe ſchöne Sonne beſcheint, wenn er es nicht thäte. Aber Du könnteſt ganz andere Männer haben, Herren, große Herren, Fürſten, ſobald Du nur willſt— wie nennſt Du Dich?“ „Wera Gregorewitſch; aber was macht Ihr * 39 mir für Anträge, ich will davon nichts hören. Bemüht Euch nicht und geht bei Zeiten, ehe Magaß kommt.“ „Kommt er?“ „Ei! gewiß kommt er.“ Der junge Geiſtliche hatte ſich neben der Rieſin niedergelaſſen. „Du könnteſt einen Schatz heben, einen reichen Schatz, ohne Zauberkünſte“, ſprach er. „Was ſprecht Ihr von Zauberkünſten“, rief ſie unwillig. „Seid Ihr etwa nicht alle Hexen hier im Gebirge“, ſagte der Geiſtliche,„und— Du— Du vor Allem — haſt Du nicht dieſen wilden Räuber verzaubert?“ „Dazu waren nicht viel Zauberkünſte nöthig“, ent⸗ gegnete Wera ſelbſtbewußt, die Lippen kräuſelnd.„Und was für ein Schatz wäre da etwa zu heben?“ „Ein wahrer Schatz an Gold und Silber und Juwelen, wenn Du uns den Magaß verkaufen willſt.“ „Wozu wäre Euch der Magaß gut, was würdet Ihr mit ihm anfangen?“ fragte ſie naiv. „Ihn aufhängen, mein Liebchen!“ Die Huzulin ſprang mit der vollen Wildheit eines Naturkindes auf, ihre Augen funkelten zornig. „Geht mir— Ihr ſeid kein heiliger Mann— ein Verführer ſeid Ihr— ein Teufel!“ ſie bekreuzte ſich 40 Stirne und Bruſt.„Ich will nichts von Eurem Schatze. Dankt Gott, wenn ich Euch nicht dem Magaß über⸗ liefere.“ Dem jungen Geiſtlichen lief ein Schauer über den Leib. „Was denkſt Du denn? Du wärſt im Stande—“ „Ihr fürchtet Euch vor mir, glaube ich“, ſprach die Huzulin mit ſelbſtzufriedenem Lächeln. „Warum denn, mein Täubchen, mein Engel?“ flüſterte Pater Antoni, den Arm um Wera's Hüfte legend. „Warum? weil ich, obwohl nur ein Weib, mehr Kraft habe, als Ihr.“ „Wahrhaftig, Ihr ſeid im Stande mich zu über⸗ winden.“ „Aber es wäre ja nicht der Mühe werth“, ſprach ſie ruhig.„Und jetzt fort von hier.“ „Willſt Du uns alſo nicht verrathen, wann der Magaß kömmt?“ begann noch einmal der Prieſter. „Iſt das Alles, was Ihr wollt?“ rief Wera er⸗ ſtaunt;„nun, er kommt heute Abend. Ich ſage es Euch, damit Ihr es wißt und ihm aus dem Wege gehen könnt, denn Ihr fürchtet ihn ja Alle, Ihr Po⸗ laken, wie die Sünder ihren Herrgott. Ja, er kommt heute Abend und geht erſt am Morgen. Aber ver⸗ 41 rathen werde ich ihn nicht. Ich bin nur ein armes Mädchen, ohne Eltern, ohne Verwandtſchaft, ohne Freundſchaft, aber ich verkaufe Niemanden. Und dann“ — fügte ſie hinzu, indem ſie ſpöttiſch ihre Goldmünzen durch die Finger gleiten ließ,„was könnt Ihr mir geben, was ich nicht von ihm bekäme, ſobald ich nur will? Er iſt im Gebirge, wie der Kaiſer an der Donau, wie der Czar in Moskau.“——— Sie öffnete die Truhe, deren Deckel inwendig mit Heiligenbildern beklebt war, die einen zerbrochenen Spiegel umgaben, kniete nieder und betrachtete ſich in demſelben, dann ſetzte ſie ſich auf der Schwelle nieder, die Arme über dem Knie gekreuzt, lehnte ſich an die eichene Thürpfoſte und ſang in die weite dämmernde Landſchaft das ſchwermüthige Volkslied: „Mir thut der Kopf nach dem Geliebten weh.“ * Spät am Abend deſſelben Tages, als es vollkom⸗ men dunkel geworden war, zogen Herr Adam, der junge Geiſtliche und der Koſak zu Pferde, von den Hofleuten und einigen mit Dreſchflegeln bewaffneten Bauern begleitet, aus, um den Wataſchko“) Magaß zu ²) Räuberhauptmann, 42 fangen, nachdem der Pater von ſeinem Streifzug im ſchwarzen Gebirge die Nachricht heimgebracht hatte, daß derſelbe dort in Wera's Hütte ſein werde. Frau Kanwizka ſtand in einen Shawl gewickelt auf der Freitreppe und winkte den Fortziehenden mit ihrem Tuche, bis ſie in der Nacht verſchwunden waren. Stunde auf Stunde hatte der kleine hölzerne Ku⸗ kuk im Speiſezimmer gerufen, es war gegen Mitternacht; Frau Kanwizka warf den neuen franzöſiſchen Roman, in welchem ſie bis jetzt geleſen hatte, von ſich, ſtand auf, gähnte und ſchritt dann, die Arme auf der Bruſt gekreuzt, im Gemache auf und ab, ungeduldig den ge⸗ feſſelten Helden des ſchwarzen Gebirges erwartend. Das Feuer im Kamine brannte ruhig, der Papagei ſchlief, auch draußen vollkommene, beinahe feierliche Stille. Frau Celina ſetzte ſich an das Pianinv, fuhr über die Taſten und erhob ſich wieder, gelangweilt zugleich und aufgeregt. Plötzlich ſchlug der große Wolfshund im Hofe an, und noch einmal, tief, dumpf, unheimlich. Dann ſchwieg wieder Alles. Eine Weile darnach tönte aber auf dem Gange ein befremdendes Geräuſch, wie wenn Jemand leiſe mit bloßen Füßen durch denſelben ſchritte. „Wer iſt da?“ fragte die Edelfrau. 43 Keine Antwort. „Wer iſt da?“ rief ſie noch einmal, ging dann zur Thüre, riß ſie auf und prallte entſetzt zurück. Vor ihr ſtand ein ſechs Fuß hoher Mann, mit geſchwärztem Geſicht, und verneigte ſich lächelnd. Die Edelfrau ſchrie auf. „Machen Sie keinen Lärm, gnädige Frau, ſonſt geſchieht ein Unglück.“ „Wer ſeid Ihr— Ihr wollt mich morden?“ „Ich denke nicht im Entfernteſten daran.“ „Alſo berauben?“ „Auch nicht.“ „Wer ſeid ihr alſo?“ „Ich bin der Magaß. Ihr habt Alle auf mich jagen geſchickt, mich einzufangen, da bin ich.“ „Jeſus Maria!“ ſtöhnte Frau Kanwizka, und wich bebend hinter das Pianino zurück. Der Räuber war indeß vollends hereingetreten und hatte die Thüre geſperrt. Die Edelfrau betrachtete ihn rathlos mit ſtummem Grauen. Magaß war eine vollendete Heldengeſtalt, hoch, ſchlank und kräftig, ſeine ſchönen, ehernen Formen drückten ſich in dem groben, ſchwarzen, fettgetränkten Hemde, das von einer Meſſingſchnalle zuſammengehalten war, den Beinkleidern von blauem Tuche, den Cho⸗ 44 daki) von rothem Leder vollkommen plaſtiſch aus. Die braune Jacke hatte er leicht um die Schulter ge⸗ worfen, unter dem breitkrämpigen, ſchwarzen Filzhut, welcher mit glitzernden Pfauenfedern, rothen Bändern, verſchiedenen Münzen verziert war, fiel ſein langes ſchwarzes Haar bis auf die Schultern herab, ſein breiter Gurt, in dem ein Meſſer ſtak, war mit Meſſingknöpfen beſetzt, von der Rechten zur Linken hing ihm eine würfel⸗ artig geſtickte Taſche von gefärbter Wolle, auf der Schulter hatte er die Flinte, deren Lauf damaszirt und mit einem Spruche aus dem Koran verziert war, ein Beuteſtück aus den Türkenkriegen, und in der Hand den Topor.**) „Nun, was willſt Du alſo? nimm meine Juwelen, es ſteht Dir Alles zu Dienſten“, ſprach die Dame. Der Räuber ſchüttelte den Kopf.„Halten Sie mich für keinen Unmenſchen, meine gnädige Frau“, ſprach er demüthig;„Sie haben Ihren Mann fortge⸗ ſchickt mich zu ſuchen und er wird lange ſuchen der gute Herr, es wäre aber eine Sünde und keine geringe wenn eine ſo liebenswürdige Dame indeß ſo allein bliebe. Deßhalb bin ich alſo da, meiner Gnädigen die Zeit zu vertreiben.“ *) Bundſchuhe. **) Beilſtock der Huzulen. „——— 45 Die kleine nervöſe Frau war einer Ohnmacht nahe. „Mon Dieu!“ ſeufzte ſie auf, während ihr Blick halb er⸗ ſchreckt, halb wohlgefällig die Heldengeſtalt des Huzu⸗ len maß. Dieſer legte Hut und Waffen ab und näherte ſich ihr dann mit einem Lächeln. Vergebens wich die Edel⸗ frau in die entfernteſte Ecke des Zimmers zurück, ver⸗ gebens ſtieß ſie einen gellenden Schrei aus, daß der Papagei aus dem Schlafe ſchreckte, ſchon hob ſie der Räuber auf ſeine Arme wie ein Kind. „Bon appétit, Madame“, rief der Papagei, „bon appétit.“ Herr Adam zog indeß mit ſeiner Schaar ſachte durch das Dorf Jamna und bog dann in den Seiten⸗ weg, welcher zwiſchen Weidenbäumen dem ſchwarzen Gebirge zulief. Schon an dem Ausgange des Weilers geſchah et⸗ was ſehr Bedenkliches. Es begegnete dem Zuge nämlich ein Bauer, welcher auf ſeinem mit Weidenruthen umſpannten Wägelchen einen Sarg führte. Der Gutsherr ſah ſeine Leute kläglich an. Es war vollkommen finſtere Nacht, als ſie am 46 Fuße des Gebirges ankamen; an dem Holzkreuze, von dem aus nur ein ſchmaler Pfad zu den zerſtreuten Hütten von Horhna, und dem Eulenloch der alten Widma führte, hielten ſie Rath. „Es iſt beſſer, wenn wir abſteigen“, meinte der Geiſtliche. „Wer aber wird die Pferde halten?“ fragte Herr Adam. „Nun ich“, rief der Koſak dienſtfertig. „Nein, nein, das kann einer von den Bauern.“ „Alſo einer von den Bauern“, ſeufzte Petrenkv. „Und nun vorwärts“, befahl Herr Adam ſehr heftig und laut;„aber wer ſoll voran gehen?“ „Dieſe Ehre gebührt Ihnen, Herr Adam“, ſprach der Pater,„als unſerem General gleichſam.“ „Wo haben Sie gehört, daß man den General an die Spitze ſtellt? Das iſt die Sache der leichten Truppen. Alſo ich bitte.“ „In wiefern, Euer Hochwohlgeboren? Rechnen Sie mich zu den leichten Truppen?“ ſagte Pater An⸗ toni verletzt. „Nun das aber werden Sie zugeben“ ſchrie Herr Adam,„daß der Koſak immer vorangegangen iſt in allen unſeren Kriegen, folglich trifft es hier den Petrenkv.“ ce 47 Der Alte murmelte etwas, bekreuzte ſich, und ging dann unbekümmert und ziemlich raſch vorwärts, ihm folgten der Geiſtliche, dann Herr Adam, dann die Hofleute und Bauern. Der Weg war mühſelig genug; zerklüftet, von Steinen reichlich überſäet, gab er nur für einen Mann Raum und ſtieg zwiſchen einer abſchüſſigen hohen Felſenwand und einer tiefen Schlucht, durch die ein weißſchäumender Sturzbach brauſte, den Berg empor. Zum Ueberfluß zogen ſich noch dichte Wolken zuſammen, ſo daß nur einzelne Sterne trübſelig durch den grauen Schleier blinzelten, und man kaum auf zehn Schritte die Dinge unterſcheiden konnte. „Hier iſt die Stelle wo die fünf Kaufleute er⸗ mordet worden ſind“, ſprach der alte Koſak, auf ein Holzkreuz deutend, das an dem Felſen hing. Alle blieben ſtehen.„Da hat man ſie hinabgeſtürzt.“ Er wies auf den klaffenden ſchwarzen Abgrund. Eine Eule ſchrie oben im Geſtein. Kaum waren ſie wieder ein paar Schritte ſachte bergan geſtiegen, als plötzlich der Koſak ſich niederduckte wie ein junger Soldat, dem in der Schlacht die erſte Kugel über den Kopf fliegt, und alle Andern folgten unwillkürlich ſeinem Beiſpiele. „Was war das?“ fragte der Geiſtliche leiſe. 48 „Eine Fledermaus“, brummte der Koſak. Wieder ging es vorwärts, eine gute Weile, bis zu dem Baume, welcher den Sturzbach überbrückte. In dem Augenblicke wo Petrenko ſeinen Fuß auf denſelben ſetzte, tönte ein gellender Pfiff hoch oben in den Bergen und gleich darauf der wild elegiſche Ruf des Trembit“). „Nun iſt Alles aus“, ſprach der Alte. „Das ſind die Räuber“, flüſterte Herr Adam, ſeine Knie zitterten heftig. „Gieb mir Schnaps“— Keine Antwort. „Schnaps, Bruder“, wiederholte der Edelmann noch dringender und griff mit der Hand zurück, aber er faßte nur die leere Luft und als er ſich umwen⸗ dete, war keiner von ſeinen Leuten zu erblicken. „Sie ſind fort“, jammerte Herr Adam,„wir ſind verrathen, beten Sie, Hochwürden, beten Sie!“ In der That hatten ſich die Bauern und die Gutsleute einer nach dem andern leiſe davon gemacht und die drei Helden, die vorangegangen waren, ſtanden nun allein, verlaſſen, in der Schlucht des ſchwarzen Gebirges. *) Das galiziſche Berghorn. Sein Klang iſt dem des Flü⸗ gelhornes am ähnlichſten. 49 „Wie wäre es, wenn wir ein Lied anſtimmen würden“, ſagte der Koſak. „Was für ein Lied“, murmelte Pater Antoni. „Singen Sie nur aus voller Kehle mit.“ Und die drei begannen, ohne daß ſie den Muth gehabt hätten vorwärts oder rückwärts zu gehen, im Chorus: „Wir ſind unſerer Viele! wir ſind unſerer Viele!“ Da erdröhnte es plötzlich über ihren Häuptern und es kam mit einem furchtbaren, betäubenden Getöſe in die Tiefe. Steine hatten ſich hoch oben gelöſt und ſtürzten, das Gerölle unterwegs mitreißend, herab. Die drei Helden dachten aber keinen Augenblick weiter nach, ſondern liefen, ohne nur einen Laut aus⸗ zuſtoßen, in athemloſer Eile der Ebene zu, von dem ſpöttiſchen Lachen der Käuzchen begleitet.——— Gegen Morgen kamen ſie müde, zerſchlagen, mit Schweiß bedeckt in der Kartſchma“) von Jamna an, wo ſich früher ſchon allmälig auch die andern Tapferen, Gutsleute und Bauern wieder zuſammengefunden hatten. Herr Adam maß ſie Alle mit einem ſtrengen Blicke.„An Euch iſt Alles geſcheitert“, ſprach er,— *) Schenke. Sacher-Maſoch, Galiziſche Geſchichten I. 4 „übrigens will ich die Sache nicht unterſuchen.— Es iſt beſſer, wenn man davon ſchweigt.“ „Es iſt uns gegangen wie den Wölfen im Märchen“, ſprach der Koſak lächelnd, nachdem er ein großes Glas Branntwein hinabgeſtürzt hatte. „Wie ſo!“ fragte Pater Antoni. „Nun Hochwürden ſo,“ erzählte der Alte,„es iſt ein altes Huzulenmärchen. Einmal da wurden die Hausthiere ihres Dienſtes müde, und unzufrieden mit der Herrſchaft des Menſchen; da zogen ſie Alle zuſam⸗ men in einer Nacht fort, Kuh und Pferd, Hahn und Ente, Katze und Gans, und nur der Hund blieb zu⸗ rück; und ſie wanderten den ganzen Tag bis zum Abende und kehrten Nachts im Walde in einer ver⸗ laſſenen Hütte ein; da legte ſich die Katze gleich auf den Herd in die warme Aſche, Pferd und Kuh auf die Streu, die Ente ſetzte ſich unter die Bank, die Gans unter den Tiſch, die Henne auf die Waſchſtange, und der Hahn auf den Giebel. Und in der Nacht kamen Wölfe, ein ganzes Rudel, hielten Rath und ſchickten den größten in die Hütte zu ſehen, ob da Leute wären. Und mein Wolf ſchlich herein, ſah die Augen der Katze leuchten und meinte, da ſei Feuer, und wie er nahe kam, fuhr ihn die 54 Katze an und krallte ihm in die Augen, und das Pferd erhob ſich und ſchlug ihn mit dem Hufe, und wie er die Flucht ergriff, ſtieß ihn die Kuh mit den Hörnern an die Wand, die Henne ſprang ihm ſchreiend auf den Rücken, die Gans und Ente zwickten ihn ſchnatternd in die Beine, und als er endlich zerzauſt aus der Hütte in das Weite rannte, da begann der Hahn aus voller Kehle zu ſchreien. Mein Wolf kam alſo übel zugerichtet zurück und ſprach:„Ihr habt mich da ſchön hineingeſetzt, die ganze Hütte ſteckt voller Leute. Wie ich eintrete, iſt es ganz dunkel; ich nähere mich alſo dem Herde, auf dem Kohlen glühen. Aber kaum komme ich herzu, fährt die Köchin auf und kratzt mir bald die Augen aus, und der Knecht erhebt ſich und ſchlägt mir mit dem Drechflegel über den Kopf, der Grundwirth ſelbſt aber rennt mich von hinten mit der Heugabel an die Wand und die Frau ſtößt mir mit der Spindel in den Nacken, während die Mägde:„So; ſo!“*) rufen und mich mit ihren großen Scheeren zwicken, und zum Ueberfluſſe ſchreiet noch Einer, als ich glücklich das Freie gewinne, mit ſchmetternder Stimme:„Gebt ihn mir her! gebt ihn mir her!“ *)„Tack, tack!“ Nachahmung des Entenlautes. 4* 52 Und die Wölfe beſannen ſich nicht lange, und liefen davon, wie wir im ſchwarzen Gebirge.“ Als Herr Adam mit ſeiner Schaar am hellen Morgen an das Thor ſeines Edelhofes kam, war eine Art Plakat an demſelben angeſchlagen. „Lies“, ſprach er zu dem Koſaken, denn die Schrift auf dem Anſchlag war in ruſſiſchen Kirchen⸗ buchſtaben, welche er als Pole nur mit Mühe las. Der Koſak began: „Befehl an Herrn Adam Kanwiski, Grundherrn auf Jamna, dem Kvitka ſeine Pferde und dem Hrechora ſeine ungariſchen Ochſen ſofort herauszugeben, widrigen⸗ falls nach altem Brauche über ihn Gericht gehalten wird. Magaß Wataſchkv.“ „Steht das wirklich da“, murmelte Herr Adam verſteinert und begann mit Hülfe des Geiſtlichen Wort für Wort nachzubuchſtabiren. „In der That“, ſagte Pater Antoni. „Nun, was iſt da zu machen“, rief Herr Adam. „Sie ſehen ſelbſt, gebt alſo die Pferde frei.“ „Und auch die Ochſen?“ fragte der Koſak. „Was fragſt Du noch“, ſchrie Herr Adam ärger⸗ lich;„auch die Ochſen!“ 53 Eine Folge jedoch hat die denkwürdige Nacht in Jamna doch gehabt: der Koſak begegnet den Leuten, die in den Hof treten, mit der größten Höflichkeit, Herr Adam denkt nicht mehr daran, von ſeinen Bauern etwas Anderes zu verlangen, als was im Patent ſteht, Frau Celina Kanwizka rührt ſeit Jahr und Tag die Peitſche nicht mehr an und Pater Antoni, der ſich fortan ausſchließlich ſeinem Beruf als Erzieher und Geiſtlicher gewidmet, hat es vollſtändig aufgegeben, Magaß den Räuber oder irgend einen andern Räuber im ſchwarzen Gebirge zu fangen. Dafür geht nun aber auch im Edelhof und den dazu gehörigen Vorwerken Alles in der beſten Ordnung und man hat nie mehr gehört, daß dem Herrn Adam eine Scheune angezündet worden ſei oder Frau Celina Kanwizka ein Räuber die Nacht über die Zeit ver⸗ treiben habe. Unſer Deputirter. Es war im Eismonate eines ſtrengen galiziſchen Winters, als in dem Bezirke von Horodenka die Wahl eines Deputirten für den Landtag ausgeſchrieben wurde. Sofort bildeten die verſchiedenen politiſchen Parteien ihre Comitee's; zuerſt die Polen. Ihre Wahl zeigte ebenſo viel politiſche Reife als praktiſchen Sinn; ihr Comitee war zwar weder in der Geſetzgebung, noch in der Volkswirthſchaft zu Hauſe — es trug aher auch keine Brillen und ſchrieb keine ellenlangen Protokolle; dafür tanzte, ſang und ſpielte es ausgezeichnet, plauderte in fünf Sprachen und hatte die eleganteſten Toiletten im ganzen Kreiſe, denn es war Niemand anderes, als die hübſche, geiſtreiche, er⸗ oberungsluſtige Herrin von Zlotagora. Man mag immerhin die Köpfe ſchütteln, Frau Teofila war in ihrer grünſammtenen Kazabaika“) ein ganz ſtattliches Comitee. Galiziſche Damenjacke. 58 Wie ärmlich nahm ſich dagegen jenes der Ruſſen“) aus ein paar tüchtige, aber beſchränkte Landpfarrer, in verſchoſſenen Röcken und ungewaſchenen Kolar, einige Dorfrichter in neuen Schafspelzen, welche einen ent⸗ ſetlichen Geruch in die Berathungen brachten, eine beſcheidene Agitativn von den Kanzeln hölzerner Dorf⸗ kirchen herab und in den Gemeindeverſammlungen. Die Maſſe der Wähler beſtand aus ruſſiſchen Bauern, bei denen freilich elegante Toiletten und eine geiſtreiche Converſation ebenſo wenig den Ausſchlag gaben, als Predigten und officielle Rathſchläge. Ganz andere Vertrauensmänner führten unter ihnen in der Schenke das große Wort: der ſchriftgelehrte Kirchen⸗ ſänger, welcher das ſeltene Talent hatte, nie betrunken und niemals nüchtern zu ſein; der Winkelſchreiber, ein ehemaliger Student, ſeit ſeinem letzten juriſtiſchen Examen von einer peſſimiſtiſchen Weltanſchauung und boshaftem Menſchenhaß erfüllt, die Geißel der Aemter und Gutsbeſitzer und das Orakel der Bauern; dann der Schankjude, das lebendige Verſatzumt der ganzen Gegend, das Finanzgenie im Naturzuſtand, und zuletzt der Urlauber, welcher fremde Länder, Leute der verſchiedenſten Zungen, kennen gelernt hatte, ſchon durch ſeinen ſchadhaften, alle Farben ſpielenden weißen *) Ruthenen iſt der kirchliche Name. — 59 Rock und die blaue Holzmütze, eine Perſönlichkeit, die nicht überſehen werden konnte. Frau Teofila rollte ihre Agitation ſo geſchickt auf, wie deutſche Frauen ein Zwirnknäuel; ſie knüpfte kleine Pächter, Juden, einzelne vom Edelhofe abhängige Bauern wie Fäden aneinander und umſtrickte die Wähler immer mehr und mehr. Als ein geſchickter Feldherr überſah ſie jedoch keinen Augenblick die großen Schwierigkeiten, welche ſich in ihrem, beinahe durchaus von Ruſſen bewohnten Bezirke der Wahl eines polni⸗ ſchen Candidaten entgegenſetzten. Nicht vergebens hatte man ihr von Lemberg aus den Wink gegeben, ſich der ruſſiſchen Partei zu nähern und ſie zu gewinnen, und ſie dann den polniſchen Zwecken um ſo ſicherer dienſtbar zu machen. Zum Ueberfluß hatte das ruſſiſche Comitee einen ſehr unge⸗ fährlichen Candidaten aufgeſtellt, den älteſten Pfarrer der Gegend, einen Mann wie ein Kind. Frau Teofila hatte in den Zeitungen mehr als einmal den Namen eines andern unirten Geiſtlichen ihrer Gegend geleſen, deſſen literariſche Verſuche auch bei den Polen Anerkennnng fanden, es war Herr Anielowicz, Pfarrer in Czerneliza. Mehr als einmal hatte ſie von dem Einfluſſe gehört, den er bei dem Landvolke hatte. 60 Dieſer mußte in ihr Netz gezogen werden. Aber wie? Das wußte ſie ſelbſt nicht. Sie beſchloß, ihren Schlachtplan— wie Napoleon — erſt Angeſichts des Feindes zu machen. Herr Kamil, ihr Gatte, ein kleiner, wohlbeleibter Lebemann, gutmüthig wie eine Taube, wurde mit dem Arrangement einer Fuchsjagd betraut, und Herr Anie⸗ lowicz mit mehreren benachbarten Gutsherren zu der⸗ ſelben eingeladen— natürlich nebſt ſeiner Frau— denn er war wie alle unirten Geiſtlichen, verheirathet. Von allen Vorurtheilen der polniſchen Race gegen die ruſſiſche und insbeſondere gegen deren Prieſter⸗ ſchaft erfüllt— erwartete Frau Teofila das Paar mit einem Gefühle, wie man etwa die Wanderheu⸗ ſchrecken erwartet oder die Cholera. Der verhängnißvolle Morgen kam. Die Sonne ging in dichtem, weißem Nebel als eine rothe Dunſtkugel auf, die Schneedecke, welche auf der Erde lag, war feſt gefroren. Schlitten auf Schlitten fuhr vor dem Edelhofe vor. Endlich kam Anielowicz mit ſeiner Frau. Da entdeckte Frau Teofila zu ihrer Ueberraſch⸗ ung, daß der Pfarrer ein junger, ſchöner Mann von nicht dreißig Jahren war, mit einem edelgeſchnittenen, ſchwermüthigen Geſichte, hoch, ſchlank, feingebildet, er 6⁴ roch weder nach Zwiebeln, noch ſah ſein Rockkragen einer Speckſchwarte gleich, ja er trat ihr nicht einmal die Fußzehen ab. Zu gleicher Zeit fand ihr Gatte, Herr Kamil, Gelegenheit, dieſelben Vorurtheile bei Frau Elsbeta Anielowiczowa abzulegen. Er fand in der Frau des ruſſiſchen Pfarrers, trotz ihrem großgeblümten Rocke und ihrem altmodiſchen Mantel mit engen Aermeln und viereckigem Kragen, ein ganz allerliebſtes kleines, rundes Weibchen, mit einem trotzigen Stumpfnäschen und den luſtigſten blauen Augen. Als man nach dem Frühſtück in den Wald fuhr, ſaß Anielowicz mit Teofila im Schlitten während Herr Kamil mit der kleinen Pfarrersfrau in jenen des Pfar⸗ rers ſtieg. Im lebhaften Geſpräch lehnte ſich Teofila an die Schulter des ſchönen Pfarrers, ihr Fuß ruhte zufällig auf dem ſeinen, ſo ruhig wie auf einem Schemel. Dagegen ließ es ſich ihr würdiger Gemahl durchaus nicht nehmen, die erſtarrten Händchen der Pfarrersfrau zwiſchen ſeinen Fäuſten zu wärmen. Als die beiden Paare ihren Stand einnahmen, war das Doppelunglück bereits geſchehen und das Blatt hatte ſich gewendet. Frau Teofila vergaß ihre patrivtiſchen Pläne, denn ſie hatte ſich in Herrn Anielowicz verliebt, 62 während ihr Gatte eine Art Leidenſchaft für die Pfar⸗ rersfrau gefaßt hatte. Ein Fuchs kam vorbei und wurde von Elsbeta angeſchoſſen. Er ſetzte ſich in den Schnee, hob die Hinterpfote und begann zu heulen. „Heule, du Beſtie;“ fluchte Herr Kamil,„mir geht's noch ſchlimmer, wie dir“, dachte er dabei,„und ich darf nicht heulen.“— Und Frau Tevofila redete ſich ein, daß ſie nur dem Rufe des Vaterlandes folge, wenn ſie alle ihre Reize wie eine Reihe Petarden gegen den beſcheidenen Landpfarrer abbrannte. Unmittelbar nach der Fuchsjagd ging das polniſche Comitee daran, einen tüchtigen Candidaten für den Wahlbezirk aufzuſtellen, das heißt, das Comitee ſaß in ſeiner grünſammtenen Kazabaika behaglich im Lehn⸗ ſtuhl, rauchte eine Cigarette und ſagte kaltblütig zu ſeinem Gemahle:„Weißt Du, wer in Horodenka ge⸗ wählt wird?“ „Das weiß ich bei Gott nicht“, entgegnete Herr Kamil. „Wer ander als Du ſelbſt“, ſprach die Edel⸗ frau. „Ich?“ rief der Gatte erſchreckt,„da weiß ic wohl einen beſſeren Candidaten.“ „Ich weiß keinen beſſeren als Dich“, antwortete ſie. „Du überſchätzeſt mich, liebe Teofila“, ſprach Herr Kamil geſchmeichelt,„da wäre z. B. Herr Anie⸗ lowicz—“ Nun entſpann ſich ein leidenſchaftlicher Streit. Alle möglichen politiſchen, nationalen und perſönlichen Argumente raſſelten aneinander. Gingen die Mein⸗ ungen der Eheleute über Herrn Anielowiez wirklich ſo ſehr auseinander?— Im Gegegentheil. Beide waren von ſeinen Vorzügen in gleichem Maße überzeugt, und eben deshalb wünſchte ihn Herr Kamil im Land⸗ tage und Frau Teofila— bei ſich zu ſehen. Alle politiſchen Abſichten traten in den Hinter⸗ grund. Herr Kamil erwartete keinen Erfolg bei der kleinen Pfarrersfrau, ſo lange ihr Mann an ihrer Seite war, und Teofila verſprach ſich wenig Annäherung von dem Landpfarrer, ſolange ihr Gemahl im Nebenzimmer mit dem Hekonom Mariage ſpielte. Darum wünſchte er, daß die Wahl auf Herrn Anielowicz und ſie, daß ſie auf ihren Mann falle. Vergebens wies ihr Gemahl darauf hin, daß die ruſſiſchen Bauern nur einen Ruſſen wählen dürften. „Sind wir nicht ruſſiſcher Abkunft?“ erwiderte ſie,„ebenſo gut unſere Familien unter polniſcher Herr⸗ ſchaft polniſch geworden ſind, können wir jetzt, wo die ruſſiſche Nativnalität in Galizien ſo kräftig aufblühet, wieder Ruſſen werden. Ja, Kamil, Du ſollſt der Erſte ſein, welcher zu der Sprache ſeiner Väter zurückkehrt.“ Herr Kamil kratzte ſich am Kopfe.„Aber ich kenne ja die Sprache meiner Väter gar nicht.“ „Das thut nichts“, entgegnete das Comitee ſiegesgewiß.„Ich verſchreibe Dir heute noch ein ruſſiſches WBC⸗Buch, eine Sprachlehre und ein Wör⸗ terbuch aus Lemberg, Du gehſt fortan als Koſak her⸗ um, ich in einer ruſſiſchen Mütze, wir wünſchen Jedem daß er geſund bleibt?) und Deiner Wahl ſteht kein Hinderniß mehr im Wege.“ Herr Kamil fügte ſich endlich, ließ ſich als Can⸗ didaten aufſtellen, trug ellenweite Koſakenhoſen und buchſtabirte fleißig mit dem Schulmeiſter; aber ſeine Seele war voll Tücke und Bosheit. Während ſeine Frau durch die Energie, mit der ſie die Wahl ihres„lieben Mannes“ betrieb, die Be⸗ wunderung des ganzen Bezirkes erregte, agitirte dieſer „liebe Mann“ heimlich, verſteckt, mit dem Factor, dem Oekonom, dem Schankjuden gegen das Comitee, gegen ſie, gegen ſich ſelbſt. Zdorowbudte— Bleibt geſund,— iſt der klein rußiſche Gruß. Während ſich die adeligen Nachbarn in ſeinem Hauſe in altem Ungarwein für ſeine Wahl begeiſterten, verſchlangen die Bauern in der Schenke auf ſeine Ko⸗ ſten Schnaps im Intereſſe des Landpfarrers. Das einzige, was er that, um ſein Gewiſſen zu beſchwichtigen, war, ſich des Pfarrers dahin zu verſichern, daß er mit den Polen ſtimmen würde. Als Herr Anielvwicz dieſes Anſinnen zurückwies, warb der Vaterlandsver⸗ räther dennoch nach wie vor Stimmen für den Ruſ⸗ ſen. Tevfila ſah den gefährlichen Landpfarrer täglich bei ſich, natürlich nur, um mit ihm— ruſſiſch zu lernen. Sie trug eine Koſakenjacke ohne Aermel, eine ruſſiſche Mütze, deren goldene Quaſte kokett in ihr üppiges braunes Haar fiel— alles für das Vaterland, alles für die Wahl ihres Mannes. Er aber, der Undankbare, ließ— ſobald Anielo⸗ wicz in den Salon trat, die Pferde anſpannen und fuhr nach Czernelica zu— ihm. Täglich hatte er das Unglück, den Pfarrer nicht zu treffen und ſich ein Stünd⸗ chen mit deſſen reizendem Weibchen zu unterhalten. Täglich gebrauchte er die boshafte Ausrede, er habe Anielowicz aufgeſucht, um ſich ihm als Candidaten vorzuſtellen und ſeine Stimme zu gewinnen. Wie gut, wie aufmerkſam war dagegen Teofila. Sacher-Maſoch, Galiziſche Geſchichten. 1 5 66 Der Undankbare ſollte vor der Wahl zu den Wählern ſprechen und behauptete mit raffinirter Bosheit, er habe ihnen eigentlich nichts zu ſagen. Da ſaß ſchon Teofila an dem eleganten kleinen Schreibtiſch, verfaßte die Rede und lernte ſie ihm noch dazu ein. Alles für das Vater land. Er, der Undankbare, fuhr in die Stadt, kehrte mit einem prachtvollen Diamantenſchmuck zurück und war boshaft genug, dieſen Einkauf ſeiner Frau als ein Geſchenk für das reizende Pfarrersweibchen zu präſentiren. Natürlich war das nur ein neues Wahl⸗ manöver, um die wichtige Stimme des Pfarrers zu gewinnen. Als Anielowicz an demſelben Abende nach Hauſe zurückkehrte, fand er Elsbeta, welche in einem koſtbaren Schmuck vor dem Spiegel auf⸗ und abſpazierte. „Von wem iſt der Schmuck?“ fragte er erſtaunt. „Von Herrn Kamil; iſt er nicht vornehm, könig⸗ lich?“ ſagte das Weibchen mit hoch gerötheten Wangen. Der Landpfarrer ſprach kein Wort, ſetzte ſich und blickte traurig zur Erde. „Was iſt Dir?“ rief auf einmal Elsbeta;„Dich freuen die Diamanten nicht— ich hätte ſie nicht an⸗ nehmen ſollen.“— „Nein“, entgegnete der Pfarrer. 67 Im Nu waren die Diamanten abgelegt, eingepackt und zurückgeſchickt.„Ich verſtehe Dich“, ſagte das göttliche Weibchen,„er will uns beſtechen, weil er Deine Stimme braucht.“— „Meine Stimme?“— ſagte Anielowicz erſtaunt. „Was ſonſt!“ rief das Weibchen, das ſich wieder fröhlich auf dem Knie des Gatten ſchaukelte Entzückt von der Unſchuld der guten reinen Seele, zog ſie dieſer an ſeine Bruſt und bedeckte ſie mit Küſſen. Als Herr Kamil die Diamanten zurückbekam, die er der ſchönen Pfarrersfrau geſchenkt hatte, beſchloß er, fortan feiner zu manöveriren. Indeß ſollte auch Frau Teofila eine traurige Erfahrung machen. Sie benützte einmal die Abweſenheit ihrers Gatten— um Herrn Anielowicz zu einer— Wahlconferenz zu laden. Der Landpfarrer kam in gutem Glauben, denn er hatte keine Ahnung, daß die Polin eine Leiden⸗ ſchaft für ihn gefaßt hatte. Der gute Mann wußte gar nicht, daß er, ſobald er nur ſeinen rothen Regen⸗ ſchirm in die Ecke geſtellt hatte, ſchön war wie ein Held der Sage. Als er ſtatt der Wahlconferenz Tev⸗ fila in einem reizenden Negligee fand, ſetzte er ſich, als ſie ihn zu ſich auf den ſchwellenden Divan zog, an die Ecke und zwar auf den äußerſten Rand. Teofila ſprach zuerſt wirklich von der Wahl ihres 5* 68 Gatten. Sie ſuchte dem Ruſſen zu beweiſen, daß ſein Stamm in Galizien nur zwiſchen Verbrüderung mit den Polen oder Unterwerfung unter deren Einfluß zu 3 wählen habe. Die ſchöne Frau verlor bald die Geduld mit dem ſpröden Manne. „Du denkſt doch nicht daran, Dich ſelbſt wählen zu laſſen“, ſprach ſie,„was haſt Du davon? Mein Mann iſt auf dieſe herbſtlichen Früchte angewieſen, Dir glänzt das Leben in tauſend Blüthen und umgibt Dich mit ſüßem Duft.“. Da ſie ihn nicht mehr„Herr“ nannte, gab ſie ihm nach polniſcher Sitte das„Du.“ Der Landpfarrer wurde blutroth und wiſchte mit dem Rücken der Hand über die Stirne. „Liebe macht glücklicher als Ehrgeiz“, ſprach end⸗ lich die Polin. „Sie haben recht“, ſagte Anielbwicz, ohne ſich zu bewegen,„und deshalb gehe ich nicht in den Landtag, ſondern bleibe bei— meinem Weibe.“ „Du liebſt Dein Weib?“ fragte die Polin. „Wie ſollte ich nicht“, antwortete er;„wir dürfen nur einmal heirathen, vor der Weihe als halbe Kinder. Junge Gemüther ſchließen ſich leichter aneinander, weil 69 ſie weniger ſelbſtfüchtig ſind; deshalb ſind unſere Chen ſo glücklich.“ Teofila antwortete mit einem Seufzer. Seit dieſem Abende aber betrieb ſie die Wahl ihres Gemahls noch thätiger, denn ſie war entſchloſſen, den Ruſſen um jeden Preis zu ihren Füßen zu ſehen... Es kam der Tag der Wahl. Am frühen Morgen, das Hühnervolk machte eben ſeine Tvilette, überhörte Frau Teofila, den Kopf voll Papilloten, noch einmal ihren Gatten, welcher, in ſeinen Schlafrock gehüllt, von einer Kiſte herab ſeine Rede hielt. Dann eilten ſie zur Wahlſchlacht. Nicht weit vom Bezirks⸗Amte, wo die Wahl ſtatt⸗ finden ſollte, ſteht in Horodenka eine Judenſchenke. Hier verſammelten ſich die Wähler. Pächter in polniſchen Schnürröcken kamen in kleinen Wagen ange⸗ fahren, eine Butka voll Juden folgte, die Bauern er⸗ ſchienen theils auf kleinen, mageren Pferden, theils zu Fuß, Haſelſtöcke in der Hand. In der Schenkſtube ſaßen ſie, tranken Branntwein und hörten ſchweigend dem Schankjuden, dem Kirchenſänger, dem Winkelſchreiber zu, welche ſie im Sinne der verſchiedenen Parteien bearbeiteten. In der großen Stube, in der am Sonntage ge⸗ tanzt wurde, ſprachen die Candidaten. Zuerſt meckerte 70 der ruſſiſche Candidat ſeine Rede wie eine Predigt herab. Dann trat Herr Kamil auf, ſteckte die Hand in die Bruſt und begann die ſeine, während Teofila, welche ſie beſſer kannte wie er, hinter ihm ſtand und ihm ſoufflirte, wenn er ſtecken blieb. Es lief beſſer ab, als Herr Kamil es ſelbſt für möglich gehalten hatte. Die Pächter riefen„Bravo!“ und ſtampften dabei tüchtig mit den Füßen. Das war bedeutungsvoll. Dennoch war der Wahlact nahe, und die Wähler waren noch unentſchieden. Da drängte ſich auf einmal ein junges Weib in die Stube. Es war Katharina Gregorowa. Ihr Mann war ein Bauer von Horodenka, welcher einige Claſſen des Gymnaſiums beſucht hatte, dann zum Militair ab⸗ geſtellt wurde, nach beendeter Capitulation die Wirth⸗ ſchaft ſeines Vaters übernahm und Katharina hei⸗ rathete. Sie ſelbſt war ein junges, hübſches Weib mit ausdrucksvollem Geſichte, ein farbiger Wollrock, ein Frauenüberrock von blauem Tuche, ließen ihr ganz gut. Das reiche, braune Haar lag ihr in dicken Zöpfen wie eine Krone auf dem Kopfe. „Wen wollt Ihr wählen?“ ſprach ſie raſch. „Herrn Kamil“, rief ein vorlauter Pächter. „Da ſitzt Ihr beiſammen, brütet und zuletzt wählt Ihr noch einen Herrn“, fuhr Katharina hitzig fort, — „der Bote iſt gekommen aus Kolomea, ſie wählen überall Bauern wie 1848, und wenn Ihr klug ſeid, wählt Ihr auch Euresgleichen.“ Die Bauern wurden aufmerkſam, kamen näher, horchten. „Wißt Ihr, weshalb?“ rief die reſolute, junge Bäuerin,„weil jeder Andere mehr für ſich denken wird, als für uns! Einer denkt an ein Amt, der Andere an eine beſſere Pfarre. Der Bauer kommt aus dem Land⸗ tage zurück, um wieder Bauer zu ſein, und ſpricht er dort von ſeinem Vortheil, ſpricht er zugleich für Euch, denn ſein Vortheil iſt auch der Eure. Wenn man Euch aber ſagt, ein Deputirter muß Vieles wiſſen, was ein Bauer nicht weiß, ſo ſage ich Euch, das iſt wahr, aber das, was Euch am nächſten angeht, weiß doch keiner ſo wie er. Ich ſage Euch, wählt einen Bauer, und zwar meinen Mann Gregor. Der hat doch auch etwas gelernt und Vieles in der Welt ge⸗ ſehen.“ „Du freilich mußt ihn kennen“, warf ſpöttiſch der Schankjude ein. „Niemand kann ihn ſo gut kennen, wie ich ihn kenne“, entgegnete Katharina ruhig,„und ich ſage Euch, wählt ihn. Ihr findet keinen Beſſeren.“ Ge⸗ lächter folgte ihren Worten. 72 „Du haſt gut geſprochen, Katharina“, ſagte Anie⸗ lowicz, welcher unmittelbar nach ihr mit Elsbeta ein⸗ getreten war,„und ich gebe meine Stimme Deinem Manne.“ Die Wahl begann. Alles drängte ſich zum Amte. Wähler auf Wäh⸗ ler trat vor die Wahlcommiſſion und gab ſeine Stimme ab. „Es geht gut“, meldete Frau Teofila ein junger Grundbeſitzer;„Kamil hat die meiſten Stimmen.“ „Es geht gut“, flüſterte unmittelbar darauf der Schankjude Herrn Kamil in's Ohr,„Herr Anielowicz iſt obenan.“ In der Wahlſtube ſaß das junge Bauernweib ſeitwärts in einer Ecke auf einem Stoß alter Acten⸗ fascikel, zählte die Stimmen, welche laut abgegeben wurden, verzählte ſich immer wieder und zählte ſtets von Neuem. Ihre Bruſt arbeitetete heftig, ihre Augen brannten. Zuletzt wurde es ſtille. Die Stimmen wurden gezählt. Die Wähler umſtanden geſpannt den Wahl⸗ tiſch und das Amtsgebäude. Endlich erhob ſich der kaiſerliche Commiſſar, rückte ſeine Brille und las— während Je der den Athem anhielt—„Gewählt erſcheint als Landtags⸗ deputirter für den Bezirk Horodenka und Oberthn: Gregor, Landmann von Horv⸗ denka.“— Katharina wurde roth und bleich, dann ſtürzten ihr die Thränen über die Wangen. „Komm' zu Deinem Mann“, ſprach die Pfarrers⸗ frau und nahm ſie unter den Arm. Die unten hatten indeß den Herrn Deputirten erwiſcht und führten ihn jetzt mit Muſik zur Judenſchenke. Anielowicz kehrte vergnügt mit ſeinem Weibchen nach Czernelica zurück, während Herr Kamil ſeine Frau ziemlich verdroſſen im Schlitten nach ſeinem Edelhof kutſchirte. An dem Tage aber, wo das Sowo) die Sitzung des galiziſchen Landtages über die Wieſen⸗, Weiden⸗ und Wälderfrage enthielt, gingen die Wähler von Ho⸗ rodenka, nachdem der Kirchenſänger das Blatt vorge⸗ leſen hatte, zu Katharina Gregorowa und dankten dem jungen Weibe für ihren Deputirten. Ein in Lemberg erſcheinendes großes politiſches Blatt der galiziſchen Ruſſen. Eine Schlittenfahri. Es war nicht weit von Weihnachten, die ſonſt von den gelben Wogen eines Getreidemeeres bedeckte fruchtbare oſtgaliziſche Ebene hatte ihren Schneemantel umgenommen, die Dörfer, von hohen weißen Wällen umgeben, ſchienen in Feſtungen des Winters verwan⸗ delt zu ſein, während da und dort ein einſames, an allen ſeinen Ecken und Vorſprüngen mit blitzenden Eistroddeln behangenes, uraltes Wojewodenſchloß ſich dem Auge zeigte. Unmittelbar an der großen Kaiſerſtraße, welche das Land gegen Oſten zu durchſchneidet, lagen die niedern ſtrohgedeckten Hütten der Ortſchaft Kamienez mit ihren windſchiefen Dächern, durch welche ſich der Rauch ohne Schornſtein ſeinen Weg bahnen mußte. Eine lange Allee führte zu dem Edelhofe, die hohen Pappeln derſelben ſtanden entlaubt gleich rieſigen Beſen gegen Himmel, von zahlreichen Krähen bevölkert, während hungrige Sperlinge auf den Zäunen und an 78 den Fruchtſpeichern ſaßen und ſchrien. Der Edelhof ſelbſt, ein langgeſtrecktes ſtockhohes Gebäude, ohne jede Kunſt der Bauart, hinter dem ſich die anſehnlichen Wirthſchaftsgebäude bargen, lag vollkommen frei, von keiner ſchützenden Mauer, nicht einmal von einem Zaun umgeben. Wer im Vorübergehen aus Neugier durch das Fenſter des Erdgeſchoſſes blickte, konnte in der Back⸗ ſtube unter den Heiligenbildern, mit denen die Wände beklebt waren, die Dienſtleute, meiſt in der kleid⸗ ſamen kleinruſſiſchen Bauerntracht, beiſammen ſitzen ſehen, den Kutſcher und den Bedienten beim Karten⸗ ſpiel, und die alte Amme der gegenwärtigen Gebiete⸗ rin, welche den jungen Mädchen Märchen erzählte und alte Geſchichten von Hmelnizki, dem Koſakenhetmann, Twardoski, dem Schwarzkünſtler, dem Fauſt der Po⸗ len, und wer etwa aus Muthwillen einen der hohen Lindenbäume erſtieg, welche das weißgetünchte Herr⸗ ſchaftshaus umſtanden, konnte durch die hellerleuchteten Scheiben die Herrin von Kamienez erblicken, wie ſie bei dem praſſelnden Kamin die auf einem rieſigen Bären⸗ fell gebetteten Füße wärmte und in einem halbzerfalle⸗ nen vergriffenen Buche las. Niemand konnte es begreifen, daß die von der Natur zum vollen Genuſſe des Lebens, zu Glanz und — 79 Herrſchaft geborene junge Witwe von kaum 29 Jahren das einförmige Leben auf ihren Gütern den rauſchen⸗ den Vergnügungen der Houptſtadt vorzog, denn Al⸗ dona war wirklich ein ſeltenes, geiſtvolles und ſchö⸗ nes Weib.. Wie ſie dalag in dem niedern Damaſtfauteuil, die ſchlanke Geſtalt von einem ſchwarzen Sammtkleid umſchloſſen und in eine Kazabaika von demſelben vor⸗ nehmen Stoff gehüllt, das wunderbar ſchwermüthige Haupt von ihren dunklen Zöpfen gleich einer düſtern Krone geſchmückt, mußte ſie Jedem wie eine entthronte Majeſtät, wenn nicht gleich einer verbannten Göttin erſcheinen. Rings umher war tiefe Stille, nur von Zeit zu Zeit ſchlug das heiſere Gebell der rieſigen Wolfshunde, welche um den Edelhof Wache hielten, an das Ohr der ſchönen Frau, welche ſo eifrig las, daß ſie weder das Gebell der Hunde hörte, noch das Krachen des trocknen Holzes im Kamin, noch den Geſang des Heim⸗ chens im alten Gemäuer, noch den Schritt des Man⸗ nes, der jetzt hereintrat. Es war ein Mann, der zu dem ſchönen Weibe, das nachläſſig vor ihm dalag, ſo vortrefflich paßte, als wenn er für daſſelbe geſchaffen wäre, und doch war er weder ſchön, noch trug er in irgend einer 80 Weiſe jenes ariſtokratiſche Gepräge, das ſie auszeich⸗ nete. Aber ſeine Erſcheinung wie ſein Weſen zeigten jenen Stempel, welcher beim Manne allein den wah⸗ ren Adel ausmacht, den Stempel eines bedeutenden und freien Geiſtes und eines eiſernen Charakters. Igor Maniew, ein Landedelmann aus der Nach⸗ barſchaft, war über Mittelgröße, aber die Kraft ſeiner wohlproportionirten Glieder ließ ihn weder aufgeſchoſ⸗ ſen, noch plump erſcheinen, umſomehr als ſein wetter⸗ braunes Geſicht trotz der ſtarken gebogenen Naſe, dem runden feſten Kinn und den finſtern ſchwarzen Brauen unendlich viel Gutmüthigkeit und Menſchenfreundlich⸗ keit ausſtrahlte. Seine großen, hellen Augen ſprühten vor Lebhaftigkeit, und wenn er ſprach, ſo gab es Nie⸗ mand, der dem Zauber ſeiner Stimme zu widerſtehen, der Klarheit ſeiner Auseinanderſetzungen ſich zu ver⸗ ſchließen im Stande war. „Guten Abend!“ begann er, nachdem er Aldona einige Zeit mit tiefer Theilnahme betrachtet hatte. Die ſchöne Frau ſchrak zuſammen.„Ah— Sie — Igor!“ ſtammelte ſie verwirrt, verbarg das Buch in der Taſche ihrer Kazabaika und erhob ſich, um ihm entgegen zu gehen, und ihre kleine, kalte Hand in die ſeine zu legen. „Ich habe Sie geſtört, ſchöne Frau“, erwiderte Igor,„vergeben Sie! oder noch beſſer, ich will meinen Fehler gut machen, indem ich mich dort in jene Ecke ſetze und mich mit Nero unterhalte, bis Sie Ihre Lek⸗ türe beendet haben.“ Nero war nämlich ein großer ſchwarzer Kater, welcher, von der Herrin unbeachtet bisher auf dem be⸗ haglich durchwärmten Sims des Kamins geſchlafen hatte, jetzt aber, als ihn Igor's befreundete Stimme geweckt, ſeine weichen Glieder ſtreckte, und den ange⸗ nehmen Gaſt knurrend begrüßte. „Meine Lektüre?“ ſprach Aldona,„ich— ich habe ja gar nicht geleſen.“ Igor lächelte.„Sie geben mir eine Genugthu⸗ ung, welche ich weder verlangt noch erwartet habe“, verſetzte er;„etwas haben alſo meine Lehren doch ſchon gefruchtet. Sie leſen zwar noch immer verderbliche Bücher, aber Sie ſchämen ſich bereits derſelben.“ „Wer ſagt Ihnen das?“ entgegnete die ſchöne Frau. „Die Taſche Ihrer Kazabaika, welche auf den franzöſiſchen Roman, den Sie eben geleſen haben, in weit höherem Maße ſtolz zu ſein ſcheint, als Sie ſelbſt, denn ſie bläht ſich in ganz komiſcher Weiſe.“ Indem Igor dies ſprach, klopfte er ganz leicht mit einem Finger an das Buch, das Aldona vor ihm verbarg. Sacher-Maſoch, Galiziſche Geſchichten. I. 6 82 „Sie irren ſich“— gab ſie ärgerlich zur Antwort. „Olich irre mich nicht ſelten“, rief Igor;„aber wenn ich einmal etwas ausſpreche, dann iſt es auch ſo, wie ich es ſage. Zeigen Sie mir das Buch?“ Die ſchöne Frau kehrte ihm unmuthig den Rücken, während er ſachte das Buch aus der Taſche ihrer Ka⸗ zabaika zog und den Deckel aufſchlug. „Dumas, der Graf von Monte Chriſto... Sie ſind unverbeſſerlich, Aldona!“ „Und Sie— Sie ſind—“, ſie vollendete den Satz nicht. „Vergeben Sie“, ſprach er, nachdem er ihr den Roman zurückgegeben,„aber ich beurtheile die Menſchen mit Vorliebe nach den Büchern, welche ſie leſen, und ich glaube mit viel mehr Recht, als man es gewöhn⸗ lich nach ihren Phyſiognomien, ihren Kleidern und Gewohnheiten thut. Und da ich es mir einmal in den Kopf geſetzt habe, Sie zu heilen, meine holde Kranke, muß ich mich auch wohl von Zeit zu Zeit von der Wirkung meiner Arzneien überzeugen, und dies ge⸗ ſchieht am Beſten, indem ich nach Ihrer Lektüre ſehe.“ „Wer hat Ihnen das Recht gegeben, Herr Ma⸗ uiew, mich gleich einem Kinde zu behandeln?“ fragte Aldona mit aller Strenge, die ihr zu Gebote ſtand. „Wer mir das Recht gab, Ihnen die Wahrheit zu ſagen, auch wenn ſie unangenehm klingt?“ erwiderte Igor, ohne nur einen Augenblick ſeine heitere Ruhe zu verlieren;„die tiefe Theilnahme, welche ich für Sie und Ihr Schickſal hege, und Ihr eigenes Weſen, das trotz aller Schlacken einer Mode⸗Erziehung und eines zweckloſen, oberflächlichen Lebens ſich brav und ehrlich erhalten hat. Oder irre ich mich? Sagen Sie mir einmal, daß Sie mit dieſem Flitter, dem die Welt durch allerhand großſprecheriſche Namen Bebeu⸗ tung zu verleihen ſucht, glücklich ſind, und ich werde ſchweigen.“ „Sie wiſſen, Igor, daß mich die große Welt mit ihren ſchalen Freuden anekelt“, ſagte die ſchöne Frau, ohne ihn anzuſehen,„wäre ich ſonſt hier? Aber was bietet uns das Leben überhaupt, dem wir Werth und Achtung beilegen könnten?“ „Klagen Sie mir nicht das Leben an, Jeder hat ſeinen Theil daran, genau ſo, wie er ihn ſelbſt in Anſpruch nimmt, wie er ihn verdient“, erklärte Igor; „nicht das, was wir erreichen, was wir ſicher beſitzen beglückt uns eigentlich; nur das Ringen, das Streben nach dem, was uns Zufriedenheit zu verheißen ſcheint. Die meiſten Menſchen kämpfen ſo lange ſie athmen um materielle Güter, Sie Aldona, erfreuen ſich der⸗ ſelben in vollſtem Maße, dies langweilt Sie, dies ver⸗ 45 84 M kümmert Ihnen jeden Genuß, denn ein Vermögen, das wir uns nicht ſelbſt erobert haben, iſt kein Vermögen mehr. Ich verſtehe dies vollkommen und mache Ihnen Ihre Blaſirtheit in dieſer Richtung durchaus nicht zum Vorwurf, ich erſtaune nur, daß eine Frau mit ſo viel geiſtigen Gaben noch nie auf den Gedanken gekommen iſt, daß es noch Anderes, Werthvolleres im Leben zu erringen gebe, als körperliche Schönheit, Reichthum, Genuß, daß eben jene Menſchen, welche Tag für Tag redlich um ihr Brod zu ſorgen, oder doch mit allem Aufwand ihrer Kräfte um ihr Daſein zu kämpfen ha⸗ ben, eben dadurch gehindert ſind, höhere Aufgaben zu löſen. Beginnen Sie— da Sie für ſich ſelbſt in keiner Weiſe zu ſorgen, zu leiſten haben— für Andere zu ſchaffen und zu arbeiten. Setzen Sie ſich erſt ein klei⸗ nes, dann größeres und immer größeres Ziel, täglich neue Aufgaben; ſtreben Sie, kämpfen Sie, und Sie werden bald jenen ſeltenen Gaſt bei ſich einkehren ſehen, den Sie bis jetzt vergebens in Ihr von Luxus erfülltes Haus, an Ihre lukulliſche Tafel geladen haben — die Zufriedenheit!“ „Was ſoll ich etwä thun“, entgegnete Aldona, nachdem ſie einige Schritte durch das Zimmer gegangen war und ſich dann auf eine Chaiſelongus ausgeſtreckt 85⁵ hatte;„ſoll ich Steine klopfen auf der Landſtraße, oder die Gemeinde⸗Gänſe weiden?“ „Sie haben, wie Alle, die ſich mit nichts Nütz⸗ lichem beſchäftigen und bei Tiſch und vor ihrem An⸗ kleideſpiegel ſeufzen, den Fehler, dort zu ſcherzen, wo Ihnen der Ernſt des Lebens entgegentritt“, ſprach Igor mit einiger Kälte.„Fragen Sie einmal die Frauen und Mädchen des ruſſiſchen Landadels, ob es — wenn man mitten im Volke lebt— nichts zu thun gibt. Dieſe Damen, deren Mütter nichts kannten, als einen wohlbeſetzten Tiſch, Toilette, Anbeter und höch⸗ ſtens eine ſeichte Lektüre— welche ihre Leibeigenen mit kaltem Blute peitſchen ließen, oder wohl auch ab und zu ſelbſt peitſchten, haben angefangen, da es an Volksſchulen fehlt, ſelbſt die Kinder der Bauern zu unterrichten und da es auch nicht minder an Aerzten fehlt, die Univerſitäten zu beſuchen, mediziniſche Stu⸗ dien zu machen und die Sorge für Sanitätsanſtalten auf dem flachen Lande auf ſich zu nehmen. Ich ſpreche von dem Allen nicht als von etwas bereits Geleiſtetem, von etwas Muſterhaftem, aber ich ſehe darin etwas Nützliches und etwas Nachahmenswerthes. Können Sie ſich neben den Aufgaben der Mutter und Haus: frau, die unſere Frauen freilich gern von ſich weiſen, einen ſchöneren Beruf des Weibes denken, als jenen, Arzt und Lehrer des niederen Volkes, dieſer letzten Baſis der Geſellſchaft, zu ſein?“ „Sie wollen alſo aus mir um jeden Preis einen weiblichen Studenten machen?“ lachte die ſchöne junge Frau und zündete ſich zugleich mit unnachahmlicher Nachläſſigkeit eine Cigarette über dem Lichte an. „Etwas Dergleichen“, ſtimmte Igor bei,„denn um Andere zu unterrichten, muß man ſelbſt ein wenig über die Nebel wegblicken, welche unſere Erkenntniß hemmen; um Kranke zu heilen, muß man ſelbſt geſund ſein. Vor Allem möchte ich Sie alſo dahin bringen, daß Sie nicht mehr, wie bis jetzt, mit Ihrem Leben ſpielen und— möchte Ihrem Herzen jene ſüße Arznei einflößen, welche wir Liebe nennen.“ Aldona ſah ihren Freund durch die halbgeſchloſſe⸗ nen Lider ſpöttiſch an. „Sehen Sie mich nur an“, rief er,„ich bleibe dabei, Sie ſollen vor Allem lieben.“ „Sie lieben!“ lächelte Aldona. „Warum nicht?“ erwiederte Igor ſehr ernſt. „Wie feierlich!“ höhnte Aldona;„ich kann ein⸗ mal nicht von Liebe ſprechen hören, ohne daß ich un⸗ widerſtehlich zum Lachen gereizt werde. Sobald ein Mann, der mir noch ſo intereſſant iſt, ſich in mich verliebt, wird er mir unausſtehlich.“ 87 „Das wäre ein Shmptom zu meinen Gunſten.“ „Wie?“ „Da Sie mich haſſen, gnädige Frau“, rief Igor, „werden Sie mich zu lieben beginnen, ſobald ich Ihnen ſage, daß ich Sie liebe.“ Die ſchöne Frau lachte jetzt laut auf.„Sie lieben mich alſo in der That?“ „Ja, Aldona“, entgegnete Igor,„ſo unwahrſchein⸗ lich es bei allen Ihren großen Fehlern und kleinen Laſtern klingen mag. Ich liebe Sie, wenn auch halb gegen meinen Willen.“ „Ich will Ihnen glauben“, ſagte Aldona plötzlich ſehr ernſt. Sie warf ihre Cigarette in den Kamin und richtete ſich halb auf;„aber Sie ſind doch recht ungalant, ſo etwas muß man einer Dame knieend ſagen!“ Kaum hatte die ſchöne Frau es ausgeſprochen, ſo lag der ernſte Mann zu ihren Füßen, ſie aber ſah ihn einen Augenblick ſtarr an, und brach dann von Neuem in ein helles Gelächter aus.„Sie ſind eben ſo komiſch wie alle Andern“, rief ſie. Igor erhob ſich mit einer gewiſſen Heftigkeit, ver⸗ neigte ſich ſtumm und verließ raſch das Gemach. Aldona ſprang auf, ſie machte unwillkürlich eine X 88⁸ Bewegung den Beleidigten zurückzuhalten, aber das Wort erſtarb auf ihren Lippen und die Hand, die ſie nach ihm ausgeſtreckt hatte, ſank apathiſch herab. Die ſchöne, lebensmüde Frau ſtand einen Augen⸗ blick in Nachdenken verſunken, dann begann ſie heftig im Zimmer auf und ab zu gehen, die Arme auf der Bruſt verſchränkt. Plötzlich ſtampfte ſie mit dem Fuße auf und riß dann an der Glockenſchnur. Auf den erſten gellenden Ton derſelben erſchien ihre Kammerfrau. Aldona befahl mit kurzen herriſchen Worten ihren Schlitten und ihren Pelz. Ihre Dienerſchaft war gewohnt ſchnell zu gehorchen, und ſo konnte die Kam⸗ merfrau nach wenigen Minuten melden, daß ange⸗ ſpannt ſei und der Herrin, welche ihre Kazabaika raſch abwarf, in den großen, prächtigen Pelz helfen. Aldona ſetzte dann noch eine hohe, runde Koſakenmütze auf und eilte die Treppe hinab. „Ich fahre allein“, ſprach ſie finſter, ſtieg in den Schlitten, ſetzte ſich in den Polſtern und den warmen Fellen zurecht und ergriff die Zügel. „Aber gnädige Herrin“, begann der alte Kutſcher, indem er ſich verlegen am Kopf kratzte,„Sie ſollten doch nicht ſo allein“— „Schweig!“ rief Aldona. 89 „Das Land iſt gegenwärtig voll von Wölfen und anderen Raubthieren, der Hunger hat ſie alle aus den Gebirgen zu uns herabgetrieben;“ fuhr der Alte fort. Aldona ſah ihn an, und ließ dann durch den Bedienten ihre Piſtolen holen, um ſie zu ſich zu ſtecken. „Man muß doch davon reden“, ſchloß der Kutſcher, „ein Unglück iſt bald geſchehen; jenſeits des Waldes haben die Wölfe ein Bauernweib angefallen und zer⸗ riſſen. Es wäre voch beſſer, wenn ich etwa—“ Aldona hörte nicht mehr, ſie ſchwang die lange Peitſche über den Köpfen der ſchwarzen Ukrainerpferde, und das wilde Geſpann raſte mit ihr davon. * * Es war eine wunderbare Fahrt durch die gleich dem Ozean unbegrenzte und ſchwermüthig monotone Schneefläche, der mit einem Schwanenkopf verzierte weiße Schlitten, die ſchwarzen feurigen Pferde und das ſchöne ſtolze Weib im fürſtlichen Pelz. Als ſie an dem Bach vorüberflog, deſſen Gemur⸗ mel längſt unter der Eisdecke verſtummt war, ſchienen die Weiden, welche ihre beſchneiten Zweige gleich weißen Armen über dieſelbe herabhängen ließen, Al⸗ dona ebenſo viele in Grabtücher gehüllte Geſpenſter, 90 die im langſamen Zuge ächzend durch die Winternacht ſchwebten und winkten und drohten; ſie aber wandte nur den Kopf und ließ, die Phantome zu verſcheuchen, ihre Peitſche knallen. Die Pferde ſchnaubten, die Glöckchen, mit denen ſie reichlich behangen waren, erklangen ſtärker und der Schlitten ächzte. Jetzt kamen ſie an einem Dorfe vorbei, deſſen Dächer der Schnee zu erdrücken drohte. Rauchwolken ſtiegen empor und verwandelten ſich im Mondlicht in leichten Silberduft; von Zeit zu Zeit tönte heiſeres grämliches Hundegebell und das ſingende Beten der Leuteſ im traurigen Rythmus; kleine ängſtliche Lichter flackerten in den Fenſtern und die ſchweren Eiszapfen mit ihrem Edelſteingefunkel hingen an den rauchigen Balken gleich einer koſtbaren Zierde von Menſchenhand. Wieder tiefe Einſamkeit, das Schweigen der Nacht und der zu Grabe gegangenen Natur. Dann ſauſt der Schlitten der ruheloſen Frau an einer im Schnee verlorenen Schenke vorbei, die Geigen jauchzen, der Baß brummt und grollt, der Cymbal weint— der bacchantiſche Reigen der Inſtrumente ſcheint Aldona einzuladen zur Freude, zur Liebe, zum Genuß, und, wie ſie ihm verächtlich den Rücken kehrt, ihr lange noch nachzuſpotten mit boshaften Koboldſtim⸗ — ee⸗ 94 men, welche gleich Kindern weinen und gleich Ver⸗ dammten lachen. Schon ſteht der Wald ihr zur Rechten, er hebt ſich gegen den weißen Winterhimmel mit ſeinem viel⸗ fach verſchlungenen Geäſte ab, eine Gruppe alter Eichen hat er als Vorpoſten aufgeſtellt, und wie der Schlitten an denſelben vorüberſtreift, fliegen zwei Raben kräch⸗ zend auf, mit den ſchwarzen Fittigen den Schnee von den Zweigen kehrend und verſchwinden ebenſo plötzlich, wie ſie gekommen ſind. Aldona denkt nicht daran unzukehren, ſie fährt fort ohne Ziel und jagt und peitſcht ihre Pferde ohne Noth. Es wird ihr heiß vom wahnſinnigen Jagen, ſie lüftet den Pelz und empfindet den ſcharfen Zug der Luft, die um ſie pfeift, wie Wohlthat. Plötzlich halten ihre Pferde von ſelbſt und ſchau⸗ dern, zu beiden Seiten nähern ſich paarweiſe, gleich Irrlichtern, glühende Augen— und jetzt ſchlägt viel⸗ ſtimmig ein wohlbekanntes Geheul an Aldona's Ohr. Es ſind Wölfe. Die kühne amazonenhafte Frau verliert keinen Augenblick den Muth oder die Geiſtesgegenwart, ſie peitſcht ihre Pferde und der S fliegt wieder pfeilſchnell dahin. 92 Aber nicht lange. Die von der weiten wahnſinni⸗ gen Fahrt abgehetzten und durch den Schreck gelähmten Pferde vermögen nicht mehr ſo raſch vorwärts zu kommen, und die Wölfe, welche dem Schlitten, ſich von Zeit zu Zeit durch eine Art heiſeres Gebell er⸗ munternd, folgen, kommen immer näher und näher. Schon ſieht Aldona ſie ganz herankommen und iſt einen Augenblick rathlos, da ſchießen ihr allerhand Er⸗ innerungen durch den Kopf, Alles was ſie je von Leuten, die ſich in derſelben gefährlichen Lage befanden, gehört hatte, kam ihr zu rechter Zeit in den Sinn. Sie ergriff die Polſter, auf denen ſie bisher ge⸗ ruht, und warf eines nach dem andern hinter ſich aus dem Schlitten, dann ließ ſie die Felle folgen, in welche ſie gehüllt war, und peitſchte mit aller Kraft auf ihre Pferde los. Die Wölfe machten jedesmal Halt, warfen ſich auf die Gegenſtände, welche ſie auf ihrem Wege fan⸗ den, berochen ſie, riſſen ſie hin und her und ſo gewann Aldona wieder einen Vörſprung. Sie jagte die ſchweißtriefenden Ukrainer vorwärts mit Zuruf und wüthenden Hieben, ſo daß ſie einen Augenblick die räuberiſchen Beſtien ganz aus dem Ge⸗ 5 uchte verlor; doch nur zu bald hörte ſie wieder ihr Heulen, ſah wieder ihre Augen leuchten, und jetzt erblickte 93 ſie auch die grauen zottigen Körper der Thiere ganz deutlich. Ohne ſich lange zu beſinnen, warf ſie ihren kvoſt⸗ baren Pelz ab und ſchleuderte ihn den grimmigen Ver⸗ folgern entgegen. Noch einmal blieben dieſe zurück, noch einmal ge⸗ lang es Aldona, ihre Pferde zur raſenden Eile anzu⸗ treiben, die ſchöne Frau ſtand jetzt aufrecht im Schlit⸗ ten, in einer Hand die Zügel, in der anderen die Peitſche, ſie war todtenbleich, aber entſchloſſen bis zum Aeußerſten. Die Pferde wurden immer matter, ſie blickte um ſich und ſah die Wölfe im wilden Rudel nachkommen. Kaltblütig legte ſie jetzt die Peitſche nieder, zog ihre Piſtolen aus dem Gürtel ihres Sammetkleides und zielte auf den Vorderſten. Jetzt— er holte eben zum Sprunge aus— ein Blitz ein Knall und der rieſige Wolf wälzte ſich heu⸗ lend in ſeinem Blute. Die anderen, vom Hunger wü⸗ thend gemacht, ſtürzten auf ihn und riſſen ihn in Stücke. In ihrer höchſten Noth erblickte Aldona plötzlich in der Ferne vom fahlen Mondlicht beglänzt, ein höl⸗ zernes Gebäude, von Pferdehirten welche in Sommer⸗ nächten ihre Heerde hier zu weiden pflegen, zum Schutz 94 gegen Gewitter und Hagel aufgerichtet. Dahin lenkte ſie ihre verzweifelte Fahrt. Aber von Neuem drohten die Wölfe ſie einzu⸗ holen; da nahm ſie ihre Zuflucht zum letzten verzwei⸗ felten Mittel, ſie ſchoß das ſchwächere ihrer beiden Pferde nieder und ſchnitt mit dem Dolche, den ſie ſtets bei ſich trug, die Stränge durch. Das arme zu Tode verwundete Thier ſtürzte, ſuchte ſich aufzurichten und ſank wieder zu Boden, es ſtieß ein herzzerreißendes angſtvolles Wiehern aus und verſuchte ſich gegen die blutgierigen Beſtien, welche, unterdeß herangekommen, es jetzt von allen Seiten zu⸗ gleich anfielen, zur Wehre zu ſetzen. Aldona hätte um das Pferd, das ihr ſo lieb war, weinen mögen, aber es war einer jener Augen⸗ blicke, wo der Menſch nur an ſich denkt, nur an ſich denken kann. Sie hieb ohne Erbarmen auf das ihr gebliebene Pferd los, aber auch dieſes drohte bei jedem Schritt zuſammen zu brechen. Ganz nahe dem Ziele ſchien es, ſollte ſie ſchei⸗ tern, ſie hörte das Geheul der ſie verfolgenden Wölfe näher kommen, jetzt fiel das geängſtigte zu Tode ge⸗ hetzte Thier zu Boden. Aldona ſchlug mit dem Peitſchenſtiel auf daſſelbe los und riß es empor. Noch einmal jagte es vorwärts, es war ſeine letzte Kraft, ſein letzter Athem. Vor dem Holzbau ſtürzte es zuſammen. Aldona ſprang aus dem Schlitten und ſtieg die Leiter empor, welche zu dem oberen, im Sommer mit Heu gefüllten Raume führte. Kaum war ſie oben, kaum hatte ſie die Leiter umgeſtoßen, waren die Ver⸗ folger zur Stelle. Sie hörte noch das verzweifelte Wiehern ihres Pferdes, das dämoniſche Geheul der Wölfe, dann ſchwanden ihr die Sinne. * Ein heftiger Knall weckte ſie, ſie richtete ſich auf. Unten blitzte es auf und nieder. Es waren ſich ſchnell folgende Schüſſe, ſie konnte nicht mehr zweifeln, man kam ihr zu Hilfe. Im Augenblick war ihre ganze Kraft zurückgekehrt, ſie eilte zur offenen Thüre, durch welche ſie heraufge⸗ ſtiegen war, und ließ ihr Tuch wehen als Signal. „Dort iſt ſie, ſeht Ihr?“ rief eine bekannte Stimme. Fackeln kamen heran, Menſchenſtimmen, ſie er⸗ kannte ihre Diener, wie ſie die Leiter anlegten. Raſch ſtieg ſie hinab, von ihren Leuten mit ju⸗ belndem Zuruf begrüßt. In dem Augenblicke, wo ſie 96 die letzte Sproſſe verließ, trat Igor vor ſie und be⸗ deckte ihre Hände mit Küſſen. Er war nicht lange, nachdem er Aldona verlaſſen, wieder in den Edelhof zurückgekehrt, und als man ihn von ihrer abenteuerlichen Fahrt unterrichtete, von Angſt um ſie erfaßt, mit ihren Dienern zu Pferde geſtiegen und ihr gefolgt. Ihm dankte die ſtolze Frau ihre Rettung, ſie wußte es in dieſem Augenblicke, aber ſie ſprach nicht, ſie fragte ihn auch nicht, ihr Herz war zu voll, ſtumm ſchlang ſie die Arme um ihn und legte ihr Haupt an ſeine Bruſt. Endlich fand ſie Worte. „Jetzt weiß ich, was das Leben werth iſt, Igor!“ ſtammelte ſie,„und ich will ein neues Leben beginnen an Deiner Seite, Du theurer, braver, geliebter Mann. Hier meine Hand— führe Du mich und ich will Dir folgen.“ Aldona hat Wort gehalten; ſie folgte dem Manne, der ſie lehrt den Werth des Lebens in der Sorge und Arbeit für Andere zu begreifen. ——— Der Jeſuit. Erzählung eines polniſchen Emiſſairs von 1846. Sacher-Maſoch, Galiziſche Geſchichten. I. — Während ein Theil unſerer Partei, ja ſelbſt der Mitglieder der Centraliſation, der volniſchen National⸗ regierung in Paris, die Bedeutung des bäuerlichen Ele⸗ mentes für unſere Pläne und die polniſche Bewegung unterſchätzte, wendeten andere, vorzüglich Emiſſäre, dem Landvolke eine geradezu gefährliche Aufmerkſamkeit und Thätigkeit zu. Nur Wenige verſtanden die Mitte zu halten, zu dieſen Wenigen gehörte der Jeſuit Bogu⸗ mil, welchen ich in Zlöta gora auf dem Gute der Frau Camilla Werinska kennen lernte. Die Gutsfrau war Mitglied des demokratiſchen Bundes, wie viele Andere, aber weder über unſere Organiſation, noch unſere Abſichten näher unterrichtet. Sie hatte den Auftrag bekommen, mich aufzunehmen und als einen Verwandten paſfiren zu laſſen. Dieſem Auftrage war ſie genau nachgekommen, ohne zu fra⸗ gen, zu forſchen oder zu plaudern. * ———— Ich war in einer Juden⸗Equipage angekommen und wohnte eine Woche im Edelhofe, ohne mit irgend Jemand in Berührung zu kommen. Ich arbeitete an„ den Inſtruktionen für den Kreis und ging nur hier. und da, um bei den Dienern und Landleuten keinen 3 3 Verdacht zu erregen, auf die Jagd. Der herrſchaftliche Heger ruderte mich dann auf einem löcherigen Kahn durch das Schilf des nahen Teiches und ich ſchoß einige Wildenten oder Schnepfen. Der Heger, welcher mich wie alle Leute des Hofes und der Gegend„den jungen Herrn“ nannte, kam eines Morgens, um mich dringend zu einem Ausflug einzuladen. „Der Herr von Kamionka, unſer Nachbar, hat von der Anweſenheit des jungen Herrn gehört, und daß Sie gern etwas jagen. Er läßt Sie herzlich ein⸗ laden bei ihm zu ſchießen. Es iſt ein großer Wald dort, dann eine Reihe kleiner Gebüſche, in denen Reb⸗ hühner liegen. Und heute könnten wir auch ſonſt noch Spaß haben, da Markt iſt, Muſik, Tanz in der Schenke, hübſche Mädchen und vor der Kirche unter freiem Him⸗ mel predigt ein Jeſuit.“. Wer konnte da widerſtehen? Ich ließ anſpannen und wir fuhren nach Kamionka. Zuerſt gingen wir in den Wald, dann in die Büſche. Nach ſtundenlangem Suchen ſchoſſen wir einen Wachtelkönig auf der Wieſe und nahmen die Richtung der Karczma.*) Dieſelbe lag wie gewöhnlich der Kirche gegenüber und ſo kamen wir wider Willen in das Bereich des Jeſuiten. Mehr als tauſend Menſchen hatten ſich auf dem mit Gras bewachſenen Platze vor der Kirche zuſam⸗ mengedrängt, um ſeine Predigt zu hören. Es waren meiſt Bauern aus den umliegenden Dörfern, ſie ſtan⸗ den barhaupt, das Auge auf den Prediger gerichtet, welcher im ſchwarzen Ordenskleide, das Kruzifix in der Linken, bloßen Kopfes unter einer alten großen Linde erhöht ſtand. Er ſprach feurig, ja leidenſchaft⸗ lich, und wenn er die Zuhörer dazu aufforderte, hoben ſie die Hände wie zum Schwur oder knieten nieder. Ich konnte nur einzelne Sätze hören, die er hef⸗ tiger ſprach, denn ich wollte mich nicht mit Flinte und Jagdhund unter die Andächtigen miſchen; aber von Zeit zu Zeit ſchlugen die Worte:„Vaterland“,„Volk“, „Freiheit“ an meine Ohren und machten mich auf den Prediger aufmerkſam. Ich konnte den aufregenden Eindruck, den ſeine Predigt auf das Volk machte, am beſten wahrnehmen, wenn einzelne der Andächtigen ſich der Schenke näherten, um ihren Schnaps zu trinken. Ich hörte einen alten Bauer ſprechen:„Er ſagt, Schenke. 2 daß es uns ſchlecht gehe: den Edelleuten, weil ſie das Volk nicht lieben, und uns, weil wir das Vaterland nicht lieben. Er wird wohl Recht haben.“ Ein junger Mann erwiderte:„Es ſoll Alles an⸗ ders werden, Väterchen, Alles anders! Die Edelleute werden uns die Robot erlaſſen und Grund und Boden geben. Dann werden wir Alle wie Brüder ſein eines Herrn, eines Gottes.“ Der Alte ſtützte ſich auf ſeinen Stock und ſchien nachzudenken.„Wenn die Edelleute es thun— es könnte noch Vieles gut werden.“ Mich lockte die Gelegenheit und ich rief dem Alten zu:„Alles ſoll noch gut werden! Wir ſchenken Euch die Robot, was jetzt Euer Grund iſt, bleibt Euch als freies Eigenthum und auch Salz und Tabak ſollen in Zukunft frei ſein.“ Die Bauern ſahen mich verwundert an. Einer ſagte ihnen, ich ſei der junge Herr von Zlota gora. Sie grüßten mich und zogen ſich zurück, um erſt recht die Köpfe zuſammenzuſtecken. Als der Jeſuit die Kanzel verließ, ſuchte ich von rückwärts in die Sakriſtei zu gelangen, um mit ihm zu ſprechen. Es war nicht möglich. So ſchrieb ich auf einen Zettel einige Worte der Anerkennung und kehrte dann in mein Aſhl zurück. ö — — Wie war ich erſtaunt, am nächſten Tage den Jeſuiten vor unſerem Thore ausſteigen zu ſehen. Ich erfuhr, daß er ein langjähriger Freund meiner Wirthin ſei und dieſelbe beſuche. Im Laufe des Tages fand ich Gelegenheit, ihn kennen zu lernen. Sein Aeußeres war ſehr anziehend; die hohe, ſchlanke, wohlproportionirte Geſtalt gewann durch das ſchwarze Ordenskleid eine klaſſiſche Einfach⸗ heit. Sein Kopf hatte feine, edle Züge, die gedanken⸗ volle Stirne war von dunklem, kurz geſchnittenem Haare eingerahmt. Die braunen, nicht eben großen Augen hatten einen zärtlichen, liebevollen Ausdruck, während der Klang ſeiner Stimme tiefſympathiſch war. Das Benehmen des Jeſuiten hatte etwas Nobles, Adeliges. Er machte den Eindruck eines Kavaliers, nicht den eines Prieſters. Ein Widerſpruch lag zwiſchen ſeinem Weſen und ſeinem Berufe, deſſen Löſung ich mit Recht in ſeiner Geſchichte ſuchte. Ich ſpielte im Geſpräche auf denſelben an. Er lächelte. Später wurden wir vertraulich. Er blieb einige Tage, und das Vaterland, das in Polen ſo viele Her⸗ zen geöffnet, ſo viele Menſchen einander näher gebracht hät, ließ auch die Schranken zwiſchen uns fallen. Ich ahnte ſeine Miſſion und er die meine, wir erriethen 104 gegenſeitig unſere Betheiligung, unſere Mitwirkung an demſelben Werke. In dem nahen Walde ſtand ein einzelner hoher Felſen, von deſſen Spitze man eine entzückende Fern⸗ ſicht in die Ebene und gegen die Karpathen hin genoß Der Jeſuit wollte ihn beſuchen und ich bot mich ihm zum Führer an. Oben erzählte er mir ſeine Geſchichte. „Sie finden einen Widerſpruch zwiſchen meinem Berufe und meinem Weſen“, begann er.„Dieſen Wi⸗ derſpruch löſt Ihnen vielleicht— meine Geſchichte.“ „Ich bin Edelmann. Mein Gut liegt im Kreiſe von Zolkiew. Mein Vater, ein guter, liebevoller Mann, meine Mutter, eine edle, gütige Frau, erzogen mich ſo gut oder ſo ſchlecht man bei uns auf dem Lande Kin⸗ der erzieht. Ich war von Menſchen umgeben, die mich liebten und zärtelten. So ſah ich denn als ich groß geworden war, in jedem Menſchen einen Freund, und war freundlich und opferwillig gegen Alle. Dies war vielleicht die Urſache, daß die Menſchen auch gegen mich gütiger waren, als es ſonſt der Fall iſt. Sorgen, Kummer, Schickſalsſchläge blieben mir fern und ſo war ich noch mit fünfundzwanzig Jahren feſt davon über⸗ zeugt, daß das Leben nur da iſt, um dem Menſchen ſo viel Vergnügen als möglich zu machen. 105 „Meine Welt war in einen roſafarbenen Schleier gehüllt. Meine Lebensanſchauung wurde endlich dadurch vollſtändig gekrönt, daß ich liebte und Gegenliebe fand. Bei einer Jagd lernte ich die Tochter eines Gutsbe⸗ ſitzers kennen, welche mich beim erſten Anblick vollſtän⸗ dig feſſelte. Sie war nicht ſchön, aber reizend. Ihr kleines, muthiges Näschen ſtand ſehr gut zu ihrem friſchgefärbten runden Geſichtchen, ihrem üppigen blon⸗ den Haare. Ihre Stimme war wahrhaft entzückend. Wenn ſie erzählte oder wenn ſie ſang, bebte mir das Herz. Sie war immer guter Laune, ſchalkhaft und doch ſo gut. Sie konnte Niemand weh thun. „Ich liebte ſie unausſprechlich und ſie erwiderte meine Leidenſchaft. „Ich beſuchte ihren Vater und benutzte jede Ge⸗ legenheit, mich ihr zu nähern. Endlich hielt ich förm⸗ lich um ihre Hand an und erhielt mit Freuden ihr Jawort ſowie den Segen der Eltern. „Bei uns hält man noch etwas auf die alten Bräuche. Am Verlobungstage gab die Mutter meiner Braut derſelben einen verworrenen Knäuel Seide. Es war nun ihre Aufgabe, denſelben— ohne ihn zu be⸗ ſchmutzen oder zu zerreißen— zu entwirren und für mich daraus eine Börſe zu machen, welche ſie mir am Hochzeitstage übergeben ſollte. Am nächſten Tage fand 106 ich das liebe Mädchen in Thränen gebadet, ſie hatte den unglücklichen Knäuel zerriſſen und das bedeutet, nach dem allgemeinen Ausſpruch der Tanten und Baſen: Unglück in unſerer Ehe. „Da es bei uns ſo häufig iſt, daß Eheleute ſich trennen, ſo meinten die Meiſten, wir würden nicht lange beiſammen bleiben. „Die Hochzeit fand trotzdem mit allem Jubel ſtatt und ich führte meine reizende, junge Frau ohne Um⸗ ſtände heim. „Der ſchändlichen Prophezeiung zum Trotz ließ ſich unſere Ehe ſehr gut an. „Beide zitternd vor einem drohenden Verhängniß, ſchmiegten wir uns um ſo zärtlicher, liebevoller, auf⸗ opfernder aneinander. Zwei Jahre waren verfloſſen und man beneidete uns; das Glück unſerer Ehe war ſprichwörtlich geworden. Ich betete meine Frauſ an. Ich lag den ganzen Tag auf den Knieen vor ihr. Sie beaufſichtigte mit mir die Wirthſchaft. Mußte ich auf einen entfernten Hof, ein Vorwerk reiten, ritt ſie mit. Nur wenn ich in die Hauptſtadt fuhr, zwei Mal des Jahres, um die Kontrakte mit Händlern, Lieferanten und anderen Leuten dieſes Schlages zu ſchließen, da blieb ſie im Edelhofe zurück und führte den Kom⸗ mandoſtab. War das eine ſchwere Trennung! Wir 107 küßten uns unzählige Male und ſchwammen in Thrä⸗ nen. Dafür welche unbegrenzte Freude beim Wieder⸗ ſehen! „Ich lebte ſo ganz nur in meiner Frau und um ſo mehr, als Gott uns keine Kinder gab. Ich war ſo den Tag über nur bedacht ihr zu dienen, ihr ge⸗ fällig zu ſein, ihr die Zeit zu vertreiben, daß Camilla mehr als einmal ſagte:„Die Börſe hat gelogen.“ „Und ſind wir wirklich ſo glücklich, biſt Du es?“ fragte ich. „Wie ſollte ich es nicht ſein“, antwortete das liebe Weib,„da Du es biſt, da Du mich liebſt. Ich bin über Alles glücklich, Gott erhalte mir mein Glück!“ „Sie können mir glauben, daß ich unter ſolchen Verhältniſſen ein ziemlich ſchlechter Patriot war. Ich liebte das Vaterland, ich freute mich über jedes Buch, das in polniſcher Sprache erſchien, nahm lebhaften Antheil an jedem guten Geſetze, das im polniſchen Se⸗ nate in Warſchau berathen wurde, ich verfolgte mit Intereſſe die induſtriellen und landwirthſchaftlichen Un⸗ ternehmungen, welche den Wohlſtand unſerer Länder heben ſollten, vor Allem beſchäftigte ich mich mit der Lage des Landvolkes und ſchrieb ſogar darüber. Die Wiederherſtellung Polens hätte mir eine wahrhafte Freude bereitet, aber ich ſah nicht ein, wie dieſelbe be⸗ werkſtelligt werden ſollte. „Wir waren unter drei verſchiedene Regierungen getheilt, welche uns kräftig niederhielten, und hatten, wie ich dachte, durch eine Revolution nur zu verlieren, denn unſere Lage war gut. In Rußland nahm das Königreich Polen eine ausgezeichnete Ausnahmsſtellung ein. Es genoß alle Rechte und Freiheiten einer Kon⸗ ſtitution, hatte eine eigene Armee, ein Parlament, eine nationale Verwaltung und der Czar regierte nur als König von Polen. Der Freiſtaat Krakau war ein Muſterſtaat im Kleinen. In Poſen und Galizien konnte ſich unſere Nationalität ziemlich frei entfalten und die politiſche Freiheit, die wir entbehrten, entbehrten die anderen Bürger dieſer Staaten mit uns. Unterdrückt oder gar mißhandelt waren wir in keinem derſelben. Im Gegentheile man hatte Vertrauen zu uns. Wozu alſo eine Aenderung, wozu für das Beſſere das Gute auf das Spiel ſetzen? „So dachte ich. „Indeß entſtanden drüben im Königreiche Kon⸗ flikte mit dem Nachfolger des milden Alexander, dem jungen ehrgeizigen Czaren Nikolaus. Aus Mißverſtänd⸗ niſſen wurden Streitigkeiten, aus der Oppoſition ein Kampf zwiſchen dem Volke und dem Monarchen. Mir ———— W —— 109 ſchien es, daß man, um die bedroht geglaubte Ver⸗ faſſung zu retten, damals die Unabhängigkeit der Na⸗ tion opferte. „Es bildete ſich eine offene Verſchwörung in allen polniſchen Ländern gegen den Czaren. „Ich hielt mich ferne aus Abneigung und weil ich meine Frau zu ſehr liebte. „Es kam zum Außſtande, zu jenem unglücklichen Revolutionskriege. Von allen Seiten ſtrömten Kämpfer in das Königreich— ich befand mich nicht unter ihnen. „Ich las mit meiner Frau die Zeitungsberichte über die Gefechte, welche ſie lieferten, am warmen Kamin. „Andere Frauen ſtiegen ſelbſt zu Pferde und führ⸗ ten die Lanze ebenſo ſicher, als ſie bisher die Nadel geführt hatten, andere Frauen trieben ihre Söhne, ihre Männer ſelbſt in den Kampf, nähten ihnen die Schärpen, luden ihnen die Gewehre. Meine Frau ſchlüpfte in die warme Kazabaika, ſchlang die Arme um meinen Hals und zog mich auf den Divan, wo ſie mich mit Küſſen erſtickte. „Als dann das Unglück kam, die polniſche Armee geſchlagen, zum Theil über die Weichſel gedrängt wurde, da legten wir freilich Hand an, wir nahmen die Flücht⸗ linge ſchaarenweiſe auf, wir pflegten die Kranken, die 110 Verwundeten. Manchem verſchafften wir die Mittel in das Ausland zu gelangen. Beſonders meine Camilla, was war das für ein Engel. Wie opferte ſie ihre Nächte, ihre Geſundheit. Aber es war zu ſpät.“ Der Jeſuit ſtützte bei dieſen Worten ſein Geſicht in beide Hände. Er war ganz bleich geworden. Nachdem er eine Weile geſchwiegen, ſeufzte er aus tiefer Bruſt und fuhr fort: „Gott hat uns furchtbar geſtraft. „Weil wir um unſerer Liebe willen das Vaterland zu wenig geliebt hatten, ſollten wir an dieſer Liebe geſtraft werden; weil wir uns des Vaterlandes wegen nicht trennen wollten, ſollten wir— für ewig getrennt ſein. „Die Revolution war vorüber, die letzten Flücht⸗ linge hatten uns verlaſſen, um die Reihen der Emi⸗ gration zu füllen, wir waren zu unſerem gewöhnlichen Leben und Glücke zurückgekehrt. „Eines Tages fuhr ich auf den Jahrmarkt in das benachbarte Städtchen. „Als ich zurückkehrte fand ich meine Frau— todt. „Eine furchtbare Seuche war dem Kriege gefolgt. Die Menſchen fielen wie die Fliegen. Meine Frau war über Nacht weggerafft worden wie tauſend Andere. „Ich wälzte mich am Boden, wie ein reißendes 114 Thier, ich ſchrie immer fort:„Ich ſterbe, ich werde wahnſinnig!“ Aber ich ſtarb nicht und behielt meinen Verſtand. Ich ſprang ihr nach in das Grab und wurde herausgezogen, ich wollte mich erſchießen und wurde von meinem alten Diener daran gehindert. Ich ſtarb nicht und behielt meinen Verſtand. Ich wäre ja ſonſt nicht geſtraft geweſen. Es war beſtimmt in Gottes Rath, daß ich geſtraft werden ſollte, entſetzlich geſtraft für eine Liebe, der ich Alles geopfert hatte— Alles, nicht blos mich, mein ganzes Selbſt, ſondern auch mein Volk, mein Vaterland. „Ich wollte damals trotzen, ich ſchwor mein Va⸗ terland zu haſſen. Je mehr ich mir jedoch Mühe gab es zu thun, um ſo inniger begann ich es zu lieben. Ich hatte ja nichts Anderes mehr auf dieſer Welt, nichts. Mein angebetetes Weib war geſtorben, war begraben— ich konnte es kaum faſſen. Das Leben hatte keinen Reiz, keine Freude mehr für mich. „Ich kämpfte einige Zeit mit meinem Schmerze. Dann entſchloß ich mich, dem Leben, der Welt ganz zu entſagen und zugleich mich ganz nur dem Dienſte des Himmels und meines Vaterlandes zu weihen. So hoffte ich Sühne zu bieten und Troſt zu finden. „Ich wurde Jeſuit. 112 „Mein Gut überließ ich meiner Familie. Mein baares Vermögen brachte ich dem Orden. „Mit aller Kraft meiner verzweifelten, gepeinigten Seele warf ich mich auf das Studium, auf mein geiſt⸗ liches Amt. Zugleich knüpfte ich Verbindungen mit der Emigration an. In dem doppelten Berufe für die Menſchheit und für mein Vaterland erlangte meine Seele langſam ihre Geſundheit wieder; meine Frau werde ich nie vergeſſen, aber ich meine jetzt ihr— ihrem Andenken zu dienen, wenn ich der Sache Polens diene „Wie ich dies thue, haben Sie ſelbſt geſehen. „Wir wirken Beide, aber unſer Wirken iſt ſehr verſchieden. Sie erfüllen eine Reihe einzelner beſtimmter Aufgaben, ich nur eine einzige, große. Sie ſind mit vielen Anderen unermüdlich thätig, eine Bewegung vorzubereiten, welche unſer Reich herſtellen ſoll. Ich thue wenig— ich verbreite Liebe zu dem Vaterlande. Es iſt wenig— aber es iſt doch Etwas.“ „Es iſt Alles, es iſt das Höchſte“, rief ich,„ich bitte Sie, fahren Sie fort, ſchildern Sie mir Ihr Le⸗ ben im Orden, Ihr Wirken für Polen.“ „Lieber Gott, das iſt bald erzählt: Die Kirche begleitet den Menſchen durch das Leben, aber vorzüg⸗ lich ſind es drei grße Stationen, auf denen ſie Halt macht, um zu ihm zu ſprechen, ihm ihre Weihe zu 1¹3 geben. Bei ſeiner Geburt, ſeiner Ehe, bei ſeinem Tode. Aber nein, ich werde ſyſtematiſch, ich erzähle Ihnen lieber einige kleine Geſchichtchen. „Ich bin in der Nähe der Hauptſtadt auf dem flachen Lande, und predige den Bauern wie Franzis⸗ kus den Heiden. Da kommt ein Gutsbeſitzer mit dem Wagen und bittet mich, ſein Kind zu taufen. Ich leiſte ſeiner Aufforderung Folge und finde ein geſun⸗ des, munteres Knäblein, eine Mutter, die ganz in ihrem Kinde verſunken iſt, mit ihm athmet und lebt. Nicht einmal für die heilige Handlung wollte ſie ſich von ihm trennen, deshalb wurde ich gebeten, das Kind an ihrem Bette zu taufen. „Ich that es, und ſprach dann zu dem Kinde gleich⸗ ſam, aber im Herzen nur zu ſeiner Mutter:„Gedeihe! werde groß, ſei glücklich!“ Das Kind weinte nicht, ſondern blickte mich immerfort an.„Du biſt klug, ſei auch gut und edel, und erfülle, was Du verſprichſt; denn auch Du biſt eine Hoffnung unſeres Vaterlandes.“ Damit hatte ich die Liebe der Mutter auf die richtige Bahn gelenkt. „Jahre vergingen; da kam eine Dame in unſer Ordenshaus, einen allerliebſten Knaben an der Hand. „Ich bringe ihn Ihnen, Sie ſollen ihn erziehen.“ Es war jene Frau.„Er ſoll dem Vaterlande dienen“, Sacher-Maſoch, Galiziſche Geſchichten. 1. 8 144 ſagte ſie,„aber er ſoll zu dieſem Dienſte gebildet wer⸗ den. Täglich ſprechen unſere Blätter, unſere Schrift⸗ ſteller davon, daß es uns an der nöthigen Bildung fehlt, daß unſere Jugend reitet und jagt, anſtatt zu lernen. Auch mein Sohn iſt eine Hoffnung unſres Vaterlandes. Er ſoll lernen. Ich trenne mich von ihm, um ſeiner Zukunft, um des Vaterlandes willen. Ich bringe ihn Ihnen, erziehen Sie ihn.“ „In der unteren Karpathengegend ſteht ein kleines Schloß. Es war früher eine halbe Ruine. Da kaufte es ein junges Ehepaar, baute die verfallenen Mauern, Thürme, Säle wieder auf und richtete ſich dort wohnlich ein. Es iſt ein merkwürdiges Paar: Ich habe es getraut. „Die Braut— ſie war die Tochter eines ſtädti⸗ ſchen Hausbeſitzers, ganz bürgerlich in Weſen und An⸗ ſchauungen— hatte eine Predigt von mir gehört und bildete ſich ein, ich müſſe ihre Verbindung ſegnen. Sie war einfach erzogen und freute ſich auf die Che, als die beſte Gelegenheit, ſich nach ihrem Kopfe einzurich⸗ ten, zu unterhalten und anzuziehen. Der Bräutigam beſaß ein Gut in der Nähe der Stadt und war ein Landedelmann von gewöhnlichem Schlage, welcher durch die Mitgift ſeiner Frau ſein Gut ſchuldenfrei zu machen und zugleich für ſein gaſtliches Haus eine hübſche und freundliche Wirthin zu erwerben hoffte. 115 „Nachdem ich am Altare ihre Hände in einander gelegt hatte, hielt ich eine kurze Rede, worin ich die heilige Bedeutung der Ehe, der Familie für das Vater⸗ land auseinanderſetzte. „Zieht hin in Frieden“, ſagte ich,„Ihr ſeid wie die Miſſionäre, die ausgeſendet werden an das Volk, die Gebildeten zu den Ungebildeten, die Reichen zu den Bedürftigen, die zärtlichen Kinder des Vaterlandes zu jenen, die ſich von demſelben abgewendet haben. „Während des Hochzeitsmahles war die Neuver⸗ mälte ernſt und fragte mich um Vieles. Ich gab ihr den Rath, die Menſchen, vor Allem ihre Verwandt⸗ ſchaft zu fliehen, ſich feſt an ihren Gatten zu ſchließen und ihr Glück in ihm zu ſuchen, in ihrem Hauſe, im Vaterlande. „Wenige Wochen ſpäter hörte ich, daß ſie das Gut bei der Stadt verkauft und jenes in der Karpa⸗ thengegend gekauft hatten. Dort leben ſie glücklich in ihrer Häuslichkeit, erziehen ihre Kinder— und das Volk. „Und erſt das Wirken im Beichtſtuhle! „Wie liegen da die Herzen, die Gewiſſerl vor mir, wie herrlich geht jedes Samenkorn auf, das ich in dieſem feierlichen Augenblick ſäe. Glauben Sie mir, da habe ich mehr als ein Mal in den verſtockten Sinn 8* ₰ 146 eines prozeßſüchtigen Bauers, in das öde Herz einer galanten Dame, in die kranke Seele einer betrogenen Frau die glühendſte Vaterlandsliebe gegoſſen, welche ſie fortan emporhob und auf Seraphflügeln durch das Leben trug. „Auf der Fahrt durch ein elendes Maſurendorf blieb ich— oder vielmehr der kleine aus Weidenruthen geflochtene Bauernwagen, der mich fortbrachte— im Schnee ſtecken. Bauern umringten mich und einer bat mich in ſeine Hütte. Ich wickelte mich in meinen Mantel und legte mich auf die Ofenbank. Indeß verbreitete es ſich im Dorfe, daß ein Jeſuit da ſei. „Es kam ein Bübchen gerannt und ſagte, am Ende des Dorfes liege ein Sterbender. „Es iſt der Winkelſchreiber“, ſagte ruhig mein Wirth. „Ich zog ſeine ſchweren Stiefel an und watete dem Bübchen, das mich führte, nach durch den Schnee. In einer niederen engen Hütte lag der Sterbende Trotz der Kälte war ſchwach geheizt, er lag unter einer geflickten Decke und an ſeinem Bette ſtand ein zerbro⸗ chener Stuhl. Aber an einem Pfoſten hing ein italie⸗ niſches Gemälde und auf der ſchiefen Kommode ſtand ein ſchwerer ſilberner Aufſatz. „Alſo ein Geizhals“, dachte ich. — 3 147 „Ich werde ſterben“, ſagte der Mann, der hohl⸗ äugig im Bette lag,„ich habe die Lungenſucht. Ich brauche aber Ihren Troſt nicht, ich glaube an Jchts, ich bin ein Atheiſt, aber Geld habe ich, ſehr viel Geld, weiß nicht, was ich anfangen ſoll damit, deshalb habe ich Sie gerufen. Die Jeſuiten ſind noch die Klügſten. Sie ſollen mir ſagen, was ich thun ſoll, und wenn Sie mir meine Todesſtunde angenehm machen, gebe ich es vielleicht dem Orden.“ „Dabei lachte er. „Der Mann mußte ſcharf gepackt werden. „„Ich fragt ihn erſt um ſein Leben. Er war ein 1 ehemaliger Student, hatte in der Gegend den Winkel⸗ ſchreiber gemacht, Edelleute und Bauern aufeinander gehetzt, viel Geld erworben, gewuchert, zuſammenge⸗ 1 ſcharrt, Niemand, ſich ſelbſt nicht, etwas gegönnt und lag jetzt hoffnungslos da und wußte nichts anzufangen mit ſeinem Mammon. Ich aber richtete ſein brechen⸗ des Auge auf ſein unglückliches Vaterland, ich ſprach von ſeinem Volke, von deſſen großer Vergangenheit, von deſſen Zukunft. Der Mann fing Feuer. Er hielt mich bei den Händen, er lachte und weinte, freute ſich hämiſch, daß ſeine Verwandten, die ihn von ihrer Thüre gewieſen, um die Erbſchaft betrogen ſeien und 118 übergab mir ſein ganzes baares Vermögen für die polniſche Nationalregierung. „Er ſtarb in meinen Armen ruhig und heiter. „Auf derſelben Fahrt kam ich zu dem Begräbniß eines Bauers, welcher in der polniſchen Armee des Jahres 1831 gedient hatte. Sofort erklärte ich, ich würde den Veteranen ſelbſt zum Grabe geleiten. Ueber ſeinem Sarge ſprach ich zum Volke und verhieß dem Dahingegangenen das Himmelreich, weil er ſich ſeiner Selbſtſucht entäußert, für Andere, für ſein Volk, ſein Vaterland das Leben auf das Spiel geſetzt hatte. Ge⸗ rade dies hatte man ihm in dem Dorfe zum Vorwurf gemacht. Die Bauern hatten den alten polniſchen Sol⸗ daten mit Mißtrauen betrachtet, jetzt beteten und wein⸗ ten ſie an ſeinem Grabe. „Mehr als einmal wurde ich von der Regierung zur Rede geſtellt, aber ich wußte mich ſtets zu recht⸗ fertigen. Ich habe vorzüglich das Landvolk im Auge, für das ich jetzt beinahe ausſchließlich wirke. Kleine von mir verfaßte Volksſchriften über Landwirthſchaft, Religion, vaterländiſche Geſchichte, ſtets von dem na⸗ tionalen Gedanken beſeelt, werden leicht auf meinen Fahrten verbreitet. „Noch mehr wirken meine Predigten. „Unſer Volk iſt für das freie Wort, für die Rede 6 empfänglicher als für die Schrift. Im Staatsleben iſt dies ein großer Vortheil, den wir haben. „Da ziehe ich denn durch das Land und predige meinen Heiden. Heute ſetze ich mich in die Fuhre eines Bauern, morgen in die Butka eines Juden. Da und dort führt mich ein Edelmann, noch öfter gehe ich zu Fuße, wie die Apoſtel den Stecken in der Hand. Eini mal ſtehe ich auf einer Anhöhe und die Andächtigen lagern ſich auf der Erde an den Abhängen, wie be der Bergpredigt des Heilands, ein andermal ſpreche ich auf einem alten Baume vor der Kirche. Es iſt auch ſchon geſchehen, daß ich mit Hunderten von Land leuten auf einem jener rieſigen Floße ſchwamm, welche auf der Weichſel treiben und von einem Holzſtoß herab beim Takte der Ruder predigte. „Aber es iſt ſpät geworden, brechen wir auf.“ Damit ſtand er auf. Seine Geſchichte war zu Ende. Ich hatte ſie ſchweigend angehört und ſchwieg als ſie zu Ende war. Wir gingen durch den Wald, dann am Rande hin, dann durch die Felder. Am Thore des Edelhofes trennten wir uns. Es war eine heiße Nacht, eine jener Nächte, welche die polniſchen Bauern damals zur Robotzeit, bei Tage von ihren Herrſchaften überbürdet, zu den ſogenannten 120 „nächtlichen Ernten“ benützten. Da verſammelten ſie ſich, nachdem der Mandatar des Edelmanns ſie ent⸗ laſſen, Nachts bei Mondlicht und zogen gemeinſchaftlich, eines dem Anderen unter die Arme greifend, von einem Felde zum anderen, das Bild einer alten ſlaviſchen Gemeinde, bis alle Bauern des Dorfes auf dieſe Weiſe ihre Ernte eingebracht hatten. So war es auch dieſe Nacht. Ich ſah von mei⸗ nem Fenſter aus ein Feuer jenſeits der herrſchaftlichen Felder und fragte den Kutſcher, der träge um den Hof ſchlich. „Es iſt die nächtliche Ernte“, ſagte er gleichgiltig, „die Bauern wollen das ſchöne Wetter benützen. Sie arbeiten ſo ſeit einer Woche, Tag und Nacht.“ Ich konnte nicht ſchlafen, kleidete mich an, nahm meine Flinte und ging durch die Felder auf das Feuer zu. Als ich über den ſanften Hügel herabkam, ſah ich im Mondlicht und bei der grellen Beleuchtung des Feuers Hunderte von Landleuten, Weiber, Kinder thä⸗ tig, die Ernte einzubringen, das Korn zu ſchneiden, die Garben zu binden, bei dem Feuer Erdäpfel zu braten und mitten unter den Garben auf dem Erntewagen ſtand der Jeſuit und— predigte. — — S — — — — S — S — — S — — — — — ———————— ——— Das große Galizien hat nur zwei ſtehende Thea⸗ ter, eines in Lemberg und ein zweites in Krakau, alles Uebrige iſt theatraliſche Prairie, offenes und dankbares Feld für fahrende Komödianten, die Zigeu⸗ ner der Kunſt. Ein fliegendes Theater in einer galiziſchen Kreis⸗ ſtadt iſt ein Ereigniß für den ganzen Kreis, deſſen Unterhaltungen in den kleinen, ſchmutzigen, zum großen Theil von Juden— echten, unverfälſchten Kaftanjuden mit fetten Stirnlöckchen— bewohnten Städten ſonſt nur im Stadtklatſch mit oder ohne Tanz und einer Leihbibliothek, auf dem flachen Lande in den pappel⸗ umkränzten Edelhöfen in Kartenſpiel, Jagd, ein wenig Lekture und ein wenig Liebelei beſtehen. Ich war ſeit Wochen zu Beſuche bei einem guten und gelehrten Onkel in Zloczow, einer Kreisſtadt in Oeſterreichiſch⸗Podolien an der ruſſiſchen Grenze, als 124 ein ſolches Ereigniß in Sicht kam und mir in meiner troſtloſen Langweile beinahe auch das Herz ſo freudig dochen machte wie einem echten galiziſchen Kreisſtadt⸗ bewohner. Eine unbeſchreibliche Aufregung bemächtigte ſich unſer Aller und als es endlich hieß: die Schauſpieler ſind da, ſie ziehen eben ein, da konnte ich ebenſowenig wie alle andern Zloczower Schöngeiſter, Roués, Juden und Gaſſenbuben der Neugierde widerſtehen und zog mit dem hellen Haufen höchſt ſeltſamer Kunſtfreunde dem Thespiskarren entgegen.— Es war wirklich ein Karren, auf dem die Muſen und ihre Jünger in der kleinen Kreisſtadt einzogen. Vier magere Bauernpferde waren vorgeſpannt, auf allerhand Kiſten und Bündeln ſaßen vier Damen in ebenſo extravaganten als ſchadhaften Toiletten, die eine dicht verſchleiert, die anderen die frechen geſchmink⸗ ten Geſichter der neugierigen Menge zukehrend. Auch zwei Männer befanden ſich auf dem Karren, von denen der eine eine Allonge auf dem Kopfe und eine grellrothe Schärpe mit verſchoſſenen Goldfranſen um den Leib, mit aller Kraft auf eine große türkiſche Trommel lospaukte.. Die anderen„Künſtler“ gingen theils neben, theils hinter dem Wagen einher, unter ihnen ein gelehrter * * Pudel und ein halberwachſenes Mädchen, das eine italieniſche Arie trillerte. Der Karren hielt endlich vor dem„Gaſthof zur Sonne“, einem elenden ſchmutzigen Judenwirthshauſe, in welchem ſich auch der„große Saal“ befand, in welchem laut Ankündigung des Wirthes die Theater⸗ vorſtellungen ſtattfinden ſollten, zu denen er das„hoch⸗ geehrte Publicum und Militär“ in— aus weiſer Sparſamkeit— ſelbſtgeſchriebenen Anſchlagzetteln„ge⸗ ziemend und ehrfurchtsvoll“ eingeladen hatte. Die fahrenden Komödianten luden unter unge⸗ heurem Lärm und Geſchrei ihre Effecten ab und zogen ſich dann in ihre Gemächer zurück; nur Eine, die dicht Verſchleierte, war ſtill und beſcheiden abgeſtiegen und gleich anfangs im Thorweg verſchwunden. Ihr mit der ganzen Umgebung eigenthümlich contraſtirendes Weſen begann mich zu intereſſiren und ich fragte den Mann mit der Allonge nach ihr. „Es iſt Caſimira, die Tochter unſeres Directors“, ſagte er den Pudel ſtreichend,„eine Hervine, wie Sie noch keine geſehen haben, Sie können es mir auf mein Wort glauben, Gefühl, Gefühl hat ſie, nur leider zu viel Gefühl.“ Er ſeufzte und wendete ſich dann zu einem Gaſſenjungen, der den gelehrten Pudel in den 126 Schwanz gekniffen hatte, um denſelben bei den Ohren zu zauſen.— Am nächſten Vormittag war ein junger Mann bei mir, deſſen Bekanntſchaft ich in Zloczow gemacht hatte, einer jener Enthuſiaſten, wie ſie in kleinen Städten und auf dem Lande noch häufig vorkommen. Er ſchwärmte für die Künſte, beſonders für Poeſie und Theater, hatte den ganzen Schiller auswendig ge⸗ lernt und ließ keine Gelegenheit vorübergehen, ohne Poſa, Carl Moor oder gar den Wallenſtein zu decla⸗ miren. Er hieß Albin Nowakoski und war der Sohn eines kleinen Gutsbeſitzers aus der Umgebung. Plötzlich klopfte es und auf mein„Herein“ ſtand zu unſerer nicht geringen Ueberraſchung der Director der fahrenden Truppe im Zimmer, ein kleiner feiſter Mann mit einem breiten rothen Geſichte, einer kupfe⸗ rigen Naſe und ſchwarzen Büſcheln über den kleinen ſtechenden, gräuen Augen, er trug trotz der Winterkälte weiße Pantalons, eine weiße Weſte und einen alten blauen Frack mit gelben Meſſingknöpfen.* „Habe ich die ſeltene Ehre, Herrn von Krater zu„ ſprechen?“ begann er. „Mein Onkel iſt nicht zu Hauſe“, erwiderte ich, „aber nehmen Sie Platz und ſagen Sie mir, womit wir Ihnen dienen können.“ ———— 5————— 42 Der Director hob ſeinen Frack zierlich auf, ſo etwa wie eine Ballerine ihr Flitterröckchen, und ſetzte ſich auf den Rand des Seſſels.„Sie ſehen in mir einen Unglücklichen, vom Schickſal Verfolgten“, begann er mit einer Miene, die mich und meinen jungen Freund Albin unwiderſtehlich zum Lachen reizte. Der arme Menſch war nämlich wie alle Melan⸗ choliker im Leben, auf den Brettern, welche die Velt bedeuten, Komiker, und hatte während einer mehr als vierzigjährigen Bühnenlaufbahn alle Muskeln ſeines Geſichtes ſo ſehr auf ſeine ſpaßhaften Rollen einge⸗ richtet, daß ſie ihm nicht mehr gehorchen wollten, wenn es galt, Ernſt oder gar Trübſinn auszudrücken, und ſo geſchah es ihm, daß er bei den traurigſten Dingen ſtets die lächerlichſten Geſichter ſchnitt. „Ich war mit meinen Leuten in Rußland drüben und ich geſtehe, es ging uns ſchlecht, wir machten einige Schulden, aber was ſoll der Menſch machen und beſonders der Künſtler, man muß doch leben! Nun, ſehen Sie, da hat man uns unſere Decvrationen und unſere Garderobe gepfändet, auch zwei Wagen und einige Inſtrumente, nur Weniges konnten wir retten. Wie ſollen wir alſo hier vor unſern Gönnern jetzt würdig erſcheinen? Es iſt ſehr traurig.“ Er ſchnitt wieder eine erbärmlich komiſche Grimaſſe. 128 „Und Sie wünſchen alſo—“ fiel Albin ein, den das Schickſal der Schauſpieler nicht wenig rührte. „Ich habe gehört, daß hier in Zloczow ein Sohn des berühmten Verfaſſers des„Mädchen von Marien⸗ burg“*) lebt, Ihr Herr Onkel nämlich“, fuhr der Theaterdirector fort„und da dachte ich ein fühlendes Herz zu finden und an daſſelbe zu äppelliren im Na⸗ men der Kunſt und auch im Namen des Vaterlandes.“ Dabei eine Miene, als ob er ſich über das Alles, was er eben geſagt, von ganzem Herzen luſtig machen würde. „Sie können überzeugt ſein, daß wir Alles thun werden, was in unſeren Kräften ſteht“, erwiderte ich. Albin zog ſeine wohlgefüllte Brieftaſche hervor, ein ſeliges Lächeln überflog das Geſicht des unglückli⸗ chen Directors. Wir hatten uns bald verſtändigt, für den Augen⸗ blick hatte die Noth ein Ende, aber es galt eine Bühne herzuſtellen, Decorationen und Coſtüme. Wir beſchloſ⸗ ſen alſo unſere Bekannten ein wenig in Contribution zu ſetzen. „Was wollen Sie zuerſt geben?“ fragtt Albin *) Seinerzeit ein beliebtes Repertvirſtück der deutſchen Bühne und insbeſondere des Wiener Burgtheaters. — 129 den Theaterdirector, welcher entzückt mit den ihm ein⸗ gehändigten Banknoten ſpielte. „Ich wage den„Sohn der Wildniß“ vorzuſchla⸗ gen“, ſprach zögernd der Director,„wenn die Herren einverſtanden ſind.“ „Gut, geben wir den„Sohn der Wildniß““, rief Albin, der ſich bereits halb als Altckego des Theater⸗ directors fühlte. „Dazu haben wir nämlich die meiſten Eoſtüme gerettet“, ſagte der Director,„nur fehlt uns ein Bären⸗ fell für den Ingomar; beſitzt vielleicht Dero Herr Onkel ein Bärenfell?“ „Leider nein.“ „Es könnte auch etwa ein Wolfsfell ſein“, meinte der Director. „Iſt auch nicht da.“ „Dann geben wir dem Ingomar allenfalls ein Tigerfell“, ſprach der Director nach kurzem Be⸗ ſinnen. „Ein Tigerfell? Was fällt Ihnen ein“, rief Al⸗ bin,„das iſt ja noch viel ſchwerer aufzutreiben!“ „Vergeben Sie“, bemerkte ſanft der Director, „aber nichts leichter herzuſtellen als ein Tigerfell, wenn man einige Praxis S Dazu braucht man nur ein Leintuch.“ Sacher Waſoch, Galiziſche Geſchichten. I. 9 „Ein Leintuch“, wiederholte Albin ſtarr— ſeine IFlluſionen hatten einen bedenklichen Stoß erhalten. „Ein altes Leintuch“, bekräftigte der Director. „Ein Leintuch, und noch dazu ein altes Leintuch“, murmelte Albin,„und damit wollen Sie den In⸗ gomar—“ „Gewiß, unſer Theaterdiener, er heißt Krupek, ein merkwürdiges Univerſalgenie, er iſt nämlich Deco⸗ rationsmaler und Theaterſchneider, ſpielt die Flöte, ſpufflirt und ſpielt auch Rollen in der Art wie:„Die Pferde ſind geſattelt“ oder„Ein Bote brachte dieſen Brief für Euch“, der verſteht es ganz prächtig, aus einem alten Leintuch ein Tigerfell zu machen.— Ja, meine Herren“, fuhr der Theaterdirector, unſer Er⸗ ſtaunen bemerkend, fort,„wir ſind keine gewöhnlichen Komödianten, wir ſind Künſtler.“ Das alte Leintuch wurde alſo meiner Tante auf der Stelle abverlangt und dem Director übergeben, welcher das Tigerfell in spe begeiſtert unter den Arm nahm und uns hierauf zu Lodvisca Sepelinska, einer hübſchen geſchiedenen Frau, folgte, welche in Zloczow als Emancipirte und Schöngeiſtin par excellence galt. Wir wurden ohne alle Umſtände eingelaſſen. Die Dame lag in einem zwar reizenden, aber äußerſt kühnen deshabillé auf einem türkiſchen Dwan 34 und rauchte Cigarren wie ein Huſar. Als wir an ihre Liebe zur Kunſt und zum Theater appellirten, winkte ſie, ohne ſich zu bewegen oder den Mund zu öffnen, Albin, ihr ihre Brieftaſche zu reichen, welche auf ihrem Secretär lag. Sie nahm, noch immer ohne ein Wort zu ſprechen, fünf Banknoten zu zehn Gulden heraus und gab ſie dem Theaterdirector, der vor Rührung nahe daran war, vor ihr in die Knie zu ſinken. Während wir nun über das Repertoir ſprachen, hafteten die Augen des Directors unausgeſetzt an einem großen Teppich von falſchem Hermelinpelz, auf dem die hübſche Frau ihre kleinen Füße ruhen ließ. „Gefällt Ihnen der Teppich?“ fragte plötzlich Lodvisca. „Wie ſollte ich wagen—“ ſtotterte der Theater⸗ director. „Ich bin überzeugt, Sie haben Abſichten auf die⸗ ſen Teppich“, lachte Lodoisca,„nur heraus damit!“ „Ich dachte allerdings an Barbara Radziwil“,*) flüſterte der Director mit einer urkomiſchen Fratze, „Ihr Teppich, gnädige Frau, würde einen herrlichen Ueberwurf für die unglückliche Königin geben oder vielleicht ſogar einen Krönungsmantel—“ ) Eine berühmte polniſche Tragödie. „Nun ſo nehmen Sie ihn“, rief die hübſche reſo⸗ lute Frau,„ich opfere ihn auf dem Altar des Vater⸗ landes!“ Der Director ließ es ſich nicht zweimal ſagen, er rollte den falſchen Hermelinpelz raſch zuſammen und wickelte ihn in das alte Leintuch, unter tiefen Bück⸗ ligen und grotesken Geſichtsverzerrungen dankend. Bei einem wohlhabenden Juden, Zuckerherz, annectirte unſer wackerer Theaterdirector ein paar rothe Vorhänge, bei einem Kreiscommiſſär ein Ritter⸗ ſchwert und zwei prächtige Federbüſche, und zuletzt noch beim lateiniſchen Pfarrer, einem jovialen, feinge⸗ bildeten, alten Polen, ein altes Prieſtergewand und einige hohe Stiefel. Mit dem Hochgefühl eines Cv⸗ lumbus nahm der Edle von uns Abſchied und eilte zurück in ſein Abſteigequartier. Denſelben Abend noch machte ich ihm mit Albin einen Beſuch und wir lernten bei dieſer Gelegenheit die ganze Künſtlergeſellſchaft kennen. Alles war in dem langen niederen Saale des Wirthshauſes„zur Sonne“ in Bewegung, als wir eintraten. Ein jüdiſcher Tiſchler, von zwei Juden⸗ jüngelchen unterſtützt, hatte Balken, Bretter und Lat⸗ ten herbeigeſchleppt und war eben damit beſchäftigt, mit Hilfe des Directors, der in Hemdärmeln wacker 133 Hand anlegte, an dem einen Ende das Podium auf⸗ zurichten, während an dem anderen auf der Diele eine große Leinwand aufgeſpannt war, auf welche Herr Krupek, der Syuffleur, Statiſt, Flötenbläſer, Theaterſchneider und Decprationsmaler in einer Per⸗ ſon, mit kühnem Pinſel aus ſo und ſo viel Farben⸗ töpfen einen Wald hinzauberte. Der Mann in der Allonge, welcher uns als Held der Geſellſchaft vorgeſtellt wurde, ein alter ſteifer Kerl mit rother Naſe und einer ſchmetternden Stimme, war von Krupek ſeit Jahr und Tag in die Mhſterien ſei⸗ ner Malerei leidlich eingeweiht worden und kauerte auf dem Boden über einer Cvuliſſe, welche er mit ſichtlicher Sorgfalt anſtrich. Seitwärts waren ein paar andere Herren der Truppe damit beſchäftigt, Helme aus Pappe und hölzerne Schwerter mit Gold⸗ und Silberpapier zu bekleben, indeß die Damen in der Fenſterniſche Garderobe nähten und die Löcher in den Tricots ſtopften. Alles ſchrie und polterte durch⸗ einander, das kleine Mädchen, das beim Einzuge neben dem Theaterkarren hergelaufen war, ſang mit heller Stimme ihre italieniſche Arie und der gelehrte Pudel bellte uns zornig entgegen. „Ah, meine Herren, meine lieben Herren und Wohlthäter“, ſchrie der Director uns begrüßend,„Sie 134 finden uns ſo recht im vollen Zuge. Morgen ſpielen wir— vergeben Sie, aber wo iſt Caſimira, wo ſteckt das Mädel, ſie ſoll die Herren unterhalten.“ Auf ſeinen Ruf ſtand plötzlich ein junges hochge⸗ wachſenes Mädchen von unbeſchreiblicher, in ihrem jungfräulichen Stolze rührender Schönheit mitten im Saale. Sie trug ein weißes Gewand von einer blen⸗ denden Reinheit, welche in dieſer Umgebung auffallen mußte und das dunkle Haar in prächtigen, von einem gelben Seidenbande gehaltenen Locken. Ihre großen ſchwarzen, ausdrucksvollen Augen begegneten uns mit einer Würde, welche einen Beigeſchmack von Gering⸗ ſchätzung hatte. „Unterhalte die Herren, es ſind liebe Herren“, rief der Director,„dieſelben, die uns mit Wohlthaten überhäuft haben!“ „Rechnen Sie uns das Wenige, was wir gethan haben, nicht ſo hoch an“, ſprach Albin zu dem Mäd⸗ chen gewendet,„es ſetzt uns in Verlegenheit.“ „Glauben Sie ja nicht, daß ich Ihre Handlungs⸗ weiſe überſchätze“, ſagte Caſimira raſch mit einer wunderbaren Stimme, die Jedem an das Herz greifen mußte,„Sie denken Ihren Spaß mit ein paar hung⸗ rigen, leichtfertigen Schauſpielerinnen zu haben, einige Abwechslung in dem monotonen Leben einer Kreis⸗ —————— ——— 135 ſtadt, voilà tout! Ich danke Ihnen weder, noch denke ich daran mich Ihnen erkenntlich zu zeigen. Wenden Sie ſich an dieſe Damen!“ Sie deutete verächtlich auf die beiden geſchminkten Komödiantinnen, welche mit dem Coſtüme Parthenia's beſchäftigt in der Fenſter⸗ niſche ſaßen und uns einladend angrinſten. „Sie irren ſich, mein Fräulein, uns Motive die⸗ ſer Art unterzuſchieben“, ſagte ich,„wir ſind weder blaſirte Ariſtokraten noch Cavallerieofficiere.“ „Sie thun uns Unrecht“, ſtammelte Albin, das ſchöne Mädchen mit ſeinen Blicken verzehrend. „Dann bitte ich Sie um Vergebung“, erwiderte Caſimira, jedem von uns herzlich eine Hand entgegen⸗ ſtreckend,„aber was man beim Theater, beſonders bei einem Theater wie das unſere, erlebt, nöthigt uns ein lebhaftes Mißtrauen gegen jede Art von Enthuſiasmus auf.“ „Da ſehen Sie, meine edlen Mäcene!“ ſchrie auf einmal der Theaterdirector,„iſt das nicht ein Tiger⸗ fell, das ſich gewaſchen hat?“ Er entfaltete mit einer der akademiſchen Tragödie der Franzoſen entlehnten Attitude die von Monſieur Krupek mit gelbbraunen, eigenthümlich mahnenden Flecken überſäete alte Lein⸗ wand vor uns. Wir konnten uns des Lachens nicht erwehren, Caſimira ſtimmte mit jugendlichem Ueber⸗ 136 muth ein und ſo wurde das Meiſterſtück Krupek's der Anlaß, daß wir bald in einen ungezwungenen und fröhlichen Verkehr traten. Albin verliebte ſich an jenem Abend mit all dem Wahnſinn, deſſen nur die Jugend fähig iſt, in die tugendſame Komödiantin, und dieſe zeigte ſich jetzt ebenſo zuvorkommend gegen ihn, als ſie zuerſt ſchroff geweſen. Sein warmes, ſchwärmeriſches, nobles We⸗ ſen ſchien ihr den beſten Eindruck zu machen und beim Fortgehen bekam er von Caſimira einen Blick, welcher ganz verſchieden war von jenem, mit dem ſie von mir Abſchied nahm. Den nächſten Tag kündigten rieſige, von Herrn Krupek in rother Farbe und Tuſch höchſt effectvoll aus⸗ geführte Theaterzettel an den Ecken dem erſtaunten Zloczow die erſte Vorſtellung, den„Sohn der Wild⸗ niß“ an. Schon eine Viertelſtunde vor Beginn war das Auditorium vollkommen gefüllt, der Landadel aus der Nachbarſchaft war zahlreich erſchienen, die Huſarenof⸗ ficiere fehlten ebenſowenig als die Beamten, die reichen Juden und Bürger, die Gallerie, auf der ſonſt bei Tanzunterhaltungen das Orcheſter dudelte, füllten kunſt⸗ ſinnige Barbiere, Mägde und gemeine Soldaten. Hinter den Couliſſen ſpielte ſich eine Komödie S 137 für ſich ab. Der Director, ſeinen Griechenmantel wie eine Cholerabinde um den Bauch gewickelt, ſchoß hin und her, um ſich zu überzeugen, daß Alles in Ord⸗ nung ſei. Caſimira⸗Parthenia in ihrer mit Goldpapier verbrämten Tunica ſchüttelte die ſchwarzen Locken im Geſpräche mit Albin, der ihr ewige Liebe und Treue ſchwor; der Held, das„Tigerfell“ um die Schultern, einen Pappehelm mit Roßhaarbuſch auf dem Haupte, befeuchtete ſeine von den Flammen der Begeiſterung verzehrte Seele mit einem Kruge hellen böhmiſchen Bieres. Jetzt begann das Orcheſter die Ouverture und zwar hinter dem Vorhange. Vier jüdiſche Muſikanten, verſtärkt durch Caſimira, welche auf der Guitarre klimperte, Krupek, der die Flöte blies, den Helden mit einer Handharmonika, und den Director, der die große Trommel ſchlug, ſpielten den Radetzkymarſch in einer Weiſe,„die Steine erweichen, Menſchen raſend machen kann.“ Endlich tönte die Klingel und das kleine Mädchen mit der italieniſchen Arie zog den Vorhang auf. Das Stück begann. Die Aufführung war indeß nicht allein um Vieles beſſer, als man erwartet, ſondern an und für ſich ganz gut. Jeder der Mitwirkenden hatte ſeine Rolle 138 mindeſtens hundertmal und ſtets in derſelben Umge⸗ bung geſpielt, in Folge deſſen klappte Alles, ſo wie es ſelten auf großen deutſchen Stadttheatern der Fall iſt, da die Mitglieder und Novitäten raſch wechſeln und es daher nie zu einem ordentlichen Enſemble und Repertoir kommt. Der Held ſpielte den Ingomar ſehr kräftig, und dort wo es nöthig war, mit einer Zartheit, welche ich ſeiner Trompetenſtimme gar nicht zugetraut hätte. Caſimira verband mit einer überraſchenden Sicher⸗ heit eine herbliche angeborne Schönheit der Bewegung und eine hinreißende Beredſamkeit des Herzens. Alles an ihr und in ihr war Poeſie und ſo kam es, daß, wenn ſie auf der Bühne ſtand, eine Aureole über ih⸗ rem dunklen Lockenhaupt zu ſchweben und Alles um ſie her zu verklären ſchien. Man vergaß Ort und Zeit, man glaubte zuerſt Künſtler eines erſten Theaters ſpielen, glaubte endlich wirkliches Leben ſich entfalten zu ſehen. Der Beifall wollte kein Ende nehmen; am Schluſſe mußte die ſchöne Heldin des Abends immer wieder vor das Publicum treten. Endlich legte ſich die allgemeine Begeiſterung und Alles drängte dem Ausgang zu. Albin, der von ſeinem Sitze aus bleich und bis zur Ertaſe erregt, jede Bewegung, jedes Wort ſeines 89 angebeteten Mädchens belauſcht, eilte jetzt mit mir hinter die Couliſſen. Wir fanden Caſimira von den Huſarenofficieren umringt, welche ihr in ihrer Weiſe mit„famos“ und „feſch, auf Ehre“ huldigten. Ein Rittmeiſter mit ſtattlicher Glatze und ſchnarrender Stimme lud die Künſtler im Namen ſeiner Cameraden zu einem Souper ein. Caſimira lehnte würdevoll ab, aber ihr Vater ſchrie aus der Garderobe herein:„Angenommen, meine Herren, angenommen, gereicht uns zur Ehre, zur höch⸗ ſten Ehre!“ „Aber wir kommen in Verlegenheit, Papa“, er⸗ widerte Caſimira,„die beiden Herren, welche uns ſo viel Gutes gethan, können wir doch nicht, jetzt wo wir reuſſirt haben, im Stiche laſſen, es wäre undank⸗ bar.“ „Die beiden Herren werden ſich anſchließen“, ſchrie der Director.„Sie haben wohl nichts dagegen?“ wendete er ſich— halb noch Grieche, halb ſchon mo⸗ derner Adam— an die Huſaren. Dieſe erklärten ſich einverſtauden, wir tauſchten einige inhaltsloſe Artig⸗ keiten mit ihnen und machten dann unſere Anſtalten zu dem Göttermahle. Der Wirth und ſeine Leute entfernten raſch die Seſſel und Bänke aus dem Zuſeherraum, deckten eine 140 lange Tafel und auf derſelben Stelle, wo vor Kurzem noch die Zloczower ſchöne Welt der Dichtung Halm's gelauſcht, ſaß bald die luſtigſte Bande bei einem im⸗ proviſirten Bacchanal. Der Wein floß in Strömen, die Unterhaltung wurde immer ungebundener, Tvaſte wurden ausgebracht, heitere Geſänge angeſtimmt, hu⸗ moriſtiſche Piecen vorgetragen. Albin ſaß an Caſimira's Seite und hielt ihre Hand in der ſeinen, als einer der Huſaren, ein junger Lieutenant, ſich von ſeinem Seſſel erhob und während das Glas in ſeiner Hand ſchwankte, ziemlich lärmend auf das Wohl der ſchönen Schauſpielerin trank. Der ganze Kreis ſtimmte laut ein. Nun ergriff der Ritt⸗ meiſter mit der ſtattlichen Glatze das Wort. „Ich ſtelle einen Antrag, meine Herren— Came⸗ raden“, begann er mit lallender Zunge,„eine famoſe Idee!“ „Heraus damit!“ riefen Mehrere zugleich. „Meine Herren—“ fing er von vorne an. „Den Antrag— die Idee!“ ſchrien Andere. „Ja, einen Antrag; einen famoſen Antrag“, fuhr er fort, ſich ſelbſt durch ein beinahe kindiſches Lachen unterbrechend,„ich ſtelle den Antrag, daß wir Caſi⸗ mira— mit Rückſicht auf ihre Verdienſte“— er lachte wieder—„und weil ſie ſo nett iſt, ja ſie iſt ſehr 14¹ nett— daß wir ſie zur Göttin ernennen, zur Göttin meine ich der— der...“ „Der Schönheit“, fiel ihm der junge Lieutenant in das Wort. „Und der Liebe“, lallte der Rittmeiſter,„der Liebe, mein Freund, ſo zu ſagen ernennen— zu— zu unſerer Garniſons⸗Venus.“ „Das iſt unverſchämt“, rief Albin, der gleichfalls zu viel getrunken hatte, während die Huſaren dem An⸗ trag des Rittmeiſters ſtürmiſch zuſtimmten. „Was hat er geſagt?“ fragte der Rittmeiſter. „Wer?“ meinte der Lieutenant. „Der junge Menſch“, lallte der Rittmeiſter. „Ich wiederhole, daß Ihr Antrag unverſchämt iſt“, ſchrie Albin. „Oho!“ machte der Rittmeiſter. „Das iſt eine Beleidigung!“ riefen Andere. „Sie haben eine unbeſcholtene Dame beleidigt“, ſprach Albin, der auf den Rittmeiſter zugetreten war, „vergeſſen Sie nicht, daß es keine gewöhnliche Komö⸗ diantin iſt, welche Sie vor ſich haben.“ „Was meinen Sie? Das Mädchen gehört der ganzen Geſellſchaft, wir haben Alle das gleiche ſtammelte der Rittmeiſter. 142 „Sie muß uns jetzt Alle küſſen, Ihnen zum Trotz!“ rief ein anderer Officier. „Ja, küſſen, Alle küſſen!“ brüllte der Lieutenant. „Das wollen wir ſehen“, ſprach Caſimira er⸗ bleichend,„ich verbitte mir dieſe Scherze.“ „Fürchten Sie nichts, ich ſchütze Sie!“ rief Albin. „Niederhauen ſoll man den Kerl“, tobte der Ritt⸗ meiſter,„wo iſt mein Säbel?“ Es war die höchſte Zeit, eine allgemeine Rauferei zu verhindern, als der Director ſeine Tochter bei Seite brachte und ich mich ins Mittel legte. „Ich muß Satisfaction haben“, rief der Ritt⸗ meiſter. „Ich verlange von Ihnen, daß Sie Caſimira Ab⸗ bitte leiſten, oder ſich mit mir ſchlagen“, ſchrie Albin. Endlich legte ſich der Tumult. Auf der Stelle wurde ein Rencontre auf Säbel für den kommenden Tag und dann trenn⸗ ten ſich die Parteien. Ich war mit Albin nur wenige Schritte gegangen, als Caſimira uns einholte; ſie hatte ein weißes Tuch über den Kopf genommen und war in eine abgetragene rothe Sammetjacke geſchlüpft.„Albin, Sie dürfen ſich nicht ſchlagen, ich gebe es nicht zu!“ rief ſie. „Aus welchem Grunde?“ ſagte mein Freund. —— 143 „Weil ich Sie liebe“— ſie warf ſich an ſeine Bruſt und weinte.——— „ Den nächſten Tag fand das Duell dennoch ſtatt. Albin verwundete ſeinen Gegner leicht am Arme, wäh⸗ rend er ſelbſt einen Flachhieb auf den Kopf erhielt und eine Beule davontrug, damit war die unange⸗ nehme Geſchichte beglichen. Als wir Caſimira die Nachricht brachten, hatte ihr Glück keine Grenzen und ſie gab ſich auch keine Mühe, ihre Freude und ihre Leidenſchaft für Albin vor mir zu verbergen. „Was haſt Du mit dem Mädchen vor?“ fragte ich, als wir zuſammen nach Hauſe gingen, meinen Freund. „Wie kannſt Du fragen ein ſo braves Mäd⸗ chen, ich werde ſie heirathen“, entgegnete Albin. „Du denkſt alſo im Ernſte daran, daß eine Schau⸗ ſpielerin, und noch dazu mit ſo entſchiedenem Berufe zum Theater, eine Hausfrau abgeben ſoll und kann?“ Albin blieb mir die Antwort ſchuldig.— Die Geſellſchaft gab noch eine Reihe von Vor⸗ ſtellungen in unſerer Kreisſtadt, dann war ſie plötzlich davongezogen und mit ihr zugleich war Albin ver⸗ ſchwunden. Einige Wochen ſpäter bekam ich in Wien einen Brief von ihm, in dem er mir anzeigte, daß Caſimira ſeine Frau geworden und daß er ſich gleich⸗ 144 falls der Bühne gewidmet habe, zu der es ihn lange ſchon hingezogen. Er hatte bereits den Don Carlos, Carl Moor, Ingomar und Mazeppa mit vielem Er⸗ folg geſpielt. Jahre vergingen dann, ohne daß ich von ihm oder Caſimira etwas hörte, da fiel mir unlängſt zu⸗ fällig eine polniſche Zeitung in die Hand, aus der ich zu meiner nicht geringen Ueberraſchung erfuhr, daß beide gegenwärtig zu den gefeiertſten dramatiſchen Künſtlern ihres Vaterlandes gehören. Der verwandelte Pfarrer. Sacher-Maſoch, Galiziſche Geſchichten. I. In einem Dorfe des Kreiſes von S., das dem Grafen M. gehörte, war durch Protection der Gräfin ein junger Prieſter Namens Lis als Pfarrer eingeſetzt worden. Derſelbe war früher Hofmeiſter im gräflichen Hauſe und zugleich der erklärte Günſtling der nicht mehr jungen aber noch immer lebensluſtigen Gräfin Amina geweſen. Der galante Pfarrer ſuchte ſich in ſeiner Ver⸗ bannung, während ſich die Gräfin in der Reſidenz von einem hübſchen Dragoneroffizier den Hof machen ließ, ſo gut es ging durch kleine Abenteuer mit den Edel⸗ frauen der Nachbarſchaft und den hübſchen Bäuerinnen ſeines Sprengels zu tröſten. Er ſtand bald in der ganzen Gegend in dem Rufe, ſein heiliges Amt zu mißbrauchen und Frauen und Mädchen in unerlaubter Weiſe zu verfolgen. Eines Tages kam ein junges reiches Bauernweib zu ihm, das weithin als eine außerordentlich? Schön⸗ 10* 148 heit bekannt war. Sie hieß Anaſtaſia Korſuk, war erſt 23 Jahre alt und noch nicht ganz vier Jahre verheirathet. Der Pfarrer befand ſich in dem Augenblicke allein in ſeinem Arbeitszimmer und war bei einer Pfeife vorzüglichen türkiſchen Tabaks mit der Lectüre eines franzöſiſchen Romans beſchäftigt, er war aufs Höchſte erſtaunt, ja verwirrt, als das ſchöne, junge Weib, deſſen ſeltene Reize durch die maleriſche kleinruſſiſche Tracht nicht wenig gehoben wurden, unerwartet vor ihm ſtand. Ihr edles, beinahe ſtrenges Haupt mit dem ſanf⸗ ten Munde und den milden braunen Augen von hell⸗ braunem Haare eingerahmt, bekam durch das blaue Kopftuch etwas Madonnenhaftes, während die hohe kräftige Geſtalt in den gelben Saffianſtiefeln, dem bun⸗ ten, nur bis an die Knöchel reichenden Rocke, dem rothen Tuchmieder, dem weißen geſtickten Hemde, das die klaſſiſchen Formen der Bruſt mehr hob als ver⸗ hüllte, und der langen offenen Sukmane aus hellblauem Tuche, einen vrientaliſch⸗phantaſtiſchen und zugleich majeſtätiſchen Character bekam. Drei Reihen großer rother Korallen mit blitzenden Goldmünzen gemiſcht, vollendeten, um den Hals ge⸗ ſchlungen, die Toilette Anaſtaſia's, welche an der Thür 1 49 ſtehen blieb und die liebreizenden dunklen Augen be ſcheiden zu Boden ſchlug. Der Pfarrer hatte ſich raſch gefaßt, ging ihr entgegen und fragte ſie mit ganz beſonderer Freundlich⸗ keit nach ihrem Begehren. Wie alle galiziſchen Bauernweiber in ſolchem Falle, wiſchte Anaſtaſia zuerſt ihre Augen ab, aber ſie weinte nicht, es war nur eine althergebrachte Form, welche ſie erfüllte, dann klagte ſie dem Seelenhirten ihr Leid. Ihr Mann, dem ſie von Herzen zugethan war und eine bedeutende Mitgift gebracht, hatte ſich ſeit der Geburt ihres erſten Kindes immer mehr als Säufer und Faullenzer entpuppt, er vernachläſſigte Weib und Wirthſchaft, verſpielte, was der treffliche Boden ohne Fleiß und ohne ſeine Beihilfe beinahe von ſelbſt gab, und wenn ſeine Frau ihm Vorſtellungen zu machen wagte, drohte er ihr mit dem Stocke, ja er hätte ſie längſt blutig geſchlagen, wenn ihn ihre Kraft und Un⸗ erſchrockenheit nicht eingeſchüchtert hätten. Der Rath des galanten Pfarrers ging dahin, ſich das Benehmen des Mannes nicht zu ſehr zu Her⸗ zen zu nehmen. „Ich werde mit ihm ſprechen“, ſchloß er ſeinen Sermon,„ihm tüchtig ins Gewiſſen reden, aber ich 150 ſage Euch im voraus, es wird nicht viel helfen. Das Rechte iſt, Ihr lacht über ſeine Unarten, ſtatt Euch die ſchönen Augen voll zu weinen. Ihr habt wirklich ſehr ſchöne Augen, Anaſtaſia, ſehr ſchöne Augen.“ Die junge Frau ſah verwirrt vor ſich nieder. „Es giebt ja noch andere Männer auf der Welt, beſſere Männer“, fuhr der liebenswürdige Seelenhirt fort,„Männer, welche ein reizendes Frauchen, wie Ihr ſeid, zu ſchätzen wiſſen und ihr Freude zu bereiten verſtehen mit allerlei hübſchen Sachen, und nicht ſolche Kränkung. Wenn ich an Eurer Stelle wäre, Anaſta⸗ ſia, ich nähme mir einen hübſchen Jungen aus dem Dorf zum Schatz oder, wenn Euer Sinn höher hinaus⸗ fliegt, es giebt Herren von Stand, feine Herren, die ſich glücklich nennen würden, wenn ſie Euch beſitzen könnten, Anaſtaſia.“ „Aber die Religion verbietet uns doch“, warf die ſchöne Bäuerin ſchüchtern ein. „Das muß ich beſſer verſtehen“, rief der Pfarrer. „Aber ich— ich möchte doch bitten—“, ſtam⸗ melte Anaſtaſia, während ſie mit der Hand verlegen über ihre Sukmane ſtrich,„wenn Hochwürden, unſer Herr Wohlthäter, mit meinem Manne ſprechen woll⸗ ten.“ „Das ſoll geſchehen“, nickte der Pfarrer. 45 Die arme, bedrängte Frau küßte ihn hierauf, der Volksſitte gemäß auf die Schulter, während ſeine Lip⸗ pen ihre reine Stirn berührten, ſie ſchrak zuſammen, wurde blutroth und eilte davon, ein geſcheuchtes Reh. Einige Tage verſtrichen, dann ſtand der Pfarrer unerwartet in Anaſtaſia's Stube, ſie ſaß an der Wiege ihres Kindes, die Spindel in der Hand und ſchaute ihn überraſcht an. „Nun, wo iſt Euer Mann?“ begann Pater Lis. „Wo ſoll er ſein, Hochwürden“, entgegnete Ana⸗ ſtaſia kleinlaut,„in der Schänke beim Juden.“ „Der Schlingel, der Taugenichts“, ſchrie der Pfarrer,„wie hab' ich ihn ermahnt und wie hat er Reue und Leid erweckt und was hat er mir Alles verſprochen, ein ganz unverbeſſerlicher Menſch das.“ Die junge Frau ſeußzte. „Und Ihr? Habt Ihr Euch getröſtet?“ fuhr der Pfarrer fort, indem er ſich zu ihr ſetzte und ſie ohne Umſchweife um den Leib nahm. „Wie ſollte ich?“ murmelte ſie. „Wie? mit einem Andern, der Euch gefällt“, flüſterte Pater Lis,„wenn ich ſo begünſtigt wäre von Gott, an der Stelle Eures Mannes zu ſein, ich würde zu Euren Füßen liegen wie ein Lamm, Anaſtaſia.“ „Es iſt einmal ſo, wie es iſt“, ſagte die Bäuerin. 152 „Ihr könnt es ändern, ſobald Ihr nur wollt, ſagt mir nur, daß es Euch recht iſt, wenn ich Euch tröſte, Euch beſuche“, ſprach der Pfarrer,„ich finde Euch wirklich ſchön, Anaſtaſia, ich könnte bei Euch ver⸗ geſſen, daß ich Prieſter bin.“ „Das ſollt Ihr aber nicht vergeſſen“, ſagte ſie abwehrend. „Seid Ihr ſtolz?“ „Nicht ſtolz, aber was Ihr von mir verlangt, wäre eine große Sünde.“ „Habe ich nicht die Macht, ſie Euch nachzuſehen“, flüſterte der Pfarrer, zugleich umſchlang er das ſchöne Weib und preßte einen leidenſchaftlichen Kuß auf ihre halbentblößten Schultern. Anaſtaſia, flammend vor Zorn und Empörung, richtete ſie ſich gleich einer beleidigten Monarchin auf und ſtieß den Verſucher mit aller Kraft von ſich, er taumelte und lag jetzt zu ihren Füßen, ihre herrlichen Hüften lüſtern umſchlingend. „Fort!“ herrſchte ſie ihm zu und als er nicht ge⸗ horchte, rief ſie ihre Leute. Der verliebte Prieſter blieb einen Augenblick, das Antlitz zur Erde vor ihr liegen, dann erhob er ſich raſch und floh. Der Widerſtand des ſchönen Weibes hatte ſeine 153 Leidenſchaft auf's Höchſte entflammt, ſo etwas war ihm bei den blaſirten koketten Frauen der polniſchen Ariſtokratie freilich nie begegnet, jetzt war er entſchloſ⸗ ſen, Anaſtaſia um jeden Preis zu beſitzen. Ihr liederlicher Mann lag Tag und Nacht mit ein Paar Urlaubern in der Schänke, ſoff und ſpielte Karten. Gewöhnlich kam dann ſeine Frau und holte ihn, ſeine Genoſſen verſpotteten ihn zwar deshalb, aber die Macht des prächtigen Weibes über ihn war ſo groß, daß er ihr doch jedesmal folgte. So war es auch heute. Anaſtaſia trat ein, als die wilde Geſellſchaft am luſtigſten war, ſie hatte zum Schutz gegen die Winter⸗ kälte— es war im December— eine zottige Bundas) aus Kameelhaaren angezogen und hielt den Kant⸗ ſchuk“*) in der Hand. Unerwartet legte ſie ihre Hand auf die Schulter ihres Mannes. „Es iſt jetzt Zeit, nach Hauſe zu gehen“, ſprach ſie. „Aha!“ rief einer der betrunkenen Geſellen,„die ſtrenge Herrin iſt da, da heißt es gehorchen, tummle Dich, ſonſt ſetzt es Hiebe, ſiehſt Du nicht den Kant⸗ ſchuk?“ *) Aermelmantel mit Kapuze. **) Lange Peitſche mit kurzem Stiel. 154 „Nur noch ein Spielchen, Anaſtaſia“, erwiderte ihr Mann zärtlich. „Nichts da!“ rief ſie, warf die Karten zuſammen und riß ihn empor. Die Andern lachten, aber auch ſie hatten nicht den Muth, dem ſchönen reſoluten Weibe mit einer ihrer gewöhnlichen Rohheiten zu er⸗ widern. Anaſtaſia nahm ihren bedenklich hin⸗ und her⸗ ſchwankenden Mann feſt unter den Arm und führte ihn, die Anderen folgten ein Schelmenlied anſtimmend: „Ich geh' nicht heim, ich geh' nicht heim, Zu Hauſe ſetzt es Prügel..“ Vor dem von einem niederen Zaun eingefriede⸗ ten ſtrohgedeckten Hauſe Anaſtaſia's angelangt, ver⸗ abſchiedeten ſich die ſämmtlich ſtark angetrunkenen Ge⸗ noſſen ihres Mannes mit allerhand Späßen und ent⸗ fernten ſich langſam; ſie waren aber nur wenige Schritte gegangen, als heftiges Hundegebell und die Stimme Anaſtaſia's ſie zurückriefen. „Ein Bär, ein Bär“, ſchrie in dieſem Augenblicke ihr Mann auf. Wirklich ſtand ein großer brauner Bär hinter dem Zaun und brummte heftig. Der junge weiße Wolfshund, der Nachts von der Kette losgelaſſen wurde, zog ſich ſcheu mit unheimlichem 455 Gewinſel zu den Füßen Anaſtaſia's zurück, während die Männer ſich ängſtlich, gleich Schafen, wenn der Wolf naht, zuſammendrängten. Als der Bär Miene machte herüberzuklettern, flohen die Helden ſich überſtürzend alle in das Haus, er⸗ kletterten den Dachboden und ſtürzten die Leiter um. Der Hund verkroch ſich zitternd unter dem Herd. So blieb Anaſtaſia allein, das muthige Weib verlor indeß keinen Augenblick die Geiſtesgegenwart, ſie ſchloß raſch die Thüre, eilte in die Stube, ergriff eine Stange und ſtellte ſich vor die Wiege, um im Nothfalle ihr Kind mit ihrem Leibe zu decken. Sie hörte zu ihrem größten Erſtaunen jetzt leiſe die Thür öffnen und wieder ſchließen, ſachte kamen ſchwere Tritte näher und näher und endlich ſtand der Bär in der Stube. Anaſtaſia bekreuzte ſich und hob dann entſchloſſen die Stange zur Abwehr. „Aber Anaſtaſia, kennt Ihr mich denn nicht?“ begann der Bär zärtlich. Das entſetzte Weib blickte ſprachlos auf das Thier. „Ich bin es, ich bin der Bär“, flüſterte eine be⸗ kannte Stimme. 156 Es war der verliebte Pfarrer, welcher dieſe ſon⸗ derbare, bei den galiziſchen Bauern beliebte Maske gewählt hatte, um bei ihr einzudringen. „Ihr ſeid es“, ſagte Anaſtaſia,„warum erſchreckt Ihr mich ſo?“ „Um Euch dann umſomehr zu erfreuen“, entgeg⸗ nete der Pfarrer. „Was iſt das“, ſagte oben einer der Urlauber, „hörſt Du nicht, der Bär iſt in der Stube und ſpricht mit Anaſtaſia.“ Plötzlich zuckte ein muthwilliger Einfall gleich ei⸗ nem Lächeln um Anaſtaſia's rothen Mund. Der Bär hatte ſich ihr genähert und begann zärtlich zu werden. „Verdiene ich nicht für ſo viel Liebe belohnt zu werden?“ flüſterte er. „Geduldet Euch nur einen Augenblick, dann ſollt Ihr ganz nach Verdienſt belohnt werden.“ Sie ging hierauf aus der Kammer, verſchloß die Thür derſelben und rief die Männer herbei. „Ihr elende Memmen, es iſt keine Gefahr, kommt herab, Haſenfüße.“ Zugleich ſtellte ſie die Leiter an. Als ihr Mann mit ſeinen heldenmüthigen Genoſ⸗ ſen herabgekommen war, erklärte ſie ihnen mit weni⸗ gen Worten die Verfolgungen und die Anträge des Pfarrers und ſchloß damit, daß der Teufel ihn vffen⸗ bar zur Strafe für ſeine ſündige Leidenſchaft in einen Bären verwandelt habe. „Gott ſteh' uns bei“, murmelte ihr Mann, ſich bekreuzigend. „An uns iſt es nun, ihn zu züchtigen, und auf dieſe Weiſe zu erlöſen“, ſagte Anaſtaſia. „Aber beißt er nicht?“ fragte ihr Mann. Das junge muthwillige Weib begann zu lachen, „Dummkopf“, ſagte ſie,„es iſt ja kein Bär, es iſt der Pſarrer ſelbſt, der mich verführen wollte.“ „Nun dann warte, Du Heuchler“, rief ihr Mann. „Thut, wie ich es Euch heiße“, gebot Anaſtaſia, „Du laufe zur Kirche, läute Sturm und rufe die Ge⸗ meinde hieher, ſie ſoll auf der Stelle Gericht halten über ihn, und ihr andern helft mir, daß wir uns ſei⸗ ner bemächtigen.“ Von den Freunden ihres Mannes gefolgt, kehrte Anaſtaſia in die Stube zurück. „Seht da unſern armen Pfarrer“, rief ſie,„der, um ſeine Sünden abzubüßen, in ein ſo garſtiges Un⸗ thier verwandelt wurde. Helft mir ihn erlöſen. Gebt Stricke her, daß wir ihn feſſeln.“ Vergebens ſtieß der Bär ein zorniges Brummen aus, vergebens begann er, als ihm dies nichts half, zuerſt zu drohen, dann zu flehen, die Männer faßten ihn bei Händen und Füßen 158 und Anaſtaſia legte ihm die Schlinge feſt um den Hals, ſo daß ihn dieſelbe bei jeder heftigen Bewegung zu er⸗ würgen drohte. Schon tönte die Sturmglocke, bald war die Ge⸗ meinde vor dem Hauſe verſammelt und bildete einen großen Kreis, in den der Pfarrer von Anaſtaſia am Stricke hineingezerrt wurde. „Seht hier unſern armen Herrn Pfarrer“, be⸗ gann Anaſtaſia,„der mich mit ſündhaften Anträgen verfolgt hat, und dafür in einen Bären verwandelt wurde.“ Die Verſammlung brach in ein lautes Gelächter aus, denn Alle kannten bereits den wahren Sach⸗ verhalt. „Ich verlange von der gromadas) ein Gericht über ihn, und eine tüchtige, zeitliche Strafe“, fuhr die Klägerin fort,„um auf dieſe Weiſe ſeine Seele vor den ewigen Strafen zu retten.“ „Du biſt ein kluges Weib, Anaſtaſia“, erwiderte der Richter, ein ehrwürdiger Greis mit weißen Locken, „ſag' ſelbſt, was mit ihm geſchehen ſoll.“ „Nun, dann will ich auf ihm durch das ganze Dorf reiten wie auf einem Pferde“, rief ſie nach kur⸗ zem Befinnen,„während ihn die andern Frauen, die *) Bauerngemeinde. 459 er verſucht hat, gehörig antreiben, und in der Kirche ſoll er in die Kufe mit Weihwaſſer getaucht werden und darin bleiben bis zum Morgen, dann hoffe ich, wird er ſeine menſchliche Geſtalt von Gott zurücker⸗ halten.“ „Ja, ja“, riefen hundert Stimmen zugleich,„ſo ſoll es geſchehen.“ Im Nu war der in einen Bären verwandelte Pfarrer zu Boden geriſſen, das ſchöne, kräftige Weib ſchwang ſich auf ſeinen Rücken und lenkte ihn mit dem Stricke, wie mit einem Zügel, während die andern Frauen auf ihn losprügelten, und die Männer unter wildem Geſchrei mit brennenden Kienfackeln die ſeltſame Scene beleuchteten. 6 So ſetzte ſich der Zug in Bewegung und jedes⸗ mal, wenn der arme Sünder unter ſeiner ſchönen Laſt keuchend zuſammenbrach, ermunterte ihn ſeine Reiterin unter höhniſchem Gelächter durch Fußtritte und Alt und Jung ſchlug mit Kantſchuks und Stöcken auf ihn los, bis er ſich wieder erhob und langſam vorwärts trabte. Auf dieſe Weiſe hatte das Bauern⸗ gericht*) ſein Opfer endlich bis zur Kirche getrieben, *) Der Mangel jeder Juſtiz, die Verhöhnung alles Rechtes unter dem polniſchen Regimente haben die der amerikaniſchen Lynchjuſtiz analogen Bauerngerichte in Galizien wachgerufen, 160 nun ergriffen vier ſtarke Männer den bereits mehr todten als lebendigen Bären, hoben ihn auf und Alles drängte ihnen nach in das Gotteshaus. Hier wurde der in ſeiner Verzweiflung um Hilfe ſchreiende Pfarrer in die Weihwaſſerkufe geworfen und der Deckel feſt geſchloſſen. Dann zerſtreute ſich die Menge unter rohen aber geſunden Späßen. Erſt am Morgen wurde der unglückliche Pfarrer von dem Kirchendiener befreit. Er lag mehrere Tage von einem heftigen Fieber geſchüttelt im Bett. Als er ſich erholt hatte, und das erſtemal ausging, wollte es der Zufall, daß er dem ſchönen Weib, das ihn ſo grauſam geſtraft, begegnete. Sie lachte von Weitem ſchyn. „Gott wird es mir lohnen, hoffe ich“, ſagte ſie ſpöttiſch die Lippen kräuſelnd,„was ich an Ihnen Hochwürden, unſerm theuern Herrn Wohlthäter, gethan. Ich habe Ihnen die menſchliche Geſtalt zurückgegeben und Ihre Seele gerettet, und ich denke, es wird nun der ſchleppende Gang öſterreichiſcher Juſtiz dagegen dieſelben bis heute in Wirkſamkeit erhalten. Ueberall wo ſich Geſetz und Gerichte machtlos oder ungenügend erweiſen, greift das kleinruſſiſche Landvolk in dieſer Weiſe zur Selbſthülfe Die Gemeinde als ſolche ladet die Schuldigen vor, hält über ſie Gericht, verurtheilt ſie und vollzieht auf der Stelle die Strafe, wobei häufig genug der geſunde Volkshumor zu ſeinem Rechte gelangt. 16¹ nicht mehr vorkommen, daß ein Prieſter zu einem Thiere wird.“ Der Pfarrer ſenkte beſchämt den Blick und ſchwieg. Die Geſchichte wurde aber bald in weitern Krei⸗ ſen bekannt und der Held derſelben in nicht langer Zeit in eine andere Diözeſe verſetzt. — Sacher-Maſoch, Galiziſche Geſchichten. I. 11 Das Erntefeſt. 1 Ringsum klingt die Senſe, die Sichel; Lieder bald fröhlich wie Lerchen, bald trauernd ſehnſuchtsvoll wie Nachtigallen ſteigen aus der Ebene empor. Die Ernte iſt im vollen Zuge. Die weite podoliſche Fläche wogt im leichten Sommerwinde, ein gelbes Meer, Hügel an Hügel ſcheinen ſich wie große Wogen zu heben und wieder zu ſenken, auf einzelnen kleinen In⸗ ſeln wimmelt es von Schnittern wie von kleinen ſchwarzen Inſekten. Um mich, oder eigentlich um den vſtgaliziſchen Edelhof, in dem ich vor einer Woche etwa vom Pferde geſtiegen und bis heute ein Gefangener ruſſiſcher Gaſt⸗ freundſchaft bin, dehnt ſich ein Stück dieſer unendli⸗ chen Ebene, das hat ſeine Korn⸗ und Weizenwellen in rieſigen Garben zuſammen gebunden. Zu dreien an einander gelehnt ſtehen ſie weithin in langen Reihen, gleich Zelten eines ausgedehnten Lagers nur am Ho⸗ 166 rizonte von einem kleinen Wäldchen, das wie ein dunk⸗ ler Gartenzaun daſteht, und von dem Dorfe Turowa begrenzt, deſſen niedere, von Strohdächern tief über⸗ hangene Hütten mit einzelnen emporragenden Stangen man von weitem für längliche Heuſchober halten könnte. Der Edelhof, ein lang geſtrecktes, ebenerdiges Ge⸗ bäude, ſteht mit ſeinen Ställen, Schuppen, Scheuern auf einem Hügel. Ein Fußpfad führt zwiſchen Fel⸗ dern, die nur noch dürre Stoppeln zeigen, in Krüm⸗ mungen gegen das Dorf hinab. An ihm lehnt ein flacher kahler Erdaufwurf, das Volk nennt ihn den Tartarenhügel, und jenſeits deſſelben ſteht das Korn⸗ feld, von dem aus die Lieder der Schnitter herüber tönen, dann noch eins, und noch eins. Ich nehme meine Flinte und trete aus dem Hauſe. Da ſitzt auf der Veranda der Herr des Edel⸗ hofes, mein Wirth Waſyl Lesnowicz. Ein wür⸗ diger Mann, nicht eben klein, knochig, mit ſtarker Stirne, unverwüſtetem, weißem Haare, langem Schnurr⸗ bart, feſter Naſe und dickem Kinn. Die blauen Augen 5 unter den ſtruppigen Augenbraunen wie verborgene Flämmchen lebhaft und feurig. „Gehen Sie nicht zu weit vom Hauſe, Bruder“, ſagte er bedächtig,„die Bauern werden heute mit der S — 167 Einte fertig, dann feiern wir heute Abend noch das Erntefeſt, ja ſie kommen Alle herauf, das ganze Dorf, das Volk hat ſo ein Attachement an unſer eins, weil man zu ihm gehört, drüben bei dem polniſchen Nachbar, da kommt Niemand mehr zum Erntefeſt als die bezahlten Schnitter.“ Herr Waſyl war nämlich ſtolz auf das Anſehen, das er beim Landvolk genoß. Seine Familie war wie alle adeligen Geſchlechter Oſtgaliziens ruſſiſcher Abkunft, hatte unter polniſcher Herrſchaft polniſche Sprache und Geſinnung angenom⸗ men, aber den griechiſchen Ritus bewahrt. Herr Wa⸗ ſyl hatte ſeine Bauern nie ſchlecht behandelt, aber vor dem Jahre 1848 die Herſtellung Polens als politiſche Nothwendigkeit angeſehen. Als in jenem Jahre der Bauer ſeine Freiheit erlangte und die ruſſiſche Natio⸗ nalität in Galizien zu neuem Leben erwachte, da be⸗ gann auch Herr Waſyl ruſſiſche Zeitungen zu halten, ruſſiſche Bücher zu kaufen, ſeinen Töchtern Jacken nach ruſſiſchem Schnitte machen zu laſſen, mit den Polen franzöſiſch zu ſprechen, in der Unterredung mit Bauern ſtets Phraſen wie:„wir Brüder“,„wir Landsleute“, fallen zu laſſen und jedem mit einem„bleibt geſund!“ zu grüßen. Ich ſagte, ich wolle eben nur auf das Feld zu 168 den Schnittern gehen, nahm Abſchied und ſchritt gegen das Dorf. Auf dem Fußpfad kam mir eine ſchlanke Bäuerin entgegen, den Kopf phantaſtiſch mit einem bunten Tuche wie mit einem Turban umwunden, ſie ging mit einem „Gelobt ſei Jeſus Chriſtus“, geſenkten Blickes an mir vorüber. Da lag nun das Kornfeld, das unter den kräfti⸗ gen Armen der Schnitter raſch zu Boden ſank. Behende arbeiteten die jungen Burſchen in weiten grobleinenen Beinkleidern und Hemden, mit bloßen Füßen, Armen und bloßem braunem Halſe, einen breitkrämpigen Strohhut auf dem Kopfe. Die Mädchen in kurzen bunten Röcken, ploderndem Hemde, den rothen oder gelben Tüchern auf dem Kopfe, tauchten beim Schneiden wie große Mohnblumen auf und ab. Zur Seite ſtand ein großer Krug Waſſer mit einem angeſchnittenen Laibe ſchwarzen Brodes als Deckel. Seitwärts richteten mit echt ruſſiſchem Ernſte einige Bauern die Garben und ſtellten ſie ſchief zu⸗ ſammen, wie man Gewehre in Phramiden ſtellt, da⸗ mit der Regen abrinnen kann. Buben verſteckten ſich zwiſchen denſelben, Einer rief:„ich bin ein Bär! Das iſt meine Höhle!“ So⸗ fort liefen die andern herbei, ſuchten ihn mit Weiden⸗ — — — — 169 ruthen heraus zu treiben, und ſchrieen ſich heiſer, bis ein Garbenbündel umſank, das nächſte niederwarf und ſo eine ganze Reihe wie Kartenhäuſer zuſammenfielen. Eine kräftige Stimme tönte herüber, jetzt richteten ſie die Garben raſch auf, legten ſich halb nackt in den warmen Sand des Weges und horchten zu, wie einer ein Märchen erzählte. Seitwärts ſtand eine Schnitterin, ein junges Weib. Die ſtaubigen Füße, die ſchlanke Hüfte, die volle Bruſt beſonders wohlgebildet. Das Haar in einem großen Kranz um den feinen Kopf mit ſeelenvollem blauem Aug' und der feinen ſanftgebogenen Naſe. Sie wiſchte den Schweiß mit dem weiten Hemdärmel von Stirne und Wange, ſteckte die Sichel rückwärts in das Schür⸗ zenband und hockte ſich in das Korn. Da lag ihr Kind. Sie nahm es an die Bruſt, ſetzte ſich unter den Weißdornſtrauch, wo er den vollſten Schatten gab und ſprach zu ihm ſüße Worte wie Küße, zärtliche Dimi⸗ nutive, wie ſie keine andere Sprache beſitzt, halb ſing⸗ end, halb zwitſchernd, ſo daß ein neugieriges Roth⸗ kehlchen aufmerkſam wurde, geflogen kam und von dem oberſten Aſte des Weißdornes mit den klügſten ſchwar⸗ zen Augen ernſthaft zuſah. 170 Alle hatten mich begrüßt und dann etwas gemuſ⸗ tert. Jetzt kam über den Weg herüber ein alter Bauer. Ihm gehörte das nächſte Feld, er beaufſichtigte ſeine Leute bei der Arbeit, hatte mich geſehen und kam, mit jener unſerem ruſſiſchen Bauer angeborenen guten Art, mir Geſellſchaft zu leiſten. Auf zehn Schritte weit zog er den Hut ab und wünſchte mir und meinen Enkeln und Enkelskindern ein ungemeſſenes Wohler⸗ gehen. Als er den Hut abhatte, war ſein Geſicht mit dem energiſchen Schnitte, dem wehmüthigen Munde von einem weißen Schnurrbart eingefaßt, der gewölbten Stirne zur Hälfte von dem abgeſchnittenen grauen Haar bedeckt, zugleich ſchön und ſympathiſch. Er hatte einen kotzengroben, zottigen Rock an, mit Kapuze rück⸗ wärts, grau, an den Näthen mit blauen Schnüren be⸗ ſetzt, einen Rock, den die Reiter Dſchingis Chans ge⸗ tragen haben mögen und den der galiziſche Bauer als ein Erbſtück der Tartarenzeiten in ſeiner Tracht be⸗ wahrt. Wir gingen zwiſchen den Garben auf und ab, ſprachen von der Ernte, und kamen allmälig bis zu dem Tartarenhügel, welcher gegen die untergehende Sonne wie ein ſchwarzer Sarg ſtand. Ich legte meine Flinte an ſeinem Abhange nieder und ſetzte mich in den Schatten. Der Bauer bedachte ſich einen Augen⸗ 171 blick, blickte umher, dann ſetzte er ſich in einiger Ent⸗ fernung gleichfalls nieder. Je weniger ich ſprach, um ſo mehr bemühte ſich der alte Mann mich zu unterhalten. „Heute werden wir fertig“, ſagte er,„die Leute vom Hofe auch, dann halten wir zuſammen das Ernte⸗ feſt.“ „Ihr ſeid alſo in einem guten Verhältniß zu Euerem früheren Gutsherrn?“ bemerkte ich. „Und warum nicht!“ erwiderte der Bauer;„er gehört zu uns, er iſt ein Ruſſe ſo wie wir. Mit den pol⸗ niſchen Gutsherrn iſt es anders. Das iſt eine alte Feindſchaft, die Volkslieder wiſſen davon zu erzählen. Herr Lesnowicz dagegen iſt, um es recht zu ſagen, mit uns wie ein Bruder mit Brüdern. Er hat uns geholfen die Schule bauen, er hat uns auch einen ſtreitigen Wald gegeben, wir werden ihn alſo zum Deputirten wählen.“ „Ihr habt hier eine gute Schule und was ich von der Wirthſchaft ſehe, iſt auch beſſer als ſonſt bei uns in Galizien.“ „Ich bitte Sie“, fiel der Bauer lebhaft ein,„es iſt hier ziemlich, aber wenn es irgendwo ſchlechter iſt, darf man darüber erſtaunen? In manchen Büchern ſteht es zu leſen, daß der Bauer hier zu Lande träge 2 iſt, ein ſchlechter Arbeiter aber ein ordentlicher Säufer und Dummkopf, der Kirchenſänger hat uns einmal ſo etwas vorgeleſen. Nun Gott ſei Dank, iſt das nicht wahr. Aber dürfte man erſtaunen, wenn es ſo wäre? Bedenken Sie doch, gnädiger Herr, wie das ſo bei uns war. Da waren wir unter dem polniſchen Reiche, wie lange iſt das her, waren zu nichts anderem gut, als dem Edelmann das Feld zu beſtellen wie Rind und Pferd; nur wenn ihm ſein Nachbar ein Pferd tödtete, mußte er Strafe zahlen und wenn er ihm einen Bauer tödtete, oft nicht. Alſo ſollte der Bauer ein Land lieben und mit Eifer bebauen, auf dem er wie ein Fremder, wie ein Thier gehalten war? „Dann kamen wir zu Oeſterreich, da wurde es gleich beſſer. Der Bauer war jetzt ein Menſch wie jeder andere, aber der Grund blieb dem Edelherrn und der Bauer mußte ihm die Robot leiſten. „Der große Kaiſer Joſeph“— der Bauer nahm den Hut ab und ſetzte ihn wieder auf—„hat uns ein Patent gegeben, das ſagte deutlich, ſo viel Tage der Woche ſoll der Bauer für den Gutsherrn arbeiten und ſo viel für ſich. Es war gerecht für beide Theile. Aber die Edelleute wollten keine Gerechtigkeit und ver⸗ ſtanden das Patent zu umgehen. Wie, werde ich Ihnen gleich ſagen. 173 „Uns ſind die Kinder an's Herz gewachſen und ſchwer trennt ſich der Vater von dem Sohn. Nun nehmen wir an, ein Bauer hatte 30 Joch, die ihn gut rnährten und hatte davon vier Tage Robot zu leiſten. Der Bauer hatte nun zwei Söhne. Da kam der Edel⸗ mann und ſagte„Du haſt zwei rüſtige Söhne, man wird ſie Dir zum Militär nehmen, Du aber möchteſt Dich nicht von ihnen trennen. Weißt Du was, Du gibſt jedem 10 Joch, ſo hat jeder von Euch 10 Joch und Jeder leiſtet mir 4 Tage Robot.“ Die Söhne theilten wieder und die Enkel wieder, und die Robot ſtieg immer fort, und vereinigte wieder einmal ein Bauer alle dieſe Theile, ſo hatte er nun ſtatt 4 Tage oft 24 Tage in der Woche zu roboten und fragte ſich, wie er das anzufangen habe. „Es war alſo damals auch nicht am Beſten. Wenn der Bauer den ganzen Tag hinter dem Pflug ging, ſo geſchah es, damit der Edelmann auf Silber ſpeiſt, die Edelfrau mit vier Pferden im Schlitten fährt, er ſelbſt aber Haferbrod kaut und ſein Weib barfuß im Schnee watet.“ Dem Bauer war beſonders wohl, wie er der ver⸗ gangenen ſchweren Zeiten gedachte und dann auf ſeinen freien Grund und Boden blickte. „Ich meine, daß die Bauern auch damals nicht 174 ſo arbeitsſcheu waren“, ſagte ich nach einer Weile; „wie war es denn mit den nächtlichen Ernten? Ihr erinnert Euch noch gewiß daran.“ Der Bauer ſah bei Seite und ſpuckte aus.„Wie ſoll ich mich nicht erinnern Herr!“ erwiderte er;„es war ſv. In manchen Gegenden, wenn es einen ſchlech⸗ ten Sommer gab, Gewitter, Stürme, Regengüſſe, und war das Feld in ein Meer verwandelt, jede Ackerrinne ein Bach, wenn dann zur Zeit der Ernte auf einmal der Himmel wolkenlos war, die Luft ſtille ſtand, heiß und trocken, da geſchah es, daß der Edelherr die Bauern vom frühen Morgen bis zum Abend auf ſeinen Fel⸗ dern arbeiten ließ, um die Ernte hereinzubringen, ehe ſich das Wetter wenden möchte, und den Bauern keine Zeit blieb für ſich zu ſchneiden, ihr Korn bog ſich be⸗ reits zur Erde, jede Wolke, die am Himmel aufſtieg, konnte ihre Ernte vernichten. „Kamen dann die ſchönen kühlen Vollmondnächte, ſo ruhten ſie etwas, nachdem die Tagesarbeit für den Herrn gethan war, und hielten ihre Ernte in der hellen Vollmondnacht, ſie blieben beiſammen wie ſie von dem Felde des Herrn kamen und ſchnitten dann alle vereint Feld für Feld wie es kam, Jedem halfen Alle, und Jeder Allen. Am Morgen ſchliefen ſie we⸗ nige Stunden und zogen dann wieder zur Arbeit auf 175 das Feld des Herrn. Das waren die nächtlichen Ernten.“ Wir ſchwiegen beide. Endlich ſagte der greiſe Landmann:„Sehen Sie, ſo iſt es mit der Faulheit, und was das Saufen be⸗ trifft, ſo ging der Bauer in die Schenke, um ſein elendes Leben zu vergeſſen. Der Branntwein nahm ihm etwas die Beſinnung und das war gut. Man tanzte, man ſang, man ſprach von dem und von Je⸗ nem, man verpfändete ſeinen Rock und ſeine Stiefel, aber man lebte doch.— „In dem Jahre 1848 iſt es auf einmal anders geworden. Wir ſind frei geworden, der Grund und Boden gehört uns. Der frühere Gutsherr iſt uns Nichts mehr als ein Nachbar. Sehen Sie, ſeitdem hat ſich Alles gebeſſert. Der Bauer ſieht fleißig auf ſeine Wirthſchaft und hat Gewinn davon; es iſt ein gutes Land, in dem wir wohnen, einen beſſeren Boden kann es wohl nicht geben, der Menſch hat Luſt an Feldar⸗ beit. Der Bauer hat ſo eine Liebe zu ihr, zu ſeinen Thieren, ſeinen Verhältniſſen und wenn es gut geht, hat er einen Ertrag, daß der Städter ihn beneidet. „Sehen Sie, vor Zeiten war ich manchmal in Strafe wegen der Robot und meine Felder ſtanden zur Hälfte wüſt. Jetzt pachte ich Grundſtücke von den 176 polniſchen Edelherren und meine Wirthſchaft läßt ſich ſehen. Drüben in Sieniawa da ſehen Sie das Dorf an, Haus für Haus von purem Stein. Dabei die gute Straße. Das iſt freilich noch der Anfang, Herr Gnä⸗ diger, es drücken uns etwas die Steuern, es fehlt noch an Eiſenbahnen, Straßen, Schulen.“ Ich ſah den Bauer erſtaunt an.„Aber man ſagt“, bemerkte ich dann,„daß Ihr die Schulen nicht ſehr liebt.“ Der alte Mann ſchlug die Arme auf der Bruſt ineinander und wiegte den Oberkörper hin und her. „Was die Leute Alles ſagen. Das war noch wie Alles polniſch war, und wir zahlten nicht gern unſer Geld dafür, damit unſere Kinder ihre Mutterſprache verlernen. „Jetzt find die Schulen in unſerer ruſſiſchen Sprache und die Gemeinden bauen ſelbſt die Schul⸗ häuſer und geben was nöthig iſt. „Ja was da Alles geredet wird und geſchrieben, es iſt bereits ungeſund. Auch von der Eiſenbahn. Wären Sie nur dabei geweſen, wie die Bahn nach Lemberg eröffnet wurde. Man ſagte, die Bauern nen⸗ nen das ein Höllenwerk. Das war aber unwahr. „Auf allen Stationen waren die Gemeinden mit Richtern, Geſchworenen, Muſik und begrüßten den erſten Zug. Viele fielen auf die Knie hoben die Hände zum Himmel. Glauben Sie ſolche Sachen nicht. Es wird noch weit Anders werden, weit Anders, Sie werden es wohl erleben, man ſoll nur der Ge⸗ meinde mehr Freiheit geben. Es war bei uns von alten Zeiten her, daß die Gemeinde Alles war und ſie iſt es jetzt auch, wenn auch die Regierung ſie nicht ſo anerkennt. Es könnten weniger Beamten ſein, es wäre uns beſſer und dem Reiche.“ „Freund“, warf ich ein,„ich bin auch für die freie Gemeinde, aber es iſt noch nicht an der Zeit.“ „Ich beſchwöre Sie“, entgegnete der Bauer,„wa⸗ rum denn nicht? Da hatten z. B. die Dominien die Steuern einzuheben für den Staat und hatten uns be⸗ drückt. Darauf haben die Bauern nicht erſt gefragt, ſondern die Steuern ſelbſt geſammelt durch die Ge⸗ meinderichter. Im Jahre 1827 kamen die kaiſerlichen Steuerämter. Sehen Sie, da hat es gleich ſehr viel gekoſtet und früher nichts, und was die Rückſtände betrifft, ſo waren es nur Wenige, als die Gemeinden die Steuern einhoben und als die Beamten— bald mehrere Millionen. Es ſcheint alſo, daß die Gemein⸗ den Manches beſſer machen als die Beamten. Kein Vogel kann gleich fliegen. „Wenn aber die Störche wollen, daß ihre Jungen Sacher-Maſoch, Galiziſche Geſchichten. I. 42- 178 es lernen, tragen ſie dieſelben auf ihren Flügeln in die Luft empor. Aber es ſcheint die Regierung will nicht, daß wir fliegen lernen.“— Um den Weißdornſtrauch hatte ſich indeß eine Gruppe von Weibern und jungen Burſchen gebildet, aus der plötzlich ein gellendes Geſchrei herüber tönte. WMein alter Bauer richtete ſich auf um hinzuſehen. Zu⸗ gleich kam ein halbgewachſener Knabe mit bloßen Füſ⸗ ſen, wirren blonden Haaren, in vollem Laufe gegen den Tartarenhügel. Er ſchrie von Weitem ſchon halb athemlos;„Großvater! Großvater!— die alten— Weiber— wollen der Jewa— nicht— den Ernte⸗ kranz geben.“— „Warum nicht?“ fragte der Bauer. „Sie ſagen, daß ſie leichte Sitten hat!“ „Was kümmert das die alten Weiber, aber ſie ſind wie die Hennen, wenn eine junge unter ſie kommt, beißen ſie ſie. Da ſehen Sie aber den Jungen an, wie der kleine Hahn ſchon ſein Hühnchen zu beſchützen weiß. Kommen Sie, Herr! Sie ſelbſt ſollen beſtim⸗ men, welche den Erntekranz tragen ſoll. Es ſind ſchöne Mädchen da, die Wahl iſt ſchwer.“ Wir gingen den Hügel hinab, vorbei an den Ernte⸗ wagen, die geladen wurden, an Schnittern, die ihre Senſe dengelten. Die Sonne ſank von kleinen Wolken umgeben, welche ſie mit feurigem Roth übergoß. Ein lauer Abendwind ſtrich durch die Stoppelfelder. Auf einem Heuſchober ſaß eine Amſel und ſang, Sperlinge flatter⸗ ten an den Sträuchen und ſchrieen pöbelhaft in ihr melodiſch, elegiſches Lied. Unter dem Weißdornſtrauch ſaßen fünf junge Frauen und wanden den Erntekranz. Zwei hatten den Schooß voll gelber Getreideähren, die dritte hieit blaue Kornblumen in der Schürze und ſchob von Zeit zu Zeit einzelne in das Geflechte, eine ſang munter ein Lied und hielt in den braunen Händen ein dufti⸗ ges, roſenfarbiges Band. Noch eine ſaß zur Seite, den Kopf in beide Hände geſtützt, wie verſunken, ihre Wimpern fielen gleich ſchwarzen Schatten in das Geſicht. Ein Schwarm von Weibern, jungen Burſchen keifte, ſchrie, lachte um ſie. Sie blickte nicht auf. Wir traten hinzu. Es wurde ganz ſtille; ſie regte ſich nicht. Der alte Bauer, die Hände flach auf die Knie geſtemmt, bückte ſich zu ihr. „Nun Jewa, ſie wollen Dir den Kranz nicht geben.“ Jetzt riß es ſie einen Augenblick empor, ich blickte in ein Antlitz vom edelſten Oval, mit dem göttlichen 12* 180 Schnitt eines helleniſchen Marmorbildes, bleich, ſehr bleich, zwei Augen flammten empor, der unverhüllte Buſen hob ſich langſam wie ein ſchlafender Schwan die weißen Flügel regt. Wieder ſanken die Wimpern he⸗ rab. Theilnahmlos blickte ſie auf den Kranz. Ich ſah ſie noch einmal an, und ſagte lebhaft: „Ihr gehört der Kranz.“ Der alte Bauer nickte. Die Schnitter liefen her⸗ bei, ſchwangen die Hüte und ſchrien:„Jewa trägt den Kranz!“ Sie ſtand auf und blickte mich an, kaum dankbar. Mit ſtolzer Bewegung des Kopfes warf ſie die langen dicken Zöpfe nach vorne über die Schultern und be⸗ gann den einen aufzumachen. „Wählt die Kranzmädchen“, rief ſie mit verächt⸗ lichem Lächeln den Schnittern zu, welche ſie betrachte⸗ ten, kehrte ihnen den Rücken, löſte raſch die Zöpfe und breitete dann die langen weichen Haare wie einen dunklen Mantel um ſich. Niemand ſprach ein Wort, nur ein altes zahnloſes Weib ſtellte ſich neben mich und ſagte halblaut:„Die Faulenzerin kann leicht weiß ſein und lange Haare haben, was thut ſie denn? Singen, träumen, lieben, lachen!“ 18¹ „Wvo iſt die Handza?“ fragte ſchüchtern, die Au⸗ gen zu Boden geſchlagen, ein junger Schnitter. „Komm'! komm' hervor!“ ſprach der alte Bauer und zog das hübſche Mädchen am Hemdärmel zu ſich, das ſich täppiſch wehrte und die rothe Schürze vor das rothe Geſicht hielt,„weißt Du doch, daß Du Kranzmädchen wirſt, wenn es noch eine Gerechtigkeit gibt, auf Erden“, fuhr der Alte fort,„iſt ſie Euch nicht recht?“ „Es iſt gut!“ riefen Viele,„wählt die Andere.“ Ein halbes Dutzend weiblicher Namen ſchwirrte nun auf einmal in der Luft:„Basja!“ tönte am kräf⸗ tigſten.„Basja; Basja!“ Der Alte hob die Hand.„Es iſt gut“, verſicherte er,„die Mehrzahl ruft Basja, ſo ſoll es Basja ſein!“ Die Schnitter ſtimmten bei. Basja ein kleines rundes Ding, trug den Kopf mit dem Stumpfnäschen und den blitzenden Augen ziemlich hoch. „So macht Euch bereit!“ ſagte der Alte,„die Sonne iſt unter.“ Die beiden Kranzmädchen nahmen den Kranz, ho⸗ ben ihn hoch empor über Jewa's Haupt und ließen ihn dann leicht auf daſſelbe fallen. Jewa faßte ihn gleich mit beiden Händen und ſetzte ſich ihn zurecht 182 dann ſtand ſie mit verſchränkten Armen da, die goldene Aehrenkrone auf dem offenen wogenden Haare, das Auge gleichgiltig auf uns gerichtet, die Erntekö⸗ nigin. Die hatten ſich gleichfalls mit Blu⸗ men geſchmückt. Von verſchiedenen Seiten waren Schaaren von Schnittern herbeigekommen, Bauern aus dem Dorfe, zuletzt die Muſikanten. Sie ſtimmten die Inſtrumente, das Volk trieb durcheinander, Geſchrei, Lachen, der alte Bauer ordnete den Zug. Andere Grundwirthe ſtanden zur Seite und ſprachen angele⸗ gentlich von der Landtagswahl. Endlich ſetzten wir uns in Bewegung, voraus die Muſikanten, ein ſchmucker Geſelle in ſchwarzer Lammfellmütze mit der Geige, ſekundirt von einem ausgemäſteten Pächter in dunkler Tuchhoſe und Tuch⸗ rock, der Gemeindehirt die Flöte blaſend, während ein brauner Kerl in Hemd und Leinwandhoſen den Chm⸗ bal ſchlug, die Baßgeige ſpielte der kleine Kirchenſänger mit prieſterlicher Würde. Nach ihnen ſchritt, über⸗ müthig durch Sieg und Schönheit, die Erntekönigin, begleitet von den beiden Kranzmädchen, dann kamen die Bauern, die Schnitter, der in Leinwand, jener den zottigen Tuchrock um die Schulter, blosfüßig, mit Strohhüten oder in ſchweren Stiefeln, die Frauen ——— 183 grellrothe Tücher wie Turbane um den Kopf gewun⸗ den, Mädchen mit langen Zöpfen, große gelbe Malven im Scheitel, dicke Korallenſchnüre um den Hals, alle fröhlich. Die Muſikanten ſtimmten an und von meh⸗ reren hundert Stimmen erklang das altheidniſche, ba⸗ chantiſch feierliche, jauchzend wehmüthige Erntelied. Langſam wälzen ſich, von den kleinen Pferden gezogen auf dem verſunkenen Feldwege die Erntewa⸗ gen nach. So zieht wie vor Tauſenden von Jahren die ſlaviſche Gemeinde, Einer für Alle, Alle für Einen, ein Sinn, ein großer Menſch. Wer noch im Dorfe zurückgeblieben, ſchließt ſich an, als der Zug durch daſſelbe kommt. Ein altes Weibchen kauert vor der Hütte im Sande, den die Sonne gewärmt, grüßt freundlich, blickt lange nach, ſingt dann leiſe das Erntelied mit, lächelt und nickt mit dem Kopfe dazu. Vor der moosgrünen, hölzernen Dorfkirche liegt ein grauer Stein, rieſig mit verwitterten ſeltſamen Zeichen. Bei dieſem Steine halten die Schnitter und Jewa tritt langſam vor, nimmt den Kranz herab und legt ihn auf den Stein. Aus der Kirche aber kommt der Pfarrer, im weißen Chorhemd mit dem Weihwedel, ſegnet den Kranz und die Schnitter. 184 Der Pfarrer hat zwei Büſchel über den Ohren emporgekämmt wie eine Eule, und eine Brille; ſeltſam iſt es aber, wie Jewa an dem Steine ſteht, mit flat⸗ terndem, ſchwarzen Haare, ringsum liegt das Volk auf den Knieen und ſie nimmt den Aehrenkranz und ſetzt ihn wieder auf das Haupt.— Nahe der Kirche liegt das Haus des Richters, als die Schnitter vorbei kommen, ſteht er auf der Schwelle, ſeinen Hahn im Arm. Er bindet ihm die Füße und befeſtigt ihn dann an dem Erntekranz auf Jewa's Kopf. Alle blicken auf den Hahn, ſobald der Richter ihn losläßt, will er emporfliegen, ſchlägt mit den Flü⸗ geln und kräht. Das bedeutet eine gute Ernte für das nächſte Jahr. Die Schnitter jubeln, die Muſikan⸗ ten ſpielen, der Richter, ſein Weib gehen mit der Branntweinflaſche herum und trinken mit jedem. Dann ſchließen ſie ſich an und nun geht es zum Edelhofe. Das Erntelied tönt über die Ebene, die Geigen ſchnarren, die Schnitter ſchreien ein ruſſiſches Evoö, der Hahn kräht immer fort. Ueber dem Wäldchen ſteigt die große, rothe Scheibe des Mondes empor. Im Edelhofe iſt Alles auf den Füßen, die beiden Jagdhunde laufen uns entgegen, der Kettenhund raſt an der Kette, indeß die Katze auf dem ſchiefen Dache ſeiner Hütte ſitzt und ſich putzt. Das bedeutet Gäſte 185 Der Haushahn ſitzt auf dem Stalle und müht ſich ab, dem Hahn der Schnitter Antwort zu geben. Vor der Thür ſeines Hauſes ſteht Herr Waſyl Lesnowicz und reibt ſeine Hände in den Hoſen⸗ taſchen. Neben ihm ſteht die Herrin Athanaſia Aſpaſia enia Lesnowiczowa, die kleine Figur in einen quadrillirten Ueberrock eingeknöpft, deſſen Farbe nicht beſtimmt werden kann, die lehmblonden Haare in einer Roſahaube. Dann ihr Sohn Herr Nikolaus, minder blond, mit aufſtehender Naſe dichten Brauen, dickem Geſicht, dickem Genick, ein Liedchen pfeifend. Ihm zur Seite, den Arm in den ſeinen ge⸗ legt, im oftgewaſchenen Sommerkleidchen, das dunkle Haar liederlich friſirt, ſein hübſches junges Weibchen. Auch die Dienſtleute ſind da, der alte Stephan mit einer großen Branntweinflaſche, die er, wie ein Kind, behutſam in den Armen hält. Vor der Scheune iſt ein Erntewagen aufgefahren, den die Knechte halb abgeladen ſtehen laſſen. Der Koſak und der Bienen⸗ wächter, zwei Spaßmacher von Beruf, haben ſich hin⸗ ter dem offenen Thürflügel verſteckt, jeder eine Kanne Waſſer zur Hand. Als das Erntelied hundertſtimmig vor dem Hauſe ertönt, Herr Lesnowicz würdevoll grüßt, ſtürzen ſie hervor, die Kranzmädchen zu begießen, der Bienen⸗ 186 wächter ſpritzt Handza an, obwohl ſie geſchickt dem Strahle ausweicht, wie aber der Koſak die Ernteköni⸗ gin bedroht, hat ihn Basja von rückwärts kräftig bei den Armen gefaßt; die Mädchen umringen ihn, ſchreien, gießen das Waſſer über ihn und ſtülpen ihm die Kanne wie einen Hut auf den Kopf. Die Schnitter bilden einen Halbkreis, die Bauern treten zu Herrn Lesnowicz, es wird ſtill. Jewa ſpricht den Glückwunſch.„Wir bringen Dir den Erntekranz, Gott, der Herr, ſegne Dich und die Deinen, und gebe uns ein glückliches Jahr und 4 eine glückliche Ernte!“ „Viele Jahre! Viele Jahre!“ rufen die Schnitter. Herr Lesnowicz dankt und gibt den Segen für Kind und Kindeskinder. Dazwiſchen tönt das„viele Jahre!“ des Volkes. Jewa nimmt den Kranz vom Haupte, noch einmal kräht der Hahn; dann reicht ſie das Symbol der Herrin, welche ihr eine Korallenſchnur um den Hals hängt. Die junge Frau beſchenkt die Kranzmädchen. Die Dienſtleute ſchleppen rohgezimmerte Tiſche herbei, decken ſie mit Branntweinflaſchen, Käſe in großen Laiben, Kilbaſſy, ruſſiſchen Würſten, ähnlich jungen Rieſenſchlangen, Broden, Schüſſeln mit Schweinebraten. Herr Lesnowicz und ſeine Herrin laden herzlich dazu ein. — 2————— S————— ——— 187 Der junge Her führt die Erntekönigin an einem, beide Kranzmädchen an dem anderen Arme, der alte Lesnowicz ſchleppt einen widerſtrebenden Bruder Bauer und Wähler an die Tafel, der Kirchenſänger ruft un⸗ ausgeſetzt:„Genirt Euch nicht, gute Leute!“ und beißt dabei in eine Wurſt, deren anderes Ende von Zeit zu Zeit unter ſeinem ſchweren Stiefel knackt, während er mit der zweiten Hand krampfhaft eine Branntwein⸗ flaſche umarmt. Die ernſten Grundwirthe bleiben, wie ſie ſich einmal geſetzt haben, an dem Tiſche ſitzen, jeder ſein Meſſer vor ſich, das Branntweinglas macht fleißig die Runde. Das junge Volk hat kaum von dem göttlichen Naß gekoſtet, ſtellt es ſich gleich zum Tanze. Herr Lesnowicz dreht ſich mit der Ernteköni⸗ gin im Kreiſe, läßt ſie los und tanzt einen Augenblick allein und dreht ſich ſchwerfällig wie eine Hummel, die in ein Glas gefallen iſt. Aus der Truppe der Schnitter tritt ein junger Burſche, wirft die fett glän⸗ zenden Haare zurück, wiſcht ſich den Mund mit dem Hemdärmel und bittet die junge Herrin zum Tanze. Bald ſtampft Alles im wilden Reigen durchein⸗ ander, der Kirchenſänger beißt von Zeit zu Zeit in ſeine Wurſt und ſtreicht dann grimmig die Baßgeige, 188 welche unter ſeinen Streichen ächzt, der Cymbal weint, die Geigen ſchreien bald wie ausgelaſſene Kinder, bald wie Sterbende, die um Hilfe rufen, angſtvoll, verzwei⸗ felt, halb im Wahnſinn. Am Tiſche find ſie luſtig geworden Einer reicht das Glas dem Andern, es ſchwankt, verſchüttet, der Andere empfängt es eben ſo, aber Alles mit hübſchen Redensarten, ceremoniell. „Deine würdige Frau bleibe geſund, viele Jahre, viele ſchöne Jahre, Gott ſegne ſie und gebe Euch ein gutes Einvernehmen und den Frieden.“ „So ſei es.“ Dabei neigte der Andere den Kopf rechts und links. „Viele Jahre, ſo ſei es“, erwiderte er,„Gvott gebe es, und ſo auch Euch zehnfach, Bruder!“ Dann küſſen ſie ſich auf die rechte Wange, und dann auf die linke. Der zweite leert das Glas. Schon füllt es ein Anderer und reicht es weiter. Segensſprüche ſchallen herüber, hinüber. Der ſpricht von der Wirthſchaft, jener vom Markte, Andere, wie es in der Welt ſteht, vom Kaiſer, vom Czaren, vom Franzoſen, keiner will indeß die Andern belehren, oder ſteift ſich auf ſeine Meinung, Niemand ſtreitet, Nie⸗ mand zankt und doch ſind unſere Bauern hartnäckiger in ihren Anſichten als die hartnäckigſten Deutſchen. ——— 5—— 189 Unter den Tanzenden entſteht eine Bewegung. Ein junger Menſch, dem Anzuge nach ein Bauer, der Flinte nach ein Jäger, iſt unter ſie getreten. Seine gute Haltung fällt auf, noch mehr ſein Blick. Ich frage, der Hausherr ſagt:„Es iſt der Dmitro, er hilft dem Heger den Wald hüten, ein kurioſer Geſelle, aber redlich und treu wie ein Jagdhund. Der ſoll uns die Kolomijka tanzen.“ Herr Lesnowicz begab ſich zu ihm, indeß ſagte die junge Frau:„Der ſpielt die große Rolle in der Ge⸗ gend, die Weiber laufen ihm nach, er hat aber ſeinen Kopf. Ihm hat es die Jewa angethan. Sie werden ſchon ſehen.“ Die Muſikanten ſpielten die Kolomijka. Raſch hatten Tänzer und Tänzerinnen ſich um⸗ ſchlingend einen Kreis gebildet. Im Kreiſe ſtanden Jewa und der Waldhüter. Die erſten Töne ſchwebten einzeln, klagend in der Luft, der Waldhüter ſtand unbeweglich die Arme auf der Bruſt verſchränkt, das Haupt wie im Schmerz ge⸗ ſenkt, er begleitete die Melodie leiſe mit einem trauri⸗ gen Geſang, nur von Zeit zu Zeit ſtieg ein Klang, ein Seufzer, ein lautes Weinen, ein Wehruf melodiſch aus ſeiner Bruſt. Weit von ihm, gegenüber ſtand Jewa, ruhig, 190 das Auge feſt auf ihn gerichtet, den Kopf ſo ſtolz, weit, unerreichbar. Leidenſchaftlich ſchwellen die Töne der Muſik zu einer wunderbaren Melodie. Plötzlich wirft er den Kopf in die Höhe und ſtößt einen Schrei aus, einen wilden Jagdruf, den Schrei eines Adlers, der ſich auf ſeine Beute ſtürzt. Er hebt die Arme und beginnt zu tanzen, jetzt ein Kind, das ſpielt und trippelt, jetzt ein Gaukler der eine Schlange bändigt, jetzt ein Raub⸗ thier, das in wilden Sprüngen ſein Weibchen verfolgt. Sein Auge läßt das ihre nicht mehr los, jeder Schritt jede Bewegung ſeines Leibes gilt ihr, ſie beobachtet ihn mit kaltem Blute und weicht ihm aus, immer enger werden die magiſchen Kreiſe, welche er um ſie zieht, jetzt iſt er nah' Immer wilder wird der Chor der Inſtrumente. Mit einem einzigen Satze iſt er bei ihr, wirft den Arm wie eine Angel nach ihrem Halſe, in demſelben Augenblicke iſt ſie ihm aber auch im Sprunge entflohen und tanzt übermüthig, höhniſch unter lautem Gelächter des ganzen Kreiſes, an dem entgegengeſetzten Ende deſſelben, den Arm herausfordend über der Hüfte ein⸗ geſtemmt. Wieder ſteht der Tänzer regungslos, wieder ſenkt 194 er traurig das Haupt, wieder nähert er ſich Jewa und wieder entkommt ſie ihm. Endlich ſcheint er zu verzweifeln, ſein Tanz wird zur Apathie eines Unglücklichen, ſein Geſang ein leiſes Weinen, ſie aber höhnt ihn mit den fröhlichſten Til⸗ lern, ſie wirft den Kopf in den Nacken, ſie lacht und ſpottet und tanzt um ihn, wie eine Mücke um das Licht. Er aber fällt zu Boden, wie ein Sterbender, ſchnellt im nächſten Augenblick empor, wirft die Arme wie eine Schlinge um Jewa's Leib und ſie iſt ſein. Unter bachantiſchem Jubel des Kreiſes tanzen ſie jetzt zuſammen, die Geigen jubeln, der Cymbal jubelt, der Tanz wird zum Hochzeitsreigen, der Geſang zum Hymenäus.— Die ehrenwerthen Grundwirthe am Tiſche ſingen indeß den Refrain eines heiteren Trinkliedes, das Herr Nikolaus Lesnowicz angeſtimmt hat. Der alte Herr iſt überluſtig, küßt ſeine Frau vor den Gäſten und nennt ſie eine verdammte Coquette, während ſie verſchämt mit den Augen zwinkert. Der Koſak hat in der Nähe der Entenlache einen halbzerbrochenen Topf aufgeſtellt, Nikola's muntere Frau verbindet ihrem Tänzer von vorhin die Augen, andere junge Burſchen kommen herbei und ſchicken ſich zum Topfſchlagen an. 192 Ich gehe langſam durch den Hof, die Hühner athmen leiſe im Schlafe, der Hund knurrt, zieht Luft, beginnt zu wedeln. Hinter dem Edelhofe iſt Alles ſtill. Ich betrete eine kleine Wieſe und lege mich in einen Heuſchober. Ringsum tiefe Ruhe, kein Schrei eines Vogels, kein Ton einer Hirtenpfeife, feuchter Duft ſteigt auf, die weite Ebene iſt im Mondlicht gefüllt, der Himmel mit Sternen, die Wilchſtraße ſteht klar und ruhig. Jetzt ſchluchzt eine Nachtigall nahe. Zehn Schritte weit ragt ein vom Monde halbverſilberter Buſch. Dort wird es ſein. Eine zweite antwortet, die Nacht, die tiefe Stille tragen die ſüßen Töne. Das kurzgeſchnittene trockene Gras kniſtert und bricht, ein Schritt, noch einer, ſo ſachte? Von der Weide ſeitwärts tönt der zärtliche Lockruf einer Katze. Jetzt naht es dem Schober, ich richte mich auf, es iſt ein Weib, das wie erſchreckt ſtille ſteht, es iſt Jewa. „Sie ſind es, Herr!“ ſagt ſie ruhig. Ich halte ſie bei der Hand.„Und wen ſuchſt Du?“ frage ich. Sie ſchweigt, aber hält meinen Blick aus, zuckt mit keiner Wimper.„Du ſuchſt den Wald⸗ hüter“, fahre ich fort. Jewa ſchweigt. Sie ſchlägt 193 das Auge nicht nieder, aber es flammt auf. Ihre Pupille wird groß wie die einer Katze, die im Mond⸗ licht wandelt. „Du ſuchſt ihn nicht?“ „Ich ſuch' ihn, ja!“ entgegnete ſie leiſe aber ent⸗ ſchieden,„er iſt mein, ich ſuche ihn. Schimpfen Sie mich alſo.“ „Warum ſoll ich Dich ſchimpfen?“ fragte ich. „Weil es Alle thun, weil es ſo iſt in der Welt“, ſprach ſie, Alles feſt, Auge in Auge. „Ich ſchimpfe Dich nicht.“ „Sie lachen alſo auch über dieſe Welt“, ſprach ſie und ſtieß ein verachtungsvolles Lachen aus. Die Stille brachte es weit in die Ebene, welche es endlich verſchlang. Die Nachtigall ſchwieg, ſogar die Katze ſchwieg.„Was ſind mir die Menſchen, was iſt mir das Urtheil der Welt? Was der Galgen iſt für einen tapferen Karpathenräuber.“ Ich ließ ihre Hand los, ſie zog das Hemd über der halbentblößten claſſiſchen Bruſt zuſammen und fuhr fort.„Sie ſind doch keine ſchön wie ich. Der Pfarrer ſieht mich bei der Predigt bei gewiſſen Stel⸗ len ſtrafend an, begegnet er mir aber allein im Walde, ſo klatſcht er mir mit ſeiner fetten Hand über den Nacken oder die Hüfte. Sie ſchimpfen mich, weil ich Sacher-Maſoch, Galiziſche Geſchichten. I. 13 194 nicht heucheln kann wie ſie und ihre Weiber und Mädchen. Weil ich einen Mann anſehe, wenn er mir gefällt, weil ich mit ihm ſpreche, wenn er mich unterhält, weil ich——“ „Nun?“ „Weil ich ihn küſſe“, rief ſie,„wenn ich ihn liebe und wenn er krank vor Liebe iſt, ſage: Komm' heute Nacht zu mir!— Lebt man denn um ein ehrbares Begräbniß zu erhalten, oder—“ „So nimm Dir einen Mann.“ „Ich will nicht“, ſprach ſie ſtolz,„ich will mich nicht einem Manne verkaufen wie ein Vieh und ſein gehören, wenn er will. Ich will frei ſein, ich will eine wilde Katze bleiben unter den zahmen, ich lache über dieſe Welt.“ Wieder brach das trockene Gras. Jewa horchte, einen Augenblick ſtand ſie regungs⸗ los im Mondlicht, den Arm erhoben, dann ſprang ſie davon. Ich kehrte durch den Edelhof zurück und trat auf die Veranda. Geſtützt auf die dürre Gallerie, in der leiſe der Holzwurm pickte, ſah ich hinab in das Ge⸗ wühl des Erntefeſtes. Niemand war betrunken, aber alles aufgelöſt. 95 Der Koſak hieb mit verbundenen Augen, den Rücken dem Topfe zugekehrt, wüthend um ſich, mit den Füßen ausſchlagend, ſo daß er jedesmal den Topf zu zer⸗ treten ſchien, auf dem Plan am Fuße des Hügels hatten ſie ein Feuer angemacht und tanzten einen wil⸗ den Reigen um daſſelbe; zwiſchen den Tiſchen ſtand der alte Stephan und ſang mit heiſerer Stimme ein Koſakenlied, wozu der Kirchenſänger kopfſchüttelnd die Baßgeige ſtrich. Jetzt winkte Herr Nikola mit branntweinſeligen Augen ein paar junge Burſchen herbei und ſchlich mit ihnen um das Haus. Ich folgte einige Schritte auf der Veranda, dann mit meinem Blicke. Die luſtige Bande hockte ſich im Gebüſch nieder und ſtimmte auf einmal gellend ein ausgelaſſenes Spottlied an. Der Refrain tönte beſonders ergötzlich in wunderlichen Katzenmelodien. Sie aber, der das Spottlied galt, ſaß auf einem Aſte der Weide und zu ihren Füſſen Dmitro der Waldhüter, den ſchönen Kopf an ihr Knie gelehnt. Sie vergrub beide Hände beinahe wild in ſeinen Locken und lachte. 13* — — — 3— — — — —= — —= —8 — — — — S — — — „Du haſt mich beſchworen aus dem Grab Durch Deinen Zauberwillen, Belebteſt mich mit Wolluſtgluth, Jetzt kannſt Du die Gluth nicht ſtillen. Preß' deinen Mund an meinen Mund, Der Menſchen Odem iſt göttlich! Ich trinke Deine Seele aus, Die Todten ſind unerſättlich“ Heine. Bei uns lernt man ſich ſo leicht kennen, bei den Bauern haben die Thüren keine Schlöſſer und die Hütten noch häufiger keine Thüren, und die Thore der Gutsbeſitzer ſtehen auch noch einem Jeden offen. Wenn ein Gaſt zu Abend kommt, giebt es keine betrübten oder ängſtlichen Geſichter wie in dem gemüthlichen Deutſchland, und es fällt den Familiengliedern nicht ein, einzeln in die Küche zu ſchleichen und dort heimlich ihr Nachtmahl zu verzehren, und zu den Feiertagen wenn Verwandte und Freunde ſich von weither zu⸗ ſammenfinden, da werden Rinder, Kälber und Schweine, 200 Hühner, Gänſe und Enten geſchlachtet und der Wein fließt in Strömen wie in homeriſchen Zeiten. Ich kam alſo zu der Familie Bardoßoſki, wie eben ein Edelmann in das Haus des andern kommt, ohne viel Umſtände, und kam bald jeden Abend hin. Ihr Herrenhaus lag auf einem kleinen Hügel und un⸗ mittelbar hinter demſelben ſtiegen die grünen Vorberge der Karpathen empor. Die Familie hatte ſehr viel Angenehmes an ſich, das Beſte war aber, daß die bei⸗ den Töchter des Hauſes bereits ihre Verehrer beſaßen, ja die jüngere ſogar in aller Form verlobt war, man ſich alſo ungezwungen unterhalten und ſogar, was Polinnen gegenüber unerläßlich iſt, ein wenig den Hof machen konnte, ohne gleich für einen Bewerber angeſehen zu werden. Herr Bardoßoſki war ein echter Landedelmann, ſchlicht, fromm und gaſtlich, ſtets heiter, aber nicht ohne jene ſtille Würde, die kein äußeres Mittel braucht, um ſich zur Geltung zu bringen. Seine Frau, eine kleine üppige, noch immer hübſche Brünette beherrſchte ihn eben ſo vollkommen, wie die Königin Maria Kaſimira den großen Sobieski beherrſcht hat, aber es gab Dinge in denen der alte Herr nicht zu ſcherzen beliebte, dann genügte ein Drehen ſeines langen Schnurrbartes oder ein haſtig herausgeſtoßenes blaues Wölkchen aus ſei⸗ 201 ner Pfeife, das raſch zu einer reſpektablen Wolke an⸗ wuchs und ihn gleich dem Göttervater Zeus einhüllte, und Niemand wagte mehr zu wiederſprechen. Ich habe ihn nie ohne dieſe lange türkiſche Pfeife mit dem Kopfe aus rothem Thon und dem Bernſteinſpitzchen geſehen, die dem Fremden bei uns zu ſagen ſcheint, du biſt nicht mehr in Europa, mein Freund, hier iſt ſenes Morgenland, aus dem deine ganze Weisheit kommt, aus deſſen unverſiegbaren Quellen alle deine Denker und Poeten geſchöpft haben. Bardoßoſki hatte 1837 unter Chlopicki gefochten und war im Jahre 18S48 unter Bem bei Schäßburg verwundet worden. Im Jahre 1863 hatte er ſeinen einzigen Sohn zu den Inſurgenten geſchickt und durch den mörderiſchen Stoß einer Koſakenlanze verloren; von dieſem Sohne war nie die Rede, aber ſein Bild von cinem welken Kranz und einem verſtaubten Trauer-Flor umgeben, hing über dem Bette des Alten zwiſchen zwei gekreuzten krummen Säbeln. Von den beiden Fräuleins war die ältere Kordula das, was man intereſſant nennt, hoch und gut gewach⸗ ſen, mit prachtvollem dunklem Haar, ſchönen Zähnen, grauen Augen, aus denen eine durchdringende Klug⸗ heit ſprach, und einem Geſichte, in dem ſowohl um die kleine Stumpfnaſe als die aufgeworfenen Lippen 202 eine unbeugſame Feſtigkeit lag; die jüngere, Aniela, dagegen eine jener unendlich weißen, roſenwangigen blonden Schönheiten, welche immer ſehr ermüdet ſchei⸗ nen, deren blaue Augen auch im Wachen träumen und deren tiefes Athemholen wie Seufzer klingt. Dieſe war es, welche bereits den Verlobungsring am Fin⸗ ger trug. Ich lernte auch die beiden jungen Männer kennen, welche die Herzen dieſer ſo verſchiedenen Schweſtern erobert hatten. Der Verehrer der älteren war ein Herr Huſezki, der in dem nahen Städtchen das Amt eines Adjunkten bei Gerichte bekleidete. Er zeigte jenen Ernſt und wiſſenſchaftlichen Eifer, welcher die jüngere Generation bei uns auszeichnet, war franzöſiſch geklei⸗ det, trug Brillen und zupfte ſtets an ſeinen ſchnee weißen Manſchetten. Der Bräutigam der ſchönen Aniela war ein Gutsherr aus der Nachbarſchaft und nannte ſich Man⸗ wed Weroaki, ein hübſcher junger Mann mit blitzen den Zähnen unter einem kleinem ſchwarzen Schnurrbart, kurzem gelocktem dunkelm Haar, ſchmachtenden Augen, jederzeit in weiten Pantalons, welche in hohen Stie⸗ feln ſtaken und einem Schnürrock, alles von ſchwarzer Farbe. Er rauchte Cigarren, liebte es das Geſpräch auf Literatur zu bringen, und war im Stande hundert 203 Verſe aus dem Pan Thadeus oder Konrad Wallenrod des Miczkiwicz auswendig herzuſagen. Sein Lieblings⸗ ſtück war die Geſchichte von Domeyko und Dowehko und er verſtand es den Zweikampf derſelben über der Bärenhaut ſo draſtiſch vorzutragen, daß er ſogar dem alten Herren jedesmal ein Lächeln abnöthigte, das ſich rührend kindlich in ſeinen weißen Schnurrbart ſtahl. Noch war ein dritter junger Herr da, der die Gewohnheit hatte, immer zu ſpät zu kommen und dieſe üble Gewohnheit war ſein Fatum, denn er war auch bei Panna Aniela zu ſpät gekommen und begnügte ſich jetzt damit, ſie unausgeſetzt anzuſehen und ſo oft ſie eine Bewegung machte, aufzuſpringen und alle nur möglichen Gegenſtände herbeizuſchleppen, und ſo kam es, obwohl er ſich einbildete ihre Wünſche zu errathen daß er einen Fußſchemmel brachte, wenn ſie eine Scheere verlangte und den beim Fell emporgehobenen kleinen Wachtelhund eine Luftfahrt machen ließ, wenn ihr feuchter Blick ihrem Taſchentuch galt. Er hieß Maurizi Konopka, hatte ein Nachbargut gepachtet, auf dem er mit Maſchinen arbeitete und überhaupt in allem genau nach dem Buche vorging, zum Erſtaunen der Bauern; und erſchien nie anders als im Frack, weißer Weſte, Glagehandſchuhen, durchbrochenen Strüm⸗ pfen und Ballſchuhen. Da er ſtets erſt ankam, wenn 204 der ganze Kreis verſammelt war und ſich noch über⸗ dies alle Mühe gab, gleich einem Geſpenſte, unhörbar hereinzuſchreiten, ſo erblickte man ihn gewöhnlich erſt, wenn er auf ſeinen leichten Sohlen mitten im Zim⸗ mer ſtand, und da er es für unanſtändig hielt durch einen lauten Gruß oder ein Räuſpern auf ſeine Ge⸗ genwart aufmerkſam zu machen, geſchah dies ſo plötz⸗ lich, daß in der Regel alle zuſammenſchraken, mit Ausnahme des alten Helden, der höchſtens für einen Augenblick die Pfeife aus dem Munde nahm, was aber freilich bei ihm ſchon viel ſagen wollte. Maurizi war ein ausnehmend hübſches Milchge⸗ ſicht jener Art, die von reifen erfahrenen Schönheiten bevorzugt wird, aber ſehr wenig geeignet das Ideal eines Mädchen⸗Traumes vorzuſtellen, daher ihm auch das herbe Loos zu Theil wurde, Abend für Abend, und die galiziſchen Winterabende ſind lang, mit Herrn Bardoßoſki und dem ernſthaften Adjunkten Tarok zu ſpielen, während wir anderen mit den Mädchen plau⸗ derten. Aniela's Verlobter gewann von Anfang an meine Sympathien für ſich, er erzählte vortrefflich, was ihm bei Vielen den Ruf eines Aufſchneiders eintrug, dafür beſtritt er aber auch in der Regel die Koſten der Un⸗ terhaltung, ohne dabei je dem beſcheidenen Weſen un⸗ 205 treu zu werden, das den Polen in Damengeſellſchaft ſo liebenswürdig macht. Wir wurden ſchnell vertraut, beſuchten uns gegenſeſtig und gingen viel zuſammen auf die Jagd. Wenn wir dann recht müde und aus⸗ gehungert, gleich⸗den ſieben Schwaben, mit einem Ha⸗ ſen als Beute bei ihm ankamen, wurde ſofort der Samovar hereingebracht und der brave Valenty kam, uus die kothigen Stiefel auszuziehen. Dann half kein Verwahren, ich mußte ein Paar von Manweds Saffian⸗ pantoffeln anziehen und einen ſeiner köſtlichen Schlaf⸗ röcke, er ſelbſt ſtopfte mir die lange Pfeife und mir blieb nichts übrig als die Nacht unter ſeinem gaſtlichen Dache zuzubringen Dann trieb er allerlei Poſſen, zog die Leintücher aus den Betten, hüllte ſich in dieſelben und wandelte als Geſpenſt im Hauſe umher, ſeufzend und wehklagend, um endlich den alten Valenty, der inbrünſtig betete, bei den Füßen unter ſeinem großen Kotzen hervorzu⸗ ziehen und den Mägden mit einem über dem Lichte geſchwärzten Kork Schnurrbärte zu malen. In der Nähe von Manweds Edelhof lag einſam auf einem breiten und flachen Felſen das alte halb⸗ verfallene Schloß Tartakow, von dem im Munde des Volkes mancherlei unheimliche Sagen lebten. 206 Einmal, an einem ſchwermüthigen Winterabend, während der Schnee mit weißen Geiſterfingern leiſe an die Fenſter pochte, der Wind dem rothen Kamin⸗ feuer wunderliche Melodien entlockte, und in weiter Ferne ein Wolf heulte, brachte Aniela die Rede auf daſſelbe. „Haben Sie ſchon gehört“, ſagte ſie,„daß die Ru⸗ ine bewohnt ſein ſoll?“— „Wer kann in dem öden zerbröckelten Mauerwerk wohnen, als etwa Eulen oder Raben“, bemerkte Herr Huſezki ſehr verſtändig, wie es einem gebildeten, mit den Wiſſenſchaften vertrauten jungen Mann ziemte. „Nun, es giebt allerhand Bewohner dort“, ver⸗ ſetzte Frau Bardoßoſka,„wenn man den Landleuten glauben darf.“ „Das iſt gewiß, daß ein alter grauer Mann oben zu ſehen iſt, eine Art Kaſtellan“, ſagte Aniela, er trägt Kleider wie man ſie vor vielen hundert Jahren getragen hat und unſere Bauern behaupten, er ſei an tauſend Jahre alt, und in einem großen wohlerhalte⸗ nen Saale ſteht ein zauberhaft ſchönes Mamorweib mit todten weißen Augen, das ſoll in gewiſſen Näch⸗ ten lebendig werden und durch die düſteren Gänge wandeln, allerlei Spuk im Gefolge, und ſeltſame Stim⸗ 207 men werden dann laut, ein wildes Heulen, ein ſchmerz⸗ liches Klagen, ein ſüßes Locken—“ „Bah“, machte der Adjunkt,„eine Aeolsharfe, ich ſelbſt habe ſie ſchon gehört.“ „Wer weiß, der Boden hier iſt von Dämonen be⸗ völkert“, ſprach Manwed,„in den Hütten der Bauern rumort der Did*) und hilft heimlich die Kühe melken, fegt die Stuben, wäſcht das Geſchirr, ſtriegelt die Pferde, und läßt ſich nur dann blicken, ein Männchen von einem Fuß Höhe und langem grauem Bart, wenn der Herr des Hauſes ſterben ſoll; an dem Ufer der Teiche und Flüſſe, im ſchwarzen Dickicht, wiegt ſich die bindet aus ihrem Haare goldene Feſſeln, mit denen ſie den Bethörten, der ihr naht, gefangen nimmt und eine goldene Schlinge in der ſie ihn erwürgt; in den von grünem Gitterwerk verſcheierten Höhlen des Gebirges wohnen die muthwilligen und verliebten Majki“**), welche hoch oben auf grünen Wieſen ihre Zaubergärten mit goldenen Zäunen einſchließen, Brücken aus Perlen über die rauſchenden Waſſer bauen, und auf blumigen Waldblößen tanzen, ſie entführen Jünglinge, die ihnen *) Hausgeiſt der Kleinruſſen. **) Die Nixe der Kleinruſſen. ***) Majka heißt die Elfe der galiziſchen Karpathen. 208 gefallen und bezaubern ſie mit ihren duftigen bekränz⸗ ten Locken, ihren zarten Gliedern, aber in ihrem ſchö⸗ nen Antlitz, in ihren blitzenden Augen wohnt keine Seele. Wie Wölfe in Rudeln durchſtreifen die wilden Weiber, die das Volk auch die Göttinnen*) nennt, Wälder und Berge, ein entſetzliches Geſchlecht, das die Kinder der Menſchen entführt und ihre häßlichen Wechſel⸗ bälge in ihrer Wiege zurückläßt, das die alten Män⸗ ner zu Tode kitzelt und die jungen nach der Braut⸗ nacht grauſam erdroßelt. Unter dem Volke wohnen auch die Wiſſenden**), welche die geheimen Kräfte der Natur beherrſchen, welche das Peſtkraut kennen und die giftigen Schlangenbiſſe heilen, ſie können den Sternen das Licht nehmen und den Menſchen die Ge⸗ ſundheit, wenn ihr Leib ſchläft, fliegt ihre Seele als Vogel aus und zu gewiſſen Zeiten reiten ſie auf einem ſchwarzen Kater nach Kiew und halten über der hei⸗ ligen Stadt ſchwebend, hoch in den Lüften ihre Ver⸗ ſammlungen. Ja, hier bei uns nehmen Sterne, die zur Erde fallen Menſchengeſtalt an und werden zu Vam⸗ phren***), und es giebt Menſchen mit dem böſen *) bochinki. **) Widma, die wiſſende, die Hexe der Kleinruſſen, aber ohne den cymiſchen Charakter der deutſchen. ***) Letawiza, der fliegende Stern. 209 Blick und Nachts irren die Seelen der Kinder umher und verlangen nach der Taufe.— „Weßhalb ſollte es hier nicht auch allerlei Spuk geben und ein ſchönes Weib aus kaltem Marmor, deſſen weiße Glieder zur Mitternachsſtunde das warme Blut des Lebens durchſtrömt?“ „Was für ein Phantaſt!“ rief Herr Huſezki,„nun möchte ich aber ſelbſt wiſſen, was es mit dem alten Schloſſe eigentlich auf ſich hat.“ „Die Wahrheit kann ich Euch ſagen, Ihr jungen Leute“, begann der alte Herr nach einer kleinen Pauſe, während der Panna Kordula den Samovar mit rother Kohlengluth gefüllt und Anielas kleine roſig ange⸗ hauchten Hände auf dem Piano ein paar Accorde ei⸗ ner melancholiſchen Volksmelodie gegriffen hatten. Er begann damit, ſich in blaue Wolken einzu⸗ hüllen. „Das Wahre an der Sache iſt“, fuhr er fort, „daß in der That in dem großen Saale des Schloſſes ein herliches Marmorbild zu ſehen iſt, das ein ſchönes Weib darſtellt, ein Wunder von einem Weibe Einige behaupten ein Vorfahre der Familie Tartakowski ſei mit dem rothen Kreuze auf der Bruſt nach Paläſtina gezogen, um das heilige Grab zu befreien, und habe Sacher Maſoch, Galigiſche Geſchichten. I. 14 — 210 aus Byzanz ein Venusbild, von der Hand eines grie⸗ chiſchen Künſtlers gefertigt, mitgebracht. „Andere erzählen, daß eine durch ihre Schönheit und durch ihre Laſter berühmte Dame aus der Fami⸗ lie Tartakowski, ſich von einem italieniſchen Bildhauer in dieſer Weiſe habe meißeln laſſen, und zwar in ei⸗ nem Coſtüme, das nicht der Mode unterliegt und das ſchon Eva im Paradieſe getragen hat, nota bene vor dem Sündenfall. Dies ſoll zur Zeit des Benvenuto Cellini geſchehen ſein und die ſchöne Dame war die Staroſtin Marina Tartakowska.“ „So iſt es“, ſagte plötzlich eine tief ſanfte Stimme, die aus der Unterwelt zu kommen ſchien. Alle fuhren zugleich von ihren Sitzen empor, Aniela ſtieß einen gellenden Schrei aus und ſchlug die Hände vor das Geſicht, Panna Kordula ließ eine Taſſe fallen, welche wie eine Granate auf dem Boden erplodirte, und der von einem Splitter getroffene kleine Wachtelhund begann wüthend zu bellen. „Ich bitte um Vergebung und falle den Herr⸗ ſchaften zu Füßen“, ſäuſelte Maurizi Konopka, welcher wieder in ſeinen Tanzſchuhen ungehört hereingeſchwebt war und jetzt mitten in unſerem Kreiſe ſtand.„Das lebensgroße Portrait“, fuhr er leiſe fort,„hängt in einem düſtern getäfelten Zimmer des Schloſſes, deſſen 241 Decke ein großes Gemälde, Diana im Bade, den ſie überraſchenden Aktäon in einen Hirſch verwandelnd, darſtellt. Die Staroſtin iſt in dunklen Sammt geklei⸗ det und hat eine polniſche Mütze mit Reiherbuſch auf. Ich habe das Bild geſehen und die Starvſtin ſchien mich anzuſehen und mir war dabei zu Muthe, als ſollte meine Haut auf gut tartariſch über eine Trom⸗ mel geſpannt werden.“ „Das mag ſein“, fiel der Adjunkt ein,„in Krakau befinden ſich vielerlei alte merkwürdige Akten, darun⸗ ter auch mancher Proceß aus der Zeit der Staroſtin Marina, welcher von der Willkür dieſer ſchönen Wittwe zeugt, die auf Tartakow gleich einer unbeſchränkten Monarchin reſidirte und gebot. Einmal war ſie des Mordes an einem ihrer Diener ngeklagt, und da die⸗ ſer adeliger Abkunft war, begab ſich eine königliche Kommiſſion zu ihr, aber ſchon der Anblick dieſer be⸗ rückenden Frau genügte, um die Richter zu entwaffnen, und die Juſtiz kehrte, von Amor mit einem Roſenzweige verjagt, unverrichteter Sache heim. Uebrigens ſoll das Schloß jetzt ſo gut wie herrenlos ſein.“ „So“, ſagte Pan Bardoßoſki, indem er ſeine Bern⸗ ſteinſpitze erſtaunt aus dem Munde nahm,„was wäre denn aus der Wittwe des letzten Beſitzers, der ſchönen Zoö Tartakowſka geworden?“ 14* 242 „Sie hat in der letzten Zeit in Paris gelebt“, erwiderte der Adjunkt,„aber ich habe vor Kurzem erſt vernommen, daß ſie geſtorben ſei.“ „Schade“, murmelte der alte Herr,„ſie war eine Frau, wie die Staroſtin Marina, nur etwas nach der Mode zugeſchnitten, aber ein ſchönes Weib.“ „Nun, nun, ſchwärme mir nur nicht zu ſehr“, ſprach Frau Bardoßoſka. Einige Zeit ſprach Niemand, dann ſprang Man⸗ wed plötzlich auf und rief:„Ich muß hin.“ „Wohin?“ „In das geſpenſterhafte Schloß.“ „Was fällt Ihnen ein“, ſagte Frau Bardoßvoſka, „es iſt doch unheimlich, was man ſo hört.“ „Nun, ich denke, was Herr Konopka zu wagen ſich traute, dazu wird mir der Muth auch nicht feh⸗ len“, verſetzteManwed und drehte ſeinen Schnurrbart. „Oh! er ſcherzt nur“, hauchte Aniela. „Ich ſcherze nicht, mein Fräulein.“ „Manwed, Sie werden nicht zu dem Marmor⸗ weibe gehen“, rief jetzt Aniela mit aller Heftigkeit, die ihr zu Gebote ſtand. „Ich werde, und zwar Nachts, ich will ſehen ob die kalte Schöne lebendig wird.“ „Manwed“, ſagte Aniela mit matter Stimme, 2¹3 aber in ſehr beſtimmtem Tone,„ich verbiete Ihnen zu gehen.“ „Vergeben Sie“, murmelte der Trytzkopf,„aber ich muß ſchon ſo ungalant ſein und diesmal nicht ge⸗ horchen.“ Aniela ſah ihn lange an, mehr erſtaunt als böſe, dann wendete ſie ſich ab, ihr Buſen hob ſich, ihr Athem ſtockte, Thränen floſſen auf ihren Wangen herab. Manwed nahm ſeine Mütze, empfahl ſich kurz und ging. Nicht lange und wir hörten die Peitſche ſeines Kutſchers knallen, die Glöckchen klingen. Aniela verließ ſchluchzend das Zimmer.— Am folgenden Morgen beſuchte ich Manwed in der Abſicht Frieden zu ſtiften, aber er zeigte ſich wo möglich noch halsſtarriger als am vorhergehenden Abend. „Alle ſind ſie Thranninnen, unſere Frauen“, rief er erboſt,„nur daß die einen uns mit Füßen treten und die anderen mit Thränen mißhandeln. Wenn ich dieſes eine Mal nachgebe, bin ich verlören. Jetzt werde ich das geheimnißvolle Schloß um ſo gewiſſer beſuchen und zwar auf der Stelle. Er zog ſich raſch an, ließ ſein Pferd ſatteln und nahm vor der Freitreppe ſeines Hauſes Abſchied von mir. „Alſo Du reiteſt wirklich?“ „Du ſiehſt ja.“ 2¹4 „Nun, ich bin neugierig, was da herauskommt.“ auch.“ Ein gegenſeitiges Zunicken und er gab dem Pferde die Sporen, der Schnee knirſchte unter den Hufen des⸗ ſelben und leuchtende Eisſtücke flogen auf. Ich ſah ihm nach bis er in dem weißen Nebel verſchwun⸗ den war. Zwei Abende blieb Manwed aus, am dritten kam er, und wurde ziemlich kühl empfangen, Aniela ſchien ihn nicht einmal zu ſehen, ſie ſpielte und ſcherzte ziem⸗ lich laut, was ſonſt nicht ihre Art war, mit dem klei⸗ nen Wachtelhund, der ſich darüber ſehr erfreut zeigte, abwechſelnd knurrte, winſelte und bellte, ſich bald auf die Vorderpfoten niederließ, bald auf die rückwärtigen aufſtellte, und unabläßlich wedelte. Manwed ſaß gegen ſeine Gewohnheit ſchweigend da, ſein Geſicht war ernſt, nachdenklich, und ſehr bleich, ſeine dunkeln Augen loderten nur in demſelben, eine finſtere Falte lag über ihnen wie ein Schatten, oder die Narbe eines Säbelhiebes. Endlich nahm der alte Herr das Wort.„Nun? was? waren Sie etwa oben, Herr Werofſki?“ Das„Herr“ wurde ſtark betont. 2¹5 Manwed begnügte ſich leiſe zu nicken. „Nun ſo erzählen Sie“, rief der Adjunkt und riß ſeine weißen Manſchetten haſtig aus den Ermeln ſei⸗ nes ſchwarzen Rockes hervor. „Ich bin nicht neugierig“, warf Aniela hin. „Es iſt immerhin intereſſant“, ſagte die Hausfrau mit Vürde,„nehmen Sie eine Taſſe warmen Thees und dann erzählen Sie.“ Und Manwed nahm eine Taſſe warmen Thees, lockerte den großen Knoten ſeines ſeidenen Halstuches, rieb ſich die Augendeckel und begann zu erzählen. „Wenn ich nicht hier unter Ihnen ſitzen, den Sa⸗ movar ſingen, das Feuer praſſeln und die große Pfeife des würdigen Herrn Bardoßoſki vernehmlich ſeufzen hören würde, ich würde glauben, daß ich zwei Tage und zwei Nächte und wieder einen Tag geſchlafen habe und daß mich die ſonderbarſten und unheimlichſten Träume während dieſer Zeit gequält haben, ja ich würde glauben, daß ich jetzt noch träume, denn ein feiner durchſichtiger Nebel, wie der Schleier einer Majka, aus blaſſem Mondlicht gewoben, trennt mich von Ihnen, und in weiter Ferne ſteht eine Geſtalt und deutet und winkt— 2¹6 Es war ein heiterer Wintermorgen, voll Glanz und goldenem Lichterſpiel der Sonne auf dem weißen Schnee, der die Erde weich einhüllt, auf den hohen Fichten und Tannen, die ihre Aeſte wie ſchwarze Arne aus weißen Mänteln hervorſtrecken, auf den Eisfran⸗ ſen, mit denen die Strohdächer der Bauernhütten an der Mitternachtsſeite verziert ſind, dem feſtgefrorenen Teiche, der ſich in eine ſilberne Wieſe verwandelt hat und dem ſchwarzen metalliſchen Gefieder der Krähen, welche auf dem Wege ſteif einherſchreiten, mit einer Art Wichtigkeit vor ſich hin nicken und ſchwer, gleich⸗ ſam unwillig auffliegen, um ſich wieder auf die Straße oder einen mit blitzenden Nadeln beſaeten Baum zu ſetzen. Langſam drehten ſich aus allen Klüften und Spalten des Gebirges aſchgraue Dünſte empor, wie der Rauch ausgeblaſener Kerzen, die Sonne verſchlei⸗ ernd, und kamen mir raſch entgegen. In dieſer feuchten, ſtrömenden Nebelluth ſchien mein Pferd nicht zu gehen, ſondern vorwärts zu ſchwim⸗ men und von Zeit zu Zeit kauerte ſich eine ſagenhafte Erſcheinung in undurchdringlichen Schleier gehüllt oder mit wallendem weißen Bart, in den Büſchen am Feld⸗ rain nieder. Doch es währte nicht zu lange, ſo wurde der Himmel zu durchſichtigem Alabaſter, der ſich mehr und Z mehr färbte, und endlich einen glühenden Kreis zeigte, aus dem die Sonne triumphirend hervortrat. Die grauen Wogen ballten ſich zu Wolken zuſammen und wälzten ſich über den Wald hinüber. Ein roſenfarbe⸗ ner Hauch ſchwebte um ſie, Bäume und Sträuche wa⸗ ren mit einem Male mit Lichtperlen behängt und der Schnee hatte den weißen Glanz des Atlas. Die Berge zeigten zwiſchen dunklem Holz Stellen ſo grell und ſo weiß wie Kreide, und jedes überragende Felſenhaupt war vomeiner leuchtenden Gloriole umſtrahlt, der Him⸗ mel trug eine blaßgrüne Farbe, die ſich nach und nach in das Blaue verlor, bis der reinſte Azur mich überſpannte und nur kleine weiße Wolken, wie wan dernde Schwäne, durch denſelben zogen. Und da lag auch der graue zerbröckelte Felſen, mit dem düſteren Schloſſe vor mir. Ich ritt um denſelben herum und fand einen ſanften Abhang, über den ſich ein verwilderter Park er⸗ ſtreckte, doch war auch hier keine Straße, nicht einmal ein Fußpfad zu entdecken. Mein Thier mußte ſich ſchnaubend ſelbſt den Weg bahnen. So kam ich end⸗ lich zu einem großen Thore mit verroſtetem Beſchlage und ſah mich vergebens nach einem Glockenzuge oder einem Thürklopfer um. Zu beiden Seiten ragte die hohe, graue Mauer, auf deren breiter Zinne im Laufe 218 der Jahrhunderte eine Art kleiner Garten entſtanden war. Einzelne Wurzeln liefen die ganze Höhe der Mauer herab und verſchlangen ſich unten zu wunder⸗ lichen Bildungen. Ueber dem Thore war ein graues vom Regen verwiſchtes Wappen. Ich ſtand in den Steigbügeln auf und ließ ein lautes Hurrah! ertönen, doch ehe noch das Echo der nahen Felſen es zurückgegeben hatte, öffnete ſich mit einem ſchauerlichen Seufzen in dem einen Flügel des großen Thores ein ſchmales Pförtchen und ein alter Mann erſchien in demſelben, der mich mit tiefer Re⸗ verenz, die Mütze in der Hand, begrüßte. Ich habe ſeinesgleichen nie geſehen, wenn nicht etwa auf ur⸗ alten Bildniſſen oder auf dem Theater, wenn ein Stück aus der polniſchen Geſchichte dargeſtellt wurde. Er machte den Eindruck, als wäre eine der grauen, verwitterten Steingeſtalten aufgeſtanden, die auf den Marmor⸗Särgen unſerer vor Jahrhunderten verſtorbenen Edeln mit gefaltenen Händen liegen. Die ganze Geſtalt des Alten war in einer Weiſe verfallen und ſchlottericht, wie wenn ſie im nächſten Augenblick in Moder zerſtäuben ſollte, das verſchrumpfte Geſicht mit den vergilbten Wangen glich einem ehrwürdigen Pergament, von zahlloſen kleinen Runzeln wie von einer unleſerlich gewordenen Schrift überzogen. Seine 219 Tracht war die altpolniſche, etwa aus der Zeit Johann Kaſimirs, wo der tartariſche Schnitt den ſlaviſchen bereits vollſtändig verdrängt hatte. Er trug hohe fal⸗ tenreiche Stiefeln von Saffian, der einſt grün geweſen ſein mochte, über weiten Beinkleidern einen langen Kontuſch, deſſen geſchlitzte Aermel auf dem Rücken zu⸗ ſammengeknüpft waren, einen breiten Metallgürtel, an einer ſtarken Schnur hing ihm ein krummer Säbel um die Schultern, dies alles war fahl grau und düſter von Farbe. Auf ſeinem kahlen Kopfe ſtand ein Bü⸗ ſchel Haare aufwärts, das der Luftzug leiſe bewegte, es war als habe er nach der Mode jener Zeiten ſein Haupt glatt raſirt und trage die tartariſche Hor⸗ denlocke. Sein grauer Schnurrbart hing bis auf den Kon⸗ tuſch herab. Er verneigte ſich nochmals ſehr artig und ceremoniell. „Du biſt wohl erſtaunt einen Gaſt zu bekommen, was Alterchen“, ſagte ich ſo leicht hin, als es mir nur gelingen wollte. Er ſchüttelte das Haupt.„Ich habe Sie erwartet“, ſagte er, und ein freundliches Lächeln zog über ſein verſteinertes Antlitz „Setze doch Deine Mütze auf“, rief ich. Er nickte, ſetzte die graue Czapeka ſchief auf das linke Ohr, öffnete das Thor und nachdem ich hinein⸗ 20 geritten war, ſchloß er es wieder und ſperrte hinter mir zu. Der große Schlüſſel ſang weinerlich in dem roſtigen e Schloſſe. „Nun, willſt Du mir alle Deine Schätze zeigen, Alterchen“, begann ich, nachdem ich abgeſtiegen war und er den Zügel meines Pferdes ergriffen hatte. „Es wird eine ſeltene Ehre für mich ſein“, gab er mit einer Stimme zurück, die wie eine verroſtete Thür knarrte,„und man nennt mich Jakub, wenn Sie nichts dawider haben, mein Herr Wohlthäter.“ Wahrend er mein Pferd in den Stall führte, hatte ich Zeit mich im Schloßhofe umzuſehen. Vor mir lag eine Art Palaſt mit bleifarbenem Dach, unter dem ein Drachenkopf bereit war, das Regenwaſſer in weitem Bogen auszuſpeien, einem Balkon, den nackte Türken auf ihren ſteinernen Schultern trugen und ei⸗ ner prächtigen Freitreppe. In einer tiefen Niſche, welche die Mauer bildete, waren der häßliche Kopf und die mit Ketten beladenen Hände eines Mongolen⸗ Fürſten in Stein gehauen zu ſehen. Der mit Stei⸗ nen gepflaſterte und mit einem leichten Schneeteppich bedeckte Hof hatte in der Mitte eine gemauerte Ciſterne, über die eine große Linde ihre breiten Aeſte ſtreckte, zwei Krähen, die auf denſelben ſaßen, ſtießen von Zeit zu Zeit ein gellendes Freudengeſchrei aus, als gälte es den Fremden würdig zu begrüßen, allerorten lag Schutt, lagen zerbrochene Ziegel oder wüſte Stein⸗ haufen. Der Alte kam zurück, winkte mir und ſchickte ſich an das Gitter zu öffnen, das die Freitreppe verſchloß. Sein Gang und ſeine Bewegungen hatten etwas ſchat⸗ tenhaftes, ich glaube, wenn die Sonne geſchienen hätte, ich hätte durch ihn durchſehen können. Ich bemerkte erſt jetzt, daß ein großer Rabe ſtille und ernſthaft ſei⸗ nen Schritten folgte. Er führte mich langſam die Freitreppe empor, ſchloß vben eine kunſtreich verzierte Thüre auf, und ich überſchritt die Schwelle des verrufenen unheimlichen Gebäudes. Wir gingen über breite Marmorſtiegen und heimliche Wendeltreppen auf und nieder, durch Gänge, welche jetzt breit und herrlich wie eine Allee und dann wieder dumpf und ängſtlich wie der Schacht eines Bergwerkes waren.— Große holzbraune Thüren mit Metallbeſchlag wurden aufgeſchloſſen und wieder geſperrt, manchmal genügte ein Druck des Fingers und eine Wand ſprang auf und ließ uns durch, und durch die Zimmerfluchten, zogen mit uns die Schatten vergangener Jahrhunderte; hier hingen ſchwarze Rü⸗ ſtungen, mit weißen Engelfittichen, erbeutete Türken⸗ Fahnen, Heerpauken, tartariſche Köcher mit vergifteten 222 Pfeilen, in Gemächern, deren Tapeten Scenen aus dem alten Teſtamente darſtellend verblichen und von Mot⸗ ten zerfreſſen waren, die ſich bei der leiſeſten Berührung in Schwärmen erhoben und umherſchwirrten; dort ei⸗ nen Korridor weiter thronte die ganze kapriziöſe Gra⸗ zie einer Rokokv⸗Schönen. Da gab es niedliche mit verblaßtem blauen Atlas oder gelb gewordenen weißen Muſſelin tapezierte Boudoirs mit großen Kaminen, auf denen dickbäuchige Porzellan⸗Chineſen, mit Toilett⸗ tiſchen, auf denen Spiegel in Silberrahmen und all' den Nippes jener Zeit zu ſehen waren. Aus majeſtätiſchen Sälen mit ſinnigem Stuckatur⸗ Schmuck und gigantiſchen Fresken kam man in Schlaf⸗ gemächer mit prunkvollen Himmelbetten. Da ſtand eine Vaſe, wie ſie nur der Schönheitsſinn eines Hel⸗ lenen oder Italien ers ſchaffen konnte auf marmorenem Piedeſtal, und eine Thür weiter nahm ein großer ge⸗ ſchnitzter Schrank die Breite der Wand ein, gefüllt mit all' dem wunderlichen Glaswerk und Thongeſchirr, bunt bemalt, mit kernigen Sprüchen verſehen, wie es der bizzarre deutſche Geſchmack im fünfzehnten und ſechszehnten Jahrhundert erzeugte. In dem koſtbaren von der Zeit geſchwärzten Getäfel der Wände pochte der Holzwurm, die Fenſter waren meiſt erblindet, und an den alten Bildern, die allerorten die Wände ſchmück⸗ 223 ten, waren im Laufe der Jahrhunderte die Farben ſo ſtark gedunkelt, daß die kühnen Ritter, die prächtigen Staroſten und die reichgekleideten Damen alle tief im Schatten zu ſtehen ſchienen und hie und da ein ſchönes Antlitz wie aus der Düſterheit der Nacht hervorleuch⸗ tete. Und alles war verwahrloſt, verfallen, mit aſch⸗ grauem Staub bedeckt und mit Spinnweben behängt, die Luft roch nach Moder, und auch der alte graue Mann erſchien mir plötzlich wie mit Schimmel über⸗ zogen. Endlich kamen wir in ein mäßig großes Gemach, das im Viereck gebaut und mit dunklem Holze ver⸗ kleidet war und in dem ſich weder ein Einrichtungs⸗ ſtück, noch ein Geräthe befand. An der mitleren Wand hing ein Bild in rauchigem Goldrahmen und auch die⸗ ſes war mit einem grünen Vorhang bedeckt. Der Alte winkte mir ſtehen zu bleiben, er hatte während der ganzen Wanderung kein Wort geſprochen und ſprach auch jetzt nur durch Zeichen und Blicke, näherte ſich auf den Fußſpitzen dem grünen Vorhange und zog an einer verborgenen Schnur. Staub ſtieg empor und aus der grauen Wolke, die ſich ſchnell verzog trat eine weibliche Figur von ſeltſamem Reize. Es war eine hochgewachſene Frau von ſchlangenartiger Schlankheit in dunkeln Sammt ge⸗ 224 kleidet, welche mir ein kaum ſchön zu nennendes, aber in ſeiner ſanften Wildheit und lächelnden Schwer⸗ muth berückendes, von dunkeln Locken, auf denen eine polniſche Mütze leicht und kokett ſaß, dämoniſch einge⸗ rahmtes Antlitz zukehrte. Ihre großen dunkeln bren⸗ nenden Augen ſchienen zu phoſphoriſiren und als ich zurückwich mir zu folgen. Was in dieſem Blick lag, ich weiß es nicht, et⸗ was Unbegreifliches, das mir den Athem benahm, mir das Herz in der Bruſt hämmern und die Knie ſchlot⸗ tern machte. „Sie iſt gut getroffen“, flüſterte der Alte. Ich ſah ihn entſetzt an, wie man eben einen Wenſchen anſieht, bei dem man plötzlich entdeckt, daß ſein Geiſt geſtört iſt. Er ſchien es zu bemerken, zuckte die Achſeln und verhüllte das Bild. Ich empfand in dieſem Augenblick einen brennenden Schmerz am Zei⸗ gefinger. Es war mein Verlobungsring, der mich zum erſten Male ſeitdem ch ihn trug in das Fleiſch ſchnitt. „Nun, Herr Jakub“, ſagte ich,„werdet Ihr mir nun auch das Marmorweib zeigen?“ Er ſtreckte ſeine dürre Hand, die nicht viel anders als ein welkes Blatt war, aus dem Aermel des Kon⸗ tuſch hervor und ſchwenkte ſie hin und her.„Ich weiß es“, ſagte er mit ſeiner knarrenden Stimme, 225 „daß der Herr deshalb gekommen iſt, aber jetzt iſt es nicht an der Zeit. Kommen der Herr Wohlthäter morgen Nachts, da haben wir Vollmond, da werden die Todten lebendig.“ „Biſt Du bei Sinnen“, ſtieß ich halb unbewußt hervor. „Sehr wohl, mein theurer Herr“, erwiderte er mit einem Lächeln, das ſich wie ein Sonnenſtrahl in ſeinen grauen Schnurrbart ſtahl,„ich weiß auch was ich rede, das Bild iſt gut getroffen und auch der todte Stein hat Aehnlichkeit, ich kenne ſie, doch wer ſoll ſie denn ken⸗ nen, wenn ich ſie nicht kenne? Habe ich ſie doch auf dieſen meinen Knieen geſchaukelt, ſo wahr ich Gott liebe Mir ſchauerte vor der tiefen Ueberzeugung, mit der der Alte das Unmögliche ausſprach, ich gab ihm raſch ein Goldſtück, das er ehrerbietig nahm, eilte in den Hof hinab, ließ mein Pferd aufführen und ritt den Abhang hinunter mit dem Vorſatz, dem geheimniß⸗ vollen Schloſſe und ſeinem wahnſinnigen Bewohner nie wieder in die Nähe zu kommen.—— Aber es war dies ein Vorſatz wie eben Vorſätze ſind. Schon am nächſten Morgen nannte ich mich einen Feigling, Mittags hielt ich mir ſelbſt eine ſchöne Rede genen den Aberglauben und mit Anbruch der Socher-Maſoch, Galiziſche Geſchichten 1 15 6 26 Nacht ſaß ich im Sattel, um dem ſchönen Marmorbilde einen Beſuch zu machen. Es war kalt, aber die Luft ſtille und ohne Re⸗ gung. Die große reine Scheibe des Vollmondes ſtand bereits hoch am Himmel, ſo daß von dem goldenen Licht und dem Blitzen der Sterne nichts mehr zu ſehen war, als ein bleicher dämmeriger Schimmer. Es ſchien Tag zu ſein, ein trüber Tag mit bleigrauem Lichte zwar, aber doch Tag, ſo mächtig war die Sil⸗ berhelle des Mondes, von der Nähe und Ferne über⸗ ſtrömt waren und welche der Schnee, der Alles umher gleichmäßig in ſein grelles Weiß einhüllt, ſcharf zurück warf. Man konnte weithin jeden noch ſo kleinen Ge⸗ genſtand erkennen, nur in der Ferne ſchwebte es wie leichter Rauch und hinter demſelben ſtanden die Berge in diamantenen Schleier gehüllt. Schnee und Mond ſind in ſolchen klaren ruhigen Nächten erſtaunliche Künſtler, Baumeiſter und Bildner vor allem, ſie wetteifern, Geſtalten in unſeren Weg zu ſtellen und fabelhafte Gebäude aufzurichten. Da, wo ſonſt eine verlorene rußige Bauernhütte mit windſchiefem Strohdach ſteht, haben ſie einen herr⸗ lichen Eispalaſt mit blitzenden Fenſtern aufgeführt, wie jenen der unter der Regierung der Czarin Anna auf dem Eiſe der Newa erbaut worden iſt. Von einem 227 breiten Hügel winkten düſtere Säulen mit funkelndem Knauf, frei in die Luft ragend gleich einer griechi⸗ ſchen Tempelruine. An dem Ufer des Teiches ſchien eine vom Scheitel bis zur Sohle in weißen Schleier eingehüllte Tartarenfrau zu ſtehen und ſich in ſeiner grün leuchtenden Eisfläche wie in einem Spiegel zu beſchauen, während in der Ferne Götterbilder ragten, aus blendendem Marmor geformt, und auf dem ſchim⸗ mernden Plan der Wieſe holde Elfen ſich zu einem geiſterhaften Reigen verſchlingen. Auf dem Friedhofe war jedes der armen Gräber mit einem hohen Sarkophag geſchmückt, über dem ein weißes Kreuz erglänzte und friedloſe Todte in ſchlep⸗ penden Grabtüchern ſchwebten drohend dazwiſchen. Das Rad der Mühle ſtand verſteinert, große Eis⸗ ſäulen ſtützten die Rinne, der ſilberne Sturz des Baches war erſtarrt und in ihm glühten Stauden und Halme in allen möglichen Farben, gleich den Blumen aus Edelſteinen der Tauſend und eine Nacht. Und wenn weithin kein Dach, kein Baum, kein noch ſo kleiner Strauch zu ſehen war, nur die ſtille Glanzfluth des Mondes auf den weißen Wogen des Schnees, dann war es mir, als ſchwebte ich auf dem Zauberpferde hoch in den Lüften, über mir die Ge⸗ ſtirne, unter mir die weißen ſchimmernden Wolken. 228 Es währte nicht lange, ſo kündigte die Erde wieder ihre Nähe an, die Lichter eines Dorfes guckten in der ſilbernen Dämmerung auf, eine Schmiede verſendete und eine rothe Feuerſäule ſtieg aus ihrem Rauchfang gegen den Himmel, ſchwere Hammerſchläge pochten im melancholiſchen Takt durch die Nachtſtille und am Rain ſtand ein Brunnen von einem Schnee⸗ tuch überdeckt, deſſen gefrorener Strahl ſeltſame Ara⸗ besken bildete. Hinter den Hütten ſtieg der Abhang des Gebirges, ein mit beſchneiten Wipfeln herab, wie ein Koſakenheer auf ſchwarzen Pferden mit hohen weißen Lammfellmützen und glänzenden Lanzen. Dort, wo die gelben Schafte des Mais ſtehen geblie⸗ ben waren, ein beſchneiter Acker, ſchimmerte es wie mondbeglänztes Schilf im hellem Spiegel eines Teiches Eine Strecke weiter ſtand ein Kreuz am Wege und der Heiland war mit diamantenen Nägeln an dasſelbe geſchlagen und trug ſtatt düſterer Dornen eine leuchtende Strahlenkrone. Und war bisher nichts Lebendiges zu ſpüren, ſo zeigte ſich plötzlich auf der in Schnee gehüllten Winter⸗ ſaat eine muntere Geſellſchaft grauer Feldhaſen, welche im hochzeitlichen Lichte des Mondes ſcherzte und lie⸗ belte, hier wühlten einige emſig den Schnee auf, um Nahrung zu finden, dort ſpielten andere und ſchrieen gleich kleinen Kindern und ſchlugen ſich mit den Vor⸗ derlaufen, andere kamen mit leichten Sprüngen, ſetzten ſich plötzlich auf, um mich anzuſehn, legten die Löffel zurück und ſtreckten ſich eben ſo ſchnell wieder luſtig in die Höhe, wenn ſie mich weiterreiten ſahen. In der Ferne bellte heiſer und verdroſſen ein alter Fuchs. So erreichte ich Schloß Tartakow. Vor dem Thore ſchauerte mein Pferd, und wie der ſeltſame Alte ungerufen und ungebeten die ſchwe⸗ ren Flügel auflehnte, fiel es auf die Hinterhufe zu⸗ rück und wollte nicht in den vom magiſchen Lichte er⸗ füllten Hof. Endlich gehorchte es den Sporen, aber nur zitternd und mit einem traurigen Schnauben. Als mich der Alte die breite Steintreppe hinaufführte, erhob ſich ein eiſiger Luftzug, d die alte Linde rauſchte wehmüthig, tief unten ſank ſchauerlich ein wilder Berg⸗ ſtrom, deſſen ſelbſt der Winter mit ſeinen eiſigen Ket⸗ ten nicht Herr werden konnte, und über mein Haupt weg zogen fabelhafte, herzzerreißende, traurig ſüße Töne. „Was iſt das?“ fragte ich. „Es iſt die Aeolsharfe,“ entgegnete der Alte,„die ſteht nun ſchon bei hundert Jahre auf dem Thurm, ſo weit ich mich erinnere.“ Wir traten in ein freundliches Zimmer mit grü⸗ 230 nen Vorhängen, das behaglich erwärmt war, im Ka⸗ min brannte friſches Fichtenholz und verbreitete einen angenehmen narkotiſchen Geruch. Vor einem geblüm⸗ ten Sopha ſtand ein gedeckter Tiſch. Ich bemerkte koſtbares Porzellan und uraltes Silber mit dem Wap⸗ pen der Familie Tartakow verziert. Der ſeltſame Alte lud mich ein, Platz zu nehmen, ſetzte den Samovar auf und bediente mich mit der vollen Würde eines ergrauten Haushofmeiſters. Ich nahm nur wenig, ich war zu ſehr erregt. Der Zeiger auf der alterthümlichen Wanduhr ſchien mir ſtille zu ſtehen. Endlich nahte er der zwölften Stunde. „Es iſt Zeit“, ſagte ich. „Ja, es iſt Zeit“, ſtimmte der Alte bei. Er nahm ſeinen Schlüſſelbund vom Gürtel und begann aufzu⸗ ſperren, Thüre auf Thüre, wir gingen wieder durch lange Gänge und endloſe Zimmerreihen, nur daß diesmal Alles ein geſpenſtiſches Leben gewann, aus den ſchwarzen Viſiren blitzten mich feindſelige Augen an, die unheimlichen Geſtalten in den goldenen Rah⸗ men drohten herauszutreten auf die verfallenen Teppiche und ſogar die alten Fahnen und die Vorhänge ſchie⸗ nen ſich zu regen und zu flüſtern. Nachdem der Alte die mit Silber verzierte ſchwarze 231 Thüre eines großen Saales geöffnet hatte, den ich das erſte Mal nicht betreten hatte, ſprach er: „Hier muß ich Sie allein laſſen, mein Herr Wohl⸗ thäter, gehen Sie nur muthig vorwärts, Sie gelangen am Ende des Saales an zwei Treppen, die links führt zu dem Marmorweibe, treten Sie ein.“ Ich überſchritt die Schwelle und ſtand in einem herrlichen Saal mit hohen Fenſtern, durch die das volle Licht des Mondes hereinfiel und den ganzen Raum zauberhaft erhellte. Ich hörte die Thüre hinter mir zufallen und die traurig ſüßen Töne der Aeols⸗ harfe in den Lüften ſchweben. Es fiel wie ein kalter Stein auf meinen Weg, aber ich ermannte mich und ging vorwärts. Meine Schritte hallten auf den Marmorplatten, und langſam wie ich mich den beiden Treppen, die ſich am Ende des Saales erhoben, näherte, ſtiegen oben in dem ſilbernen Lichte des Mondes zwei Geſtalten aus dem Boden empor. Zu meiner Rechten ſtand der Heiland in weißem wallenden Gewande, das ſchöne Haupt mit der Dor⸗ nenkrone bekränzt, das ſchwere Kreuz auf der Schulter, den Blick voll ſanften Schmerzes auf mich gerichtet und winkte mit der Hand. Zur Linken aber zeigte ſich ein Weib, deſſen mar⸗ erſtarren machte und meinen Geiſt verwirrte Sie 232 morne Glieder ſich im Mondlicht zu dehnen und zu leuchten ſchienen, ein Weib von jener Schönheit, die etwas Teufliſches an ſich hat, die uns mit holder Qual erfaßt, die uns im Leiden jauchzen und im Ge⸗ nuſſe weinen lehrt. Ihre weiße kalte Hand ſchien aus⸗ geſtreckt nach meinem warmen zuckenden Herzen, ihre todten weißen Augen hatten einen verſchwommenen ſammtenen Glanz und einen Blick, der durch meine Seele ging wie Frühlingswehn. Du ſollſt das Kreuz der Menſchheit auf Dich la⸗ den! ſchien der Heiland fanft zu mir zu ſprechen, ſie aber hob die todten, ſüßen, ſchwellenden Lippen zum Kuſſe.— Eine räthſelhafte Gewalt zog mich zu ihr, die Stufen empor, in den ſanften Dämmerſchein der um ſie ſchwebte, und wie ich vor ihr auf den Knieen lag, zog ich den Ring herab und ließ ihn auf ihren weißen Finger gleiten. Sie empfing ihn ruhig, kalt, wie ein Marmorbild, wie eine Göttin, eine Todte, und ich neigte meine Lippen zu ihren ſchönen Füßen nieder und küßte ſie. Dann ſtand ich auf und ſtreckte meine Hand aus nach dem Ringe. Da geſchah das Unglaubliche, was mir das Herz 233 ſchloß die Hand, und gab mir den Ring nicht mehr zurück. Grauen erfaßte mich, ich wich zurück und wäre faſt die Treppe hinab geſtürzt nach rückwärts, doch faßte ich mich noch einmal und ſagte laut zu mir: ein Spiel der Phantaſie, eine Gaukelei des Mondes, weiter nichts. Die Wölbung gab mir meine Worte zurück, aber ſpöttiſch, wie mir ſchien und mit einem Tone, der nicht der meine war. Ich trat noch einmal zu dem ſchönen Weibe hin und wirklich hielt ſie mir ihre weiße Hand mit göttlicher Anmuth offen hin wie vordem und ich ſah an ihrem Finger den goldenen Reif. Noch ein⸗ mal verſuchte ich ihr ihn zu entreißen, aber ſie ſchloß von neuem die Hand und als ich Gewalt gebrauchen wollte, fühlte ich die marmornen Finger zur Fauſt ge⸗ ballt zwiſchen meinen Händen. Es durchſchauerte mich⸗ Ich weiß nicht, wie ich aus dem Saale, wie ich aus dem Schloſſe gekommen bin. Mir kehrte erſt die Beſinnung wieder als der Morgenwind mir eiſig in die Wangen ſchnitt, aber das geſpenſtiſche Weib ſchien mir zu folgen, ich ſah es vom Frühroth zart angehaucht in einer Wolke ſtehen, die über den Teich zog, und ſah noch unweit meines Edelhofes ihren ſchönen weißen Leib durch die ſchwarzen Tannen ſchimmern. Ich ſehe 234 ſie ſeitdem im Traume und auch im Wachen, mit vffe⸗ nen Augen ſeh ich ſie, wie ſie ſanft, gleich einem Mondſtrahl in das Zimmer tritt, und mich anlächelt mit ihren weißen Todtenaugen.“ Während Manweds Erzählung war Herr Konopka eingetreten, vielleicht nicht ganz ſo wie ein Mondſtrahl, aber jedenfalls leiſe genug, und ſtarrte die reizende Aniela an. Plötzlich ſtieß dieſe einen gellenden Schrei aus, wir erblickten jetzt alle zu gleicher Zeit den gu⸗ ten jungen Mann, und es gab keinen, der nicht ein wenig zuſammen fuhr. „Aber was haben Sie denn?“ fragte Frau Bar⸗ doßoſta ärgerlich,„daß Sie uns jedesmal ſo er⸗ ſchrecken müſſen?“ „Ich weiß nicht“, erwiderte Herr Konopka, der wie Espenlaub zitterte,„aber ſo viel iſt gewiß, daß ich mich ſelbſt entſetzlich fürchte.“ „Sie fürchten ſich“, ſpottete Kordula,„wovor denn?“ „Die Geſchichte des Herrn Werofski hat mir jedes Haar emporgerichtet auf meinem Kopfe“, ſtam⸗ melte Maurizi. Der alte Herr blies eine Wolke blauen Dampfes 235 zur Seite, ſtopfte mit den Fingern den Tabak feſter und ſagte dann: „Ein gut erzähltes Märchen!“ Aniela hatte ſich erhoben und Manweds Hand er⸗ griffen. „Wo haben Sie den Ring, den ich Ihnen gegeben habe?“ fragte ſie, die ſonſt ſo klare Stirne von tiefem Schatten überflogen. „Ich habe ihn nicht.“ „Ein unpaſſender Scherz“, rief Kordula. „In der That“, fügte ihr Verehrer bei. „Kein Scherz“, ſagte Manwed,„den Ring hat die marmorne Todte.“ Niemand ſprach mehr ein Wort von der Sache, aber alle waren ſichtlich verſtimmt und ſo beeilte ſich Manwed aufzubrechen. Ich begleitete ihn zu ſeinem Schlitten. „Glaubſt Du nicht, daß es an der Zeit wäre Dein Benehmen zu ändern?“ ſagte ich. „Alſo auch Du meinſt, daß ich ſcherze“, erwiderte er gereizt,„gut, ich aber ſage Dir, daß ich keinen Willen mehr habe, daß meine Seele einem Dämon in Venusgeſtalt verfallen iſt, und daß ich dieſe kalte todte Schöne, ohne Herz, ohne Sprache, ohne Augen liebe, wie ein Wahnſinniger“, damit fuhr er fort. 236 Ich fand, in das Haus zurückgekehrt, alle Anwe⸗ ſenden in unbeſchreiblicher Aufregung. Maurizi ſchwor, daß er nicht allein nach Hauſe fahren werde, der Ad⸗ junkt ſprach belehrend von der Macht der Einbildung über den Menſchen; die Gefühle des Herrn Bardoßoſti verdometſchte uns ausſchließlich ſeine lange Pfeife, welche gleich einem kleinen Kinde greinte und wim⸗ merte. Niemand hatte Luſt etwas zu ſich zu nehmen und die Tarokkarten lagen unberührt. Plötzlich zog die Hausfrau die Brauen zuſammen und blickte auf das Fenſter. „Wer ſteht denn dort?“ fragte ſie kleinlaut. Wir ſahen jetzt alle zugleich eine weiße Geſtalt, von dem bleichen Lichte des Mondes mhſteriös beſchienen. „Sie iſt es“, murmelte Maurizi,„ſie ſucht ihn.“ „Wer?“ fragte Aniela, von Eiferſucht erfaßt, ihre Stimme bebte. „Das Marmorweib, wer ſonſt!“ erwiderte Mau⸗ rizi. Er winkte mit der Hand, als wollte er ſagen, der, den Du ſuchſt iſt fort, weit von hier, aber die weiße Geſtalt rührte ſich nicht von der Stelle. „Meine Piſtolen“, keuchte Herr Bardoßvoſti,„ich will eine geweihte Kugel laden, wir wollen doch ſehen—“ er vollendete nicht ſondern nahm ſeine Kuchenreiter von der Wand und ließ den Hahn knacken. „Reden Sie doch mit ihr“, flehte Aniela. „Madame“, begann Maurizi mit einer wahrhaft erbärmlichen Stimme,„er iſt nicht da, er iſt nach Hauſe gefahren, wenn Sie ſich ein wenig beeilen, kön⸗ nen Sie ihn noch einholen. Für Sie iſt das ein Scherz.“ Seine Zähne klapperten.„Sehen Sie doch,“ fuhr er fort, mich in den Arm kneipend,„den feuri⸗ gen Athem, den das ſchreckliche Weib von ſich gibt. Iſt das nicht merkwürdig?“ „Noch merkwürdiger iſt es“, ſagte der alte Herr mit einem behaglichen Gelächter,„daß das Geſpenſt eine Pfeife im Munde hat, und aus derſelben raucht.“ Er ging langſam zum Fenſter, öffnete es, und nun ſahen wir den ganzen Spuk mit heiterer Deutlich⸗ keit im Mondlicht daſtehen. Aus dem Hofe tönte ein muthwilliges Gelächter. Ein Schneemann mit einem großen Kopf und einem runden urdummen Geſicht ſtand mit dicken Beinen in der Stellung eines Matroſen da. Der Kutſcher und der Bediente hatten ihn mit aller Kunſt die ihnen zu Gebote ſtand aufgerichtet und der Koſak hatte ihm ſeine kurze brennende Pfeife in das breite Maul geſteckt. Nun gab es ein lautes ausgelaſſenes Lachen im Zimmer und im Hofe, wo ſich die Spitz⸗ buben hinter einem Leiterwagen verſteckt hatten, der 238 Samovar wurde aufgeſetzt, die Tarokkarten kamen zu Ehren, und wir unterhielten uns auf das beſte bis nach Mittenacht. Manwed kam an dem folgenden Abend zu Bar⸗ doßoſki mit dem feſten Vorſatze, ſich mit Aniela aus⸗ zuſöhnen. Sein traumhaftes an geiſtige Verwirrung grenzendes Weſen ſchien vollkommen gewichen, alles an ihm verrieth Ernſt, Entſchiedenheit und Reue. Er zögerte nicht ange mit ſeiner Erklärung. Als Aniela bleich, mit halb geſchloſſenen Augen hereintrat, ging er auf ſie zu und verneigte ſich tief. „Mein Fräulein“, begann er in einem ſchlichten Tone, der zum Herzen ſprach,„ich habe Sie durch ein ebenſo räthſelhaftes als von Ihrer Seite in keiner Weiſe verdientes Betragen gekränkt, ich bin mir mei⸗ ner Schuld vollkommen bewußt und bitte Sie mir zu vergeben.“ „Bravo“, rief der alte Herr und klatſchte kräftig in die Hände, als gälte es einem Liebhaber auf der Bühne bei einer gelungenen Scene Beifall zu ſpenden. Aniela wollte etwas erwidern aber brachte es nur zu einer lautloſen Bewegung der blaſſen Lippen. „Gieb ihm die Hand“, ſagte die Mutter. 239 Das arme Mädchen ſtreckte gleich beide Hände aus und Manwed ergriff ſie mit aller Begeiſterung eines Verliebten ja er machte eine Bewegung als wollte er ſeine Braut küſſen, in demſelben Augenblick wurde er aber bleich und ſtarr wie ein Todter, ſein Blick blieb entſetzt an der leeren Luft haften, und endlich wankte er nach rückwärts und ſchrie auf: „Was willſt Du? Weshalb Prohſt Du mir?“ „Was haben Sie?“ fragte Aniela erſchreckt. „Dort ſteht ſie“, fuhr er fort,„zwiſchen mir und Ihnen, die todte ſteinerne Frau, ſie hat meinen Ring am Finger und mahnt mich. Und jetzt ſchwebt ſie zur Thür hinaus, dort, dort, und ſie winkt mir.“ Zu rechter Zeit ſtand wieder Maurizi in einem weißen Mantel wie der Gouverneur in Don Juan da. Ein Angſtſchrei durchzitterte das Zimmer, Aniela ſchlug die Hände vor das Geſicht und Manwed ſank auf einen Seſſel. „Ich bin ſehr erſchrocken“, begann Maurizi, am ganzen Leibe bebend. „Können Sie denn nicht eintreten wie ein ande⸗ rer Menſch“, grollte der alte Herr. „Sie ſind krank“, ſagte der Adjunkt zu Man⸗ wed,„vielleicht iſt ein Nervenfieber in Anzug. Suchen 240 Sie zu ſchwitzen Legen Sie ſich in das Bett und nehmen Sie Hollunderthee.“ „Ich fange an mich vor ihm zu fürchten“, mur⸗ melte Aniela. Manwed blickte mit verglaſten Augen um ſich, erhob ſich, ſtrich mit der Hand über die Stirne und verließ das Zimmer. Eine Woche verging, ohne daß man ihn zu Geſichte bekam. Herr Bardoßoſki fuhr zu ihm, aber traf ihn nicht zu Hauſe. Mir erging es nicht beſſer, aber er erwiderte noch an demſelben Abende meinen Beſuch. Wie einer, der eben ſein Grab verlaſſen hat, verzerrten Geſichtes, bleich, ſchlotternd kam er herein, bot mir die Hand und ſaß mehr als eine Stunde bei mir ohne zu ſprechen, ja ohne zu hören was ich ihm ſagte. „Komm“, rief er plötzlich,„ich muß an die Luft, begleite mich.“ Ich ließ zwei Pferde ſatteln und wir ritten in leichtem Galopp auf der Landſtraße durch beſchneite Felder und zwiſchen weiß vermummten Bäumen ſeinem Gute zu. Mit einem Male hielt er ſeinen Braunen an und deutete vor ſich hin.„Siehſt Du“, flüſterte er mit trockener Stimme wie ein Fieberkranker;„ſiehſt Du ſie?“ „Ich ſehe Niemand.“ 241 „Dort, die weiße Frau, die auf ſchwarzem Pferde dahin ſprengt.“ Es war jene Zeit der Dämmerung, welche düſte⸗ rer iſt als die vollkommene Nacht, ich ſtrengte meine Augen an, ohne etwas entdecken zu können. Er gab ſich endlich zufrieden. Wir kamen in ſeinem Hofe an, ſtiegen ab, und ſaßen dann in ſeinem kleinen behag⸗ lichen Rauchzimmer bei dem großen Kamin, deſſen ſtar⸗ kes rothes Feuer zugleich für Beleuchtung ſorgte. Der alte Bediente füllte den Samowar mit glühenden Kohlen. Keiner von uns beiden hatte Luſt zu ſprechen. Unter dem Divan ſtöhnte der gelbe Jagdhund auf, er ſchien zu träumen, die maſſive Uhr, deren geſchnitztes Holzgehäuſe ſich wie ein Thurm von der Diele faſt bis zum Plafond erhob, hielt ihren eintönig ernſten Sermon. Eine Motte hatte ſich aus der ſchadhaften Polſterung des Lehnſtuhles erhoben in dem ich ſaß und umkreiſte lautlos den Samowar. „Was war das?“ fragte plötzlich Manwed. „Ich habe nichts gehört.“ „Aber jetzt—“ In der That klopfte es leiſe an die Fenſterſchei⸗ ben, welche von Eisblumen, die großen Brüſſeler Spitzen glichen, verdeckt waren. „Nun, ſiehſt Du auch diesmal nichts?“ fragte Sacher-Maſoch, Galiziſche Geſchichten. I. 16 242 Manwed lächelnd. Er ſtand auf und näherte ſich dem Fenſter. Ich blickte lange hin und ſah endlich in der That vom Monde beleuchtet eine weiße Frau vor demſelben ſtehen, welche mit meinem Freunde Zeichen des Einverſtändniſſes wechſelte. Zuletzt nickte ſie mit dem Kopfe und zog ſich zurück. „Was ſoll das bedeuten“, fragte ich,„bin auch ich verrückt, oder leiden wir beide an Augentäuſchungen?“ Manwed zuckte die Achſeln. „Ich bin, wie Du mich da ſiehſt, bereits ganz in den Krallen des Satans“, flüſterte er,„es iſt das eine Geſchichte, die gewiß nicht alle Tage vorkommt und deshalb möchte ich ſie Dir gerne erzählen, aber Du mußt nicht glauben, daß ich wahnſinnig bin, und noch weniger, daß ich Dir ein Märchen erzähle. Mir iſt eben nicht ſpaßhaft zu Muthe. Arme Aniela!“ Wir nahmen Thee, er zündete mir eine Peife an, fing die Motte, die um den Samowar ſtreifte und warf ſie in das rothe Feuer des Kamins, das ſie im Augenblick verzehrt hatte. Dann begann er. 4 „Es war eine ſchöne geiſterhafte Vollmondnacht, als ich zum dritten Male nach dem Schloſſe Tarta⸗ kow ritt. Ich wollte meinen Ring wieder haben um 243 jeden Preis Der alte verwitterte Mann erwartete mich diesmal im Thorweg, nickte freundlich, nahm mein Pferd und lud mich ein, etwas zu mir zu nehmen. „Ich trank ein Glas alten Burgunders, der meine Adern wie Feuer durchſtrömte, das war Alles. Mein Kopf war hell, mein Herz pochte nicht im Mindeſten. Ich war entſchloſſen und ohne Furcht. Als es Mitter⸗ nacht ſchlug, öffnete mir der Alte die Thüre des gro⸗ ßen Saales und ſchloß ſie wieder hinter mir. Ich achtete nicht darauf, ſondern ſtieg raſch die Treppe empor und faßte die Hand der marmornen Schönen in der Abſicht, ihr meinen Ring zu nehmen, aber ſie zog den Finger an ſich, und ich ſtrengte mich verge⸗ lich an, ihr denſelben zu entreißen. Es war ein unheimlicher Kampf mit der kalten ſteinernen Todten im fahlen Mondlicht und der tiefen Stille, welche herrſchte. Ich ließ endlich die Arme ſin⸗ ken und ſchöpfte Athem, da hob auch ihre herrliche Bruſt ein Seufzer, und ihre weißen Augen blickten mich mit einem überirdiſchen Schmerze an, der mich beſchämte, der mir die Beſinnung raubte. Ohne zu bedenken was ich that, ſchlang ich die Arme um ihren kalten ſchönen Leib und preßte meine heißen Lippen auf ihre eiſigſtarren. „Es war ein Kuß ohne Ende, nicht wie wenn 16* 244 zwei Seelen ineinander fließen, ſondern wie wenn eine dämoniſche Gewalt langſam mir das Blut aus dem Leben ſaugen würde. Mich faßte eine namenloſe Angſt, aber ich war nicht fähig mich von den todten Lippen loszumachen, ſchon wurden ſie warm von den meinen, ſchon hob ein ſanfter Athem die elfenweiße Bruſt, und mit einem Male ſchlangen ſich die Marmorarme um meinen Nacken wie eine ſchwere Kette, die ſüße Laſt drückte mich nieder auf die Kniee und zugleich brach ein rei⸗ zendes Lächeln wie ein Mondſtrahl aus den weißen Augen.*) Die ganze Geſtalt begann ſich ſanft zu regen, Die uralte, bei verſchiedenen Völkern in mannigfachen Va⸗ riationen wiederkehrende Sage, welche hier als Grundaccord her⸗ vorklingt, tritt uns zum erſten Male plaſtiſch in der helleniſchen Welt entgegen. Pygmalion, König von Cypern, haßte anfangs alle Weiber, als er aber einſt eine ſchöne Bildſäule von einem Mädchen aus Elfenbein gemacht hatte, verliebte er ſich in dieſelbe und flehte Venus an, ſie zu beleben. Seine Bitte wurde erhört und er nahm ſie zu ſeiner Gattin. Ovid Met. X. 243. Philoſtrat de. vit. Apollon. II. c. 5. machte ihn zu einem Bildhauer. Die italieniſche Sage läßt einen vornehmen Jüngling aus Verona beim Ballſpiel den Brautring, der ihn hindert, einem Venusbild an den Finger ſtecken. Als er ihn ſpäter zurücknehmen will, ſchließt das Marmorbild die Hand und in der Brautnacht tritt es drohend zwiſchen ihn und ſeine junge Gattin. Nun ſucht er einen Nekromanten auf und dieſer ——— — ———— 24⁴5 wie Bäume ſich im Frühlingswind ſtrecken und auf⸗ athmen, nachdem der ſtarre Schlaf gewichen, die Füße verſuchten ſich im Schritt, und langſam, wie zu Tod ermattet, trat ſie vom Piedeſtal herab Von ihrer Schönheit hingeriſſen, umſchlang ich die Halberwachte und küßte ſie von Neuem mit aller Gluth des Lebens und der Jugend, die durch meine Pulſe flog. Sie gab mit müden Lippen den Kuß zurück wie im Schlafe, dehnte in olhmpiſcher Trägheit die blühenden Glieder, und ſchwebte langſam wie eine Nachtwandelnde einer Thüre zu, die ich bisher nicht bemerkt hatte, indem ſie mir mit der Hand zu folgen winkte. Die Thüre ſchien von ſelbſt aufzuſpringen und wir betraten ein Gemach mit getäfeltem Plafond, uralten Tapeten, ſeltſam geformten Möbeln mit vergoldeteu ſendet ihn mit einem Schreiben, das mit ſieben Siegeln verſchloſ⸗ ſen iſt, zur Mitternachtsſtunde nach der Inſel Sirmione im Garda⸗ See. Frau Venus erſcheint mit ihrem geiſterhaften Gefolge, er überreicht ihr das Schreiben, ſie bricht in Thränen aus, iſt aber gezwungen, den Ring zurückzugeben und den Zauber zu löſen. In der ſlaviſchen Welt hat die Sage einen dämoniſchen Charak- ter angenommen. Das Venusbild wird zum Vampyr, dem der Jüngling ſich durch den Brautring vermählt hat, und erſcheint Nacht für Nacht bei ihm. In demſelben Maße, wie ſich das Marmorweib belebt, ſchwindet das Leben des Unglücklichen, deſſen Seele dem ſchönen Geſpenſte verfallen iſt.— 246 Lehnen und Füßen, deſſen Boden mit einem perſiſchen Teppich bedeckt war. In der Nähe des Kamins ſtand ein Ruhebett aus blutrothem Seidenvolſter, wie man es in türkiſchen Harems findet, vor demſelben war ein Löwenfell aus⸗ gebreitet. In der ſchweren Luft war ein Geruch von Moder und von Spezereien wie in einer Gruft. Kein Licht brannte in den großen Armleuchtern, die vor dem Spiegel ſtanden, aber draußen an dem dunklen Him⸗ mel hing der Mond wie eine ſilberne Ampel und er⸗ hellte den kleinen Raum vollſtändig. Das ſchöne Weib ſtreckte ſich auf dem Ruhebette aus und winkte mich zu ſich. Ich lag vor ihr auf meinen Knieen und hauchte ihre Füße an und küßte ſie, und küßte ihre Hände, ihren Nacken, ihre Schultern, bis ſie mich mit verſchämter Anmuth an ſich zog und von Neuem an meinen Lip⸗ ven hing. Es iſt unbeſchreiblich, was ich empfand, als ich ſie an meiner Bruſt erwarmen fühlte, der Strom des Lebens durchzuckte ſie von Zeit zu Zeit electriſch vom Wirbel bis zur Sohle, und wie wurde mir erſt, als ſie die Augenlider ganz wenig öffnete und mich von der Seite anblinzelte, als ihre Lippen ſich beweg⸗ ten und ſie zu ſprechen begann mit einer Stimme die ſo ſeltſam war, ſo weich, während ihr großer Blick mit einem Male gleich einer Schneeflocke auf mein —— 247 Herz fiel. Und merkwürdiger Weiſe ſprach ſie fran⸗ zöſiſch. „Mich friert“, begann ſie,„mache doch Feuer im Kamin.“ Ich gehorchte und bald loderte es hell aus dem trockenen Holz empor, und gab ein wunder⸗ bares Flammenſpiel in dem Gemach, auf den verblaß⸗ ten Figuren, den alten Tapeten, auf dem Gelb der Möbel und dem rührend ſchönen Leibe der weißen Frau, die in den rothen Seidenpolſtern hingegoſſen lag, vom üppigen Lockengeringel umſpielt. Der Mond flocht weiße Roſen in die blutrothen des Feuers und bekränzte das ſtumme Götterbild. Der Wind ſang im Schornſtein, der Schnee pochte mit weißem Finger an die Fenſterſcheiben, der Holzwurm klopfte oben im Ge⸗ täfel und unter der Diele nagte ein Mäuschen. Und wir küßten uns. Meine Gluth, meine Raſerei erwärmte und löſte vollends ihre ſtarren weißen göttlichen Glieder, welche wie Feuer brannten oder wie grimmiger Winterfroſt, ſie athmete ſchwer, ihre Lippen zuckten in dem ſinn⸗ verwirrenden Stammeln holder Leidenſchaft auf, und verſengten mich mit ihren eiſigen Küſſen. Ich empfand die Qualen des Scheiterhaufens und fühlte die Mar⸗ ter des Erfrierenden, bald war es als leckten wilde Flammen zu mir empor, bald ſchien ſich das eiſige Leichentuch des Schnees über mich zu breiten. „Gieb mir zu trinken“, ſagte ſie plötzlich. „Was befiehlſt Du?“ fragte ich. „Wein,“ gab ſie zur Antwort. Zugleich deutete ſie auf einen Glockenzug in der Nähe der Thüre. Ich zog die Glocke. Ihr Ton durchzitterte ſchau⸗ erlich das weite öde Gebäude, nicht lange und eine Stimme, die aus dem Grabe zu kommen ſchien, fragte nach unſeren Befehlen. „Wein, Alter!“ ſagte ich. Wieder nach einer Weile pochte es an der Thüre, und als ich hinaustrat ſtand der Caſtellan mit einer Flaſche da, auf der noch der Staub des Kellers lag, und zugleich zitterte in ſeiner Hand ein ſilbernes Brett, auf dem zwei Glaspokale leiſe aneinander klangen. Ich ſchenkte einen derſelben voll, mit guthrothem Burgunder Wein und reichte ihn ihr. Sie ſetzte ihn an und ſchlürfte das Blut der Reben eben ſo gierig, wie meine Küſſe, und als ich das Glas auf ihren Wink zurückgeſtellt hatte, legte ſie den Arm um mei⸗ nen Nacken und ſaugte ſich feſt an meinen Lippen. Eine wunderſame Mattigkeit kam über mich, ſie ſchien mir Athem, Leben und Seele zu nehmen, ich meinte zu ſterben, der Gedanke in den blutgierigen Händen 249 eines weiblichen Vampyrs zu ſein, flog wie ein Schat⸗ ten über mich, aber es war zu ſpät, ich hatte mich in ihren Locken verwickelt, meine Hände wühlten in ihrem dämoniſchen Haare und ich verlor das Bewußt⸗ ſein. Als ich zu mir kam ſah ich mit namenloſem Er⸗ ſtaunen, daß ich weder in den Armen eines Vamphrs, noch in den Armen einer Statue oder eines todten Dämons lag. Ein lebendiges ſchönes Weib mit gro⸗ ßen blühenden Formen, deren plaſtiſcher Marmor von warmem Blut durchglüht war, ſah neugierig auf mich herab mit feuchten dämonenhaften Augen. Das fein geſchnittene Oval ihres bleichen Geſichtes leuchtete von keuſcher Holdſeligkeit, ihr fabelhaftes Haar, zugleich feuriges Gold und weiche Seide, erglänzte um ſie wie eine Glorivle, wie die Flammenruthe eines Kometen. Eine Atmoſphäre voll Duft umgab ſie. Sie hatte keinen Schmuck an ſich, nicht einmal einen ſchlichten Reif, wie er die Arme der gemeißelten Göttinnen ziert, dafür glänzten ihre Zähne wie zwei Perlenreihen in dem Rubinenmund und ihre Augen warfen gleich koſt⸗ baren Smaragden ein grünes Licht. „Bin ich ſchön?“ fragte ſie endlich mit ihrer mat⸗ ten, röchelnden Stimme. Ich konnte nicht ſprechen. Der verſchwommene 250 ſonderbare Glanz ihrer lauernden Augen benahm mir den Athem. Ihr verlangender Blick ergriff mein Herz mit Pantherkrallen, ich fühlte mein Blut rieſeln wie ein zu Tode Verwundeter, vorübergehend flackerte in ihren Augen ein drohendes Feuer auf, dann ſenkte es ſich über daſſelbe wie der geheimnißvolle Schleier, den der Mond über die Landſchaft breitet. „Bin ich ſchön?“ fragte ſie noch einmal. „Ich habe ein Weib, wie Du es biſt, noch nie ge⸗ ſehen“, gab ich zur Antwort. „Gib mir einen Spiegel“, ſagte ſie hierauf. Ich hob den ſchweren Spiegel von der Wand und ſtellte ihn vor ſie hin, ſo daß ſie ihre ganze liebreizende Ge⸗ ſtalt betrachten konnte. Sie that es mit lächelndem Entzücken und begann dann ihr goldrothes Haar mit dem Elfenbeinkamm ihrer Finger zu kämmen und zu ordnen. Endlich ſchien ſie von ihrer Schönheit geſät⸗ tigt und hieß mich den Spiegel an ſeine Stelle ſetzen. Als ich nun wieder andächtig vor ihren Füßen lag und in ihr Antlitz ſchaute, murmelte ſie:„Ich ſehe mich in Deinem Auge“, und ihre Lippen berührten ſchmeichelnd meine Lider. „Komm“, gebot ſie dann,„laß uns das grauſam ſüße Spiel der Liebe erneuern.“— „Ich fürchte mich vor Dir und Deinem rothen 25¹ Munde“, erwiderte ich zögernd. Sie lachte. Es war ein verlockendes Lachen voll holder Ueppigkeit. „O! Du entſfliehſt mir nicht“, rief ſie, und ſchon hatte ſie mich mit einer ungeſtümen Bewegung in ih⸗ ren Haar gefangen, dann drehte ſie einen Theil deſ⸗ ſelben raſch zu einer Schlinge, legte ſie um meinen Hals und zog ſie langſam zuſammen.— „Wenn ich Dich jetzt erwürgen würde“, ſagte ſie, „und zugleich erſticken mit meinen Küſſen, wie es die Ruſſalka mit ihren Opfern macht?“ „Es wär ein ſüßer Tod.“ „Glaubſt Du? aber ich laſſe Dich leben zu mei⸗ ner Freude und Deiner Qual.“ Sie neigte ſich zu mir, nah und näher, ihr Hauch durchrieſelte mich wie Gluth der Hölle. Ich folgte mit meinen Lippen den zarten blauen Adern, die aller⸗ orten durch den Alabaſter ihrer Haut ſchimmerten, und barg dann mein heißes Antlitz an ihrer Bruſt, die ſo weich iſt wie ſchwellender Sammt und zart wie flockiger Schnee Ich ließ mich von ihrem ſanften Athem wie von einer Welle heben, und ſie ſpielte mit mir wie mit einer Puppe. Sie deckte mir die Angen mit der Hand zu, ſie unterhielt ſich mit meinen Ohren, um mir dann die Finger auf deu Lippen zu legen und endlich in den Mund, als wollte ſie mich ihn 252 koſten laſſen, und wirklich er war glühend und ſüß wie Sorbet. Im nächſten Augenblicke wand ſie meine 1 Locken um ihre Hand und wühlte endlich mit beiden in meinem Haare, ſo zärtlich und dabei doch mit einer Art Zorn, und riß mich mit der Wuth einer Bacchantin an ſich, an ihre Lippen, die zu dürſten ſchienen in trocke⸗ ner Fiebergluth. Die Welle, die mich weich umſpielt hatte, wurde zur Woge, die mich bedrohte, mit der ich gleich einem Schiffbrüchigen rang, und als das zaubermächtige 6 Weib mich plötzlich auf das Ohr küßte, da begann es. mir in demſelben zu ſingen, zu klingen, zu ſauſen, wie einem Ertrinkenden, und umwunden von ihren feuer⸗ ſprühenden Flechten meinte ich in einem Ocean von kochender Lava zu ſchwimmen, der mich endlich ver⸗ ſchlang, in dem Taumel übermenſchlicher Liebeswonne. In ihren teufliſchen Küſſen ward mir die ganze Mh⸗ ſtik der Leidenſchaft mit einem Male offenbar, Luſt und Bangen, Genuß und Marter, Seufzer, Lachen und Weinen, bis ich im Taumel wieder mit dem Ant⸗ litz zur Erde ſank. „Biſt Du todt?“ fragte ſie nach einer Weile und als ich mich nicht regte, trat ſie mir mit dem kleinen nackten Fuß leiſe in das Geſicht, im nächſten Augen⸗ blicke ſtreckte ſie ſich, muthwillig lachend auf meinem 253 Rücken aus, wie eine Thierbändigerin auf dem Löwen, den ſie zahm und gehorchſam gemacht hat. Ich regte mich nicht, auch dann nicht, als ſie ſich erhob, um durch das Zimmer zu gehen. Als ich endlich die Augen öffnete, ſah ich den Mond, der leiſe in das Zimmer getreten war, ihre Füße küſſen, dann ſich langſam erhebend ſie mit ſeinen weißen Armen umfangen, während ſie ihm kokett die Lippen dabot. Zorn und Eiferſucht erfaßten mich. „Was will der bleiche Wüſtling“, rief ich,„Du biſt mein!“ „Mein biſt Du“, lachte ſie, und warf ſich in die Polſter, daß ihr Haar wie eine Flamme aufflog und ich vom Wahnſinn der Liebe aufs Neue erfaßt, meine Lippen auf ihre Kniee, ihre wogende Bruſt preßte und endlich mein Haupt an ihre Schulter lehnte. „Was iſt das?“ fragte ich nach einer Weile,„ich fühle kein Herz in Deiner Bruſt ſchlagen?“ „Ich habe kein Herz“, ſagte ſie kalt und verdroſ⸗ ten. Es durchſchauerte ihre edeln Glieder wie ein Windſtoß.„Aber Du“, fuhr ſie ſpöttiſch fort,„Dir pocht es wie toll hinter den Rippen— und— Du liebſt mich auch wie ein Narr!“ „Wie ein Narr“, wiederholte ich mechaniſch. 254 Wir ruhten lange Zeit, Schulter an Schulter, und lauſchten dem Wind, dem Flattern der weißen Flocken, dem Nagen des Mäuschens in der Diele und dem Pochen des Holzwurmes im alten Getäfel. Der volle Mond war längſt nicht mehr zu ſehen, nur die Sterne blinkten noch durch den weißen Schnee⸗ ſchleier, die erſte fahle Dämmerung des Morgens brei⸗ tete ſich aus, als ich zum zweiten Male gleich einem Todten zur Erde niederfiel. Das ſchöne Weib richtete mich langſam auf, machte mich zu ihrem Schemel und ihre müde röchelnde Stimme klang wie leiſer Harfenton durch das Gemach. „Du haſt mir Leben gegeben von Deinem Leben, Seele von Deiner Seele, und Blut von Deinem Blute, haſt ſüße Luſt in meiner Bruſt geweckt, nun ſättige meine Zärtlichkeit.“ „Du tödteſt mich“, ſeufzte ich auf. Sie ſchüttelte den Kopf. „Der Tod iſt kalt“, gab ſie zur Antwort,„das Leben ſo warm. Die Liebe tödtet, aber ſie erweckt zu neuem Leben.“ Sie flocht ihr Haar zuſammen und ſchlug mich neckend damit; ihr Fuß, den ſie zuerſt in meine Hand geſtellt hatte, ruhte jetzt auf meinem Nacken und als ich das Antlitz zur Erde liegen blieb, fuhr ſie mir mit demſelben ſanft über den Rücken, daß es 255 mich überrieſelte, einem elektriſchen Strome vergleichbar. Von neuem ergriff ſie eine götliche Wildheit, ſie wen⸗ dete mich raſch herüber, kniete auf meiner Bruſt und feſſelte mir die Hände mit ihren goldenen Flechten. „Nun gehörſt Du mir und Niemand rettet Dich vor meiner Liebe“, hauchte ſie mit ſtockendem Athem, ein wildes Licht loderte in ihren Augen auf, ihre Lippen ergriffen die meinen wie glühende Zangen, Kuß um Kuß und Wonne um Wonne, bis der erſte helle goldige Strahl des Morgens vor unſere Füße fiel. „Nun will ich ruhen“, ſagte ſie,„geh' und laß' Dich nicht blicken vor dem Abend.“ Ich verließ das Gemach. Mein Pferd fand ich im Hofe, das Thor ſtand offen, der Alte war nicht zu ſehen. Ich ſchwang mich in den Sattel und ſprengte davon. Aber ich kam wieder, als die Nacht herabſank, und Nacht für Nacht. O! dieſes Weib iſt wie ein Irrgarten, wer in denſelben hineingerathet, iſt verzaubert, verloren, ver⸗ maledeit!“ Einige Tage nach dieſer ſeltſamen Erzählung war Manwed verſchwunden. Niemand wußte mit Beſtimmt⸗ heit zu ſagen, was aus ihm geworden war. 256 Herr Bardoßoſti war überzeugt, daß ihn der Teu⸗ fel geholt habe, Aniela vertraute mir an, daß ihr die marmorne Dame im Traume erſchienen ſei, aber in einer Krinoline und mit einem großen Chignon und ihr mit einem ſuffiſanten Lächeln im reinſten Franzö⸗ ſiſch geſagt habe: Er iſt tod gich habe ihm die Seele aus dem Leibe geſogen un ka ich nun wieder einige Zeit auf dieſer ſchönen Erde ſiren. Sein Koſak verſicherte, ſein Herr habe Blut ge⸗ ſpuckt und ſei auf den Rath des Kreisphyſikus nach „Netalien“ gefahren. Aniela weinte ſich die Augen roth und— nahm einen andern. Eines Tages, als ſie in ſtarrer Niobi⸗ ſcher Trauer in ihrem kleinen Schlafziminer mit den blüthenweißen Vorhängen ſaß, ſtand plötzlich Herr Maurizi Konopka vor ihr und ſie erſchrack diesmal unerklärlicher Weiſe nicht im mindeſten. Er ſtammelte etwas, was ein Heirathsantrag ſein ſollte und von ei⸗ nem lhriſchen Gedichte kaum zu unterſcheiden war, und vier Wochen ſpäter ſtanden ſie vor dem Altar. Es gab eine ſehr luſtige Hochzeit, ich habe ſelbſt auf der⸗ ſelben getanzt. Nach Jahren, es war in Paris, in der großen 257 Oper, ſah ich meinen Freund Manwed unerwartet wieder. Man gab Robert den Teufel. Ich hatte das Haus verlaſſen, während noch Bertram und Alice um ſeine Seele kämpften. Von einem Diener in blauer Koſakentracht herbegerufen, fuhr ein Cvupée vor mitzwei wilden Rappen beſpannt, unker deren Hufen Funken hervorſtiebten. Ich blieb ſtehen und ſah ein vorneh⸗ mes Paar an mir vorüber kommen. Es war Manwed, der eine Dame am Arme führte Er war ſchwarz gekleidet, fahl wie ein Todter, tiefe Schatten lagerten unter ſeinen düſter glühenden Augen, ſein Haar hing in die Stirne herab. Die Dame war von majeſtätiſchem Wuchſe, ich ſah nur ihr edles ſchönes Profil und ſah, daß ſie ſehr bleich war, um ihren Marmorhals ſpielten goldrothe Locken. Sie war in einen koſtbaren Shwal gewickelt, ſchien aber trotz⸗ dem ſehr zu frieren. Manwed's Blick ſtreifte mich wie etwa eine Säule oder eine todte Wand. Er erkannte mich nicht. Zu rechter Zeit kam ein Pariſer Freund, ein Maler, der alle ſchönen Frauen kennt. „Wer iſt ſie?“ fragte ich leiſe. „Eine polniſche Fürſtin Tartakowska“, lautete die Antwort. Sacher-Maſoch, Galiziſche Geſchichten. I. 17 258 Im Auslande ſind unſere Damen alle Fürſtinen, beſonders wenn ſie reich und ſchön ſind. Nun weiß ich aber in der That nicht, ob mein Freund Man⸗ wed damals wahnſinnig war, ob er uns Alle zum Beſten gehabt hat, oder doch etwas an der Geſchichte iſt? Ende. — Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. — —— — —cnh — Fuhults-Vorzeirhniss. Maßaß, der Rthe Unſer Deputirter „Eine Schlittenfahrr Der Jeſuit „Fabrende Komödianten Der verwandelte Pfarrer Das Erntefeſt Die Todten ſind unerſättlich 55 75 97 12¹ 145 163 197 ſ 7 8 9 10 11 12 6 17 18 19