deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 11. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens 4 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ereen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 det Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: TNr— V 3 2 Answärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mü Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ torene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer i Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Leihbibliothet Gbuurd ouminn in ieſen † — Die freien Schützen. Zweiter Theil. — —— Die freien Schützen. Roman von Johannes Rudolphi. Zweiter Theil. ——— Leipzig, Berger's Zuchhandlung. 1848. Sechzehntes Kapitel. Ed. Weß' Seele nimmt da ihren ſchweren Abſchied? Koͤnig Heinrich VI. In den Ruinen des Jagdſchloſſes herrſchte eine tiefe friedliche Stille. Im leiſen Windeshauche nickten die duͤnnen Halme von den zerbroͤckelten Mauerzinnen nieder und der Sonnenſchein gaukelte hell und goldig durch die eingeſtuͤrzten Boͤgen der hohen Fenſter und Thuͤren. Auch in dem Walde ringsum und dem wei⸗ ten Thale war es ſo ſchweigſam, als feiere Wald und Gebirg in ſtiller Andacht ein heiliges Feſt; kaum daß der muntere Geſang eines Finken oder das geſchwätzige Plaudern eines Kraͤhenſchwarmes bisweilen den Charak⸗ ter tiefer Ruhe, welche die ganze Gegend ausprägte, minutenlang unterbrachen. Im Hofraume des Jagdhau⸗ ſes ſchliefen ein paar Hunde lang hingeſtreckt in der Sonne und ſchienen ſich etwas darauf zu Gute zu thun, die einzigen Bewohner und unumſchraͤnkten Herren des öden weitlaͤufigen Gebaͤudes zu ſein. In einem Jener unterirdiſchen Gemächer jedoch, in welche wir den freundlichen Leſer ſchon im fruͤheren Verlaufe der Erzählung einfuͤhrten, endete ernſt und duͤſter ein langes Trauerſpiel— das Trauerſpiel eines . 1. . 4 Menſchenlebens voll Noth und Elend, Gram und Suͤnde! — Auf einer einfachen Lagerſtatt hingeſtreckt lag ein Greis, deſſen eingefallenes, von eisgrauen Locken ſpär⸗ lich umwalltes Geſicht ſchon von dem ſchweigenden Ge⸗ nius des Todes uͤberſchattet war. Seine magern, zu⸗ ſammengefalteten Haͤnde ruhten in denen eines wunder⸗ lichen Madchens, welches, dem Sterbenden zur Seite enieend, heiße Thraͤnen vergoß und mit unendlichem Schmerze von den finſtern Boten des Jenſeits ſich den Einzigen entreißen ſah, den ſie unausſprechlich geliebt hatte,— den Vater. Ihre umdunkelten Blicke hingen mit unausſprechlicher Angſt an den bleichen, zuckenden Lippen des verſcheidenden, welche gleichwol ein mildes, friedliches Laͤcheln umſpielte, waͤhrend ſeine Bruſt ſich keuchend hob und ſenkte, gleich als wolle ſie nur noch wenige Augenblicke dem erloͤſchenden Leben abrin⸗ gen. Am Fußende des Bettes ſtand Mathias, in ſchmerz⸗ liches Sinnen verloren auf die traurige Gruppe ſchauend, während Bollinger, auf einem niedrigen Schemel ſitzend, aus einer Medicinflaſche langſam und bedaͤchtig Tropfen fuͤr Tropfen in einen Loͤffel fallen ließ und ſich anſchickte, dem Kranken das, allem Anſchein nach nunmehr un⸗ wirkſame Elixir einzufloͤßen. Auch hier herrſchte tiefe Stille, nur unterbrochen durch das Schluchzen des weinenden Maͤdchens— aber es war ein anderes Schweigen, als welches droben in der ſreien, herrlichen Natur herſchte, wo der Abendwind wie der zaͤrtliche Kuß eines Engels uͤber die braͤutlich 5 lchelnde Erde hinſäuſelte und Blumen und Bluͤthen mude ihre duftenden Kelchen ſchloſſen. Draußen ließ eine milde, ruhige Freude dem Wanderer das Herz aufgehen, waͤh⸗ rend hier der kalte Tod und ſein finſterer Begleiter Schmer, die Bruſt zuſammen ſchnuͤrten und das Auge umflorten. Eine leiſe Bewegung des Sterbenden verrieth, daß er die Abſicht habe, noch einige Worte an ſeine Tochter zu richten, bevor ſeine Seele, ſich der irdiſchen Bande entringend, feſſelfrei in ihr lichtes Heimathland zuruͤck⸗ kehre. Mathias trat hinzu und ſtuͤtzte ſorgſam des Greiſes zitterndes Haupt, deſſen erloͤſchende Blicke mit dem Ausdrucke unendlicher Liebe und einer tiefen Weh⸗ muth auf dem in Thraͤnen zerfließenden Maͤdchen ruh⸗ ten. Mit der letzten Kraftanſtrengung preßte er die kalte Hand des Kindes an ſeine Bruſt und ſeine beben⸗ den Lippen ſchienen in heißen Gebeten des Himmels reichſten Segen auf ihr dunkellockiges Haupt herabzu⸗ flehen. „Gertrud, es iſt aus mit mir—“ nahm er nach einer langen Pauſe mit ſchwacher, hohlklingenden Stim⸗ me das Wort—„der Vater im Himmel ruft mich ab und bald werde ich vor ſeinem Throne ſtehen.“ „Vater! Vater! verlaß mich nicht!“ aͤchzte das Mädchen verzweifelt—„ich muß vergehen in dieſer kalten, fremden Welt ohne Dich; ich kann nicht leben ohne meinen Vater!“ Ein ſchmerzvolles Lacheln flog uͤber die ſtarren Zuͤge des Greiſes.„Du haſt mich geliebt, wie vielleicht kein 6 anderes Kind ſeinen Erzeuger je geliebt hat“— fuhr er leiſe fort—„Du haſt das Elend in ſeiner ſchreck⸗ lichſten Geſtalt mit mir getheilt, und ohne Dich wäre ich jetzt entweder verhungert oder— meine Gebeine bleichten auf dem Hochgerichte. Gertrud ſtieß einen leiſen Schrei aus und verbarg ihr erblaſſendes Geſicht in die Decken des Lagers. Der alte Mann aber ſtierte eine Weile mit unheimlichem Ausdrucke vor ſich hin und es ſchienen dunkle, längſt erloſchene Bilder in ſeiner Erinnerung emporzuſteigen und, Geſpenſtern gleich, das tiefe Dunkel der Vergan⸗ genheit zu durchbrechen. Dicke Schweißtropfen perlten auf ſeiner hohen, kahlen Stirn und ſeine Haͤnde ſtreck⸗ ten ſich zitternd vorwaͤrts, als wollten ſie ein grauen⸗ haftes Phantom aus ſeiner Naͤhe verſcheuchen. „Mein Kind! Gertrud— jage den Schatten weg!“ ſtoͤhnte er ploͤtzlich und ſeine tiefeingeſunkenen Augen brannten noch einmal in dunkler Glut, das letzte Auf⸗ flackern einer balderloͤſchenden Flamme,—„ſiehſt Du ihn nicht, den ſchlanken, ſchoͤnen Mann in den präch⸗ tigen Kleidern? Ha, das Gold, die Edelſteine, wie ſie blitzen und flimmern, und Deine Mutter, Gertrud, Deine Mutter liegt in ſeinen Armen. Fluch! Fluch! reiße ſie fort, Gertrud, die Ungetreue— ich vergehe vor Qual, vor entſetzlicher Seelenpein!“ Ein dumpfes Roͤcheln hemmte die wilden Phan⸗ taſien des Kranken. Laut aufſchreiend fuhr Gertrud empor, denn ſie glaubte, der gefuͤrchtete Augenblick 7 des Scheidens ſei erſchienen. Aber noch war der Fie⸗ berparorismus nicht voruͤber. Der Greis geſtikulirte heftig mit den Haͤnden in der Luft und eine dunkle, hektiſche Roͤthe brannte, ein untruͤgliches Todesmal, auf ſeinen gefurchten Wangen. „Gertrud, bete! bete!“— fluͤſterte er leiſe und zog die Weinende haſtig an ſich—„bete fuͤr Deinen Vater, wenn du fuͤr einen Moͤrder beten kannſt! Ha, ein Moͤrder!“ ſchrie er ploͤtzlich mit heiſerer Stimme auf—„er nannte mich einen Moͤrder, er ſagte es mir. Hoͤrt, Ihr Maͤnner da, und Du mein Kind, horche wol auf meine Rede— und dann bete, bete fuͤr mich und fuͤr die Seele deiner armen Mutter!“ Er hielt einen Augenblick inne und ſein Haupt ſank matt auf die keuchende Bruſt nieder; Mathias ruͤckte ihm mitleidig die Kiſſen zuruͤck, doch konnte er ſich eines leiſen Schauders nicht erwehren bei dem Ge⸗ danken, daß ein mit blutiger Schuld Beladener nunmehr vor der dunklen Pforte der Ewigkeit ſtand und noch einmal, von der Geißel des peinigenden Gewiſſens ge⸗ trieben, ruͤckwaͤrts ſchauen mußte. Deſto inniger und mit deſto theilnehmenderer Wehmuth haftete ſein Blick auf Gertrud, die zuſammenzubrechen ſchien unter der Laſt des ungeheuren Jammers Die außerordendlichſten Schickſale und die harte Schule der Nothwendigkeit, in welche ſie ſo fruͤh eingefuͤhrt worden war, hatten aller⸗ dings ihrem Charakter eine Staͤrke und Feſtigkeit, eine gewiſſe maͤnnliche Entſchiedenheit verliehen, wie wir ſie * 8 nur in den ſeltenſten Fällen unter dem weiblichen Ge⸗ ſchlechte finden; gleichwol wirkte der Gedanke einer Tren⸗ nung von dem Vater beinahe zermalmend auf ihr Ge⸗ muͤth, und um ſo mehr, je feſter eine furchtbare Kata⸗ ſtrophe und deren Folge ihr Schickſal, ihr ganzes Sein und Weſen mit dem ungluͤcklichen Manne verknuͤpft hatten. Er war der einzige Gegenſtand ihres Denkens und Thuns, ihrer zarten, unendlichen Sorgfalt und Liebe geweſen; fur ihn hatte ſie bettelnd das Land durch⸗ zogen in Froſt und Hitze, in Sturm und Regen; fuͤr ihn hatte ſie den Spott leichtfertiger und gefuͤhlloſer Menſchen ertragen und nichts, nichts beachtet, weil ihr großes, edles Herz nur allein von des theuren Vaters Bilde ausgefuͤllt war. Und er wollte nun von ihr gehen und ſie zuruͤcklaſſen, allein in einer Welt, die ſie nicht kannte, unter Menſchen, deren ſie nur wenige ſchaͤtzen gelernt hatte! Der Gedanke brachte ſie zur Verzweif⸗ lung und ließ ſie im Verlauf dieſer traurigen Stunde hundertmal den heißen, innigen Wunſch zum Himmel ſenden, er moͤge ſie mit dem Vater vereint abrufen in das Land des Friedens. Dieſen Gemuͤthszuſtand des armen Maͤdchens er⸗ kannte Mathias wol, darum ruhten ſeine Blicke ſo lange und truͤbe auf dem holden, bleichen Geſichtchen und der ſchlanken, ietzt unter der Laſt des Schmerzes gleichſam niedergedruckten Elfengeſtalt.— Der Sterbende aber hatte wieder lange vor ſich hingeblickt, gleich als muͤſſe er ſeine Gedanken ſammeln oder als ſchaue er 9 ernſt und lauſchend zuruͤck in eine weite, weite Ferne, die, von dämmernden Nebelſchleiern eingehuͤllt, vor ſei⸗ nem geiſtigen Auge ſich ausdehnte. Endlich holte er tief und ſchwer Athem und fuhr mit der duͤrren Hand langſam uͤber ſeine Stirn. „An jenem Abende, als ein Nachbar in meine Werkſtatt trat,“ ſagte er mit dumpfem, aber ruhigem Tone—„und mir die hoͤlliſche Maͤhr' in's Ohr fluͤſterte: Waͤhrend Ihr hier ſitzt und Gold und Silber und präch⸗ tige Edelſteine kunſtvoll fuͤgt, wird daheim Euer beſtes Kleinod geſtohlen, das ihr nicht ſorgſam bewachen mö⸗ get; der junge Fuͤrſt von Burgau iſt eben in das Klo⸗ ſet Eures Weibes geſchluͤpft! Als ich jene Worte ver⸗ nahm, waren anfangs meine Auge geblendet und meine Glieder gelaͤhmt, als habe ein Blitzſtrahl mich nieder⸗ geſchmettert. Dann aber wurde es ploͤtzlich kalt, eiskalt in meinem Herzen und es war, als ſinke dieſes tief, tief hinab in ein finſteres Grab mit ſeinem Gluͤcke, all' ſeinem Glucke, all' ſeinem Reichthum an Tugend, Liebe und Lebensluſt. Gertrud, damals hatte mich Gott ver⸗ laſſen!“ Das Maädchen ſchluchzte leiſe und der Kranke fuhr fort: „Ich holte einen Degen aus einer Ecke, wo er Jahre hindurch unbeachtet und beſtaubt gelegen hatte, nahm ihn unter den Arm und ſchloß bedachtig die Werk⸗ ſtatt. Langſam ging ich meinem Hauſe zu; es war ſchon finſter und in ihrem Gemache brannte ein mattes * 10 Licht. Wie ein Todter, ohne Gedanken und maſchinen⸗ maͤßig ſchritt ich die krumme Stiege hinauf und horchte an der Thuͤr. Leiſes Gefluͤſter, zaͤrtliche Kuͤſſe vernahm ich— da wich die Eiſeskälte ploͤtlich aus meiner Bruſt und ein brennender Feuerſtrom rollte wie geſchmolzenes Blei durch meine Adern. Vor meinen Augen brannten helle, flackernde Lichter und wie ein Raſender ſtuͤrmte ich ge⸗ gen die ſchwache, verriegelte Thuͤr, daß ſie im Nu kra⸗ chend aus den Angeln brach. Mit gezuͤcktem Degen ſprang ich in das Gemach— allmächtiger Gott! es war wahr, mein Weib, die mir theurer geweſen war, als die ganze Welt, als der Himmel mit all' ſeinen Engeln, als Gott ſelbſt— ſie lag in den Armen des jungen Fuͤrſten von Burgau!— Vollig erſchoͤpft und mit dumpfem Geſtoͤhn ſank der Kranke zuruͤck und verlor das Bewußtſein. „Den Ausgang dieſer traurigen Geſchichte habe ich Euch ſchon erzählt,“ wandte ſich ietzt Bollinger leiſe an Mathias—„und Ihr moͤgt daraus abnehmen, wie uͤberraſcht ich war, in dem Alten hier den entflohenen Goldſchmidt Porkheimer und in unſrer kleinen Waldhere deſſen Toͤchterlein, den entfuͤhrten Pflegling meiner Schweſter zu entdecken.“ Mathias antwortete nicht, ſondern blickte ſinnend hinauf nach dem einzigen, hoch an der Decke des Ge⸗ maches befindlichen Fenſterchen, durch welches ein glaͤn⸗ zender Lichtſtrom hereinquoll und einen goldenen Schleier 11 uͤber das Bette des Sterbenden und das trauernde Maͤdchen webte. „Im Grunde iſt es fuͤr die Kleine ein Gluck, daß der Alte hingeht,“ nahm Bollinger wieder fluͤſternd das Wort—„nichts kann ſie nunmehr hindern, in die Welt zuruͤck zu kehren und zu leben wie andere Men⸗ ſchen, nachdem ſie acht Jahre aus purer Kindesliebe ſich in dieſem truͤbſeligem Gemaͤuer verſteckt und arm und barfuß in Wald und Feld herum geſchweift iſt. Ihr koͤnnen ſie des Vaters Flucht ſo wenig zur Laſt legen, wie ſein Verbrechen, und hat ſie erſt die Freuden der Geſelligkeit gekoſtet und durch Unterricht und Umgang ſich gebildet, ſo bin ich uͤberzeugt, daß ſie in Muͤnchen kein geringes Aufſehen machen wird; einerſeits wegen ihres merkwuͤrdigen Schickſals, andererſeits, weil ſo'n wunderſchoͤnes Maͤdel nicht alle Tage in der Reſidenz zu ſchauen iſt.“ Die einfache und in der That praktiſche Argumen⸗ tation ſeines alten Freundes und Genoſſen ſchien auf Mathias gleichwol einen herben Eindruck zu machen, und der Blick, den er nach Bollingers Eroͤrterung feſt und beinahe mißtrauiſch auf Gertrud haften ließ, duͤrfte einem ſcharfſinnigen Pſychologen das raſche Enthalten eines Gefuͤhles verrathen haben, welches ſchon laͤngſt leiſe und wie ein zartes Daͤmmerbild ſeines Herzens Grunde entſproſſen war. Vor laͤnger als zwei Jahren hatte Mathias ſie bei jenem nachtlichen Ritte, dann aber in den Ruinen ſelbſt kennen gelernt. Sie hatte * 2 ihn zu ihrem Vertrauten gemacht und ſelbſt in den Schlupfwinkel des Vaters gefuͤhrt. Bald darauf aber waren die Jäger fortgezogen in die Berge hinein nach den Grenzen Tyrols und erſt vor einigen Wochen kehr⸗ ten ſie hieher zuruͤck und fanden den Fluͤchtling und ſein reizendes Toͤchterlein noch in dem alten Aſyl. Wie herrlich und ſiegreich war Gertruds Schoͤnheit in den zwei Jahren emporgebluͤht! wie glaͤnzend wallte ihr prachtvolles, ſchwarzes Haar um das zwar blaſſe, aber von einem unwiderſtehlichen Zauber des Liebreizes beſeelte Antlitz! Welche tiefe Innigkeit, welche ſeelenvolle Schwaͤr⸗ merei ſprach aus dieſen großen dunklen Augen, die unter den langen Wimpern ſich bargen wie ein tiefer See; wie ſchlank und biegſam zeigte ſich ihre Geſtalt, zart und feenhaft, aber von den edelſten Formen, wie ſie des Ma⸗ lers und Bildhauers gelaͤuterte Phantaſie nicht tadelloſer ſchaffen koͤnnen. Und dann jenes milde, traͤumeriſche Weſen, welches ſie beſerlte, zugleich jene holdſelige Kind⸗ lichkeit, die ihr geblieben war im gruͤnen Walde unter dem dnftenden Blaͤtterdache, fern von dem Laͤrmen, den Kuͤnſten und Kenntniſſen der Stadt— Alles vereinigte ſich in dieſem ſeltenen Maͤdchen, um es zu der herrlich⸗ ſten Zierde ihres Geſchlechtes zu machen. So glich ſie einer prachtvollen Blume, an der bewundernd und ent⸗ zuͤckt die Blicke von Tauſenden gehangen haͤtten, waͤre ſie dem reichen Kunſtgarten der Reſidenz entſproſſen; aber ſie bluͤhte einſam im tiefen, ſtillen Walde und dar⸗ um aber nur um ſo herrlicher. 13 Ein lauter Wehruf des Maͤdchens riß Mathias aus ſeinem traͤumeriſchen Sinnen. Er trat wieder an das Bett des Kranken, deſſen Augen weit geoͤffnet in jener Agonie in's Leere ſtarrten, welche dem Ende des ſchweren, entſcheidenden Kampfes nahe vorangeht. Seine gefalteten Haͤnde, deren Finger ſich raſch und krampfhaft bewegten, ruhten auf der Lagerdecke, welche Gertrud mit ihren Thraͤnen feuchtete. Mathias fuͤhlte leiſe an den Puls des Verſcheidenden; er ſchlug matt in langen, ſchweren Pauſen und ſchien jeden Augenblick ganz ſtill ſtehen zu wollen. Gertrud richtete ihr thraͤnenuͤberſtroͤmtes Antlitz empor und ihr fragender Blick ſuchte vergebens aus Mathias ſchmerzerfuͤllten Mienen auch nur den kleinſten Troſt, die leiſeſte Hoffnung zu ſchoͤpfen. Da ſchien der ſchon halb entfeſſelte Geiſt des Sterbenden noch einmal die morſche Koͤrperhuͤlle zu beleben und muͤhſam auf⸗ flackern zu wollen. Seine Geſichtszuͤge verloren allmaͤlig jene erſchreckende Starrheit und Bewegungsloſigkeit und belebten ſich mehr und mehr, bis ein ſanftes Laͤcheln, ein Ausdruck milder, gottergebener Reſignation ſich freundlich, in ihnen auspraͤgte. Mit Mathias Huͤlfe richtete der Greis ſich noch einmal empor und legte ſeine zitternde Hand auf das Haupt des vor ihm knieenden Maͤdchens! „Gott ſegne Dich, mein theures, theures Kind!“ ſagte er mit erloͤſchender Stimme, aus welcher jedoch die zaͤrtlichſte, heiligſte Liebe vernehmlich ſprach—„Gott ſegne Dich und nehme Dich in ſeine ſchuͤtzende Obhur, da er mich abruft! Ich ſcheide mit der Hoffnung, daß * 14 der gerechte Vergelter dort oben die Suͤnden des Vaters nicht heimſuchen wird an deſſen armen, verlaſſenen Kinde. Ich habe ſchwer und ſchrecklich— gebuͤßt und Du— Du, die Unſchuldige, Reine haſt mit mir gettagen, ge⸗ duldet— gelitten. Wie ruhig wollte ich dieſe Welt verlaſſen, wenn ich Dich geborgen wuͤßte, wenn mein — letzter Blick Dich gluͤcklich und vor des Lebens Stuͤr⸗ men geſichert ſahe!“ Gertrud wollte ſprechen; ſie erhob das Haupt, aber das Uebermaß des Schmerzes preßte ihr die Bruſt zu⸗ ſammen. Auch der Greis ſchien nicht im Stande weiter zu reden; ſeine erloͤſchenden Blicke hingen, obwol truͤbe und matt, doch mit dem Ausdrucke unausſprechlicher Zärtlichkeit an ſeinem Kinde, und ein ſchwerer Seufzer verrieth den Kummer, mit welchem der Gedanke an Ger⸗ truds Zukunft ſeine letzten Augenblicke vergällte. Mathias hatte inzwiſchen einen Entſchluß in ſeinem Innern reifen laſſen, mit welchem zugleich ein Gefuͤhl der Befriedigung und leiſen Vorahnung eines fernen Gluckes in ihm eingekehrt war. Als er jetzt den ſter⸗ benden Alten in ſeinen Armen hielt und das jam⸗ mernde Madchen ſich emporrichtete und mit den Mienen hoffnungsloſer Verzweiflung gen Himmel ſchaute, von dem ſie auch fur ſich den Tod herabzuflehen ſchien, da vermochte es unſer Jägersmann nicht laͤnger, ſeine Ge⸗ danken zu verſchweigen. „Laßt Euch Gertruds Schickſal nicht ſo tief be⸗ eammern, Herr Porkheimer,“ ſagte er ernſt und mit einer gewiſſen natuͤrlichen Wuͤrde—„meint Ihr, daß der Gott, der die Lilien auf dem Felde kleidet, Eure Gertrud verlaſſen werde? Und wenn es Euch beruhigen mag, daß Jemand fuͤr ſie ſorgen und nach Kräften ih⸗ ren Pfad durch's Leben bahnen und ſchuͤtzen werde, ſo nehmt mein Wort, daß ich mich ihrem Dienſte weihen will mit Leib und Seele und nicht raſten werde, bis ſie auf irgend eine Weiſe den Pfad zum Gluͤcke gefunden hat— vorausgeſetzt, daß Ihr und Gertrud mir vertraut.“ Die letzten Worte wurden leiſe und ſchuͤchtern ge— ſprochen, aber ſowol der Kranke als das Maädchen hat⸗ ten ſie vernommen, und während der Erſtere die Haͤnde des Jaͤgers faßte und mit der letzten Kraft innig druͤckte, befreite ein ſeelenvoller Blick aus Gertruds dunklen Au⸗ gen Mathias von jedem Zweifel uͤber die Aufnahme ſei— nes Erbietens. „O, ich wußte es, daß Ihr ſie nicht verlaſſen wuͤr⸗ det,“ ſagte der Greis mit tiefer Ruͤhrung.„So gebe ich ſie denn in Eure Obhut und ich fuͤhl's, mein Geiſt wird Euch umſchweben. Gertrud,“ wendete er ſich an ſeine Tochter—„laß mich noch einmal Dein liebes Antlitz ſehen!“ Das Maͤdchen beugte ſich uͤber ihn hin und ihre Thränen benetzten die mehr und mehr erbleichenden Wangen des Sterbenden. Tiefes, heiliges Schweigen! In dem Strauchwerke, welches die ſchmale Fenſteroͤff⸗ nung umſaͤumte, ertoͤnte das ſchmetternde Scheidelied * einer Lerche und melancholiſch drang das Rauſchen des Waldes wie ferner Orgelklang heruͤber. Porkheimer wendete ſein bleiches Antlitz dem freund⸗ lichen Lichte zu. Ein mildes Lächeln gruͤßte die Sonne⸗ die er zum letzten Male ſinken ſah; ſeine Hände falteten ſich und ein fluͤſterndes Gebet ſendete er hinauf zu Gott, deſſen Friedensbote unſichtbar an ſeiner Seite ſtand und die ſchnell verrinnenden Sandkoͤrner zählte. „Gertrud, mein Kind!“ Gertrud, deren Haupt matt und faſt bewußtlos an der Bruſt des Vaters ruhte, blickte auf und empfing ſeinen Scheideblick. Lange und innig ſchaute er ſie an, ſeine Lippen bewegten ſich wie zu einem letzten Segens⸗ wunſche— dann ſank er ploͤtzlich zuruͤck— und als Mathias ſeine Hand pruͤfend auf des Greiſes Herz legte, hatte dieſes aufgehoͤrt zu ſchlagen.— Er war todt! Als Gertrud die Gewißheit ihres ſchrecklichen Ver⸗ luſtes erkannte, ſank ſie ohnmaͤchtig zuſammen. Mathias trug ſie auf einen Seſſel, dann knieete er neben das Sterbelager nieder und betete fuͤr das Heil der abge⸗ ſchiedenen Seele Siebzehntes Kapitel. Philipp. Denkſt Du den ſchweren Zweifel deines Vaters mit ſchönen Worten zu erſchuͤttern? Don Carlos. Bliſchord. War's vergoͤnnt Dir, lieber Vater, In Frieden Deine Jugend zuzubringen, Des Greiſenalters Silberſchmuck zu tragen Und in der Ruhe Tagen ſo zu ſterben? ——— Bei dem Anblick Verſteinert ſich mein Herz, und ſteinern ſei's, So lang es mein iſt! Koͤnig HeinrichW. von Shakeſpeare Drei Tage ſpaͤter wurde Perkheimer, der Gold⸗ ſchmidt, in der Naähe des Jagdſchloſſes unter einer ſchlan⸗ ken weitſchattigen Buche begraben. Kein Glockengelaͤut weihte die ernſte Stunde, weder Prieſter noch Chorſaͤnger gaben dem Todten das letzte Geleit, wol aber folgte Mathias, auf welchen ſich die von unſaͤglichem Schmerze niedergedruͤckte Gertrud lehnte, ferner Bollinger, Andreas und die andern Wildſchuͤtzen dem roh aus Tannenholz gezimmerten Sarge. Bunte, duftende Waldblumen ſchmuͤckten ihn und das Grab, in welches man ſchwei⸗ gend den Verblichenen hinabſenkte. Als dumpf polternd die Erde hinabrollte, ſanken Alle betend auf die Kniee, und die rauhen Manner ſchaͤmten ſich nicht, eine Thraͤne IM.* 2 — . 18 in den Wimpern zu zerdruͤcken beim Anblick der armen Gertrud, die dem Uebermaße des Jammers zu unterliegen ſchien. Nicht achtend auf die freundliche Zuſprache deſſen, der ſie zu ſchuͤtzen und uͤber ſie zu wachen in die Haͤnde des Todten gelobt hatte, verweilte ſie an der Trauer⸗ ſtaͤtte, bis ein leichter Huͤgel ſich emporthuͤrmte, uͤber den ſie ſich hinwarf und das Erdreich mit ihren heißen Thraͤnen tränkte. Dann ging ſie tiefer in den Wald hinein, wo zwiſchen den knorrigen Baumwurzeln und aus dunkler Moosdecke die praͤchtigſten Blumen empor⸗ ſproſſen; die grub ſie ſorgfaͤltig aus und pflanzte ſie auf des Vaters Grab. Zwiſchen ihnen erhob ſich am andern Tage ein von Bollinger gefertigtes einfaches hoͤlzernes Kreuz und friſcher uͤppiger Raſen umgruͤnte bald das einſame Plaͤtzchen, an welchem Gertrud noch lange, lange nachher einen großen Theil des Tages traͤumeriſch und in inniger Trauer zubrachte. Doch war es nicht ſie allein, welche Gram und Leid zu Boden druͤckten, auch ein andrer Bewohner des ſtillen Waldaſyles trug eine ſchwere Laſt mit ſich im Herzen herum und grollte feindſelig bitter dem launiſchen Schickſale und der ganzen Menſchheit. Andreas fuhlte ſich von jenem Augenblicke an, wo er nach ſeiner gluͤck⸗ lich bewerkſtelligten Flucht den Verluſt jenes fuͤr ihn ſo unendlich wichtigen Dokumentes entdeckte, zu Boden ge⸗ ſchmettert und der Verzweiflung Preis gegeben. Welcher Hohn lag darin, daß das Verhaͤngniß ihm erſt den Be⸗ ſiz eines Talismans verſchaffte, der ihn plötzlich groß 19 und reich machte und die geheimſten, gluͤhendſten Wuͤnſche ſeines ehrgeizigen Herzens zu erfuͤllen verſprach und im nächſten Momente ihm das Geſchenk wieder entriß, ihn unerbittlich zuruͤckſchleuderte in die Nacht der Hoffnungs⸗ loſigkeit und Entbehrung, nachdem ein Blick in das Feeenland der herrlichſten Zukunft ihm geworden! In jener verhaͤngnißvollen Nacht hatte er anfangs wieder umkehren und mit Gewalt ſein Eigenthum zuruͤckfodern wollen und kaum war es den ernſteſten und beharrlich⸗ ſten Vorſtellungen Mathias gelungen, ſeinen jungen Freund von einem eben ſo tollkuͤhnen als fruchtloſen Unternehmen abzuhalten. Da erinnerten ſich Beide des Umſtandes, daß ein Duplicat des Trauſcheines ſich in dem Kirchenbuche der proteſtantiſchen Gemeinde zu Dil⸗ lingen befinden ſolle, und ohne einen Augenblick zu ver⸗ lieren und von neuer Hoffnung durchgluht, eilten ſie haſtigen Laufes in ein ſeitab gelegenes Dorf, wo es ihnen nach langen Unterhandlungen und fuͤr vieles Geld gelang, ein paar tuͤchtige Gaͤule zu miethen. Wie von Feinden gejagt, ſtuͤrmten ſie auf der Straße nach Dil⸗ lingen fort und erreichten das Staͤdtchen gegen Mittag. Die halbtodten Pferde wurden in einem Wirthshauſe untergebracht und mit klopfenden Herzen gingen die bei⸗ den Jäger nach der Kuͤſterwohnung, einem elenden, bau⸗ faͤlligen Haͤuschen in der aͤußerſten Vorſtadt, welchem gegenuͤber ſich das proteſtantiſche Bethaus, eigentlich nichts als eine große aus Lehm und Balken aufgefuͤhrte Scheuer, erhob. Der Kuͤſter, der ihnen ſelbſt die verſchloſſene * — 20 Hausthuͤr oͤffnete, war ein kleiner, magerer Mann mit einem pergamentfarbigen Geſichte, welchem unverkennbar der Charackter entſchiedener Dummheit in allen Zuͤgen aufgepraͤgt war. Die haſtigen Fragen der beiden Rei⸗ ſenden nach dem Kirchenbuche ſchienen ihn in ausneh⸗ mende Verwunderung zu ſetzen, denn er ſchlug klatſchend die Haͤnde zuſammen und wiegte den Kopf einige Mi⸗ nuten lang auf den Schultern hin und her, ehe es ihm beliebte, Andreas raſche und dringend wiederholte Er⸗ kundigen einer Antwort zu wuͤrdigen. Und dieſe war in der That wenig troͤſtlich. Der Kuͤſter berichtete, daß das Kirchenbuch der Gemeinde erſt ungefaͤhr ſechs Jahr alt ſei, das fruͤher vorhandene ſei zugleich mit dem vor laͤngerer Zeit wegen Unthaͤtigkeit und Amtsverſäumniß abgeſetzten Magiſter Tilleſius verſchwunden, deſſen jetzigen Aufenthalt Niemand kenne, und der es wahrſcheinlich zu Makulatur verbraucht habe. Als der Kuͤſter den jaͤhen Schreck der Fremden ob dieſer Kunde bemerkte, ſchuͤttelte er noch einmal hoͤchſt bedeutſam den Kopf und meinte, er koͤnne nicht begreifen, wie das alte verlorene Kirchen⸗ buch, nach welchem bisher kein Menſch gefragt, ploͤtzlich ein Ding von ſo großer Wichtigkeit geworden ſein koͤnne; denn ſie ſeien nicht die Erſten, welche ſich danach erkun⸗ digten, indem erſt vor einer halben Stunde der gnädigſte Graf von Waldſees auf Rußberg ſeine— naͤmlich des Kuͤſters— niedere Huͤtte mit dem Beſuche beehrt und eben ſo angelegentlich als leider vergeblich nach dem ver— mißten Opusculo geforſcht habe. Dieſe Nachricht war nicht geeignet, Andreas duͤſtere Gemuͤthsſtimmung zu erheitern. Sie kehrten nach den Ruinen zuruͤck und unterwegs ſchwor der betrogene Jung⸗ ling einen furchtbaren Eid, nimmer zu ruhen und zu raſten, ehe er nicht ſein Recht und Eigenthum wieder erworben und ſollte er daruͤber zum Verbrecher werden. Mathias verſprach ihm jeglichen Beiſtand und ſuchte zu⸗ gleich ihn zu uͤberzeugen, daß ein uͤbereilter Schritt, ein keckes Wagſtuck dnrchaus nicht die geeigneten Mittel ſeien, zu einen erwuͤnſchten Ziele zu gelangen, daß man viel⸗ mehr ausharren, ſcharf beobachten und zu jeglicher Liſt ſeine Zuflucht nehmen muͤſſe. So ſchwer es dem hef⸗ tigen, von gluͤhendem Ehrgeize entflammten Andreas an⸗ kam, ſeine wilde Leidenſchaftlichkeit zu zuͤgeln, und dem Syſteme des Wartens und Zoͤgerns zu huldigen, ſo konnte er doch nicht umhin, ſeinem Freunde beizuſtimmen und verſprach demgemaͤß, nichts ohne deſſen Rath und Bei⸗ hilfe zu unternehmen. Aber Gram und tiefer Ingrimm nagten nur um ſo mehr an ſeiner Seele, je ernſter er bemuͤht war, ſein Leid zu verbergen, und deſſen Einwir⸗ kungen zu trotzen. Stumm und verſchloſſen irrte er im Walde umher; kein Laͤcheln erhellte ſeine finſtern, beinahe feindſeligen Zuͤge, kein munteres Liedchen ließ er, wie fruher wol, hell durch das Thal erklingen, und ob er auch Tagelang in voller Waidmannsruͤſtung die Gegend durchſtreifte, ſo kehrte er doch nur ſelten mit geringer Beute beladen zuruͤck. Mit kummervollem Kopfſchuͤtteln beo⸗ bachtete der ehrliche Bollinger die trubſelige Veraͤnderung 22 ſeines Lieblings; waͤre es auf ihn angekommen, er haͤtte Ja geſagt zu dem tollſten Unternehmen, wenn Andreas dadurch die mindeſte Ausſicht geboten worden ware, ſeine Anſpruͤche geltend zu machen. Mathias hatte daher ge⸗ nug zu thun, um den Alten im Zaume zu halten, der der Meinung war, man muͤſſe den Knoten mit dem Schwerte zerhauen und den Grafen zum Beiſpiel sans facon niederſchießen, worauf ſich alles Andere ſchon fin⸗ den werde. Und ſicher wäre Andreas ſelbſt längſt zu demſelben Reſultate gelangt, wenn der Gedanke an Ly⸗ dia, die er heißer und inniger liebte, als je, eine ſolche Unthat ihm nicht eben ſo verabſcheuungswerth als zweck⸗ los hätte erſcheinen laſſen. Der Wunſch, ſie zu be⸗ ſitzen, deren hehres Bild er tief im Herzen mit ſich her⸗ umtrug, war ja der ſtärkſte Impuls zur eifrigen Ver⸗ folgung ſeines Rechtes und oft genug legte er ſich ſelbſt das Geſtaͤndniß ab, daß er fuͤr ſie und mit ihr gern das niedrigſte Loos, Armuth und Zuruͤckgezogenheit, dem Glanze eines edlen Mannes und dem Genuſſe des Reich⸗ thums vorziehen wuͤrde. Seit jener verhaͤngnißvollen Nacht war er nicht mehr in die Naäͤhe des Schloſſes zu⸗ ruͤckgekehrt, welches er ſonſt gar oft mit klopfendem Her⸗ zen zu umſchleichen pflegte und entzuͤckt aufjubelte, wenn ein freundliches Schickſal ihm nur minutenlang den An⸗ blick des herrlichen, in hoher Schoͤnheit und Anmuth ſtrahlenden Maͤdchens gewaͤhrte. So groß ſeine Sehn⸗ ſucht war, er durfte es nicht wagen, ſeine ſtillen Liebes⸗ wanderungen zu wiederholen, wollte er ſich nicht der 23 Gefahr ausſetzen, in die Haͤnde ſeiner erbitterten Feinde zu fallen und ſo durch einen Schlag alle und jede Aus⸗ ſicht auf endlichen Sieg verwegen auf's Spiel zu ſetzen. So geſchah es denn, daß der enge Umkreis der Ruinen des Jagdſchloſſes mehr bedruͤckte Herzen, mehr Leiden und Leidenſchaften einſchloß, als mancher weit⸗ laͤuſige Palaſt. Mathias hatte die doppelte Verpflich⸗ tung, ſeinen jungen Genoſſen auftecht zu halten und zu bewachen und der verwaiſeten Gertrud alle die zarte Sorg⸗ falt eines vaͤterlichen Freundes angedeihen zu laſſen, wie er in die Haͤnde des ſterbenden Greiſes gelobt hatte⸗ Und die gewiſſenhafte Erfuͤllung dieſer ſuͤßen Pflicht war der einzige Troſt, die einzige Freude, die ihm geblieben war. Wenn er mit dem holden Maͤdchen ſpaͤt Abends noch an dem duftenden Grabhuͤgel des Vaters ſaß und ihr in die dunklen Augen blickte, in denen ein heiliger, geheimnißvoller Zauber ruhte, wenn er ihre kleine weiße Hand lange in der ſeinen hielt und den Glockentoͤnen ihrer Rede horchte, wenn er enblich mit ihr im Monden⸗ lichte wandelte, welches mild und traͤumeriſch wie ein klarer See auf dem freien Waldflecken lag oder die ſchlanken Staͤmme, die ſaͤuſelnden und klingenden Wipfel der Baͤume verſilberte und elfengleich auf den dunklen Moosboden hinſchluͤpfte— dann fuͤhlte er ſich ſo frei und wol und doch auch wieder von einer raͤthſelhaften, aber unendlich ſuͤßen Befangenheit ergriffen und ſchoͤne Tage der Vergangenheit, die Erinnerungen an ein ver⸗ ſunkenes Gluͤck, ſtiegen wie Sterne an dem dunklen Nacht⸗ * 24 himmel ſeiner Gegenwart auf und echellten dieſelbe mit mildem, troͤſtendem Glanze. Gertrud ſchloß ſich mit un⸗ begrenztem Vertrauen an ihn an; es waren nicht allein die Worte des ſterbenden Vaters, nicht allein das innige Mitgefuhl, die wahre und tiefe Theilnahme des Jaͤgers, welche ſie zu ihm hinzogen, eine geheimnißvolle Sym⸗ pathie vielmehr, das Machtgebot einer innern Stimme ließ ſie in Mathias Denjenigen erkennen, deſſen Schick⸗ 1 ſal mächtig in das ihrige hereinrage und dem ſie ihr ganzes Denken und Fuͤhlen, ihr ganzes Geiſtesleben unterwerfen muͤſſe. So waren drei Wochen verſtrichen, als Mathias ſich eines Morgens aufmachte und, des Verſprechens ein⸗ gedenk, welches er beim letzen Scheiden ſeinem alten Vater gegeben hatte, den Weg nach Erbach einſchlug. So ruͤſtig er auch einherſchritt, gelangte er doch erſt ge⸗ gen Abend an den Ort ſeiner Beſtimmung und rief dem Vater, der wieder, wie ſonſt, auf der Bank unter der Linde ſaß, ſchon von Weitem ein froͤhliches Willkommen entgegen. Aber obgleich Jacob ſeinen Sohn freudig in die Arme ſchloß und deſſen liebreiche Fragen nach ſeinem Wohlbefinden beantwortete und erwiderte, ſo gewahrte Ma⸗ thias doch bald genug, daß eine truͤbe Wolke die Stirn des Alten umſchattete und irgend ein geheimer Kummer auf ſeiner Seele laſtete. Wie geſprächig, wie neugierig, munter und ſchwatzhaft war der alte Jacob ſtets bei Zuſammenkuͤnften mit ſeinem Sohne geweſen, wie hatte ſein ganzes Weſen ſich ſtets vergnugt gezeigt, wenn Ma⸗ 25 chias durch heitere Einfaͤlle und unterhaltende Erzaͤh⸗ lungen den Flug der Stunden verkurzte und nichts ver⸗ ſaumte, die Freude und das innige Wohlbehagen des Greiſes moͤglichſt zu erhoͤhen! Heut' aber hoͤrte Jacob ſtill und mit geſenktem Haupte auf die Berichte ſeines Sohnes, und wenn ſich hin und wieder ein Laͤcheln in ſeinen verwitterten Zuͤgen zeigte, ſo erſtarb es doch im naͤchſten Momente und machte wieder einer truͤben kum⸗ mervollen Miene Platz, die nicht ſelten in einem tiefen Seufzer ihre traurige Beſtätigung fand. Eine ſolche Wahrnehmung war mehr als alles Andere geeignet, den zartlichen Sohn zu beunruhigen. Als er ſah, daß es ihm nicht gelang, die duͤſtern Wolken von des Alten Stirn zu verſcheuchen, konnte er ſich einer gewiſſen ängſt⸗ lichen Bangigkeit nicht erwehren, die wie die Ahnung eines Ungluͤcks ſchwer auf ſeine Bruſt ſank. Eine gute Weile ſaßen die Beiden ſtill und in Gedanken verſunken neben einander, als Mathias ſich an den Vater mit der raſchen Frage wendete, ob ihm etwas Uebles begegnet ſei? Jacob ſchwieg ein paar Sekunden ſtill, dann faßte er die Hand ſeines Sohnes und heftete ſeine gutmuͤthigen, treuen Augen, in denen jetzt eine ruͤhrende Wehmuth zu leſen war, feſt auf des Jaͤgers Antlitz.„Die Leute haben mir viel Boͤſes von Dir erzaͤhlt, Mathias,“ ſagte er mit bebender Stimme—„ſo viel, daß es hinreichte, mich in die Grube zu bringen.“ Mathias erbleichte.„Was koͤnnte man mir zur Laſt * 26 ⸗ legen?“ fragte er unſichern Tones und ſeine Hand zitterte in der des Vaters.„Ich habe Feinde—“ „Magſt Du die ganze Welt zum Feinde haben, wenn Du nur Gottes Freund geblieben biſt“— unter⸗ brach ihn Jakob ernſt.„Schau mich feſt an, mein Sohn, blicke auf dieſe meine wenigen Haare, die unter Noth und Kummer grau geworden ſind, und dann be⸗ antworte mir wahrhaft und ohne Ruͤckhalt eine Frage Biſt Du ein Wildſchuͤtz?“ Der Greis hatte ſich weit vorgebeugt, ſeine tiefge⸗ ſchnittenen Zuͤge druͤckten die hoͤchſte Spannung und Seelenangſt aus und in ſeinen Augen ſtanden Thränen. Mathias fuhlte ſich vernichtetet, das Bewußtſein ſeiner Schuld druͤckte ihn nieder, waͤhrend der Gedanke: Deine Schmach todtet den Vater! ihn mit Entſetzen erfuͤllte und zugleich den Vorſatz entſtehen ließ, die Wahrheit zu verbergen und durch ein unbefangenes Benehmen den Argwohn des Greiſes zu zerſtreuen. Er verſuchte da⸗ her eine uͤberraſchte und aͤußerſt erzuͤrnte Miene anzu⸗ nehmen und polterte heftig die Frage heraus:„Wer hat es gewagt, mich alſo zu verlaͤumden? Wer Euch mit dieſen Ohrenblaͤſereien weh that, hat gelogen.“ „Du haſt gelogen!“ ſchrie da ploötzich Jakob und richtete ſich ſo ſtolz und wuͤrdevoll empor, wie man es nimmer von dem einfachen Manne erwartet haͤtte.„Du haſt gelogen, Mathias, und verſuchſt umſonſt, mich durch ſchnoͤde Verſtellungskunſt zu taͤuſchen. Sieh her und dann wag' es noch einmal, Dich zu verantworten!“ 27 Damit zog Jakob ein zuſammengefaltetes Papier aus der Taſche und reichte es ſeinem Sohne, der, nieder⸗ geſchmettert, in dumpfer Betaͤubung auf den zuͤrnenden Vater ſtarrte und ſein Herz von tauſend Qualen zerriſſen fuͤhlte. Mechaniſch oͤffnete er das Blatt, ſeine Augen durchflogen die Zeilen und immer bleicher und bleicher wurde ſein Antlitz. Als er zu Ende war, ließ er das verhaͤngnißvolle Blatt fallen, und ſank wie gelaͤhmt auf die Bank nieder. Es war ein ſchmachvoller Steckbrief, der ihn und ſeine Genoſſen als Raͤuber und Wildſchuͤtzen brandmarkte und einen bedeutenden Preis auf ihre Haͤupter ſetzte! Es erfolgte nun eine lange ſchreckliche Pauſe. Der ungluͤckliche Vater blickte ſtumm und finſter auf den Sohn nieder, an deſſen ſchwerer Schuld er nicht laͤnger zweifeln durfte. Allmälig nahm ſein ehrwuͤrdiges Geſicht den Ausdruck eines ſo tiefen Seelenſchmerzes, ſo troſt— loſen Kummers an, daß Mathias bei ſeinem Anblicke das Herz brechen wollte. Heiße Thränen ſtroͤmten uber ſeine Wangen und mit emporgehobenen Haͤnden ſank er vor dem Greiſe auf die Kniee, ohne eines Wortes maͤch⸗ tig zu ſein. Als Jakob die Reue und Zerknirſchung ſeines Sohnes bemerkte, ſchien ein Strahl von Hoffnung in ſeinem gequaͤlten Herzen aufzuleben. Elternliebe iſt ſo gern geneigt zu vergeben und liebend zu vergeſſen; die Veigangenheit eines ungerathenen Kindes, ſie ſei auch noch ſo ſchwer bezeichnet durch die traurigſten Ver⸗ irrungen, bedeckt das heilige, unerſchoͤpfliche Gefuͤhl der Liebe 28 mit einem Schleier und Troſt und Heilung liegt in dem Gedanken, daß die Zukunft gewiß die gerechten Anſpruͤche eines liebenden Vaterherzens und die bisher ſchmachvoll betrogenen Erwartungen und Wuͤnſche nur um ſo herr⸗ licher realiſiren werde. Blitzſchnell und wie ein neube⸗ lebender Sonnenſtrahl durchzuckte dieſe Vorſtellung Ja⸗ kobs Gemuͤth und laut weinend, aber mit dem Aus⸗ drucke der Verzeihung, der unendlichſten Liebe ſank er Mathias an die Bruſt. „Mein Sohn! mein Sohn!“ ſchluchzte er und ſtreichelte mit ſeinen zitternden Haͤnden des Wildſchuͤtzen gebraͤunte Wangen—„Du kannſt noch umkehren auf dem boͤſen Wege, den Du gewandelt. Sieh meine wei⸗ ßen Haare an und bedenke, daß ich vielleicht heute das Licht der Sonne zum letztenmale erblicke; willſt Du, daß ich mit gebrochenem Herzen mich in die Grube lege? Laß uns Beide knieen und zum lieben Gott flehen, daß er Dir vergebe, und dann flieh, flieh weit hinweg und werde ein guter Menſch.“ Thraͤnen erſtickten des Greiſes Stimme, der mit gefalteten Haͤnden neben ſeinen Sohn auf die Kniee ſank und fromm und mit glaͤubiger Inbrunſt zum klaren Himmelsgewoͤlbe aufſchaute. Mathias fuhlte ſich durch den Schmerz des Vaters, des einzigen Weſens, dem er von Kindheit an all ſeine heiße Liebe geweiht, daß er nie, um alle Schaͤtze der Erde nicht, auch nur mit einem Worte hatte kraͤnken moͤgen, tief erſchuͤttert. In dieſem Au⸗ genblicke haßte er ſich ſelbſt wie ſeinen bitterſten Feind, 29 wie er nur Jemand gehaßt haben wuͤrde, der ſeinem Vater wehe gethan. Schaam, Schmerz, bittere Selbſt⸗ verachtung und die demuͤthigſte Reue durchſtroͤmten in mannichfacher Wechſelwirkung ſein Gemuͤth, als er, an Jakobs Seite, deſſen duͤnne Silberhaare ſein mildes, jetzt von heiliger Andacht verklaͤrtes Antlitz umflatterten, die Haͤnde zum Gebet erhob und aus tiefſter Seele zu dem Allmächtigen flehte um Gnade— und Erleuchtung. Seltener Anblick! Unter dem gruͤnen, fluſternden Laubdache der Linde knieet betend der kraftige Mann neben dem ehrwuͤrdigen, lebensmuͤden Greiſe! Ihre Lippen bewegen ſich und leiſe, leiſe ſteigt ihr Flehen empor zu dem blauen Himmelsdome, uͤber den die unter— gehende Sonne goldene und purpurne Furchen zieht. Druͤben auf dem Gottesacker, den nur ein kleiner Plan und eine zerbroͤckelte Mauer von den Betenden trennt, ſchwirren Kaͤfer und bunte Phalaͤnen um die niedern Grabhuͤgel, aus deren duftendem Blumenſchmuck hier und da ein einfaches, ſchwarzes Kreuz oder eine morſche Gedenktafel hervorragt. Der Sakriſtan ſchreitet den mit weißen Sand beſtreuten Gang zwiſchen den Graäbern entlang nach dem Thurme des Kirchleins. Er offnet die Thuͤre und ſteigt langſam und mit ſchleppenden Schritten hinan. Und ſiehe, hell und lieblich erklingt jetzt die Abendglocke; der ernſte, fromme Schall zittert durch die ſtille, wuͤrzige Sommerluft uͤber Wieſen und Feld und wer ihn vernimmt, der macht der Arbeit des Tages froh ein Ende, entbloͤßt das Haupt und betet andächtig ſein Ave. 30 Bei den erſten Tönen des Gelaͤutes blickten Vater und Sohn ſich an und eine ſtille Freudigkeit glaͤnzte aus ihren Augen. Es war ihnen, als habe Gott ſelbſt zu ihnen geredet durch den friedlichen Klang, der in ihr Herz drang wie die Verheißung eines ſuͤßen, neugebo⸗ renen Gluͤckes! Dann richteten ſie ſich auf und ſanken ſich ſtill in die Arme. Da weckten raſche Tritte, wie die eines haſtig nahenden Menſchentruppes die Beiden aus ihren Ge⸗ danken. Argwoͤniſch ſchaute Mathias nach der Richtung, von welcher her das Geräuſch erſcholl und gewahrte mit Entſetzen einen Haufen Jäger und Forſthuͤter, welche von Florian Heineck, dem Foͤrſter des Grafen von Wald⸗ ſees, angefuͤhrt, eilig aus der nahen Dorfgaſſe hervor⸗ brachen und ſich Jakobs Huͤtte naͤherten.„Teufel! ich bin verrathen!“ ſchrie Mathias, aus deſſen Seele ploͤtz⸗ lich alle Eindruͤcke der vergangenenen Stunde gewichen waren, gegenuͤber der unvermeidlichen Gefahr, gefangen und der ſchmachvollſten Strafe Preis gegeben zu werden. „Lebet wohl, Vater! wenn ich davon komme, ſehen wir uns wieder.“ Damit griff er nach ſeiner Buͤchſe, ſpannte den Hahn und war im Begriff, der Uebermacht weichend, durch ſchleunige Flucht den nahen Forſt zu erreichen, der ihm einzig eine wahrſcheinliche Rettung verhieß. Da ſchlang Jakob, den der Schreck im erſten Moment ver⸗ ſteinert hatte, halbbewußtlos ſeine Arme um des Sohnes Nacken und hielt ihn feſt mit der Kraft der Verzweif⸗ 31 lung.„Mein Sohn! ſie ſollen Dir nichts zu Leide thun— ich will Dich mit meinem Koͤrper ſchuͤtzen!“ ſchrie er und hing ſich feſt und feſter an den Ungluͤck⸗ lichen, den er, anſtatt hilfreich zu ſein, dem gewiſſen Verderben uͤberlieferte. Nur etwa zwanzig Schritt noch waren die Verfolger entfernt. Ein lautes:„Steh', Schutke!“ donnerte der Anfuͤhrer Mathias entgegen, der jetzt, nicht achtend, daß zwoͤlf blitzende Gewehrlaͤufe auf ihn anſchlugen, ſich gewaltſam der Umklammerung des Vaters entriß und zur Flucht wendete.„Mathias!“ kreiſchte der Alte, den Furcht und Entſetzen wahnſinnig gemacht zu haben ſchienen—„Mathias bleib! bleib!“ Er ſtuͤrzte dem Sohne nach. Da krachte eine volle Salve, ein gellender Todesſchrei toͤnte dazwiſchen, und als Mathias ſich umwendete, ſah er ſeinen Vater blu— tend und mit brechenden Augen am Boden liegen.— Einen Moment lang deuchte es Mathias, als muͤſſe er ſterben; Sein Herz ſtand ſtill und die Erſtarrung des Todes hemmte das Blut in ſeinen Adern, lähmte Muskeln und Nerven. Aber nur einen Augenblick dauerte die graͤßliche Kriſis; ploͤtzlich ſchuttelte er ſich, als muͤſſe er ſich gewaltſam aus den Banden des entſetzlichen Starr⸗ krampfes reißen; dann hob er mit eiſiger Ruhe ſeine Buͤchſe und legte auf ſeine Verfolger an, die gleichfalls beſturzt uͤber den Tod des Greiſes in einiger Entfernung Halt gemacht hatten. Mathias zielte bedächtig, ſeine Hand zitterte nicht, ſie hielt vielmehr mit eiſerner Ge⸗ walt das Gewehr— aber ſein Geſicht war todtenbleich, 32 ſeine Lippen blau, und in den Augen gluͤhte jenes duͤſtre unſtaͤte Feuer, welches nicht ſelten das Herannahen des Wahnwitzes verkuͤndet. Jetzt druͤckte er los und ohne einen Laut von ſich zu geben, ſtuͤrzte Florian, nachdem er ſich wirbelnd ein paar mal um ſich ſelbſt gedreht, durch's Herz geſchoſſen, zu Boden. „Ha, Mord! Mord!“ ſchrieen die Jaͤger, als ſie ihren Anfuͤhrer fallen ſahen und ſtuͤrzten vor, den Wild⸗ ſchuͤtzen zu fangen. Der aber hatte im Nu den Leich⸗ nam ſeines Vaters emporgerafft, die Buͤche fortgeſchleu⸗ dert und mit ein paar maͤchtigen Saͤtzen den Wieſenplan zwiſchen der Linde und dem Gottesacker durchmeſſend, ſich uͤber die niedere Mauer deſſelben geſchwungen, ſo leicht und behend, als werde er nicht durch die geringſte Laſt gehindert. Wie ein gejagter Hirſch floh er uͤber die Graͤber hinweg. Der Sakriſtan hatte das an der entgegengeſetzten Seite der Mauer gelegene Pfoͤrtchen offen gelaſſen; ein ziemlich breiter und tiefer Graben wand ſich hier langſam und in Kruͤmmungen durch eine ſumpfige Niederung, welche in der Entfernung von etwa zweihundert Schritten der Saum eines dichten Foͤhren⸗ waldes begrenzte. Konnte er dieſen erreichen, ſo durfte er auf Rettung hoffen. Aber ſchon hoͤrte er hinter ſich das wilde Halloh der Jaͤger, die in demſelben Augen⸗ blicke uͤber die Mauer kletterten, als er durch das Pfoͤrt⸗ chen des Friedhofes fluͤchtete und dieſes hinter ſich in's Schloß warf.„Gott helfe mir!“ keuchte Mathias und holte aus zum gewaltigen Sprunge, der ihn gluͤcklich * 33 uͤber den Graben brachte. Doch weh! Druͤben ſank er bis an den Guͤrtel in den feuchten Moor und ehe es ihm nach uͤbermenſchlicher Anſtrengung gelungen war, ſich heraus zu arbeiten, hatten ſeine Verfolger den Got⸗ tesacker durchmeſſen und ſchickten ſich an, da ſie die Thuͤr verſchloſſen fanden, die Mauer zu uberſteigen. Als Ma⸗ chias, welcher ſchweißbedeckt, zum Tode erſchoͤpft und bei iedem Schritte bis an die Knie in der trugeriſchen Moor⸗ decke verſinkend, dem Walde zuwankte, ſich umwendete, hatte einer der Nachſetzenden den Rand der Mauer er⸗ klimmt und zielte auf den Fliehenden. Die Entfernung betrug kaum funfzig Schritt und war jener nur irgend geuͤbt in ſeinem Berufe, ſo mußte Mathias getroffen werden. Daher warf er ſich, als er mit jagdkundigem Auge ſeinen Verfolger den Druͤcker beruͤhren ſah, platt auf die Erde nieder und pfeifend ſchwirrte die Kugel dicht uͤber ihm hin. Die Jäger, welche nunmehr ſaͤmmt⸗ lich auf der niedern aber breiten Mauer erſchienen, brachen in einen lauten Jubelruf aus, weil ſie Mathias toͤdtlich getroffen waͤhnten; wie groß war aber ihr Er⸗ ſtaunen, als ſie ihn ploͤtzlich wieder aufſpringen und mit ſeiner theuren, blutigen Laſt mit der aͤußerſten Kraftan⸗ ſtrengung dem nahen Walde zuwaten ſahen.„Donner⸗ wetter, er entkommt uns!“ ſchrie der, welcher den Fehl⸗ ſchuß gethan—„ſchießt, oder wir ſind ſchmaͤhlich um unſer Fanggeld geprellt!“ Der Auffoderung ward augenblicklich Folge geleiſtet. Fuͤnf Kugeln ſauſten hinter den Fliehenden drein, und 3 34 als der Pulvetdampf ſich verzogen, jubelten die Jäͤger auf's Neue, denn ſie ſahen den Wildſchuͤtzen taumeln und unter ſeiner Läſt zu Boden ſinken.„Nun ihm nach! uͤber den Graben geſetzt und die dreihundert Gul⸗ den ſind unſer!“ jauchzten ſie und ſprangen die Mauer hinab. Da raffte Mathias ſich noch einmal empor. Sein Geſicht war geiſterbleich und alle Züge gräßlich verzerrt; zerſchmettert hing der linke Arm am Koͤrper nieder, aber mit der Rechten umfaßte er wieder des Va⸗ ters Leiche und ſetzte, ein zweiter Aeneas, ſeine Flucht fort. Seine Bruſt hob und ſenkte ſich keuchend und jeden Augenblick meinte er, es muͤſſe ein Blutſtrom aus ſeinem Munde ſtuͤrzen. Der von der Kugel zerriſſene Arm verurſachte ihm wuͤthende Schmerzen, aber er biß die Zaͤhne zuſammen und ſchwankte weiter. Noch we⸗ nige Schritte! Muth! Muth! und Du biſt gerettet, Mäthias! Schon dringt der wuͤrzige Duft des Waldes Dir entgegen, ſchon hoͤrſt Du das Knarren der Aeſte und des Windes Rauſchen in den dunkeln Kronen der Foͤhren, deren dichtverwachſenes Laubholz Dich ſchuͤtzend aufnimmt in der tiefen ſchweigenden Waldesnacht. Bei jedem Tritte brechen ſeine Kniee zuſammen, vor ſeinen Augen wird es dunkel und als er auf's Neue hinter ſich das Knäcken der aufgezogenen Hähne vernimmt, erwartet er in dumpfer Verzweiflung den Tod und wendet ſein ſtarres Geiſterantlitz ſeinen Verfolgern zu. Sie haben den Graben uͤberſchritten, zwei von ihnen ſtecken bis an die Schultern im Sumpfe und rufen wehklagend ihre 35 Gefährten um Hilfe an. Eine neue Salve rollt uͤber das ſtille Moor, drei Kugeln ſchlagen praſſelnb in die ſchlanken Stämme und dumpf gibt der Wald das Echo des tödtlichen Schalles wieder. Mathias iſt unverletzt. „Der Teufel ſchutzt mich!“ fluͤſterte er mit einem furcht⸗ baren Lächeln vor ſich hin und preßte die kalte Wange des Paters gegen ſein gluhendes Geſicht—„ℳch will ihm dankbar ſein, wenn ich entkomme!“ Und noch einmal ſammelt er alle Kraft und ſchwoͤrt im Stillen einen finſtern, ſchrecklichen Eid, dieſer Stunde zu gedenken bei Tag und Nacht, im Traum und Wachen und nim⸗ mer zu ruhen, bis er des Vaters Tod gerächt! Jetzt wird der Boden feſter und Baumwutzeln und har⸗ ter Sand geben dem Fluͤchtlinge einen ſichern Ttitt. Nur einer der Verfolger watet langſam und votſichtig durch den Sumpf, die beiden andern ſind beſchäftigt, ihren Kameraden beizuſtehen, uͤberdies iſt es ſchon ſo dunkel, daß jede Hoffnung verloren iſt, den Fluͤchtling einzuholen!— Jetzt— jetzt hat er den Waldſaum er⸗ reicht. Langſam wendet er ſich zuruͤck. Dichte, weiß⸗ graue Nebeldaͤmpfe ſteigen aus ber Niederung empor, von den erſten Strahlen des Vollmondes zart verſilbert, und wie eine gigantiſche Luftgeſtalt ſtreckt ſich der Kirch⸗ thurm von Erbach, der ſtumme Zeuge des vollbrachten Frevels, in den truͤben Nachthimmel. Mit einem dum⸗ pfen Wehlaute hebt Mathias den zerſchmetterten blutigen Arm empor, dann umfaßt er mit der Rechten feſt den todten Vater und bricht ſich Bahn durch das hohe, dicht⸗ 3* * 36 verwachſene Geſtruͤpp. Immer tiefer und tiefer dringt er in den Schooß des meilenweiten Forſtes; dunkle Nacht umgibt ihn und nur ſelten faͤllt ein verſtohlener Mondſtrahl durch die engverſchlungenen, knorrigen Aeſte und irrt gaukelnd an dem moosbedeckten Boden hin. Da endlich vermag die zum Uebermaß angeſtrengte Na⸗ tur nicht laͤnger zu gehorchen; ploͤtzlich ſinkt Mathias mit ſeiner Buͤrde zuſammen; vergebens ſucht er ſich wie⸗ der aufzurichten; ſeine Gliedmaßen ſind ſteif und ge⸗ lähmt und in der naͤchſten Minute huͤllt eine tiefe, ſchwere Ohnmacht ihn in wohlthaͤtiges Vergeſſen. So ruhten um Mitternacht zwei lebloſe, ſtarre Koͤrper auf dem Moosgrunde des Waldes. Die Baͤume rauſchten ein ernſtes Sterbelied uͤber ihren Haͤuptern, aber die Schlaͤfer vernahmen nichts; die glatte, praͤchtig bunte Schlange ſchluͤpfte lauſchend uͤber ſie hin, der Gluͤhwurm umſchwebte die Koͤrper in weiten Kreiſen und ein Mondlichtſtreifen kuͤßte mild die bleichen Lippen des Greiſes— aber die Beiden lagen ſtumm und re⸗ gungslos und ein finſteres Geſpenſt hockte zuſammenge⸗ kauert neben dem Wildſchuͤtzen, ſtarrte ihn an mit gluͤ⸗ henden Augen, und murmelte mit giftigem Hohn: Wenn er erwacht, iſt er mein! Achtzehntes Kapitel. Unter hohen Baͤumen ſitzt der Jäger; Stille, ſtille wird's, und die Gedanken Schwirren alſo taͤndelnd auf und ab. H. Laube. Der erſte Strahl der Morgenſonne, der ſeinen Weg durch das dichte Gezweig des Waldes fand, weckte Ma⸗ thias aus ſeiner langen, ſchweren Betaͤubung. Er oͤff⸗ nete die Augen und ſtarrte mit jenem ſeelenvollen Aus⸗ drucke umher, den erſt das allmaͤlige Bewußtwerden der nächſten Vergangenheit und das Erkennen der uns um⸗ gebenden Gegenwart zu beleben pflegt. Als ſein Blick auf den Leichnam des Vaters fiel, deſſen kalte Hand in der ſeinen geruht hatte, durchzuckte ihn eine wirre, un⸗ deutliche Erinnerung, bei der ſein Haar ſich vor Ent⸗ ſetzen emporſtraͤubte und ſeine Zaͤhne fiebriſch aneinander ſchlugen. Er fuhr mit der Hand uͤber die Stirn, als muͤſſe er einen boͤſen Traum, ein haͤßliches Spuckgebilde alſo verſcheuchen, dann blickte er wieder auf das bleiche, eingeſunkene Antlitz des Vaters, wieder— und immer wieder, und dort auf der Bruſt ſah er einen breiten, feuchten Blutfleck! allmächtiger Gott! das Herzblut ſeines Vaters! 38 Mit einem furchtbaren Schrei, der nichts Menſch⸗ liches an ſich trug, ſprang Mathias empor; da empfand er einen brennenden Schmerz im linken Arme. Er ſah hin, ſah das zerſchrnetterte, mit geronnenem Blut be⸗ deckte Glied— und auf einmal zerriß der Schleier vor ſeinem geiſtigen Auge und mit ſchrecklicher Klarheit ſtieg die Erinnerung an die Erei gniſſe des geſtrigen Tages in ihm auf. Schſeigenb, tief Fihem holend und zu⸗ ſammenbrechend unter der Laſt ſeines Schmerzes lehnte er an einem ſchlanken Föhrenſtamme und verwandte kei⸗ ien Biig von der Sheuren iche zu ſeinen Füßen Da tag er, ber liebe, liebe Geez. an den er it ſo intiger Zärtichkeit gehangen; bas ide, hiiit Aüge gebtochet, die Lippen, die ſeis ben Sohn mit ſo hetzigen Worten gegrüßt, ergmpthaft Leſchlöſen, das chrwüthige weiße Haar am Boben hinflatieend. Welhies bichte erſickei zu nüſfn. Wen et iett hätte weinen köünen, nut eine einzige⸗ einziße Thlane bie ſeine brentenden Win pern gekühle! ein herbir, bitret Quel fie aug ſeint Bruſt aufz aber er ergoß ſch nicht. vieiniehr preßte bas ngmenteſe Leid, de ungeheut Gramn ihm das Herz zi zü⸗ ſammen und machte ihn ſchwindeln. 3 En länge Stunde verſtich. Luf alen Zweigen, aber und neben ihm, regie ſich peiteies, fröhiiches Leben; bunt⸗ Walh⸗ vögei grüßten den jun en, prächtigen Sonntag iit ſchweterndem Geſange, goldene Fifer ſummten luſtig im kuhlen Schatten und babeteh ſich in tauſend Diamant⸗ tropfen, mit denen“ der Nachtthau das Moos 39 und die Glockenblumen und Maibluͤmchen geſchmuͤckt hatte. Dabei wehte es ſo friſch und balſamiſch durch den dunklen Gottestempel, deſſen rauſchende Kuppel tau⸗ ſend ſchlanke Saulen und Pfeiler trugen, und die Son⸗ nenſtrahlen ſchienen zwiſchen den Staͤmmen hindurch und auf den Boden hin ein kindiſches Gaukelſpiel zu treiben, —— aber Mathias ſah nichts als das blaſſe Antlitz des ermordeten Greiſes, hoͤrte nichts als die ſchweren, gepreßten Athemzuͤge ſeiner eigenen Bruſt. Immer wil⸗ der ward ſein Blick, immer tiefer und drohender furchten ſich ſeine harten Zuͤge und als er jetzt eine raſche Be⸗ wegung machte und ſich haſtig niederbeugte zu dem Tod⸗ ten, praͤgten nicht mehr der tiefe Schmerz, die verzwei⸗ felnde Trauer ihren Mitgefuͤhl und Wehmuth weckenden Stempel auf ſeinem Antlitze aus, ſondern Haß, Rache und jene furchtbare Reſignation eines mit der goͤttlichen Vorſehung zerfallenen Gemuͤthes ſprachen aus ſeinen duͤſter gluͤhenden Augen, aus dem marmornen Laͤcheln, welches wie drohendes Wetterleuchten um ſeine Lippen ſpielte. Er gedachte ſeines Eidſchwures——— Nicht weit von der Stelle, wo Mathias geſtern ohnmachtig niedergeſunken war, ſchlaͤngeltee ſich ein plau⸗ derndes Baͤchlein in ſeinem winzigen Bette zwiſchen den Staͤmmen hin, faſt verborgen von knorrigen, blosgeleg⸗ ten Wurzeln und uͤppig wucherndem Brombeergeſtraͤuch. Dorthin lenkte der Wildſchuͤtz ſeine Schritte, und nach⸗ dem er ſich mit dem Hute Waſſer geſchoͤpft und ſeinen brennenden Durſt gekuͤhlt, wuſch er den verwundeten * 40 Arm, aus deſſen entzuͤndetem Fleiſche die Knochenſplitter hervorragten, und verband ihn ſorgſam und kunſterfahren, nicht achtend des furchtbaren Schmerzes, mit ſeinem Taſchentuche. Dann preßte er einen langen heißen Kuß auf die kalten Lippen des Vaters und druͤckte ihm die Augen zu. Und wieder umfaßte er ihn mit dem unver⸗ letzten Arme, lud ihn auf die Schulter und wanderte tiefer in den Wald hinein, nach der Richtung, in wel⸗ cher ſein geuͤbter Ortsſinn ihn die Ruinen des Jagd⸗ ſchloſſes vermuthen ließ. Der alte Bollinger und Andreas, ſein geliebter Pflegling, lagen in der Nähe des Jagdhauſes unter einer ſchattigen Buche hingeſtreckt auf den ſammetreichen Raſen und blickten zerſtreut, der Eine nach den beiden Hunden, die ſich laͤrmend auf dem freien Platze vor dem Gebaͤude herumtummelten, der Andere in den ſonnigen lichtblauen Himmel hinauf. Es ſchien keine rechte Unterhaltung in Gang kommen zu wollen; ſo oft auch der geſchwaͤtzige Alte das Wort nahm, und Dies oder Jenes auf's Tapet brachte— Andreas antwortete entweder kurz abgebrochen oder gar nicht, ſo daß Bollinger endlich, als er all' ſeine Muͤhe vergebens und ſeinen guten Willen ſo ſchmählich verkannt ſah, mit einer Miene verzweifelnder Reſignation ſeinen Pfeifenſtummel aus der Taſche holte und ſich in majeſtaͤtiſche Dampfwolken huͤllte. Gleichwol aber blickte er, ſo ſehr er ſich durch die vermeintliche Vernachläſſigung 41 ſeines jungen Freundes gekraͤnkt fuhlte, oft genug ſeit⸗ waͤrts zu ihm hinuͤber und ſchuͤttelte bedenklich den Kopf uber die finſtere Verſchloſſenheit und den beinahe men⸗ ſchenfeindlichen Ausdruck, der ſich in Andreas Zugen un⸗ verkennbar ausſprach. Mehr wie einmal ſchwebte dem Theilnehmenden eine neue Anrede auf der Zunge, aber der Gedanke, daß der Juͤngling durch ſein geringes Ver⸗ trauen eigentlich die treugebotene Freundſchaft zuruͤckge⸗ wieſen, verſchloß ihm immer wieder den Mund und loͤſte die in der Geburt erſtickten Troſtworte in ein melancho⸗ liſches Brummen auf. Deſto groͤßer war ſeine Freude, als er Andreas ſelbſt Miene machen ſah, dies unbehag⸗ liche Schweigen und Hinbruͤten zu unterbrechen. „Du zuͤrnſt mir alſo, Burſche?“ nahm der junge Mann das Wort und reichte ſeinem Nachbar die Hand —„ich fuͤhle wol, daß es Unrecht iſt, mich meinem Grame unbeſchraͤnkt hinzugeben und dadurch einen eben ſo unliebenswuͤrdigen als laͤſtigen Geſellſchafter zu machen!“ „Hm! Nun ja—“ murmelte Bollinger und ſchob ſeine abgetragene Perruͤcke auf's Ohr,„Du koͤnnteſt wol redſeliger ſein. Es will mir nicht gefallen, daß ein ſo kraftiger, ſtattlicher Junge, wie Du biſt, ſich von einer Grille uͤberwaͤltigen laͤßt, die Dir ewig fremd geblieben waͤre, wenn nicht der Zufall—“ „Zufall! verdammtes Wort!“ fuhr Andreas heftig auf.„Nennſt Du es einen Zufall, daß ich der legitime Sproͤßling eines uralten Grafenhauſes bin, daß ich von Gott und Rechtswegen auf einem ſtolzen Schloſſe ſitzen * 42 und Alles mein nennen muͤßte, ſo weit das Auge von der Warte des Thurmes in die Runde ſchweift, wahrend ich jetzt, verfolgt, geaͤchtet, mude gehetzr wie ein wildes Thier, mich in den Wäldern herumtreiben und mit Krö⸗ ten und Blindſchleichen in verwitterten Mauertruͤmmern vetbergen muß?“ „Ich meine nür— „Zufall!“ der Erbitterte haſtig den Alun — wo bleibt der Glaube an Gott, an eine ewige Vor⸗ ſehung und an die Gerechtigkeit des Himmels, wenn wir das Daſein eines tuͤckiſchen, boshaften und dabei ungeſchickten Geſpenſtes einraͤumen wollen, in deſſen tuͤckiſche Macht wir gegeben ſind, widerſtandlos, ein Spielwerk hoölliſcher Launen uns kindiſcher Aeffeteien, Warum ließ der Zufall uns von dem Pfarrer in Poͤrnberg jenes Paket mit dem Madaillon und den Briefen meines Va⸗ ters entdecken? warum ließ er mir dieſe Dokumente ge⸗ waltſam von einem ſchürkiſchen Onkel entreißen, warum endlich ſie mich wiedererlangen und das Geheimniß einer edlen Gebürt entdecken, um böshaft mich im naächſten Moniente zum zweitet Male jenes Talismans zu be⸗ rauben, det mich aus dem Staube zur hellen Sonnen⸗ hoͤhe des Glückes ethoben hätte, während ich jetzt, ein zertretener Wurm, mich machtlos kruͤmme unter der Gewalt des ſchmachvollſten Unrechts? O, es iſt entſetz⸗ lich, beſtohlen zu werden, ſo frech beſtohlen zu werden und es leiden zu muſſen, ſtumm und ſchweigend und bitteres Gift im Hetzen!“ 43 Die Augen des jungen Männes gluͤhten bei dieſer heftigen uild leidenlchaftlichen Erpectorätin utd auf ſei⸗ nem ſchoͤnen milden Antlitze prägte flammiender Haß ſich in allen Linien aus. Bollinger blickte ihn beſorglich von der Seite au und nahin kößfſchuͤttelnd die Pfeife aus dem Munbe.„Hoͤre mal, Andreas,“ ſagte er im Tone väterticher Belehrung, in welchem er ſich eben ſo gefiel, als er ſeinem jungen Freunde zuwider war,„Dein Lär⸗ men und Raiſonniren fuͤhrt Dich zu nichts, das hab' ich Dir ſchon hundertmal geſagt. Sieh, wenn der Klo⸗ ſtermeier nicht waͤre, den Du ſo ungebübrlich vor mir bevorzugſt, trotz der, daß er Dir nur uͤberalt im Wege iſt, da waͤre ſchon laͤngſt etwas Entſcheidenbes geſchehen. Du haſt das Dokütment im Schloſſe wahrſcheinlich bei der Kätzbalgeret mit dem Lieutnänt Mol llnitz verloren; nun gut, alſo im Schloſſe muß es ſtin und der hoͤchſten Wahrſcheinlichteit nach in den Haͤnden des Grafen. Es käine älſo nut datauf an, dem alten Suͤnder den Raub äbzüjagen, dutch Liſt öder Gewält, und da es mit Num⸗ met Eins nichts ſeitt dütfte, fo bltiebe nüt das Zweite äbrig, das heißt— ſch meite, wenn ſo acht öder zehn entſchloſſene Burſché, wie wir ſitd, mal in'ner finſtern, ſturmiſchen Nacht in's Schloß einbrechen, dem Grafen die Büchſe auf die Btuſt fetzelt und ihn mit großer Höſtichet um bie Hetausgabe des Dokuments erſuchten. Will er nicht, bas ſtatk zu vetmuthen iſt, ſo ſchlägt man iht nach Befttben den Schädel eit—“ „Welche tolle, äbekwitzige Ibeen!“ unterbdach An⸗ 44 dreas den eifrigen Plaͤnemacher—„nichts wäre geeignet, meine Rechte voͤlliger zu vernichten, als ſolche Gewalt⸗ that. Bin ich ein Moͤrder und Straßenraͤuber, daß ich Theilnehmer, wol gar der Leiter eines naͤchtlichen Ein⸗ bruchs werden ſollte, und gaͤlte es den Beſitz von Mil⸗ lionen? Iſt es nicht genug, daß ein Graf von Wald⸗ ſees ſeine Tage unter Wildſchuͤtzen und gusgeſtyenen Vagabunden zubringt?“ „Halt! nicht weiter, junger Herr!“ ſchrie Bollinger, der ſeine empfindlichſte Seite beruͤhrt ſah, gereizt da⸗ zwiſchen—„wenn dem Herrn Grafen meine und mei⸗ ner Kameraden Geſellſchaft nicht mehr behagt, ſo mag er uns immerhin verlaſſen, ſo ſehr ich auch uͤberzeugt bin, daß er uns damit einen großen Schmerz bereiten werde. Aber Schmaͤhungen ertrage ich nun einmal nicht Herr Andreas, oder Herr Graf, wenn es Sie kitzelt, einen Titel zu hoͤren, der in meinen Augen nicht einen Schuß Pulver werth iſt! Freie Schuͤtzen ſind wir und freie Maͤnner, Herren des Waldes und des Wildes von Gottes und der geſunden Vernunft Gnaden! Hollah, das iſt auch ein Titel und ein recht langer und beim heiligen Hubertus! mich geluͤſtet's nicht, ihn mit dem Ihrigen umzutauſchen! Der Alte hatte ſich, wie es bei aͤhnlichen Gelegen⸗ heiten zu geſchehen pflegte, gewaltig erhitzt und auf ſeiner Habichtsnaſe perlten wirklich ein paar große Schweiß⸗ tropfen, waͤhrend ſeine kleinen Augen ſich die möglichſte Muͤhe gaben, ſtechend und durchbohrend auf Andreas 45 zu ruhen, trotzdem es aber nur zu einem ſtieren, aͤußerſt komiſchen Glotzen bringen konnten. Andreas, weichherzig und von inniger, dankbarer Zuneigung fuͤr den gutmuͤ⸗ thigen Polterer erfuͤllt, reichte ihm die Hand und be⸗ ſchwichtigte augenblicklich das Strohfeuer ſeines Zornes. „Laß es gut ſein, Bollinger!“ ſagte er im zutrau⸗ lichen Tone— ich weiß, Du meinſt es redlich mit mir und willſt ſtets mein Beſtes. Aber— einbrechen mag ich nicht; kann ich auf keine andere Weiſe nach Ruß⸗ berg und in den Beſitz meines Eigenthums kommen, ſo will ich immerhin darauf Verzicht leiſten, ſo ſchwer es mir auch ankommt.“ „Aber Du haſt doch eine Liebſte droben, wie mir Mathias geſagt hat—“ „Und deren Vater ſoll ich, Deinem vortrefflichen Rathſchluſſe gemaͤß, den Schädel einſchlagen? Ach Bol⸗ linger, Du weißt nicht, was es heißt, ein Maͤdchen lie⸗ ben, lieben mit voller Seele, mit jener heißen, beſeligen⸗ den Inbrunſt, die Alles heiligt, was in ihrer Nähe lebt und athmet! Bei dem Gedanken an Lydia koͤnnte ich dem Grafen verzeihen—“ „Seid Ihr toll?“ fuhr Bollinger mit allen Zeichen des aͤußerſten Erſtaunens auf—„dem Grafen verzeihen? Das muͤßte ja eine Liebe ſein, von der aller Menſchen⸗ verſtand aus dem Felde geſchlagen wuͤrde!“ „Wie geſagt, alter Freund, davon verſtehſt Dn nichts!“ ſagte Andreas laͤchelnd und legte ſeine Hand auf Bollingers Schulter.„Aber ſieh, es iſt ſo ſtill und * 46 feierlich um uns herum, die Sonne ſcheint hell und warm und die Blaͤtter uͤher uns ſfluͤſtern mir Liebes⸗ ſprüche und ſuͤße, heilige Erinnerung zu. Ich will Dir eine Geſchichte erzaͤhlen, wenn!s Dich nicht verdrießt, zu⸗ zuhoͤren, obwol ich fuͤrchte, daß ihr Sinn und Ernſt Dir verborgen bleiben werden; eine Geſchichte, wie ich ſie vor etwa drei Jahren aus dem Munde eines kum⸗ mervollen Greiſes hoͤrte, der um ſeine Tochter weinte. Andreas Stimme klang ſo weich und gefuͤhlvoll erregt, daß Bollinger aͤußerſt geſpannt der verſprochenen Mittheilung entgegenſah und nachdem er dem jungen Mann noch mit großer Wuͤrde verſichert, er ſei durchaus nicht ſo dumm, wie er ausſehe und habe ſelbſt traurige und ſchmerzhafte Fata genug erlebt, um dergleichen mit gebuͤhrender Ruͤhrung anzuhoͤren, begann Andteas Fol⸗ gendes zu erzaͤhlen— Neunzehntes Kapitel. Der Eichwald brauſet, Die Wolken ziehn, Das Maägdlein ſitzet An Ufers Gruͤn. Es bricht ſich die Welle mit Macht, mit Macht, Und ſie ſeufzt hinaus in die finſtre Nacht, Das Auge vom Weinen getruͤbt. Schiller⸗ Geſchichte eines gebrochenen Herzens. Als Du mich einſt, lieber Bollinger— es moͤgen, wie geſagt, jetzt drei Jahre ſeitdem verfloſſen ſein— aus dem Memminger Forſte, wo wir damals wohnten, nach Augsburg ſchickteſt, um ein neues Gewehr zu kaufen, verrirte ich mich und gelangte unverhofft in ein verbor⸗ genes liebliches Thal. Ringsum von ziemlich hohen, in ſteiler Senkung abfallenden Bergen umſchloſſen, waltete auf dieſem kleinen Flecken Erde eine ernſte Stille, welche nur bisweilen durch das dumpfe Rollen eines Laſtwagens unterbrochen ward, der muͤhſam die Kruͤmmungen der holprigen, das Thal durchſchneidenden Landſtraße verfolgte. Von dem hoͤchſten Punkte des Bergruͤckens, der nicht in dem duͤſtern Kleide des Nadelholzes trauerte, ſondern im ſaftigen Grun junger Eichen, Buchen und Erlen prangte, blickte majeſtätiſch das Getruͤmmer einer alten Veſte her⸗ * 48 nieder. Nur ſparſam ragten die zerbroͤckelten Zinnen der ummauerung aus dem dichten Laubmeere, aber leicht und ſchlank ſtrebte noch der hohe Wartthurm in die blaue Himmelsluft empor. An einzelnen Stellen der Gebirgs⸗ wand wich das Buſchwerk zuruͤck und begrenzte friſche Saatfelder oder graues Ackerland, auch ragte hier und da frei und ſchroff eine nackte Felsklippe wie das Haupt eines Gnomen aus dieſem vielfarbigen, von des Schoͤpfers WMeiſterhand gewebtem Teppiche. Sinnend ſtieg ich hin⸗ auf auf eine der Burg gegenuͤber liegende Hoͤhe und warf mich unter dem Schatten einer ſchlanken, bemoosten Buche in das duftige Gras und ſchaute entzuckt umher. Ein leichter blauer Nebelhauch ſchwebte auf dem Grunde des Thales und um die Kuppen der Berge. Aus einem fern am Ausgange des Thales gelegenen Dorfe toͤnten einzelne Klaͤnge des Vespergeläutes heruͤber, mit denen ſich der ſchalkhafte Ruf des Kuckucks und der Lerche ſchmettendes Scheidelied harmoniſch vermiſchten. Der Abendwind rauſchte leiſe in den Zweigen der Buche, Inſekten umtanzten ſummend mein Haupt, das auf den Raſen zuruͤckgeſunken war, und recht lebendig fuͤhlte ich im Herzen jene wehmuͤthige Freude, mit welcher der Himmel uns nur ſelten und in den heiligſten Weihe⸗ ſtunden ſegnet. 0 Damals ſchluͤrfte ich, ganz verſunken in Andacht und Bewunderung, den berauſchenden Wonnetrank dieſer ſtiuſeligen Schwaͤrm und waͤhrend meine Hand un⸗ bewußt eine Blume rte und alle Sinne ſich ein⸗ 49 wiegten in ſanftes Träumen, zogen bunte Gedankenbilder langſam an meinem geiſtigen Auge voruͤber, Vergangen⸗ heit und Zukunft— endlich, wie ſeltſam! Die Idee des Sterbens, inmitten des heiterſten, friedlichſten Lebens. Suͤß und freundlich muß der Tod ſein, wenn er ſtih durch den Wieſenpfad ſchreitet und duftende Blumen uͤber den Entſchlafenen ſtreut, deſſen blaſſes Antlitz noch einmal ſchoͤn ergluͤht im letzten Sonnenſtrahle. Solch' ein Entſchlummern, ſolch ein Schlafen! Die Glocken⸗ blume beugt ſich auf zartem Halme uͤber den Todten hin, Epheu und Roſen bauen, ihn umrankend, eine hei⸗ tere Gruft und die Nachtigall ſingt droben leiſe und klagend die Todtenmeſſe. Ach, damals haͤtte ich ſter⸗ ben ſollen! Da ward ich ploͤtzlich durch ein Raſcheln in dem nahen Gebuͤſch aus meinen Traͤumen geweckt und mich umwendend erblickte ich das graue Haupt eines Mannes, der ſich muͤhſam durch die Zweige draͤngte. Es war ein Greis, vielleicht ſiebzig Jahr alt und druͤber. Sein ſonnen⸗ verbranntes, von tiefen Furchen durchſchnittenes Geſicht haͤtte nichts Auffallendes dargeboten, aber in den einge⸗ ſunkenen Augen des Alten lag, als er ſie mit einer Miſchung von Scheu und Demuth auf mich richtete, ſoviel Milde und Herzensguͤte zugleich mit dem ruhrend⸗ ſten Ausdruck eines unheilbaren Schmerzes, daß ich mich alsbald von lebhafter Theitnahme fuͤr den Fremden er⸗ griffen fuͤhlte. Nach einem freundlichen Gruße, den er mit linkiſcher Aengſtlichkeit erwiderte, fragte ich, um ein 4 Geſpräch anzuknuͤpfen, nach dem Namen der gegenuͤber⸗ liegenden Ruinen und war nicht wenig erſtaunt, als der Greis, ohne zu antworten, neben mir auf den Raſen hinkniete und ſeine Lippen mit Innigkeit an den Stamm der Buche druͤckte. Jetzt erſt gewahrte ich, daß zwei Buchſtaben in den Stamm der Rinde geſchnitten waren, denen der Landmann dieſe Huldigung darbrachte. Es war ein K und H, umſchlungen von einem Kranze. Mein Nachbar, ganz verſunken in ſchwermuͤthige Gedanken und den Schmerzen der Erinnerung hingegeben, vergaß, daß ich ein Fremder war, und waͤhrend er den Baum mit beiden Armen umſchlang, ſagte er mit zitternder Stimme: „Hier hat ſie geſeſſen, lieber junger Herr! ſtundenlang und wie viel tauſend bittere Thraͤnen in ihr Tuͤchlein geweint. Ach, mir will's Herz zerſpringen, wenn ich herauf komme, und kann's doch nicht laſſen, allabendlich den lieben Namen zu kuͤſſen. Der Baum iſt mein Heiligthum, meine Kirche!“ Dabei rollten ihm zwei dicke Thraͤnen langſam uͤber die gefurchten Wangen und wie in tiefer Erſchöpfung lehnte er den Kopf an den Baumſtamm, den er noch immer umſchlungen hielt. Mir ward recht ſonderbar bei dem Anblicke und den Worten des Greiſes, und ſo weh es mir jedesmal thut, wenn ich Leid und ungluͤck ſehe oder davon hoͤren muß, konnte ich gleichwol mich nicht enthalten, nach der Quelle des Kummers zu for⸗ ſchen, der die Bruſt des guten Alten ſo ſchwer belaſtete. Ich fand kein verſchloſſenes Gemuͤth; bei meiner Frage 51 richtete er ſein thraͤnenumflortes Auge mit einem Aus. drucke kindlichen Zutrauens auf mich, in welchem ſich die reinſte Seelengroͤße und die Bitte um Mitgefuͤhl auf ruͤhrende Weiſe ausſprachen. Dann erzaͤhlte er mir die Geſchichte des jungen Maͤdchens, welches dem Baume iene Schriftzuͤge eingegraben.— Der Sohn des Oberfoͤrſters im Dorfe unten war ein munterer, luſtiger Bube von ſechzehn Jahren, als er das väterliche Haus verließ, um ſich auf dem Ingol⸗ ſtädter Lyceum fuͤr die Univerſitaͤt heranzubilden, denn der Papa hatte große Dinge mit ihm vor und wollte einen Juriſten und zuletzt wo moͤglich einen Reichshof⸗ rath aus ihm machen. Aber bei Hermann war alle Heiterkeit, aller Muthwille verſchwunden, als er die Sonne zum letzten Male hinter ſeinen lieben Bergen, dem Tummelplatze der gluͤcklichen Kinderjahre, untergehen ſah. Waͤhrend der Vater mit großen Schritten in der dunkeln Stube auf und abging und Mama unter manchem muͤtterlichen Stoßſeufzer Waͤſche und Kleider in den maͤchtig großen, eiſenbeſchlagenen Koffer zuſam⸗ menpackte, ſchlich Hermann zur Thuͤr hinaus, an der Kirchhofmauer entlang nach dem nahen Pachthofe und lugte geſpannt uͤber die Stachelbeerhecke in den Garten hinein. Dort ſchimmerte zwiſchen Straͤuchen und Blu⸗ men ein weißes Kleid und eine glockenhelle Kindesſtimme fragte:„Biſt Du da, Hermann?“ Und wie der Blitz flog der Gerufene nach der Gartenthuͤr und hatte im naͤchſten Augenblick ſein Kla rchen umſchlungen, die ihr . 4* 52 blondes Lockenkoͤpfchen traurig an ſeine Schulter ſchmiegte und zu vergehen dachte vor Leid, daß der theure Junge nun ſcheiden ſolle auf ſo lange, lange Zeit. Der ſtrich ihr das Haar aus dem runden, lieblichen Antlitze und wollte unter einem Scherzworte ſeinen eigenen Gram verbergen; aber als ſie aus den großen dunkelblauen Augen ſo wehmuͤthig und betruͤbt zu ihm aufſchaute, da war es vorbei mit der erkuͤnſtelten Faſſung.„Komm, ich will Abſchied nehmen an der Buche!“ ſagte er leiſe und zog das Maͤdchen mit ſich fort nach dem trauten Orte, wo zuerſt die Seligkeit einer heiligen Liebe aus heiterem Kinderſpiel und munterer Jugendluſt ihm wun⸗ derherrlich aufgegangen war. Schweigend ſchritten ſie durch das Thal, aus welchem leichte Nebel aufſtiegen und wie ein wallender Gazenſchleier ſich uͤber den Haͤup⸗ tern der entſchlafenen Blumen ſchaukelten. Die heilige Stille der einbrechenden Nacht ſtimmte die Seelen der Liebenden noch trauriger, und als ſie oben an der Buche angelangt waren, ſanken ſie einander laut weinend in die Arme.„Hermann, wirſt Du mir treu bleiben in der Ferne, wirſt Du das arme, unwiſſende Landmädchen nicht vergeſſen?“—„Nimmermehr! eher muͤßte ich ſterben!“ Weiter ſprachen ſie nichts, aber ſie ſchauten einan⸗ der in die Augen und die Thraͤnen, die ſie vergoſſen, deuchten ihnen eine heiligere Beſiegelung als der ernſteſte Schwur. Druͤben hinter dem Gemaͤuer der Ruinen rothete ſich leiſe der Horizont; der Mond ſtieg herauf 53 und goß ſeine milden, ſanften Strahlen um die Trum⸗ mer und verwandelte die feuchten Nebel im Thale in ſilberne Meereswellen, auf denen Undinen und Elfen ihr luftiges Spiel trieben. Lange ſtanden ſie da, feſt umſchlungen, vereinigt in einem heißen, unſchuldigen Kuſſe; dann ſagte Herrmann:„Hier ſcheide ich von Dirz hier wollen wir uns wieder ſehen. Dieſe Buche ſei der lebendige Zeuge unſerer unwandelbaren Treue!“— Am andern Morgen geleitete der Oberfoͤrſter ſeinen Sohn nach Ingolſtadt; die Mutter ſaß daheim in tiefer Betruͤbniß und neben ihr Klaͤrchen, blaß und mit ge⸗ ſenktem Koͤpfchen. Sie ſprachen viel und immer wieder und ermuthigten ſich endlich bei dem Gedanken, daß er in Jahresfriſt einmal wiederkehren und durch fleißiges Briefſchreiben die Kluft der Trennung mindern werde. Der Oberfoͤrſter brachte bei ſeiner Ruͤckkunft noch tau⸗ ſend Gruͤße an die Mutter und das kleine Braäutchen heim und ſomit war eine neue Epoche in dem Still⸗ leben dieſer drei guten Menſchen eingetreten, deren Den⸗ ken und Trachten und ganzes Seelenleben ſich mit un⸗ ſichtbaren Faͤden an den Entfernten knuͤpften. Klaͤrchen fuhlte die ganze Stufenleiter jener Wonnen und Schmer⸗ zen der erſten Liebe durch, jenen Mikrokosmus der Liebe, der die Außenwelt und das Leben mit all' ſeinen Wuͤn⸗ ſchen, Freuden und Hoffnungen in ſein lichthelles Zau⸗ berreich zieht. So reifte ſie geiſtig heran, während der Koͤrper ſich gleichfalls in ſchoͤner Bluͤthe entfaltete. Sie war wunderlieblich anzuſchauen, dieſe ſchlanke, feinge⸗ 54 baute Geſtalt mit den ſanft geroͤtheten Wangen, den milden Kornblumenaugen und dem roſigen Munde, der zwei Reihen kleiner Perlenzaͤhnchen ſchalkhaft verbarg und zeigte. Wenn die Sonne ſich zum Untergange neigte, verließ ſie den Pachthof und ſchritt langſam den Berg hinan; unterwegs pfluckte ſie Blumen, die ſie droben unter der Buche in Kränze wand und den alten Stamm damit ſchmuͤckte. Und als nun endlich der Tag herangekommen war, an welchem Hermann erwartet wurde, da klopfte ihr Herz ſo heftig, als wolle es ihr das Mieder ſprengen. In das entzuckende Vorgefuͤhl des Wiederſehens miſchte ſich eine leiſe, beklemmende Angſt, deren ſie nicht Herr werden konnte und die von Augenblick zu Augenblick maͤchtiger wurde. Der Ober⸗ foͤrſter und ſeine Gattin, Klaͤrchen und ihr Vater ſtanden unter dem Baume und ſchauten und ſchauten erwar⸗ tungsvoll das Thal entlang, in welchem die Straße ſich hinſchlaͤngelte. Endlich wirbelt in der Ferne Staub auf; ein Reiter ſprengt im haſtigen Galopp einher. Er blickt hinauf nach der Buche und hoch flattert begruͤßend ein weißes Tuch in ſeiner Rechten.„Er iſt's, Hermann — unſer Sohn!“ toͤnt es jubelnd von den Lippen der Eltern, waͤhrend der Reiter unten aus dem Sattel ſpringt, das Roß anbindet und mit Gemſenſchnelle den Berg hinanklimmt. Flaͤrchen haͤtte einſtimmen moͤgen in den lauten Jubelruf— aber wie durch Zauberbann waren ihre Lippen geſchloſſen; zitternd und ſchwer athmend lehnte ſie an dem Baume und erſt als Hermann nun 55 herantrat und den uͤbergluͤcklichen Eltern in die Arme ſank und dann des Madchens Blicke den ſeinen begeg⸗ neten, die mit der alten Innigkeit und ſeelenvollen Treue an ihm hafteten, da erſt wich alle Angſt und Befangen⸗ heit von ihr und die beiden Liebenden fuͤhlten ſtill ſeelig, daß keins den andern verloren hatte, daß ſie ſich wieder⸗ fanden, wie ſie einſt geſchieden!——— Nach zwei Jahren bezog Hermann die Univerſitaͤt Altdorf. Mit freudigem Stolze ſahen Eltern und Braut den ſchoͤnen, hochgewachſenen Juͤngling bluͤhend in herr⸗ licher Jugendfriſche fortziehen nach dem alten Muſenſitze, mit Entzuͤcken empfingen ſie ſeine Briefe, in denen er begeiſtert ſeinen Eintritt in das akademiſche Leben, das trauliche Anſchließen an andere wackere Burſche und den hohen Genuß ſchilderte, welchen das juriſtiſche und kameraliſtiſche Studium ihm bereite. Bald hatte er nicht nur unter ſeinen Commilitonen ſich allgemeine Liebe er⸗ worben, auch einer der Profeſſoren, angezogen von dem edlen, freimuͤthigen Weſen und dem wiſſenſchaftlichen Eifer des muntern Studenten, fuͤhrte ihn in den Kreis ſeiner aus einer hochgebildeten Frau und zwei liebens⸗ wuͤrdigen Toͤchtern beſtehenden Familie ein. Die gute Aufnahme, deren ſich Herrmann erfreute, die geiſtreichen, wahrhaft herzerquickenden Geſpraͤche, in welchen man ſich uͤber die mannichfaltigſten und edelſten Gegenſtaͤnde des Lebens und der Wiſſenſchaften verbreitete, uͤbten einen wahrhaft berauſchenden Zauber auf den Juͤngling aus, in deſſen Bruſt urplötzlich neue Talente und Beſtre⸗ * bungen geweckt wurden, wie dem Saatfelde nach war⸗ mem Fruhlingsregen ein neuer, herrlicher Pflanzenwuchs entſprießt. Julie, die aͤltere Tochter, eine hohe Bruͤnette von jener ſtolzen Schoͤnheit, der das Siegesbewußtſein un⸗ widerſtehlichen Reiz verleiht und die eben dann am be⸗ zauberndſten iſt, wenn ſie ihre Macht vergißt oder zu vergeſſen ſcheint, entfaltete vor Hermanns bewundern⸗ den Blicken einen ſo reichbegabten Geiſt, eine ſo tiefe, vielſeitige Bildung, verbunden mit dem reinſten Gofuͤhle fur alles Edle und Schoͤne, daß der gute Juͤngling oft mit einer Art von Beſchämung der einfachen Converſa⸗ tion am heimathlichen Heerde gedachte. Wie geſagt, Juliens hoher Genius wirkte anregend und befruchtend auf ihn zuruͤck; ſeine Gemuͤthsſtimmung gewann mehr und mehr eine warme, poetiſche Faͤrbung und wie von ſelbſt entſtand das erſte Gedicht, welches er ſchuͤchtern der uͤberreichte, deren Vorzuͤge es mit idealem Feuer ſchilderte. Ein ſuͤßes Lächeln, lange beredte Blicke, die ihn verwirrten und entzuͤckten, waren des neuen Trou⸗ badours Lohn fuͤr ſolche Huldigung. Aber hatte er nun wirklich ſchon ſein Klaͤrchen ver⸗ geſſen? fuͤhlte er nicht, daß er durch ſein Beginnen dem Liebchen daheim die Treue brach! Ja, in jener Nacht, als er in ſeinem einſamen Stubchen ſaß und mit gluͤhender Stirn und pochendem Herzen die Verſe an Julien niederſchrieb, da tauchte urplöhlich das Bild des blondlockigen Mädchens herrlich 57 und klar in ſeinem Herzen auf und es deuchte ihm, als ſtrahlten ihre tiefblauen Augen ihm wehmuͤthig und flehend entgegen. Faſt haͤtte er das Gedicht in ploͤtz⸗ licher Aufwallung der Flamme geopfert, denn es uͤber⸗ kam ihn ein ſtechender Schmerz; wie ein Alp lag es auf ſeiner Bruſt, und unhoͤrbar fluͤſterte er vor ſich hin:„Das boͤſe Gewiſſen!“. Aber ſiehe, der ſentimentale Schwärmer war nur einen Augenblick ſchwach. Ein Gang durch's Zimmer — und er hatte gefunden, wie der boͤſe Geiſt durch kluge Rechtfertigung zu bannen ſet; wieder athmete er frei und ſtellte der Zukunft anheim, das Raͤthſel zu loͤſen⸗ „Was gefaͤllt mir weiter an der Profeſſorstochter“— ſagte er mit befriedigtem Lächeln—„als ihre Ver⸗ ſtandesbildung und Beleſenheit, ihre feine Tournuͤre und geſchmackvolle Toilette? Wenn Klaͤrchen ſich auch noch dieſe Vorzuͤge zu eigen machen koͤnnte, ha, wie wuͤrde Julie dann in den Schatten treten! Und warum ſollte das einfach erzogene, aber mit den edelſten Geiſtesgaben aus⸗ geſtattete Landmaͤdchen nicht erwerben koͤnnen, was ihm noch mangelt, um ein Ideal weiblicher Vollkommenheit zu werden? Ja! mir iſt der ſchoͤne Beruf vorbehalten, ihr Lehrer und Etzieher zu werden! ich will ſie heran⸗ bilden und bald den Triumph feiern, eine verborgene Bluthe zur prangenden Blume entfaltet zu haben.“— ——— Und dieſen löblichen Entſchluß eroffnete er Klaͤrchen in einem langen Briefe. Dieſes Schreiben war ſo zärtlich, ſo beredt und eindringlich, und doch * 58 weinte das einfältige Maͤdchen uber dem Leſen und bei den gluͤhendſten Worten und Bildern fuhlte ſie ſich von Eiſeskalte durchſchauert. Sie ſollte nach hoͤherer Aus⸗ bildung ſtreben und ſich vorbereiten auf die Stellung, die ſie einſt als Gattin eines gelehrten Mannes ein⸗ zunehmen berufen ſei; ſie ſollte nicht laͤnger in der Beſchraͤnkung eines einfoͤrmigen und niedern Lebens⸗ kreiſes ſich jener unruͤhmlichen Zufriedenheit erfreuen, welche aus dem Nichtkennen edlerer Beduͤrfniſſe ent⸗ ſpringt— kurz, ſie ſollte eine Andere, ganz Andere werden! Mit dem qualvollen Bewußtſein, Dem nicht mehr zu genuͤgen, der ihre ganze Seele ausfuͤllte, miſchte ſich die dunkle Ahnung der Motive, welche dieſes ent⸗ ſetzliche Schreiben veranlaßten. Die weibliche Pſyche iſt ein zarter, prachtvoller Schmetterling, deſſen unſichtbare Fuͤhlfaͤden weit heraus reichen, forſchend, aͤngſtlich pruͤ⸗ fend und im jahen Schmerze zuſammenzuckend bei der geringſten verletzenden Beruͤhrung. Noch wußte Klaͤr⸗ chen nichts von Hermanns neuer Bekanntſchaft, denn nie war Juliens von ihm Erwaͤhnung gethan worden, und dennoch wuchs, gleich als uͤbe, was der Geliebte dreißig Meilen entfernt that und dachte, eine magnetiſche Ruͤckwirkung auf ſie aus, die Seelenangſt des armen Kindes von Tag zu Tage. Sie litt ſchrecklich und Nie⸗ mand war da, dem ſie ihr bedraͤngtes Herz ausſchuͤtten durfte, der ſie troͤſten und aufrichten konnte, denn um Alles in der Welt nicht wuͤrde ſie Hermanns Eltern oder dem eigenen Vater ihre Noth geklagt haben. Es 59 vergingen Wochen, ehe ſie den ungluͤcklichen Brief zu beantworten vermochte; taͤglich hatte ſie zu ſchreiben be⸗ gonnen, aber es war ihr dann immer, als ſtehe ein hoͤhnender Daͤmon hinter ihr, der die Schriftzuͤge tadelte oder bosbaſt die Ungelenktheit des Styles verſpottete. Und in der That, es war auch das Erſtemal, daß Hermann nach Empfang der ſtets ſo heiß und unge⸗ duldig erſehnten Zeilen dieſe langſam und mit kritiſchem Auge durchſpaͤhte, es war das Erſtemal, daß er uͤber eine unbeholfene Wendung laͤchelte, und ſich aͤrgerte, als er einem orthographiſchen Fehler begegnete. Dieſen Brief, der unter den bitterſten Seelenleiden entſtanden war und das Gepraͤge eines unheilbar verwundeten Gemuͤthes in jedem Worte trug, dieſen flehenden Angſtſchrei eines mit ſich ſelbſt und allen Hoffnungen zerfallenen Weſens be⸗ trachtete der Empfaͤnger vom Standpunkte eines pedan⸗ tiſchen Praͤceptors, dem da obliegt, des neuen Schuͤlers Maͤngel mit ſcharfer Ruͤge hervorzuheben.„Wie anders wuͤrde ſich alles dies unter Juliens Feder geſtaltet haben!“ dachte er kopfſchuͤttelnd—„ich fuͤrchte, Klaͤrchen wird nimmer das Ziel erreichen, welches meine gerechten Wuͤn⸗ ſche und Anfoderungen ihr ſetzen.“ Solcher Art waren ungefaͤhr Hermanns Gedanken, die ſich ſtets mit dem Bilde der armen, unwiſſenden Klara in Verbindung ſetzten; waͤhrend das Letztere ihm ſtuͤrmendes Mißbehagen verurſachte, ſpendeten die Erſte⸗ ren ihm ſchmeichelnden Troſt. In Juliens Gunſt machte der poetiſche Korydon ſichtliche Fortſchritte. Wer die 60 Beiden geſehen haͤtte, wie ſie Abends im traulichen Daͤm⸗ merſcheine des Zwielichts, abgeſondert von der uͤbrigen Familie, in dem Fenſterſimſe ſaßen, oft in feuriger, ob⸗ wol fluͤſternder Unterhaltung begriffen, oft ſtumm, aber Hand in Hand geſchlungen und nahe die ungeſtuͤm po⸗ chenden Herzen— dem wuͤrde bald der letzte Zweifel uͤber Hermanns Sinnesaͤnderung entflohen ſein. Armes Klaͤrchen! wie kommt es, daß Du eines Abends zu ver⸗ gehen dachteſt vor Herzensangſt, daß Dein Blut wild und fieberhaft durch die Adern ſtroͤmte, als Du, wie von unſichtbarer Gewalt fortgetrieben hinaufklommeſt zur Buche, dem heiligen Altare, der die Treugeloͤbniß ge⸗ hoͤrt hatte? Dort warfeſt du dich wieder in's feuchte Gras und ſtreckteſt die Haͤnde zum Sternenhimmel em⸗ por. Zwei Monden waren vergangen— und von dem Geliebten keine Zeile, kein troͤſtendes Wort, kein freund⸗ licher Gruß! Du bargeſt dein brennendes Antlitz in dem kalten Thau und beſchworſt die Erinnerung. Suͤß und lieblich weckte ſie verklungene Toͤne, matte Bilder wieder in deiner Bruſt; die heitere Luſt der Kinderſpiele, die traulichen Schweſterkuͤſſe, die Du dem dunkellockigen Knaben ſpendeteſt, dann die Feſtzeit der gemeinſchaftlichen Lehrſtunden, die Streifereien durch Thal und Gebirg, endlich die hehren Momente des Bewußtwerdens Eurer Liebe, der heilige Schauer des gegenſeitigen Vetſtänd⸗ niſſes. Dann die Trennung, die Scheideſtunde mit ihrem ernſten Geloͤbniſſe———— Sie ſank leiſe zuruͤck; allmälig ſchloſſen ſich ihre 61 Augen. Ihr deuchte, liebliche Stimmen zu hoͤren im fernen Chorgeſange; es waren die Klaͤnge eines Todten⸗ liedes. Nein! nein! an ihrer Seite kniete Hermann, ſie fuhlte den Myrtenkranz im Haar und die Fluͤgel⸗ chuͤren der hellerleuchteten Dorfkirche unten waren weit geoͤffnet. Man feierte ihr Hochzeitsfeſt———— Ueber das marmorbleiche Antlitz der Entſchlummerten flog ein ſanftes, himmliſches Laͤcheln. Sie empfand nicht, daß es ihr eiſig durch die Glieder rann, daß eine kalte Hand ſich auf ihr Herz legte. Langſam fuͤhlte ſie den Boden unter ſich zuruͤckweichen, und wie ſie allmaͤlig tiefer und tiefer hinabſchwebte, toͤnte leiſer der Chorge⸗ ſang, ſchimmerten ſchwächer die Sterne am dunklen Himmel— ſenkte tiefer der Bruder des Schlafes ſeine Fackel.— ind in derſelben Nacht, welche Klärchen ſchlum⸗ mernd unter der Buche zubrachte) erklaͤrte Hermann, mit Julien allein im dunklen Zimmer— denn Eltern und Schweſter waren verreiſt— ihr ſeine Liebe in hei⸗ ßen, gluͤhenden Worten. Schweigend ſank ſie an ſeine Bruſt, mit zitternder Haſt des Juͤnglings Flammenkuͤſſe erwidernd. Und wie er ſie feſt und feſter umſchlang, bis ſie hinabglitt zu ſeinen Fuͤßen und er ſie dann ſeuf⸗ zend emporhob und ihr feuchtes Auge, halb geſchloſſen, Schonung erflehte und ihn wieder zuruͤckſtieß— ha! da dachte er nicht an das ſterbende Klaͤrchen, nicht an die Welt, nicht an Gott und ſeinen Himmel!— Ein paar Tage ſpater ſandte Hermann zwei Briefe * nach Hauſe; der eine war an die Eltern, der andere an Klaͤrchen gerichtet. Beide behandelten in kuͤnſtlichen Satz⸗ fuͤgungen und pathetiſchen Redensarten daſſelbe Thema: ſeine Verlobung mit Julien, der ſchoͤnen, reichen, gebil⸗ deten Profeſſorstochter und die Unmoͤglichkeit, laͤnger die Feſſeln eines kindiſchen und vorſchnellen Jugendgeloͤb⸗ niſſes zu tragen. Das Schreiben an Klaͤrchen war in der That ein Meiſterwerk von Logik, Beredtſamkeit und Sentimentalität. Er wollte ewig ihr Freund bleiben, ihr herlicher, inniger Freund; er hoffte ſo ſehr, daß ſie ſich ſeines Gluͤckes freuen und darin Troſt finden werde fuͤr den etwaigen Kummer, den ihr dieſer Schritt m oͤg⸗ lichenfalls bereiten koͤnne. Wie ſchoͤn geſagt und wie ganz frei von jeder egoiſtiſchen Regung! Und den⸗ noch bangte dem weichherzigen jungen Mann vor der Antwort und manchmal uͤberlief es ihn eiskalt, wenn er im Geiſte ſich den Moment vergegenwaͤrtigte, wo Flaͤrchen den Brief erbrechen und leſen werde. Unnothige Beſorgniß! In kurzer Friſt ſchrieb ihm der Papa unter Anderem Folgendes: „Deine Liaiſon mit der Fraͤulein Tochter des hoch⸗ gelahrten und beruͤhmten Profeſſors H. hat mich und die Mutter mit unausſprechlicher Freude erfuͤllt und wir haben Gott auf den Knieen gedankt, daß er uns an dem theuren Sohne ſo viel Freude erleben läßt. Ja, ein ſolches Maͤdchen paßt fuͤr Dich; das her⸗ zensgute, aber im Grunde doch recht einfaͤltige Klaͤr⸗ chen wuͤrde Deinew hohen, weitſtrebenden Geiſte nim⸗ 63 mer genuͤgt und Dich fruͤh oder ſpaͤt unglucklich ge⸗ macht haben. Ueberdies ging es uns Eltern ſtets im Kopfe herum, Leute aus der niedrigſten Sphare der Geſellſchaft einſt Verwandte nennen zu muͤſſen. Nun, der Herr ſei gelobt, der Alles gut und wunderbar ge⸗ fugt hat! Deinen Brief an Klaͤrchen habe ich aber noch nicht abgeben koͤnnen. Denke Dir nur, vor etwa vierzehn Tagen ſteigt ſie ſpäͤt Abends nach der Buche hinauf— Du kennſt ja das huͤbſche Plätzchen— und begeht die ſchreckliche Unvorſichtigkeit, ſich in das vom Thau durchfeuchtete Gras niederzulegen und— einzuſchlafen. Dort findet ſie um Mitternacht, nach langem, angſtvollem Suchen der Paͤchter, und beim Erwachen iſt ſie— ſehr natuͤrlich— gaͤnzlich erſtarrt, ſprachlos und halbtodt. Die unausbleibliche Folge war ein hitziges Nervenfieber; ſie phantaſirt fortwaͤh⸗ rend ſo wild und bunt durcheinander, daß der Doktor auch im Falle der Geneſung ſehr fuͤr ihren Verſtand fuͤrchtet. Aber wenn ein ſchwaͤchliches Maͤdchen bis Mitternacht im leichten Linnenkleide unter Thau, Nebel und Zugluft bivouakirt, kann es da anders kommen? ꝛc.“ Hermann hatte den Brief unter dem Sturme wech⸗ ſelnder Gefuͤhle durchleſen, als noch zuletzt ein kleines, beſchriebenes Zettelchen aus dem Couvert ſiel. Darauf ſtand Folgendes: Post scriptum:„Leider ſind unſere ſchlimmſten Be⸗ fuͤrchtungen eingetroffen. Klaͤrchen iſt vor einer Vier⸗ * 64 telſtunde am Rervenfieber(wie geſagt, den natuͤrlichen Folgen jener Erkaͤltung) im kaum vollendeten ſieb⸗ zehnten Jahre geſtorben. Pater Johannes wird ſicher troſtliche Worte am Grabe der fruͤh Verblichenen ſprechen.“ Hermann ſank vernichtet in den Seſſel. Klärchen todt, das gute, treue Klaͤrchen todt, nun ſchon begraben, ſchlummernd unter kuͤhlem Raſen bis zum Tage der Auferſtehung! Es deuchte ihm unmoͤglich, eine ſpuk⸗ hafte Sinnentaͤuſchung. Wieder ergriff er den Zettel und las ihn und las ihn nochmals und konnte die un⸗ gluͤcklichen Zeilen nicht Luͤgen ſtrafen. Da fuͤhlte er einen brennenden Schmerz in der Bruſt, daß es ihm Mack und Bein durchzuckte. Eine duͤſtere, furchtbare Ahnung beklemmte ihm den Athem und verwandelte ſein Blut in Eis.„Wenn ich ihr Moͤrder waͤre, wenn meine Untreue ihr engelgutes Herz gebrochen—— es ware graͤßlich! graͤßlich!“ So ſtohnte er und griff wieder nach dem unſeligen Schreiben.— Aber da ſtand es ja ausdrucklich, zweimal wiederholt, daß ſie ſich den Tod zuzog durch eine Erkaltung; was hat eine Erkal⸗ tung zu ſchaffen mit gebrochener Treue?— Das leuchtete nach und nach dem Thoͤrichten ein. Er vergoß heiße Thränen und waͤhrend er weinte und ſchmerzerfullt im Zimmer auf und abſchwankte, ſagte er ein uͤber das anderemal zu ſich ſelbſt:„Ach, daß das liebe Klaͤrchen an einer Erkaͤltung ſterben mußte!“— — Nun ſchlummert ſie ſchon lange in Gottes kuͤhler 65 Erde. Ihr kleines Grab iſt mit ſchoͤnen Blumen be⸗ pflanzt und ein duftender Fliederbuſch beſchattet treulich die Ruheſtatte des armen Kindes, das ſchon hienieden ein Engel an Unſchuld und Reinhei, nun an Gottes Throne Verzeihung fleht fuͤr den, der ihr junges Leben vergiftete. Als ſie im Sarge lag, weiß gekleidet und den Myrtenkranz in den lichten Ringellocken, draͤngte ſich weinend das ganze Dorf heran. So lag ſie ſtill und friedlich da, als ſchlummere ſie noch unter der Buche droben. Um den kleinen, nun erblaßten Mund ſchwebte ein leiſes Laͤcheln; als er zum letzten Athemzuge ſich ge⸗ öffnet, hatte er kaum hoͤrbar gefluſtert: „Herrmann, ich gehe!“ Und damit war ſie verſchieden und der Todesgenius hatte die kaum entknospete Roſe gebrochen, ſie in den Him⸗ melsgarten zu verpflanzen, wo nicht der rauhe Sturm der Erde ſie entblaͤttern und kein giftiger Wurm ſie zer⸗ ſtoͤrend benagen kann. Friede ihrer Aſche!——— „So ungefahr—“ ſchloß Andreas ſeine Erzaͤhlung —„lautete der Bericht des alten Mannes, den ich vor drei Jahren unter der Buche traf. Es war Klaͤrchens Vater, der einſam, von tiefem Jammer verzehrt, dem Grabe zuwankte, deſſen Frieden er nunmehr wol gefun⸗ den haben wird.“ „Und was iſt aus dem treuloſen Burſchen gewor⸗ den?“ fragte Bollinger, der mit großer Theilnahme zu⸗ I.. 5 66 gehort hatte, obwol ihm Manches in der Geſchichte un⸗ klar geblieben war. „Der iſt jetzt, wie mir noch der Greis berichtete, Churfurſtlicher Kammerrath in Muͤnchen.“ Bollinger ſtieß einen Fluch aus und ſprang auf. Andreas laͤchelte bitter.„Dem hat es auch keinen Segen gebracht,“ ſagte er.„Sein Weib, eben jene Julie, iſt eine Fan⸗ tippe und laͤßt ihn nimmer des Lebens froh werden. Er mag gar oft an Klaͤrchen denken, denn alljaͤhrlich, wenn ihr Todestag wiederkehrt, rollt eine glaͤnzende Ka⸗ i bis an das Thor des Gottesackers, wo ſie ſchlaft. Da ſteigt denn der bleiche, kranke Mann heraus, ſetzt ſch wol eine Stunde lang auf ihr Grab und ſtarrt ſo wild und finſter vor ſich hin, daß ihm Jedermann furchtſam aus dem Wege geht,“ Ein leiſer Seufzer erregte Andreas Aufmerkſamkeit, und als er ſich umwendete, ſah er Gertrud an dem Baume lehnen, unter deſſen Schatten ſie ſich gelagert hatten. Das Madchen hatte die traurige Erzaͤhlung unbemerkt mit angehoͤrt und eine Thraͤne, die in ihren langen Wimpern glaͤnzte, verrieth, daß ſie tief davon er⸗ griffen ſei. Als Andreas, raſch aufſtehend, ſie hoͤflich begruͤßte, uͤberzog eine verlegene Roͤthe ihre bleichen Wangen. „Ich habe Euch behorcht, Herr!“ ſagte ſie leiſe— „und bitte darum um Verzeihung. Ich kam, zu fragen, 4 Mathias noch nicht zuruckgekehrt ſei.“ X 67 „Nein! ſein langes Ausbleiben ſcheint mir bedenklich und macht mich beſorgt um ihn!“ verſetzte Andreas. „Er iſt nach Erbach gegangen, ſeinen Vater zu beſuchen, und wollte vor Tagesanbruch wieder heim ſein.“ „Hollah, wenn mich nicht Alles truͤgt, ſo kommt er eben!“ rief Bollinger—„hoͤrt nur, wie die Hunde lärmen. Nun, geht ihm nur entgegen, Jungferchen, und ſchmollt ihn tuͤchtig aus, weil—“ Aber das Wort erſtarb ihm auf der Zunge und Gertrud ſtieß einen lauten Schrei aus, als der Etwartete jetzt aus dem Walde hervortrat, mit todtenbleichem, gramentſtelltem Ge⸗ ſichte, blutbefleckten und zerriſſenen Kleidern, und dem verwundeten, ſchotternd herabhaͤngenden Arme. „Jeſus Chriſtus, was iſt Euch begegnet!“ ſchrie Andreas, auf ihn zueilend—„Ihr ſeid verletzt und blutet—“ „Nichts! nichts!“ verſetzte Mathias mit dumpfer Stimme und reichte ſeinem Freunde die rechte Hand. Gertrud ſah ihn mit angſtlich forſchendem Blicke an und Schreck und Mitgefuhl laͤhmten ihre Zunge. „Ich habe ein theures Kleinod mitgebracht,“ fuhr Mathias fort—„folgt mir und ſeid behilflich, daſſelbe tief in der Erde in Sicherheit zu bringen.“ Erwartungsvoll und mit banger Spannung folgten Alle dem muͤhſam und mit der äußerſten Erſchoͤpfung voranwankenden Jaäger. Er fuͤhrte ſie nach der andern Seite der Ruinen, wo unter einer Buche ſich der Grab— * 8 ℳ 0 68 hugel des Goldſchmidts erhob. Aus den duftenden Blumen und Waldkräutern, welche es umwucherten, ragte ein blaſſes, ſtarres Antlitz. „Es iſt mein Vater!“ ſagte Mathias mit furcht⸗ barer Kalte, als ſeine Begleiter entſetzt zuruͤckfuhren. „Mein Vater, den ſie erſchoſſen haben Helft ihn mir begraben!“ Zwanzigſtes Kapitel. Rudenz. Bertha! Ihr zeiget mir das hochſte Himmelsgluck Und ſturzt mich tief in einem Augenblick. Bertha. Nein! nein! das Edle iſt nicht ganz erſtickt In Euch! es ſchlummert nur, ich will es wecken. Wilhelm Tell. Und ſo erhob ſich neben der Grabſtaͤtte des Juwe⸗ liers ein zweiter Raſenhuͤgel, mit Blumen und einem niedern Kreuze bepflanzt, und die Kinder der beiden Greiſe ſaßen ſtundenlang ſtumm und ſchweigend an dem ſtillen Plaͤtzchen und gedachten trauernd der Hingeſchie⸗ denen. Aber wie verſchieden ſprach ſich der Schmerz in dieſen beiden Gemuͤthern aus, die das Leben und deſſen Stuͤrme ſo ungleichartig gebildet und die dennoch durch eine innige Wahlverwandſchaft, durch die heilige Sym⸗ pathie der Liebe ſich verſtanden und einer Vereinigung entgegenreiften! Gertrud netzte die Immortellen und wilden Roſen und den ſammettenen Raſen des Grabhuͤgels mit ihren Thraͤnen, waͤhrend ſie wehmuͤthig des theuren Vaters gedachte. Mathias aber ſaß regungslos, in du⸗ ſteres Hinbruͤten verſunken neben dem Maͤdchen; ſeine Augen richteten ſich nicht, wie die ſeiner Nachbarin, fromm und ſehnſuͤchtig jen Himmel, ſondern ſtarrten unver⸗ * 70 wandt zu Boden und finſtere Gedanken waͤlzten ſich durch ſein gluͤhendes Hirn. Immer ſah er den Vater blutend in ſeinen Armen liegen, immer ſah er den brechen⸗ den Scheideblick des Greiſes, immer vernahm er ſein dumpfes Todesrocheln und hoͤrte die wilde Rotte der Verfolger mit buntem Huſſah hinter ihm drein ſtuͤrmen auf der ſchrecklichen Flucht durch Sumpf nund Moor. Dann bällte er die Fauſt und knirſchte mit den Zaͤhnen und ein Fluch auf die ganze Menſchheit entrang ſich ſeiner keuchenden Bruſt. Kaum vermochten noch der traurig bittende Blick und die milde Zuſprache Gertrud's ihn der finſtern Bezauberung ſolcher Momente zu ent⸗ reißen und wenn es ihr gelang, wenn ſie ſtumm ſeine Hand ergriff und die großen, dunkeln Augen lange und wehmuͤthig auf ihm ruhten, dann raffte er ſich empor, ſchuͤttelte verzweifelt das Haupt und floh mit abgewand⸗ tem Geſichte tief in die Nacht des Waldes, wo er ſich niederwarf auf den Boden und mit thraͤnenloſem Schluch⸗ ſen den Namen des Vaters rief, bis eine dumpfe Be⸗ täubung ihn umfing und die erſchoͤpften Koͤrper- und Seelenkraͤfte ihn voͤllig verließen.— So verſtrichen einige Wochen, die den Bewohnern der Ruine eben ſo viel Jahre duͤnkten, denn auch Bol⸗ linger und die beiden jungen Wildſchoͤtzen, der Gaͤrtner und der ſogenannte„ſchwarze Bock“, ließen die Koͤpfe haͤngen und ſchienen alle Luſt und Freude am Waid⸗ werk verloren zu haben. Andreas war jetzt ſelten da⸗ heim; nicht ahnend die Gefahr, welcher er ſich ausſetzte, 71 ſtreifte er wieder, wie fruͤher, um Schloß Rußberg, in der Hoffnung, der Koͤnigin ſeines Herzens zu begegnen oder nur einen einzigen Blick von ihr zu empfangen. Aber er harrte vergebens; auf ſeine Erkundigungen, welche er in dem Dorfe einzog, vernahm er nur, die Comteſſe ſei krank und man erwarte nur ihre Geneſung, um die von dem Lieutnant von Moͤllnitz heiß erſehnte Hochzeit zu feiern. Solche Nachrichten traͤufelten Gift in die Herzenswunden unſeres Verſtoßenen und mehr als einmal war er im Begriff, durch irgend einen Ge⸗ waltſtreich, uͤber deſſen Beſchaffenheit er jedoch nicht klar war, den gordiſchen Knoten zu zerhauen und entweder dabei unterzugehen oder das Ziel ſeiner heißen Wuͤnſche zu erreichen. Als er einſt, ſpaͤt am Abend, duͤſter und niederge⸗ ſchlagen nach dem Jagdhauſe zuruͤckkehrte, traten Ma⸗ thias und Bollinger ihm entgegen. Erſterer ſchien heut' ruhiger und gefaßter zu ſein, als ſonſt, auch trug er den durch des kunſterfahrenen Bollingers Beiſtand raſch ge⸗ heilten Arm nicht mehr in der Binde. Als ſie ſich wie gewoͤhnlich um ein mitten im Hofraume brennendes Feuer niedergeſetzt hatten, eroͤffnete Mathias ſeinen Ge⸗ fahrten, daß er ſie morgen auf einige Tage verlaſſen werde, um fuͤr Gertrud irgend ein ſicheres Aſyl zu ſu⸗ chen und, indem er alſo um ſie Sorge trage, ſein dem Goldſchmidt gegebenes Wort zu erfuͤllen.„Ihr werdet einſehen, daß das Maͤdchen unter uns nicht laͤnger wei⸗ len kann!“ ſchloß er.„Sie iſt ein Engel an Unſchuld * 72 Reinheit und Froͤmmigkeit, wir aber ſind Verſtoßene, mit der Welt und ihrer Ordnung zerfallen; es waͤre Verbrechen, wollten wir ſie, der, wenn es eine gottliche Gerechtigkeit gibt, noch eine heitere, ſtille Zukunft be⸗ ſcheert iſt, in den Fluch verwickeln, der auf unſern Haͤuptern ruh't. D'rum ziehe ich morgen hinaus, und will ein Plaͤtzchen ſuchen, wo ſie, fern von uns, unter guten Menſchen weilen mag.“ Bollinger und Andreas zeigten ſich mit dieſer Maß⸗ regel vollig einverſtanden und auch Gertrud, der jenes angeborene Zartgefuͤhl des Weibes, obwol die Welt und deren Urtheile und Meinungen ihr voͤllig fremd waren, die Nothwendigkeit einer Trennung einleuchtend machte, gab die Sorge um ihr ferneres Schickſal voͤllig in die Hand des erprobten Freundes. So verließ denn Ma⸗ thias am andern Morgen die Ruinen und kehrte nach einigen Tagen zuruͤck mit der Nachricht, er habe gefun⸗ den, was er geſucht.„Am Ufer der Donau, zwiſchen Ingolſtadt und Donauwerth liegt das Doͤrfchen Pfaffen⸗ hofen,“ berichtete er der geſpannt aufhorchenden Gertrud —„es beſteht aus nicht mehr als einem Dutzend ein⸗ facher, aber netter Haͤuschen, deren helle Strohdaͤcher aus einem duftenden Walde prachtvoller Obſtgärten ma⸗ leriſch hervorragen. Der Ort iſt einſam und ohne Ver⸗ kehr, ſeine Bewohner, ſo weit ich ſie fluͤchtig kennen ge⸗ lernt, ſchlicht und bieder und fern von jener boͤswilligen und aufdringlichen Neugier, welche ich fuͤr Dich, mein Mädchen, am meiſten fuͤrchten zu muͤſſen glaubte. Am 73 Ende des Dorfes, an der Lehne eines mit Obſtbaͤumen bepflanzten Huͤgels liegt ein Haͤuschen, huͤbſcher und be⸗ haglicher als die uͤbrigen; ein altes, friedliches Ehepaar wohnte dreißig Jahre darin, bis vor einigen Wochen der Tod den greiſen Hausvater abrief. Der kinderloſen Witwe iſt bang in ihrer Einſamkeit und mit Entzuͤcken nahm ſie meinen Antrag an, der dahin lautete, daß ich fur eine Verwandte das Häuschen miethen und ſie ihrer Pflege und Obhut anvertrauen wolle. Jeder Frage und Nachforſchung, von welcher Seite ſie auch kommen moͤge, habe ich vorgebeugt und denke, Du wirſt dort ſo lange recht ruhig und zufrieden wohnen, bis— bis Jemand um Dein Herz und Deine Hand wirbt— und Dich ſo gluͤcklich macht, als Du es verdienſt.“ Bei den letzten Worten ließ Mathias die Stimme ſinken und ſchloß ſeine Rede mit einem halbunterdruͤckten Seufzer, welchen Gertrud, ſeltſam genug, accompagnirte und tieferroͤthend zur Erde niederblickte. Aber jetzt war in der That keine Zeit zu pſychologiſchen Eroͤrterungen, wenn die Betheiligten auch wirklich in der Stimmung dazu geweſen waͤren, denn die bevorſtehende Ueberſiedelung Gertrud's nahm die Vorſorge der Jaͤger und beſonders unſers Mathias auf eine wohlthaͤtig und zerſtreuend ein⸗ wirkende Weiſe in Anſpruch. Da mußte Mancherlei angeſchafft werden, denn obwol unſer Held es ſich ſchon lͤngſt hatte angelegen ſein laſſen, die duͤſtre, unterir⸗ diſche Wohnung des Maͤdchens ſo traulich und bequem als moglich einzurichten, obwol ihre Garderobe durchaus * 74 nicht mehr der einer Bettlerin glich, ſo glaubte Mathias immer noch nicht genug gethan zu haben, und bereitete ſich demnach auf einen Ritt nach Augsburg vor, wo eben ein großer Jahrmarkt abgehalten wurde. Andreas begleitete ihn; aus dem hoͤlzernen Schranke in dem ſchon beſchriebenen Schlafſaale wurden elegante, cavaliermaäͤßige leider hervorgeſucht, in denen die beiden ſchlanken Maͤn⸗ ner ein ſo uͤberaus edles und vornehmes Anſehn hatten, daß Gertrud und der alte Bollinger ſich in Lobſpruͤchen erſchoͤpften. Der Rofßtaͤuſcher Martin in Boos, einem Dorfe am Ausgange des Thales, in welchem die freien Schuͤtzen hauſten, war, wie die ganze Einwohnerſchaft dieſes und zwanzig anderer Orte in der Umgegend, ein treuer Verbuͤndeter unſter Waidmaͤnner, die ihn in den Stand ſetzten, neben ſeinem Berufe einen ſo eintraͤglichen Wildprethandel zu fuͤhren, daß er die Hoffnung hatte, bald zum reichen Manne zu werden. Dieſer ehrbare Herr lieferte, wie ſonſt, auch diesmal die beſten Roſſe in ſeinem Stalle zu dem unternommenen Ausfluge, und an einem hellen, warmen Sommermorgen ſprengten un⸗ ſere beiden Freunde in vollem Carriere von der Schenke zu Boos, wohin Bollinger, der ſchwarze Bock und der Gaͤrtner zu einem Abſchiedstrunke ſie begleitet hatten, auf dem ſteinigen Kieswege in der Richtung nach Augs⸗ burg fort.— Obgleich ſie ihren Ritt moͤglichſt beſchleunigten, ſo war es doch ſchon hoch am Nachmittage, als ſie den Lech uberſchritten und in einem in der Naͤhe liegenden, freund⸗ 75 lichen Gaſthauſe abſtiegen. Hier fuͤgte Andreas ſeiner Toilette noch eine kohlſchwarze Perruͤcke hinzu, waͤhrend ſein Gefaͤhrte vorſichtigerweiſe eine hellblonde Tour auf ſeinen dunkeln, krauſen Lockenkopf ſtuͤlpte Und nun eilten ſie auf den Markt, wo es bunt und luſtig durch⸗ einander wogte und ein froͤhlicher, ſchwatzender und laͤr mender Menſchenſtrom an der langen Zeile der Verkaufs⸗ buden und der glaͤnzend ausgeſtatteten Waarengewoͤlbe hinfluthete. Niemand beachtete unſere Fremden, die wie die Andern feilſchend und kaufend von Bude zu Bude wandelten und als es zu dunkeln begann, in das Gaſt⸗ haus zuruͤckkehrten, gefolgt von einem flachskoͤpfigen Jungen, der unter der Laſt zweier maͤchtiger, mit Klei⸗ dern, blankem Kuͤchengeraͤthe, Tuͤchern und netten Toi⸗ lettengegenſtaͤnden angefüllten Felleiſen ſeufzte. Ueberdies hatte Mathias, von ſeinem Gefaͤhrten unbemert, ein goldenes Kreuzchen, von einfacher, aber geſchmackvoller Arbeit erhandelt, welches er, fuͤr Gertrud beſtimmt, in einem Etui wolverwahrt auf der Bruſt trug. Es ſollte ſein Abſchiedsgeſchenk ſein, bei deſſen Anblick ſie ſich ſeiner erinnern moͤchte, denn nach den duͤſtern Plaͤnen und Beſchluͤſſen, welche ſeit des Vaters Tode in ſeiner Seele Wutzel gefaßt, wollte er ſie niemals wieder⸗ ſehen, niemals ſollte auch nur ſein Name den Frieden ſtoͤren, den er ihr zu bereiten gedachte. Andreas ſtand ſinnend am Fenſter des Gaſthauſes; draußen ſcharrten die Roſſe ungeduldig den Boden, wäh⸗ rend der Stallknecht die Felleiſen hinter den Säaͤtteln * 76 befeſtigte und Mathias ſich von dem geſchwaͤtzigen Wirth die Zeche berechnen ließ. Da rollte eine ſtattliche, mit vier prächtigen Rennern beſpannte Karoſſe die Straße entlang. Vorn ein reich gallonirter Kutſcher, hintenauf⸗ ſtehend ein von Goldſtickerei ſtrotzender Jaͤger mit wehen⸗ dem Federbuſche. Ein bleiches, ſchoͤnes Frauehantlitz neigte ſich aus dem Schlage; neben ihr lehnte tief in den Polſtern ein hinfaͤlliger Greis, waͤhrend den Ruͤck⸗ ſitz ein vornehm ausſehender Kavalier in militairiſchem Koſtum einnahm. Der trube Blick des Maͤdchens ſchweifte zerſtreut an den Haͤuſern der Straße hin; jetzt traf er das Fenſter des Gaſthauſes und von dunkler Roͤthe ubergoſſen ſank fie ploͤtlich mit einer Bewegung der Ueberraſchung in den Fond des Wagens zuruͤck. Andreas aber ſchaute, die Hand auf ſein pochendes Herz gepreßt, lange mit einem Ausdrucke ſchmerzlicher Freude der raſ⸗ ſelnd dahineilenden Karoſſe nach. Er hatte ſie erkannt, deren holdes Bild unvertilgbar in ſeiner Seele lebte, die zu gewinnen er ſein Leben, ſeine Seligkeit geopfert haͤtte und die nun durch des Schickſals tuͤckiſche Launen ihm entriſſen war fuͤr immer. Mit einem tiefen Seuf⸗ zer ließ er das Haupt ſinken, als der Wagen um eine Straßenecke bog, und als er, der Auffoderung ſeines Freundes gehorchend, hinaustrat und das Pferd beſtieg, umduͤſterte bitterer Groll und der Schmerz gezwungener Entſagung ſeine offenen Zuͤge. Ohne Abenteuer erreichten ſie nach Mitternacht die Ruinen, wo Gertrud und die Genoſſen ihrer harrten. Bei Fackelſchein wurden die eingekauften Schätze gemu⸗ ſtert, und Mathias fuͤhlte zum Erſtenmal wieder ein der Freude verwandtes Gefuͤhl ſeine öde Bruſt erwaͤrmen, als er in Gertruds dankbaren Blicken den Lohn fuͤr ſeine Sorgfalt fand. Fruͤh am andern Morgen ging er mit ihr hinuͤber nach Boos, wo der Wagen bereit ſtand, der das Mädchen nach ſeiner neuen Heimath fuͤhren ſollte. Mit heißen Thraͤnen und tiefbewegtem Herzen nahm ſie Abſchied von der Stätte, wo ſie ſo lange Jahre hin⸗ durch ein zwar einſames und mit tauſend Entbehrungen verknuͤpftes, aber durch die unendliche Liebe zu dem greiſen, verfolgten Vater geheiligtes Leben gefuͤhrt hatte. An ſeinem Grabe kniete ſie mit Mathias nieder; in⸗ bruͤnſtige Gebete ſtiegen von ihren bebenden Lippen zu dem in den erſten Strahlen des Morgenrothes ergluͤhenden Himmel empor; ihr Begleiter aber ſtarrte finſter undein Raub qnaͤlender Gedanken auf das hoͤlzerne Kreuz und die thaubeperlten Blumen nieder, die es umgaben. Auch er hätte gern ſeine gepreßte Bruſt in Thraͤnen kind hei⸗ ßen Gebeten erleichtert und den Frieden Gottes, die troͤſtende Ruhe des Glaubens fuͤr ſein gemartertes Herz herabgefleht,— aber er vermochte es nicht.— In die Nacht ſeines Grames drang kein troͤſtender Licht⸗ ſtrahl von oben; denn wie andere, weichere Gemuͤther durch Schmach, Ungluͤck und die harten Pruͤfungen des Lebens fuͤr den Himmel gewonnen werden, ſo hatte das ſeine grellend und feindſelig ſich von Gott abgewendet, um eine Beute des qualendſten Skepticismus zu werden. * Eine Stunde ſpaͤter ſaß Mathias neben Gertrud im Wagen, den der Gärtner, der luſtige Geſelle, kunſterfah⸗ ren lenkte. Andreas begleitete ſie eine Strecke zu Pferde; bei einer verfallenen Kapelle aber, wo die Wege ſich kreuzten, nahm er Abſchied und ſchlug, als die Reiſenden hinter einem Huͤgel verſchwunden waren, die Straße ein, welche in der Richtung nach Schloß Rußberg hinfuͤhrt. Er wußte recht wol, wie unbeſonnen und gewagt er handelte, dennoch ſiegte eine unwiderſtehliche Sehnſucht, dieſelbe Luft mit der Geliebten zu athmen, und die Hof⸗ nung, vielleicht einen Blick ihres ſchoͤnen Auges zu er⸗ haſchen, uͤber alle Bedenklichkeiten und Vernunftgruͤnde, und nicht unpaſſend duͤrfen wir auf ihn das oft ge⸗ brauchte, aber treffende Gleichniß von der Motte, welche willenlos und geblendet in immer engern Kreiſen die gefaͤhrliche Flamme umſchwirrt, anwenden. Auf Mathias und Gertrud machte die raſche Fahrt durch reizende Gegenden, belebte Doͤrfer und Flecken einen wohlthaͤtigen Eindruck und gans beſonders war dies bei dem Maͤdchen der Fall, welches ſeit dem Tode des Vaters ihre Wanderungen durch das Land aufge⸗ geben und ſich in der traurigen Einſamkeit des Jagd⸗ ſchloſſes ihrem tiefen Schmerze uͤberlaſſen hatte. Wie friſch und herrlich war dieſer Morgen! welch' wuͤrzige, alle Nerven und Lebensgeiſter ſtärkende Duͤfte durch⸗ ſtroͤmten die reine, klare Himmelsluft und den Aether, der ſich in lichter Blane, von einzelnen, leichten Wolken durchzogen, uͤber die gruͤne Erde woͤlbte! Es begann 79 Herbſt zu werden, die Ernte war vorüber und bunte, praͤchtige Viehheerden weideten in maleriſchen Gruppen auf den leeren Stoppelfeldern, von denen zahlloſe Schwaͤrme wilder Tauben, hier und da auch eine ſtattliche Kette Rebhuͤhner, von dem Rollen des Wagens verſcheucht, emporſchwirrten. Die Erlengruppen auf den weiten, ſammetartigen Wieſen, die Eichen und Buchen an den Berglehnen begannen ijene wundervolle Farbenpracht zu entwickeln, mit der ſie noch einmal des Menſchen be⸗ wunderndes Auge entzuͤcken, ehe ſie, vor dem eiſigen Hauche des Winters erſtarrend, in den allgemeinen Todtenſchlaf der Natur verſinken. Und die heiteren Men⸗ ſchengruppen, denen unſere Reiſenden uberall begegneten, auf den Feldern in regſamer Arbeit begriffen, oder wan⸗ dernd mit luſtigem Sange voruͤberziehend——— war es ein Wunder, daß Gertruds bleiches Antlitz ſich friſcher roöthete, daß ihre dunkeln Augen ſeit langer, langer Zeit wieder froͤhlich umherſchauten in Gottes herrlicher Schoͤpf⸗ ung, daß ſie entzuͤckt dem Schmettern der Lerche horchte, und durch ihr kindliches Plaudern, durch ihre naiven Fragen und Gegenreden endlich auch die duͤſtern Falten von der Stirn ihres Freundes verſcheuchte? Wer den leichten Korbwagen mit den drei darin Sitzenden vorbei⸗ fahren ſah, mochte ſie fur ein junges Braut- oder Ehe⸗ paar halten, welches freudig einem neugegruͤndeten hei⸗ miſchen Heerde entgegeneilte, und wirklich machte Gaͤrt⸗ ner, der klatſchend und mit triumphirender Miene ſeine Peitſche ſchwang, ein ſo uͤberaus luſtiges Geſicht und * 80⁰ ſeinen Mund umſchwebte ein ſo unbeſchreiblich jovialer Zug, als fahre er die unbeſtändige Gottin Fortuna ſel⸗ ber durch die weite Welt. Gegen Abend langten unſere Reiſenden in Pfaffen⸗ hofen an. Kutſcher und Geſchirr blieben in der uͤberaus ärmlichen Schenke zuruͤck, waͤhrend Mathias, Gertrud am Arm, einem niedern, etwas vom Dorfe entfernt an einer Huͤgellehne liegenden Haͤuschen entgegenſchritt, deſſen weißgetunchte Waͤnde von gruͤnem Weinlaub voͤllig ver⸗ deckt waren. Ein ſchmaler Fußpfad fuͤhrte in langen Krummungen die Höhe hinan bis zu einer dichten Stachelbeerhecke, welche rings das Haus und einen mit Blumenbeeten und ſchlanken Obſtbaͤumen beſetzten Vor⸗ platz umgab. Die ſinkende Sonne blitzte goldig in den kleinen Fenſtern, durch welche das ehrliche Geſicht einer alten Frau neugierig den Kommenden entgegenlugte. Als ſie Mathias erkannt hatte, haſtete ſie ſich aus ihrem Sorgenſtuhle auf und empfing die Eintretenden mit un⸗ geheuchelter Freude an der Schwelle. Das liebliche Maͤdchen, welches in der erſten Viertelſtunde durch ihre Kindlichkeit und Seelenguͤte das Herz der guten Frau Martha gewonnen hatte, ließ ſich von dieſer in allen Raͤumen des Haͤuschens herumfuͤhren und horchte lächelnd dem geſchwaͤtzigen Redefluße, der dabei von den Lippen ihres weiblichen Cicerone's ſtroͤmte. Und in der That, hier durfte ſie hoffen, jenen Frieden, jenes Gluck einer ungeſtörten Seelenruhe zu finden, nach dem ſie ſo lange ſich geſehnt und welches das Geſchick ihr bisher vorent⸗ 81 halten hatte. Wie nett und freundlich waren die beiden Gemaͤcher, die ſie bewohnen ſollte, wie einfach und doch ſo gefällig die wenigen unentbehrlichen Meubles, und vor Allem, wie herrlich die Ausſicht in das Thal hinunter. Nahe am Dorfe glaͤnzte hinter einer Mauer von Ulmen, Weiden, Eſchen und dichtem Gebuͤſch der breite, majeſtä⸗ tiſche Silberſpiegel der Donau, auf deren eryſtallenem Ruͤcken leichte Fahrzeuge hinſchwebten, mit den ausge⸗ ſpannten Segelfittichen ſtolzen Schwänen gleichend. Jen⸗ ſeits erhob ſich das Ufer allmaͤlig und bildete eine pracht⸗ volle Teraſſe, bedeckt mit Doͤrfern, einzelnen Haͤuſern, niedlichen Meiereien; rechts ragten, in der Entfernung von zwei Stunden, die ſchlanken Thurmſpitzen Ingol⸗ ſtadts in die purpurumſaͤumten Abendwolken, waͤhrend links das Auge wol eine Meile weit die naͤnandriſchen Kruͤmmungen des Fluſſes durch eine reizende Landſchaft verfolgen konnte. Ein dunkler, in blaͤulichen Duft ver⸗ ſchwimmender Waldſaum begrenzte im weiten Hinter⸗ grunde das, wenn nicht großartige, doch unbeſchreiblich liebliche Gemaͤlde. Noch ſtand Gertrud, nachdem die Matrone ſie ver⸗ laſſen, ſinnend am offenen Fenſter und gab ſich jenen entzuͤckenden Eindruͤcken hin, welche ein unverdorbenes Gemuͤth ſtets aus dem unmittelbaren Anſchauen Got es in der Natur zu gewinnen pflegt, als ſie leiſe ihre Schulter beruͤhrt fuhlte und ſich haſtig umwendend, in das bleiche Geſicht ihres Freundes ſchaute.„Ich muß Dich nun verlaſſen, Gertrud,“ ſagte er mit leiſer, trau⸗ n. 6 6 82 riger Stimme—„und ich werde es mit Beruhigung thun, wenn ich weiß, daß dieſe neue Heimath Deinen Wuͤnſchen entſpricht. Glaubſt Du, hier gluͤcklich ſein zu können?“ Gertrud blickte erſt nachdenklich in das ernſte Ant⸗ litz des Sprechers, dann ſenkte ſie die Augen zu Boden. „Ich fuͤhle es deutlich,“ ſagte ſie nach einer Pauſe— „daß ſich hier die Wunden ſchließen werden, die das Schickſal meinem Herzen geſchlagen. Wird je ein Wunſch in mir rege werden, ſo iſt es ſicher nur der, es moͤge Gott in Eurer Bruſt ein gleiches Verlangen nach Frieden und Ruhe erwecken.„Ja, Mathias,“ ſetzte ſie lebhaft hinzu und erfaßte die Hand des duſter und ſchweigſam vor ihr Stehenden—„beſchraͤnkt Euch nicht darauf, meinen Lebensweg zu ebenen, gehorchet vielmehr der Stimme, die unbezweifelt auch in Eurer Bruſt wach iſt und ein anderes Wirken von Euch fo⸗ dert, als— als—“ „Als das eines Wildſchuͤtzen!“ ergaͤnzte Mathias mit bitterem Laͤcheln.„Die Stimme, welche Du meinſt, ſprach ſeit zwei Jahren zu mir ſo laut und dringend, daß nur der Zwang aͤußerer Verhaͤltniſſe mich verhin⸗ derte, ſchon längſt ihr willig Folge zu leiſten und ein anderer Menſch zu werden. Jetzt iſt's vorbei! ſeit der Stunde, wo ich des Vaters blutigen Leichnam in den Armen hielt, iſt des Gewiſſens Mahnung verſtummt. Moͤglich iſt's, daß ich ein Anderer werde— und in dem Augenblicke, wo ich an jenen gräßlichen Abend zuruͤck⸗ 83 denke, wird's mir zur Gewißheit— aber kein Beſſerer, Gertrud, bei der Hoöͤlle, kein Beſſerer!“ Seine Stimme, anfangs weich und traurig, klang bei den letzten Worten ſo dumpf und hohl, als käme ſie aus dem Grabe. Seine buſchigen Braunen zogen ſich uber den dunkeln, blitzenden Augen drohend zuſam⸗ men und krampfhaft preßte er die Hand der erſchreckten Gertrud in die ſeine.„Genug hiervon!“ ſetzte er nach einer aͤngſtlichen Pauſe hinzu—„ich kam, Abſchied von Dir zu nehmen, vielleicht auf lange, lange Zeit, ja viel⸗ leicht auf immer.“ „Auf immer!“ wiederholte Gertrud leiſe und eine verrätheriſche Thrane ſtahl ſich in ihr Auge—„ich hatte gehofft, Ihr wuͤrdet recht oft hieher zuruͤckkehren und Euch mit mir des Gluͤckes freuen, daß Ihr mir aufgebaut. Euer hartes Wort macht die reiche Gabe, die Ihr mir bietet, beinahe werthlos.“ Mathias ſchaute dem Madchen ſtumm in das ge⸗ ſenkte, erroͤthende Antlitz und ein heller Strahl von Freude und Zärtlichkeit belebte einen Moment lang ſei⸗ nen truͤben Blick.„Du gutes, frommes, herziges Kind!“ ſagte er weich und zog Gertrud leiſe an ſeine Bruſt— „bin ich doch ſolcher Treue und Freundſchaft unwerth und darf nicht weilen, wo ſo hertliche Tugend ihren Tempel baut. Laß mich hinaus gehen in die weite Welt und gedenke nimmer des Geaͤchteten, deſſen truͤbes Bild den heitern Sonnenſchein Deiner Jugend verdü⸗ ſtern möchte.“ 84 Noch einmal preßte er das Maͤdchen feſt in ſeine Arme. Ihr Koͤpfchen lehnte an ſeiner Bruſt und ein Thraͤnenſtrom ſtuͤrzte aus ihren Augen. In Mathias Zuͤgen malte ſich ein harter, gewaltſamer Seelenkampf; einen Augenblick lang ſchien er laut aufjubeln zu wollen in trunkener Freude, dann wieder durchzuckte ihn ein jäher, brennender Schmerz und die Centnerlaſt ſchrecklicher Er— innerungen hemmte ſchnell des Herzens raſchere Schlage. „Wir haͤtten eher ſcheiden ſollen! murmelte er mit ge⸗ preßter Stimme.„Heilige Gottesmutter, erbarme dich meiner Leiden und laß dieſen reinen Engel nicht buͤßen meine Schuld!“ Er beugte ſich nieder und hauchte einen leiſen Kuß auf Gertrud's bleiche Stirn. Unter Thraͤnen laͤchelnd ſchaute ſie zu ihm auf und fluͤſterte: „Nicht wahr, Du kehrſt wieder, Mathias? Moͤchte ich doch heute ſterben, wenn Du mich ſo ganz verlaſſen wollteſt!“ Und er verſprach, wiederzukehren, er verſprach es mit duͤſtern Blicken, ob auch zugleich unnennbare Wonne ihn durchbebte, er verſprach es mit ſchwerem Seufzen, ob er es gleich jubelnd haͤtte in alle Winde rufen moͤgen: Gertrud liebt mich! In ſeinem Innern toͤnte fort und fort der Spruch:„Auf Dir ruht nimmer des Himmels Segen, das Ungluͤck ſchreitet neben dir her; wie darfſt du es wagen, das Schickſal dieſes Mädchens an das dene zu ketten und die Schuldloſe mit in das Verderben zu ziehen, der du unaufhaltſam entgegeneilſt?“ 85 Das war es, warum er das Verſprechen ſeiner Wiederkunft wie ein Todesurtheil herausſtammelte. Ger⸗ trud aber war froͤhlich und ihre Thraͤnen waren ge⸗ trocknet, als ſie den geliebten Mann bis an den Garten⸗ zaun begleitete und mit einer heißen, innigen Umarmung von ihm Abſchied nahm.„Kehre wieder! bald! bald!“ hauchte ſie unter ſeinen brennenden Kuͤſſen, und als er, den Huͤgel hinabſchreitend, in der Daͤmmerung verſchwand, ſchaute ſie noch lange ihm nach und kehrte endlich ſin⸗ nend und träumeriſch, aber das Hochgefuͤhl eines un⸗ ausſprechlichen Gluͤckes im Herzen, nach ihrem neuen Aſyle zuruͤck. Einundzwanzigſtes Kapitel. Zentuviom. Mord und Tod! wir ſind gefangen. Zilo. Mein Schwerdt ſagt; nicht lange. Die Verſchwoörung des Fiesko. Freund Gartner harrte vor der Dorfſchenke ſchon ſeit einer Stunde, den braungerauchten Gypsſtummel im Munde, neben den angeſchirrten Pferden aͤußerſt un⸗ muthig auf den Ruͤckkehrenden. Je dunkler es wurde, deſto mehr zog ſich ſein eigentlich nur fuͤr eine froͤh⸗ liche und ſorgloſe Miene eingerichtetes Antlitz in ärger⸗ liche Falten, deſto heftiger blies er dicke Dampfwolken aus den zuſammengekniffenen Mundwinkeln in die feuchte Abendluft. Endlich ſah er eine lange Figur aus dem Nebel, der von den Wieſen aufdampfte, hervortreten und erkannte zu ſeiner großen Genugthuung den Erwarteten. „Der heilige Emmeran ſei gelobt, daß Ihr endlich kommt!“ rief er dem langſam Einherſchreitenden ſchon von Weitem entgegen.—„Stiſt hohe Zeit zum Aufbruch, wenn wir anders in Burgdorf noch einen Abendimbiß und fuͤr die armen Thiere'n bischen Futter erwiſchen wollen. Hier in dieſer verdammten Spelucke iſt nix, gar nix zu haben, kaum daß ich dem Hungerleider von Wirth mit Gewalt'n Bund Heu abgerungen habe. Wir wer⸗ 87 den ſcharf zufahren oder uns auf'ne Nachtparthie mit leerem Magen gefaßt machen muͤſſen.“ Schweigend beſtieg Mathias den Wagen und ſchaute traͤumeriſch auf das leere Plaͤtzchen neben ſich, welches die Geliebte eingenommen hatte; Gaͤrtner ſchwang ſich auf den Kutſcherſitz und veranlaßte die hungrigen Gaͤule durch ein hoͤchſt melodiſches Hoho! hoho! zu einem kraf⸗ tigen Trabe. Luſtig raſſelte das Fuhrwerk die kurze Dorfgaſſe entlang in die dunkle Nacht hinein, deren tau⸗ ſend blitzende Aeuglein hell und klar auf die entſchlum⸗ mernde Erde niederſchauten. So eifrig auch Gärtner bemuͤht war, ein munteres Geſpraͤch in Gang zu brin⸗ gen, ſo unmaͤßig er auch ſeine eigenen ſtereotypen Witze und Anekdoten belachte, ſein Gefaͤhrte blieb ſtill und in ſich verſunken und ſchien durchaus nicht den Verdruß des redſeligen Roſſelenkers zu bemerken, der endlich mit der Reſignation der Verzweiflung ſeine Pfeife ausklopfte und ein Schelmenliedchen nach dem andern in den kei⸗ menden Bart brummte. Sie kamen in dem drei Stunden von Pfaffenhofen entfernten Burgdorf an, als eben das letzte Licht in der Schenke ausgeloͤſcht wurde, und erſt nach einer hitzigen Debatte mit dem ſchlafrigen, in klappernden Holzpan⸗ toffeln heranwatſchelnden Wirthe gelang es der eindring⸗ lichen Beredtſamkeit Gaͤrtners, den Eingang in die Gaſt⸗ ſtube zu erzwingen und ein leidliches, aus Schwarzbrot, trefflichem Biere und nicht minder delikatem Schinken beſtehendes Abendbrot zu requiriren. Bei dem truben * 88 Scheine eines Kienſpahnes wurde dieſes prächtige Sou⸗ per eingenommen und Gäaͤrtner zeigte ſich nicht be⸗ ſonders unzufrieden daruͤber, daß ihm eigentlich die an⸗ genehme Muͤhe des Vertilgens allein uͤbrig blieb, denn Mathias glich heute einem Schlaftrunkenen, der Alles was er thut eben nur in dem bewußtloſen Zuſtande des Scheinlebens verrichtet. Seine Gedanken weilten fort und fort bei Gertrud und bei ſeinem eigenen traurigen Daſein, dem die Liebe und des ſuͤßen Familiengluͤckes Seligkeit ſich wol nimmer anſchließen durften. Nach aufgehobener Tafel, deren Genuͤſſen Gaͤrtner zum wuͤrdigen Schluß noch ein Glaͤschen des praͤchtigſten Enzian's*) hinzufuͤgte, ward die Reiſe fortgeſetzt. Um Mitternacht erreichten ſie das Ufer der Mindel und waren eben im Begriff, die durch den Fluß fuͤhrende Fuhrt zu paſſiren, als ein durchdringender Hilferuf, faſt übertoͤnt durch wild durcheinander bruͤllende Baßſtimmen und Waffengeklirr, plotzlich die geſpannteſte Aufmerkſamkeit nach dem jenſeitigen Ufer lenkte. Dort ſtand, von drei Seiten mit Obſtgaͤrten und hohen, lebendigen Hecken umgeben und die lange, niedrige Vorderfront nach der Straße zukehrend, ein fuͤr jene Zeiten ziemlich ſtattliches Gaſthaus, auf deſſen ſchwerem, im Winde ſchwankendem Schilde bei Tage ein grobgepinſeltes Bruſtbild in blauer Soldatentracht und einem maͤchtigen Stern in der Ma⸗ *) Enzian, ein in Oberbaiern und Tyrol allgemein be⸗ liebter Likör. 89 gengegend zu erkennen war. Das Gaſthaus zum Kur⸗ prinzen war, wie geſagt, fleißig beſucht, denn es lag an einer frequenten Straße und die Wirthsleute, noch jung und ruͤſtig, ſtanden in dem Rufe, die Reiſenden weniger zu prellen, als etwa die ein halb Stuͤndchen weiterhin liegende goldene Sonne, oder die See⸗ jungfer unten in Rehberg. „Sakre! was iſt da druͤben los?“ rief Gaͤrtner und zog erſchreckt die Pferde zuruͤck, deren Vorderfuͤße bereits im Waſſer ſtanden.„Ich will mich haͤngen laſſen, wenn das nicht Soldaten ſind, die dort an der Hecke hinrennen.“ Mathias ſtand auf und ſuchte, forſchend vorgebeugt, die Urſache des ſeltſamen naͤchtlichen Tumultes zu erlauſchen. So viel das Sternenlicht und der ſpaͤrliche Schein des erſten Mondviertels erkennen ließen, hatte in der That ein Trupp Militair das Gaſthaus umzingelt, waͤhrend allem Vermuthen nach eine zweite Abtheilung im In⸗ nern ihr Weſen trieb, denn ein Hoͤllenlärm drang da heraus in die ſtille Nacht und an allen Fenſtern, vom Erdgeſchoß bis zur Bodenkammer, huſchten Lichter hin und her, eben ſo ſchnell erſcheinend als wieder verſchwin⸗ dend. Noch begriff Mathias nichts von dem ſeltſamen Auftritt, aber die Sorge fur ſeine perſoͤnliche, jeglicher Verfolgung preisgegebene Sicherheit und eine ploͤtzliche ihn durchſchauernde Bangigkeit veranlaßte ihn, ſeinem nicht minder beſturzten Gefährten den Befehl zur ſchleu⸗ nigſten Umkehr zu geben.„Lenk' herum, Gaͤrtner,“ * 6 7 90 fluͤſterte er dieſem zu—„und dann laß die Pferde galloppiren, bis wir an die Seitenſtraße kommen, die nach Augsburg fuͤhrt. Mir will die militairiſche Nach⸗ barſchaft nicht gefallen, und uͤberdies—“ Da erſcholl auf's Neue jener durchdringende Angſt⸗ ruf und im ſelben Augenblicke ſah Mathias eine menſch⸗ liche Geſtalt pfeilſchnell aus der Thuͤr des Gaſthofs ſturzen, durch einen verzweifelten Anlauf den hier auf⸗ geſtellten Trupp durchbrechen und mit einem Satze den Damm hinab in den Fluß ſpringen.„Verflucht, gebt Feuer!“ bruͤllte eine Mathias bekannt klingende Stimme. Ein Dutzend Schuͤſſe krachten heruͤber, pfeifend ſauſten die Kugeln um die Koͤpfe der ſich im Wagen Nieder⸗ duckenden und in die Bruſt getroffen bäumte eins der Pferde hoch auf, zerbrach die Deichſel und ſank mit tie⸗ fem Stoͤhnen zu Boden.„Maria und Joſeph! wir ſind verloren!“ knirſchte Gaͤrtner und ſprang entſetzt aus dem Wagen. Mathias folgte ſeinem Beiſpiele; da tauchte aus dem ufergeſtraͤuch neben ihm eine todten⸗ bleiche, jugendliche Maͤnnergeſtalt auf und flog, einen verzweifelten, rettungſuchenden Blick umherwerfend, laut⸗ los uͤber das die Straße begrenzende und von einer Kette niedriger, mit dichtem Geſtruͤpp bewachſener Sand⸗ huͤgel eingeſchloſſene Brachfeld hin, dicht neben ihm Gaͤrtner, deſſen leichte Fuͤße die Furcht wunderbar be⸗ flugelte. Mathias blieb aber wie angedonnert ſtehen— er hatte in dem Verfolgten ſeinen Freund Andreas er⸗ kannt. 91 „Ihr ſollt Alle fuͤſilirt werden, wenn Ihr den Spitz⸗ buben entkommen laßt!“ donnerte jetzt der Anfuͤhrer der Soldaten den Saͤumigen zu, die nun wie aufgeſcheuch⸗ te Froͤſche à tempo in's Waſſer plumpten und den ſchmalen Fluß durchwateten. Mathias, der den guͤnſti⸗ gen Augenblick zur Flucht verſaͤumt hatte, ſah wol ein, daß in ruhiger Kaͤlte und Beſonnenheit der einzige, noch Rettung verheißende Ausweg zu finden ſei und trat demnach den Soldaten, welche jetzt das dieſſeitige Ufer erreicht und das zerbrochene Fuhrwerk entdeckt hat⸗ ten, ſcheltend entgegen. „Donnerwetter, Ihr Leute“— rief er in hoͤchſter Entruͤſtung,„was iſt das fuͤr'ne Manier, in ſtockfin⸗ ſterer Nacht ehrliche Leute auf offener Straße zu atta⸗ kiren? Seid Ihr betrunken, daß Ihr'nen Wagen fuͤr ne feindliche Batterie anſeht und mir meinen Gaul nie⸗ derſchießet, den Euer Anfuͤhrer hoffentlich bezahlen wird! Ich bitt' mir Erklaͤrung aus, oder—“ „Oho, Du Gelbſchnabel, was ſoll's mit dem Rai⸗ ſonniren?“ unterbrach ihn eine tiefe Baßſtimme, die ebenfalls bekannt an ſein aͤngſtlich lauſchendes Ohr ſchlug. „Laß Dir Deine verhungerte Maͤhre vom lieben Herr⸗ gott bezahlen und ſag' uns vielmehr, wo der verdammte Wilddieb ſich hingewendet hat. Du mufßt's wiſſen, denn er iſt an Dir voruber gelaufen.“ Der Sprecher, ein dicker, ſtattlicher Mann, in deſ⸗ ſen Hand ein gewichtiges Sponton ſich exekutoriſch dro⸗ hend erhoben zeigte, trat dicht an Mathias heran, den * 92 ein raſcher Blick uͤberzeugte, daß jeder Gedanke an Flucht Wahnſinn ſei, denn er ſelbſt und ſein Fuhrwerk waren von einem mindeſtens zwanzig Mann zaͤhlenden Solda⸗ tentrupp rings umſtellt. Ueberdies hatte jetzt auch der Anfuͤhrer auf dem Ruͤcken eines gutwilligen Rekruten, der eine maͤchtige Stalllaterne trug, die Mindel paſſirt und trat haſtig in den reſpektvoll zuruͤckweichenden Kreis. „Dummkoͤpfe, was habt Ihr ſtatt des Wilddiebes fuͤr ein unnuͤtzes Wild aufgeſcheucht?“ rief er im Tone der uͤbelſten Laune—„da ſteht Ihr hier und gafft und plaudert, und ſcheint Euch recht abſichtlich Muͤhe zu geben, dem Entflohenen einen moͤglichſt weiten Vorſprung zu gönnen. Teufel, daß ich heute grade nicht zu Pferde bin!“ ſetzte er, mit dem Fuße ſtampfend hinzu und ſchaute duͤſter in die Haide hinaus, die allerdings keine Spur des Fluͤchtigen mehr entdecken ließ. Mathias Gemuͤthsbewegung war keine minder un⸗ erquickliche, denn in dem ſchwankenden Lichte der Laterne hatte er, o Schrecken! den Lieutnant von Moͤllnitz, den Korporal Steinhuber und mehre ehemalige Kameraden erkannt, denen er einſt in Voͤringen durch ſeinen Mei⸗ ſterſchuß gluͤcklich entgangen war. Einen Augenblick lang gab er alle Hoffnung auf eine nochmalige Erret⸗ tung aus den Haͤnden ſeiner erbittertſten Gegner auf und war im Begriff, ſich mit der Reſignation der Ver⸗ zweiflung in ſein Schickſal zu fuͤgen, der naͤchſte Mo⸗ ment jedoch ließ ihn Muth und Beſonnenheit genug ge⸗ winnen, den Ausgang. dieſer verhaͤngnißvollen Begegnung 93 wenigſtens ruhig abzuwarten und jede ſich etwa darbie⸗ tende Gunſt des Zufalls und eines ploͤtzlichen Geſtirns klug zu benutzen. Er raffte ſich daher aus der erſten Betaͤubung des Schreckens auf und rief, eine trotzige Haltung annehmend, mit verſtellter Stimme: „Ich find's doch wahrhaftig ſehr ſonderbar, daß man mir erſt die Pferde zuſammenſchießt und mich dann noch auf eine ſo unfeine Weiſe uͤber Leute examiniren will, mit denen ich nir zu ſchaffen habe. Wenn der Burſche, der vor ein Paar Minuten wie ein Reh durch's Waſſer ſetzte und auf den Wald zu rannte, ein Moͤr⸗ der, Raͤuber, Wilddieb oder Gott weiß was iſt, ſo wär's wohl kluͤger geweſen, wie der Herr Offizier ſagt, ihm unverweilt auf den. Hacken zu folgen, und mich ungeſchoren zu laſſen.“ Damit beugte er ſich, um ſein Geſicht dem ver⸗ rätheriſchen Laternenlicht zu entziehen, zu dem verenden⸗ den Gaule nieder und ſchien angelegentlich beſchaftigt, denſelben aus Kummet und Riemenzeug zu loͤſen. Nie⸗ mand wird es dem Bedrohten verargen, daß dabei ſein warlich nicht muthloſes Herz faſt hoͤrbar klopfte und daß ſeine Haͤnde ein leiſes Zittern nicht zu verbergen vermochten; wußte er doch, daß er von der Gerechtigkeit in Acht und Bann gethan und mit Steckbriefen, Land⸗ reitern, Foͤrſtern und Soldaten auf's Eifrigſte verfolgt wurde und daß weder ſein ehemaliger Gebieter, der Graf von Waldſees, noch deſſen zukunftiger Schwiegerſohn, den jetzt nur zwei Schritte von ihm trennten, etwas * 94 verſaͤumt hatten, ihn uͤberall als ein wahres Scheuſal, als einen der ſtrafwuͤrdigſten und gefaͤhrlichſten Verbre⸗ cher zu ſchildern— und uͤberdies hatte er ja einen Mord begangen und jener Schuß, der, den geliebten Vater raͤchend, das Herz des ſchurkiſchen Florian Heineck durch— bohrte, war allein hinreichend, ſein Haupt dem Schaffot zu uͤberliefern. Wie die duͤſtre Schaar der ſchlangengeiſ⸗ ſelnden Eumeniden flogen dieſe truͤben Gedankenbilder an ſeiner Seele voruͤber, als er, auf den Boden knie⸗ end, noch immer ſeine ganze Aufmerkſamkeit der Ent⸗ wirrung des verwickelten Riemenwerkes zu widmen ſchien und dabei mit dem argwoͤhniſchen Blicke eines Damokles jede Bewegung, jede Geberde ſeiner Feinde beobachtete. „Es iſt zum Tollwerden!“ nahm der Lieutnant nach einer ängſtlichen Pauſe, waͤhrend welcher die Sol— daten unſchluͤſſig bald in das tiefe Dunkel der Nacht, bald auf das zorngluͤhende Geſicht ihres Obern geſchaut hatten, wieder das Wort—„zum Zweitenmale iſt mir dieſer Bube entkommen, deſſen Kopf ich mit Gold auf⸗ gewogen haͤtte, und zwar jetzt entkommen, wo wir ihn ſo ſicher in unſern Haͤnden glaubten, wie den Fuchs im Eiſen. Da ſind wir nun von Rußberg aus, wo ich ihn, wie fruͤher ſchon, um das Schloß herumſpioni⸗ ren ſah, hinter ihm drein geſchlichen, haben einen hal⸗ ben Tag ſeine Faͤhrte verfolgt, und nun— wo er im Wirthshauſe ſitzt und es nur des Handausſtreckens be⸗ durfte, um ihn feſtzuhalten, hilft ihm dennoch der 95 Teufel durch und wir ſtehen beſchaͤmt uud laͤcherlich da, wie alberne Kinder, denen man einen Poſſen ge⸗ ſpielt hat. O, ich moͤchte Euch zu Boden ſchlagen, ihr dummen, ungeſchickten Toͤlpel; aber ich will ver⸗ dammt ſein, wenn nicht jeder von Euch achtundvierzig Stunden bei Waſſer und Brot auf die Latten geſchickt wird!“ Dieſe letzte inhaltſchwere Apoſtrophe war an die armen Soldaten gerichtet, deren lange Geſichter durch die un⸗ erquickliche Ausſicht auf eine der härteſten, jetzt in allen Armeen abgeſchaffte Militairſtrafe noch mehr in die Laͤnge gezogen wurden. Steinhuber allein, der das hohe Anſehn eines kurfurſtlich baieriſchen Korporals durch die wenig ſchmeichelhaften Epitheta des Lieutnants ſchwer verletzt fuͤhlte und vor ſeinen Untergebenen compromittirt war, richtete ſich kerzengerad in die Hoͤhe, ſtrich ſich drei oder viermal den ellenlangen Knebelbart und ſetzte, tief athemholend, zu einer ohne Zweifel hoͤchſt geiſtreichen Rede an, in welcher er ſicherlich ſeinem gekränkten Stolze Genugthuung gegeben, ſich ſelbſt aber hoͤchſt wahrſcheinlich all' den traurigen und hochſt unerwuͤnſch⸗ ren Folgen einer Inſubordinationswidrigkeit ausgeſetzt haben wuͤrde. Gluͤcklicherweiſe ward ſeine Catilinaria in der Geburt erſtickt, oder blieb ihm vielmehr im Munde ſtecken, denn der Lieutnant, der ingrimmig an den Nä⸗ geln kaute, fand es fuͤr zweckmaͤßig und den Grund⸗ ſatzen der Unparteilichkeit angemeſſen, das Maß ſeines Zornes auch uͤber das Haupt des noch immer am Bo⸗ * 96 den mit dem Pferde beſchaͤftigten Fuhrmanns zu ergie⸗ ßen. Er riß demgemaͤß dem hinter ihm ſtehenden Sol⸗ daten die Laterne aus der Hand und ſchrie, Mathias Schultern einen kräftigen Fußſtoß applizirend: „Wirſt Du bald aufſtehen, Murmelthier, und die Gnade haben, mir Red' und Antwort zu ſtehen? Laß das Aas liegen, an dem ſich ohnehin keine Krähe den Magen verderben wird, und ſprich, was haſt Du mitten in der Nacht auf der Landſtraße zu ſuchen? Und wenn Du noch einen Augenblick länger zoͤgerſt, uns ganz ge⸗ nau die Richtung anzugeben, in welcher der verfl— Wildſchuͤtze entflohen iſt, ſo laß ich Dich da uͤber den zerbrochenen Deichſelſtumpf legen, darauf gebe ich Dir mein heiliges Wort.“ Ein zweiter, keineswegs ſanfter Fußtritt bezweckte, dieſer peremtoriſchen Auffoderung den gehoͤrigen Nach⸗ druck zu geben. Mathias Blut kochte; ſeine Furcht, erkannt zu werden, wich den ſtuͤrmiſchen Gefuͤhlen des Haſſes und des flammendſten Zornes; krampfhaft packte er den Griff des Waidmeſſers, welches er im Guͤrtel unter dem Wamms trug und war im Begriff, auf⸗ zuſpringen und dem brutalen Beleidiger die erlittene Schmach entgelten zu laſſen. Aber noch einmal zaͤhmte er den jaͤhen und— das erkannte er wol— nutzloſen und verderblichen Ausbruch der wildeſten Leidenſchaft und murmelte, ſich tiefer beugend, denn ber Lieutnant hielt ihm die Laterne vor das Geſicht: „Was hab' ich⸗ Euch zu Leide gethan, daß Ihr mich ſtoßet und tretet wie einen Hund? ich bin ein armer Bauer aus Pfaffenhofen und fahre nach Augs⸗ burg, wo ich fruͤh zum Wochenmarkte kommen will. Von dem Wilddiebe weiß ich weiter nichts, als daß er hier durch's Waſſer kam und nach der Haide lief.“ „So? wirklich— ein armer Bauer ſeid Ihr?“ ſagte der Lieutnant, der inzwiſchen ſeinen Gefangenen einer genauen Pruͤfung unterworfen hatte und beim Anblick dieſer breitſchulterigen, herkuliſchen Geſtalt und des ſchwarzen Ringelhaars blitzſchnell einen Verdacht in ſich aufſteigen fuhlte.—„Ei, ſeit wann habt Ihr denn die Buͤchſe mit Pflug und Dreſchflegel vertauſcht? Es muß noch nicht lange her ſein, denn der gruͤne Rock und die hohen Waſſerſtiefeln und da der Federſtutz auf dem Hute ſind doch warlich kein bloßer Maskenanzug? Wahrhaftig!“ ſetzte er mit triumphirendem Spotte hin⸗ zu, denn eine leichte Wendung des Kopfes, den der Be⸗ drängte noch immer zu Boden neigte, hatte des Lieut⸗ nants Ahnung zur Gewißheit erboben—„wenn mich nicht Alles truͤgt, haben wir da einen alten Bekannten vor uns. He, Steinhuber, kommt einmal hieher und ſeht, ob Ihr Euch des Mannes erinnern koͤnnt. Und nun ſteht auf und entzieht uns nicht länger das Gluͤck, in Euer huͤbſches Geſicht zu ſchauen, Herr Mathias Kloſtermeier!“ Ein Ausruf des hoöchſten Erſtaunens von Seiten der Soldaten, denen der Ruf des beruͤchtigten Wild⸗ ſchuͤtzen nicht fremd war, folgte den Worlen des Lieut⸗ 98 nants, der ſeinen Degen ziehend mit lauter Stimme den Commandoruf:„Faͤllt das Gewehr!“ ertoͤnen ließ. Mathias ſah ſeine Sache verloren und dieſe Gewißheit war es, welche ihm eine unter ſolchen Umſtaͤnden wahr⸗ haft bewundernswuͤrdige Faſſung verlieh. Langſam rich⸗ tete er ſich auf und blickte im Kreiſe herum, aus wel⸗ chem von allen Seiten ihm blitzende Bajonette entgegen⸗ ſtarrten; der Lieutnant ließ, um ſich vollig vor jeder neuen Taͤuſchung zu ſichern, noch einmal das Licht der Laterne auf dem gefangenen Wildſchuͤtzen ruhen, und fuͤhlte ſich in ſeinem Triumpfe geſchmaͤlert, als er Ma⸗ thias Geſicht zwar außerordentlich bleich aber vollkom⸗ men ruhig und ſeine Zuͤge beinahe bewegungslos und wie in Erz gegraben fand. Es erfolgte eine lange Pauſe. Mathias muſterte, die Arme uͤber die Bruſt verſchraͤnkt, mit kalten gleich⸗ giltigen Blicken den Lieutnant von Moͤllnitz wie Steinhuber, deſſen ſchwerfälliger Geiſt ſich von den Wirkungen dieſes unvermutheten tète à tète mit ſeinem ehemaligen Re⸗ eruten nur langſam zu erholen vermochte. Die Sol⸗ daten verharrten in tiefem Schweigen, das ſchwankende Lampenlicht glizzerte in den langen Bajonetten, waͤhrend ihre Koͤrper, in dunkle Schatten gehuͤllt, faſt unſichtbar blieben. Der Nachtwind ſtrich ſeufzend uͤber die Haide durch das niedrige ufergebuͤſch, an dem der Fluß ein⸗ toͤnig rauſchend hingleitete, und am jenſeitigen, ſicheren Geſtade ſtanden die Bewohner des Wirthshauſes ver⸗ ſammelt, von dem rothen Schimmer einer Kienfackel 99 grell beleuchtet und ſchauten horchend und neugierig her⸗ uͤber. Das Ganze bildete eine eben ſo ſeltſame als maleriſche Scene. Als Mathias ſah, daß er, allem Anſchein nach, noch eine geraume Zeit lang der Gegenſtand einer eben ſo laͤſtigen als peinvollen Verwunderung ſein werde, brach er zuerſt das bange Schweigen und wendete ſich an den Lieutnant. „Ich bin Ihr Gefangener,“ ſagte er mit ruhiger, tonloſer Stimme—„und da ich nicht Luſt habe, meine Haft unter freiem Himmel und vor den Gewehren die⸗ ſer liebenswuͤrdigen, unglaublich tapfern Kriegshelden zu⸗ zubringen, ſo moͤchte ich wol wiſſen, was Sie uͤber mich beſchloſſen haben.“ „In der That, mein Burſche, ich bin mir ſelbſt noch nicht klar daruͤber!“ verſetzte der Lieutnant von Moll⸗ nitz ſarkaſtiſch laͤchelnd—„wenn ich meinen augenblick⸗ lichen Regungen folgen wollte, wuͤrde ich vorerſt ein wenig mit Dir plaudern und zu erfahren ſuchen, wel⸗ chem mehr als gluͤcklichen Zufalle wir dieſes ſchaͤtzbare Rencontre verdanken, uͤber welchem ich gern das Ent⸗ laufen des Baſtardjunkers Andreas vergeſſe. Indeß, dazu haben wir ja noch Zeit, obwol, wie ich furchte, der Galgen hoͤchſt ungeduldig einer ſo edlen Laſt wartet.“ „Nun, ich denke, er ſoll noch ein Weilchen warten, und waͤr's auch nur, um Euch die Freude zu verderben!“ ſagte Mathias, und waͤhrend ein Lächeln um ſeine trotzi⸗ gen Lippen ſpielte, ließ er ſeine Hand ſchwer auf die 7* 100 breite Schulter des noch immer ihn anglotzenden Korpo⸗ rals fallen, dem vor Schrecken beinahe das Spanton entſunken waͤre.„Gruͤß Dich Gott, Dickwanſt! wollen wir nicht wieder ein Wettrennen arrangiren? Seht, da iſt'n Waſſer und dort'n Baum und Gewehr und Buͤchſen ſind auch zur Hand. Glaub's wol, daß Ihr dumm genug wäret, mich zum Zweitenmale aus Euren Klauen zu laſſen.“ „Verdammt will ich ſein, wenn Du nit gehenkt wirſt, Hoͤllenbratl!“ brummte Steinhuber und entzog ſich entruͤſtet der cordialen Annäherung des Gefangenen. „Herr Lieutnant, wenn der Florian Heineck wieder auf⸗ ſtehen koͤnnt' und den Kerl heut anſchaun, der—“ „Eigentlich muͤßte ich den Gefangenen ſogleich nach Muͤnchen eskortiren laſſen,“ ſagte Lieutnant von Moͤllnitz mehr zu ſich ſelbſt, als zu irgend einem ſeiner Unterge⸗ benen gewendet—„indeß duͤrfte es rathſamer ſein, ihn vor der Hand nach Rußberg zu bringen und ein Ver⸗ hoͤr einzuleiten uͤber gewiſſe Dinge, die—“ „Warum nach Rußberg?“ unterbrach Mathias leb⸗ haft den Ueberlegenden.„Wenn es mir geſtattet iſt, in meiner Lage eine Bitte zu aͤußern, ſo iſt es die, mich lieber ſogleich in das ſchrecklichſte Gefaͤngniß der Haupt⸗ ſtadt einzuliefern, als eben nach Rußberg. Um Alles in der Welt moͤcht' ich ſo nicht dort einziehen. Und bedenken Sie doch—“ fuͤgte er ernſt hinzu, als er noch zeitig genug bemerkte, daß die Aeußerung ſeines Wunſches den Lieutnant jedenfalls veranlaſſen werde, das Gegen⸗ 101 theil zu thun—„bedenken Sie, daß der Graf es Ihnen ſchwerlich Dank wiſſen duͤrfte, wenn Sie ihm einen Mann vor die Augen bringen, deſſen bloßer Anblick ihm Kraͤmpfe verurſacht. Sein heilloſes Streben, die Quelle meines Elendes, ging ſtets dahin, mich ſo weit als moͤg⸗ lich von ihm zu entfernen, und nun glauben Sie ſich bei ihm in Gunſt zu ſetzen, wenn Sie ihm ploͤtzlich mein verhaßtes Geſicht zeigen?“ Der Lieutnant ſchwankte in ſeinem Entſchluſſe, denn ſo ſehr der Gedanke, als Triumphator mit dem gefeſſelten Wildſchuͤtzen in Rußberg einzuziehen, ihn lockte, ſe konnte er doch auch nicht umhin, die Richtigkeit deſſen zu beſtaͤtigen, was Mathias von der wirklich beiſpiel⸗ loſen Abneigung des Grafen gegen ihn geaͤußert hatte. „Ueberdies—“ ſetzte der Gefangene, der vor der Vorſtellung zuruͤckbebte, als Miſſethaͤter und in Ketten vor ſeinem ehemaligen Brotherrn und vor Lydia, deren er immer noch wie einer Heiligen gedachte, erſcheinen zu muͤſſen,—„uͤberdies wird es weder Ihnen noch all' dieſen baͤrtigen und bis an die Zähne armirten Tölpeln gelingen, mich in Rußberg laͤnger als vierundzwanzig Stunden feſtzuhalten. Nicht umſonſt kenne ich dort alle Winkel und verborgenen Thuͤren, Treppen und Gaͤnge, und unter dem Schloßgeſinde habe ich noch alte Freunde genug, die mich lieber draußen im Walde, als in dem Muͤnchner Gefaͤngniß ſehen moͤchten.“ Dieſe Gruͤnde duͤnkten dem Lieutnant ſo ſchlagend und floͤßten ihm zugleich eine ſo geringe Meinung von * 102 der Klugheit des Deliquenten ein, daß er beſchloß, dieſen unter der Obhut des Korporals und eines Detaſchements nach Muͤnchen zu ſenden, waͤhrend er ſelbſt eiligſt nach Rußberg zuruͤckkehrte. Ohne Mathias daher weiter eines Blickes zu wuͤrdigen, befahl er, ihn an Haͤnden und Fuͤßen zu binden, dann den zerbrochenen Wagen eiligſt wieder herzuſtellen und ſobald dies geſchehen, in dem Wirthshauſe druͤben weitere Ordres einzuholen. Damit trat er aus dem Kreiſe der Soldaten und uͤberſchritt, etwa einen Flintenſchuß weit am ufer heraufgehend, den Fluß auf einem ſchwankenden Fußſteige. Zaͤhneknirſchend und mit dem feſten Vorſatze, um jeden Preis bei der erſten Gelegenheit zu entfliehen, ließ Mathias ſich von dem Korporal feſſeln; indeß wurden mit Hilfe des Wirths⸗ hausgeſindes der Wagen in Ordnung und das todte Pferd bei Seite gebracht. Als Steinhuber mit einem verſiegelten Schreiben des Lieutnants aus dem Gaſthofe zuruͤckkehrte, mußte der Gefangene neben ihm und vier andern Soldaten auf dem leichten Fuhrwerke Platz neh⸗ men, welches, ſo ſchnell es gehen wollte, von dem Haus⸗ knechte aus dem„Kurprinzen“ gelenkt, in der Richtung nach Muͤnchen fortrollte. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. —— Er ward gefangen, Sei's, daß der Wache Falſchheit ihn verrieth, Sei's, daß der Feind ihn jahlings uͤberfallen— Und wie man meldet, iſt er nun in Haft. Shakeſpeare. Zu jener Zeit ſtand das Muͤnchner Stadtgefaͤngniß, von welchem jetzt keine Spur mehr vorhanden iſt, am Ende der L.. ſtraße, alſo ziemlich inmitten des volk⸗ reichſten und lebendigſten Theiles der Reſidenz. Es war, wie die meiſten dieſer aus dem Mittelalter heruͤberrei⸗ chenden Gebaͤude, eine duͤſtre, ſchwerfaͤllige Steinmaſſe mit kleinen, dickvergitterten Fenſtern, ſchwarzen, von Moͤrtel und Anſtrich enbloͤßten Waͤnden, und durch eine hohe, mit ſpitzen Eiſenzinken bepflanzte Mauer von den benachbarten Buͤrgerhaͤuſern getrennt. Die drei nicht. allzulangen Flanken ſchloſſen einen gepflaſterten Hof ein, in deſſen Mitte ein breitwipfliger, uralter Kaſtanien⸗ baum bis zu den Fenſtern des zweiten Stockwerkes hinaufreichte, gleich als wolle er den armen gefangen Gehaltenen mit ſeinen im Winde rauſchenden Blaͤt⸗ tern Troſt und Hoffnung zufluͤſtern. Ueber der ge⸗ woͤlbten Thorhalle des Haupteinganges erhob ſich ein plumper Thurm mit einem jener haͤßlichen kuppelfoͤrmi— * 104 gen Daͤcher, deren ungeſchlachte Form auch ein nicht durch das Studium der Kunſt gebildetes Auge beleidigt. An die weit vorſpringenden Ecken des Thurmes ſchloß ſich die erwähnte Ringmauer an und zwar ſo, daß er ſelbſt, einem vorragenden Bollwerke gleich, außerhalb der Mauer ſtand, weshalb die in ihm enthaltenen Gemacher nicht von Verbrechern, welche ſich von hier aus leicht zu Fluchtverſuchen bewogen gefuͤhlt haben duͤrften, ſondern von dem Inſpector der Strafanſtalt und deſſen Familie bewohnt wurden. Zwei Corridors liefen, in gleicher Rich⸗ tung das erſte und zweite Stockwerk durchſchneidend, durch das ganze Gebaͤude und wurden nur in der Naͤhe des Thurmes durch ein Magazin, welches von der Grund⸗ flaͤche des Hauſes bis unter das Dach reichte, unter⸗ brochen. Wir gehen nur deshalb in eine etwas um⸗ ſtaͤndlichere Beſchreibung dieſer Lokalitat ein, damit bei der Erzaͤhlung der naͤchſten Thatſachen der Leſer ſtets ein deutliches Bild des Terrains vor Augen habe, wor⸗ auf es, wie wir ſchon ſehen werden, ganz vorzuͤglich ankommt. Mathias Kloſtermeier war nunmehr ein Gefan⸗ gener. Sonſt, wenn er fruͤh am Morgen, mit der Sonne zugleich, oder auch wol fruher ſich vom Lager erhob und die enge Stiege hinaufeilend in den Hof des Jagdhauſes trat, da wehte ihm friſch und wuͤrzig die klare Morgenluft entgegen, ſeine Bruſt dehnte ſich aus und es war ihm wohl und frei zu Muthe. Da ſchim⸗ merten ihm tauſend und aber tauſend Perlen, Rubinen 105 und Diamanten entgegen, an den weichen Halmen des Graſes hingen ſie und auf den Blaͤtterſpitzen des im Winde ſchw ankenden Geſtraͤuches, und ſelbſt die uralten, finſtern Mauern zeigten ſich geſchmuͤckt und glaͤnzend, als harrten ſie wieder dem froͤhlichen Einzuge des fuͤrſt⸗ lichen Herrn entgegen, der vor vielen, vielen Jahren ſie mitten in der Waldesnacht erbaut. Dann ſchaute Ma⸗ thias, heraustretend aus dem engen Hofraume auf den freien Waldplatz, zum Himmel empor, welchen langge⸗ ſtreckte, purpurne und goldene Lichtſtreifen durchfurchten, glaͤnzenden Kometen gleich aus dem dunkeln, zackigen Schooße der oſtlichen Gebirge hervorſchießend die praͤch⸗ tigen Herolde des Tages. Und nun kam er ſelber, der jugendliche Held mit der Strahlenglorie; langſam und majeſtaͤtiſch ſtieg er auf; ſtaͤrker ſaͤuſelte es in den Luͤf⸗ ten, tiefer neigten ſich die Blumen und Blaͤtter mit ihrem Feſtſchmucke und aus allen Thoren des Himmels klang ihm ein jubelndes Willkommen entgegen. Und ſeine warmen, roſigen Lippen kuͤßten die braͤutliche Erde; ſie kuͤßten Wald und Flur, Berg und Thal, Strom und See; ſie kuͤßten auch die einſamen Ruinen des Jagd⸗ ſchloſſes und den hohen, ſchlanken Jaͤger, der ſinnend vor ihnen auf und nieder wandelte und jetzt Leid und Betruͤbniß von ſich werfend, hinauseilte zum freien, froͤhlichen Tagewerke. Und jetzt, wenn der Jaͤger erwachte und noch halb traͤumend ſich aufrichtete von ſeinem elenden Strohlager, da war es truͤbe und dämmerig um ihn her, denn erſt * 106 hoch am Mittag ſandte die Sonne einen verſtohlenen Strahl durch des Kerkers dichte Eiſengitter. Nicht der gefiederten Waldesſaͤnger jauchzender Gruß ſchmetterte dann in ſein lauſchendes Ohr, ſondern das dumpfe Klir⸗ ren der hundert Pfund ſchweren Kette, die durch einen vier Zoll breiten Reif um ſeinen Leib und am anderen Ende in der Mauer befeſtigt war; nicht an des Waldes hellem Gruͤn durfte ſein ernſter Blick ſich laben, ſondern trauernd irrte er an den kahlen, ſchmutzigen Ziegelwaͤn⸗ den des Gefaͤngniſſes umher. Da mußten wol bald die ſußeſten Traumbilder ſchwinden und die luftigen Ge⸗ ſtalten einer freien, ſchmeichelnden Phantaſie vor ſo duͤſtrer Wirklichkeit zerſtieben. Mit ſchweren Seufzern begruͤßte Mathias jeden Morgen, ſtumm und hinbrutend ſah er, auf ſeinem Strohlager ſitzend, den Tag wachſen und ſchwinden, und mit dem ernſten Gelöbniſſe, nimmer der Furcht und Hoffnungsloſigkeit im Herzen Raum zu geben und jeden Rettungsverſuch, ſei er auch noch ſo verwegen und gefahrvoll, zu wagen, legte er ſich zur Ruhe, nachdem er noch einmal ingrimmig ſeine Kette geſchuttelt, daß ihr dumpfes Raſſeln in dem öden Ge⸗ fangnißraume wiederhallte. Der vierte Tag bereits war dem Eingekerkerten mit bleiernem Fluge entſchwunden und eben hatte er den irdenen Waſſerkrug von den Lippen geſetzt und griff, einen kraftigen Fluch vor ſich hinmurmelnd, zu dem trockenen, halbmodrigen Kommißbrote, dem einzigen Be⸗ ſtandtheile ſeines Fruhſtuͤcks, Mittag- und Abendeſſens, 107 als der Schluſſel im Schloſſe knarrte, die Riegel von außen hinweggeſchoben wurden und der Gefangenwärter, ein alter, gutmuͤthiger Mann, der ſicher zu jedem andern Poſten beſſer gepaßt hätte, hereintrat. Er trug einen Deckelkorb in der rechten, eine Laterne in der linken Hand; ſchweigend ſetzte er Beides neben den erſtaunten Mathias hin und ſchien ihn durch ſein pfiffiges Schmun⸗ zeln zum Rathen eines Geheimniſſes aufzufodern. „Ei der Tauſend, was bringt ihr mir da, Herr Grutzmuͤller?“ fragte Mathias, deſſen durch lange Ent⸗ behrung ausnehmend geſchaͤrfte Geruchsorgane ſogleich den kraͤftigen Duft von Gebratenem und Geſottenem entdeckt hatten.„Ich will mich haͤngen laſſen, wenn in dem Korbe da nicht'n ſo praͤchtig geſchmortes Stuͤck Hirſchziemer ſteckt, wie's an der kurfurſtlichen Tafel nicht beſſer gefunden werden kann.“ „Meint Ihr?“ ſagte der Gefangenwaͤrter mit gut⸗ muͤthigem Laͤcheln—„nun ja, meine Alte iſt nicht um⸗ ſonſt fuͤnf Jahre druͤben in der Schloßkuͤche geweſen, und heute hat ſie mal all ihre Kunſt aufgeboten, um meiner Tochter Ehrentag zu verherrlichen.“ „Haha?'siſt wol Hochzeit bei Euch?“ lachte Ma⸗ thias und ſchaute mit zärtlichen Blicken nach dem viel⸗ verſprechenden Korbe.„Und da habt Ihr in Eurer Luſt und Freude des armen Gefangenen gedacht, der bei der verdammten Waſſer- und Brotkoſt zum Gerippe abma⸗ gert. Wie? iſt dem alſo?“ * 108 Herr Groͤtzmuͤller nickte freundlich mit dem Kopfe und hob bedaͤchtig den Deckel des Korbes auf. Mit unverhohlenem Entzuͤcken ſah Mathias in dem weitbaͤuchi⸗ gen Behaͤltniſſe erſt einen vollen Suppennapf, dann ein Schuͤſſelchen mit Wildbraten, endlich drei oder vier Taſſen voll Compots und zum Beſchluß ſogar ein Schoͤpp⸗ chen Landwein entſteigen.„Donner und Hagel, das laß ich mir gefallen!“ rief er aus, als ſein Wohlthaͤter all' die Delikateſſen auf den Boden ſetzte, Meſſer, Gabel und Loͤffel daneben legte und nun, mit der herzigen Freude eines Menſchen, der gern etwas Gutes thut, ſich die Haͤnde rieb und den Gefangenen auffoderte, es ſich wohlſchmecken zu laſſen.„Meine Kaͤthe ſchickt's Euch!“ ſetzte er hinzu.„Sie hat manchmal zur Thuͤr'rein ge⸗ ſchaut, wenn ich's Waſſer brachte, oder die Ketten revi⸗ dirte und Ihr habt ihr ſo wol gefallen, daß ſie, ver⸗ ſteht ſich mit Wiſſen und Verwilligung des Herrn Braͤu⸗ tigams, meines Schwiegerſohnes, der Kanzelliſt bei der Hofkammer iſt, Euch an ihrem Hochzeittage'ne kleine Freude machen wollte;'s iſt zwar wider das Reglement, und wenn's'raus kaͤme, moͤcht' ich wol am laͤngſten Schließer geweſen ſein, indeß“— hier kratzte ſich der Alte den Kopf—„erſtens erfaͤhrt's Niemand, und wenn's auch waͤre und ſie gaͤben mir den Laufpaß, na, da wuͤrd ich mich auch nicht graͤmen und ruhig die ver⸗ dammten Schluͤſſel einem Andern uͤbergeben. Daß ich weder betteln, noch hungern duͤrfte, dafuͤr ſchuͤtzt mich allenfalls eine funfzigjährige Sparſamkeit und—“ 109 „Herrlich! koͤſtlich! delikat!“ unterbrach Mathias, der mit der Energie eines Halbverhungerten uͤber die koͤſtliche Liebesgabe hergefallen war, den alten Schwätzer — ſagt Eurem Toͤchterlein, der ehrſamen Frau Kanzel⸗ liſtin, daß ich ihr in vierzehn Tagen und vielleicht eher den prächtigſten Rehbock, der mir zwiſchen Lech und Illet zum Schuß kommt, in die Kuͤche ſchicken werde. Ein Jäger muß dankbar ſein, drum—“ „Ach Du mein Jeſulein!“ redete der Schließer mit einer ſo klaͤglichen und das tiefſte Mitleid ausdrü⸗ ckenden Stimme dazwiſchen, als ſaͤhe er ſeinen Gefange⸗ nen im Geiſte ſchon die verhaͤngnißvolle Leiter hinan⸗ ſteigen—„was plappert Ihr da von Rehboͤcken und Lech und Iller? Ihr werdet weder das Eine, noch das Andere wiederſehen, armer Geſell, denn das hohe Cri— minalgericht iſt nicht ſonderlich zum Begnadigen geneigt, und Ihr waͤret juſt der Letzte, dem es Pardon gaͤbe. Aber“— ſetzte er troͤſtend hinzu—„laßt Euch das nicht den Appetit verderben,'s mag wol noch ein Vier- teljaͤhrchen vergehen, ehe es zum Haͤngen kommt.“ „Gewiß, und ich glaube faſt noch laͤnger“ ſetzte Mathias hinzu„Ihr ſeht, wie trefflich es mir ſchmeckt und wie wenig ich mich um ein hochnothpeinliches Hals⸗ gericht kuͤmmere. Aber was ich noch fragen wollte, was bedeutet denn das Scharren und Schaben und Kratzen unter mir? Seit geſtern hoͤr' ich fortwaͤhrend ein Ge⸗ räuſch, aus dem ich nicht klug werden kann.“ „Ei, die Gefängnißzellen unten im erſten Stock ſind * . 110 neu getuͤncht worden!“ erklärte Gruͤtzmuller—„Ihr ſeht daraus, daß man auf die Inhaftirten Ruͤckſicht nimmt und ſie nicht in häßlichen, ſchwarzen Loͤchern hauſen laͤßt, wie's wol anderwaͤrts geſchieht. Heute ſind die Maurer fertig geworden, und da unten alle Thuͤren und Fenſter offen ſtehen, werden die Gemaͤcher morgen voͤllig ausgetrocknet ſein und wieder bezogen werden.“ „So! ſo!“ murmelte Mathias, in deſſen Bruſt ein kuͤhner Gedanke geboren ward. Er hielt einen Au⸗ genblick in ſeiner gaſtronomiſchen Beſchaͤftigung inne und blickte ſinnend vor ſich hin. Der Schließer, der es be⸗ merkte, glaubte, ſeine Gegenwart genire den Gefangenen in der Vollendung des glorreich begonnenen Werkes und erklaͤrte daher gutmuͤthig, er wolle ſich zuruͤckziehen und in einer Stunde das Speiſegeſchirr abholen.„Ich muß ohnehin zu meinen Gaͤſten zuruͤck,“ ſchloß er.—„weil etzo von dem Herrn Stadtbrauer, unſerm Vetter, ein Ehrentrunk mit einer feinen Rede ausgebracht werden ſoll, wo ich auch drin vorkomme. Alſo nehmt Euch Zeit und macht mir kein Ungluͤck mit dem Lichte.“ Kaum war der Schwatzhafte hinaus und das Klir⸗ ren der wieder vorgeſchobenen Riegel wieder verhallt, als Mathias aufſprang und, die Schuͤſſeln gleichgiltig bei Seite ſchiebend, mit forſchenden Blicken in ſeinem Ge⸗ faͤngniſſe umherſchaute. Aus ſeinem Auge leuchtete das Feuer eines kuͤhnen, feſten Entſchluſſes, ſeine Geſtalt ſchien hoͤher und kraͤftiger zu werden in der Vorahnung eines gluͤcklichen Gelingens, und als er jetzt ſich buͤckte 111 und das Meſſer aufnahm, welches der Schließer wider alle Amtsregel da gelaſſen hatte, lächelte er ſo ſchlau und vertrauungsvoll vor ſich hin, als beduͤrfe es nur eines Schrittes, um aus der dumpfen Atmosphaͤre des Ker⸗ kers und den eiſernen Armen eines unerbittlichen, blut⸗ fodernden Geſetzes hinaus in die freie Himmelsluft, nach den wohlbekannten Waͤldern und Bergen zuruͤckzukehren. Noch einmal horchte er ſcharf aufz in dem ganzen Ge⸗ baude herrſchte die tiefſte Stille; nur der taktmaͤßige Schritt der Schildwache, welche unten in dem ſchmalen Raume zwiſchen dem Gebaͤude und der aͤußeren Mauer auf und nieder wandelte, toͤnte leiſe herauf.„Eine Stunde Zeit und ein Werkzeug wie dieſes,“ ſagte Ma⸗ thias zu ſich ſelbſt und betrachtete vergnuͤgt das lange und ſtarke Meſſer—„muͤßt ich doch ein ungeſchickter Dalk ſein, wenn ich damit nicht ein Loch in den Kaͤfig brechen koͤnnte, groß genug, um mich mit Begemlichkeit zu ſalviren. Alſo raſch an's Werk, jeder Augenblick iſt koſtbar.“ Wir haben ſchon bemerkt, daß das Ende der Kette, welche vermittelſt eines Eiſenreifes um den Leib des Ge⸗ fangenen befeſtigt war, uͤber dem Strohlager in einer tief in die Mauer getriebenen Haſpe hing. Da Ma⸗ thias nicht daran denken durfte, die Kette von dem Reife zu trennen, war es zufoͤrderſt ſeine Aufgabe, die Haſpe aus der Wand zu loͤſen und dadurch den erſten Schritt zu dem kühnen Werke der Befreiung zu thun. Ohne Zoͤgern begann er deshalb mittelſt des Meſſers 112 den Kalk rings um das ſtarke Eiſen loszubroͤckeln; ſein Eifer ermattete nicht, als er die Bemerkung machte, daß dieſes uber einen Fuß tief in der harten Ziegelwand ſteckte, vielmehr erfullte ihn dieſer Umſtand mit neuer Hoffnung, denn er ſah wol ein, wie nuͤtzlich ihm die ſtarke, ſcharf zugeſpitzte Eiſenſtange in der Folge ſein werde. Ohne Geraͤuſch fiel der Moͤrtel und das Back⸗ ſteingewoll auf das weiche Stroh nieder, immer groͤßer wurde die Oeffnung, und ehe eine halbe Stunde ver⸗ floſſen war, lagen drei Viertheile des Eiſens zu Tage. Jetzt faßte Mathias das Ende der Kette dicht unter dem Haſpenringe mit beiden Händen, ſtemmte die Fuͤße ge⸗ gen die Mauer und ſammelte alle ſeine Krafte zu einer gewaltigen Anſtrengung. Wir wiſſen, daß er mit außer⸗ ordentlicher Koͤrperſtaͤrke begabt war, die ihm niemals großere Dienſte leiſtete, als eben jetzt, wo er mit einem mächtigen Rucke das Eiſen gluͤcklich vollends aus der Wand riß. Er ſturzte ruͤcklings zu Boden, die ſcharfen Kettenglieder hatten ſeine Haͤnde blutig geſchnitten, aber was kuͤmmerte ihn das? war er doch nicht länger an⸗ gefeſſelt, wie der Haushund an ſeine Huͤtte, hatte er doch das erſte und warlich nicht geringſte Hinderniß ſeiner beabſichtigten Flucht uͤberwunden! Ein paar Mi⸗ nuten nur ruhte er aus, um neue Kräfte zu einem ſchwierigeren, aber auch entſcheidenderen Unternehmen zu ſammeln, welches vor der Ruͤckkunft des Schließers be⸗ endigt ſein mußte. Dann ſchob er den aus der Oeff⸗ nung gerollten Moͤrtel in ſein Strohlager, ruckte dieſes 113 ſelbſt bei Seite und kniete nieder, um mit Hilfe des durftigen Laternenlichtes die Stärke und Beſchaffenheit des Fußbodens zu unterſuchen. Dieſer beſtand leider aus dicken Eichenbohlen, welche am obern und untern Ende des Gefaͤngniſſes durch je zwei lange, ſtarke Naͤgel befeſtigt waren.„Wenn ich die erſt heraus haͤtte!“ dachte Mathias, während er kopfſchuͤttelnd die breiten, tief in das eiſenharte Holz geſchlagenen Naͤgel betrachtete. Gleichwol faͤumte et keinen Augenblick, mittelſt des glucklicherweiſe ziemlich ſcharfen und ſpitzen Meſſers das Herausgraben derſelben zu beginnen— eine Arbeit, die nur aͤußerſt langſam vorruͤckte und ihn ſo ermattete, daß er oͤfter innehalten mußte, und der Schweiß ihm unab⸗ laͤſſig uͤber die Stirn rann. Sein Plan war jetzt voll⸗ kommen gereift und ſtand fertig und in allen Einzeln⸗ heiten uͤberdacht vor ſeiner Seele. Vielleicht hat der Leſer denſelben gleichfalls ſchon errathen. Die Abſicht des Gefangenen war keine andere, als durch den Fuß⸗ boden ſeines Gemaches in das darunter liegende zu drin⸗ gen, deſſen Thuͤren und Fenſter, wie er von dem Schlie⸗ ßer vernommen hatte, die Nacht uber geoͤffner blieben. Mit ziemlicher Gewißheit durfte er darauf rechnen, nur eine Gypsdecke zu finden, die, wenn einmal die ſchweren Dielen entfernt waren, leicht durchbrochen werden konnte. Mathias, der waͤhrend ſeiner funftaͤgigen Gefangenſchaft oft, von Langeweile oder ſehnſuͤchtigem Kummer geplagt, mühſam zu ſeinem Gitterfenſter hinaufgeklettert war, hatte von dieſem beſchrankten Standpunkte aus mit ziem⸗ H.*. 8 114 lichem Gluͤcke die innere und aͤußere Beſchaffenheit des Gebaͤudes beurtheilt. Es war ihm ſogleich klar gewor⸗ den, daß nur von dem das Eingangsthor uͤberwoͤlbenden Thurme aus ein Entkommen moͤglich war, da dort weder die den uͤbrigen Theil des Hauſes umziehende achtzehn Fuß hohe Mauer, noch vergitterte Fenſter den Ausgang unmoͤglich machten und weniger erſchwerten. Ueberdies ſtießen die Hinter- und Seitengebaͤnde der L..... ſtraße dicht an den erwaͤhnten Thurm, und ein kraftiger, ge⸗ wandter Springer durfte hoffen, ſich aus den Fenſtern des zweiten Stockwerkes hinuͤber zu ſchwingen. Nun wußte Mathias allerdings, daß erſt das jedenfalls wol⸗ verwahrte Magazin zu paſſiren ſei, ferner, daß der Inſpector und mehre Unterbeamte des Gefaͤngniſſes in dem erwaͤhnten Thurme ihre Wohnungen hatten— aber nichts konnte ihn entmuthigen; er baute feſt auf ſeine Kraft und Beharrlichkeit und auf den guten Stern, der uͤber einer außerordentlichen, kuͤhnen That ſtets zu wachen pflegt.— Nachdem er beinahe eine halbe Stunde ge⸗ arbeitet, hatte er das Holz rings um den Nagel ſo weit losgeſchaͤlt, daß er mit dem Stiele ſeiner aus der Mauer geriſſenenen Haſpe darunter fahren und ihn als Hebel benutzen konnte. Wie groß war ſein Entzuͤcken, als das Hinderniß nunmehr ſich leicht herausheben und ſogar ein fuͤr die Folge den groͤßten Nutzen verſprechendes Inſtru⸗ ment darbot! Nun ging es mit verdoppeltem Eifer an den zweiten Nagel, deſſen Entfernung nicht geringere Muͤhe und Arbeit koſtete, gleichwol kroͤnte auch hier der 115 erwuͤnſchte Erfolg das begonnene Unternehmen. Inzwiſchen war eine Stunde verſtrichen. Unten rief die Ronde machende Patrouille der Wache an, und von der nahen Frauenkirche toͤnte in hellen Schlaͤgen die neunte Stunde. Jeden Augenblick mußte Mathias die Ankunft des Schlie⸗ ßers erwarten und da er diejenigen Vorarbeiten, zu wel⸗ chen der Gebrauch des Meſſers ihn aufgefodert, gluck⸗ lich vollendet hatte, beſchloß er, vor der Hand nichts mehr zu unternehmen. Er ſchob ſein Strohlager wieder auf die fruͤhere Stelle, wodurch die durch das Herausziehen der Nägel in der Diele entſtandenen Loͤcher verdeckt wurden, und lehnte ſich dann, nachdem er, um keinen Verdacht zu erwecken, den Reſt der Speiſen verzehrt und das etwas ſchartig gewordene Meſſer an der Ecke des Fenſterſimſes gewetzt und geglaͤttet hatte, ſitzend mit dem Ruͤcken gegen die tiefe Oeffnung in der Mauer, ſo daß es ſchien, als ſei er durch die Haſpe, welche er kluͤglich wieder hineinſteckte, noch immer wie ſonſt gefeſſelt. Kaum war er mit ſeinen Vorbereitungen zu Ende, ſo raſſelten draußen Schloͤſſer und Riegel, und Herr Grutz⸗ muͤller ſtolperte zur Thuͤr herein. Der gute Mann hatte, wie man zu ſagen pflegt, einen tuͤchtigen Hieb und blinzelte den Delinquenten ſo munter und ſeelen⸗ vergnuͤgt an, als komme er, ſeinen beſten Freund zu beſuchen. Die Rede des hochzeitgaſtlichen Stadtbrauers und der damit verbundene Ehrentrunk ſchienen nicht ohne Wirkung geblieben zu ſein, denn ſein ſonſt allezeit ge⸗ ſchwaͤtziger Mund rebellirte ſichtlich gegen den Ausdruck S 116 der hohen Gedankenfuͤlle, welche des Schließers edle Seele beſtuͤrmte. „Na, hat's geſchmeckt, Herr— Herr Wildſchuͤtze ich hab' den verfluchten Namen vergeſſen!“ perorirte er, waͤhrend er Laterne und Speiſekorb nicht ohne einige bedenkliche Schwankungen vom Boden aufnahm.„Wenn ihr nicht ſo— ſo'n Miſſethaͤter und— und Teufels⸗ braten waͤret, moͤcht' ich wahrhaftig Bruͤderſchaft— mit Dir trinken, Junge, mein Seel'— aufrichtige Bruͤder⸗ ſchaft.— Na, laß gut ſein— eh' Du— ehe Du gehenkt wirſt—“ „Wollen wir ſchon noch einen Krug Bier mit ein⸗ ander trinken!“ ergaͤnzte Mathias lachend. „So? Hm! was?“ ſtotterte Gruͤtzmuͤller und riß die Augen weit auf—„will der Kerl etwa— echap⸗ piren? zum Teufel laufen? wie? Holla, da wird nir draus— Er— er Sapperment! Will doch— gleich die Ketten vi— viſitiren.“ Damit taumelte er auf Mathias los, der ſeine un⸗ vorſichtige Aeußerung bereute und einen Augenblick Wil⸗ lens war, uͤber den Schließer herzufallen, ihn zu knebeln und dann durch die offene Thuͤr das Weite zu ſuchen. Abet die Gewißheit des Mißlingens einer Flucht in ſo fruͤher Abendſtunde, wo innerhalb des Gebaͤudes ſelbſt und auf den Straßen draußen noch reges Leben und Treiben herrſchten, zugleich der Zweifel an der Möglich⸗ keit, des Schließers durchdringende Stimme augenblick⸗ lich zu unterdruͤcken, ließen ihn dies verwegene Vorhaben 117 eben ſo ſchnell aufgeben, als er es gefaßt hatte. Ueber⸗ dies ſchien Herr Gruͤtzmuͤller ſeine Abſicht, die Ketten des Gefangenen zu unterſuchen, vergeſſen zu haben, ehe er die drei Schritte bis zu dem Strohlager zuruckgelegt hatte, denn er ließ es dabei bewenden, Mathias, der ſich, aus begreiflichen Gruͤnden, dicht an die Wand preßte, mit großen Augen anzuglotzen, als habe er zum Erſten⸗ male die Ehre, ſeine Bekanntſchaft zu machen.„ Nun, was ſoll's noch, alter Freund!“ nahm dieſer endlich das Wort und fingirte ein tiefes, anhaltendes Gaͤhnen— „Ihr ſeht, daß ich muͤde bin wie ein Murmelthier, und ich denke, Eure Gäſte, die Tochter und der Herr Schwie⸗ gerſohn Kanzelliſt werden Euch vermiſſen. Sagt dem gutherzigen Braͤutchen meinen waͤrmſten Dank fuͤr die erhaltene Spende und goͤnnt mir jetzt das bischen Schlaf.“ „Schlaf! hm, da haſt Du Recht, Galgenſtrick!“ erwiderte Gruͤtzmuͤller und ſtolperte nach der Thuͤr zu⸗ ruͤck—„magſt meinetwegen ſchlafen, bis ſie Dir das haͤnferne Halsbaͤndel umlegen— ich will Dich nicht aufwecken— Gott ſtraf' mich, das— das— fällt mir nicht ein.“ Damit verſchwand er, ein Lied her traͤllernd, deſſen reizende Toͤne vollkommen mit dem Knarren der ſchweren Kerkerthuͤr harmonirten, draußen im Korridor. Mathias hatte kaum den letzten Riegel vorſchieben hoͤren, als er, begeiſtert von der Idee eines glorreichen Wag⸗ ſtuͤcks, aufſprang, ſeine Strohmatte raſch wieder bei Seite ſchob und unverzagt und von neuer Staͤrke be⸗ ſeelt an das Durchbrechen des Fußbodens ging. 118 Es galt jetzt, die ſchwere Diele, aus welcher er be⸗ reits die beiden oberen Naͤgel gezogen, voͤllig herauszu⸗ heben und dann den Eſtrich, das Rohrgeflecht und die letzte Gypsdecke durchgrabend, ſich einen Weg in das untere Gemach zu bahnen. Unſer Fluͤchtling beſaß jetzt kein anderes Werkzeug, als die ſchon erwaäͤhnte, in eine dicke, etwas ſpitz zu laufende Eiſenſtange endende Haſpe und die beiden großen Naͤgel. Ohne beſondere Muͤhe gelang es ihm, mittelſt dieſer letzteren, die am oberen Ende jetzt unbefeſtigte Diele ſo weit in die Hoͤhe zu heben, daß er ſeine Eiſenſtange darunter bringen und ſich derſelben wiederum als Hebel bedienen konnte. Mit dem Aufwande aller Kraͤfte ſtrebte er jetzt, die ſchwere und breite Bohle aus dem Boden herauszuſprengen— aber vergebens; ſie ſchien allen Anſtrengungen zu ſpotten und nicht um einen Zoll zu wanken. Keuchend und tief Athem holend hielt Mathias ein paar Minuten lang inne; mit betruͤbten Blicken muſterte er die deiden Naͤ⸗ gel, welche das Bret am entſprechenden Ende in der Naͤhe der Thuͤrſchwelle ſo feſt hielten, daß er ſchon be⸗ reute, nicht zuvor auch dieſe Hinderniſſe, wozu freilich das Meſſer, in Ermangelung bequemerer Werkzeuge, unumgaͤnglich noͤthig geweſen waͤre, entfernt zu haben. Allein, dazu war es nun einmal zu ſpaͤt und unſer Fluͤchtling mußte auf ſeine Befreiung verzichten, wenn ſeine Koͤrperkraͤfte nicht ausreichten, die Diele aufzu⸗ ſprengen— Wenn uns keine Wahl bleibt, ſind wir ſtets entſchloſſen, das Aeußerſte und Schwierigſte zu 119 unternehmen, und darum begann Mathias, die wunden Haͤnde ſich reibend, noch einmal ſeine Athletenarbeit. Mit nervigen Armen packte er das Ende der eiſernen Stange und legte ſich mit der ganzen Wucht ſeines ge⸗ waltigen Korpers zuruͤck.— Schon biegt ſich das drei Zoll dicke Inſtrument— ſollte Alles vergeblich ſein? nein, jetzt weicht die ſchwere Holzmaſſe— mit dumpfem Knarren hebt ſie ſich ein wenig aus ihren Fugen— mehr, und noch mehr—— da plötzlich ertoͤnt ein ſchal⸗ lendes Krachen und Praſſeln, als ſtuͤrze die ganze Zelle zuſammen, eine dicke Staubwolke wirbelt hoch empor, und mit gewaltigem Poltern rollt die maͤchtige Bohle aus ihrer Lage. Mathias Freude uͤber die endliche Beſeitigung dieſer Hauptſchwierigkeit ward ſehr gedaͤmpft und vor der Hand ſehr in den Hintergrund gedraͤngt durch die Beſorgniß, das enorme Getoͤſe, welches noch lange draußen in den gewoͤlbten Corridors forthallte, werde ſein Verraͤther geworden ſein. Mit pochendem Herzen horchte er. Innerhalb des Gebaͤudes blieb es ruhig, ſei es nun, daß die vielen Ecken und Winkel die allzuſtarke Fortpflanzung des Schalles erſtickt, ſei es, daß der Hochzeitjubel in der Wohnung des Schließers ihn uͤbertaͤubt hatte, kurz, Niemand ſchien das unge⸗ woͤhnliche Geraͤuſch vernommen zu haben. Schon wollte Mathias vergnügt ſein Werk fortſetzen, als es ihm wie eine Centnerlaſt auf's Herz fiel, daß die Schildwache unten in ihrem taktmaßigen Auf⸗ und Abſchreiten inne gehalten hatte. Gewiß hatte ſie den Laͤrmen gehoͤrt, * 120 und ſtand nun lauſchend unter ſeinem Fenſter, bereit, bei dem geringſten verdächtigen Laute Anzeige zu machen. Bei dieſem Gedanken ſtockte das Blut in den Adern des kuͤhnen Fluͤchtlings und ein kalter Schweiß trat aus ſeinen Poren. Auf den Zehen ſchlich er zum Fenſter und blickte mit aͤngſtlicher Spannung hinaus. Noch war der Mond nicht aufgegangen und die ſchwarzen Schlagſchatten der Ringmauer huͤllten den engen Raum zwiſchen ihm und dem Gebaͤude in tiefes Dunkel. Gleich⸗ wol erſpaͤhten die ſcharfen Augen des Forſchenden den Wachtpoſten, deſſen blankes Bajonnet und hoher Drei⸗ maſter wirklich dicht unter der Gefaͤngnißzelle auftauchten und ſich nicht von der Stelle bewegten; allein der nachſte Blick beruhigte Mathias hinlaͤnglich und verſcheuchte jede Furcht, denn am Halſe des pflichtvergeſſenen Kriegs⸗ mannes hing zärtlich koſend ein Maͤdchen, die Köchin des Inſpectors.„Ei, da bin ich vollkommen ſicher!“ kicherte der Lauſcher und war im Begriff, ſich zuruͤck zu ziehen. Folgende Worte, die bei dem tiefen Schweigen der einbrechenden Nacht undeutlich zu ihm herauftoͤnten, vermehrten noch ſeine große Zufriebenheit.„Schau, Joſeph, jetzo muß ich fort!“ ſagte die liebende Koch⸗ kunſtlerin und wendete ſich mit ihrem Auserwaͤhlten nach dem Thurme zuruͤck,—„Haſt Du nicht das Getoͤs gehoͤrt vorhin? ſicher hat die Katz' mir wieder das Buͤ⸗ gelbret umgeworfen, denn das Vieh kann keine Ruh' halten.“ „Sei dreimal geſegnet, wohlthätigſte aller Katzen!“ 121 deklamirte Mathias mit großem Pathos und begann nun mit allem Eifer ſein großes Werk fortzuſetzen. Mit der zugeſpitzten Eiſenſtange grub er den weichen, ſtaubigen Eſtrich auf, bediente ſich dann ſeiner Haͤnde als Schaufein und hatte bald die Freude, zu dem Rohr⸗ geflecht der untern Gypodecke zu gelangen. Ein kräftiger Stoß mit der Stange gab ihm uͤberdies die Gewißheit, daß dieſe muͤrbe und duͤnne Schranke mit geringer An⸗ ſtrengung zu durchbrechen ſein werde, und da es eben eilf Uhr ſchlug und die Abloͤſung des Wachtpoſtens be⸗ vorſtand, ſetzte unſer Wildſchuͤtz ſich noch einmal und zwar zum Letztenmal auf ſein Strohlager und gönnte ſich eine kurze Ferienfriſt. Dreinndzwanzigſtes Kapitel. Die Ketten, ihr Bruder, traͤgt er nicht lang; Er hat einen Nagel zwei Finger lang, Und eine Feile war im Brot verſteckt, Welches ihm ſeine Liebſte geſchickt. Heißa! Ihr Herren Schließer und Wachtmannſchaft, Ihr haltet keinen braven Kerl nicht in Haft. Aus einem alten Diebsliede. Kaum waren die Schritte der abloͤſenden Patrouille verhallt, als Mathias daranging, ein Loch in die Gyps⸗ decke zu brechen, groß genug, um ihn hindurchſchluͤpfen zu laſſen. Da er keiner von den Magerſten war, ließ ſich dieſes nicht in ein paar Minuten herſtellen, wie er gedacht hatte; uͤberdies mußte er jetzt mit der groͤßten Vorſicht zn Werke gehen und jedes Geraͤuſch moglichſt vermeiden, da, wie der Schließer ihm berichtet, in den Zellen des untern Stockwerkes Thuͤren und Fenſter offen ſtanden und daher jeder ſtaͤrkere Schall ihn der langſam auf und ab wandelnden Schildwache verrathen mußte. Gleichwol war er jetzt in ſeinem Werke bereits ſo weit vorgeruͤckt, daß er es nicht mehr verbergen, noch unge⸗ ſchehen machen konnte; auch verſpuͤrte er nicht die min⸗ deſte Luſt dazu und brannte vielmehr vor Begierde, wieder die freie Himmelsluft zu athmen. Er theilte ———————— 123 daher ſeine Aufmerkſamkeit zwiſchen dem Fenſter und ſeiner Arbeit; ſo lange die Wache dicht unter ihm oder in unmittelbarer Naͤhe war, ruͤhrte er ſich nicht, ſobald ſie ſich aber umwendete und dem Thurm zuſchritt, hand⸗ habte er Eiſenſtange und Faͤuſte ſo kraͤftig, daß ganze Maſſen Rohrgeflecht, Gyps und Moͤrtel in das untere Gemach niederrollten und die Oeffnung ſich zuſehend er⸗ weiterte. Nach halbſtuͤndiger, oft unterbrochener Arbeit glaubte er im Stande zu ſein, ſich hindurch zu zwaͤngen. Damit beim Herabgleiten das Klirren der Kette ihn nicht verrathen moͤge, wickelte er dieſelbe in den Lein⸗ wandlacken ſeines Lagers und wand ſie ſich dann dicht um den Leib. Noch ſtéckte er einen der beiden Naͤgel zu ſich und verſchwand, nachdem er der finſtern Zelle noch einen Scheideblick gegoͤnnt, zuerſt mit den Fuͤßen, dann mit Leib und Bruſt in der ſo muͤhevoll hergeſtellten Verſenkung. Bis dahin ging Alles gut, und da die Höͤhe des unteren Gemaches nicht viel uͤber ſechs Fuß betrug, war das Hinabgleiten ohne Gefahr. Aber— o Schrecken! Die maͤchtig breiten Schultern des Wild⸗ ſchuͤtzen klemmten ſich in der nicht hinreichend erweiter⸗ ten Oeffnung und ein paar Minuten lang ſchwebte der Fluͤchtling in einer eben ſo poſſirlichen als hilfloſen Si⸗ tuation zwiſchen Himmel und Erde. Da galt es nun freilich kein Beſinnen; indem er den Oberkoͤrper moͤg⸗ lichſt zuſammenpreßte und ſeine langen Beine in Per⸗ pendickelſchwingungen verſetzte, rutſchte er allmaͤlig, frei⸗ lich nicht ohne daß Rock und Unterkleider jaͤmmerlich „ 124 zerfetzt und ſelbſt die Haut von den Schultern geſtreift wurde, durch den gefaͤhrlichen Engpaß und gelangte, ziemlich unſanft der Laͤnge nach hinſtuͤrzend, in die untere Zelle. Als er ſich emporrichtete, erfullten zwei Dinge ihn mit unausſprechlicher Freude und ließen alle Muͤhe und Drangſal vergeſſen. Erſtens ſtand wirklich die ſchwere Gefaͤngnißthuͤre weit offen und ladete ihn ein, in den, nach dem Magazin und dem Thurme fuͤh⸗ renden Korridor hinauszutreten, und zweitens begann es draußen zu regnen und zwar ſo heftig, daß die ſchwer niederfallenden Tropfen und das Plätſchern und Rieſeln von den Dächern herab jedes andere Geraͤuſch verſchlangen. „Der Himmel iſt mir guͤnſtig!“ murmelte Mathias, indem er auf den ſtockfinſtern Korridor hinaustrat— „ich gelobe unſerer lieben Frau zu Mariaſtein ein neues Gewand, wenn ich gluͤcklich hinauskomme!“ Auf den Zehen ſchleichend, tappte er an den Waͤnden hin, von dem duͤſtern Lichte einer dem Verloͤſchen nahen Laterne geleitet, welche am Ende des Ganges von der Decke herabhing, Ihr truͤber Schein beleuchtete den Eingang zum Magazin: eine niedere und enge, durch eine ſtarke Lattenthuͤr verwahrte Pforte. Von außen war dieſe durch ein ſchweres Schloß, von innen durch einen hoͤl⸗ zernen, queer in den Seitenwaͤnden ruhenden Balken wol verwahrt.— Kopfſchuͤttelnd betrachtete Mathias alle dieſe Hinderniſſe, indeß ſein Muth war durch die ſchon uͤberwundenen Schwierigkeiten hinlaͤnglich gekraͤftigt, ſeine Einſicht und Klugheit hinlänglich aufgeweckt und zu ge⸗ aeece ———— 125 ſchärft, als daß er jetzt ſchon gezagt hätte. Das Schloß war durch vier ſtarke Schrauben in den mindeſtens vier Zoll dicken Latten befeſtigt; dieſe, vom härteſten Holze und uͤberdies zur Haͤlfte mit Eiſen beſchlagen, zu zer⸗ brechen, hätte der Kraft eines Simſon bedurft. Ma⸗ thias zog daher einen ſeiner Naͤgel hervor, ſteckte dieſen in die Einſchnitte der Schraubenkoͤpfe und begann das Schloß mit ſo gutem Erfolge abzudrehen, daß es nach zehn Minuten unſchaͤdlich und nur noch an einer Schraube hing. Mittelſt ſeiner Stange ſchob er darauf den innern hoͤlzernen Riegel ſo weit zuruͤck, daß er mit dem Arme hindurchlangen und das Hinderniß vollends beſeitigen konnte. Er befand ſich jetzt auf der erſten Gallerie des. Magazins. Wir haben unſern Leſern bereits bemerkt daß das Magazin von der Grundflaͤche des Gebaudes bis unter das Dach reichte. Es durchſchnitt demnach beide Stockwerke. Der Haupteingang, ein hohes, wol⸗ verwahrtes Doppelthor, befand ſich natuͤrlich unten und war vom Hofraume aus zugaͤnglich. In gleicher Hoͤhe mit den beiden Etagen aber liefen zwei breite Gallerien, zu welchen man von den Korridors aus durch kleine Pfoͤrtchen gelangte und die durch Treppen unter einander und mit dem untern Raume zuſammenhingen. Durch eine dieſer Thuͤren hatte Mathias, wie wir ſahen, die erſte Gallerie erreicht und ſchlich nun, bald uͤber einen Wollſack oder ein Pack gegerbter Felle ſtolpernd, bald bis an den Guͤrtel in einen Haufen aufgeſchuͤtteten Ge⸗ * 126 treides verſinkend, in dem finſtern, von dem Kniſtern ſeiner Tritte wiederhallenden Raume vorwaͤrts, bis er an eine nach der oberen Gallerie fuͤhrende Treppe ge⸗ langte und dieſe hinaufſtieg. Obwol Mathias mit der inneren Einrichtung und dem Bauplane des Gefaͤngniſſes nicht vertraut ſein konnte, hatten ihm doch die pruͤfenden Blicke, welche er durch das Fenſter ſeines Kerkers auf den einzigen, ihm ſichtbaren Fluͤgel und den dieſen begrenzenden Thurm geworfen, eine allgemeine und ziemlich richtige Vorſtel⸗ lung von der Lokalitaͤt verſchafft. Daß die Corridors mit dem Magazin in Verbindung ſtaͤnden, hatte er nur vermuthet und ſich gluͤcklicherweiſe hierin nicht geirrt, daß aber dieſes auch von den im Thurme liegenden Be⸗ amtenwohnungen aus zugaͤnglich ſei, war ihm durch ver— ſchiedene, dem Schließer mit der Miene der aͤußerſten Argloſigkeit vorgelegte Kreuz- und Queerfragen zur Ge⸗ wißheit geworden. Deshalb ſuchte er jetzt, als er das äußerſte Ende der oberen Gallerie erreicht hatte, emſig irgend einen Ausgang zu entbecken— warlich nichts Leich⸗ tes bei der tiefen Finſterniß, welche den weiten Raum erfuͤllte. Der Regen ſchlug ſchwer und praſſelnd gegen die runden in Blei gefaßten Scheiben der hohen Bogen⸗ fenſter, die vor dem Andrange des Windes klirrten und zitterten, und mehr als einmal fuhr Mathias erſchreckt zuſammen, denn bald glaubte er haſtige Schritte hinter ſich zu vernehmen, bald war es ihm, als kaͤmen ver⸗ worrene Stimmen und wildes Rufen immer naͤher und ————— 127 naͤher. Mit den flachen Haͤnden tappte er an der kal⸗ ten Mauer hin und fand endlich den Gegenſtand ſeines emſigen Suchens— eine Thuͤr. Aber die Freude uͤber dieſe Entdeckung ward nicht nur gedaͤmpft, ſondern ver⸗ wandelte ſich ſogar in die hochſte Beſturzung, als ſein Taſtſinn ihn uͤberzeugte, daß dieſe Thuͤt aus einer ein⸗ zigen, ungeheuren Eiſenplatte beſtand, die uͤberdies mit Riegeln, Schloͤſſern und Bolzen foͤrmlich bedeckt war, ſo daß jede Hoffnung, ſie zu oͤffnen, von ſelbſt verſchwin⸗ den mußte. Entmuthigt ließ Mathias die Hand ſinken und verwuͤnſchte die tuckiſchen Launen des Geſchicks, an denen ſein kuͤhnes Beginnen, nach ſo vielen Anſtrengun⸗ gen und Wagniſſen, dennoch zu ſcheitern ſchien. Sollte er jetzt umkehren, und einen andern Weg zur Flucht ſuchen? Die Fenſter des Magazins lagen ſo hoch, daß er ſie ohne Leiter nicht erreichen konnte und waren uͤber⸗ dies von Außen gleichfalls vergittert, und wo ſollte er, vollig ohne Ortsbekanntſchaft und in tiefer Finſterniß irgend eine leichter zu bewaͤltigende Thuͤr entdecken⸗ Gleichwol tappte er ſeufzend und faſt verzweifelnd an dem Gelingen ſeiner Befreiung zuruͤck und ſchlich die Treppe hinab, nicht wiſſend, was er ferner thun und wohin er nun ſich wenden ſollte. Er befand ſich jetzt in dem untern Raume und ſchritt uͤber die kalten Stein⸗ platten des Fußboden hin nach der Richtung, wo er die in den Hof fuͤhrende Hauptthuͤre vermuthete. Da ſtieß er ploͤtzlich gegen einen harten an die Mauer gelehnten Koͤrper, welcher langſam nachgab und den vorgeſtreckten * 128 Händen des Fluͤchtlings entwich. Es entſtand ein ſelt⸗ ſames, immer mehr und mehr zunehmendes Geraͤuſch, wie wenn eine ſchwere, uͤbereinandergehaͤufte Maſſe ſich loͤſt und im Fallen begriffen iſt, und ehe Mathias Zeit hatte, zuruͤckzuſpringen, fuͤhlte er ſich ploͤtzlich hart am Kopfe und den Schultern getroffen, zu Boden geworfen und unter einem Chaos von Bretern, Planken und aller⸗ lei Holzwerk begraben, welches mit donnerndem Praſſeln über ihn hinſtuͤrzte.— Als er ſich, an allen Glied⸗ maßen gequetſcht und mit Beulen bedeckt, aber gluͤck⸗ licher Weiſe nicht gefaͤhrlich verwundet, mit Muͤhe aus der unbehaglichen Ueberdeckung hervorgearbeitet, war ſeine erſte Beſorgniß, es moge das grauliche Getoͤſe, welches noch in dem weiten Raum des Gebaudes wiederhallte, die Aufmerkſamkeit irgend eines wachſamen Ohres erregt haben; allein ſo geſpannt er aufhorchte, vernahm er doch nichts, als das Rauſchen des Regens, der jetzt einem Wolkenbruche gleich niederſturzte und gewiß die Schild⸗ wache in ihr am andern Ende des Gebaͤudes liegendes Wetterhaͤuschen getrieben hatte. Er ſchloß, daß er auf ſeiner Wanderung in das Bereich der Zimmer⸗ und Tiſchlerwerkſtatt gerathen ſei und dieſe Vermuthung ward zur froͤhlichen Gewißheit, als er unter den Brettern etwas Glaͤnzendes hervorſchimmern ſah, was er beim Aufheben als ein kurzes, ſcharfgeſchliffenes Handbeil er⸗ kannte. Kaum hatte er das treffliche Werkzeug in der Hand, als ſein umſichtiger Geiſt ihn das Mittel finden ließ, den Widerſtand jener in den Thurm fuͤhrenden 129 Thuͤre zu bewältigen. Auf's Neue leuchteten ihm hell der Hoffnung heitere Geſtirne, als er die Treppen wie⸗ der hinauf und die obere Gallerie entlang flog; vor der Eiſenpforte angelangt, beſchäftigte er ſich nicht mehr mit dem Pruͤfen der unuͤberwindlichen Schlöſſer und Riegel, ſondern unterſuchte die Staͤrke und Befeſtigungsart der Angeln, in welchen die Thuͤr ruhte. Dieſe waren aller⸗ dings von entſprechender Dicke und mittelſt langer Ha⸗ kennaͤgel tief in das aus Sandſtein beſtehende Thuͤrge⸗ ruͤſt eingerammt.„Hm! der Baumeiſter hat es gut gemeint!“ murmelte Mathias laͤchelnd—„aber den⸗ noch ſoll dieſe trotzige Höllenpforte mein gehorſamer Die⸗ ner werden.“ Damit rollte er ſeine Kette, die er, wie wir wiſſen, ſich dicht um den Leib geſchlungen hatte, auf und ſtemmte die an deren Ende befindliche Eiſenſtange mit der Spitze gegen den Stein, da wo die obere Angel in ihn eingefuͤgt war. Hierauf haͤmmerte er ruͤſtig mit ſeinem Beile auf den breiten Haſpenring, durch welchen die Stange mit ſeiner Kette in Verbindung ſtand und beſaß ſo einen Meißel, der die beſchloſſenen Dienſte ver⸗ richtete. Jedem Schlage folgten ſpruhende Funken und große Stuͤcke loͤſten ſich aus der ſteinernen Umfaſſung, wodurch denn die Baͤnder der Thuͤrangel mehr und mehr blosgelegt wurden. Oft hielt Mathias in ſeiner anſtren⸗ genden Arbeit inne, theils um ſich den Schweiß von der Stirne zu trocknen, theils um zu lauſchen, ob das Ge⸗ töſe, welches er freilich nicht vermeiden konnte, die Be⸗ wohner des Gefängniſſes in Allarm gebracht habe. Aber I.. 9 130 der Himmel beguͤnſtigte nunmehr ſichtbar ſein kuͤhnes Unternehmen; draußen tobte der Sturmwind mit verdop⸗ pelter Heftigkeit und brauſend wie aus einem Muͤhl⸗ wehre rauſchte unaufhoͤrlich der Regen auf die Straßen und Dacher der Haͤuſer nieder, ſo daß das wilde To⸗ ben der entfeſſelten Natur jeden andern Laut ſingend verſchlang. Wie groß war das Entzuͤcken des Fluͤcht⸗ lings, als die obere Thuͤrangel ſich aus dem zerbroͤckelten Geſtein loͤſte und raſſelnd zu Boden fiel. Mit durch ſo gluͤcklichen Erfolg maͤchtig angefeuertem Eifer bearbei⸗ tete er nunmehr die untere Angel auf gleiche Weiſe, und ehe eine Vietelſtunde verfloſſen war, verkuͤndete ein unterdruͤckter Triumpfruf den glaͤnzenden Sieg ſolcher Beharrlichkeit. Es bedurfte nur noch einer kleinen Nach⸗ hilfe ſeines ſtarken Armes, um die Thuͤr ſo weit zuruͤck⸗ zuziehen, daß eine Oeffnung, groß genug zum Durch⸗ ſchlupfen, entſtand, und dies war bald geſchehen. Wie eine Schlange ſchmiegte ſich Mathias durch den Spalt zwiſchen Thuͤr und Mauer, wand dann ſeine Kette wie⸗ der feſt um den Leib und tappte vorwaͤrts. Er befand ſich in einem ſchmalen, gewoͤlbten Gange, der jedoch nur wenige Schritte lang und am Ende durch eine niedrige Thuͤr verſchloſſen war. Schon war unſer Fluͤchtling, den das bisherige Gluͤck etwas uͤbermuͤthig gemacht zu haben ſchien, im Begriff, durch kraͤftige Stoͤße mit der Eiſenſtange das ſtarke Schloß aus den Bändern zu ſprengen, als eine jener kurzen Pauſen, in welchen Sturm und Wetter ermattet ſchweigen, um zu neuem Toben 131 Kraft zu ſammeln, gewiſſe Toͤne durch die Thuͤre dringen ließ, die es Mathias außer Zweifel ſetzten, daß er ſich vor dem Schlafgemache des Gefaͤngnißinſpectors befaͤnde. Ein tacktmäßiges Doppelkonzert, von zwei kraͤftigen Schnarchern ausgefuhrt, gebot ihm die hoͤchſte Vorſicht, während es ihm andererſeits zugleich wie eine Buͤrgſchaft der nahen Freiheit erſchien. Nachdem er das Thuͤrſchloß ſorgfaͤltig unterſucht und ſich von deſſen Beſchaffenheit genugend uberzeugt hatte, nahm er jenen langen, aus der Zelle mitgebrachten Brett⸗ nagel und bediente ſich deſſelben mit dem gluͤcklichſten Er⸗ folge als Diederich. Ohne Geräuſch offnete ſich die Thuͤr und Mathias befand ſich in einem huͤbſchen durch ein Nacht⸗ lämpchen ſparſam erleuchteten Zimmer. Hinter den Vor⸗ haͤngen, die das ſtattliche Ehebett verhuͤllten, ſchlummerte der Inſpector neben ſeiner theuren Haͤlfte und ahnte nicht, daß eben jetzt ein ſeiner Obhut Anvertrauter auf den Zehen an ihm vorbei und durch die offenſtehende Thuͤr in das nebenangelegene Wohngemach ſchlupfte. Um nicht irgendwo anzuſtoßen und durch ein ploͤtzliches Gerauſch die Schlaͤfer zu erwecken, nahm Mathias das Lämpchen vom Tiſche und gelangte ſo ungefaͤhrdet an eine letzte Thuͤr. Sie war von innen verriegelt und demnach im Augenblick geoffnet. Ein heftiger Luftzug ſtrömte dem Fluchtigen entgegen und verloͤſchte beinahe ſeine Lampe; aber mit unnennbarer Freude begrußte er dieſen erſten Kuß der freien Himmelsluft, die ihm aus einem offenen, unvergitterten Fenſter kuͤhl entgegen⸗ ſtroͤmte und auf ihren Schwingen die Freiheit trug! 9* 132 Er befand ſich in der Kuͤche, an welche nur durch eine duͤnne Wand getrennt der Vorſaal und die Treppe ſtießen. Von hier aus mußte er den Raͤumen des Gefaͤngniſſes entrinnen, denn ein leiſes Athmen verkuͤndete ihm, daß in dem Vorſaale die Magd des Inſpectors ſchlief, die die Thuͤre zur Treppe von innen verriegelt hatte und gewiß bei dem mindeſten Geraͤuſch erwachen und Laͤrm machen wuͤrde. Mathias ſetzte das Laͤmpchen aus der Hand und beugte ſich forſchend durch das Fenſter. Seine Ahnung hatte ihn nicht getaͤuſcht; ganz nahe, in der Diſtanz von etwa ſieben Fuß, ragten die Hintergebaͤude des ſtraße in den dunkeln Nachthimmel empor, und gerade dem Fenſter gegenuͤber bot der Winkel, welchen zwei aneinander grenzende Daͤcher bildeten, einen feſten Standpunkt. Aber wie da hinuͤber gelangen? Der Zwiſchenraum war allerdings nur gering und es hätte, bei ungehindertem Anlaufe und auf freiem Felde keines ausgezeichneten Gymnaſtikers bedurft zu dem leichten Sprunge; allein die unuͤberwindlichſten Hinderniſſe, ja die reine Unmoͤglichkeit des Gelingens ſtellten ſich jetzt Mathias entgegen. Denn das Fenſter war tief, aber ſo ſchmal, daß er nur mit Muͤhe und eng zuſammen gedruͤckt ſich hindurchzwaͤngen, demnach an ein ſo kuͤhnes Turnſtuͤcklein nicht denken konnte, ſelbſt wenn ſeine ſchweren Ketten ihn weniger belaͤſtigt haͤtten. Waͤhrend er nun ſehnſuͤchtig zum Himmel aufblickte, der ſchwarz, wie ein Trauerſchleier und von keinem Sternchen erhellt auf die ſchlummernde Erde niederhing, ſann und bruͤtete 133 er lange uͤber irgend ein Mittel des Entkommens, bis ein eben ſo verwegener als erfolgverſprechender Gedanke ihn ermuthigte und ſogleich an's Werk gehen hieß. Ma⸗ thias gedachte der langen Bretter, welche im Magazin ſo unſanft auf ihn herabgepoltert waren, und beabſich⸗ tigte nichts Geringeres, als eins derſelben zu holen und daraus eine Bruͤcke nach dem gegenuber liegenden Dache zu improviſiren. Ohne einen Augenblick zu zoͤgern, ſchlich er, ſein Laͤmpchen mitnehmend, in die Schlaf⸗ ſtube zuruͤck, durch den Gang, deſſen beide Thuͤren er offen ließ, in das Magazin. Bald war er an dem Orte angelangt, wo er vorhin, im Finſtern tappend, beinahe erſchlagen worden wäre; pruͤfenden Blickes wählte er ein langes, nicht allzuſchmales, aber feſtes Bret, lud ſolches queer uͤber die Schulter und trat, alſo belaſtet, den Ruͤckweg an. Nun erſt galt es die hoͤchſte Vor⸗ ſicht, hauptſächlich als er wieder in das Gemach des In⸗ ſpectors trat, denn wie leicht konnte er mit den beiden Enden des Brettes hier und da, beſonders beim Paſſiren der Thuͤre, anſtoßen und durch das Geraͤuſch die Schlä⸗ fer wecken?— Das Gluͤck iſt ſtets dem Kuͤhnen guͤn⸗ ſtig; Mathias balancirte ſeine gefaͤhrliche Laſt ſo geſchickt und vermied, trotz des duͤrftigen Lichtſcheines, den das Läͤmpchen ſpendete, ſo gewandt die Ecken und Vorſpruͤnge auf ſeinem Wege, daß er wohlbehalten wieder das ret⸗ tungverheißende Fenſter erreichte, und nachdem er noch einen Blick auf die menſchenleere Straße hinabgeworfen hatte, ſogleich ſeine Zugbruͤcke zu conſtruiren begann. * 134 Das Brett war ungefaͤhr zehn Fuß lang und reichte demnach zu Mathias großer Genugthuung allerdings bis in den Winkel zwiſchen den beiden Nachbardaͤchern hin⸗ uͤber; gleichwol blieb es immer ein nicht geringes Wag⸗ ſtuͤck, auf einem ſo ſchmalen und ſchwankenden Stege in der Hoͤhe von vierzig Fuß durch die Luft zu ſpazieren, und Manchen moͤchte wol der Gedanke daran mit Schwindel erfuͤllt haben. Mathias aber hatte ſich nicht ſobald von der feſten Lage der Haltbarkeit der Planke uͤberzeugt, als er, mit einem froͤhlichen Blicke Abſchied nehmend von dem Gefaͤngniſſe, in der Rechten das Beil, mit der Linken das Brett umſchlingend, einer Schlange gleich zum Fenſter heraus und auf der einen Fuß brei⸗ ten Flaͤche langſam und vorſichtig fortrutſchte. In der naͤchſten Minute befand er ſich auf dem jenſeitigen Dache und die kuͤhne Flucht war gelungen! Mathias athmete auf, als ſei eine Centnerlaſt von ſei⸗ ner Bruſt genommen.„Wiſſen moͤcht' ich, was man zu meiner Flucht ſagen wird!“ dachte er, als er behut⸗ ſam das Brett zu ſich heruͤberzog und es in der Hoöͤh⸗ lung der Dachrinne verbarg—„fuͤrwahr, es wird's mir Keiner ſo leicht naͤchmachen, und ich denke, die Leute werden noch lange von der Flucht des Mathias Kloſter⸗ meier reden!“ In dieſem Augenblick ſchlug es zwoͤlf Uhr; in we⸗ niger als drei Stunden alſo hatte Mathias ſein Werk vollendet, einen ſtarken Fußboden durchbrochen, vier Thuͤren geoͤffnet und mit den mangelhafteſten Werkzeugen 135 Schranken von Eiſen, Holz und Stein aus dem Wege geraͤumt! Aber noch war ſeine Freiheit nicht geſichert, noch umrauſchte ihn nicht gruͤßend das Laubdach ſeiner Waͤlder, noch druͤckten ſchwere Ketten ſeinen erſchoͤpften Koͤrper. Ja, erſchoͤpft war er bis zum Tode! So lange ein feſtes Ziel und die ſtete Gefahr der Entdeckung ihn unermuͤdlich vorwaͤrts trieben und zu den aͤußerſten An⸗ ſtrengungen vermochten, hatten die fieberhafte Erregung, das Bangen und Erwarten und die eiſerne Entſchloſſen⸗ heit des Willens ihm faſt uͤbermenſchliche Krafte ver⸗ liehen; jetzt, wo er ſich wenigſtens vor der unmittelbaren Gefahr geſichert wußte, ließ dieſe Spannung der Nerven ploͤtzlich nach, und einer Ohnmacht nahe ſtreckte er ſich auf die anſteigende Flaͤche des Daches hin, ein wenig auszuruhen, ehe er zu weitern Unternehmungen fort⸗ ſchritte. Aber das war kein behagliches Lager, und nur ein Geaͤchteter, Vogelfreier mochte es waͤhlen. Zwar ſtroͤmte der Regen nicht mehr mit jener Heftigkeit herab, wie waͤh⸗ rend der beiden letztverfloſſenen Stunden, aber noch immer rieſelte es fein und kalt aus dem dicken Nebelgewoͤlk, welches der Sturmwind in ſchweren, phantaſtiſchen Maſſen am Horizont hinjagte. Um den Fluͤchtling herum brauſte und ſchnob es, bald ſtrich ein gellendes Pfeifen uͤber ſeinem Haupte hin, bald murmelte es hohl und tief zwiſchen den ausgezackten Giebeldaͤchern, und ſchrillend kreiſchten auf den Forſten und Schornſteinen die Wetter⸗ fahnen um ihre roſtigen Spindeln. Bald fuͤhlte ſich Mathias von eiſigem Froſt durchſchauert und ſeine Zähne * 136 ſchlugen zuſammen. Als er ſich wieder emporrichtete, waren ſeine Glieder faſt erſtarrt und ein dumpfer Kopf⸗ ſchmerz lag ſchwer und druͤckend auf ſeinen Augenliedern. „Es wird ohne ein Fieber nicht abgehen!“ murmelte er und ſuchte durch eine raſche Bewegung der Arme ſich Wärme und Gelenkigkeit anzueignen—„mag es immer⸗ hin ſein, wenn ich nur erſt den Lech im Ruͤcken habe. Um aber dahin zu gelangen, muß ich erſt drei oder vier dieſer verd— ſteilen Daͤcher uͤberklettern und irgend eine Lucke ſuchen, wo ich hineinſchlüpfen kann. Was dann weiter geſchehen ſoll, wie ich mich von meiner Kette be⸗ freien und aus der Stadt kommen werde, das weiß der liebe Gott!— indeß— kommt Zeit, kommt Rath!“ Wenn jetzt der Nachtwächter, der tief in ſeine Kutte gehuͤllt langſam und mit ſchluͤrfenden Schritten unten das Gaͤßchen durchwanderte, zufallig in die Hoͤhe ge⸗ ſchaut haͤtte, wuͤrde er zu ſeiner warlich nicht geringen Verwunderung einen Menſchen erblickt haben, der auf Haͤnden und Fuͤßen kriechend, einer Katze gleich, die ſtei⸗ len Giebeldaͤcher uberkletterte, oft minutenlang rittlings auf den Firſten ſitzen blieb, augenſcheinlich um etwas auszuruhen und ſorgſam umherzuſpaͤhen, und dann wie⸗ der flink auf der andern Seite hinabklimmte. Abher glucklicherweiſe verſpurte der gute Mann keine Luſt, et⸗ was Anderes als das Steinpflaſter zu bewachen und ſich den Staubregen in's Geſicht ſchlagen zu laſſen, und Mathias hatte bereits drei oder vier Daͤcher ungefaͤhrdet und ungeſehen paſſirt, als eine vorſpringende, offene —.,. Lucke ihn gaſtlich einzuladen ſchien, fur heute ſeine an⸗ ſtrengende Wanderung zu beendigen und einen verſteckten Winkel als Obdach zu ſuchen. Der zum Tode ermattete Fluͤchtling fuͤhlte zu lebhaft das Bedurfniß der Ruhe, als daß er ſeine gefaͤhrliche Pilgerfahrt eigenſinnig fort⸗ geſetzt hätte; er ſchluͤpfte vielmehr durch die ſchmale Oeffnung und tappte in dem ſtockfinſtern Raume, der ihn umgab, vorſichtig weiter, bis er an eine Leiter ſtieß, die nach den oberſten Raͤumen des Dachbodens fuͤhrte. „Da aber will ich mich verbergen!“ dachte er—„Hof⸗ fentlich kommt morgen den Tag uͤber Niemand hier herauf, und ich werde ruhig die naͤchſte Nacht abwarten können, um auf irgend eine Weiſe aus der Stadt zu gelangen.“ Als er die wenigen Sproſſen erſtiegen hatte, machte er die angenehme Entdeckung, daß er ſich in einem engen Raume befand, der faſt ganz mit friſchem, weichem Stroh angefuͤllt war. Das war eine Lagerſtaͤtte, wie ſie der Arme nicht herrlicher wuͤnſchen konnte! Zitternd vor Froſt kroch er tief hinein zwiſchen die uͤbereinander geſchichteten Buͤndel, ſo daß Jemand, der zufaͤllig her⸗ aufgekommen waͤre, nicht eine Fußſpitze des ungebetenen Gaſtes erblickt haben wuͤrde. Das Beil, ſeine einzige Vertheidigungswaffe, legte er fuͤr den Fall eines plöt⸗ lichen Angriffes neben ſich— denn er hatte den feſten Entſchluß gefaßt, ſein Leben theuer zu verkaufen— und ehe ein paar Minuten verſtrichen waren, hielt ein tiefer, eiſerner Schlaf ſeine Sinne gefeſſelt. „ 138 Erſt ſpaͤt am andern Tage erwachte er friſch und neugeſtaͤrkt. Nicht ohne Muͤhe wuͤhlte er ſich aus der weichen, warmen Lagerſtätte heraus und ſah, wie die Sonne hell durch eine ſchmale, fenſteraͤhnliche Oeffnung hereindrang und ſelbſt der ſtaubigen, engen Polterkam⸗ mer, die ihm Schutz und Obdach verliehen hatte, ein freundliches Anſehen gab. Nachdem er ſich den Schlaf aus den Augen gerieben und die Strohhalme aus Haar und Bart gezupft hatte, ſtellte er ſich an die Lucke und uberlegte, waͤhrend der wuͤrzige Hauch der Luft ſeine Bruſt wohlthaͤtig erweiterte, was nunmehr zu thun und auf welche Weiſe uͤberhaupt aus der Stadt zu kommen ſei; fuͤrwahr keine geringe Aufgabe fuͤr einen Menſchen mit verwildertem unraſirtem Geſichte, zerfetzten Kleidern, und, was das Bedenklichſte war, mit einem eiſernen Reifen und einer klirrenden Kette um den Leib. So viel er aber auch ſann und meditirte, ſo fand er den⸗ noch nur einen zweckmaͤßigen und Erfolg verſprechen⸗ den Ausweg. Vor allen Dingen nehmlich mußte ihm eine Veränderung ſeiner Garderobe am Herzen liegen; ein langer, faltiger Mantel zum Beiſpiel und eine tief die Stirn beſchattende Muͤtze waͤten wol geeignet geweſen, ihn unkenntlich und ſeine Kettenlaſt unſicht⸗ bar zu machen. Im Beſitz dieſer ſehnlichſt herheige⸗ wuͤnſchten Utenſilien hätte er bei einbrechender Finſter⸗ niß unbefangen ſeinen Verſteck verlaſſen und wäre mit der Miene und Haltung eines Spaziergaͤngers zum Thore hinausgeſchlendert. Da Mathias, nachdem er dieſen vor⸗ 139 trefflichen Entſchluß gefaßt und ſich im Geiſte ſchon in die Freiheit hinausgetraͤumt hatte, wol einſah, daß Nie⸗ mand ihm dies benoͤthigte Coſtuͤm heraufbringen und feierlich, wie die Schlüſſel einer Feſtung, uͤbergeben werde, entwickelte ſich endlich als zweites Reſultat ſeines Nach⸗ denkens an der Dachlucke der Vorſatz oder vielmehr die eiſerne Nothwendigkeit, ſich um jeden Preis in den Beſitz einer Verkleidung zu ſetzen und in dieſer edlen Abſicht bei gelegener Zeit irgend einen unbewachten Kleiderſchrank oder ein offenes Zimmer des Hauſes sans fagon zu pluͤndern. Demgemaͤß warf Mathias einen forſchenden Blick auf ſeinen Schlafkäficht, konnte aber nichts, einem Kleide aͤhnliches entdecken; dann ging er an die Lucke, kuckte hinab und ließ ſeine Augen luͤſtern auf mehren großen Truhen und Kaſten ruhen, die dort unter vielem altem Mobiliare laͤngs der Dachſparren hin ſtanden. Eifrige Wuͤnſche machen kuͤhn, und ſo darf es uns nicht wundern, daß der Fluͤchtling, nachdem er ſich uͤberzeugt, daß außer friedlichen Ratten und Maͤuſen kein lebendes Weſen da unten hauſte, die Stiege hinabkroch und mit einem ſeiner Brettnaͤgel in der Hand ſich dem groͤßten und dickteibigſten der Kaſten naͤherte, in keiner andern Abſicht, als deſſen ſchwere Vorlegeſchloͤſſer zu entwaffnen und ſich mit ſeinem Inhalte bekannt zu machen. Er befand ſich jetzt in einem weiten hellen Raume, der un⸗ gefaͤhr die Halfte des untern Dachbodens einnahm; eine Bretterwand mit einigen Thuͤren trennte ſie von ein⸗ ander und Mathias glaubte, aus einigen Anzeichen ** 140⁰ ſchließen zu duͤrfen, daß innerhalb des Verſchlages wahr⸗ ſcheinlich einige Dachſtuͤbchen die Reſidenz irgend eines armen Teufels ſeien. Von dieſer Betrachtung beun⸗ ruhigt legte er erſt das Ohr an das Schluͤſſelloch der einen Thuͤre, und da er zu ſeinem Verdruſſe ein leiſes Geraͤuſch zu vernehmen glaubte, endlich auch das Auge, welche Demonſtration ſich in der That als außerſt zweck⸗ mäßig erwies. Mathias ſah namlich in der Mitte eines engen, armſelig meublirten Gemaches einen Mann auf der Diele knieen, der eifrig beſchaͤftigt war, mit mit einem wollenen Lappen irgend etwas Glaͤnzendes noch glaͤnzender zu machen. Er trug eine weiße, ge⸗ ſtreifte Zipfelmutze, die, weit uͤber die Ohren herabge⸗ zogen, das Daſein einer ſtattlichen Glatze errathen ließ, und einen bedeutende Riſſe und Defekte darbietenden Schlaf⸗ rock von buntem Kattun, unter welchem ein paar duͤrre, mit wollenen Unterbeinkleidern geſchmuͤckte Beine ſchalk⸗ haft verſchämt hervorleuchteten. Vor dieſer liebenswuͤr⸗ digen Perſonlichkeit ſtand gleichfalls auf dem Boden ein langer Kaſten, uber deſſen Rand der ellenlange Griff eines verroſteten Ritterſchwertes, etliche Helme, Kuͤraſſe, Pickelhauben und die Muͤndung einer alten Muskete maleriſch herausragten. Der Antiquitätenſammler, denn dieſen Beruf ſchien ihm ſeine emſige Beſchaͤftigung zu vindiciren, kehrte dem Lauſchenden den Ruͤcken, plötzlich aber wendete er ſich raſch um, denn Mathias hatte un⸗ vorſichtigerweiſe mit dem Kopfe gegen den Thuͤrgriff ge⸗ ſtoßen, und durch dieſes Manöver herbeigefuhrt, ward 4 14]1 ihm die angenehme Ueberraſchung, daß die Thur ſich vlötzlich von ſelbſt nach innen oͤffnete und zwar mit einer Schnelligkeit, die dem Verdutzten nicht erlaubte, ſich aus ſeiner gebuͤckten Spionir- und Horcherſtellung aufzuraffen. Im erſten Augenblicke machte der Ertappte ein ziemlich duͤpirtes Geficht, ganz entſprechend der bei⸗ nahe verſteinerten Phyſiognomie des alten Herrn im Schlafrocke, der vermuthlich den Geiſt eines der rieſigen Helden, deſſen Waffenruͤſtung er eben von dem ehrwuͤr⸗ digen Roſte befreit, vor ſich zu ſehen glaubte. Beide glotzten ſich einige Sekunden lang mit nicht beſonders ausdrucksvollen Mienen an; Mathias erinnerte ſich, ſein vis à vis ſchon irgendwo vor laͤngerer Zeit geſehen zu haben, und in der That bewirkten die knieende Stellung und der Stempel des Schrecks in dem gutmuͤthigen, faltenreichen Geſichte des Alten, daß der Juͤngere ploͤtz⸗ lich zu der Ueberzeugung gelangte, den Schatzgräber aus den Ruinen des Jagdſchloſſes, den wohlehrwuͤrdigen Ma⸗ giſter Tilleſius vor ſich zu haben. Und dieſe Erinnerung war ein Gluͤck und kam zur rechten Zeit; denn der Alte, dem das ploͤtzliche Erſcheinen eines zerlumpten, mit Ket⸗ ten belaſteten Menſchen durchaus nicht ſehr beruhigend vorkam, hatte ſich kaum von dem erſten, jaͤhen Entſetzen erholt, als er den Mund zu einem Hilfegeſchrei oͤffnete, welches, wenn es der enormen Weite deſſelben entſprach, gewiß nicht blos das ganze Haus, ſondern auch die Be⸗ wohner der Nachbarſchaft zuſammenrufen mußte. „Ei, guten Morgen, Herr Magiſter!“ nahm daher * 142 Mathias, den die Gegenwart des Geiſtes nie verließ, raſch das Wort—„wer haͤtte gedacht, daß wir uns nach zwei Jahren wiederſehen wuͤrden? Nun, wie ſteht's mit Ihrer Lieblingsbeſchaͤftigung? ſuchen immer noch Raritaͤten und Merkwuͤrdigkeiten, wie ich ſehe; aber mit der Schatzgraberei iſt's aus, wenigſtens in den Ruinen bei Boos, wie? wiſſen Sie noch, das die Geſpenſter dort fuͤr'nen frommen Singſang anſtimmten und wie ich in das Loch fiel, das Sie da gegraben hatten? Nun, ich erwiſchte das Geſpenſt, und als ich zuruͤckkam, um es Ihnen vorzufuͤhren,— hui, da waren Euer Wohl⸗ ehrwuͤrden fort wie weggeblaſen und erſt heute wird mir das abſonderlich angenehme Vergnuͤgen, Sie wiederzu⸗ ſehen. Nun, ich bitte, laſſen Sie ſich nicht ſtören— thun Sie, als wenn ich gar nicht da waͤre.“ Der Herr Magiſter war aber durchaus nicht im Stande, dieſer gutgemeinten Auffoderung Folge zu lei⸗ ſten; in einer Hand einen alten Ritterſporn, vielleicht von unſchätzbarem, hiſtoriſchem Werthe, die andere mit dem Wollefleckchen wie zur Abwehr weit vorgeſtreckt, unterdruͤckte er, von der Beredſamkeit ſeines Gaſtes foͤrmlich betaͤubt, allerdings das Hilfegeſchrei, gleichwol dauerte es lange, ehe er aus dem ſtaubigen Wuſte ſeiner antiquariſchen Erinnerungen jenes nächtliche Zuſammen⸗ treffen in den Ruinen hervorſuchen und es mit der Per⸗ ſoͤnlichkeit des vor ihm Stehenden in Verbindung brin⸗ gen konnte. Und ſelbſt als dieſes pſychologiſche Epperi⸗ ment ſo ziemlich gelungen war, beeilte er ſich durchaus 143 nicht, Herrn Kloſtermeier etwa freudig um den Hals zu fallen und ihn zu begruͤßen wie einen alten Bekann⸗ ten, vielmehr zeigte er, ſo oft ſein aͤngſtlicher Blick auf den Eiſenreifen und die Kette fiel, nicht uͤbel Luſt, durch ein gewaltiges Gebrull gegen jeglich Gewaltthat und Be⸗ raubung kraͤftigſt zu proteſtiren. Mathias ſcharfer Blick ſchien die Seele des Magiſters zu durchdringen und, um der Sache ein Ende zu machen und Alles auf eine Karte zu ſetzen, faßte er den raſchen Entſchluß, ſich ohne Ruͤckhalt dem alten Manne, aus deſſen Zuͤgen die kind⸗ lichſte Herzensguͤte leuchtete, anzuvertrauen und wenn nicht ſeinen Beiſtand, doch wenigens ſein Stillſchweigen zu erlangen. Geſagt, gethan! Indem er ſich ſtellte, als bemerke er den Schreck und die Aufgeregtheit des Herrn Tilleſius nicht, machte der Fluͤchtling mit groͤßter Ruhe die Thuͤr hinter ſich zu und warf ſich dann ſehr ge⸗ maͤchlich in einen alten zerriſſenen Lehnſtuhl. Nachdem er einleitend nochmals jene abenteuerliche Begegnung unter dem Jagdſchloſſe erwaähnt und ſo ganz beiläufig, aber klug berechnet, die Bemerkung hatte einfließen laſ⸗ ſen, es ſeien in den Gewoͤlben alldort allerdings Selten⸗ heiten und vielleicht auch etliche mit Gold gefullte Toͤpfe mit leichter Muͤhe außzufinden— welche Andeutung ur⸗ plotzlich alle Angſt und Befangenheit aus den Zuͤgen des Magiſters verwiſchte und ihm die Miene eines auf⸗ merkſamen, geſpannt lauſchenden Zuhörers verlieh— nachdem er alſo bei jener Affaire begonnen hatte, lieferte er eine kurze, das Gepraͤge der Wahrheil tragende Schil⸗ * 144 derung ſeiner Schickſale und ſchloß mit der Beſchreibung ſeiner Gefangennehmung und ſeiner Flucht aus dem Ge⸗ fängniſſe.„Ich ſehe, Sie nehmen Theil an mir, ehr⸗ wuͤrdiger Herr Magiſter!“ endete Mathias ſeinen bered⸗ ten Vortrag,—„und ich darf wol nicht laͤnger furch⸗ ten, daß Sie einen hilfloſen, bedauernswerthen Menſchen verrathen werden. Ja, ich wage ſogar die Bitte, helfen Sie mir weiter fort, was ſehr leicht gethan iſt. Sie verbergen mich heut' den Tag uͤber in dieſem Zimmer, waͤhrend welcher Zeit ich Muße habe, den verdammten Eiſenring durchzufeilen; dann, wenn es finſter wird, leihen Sie mir einen langen Rock, Hut und Perruͤcke, und uͤberlaſſen es mir, gluͤcklich hinauszukommen. Sie ſollen mich dankbar finden, liebwertheſter Herr Magiſter; nicht allein allerlei huͤbſche Raritaͤten werde ich Ihnen zuſenden, zum Exempel eine alterthuͤmliche Piſtole mit einem Radſchloſſe, Pfeilſpitzen ans der Roͤmerzeit, etliche Toͤpfe und Vaſen aus gebranntem Thon, die ein Bauer bei Ulm in einem heidniſchen Grabe gefunden und mir fuͤr eine Billigkeit uͤberlaſſen hat—“ „Roͤmiſche Vaſen! Toͤpfe aus gebranntem Thon! Amphoras oder Thraͤnenkruͤge! welch ein Fund!“ unter brach hier der Magiſter leuchtenden Auges den Sprecher und reichte ihm im Vorgefuͤhle entzuͤckter Dankbarkeit die Hand—„Hoͤret, mein Herr Wildſchuͤtz und Aus⸗ reißer, Ihr ſollt mich einen Luͤgner, einen falſchen Men⸗ ſchen nennen, wenn ich Euch nicht aus der Noth helfe. Nicht, daß Euer Anerbieten von wegen der koſtbaren 14⁵ Antiquitates mich zu einer menſchenfreundlichen, wiewol nicht voͤllig vor dem Geſetz zu entſchuldigenden Handlung beſtimmt haͤtte, wenn ich auch nicht leugnen will, daß Ihr mir damit eine große Freude machen werdet—“ „O Sie Juwel von einem Magiſter!“ fiel dem guten Alten Mathias in's Wort—„wer haͤtte damals gedacht, als ich Sie bei der Schatzgraͤberei uͤberraſchte und von Ihnen fuͤr ein Geſpenſt gehalten wurde, daß Sie mir der Helfer in der groͤßten Noth ſein wurden! Geſchwind ſchaffen Sie jetzt eine Feile her, denn es graut mir vor mir ſelber, ſo lange die Ketten mich noch um⸗ raſſeln, und dann laſſen Sie uns Ihre Garderobe nach einer fuͤr mich tauglichen Vermummung durchmuſtern. Sie ſollen bezahlt werden. gelehrter Herr, daß Sie den Handel nimmer bereuen duͤrfen!“ Der Magiſter machte kopfſchuttelnd eine abweiſende Geberde; Mathias aber fuhr fort:„Ei, mein Anerbieten darf Sie nicht kraͤnken; wären Sie ein reicher Mann, der die Anzuͤge dutzendweiſe im Schranke hängen hat, nun— da wuͤrde ich mich nicht lange beſinnen, einen als Geſchenk anzunehmen. Aber Sie ſind arm, wie die meiſten Gelehrten und Poeten, das enge Dachſtuͤblein verraͤth es genugſam und— gewiß Sie ſind ein zu geſcheuter Mann, als daß Sie ſich einer unverdienten Duͤrftigkeit ſchaͤmen ſollten, am wenigſten vor mir, der ich weniger Beſitz und Heimath habe, als der Vogel in der Luft und das Reh im Walde.“ 1. 10 * 146 „Siiſt ſchon recht,“ entgegnete der Magiſter mit trubem Lächeln—„ich bin nicht vielmehr als ein Bett⸗ ler und die Wiſſenſchaft, nunmehr meine einzige Freun⸗ din auf der Welt, iſt eigentlich Schuld an meinem Un⸗ gluͤck, weshalb ich ſie jedoch keineswegs gering achte. Indeß,“ ſetzte er lebhafter hinzu,„wir plaudern da und vergeſſen ganz das zunaͤchſt Liegende. Alſo gleich will ich hinunter gehen und von dem Schloſſer in der Nach⸗ barſchaft eine Feile borgen, auch ein Toͤpfchen friſcher Milch an der Straßenecke einkaufen, daß es Euch wenig⸗ ſtens nicht an einem Fruhſtuͤcke mangele. Es verſteht ſich eo ipso, daß Ihr waͤhrend meiner Abweſenheit die Thuͤr verriegelt haltet und jegliches Geräuſch vermeidet. Im Laufe des Tages ſollt Ihr mir Eure Vermuthungen uͤber die in jenem verhaͤngnißvollen Jagdhauſe vielleicht noch verborgenen Schaͤtze und Alterthuͤmer mittheilen, und ſobald die Nacht einbricht, marſchirt Ihr wol vermummt als ein alter Knaſterbart zum Thor hinaus.“ Mathias zeigte ſich mit den Maßregeln des guten Magiſters voͤllig einverſtanden und dieſer verließ, nach⸗ dem er nicht ohne einige Beſchaͤmung ein altes, abge⸗ ſchabtes Roͤcklein angezogen und eine jämmerlich deran⸗ girte Perruͤcke auf den Schäͤdel geſtuͤlpt hatte, das Ge⸗ mach und huſchte die Treppe hinunter. Der Fluͤchtling verriegelte von innen die Thuͤr und uͤberließ ſich dann, bequem in den vorſuͤndfluthlichen Lehnſtuhl zuruͤckgelehnt, einem ernſten Nachſinnen, welches die Ereigniſſe der juͤngſten Vergangenheit an den Augen ſeines Geiſtes vor⸗ 147 uberfuhrte. Daß es nicht heitere Gefuͤhle waren, die ſein Herz druckten und deſſen Pulsſchlag zu hemmen ſchienen, daß nicht anmuthige Bilder und die Hoffnung einer freundlichen Zukunft ſeine Seele ſpielend umgau⸗ kelten, das verrieth der duͤſtere Blick, die finſter zuſam⸗ mengezogenen Braunen und das kummervoll in die Hand geſtuͤtzte, bleiche und abgemagerte Antlitz. Der Stolz auf das gluͤckliche Gelingen ſeiner Flucht, das erhebende, entzuͤckende Gefuͤhl der wiedererlangten Freiheit trat mehr und mehr in den Hintergrund zuruͤck und wich endlich ganz der marternden Vorſtellung: Du biſt ein Ausge⸗ ſtoßener, Verfehmter, auf deſſen Namen der Fluch des Verbrechens und die Schmach einer entehrenden Strafe ruhen; Du haſt keine Heimath mehr, keine Sicherheit, keinen Frieden und keine Freude!“ Das Bild der ge⸗ liebten Gertrud ubte nicht, wie es ſonſt wol zu geſchehen pflegte, eine milde, beſänftigende Wirkung auf des Tief⸗ gebeugten Gemuͤth, vielmehr ſteigerte es ſeinen Schmerz und miſchte ihm jenes bittere, zermalmende Gefuͤhl der Erkenntniß des eigenen Unwerthes bei.— Weiter und weiter ſchweiften ſeine Gedanken, bis ſie endlich ein truͤ⸗ bes Geſpenſt, das Gedenken jenes Tages heraufbeſchwo⸗ ren, der ihn des Vaters beraubte. Da wich die innere Zerknirſchung vor den heißen Flammen des lange geheg⸗ ten Grolles; ſeine Augen blitzten, und während ſeine Bruſt ſich ſchmerzhaft zuſammenzog bei der ſchrecklichen Ruͤckerinnerung, fuͤhlte er dennoch eine geweihte Beru⸗ higung, eine truͤgeriſche Rechtfertigung, durch welche der 10* * 148 auf dem ſtuͤrmiſchen Meere ungebaͤndigter Leidenſchaften herumgetriebene Menſch nur zu oft ſich ſelber täͤuſcht. Er gedachte ſeines Eides, den er damals geſchworen, und glaubte, durch jenes Ungluͤck ein Recht, ja die Verpflich⸗ tung erhalten zu haben, einen ſteten Kampf mit dem Geſetze zu kaͤmpfen und das ihm zugefuͤgte, unermefliche Leid beharrlich an denen zu raͤchen, die irgend wie ſich ihm entgegenſtellten. Von der inneren Bewegung fort⸗ geriſſen, ſprang er auf und ſchritt haſtig in dem engen Gemache auf und ab; da fiel ſein zerſtreuter Blick auf eine Reihe alter, ſtaubiger Folianten, welche ihren Platz auf einem gebrechlichen Repoſitorium uͤber der Lager⸗ ſtaͤtte des Magiſters hatten. Die lateiniſchen Inſchriften auf der Ruͤckſeite verkuͤndeten ihren theologiſchen oder hiſtoriſchen Inhalt, und Mathias war im Begriff, ſeine Wanderung wieder zu beginnen, als eines dieſer Buͤcher, und zwar das groͤßte und dickleibigſte, durch ſeine Auf⸗ ſchrift Erinnerungen und Hoffnungen in ihm weckte, die jeden andern Gedanken ſchnell verbannten. Raſch holte er das ſchwere Opus herunter, warf es auf den Tiſch, daß der Staub in dicken Wolken aus den ſeit Jahren nicht mehr beruͤhren Blaͤttern hervorwirbelte, und ſchlug den Titel auf. Da ſtand in großer, mit aller⸗ hand Schnoͤrkelzugen verbraͤmter Frakturſchrift: Kirchenbuch derproteſtantiſchen Gemeinde in Dillingen. Das iſt: Verzeichniß ſaͤmmtlicher Geburten, Trauungen 149 und Begraͤbniſſe, ſo in beſagter Dioͤceſe ſeit dem Jahre Unſers Herrn 1706 arrivirt und von den Herren Pa⸗ ſtoren und Praefectis ecclesiae hier eigenhaͤndig in⸗ ſcribirt worden. „Halloh! welch ein guter Geiſt hat mich hieher ge⸗ fuͤhrt!“ rief Mathias in freudigem Schreck—„bei allen Heiligen, das iſt ja ſelbiges Buch, welches Herr Andreas eben ſo eifrig geſucht hat, als der Graf von Waldſees. Richtig? richtig! Lilleſius war es ja wol, der jene Trauung verrichtete, auf welcher die glaͤnzenden Hoff⸗ nungen meines Freundes beruhen— des Magiſters Name ſtand unter jenem Dokumente, das wahrſcheinlich nunmehr laͤngſt in Rauch und Feuer aufgegangen iſt! Heidi! laßt doch ſehen, ob wir das Original finden koͤnnen.“ Mit fliegender Haſt durchblatterte er den Folianten. Die Nummer jedes Jahrganges ſtand oben an den Blatt⸗ ſeiten, und ſo war es nicht ſchwer, die Kirchenliſte des Jahres 1743 zu finden. „Hurrah! Victoria!“ ſchrie er plotzlich auf, ſein Verſteck und die Gefahr, welcher er ſich durch ſolche Munterkeit ausſetzte vergeſſend uͤber den Anblick einiger Zeilen, die ihm ſo wolbekannt und freundlich in ihrer ſteifen, aktenmaͤßigen Haltung aus dem dicken Perga⸗ mentpapier eutgegenlachten, als ſeien es die zarten Schrift⸗ zuge eines Liebesbriefes. Da ſtand ja groß und breit: Anno Domini Siebenzehnhundert dreiund⸗ 150 vierzig am St. Johannistage haben den Bund der heiligen Ehe geſchloſſen ꝛc. ꝛc. ꝛc., Wort fuͤr Wort gleichlautend mit dem Dokumente im Medaillon; da klebte ja roth und in prahlender Feier⸗ lichkeit das maͤchtige Kirchenſiegel— kurz, Alles voll⸗ kommen unverſehrt, durchaus guͤltig und rechtskraͤftig. Ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen, ergriff Mathias ein auf dem Tiſche liegendes Federmeſſer und begann das wichtige Papier herauszuſchneiden, als der Magiſter mit einem tuͤchtigen Topfe Milch und einem Brote ein⸗ trat, und verwundert dem Beginnen ſeines Schuͤtzlings zuſah.„Fheu! was thut Ihr da, Carissime?“ fragte er kopfſchuͤttelnd—„bedenket, daß Ihr ſo eben das letzte und einzige Andenken an meine fruͤhere Amtswirkſamkeit zerſtoͤrt. Ich habe bei meinem Abzuge aus Dillingen dieſes alte und nicht mehr benutzte Kirchenbuch mit mir genommen, um es kunftig zu botaniſchen Zwecken, als eine Pflanzenpreſſe gleichſam zu gebrauchen. „Der liebe Gott laſſe es Ihnen wohlgehen fuͤr die⸗ ſen geſcheidten Gedanken!“ entgegnete Mathias, faltete das herausgeſchnittene Dokument zuſammen, packte es ſorgfaͤltig in einen drei- und vierfachen Umſchlag von ſtarkem Papier und wendete ſich dann an den Magiſter, der noch immer mit dem Fruͤhſtuͤck in der einen und einer Feile in der andern Hand auf der Schwelle ſtand und das unverkennbare Wohlbehagen auf des Fluͤchtlings Antlitz nicht recht zu begreifen ſchien. Dieſer aber ver⸗ ſchloß ſorgfaͤltig wieder die Thuͤr, ließ dann den guten 151 Alten auf den Armſeſſel niederſetzen und erzählte ihm mit leiſer Stimme das Schickſal des Junker Andreas und die betruͤgeriſche Bosheit des Grafen Waldſees. Tilleſius war ganz Ohr und unterbrach den Sprecher nur, als jener der Verheirathung des Grafen Chriſtoph mit Margarethe Rottmeier aus Poͤrnberg erwaͤhnte. „Beim Styr, ich ſelber habe die heilige Handlung voll⸗ zogen!“ rief er—„und ich weiß es noch, als waͤre es geſtern geweſen. Sie wurden ſpaͤt am Abend getraut; der Herr Graf Chriſtoph, dem ich uͤberdies viele Ver⸗ bindlichkeiten ſchuldete, war ſo lange in mich gedrungen, bis ich mich nicht laͤnger weigern konnte, ſeiner laller⸗ dings unpaſſenden und ſtraflichen Verbindung die Weihe des Sakramentes zu ertheilen. Ich hatte mir vorge⸗ nommen, dem leichtſinnigen Paare eine eindringliche Straf⸗ und Ermahnungsrede zu halten, aber— o Him⸗ mel, als die Braut ihren Schleier zuruͤckſchlug und mir das blaſſe Antlitz eines leibhaftigen Engels entgegenleuch⸗ tete, da waren die zuͤrnenden Worte alle aus meinem Gedachtniſſe getilgt und ich ſprach ſaͤnftiglich und nicht ohne große Ruͤhrung.“ „Nun, diesmal ſoll Andreas Sieger bleiben im Kampfe mit ſeinem habſuͤchtigen und verbrecheriſchen Oheim!“ rief Mathias aus.„Hoͤrt, welchen Plan ich fuͤr den Junker ausgedacht habe. Wenn der Abend da iſt, verlaſſe ich die Stadt; um Mittag des andern Tages kann ich das Jagdhaus erreicht haben, wo ich Andreas zuverſichtlich treffe. Dann erhaͤlt er das Dokument, * 152 reiſt nach Muͤnchen, und es muͤßte doch eine ſonderbare Welt ſein, wenn nicht der Graf Andreas von Waldſees bei unſerm edlen Kurfuͤrſten eine Audienz und in der⸗ ſelben nach offenem Bekenntniſſe Verzeihung und Ver⸗ geſſen fuͤr das bischen Wilddieberei erhielte, das er, von Noth und Hunger gedraͤngt, getrieben hat. Dann leitet er ſogleich und auf der Stelle den Proceß gegen den Raͤuber ſeines Vermoͤgens ein, und ich will nicht Kloſter⸗ meier heißen, wenn der alte Suͤnder, von Graus und Entſeßen ergriffen, ſich nicht am Ende wie ein Wurm kruͤmmt und nun den Neffen um Gottes Willen bittet, ſeine Tochter zu heirathen! Was meint Ihr dazu? Herr Magiſter?“ „Optime! fuͤrtrefflich!“ rief der Expaſtor und rieb ſich vergnuͤgt die Hände—„die Wahrheit muß an's Licht kommen und Geiz und Bosheit den gerechten Lohn finden. Ich werde gleichfalls eine erlaͤuternde und be⸗ ſtaͤtigende Eingabe bei den hochweiſen Gerichten einreichen und jeglicher Auffoderung zum perſoͤnlichen Zeugniſſe promple nachkommen. Was mir jedoch bedenklich er⸗ ſcheint, iſt, daß Ihr ſelbſt das Dokument an Euch neh⸗ men und es dem jungen gnaͤdigen Herrn Andreas ein⸗ haͤndigen wollt: Ihr ſeid auf der Flucht und ſo wenig ich glaube, daß Ihr auf Eurem Wege wieder gefangen werden oder ſonſtige Calamitaͤt erfahren koͤnntet, ſo waͤre es doch am zweckmaͤßigſten, und der hohen Wichtigkeit der Sache angemeſſen, wenn ich ſelber mich alſogleich auf den Weg mache und dem Junker das Papier uͤber⸗ —— 153 reichte. Morgen bei Tagesanbruch faͤhrt die Landkutſche nach Augsburg und ich denke, indem ich ſelbige Gelegen⸗ heit benutze, mit Euch ziemlich zu gleicher Zeit an Ort und Stelle zu gelangen.“ Mathias fand dies Alles ſehr einleuchtend und paſ⸗ ſend. Noch Vieles wurde hin und her geredet, beim Fruhſtuͤck ſowol, als ſpaͤter bei dem frugalen Mittags⸗ tiſche, den der Herr Magiſter, da er Niemand in's Stuͤbchen laſſen durfte, ſelber mit kunſtfertigen Haͤnden bereitete. Mathias hatte ſich gemaͤchlich ſeiner Ketten enledigt und ſtolzierte in einem weiten, fadenſcheinigen Rocke von ſchwarzer Serge, Lederbeinkleidern von gleicher Farbe, Struͤmpfen und Schnallenſchuhen und einer wei⸗ ßen Knotenperuͤcke umher, zum großen Entzuͤcken des Magiſters, der nicht muͤde werden konnte, den aufgehen⸗ den Gluͤcksſtern des Junker Andreas zu preiſen und da⸗ bei eine ſchuͤchterne Anſpielung auf ein kleines Aemtchen im freiherrlichen Hauſe mit einſchluͤpfen ließ. Die Sonne war laͤngſt hinter den hohen und ſpitzen Giebeldaͤchern der engen Straße verſchwunden, und tiefe Daͤmmerung breitete ihre Schatten uͤber die Reſidenz. Aus allen Thoren ſtrömten Spaziergaͤnger, ſich an der Kuͤhle des Abends zu letzen— unter ihnen zwei alte Herren in duͤrftiger Praͤzeptorentracht. Einen derſel⸗ ben kannte die Wache am Iſarthore und nickte ihm freundlich zu; der ehrenwerthe Magiſter Tilleſius dankte mit gravitaͤtiſchem Hauptneigen und verſchwand, ſeinen * geehrten Freuud und Collegen im Arm, in der Dun⸗ kelheit. Mathias war frei— und b Magiſter beſtellte ſich, als er allein zuruͤckkehrte, auf morgen einen Platz in der Augsburger Landkutſche. Drittes Buch. Ficht und Macht. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Wer kommt? Sir Paulet naht mit einem Herrn vom Hofe. Faßt Euch——— Hoͤrt's mit Gleichmuth an, was er Euch bringt. Maria Stuart Es war ein truͤber Novembermorgen des Jahres 1763. Die Natur ſchien ſich, einer alten, den Freuden der Welt abgeſtorbenen Matrone gleich, fuͤr immer in duͤſteres Grau gehuͤllt zu haben und eigenſinnig den hellen Sonnenglanz von ſich zu werfen. Von der wei⸗ ten Ebene aus, welche das von ſeiner felſigen Hoͤhe ſtolz herabſchauende Schloß Rußberg beherrſchte, konnte man nur undeutlich und in verſchwimmenden Umriſſen das alterthuͤmliche Gebaͤu erkennen und der dicke Thurm ragte wie ein rieſiger Gnom in die regenſchwere Luft empor. Auch war es uͤberall ſo einſam und ſtill, als habe der Winter alle Freuden zu Grabe getragen; Wald und Gebuͤſch ſtanden kahl und die traurigen entlaubten Aeſte boten einen Anblick, der kaum an die gruͤne duf⸗ tige Pracht ihres Sommerkleides erinnerte. Auf den Feldern dehnten ſich hie und da lange Schneeſtreifen aus, die aber nicht mehr in blendender Weiße ſchimmerten, ſondern fahl und grau, waͤhrend die nach dem Schloß⸗ * 158 berge fuͤhrende Straße, von haͤuſigen Radſpuren und Pferdehufen aufgewuͤhlt, einen beinahe unwegſamen Mo⸗ raſt bildete. Eine Kraͤhenſchaar, die mit widerlichem Ge⸗ kraͤchz ſich auf den nackten Baumwipfeln ſchaukelte oder ſchwerfaͤllig uͤber das aufgeweichte Erdreich huͤpfte, be⸗ lebte allein die traurige Oede, die wie ein boͤſer Zauber auf der ganzen Gegend lagerte. Oben auf dem Schloſſe war es freilich behaglicher, und wer jetzt in ein, im weſtlichen Fluͤgel gelegenes, nicht allzugroßes, aber mit hoͤchſter Eleganz ausgeſtat⸗ tetes Zimmer getreten waͤre, hätte wol das boͤſe Wetter und die unfreundliche Jahreszeit vergeſſen moͤgen. Von dem hohen, mit reicher Stuckaturarbeit und einer Reihe kopfnickender Pagoden verzierten Kamine, in welchem die Flamme praſſelnd an maͤchtigen Hotzbloͤcken ihre zer⸗ ſtoͤrende Kraft verſuchte, verbreitete ſich eine angenehme Waͤrme und ſchien die Bewohner des Gemaches unwi⸗ derſtehlich in ihren naͤchſten Bereich zu locken, denn vier bequeme Seſſel mit hohen Ruͤckenlehnen reihten ſich trau⸗ lich um das blanke Meſſinggitter, welches den Altar der Laren und Hausgoͤtter begrenzte. Eine Familiengruppe, in gemuͤthlicher Naͤhe um den Kamin verſammelt, wenn es draußen ſtuͤrmt und regnet, bietet gewoͤhnlich jenen praͤgnanten Ausdruck der Behaglichkeit und eines an⸗ muthigen geſicherten Stillebens dar, in welchem Maler und Dichter die vollſte Anregung zu bildlichen und herz⸗ erfreuenden Darſtellungen zu finden pflegen. Hier aber war es anders. Der Novembermorgen konnte nicht truͤ⸗ 159 ber und unfreundlicher ſein, als die Mienen der Ver⸗ ſammelten, deren Blicke in das luſtige Feuer ſtarrten, als ſuchten ſie von dem wilden Elemente Leben und Be⸗ wegung zu empfangen. Den erſten Platz rechts nahm der Graf von Waldſees ein, vertrockneter, leichenhafter als je ausſehend, in gekruͤmmter Stellung nach der Flamme vorgebeugt und die welken Haͤnde auf die zit⸗ ternden Kniee geſtuͤtzt. Bei einem fluͤchtigen Hinblick fuͤhlte man ſich unwillkuͤhrlich zu dem ſchreckhaften Glau⸗ ben veranlaßt, einen Kopf ohne Augen zu ſehen, ſo tief waren dieſe in ihre weiten Hoͤhlen zuruͤckgeſunken, uͤber denen ſich die kahle Stirn ſchroff und uͤberhaͤngend wie eine ſteinerne Mauer erhob. Seine ſchlotternden Glieder verhuͤllte dicht ein reicher Zobelpelz, und die mit Tuͤchern und Decken umwundenen Fuͤße verriethen das Vorhandenſein jenes uͤblen Gaſtes, der ungeladen ſich im Alter einzuſtellen pflegt und den wankenden Greis be⸗ harrlich bis an den Rand des Grabes begleitet— die Gicht. Sein Nachbar war ein kleines, fettes Maͤnnchen mit einer wolorganiſirten Perrucke, deren gewaltige Tou⸗ pö's ſein breites, ziemlich ausdrucksloſes und pflegma⸗ tiſches Geſicht noch umfangreicher erſcheinen ließen. In Ermangelung anderer Unterhaltung ließ er ſeine goldene Doſe zwiſchen dem Daumen und Zeigefinger tanzen und unterbrach dieſe geiſtreiche Beſchaftigung nur, um ſeine kurze, dicke Stumpfnaſe mit einer Priſe Spaniol zu fuͤttern. Dieſer behagliche Herr, deſſen wolgenaͤhrtes Embonqoint eine geſtickte ſeidene Weſte und ſammetne * 160 Beinkleider ſtattlich hervorhoben, war ein naher Ver⸗ wandter des Baron von Moͤllnitz, der in Muͤnchen von den Renten eines nicht unbedeutenden Vermoͤgens lebte und als Ueberbringer einer eben ſo unangenehmen als unglaublichen Neuigkeit vor einigen Tagen auf Schloß Rußberg angekommen war. Die zwei letzten Stuͤhle nahm das Brautpaar ein, und obwol ihre Haͤnde in einander ruhten, und Herr von Moͤllnitz oͤfters mit zaͤrt⸗ lich ſchmachtendem Laͤcheln die Geliebte, die er nun bald fuͤr immer ſein nennen durfte, betrachtete, ſchien dennoch jene innige, Wort und Seele wie Himmelsodem durch⸗ ſtroͤmende Liebesgluth, jenes ſelig in einander Verſunken⸗ ſein, hier entweder voͤllig zu mangeln, oder unter dem läſtigen Formenzwange unſichtbar verborgen zu ſein. Lydia war blaß und in ihrem geſenkten Blicke ſowol, wie in den zarten Linien ihres ſchoͤnen Antlitzes lag etwas Traͤumeriſches und Sinnendes, das ſich in ein⸗ zelnen unbewachten Momenten ſogar in den unzweideu⸗ tigſten Ausdruck von Traurigkeit verwandelte. Ob ihrem Braͤutigam dieſe bedenklichen Anzeichen eines dem ſchwaͤr— meriſchen Gluͤcke Verliebter nicht beſonders entſprechenden Gemuͤthszuſtandes entgingen oder nicht, wagen wir nicht zu entſcheiden, jedenfalls war er ſchonend oder klug genug, den glucklichen, nur von heitern Erwartungen und ſuͤßen Hoffnungen beſeelten Anbeter keinen Augenblick zu ver⸗ laͤngern. Jenes bruͤſque Weſen, jene uͤbermuͤthige Sicher⸗ heit, mit welcher er in der erſten Zeit ſeines Verloͤb⸗ niſſes mit Lydia auftrat, waren verſchwunden und hatten 161 wieder der ritterlichen Courtviſie, der ſanften, milden Er⸗ gebenheit Platz gemacht, welche ihn zuerſt das Herz des Maͤdchens gewinnen ließen. Einige heftige Auftritte, welche ſeine Eiferſucht— ob eine wahre oder erheuchelte, werden wir bald beurtheilen koͤnnen— herbeigefuͤhrt hatten, ließen ihn zeitig genug erkennen, daß Lydia's Charakter eben ſo ſtark und entſchieden, als ihr Koͤrper zart war, daß ſie vermoͤge ihrer hohen Geiſteskraͤfte, ihres ſcharfen und unbefangenen Verſtandes jeder An⸗ maßung, jeder Tyrannei eben ſo kraͤftigen Widerſtand zu leiſten vermoͤge, als ihr ganzes Weſen ſich ſonſt reſignirt, nachgebend, ja ſchuͤchtern zeigte. So ſchien in den letzten Wochen jene Mißſtimmung zwiſchen den Verlobten, deren Aeußerungen wir in der Darſtellung einer fruͤheren Scene bereits kennen lernten, durchaus verſchwunden und eine vollige Harmonie der Gemuͤther eingetreten zu ſein, ver⸗ buͤrgend ein ſtilles, zwar nicht aus den Feuergluthen einer leidenſchaftlichen Liebe geborenes, aber nur um ſo ſichereres, alle Stuͤrme des Lebens und Herzens uͤber⸗ dauerndes Gluͤck. Lydia ſelbſt hegte und pflegte dieſen Gedanken in ihrer Bruſt und klammerte ſich daran in den Stunden ernſter Selbſtpruͤfung, die ſie, unaͤhnlich vielen ihres Geſchlechtes, nicht vermied, ſondern in ein⸗ ſamer Zuruͤckgezogenheit und ſtiller Betrachtung aufſuchte. Wenn ihr dann oft eine geheimnißvolle, tief aus des Herzens innerſtem Grunde herauftoͤnende, warnende Stim⸗ me leiſe zufluͤſterte: Du liebſt den Verlobten nicht, wie Du den lieben mußt, der Dein Alles ſein ſoll; Du liebſt I. 11 * 162 ihn nicht, weil Du nicht läͤnger blind ſein konnteſt gegen ſeine Fehler und Verirrungen, die ſtets und immerdar feindſelig zwiſchen ihm und Dir ſtehen und gleich truͤben Geſpenſtern den Sonnenglanz einer in Liebe geheiligten Zukunft verduͤſtern werden! Dann bebte ſie erſchreckend zuſammen und ungeſehen floſſen heiße Thraͤnen; aber ſtets auch raffte ſie ſich empor und ſich ſelbſt beſchuldi⸗ gend ihrer Anmaßung, ihres herben, ungenuͤgſamen Ego⸗ ismus, errang ſie ſich wieder den Glauben und das Ver⸗ trauen auf dieſelbe Zukunft, die ihre Zweifel gefaͤhrlich bedrohte. und inmitten ſolcher Kaͤmpfe tauchte vor Lydias halbgeſchloſſenen Augen manchmal ein dunkles Etwas auf, anfangs eine ferne, geſtaltloſe Erinnerung, ein ſanf⸗ tes Klingen und Toͤnen, wie die in den ſtillen Luͤften und im Waldesrauſchen verhallende Abendglocke. Sie ſchaute und horchte und es war ihr, als ſchlummere ſie ein und es nahe ihr leiſe, leiſe ein lieblicher Traum. Näher ſchwebte das Bild, ein blondlockiger Juͤngling mit großen, blauen Augen, die ihr entgegenſtrahlten wie zwei Sterne; um friſche Lippen ſchwebte ein mildes und doch kuhles Laͤcheln und auf der edlen Stirn thronte Sanftmuth neben ſtolzer Wuͤrde. Von dem Zauber jener Augen gebannt blickte Lydia der Traumerſcheinung ent⸗ gegen, ihr Herz ſchlug raſch und eine heiße, niegekannte Sehnſucht erfullte es. Allmälig wich der Nebelſchimmer, der die Phantaſiegeburt umfloß, ſtuͤrmiſcher rollte das 163 Blut durch des Maͤdchens Adern, ſie breitete die Arme aus———— Mit einem lauten Schrei fuhr ſie dann aus ſolchen Träumereien auf und gluͤhende Roͤthe wechſelte mit Lei⸗ chenblaͤſſe auf ihrem Antlitze. Dies Bild zu beſchworen, zur ernſten Pruͤfung ihm keck entgegentreten und durch kalte Analyſe es in Luft und Schaum verſchwimmen laſſen— dazu reichten Lydias Krafte nicht hin, und jemehr ſie dies fuͤhlte und mit unſaͤglicher Angſt, mit dem Schmerze brennender Reue und tiefer Entmuthi⸗ gung fuhlte, deſto furchtſamer entfloh ſie jenen Momen⸗ ten, in denen ſie ſich den Einwirkungen ihres Kakodämons macht, und raſtlos hingegeben waͤhnte.— Aber kehren wir von dieſer langen, wenn nicht noth⸗ wendigen, doch wol zu entſchuldigenden Abſchweifung zu der Gruppe am Kamin zutuͤck, die, wie geſagt, unter der unbehaglichen Laſt eines langen Stillſchweigens zu leiden ſchien. Solche Augenblicke einer allgemeinen Verſtim⸗ mung, wo die Rede verſiegt wie ein träger Bach im Sand oder Moor, wuͤnſchte Jeder durch ein Wort, durch die erſte beſte, noch ſo gedankenloſe Phraſe zu beenden und doch erwartete Jeder, daß ein Anderer anfangen und ihm das ſchwere Werk erſparen moͤge. Diesmal bannte der Lieutnant von Möllnitz den laͤſtigen Zauber. Zu ſeinem Verwandten, dem dicken Gaſte gewendet, ſagte er mit affektirter Munterkeit: „Wie Sie ſich des Triumpfes freuen moͤgen, Herr von Muͤnnich, daß Ihre fabelhafte Geſchichte ſchenbar 1. * 164 uns ganz und gar desarmirt und zu Boden geſchmettert hat! Pardi! in fuͤnf Minuten kein Wort, keine Sylbe unter vier Perſonen! ſelbſt meine Lydia iſt im Begriff, durch den Himmelsglanz ihrer Augen die Salamander des Kaminfeuers aus ihrem Elemente zu locken! Und das Alles, weil Sie ſo gutig waren, uns ein Maͤhrchen zu erzaͤhlen, in welchem das Schauerliche von dem Ko⸗ miſchen wahrlich hinreichend uͤberwogen wird.“ Der Angeredete kniff blinzelnd die kleinen Augen zuſammen, nahm langſam eine Priſe und entgegnete endlich mit einer quaͤckenden Stimme: „Vraiment, Sie ſind ſehr ſpaßhaft, mon neveu! Ich verſichere Sie, daß das Erzaͤhlen von Mährchen und dergleichen Allotriàs niemalen meine forge war. Was ich Ihnen, oder vielmehr dem Herrn Grafen— denn Sie, Herr von Moͤllnitz, geht die Sache ſo eigentlich nichts an— vorhin erzaͤhlte, kann vielleicht in den De⸗ tails ungenau ſein, entbehrt aber keinesfalls einer wahr⸗ haften Baſis. Freilich wird dieſe ganze Angelegenheit von der Behoͤrde, in deren Haͤnde unſer allergnaͤdigſter Furfurſt ſie deponirt hat, aͤußerſt ſekret behandelt, indeß deuchten mir die verſchleierten Andeutungen meines in⸗ timen Freundes, des Tribunalsrathes von Leßnitz wichtig und abſonderlich genug, ſie dem Herrn Grafen, als dem am meiſten dabei Betheiligten, zu hinterbringen, um ſo mehr, da beſagter Freund und Tribunalsrath dieſes mein Vorhaben beabſichtigt und im Auge gehabt zu haben ſcheint.“ 165 „Ich zweifle nicht, daß jener unverbeſſerliche, in jeder Art des Betruges und der Taͤuſchungen von dem beruͤchtigten Kloſtermeier wol unterrichtete Landſtreicher irgend einen neuen, aberwitzigen Anſchlag gegen unſer Haus ausgebruͤtet haben wird“— ſagte der Graf lang⸗ ſam und oft von einem trockenen Huͤſteln unterbrochen. „Wer da weiß, daß er ſchon zweimal auf die frechſte Weiſe und jedesmal in Geſellſchaft eines Raͤubers und Moͤrders in dieſes Schloß drang und durch ein maßloſes Luͤgengewebe ſich als den Sohn meines verſtorbenen Bruders zu legitimiren hoffte, der wird nicht zweifeln, daß er auch zum Drittenmale dieſelbe Komoͤdie ſpielen werde. Nur hat er diesmal die Sache am unrechten Ende begonnen und ſteckt wahrſcheinlich ſchon in der Grube, die er Andern zu graben dachte.“ „Pas encore!“ gegenredete der Herr von Muͤnnich und klappte geraͤuſchvoll ſeine Doſe zuſammen.„Ich glaube Ihnen ſchon geſagt zu haben, daß der Kurfuͤrſt die Unterſuchung und Beſtrafung des Wilddiebes An⸗ dreas, der ſich Graf von Waldſees nennt—“(hier zuckte der Schloßherr zuſammen, als habe er einen Meſ⸗ ſerſtich erhalten)„vor der Hand ſuspendiret und vor Allem auf die Deklaration und Approbation der An⸗ ſpruͤche des Praͤtendenten gedrungen hat, weßmaßen denn auch das gerichtliche Conſeil ſich auf nichts anderes ein⸗ laͤßt und jenen Andreas ſogar in anſtaͤndiger adeliger Haft haͤlt.“ „In adeliger Haft?“ ſchrie Herr von Moͤllnitz mir 166 dem Fuße ſtampſend—„bei Gott, wenn dies wahr iſt, verdienten die Gerichten Narrenkappen zu tragen! Wie lange iſt's denn her, daß ich jenen elenden Betruͤger mit meinen Soldaten durch dick und duͤnn gehetzt habe und er wie ein Haſe vor uns her flog, bis ſein hoͤlliſcher Cumpan, der Floſtermeier, wie aus der Erde gewachſen, zwiſchen ihn und mich trat? Adelige Haft einem welt⸗ bekannten Wilddiebe, wenn er nichts Schlimmeres iſt—“ „Oder nichts Beſſeres!“ unterbrach gedehnt Herr von Muͤnnich den zornigen Vetter.„Es verlautek an⸗ noch, daß er rechtskraͤftige Teſtimonia, ja ſogar lebendige Zeugen beigebracht habe.“ Das ſtiere Geſicht des Grafen uͤberflog ein kaltes Lächeln.„Teſtimonia?“ wiederholte er hoͤhniſch—„ich fange an zu hoffen, der Burſche iſt dumm genug geweſen, falſche Papiere zu ſchmieden. Nun da werden wir ſicher⸗ lich nichts mehr von ihm hoͤren, wenn er nicht etwa nach zwanzigjaͤhriger Zuchthausſtrafe noch immer Luſt hat, Graf von Waldſees zu heißen.“ „Es waͤre bebauernswuͤrdig, wenn ſein Leichtſinn ihn zu ſolch' einem Verbrechen hinriſſe! ſagte Lydia leiſe und mehr zu ſich ſelbſt ſprechend—„ich ſah ihn nur zweimal und haͤtte nimmer geglaubt, daß ſo offene, ju⸗ gendliche Zuge ein verdorbenes Gemuͤth verbergen koͤnnten.“ „Dann glaube ich mich einer glucklichen Beobach⸗ tungsgabe ruͤhmen zu koͤnnen!“ nahm Moͤllnitz, ſeine Geneigtheit unter einem Laͤcheln verbergend, das Wort —„denn als er damals vor der Meitinger Kirche ſich 167 ſo frech an Sie herandraͤngte, ſah ich dem Menſchen auf den erſten Blick den Galgenkandidaten an.“ Dabei haf⸗ tete der Blick des Lieutnants lauernd auf dem Antlitz ſeiner Braut. Aber nur einen Moment lang zogen ſich ihre zarten Braunen zuſammen und ein ſtolzer Blick des Maͤdchens noͤthigte den jungen Mann zum Auf⸗ geben der phyſiognomiſchen Studien. „Ich geſtehe,“ nahm der Graf wieder das Wort, „daß nach den zweien Zuſammentreffen mit jenem Be⸗ truger bisweilen der Gedanke in mir aufſtieg, ſeine An⸗ ſpruche duͤrften vielleicht nicht vollig vag und ungegrun⸗ det ſein und um mich durchaus vor dem leiſeſten Ver⸗ dacht der Uſurpation fremder Rechte zu ſchuͤtzen, war ich ſchwach genug, auf des Landſtreichers Angaben fußend, in aller Stille Nachforſchungen uͤber ſeine Geburt anzu⸗ ſtellen. Er behauptete, mein Bruder Chriſtoph habe ſich in der proteſtantiſchen Kirche zu Dillingen mit irgend einer Bauernmagd heimlich trauen laſſen, welche Ver⸗ bindung jedenfalls durch das Zeugniß des daſigen Kir⸗ chenbuchs legitimirt und beſtaͤtigt werden koͤnne. So unſinnig, ja ſo beſchimpfend fuͤr das Andenken Chriſtophs dieſes Maͤhrchen klang eilte ich doch ſelbſt nach Dillin⸗ gen, um mich des Vorhandenſeins der angeblichen Do⸗ kumente zu vergewiſſern. Aber das junge Herrchen mochte wol laͤngſt gewußt haben, daß dort weder ein Kirchenbuch, noch auch ein Paſtor Tilleſius, wie jener wuͤrdige Einſegner der erlogenen Mefalliance geheißen haben ſollte, zu finden wäre. Aus dieſem Geſtandniß 168 meiner Schwaͤche und Leichtglaͤubigkeit moͤgen Sie, Herr von Muͤnnich, die Richtigkeit der auf's Neue wider mich eingeleiteten Umtriebe ermeſſen!“ Herr von Muͤnnich wiegte den Kopf hin und her und ſtemmte, ſich im Seſſel zuruͤckbiegend, die Fuͤße an den Kaminrand.„Hm!“ ſagte er nach einer Pauſe— „ich denke nicht im Entfernteſten laͤnger an das Vor⸗ handenſein einer wirklichen Gefahr fuͤr Sie, oder viel⸗ mehr fuͤr Ihre Beſitzungen, nur nimmt es mich Wun⸗ der, daß der Pratendent ſich freiwillig dem Gerichte ſtellte, welchem Leute ſeines Gleichen gern aus dem Wege gehen, und daß der Kurfuͤrſt nach einer langen, geheimen Audienz mit ihm erklaͤrt haben ſoll—“ „Soll! ſoll! Sie ſcheinen in dies thorichte Maͤhr⸗ chen völlig verliebt zu ſein!“ ſagte Moͤllnitz mit gelang⸗ weilter Miene.„Glauben Sie mir, der Andreas iſt ſo wenig in Muͤnchen und beim Kurfurſten geweſen, als wir in China, und es bedarf keines beſondern Scharf⸗ ſinns, um zu errathen, daß er dieſe huͤbſche Geſchichte erſonnen und mit Hilfe ſeines Diebesgeſindels verbrei⸗ tet hat, um ſeine fuͤrtreffliche Perſon innerhalb dieſes Schloſſes nicht voͤllig in Vergeſſenheit gerathen zu laſſen. Ich weiß nicht,“ ſetzte er mit einem ſcharfen Seitenblicke auf ſeine Nachbarin hinzu—„ob wir ihm dieſen Tri⸗ umpf zuerkennen muͤſſen.“ „Nous verrons!“ brummte Herr von Muͤnnich und begann wieder ſein Doſenſpiel. Der Graf ver⸗ ſchraͤnkte langſam die Arme uͤber die Bruſt und ſtierte 169 ausdruckslos nach den goldnen Schnallen ſeiner Schuhe, waͤhrend der Lieutnant von Moͤllnitz ſeine Taſchenuhr repetiren ließ. Lydia war waͤhrend der letzten Worte deſſelben, deren ſarkaſtiſche Betonung ihr nicht entgangen war, aufgeſtanden und in eine der tiefen Fenſterniſchen des Gemaches getreten. Und ſo ſchien wieder die Con⸗ verſation unterbrochen und Niemand zeigte beſondere Luſt, dieſelbe anzuknuͤpfen, denn wie große Gleichgiltigkeit man auch in Beziehung auf die Nachricht des Herrn von Muͤnnich zu erheucheln bemuͤht war, ſo ließ ſich doch leicht erkennen, daß die Gedanken der drei Maͤnner mit jenen druͤckenden und faſt beaͤngſtigenden Gefuͤhlen dabei verweilten, welche das Ahnen und die ferne Moͤglichkeit irgend einer Kataſtrophe ſtets und auch bei den ſtaͤrkſten Charakteren herbeizufuͤhren pflegt. Auch Lydia uͤberließ ſich, als ſie jetzt hinausblickte in die feuchte, trauernde Landſchaft, zum Erſtenmale ohne Ruͤckhalt und mit Bewußtſein einem ernſten Sinnen, deſſen Gegenſtand gleichfalls der geſchmaͤhte, mit den ſchwerſten Anſchuldi⸗ gungen belaſtete Andreas war. Was fuͤr ihn in ihrem Herzen ſprach, nannte ſie Theilnahme, entſprungen aus dem Beduͤrfniß edler und freimuͤthiger Menſchen, den zu vertheidigen, der ſchutzlos ſich den Angriffen und Be⸗ ſchimpfungen Aller ausgeſetzt ſieht. Freilich war ſie weit entfernt, den Anſpruͤchen des Andreas und ſeiner, von Herrn von Moͤllnitz ihr mit den groͤßten Entſtellungen mitgetheilten Erzählung, irgendwie Glauben zu ſchenken — wie haͤtte auch ſie, die den Vater ſo unendlich liebte, 170 und mit heiliger, inniger Verehrung zu ihm aufſchaute, nur dem leiſeſten Verdachte gegen ſein Thun und Laſſen Raum geben koͤnnen!— Vielmehr hatte ſich allmaͤlig die Ueberzeugung bei ihr ausgebildet, der zum Betruͤger Geſtempelte ſei ſelbſt nur der Getaͤuſchte, und habe ſich, von wol verzeihlichem Ehrgeize und dem Wunſch nach Befreiung aus der niedrigen und ſelbſt ſchmachvollen Lage, in welcher er ſchmachtete, entflammt, zu jenen Schritten gegen den Grafen, ihren Vater hinreißen laſ⸗ ſen, die ſie weder billigen, noch auch nur entſchuldigen mochte. Was haͤtte ſie nicht darum gegeben, einen hel⸗ len, klar pruͤfenden Blick in dieſe dunklen und raͤthſel⸗ haften Verhaͤltniſſe thun zu duͤrfen, die eine geheimniß⸗ volle Ruͤckwirkung in engere Verbindung mit ihrem ganzen Gedanken⸗ und Seelenleben brachten, als ſie ſich ſelbſt zu geſtehen wagte! Ein dunkler Gegenſtand, der formlos und undeut⸗ lich auf der Landſtraße ſich nach dem Schloſſe hin zu bewegen ſchien, gab dem Gedankengange des Maͤdchens eine andere Richtung. Der dichte Nebel, der bisher wie ein Trauertuch uͤber der Gegend gehangen, begann ſich in einen feinen Spruͤhregen aufzuloͤſen, den der Wind in pfeifenden Stoͤßen gegen die erblindeten Scheiben trieb. Es war daher nicht leicht, den langſam heran⸗ nahenden Punkt zu erkennen, und ein paar weniger klare und helle Aeuglein als die Lydias wuͤrden nicht ſobald daruͤber gewiß geworden ſein, daß es eine Karoſſe war, die ſchwankend und ſchwerfaͤllig, trotz dem, daß vier 171 Pferde ſie mit Anſtrengung aller Kraͤfte zogen, den all⸗ maͤlig anſteigenden Weg nach dem Schloſſe heraufzog. „Wir bekommen Gaͤſte, Vater!“ ſagte Lydia nach einer Pauſe, in welcher ſie ſich ihrer Wahrnehmung vollig vergewiſſert hatte—„ſieh her, ob Du viel⸗ leicht aus dem Wagen den Inhalt deſſelben erkennen kannſt?“ In Augenblicken, wo alle unſere Geiſtesfaͤhigkeiten von einem Gegenſtande, einer Idee allein in Anſpruch genommen werden, ſind wir ſtets geneigt, jede noch ſo ge⸗ wöhnliche, zufällige Erſcheinung damit in irgend eine Verbindung zu bringen und aus derſelben Schloſſe, Ver⸗ muthungen und Folgerungen zu ziehen, die oft weder viel Anfpruͤche auf Logik, noch die geringſte Wahrſchein⸗ lichkeit haben. Gleichwol ſehen wir unſere Nerven ploͤtz⸗ lich in Aufregung, die ſonderbarſten Combinationen ſtei⸗ gen blitzſchnell in uns auf, fertig und geharniſcht, wie Jupiters Tochter, und die freudigſte Erwartung oder die quaͤlendſte Beſorgniß verkuͤndigen ſich in unſern Mienen und Geberden, je nachdem die Quelle und das Funda⸗ ment dieſer pſychiſchen Erſcheinung von heiterer oder trauriger Art iſt.— So der Graf von Waldſees. Der Ausruf Lydias, der ihn ploͤtzlich aus einem tiefen und düſtern Hinbruͤten riß, aͤußerte eine Wirkung auf ihn, als habe man das Heranziehen irgend eines ſchrecklichen Ereigniſſes verkuͤndigt Sein bleiches Geſicht ward erd⸗ fahl und alle Zuͤge und Muskeln deſſelben zeigten ſich wie gelaͤhmt. Er machte eine raſche Bewegung, als 172 wolle er ſich aus ſeinem Seſſel erheben, fiel aber im naͤchſten Momente kraftlos zuruͤck und ließ die Haͤnde matt in den Schooß ſinken. Niemand jedoch bemerkte die Erregung des Greiſes, denn Herr von Muͤnnich und Moͤllnitz waren zu Lydia an das Fenſter geeilt und er⸗ ſchoͤpften ſich, verwundert das immer naͤher kommende Fuhrwerk in's Auge faſſend, in Vermuthungen, wer moͤglicherweiſe bei dem abſcheulichen Zuſtande des Wet⸗ ters und der Landſtraße das mit ſeinem Beſuche beehren koͤnne. Die Kutſche hatte indeß eine den Fahrweg begren⸗ zende und zu dem Dorfe Meitingen gehoͤrende Haͤuſer⸗ gruppe paſſirt und war jetzt nur etwa hundert Schritt von den Beobachtenden entfernt.„Mir deucht, ich kenne die Kutſche.“ ſagte Herr von Muͤnnich langſam— „wenn mich nicht Alles truͤgt, ſah ich ſie in Muͤnchen oft waͤhrend der Seſſion des Staatsrathes vor dem Re⸗ ſidenzſchloß ſtehen. Sie muß einem der churfuͤrſtlichen Raͤthe gehoͤren.“ Ein dumpfer, unartikulirter Ausruf lenkte die Blicke der am Fenſter Verſammelten in das Zimmer zuruͤck und gab ihnen Stoff zu neuen Vermuthungen. Der Graf war aufgeſtanden und wankte an einem Stocke, deſſen er ſich bei ſeiner zunehmenden Schwaͤche ſeit eini⸗ ger Zeit bedienen mußte, heran. Mit dem ſtieren, ent⸗ ſetzten Ausdrucke ſeiner glanzloſen Augen kontraſtirte auf abſchreckende Weiſe ein widriges Laͤcheln, welches um ſeine zuſammen gekniffenen Lippen ſpielte. Als er das 173 Fenſter erreicht hatte, lehnte er ſich auf Lydias Schul⸗ tern und blickte unverwandt hinaus. „Eine häͤßliche lächerliche Karoſſe!“ ſagte er nach einer Pauſe, und ein leiſes Kichern toͤnte hohl aus ſeiner eingeſunkenen Bruſt herauf—„wie koͤnnen Sie glau⸗ ben, mein beſter Herr von Muͤnnich, daß Jemand aus der Reſidenz in einem ſolchen Huͤhnerkaſten das Land durchſtreichen werde?— und im Februar, waͤhrend die Freuden des Carnevals die haute volée mehrmals denn je in der Reſidenz gefeſſelt halten? Ei, gehen Sie doch! es wird einer meiner liebenswuͤrdigen Nachbarn ſein, der keine paſſendere Zeit finden konnte, ſich nach meinem Wohlergehen und der naͤchſten Féte zu erkundigen.“ „Nun, wir werden ſogleich Gewißheit haben!“ ver⸗ ſetzte Herr von Moͤllnitz—„denn eben tritt der Kaſtellan an's Thor, die Fremden zu empfangen und anzumelden. Uebrigens iſt der Wagen ſo uͤbel nicht und die Pferde ſcheinen ſo praͤchtige Engländer, wie ſie der Landadel hier herum ſchwerlich im Stalle habn duͤrfte.“ „So laſſen Siè uns hinäb in den⸗Jägerſaal gehen und o die raͤthſelhaften Gäſte erwarten!“ nahm der Graf ſchnell das Wort—„Lydia, mein Kind, Du wirſt unſerm Dank einige Einſchaltungen zu machen haben und deshalb fuͤr den Morgen hinlaͤnglich beſchaftigt ſein. Ihren Arm, Herr von Muͤnnich!“ Lydia verließ zoͤgernd und beſorgte Blicke auf den Vater heftend, das Zimmer. Sie hatte gefuͤhlt, wie ein heftiges, fieberhaftes Zittern ſeinen kranken Koͤrper 174 fortwaͤhrend durchſchutterte, während ſeine Häͤnde eiskalt, wie die einer Leiche waren. Der leichte unbeſorgte Ton des Grafen taͤuſchte ſie ſo wenig, wie die beiden Herren, die bedeutſame Blicke unter ſich wechſelten und mit arg⸗ woͤhniſcher Spannung einer Zuſammenkunft entgegen gingen, deren Reſultat ihnen eine dunkle Ahnung als verhaͤngnißvoll verkuͤndete. Mit ſchwerem Herzen ging daher Lydia nach gewohnter Weiſe an die Beſorgung des Hausweſons, waäͤhrend der Graf, von ſeinem zukuͤnf⸗ tigen Schwiegerſohne und Herrn von Muͤnnich gefuͤhrt, hinunter nach dem Jaͤgerſaale ſchritt. 4 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Daviſon. Ich bin geſturzt! ich bin ein Mann des Todes! Maria Stuart. Die Herren hatten kaum den Saal betreten, als die Karoſſe durch das Gewoͤlbe des Schloßthores rollte, und an der Auffahrt hielt. Binzgo, der Kaſtellan, riß mit Dienſtfertigkeit den Schlag auf und verbeugte ſich ſo tief, daß ſeine Naſenſpitze beinahe den Wagentritt beruͤhrte. Aus einem Seitenfluͤgel humpelte jetzt auch Stephan, der gräßliche Leibkutſcher herbei, fuͤr die mat⸗ ten abgetriebenen Gaͤule und den durchnaͤßten, eilfertig vom Bocke ſpringenden Kollegen gebuͤhrende Sorge zu tragen. Der Graf und ſeine beiden Begleiter blickten mit äußerſter Spannung hinaus und Herr von Muͤnnich ſchuͤttelte bedenklich den Kopf, als zuerſt ein junger Mann, raſch und lebhaft, aus dem Wagen ſprang und ſeine Dienſte mit denen Binzgos vereinte, um einem hohen, korpulenten Herrn aus dem engen Kaſten zu helfen. Dieſem folgte noch ein kleines, hageres Maͤnnchen, den eine drei, und vierfache Umhuͤllung an Ueberroͤcken und Maͤnteln und die tief in das Geſicht herabgezogene Kappe eben ſo unkenntlich machten, als ſeinen Reiſegefahrten. Nach wenigen, mit dem aufhorchenden Kaſtellan gewech⸗ ſelten Worten eilten ſie, dem mit vermehrter Heftigkeit herabſtroͤmenden Regen zu entgehen, raſch in die Flur⸗ halle und im naͤchſten Moment trat Herr Binzgo in den Saal, die Fremden zu melden. „Seiner Exellenz, der churfurſtliche Hofrath und Tribunalspraͤſident, Herr Baron von Ronsberg!“ „Aha, dachte ich es mir doch!“ fluͤſterte Herr von Muͤnnich mit einem raſchen Seitenblicke auf den Grafen, der, von dem Herabſteigen der Treppe ermuͤdet, in einem Seſſel lehnte—„der Wagen war mir bekannt und haͤtte ich das Wappen geſehen—“ „Nun, wer ſind die Andern?“ unterbrach ihn Moͤll⸗ nitz ungeduldig. „Sr. Ehrwuͤrden, der Herr Magiſter Tilleſius, Paſtor emeritus der proteſtantiſchen Gemeinde zu Dillingen.“ „Dieſer Name war fuͤr den Grafen offenbar von furchtbarer Wirkung. Er zuckte jaͤh zuſammen, als durchbebe ein ploͤtzlicher, heftiger Schmerz ſeinen ganzen Koͤrper. Mit einem dumpfen Wehlaute preßte er die Haͤnde vor das Geſicht und als er ſie im nachſten Mo⸗ ment kraftlos herabſinken ließ, glich ſein Antlitz vollig dem eines Menſchen, welcher der Agonie des Todes⸗ kampfes zu unterliegen im Begriff iſt. Moͤllnitz beugte ſich erſchrocken und beſaͤnftigend auf den Kranken nieder, Herr von Muͤnnich aber fragte den gleichfalls ganz aus der Faſſung gekommenen Kaſtellan mit ruhiger Kälte 7 „Und der Juͤngſte von dreien, unter welchem Namen läßt er ſich melden?“ „Unter keinem, gnaͤdigſter Herr!“ ſtotterte der Alte —„r ſagte, der Herr Graf wuͤrden ihn ſchon wieder erkennen— und in der That— ich glaube, er war— ſchon fruͤher—“„Allerdings kenn' ich ihn!“ unter⸗ brach ihn ploͤtzlich der Graf von Waldſees und erhob ſich wunderbar gefaßt aus dem Seſſel—„Laß die Her⸗ ren eintreten und ſorge, daß uns Niemand ſtoͤre.“ Es ſchien, als habe ein kuͤhner Entſchluß oder die BGroͤße des Unheils, welches er auf ſich hereinbrechen ſah, ſeine Koͤrper- und Geiſteskraͤfte geſammeit und zum aͤußerſten Widerſtande geſtählt. Feſt und ruhig, wie ſeit Jahren nicht mehr, ſtand er aufrecht in jener wuͤr⸗ digen, vornehmen Haltung, mit welcher er ſeine Gäſte ſtets zu empfangen pflegte; nicht das leiſeſte Zittern durchfroͤſtelte mehr ſeinen hinfaͤlligen Körper, vielmehr ſprach ſich in ſeinen harten Zuͤgen und dem kalten Blicke ſeines Auges ein gewiſſer Trotz aus, der das Heran⸗ nahen des Feindes nur erwartete, um mit eiſerner Stirn ihm entgegen zu treten. „Ohne Zweifel werden Sie Zeuge einer neuen Ko⸗ moͤdie ſein, welche dieſer Monſieur Andreas vor uns auf⸗ zufuͤhren gedenkt!“ wendete er ſich an die beiden, von einer ſo ploͤtzlichen Umwandlung uͤberraſchten Edelleute —„r ſcheint diesmal ſich trefflich vorbereitet und zu⸗ gleich ein paar andere Akteurs mitgebracht zu haben.“ n. 12 178 „Aber ich bin in der That völlig düpipt von der unbegreiflichen Frechheit dieſes Burſchen!“ ſagte Herr von Moͤllnitz.„Es muß doch etwas dahinter ſtecken!“ murmelte ſein Verwandter. Der Graf erwiderte nichts, denn in dem Augenblicke ward die Thuͤr weit geoͤffnet und die drei Fremden ſchritten herein. Sie hatten ſich ihrer Regenmaͤntel entledigt und traten dem Hausherrn nunmehr in volligem Viſitenkoſtum jener Zeit entgegen. Der Voranſchreitende, deſſen hohen Rang und amtliche Stellung zahlreiche auf dem dunkelrothen, goldverbraͤmten Sammetrocke blitzende Orden verkuͤndigten, war der kur⸗ furſtliche Tribunalspräſident Baron von Ronsberg, ein aͤltlicher Mann von ſtattlichem Wuchſe und freien, ariſto⸗ kratiſchen Zuͤgen. Nachdem er grazios die Verbeugung der Empfangenden erwidert und den Grafen mit einer theatraliſchen Umarmung begluckt hatte, ließ er ſich neben denſelben in einen Lehnſtuhl gleiten und nahm mit einem artigen Lächeln eine Priſe aus des Herrn von Muͤnnich's Doſe, welche dieſer, nach vollendeter, gegenſeitiger Vor⸗ ſtellung, ihm zugleich mit einem Schwalle franzoͤſiſcher Schmeichelreden darbot. Aber vielleicht wuͤrde Mancher unſerer Leſer den jungen Mann nicht wieder erkannt haben, der jetzt, nicht achtend die boshaften, rachſuchtigen Blicke des Baron von Moͤll⸗ nitz, noch das unverſchaͤmte Anglotzen des Herrn von Muͤnnich, ſich ſchweigend neben den Praͤſidenten nieder⸗ tieß und nun erſt, nachdem er ſeine in die Borte der Weſte verwickelte Degenkuppel losgehaäkelt, mit einem 179 wahrhaft imponirenden Ausdrucke von Stolz, Furchtloſig⸗ keit und Wuͤrde im Kreiſe herumblickte. Das war nicht mehr das weiche, maͤdchenhafte Antlitz des armen, ver⸗ ſtoßenen Andreas, da war keine Spur mehr von jener ſchwermuͤthigen Trauer und Reſignation, die noch vor wenig Wochen ſeine hohe Stirn furchte und die Wan⸗ gen bleichte, jener duͤſtern, hoffnungsloſen Reſignation, die nur bisweilen noch der Strahl einer hoffnungslee⸗ ren Liebe oder der bittere Haß gegen ſeine Feinde durchzuckte— das war jetzt ein ganz anderer Andreas, ein Kavalier, von dem eleganten nach der neueſten Hof⸗ mode friſirten Scheitel bis zu den Brillantſchnallen ſei⸗ ner Schuhe herab! Unter den leicht zuſammengezogenen Braunen leuchteten die ſeelenvollen, blauen Augen in einem lebendigeren Glanze, als je, und ein unerklaͤrbarer, freier Zug um den Mund praͤgte das Bewußtſein und den Stolz edler Geburt ſo unverkennbar auf dem Geſicht des ſchoͤnen jungen Mannes aus, daß Herr von Möll⸗ nitz ſowol wie ſein Verwandter unwillkuhrlich die artige, wenn gleich kalte Verbeugung deſſelben auf das höflichſte er⸗ widerten, obwol ſie es ganz anders beſchloſſen hatten. Der Leibrock von gruͤnem Atlas, an der Kante mit Sil⸗ berblaͤttern geſtickt, das Jabot von den herrlichſten Spitzen, die purpurne Weſte, auf welcher klingelnd an goldener Kette ein ſchweres Petſchaft niederhing, die feinen Man⸗ ſchetten, welche die weißen, zarten Haͤnde faſt bedeckten — kurz, die ganze äußere Erſcheinung Andreas war von der Art, daß keiner der Anweſenden noch einen Augen⸗ 12 180 blick länger daran dachte, ihn wie einen Landſtreicher und Intriganten zu behandeln. Magiſter Tilleſius hatte ſich nach zwanzig eben ſo devoten als ungeſchickten Verneigungen ſchuͤchtern nach einem an der Tapetenwand und von den Verſammelten etwas entfernten Stuhle geſchlichen und ſich dort ſo ſtill und zuſammengekruͤmmt als moͤglich niedergelaſſen. Er trug noch immer ſein fadenſcheiniges ſchwarzes Roͤckchen und eine ſchlecht gepuderte Beutelperruͤcke und fuͤllte die peinliche, nach dem Geraͤuſch des Empfangs eingetretene Pauſe ſehr zweckmaͤßig mit dem Abputzen einer unend⸗ lich großen Hornbrille aus, die er nach vollendeter Ar⸗ beit nicht ohne Schwierigkeit auf dem hoͤckerigen Sattel ſeiner duͤnnen Naſe befeſtigte. Es war, wie geſagt, eine minutenlange Pauſe ent⸗ ſtanden, die der Graf von Waldſees endlich mit einer jener hoͤflichen Converſationsfragen unterbrach, die auf dem weiteſten Umwege die Einleitung und den ſanften Uebergang zu ernſten Geſpraͤchen zu bilden pflegen. Der Präſident aber, der ein Weilchen ſtill und in Nachden⸗ ken verſunken vor ſich hingeblickt hatte, unterbrach ihn plotzlich mitten in der Einladung zu einer intereſſanten Jagdparthie und ſagte, nachdem er ſich durch ſorgliches umherblicken uberzeugt hatte, daß kein ungehoͤriger Lau⸗ ſcher zugegen ſei, mit einer ernſten, beinahe traurig klin⸗ genden Stimme: „Ich hoffe, weder von Ihrer noch dieſer Herren Seite, die Ihr volles Vertrauen zu beſitzen ſcheinen, Herr 181 Graf, mich irgend einer Mißdeutung ausgeſetzt zu ſehen, wenn ich den Schneckengang eines unter den obwalten⸗ den Verhaltniſſen uns Alle peinigenden Geſpräches ver⸗ meide und vielmehr ſogleich zu der ernſten Eroͤrter⸗ ung einer Angelegenheit ſchreite, welche die beſondere Willensmeinung unſers erlauchten Herrn, des Kurfuͤrſten, mir allergnaͤdigſt uͤbertragen.“ Der Graf antwortete nur durch ein kaum bemerk⸗ liches Kopfnicken, Moͤllnitz blickte nach der Decke, Herr von Muͤnnich aber fixirte abwechſelnd bald Andreas, der ſchweigend und anſcheinend theilnahmlos vor ſich hin ſah, bald den Grafen, in deſſen Zuͤgen nicht die ge⸗ ringſte Bewegung zu leſen war. Der Praͤſident, der eine Antwort erwartet zu haben ſchien, raͤuſperte ſich und ſuchte eine Wendung, welche, den Zweck ſeiner Sendung unmittelbar beruͤhrend, ſeinen ſchweigſamen Wirth zum Sprechen zwingen ſollte. „Sie ſcheinen meinen jungen Freund hier—“ ſagte er daher, auf Andreas deutend—„nicht der Auf⸗ merkſamkeit zu wuͤrdigen, auf welche er als Ihr naͤchſter Verwandter den gegruͤndetſten Anſpruch haben duͤrfte. Ich erlaube mir, ihn Ihrer Gnohehei angelegentlichſt zu empfehlen.“ Dieſe letzten, mit einem bedeutungsvollen Nach⸗ drucke geſprochenen Worte ſchienen auf Herrn von Muͤn⸗ nich wie ein, ihm unverſehens in den Nacken gegoſſenes Glas eis kalten Waſſers zu wirken, während Moͤllnitz hoͤhniſch die Lippen zuſammen kniff und den Gegenſtand 182 des Geſpraäches, den verhaßten Nebenbuhler, mit einem unbeſchreiblich veraͤchtlichen Blicke beehrte. Der Graf von Waldſees heftete jetzt zum Erſten⸗ male ſeine matten, grauen Augen auf Andreas und be⸗ trachtete ihn ſo ernſt unb genau, als habe er ihn noch nie geſehen. Der junge Mann begegnete dieſem Blicke mit derſelben Ruhe, ja es ſchien, als ſchaue er mitleidig auf das eingeſunkene, marmorſtarre Geſicht desjenigen, den er ſo gern geliebt haͤtte, deſſen Haß und Ungerech⸗ tigkeit ihn aber von ſich geſcheucht hatten. „Sie nennen dieſen jungen Mann hier Ihren Freund“— nahm der Graf mit tonloſer Stimme das Wort—„und in der That bedarf es dieſer gewichtigen Empfehlung mir gegenuͤber. Wie es ihm gelungen iſt, den unverletzbaren Schutzbrief Ihres Wohlwollens und die Gnade des Kurfuͤrſten zu erlangen, weiß ich weder, noch vermag ich es zu begreifen, und obgleich ich, nach⸗ dem die vielfach verletzte Gerechtigkeit ihn verfolgt und geaͤchtet, nimmermehr an die Moͤglichkeit einer neuen Intrigue gedacht habe, ſehn Sie mich gleichwol bereit, ihr die Stirne zu bieten.“ „Von einer Intrigue kann wol da kaum die Rede ſein, wo gewiſſe Anſpruͤche durch ſo erſchoͤpfende Beweis⸗ mittel, als es hier der Fall iſt, und uͤberdies durch den Ausſpruch und die ernſte Pruͤfung eines competenten Gerichts unterſtutzt werden!“ ſagte der Präſident trocken. „Die Nachricht, daß dieſer junge Kavalier ſich freiwillig den betreffenden Behoͤrden geſtellt und durch unverwerf⸗ 183 liche Zeugniſſe ſich als den ehrlichen und rechtmaͤßigen Sohn des Grafen Chriſtoph von Waldſees, demnach als geſetzlichen Erben der Hinterlaſſenſchaft des Genannten, legimirt hat, duͤrfte genuͤgen, ihm einen Platz an meiner, vor Allem aber an Ihrer Seite, Herr Graf, einzuräumen, wenn auch unſer er⸗ lauchteſter Landesherr nicht durch einen Kabinetsrath den hartgepruͤften Sproͤßling einer der edelſten Familien Bai⸗ erns jeder weitern Unterſuchung entzogen und Prozeß und Anklage niederzuſchlagen befohlen hätten.“ Einen Augenblick ſchien der Graf die Faſſung zu verlieren. Ob es Zorn, Schreck oder Beſtuͤrzung war, was ſeine ehernen Zuͤge momentan belebte, vermochte ſelbſt das beobachtende Auge des Herrn von Muͤnnich nicht zu unterſcheiden. Aber dieſe Bewegung war nur voruͤbergehend und erſtarb in einem kalten, unglaͤubigen Laͤcheln. „Jedenfalls wird mir eine Einſicht in die Akten dieſes ſonderbaren Rechtsverfahrens gegoͤnnt ſein!“ ſagte er langſam—„eines Verfahrens, welches einer gewalt⸗ ſamen Beraubung meines oder vielmehr des Vermoͤgens meiner Tochter ziemlich aͤhnlich ſieht. Und um ſo we⸗ niger fuhle ich mich geneigt, den abentheuerlichen An⸗ ſpruͤchen dieſes Herrn Andreas Gehoͤr zu geben, da mein Kind in einigen Tagen die Gattin des Baron von Moͤllnitz wird und demnach—“ „Sie wird nie deſſen Gattin werden!“ unterbrach Andreas plotzlich mit feſter Stimme den Grafen, und 184 ſeine Zuͤge nahmen einen Ausdruck von Strenge und Entſchloſſenheit an—„huͤten Sie ſich, Herr Graf, dieſes Buͤndniß einzuſegnen; ich ſagte Ihnen ſchon ein⸗ mal, daß ich unbedingt dagegen proteſtire!“ In dem bleichen Geſicht des Grafen ſtieg dunkle Zorngluth empor, Moͤllnitz aber verlor alle Faſſung und ſprang auf wie ein gereizter Tiger.„Ha, welche bei⸗ ſpielloſe Unverſchaͤmtheit iſt das?“ ſchrie er und legte die Hand an das Degengefaͤß—„duͤrfen wir es noch laͤn⸗ ger dulden, daß ein frecher Abentheurer, ein namenloſer Baſtard uns verhoͤhnt und zum Spielwerk ſeiner Schliche und Raͤnke macht? Haſt Du es vergeſſen, Buͤrſchchen, daß Du vor wenigen Wochen mit genauer Noth den Haͤnden meiner Soldaten entſchluͤpfteſt? beim heiligen Georg, ich habe Luſt, Dich trotz des niedergeſchlagenen Prozeſſes und der kurfurſtlichen Gnade noch einmal hin⸗ auszujagen.—“ „Ha, das iſt zu viel!“ ſchrie Andreas, der bei den rohen Beſchimpfungen des Barons bald todtenblaß, bald gluͤhend roth geworden war. Er faßte gleichfalls den Degen und wer weiß, ob nicht ein blutiges Intermezzo den duͤſtern Charakter dieſer Zuſammenkunft noch erhoͤht haͤtte, wenn nicht der Präſident kraͤftig dazwiſchen ge⸗ treten waͤre. Mit der Linken hielt er die Hand des gekraͤnkten Juͤnglings zuruͤck, waͤhrend ſeine Rechte den Baron ziemlich unſanft zuruͤck ſtieß.„Ruhe, im Namen des Kurfurſten, deſſen Stelle ich hier vertrete!“ rief er mit ſtolzer, kraftiger Stimme.„Sie haben ſich einer . 185 Majeſtätsbeleidigung ſchuldig gemacht und ich koͤnnte fuͤr Ihre reſpektwidrigen Ausdruͤcke mit Fug und Recht Ihren Degen fodern, mein Herr Baron! Ich verlange, daß Sie meinen jungen Freund mit der Achtung behan⸗ deln, auf die ſein hoher Rang ihm die gegruͤndetſten Anſpruͤche gibt. Ihr ironiſches Laͤcheln iſt eine neue Beleidigung, die Sie mir zufuͤgen, indeß—„ſetzte er mit einem Tone hinzu, der nahe an Geringſchaͤtzung ſtreifte—„ich will nicht vergeſſen, daß ich nur mit dem Grafen von Waldſees zu thun habe und daß Ihre Gegenwart eine zufaͤllige iſt. Sie verlangen mit Recht die Vorlegung der Dokumente, welche die Legitimation Ihres Neffen begruͤnden—“ wendete er ſich an den Grafen, der kalt und bewegungslos wie ein Steinbild daſtand—„es iſt dies der Zweck meiner Sendung.“ Der Graf verbeugte ſich ſchweigend und der Pra⸗ ſident zog ein umfangreiches Portefeuille aus der Bruſt⸗ taſche.„Es duͤrfte weder noͤthig noch erſprießlich ſein,“ fuhr er fort, die Baͤnder der reichgeſtickten Maroquintaſche löͤſend—„die Kindheits- und Jugendgeſchichte meines Schuͤtzlings noch einmal zu erwaͤhnen. Es iſt Ihnen uberdies bekannt, daß Ihr verſtorbener Bruder ſich Anno 1741 mit einem Maͤdchen aus niederm Stande, Mar⸗ garethe Rottmeier aus Poͤrnberg, feierlich vermaͤhlte— „Von einer ſolchen Vermaͤhlung iſt mir weder et⸗ was bekannt, noch werde ich je daran glauben!“ unter⸗ brach der Graf trocken den Sprecher.„Ich ſehe, der junge Herr, deſſen Abkunft von meinem Bruder ich nicht 186 eben hartnaͤckig beſtreiten will, hat die alte Fabel wieder hervorgeſucht, durch welche er fruͤher mich ſelbſt bei Ge⸗ legenheit eines naͤchtlichen Einbruches von ſeiner legiti⸗ men Geburt zu uͤberzeugen hoffte.“ „Es waͤre beſſer, Sie haͤtten jenes Ereigniß nicht erwaͤhnt!“ ſagte der Praͤſident ſtirnrunzelnd—„denn ein weniger Großmuͤthiger, als Ihr Neffe, koͤnnte darauf eine furchtbare Anklage auf Erbſchleicherei— ja, auf gewaltſamen Raub begruͤnden.“„Herr Praͤſident—“ ſtotterte der Graf, todtenbleich zuruͤcktretend.„Sie waren und ſind vielleicht noch im Beſitz einer beglaubigten Ab⸗ ſchrift des Trauſcheins, welcher die Vermaͤhlung Ihres Bruders evident beweiſt,“ fuhr der Praͤſident fort und zog mehre Papiere aus dem Portefeuille.„Ich werde Sie erſuchen, jenes Medaillon und gewiſſe Briefe des Grafen Chriſtoph an ſeine Gattin vorzulegen. Auf den etwaigen Verluſt jenes vidimirten Trauſcheins kommt nichts an, da wir im Beſitz des urſpruͤnglichen Doku⸗ mentes ſind, welches aus dem Kirchenbuche der proteſtan⸗ tiſchen Gemeinde Dillingen entnommen und uͤberdies durch die eidliche Zeugenausſage des Paſtor emeritus, Magiſter Tilleſius, beglaubigt worden iſt. Iſt es Ihnen gefaͤllig, lieber Magiſter, meine Eroͤffnung zu unter⸗ ſtuͤtzen?“ Der Magiſter, der bis jetzt ganz ſtill und zuſam⸗ mengeſchmiegt in ſeiner Ecke geſeſſen hatte, erhob ſich, dieſer Auffoderung Folge leiſtend, und trat unter vielen Buͤcklingen an den Tiſch, auf welchen der Praͤſident ein — gelbes, zuſammengefaltetes Papier ausbreitete.„Hier, Herr Graf, iſt die erwaͤhnte Urkunde!“ fuhr der Prä⸗ ſident fort, hielt aber ploͤtzlich inne, als ſein Blick auf den Grafen fiel. Dieſer ſtand da mit vorgebeugtem Haupt, die Augen ſtier und wie verzaubert auf das ver⸗ haͤngnißvolle Papier gerichtet. Mit den Armen ſtuͤtzte er ſich auf den Tiſch; immer mehr und mehr neigte er ſich vorn uͤber, als wolle er jeden Buchſtaben, jede Linie einer mikroskopiſchen Pruͤfung unterwerfen. Dabei nah⸗ men ſeine Zuͤge einen ſo ſtieren, beinahe irrſinnigen Aus⸗ druck an, daß alle Anweſenden ſich von einem unheim⸗ lichen Grauen durchfroͤſtelt fuhlten. Eine lange Pauſe trat ein, in welcher nur die ſchweren, roͤchelnden Athem⸗ zuͤge des Grafen zu hoͤren waren. „Es iſt meine eigene Handſchrift, propria manus, allergnädigſter Herr!“ begann endlich der Magiſter zö⸗ gernd—„ich erinnere mich lebhaft des St. Johannis⸗ feſtes 1741. Wie ſchoͤn war da die Braut, und der gnaͤdigſte Herr Bruder waren angethan mit einem bro⸗ katnen Kleide und—“ „Die Meßalliance meines Bruders iſt nicht länger zu bezweifeln,“ untepbrach ihn jetzt der Graf, indem er ſich langſam und maſchinenmäßig emporrichtete— „gleichwol iſt dadurch die Ausſage dieſes jungen Man⸗ nes, daß er die Frucht dieſer Ehe ſei, durch nichts verbuͤrgt.“ „Uund Sie laſen doch die Briefe meines Vaters, welche er in der Zeit vor und bald nach meiner Geburt 188 ⸗ an meine Mutter richtete!“ ſagte Andreas im Tone ſanften Vorwurfs.„Auf jeder Seite iſt von mir die Rede, jede Zeile athmet die Liebe, mit welcher er bis zum Tode ſeiner Gattin meiner ſtets gedachte. Später wandte ſich ſein Herz von mir ab und Plaͤne, uͤber welche ich mir kein Urtheil erlaube, veranlaßten ihn, mir ſeinen Namen zu entziehen und mich wie einen Ban⸗ kert in die fremde Welt hinauszuſtoßen.“ „Außer jenen Briefen, die mit dem Medaillon zu⸗ gleich in Ihren Beſitz kamen,“ nahm der Präſident, in⸗ dem er andere Papiere vor den Grafen ausbreitete, wieder das Wort—„dienen zur vollſtaͤndigen Legiti⸗ mation Ihres Neffen hier vorerſt ein Zeugniß des Pfarrers zu Poͤrnberg nebſt dem Schreiben, welches die ſterbende Margarethe an ihren zuͤrnenden Vater richtete und worin ſie ihn beſchwor, ſich ihres Soͤhnchens An⸗ dreas anzunehmen. Ferner ſind hier Atteſte des Orts⸗ vorſtehers zu Aichach, ein Brief an den Direktor der Weiſenanſtalt in Muͤnchen, wo Andreas erzogen wurde; zwar iſt das Schreiben anonym, jedoch die Handſchrift nach ſorgfaͤltiger Vergleichung fuͤr die Ihres Herrn Bru⸗ ders erkannt worden. Endlich—“ „Genug, mehr als genug!“ unterbrach den Sprecher der Graf mit einer heftigen Handbewegung.„Dieſe Fluth von Beweiſen, Briefen und Dokumenten machen mich und mein Kind zu Bettlern. Sie haben Ihr Ziel erreicht, mein edler Neffe, und ohne Zweifel werden Sie begierig ſein, aus meinen Haͤnden Ihr Erbe zuräckzu⸗ 189 empfangen. Ich werde— alle Anſtalt— dazu treffen, und da Mißwachs und verfehlte Spekulationen— die Hinterlaſſenſchaft Ihres— Vaters verkleinert haben, muß ich Ihnen auch dieſes Schloß uberlaſſen.“ Nur die aͤußerſte Anſpannung aller Seelenkraͤfte hatte es dem Grafen moͤglich gemacht, ſich ſelbſt dies entſetzliche Urtheil zu ſprechen— ein Urtheil, welches die beiden Lebensnerven ſeines Weſens gewaltſam beruͤhrte — den Stolz und die aufopfernde Liebe zu ſeiner Toch⸗ ter. Seine Stimme war matter und matter geworden, bis ſie bei den letzten Worten in ein qualvolles Stoͤhnen uberging. Glaͤſern und zerbrochen irrte ſein Blick in der Halle umher und ein Zug unausſprechlichen Jam⸗ mers verlieh dieſem faſt marmorſtarren Geſichte einen Ausdruck, der auch den aͤrgſten Feind des tief gedehmuͤ⸗ thigten Greiſes zu innigem Mitleiden hingeriſſen haben wuͤrde. Andreas fuͤhlte eine Thraͤne in ſeinen Wimpern. Jetzt, wo er Alles erreicht hatte, wonach er geſtrebt, wo das Geſchick die Gefilde ſeiner gluͤhenden Traͤume, die Wuͤnſche und Hoffnungen eines von raſtloſem Ehrgeiz entflammten Herzens erfuͤllt hatte, vermochte er es nicht, die Leiden desjenigen anzuſehen, der ſo viel Schuld trug an einer finſtern und vorwurfsvollen Vergangenheit. Er trat vor den Grafen hin, der noch immer ſtill und re⸗ gungslos in ſeinem Seſſel lehnte. „Ihre Befuͤrchtungen ſind grundlos,“ ſagte er weich und legte die Hand auf den Arm des Oheims, der unter 190 der Beruͤhrung zuſammenzuckte—„fern ſei es von mir, einen ſo ſchnoͤden Triumpf zu feiern, indem ich mein Gluͤck mit Ihrem Ungluͤck erkaufe. Stehe ich doch ſelbſt nicht mehr als Fodernder, ſondern als Bittender hier; liegt es doch in Ihren Haͤnden, meinem Erbtheil den herrlichſten Juwel hinzuzufuͤgen, ohne welchen ich mich nimmer an deſſen Beſitz erfreuen koͤnnte. Sie kennen meinen heißeſten Wunſch—“ „O, ich erinnere mich“ unterbrach ihn der Graf mit einem bittern Laͤcheln,—„durch eine Verheirathung mit meiner Tochter waͤre in dieſer Angelegenheit ein treffliches Arrangement gefunden. Ich duͤrfte dann das Gnadenbrot eſſen und feurige Kohlen auf mein Haupt ſammeln laſſen? Aber Sie ſind im Irrthum, mein edler, uneigennuͤtziger Neffe, und ich danke Gott, daß es kein Mittel gibt, mich auch zu dieſem hoͤchſt ſchmach⸗ vollen Opfer zu zwingen. Lydia wird in einigen Tagen die Gattin des Barons von Moͤllnitz, den ſie innig liebt und von dem ſie innig wieder geliebt wird. Sie werden arm ſein, aber gluͤcklich. Dieſe Gewißheit iſt der Troſt, der mich aufrecht haͤlt und mich hinlaͤnglich an Ihnen raͤcht.“ „Ich fuͤrchte, der Baron wird dieſe Hoffnung we⸗ nig rechtfertigen!“ ſagte Andreas und deutete nach einer Fenſtervertiefung, wohin Herr von Muͤnnich nach Ein— ſicht der verhangnißvollen Dokumente ſeinen Neffen ge⸗ zogen hatte und wo ſie im leiſen, aber eifrigen Zwie⸗ geſpraͤch verharrten. Das Geſicht des Barons zeigte * . 191 eine widrige Miſchung von Aerger, Spott und Verlegen⸗ heit, waͤhrend Herr von Muͤnnich kalt, berechnet und entſchloſſen dem Neffen eindringliche Rachſchlaͤge zu erthei⸗ len ſchien. Als Moͤllnitz ſeinen Namen nennen hoͤrte, wendete er ſich erſchrocken um, nickte dann dem Oheim zu, der ſachte nach der Thuͤr hinſchluͤpfte, und trat mit einer brusken, beinahe unverſchaͤmten Miene zu der Grup⸗ pe an den Tiſch. „Mein Herr Graf, iſt alle Hoffnung geſchwunden, irgend Etwas aus dem fatalen Schiffbruch zu retten? nahm er das Wort in einem Tone, der an ſich ſchon höhnend und beleidigend klang—„oder muͤſſen Sie Ihrem zaͤrtlichen Neffen wirklich Haus, Hof und Ver⸗ moͤgen zugleich mit einem edlen Namen uͤberantworten? Ich furchte, es wird Ihnen in der That nichts ubrig blei⸗ ben, als ſich mit dem Sieger ſo vortheilhaft als moͤglich zu arrangiren, und ich will meinen Einfluß bei dem jungen Herrn Gtafen— wenn die angenehme Erinnerung an große fruͤhere Begegnungen mir wirklich einigen Einfluß verſchafft— gern dazu benutzen, Ihnen annehmbare Capitulationsbedingungen zu erwirken.“ Andreas antwortete nur durch einen Blick der tief⸗ ſten Verachtung, der dem Baron eine gluͤhende Roͤthe in's Geſicht jagte; der alte Graf aber ſtarrte ihn an, als habe er die frechen Worte nicht verſtanden. Erſt allmäh⸗ lich ſchien eine Ahnung der tiefen Seelenverderbtheit des Barons und der Schmach, welche er von ihm zu erfahren im Begriff ſtand, in ihm emporzudämmern. Seine Augen 192 leuchteten noch einmal in jenem ſtolzen, imponirenben Glanze, der in gluͤcklichen Tagen ſeine Umgebung be⸗ herrſchte, und ſich raſch erhebend, ſagte er wuͤrdevoll: „Dieſer junge Herr wagte es, um meine Tochter, Ihre Braut, Herr Baron, anzuhalten, und ich habe ihm die auf ein ſo verletzendes Anſinnen einzig moͤgliche Ant⸗ wort gegeben. Sagen Sie ihm nun ſelbſt, wie tief Sie ſich Ihrerſeits gekrankt fuͤhlen, und daß Sie mit Entruͤſtung auch den leiſeſten Argwohn von ſich weiſen, als wuͤrde die arme Lydia weniger von Ihnen geliebt als die reiche Erbin.“ „Pardi! ich wollte Niemandem rathen, eine ſolche Vermuthung auszuſprechen!“ entgegnete Moͤllnitz ſpoͤttiſch läͤchelnd—„Fraͤulein Lydia darf meiner Liebe und Ver⸗ ehrung gewiſſer ſein als je, und um fo tiefer und ſchreck⸗ licher iſt der Schmerz bei dem troſtloſen Gedanken, daß ein tuͤckiſches Verhaͤngniß mich ploͤtzlich von dem beſeeli⸗ genden Ziele meiner Wuͤnſche weit zuruͤckſchleudert.“ „Ha, wie ſoll ich das verſtehen?“ hauchte der Graf erbebend.„Als eine Bitte um Mitgefuͤhl. Ich waͤre ein Elender, wollte ich Ihre herrliche Tochter unter den jetzigen Umſtaͤnden in meine nichts weniger als glaͤnzenden Verhaͤltniſſe einfuhren. Ich ſchaͤme mich nicht, die gaͤnz⸗ liche Zerruͤttung meiner Finanzen einzugeſtehen, die es mir nicht erlauben, eine ſogenannte ſchlechte Parthie zu machen. Mein theurer Onkel, der, wie ich ſehe, wahr⸗ ſcheinlich von ſeiner eignen Grauſamkeit beſchaͤmt, davon gelaufen iſt, droht mir mit Enteérbung, im Fall ich der * 193 Stimme meines Herzens mehr als der der Vernunft folge, und da nun kein Hoffnungsſtrahl in die Nacht meiner Verzweiflung dringt— ſo— ſo— muß ich der Ehre entſagen, durch die Verbindung mit dem Fraͤu⸗ lein Tochter ein Glied der Familie Waldſees zu werden.“ So keck und ſicher der kalte Egoiſt auch ſeine Rede be⸗ gonnen hatte, fuͤhlte er ſich gegen das Ende derſelben dennoch beſchaͤmt und verwirrt durch die tiefe Indignation, welche unverholen ſich in den Zuͤgen der Anweſenden ausdruͤckte. Selbſt Tilleſius konnte trotz ſeiner angebor⸗ nen Ehrfurcht vor Allem, was adelig hieß, nicht umhin, ein mißbilligendes Gemurmel vernehmen zu laſſen, welches allerdings zum Theil in einem heftigen Kopfſchuͤtteln, zum Theil in einem anhaltenden Raͤuſpern verloren ging. Der Praͤſident runzelte ſeine hohe Stirn und wandte ſich mit jener unzweideutigen Miene ab, welche der Anblick irgend eines windrigen, haͤßlich geſtalteten Kriechthieres zu Wege zu bringen pflegt. Andreas Entruͤſtung ſchien alle Schranken durchbrechen zu wollen, und ſchon zuckte ſein Arm, um dem Baron einen Schimpf aufzuladen, welchen nur Blut abzuwaſchen vermocht haͤtte, als eine Kriſis im Zuſtande des! Grafen ſeine Aufmerkſamkeit von Moͤllnitz, der mit geſenkten Blicken langſam der Thuͤre zuſchritt, und von Allen unbeachtet die Halle ver⸗ ließ, ablenkte. Den Grafen von Waldſees ſchien die ſchmähliche Perfidie des Mannes, zu dem er ſich ſtets ſo innig hin⸗ gezogen gefuͤhlt, den allein er ſeiner Freundſchaft gewuͤr⸗ n. 13 194 digt und hoch geachtet hatte, ſchwerer zu treffen, als ſelbſt die ſchrecklichen Eroͤffnungen der juͤngſt verfloſſenen Stunden. Die ſchonungsloſen Worte des Mannes hat⸗ ten ihn Anfangs in eine Art Starrkrampf verſetzt, aus welchem er nur erwachte, um in einen Zuſtand zu ge⸗ rathen, der das Herannahen des duͤſtern Geſpenſtes— Wahnſinn befuͤrchten ließ. Seine Augen irrten mit dem Ausdrucke eines kindiſchen Entſetzens umher; ſchwerfaͤllig fiel er in den Seſſel zuruͤck und die bebenden Lippen murmelten unverſtaͤndliche Worte, waͤhrend er mit den magern Haͤnden in der Luft herum fuhr, als wolle er etwas gewaltſam Herannahendes von ſich abwehren. Der Praͤſident und Andreas redeten zu ihm im ſanfteſten Tone, Tilleſius aber eilte hinaus, einen reitenden Boten nach einem Doktor zu ſenden. Als er in den Hof trat, ſah er eben den Baron von Moͤlnitz und deſſen Onkel zu Pferde ſteigen und im Galopp zum Thor hinaus und den Huͤgel hinabjagen. „Ade! auf Nimmerwiederkehren, Ihr ſaubern Ka⸗ valiere!“ brummte der Magiſter und ſchaute den Da⸗ voneilenden mit majeſtatiſch zurnenden Blicken nach. „Um alſo ſich zu geriren, braucht man nicht von Got⸗ tes Gnaden Edelmann zu ſein.“ Nach dieſer eben ſo weiſen als treffenden Aphorisme ließ er ſeine Stimme erſchallen und hatte bald die Ge⸗ nugthuung, Herrn Binzgo mit verſtoͤrter Miene herbei⸗ kommen zu ſehen.„Um's Himmelswillen, was iſt ge⸗ ſchehen?“ rief ihm der Kaſtellan ſchon von Weitem ent⸗ 4 gegen—„die Herren/Lerlaſſen das Schloß, und wenn ich den Baron recht verſtanden habe, ſo nannte er mei⸗ nen Gebieter einen armen Schlucker und Hungerleider. Tauſend Sapperlot, wir ſind reicher als jeder andere Edelmann zwanzig Meilen in der Runde und ich begreife nicht“— „Ihr werdet bald Manches begreifen, was vor ei⸗ ner Stunde allerdings unbegreiflich genug war, guter Herr!“ unterbrach den Perorirenden der Magiſter.„Aber vor allen Dingen ſchickt nach einem Doktor, denn der Herr Graf ſcheint ſchwer erkrankt zu ſein.“ „Jeſus Chriſtus! erkrankt— ſchwer erkrankt?“ lallte der erſchrockene treue Diener—„gewiß bricht das Uebel nun aus, welches ſo lange in ihm geſteckt hat. Augenblicklich ſoll Stephan nach Augsburg und den Dok⸗ tor holen! Ach, mein Himmel, da kommt das gnaͤdige Fraͤulein die Treppe herunter und rennt geradewegs in die Halle! Das wird eine Scene geben! waͤre ſie doch oben geblieben!“ Wirklich flog Lydia, die hoͤchſte Seelenangſt in dem ſchoͤnen, bleichen Antlitz, die Stufen herab und riß die Thuͤr der Halle auf. Als ſie den geliebten Vater von den fremden Maͤnnern umringt mit geiſterhaften Zuͤgen im Seſſel liegen ſah, ſturzte ſie mit einem lauten Schrei auf ihn zu, draͤngte Andreas und den Praͤſidenten zu⸗ ruͤck und ſank ploͤtzlich zu den Fuͤßen des Kranken ohn⸗ maͤchtig nieder.— 13* Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Athlelw. Ja, das Geheimniß— Mein Weh! Ich ſchuͤtt' es aus, das Gift— ich muß! —— Ruhig hoͤrt mich an. Was ich erzaͤhle, Iſt eine Sag' aus alter Zeit. Elfriede v. Marggraff. Anſ. Man raunt ſich Grauenvolles In die Ohren; unnatuͤrlich ungeheure Verbrechen wecken unnatuͤrliche Gewiſſensangſt, und die belad'ne Seele beichtet Dem tauben Kiſſen ihre Schuld. Macbeth. Das Gewebe unſerer Erzaͤhlung beginnt ſich zu ent⸗ ſchuͤrzen und die Ereigniſſe drängen zur Entwickelung hin; ehe der Verfaſſer ihrem Strome folgt, haͤlt er einen Augenblick an und blickt auf ſein Werk zuruͤck, pruͤfend und forſchend, wie der Wanderer von der faſt erklomme⸗ nen Hoͤhe eines Berges die Strecke mißt, die er ſchon zuruͤckgelegt hat, um ſich durch ſolche Genugthuung fuͤr den Reſt des Weges zu ſtaͤrken. Da uͤberkommt ihn(naͤmlich den Autor) eine ſelt⸗ ſame, gemiſchte Stimmung, die aus derz Huſammenwir⸗ ken verſchiedenartiger Gefuͤhle entſprungen, ſich als das Reſultat ſeiner Selbſtkritik hinſtellt. Was er hätte Beſſe⸗ res geben, welche Fehler er vermeiden, welche Regeln der Kunſt und Schoͤnheit er haͤtte benutzen koͤnnen— * 197 das iſt ihm plotzlich klar geworden, waͤhrend er doch beim Erzaͤhlen nur das Rechte und Intereſſante zu wäh⸗ len glaubte und ſich in manchen argen Irrthum ordent⸗ lich verliebte und feſt daran anklammerte, weil er ihn fuͤr etwas Verdienſtliches erachtete und gewiſſe feſtgeſtellte Meinungen und Anſichten theils aus uͤbermuͤthiger Luſt zur Oppoſition— denn er hegt einen gewiſſen Wider⸗ willen gegen lange Beſtehendes und durch Autoritaten Legitimirtes— theils aus warmer Gegenuͤberzeugung voͤllig unberuͤckſichtigt ließ. Aber nichts verbreitet uͤber einen Gegenſtand großere Klarheit, und bringt ihn in richti⸗ gere Anſchauung, als lange und anhaltende Beſchaͤftigung mit demſelben. So raſch, wild und eifrig man auch daran geht, ſo ſehr man ſich auch ſehnt, an einem glaͤn⸗ zenden, die fremden und eigenen Anſpruche befriedigen⸗ den Ende zu ſtehn— allmaͤhlig veranlaſſen ein unabaͤn⸗ derliches Naturgeſetz und die zugelnde Hand der Zeit jene Ruhe, jenen beſonnenen, kritiſchen Ernſt, der allein ein froͤhliches, aͤchtes Gedeihen bewirken kann. Sehen wir nun, daß wir in ſtuͤrmiſcher Haſt gleich Anfangs einen falſchen Griff thaten, dem in nothwendiger Conſequenz und zu unſerer Verzweiflung noch andere Mißgriffe folg⸗ ten, ſo ſind wir entweder kuͤhn genug, ſelbſt die Brand⸗ fackel in den unfertigen Bau zu werfen, oder wir ſuchen durch die ſorgfaltigſte, muͤhvollſte Operation zu retten, was zu retten iſt, hier einen wankenden Pfeiler zu ſtuͤtzen, dort ein unſchoͤnes Ornament wegzuſchaffen, da eine Luͤcke auszufuͤllen, kurz— gewiſſenhaft der befehlshabe⸗ 198 riſchen Stimme unſeres gelaͤuterten Geſchmacks und der beſſern Einſicht zu folgen. Iſt es nun auch unmoͤglich, eben dieſes Gebaͤude als ein mackelloſes Prachtwerk hin⸗ zuſtellen, raͤcht ſich auch die erſte Suͤnde daran fort und fort— jedenfalls war es dem Erbauer eine gute Schule und es iſt Tauſend gegen Eins zu wetten, daß er ſich ein andermal aͤngſtlicher und ſorgfältiger vor den Miß⸗ griffen huͤten wird, die ihm einſt die Luſt zum Bauen beinahe verleideten und ihm eine Quelle der Unzufrieden⸗ heit mit ſich ſelbſt und der Beſorgniſſe vor dem abſprechen⸗ den Urtheile Anderer wurden. Wie dieſe architektoniſche Betrachtung mit der vor⸗ liegenden hoͤchſt ernſthaften und poetiſchen Erzaͤhlung zu⸗ ſammen haͤngt, das zu errathen, uͤberlaſſen wir den Le⸗ ſern; ſteht ſie doch nur fuͤr ſolche da, die ſie zu wuͤrdi⸗ gen wiſſen und ſie eher gedacht, als wir ſie ausgeſprochen haben. Aeußerſt erleichtert und nicht ohne eine gewiſſe Zuverſichtlichkeit kommen wir nun wieder zur Sache und nehmen, nach einer Pauſe des tiefſten Nachdenkens, den Faden unſerer Darſtellung wieder auf.— Das Schlafgemach des Grafen Georg von Wald⸗ ſees trug an dem Abende, welcher den im vorigen Kapitel geſchilderten verhaͤngnißvollen Tag beſchloß, ganz das truͤbe und duͤſtere Gepraͤge eines Krankenzimmers. Es herrſchte eine unleidliche Hitze darin, obſchon ein mächtig großer Schirm das Kaminfeuer verdeckte; die Lampe brannte verdunkelt in der entfernteſten Fenſter⸗ niſche und zu Haupten des großen Himmelbettes ſtand 199 ein Tiſch, ganz bedeckt mit Medizinflaſchen, Schaalen und Phiolen aller Art und Groͤße. Trotz dem daß ſich mehre Perſonen in dem Zimmer befanden, herrſchte den⸗ noch eine tiefe, druͤckende Stille, die das Getoͤſe des Nordwindes, der, Schnee und Regen durcheinander wir⸗ belnd, das Schloß umbrauſte, nur noch unheimlicher machte.— Die Vorhaͤnge des Bettes waren zuruckge⸗ ſchlagen und ließen den kranken Grafen erkennen, deſſen Geſicht, obwol von der Dunkelheit beſchattet, dennoch jenen ſchlaffen, vollig veränderten und ein leiſes Grauen erregenden Ausdruck zeigte, welchen man den hypokrati⸗ ſchen zu nennen pflegt und als einen nur zu ſichern Vor⸗ boten der nahen Aufloſung betrachtet. Er ſchien in die⸗ ſem Augenblicke zu ſchlummern; ſeine Augen waren ge⸗ ſchloſſen und der rechte Arm lag matt ausgeſtreckt auf der ſeidenen Decke. Dicht neben dem Schmerzenslager des Grafen ſaß Lydia, kein Auge von dem theuren Leidenden wendend, und uber ſeine tiefen unregelmäßigen Athemzuͤge wachend. Sie weinte und klagte nicht mehr, und obgleich der tiefſte Gram ihre Zuͤge umſchattete, war ſie dennoch die eifrigſte, geſchickteſte Krankenpflegerin, mit klarer umſicht anordend und ausfuͤhrend, was der Drang des Augenblicks irgend erfoderte. Nicht genug zu bewundern ſind die Seelen⸗ groͤße wie der eiſerne moraliſche Muth, der die Frauen, dieſe zarten, hinfälligen Geſchoͤpfe ploͤtlich belebt, wenn es gilt, die Leiden eines geliebten Weſens zu theilen oder zu lindern. Ihre Standhaftigkeit, ihre himmliſche Ge⸗ 200 duld, ihr aufopfernder Muth erheben ſie dann weit uͤber den Mann, der ſich gern und mit Entzuͤcken dem Zau⸗ ber hingibt, den das ſtille und doch kraftvolle Walten einer Frau um ihn her ſchafft, wenn von den Wider⸗ waͤrtigkeiten des Lebens ſein eigner Muth gelaͤhmt und ſeine Kraft gebrochen iſt; daſſelbe Weib, dem ein ſenti⸗ mentales Gedicht, eine ruͤhrende Schauſpielerſcene Thraͤ⸗ nen erpteßt, die in Ohnmacht faͤllt bei dem Anblick einer Spinne und ſich vielleicht furchtet, des Abends allein uͤber die Straße zu gehen, daſſelbe Weib wird an der Seite eines Krankenbettes mit Ernſt und wunderbarer Umſicht walten, wenn Alles um ſie her verzweifelt und rathlos jeder Hoffnung entſagt, es wird vor der Nacht des Kerkers, vor Schmach und Todesgefahr nicht einen Augenblick zuruͤck beben, wenn es gilt, ein vorgeſtecktes Ziel zu erreichen, Liebe zu erwerben, oder erworbene Liebe in Sturm und Ungewitter zu bethaͤtigen! So Lydia; die ſchmerzhaften Eindruͤcke des vergangenen Ta⸗ ges, das Bewußtſein: du biſt nun nichts mehr als ein armes Maͤdchen und mußt all' jenem Glanz, all' jenem Schimmer, der den Frauen zum Beduͤrfniß wird, ent⸗ ſagen! vor Allem aber der ſchmachvolle Verrath, den der Baron von Mollnitz an ihr begangen, die bittere, herzergreifende Taͤuſchung, die er ihr bereitet— alle dieſe Gedanken lagen jetzt weit zuruͤckgedraͤngt, in der innerſten Tiefe ihres Herzens, obſchon in einzelnen Mo⸗ menten einem blendenden, niederſchmetternden Blitzſtrahl gleich die Ahnung ſie durchzuckte, daß dieſe ſchlummern⸗ * 201 den Nattern erwachen wuͤrden, ſobald die Spannung des Augenblicks voruͤber und ſie dem marternden Nach⸗ denken uͤber ſich ſelbſt preisgegeben ſein wuͤrde. Am Fuße des Himmelbettes und Lydia gegenuͤber ſaß Andreas. Sein ernſtes, ſinnendes Auge ruhte ab⸗ wechſelnd auf dem Kranken und auf dem holden Maͤd⸗ chen, die ihm nie ſchoͤner erſchienen war, als in der Glorie des ſanften Schmerzes, der den heiligen Ausdruck einer Madonna in ihre Zuͤge legte. Und wie ſeine Blicke, ſo wechſelten ſeine Gedanken, bald durchdrungen und ge⸗ hoben von heller Liebesgluth, bald muͤhſam kaͤmpfend mit truͤben Befurchtungen, aͤngſtlichen Zweifeln und ſru⸗ puloͤſen Selbſtvorwuͤrfen. Er hatte den Tag uͤber, in welchem er nicht von ſeinem Platze gewichen war, nur wenige Worte mit Lydia gewechſelt, ſo ſtuͤrmiſch es ihn auch draͤngte, ihr ſein ganzes Herz zu eroͤffnen, aber er glaubte in ihren Blicken, die ihn zu vermeiden ſchienen, eine ſtille Anklage zu leſen und ſich der Schuld an den Leiden des Vaters und all' den Unfaͤllen, welche ſo raſch und ploͤtzlich uͤber das ſtille Haus hereingebrochen waren, geziehen zu ſehen. Und ſo gerechtfertigt auch noch ge⸗ ſtern ſein Verfahren und ſeine Anſpruche ihm ſelbſt und denen, welche ſie unterſtutzten, erſchienen waren— heut', dem ſterbenden Greiſe und dem duldenden Maͤdchen ge⸗ genuͤber, war er geneigt, das Verdammungsurtheil uͤber ſich auszuſprechen und Rang und Reichthum von ſich zu werfen, haͤtte er dadurch ein dankbares Laͤcheln, einen dankbaren Blick Lydias erkaufen koͤnnen. 202 In der Naͤhe des Kaminſchirmes ſaßen an einem runden Tiſch der Praͤſident, Magiſter Tilleſius und der Doktor, ein rundes Maͤnnchen mit einem jenialen Ge⸗ ſicht, welches er vergebens durch die ernſteſte Amtsmiene zu maſkiren ſuchte; der Magiſter hatte ſich in den gelehr⸗ ten Inhalt eines uralten Folianten verſenkt, den er am Nachmittag in der Leihbibliothek aufgeſpuͤrt und mit großem Entzuͤcken in das Krankenzimmer geſchleppt hatte, um Pflege und Handreichung mit ergicklichem Studium, alſo das Nuͤtzliche mit dem Angenehmen, zu verbinden. Der Präſident fuͤhrte ein fluͤſterndes Geſpraͤch mit dem Juͤnger des Aeskulap, den er um ſein Urtheil uͤber den Patienten befragte, denn er hatte beſchloſſen, noch vor Mitternacht abzureiſen und wuͤnſchte daher, ſich uber den Ausgang der Kriſis zu vergewiſſern. „Haben Sie keine Hoffnung, daß der Graf den böſen Anfall uͤberſteht?“ redete er eben jetzt in das horchend vorgeſtreckte Ohr des Dokters—„ mir deucht, das Gemuͤth ſei ſtaͤrker affizirt als der Koͤrper, der ftei⸗ lich hinfaͤllig und morſch genug ſein mag.“„Das iſt es ja eben!“ replicirte der Dokter und zog die Augen⸗ brauen in die Höhe.—„Auch ohne dieſe pſychiſche Er⸗ ſchuͤtterung hätte er keinesfalls ein Jahr mehr gelebt. Ein tiefgewurzeltes Seelenleiden hat ſeit langer, langer Zeit an ihm genagt und geruͤttelt; ſeine Naͤchte waren ſchlaflos, und durch die ſchreckliche Krankheit, welche wir Mondſuchtigkeit nennen, geſtört; Speiſe und Trank wur⸗ den ihm, wie er mir fortwaͤhrend geklagt, zu Galle— * 203 kurz, es iſt ein Wunder, daß der Wurm, der raſtlos an dem innerſten Marke ſeines Lebens gezehrt, ihn nicht ſchon laͤngſt getoͤdtet hat.“ „Und vertraute er Ihnen die Urſache dieſer Lei⸗ den, den geheimnißvollen Kummer, der ihn belaſtete?“ fragte geſpannt der Praͤſident. Der Dokter zuckte die Achſeln und ſchuttelte den Kopf mit einer Miene, die hinlaͤnglich ausdruͤckte, daß er gar nichts wiſſe, aber deſto mehr vermuthe. Augenſcheinlich erwartete er mit ungeduld eine weitere Frage ſeines vornehmen Nachbars, um dann mit der Wichtigthuerei und Selbſtbefriedigung eines behaglichen Schwaͤtzers ſein Geſpinnſt abzuwickeln; da der Praͤſident es jedoch ſeiner nicht wuͤrdig erachtete, die gewuͤnſchte Neugier zu zeigen, oder weitere Forſchun⸗ gen fur indiskret hielt und daher ſtill ſchwieg, ſah ſich der Doktor genöthigt, ſeine Eroͤffnung freiwillig zum Beſten zu geben. „Man munkelt ſeit einiger Zeit gar abſonderliche Dinge hier in der Gegend!“ wiſperte er, ſich dicht an das Ohr des Praͤſidenten ſchmiegend—„und die heutige Geſchichte, das Wiedererſcheinen eines rechtmaͤßigen Soh⸗ nes des Grafen Chriſtoph, ſcheint Manches zu beſtaͤtigen, was geſcheite Leute und ich ſelber fuͤr fabelhaftes Ge⸗ klatſch hielten. Sie wiſſen vielleicht, daß ſelbiger Graf Chriſtoph ſeit ſeiner Verſoͤhnung mit dem Bruder dieſem verſprochen hatte, Fraͤulein Lydia zur Univerſalerbin ſei⸗ nes Vermoͤgens zu machen!“ Der Präſident nickte bejahend und der Medikus 204 fuhr eifriger fort.„Nun, das fand damals Jedermann recht und natuͤrlich, denn der Graf Chriſtoph galt fuͤr unverheirathet und war ſchon ziemlich ein alter Jungge⸗ ſelle; jetzt freilich wiſſen wir, daß er Vater war und koͤnnen nicht umhin, uͤber die liebloſe, aus purem Stolze und falſcher Scham entſpringende Vernachlaͤſſigung ſei⸗ nes Soͤhnleins indignirt zu ſein. Nun, die Eheloſigkeit behagte dem Herrn nicht und ſein, dem Bruder in Betreff der kleinen Nichte, gegebenes Verſprechen ver⸗ geſſend, zeigte er ſich ploͤtzlich entſchloſſen, eine vornehme und äußerſt vortheilhafte Heirath abzuſchließen. Daruͤber kam es denn zu einer neuen, und wie es heißt, ſchreck⸗ lich erbitterten Fehde zwiſchen den Bruͤdern, denn der Graf Georg, unſer armer Patient, hätte fuͤr ſein Toch⸗ terchen am liebſten alle Schaͤtze der Welt zuſammen ge⸗ ſcharrt und da— dann“—— Der Doktor ſtotterte und ſah ſich ſcheu und aͤngſt⸗ lich um, als fuͤrchte er, ein Geſpenſt hinter ſeinem Stuhle zu erblicken, dann wand er die Haͤnde in einander, daß die Finger krachten und ſchaute unverwandt auf den goldnen Knopf ſeines Meerrohres, welches er zwiſchen die Kniee gepreßt hielt. „Nun?“ fragte der Präſident geſpannt—„wie haͤngt das Alles mit der Melancholie des Grafen zu⸗ ſammen? Es iſt bekannt, daß der Tod des Bruders ihn ſo heftig erſchuͤtterte, daß man ſchon damals fuͤr ſeine Geſundheit fuͤrchtete.“ „Richtig! von da an datirt ſich ſein Seelenleiden!“ 205 ſagte der Doktor kurz und trocken.„Man fand die Leiche des Grafen Chriſtoph am Fuß eines etwa ſechzig Fuß hohen, ſteilen Felſenabhanges, an welchem oben ein ſchmaler Pfad hinlaͤuft. An der Stelle, wo er her⸗ abgeſtuͤrzt ſein mußte, ſah man einen jungen Schlehdorn⸗ ſtrauch aus einer Ritze des Geſteins herausgeriſſen. Die⸗ ſen Strauch, an dem ſich der Ungluͤckliche in der Todes⸗ angſt feſtgeklammert, hielt er noch krampfhaft in der Hand. Sein Pferd, ein altes, ruhiges Thier, das ein Kind von fuͤnf Jahren reiten konnte, kehrte allein mit geſenktem Kopf in den Stall zuruͤck.“ „um Gottes Willen, Herr! was ſoll das?“ fuhr der Präſident erbleichend auf,—„Sie glauben, daß Chriſtoph“— „Durch ein wunderbares Ohngefaͤhr, wahrſcheinlich im Schlafe, vom Pferde glitt und zwar unglucklicher⸗ weiſe an der einzigen Stelle, wo er in den Abgrund ſtuͤrzen mußte!“ ſagte der Doktor mit ſcharfer, ironiſcher Betonung.„Aber laſſen Sie uns nach dem Kranken ſehen, der ſo eben erwacht.“ Damit trat er an das Bett, in welchem der Graf, von Lydia unterſtuͤtzt, ſich matt in die Hoͤhe richtete. Ein Blick des Doktors uberzeugte ihn voͤllig, daß jenes letzte Aufflackern der Pſyche herannahe, welchem das Erloͤſchen, die Befreiung aus den Banden des Koͤrpers, auf dem Fuße nachfolgt. „Wie befinden ſich Ihro Gnaden?“ fragte der Arzt und fuͤhlte pruͤfend den Puls, deſſen Schlag anfangs 206 nicht zu verſpuͤren war, aber allmählich ſich belebte, bis er zuletzt in raſcher Fieberhitze klopfte. „Mir iſt wohl, Doktor, viel wohler als je!“ ant⸗ wortete der Kranke, deſſen Stimme aus dem Grabe her⸗ auf zu toͤnen ſchien,—„ſeit langen Jahren war meine Bruſt nicht ſo frei— ſo leicht als heute. Ja, ein großes Ungluͤck war noͤthig— um den Wurm zu töd⸗ ten, der mir das Herz abnagte.“ Lydia ſchluchzte leiſe, von der Ahnung des nahe bevorſtehenden Verluſtes durchbebt und ihre Thränen fielen warm auf ſeine zitternde Hand, die feſt in der ihren ruhte. Als der Graf zu ihr aufblickte, zeigte ſich ſein Auge von einem milden, ruhigen Glanze beſeelt und frei von jener unſichern Verſtoͤrtheit, welche fruͤher die troſtloſe Zerruͤttung ſeines Gemuͤthes charakteriſirte. Er ſchien im Begriff, zu ihr reden zu wollen, da traf ſein Blick Andreas und ein raſches, ſchreckhaftes Zu⸗ ſammenzucken verrieth, daß die nahe Gegenwart des jun⸗ gen Mannes noch einmal ſchmerzhaft die tiefſte Wunde beruͤhrte. Mit truͤber, kummervoller Miene aufſtehend war Andreas im Begriff, ſich zu entfernen, als ein ſtummer Wink des Kranken ihn daran verhinderte. „Bleib Neffe!“ ſagte er leiſe aber feſt—„nicht der alte Haß war es, der bei Deinem Anblick wieder in mir aufloderte, ſondern Beſchamung, gedehmuͤthigter Stolz; Du, dem ich ſo viel Leid bereitete, der wol Urſache hätte, mit einem Fluche ſich von mir abzuwenden, ſitzſt an meinem Krankenlager und ſchauſt ſo truͤbe und theil⸗ * 207 nahmvoll auf mich, als ſei ich Dein milder Freund ge⸗ weſen, nicht der Daͤmon, der Deine Jugend vergiftete.“ „Ich denke nicht mehr daran, Oheim!“ antwortete Andreas ſanft.„Die bittern Erfahrungen des heutigen Tages haben unſere Rechnung ausgeglichen und ich er⸗ achte es fuͤr meine heilige Pflicht, die harte Pruͤfung, welche das Schickſal uͤber Sie verhaͤngte, auf jede Weiſe zu erleichtern. Moͤchten Sie bald geneſen, um die Ue⸗ berzeugung zu gewinnen, daß Haß Liebe gebiert.“— „Du verſprichſt zuviel!“ unterbrach ihn hier der Kranke mit ſchmerzlichem Laͤcheln,—„und erſchwerſt mir die Buße, die ich ſelbſt mir auferlegt. Meine Au⸗ genblicke ſind gezaͤhlt und ich danke Gott dafuͤr. Ich darf Dich nicht erſt auffodern, fuͤr mein Kind zu ſor⸗ gen, iſt ſie es doch, um deren Willen Du mir verzei⸗ heſt; drum hoͤre, was ich Dir ſagen will.“ Er winkte Lydia, welche ihr thraͤnenuberſtrömendes Antlitz auf ſeine Schulter lehnte, zuruͤckzutreten. Sie that es, eben ſo der Präſident und der Doktor, und Andreas beugte ſich forſchend über den Kranken hin, der nach einer Pauſe, in welcher er ſeine Gedanken zu ſam⸗ meln und noch einen ſchweren, aber kurzen Kampf mit ſich ſelbſt zu kaͤmpfen ſchien, im leiſen Fluͤſtern begann: „Wenn wir ſchon halb der Erde und ihren Irrthuͤmern entruͤckt ſind, weicht es wie ein dunkler Nebelſchleier von unſern Augen und das plotziche Licht, welches in unſere Seele dringt, zerſtort die Täuſchungen, denen wir Jahre lang unſere beſten Kraͤfte, unſer beharrlichſtes 208 Streben widmeten. Ich glaubte Lydias Gluͤck durch eine Verbindung mit jenem elenden Moͤllnitz zu ſichern und war kurzſichtig genug, ihn im Beſitz all' der treff⸗ lichen Eigenſchaften zu waͤhnen, die er heuchleriſch prun⸗ kend zur Schau trug. O, daß das raächende Verhaͤng⸗ niß ihm fruͤher die gleißende Larve entriſſen haͤtte!“ Der Graf ſeufzte tief und ſank in die Kiſſen zu⸗ ruͤck; bald aber richtete er ſich empor und Andreas Hand faſſend, fuhr er mit fiebernder Lebhaftigkeit fort:„Meine Tochter ſah ſchärfer; je näher der Tag der Vermaͤhlung kam, deſto mehr beſtuͤrmten ſie dunkle Ahnungen einer truͤben Zukunft, deſto deutlicher fuͤhlte ſie, daß Moͤllnitz ſie nimmer begluͤcken koͤnne und unter heißen Thraͤnen legte ſie an meiner Bruſt dies herbe Geſtaͤndniß ab, in welcher ich nur eine kindiſche Laune, das Reſultat eines voruͤbergehenden Zwieſpaltes ſah. Da zum erſten Mal uͤbermannte mich der Zorn; ich trat ihr mit harten Worten entgegen und erklaͤrte, daß ſolche uͤberſpannte Ideen und vage Träumereien mich niemals veranlaſſen koͤnnten, dem Baron leichtſinnig das gegebene Wort zu brechen. Von dieſem Augenblick an klagte ſie nicht mehr, ſie ertrug mit Engelsgeduld die thranniſchen Launen ih⸗ res Verlobten, die in unbewachten Augenblicken nur zu deutlich ſeine innere Verderbtheit enthuͤllten— aber ich ſah ſie leiden, trauern und in ſtillem Grame vergehen.“ Der Graf hielt wieder inne und Andreas Blicke ſuchten unwillkuͤhrlich Lydia, die regungslos an einem Fenſter ſtund und die gluͤhende Stirn an die kalten * - 209 Scheiben gepreßt, hinausſchaute in die ſternloſe, wilde Sturmnacht. Die Mittheilung des Kranken erfuͤllten ihn einerſeits mit Betruͤbniß, anderſeits aber auch mit unnennbarem Entzuͤcken, denn durch die Gewißheit, Lydia habe den einſt gehaßten, jetzt verachteten Nebenbuhler nicht geliebt, wich eine Centnerlaſt von der Bruſt des jungen Mannes und auf's Neue tagte der Hoffnung goldene Morgenroͤthe in ſeinem Herzen. Als der Graf wieder zu ſprechen begann, weckten ſeine veraͤnderte Stimme und der Ausdruck quälender Seelenangſt in ſeinen Zuͤgen Andreas aus den kurzen, aber wonnigen Traͤumereien, denen er ſich hingegeben hatte. Der Kranke blickte ſcheu umher; ein kalter Froſt rieſelte durch ſeinen Koͤrper und ſein Auge ſtierte wieber ſo matt und glanzlos, wie fruͤher. „Ich habe das Schickſal meines verlaſſenen Kindes in Deine Hand gelegt,“— ſagte er ſo leiſe, daß An⸗ dreas ihn nur mit Anſtrengung verſtehen konnte—„und es koͤnnte doch der Tag kommen, wo Du Dich ſchau⸗ dernd von ihr wendeteſt und ſie die Suͤnden des Va⸗ ters buͤßen ließeſt; denn ein duͤſteres Geheimniß ſteht zwiſchen Dir und dem Mädchen— ein Geheimniß, daß ich in Deinen Buſen niederlegen muß, ehe der Tod mich abruft vor den Richterſtuhl deſſen, dem nichts verborgen iſt. Wiſſe, der Fluch Deines Vaters ruht auf mit— ein Fluch, den er in der Stunde des Todes auf mein Haupt herab rief und der zur ſchrecklichen Erfüllung geworden iſt!“ ll. 14 210 Andreas ſchauderte zuſammen. Eine unnennbare Angſt beklemmte ihm den Athem; es deuchte ihm, ſein Herz ſtehe ſtill, als er jetzt den Worten lauſchte, die beſtimmt waren, den finſtern Schleier der Vergangen⸗ heit vor ſeinem Blicke zu luͤften. Auch dem Grafen uberkam es, als kroͤche der kalte, eiſige Tod langſam zu ſeiner Bruſt heran und ſein ſtieres Auge ſchien jähes Entſetzen noch mehr zu verſteinern. Es trat eine lange, qualvolle Pauſe ein; da ſchien ein troͤſtender Gedanke, eine phlotzliche Offenbarung den duͤſtern Zauber der Er⸗ innerung, in den der Graf gebannt war, zu loͤſen und ihn wiederum ſich ſelbſt zuruͤckzugeben. Seine Zuͤge be⸗ lebten ſich auf's Neue, ſie wurden ruhig und ſpiegelten endlich jene ſanfte Wehmuth, mit dem wir gern eines vergangenen Unglucks eines geſuͤhnten Schmerzes gedenken. „So ſei es denn!“ ſagte er mit ſchwacher, das nahe Erloͤſchen ſeiner Kraͤfte bekundenden Stimme— „der Kampf iſt ausgekämpft und vor dem Lichte des Jenſeit ſchwinden Stolz und Heimlichkeit, wie Nebel vor den Strahlen der Sonne. Nimm dieſen Schluͤſſel, Neffe; eroͤffne ein geheimes Fach meines im Bibliothekzimmer ſtehenden Sekretairs. Du kannſt es leicht erkennen an einer ſternfoͤrmigen Roſette, von eingelegtem Holze. Die Papiere, welche Du in demſelben finden wirſt, lies ſo⸗ gleich, noch in dieſer Nacht, und kehre nicht eher an mein Lager zuruͤck, bevor Du nicht Alles weißt, was ſie enthalten.“ Damit neſtelte er einen keinen goldenen Schtüſſe, . 211 welchen er an einem ſeidenen Faden auf der bloßen Bruſt trug, los und uͤberreichte ihn Andreas, der ihn mecha⸗ niſch in Empfang nahm. Der Graf athmete tief auf, als ſei eine Bergeslaſt von ihm genommen, dann faltete er die Haͤnde und ſank mit einem ſtummen Blick nach oben in die Kiſſen zuruͤck. Er betete! Ja, dieſer Mann mit dem kalten, verſchloſſenen Her⸗ zen, mit der ſtolzen Stirn und dem eiſigen Blick, de⸗ muͤthigte ſich in den letzten Stunden vor Gott, und flehte um ſeine Gnabe mit einer gewiſſen freudigen Zu⸗ verſicht, denn er hatte eben das ſchwerſte Opfer gebracht, und kein Gedanke, kein Streben, keine Leidenſchaft banden ihn nun noch an die Erde, an irdiſche Wuͤnſche und Hoffnungen, deren truͤgeriſchen Glanz und Schein er mit der Ruhe der Seele und dem Frieden des Gewiſſens theuer genug erkauft hatte. Lydia trat jetzt wieder an die Seite des Vaters, der ſie mit innigem Liebesblicke betrachtete. Dann wen⸗ dete er ſich mit einer raſchen Bewegung zu Andreas und ſagte:„Erfuͤlle jetzt meinen Auftrag, Neffe, und kehre dann zuruͤck. Meine Friſt iſt gemeſſen und um dieſes Kindes Willen moͤcht' ich nicht hinuͤbergehen, ohne zu wiſſen, ob das enthullte Geheimniß meiner Sunde und meiner Leiden Dein Herz verſteinern oder dennoch dem Erbarmen und der Verzeihung Raum laſſen werde.“ Andreas wollte dem Oheim verſichern, daß nichts auf der Welt, nicht die ſchwerſte Schuld, nicht die nie⸗ . 14* 212 derſchlagendſte Nachricht ihn je bewegen koͤnne, ſie zu verlaſſen, an die er ſich mit den innigſten Banden ge⸗ knuͤpft fuhlte; der Kranke aber winkte ihm faſt unge⸗ duldig mit der Hand und redete zu Lydia, die wieder ihren Platz am Kopfe des Bettes eingenommen hatte. So wendete ſich dann Andreas, von einer tiefen Bangig⸗ keit ergriffen, nach der Thuͤr und beſchloß, dem letzten Willen des Sterbenden Folge zu leiſten, obwol er ah⸗ nungsvoll davor zuruͤck bebte.— Im Begriff, das Zim⸗ mer zu verlaſſen, ſah er ſich von dem Praͤſidenten aufgehalten, der ihm ſeinen Entſchluß, ſogleich abzurei⸗ ſen, eroͤffnete und damit die Frage verband, ob es in ſeiner Macht ſtehe, noch irgend einen Wunſch ſeines ihm lieb und theuer gewordenen Schuͤtzlings und Freun⸗ des zu erfuͤllen.„Helfen Sie mir beim Churfuͤrſten die Begnadigung meiner einſtigen Gefaͤhrten, Bollinger und Mathias Kloſtermeier, erwirken!“ ſagte Andreas und druckte dem Biedermann herzlich die Hand.„Da ich mich jetzt mitten im Gluͤck befinde,“— ſetzte er mit einem truͤben Laͤcheln hinzu—„iſt es meine Pflicht, der Ar⸗ men zu gedenken, die ſo viel an mir gethan haben und das Schwert des Damokles abzuwenden, welches drohend uͤber ihren geaͤchteten Haͤuptern ſchwebt.“ Der Praͤſiden zuckte die Achſeln.„Ich habe Ihre Wuͤnſche längſt errathen und ſo ſehr ſie zu rechtfertigen und Ihrem edlen Herzen natuͤrlich ſind, iſt es mir gleich⸗ wol nur vergoͤnnt, Sie durch eine theilweiſe Erfullung derſelben zu erfreuen Das Kabinetsdekret, welches dem * 213 Wilderer Max Bollinger, im Fall er ſich ohne Verzug der betreffenden Behoͤrde ſtellt, voͤllige Amneſtie ertheilt, iſt wahrſcheinlich in dieſem Augenblicke ſchon ausgefertigt, und nichts hindert Sie, die Zukunft des alten ſchlauen Spitzbuben auf irgend eine Weiſe zu ſichern. Mathias Kloſtermeier aber hat jeden Anſpruch auf Gnade verſcherzt. Sein Name iſt zu beruͤchtigt, ſein Leben zu ſehr pro⸗ ſtituirt, als daß der Arm der Gerechtigkeit gehemmt wer⸗ den duͤrfte. Ueberdies iſt er des Mordes angeklagt und ein kleines Detachement iſt im Begriff, ſeine nunmehr kundgewordenen Schlupfwinkel zu durchſuchen und die ge⸗ faͤhrliche Bande aufzuheben. Alſo, vergeſſen Sie ihn; jedes Wort zu ſeinen Gunſten iſt unnuͤtz und wuͤrde unſern gnaͤdigen Landesfuͤrſten ſogar erzuͤrnen.“ Andreas ſah die Triftigkeit dieſer Gruͤnde ein, zu⸗ gleich entging ihm auch der Wink nicht, durch welchen der Praͤſident auf's Neue ſeine Zuneigung fuͤr ihn be⸗ kundete, und er beſchloß bei ſich, ſchon am naͤchſten Mor⸗ gen einen zuverlaͤſſigen Boten nach den Ruinen zu ſen⸗ den und die freien Schuͤtzen von der ſie bedrohenden Ex⸗ pedition zu benachrichtigen. Eben fuhr der Wagen des Praͤſidenten vor; mit einer innigen Umarmung und der gegenſeitigen Zuſiche⸗ rung eines baldigen Widerſehens ſchied Andreas von dem wackern Edelmann. Magiſter Tilleſius hatte ſich durchaus nicht gemuͤſſigt geſehen, eine Einladung auf ein laͤngeres Verweilen in Rußberg unberuͤckſichtigt zu laſſen, um ſo mehr, da er an dem Herrn Binzgo, dem . 214 Faſtellan, einen gedulbigen und ſehr erbauten Zuhoͤrer ſeiner Geſchichten von verborgenen Schaͤtzen, Elementar⸗ geiſtern ꝛc. gefunden hatte und er von dem heutigen Imbiß mit großer Wahrſcheinlichkeit auf eine wohlbeſetzte Tafel und den trefflichſt verſorgten Weinkeller ſchließen durfte. Als das Raſſeln des Wagens, welcher den Praͤſi⸗ denten entfuͤhrte, verhallt war, richtete Andreas, einen ſil⸗ bernen Armleuchter mit zwei Kerzen in der Hand, ſeinen Weg nach dem Bibliothekzimmer. Als er auf dem dunk⸗ len Korridor fortſchritt, in welchem ſeine Tritte dumpf wiederhallten, gedachte er jener Nacht, wo er mit Ma⸗ thias das Fenſter erklommen und durch den geheimen Gang in dem Augenblicke dem Grafen entgegen getreten, da dieſer bas verhaͤngnißvolle Dokument den Flammen naͤherte. Eben ſtand er vor dem Bilde, welches jenen Zugang verbarg und wie von der Erinnerung uͤbermannt beruͤhrte er die Feder. Die Thuͤr ſprang auf; er trat hinein in die niedere Woͤlbung, die bei jener Flucht faſt ſein Gefaͤngniß geworden waͤre. Raſch ſtieg er die Treppe hinauf, oͤffnete die zweite Thuͤr und ſtand nun wie⸗ der in dem Bibliothekzimmer, auf derſelben Stelle, wo vor einigen Monaten derſelbe Mann ihn fuͤr immer in den Staub zu treten und zu berauben ſich an⸗ ſchickte, der jetzt, ein ſterbender Bettler, ſeinen Schutz anflehte fuͤr die geliebte Lydia und ihn hierher geſandt hatte, die duͤſterſten Geſtaͤndniſſe zu empfangen. Andreas ſtellte den Armleuchter auf die Platte des Sekretairs, der offen ſtand, als habe der Beſitzer ſo eben * und nur fuͤr eine kurze Weile den davorſtehenden Lehn⸗ ſeſſel verlaſſen und ſchritt tief bewegt in dem ſchmalen, aber langen Gemach auf und ab. Sein ganzes Leben zog gleich einer Reihe haſtig dahin fliegender Bilder und Geſtalten an ihm voruͤber, in dieſer ernſten Stunde, da er hernieder ſchaute von der Hoͤhe, zu der er einſt, hoff⸗ nungslos und tief, tief unten empor geſchaut hatte! Und fuͤhlte er ſich nun erhaben, frei, leicht— unausſprech⸗ lich glucklich? leuchtete jenes ſtolze Bewußtſein des er⸗ rungenen Sieges aus ſeinen Blicken, die hinaus ſchweif⸗ ten in die helle, klare Mondennacht? verkuͤndete er ſich ſelber im jubelnden Tone, daß das ſtuͤrmiſche Herz nun ruhiger ſchlagen, daß das wilde Blut ſanfter durch die Ader rolle, nun, da er Alles erreicht habe und mehr, als ſeine kuͤhnſten Hoffnungen ihm je in goldenen Trau⸗ men vorgegauckelt? Nein! er war nicht gluͤcklich; denn ein tiefer Seuf⸗ zer hallte in dem ſtillen Gemach wieder, und dem Hin⸗ ausſchauenden goß die heilige Stille der Nacht nicht den Frieden in die Bruſt, wie er ihm ſonſt wol geworden war, wenn er, die Buͤchſe im Arm, durch den ſchweigen⸗ den Wald und die nebeldampfenden Fluren ſchritt. Und doch war es nach dem Unwetter des Tages jetzt draußen ſo mild und ruhig geworden; und der Mond, an deſſen blaſſem Antlitze maſſige, zerriſſene Wolkengebilde pfeil⸗ ſchnell vorbeihuſchten, eine geſpenſtige Jagd, verbreitete uͤber das Lichtthal eine zauberiſche Helle. Der breite Strom blitte und flimmerte, als ſei jede Welle ein Smaragt 216 oder eine prachtvolle Perle; die rothen Daͤcher des Dor⸗ fes unten und der Kirchthurm und die Meierhoͤfe in Naͤhe und Ferne lagen ſo maleriſch da in der lieblichen Beleuchtung, daß ein Anderer wol ungern ſeinen Blick abgewendet haͤtte von der ſchlummernden Landſchaft. Aber Andreas gedachte jetzt des Zwecks ſeines Hierſeins. Mit Widerwillen und doch mit gluhender Erwartung, offnete er mittelſt des goldenen Schluſſels das verborgene Fach, welches er alsbald gefunden und breitete, ſich in den Lehnſellel niederlaſſend, den geheimnißvollen Inhalt vor ſich aus. Da fand er zuerſt das Medaillon mit dem Bildniſſe ſeines Vaters, obwol mit zertruͤmmerter Ein⸗ faſſung, die das Dokument barg, welches jetzt ruhig da⸗ bei lag; ferner die Briefe, welche bei ſeiner erſten Zu⸗ ſammenkunft mit dem Grafen ihm von dieſem gewalt⸗ ſam entriſſen worden waren, endlich ein duͤnnes Heft Papiere, von des Grafen eigner Hand beſchrieben. Das mußte die verſprochene Beichte ſein; mit zitternder Hand ſchob Andreas die Kerzen naͤher, ſah ſich noch einmal, von einer raͤthſelhaften Bangigkeit beengt, im Zimmer um und begann dann Folgendes zu leſen.— Sieben undzwanzigſtes Kapitel. Machbeth. Mir dieſer That bewußt zu ſein! O, beſſer, Mir ewig meiner ſelbſt nicht mehr bewußt ſein! Macbeth. „Wie lange werde ich dieſe Pein noch ertragen? wie lange werden die unſaͤglichſten Qualen dies ſchuldige Herz zerreißen, ehe es endlich bricht, und von dem tief darinnen wuͤthenden Feuer zu Aſche brennt! ich bin elend, ich leide in einer Stunde mehr, als Tauſende in einem ganzen Leben, das ſie verfluchen, weil es ihnen nicht die Sin⸗ nengenuͤſſe darbietet, die ich alleſammt mit Jubel hin⸗ werfen wollte fuͤr einen kurzen Frieden, mit meinem Ge⸗ wiſſen! Ha, dieſes Gewiſſen! dieſes Nichts, das uns tyranniſirt, dieſer grauſame, beharrliche, uͤberlaͤſtige, un⸗ verletzbare Feind, der ſich erſt ganz heimlich in unſere Bruſt ſchleicht, von unſerm Herzblut, von der Bluͤthe unſeres Geiſtes ſich naͤhrt, und rieſengroß im Nu em⸗ por waͤchſt, mit eiskaltet Hand gerade da uns faſſend, wo das friſche warme Leben ſitzt! Wie oft habe ich lange Tage und ſchlafloſe Naͤchte hindurch geſonnen und gegruͤbelt und geforſcht, bis mein Hirn gluͤhte und die Schlaͤfe zu zerſpringen drohten, nach dem Weſen und der innerſten Wurzel dieſer entſetzlichen Krankheit, welche 218 die Moraliſten das boͤſe Gewiſſen nennen. Ich wollte es faſſen in ſeinen Grundfaſern, leiſe, leiſe, wie ein giftiges Thier, welches man im Schlafe fangen will und ſich doch huͤten muß vor ſeinen Giftzaͤhnen; heraus⸗ holen wollte ich es aus meinem Herzen, wie eine wuchernde Pflanze, und wenn mir dies gelungen— ha, mit wel⸗ cher rachſuchtigen Freude haͤtte ich es dann zergliedert, hierhin und dorthin gewendet, mich genau in dieſes laͤcherliche Geheimniß eingeweiht und es dann hoͤhnend zertreten! Kindiſcher Traum, ohnmaͤchtiges Streben! Der Wurm lebt fort, das Gift aͤtzt fort, das Feuer brennt fort— ich kann nichts thun, als den Muth des Prometheus, die Standhaftigkeit des Scaͤvola beweiſen. Ja, friß nur, du Geier da drinnen im Herzen, ſchwaͤle nur, du gluͤ⸗ hender Brand, das Mark in meinen Knochen— ich halte ſtill, ich trotze, ich lache————— Man ſagt, der Suͤnder kehre ruhig, gebruͤſtet aus der Kirche zuruͤck, wo er den Geiſtlichen zum Mitwiſſer ſeiner Schuld machte und die Haͤlfte der druͤckenden Laſt auf ſeine Schultern waͤlzte! Es iſt etwas Wahres daran. Wenn ich Jemanden wuͤßte, dem ich die Ge⸗ ſchichte jenes ungluͤckſeligen Abends in's Ohr fluͤſtern und dann horchen koͤnnte auf ſeine Anwort, wie er mich ent⸗ ſchuldige, beruhige, ha, vielleicht einen Narren, einen Thoren ſchelten wuͤrde— ich ware unendlich gluͤcklich! Auf der ganzen, weiten Erde wollte ich ihn ſuchen und vor ihn niederknieen, waͤre es auch der niedrigſte Bauer, 219 der elendeſte Paria— nur zuhoͤren ſollte er mir und dann mich auslachen! auslachen! Aber ich werde Niemanden finden, Niemanden auf der Welt— und an den Himmel glaube ich nicht, ich will nicht daran glauben. Drum will ich die haͤßliche Geſchichte niederſchreiben, klar und deutlich, und mir einbilden, es ſitze Jemand neben mir und ſaͤhe mir laͤ⸗ chelnd, ſpoͤttiſch laͤchelnd zu. Ich will mich ſelbſt qua⸗ len, ſo entſetzlich quaͤlen durch die grauenhafte Erinne⸗ rung, daß mein Feind eine Weile verſtummen muß, weil er es mir nicht gleich thun kann an Grauſamkeit gegen mich ſelbſt. Und dann laßt ſehen, ob ich ruhig werden, ob ich den Troſt finden werde, den die deh⸗ muͤthige Beichte— oder die Erſchlaffung nach dem hoͤch⸗ ſten Schmerz zu Wege bringen ſoll.— Es war eine Nacht wie dieſe, eine ſchoͤne, warme Spaͤtſommernacht und ich ſaß wie heut' an dieſem Tiſch und ſtarrte bewegungslos auf ein ſchlechtes Blatt Pa⸗ pier. Es war ein Brief, den einige Stunden vorher der Poſtbote aus Augsburg gebracht hatte. O dieſer entſetzliche Brief war die Quelle meines Wahnſinns! Ich ſchleuderte ihn damals in die Flammen, aber noch heute nach ſieben Jahrin iſt mir jedes Wort, jede Sylbe gegenwaͤrtig. Mein Bruder Chriſtoph meldete mir darin, daß er geſonnen ſei, in naͤchſter Woche ſich um die Hand des Fräuleins von H... die reiche Tochter des Miniſters zu bewerben, daß weder meine laͤſtigen Briefe noch unverſchaͤmte Drohungen ihn abhalten wuͤrden, zu 220 thun, was ihm beliebte.„Da Du Dich zu meinem Hofmeiſter aufwirfſt,“— ſchrieb er,—„ſo ſei auf's Neue das Band zeriſſen, welches durch Dein heuchleriſches, vom gröbſten Eigennutze diktirtes Entgegenkommen her⸗ beigefuͤhrt wurde. Wir ſind wiederum geſchiedene Leute, denn ich muͤßte mich ſelbſt einen Narren ſchellten, wollte ich meinen liebſten Wuͤnſchen entſagen, nur um einem lachenden Erben genug zu thun. Ich bin Deiner Toch⸗ ter herzlich gut, habe aber nie daran gedacht, ein im Scherz ausgeſprochenes Wort zu einem bindenden Ver⸗ ſprechen zu erheben. Lydia wird ſchoͤn werden und durch eine gute Parthie ihr Gluͤck machen, auch ohne Opfer von meiner Seite.“ Jedes dieſer Worte wuͤhlte wie ein Dolchſtoß in meiner Bruſt. Nun ward es mir klar, daß ich den Bruder haßte, ſtets gehaßt hatte, und daß auch durch jene Verſoͤhnung der Stachel nicht abgeſtumpft, ſondern geſchäͤrft worden war. Um meines Kindes Willen hatte ich um ſeine Berzeihung gebettelt, mich vor dem Schwach⸗ kopfe gedehmuͤthigt— und nun war er im Begriff, mich zu betruͤgen, um den Preis dieſes ſchmachvollen Opfers. Schaͤndlich! ſchaͤndlich! Ganz unten an jenem Briefe ſtand noch ein Poſtſeriptum:„die neuen Verhaͤltniſſe, welchen ich entgegen gehe, werden mich zu unvorherge⸗ ſehenen Ausgaben noͤthigen, und ich kann daher nicht um⸗ hin, Dich um die ſchleunige Wiedererſtattung des be⸗ wußten, Dir geliehenen Kapitals zu erſuchen. Ich kenne Deine Puͤnktlichkeit und bin uͤberzeugt, daß es nicht * noͤthig ſein wird, die Sache den Gerichten zu uͤbergeben und daburch publik zu machen.“ Nun war ich ein Bettler, ſah mich und mein theu⸗ res Kind der Schmach, der Armuth und Erniedrigung preisgegeben, mich meines vaͤterlichen Erbes beraubt, je⸗ nes elenden, duͤrftigen Erbes, welches laut eines fluch⸗ wuͤrdigen, wahnſinnigen Geſetzes mir wie ein Almoſen hingeworfen worden war, waͤhrend er, der Beſchraͤnkte, Einfaͤltige— aber Erſtgeborne in Wohlleben und Reich⸗ thum ſchwelgte! O, ſeine Abſicht war nicht zu verken⸗ nen; er wollte durch die Furcht mich zum Sclaven machen und mich verderben, wenn ich es nun noch ferner wagte, gegen ſeinen Plan Einſpruch zu thun! Mein Blut kochte; ſchlaflos, von marternden Ge⸗ danken, von qualvollen Vorſtellungen durchſtuͤrmt, waͤlzte ich mich die Nacht hindurch auf meinem Lager. Mit der Morgendaͤmmerung erhob ich mich,— ich wollte et⸗ was thun, das hereinbrechende Elend abzuwehren, dem furchtbar drohenden Schlage auszuweichen, doch wußte ich nicht, wie. Tauſend Plaͤne und Entwuͤrfe kreuzten ſich in meiner Seele; kaum hatte ich mich, mit der ver⸗ zweifelnden Hoffnung eines Ertrinkenden, an einem feſt⸗ geklammert, ſo ſah ich ihn unter meinen Haͤnden in Nichts zerinnen und mich wieder uͤber einem bodenloſen Abgrunde ſchweben Noch war im ganzen Schloſſe Niemand erwacht. Ich ſchlief an der Wiege meiner Tochter. Im ſanften Schlummer lag der holde Engel da, ein ſuͤßes, kind⸗ 222 liches Laͤcheln ſchwebte um ihre friſchen Lippen und die goldne Fluth ihrer aufgeloͤſten Locken umwallte ſie wie ein himmliſcher Glorienſchein.„Und dieſes Maͤdchen ſoll ungluͤcklich werden!“ fluſterte eine geheimnißvolle Stimme mir zu.—„Dieſe zarte Roſe ſoll der Wurm des Kum⸗ mers benagen, der giftige Hauch der Armuth und jeg⸗ lichen Elends verdorren? Da ſchlummert ſie und ſpielt im Traum mit den Engeln Gottes— und wenn ſie erwacht, wird eine haͤßliche Spukgeſtalt ſich uͤber dies Kind hinbeugen und mit hoͤlliſchem Spott ihr zuraunen: „Du biſt eine Bettlerin! ſtehe auf und wandre den Al⸗ moſen ſuchend durch das Land; ruͤhre dieſe zarten, wei⸗ chen Haͤnde in grober, ekelhafter Arbeit, laſſe Dich ſchel⸗ ten und ſchmaͤhen, netze Dein Brot mit Thraͤnen und wenn es wieder Nacht wird, dann klimme hinauf in ein Dachſtuͤbchen, wo Dein Vater zwiſchen vier kahlen Waͤnden ſitzet und hungernd und frierend Deiner wartet! So ſoll es ſein— ſo will es der Graf Chriſtoph von Waldſees!“ Ein ungeheurer Schmerz ſchien mich erſticken zu wollen. Ich kniete an der Seire des Bettchens nieder und wollte zu Gott beten. Ich vermochte es nicht; meine Gedanken tanzten gleich trunkenen Kobolden in meinem Hirn herum und mein brennendes Auge ſah nur ſie, die nicht ahnte, daß der ungluͤcklichſte der Menſchen ne⸗ ben ihr ſich wand, in all' dem Uebermaß des Kummers. Nach einer Weile ſtand ich auf, druͤckte einen leiſen Kuß auf die klare Stirn des Maͤdchens und ſchwankte * 223 in den Hof hinab. Von dieſem Augenblicke an ſchien eine fremde Weſenheit an mir Beſitz genommen zu ha⸗ ben; mein eignes Ich weilte noch immer an der Seite meines Kindes und Alles, was ich that und dachte, ge⸗ ſchah inſtinktmaͤßig und deuchte mir ſo fremd und fern, wie es wol bei Traumgebilden zu geſchehen pflegt, wenn wir, erwacht, noch einmal ſie an uns voruͤbergleiten laſſen. Meine Fuͤße trugen mich in den Stall; keiner der Knechte und Diener war zugegen, ich merkte es nicht. Mein Lieblingspferd, ein junger, muthigwilder Tiegerſchimmel wieherte mir einen lauten Morgengruß entgegen; ich kop⸗ pelte ihn los, nahm das Geſchirr von der Wand und ſattelte ihn. Eine Stunde ſpäter fuhr ich ploͤtzlich wie aus ei⸗ nem langen Schlafe empor. Eine Schaar von Raben ſchwirrte kraͤchzend aus einem Tannenwaͤldchen hervor und machte mein Pferd ſcheu, daß ich beinahe buͤgel⸗ los geworden wäre. Ich blickte umher und fand mich auf dem Wege nach Waldſees— zu meinem Bruder Chriſtoph.„Was willſt Du dort?“ fragte ich mich ſelbſt mit ploͤtzlichem Erſchrecken,—„er wird Dich von ſeiner Thuͤr weiſen, wie man einen uͤberlaͤſtigen Bettler fortſchickt; er wird Dich verhoͤhnen, wenn Du ihn an⸗ fleheſt, ſeines Verſprechens zu gedenken und in's Ge⸗ ſicht ſchreien, daß Du, ein wahrloſer Schuldner, in ſeiner Gewalt biſt, wenn du es wagſt, zuͤrnend ihm ſein Un⸗ recht vorzuhalten. Kehre um zu deiner Tochter; hungere, darbe mit ihr, aber erſpare dir dieſe neue nutzloſe Kraͤnkung!“ 224 Ich kehrte nicht um; vielmehr ſpornte ich mein Pferd zum raſchen Laufen und ging der Zuſammenkunft mit Chriſtoph entgegen, in der Gemuͤthsſtimmung eines Menſchen, der nichts zu verlieren hat und in dumpfer Reſignation, die Augen ſchließend, ſich willenlos der Fuͤhrung eines unbekannten Fatums uͤberlaſſend. Es war ein weiter Weg. Am Mittag raſtete ich ein paar Stunden in einem einſamen, mitten im Walde gelegenen Wirthshauſe. Ich ſaß an der Thuͤr auf einer hoͤlzernen Bank und tauchte ein Stuͤck hartes Brot in eine Schaale Milch; der Wirth, ein graukoͤpfiger Schwätzer, gedachte mir das kaͤrgliche Mahl durch ſeine Unterhaltung zu verſuͤßen. Seine rauhe Stimme und der breite un⸗ gelenke Dialeckt verwundeten anfangs mein Ohrz nach und nach aber hoͤrte ich ſeine Rede nur wie das ferne, dumpfe Klopfen eines Muͤhlwerks, bis die Frage, ob ich ſchon wiſſe, daß der Graf druͤben in Waldſees das gnaͤdige Fraͤulein von H. heirathen werde, mich aus meiner Apathie aufruͤttelte. Es war mir, als habe ich einen ploͤtzlichen Schlag erhalten; raſch ſprang ich auf, warf dem Wirth ein Silberſtuͤck hin und jagte davon. Die Sonne neigte ſich zum Untergange, als ich den Punkt erreicht hatte, wo die Landſtraße, aus dem, langen, kuͤhlen Walde heraustretend, ſich in einer weiten Biegung um den Fuß eines hohen Bergruͤckens windet, der nach Oſten zu ſich allmalig abflacht und dicht mit Buſchwerk beſetzt iſt, waͤhrend er weſtlich ſteil nach dem Bette eines Fluͤßchens abfallt und an einigen Stellen 225 völlig ſenkrecht und als nackte Felswand ſechzig bis acht⸗ zig Fuß hoch aus der Ebene aufſteigt. Ein ſchmaler, beſchwerlicher Pfad zweigt hier von der Landſtraße ab und fuͤhrt, allmaͤlig aufwaͤrts ſteigend und groͤßtentheils dicht an der ſteilen Seite des Abhangs hin, uͤber den Hoͤhekamm, wodurch der, welcher ihn einſchlaͤgt, bei⸗ nahe eine Stunde an Weg und Zeit gewinnt. Mein Pferd kannte von oͤftern, fruͤhern Beſuchen auf Waldſees her den Pfad und ſchlug ihn, von mir nicht gehindert, ein. Winde umrauſchten mich; die gruͤnen Baͤume ſchwankten und nickten ihre Blaͤtter im Abend⸗ winde mir zu, und ihre Spitzen ſchillerten in Gold und Purpur. Je hoͤher ich kam, je lieblicher wurde das Ge⸗ hoͤlz. Eichen und Buchen ſtreckten ihre knorrigen Wur⸗ zeln trotzig uͤber den Weg, rothe und blaue Beeren ſchim⸗ merten im niedern Geſtraͤuch und ein friſcher, wuͤrziger Duft erfullte die reine Atmoſphaͤre. Sonſt hatte ich wol auf all' dieſe Schoͤnheiten geachtet und mich ihrer erfreuet,— jetzt ſah ich ſie nicht, ich ritt dahin wie der todte Reiter in der Volksſage. Da deuchte es mir, als miſche ſich in den taktmaͤßi⸗ gen Schritt meines Pferdes der klappende Hufſchlag eines zweiten und wie ich aufſchaute, erblickte ich in der That eine kleine Strecke vor mir einen Reiter, der eben ſo langſam als ich an dem Saume des Abgrundes hin⸗ ſchlenderte. Ich hielt augenblicklich an; mein Vorſatz war, den Fremden weit voran zu laſſen, denn mir eckelte foͤrmlich vor Menſchen. Da wendete jener ſich halb um n. 15 226 und blickte forſchend in die Tiefe hinab; ich ſah ſein Ge⸗ ſicht—— es war mein Bruder! Meine erſte Regung war eine feige, unmaͤnnliche Furcht,— jetzt, wo er mir ſo nahe war, fuhlte ich die Worte auf meinen Lippen erſterben und ich war im Begriff, umzulenken und zuruͤckzukehren. Da gedachte ich Lydias, ich gedachte der Zukunft,— ich gedachte der Hartherzigkeit des Bruders, und zugleich fachte tiefe Scham und die Erinnerung an den geſtern erhaltenen Brief, der ploͤtzlich mit erſchreckender Deutlichkeit vor meinen Au⸗ gen ſtand, die Flamme des Zornes in meiner Seele an. Im nachſten Augenblicke war ich an ſeiner Seite. Als er Jemand im Galopp hinter ſich drein ſprengen hoͤrte, hatte er ſich beſtuͤrzt umgewendet. Er war kurz⸗ ſichtig und erkannte mich erſt, als ich ihm ganz nahe war. Der Ausdruck meiner Zuͤge muß kein beruhigender geweſen ſein, denn Chriſtoph wurde plotzlich leichenblaß und ſtarrte mich regungslos und augenſcheinlich von Schrecken befangen an. Ich muſterte ihn mit einem wil⸗ den Blicke und fuhlte, wie das Feuer des Haſſes immer heftiger in meiner Bruſt empor loderte. Keiner ſprach ein Wort; es war eine ſchreckliche, verhaͤngnißvolle Pauſe, die nur das Singen der Voͤgel in dem Gebuͤſche ausfuͤllte. „Was willſt Du, Georg?“ nahm Chriſtoph endlich das Wort und ich bemerkte mit einer gewiſſen grauſamen Befriedigung das aͤngſtliche Beben ſeiner Stimme,— „ich hoffe, Du hegſt keinen Groll— wegen des Briefes, der— den“— * 227 Der finſtere, gluͤhende Blick meines Auges, welches feſt auf ihm ruhte, ſchien ihn zu verwirren.„Allerdings iſt es dieſer Brief, der mich zu Dir fuͤhrt,“— ſagte ich mit duͤſterm Nachdruck,—„und ich frage Dich, ob Du es wagen wirſt, mich zu verrathen. Chriſtoph blickte aͤngſtlich umher; ich glaube, er haͤtte den ſchlechteſten Wilddieb, den ſchmutzigſten Holzfäller jetzt mit Entzuͤcken als ſeinen Geſellſchafter begruͤßt— aber kein menſchliches Weſen war zu erblicken. Tief un⸗ ten, jenſeit des Fluſſes, der in dem Abgrunde dahinrauſchte, trieb ein Hirtenknabe ſeine Schaafe von der Weide nach Haus; ihn hatte kein Hilferuf erreicht und ſelbſt wenn dies moͤglich geweſen wäre, wie haͤtte er dem aͤngſtlich Beſorgten beiſpringen koͤnnen, getrennt von ihm durch eine ſenkrechte, achtzig Fuß hohe Mauer.— Ich errieth die Gedanken meines Bruders, der ploͤtz⸗ lich ſeinem Pferde die Sporen gab, in der Abſicht, mir zu entkommen. Mit einem kraͤftigen Griff fiel ich ihm in die Zuͤgel, ſein Roß baumte hoch auf, das meine prallte heftig gegen ihn an, und ploͤtzlich glitt der Un⸗ gluͤckliche mit einem furchtbaren Schrei uͤber die Croupe hinab.—— Wir waren uns, wie geſagt, auf einer Stelle be⸗ gegnet, wo der Bergruͤcken zwar noch nicht ſeine hochſte Höhe erreicht hatte, wo er jedoch am Steilſten und voͤl⸗ lig ſenkrecht in das Thal abfiel. Gerade auf dieſem Punkte fuͤhrte der Pfad dicht an dem Abgrunde hin, kaum zwei Fuß von ſeiner jahen Kante entfernt———— 15* 228 Als ich meinen Bruder ſturzen ſah, ſchrie auch ich laut auf; es war, als habe der Blitz dicht vor mir in die Erde geſchlagen und ein truͤber Nebel flirrte und wogte vor meinen Augen. Mein Blut ſtockte, mein Herz ſchlug nicht mehr— ich glaubte durch die Beruͤhrung eines Zauberers zu Stein geworden zu ſein. Das Pferd meines Bruders ſtand keuchend und an allen Gliedern zitternd am Abgrunde; ihn ſelbſt ſah ich nicht.„Er liegt unten— todt, zerſchmettert!“ ſagte ich langfam vor mich hin,—„nun bin ich gerettet!“* Damals uͤberflog ein Laͤcheln mein Geſicht. Noch erinnere ich mich dieſes Laͤchelns— es war krampfhaft, es verurſachte mir einen wirklichen Schmerz und muß meine Zuͤge furchtbar entſtellt haben. Mit dieſem Lächeln kehrte die Hoͤlle in meine ver⸗ oͤdete Bruſt ein! Jetzt klang ein dumpfes Stoͤhnen an mein Ohr und eine Stimme, die mir gaͤnzlich fremd erſchien, rief in der Haſt der Todesangſt meinen Namen. Ich ritt bis dicht an den Abhang und ſchaute, uͤber den Hals meines Pfer⸗ des vorgebeugt, hinunter. Welch' grauenvoller Anblick! in einer Tiefe von etwa fuͤnf Fuß ſchwebte mein Bruder frei in der Luft uͤber dem Abgrunde; ſeine Haͤnde klammerten ſich an einen duͤrren Schlehdornſtrauch, der in einer Felsritze ſpar⸗ ſam Erde gefunden hatte. Das Blut rann uͤber die von den Dornen zerriſſenen Finger herab und allmälig loͤſten ſich die duͤnnen Wurzeln des Buſches aus dem * — 229 Geſtein— erſt eine, dann eine zweite,— dann glitt der ganze Strauch ein Stuͤck herab—— Jeſus Chriſtus! jetzt hing er nur noch an einer einzigen duͤnnen Wurzelfaſer! Das Antlitz meines Bruders ſtarrte zu mir empor; ſeine Augen waren gebrochen, ſeine Wangen und Lippen aſchfarben.„Georg rette mich!“ ſtoͤhnte er—„reiche mir Dein Tuch, Deinen Shawl— um Gottes Willen, ſchnell— ſchnell!“ Ich ruͤhrte mich nicht. Unverwandt war mein Auge auf den Strauch geheftet; ich ſah die lange, duͤnne Wur⸗ zel leiſe und langſam aus dem Steingefuͤge weichen und berechnete, wie lange ſie noch halten koͤnne. „Georg, hilf mir! beim Andenken unſers Vaters!“ ächzte das bleiche Todengeſicht wieder zu mir herauf,— „willſt Du zu meinem Moͤrder werden?“ Ein kalter Schauder rieſelte mir durch Mark und Bein. Noch eine Minute— und zerſchmettert lag er im Abgrunde, den ich ſo gluͤhend gehaßt und der im Begriffe war, mich zu verderben. Ich dachte an Lydia. Das Pferd Chtiſtophs, das mit geſenktem Haupte auf ſeinen ungluͤcklichen Herrn hinab blickte, ſtieß mich mit dem Kopfe; es foderte mich auf, den Bruder zu retten. Ein unbeſchreiblches Gefuͤhl von Wuth und Haß gegen Alles, was lebte, erfaßte mich jetzt— ich gab dem treuen Thiere einen Hieb mit der Reitpeitſche— es zuckte zuſammen, aber wich nicht von der Stelle und ſchaute mit ſeinen großen, glaͤnzenden Augen unver⸗ wandt auf mein Opfer. 230 Chriſtoph ſtieß einen gellenden Schrei aus, er fuhlte ſeine Arme erlahmen und den Strauch mehr und mehr herabgleiten.„Moͤrder! elender Moͤrder!“ kreiſchte er zu mir herauf und ſeine verzerrten Zuͤge machten mich vor Entſetzen erſtarren.„Sei verflucht, Kain— ſei veyflucht Ein leiſes Knacken erſcholl— der Dornſtrauch war entwurzelt; ohne einen Laut ſturzte Chriſtoph in die Tiefe hinab.————— Wie ich wieder in das Schloß zuruͤck kam, weiß ich nicht. Aber ich muß im raſenden Gallopp den weiten Weg zuruͤckgelegt haben, denn es war eine Stunde nach Mitternacht, als ich in den Thorweg einritt— und am folgenden Tage verendete das uͤberjagte Thier. Erſt als Lydia, die aͤngſtlich meiner Ruͤckkehr ent⸗ gegengeharrt hatte, in mein Zimmer trat und mit einem Ausruf des Schreies mein bleiches, verſtoͤrtes Antlitz ſah, kam ich zum voͤlligen Bewußtſein meiner ſelbſt und der Unthat, die ich begangen. Wie allmaͤlig die Erinnerung des furchtbaren Ereigniſſes in mir empordaͤmmerte, war es mir, als erzaͤhle ein Anderer mir ein grauenhaftes, blutiges Maͤhrchen, auf welches ich mit Entſetzen horchte. Dann regte ſich zum erſten Male der Feind in meiner Bruſt und wiſperte mir zu: Du biſt es geweſen, vor deſſen Augen der eigne Bruder verderben mußte; du biſt der Kain, den ſein letzter Todesſchrei verfluchte! Es iſt Lge! Lüge! rief ich dagegen und wollte mich ſchaudernd gbwenden von dem Moͤrder— o großer Gott! 231 abwenden von mir ſelbſt, fliehen vor mir ſelbſt! Ich preßte die Haͤnde vor mein Geſicht, denn dort, in der dunkeln Ecke am Kamine, da regte es ſich, da kroch etwas heran aus dem tiefen Schatten, erſt geſtaltlos, nebelhaft, dann wuchs es empor, ſchwebte naͤher— jetzt trat es her⸗ aus in den hellen Lichtbereich der Kerzen—— mein Bruder war es, mit den verzerrten Zuͤgen und dem ſtieren, gebrochenen Blicke, die er von der Felswand ver⸗ zweifelnd auf mich richtete— uͤber ſeinen emporgehobenen, zerriſſenen Haͤnden rieſelte helles Blut.——— Ich brach zuſammen; als ich erwachte, ſchien der Morgen warm und freundlich auf mein Lager, an deſſen Seite Lydia ſaß und meine kalte Hand mit Thraͤnen netzte. In der naͤchſten Nacht uͤberbrachte mir ein Eilbote die Nachricht von dem Tode meines Bruders, von dem es hieß, er ſei an einer gefaͤhrlichen Stelle mit dem Pferde geſtuͤrzt. Ja, das Selbſtbekenntniß hat meine Bruſt erleich⸗ tert! es iſt nicht mehr das wuͤhlende Stechen und Bren⸗ nen, das mein wundes Herz genarbt, es iſt ein tiefer, bitterer Schmerz, der mich niederbeugt, ein Schmerz, der heiße Thraͤnen in meine Augen treibt und mich ſchluch⸗ zen macht, wie ein Kind. Wohlthaͤtige Thraͤnen! heilige Gabe eines erbarmungsvollen Gottes, koͤnnte ich in ihnen mein elendes Leben ausſtroͤmen oder die Erinnerung ver⸗ loͤſchen an den Tag, der mir meine zeitliche und ewige Seligkeit raubte. O, nur taͤglich eine Stunde wie dieſe, 232 eine Stunde dieſer reuigen Zerknirſchung, die mich an meine Bruſt ſchlagen und ausrufen laͤßt: Gott ſei mir Suͤnder gnaͤdig! Offenbare dich mir, Gott der Liebe und der Verzeihung, offenbare dich mir, ich ſchreie zu dir hinauf in die Wolken. Siehe, ich kruͤmme mich im Staube wie ein elender verworfener Menſch, und meine bebenden Lippen ſtoͤhnen: Gott, mache daß ich an Dich glaube; laß mich nicht untergehen im Jammer der Ver⸗ zweiflung!——— Ich meinte, ich wuͤrde beten koͤn⸗ nen,— ich vermochte es nicht; die Haͤnde falteten ſich, die Augen wendeten ſich zum Himmel, die Kniee neigten ſich auf den Boden, aber die Lippe ſchwieg, das Herz blieb ſtumm und ſtatt der frommen Sprache zu Gott, fluͤſterte es wieder in der lautloſen Stille tief aus mir heraus:„Kain! Kain!“ Vielleicht kann ich morgen beten oder Smi— oder in der letzten Stunde, wenn der Engel des Todes mich abruft zum Gerichte. Man ſagt, den Sterbenden ſende Gott ſeinen Boten des Friedens. Dieſe Zeilen aber vernichte ich nicht. Wenn die Daͤmone der Hoͤlle ihre Geißel uͤber meinem ſchuldigen Haupte ſchwingen und in den langen Naͤchten ſtatt des freundlichen Traumes der Wahnſinn an mein Lager tritt, dann will ich ſie leſen und wieder leſen. Vielleicht kann ich dann nochmals weinen! Das Manuſcript war zu Ende, aber noch immer ſtarrte Andreas auf das Papier, das ihm ein ungluͤck⸗ * —————— 233 ſeliges Geheimniß, eine ſchwere Unthat, aber auch die furchtbare Nemeſis des ſtrafenden Gewiſſens enthuͤllt hatte. Zorn, Entſetzen, Mitleid, Trauer bewegten ſein Gemuͤth und verurſachten eine ſchmerzliche, krampfhafte Nervenſpan⸗ nung, die ſich endlich in einen heißen Thraͤnenſtrom loͤſte. „Verzeihe ihm, Schatten meines Vaters, wie ich es thue!“ betete er leiſe,—„und ſei verſoͤhnt durch die Qualen, die er hinieden erduldet. Bald ſteht ſeine Seele mit Dir am Throne Gottes, und die Hand des Todes loͤſt den Fluch, den er keuchend durch's Leben ſchleppte.“ In dieſem Augenblicke drang undeutlich das Ge⸗ raͤuſch verworrener Stimmen in das einſame Gemach. Thuͤ⸗ ren wurden geoͤffnet und zugeworfen; auf dem Hofraume lief das Geſinde durch einander und haſtig ſtuͤrmten raſche Schritte den Korridor entlang. Ahnungsvoll ſprang An⸗ dreas auf, verſchloß wieder das Manuſcript und war im Begriff, das Zimmer zu verlaſſen, als die Thuͤr aufge⸗ riſſen ward und Binzgo, der Kaſtellan, mit ungluͤckkuͤn⸗ dender Miene hereintrat. „So eben iſt der gnaͤdige Herr Graf in den Armen des Fraͤuleins verſchieden!“ meldete der treue Diener, dem ploͤtzlich die hellen Thraͤnen uͤber die Backen ſtroͤmten. Andreas wandte ſich tief erſchuͤttert ab.„Mein Gebet ſteigt mit ſeiner unſterblichen Seele zugleich zu Gott empor!“ ſagte er wehmuͤthig.„Friede ſeiner Aſche.“ „Ach, er war ein guter, lieber Herr!“ ſchluchzte der Kaſtellan,—„und wenn er auch manchmal uble 234 Laune hatte, wir waren Alle fuͤr ihn und das Fraͤulein in's Feuer gegangen.“ „Wie waren ſeine letzten Augenblicke?“ ſagte Andreas. „Nun, er hatte, als Sie hinausgegangen waren, ein Weilchen geſchlummert und wir hofften ſchon, es werde nun alle Gefahr uͤberſtanden ſein. Da richtete er ſich ploͤtzlich mit wunderbarer Kraft in die Höhe; ſeine Augen leuchteten ſo klar und hell, wie ich es niemals bei ihm geſehen habe und uͤber ſein ganzes Geſicht war eine Milde und Freudigkeit verbreitet, als ſaͤhe er ſchon den Himmel offen und die lieben Engel um Got⸗ tes Thron. Das Fraͤulein wollte ihm die Medizin ein⸗ geben; die wies er aber von ſich und ſagte mit feſter Stimme: Lydia, bete mit mir! Da kniete das Fräulein auf den Fußteppich nieder und Alle, die wir im Zimmer waren, mit und nun ſagte ſie ein ſo ſchoͤnes, ruͤhrendes Gebet her, daß wir kaum unſer Schluchzen unterdruͤcken konnten. Der Sterbende aber hatte die Haͤnde gefaltet und ſchaute immer hinaus nach dem Fenſter gegenuͤber, wo der Mond eben hell und glaͤnzend durch die Regen⸗ wolken brach. Er laͤchelte, wie ein unſchuldiges Kind oder wie einer, der aus ſchwerem Kummer unverhofft zu großem, uͤberſchwenglichen Gluͤcke gelangt iſt. Als das Gebet zu Ende war, blickte er langſam im Zimmer um⸗ her; das ganze Schloßperſonal war jetzt um ihn ver⸗ ſammelt, denn der Magiſter Tilleſius war hinausgelaufen und hatte geſchrieen: das letzte Stuͤndlein des gnädigen Herrn ſei gekommen. Da ſchaute er dann von Einem * 235 nach den Andern; er kannte uns Alle und nickte jedem Einzelnen freundlich zu; zuletzt aber beugte er ſich zu ſeiner Tochter herab und legte ſeine Haͤnde auf ihr Haupt. Das war ein feierlicher Augenblick, kaum wagte Einer zu athmen. Da uͤberrieſelte es ihn ploͤtzlich kalt, es war der Tod, der an ihn herankroch; nun hob er die Arme jen Himmel und rief mit lauter Stimme, daß es uns ordentlich ſchauderte: „Bruder Chriſtoph, ich komme!“ Und damit ſank er zuruͤck, wie ein gefällter Baum — und war verſchieden. Das gnaͤdige Fraͤulein aber liegt, uͤber die Leiche hingeſtreckt und klagt und jammert, daß Einem das Herz wehe thut.“ Andreas ſchritt einigemal im Zimmer auf und ab, um ſich zu ſammeln, denn faſt erlag er unter der Laſt der Gefuͤhle, die in ſo kurzer Friſt wie Meereswogen auf ihn eingeſtuͤrmt waren. Dann bedeutete er Binzgo, den Armleuchter zu nehmen und verließ die Bibliothek, um dem ſchmerzlichen und doch ſuͤßen Berufe obzuliegen, der im Sterbezimmer ſeiner harrte— mit Lydia, der Ge⸗ liebten, ſeinem Schutze Anbefohlenen, zu trauern und ſie zu troͤſten.— Achtundzwanzigſtes Kapitel. * Laß' uns fliehen— laß' in den Staub uns werfen all' dieſe prahlenden Nichts, laß' in romantiſchen Fluren ganz der Liebe uns leben! Unſre Seelen, klar wie über uns das heitere Blau des Himmels, nehmen dann den ſchwarzen Hauch des Grams nicht mehr an— unſer Leben rinnt dann melodiſch wie die floͤtende Quelle zum Schoͤpfer. Fiesko. Carlos. Ja, bei Gott! Die Mahnung kommt zu rechter Zeit! Ich muß, Muß fort! muß eilends fort. Don Carlos. „Nun ziehe hin, Alter, und danke Gott, daß er Dir nach einem Tage voll Sturm und Gewitter, Noth und Sorge, noch einen heitern, friedlichen Abend ſchenkt. Verſaͤume nichts, das Gluͤck zu verdienen, welches Du Deinem wackern Freunde verdankeſt und denke weder an mich, noch an die Geſellen da zuruͤck— das wird Dir wohl thun.“ „Ei Blitz und Donner, haͤltſt Du mich fuͤr einen Narren oder gar fuͤr einen ſchlechten Kerl, Mathias? Ich Euer nicht gedenken und des praͤchtigen Lebens, das wir zuſammen gefuͤhrt! und wenn mein Graf mich aus goldenen Schuͤſſeln fuͤtterte und auf Sammet und Seide bettet, ſo werd' ich doch nimmer mich enthalten koͤnnen, zu * —, ſagen: Wie ſchoͤn war's im gruͤnen Wald— vivant die freien Schuͤtzen.“ „Still, Bollinger, ſtill! damit hat es nun ein End' und ich denke, Du wirſt in den weiten Forſten des Gra⸗ fen Andreas herumknallen koͤnnen, ſo viel es Dir beliebt, ohne immer nach Foͤrſtern und Gensdarmen ausſchauen zu duͤrfen. Auch ſollt' ich meinen, daß es eine große Freude ſein muͤſſe, nun auf Deine alten Tage ſo uͤber⸗ reichen und doch wolverdienten Dank zu ernten von dem, den Du gehegt und gepflegt und lieb gehabt haſt, wie Dein eigen Kind.“ „Ja, das iſt wahr,“ ſagte Bollinger— denn zwi⸗ ſchen ihm und Mathias fand dieſes Geſpraͤch ſtatt,— „ich muͤßte von Stein ſein, wenn ſo viele Guͤte mich nicht tief ergriffe. Begnadigung, voͤllige Begnadigung hat er mir ausgewirkt beim Churfuͤrſten, und wenn ich erſt in Muͤnchen geweſen ſein werde, wo ich dem Richter mein Suͤndenregiſter vorbeten muß, da nimmt er mich in ſeinen Dienſt als rechtſchaffenen Foͤrſter, und richtet mir ein Haͤuschen ein und da bin ich wieder glucklich auf dem Punkte, von wo mein Ungluͤck anhub,— Du weißt ja, als ich das Ungluͤck hatte, mein Weib“— „Diesmal aber magſt Du im ruhigen Hafen vor Anker liegen bleiben, bis das letzte Stuͤndlein ſchlaͤgt,“ unterbrach Mathias den Alten, um ihn der truͤben Erin⸗ nerung an jene traurige Kataſtrophe zu entreißen.„Wir aber muͤſſen uns trennen, und unſere Wege gehen weit auseinander.“ 238 Bollinger fuhr mit der umgekehrten Hand uͤber die Augen.„Weißt Du was?“ ſagte er und blickte Ma⸗ thias ſo treuherzig und theilnehmend an,—„mir waͤre es lieber geweſen, wenn die Herren in Muͤnchen Dir den Gnadenzettel geſchickt haͤtten, der mir altem, morſch und muͤrbe gewordenem Keri doch nicht lange mehr nutzen wird. Aber Du biſt noch jung und friſch, haſt uͤberdies mehr Klugheit, Kraft und Ausdauer, als hundert andere Men⸗ ſchen und— ſiehſt Du, wenn ſie Dir nun den Weg frei gemacht hätten zu'nem ordentlichen, rechtſchaffenen Leben— mein Seel' ich glaube,'s ware noch was Großes aus Dir geworden und ſie ſollten nicht umſonſt dem Fremdlinge Kloſtermeier die Wohlthat erzeigt haben.“ Mathias laͤchelte ſchmerzlich vor ſich hin.„Laß das ruhen, Bollinger,“— erwiderte er traurig,—„ich bin ein verlorner Menſch, wie viele tauſend Andere. S' iſt wol wahr, das Schickſal und ſchlechte Leute tragen mehr Schuld daran, als ich ſelber, aber Gethanes bleibt ge⸗ than, und die Ruhe meiner Seele koͤnnten mir weder Gna⸗ denbriefe, noch der Churfuͤrſt, noch das ganze romiſche Reich wiedergeben. Denke an meinen Vater.“ Mit einem tiefen Seufzer wandte er ſich ab. Bol⸗ linger ſchaute ihn eine Weile ſchweigend an; dann um⸗ armte er ihn, zwar derb und laͤppiſch, aber mit einer Innigkeit, die wieder Zeugniß gab von dem guten, ehr⸗ lichen Herzen des alten Wildſchuͤtzen,„Adjes, Mathias, Adjes!“ ſagte er und ſeine Stimme zitterte vor innerer Bewegung,—„ich will nicht fragen, wohin Du gehſt, * 239 und was Du itzund treiben wirſt; aber was Dir immer fur'n Schickſal vom Himmel beſcheert ſein moͤge, ich will denken,'s muͤſſe was recht Gutes und Troſtliches ſein. Und wenn es Dir uͤbel ergeht, wende Dich unverzagt nach Rußberg oder Waldſees— Du haſt die beſten Freunde dort, weiß Gott, die beſten in der ganzen Welt.“ Und damit kehrte er ſich raſch und militairiſch um, pfiff den Hunden, die er als ſein Eigenthum mitnahm und verſchwand hinter der Waldecke.— Mathias aber ſtieg bergan zwiſchen den ſchlanken Stämmen der Fäh⸗ ren oder unter dem entlaubten, dicht verſchlungenen Ge⸗ zweig der Birken und Weißbuchen. Den Boden hatte ein ſtrenger Nachtfroſt gehaͤrtet und die Baumaäſte rechts und links und uͤber ſeinem Haupte waren zu blitzenden Chriſtallen geworden, durch den Reif, der ſie uͤberzogen. 1. Mathias hatte ſich von Bollinger an dem Ausgange des Thales getrennt, in deſſen Mitte die Ruine, ihr alter Schlupfwinkel, lag, und er erklomm jetzt die hoͤchſte Spitze des Bergruͤckens, der wie ein Wall das verlaſſene Aſyl umzirkelte, um noch einen Blick hinab zu werfen und dann fuͤr immer aus dieſer Gegend zu ſcheiden. Tief in Gedanken verſunken ſtieg er hinauf; die Buͤchſe ruhte nachlaͤfſig in ſeinem Arm und es lockte ihn nicht, der alten, heißen Luſt zu froͤhnen, wenn ein Haͤs⸗ chen raſchelnd durch das duͤrre Geſtruͤpp an ihm vor⸗ uͤberhuſchte oder ein Rudel Hochwild ſich in geringer Ent⸗ fernung gleichgiltig nach ihm umſchaute, gleich als wiſſe es, daß es von den Baͤumen nichts zu fuͤrchten habe. 24⁰ Wieder lag ein Lebensabſchnitt hinter dem Sinnenden, eine ernſte, duͤſtere Epoche, an deren Markſtein die blutige Geſtalt ſeines Vaters lehnte, und die Zukunft war ihm die nachtumhuͤllte Spitze eines ſteilen, öden Gebirgs, an dem er hinaufklimmte in dichter, taſtloſer Finſterniß und von Gewitterſtuͤrmen umtoſt, die ihn herabzuſchleudern drohten in eine gaͤhnende Tiefe. Da hatte er wol Grund zum Sinnen und Gru⸗ beln, und auch die Hirſche und Rehe konnten mit keckem Vorwitz den unluſtigen Jäger umſpringen. Jetzt war die Hoͤhe erreicht. Es war derſelbe Punkt, von welchem er vor drei Jahren mit Andreas und Bol⸗ linger hinabgeſchaut hatte in das Waldthal; dort ſtand die einzelne, ſchlanke Fahre und wie damals lehnte er ſich daran und ließ ſein Auge uͤber die weite Gegend ſtreifen. Sie hatte nichts von ihrer Schoͤnheit verloren; die abſchoſſigen Bergwaͤnde kontraſtirten praͤchtig mit dem dunklen Gruͤnzin welches ſie ihre granitenen Fuͤße hinab⸗ ſenkte, gleich Nympfen, die im Meere ſich baden. Der endloſe Forſt, zum großen Theil aus Nadelholz beſtehend, breitete ſich friſcher und ſchoͤner als je durch das Thal, uͤber welchem leichte, blaͤuliche Nebelduͤnſte hingen und die ſchlanken Wipfel mit dem Aether vermaͤhlten. Da ragten ernſt und grau die Marmortruͤmmer des Jagdſchloſſes aus dem Waldmeere und ſchienen den Scheidenden zu⸗ ruͤcklocken zu wollen in ihre warmen unterirdiſchen Ge⸗ mächer, Gaͤnge und Saͤulenhallen, und eine Birke nickte von der Zinne des Thurmes herab, ihm zugruͤßend und 241 beugte ſchmeichelnd ihren ſchlanken, des uͤppigen Blätter⸗ kleides baaren Leib. Was aber damals wie eine aus Gold und Rubinen gebaute Rieſenmauer erſchienen war, das Tyroler Hochgebirg mit ſeinen ſchimmernden Gletſchern und Fernen, majeſtätiſch aufragend im fernen Hinter⸗ grunde des Thales, das thuͤrmte ſich jetzt auf als eine duͤſtere, ſchwarzgraue Maſſe, wie aus Gewitterwolken er⸗ baut und von einem ſchwankenden und wogenden Schleier umflirrt, aus dem nur hier und da ein weißer Fleck hervorragte. Eine Krähenſchaar, die kraͤchzend von den Ruinen aufflog und ſchwerfaͤllig uͤber den Wald hinſtrich, unter⸗ brach die Todtenſtille, die uͤber der weiten Schlucht ſchwebte und ihr die ernſte Feierlichkeit eines Gottestempels ver⸗ lieh. Da wo ſie ſich nach Suͤden hin oͤffnete, und e * ſchmaler Pfad laͤngs dem Waldſaume an dem Abhange 8 hin kroch, in der Richtung nach dem Dorfe Boos, ſchrit⸗ ten zwei Wanderer hin, haſtigen Schrittelh doch oft zu⸗ ruͤckſchauend. Die weite Entfernung ließ ſie als Punkte erkennen; Mathias aber wußte, daß es Gärtner und der ſchwarze Bock waren, die gleichfals heute von ihm und dem bedrohten Aſyl geſchieden waren, um tief im Gebirge einen neuen Tummelplatz fur ihr geſetzloſes Hand⸗ werk zu finden. „Da bin ich nun ganz allein!“ ſagte er vor ſich hin.„Sie Alle, mit denen das Schickſal mich zuſammen⸗ brachte, ſind eingelenkt in feſte Bahnen, oder gehen leich⸗ ten Sinnes, ſie zu ſuchen— oder der Tod hat ſie ab⸗ n. 16 242 gerufen von der Welt. Ich habe fuͤr Niemand zu ſor⸗ gen, Niemand ſorgt fur mich; was wäre es denn, wenn ich durch einen leiſen Druck des Fingers mir endlich den Frieden erkaufte, den ich nimmer gefunden, nimmer finden werde? Da wuͤrden Einige fragen, wo iſt der Mathias hin, der uns ſo reichlich mit Wild verſah, fuͤr billige Preiſe? Andere, wo iſt der Verbrecher, auf den der Galgen wartet? und zwei oder drei vielleicht, wo iſt der ungluͤckliche Mann, dem man Alles geraubt, die Ehre, den guten Namen, den eignen Vater? wo iſt er hin mit ſeinem Grame?— Mich aber huͤllte die naͤchſte Nacht in ein ſchoͤnes, weißes Leichentuch von Schnee— und ehe er geſchmolzen, wäre ich lange, lange vergeſſen!“ Mit einer gewiſſen Freudigkeit uberließ er ſich dem erfuͤhreriſchen Zauber dieſer und aͤhnlicher Gedanken; da ſtieg endlich Gertruds liebliches Bild vor ſeiner Seele auf, und kraͤftigte wunderbar ſein niedergedruͤcktes Gemuͤth. Er wußte jetzt, fuͤr wen er zu ſorgen und zu ſchaffen habe, er wußte auch, wer um ihn weinen und trauern wuͤrde, und wie ein Meteor ſiegend die dunkelſte Nacht erleuchtet, ſo die Hoffnung, die Ahnung des eigenen Gluͤcks in der Begluͤckung eines geliebten Weſens die gramerfullte Bruſt des einſamen Jaͤgers. Mit leichterm Schritt und leichterm Herzen ſtieg er den Berg hinab, und wanderte auf Waldwegen und verborgenen Seiten laͤngs der Mindel, dem Ufer der Donau und dem Zu⸗ fluchtsorte der Geliebten entgegen.—— Es war der erſte Tag des Chriſtmonats, als er * 243 Pfaffenhof erreichte und hinter dem Dorfe wegſchreitend ſich vor dem Haͤuschen befand, welches er Gertrud als ſchuͤtzendes Aſyl angewieſen. Leiſe oͤffnete er das Gar⸗ tenpfoͤrtchen und auf den Zehen nach dem niedrigen Fen⸗ ſter hinſchleichend, ſchaute er mit klopfendem Herzen in das Stuͤbchen hinein. Es war Abend geworden; ſchon hatte ſich die Sonne, einen fahlen, matten Lichtſtreifen zurucklaſſend, hinter den weſtlichen Uferhugeln zur Ruͤſte begeben, und die truͤbe, kalte Daͤmmerung eines Winter⸗ abends lagerte ihre tiefen Schatten bereits uͤber Berg und Thal. Auch in dem Stuͤbchen drinn war es ſo dunkel, daß der Lauſchende Anfangs nichts erkennen konnte; doch vernahm er das luſtige Schnurren eines Spinnrades, welches der eintoͤnige Pendelſchlag der Wanduhr beglei— tete. Sonſt war es ſtill, ſo heimlich, traulich ſtill, wie man es gern hat in der Daͤmmerſtunde, wo die Phan⸗ taſie ſich in ſuͤße Traͤumereien zu wiegen pflegt und Ver⸗ gangenes und Zukuͤnftiges ſich vor unſern, ſinnend in das Dunkel blickenden Augen zu bunten Bildern und For⸗ men geſtalten. Nach und nach erſt konnte Mathias die Bewohner des Stuͤbchens erkennen. In der warmenden Nähe des Heerdes ſaßen ſie, die alte Frau eifrig mit Spinnen beſchaͤftigt, Gertrud in ihren Stuhl zuruͤckge⸗ lehnt, das holde, wunderſchoͤne Koͤpfchen geſenkt, und auf dem Schooße noch die feine Naͤharbeit, an deren Fortſetzung der hereinbrechende Abend ſie gehindert. „Was ſie denken mag?“ fluͤſterte Mathias vor ſich hin, und im ſelben Augenblicke gab ſein Herz ihm ſichere 16* 244 Antwort:„Dein gedenkt ſie!“ Er fuͤhlte mit unbe⸗ ſchreiblichem Wohlbehagen, daß dieſe Stimme nicht log, und nicht laͤnger die Sehnſucht, noch die Wonne des Widerſehens bezwingend, trat er in das Haus, und klopfte leiſe an die Stubenthuͤr.„Nur herein!“ toͤnte es von drinnen— und Mathias folgte dem freundlichen Gebot. Die Frauen erhoben ſich raſch, als ſie die dunkeln Umriſſe einer hohen Maͤnnergeſtalt auf der Schwelle er⸗ ſcheinen ſahen. Aber ein liebendes Herz fuͤhlt und ſieht die Gegenwart des theuren Weſens mehr, als das ſchaͤrfſte Auge— und bevor noch Mathias ein freundliches „Gruͤß Euch Gott!“ vollendet hatte, flog Gertrud ſchon mit einem jubelnden Aufſchrei des Entzuͤckens an ſeine Bruſt.— Das war ein Feſt des Wiederſehens, eine Wonne⸗ ſtunde, wie ſie das arme Leben nur ſelten dem Sterb⸗ lichen beut, eine Stunde, vor deren heißen Fruͤhlingsſon⸗ nengluth Gram und Leid dahin ſchmelzen, wie Eis und Schnee vor dem koſenden Tageslicht. Gertrud hatte nie gelernt, ihre Gefuͤhle unter der Maske jener erkaͤltenden Zuruͤckhaltung zu verbergen, welche die vornehme Sitte und pedantiſche Civiliſation fuͤr unerlaͤßlich halten, gleich als duͤrfe Niemand es wagen, der Liebe Gluͤck mit voller Seele zu genießen, und das heilige Feuer hell und unge⸗ ſtoͤrt im Buſen empor lodern zu laſſen. Jetzt umſchlan⸗ gen ihre weißen Arme den theuren Mann, und an ſeine Bruſt geſchmiegt ſchaute ſie mit leuchtenden Blicken zu ihm empor, als wolle ſie ſich recht des hohen Gluͤckes * 245 verſichern, ihn wieder zu haben, nach dem ſie ſich ge⸗ ſehnt in der Zwiſchenzeit der langen Trennung. Er aber beugte ſich nieder und preßte einen heißen, langen Kuß auf ihre friſchen Lippen und rief ſie mit dem ſuͤßeſten Schmeichelnamen, waͤhrend ſeine Hand ihr die dunkle, ſchwere Locke aus dem von der Freude roſig ergluͤhten Antlitze ſtrich. Es waͤhrte lange, ehe die gute, alte Baͤuerin ſich dem liebetrunkenen, in gegenſeitiges Anſchauen verſunkenen Paare bemerklich machen und durch die herzlichſte Freude ihre ungeheuchelte Theilnahme an dem Gluͤcke bezeigen konnte, welches mit Mathias in die ſtille Huͤtte eingekehrt war. Wol keines von den Dreien, die jetzt der dunkle Raum des Stuͤbchens einſchloß, hatte je ein ſo froͤhliches Chriſt⸗ feſt gefeiert, als heut'; dafuͤr buͤrgten die hellen, verklaͤr⸗ ten Blicke, die Kuͤſſe und Umarmungen Gertruds und Mathias, und nicht weniger zuverlaͤſſig die raſche Beweg⸗ lichkeit, das wirthſchaftliche Schaffen und Rumoren, mit welchen die Alte in Kuͤche und Kammer verkehrte, um ein, des ſchoͤnen Tages wuͤrdiges Mahl zu improviſiren. Sonſt hatte ihr Gertrud bei ſolchem Thun gar wackern Beiſtand geleiſtet und den beſten Theil der Arbeit mit Luſt und Vergnuͤgen ſelber uͤbernommen; denn im Ver⸗ lauf weniger Wochen ſchien das geiſtvolle Maädchen alle Maͤngel einer verſaͤumten Erziehung nachgeholt zu ha⸗ ben,— heut' aber ſah und hoͤrte ſie nichts von den gewohnten, haͤuslichen Geſchaͤften; und wer hätte ihr das verargen moͤgen? Am Heerde, auf welchem jetzt ein 246 luſtiges Feuer empor loderte, das die weißen, ſchmuckloſen Waͤnde des Gemaches freundlich erhellte, ſaß ſie an Ma⸗ thias Seite und konnte nicht muͤde werden, ihn anzu⸗ blicken und wieder anzublicken aus ihren großen, dunkeln Gazellenaugen, die noch nimmer ſo ſchmachtend, mild und ſelig erglaͤnzt waren, als in bieſer heiligen Weiheſtunde, wo ſie den Himmel im Herzen trug, und einen hehren Fruͤhling um ſich erbluͤhen ſah, der dem kalten, ſtuͤrmi⸗ ſchen Winter draußen ſpottete. Fuͤr ſolche Momente iſt unſere Sprache zu arm und hat keine Worte, in denen ſich das Hochgefuͤhl, von dem wir unſere Seele wie auf Engelsſchwingen emporgetragen ſehen, wuͤrdig offenkaren koͤnnte; darum hat die Liebe eine eigene Sprache, Hie⸗ roglyphen fuͤr den, in deſſen oͤder Bruſt die Prometheus⸗ flamme entweder noch nicht ergluͤht, oder ſchon erſtorben iſt— aber dennoch ſo reich, ſo entſprechend, ſo unend⸗ lich beredtſam! Kein Dichter und waͤre er der hochbe⸗ geiſtertſte, erhabenſte ſeiner und aller Zeiten vermag in den zarteſten Liedern, in den gluͤhendſten Stanzen den Zauber eines Blicks, den Liebende tauſchen, wie viel weniger die heilige Poeſie eines Kuſſes wiederzugeben. Ja, die Augen, die in einander ſchauen und ſich ge⸗ genſeitig tief und traͤumend in die Seele verſenken, der warme Lebensathem der Bruſt, die Haͤnde, die eng ver⸗ ſchlungen in einander ruhen— reden die goͤttliche Sprache der Liebe— aber die Lippe ſchweigt oder ſtammelt nur leiſe und ſchuͤchtern zaͤrtliche Worte, abgebrochene Satze, de⸗ nen ein Kuß erſt Leben und Deutung geben muß. * 247 Alſo auch verkehrten Mathias und Gertrud mit ein⸗ ander, den ganzen, langen Abend hindurch und achteten es kaum, wie die freudige Ruͤhrigkeit der Wittwe inzwiſchen gar ſchnell zu einem befriedigenden Ziele ge⸗ langt und von dem uͤberraſchendſten Erfolge gekroͤnt war. Denn als ſie, durch einen freundlichen Zuruf geweckt, einmal um ſich ſchauten,— ſiehe, da prangte inmitten des Stuͤbchens ein Tiſchchen mit blendend weißen Lin⸗ nen bedeckt und das Licht zweier Kerzen ſpiegelte ſich in blankem Geſchirr von Zinn, aus welchem lockend der Dampf von allerlei Gebratenem und Geſottenem empor⸗ ſtieg. Auch ein glaͤſerner Deckelkrug voll des kraͤftigſten Bieres fehlte nicht, und ſelbſt eine Rheinweinflaſche ſtreckte ihren langen, kegelfoͤrmigen Hals als die Beherrſcherin des prächtigen Mahles ſtolz uͤber die Schuͤſſeln, Teller und Gläſer empor. Und daneben ſtand Frau Martha und lud knixend und ſtrahlend vor Vergnuͤgen die Lie⸗ benden ein, den Triumph ihrer Kochkunſt zu feiern. Wer haͤtte da nicht Folge leiſten und der guten Alten den gehofften Lohn durch frohes Genießen und reichliches Lob ſpenden moͤgen? Und obwol weder Mathias noch die Geliebte das Beduͤrfniß des Hungers empfanden— denn wo die Seele ſo reichlich geſaͤttigt wird, da wagt der Koͤrper es kaum, ſein Bleigewicht an ihre Schwin⸗ gen zu heften, thaten ſie dennoch dem Mahle und deſſen Schopferin die gebuͤhrende Ehre, und wie die Liebe im⸗ mer mild und wohlwollend dahin ſtimmt, daß man die ganze Welt an's Herz druͤcken mochte, ſo horchten ſie ruhig ſelbſt 248 dem geſchwaͤtzigen Redefluß der Alten, die durch das Er⸗ zählen der abſonderlichſten und abentheuerlichſten Geſchich⸗ ten dem Chriſteſſen die furtrefflichſte Wuͤrze zu verleihen meinte. Freilich vernahmen ſie meiſtens nur den Schall der Worte, waͤhrend deren Sinn als Unſinn die Schran⸗ ken einer wohlverzeihlichen Zerſtreuung und Unachtſam⸗ keit nicht zu brechen vermochte. Ihnen wuͤrzte die Liebe das Mahl— und welcher Koch in der Welt, und waͤre es Vatel oder Carenne, vermoͤchte da mit all' ſeiner Kunſt noch etwas hinzuzufuͤgen!— Wie mit Fluͤgeln entfloh den Gluͤcklichen die Zeit; ſo oft das Raͤderwerk der alten Schwarzwaͤlder Uhr ſich raſſelnd in Bewegung ſetzte und der Hammer ſchallend und in eilfertiger Haſt an das Metallglockchen ſchlug, fuhren ſie verwundert aus ihren wachenden Traͤumen auf, und ſchier unbegreiflich duͤnkte es ihnen, daß ſchon wie⸗ der eine Stunde verfloſſen ſei. Erſt als zwölf Schlaͤge die Mitternacht verkuͤndeten, dachten ſie daran, daß es fuͤr heute wol Zeit ſein moͤchte, zu ſcheiden. Frau Martha war gleich einem Feldherrn, der im ſuͤßen Bewußtſein des errungenen Sieges auf dem Schlachtfelde ſchlaͤft, laͤngſt in ihren hohen Lehnſeſſel zuruͤckgeſunken und ſchnarchte in den lieblichſten Modulationen, obwol ſie ſich am Morgen feſt vorgenommen hatte, mit Getrud nach In⸗ golſtadt hinuͤber in die Chriſtmeſſen zu gehen. Das war nun freilich anders gekommen, und weder Mathias noch Goldſchmidts Toͤchterlein verſpuͤrten große Luſt, den glatten Pfad uͤber den feſtgefrornen Strom nach der * 249 Stadt zu wandern und ihr ſuͤßes, heimliches Stillleben dem Gepraͤnge einer lichterglaͤnzenden, weihrauchduftenden Kirchenfeierlichkeit aufzuopfern. Alſo, wie geſagt, es ſchlug zwoͤlf, und Mathias, der mit ſeinem Gluͤcke geizte, beſchloß, auch den kommenden Tagen ihr Recht zu laſſen und fur heut' die Ruhe zu ſuchen, obwol er im Voraus wußte, daß kein Schlaf in ſeine Augen kommen werde. Gertrud zupfte die alte Schlaͤferin neckend am Ohr, daß dieſe mit einem aͤußerſt komiſchen Schrecken emporfuhr und erſt Mathias eine Weile voll hoͤchlicher Verwunderung anſtarrte, ehe ihr, noch in Morpheus Feſſeln befangenes Erinnerungsver⸗ moͤgen ſich wieder gehoͤrig entwickelte.— „Unſern Freund quaͤlt der Schlaf gar maͤchtig, ſo daß er kaum noch die Augen offen halten kann!“ ſagte Gertrud mit neckendem Lächeln,—„haſt Du dem lie⸗ ben Gaſte in der Eile auch Quartier gemacht, Muͤtterchen?“ „Ei, Du loſes Kind, was denkſt Du von mir?“ erwiderte Martha eifrig,—„oben im Bodenkaͤmmer⸗ chen findet er ein ſo praͤchtiges Bett, ſo weiß und friſch, daß kein Edelmann ſich ſchaͤmen duͤrfte, in die dicken, weichen Federkiſſen zu kriechen. Wenü der Herr erlaubt, leuchte ich ihm hinauf; denn es muß wol ſchon ſpaͤt ſein, und da ich heut' die heilige Meſſe verſaͤumt habe, was ich mir unter ſothanen Umſtänden freilich nicht fur eine Todſuͤnde anrechnen kann, möchte ich doch morgen die Kirche beſuchen und drum recht zeitig aufſtehen.“ Waährend die nunmehr voͤllig wieder munter gewor⸗ 250 dene Schwaͤtzerin dieſe und ähnliche aͤußerſt wichtige Ar⸗ gumente und Vorſätze eroͤrterte und ſich endlich daruber, daß Mitternacht ſchon vorbei ſei, in Staunen ſchier auf⸗ zuloͤſen drohte, nahm Mathias von Gertrud Abſchied. Aber waͤhrte das lange! freilich, er hatte einen ungeheuer weiten Weg vor ſich, etwa zwoͤlf Stufen bis nach dem Dachkaͤmmerchen hinauf, und mußte ſo lange von ihr ge⸗ trennt ſein, fuͤnf Stunden oder wol gar ſechs, wenn es nicht etwa morgen, aus zarter Ruͤckſicht fur die Lieben⸗ den, fruͤher Tag wurde, als es ſonſt um Weihnachten zu geſchehen pflegt. Demnach gab es ſo viele Umarmun⸗ gen und Kuͤſſe, von denen jeder der letzte ſein ſollte, und von beiden Seiten als ſolcher auf das beſtimmteſte deſignirt wurde, daß Frau Martha ihre Ungeduld durch ein lau⸗ tes, harmoniſches Gaͤhnen und das Zurechtruͤcken der Stuͤhle auf eine zu unzweideutige und beherzenswerthe Weiſe zu erkennen gab, als daß Mathias ſie noch laͤn⸗ ger mit dem Lichte in der Hand haͤtte warten laſſen koͤnnen. Nachdem er Gertrud verſprochen, ihr morgen einerſeits ſeine Schickſale ſeit ihrer letzten Trennung zu erzaͤhlen— ein Thema, durch deſſen Beruͤhrung er um keinen Preis die erſten ſeligen Stunden des Wiederſehens hätte verbittern moͤgen— andrerſeits aber ſie von ſeinen Plänen fuͤr die Zukunft in Kenntniß zu ſetzen, folgte er der Frau Martha durch die Hausflur, die enge, ſteile Treppe hin⸗ auf in das ihm angewieſene Schlafkaͤmmerchen. Da drinnen ſah es ganz nett und wohnlich aus und das blendendweiße, hochgethuͤrmte Bett rechtfertigte vollkom⸗ * 251 men die vorangeſchickte Empfehlung, nicht zu gedenken, daß unſer Jägersmann in der letzten Zeit gar ſelten eine andere Lagerſtatt als aus duͤrrem Stroh oder Heu ge⸗ ſehen hatte. Mit einem freundlichen Gutenachtwunſche und der angenehmen Verheißung eines trefflichen Fruͤhſtucks ſtellte Frau Martha das Licht auf ein Tiſchchen, und verließ das Gemach, nachdem ein pruͤfend umhergeſchickter Blick ſie vollkommen beruhigt und uͤberzeugt hatte, daß die ſchnell getroffene Einrichtung auch eine genuͤgende und zufriedenſtellende geweſen ſei. Mathias aber entkleidete ſich raſch und verſenkte ſich mit einem Gefuͤhle unbeſchreib⸗ lichen Wohlbehagens in die wie Meereswogen uͤber ihm zuſammenſchlagenden Kiſſen, und mit dem feſten Entſchluſſe, all' die truͤben Gedanken, Sorgen und Schmerzen, die von dem Zauberſpruche der Liebe auf wenig Stunden gebannt waren, auch heute Nacht von ſeinem Lager zu ſcheuchen, noch einmal die Wonnen dieſes Tages im Geiſte zu durch⸗ leben und ſie wie hehre, farbenprangende Bilder an ſeinen Augen voruͤbergleiten zu laſſen.— Neunundzwanzigſtes Kapitel. — Selig durch die Liebe, Goͤtter— durch die Liebe Menſchen Goͤttern gleich! Liebe macht den Himmel, Himmliſche— die Erde Su dem Himmelreich. Schiller. Erſt gegen Morgen war Mathias eingeſchlummert, und ſo geſchah es denn, daß ein klarer, friſcher Winter⸗ tag hell und freundlich durch das mit leicht hingehauch⸗ ten, phantaſtiſchen Eisblumen geſchmuckte Fenſterchen in die Kammer hereinſchien, als unſer Held, aus den ſuͤße⸗ ſten Traͤumen erwachend, die Augen zu oͤffnen beliebte. „Wie wird Gertrud meiner harren!“ ſagte er vorwurfs— voll zu ſich ſelbſt und fuhr ſo eilfertig aus dem warmen Bett in die Kleider, als gelte es, einer Feuersbrunſt oder nachſetzenden Feinden zu entfliehen. Als er ſeine Toilette, zu welcher er heute, Gott weiß weßhalb, mehr Zeit be⸗ durfte, als ſonſt, zur Zufriedenheit beendet hatte, trat er an's Fenſter, hauchte den Nachtfroſt von den Schei⸗ ben und warf einen Blick hinaus in die anmuthige Winterlandſchaft. Es war in der Nacht ein leichter Schnee gefallen, ſo daß die ganze Gegend im blendend * 253 weißen Gewande prangte; die Strahlen der Morgenſonne, die glaͤnzend an dem klaren, wolkenloſen Himmel hing, hatten noch nicht vermocht, es hinweg zu ſchmelzen, viel⸗ mehr ſchmuͤckten ſie es mit tauſend glitzernden Chriſtallen und Diamanten, gleich als muͤßten ſie beitragen, die Erde am Tage der Geburt des Herrn recht feſtlich und ſchim⸗ mernd zu ſchmuͤcken. Die Baͤume unten im Garten und laͤngs der Huͤtte des Doͤrfchens hin hatten ihr Fruͤhlings⸗ kleid angezogen, und obwol es nicht duftende Bluͤthen⸗ fuͤlle war, die jeden Aſt, jedes, geſtern noch duͤrre Zweig⸗ lein weiß erglaͤnzen ließ, ſo gewaͤhrten ſie dennoch einen gar ſchoͤnen, heiteren Anblick. Und da, wo der Morgenwind den Schnee von der Stromflaͤche hinweggefegt hatte, blitzte dieſe gleich einem ungeheuren Metallſpiegel, und eben jetzt beſchaute ſich die jungfraͤuliche Koͤnigin Sonne gar eitel und wohlgefaͤllig darin, und ſchien nicht ſatt zu werden, ihr ſtrahlendes Gegenbild zu betrachten. Die ganze Gegend hatte etwas ſo ſonntäglich Feierliches; nir⸗ gends ſtoͤrte geſchaͤftiger Arbeitslaͤrm die ernſte Sabbaths⸗ ſtille, die auch in's Herz des Jaͤgers einzog, wie ſie wol nimmer verfehlt, auf das Gemuͤth einen ſanften, wohl⸗ thuenden Einfluß zu uͤben. Und jetzt hallte fernes Glocken⸗ gelaͤut uͤber den Strom heruͤber; die frommen Toͤne ſchwebten zitternd von den Thuͤrmen der entlegenen Stadt durch die klare Luft, wie Traͤume aus ſuͤßer, ſchuldloſer Kinderzeit; als riefe es hinaus in die ſchweigende Natur: Chriſtus, unſer Herr, iſt geboren! Lange ſtand Mathias am Fenſter, tief bewegt, an⸗ 254 daͤchtig, wehmuthsvoll, und als er ſich endlich abwendete, um hinunter zu gehen, waren ſeine Augen naß und es deuchte ihm, er habe einen Gottesdienſt gefeiert, beſſer als all' die geputzten Leute, die jetzt in den gothiſchen Hallen der Kirche ihre Kniee beugten— einen Gottes⸗ dienſt im Angeſicht des Herrn und ſeines erhabenſten Tempels.— So kam es, daß er in ernſter Stimmung in das Stuͤbchen unten trat, wo Gertrud ſchon laͤngſt ihn mit kindlicher Freudigkeit erwartet hatte. Sie war allein, denn Frau Martha war ihrem Vorſatze treu ge⸗ blieben und hinuͤber nach Ingolſtadt zur Kirche gewan⸗ dert. Wie reizend ſtand dem Maͤdchen der einfache Feier⸗ tagsputz, das goldgeſtickte Sammetkaͤppchen, unter welchem ihr glattgeſcheiteltes Haar vorglaͤnzte, das rothe, pelzver⸗ braͤmte Mieder mit den Schnuͤren, Kettchen und Schau⸗ muͤnzen, und das ſchwarze Wollenkleid, welches die klei⸗ nen Fuͤßchen keineswegs neidiſch verbarg. Auf ihren Wangen leuchtete das zarte Roth der Geſundheit und der Freude, und als ſie dem Eintretenden nun entgegen⸗ flog und mit glockenreiner Stimme ihn begruͤßte, rief er mit ſtolzem Entzuͤcken und ſie zaͤrtlich an's Herz druͤckend: „Wie ſchoͤn biſt Du, Gertrud, und wie werth, gluͤcklich, uͤberaus gluͤcklich zu ſein!“ Sie aber ſagte:„Bin ich es nicht bei Dir und werde ich es nicht immer ſein, ſo lange ich Dich habe?“ Dann ſetzten ſie ſich zum Fruͤhſtuͤck nieder am war⸗ men Kamine, und als Gertrud der ſuͤßen Pflicht, den theu⸗ ren Mann zu bewirthen, mit ihrer eigenthuͤmlichen Grazie * 255 und Anmuth genuͤgt hatte, ſetzte ſie ſich auf ſeinen Schooß, ſchlang die Arme um ſeinen Hals und ſagte: „Nun erzaͤhle, was Dir ſeit unſerer Trennung begegnet iſt. Es muß wol Schweres und Ernſtes geweſen ſein, denn Deine Stirn iſt tiefer gefurcht und meine Traͤume haben mir viel erzaͤhlt von finſtern Wolken, die uͤber Deinem Haupte hinzogen.“ Mathias ſchuͤttelte ſeufzend den Kopf.„Was haͤtte mich noch Schreckliches treffen koͤnnen ſeit jenem Abend,“— ſagte er,„wo die Kugel, die des Vaters Bruſt zerriſſen, auch mein innerſtes We⸗ ſen zum Tode traf, ſo daß ich mir oft wie ein wandeln⸗ der Leichnam erſcheine, immer kalt und erſtarrt! Wenn etwas auf der Welt das erſtorbene Leben in meinem Herzen wieder anfachen kann, ſo biſt Du es, Gertrud, und der milde Strahl Deiner Augen, die Licht und Sommerwaͤrme ausſtroͤmen und den eiſigen Winter zum knoſpenden Fruͤhling verwandeln. Aber ich will Dir meine Abenteuer nicht vorenthalten und auch von den andern Freunden, die unſere Waldeinſamkeit getheilt haben, ſollſt Du hoͤren.“ Und nun erzaͤhlte er ihr Alles, was ſich inzwiſchen mit ihm ereignet hatte, ſeine Gefangennehmung, ſeine kuͤhne Flucht, die gluͤckliche Ruͤckkehr nach den Ruinen und auch die ſeltſame Umgeſtaltung, welche Andreas Schickſale erlitten. Nie hat wol Jemand irgendwo eine ſo aufmerkſame, mit ganzer Seele theilnehmende Zu⸗ hoͤrerin gehabt, als es jetzt Gertrud war, auf deren Ant⸗ litz im Verlaufe des Berichts Schrecken, Beſorgniß, Furcht 256 und Freude wechſelten und ihren ſchoͤnen Zugen die leb⸗ hafteſte Bewegung verliehen. Und als er geendet hatte, ſprang ſie auf, froh wie ein Kind, und rief, die Haͤnd⸗ chen zuſammenſchlagend: „Nun iſt Alles, Alles gut. Laß die Vergangen⸗ heit hinter Dir verſinken in ein tiefes Grab, wie ich es gethan habe, und blicke vorwaͤrts, wo ein neues Leben Dir die Arme ausbreitet. Wir werden uns nicht mehr trennen, Mathias, Du wirſt Dein armes Mädchen mit Dir nehmen, in ein fernes, fremdes Land, wo uns Nie⸗ mand kennt und die Leute nicht neugierig forſchen nach vergangenen Dingen. Da wollen wir arbeiten und uns redlich muͤhen um das taͤgliche Brod. O, ich werde Dir keine unnuͤtze Laſt ſein; ich habe von der guten Martha Spinnen und Nähen gelernt, und während Du fuͤr irgend einen großen Herrn im Forſte herumſtreifſt nach Wild, ſitze ich daheim und laſſe das Raͤdchen ſchnurren und ſinge mir dazu ein freundliches Liedchen. Das wird ein Gluͤck ſein, Mathias, wie wir es noch nimmer gekannt haben! und wenn Du dann am Abende heimkehrſt, er⸗ muͤdet oder durchnaͤßt und kalt, da empfange ich Dich im warmen Stuͤbchen, nehme Dir Flinte und Jagdtaſche ab und fuͤhre Dich an den Tiſch, von dem die Suppe aufdampft. Ach, wie wird uns dann das aͤrmſte, ein⸗ fachſte Mahl erfreuen, wenn es die Liebe wuͤrzt und wir es durch wackere Arbeit verdient haben!“ „Ja, ſo ſoll es ſein, Maͤdchen!“ ſagte Mathias, den Gertruds lebhafte Phantaſie mit fortriß in das gelobte * 257 Land der Verheißung, an deſſen Grenze die Hoffnung ſtand, von roſigem Lichtglanze umfloſſen, und dem muͤden, gepruͤften Pilger entgegen winkte.„Siehe, wie Du mich mehr und mehr fuͤr das Leben wieder gewinnſt, Du herrliche Zauberin! Deine Worte klingen in meinen Oh⸗ ren wie der Gruß eines Engels, wie die Offenbarung des Hoͤchſten. Wie moͤchte ich noch anſtehen, den Weg zu betreten, der auf dein Geheiß plotzlich hell und glaͤnzend vor meinen Fuͤßen liegt? und obwol ich uͤber Dich anders beſchloſſen hatte in meinen Gedanken“— „Anders?“ fragte Gertrud erſtaunt, der es ſchien, als koͤnne außer dem von ihr angegebenen Lebensplane gar kein zweiter erſonnen werden.„Nun, ſo ſprich doch, Du biſt ja ein Mann und viel kluͤger und verſtaͤndiger, als ich armes, halbwildes Maͤdchen. Mit Freuden fuͤge ich mich in jeden Deiner Befehle, außer einem, einem einzigen, den Du nimmer ausſprechen wirſt.“ „Nun?“ fragte jetzt ſeinerſeits Mathias lächelnd,— „in welchem Falle wuͤrdeſt Du mir den Gehorſam auf⸗ kuͤndigen?“ „Wenn Du mich von Dir gehen hießeſt!“ ſagte Gertrud mit tiefem Ernſte und faltete die Haͤnde uͤber dem Mieder, als wolle ſie im voraus durch demuͤthige Reſignation gegen ein ſo hartes Gebot proteſtiren. „Ei Du ſchlaue Dirne!“ verſetzte Mathias und drohte ihr ſchweigend mit dem Finget.„Das war es juſt, was ich mir ausgeſonnen hatte, weil es mir noth⸗ wendig ſchien. Du ſollteſt bei der Graͤfin Lydia bleiben, n. 17 258 die Dich mit Freuden aufgenommen haben wuͤrde, und ich denke, wenn Andreas erſt mit ihr vermaͤhlt geweſen waͤre, was uͤber kurz oder lang wol das Ende vom Lied⸗ chen ſein wird, haͤtte es Dir auf Schloß Rußberg ſo wol gefallen, daß Dir der rauhe Wildſchuͤtz gar bald aus dem Sinne gekommen wäre. Na, haͤnge das Kopf⸗ chen nicht, Mädel,“— ſetzte er ſanft hinzu und zog Gertrud, der die Thraͤnen in den Augen ſtanden, begu⸗ tigend an ſich heran,—„Deine begeiſterte Prophezeihung hat dieſen meinen Plan uͤber den Haufen geworfen und Du ſieheſt, ich bin daruͤber nicht ſonderlich betrubt.“ Das war genug, um Gertruds Frohſinn wieder her⸗ zuſtellen. Aber weil es in der Natur der Frauen liegt, das Angenehme moͤglichſt mit dem Nuͤtzlichen zu verbin⸗ den, holte ſie ihr Spinnrädchen aus der Ecke, ſchob ihren Schemmel dicht neben Mathias, der ſich behaglich in dem alten Großvaterſtuhle dehnte, und nun miſchte ſich das herzliche Geplauder der beiden Liebenden hochſt anmuthig und gemuͤthlich mit den ſchnurrenden Umſchwung der Spindel. „Aber wenn es die umſtaͤnde gebieteriſch erfoderten, daß Du irgendwo eine Zuflucht ſuchen muͤßteſt,— ſagte Mathias unter Andern,—„wuͤrdeſt Du dann nicht gern zur Graͤfin Lydia gehen?“ „Nein, eben dahin durchaus nicht!“ entgegnete Gertrud raſch und warf trotzig das Köpfchen in die Höhe. „Hm! Du kennſt die Dame nicht. Sie iſt ſchön und himmliſch gut.“ „Das habe ich von Andreas bis zum Ueberdruß 259 hoͤren muͤſſen, denn in der letzten Zeit brachte er kaum ein anderes Wort hervor.“ „Nun, und warum moͤchteſt Du denn nicht bei ihr bleiben?“ fuhr Mathias in ſeinem inquiſitoriſchen Examen fort und blickte Gertrud ſcharf und forſchend an. Dieſe war gluͤhend roth geworden und drehte ihr Raͤd⸗ chen mit einer Haſt und Schnelligkeit, als gaͤlte es eine Wette; es ſchien, als wiſſe ſie auf Mathias Frage nichts zu entgegnen, endlich aber platzte ſie heraus:„Weil Du mir erzaͤhlt haſt, wie gut Du ihr geweſen biſt und wie ſie Dich gluͤcklich gemacht hat, wenn Du ihr einen Dienſt leiſten konnteſt. Das iſt Alles, und nun ſchilt mich aus, weil ich ein albernes Madchen bin.“ Mathias lachte laut auf, ſo ein bitterboͤſes Geſicht auch ſeine eiferſuchtige Nachbarin machte. Statt aller Antwort verſoͤhnte er den ſchmollenden Mund mit einem langen Kuſſe und ſiehe da, der Friede war hergeſtellt, trotzdem, daß der Ungeſchickte die Schuld trug, daß der Faden geriſſen und das ganze Geſpinnſt arg in Unord⸗ nung gerathen war. Allmaͤhlich aber verſank Mathias in ein tiefes und ernſtes Nachſinnen. Gertrud, die ihn ſo nachdenklich vor ſich hinblicken ſah, betrachtete ihn mit beſorgten Blicken, wagte es jedoch nicht, ihn zu ſtoͤren. Endlich ſchien er zu einem Entſchluſſe gekommen zu ſein. Er ſtand raſch auf und ſagte, zaͤrtlich des Madchens Haͤnde faſſend: „Und doch muͤſſen wir uns trennen, Gertrud, ehe wir fuͤr immer unſern Weg durch's Leben zuſammen ge⸗ 17 ½ 260 hen koͤnnen. Ich hoffe, zwiſchen dem betruͤbten Schei⸗ den und dem froͤhlichen Wiederſehen wird nur eine kurze Zeit liegen, die uns ſchoͤne Fruchte tragen ſoll. Beru⸗ hige Dich doch, Mädchen, und hoͤre mich an. Du weißt es und haſt es ſelbſt ausgeſprochen, daß in Baiern un⸗ ſers Bleibens nicht ſein kann. Waͤhrend dies verborgene Fleckchen Erde nur fuͤr den Augenblick ein ſicherer Zu⸗ fluchtsort iſt, durchfliegen Haͤſcher und Spione geſchaͤftig das ganze Land, in der Abſicht, mich einzufangen wie ein wildes Thier. Meine Flucht aus dem Muͤnchner Gefaͤngniſſe hat Alles allarmirt, und waͤhrend mancher kecke Geſell mir dazu Gluͤck wuͤnſcht, auch wol mich lobt ob des kuhn ausgefuͤhrten Wagniſſes, iſt die Erbitte⸗ rung meiner Feinde auf's Hoͤchſte geſtiegen und man wird keine Muͤhe, keine Nachforſchung, kein Mittel ſparen, meiner wiederum habhaft zu werden. Darum wrill ich hinaus uͤber die Grenze und in Schwaben, in der Pfalz oder in Sachſen mich nach einem Plaͤtzchen umſehen, wo ich ruhig mein Haupt niederlegen kann. Ich denke, der liebe Herrgott und St. Hubertus werden mir wol'ne Stelle als Leibjäger, Wildhuͤter oder was es auch im⸗ mer Kaͤrgliches ſein mag, beſcheren, denn unter die freien Schuͤtzen gehe ich nimmermehr und ſollte ich betteln muſſen.“ Gertrud druͤckte dem Sprecher leiſe die Hand und nickte ihm beiſtimmend zu. „Ich bin ein armer Kauz,“ fuhr Mathias fort— „und die hundert Gulden, die mir der Andreas, der wackere Junge, durch den Boten zukommen ließ, der uns 261 von dem beabſichtigten Ueberfalle unſeres Jagdſchloſſes benachrichtigte, werden auch keine Ewigkeit ausreichen. Dies alſo und meine Sicherheit machen es unumgaͤng⸗ lich noͤthig, daß ich, wenn's nur ein wenig waͤrmer wird, ſo etwa in vierzehn Tagen oder drei Wochen, Dich ver⸗ laſſe, in der Fremde nach einen Dienſte herumwandere und, habe ich dieſen gefunden, Dich mit Frau Martha nachkommen laſſe oder Euch ſelbſt abhole. Nun, Gertrud, muß es nicht ſein?“ „Du haſt Recht, Mathias, es muß ſein!“ ſagte Gertrud, obwol ein tiefer, ſchmerzlicher Seufzer dieſe Be⸗ jahung und den unwillkommenen Sieg der eignen Ueber⸗ zeugung begleitete,—„es gilt Deine Sicherheit und Deine— unſere Zukunft— wie koͤnnte ich da noch Nein ſagen?“ Mathias kuͤßte die Trauernde, der ein paar heiße Thraͤnen langſam uͤber die Wangen rollten, zaͤrtlich auf die Stirn und ließ nichts unverſucht, ſie in ihrem Leid zu troͤſten. Gelang es ihm auch nicht alsbald, ſo gelang es doch, oder ſchien wenigſtens zu gelingen, als Frau Martha aus der Kirche zuruͤckkehrte und, nachdem ſie den Gaſt freundlichſt begruͤßt und ſich des uͤberfluͤſſigen, wol geſchonten Feſtſtaates entledigt hatte, mit Gertrud vereint an die Zuruͤſtung des Mittagstiſches ging. Dies zer⸗ ſtreute die melancholiſchen Wolken, welche des Maͤdchens heitern Blick umduͤſterten; mehr noch vielleicht der fuͤr den Augenblick beruhigende und troͤſtliche Gedanke, daß ia zwiſchen der boͤſen Trennung noch wenigſtens vierzehn 262 lange Tage lagen, die ſie dem Geliebten und ihten Gluͤcke widmen durfte.— Aber vierzehn Tage verſtreichen gar ſchnell und hin⸗ wieder Niemandem ſo ſchnell, als zwei Liebenden, denen der Zeitraum zwiſchen Morgen und Abend wie eine fluͤch⸗ tige Stunde duͤnkt, wenn ſie auch eben nichts weiter zu thun haben, als ſich zaͤrtlich anzublicken, Kuͤſſe und Haͤn⸗ dedruͤcke zu wechſeln oder in leiſem, koſendem Gefluͤſter traulich bei einander zu ſitzen. Mathias verließ aus leicht zu errathenden und ſehr gewichtigen Gruͤnden niemals den Bezirk des einſamen Haͤuschens, ſo ſehr es ihn auch bisweilen lockte, frei herumzuſtreifen in der winterlichen Gegend, am liebſten mit der Buͤchſe im Arm— denn ſeine Jagdleidenſchaft wuchs durch die lange Entbehrung zu einer immenſen Hoͤhe, ſo daß er oft mitten unter Ger⸗ truds herzigem Geplauder oder waͤhrend der langen Ge⸗ ſchichten, durch welche Frau Martha wohlmeinend die Zeit zu verkuͤrzen glaubte, einen ſehnſuͤchtigen Blick hin⸗ auswarf in's Freie und unwillkuͤhrlich ſich nach dem Eckplaͤtzschen wendete, wo ſein Jagdgeraͤth, vorſichtig unter einem Tuche verborgen, an der Wand hing.— So unterbrach nichts das einſame Stillleben, außer daß Ma⸗ thias, deſſen Hierſein Niemand im Dorfe ahnte, oft fluͤchtigen Fußes die Stiege hinauf in ſein Kaͤmmerchen reteriren mußte, wenn ein gelegentlicher, jederzeit aͤußerſt unwillkommener Beſuch ſich an der Thuͤr der Gartenum⸗ zaͤunung zeigte. Gluͤcklicherweiſe geſchah dies ſelten, denn die Wittwe hatte von jeher mit den Doͤrflern in wenig * 263 odet gar keinem Verkehr geſtanden, auch lag ihr Haͤus⸗ chen abſeits und von der Straße zu entfernt, als daß die Nachbarn großes Geluͤſte gefuͤhlt haͤtten, oͤfter bei ihr einzuſprechen. Gertrud galt unter den Leuten fuͤr Frau Mathias Muhme, die von Muͤnchen heruͤber gezogen ſei; in den erſten Tagen nach ihrer Ankunft hatten ſich ein paar junge Bauerburſchen, die Elegants des Ortes, geneigt und berufen gefuͤhlt, dem ſchoͤnen Maͤdchen ihre ungeſchlachten Huldigungen darzubringen, waren aber bald durch Gertruds kaltes, gemeſſenes Be⸗ nehmen von ihren gut gemeinten Vorſaͤtzen abgeſchreckt worden und zu dem fuͤr beide Theile hoͤchſt erſprießlichen Entſchluſſe gelangt, die muͤrriſche, vornehmthuende Stadt⸗ dirne ihrem Schickſale und der Einſamkeit zu uͤberlaſſen. und ſo geſchah es denn, daß es fuͤr Mathias keinen beſſern, zuverläſſigern Verſteck geben konnte, als Mar⸗ thas Huͤtte. Aber wie geſagt, die vierzehn Tage waren voruͤber und das herrlichſte, klarſte Winterwetter bot keinen Vor⸗ wand, die bedungene Friſt zu verlaͤngern. Ueberdies trieb es den Jaͤger maͤchtig, dem langen Stubenarreſte zu entfliehen, und bei all' ſeiner heißen Liebe zu Gertrud, die jetzt ſtumm und traurig herumſchlich, verlaͤngerte er ſeinen Aufenthalt nur mit großem Widerſtreben um noch drei Tage. Das Maͤdchen ſah ſich fortwaͤhrend von ban⸗ gen Ahnungen gequalt. Wie eine Felslaſt hatte ſich nach und nach die troſtloſe Ueberzeugung, ſie werde Ma⸗ thias nie mehr wiederſehen, auf ihr Herz gewalzt. Was 264 er auch ſagen mochte, ihr ſolche truͤbe Gedanken zu ver⸗ ſcheuchen, wie er ſie auch zu uͤberzeugen ſuchte von dem Ungrunde ihrer Befuͤrchtungen— ſie ſchwieg und ſchuͤt⸗ telte traurig das Koͤpfchen oder ſank laut weinend vor innerer Seelenangſt an ſeine Bruſt. Der letzte Tag ihres Zuſammenſeins neigte ſich zum Ende. Wieder ſaßen die beiden Liebenden allein in dem dunkeln Stübchen, denn Martha war nach der Stadt gegangen, fuͤr Mathias einige nothwendige Reiſeutenſilien einzukaufen. Gertrud hatte zwar ihr Raͤdchen vor ſich ſtehen, aber ſie ſpann nicht; ihre Hände ruhten gefaltet im Schooß und unverwandt und träumeriſch ſchaute ſie hinaus in's Freie, wo es dunkler und dunkler ward, während der Vollmond, der uͤber dem Huͤgelgebuͤſch des Stromufers hing, ſich heller roͤthete und wie ein glu⸗ hendes Meteor langſam an dem klaren Nachthimmel ſeine ruhige Bahn heraufwandelte. Auch Mathias war ſchwei⸗ gend und in ſich verſunken; bald wendete ſich ſein Geiſt zu⸗ ruͤck an die duͤſtern Grenzen der Vergangenheit, bald ſchaute er vorwaͤrts und baute Plaͤne und bunte Luft⸗ ſchloͤſſer fuͤr die Zukunft. So ſaßen ſie lange ſtill neben einander und gewahrten es nicht, daß es inzwiſchen draußen und im Gemache ganz finſter geworden war; nur das voll durch die ſchma⸗ len Fenſterchen hereinſtroͤmende Mondlicht zeichnete zwei helle, zitternde Streifen auf den Fußboden und die ge⸗ genuͤber liegende Wand, und auf dem Heerde leuchtete noch ein Haͤufchen glimmender Kohlen im matten Glanze. * 265 „Gertrud, ſprich mit mir,“— begann endlich Ma⸗ thias,—„es aͤngſtigt mich, wenn ich Dich ſo traurig und niedergedruͤckt ſehe.“ Gertrud reichte ihm die Hand und verſuchte, zu lä⸗ cheln.„Laß mich nur gewahren,“ ſagte ſie leiſe.„Es iſt beſſer, wenn ich meinen Kummer recht ausdenke und mich ganz in ihn verſenke; dann werden die finſtern Traͤume weichen und das nervenlähmende Erbeben vor dem Herannahen eines unbekannten, aber ſchrecklichen Ungluͤcks.“ „Welche Grillen! da, wo ich die Schwelle einer hei⸗ tern ſorgenfreien Zukunft ſehe, von der nur noch ein geringer Raum uns trennt, ſcheint Dir Alles truͤb' und unheilkuͤndend. Was berechtigt Dich zu Befuͤrchtungen, deren Grund ich nicht einſehen kann?“ Gertrud ſchuttelte heftig den Kopf.„Nichts! nichts!“ ſagte ſie haſtig,—„und doch ſchleicht es um mich her, nebelhaft, eiskalt wie der Tod.“„ Mathias!“ rief ſie ploͤtzlich und ſprang empor, bebend an allen Gliedern und von ploͤtzlicher Leichenbläſſe uͤberzogen,—„Mathias, bleibe bei mir! ſchuͤtze mich— ſonſt ſiehſt Du mich nim⸗ mer wieder!“ Mathias fuhr erſchrocken auf, denn mit Gertrud war eine Veraͤnderung vorgegangen, die ihn auf's Hoͤchſte beſorgt machte. Sie ſtand da, hoch aufgerichtet, mitten in dem hellen Mondlichtſtreifen, der ihre zarte Geſtalt mit ſilbernen Wellen umgoß; ihre Rechte hielt krampf⸗ haft Mathias Hand gefaßt, waͤhrend ſie die Linke feſt 266 auf's Herz gepreßt hielt. Dabei ſah ſie ſtarr und un⸗ verwandt nach dem ſchimmernden Geſtirne der Nacht und ihre Bruſt hob und ſenkte ſich in fieberhafter Wallung. „Gertrud, um aller lieben Heiligen Willen, was iſt Dir?“ fragte Mathias beſtuͤrzt; aber als ſie ihm durch eine raſche Bewegung zu ſchweigen gebot und das Haupt vorbeugte, als horche ſie auf eine ferne Stimme, da uͤberkam ihn eine ploͤtzliche Erinnerung, vor deren ge⸗ waltigem Eindraͤngen er entſetzt zuſammen ſchauerte. Wie ein ſchwerer Vorhang rollte es vor ſeiner Seele auf und die erſte Begegnung mit Gertrud am Fuße des Hochgerichts truchte mit erſchreckender Deutlichkeit vor ihm auf. Jene prophetiſchen Worte, deren Centnergewicht ihn damals ſinnlos und betaͤubt zu Boden warfen, toͤnten wieder mark⸗ erſchuͤtternd in ſein Ohr; wieder ſah er es wie dunkle, geſtaltloſe Schattenbilder zu ſich herannahen, naͤher und naͤher, ein langer, geſpenſtiſcher Zug——— „Iſt Niemand, der mir hilft!“ rief jetzt Gertrud, und ihre Stimme klang leiſe und zitternd,—„warum raubt Ihr mir die Freiheit? Das warme Sonnenlicht und die Luft und die Blumen ſind mein Leben; Ihr bringt mich um in dieſer öden kalten Mauer! Gnade! Gnade!“ Sie ſank auf die Kniee und ſtreckte die Arme fle⸗ hend empor. Mathias verwandte keinen Blick von ihr, der die Macht inne zu wohnen ſchien, ihn ſelbſt in das geheimnißvolle Reich, in welches ihre Seele ſich verſenkte, mit hinunter zu ziehen. Eine wunderbare Beklommen⸗ * 267 heit laſtete auf ſeiner Bruſt und fieberhaft flog das Blut durch ſeine Adern. Er wollte ſich emporraffen aus die⸗ ſem halbwachen, unnatuͤrlichen Zuſtande— eine plotzliche Anſtrengung ſollte ihn gewaltſam aus den daͤmoniſchen Banden befreien— vergebens! Muskeln und Glieder verſagten ihm den Dienſt, und immer raͤthſelhafter, im⸗ mer peinigender ward die krankhafte Aufregung ſeiner Pſyche. Gertrud knieete noch immer am Boden, lautlos, wie aus Stein gemeißelt. Ihre edlen Formen und die ſchoͤnen Zuͤge des geiſterbleichen Geſichts traten ſcharf her⸗ vor in der hellen Mondlichtfluth, welche ihnen etwas Ue⸗ berirdiſches, Phantaſtiſches verlieh. Plötzlich zuckte ſie zuſammen, wie von einer eiskalten Hand gepackt, und mit einem gellenden Schrei nach dem Fenſter deutend, ſtuͤrzte ſie beſinnungslos auf den Fußboden hin. Als Mathias nach dem bezeichneten Fenſter blickte, ſah er vor demſelben eine menſchliche Geſtalt auftauchen. Ein breiter, haͤßlicher Kopf, der ſich ſcharf in dem hellen Hintergrunde abgrenzte, und ein paar muskuloͤſe Schul⸗ tern ragten einen Augenblick uͤber die Bruͤſtung vor, und es deuchte Mathias, als verziehe ſich das grauſe Geſicht zu einem hoͤhniſchen Grinſen. War dieſe Erſcheinung nichts als ein Gebilde ſeiner aufgeregten Phantaſie, eine Ausgeburt des wunderſamen Zuſtandes, der ſeine See⸗ lenkraͤfte in Feſſeln hielt! Nein! Nein! jetzt reckte ſich der geheimnißvolle Burſche hoͤher empor und ſtarrte, weit vorgebeugt, in das Gemach. Wer konnte es ſein als einer ſeiner Verfolger? ein Spaͤher, ausgeſchickt, ſein Aſyl 268 zu erkunden und ihn wiederum der Schmach des Kerkers zu uͤberantworten! Das ſchreckhaft blendende Licht dieſer Ueberzeugung riß ploͤtzlich ſeine Seelen⸗ und Koͤrperkraͤfte aus der dum⸗ pfen Lage, die ihn gefeſſelt hatte. Pfeilſchnell ſtuͤrzte er nach dem Fenſter, aber eben ſo ſchnell verſchwand die Geſtalt und— ſchien vor ſeinen Blicken in die Erde zu ſinken.„Ha, ich faße Dich noch!“ ſchrie er, riß die Thuͤr auf und flog durch die dunkle Grasflur hinaus in's Freie. Ein leichtes Raſcheln zog ſeine Blicke nach der duͤrren Umzaͤunung, welche den Garten umgab; ein Menſch brach haſtig hindurch und eilte gefluͤgelten Lau⸗ fes den Huͤgel hinab. Athemlos ſtuͤrzte Mathias nach dem Gartenpfoͤrtchen, den Fliehenden zu verfolgen; da prallte er heftig gegen Jemand an, der mit einem lau⸗ ten Schrei zu Boden fiel, und jetzt, als er wieder auf⸗ blickte, war der Horcher hinter den Haͤuſern des Dorfes verſchwunden. „Heilige Veronika, was faͤhrt Euch an, lieber Herr?“ rief die niedergeworfene Perſon, welche niemand anders als Frau Martha war, die ſich aͤchzend und ſtoͤhnend von ihrem Fall aufraffte—„Wißt Ihr es denn ſchon, was ich Euch hinrerbringen wollte, der Ihr gar ſo eil⸗ fertig in die Nacht hinausrennt?“ „Er iſt fort— und ich bin verrathen!“ ſagte Mathias dumpf vor ſich hin.„So fahre hin, du kurzer, ſußer Traum, fahre hin, ehe das Klirren der Ketten und nackte Ker⸗ * 269 kerwaͤnde mich erwecken. Es iſt wahr, niemand entgeht ſeinem Schickſale.“ „Herr Gott, was hat es da gegeben?“ fragte aͤngſt⸗ lich die Alte.„Iſt's nicht genug, daß ich Euch ſchlechte Neuigkeiten mittheilen muß? denkt nur, in Ingolſtadt habe ich erfahren, daß man nach Euch ſucht; auch wer Ihr ſeid, weiß ich jetzt, und ſo ſchwer es mir auf's Herz gefallen iſt, habe ich doch keinen Augenblick geſchwankt, was zu thun ſei. Ich bringe Euch eine Verkleidung mit, die Euch wol uͤber die Graͤnze helfen ſoll; aber Ihr muͤßt fort, augenblicklich fort, denn man iſt Euch hart auf der Spur und vielleicht kommen Morgen ſchon die Landreiter, Euch abzuholen. Und Ihr werdet gewiß nicht wollen, lieber Herr— Herr Kloſtermeier, daß ich und die arme Gertrud in's Ungluͤck kommen, weil wir Euch aufgenommen und verborgen haben.“ Die Zähne der guten Frau klapperten vor Angſt zu⸗ ſammen bei dem Gedanken an eine gerichtliche Unterſu⸗ chung. Mathias aber erwog blitzſchnell, daß es noch moͤglich ſei, der Verhaftung zu entgehen, und daß er um keinen Preis die gaſtfreundliche Wirthin und die Geliebte in ſein Schickſal verflechten duͤrfe.„Ihr habt Recht!“ ſagte er raſch—„gebt die Verkleidung her, in einer Viertelſtunde bin ich druͤben uͤber der Donau. Aber jetzt kommt und helft Gertrud, welche ploͤtzlich erkrankt iſt.“ Daruͤber traten Beide in's Stuͤbchen; noch lag Ger⸗ trud bleich, mit geſchloßenen Augen und kein Lebenszeichen verrathend, am Boden. Unter lautem Wehklagen rannte — 270 Frau Martha nach friſchem Waſſer und allerlei ſtaͤrken⸗ den Eſſenzen, die ſie ihrer eigenen Kraͤnklichkeit wegen ſtets im Hauſe hatte. Mathias aber beugte ſich uͤber die Ohnmachtige hin und hauchte einen Scheidekuß auf ihre kalte Stirn.„Sagt Ihr,“ redete er zu Frau Martha—„daß ich, wie wir es verabredet, entweder bald wiederkehren oder ſchriftlich meinen neuen Zufluchts⸗ ort anzeigen werde.“ Dann ging er mit dem Packete, welches die von Martha aufgebrachten Kleider enthielt, hinauf in die Kammer. Als Gertrud aus der Betaͤubung erwachte und ängſt⸗ lich nach dem Geliebten umſchaute, hatte dieſer ſchon den Strom paſſirt und wandelte mit ſchwerem Herzen und von truͤben Ahnungen und Sorgen gequaͤlt durch die ſtille Nacht jen Norden. Sie hatten ſich zum letztenmale geſehen in dieſem Leben!— Dreißigſtes Kapitel. Moor. Ich habe keinen Vater mehr, Ich habe keine Liebe mehr, Und Liebe und Tod ſollen mich vergeſſen lehren, Daß mir jemals etwas theuer war. Die Raͤuber, von Schiller. Es war wieder Fruͤhling geworden; der Winter, der alte, ſtarre Greis, deſſen weißes Grabgewand ſo lange uͤber die ſchlummernde Erde, uͤber Berg und Thal und Fluß und See ausgebreitet gelagert hatte, war muͤr⸗ riſch zuruͤckgewichen vor dem jungen Goͤtterkinde Fruͤh⸗ ling, erſt aus den Thaͤlern, dann trotzig und unter fort⸗ waͤhrendem Kämpfen hoͤher hinauf in die Berge und die einſamen, rauhen Schluchten der bairiſchen Alpen. Aber der Fruͤhling war ein unermuͤdlicher, raſtloſer Kaͤmpfer der ſich nicht begnuͤgte mit einem halben Siege. Immer weiter trieb er den finſtern, graͤmlichen Alten hinauf; ſeine Waffe war der laue Weſtwind, ſeine Verbuͤndete die helle, ſtrahlende Sonne hoch am arzurnen Himmels⸗ gewoͤlbe, und die Stätte, die er erobert und dem Erb⸗ 272 feinde abgenommen hatte, ſchmuckte er ſogleich mit den praͤchtigſten Siegesdenkmalen uud bevolkerte ihre Oede mit ſeinen Geſchoͤpfen und Dienern. Da keimte und ſproßte es uͤberall an Abhaͤngen und Gruͤnden und ein Teppich von ſo herrlichem, friſchem Gruͤn, daß das entzuͤckte Auge ſich nicht ſatt daran ſehen konnte, uͤberzog wie auf eines maͤchtigen Zauberers Gebot die alte, wiedererwachte Schlaͤ⸗ ferin Erde. Die Fluͤſſe und Baͤche waren frei geworden von ihren erſtarrenden Feſſeln und rauſchten und murmel⸗ ten ſilberklar hin zwiſchen ihren mit goldfarbigen Weiden und ſchillernden Erlen beſetzten Ufern. In den Gaͤrten aber bogen ſich die Baͤume unter ihrer ſchneeigen Bluͤ⸗ thenlaſt und erfuͤllten weithin die Luͤfte mit wuͤrzigen Arama. Niemals war die Ausſicht von den Zinnen des Rußberger Schloßthurmes ſchoͤner und mannichfaltiger ge⸗ weſen, als eben jetzt. Da wo die Nordſeite des Huͤgels, deſſen Spitze den alterthuͤmlichen Bau kroͤnte, ſich als eine jaͤhe Felswand ſteil in den Lech herabſenkt, wu⸗ cherten langhalmige Graͤſer, bluͤhende Koͤnigskerzen oder dunkles Brombeergeſtreuch aus den Steinritzen hervor, und die breite Silberflaͤche des Stroms unten ſpiegelte in ihrer Tiefe die Thuͤrme und die hohen Giebeldaͤcher wieder. Nach Oſten, Suͤden und Weſten hin aber ſchweifte der Blick durch die herrliche, weite Ebene, die wie ein end⸗ loſer Park ſich ausdehnte, und am fernen Horizonte mit dem duftig blauen Aether zu verſchwimmen ſchien. 273 Ein Fremder, der jetzt den maleriſch gekruͤmmten Huͤgelweg heraufgekommen und durch das hohe Portal in das Innere des Schloſſes getreten waͤre, wuͤrde ſo⸗ gleich einen bedeutenden Unterſchied zwiſchen heute und ehemals wahrgenommen haben. Sonſt war der weite, geraͤumige Hof oͤde und wie ausgeſtorben; ein paar Die⸗ ner ſchlichen vielleicht leiſe uͤber die Treppen und Koridors und das ganze Gebaͤude glich dem verzauberten Palaſte in dem Volksmaͤrchen vom Dornroͤschen, ſo todt und ſchweigſam ging es innerhalb deſſelben her. Das war jetzt ganz anders. Ueberall herrſchten Leben und Bewe⸗ gung, das Schloßgeſinde war um das Dreifache vermehrt worden und Maͤgde, Zofen und Lakeien tummelten ſich regſam in den ſtattlichen Raͤumen. Kurz, wie der Fruͤh⸗ ling die Erde, ſo ſchien er auch die uralte Burg wieder verjuͤngt und ſeine Zaubermacht ſelbſt auf die Bewohner derſelben erſtreckt zu haben, deren Geſichtszuͤge und gan⸗ zes Weſen ein anderes, friſcheres und hoͤflicheres waren, als je vorher. Der warme Junitag neigte ſich zu Ende. Mehr und mehr ſank die Sonne nach den blauen Huͤgelraͤndern hinab, die im Weſten die Gegend begrenzten, und die Waldſaͤume, Thuͤrme und Baumgipfel begannen in jenem gluͤhenden Roth zu ſchimmern, welches das Auge entzuͤckt und des Malers Hand und Phantaſie ſo oft zu mißlingender Nachahmung reizt. Jeder Gegenſtand warf langgeſtreckte rieſige Schatten; die Wege und Fußpfade, welche von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler, zwiſchen den n. 18 274 gruͤnen, im leichten Abendwinde wallenden Saatfeldern hinfuͤhrten, bedeckten ſich mit verſchiedenen Gruppen flei⸗ ßiger Landleute, welche, ermuͤdet von des Tages Laſt und Hitze, mit raſchen Schritten und muntern Sanges nach ihren niedern Huͤtten heimkehrten. Von den Ab⸗ haͤngen und Waldraͤndern her hallten die Schalmeien der Hirten, welche mit melancholiſchen, langgezogenen Toͤnen ihre zerſtreuten Heerden zuſammenriefen und ſie den hei⸗ mathlichen Staͤllen zutrieben. Um die crenelirten Zinnen des Schloßthurms lief eine breite, mit einem Gellaͤnder verſehene Gallerie, zu wel⸗ cher von dem Bibliothekzimmer aus eine ſchmale aber durch einige Fenſter erhellte Wendeltreppe fuͤhrte. Von hier aus genießt man den umfaſſendſten Ueberblick uͤber die ganze Gegend und obwol der Wind hier oben das alte Gebaͤude gar wild und unmuthig umbrauſte, war das Platzchen dennoch in fruͤhern guten Tagen ein Lieblingsaufenthalt des Grafen Georg von Rußberg geweſen, der hier an der Seite ſeines Toͤchterchens an ſtillen ſonnigen Abenden oft ſtundenlang verweilte und mit gemiſchten Gedanken und Gefuͤhlen hinabſchaute in das gruͤne Panorama, von dem er leider nur ein kleines, beſchraͤnktes Stuͤckchen ſein eigen nennen durfte. Seit jener Ruͤckkehr von dem Be⸗ graͤbniſſe ſeines Bruders aber war er nur noch ſelten und zuletzt gar nicht mehr hinaufgeſtiegen, denn der Anblick gewaͤhrte ihm nun keine Freude mehr, obwol er durch die bedeutende Erbſchaft in den Stand geſetzt worden war, das Gebiet des Schloßbezirks durch Ankauf angraͤnzender * 275 und paſſend gelegener Laͤndereien nach allen Richtungen hin bedeutend zu erweitern, und ſo war denn Lydia, de⸗ ren reines, ungetruͤbtes Gemuͤth aus der Natur ſtets die ſchoͤnſten und dauerndſten Eindruͤcke und Genuͤſſe zu gewinnen wußte, genoͤthigt, allein hinaufzuſteigen, wenn der Vater unten mit duͤſtern Blicken und gramumfurch⸗ ter Stirn in dem Bibliothekzimmer ſtundenlang auf und abſchritt.— Auch heute hatte Lydia ihre Tapiſſeriearbrit zeitig bei Seite gelegt, ſich wegen des Zugwinds in einen leichten Mantel gehuͤllt und war in den Thurm hinauf⸗ geſtiegen. Auf die Bruͤſtung des Gelaͤnders gelehnt ſchaute ſie hinab, aber nicht wie ſonſt, ihre Stellung wechſelnd und bald nach dieſer, bald nach der entgegengeſetzten Richtung ihre Blicke wendend; vielmehr hafteten dieſe unverwandt und mit großer Aufmerkſamkeit auf der Straße, welche jenſeit des Dorfes Meitingen uͤber den Bach her⸗ uͤber nach dem Schloſſe zu fuͤhrte. Auch ſchien es ihr heut' nicht beſonders um die Bewunderung des milden Abends und der Gegend umher zu thun zu ſein, und wenn der freundliche Leſer die zarte, ſchlanke Geſtalt ge⸗ ſehen haͤtte, wie ſie, anmuthig vorgebaͤugt, eine leichte Roͤthe und das Laͤcheln freudiger Erwartung in dem ſchoͤnen Antlitz, die Schlangenkruͤmmungen der Straße verfolgte, wuͤrde er ohne Zweifel ſogleich entdeckt haben, was wir ihm jetzt als ein Geheimniß von großer Wich⸗ tigkeit verrathen wollen. Seit jener Nacht, welche den Grafen von Waldſees 16* 276 von den Folterqualen eines durch Reue und Gewiſſens⸗ qualen vergaͤllten Lebens befreite, hatten ſich die Ver⸗ haͤltniſſe im Schloſſe ſo ſchnell und ploͤtzich geaͤndert, daß es uns vergoͤnnt ſein wird, ſie in wenigen Worten zu⸗ ſammenzufaſſen und in ihrem Verfolge darlegen zu duͤr⸗ fen. Lydia, deren bisher wunderbar ausdauernde Kraft an dem Stetbebette des Vaters zuſammenbrach, ſchwebte einige Wochen hindurch, von einem heftigen Fieber er⸗ griffen, zwiſchen Tod und Leben. Inzwiſchen beſorgte Andreas die Beſtattung des Grafen, welche mit all' dem Prunke und der Wuͤrde, die die hohe Stellung des Verſtorbenen erfoderte, vollzogen wurde. Dabei wid⸗ mete er ſich ganz und mit der innigen Hingebung tiefer und wahrer Liebe der Pflege Lydia's und fühlte ſeine Bruſt von Entzucken geſchwellt, als er ſie raſch geneſen und einer Blume gleich, deren Haupt von Stuͤrmen umtobt und niedergebeugt war, nunmehr friſch und pran⸗ gend ſich emporrichten und wenn auch ſchmerzlich ergrif⸗ fen von dem Verluſte des Vaters, dennoch hoffend und mit neuem Leben muthig in die Zukunft hinausblicken ſah. Nun erſt ging er an die Ordnung ſeiner eigenen Angelegenheiten, welche mehre Reiſen nach Muͤnchen und Achen erfoderten. Waͤhrend dieſer wiederholten kur⸗ zern oder laͤngern Abweſenheiten, denen ſtets ein trauriger Abſchied voranging und ein zaͤrtliches Wiederſehen folgte, war ſich Lydia uͤber ein Gefuͤhl klar geworden, welches ſo lange ſchon in ihrem innerſten Gemuͤthe ſich geregt und fie oft mit Scham oder ploͤtlicher Aengſtigung er⸗ * 277 fuͤllt hatte. Sie liebte Andreas; ſie hatte ihn geliebt ſeit jener Begegnung an der Kirchthuͤr von Meitingen, wo der muntere kecke Jaͤgersmann ihr zum großen Ver⸗ druß des Herrn von Moͤllnitz einen Dienſt leiſtete. Seit jenen Tagen ſah ſie ſich von ſeinem Bilde verfolgt und je mehr ſie ſich bemuͤhte, ihre Gedanken Luͤgen zu ſtrafen, und das eigenſinnige Herz zu Pflicht und Ge⸗ horſam zuruͤckzubringen, je eifriger ſie das Bild des Juͤnglings aus den Sinnen wegzubannen ſtrebte, deſto tiefer faßte dieſe ſtille Liebe Wurzel, deſto ſchwaͤcher zeigte ſich der Widerſtand, welchen Vernunft und kalte Ueberlegung ihr entgegenſetzten.— Der Verrath des Herrn von Moͤllnitz, der Lydias Ahnungen und Befuͤrch⸗ tungen hinſichtlich des Charakters ihres kuͤnftigen Lebens⸗ gefaͤhrten nur zu klar beſtatigte und ſie mit dem tiefſten Abſcheu gegen ihn erfullte, befreite ſie doch zugleich von den Feſſeln, welche ſie in kindlicher Unbekanntſchaft mit Welt und Leben und von Liebe und Gehorſam fuͤr den Vater veranlaßt ſich ſelbſt aufgeladen hatte, und als der Zeitraum einiger Wochen und das ſuͤße Gefuͤhl der Wie⸗ dergeneſung dem erſten, gewaltſamen Eindrucke jenes ver⸗ haͤngnißvollen Tages und deſſen Folgen nur einigerma⸗ ßen in ihrem Gemuͤth gemildert hatten, wendete ſie ſich voll inniger Dankbarkeit zum Himmel und ſagte, von einer nie gekannten Wonne durchſchauert, zu ſich ſelbſt: Nun bin ich frei! Wir wiſſen nicht, ob ſie nicht noch mehr ſagte oder wenigſtens dachte, beſonders als Andreas in den erſten 278 Tagen des Mais die nunmehr bis auf eine zuruͤckgeblie⸗ bene Schwaͤche voͤllig Geneſene zum erſten Male in den Garten hinausfuͤhrte, wo die Blumen und Blaͤtter eben ſo ſchnell und friſch keimten und ſproßten, als die Liebe in beider Herzen; wir wiſſen nicht, was ſie ſagte und dachte, als Andreas im Reiſeanzug in ihr Boudoir trat und ihr verſicherte, er muͤſſe nun wol laͤnger als eine Woche wegbleiben, da die neue Einrichtung auf dem Schloſſe Waldſee gar viel zu thun gebe und ſeine An⸗ weſenheit erfodere; nur ſo viel iſt uns verrathen worden, daß, als Lydia zoͤgernd und hocherroͤthend ihn fragte, wie lange ſie auf Rußberg, welches ihm fuͤr jene Schuldfo⸗ derung des Grafen Chriſtoph an Georg gerichtlich zuge⸗ ſprochen werden muͤſſe, verweilen duͤrfe, er laͤchelnd er⸗ widerte, die Antwort darauf wolle er jedenfalls nach ſeiner Ruͤckkehr geben. Und als er wiederkam, zeitiger als Lydia gehofft und doch gar ſehnſuͤchtig erwartet hatte, uͤberreichte er ihr ein altes vergelbtes Papier, in welchem ſie kaum Zeit hatte, jene große Schuldfoderung zu erkennen; denn Andreas riß es ihr behend aus der Hand und warf es mitten in die Flammen des Kamins, die es dann in einem Nu zu Aſche verwandelten. Ehe Lydia ein Wort zu ſolchem Edelmuthe ſagen konnte, folgte dieſer uͤberra⸗ ſchenden Scene eine zweite, die ſie vollends wortlos machte und gluͤhend erroͤthen ließ; denn der Herr Couſin ließ ſich äußerſt grazioͤ auf ein Knie nieder, und foderte mit 279 wenig Worten aber deſto beredtern Blicken Herz und Hand von ihr fuͤr's ganze Leben. Und ſo war das große Dilemma endlich geloͤst und die beiden Verlobten durften, nachdem ſie die Hochzeit auf den Spaͤtherbſt feſtgeſetzt, ohne Prahlerei es hinaus⸗ rufen in den milden, herrlichen Fruͤhling: wir ſind gluͤck⸗ lich, vollkommen gluͤcklich! Wir kehren nach dieſer langen, nichts deſto weniger nothwendigen Abſchweifung, dahin zuruͤck, wo wir beim Anfange unſers Kapitels ausgingen, naͤmlich auf die Zinne des Schloßthurms von Rußberg und ſehen Lydia, obwol inzwiſchen ſicher eine halbe Stunde verfloſſen und der gluthrothe Sonnenſtrahl ſo eben am Horizonte hinabge⸗ ſunken war, noch immer mit großer Spannung und Auf⸗ merkſamkeit die Landſtraße im Auge halten, ſo weit dieſe mit den Blicken zu verfolgen iſt. Den Grund ſolcher bei jeder Frau, mit Ausnahme der Verliebten, hoͤchſt ſeltenen Geduld und Ausdauer wird der freundliche Leſer nun leich⸗ ter errathen als zuvor: ſie erwartete Andreas, der geſtern in einem zaͤrtlichen Briefchen ſeinen Beſuch gemeldet hatte! Da wirbelten hinter Meitingen Staubwolken von der Straße auf! Drei Reiter nahen im ſchnellen Trabe und biegen jetzt in die Dorfſtraße ein, zwiſchen deren Haͤuſern ſie ein paar Minuten lang verſchwinden. Jetzt erſcheinen ſie wieder— der Vorderſte ſetzt ſich in Galopp, nicht achtend, daß es bergan geht. Kaum hat er einen Blick hinauf zum Schloſſe gethan und die holde Maͤdchengeſtalt auf der Thurmzinne erblickt, 280 ſo ſchwenkt er froͤhlich gruͤßend ein weißes Tuch, und zur Antwort ſchwebt auch von oben Lydias Schleier im Winde. Fuͤnf Minuten ſpäter halten die Reiter an der Auf— fahrt, und waͤhrend zwei derſelben Herrn Binzgo in die Dienerhalle folgen, fliegt der dritte mit klirrendem Sporen⸗ tritt die Stiege hinan, oͤffnet die Thuͤr des erſten Ge⸗ machs und ſieht ſich von dem Arm der Geliebten um⸗ ſchlungen, die, zaͤrtlich und innig zu ihm aufblickend, ſeine ſuͤßen Kuͤſſe empfängt. „Andreas, Du haſt etwas auf dem Herzen!“ ſagte Lydia am andern Tage zu ihrem Verlobten, der nach aufgehobener Tafel neben ihr am Fenſter ſaß.„Schon einigemal habe ich deine Blicke ertappt, wie ſie, wenn 3 du dich unbemerkt glaubſt, ſich nachdenkend, ja traurig zu Boden ſenken, und ſelbſt ein verſtohlener Seufzer iſt meinem ſcharfen Gehoͤr nicht entgangen. Augenblicklich ſollſt Du mir beichten, denn ich bin eiferſuͤchtig und Du haſt ganz das Anſehen eines ungluͤcklichen Liebhabers.“ „Kann es wol einen Gluͤcklichern auf der Welt ge⸗ ben, als ich es bin?“ verſetzte Andreas, Lydias Hand an ſeine Lippen druͤckend.„Und doch haſt Du wenigſtens darin Recht, daß meine Gedanken, wenn ſie abweſend ſind und mich traurig machen, bei einem Maͤdchen verwei⸗ len!“„Andreas!“ hub Lydia erbleichend an und ent⸗ zog ihm zuſammenſchreckend ihre Hand. 281 „Ja, bei einem ſterbenden Maͤdchen, deſſen Herz innerhalb der Steinwaͤnde eines finſtern Gefaͤngniſſes bricht!“ ſagte Andreas tontos—„ich ſprach von Ger⸗ trud, deren Geſchichte ich Dir erzaͤhlt habe!“ „Heiliger Gott, iſt es dahin mit ihr gekommen!“ fragte aͤngſtlich Lydia, deren Beſorgniſſe ploͤtzlich zerſtreut waren.„Deine Schilderungen haben mir fuͤr dieſes wun⸗ derbare Maͤdchen eine ſo innige Theilnahme eingefloͤßt, daß mich der Gedanke, ſie in Noth und— zu wiſ⸗ ſen, auf's Hoͤchſte beunruhigt!“ „Sie wird bald die Ruhe finden, die ſie einzig noch zu hoffen hat!“ fuhr Andreas fort.„Ich habe ſie geſtern wahrſcheinlich zum letzten Male geſehen— im Kriminalgefaͤngniſſe zu Muͤnchen, auf ein elendes Stroh⸗ lager gebettet, abgezehrt zum Gerippe, und ſo ſchwach, daß ſie kaum noch vermochte, mir ihre kalte Hand zu reichen. Lydia, ich habe geweint beim Anblicke dieſes ungluͤcklichen Opfers der unerbittlichen, eiſernen Geſetze,— an der man kaltbluͤtig einen ſchmachvollen Juſtizmord begeht. Ich will Dir ihr Schickſal erzaͤhlen, Lydia, ob⸗ wol ich Dir dadurch eine traurige Stunde bereite.“— „Du weißt, daß es meinem ehemaligen Gefaͤhrten Mathias Kloſtermeier gelang, aus dem Muͤnchner Ge⸗ faͤngniſſe zu entkommen und zwar auf eine ſo kuͤhne, bewundrungswuͤrdige Weiſe, daß dieſe Flucht ihn form⸗ lich zum Helden des Tages machte. Die Behoͤrden wa⸗ ren mit dieſer Entweichung durchaus nicht zufrieden und wendeten Alles an, des Entflohenen wieder habhaft zu 282 werden. Da man inzwiſchen Kunde von dem Schlupf⸗ winkel der freien Schuͤtzen bekommen hatte, wurde ein Detachement Militaͤr nach den Ruinen des Jagdſchloſſes beordert, um die Geſellſchaft aufzuheben, worunter man auch Mathias zu finden hoffte, der aller Vermuthung nach— und wie es auch wirklich der Fall war— ſich dahin zuruͤckbegeben hatte. Meint fruͤher anlangende War⸗ nung veranlaßte die freien Schuͤtzen, ihr altes, trauliches Aſyl zu verlaſſen und ſich nach allen vier Winden hin zu zerſtreuen. Zwei derſelben hatten ſich nach dem Ober⸗ lande gewendet. Bollinger, dem ich ſeine Begnadigung hatte wiſſen laſſen, war nach Muͤnchen gegangen und traf nach einigen ſcharfen Verhoͤren von Seiten der Ju⸗ ſtitz auf Waldſees bei mir ein; Mathias endlich wan⸗ derte nach Pfaffenhofen, wo ſein geliebter Schuͤtzling Gertrud ſeiner harrte, und das einſame Haͤuschen einer Wittwe ihn lange allen Nachforſchungen entzog. Dort wurde Mathias ein anderer Menſch; das Sonnenlicht der Liebe ſchmolz die Eisrinde, welche ſich ſeit dem un⸗ glucklichen Ende ſeines Vaters um ſein Herz gelegt hatte, und indem er den feſten Entſchluß faßte, ein neues Le⸗ ben zu beginnen und Gertruds treue Liebe zu belohnen, indem er ihr und ſich ein ruhiges, zufriedenes Gluͤck ſicherte, ließ er einen wohlthaͤtigen Schleier uͤber die Vergangen⸗ heit ſinken und blickte freudiger als je in die Zukunft hinaus. Seine Abſicht war, in der Ferne eine neue Heimath zu gruͤnden, und wenn ihm dies gelungen, woran er nicht zweifelte, Gertrud abzuholen. * 283 Die Behoͤrden waren indeß nicht muͤde geworben, Mathias zu verfolgen. Man haͤtte ſicher nicht ſo viel Ausdauer und Energie entfaltet, wenn der Baron von Moͤllnitz ihn nicht des vorſaͤtzlichen Mordes ſeines Dieners Florian Heinek angeklagt und um ſo hartnaͤckiger auf die ſtrengſten und thaͤtigſten Maßregeln beſtanden haͤtte, als er wol wußte, wie wehe es mir thun wuͤrde, Mat⸗ thias im Gefaͤngniſſe und vielleicht der Todesſtrafe ausge⸗ ſetzt zu ſehen; da er zugleich auf keine andere Weiſe ſeinem Haß gegen mich Luft machen konnte, ſo wuͤnſchte er auf dieſe Weiſe ſich wenigſtens an mir raͤchen zu koͤnnen. Die Gerichte erließen eine Bekanntmachung, nach welcher jeder, der dem Verfolgten Obdach oder irgend einen Vor⸗ ſchub gewaͤhrte, mit der ſtrengſten Strafe bedroht wurde, uͤberdies durchſtreiften Haͤſcher das ganze Land zwiſchen Donau, Lech und Mindel. Einen derſelben fuͤhrte das boͤſe Verhaͤngniß auf die rechte Spur. An einem dun⸗ keln Winterabende entdeckte er Mathias in Pfaffenhofen im Haͤuschen der Wittwe Martha. Er entfloh, da Ger⸗ trud und Mathias ihn bemerkt hatten, aber ſchon fruͤh am andern Morgen langte eine Abtheilung Militaͤr im Dorfe an, das Haus ward umſtellt, von oben bis un⸗ ten durchſucht— und Mathias nicht gefunden! Er hatte zu rechter Zeit ſeine Reiſe angetreten. Die um ihre Beute betrogenen Haͤſcher ließen ihren Grimm an den wehrloſen Frauen aus. Beide wurden mit Stricken ge⸗ bunden, gemißhandelt und endlich auf einem Treibwagen nach Ingolſtadt geſchleppt. Hier begannen, nachdem man 284 ſie gewarnt hatte, die Verhoͤre. Die Aufſchluͤſſe, welche Gertrud mit kindlicher Unbefangenheit und im Bewußt⸗ ſein der Unſchuld von ihrem Verhaͤltniß zu Matthias, dann aber von ihrer Geburt gab, waren nicht geeignet, ihr eine mildere Behandlung zu erwirken. Im Februar ſchleppte man die ſchon Kraͤnkelnde und Entkraftete durch eiſigen Sturm und Schneegeſtoͤber nach Muͤnchen; dort wies man ihr eine hohe, aber enge und ſchmale Zelle an, auf deren mit Beckſteinen gepflaſterten Boden man aus einigen Buͤndeln Stroh und einer duͤnnen Wolldecke ihr Krankenlager bereitete. Hier, zwiſchen den oͤden Mau⸗ ern mußte die holde Blume verwelken, die ſo herrlich und prangend im kuͤhlen Wald entſproßen war. Von Eiſeskalte durchſchauert, allein, Tag und Nacht allein mit ihrem Harme und ihren Thraͤnen, ſiechte ſie raſch dahin, und als es mir nach langen Bitten und endloſen Vorſtellungen erlaubt ward, ſie zu beſuchen, neigte der Todesengel ſchon ſich uͤber das Lager der armen Dul⸗ derin und nur matt noch glimmte ſeine umgekehrte Fa⸗ ckel. Ich weiß nicht, ob mein energiſcher, voll gluͤhender Entruͤſtung diktirter Bericht an das Juſtizpraͤſidium eine Milderung der Gefangenſchaft des ungluͤcklichen Maͤd⸗ chens herbeifuͤhren wird; jedenfalls iſt das Maaß der Leiden voll und ſie wird ſterben, das Opfer treuer, hei⸗ ßer Liebe, ehe man Zeit hat, ihr das Urtheil zu verkuͤn⸗ den, welches, vor wenig Tagen gefaͤllt, ganz unſer fin⸗ ſteres, barbariſches Zeitalter charakteriſirt.“ „Und welches iſt dies?“ fragte Lydia, tief erſchuͤttert. 285 „Man hat ſie als Geliebte des beruͤchtigten Miſſe⸗ thaͤters, als Diebeshehlerin, Landſtreicherin und wegen hundert anderer erlogener Beſchuldigungen zum Pranger verurtheilt!“ Lydia ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus.„Gibt es denn kein Mittel, ſie zu retten, und die Ungluckliche der Schmach zu entziehen, die ſie bedroht?“ fragte ſie mit bebenden Lippen. „Es gibt keines— und ſie bedarf des Schutzes nicht mehr!“ ſagte Andreas duͤſter.„Vielleicht iſt ſie in dieſem Augenblicke ein Engel und ſteht im Lichtkleide vor dem Throne Gottes.“ „Und wo iſt Mathias?“ fragte Lydia weiter. „Durfte, konnte er ſie in der Noth verlaſſen?“ „Man hat Nichts von ihm vernommen. Jeden⸗ falls ahnt er Gertruds Schickſal nicht, denn ich kenne ihn zu genau, als daß ich ihn im Verdachte der Feig⸗ heit und eines ſo ſchmachvollen Egoismus halten duͤrfte. Wahrſcheinlich duchwandert er jetzt das Land, die Bruſt von Hoffnungen geſchwellt, und all ſeine Gedanken weilen bei ihr, die um ſeinetwillen ſtirbt. Ich fuͤrchte, wenn er einſt wiederkehrt und man uberbringt ihm die trau⸗ rige Kunde, wird ſein guter Engel auf immer von ihm weichen.“ Die beiden Liebenden verſanken in ein tiefes trau⸗ riges Nachſinnen, aus welchem ſie erſt allmaͤlig wieder zu der urſpruͤnglich heitern Stimmung, die den gluͤckli⸗ chen Brautſtand wie Sonnenſchein zu verklaͤren pflegt, 286 zuruͤckzukehren vermochten. Als der Abend heran nahte, ſtiegen ſie beide zur Thurmgallerie hinauf und ſchauten, ſich liebend umſchlungen haltend, in die reizende Gegend hinunter. „Sind wir nicht glucklich, recht gluͤcklich?“ fluͤſterte Lydia und blickte ſelig laͤchelnd zu dem Geliebten empor. „Wir ſind es und werden es noch im hoͤheren Grade ſein!“ entgegnete dieſer und kuͤßte die ſchoͤne Braut auf die Stirn—„ich hatte Dir eine Ueberraſchung vorbehalten, indeß der hehre Moment, den wir jetzt feiern, iſt wuͤrdig, mein Geheimniß zu loͤſen. So hoͤre denn Lydia. Bald nach unſter Vermaͤhlung unternehmen wir eine große Reiſe nach Frankreich, und von da durch die Schweiz nach Italien. Am Golf von Neapel, dieſem vielgeprieſenen Paradieſe Europas, miethen wir ein nettes Landhaͤuschen und verleben dort, fern von der rauhen Heimath und den truͤben Erinnerungen, welche ſich daran knuͤpfen, die erſten Jahre unſerer Ehe. Weiß ich es doch, daß all' Dein Sehnen und Wuͤnſchen Dich nach Italien rufen und Dein hoher herrlicher Geiſt dort unter dem dunkeln Azur des ſuͤdlichen Himmels, umgeben von den Wundern der Natur und Kunſt, die herrlichſte Nah⸗ rung ſuchen und finden wird. Nun, Theure, was ſagſt Du zu meinem Plane?“ Lydia antwortete nicht, aber die hellen Freudenthra⸗ nen ſtroͤmten ihr uͤber die Wangen, und als ſie ſich feſt und innig an den Geliebten ſchmiegte und dankbar ſelig 287 zu ihm aufblickte, ſagte auch dieſer:„bin ich nicht glucklich! uͤberaus glucklich!“ Derſelben Meinung waren auch Herr Binzgo, Bol⸗ linger und der Reitknecht des Grafen Andreas, welche letztere Beide mit dieſem gekommen waren. Sie ſaßen auf der ſteinernen Bank im Thorwege, rauchten Tabak und labten ſich am Augsburger Bier, wobei ſie in ge⸗ ſchwaͤtziger Rede ihre diverſen Anſichten austauſchten. Der Kaſtellan und Bollinger, nunmehriger Revierfoͤrſter von Waldſees, waren bald genug Freunde geworden, wie denn uͤberhaupt das hoͤhere Alter darin mit der fruͤhen Jugend in Einklang ſteht, daß es leicht und gern ſich anſchließt und an ein freundſchaftliches Verhaͤltniß weni⸗ ger ernſte Foderungen und Bedingniſſe ſtellt, als das reife Mannesalter. So hatten die beiden Alten wie ge⸗ woͤhnlich erſt von Mathias geſprochen, zu dem ſie beide in naͤherem Verhaͤltniß geſtanden, und Herr Binzgo war ſehr wehmuͤthig geworden bei der Erinnerung an jenen Herbſtmorgen, wo der Hirtenſohn von Friedberg als der Lebensretter des Grafen und deſſen Tochter hoch auf dem Kutſchbock in den Schloßhof hineingerollt war und ſeine Dienerlaufbahn begonnen hatte. Nachdem nun auch Bollinger vielerlei von ſeinem einſtigen Freunde und Ge⸗ noſſen erzaͤhlt und in ſeine Rede manche verſteckte Lob⸗ rede auf den freien Schuͤtzenſtand eingeflochten hatte, ging man auf das zunächſt liegende Kapitel uͤber und ergoß ſich in Schaͤtzung und Bewunderung des wohlverdienten Gluͤckes, deſſen der junge Graf Andreas und ſeine Braut 288 ſich erfreuten. Natuͤrlich wurde waͤhrend dieſer rhetori⸗ ſchen Uebungen das Bierglas ſtark in Anſpruch genom⸗ men und trug viel zu der heitern Stimmung bei, deren ſich die kleine Geſellſchaft erfreute. „Mein Brodtherr, der nun auch bald der Eurige ſein wird, verehrteſter Kaſtellan,“ ſagte Bollinger unter Ande⸗ rem—„hat ſich ſo fuͤrtrefflich in die neuen Verhaͤltniſſe gefunden, als ſei er wie ein Junkerlein erzogen und ſein Lebtag unter keine andern Verhaͤltniſſe gekommen, als unter die allervornehmſten. Die Edelleute in Muͤnchen und um Waldſees herum hatten anfangs gewaltig die Naſe geruͤmpft und ſich geſtellt, als wuͤßten ſie gar nicht, daß es einen Grafen Andreas von Waldſees in der Welt gaͤbe. Der aber zeigte ihnen bald, daß eben ſo gutes, wo nicht noch beſſeres Blut in ſeinen Adern fließe, als in den ihrigen, und als er Geſchaͤfte halber bei einigen von ih⸗ nen einſprach, denn ſie hielten es fuͤr ein Leichtes, dem ehe⸗ maligen Wildſchuͤtzen hier und dort ein Stuͤcklein Landes abzuzanken— na! da trat er ihnen entgegen mit ſolcher Wuͤrde und zeigte ſo ein feines, cavalirmaͤßiges Weſen, daß ſie anfangs ganz verduzt waren und hernach ſchier zerfließen wollten vor Freundlichkeit und nachbarlicher Geſinnung.“ „Hab's gehoͤrt, hab's gehoͤrt;“ verſetzte Binzgo laͤchelnd. In der erſten Zeit ging ein Gerede und ein Spoͤtteln im Lande herum, daß man haͤtt' vor Aerger aus der Haut fahren moͤgen. Sie nannten ja den gnaͤ⸗ * 289 digen Herrn nicht anders als den„Wildſchutzengrafen“ und logen dabei in ihren Hals hinein allerhand ſchaͤnd⸗ liche Geſchichten und Anekdoten. Als er nun aber nach der Krankheit des Fraͤuleins von ſeiner Reiſe nach Muͤn⸗ chen zuruͤckkehrte und nun hie und da bei Jagden oder in Geſchaͤften mit dieſem und jenem der hochmuͤthi⸗ gen Herren zuſammentraf, da ſprachen ſie allmaͤlig leiſer. und ehe vier Wochen verfloſſen waren, konnten dieſelbi⸗ gen Leute ihn nicht genug loben und entdeckten alle Tage neue, furtreffliche Eigenſchaften an ihm.“ „Das will ich wol glauben!“ ſchmunzelte Bollin⸗ ger und that einen kraͤftigen Zug aus dem Bierkruge;— „freilich, was die Leute jetzo erſt an ihm finden und entdecken, weil er reich geworden iſt und hochgeboren, das hab' ich gekannt, als wir noch ſelbander im Walde herumſtreiften, ein paar arme Teufel, die gar oft ſich hungrig unter einen Baum zum Schlafen niederlegten. Er war immer brav, freundlich und von einer Herzens⸗ guͤte, die mir ſo wohl that, daß ich mich um keinen Preis der Welt von ihm getrennt haͤtte.“ Binzgo nickte beſtaͤtigend mit dem Kopfe.„Wie der liebe Herr⸗ gott Alles ſo wunderbar gefuͤgt hat!“ ſagte er mit großer Salbung, waͤhrend er eine friſche Pfeife ſtopfte.„Hätt' wahrlich niemals gedacht, daß in meinen alten Tagen noch ſo ſeltſamliche Geſchichten an mir voruͤbergehen wuͤr⸗ den! Aber hoͤrt'mal Bollinger—“ wendete er ſich zu dieſem—„was macht denn der ehrwuͤrdige Herr mit I. 19 290 dem konfuſen Namen und der zotteligen Perruke— Ihr wißt wol, wen ich meine?“ „Etwa den Magiſter Ehren⸗Tilleſius?“ „Eben den! er war an dem boͤſen Tage mit Herrn Andreas und dem Präſidenten aus Muͤnchen hier, als der ſelige Herr Graf Georg— na, laſſen wir das man denkt nicht gern daran.“ „Nun, der fromme Herr ſitzt auf Waldſees und laßt ſich's wohl ſein!“ erlaͤuterte Bollinger.„St'iſt ein guter, kurioſer Kautz, der nun dafuͤr, daß er vor etlichen zwanzig Jahren die Margaretha Rottmeier aus Poͤrnberg mit dem Grafen Chriſtoph zuſammengab, gar ſchoͤn be⸗ lohnt wird. Damit es nicht ausſieht, als ob er's Gna⸗ denbrot eſſe, hat ihm der gnädige Herr die Buͤcher⸗ ſammlung anvertraut, und da ſitzt er nun den ganzen lieben Tag vergraben zwiſchen mannshohen Schriften und macht ein ſo gelehrtes Geſicht, als wolle er den naͤchſten Weg nach dem Monde entdecken.“ Na, ich goͤnne ihm das Ruheplaͤtzchen;“ meinte der Kaſtellan. „Und ich nicht minder und waͤr' es nur darum, daß er meinem Freunde Mathias bei ſeinem Entweichen aus der Patſche geholfen. Aber—'s wird kuͤhl und der Luftzug unter'm Snhe hier iſt nicht beunr erquicklich.“ „So laßt uns in die Stube gehen und dort weiter plaudern!“ ergaͤnzte Binzgo. * — 291 Demgemaͤß erhoben ſich die drei Herren; der Reit⸗ knecht, als die untergeordnete Perſon, nahm den Bier⸗ krug, und gemaͤchlich ſchlenderten ſie uͤber den Schloßhof hin nach der Dienerhalle, wo es ſich in der breiten Fen⸗ ſtervertiefung eben ſo gemuͤthlich ſchwatzen ließ, als drau⸗ ßen im Freien.— 19 Einunddreißigſtes Kapitel. — Moor. Nein, ein Weib erſchuͤttert meine Mannheit nicht— Blut, Blut muß ich trinken!—— Die Raͤuber, von Schiller. In den letzten Tagen des Monat Sktober 1764 landete eine Stunde vor Mitternacht noch ein Nachen am rechten Donauufer, unterhalb des Doͤrfchens Pfaf⸗ fenhofen. Der Faͤhrmann, welcher nur durch die Ver⸗ heißung eines guten Trinkgelds hatte vermocht werden können, ſo ſpaͤt noch ſeinem Berufe nachzugehen, empfing von ſeinem Paſſagiere ein blankes Guldenſtuͤck, und ru⸗ derte, nachdem dieſer ausgeſtiegen, haſtig zuruͤck, um ſo bald als moͤglich die unterbrochene Nachtruhe fortzuſetzen. Es war kaltes, unfreundliches Wetter. Die Wol⸗ ken hingen truͤb' und zuſammengeballt am Himmel, aus deſſen dunkeln Flaͤchen nur hie und da ein Sternchen verſtohlen hervorblitzte. Ein regenfeuchter Wind ſtrich ſeufzend uͤber den Fluß heruͤber, deſſen dumpfes, mono⸗ tones Rauſchen geeignet war, melancholiſche Gedanken zu erwecken, und die Baͤume und Straͤucher an ſeinem ufer, zum groͤßten Theil ſchon ihres Blatterſchmuckes beraubt, tauchten in verſchwimmenden Umriſſen koboldartig aus der naͤchtlichen Dunkelheit auf. Der einſame Wand⸗ rer aber ſchritt raſch den Strom entlang und wendete ſich dann aufwaͤrts nach der Huͤgellehne, an welcher ſich . 293 das Dorf Pfaffenhofen hinzog. Er war ein ſtarker, un⸗ gewoͤhnlich hoch gewachſener Mann, in der Tracht eines wohlhabenden Landmannes; ein dreieckiger Hut bedeckte ſeinen Kopf, und ein blauer, mit großen, glaͤnzenden Knoͤpfen geſchmuͤckter Rock flatterte im Winde um ſeinen muskuloͤſen Koͤrper; dabei trug er Stiefeln, die weit uͤber die Kniee hinaufreichten und beinahe von den langen Schoͤßen einer rothen Sammetweſte beruͤhrt wurden. Ein breiter, um den Leib geſchnallter Lederguͤrtel und ein Rohrſtock vollendeten das Koſtuͤm des Fremden, in wel⸗ chem der Leſer, trotz der Verkleidung, ohne Zweifel laͤngſt den Helden unſerer Erzaͤhlung, Mathias Kloſtermeier, er⸗ kannt haben wird.— Er war es. Nach langer Trennung kehrte er zu⸗ ruͤck in die Heimath, das Herz geſchwellt von inniger Freude, und kaum den Augenblick erwartend, wo er der Geliebten in die Arme ſinken und ihr zurufen wollte: „Da bin ich und bringe mit mir den erſehnten Frieden, die Erfuͤllung unſrer heißen Wuͤnſche!“— Lange war er umhergeirrt im Weſten und Norden Deutſchlands, und lange ſchien es, als wolle ihm das Geſchick nirgends eine Zuflucht goͤnnen fuͤr ſich und ſeine Gertrud. So waren Wochen und Monate verfloſſen und ſchon begann dem Armen der Muth zu ſinken, da fuͤgte es ſich, daß er, in truͤbe Gedanken verſunken, am Ufer der Elbe hinſchlendernd, einen ertrinkenden Knaben mit eigner Le⸗ bensgefahr aus den Wellen rettete, und von deſſen El⸗ tern, denen er den aus einer Betaͤubung erwachen⸗ 294 den Liebling in die Arme legte, mit ſolcher Innigkeit aufgefodert wurde, ihnen Gelegenheit zur Dankbarkeit zu geben, daß er nicht zoͤgerte, um einen Dienſt zu bit⸗ ten, wie er ihn laͤngſt erſehnt hatte. Der Vater des geretteten Knaben, der, eben zehn Jahr alt, ſich eine allzu große Gewandtheit im Schwimmen zugetraut hatte und mitten im Strome von ſeinen Kraͤften verlaſſen worden war, zeigte ſich um ſo bereitwilliger, auf Mathias Be⸗ gehr einzugehen, als er, ein reichbeguͤterter Edelmann, eben jetzt ſein Forſtperſonale bedeutend zu vermehren im Begriff geweſen war. Unſer Jäger bekam ein nobles, an der Elbe gelegenes Haͤuschen eingeraͤumt, und Niemand hatte etwas einzuwenden, als er nach einigen Wochen, in denen ſeine Schuͤtzenkunſt das Lob und die Bewun⸗ derung der ganzen Umgegend in Anſpruch genommen, ſchuͤchtern mit der Bitte vor ſeine Herrſchaft trat, es moͤge ihm vergoͤnnt werden, ſich aus der Heimath ſeine verlobte Braut zu holen, um ſein Gluͤck mit ihr zu theilen. Der Gutsherr verſah ihn reichlich mit Reiſegeld, und nachdem Mathias an der Grenze Schwabens ſich in das beſchriebene Koſtuͤm geworfen, war er mit klopfendem Herzen dem Ziele ſeiner Brautfahrt entgegen gewandert. Als er jetzt an der lang hingeſtreckten Zeile des Dorfes hinſchritt, in welchem laͤngſt das letzte Licht er⸗ loſchen und Alles in tiefem, ruhigem Schlaf begraben lag, malte er ſich im Geiſte den Augenblick aus, wo Gertrud, durch ſein leiſes Klopfen aus dem Schlummer erweckt, mit ihrer Silberſtimme nach dem ſpaͤten Stoͤrefried * —.— 295 fragen, ſich anfangs wol gar furchten, dann aber, ihn erkennend, mit einem lauten Jubelrufe an ſeine Bruſt ſinken werde. Bei ſolchen Gedanken lächelte der ernſte Mann mit dem ſcharf ausgepraͤgten, tiefgebräunten Ge⸗ ſicht ſo ſelig vor ſich hin, wie ein Kind, deſſen Phantaſie in der Freude des Weinachtsabends ſchwelgt, und unwill⸗ kuͤhrlich wurden ſeine Schritte immer raſcher, bis er end⸗ lich im foͤrmlichen Trabe den Huͤgel hinanlief, von wel⸗ chem Frau Martha's einſames Haͤuschen mit ſeinen weiß getuͤnchten Waͤnden ihm ſchon von Weitem entgegen⸗ leuchtete.— Noch ein paar Minuten und er ſtand an der Gar⸗ tenumzaͤunung. Zu ſeiner großen Verwunderung ſtand das Gitterthuͤrchen weit offen, und die Stachelbeerhecke ſelbſt zeigte ſich an einigen Stellen zerſtoͤrt und gewaltſam niedergetreten. Eine ploͤtzliche Beklommenheit fiel wie giftiger Mehlthau auf die Bluͤthen ſeiner Freude und Hoffnung.„Was bedeutet das?“ ſagte er zu ſich ſelbſt, waͤhrend er langſam und zoͤgernd den Gartenraum durch⸗ ſchritt—„Frau Martha war ſtets eine ſo ſorgſame und ordnungsliebende Hauswirthin, daß ich das Offenſtehen der Thuͤr und die Verwilderung der Umzaͤunung nicht begreife.“ 3 Aber ſeine Beklommenheit verwandelte ſich in tiefe Seelenangſt, und die duͤſterſten Ahnungen ſtiegen plotlich, wie finſtere Gewitterwolken am hellen Horizonte, in ſei⸗ ner Bruſt auf, als er jetzt vor dem Haͤuschen ſtand und ſogleich die Entdeckung machte, daß daſſelbe vollig öde 296 und verlaſſen ſei. Die Hausthuͤr war von Außen durch einen ſchweren, hoͤlzernen Balken geſperrt, der als Riegel queer zwiſchen den beiden Pfoſten in der Mauer lag. Die bunt gemalten Fenſterladen, welche Gertrud allabendlich ſelbſt zu ſchließen pflegte, ſtanden zum Theil offen und wurden, halb aus den Angeln geriſſen, vom Winde hin und her bewegt, theils lagen ſie am Boden, der, wie Mathias jetzt erſt bemerkte, dick mit Gras oder wuchern⸗ dem Unkraute bedeckt war. Die kleinen, netten Scheiben, in denen ſich ſonſt die untergehende Sonne hell und gol⸗ dig ſpiegelte, zeigten ſich erblindet und zerſchlagen, und das Weingelaͤnder, welches mit ſeinen gruͤnen Ranken die Huͤtte in ein duftiges Prachtkleid huͤllte, ſtreckte, theil⸗ weiſe Erde herausgeriſſen, ſein duͤrres, nacktes Gezweig traurig nach allen Seiten. Mathias fuhlte ſich bei dieſem troſtloſen Anblicke von einem ploͤtzlichen Schwindel uͤberwaͤltigt. Haus und Garten flogen im Kreife um ihn herum, und ſeine Kniee wankten, ſo daß er ſich feſt auf ſeinen Stock ſtuͤtzen und an das kalte Mordgemaͤuer lehnen mußte.„Wo iſt ſie Was iſt ihr begegnet?“ fragte er mit bebenden Lippen ſich ſelbſt—„ward ſie mir untreu und hat ſie den ar⸗ men Wildſchuͤtzen vergeſſen? Gott im Himmel, laß meine Ahnungen mich taͤuſchen!“ Wieder trat er an ein Fenſter, deſſen zertruͤmmerte Scheiben ihm einen freien Blick in das Innere der Stube gewaͤhrten. Trotz der Dunkelheit entdeckte ſein von der Angſt geſchaͤrftes Auge, daß das Gemach leer und wuͤſte und ſeines fruͤhern, einfachen Meublements beraubt war. * * 297 Wimmernd ſtrich der Wind durch den oͤden, leeren Raum, und anſtatt des traulichen Pendelſchlages der Uhr toͤnte jetzt das widrige Picken des Todtenwurmes dem Lauſchen⸗ den entgegen.„Gertrud! Gertrud!“ rief Mathias mit gepreßter Stimme in das einſame Gemach hinein— aber nur der Wiederhall antwortete dumpf und traurig, und aufgeſchreckt durch den Schall ſchwirrte eine Fleder⸗ maus an dem kahlen Gemaͤuer hin. Da uͤberrieſelte kaltes Entſetzen den armen Getäuſch⸗ ten; er preßte die Haͤnde vor die Stirn und ſtand einige Minuten hindurch regungslos wie ein Bild aus Stein vor dem entweihten Aſyl, welches ihn jetzt angahnte wie ſein eigenes Grab. Noch einmal regte ſich leiſe ein Schimmer von Hoff⸗ nung in ſeiner Bruſt. Frau Martha konnte mit Ger⸗ trud weggezogen ſein, vielleicht in die Stadt hinuͤber, oder Andreas hatte ihnen einen Zufluchtsort angewieſen! Das war nicht unmoͤglich! warum muß ſogleich das Entſetzlichſte, das Schrecklichſte geſchehen ſein? Der Gedanke ruͤttelte ſeine Lebensgeiſter ploͤtzlich aus der Agonie des laͤhmenden Schreckens. Mit befluͤgelten Schritten eilte er aus dem Garten, den Huͤgel hinab und dem Dorfe zu, wo er um jeden Preis erfahren mußte, ob und wo er die Geliebte finden koͤnne. Er gewahrte es nicht, daß, als er durch das Gatterthuͤrchen getreten war, zwei dunkle Geſtalten ſich langſam hinter der Umzaͤunung emporrichteten und in einiger Entfernung ihm folgten. 1 „Er iſt's, bei meinem Schutzpatron!“ fluſterte der Eine dem Andern zu. „Ich hab' ihn gleich erkannt!“ verſetzte der Andere eben ſo leiſe—„obwol er in einem poſſirlichen Anzuge ſteckt. Hoͤre, Gaͤrtner, wenn wir den gewinnen koͤnn⸗ ten, das waͤr' eine geſegnete Nacht heute.“ „Kann wol paſſiren, wenn er erſt erfaͤhrt, was hier vorgegangen iſt!“ ſagte der Andere—„und wenn ich nicht irre, rennt er geraden Wegs in's Dorf hinab, um ſich die boͤſe Geſchichte erzaͤhlen zu laſſen.“ Mathias ſtand jetzt athemlos vor dem Pfaffenhofer Wirthshaus und pochte an die verſchloſſene Thuͤr. Lange ſchien ſein Bemuͤhen fruchtlos, obwol der Lärm weit⸗ hin durch die ſtille Nacht droͤhnte und alle Kettenhunde zu einem heulenden Konzerte veranlaßte. Endlich klirrte oben ein Dachfenſterchen und ein ſchlaͤfriges, von einer weißen Kopfmuͤtze bekraͤnztes Geſicht guckte gaͤhnend heraus. „Sakra! wer macht denn ſo'nen graulichen Speck⸗ takel drunten? Sind's Reiſende?“ „Nein, guter Freund!“ rief Mathias hinauf— „moöchtet Ihr mir wol ſagen, wo jetzt die verwittwete Frau Martha wohnt?“ Der Mann mit der Pelzmuͤtze brach in ein lautes Gelaͤchter aus.„Wo die alte Martha wohnt?“ ſchrie er endlich—„ei nun, im Zuchthauſe in Muͤnchen, wo ſie fuͤnf Jahre ſitzen muß, weil ſie den großen Wild⸗ ſcuͤtzen verborgen hielt. Wollt Ihr ſie etwa dort beſuchen?“. 299 Mathias erſtarrte. „Und was iſt aus dem jungen Maͤdchen geworden, welches bei ihr war?“ fragte er mit bebender Stimme und horchte athemlos der Antwort, die ihm Erloͤſung von der hoͤchſten Seelenangſt oder das Todesurtheil brin⸗ gen mußte. „Ha! meint Ihr des Kloſtermeiers Geliebte? Na, das liederliche Dirnel iſt ja ſchon vor drei Monaten in Priſon geſtorben und liegt in Muͤnchen auf dem Armen⸗ ſuͤnderkirchhofe.“ Damit ſchloß ſich klirrend das Fenſter. Mathias aber brach mit einem dumpfen Schrei zuſammen und ſank bewußtlos in die Arme jener beiden Maͤnner, welche ihm auf der Ferſe gefolgt waren. „Gott ſteh mir bei, ich glaub', der Schlag hat ihn geruͤhrt!“ fluͤſterte der Eine und legte ſeine breite Hand auf Mathias Bruſt.„S⸗ Herz ſteht wahrhaftig ſtockſtill.“ „S' iſt'ne Ohnmacht, Gaͤrtner!“ war die Ant⸗ wort des Andern, der eine Feldflaſche aus der Taſche zog und ſie Mathias an die feſtgeſchloſſenen Lippen ſetzte. „Siehſt Du, die Alteration war zu groß, und ich bin uͤberzeugt, wenn er wieder zu ſich kommt, iſt er gegen die Menſchen, wo nicht gar gegen den lieben Herrgott ſo ergrimmt, daß er mit Freuden der Unſrige wird.“ „Mag ſein, ſchwarzer Bock! Indeß bedenk' nur, der Kloſtermeier war blos'n Wildſchuͤtz, wir aber ſind 300 jetzo, Gott ſei's geklagt! was Schlimmeres und ich fuͤrcht“— „Paperlappap! das iſt All's gleich viel, wenn Einer wie der hier mit der ganzen Welt zerfallen iſt. Jetzt pack ihn bei den Fuͤßen an und hilf ihn mir hinauf⸗ tragen in den Wald zu den Kameraden. Das Andere wird ſich finden.“ Und die beiden Geſellen ſchleppten den Ohnmächtigen den Huͤgel hinan, dem nahen Forſte zu. — —,— Acht Jahre ſpäter. Auszug aus einem Schreiben des Magiſter Tilleſius an den Grafen Andreas von Waldſees, zur Zeit in Neapel. S Schloß Rußberg, den 10. November 1772. ————————— Schon zu meh⸗ ren Malen haben Sie, hochverehrter Herr Graf, in Dero gnaͤdigem Schreiben angefragt, ob nichts Weiteres uͤber das Schickſal des Mathias Kloſtermeier verlaute und wo⸗ hin derſelbe ſich gewendet habe. Obwol ich bisher die⸗ ſen Punkt ſtets mit Stillſchweigen uͤbergangen, ſintemal es mir ſchwer ankam, Dero zufriedenes Gluck durch truͤbe Nachrichten zu ſtoͤren, ſo darf ich dennoch itzo Dero beſtimm⸗ ten Befehl nicht laͤnger unberuͤckſichtigt laſſen, um ſo mehr, da die Tragoͤdia, deren Held beſagter Mathias ge⸗ weſen, nunmehro ein erſchreckliches, freilich vorauszuſehen⸗ des Ende genommen. Es ſcheint, daß Mathias bei ſeiner Ruͤckkehr durch die Nachricht von dem truͤbſeligen und bejammernswer⸗ then Ende ſeiner Geliebten in einen Zuſtand der Raſe⸗ rei gerathen ſei; wenigſtens hat ein gewiſſer Gaͤrtner in den Verhoͤren ausgeſagt, Kloſtermeier habe in den erſten Tagen ihres Zuſammenſeins alſo getobt und gewuthet, daß man die voͤllige Zerruͤttung ſeiner Vernunft nicht mehr in Zweifel gezogen. Nach und nach ging aber 302 dieſe raſende Wuth, welche ſich aus dem heftigen und un⸗ geſtuͤmen Gemuͤth dieſes Mannes wol erklaͤren laͤßt, in einen finſtern Truͤbſinn, und endlich in den feindſeligſten Menſchenhaß uͤber, der ihn veranlaßte, die traurige Lauf⸗ bahn zu betreten, zu welcher er durch wiederholte Schlaͤge des Schickſals eben ſo wol als durch ſchlummernde Lei⸗ denſchaften hingetrieben wurde. So ſchwor er in ſeiner Verblendung, ſich an der Menſchheit fuͤr das, was er erlit⸗ ten, raͤchen zu wollen, und anſtatt das geſchehene Leid hinzu⸗ nehmen als Pruͤfungen Gottes und als gerechte Strafe fur ſeine vielfachen Verirrungen, verkaufte der Ungluͤck⸗ liche ſeine Seele dem Boͤſen. Er ſammelte einen Haufen des verworfenſten Geſindels, an deſſen Spitze er ſich ſtellte, und nicht zufrieden damit, das Wild in den Forſten zu gefährden, ward er vielmehr ein gefurchteter Räuber und erfuͤllte bald ganz Oberbaiern mit Furcht und Schrecken. „Geſtatten Sie mir zu ſchweigen, Venerendissime! von den Einzelnheiten ſeiner nunmehrigen Laufbahn; ge⸗ nug, daß Blut und Suͤnde jeden Fußtapfen derſelben ſchrecklich bezeichneten. Nur Eins noch ſcheint mir der Erwaͤhnung werth: niemals in den verfloſſenen ſieben Jahren hat er Dero Forſten und Beſitzthuͤmer mit ſeiner Bande betreten, und waͤhrend in der naͤchſten Naͤhe man⸗ ches Haus in Flammen aufloderte und die ſchmaͤligſten Raͤubereien ausgefuͤhrt wurden, ſind die Herrſchaften Waldſees und Rußberg ſtets auf das Gewiſſenhafteſte verſchont geblieben. Wodurch er wol ſeine Dankbarkeit und Verehrung gegen Hochdieſelben auszudrucken bemuͤht war. * ₰+ 303 Groß war die Langmuth des Himmels! aber Ma⸗ thias Kloſtermeier achtete deſſen nicht in ſeiner Verblen⸗ dung, bis endlich das Maaß ſeiner Suͤnden voll war.— Da durch ſeine und der Seinen verzweifelte Tapferkeit und Schlauheit bisher alle von der Obrigkeit getroffenen Maß⸗ regeln vereitelt und ſelbſt einzelne Truppenkommando's voͤllig beſiegt und in die Flucht geſchlagen worden waren — denn die Bande war bis zur Zahl von funfzig Koͤpfen angewachſen— ſendete man im Januar 1771 eine kleine Armee von beinahe zweihundert Mann unter der An⸗ fuͤhrung des churbaierſchen Hauptmannes Schedel von Augsburg aus, mit dem Auftrage, den Mathias Kloſter⸗ meier um jeden Preis todt oder lebendig einzuliefern. Und ſo ward er denn in dem Dorfe Obernzell mit den Seinen uͤberfallen, im Wirthshauſe umzingelt und nach vierſtuͤndiger Gegenwehr, wobei auf beiden Seiten gegen dreißig Mann auf dem Platze blieben, uͤberwältigt und als Gefangener nach Dillingen gefuͤhrt. Die hochnothpeinliche Unterſuchung nahm nun ihren Gang und endete, wie voraus zu ſehen war, fuͤr Ma⸗ thias mit dem Todesurtheile; dieſelbe Strafe ward dem Gärtner und einem Individuo, benamſet„der ſchwarze Bock“ zuerkannt, welchem Letzteren es jedoch gelang, gluͤcklich aus dem Gefaͤngniſſe zu entſpringen. Bollinger, der, ſeitdem Mathias zum Straßenraͤuber herabgeſunken war, das Angedenken deſſelben aus ſeiner Erinnerung am Liebſten voͤllig vertilgt haͤtte und mit Ab⸗ ſcheu ſich von ihm wandte, konnte dennoch nicht wider⸗ 304 ſtehen, als der Gefangene ihn um einen kurzen Beſuch inſtaͤndigſt bitten ließ. Ich begleitete den Foͤrſter, und, in Dillingen angelangt, wurden wir ſogleich in die Ar⸗ menſuͤnderzelle gefuͤhrt, wo der Ungluͤckliche, von zwei Soldaten mit geladenen Gewehren bewacht, ungefeſſelt auf einem Schemmel ſaß und in die blaue Sonnenluft hinaufſtarrte. Gott im Himmel, wie hatte der Arme ſich veraͤndert! todtenbleich, abgezehrt zum Gerippe, und den ſtieren Ausdruck des Wahnſinns in den tiefliegenden, gluͤhenden Augen ſaß er da und ſtreckte uns mit einem Lacheln, welches uns ſchaudern machte, die eiskalte Hand entgegen. Er ſprach nur wenig, aber ſeine Stimme klang hohl und heiſer, wie aus einer Gruft heraus. Er gedachte Ihrer, Herr Graf und Hochdero Gemahlin, und foderte uns auf, Ihnen nach ſeinem Ende ein goldenes Kreuzlein zu uͤberſenden, welches jenem Maͤgdlein ange⸗ hoͤrt, deſſen unſchuldiges Leiden und Ende ihn zu ſo ſchrecklichen Thaten veranlaßt. Selbiges Kreuzlein, welches er ihr einſt geſchenkt, druckte er gar oft an ſeine Lippen und als er von ihr erzaͤhlte, von ihrer Schoͤnheit und Seelenreinheit, da rollten langſam ein paar heiße Thraͤ⸗ nen uͤber ſeine hohle Wange, und er preßte die Hände vor die Stirn, als wolle ihm dieſe im Uebermaße des Schmerzes zerſpringen. Obwol er ſich nicht reuig be⸗ zeigte wegen ſeiner Miſſethaten und ſogar mit wilder Geberde ausrief, ſeines Vaters und Gertruds Schatten ſeien lange noch nicht geraͤcht, ſo ſchieden wir dennoch tiefge⸗ ruͤhrt von ihm, beſonders Bollinger, der, eingedenk der Ver⸗ * 305 gangenheit, wo ſie mit einander froͤhlich im gruͤnen Walde gewohnt, ihm mit Thraͤnen um den Hals fiel und von mir beim Herausgehen unterſtuͤtzt werden mußte, ſo hatte die traurige Zuſammenkunft ihn erſchuttert. Drei Tage nachher ward das Urtheil an ihm voll⸗ ſtreckt und zwar auf dem Hochgerichte in der Markung des Dorfes Woͤringen. Als er von Ferne das Schaffot erblickte und die wirre Menſchenmaſſe, welche den Karren umwogte, ſoll er ploͤtzlich ausgerufen haben:„Gertrud, Deine Weiſſagung iſt erfuͤllt“ Hierauf wendete er ſich an den Vollſtrecker der Gerechtigkeit und erinnerte ihn, daß ſie ſich vor langer Zeit an derſelben Stelle ſchon einmal getroffen, worauf dieſer, ein von Gemuͤth weicher und braver Mann, in Thraͤnen ausgebrochen und nimmer das ſchreckliche Urtheil vollzogen haben wuͤrde, wenn in der Eile ein Stellvertreter herbeizuſchaffen geweſen waͤre. Gott erbarme ſich des Suͤnders, der nun vor ſeinem Throne ſteht, um Rechenſchaft abzulegen von ſeinem ver— fehlten, ſchwer belaſteten Leben! Und ſomit wäre denn, hochzuverehrender Hert Graf, Dero Anfrage erledigt, obwol ich fuͤrchte, durch dieſen meinen Bericht dem ſuͤßen Freudenkelch, den der Himmel Ihnen beſchieden, einen bittern Tropfen beigemiſcht zu ha⸗ ben. Denn wie ſollte es uns nicht ſchmerzen, wenn wir durch die Ungunſt des Schickſals und die daͤmoniſche Gewalt boͤſer Leidenſchaften einen kraͤftigen Geiſt und ein viel verſprechendes Leben jammervoll in Nacht und Dunkel zu Grunde gehen ſehen.— 1. 20 ————— 306 Wenn ich mich unterfange, mich nach dem Wohlſein von Dero edler Gemahlin zu erkundigen, auch im Geiſt die beiden Soͤhnleins zu kuͤſſen, die Ihnen Gott geſchenkt, ſo geſchieht dieſes nur, weil meine treue Anhaͤnglichkeit an Dero ganzes Haus in mir immer ſtaͤrker wird, je län⸗ ger das hohe Gluͤck des Wiederſehens ſich hinaus ſchiebt. Auch Bollinger, der trotz ſeines Alters wol der Gluͤck⸗ lichſte und Froͤhlichſte aller Foͤrſter iſt, eben ſo Herr Binzgo, der Kaſtellan, ſehen mit unausſprechlichem Ver⸗ langen dem Augenblicke entgegen, der uns auf's Neue Hochdero begluͤckende Gegenwart ſchenken wird. Noch duͤrfte es Ihnen, hochzuverehrender Herr Graf, nicht un⸗ intereſſant ſein, zu hoͤren, daß der Baron von Moͤllnitz, unerquicklichen Angedenkens, ſich in Paſſau, allwo er in Garniſon ſteht, in den Eheſtand begeben und zwar, wie ver⸗ lautet, mit einer eben ſo haͤßlichen als boͤsgearteten Wittwe, deren Reichthuͤmer ihn verlockt und ſomit unter ein gar ſchwe⸗ res und unliebliches Joch gebracht haben. Welche Strafe ich ihm fuͤr ſeine unwuͤrdige Geſinnung von Herzen goͤnne. Sintemal ein Weiteres nicht zu berichten, ich auch durch einen laͤngeren Brief Dero Geduld zu ermuͤden mich nicht unterfangen will, ſchließe ich, Dero fernere Befehle angelegentlichſt erwartend, und verharre in tiefſter Ehr— furcht und Ergebenheit Ew. Hochgraͤflichen Gnaden allertreueſter und gehorſamſter Diener M. Tilleſius. Druck von Ernſt Stange in Leipzig. * niſſſſſſſſſſſſ ſſ 8 9 10 11 12 13 14 1 16 17 18 19 —.—————— 2