. 5 .—e S Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur n„ oe Eduard Ntmann in Gießen, S ſe Lit. A. Nr. 256. Feſebedingungen. 1. Offensein Die Biblivthek ſteht zur Em⸗ pfangnahme unt rjeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends d. 2. Lesepreis. B — wird von jedem Tag Pf. Po Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Un„Perſonen müſſen, bei Entgegennu⸗ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche be eſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf⸗ 2— Pf. „ 6„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. ujeierelt⸗ Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 Die freien Schützen. Erſter Theil. Die freien Schützen. * Roman von SJohannes Rndolphi. Erſter Theil. ——————— Leipzig, Berger's Zuchhandlung. 1848. Erſtes Buch: Herr und Diener. Erſtes Kapitel. Wer da? was gibt's da? Paſſagiers im Wald? Die Raͤuber von Schiller. E. war im Spaͤtherbſte des Jahres 1756, als eine jener altmodiſchen und ſchwerfaͤlligen Reiſekutſchen, die uns heute, wenn wir ſie irgendwo entdecken, nur ein mitleidig ſpoͤttiſches Laͤcheln abnoͤthigen, knarrend und ächzend von zwei todtmatten Gaͤulen auf der Straße von Muͤnchen nach Donauwerth fortgeſchleppt wurde. Es war ſchon ſpaͤt und ſtockfinſter, und obendrein rieſelte noch ein feiner, eiskalter Regen nieder, vor dem die Pferde demuͤthig die Koͤpfe ſenkten und der Kutſcher ſich brum⸗ mend immer dichter in ſeinen dicken Friesmantel ein⸗ huͤllte. Damals ſah es im lieben Baiernlande nicht ſo ſchmuck und praͤchtig aus, wie heutzutage; unſere Groß⸗ vaͤter und Urgroßvaͤter waren ganz vortreffliche biedere Leute, aber ſie liebten die Bequemlichkeit außerordentlich. Darum bauten ſie ſich enge, winkelige Haͤuſer, mit aller⸗ hand Treppchen, Gallerien und Kaͤmmerchen, alles klein, niedrig und bunt durcheinander, und wenn ſie da drinnen ſaßen mit Kind und Kegel, die Stubendecke mit den Haͤnden, die entgegenſtehenden Waͤnde aber wo moͤglich mit ausgeſtreckten Armen erreichen konnten, da ſchmunzel⸗ 6 ten ſie vergnuͤgt vor ſich hin und fuͤhlten ſich ausneh⸗ mend bequem. Aus demſelben Grunde dachten ſie nur ſelten daran, Landſtraßen oder Chauſſeen zu bauen oder zu verbeſſern. Daheim war es ja ſo behaglich und gemuͤthlich, daß nur ein Narr oder ein von den drin⸗ gendſten Geſchaͤften Geplagter ſich der Marter des Reiſens unterzog, und fuͤr beide Qualitaͤten waren die Straßen immer gut genug, trotz der erſichtlichen Gefahr, Hals und Beine zu brechen, oder in einem der tauſend Löcher und Kothpfuͤtzen, mit denen der Weg ſtets bedeckt war, bis uͤber die Achſen einzuſinken und ein Paar Stunden ſitzen zu bleiben. Niemand wird es daher Wunder nehmen, wenn wir ihn verſichern, daß die Landſtraße von Muͤnchen nach Donauwerth, auf welcher die erwaͤhnte Kutſche langſam und melancholiſch hinſchwankte, ſich in dem allerentſetzlichſten Zuſtande befand, der durch die Fin⸗ ſterniß der Nacht und den eiſigen Spruͤhregen fuͤr die armen Reiſenden noch an Schreckniſſen gewann. Dieſe ſelbſt ſchienen zu ſchlafen, obwol dies bei dem unauf— hoͤrlichen Stoßen und Ruͤtteln ein ſchwieriges Unterneh⸗ men geweſen waͤre; jedenfalls waren ſie hoͤchſt ſchweigſam, nicht ein einziges Mal wurden die Fenſtervorhaͤnge zu⸗ ruͤckgezogen, und ſelbſt als der Kutſcher einmal ſtill hielt, um den Weg, der jetzt in einen dichten Eichenwald ein⸗ bog, zu ſondiren, ertoͤnte kein Wort, keine Frage. Der Roſſelenker war nach und nach uͤbler Laune geworden und begann zu fluchen wie ein Landsknecht, als er jetzt die angenehme Entdeckung machte, daß der Weg durch 7 den Buſch ſich auf den Ruͤcken eines Knuͤppeldammes fortzog. Wie ein Schiff auf ſturmbewegten Wellen flog die ungluͤckliche Karoſſe bald rechts, bald links, die Rader quikten, die Federn knarrten und ſtoͤhnten, kurz es war zu gewaͤrtigen, daß das ehrwuͤrdige Gebaͤude ſich im naͤch⸗ ſten Augenblicke in ſeine einzelnen Beſtandtheile aufloͤſen werde. „Na, nun werden's wol bald was merken da drinnen!“ brummte der Kutſcher, indem er abſtieg und die ſchnaufenden Gaͤule am Zuͤgel fuͤhrte—„mich wun⸗ dert's nur, daß der Gnaͤdige noch nicht losgewettert hat; laͤßt doch ſonſt nicht eben lange darauf warten! Hm, das ungluͤckliche Ereigniß auf Rußberg hat ihn zahm gemacht; ſollte mich nicht wundern, wenn er gar ein Betbruder wuͤrde!“ Die Fortſetzung dieſes Monologs wurde dadurch abgeſchnitten, daß der Roſſelenker ploͤtzlich den Boden unter ſeinen Fuͤßen wanken fuͤhlte und ehe er noch zuruͤck⸗ treten konnte, mit großer Geſchwindigkeit von dem Sei⸗ tenabhange des Dammes hinunterſchob, wo er ſich dann im naͤchſten Momente bis an die Huͤften in einen ſchlammigen Waſſergraben verſenkt ſah. Die Rutſchfahrt war ſo pfeilſchnell und uͤberraſchend vor ſich gegangen, daß der Aermſte eine gute Weile regungslos und wie angedonnert in ſeiner feuchten Situation verharrte, ehe er Faſſung genug gewann, ſich aus dem eiskalten Schlamm⸗ bade herauszuarbeiten. Dies gelang auch, nachdem er ſich beim Emporklettern an den aus dem Damme vor⸗ 8 ragenden Stoͤcken und Wurzeln die Haͤnde wacker zerkratzt hatte, und endlich ſah er ſich wieder neben ſeinen Roſſen, aber in einem Zuſtande, der keineswegs beneidenswerth genannt werden durfte. In dieſem Augenblicke klirrte das Kutſchenfenſter, und eine harte, ſchnarrende Stimme fragte:„Stephan, wo ſind wir? will dieſer Teufelsweg kein Ende nehmen?“ „Ach, gnaͤdiger Herr,“ erwiderte der Kutſcher zaͤhn⸗ klappernd,„ich glaube, ich bin meinem Ende nahe! Herr! s iſt keine Kleinigkeit, bei ſolchem Wetter zum Eiszapfen zu werden! Hu hu hu! Alles ſteif, gefroren——“ „Was ſoll das Gewinſel, Kerl?“ ſchnarrte die Stimme des gnaͤdigen Herrn.„Setze Dich auf den Bock und gieb den Pferden die Peitſche. Es muß hier irgendwo in der Naͤhe ein Wirthshaus geben— ich er⸗ innere mich; vielleicht können wir da uͤbernachten, oder wenigſtens auf ein Paar Stunden Obdach finden.“ Der Kutſcher ſtieß einen tiefen Seufzer aus, ſchuͤt⸗ telte ſich dann, daß die Gelenke krachten, und ſtieg wieder auf ſeinen erhabenen Sitz.„Wenn er durchaus den Hals brechen will, meinetwegen!“ murmelte er, und ließ die Peitſche den Pferden um die Ohren ſauſen. Dieſe zogen ſcharf an; donnernd rumpelte der Wagen uͤber den holprigen Damm, und das Fenſter ſchloß ſich. Ste⸗ phan erwartete mit der Reſignation der Verzweiflung nichts Geringeres, als Wagen und Pferde unfehlbar rechts oder links hinunterſtuͤrzen zu ſehen, wie es ihm ſelbſt ergangen war; aber ein guͤnſtiges Geſchick wachte 9 uͤber den Reiſenden, und ſo heftig ſie auch geſtoßen und geſchuͤttelt wurden, ſo gefahrdrohend auch die Rippen der alten Kutſche krachten, bewegte ſie ſich dennoch ſo raſch als moͤglich weiter, und ehe eine halbe Stunde verfloſſen war, bemerkte Stephan mit nicht geringer Freude, daß die Waldung ſich lichtete und endlich auf der einen Seite ganz verſchwand. Hier breitete ſich ein meilenweiter, von dem Damme begrenzter Sumpf aus, auf deſſen gruͤnem, truͤgeriſchem Ruͤcken tauſend Irrlichter ihr buntes, ge⸗ ſpenſtiges Spiel trieben. Nach und nach wichen die Baͤume auch auf der entgegengeſetzten Seite in einen weiten Halbkreis zuruͤck, ein urbar gemachtes Feld ein⸗ ſchließend, an deſſen Ende die breiten und ſpitzen Giebel eines ziemlich großen Gebaͤudes dunkel und in ſchwarzen Umriſſen in die duͤſtre Nacht emporragten. Was aber Stephan, der halb todt vor Froſt und an allen Gliedern gelaͤhmt, ſich kaum noch auf dem Bocke zu halten ver⸗ mochte, am angenehmſten uͤberraſchte, war der helle Lichtſchein, der freundlich aus den Fenſtern des untern Stockes leuchtete, und mindeſtens eine gaſtliche Aufnahme wie ein erquickendes Plaͤtzchen am Heerde verhieß. Ein lautes Ho! ho! ho! munterte die abgetriebenen Gaͤule, die vielleicht ebenfalls die Maͤhe eines Aſyls witterten, zu einer letzten Kraftanſtrengung an, und bald rollte der Wagen durch ein hohes, in der niederen Ummauerung angebrachtes Thor in den geraͤumigen Hof des Wirths⸗ hauſes. Die Ankunft einer Equipage, vielleicht jederzeit eine 10 Seltenheit, jetzt um Mitternacht aber etwas Unerhoͤrtes, ſchien die Bewohner des geräumigen aber alterthuͤmlichen und finſtern Gebaͤudes fuͤr den erſten Moment ganz außer Faſſung zu bringen. Lichter und Laternen wurden drinnen hin und her getragen, laͤrmende Stimmen erſchollen, dann war wieder Alles ſtill; man ſchien zu berathen, und eben waren die Inſaſſen des Wagens ungeduldig ausgeſtiegen und an die verſchloſſene Thuͤr getreten, als ein Riegel von innen zuruͤckgeſchoben wurde, und eine betraͤchtlich dicke, in einen weiten Schafpelz gehuͤllte Figur offnete. Ihr hochrothes, glaͤnzendes Angeſicht und die blinzelnden, grauen Augen verriethen die Wirkungen einer uͤberreichlichen Quantitaͤt Bier, die ſich uͤberdies in einem etwas ſchwankenden Gange und dem unerſchoͤpflichſten Redefluſſe unzweifelhaft manifeſtirte. Sie leuchtete den Fremden ziemlich unverſchaͤmt in's Geſicht, und pries dann, nachdem ſie ein buckliges, die Wuͤrde eines Haus⸗ enechts bekleidendes Weſen dem erſtarrten, hilfloſen Kut⸗ ſcher zum Beiſtand geſendet hatte, die Vorzuͤge des „todten Schuͤtzen“ mit einer Begeiſterung, die den Ver⸗ dacht erregen mußte, daß wahrſcheinlich wenig oder nichts zu haben ſein werde. Voran watſchelnd fuͤhrte ſie ihre Gaͤſte zuerſt in die Schenkſtube, welche, geraͤumig, ſchwarz und duͤſter, von einem dicken eichenen Pfeiler getragen, nicht im Mindeſten zum Verweilen einlud; denn außer der graͤulichen Unordnung eines unterbrochenen Gelages, deſſen Theilnehmer, ſeltſam genug, nirgend mehr zu ent⸗ decken waren, herrſchte eine ſchwere, dumpfe Stickluft in 11 den uͤberheizten Raͤumen. Auf dem Heerde, der in einer Ecke des Zimmers angebracht war, brannte ein helllodern⸗ des Feuer, welches ſich in einer noch dabei aufgepflanzten Batterie von Bierkruͤgen, Flaſchen und metallenem Koch⸗ geſchirr ſpiegelte. Darunter hingen vier oder fuͤnf Ge⸗ wehre von verſchiedener Beſchaffenheit an der Wand, untermiſcht mit Jagdtaſchen und Pulverhoͤrnern. „Hier ſollen wir doch nicht bleiben, Wirth?“ fragte unwillig der Beſitzer der Equipage, der, ein dicht ver⸗ ſchleiertes weibliches Weſen am Arme, auf der Schwelle ſtehen geblieben war.„Fuͤhrt uns ſchnell auf ein Zim⸗ mer, laßt es heizen und beſorgt, wenn es anders moͤglich iſt, einen Imbiß.“ Der Wirth ſchielte den Fremden von der Seite an, ergriff dann ein Licht und erſuchte die Herrſchaften, ihm zu folgen. Sie ſchritten quer durch die Stube und ge⸗ langten durch eine ſchwere, mit Eiſen beſchlagene Thuͤr in ein kleines Gemach, aus welchem eine gewundene Treppe aufwaͤrts nach der Bel-Etage fuͤhrte. Hier durchſchritten ſie einen duͤſtern, mit alten geſchwarzten Bildern und Hirſchgeweihen dekorirten Vorſaal, und kamen endlich, nachdem der Wirth eine hohe, mit ungeſchicktem Schnitzwerk bedeckte Thuͤr entriegelt, in ein nettes, freundliches Gemach, deſſen Ameublement, ſo altvaͤtriſch, beſtaubt und verſchoſſen es auch war, dennoch einige Bequemlichkeit verhieß. Der Wirth ruͤckte zwei mit gruͤnem Tuch uͤberzogene, gewaltig hohe Lehnſeſſel an einen entſprechenden runden Tiſch mit Kugelfußen, 12 holte aus dem Kaminraume Holzbloͤcke und Reiſig, und bald foderte ein luſtiges Feuer die Gaͤſte auf, ſich um deſſen behaglichen Waͤrmekreis zu gruppiren. Auch aus dieſem Zimmer fuͤhrte eine kleine, ſchmale Treppe nach einem etwas hoͤher gelegenen, welches der Wirth als Schlafgemach bezeichnete, und darin die koͤſt⸗ lichſten, dickſten und ſchwerſten Betten verhieß, welche zwanzig Meilen in der Runde exiſtirten. Nachdem ihm anbefohlen war, ſich von dem Kutſcher die Theemaſchine nebſt den nöthigen Ingredienzien einhaͤndigen zu laſſen und etwas kaltes Gefluͤgel— das Einzige, worauf ſich die lange Delicateſſenliſte des Wirthes bei genauer Pru⸗ fung reducirte— herauf zu beſorgen, ward er vorlaͤufig entlaſſen, und die Reiſenden entledigten ſich ihrer viel⸗ fachen, der rauhen Jahreszeit angemeſſenen Maͤntel und Huͤllen. Wir benutzen dieſen Moment, ſie einer fluchti⸗ gen Muſterung zu unterwerfen. Der gnädige Herr— wie wir Stephan ihn tituliren hoͤrten— war ein langer, hagerer Mann mit ernſten, ja finſteren Geſichtszugen. Er mochte nicht viel uͤber funfzig ſein, obwol eine gewiſſe Erſtarrung in ſeinen ſcharf markirten Zuͤgen und der gelbliche, krankhafte Teint des Geſichts ihn weit älter erſcheinen ließen. Seine grauen Augen lagen tief und ſchweiften gewoͤhn⸗ lich unſtät von einem Gegenſtande zum andern. Seine Naſe war lang, duͤnn und gebogen, waͤhrend der Mund mit vollſtaͤndigen, blendend weißen Zähnen gewiß den unſchönen Eindruck des Geſichts gemildert hätte, waäre 13 er nicht von zwei ſchmalen, blutloſen Lippen eingeſchloſſen worden. Er trug eine Perruͤcke mit toupirten Seiten⸗ locken, wie ſie damals in den hoͤhern Staͤnden ſchon Mode waren, und einen weiten hellbraunen Ueberrock uͤber einer langen, bordirten Sammetweſte. Den kleinen dreieckigen Hut und das ſpaniſche Rohr mit goldenem Knopfe hatte er nachlaͤſſig auf den Tiſch geworfen, und ſich mit allen Zeichen der Erſchoͤpfung in einen Lehn⸗ ſtuhl geſetzt. Seine Begleiterin war ein zartes Maͤdchen, kaum ſechzehn Jahr alt, und mehr noch Kind als Jungfrau. Sie war geſchmuͤckt mit jener blendenden und tadelloſen Schoͤnheit, die aus einer vollkommenen Harmonie der einzelnen Theile entſteht, und Bildhauern und Malern ſtets als hoͤchſtes und dankbarſtes Ideal vorzuſchweben pflegt. Selbſt das im Ganzen nicht beſonders geſchmack⸗ volle Koſtuͤm jener Zeit vermochte die holdſelige Anmuth dieſer ſchlanken, aͤtheriſchen Elfengeſtalt nicht zu ſchma— lern. Ihr blondes, von der Stirn aufwaͤrts gekammtes Haar quoll in zwangloſen Locken wie ein goldener Strom unter dem kleinen Seidenhute vor. Dunkelblaue Augen, von feinen, kuͤhn geſchwungenen Braunen uͤberwoͤlbt, eine Naſe von der vollendetſten griechiſchen Form und der kleine friſche Purpurmund verliehen dem zartgerun⸗ deten Oval dieſes kindlich offenen Geſichtchens alle Attri⸗ bute einer hinreißenden Schoͤnheit. So jung ſie auch war, dennoch zeigte ihr fein gebauter Koͤrper das reinſte Ebenmaaß, und in ihren Zuͤgen lag etwas ſo Sinniges 14 und Ernſthaftes, daß man daraus ſchließen durfte, ihre Seele ſei fruͤh gereift, und habe eine weit uͤber ihre Jahre hinausgehende Charakterfeſtigkeit gewonnen. Vater und Tochter— denn in dieſem Verhaͤltniſſe ſtanden die eben geſchilderten Perſonen zu einander— verharrten eine Zeitlang in tiefem Stillſchweigen und ſchienen, indem ſie ihre Seſſel nahe an den Kamin ge⸗ ruckt hatten, ſich der wohlthaͤtigen Einwirkung der Waͤrme hinzugeben. Der Vater hatte die Arme uͤber die Bruſt verſchraͤnkt und ſtarrte in die Flammen mit einem Aus⸗ druck von Geiſtesabweſenheit, der ſich ploͤtzlich in eine Miene des Schreckes und allmaͤlig tiefen Kummers ver⸗ wandelte, als er ſeine Augen auf das Madchen wendete, die ebenfalls gedankenvoll zur Erde blickte. „Du biſt traurig, Lydia,“ begann er endlich, und ſeine Stimme klang weniger rauh und mißtoͤnend— „bei Deiner Jugend ſollte ich meinen, dieſes Ungluͤck koͤnne Dich nicht ſo gewaltig ergriffen haben.“ „Ach, mein Vater,“ entgegnete das Maͤdchen ſanft —„ich war dem Onkel Chriſtoph gut, herzlich gut, aber dennoch wollte ich aufhoͤren, mich zu betruͤben, wenn ich nicht Sie ſeit jenem ſchrecklichen Tage ſo beiſpiellos leidend ſähe. Sie ſind es, den ich beklage—“ „Mich? mich? Maͤdchen!“ fuhr ploͤtzlich der Vater auf, und Leichenblaͤſſe uͤberzog ſein Geſicht—„was ſoll das? Warum beklagſt Du mich? Mir fehlt nichts, gar nichts, und ich bedarf weder Deines Mitleids, noch das irgend Jemands. Wenn Du mich in der letzten Woche 15 bisweilen zerſtreut und niedergeſchlagen geſehen, ſo magſt Du dies allerdings dem unerwarteten Tode meines theu⸗ ren Bruders zurechnen—“ hier zitterte ſeine Stimme, und er fuhr mit der Hand raſch uͤber die Stirn— „am Meiſten aber beſchaͤftigt mich jetzt die Ausſicht auf meine zukuͤnftige politiſche Stellung. Du weißt, der Churfurſt gedenkt, mich nach Berlin zu ſenden!“— Ly⸗ dia blickte den Vater lange mit ſchmerzlicher Beſorgniß an, und ſchuͤttelte leiſe den Kopf. Dies ſchien einen neuen Sturm in dem Innern des epcentriſchen Mannes hervorzubringen, denn er wurde bald roth, bald blaß, und eben oöffnete er ſeine Lippen zu einer heftigen Rede, als der Wirth, von Stephan, dem Kutſcher, begleitet, hereintrat. „Herr Graf, hier bringe ich das Theezeug und noch etwas, was man immer brauchen kann,“ ſagte Letzterer, und legte ein Paar Piſtolen auf den Kamin⸗ rand, wobei er ſeinem Herrn mit geheimnißvoller Miene ein Paar Worte ins Ohr fluſterte. „Euer Gnaden, der Kutſcher iſt verruͤckt!“ ſchrie der Wirth, in deſſen Geſicht muhſam verhaltene Wuth brannte—„nach ſeiner Rede muß ich glauben, daß er mein ehrliches Wirthshaus fuͤr eine Raͤuberhoͤhle haͤlt. Erſt ſitzt er zitternd wie ein altes Weib am Kamine, und kaum iſt er aufgethaut, da kriecht und ſpionirt er in allen Winkeln'rum und macht ein Geſicht, als hätte er Geſpenſter geſehen.“ „Nun, und wenn ich Geſpenſter geſehen habe, was 16 geht das Euch an, alte Biertonne!“ gegenredete Stephan, und trat dicht an ihn heran—„wenn ich nun durch's Kellerfenſter geſchaut und die Geſpenſter zwiſchen den Tonnen'rumſchleichen geſehen habe, he? was habt Ihr Euch darum zu kuͤmmern, wenn Ihr nichts davon wißt, oder'n Sonntagskind ſeid?“ Der Wirth trat haſtig einen Schritt zuruͤck und war im Begriff, um ſeine Verwirrung zu verbergen, etwas zu erwidern, als der Graf ihm zuvorkam und gebieteriſch nach der Thuͤr deutete. „Entfernt Euch beide,“ ſagte er ſtreng—„ich bin nicht geſonnen, in meiner Gegenwart ein Gezaͤnk auf⸗ fuͤhren zu laſſen. Du, Stephan, haͤltſt noch vor Son⸗ nenaufgang die Pferde bereit, und Er“— hier wendete er ſich an den Wirth—„iſt dafuͤr verantwortlich, daß es Niemand wagt, uns auf irgend eine Weiſe zu ſtoͤ⸗ ren.“— Damit wendete er ſich, Beiden den Ruͤcken kehrend, wieder nach dem Feuer, waͤhrend Lydia ſich an⸗ ſchickte, den Thee zu bereiten. Der Wirth brummte etwas unverſtaͤndlich in den Bart und ſetzte einen Teller voll gebratenen Gefluͤgels auf den Tiſch, worauf er dem Kutſcher noch einen wilden, tuͤckiſchen Blick zuwarf und ſich dann entfernte. Stephan ſtand noch zoͤgernd an der Thuͤr, als erwarte er, von ſeinem Gebieter befragt zu werden; als dieſer aber fortwaͤhrend ſtumm in die Flam⸗ men blickte, nahm er ſchuͤchtern das Wort:„Wollen der gnaͤdige Herr mich nicht hier behalten? Es iſt in dem verdammten Hauſe wahrhaftig nicht Alles, wie es ſein 17 ſollte, und die Kerle, welche ich ganz deutlich durch's Kellerfenſter geſehen habe,—“ Der Graf wendete ſich ungeduldig um und run⸗ zelte zornig die Braunen.„Willſt Du mich ermuͤden mit Deinen Albernheiten, Menſch?“ fuhr er auf— packe Dich fort und verſchlafe Deine Feigheit. Wenn man Deiner Hilfe dedarf, wirſt Du gerufen werden.“ Der Kutſcher ſchlich kopfſchuͤttelnd zur Thuͤr und ging mit einem tiefen Seufzer hinaus. Auf dem Vor⸗ ſaale war es ſtockfinſter, und als er, allerlei truͤben Ahnungen ſich hingebend, nach der Treppe tappte, war ihm zu Muthe, wie einem, der das Schaffot beſteigen ſoll. Als er die Stufen gefunden, ſchluͤpfte er haſtig hinunter in das erwaͤhnte kleine Gemach, welches an die Gaſtſtube ſtieß, und war im Begriffe, in dieſe einzutre⸗ ten, als eine eiſerne Fauſt ihn ploͤtzlich bei der Kehle packte und ein furchtbarer Schlag auf den Kopf ihn bewegungslos zu Boden ſtreckte. 0 Zweites Kapitel. Hollah, Brabantio! Signor Brabantio, hollah! Erwacht! Diebe— Moͤrber! Nehmt Euer Kind in Acht! Euer Geld! Othello von Shakſpeare. Vater und Tochter hatten ihr frugales Nachtmahl beendigt und nach einem fluͤchtigen Blicke in das hoͤher gelegene ſchmutzige Schlafgemach mit den unfoͤrmlichen, grob uͤberzogenen Betten den Beſchluß gefaßt, die Nacht am Kamine zu durchwachen, oder ſich allenfalls einem leichten Schlummer hinzugeben. So wenig ſich der Graf den Anſchein geben wollte, als habe Stephans Verdacht den mindeſten Eindruck auf ihn gemacht, ent⸗ ging es gleichwol ſeiner Tochter nicht, daß er einiger⸗ maßen beunruhigt war; denn er unterſuchte ſehr ſorgſam die Piſtolen, verriegelte dann die Thuͤr und blickte lau⸗ ſchend durch das geoͤffnete Fenſter in die dunkle Nacht hinaus. Auf dem Hofraume und in der ganzen Um⸗ gebung des Hauſes herrſchte eine tiefe Stille; nur das Rauſchen der vom Winde bewegten Baͤume drang aus der fernen Waldung heruͤber, und der Regen ſchlug fein und kniſternd gegen die Scheiben. Lydia blickte aͤngſtlich geſpannt nach dem Vater hin, der im Begriff war, das Fenſter zu ſchließen, als ein dumpfes Gemurmel, wie 19 von mehren unterdruͤckten Männerſtimmen, ihn auf's Neue an ſeinen Lauſcherpoſten feſſelte. Auch das Maͤd⸗ chen hatte das Geraͤuſch vernommen und ſtieß einen lei⸗ ſen Angſtſchrei aus. „Es iſt nichts,“ ſagte der Graf nach einer Weile und ſchloß bedaͤchtig das Fenſter.„Der Wind ſauſet in dem Schornſteine, und in der Nacht ſind wir gar zu leicht geneigt, uns durch Bilder einer aufgeregten Phan⸗ taſie erſchrecken zu laſſen. Nimm den Dante und lies ein Stuͤck vor; es iſt beſſer, die Phantaſie mit allen Schauern der Hoͤlle zu beſchaͤftigen, als mit Moͤrdern und Spitzbuben.“ Lydia gehorchte und holte ihr Lieblingsbuch aus der Reiſetaſche. Aber ihre Stimme zitterte beim Leſen, und es war ihr, als ſei ein nebelhafter Flor uͤber das glaͤnzende Velinpapier gelagert. Auch die Gedanken des Grafen ſchweiften in ganz andern Regionen, und es war erſichtlich, daß er die Lektuͤre nur vorgeſchlagen hatte, um die Aufmerkſamkeit ſeiner Tochter von ſich ſelbſt ab⸗ zulenken. Er war in dumpfes Hinbruͤten verſunken; um ſeine zuſammengepreßten Lippen zuckte ein unend⸗ licher Seelenſchmerz, und ſeine Bruſt hob und ſenkte ſich unter raſchen, beklommenen Athemzuͤgen. Bisweilen fluſterte er ganz unhoͤrbar etwas vor ſich hin, oder ſeine Augen rollten wild und unſtaͤt im Zimmer umher, ohne jedoch die Eindruͤcke der Gegenſtaͤnde wahrzunehmen. Lydia hatte ſchon lange aufgehoͤrt zu leſen und den Grafen mit zweifelnden und kummervollen Blicken ange⸗ 2 ſehen, aber er bemerkte es nicht. Ploͤtzlich ſchauderte er zuſammen und ſprang auf, die Augen mit den Händen bedeckend, als ſei ihm eine entſetzliche Erſcheinung ſichtbar geworden. „Vater, theurer Vater, Sie ſind krank!“ fluͤſterte Lydia klagend.„Irgend ein Kummer belaſtet Ihr Herz, und Sie verſchließen es vor Ihrer Tochte die Sie nicht einmal troͤſten darf!“ Der Graf ſah ſie ſtarr an. Er hatte ihre Worte nicht verſtanden, ja er ſchien ſie gar nicht zu erkennen. Sein Geſicht war aſchfarben, ſeine Zähne klappten fieber⸗ haft zuſammen und nur muͤhſam hielt er ſich aufrecht. Lydia fuͤhlte ſich von einem unwillkuͤhrlichen Schauer ergriffen und vermochte, wie gebannt, kein Auge von dem Vater abzuwenden. Da riß ein leiſes, anhaltendes Geraͤuſch, welches aus dem Vorſaale zu kommen ſchien, Beide zugleich aus ihrer ſtarrkrampfartigen Betaubung. Der Graf ſchuͤttelte ſich, als erwache er aus einem boͤ⸗ ſen Traume, und ſchlich ſich, ſchweigend eine Piſtole vom Kamine nehmend, nach der Thuͤr. Lydia blieb be⸗ bend, leichenblaß und mit vorgebeugtem Haupte in ihrem Seſſel. Ganz vernehmlich nahten leiſe, kniſternde Schritte uͤber die Treppe den Vorſaal entlang nach der Thuͤr; jetzt taſtete eine Hand nach der Klinke und druͤckte ſie behutſam nieder. Der Graf ſchob den Riegel noch weiter vor und harrte mit pochendem Herzen der Dinge, die da kommen ſollten. Draußen erhob ſich alsbald ein kaum horbares Gefluſter; darauf zog Jemand ſo gewal⸗ tig an der Thuͤr, daß ſie in ihren Fugen aͤchzte— aber vergebens, der Riegel war ſtark und leiſtete jeder Be⸗ muͤhung Widerſtand. Die heimliche Berathung ſchien fortgeſetzt zu werden, und die Stimmen wurden allmaͤlig lauter; endlich klopfte es langſam und gemeſſen an die Thuͤr. Lydias Blut gerann zu Eis, ſie fuhlte ſich an allen Gliedern gelaͤhmt, und auch der Graf mußte ſich Zwang anthun, als er in unbefangenem Tone fragte: „Wer iſt da draußen?“ „Ich bin es, der Kutſcher, Euer Gnaden!“ ertoͤnte eine Stimme, welche ſich Muͤhe gab, der des Genannten zu gleichen, die aber der Graf ſogleich als eine fremde erkannte.—„Laſſen Sie mich ein, ich habe eine wich⸗ tige Mittheilung zu machen.“ „Ihr verſucht vergebens, mich zu taͤuſchen!“ erwi⸗ derte der Graf, und ſpannte den Hahn der Piſtole, ſo daß die draußen das Knacken deutlich vernehmen konn⸗ ten.„Mag Eure Abſicht ſein, welche ſie will, dem Er⸗ ſten, der es wagt, einzudringen, jage ich eine Kugel durch den Kopf.“ Wieder ward es ſtille. Ploͤtzlich aber donnerten hef⸗ tige Schlaͤge an die Thuͤr, und eine rauhe Stimme ſchrie:„Mach auf, Mann, oder wir laſſen Dich ſammt dem Frauenzimmer uͤber die Klinge ſpringen.“ Und mit wilden Fluͤchen und laͤrmendem Geſchrei krachten Kolben⸗ ſtoͤße und maͤchtige Fußtritte an die wankende Thuͤr. Lydia ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus und ſtuͤrzte ihrem Vater in die Arme, als wolle ſie bei ihm Schutz ſuchen.— Der aber hatte, als er nur die Gefahr und deren furchtbare Groͤße erkannte, eine bewunderungs⸗ wuͤrdige Faſſung und Energie gewonnen. Einen ſchmerz⸗ lichen Blick warf er auf das halbohnmächtige Maͤdchen und geleitete ſie zu dem Seſſel zuruͤck, auf welchem ſie kraftlos wie eine geknickte Lilie zuſammenbrach; dann trat er an's Fenſter und ſchaute lange und forſchend hinaus. Aber keine Seele nahte; einſam lagen die ſum⸗ pfigen Wieſen und die oͤde Straße vor ihm. Im Hof⸗ raume krochen finſtere Geſtalten um den Wagen und riſſen mit ſchweigender Geſchaͤftigkeit Kiſten und Foffer herunter, ſie aufſprengend und den Inhalt raubgierig auseinander ſtreuend. Die Stoͤße an die Thuͤr wurden immer wilder und heftiger. Der Graf gewahrte bald, daß man mit einem Pfahle dagegen rannte, und mit Entſetzen ſah er, wie der Riegel ſich allmälig zuſammen⸗ bog und die Angeln bei jedem Anpralle mehr und mehr aus der Mauer ſich loͤſten. Da verſtummte plotzlich das Getoſe— die Raͤuber waren ermuͤdet und hatten ihren ſchrecklichen Plan aufgegeben! So dachte der Graf und wie ein Blitzſtrahl durchzuckte ihn das freudige Gefuͤhl der Erloͤſung. Er eilte an's Fenſter; auch der Hofraum war leer, und verlaſſen ſtand der ausgepluͤn⸗ derte Reiſewagen.„Lydia, mein Kind!“ fluͤſterte er dem todtenbleichen Maͤdchen zu—„Gott wird uns ſchuͤtzen, um Deinetwillen, Du reiner Engel!“— Ein ſchwaches Lächeln erhellte Lydias Zuge und ſie verſuchte, ſich auf⸗ zurichten. Aber mit einem gellenden Schrei ſank ſie 23 wieder zuruͤck, und auch der Graf taumelte entſetzt em⸗ por, denn im Nebengemache erſcholl jetzt ein dumpfes Krachen und Praſſeln, und eine dicke Staubwolke waͤlzte ſich ihnen entgegen.„Allmaͤchtiger Gott! ſie haben die Wand durchbrochen!“ ſtohnte der ungluckliche Vater und faßte, ſich dicht vor die ohnmaäͤchtige Tochter ſtellend, krampfhaft beide Piſtolen. In der That hatte die mord⸗ ſuͤchtige Rotte, als die feſte Eichenthuͤr ihren Anſtren⸗ gungen zu widerſtehen ſchien, in einem Anlaufe die duͤnne Bretterwand geſprengt, welche das Schlafgemach von dem Vorſaal trennte, und mit einem wilden Triumph⸗ geſchrei ſtuͤrzten ſie herein. Starren Blickes, mit vor⸗ geſtreckten Armen und den Finger am Druͤcker erwartete ſie der Graf. Jetzt erſchien eine breitſchulterige, herku⸗ liſche Geſtalt auf den erſten Stufen der kleinen Treppe, eine blinkende Art in der Rechten und im Begriff, mit einem Sprunge in's Zimmer hinab und auf ſeine Opfer zu ſtuͤrzen.„Zuruͤck!“ donnerte der Graf und im ſelben Augenblicke druͤckte er los. Ein gellender Todes⸗ ſchrei uͤbertoͤnte das Krachen des Schuſſes, und wie eine gefaͤllte Eiche ſtuͤrzte der getroffene Raͤuber polternd die Stufen herab zu den Fuͤßen des Grafen. Noch ein⸗ mal zuckte er zuſammen,— dann war es vorbei mit ihm.— Aber jetzt erſchienen Zweie an der Treppe, und ein Dritter und Vierter draͤngten die Zoͤgernden fluchend hinunter. Der Vorderſte riß ein Terzerol aus dem Guͤrtel und zielte auf den Grafen. Beide ſchoſſen zu gleicher Zeit; aber der kurze ſcharfe Knall einer Buͤchſe miſchte ſich in das Getoͤſe, und pfeifend ſauſte eine Ku⸗ gel durch das Fenſter, welches im ſelbigen Moment hef⸗ tig aufgeriſſen ward und den Oberkoͤrper einer dunkeln Geſtalt ſehen ließ. Einer der Angreifer rollte, in's Herz getroffen, ohne einen Laut von ſich zu geben, die Stu⸗ fen herunter neben ſeine Genoſſen; die drei Andern ſtarr⸗ ten, von einem paniſchen Schrecken ergriffen, nach der räthſelhaften Erſcheinung, die ſich jetzt mit Blitzesſchnelle in's Zimmer ſchwang.„Hollah, Burſchen!“ rief der ſelt⸗ ſame Gaſt in den Hof hinunter—„beſetzt die Thuͤren, laßt Niemand hinaus, wir fangen die ganze Bande!“ Dann ſtuͤrzte er, die Buͤchſe umkehrend, mit hochge⸗ ſchwungenem Kolben nach der Treppe; aber die Raͤuber, ſich von der uͤberlegenen Macht umringt glaubend und ſchon entmuthigt durch den Tod zweier Kameraden, er⸗ warteten ihn nicht, ſondern verſchwanden im Nu auf demſelben Wege, den ſie gekommen waren. Man hoͤrte ſie haſtig die Treppe hinab jagen, dann eine Hinterthuͤr aufreißen und in vollem Rennen uͤber den freien Wieſen⸗ platz, der das Wirthshaus umgab, dem Walde zueilen. Der ganze Auftritt, der bei der Beſchreibung ſo viel Zeit und Worte erfodert, war das Werk von zwei Mi⸗ nuten geweſen, und der Graf glaubte, aus einem ſchwe⸗ ren Traume zu erwachen, als er ſich in dem von Pulver⸗ dampf erfullten Gemache neben ſeiner ohnmaͤchtigen Toch⸗ ter und einem jungen Manne ſah, der ſich jetzt mit der groͤßten Seelenruhe in einen Seſſel warf und ſeine Buͤchſe lud. Seinem Vatergefuͤhle folgend, welches vor⸗ 25 erſt alle andern Gedanken zuruͤckdraͤngte, knieete er dann neben Lydia auf den Boden, rieb ihren Puls und netzte ihre Schlaͤfe mit einer ſtaͤrkenden Eſſenz, welche er immer bei ſich zu fuͤhren pflegte. Endlich kehrte das ſtockende Leben zuruͤck; mit einem tiefen Seufzer ſchlug ſie die Augen auf und laͤchelte mild und ſelig, als ſie ſich in den Armen ihres Vaters ſah. „Wir ſind gerettet, Lydia,“ ſagte dieſer und druckte einen zaͤrtlichen Kuß auf des Maͤdchens Stirn—„ge⸗ rettet aus der hoͤchſten Noth, und wie mir deucht, durch ein Wunder!“ „Daß ich nicht wuͤßte,“ ſagte der Fremde kalt.— „Ich ging juſt vorbei, als ich hier oben ein graͤuliches Poltern und Donnern hoͤrte; dachte mir gleich, daß eine Schurkerei im Werke ſei und als ich die Kerle, welche den Wagen ausräumten, hinaufgehen ſah, holte ich mir eine Leiter und kam gerade zur rechten Zeit, der Bande den Spaß ein wenig zu verſalzen.“ Lybia und der Graf betrachteten jetzt ihren Retter, der ſich ſo gleichgiltig mit ſeinem Gewehre beſchaͤftigte, als ſei durchaus nichts Außerordentliches vorgegangen. Es war ein junger ſchlanker Burſche von beilaͤufig acht⸗ zehn Jahren; ſein Gliederbau zeigte das ſchaͤrfſte Eben⸗ maaß und war ſo kraͤftig, daß er ſchon jetzt, bei noch nicht vollendeter Entwickelung, eine ungewoͤhnliche Koͤr⸗ perſtaͤrke vorausſetzte. Da er ſeinen runden, mit einem gruͤnen Zweige dekorirten Hut abgenommen hatte, konnte man ſein kaſtanienbraunes, kraus gelocktes Haar, ſeine 26 hohe Stirn und ein Paar dunkle, liſtig blitzende Augen entdecken; der Fremde wuͤrde das Praͤdikat eines voll⸗ eommen huͤbſchen Burſchen wol verdient haben, wäre ſeine Naſe nicht etwas zu dick und die friſchen, rothen Lippen trotzig aufgeworfen geweſen. Seine Kleidung war ärmlich und ſtand im Widerſpruche mit ſeiner anſchei⸗ nenden Beſchaͤftigung; denn außer ſeiner Buͤchſe, die ſich bei naͤherer Unterſuchung uͤberdies als eine vom ſchlech⸗ teſten Kaliber erwieß, kuͤndigten weder die weite hellbraune Jacke, noch die kurzen, an den Knieen Beinkleider den Jager an. Nachdem der eben Beſchriebene ſeine Buͤchſe gela⸗ den und friſches Pulver auf die Pfanne geſtreut hatte, erhob er ſich raſch und ſagte:„Nun iſt's Zeit, daß wir uns fortmachen, denn ich muͤßte mich ſehr irren, wenn die Buſchklepper nicht umkehrten, ſobald ſie gemerkt ha⸗ ben, daß ich allein bin. Ich will alſo mit Ihrer Er⸗ laubniß die Pferde aus dem Stalle ziehen, wenn ſie näm⸗ lich noch drinnen ſind, und Alles zur Abfahrt bereit halten.“ „Thut das, guter Freund,“ erwiderte der Graf und druͤckte dem Juͤnglinge geruͤhrt die Hand;„Ihr habt Euch ſo wacker gezeigt, daß ich keinen Augenblick anſtehe, Eurer Leitung zu folgen. Ueberdies graut mir, noch einen Augenblick laͤnger in dieſer Moͤrderhoͤhle zu verweilen.“ Dabei warf er einen ſcheuen Blick auf die Leichen der beiden Raͤuber, welche am Fuße der Treppe in einem Strome von Blut lagen, die bleichen Geſichter empor⸗ 27 gewendet und die ſtieren Augen nach der Decke gerichtet. Mit einem dumpfen Schrei verhuͤllte der Graf ſein Antlitz, als er, Lydia am Arme, uͤber ſie hinwegſchritt. Der Jaͤger bemerkte kopfſchuͤttelnd ſeine Erſchutterung. „Hm, was das vornehme Volk fur ſchwache Nerven hat,“ murmelte er vor ſich hin, und folgte, die Lampe ergrei⸗ fend, den Beiden nach dem Vorſaal;—„ich glaube, der hat Gewiſſensbiſſe, weil er ſich ſeiner Haut wehrte.“— Noch einmal kehrte er um und leuchtete dem Todten for⸗ ſchend in's Geſicht.„Den langen Goliath kenne ich nicht,“ ſagte er zu ſich ſelbſt—„aber der da, alle Wetter! das iſt richtig der Wirth, der dicke Hackelberger. Na, wenig⸗ ſtens hat er nicht die Schande, am Galgen zu baumeln, und das iſt was werth!“ Damit verließ er das Zimmer und leuchtete dem Grafen und deſſen Tochter die Treppe hinunter. Als ſie in das kleine Gemach eintraten, welches an die große Schenkſtube ſtieß, erſchreckte ſie ein leiſes, ſchmerzliches Stoͤhnen. Lydia klammerte ſich feſt an den Vater und trat furchtſam zuruͤck, waͤhrend der Jaͤger das Licht dem Fußboden naͤherte und ſogleich in einer Ecke eine zuſam⸗ mengekruͤmmte, an Haͤnden und Fuͤßen gebundene menſch⸗ liche Geſtalt entdeckte.„Ei, wen haben wir denn da?“ rief er verwundert aus und beugte ſich auf den Gefeſſel⸗ ten nieder.„Gewiß einer von Ihrer Dienerſchaft, dem die Schufte arg mitgeſpielt haben. Jeſus! wie iſt der Menſch geknebelt! in fuͤnf Minuten haͤtte er ſicher er⸗ 28 ſticken muͤſſen! und gebunden haben ſie ihn, daß die Adern platzen moͤchten.“ „Es iſt unſer Kutſcher Stephan!“ ſagte der Graf nach einem Blicke auf den ungluͤcklichen Burſchen, den der Jaͤger ſogleich von dem tief in den Mund gerannten Knebel befreite, dann mit ſeinem kurzen Jagdmeſſer die Stricke entzweiſchnitt und dem Halbtodten auf die Beine half. Der aber war ſo ſchwach und kraftlos und voͤllig aller Beſinnung beraubt, daß er ſogleich wieder aͤchzend zuſammenſank.„So geht's nicht; der arme Teufel iſt gar zu arg maltraitirt. Wir wollen ihn aufladen, und der Herr werden wol'n Uebriges thun und den Men⸗ ſchen in den Wagen nehmen, wenn's auch blos'n Kut⸗ ſcher iſt.“ Damit nahm der Jaͤger den Bewußtloſen in den Arm und trug ihn ſo leicht und bequem durch die dunkle veroͤdete Gaſtſtube in den Hof, als ſei er nicht ſchwerer als ein Buͤndel Heu; dann lehnte er ihn auf den Ruͤck⸗ ſitz der Karoſſe, und waͤhrend der Graf und Lydia eben⸗ falls einſtiegen, eilte er nach dem Stalle und holte die Gaͤule heraus, die ruhig bei ihrer vollen Krippe ſtanden. „Das iſt ein Gluͤck,“ murmelte er, waͤhrend er ſie her⸗ ausfuͤhrte—„haͤtten ſie die mitgenommen, moͤchte es doch uͤbel ausſehen mit dem Entwiſchen; aber die Kerle waren Dummkoͤpfe und feige Memmen, fuͤr die Meiſter Dreibein noch viel zu reputirlich iſt. Nun thut Eure Schuldigkeit und laufet, was das Zeug haͤlt, wenn Ihr nicht wollt, daß ich die Peitſche an Euch zerſchlage;'s 29 iſt der Muͤhe werth, daß Ihr Fettwänſte Euch'mal ganz abſonderlich angreift.“ Unter dieſem charakteriſtiſchen Monologe, deſſen letzte Haͤlfte er an die Pferde richtete, hatte er ſie kunſtgerecht angeſchirrt und trat nun an das Kutſchenfenſter.„Wo⸗ hin ſoll's gehen, gnaͤdiger Herr?“ fragte er, die Peitſch⸗ in der rechten, die Zuͤgel in der linken Hand. „Nach Rußberg!“ war die Antwort, und im naͤch ſten Augenblicke ſaß er hoch auf dem Bocke. Noch ein⸗ mal ſpaͤhte er ſcharf rings umher, dann legte er die Buͤchſe queer auf den Schooß, ließ die Meitſche knallen, und in raſchem Trabe rollte die Kutſche aus dem Hof⸗ raume die holprige Straße entlang in die dunkle Nacht hinein. — tee—— Drittes Kapitel. W. Du toller Wicht, geſteh' nur offen, Man hat Dich auf manchem Fehl betroffen? V. Ja wol; doch macht' ich ihn wieder gut. Gothe. Auf einem ſanft anſteigenden, von einem ſchattigen Eichenwaͤldchen umkraͤnzten Huͤgel lag Schloß Rußberg, die Beſitzung des Grafen von Waldſees. Aus einer bunt durcheinander geſchobenen Maſſe von ſpitzen Giebeln, lan⸗ gen und hohen Daͤchern, Galerien und maͤchtigen Schorn⸗ ſteinen ragte ein dicker unfoͤrmlicher Thurm empor, deſſen krenelirte Zimmer und geſchwaͤrzte Mauern den allein noch uͤbrig gebliebenen Reſt einer mittelalterlichen Feudal⸗ burg bildeten, welche in grauer Vorzeit, man will wiſſen im 11. oder 12. Jahrhunderte, den Raum des noch heute bewohnten, kurz nach dem dreißigjaͤhrigen Kriege erbauten Schloſſes einnahm. An der Vorderſeite des Huͤgels ſchlaͤn⸗ gelte ſich der Fahrweg bis zu dem hohen Thore in der Vorderfronte hinauf, die hintere Abdachung aber fiel ſteil und in Geſtalt einer nackten Felswand nach dem Lechſtrom ab, der ſeine klare, langſame Fluth durch eine reizende, im Schmucke friſcher Wieſen und uͤppiger Saatfelder prangende Landſchaft hinwaͤlzte, in welcher friedliche Doͤr⸗ fer, Meiereien und der ſpitze Thurm manches Gottes⸗ 31 hauſes das herumſchweifende Auge des Wanderers feſſeln. Haͤtte der Graf das ganze herrliche Land, welches er von dem platten Dache des Schloßthurmes erblickte, ſein eigen nennen duͤrfen, er waͤre der Reichſte unter Schwa⸗ bens Adel geweſen; leider aber war ſein Beſitzthum nur klein und uͤberdies tief verſchuldet. Er hatte naͤmlich das Ungluͤck, ein juͤngerer Sohn zu ſein, dem nach dem Tode ſeines Vaters nur ein geringer Theil des betraͤchtlichen Grundbeſitzes der Familie zufiel, welchen ſein Bruder Chriſtoph nach dem ungerechten aber ſanktionirten Geſetze der Primogenitur uͤbernahm. Schon dieſer Umſtand, noch mehr aber eine ſogenannte Mesalliance, welche der juͤngere Graf nach ſeiner erlangten Muͤndigkeit ſchloß— er hei⸗ rathete die eben ſo ſchoͤne als arme Tochter eines ſimpeln Landedelmannes— entfernten die Bruͤder mehr und mehr von einander, und ſo glaͤnzend ſich die aͤußeren Verhaͤlt⸗ niſſe Chriſtophs durch eine dem Geize nahe verwandte Sparſamkeit geſtalteten, deſto trauriger und verwickelter wurde die Lage Georgs, des juͤngern Bruders. Die ge⸗ genſeitige Kälte ging in Abneigung, die Abneigung in Haß uͤber, der ſich, als ein Prozeß wegen eines unklaren Paragraphen im väterlichen Teſtamente Beide als erklärte Gegner einander gegenuͤberſtellte, in der wuͤthendſten und ruͤckſichstloſeſten Erbitterung Luft machte. Georgs Ge⸗ mahlin ſtarb nach einer zehnjahrigen, wie allgemein ver⸗ lautete, ungluͤcklichen Ehe. Ihr raſcher Tod ſchien auf den verwittweten Gatten einen tiefen Eindruck zu machen und eine gaͤnzliche Veraͤnderung ſeiner Geſinnung zu be⸗ 32 wirken. Er ließ ploͤtzlich den Prozeß fallen und that ge⸗ gen ſeinen Bruder die erſten Schritte zur Verſoͤhnung in einer Weiſe, die dem ſtolzen und etwas beſchraͤnkten Chri⸗ ſtoph viel zu ſehr ſchmeichelten, als daß er ſich haͤtte un⸗ zugänglich finden laſſen ſollen. Eine Zuſammenkunft fand ſtatt, deren Verlauf Niemandem bekannt wurde, die aber in ihren Folgen die ſchoͤnſten Fruͤchte zu tragen ſchien. Chriſtoph beſuchte ſeinen Bruder und verweilte mehre Wochen auf Schloß Rußberg, waͤhrend welcher Zeit er die zehnjaͤhrige, wunderliebliche Lydia ſo lieb ge⸗ wann, daß er erklaͤrte, niemals zu heirathen, nur um ſeiner kleinen Elfenkoͤnigin, wie er das Maͤdchen ſtets ſcherzend nannte, die Erbſchaft ſeiner Beſitzthuͤmer zu ſichern. Ja er gewann es ſogar uͤber ſich, durch ein be⸗ traͤchtliches Darlehn ohne Zinſen des Bruders zerruͤttete Finanzen zu ordnen, und ehe drei Jahre verfloſſen wa⸗ ren, dachte Niemand daran und Niemand konnte eine Spur entdecken, daß dieſe beiden Maͤnner, die einander zum Beduͤrfniß geworden waren, ſich jemals feindlich ge⸗ genuͤber geſtanden hatten. Da drohte ein Geruͤcht, welches muͤßige Zwiſchen⸗ träger nach Rußberg gebracht hatten, die Eintracht auf's Neue und vielleicht fuͤr immer zu zerſtoͤren. Es hieß, der Graf Chriſtoph wolle, nachdem er lange genug ſich durch den vertrauten Umgang mit Tänzerinnen und an⸗ dern gefälligen Damen fuͤr die Entbehrungen eines frei⸗ willigen Cölibats ſchadlos⸗gehalten, nunmehr ſich mit der Tochter des Miniſters H., einer der reichſten Erbinnen 33 Baierns, ehelich verbinden. Wie ein Blitzſtrahl aus hei⸗ terem Himmel traf dieſe Nachricht den Baron Georg; in der erſten Aufwallung ſetzte er ſich hin und ſchrieb dem Bruder einen Brief, der bei der bekannten und all⸗ gefuͤrchteten Leidenſchaftlichkeit Georgs gewiß nicht geeig⸗ net war, einen bevorſtehenden Bruch zu verhuͤten. Aber mehre Wochen vergingen und keine Antwort erfolgte, wodurch die Wahrheit des unſeligen Geruͤchts ſich nur allzuſehr beſtätigte. Der Graf verlebte dieſe Zeit in einem Zuſtande, der nahe an Wahnſinn grenzte; er ſchlief nicht und Speiſe und Trank ſchienen ihm zu Gift und Wermuth zu werden. Seine Wangen wurden bleich und hohl, und aus den tiefliegenden Augen flammte eine fie⸗ briſche, unheimliche Glut. Tagelang irrte er zu Pferde in der Gegend umher, und Niemand wunderte ſich mehr, wenn er wie ein Raſender den Huͤgel hinabjagte und achtundvierzig Stunden und noch länger wegblieb. Eines Tages lagen die Bewohner des Schloſſes ſchon im ſuͤßen Schlafe begraben, nur der Graf ſaß ſtarr und regungslos wie ein Wachsbild am Bette ſeines ſchlummernden Kindes, als heftige Schläge am Thore einen ſpäten Beſuch ankuͤndigten. Als der Kaſtellan öff⸗ nete, reichte ihm ein mit Staub und Schweiß bedeckter Courier einen ſchwarz geſiegelten Brief mit dem Auftrage, ihn ſogleich dem Grafen einzuhandigen.—„Ei, das iſt wol gar eine Trauerbotſchaft?“ fragte beſtuͤrzt der Alte und drehte das Schreiben rechts und links.„Leider, lei⸗ der!“ war die Antwort,„des Herrn Grafen Bruder iſt 34 mit dem Pferde geſtuͤrzt und todt gefunden worden.“— Athemlos rannte der erſchrockene Kaſtellan hinauf und uͤberreichte dem Grafen das Unglucksſchreiben; aber er fuhr entſetzt zuruͤck und bekreuzigte ſich, als er in das erdfahle, grauenhaft verzerrte Geſicht des Grafen ſchaute, der raſch den Brief erbrach und, nachdem er kaum einen Blick hineingethan, ihn mit einer Gebehrde des Abſchems in die Flamme des Kamins warf. Den naächſten Tag reiſte er mit ſeiner Tochter nach Waldſees, dem beſtaͤndigen Wohnſitz des verſtorbenen Bru⸗ ders und geleitete denſelben zur letzten Ruheſtaͤtte. Alle Anweſende, welche der Leichenfeierlichkeit beiwohnten, wa⸗ ren geruͤhrt ob des ungeheuchelten Schmerzes und der tiefen Erſchuͤtterung des Grafen. In der Familiengruft, deren dunkle Hallen nun den vor wenig Tagen noch ſo lebensfrohen, mit Plaͤnen und hohen Ausſichten Beſchaͤf⸗ tigten aufnahmen, ward Georg ohnmaͤchtig und verfiel, als er wieder zu ſich kam, in eine dumpfe Apathie, welche wol geeignet war, die groͤßten Beſorgniſſe zu erwecken. Endlich ſchien es, als ob die vielfachen, trockenen Ge⸗ ſchaͤfte und Unterhandlungen, welche die Uebernahme des ihm nunmehr ohne Widerſpruch zufallenden Erbes mit ſich brachten, ihm die Nothwendigkeit einleuchten ließen, den Gram zu bekaͤmpfen und ſich dem Leben und deſſen praktiſchen Anfoderungen wieder zu widmen. Und dies geſchah denn auch, obwol eine gewiſſe fieberhafte Unruhe und das Nebelgewoͤlk eines unheilbaren Kummers nimmer von ihm wichen und ſeine Reizbarkeit zu einem fuͤr ſeine naͤchſten Umgebungen faſt unerträglichen Grade ſteigerten. Nur Lydia war im Stande, durch ein mildes Wort, einen bittenden Blick den boͤſen Geiſt zu bannen, der ihn wie einſt den Koͤnig Iſraels nur zu oft mit ſchwarzem Fittiche umwehte; in ſolchen Momenten, wenn der Zauber ihrer engelreinen Seele den Gemuͤthskranken erquickte, wurden ſeine Augen feucht und er ſchloß das Mädchen ſo innig und leidenſchaftlich in ſeine Arme, als fuͤrchte er, ſie koͤnne ihm je entriſſen werden. Im Verlaufe eines Monats waren die Erbſchaftsangelegenheiten gere⸗ gelt, und der Graf verließ Waldſees, dem er mit erleich⸗ terten Herzen den Ruͤcken zu kehren ſchien. Nachdem er in Muͤnchen ſich dem Kurfuͤrſten als Majoratsherr und nunmehriges Haupt der Familie Waldſees vorgeſtellt und von dieſem die Zuſicherung eines hohen diplomatiſchen Poſtens erhalten hatte, trat er die Reiſe nach der Heimath an, auf welcher ihm dann das in den vorhergehenden Kapiteln erzählte Abenteuer begegnete.— Der Fremde, der ihn und ſein Kind von einer rohen Pluͤnderung und wahrſcheinlich von einem ſchrecklichen Tode gerettet hatte, verrichtete ſeine Function als Roſſelenker ſo vortrefflich, daß die Reiſenden bald nach Sonnenaufgang ſich inner⸗ halb der Mauern von Rußberg fanden, wo Alle, die Herrſchaft ſowol, wie der indeß wieder völlig zu Kräften gekommene Stephan, am meiſten die halbtodten Gaͤule ſich einer willkommenen Ruhe uͤberließen. Unſer junger Jägersmann ließ ſich von dem Kaſtellan bereitwillig in ein nettes, hochgewoͤlbtes Parterregemach fuͤhren, welchem 3* 36 eine erquickende Waͤrme und ein treffliches, allen Anfo⸗ derungen eines Gourmands entſprechendes Fruhſtuͤck ganz unſchaͤtzbare Reize verliehen. Der Alte ruͤckte ihm den hochlehnigen Ehrenſeſſel an den Kamin, und als die Die⸗ nerſchaft des Schloſſes, welche ſchon durch einzelne, ab⸗ gebrochene Andeutungen Stephans auf das Vernehmen wunderbarer Ereigniſſe geſpannt war, ſich in pieno ver⸗ ſammelt hatte, willfahrte der junge Burſche mit Vergnu⸗ gen dem allgemein ausgeſprochenen Verlangen und gab eine eben ſo wahre als lebendige Schilderung des ſtatt⸗ gehabten Renconters mit den Raͤubern. Spannung, Schrecken und die verſchiedenſte Stufenleiter der Affecte malten ſich auf den Geſichtern der Umſtehenben, die, wie es bei ſolchen Gelegenheiten ſtets zu geſchehen pflegt, nach Beendigung der Relation nunmehr ihre Anſichten, Muth⸗ maßungen und Argumente im bunten, geſchwätzigen Durch⸗ einanderreden mittheilten. Der Jäger wiegte ſich dabei gleichguͤltig auf ſeinem Seſſel, entkorkte die zweite Flaſche trefflichen Wuͤrzburgers und holte, nachdem er noch ein mächtiges Stuͤck Paſtete verſchluckt hatte, eine kurze höl⸗ zerne Tabakspfeife aus der tiefen Taſche ſeines Kamiſols. „Ihr habt doch nichts dawider?“ fragte er mit einem Tone, der deutlich verrieth, wie wenig ihn ein etwaiger Widerſpruch kuͤmmern wuͤrde; als ihm aber von Allen eine freundliche Zuſtimmung wurde und ſein Beiſpiel noch einige andere Rauchmaſchinen von aͤhnlichem Kaliber zur Erſcheinung brachte, langte er hehaglich eine Kohle aus dem Kamine und huͤllte ſich wuͤrdevoll wie der olym⸗ 37 piſche Jupiter, in dichte Wolken; nur hin und wieder gab er ein kurzes Woͤrtlein zu der allgemeinen und vermoͤge des genoſſenen Rebenſaftes äußerſt laut gewordenen Un⸗ terhaltung. Es war um Mittag, als unſer Freund zum Grafen beſchieden wurde. Bemuͤht, ſeiner ſchlichten Toilette eine moͤglichſt vortheilhafte Seite abzugewinnen und von der angenehmen Erwartung eines Cadeau lebhaft durch⸗ drungen, ſchritt er hinter dem Kaſtellan eine breite Stein⸗ treppe hinauf, dann einen langen, hochgewoͤlbten Korridor entlang durch mehre reich meublirte Zimmer bis in das Wohngemach des gnädigen Herrn. Dieſer ſaß in einem geſtickten Fauteuil, und zu ſeinen Fuͤßen Lydia auf einem Tabouret, ein Buch in der Hand, aus welchem ſie vorge— leſen zu haben ſchien. Als der junge Mann ſchuͤchtern hereintrat und ſich etwas linkiſch verbeugte, lächelte ſie ihm ein freundliches Willkommen zu, was ihm, er wußte ſelbſt nicht warum, eine brennende Roͤthe in's Geſicht jagte. „Nun, mein tapfrer Freund,“ nahm der Graf das Wort, der, obwol bleich und abgeſpannt, ſich dennoch heut in einer ausnehmend wohlwollenden Laune befand, „ich bin, Er weiß es, Sein großer Schuldner, denn ohne Ihn möchte ich wol mit meiner Tochter nicht ſo ruhig hier ſitzen. Ich habe ſchon auf dem Wege hieher ge⸗ ſonnen, auf welche Weiſe ich mich erkenntlich zeigen koͤnnte, und kam endlich zu dem Schluſſe, daß Er ſelber wol am beſten beſtimmen werde, welchen Herzenswunſch Er am liebſten erfullt ſaͤhe.“ 38 Der Graf hielt inne und heftete ſeine Augen for⸗ ſchend aber wohlwollend auf den ſchlanken, kraftvollen Juͤngling, der den Rand ſeines Hutes zerknitterte und in augenſcheinlicher Verlegenheit war. „Im Grunde genommen, gnaͤdiger Herr,„ſagte er endlich zoͤgernd,„hab' ich keinen Dank weiter verdient; *s war doch nur ein Zufall!“ „Keine Ausfluͤchte, Freund!“ unterbrach ihn raſch der Graf,„warum will Er ſich erſt ſo anſtellen, als erlaube ihm ſein Gewiſſen nicht die Annahme eines frei⸗ willig gebotenen und redlich verdienten Geſchenks? Das ſind Thorheiten. Aber vorerſt will ich von ihm hören, wer und was Er iſt, und denke dann im Stande zu ſein, fuͤr Ihn ſelbſt etwas Erſprießliches auszuſinnen. Alſo, Sein Name?“ „Mathias Kloſtermeier aus Friedberg,“ antwortete der Gefragte kurz und etwas piquirt uber den kategori⸗ ſchen Entſchluß des Grafen, der nach ſeiner Meinung am kluͤgſten gethan haben wuͤrde, wenn er ihm einen Dukaten in die Hand gedruͤckt und dann ſeiner Wege haͤtte gehen laſſen. j „Mathias!“ wiederholte der gnädige Herr;„nun, Mathias, welchem Stande gehoͤrt Er eigentlich an? In dem Raubneſte bewieß Er ſich als trefflicher Schuͤtze, gleich⸗ wol ſcheint das nicht Sein eigentliches Metier zu ſein.“ Der junge Mann errothete tief und ſchlug die Au⸗ gen nieder. Eine Weile ſchwieg er ſtill, dann ſagte er, keck den Kopf in den Nacken werfend:„Ich habe mit 39 meinem Vater in Friedberg das Gemeindevieh ge⸗ huͤtet.“ Seine Stimme klang rauh und ſcharf und er rich⸗ tete ſeine blitzenden Augen ſo feſt auf ſeinen Epaminator, als wolle er im voraus jede geringſchaͤtzende Miene zu⸗ ruͤckweiſen. Des Grafen Zuͤge aber blieben ruhig und wohlwollend. „Das iſt ein langweiliges und beſchwerliches Geſchaͤft, Mathias!“ nahm er das Wort,„und bietet einem kuͤh⸗ nen und tapfern Burſchen, wie Er iſt, wenig Genuͤge. Aber ſage Er uns doch,“ ſetzte er raſch hinzu, und ſein Blick fiel auf die alte wurmſtichige Buͤchſe, die Mathias an einem Riemen uͤber die Schultern geworfen trug, „haben denn die Friedberger Loͤwen und Panther auf ihrer Weide, daß ſie ihre Hirten mit Feuergewehren be⸗ waffnen muͤſſen.“ Diesmal gerieth der Befragte ſo in Verwirrung, daß es ihm ſchlechterdings unmoͤglich war, auch nur eine Sylbe zu erwidern. Er biß ſich in die Lippen, laͤchelte, runzelte die Stirn und raͤusperte ſich— Alles umſonſt; der ſcharfe Blick aus den duͤſtern Augen des Grafen, und noch mehr deſſen hartnaͤckiges Stillſchweigen brachten ihn ſo vollkommen außer Faſſung, daß ihm endlich der Schweiß auf die Stirne trat. „Nun, es darf Ihm nicht bange werden,“ nahm der Graf nach langer Pauſe wieder das Wort.„Ich ſehe, wie die Sachen ſtehen. Das elende Tagewerk eines Viehhirten muß fuͤr einen jungen Menſchen von Muth 4⁰ und Thatkraft eine Mein ſein. Da ſaß Er muͤßig am Buſche, und Hirſche und Rehe liefen vorbei und ſchienen Ihn zu verſpotten. Das mochte Er nicht leiden, und die alte Buͤchſe da, die Er wol im erſten beſten Troͤdel⸗ laden gekauft, beſtrafte die vorwitzigen Thiere und ge⸗ waͤhrte ihm eine Luſt, die groͤßer war, als das Vieh⸗ huͤten.“ „Gnaͤdiger Herr!“ ſtammelte Mathias—“ „Ich kann Ihm das nicht verdenken,“ fuhr der Graf ſchnell fort,„und da ich Seine Neigung und Hauptleidenſchaft errathen zu haben glaube, Er mir uͤber⸗ dies ſo wohlgefaͤllt, daß ich Ihn nicht gern wieder fort⸗ laſſen moͤchte, ſo ſoll Er, wenn es Ihm irgend anſteht, mein Leibjaͤger werden; mag Er ſich dann im Walde herumtummeln und Rehe und Haſen ſchießen, ſo viel der Koch nur immer unterbringen kann.“ Der unerwartete Schluß dieſer inquiſitoriſchen Un⸗ terhaltung verfehlte nicht, auf Mathias Kloſtermeier, den der Graf mit großer Menſchenkenntniß ganz richtig be⸗ urtheilt hatte, einen eben ſo lebhaften als freudigen Ein⸗ druck zu machen. Man ſah es an dem lebhaften Blitzen ſeiner Augen, an ſeinem ſtolzen Emporrichten, man hoͤrte es an ſeinen ungekuͤnſtelten, aber herzlichen Dankſagun⸗ gen, daß ein heißer, tief in ſeiner Seele gewurzelter Wunſch erfuͤllt war, und ein ferngelegenes Ideal nun⸗ mehr ſich zur ſchoͤnen Wirklichkeit geſtaltet hatte. Noch denſelben Tag ging er hinuͤber nach Erbach, einem Dorfe, nahe bei Friedberg, wo ſein Vater wohnte, an 41 dem er mit unbegrenzter, kindlicher Liebe hing, und theilte dieſem die glaͤnzende Veraͤnderung ſeines Schickſals mit. Drei Tage ſpaͤter ſah man ihn ſchon, angethan mit einem ſtattlichen gruͤnen Jagdkleide, die Jagdtaſche und eine prächtige Buͤchſe im Arm, durch Buſch und Wieſe ſtreifen, vollkommen gluͤcklich, ohne Sorge, ja ohne Wuͤnſche.— Viertes Kapitel. Rede nur, erzaͤhl', erzähle was ſich Wunderlich's begeben; Hoͤren moͤchten wir am Liebſten, was wir gar nicht glau⸗ ben konnen. Goͤthe. So hatte denn Mathias, von des Zufalls glucklicher Laune beguͤnſtigt, einen neuen Lebensabſchnitt angetreten, in deſſen Bereiche Alles zu liegen ſchien, was des Juͤng⸗ lings Phantaſie jemals getraͤumt, ſein Herz jemals er⸗ ſehnt hatte. Die Jagd, eine Beſchaͤftigung, fuͤr welche die Natur ihm einen eigenthuͤmlichen Trieb, einen un⸗ bekaͤmpfbaren Inſtinkt eingepflanzt hatte, wurde nun ſein freundlicher, liebſter Wirkungskreis, der ihn unter den ob⸗ waltenden Umſtaͤnden um ſo mehr begluͤckte, als er ihn nicht als unrechtmaäßig, unter den Vorwuͤrfen des Ge⸗ wiſſens und der ſteten Gefahr, irgend wann entdeckt und beſtraft zu werden, ausuͤben durfte. Anfangs ſtreifte er mit Franz Hattenbach, dem herrſchaftlichen Revierjaͤger, durch die ſchoͤnen Waldungen und Defileen Rußbergs und vervollkommnete ſich unter der Anleitung des dicken, jovialen Waidmannes mit uͤberraſchender Schnelligkeit in Allem, was die edle Jaͤgerei nur immer von ihrem ge⸗ treuen Juͤnger erfodertz als aber Hattenbach im Laufe eines halben Jahres einſah, daß er dem unermuͤdlichen 83 Schuͤler nichts mehr zu lehren wiſſe, ja, daß dieſer ihm ſogar uͤber den Kopf gewachſen ſei, uͤbertrug er ihm voͤllig die praktiſche Ausuͤbung ſeines Amtes und pflegte ſich und ſeinen immer mehr ſich rundenden Bauch im Forſt⸗ hauſe zu Meitingen, einem nahe am Schloſſe liegenden Doͤrfchen. Mathias wußte ſich des in ihn geſetzten Ver⸗ trauens wuͤrdig zu machen und ließ den Grafen, der ſeine Tafel mit Wildpret ſtets reichlich verſorgt und ſeine Wal⸗ dungen im beſten, geordnetſten Zuſtande ſah, nie den Entſchluß bereuen, der ihn ſelbſt mit einem treuergebenen Diener bereichert, und dieſenzwieder zum zufriedenſten und heiterſten Menſchen gemacht hatte. So verfloſſen allgemach vier Jahre— ein langer Zeitraum fuͤr den Armen, auf deſſen gebeugtes Haupt ſie Leid und Unheil aus ihrem dunklen Schooße nieder⸗ ſenden; ein langer Zeitraum fuͤr den, deſſen Herz ſich ver⸗ zehrt im raſtloſen, gramvollen Sehnen nach einem Ziele, das er nimmer erreichen mag; ein langer Zeitraum fuͤr den geiſtig Niedergedruͤckten, fuͤr den Kranken und Le⸗ bensmuͤden, dem der Hoffnung lichte Sterne laͤngſt er⸗ loſchen und an dem die Stunden mit traͤgen, bleiſchwe⸗ ren Fluͤgeln voruͤberkriechen—— aber nur eine kurze Spanne fuͤr den Gluͤcklichen, dem jedes neue Morgenroth einen Bluͤthenkranz neuer Freuden und Genuͤſſe ſpendet, ſeien ſie auch klein, geringfuͤgig und von Wenigen nur beneidet; ein fluͤchtiger Moment nur fuͤr den, deſſen froͤh⸗ lich blitzendes Auge friſch in die Welt hinein leuchtet, und der zu fragen ſcheint, ob er wirklich auch Thraͤnen, 44 Klagen und Seufzer haben koͤnne; eine muntre Uebungs⸗ ſtunde endlich fur den Juͤngling in der Fuͤlle ſeiner Kraft, bluͤhend in Geſundheit und Jugendmuth und einen un⸗ erſchoͤpflichen Goldſchacht der friſcheſten Gefuͤhle, Hoff⸗ nungen und Gedanken im weiten Buſen tragend!— Vier Jahre waren unſerm Mathias entflohen, er wußte nicht wie, und als er im frohlichen Kreiſe des Schloß⸗ geſindes, welches ohne Ausnahme ihm auf das Freund⸗ ſchaftlichſte ergeben war, ſeinen einundzwanzigſten Ge⸗ burtstag feierte, deuchte es ihm, als habe er geſtern erſt ſeine ſtattliche Jagdlivree angezogen und in der vergan⸗ genen Nacht das Abenteuer in der Waldſchenke erlebt, die nun unter braven Wirthsleuten ſich des ehrlichſten Rufes und trefflicher Kundſchaft erfreute.— Und dennoch, welche Veraͤnderung hatten dieſe vier Jahre ſowol in ſeinem Aeußern, als in der Entfaltung ſeines Charakters bewerkſtelligt, obgleich er ſelbſt nichts davon wußte, und, wie es uns Menſchen ja meiſtens ergeht, noch immer der einfache, bis auf einen kleinen Anflug von Wild⸗ dieberei grundehrliche Junge von Friedberg zu ſein wähnte. Was der kraͤftige, ſymmetriſche Bau ſeines Koͤrpers da⸗ mals im ſiebzehnten Jahre verſprach, das hatte die Entwickelung deſſelben trefflich erfullt. Mathias war an ſechs Fuß hoch, und jede ſeiner Bewegungen, die zugleich voll Wuͤrde und Leichtigkeit waren, verrieth eine Fuͤlle von maͤnnlicher Kraft und der uberraſchendſten Gewandt⸗ heit. Sein Geſicht war jetzt von Sonne, Wind und Wetter gebräunt, mit etwas hervorſtehenden Backenknochen 45 und von einem dunklen krauſen Barte umſaͤumt. Die Augen lagen tief;z aber ihr Feuer, jener Ausdruck unbe— zwinglicher Kuͤhnheit und noch ſchlummernder Leidenſchaf— ten war unveraͤndert geblieben. Auf dem noch von kei⸗ ner Perruͤcke beruͤhrten Kopfe— denn der wilde Natur⸗ ſohn haßte dieſe eben ſo unbequeme als geſchmackloſe Aus⸗ geburt einer narrenhaften Mode— trug er jetzt einen breiträndrigen, ſpitzen Hut, wie wir ihn bei den Jägern Tyrols und des Baierſchen Hochlandes noch heute ſehen; ein gruͤner, mit Goldtreſſen eingefaßter Jagdrock und hohe, weite, uͤber die Knie heraufreichende Stiefeln von Hirſchleder vollendeten nebſt Buͤchſe und Jagdtaſche ſein nunmehriges Koſtuͤm, welches er mit einem noch glän⸗ zendern vertauſchte, wenn er, was freilich ſelten geſchah, bei Staatsviſiten oder andern feſtlichen Gelegenheiten hin⸗ ten auf dem mit Gold und Schnoͤrkeln uͤberladenen Galla⸗ wagen, oder neben dem Kutſcher auf dem Bocke para⸗ dirte. Solche Dienſte, welche ſeine Funktion als herr⸗ ſchaftlicher Leibjäger mit ſich brachten, waren, weit ent⸗ fernt, ihn unangenehm zu beruͤhren, ſtets freudenreiche Ereigniſſe, die er, eigentlich wußte er ſelbſt nicht weshalb, als wahre Feſttage betrachtete. Freilich konnte er es wol wiſſen, wenn er gewagt hätte, recht offen gegen ſich ſelbſt zu ſein und ſich einer ſcharfen Pruͤfung und analyſiren— den Beobachtung Preis zu geben. Er hätte dann die wunderbare Entdeckung gemacht, daß der Augenblick, wo er den Wagenſchlag oͤffnete und dem gnädigen Fräu⸗ lein die Hand zum Herumterſteigen teichte, der Brenn 46 punkt dieſes feſtlichen Genuſſes war; daß der kurze Mo⸗ ment, wo ihre kleine, weiche Hand kaum fuͤhlbar die ſeine beruͤhrte, ihn in einen ſtillſeligen Wonnerauſch verſetzte, uͤber dem er gewoͤhnlich ein Paar Minuten lang das Schließen des Wagens oder das Erklimmen ſeines hohen Stand⸗ oder Sitzpunktes total zu vergeſſen pflegte. Dieſe Beruͤhrung durchzuckte ihn wie ein elektriſches Feuer, welches aber keineswegs ſogleich ſpurlos entſchwand, ſon⸗ dern ſein ganzes inneres Weſen mit einer ſanften, ent⸗ zuͤckenden Wärme erfullte, die jeder Andere, wenn er et⸗ was davon gewußt haͤtte, ſehr kategoriſch und mit vollem Recht fuͤr die untruͤglichen Symptome eines vollſtaͤndigen Verliebtſeins erklaͤrt haben wuͤrde. Nur Mathias blieb uͤber die Beſchaffenheit ſeiner Gefuͤhle ſtets in voͤlliger Dunkelheit, erſtens, weil es ihm, wie geſagt, nicht im Entfernteſten einfiel, ſich Rechenſchaft daruͤber zu geben, und zweitens, weil die Moͤglichkeit des Satzes, es koͤnne ja wol auch ein Diener ſich in die Tochter ſeines Ge⸗ bieters verlieben, ihm durchaus wahnſinnig und abſurd deuchte, ja, wir duͤrfen behaupten, ihm durchaus fremd und nie auch nur in den leiſeſten Anklaͤngen durch den Kopf gegangen war. So blieb es denn ſtets bei dem Status quo. Frei⸗ lich, man brauchte auch nicht einmal Leibjaͤger zu ſein, um Lydia von Waldſees himmliſch, anbetungswuͤrdig zu finden. Ihre ſanfte, aͤtheriſche Schoͤnheit glich dem zau⸗ berhaften Lichte des Mondes, deſſen milden Glanz ihre herrlichen, großen Augen, von langen Wimpern beſchattet, ausſtrahlten. Ihr blendend weißer Teint, an den Wan⸗ gen von einer uͤberaus zarten Roͤthe durchſchimmert, ihr biegſamer, ſchmaͤchtiger Wuchs, das herrliche Ebenmaaß aller Glieder waren wol geeignet, zu ſtaunender Bewun⸗ derung hinzureißen, die, wenn man den Adel und die Reinheit ihres Charakters, den zarten, jungfraͤulichen Hauch, der dies ſanfte Engelskind umſchwebte, in Be⸗ trachtung zog, ſich zum ſchwaͤrmenden Enthuſiasmus oder zur ſtillen Anbetung ſteigern mochte. Gegen Mathias hatte ſie ſich ſtets ſo leutſelig und mildfreundlich gezeigt, als habe der ihr und dem Vater erwieſene Dienſt ihm das Recht eines lieben Jugendgeſpielen gewonnen und ſo meinte ſie es auch— und der Graf, ſo ſtarr und gebie⸗ tend er ſich ſonſt ſeinen Dienern gegenuͤber zeigte, ließ es nicht nur geſchehen, daß Mathias dieſe Kluft in man⸗ cher Hinſicht uͤberſchritt, ſondern er ſelbſt bevorzugte ihn bei weitem vor dem uͤbrigen Troß des Schloßgeſindes, um ſo mehr, da ihm der Pflichteifer und die Ergeben⸗ heit ſeines Leibjaͤgers keineswegs verborgen blieb. Und dieſe Gunſt war in der That unter den obwaltenden Verhaͤltniſſen eine außerordentliche, denn die Gemuͤths⸗ ſtimmung des Grafen hatte in den verfloſſenen vier Jah⸗ ren eine durchaus bedenkliche Richtung angenommen. Es konnte Niemand mehr daran zweifeln, daß ein tiefgewur⸗ zeltes Seelenleiden, ein Schmerz, den er im Herzen ver⸗ ſchloſſen, raſtlos mit ſich umhertrug, die Urſache des krank⸗ haften und bemitleidenswerthen Zuſtandes ſei, der ſein Leben ſichtlich untergrub und ſeinen Verſtand bedrohte. Sein Geſicht, eingefallen und vertrocknet, hatte die ſchreck⸗ haften, ekligen Formen eines Todtenkopfes angenommen, und alle Kraft, alle Ueberreſte des halbzerſtoͤrten Lebens ſchienen ſich in den tiefen, duͤſter brennenden Augen con⸗ centrirt zu haben. Ein ſcharfgezeichneter Zug um den Mund, wie wir ihn wol bei Menſchen erblicken, die jahrelange Krankheit oder ein unausgeſetzter empfindlicher Körperſchmerz peinigt, erweckte inniges Mitleid, während der gleichſam verſteinerte Ausdruck menſchenfeindlicher Härte und der wilde argwohniſche Blick unheimlich und abſtoßend auf ſeine Umgebung einwirkten. Nur ſelten verließ er ſein Zimmer zu einem kurzen Spaziergange oder einem Jagdausfluge, und nichts ſchien ihm wider⸗ wärtiger und quälender, als Beſuche abzuſtatten oder zu empfangen, was er gleichwol nicht voͤllig vermeiden konnte, wenn er nicht jedes Vechaͤltniß mit dem benachbarten Adel abgebrochen und ſich als Miſanthrop und Sonder⸗ ling verſchrieen ſehen wollte. Bei ſolchen Gelegenheiten ſuchte er durch furchtbare Anſtrengung ſein eigentliches Weſen zu maskiren, und wirklich gelang es ihm dann mehre Stunden und wenn es noͤthig war, einen Tag lang, ein munteres, humanes Weſen anzunehmen, wel⸗ ches ſeine Umgebungen entzuͤckte und alle dann und wann umlaufende Geruͤchte uͤber ſeine finſtern Sonderbarkeiten entkräftete. Freilich haͤtte ein Phyſiognomiker bei ſcharfer Beobachtung den ungeheuren Seelenkampf entdecken koͤn⸗ nen, mit welchem der Graf ſeinen Ekel und den na⸗ gendſten Schmerz unter dem Deckmantel geſellſchaftlicher 49 Tournuͤre und vornehmer Eleganz verbarg. Indeß mit Charakterſtudien und pſychologiſchen Beobachtungen be⸗ ſchäftigten ſich die adeligen Herren und Damen der da— maligen Zeit viel weniger noch als heutzutage, beſonders, wenn ſie dabei Gefahr liefen, von des Grafen Gaſte⸗ reien, Bällen und Parforcejagden, welche die ſeltenſten aber auch großartigſten in der ganzen Gegend waren, ausgeſchloſſen zu werden. So ſtanden die Sachen im Sommer des Jahres 1760, und wir knuͤpfen, um die Geduld des Leſers nicht länger durch allgemeine, wenn auch nothwendige Eroͤrte⸗ rungen zu ermuͤden, den Faden unſerer Erzählung wie⸗ derum feſter und zwar an einem ſo wunderſchönen, war⸗ men Juniabend, wie ihn dieſer herrliche Monat nur it⸗ gend heraufführen kann. Unter dem gewolbten Thorwege des Schloſſes Rußberg ſaßen auf einer in einer Niſche angebrachten Bank drei Perſonen von verſchiedenem Alter und Anſehen, die dampfende Pfeife im Munde und in jenes gemoͤthliche Plaudern verſunken, welches nach voll⸗ endeter Arbeit die Seele ſo freundlich anſpricht. Einer von den Dreien war Mathias, der herrſchaftliche Leib⸗ jäger; ſein Nachbar zur Rechten war ein alter Mann mit etwas gekruͤmmtem Ruͤcken und ſilberweißem Haupt⸗ haare, welches ſchlicht hinter die Ohren zuruͤckgeſtrichen, in duͤnnen Fäden auf die Achſeln niederwallte. Das Ge⸗ ſicht des Greiſes, ſo gefurcht, mager und eckig, wie es ein Siebziger nur irgend aufzuweiſen hat) trug den Stem⸗ pel ehrwurdiger Treuherzigkeit und eines ſanften, kind⸗ 2 —————————— guten Gemuͤthes. Seine lichten blauen Augen ſchauten ſo fromm und ruhig in die unten im Daͤmmerſchleier des Abends gehuͤllte Landſchaft hinaus, ſeinen zahnloſen Mund umſchwebte ſo ein ſanftes, wohlwollendes Laͤcheln, daß es unmoͤglich ſchien, dieſem zufriedenen Alten anders als mit Liebe und einer gewiſſen Ehrfurcht zu begegnen. Es war Jakob Kloſtermeier, der Gemeindehirt von Fried⸗ berg und Vater unſers Mathias. Selten wol iſt ein Vater von ſeinem Sohne ſo unausſprechlich geliebt und geehrt worden, als es hier der Fall war. Mathias be⸗ tete ſeinen Vater an und zwar mit einer beinahe abgoͤt⸗ tiſchen Verehrung. Dieſer einfache, voͤllig ungebildete alte Mann war fuͤr ſeinen Sohn ein hoͤheres Weſen, ein Weſen, welchem er den ganzen Schatz ſeiner Liebe und ſeiner friſchen, lebendigen Gefuͤhlswelt widmete. Wir wuͤrden uns gewaltig gegen gewiſſe unwiderlegbare hiſto⸗ riſche Ueberlieferungen verſuͤndigen, wenn es uns einfiele, Mathias zum Tugendhelden zu idealiſiren, ihm den pos⸗ tiſchen Mantel eines uͤberaus erhabenen Charakters um⸗ zuhaͤngen und ſo mit leichter Muͤhe eine eben ſo luftige, als alltagliche Romanfigur zu zeichnen. Die Ereigniſſe, welche wie dunkle, koͤrperloſe Schatten vor unſerm geiſti⸗ gen Auge aufdämmern und die Bahn des Juͤnglings Mathias duͤſter umſchatten, wuͤrden uns ſtreng und höh⸗ nend widerlegen. Gleichwol muͤſſen wir es wiederholen: ſeine Kindesliebe, in all' der Reinheit und Innigkeit eines urkräftigen Gemuͤthes, adelte dieſes ſelbſt und ließ eben ſo leicht manche Fehler und Haͤrten deſſelben vergeſſen, 51 als ſie wie eine ſuͤhnende Gottheit nicht ſelten den Sturm wilder Leidenſchaften zuͤgelte und jene finſtern Daͤmonen bekaͤmpfte, die mehr oder minder in jedes Menſchen Bruſt lauernd im tuͤckiſchen Schlummer liegen. Allwoͤchentlich ging Mathias nach Erbach hinuͤber, ob es gleich ein wei⸗ ter Tagemarſch war. Dort wohnte Jakob in einer ſchlech⸗ ten, niedern Huͤtte am Rande des Gottesackers, hinter welchen ſich die langgeſtreckten, friſchgruͤnen Wieſen aus⸗ dehnten, auf denen er nun ſeit beinahe vierzig Jahren das Vieh der Friedberger Pfahlbuͤrger huͤtete. Wenn er dann des Sonnabends oder Sonntags einen ſchlanken, ſchon aus weiter Ferne gruͤßenden, den Jaͤgerhut ſchwen⸗ kenden Burſchen auf dem durch das Blachfeld ſich hin⸗ windenden Pfade herankommen ſah, dann lachte er innig vergnuͤgt vor ſich hin und eilte dem Nahenden mit einer Miene des Gluͤckes entgegen, welche in dem froͤhlichen Antlitze des Sohnes die entſprechendſte Antwort fand. Dann ſchlenderten ſie Hand in Hand nach einer hoͤlzer⸗ nen Bank welche im Halbrund den rieſigen Stamm einer uralten Linde umgab, deren weitgeſtreckte, knorrige Aeſte die Huͤtte des alten Kloſtermeiers ſchuͤtzend umarm⸗ ten und uͤberſchatteten. Da ward geplaudert und hin und her geſprochen, und nachdem Vater und Sohn alle Er⸗ lebniſſe der vergangenen Woche und alle Neuigkeiten vier Meilen in der Runde ausgetauſcht hatten, zog Letzterer gewoͤhnlich aus dem weiten Bereiche ſeiner Jagdtaſche ein ſo treffliches Stuͤck Wildbraten und Gefluͤgel und ein Korbflaͤſchchen, gefullt mit ſo feurigem Weine, hervor, wie 4* ihn nur immer der Tiſch ſeiner Herrſchaft aufzuweiſen hatte. Wie da der Alte ſchmunzelte und flink ſein roſti⸗ ges Einſchlagemeſſer aus der langen, uralten Schooßweſte holte, wie er mit geſpitzten Lippen den Stoͤpſel auszog, die Flaſche ſchuͤttelte und dann bedaͤchtig den edlen Trau⸗ benſaft ſich in die durſtige Kehle glucken ließ! Das deuchte dem Sohne ein unausſprechlich frohes Schauſpiel, und das Herz lachte ihm, wenn es dem alten Jakob ſo treff— lich ſchmeckte und dieſer ihm dann dankbar die Hand ſchuͤttelte, und ihn ſeinen guten, rechtſchaffenen Buben nannte. Erſt wenn die Sonne ſich zum Untergange neigte, machte ſich Mathias, von dem Alten ein Stuͤck⸗ chen uͤber die Wieſen hin begleitet, auf den Ruͤckweg, nicht ohne vorher von dem Vater immer auf's Neue zur Ergebenheit und Treue gegen ſeine Herrſchaft und zu einem rechtſchaffenen Lebenswandel ermahnt zu werden. Die Beſuche Jakobs waren aus leicht begrejflichen Gruͤnden ſeltener; aber war es ihm einmal gelungen, einen gutwilligen Vicegemeindehirten zu finden, oder ſich gar ein Waͤgelchen zu miethen— was die Freigebigkeit ſeines Sohnes leicht moͤglich machte— ſo gab es auf Rußberg eine um ſo groͤßere Freude. An ſolchen Ehren— tagen ließ Mathias die Buͤchſe ruhig an der Wand haͤngen und ward nicht muͤde, den Vater zu bewirthen, ihm am Kamine der Geſindeſtube das beſte Plaͤtzchen und den bequemſten Lehnſtuhl auszuſuchen, die Thonpfeife zu fuͤllen und ihn da und dorthin zu fuͤhren, wo es eine huͤbſche Ausſicht, Sonnenwaͤrme und Schatten zugleich gab. Und an einem ſolchen Plätzchen, in der Niſche un⸗ ter dem Thorwege, finden wir eben heut' den alten Ja⸗ kob, ſeinen Sohn und Joſeph Binzgo, den Kaſtellan, rauchend, ſchwatzend und den neben der Bank am Boden ſtehenden Bierkrug mit dem glaͤnzenden Zinndeckel und den bunten, eingebrannten Figuren fleißig zum Munde fuͤhrend. Wenn der Tabakrauch, der das Kleeblatt my⸗ ſtiſch umhuͤllte, ſich auf einen Augenblick verzog, konnte man aus den ernſten, bedeutungsvollen Mienen der bei⸗ den Grauköpfe— denn auch der Kaſtellan war bereits uͤber die Sechzig hinaus— ſchließen, daß ſie eine ernſte Behauptung, eine wichtige Entdeckung, oder etwas der⸗ gleichen gegen Mathias zu vertheidigen ſuchten, der mit gutmuͤthigem Spott vor ſich hin laͤchelte und ohne die gebuͤhrende Piötat vor dem Alter aus den Augen zu ſetzen, ſich gleichwol eine Meinungsverſchiedenheit zu er⸗ lauben ſchien. „Na, ſeht Ihr wol, Jakob, daß es mit der Ju⸗ gend immer ſchlimmer wird?“ nahm der Kaſtellan das Wort nach einer langen Pauſe, welche alle Drei mit dem gleichzeitigen Anzuͤnden friſcher Pfeifen nuͤtzlich aus⸗ gefullt hatten—„ſie glaubt an nichts mehr, was ſie nicht ſelber ſieht, wenn's auch funfzig Andere mit offenen Augen geſchaut haben.“ Jakob nickte beifaͤllig und drohte dem ungläubigen Sohne laͤchelnd mit der Pfeife.„Laßt Euch von Dem nicht irre machen, liebwerther Herr Binzgo!“ ſagte er— „ſolche Spoͤtter werden gemeiniglich am fruhſten bekehrt. ———— Wer weiß, ob's Geſpenſt ihm nicht einen Tort anthut und zur Rache heute Nacht ſchon einen Beſuch bei ihm macht.“ „Soll mir ſchoͤn willkommen ſein, der Herr Geiſt!“ lachte Mathias.„Aber ich furchte, er wird ſich bei mir nicht blicken laſſen, wenn er weiß, daß am Kopfende meines Bettes ſtets eine geladene Buͤchſe ſteht.“ „Oho!“ verſetzte der Kaſtellan,„mit Eurem Schieß⸗ pruͤgel werdet Ihr da keine Heldenthaten verrichten. Pufft nur los, wenn die Geſtalt auf Euch zukommt, und wenn dieſe es nicht vorzieht, Euch den Hals um⸗ zudrehen, konnt Ihr am andern Morgen Eure Kugel in der Wand oder Stubenthur ſuchen. Mir ſchien der Geiſt von einer Art zu ſein, die nicht mit ſich ſpaßen läßt, und ich verſichere Euch, ſo viel Courage ich am hellen Tage in Kriegs⸗ und Friedenszeiten ſtets gehabt habe, ſo verlief es mir eiskalt uͤber den Ruͤcken und die Gelenke erſtarrten mir, duß ich kaum im Stande war, ein andächtiges Kreuz zu ſchlagen.“ Der alte Jakob bekreuzte ſich in der That, als ſaͤhe er ſchon das Phantom auf ſich zuſchreiten.„Wie waͤre es denn, liebſter Freund,“ ſagte er geheimnißvoll,„wenn Ihr uns die ganze Geſchichte ausführlich erzähltet; ſo wenig ich mit Geſpenſtern zu thun haben mag, ſo gern hoͤre ich es, wenn ein Anderer in dieſem Fache einige Erfahrungen gemacht hat. Es wird Einem ſo graulich dabei, und doch kann man Stunden lang ſitzen bei einem Maͤhrlein von Hexen und Kobolden, ob auch die Zähne 55 im Munde klappern vor Schrecken und die Haare zu Berge ſtehen.“ „Nun legt mal los, Binzgo,“ fugte Mathias luſtig hinzu,„ich will horchen wie'ne Spitzmaus und mich von meinem Unglauben bekehren, wenn Ihr Eure Sache gut macht und recht eindringlich erzaͤhlt.“ „Da werde ich einen ſchlimmen Recenſenten haben,“ ſagte der Kaſtellan achſelzuckend.„Aber was thut's? Ich rede die Wahrheit und bin zu alt, um zu flunkern und Flauſen zu machen; indeß hoffe ich mit Eurem Herrn Vater, daß es dem Geſpenſte“— hier bekreuzte ſich der Erzähler—„gefallen moge, Euch ſelber einmal heim zu ſuchen.“ Mathias laͤchelte und reichte dem Kaſtellan, einen ſpre⸗ chenden Blick deſſelben auffangend, den Bierkrug, an dem er ſich die Kehle feuchtete und ihn dann an den alten Floſtermeier gab. Nachdem der edlen Gottesgabe durch etliche kraͤftige Zuge die gebuhrende Ehre gethan worden war, hob Herr Binzgo alſo an: „Vor etwa vierzehn Tagen, am Abende des Frohn⸗ leichnamsfeſtes, kam ich von Augsburg heim, wohin ich gegangen war, um die Prozeſſion mitzumachen und die heilige Beichte zu hören. Auf dem Nachhauſewege be⸗ ſuchte mich wieder einmal mein altes Uebel, die graͤulich⸗ ſten Zahnſchmerzen, die wahrſcheinlich erſt mit dem letz⸗ ten Stuckchen Zahn mich verlaſſen werden, was Gott ſei Lob nicht mehr lange dauern kann. Willſt Dich nur gleich zu Bette legen, dachte ich, als ich in's Thor 56 5 trat mit verſchwollenen Backen und Thränen in den Augen, vielleicht daß die Wärme Dir gut thut. Solches fuͤhrte ich denn auch aus; aber es half nichts. Mit jeder Viertelſtunde ſteigerten ſich meine Schmerzen und waährend ich mich weinend und aͤchzend von einer Seite auf die andere werfe, ſchlägt es zehn, elf, endlich zwoͤlf. Im ganzen Schloſſe herrſchte Todtenſtille. Alles erfreute ſich des geſundeſten Schlafes, nur ich armer Geplagter konnte keine Ruhe finden. Da fiel mir in meiner Her⸗ zensangſt ein, daß der gnaͤdige Herr, den das Zahnweh bisweilen ebenfalls heimſucht, in ſeiner Bibliothek, mit⸗ ten unter Buͤchern und Landkarten, ein Flaͤſchchen mit Eſſenz ſtehen habe, welche, wie er mir ſelbſt geſagt, ſtets und faſt augenblicklich von dem boͤſen Uebel befreite. Ungeſäumt kroch ich aus den Federn, ſchluͤpfte in die Pantoffeln und machte mich, in meinen Pelz gehuͤllt, nach dem Bibliothekzimmer auf. Wie ihr wißt, wohne ich zu ebener Erde und hatte, um mich in Beſitz des beſagten Fläſchchens zu ſetzen, die Haupttreppe, dann den langen Corridor und endlich die Wendelſtiege zu paſſiren, welche in den Thurm fuͤhrt; denn dort iſt das Buͤcher⸗ zimmer. Traun, eine weite und unliebliche Wanderung um Mitternacht; aber was thut man nicht, wenn einem der grimmigſte Schmerz den Kopf zu ſprengen droht? Meinen nur duͤrftig leuchtenden Wachsſtock in der Hand ſchluͤpfte ich die Stiege hinauf und durch den Corridor. Die große Lampe, welche in der Mitte deſſelben haͤngt, war dem Erlöſchen nahs und ihr traurig hin und her 57 flackerndes Flaͤmmchen machte die dicke Finſterniß erſt recht ſichtbar. Weiß der Himmel, wie es zuging, mir wurde auf einmal recht bänglich zu Muthe, als ich mehr trabend als gehend den Gang durchmaß, der heute gar kein Ende zu nehmen ſchien;'s war mir, als wenn etwas Unſichtbares bald vor, bald hinter mir her huſchte und mir den Weg zu verſperren ſuchte. Ich empfand wahrhaftig nicht uͤbel Luſt, wieder umzukehren, denn mein Zahnweh hatte ſich merklich beſänftigt, wogegen ein ſtarkes, unbezwingliches Herzklopfen immer mehr zu⸗ nahm, je mehr ich mich der Thurmtreppe näherte.“ „Ei, ei, Herr Binzgo!“ unterbrach hier Mathias den Erzählenden—„Ihr hattet Furcht, ehe Euch irgend etwas begegnete? Das bringt Euch um alle Glaub⸗ wuͤrdigkeit, denn wahrſcheinlich fielet Ihr beim Eeblicken des Geiſtes ſchnurſtracks ohnmaͤchtig auf die Naſe.“ „Ich wuͤnſchte, Ihr wäret auf den Mund gefallen, Leibjäger!“ entgegnete der Kaſtellan mit einem Anfluge von Aerger—„ich daͤchte, meine Aufrichtigkeit in der Beſchreibung des Gefuͤhles, welches mir nur unzweifel⸗ haft die unſichtbare Nähe eines uͤberirdiſchen Weſens einfloͤßte, ſollte eher Vertrauen als leichtfertigen Verdacht hervorrufen. Wenn Ihr mich aber noch einmal unter⸗ brecht—“ „Das ſoll er nicht, der ſuperkluge Burſche!“ ſagte der alte Jakob, der mit dem ſchauervollen Entzuͤcken eines Kindes dem Berichte des Kaſtellans gehorcht hatte— „Erzaͤhlt weiter und laßt uns nicht gar zu lange mehr auf das Geſpenſt warten.“ „Es kommt ſchon, es kommt ſchon! verſetzte der Kaſtellan, durch die geſpannte Aufmerkſamkeit ſeines Altersgenoſſen geſchmeichelt und befriedigt.—„Ich hatte die Mitte des Corridors erreicht und befand mich gerade unter der großen Lampe, als dieſe ploͤtzlich mit einem ſo lauten Ziſchen verloſch, als habe Jemand Waſſer dar⸗ auf gegoſſen. In demſelben Augenblicke ſah ich etwa zwanzig Schritte von mir einen roͤthlichen Lichtſchein, der die erſten Stufen der Thurmtreppe ſchwach erhellte. Ich pralle zuruͤck und laſſe vor Schreck den Wachsſtock fallen. Heiliger Joſeph! denke ich, was kann das ſein? Außer dem gnädigen Herrn und ſeiner Tochter, die im gegenuͤberliegenden Fluͤgel ſchlafen, betritt Niemand die Bibliothek, und nun gar nach Mitternacht! Sollten ſich Spitzbuben eingeſchlichen haben, oder ein Feuer im Entſtehen ſein? Dieſe Gedanken flogen mir im Augen⸗ blicke durch den Sinn, aber ich hatte nicht Zeit, einen feſtzuhalten, denn alle meine natuͤrlichen Erklaͤrungen wurden ploͤtlich durch ein ſchreckliches Geſicht uͤber den Haufen geworfen.“ Binzgo hielt einen Augentiic inne, theils um ſich den Schweiß von der Naſe zu trocknen, theils ſich an der athemloſen Spannung ſeiner Zuhoͤrer zu weiden, denn ſelbſt Mathias war aͤußerſt begierig auf die Ent⸗ wickelung des ſonderbaren Abenteuers. Nach einer Pauſe nahm der Kaſtellan mit jener feierlichen, halbleiſen Stimme, 59 welche am beſten zu der Schilderung eines duͤſtern, raͤth⸗ ſelhaften Ereigniſſes paßt, von Neuem das Wort: „Ich ſah alſo, wie jener geſpenſtiſche Lichtſchimmer immer heller und glaͤnzender ward und konnte nun nicht mehr zweifeln, daß er aus der Hoͤhe der Wendeltreppe herunter drang. Zugleich vernahm ich jetzt ein tiefes Aechzen und Stoͤhnen, was mir bis in's innerſte Mark der Seele drang, denn es war, als wenn Jemand un⸗ ter Moͤrderhaͤnden ſeinen Geiſt aufgebe. Mlotzlich er⸗ ſcheint auf den oberſten Stufen eine lange, weiße Geſtalt, wol dreimal ſo groß als ein gewoͤhnlicher Menſch—“ „Heilige Maria und Joſeph!“ fluͤſterte Jakob, ſich bekreuzend. „Nur einen einzigen Blick werfe ich auf das Ge⸗ ſpenſt, und was ſehe ich? aus dem weißen, faltigen Sterbekittel ragt ein nackter, kahler Todtenſchädel hervor, der mich fuͤrchterlich angrinſt. In der Rechten haͤlt das Ungethuͤm eine blutroth flammende Fackel, in der Linken einen knotigen Strick, wie ihn der fromme Eremit druͤ⸗ ben in St. Leonhard um den Leib trägt.“ Wieder eine athemloſe Pauſe.—„Und was thatet Ihr nun, Herr Binzgo?“ fragte Mathias. 2 „Was ich that?“ antwortete der Kaſtellan mit ei⸗ nem geringſchaͤtzenden Blicke.„Was jeder vernuͤnftige Menſch, und wie ich hoffe, Ihr ſelbſt gethan haben wuͤrdet. Ich ſchlug dreimal ein andaͤchtiges Kreuz, em⸗ pfahl meine Seele Gott und den lieben Heiligen, und als das Geſpenſt, ſich immer hoͤher und hoͤher empor⸗ 60 reckend, bis der Todtenkopf faſt bis an die Decke des Corridors reichte, Miene machte, auf mich los zu kommen—“ „Lieft Ihr davon wie ein geſcheuchter Haſe!“ er⸗ gaͤnzte lachend der Leibjäger.„Nun, nun, Ihr braucht nicht aͤrgerlich zu werden,“ ſetzte er hinzu, als er in dem gravitaͤtiſch ernſten Geſichte des Erzählers eine zornige Roͤthe aufſteigen ſah—„s waͤre an Eurer Stelle nicht leicht Jemand ſtehen geblieben, und wer weiß, ob ich ſelbſt Courage genug gehabt haͤtte, das Geſpenſt um Paß und Legitimation zu fragen.“ „Die es Euch wahrſcheinlich durch einen kräftigen Griff nach der Gurgel gegeben hatte!“ meinte Binzgo mit einer bezeichnenden Pantomine.„Ich ſage Euch nur ſo viel, daß mir der Schrecken noch heut in den Gliedern liegt und daß mich alle Schaͤtze der Welt nicht mehr nach zehn Uhr in die Beletage bringen.“ „Und wie wurde es mit den Zahnſchmerzen?“ fragte Jakob, ſich aus der Lethargie des mitfuͤhlenden Ent⸗ ſetzens aufſchuͤttelnd. „Die waren, als ich taumelnd und an allen Glie⸗ dern zitternd, mein Stuͤbchen wieder erreicht hatte, fort— wie weggeblaſen und ſind, Gottlob, noch nicht wieder⸗ gekommen.“ „Wahrſcheinlich habt Ihr da den Geiſt eines Ba⸗ ders*) geſehen!“ lachte Mathias; ein Blick belridigter ²) Vulgo für Chirurg. 61 Würde aus den kleinen gruͤnen Augen des Kaſtellans, mehr noch das mißbilligende Kopfſchuͤtteln Jakobs veran⸗ laßten ihn jedoch, ſeiner Spottſucht Zuͤgel anzulegen und das Geſpraͤch auf eine andere Bahn zu lenken. Dies gelang ihm, nachdem die Phantaſie der beiden Alten ſich von den Wirkungen der Schauergeſchichte, uͤber deren Authenticität ſich Mathias ſtillſchweigend ſeine eigene Meinung vorbehielt, einigermaßen losgemacht hatte, voll— kommen, und ſchon umgoldete die Sonne ſinkend die Gipfel einer jenſeits des Leches liegenden Huͤgelreihe, als Jakob Kloſtermeier nach einem eben ſo herzlichen als langen Abſchiednehmen vom Herrn Binzgo den Heim⸗ weg antrat, begleitet von ſeinem Sohne, der ihm ſtets uber eine Stunde Weges das Geleit zu geben pflegte Fünftes Kapitel. Chriſtiern. Was wandelt er zu Abend Wie ein Geſpenſt, geoͤffnet ſeine Augen, Doch blind und bloͤd? Mich faßt ein Grau'n; was treibt der Mondſuͤcht'ge hier? H. Marggraff. Taͤubchen von Amſterdam. Mathias hatte ſeinen Vater bis nach Biberbach be⸗ gleitet, wo er von dem Schenkwirth zum ſchwarzen Baͤ⸗ ren ein nettes, mit einem tuͤchtigen Klepper beſpanntes Wägelchen miethete, welches, von dem Stallknechte re⸗ giert, den Alten vollends nach Hauſe brachte. Vorher hatte der Leibjaͤger ein ſo treffliches Abendbrod auftragen laſſen, als es die wohlbeſtellte Kuͤche des Gaſthauſes nur immer zu bieten vermochte, und erſt als er den Vater nach einem herzinnigen Abſchiede auf der Straße nach Friedberg fortrollen ſah, machte er ſich ſelbſt gleichfalls auf den Ruͤckweg. Es war eine helle, warme Sommernacht. Ueber den Feldern und Wieſen, welche der Jäger, ein munteres Liedchen pfeifend, durchwanderte, lag der Friede Gottes ausgebreitet und wuͤrzige Bluͤthendufte erfuͤllten ringsum die Luft. Ein leiſer Windeshauch ſaͤuſelte durch das friſche Laub der Erlen und Weiden, welche theils die — 63 Straße einfaßten, theils in einzelnen Gruppen, Inſeln gleich aus der Wieſenflaͤche emporragten, und nur das klagende Lied der Nachtigall oder fernes, aus den be⸗ nachbarten Doͤrfern heruͤbertoͤnendes Hundegebell unter⸗ brach bisweilen das feierliche Schweigen. An dem kla⸗ ren, tiefblauen Himmel zog die Mondſichel herauf und goß ihr weiches, ſilbernes Licht uͤber die ſchlummernde Erde aus, die Gegenſtaͤnde ungewiß und zitternd be⸗ leuchtend und ſich hier und da in einem mit Gebuͤſch umkränzten Weiher oder einer murmelnden Wieſenlache ſpiegelnd. Es war eine Nacht, die niemals verfehlt, auf ein empfängliches Gemuͤth jenen unerklaͤrlichen Zau⸗ ber auszuuͤben, welchem Herz und Phantaſie ſich ſo gern und willig hingeben, eine Nacht, in welcher ſich unſer geheimſtes Inneres wie eine ſchuͤchterne Blume allmaͤlig erſchließt und Gedanken, Wuͤnſche und Beſtrebungen er⸗ wachen ſieht, welche in dem Laͤrmen des Tages uns vollig verborgen bleiben. Auch Mathias fuͤhlte ihre wohl⸗ thätige Einwirkung. Sein Liedchen verſtummte und un⸗ bewußt und wie träumend verſenkte ſich ſein Geiſt in die Vergangenheit und ſchaute ſinnend in die Zukunft. Die Tage ſeiner Kindheit zogen wie Bilder einer Zau⸗ berlaterne an ſeiner Erinnerung voruͤber, jene Tage, welche er unter dem Drucke der bitterſten Armuth, un⸗ ter der einfoͤrmigſten und niedrigſten Beſchäftigung zuge⸗ bracht hatte, und welche nur ein lichter Stern erhellte, die Liebe zu ſeinem Vater! In ihm concentrirte ſich all' ſein Denken und Fuͤhlen, ſein ganzes Seelen⸗ 64 leben. Die Mutter, welche ihm das Leben gegeben, hatte er nie gekannt, ſie war geſtorben, als er kaum zwei Jahre zaͤhlte, und nur aus der ſchlichten, aber von der innigſten Verehrung eingegebenen Schilderung ſeines Vaters von ihrer Herzensguͤte, Froͤmmigkeit und Schoͤn⸗ heit war ihm die Groͤße ſeines Verluſtes klar geworden. So gluͤcklich ſich auch ſein Schickſal geſtaltet hatte und ſo wenig er ſich uͤber die Fuͤgungen deſſelben beklagen durfte, denen er eine zufriedene Gegenwart und eine, wenn auch beſchraͤnkte, doch heitere Zukunft verdankte, ſo konnte er ſich gleichwol nicht verhehlen, daß unter der Aegide eines liebenden Mutterauges ſein inneres Weſen ſicher zu einem anderen, edleren und beſſeren ſich entfal⸗ tet haben wuͤrde. Er kannte ſeine Fehler und Schwä⸗ chen und zitterte vor ihnen, wenn er dachte, daß irgend eine äußere Veranlaſſung dieſelben aus dem leiſen Schlum⸗ mer wecken koönne, in welchen eine Zeit des Gluͤckes, frei von jeder Verſuchung, ſie eingelullt hatte. Dahin gehoͤrte ſeine leidenſchaftliche Heftigkeit, die nur zu leicht in den wuͤthendſten, ruͤckſichtsloſeſten Jaͤhzorn uͤbergehen mochte; dahin ein hartnäckiger, von fruͤheſter Jugend auf erſt durch das quälende Bewußtſein der tiefſten Nie⸗ drigkeit, dann in noch hoͤherem Maße durch ſeinen Auf⸗ enthalt auf dem Schloſſe und den ihm gewordenen Vor⸗ zug genährter Stolz; dahin endlich der Hang zu einem mußigen, ungebundenen Leben, welcher ihn fruͤher ſchon zum Wilddiebe gemacht hatte und den er auch jetzt in gewiſſen Momenten nur durch den ſchwerſten Kampf 65 niederzuhalten vermochte. Sein Vater war ſtets zaͤrtlich um ihn beſorgt geweſen, er hatte in Noth, Kummer und Entbehrung dem Sohne die groͤßten Opfer gebracht, mit einer Freudigkeit und Ergebung, wie ſie ſelten und zumal in der unterſten Klaſſe der Geſellſchaft gefunden werden mag,— aber wie haͤtte der beſchraͤnkte, kindgute Mann der pſychiſchen Entwickelung des Sohnes folgen und ihr jene erſprießliche, ſegensreiche Richtung geben koͤnnen, wie es nur eine verſtaͤndige, auf Kenntniß des menſchlichen Herzens und der Welt gegruͤndete Erziehung im Stande iſt? Ja, jene Fehler, deren wir eben er⸗ waͤhnten, daͤuchten ihm, als ſie bei dem kleinen, lebhaf⸗ ten Buben allmaͤlig in verſchiedenen Nuͤancen an's Licht traten, vielmehr ganz vortreffliche Eigenſchaften und Zei⸗ chen eines feſten, fuͤr das praktiſche Leben eben recht geeigneten Charakters, ein Irrthum, den ſchon manches, ſelbſt auf einer hoͤheren Bildungsſtufe ſtehendes Eltern⸗ paar getheilt und damit unwiſſentlich Suͤnde und Ver⸗ derben geſaͤet hat. Als Mathias langſam ſeinen Weg nach dem Schloſſe verfolgte, erweckte, wie geſagt, die feierliche Stille der Nacht dieſe und ahnliche Gedanken in ihm, nicht ſo klar und ausgepraͤgt, wie wir ſie eben entwickelten, denn zu einer ſolchen Hoͤhe der Selbſterkenntniß wuͤrde mehr Weisheit und innere Bildung erfoderlich geweſen ſein, als wir dem jungen Leibjaͤger vindiciren konnen, aber doch war das Reſumé ſeiner ernſthaften Betrachtungen vorerſt ein gewiſſes Mißtrauen gegen ſich ſelbſt, aus 5 66 welchem ſich allgemach der kraͤftige Vorſatz entwickelte, rechtſchaffen zu bleiben und durch Pflichttreue und ſtete Selbſtbeobachtung ſich des Gluͤckes, welches ihm, wie er beſcheiden anerkannte, unverdient geworden, werth zu machen und es zu bewahren. Als er dies Gelobniß halblaut vor ſich hin gemurmelt hatte, ward ihm ſo leicht und froh um's Herz, daß er ſich ſelbſt daruͤber verwunderte. Sein Schritt wurde raſcher, er blickte munter umher in die weite, friedlich ſchlummernde Land⸗ ſchaft und begann auf's Neue mit lauter Stimme ein Weidmannslied zu ſingen.— Aus dieſer angenehmen Beſchaͤftigung ward er durch das Geraͤuſch vernehmlicher Hufſchläge geſtoͤrt, die ſich raſch zu naͤhern ſchienen. Er blieb ſtehen und wendete ſich forſchend um. Das Mond⸗ licht, welches die durch einen weiten Anger ſich hinzie⸗ hende Straße erhellte, ließ ihn bald zwei Reiter erkennen, die im Galopp hinter ihm drein geſprengt kamen und ihn augenſcheinlich einzuholen ſtrebten. Die Landſtraßen waren eben damals unſicherer als je, und allerlei Ge⸗ rächte von einer Wildſchuͤtzenbande, welche in den Kluͤf⸗ ten und Wäldern des baierſchen Hochlandes hauſen und auch das eintraͤglichere Geſchaͤft der Wegelagerung nicht verſchmähen ſollte, erfuͤllte die Gegend zwiſchen dem Lech, dem Vorarlberg und der Iller. Mathias hielt es dem⸗ zufolge nicht fuͤr unnuͤtz, die Buͤchſe, ſeine ſtete Beglei⸗ terin, von der Schulter zu nehmen, das Pulver auf der Pfanne zu unterſuchen und den Hahn zu ſpannen. „Vorſicht iſt zu allen Dingen gut,“ murmelte er vor 67 ſich hin, während ſein Auge unverwandt auf den beiden Reitern haftete, welche ihm jetzt bis auf wenige Schritte nahe gekommen waren, ſo daß er Kleidung und Geſichts⸗ zuͤge derſelben vollkommen erkennen konnte. Sie waren ſowol durch ihr Lebensalter, wie durch das außere Ausſehen von einander verſchieden, ja ſie bildeten beinahe einen vollkommenen Gegenſatz. Der Eine hatte augenſcheinlich bereits die Funfzig uͤberſchrit⸗ ten, was ſein knochiges, faltenreiches Geſicht, geſchmuͤckt mit einer allzu kuͤhn gekruͤmmten Habichtsnaſe, zwei weit auseinander ſtehende, kalmuͤckenartig geſchlitzte Augen und der uͤber einem ſpitzen, ſehr hervorragenden Kinn ſich ſtark nach den Ohren hinziehende Mund ſeltſam beſtaͤtigte. Er war hoch gewachſen, aber von ſo entſetzlicher Mager⸗ keit, ſo ſchlottrig und eckigt, daß es ſchien, als muͤſſe der Koͤrper bei der geringſten Bewegung gaͤnzlich auseinander⸗ fallen. Dieſer Mann trug unter einem alten dreieckigen Hute eine Knotenperuͤcke, einen langen, hellgruͤnen Rock uͤber einer zinnoberrothen Weſte mit ungewoͤhnlich gro⸗ ßen Meſſingknoͤpfen, gelbe Lederbeinkleider und hohe Stulpenſtiefeln. Eine gewiſſe unſaubere Atmoſphaͤre war uͤber das ganze Koſtuͤm, von der ungepuderten Peruͤcke bis zu den ſchmutzigen Spitzenmanſchetten, welche ſeine knochigen Faͤuſte faſt bedeckten, ausgebreitet, und Mathias konnte nicht umhin, den Gaul des Reiters, einen ſtar⸗ ken, wohlgenaͤhrten Rappen, weit liebenswuͤrdiger zu finden als den Reiter ſelbſt. Der Gefaͤhrte des eben Geſchilderten war, wie ge⸗ 5* 66 ſagt, ſein voͤlliges Gegenſtuͤck. Es war ein Juͤngling von beilaͤufig 18 Jahren, fein und ſchmaͤchtig gebaut und kaum die Mittelgroͤße erreichend. Sein offenes Ge⸗ ſicht zeigte jene zarte Ovalrundung, welche man gewoͤhn⸗ lich nur bei Frauen findet, und in der That gaben ſeine ſanften, graublauen Augen und die Naſe vom edelſten griechiſchen Schnitt dem ſchoͤnen, obwol ſonnenverbrannten Antlitze ein maͤdchenhaftes Ausſehn, welches die etwas trotzig aufgeworfene Oberlippe und eine gewiſſe kecke, ſorgloſe Haltung kaum zu mindern vermochte. Er trug ſein eigenes, hellblondes Haar, welches in kurzen Locken unter einem niedrigen Hute mit ſehr breitem Rande hervorquoll. Seine Kleidung zeigte von einem beſſern Geſchmacke, als die ſeines Kameraden, und war beinahe elegant zu nennen. Er trug einen leichten, dunkelbrau⸗ nen Sommerrock, eine lange, geſtickte Sammetweſte und ein koſtbares Spitzenhalstuch. Seine hohen Stiefeln reichten bis uͤber die Kniee und waren mit ſilbernen Sporen von betrachtlicher Laͤnge beſetzt. In einem brei⸗ ten Lederguͤrtel, welcher die ſchlanke Taille des jungen Mannes vortheilhaft hervorhob, ſtak ein zierliches Ter⸗ zerol, und in der gleichfalls von blendendweißen Man⸗ ſchetten umwallten Hand ſchwang er eine mit Silber beſchlagene Reitgerte. Sein Pferd war ein kleiner Gold⸗ fuchs von polniſcher Rage, der ſowol durch die Sym⸗ metrie ſeines Baues, wie durch ſeinen leichten ſpielen⸗ den Gang ſich als ein ganz vorzuͤgliches Thier be⸗ kundete 69 Zu dieſer fluͤchtigen Muſterung bedurfte Mathias freilich weit weniger Zeit, als unſere Mittheilung erfo⸗ derte. Das cavaliermaͤßige Anſehen des Juͤngern zer⸗ ſtreute ſeine Beſorgniſſe, welche hinſichtlich des Charakters und der Abſichten der beiden Reiſenden in ihm aufge⸗ ſtiegen waren, und als dieſe inzwiſchen ſich genähert hatten, beruͤhrte er gruͤßend den Hut, was ihm einen eben ſo freundlichen Gegengruß einhrachte. Doch ſtutzte er und faßte inſtinktmaͤßig nach dem Druͤcker ſeines Gewehres, als er ſah, daß die Reiter, welche raſch an ihm vorbei gejagt waren, ploͤtzlich ihre ſchnaufenden Gaͤule anhielten und ſein Herankommen erwarteten. „Heda, guter Freund,“ rief ihm der Aeltere mit einer tiefen Baßſtimme entgegen,„wie weit iſt es wol noch bis Rußberg?“ „Eine gute Stunde!“ antwortete Mathias reſpect⸗ voll, denn er glaubte, ein Paar Gaͤſte ſeines Herrn vor ſich zu haben.„Wenn Sie ſo fortreiten, werden Sie bald genug den dicken Thurm von Rußberg erblicken.“ Koͤnnt Ihr uns vielleicht berichten, ob der Graf von Waldſees daheim iſt?“ ſetzte der Juͤngere lebhaft hinzu. „Freilich wol. Der gnaͤdige Herr iſt ſeit laͤngerer Zeit kein Freund vom Verreiſen. Indeß fuͤrchte ich, er wird ſich ſchon zur Ruhe begeben haben, denn es kann ſchwerlich weit von Mitternacht ſein.“ „Thut nichts, ſo machen wir morgen Deinem Herrn Onkel die Aufwartung,“ ſagte der Aeltere, zu ſeinem ————— 70 Gefaͤhrten gewendet—„wir muͤſſen ihn bei guter Laune antreffen und die pflegt bei uns Menſchenkindern ſelten vorhanden zu ſein, wenn wir aus dem Schlafe geweckt werden.“ Der Angeredete antwortete nicht, ſondern blickte ge⸗ dankenvoll in die Landſchaft hinaus. Mathias, der nie von einem ſo nahen Verwandten des Grafen hatte ſprechen hoͤren, betrachtete ihn mit einer Miſchung von Staunen und Neugier, aus welcher er durch eine neue Frage des alten Herrn geweckt wurde. „Seid Ihr auf dem Schloſſe bekannt, guter en 2 „Ei wol, ich bin der Leibjager des gnaͤdigen Herrn, Mathias Kloſtermeier.“ „Hm! das trifft ſich gut!“ brummte der Reiter vor ſich hin.„Iſt's denn wahr, daß Euer Herr ſo ein Stuͤck von Melancholiker, ein Eſſigtopf und graͤmlicher Menſchenfeind iſt?“ Mathias vernahm ganz verdutzt die ſchmeichelhaften Epitheta, womit der Fremde ſeinen Gebieter beehrte. Auch der junge Cavalier ſchien dieſe Ausdrucksweiſe nicht zu billigen.„Ich muß Dich bitten, lieber Bollinger, vor einem Gliede der Dienerſchaft meines Onkels Dich weniger ſcherzhaft zu zeigen!“ ſagte er ſtirnrunzelnd. „Ueberhaupt ſehe ich nicht ein, warum wir uns noch länger aufhalten ſollen? Wir werden morgen Gelegenheit genug haben, den Charakter des Grafen kennen zu lernen.“ Damit gab er ſeinem Roͤßlein die Sporen und 71 jagte, Machias mit einem leichten Kopfnicken begrußend, davon. „Wie Du willſt, mein Junge,“ ſagte lachend der Alte, indem er ſeinem Beiſpiele folgte,„ich dachte nur—“ Das Uebrige verſchlang der klappende Hufſchlag der Davoneilenden und in wenig Minuten waren Beide im Dunkel des Forſtes verſchwunden, welchen die Straße durchſchnitt. „Seltſam, äußerſt ſeltſam!“ murmelte Mathias, indem er, ganz erfuͤllt von Betrachtungen, welche die eben ſtattgehabte Begegnung veranlaßte, ſeinen Weg ver⸗ folgte.„Alſo einen Neffen des gnaͤdigen Herrn werden wir beherbergen? einen Neffen, der geradezu vom Him⸗ mel gefallen ſein muß! Der Graf Chriſtoph iſt ledigen Standes verblichen, und ſonſt hat doch der Baron, wie Jedermann weiß, weder Bruder noch Schweſter in der Welt. Bin doch neugierig, wie das junge Herrchen ſeine Verwandtſchaft dokumentiren wird.“ Es war eine Stunde nach Mitternacht, als Ma⸗ thias vor dem Schloſſe anlangte. Aus keinem der klei⸗ nen, ſelten reihenweiſe und in gleicher Hoͤhe liegenden Fenſter ſtrahlte noch ein verſpateter Lichtſchimmer; ſie glotzten wie ſchwarze, leere Augenhoͤhlen in die Nacht hinaus, und wie ein erſtarrter Leichnam lag das graue, alterthuͤmliche Gebaͤu, maleriſch im Mondenlichte gebadet. „Alles ſchläft,“ ſagte der Jäger bei ſich und ſuchte in der Weidtaſche nach dem Schluͤſſel eines nahe am Thore gelegenen Pfoͤrichens, durch welches die Schloßbewohner, wenn ſie nach elf Uhr heimkamen, in's Innere zu ge⸗ langen pflegten. Aber wie er auch ſuchte und die ganze Taſche durchkramte, der Schluͤſſel war nicht da und jetzt erſt fiel ihm ein, daß das hoͤchſt nutzliche Inſtrument in ſeinem Stuͤbchen ruhig an der Wand hing und er ver⸗ geſſen hatte, es beim Weggehen zu ſich zu nehmen.— „Sapperment!“ brummte Mathias unangenehm uͤber⸗ raſcht vor ſich hin, während er das feſt verſchloſſene Pfoͤrtchen mit aͤußerſt ungehaltener Miene betrachtete— „das iſt hoͤchſt fatal! Was fange ich nun an? Den Pfoͤrtner klopf' ich nimmermehr heraus und wenn ich die Thuͤre in Stuͤcken haͤmmerte, denn der Kerl ſchlaͤft drinn auf der Hofſeite und iſt uͤberdies halbtaub. Unten im Dorfe bekomme ich jetzt auch kein Quartier mehr, und uͤberdies will ich nicht fuͤr einen Herumlaͤufer und Nachtſchwaͤrmer gehalten ſein. Ich wuͤnſchte, ich hätte jetzt die wunderbare Springwurzel, von der mein Papa ſo abſonderliche Maͤhrlein zu erzaͤhlen weiß.“ Aber alles Wuͤnſchen, Aergern und Uberlegen half hier zu nichts, das ſah Mathias ſehr wol ein; drum wendete er dem Pfortchen mit einem ungnädigen Seiten⸗ blicke den Ruͤcken und begann die Runde um das Schloß zu machen, in der Hoffnung, doch vielleicht irgendwo noch ein erleuchtetes Fenſter und einen wachenden Men⸗ ſchen zu finden. Jedoch ſah er ſich auch hierin getaͤuſcht und ſchon wollte er, nach einem derben Fluche, in's Dorf hinunter gehen, als ſeine ſpähenden Blicke in ziemlicher Hoͤhe uͤber ſich ein halboffenes Bogenfenſter entdeckten, 73 welches, wie er wußte, in den Corridor fuͤhrte.„Hm! wenn ich nur da oben waͤre,“ dachte er, und als er im ſelben Augenblicke unter einem an die Mauer gelehnten Schirmdache einen Vorrath von Leitern, Feuereimern, Waſſerkufen und Handſpritzen gewahrte, war ſein Ent⸗ ſchluß bald gefaßt. Raſch zerrte er unter vielem Ge⸗ klapper und Getoͤſe eine Leiter aus dem Schuppen und ſchleppte ſie nach dem Orte, wo das Fenſter offen ſtand. „Sie langt juſt hinauf,“ ſagte er vergnuͤgt und ſchickte ſich an, empor zu klimmen.„Freilich ſehe ich jetzt einem Spitzbuben und Einbrecher ſo aͤhnlich, wie ein Ei dem andern, und wenn mich Jemand in dieſer Poſitur er⸗ blickte und mir ein Paar Loth Blei in die Rippen jagte, koͤnnt' ich's wahrhaftig nicht uͤbelnehmen. Indeß, Noth kennt kein Gebot.“ Waͤhrend dieſes Monologs war er raſch die Sproſ⸗ ſen, welche unter ſeinen Fuͤßen bedenklich knackten, hin⸗ aufgeklettert und hatte gluͤcklich die Fenſterbruͤſtung er⸗ reicht. Mit einem Sprunge war er im Corridor, ſtieß dann die Leiter ab, daß ſie krachend und zerbrochen auf die Erde ſtuͤrzte und ſchloß bedachtig das Fenſter.„Da waͤr' ich alſo doch drinnen,“ murmelte er zufrieden und ſchlich auf den Zehen nach der Haupttreppe, denn ſein Stuͤbchen lag, wie das des Kaſtellans, unten im Haus⸗ flur. Aber kaum hatte er wenige Schritte gethan, als ein leiſe verhallender Ton, der wie das dumpfe Aechzen eines Sterbenden klang, ſein Ohr traf und ihn horchend ſtilſtehen hieß. Er blickte ſcharf nach allen Seiten um⸗ 74 her. Das Mondlicht fiel ſchraͤg durch die hohen Spitz⸗ bogenfenſter in den Corridor und zeichnete die kleinen in Blei gefaßten Scheiben und das Schnitzwerk der umfaſſung auf den gewuͤrfelten Fließen des Fußbodens und der gegenuͤberliegenden Wand ab. Die Ampel, welche an glaͤnzenden Stahlketten von der Decke herabhing, war ſchon verloſchen, und ſo verhinderten die ſcharfe Abgrenzung des Lichtes mit dem ſchwarzen Schlagſchatten und die die Fenſter trennenden Pfeiler unſern Helden, irgend etwas zu erſpaͤhen, was ſich mit dem vernommenen Tone auf natuͤrliche Weiſe in Verbindung bringen ließe. Da wiederholte ſich der raͤthſelhafte Ton und zwar in groͤ— ßerer Nähe; er klang ſo hohl und ängſtlich, daß Ma⸗ thias ſich unwillkuͤrlich von einem leiſen Schauer durch⸗ froͤſtelt fuͤhlte, und zu gleicher Zeit trat die Erzaͤhlung von der Viſion des Kaſtellans lebhaft vor ſeine Seele. Die Wahrheit derſelben duͤnkte ihm in dieſem Augen⸗ blicke bei weitem weniger problematiſch, und ſo ſehr ſich ſein natuͤrlicher Verſtand und kaltbluͤtiger Muth gegen das alpdruͤckende Phantom der Geſpenſterfurcht ſtraͤubten, ſo fuͤhlte er ſich dennoch beengt und vermochte das unge⸗ ſtuͤme Pochen ſeines Herzens nicht zu bewaͤltigen.„Das Kluͤgſte iſt, ich gehe zu Bette,“ murmelte er bei ſich, noch immer unverwandten Blickes nach dem finſtern Ende des Corridors ſtarrend, von woher das unheimliche Aechzen zu kommen ſchien.„Ich glaube wahrhaftig, der alte Binzgo hat mir's angethan, weil—“ Er ſtockte und fuhr mit einem kurzen Schrei der Ueberraſchung zuruͤck, als er jetzt einen falben Lichtſchim⸗ mer in der Entfernung aufdämmern und allmaͤlig immer heller und heller werden ſah. Er bemerkte jetzt deutlich die dunkle Muͤndung der Wendeltreppe, welche nach dem Thurme fuͤhrte, und aus dieſem drang unzweifelhaft der geheimnißvolle Schimmer in den Corridor herab. Den leiſen Anflug von Furcht beſchämt niederkaͤmpfend, machte er raſch ein Paar Schritte vorwaͤrts, blieb aber ploͤtzlich wie angewurzelt ſtehen, denn eine ſeltſame Erſcheinung feſſelte ſeine Blicke. Auf der unteren Stufe der erwahnten Thurmtreppe erſchien eine hagere Geſtalt, in einen weißen, bis zu den entbloͤßten Fuͤßen niederwallenden Mantel gehuͤllt und eine duͤſter brennende Kerze in der Hand, die ein Geſicht beleuchtete, welches beim erſten Anblicke die abſchreckendſte Aehnlichkeit mit einem Todtenkopfe darbot. Die tiefen, von der vertrockneten, ſcharf hervorſpringenden Stirn uberwölbten Augenhöhlen ſchienen leer, und erſt bei ge⸗ nauerem Hinſchauen entdeckte Mathias, daß die Augen des naͤchtlichen Wanderers feſt geſchloſſen waren. Der Kopf war voͤllig kahl, die Backenknochen eckig und der von blauen, zitternden Lippen begrenzte Mund krampf⸗ haft zuſammen gepreßt. Langſam und feierlich, wie hin⸗ ter einer Bahre, ſchritt der unheimliche Gaſt durch den Corridor. Bisweilen blieb er ſtehen, preßte die duͤrre, enoͤcherne Linke feſt auf's Herz und brach in ein tiefes, herzzerreißendes Stoͤhnen aus, als wuͤhle der fuͤrchter⸗ lichſte Schmerz in ſeinem Innern. Dann nahm dieſes 76 ſtarre, lebloſe Geſicht einen ſo ſchrecklichen, geſpenſtiſchen Ausdruck an, daß Mathias ſich ſchaudernd abwandte. Ein Blick hatte ihm genuͤgt, in dem Nachtwandler den Grafen, ſeinen Herrn zu erkennen und bei dieſer Ent⸗ deckung verwandelte ſich ſein Bangen in die innigſte Theilnahme, welcher ſich gleichwol Beſtuͤrzung und Neu⸗ gier beimiſchten. Er druͤckte ſich tief in die Fenſterniſche, in der Abſicht, den Mondſuͤchtigen vorbei zu laſſen und ihm dann zu folgen; als dieſer aber dicht vor ſeinem Verſtecke ſtehen blieb, glaubte unſer Jaͤger, unbekannt mit dem eigentlichen Weſen dieſer furchtbaren Krankheit, ſich entdeckt und dem Jaͤhzorne des Gebieters preis ge⸗ geben. Der aber ſeufzte wieder tief auf, ſeine Lippen bebten und ein eiſiger Froſt ſchien ſeine Glieder zu ſchuͤtteln. Dabei murmelte er etwas vor ſich hin, was wie eine finſtere Beſchwoͤrung klang, dann ſchrie er ploͤtz⸗ lich, die Haͤnde weit vor ſich hinſtreckend, laut auf, daß es gellend in dem gewoͤlbten Gange wiederhallte:„Bru⸗ der Chriſtoph, erbarme Dich!“ Auf Mathias Stirn perlte Angſtſchweiß, der gräß⸗ liche, markerſchuͤtternde Schrei klang ihm wie der Wehe⸗ ruf eines Verurtheilten, der auf dem Schaffote langſam zu Tode gemartert wird. Der Graf ſtand noch eine lange Weile regungslos, einem Steinbilde gleich, mit geſchloſſenen Augen in der beſchriebenen Stellung; ſeine Glieder zitterten heftig und die Zähne flogen klappernd an einander. Es ſchien, als ſei ein furchtbares Phantom vor ihm aufgeſtiegen und drohe ihn hinabzureißen in einen unergruͤndlichen Abgrund; dann wieder murmelte er dumpf vor ſich hin:„Hinunter, hinunter! willſt Du mich mit Dir in die Tiefe zerren?“— Ploͤtzlich ſchien der Fieberparoxismus zu verſchwinden; er ſchuͤttelte ſich, als erwache er aus einem gräßlichen Traume, aber noch immer blieben ſeine Augen geſchloſſen, der Zauber des Nachtwandelns war nicht geloͤſt. Er naͤherte ſich jetzt der Wand, dem Fenſter gegenuͤber, in welchem Mathias ſich eng zuſammengeſchmiegt hatte, und tappte mit der Hand an dem ſchweren Rahmen eines hohen, geſchwaͤrz⸗ ten Oelbildes hin, welches den Ahnherrn der Familie Waldſees vorſtellte. Zum groͤßten Erſtaunen unſeres Lauſchers wich das Gemälde ploͤtzlich knarrend nach innen zuruͤck und zeigte einen ſchmalen, niedrigen Gang, in welchen einige Stufen hinabfuͤhrten. Der Graf trat hinein und hinter ihm ſchloß ſich langſam die geheimniß⸗ volle Thuͤr. Als Mathias ſich wieder allein im Corridor ſah, holte er tief Athem, wie wir zu thun pflegen, wenn etwas Schreckbares unſere Sinne und Gedanken in An⸗ ſpruch genommen hat und nun endlich gewichen iſt. „Alſo das iſt das Geſpenſt, welches dem Kaſtellan er⸗ ſchienen und das ſeine Einbildungskraft ſo ungeheuerlich heraus ſtaffirt hat?“ ſagte er nachdenklich.„Ei nun, es war ſchauerlich genug anzuſehen, und ich denke, da⸗ hinter ſteckt etwas Schlimmeres, als die tollſte Geſpenſter⸗ geſchichte. Da lobe ich mir meinen ruhigen, geſunden Schlaf, aus dem heute freilich nicht viel mehr werden 78 wird, denn der Morgen faͤngt ſchon an zu grauen, und uberdies habe ich bis zum Fruͤhſtuͤck mehr Stoff zum Nachdenken, als mir bisher in meinem ganzen Leben beſchieden war.“ Langſam und ſinnend ſchritt er die Treppe hinab und erreichte bald ſein Gemach. Er warf ſich auf's Bette, aber der Schlummer wollte ſich in der That nicht einſtellen, und der helle Morgen fand ihn noch wachend, aber in ungewoͤhnlich ernſter und nachdenklicher Stimmung. Sechstes Kapitel. Daniel. Es wartet draußen ein Mann auf Euch. Er bittet, vorgelaſſen zu werden, denn er habe fuͤr Euch wichtige Zeitung. Die Räuber. „He, Alter! iſt der Graf von Waldſees zu ſprechen?“ „Weiß nicht, meine Herren;'s iſt zwar noch ziem⸗ lich fruͤh am Tage, indeß will ich Sie melden laſſen, wenn ich dero Namen und Charakter—“ „Hoho, wozu die Foͤrmlichkeiten? Wir ſind ehrbare Cavaliere, und dieſer junge Herr hier ſchmeichelt ſich, mit dem Grafen verwandt zu ſein. Meldet ihm den Beſcheid und macht's kurz, wenn's gefaͤllig iſt.“ „Sogleich, ſogleich, Meſſieurs; belieben Sie nur die Roſſe dem Stallknecht zu uͤbergeben und mir derweil in den Jaägerſaal zu folgen.“ Dieſes Zwiegeſpraͤch fand im Schloßhofe zwiſchen dem Kaſtellan und den beiden Fremden ſtatt, deren Be⸗ kanntſchaft der Leſer in der vergangenen Nacht bei Ge⸗ legenheit ihrer Begegnung mit Mathias gemacht hat. Sie ſchwangen ſich aus den Saͤtteln, wobei der Juͤngere eben ſo viel Grazie und Uebung, als der Aeltere Unbe⸗ holfenheit verrieth, und folgten ſchweigend Herrn Binzgo queer uͤber den Hofraum nach dem der Eingangsfronte . 80 gegenuͤberliegenden Fluͤgel. Durch eine gewoͤlbte, mit Quaderſteinen gepflaſterte Vorhalle traten ſie, einige Stufen anſteigend, in einen laͤnglichen, ſchmalen Saal, deſſen mit verblichenen Tapeten bekleidete Waͤnde eine reiche und mannigfaltige Sammlung von Hirſchgeweihen jeglicher Art und Groͤße, vermiſcht mit ausgeſtopften Raubvoͤgeln und alterthuͤmlichen Jagdgeraͤthen darboten. Auf den dicken flandriſchen Tapeten ſelbſt konnte ein geuͤbtes Auge noch die Hiſtorie von Meleager und dem kalydoniſchen Eber, ferner den armen Jaͤgersmann Aktaͤon und aͤhnliche mythologiſche Schildereien entdecken, obſchon, wie geſagt, die lebhaften Farben im Laufe eines halben Jahrhunderts ziemlich erloſchen und in ein allgemeines, trubſeliges Grau uͤbergegangen waren. In der Mitte des Saales ſtand ein runder, enorm großer Tiſch mit einer aus verſchiedenen Marmorarten moſaikartig zuſam⸗ mengeſetzten Platte, um welche ſich ein Dutzend altvaͤte⸗ riſche hochlehnige Staatsſeſſel reihten. In jeder Ecke hatte uͤberdies ein kleiner Spieltiſch ſeinen Platz und ein rieſiger, mit allerhand groteskem Schnitzwerk und bunten Bildern ausſtaffirter Kamin nahm den groͤßten Theil der dem Eingange gegenuͤberliegenden Wandſeite ein. In dieſen Saal fuͤhrte Herr Binzgo die Fremden, ſtäubte mit ſeinem Taſchentuche ein Paar Seſſel ab und eilte, nachdem er ſie eingeladen, Platz zu nehmen, unter vielen Buͤcklingen hinaus, dem Grafen den namenloſen Beſuch zu melden. „Nun, Andreas, biſt Du gefaßt und gehorig vor⸗ — 0 1 bereitet, Deinem theuren Onkel unter Thraͤnen der Ruͤhrung um den Hals zu fallen?“ ſagte der Aeltere, indem er ſich lachend in den Seſſel warf und die Beine vor ſich ſtreckte.„Ich freue mich wie ein Kind auf das erhabene Schauſpiel, welches Ihr ohne Zweifel auffuͤhren werdet.“ „Ich bitte Dich, Bollinger, zuͤgele Deine ſcherzhafte Laune,“ erwiderte der junge Mann aͤrgerlich.„Vergiß nicht, daß von dieſer Unterredung mein ganzes Lebens⸗ gluͤck abhaͤngt, und wenn dies keinen Eindruck auf Dich machen kann, ſo denke wenigſtens an Deinen eigenen Vortheil. Meinſt Du, der Graf werde Deinen Wunſch erfullen und Dir ein ruhiges Amt auswirken, wenn Du Dich ſo wenig liebenswuͤrdig zeigſt?“ „Richtig, mein Junge!“ verſetzte Bollinger, auf den Tiſch trommelnd—„Du ſollſt ſehen, mit welcher De⸗ votion und Grazie ich mich dem gnaͤdigen Herrn zu Fuͤßen legen werde. Es geht nichts uͤber ein huͤbſches Aemtchen, eine kurfurſtliche Foͤrſterei zum Beiſpiel, wenn man Jahrelang wie ein Hottentot in Waͤldern und Ein⸗ oͤden herumgekrochen iſt. Aber, hoͤr' mal, bauen wir nicht am Ende Luftſchloͤſſer? wenn nun der Graf die Ehre, ſo ploͤtzlich einen Herrn Vetter zu finden, nicht gehoͤrig zu ſchätzen weiß und wol gar gefuͤhllos genug iſt, uns ohne Weiteres wieder fortzuſchicken— was dann?“ Andreas runzelte die Stirn.„Er wird, er kann es nicht!“ ſagte er lebhaft.„Erzaͤhlt man nicht allge⸗ 6 82 mein, daß das Andenken an meinen Vater und deſſen trauriges Ende noch bis auf dieſen Tag tief erſchutternd auf ihn einwirke? Und habe ich nicht Beweiſe, vollguͤl⸗ tige Beweiſe, welche meine Anſpruͤche auf ſeine Liebe unterſtuͤtzen?“ „Pah! was willſt Du mit den Beweiſen? Ein Dutzend zaͤrtlicher Briefe, mit denen Dein ſeliger Papa die gute Margareth beehrt hat und worin er ſich die Muͤhe gibt, nach dem Wohlbefinden ſeines jungen Sproͤßlings ſich zu erkundigen— das iſt Alles— und im Grunde genommen ſo gut wie nichts.“ Und der Ring mit dem Wappen meines Vaters und das Miniaturbild?“ „Et cetera, et cetera! Die Hauptſache iſt meine Ausſage, die ihn uͤberzeugen muß, wenn er ſich nicht mit boͤſem Willen dagegen ſtemmt. Aber das moͤchte ihm ſchlecht bekommen; ich wollte—“ Das leiſe Knarren einer Thuͤre hinderte Bollinger, ſeinen drohenden Entſchluß auszuſprechen, und als er und Andreas ſich umwendeten, ſahen ſie den Grafen durch eine ſchmale und niedere Seitenthuͤre, welche ſie in der Tapetenwand vorher nicht bemerkt hatten, eintreten. Er ſah ſo blaß und hinfaͤllig aus, daß man haͤtte glau⸗ ben koͤnnen, er muͤſſe bei jedem Schritte zuſammenſin⸗ ken; eine unbeſchreibliche Abſpannung und Erſchlaffung zeigte ſich in ſeinen Zuͤgen, jedoch trat er raſch auf die beiden Fremden zu, welche ſich ehrfurchtsvoll erhoben hatten, und erwiderte ihre ſchweigende Begruͤßung durch 83 eine nicht minder hoͤfliche Verbeugung. Sein ſcharfer, unruhiger Blick muſterte ſie forſchend, dann ſagte er langſam, indem er ſeine Gaͤſte durch eine artige Panto⸗ mime einladete, ihre Plaͤtze wieder einzunehmen:„Wen habe ich die Ehre, vor mir zu ſehen, Meſſieurs, und womit kann ich dienen? Mein Kaſtellan fabelt etwas von Verwandten; da ich aber ſo ungluͤcklich bin, der Letzte meines Hauſes zu ſein, beruht die Meldung des alten Burſchen jedenfalls auf einem Irrthum.“ „Nicht ſo ganz, Herr Graf!“ platzte Bollinger heraus und rieb ſich das mit ſtruppigen Bartſtacheln beſetzte Kinn.„Es freut mich zu hoͤren, daß Sie das Entbehren eines Verwandten, der den beruͤhmten Namen der Waldſees fortfuͤhren koͤnnte, fuͤr ein Ungluͤck erachten⸗ — War es nicht ſo?“ Das Geſicht des Grafen nahm bei dieſen Worten einen vornehmen, ſtrengen Ausdruck an.„In der That — ich begreife nicht—“ ſagte er, waͤhrend ſeine Blicke raſtlos von Bollinger auf Andreas ſchweiften, der, erro⸗ thend uͤber die Taktloſigkeit ſeines Gefaͤhrten, ſich jetzt beeilte, das Wort zu ergreifen. „Wenn wir Ihre Zeit und Geduld in Anſpruch nehmen, Herr Graf,“ ſagte er mit einer artigen Ver— beugung,—„ſo vermag uns nur die Wichtigkeit der Sache ſelbſt, welche uns hieher fuͤhrte, genuͤgend zu ent⸗ ſchuldigen. Ja, ich moͤchte es wagen, Ihnen mit einer kurzen Erzaͤhlung läſtig zu fallen, ehe ich den Zweck unſeres Beſuches eroͤffne, der Ihnen ſonſt leicht eben ſo 6* wunderlich und chimaͤriſch erſcheinen duͤrfte, als dies bei mir ſelbſt der Fall war, ehe ich—“ „Nun denn, zur Sache, mein Herr!“ unterbrach ihn der Graf mit leichter Ungeduld und nahm einen Seſſel ein—„Sie ſehen mich bereit, zuzuhoͤren und entſchloſſen, uͤber nichts, und waͤre es auch das Wunder⸗ barſte, in Erſtaunen zu gerathen.“ Der junge Mann ſchwieg einen Augenblick und ſchien ſeine Gedanken zu ſammeln. Dann begann er anfangs mit leiſer, ſchuͤchterner Stimme, die aber im Laufe des Vortrages lebhafter und ernſter ward, ſeine Erzaͤhlung. „Der Amtmann von Poͤrnberg bei Ingolſtadt war ein betagter Witwer, dem ein hartes Schickſal die Gat⸗ tin und zwei erwachſene Soͤhne geraubt hatte. Es war ihm nur eine Tochter geblieben, ein liebliches, ſanftes Maͤdchen, die wol wuͤrdig geweſen waͤre, den Schatz der vaͤterlichen Liebe ganz auf ſich uͤbertragen zu ſehen. Aber das Herz des alten Rottmeier war durch das Ungluͤck nicht, wie wir es ſonſt wol zu ſehen ge⸗ wohnt ſind, erweicht, ſondern vielmehr verhaͤrtet und mit einer ſtarren, unnatuͤrlichen Eiskruſte uͤberzogen worden. Er war ein Menſchenfeind, der ſtets finſtere Mienen und einen Groll gegen Alles mit ſich herumtrug, was ſich freute und mit dem Leben und der Welt zufrieden war. Da hatte denn ſeine Tochter Margareth boͤſe Tage und eine traurige Jugend, die all' der heitern, unſchuldigen Genuͤſſe entbehrte, welche dies fruͤhe, gol⸗ 85 dene Lebensalter zu beſcheeren pflegt. Der Vater liebte ſie entweder wirklich nicht, oder er ſtellte ſich ſo, vermoͤge jener haͤßlichen und unvernuͤnftigen Conſequenz, die einen eigenſinnigen Charakter auch bei dem Schlechten und Selbſtpeinigenden verharren laͤßt, wenn er es einmal er⸗ faßt hat.„Die Soͤhne hat mir der Herrgott ſterben laſſen!“ grollte er oft duͤſter vor ſich hin,„weil mein Herz an ihnen hing und ich ſie zu braven, tuͤchtigen Leuten erzogen hatte, aber das Maͤdel, die mir zu nichts Nutz iſt, als die Suppe zu kochen, die wird ſicherlich hundert Jahr alt. Wenn ich nun einmal ein Kind verlieren ſollte, warum war ſie es nicht anſtatt meiner braven Buben, die jetzt in Amt und Wuͤrde waͤren und mein Alter erheitern koͤnnten?“ So frevelte der harte Mann und Margareth vergoß, wenn ſie ſolche Worte horte, bittere Thraͤnen.“ Der Graf machte eine Bewegung der Langeweile. „Das iſt ohne Zweifel eine ſehr huͤbſche Familienge⸗ ſchichte“— ſagte er, mit ſeinem Siegelringe ſpielend— „und ich glaube gern, daß Sie dabei betheiligt ſind, was aber mich betrifft, ſo ſehe ich nicht ein—“ „Na, ich habe es mir gedacht, daß der Burſche Sie mit empfindſamen Redensarten ennuyiren wuͤrde!“ ſchrie Bollinger dazwiſchen und ruͤckte ſehr vertraulich an den Grafen heran.„Ich will, wenn Sie erlauben, in zwei Minuten zum Ziele kommen und Ihnen zeigen, inwiefern Sie bei der Sache intereſſirt ſind.“ Der Graf ſchob mit einer Miene ariſtokratiſchen 86 Widerwillens ſeinen Seſſel zuruͤck, bedeutete jedoch Bol⸗ linger, fortzufahren, da er dieſe ſonderbare Zuſammen⸗ kunft ſobald als moͤglich beendigt ſehen wollte. Andreas biß ſich ärgerlich in die Lippen und trat ſchweigend von der Gruppe weg in eine Fenſterniſche. „Nun ſehen Sie, gnaͤdiger Herr,“ fuhr Bollinger mit laͤrmender Stimme fort—„dieſes huͤbſche, von dem muͤrriſchen Alten ſchwer geplagte Maͤdchen wurde bei, ich weiß nicht welcher Gelegenheit mit einem jungen, reichen, ſehr zierlichen, aber nicht beſonders geiſtreichen Cavalier bekannt, der eben nichts Beſſeres zu thun hatte, als im Lande herumzuſchweifen und die Weiber zu verfuͤhren.“ „Bollinger!“ rief Andreas hocherroͤthend dazwiſchen. „Kurz, die huͤbſche Margareth“— fuhr der Erzaͤh⸗ ler, ohne auf die Unterbrechung zu achten, fort—„fiel in die Netze des jungen Herrn, was um ſo leichter war, als das arme Ding von der Welt wenig und von der Liebe gar nichts wußte. Der Cavalier verſtand es treff⸗ lich abzupaſſen, wenn der Alte, der oft Tage lang in Amtsgeſchaͤften verreiſte, nicht daheim war, und vertrieb dem Toͤchterchen inzwiſchen ſo trefflich die Zeit, daß—“ „Wirſt Du ſchweigen, Elender!“ brach jetzt Andreas los und ſprang mit gluͤhendem Geſichte und flammenden Blicken auf den Erzaͤhler ein,„biſt Du frech genug, meine Mutter vor Zeugen mit Deinen ſchmutzigen Laͤſter⸗ zungen zu beſchimpfen? Ich bitte Sie, Herr Graf,“ ſetzte er mit zitternder Stimme hinzu,„goͤnnen Sie mir 87 nur wenige Augenblicke das Wort, denn die Roheit dieſes Menſchen iſt unertraͤglich.“ Der Graf aber war bei dem Berichte Bollingers aufmerkſam geworden und hatte, obwol mit finſter ge⸗ runzelter Stirn zuhoͤrend, doch augenſcheinlich uͤber dem Intereſſe der Sache ſelbſt die Unverſchaͤmtheit des Er⸗ zaͤhlers nicht beachtet. Er ſchien den Zornausbruch des jungen, tiefgekränkten Mannes nicht zu verſtehen und bedeutete Bollinger durch eine raſche Handbewegung, in ſeinem Berichte fortzufahren. „Nun denn“— begann dieſer wieder, aber mit we⸗ niger ſchreiender Stimme und nachdem er auf ſeinen Freund einen Verzeihung ſuchenden Blick geworfen hatte, —„eines Abends bekam der Amtmann in der Schenke Streit mit dem Ortsvorſteher, der ein eben ſo hitziger und biſſiger Patron war, wie der alte Rottmeier. Sie ſchimpften einander weidlich aus und endlich ſchrie der Schuͤtze mit Hohnlachen:„Ei, Ihr wollt hier das große Wort fuͤhren und ſo uͤberaus klug ſein, und wißt noch nicht, daß Eure Tochter ſich—“ Ein flammender Zornblitz aus den Augen Andreas verhinderte den Sprecher, eine neue Rohheit zu begehen. Er raͤuſperte ſich und ſagte:„Als der Alte nach Hauſe kam, gab es eine ſchreckliche Scene. Margareth konnte oder wollte nicht läugnen, daß ſie ein verlorenes Maͤd⸗ chen ſei und ſtieß keinen Schrei aus, als der Vater, der einem wuͤthenden Raubthiere glich, ſie bei den Haa⸗ ren in der Stube herumzerrte, mit Fuͤßen trat und auf 88 die ſchaͤndlichſte Weiſe mißhandelte. Sie ſollte durchaus den Namen ihres Verfuͤhrers bekennen, und Rottmeier verſchwor ſich bei Gott und Teufel, ihn niederzuſchießen wie einen tollen Hund— und er war der Mann, wel⸗ cher Wort hielt. Aber Margareth wollte den Cavalier, dem ſie außerordentlich anhing, nicht in's Ungluck bringen; ſie bekannte darum nichts und der Vater bruͤllte ihr zu, augenblicklich das Haus zu verlaſſen und nimmermehr vor ſeinen Augen zu erſcheinen. Unter tauſend Thranen ging ſie fort; es mochte ihr wol ſchwer werden, die Staͤtte zu verlaſſen, wo ſie geboren war und ihre Jugend zugebracht hatte, ob es gleich eine freudenloſe geweſen war. Der Cavalier begegnete ihr, als es Nacht wurde, mitten im Walde, denn er wollte ſie eben beſuchen. Sie ſaß auf einem Baumſturze wie die heilige Genoveva und weinte und ſeufzte und betete immer fort. Das war nun ein ruͤhrendes Zuſammentreffen, welches doch das Gute hatte, daß der Cavalier ſeinem Liebchen eine nette Wohnung in einem ſeiner Doͤrfer, Namens Aichach, miethete—“ „Aichach?“ wiederholte der Graf und ſprang von ſeinem Sitze empor—„ſo waͤre—“. Er hielt inne, fuhr ſich raſch uͤber die Stirne und ſetzte ſich dann ge⸗ meſſen und mit einem ſpoͤttiſchen Lächeln wieder nieder. „Ja, in Aichach kam Margareth mit einem Knaben nieder, der ganz ihr Ebenbild und alſo ein wunderhuͤb⸗ ſches Kind war. Der Cavalier, der die Wöchnerin fleißig beſuchte und ſehr um ſie beſorgt war,— das muß man 89 ihm wieder zur Ehre nachſagen— war ganz gluͤcklich uͤber den Jungen, den er ſtundenlang herzte und kuͤßte und daruͤber beinahe die Mutter vergaß. Die Freude waͤhrte etwa drei Jahre, da ſtarb die arme, vielgeplagte Margareth an der Schwindſucht; der Graf war untroͤſt⸗ lich und reiſte deshalb, um ſich zu zerſtreuen, nach Ita⸗ lien. Der kleine verlaſſene Junge wurde nach Muͤnchen in's Waiſenhaus geſteckt, wo er allerhand Nuͤtzliches lernte, unter andern die vortheilhafte Kunſt des Leſens und Schreibens, die ich nur theilweiſe weggekriegt habe. Dort blieb er ganzer zehn Jahre; dann brachte man ihn auf die Kloſterſchule, wo er wieder der Fleißigſte und Geſcheidteſte von Allen war, bis man ihn ploͤtzlich bedeu⸗ tete, er moͤge die Anſtalt verlaſſen, denn die erkleckliche Summe der Lehr⸗ und Verpflegungsgelder, welche bisher, man wuͤßte nicht von wem, puͤnktlich fuͤr ihn entrichtet worden wären, ſeien ploͤtzlich ausgeblieben, woraus man ſchließen muͤſſe, daß der unſichtbare Goͤnner entweder todt oder nicht mehr gewilligt ſei, ihn zu unterſtuͤtzen. Der arme funfzehnjaͤhrige Burſche, dem einer der Herren Pro⸗ feſſores in allem Ernſte vorgeſchlagen, ſich um eine Hof— bedientenſtelle zu bewerben, verließ unwillig die Anſtalt und trat, mit einem Paar Pfennigen in der Taſche und einem Kleide auf dem Leibe, in die Welt hinaus. Sei⸗ nen Vater kannte er nicht und hatte ihn nie nennen hoͤren; die Mutter war lange todt— was ſollte er an⸗ fangen? In Aichach, wohin er zuerſt ſeine Schritte lenkte, zeigte man ihm das Grab der armen Margareth 90 und erzaͤhlte ihm, daß der unlängſt verſtorbene Gutsherr ſich recht chriſtlich und barmherzig gegen ſie benommen habe. Der Knabe dankte ihm im Stillen dafuͤr und ſetzte betruͤbt ſeinen Stab weiter. Wer weiß, was aus ihm geworden waͤre, haͤtte er nicht einen Freund gefun⸗ den, der ſich ſeiner annahm, ſein Weniges mit ihm theilte und ihn ſo lieb gewann, wie ein Vater ſeinen leiblichen Sohn.“ „Ihr werdet langweilig, Freund!“ unterbrach der Graf den Berichterſtatter. „Ich bin gleich zu Ende, gnaͤdiger Herr! Vier Jahre ſpaͤter fuͤhrte ein Zufall die beiden Freunde nach Poͤrnberg. Der Amtmann Rottmeier war vor wenig Tagen geſtorben und hatte auf dem Todtbette dem Pfar⸗ rer ein Paͤckchen zur Aufbewahrung uͤbergeben, welches ihm ſeine Tochter kurz vor ihrem Hinſcheiden von Aichach her zugeſchickt hatte, mit einem Briefe, worin ſie um ſeine Verzeihung bat und ihn beſchwor, ſich ihres Kindes anzunehmen, wenn daſſelbe je in Noth und Truͤbſal ge⸗ rathen ſollte. Der Ingrimm des Alten wurde aber ſelbſt durch den Tod der Tochter nicht beſaͤnftigt, und das Packet blieb unbeachtet in einem Winkel liegen, bis er ſelber ſeine Aufloͤſung herannahen fuͤhlte und dem Pfarrer nun das Dokument einhaͤndigte, mit der dringenden Bitte, ſich nach ſeinem Enkel zu erkundigen. Sie koͤnnen ſich denken, Herr Graf, daß uns Beiden ſogleich ein Licht aufging, und als der Pfärrer uns das Paket zu offnen erlaubte, ward unſere Vermuthung vollkommen beſtaͤtigt.“ 91 „Nun, was weiter?“ ſagte deri Graf, indem er ſich Muͤhe gab, gleichgiltig zu erſcheinen, obgleich Ueber⸗ raſchung, Zorn und Angſt ſich deutlich auf ſeinem Ge⸗ ſichte malte. Bollinger griff in die unendlich tiefe Taſche ſeines Rockes und brachte ein mit Bindfaden umwickeltes Paͤck⸗ chen zum Vorſchein. Er knuͤpfte es bedaͤchtig auseinan⸗ der und zog ein mit werthvollen Steinen gefaßtes, ziem⸗ lich umfangreiches Miniaturbild, einen koſtbaren Siegel⸗ ring und ein Convolut alter, vergelbter Briefe hervor. „Das fanden wir in dem Pakete,“ ſagte er mit Nachdruck.„Hier dies Bildniß ſtellt den Geliebten Mar⸗ gareths und den Vater ihres Sohnes vor; das iſt ſein Ring mit dem Wappen ſeiner Familie; hier endlich wer⸗ den Sie ſeine Handſchriſt finden und die zärtlichen Ge⸗ ſinnungen, welche er gegen das Maͤdchen hegte.“ Der Graf hatte mit einem raſchen Blicke die er⸗ waähnten Gegenſtaͤnde uͤberflogen und war leichenblaß ge⸗ worden.„Seltſam— in der That—— ich erkenne—“ ſtotterte er, und ſeine weitgeoͤffneten Augen ſtarrten mit einem Ausdrucke des Entſetzens und wie verzaubert nach dem Bildniſſe, welches einen huͤbſchen jungen Mann mit gutmuͤthigen Zuͤgen und in reicher Tracht vorſtellte. „Sie erkennen Ihren Bruder Chri⸗ ſtoph!“ ſagte jetzt Andreas, deſſen Aufregung nicht minder groß, aber von anderer Art, als die des Grafen war.„Ja, es iſt mein ungluͤcklicher Vater, den ich nicht weniger verehre, weil gebieteriſche Verhaͤltniſſe und die 92 Vorurtheile der Welt mir den ungeſchmälerten Schatz ſeiner Liebe nicht gegoͤnnt haben. Moͤchten meine Ahnung, meine heißeſten Wuͤnſche in Erfuͤllung gehen, die mich zu Ihnen fuͤhrten, als—“ „Nun, was wollen Sie denn?“ unterbrach ihn ſchneidend der Graf, deſſen Geſicht ploͤtzlich einen ſo wil⸗ den, feindſeligen Ausdruck annahm, daß Andreas erſchrocken zuruͤcktrat.„Wozu dieſe langweilige Eroͤffnung, dieſe pretentioͤſe, feierliche Auseinanderſetzung bei einer Sache von ſolcher Unbedeutenheit?“ „Unbedeutenheit, Herr!“ ſchrie Bollinger, erboſt auf⸗ ſpringend. „Nun ja; Sie werden doch nicht ernſtlich erwartet haben, daß ich nach dieſer Entdeckung, die Sie mit ſo viel Emphaſe vorbereiteten, dem jungen Herrn da mit Thraͤnen der Ruͤhrung um den Hals fallen und ihm au coup die Hälfte meines Vermoͤgens anbieten werde? Daß mein Bruder etwas leichtfertig und ſein Geſchmack nicht der beſte war, habe ich laͤngſt gewußt, daß ein oder vielleicht ein halbes Dutzend illegitimer Sproͤßlinge von ihm in der Welt herumlaufen, habe ich wenigſtens ſtets vermuthet.“ „Herr Graf!“ ſchrie Andreas empoͤrt,—„ſehen Sie ſich vor!“ „Wie, Sie wollen mir drohen?“ verſetzte der Graf, und die Adern ſchwollen ihm vor Wuth auf der Stirn empor.„Ah, ich ſehe, Ihr ſeid gekommen, mir ein Al⸗ moſen abzupreſſen mit dieſer ſaubern Geſchichte. Nun, 93 ich werde mich vielleicht willig finden, vorher aber habe ich Luſt, mich zu uͤberzeugen, daß dieſe Kleinodien nicht aus der Verlaſſenſchaft meines Bruders geſtohlen ſind.“ „Donnerwetter!“ brullte Bollinger, auf den Tiſch ſchlagend.„Das iſt unerhoͤrt! wenn Sie ſchlecht und filzig genug ſind, Ihren leiblichen Neffen zu verlaͤugnen, ſo thun Sie es, ob ich mich gleich, der ich nur ein ar⸗ mer, buͤrgerlich geborner Menſch bin, dabei in meine Seele hinein ſchamen wuͤrde. Aber beſchimpfen ſollen Sie uns nicht, dazu haben Sie kein Recht!“ ch werde Euch zeigen, welches Recht ich habe!“ ſagte der Graf hoͤhniſch, indem er das Medaillon und den Ring zu ſich nahm und die Briefe veraͤchtlich auf ven Boden ſchleuderte. „Geben Sie mir mein Eigenthum zuruͤck!“ keuchte Andreas mit von Zorn erſtickter Stimme—„geben Sie es zuruͤck, oder—“ Damit packte er des Grafen Arm mit eiſerner Fauſt und ſeine gluͤhenden Augen ſchienen den Erbleichenden vernichten zu wollen. „Zu Huͤlfe, Mathias! hieher!“ ſchrie dieſer ploͤtzlich und ſtieß den Juͤngling zuruͤck. „Herr, Sie ſind ein Schurke!“ donnerte Bollinger, —„ich gehe nicht von der Stelle, ehe—“ In dieſem Augenblick ward die Thuͤr aufgeriſſen und Mathias und Binzgo ſtuͤrzten in das Gemach. Vom hoͤchſten Erſtaunen gefeſſelt uͤber die Scene, welche ſich 94 ihnen darbot, blieben ſie regungslos auf der Schwelle ſtehen. „Mathias, jage dieſe Menſchen aus dem Schloſſe und ſorge dafuͤr, daß ſie ſich nie wieder vor mir blicken laſſen!“ rief ihnen der Graf entgegen und machte Miene, den Saal zu verlaſſen. „Halt, nicht von der Stelle!“ ſchrie Bollinger und ſchleuderte den Grafen wie ein Stuͤck Holz in ſeinen Seſſel zuruͤck—.„Es iſt gut, daß Ihr Zeugen herbei⸗ gerufen habt; ſie ſollen vernehmen, wie ein Edelmann handelt, dem Geiz und Fuͤhlloſigkeit an der Seele freſſen. Dieſer junge Mann da, Ihr Leute!“— fuhr er, auf Andreas deutend, zu den Eingetretenen, hinter welchen ſich die ganze Dienerſchaft des Schloſſes neugierig ver⸗ ſammelt hatte, gewendet, fort—„dieſer junge Mann iſt ein leiblicher Sohn des verſtorbenen Grafen Chriſtoph, und kommt mit den untruͤglichſten Dokumenten hieher zu dem Bruder ſeines Vaters, ohne irgend etwas von ihm zu verlangen, als ein bischen Liebe und Rathſchläge fuͤr ſeine Zukunft. Dafuͤr verhoͤhnt ihn dieſer Elende, beſchimpft ihn und ſeine Mutter und raubt ihm die er⸗ wähnten Dohunente, weil er fuͤrchtet, gezwungen zu werden—“ „Werft ſie hinaus!“ ſchrie der Graf außer ſich und mit funkelnden Augen.„Werft ſie hinaus, ſage ich! Was gafft Ihr da, Ihr muͤßigen— Warum greifſt Du nicht an, Mathias?“ „Gnaͤdiger Herr!“ ſagte dieſer, deſſen Gefühl ſi ſich 95 ob des eben Vernommenen empoͤrte und indem er nur muͤhſam ſeine Bitterkeit bekaͤmpfte—„ich meine, Sie wuͤrden mir es ſpäter nicht Dank wiſſen, wenn ich Ihren Neffen wie einen Hund fortjagte!“ Das Geſicht des Grafen verzerrte ſich zur ſcheuß⸗ lichen Fratze. Wie ein Wahnſinniger ſtuͤrzte er auf Ma⸗ thias los und ſchlug ihn ſo heftig in's Geſicht, daß der Jäger blutend zuruͤcktaumelte.„Du wagſt es, mir zu widerſprechen, Schuft!“ tobte er, die geballte Fauſt ſchuͤt⸗ telnd—„ha, ich ſehe, Du biſt im Komplott mit dieſen Spitzbuben; aber ich will verflucht ſein, wenn ich Dich nicht zwinge, Deine Helfershelfer aus dem Schloſſe zu peitſchen!“ „Nun, dann ſeien Sie verflucht!“ ſagte Mathias mit dumpfer, gepreßter Stimme, waͤhrend ſeine Bruſt ſich keuchend hob und ſenkte.„Ruht doch uͤberdies ſchon Gottes Fluch auf Ihnen und treibt Sie um Mitternacht von Ihrem Lager auf, daß Sie wie ein Geſpenſt durch das Schloß wandeln muͤſſen. Der Geiſt des Bruders, den Sie naͤchtlich mit bebenden Lippen anrufen, wird an Ihnen heimſuchen, was Sie an ſeinem Sohne ver⸗ ſchulden!“ Bei dieſen Worten ſchien der Graf zu Eis zu er⸗ ſtarren. Er oͤffnete den Mund, um zu ſprechen, aber er vermochte es nicht. Einen Moment ſtand er da, regungs⸗ los, mit erdfahlem Geſicht und ſtier aus den Hoͤhlen tretenden Augen; dann ſchwankte er und ſtuͤrzte plotzlich, ehe ihm Jemand beiſpringen konnte, beſinnungslos auf 96 die Steinplatten des Fußbodens nieder. Dieſer Auftritt uͤbte auf alle Anweſende jene Laͤhmung des Schreckens aus, vor welcher auch die heftigſten Leidenſchaften und Affekte der Seele verſtummen. Es vergingen ein Paar Minuten, ehe die Diener herbeieilten und ihren ohn⸗ maͤchtigen Herrn aufrichteten. Andreas ſtand mit ver⸗ ſchraͤnkten Armen in der Fenſterniſche. Sein ſchoͤnes Geſicht war ſehr bleich und nur ein fieberhaftes Zucken verrieth die tiefe Erregung ſeines Gemuͤthes. Bollinger war der Erſte, der ſeine Faſſung wiedergewann, und mit einem veraͤchtlichen Blicke auf den Grafen deutend, ſagte er: „Komm, Andreas, und uͤberlaß den alten Suͤnder da ſeinem Gewiſſen. Ich moͤchte um alles Gold in der Welt nicht laͤnger in dieſem Hauſe verweilen, auf dem ſicherlich kein Segen ruht. Komm, mein Junge, ſo lange es im luſtigen Baierlande noch Waͤlder gibt und drin⸗ nen Rehe und Hirſche, werden wir nicht hungern duͤr⸗ fen— das weißt Du ja.“ Mit dieſen Worten ſchritt er nach der Thuͤre und Andreas folgte ihm wie ein Traͤumender. Als Bollinger an Mathias voruͤberſchritt, reichte er dieſem die Hand.— „Nach dem, was vorgefallen iſt, mein wackerer Burſche,“ — redete er ihn an—„duͤrftet Ihr wol auch am längſten Leibjaͤger geweſen ſein! Ich und Andreas wer⸗ den's Euch nie vergeſſen, daß Ihr dem Menſchen da die Wahrheit ſagtet, und wenn Ihr einmal in's Pech kommt, ſo fragt nur in Voͤringen druͤben nach dem alten Mar 97 Bollinger, ſie werden Euch dort den Weg zu mir zeigen.“ Mathias ſchuͤttelte ihm kraftig die Hand und öffnete die Thuͤr. Als ſie hinaustraten, erſchien auf der großen Treppe eine weibliche Geſtalt, welche mit der Haſt aͤngſt⸗ licher Beſorgniß herabflog. Es war Lydia, die Tochter des Grafen, welche der unter ihrem Zimmer ſich erhe⸗ bende Tumult mit Furcht und Beſtürzung erfüllt hatte. Die großen blauen Augen des Maͤdchens hafteten fragend auf den drei Maͤnnern, welche ſich gruͤßend verneigten, und als ſie die finſtere Aufregung in ihren Geſichtern gewahrte, uberzog eine ploͤtzliche Bläſſe ihr ſchönes Antlitz. Sie öffnete die Lippen, um zu ſprechen, aber die Stimme verſagte ihr, und als jetzt aus der halbgeoͤffneten Thuͤr das tiefe Geſtöhn des aus ſeiner Ohnmacht erwachenden Grafen in ihr Ohr drang, flog ſie mit einem lauten Schrei an der ſchweigend zuruͤckweichenden Gruppe vor⸗ uͤber in den Jägerſaal. „Ein huͤbſches Kind, meiner Treu!“ murmelte Bol⸗ linger, in den Schloßhof tretend—„ich wuͤnſchte nur, ſie haͤtte einen andern Vater.“ Andreas war ſtehen geblieben und ſtarrte unverwandt nach der Thur des Saales. Es war ihm, als ſei eine uberirdiſche Erſcheinung, ein Bote des Himmels an ihm voruͤbergeſchwebt; ſo mächtig war der Eindruck, den Lr⸗ dias Anblick auf ihn gemacht hatte, daß der eben ſtatt⸗ gefundene Auftritt und die tiefe Kraͤnkung, die er erlitten, aus ſeinem Gedächtniſſe wie weggetilgt waren, und es be⸗ 2 98 durfte des kräftigen Zurufes ſeines Freundes, der ihn zur Eile mahnte, um ihn aus dieſer Art Verzuͤckung zu wecken. Wie ein Träumender folgte er Bollinger in den Schloßhof, wo die Pferde ihrer warteten; als er ſchon im Sattel ſaß, blickte er noch einmal ſinnend nach den Bogenfenſtern des Saales zuruͤck und ſprengte dann, ſei⸗ nem Gaule die Sporen in die Weichen druckend, mit ſo wuͤthender Haſt durch den Thorweg und den Huͤgel hin⸗ ab, daß Bollinger Muͤhe hatte, ihm zu folgen. N* Siebentes Was iſt dem Maͤdchen? pflegt ſie ſo zu ſein? Wallenſteins Tod. Am Abende dieſes verhaͤngnißvollen Tages ſaß Ma⸗ thias Kloſtermeier allein in ſeinem Stuͤbchen. Er war mit dem Ausputzen ſeiner Buͤchſe beſchaͤftigt, aber die Arbeit mochte ihm heut' nicht ſo flink von ſtatten gehen, als ſonſt, und als er die auseinandergenommenen Theile wieder kunſtgerecht zuſammenſetzen wollte, machte er Alles verkehrt und warf endlich mit einem kraͤftigen Fluche das Gewehr auf den Tiſch.„Iſt's doch, als ob ich behert wäre!“ murmelte er argerlich vor ſich hin und ging mit großen Schritten in dem engen Gemache auf und ab— „die heutige Affaire hat mir den Kopf verdreht. Daß es ſo kommen mufte, wer haͤtte das gedacht? Der Herr Bollinger hatte wol Recht, als er beim Abſchiede ſagte, daß ich am Laͤngſten Leibjäger geweſen ſein wuͤrde. Ich wundere mich nur, daß man mich nicht augenblicks fortgejagt hat. Wer hieß mich auch, dem gnaͤdigen Herrn ſeine Nachtpromenade vorwerfen? Aber wie konnte ich wiſſen, daß ihn dies ſo alteriren wuͤrde. Und warum ſchlug er mich in's Geſicht wie einen Schulbuben, und nannte mich einen Schuft? Heiliger Joſeph! wenn ich 7* 100 daran denke, uͤberlaͤuft's mich ſiedend heiß; er hat alle ſeine Wohlthaten bezahlt gemacht, indem er mich be⸗ ſchimpfte! wir ſind mit einander quitt.“— Aber trotz der ſich ſelbſt gegebenen Verſicherung und der Erbitte⸗ rung, welche er gegen ſeinen bisherigen Herrn empfand, erfuͤllte ihn der Gedanke, den Ort verlaſſen zu muͤſſen, wo er ſo gluͤcklich und zufrieden gelebt hatte, mit auf⸗ richtiger Betruͤbniß, und wir durfen nicht verhehlen, daß das Bild der reizenden Lydia nicht wenig dazu beitrug, ihm den Moment des Scheidens, den er nahe bevorſte⸗ hend waͤhnte, aͤußerſt ſchmerzlich zu machen. Sie war ihm ſtets ein Idol, eine Heilige geweſen, die er ſtill ver⸗ ehrte, zu der er mit einer Art von glaͤubiger Andacht emporſchaute und deren Dienſte er ſich mit einer Freu⸗ digkeit widmete, die ſein Inneres wohlchaͤtig durchſtrömte und auf die Geſtaltung ſeines ſittlichen Werthes von un⸗ läugbarem Einfluſſe war. Und ſie ſollte er bald nicht mehr ſehen, ihr mildfreundliches Laͤcheln ſollte ihn nicht mehr gruͤßen; einem Andern war es vorbehalten, ihr all! jene kleinen Dienſtleiſtungen zu erweiſen, die bei ihm eben ſo viel ſtille, ungedeutete Huldigungen geweſen wa⸗ ren! Der arme Mathias ſeufzte tief und ſchwer und griff, um ſich wo moglich zu zerſtreuen, wieder nach ſei⸗ ner Buͤchſe, als Herr Binzgo eintrat und ihn zum Gra⸗ fen beſchied. Das Geſicht des Kaſtellans zeigte ein ſelt⸗ ſames Gemiſch von Zuruͤckhalung, Aerger und aͤngſtlicher Beſorgniß; man ſah wol, daß er ſeinen jungen Freund gern recht tuͤchtig ausgeſcholten haͤtte, wenn er nicht zu 101 wenig von der Grzje des Vergehens überzeugt geweſen wäre, deſſen ſich jener gegen den Gnaͤdigen ſchuldig ge⸗ macht. Die Hauptſache aber war, daß er fuͤr Mathias wirkliche Beſorgniß hegte und fuͤr ihn das Schlimmſte furchtete, durch gewiſſe Gruͤnde und Anzeichen veranlaßt, die er ſich gleichwol ſcheute, ihm ohne Ruͤckhalt mitzu⸗ theilen. „Ich ſoll Euch zum gnaͤdigen Herrn ſchicken,“ ſagte er mit halb leiſer, ungewiſſer Stimme—„r iſt oben in der Bibliothek, wo er Euch erwartet. Hört' mal⸗ Mathias, ſo hoͤrt doch“— fuhr er fort, als dieſer ſchwei⸗ gend aufſtand und ſich anſchickte, dem erhaltenen Befehle Folge zu leiſten,—„der Herr Graf ſcheint ſehr erbittert zu ſein— das heißt— hm! er iſt ſehr gefaßt— aber—“ „Nun, was wollt Ihr denn eigentlich, Herr Binz⸗ go?ofragte der Jäger, den das ängſtliche, unentſchloſſene Gebahren des Alten beftemdete—„wenn er ſeinen Grimm uͤberwunden hat, deſto beſſer; wenigſtens werde ich dann meinen Abſchied ohne bittere Worte erhalten.“ „Ei ja doch— aber—“. Der Kaſtellan rieb ſich verzweifelnd die Haͤnde und drehte den Kopf hin und her wie ein Wendehals.„Wißt Ihr wol, daß ſeit geſtern kaiſerliche Soldaten hier in der Gegend auf Werbung liegen?“ „Zum Kuckuck, was ſchiert das mich?“ fuhr Ma⸗ chias ärgerlich auf,„denke Wunder, was Ihr fuͤr eine Neuigkeit herausdruͤcken werdet. Ich ſeh's, Ihr habt den 102 heutigen Aerger allzufleißig mit Bier hinuntergeſpuͤlt. Aber nun laßt mich gehen,'s iſt der letzte Befehl, den ich vom Grafen erhalten habe und da will ich mich eben nicht ſaumſelig zeigen.“ Damit verließ er das Zimmer und ging hinauf. Der Kaſtellan blickte ihm traurig nach, zuckte dann drei oder viermal die Achſeln, daß es ſchien, als habe ihn ein gewaltiger Muskelkrampf uͤberkommen, und begleitete dieſe denkwuͤrdige Pantomime mit einem entſprechend melancholiſchen Seufzer.„Ich furchte, der Burſche rennt in ſein Ungluͤck,“ murmelte er, das Zimmer verlaſſend. „Der Brief, den der Graf ſo uberaus eilig nach Voͤ⸗ ringen abſendete, wo die Werber liegen, und die grauſa⸗ men Blicke, die er dabei machte, wollen mir nicht aus den Gedanken. Na, wir werden ſehen, wir werden ſehen.“ Und mit einem zweiten Seufzer ging er auf ſein Zimmer. Als Mathias die Thuͤr der Bibliothek erreicht hatte, blieb er einen Augenblick zaudernd vor derſelben ſtehen. Er fuͤhlte, daß ſein Herz klopfte, und doch haͤtte er um Alles in der Welt vor dem Grafen nicht die mindeſte Betruͤbniß, vielweniger Furcht verrathen moͤgen; dazu war er zu ſtolz und zu ſehr von ſeinem guten Rechte uͤber⸗ zeugt. Er zogerte daher, und um die noͤthige Feſtigkeit zu erlangen, lenkte er ſeine Gedanken noch einmal auf die Begebniſſe des Morgens zuruͤck. Das war das rechte Mittel; denn wie ein finſteres Geſpenſt trat der erlittene Schimpf wieder vor ſeine Seele; ſeine Augen blitzten; 103 er hob raſch den Druͤcker und trat mit duͤſterer, trotziger Miene in das Zimmer. Der Graf ſaß an einem altmodiſchen, aber pracht⸗ vollen Sekretair, dem Eintretenden den Ruͤcken zugekehrt, und war eifrig mit Schreiben beſchaͤftigt. Zwei Kerzen beleuchteten unzulänglich das lange, hochgewolbte Gemach, deſſen Wände mit wohlgefullten Buͤcherrepoſitorien, Land⸗ charten und Gypsbuͤſten auf hohen Geſtellen verziert wa⸗ ren. Auf das Geraͤuſch, welches der Eintretende, ſeiner ſonſtigen, reſpektvollen Gewohnheit zuwider, machte, kehrte der Graf ſich raſch und mit einer zornigen Geberde um; aber kaum hatte er Mathias erkannt, der ſchweigend an der Thuͤr ſtehen geblieben war, als ſeine Mienen ſich urplotzlich aufhellten und einen ruhigen, beinahe freund⸗ lichen Ausdruck annahmen. „Ah, Du biſt es, Mathias,“ ſagte er leichthin,„ich habe Dich rufen laſſen, um Dir einen Auftrag zu geben, der ſchnell beſorgt werden muß. So eben habe ich von dem Ortsrichter zu Wertingen Nachricht erhalten, daß die verrufene Wildſchuͤtzbande, welche ſeit laͤngerer Zeit ſchon in den Wälsern zwiſchen Lech und Iller mit unerhoͤrter Frechheit ihr Weſen trieb, nunmehr auch meinen Forſten die Ehre ihres Beſuches gegoͤnnt hat. Ich bin nicht ge⸗ ſonnen, ſo nachſichtig, oder vielmehr feig zu ſein, wie die Herren, deren Territoren bisher der Tummelplatz dieſer Schnapphaͤhne geweſen ſind, und glucklicherweiſe gibt mir eine in Voͤringen ſtationirte Militairabtheilung Ge⸗ tegenheit, ſogleich mit gehoriger Energie gegen das Ge⸗ 104 ſindel zu verfahren. Hier iſt ein Brief an den Lieutnant von Moͤllnitz, den Du in Vöringen finden wirſt. Ohne Zweifel wird er mir den erbetenen Beiſtand gewähren und den Tag beſtimmen, wo er gemeinſchaftlich mit mei— nem Forſtgeſinde zu einem Streifzuge auszuruͤcken ge⸗ ſonnen iſt. Ich erwarte, daß Du morgen gegen Abend mit der Antwort zuruͤck biſt, denn der Weg iſt nicht all⸗ zuweit und die Nacht ziemlich hell.“ Der Graf hatte dieſe lange Auseinanderſetzung ſo raſch und lebhaft geſprochen, als fuͤrchte er, unterbrochen zu werden. Als er ſah, daß Mathias, auf deſſen Geſicht ſich das aͤußerſte Erſtaunen malte, wie eingewurzelt ſtehen blieb, fuhr er fort:„Nun, friſch zu Pferde, mein Lieber — oder haſt Du mir vielleicht noch etwas zu ſagen?“ „Gnaͤdigſter Herr“— ſtotterte der Jäger—„Ihre Guͤte beſchaͤmt mich. Nach dem, was ich mir gegen Sie erlaubte, fuͤrchtete ich—“ „Den Abſchied zu erhalten?“ ergaͤnzte der Graf mit einem gezwungenen Lacheln.„Ich will nicht ſagen, daß Du ihn nicht verdient hätteſt, Mathias— denn Deine Hitze verleitete Dich zu einer ſtrafwuͤrdigen Widerſetzlich⸗ keit, die mich um ſo tiefer kraͤnkte, als ſie den beiden Vagabunden, welche mich mit ihrer Bettelei belaͤſtigten, in ihrer Verwegenheit beſtärkte— indeß darf ich Dich um ſo weniger dafuͤr buͤßen laſſen, da ich mich der glei⸗ chen Suͤnde des Jaͤhzornes ſchuldig machte. Alfo daruͤber magſt Du ruhig ſein und in Zukunft mehr uͤber Dich 86 105 ſelbſt wachen. Nun aber in den Sattel! Hier iſt der Brief und— morgen ſehen wir uns wieder.“ Hierauf reichte er dem, noch immer von ſo unei⸗ warteter Milde und Verſoͤhnlichkeit Betaͤubten das Schrei⸗ ben und bedeutete ihm, indem er ſich wieder nach dem Sekretär umkehrte und die Feder ergriff, durch eine ſtumme Handbewegung, ſich zu entfernen. Wie ein Traͤumender verließ Mathias das Gemach, ging in den Stall und ſattelte einen kleinen lebhaften Braunen, deſſen er ſich bei ähnlichen Gelegenheiten ge⸗ woͤhnlich bedient hatte. Die verzeihende Milde und Nach— ſicht des Grafen erſchienen ihm wie ein Wunder, welches er zwar nicht begriff, das er jedoch mit unverhehlter Freude aufnahm. Nicht als ob er ſeinen Herrn noch beſonders geliebt und deſſen Verfahren gegen den jungen Andreas bereuend gerechtfertigt hätte— nein, er fuͤhlte es viel⸗ mehr deutlich, daß alle Liebe und Achtnng fuͤr immer dahin waren, aber der Gedanke, noch länger auf dem Schloſſe, in der Naͤhe der herrlichen Lydia und— was bei ihm ebenfalls in Betracht kam— unter aͤußeren Verhaͤltniſſen, welche ſo ganz ſeinen Neigungen und Wuͤn⸗ ſchen entſprachen, leben zu duͤrfen, draͤngte jedes bittere Gefuͤhl vor der Hand in den Hintergrund. Ruͤſtig forttrabend hatte er bald das Schloß im Ruͤcken. Die Nacht war ſehr dunkel, denn noch war der Mond nicht aufgegangen und truͤbe, regendrohende Wolken bedeckten theilweiſe das geſtirnte Himmelszelt. In dem erſten Dorfe, welches er zu paſſigen hatte, ſchim⸗ 106 merte hie und da noch ein Licht aus den Fenſtern der armſeligen Strohhuͤtten und aus dem Wirthshauſe toͤnten tuſtiger Sang und das Klappern der Bierkruͤge. Mathias jedoch fuhlte ſich nicht verſucht, das Amuͤſement der Dorf⸗ bewohner zu theilen; er ſetzte vielmehr ſeinen Gaul in raſchen Trab, bis er nach dreiſtundigem ſcharfen Ritte an den Fuß eines ziemlich ſteil emporſteigenden Huͤgels kam, von deſſen Gipfel ein ſeltſamer, unheimlicher Bau herniederblickte. Drei dicke, hohe Säulen ragten wie ge⸗ ſpenſtige Nebelgeſtalten in die duͤſtre Nacht hinein, von einem runden, maſſiven Unterbau ſich erhebend, zu wel⸗ chem eine breite Steintreppe fuͤhrte. Mathias ritt lang⸗ ſamer und blickte mit einer unwillkuͤhrlichen Beklemmung zu dem unheimlichen Gebaͤu hinauf. In dieſem Augen⸗ blicke brach das matte, daͤmmernde Licht der Mondſichel aus einer Lucke des truͤben Wolkenſchleiers und beleuch⸗ tete melancholiſch die öde, ſchweigende Gegend. Oben auf dem Huͤgel war das Hochge richt und die Straße fuhrte dicht an demſelben vorbei. Von jener unerklaͤrbaren Bangigkeit getrieben, welche der gefehmte Ort, der grau⸗ ſame Schlachtaltar der Gerechtigkeit in jeder menſchlich fuͤhlenden Bruſt zu erwecken pflegt, ſuchte unſer Jaͤger raſch vorbeizukommen und trieb ſein Roß zum ſchnellern Laufe an, ſo daß es ſchnaufend und keuchend die Anhoͤhe hinaufklimmte. Jebt hatte er das Plateau erreicht und war im Begriff, an der Richtſtätte im Gallopp voruͤber⸗ zujagen, als ploͤtzlich ſein Pferd ſich hoch aufbaͤumte und nicht von der Stelle wich. Mathias waͤre faſt buͤgellos „ 107 geworden, indeß bewältigte er mit geuͤbter Hand das widerſpenſtige Thier, deſſen Mähnen ſich ſträubten, als habe die Nähe eines unſichtbaren Weſens es erſchreckt. Forſchend und nicht ohne eine leiſe Anwandlung aber— glaͤubiſchen Bangens blickte er umher und entdeckte endlich zu ſeiner nicht geringen Verwunderung ein menſchliches Weſen, welches eng zuſammengeſchmiegt auf einer der Stufen kauerte, die auf die Platform des Galgens fuͤhrte.„Hollah, wer ſeid Ihr und was iſt Euer Geſchaͤft zu ſo ſpater Stunde an dieſem unheim⸗ lichen Orte?“ rief Matthias und lenkte ſein Roß, welches jetzt, wie ſein Herr, alle Furcht uͤberwunden zu haben ſchien, nach dem Fuße der Treppe.„Ich dächte, man könnte uͤberall ein beſſeres Nachtquartier finden, als eben hier.“ Die Geſtalt, ſichtlich erſchreckt durch dieſe ploͤtzliche, ziemlich rauhe Anrede, richtete ſich ſchnell in die Hoͤhe und ſtreckte dem Reiter ein Paar kleine, bittend gefaltete Haͤnde entgegen. Sein Erſtaunen wuchs, als er ein zartes, kaum ſechzehnjaͤhriges Mädchen vor ſich ſah, auf deſſen bleichen, aber anmuthigen Geſichte Angſt und Verwirrung zu leſen waren. Sie war in grobes, ſchlechtes Zeug gekleidet und glich vollkommen einer Bett⸗ lerin, auf welches Handwerk auch ein alter, ſchadhafter Tragekorb, den ſie neben ſich niedergeſetzt hatte, hinzu⸗ deuten ſchien; gleichwol deuchte es Mathias beinahe unmoͤglich, daß ein ſo hubſches Madchen ſich zur faulen Ländſtreicherei herabwuͤrdigen köͤnne. Und in der That, 108 ſie war wirklich von einnehmendem Aeußern. Eine uppige Fuͤlle ſchwarzen Haares, welches ſich geſcheitelt um das Owal eines ungewoͤhnlich blaſſen, kränklichen Antlitzes ſchmiegte, deſſen Zuͤge zwar nicht regelmäßig, aber lebendig und charakteriſtiſch waren, ein Paar große, dunkle Augen, ein kleiner, herrliche Zähne einſchließender Mund rechtfertigten die Verwunderung und man kann ſagen, die Unzufriedenheit unſers Helden vollkommen. Ihr Wuchs entbehrte noch jener ſanften Ruͤndung der vollendeten weiblichen Form, aber er war ſchlank, ſchmäch⸗ tig und biegſam, ſo unvortheilhaft das haͤßliche, hier und da ſelbſt geflikte Koſtuͤm ihn auch hervorhob. Mathias war von ſeinem Staunen noch nicht zuruͤckgekommen, als das Maͤdchen ihn anredete.„Thut mir nichts zu Leide, Herr!“ ſagte ſie mit glockenreiner, uͤberaus wohlklingender Stimme,—„ich bin es, die kleine Waldhexe.“ „Waldhexe?“ wiederholte Matthias bopfſchuͤttelnd— „Ei ja, fuͤr Hexen iſt das ein ganz annehmliches Ruhe⸗ plaͤtzchen.“„Aber wie kommſt Du dazu, Dir ſelbſt einen ſo heilloſen Titel zu geben? „Ich weiß nicht, die Bauern nennen mich ſo, wenn ich betteln komme!“ erwiderte ſie mit der harmloſeſten Unbefangenheit. „Pfui, Mädchen!“ rief Mathias ärgerlich aus— „ich ſollte meinen, Du ſeieſt alt und ſtark genug, um arbeiten zu koͤnnen. Schaͤmſt Du Dich nicht, mit dem 109 Korbe da im Lande herumzuziehen und vor den Thuͤren Deinen Bettelſpruch zu plarren?“ Die Geſcholtene ſah ihn mit einer fragenden Miene an, welche verrieth, daß ſie ſeine Vorwuͤrfe nicht begriff. „Die Leute geben mir gern etwas,“ ſagte ſie—„und ſind immer freundlich gegen mich.“ „Ei, das mag ſein!“ fuhr Matthias fort—„aber warum gehſt Du nicht in Dienſte, warum vermietheſt Du Dich nicht?“ Die Bettlerin laͤchelte verſchmitzt und ſagte, indem ſie liebkoſend den Hals des Pferdes ſtreichelte:„Ich darf nicht unter den Menſchen wohnen, es iſt unmöglich. Ich glaube, man nennt mich darum die kleine Wald⸗ here,“ fuhr ſie ſinnend fort—„weil Niemand weiß, wo ich herkomme und wohin ich gehe.“ „Wie? ich begreife aber nicht—“ „Das iſt ein Geheimniß, Herr,“ ſprach ſie mit ernſter Miene.„Anfangs iſt man mir nachgeſchlichen, man hat mich ausgefragt, der Amtmann in Burtenberg wollte mich einmal ſogar einſperren, aber es war Alles vergebens, ich habe die Neugierigen ſtets getauſcht, und werde ſie immer taͤuſchen. Ja ja, Herr, wenn mein Geheimniß entdeckt wuͤrde—“ „Nun, was dann?“ „Dann wuͤrde ich ſterben!“ ſagte ſie, und ihre feſte und feierliche Stimme verrieth den Ernſt ihrer Worte. 110 „Unbegreiflich!“ murmelte Mathias.„Haſt Du keinen andern Namen, als Waldhexe?“ „O, ich hatte ſonſt einen andern, ſchoͤnern Namen!“ erwiderte ſie traurig—„jetzt aber— jetzt—“ Sie preßte ihre Haͤnde gegen die Stirn und wendete ihre herrlichen, glaͤnzenden Augen dem Monde zu. Ihre Lippen bewegten ſich, es war, als fuͤhre ſie ein Zwie⸗ geſpräch mit den Geiſtern der Luft. Eine Weile ver⸗ harrte ſie in dieſer Stellung, wobei ihr Geſicht einen ſo fremdartigen, raͤthſelhaften Ausdruck annahm, daß Mat⸗ thias, von Erſtaunen gefeſſelt und einem myſtiſchen Zau⸗ ber unterworfen, weder ſeine Blicke von ihr zu wenden, noch durch ein Wort den Zuſtand der Verzuͤckung, in welchem die Bettlerin ſich befand, zu unterbrechen ver⸗ mochte. Mloͤtzlich richtete ſie ſich mit einer gewiſſen Wildheit empor und ihre Augen, welche jetzt von uͤber⸗ irdiſchem Feuer gluͤhten, feſt auf den Jäger heftend, rief ſie mit voͤllig veraͤnderter Stimme: „Kehre um! kehre um, armer Mann! ſie haben Dich in den Todt geſchickt!“ Mathias fuͤhlte ſich von eiſigem Schauer durch⸗ froͤſtelt. In dieſem Augenblicke war ſein Geiſt jeder Ueberlegung, jedes Zweifels unmächtig; ſeine Seele war gefeſſelt, fortgeriſſen von den gluͤhenden Augen des Mädchens, welches in der duͤſteren Erhabenheit einer be⸗ geiſterten Seherin vor im ſtand. Dem geheimnißvollen Zauber unterthan, fragte er:„Welche Gefahr droht mir und wer will mich verderben?“ 111 Einem ſeltſamen Dualismus zufolge fuͤhlte er, daß er dieſe Frage wie ein Traͤumender, gleichſam mechaniſch und von einer fremden Gewalt gezwungen that. Es war eine andere Perſon, ein anderes Ich, welches aus der innerſten Tiefe ſeines Weſens herausredete, waͤhrend er ſelbſt wie traumbefangen, dieſe Rede hoͤrte. „Ich ſehe Dich gefeſſelt, blutend!“ rief die Bettlerin wieder, waͤhrend ihre Augen noch immer ſtarr und durch⸗ bohrend an denen des Jägers hingen—„ich hoͤre Deinen gellenden Schmerzensruf, Dein dumpfes Todes⸗ roͤcheln. Zuruͤck! ſage ich, zuruͤck— zuruͤck!“ „Wo werde ich ſterben?“ i Matthias zuckte zuſammen. Es war, als ſpraͤnge plotzlich etwas in ſeinem Kopfe; ein dumpfes Klingen und Brauſen erfuͤllte ſein Hirn, und wie in weiter Ferne, halb von einem dichten, hin- und herwogenden Nebel verhuͤllt, ſah er einen langen Zug ſich den Huͤgel heraufbewegen. Gräßliche, verzerrte Geſichter, die in jedem Momente ſich verwandelten, umringten in phan⸗ taſtiſchem Tanze einen Wagen, auf dem er ſich ſelbſt erblickte. Er erkannte ſich nicht, aber die fremde Stimme, welche ihm vorhin die Frage in die Mund legte, raunte ihm zu:„Du biſt es!“ Das Geſicht verſchwand, und er fragte wieder mit dumpfer, tonloſer Stimme: „Wer wird mich toͤdten?“ 112 Das Maͤdchen ſchwieg. Ihr Buſen hob und ſenkte ſich fieberhaft, ſie holte tief und ſchwer Athem, endlich ſchrie ſie laut und gellend: „Ich ſehe ihn! ich ſehe ihn! da, der— der Henker!“ Matthias fuͤhlte ſein Herz ſtill ſtehen, es war ihm, als ſaͤnke er langſam in einen tiefen, tiefen Abgrund— das Bewufßtſein verließ ihn.— Achtes Kapitel. Erzb. Ich wirt nicht dienen, Herr! wer kann mich zwingen Bu thun, was Pflicht und Neigung mir verbieten? Hauptm. Ihr diſputirt umſonſt. Es waͤre beſſer, Ihr fuͤgtet der Gewalt Euch ohne Murren. Erzb. Verrathen und verkauft! ſo ruchwuͤrd'ge Un⸗ that! Altes Schauſpiel. Als Mathias die Augen aufſchlug, traf ſein erſter Blick die Morgenſonne, welche eben hell und ſtrahlend uͤber dem gruͤnen Laubmeere eines ausgedehnten Buchen⸗ waldes emporſtieg. Erſtaunt und noch voͤllig verwirrt ſprang er auf, denn er lag an der Erde und der feuchte Thau der Nacht hatte ſein Haar genetzt und ſeine Glieder durchkältet. Als er ſich umwendete, ſah er ſeinen Gaul an einem aus der Mauer hervorragenden Haken feſtge⸗ bunden und neben ihm ſtand ein Mann von mittleren Jahren, in einfacher Buͤrgertracht und mit einem freund⸗ lichen, gutmuͤthigen Geſichte. „Ach, Gott ſei Dank, daß Sie zu ſich kommen!“ ſagte der Fremde und reichte ihm vergnuͤgt die Hand— „eben wollte ich hinunter nach Voͤringen und Hilfe fuͤr 8 114 Sie herbeiholen. Sie haben einen boͤſen Anfall gehabt, und gerade an dieſem haäßlichen Orte. Wie?“ Mathias blickte noch immer wie ein Traͤumender umher; allmaͤlig daͤmmerte die Geſtalt der Bettlerin in ſeiner Erinnerung auf, aber es war ihm durchaus un⸗ moͤglich, ſich die Reſultate und Begebniſſe des mitter⸗ naͤchtlichen Zuſammentreffens zuruͤckzurufen. Er rieb ſich die Stirn, ſchuͤttelte den Kopf, ſann und gruͤbelte— aber die Frucht all' dieſes Nachdenkens uͤber die Urſache ſeiner Ohnmacht war nur eine um ſo groͤßere Verwir⸗ rung, die ihn wahrhaftig mit Angſt erfuͤllte, denn er glaubte faſt, den Verſtand verloren zu haben. „Vor ein Paar Minuten kam ich herauf und ſah Sie leblos und todtenblaß im Graſe ausgeſtreckt liegen!“ nahm der Fremde wieder das Wort, ihn theilnehmend anblickend.„Ich weiß nicht, ob ich fragen darf— aber— hat Sie vielleicht beim Vorbeireiten etwas er⸗ ſchreckt? Es iſt ſchon vorgekommen, daß— „Gibt es hier in der Gegend ein Maͤdchen, eine Bettlerin, die man die nennt?“ fragte Ma⸗ thias haſtig. „Aha, der kleine ſcheiniſhe Kobold hat ſich einen ſchlechten Spaß mit Ihnen gemacht?“ rief der Fremde mit pfiffigem Blinzeln.„Ei, das Blitzmaͤdel kann ihre vermaledeiten Launen und Kniffe nicht laſſen. Gewiß iſt ſie hier um Mitternacht herumgetanzt, wie eine Elfe, und hat Ihnen einen Todesſchreck verurſacht. Das iſt 115 ſo ihre Liebhaberei; nachher lacht ſie Einen aus, daß man nicht weiß, ſoll man ihr boͤſe werden, oder—“ „Nein, nein, guter Freund,“ unterbrach den Schwat⸗ zenden Mathias, indem er mit zerſtreuten Mienen zu Pferde ſtieg—„ich glaube, wir hatten ein Geſpräch— ein ſonderbares Geſpraͤch, deſſen Inhalt ich gleichwol rein vergeſſen habe. Ich muß behert geweſen ſein.“ „Glaub's wol, Herr!“ erwiderte der Fremde, in⸗ dem er, die Haͤnde auf dem Ruͤcken gekreuzt, neben Mathias hinſchlenderte, der langſam den Huͤgel hinab⸗ ritt.„Die Leute ſagen, ſie ſei nicht wie andere Menſchen. Denn wenn man bedenkt, daß ſie eigentlich Niemand kennt, daß ſie mit ihrem Bettelkorbe Jahr aus Jahr ein zwiſchen Lech und Iller herumzieht, dann wieder plotzlich verſchwindet, ſo ſpurlos, als waͤre ſie ge— raden Weges jen Himmel geflogen,— na, da weiß man wahrhaftig nicht, ob die kleine Waldhexe ihren Titel ſo ganz mit Unrecht fuͤhrt.“ „Iſt ſie vielleicht in dieſer Gegend geboren?“ fragte der Jaͤger. „Gott bewahre!'s hat noch Niemand'nen Tauf⸗ ſchein bei ihr geſehen. Vor etwa ſechs Jahren kam ſie das erſte Mal hinunter nach Voͤringen. Das arme Kind war ſo klein und ſchwachlich, ach und ſo ver⸗ hungert, daß den guten Bauerweibern die Thränen in die Augen traten, als ſie um ein Stuͤcklein Brot bettelte. Man gab ihr reichlich, und die Frau des Schultheißen erbot ſich, ſie an Kindesſtatt anzunehmen; aber dagegen 116 ſtreubte fich die Kleine mit Haͤnden und Fuͤſſen und rannte ſpornſtreichs in den Wald hinein. Nachher kam ſie oͤfter, und weil ſie fuͤr ihr Alter ſo uͤberaus klug und verſtaͤndig war und zu ſprechen wußte, wie eine vornehme Dame, ließ man ſie gehen und hantieren, wie ſie wollte; nur begreift man nicht, was ſie mit all' den Lebensmitteln anfaͤngt, die ſie nach einem ſolchen Bettelgange mit ſich ſchleppt. Uebrigens iſt ſie ſchlau und durchtrieben, und ich moͤchte Keinem rathen, ſie zu erzuͤrnen oder ihren Schritten nachzuſpuͤren, denn ſicher raͤcht ſie ſich durch irgend einen Schabernack oder boͤſen Streich. Wir haben Beiſpiele gehabt. Der Armenvogt Benedix in Manningen zum Beiſpiel ſpionirte voriges Jahr hinter ihr her; aber—“ „Wie weit iſt es noch bis nach Voͤringen?“ unter⸗ brach hier Mathias wieder den Schwätzer, dem er zer⸗ ſtreut und achtlos zugehoͤrt hatte. Dieſer, durchaus nicht beleidigt durch den Mangel an Aufmerkſamkeit fur ſeine Erzaͤhlung, berichtete mit derſelben Dienſtbefliſſen⸗ heit, daß man nach einem halbſtuͤndigen Wege durch den Buchenforſt den Kirchthurm von Voͤringen erblicke, und bedauerte nur, daß Geſchaͤfte ihn abhielten, den jungen Herrn bis an das Ziel ſeiner Reiſe zu begleiten.„Ich muß hier dieſen Weg einſchlagen,“ ſagte er, als ſie am Eingange des Waldes an eine Kapelle kamen, wo verſchiedene Wege ſich kreuzten—„und da ich nicht hoffen darf, bei einem etwaigen Wiederſehen einen freund⸗ lichen Blick oder ein gutes Wort von Ihnen zu erhalten, 117 ſo laſſen Sie mich Ihnen hier noch ein herzliches Lebe⸗ wohl und gluͤckliche Reiſe wuͤnſchen.“ „Warum vermuthen Sie, daß ich unhoͤflich genug ſein koͤnnte, bei einer Wiederbegegnung mich Ihrer nicht mehr zu erinnern?“ fragte Mathias befremdet, indem er die dargebotene Rechte ſeines Begleiters ſchuͤttelte.— „Wenn ich Ihren Namen und Wohnort erfuͤhre, wuͤrde ich im Gegentheil es mir zum Vergnuͤgen machen, Sie gelegentlich einmal zu beſuchen.“ „Das werden Sie nicht thun!“ verſetzte der Fremde und uͤber ſein munteres, ehrliches Geſicht flog ein Schat⸗ ten tiefer Trauer.„Haͤtten Sie mich gekannt, wer weiß, ob ſie mir erlaubt haͤtten, das kleine Stuͤckchen Weges mit Ihnen zu gehen.“ „Aber wer ſind Sie denn, Mann?“ fragte Ma⸗ thias, ſein Pferd anhaltend— und eine dunkle Erinne⸗ rung, die ihn erbleichen machte, ſtieg in ihm auf. „Ich bin— Scharfrichter!— Leben Sie wohl!“ Mit dieſen Worten verſchwand der Fremde im Gehoͤlz. Mathias aber fuͤhlte ſich von einem unnenn⸗ baren Angſtgefuͤhl ergriffen und verſuchte vergebens, es dem herrſchenden Vorurtheile, welches jede Gemeinſchaft mit dem Henker verabſcheuenswerth machte, zuzuſchreiben. Dieſes Grauen lag tiefer, denn es ergriff ſeine Seele, und ſein Herz zog ſich krampfhaft zuſammen. Gleich als wolle er boͤſen Geiſtern entfliehen, ſpornte er ſein Pferd, jagte den Waldweg entlang und maͤßigte nicht eher ſeinen Lauf, bis er die Strohdaͤcher und den weiß⸗ 118 getuͤnchten Kirchthurm von Voͤringen, das Ziel ſeiner Reiſe, vor ſich ſah. Als er in das Dorf eintrat, verſchwand nach und nach jene druͤckende Beaͤngſtigung, denn es herrſchte hier reges, kriegeriſches Leben. Eine Abtheilung Truppen, groͤßtentheils Rekruten und Neuangeworbene, welche ein⸗ exercirt werden ſollten, ſchienen ihre martialiſche Geſin⸗ nung durch tollen Laͤrm und allzugroße Munterkeit do⸗ kumentiren zu wollen. In den Hofraͤumen der Haͤuſer tummelten ſich die edlen Vaterlandsvertheidiger herum, die Maͤgde kuͤſſend und mit den Knechten ſich pruͤgelnd; nur ein kleines Haͤufchen Ungluͤcklicher ſtand in Front vor den Heldenblicken eines Korporals, der den Unge⸗ lehrigen unter tauſend uͤberaus kräftigen Fluͤchen und nicht minder kraͤftigen Demonſtrationen ſeines gewichtigen Speeres das Rechts und Links und die Handhebung der Muskete einzupraͤgen bemuͤht war. Auf Mathias Frage nach dem Quartier des Lieutenant von Moͤllnitz ward er nach dem Wirthshauſe gewieſen, einem alten ſteinernen Gebaͤude mit zwei ſpitzigen Giebeln, kleinen, tiefen Fenſtern und einem weitlaͤufigen, von Scheuern und Stallungen gebildeten Hofraume. Seinen Gaul einem muͤſſig herumſchlendernden Jungen uͤbergebend, trat er vorerſt in die Schenkſtube, wo eine auserwaͤhlte Geſell⸗ ſchaft, beſtehend aus fuͤnf oder ſechs Corporalen und Feldwebeln trinkend und ſchmauchend um einen runden Tiſch ſaß und den hoͤflichen Gruß des Ankoͤmmlings gravitaͤtiſch erwiderte. —,————— 119 „Ich habe einen Auftrag an den Herrn von Moͤll⸗ nitz“— ſagte Mathias, näher tretend—„und wenn einer von den Herren hier mich zu ihm fuͤhren wollte—“ „Soll gleich geſchehen!“ ſagte ein dicker, vierſchroͤ⸗ tiger Oeſtreicher mit einem fuͤrchterlichen Schnurbarte. „Schau, Kamerad, i freu' mich jed'smal, wenn aner von ſelbſt kommt, dem Kurkuͤrſten zu dienen und nit d'rauf wart', daß man'n in die Uniform neinpruͤgeln und mit G'walt zu'nen ſchmucken, reputirlichen Soldaten macht. Na, Ihr ſollt's nit bereu'n, Kamerad, und beſonders wenn Ihr das Gluck habt, in meine Section zu kommen.“ „Das iſt ein Irrthum, Herr!“ unterbrach Mathias den ungalanten Lobredner des Soldatenſtandes.„Ich ſtehe in herrſchaftlichen Dienſten und habe dem Herrn Lieutnant nur einen Brief zu uͤberbringen.“ „Hm! waret Ihr nicht Leibjaͤger beim Grafen von Waldſees?“ fragte ein Anderer mit verſchmitzter Miene. „Ja wol, und bin's noch!“ „Na, da hat's ſchon ſeine Richtigkeit. Er ſieht, wir kennen Ihn und haben Ihn erwartet. Jetzt red' Er mit unſerm Lieutnant, und hernach kann Er ſich gleich die Montur anmeſſen laſſen.“ Mathias lachte uͤber den Scherz, mit dem man ihn, wie er glaubte, zu ängſtigen ſuchte, und folgte dem Oeſtreicher, der ſich phlegmatiſch erhob, in das Neben⸗ zimmer, aus welchem eine Treppe in den erſten Stock fuhrte. Sie ſchritten über einen weiten, dunklen Flur, an deſſen Ende der Korporal eine niedrige Thuͤr offnete 120 und mit Mathias eintrat. Die Mitte des ſehr einfach und altväteriſch meublirten Zimmers nahm ein großer, halbrunder Tiſch ein, an welchem drei oder vier Indi⸗ viduen eifrig mit Schreiben beſchäftigt waren, während der Lieutnant, nachlaͤſſig in einen tiefen Armſtuhl zu⸗ ruͤckgelehnt, diktirte. Herr von Mollnitz war jung, ſein Geſicht einnehmend und intereſſant, obwol es die Spu⸗ ren eines zu raſch und mit vollen Zuͤgen genoſſenen Lebens nicht verlaͤugnen konnte; uͤberdies ſprach aus ſeinen matten, grauen Augen und aus einem ſcharfen, ſarkaſtiſchen Zuge um den Mund jene geiſtige und kör⸗ perliche Erſchoͤpfung, jenes erdruͤckende Ennui, welches wir in der Salonwelt und den höhern Kreiſen der Ge⸗ ſellſchaft nur zu oft bei fruͤhzeitig verlebten und durch unklugen Mißbrauch fuͤr alle Genuͤſſe abgeſtumpften Leuten zu finden pflegen. Sein Haar war ſorgfältig gekraͤuſelt und gepudert und die aufgeknopfte Uniform ließ ein blendendweißes Spitzentuch, von einer Brillant— nadel gehaiten, ſehen. Als Mathias und der Korporal eintraten, hielt der Geſchilderte im Diktiren inne und erwartete, den Jäger mit einem gleichgiltigen Blicke meſſend, deſſen Anrede. Dieſer aber, dem daran gelegen war, moͤglichſt bald den Ruͤckweg antreten zu können, zog den Brief des Grafen aus der Taſche und uͤberreichte ihn dem Lieutnant mit einer ſtummen Verbeugung. „Ach, vom Grafen von Waldſees?“ fragte dieſer, Siegel und Handſchrift betrachtend und dann gemaͤchlich 121 das Schreiben oͤffnend.„Ihr ſeid alſo der junge Mann, welcher bei uns Dienſte nehmen will?“ Mathias ſtutzte und konnte eine leiſe Unruhe ob dieſes nochmals wiederkehrenden, ihm unbegreiflichen Irr⸗ thums nicht verbergen.„Gnaͤdiger Herr,“ ſagte er kopfſchuͤttelnd—„s iſt mir nicht in den Sinn gekom⸗ men, Soldat zu werden; ich bin zufrieden mit meiner jetzigen Lage und wuͤßte nicht, warum ich—“ „Ihr heißt doch Mathias Kloſtermeier?“ unter⸗ brach ihn raſch der Offizier, der indeß die wenigen Zeilen des Schreibens uͤberflogen hatte. „Ja, gnädiger Herr! aber—“ „Gebuͤrtig aus Erbach bei Friedberg in Baiern?“ „Allerdings! indeß—“ „Nun gut, wozu dann noch das uͤberfluͤſſige Schwatzen? Korporal, laß Er dem neuen Rekruten die Uniform anpaſſen und ſchicke Er ihn morgen nach Augsburg.“ „Sehr wol!“ verſetzte der dicke Oeſtreicher und ſchwenkte ſich militairiſch auf dem Fuße herum. Er oͤffnete die Thuͤr und bedeutete Mathias durch eine wuͤrdevolle Pantomime zu folgen; der aber ſtand ein Paar Sekunden lang wie angedonnert, denn die Ahnung eines ſchaͤndlichen Verraches durchzuckte wie ein jäher Blitzſtrahl ſein Gemuͤth. „Nun, Ihr koͤnnt gehen, Burſche! ſagte der Lieut⸗ nant und ſchickte ſich an, das unterbrochene Diktiren fortzuſetzen. „Herr, um Gotteswillen, was ſoll das Alles heißen?“ rief jetzt Mathias erbleichend und mit bebender Stimme. „Es kann unmoͤglich Ihr ernſtes Vorhaben ſein, mich wider meinen Willen zum Soldaten zu machen!“ „Was kuͤmmert mich denn Euer Wille?“ ſagte der Offizier rauh—„man ſchickt Euch hieher, um in meine Truppenabtheilung aufgenommen zu werden. Dies ge⸗ ſchieht, und damit Baſta!“ Wieder wendete er ſich zu ſeinen Schreibern, waͤh⸗ rend der Korporal dem Ungehorſamen ein grimmiges Geſicht ſchnitt. Mathias aber druͤckte die Hande gegen die Stirn, denn es war ihm in dieſem Augenblicke, als muͤſſe er wahnſinnig werden.„Es iſt ein Irrthum, ſage ich Euch!“ ſchrie er und ſtuͤrzte an den Tiſch. „Der Graf, mein Herr, ſchickt mich hieher, um in Gemeinſchaft mit Euch die Wildſchuͤtzen aus ſeinen For⸗ ſten zu treiben.“ Die unmuthige Stirn des Herrn von Moͤllnitz er⸗ heiterte ſich bei dieſen in der hoͤchſten Aufregung und Beſtuͤrzung geſprochenen Worten, und er brach endlich in ein lautes, herzliches Gelaͤchter aus, welches die Schreiber pflichtſchuldigſt accompagnirten. Macthias fuͤhlte ſein Blut ſieden und ſeine Augen ſpruͤhten Funken. „Liebſter Freund, Ihr ſeid ſpaßhaft!“ ſagte der Offizier, als er ſich von dem gewaltigen Anfalle von Luſtigkeit einigermaßen erholt hatte.—„Zum Dank dafuͤr, daß Ihr meine Lachmuskeln durch Eure Wild⸗ ſchuͤtzenidee ſeit Jahren wieder einmal in Bewegung ge⸗ 123 ſetzt habt, will ich mich übrigens herablaſſen, Euch zu erklären, daß und warum Ihr Soldat werden muͤßt. Die Sache iſt kurz dieſe: der Graf von Waldſees, emport uͤber Euer ſchlechtes und widerſetzliches Betragen, hat Euch Eures bisherigen Dienſtes entlaſſen!“ „Wie? das iſt unmoglich!“ ſchrie Mathias. „Mein Gott, was ſeid Ihr fuͤr ein hartnaͤckiger Menſch!“ ſagte der Offizier und zog gähnend ein Con⸗ volut Papiere aus einem Schubfache.„Da ſeht Eure Atteſte und Euren Emtlaſſungsſchein, beide nicht ſehr ſchmeichelhaft fuͤr Euch abgefaßt, denn man bezeichnet Euch unumwunden als einen faulen, liederlichen und trotzigen Schlingel.“ Mathias ſtarrte auf die Zeilen, welche der Lieut⸗ nant ihm vor die Augen hielt. Die Buchſtaben flirrten und wogten durcheinander, aber gleichwol reichte eine Minute hin, den Getaͤuſchten zu uͤberzeugen, daß Herr von Moͤllnitz die Wahrheit geſprochen hatte. Er war verläumdet, hintergangen, verrathen! Ein unnennbarer, ſtechender Schmerz ſchien ihm die Bruſt zuſammenzu⸗ ſchnuͤren, aber in ſeinen Schlaͤfen pochte es wild, und ſiedendes Feuer ſchien ſeine zuckenden Glieder zu durch⸗ wallen. „Das iſt ein Uriansbrief, ein Luͤgengewebe!“ ſagte er mit der holen, tiefen Stimme erſtickter Wuth— „aber ich werde ihn zuͤchtigen! Bei Gott, er ſoll mir Rede ſtehen!“ Ei, was fällt Euch da wieder ein?“ unterbrach 124 ihn der Lieutnant—„was wuͤrde der Graf ſagen, wenn ich Euch hier fortließe, damit Ihr ihm mit einem Höllenſpektakel nochmals läſtig fielet? Mag Eure Auf⸗ fuhrung in dieſen Atteſten wahr oder unrichtig geſchildert ſein, genug, ſie wurden mir geſtern Abend uͤberbracht mit der Beifuͤgung, daß ein Paar Jaͤhrchen Militair⸗ dienſt Euch vielleicht korigiren koͤnnten, und daß Ihr, dies einſehend, Euch ſelbſt zur Einrangirung melden wuͤrdet. Das iſt geſchehen, und da Ihr jetzt wißt, wie's mit Euch ſteht, ſo ſcheert Euch hinunter, denn ich bin beſchaͤftigt.“ „Nimmermehr!“ keuchte Mathias, ſich hoch em⸗ porrichtend—„das iſt Seelenverkaͤuferei; wer kann mich zwingen, die Muskete zu ſchleppen?“ „Der da!“ ſagte der Lieutnant und deutete auf das gewichtige Sponton des Korporals, der finſter drohend, wie das Verhaͤngniß, noch immer an der Thurſchwelle ſtand.„Und uͤberdies wird Euch bekannt ſein, daß die Werbeoffizire Seiner kurfuͤrſtlichen Hoheit nicht nur das Recht, ſondern ſogar den Befehl haben, dienſt- und her⸗ renloſes Geſindel, Vagabunden ꝛc. ohne Umſtände zu re⸗ krutiren. Da Ihr nun, wie ich Euch gezeigt, unläugbar zu dieſer Kategorie gehoͤrt—“ „Es iſt gut!“ ſagte Mathias und trocknete ſich perlende Schweißtropfen von der Stirn.„Da bin ich, thut mit mir, was Ihr wollt!“ „Bringt den Rekruten auf die Wache, Ftzott Steinhuͤber!“ befahl der Offizier.„Morgen marſchirt 125 ſämmtliche neugeworbene Mannſchaft nach Augsburg, um dort zur Fahne zu ſchwoͤren! Und nun fuͤhrt Euch gut auf, Mathias Kloſtermeier; das faule Bedientenleben hat ein Ende und jeder Ruͤckfall in Eure fruͤhern Suͤn⸗ den veranlaßt zuverlaſſig eine unangenehme Bekanntſchaft Eures Ruͤckens mit dem Profoßſtocke!“ Machias antwortete nur durch einen wilden, bos⸗ haften Blick. Ja, der offene, lebendige Ausdruck, der bisher ſein Geſicht beſeelt hatte, war im Laufe dieſer verhängnißvollen Unterredung ausgetilgt durch einen feind⸗ ſeligen, duͤſtern Zug, der des Jägers feſt zuſammenge⸗ preßte Lippen umſpielte. Dieſer Zug, der von jenem Augenblicke an unverloͤſchlich, wie von des finſtern Fatums eiſerner Hand in ſein Antlitz gegraben war, verkuͤndete, daß in des jungen Mannes Herzen eine Schaar boͤſer Geiſter gewaltſam erweckt worden war, daß Haß, Bos⸗ heit und Rachſucht ſeine beſſern Gefuͤhle zu erſticken, ſein friſches, inneres Leben zu vergiften begannen. Mathias und der Korporal Steinhuͤber verließen das Zimmer. Letzterer fuͤhrte den Neugeworbenen wieder in das Erdgeſchoß und trat mit ihm in ein weites, trub⸗ ſeliges Gemach, welches der Schenkſtube gegenuͤber lag und eine Art von Hauptwache vorſtellte. Denn auf einer langen, an der Wand hinlaufenden Pritſche lagen ein Dutzend Soldaten, zum Theil ſchlafend, zum Theil aus kurzen Gypsſtummeln rauchend, und in fauler Indolenz dichte Dampfwolken vor ſich hinblaſend. In der Mitte der Stube, deren Fußboden aus gebrannten Backſteinen . 126 beſtand, ſaßen um einen alten, runden Tiſch mit Kugel⸗ fuͤßen mehre Individuen mit brutalen, ſtumpfſinnigen Phyſiognomieen hinter maͤchtige Bierkruͤge verſchanzt, waͤhrend wieder Andere auf dem Fußboden, um eine Trommel herumgelagert, eifrig den Chancen eines geiſt⸗ reichen Kartenſpieles folgten, deſſen Name„Lanzknecht“ ſeinen deutſchen und zugleich militairiſchen Urſprung doku⸗ mentirte. In einer Ecke, nahe am Ofon, ſaß hinter einem etwa drei Fuß hohen Verſchlage ein dämiſcher, dickkopfiger Junge, an ein mächtiges Bierfaß gelehnt, deſſen Inhalt in den Kruͤgen der zechenden Soldaten ſchaͤumte. Die vier kleinen, erblindeten Fenſter dieſer Wachſtube waren ſtark vergittert, und im Hausflur ſchritt ein Poſten taktmaͤßig auf und ab. Mathias wuͤrdigte ſeine neuen Kameraden, die ihn gleichgiltig anſtarrten, keines Blickes, ſondern warf ſich, das Geſicht nach der Wond kehrend, auf eine, den rieſigen Kachelofen umge⸗ bende Bank, und bald vereinigten ſich die Meinungen der Soldaten dahin, daß er feſt ſchlafen muͤſſe, obgleich bisweilen dumpfes Geſtoͤhn und ein leiſes, unterdruͤcktes Schluchzen von der Ofenbank zu ihnen heruͤbertoͤnte. ——— Neuntes Kapitel. Chriſtian. Sie muß mein ſein, mein! —— Denn hier das Herz iſt ode Und ſehnt ſich laͤngſt nach Liebesnahrung ſchon, Die Hunger iſt und Saͤttigung zugleich. H. Marggraff. Taͤubchen von Amſterdam. Geßler. Bei Gott Es war ein Meiſterſchuß! ich muß ihn loben! Wilhelm Tell. Als der Lieutnant von Moͤllnitz ſeine Amtsgeſchafte zu Ende gebracht hatte, ließ er das Bureau auseinander gehen und befahl einem ſchmaͤchtigen, rothkoͤpfigen Bur⸗ ſchen, der auf ein energiſches Klingeln vor ſeinem Herrn erſchien, ſogleich die Pferde zu ſatteln. Dies geſchah, waͤhrend der Offizier ſorgfältige Toilette machte, und als er dieſe hochwichtige Angelegenheit zur Zufriedenheit in's Werk geſetzt, den maͤchtigen Dreiſtutz mit dem hoch⸗ ſchwankenden Federbuſche auf den elegant friſirten Kopf geſtulpt, den geſtickten, engen Oberrock angethan und den Degen mit blitzendem Griffe, nebſt der ſilberdurchwirkten Schaͤrpe umgeguͤrtet hatte; eilte er mit ſporenklirrenden Tritten hinab und ſchwang ſich grazioͤs auf ſeinen präch⸗ tigen, iſabellfarbigen Renner. Desgleichen that ſein Burſche Florian, dem ein dicker, kurzbeiniger Schimmel beſchieden war, und fort ſprengten die Beiden, die Dorf⸗ gaſſe entlang, durch den Buchenwald auf der Straße nach Schloß Rußberg. 128 Der koͤſtliche Morgen mit ſeiner wuͤrzigen Friſche, die thaubeperlten, mit weißen Maßliebchen und Glocken⸗ blumen beſäeten Wieſen, endlich der klare, wolkenloſe Himmel, an welchem die Sonne mild und ſtrahlend wie das Auge des Weltenſchoͤpfers emporſtieg, verſetzten den Offizier in eine ſo freie, heitere Stimmung, wie ſie ihm lange nicht, weder im lauten Getuͤmmel des Feldlagers, noch in der ſtolzen, praͤchtigen Ueppigkeit des Reſidenz⸗ lebens beſchieden war. Und welche Luſt kann ſich auch meſſen mit der froͤhlichen Begeiſterung, die kuͤhn und belebend unſere Bruſt erweitert, wenn wir auf dem Ruͤcken eines feurigen Roſſes dahinſprengen durch Flur und Feld, wenn der friſche Morgenwind in unſern Locken ſpielt und der warme Sonnenſtrahl die goldſchimmernde Erde mit bräutlichen Kuͤſſen bedeckt? Jene innere Leere und Langeweile, welche wie ein Geſpenſt auf der Seele des jungen Kriegers bisher ge⸗ laſtet, wurde gebannt durch die Allmacht des herrlichen Sommermorgens, und je raſcher die beiden Reiter dahin⸗ flogen, je heller das Lied der Lerche rechts und links aus Gebuͤſch und Saatfeld ertoͤnte, deſto munterer blitzte das matte Auge des Kavaliers, deſto lebhafter und raſcher wurden die Schläge ſeines Herzens. „Ich fuͤhl' es, Florian, wir werden Gluͤck haben!“ rief er, ſein Roß anhaltend, dem muͤhſam nachkleppern⸗ den Diener zu—„mir iſt lange nicht ſo wohl geweſen, als eben heute, und faſt moͤchte ich mich vermeſſen, eine Wette einzugehen, daß ein gewiſſer geheimer Wunſch, der ſeit ein Paar Tagen in mir empordaͤmmerte, erfuͤllt werden muͤſſe.“ „Der gnaͤdige Herr koͤnnen doch keine andern ge⸗ heimen Wuͤnſche haben, als daß der verfluchte Jude Leviſon in Muͤnchen plotzlich die Gefälligkeit haͤtte, den Hals zu brochen!“ ſagte der Diener mit einem ſpottiſchen Lächeln.„Denn ſehen Sie, wenn nicht nächſtens ſo'n Wunder geſchieht, ſind Ihre Wechſel verfallen, Ihr Landgut in Franken mit Beſchlag belegt und Sie ſelber—“ „Schweig, Unke!“ unterbrach ihn zuͤrnend Moͤllnitz, deſſen gute Laune in Gefahr war, durch die unerquick⸗ lichen Admonitionen Florians voͤllig zerſtoͤrt zu werden; —„Du ſcheinſt es Dir zur Aufgabe gemacht zu haben, mich fortwaͤhrend zu gquaͤlen und jedem Sonnenblicke, der durch einen freundlichen Zufall einmal in mein truͤ— bes Leben faͤllt, gefliſſentlich in den Weg zu treten. Was gehen Dich meine Schulden an?“ „Nichts, gar nichts, gnaͤdiger Herr!“ ſagte Florian gleichgiltig.„Freilich—“ „Uebrigens ſteht es noch nicht ſo ſchlimm mit mir, als Du wähnſt, und wenn ſich mein Plan realiſiren ließe, wenn der Graf— hm! warum ſollte es nicht moͤglich ſein nous verrons!“ Dieſen ganzen Satz hatte der Offizier halb laut und zu ſich ſelbſt geſprochen und vertiefte ſich nun in ein langes, reifliches Nachdenken. Florians leiſes Gehoͤr 130 hatte aber die geheimnißvollen Worte trefflich aufgefaßt und begann ſie nach ſeiner Art zu commentiren. „Alſo auf die huͤbſche Baroneß von Waldſees hat er's abgeſehen? Hoho, er iſt ſo dumm nicht!“ brummte er vor ſich hin, indem er, dem Beiſpiele ſeines Herrn folgend, langſamer ritt und etwas zuruͤckblieb.„So eine einzige Tochter und Univerſalerbin kann er brauchen, denn, weiß Gott, wenn ihm der Himmel nicht binnen Jahresfriſt etwas dergleichen beſcheert, ſo nimmt's ein Ende mit Schrecken. Alles vergeudet, Alles verſpielt und verjubilirt und zehntauſend Thaler Schulden— baar! wenn das Jemand dem Alten in die Familien⸗ gruft hinunterziſchelte; ich glaube, der finge augenblicks an zu ſpuken, oder naͤhme den ungerathenen Sohn bei lebendigem Leibe mit ſich fort.“ Florian bekreuzte ſich, holte dann eine kurze Thon⸗ pfeife nebſt Tabaksbeutel und Feuerzeug aus der Taſche, und dampfte bald ſo wuͤrdevoll und behaglich wie ein hollaͤndiſcher Mynher von ſeinem Gaule herunter. Der Kammerdiener war eines jener unveraͤußerlichen Inven⸗ tarienſtuͤcke, welche trotzbietend allen Todesfällen, Beſitz⸗ wechſeln und Erbſchaften, ſtets in der Familie bleiben, in die ſie durch lange und treue Dienſtzeit voͤllig einge⸗ buͤrgert ſind. Florian war ein Vierziger und hatte be⸗ reits viele Jahre bei dem Vater des Offiziers als Kam⸗ merdiener fungirt, welchen Poſten er nun ſeit beinahe zehn Jahren zu Nutz und Frommen des einzigen Soͤhn⸗ leins, bei deſſen Geburt er ſich zum erſten Male betrank, 131 mit demſelben Eifer bekleidete. Daher kam es denn, daß ein ziemlicher Grad von Vertraulichkeit zwiſchen Herrn und Diener ſtatt fand und daß der Offizier, ſo haͤßlich Florian auch war— denn außer ſeinem rothen ſtruppigen Haare verunſtaltete ihn uͤberdies eine kurze, unfoͤrmlich dicke Stumpfnaſe und zwei kleine, fuͤrchterlich ſchielende Kalmuͤckenaugen— dennoch eine gewiſſe, der Freundſchaft verwandte Neigung fuͤr ihn hegte und ſich ſelbſt den bittern, gewoͤhnlich ſpoͤttiſchen und ſarkaſtiſchen Ton gefallen ließ, in welchen Herr Florian ſeine Rath⸗ ſchläge, Meinungen und Anſichten gewoͤhnlich einzukleiden beliebte. um eine Waldſpitze herumbiegend ſahen dieſe Rei⸗ ſenden endlich Schloß Rußberg vor ſich liegen. Der Offizier warf noch einen pruͤfenden Blick auf ſeine Toi⸗ lette, die jedoch von dem ſcharfen Ritte nicht gelitten hatte, Florian verſenkte die Pfeife, welche er zum dritten Male geſtopft, unangezuͤndet in die Taſche, und im gemaͤchlichen Schritt zogen ſie den Huͤgel hinan und durch das gaſtlich offenſtehende Thor. Von dem Kaſtellan mit tauſend Buͤcklingen empfan⸗ gen und dem Schloßherrn gemeldet, folgte Herr von Moͤllnitz dem devoten Alten nicht ohne Befangenheit durch eine lange Zimmerflur und konnte, als er ſich plotzlich in einem kleinen, aber praͤchtig ausgeſtatteten Gemache dem Grafen und deſſen Tochter gegenuͤber ſah, ſeine Cvurtoiſie und Gewandtheit nicht ſo ſchnell finden, als er wol wuͤnſchte. Der Eindruck, welchen Lydias 9* 132 hohe Schoͤnheit auf ihn machte, war ſo ſiegreich und blendend, daß er kaum Worte fand zu einer foͤrmlichen Begruͤßung, obwol er die Baroneß ſchon fruͤher fluͤchtig einige Mal in Muͤnchen in der Oper und auf Hofballen geſehen und ſelbſt mit ihr getanzt hatte. Sie trug, da es noch am Morgen war, ihr prachtvolles, goldfadiges Haar geſcheitelt und ungepudert, und ein einfaches Säm⸗ metkleid hob ihren blendend weißen Teint und den feinen, ſchlanken Wuchs auf das Vortheilhafteſte hervor. Mit dem ihr eigenthuͤmlichen mildfreundlichen Lächeln begrußte ſie den Offizier, welchem der Graf hetzlich die Hand druͤckte und zum Sitzen nothigte. „Sie kommen, mir die gluͤckliche Zaͤhmung des ungeſchlachten Wilden zu melden, den ich Ihnen zu⸗ ſandte“— ſagte der Graf lächelnd—„und mir den wohlverdienten Dank dafur abzuſtatten, daß ich den Trup⸗ pen Seiner churfuͤrſtlichen Hoheit eine ſo treffliche Ac⸗ quiſition verſchaffte.“ „Die Zaͤhmung des Wilden ſoll nun wol erſt beginnen,“ erwiderte Herr von Moͤllnitz—„indeß duͤr⸗ fen Sie ſich uͤberzeugt halten, daß er binnen vier Wo⸗ chen ſo ſolid und biegſam ſein wird, als man nur immer wuͤnſchen kann. Was Ihre zweite Vorausſetzung betrifft, ſo muß ich leider meinen Egoismus bekennen, der mich weniger an den Ihnen gebuͤhrenden Dank, als vielmehr an das Gluͤck denken ließ, Ihrer ſchoͤnen Tochter nach langer Trennung wieder begegnen zu durfen“ Lydia errothete und verbengte ſich ſchweigend. Auch der Offizier fuͤhlte mit großem Unbehagen, daß er in der Einleitung eines wärmeren Geſpraͤchs nicht gluͤcklich ge⸗ weſen ſei und begriff nicht, welcher boͤſe Damon ihm gerade heute und einem Weſen gegenuͤber, in deſſen Auge er um jeden Preis intereſſant und liebenswuͤrdig zu erſcheinen wuͤnſchte, Zunge und Gedanken laͤhmte. Den Baron, der einen Angenblick duͤſter und nachdenklich vor ſich hingeblickt hatte, entging die Verlegenheit der beiden jungen Leute nicht, und mit dem feinen Takte eines geuͤbten Weltmannes nahm er nicht nur den Faden der Unterhsltung auf, ſondern wußte ſie auch ſo raſch zu beleben und ſowol ſeine Tochter wie den Offizier in dieſelbe zu verflechten, daß in weniger denn einer Vier⸗ telſtunde jede Spur von Befangenheit aus der kleinen Geſellſchaft verſchwunden war, und Herr von Moͤllnitz mit großer Selbſtbefriedigung die Bemerkung machte, daß er nicht nur, wie er gewuͤnſcht, intereſſant ſei, ſon⸗ dern daß auch Lydia mit ſichtlicher Aufmerkſamkeit ſeinen Worten folge. Das Geſpräch verbreitete ſich bald uͤber die heterogenſten Gegenſtaͤnde im Bereiche der Tages begebenheiten, der Kunſt und der Literatur; freilich muͤſ⸗ ſen wir hinzufuͤgen, daß die literariſchen Kenntniſſe und Urtheile des disputirenden Kleeblattes ſich faſt nur auf franzoͤſiſchem Grund und Boden bewegten. Denn damals hielt es der hohe Adel und Alles, was ihm nachzuahmen bemuͤht war, fuͤr eine ungeziemende Herablaſſung und nicht der Muͤhe werth, ſich um die ſchoͤnen Geiſter des Vaterlandes und deren Beſtrebungen zu kuͤmmern, und 134 leider ſchien der Mangel an einheimiſchen Genies ſowol, wie die Hohlheit un« Pedanterie der wenigen begabten Schriftſteller und Dichter eine ſolche Vernachlaͤſſigung beinahe zu entſchuldigen, wenn nicht voͤllig zu rechtfer⸗ tigen.— Herr von Moͤllnitz war unterrichtet und geiſt⸗ reich, das heißt, er beſaß die neidenswerthe Fertigkeit, ſich uͤber alle jene wichtigen und unwichtigen Punkte, an welche das Leben der vornehmen Welt damals geknuͤpft war, mit Witz, ſcharfer Laune und glaͤnzender Beredt⸗ ſamkeit zu verbreiten. Freilich, wer jetzt ſeine lebendige Unterhaltung mit Lydia angehoͤrt und ihn fruͤher ſchon waͤhrend ſeiner Dandylaufbahn in gleicher Situation be⸗ lauſcht haͤtte, wuͤrde laͤchelnd die Entdeckung gemacht haben, daß nicht Alles, was er ſagte, neu und von der Anregung des Augenblicks eingegeben war, daß vielmehr gewiſſe Phraſen, Wendungen und Urtheile die Damen⸗ welt von Muͤnchen, Augsburg, Wien ꝛc. lange vorher entzuͤckt und zur Bewunderung hingeriſſen hatten, ehe die Gunſt des Schickſals ihn mit der Baroneſſe zuſam⸗ menfuͤhrte. Wer aber mag es der einfachen Lydia ver⸗ denken, daß ſie offen und mit unverhohlenem Wohlge⸗ fallen ſich dem Zauber einer Perſoͤnlichkeit hingab, die Alles zu beſitzen ſchien, was die Gunſt der Natur, Er⸗ ziehung und ein hochgebildeter Geiſt irgend verleihen kann? So jung, ſchoͤn, und mit einem gefuͤhlvollen Herzen begabt, ſah ſich Lydia gleichwol zu dem Leben einer Einſiedlerin verdammt, und ſelten war die duͤſtre Einfoͤrmigkeit, welche auf dem Schloſſe laſtete, durch ein 135 anderes Ereigniß unterbrochen worden, als die kurzen und ceremoniellen Viſiten des benachbarten Landadels, der dann ein ſo vollkommenes Krautjunkerthum entfaltete, daß Lydia ſich entweder unangenehm beruͤhrt, oder von der quälendſten Langeweile verzehrt ſah. Waͤhrend Herr von Moͤllnitz nun im lebendigen Zwiegeſpraͤch, denn der Graf war abgerufen worden,— mit Scharfſinn und Geſchicklichkeit alle die Saiten erſpaͤhte und anſchlug, welche in der Seele des Maädchens wiedertoͤnten, ſchien ihr Inneres, von einem waͤrmenden, erquickenden, und bisher ſchmerzlich entbehrten Sonnenſtrahle beruhrt, gleich einer Fruͤhlingsblume zu erbluͤhen, und ihr ſelbſt unbe⸗ wußt, entfaltete ſis ſolch' eine Fulle von Geiſt und Laune, ein ſo herrliches, kindlich reines Gemuͤth, daß der Offizier zur innigſten Bewunderung hingeriſſen ward und bald ſeine ſtudirte Sprache, ſeinen Wunſch zu glaͤnzen und alle jene Koketterie der Berechnung vergaß und ſich— wahrlich zu ſeinem Vortheil— ganz dem Entzuͤcken eines ſo neuen und erhabenen Genuſſes hingab. Wol zwei Stunden blieben ſie allein. Nie war Lydia ſchöner geweſen, als jetzt, da der Graf eintrat, den Gaſt zur Mittagstafel zu holen. Ihre ſchwaͤrme⸗ riſchen Augen ſtrahlten einen dunkeln, ſeelenvollen Glanz aus, und jenes ſuͤße Laͤcheln der Freude und kindlichen Befriedigung, welche um den kleinen Mund uud die ſanft geroͤtheten Wangen ſchwebte, ließ ſie wahrhaft anbetungs⸗ wuͤrdig erſcheinen. Der Offizier bot ihr den Arm und man ging zur Tafel, die erſt ſpaͤt gegen Abend aufge⸗ 136 hoben wurde, denn ſelbſt der Graf— ſei es, um ſeinen Gaſt zu ehren, ſei es, daß ſeine finſtere Melancholie wirk⸗ lich unter der Einwirkung der heiterſten Converſation auf einige Stunden verſchwand— machte den angenehmen Wirth auf die feinſte und liebenswuͤrdigſte Weiſe und konnte ſich nicht verhehlen, daß Herr von Moͤllnitz alle Qualitaͤten eines vortrefflichen und achtbaren Cavaliers in ſich vereinige. Ueberdies war er ihm Dank ſchuldig dafuͤr, daß er auf immer ihn von einem Menſchen be⸗ freit hatte, vor dem er, was dem ſtolzen Manne das Qualvollſte war, erröthen, ja Furcht hegen mußte, und ſo kam es denn, daß die Auffoderung, welche der Schloß⸗ herr an den ſpät Abends ſich zum Aufbruche ruͤſtenden Gaſt ergehen ließ, naͤchſtens und ſo lange ſein Aufenthalt in der Nähe es geſtatte, recht oft wiederzukehren, auf⸗ richtig gemeint war— das erſte und einzige Beiſpiel dieſer Art ſeit vier Jahren! Lydia und der Graf begleiteten den Scheidenden in den Schloßhof, wo Florian ſchon eine Stunde ſehr ungehalten mit den Pferden wartete. Zu jener Zeit wa⸗ ren die Formalitaͤten des Abſchiednehmens, wie alle uͤbri⸗ gen Manifeſtationen der geſelligen Höflichkeit unendlich ſteif, gedrechſelt und langweilig, und auch in den hoͤchſten Ständen waren ein Dutzend Knipe, Komplimente, Hand⸗ kuͤſſe und aͤußerſt wortreiche Redensarten unerlaͤßlich. Es verſteht ſich, daß unſer Kavalier der beſtehenden Sitte nicht untreu ward und die Ceremonie ganz à la Paris und nach dem neueſten Hoftone durch alle Stadien fuͤhrte; 137 gleichwol aber konnte er, als er Lydias roſige Finger⸗ ſpitzen an ſeine Lippen fuͤhrte, nicht unterlaſſen, ſeinen eigenen Gedanken gleichfalls einige Worte zu goönnen. „Ich gebe dem heutigen Tage den Preis vor allen uͤbri⸗ gen meines Lebens!“ fluͤſterte er, Lydias Hand feſthal⸗ tend—„ja, ich fuͤhle, daß ich nun erſt zu leben be⸗ gonnen habe. Es iſt ein heller Stern vor meinen Blicken aufgegangen, zu dem ich hinfort andachtsvoll aufblicken will und deſſen Himmelslicht mein Fuͤhrer ſein wird.“ Ein langer, beredter Blick in Lydias hocherroͤthen⸗ des Antlitz begleitete und interpretirte dieſe poetiſche Ex⸗ ploration; dann ſchwang ſich der Offizier in den Sattel, gruͤßte noch einmal graziös mit der Hand und ſprengte in ſo kunſtvollen Courbetten durch das Thor und den Schloßpfad hinab, daß Lydia und der Graf ihm ängſt⸗ lich und beſorgt nachblickten und nicht eher in den Saal zuruͤckkehrten, als bis eine Biegung des Weges ihnen den tollkuͤhnen Reiter verbarg. „Nun, wie findeſt Du den jungen Offizier?“ ſagte der Graf zu Lydia, welche ſich ſtill in ihrem Fauteuil niederließ und ſinnend in das gluͤhende Abendroth ſchaute, das, ein langes, zackiges Flammenmeer, am weſtlichen Himmel lagerte.„Ich muß geſtehen, daß Herr von Moͤllnitz in den Paar Stunden ſeines Hierſeins meine vollkommene Zuneigung gewonnen hat.“ „Er iſt intereſſant!“ erwiderte die Gräfin und blickte mit verdoppelter Aufmerkſamkeit durch die Scheiben. „Intereſſant? nun ja, das iſt er allerdings, obgleich 138 Du nicht beſonders davon uͤberzeugt zu ſein ſcheinſt!“ ſagte der Graf etwas aͤrgerlich.„Ich hoffe, er wird auf ſeinen Beſuch nicht lange warten laſſen, und wenn ich mich nicht ſehr getaͤuſcht habe, ſo verdankſt Du dem jungen Manne einen nicht minder angenehmen Nach⸗ mittag, als ich ſelbſt. Eure Unterhaltung war recht leb⸗ haft. Wie?“ „In der That, ja! Herr von Moͤllnitz kennt die Welt und beſitzt wiſſenſchaftliche und geſellige Bildung.“ „Nun, das mag ſein; aber warum reißeſt Du Dein Album in Stuͤcken, liebe Tochter? Du ſcheinſt ſehr zer⸗ ſtreut zu ſein, und ich will Dich deshalb Deinen Grillen uͤberlaſſen. Gute Nacht, mein Kind!“ Der Vater kuͤßte Lydia auf die Stirn und ging. Als er hinaus war bedeckte Lydia das Geſicht mit den Haͤnden und brach in Thraͤnen aus— Thraͤnen, die ihr wohlthaten, und die Ahnung eines unbekannten, aber berauſchenden Gluͤckes in ihrem ſchuldloſen Herzen er⸗ weckten. Indeß ſprengten Herr von Moͤllnitz und ſein Diener raſch auf dem Wege nach Voͤringen fort. Anfangs war der Offizier ſtill und in ſich verſunken, dann ging er plotzlich in die lauteſte Froͤhlichkeit uͤber, begann zu ſingen und zu pfeifen und ſchrie endlich dem brummenden und kopfſchuͤttelnden Florian in's Ohr:„Hoͤre, Burſche, ich bin verliebt, wie ich lange nicht war!“ „Nun, das dachte ich mir!“ verſetzte der Diener gleichgiltig.„Bleiben Sie nur nicht bei dem Verliebt⸗ ſein ſtehen, ſondern machen Sie die junge Dame bald⸗ möglichſt zur Frau von Moͤllnitz, ſonſt—“ „Das will ich, auf Ehre! ich muͤßte nicht den min⸗ deſten Scharfſinn beſitzen, wenn ich meinem Vorhaben nicht den beſten Erfolg prophezeien duͤrfte. O, ich werde wahrhaftig ſehr gluͤcklich ſein! Dieſes Maͤdchen iſt ein Engel, eine Perle, ein Juwel—“ Wahrſcheinlich hielt er Florian nicht fuͤr gefuhlvoll und empfindſam genug, um ihm all' die erhabenen Attri⸗ bute, welche er noch fuͤr Lydia in Bereitſchaft hatte, ver⸗ nehmen zu laſſen; denn er ſchwieg, gab ſeinem Roſſe die Sporen und gallopirte, allerhand Plaͤne und Ideen ver⸗ folgend, weit voraus. Erſt im Angeſichte des Dorfes hielt er an und ließ ſeinen Diener, der zuruͤckgeblieben war, herankommen. Als ſie gegen Mitternacht in den Hof des Wirths⸗ hauſes einritten, verkuͤndete das verlegene und aͤrgerliche Geſicht des Corporals Steinhuͤber, der ihnen mit einer Laterne entgegentrat, irgend ein unangenehmes Begebniß. Herr von Moͤllnitz war aber ſo mit ſich ſelbſt und ſeinen verliebten Gedanken beſchaͤftigt, daß er nicht darauf ach⸗ tete und, aus dem Sattel ſpringend, ſich anſchickte, auf ſein Zimmer zu eilen. Steinhuͤber jedoch, der durch ein gewaltiges Raͤuspern inzwiſchen die noͤthige Faſſung und Energie gewonnen hatte, trat dem Eilfertigen in den Weg, richtete ſich kerzengerade in die Hoͤhe und ſagte mit militairiſchem Pathos:„Herr Lieutnant, ich rappor⸗ tire—“ 140 „Schon gut; morgen!“ unterbrach ihn der Ange⸗ redete und winkte ihm mit der Hand, ſich zu entfernen. Steinhuͤber wich indeß nicht von der Stelle und hob von Neuem an, ſeinen gewaltigen Knebelbart ſtreichend: „Herr Lieutnant, ich rapportire, daß der Rekrut Kloſtermeier ſich aus dem Staube gemacht hat.“ Dieſe Botſchaft machte auf Herrn von Mollnitz den ubeiſten Eindruck und verſcheuchte ploͤtzlich ſeine gute Laune. Nachdem er durch einige kräftige Fluͤche ſeine Ungnade ſattſam zu erkennen gegeben und der ganzen Wachtmannſchaft Arreſt und Stockpruͤgel in noch zu be⸗ ſtimmender Quantitat verheißen hatte, foderte er den Korporal in durchaus nicht ſchmeichelhaften Ausdruͤcken auf, die naͤhern Umſtaͤnde dieſes fatalen Ereigniſſes an⸗ zugeben. „Schaun's, Herr Lieutnant,“ nahm nun Stein⸗ huͤber das Wort—„der Burſch' lag den ganzen Mor⸗ gen auf der Ofenbank und ruͤhrte ſich nicht. Nach dem Eſſen, das ihm wahrſcheinlich nicht gut genug war, denn er richtete ſich auf, ſah es an und ſtieß die Schuͤſſel von ſich—“ „Donnerwetter, Korporal, mach' Er's kurz, oder—“ „Na, i bin ſchon bei der Sach'. Nach dem Eſſen alſo ſing die Wachtmannſchaft ein G'ſchwätz an von gu⸗ ten Schuͤtzen, und Spatzberger, der Tyroler, erzählte manch' Stuͤcklein von ſeinen Landsleuten, die auf hundert Schritt 'n Guldenſtuͤck getroffen oder eine Gemſe im Springen zwiſchen die Hoͤrner geſchoſſen haͤtten. Da richtet ſich 141 auf e mol der Kloſtermeier auf und ſagt:„Um gut zu ſchießen, braucht man kein Tyroler nit zu ſein und a baierſcher Jäger verſteht ſeine Kunſt g'rad ſo gut. Dar⸗ uͤber freuten ſich die Landskinder und tranken ihm zu, der Spatzberger aber ward boͤs und ein Wort gab das andere, bis endlich der Rekrute— i mein' den Kloſter⸗ meier— ſich erbot, mit dem Tyroler um die Wette zu ſchießen. Dabei zog er ſeinen Beutel und zaͤhlte fuͤnf blanke Gulden auf den Tiſch, die der gewinnen ſollt', der den beſten Schuß thaͤt. Das waren Alle zufrieden; Jeder legte zu, was er hatte, und wahrhaftig,'s lagen in'ner Minute zwanzig praͤchtige Gulden zuſammen.“ „Weiter, alte Plaudertaſche!“ grollte ungeduldig der Offizier—„man ließ ihn doch nicht hinaus?“ „Nein, Herr Lieutnant, wir gingen allſammt mit und hatten'n Aug auf ihn, denn in der Stube konnte doch das Wettſchießen nicht vor ſich gehen!“ „O, Ihr Dummkoͤpfe! man ſollte Euch fuͤſiliren laſſen! Nun, und als er zur Thuͤr hinaustrat, lief er vor Euern Augen davon; war es nicht ſo?“ „Noch nit, Eu'r Gnaden!“ fuhr der unerſchutter⸗ liche Korporal fort.„Wir gingen zum Dorfe hinaus auf die Wieſen, die an die Iller ſtoßen. Der Rekrut holte ein Stuͤck Bindfaden aus der Taſche, an welches er einen Meſſingknopf befeſtigte. Selbigen duͤnnen Faden nun ließ er an den weit hervorragenden Zweig einer Ruͤſter binden, welche, von dichtem Unterholze umgeben, nahe am Waſſer ſteht. Der Baum war richtig gezaͤhlte 14⁴2 120 Schritte von unſerm Standpunkte entfernt, und der Knopf, der an der äußerſten Spitze des Zweiges an dem Faden herabhing, kaum zu erkennen, viel weniger der Faden ſelbſt.„Nun gilt's!“ ſagte jetzt der Rekrut,„wer den Faden mitten entzwei ſchießt, mag die zwanzig Gul⸗ den einſeckeln!“ Wir lachten Anfangs, denn es deuchte uns ohne Teufelsſpuk und gefeite Kugeln unmoͤglich, ſo 'ne Aufgabe zu loͤſen. Der Spatzberger aber machte ein boͤs Geſicht und ſagte:„Wenn der Baier ſich vermißt, einen ſolchen Schuß zu thun, ſoll der Tyroler nicht zu⸗ ruͤckbleiben!“ Und damit nahm er ſeinen Stutzen, zielte ne halbe Minute und paff! hatte er losgebrannt. Wir ſahen, daß der Knopf hin und her ſchwankte; die Kugel mußte nahe vorbeigeſtrichen ſein, aber weder Knopf noch Faden war getroffen. Der Spatzberger warf lachend das Gewehr fort und ſagte zum Rekruten:„Hoͤr', Burſche, wenn Du triffſt, wo ich gefehlt habe, will ich bei Dir in die Lehre gehen. Der aber lud ruhig ſeine Buͤchſe, die wir mit herausgebracht hatten, legte an, zielte einen Augenblick und brannte los.„Heiliger Joſeph! er hat den Faden getroffen!“ ſchrie der Tyroler und Alles rannte hin nach der Ruͤſter, um ſich mit eigenen Augen von dem Wunderſtuͤcklein zu uͤberzeugen.„Ihr ſollt g'wahr werden, daß ich'nen guten Schuß gethan hab!“ ſagte der Rekrut, der auf ſeinen langen Beinen vorauslief; und richtig, als wir an den Baum kamen, da ſahen wir den halb durchſchoſſenen Faden runterhaͤngen; die an⸗ dere Haͤlfte mit dem Knopfe lag auf der Erde.“ 143 „Aber in's Teufels Namen, wie entkam der Rekrut?“ fuhr der Offizier auf, der zu ſeiner Beſchaͤmung bemerkte, daß auch ihn das Schuͤtzenſtuͤcklein den Entflohenen auf einen Augenblick hatte vergeſſen laſſen. „Schaun's Eur Gnaden,“ fuhr der Korporal ach— ſelzuckend fort,„dieweil wir nach dem Faden ſchauten und Maul und Naſe aufſperrten, war der Kerl durch's Unterholz den Uferabhang hinab, und mit Stiefeln und Sporn in die Iller geſprungen. Als wir uns nach ihm umſchauten, war er, Gott ſei's geklagt, ſchon auf der wuͤrtembergſchen Seite druͤben und ſchuͤttelte ſich wie ein naſſer Pudel. Wir ſchrieen ihm zu, er ſollt' hubſch ruͤber kommen; das ſei wider die Verabredung, und wenn er nicht zuruͤckkehre, ſollt' er nix von ſeinen gewonnenen zwanzig Gulden kriegen; aber da hat er uns ausgelacht und g'ſagt, wir ſollten das Geld auf ſeine Geſundheit vertrinken und iſt ruhig ſeiner Wege gegangen.“ Herr von Moͤllnitz ſtampfte erboſt mit dem Fuße auf den Boden und ging, nachdem er dem armen Kor⸗ poral und der ganzen Schuͤtzengeſellſchaft nochmals Un⸗ terſuchung und ſtrenge Strafe verkuͤndigt hatte, unmuthig auf ſein Zimmer. Waͤre ein andrer Rekrut auf ſo ſchlaue, oder aͤhnliche ſpaßhafte Weiſe entwichen, er wuͤrde ſich wenig darum gekuͤmmert und vielleicht daruͤber gelacht haben; da er aber mit Recht vermuthete, daß dem Grafen von Waldſees an dem Feſthalten ſeines ehemaligen Leib⸗ jagers viel gelegen ſein werde, erbitterte ihn dieſer Streich auf's Aeußerſte. Endlich beſchloß er nach langem Ueber⸗ 144 legen, die Flucht Kloſtermeiers dem Grafen zu verheim⸗ lichen, was er um ſo eher thun zu koͤnnen glaubte, da der Entſprungene es gewiß nicht wagen wuͤrde, das dies⸗ ſeitige Gebiet wieder zu uͤberſchreiten. Nachdem er hiermit ſein Gewiſſen beruhigt und ſeinen Aerger waͤhrend eines trefflichen Nachtmahls be⸗ ſänftigt hatte, uͤberließ er ſich angenehmeren und erſprieß⸗ licheren Gedanken, die ihn natuͤrlich ſogleich wieder nach Schloß Rußberg und zu der reizenden Lydia zuruͤck⸗ fuͤhrten. Zehntes Kapitel. Moor. Was fuͤhrt Sie zu mir? Koſinsky. Mein mehr als grauſames Schickſal. Ich habe Schiffbruch gelitten auf der ungeſtuͤmen See dieſer Welt, die Hoffnungen meines Lebens habe ich muͤſſen ſehn in den Grund ſinken, und nichts blieb mir uͤbrig, als die martervolle Er⸗ innerung ihres Verluſtes, die mich wahnfinnig machen wuͤrde, wenn ich ſie nicht durch an⸗ derweitige Thaͤtigkeit zu erſticken ſuchte. Die Raͤuber. And Unken Ufer der Iller erhebt ſich jun⸗ gen Buchen und Birken bewachſener Huͤgel einer ziemlichen Hoͤhe. Auf ſeiner kegelförmigen S prangt eine nette, weißgetuͤnchte Stutionskayẽl lle, dem heiligen Rochus gewidmet, und wenn der unten am Fluſſe den ſteinigen Fußweg verfolgende, Wanderer auch nicht durch das Beduͤrfniß der Andaght veranlaßt werden ſollte, zu dem freundlichen Heiligthume hinaufzuſteigen, ſo duͤrfte er es dennoch nicht leicht unterlaſſen, waͤre es auch nur, um ſeinen Blicken eine reizende Fernſicht zu gewaͤhren. Denn von da oben herab ſchaut man weit, weit in's Land hinein, das zu unſern Fuͤßen ausgebdeitet liegt wie ein ungeheurer Garten, den der Illerſtrom als ein blitzender Silberſtreif in mannichfachen Kruͤmmutgen durchſchweift. Wieſen, Felder, Forſte und prächtige 10 146 Baumgruppen, aus denen ſchlanke Kirchthuͤrme und ro⸗ the Ziegeldächer ſchmuck hervortauchen, bedecken ein gruͤ⸗ nes, wellenfoͤrmiges Plateau, welche s ſich nach Suͤden zu allmaͤlig hoͤher und hoher erhebt, bis es mit dem baierſchen Hochgebirge verſchmilzt, deſſen Fernen und ſteile Kuppen wie eine gigantiſche Mauer in die Luͤfte ragen. Oſtwärts aber blicken aus dem weiten Laub⸗ meere herrlicher Obſtgärten und Waldungen zahlreiche Doͤrfer und Städtchen hervor, bis ſich die Gegend all⸗ maͤlig in eine unabſehbare Ebene verflacht, auf der in dunkler Ferne die Wolken des zu ruhen ſcheis— nen. Dieſes ſchoͤne Plätzchen war an einem heitern Som⸗ mergbende van drei lebenden Weſen eingenommen, die ſich bruͤderlich in den Raum einer langen, und breiten, an der Nordſeite Be hinlaufenden Raſenbank theilten. Zwei von ihnen hatten das ͤußerſt ſchaͤtzbare Gluͤck, den Patriziern der Schipfunh d⸗ h. dem menſchlichen Ge⸗ ſchlechte species Mann anzugehoͤren, während ihr Nachbar es traurig zu empfinden ſchien, daß er nur ein Hund, und zwar ein kohlſchwarzer, ungewoͤhnlich großer und ſtarker Wolfspacker war. Die beiden Männer, in einfacher⸗Jägertracht, ruhten nachlaſſig hingeſtreckt auf dem kuͤhlen, weichen Raſenſitze; ſie hielten die Buͤchſen zwiſchen den Knieen und hatten die wohlgefuͤllten Jagd⸗ taſchen neben den Hund niedergelegt, der ſeine runden, gluͤhenden Augen feſt und wachſam darauf gerichtet hielt.— Wir haben nicht noͤthig, eine ſpecielle Schil⸗ 147 derung dieſer beiden, durch Alter und Geſichtsausdruck von einander geſchiedenen Individuen zu geben, wovon wir, Gott weiß es, uͤberhaupt kein beſonderer Freund ſind, und wenn es geſchieht, ſtets nur der unerlaͤßlichen Nothwendigkeit Folge leiſten. Wir kennen die Beiden und ſind ihnen ſchon begegnet, denn der Aeltere, der ſo eben ſeine Habichtnaſe aus einer alten Rindendoſe mit Spaniol fuͤttert, iſt Herr Max Bollinger, und ſein truͤbe und nachdenklich in die Landſchaft hinausſchauender Gefaͤhrte der junge Andreas. Aus den modiſch geklei⸗ deten Cavalieren, wie ſie vor ein Paar Tagen in Schloß Rußberg einritten, waren, ihren gaͤnzlich veraͤnderten Koſtuͤmen nach, Waidmaͤnner von Profeſſion geworden, und man konnte nicht ſagen, daß Bollinger durch dieſe Verwandlung abſonderlich gewonnen, oder Andreas ir— gend etwas an ſeiner eleganten Zartheit und Anmuth eingebuͤßt habe. „Na, mein Junge, wie lange willſt Du noch den Kopf haͤngen?“ nahm Bollinger das Wort, nachdem er ſich von den Wirkungen eines gewaltigen Nieſens, wel⸗ ches ſeinen ſchlottrigen Koͤrper in die Luft zu ſprengen drohte, erholt hatte—„biſt Du vormals mit Deiner Lage zufrieden und niemals von Hunger und Durſt ge⸗ plagt geweſen, ſo denk' ich, kannſt Du's auch noch wei⸗ ter aushalten, bis ſich mal was fuͤr Dich findet. Ver⸗ giß Deinen ſchuftigen Vetter und warte es ab, bis ihn der Gott ſei bei uns abholt, was allem Vermuthen nach nicht lange mehr dauern kann.“ 10* 148 „Vergeſſen wiederholte Andreas mit ungeduldiger Heftigkeit.„Iſt denn der Menſch ein Murmelthier, daß er Alles verſchlafen und vergeſſen kann, was ihm Pein macht? Heiliger Gott! haͤtte ich doch niemals das Geheimniß meiner Geburt erfahren, deren Schmach mir jetzt das Leben verbittert; waͤre es mir nie bekannt worden, daß ich ein Baſtard bin! Dann haͤtte ich ferner noch gedankenlos meine Tage vertraͤumt, waͤhrend mich jetzt der Ehrgeiz plagt und der Gedanke: Du, in deſſen Adern adelig Blut fließt, biſt ein Dieb und Wild⸗ ſchuͤtz! mir an der Seele frißt!“ „Was?'n Dieb!“ fuhr Bollinger auf, und ſeine kleinen Augen blitzten vorwurfsvoll und entruͤſtet— „faͤngſt Du auch an zu ſalbadern wie die Juriſten und Krautjunker? Scham' Dich, Andreas, daß ich Dir's noch'mal ſagen muß: unſer Herrgott hat Alles, was kriecht und fliegt, dem Menſchen zur Nahrung geſchaffen; hoͤrſt Du, dem Menſchen, nicht allein den adeligen Herren und Potentaten. Der Hirſch im Walde und der Vogel in der Luft ſind frei; ſie tragen keine Livree und werden nicht im Stalle des Edelmanns gefuͤttert; folglich gehoͤren ſie Jedermann, der ſie zu erlegen weiß, und alles Jagdgeſetz iſt'ne Suͤnd' und ſchaͤndliche Un⸗ gerechtigkeit! Andreas,“ ſetzte der Alte mit weicher Stim⸗ me hinzu und ergriff mit ſeinen duͤrren Fingern die Hand des Juͤnglings, der ſchweigend und zerſtreut vor ſich hin blickte—„wenn Du mir nicht in der Seele weh thun willſt, ſo ſag' nicht mehr, daß wir Diebe 149 ſeien. Sieh, ich hab' Dich zu mir genommen, als Du bettelnd, abgeriſſen und halb verhungert auf der Land⸗ ſtraße lagſt; ich habe dich gehegt und gepflegt wie mein eigen Kind und Dich ſchießen gelehrt— und nun, da Du'n Stuͤck von'nem Edelmann geworden biſt, moͤch⸗ teſt Du das Alles gern vergeſſen, moͤchteſt mich viel— leicht lieber heut' als morgen im Stich laſſen. „Niemals, Freund, niemals“ erwiderte Andreas auf dieſe ſchlichte, aber herzliche Anrede.„Ich waͤre der Liebe und Anhaͤnglichkeit unwuͤrdig, die Du mir ſtets erzeigt, wenn ich je ſchlecht an Dir handeln koͤnnte. Wir wollen auch fuͤrder Freud' und Leid mit einander theilen und uns um unſer Handwerk keine grauen Haare wachſen laſſen!“ „Hollah, das laß ich gelten!“ ſchrie Bollinger, ver⸗ gnuͤgt auf ſein Knie ſchlagend.„Ja, wir ſind freie Schuͤtzen, Gott ſei es gedankt! aber keine Wilddiebe. Es leben die freien Schuͤtzen!“ Dieſen herzerhebenden Troſt brachte er in einer maͤchtigen Prieſe Spaniol aus und war im Begriff, ſein Rednertalent als Panegyriſt des„freien Schuͤtzen⸗ ſtandes“ auf's Neue zu bethaͤtigen, als ein langgedehn⸗ tes Knurren des Wolfspackers, der ſich horchend empor⸗ reckte, ſeine ganze Aufmerkſamkeit feſſelte. Was hat denn der Paſcha?“ brummte er kopfſchuͤttelnd und hob mechaniſch die Buͤchſe—„'s muß Jemand in der Naͤhe ſein, und ich will nicht hoffen—“ „Vielleicht'n Wild!“ ſagte Andreas, ebenfalls 5 150 dem Gewehr greifend. In demſelbem Augenblicke ſturzte der Hund mit furchtbarem Gebell wie ein Tiger in das nahe Gebuͤſch, deſſen hin und hrr ſchwankende Gipfel das Herannahen eines lebendigen Weſens verriethen. Verflucht! lockt den Hund fort, oder ich ſchieß' ihn nieder!“ ertoͤnte jetzt eine zornige Stimme, der im Nu ein dumpfes, ſchmerzhaftes Geheul folgte. Ehe Bollinger und Andreas noch dem Zurufe Folge leiſten konnten, kam Paſcha knurrend und winſelnd, mit ein- gezogenem Schwanze aus dem Dickicht geſchluͤpft und kroch langſam nach ſeinem Platze zuruͤck. „Pardi! das muß ein Simſon ſein!“ ſagte Andreas, den Hund betrachtend—„das arme Thier iſt beinahe erwuͤrgt.“ „Ei, was blieb mir denn übrig, wenn ich mich von der Beſtie nicht zerreißen laſſen wollte!“ fiel ploͤtz⸗ lich eine tiefe Stimme ein, und aus dem Dickicht trat ein junger, ſechs Fuß hoher Mann, deſſen herkuliſchem Gliederbau die eben bewieſene Zahmung des Wolfspa⸗ ckers eine Leichtigkeit zu ſein ſchien. Wie groß war das gegenſeitige Erſtaunen, als die beiden Wildſchuͤtzen in dem Nahenden den Leibjaͤger des Grafen, Mathias Kloſtermeier, erkannten, und dieſer die beiden Cavaliere, wegen der er entlaſſen und an die Soldaten verrathen worden war, in zwei ſo einfache Waidmänner verwandelt, wie er ſelber, ſich plötzlich ge⸗ genuͤber ſah.. „Blitz! das iſt ja einer von des ſchuftigen Grafen 151 Leuten!“ nahm Bollinger, zuerſt von ſeinem Staunen zuruͤckkommend, das Wort—„ſeid Ihr ein Abgeſand⸗ ter, der uns die Sinnesänderung des gnaäͤdigen Herrn uͤberbringt, oder habt Ihr es Euch etwa einfallen laſ— ſen, uns aus andern Gruͤnden nachzuſpuͤren?“ Dieſen letzten Nachſatz ſuchte der Sprecher durch eine drohende Hebung der Stimme und finſteres Stirnrunzeln gewich⸗ tig und eindringlich zu machen. Mathias aber ſchien dieſe Abſicht nicht einmal zu errathen, denn er ließ ſich ſchweigend und mit allen Anzeichen der groͤßten Erſchoͤ— pfung auf die Raſenbank nieder. Jetzt erſt entdeckten Bollinger und Andreas, welche Veränderung mit dem ſtattlichen, ſauber, wenn nicht zierlich gekleideten Jaͤger vorgegangen war, ſeit ſie nach jener Kataſtrophe auf dem Schloſſe ihn verlaſſen hatten. Sein Geſicht war bleich und in den tiefliegenden Augen brannte ein duͤſt⸗ res Feuer. Sein Koſtuͤm aber zeigte ſich jaͤmmerlich zerfetzt, ſchmutzig und noch feucht von dem gezwungenen Uebergange uͤber die Iller.— „Heiliger Hubertus, wie ſeht ihr aus!“ rief An⸗ dreas, erſtaunt in die Haͤnde ſchlagend,„man moͤchte faſt glauben, Ihr ſeiet bei einer wuͤthenden Hetzjagd geweſen.“ „Ihr habt Recht!“ ſagte Mathias mit truͤbem Lächeln.„Sie haben mich durch Dick und Duͤnn und zuletzt in's Waſſer gehetzt.“ „Euch,“ fragte Andreas kopfſchuͤttelnd.—„Um Gott, was iſt mit Euch vorgegangen? Ihr habt vor⸗ 152 geſtern eine ſo warme und edelmuͤthige Theilnahme fuͤr mich bewieſen, daß Ihr meine herzliche Bitte um Ver⸗ trauen nicht mißdeuten werdet.“ Mathias warf einen pruͤfenden Blick auf die bei⸗ den Maͤnner, dann auf den Hund und die gefuͤllten Jagdtaſchen und ſagte langſam und mit einem finſtern Lächeln:„Warum ſollt' ich ein Geheimniß aus meinen Abenteuern machen? Es ſcheint mir, daß die Herren auch nicht in Frieden mit der ganzen Welt leben und daß aus einem Cavalier eben ſo gut cin Wildſchuͤtz, wie aus einem Leibjaͤger ein Vagabund und Deſerteur wer⸗ den kann.“ Andreas ſah verlegen zur Erde. Bollinger nahm eine Prieſe und ſagte, Mathias vertraulich auf die Schulter klopfend: „Ihr habt's gleich weg, wovon wir uns nähren, und wenn Ihr vernuͤnftige Grundſätze und die gehoͤrige Portion Noth, Hunger und Courage habt,— was mir Alles ſehr wahrſcheinlich ſcheint— ſo könntet Ihr'nen brauchbaren Compagnon fuͤr unſer Handlungshaus ab⸗ geben.“— Der Alte begleitete dieſen Witz mit einem tollen Gelächter, in welches zu ſeinem Verdruſſe Nie⸗ mand einſtimmte, und foderte dann auch ſeinerſeits den Exjaͤger auf, frei und der Wahrheit gemaͤß zu er⸗ zaͤhlen, was ihm begegnet ſei. Mathias uͤberflog noch einmal in Gedanken die Begebniſſe der jungſt verfloſſenen Tage, wobei der Grimm ſo heftig in ihm emporſtieg, daß er die Fauſt ballte 15⁵3 und den Kolben ſeines Gewehres, welches er glucklich gerettet hatte, klirrend auf den Boden ſtieß. Dann be⸗ richtete er mit kurzen Worten und in dem Tone eines bittern, galligen Humors den heuchleriſchen Verrath des Grafen, deſſen Handlungsweiſe Bollinger und Andreas abſcheulich fanden und unter lauten Verwuͤnſchungen ver⸗ dammten. „Nun ich denke, Ihr werdet nicht ſäumen, dem alten Suͤnder eine Kugel in die Rippen zu jagen!“ ſagte Bollinger, als Mathias geendet hatte, mit dem Tone zuverſichtlicher Beſtimmtheit.„Verdient hat er's, und vor die Muͤndung Eurer Buͤchſe koͤnnt ihr ihn be⸗ kommen, wenn Ihr in der Nähe des Schloſſes fleißig auf den Anſtand geht.“ „Ich mag mich nicht an ihm räͤchen!“ erwiderte Mathias halblaut und ſchien ſich ſeiner Schwäche zu ſchamen—„wäre es mir um ihn allein zu thun, wahr⸗ lich, keine Macht der Erde ſollte mich an einer gerechten Vergeltung hindern, aber da iſt ſeine Tochter—“ „Nun, was iſt's mit der?“ fragte Andreas haſtig, als der Jäger ſtockte. „Ich moͤchte um Alles in der Welt dem Maädchen kein Herzeleid zufuͤgen!“ ſetzte Mathias ernſt hinzu. „Um ihretwillen werde ich den Anſchlag des falſchen Mannes, wenn nicht vergeben, doch vergeſſen.“ Bollinger ſchuͤttelte mißbilligend den Kopf; uͤber Andreas Wangen aber flog eine dunkle Roͤthe, als er im gereizten Tone ſagte: 154 „Ihr nehmet vielen Antheil an dem Fraͤulein, Herr. Wenn man nicht wuͤßte, wer Ihr ſeid oder viel⸗ mehr waret, ſo koͤnnte man glauben, daß Ihr in den Banden zarter Liebſchaft ſchmachtetet.“ „Ich habe das Maͤdchen ſtets verehrt wie eine Heilige!“ erwiderte Mathias ruhig und ohne die Aufre— gung des Juͤnglings zu bemerken.„Sie war der Schutz⸗ geiſt des Schloſſes, die Freude und Luſt ſeiner Bewoh⸗ ner. Ich glaube, fuͤr ſie wuͤrde ich noch mehr ertra⸗ gen haben, als das Leid der vergangenen Tage!“ fuͤgte er, ſinnend und mehr mit ſich ſelbſt redend, hinzu. „Schade, daß dieſe ſentimentalen Regungen dem Fraͤulein unbekannt bleiben!“ ſagte Andreas mit bitterem Laͤcheln und war im Begriff, eine verletzende Bemerkung hinzuzufuͤgen, als er ſich von Bollinger unterbrochen ſah, der zum ſchleunigen Aufbruche mahnte.„Wir ha⸗ ben noch ein gut Stuͤk Weg uͤber Berg und Thal vor uns, ehe wir unſern neuen Kamerad unter Dach und Fach bringen koͤnnen!“ rief er aus, indem er aufſtand und Buͤchſe und Jagdtaſche uͤber die Schulter warf. Andreas that ein Gleiches, und alle Drei bogen ſeitwaͤrts in das Gebuͤſch, welches ein ſchmaler, allmaͤlig abwaͤrts fuͤhrender Fußpfad durchſchnitt. Sie verfolgten jetzt, auf einem ſchwankenden Stege den Fluß uͤberſchreitend, die Richtung nach dem Gebirge und durchwanderten ein wellenfoͤrmiges, bald zu mäßi⸗ gen Huͤgeln anſchwellendes, bald in liebliche Thalgruͤnde und Vertiefungen ſich ſenkendes Terrain, welches ganz 155 den Anblick eines weitlaͤufigen, mit der ſinnigſten Kunſt angelegten Parkes darbot. Mehre kleine Baͤche wan⸗ den ſich, ſilberhell im Sonnenſcheine blitzend, bald un⸗ ſichtbar und nur durch ihr trauliches Murmeln bemerk⸗ bar unter dem dunkeln Laubdache freundlicher Gehoͤlze fortſchießend, in langen und maleriſchen Kruͤmmungen zwiſchen den Huͤgeln hin. Dieſe ſelbſt prangten entwe⸗ der im Schmucke ſaftiger Grasmatten oder waren mit uͤppigem Waldwuchs bedeckt. Von ihren Gipfeln herab ſahen die Wandrer bald links, bald rechts, aber ſtets in großer Entfernung, Maiereien, Doͤrfer oder einzelne Muͤhlen; auch nette Stationskapellen und hier und da ein hochragendes Kruzifir unterbrachen die liebliche, frie⸗ denathmende Einfoͤrmigkeit der Landſchaft. Wol eine Stunde Weges waren ſie gegangen und ſchwitzten wacker im Sonnenbrande, den das noch ziemlich hoch ſtehende Geſtirn auf ſie niederſandte— da aͤnderte ſich im raſchen Wechſel die Phyſiognomie der Gegend. Der Thaleinſchnitte würden immer weniger, die Huͤgellehnen immer ſteiler und rauher. Nirgend war weit und breit mehr eine menſchliche Wohnung zu erblicken; vielmehr herrſchte rings herum eine Einſamkeit und Oede, die kaum hin zund wieder von dem einför⸗ migen Rufe des Kuckuks, oder dem taktmaͤßigen Haͤm⸗ mern des Spechtes unterbrochen wurde. Die Wieſen und Matten verſchwanden mehr und mehr; dagegen ruͤckten die gruppenweiſe zerſtreuten Gehoͤlze zuſammen zu einem, wie eine ſchwarze Mauer das ganze Land 156 ntWen Forſte. Wilder und lärmender, ſchäͤumten die Bäche in ihren ſchmalen, zerklufteten Betten, und aus dem gelblichen, mit Moos und ſyärlichem Graſe bekleideten Boden ſtiegen an einzelnvn Stellen ſteile, dunkelgraue Felswände oder maͤchtige“ Blöcke, verſteiner⸗ ten Rieſengebilden gleich, empor.„Man hatte die Grenze des Hochgebirges uͤberſchritten, deſſen ernſten, erhabenen Charakter die ganze Umgegend mehr und mehr zur Schau trug, je weiter unſere Jägersleute vordrangen. Sie folgten jetzt keinem gebahnten Wege mehr, denn der erſt erwaͤhnte Fußpfad hätte ſich längſt am Rande eines Waldbaches verloren; vielmeht ſchritten ſie in ziemlich gerader Richtung und nur die ſteilſten und ſteinigſten Partien vermeidend, vorwaͤrts. Immer naͤher ruͤckten ſie der Waldreglon; noch war eine anſehnliche Höhe, rauh und baumlos, zu erſteigen, läͤngs deren weit hin geſtreckten Ruͤcken der aͤußerſte Saum des Forſtes ſich hinzog und von wo herab eine umfaſſende Ausſicht uͤber die ganze Gegend zu vermuthen war. Sie klimmten hinauf; Bollinger war der Erſteg der die Hoöhe erreichte und ſich ſchnaufend und keuchend den Stainm einer einzelnen ſchlank aufgeſchloſſenen Foͤhre lehnte. „Schaut, Herr Kloſtermeier!“ rief er Mathias, der ihm auf dem Fuße folgte, entgegen—„das iſt unſer Reich, worin wir freie Könige ſind. Iſt's nicht ein huͤbſch Stuͤcklein Land und ganz geſchaffen fuͤr un⸗ ſerein? Mathias antwortete nicht, denn er erfreute ſich 157 ſchweigend der Ausſicht, die in eigenthuͤmlicher Schoͤn⸗ heit vor ihm ausgebreitet lag. Der Hoͤhengrat, auf welchem ſie ſtanden, umſchloß in weiter Biegung halb⸗ mondfoͤrmig ein meilenlanges Thal, ganz von dichtem, urkraͤftigem Forſte bedeckt, ſo daß man vermeinen konnte, auf die unebene Flaͤche eines dunkelgruͤnen Sees herab⸗ zuſchauen. Tannen, Foͤhren und ſchwarze Kiefern bil⸗ deten mit ihrem dunklen Baumſchlage eine duͤſtere aber erhabene Faͤrbung, von welcher die an vielen Stellen kahlen und das nackte Geſtein zur Schau tragenden Seitenwaͤnde effektvoll abſtachen. Faſt in der Mitte des Keſſels erhoben ſich nur wenig uͤber die Wipfel der Baͤu⸗ me graue, zerbroͤckelte Mauertruͤmmer, deren eigentliche Beſchaffenheit man von hier aus nicht zu erkennen ver⸗ mochte. Ein aͤußerſt ſchmaler Pfad fuͤhrte nach ihnen hin und es ſchien, als ſei die Waldung in der nächſten Umgebung der Ruine ein wenig gelichtet. Was Ma⸗ thias befremdete, war das Emporſteigen einer leichten, wirbelnden Rauchwolke, welche augenſcheinlich aus dem Innern des Gemäuers ſich langſam erhob. Ganz im Hindergrunde thuͤrmte eine rieſige Mauer, deren Zacken und Zinnen aus Diamant und Cryſtall gehauen zu ſein ſchienen, ſich ſchwer und maſſenhaft in die Wolken em⸗ por. Es waren die Alpen Tyrols, deren Fernen in der Abendbeleuchtung goldig und roſenroth ergluͤhten und, von klarem, duftigem Aether umfloſſen, einen unvergleichlich prächtigen Anblick gewährten. „Nun, freut ſich Euer Jagerherz, he?“ rief Bol— 158 linger und klopfte Mathias, der ganz in Anſchauen ver⸗ ſunken war, vergnuͤgt auf die Achſel.„Ja, hier iſt gut ſein, darum haben wir hier auch Huͤtten gebaut. Ich denke, es wird Euch bei uns gefallen, denn das Revier iſt groß und wohlbeſetzt, unſer Verſteck ſicher, obwol nicht beſonders annehmlich und ſogar von Geſpenſtern heimgeſucht, was uͤbrigens bei aller Unbequemlichkeit ſein Gutes hat. Wer weiß, ob nicht neugierige und fuͤr⸗ witzige Menſchen Luſt verſpuͤrten, das alte Bergſchloß mal zu durchſtöbern, wenn man nicht zehn Meilen in der Runde den heiligſten Reſpekt vor den Kobolden hegte, die da unten ſich herumtummeln ſollen!“ In der Ferne ſchlug jetzt ein Hund an; der tiefe Schall hallte ſchwach und gedämpft aus der Waldesnacht; aber deſto lauter und froͤhlicher beantwortete Paſcha, der Wolfspacker, den verwandten Laut und verſchwand, in maͤchtigen Sätzen hinunterjagend, im Dickicht. „Das iſt Diana!“ ſagte Andreas, wahrend alle Drei hinabſtiegen und in den Forſt traten, aus dem es ihnen kuͤhl und wuͤrzig entgegenwehte—„der Hund iſt ein Kleinod, denn er vertritt die Stelle eines Vorpoſten auf die trefflichſte Weiſe. Wahrſcheinlich werden wir unſere Freunde beim Abendbrot finden.“ „Wollen ihnen wacker dabei helfen!“ brummte Bol⸗ linger, ſich auf den Magen ſchlagend—„ich fuͤhl'ne bedenkliche Leere in mir und wahrſcheinlich geht's dem Herrn Leibjager nicht beſſer. Wie?“ Mathias bekannte lächelnd, daß er nach einem vier⸗ 159 undzwanzigſtuͤngigen Faſten einer etwaigen Mahlzeit die gebuͤhrende Ehre anzuthun gedenke, und mit beſchleunig ten Schritten eilte man auf dem ſchmalen, aber ſchnur⸗ geraden Pfade vorwärts. Einzelne Sonnenſtrahlen fielen durch das gruͤne Schirmdach, welches den Weg uͤber⸗ wölbte, und zeichneten goldfarbige, zitternde Ringe und Figuren auf die dunkle Moosdecke, die unter den Schrit⸗ ten der Wanderer leicht und elaſtiſch nachgab. Die ern⸗ ſte Einſamkeit eines Waldes macht ſtets auf das Ge⸗ muͤth einen eigenthuͤmlichen, poetiſchen Eindruck; da regt die Romantik wieder ihre Schwingen, welche die Ten⸗ denzen und Abſtraktionen unſrer Zeit unbarmherzig und undankbar gelähmt haben; da ſteigen verklungene Sagen in unſrer Erinnerung auf, und in dem feierlichen Rau⸗ ſchen der Baͤume vernehmen wir wunderbare Stimmen, mild und lieblich aus einer andern Welt, einer fernen traumentſchwundenen Vergangenheit, heruͤbertoͤnen. Der Dichter weiß dieſe Stimmen zu deuten, dieſe Zauber⸗ klänge zu enträthſeln und feſtzuhalten— der einfache und natuͤrliche Menſch fuͤhlt ſich fremdartig und wohl⸗ thaͤtig angeregt inmitten der Waldeinſamkeit; aber er vermag ſich keine Rechenſchaft zu geben von der ſanften, ſchwaärmeriſchen Feier ſeines Herzens, die ſchnell und ſpurkos verſchwindet, wenn das wuͤſte Gelärm des Welt⸗ lebens und das Wirren und Treiben der Induſtrie ihn auf's Neue umwogen. So unſer Mathias. Auf dem ganzen Wege hatte er uͤber ſeine jetzige Lage, uͤber das finſtere Räthſel ſeiner 160 Zukunft und die ihm widerfahrenen Leiden gebruͤtet; als er aber durch den Forſt ſchritt, da ſchwanden die truͤben Bilder alle und das Herz ging ihm auf. Der gruͤne Wald war ſtets ſeine Heimath geweſen; drum war es ihm, als ob die alten ſchweigenden Baͤume ihn gaſtlich empfingen und gruͤßend ihre dunklen Haͤupter neigten; all' ſeine Wuͤnſche, Hoffnungen und Erinnerungen tauchten wieder auf, und friſcher und freier klopfte ſein Herz, als er durſtig den Waldesduft einathmete. Hier zu leben, fern von den Menſchen, die ihn betrogen und ſo bitteres Leid bereitet hatten, fern und unberuͤhrt von den gehaͤſſigen Leidenſchaften, die inmitten des ſocialen Trei⸗ bens wie ein giftiges Unkraut emporwuchern und das Gemuͤth feſt und gierig umſchlingen, bis es ausgedoͤrrt und verknochert iſt,— konnte ein vollkommeneres, er⸗ wuͤnſchteres Gluͤck ihm geboten werden? Welch Ent⸗ zucken, in dieſem weiten, mächtigen Waldestempel, deſſen tauſend und abertauſend Säulen ſein rauſchendes, fluͤ⸗ ſterndes und klingendes Gewoͤlbe trugen, mit der Buͤchſe im Arm umherzuſtreifen, dem fluͤchtigen Rehe und dem ſtattlichen Sechzehnender aufzulauern und zu hören, wie der Schall des Schuſſes dumpf bis zur Thalwand rollt und dann leiſe verhallt; zu hoͤren, wie munteres Hunde⸗ gebell das Echo und auch das harmloſe Volkchen der Kraͤhen weckt, die ſchreiend und ſchwätzend ihre hochgipfli⸗ gen Aſyle im langen Kreiſe umflattern! es lebe die Jaͤ⸗ gerei, halloh das edle Waidwerk! Was kummert's uns, ob der Forſt dem reichen Edelmanne gehoͤrt oder dem —————————————————— 161 Fuͤrſten? was kuͤmmert's uns, daß man Geſetze gemacht hat, die eben dem Einen erlauben, das Wild zu faͤllen, das frei in den Waͤldern ſchweift, und die den Andern neidiſch ausſchließen von der wilden, berauſchenden Jagd⸗ luſt? Wer ein Schuͤtz iſt, der mag ſchießen; wer Hun⸗ ger hat, der mag das Reh erlegen; wer ruͤſtig iſt, der mag ſchlafen unterm gruͤnen Baum, bis die Morgen⸗ ſonne ihn weckt zum muntern Jagdwerk! Halloh, die Jagd iſt frei; es leben die freien Schuͤtzen!“ Solches war ungefähr der Gedankengang, welchem Mathias ſich uͤberließ, als er mit ſeinen neuen Maͤce⸗ naten den Holzweg entlang ſchritt; wir ſehen, daß ſeine alten Neigungen, ſeine gluͤhende Liebe zu der Lebens⸗ weiſe, zu der es ihn von Kindheit an hingezogen, ihn leicht und gleichſam im taumelnden Rauſche die Schran⸗ ken des Geſetzes uͤberſchreiten und die Heiligkeit des Ei⸗ genthums mißachten ließen. Mit Wilddieberei hatte er begonnen, da er kaum die Kinderſchuhe ausgetreten; zur Wilddieberei wandte ſich wieder nach einer langen Zwi⸗ ſchenzeit glucklicher Ruhe und Zufriedenheit der kraͤftige, dem Mannesalter nahe Juͤngling. Es ſchien, als wolle ein finſteres, verhängnißvolles Fatum ſein Ofer nicht entfliehen laſſen! Immer naͤher erſcholl indeß lautes Hundegebell und dazwiſchen erklangen die Strophen eines heitern Jäger⸗ liedes, welches zwei Stimmen, ein voller kräftiger Baß, und ein etwas duͤnner Tenor recht anmuthig exekutirten. Mäthias war äußerſt geſpannt auf das Ziel ihres We⸗ 11 162 ges und lief, als er ſah, daß der Weg ploͤtzlich auf ei⸗ nen hellen, freien Platz muͤndete, neugierig ſeinen lachen⸗ den Gefaͤhrten voraus. Mit wenig Schritten hatte er das Ende des Weges erreicht und genoß nun einen voll⸗ ſtändigen Ueberblick ſeines kuͤnftigen Aufenthaltes. In der Mitte eines faſt zirkelrunden, von dem Forſte auf allen Seiten wie von einer ehernen Bruſtwehr umgebenen Platzes erhoben ſich die maleriſchen Truͤmmer eines zerfallenen Jagdhauſes. Das Gebaͤu mochte zu ſeiner Zeit ſtattlich und geraͤumig geweſen ſein, denn die vier Flankenmauern, welche zum Theil noch in ziemli⸗ cher Hoͤhe emporragten, waren langgeſtreckt und von ungewoͤhnlicher Dicke. Es war zwei Stockwerke hoch geweſen, und nach den langen Reihen ſchmaler und ſpitz⸗ bogenfoͤrmiger Fenſter zu ſchließen, deren ſteinerne Um⸗ faſſung faſt zertruͤmmert war, hatte es Säle und Zim⸗ mer genug enthalten, um das zahlreiche Jagdgefolge ei⸗ nes waibluſtigen Fuͤrſten aufzunehmen. In der noͤrd⸗ lichen Front befand ſich das hohe Eingangsthor, deſſen Woͤlbung jedoch herabgeſtuͤrzt war und als ein gewalti⸗ ger, mit Neſſeln und Schlingpflanzen bedeckter Schutt⸗ haufen den Eintritt von dieſer Seite voͤllig verſperrte. Das Jagdſchloß, wenn man den Ruinen dieſen ſtolzen Namen vindiziren will, bildete ein laͤngliches Quadrat, deſſen Fronten in vier runden Thuͤrmchen, oder vielmehr vorſpringenden Bollwerken zuſammenliefen; aber nur ei⸗ ner dieſer Eckthuͤrme hatte dem verwuͤſtenden Zahne der Zeit bisher Widerſtand geleiſtet und uͤberragte die gebor⸗ 163 ſtenen, aus beiden Seiten eingeſunkenen Mauern. Moosflechten und Epheu bekleideten theilweiſe das wuͤſte Getruͤmmer, aus deſſen Fugen und Riſſen ſich bluͤhende Koͤnigskerzen und gruͤnes Gezweig wuchernd hervordraͤng⸗ ten, und von den nackten Zinnen und den ſpitzen, dach⸗ loſen Giebeln nickten langhalmige Gräſer und junge Birken melancholiſch nieder. Mathias ſtand lange im Anſchauen der einſamen Ruinen verſunken und erſt auf Bollingers wiederholten Zuruf folgte er dieſem und Andreas, welche ſich nach dem weſtlichen Fluͤgel wendeten, wo ein ſchmales Pfort⸗ chen eine gangbare Paſſage in das Innere darbot.„Von Außen ſchaut unſere Reſidenz nicht beſonders reputirlich aus!“ ſagte Bollinger ſcherzend—„indeß, der Schein truͤgt; Ihr ſollt nachher unſere Prunkgemaͤcher ſehen, die freilich die kleine Unbequemlichkeit haben, daß weder Sonne noch Mond ſie ſehr mit ihrem Licht belaͤſtigen, ſonſt aber ſo gemächliche Quartiere darbieten, als e Wildſchuͤtz— wenn Ihr den Namen ertragt— ſie nur immer wuͤnſchen kann.“ Durch das erwaͤhnte Pſoͤrtchen gelangten ſie in einen kleinen, mit hohem Graſe bewachſenen Hofraum und erblickten nun die beiden Sänger, deren munteres Lied ſie ſchon von Ferne begruͤßt hatte. Es waren zwei junge, aͤrmlich gekleidete Burſche, von denen einer aus Leibeskraͤften in ein widerſpenſtiges, mehr qualmendes als brennendes Feuer blies, waͤhrend der andere dicht dabei, auf dem Poſtamente einer umgeſturzten Säͤule 164 ſitzend, phlegmatiſch einen auf ein Paat hoͤlzernen Ga⸗ beln ruhenden Bratſpieß wendete, an welchem ein prach⸗ tiger Hirſchziemer ſchmorte. Buͤchſen und Jagdgeraͤth lehnten am Stamme einer knorrig⸗verkruͤppelten Kiefer, und Paſcha ſprang mit Diana, einem ſchlanken, weiß und braun gefleckten Huͤhnerhunde, bellend und augen⸗ ſcheinlich in beſter Laune im Hofe herum. Als Bollin⸗ ger und Andreas mit ihrem Gaſte an das Feuer traten, ſtand der bratenwendende Waidmann auf und blickte fragend und erſtaunt bald auf Mathias, bald auf ſeine Kameraden. Er war von der launiſchen Mutter Natur nicht beſonders mit Koͤrperſchoͤne bedacht, denn ſeine ganze Geſtalt war verſchoben und keines ſeiner Glieder ſchien zu dem andern recht zu paſſen. Sein Kopf war lang und ſeltſam ſpitz, eben ſo ſeine Naſe, die, einer Fels⸗ klippe gleich, uͤber den betraͤchtlich breiten Mund herab⸗ hing. Die Augen, klein und aufgeſchwollen, ſtanden weit auseinander und entbehrten beinahe gaͤnzlich des Schmuckes der Braunen. Am auffallendſten aber war die dunkle, mulattenartige Faͤrbung des Teints und eine ſo ungebuͤhrliche Verkuͤrzung des Kinnes, daß man es, ohne zu viel zu thun, als nicht vorhanden betrachten durfte, obgleich ein ſchwaͤrzlicher, ſehr langer und ſehr duͤnner Spitzbart dieſes furchtbare Peficit möglichſt ver⸗ decken ſollte. Das Enſemble dieſes Geſichts aber bot, wie man aus den gegebenen Einzelnheiten entnehmen kann, eine ſo wunderbare Aehnlichkeit mit der Phyſiog⸗ nomie eines Ziegenbockes dar, daß das ungluͤckſelige In⸗ 165 dividuum wirklich Urſache hatte, Gott zu danken, daß ihm noch keine Hörner gewachſen waren. Waͤre der Burſche verheirathet geweſen, ſo wuͤrde ſeine Verwand⸗ lung in ein ſolches Thier ſicher viel ſchneller und voll⸗ ſtändiger erfolgt ſein, als weiland, bei Immermanns Muͤnchhauſen, dem gebildeten Kinde gebildeter Eltern! Gleichwol konnte er dem traurigen Schickſale nicht ent⸗ gehen, ſeinen ehrlichen Tauf- und Familiennamen fuͤr immer verſchwinden und mit dem ſchmeichelhaften Epi⸗ theton„der ſchwarze Bock“ vertauſcht zu ſehen, den er als Kind von den Schulbuben erhalten und nolens vo⸗ lens bis in das Mannesalter hinuͤber geſchleppt hatte.— Sein Kamerad, der Tenorſaͤnger und Blaſebalg⸗ dienſtverrichter, war ein junger kraͤftiger Burſche mit einem jener gewoͤhnlichen Geſichter, die man bei dem beſten Willen und der feinſten Unterſcheidungsgabe weder zu den huͤbſchen, noch zu den häßlichen zu rechnen weiß. Er ſah eben aus, wie tauſend andere Leute, und wenn irgend eine Eigenthuͤmlichkeit in dieſen glatten, bedeu⸗ tungsloſen Zuͤgen ſich entdecken ließ, ſo war es der Aus⸗ druck eines leichtſinnigen, ſorgloſen Humors, der jeden Augenblick in ein helles Gelaͤchter ausbrechen und jeden ernſten Gedanken, jede ſinnende Ueberlegung weit von ſich ſcheuchen zu wollen ſchien. Dieſe beiden Individuen empfingen die neuen An⸗ köͤmmlinge und beeilten ſich, indem ſie aus einem Win⸗ kel des Hofraums eine hoͤlzerne Bank herbeiſchleppten, den ermuͤdeten Fußgaͤngern die moͤglichſt groͤßte Bequem⸗ 166 lichkeit zu verſchaffen. Während der leckere Braten ſei⸗ ner kunſtgerechten Vollendung entgegenſchmorte, ſah ſich Bollinger, der in den Mienen der beiden Kochbefliſſenen eine gute Doſis Neugier entdeckte, gemuͤßigt, ihnen Ma⸗ thias als ſeinen und des Herrn Andreas ſpeziellen Freund vorzuſtellen, der gekommen ſei, eine Zeitlang unter ihnen zu wohnen, welcher fuͤrtreffliche Entſchluß durch Gruͤnde, die ſie durchaus nichts angingen, vollkommen motivirt ſei. Sowol der ſchwarze Bock, als ſein College, Jo⸗ ſeph Gaͤrtner benamſet, zeigten ſich durch die erhaltene Auskunft aͤußerſt befriedigt und verſicherten Mathias wiederholt, daß er es nimmer bereuen werde, ihr herr⸗ liches, friſches und ſorgenfreies Leben getheilt zu haben. Elftes Kapitel. Gert. Sie ſinkt! bei Gott— er todtete ſein Weib! C. Geller von Shakspare. Während die vier freien Schuͤtzen,— denn auch Mathias muͤſſen wir, ſeiner eigenen Entſchließung ge⸗ maäß, zu ihnen rechnen— die Abendmahlzeit einnah⸗ men, ging die Sonne hinter den Baͤumen zu Ruͤſte. Wenn man nach Weſten durch die Staͤmme blickte, ſchien in der Ferne der ganze Wald in Gluth und Feuer zu ſtehen und einzelne, gruͤnlich gefaͤrbte Streiflichter fanden noch ihren Weg bis zu der Ruine. Immer dunkler und dunkler wurde es; ein Sternchen nach dem andern begann freundlich zu ſchimmern und Demanten gleich zu blitzen; Vogel und Kaͤfer ſchlummerten auf Blatt und Zweig und in feierlichen Accorden zog der Abendwind durch den Forſt und bewegte mit langſamen Rauſchen die Kronen der Baume.— Unſere Jaͤger alſo hatten abgetafelt und ſaßen plaudernd und rauchend am Feuer, welches, durch harzreiche Bloͤcke genaͤhrt, luſtig emporflackerte. Nur Andreas ſchien die allgemeine Be⸗ haglichkeit nicht zu theilen; denn bald ſtuͤtzte er mit ei⸗ nem leichten Seufzer den Kopf in die Hand, bald blickte er ſinnend vor ſich nieder in's Feuer oder nach dem 168 Himmel als wolle er an demſelben die Sterne zählen, und wenn Einer im Laufe des Geſpräches ſich an ihn wandte, waren ſeine Antworten ſo verkehrt und zerſtreut, daß man wol ſah, wie wenig ſeine Stele bei der Ge⸗ ſellſchaft weile. Mathias jedoch war außerordentlich froh und wohlgemuthz gleichwol deuchte es ihm manch⸗ mal, wenn er eben recht ſorglos lachte, als fuͤhle er einen jaͤhen Stich im Herzen, oder als ſei dies Alles nur ein ſeltſames Traumbild, aus dem er bald erwachen und dann Gott danken werde, daß es nichts Wahres und Wirkliches geweſen. In ſolchen Momenten fuhr er ſchreckhaft zuſam, en und fuͤhlte ſich von einer uner⸗ klaͤrlichen Beängſtigung heimgeſucht; aber bald ging das voruͤber und er wurde dann wieder um ſo luſtiger und plaudert⸗ und ſchwatzte ſo unbefangen und unter⸗ haltend, dß ſeine neuen Kameraden ihr Entzuͤcken ob eines ſo⸗ vortrefflichen Geſellſchafters gar nicht 3 bergen vermochten. „Wahrhaftig,“ ſchmunzelte Bollinger, waͤhrend er mit ſeiner hornbedeckten Fauſt eine Kohle aus dem Feuer holte und auf ſeine Tabakspfeife legte—„s iſt mir heute ganz vergnuͤgt zu Sinne, und ich wuͤßte nicht, wenn ich mich ſeit den ſechs Jaheen, wo ich freie Foͤrſterei treibe, mal ſo wohl und ſorgenlos befunden haͤtte.“ „Alſo ſechs Jahre kriecht Ihr bereits in den Wäl⸗ dern herum?“ fragte Mathias—„muͤßt'ne Leidenſchaft dafuͤr haben, wie ich. Aber mit Gunſt, was hattet Ihr fruͤher fuͤr ein Metier?“ 169 „Mehr als eins, Freundchen,“ verſetzte Bollinger lachend.„Ich hab' Alles verſucht, eh' ich das Rechte fand; vorerſt lernte ich natuͤrlich die Jägerei, und zwar an der Tyroler Grenze, zwoͤlf Meilen von Muͤnchen, wo n ſchlechter Schuͤtz ſo ſelten iſt, wie'ne Lerche im Winter. Ne arge Pruͤgelei im Tettnanger Wirths⸗ hauſe, wo ich einem naſeweiſen Wuͤrtemberger ſo derb auf den Schädel klopfte, daß er für todt liegen blieb, veranlaßte mich, das Weite zu ſuchen. Lief auf Augs⸗ burg zu, wo ich'ne verheirathete Schweſter hatte; aber der Teufel fuͤhrte mich unter die Werber, und als ich nach einem tuͤchtigen Gelag, ich weiß nicht mehr, wo es war, aufwachte— hui! da ſaß ich auf dem Wagen, und fort ging's nach Regensburg, wo ich die lichtblaue Jacke anziehen und die Muskete ſchleppen mußte. Nun, ich war drei Jahre Soldat, bin die Kreuz und die Quere marſchirt, aus einer Garniſon in die andere, kriegte aber weder Pulver zu riechen, noch'nen Feind zu ſehen. Das verdroß mich, und die Langeweile machte mich krank; darum chappirte ich endlich von Paſſau aus, wo wir eben lagen, nach Linz zu den Oeſtreichern. Da ich nach abgelegter Probe fuͤr einen guten Schuͤtzen er⸗ kannt wurde, kam ich zu den Salzburger Jaͤgern, einem Bataillon, wie es nirgend ſeines Gleichen hat, war auch ſchon nach drei Monaten Korporal. Damals kriegten die Kaiſerlichen mit den Tuͤrken Haͤndel und wir ruͤckten aus, durch Wien in's Ungarland und weit hinuͤber nach Iltrien und Kroatien, wo wir endlich mit dem Feinde 170 hart zuſammen kamen. Kinder, das war ein Feldzug! Donner und Doria, da hatt' ich im vollen Maaße, wonach ich mich in den faulen baierſchen Cantonnements immer geſehnt— Kartätſchen, Bomben, Kanonen- und Flintenkugeln, die manchmal hageldicht auf uns drein ſauſten, wenn wir gegen die Verſchanzungen der Heiden anruͤckten, die in ihren rothen Turbans und den ab⸗ ſcheulichen Pluderhoſen wie eben ſo viel Teufel ausſa⸗ hen. Die Kerls wehrten ſich uͤbrigens tapfer; wenn wir aber ſo in Colonne anſtuͤrmten und unſer Lied vom Prinz Eugenius ſangen, oder wenn wir Jaͤger wie die Katzen um ihre Poſten herumſchlichen und paff! paff! ſie weg⸗ putzten, ohne daß ſie auch nur'nen Rockzipfel von uns ſahen,— Sapperment, da riſſen ſie aus und ſchrieen ihr Allah in die Luͤfte, als wenn ſie am Spieße ſteck⸗ ten!“ „Das muß huͤbſch geweſen ſein, mein' ich!“ brummte der ſchwarze Bock, mit den Fingern ſchnippend—„hätt' moͤgen dabei ſein gegen die Muſelmaͤnner!“ „Ja, das Ding war ſo lange plaͤſirlich, bis ich mal unverſehens'ne Kugel zwiſchen die Rippen kriegte!“ fuhr Bollinger mit wichtiger Miene fort.„Da merkte ich erſt, daß der Krieg, wie jedes Ding, zwei Seiten hat, denn ſie luden mich auf einen Leiterwagen, wo ich die Beſinnung verlor und in Temeswar im Lazareth erſt wieder zu mir kam. Ein halbes Jahr habe ich dort gelegen, wurd' endlich wieder auskurirt, ob ich gleich von der Zeit an immer magrer und magrer wurde; 171 denn die verdammte Kugel hatte mir die Lunge ledirt. Kaum konnt' ich wieder nothduͤrftig kriechen, ſo hieß es: Du biſt zum Kriegsdienſte nichts mehr Nutz! und alſo bekam ich den Laufpaß. Was beginnſt du nun? dacht' ich, als ich ſchwach, elend und abgeriſſen in der Reſidenz Wien wieder einzog, die ich vor zwei Jahren ſo friſch und froͤhlich verlaſſen hatte. Was bleibt Dir uͤbrig, als Bettelbrot zu eſſen? Aber dazu kam es nicht, denn ein vornehmer Herr aus Polen, dem eben ſein Bedienter geſtorben, nahm mich an deſſen Stelle, ließ mir eine fuͤrtreffliche Livree machen und gab mir ſo viel Lohn, daß ich in den vier Jahren, die ich bei ihm zubrachte, ein huͤbſches Suͤmmchen zuruͤck⸗ legen konnte. Mit meinem Herrn nun, der uͤberaus reiſeluſtig war, kam ich in ganz Europa herum; bald waren wir in Berlin, bald in Holland, bald in Paris, ja ſelbſt Rom und das prachtvolle Neapolis hab' ich geſehen. Nachher ging's wieder nach Norden durch aller Herren Laͤnder bis in die Stadt Braunſchweig, allwo wir einen ganzen Winter zubrachten. Na,?s ſchien hier, als wolle mich die Gluͤcksgoͤttin mein Lebelang beguͤnſtigen, denn ich lernte damals ein Mädel kennen, ſo ſchmuck, flink und zierlich, daß ich mich flugs in ſie verliebte. Ihr Vater war herrſchaftlicher Foͤrſter in ei⸗ nem nahen Dorfe; er fand Gefallen an mir und be⸗ hauptete entzuͤckt, ich ſei der beſte Schuͤtz im ganzen Lande. Das Maͤdel war mir auch vom Anfang an nicht gram und— um's kurz zu machen— wir wurden, als das Fruͤhjahr kam, ein Paar. Auf die Fuͤrſprache meines Herrn, der bei Hofe was galt, kriegt' ich'nen hubſchen Poſten im Wolfenbuͤttelſchen, und ich glaub', in den zwoͤlf Jahren unſter Ehe hat's zwanzig Meilen in der Runde kein ſo zufriedenes Paar gegeben, als ich und mein Jettel.“ Hier hielt der Erzähler ploͤtzlich inne wi ließ mit einem ſchweren Seufzer den Kopf ſinken. „Nun, wie ward's weiter?“ nahm Mathias nach einer langen Pauſe das Wort.„Ich bin doch begierig, wie ein herzoglich Braunſchweig'ſcher Foͤrſter—“ „Ein Wildſchutz werden konnte?“ ergänzte Bollin⸗ ger mit truͤbem Lächeln.„Hm, das ſieht wunderbar aus und iſt doch mit ein Paar Worten erklärt. Es war am St. Sylveſterabend 1753— die Jahreszahl iſt mir wie mit'nem gluͤhenden Eiſen in's Herz gebrannt, als ich ſpät und ziemlich verdrießlich vom Anſtande kam, denn es war mir den ganzen Abend nichts zu Geſicht gekommen. Es war ſchon ſtockfinſter und der Schnee fiel dick, wie aus einer Butte geſchuͤttet, vom Himmel nieder. Schon blinkten mir zwiſchen den Bäumen die lichten Fenſter des Forſthauſes entgegen und der Gedanke an mein Weib und die behagliche warme Stube verſcheuchte allgemach meinen Aerger. Da hoͤr' ich's plotzlich in den Buͤſchen raſcheln, und wie ich hin ſchaus, ſehe ich'nen dunkeln Gegenſtand, etwa zwanzig Schritte von mir, ſacht und vorſichtig zwiſchen den Kiefern hin⸗ ſtreichen. Der Teufel verwirrte meine Sinne, raſch hob ich's Gewehr, denn ich meinte,'nen praͤchtigen Rehbock ſo noch vor Thoresſchluß zu erwiſchen. Das Wild kam gerade auf mich zu, und um ihm nicht Zeit zu laſſen, bis es mich erſpuͤrt, nahm ich einen Augenblick wahr, wo es auf'ne ſchmale Lichtung heraus trat, zielte, ſo gut es in der Finſterniß und dem Schneegeſtoͤber moͤg⸗ lich war und druͤckte los. Jeſus Chriſtus, wie ward mir, als ich ploͤtzlich einen furchterlichen Schmerzens⸗ ſchrei vernahm und die Stimme meiner Frau erkannteſl“ Bollinger hielt inne und fuhr ſich mit der Hand uber die Augen. Die ſchreckliche und unvermuthete Wen⸗ dung in dem heitern Geſchick des Erzählers hatte auch ſeine Zuhörer tief ergriffen, welche durch ernſtes Schwei⸗ gen den Schmerz des unvorſichtigen Moͤrders ehrten. So trat eine lange und traurige Pauſe ein, welche Bol⸗ linger endlich ſelbſt unterbrach. „Was ſoll ich noch hinzufuͤgen?“ fuhr er mit tie⸗ fer, zitternder Stimme fort.„Ich hatte mein Weib erſchoſſen und ſie ſtarb in meinen Armen, nachdem ſie mir vorher ſagte, daß vor einer Stunde ein herzogliches Schreiben angekommen ſei, in dem ich zum Oberfoͤrſter ernannt werde. Die Gute hatte, von Freude bewegt, meine Ruͤckkunft nicht erwarten koͤnnen und war mir mit der froͤhlichen Nachricht entgegen gegangen. Ich war anfangs wie erſtarrt und blieb neben der Leiche ſitzen, wie ein Geſpenſt. Um Mitternacht aber holte ich mir ein Grabſcheit aus dem Hauſe und begrub das Liebſte, was ich auf der Erde beſaß, auf dem Platze, den ſie mit ihrem Blute gefaͤrbt. Dann kniete ich nie⸗ der und wollte beten, aber ich vermocht's nicht. Ich dachte, in meinem Jammer erſticken zu muͤſſen; endlich fuͤhlte ich, daß mir die Thraͤnen in die Augen traten und nun lag ich da auf dem kalten, beſchneieten Boden und weinte und weinte, bis die Morgendaͤmmerung durch die Baͤume ſchimmerte. Dann erhob ich mich, warf noch einen Blick auf meine Wohnung, wo ich geſtern noch ſo gluͤcklich geweſen und die mich jetzt anſtarrte, als wär' es eine Richtſtaͤtte— dann macht' ich Kehrt und lief den ganzen Tag durch Wald und Feld, uͤber Berg und Thal, und auch den andern Tag ſo fort bis nach Muͤnchen, wo ich an die Thuͤr meiner Schweſter klopfte. Die war indeß Witwe geworden und erſchrack nicht wenig, als ſie mich ausgemergelten, leichenblaſſen und abgeriſſenen Menſchen erblickte; indeß war ihre Freude groß, als ich mich zu erkennen gab. Ein Paar Wochen hielt ſie mich verborgen, denn als Deſerteur durft' ich mich oͤffentlich nicht blicken laſſen. Die gute Frau hatte auch'nen Kummer gehabt uͤber ein ſeltſa⸗ mes und bis heut unerklaͤrt gebliebenes Ereigniß. Es ſaß nämlich Anno 52 der Hofjuwelier des Kurfuͤrſten, Anton Preiſinger, im Armenſuͤnderſtuͤbchen, denn er hatte den einzigen Sohn des Fuͤrſten von Burgau er⸗ ſtochen, weil ihm dieſer ſeine Frau, die ein Wunder von Schoͤnheit geweſen ſein ſoll, verfuͤhrt hatte. Die Ungetreue fiel vor Schrecken und Reue in Wahnſinn, und ſtarb, noch ehe die Kriminalunterſuchung gegen 175 ihren Mann beendigt war. Sie hinterließ ein neun⸗ jahriges Toͤchterchen, welches die Behoͤrden vor der Hand bei meiner Schweſter, als einer rechtſchaffenen und wol renommirten Frau, in Koſt und Wohnung gaben, um nach Ausgang des Prozeſſes weiter uͤber das Schickſal der kleinen Verlaſſenen zu verfuͤgen. Der Goldſchmied wurd' endlich, wie Jeder voraus ſah, zum Tode durch's Schwert verurtheilt; aber wie groß war das Erſtaunen in ganz Muͤnchen, wie groß der Aerger der Gerichte, als man am Morgen vor dem Hinrichtungstage die Armenſuͤnderſtube leer, die eiſernen Fenſtergitter durch⸗ feilt und den Vogel ausgeflogen fand. Das war aber noch nicht Alles; denn als meine Schweſter am ſelbigen Morgen in das Stuͤbchen trat, worin die kleine Elfriede ſchlief und welches nur durch einen duͤnnen Bretterver⸗ ſchlag von ihrem eigenen Schlafgemache Fyſchieden war, ſiehe, da war auch das Maͤdchen ſpurlos verſchwunden, und auf dem Tiſche ſtand mit Kreide geſchrieben:„Der Vater hat ſein Kind geholt!“ „Das iſt'ne wunderbare Geſchichte!“ rief Mathias, mit der rechten Hand auf ſein Knie ſchlagend—„hat man denn ſpaͤter nichts mehr von dem armen Suͤnder und ſeiner Tochter vernommen?“ „Nicht das Geringſte! ſie muͤſſen durch die Luft geflogen ſein, denn der alte Fuͤrſt von Burgau, der im Miniſterium ſaß und uͤber die vereitelte Genugthuung wuͤthete, traf ſolche Anſtalten, daß keine Katze, vielwe⸗ niger ein Menſch unbemerkt uͤber die Landesgrenze kom⸗ 176 men konnte. Ja, die Geſchichte hat damals viel Kopf⸗ zerbrechens und unnuͤtzes Geſchwaͤtz verurſacht, und als ich nun etwa vier Wochen nach dem Ereigniſſe zu meiner Schweſter kam, war die gute Frau noch ganz conſternirt und voll Betruͤbniß.“ „Aber Ihr habt uns noch immer nicht geſagt, wie Ihr ein freier Schuͤtze wurdet,“ bemerkte tiefſinnig das Individuum, welches wir unter der Bezeichnung des „ſchwarzen Bockes“ kennen gelernt haben. „Dumme Frage!“ brummte Bollinger.„Was blieb mir denn uͤbrig, als mit der Buͤchſe auf dem Ruͤcken in die Walder zu gehen, wenn ich mich nicht mein Lebelang bei der Schweſter unter Zittern und Za⸗ gen verborgen halten wollte? Hab's auch noch nicht bereut,“ ſetzte er ruhig hinzu—„denn erſtens milderte ſich in Gottes freier Natur und bei der gewohnten Beſchäftigung der tiefe Gram, den ich ſeit jenem ſchreck⸗ lichen Sylveſterabend wie ein Centnergewicht mit mir herumſchleppte, und zweitens fand ich meinen armen Andreas, den ſie unbarmherzig in die Welt hinaus ge⸗ ſtoßen, und da hatte ich doch nun wieder ein lebendiges Weſen, das ich lieben konnte.“ Andreas reichte dem Erzaͤhler ſchweigend, aber mit einem innigen Dankesblicke die Hand, die Bollinger herzlich ſchuͤttelte und dabei dem Juͤnglinge mit jenem Ausdrucke der Treue und Ergebenheit in, die Augen ſchaute, die wir nur ſelten unter Menſchen finden.— Indeß war es voͤllig Nacht geworden, das Feuer war 177 dem Erloͤſchen nahe, und ein kalter Zugwind pfiff durch das Gemaͤuer der Ruinen. Deshalb hatte Niemand etwas gegen Bollingers Vorſchlag, ſich zur Ruhe zu begeben, einzuwenden, und die kleine Geſellſchaft verließ ihren Lagerplatz, nachdem Andreas vorher ein Stuͤck Kienfackel an den verglimmenden Kohlen entzuͤndet hatte. Zwölftes Kapitel. — Die Nacht entwaffnet erſt den Menſchen, dann Bekaͤmpft ſie ihn mit nichtigem Gebild. Goͤthe. Andreas ſchritt mit ſeiner Fackel voran, queer uͤber den Hof und blieb vor einer, im ſuͤdlichen Fluͤgel des Jagdhauſes befindlichen Thuͤr ſtehen, welche von ſchwe⸗ ren eichenen Bohlen zuſammengeſetzt und verſchloſſen war. Bollinger holte nun einen gewichtigen Schluͤſſel aus der Jagdtaſche und oͤffnete die Thuͤr, welche ſich langſam und knarrend in ihren Angeln bewegte. Beim Scheine der Fackel zeigte ſich eine ſteil abwaͤrtsfuͤhrende, ſchadhafte Steintreppe, deren Ende ſich in der tiefſten Dunkelheit verlor. „Soll es da hinab gehen, Ihr Herren?“ fragte Mathias und blieb zoͤgernd auf der erſten Stufe ſtehen. „Allerdings!“ verſetzte Bollinger—„und wenn Ihr Euch nicht etwa vor Geſpenſtern fuͤrchtet, von de⸗ nen unſere Burg nach Ausſage etlicher alten Weiber bisweilen beſucht ſein ſoll, moͤgt Ihr getroſt uns fol⸗ gen.“ „Alte Weiber!“ murmelte Gaͤrtner, der Burſche mit dem lachluſtigen Geſichte—„ich weiß es am beſten, 179 daß es da unten nicht richtig iſt. Hab' ich nicht erſt vor ein Paar Tagen'ne dunkle Geſtalt an mir voruber⸗ huſchen ſehen? und dann das Singen und Klopfen— — hm! man braucht kein alt' Weib zu ſein, um an Dinge zu glauben, die man ſelber ſieht und hoͤrt.“ Indeß war Andreas die Treppe hinabgeſtiegen und die Uebrigen folgten. Sie befanden ſich jetzt in einem ſchwerfallig gewoͤlbten Gemache, welches von einem di⸗ cken unfoͤrmlichen Pfeiler in der Mitte geſtuͤtzt ward. Der Boden war mit Ziegelſteinen gepflaſtert, zwiſchen deren zerbrockelten Fugen Moos und Schwaͤmme ſich hervordrängten. Der Treppe gegenuͤber muͤndete ein ſchmaler, niedriger Gang, aus welchem den Jaͤgern, als ſie ihn betraten, eine feuchtkalte Zugluft entgegenwehte. Das ſchwankende Fackellicht brach ſich ſchimmernd an mattgrauen Cryſtalliſationen, mit welchen die engen Steinwaͤnde groͤßtentheils uͤberzogen waren, und in lan⸗ gen Pauſen fielen ſchwere Waſſertropfen klingend von der Decke auf die zerbrochenen Quader des Fußbodens nieder. Der Gang dehnte ſich in betraͤchtlicher Laͤnge aus und endete endlich in einem hohen luftigen Ton⸗ nengewoͤlbe, welches Bollinger mit vielem Humor ſeinem Gaſte als Geſellſchaftszimmer, Arſenal und Schlafgemach der freien Schuͤtzen ankuͤndigte. Nachdem Andreas die Fackel in einer an der Wand befindlichen eiſernen Klam⸗ mer befeſtigt hatte, ſchaute Mathias forſchend umher und mußte ſich endlich geſtehen, daß der Ort, ſo duͤſter und geheimnißvoll auch ſein Zugang war, durchaus nicht 12* 180 ohne einiges Comfort und die groͤßtmoͤgliche Bequemlich— keit ſei. Durch ein Paar nahe an der Decke befindliche Lucken, welche dicht mit Neſſeln und Schlingkraut be⸗ wachſen und ſo von außen gaͤnzlich verborgen waren, drang, wenn auch wenig oder gar kein Licht, doch hin⸗ länglich friſche Luft in das unterirdiſche Gemach, wes⸗ halb es auch voͤllig trocken und frei von jener feuchten Moderatmosphaͤre aͤhnlicher Raͤume war. Die eine Wand des Gemaches wurde ganz von einer aus trocknem Heu beſtehenden und mit weichen Wolldecken und Pelzen uͤber⸗ deckten Lagerſtatt eingenommen, die gegenuͤber liegende Seite war dekorirt mit einer huͤbſchen, wenn auch nicht zahlreichen Sammlung von Flinten und Buͤchſen, dar⸗ unter etliche Jagdtaſchen, Pulverhoͤrner, Lockpfeifen und verſchiedenes Jagdgeräͤth. Ein ſchwer mit Eiſen beſchla⸗ genes Kaͤſtchen, welches der Thuͤr zunaͤchſt in einem Winkel ſtand, war nach Bollingers Ausſage mit dem beſten Schießpulver gefuͤllt, und ein roher, wahrſchein⸗ lich von den Schuͤtzen ſelbſt gezimmerter Wandſchrank verbarg einige Garderobeſtuͤcke, mit welchen ſie bei Aus⸗ fluͤgen in die Welt ihr gewöhnliches ſchlichtes Jaͤgerko⸗ ſtuͤm zu vertauſchen pflegten. Ein viereckiger, aus Bret⸗ tern und Pfaͤhlen, von dem Verfertiger des erwaͤhnten Wandſchrankes zuſammengeſetzter Tiſch, drei oder vier entſprechende Schemel ohne Lehnen und ein auf einem Geſtell ruhendes Faͤßchen voll prächtigen⸗ Augsburger Bieres vollendeten die Ausſtattung dieſes unterirdiſchen Prachtzimmers. 181 „Nun, Kamerad, laͤßt es ſich hier nicht vortrefflich wohnen, oder wenigſtens ſchlafen?“ fragte Bollinger, der aͤußerſt ſtolz auf ſeinen Palaſt zu ſein ſchien—„8 iſt mir unbegreiflich, daß nicht ſchon vor uns Jemand dies verborgene Plaͤtzchen ausgekundſchaftet und benutzt hat. Ich war nicht wenig vergnuͤgt, als ich etwa vor vier Wochen ganz zufaͤllig oben in der Mauer den halb verſchuͤtteten Eingang entdeckte und von Wißbegierde ge⸗ trieben endlich bis hierher vordrang.“ „Waͤhrend der Sprecher und ſeine drei Genoſſen die Oberkleider abwarfen und ſich anſchickten, dem Schlum⸗ mergotte den ſuͤßen Tribut zu leiſten, durchmuſterte Ma⸗ thias noch immer das Gewoͤlbe und bemerkte jetzt in der dem Eingange gegenuͤberliegenden Wand eine thuͤr⸗ ähnliche Oeffnung, die gewaltſam mit Hilfe einer Spitz⸗ hacke in die Mauer gebrochen zu ſein ſchien und man⸗ gelhaft mit Reiſigbuͤndeln verſtopft war. Auf ſeine des⸗ fallſige Frage erklaͤrte Bollinger, daß wahrſcheinlich Schatzgraͤber oder Alterthumsforſcher vor langer Zeit ſich einmal hieher verirrt und dieſe Spuren ihrer Thaͤtigkeit zuruͤckgelaſſen haͤtten.„Als ich zuerſt das Terrain hier recognoscirte, kroch ich natuͤrlich auch da hinein,“ fuhr er fort, indem er ſich mit einem grazioͤſen Schwunge auf die Lagerſtaͤtte warf—„indeß machte ich bald wie⸗ der Kehrt, da ſchon nach wenigen Schritten eine ver⸗ mauerte Thuͤr mein weiteres Vordringen hemmte.“ Ein melodiſches Gaͤhnen ſchloß dieſe Notiz, und da ſich nunmehr die kleine Geſellſchaft gleichfalls zum Schla⸗ fen niedergelegt hatte und keine weitere Luſt zum Plau⸗ dern aͤußerte, folgte Mathias, ſich auf das weiche, duf⸗ tige Heu niederwerfend, dem allgemeinen Beiſpiele. Noch keine Viertelſtunde war vergangen, da erſchuͤtterte Herrn Bollingers ausnehmend kräftiges Schnarchen das Ge⸗ woͤlbe, und ſelbſt Gaͤrtner und der ſchwarze Bock ſchie⸗ nen, in das ſuͤße Concert einſtimmend, evidente Beweiſe eines geſunden und nicht ſo leicht zerſtoͤrbaren Schlafes liefern zu wollen. Mathias aber gab jetzt in der Stille der Nacht ſeinen geheimſten Gedanken Audienz, denn die raſche Folge der Ereigniſſe hatte in den juͤngſt ver⸗ floſſenen Tagen ihn in eine Art von Betaͤubung verſetzt, in welcher er ſich den äußern Eindruͤcken inſtinktmaͤßig uͤberließ, einem Traäumenden gleich, der die mannich⸗ fachſten Bilder an ſeiner Seele voruͤberziehen ſieht und, ſeien dieſe auch grauenvoll und duͤſter, ihnen dennoch nicht zu entfliehen vermag. Jetzt uͤberſchaute er noch einmal mit pruͤfenden Blicken die Vergangenheit, und Zorn, Haß und Betruͤbniß beſtuͤrmten in raſchem Wech⸗ ſel ſein Inneres; dann aber, als er der Zukunft gedachte und der Folgen, welche ſeine Verbindung mit den Wild⸗ ſchuͤtzen, mit den geaͤchteten Uebertretern des Geſetzes haben mußte, dann ſchwiegen die lauten Stimmen wilder Leidenſchaft und des gekraͤnkten Stolzes vor dem Gefuͤhle eines tiefen, wahren Kummers. Jene Reue, jene unbeſiegbare Beaͤngſtigung, welcher der Menſch nimmer entgeht, wenn er den erſten entſcheidenden Schritt auf dem Wege des Unrechts gethan hat, erfaßte jetzt 183 den ſchlafloſen Fluchtling, der mit Gewalt ſein geiſtiges Auge den Phantomen zu verſchließen ſuchte, die aus einer dunkeln, fernen Zukunft ihn geſpenſtiſch anglotzten Eine lange, qualvolle Stunde war ihm ſo verfloſſen; er beneidete ſeine Gefaͤhrten, die ihm zur Seite ſo feſi und ruhig ſchliefen, und faßte hundertmal den Entſchluß, jedes Nachdenken durchaus zu verbannen und dem Schlum⸗ mergotte die ſuͤßen Mohnkoͤrner abzuzwingen. Verge⸗ bens! ſchwer athmend warf er ſich hin und her und ſo oft und feſt er die Augen ſchloß, immer noͤthigte ihn eine unſichtbare Gewalt, ſie wieder zu oͤffnen und nach dem ſchmalen Lichtſtrahle zu blicken, welchen das durch eine der Lucken in das Gewoͤlbe fallende Mondlicht am Boden zeichnete. Da war es ihm ploͤtzlich, als vernehme er ein lei⸗ ſes, undeutliches Geraͤuſch. Horchend richtete er ſich empor und gelangte bald zu der Gewißheit, daß er ſich nicht getaͤuſcht habe. Trotz des lauten Schnarchens ſei⸗ ner Genoſſen drang deutlich ein dumpfes, taktmäßiges Klopfen in ſein Ohr, welches jedenfalls außerhalb des Gewoͤlbes ſeinen Urſprung hatte. Es klang, als ſchlage Jemand mit einem Hammer oder einem ͤhnlichen In⸗ ſtrumente fort und fort gegen die Mauer, und in der That wurde der raͤthſelhafte Schall bisweilen von einem Gepolter unterbrochen, wie wenn Schutt oder Steine von einer Höhe herunterrolten.„Was kann das ſein?“ fragte Mathias ſich ſelbſt, indem er raſch aufſtand und ein Paar Schritte in dem dunkeln Gewölbe— denn die Fackel 184 war ausgeloͤſcht worden— vorwaͤrts that.„Wir ſind alſo nicht die einzigen Bewohner dieſer Ruine! und da ich nicht Luſt habe, mich wie damals auf dem Schloſſe vor dem nachtwandelnden Grafen wiederum vor Ge⸗ ſpenſtern zu fuͤrchten, ſo moͤchte ich wol die Urſache die⸗ ſes unheimlichen Schalles entdecken.“— Einen Augen⸗ blick war er im Begriff, die Schlaͤfer zu wecken; da er aber einſah, daß dies einerſeits ein eben ſo undankbares als ſchwieriges Geſchaͤft ſein wuͤrde, andrerſeits er aber jeden Anſchein von Furcht zu vermeiden wuͤnſchte, be⸗ ſchloß er, das Abenteuer allein zu beſtehen und lauſchte nun mit verdoppelter Aufmerkfamkeit nach der Richtung, aus welcher ſich das Geraͤuſch vernehmen ließ. Bald war er gewiß, daß das Pochen von jener dem Eingange gegenuͤberliegenden Thuͤre herdrang, welche, wie wir ſchon erwaͤhnten, durch aufgeſchichtete Reiſigbuͤndel ver⸗ ſperrt war. Ohne einen Augenblick zu zoͤgern, ſchlich er hin, zog mit leichter Muͤhe eins der Gebinde, wel⸗ chem mehre daruͤberliegende nachſtuͤrzten, heraus, und ſteckte horchend den Kopf durch die nun entſtandene Oeff- nung. Richtig! ganz deutlich vernahm er jetzt den ge⸗ ſpenſtigen Laut, aber immer noch wie aus weiter Ent⸗ fernung, bald ſtaͤrker, bald ſchwaͤcher toͤnend und in minutenlangen Pauſen von einem praſſelnden Gepolter unterbrochen.„Seltſam! unerklaͤrlich!“ murmelte der Jäger—„Bollinger behauptet, das anſtoßende Gemach vermauert gefunden zu haben, gleichwol ſcheint ſich Je⸗ mand darin, oder wenigſtens in deſſen Naͤhe auf eigen⸗ 185 thümliche Weiſe die Zeit zu vertreiben! Es fiel ihm jetzt ein, daß ſeine Gefaͤhrten allerdings von Geſpenſterſpuk geſprochen und wahrſcheinlich alſo fruͤher ſchon irgend etwas Unerklaͤrliches gehoͤrt oder geſehen hatten; aber an⸗ ſtatt dadurch eingeſchuͤchtert und von ſeinem Vorſatz ab⸗ geſchreckt zu werden, wurde er in demſelben nur noch lebhafter beſtaͤrkt und zerſtorte ſogleich durch ein Paar kraftige Fußſtöße die gebrechliche Schranke, durch welche der geheimnißvolle Eingang verbarrikadirt war. Dann nahm er den Fockelſtumpf von der Wand, tappte nach dem Tiſche, auf welchem er vorhin ein Feuerzeug bemerkt hatte, und brachte nach einigen vergeblichen Verſuchen die Fackel in Brand. Noch bewaffnete er ſich mit einem langen, verroſteten Stoßdegen, den er unter den Geweh⸗ ren und Jagdutenſilien entdeckte und ſchritt, alſo geruͤſtet zum Beſtehen jeglicher Gefahr, 5 aus dem Gewoͤlbe in das anſtoßende Gemach. Er befand ſich nun in einem laͤnglichen, ebenfalls gewölbten Raume, deſſen nackte, aus Backſteinen aufge⸗ fuͤhrten Waͤnde auch nach der genaueſten Beſichtigung durchaus weder eine Thuͤre, noch uͤberhaupt irgend eine Oeffnung entdecken ließen. Kopfſchuttelnd ließ er das Licht der Fackel nach allen Seiten hinirren; das Pochen dauerte fort und toͤnte näher, als vorhin, und nach einer langen und ſorgfaͤltigen Pruͤfung wurde ihm endlich die Gewißheit, daß es unter ſeinen Fußen, wie tief aus dem⸗ Bauche der Erde hervorſcholl. Dieſe Wahrnehmung fuͤhrte zu einer zweiten; er entdeckte naͤmlich, daß in einer der 186 breiten Quadern des Fußbodens ein verroſteter eiſerner Ring befeſtigt war, und als er dieſen ergriff und mit aller Kraft ſeines Armes emporzog, wich die ſchwere Steinplatte in der That aus ihren Fugen und ließ die erſten Stufen einer aͤußerſt ſchmalen, ſteil in die Tiefe hinabfuͤhrenden Wendeltreppe ſichtbar werden. Solch eine myſterioͤſe Paſſage war ganz geeignet, die Neugier unſers Helden auf's Hoͤchſte zu ſpannen; ohne einen Augenblick zu zoͤgern, begann er die ſchluͤpfrige, mit feuchtem Moos bewachſene Stiege hinabzuklimmen und hielt in der Mitte der Treppe nur einen Augenblick an, um jenem ſeltſamen Pochen zu lauſchen, welches ihm die Richtung, in der er den Urheber deſſelben zu uͤberraſchen gedachte, entdecken ſollte. Aber zu ſeinem Erſtaunen war es ploͤtzlich ganz ſtill geworden; nichts ruͤhrte und bewegte ſich in den duͤſtern, unbekannten Raͤumen unter ſeinen Fuͤßen, die ihn jetzt wie die ſchaurige Einſamkeit einer Todtengruft anzugaͤhnen ſchienen. Seltſam! das ploͤtzliche Verſtum⸗ men jenes Geraͤuſches, dem er bis hieher ſo begierig nach⸗ geforſcht, machte ihn befangen, und wenn er auch weit entfernt war, irgend eine Furcht zu empfinden, ſo blickte er doch nunmehr oͤfter und ſorgfaͤltiger umher und preßte ſeinen alten Stoßdegen feſt unter den Arm. Indeß ſtieg er vollends hinab und hielt nun die Fackel hoch empor, um die Localitaͤt zu durchmuſtern, welche durchaus einen uͤberraſchenden Anblick darbot. Ein dichter Wald dicker achteckiger pfeller, welche bunt durcheinander ſtanden, anſcheinend voͤllig ohne Plan 187 und Zweck, trug ein flaches und niedriges Gewoͤlbe, deſſen Ende nicht abzuſehen war, denn den Hintergrund deſſelben umſchleierte eine dichte, durch den grellen Schein der Fackel nur noch mehr hervorgehobne Finſterniß. Es war dieſer weitlaͤufige unterirdiſche Raum eine Art Krypto, wie man ſie nicht ſelten in alten gothiſchen Kirchen fin⸗ det und deren duͤſtere Feierlichkeit ganz beſonders geeignet zu ſein ſcheint, das Herz fromm und demuͤthig zu ſtim⸗ men und Gedanken uͤber Tod und Ewigkeit darin zu er⸗ wecken. Aber hier, ſo tief unter dem Grunde eines Jagdſchloſſes, eines Sitzes wilder Luſt und lebens⸗ friſcher, ausgelaſſener Freude, war dies ſeltſame Bauwerk allerdings ein Räthſel, welches ſich entweder nur durch eine, dem Myſtiſchen und Grottesken zugewandte Grille des Gruͤnders erklaͤren ließ, oder zu Zwecken gedient haben mochte, welche weder Chronik noch Tradition aus dem vorbei gerauſchten Zeitſtrome bis zu den Jetztlebenden heruͤber getragen hatten.— Mathias ſchritt, langſam und verwundert nach allen Seiten blickend, vorwaͤrts. Die Menge der maſſenhaften Pfeiler, welche, wie wir ſchon erwaͤhnten, in geringen Abſtaͤnden ſich uͤberall zu der gedruͤckten Decke erhoben, erlaubten auf keinem Punkte einen freien Ueberblick des ganzen Saales; das Fackel⸗ licht ſelbſt verbreitete nur uͤber einen kleinen Raum einen duſtern, flackernden Schein, in deſſen Beleuchtung die Pfeiler ſich geſpenſtiſch zu recken und zu dehnen ſchienen. In den tiefen Schlagſchatten, welche uͤberall aus dieſem phantaſtiſchen Saͤulengewirr hervorbrachen, ſchien es zu 188 fluͤſtern, zu lauſchen und ſich huſchend zu bewegen. Jeden Augenblick glaubte Mathias, es muͤſſe etwas her⸗ vorſchluͤpfen in den Bereich des Lichtes und oft wen⸗ dete er ſich ploͤtzlich uͤberraſcht um, denn ein Seitenblick hatte ihm eine lange, luftige Geſtalt gezeigt, welche laut⸗ los neben ihm herſchlich; aber es war nur ſein eigner Schatten, der gebrochen bald an den Pfeilern, bald am Fußboden erſchien, bald in den dunkeln Zwiſchenraͤumen des Gewoͤlbes verſchwand. Die Schritte des naͤchtlichen Wande⸗ rers toͤnten dumpf und klingend auf den Granitplatten des Fußbodens wieder und ſchallten weithin ein erſterbendes Echo durch den duͤſtern Raum. Da blieb er ploͤtzlich lauſchend ſtehen, denn aus der Ferne hallte vernehmlich ein leiſer, lieblicher Geſang; es war die Melodie eines feierlichen Kirchenliedes, deſſen einfache Toͤne ernſt und ruͤhrend durch die nächtliche Stille, wie vom Hauche des Windes getragen, dem Horchenden entgegen drangen. Er unterſchied eine kindliche, glockenhelte Sopranſtimme, welche ein tiefer, wenn gleich zitternder, doch wohlklin⸗ gender Baß begleitete. Der Eindruck dieſer frommen, von unſichtbaren Lippen, wie aus dem Schooße der Erde heraufklingenden Melodie war ein unbeſchreiblich ruͤhren⸗ der, und unwillkuͤhrlich faltete Mathias die Haͤnde und begleitete in Gedanken, ſeine Umgebung, ſeinen Zweck und das Wunderbare dieſer Erſcheinung voͤllig vergeſſend, den ihm aus der ſuͤßen Kindheit wohlbekannten Geſang. Die letzten Toͤne verhallten ſanft und wieder herrſchte ringsum die traurige Stille des Todes. Doch nein! 189 ein lang gedehnter tiefer Seufzer dringt in ſeine Ohren Was war das? Wieder ein banges, ſchmerzliches Ge⸗ ſtoͤhn, welches aus jener finſtern Ecke zu kommen ſcheint. Richtig! dort regt es ſich und ein ſchwarzes, formloſes Weſen kauert am Boden! Einen Augenblick zögert Ma⸗ thias, weiter zu ſchreiten, aber er ſtreckt die Fackel nach jener Richtung vor. Da aͤchzt es wieder und huſch iſt es hinter einem Pfeiler verſchwunden.„S' war doch wie'ne Menſchenfigur!“ ſagte der Jäger kopfſchuͤttelnd zu ſich ſelbſt— wir wiſſen nicht, ob er in dieſer wahr⸗ ſcheinlichen Vermuthung Beruhigung ſuchte; jedenfalls aber war es ſein herzlicher Wunſch, als er feſt entſchloſ⸗ ſen und mit gezuͤcktem Degen nach dem Pfeiler hinſturzte, hinter dem die Geſtalt verſchwunden war, keinem andern, als ebenbuͤrdigen, mit Fleiſch und Bein, wie er ſelbſt, begabten Geſchoͤpfe zu begegnen, und wenn es ihrer auch ein Dutzend waͤren.„Halloh! wer iſt hier?“ ſchrie er mit einer Stendorſtimme, welche gewaltig in dem Gewoͤlbe wiedertoͤnte—„gebt Antwort, oder—“ Da begegnete dem kuͤhnen Helden ein Unfall, der ganz geeignet war, das Erhabene, Myſteriöſe und Hero⸗ iſche ſeines Auftretens nicht nur zu zerſtoͤren, ſondern ſo⸗ gar lächerlich und komiſch zu machen— das Uebelſte, was Jemanden wiederfahren kann, der nach Mitternacht in unterirdiſchen Raumen umherirrt und mit Fackel und Stoßdegen verſehen bie allerwunderbarſten Abenteuer zu erleben gefaßt iſt. Er ſtolperte naͤmlich, im haſtigen Vorwärtsſturmen begriffen, uͤber einen Haufen Steine und Gerölle— und ſah ſich ploͤtzlich, noch im Begriff, ſeine gefährdete Balance und mit ihr alle heldenmäßige Wuͤrde moͤglichſt herzuſtellen, bis unter die Arme in eine ſchmale und enge Grube verſenkt, in der er nun, wie in einer Maͤuſefalle, gefangen ſaß. Fackel und Degen hatte die Gewalt des Falles ihm aus der Hand und mehre Schritte weggeſchleudert, was ihm wol zum Gluͤck ge⸗ dient haben mochte, denn die unfreiwillige Verſenkung hatte ihm wenigſtens keinen andern Schaden als eine allerdings empfindliche Contuſion der Knieſcheiben zu⸗ gefuͤgt. „Tauſend Donnerwetter!“ fluchte Mathias, zwiſchen Lachen und Aerger kaͤmpfend, und mit einer Miene um⸗ herblickend, die einem Zweiten ſicherlich hoͤchſt poſſirlich erſchienen waͤre—„iſt denn dieſes verdammte Neſt be⸗ hert? Verborgene Thuͤren, Gewoͤlbe, Choralgeſaͤnge und Stoßſeufzer, und nun gar'ne Wolfsgrube— das iſt wahrlich eine huͤbſche Geſchichte! Moͤchte nur wiſſen, wie ich— Ein neuer Anlaß zum Staunen verſchloß ihm den Mund. Hinter einem Pfeiler in ſeiner Naͤhe drang jetzt ein heller und ſchmaler Lichtſtreif hervor, der zitternd uͤber den Fußboden und die Saͤulen des Gewoͤlbes hin⸗ irrte. Unverkennbar war es der Schein einer Blend⸗ laterne. Aber wo eine Blendlaterne iſt, muͤſſen auch Menſchen ſein, denn Geiſter pflegen ſich derartiger Be⸗ leuchtungsmaſchienen nicht zu bedienen. Davon fuͤhlte ſich auch Mathias uͤberzeugt, ſo mangelhaft ſeine Kennt⸗ 191 niß der Daͤmonologie immer ſein mochte; d'rum brannte er jetzt vor Begierde, dem Bewohner dieſer unheimlichen Stätte zu begegnen. Ein kräftiger Schwung ſeiner ner⸗ vigen Arme brachte ihn glucklich mit dem Oberkoͤrper uͤber den Rand der Grube, eine zweite gymnaſtiſche An⸗ ſtrengung machte ihn voͤllig frei und nun ſturzte er, raſch ſeine am Boden liegende Waffe aufraffend, dem Lichte ent⸗ gegen. Aber ſeine große Eilfertigkeit und Hitze hätten ihn beinahe wieder in eine unwuͤrdige Situation gebracht. Er fuͤhlte ploͤtzlich etwas unter ſeinen Fuͤßen krabbeln und dieſe von einem Paar zitternden Armen umſchlungen, zugleich flehte eine duͤnne, näſelnde Stimme mit herz⸗ brechenden Toͤnen um Schonung und Erbarmen. „Teufel! was iſt das wieder?“ rief Mathias, be⸗ ſtuͤrzt zuruͤckweichend und vergebens bemuͤht, ſich von der demuͤthigen Umklammerung loszumachen. „Magiſter Tilleſius, Paſtor emeritus der proteſtan⸗ tiſchen Gemeinde zu Dillingen!“ aͤchzte der Gegenſtand am Boden, welcher ſich durch ſothane Erklaͤrung als Menſch und guter Chriſt dokumentirte.„Haben Euer Gnaden Mitleid mit einem armen alten Manne, deſſen ankiquariſcher Eifer ihn in dieſen Hoöllenpfuhl verlockte.“ Die Angſt des uͤberraſchten Alterthuͤmlers veranlaßte Mathias zu einem herzlichen Gelaͤchter. Der Schein der am Boden ſtehenden Blendlaterne ließ ihn jetzt das Geſicht des Herrn Magiſters erkennen, welches lang und 192 vertrocknet und von einer alten zerauſten Perruͤcke um⸗ ſchattet, durch den Ausdruck der hoͤchſten Angſt und Be⸗ ſturzung durchaus nicht verſchoͤnt wurde. Seine zahn⸗ loſen Kinnladen bewegten ſich zitternd und es ſchien, als habe dieſe unfreiwillige vibrirende Bewegung ſich auch der benachbarten, enorm langen Naſe mitgetheilt. Neben ihm lag eine Spitzhacke und ein aus Stroh geflochtener Handkorb, in dem er wahrſcheinlich die aufzufindenden Schaͤtze und Raritaͤten wegzutragen beabſichtigt hatte. Nachdem er auch ſeinerſeits den Jaͤger mit ſcheuen Blicken gemuſtert und beſonders aͤngſtlich nach dem Stoßdegen geſchielt hatte, erhob er ſich, noch immer ächzend und keuchend, vom Boden und gab Mathias Gelegenheit, ſeine kleine, verwachſene Geſtalt, das vollkommene Ideal eines verknoͤcherten Buͤcherwurmes, zu bewundern. „Der gnaͤdige Herr werden mir erlauben,“ ſtotterte er nach einer Pauſe, waͤhrend welcher ſich Beide gegen⸗ ſeitig betrachtet und mancherlei Muthmaßungen uͤber dieſes ſeltſame Zuſammentreffen Raum gegeben hatten— „daß ich mich aus dieſem heilloſen Gewoͤlbe zuruͤckziehe, wo allerhand spectra und larvae, tota gens inferum, ihr Weſen treiben.“ „So?“ ſagte Matthias„nun, ich muß geſtehen, Ihr habt viel von einem Geſpenſte an Euch. Es iſt nicht Jedermanns Sache, nach Mitternacht in altem Gemaͤuer herumzuſtoͤbern und ſich die Zeit mit Geſang zu ver⸗ treiben.“ 193 „Was thut man nicht um der edlen Wiſſenſchaft und erſprießlicher Studien willen? Aber was das Sin⸗ gen betrifft— das war es ja eben, was mich mit Schreck und Entſetzen erfullte. Vox faucibus haesit! Hörten Sie alſo auch die graͤulichen Toͤne, die unfehlbar direkte aus dem Tartarus heraufſchallten?“ Der kleine Mann blickte dabei aͤngſtlich umher und buckte ſich nach ſeiner Blendlaterne. Da gewahrte Ma⸗ thias mit neuer Verwunderung, daß der Magiſter in die⸗ ſer Poſition zu erſtarren ſchien. Sein Geſicht ward erd⸗ fahl; Kinnladen, Arme und Kniee ſchlotterten, alsw ollten ſie ſich gewaltſam aus der Harmonie ihres Zuſammen⸗ hanges reißen, und ſeine kleinen grauen Aeuglein ſtierten, wie vom Anſchauen einer Boa constrictor verzaubert, mit dem Ausdrucke des hoͤchſten Entſetzens nach einem in tiefer Dunkelheit liegenden Theile des Gewoͤlbes. Aber Mathias hatte nicht Zeit, dem Alten ferner Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken, denn als er der Richtung ſeiner Blicke folgte, ſah er eine weiße undeutliche Geſtalt raſch zwiſchen den Pfeilern hinſchluͤpfen; einen Augenblick ſtutzte er; dann aber flog er, feſt den Degengriff packend, dem in erſichtlicher Haſt fliehenden Weſen nach und ver⸗ lor es nicht mehr aus dem Auge, ſo ſehr dies durch allerlei raſche Wendungen und Kruͤmmungen zwiſchen den Säulen hindurch ſich ſeinen Blicken zu entziehen ſuchte. Schon war er dem Gegenſtande ſeiner hitzigen Verfol⸗ gung ganz nahe und im Begriff, ihm ein donnerndes Halt! zuzurufen, als dieſer ploͤtzlich ſtill ſtand und ſich 13 194 entſchloſſen umwendete. Mathias hemmte gleichfalls ſei⸗ nen Lauf, denn deutlich vernahm er das Knacken eines geſpannten Hahnes und im naͤchſten Moment pfiff eine Kugel an ihm voruͤber und ſchlug klatſchend gegen den naͤchſten Pfeiler. Der Schuß rollte dumpf durch das—. Gewoͤlbe, aber ehe der Pulverdampf ſich noch verzogen hatte, war Mathias auf den ſchlechten Schuͤtzen losge⸗ ſtuͤrzt und hatte ihn feſt am Arm gepackt. Ein leiſer Schmerzensſchrei verrieth ihm, daß ſein Gefangener ein Weib ſei. „Heiliger Hubertus! ein Frauenzimmer!“ rief er mit dem Ausdrucke des hoͤchſten Erſtaunens, ohne jedoch ſeine ſich heftig ſtraͤubende Beute loszulaſſen.—„Das geht noch uͤber den Magiſter! ſag' mir um's Himmels willen, wer biſt Du und was haſt Du hier zu ſchaffen?“ Der Klang ſeiner Stimme ſchien auf die Gefangene Eindruck zu machen; ſie verſuchte nicht mehr zu entfliehen und ſagte ſchuͤchtern: „Du kennſt mich ſchon, ich bin die kleine Waldhexe!“ „Und eine gefaͤhrliche Hexe!“ verſetzte lachend Ma⸗ thias, der ſich ſeines naͤchtlichen Zuſammentreffens mit ihr erinnerte.„Haſt mir's damals angethan, ob ich gleich kein Sterbenswoͤrtchen mehr weiß von Deinen Zauber⸗ ſpruͤchen, die mich aus dem Sattel warfen, und jetzt biſt Du ſo guͤtig, mich mit einer Kugel zu bewillkommnen. Aber nun halte ich Dich feſt und Du ſollſt mir beichten, was Du hier treibſt, oder—“ 195 „Still!“ unterbrach ihn ernſt das Maͤdchen.„Ich habe Deine Augen geſehen und weiß, daß Du ein guter Menſch biſt; darum will ich Dir vertrauen. Folge mir!“ „Gern, tapfre Kleine! aber wenn Du mir erlaubſt, möcht' ich erſt nach dem Schatzgraͤber ſehen, den inzwiſchen vielleicht der Schlag geruͤhrt hat.“ Das Maädchen faßte zutraulich ſeine Hand und folgte ſchweigend nach der Stelle, wo Mathias den Magiſter verlaſſen hatte. Aber er war nirgend zu finden. Laterne, Korb und Hacke lagen noch am Bodenz aber ſo laut und wiederholt er auch den Namen des Alterthuͤmlers durch das Gewoͤlbe ſchallen ließ, nur der Wiederhall gab dumpfe, eintoͤnige Antwort. „Er iſt fort!“ ſagte das Maͤdchen. „Wenn ihn der boͤſe Feind nicht geholt hat,“ ver⸗ ſetzte Mathias.„Aber ich ſehe nirgend einen Ausgang und begreife uͤberhaupt nicht, wie er nur hereinkam.“ Das Maͤdchen deutete nach dem weſtlichen Theile des Gewoͤlbes.„Dort fuhrt eine verfallene Treppe nach dem Thurme,“ ſagte ſie.„Ich ſah den alten Mann durch eine Schießſcharte in deſſen Inneres klettern, wäh⸗ rend Ihr am Feuer ſaßet und Einer erzählte, daß er ſeine Frau todtgeſchoſſen habe.“ „Wetter! Du ſcheinſt hier gut zu Hauſe zu ſein!“ Das Madchen ſchwieg. Mathias nahm die Blend⸗ laterne auf und Beide ſchritten raſch durch das Gewölbe. 13* 196 An der Sudſeite deſſelben blieben ſie vor einer niedrigen hoͤlzernen Thuͤre ſtehen, die von innen verriegelt war. Die Kleine klopfte dreimal in abgemeſſenen Pauſen. „Wohin fuͤhrſt Du mich?“ fragte Mathias, in deſſen Seele ein ploͤtzlicher Verdacht aufſtieg, als er einen ſchweren, ſchlurfenden Maͤnnertritt nahen hoͤrte. „Zu meinem Vater!“ erwiderte das Maͤdchen ruhig. Zweites Buch: Die freien Schützen. Dreizehntes Kapitel. . Wer da? Steh, oder du biſt des Todes! Shakeſpeare An einem ſchoͤnen Spaͤtſommerabende des Jahres Eintauſendſiebenhundert und zweiundſechzig ſaß Jakob Kloſtermeier, der Gemeindehirt von Friedberg, unter der Linde vor ſeinem Haͤuschen und ſchaute ſo munter und vergnuͤgt vor ſich hin auf den gruͤnen Gottesacker und die uralte, von maͤchtigen Kaſtanienbaͤumen faſt verſteckte Dorfkirche, wie er es wol lange nicht gethan haben mochte. Und das hatte ſeinen guten Grund; denn rechts und links neben ihm ſaßen ein Paar junge ſtattliche Maͤnner, deren einer die Hand des Greiſes zärtlich in der ſeinen hielt und ihm ſo freundlich und ehrerbietig in die Augen ſchaute, wie nur der Sohn zum Vater auf⸗ blicken kann. So war es denn auch. Der große, her⸗ kuliſch gebaute Jägersmann mit dem kuͤhnen, ſonnenver⸗ brannten Geſichte und der feinen Jagdkleidung war Ma⸗ thias, der zum Beſuch weit hergekommen war, von der Tyroliſchen Grenze, wo er, wie er eben dem horchenden Alten erzaͤhlte, Revierforſter bei einem reichen Grafen war. Seinen Begleiter hatte er kurzweg als Herrn An⸗ 200 dreas vorgeſtellt; der aber ſchien wenig von einem mun⸗ tern Geſellſchafter an ſich zu haben, denn er war wort⸗ karg und blickte, waͤhrend Vater und Sohn ſich lechſten an traulicher Unterhaltung, zerſtreut und beinahe finſter auf den Boden. Am Stamme der Linde lehnten zwei praͤchtige Kugelbuͤchſen, die ein ungewoͤhnlich großer, ſchwar⸗ zer Hund, der ſich träͤge unter die Bank hingeſtreckt hatte, zu bewachen ſchien.— Es war ringsum recht ſtill und friedlich. Auf dem Kirchhofe ſchwaͤrmten Schmetterlinge und bunte Käfer um die blumigen Grabhuͤgel, die Baume warfen lange, gigantiſche Schlagſchatten, und die kleinen gothiſchen Fenſter des Kirchleins blitzten im Abendſonnen⸗ ſtrahl wie pures Gold und Rubinen. „Wie ich mich freue, daß es Dir wohl geht, lieber Sohn,“ ſagte Jakob.„Als ich erfuhr, daß Dich der Graf aus ſeinen Dienſten geſchickt, und zwar auf eine Weiſe, die ſich fuͤr einen ſo vornehmen Herrn nicht ziemt, da war mir recht bange um Dich. Ich dachte ſo bei mir ſelbſt, wer weiß, ob der Mathias nicht aus Deſpa⸗ ration etwas thut, was ihn ſpaͤter gereuen moͤchte—“ „Ei, Vater!“ unterbrach ihn lachend der Sohn— „Ihr meintet doch nicht, ich koͤnnte dem alten Herrn fuͤr ſeine Verraͤtherei alſogleich den Hals brechen?“ „Das eben nicht!“ ſagte Jakob zoͤgernd.„Indeß — ein dienſtloſer Jaͤgersmann, dem noch dazu die Galle in's Blut ſteigt, nimmt's nicht ſo genau, wenn er in ſchlechte Geſellſchaft geräͤth. Es iſt ſchon mancher brave Burſche zum Wildſchutzen geworden, Erſtens weil er ſein 201 Metier liebgewonnen hatte und die Buchſe nicht in's Korn werfen wollte, und Zweitens weil er glaubte, ſich an den großen Herren fuͤr widerfahrene Unbill rächen zu duͤrfen.“ „Aber, Vater—“ „Na, ich hab' Dir Unrecht gethan, da ich ſolches von Dir dachte“, fuhr Jakob treuherzig fort und ſtrei⸗ chelte des Sohnes harte, kraͤftige Hand.„Aber weißt Du wol, Junge, daß Du vor etlichen Jahren die be⸗ denkliche Hinneigung zu gewiſſen Teufeleien zeigteſt, die auf ein Haar der Wilddieberei ähnlich ſahen? Wie oft habe ich Dir den alten verroſteten Schießpruͤgel wegge⸗ nommen, mit dem Du mir nichts Dir nichts im Walde druͤben herumplatzteſt, ſtatt auf das Vieh Acht zu geben, das indeß ruhig in den Saatfeldern herumſpazierte? Und dann ließ der neue Förſter druͤben in Rußberg einmal ein Woͤrtchen gegen mich fallen——“ „Nun, was ſagte denn der?“ fragte Mathias, an⸗ ſcheinend gleichgiltig, als der Alte inne hielt. „Laß Dich's nicht kuͤmmern, Junge; der Herr Flo⸗ rian Heineck iſt eine Plaudertaſche und dazu boshaft, wie alle Rothkoͤpfe.“ „Florian Heineck?“ wiederholte Mathias,—„wer iſt der Menſch? Seit wann hat denn mein Freund, der dicke Hattenbach, den Forſterdienſt beim Grafen quittirt?“ „Seit einem halben Jahre. Ja, auf dem Schloſſe iſt Vieles anders worden, ſeit Du fort biſt!“ plauderte der Alte geſchwaͤtzig.„Herr Binzgo war juſt vor einer 202 Woche auf ein Stuͤndchen hier und erzählte mir mit Seufzen und Kopfſchuͤtteln, daß der Herr von Moͤllnitz druͤben wirthſchafte und kommandire, als ſei er ſchon ge⸗ bietender Herr. So hat er unter Andern den Grafen vermocht, Herrn Hattenbach zu entlaſſen und ſeinem bis⸗ herigen Bedienten den ſchoͤnen Poſten zu verleihen.“ „Der Herr von Moͤllnitz!“ fuhr Mathias auf „wie kommt der nach Rußberg?“ „Ei nun, er iſt ja ſeit einem Jahre ſchon mit dem gnaͤdigen Fraͤulein verlobt.“ „Mit Lydia?“ riefen Mathias und Andreas, der bisher von dem Zwiegeſpräch nichts vernommen zu haben ſchien, aus einem Munde. „Freilich! freilich!“ beſtaͤtigte Jakob—„aber was geht das Euch an? Kennt der Herr Andreas vielleicht— Er hielt erſtaunt inne, denn Andreas, der ploͤtzlich aufgeſprungen war, machte Miene, ſich zu entfernen. Sein bleiches Geſicht uͤberflog eine dunkle Roͤthe und ſeine blitzenden Augen, ſein ganzes Weſen verriethen eine heftige innere Aufregung. „Ich muß fort!“ ſagte er raſch und entſchloſſen. „Erwarte mich morgen fruͤh in der Bitnche Schenke, Mathias. Hier, Paſcha!“ Damit griff er nach ſeiner Buͤchſe, der Hund erhob. ſich raſch und ſchickte ſich an, ſeinem Herrn zu folgen. „Aber um aller Heiligen Willen!“ rief Mathias erſtaunt—„ich begreife nicht, was Du vorhaſt. Du willſt doch nicht—“ 203 „Ich weiß ſelbſt nicht, was ich will. Kuͤmmere Dich nicht um mich!“ erwiderte der junge Mann in jenem feſten, entſchloſſenen Tone, der jeden Widerſpruch im voraus zuruͤckweiſt. Dann warf er das Gewehr uͤber die Schulter, reichte Mathias und dem vor Staunen und Ueberraſchung ſprachloſen Jakob die Hand und ſchritt ſo eilfertig uͤber die im Abendthau dampfenden Wieſen dahin, als gälte es einen Wettlauf. Der Hund umſprang ihn mit froͤhlichem Gebell in weiten Kreiſen und bald waren Beide hinter einer hervorſpringenden⸗ Waldecke ver⸗ ſchwunden. „Ein kurioſer Geſell!“ nahm Jakob nach einer langen Pauſe das Wort und wiegte verwundert den greiſen Kopf.„Iſt das'ne Manier, Abſchied zu nehmen! und ein Paar Augen machte er, brr! man haͤtt' ſich moͤgen fuͤrchten, ſo ſanftmuͤthig er ſonſt ausſchaut. Sag' mir nur, wo er her iſt?“ „Weiß nicht. Ihr hoͤrtet's ja ſelber, daß er nicht Rede und Antwort ſtehen mochte; 8 iſt ſeine Art ſo, und man thut am beſten, wenn man ihn laufen läßt.“ „Sonderbar!“ brummte Jakob.„Wenn Du mir nicht geſagt hatteſt, daß er hier herum in der Gegend ganz fremd iſt, koͤnnte man vermuthen, er naͤhme an der Tochter Deines ehemaligen Brodherrn irgend wie Antheil. Denn gerade, als wir von j ſprachen, uͤber⸗ kam ihn das ſeltſame Weſen und— „Sei dem wie ihm wolle!“ unterbrach Mathias den neugierigen Papa mit einiger Ungeduld—„was kuͤm⸗ 204 mert's uns? Aber was Ihr da von der jungen Graͤ⸗ fin ſagtet, hat mich wahrhaftig uͤberraſcht. Lydia verlobt und mit dieſem Herrn von Moͤllnitz, der mir ſo kalt, ſo ſtolz und gefuͤhllos erſchien an jenem verhaͤngnißvollen Morgen, wo mich der Graf ihm zu verkaufen gedachte! Ich kann nicht glauben, daß der ſie ſo gluͤcklich machen werde, als dieſer Engel es verdient.“ Dabei ſeufzte der Sprecher tief und blickte trubſinnig zu Boden. Das Bild ſeiner jungen Herrin ſtieg in all' dem ſtrahlenden Liebreize ihrer hohen Schoͤnheit vor ſei⸗ ner Seele auf und mit wehmuͤthiger Freude gedachte er jener Zeit, wo es ihm vergoͤnnt war, ſie taͤglich zu ſehen, wo ihn ein mildes Laͤcheln, ein freundliches Wort von ihr mit begeiſtertem Entzuͤcken erfuͤllte. Wie ganz anders war es ſeitdem worden! wo war das unbewußte traͤu⸗ meriſche Gluͤck jener Tage, wo der Seelenfrieden, die heitere Unbefangenheit, die ihm damals Gegenwart und Zukunft, das ganze Leben ſchoͤn und roſenroth erſcheinen ließ? Eine finſtere Kluft, vom Verhaͤngniſſe und durch eigene Schuld geſchaffen, gaͤhnte duͤſter zwiſchen dem Jetzt und Damals, und den entſchwundenen froͤhlichen Sonnentagen war truͤbe Daͤmmerung gefolgt, eine fruͤhe, duͤſtre Nacht verkuͤndend. Darum ſeufzte Mathias. Der alte Kloſtermeier aber plauderte weiter nach Herzensluſt, wie es alte Leute gar gern zu halten pfle⸗ gen. Er erzaͤhlte von den glaͤnzenden Feſtivitaͤten, welche das Verlobungsfeſt der Graͤfin und des Herrn von 205 Moͤllnitz verherrlicht, von den abſonderlichen Launen des Grafen, der immer finſtrer und menſchenfeindlicher ge— worden ſei, vom Herrn Binzgo, dem Kaſtellan, dem es auf dem Schloſſe gar nicht mehr gefallen wolle, und ſo fort, von Einem auf's Andere kommend, daß gar kein Ende des Geſpinſtes abzuſehen war. Mathias aber blickte, den Arm auf's Knie und den Kopf in die flache Hand geſtutzt, zerſtreut und unluſtig vor ſich hin, bis der Name Lydias ſeine Aufmerkſamkeit auf's Neue rege machte. „Ja, mein Freund Binzgo hat freilich nicht viel erlauſcht!“ fuhr Jakob in ſeiner Chronika fort—„aber ſo viel glaubte er mit Gewißheit verſichern zu koͤnnen, daß zwiſchen Fraͤulein Lydia und Dero Herrn Braͤutigam ſchon oͤfters ein finſteres Woͤlkchen aufgeſtiegen iſt. Er ſoll zum Beiſpiel ſchrecklich eiferſuͤchtig ſein.“ „Nun, die Qual gönne ich ihm von Herzen!“ murmelte Mathias. „Und ein Hitzkopf iſt er und jähzornig— na, das Schloßgeſinde weiß davon zu erzaͤhlen. So oft er auf Rußberg iſt, und man ſieht ihn oͤfter dort, als in ſeiner Garniſon, kriechen die Leute ſcheu und gebuͤckt umher, als wenn der Großtuͤrke unter ihnen wäre, und's gnä⸗ dige Fraͤulein ſelber geht dann manchmal mit truͤben Augen herum.“ „Teufel! er wird es doch nicht wagen, ſie zu be⸗ leidigen?“ fuhr Mathias auf.„Ha, wenn ich wuͤßte, daß er ſie weniger verehrte als eine der lieben Heiligen, daß er ſich nicht jeden Augenblick ſelig prieſe ob des 206 Schatzes, den er aus ihr errungen,— ich haͤtte Luſt, ihn zu zuͤchtigen und zugleich meine Rechnung mit ihm abzumachen!“ „Nicht doch, Junge!“ beſaͤnftigte ihn Jakob— „was gehen Dich derlei Haͤndel an, zumal Du dort nichts mehr zu ſuchen haſt? Ich denke, wenn der Lieute⸗ nant ihr nicht gefallen härte, wuͤrde ſie ihn nicht zu ih⸗ rem Liebſten erwählt haben, und wenn es bisweilen ein kleines Gewitterchen giebt, ohne welches nun einmal kein Brautſtand voruͤbergeht, ſo iſt die Verſoͤhnung dann um ſo zärtlicher. Ueberdieß wird der Herr von Moͤllnitz kein Narr ſein und etwas thun, was Vater oder Tochter ernſtlich aufbringen koͤnnte. Denn es verlautet, er brauche die funfzig Tauſend Gulden Mitgift ſo noͤthig, wie ein Ertrinkender ein Stuͤckchen trocknen Boden.“ Mathias war und blieb einſilbig und ſichtlich zer⸗ ſtreut. Als die Sonne zum letzten Male zwiſchen den dunklen Laubkronen der Kaſtanien auf dem Kirchhofe hervorſchimmerte und ihren goldenen Scheidegruß in's Thal niederſendete, erhob er ſich und nahm Abſchied von dem Alten, ſo dringend dieſer ihn auch bat, die Nacht uber zu bleiben.„Es iſt unmoͤglich, Vater!“ ent⸗ gegnete Mathias.„Bedenkt, ich habe zwei ſtarke Tage⸗ reiſen vor mir und nur noch achtundvierzig Stunden Urlaub. Ihr hoͤrtet es, daß mein Kamerad morgen früh in Biberbach erwartet.“ Jakob mußte wol einwilligen, um ſo mehr, Mathias ihm gelobte, den Sonntag nach vierzehn Ta⸗ 207 gen jedenfalls ſeinen Beſuch zu wiederholen. Und ſe ſchieden ſie denn, herzlich und innig, wie ein guter Sohn von einem guten Vater geht, und als Mathias hinter der Waldecke verſchwunden war, laͤchelte der Greis ſtill vor ſich hin und ſagte:„Wahrlich, ich mag ſtolz ſein auf den Jungen! er iſt die Freude meines Alters.“ Mathias aber ſchritt haſtig den Wieſenpfad entlang, in Gedanken verſenkt und wenig auf die milde Schoͤn⸗ heit des Abends und der Gegend achtend, welche er durch⸗ wanderte. Oft genug hatte er den Weg zuruͤckgelegt, als er noch auf dem Schloſſe des Grafen diente und ſtets war ſein Herz froͤhlich geweſen, und mit munterm Sange hatte er die Fluren und Gehoͤlze begruͤßt, den klaren Bach, der murmelnd von der Hoͤhe in's Thal niederrieſelte und des Mondes blaſſes Antlitz am hohen Himmel. Heut eilte er ſchweigend fort und eine tiefe Furche zwiſchen den zuſammengezogenen Braunen zeigte deutlich genug, daß ſein Sinnen nicht auf heitere Ge⸗ genſtände gerichtet war. Oft bewegten ſich ſeine Lippen und er murmelte etwas leiſe vor ſich hin; dann ſeufzte er auch wol tief auf, oder er blieb ploͤtzlich ſtehen und ſchaute umher. Aber ſein Blick war kalt und zerſtreut und ſenkte ſich wieder truͤbe zu Boden. Endlich ſchien er ſich gewaltſam aus der traumaͤhnlichen Befangenheit ſeines Kummers aufruͤtteln zu wollen; er richtete ſein Haupt ploͤtzlich ſtolz in die Hoͤhe, fuhr raſch mit der Hand uͤber die Augen, als wolle er ein unangenehmes Bild verſcheuchen und begann ein luſtiges Jaͤgerliedchen 208 zu pfeifen, nach deſſen Takte es ſich trefflich marſchiren ließ. Es war indeß immer dunkler geworden; während im Weſten der Himmel noch von langen, zackigen Pur⸗ purſtreifen durchfurcht war und die Anhoͤhen und Wipfel des fernen Waldes im fluͤſſigen Golde ſchwam⸗ men, oͤffnete auf der entgegengeſetzten Seite ein Stern⸗ chen nach dem andern ſein blinzelndes Strahlenauge und immer ſtaͤrker wurde die Lichtfulle des Mondes, der, ein blaſſer, einſamer Pilger, durch den wolkenloſen Aether wandelte. Mathias ſah ſeinen eigenen Schatten ſich in rieſenhafter Laͤnge uͤber den Wieſenplan hinſtrecken und horchte zum Erſtenmale jetzt dem leiſen Rauſchen des Nachtwindes, der in den Weiden und Erlenbuͤſchen fluͤſterte, welche in einzelnen Gruppen den Weg einfaß⸗ ten. Er maͤßigte ſeine Schritte, die den friſchen, wuͤr⸗ zigen Abendthau von den duftigen Roſen ſtreiften, und allmaͤlig, wie die Natur ringsum entſchlummerte, wurde es auch in ſeinem Innern ruhiger. Erſt jetzt gedachte er wieder ſeines Gefährten, der ihn ſo plotzlich und in ſichtlicher Aufregung verlaſſen hatte.„Ohne Zweifel iſt der Träumer geraden Weges nach dem Schloſſe gelau⸗ fen,“ murmelte er vor ſich hin und ſchuͤttelte bedenklich den Kopf.„In dem Augenblicke, als er bei der Nach⸗ richt von Lydias bevorſtehender Heirath wie ein Beſeſſe⸗ ner aufſprang und ſeine ſonſt ſo ſanften Augen wie ein Paar Feuerraͤder blitzten, iſt mir Manches klar geworden. Hm! war's doch auf ſeine Veranlaſſung, daß wir das 209 Hochland und die Voralberg'ſchen Wälder verließen und uns wieder hieher wandten, wo ich vor zwei Jahren— —— ei, ich will nicht mehr dran denken,'s giebt mir jedes Mal einen Stich in's Herz.“ Und wieder begann er ſein Liedchen zu pfeifen, gleich als wolle er die Vergangenheit, die wie ein duͤſteres, mahnendes Phantom abermals vor den Augen ſeines Gei⸗ ſtes emporſtieg, gewaltſam durch den muntern Klang verſcheuchen. Und es mochte ihm wol gelungen ſein, denn ſeine Gedanken kehrten auf's Neue zu Andreas zuruͤck.„Es iſt kein Zweifel“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „er liebt ſie und hat ſie von dem Augenblicke an geliebt, als er ſie an jenem Morgen ſeines verhaͤngnißvollen Be⸗ ſuches auf dem Schloſſe zum erſtenmale geſehen. Wie oft nannte er ſeither ihren Namen ſchlafend und wachend, wie aufmerkſam hoͤrte er zu, wenn ich von ihr erzaͤhlte! und uͤber ſein ſchoͤnes Antlitz flog dann ein Schein ſeli⸗ ger Verklaͤrung und dann wieder bitteres Weh und ein ſo tiefer Schmerz, daß er mich manchmal jammerte, der arme, namenloſe Verſtoßene. Aber heiliger Medardus! was will er beginnen, hat er vergeſſen, welche Aufnahme ſeiner in dem Schloſſe wartet? Wahrlich, ich muß eilen, wenn ich einen tollen Streich verhuͤten will.“ Durch dieſe Belrachtung veranlaßt, foͤrderte Mathias ſeine Schritte und paſſirte, eine Stunde vor Mitternacht, das Dorf Meilingen und den Buchenwald, welcher ſich hinter demſelben in der Richtung nach dem Schloſſe und bis an die huͤgeligen Ufer des Lechſtromes ausdehnt. Im 14 210 Schooße des Forſtes herrſchte tiefe Dunkelheit und nur hie und da warf das Mondlicht einzelne verſtohlene Strahlen durch die dichten Laubdecken uͤber dem Haupte des einſamen Wanderers und verſilberte die knorrigen Staͤmme und die Spitzen der im Winde zitternden Blät⸗ ter. Da deuchte es Mathias, als ſchleiche eine dunkle Figur laͤngs des ſchmalen Fußpfades neben ihm her, und als er ſcharf aufhorchend ſtehen blieb, vernahm er ganz deutlich ein leiſes Raſcheln in dem dichten Unterholze und das Knacken vorſichtig zuruͤck gebogener Zweige. Ohne die mindeſte Ueherraſchung zu verrgthen nahm er ſeine Buͤchſe von der Schulter, ſpannte leiſe den Hahn und ſetzte, die linke Seite der Straße unverwandt im Auge behaltend, gleichmäßig ſeinen Weg fort. Richtig! da huſchte es neben ihm fort, gebuͤckt und von dem Ge⸗ ſtruͤpp verborgen; die Spitzen der Zweige bewegten ſich ſchwankend hin und her, wie wenn eine Schlange durch's Saatfeld kriecht. Aber ganz nahe war ſchon der Aus⸗ gang des Waldes; jetzt hatte er die Lichtung erreicht und trat hinaus auf die Wieſe, welche den Forſt um⸗ ſaͤumt und auf welche, in der Entfernung einer halben Stunde, der Thurm des Schloſſes Rußberg von ſeinem Huͤgel niederſchaut. Da erſcholl dicht neben ihm eine rauhe Stimme:„Halloh, faß' an!“ und mit wuͤthen⸗ dem Gebell ſtuͤrzte eine gewaltige engliſche Dogge aus dem Gebuͤſch und nach der Bruſt unſers Helden. Hin⸗ ter der wuͤthenden Beſtie aber trat ein ſchmaͤchtiger Kerl in Jagerlivree und mit brennend rothem Haarwuchs ge⸗ 211 ziert aus dem Walde und bruͤllte dem Ueberfallenen ein donnerndes Halt! entgegen, während er, den energiſchen Zuruf eindringlicher zu machen, eine lange Flinte auf Mathias anſchlug. Der ſprach kein Wort. Die Dogge hing an ſei⸗ nem Halſe und einen Moment lang ſtarrte er in ihre runden, gluͤhenden Augen und fuͤhlte den ſcharfen Biß ihrer ſpitzigen Zaͤhne. Blitzſchnell fuhr er mit der Lin⸗ ken— denn in der Rechten hielt er die Buͤchſe— in die Seitentaſche ſeines Rockes und im naͤchſten Augen⸗ blicke ließ der Hund mit dumpfem Geheul ſeine Beute fahren und ſtuͤrzte zuckend und roͤchelnd zu Boden. „Hoͤllenelement! Du haſt den Hund erſtochen, Schurke!“ bruͤllte der Rothkopf—„das ſollſt Du buͤ⸗ ßen, Wilddieb! Ergieb Dich, oder ich ſchieße!“ „Laßt Euren Bohnenſtecken ruhen, guter Freund!“ verſetzte Mathias gleichmuͤthig, waͤhrend er das blutende und im Todeskampf ſich waͤlzende Thier mit den Fuͤßen von ſich ſtieß—„es koͤnnte mich faſt die Luſt anwan⸗ deln, Euch zuvorzukommen. Und wenn Einer von uns Beiden verdient hat, daß er ein Paar Loth Blei koſte, ſo ſeid Ihr es, der Ihr'ne wilde Beſtie auf einen friedlichen Wanderer hetzet.“ Der Angeredete ließ mit einem derben Fluche ſein Gewehr ſinken, denn er ſah Mathias Finger am Druͤcker liegen und ſchien nach Verluſt ſeines vierfuͤßigen Bun⸗ desgenoſſen es nicht fuͤr rathſam zu halten, den Kampf 14* 212 allein mit einem, wie er wol ſah, ihm in jeder Be⸗ ziehung uͤberlegenen Gegner zu beginnen. „Ich that, was meine Schuldigkeit als Revierfoͤr⸗ ſter war!“ ſagte er muͤrriſch und muſterte Mathias mit ſcharfen, giftigen Blicken.„Der Herr Graf von Wald⸗ ſees liebt es nicht beſonders, daß ſolche friedliche Wan⸗ derer, wie Ihr, mit der Kugelbuͤchſe und Jagdtaſche Nachts in ſeinen Forſten herumlaufen.“ „Hm! das weiß ich ſo gut als Ihr, Herr Foͤrſter!“ verſetzte Mathias laͤchelnd.„Vor drei Jahren in der Chriſtnacht ſchickte ich druͤben im Antonsſchlage ſo'nem unberufenen Kollegen eine Pille in die Beine und hatte das Vergnuͤgen, ihn nach drei Monaten mit einem ſtatt⸗ lichen Stelzfuße durch's Dorf humpeln zu ſehen. Ja, ja, der Graf häͤlt auf Recht und Ordnung, Herr Foͤr⸗ ſter!“ Dieſer ſtutzte und pfiff leiſe durch die Zähne. Ein boshaftes Laͤcheln flog uͤber ſein haͤßliches, hell vom Mond beſchienenes Geſicht, als er dem Jaͤger die Hand reichte und dieſe herzlich ſchuͤttelte.„Donner und Doria! Ihr ſeid's, Herr Kloſtermeier!“ rief er mit affektirter Munterkeit—„ein ehrenwerther Kollege, der heut' noch im Schloſſe ſich des beſten Angedenkens zu erfreuen hat! Ei, was hab' ich da gemacht? Arme Juno, Dir iſt Recht geſchehen, warum erkannteſt Du Deinen ehemali⸗ gen Herrn nicht wieder? Aber Ihr muͤßt mir vergeben, Mathias Seit etwa acht Tagen treibt ſich'ne Wild⸗ 213 diebbande hier herum— verzweifelt kecke Burſchen— die—“ „Schon gut, Herr!“ verſetzte Mathias, den das Geſchwaͤtz verdroß—„ich habe Eile und bin nicht auf⸗ gelegt zum Plaudern. Gott befohlen!“ „Ei, wohin ſo eilig?“ nahm der Foͤrſter wieder das Wort, waͤhrend er, wie in der Zerſtreuung, ſeine Flinte lud.„Wollt Ihr wirklich auf's Schloß? Moͤcht's Euch aber nicht rathen. Herr von Moͤllnitz hat das Stuͤckchen mit dem Meiſterſchuß und die Retirade uber die Iller noch nicht vergeſſen, und was den Grafen be⸗ trifft—“ „Hole ſie beide der Henker!“ platzte Mathias un⸗ geduldig heraus.„Wenn Ihr nach Hauſe kommt, moͤgt Ihr ihnen dieſen meinen Gruß uͤberbringen, aber jetzt zieht Eures Weges und laßt mich ruhig den mei⸗ nen gehen.“ „Nun, wie's beliebt. Ich muß noch eine Stunde hier auf dem Anſtande bleiben, ſonſt wuͤrd' ich Euch ein Stuͤckchen begleiten. Alſo auf Wiederſehen, wertheſter Herr Kloſtermeier, auf Wiederſehen!“ Mathias dankte durch ſchweigendes Kopfnicken und eilte haſtig in der Richtung nach dem Schloſſe fort, deſſen zackige Giebeldaͤcher und hohe Schornſteine ſich im Mondlichte badeten, waͤhrend die langen Fenſterreihen blitzten und flimmerten, wie flͤſſiges Silber. Er hatte etwa ein Dutzend Schritte zuruͤckgelegt, als ein leiſes Knacken ſein Ohr erreichte. Schnell wendete er ſich um; 21¹4 in demſelben Augenblicke krachte aus dem Gebuͤſch ein Schuß und pfeifend fuhr eine Kugel dicht uͤber der Stirn durch ſeinen Hut. „Ha, der Verraͤther!“ murmelte er ingrimmig, und ſtuͤrzte wie der Tiger auf ſeine Beute, nach dem Waldſaume zuruͤck, in welchem der tuͤckiſche Foͤrſter eben verſchwand. Aber das Rauſchen und Praſſeln des Un⸗ terholzes, durch welches er in athemloſer Flucht ſich Bahn brach, verriethen nur zu wol ſeine Spur, und ehe eine Minute verfloſſen war, hatte Mathias ihn erreicht, mit eiſerner Fauſt an der Kehle gepackt und wie ein Buͤndel Stroh zur Erde geſchleudert. „Jeſus Maria!“ aͤchzte der Foͤrſter—“ wollt Ihr mich ermorden?“ „Was wollteſt Du mir thun, elender Wicht?“ ſchrie ihm Mathias in das todtenbleiche Antlitz, während er auf ſeiner Bruſt kniete und ein blitzendes Waidmeſſer aus dem Guͤrtel zog.„Hinterrucks niederſchießen wollteſt Du mich, wie ein welſcher Bandit! Und warum? was hab' ich Dir zu Leide gethan, Menſch? rede oder—“ „Jeſus! Maria! Foſeph!“ heulte der Feigling. „Der Graf hat einen Preis auf Euren Kopf geſetzt— Hundert Gulden; er ſagte, Sr waͤret ein heruͤchtigter Wildſchuͤtz geworden— und— „Und wenn ich's bin, was kummert das Diche unterbrach ihn Mathias wuthknirſchend—„hab' ich Dir auch nur eine Klaue Wild weggeſchoſſen? Preſfe Dein Hallali,'s iſt aus mit Dir!“ Er zuͤckte ſein Meſſer. Der Foͤrſter ſtieß einen gellenden Angſtſchrei aus und die Beſinnung verließ ihn————— „Du ſollſt nicht toͤdten!“ ſagte Mathias zu ſich ſelbſt, ſteckte ſein Meſſer ruhig in die Scheide und ſchleifte den Ohnmaͤchtigen am Arme nach einem maͤßig dicken Baume am Rande des Forſtes. An dieſem rich⸗ tete er ihn empor, band ihn mit den Haͤnden und um den Leib herum feſt, wozu das Halstuch und der Flin⸗ tenriem des armen Soͤnders dienen mußten, und hing ihm den todten Hund, welchem er die Hinterfuͤße zu⸗ ſammenknuͤpfte, um den Hals⸗ „So ſtehe am Pranger bis morgen fruͤh!“ mur⸗ melte Mathias, einen Blick tiefer Verachtung auf den Beſchimpften werfend.„Ich wuͤnſchte, ich koͤnnte die ganze Welt hier voruͤberfuͤhren und ihr zurufen!„Schaut den Meuchelmoͤrder, den der Graf von Waldſees gedun⸗ gen— derſelbe Graf, dem ich das Leben ge⸗ rettet habel“ Er wandte ſich raſch ab und ſchein auf das Schloß zu; aber unwillkuͤhrlich ballte ſich ſeine Hand und duͤ⸗ ſtere Gedanken, bittere Empfindungen, ſtiegen in des Wildſchuͤtzen Seele empor, jemehr er ſich dem Orte naͤ⸗ herte, der ihm die Wiege eines kurzen Gluͤckes und ei⸗ nes langen Elendes geworden wal.— Vierzehntes Kapitel. Königin. Es waren Briefe Und dann ein Medaillon von dem Infanten. Don Carlos. An demſelben Abende waren auf Schloß Rußberg in dem Boudoir der Graͤfin von Waldſees drei Perſonen verſammelt, denen ein zufaͤllig Eintretender auf den er⸗ ſten Blick jene bedruͤckte, unbehagliche Stimmung ange⸗ ſehen haben wuͤrde, die ſich eben ſo wenig durch Aeußer⸗ lichkeiten verbergen, noch irgendwie verſcheuchen laͤßt. An einem Mahagonitiſchchen in der linken Fenſterniſche ſaß Lydia und ſah ſo unverwandt auf eine unter ihren kunſtreichen Haͤnden entſtehende Stickerei nieder, als widme ſie derſelben die groͤßte Emſigkeit und ungewoͤhn⸗ liches Intereſſe. Und doch reihte die Nadel ſo langſam Faden an Faden, doch zitterten ihre kleinen, weißen Fin⸗ ger und unter den langen, dunkeln Wimpern blickte ihr Auge ſo truͤb und zerſtreut auf die farbenprangenden Blumen und Blätter ihrer Arbeit nieder, daß man auf einen tiefen, des Maͤdchens Herz belaſtenden Kummer ſchließen mußte.— Ihr gegenuͤber ſaß Herr von Moll⸗ nitz und grub mit einer Scheere lange Riße in die hell⸗ polirte Tiſchplatte. Sein bleiches Geſicht ſah muͤrriſch und verdroßen aus und nur wenn er bisweilen aufblickte und ſeine Nachbarin verſtohlen firirte, loderte ein duͤſterer Glanz in ſeinen matten Augen empor. Er hatte ſich ſeit den zwei Jahren, wo wir ihn dem Leſer zuerſt vor⸗ fuͤhrten, nicht verändert; ſeine Toilette war ſtutzerhaft und militairiſch elegant, wie damals, ſeine Phyſiognomie blaſirt und gelangweilt, wie damals, obgleich ſeitdem das Schickſal ihn zu ſeinem Guͤnſtling gemacht und durch die Erfuͤllung gewiſſer Wuͤnſche und Pläne ihm die gluͤcklichſte und beneidenswertheſte Zukunft eroͤffnet hatte. Aber was gilt ſolche Gunſt dem kalten Egoiſten, dem Ueberſaͤttigten, dem der Schein Alles, ein wahres, inner⸗ liches Sein Nichts iſt? Zeigt ihm ein herrliches Kleinod in der Ferne und er wird ſich aufraffen aus ſeiner Apa⸗ thie und energiſch ſtreben, es zu erringen; laßt es ihn endlich gewonnen haben, und er wird es nach kurzer Friſt nicht mehr beachten und ſich langweilen wie zuvor, wenn nicht ein neues Ziel ihn auffodert, daſſelbe Spiel wieder zu beginnen. Das iſt der Fluch der Gemuͤthlo⸗ ſen, die fort und fort auf der Erde herumkriechen, die ſo kalt ſind wie ihr Herz, und denen die Fluͤgel fehlen, ſich zum Himmel kuͤhn, kindlich und glaubensvoll em⸗ porzuſchwingen. 3 Im Hintergrunde des Zimmers ſaß in einem wei⸗ ten Lehnſeſſel der Graf von Waldſees und blickte, die Arme uͤber der Bruſt veiſchraͤnkt, auf die ſilbernen Schnallen ſeiner Schuhe nieder. Sein kahles, matt herabhaͤngendes Haupt, ſein runzelvolles, gelbbleiches Ge⸗ ſicht, am Meiſten aber die ſchweren, keuchenden Athem⸗ zuͤge, unter denen der ausgemergelte Leib ſich hob und ſenkte, bekundeten deutlich genug, daß ſeine Tage gezählt 218 und der Schritte zu des Jenſeits dunkler Pforte nur wenige noch waren. Er ſtierte ſo trub und dumpf vor ſich hin, als ſei er ſich der Welt und ſeiner ſelbſt nicht mehr bewußt; ſeine duͤnnen blutloſen Lippen bewegten ſich bisweilen im krampfhaften Zucken, aber kein Laut, keine Sylbe entſchluͤpfte ihnen. Und ſo ſaß der Un⸗ gluͤckliche täglich Stunden lang, ein elender, todesreifer Koͤrper, deſſen Seele, verdammt zu ewiger Prometheus⸗ qual, an einem finſtern Punkte ſeiner Vergangenheit gefeſſelt hing, an einem Punkte, von dem ſie ſchaudernd und zermalmt ſich loszureißen ſtrebte und es doch nim⸗ mer vermochte, von Entſetzen verſteinert, wie durch das Haupt der Meduſa. Der Nachtwind trug die Glockenſchlaͤge, welche die elfte Stunde verkundeten, von Meutingen heruͤber. Es war der erſte Laut, der ſeit zehn Minuten das druͤckende Schweigen in dem Zimmer unterbrach. Jetzt ſeufzte Lydia tief und legte, ohne aufzublicken, ihre Arbeit bei Seite. „Ach, werden Sie nun aufhoͤren zu ſchmollen, theure Lydia!“ begann jetzt Herr von Moͤllnitz, indem er gleichfalls die Scheere fortwarf und mit einem et⸗ zwungenen Laͤcheln ſich zu ſeiner Braut hinuͤberbeugte. „Haben ſie ſich endlich uberzeugt, daß nichts meine lie⸗ bende Geduld, meine zaͤrtliche Reſignation zu erſchuttern vermag, nicht einmal Ihre Laune, die uns gleichwol um eine koͤſtliche Stunde brachte?“ 219 Lydia ſah ihn ſchmerzlich an und eine Thraͤne glaͤnzte in ihren Augen. „Sie wiſſen, daß jenes launenhafte und kokette Weſen, welches Viele meines Geſchlechts fuͤr ein ihnen gebuͤhrendes Recht zu halten geneigt ſind, mir ſtets fremd, ja verhaßt war,“ ſagte ſie.„Wenn mich Ihre Worte betruͤbten, ſo war dies vielleicht thoͤricht, keines⸗ wegs aber erheuchelt. Sie haben mir wehe gethan, Arthur.“ „Ich habe Ihnen wehe gethan!“ wiederholte Herr von Moͤllnitz im Tone tiefer Traurigkeit.„Bedarf es mehr, mich grauſam zu beſtrafen dafuͤr, daß meine heiße Liebe mich einen Augenblick ungerecht ſein ließ, daß ſchon der entfernte Gedanke, irgend ein Sterblicher koͤnne es wagen, ſeine Blicke zu Ihnen zu erheben, mich dem qual⸗ vollſten Schmerze Preis gab? Lydia, ich ſchwoͤre Ihnen bei Gott, es war nicht Mißtrauen gegen Sie, die Herr⸗ liche, Reine, was im Laufe der juͤngſt verfloſſenen Tage meine Stirn umwoͤlkte und meine Worte bitter machte— aber was ich ſah, was ich bemerkte—“ „Nun denn, was ſahen, was bemerkten Sie, Herr von Moͤllnitz?“ unterbrach ihn Lydia mit ſtolzer Kalte. „Endlich wird es Ihnen gefallen, mir den Schluͤſſel zum Verſtaͤndniß jener firen Ideen zu geben, von denen Sie ſeit acht Tagen beherrſcht zu werden ſcheinen.“ „Ich glaube, Theuerſte, Sie wuͤrden mich wahr⸗ haftig ohne Gewiſſensſkrupel und mit Vergnuͤgen fur toll erklären,“ erwiderte der Lieutenant empfindlich. 220 „Wenn meine Liebe zu Ihnen, wenn unſer ganzes Ver⸗ haͤltniß nichts iſt als eine fixe Idee, nun, dann moͤchte ich Ihnen beipflichten und nur um ein wenig Mitleid bitten. Da es aber ſcheint, als ſei die Urſache meines Leidens Ihnen immer noch ein unaufloͤsliches Raͤthſel, und ich ſonach, um mich und meine fuͤnf Sinne zu rechtfertigen, deutlicher ſprechen muß, ſo mag es ge⸗ ſchehen.“ „Sie ſind ſehr guͤtig, Arthur. Beginnen Sie denn?“ „Als Sie am vergangenen Sonntage in Meutin⸗ gen aus der Kirche traten, verloren Sie, im Begriff, in den Wagen zu ſteigen, Ihr Geſangbuch. Ehe ich noch durch das Gedraͤnge Ihnen nahen konnte, trat ein klei⸗ ner blondkoͤpfiger Burſche in Jaͤgertracht vor, hob das Buch auf und reichte es Ihnen mit einem ſo kecken und unverſchaͤmten Blicke, daß ich nicht uͤbel Luſt verſpuͤrte, den unberufenen Pagen zu Boden zu ſchlagen.“ „Sie wuͤrden dann um eine herrliche Ritterthat reicher geweſen ſein!“ bemerkte Lydia bitter.„Aber Sie ſcheinen weit auszuholen, denn ich begreife nicht, wie die unbedeutende Dienſtleiſtung eines jungen Mannes, den ich nicht kenne,—“ „Sie kennen ihn nicht, wiſſen vielleicht in dieſem Augenblicke ſich ſeine glatten, maͤdchenhaften Geſichtszuge trotz aller Muͤhe nicht mehr in's Gedaͤchtniß zu rufen!“ ſagte Arthur mit verbiſſenem Ingrimm.„Nun wol; aber was ſagen Sie wol dazu, daß ich denſelben blon⸗ 221 den Schaͤfer ſeitdem zweimal hier unter dieſem Fenſter poſtirt ſah, zu dem er unverwandt emporſtarrte, ohne Zweifel in der Hoffnung, Sie zu erblicken—“ „Es iſt genug, mein Herr!“ unterbrach den Eifer⸗ ſuͤchtigen Lydia mit ſtrenger, faſt finſtrer Miene.„So ſehr ich Ihnen fuͤr die Wachſamkeit verbunden bin, welche Sie meiner Perſon widmen, ſo ernſtlich muß ich gegen jedes Wort, jede Miene proteſtiren, die auch den leiſeſten Verdacht gegen mein Thun und Laſſen verrathen moͤchten Ich zweifle nicht, daß ein Mann, der an Hoͤ⸗ fen geglaͤnzt hat, Takt genug beſitzen wird—“ „Graͤfin! ich bitte!“ fuhr Herr von Moͤllnitz ge⸗ reizt auf. „Ich denke ſo wenig daran, Sie irgendwie zu ver⸗ letzen,“ ſagte Lydia, indem ſie ploͤtzlich eine ruhige, zu⸗ trauliche Miene annahm,„daß ich vielmehr Ihr Ver⸗ trauen erwidern und Ihnen einen evidenten Beweis meiner Offenherzigkeit geben will. Glauben Sie wol, Arthur, daß das Geſicht des jungen Mannes, der das ungluͤck hatte, Ihre Eiferſucht zu erregen, mir ſchon ſeit langer, langer Zeit wie ein dunkles Traumbild vor⸗ ſchwebte?“ „Lydia!“ rief der Lieutnant erbleichend—„ich erkenne Sie nicht mehr.„Dieſer Sarkasmus ſteht Ihnen nicht wol!“ „Nicht doch, Arthur, ich rede im Ernſt!“ fuhr das Maͤdchen fort.„Als er mir am Sonntage das Buch reichte und ſeine großen hellen Augen feſt auf 222 mir ruhten, wurde es mir voͤllig klar, daß wir uns ſchon irgendwo geſehen hatten, und ich ſchloß aus der raſchen Veraͤnderung ſeiner Zuͤge, daß er gleichfalls—“ „Graͤfin, hoͤren Sie auf!“ ſchrie Moͤllnitz, wild von ſeinem Seſſel aufſpringend,—„das iſt mehr als Scherz, das iſt— boshaft!“ Lydia laͤchelte bitter.„Sie beſtaͤtigen das Sprich⸗ wort, Arthur, daß ein Liebhaber an der Geliebten täglich neue Tugenden entdeckt!“ ſagte ſie, gleichfalls aufſtehend und ihre Stickerei in ein Koͤrbchen legend,—„binnen einer Viertelſtunde fanden Sie, daß ich launiſch, ſarka⸗ ſtiſch, boshaft ſei und doch—“ „Doch werde ich nie aufhoͤren, Sie mehr als mein Leben zu lieben!“ fiel Moͤllnitz ein, deſſen ganzes We⸗ ſen in Folge einer blitzſchnellen Ueberlegung eben ſo raſch voͤllig verwandelt und wieder ſo zaͤrtlich und beinahe ſchmachtend geworden war, als ſonſt.„Ich haͤufe Schuld auf Schuld, und jemehr ich fuͤhle, wie unwerth ich Ihrer bin, deſto inniger ſehe ich mich dennoch zu Ihnen hingezogen und deſto entſetzlicher deucht mir der Gedanke, es koͤnne je der heilige Schatz Ihrer Liebe mir entzogen werden. Noch einmal Lydia, verzeihen Sie mir; Sie hoͤrten des armen Suͤnders Beichte, verweigern Sie ihm nicht laͤnger die Abſolution.“ Er umſchlang das Maͤdchen, preßte ſie an ſeine Bruſt und druͤckte einen Kuß auf ihre Lippen. Lydia ließ ihn gewaͤhren und drohte ihm laͤchelnd mit dem Finger. 223 „Sie werden es nicht mehr wagen, mich durch Ihre abſcheuliche Eiferſucht zu aͤrgern!“ ſagte ſie ſcher⸗ zend.„Ich habe Ihnen gezeigt, daß ich Waffen beſitze—“ „Die wie Gift und Gegengift wirken!“ ergaͤnzte Arthur;„ſie heilen, obwol brennend und martervoll. Alſo was Sie da ſagten von dem Jägerburſchen und dem Wiedererkennen war Scherz,— bloßer Scherz?“ „Medicin, mein Theuerſter, Gegengift!“ Herr von Moͤllnitz war beruhigt, und galanter, zaͤrtlicher und liebenswuͤrdiger als je; haͤtte er gewußt, daß Lydia die Wahrheit ſprach, als ſie von dem blond⸗ lockigen Jaͤger erzaͤhlte— er wuͤrde ſich nicht zu ihren Fuͤßen auf ein Tabouret geſetzt und ihr ſo ſchwaͤrmeriſch und innig in die herrlichen Augen geſchaut haben; er haͤtte nicht mit ihren duftenden, bis uͤber die Schultern herabwallenden Locken geſpielt und ihre zarten Haͤndchen feſt an ſein Herz gepreßt; er haͤtte endlich nicht ſo lange, taͤndelnd und muthwillig koſend, Abſchied genommen, als es Mitternacht ſchlug und Herr Binzgo, der ehrenwerthe Kaſtellan mit einem ſilbernen Armleuchter eintrat, den edlen Gaſt und kuͤnftigen Gebieter nach ſeinem im an⸗ dern Fluͤgel des Schloſſes gelegenen Schlafgemache zu geleiten. Das Alles that er jetzt, und als die Liebenden ſchieden, ſchien kein Wetterwoͤlkchen je den Himmel ihres Gluͤcks getruͤbt zu haben. Der Graf hatte ſeinem zukuͤnftigen Schwiegerſohn ſchweizend die Hand gereicht und ſtand, als dieſer das 224 Zimmer verließ, gleichfalls auf. Seine lange, ent⸗ ſetzlich abgemagerte Geſtalt war gebuͤckt und hinfaͤllig, und als er, nachdem er ſeiner Tochter mit einem zaͤrt⸗ lichen Kuſſe gute Nacht gewuͤnſcht, einen zweiten, bereit⸗ ſtehenden Armleuchter ergriff, flog dieſer in ſeiner zittern⸗ den Hand hin und her. Langſam und mit ſchleppenden Schritten verließ der Greis das Gemach nnd ging den Korridor entlang und die Thurmtreppe hinauf nach den Bibliothekzimmer. Dort angelangt, verſchloß er haſtig die Thuͤr und trat an's Fenſter. Als er ſah, daß der Mond hoch an dem klaren, tiefblauen Himmel ſtand und ſein kalter Schein ſich hell uͤber die ganze Gegend ergoß, ſchauderte er zuſammen und ließ ſchnell die Vorhaͤnge nieder. Dann ſchritt er, die Haͤnde auf dem gekruͤmm⸗ ten Ruͤcken, langſam im Zimmer auf und ab, bis er ploͤtzlich vor dem geoͤffneten Schreibtiſche ſtehen blieb, als ſei ein raſcher Gedanke in ihm aufgeſtiegen. Er ſtreckte den Arm nach einem der vielen, prächtig fournirten Schreibfaͤcher aus, ließ ihn aber, jaͤh zuſammenſchreckend, wieder ſinken und begann auf's Neue ſeine einſame Wan⸗ derung. Aber ſo oft er vor dem Sekretair vorbeikam, hemmte er ſeine Schritte, wie von einer unſichtbaren Gewalt gezwungen, das Schubfach zu oͤffnen, waͤhrend er gleichwol wie vor Furcht und Entſetzen bebte, ſo oft er die ſilberne Handhabe deſſelben zu erfaſſen Miene machte. Endlich ſchien er ſich zu ermannen; in jener verzweifelten Haſt, mit der wir gewaltſam irgend ein duͤſtres Schreckniß, eine furchtbare Gefahr zu uͤberwinden 225 ſtreben, riß er den Behaͤlter auf und griff, nach einem Gegenſtande ſuchend, hinein. Aber er wandte ſein Ge⸗ ſicht ab und hoͤrbar ſchlugen ſeine Zaͤhne, wie im Fieber⸗ froſt, zuſammen. Seine Hand hatte ein ziemlich großes, in einen dicken, mit Edelſteinen beſetzten Rahmen gefaß⸗ tes Medaillon erfaßt, und als er ſich jetzt langſam und widerſtrebend umwendete und ſeine Blicke auf das Bild⸗ niß fielen, da verzerrten ſich ſeine Zuͤge ſo grauenhaft und verriethen ein ſo zermalmendes Entſetzen, einen ſo folternden Seelenſchmerz, daß auch der gefuͤhlloſeſte in dieſer Stunde mit dem ungluͤcklichen Greiſe Mitleid ge⸗ habt haben wuͤrde. Seine wenigen, grauen Haare ſtraͤub⸗ ten ſich empor, und die tiefliegenden, erloſchenen Augen traten ſtarr und wie verſteinert aus ihren Hoͤhlen. Er ließ das verhaͤngnißvolle Bild auf die Platte des Tiſches fallen, als ſei es gluͤhendes Eiſen; aber regungslos dar⸗ uͤber hingebeugt, ſtierte er es unverwandt an, und ſeine bebenden Lippen ſchienen vergebens Gebete und Beſchwoͤ⸗ rungen zu murmeln, um den furchtbaren Zauber zu brechen, den die Zuͤge des Portraits auf ihn ausuͤbten. Und dies Portrait war doch ſo einfach und kunſtlos; es wies das ſchlichte, beinahe nichtsſagende Geſicht eines jungen Mannes mit rothen Backen und blonden Haaren — kurz, das Geſicht ſeines verſtorbenen Bruders Chriſtoph, des Vaters jenes Juͤnglings, dem es der Graf entriſſen hatte! Nach und nach ſchien der Greis den erſchuͤtternden Eindruck des Bildniſſes ſchwaͤcher zu empfinden; er ath⸗ mete tief und ſchwer, als er es emporhob nnd ſich dicht 15 26 vor die Augen hielt, gleich als wolle er ſo dem Grauen Trotz bieten, mit welchem es ihn beim erſten Anblick er⸗ fuͤllt hatte.„Bin ich nicht ein Thor,“ murmelte er leiſe vor ſich hin,„daß ein ſchlecht gepinſeltes Portrait mich erſchreckt, als waͤre es ein Geſpenſt? Wo iſt das Dä⸗ moniſche deſſelben? nirgend als in meinem vertrockneten Hirn, in meiner Phantaſie— und die iſt krank, ſeit⸗ dem— ſeit—“ Er hielt inne; ſeine Stimme erloſch, wie ſeine er⸗ kunſtelte Faſſung und ein krampfhaftes Stoͤhnen entrang ſich wieder der gequaͤlten Bruſt. Große Schweißtropfen perlten auf der hohen, kahlen Stirn und ſeine Kniee wankten, als wollten ſie unter der Laſt des Koͤrpers zu⸗ ſammenbrechen.„Allmaͤchtiger Gott! warum tilgſt Du nicht das Gedaͤchniß einer Stunde aus meiner Seele?“ fluͤſterte er unhoͤrbar—„jene Stunde, die mich der Hoͤlle verkauft hat? Warum ſehe ich uͤberall nur ihn? warum im hellen, roſigen Sonnenſchein nur ihn, wie er ſtuͤrzt— tief hinab! warum toͤnt ſein gellender Todes⸗ ſchrei in der Stille der Mitternacht markerſchoͤtternd in mein Ohr und jagt mich keuchend und entſetzt am Tage auf und zerreißt jeden Nerv, jede Faſer dieſes elenden Koͤrpers, wie ein ſchneidendes Schwert? Er fluchte mir — er nannte mich Moͤrder! nnd doch log er, doch iſt dieſe Hand rein von Blut, doch erhob ich ſie nicht gegen ihn, deſſen drohender Schatten in ſechs langen Jahren den Schlaf von meinen brennenden Wimpern ſcheuchte und mir alle Speiſe zu Gift, allen Trank zu Wermuth 227 werden ließ.„Glotze mich nicht ſo an, Du ſtumpfes, todtes Geſicht!“ ſchrie der Gefolterte ploͤtzlich auf und ſein Auge gluͤhte im Feuer des Wahnſinnes—„ich trotze Dir, ich verhoͤhne Dich! hoͤre, wie ich meine Narr⸗ heit verlache und Dich und Dein Andenken zertruͤmmere, ewig— ewig! ewig!“ Und mit einem gellenden Hohngllaͤchter ſchleuderte der Unglückliche das Bildniß auf die Tiſchplatte, daß klirrend der Rahmen zerſprang und die Edelſteine auf den Fußboden rollten. Der Graf aber ſank ohnmaͤchtig in einen Seſſel. Als er aus ſeiner Betaͤubung erwachte, blickte er wild und unſtaͤt umher Dann bedeckte er ſein Geſicht mit den Haͤnden, zwiſchen denen ein Paar heiße Thrä⸗ nen niederrieſelten. Nach einigen Minuten erhob er ſich raſch und war im Begriff, das zertruͤmmerte Bild wieder in das Schubfach zu verbergen, als er ploͤtzlich eine Ent⸗ deckung machte, die ſeine ganze Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch nahm und die Eindrücke der juͤngſt vergangenen Stunde voͤllig verſcheuchte. Durch das gewaltſame Hinſchleudern war auch die aus einem duͤnnen Holzplaͤttchen beſtehende Ruͤckſeite des Bildes in Stuͤcke geſprungen und es zeigte ſich zwiſchen dieſer und der vordern Platte ein vergelbtes, eng zuſam⸗ mengefaltetetes Papier, welches ohne Zweifel mit Abſicht hier verborgen und demnach von Wichtigkeit ſein mußte. Die Zuge des Grafen verriethen, als er das Blatt her⸗ auszog und dem Armleuchter naͤher ruͤckte, um die blaſſen, 15* 228 undeutlichen Schriftzuge zu entziffern, die hoͤchſte Span⸗ nung; aber dieſe verwandelte ſich in athemloſes Stau⸗ nen, dem ſich erſt Schreck und Beſtuͤrzung, dann end⸗ lich triumphirende Freude beimiſchte, als er Folgendes las Anno Domini Siebenzehnhundert dreiundvierzig, am Tage St. Johannis haben vor Uns den Bund der heiligen Ehe geſchloſſen mit reiflicher Ueber⸗ legung, gegenſeitiger Verwilligung und in chriſt⸗ licher Erbauung Seiner Hochfreiherrliche Gnaden, der edle und ehrenwerthe Herr Graf Chriſtoph Anton Ludwig von Waldſees auf Wald⸗ ſees ꝛc. und Anna Joſephine Margarethe Rottmeierin, einzige Tochter des ehrbaren Herrn Nepomuck Rottmeier, Amtmanns und Ge⸗ meindevorſtehers zu Poͤrnberg, Landgerichts Mem⸗ mingen. Solches Ehepaar iſt von unterzeichnetem unwuͤrdigen Diener einer chriſtlich proteſtantiſchen Kirche durch das heilige Sakrament verbunden und dieſer Schein aus dem Kirchenbuche hieſiger Gemeinde kopirt und regulariter auf das hoch⸗ freiherrlichen ꝛc. Herrn Braͤutigams abſonderliches Verlangen vidimiret worden. Wozu der Herr der Heerſchaaren Seinen gnaͤ⸗ digen Segen und Beiſtand geben wolle. Dillingen am 1. Julius 1743. Abraham Martinus Tilleſius, Magister, auch Paſtor der proteſtantiſchen Gemeinde zu Dillingen. 229 Der Graf hatte dieſe inhaltſchweren Zeilen laut ge⸗ leſen und ſtarrte noch lange auf das Dokument, als wolle er jedes Wort ſich tief in's Gedaͤchtniß prägen. Dann faltete er es bedaͤchtig wieder zuſammen und blickte raſch im Zimmer umher, ob er auch unbelauſcht ſei, denn es deuchte ihm, als habe er ein leiſes Geraͤuſch vernom⸗ men.—„Welch ein Fund! welch ein unſchätzbarer Fund!“ murmelte er vor ſich hin—„die Haͤlfte meines Vermoͤgens wiegt ihn nicht auf. Ich zittere, wenn ich daran denke, wie elend dieſes Papier mich gemacht haben wuͤrde, wenn er es entdeckt haͤtte, in deſſen Beſitz es war und der es mir ſelbſt, freilich ohne ſein Wiſſen, in's Haus brachte. Meine Tochter waͤre eine Bettlerin ge⸗ worden, und ich hätte umſonſt ſechs qualvolle Jahre fuͤr ihr Gluͤck geopfert!“ Er hielt inne und ruͤckte den Arm⸗ leuchter noch naͤher heran.„Aber wie? es exiſtirt noch ein Duplikat!“ fuhr er ploͤtzlich auf und erbleichte. „Gerechter Himmel! das Schwerdt des Damokles ſchwebt uͤber meinem Haupte, ſo lange dieſes verd— Dillinger Kirchenbuch nicht in meinen Haͤnden iſt. Sobald der Tag graut, reiſe ich hinuͤber und nicht eher ruhe ich, bis der verhaͤngnißvolle Zwillingsbruder dieſes gelben Blattes vor meinen Augen von der Flamme verzehrt iſt. Ei, mein junger Neffe, hoffnungsvoller Sproͤßling der ſchmaͤlichſten Meßalliance, von der ich gehort, Du wuͤr⸗ deſt ganz anders geredet haben, damals, als Du Dich erſt ſo ſchuͤchtern und dann ſo ungeberdig mir vorſtellteſt. und auch ich haͤtte anders geſprochen, haͤtte anders ſprechen 230 muͤſſen— ha, mir ſchaudert, obwol das Schickſal mich trimphiren laͤßt!“ Er verſchraͤnkte die Arme und blickte lange und tief ſinnend auf das Dokument nieder. Da traf wieder ein leiſes Geraͤuſch ſein Ohr; es war, als ob Jemand raſch an der Wand hinſchluͤpfe. Erſchrocken auffahrend ſah er umher und näherte dann das Papier dem Kerzenlichte.„Ich will ein Ende machen und dann mein Lager ſuchen!“ ſagte er laut zu ſich ſelbſt—„ich fuͤhl's, heut' werde ich ſanft und ruhig ſchlafen, ſanft und ruhig zum Erſten⸗ male ſeit ſechs Jahren. Fahre hin, Du unwillkommener Zeuge! fahre hin!“ Er hielt das Dokument uͤber die Flammen der Wachskerzen; es begann zu glimmen, zu rauchen——— Da bewegte ſich knarrend ein Feld in der mit ge⸗ ſchnitztem Holzwerk ausgelegten Wand des Gemaches, und als der Graf laut aufſchreiend ſich umwendete— ſtanden ſein Neffe Andreas und Mathias Kloſtermeier vor ihm. Im naͤchſten Moment ſah er das dampfende Papier ſich entriſſen und in der Hand deſſen, den es ploͤtzlich erhob und mit Reichthum, Ehre und edler Ge⸗ burt beſchenkte, gleich dem Talisman eines Zauberers, waͤhrend es ihn ſelbſt und ſein Kind in den Staub ſchleu⸗ derte und dem bitterſten Elende Preis gab. Funfzehntes Kapitel. Herr! Ihr wolltet neulich nichts von mir wiſſen, weil ich kein geborner Edelmann war. Straft mich jetzt einmal Luͤgen, ſo ſollt Ihr erfahren, daß ich ein geborner Edelmann bin. —— Herr! ich weiß jetzt, daß Ihr ein gebor⸗ ner Edelmann ſeid. Shakeſpeare. Im erſten Momente herrſchte unter dieſen drei Maͤnnern tiefes Stillſchweigen. Den Grafen ſchienen Schreck und Entſetzen verſteinert zu haben; er lehnte kraftlos an der Platte des Sekretairs, ſeine Arme hingen ſchlaff herab und mit ſtierem, glanzloſem Blicke verfolgte er jede Bewegung ſeines Neffen, der das Dokument haſtig uberflog und dann in den Buſen ſchob. Mathias war raſch an die eigentliche Thuͤr des Gemaches getreten, welche er, die Buͤchſe im Arm, bewachte und dadurch dem Grafen jeden Ausweg zur Flucht verſperrte. Mloͤtzlich raffte dieſer ſich aus ſeiner Betäubung auf und ſturzte, einen un⸗ artikulirten Schrei ausſtoßend, auf Andreas, in der Ab⸗ ſicht, ihm gewaltſam das verhängnißvolle Papier zu ent⸗ reißen. Aber eine geringe Kraftanſtrengung des Jung⸗ lings ſchleuderte den Greis zuruͤck, der jetzt, ſtohnend und verzweiflungsvoll die Haͤnde ringend, in ſeinen Seſſel ſank. 232 „Bemuͤhen Sie ſich nicht, Herr Graf!“ nahm An⸗ dreas mit eiſiger Kaͤlte das Wort—„ich werde mein Eigenthum, das die Vorſehung mich auf ſo wunderbare Weiſe wiedergewinnen ließ, mir nur mit dem Leben ent⸗ reißen laſſen. Ich erwarte, daß Sie nunmehr keinen Augenblick zoͤgern werden, die Rechte meiner Geburt an⸗ zuerkennen und demgemaͤß zu verfahren.“ „Was wollen Sie?“ ſagte der Graf mit dumpfer, kraftloſer Stimme—„mich berauben? zum Bettler machen? Ich muß Alles von Ihrer Rachſucht erwarten.“ „Sie haͤtten allerdings Urſache, des Schlimmſten gewaͤrtig zu ſein!“ antwortete Andreas, ihn mit finſtern Blicken firirend.„Noch habe ich unſere Zuſammenkunft vor zwei Jahren nicht vergeſſen, noch toͤnen Ihre hoͤh⸗ niſchen Worte, die mich des Diebſtahls, des Betruges anklagten, in meinen Ohren. Das Blatt hat ſich ge⸗ wendet und ich gebe Ihnen jetzt jene ſchmachvolle Be⸗ ſchuldigung zuruͤck.“ Der Graf fuhr, wie von einer Natter geſtochen, in ſeinem Seſſel empor.„Mir, Bube! mir!“ ſchrie er heiſer und ſeine Geſichtszuge nahmen einen grauenhaften Ausdruck an.„Ha, Du gedenkſt einen hoͤlliſchen Triumph feiern, mich beſchimpfen zu duͤrfen, weil eine Gewaltthat, ein raͤuberiſcher Einbruch Dich in den Beſitz eines elen⸗ den Fetzen Papiers ſetzten! Aber ich ſage Dir, das Do⸗ kument iſt falſch, jedes Kind kann es ſehen.“ „Und doch gaben Sie ſich die Muͤhe, es vernichten zu wollen?“ antwortete Andreas kaltbluͤtig.„Uebrigens 233 ſteht die Entſcheidung uber die Aechtheit oder Unächtheit des Dokuments den Gerichten zu, denen ich die Geltend⸗ machung meines Rechtes ohne Verzug anheimſtellen werde.“ Der Graf wurde todtenblaß und ein krampfhaftes Zittern durchbebte ſeinen Koͤrper. Er preßte beide Haͤnde gegen ſeine pochenden Schlaͤfe, denn es war ihm, als muͤſſe ihm der Kopf zerſpringen. Eine Weile ſaß er ſo da, ſchweigend und einen fuͤrchterlichen Kampf mit ſich ſelbſt, mit ſeinem Stolze und ſeinem Gewiſſen kaͤmpfend. Auch Andreas und Mathias redeten nicht; letzterer, an die Thuͤr gelehnt, und die Arme uͤber die Bruſt ver⸗ ſchrankt, maß den Grafen mit duͤſtern Blicken und bittere Worte ſchwebten auf ſeiner Zunge. Endlich brach der Greis das peinliche Stillſchweigen; er ließ matt die Hände herabſinken und ſeufzte tief und ſchwer. „Sie ſcheinen ein Guͤnſtling des Gluͤckes zu ſein, mein Neffe!“ ſagte er mit milder, gaͤnzlich veraͤnderter Stimme—„und es waͤre thoͤricht, wollte ich mich einer hoͤheren Fuͤgung entgegenſtellen. So ſei es denn— ich begruͤße Sie hiermit als meinen Verwandten, als den legitimen Sohn meines— armen Bruders.“ Er reichte Andreas ſeine duͤrre, zitternde Hand, die dieſer zögernd und von einem unbeſchreiblichen und räthſelhaften Wider⸗ willen durchdrungen ergriff.„Es duͤrfte nunmehr Zeit ſein,“ fuhr der Graf nach einer Pauſe fort—„und ich errathe denſelben Wunſch bei Ihnen, von Geſchaftsſachen, beſonders betreffs der nunmehro noͤthig werdenden Erb⸗ ſchaftstegulirung Ihres Vaters zu ſprechen; gleichwol 234 kann ich mich dazu in Gegenwart dieſes mir verhaßten Menſchen“— hier deutete er mit einer verachtlichen Kopfbewegung auf Mathias—„nicht entſchließen. Wenn er, wie ich vermuthe, Ihr Diener iſt, ſo befehlen Sie ihm, das Haus auf demſelben, wahrſcheinlich hochſt ungewoͤhnlichem Wege zu verlaſſen, auf dem Sie ge⸗ kommen ſind.“ Der Beleidigte ſtieß zornig ſeinen Gewehrkolben auf den Boden und machte Miene zu ſprechen; auf einen bittenden Blick ſeines Freuudes jedoch ſchwieg er ſtill und heftete ſeine gluͤhenden Blicke ſo feſt und durchbohrend auf den Grafen, daß dieſer es nicht wagte, denſelben zu begegnen. „Sie ſcheinen vergeſſen zu haben,“ nahm Andreas mit Schaͤrfe das Wort,—„daß dieſer Menſch, den Sie zu haſſen belieben, Ihnen und Ihrer Tochter einſt das Leben rettete.“ „Er ließ mich dieſen Dienſt theuer bezahlen!“ mur⸗ melte der Graf. „Ich kenne den Grund Ihrer Sinnesäͤnderung gegen meinen Freund;“ fuhr Andreas fort.„An jenem Mor⸗ gen, als ich zuerſt dieſes Schloß betrat, voll beſcheidener Hoffnung und mit einem Herzen voll Liebe, welches ich Ihnen entgegen brachte, an jenem Morgen, wo Sie durch ein unredliches und abſcheuliches Verfahren— ja, Herr, dies iſt hie rechte Bezeichnung!— all' meine Wuͤnſche und Ideale grauſam in den Staub traten, mich 235 verhoͤhnten und beſchimpften— da war es dieſer Mann, der ſich weigerte, das Aeußerſte an mir zu thun, der fuͤr mich ſprach, nicht fuͤrchtend Ihre unbaͤndige Wuth— der den Geiſt meines Vaters zur Rache aufrief fuͤr—“ „Genug! genug! was ſoll das Alles?“ unterbrach ihn mit wilder, aufgeregter Miene der Graf.„Ich ver⸗ muthe, Sie ſird nicht gekommen, um als Anwalt meines ehemaligen Leibjaͤgers mich von deſſen Vortrefflichkeit zu uͤberzeugen? Dieſe ganze Zuſammenkunft iſt— Sie werden das fuͤhlen— aͤußerſt peinigend fuͤr mich. Alſo machen Sie durch eine offene, ungeſchminkte Erklaͤrung Ihres Willens und Ihrer Plaͤne fuͤr die Zukunft der⸗ ſelben ein Ende. Ich darf nicht erſt hinzufuͤgen, daß Sie mich zu jeder Gewährleiſtung, die irgend in meiner Macht ſteht, und mich nicht compromittirt, bereitwillig finden werden. Alſo ſprechen Sie, ich hoͤre. Damit lehnte er ſich matt in den Seſſel zuruͤck. So ſehr der Greis bemuͤht war, eine gefaßte, ruhige Gemuͤthsſtimmung zu affektiren, ſo wenig gelang es ihm, denn die ſcharfen Blicke ſeiner ungeladenen Gaͤſte ent⸗ deckten nur zu wol den wilden Kampf der mannich⸗ fachſten Gefuͤhle und Leidenſchaften, welche ſein Inneres ſtuͤrmiſch bewegten. Es trat wieder eine Pauſe ein. Andreas, deſſen ganzes Weſen eine gewiſſe ſtolze Vor⸗ nehmheit auspraͤgte, ſeit er ſich im Beſitze eines Zeug⸗ niſſes ſeiner adeligen und legitimen Geburt wußte, ſchob einen Seſſel an den Sekretair und ſetzte ſich dem Grafen gegenüber. 236 „Langſt gehegte Wuͤnſche und die nun obwaltenden Verhaͤltniſſe“— begann Andreas gelaſſen—„vereini⸗ gen ſich zu der Beſchlußnahme, welche ich als Grund⸗ lage unſrer Verhandlungen aufgeſtellt wiſſen will. Ich darf Ihnen wol nicht erſt mittheilen, daß Sie durch die Herausgabe der einſt meinem Vater und nunmehr mir gehoͤrigen Guͤter in eine aͤußerſt prekaͤre Lage kom⸗ men, ja vielleicht ruinirt wuͤrden.“ Der Graf biß ſich in die Lippen und bedeutete Andreas durch eine haſtige Handbewegung, fortzufahren. „Dieſem Uebelſtande nun kann durch ein fur uns Beide gleich vortheilhaftes und Niemanden compromitti⸗ rendes Arrangement vorgebeugt worden; denn ſo wenig ich daran denke, auch nur ein Puͤnktchen von meinem Rechte und Eigenthum aufzugeben, eben ſo wenig moͤchte ich Sie in Ihrer Lebensgewohnheit durch Entbehrungen beſchraͤnkt und dadurch Ihr Alter verbittert ſehen.“ „Sprechen Sie nicht von mir, Neffe! umterbrach ihn der Graf ſchmerzlich—„ich wuͤrde mich nicht be⸗ klagen, ſelbſt wenn ich die wenigen Tagen, die mir noch uͤbrig ſind, durch Bettelbrot friſten muͤßte. Aber mein Kind— meine Tochter, um derentwillen allein ich dies elende Leben noch ertrage— o, denken ſie an das Mäd⸗ chen, Herr! gegen ſie werden Sie nicht grauſam ſein, an ihr ſich nicht raͤchen wollen fuͤr das, was ich an Ihnen verſchuldet habe!“ Andreas blickte finſter den Grafen an, der ihn bei 237 der Hand gefaßt hatte und mit flehender Miene und ängſtlicher Erwartung ſeiner Antwort harrte. „Taͤuſchen ſie mich nicht!“ nahm der junge Mann wieder das Wort—„meine Couſine Lydia iſt im Be⸗ griff, ſich zu verheirathen; ihre Zukunft iſt alſo geſichert, ohne daß es eines Opfers von meiner Seite beduͤrfte.“ Der Graf ballte die Fauſt und knirſchte mit den Zähnen; aber er verbarg ſeinen Grimm und fuhr mit leiſer Stimme fort:„Allerdings wird ſie ſich vermaͤhlen — mit einem Manne, den alle Eigenſchaften eines treff⸗ lichen Cavaliers ſchmuͤcken, der aber ihr nichts zu bieten hat, als ſich ſelbſt und ſeine Liebe. Herr von Moͤllnitz iſt Soldat und arm—“ „Und verſchuldet und ein lieberlicher Strick!“ ſetzte Mathias, der ſich nicht von der Stelle ruͤhrte, mit großem Gleichmuthe hinzu.„Wenn es Ihnen auch wenig Ueberwindung koſtet, Ihre Nebenmenſchen un⸗ gluͤcklich zu machen und in's Elend zu jagen, wie mich zum Beiſpiel, ſo ſollten Sie doch wol fuͤr Ihre Tochter, fur dieſen holdſeligen, himmliſchguten Engel mehr Sorge tragen und ſie nicht dem erſten beſten heruntergekom⸗ menen und abgelebten Edelmanne zur Beute werden laſſen.“ „Ha, das iſt zu viel, das iſt unerträglich!“ knirſchte der Graf und machte Miene aufzuſpringen und den ke⸗ cken Sprecher zu zuͤchtigen. Mathias aber erhob, wie zufaͤllig, ſeine Buͤchſe, und mit einem halblauten 238 Fluche ſank der machtloſe Greis wieder in den Seſſel zuruͤck. „Kommen ſie zu Ende, junger Herr! wendete er ſich an Andreas mit der athemloſen, fliegenden Haſt er⸗ ſticter Wuth—„ich appellire an Ihr Ehrgefuͤhl, in⸗ dem ich hoffe, Sie werden mich vor den Schmähungen eines beruͤchtigten— Wilddiebes ſchuͤtzen.“ „Ich glaube Ihnen ſchon geſagt zu haben, daß dieſer Mann mein Freund iſt!“ ſagte Andreas raſch, weil er in den Zuͤgen ſeines Gefaͤhrten dunkle Zorngluth auflodern ſah und eine heftige Scene zu vermeiden wuͤnſchte.—„Wenn er in der That ein Wildſchuͤtz iſt, wer hat ihn dazu gemacht, als Sie und Ihr unwuͤr⸗ diger Haß, der ſich ſelbſt nicht ſcheute vor niedrigem Verrathe? Aber— ich theile Ihren Wunſch, mit unſrer unerquicklichen Verhandlung zu Ende zu kommen. Da⸗ rum hoͤren Sie meine Entſchluͤſſe, von denen ich, ſo wahr mir Gott helfen moͤge! nicht um ein Haar breit abweichen werde.“ Der Graf blickte den Redner ſtarr an und ſeine Geſichtszuͤge ſchienen, waͤhrend Andreas ſprach, ſich zu verſteinern. „Im Falle Sie darauf beſtehen,“ ſuhr ſein Neffe fort, meine Couſine Lydia mit dieſem Herrn von Moͤll⸗ nitz zu verbinden, thue ich unbedingt Einſpruch und mache mein volles Anrecht auf die ungeſchmaͤlerte Hin⸗ terlaſſenſchaft meines Vaters guͤltig.“ 239 „Allmaͤchtiger Gott! welch' ein Ungeheuer von Hab⸗ ſucht und Hartherzigkeit! aͤchzte der Graf. „Ich bin noch nicht zu Ende,“ ſagte Andreas gleichmuͤthig.„Wenn Sie, Herr Graf von Waldſees, hin⸗ gegen das beruͤhrte Verloͤbniß binnen drei Tagen trennen, den Lieutnant von Moͤllnitz aus dem Schloſſe entfernen und ſich meine Bewerbung, die Bewerbung des Grafen Andreas von Waldſees um Ihre Toch⸗ ter Lydia genehm ſein laſſen,— ſo iſt die Streitfrage wegen unſres Beſitzthumes von ſelbſt geloͤſt und Sie haben nichts mehr zu befuͤrchten, weder fuͤr ſich, noch fuͤr Lydia.“ Der Graf ſprang auf und ſchleuderte den Seſſel hinter ſich.„Sind Sie raſend?“ ſchrie er mit heiſerer Stimme und ſeine Augen flammten—„Sie wollen um meine Tochter werben? Herr, das iſt ein Scherz, — ein Scherz, der mich erſchrecken und verſpotten ſoll!“. „Sehe ich aus wie Einer, der gekommen iſt, Spaß zu treiben?“ ſagte Andreas mit ſchneidender Kaͤlte.„Mein Antrag behagt Ihnen nicht; nun wol, Sie moͤgen Gruͤnde haben, mich als Schwiegerſohn zu verwerfen — ich werde alſo ungehindert und ohne Ruͤckſicht neh⸗ men zu duͤrfen die Anwartſchaft auf mein vaͤterliches Erbe verfolgen.“ „Aber Lydia iſt längſt die verlobte Braut des Herrn von Moͤllnitz und liebt ihn! Wollen Sie, daß ich ihr befehle, ihre Geſinnungen und Gefuͤhle ploͤtzlich auf Sie — 240⁰ zu ubertragen, den ſie nie geſehen, nie gekannt hat? Sie fodern Unſinniges, Unmoͤgliches!“ „Ich verlange zufoͤrderſt nur, mich um meine Cou⸗ ſine frei bewerben zu koͤnnen, wie es dem Herrn von Moͤllnitz geſtattet war!“ erwiderte Andreas mit Feſtig⸗ keit.„Ich muͤßte mich ſehr irren, wenn der edle Kriegs⸗ mann nicht das Feld raͤumte, ſobald er erfährt, daß er nicht mehr auf eine reiche Erbin zu hoffen hat.“ „Ha, da verkennen Sie ihn! ſagte der Graf leb⸗ haft—„es wird Ihnen nie gelingen, ſeine Liebe zu Lydia wankend zu machen— noch weniger aber duͤr⸗ fen Sie hoffen, daß meine Tochter ihre heiligſten Ge⸗ fuhle leichtſinnig vertauſche und is wie eine ſchnoͤde Waare.“ „Nous verrons!“ erwiderte Andreas kurz.„Aber bei Gott, der Morgen bricht an und wir muͤſſen fort!“ Mathias ſchien ſchon laͤngſt derſelben Meinung zu ſein, denn er hatte oft mit beſorgter Miene den nahen Fenſtervorhang geluͤftet and in den dampfenden Nebel⸗ maſſen, welche dicht und ſchwer aus dem Thale auf⸗ ſtiegen, das Herannähern der Morgendämmerung er⸗ kannt. Er warf nun raſch ſeine Buͤchſe uͤber die Ach⸗ ſel und ſchritt der halb offen gebliebenen Thuͤr zu. An⸗ dreas ſtand raſch auf und trat dicht an den ſich gleichfalls erhebenden Grafen heran. „Zwei Fragen ſind es, die ich noch an Sie zu richten habe!“ ſagte der junge Mann ernſt und nach⸗ vruͤcklich—„werden Sie mich, wenn ich morgen hier ** 241 auf Rußberg als der Graf Andreas von Waldſees er⸗ ſcheine, anerkennen und meiner Bewerbung um Lydias Neigung kein Hinderniß in den Weg legen?“ Der Graf preßte krampfhaft die Hände zuſammen. „Junger Mann!“ nahm er mit erſtickter Stimme das Wort—„treiben Sie mich nicht auf's aͤußerſte; wenn Sie der Billigkeit und dem Edelmuthe Ihr Herz ver⸗ ſchließen, oͤffnen Sie es wenigſtens der Klugheit. Noch einmal, meine Tochter iſt die verlobte Braut eines Andern.“ „Verd—!“ murmelte Andreas, ungeduldig mit dem Fuße ſtampfend,„ich will nichts mehr hoͤren von dieſem unwuͤrdigen Buͤndniſſe. Werden Sie mich mor⸗ gen empfangen wie ich es verlange, oder nicht? Be⸗ denken Sie wol— ein Nein macht Sie zum Bettler, wo nicht zu etwas Schlimmeren.“ Andreas blaue Augen blitzten in duͤſtrem, unge⸗ wohnlichem Feuer, und ſeine zarte, ſchlanke Geſtalt ſchien jetzt, wo Zorn und gebieteriſcher Stolz jeden Nerv durch⸗ bebten, hoch emporgerichtet und imponirend. Der Graf aber zuckte einen Moment lang zuſammen, wie von einem ungeheuren Schmerze durchbebt; im naͤchſten Au⸗ genblicke aher lagerte eine eiſige Ruhe und Feſtigkeit in ſeinen Zuͤgen, und mit hohler, aber gemeſſener Stimme ſagte er: „Es ſei! ich unterwerfe mich ihren Anfoderungen und lege mein und meiner Tochter Schickſal in ihre Hand. 16 242 Was habe ich auch von meinem naͤchſten Anverwandten Uebles zu befuͤrchten?“ „Gott ſei Dank!“ fluͤſterte Andreas vor ſich hin, und eine Centnerlaſt ſchien von ſeinem Herzen zu wei⸗ chen. Sein ganzes Weſen zeigte ſich veraͤndert; er druͤckte dem Grafen herzlich die Hand und ſchaute auf ihn mit einer gewiſſen Innigkeit, die ſeinem fruͤheren Auftre⸗ ten dem Greiſe gegenuͤber gaͤnzlich zu widerſprechen ſchien. „Ich darf nunmehr wol nicht erſt die zweite Frage ſtellen?“ ſagte er laͤchelnd—„ſie ſollte Ihre Zuſicherung einesf reien, ungehinderten Ruͤckzuges aus dieſem Schloſſe fodern, welches ich freilich, von meinem Freunde Ma⸗ thias gefuͤhrt, auf ziemlich ungewoͤhnlichem Wege betre⸗ ten habe.“ „Ich moͤchte wol wiſſen, wie Ihr den Weg zu dieſem Zimmer fandet!“ wendete ſich der Graf, eine Regung des Widerwillens gewaltſam niederkaͤmpfend, an ſeinen ehemaligen Leibdiener, der ſchon im Begriffe war, aus der geheimen Thuͤr zu ſchreiten. „Das iſt ſehr einfach,“ verſetzte dieſer.„Ich traf Herrn Andreas, wie er, Liebe, Zorn und Neugier im Herzen, um das Schloß herumſtrich. Auf ſeine perem⸗ toriſche Erklaͤrung, er muͤſſe hinein und mit Ihnen ſprechen wegen verſchiedentlicher Dinge, die bei ſeiner erſten Zuſammenkunft mit Ihnen unausgemacht geblieben, holte ich, einer fruͤher von mir entdeckten und erfolg⸗ reich verſuchten Paſſage gedenkend, eine Leiter aus dem 243 Schuppen, vermittelſt der wir in den Corridor gelang⸗ ten. Da wir im Thurmzimmer hier noch Licht geſehen hatten, ſtrebten wir, daſſelbe auf dem naͤchſten Wege zu erreichen, und ich fand glucklich die Feder, welche jenes Oelgemaͤlde im Corridor— ich ſehe, Sie erinnern ſich daran— zuruͤckweichen machte, und uns glucklich und unbemerkt hieher brachte.“ Der Graf war ploͤtzlich außerordentlich bleich ge⸗ worden. Er bedeutete die beiden Maͤnner durch eine ſtumme Handbewegung, ſich zu entfernen, und ließ ſich wieder matt in den Seſſel nieder. Noch einen ernſten Blick warf Andreas auf den Greis, dann folgte er Ma⸗ thias durch die verborgene Thuͤr, welche ſie verriegelten, erſt einen langen ſchmalen Gang entlang, und dann eine hölzerne Treppe hinab, welche in jener Thuͤr muͤn⸗ det, die das Oelgemaͤlde verbarg und durch welche Ma⸗ thias einſt den nachtwandelnden Grafen hatte verſchwin⸗ den ſehen. Der Jäger tappte mit der Hand, denn es war ſtockfinſter, nach der verborgenen Feder, welche das ſchwere, auf Holz gemalte Bild zuruͤckweichen machte, aber ein tuͤckiſches Schickſal ließ ihn dieſelbe nicht finden. „Donnerwetter, das iſt fatal!“ murmelte er verdruͤßlich —„in einer Viertelſtunde iſt es heller Tag und ich moͤchte doch nicht— Da drang der laute, ſchrillende Klang eines Gloͤck⸗ chens durch das tiefe Schweigen, welches noch in dem Schloſſe herrſchte. Der helle Schall toͤnte ſcharf und ununterbrochen durch die Woͤlbungen des weitlaͤufigen 16* 244 Gebäudes, deſſen Bewohner, unbezweifelt durch dieſen Nothruf erweckt, von allen Seiten herbeiſturzen und den Fluͤchtlingen den Ruͤckzug abſchneiden mußten. Mit einem grimmigen Fluche fuhr Mathias empor, waͤhrend ſein Gefahrte im erſten Moment die Abſicht zeigte, nach dem Bibliothekzimmer zuruͤckzukehren.„Der alte Schurke verraͤth uns!“ knirſchte Maͤthias—„ ich haͤtte es ahnen konnen! Wehe ihm, wenn ſein boͤſes Schickſal ihn noch einmal mit mir zuſammenfuͤhrt!“ Beide taſteten jetzt mit zitternder Haſt an der Ober⸗ fläche der Thuͤr nach der Feder, durch deren Druck ſie geoͤffnet werden konnte— aber vergebens!„Jeſus Maria, hilf uns!“ betete Mathias—„ich ſage Euch, Andreas, wenn Ihr in des Grafen Haͤnde fallet, er bringt Euch um des Papieres willen um! da hoͤre ich ſchon Tritte und verworrenen Laͤrm!“ Wirklich ward es jetzt draußen lebendig. Thuͤren wurden geoͤffnet und zugeworfen und laute Stimmen ſchrien in den Souterains, wo die Dienerſchaft ſchlief, durcheinander. Dazwiſchen toͤnte noch immer der gellende Klang der Glocke, als wolle ſie nicht Schlummernde, ſondern Todte erwecken. Und ſie, denen das verrätheri⸗ ſche Signal galt, waren gefangen und tappten in un⸗ durchdringlicher Finſterniß vergebens nach der Rettung verheißenden Springfeder.„Allmäͤchtiger Gott!“ ſtoͤhnte Andreas—„ſtehe mir bei in dieſer Stunde und laß mein Recht nicht unterliegen im Kampfe mit Verrath und treuloſer Gewalt!“ 245 Noch einmal flog ſeine Hand zitternd uͤber die in⸗ nere Flaͤche der Thuͤr—— da ſprang ſie raſſelnd auf und mit einem lauten Jubelrufe ſtuͤrzten die Gefange⸗ nen hinaus auf den dunkeln Koridor. Nur wenige Schritte noch hatten ſie bis zu dem geoͤffneten Fenſter zuruͤckzulegen, an welchem ihnen die erſten Sproſſen der rettungverheißenden Leiter, deren ſie ſich beim Eindrin⸗ gen in das Schloß bedient hatten, entgegenwinkte. Aber im ſelben Momente polterten haſtige Schritte die große Treppe hinauf, der grelle Schein von Fackeln, Lichtern, und Laternen erhellte den Korridor und mit verworre⸗ nem Geſchrei ſtuͤrzte eine Schaar Diener, von dem Lieutnant Moͤllnitz angefuͤhrt, den Fluͤchtlingen entgegen. „Hilf Gott! hier gilt kein Zoͤgern!“ fluͤſterte Ma⸗ thias, ſich zu dem Fenſter hinausſchwingend—„folge mir auf dem Fuße nach, ſonſt—“ Da ſchwankte ploͤtzlich die Leiter. Mathias ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus; als er den Fuß auf die erſte Sproſfe ſetzte, entdeckte er unten den Foͤrſter Florian, der mit gellendem Hohnlachen an dem zerbrech⸗ lichen Rettungswerkzeuge ruttelte, und alle Kraͤfte an⸗ wendete, daſſelbe umzuwerfen.„Verflucht! auch ders“ knirſchte der Jaͤger und ſuchte vergebens, ſich feſt zu halten—— einen Moment lang ſchwebte die Leiter mit Mathias frei in der Luft, dann ſtuͤrzte ſie krachend nieder— ein Schuß fiel, dem ein dumfer Schmerzensſchrei folgte, dann war es draußen ſtill— ſtill wie im Grabe! 246 Andreas ſah ſich nun abgeſchnitten; aber nur einen Augenblick zauderte er, dann beſchloß er durch einen kuͤhnen Sprung ſich den Haͤnden der Nachfolger zu ent⸗ reißen. Feſt ſchlang er den Arm um das ſteinerne Fen⸗ ſterkreuz und maß mit pruͤfenden aber furchtloſen Bli⸗ cken die Hoͤhe; jetzt, wo er im Begriff war, ſich hinaus⸗ zuſchwingen—— zu ſpät, eine kraͤftige Fauſt riß ihn zuruͤck und im nächſten Moment ſtreckte ein heftiger Schlag ihn zu Boden.— Als er wild umherblickte, ſah er ſich umringt von einem ſchreienden, triumphirenden Dienerhaufen und auf der Stiege, welche nach dem Thurm fuͤhrte, erſchien der Graf, bleich wie ein Ge⸗ ſpenſt und mit wuthſpruͤhenden Blicken. „Haltet ihn feſt! durchſucht ihn! er hat mir ein Dokument geſtohlen!“ rief dieſer, haſtig herbeieilend, und ſuchend fuhren zwanzig Haͤnde nach der Taſche des am Boden Liegenden. Mit einer maͤchtigen Kraftan⸗ ſtrengung, die Niemand an dem ſchmaͤchtig, faſt ſchwach⸗ lichen Juͤnglinge vermuthet haͤtte, riß Andreas ſich ploͤtzlich los, ſprang empor und ſchlug den Lieutnant von Moͤllnitz, der ſich forſchend uͤber ihn gebeugt hatte, mit der Fauſt zu Boden.„Ha, bei Gott, mein Ne⸗ benbuhler!“ aͤchzte dieſer zuſammenſinkend—„laßt ihn — nicht— entfliehen!“ Aber ſeine Auffoderung kam zu ſpät, denn And⸗ reas hatte geſchickt die augenblickliche Verwirrung benutzt und ſich durch das Fenſter hinabgeſtuͤrzt!—— Als Binzgo, der Graf und das Schloßgeſinde das Hofthor geoͤffnet und nach der Stelle geeilt waren, wo ſie den kuͤhnen Springer mit zerbrochenen Gliedmaſſen zu fangen hofften, fanden ſie ſtatt deſſen den Foͤrſter Florian, der ſich rinnend in ſeinem Blute waͤlzte. Eine Kugel hatte ihm die linke Schulter zerſchmettert! Als der Graf nicht mehr zweifeln konnte, daß ſeine beiden Todfeinde mit ihrem Raube entflohen waren, ſtand er erſtarrt und keines Wortes maͤchtig, und die hoͤchſte Seelenangſt malte ſich in ſeinen Zuͤgen.„Nun denn, ſo bin ich verloren!“ murmelte er nach einer langen Pauſe vor ſich hin—„morgen, morgen ſchon ein Bettler— ein Beſchimpfter!“ Auf den Kaſtellan geſtuͤtzt, ſchwankte er halb ohn⸗ maͤchtig in den Schloßhof zuruͤck. Da trat ihm der Lieutnant von Moͤlnitz entgegen, bleich und noch blutend, ein zerknittertes Papier in der Hand. „Da hat der Raͤuber im Handgemenge etwas ver⸗ oren!“ ſagte er, ſeinen Fund dem Grafen uͤberreichend — wahrſcheinlich iſt es ein Steckbrief oder—“ „Allmaͤchtiger Gott— ich danke dir!“ nnterbrach ihn mit zitternder Stimme der Greis, nachdem er einen fluͤchtigen Blick in das Papier geworfen hatte—„Herr von Moͤllnitz, Sie ſind mein und meines Kindes gu⸗ ter Engel— Sie haben mich von dem Wahnſinne gerettet!“ Damit barg er das vergelbte Blatt haſtig in 248 ſeinen Buſen und umarmte mit Innigkeit den erſtaun⸗ ten Lieutnant. Das Dokument war wieder in ſeinen Händen! „Und nun angeſpannt, Stephan!“ rief der Graf mit athemloſer Haſt.„Alles zur Reiſe bereit, Herr Binzgo; ich muß ſogleich nach Dillingen. Iſt auch das Kirchenbuch in meinen Haͤnden—“ ſetzte er leiſe zu ſich ſelbſt redend hinzu—„dann trotze ich dir, mein edler Neffe, und das Verderben, welches Du mir zuge⸗ dacht, waͤlze ich zuruͤck auf dein eignes Haupt!“ Alle kehrten hierauf in das Schloß zuruͤck.— Ende des erſten Theiles. 3 f ſſſſſſſiſſſiſſſſſſſiſiſſm 8 9 10 11 1 1 5 16 17 18 19 2 13 4 1 8 ſ, —