be 4 Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 22 — 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗„* pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf 2 Mi.— If. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 6 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗„ lorene und defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt . 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird„ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 6 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ der Leſer zum Erſatz des verpflichtet. ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ Jutfrührer. Eine Erzaͤhlung aus den Zeiten des Bauernkriegs von Fr. Bother. 3 Wo rohe Kräfte ſinnlos walten, Da kann ſich kein Gebild geſtalten, Wenn ſich die Völker ſelbſt befrei'n, kann die Wohlfahrt nicht gedeih⸗n. Schiller. — Berlin. 1826. In der Vereinsbuchhandlung. Einleitung. —— It keiner Zeit ſind in den germaniſchen Laͤndern die verſchiedenen Staͤnde der menſchlichen Geſellſchaft ſtren⸗ ger von einander geſchieden geweſen, als im Mittelal⸗ ter, obgleich alle als freie Leute aus ihren Waͤldern her⸗ vorgingen, und die Urahnen manches Edelmanns und Ritters denen ſeines niedrigſten Bauern ebenbuͤrtig ge⸗ weſen waren. Die urſache der Entſtehung von zwei Staͤnden, von denen der eine auf den andern mit der tiefſten Verachtung herabſah, lag in dem Aufkommen und in der Ausbildung des Feudalweſens. Da die Könige der Franken zu ihren beſtaͤndigen Kriegen die Einwilligung des Volks bedurften und nicht immer er⸗ hielten, ſo ſuchten ſie ſich von dieſer Abhaͤngigkeit da⸗ durch zu befreien, daß ſie von dem eroberten Lande Theile des ihnen zufallenden Gebiets als Lehen an einzelne Freie vertheilten, und ſie verpflichteten, ihnen dafuͤr die Heeresfolge zu leiſten. Auf dieſe Weiſe bil⸗ deten ſie ſich eine ſtehende Armee, weil dieſe belehnten Vaſallen in den Krieg ziehen mußten, oder im Weige⸗ rungsfalle ihre Guͤter verloren. Das Anſehen der Va⸗ A 4 ſallen wuchs, jemehr das der freien Leute, die, mit ih⸗ ren eigenen Guͤtern zufrieden, vom Konige keine Lehen nahmen, ſank. Viele derſelben begaben ſich unter den Schutz der Erſteren, um ſich den laͤſtigen Kriegsdien⸗ ſten, zu denen ſie bei wachſender Macht der Koͤnige, be⸗ ſonders Karls des Großen, dennoch gezwungen wur⸗ den, zu entziehen, und wurden Leibeigene derſelben, oder ſie gaben ihr Guͤtchen einem Kloſter, und wurden Kloſterhörige. Da die Fuͤhrung der Waffen allein Ehre brachte, ſo ſank dieſer des Krieges entwöhnte Stand in Verachtung und zuletzt in gaͤnzliche Selaverei herab. Die Ritterſchaft wurde herrſchend. Dieſe erlitt den erſten Stoß durch die aufbluͤhende Macht der Staͤdte und den Reichthum, den der Fleiß und die Betrieb⸗ ſamkeit der Buͤrger ſammelte, beſonders ſeit die Mauern der Staͤdte eine in den Fehden mit den neidiſchen Edeln kriegsgeuͤbte Jugend einſchloſſen, und die Buͤr⸗ ger ihre Waffen mit dem Stande meſſen konnten, der ſich bisher allein die Waffenfuͤhrung angemaßt, und nichts anderes geuͤbt hatte. Seit es unter der Regierung Matimilians I. end⸗ lich gegluͤckt war, den ewigen Landfrieden durchzuſetzen, und das Fauſtrecht zu erloͤſchen begann, bluͤhten die Staͤdte in Deutſchland außerordentlich empor. Die dentſchen Kaufleute fuͤhrten den Verbindungshandel zwiſchen Suͤden und Norden. Die Erzeugniſſe der ſuͤdlichen Sonne und des Orients wurden durch Deut⸗ ſche dem Norden, ſo wie die kargen Produkte aber rei⸗ chen Manufaktnren des Nordens durch Deutſche dem ₰ 1 4 Suͤden zugefuͤhrt. Alles Geld ſſoß in die Mauern der Staͤdte und ihre Macht ſchuͤtzte ſie gegen den neidiſchen Adel. So lange der Adel frei und unabhaͤngig auf ſeinem Gute gelebt, und ſich ſeine Beduͤrfniſſe von ſeinen Bauern verſchafft hatte, ſo lange er ſich als Konig in ſeinem Gebiete betrachtet, und ungeſtraft Raͤubereien an den voruͤberziehenden Kaufleuten und ſeinen feind⸗ ſeligen Nachbaren ausgeuͤbt, weil er hirger den Mauern ſeiner Veſte jedem Angriff trotzte, druͤckte ihn ſeine Ar⸗ muth weniger. Aber als mit dem vermehrten Luxus ſich ſeine Beduͤrfniſſe vermehrten, und ſein weniges Geld in die verhaßten Staͤdte floß, als ihm ſeine Ve⸗ ſten gegen die Schießgewehre keine Sicherheit mehr verſchafften, und der Landfrieden ſeine Gewaltthaͤtigkeit und Raͤubereien verhinderte„begann er ſeine Armuth zu fuͤhlen. Die Ritter, die ihr altes Recht des Staͤr⸗ kern zu erhalten ſuchten, wie Franz von Sickingen, Goͤtz von Berlichingen und Andere, bewieſen durch ih⸗ ren Untergang, daß eine neue Ordnung der Dinge ein⸗ getreten ſey. Da alſo dem Adel die Huͤlfsquellen ver⸗ ſiegt waren, die er ſich fruͤher zu eröffnen gewußt, ſo lag ſeine Hand ſchwer auf dem Bauernſtand, und er ſuchte die Mittel zur Befriedigung ſeiner Beduͤrfniſſe von ſeinen Unterthanen zu erpreſſen. So kam es, daß das Loos dieſer armen Leute an dem Ende des Mittel⸗ alters, wo die Strahlen einer beſſern Cultur die Fin⸗ ſterniß zu erleuchten anfingen, bedauernswuͤrdiger wurde, als es waͤhrend der tiefſten Nacht deſſelben geweſen war. A 2 noch ſchlimmer war, als die ſchwaͤrmeriſchen Wieder⸗ Von den Edelleuten und ihren Reiſigen gedruͤckt und mißhandelt ſah ſich der Bauer nach einer gewalt⸗ ſamen Befreiung um. Das Beiſpiel der Staͤdter und der Schweizer, die den ſchwergeharniſchten Adel beſiegt, war ihm ein ermunterndes Vorbild, und die Verbin⸗ dung der ſogenannten Buntſchuhe in Schwaben, zu Anfang des ſechszehnten Jahrhunderts, war gleichſam ein Vorlaͤufer der Unruhen, die auszubrechen drohten, als in dieſe Seimmung der Gemuͤther die Reforma⸗ tion wie ein Blitz ſchlug, der das getroffene Gebaͤude ohne Rettung in Brand ſieckt. Schon lange war die Nothwendigkeit einer Kirchenverbeſſerung in Haupt und Gliedern klar gefuͤhlt und ausgeſprochen worden; den Unwillen uͤber die Zoͤgerung der mit politiſchen Plaͤ⸗ nen beſchaͤftigten Paͤbſte hatten die niedern Geiſtlichen, die bei einer Kirchenverbeſſerung nicht wie die Praͤla⸗ ten und Moͤnche verloren, ſondern gewannen, bis in die unterſten Volksklaſſen verbreitet, und laut von dem Verderbniß der romiſchen Kirche gepredigt. Als daher Martin Luther, durch die Unklugheit ſeiner Gegner ſelbſt zu kuͤhnern Schritten gegen das Beſtehende ge⸗ trieben, das Anſehen des Pabſtes angriff, und neue Mei⸗ nungen in tanſend Flugſchriften durch Deutſchland ver⸗ breitete,— als er ſchnell Anhaͤnger gewann, die fana⸗ tiſch begeiſtert und eifernd umherzogen, und ſeine von ihnen mißverſtandenen Lehren dem Volke mittheilten, als man von evangeliſcher Freiheit wie von einer Be⸗ freiung von Steuern und Abgaben ſprach, und, was taͤufer den Satz von der allgemeinen Guͤtergleichheit aufſtellten, und einen Staat Gottes auf Erden beab⸗ ſichtigten,— da erfolgte der lang⸗gefuͤrchtete und zu erwartende Ausbruch der Empoͤrung. Was die Bauern auf einmal klar als ihre Rechte erkannt hatten, woll⸗ ten ſie eben ſo ſchnell erfullt ſehen, und griffen bei der Weigerung zu den Waffen, um„mit welchem Kelche ihnen ihre Unterdruͤcker eingeſchenkt, ihnen mit dem⸗ ſelben zwiefaͤltig einzuſchenken, und wie viel ſie ſich herrlich gemacht und ihren Muthwillen gehabt haͤtten, ſoviel ihnen Qual und Leid zu vergelten.“ Der unnatuͤrliche Krieg, der daraus entſtand, hatte ſchon lange gewuͤthet, und war ſeiner Unterdruͤckung nahe, in dem Augenblicke, wo unſere Geſchichte mit einem Sonnabend im Juni 1323 beginnt. Erſtes Kapätel. In einem der Thaͤler, die ſich an dem Fuß des Don⸗ nersbergs ausbreiten, lag die Burg Falt enſtein, der ſtolze Sitz eines alten edeln Geſchlechts, deſſen Name in den Geſchichten der Gegend und des Landes nicht unberuͤhmt iſt. Der jetzige Beſitzer war der letzte ſei⸗ nes Stammes, weil er nur eine einzige Tochter beſaß, aber er ſchien wuͤrdig, die alte Linie der Falkenſteiner zu ſchließen, die einige Jahrhunderte auf dieſer Burg gebauſt. Er war ein Mann von alter Sitte und dem Auslaͤndiſchen, was damals die Einfachheit der Deut⸗ ſchen zu untergraben begann, feind. In einer Zeit, wo ſchon die erweiterte Schiffahrt und der erweiterte Handel nach einem neuentdeckten Welttheil Luxusartikel nach Deutſchh achte, die bisher unbekannt gewe⸗ hum faſt eben ſo viel zu gelten an⸗ ſing, als Adeß und die Gelehrſamkeit in den da⸗ mals aufbluͤhenden Wiſſenſchaften zu gleichem Rang mit der Geburt erhob,— in dem Beginn der neuern Zeit alſo lebte Friedrich, Graf von Falkenſtein, noch eben ſo, wie ſeine Vorfahren in den Tagen der Kreuz⸗ zuͤge, bieder und offen gegen Ebenbuͤrtige, ſtolz gegen Untergebene und hart gegen ſeine Bauern. Seit er ſeine Gattin verloren, brachte er faſt beſtaͤndig ſeine Zeit auf ſeiner Burg zu, und ſein einfoͤrmiges Leben ward nur zuweilen durch Jagden in den hohen For⸗ ſten des Donnersberges, durch einen fröhlichen Beſuch benachbarter Edeln, oder die Einkehr eines Fremden, dem ſein gaſtliches Thor offen ſtand, unterbrochen. Er hielt uͤbrigens dreißig bis vierzig Reiſige, die nach ilter Weiſe geruͤſtet waren; denn Feuergewehr und Donſter⸗— buͤchſen duldete er auf ſeiner Burg nicht, ſondern ver⸗ traute darauf, mit denſelben Waffen, womit ſeine Vaͤ⸗ ter geſiegt und ſich beruͤhmt gemacht hatten, ſein Schloß gegen jeden Angreifer vertheidigen zu koͤnnen. Das Thal, das nach ſeinem Namen benannt wurde, erkannte ſeine Herrſchaft an, ſo ſchwer und hart ſie auch auf den Unterthanen lag. An dem Fuße des Berges, auf dem ſich ſein Schloß erhob, rauſchte ein Bach vorbei, und ſtroͤmte das Thal hinab, wo er be⸗ traͤchtliche Eiſenwerke des Grafen trieb. Dieſe wurden von den Unterthanen deſſelben bearbeitet, ohne daß ih⸗ nen ihr Herr dafuͤr den Zins erließ— den ſie von den kleinen Aeckern bezahlten, auf welchen ſie nothduͤrftig ihren Lebensunterhalt bauten,— oder ihnen ihre Muͤhe mit einem geringen Lohn verguͤtete. Das Klappern und Schlagen dieſer Eiſenwerke hatte ſo eben aufgehoͤrt, und die Glocke aus dem be⸗ nachbarten Kirchdorf Rußbach die Vesper und den mor⸗ genden Sonntag angeläutet, als drei von den Bewoh⸗ nern des Dorfes aus einem der Eiſenhaͤmmer, nach Vollendung ihrer ſchweren Wochenarbeit, hervortraten, um in ihre Huͤtten zuruͤckzukehren. Der klare Bach, in welchem ſie den Ruß und Staub von ihren Haͤnden und Geſichtern abwuſchen, ſpiegelte die Unzufrieden⸗ heit ihrer Mienen ab, die ſich auch in zuweilen aus⸗ geſtoßenen Fluͤchen horen ließ. „Nun Gottlob,“ ſagte Einer,„eine Woche iſt wie⸗ der herum, und jetzt mag wohl ein Monat hingehen, bis der ſchwere Frohndienſt uns abermals trifft.« „Er wuͤrde uns nie treffen, Joͤrg,“ nahm ein An⸗ derer, juͤnger als ſeine beiden Gefaͤhrten, das Wort, ver wuͤrde uns nie mehr treffen, wenn ihr Muth haͤt⸗ tet, und euch nicht laͤnger zu ſo ſchweren Arbeiten her⸗ geben wolltet. Wuͤrdet ihr mir folgen, ſo ſoll mich der Teufel holen, oder dieſe verfluchten Haͤmmer ſoll⸗ ten das ganze Jahr ſo ſtill ſtehen, als ſie es jetzt thun.« „Ich habe dir ſchon oft geſagt, Vetter Niklas,« erwiederte Iorg,„daß du mit deinen Reden doch nichts ausrichteſt, ſo lange der Graf Reiter hat, die uns im Zaum halten können. Bezähme deine Zunge, Vetter, damit nicht einmal deine Worte zu unrech⸗ ten Ohren kommen, und dich ins Schloßgefaͤngniß bringen.“ „In, ja,« ſetzte der Dritte hinzu,„das ſage ich auch. Wenn wir mehr waͤren, ſo koͤnnten wir wohl etwas wagen, aber—— 6 „Was iſt denn, Nachbar Michel?“ unterbrach ihn Wben wir nicht Kraft ſo gut, wie dieſe über⸗ — muͤthigen Reiter, die eine wahrhafte Plage des Landes ſind? Wenn ſo ein Lump daher reitet, ſo ſtolz auf das Eiſen, was er auf dem Leibe und an der Seite hat, ich moͤchte ihn immer vom Pferde herunterſchlagen. Wir gehen das ganze Jahr mit Eiſen um, und bear⸗ beiten es fuͤr unſere Unterdruͤcker, aber wenden es nicht ſelbſt zu unſever Befreiung an. Waͤre meine alte Mut⸗ ter nicht, ich liefe noch heute Nacht fort, und machte mich zu den Bauern, die andere Kerle ſind, als wir hier, und ihre Edelleute vor ſich hertreiben, wie wir die Rehe, wenn wir unſerem Grafen auf ſeinen Jag⸗ den wie Hunde dienen muͤſſen.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Michel,„es iſt wahr, ein elendes Leben fuͤhren wir; aber wer kanns aͤndern?“ „Wer's ändern kann?“ rief Niklas ſo heftig und laut, daß ihn Jorge aͤngſtlich bat, von ſo gefaͤhrlichen Dingen nicht ſo laut zu reden. Wers aͤndern kann?« fuhr er gemaͤßigter fort,“ wir konnens, wenn wir uns aufmachen, unſere Weiber und Kinder aufpacken, und zu den Andern ziehen, die in der Pfalz und üher'm Rhein in Kloͤſtern und Schloͤſſern ſichs wohl ſeyn laſſen. Dann mag der alte Graf ſehen, wer ihm ſeine Haͤm⸗ mer bearbeitet oder ſeine Felder baut.“ „Sey nur ruhig, Niklas,“ ſagte Jörge„du biſt gleich ſo heftig und auffahrend; das kann ſich Alles aͤn⸗ dern. Das gnaͤdige Fraͤulein iſt doch ſo brav und ſo lie⸗ bevoll gegen uns Alle, daß man die Haͤrte des Vaters daruͤber vergißt.“ „Was kuͤmmert mich das Laͤcheln eines Weiböge⸗ — 10— ſichts!“ erwiederte Niklas.„Sie mag ein Engel ſeyn, aber wenn ſie uns unſer Elend nicht lindern kann, ſo ſoll der— doch ich will nicht fluchen. Morgen iſt Sonntag, da will ich beten, daß Gott uns bald einen Retter in dieſes Thal ſchickt, der uns von dem Joche hilft.“ Sie waren indeſſen an einen Platz gekommen, wo ſich der Berg an der einen Seite abflachte, und das Thal nicht ſo ſchroff begraͤnzte. Hier fuͤhrte ein Fahr⸗ weg auf die Felder. Sie blieben ſtehen, als ſie einen jungen Burſchen mit einem Pfluge dieſen Abhang her⸗ abkommen ſahen. „Euer Vetter, Michel,“ ſagte Jörge,„pfeift auch nicht mehr ſo luſtig, als er ſonſt pflegte, wenn er an einem ſo ſchönen Abend nach Hauſe fuhr.“ nHa! ha! der arme Hans!“ fiel Niklas ein,„dem iſt das Pfeifen vergangen, ſeit ſeine Geliebte auf der Burg bei dem Fraͤulein iſt, und der Graf ihn fortge⸗ jagt hat, als er ſie beſucheß wollte. „Guten Abend, Hans!“ ſagte Michel, als der junge Bauer zu ihnen kam.„Du haſt gutes Wetter zum Ackern.“ „Es ginge ſchon mit dem Wetter, Nachbar,“ er⸗ wiederte Hans,„wenn nur der Boden beſſer waͤre. Das Bischen, was er hervorbringt, muͤſſen wir ja an den Verwalter geben, und wenn der Paſtor— Gott ſegne den frommen Mann— wenn der Paſtor uns nicht den Zehnten erließe, was bliebe uns dann uͤbrig, als nach vieler Arbeit Hungers zu ſterben?“ „Nun, Hans,“ fragte Riklas,“ iſt es lange, ſeit du nicht mehr auf dem Schloſſe geweſen biſt?« „Erinnere mich nicht daran, Niklas!“ erwiederte Hans aͤrgerlich. Was gaͤbſt du darum, Hans, wenn du Marien wieder bekaͤmeſt, he?„ fragte Niklas.„Sieh' Burſche, nimm dir ein Schwert, du biſt ein ſtarker und ruͤſti⸗ ger Kerl, und ruf die Bauern auf, dir zu helfen, ſo wollen wir mit dir aufs Schloß, und ſie fuͤr dich holen, aber den Grafen und ſeine Frohnden— „Still,“ unterbrach ihn Jörge,„du biſt zu vorei⸗ lig, Niklas; ich warne dich noch einmal; wenn die Bauern in der Pfalz gluͤcklich ſind, und wir ei⸗ nen Ruͤckhalt an ihnen haben, dann wollen wir auch ſehen, ob wir mit Gewalt unſere Lage erleichtern kön⸗ nen. Aber heilige Jungfrau! was bedeutet der Laͤrm,“ fuhr er fort, als ſie bei ihrer Annaͤherung an das Dorf, das ſeine Strohdaͤcher und ſeinen alten Kirchthurm uͤber das Gebuͤſch erhob, deutlich ein ungewöhnliches Ge⸗ raͤuſch vernahmen,„was wird das ſeyn?“ „Was wirds ſeyn,“ rief Niklas frohlich aus,„als daß die Stunde unſerer Erloͤſung nahe iſt?“ Und mit diefen Worten eilte er ſo raſch davon, daß ihm die an⸗ dern Beiden kaum folgen konnten. Das Geraͤuſch ruͤhrte jedoch, wie er zu ſeinem großen Mißvergnügen bemerkte, nur von, den Ausrufungen der Dorfbewoh⸗ ner her, womit ſie der Erzaͤhlung eines Hauſirers von den Begebenheiten außerhalb ihrer Thaͤler zugehoͤrt hatten. Die Bauern ſtanden um dieſen Mann mit Mienen, in denen ſich Unzufriedenheit und Furcht in enger Miſchung ausſprach, und ergoſſen die durch die Erzaͤhlung aufgeregten Gefuͤhle in laute Ausrufungen, welche zugleich mit den frohen Toͤnen der harmloſen Jugend, die ſich auf dem gruͤnen Dorfplatze in un⸗ ſchuldigen Spielen ergötzte, wie das entfernte Rauſchen eines Baches in die Ohren Jörgs und ſeiner Gefaͤhr⸗ ten gedrungen waren, und die Hoffnung bei Niklas erregt hatten, daß endlich ſein lange gehegter Wunſch einer gewaltſamen Befreiung erfuͤllt ſey. Der Hauſi⸗ rer hatte ſo eben ſeine Erzaͤhlung geſchloſſen; Niklas aber erfuhr auf ſeine fürmiſchen Fragen den Inhalt derſelben, der ſich auf die Emporung und das Gluͤck der Bauern bezog. Schon laͤngſt ſtanden die Bauer⸗ ſchaften in Schwaben und Franken unter Waſfen, in Thuͤringen hatte der ſchwaͤrmeriſche Thomas Muͤnzer das Feuer des Aufruhrs erregt, und es hatte ſich bis in die Pfalz und auf das linke Rheinufer verbreitet. Die leuchtenden Flammen von Kloſtern und Schlöſſern zeigten in dieſen Gegenden die traurigen Folgen einer gereizten Rachſucht; jedoch bis in die Thäler des Don⸗ nersberges war noch nicht der Schall der Sturmglocken gedrungen, der den Landmann zur Vertheidigung ſei⸗ ner Rechte und zur Rache an ſeinen Unterdruͤckern rief⸗ obgleich die Unzufriedenheit hier eben ſo groß war, wie anderswo. Nur ein Anfuͤhrer fehlte, um auch in dieſen Thaͤlern dieſelben Seenen hervorzubringen, die außer⸗ halb derſelben ſtuͤrmten. Mit dem Wunſche einer bal⸗ digen Gelegenheit zum Aufftand trennten ſich die miß— — 13— vergnuͤgten Dorfbewohner. Dieſe Gelegenheit war naͤher als ſie erwartet hatten. Einer von jenen Fana⸗ tikern, die, von dem Evungelium begeiſtert, die mißver⸗ ſtandenen Lehren dem Volke vortrugen, Namens Mi⸗ chael Winzer, hatte einen ſtarken Haufen um ſich ver⸗ ſammelt, und war im Anzuge auf Rußbach. Die Be⸗ wohner deſſelben ſaßen am folgenden Tag um die Mit⸗ tagszeit bei ihren kaͤrglichen Schuͤſſeln, als der Schall der Glocke nicht friedlich, wie er zur Kirche ladet, ſon⸗ dern in wilden abgebrochenen Toͤnen an ihr Ohr ſchlug, und zugleich der Einzug Michael Winzers mit ſeiner ungeordneten Bande die Erfuͤllung des Wunſches ver⸗ kuͤndete, mit dem ſie ſich am geſtrigen Abend getrennt hatten. Alle ſiuͤrzen heraus, große kraͤftige Geſtalten; ſelbſt die Weiber, die Kinder folgen, und der Ausruf: „Freiheit! Rache!“ miſcht ſich mit den dumpfen Tönen der Sturmglocke. Sie draͤngen ſich tumultuariſch nach dem Dorfplatze, wo Michaels Horde Halt gemacht. Alle Blicke wandten ſich auf dieſen„gotterleuchteten Mann,“ der jetzt, auf einem herbeigeſchafften Tiſche ſtehend, mit Gebaͤrden Stille verlangte⸗ Winzer war Moͤnch geweſen, und hatte in ſeinem Kloſter mit Leſung der heiligen Schrift den finſtern Hang ſeines Gemuͤthes zur Schwaͤrmerei genaͤhrt. Un⸗ willig uͤber die Verdorbenheit der Geiſtlichkeit, und das unwuͤrdige Leben der Moͤnche, die ſich von der Welt nur zuruͤckgezogen zu haben ſchienen, um ſich ohne Muͤhe und Arbeit Genuͤſſe zu verſchaffen, die ihnen ihr Stand und ihr Geluͤbde verbot, entſprang er, als die — neue Lehre verkuͤndet und das Anſehen des bisherigen Clerus vffen angegriffen wurde, ſeinem Kloſter, und predigte die mißverſtandene Lehre. Die Bibel ſelbſt gab ihm Belege genug fuͤr die Grauſamkeiten, zu de⸗ nen er den Zorn des Volkes reizte, und wer nahm An⸗ ſtand dieſelben zu begehen, wenn ſie durch ſolche Au⸗ toritaͤten nicht allein gebilligt, ſondern auch befohlen wurden? Er hatte der um ihn verſammelten Schaar ſchon eine bedeutende Miſchung von der Schwaͤrmerei gegeben, von welcher er ſelbſt beſeelt war, und war nun im Begriffe, denſelben Funken in die empfaͤngli⸗ chen Gemuͤther der ruͤſtigen Bewohner von Rußbach zu werfen, und die Flamme des Aufruhrs in dieſen ruhigen Thaͤlern anzufachen. Er war in der gewoͤhn⸗ lichen Bauerntracht, jedoch durch ein breites Schwert, das an ſeiner Seite hing, von den Uebrigen ausgezeich⸗ net, die ſich zum Theil mit den Werkzeugen ihrer Be⸗ ſchaͤftigung, zum Theil mit Lanzen bewaffnet hatten. In ſeinen Augen brannte ein ſchwaͤrmeriſches Feuer, und erlenchtete die finſtern, ernſten Zuge ſeines Geſichts, die, auch ohne ſeine Worte, ſchon einen Propheten ver⸗ kuͤndeten. Nachdem die Verſammlung in Stille um ihn her ſtand, begann er: „Ich danke Gott, der mich den Tag hat ſehen las⸗ ſen, wo er Rache nimmt an den Stolzen und die De⸗ můthigen erhoht! Wie der Herr die Iſraeliten aus der Dienſtſchaft in Aegypten gefuͤhret, und des Tags als eine Wolke, des Nachts als eine Feuerſaͤule vor ihnen hergewandelt iſt, ſo wird er euch erretten aus der ————— Knechtſchaft, und die Feinde vor euch herjagen, wie Spreu vor dem Winde. Denn fuͤrchtet euch nicht, daß ihr nicht angethan ſeyd mit Harniſchen und fleiſch⸗ licher Ruͤſtung, und daß ihrer mehr ſind denn eurer; waͤren ihrer gleich ſo viele, als des Sandes am Meere, ſo wird doch der Engel des Herrn vor euch herziehen, euch ſchuͤtzen mit ſeinem Schilde, und die Gottloſen ſchrecken.“ „Freiheit! Freiheit!“ riefen die Zuhorer, und die ruͤſtigen Eiſenſchmiede gaben ihren Muth durch die geballte Fauſt der nervigen Arme zu erkennen. „Wer erlaubte jenen Stolzen euch zu unterdruͤcken, und euch zu behandeln, wie das Vieh? eure Saaten mit ihren Pferden zu zertreten? Gott hat allen Nach⸗ kommen Adams die Erde gegeben, zum Wohnplatz, und Alles, was auf derſelben iſt, zum gemeinſchaftlichen Genuß.“ „Gleichheit! Nieder mit den Unterdruͤckern!« ſchollen viele Stimmen aus dem Haufen, und die Weiber wie⸗ derholten die Worte, und hoben ihre Kinder hoch in die Hoͤhe, um ihnen den gotterleuchteten Mann zu zeigen. „Die Stimme eures Elends iſt hinaufgedrungen zu dem Throne deſſen, vor dem kein Anſehn der Perſon gilt. Und er hat ſeine Propheten ausgeſandt, und ſie umguͤrtet mit dem Schwerte ſeines Grimmes, und ihnen befohlen zu ſchlagen und zu zerſtören. Denn es iſt der Tag der Rache des Herrn und das Jahr der Vergeltung!“ „Rache! Rachel“ bruͤllte der Haufen, und wilde Mord⸗ gier ſtrahlte aus allen Blicken. In dieſem Augenblicke kam der Geißliche des Dorfes, hei dem Schall der Sturm⸗ glocke das Vorfallende ahnend, zu dieſer tumultuariſchen Scene. Er hatte bisher das Elend ſeiner Gemeinde ſo viel als möglich zu erleichtern geſucht, und was ſelten bei den Geiſtlichen der damaligen Zeiten zu ſinden war, deren Herz mehr, als es ſollte, am Weltlichen hing, ſogar die Entrichtung des Sehnten erlaſſen. Er war daher im Dorfe ſehr geliebt, und wagte ſich im Ver⸗ trauen auf die Dankbarkeit ſeiner Pfarrkinder in das wilde Getuͤmmel. Die letzten Worte, die er bei ſeiner Ankunft hörte, uͤberzengten ihn, daß das Gift der Em⸗ porung bereits ſeine Gemeinde angeſteckt. Er draͤngte ſich nichts deſto weniger in den Kreis, und wollte eben mit erhobenen Haͤnden ſeine verfuͤhrte Heerde auf den rechten Pfad zuruͤckweiſen, als ihn der Redner auf dem Tiſche bemerkte, und, von fanatiſchem Zorn entbrannt, auf ihn losfuhr:„Was will dieſer Diener des Anti- chriſts hier, deſſen Reich gefallen iſt auf Erden? Greift ihn und fuͤhrt ihn hieher, damit er ſeine Graͤuel ab⸗ ſchwore, und das Licht empfange, das der Herr hat auf⸗ gehen laſſen!“ Mehrere fielen uͤber ihn her, und ſchleppten ihn vor das Tribunal des Fanatikert. Vergebens ſtreckte der arme Mann ſeine flehenden Haͤnde gegen ſeine Ge⸗ meinde aus. Die Meiſten ſahen kalt und gefuͤhllos dem Auftritte zu. Nur wenige zeigten Mitleiden, und un⸗ ter dieſen fluͤſterte Hans, der junge Bauer, den der Leſer bereits kennt, ſeinem Nebenmanne zu:„Nachbar, ſollen wir dem guten Paſtor nicht helfen? Wenn wir 8 1— auch den Grafen haſſen, womit hat der liebe Paſtor unſern Zorn verdientze „Still!“ antwortete der Angeredete,„jetzt ſteht er vor dem Tiſche, gieb Acht, was der Mann Gottes ſagt!“ „Was wollt ihr,“ fragte der Paſtor unerſchrocken, „was wollt ihr, daß ihr mich mit Gewalt vor euch zieht? und wer giebt euch ein Recht, ſo mit mir zu verfahren?“ „Du ſollſt anworten,“ rief Winzer,„nicht fragen. Willſ du dem Antichriſt fluchen, den ibr Pabſt nennt?« „Ich fluche nicht meinen Feinden,“ erwiederte der Paſtor ruhig,„denn der Gott, dem ich diene, hat mich gelehrt zu ſegnen, aber nicht zu fluchen.“ „Gott hat die Schalen des Zornes uͤber die Erde ausgegoſſen,“ rief Winzer,„und die Zeit ſeines Gerichts iſt gekommen. Du ſollſt fluchen oder ſterben!“ Mit dieſen Worten riß er das Schwert von der Seite, um ſelbſt ſeinen Urtheilsſpruch zu vollziehen. „Nennt mir wenigſtens,“ ſagte der Paſtor nach einer Pauſe, in der er ſich von ſeiner plötzlichen Be⸗ ſtuͤrzung uͤher die drohende Bewegung ſeines grimmigen Richters erholt hatte,„mennt mir wenigſtens die Ver⸗ brechen, die den Pabſt meines Fluches wuͤrdig machen.“ Dieſe Frage lenkte den Zorn Michgel Winzers von dem vor ihm ſtehenden Paſtor auf einen Gegenſtand, der ihm reichlichen Stof zu den großten Schimpfworten gab, womit er die ganze Geißtlichkeit und ihr entar⸗ tetes Oberhaupt uͤberhaͤufte. Er hatte eben unter dem ungeheuerſten Beifall der Umſtehenden ſeine Rede ge⸗ B — 18— ſchloſſen, als einer von denen, die als Wachpoſten am Eingang des Dorfes aufgeſtellt worden, herbeieilte, und durch die Nachricht, daß die Reiter der Feinde das Thal herab kaͤmen, eine allgemeine Verwirrung erregte. Die Bewohner des Dorfes bewaffneten ſich, ſo gut ſie konnten; Stangen, Miſtgabeln, Senſen, Aexte und an⸗ deres Geraͤthe, zum friedlichen Feldbau beſtimmt, wurde jetzt zu blutigen Zwecken in die Hand genommen. Michael Winzer ſprang vom Tiſche, und befahl, den Paſtor in einem nahen Hauſe ſcharf zu bewachen; dann ſtellte er ſich mit dem Rufe:„Hier Schwert des Herrn und Gideon!“ vor die Schaaren, die in wilder Unord⸗ nung, jedoch mit Entſchloſſenheit den Feind erwarteten. Nicht lange darauf zeigte ſich ein Reiter am Eingang des Dorfes, der friedlich und ruhig auf ſeinem Roſſe ſaß, und ſich nicht wenig uͤber die Gruppe zu verwun⸗ dern ſchien, die er in einiger Entfernung vor ſich ſah. Er trug eine glaͤnzende Stahlhaube, einen Bruſtharniſch und Beinſchienen; in der linken Hand hatte er einen Spieß und an der Seite ein Schwert. Dem Anſehn nach war er ein Mann von drei oder vier und zwanzig Jahren, mit einem offenen ſchoͤnen Geſicht, uͤber das aber jetzt der Kummer, der auf der Seele des Reiters zu lſten ſchien, ſeinen traurigen Schleier ausgebreitet hatte Bei dem Anblick der ungeordneten Menge, uͤber die in wunderlichem Gemiſch Piken, Aerte und Miſt⸗ gabeln hervorragten, ward er ſtutzig, doch ſetzte er deſſen⸗ ungeachtet ſeinen Ritt fort, bis er auf eines Wurfes Weite nahe gekommen war. Hier aber ward er mit — Steinen begrußt, von denen einer ſo nachdruͤcklich ſeine ſtaͤhlerne Kopfbedeckung traf, daß er faſt betaubt aus dem Sattel geſunken waͤre. Einige der Kuͤhnſten aus dem Haufen liefen herbei, und der junge Mann, durch den Wurf ſo betroffen, daß er weder das Schwert ziehen, noch die Lanze gebrauchen konnte, waͤre unfehlbar das erſte Opfer der Wuth dieſer wilden Schaar geworden, wenn ihn nicht Hans und ſein Vetter Michel erkannt und gerufen haͤtten: Halt! Thut ihm nichts! Es iſt Franz Hofer druͤben aus Marienthal!“ „Gute Leute,“ ſagte Franz, als er wieder zu ſich kam, und ſein Pferd von zweien gefuͤhrt ſah, waͤhrend zwei Andre ihn an beiden Seiten feſthielten,„laßt mich los! Was wollt ihr mit mir? Was auch immer eure Abſicht ſeyn mag, mein Leben vder Tod kann euch nichts nutzen, da ich im Begrif bin dieſes Land zu ver⸗ laſſen.“ Inbdeſſen war der groͤßte Tyeil des Haufens tumultuariſch herbeigeeilt, und empfing den Gefangenen mit lautem Jauchzen. MNieder mit den unterdruͤckern unſerer Freiheit! Tod und Verderben uͤber ſie!« ſcholl es zugleich von vielen Seiten, und es erhoben ſich meh⸗ rere Piken und Aexte, um dieſe Drohung ſogleich zu erfuͤllen. Aber dieſelben, die den Reiter erkannt und ſchon einmal gerettet hatten, traten dazwiſchen:„Seyd ſtille! er iſt kein Edelmann, er iſt einer von uns, und von dem Falkenſteiner, bei dem er gedient hat, fortge⸗ ſchickt. Er kennt das ganze Schloß; auf gegen Fal⸗ kenſtein! und er ſey unſer Führer!“ Die Bewohner des Dorfes, die ihn jetzt alle erkannten, ſtimmten in dieſen B 2 — 20— Ruf mit ein: Franz Hofer ſey unſer Fuͤhrer! Verder⸗ ben uͤber den Falkenſteiner!“ Er wurde vom Pferde herabgehoben, und vor Winzer gebracht.„Wer biſt du,“ fragte dieſer,„und wohin willſt du?“ „Haltet meine Reiſe nicht auf,“ erwiederte der Gefragte,„ich will ſo bald als möglich dieſes Land verlaſſen und mein Ungluͤck in der Fremde verbergen.“ „Ungluͤck?“ ſagte Winzer,„ja ungluͤck iſt hier geweſen, aber der Herr hat es geaͤndert: er hat ſein Volk erwecket aus ſeinem Schlafe, und aufgeruͤttelt aus ſeinem Schlummer. Doch ſprich, wer biſt du?“ „Ich heiße Hofer,“ antwortete der junge Mann, vund habe Reitersdienſte bei dem Grafen von Falken⸗ ſtein gethan. Jetzt will ich fort und in Italien Dienſte ſuchen. Darum haltet mich nicht laͤnger auf!“ „Herr,“ ſagte Michel, der zweimal die wuͤthende Menge von Hofern abgewehrt,„der Falkenſteiner hat ihn fortgeſchickt, und Franz Hofer iſt ſtark und tap⸗ fer, und kann am beſten unſer Fuͤhrer ſeyn.“ Winzer betrachtete den Juͤngling mit Wohlgefallen. Den Beiſtand eines in den Waffen geuͤbten Kriegers glaubte er nicht vorbeilaſſen zu duͤrfen, und beſchloß um ſo eher, ſeine Macht als Hauptmann mit ihm zu theilen, da er von ihm, als einem jungen Manne, durch⸗ aus nicht die geringſte Widerſetzlichkeit gegen ſeine Befehle erwartete. Er wandte ſich daher an Hofer: „Du willſt nach Italien, und dein Land verlaſſen zur Zeit, wo es in Truͤbſal iſt und wo der Herr ausgehen wird von ſeinem Orte, heimzuſuchen die Bosheit der „ —— Hohen, und hoch zu ſtellen die Demuth der Niedrigen? Du ſollſt bleiben, und deinen Arm der Sache des Volkes und des Himmels weihen. Denn wir werden die hohe Veſtung der Mauern beugen, und ſie in den Staub zu Boden werfen. Bleibe hier, und halte die Stimme des Volkes, die dich zum Anfuͤhrer verlangt, fuͤr einen Ruf des Herrn, dem Niemand widerſtehen darf.“ „Waß habt ihr vor?« rief Franz aus,„eure Worte ſagen nichts Gutes.“ Freiheit! Gleichheit!“ brullten in dieſem Augen⸗ blick die entfernter ſtehenden Schaaren, als ein neuer Trupp zu ihnen ſtieß, den die Nachricht von dem Auf⸗ ſtand zur Theilnahme herbeigezogen. „O ich verſtehe,“ fuhr Hofer mit einem veraͤchtlichen Blick auf die umſtehenden Haufen fort,„mit dieſen arm⸗ ſeligen Waffen wollt ihr die hohen Burgen der Edlen ſtuͤrmen? Ich euer Anfuͤhrer? Rein, nimmermehr!“ „Du ſollſt deinen unterdruckten Bruͤdern helfen,“ ſagte Winzer,„und ſie befreien von ihren Peinigern. Ich habe dir geſagt, daß der Herr ihren Stolz und ihre Macht verdammt hat. Denn wehe denen, die ſich verlaſſen auf Roſſe, und hoffen auf Reiter, und halten ſich nicht zum Heiligen in Iſrael. Der Herr Zebaoth wird ſeine Hand ausrecken und herniederfahren zu ſtreiten auf dem Berg Zion und auf ſeinem Huͤgel.“ nUnd was ſind eure Forderungen,“ fragte Hofer, „ie ihr mit Gewalt erzwingen wollt?“ „Wir verlangen, was uns gebuͤhrt,“ antwyrtete — Winzer,„die Rechte, die allen Menſchen gemeinſchaft⸗ lich ſind. Wir haben gearbeitet, aber ohne Lohn; wir haben geſaet, aber nicht geaͤrntet; die Thiere, die Vögel, die Fiſche ſind fuͤr alle Menſchen geſchaffen, die der Herr nach ſeinem Ebenbilde gemacht hat.“ „Gegen Falkenſtein! Verderben dem ſtolzen Grafen!“ tonte es unter den Schaaren, die ſich indeſſen auf dem Dorfplatze gelagert hatten. Hofer wurde bei dieſem Rufe aufmerkſam,„Ihr wollt gegen das Schloß Fal⸗ kenſtein ziehen?“ fragte er beunruhigt. „Der Falkenſteiner,“ lautete Winzers Antwort, verfahre zuerſt, daß ſeine Gewalt ein Ende hat, und der Tag der Rache da iſt. Du kennſt ſeine Burg, fuͤhre uns hinauf, und wir folgen dir, und waͤren ihre Zin⸗ nen höher, als der Thurm zu Babel. Erklaͤre dich, willſt du unſer Hauptmann ſeyn?“ Franz Hofer ſchien zweifelhaft, es wogten Gedan⸗ ken in ſeinem Innern, und ſein Blick wandte ſich bald auf die Haufen, die in wilden Gruppen umherlagen, bald auf den vor ihm ſtehenden Fanatiker.„Und wenn ich mich weigere, fragte er nach einer Pauſe,„werdet ihr mich ungehindert ziehen laſſen?“ „Bedenke dich,“ erwiederte Winzer,„du wirſt ent⸗ weder der Anfuͤhrer eines Theils dieſer Leute, die ihr Recht ſuchen, oder du gehſt nicht lebendig von hier.“ „Gut,“ ſagte Hofer kalt,„ſo erlaubt mir eine Stunde Bedenkzeit, dann will ich euch meinen Ent⸗ ſchluß ſagen.“ Er wurde entwaffnet und in das Haus gefuͤhrt, — wo der Paſtor auf die Entſcheidung ſeines Schickſals wartete, waͤhrend die jubelnde Menge mit allen Speiſen und Getraͤnken, die das Dorf darbot, den Anfang der Freiheit feierte. Wir aber muͤſſen uns mit unſerem Helden, Franz Hofer, naͤher bekannt machen. —— Zweites Kapitel. In dem Dorfe Marienthal, das, nicht weit von Falkenſtein entfernt, bei dem Kloſter gleiches Namens lag, war Franz Hofer von einem Bauer, der ein kleines Zinsgut von dem Kloſter beſaß, auferzogen worden, und wußte es nicht anders, als daß er der Sohn des Mannes ſey, deſſen Namen er fuͤhrte. Zwar ſchuͤttelten die Nachbaren den Kopf uͤber den ſchoͤnen Knaben, der ſo wenig ſeinem Vater in Neigungen und Zuͤgen aͤhnlich war, und nicht, wie die andern Dorfknaben, zu den Feldarbeiten angehalten wurde, aber der alte Hofer wich ihren neugierigen Fragen aus, und fertigte ſie mit der Antwort ab, daß der Bruder Baſil ſeinen Franz liebgewonnen habe, und ihn zum geiſtlichen Stande bilden wolle, wozu der Fnabe, der ſchon mit der Feder umgehen, und Buͤcher verſtehen könne, wie der gnädige Herr Abt ſelbſt, entſchiedene Fähigkeiten zeige. Der junge Franz war aber keineswegs geneigt, den Wunſch ſeiner Eltern zu erfuͤllen. Wenn er den Grafen mit ſeinen Reitern in ihren glaͤnzenden Stahlhauben und Harni⸗ . — ſchen durch das Thal reiten ſah, ſo ſchlug ſein Herz hoͤher und ſein Auge gluͤhte; er ruhte nicht eher, als his ihm die Empfehlung ſeines ehrwuͤrdigen Lehrers eine Stelle unter den Reitern des Grafen von Falken⸗ ſtein verſchafft hatte. Waͤhrend der Zeit, die er als Rei⸗ tersknecht in Falkenſtein zubrachte, erwarb er ſich eine ritterliche Gewandtheit in allen Waffenuͤbungen, und zeichnete ſich durch den aͤußern Anſtand ſeines Beneh⸗ mens, ſo wie durch Beſcheidenheit vor ſeinen roheren Kameraden aus. Hofer war daher gewöhnlich der Be⸗ gleiter des Grafen und ſein Lieblingsknappe. Aber es gab nuch noch andere Augen im Schloſſe, die Hofer auf ſich zog. Dies waren die ſchönen Augen des Fraͤuleins Hedwig, der einzigen Tochter des Grafen. Mit Wohl⸗ gefallen ruhten ſie oft auf dem ſchönen Knappen, und ent⸗ deckten jedesmal eine neue Vollkommenheit an ihm. Jetzt war es der edle vitterliche Anſtand ſeiner Geſtalt, der ſie entzuckte, wenn ſie ihn mit ihrem Vater den hohen Burg⸗ weg hinabreiten ſah; ein andermal bewunderte ſie ſeine Beſcheidenheit, wenn er ihr eine Botſchaft uͤberhrachte, und ſeine verſtaͤndigen Antworten auf ihre Fragen, und ſeine Entfernung von den rohen Scherzen und Vergnuͤ⸗ gungen der uͤbrigen Reiter machte ihn in ihren Angen doppelt liebenswuͤrdig. Wenn ſie zwiſchen Hofer und den Rittern, die ihren Vater beſuchten, eine Verglei⸗ chung anſtellte, konnte ſie nicht umhin, jenem den Vor⸗ zug zu geben; kurz, ſie ſah und dachte ſo lange an Hofer, bis ſie ihr Herz auf einmal von Liebe zu dem⸗ ſelben entbrannt fuͤhlte, und erſt die Kluft bemerkte, die das Vorurtheil zwiſchen ſie und ihn geworfen, als es— ſchon zu ſpaͤt war. Franz Hofer haͤtte blind ſeyn muͤſſen, wenn ihm die Aufmerkſamkeit des Fraͤu⸗ leins auf ihn entgangen waͤre es war natuͤrlich, daß ſeine verſtohlenen Blicke oft denen Hedwigs auf dem⸗ ſelben Wege begegneten, daß er bald den Ausdruck verſtehen lernte, der in ihnen lag, uud nicht ſaͤumig war, ihn zu erwiedern. Aber es blieb lange Zeit bei den Blicken; denn zu einer Erklaͤrung hatte Hofer weder Muth noch Gelegenheit, und das Fraͤulein zu viel Zart⸗ gefuͤhl und Schuͤchternheit, um eine ſolche herbeizu⸗ fuͤhren. So mußte denn, wie es oft der Fall iſt, der Zufall dazwiſchen treten. Hedwig pflegte des Abends in einer Kapelle zu beten, die am Fuße der Burg er⸗ baut war, und dann allein wieder den ſteilen Weg hinaufzuklimmen. Hofer kam eines Tages von einem Ritte zuruͤck, den er im Auftrag des Grafen gemacht, und ſein Weg fuͤhrte ihn an der Kapelle vorbei. Die Thuͤr derſelben ſtand offen, und ein inneres Gefuͤhl zog ihn in das Gotteshaus hinein. Er ſtieg alſo vom Pferde, und trat in das Kirchlein. Hier bemerkte er vor dem Altare in ſtiller Andacht niedergeſunken eine weibliche Geſtalt, die er ſogleich fur Hedwig erkannte. Erſchrocken und von der Betenden unbemerkt zog er ſich zuruͤck. Als er heraußtrat, daͤuchte es ihm, als ſaͤhe er eine Geſtalt im nahen Gebuͤſche verſchwinden, und als hoͤre er ein leiſes Fluͤſternz auf ſeinen Ruf er⸗ folgte keine Antwort und Alles blieh ruhig. Doch zog er ſein Schwert und naͤherte ſich dem Orte, der ihm — 26— der verdäͤchtigſte ſchien, und hier hatte er kaum be⸗ gonnen, das Gebuͤſch zu zertheilen, als drei Bewaff⸗ nete hervorſprangen und ihn anfielen. Er fuhr beſtuͤrzt einige Schritte zuruͤck; aber ſchnell gefaßt hieb er den Erſten nieder, und ſuchte den Eingang der Kapelle zu gewinnen, um hier ſeinen Ruͤcken zu decken, als Hed⸗ wig heraustrat, und bei dem Anblick ihres Gelieb⸗ ten auf der Schwelle niederſank. Bei dem lauten Schrei, den das Fraͤulein ausſtieß, ſah ſich Hofer um, und erblickte ſie bewußtlos hingeſunken, und einen von den beiden Bewaffneten, die noch am Leben waren, auf ſie zueilen. Die Liebe, die Verzweiflung gab ihm uber⸗ menſchliche Kraͤfte, und ſein Gegner lag eher leblos vor ihm, als der Andere ſich der ohnmaͤchtigen Jung⸗ frau bemaͤchtigt hatte. Dieſer ſchwang ſich nach dem Fall ſeines Gefaͤhrten auf Hofers Pferd, und ſprengte in raſcher Flucht davon. Franz beſchaͤftigte ſich nun mit der ohnmaͤchtigen Hedwig; ſie kam bald wieder zu ſich, und ſah an den Leichen und an dem blutigen Schwert ihres Retters, daß die ſchreckliche Erſcheinung, die ſie ihres Bewußtſeyns beraubt, wirklich geweſen. Da es offenbar war, daß der neberfall ihr gegolten, ſo be⸗ lohnte der feurigſte Dank ihren Retter, und eine Um⸗ armung, die Franz wagte, gab den lange verhaltenen Gefuͤhlen der beiden Liebenden freien Lauf. Doch er⸗ innerte ſie die Gefahr, die ihnen noch drohen konne, an eins eilige Ruͤckkehr auf die Burg; Franz fand im Gbüſch die Pferde der drei Bewaffneten, und fuͤhrte ör er hob Hedwig auf eins derſelben, fuͤhrte * — das andre neben ſich her, und ritt ſo den Weg zur Burg hinan. Der Hinterhalt hatte wirklich Hedwigen gegolten. Die beiden Erſchlagenen wurden fuͤr Knechte des Ritters von Hohenhauſen erkannt; Falkenſtein raͤchte ſich an demſelben durch eine Fehde, die er mit Gluͤck fuͤhrte, und worin Hofer aufs neue die Tapferkeit zeigte, wel⸗ cher der Graf die Rettung ſeiner Tochter verdankte. Franz und Hedwig ſahen ſich oft ſeit der Erklaͤrung ihrer Liebe, und trennten ſich nie ohne eine Vermehrung ihrer wechſelſeitigen Znneigung. Wie oft verwuͤnſchten ſie das Hinderniß, welches die Standesverſchiedenheit zwiſchen ihre heiße Liebe warf! wie oft ſeufzte Hedwig: was iſt Adel der Geburt ohne den Adel der Seele, der meinen Franz ziert? Sie fuͤrchtete aber die Entdeckung ihrer Reigung zu einem Manne, den ihr Vater zwar als ſeinen Knappen ſchaͤtzte, der ſich aber durch die Kuͤhn⸗ heit, ſein Auge zu einer Graͤfin zu erheben, den heftig⸗ ſten Zorn deſſelben zugezogen haben wuͤrde, und war doch zu ſchwach, ein Gefuͤhl zu unterdrucken, das ihr ganzes Weſen beherrſchte. Schwankend zwiſchen der Liebe zu ihrem Vater und der Neigung zu Franz lebte Hedwig in Unruhe, jedoch nicht ohne die Hoffnung, die, ſo klein ſie auch ſeyn mag, die Liebe aufhaſcht, wie der ermat⸗ tete Schwimmer ſelbſt nach einem Strohhalm greift, der ihm auf den Fluthen, die ihn zu verſchlingen dro⸗ hen, entgegenſchwimmt. Die Gunſt, in welcher Hofer bei dem Grafen ſtand, og ihm Neider zu. Ein Reiter hatte durch Zufall 6— das Geſpraͤch der Liebenden belauſcht, und ließ dieſe Gelegenheit zum Sturz des beneideten Hofers nicht unbenutzt. Er entdeckte dem Grafen das Einverſtand⸗ niß ſeiner Dochter mit ihrem Retter, und erregte da⸗ durch den Zorn deſſelben ſo ſehr, daß alle ſeine Dienſte den ungluͤcklichen Hofer nicht geſchuͤtzt haͤtten, wenn er dem Wuͤthenden in den Weg gekommen waͤre.„Der Bube! der gleißneriſche Verfuͤhrer!“ rief Falkenſtein aus, als er von Hedwig das Geſtaͤndniß ihrer Liebe zu Franz erpreßt hatte. Wie konnteſt du dich herabwuͤrdi⸗ gen, Hedwig? eines niedern Bauern Sohn!“ „Seine Dienſte,—“ ſtotterte Hedwig. „Waren hinlaͤnglich durch einen freundlichen Dank von dir belohnt,“ unterbrach ſie der zuͤrnende Graf. „Hedwig! wenn du nicht auf der Stelle alle Gedanken an ihn aufgiebſt, und dieſe unwuͤrdige Leidenſchaft beveueſt, ſo biſt du nicht meine Tochter. Aber er ſoll fort, der Verfuͤhrer, mit ſeinem glatten Geſicht!“ „Vater,“ flehte Hedwig in der groͤßten Angſt,„Vater, ich beſchwore euch, ſchont nur ihn, den Unſchuldigen.“ „Er ſoll in meinem tiefſten Verließ ſeine Liebes⸗ gedanken vergeſſen!“ rief der Graf zorngluͤhend. „Bedenkt, Vater! er hat mein Leben gerettet, er hat euch tren und redlich gedient. Ich verſpreche euch Alles, was ihr wollt, nur ſchont ſeiner.“ Sie fiel vor dem harten Mann nieder; ihre Bitten, ihre Thraͤnen erweichten ſein ſtolzes Herz. Er ließ durch einen Diener Hofern befehlen, ſogleich ſeine Burg zu ver⸗ laſſen, und ſich nie wieder in ihrer Raͤhe blicken zu laſſen, wenn ihm ſein Leben lieb ſey. So unerwartet Hofern dieſer Befehl kam, ſo vermuthete er doch ſo⸗ gleich die Urſache, und fragte bekuͤmmert nach Hedwig. „Sie weinte,“ antwortete der Diener,„als mich der gnaͤdige Herr hineinrief, und rang die Haͤnde. Ihr habt doch dem lieben Fraͤulein Nichts gethan? denn ihr wart ja immer des Herrn Liebling, und jetzt iſt er ſo boſe auf euch, und ich hoͤrte ihn ſchworen, daß, wenn er euch noch einmal ſaͤhe, er euch an dem hoͤchſten Thurm aufhaͤngen laſſen wolle.“ „Freund,“ ſagte Hofer,„willſt du mir einen Ge⸗ fallen thun, ſo ſage Hedwigen, ich wuͤnſchte ihr ein ewiges Lebewohl, und wuͤrde ſie nie vergeſſen.“ Er ſattelte ſein Roß, ſchwang ſich hinauf, und ver⸗ ließ das Schloß Falkenſtein mit kummervollem Herzen. Ohne zu wiſſen wohin, ließ er ſeinem Pferde die Zugel uͤber den Hals haͤngen, und ritt in ſich verſunken fort, bis ein Gedanke in ihm aufblitzte.„Ja,“ rief er aus, mach Italien will ich ziehen, und beim Heere des Kaiſers entweder durch tapfere Thaten ſteigen, und meiner Hedwig wuͤrdig zuruͤckkehren, oder fallen und ein Leben verlieren, was ohne ſie fuͤr mich keinen Werth hat. Doch will ich noch einmal meine alten Eltern ſehen, und ihren Segen empfangen.“ Bald ſah er das alte Kloſter aus der Waldung hervorragen, und die niedrigen Huͤtten der Bauern friedlich um daſſelbe herliegen. Er ſtieg vor der Thuͤr ſeiner Eltern ab, und trat, nachdem er ſein Pferd ſelbſt in den Stall gefuͤhrt, in die Stube, wo der — 30— alte Hofer und ſeine Frau ſaßen. Haͤtten dieſe Pfleger ſeiner Kindheit ſeines Schutzes bedurft, Franz ware nie auf den Gedanken gekommen, ſein Vaterland zu verlaſſen; denn ſeine Eltern waren ihm uͤberaus theuer. Sie verlebten aber ihre alten Tage ruhig und zufrieden. Als ihnen Franz ſeinen Entſchluß mittheilte, ohne ihnen jedoch die Urſache ſeiner Entfernung von Falken⸗ ſtein anzugeben, faltete der alte Mann die Haͤnde. „Heilige Jungfrau! ſagte er,„warum willſt du uns verlaſſen? Sieh Franz, mein Alter geht dem Grabe entgegen, und deine Hand ſoll meine Augen zudruͤcken.“ „Ihr ſeyd noch ruͤſtig, Vater,“ erwiederte Franz. „Gott wird euch noch einige Jahre ſchenken, und dann hoffe ich euch fröhlicher wiederzuſehn, als ich jetzt von euch ſcheide. Aber fort muß ich; es wird mir hier zu enge. „Ach, mein Sohn,“ ſagte der alte Hofer,„ich habe hier fuͤnf und ſechszig Jahre gelebt, und bin nie hin⸗ ausgekommen uͤber die Berge, die das Thal umſchlie⸗ ßen. Mir iſt nie zu enge geworden, denn ich habe ge⸗ arbeitet einen Tag wie den andern, bis meine Haare grau geworden ſind. Lege deine Ruͤſtung ab, und bleibe bei deinen Eltern in ihrem Alter.“ „Ich kann nicht, Vater,“ erwiederte Franz,„gebt mir euren Segen und entlaßt mich.“ Jetzt fragte die Mutter, deren geſchwaͤchtes Gehör von dem Bisherigen nichts verſtanden, um den Gegen⸗ ſtand des Geſpraͤchs; denn ihres Mannes Stimme brachte allein noch verſtaͤndliche Laute in ihr Ohr. „Ach du lieber Gott,“ rief ſie aus,„unſer Franz will in den Krieg ziehen! Wohin will er denn, Maͤnnchen?“ „Nach Italien,“ antweortete der Alte. „Italien, wo der Pabſt iſt?“ ſagte die Frau. „Ach du lieber Gott! da wollen wir den gnaͤdigen Herrn Abt fragen, der hat vielleicht etwas zu beſtellen, und unſer Franz kann es ausrichten, und dem heiligen Vater die Fuͤße kuͤſſen.“ „Geh⸗ Weib, befahl ihr der Alte,„und mache uns ein Abendbrod, damit Franz noch einmal mit uns eſſe, ehe er uns auf immer verlaͤßt. Waͤre nur der Bruder Baſil hier,“ murmelte der Alte fuͤr ſich,„daß ich ihn fragen koͤnnte. Ich wußte es jaz Franz iſt nicht fur unſer ſtilles Leben geſchaffen. Du weißt, Franz,“ fuhr er laut fort,„ich habe dir nie etwas verweigert: ich kann und darf dich auch jetzt nicht zuruͤckhalten, aber du könnteſt mich vielleicht nicht mehr am Leben ſinden, wenn du jemals zuuͤckkehrſt in dieſes Thal, und darum darf ich dir nicht verſcheigen, was ich dir eigentlich erſt auf meinem Todtbette haͤtte vertrauen ſollen.“ „Wie, Vater?“ rief Franz, erſtaunt uͤber den ge⸗ heimnißvollen Ernſt, der des Alten Geſicht uberzog. „Ich verdiene dieſen Namen,“ fuhr der Greis fort, „ur deswegen, daß ich dich auferzogen und geliebt habe, wie meinen Sohn. Aber dein Daſeyn verdankſt du mir nicht; Franz, ich bin nicht dein Vater.“ „Um Gotteswillen,“ rief Hofer,„wer iſt es denn?“ „Daß weiß ich nicht,“ ſagte der Alte. „Warum,“ rief Franz bewegt aus,„warum raubt ihr mir den Vater, ohne mir einen andern dafuͤr zu geben? o ſagt mir, Vater,— erlaubt mir noch immer dieſen Namen— ſagt mir, wie kamt ihr dazu, mich zu erziehn?“ „Hoͤre, Franz, ich kam eines Abends— es ſind wohl jetzt ſchon an die ein und zwanzig Jahre— vom Felde zuruck, da horte ich auf einmal ein Aechzen aus dem nahen Gebuͤſch und das Weinen eines Kindes. Ich ging nach dem Platze zu, woher dieſe Jammertoͤne erſchollen, und fand ein Weib am Wege liegen, von Krankheit und Hunger abgezehrt, und dich auf dem harten Boden weinen und ſchreien. Es war eine Frau von dem fremden Heidenvolk, das auf einmal, Nie⸗ mand weiß woher, in unſer Land gekommen iſt.“ „Und dies Weib war meine Mutter?“ fragte Franz haſtig. „Mein, mein Sohn,“ erwiederte der Alte,„höre nur weiter, und unterbrich mich nicht, damit ſich mein altes, ſchwaches Gedaͤchtniß nicht verwirre. Alſo— wo bin ich ſtehen geblieben? ja recht, die Frau konnte kaum ſprechen, bis ich ihr Waſſer gereicht; dann bat ſie mich, ihr ein Obdach zu verſchaffen, wo ſie ruhig ſterben köͤnne. Ich wollte ſie in das Kloſter bringen, aber ſie weigerte ſich, und wollte lieber liegen bleiben, als das heilige Gebaͤude betreten; denn ſie war, wie ich dir ſchon geſagt habe, eine von den Vtit— wie nennt man ſie doch?“ „Von den Zigeunern?“ fragte Franz. „Ja, mein Sohn, ſie war eine Zigeunerin. Aber 33 ich hatte doch Mitleiden mit ihr, ſie ſind ja auch Men⸗ ſchen, die Gott geſchaffen hat. Ich fuͤhrte ſie in unſere Huͤtte, und trug dich armes Kind auf meinen Haͤnden, und das ſah ich gleich, du konnteſt nicht der Sohn dieſer armen Frau ſeyn. Sie war ſo haͤßlich gelb, und du warſt ein huͤbſches Knaͤblein.« „Ich bitte euch,“ unterbrach ihn Franz ungedul⸗ dig,„ſagt, habt ihr ſie nicht nach meinen Eltern ge⸗ fragt?“ Ja hore nur ruhig an. Alſo wie geſagt, da du ſo weiß und huͤbſch ausſaheſt, ſo dachte ich, du könnteſt nicht der Sohn dieſer garſtigen Heidenfrau ſeyn, und fragte ſie, woher ſie das Kind haͤtte. Ich hatte viel er⸗ zahlen hoͤren, daß dieſe Leute Chriſtenkinder ſtehlen, und, wie die Juden, ihr Blut trinken. Ach Gott! du armes Wuͤrmchen, dacht' ich, und blickte dich ſo recht traurig an.“ „Und fragtet?—“ ſagte Franz, um den Alten wieder auf den Gedanken zu bringen, von dem er ab⸗ gewichen war. „Ja, ich fragte ſie. Sie erſchrak, und gab mir keine Antwort; denn ſie konnte auch kaum mehr ſprechen, fo erſchopft war ſie. Meine Frau pflegte dich armes Kind, und da wurdeſt du ſo munter, und laͤchelteſt und ſtreichelteſt uns, daß uns beiden das Herz weich ward, und da uns Gott keine Kinder geſchenkt, ſo be⸗ ſchloſſen wir dich zu behalten.“ „Aber das Zigeunerweib, ich bitte euchl ſagte Franz begierig. C „Ach ja, um das nicht zu vergeſſen,“ fuhr der Alte fort,“ ich fragte ſie nach deinen Eltern, aber ſie ant⸗ wortete nicht, ſondern verlangte durch Zeichen, dich noch einmal in ihre Arme zu ſchließen. Meine Frau gab dich ihr aber nicht, und ich glaube, die Zigeunerin hätte dich umgebracht, wenigſtens griff ſie nach einem Meſſer, das ſie in der Taſche hatte Ich ſagte ihr, wir wollten dich auferziehen auf eine ehtſliche Weiſe und dich nicht mehr in die Haͤnde dieſer Heidin geben. Sie ward wüthend, und der Zorn gab ihr die Sprache wieder. Ach mein Sohn, du haͤtteſt ſie nur ſehen ſollen, ſie fluchte, daß mir die Haare zu Berge ſtanden, und prohte uns ſchrecklich, wenn wir ihr nicht ſchworen wollten, dir nie zu entdecken, wie du in unſere Haͤnde gekommen ſeyſt, ſondern dir zu ſagen: du ſeyeſt unſer Sohn. Du weißt, einem Sterbenden ſoll man nichts verſagen, und darum ſchwuren wir ihr. Von der An⸗ ſtrengung erſchopft, ſtarb das Weib nach einer Viertel⸗ ſtunde.“ „Sie ſtarb,“ fragte Franz, wohne etwas von mei⸗ ner Herkunft zu entdecken?“ „Es ſchien, als wollte ſie noch ſprechen, der Tod aber—“ Ein ſtarkes Klopfen an die Thuͤr der Huͤtte unter⸗ brach die Erzählung des alten Hofer. Franz ging hin⸗ aus, und oͤffnete; ein in einen Mantel gehuͤllter Mann ſchob ihm ſchweigend einen Brief in die Haͤnde, und war ſchneller wieder verſchwunden, als der Em⸗ pfaͤnger die an ihn gerichtete Aufſchrift geleſen. Das Schreiben war von Hedwig. Franz ſteckte es ein, um die Leſung deſſelben auf den Augenblick zu verſparen, wo er allein ſey. Er draͤngte dann ſeinen Pflegevater um die Vollendung der Geſchichte, die ihn ſo nahe betraf. „Der Tod ſchloß der armen Frau den Mund;“ fuhr der Alte fort,„doch deutete ſie noch mit ihrer ſter⸗ benden Hal auf den Pack, in dem ſie auf ihrem Ruͤ⸗ cken ihre Habſeligkeiten bei ſich gefuͤhrt. Ich lief noch denſelben Abend ins Kloſter, und holte den Bruder Baſil; wir beichteten ihm Alles. Er ſagte aber, wir ſollten unſern Eid halten, und dich auferziehen; denn wer konnte wiſſen, ob du nicht vornehmer Leute Kind ſeyeſt; deswegen lehrte er dich auch leſen und ſchreiben, und daß du das Waffenhandwerk ergriffen,— ach Franz, das haͤtte mein Sohn nicht gethan, der waͤre ruhig geblieben, wie ſein Vater.“ „Fandet ihr denn Nichts in dem Packet der armen Frau?“ „Ach ja, unter alten Kleidern fanden wir ein Bild, ich glaube von der Mutter Gottes; denn es ſieht gerade ſo aus, wie das Gemaͤlde in der Kloſterkirche. Der fromme Baſil glaubte, das habe die Zigeunerin vielleicht mit dir geſtohlen,— denn wie kaͤme ein ſo heiliges Bild in ſolche heidniſche Haͤnde— und nahm es mit ſich. Jetzt iſt er auf eine weite Reiſe gegangen, und deswegen hat er mir das Bildchen wieder gegeben; denn wer weiß, ob er je zuruͤckkehrt. Er verbot mir aber, dir die Geſchichte eher zu entdecken, als bis in C2 meiner letzten Stunde, oder, wenn du nicht hier ſeyn ſollteſt, dir eine Rolle zu geben, in der er die ganze Begebenheit aufgeſchrieben hat. Da du jetzt fort willſt, und ich indeſſen ſterben konnte, ſo durfte ich dir nicht laͤnger verſchweigen, was ein und zwanzig Jahr lang nicht uͤber meine Lippen gegangen iſ Franz verlangte das Bild zu ſehen, und der Alte holte es aus einem Wandſchrank hervor, und haͤndigte es ihm nebſt der Rolle ein. Es ſtellte eine ſchoͤne Dame in der Bluͤthe ihrer Jahre vor, die, mit allen Reizen einer gluͤcklichen Jugend geziert, dem aufmerkſamen Be⸗ obachter freundlich zulaͤcheite. Was gab ihm ein Recht, dieſes Bild als ſein Eigenthum anzuſehen? Konnte es nicht die Zigeunerin anderswo geſtohlen haben? Doch blickte ihn die Dame ſo vertraulich an; ihre Zuͤge ſprachen ſo deutlich und trdſtend zu ſeinem Herzen, als ob ihr Mund ſich geoffnet, und ihm die Worte zugerufen hätte: du biſt mein Sohn. Sie weckten Erinnerungen, die bisher in der Tiefe ſeiner Bruſt geſchlafen. Es war ihm als habe er das Original ſchon geſehen, und, von dunklen Gefuͤhlen bewegt, druͤckte er das Bild an ſeine Lippen.„Vater,“ ſagte er zum Greiſe,„ihr laßt mir doch dies Bild? Es fuͤhrt mich vielleicht zur Ent⸗ deckung meiner dunkeln Geburt.“ „Es iſt dein, mein Sohn,“ erwiederte der Alte, vaber deine Muͤhe wird umſonſt ſeyn; denn der Bruder Baſil hat vergebens deinen Eltern nachgeſpuͤrt.“ „So bin ich namenlot,“ rief Franz ſchmerzvoll aus, —— — 37— „ohne Verwandte, ohne Freunde gehe ich in die fremde Welt hinaus!“ „Mein Name iſt ehrlich,“ ſagte der alte Hofer, „und es ruhet kein Flecken auf ihm. Fuͤhre ihn fort, Franz, und bleibe hier als Erbe meiner Huͤtte.“ „Nein,“ antwortete Franz,„fort muß ich; aber ich will mich als euren Sohn betrachten, und euren Namen fuͤhren, bis ich mir einen andern erwerbe durch meine Thaten oder die Entdeckung meiner Geburt.“ Franz riß ſich ſobald als möglich von ſeinen Pfle⸗ geeltern los, und begab ſich nach der Kammer, wo er die Nacht ſchlafen ſollte. Hier las er bei dem Scheine einer Lampe folgende Worte:„Lieber Franz, dieſe we⸗ nigen Zeilen ſchreibe ich gegen das Verbot meines Vaters, und wuͤßte er es, ſo waͤre ich ſeinem hoͤchſten Unwillen ausgeſetzt. Mache daher um meinetwillen keinen Verſuch, mir zu antworten, und halte dich fern von der Gegenwart meines Vaters, der dir Hartes ge⸗ droht hat, und es erfuͤllen wird, wenn du ſo ungluͤck⸗ lich ſeyn ſollteſt, ſeinen Zorn noch einmal zu reizen. Mein Vater iſt zwiſchen unſere Liebe getreten, das Schickſal trennt uns, vielleicht iſt der Himmel gnaͤdiger. Wie es dir auch gehen mag, ſo vergeſſe ich nie, daß ich dir die Erhaltung eines Lebens verdanke, das nur mit dir einen Reiz fuͤr mich hat, und wuͤnſche dir mehr Gluͤck und Zufriedenheit, als ſich deren erfreuen kann— deine arme Hedwig.“ „Der Himmel ſey uns gnaͤdiger!“ rief Franz aus, „und verbinde zwei Herzen, die fuͤr einander geſchaffen — ſind, und die der Stolz eines harten Vaters trennt! Gute Hedwig! Sie weint, ſie trauert, und muß doch ihre Thraͤnen verbergen und ihren Gram verſtellen, um den Zorn ihres Vaters nicht zu reizen. Doch bald will ich deine Thraͤnen trocknen, oder unter den Raſen eines Grabhuͤgels die Empfindungen vergeſſen, welche die Bruſt der Lebenden bewegen.“ Ein neuer Strahl der Hoffnung blitzte auch aus der Dunkelheit ſeiner Geburt. hervor, die vielleicht ihn im Range ſeiner Geliebten gleich ſtellen konnte. Doch aͤnderte dieß ſeinen Vorſatz nicht, nach Italien zu ziehen, und das Gluͤck ſeiner Waffen zu verſuchen. neber den Phantomen, die ſeine wachende Phantaſie ſchuf, ſchlummerte er ein, und der Traum ſetzte dieſe in wilderen, unregelmaͤßigern Geſtalten fort. Er erwachte fruͤh aus ſeinem beunruhig⸗ ten Schlafe, und verließ nach einem herzlichen Abſchied von ſeinen Pflegeeltern das Thal ſeiner Kindheit, uͤber dem jetzt der Morgennebel hing, und wie Dampf an den waldbewachſenen Bergen hinzog. Noch einmal ſah er Falken ſteins hohe Thuͤrme in der Morgenſonne blinken, und es war ihm, als ſaͤhe er die Geſtalt Hed⸗ wigs von den Zinnen ihm einen ewigen Abſchied nach⸗ winken. Jedoch die Hoffnung verlaͤßt kein Alter, und am wenigſten die Jugend, die ſich dieſer gaukelnden Göttin um ſo mehr in die Arme wirft, je weniger ſie die Erfahrung gemacht, daß ihr Balſam nur den Schmerz der Wunden lindert, um ihn deſto bitterer zu machen. Franz wurde muthiger; er erblickte ſich ſchon im Kampf⸗ gewuͤhl, nnd ſah ſich ſchon mit der Gunſt ſeines Kaiſers —— und, was lockender war, mit der Hand Hedwigs belohnt. Auch fehlten in dieſem Gemaͤlde ſeine Eltern nicht, obſchon ſie ganz in dem Hintergrunde vekſchwanden. So ritt er hoffend und traͤumend bis zu dem Dorfe, wo ihm der ſchon beſchriebene Auftritt auf einmal einen andern Weg eroͤffnete, und ihm die bittere Wahl ließ zwiſchen der Anfuͤhrung von empoͤrten Bauern, und einem ſchmaͤhlichen Tod. Drittes Kapitel. Als Hofer in das Haus trat, wo er ſich bedenken ſollte, ſah er mit eben ſo viel Erſtaunen den Geiſtli⸗ chen, der hier die Entſcheidung ſeines Schickſals er⸗ wartete, als dieſer ihn an. Der Paſtor glaubte, daß 4 die Aufruͤhrer von den Schaaren beſiegt worden ſeyen, deren gemeldete Annaͤherung die Rache Michael Win⸗ zers aufgeſchoben, und daß der eintretende glaͤnzend bewaffnete Mann Einer von den Siegern ſey, der ihm ſeine Befreiung ankuͤndige. Franz dagegen wurde viel⸗ leicht von dem Gedanken ergriffen, daß ihn der Geiſt⸗ liche auf ſeinen bevorſtehenden Tod vorbereiten ſolle, wenn er das Anerbieten des Fanatikers ausſchlage. Doch verſtaͤndigten ſich beide, und riſſen ſich aus ihrem gegenſeitigen Irrthum. Hofer erzählte dem Paſtor, daß der ausgeſtellte Poſten der Aufruͤhrer ihn wahr⸗ ſcheinlich fuͤr eine ganze Schaar angeſehen habe, daß er hei ſeinem Einreiten in das Dorf feindſelig behan⸗ delt, ſodann vor den Anfuͤhrer dieſer Rotte gebracht, und von demſelben aufgefordert worden ſey, Haupt⸗ mann von einem Theil der Emporer zu werden. „Weigere ich mich,“ fuhr er fort,„ſo hat mir der Schwaͤrmer den Tod gedroht, und ſeine Miene verbuͤrgt mir die Erfuͤllung ſeiner Drohung. Rathet mir, ehr⸗ wuͤrdiger Herr, kann ich mit Ehre ein aufruͤhreriſches Volk zu Mord und Brand fuͤhren?“ „Mein Sohn,“ ſagte der Paſtor,„ich erkenne hier den Finger der Vorſehung, die dich gerade in dieſem Aungenblicke unter das verblendete Volk gebracht hat. Nein, du ſollſt ſie nicht zu Mord und Brand fuͤhren, ſondern durch dein Anſehn die Graͤuel verhindern, die ſonſt geſchehen wuͤrden. Denn dieſer Schwaͤrmer, welcher mich dem Pabſt fluchen hieß, und mich toͤdten wollte, als ich mich weigerte, ſein eben ſo unſinniges, als unerlaubtes Begehren zu erfuͤllen,— ein Schickſal, das mich auch betroffen haͤtte, wenn mich nicht deine Ankunft gerettet, und das mir noch immer bevorſteht, — dieſer kennt keine Maͤßigung, und haͤlt ſich fur einen Propheten, der berufen ſey, zu morden und zu brennen.“ „Er wird mich bloß als ſein Werkzeug gebrauchen,“ wandte Hofer ein,„und auf meine Stimme wenig hoͤren, wenn ich ihn in ſeinen Unternehmungen zu⸗ ruͤckhalten will.“ „Glaube das nicht, mein Sohn,“ erwiederte der Paſtor,„du wirſt unter dieſen verfuͤhrten Leuten viele ſinden, die ſich mit Vertrauen an dich anſchließen wer⸗ den, wenn ſie ſehen, daß du mit Mäͤßigung ihr Beſtes — beforderſt. Denn man kann es nicht laͤngnen, der Druck iſt ſo hart geweſen, daß das gereizte Volk mit Recht Erleichterung verlangt, und ſie mit dem Schwerte ſucht; aber die Rache fuͤhrt ſie zu weit, ſie verſuͤndi⸗ gen ſich an Gott und ſeinen Dienern, ſie verwechſeln den Unſchuldigen mit dem Schuldigen, und ſchwer, fuͤrchte ich, ſchwer werden ſie dafuͤr buͤßen. Welche empdrende Grauſamkeiten ſind waͤhrend dieſer un⸗ gluͤcklichen Tage in Franken und Schwaben geſche⸗ hen! Du kannſt dies hier verhindern, und durch Maͤßigung ihrer Wuth und ihrer Forderungen vielleicht einen guͤtlichen Vergleich herbeifuͤhren.“ „Aber bedenkt doch, ehrwuͤrdiger Herr,« ſagte Franz, vwat dieſes ſchlechtbewaffnete Geſindel gegen die Edeln und ihre Reiſigen ausrichten kann. Sie wollen jetzt gegen Falkenſtein ziehen. Das Schloß iſt ſo feſt, daß es ſelbſt unvertheidigt ſchwer erſtiegen werden kann.« „Du weißt nicht,“ erwiederte der Paſtor,„du weißt nicht, was eine in Wuth geſetzte Menge ver⸗ mag, die keine Verzeihung zu hoffen hat, wenn ſie be⸗ ſiegt wird. Die fraͤnkiſchen und ſchwaͤbiſchen Bauern haben viele Burgen erobert und verbrannt, und Grau⸗ ſamkeiten dabei begangen, deren Beſchreibung ſchon Schaudern erregt. Die ganze Pfalz ſteht jetzt unter Waffen, und bis in dieſe Thaͤler hat ſich der Aufruhr verbreitet; daß ſich nicht hier dieſelben Auftritte, die an⸗ derswo geſchehen, wiederholen, ſteht in deiner Hand.“ Hier wurde Franz von dem Gedanken des ſchreck⸗ lichen Schickſals ergriffen, das den Bewohnern Falken⸗ —— ſteins von den wuͤthenden Bauern drohe. Er ſah ſeine Hedwig in ihren unbarmherzigen Haͤnden, er hoͤrte ihr ängſtliches Geſchrei nach Hilfe,— und er ſollte ſich ent⸗ fernen, jetzt, wo eine große Gefahr uͤber ihr ſchwebte, oder die ihm angebotenen Mittel zu ihrer Rettung von ſich weiſen?“ „Rimm dich der Bauern an;« fuhr der Paſtor fort, als er dieſen Kampf im Innern Hofers bemerkte, „wenn du ihnen Rechte erkaͤmpfſt oder auf friedlichem Wege erwirbſt, ohne die Grauſamkeit und den Frevel, deſſen ſich die Andern ſchuldig gemacht haben⸗ ſo wirſt du ihr Wohlthäter, und thuſt ein Gott gefaͤlliges Werk. Auch kannſt du ja dein geben nicht aus den Klauen dieſes blutdürſtigen und wahnſinnigen Fanatikers retten: er wird dich und mich verderben, und wenn er allein die Macht in Haͤnden hat, die er jetzt mit dir theilen will, ſo wird dieſes Thal bald ein Ort der Zerſtorung und des unglucks ſeyn. Es iſt nicht allein genug⸗ ſelbſt pichts Boͤſes zu thun, ſondern der Rechtſchaffne muß auch das Boſe verhindern, wenn es in ſeiner Gewalt ſteht; wer dieſe Pflicht nicht erfuͤllt, ladet eine ſchwere Schuld auf ſich.“ „Ehrwuͤrdiger Herr,“ ſagte Hofer nach einigem Nachdenken,„ich will es thun; verſprecht mir aber, euch nach Falkenſtein zu begeben, und Hedwig, des. Grafen Tochter, insgeheim zu ſagen, daß ich nur zu ihrer und ihres Vaters Rettung einen Schritt gethan habe, den ſie vielleicht höchſt verabſchenen wird.“ Zu⸗ gleich erzahlte er ihm ſein Verhaͤltniß zu Hedwig und ihrem Vater, und den Entſchluß, welchen er nach — —6 43— ſeiner Verbannung aus dem Schloſſe gefaßt hatte. Der Paſtor verſprach es ihm, wenn er Freiheit habe, hin⸗ zugehen, wohin er wolle. „Dafuͤr ſeyd unbeſorgt;“ ſagte Hofer,„eure Be⸗ freiung ſoll das erſte ſeyn, worin ich mein Anſehen ausuͤben und verſuchen will.“ „So gehe denn hin, mein Sohn,“ ſprach der Pa⸗ ſtor,„gehe hin mit meinem und Gottes Segen. Thue ſoviel, als du kannſt, zur Verhuͤtung von Ungerechtig⸗ keiten.“ Als Franz eben das Zimmer verlaſſen wollte, um Winzer aufzuſuchen, und ihn mit ſeinem Entſchluß bekannt zu machen, trat dieſer herein. Beim Anblick des Paſtors, der ihm aus dem Sinn gekommen zu ſeyn ſchien, verfinſterte ſich ſein Blick.„Ha,“ rief er aus, willſt du jetzt gehorchen, und dem fluchen, wel⸗ chen Gott verdammet hut? denn die Zeit iſt erfullet worden, von der geſchrieben ſteht: Komm, ich will dir zeigen das Urtheil der großen Hure, die auf ſieben Bergen ſitzet.“ Hofer trat zwiſchen den Geiſtlichen und den Zorn Winzers.„Ich nehme euren Vorſchlag an,“ ſagte er, viedoch nur unter der Bedingung, daß ihr dieſen from⸗ men Mann frei laſſet, der Nichts verbrochen, ſondern ſeiner Gemeinde alles Gute gethan hat.“ „Gutes gethan?“ fragte Winzer heftig.„Er hat ihr das Licht verborgen, das der Herr hat ausgehen laſſen, und das Wort vor ihr geheim gehalten, das er an die Reichen und Armen, an die Gelehrten und Un⸗ — 11— gelehrten, an Weiber und Maͤnner gerichtet hat; er hat ihr den Brunnen verſchloſſen, aus dem Waſſer des Lebens quillt.“ „Deſſenungeachtet,“ ſagte Hofer feſt,„hat er nicht verdient, dafuͤr geſtraft zu werden; denn meine Ein⸗ willigung in euren Antrag verdankt ihr ſeiner Ueber⸗ redung. Wenn ihr ihm ein Haar kruͤmmt, ſage ich mich wieder von euch, als ungerechten Mordern und Schaͤndern des Heiligen, los.“ neberraſcht von dem Tone des jungen Mannes, maß ihn Winzer mit großen Augen. Er unterdruͤckte jedoch die auf ſeiner Zunge ſchwebende Antwort, und ließ Hofer'n zu Gefallen, wie er ſagte, den Paſtor ent⸗ ſchluͤpfen, welcher, dieſer Gefahr entronnen, ſich auf den Weg nach Falkenſtein machte, um den Auftrag ſeines Retters auszufuͤhren. Franz Hofer wurde darauf von Winzer nach dem Dorſplatz zuruͤckgefuͤhrt, wo indeſſen die Schaaren der Banern, bedeutend vermehrt, ſich auf zweitauſend Mann belaufen mochten. Sie lagen und ſtanden in wilder unordnung durcheinander, und das Gefuͤhl der Unge⸗ bundenheit und Freiheit, mit der Begierde nach Rache vermiſcht, entlockte ihnen bald Toͤne der Freude, bald Drohungen. Hofer mußte Winzern einen Eid ſchworen, nach ſeinen Kraͤften dem Volke zu ſeinen Rechten zu verhelfen, und Alles zu vollenden, was der Herr be⸗ ſchloſſen. Er behielt ſich jedoch vor, dieſen letzten un⸗ beſtimmten Ausdruck nach ſeiner Anſicht von dem, was die Zeit erfordere, auslegen zu durfen, und nicht die — 5— Erklaͤrung ſeines fanatiſchen Mithauptmanns anneh⸗ men zu muͤſſen. Bei der Theilung der Haufen, die in Ermangelung einer Trompete durch den Ton einer Hirtenſchalmei zur Verſammlung gerufen wurden, waͤhlte ſich Hofer die Neuhinzugekommenen, die noch nicht von Winzers Schwaͤrmerei angeſteckt waren, und die er um ſo leichter an ſich zu knuͤpfen hoffte, da er ihnen wohl bekannt war. „Jetzt werden die Haͤmmer nicht mehr klappern,“ rief der triumphirende Niklas aus,„mit dem Eiſen, das wir bearbeitet haben, wollen wir nun auf unſere Unterdruͤcker ſchlagen.“ „Juchhe!“ jubelte Hans,„ich werde Marien wie⸗ derbekommen, und ihrem Liebhaber“——„Dem ver⸗ treiben wir die Gedanken an ſie, Hans!“ unterbrach ihn Niklas. So ſprach ſich die Stimmung zur gewaltthaͤtigen Befreiung und zur Rache fuͤr den erlittenen Druck bei den Meiſten aus. Doch befolgten alle die Anwei⸗ ſung Hofers, ſich beſſer zu bewaffnen, und brachten den Reſt des Tages mit Verfertigung von Lanzen und mit Herbeiſchaffung anderer Waffen hin. Waͤhrend Winzer mit ſeinen Leuten Gottesdienſt hielt, wie er es nannte, das heißt) waͤhrend er ihnen predigte von der umwand⸗ lung der Zeit und dem Gericht des Herrn, war Hofer unermuͤdlich, ſeine Leute fuͤr ſich einzunehmen. Ach ihr ſeyd ein guter Herr,“ ſagte Hans, der junge Baner, zu ihm,„ihr wart immer freundlich und liebreich gegen mich, wenn ich aufs Schloß kam; das will ich euch jetzt, da ihr unſer Hanptmann geworden ſeyd, vergelten. Seht, ich kann euch manche Dienſte thun, ich kann euer Pferd beſorgen.“—* „Das ſollſt du, guter Burſche,“ ſagte Hofer,„und deine Dienſte ſollen nicht unbelohnt bleiben. Wie viel Pferde ſind im Dorfe?“ Es fanden ſich ſechs Pferde vor, und damit verſah Hofer außer Hans noch fuͤnf der ruͤſtigſten Burſche. ungeachtet ſeiner Anſtrengung, die er bei der Ausruͤ⸗ ſtung ſeiner Leute bewies, kam es ihm vor, als traue ihm Winzer nicht, und als ließe er ihn in dem Hauſe, wo er die Nacht zubrachte, bewachen. Franz ſiellte ſich aber, als merke er dies nicht, und legte ſich zur Ruhe. In der Stille der Nacht und ohne die Thaͤtigkeit, die bisher ſeine Gedanken beſchaͤftigt, uͤberließ er ſich dem Nachdenken uͤber ſeine Lage. Je mehr et ie betrach⸗ tete, deſto mehr verſchwand das Gehaͤſſige, was ihm Anfangs in den Worten:„Hauptmann von Auf⸗ ruͤhrern,“ gelegen, deſto mehr ſah er den Nutzen ein, den er in ſeiner neuen Wuͤrde leiſten konnte. Seinem Karakter fehlte es nicht an Kraft, und dieſe erwachte in ihrer ganzen Energie, da er ſich einem Manne gegen⸗ uͤber befand, dem er ſich oft widerſetzen mußte. Er gelobte ſich im Stillen, den Widerſtand gegen alle Grauſamkeiten deſſelben zu ſeinem Hauptbeſtreben zu machen. Und konnte der Gedanke, dem Grafen von Falkenſtein ſeine Haͤrte mit Edelmuth zu vergelten, anders, als ſchmeichelhaft fuͤr ihn ſeyn? Wenn das Volk ſeine Forderungen durchſetzte, wenn das Vor⸗ urtheil, welches ſo hindernd ſich zwiſchen ihm und dem Gegenſtand ſeiner Liebe erhob, mit der bisherigen Scheidewand zwiſchen den Staͤnden ſank, ſo brachte ihn dies ſeiner Hedwig naͤher. Der Abgrund zwiſchen ihnen war dann ausgefuͤllt, und frei und leicht eilte er uͤber denſelben in die Arme ſeiner geretteten Ge⸗ liebten. Viertes Kapitel. Die Morgenſonne beleuchtete den Abzug der Ban⸗ ern aus Rußbach gegen Falkenſtein. In zwei Abthei⸗ lungen durchzog die Maſſe der Aufruͤhrer das Thal, durch welches der Bach in hohen ufern einherſchaͤumte. Die Spuren, die er von ſeinen periodiſchen Ueber⸗ ſchwemmungen zuruͤckließ, hinderten die Ausdehnung der Aufruͤhrer, und ſchraͤnkte ſie auf den engen Weg ein, welcher ſich zwiſchen dem Waſſer und dem Berge, der die eine Seite des Thales begraͤnzte, hinwand. Winzer zog voran, und hinter ihm fuͤhrte Hofer ſeine geordneteren Schaaren. Sie hatten ungefaͤhr die Haͤlfte des Weges zuruͤckgelegt, als die von Hofer mit Pferden verſehenen Burſche, welche dem Zuge vorausgeeilt wa⸗ ren, aus der Ferne herbeiſprengten, und die Nachricht von dem Anzuge des Grafen mit ſeinen Reitern brach⸗ ten. Bald zeigte ſich ein Trupp geharniſchter Reiter, bei denen aber, ſoviel Hofer unterſcheiden konnte, ſich der Graf nicht ſelbſt befand, und ßellte ſich an einer — 18— ſcharfen Wendung des Weges auf, offenbar, um den Bauern denſelben zu verlegen. Hofer ritt zu Win⸗ zer, um ihm ſeinen Rath zu ertheilen; aber uͤber dieſen war ſchon„der Geiſt des Herrn“ gekommen, und ehe er ihn erreicht hatte, ſah er ihn ſchon mit gezogenem Schwert an der Spitze ſeines Haufens uner⸗ ſchrocken auf die Reiter loseilen, und hoͤrte ſeine Stim⸗ me ſchallen: Nieder mit den Kindern Edoms, die der Herr euren Haͤnden uͤberantwortet hat!“ Hofer ermun⸗ terte ſeine Leute zur Eile, und folgte ſeinem kriegeri⸗ ſchen Mithauptmann. Ehe er auf dem Kampfplatze ankam, ergriffen zu ſeiner großen Verwunderung die Reiter die Flucht, von den ſiegreichen Bauern verfolgt. Da er es fuͤr eine verſtellte Flucht hielt, um die Nach⸗ ſetzenden in ein deſto ſichereres Verderben zu locken, rief und gebot er Halt, aber umſonſt und nuch ohne Noth; denn die Reiter flogen pfeilſchnell davon, und zeigten ſich nicht wieder. Dieſen Sieg verdankten die Empo⸗ rer weder ihrer Tapferkeit, noch der Feigheit ihrer Feinde. Das Unerwartete und Seltſame hatte dieſes Wunder gewirkt. Der Graf hatte erſt an demſelben Morgen durch den Paſtor die Nachricht von dem Auf⸗ ſtand und Anzug der Bauern erhalten, und die Sache ſo gering behandelt, daß er ſeine Reiter abſchickte, mit dem Befehle, die Aufruͤhrer auseinander zu treiben, den Radelsfuͤhrer Hofer aber gebunden vor ihn zu bringen, damit er im tiefſten ſeiner Thuͤrme die Ver⸗ wegenheit buͤße, ſich zuerſt in ſeine Tochter zu verlie⸗ ben, und dann ſich fur ſeine wohlverdiente Verbannung raͤchen zu wollen. Denn der Graf glaubte dem Paſtor nicht, daß Hofer gezwungen und in edeln Abſichten die Anfuͤhrung der Emporer uͤbernommen habe. Die Reiter, mit derſelben Verachtung gegen die Bauern, wie ihr Herr, erfuͤllt, und waͤhnend, die ganze feindliche Macht wuͤrde bei ihrem Anblick auseinanderſtieben, zogen fröh⸗ lich und munter, mehr wie zu einer Jagd, als zu einem Gefecht, das Thal hinab. Sie ſtießen zuerſt auf die berittenen, von Hofer zur Ausſpaͤhung vorausgeſchickten Burſche, und folgten denſelben in Siegeshoffnung, bis ſie beim Umwenden des Weges die ganze Maſſe der Feinde erblickten. Stutzig machten ſie Halt und beſetzten den Weg, um die Bewegung der Aufruhrer zuerſt zu beob⸗ achten. Als aber dieſe ganz gegen ihre Erwartung in ſchnellem Laufe und mit muthigem Geſchrei, der furcht⸗ bareWinzer voran, auf ſie losſturzten, und ſo ungewöhn⸗ liche Waffen ſie bedrohten, verloren ſie die Beſinnung, und nahmen, von paniſchem Schrecken ergriffen, dieFlucht. Zwei von ihnen blieben todt auf dem Platze zuruͤck. Nicht beſſer bewaffnet, als Winzers Haufen, waren die Huſſitenhorden, vor denen die Ritterſchaft der deutſchen Nation oft in foͤrmlichen Schlachten floh, und die jahre⸗ lang ihre Verheerungen bis in das Herz von Deutſch⸗ land trugen. So erſtaunt Hofer auch anfangs geweſen war, ſo ſchrieb er doch die Flucht ſeiner ehemaligen Kameraden dem unerwarteten Schrecken zu, der ſie bei Erblickung einer ſeltſam hewaffneten und von Schwaͤr⸗ mereifer begeiſterten Schaar befallen hatte; aber Michgel Winzer ſah darin den unmittelbaren Beiſtand Gottes. D „Ihr Kleinglaͤnbigen,“ rief er,„die ihr waͤhnet, Roſſe und Wagen ſeyen euer Schutz, und nicht vertrauet auf den Herrn! Wer hat Pharao's Macht und unzaͤh⸗ liges Volk in den Fluthen des Schilfmeeres begraben, und den Stolz des Konigs in die Tiefe verſenkt, als Er, der Iſrael aus der Knechtſchaft gefuͤhrt, und auch euer Joch zerbrechen wird! Preis und Dank dem Herrn Ze⸗ baoth in der Höhe!“ Nach dieſen Worten ſtimmte er mit ſeiner begeiſterten Schaar einen Lobgeſang an, und hatte ihn eben beendigt, als Hofer, der indeſſen ſeine Leute wieder geordnet hatte, zu ihm trat. „Laßt uns in Ordnung und mit Vorſicht,“ ſprach er,„den Sieg verfolgen; es tonnte uns in dieſen engen Wegen ein Hinterhalt drohen. Die Feinde ſind nur berraſcht, nicht geſchlagen worden, und werden viel⸗ leicht die Schmach ihrer Flucht in unſerem Blute wie⸗ der abwaſchen wollen.“ Winzer, durch dieſen Sieg in ſeiuem Glauben be⸗ ſtärkt, den ihm ſeine Schwaͤrmerei eingefloͤßt hatte, ſah ihn ſtolz an:„Laß ſie noch einmal kommen,“ rief er aus,„ſo werden ſie noch einmal erfahren, mit wem der Herr iſt. Was kuͤmmern mich ihre Liſten, die der zu Schanden machen wird, der heute gezeigt hat, daß er fuͤr ſein Volk ſtreitet!“ „Huͤtet euch,“ warnte Hofer,„daß ihr nicht ſchwer eure Thorheit buͤßt!“ „Thorheit?“ rief Winzer entruͤſtet aus;„Knabe, läſtere Gott nicht, oder ſo wahr uns der Herr heute den Sieg gegeben, ſo wahr werde ich dir zeigen, daß. —— —— deine Ruͤſtung dir gegen mein Schwert eben ſo wenig hilft, als denen, die heute vor uns geflohen ſind.“ Hofer ſetzte der aufbrauſenden Leidenſchaft Winzers eine ruhige Koͤlte entgegen.„Ich rathe euch das Beſte,« ſagte er,„um euch und eure Leute vor einem ſichern Verderben zu warnen, in das ihr ſtuͤrzen werdet, wenn ihr die Vorſicht bei Seite ſetzt. Es iſt Thorheit,“ fuhr er kraftvoll fort, ungeachtet Winzers zuſammen⸗ gezogene Augenbraunen ſeinen Unwillen verriethen, veb iſt Thorheit, zu ſehr auf den Beiſtand Gottes im Kriege zu rechnen, wo der Zufall oft entſcheidet. Meine Theilnahme an dem Schickſale des Volkes, deſſen An⸗ fuͤhrung ihr ſelbſt mir aufgedrungen habt, verbietet mir bei den Maßregeln zu ſchweigen, die ihr unklug und gegen alle Kriegskunſt nehmt.“ „Wer hat den Sieg erfochten,« brach endlich Win⸗ zer los,„du mit deiner gewandten Zunge oder der Herr, der uͤber uns kam, und unſern Arm geſtaͤrket hat? Gehorche ſeiner Stimme in dieſem Kampfe und nicht den Eingebungen fleiſchlicher Klugheit; dann wird der Herr dir gnädig ſeyn, und ſeinen Wohlge⸗ fallen an dir haben, wie an David, dem Sohne Iſai's.“ Mit dieſen Worten wandte er ſich weg, und ſetzte ſich mit ſeinem Hauſen in Bewegung. Hofer kehrte zu ſeinen Leuten zuruͤck, die unterdeſſen die beiden Gefal⸗ lenen ihrer Ruͤſtung entkleidet hatten. Dem einen hatte der Hieb einer Axt die Blechhaube geſpalten, und den Kopf zerſchmettert, der andere erhielt von Winzers Schwert den tödtlichen Streich. Hans und D 2 ein anderer der berittenen Burſche prangten bald auf ihren Pferden in den Harniſchen der Erſchlagenen, und ritten ſtolz hinter ihrem Hauptmanne her, der nun ebenfalls, jedoch mit groͤßerer Ordnung, weiter zog. Wir eilen den Bauern nach Falkenſtein voraus. Dieſe Burg war eine der feſteſten, welche die Berg⸗ und Felſenſpitzen in der Gegend kroͤnten⸗ Ein ziemlich hoher Berg bildete die Grundlage eines Felſens, auf dem Falkenſtein ſeine Mauern und Thuͤrme erhob. An der einen Seite ſenkte ſich die Bergwand jah und abgeſchnitten nach dem Bache, der an ihr vorbei das Thal hinabſchaͤumte; an der andern Seite war zwar der Zugang ſelbſt fuͤr ein Pferd moglich, aber hier hatte die Kunſt ans Mauern, Thuͤrmen und Graͤben ein eben ſo unuͤberſteigliches Bollwerk geſchaffen, wie die Natur an der andern. Nur mit der groͤßten Anſtrengung erklimmt noch heutzutage der friedliche Wanderer dieſe ſteile Höhe, von der die Truͤmmer trauernd nie⸗ derſchauen, und blickt mit Verwunderung in die ſchwin⸗ delnde Tiefe. Es war daher ſehr natuͤrlich, daß ſich der Graf hinter den Mauern dieſes Schloſſes geborgen glaubte; aber daß es Bauern waren, von denen er ſich einſchließen laſſen ſollte, empörte ſein ſtolzes Herz. Kaum hatte er ſeinen Blicken trauen wollen, als er ſeine Reiter, geſchlagen und mit Schrecken erfuͤllt, in den Schloßhof zuruͤckkehren ſah.„Die Memmen!“ rief er im hoͤchſten Unwillen aus,„vor unbewaffnetem Geſindel zu fliehen! Wo ſind die Gefangenen?“ fragte er ſpottiſch den hereintretenden Anfuͤhrer, welcher im — —— Vorbeigehen geſagt, derſelbe war, der unſern Helden aus Neid aus der Gunſt des Grafen verdraͤngt hatte. „Kommt ihr mit leeren Haͤnden zuruͤck?“ „Gnaͤdiger Herr,“ ſagte der Reiter niedergeſchla⸗ gen,„der Teufel muß an ihrer Spitze ſtehen; ohne auf meine Befehle, auf meine Bitten zu hoͤren, flohen eure Reiter wie behext, und riſſen mich mit fort. Zwei von uns ſind geblieben.“ „Geſchlagen von Bauern!“ rief der Graf.„Feige Memmen ſeyd ihr, wenn ihr mit euren Schwertern nicht rohe, unkriegeriſche Haufen auseinander treiben könnt. Wie viele waren der Helden, die euch ſo ſchimpf⸗ lich in die Flucht jagten?“ „Das ganze Thal war mit Menſchen bedeckt!“ antwortete der Reiter. „Eure Flucht hat euch ein Trugbild vorgeſpiegelt,“ ſagte der Graf.„Dieſe Schmach, die ihr meinem Namen zugefuͤgt, koͤnnt ihr nur durch verdoppelte Tapferkeit abwaſchen. Ich ſelbſt will euch anfuͤhren.“ „Gnaͤdiger Herr,“ ſagte der Reiter,„die Reiſigen ſind ermuͤdet, wie ihre Pferde, und ich fürchte, ſie werden ſich weigern.“ „Was? die Schurken wollen von mir abfallen, wie das Geſindel, vor dem ihr geflohen ſeyd?“ rief der Graf heftig aus. „Ich bleibe euch treu,“ antwortete der Reiter, nund laſſe mich eher unter dieſen Mauern begraben, als ich euch verrathe.“ In dieſem Angenblick ſcholl das Jubelgeſchrei der — 54— am Fuße des Berges angekommenen Bauern herauf, und ein unruhiges Zuſammenlaufen der Schloßbewoh⸗ ner verkundigte den Schrecken, den ihre Ankunft erregte. „Sie ſind euch ſchnell auf den Ferſen gefolgt,⸗ ſagte der Graf,„und ich ſehe wohl, ich muß mich einige Tage einſchließen laſſen. Verſuche dich durchzuſtehlen, um die Hilfe meiner Freunde(er nannte ihm einige Edeln der Gegend) aufzubieten; denn wir haben keine Lebensmittel auf lange Zeit.“ Der Reiter verſprach ihm in zwei Tagen Entſatz zu bringen, und mit einem Feuer auf dem gegenuͤber⸗ liegenden Berge ein Zeichen zu geben, daß er ſich gluͤck⸗ lich durchgeſchlichen habe. Der Graf ging mit ihm nach dem aͤußeren Thor, welches er, nachdem der um Hilfe Abgeſendete ſich entfernt hatte, verrammeln ließ. Er ermunterte die Beſatzung, die nicht mehr als drei⸗ ßig Mann betrug, und ging dann zu ſeiner Tochter, um dieſe wegen der bevorſtehenden Gefahr zu beruhigen. Hedwig hatte den Bericht des Paſtors anders auf⸗ genommen, als ihr Vater. Sie ſah in Hofer nicht ei⸗ nen rachſuͤchtigen Fuͤhrer der Empbrer, der an ihrem Vater ſeine Rache kuͤhlen wolle, ſondern einen Retter, einen Helden der Liebe.„Meinetwegen,“ dachte ſie, „wollte er in ferne Laͤnder ziehen, und ſich empor⸗ ſchwingen durch ſeine Tapferkeit. Mein Bild haͤtte ihn in die Fremde und in den Kampf begleitet, meine Liebe ſeinen Muth beſeelt und ſeinen Arm geſtarkt, bis er zu ruͤckgekehrt waͤre, mit Ruhm bedeckt, mit Ehre ge⸗ kront,— aber die Gefahr, die uns nun bedroht, haͤlt —,—— à —5— ihn von dieſer lockenden Laufbahn zuruͤck, und er wird uns ſchuͤtzend zur Seite ſtehen, wenn er gleich bei de⸗ nen iſt, die dieſes Schloß belagern.“ „Hedwig,“ ſagte der Graf, der jetzt durch ſenet Eintritt ihre Betrachtungen ſtoͤrte,„es wird hier eini⸗ ge Tage unruhig werden. Meine Bauern haben die Ehrfurcht vor ihrem angebornen Herrn vergeſſen und wagen es, vor dieſe Veſte zu ziehen; und weißt du, wer ſie anfuͤhrt?“ Hedwig errothete.„Franz Hofer „ſteht an ihrer Spitze,“ fuhr der Graf unwillig fort, „und will wahrſcheinlich dich meinen Haͤnden entreißen, und an mir ſeinen Zorn auslaſſen. Der freche Bube! Das Geſindel, das er gegen uns fuͤhrt, ſoll bald den Gehorſam wieder lernen, und er, bei Gott, er ſoll mir nicht zum drittenmal Unruhe erregen.“ „Lieber Vater“— ſagte Hedwig, mit einer Miene, als wollte ſie den Geliebten entſchuldigen. „Schweig!“ fiel ihr der Graf ins Wort HGlaubſt du, ich wuͤrde dem Maͤhrchen trauen, daß er bloß die Anfuͤhrung der Bauern uͤbernommen, um uns zu hel⸗ fen? Wir brauchen ſeine Hilfe nicht. Und warum fuͤhrt er den Haufen gerade vor dieſes Schloß, wenn er nicht Rache ſucht? Aber ſie falle auf ſein eignes Haupt zuruͤck, wenn ich das Gluͤck habe, ihn in meine Gewalt zu bekommen. Die Bauern zu verfuͤhren zum Abfall und Ungehorſam“— „Vater,“ ſagte Hedwig, nicht laͤnger im Stande bei einem ſo offenbaren Mißverſtaͤndniß an ſich zu halten, Franz hat dies nicht gethan. Er iſt von den Bauern — 5 gezwungen worden, als er auf dem Wege war, dies Land zu verlaſſen. Ich bitte euch, Vater, beſaͤnftigt die Wuth der Bauern durch Bewilligung einiger ihrer Forderungen;— der Paſtor von Rußbach hat mir er⸗ zaͤhlt, wie es die Empoͤrer außerhalb unſerer Thaͤler machen, welche lange von dieſer Raſerei frei geblieben ſind; wie ſie nichts ſchonen, was in ihre blutduͤrſtigen Haͤnde faͤllt. Gebt ihnen etwas nach, ſo werden ſie friedlich in ihre Hutten zuruͤckkehren, und euch lieben, ſtatt daß ſie jetzt euch haſſen. Geſteht ſelbſt, Vater,“ fuhr ſie fort, und ihre ſchoͤnen Augen ſtrahlten von edler Begeiſterung,„geſteht ſelbſt, daß ein zu harter Druck auf den armen Leuten lag, daß ihre Saaten fuͤr ſie keine Ernte, und ihr Schweiß fur ſie keinen Lohn brachte.“ „Was muß ich horen?“ unterbrach der Graf die ſchone Vertheidigerin der Bauern.„Du, meine Tochter, nimmſt die Aufruͤhrer, die deines Vaters Blut ſuchen, in Schutz?“ „O theurer Vater, ſie werden es nicht ſuchen, wenn ihr ihre Lage erleichtert. Geht den uͤbrigen Edeln mit einem guten Beiſpiel voran, und fuͤhrt den Frie⸗ den in dieſe Thäler zuruͤck. Rettet uns We Guͤte, ſtatt durch Gewalt!“ „Und dann ſoll ich, um einen wuͤrdigen Beſchluß zu machen,“ rief der Graf bitter aus,„dich einem Bauern zur Frau geben? Geh! Hedwig, du biſt eine einfaͤltige Dirne. Denke nicht mehr an den frechen Hofer, der zum zweitenmal meinen Haͤnden nicht ſo leicht entkommen ſoll.“ Mit dieſen harten Worten verließ er die arme Hedwig; er ſelbſt aber traf die nothwendigen Vorſichtsmaßregeln, und hoffte auf die Erſcheinung des verabredeten Signals. Als daſſelbe bei einbrechender Nacht auf dem bezeichneten Platze in die Höhe loderte, wurde er, ſo wie die Beſatzung, in der Hoffnung auf baldigen Entſatz mit Muth erfuͤllt. —— Fuͤnftes Kapitel. Hofer hatte aus ſeinem Streite mit Winzer geſe⸗ hen, daß er ſelbſt zwar Kraft genug habe, um ſich fuͤr ſeine Perſon dieſem Fanatiker zu widerſetzen, daß er aber ſeine Widerſetzlichkeit nur nuͤtzlich machen könne, wenn er ſie mit einem bedeutenden Anſehen unterſtutze. Dies ſuchte er auf die Anhaͤnglichkeit ſeiner Leute zu gruͤnden. Er benutzte daher die Zeit, in der er dem voraneilenden Winzer langſamer folgte, um die aus⸗ ſchweifenden Hoffnungen der Emporer zu maͤßigen. Das Elend dieſer armen Leute, welches ſie ihm ge⸗ ſchildert, hatte ihn geruͤhrt, und ſein Herz fuͤr ihre Sache eingenommen; er verſprach ihnen eine Erleich⸗ terung ihres druͤckenden Joches, aber mit Maͤßigung und ohne Grauſamkeit. Er belehrte ſie, daß ſie ihrer Sache nicht mehr ſchadeten, als wenn ſie damit die Rach⸗ ſucht verbänden; die Edeln wuͤrden genug gedemuͤthigt ſeyn, wenn ſie ihnen Rechte einraͤumen muͤßten, die ſie als ihnen allein zukommend betrachteten. Die Strafe ſollten ſie dem Himmel uͤberlaſſen, und nicht ſo thoͤricht ſeyn, ſich ſelbſt fuͤr Werkzenge Gottes zu halten, der — 55— nur Gefallen an guten Werken faͤnde. Seine Vorſtel⸗ lungen blieben nicht ohne Wirkung, und im Vertrauen auf die Anhaͤnglichkeit ſeiner Leute konnte er es ſchon wagen, dem fanatiſchen Winzer entgegenzutreten. Die Sonne war ſchon untergegangen, und das letzte Roth glimmte noch am weſtlichen Himmel, als Hofer ſich dem Orte naͤherte, wo bei einer ſcharfen Wendung um eine vorſpringende Bergecke die Burg Falkenſtein ſichtbar war. Er hatte dieſen Punkt noch nicht erreicht, als das Abendroth flammender wurde, und eine dicke Rauchſaͤule dunkle Wolken in demſelben bildete. Bei dieſem Anblick wurde er von einem be⸗ unruhigenden Gedanken uͤberfallen, ſo unwahrſcheinlich er ihm ſelbſt vorkommen mochte, von dem Gedanken naͤmlich, daß die Burg ſchon erobert und in Brand geſteckt ſey. Er gab alſo ſeinem Pferde die Sporen, und dies trug ihn raſch um die Ecke, wo er zwar nicht die Burg, die ihm mit ihren wohlbekannten Thuͤrmen unverſehrt entgegenleuchtete, aber die Kapelle an ihrem Fuße in hellen Flammen erblickte. Winzers Schaaren bewegten ſich in dunkeln Geſtalten um die gluͤhende Feuermaſſe, und ihr Jubel ſchallte in ſein Ohr. Hofer konnte die Verblendung der Beſatzung nicht begreifen, daß ſie einen ſo guͤnſtigen Augenblick zum Angriff un⸗ benutzt ließ, und eilte ſchnell, von den Reitern beglei⸗ tet, zu dem Platze. Als Winzer mit ſeinem Haufen angekommen war, und die hohe Veſte vor ſich liegen ſah, wußte er nicht, was er thun ſollte; der Geiſt des Herrn kam nicht — äber ihn, und den ſteilen Berg hinanzurennen, ſchien ihm ſelbſt Thorheit. Er erwartete alſo unthaͤtig Ho⸗ fers Ankunft. Am Fuße des Schloßberges lag ein kleines Dorf, aͤrmliche Huͤtten, noch aͤrmlicher, als die, auf welche heutzutage die Truͤmmer des gefal⸗ lenen Falkenſtein herabſchauen, weil die Freiheit der Bewohner die Armuth verſuͤßt, die damals von der druckendſten Leibeigenſchaft verbittert wurde. Jauchzend empfingen die Dorfbewohner ihre Befreier, und ſchlos⸗ ſen ſich ihnen an. Entweder aus Mangel an Thaͤ- tigkeit oder auf Winzers Befehl, der die heidniſche Abgotterei und den babyloniſchen Baalsdienſt in den papiſtiſchen Kirchen verabſcheute, ſteckten ſie die Kapelle in Brand, und um die Flammen herſtehend folgten ſie mit rachſuͤchtigen Blicken den Rauchwirbeln, die ſich nach der Burg hinaufzogen, und hegten die Hoffnung, bald dieſe ſelbſt ſo zuſammenfallen zu ſehen, wie jetzt gerade in dem Augenblicke, wo Hofer herbeikam, das Dach der Kapelle mit einem dumpfen Krachen einſtuͤrzte. „Wie, Winzer,“ rief Hofer bei ſeiner Ankunft ſei⸗ nem Mithauptmanne zu,„ihr vertrauet auf Gottes Schutz, und ſteckt ſeine Kirchen in Brand? Ihr rufet die Rache deſſelben durch ſolche Thaten uͤber ench.“ „Der Duft, der von dieſem Feuer hinaufſteigt,“ erwiederte Winzer,„iſt dem Herrn angenehmer, als der Rauch von dem Opfer, das ihm Abraham gebracht hat im Lande Morija. Denn der Herr hat geboten, die Gotzen und Bilder zu zerbrechen, und ſeinen Altar allein aufzurichten.“ 65 „Ich will nicht mit euch rechten,“ unterbrach ihn Hofer,„da dies einmal geſchehen iſt, aber Brand und Nord ſollt ihr verhuten, nicht befördern. Was ſehe ich hier fuͤr eine Unordnung? Glaubt ihr die Burg erobern zu können, wenn ihr euch muͤßig umherſtellt, und wollt ihr dieſe hohen Thuͤrme mit eurem froh⸗ lockenden Jauchzen einſrzen; 6 „Kleinglaͤubiger!“ antwortete Winzer.„Fielen nicht die Mauern von Jericho beim Schall der Poſau⸗ nen? Dem Herrn iſt nichts unmoglich.“ 5.„Verlaßt euch nicht zu ſehr auf ſeine Hilfe,“ ſagte Hofer,„denn durch ſolche Thaten, wis dieſe, die ihr eben begangen haht, werdet ihr ſeinen Schutz verſcher⸗ zen. Seyd verſtäͤndig, Winzer, und folgt meinem wohl⸗ gemeinten Rathe. Laßt uns hier ein Lager errichten, und dann den Grafen auffordern; vielleicht giebt er, durch unſere Anzahl in Furcht geſetzt, unſern Forde⸗ rungen nach; dann konnen wir dieſe Leute wieder zu ihren friedlichen Geſchaͤften und zu ihren Huͤtten zu⸗ ruͤckfuͤhren.“ „Was!“ rief Winzer mit Heftigkeit aus. Wir ſollen das Werk unvollendet laſſen, das der Herr zu thun gebietet? Nicht eher wird dieſes Schwert in die Scheide zuruͤckkehren, bis es vollbracht, was mir der Geiſt befohlen hat. Wir ſind nicht ausgezogen zu friedlichen Thaten, und zu Luſt und Freude. Das Gericht Gottes iſt ſchwer, und ſein Zorn iſt bitter; aber wir muͤſſen es vollbringen, und denen den Kelch — 6— ſeines Grimmes zu trinken geben, uͤber welche er die Schale ſeiner Verdammniß ausgegoſſen hat.“ Hofer ſah, daß er die Verſtocktheit ſeines Gefaͤhr⸗ ten nicht beugen koͤnne. So leicht Winzer zu lenken war, wenn man ſich in ſeine Anſichten ſchmiegte, und ihm die Rathſchlaͤge ſo gab, daß er ſie wie ſeine eigenen Eingebungen betrachtete, ſo kannte doch Hofer ſeinen Charakter noch zu wenig, um ſich dieſes Mittels zu bedienen. Er rieth ihm alſo kurzweg, we⸗ nigſtens auf ſeine und ſeiner Leute Sicherheit zu den⸗ ken, und dann fuͤr die Herbeiſchaffung von Lebensmit⸗ teln zu ſorgen, und ſagte ihm rund heraus, daß er fuͤr ſich allein mit dem Grafen unterhandeln werde, wenn er ihm nicht beiſtimmen wolle. Darauf ſammelte er ſeine Leute, mit denen ſich auch noch einige Bewohner des Dorfs Falkenſtein vereinten. Er nahm ſeine Stellung an der Seite der Burg, wo ſich der Weg zu ihr hinaufwand, und um ſich vor einem Ueberfall zu ſichern, umgab er den Platz mit den Wagen, die aus dem Dorfe herbeigeſchafft, und deren Raͤder bis an die Axe in die Erde eingegraben wurden, und, wo dieſe nicht hinreichten, mit eingeſteckten Pfaͤhlen. Nach Voll⸗ endung dieſer Arbeit, ſtellte er Poſten aus, und ließ Wachtfeuer anzuͤnden, wozu die indeſſen niedergebrannte Kapelle Kohlen lieferte. Er ſelbſt ſtreckte ſich bei ei⸗ nem Feuer nieder, und verſank bei dem Anblick der bethuͤrmten Burg, hinter deren Mauern Hedwig ein⸗ geſchloſſen, und von ihm eingeſchloſſen, vielleicht jetzt in Angſt und Sorge lebte, in duͤſtere Betrachtun⸗ gen ſeines bittern Schickſals. Aus dieſen wurde er durch ein Freudengeſchrei aufgeſchreckt, das von Win⸗ zers Schaar erhoben und von ſeinen Leuten wiederholt durch die Stille der Nacht erſchallte, und von dem Echo der Berge zuruͤckgegeben ward. Er blickte auf, und gewahrte uͤber der Burg einen Kometen, der aus ſeinem langen Schweife ein dunkles Feuer uͤber die Mauern und Thuͤrme der Veſte ausgoß. An die Er⸗ ſcheinung dieſes ſeltenen Geſtirns pflegt immer das aberglaͤubiſche Volk den Gedanken zu knuͤpfen, daß der Himmel dadurch den Erdbewohnern eine große Ver⸗ aͤnderung anzeige, und bringt damit jedesmal die Be⸗ gebenheiten in Verbindung, die zu der Zeit die Welt bewegen, wo der Komet ſich zeigt. Die Erſcheinung dieſes Kometen mochte daher an vielen Orten anders gedeutet werden. Einige bezogen ſie auf den Fall und den Untergang der Tuͤrken, und den Sieg des Kreuzes uͤber den Halbmond, Andere auf den Umſturz der Kir⸗ che und die Errichtung eines neuen Gebaͤndes auf den Truͤmmern des alten, oder auf die Ankunft des juͤng⸗ ſten Gerichts;— aber was war natuͤrlicher, als daß das empoͤrte Volk von Falkenſtein die Erfuͤllung ſeiner Hoffnungen und den gluͤcklichen Ausgang ſeiner Unter⸗ nehmung durch den Himmel verbuͤrgt glaubte? Mit einem Freudengeſchrei wurde daher das feurige Geſtirn begruͤßt, als es hinter der Burg hervortauchte, und verderbendrohend uͤber derſelben leuchtete. Hofer war von dieſem Aberglauben nicht frei, und betrachtete den Kometen mit einem Gefuͤhle von grauenvoller * — 6 Bewunderung.„Ja,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„es iſt eine blutige Zeit, in der wir leben. Veraͤnderungen werden geſchehen, und auf dem Alten wird das Neue ſich erheben; aber es komme, was wolle, wenn mir nur die Liebe meiner Hedwig bleibt!“ „Ach Herr,“ ſagte Hans, ſich ihm naͤhernd,„ſeht ihr den blutigen Schein am Himmel?“ „Ja, Burſche,“ antwortete Hofer,„und was glaubſt du, daß er bedeute?“ „Ungluͤck genug,“ erwiederte Hans.„So etwas läßt unſer Herrgott nicht am Himmel ſcheinen um Nichts und wieder Nichts. Ich ſelbſt habe zwar nie ſolch ein Feuer geſehen, das iſt das erſtemal, aber meine Großmutter hat mir erzaͤhlt, daß ſie fenrige Schwer⸗ ter und blutige Kreuze in der Luft geſehen habe, und daß ein Sterben unter Menſchen und Vieh, und Krieg und Peſtilenz erfolgt ſey.“ „Das eine iſt erfullt,“ ſagte Hofer,«denn Krieg bewegt die Erde; möge Gott das andere verhuͤten.“ „Und wißt ihr, was ich denke?“ fragte Hans. „Seht, daß das Zeichen da oben gerade uͤber'm Schloß ſteht, bedentet demſelben nichts Gutes. Aber wenn wir hinaufkommen, und wenn wir die Burg erobern, gelt lieber Herr, ſo thut ihr doch dem gnaͤdiden Fraͤulein und Marien nichts zu Leide? Der alte Graf— der iſt ein boͤſer Mann— nun, der mag buͤßen; ihr waret immer freundlich, wenn ihr am Thore Wache hieltet, und ließet mich ins Schloß hinein, ohne zu fragen; aber der Graf fand mich einmal, und wollte mich mit ſeinen Hunden forthetzen laſſen. Und doch habe ich oben nichts gewollt, als meine Marie ſehen, und ihr ein Band oder einen Blumenſtrauß bringen.“ „Wie, Hans,“ fragte Hofer,„du kennſt alſo Marien?“ „Ach, das wißt ihr nicht?“ rief Hans erſtaunt aus.„Ei, lieber Herr, Marie iſt aus meinem Dorfe und eine ſchmucke Dirne, wie ſie nicht in der ganzen Gegend zu finden iſt. Nun, wir waren Nachbarskinder, und da wißt ihr ja wohl, wie das geht!“ „Du hatteſt ſie lieb, nicht wahr, Hans?“ fragte Hofer,„und Marie dich auch?“ „Ei freilich,“ antwortete Hans,„ſo lange ſie im Dorfe war, war ihr Niemand lieber, als ich. Aber ſeit ſie auf dem Schloſſe iſt, und dem gnaͤdigen Fraͤu⸗ lein dient, iſt ſie vornehm geworden, und ſieht mich nicht mehr ſo freundlich an, wie zuvor. Freilich die Reiter dort oben, in Kuͤraß und ſo zu Pferde zu ſitzen, — das hat ihr wohl beſſer gefallen, als der arme Hans. Aber jetzt habe ich auch einen Kuͤraß und ſitze zu Pfer⸗ de, und wenn wir hinaufkommen, wird ſie mich ſchon wieder liebgewinnen; aber dem Kuno— ihr kennt ihn ja wohl— mit dem ſie freundlich ſchmunzelt, dem ſchlage ich den Kopf ein, ſo wahr ich Hans heiße.“ „Du biſt alſo oft bei Marien geweſen, ſeit ſie auf dem Schloſſe lebt?“ fragte Hofer. „Das könnt ihr euch denken,“ erwiederte Hans; „ich wollte ja ſelbſt ein Reiter werden, weil ihr dieſe ſo geſielen, aber der Graf iagte mich fort. Seit der — 65— Zeit habe ich nie mehr vorn herein zu gehen gewagt, ſondern ſtieg immer hinten die Bergwand hinauf.“ „Das ſage ja Niemand, Hans, hoͤrſt du?“ befahl ihm Hofer.„Von dem Bache aus hiſt du alſo hinauf⸗ geſtiegen?“ „Ihr kennt den Platz nicht?“ erwiederte der Ge⸗ fragte.„Man meint, wenn man von oben hinabſieht, da koͤnnte Niemand herauftommen. Aber ich habe es doch gewagt, und bloß um Mariens willen. und doch,« fuhr er traurig fort,„und doch hat ſie mich nicht freundlich angeſehen, wenn ich zu ihr kam.« „Sey ruhig, Hans,“ troſtete Hofer ſeinen treuen Diener;„Marie wird dich wieder liebgewinnen. Könnte ich ſo gewiß,« murmelte er fuͤr ſich,„mir Hedwig verſprechen; brauchte ich fuͤr ſie bloß Mauern und Thuͤrme zu erſteigen; aber ach, zwiſchen uns ſteht eine Scheidewand, die uns, ſelbſt, wenn wir auch einander nahe ſind, ein unuͤberſteigliches Hinderniß in den Weg legt. Hore, Hans,“ fuhr er laut fort,„du wirſt mir den Platz zeigen, wo du hinaufgeklettert biſt, aber Niemand, außer mir, darf etwas davon erfahren, wenn du Marien erhalten willſt.“ „O ſeyd unbeſorgt, Herr,“ erwiederte Hans,„das ſoll keine lebende Seele hören!“— Nachdem er ſeinen Diener entlaſſen, ſtand Hofer auf, unterſuchte die Wachſamkeit der ausgeſtellten Poſten, und kehrte dann zu ſeinem Feuer zuruͤck. Hier hielt ihn die von Hans ihm mitgetheilte Nachricht noch einigegeit wach. War der Platz des Hinaufſteigens an der Stelle, wo E — 66— er vermuthete, ſo konnte er, ohne Widerſtand zu finden, die Burg uͤberfallen, und den Grafen zwingen, zu was er wollte. Aber er beſchloß⸗ ehe es zu Gewaltthaͤ⸗ tigkeiten kaͤme, den Weg der Guͤte zu verſuchen, und unterdeſſen den von Hans gefundenen Weg zu einer Zuſammenkunft mit Hedwig zu benutzen, der er perſoͤn⸗ lich die Gruͤnde mitzutheilen brannte, die ihn zum Znge vor die Burg bewogen hatten. Es war un⸗ terdeſſen Alles ſtill geworden; die Ermuͤdung hatte die Bauern auf der harten Erde eingeſchlaͤfert, und nur das Rauſchen des Baches und der Schritt oder Ruf der Wachen, ſo wie das dann und wann herabſchal⸗ lende Gebell der Hunde auf dem Schloſſe unterbrach die Stille. neberwaͤltigt von den Anſtrengungen die⸗ ſer zwei Tage, wo ſeine Seele von ſo abwechſelnden Gefuͤhlen beſtuͤrmt worden, wo die aufgehende Sonne des einen ſeinen Abſchied von dem Thale ſeiner Kind⸗ heit beleuchtet, und die untergehende Sonne des zwei⸗ ten ihm wiederum die wohlbekannten Thuͤrme von Falkenſtein gezeigt, ſchlief unſer Held endlich ein. — Sechſtes Kapitel. Das erſte, was Hofer am folgenden Morgen that, war ein Ritr in Geſellſchaft von Hans nach Marien⸗ thal, um ſeine Pflegeeltern zu beſuchen, und ſie, ſo wie das Kloſter, vor den Gewaltthaͤtigkeiten ſicher zu ſtellen, deren Ausbruch hier ebenfalls zu erwarten war. 5 Auf der Haͤlfte des Weges begegneten ihm ſchon die Bauern dieſes Dorfes. Sie machten Halt bei der Er⸗ blickung zweier Reiter, und Hofer ſchoͤpfte keine gute Vorſtellung von dem Gelingen dieſer Unternehmung aus dem Betragen einer ſtarken Anzahl Bauern, die ſich offenbar vor ihm und ſeinem Begleiter zu fuͤrch⸗ ten ſchienen. Er rief ihnen daher zu, daß er ein Freund ſey, ſowohl um ihnen ihre Furcht zu benehmen, als auch um ſich vor Gewaltthaͤtigkeiten zu ſichern, die ſie mit Steinwuͤrfen aus der Ferne gegen ihn ausuͤben konnten. Er erfuhr, daß die Moͤnche ſchon geſtern Abend gefluͤchtet ſeyen, und ſeine Pflegeeltern und ei⸗ nige andre alte Leute mit ſich genommen haͤtten; daß aber das Kloſter gepluͤndert, jedoch ſonſt geſchont wor⸗ den ſey. Er kehrte daher zuruͤck, und brachte von die⸗ ſem Morgenritt eine Verſtaͤrkung mit ſich ins Lager vor Falkenſtein. Die Nachricht von dem Aufruhr verbreitete ſich ſchnell durch die Thaͤler, und uͤberall rief die Sturm- glocke den Landmann zu den Waffen, und laͤutete dem Uebermuthe des Adels zu Grabe. Wie eine kleine Quelle, von den zuſtrömenden Baͤchen zu einem Strome vermehrt, große Schiffe auf ihrem breiten Ruͤcken traͤgt, und zuletzt ſtolz ihre Waſſermaſſe in den Ocean er⸗ gießt, oder wie ein Schneeball, von der Spitze eines Gletſchers losgeriſſen, in ſeinem Laufe zu einem Ber⸗ ge anwachſt, und in ſeinem donnernden Niederſturz Staͤdte und Menſchen begraͤbt) ſo erwuchs aus Winzers Schaar ein Heer. Von allen Seiten vereinigten ſich E2 66— neue Haufen rachedurſtig mit den Belagerern von Falkenſtein. Aber mit der Zahl vermehrte ſich die Un⸗ ordnung und Verwirrung, und um dieſer abzuhelfen, hatte Hofer, da es Winzern durchaus an einem Begriff von den Anftalten, die hier noͤthig waren, fehlte, ſo viel zu thun, daß er ſeinen Vorſatz, eine Zuſammen⸗ kunft mit Hedwig zu halten, nicht durchfaͤhren konn⸗ te. Winzer ließ zwar Alles, was ſein kriegskundiger Mithauptmann anordnete, ruhig geſchehen, aber er unterließ nicht, demſelben in der Verbreitung gemaͤ⸗ ßigter Grundſatze entgegen zu grbeiten, und ſeine wuͤ⸗ thenden Reden/ die um ſo mehr geſielen, je mehr ſie gegen das Beſtehende gerichtet und mit Belegen aus der heiligen Schrift angefuͤllt waren, gewannen ihm die meiſten Anhaͤnger, die fanatiſirt, wie er⸗ nach Blut, Mord und Vergeltnung ſchnaubten. So bilde⸗ ten ſich zwei Parteien im Lager vor Falkenſtein, die eine zufrieden mit Erleichterung ihrer Lage, die andere begierig, die Macht, die ſie jetzt in Haͤnden hatte, zum umſturz des Beſtehenden anzuwenden, und triumphi⸗ rend auf die Truͤmmer des Alten ihre ſiegende Fahne zu pflanzen. Die letztere Partei erhielt eine bedeutende Verſtär⸗ kung durch Jakob ganker, welcher einen ſtarken Hau⸗ fen herbeigefuͤhrt, und nun der dritte Hauptmann im Bauernheer vor Falkenſtein war. gaͤnker hatte ſich in dem gefaͤhrlichen Handwerk eines Wilddiebs an jede Art von Verſchlagenheit und Verbrechen gewdhnt. unempfindlich gegen das Leben der Menſchen, wie ge⸗ — 65—= gen das der Thiere, auf die er verbotene Jagd machte, grauſam aus Luſt an den Qualen, womit er die zu martern gedachte, vor denen er in beſtaͤndiger Furcht der Entdeckung ſeines Handwerks geſchwebt, habſuͤchtig und klug, Eigenſchaften, welche gewoͤhnlich miteinan⸗ der verbunden ſind, war er ganz dazu geeignet, unter ſolchen Umſtaͤnden, wie diejenigen, die er im Lager vor Falkenſtein fand, ſich ein großes Anſehen zu ver⸗ ſchaffen. Seine Geſtalt war kraͤftig, und ſeine regel⸗ maͤßig gebildete Phyſiognomie durch die im Auge lau⸗ ernde Heimtuͤcke und die damit verbundene Rachſucht entſtellt. Edle Gefuͤhle und Gedanken geben dem An⸗ geſicht des Menſchen ein ethabenes Gepräge von Wuͤr⸗ de und Schoͤnheit, wenn gleich die Zuͤge deſſelben nicht regelmaͤßig ſind; aber ſelbſt die von Natur regelma⸗ ßigſten Formen werden von niedrigen Leidenſchaften und Begierden ſo herabgewuͤrdigt, daß ſie alles Wohl⸗ gefallen verbannen. Ohne lange Wahl ſchloß ſich Zänker an Winzer, den er leiten zu koͤnnen hoffte, wenn er ſich in ſeinen Fanatismus ſchmiegte, und deſſen Anſehn beim Volke er zu ſeinen Zwecken benutzen wollte. Win⸗ zer verhieß den Aufruͤhrern den Schutz des Himmels, deſſen Werkzeuge ſie ſeyen zur Rache und Vergeltung; Zänker entflammte ihre irdiſche Begier nach Ueberfluß, ungebundenheit und Wohlleben. So blieb Hofer'n nur die kleine Schaar, die er aus Rußbach gefuͤhrt, nebſt den Wenigen, die ſich bei Falkenſtein ihm an⸗ ſchloſſen. Ungeachtet in einer ſolchen Lage ſein Unter⸗ nehmen unausfuͤhrbar ſchien, verzweifelte er doch nicht, und fuhlte ſeinen Muth mit den Schwierigkeiten wachſen. Es war nun eine Woche verſtrichen, ſeit die Bau⸗ ern die Veſte Falkenſtein eingeſchloſſen hielten. Die Lebensmittel, deren Herbeiſchaffung ſchwierig war, fin⸗ gen an, den Belagerern zu fehlen, und ſie mußten die Burg entweder ſtuͤrmen oder abziehen. Winzer drang auf einen Sturm, und Zaͤnker ſtimmte ihm bei, jedoch mit der Einſchraͤnkung, die Beſatzung zuerſt auf⸗ zufordern, ſich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Allein Hofer widerſprach und verlangte, man ſolle den Grafen mit den Forderungen des Volkes bekannt machen, und, wenn er ſie erfülle, die von ihrem Druck befreiten Bauern entlaſſen. „Meint ihr,“ fragte Zaͤnker, der den Widerwillen gegen unſern Helden hatte, den das Laſter immer ge⸗ gen die Tugend hegt,„meint ihr, der Graf wuͤrde uns anhoͤren? Er wird den Abgeſandten mit Hunden von ſeinen Thoren weghetzen, oder ihn im tiefſten ſei⸗ ner Gefaͤngniſſe die Verwegenheit buͤßen laſſen, ſich ihm mit Vorſchlaͤgen zum Vergleiche zu naͤhern. Nein, wir wollen ihm unſere Forderungen nennen, wenn wir oben ſind, wenn er auf ſeinen Knieen vor uns liegt, und um Mitleiden und Schonung winſelt.“ „Wir wollen ſtuͤrmen,“ ein Geſicht von Kampf un habe den Schein von Fl habe den Einſturz von ſto agte Winzer,„ich habe 6 etuͤmwel erblickt, ich ſen leuchten ſehen, und n Pallaͤſten und Schloſſern —— gehort,— der Herr hat dieſe Veſte unſern Haͤnden uͤberantwortet.“ „Es gilt nur den Verſuch,“ erwiederte Hofer. „Weigert ſich der Graf unſern Bitten um Erleichte⸗ rung der dem Volke aufgebuͤrdeten Laſten Gehoͤr zu geben, ſo erfahre er Gewalt und Zwang.“ „Hoͤrt ihr denn nicht,“ ſagte Zaͤnker,„was Gott durch den Mund unſeres frommen Mithauptmanns gebietet? Laßt uns dieſem Gebote folgen. Ha,“ fuhr er mit funkelnden Augen fort,„ietzt ſind wir Herren, und wir ſollen Schonung und Barmherzigkeit an de⸗ nen uͤben, die mit uns keine gehabt haben? oder ſollen ihnen noch gar Rechte laſſen, an die ihnen nur die Gewalt einen Anſpruch giebt? Ich ſage euch, daß ich mit eigenen Haͤnden dem Grafen die Angſt vergelten werde, in der ich beſtaͤndig gelebt habe. Seht, ich that nie einen Schußauf ein Thier— die uns doch alle, wie der gotterleuchtete Winzer ſagt⸗(Winzer nickte bei⸗ faͤllig,) gemeinſchaftlich ſind— ich that nie einen Schuß, ohne mich ſcheu umzuſehen, ob nicht ein lauerndes Auge mich bewache; ich ſchwebte in beſtaͤndiger Todes⸗ furcht, und dieſe ſoll auch der Graf kennen lernen; er ſoll ſterben, aber nicht eher, als bis er den Tod in ſei⸗ nen bitterſten Qualen geſchmeckt.“ Franz wurde von Schaudern ergriffen, und unter⸗ druͤckte nur mit Muͤhe ſeinen Abſcheu.„Droht nicht“ ſagte er,„bis ihr den Gegenſtand eurer Wuth in Haͤnden habt. Ich kenne das Schloßz es iſt ſchwer zu erobern. Folgt daher meinem Rathe, und uͤherlaßt mir die Unterhandlungen mit dem Grafen. Der Gedanke, die Feinde durch einen Vergleich ſicher zu machen, und dann die Unvorbereiteten zu uͤberraſchen, und an den Wehrloſen ſeine Rache zu be⸗ friedigen, fuhr wie ein Blitz durch Zänkers treuloſe Seele.„Gut,“ ſagte er, mit veraͤndertem Ton,„wenn unſer Mithauptmann einſtimmt, ohne deſſen erleuchte⸗ ten Rath ich nie etwas unternehme, ſo bin ich bereit, dem Grafen Vorſchlaͤge zu thun. Aber wer wird ſich in des Tigers Höhle wagen wollen?“ „Der Graf iſt ein Mann von Wort und Ehre,“ ſagte Hofer, nund ſo ſehr ich urſache habe, ſeinen Zorn zu fuͤrchten, ſo will ich doch ſelbſt hinaufgehen.“ „Nein,“ rief Winzer aus,„der Herr entſcheide, wer zu dieſem Geſchaͤfte beſtimmt iſt. Wir loſen, und wen er erwaͤhlt, den wird er auch ſchutzen.“ Sie machten nun drei Looſe aus einem geſpal⸗ tenen Holze von ungleicher Laͤnge; das kuͤrzeſte ſollte den Gefandten beſtimmen. Winzer nahm ſie in ſeine Hand, und bedeckte ſie ſo, daß bloß die drei Spitzen in einer gleichen Linie hervorragten. Hofer zog zuerſt, Zaͤnker zunaͤchſt, das in Winzers Hand zuruͤckbleibende Loos war das kleinſte.„Der Herr hat entſchieden, rief der Erwaͤhlte, den Hut abnehmend,„ſein Wille werde ſogleich erfuͤllt.“ Hofer hielt ihn zuruͤck.„Sollen wir nicht zuerſt die Forderungen beſtimmen, die wir dem Grafen vor⸗ zulegen gedenken?“ fragte er. — „Nein,“ erwiederte Zaͤnker. Winzer weiß, was dem Volke gebuͤhrt, das mit den Waffen in der Hand ſeine Rechte verlangt. Gewaͤhrt und beſchwört er ſie, woran ich jedoch zweifle, ſo ziehen wir von hier, aber nicht eher, als—“ Er unterbrach ſich ſelbſt, um nicht den Plan zu verrathen, den ſein ſchwarzes Herz ausgebruͤtet.— So will ich euch zum wenigſten meinen Diener Hans mitgeben,“ ſagte Hofer, ver kann euch den be⸗ quemſten Weg auf das Schloß fuͤhren, und als euer Herold handeln; was er dabei zu thun hat, will ich ihm ſchnell begreiflich machen.“ Da dieſer Vorſchlag keinen Widerſpruch fand, ſo entfernte ſich Hofer, um Hans auf ſeine Rolle vorzu⸗ bereiten. Indeſſen ſuchte Zaͤnker den Zorn Winzers gegen den Grafen, ſelbſt wenn er alle Forderungen zugeſtehe, zu reizen. „Dieſer Hofer gefaͤllt mir nicht, Winzer,“ ſagte er, nachdem ſich Franz entfernt hatte.„Er kann eure hohe Weisheit nicht verſtehen, und haͤngt zu ſehr an welt⸗ lichen Ruͤckſichten, um den edlen Zorn zu naͤhren, den eure erleuchteten Worte verkuͤndigen.“ „Er meint es gut,“ ſagte Winzer,„wenn gleich ſein Auge noch trüt iſt, wie das des Saulus, als er gen Damaskus zog, um die Glaͤubigtn zu verfolgen.“ „Ihr muͤßt nicht auf ihn hören,“ fuhr Zaͤnker fort, vihr muͤßt nur der Stimme folgen, die euch im Innern gebietet. Habt ihr nicht ſelbſt verkuͤndigt, daß der Zorn Gottes bitter ſey? Scht, ich bin bereit, eu⸗ ern Befehlen ohne Widerſpruch zu folgen, und die Gebote auszufuͤhren, die der Herr durch euren Mund ergehen laͤßt, wenn ich gleich fuͤhle, wie ſchwer es mir wird. Der Falkenſteiner wird vielleicht aus Furcht euren Forderungen nachgeben, aber nur ſo lange, dafur buͤrge ich euch, ſeine ihm abgedrungenen Verſprechen halten, als er unſere Macht der ſeinigen uͤberlegen ſieht.“ „Mit wem der Arm des Herrn iſt,“ ſagte Winzer, „der behaͤlt immer die Oberhand.“ „Seht, wuͤrdiger Bruder,“ ſagte Zaͤnker,„das iſt es, was ich meine. Der Graf ſoll fuͤhlen, daß wir uns der Hilfe eines Hohern verſichert halten. Es iſt veſſer, wir machen ihn unſchaͤdlich fuͤr immer, als daß wir ihm die Gelegenheit laſſen, ſpaͤter vielleicht uns zu vergelten, was wir ihm jetzt zufuͤgen.“ „Habe ich dir nicht geſagt,“ rief Winzer aus, „daß der Stolz aller dieſer Edeln dem Falle nahe iſt? So wahr der blutrothe Schein des Herrn uͤber ihren Mauern geleuchtet hat, ſo wahr ſollen ſie umgeſtuͤrzt werden durch unſere Haͤnde.“ „Des Herrn Wille geſchehe!“ fuhr der ſchlaue Zänker fort, der nun ſeinen Mithauptmann auf den Punkt gebracht zu haben glaubte, auf den er ihn fuͤhren wollte.„Am leichteſten wäre diez wzufuͤhren„wenn ihr die Bedingungen ſo ſtelltet, deß er ſie annaͤhme, — verſteht mich wohl, nur zum Schein,— wenn er dann auf unſer Wort vertraute, ſo koͤnnten wir ihn in dem Augenblicke uͤberfallen, wo—* „Rein,“ unterbrach ihn Winzer,„wenn er die Bedingungen annimmth ſo iſt des Herrn Gebot erfullt; will er aber nicht hoͤren auf meine Worte, ſo erfahre er, daß Einer mit uns iſt, der zu den Mauern ſagen kann„fallet um! und zu der Sonne: ſtehe ſtill!— dann ziehe hin gegen dieſe Amalekiter, und ſchlage ſie, beides, Mann und Weib, Kind und Saͤugling, Ochſen und Schafe.“ Die Ankunft von Hans unterbrach dieſe Unter⸗ redung. Er trug eine Pike, an der ein weißes Tuch wehte, als Zeichen des Friedens, um die Beſatzung mit der Abſicht ihrer Sendung ſchon von weitem be⸗ kannt zu machen, und ſie abzuhalten, durch eine Ge⸗ waltthätigkeit ihre Wuͤrde zu verletzen. Ein Jagdhorn hing an ſeiner Seite, um damit, der Sitte gemaͤß, ſeine Ankunft zu melden. Dies war von einem Hau⸗ fen mitgebracht worden, der den Aufſtand mit Erſchla⸗ gung des Foͤrſters und mit Pluͤnderung ſeiner Woh⸗ nung begonnen hatte. Winzer folgte dem ehrlichen Hans. Sie erklommen einen Seitenpfad, der ſteiler, als der breite Burgweg, ſich durch ein Gebuͤſch hin⸗ zog, und ſelbſt dem ruͤſtigen Winzer Schweiß aus⸗ preßte und ihm faſt den Athem benahm. Hans hatte dieſen Weg auf die Anweiſung ſeines Herrn einge⸗ ſchlagen, um Winzer'n einen Begriff von den Schwie⸗ rigkeiten beizubringen, womit ein Sturm auf dieſe Veſte begleitet ſeyn wuͤrde, und antwortete auf die unwillige Frage deſſelben, warum er ihn nicht den geraden Burgweg hinauffuͤhre, mit kecker Stimme, daß dieſer Pfad noch dreimal bequemer ſey, als der — 76— andere; denn er ſey fuͤr Menſchen eingerichtet, und der Reitweg für unvernuͤnftiges Vieh. Winzer ſchien ſich mit dieſem Grunde zu begnuͤgen, und ſchritt ſchweigend ſeinem Fuͤhrer nach, bis ſie am Graben ankamen, und der Thurmwaͤchter ihre Anweſenheit durch einige Tone aus ſeinem Horn verkuͤndigte. Hans ſaͤumte nicht, das Zeichen zu erwiedern, obgleich ſein ungeuͤbter Mund dem Inſtrumente, das er trug, nur mit großer Muͤhe einige disharmoniſche Tone ent⸗ locken konnte. Sogleich zeigten ſich auf der Mauer jenſeits des Grabens einige Reiter, und fragten nach ihrem Begehren. Winzer rief ihnen zu/ daß er mit dem Grafen ſprechen wolle, wenn er ihnen ſicheres Geleit verſpreche. Waͤhrend ſich ein Reiter entfernte, um den Grafen von der Anweſenheit einer Geſandt⸗ ſchuft zu unterrichten, hatte Winzer Muße, die aͤußern Befeſtigungen zu betrachten. Dieſe beſtanden aus zwei Thuͤrmen, unmittelbar jenſeits des Grabens, zwiſchen welchen ſich ein Thor befand, und einer Mauer, die von demſelben nach beiden Seiten hin dieſe Thuͤrme mit dem Schloß verknuͤpfte. Nach der Zuruͤckkunft des Reiters, der ihnen das Geleit des Grafen brachte, raſſelte die Zugbruͤcke nieder, und Winzer ſchritt mit Hans uͤber dieſelbe. Bei dem Geraͤuſch, das die Auf⸗ ziehung der Bruͤcke verurſachte, ſah ſich Winzer nicht ohne einige Unruhe um, da er nun in der Gewalt der Feinde war; doch faßte er ſich ſchnell wieder bei dem Gedanken, daß der Herr ſeinen Willen kund ge⸗ geben habe.„Daniel lag in der Löwengrube,“ dachte . er,„und der Herr ſandte ſeinen Engel, der den Löwen den Rachen zuhielt, damit ſie ihm kein Leid thaten⸗ So wird er auch mich ſchuͤtzen!“ Nachdem er zwi⸗ ſchen den beiden Thuͤrmen durchgegangen war, fuͤhrte ihn der zwiſchen zwet Mauern hinlaufende enge Weg nach dem eigentlichen Burgthore, das jetzt krachend ſeine Fluͤgel oͤfnete, und die Geſandten in den innern Hofraum einließ, der an der einen Seite von der Herrnwohnung, und an der andern von den Staͤllen und dem Dienerhauſe eingeſchloſſen war. Die dem Thore gegenuͤberliegende Seite ward von einer nicht ſehr hohen Mauer gebildet, uͤber welche einige Baͤume ihre Zweige erhoben; dieſe gehoͤrten zu einem Garten, der ſich hinter dem Schloſſe befand, und zu welchem ein in der Mauer angebrachtes Pfoͤrtchen fuͤhrte. Win⸗ zer betrachtete die Feſtigkeit des Schloſſes mit Bewun⸗ derung; denn bei dieſen einfachen Befeſtigungen brauchte man die Vorſicht der Augenverhuͤllung nicht anzuwen⸗ den, ohne die man heutzutage keinen Geſandten in unſere kuͤnſtlicheren Verſchanzungen einfuͤhrt. Durch eine mittlere Thuͤre trat Winzer mit ſeinem Begleiter in die Herrnwohnung, und gelangte auf einer ſteiner⸗ nen Treppe in das obere Stockwerk, wo er warten ſollte, bis es dem Grafen beliebe, ihn vorzulaſſen. — Siebentes Kapitel. Die Burg war wegen des plötzlich erfolgten Auf⸗ ſtandes und wegen der unerwarteten Belagerung ſo wenig mit Lebensmitteln verſehen, daß der Vorrath, ungeachtet der ſpaͤrlichſten Vertheilung, auf die Reige ging. Bei der taͤglich wachſenden Menge der Belage⸗ rer hatte der Graf keinen Ausfall gewagt; er erwartete ſehnſuͤchtig die Ankunft ſeiner Freunde, deren Hilfe er durch den abgeſchickten Reiter aufgeboten. Aber ſchon waren acht Tage verfloſſen, und das Ausbleiben eines ſo nothwendigen Beiſtandes erregte dem Grafen um ſo mehr Unruhe, weil ſeine geringe Beſatzung zu murren begann. Eben erwog er alle Schwierig⸗ keiten ſeiner Lage, und theilte ſeiner Tochter, um deren Schickſal er hauptſaͤchlich bekuͤmmert ſchien, ſeine Sorgen mit.„Wir koͤnnen uns durch dieſes Geſindel durchſchlagen,“ ſagte er,„aber du, meine Tochter!— Alle Wege ſind beſetzt, der Verſuch, dich in Sicherheit zu bringen, iſt zu gefaͤhrlich.“ „Vater,“ unterbrach ihn Hedwig entſchloſſen,„ich werde euch nicht verlaſſen in dieſer Gefahr, und wenn mir der Weg zur Flucht offen ſtnde. Wie könnte ich ſicher und ruhig ſeyn, ſo lange ich euer theures Leben bedroht wuͤßte? Ich bleibe bei ench, und theile euer Schickſal.“ ₰. „Hedwig,“ erwiederte der Graf ernſt,„du haſt einen deines Vaters und deines Geſchlechts wurdigen Sinn, aber du weißt nicht was dir bevorſteht. Wir „ „ —— ſind Maͤnner, fuͤhren Waffen, und können unſer Leben vertheidigen, aber dein ſchwaches Geſchlecht ſetzt dich den Beſchimpfungen einer rohen, rachſuͤchtigen Volks⸗ maſſe aus.“ „Ich habe den Muth zu ſterben,“ ſagte die Jung⸗ frau,„ehe ich etwas erleide, was eurer Tochter un⸗ wuͤrdig iſt. Aber, theurer Vater, noch iſt nicht alles verloren—“„Wir wollen es hoffen,“ unterbrach ſie der Graf,„meine Freunde werden mich nicht ver⸗ laſſen, wenn ſie nicht, wie ich fuͤrchte, in derſelben Noth ſind, wie wir.“ „Auch ohne ihren Beiſtand“ ſagte Hedwig ver⸗ legen,„iſt noch ein Weg der Rettung. Theurer Va⸗ ter, in dem Lager der Rebellen iſt ein Mann, deſſen Herz fuͤr uns ſchlaͤgt, und der nur auf die Gelegen⸗ heit wartet, euch und mich zu befreien, wenn ihr ihm vertrauen wollt.“ „Schweig,“ gebot der Graf mit finſterem Blick, „der rachſuͤchtige Bube iſt Schuld an dem Aufruhr, und duͤrſtet nach meinem Blute. Freilich,“ fuhr er mit bitterem Tone fort,„dich wird er ſchonen, um ſeine Rache dadurch vollkommen zu machen, daß er die Tochter zwingt, ſeine mit dem Blute ihres Vaters befleckte Hand anzunehmen; aber ehe du des Schaͤnd⸗ lichen Willen erfuͤllſt—“ Hedwig ließ ihren Vater nicht ausreden, ſondern unterbrach ihn mit thraͤnenden Augen:„Ihr kennt Franz Hofer nicht, theurer Vater, wenn ihr ihn ſol⸗ her niedertraͤchtigen Abſichten faͤhig haltet. Sein edles — 80— Herz haͤtte ſich nie zur Anfuͤhrung der Empoͤrer ver⸗ ſtanden, wenn nicht um eurer Rettung willen.“ In dieſem Augenblick erklangen die Toͤne des Thurmwaͤchters bis zu dem Zimmer, wo der Graf mit ſeiner Tochter dieſe Unterredung hielt. Falkenſtein ſprang auf.„Ha,“ rief er,„dieſe Toͤne bedeuten die Ankunft meiner Freunde!“ Er war im Begriff hin⸗ abzueilen, als ein Reiter hereintrat, und fuͤr zwei Ge⸗ ſandte aus dem Bauernheer um ſicheres Geleit bat. Hedwig erbleichte; in der Meinung, einer der Abge⸗ ſandten koͤnne Niemand anders, als Hofer ſeyn, er⸗ wartete ſie aͤngſilich ihres Vaters Antwort. Dieſer ſchien mit ſich ſelbſt zu käͤmpfen, ob er den Bauern durch Zulaſſung ihrer Geſandtſchaft gleichſam das Geſtaͤndniß thun ſollte, daß er ſie als rechtmaͤßige Feinde betrachte, oder ob er ſie feſtnehmen ſollte.„Laß ſie herein,“ ſagte er endlich,„wir wollen doch die Forderungen erfahren, die das aufruͤhreriſche Geſindel ſeinem angebornen Herrn zu thun wagt.“ „Gebt ihnen etwas nach, Vater,“ flehte Hedwig, „vielleicht legen ſie die Waffen nieder, und kehren ruhig in ihre Huͤtten zuruͤck.“ „Ich werde ihnen Verzeihung anbieten,“ antwor⸗ tete der Graf,„aber keinen Fußbreit von meinen Rechten weichen, die ich meinen Nachkommen eben ſo ungeſchmaͤlert hinterlaſſen will, als ich ſie von meinen Vätern empfangen habe. Doch ich hoͤre ſie kommen. Entferne dich, Hedwig, und ſey getroſt und ovhne Furcht. Schicke mir den Paſtor her, und laß ihn ein — 5— Schreibzeug mitbringen; vielleicht bedarf ich ſeiner Hilfe.“ Mit aͤngſtlichen Schritten naͤherte ſich Hedwig der Thuͤre, die in den Vorſaal fuͤhrte, wo die Geſandten warteten, und wagte kaum und nur mit einer Angſt, die ihren Buſen faſt zu zerſprengen drohte, ihren Blick zu erheben, als ſie die Thuͤre geoͤffnet hatte. Aber ihr Auge ſiel nicht auf die Geſtalt des Geliebten, wie ſie zugleich gefurchtet und gehofft hatte, ſondern auf die duͤſtern Zuͤge Winzers, der auf die Weiſung des Die⸗ ners ſtolz an ihr vorbei in das Zimmer des Grafen ſchritt. Die ſchwaͤbiſche Bauerſchaft hatte die Beſchwer⸗ den, worauf ſie die Rechtmaͤßigkeit ihres Aufſtandes gruͤndete, aufgeſetzt und drucken laſſen. Dieſe dienten allen andern Haufen, die in Deutſchland die Waffen ergriffen, zur Norm ihrer Forderungen, außer daß die einzelnen Anfuͤhrer nach ihrem Charakter Manches hinzuſetzten oder wegließen. Die Bauern verlangten im Grunde Nichts, als was die franzoͤſiſche Revolu- tion dem franzöſiſchen Landmann verſchafft hat; was aber am Ende des achtzehnten Jahrhunderts erſt durch eine formliche Staatsumwaͤlzung hervorgebracht werden konnte, fand, wie man leicht erwarten kann, bei den Edeln des ſechszehnten Jahrhunderts wenig Gehoͤr. Selbſt Luther widerlegte die meiſten Artikel in den Beſchwerden der Bauern, und ermahnte zum Frieden; aber ſeine Stimme verhallte in der Wuth der Parteien. Winzer beſchloß, die Forderungen der ſchwaͤbiſchen Bau⸗ F ——— erſchaft ſeinen Anſprüchen zum Grunde zu legen, aber noch Einiges hinzuzufuͤgen, was ihm zur Demuͤthigung der Edeln nothwendig ſchien, deren Stolz, wie er feſt glaubte, von dem Herrn verdammt worden ſey. Der Graf von Falkenſtein ſtellte ſich, als bemerke er das geraͤuſchvolle Eintreten Winzers nicht; allein dieſer ließ ſich dadurch nicht irre machen, ſchritt ohne alle weitere Begruͤßung auf den Sitzenden zu, und plieb, auf ſein Schwert geſtutzt, vor ihm ſiehen.„Wer ſeyd ihr?“ fragte Falkenſtein. „Gott hat mich erwaͤhlt,“ ſagte Winzer, vum euch mit den Forderungen nt zu machen, die eure bisherigen Unterth eu euch vorlegen.“ „Wenn meine Unterthanen,“ erwiederte der Graf, „etwas von mir bitten, ſo ſollen ſie in Demuth ihr Anliegen anbringen, und ſich nicht zuſammenrotten, nicht mich, ihren Herrn⸗ einſchließen.“ „Wiſſet,“ ſagte Winter⸗„daß eure Gewalt ein Ende hat, und daß die gyptiſche Knechtſchaft, worin die Bauern geſchmachtet, nicht mehr iſt. Der Herr hat ſich uns zu erkennen gegeben durch Zeichen und Wunder, und der Tag ſeines Gerichts iſt da. Ver⸗ meidet ſeinen Zorn durch Unterwerfung und Demu⸗ thigung, und verſtockt euer Herz nicht gegen ſeine Be⸗ fehle, wie jener Pharao, damit ihr nicht buͤßet, wie er. Wir bieten euch Verzeihung fur die Laſten, die ihr dem Volke aufgebuͤrdet, wenn ihr euren Irrthum bekennet, eure verblendeten Augen oͤfnet, und die For⸗ —,— —— derungen, die ich euch thue, bis auf die kleinſte ge⸗ waͤhrt.“ „Und ich,“ fuhr der Graf, von Zorn uͤbermannt, heraus,„ich biete euch Gnade an, wenn ihr euch mit Stricken um den Hals mir zu Fuͤßen legt, damit ich die Raͤdelsfuͤhrer herausſuchen kann, um ſie am hoͤch⸗ ſten meiner Thuͤrme aufzuhaͤngen, als ein warnendes Zeichen fuͤr Alle, die ſich wider ihren rechtmaͤßigen Herrn aufzulehnen wagen.“ „Der Herr erleuchte euren Sinn,“ erwiederte Winzer mit dem ruhigen Ton, der in die Leidenſchaft eines Gegners wie Oel ins Feuer faͤllt,„er laſſe euch einſehen, daß eure Stunde da iſt.“ Der Paſtor von Rußbach unterbrach ihn durch ſeinen Eintritt. Er kam auf Befehl des Grafen mit dem Schreibzeug, und in der freudigen Hoffnung, den ungluͤckſeligen Aufſtand durch einen Vergleich beendigt zu ſehen. Dieſe ver⸗ ſchwand, als er den Fanatiker erblickte, deſſen unſinni⸗ gen Zorn er ſelbſt gefuͤhlt hatte. Winzer hatte den Geiſtlichen kaum erblickt, als er fortfuhr:„Aber wo ſolche Rathgeber ſind, wie dieſer Diener des Anti⸗ chriſts, da werden meine Worte verhallen, wie die Worte des Propheten Elias vor dem ſolzen Ahas und der grauſamen Jeſabel.“ Der Paſtor kam uͤbrigens zu rechter Zeit, um den ausbrechenden Zorn des Grafen, der eine Sprache, wie ſie Wintzer fuͤhrte, nicht vertragen konnte, von Ge⸗ waltthaͤtigkeiten zuruͤckzuhalten. Falkenſtein gluͤhte vor uüwillen, und uͤberließ dem Paſtor, auf ſeine Bitten, F2 —— die Unterhandlung.„Der gnaͤdige Graf,“ ſagte der Paſtor zu dem Geſandten,„erlaubt euch, eure Forde⸗ rungen vorzubringen.“ Winzer nahm auf den Paſtor nicht die geringſte Ruͤckſicht.„Meine Sendung lautet an den Grafen von Falkenſtein,“ ſagte er.„Zuerſt wollen wir hinfuͤhro Macht und Gewalt haben, un⸗ ſern Pfarrer ſelbſt zu erwaͤhlen und zu entſetzen, wenn er nicht thut, was ſeines heiligen Amtes iſt. Dieſer Pfarrer ſoll uns das Evangelium klar und lauter ver⸗ kuͤndigen, ohne allen menſchlichen Zuſatz, wie es Got⸗ tes und ſeines Geſandten Wille iſt. Sprecht, Graf von Falkenſtein, wollt ihr dies gewaͤhren?“ Der Graf winkte ihm mit der Hand, fortzufahren. „Zweitens will das Volk zwar den Zehnten ent⸗ richten, wie es geſchrieben ſteht im alten und neuen Teſtament, aber es will zur Verwaltung deſſelben eigne Leute beſtellen, die davon dem Pfarrer geben, was hinreichend iſt, und das Uebrige anwenden zur unterſtuͤtzung der Duͤrftigen und zur ner der Landesnoth.“ „Gewährt dieſe Punkte, gnaͤdiger Herr,“ fluͤſterte der Paſtor dem Grafen zu,„ſie ſchaden euren Rechten wenig, und bahnen den Weg zu einem üthch Vertrag.“ „Nein,“ rief der Graf aus,„nein, ich werde nicht!— Doch laßt ihn erſt weiter vorbringen, weſſen ſich das Geſindel erfrecht.“ „Drittens,“ fuhr Winzer fort, vom Paſtor aufge⸗ fordert, aber ohne auf denſelben Ruͤckſicht zu nehmen, „drittens, wollen wir fortan nicht mehr leibeigen, ſon⸗ dern frei ſeyn, weil uns Alle der Herr mit ſeinem koſtbaren Blute erloͤſet hat, den Armen wie den Reich⸗ ſten, den Hoͤchſten ſo gut wie den Niedrigſten.“ Der Graf wollte auffahrend antworten, aber der Paſtor kam ihm zuvor, indem er ſagte:„Ihr verſteht nicht das Myſterium der Erlöſung, die uns durch Gottes Gnade zu Theil geworden iſt, wenn ihr darauf die Behauptung gruͤndet, daß alle Menſchen frei ſeyen.“ „Willſt du, der du wandelſt in der Dunkelheit papiſtiſcher Irrthuͤmer, mich belehren uͤber das heilige Evangelium?“ fragte Winzer den Geißtlichen mit ei⸗ nem veraͤchtlichen Blick.„Mit dir habe ich jetzt nichts zu ſchaffen. Wir verlangen weiter,“ fuhr er, zum Grafen gewandt, fort,„die Thiere auf der Erde, das Gevogel unter dem Himmel und die Fiſche im fließen⸗ den Waſſer zu fahen nach dem Gebot des Herrn, der allen Menſchen Gewalt gegeben hat uͤber das Wild. Auch habt ihr euch die Waldungen angeeignet wider Gottes Willen, der ſeine Baͤume nicht fuͤr Wenige, ſondern fuͤr Alle wachſen laͤßt, darum will das Volk Theil an den Holzungen haben, und was es zum Brennen oder Zimmern braucht, umſynſt dgraus nehmen.“ „Halt, ich habe genug angehoͤrt,“ rief der Graf aus, und ſprang auf,„haͤtte ich nicht mein ritterliches Wort gegeben, ſo ſollte dein unverſchaͤmter Kopf die Verwegenheit buͤßen, mir ſolche Antraͤge zu thun.“ — 86— „Mein Leben ſteht in der Hand Gottes,« erwie⸗ derte Winzer mit derſelben Ruhe, die er waͤhrend die⸗ ſer ganzen Unterredung gezeigt hatte.„Wollt ihr keine von dieſen Forderungen erfuͤllen, wollt ihr nicht ferner alle uͤbrigen druͤckenden Laſten aufheben, und Recht und Geſetz handhaben nach Gottes Wort, ſo komme ener Blut uͤber euch!“ Mit dieſen Worten verließ Winzer das Gemach, waͤhrend der Paſtor den Grafen zuruͤckhielt und be⸗ ſaͤnftigte.„Dieſer freche Bauer!« rief Falkenſtein aus: nEt iſt gut, daß er mir aus dem Geſichte iſt, damit ich nicht um eines ſolchen Schurken willen mein rit⸗ terliches Wort breche. Ich will mich eher unter den Truͤmmern dieſes Schloſſes begraben, als noch einmal ſolche Vorſchlaͤge anhoͤren!“ „Gnaͤdiger Herr, nicht alle denken ſo wie dieſer Fanatiker, der mit Stellen aus den heiligen Buͤchern das verblendete Volk verfuͤhrt,“ ſagte der Paſtor. „Mein Herz blutet uͤber den Jammer, den dieſe fal⸗ ſchen Propheten erregen. Ich bin uͤberzeugt, Franz Hofer hat die Mittel und den Willen euch zu retten, wenn ihr euch uͤberwinden könnt, nur einige Beſchwer⸗ den eurer Unterthanen abzuſtellen.“ „Ich ſoll der Gewalt weichen?“ erwiederte der Graf. MRein, ich werde an der Spitze meiner Reiſi⸗ gen uͤber ſie herfallen; ich habe ſchon zu lange gezd⸗ gert, und die Schmach auf mich geladen, mich von Bauern in meiner Veſte einſchließen zu laſſen, eine — — 6— Schmach, die nur im Blute der Empbrer abgewaſchen werden kann.“ „Die nebermacht iſt zu groß,“ entgegnete der Pa⸗ ſtor,„eure Reiter ſind unzufrieden und muthlos, und eure Tochter——“ „Ja meine Hedwig!“ rief der Graf kummervoll aus;„meine theure Hedwig! Wie kann, wie ſoll ich ſie retten aus den Haͤnden dieſer blutduͤrſtigen heuchle⸗ riſchen Schurken?“ Der Paſtor verſuchte, den Grafen zu bewegen, ſeinen ungerechten Unwillen gegen Hofer bei Seite zu ſetzen, und den Beiſtand, den er von ſeinen Freunden umſonſt erwarte, von dieſem anzunehmen. Aber Fal⸗ kenſtein war gegen ſolche Vorſtellungen taub. Haͤtte er ſich auch von dem Gedanken kosreißen können, daß Hofer, der ihm jetzt ſo verhaßt war, wie er ihn vor der Entdeckung ſeiner Liebe zu Hedwig beguͤnſtigt, nichts anderes, als Rache ſuche, ſo haͤtte ihm doch ſein Stolz verboten, eine Hilfe anzunehmen, die er mit einer in ſeinen Augen hochſt entehrenden Demuͤthigung erkaufen mußte.„Ich erwarte noch immer,“ ſagte er endlich, ohne Ruͤckſicht auf den Vorſchlag des Paſtors zu nehmen, vich erwarte noch immer Entſatz von mei⸗ nen Freunden. Unſere Lebensmittel reichen noch auf einige Tage hin, und ſollte es aufs Aeußerſte kommen, ſo wird mir die Vaterliebe den Arm ſtaͤrken, um meine Tochter mitten durch das wehrloſe Geſindel zu retten. Geht jetzt, und befehlt meinen Reitern den Geſandten unverletzt aus dem Schloſſe zu laſſen. Ich ſelbſt will ihn nicht mehr ſehen, um mich nicht vom uͤbermannen zu laſſen.“ — Achtes Kapitel. In ihrer aͤngſtlichen Erwartung, den Geliebten zu ſehen, getaͤuſcht, war Hedwig, wie ſich der Leſer aus dem vorhergehenden Kapitel erinnern wird, eben im Begriffe, den Saal zu verlaſſen, als ſie bemerkte, daß Hans ihr etwas mitzutheilen wuͤnſche, aber durch die Gegenwart des Dieners, der Winzer'n in das Zim⸗ mer des Grafen gewieſen, zuruͤckgehalten werde. Sie gab daher dieſem den Auftrag, den Paſtor zu ihrem Vater zn rufen, und naͤherte ſich dem ehrlichen Hans, welcher nun ein Schreiben hervorzog, und es der Jung⸗ frau uͤberreichte, mit den ne Worten: i diges Fraͤulein, mein Herr— „Wer iſt dein Herr?“. Hedwig. „Ihr kennt ihn recht gut,“ erwiederte Hans, er⸗ muthigt durch den ſanften Ton, womit dieſe Frage an ihn gerichtet worden,„es iſt der junge Hofer, der—“ „Schweig,“ unterbrach ihn Hedwig erſchrocken; „folge mir ſchnell.“ Sie fuͤhrte ihn durch einen Theil des Schloſſes nach einem hintern Zimmer, deſſen Fenſter in den kleinen Garten gingen, der an der Bergwand, wo we⸗ gen der natuͤrlichen Befeſtigung Mauern und Thuͤrme unnothig ſchienen, angelegt war. Von ihrem Vater, —— —— einem Freund deutſcher Sitte, und einem Feinde alles Auslaͤndiſchen, hatte Hedwig gelernt, die Moden, die damals aus Italien eben ſo begierig hergeholt und nachgeahmt wurden, wie heutzutage aus Frankreich oder England, zu verachten, und in ihrer Kleidung wie in ihrem Hausgeraͤthe die Einfachheit beizubehalten, wodurch ſich ihre Vorfahren ausgezeichnet hatten. Keine praͤchtigen Gardinen wehrten den Sonnenſtrahlen den Eingang in ihre Stube, ſondern ſie fanden ihren Weg durch ein vor den Fenſtern gezogenes Blumen⸗ gewinde. Auf einem Tiſche, der mit Schreibzeug ver⸗ ſehen war, lag vor einem ſilbernen Crueifit ein Ge⸗ betbuch aufgeſchlagen, und in der Ecke des Gemachs ſtand eine Harfe, das Lieblingsinſtrument deutſcher Jungfrauen, ehe ſie durch die Guitarre der Suͤdlaͤnder verdraͤngt ward. In dieſes Zimmer wurde Hans von Hedwig gefuͤhrt, um ihre Fragen nach dem Geliebten zu beantworten. Sie uͤberlas zuerſt den Brief, und obgleich ſie es nicht laut that, ſo daß Hans den In⸗ halt haͤtte hoͤren konnen, ſo ſind wir doch im Stande, den Leſer damit bekannt zu machen.„Theure Hed⸗ wig,“ ſchrieb Franz an ſeine Geliebte,„die wenigen Zeilen, die mir die Kuͤrze der Zeit erlaubt, will ich nicht mit Verſicherungen meiner unabaͤnderlichen Liebe zu dir verſchwenden, die mich allein bewog, vor dieſes Schloß zu ziehen; wenn du meinen Bitten Gehoͤr giebſt, dich dieſen Abend in dem Garten aufzuhalten, und den Zugang dazu jedem Andern zu verſchließen, ſo wird mich vielleicht die Liebe Mittel lehren, dich zu ſehen, — 90— und dir muͤndlich zu ſagen, was mir am Herzen liegt. Wenn du noch denjenigen lieben kannſt, der' ſcheinbar als Feind vor dieſer Veſte ſteht, ſo gewaͤhre die Bitte deines F. H.“ Hans war kein Beobachter von Gefuͤhlen, die ſich auf dem Geſichte mahlen, ſonſt haͤtte er in den Mienen Hedwigs entdeckt, daß der Schmerz uͤber des Geliebten Zweifel an ihrer Treue, die Unruhe uͤber ein ſo ge⸗ fahrliches Wageſtuͤck, ſich in das Schloß ihres ihm ſo feindſeligen Vaters zu ſchleichen, und das Verlangen, ihn zu ſehen und zu umarmen, uber dieſelben hinzo⸗ gen, wie Wolkenſchatten uͤber eine beleuchtete Land⸗ ſchaft. Auch ſchien ihm etwas anderes auf dem Herzen zu liegen, und der verſtaͤndige Leſer wird leicht erra⸗ then, daß er lieber Mariens Antlitz geſehen, als das der vor ihm ſtehenden Graͤfin. Oft wandte er ſeine Blicke nach der Thuͤre, bis ihn Hedwigs Frage, wie lange er ſeinem Herrn diene, aufweckte.„Ach,“ ſagte er,„das iſt noch nicht lange her; vor acht Tagen kam er in unſer Dorf geritten, als wir eben die Waffen ergriffen hatten, um unſere Rechte, wie ſie es nennen, zu erkaͤmpfen. Seht, da waͤre er geſteinigt oder umge⸗ bracht worden, wenn nicht mein Vetter Michel und ich ihn gekannt, geſchuͤtzt und zu unſerem Hauptmann gemacht hätten, und weil er immer ſo freundlich ge⸗ gen mich geweſen iſt, ſo habe ich mich freiwillig in ſeine Dienſte begeben. Denn ich kenne ihn ſchon lange, und auch euch, gnaͤdiges Fraͤulein, habe ich oft geſehen, und meinen Herrn gebeten, euch Nichts zu Leide zu — 5.— thun. Er hat euch gewiß in dem Papiere da geſchrie⸗ ben, daß ihr euch nicht zu fuͤrchten braucht, wenn wir heraufkommen.“ „Glaubt ihr denn, dieſe Mauern erſtuͤrmen zu können?“ fragte Hedwig. „Ei,“ erwiederte Hans,„ich bin ja oft ganz allein hier heraufgekommen, und jetzt ſind wir viele, viele Tauſend. Aber fuͤrchtet euch nicht,“ fuͤgte er treuher⸗ zig hinzu,„es wird euch nichts zu Leide geſchehen, und auch Marien nicht.“ Geruͤhrt durch die ehrliche Einfalt des Burſchen erkundigte ſich Hedwig, ob er glaube, daß ſein Herr ſicher und unentdeckt in die Burg kommen koͤnne. „Ei freilich,“ erwiederte Hans,„das ſoll kein Menſch ſehen, wenn— aber nein, das darf ich nicht ſagen. Wenn das der alte Graf erfuͤhre, ſo waͤre mein lieber Herr verloren.“ „So warte,“ ſagte Hedwig,„ich will dir eine Antwort an deinen Herrn mitgeben, die du ihm aber ſelbſt uͤberreichen mußt.“ Sie ſetzte ſich nieder, und ſchrieb an Hofer, ſo ſehr ſie wuͤnſche ihn zu ſehen, ſo ſolle es doch⸗ wenn nur die geringſte Gefahr dabei waͤre, eint Verſuch nicht wagen, der vielleicht fuͤr ihn verderblich unß für ſie noch ſchrecklicher werden könne. Sie wuͤrde den Garten dieſen Abend zwar beſuchen, und auch alle Maßregeln treffen, um jede Storung zu verhuͤten, aber ſie beſchwore ihn, ſich nur dann heraufzuwagen, wenn er dabei Nichts zu fuͤrchten habe. Sie hatte dieſes Schreiben — 92— kaum beendigt, als nicht weit von ihrem Zimmer, wie es ſchien, ein Zank zwiſchen zwei Maͤnnern laut w ard. „Wo habt ihr meinen Gefaͤhrten?“ rief der Eine. „Gebt ihn heraus, damit ihr eure Schuld, die ſchon groß iſt im Buche des Herrn, nicht vermehret durch Wortbruch und Treuloſigkeit.“ „Um Gottes willen, gnaͤdiges Fraͤulein,“ ſagte Hans, das iſt Winzer, der mich ſucht. Gebt mir den Brief, damit ich ſchnell zu ihm komme.“ Hedwig haͤndigte ihm ſchnell das Schreiben ein, und ließ ihn zur Thuͤre hinaus, nachdem ſie ſich vorſichtig umgeſehen, ob ſie von Niemand beobachtet werden koͤnne. Hans eilte, um den Streit zwiſchen Winzer und dem Reiter, der den Geſandten in dieſem Gange gefunden und als verdaͤchtig angehalten hatte, zu beendigen, und kam eben, als Winzer die Hand an ſein breites Schlacht⸗ ſchwert legte, auf dem Platze an. Seine Erſcheinung beſaͤnftigte ſogleich den Zorn Winzers, und da der Paſtor, durch den Zwiſt ebenfalls nach dieſer Stelle geleitet, in demſelben Augenblick erſchien, ſo wurden die beiden Geſandten ſicher und unverletzt entlaſſen. Beide ſchritten mit verſchiedenen Gefuͤhlen den Berg hinab, Winzer mit dem Entſchluß, die Burg zu ftuͤr⸗ men, und ſie mit Feuer zu zerſtoͤren. Er wandte ſeine Augen zuruͤck, und reckte ſeine Hand gegen das hohe Gebaͤude aus, als ob er den Fluch des Herrn uͤber die Mauern und Thuͤrme herabrufen wolle. Hans da⸗ gegen hatte nicht ſo blutige Gedanken; er war betruͤbt, 93— Marien nicht geſehen zu haben, aber von der Hoffnung velebt, mit ſeinem Herrn die Burg zu beſuchen, und in ſeiner Ruͤſtung die Zuneigung Mariens wiederzu⸗ gewinnen, die ihm das glaͤnzende Ausſehn der Reiter auf dem Schloſſe entzogen zu haben ſchien. Wir fuͤhren indeſſen den Leſer wieder auf das Schloß zuruͤck, wo Hedwig in Unruhe und Angſt den Abend erwartete. Wenn man ſich in ihre Lage ver⸗ ſetzt, wens man bedenkt, daß ſie der Zuſammenkunft mit dem Geliebten entgegenſah, von dem ſie Rettung in einer drohenden Gefahr hoffte, ſo wird man es na⸗ türlich finden, daß ihr der Lauf der Sonne traͤger als gewöhnlich vorkam, und daß ihr Nichts gelingen wollte, womit ſie ſich zu zerſtreuen ſuchte, bis ein heißes Gebet die Gefuͤhle, welche in ihrem Buſen ſtuͤrmten, beruhigte. Endlich nahte ſich auch der erſehnte Au⸗ genblick, wo die Sonne den Bergen zuſank. Hedwig ging in den Garten hinab, von Marien begleitet, welche die Harfe ihrer Gebieterin trug. Hedwig hatte gllein einen Schluͤſſel zu dem kleinen Pfoͤrtchen, das aus dem Hofraum in den Garten fuͤhrte, und nach⸗ dem ſie dieſes hinter ſich verſchloſſen, war ſie vor jeder Störung, ſo wie vor Entdeckung dadurch geſichert, daß ihre Zimmer allein die Ausſicht auf den Garten be⸗ herrſchten. Die Ausſicht, die man von hier das Thal hinab genoß, uͤber welches die ſinkende Sonne ihre letzten Strahlen warf, beachtete ſie jetzt weniger; dem Bache, der ſein klares Wäſſer, wie ein Silberſtreif, —— durch Wieſen rollte, bis er ſich um eine vorſpringende Bergecke verlor, folgte ihr Blick nicht mit der Be⸗ wunderung, wie ſonſt; die Roͤthe, welche das unter⸗ gehende Geſtirn des Tages gluͤhend um ſich ausgoß, und womit es den Saum der gegenuͤberſtehenden Wolken bepurpurte, machte jetzt den Eindruck nicht auf ſie, welchen ihr fuͤhlendes Herz bei dieſem feierlichen Schau⸗ ſpiele ſonſt empfand, aber deſſenungeachtet uͤbte die Stille der Natur ihre Wirkung auf das beunruhigte Gemuͤth der Jungfrau aus. Zwiſchen dem Menſchen und der Natur findet in dieſer Hinſicht ein gewiſſes Wechſelverhaͤltniß Statt; wir uͤbertragen unſere Ge⸗ fuͤhle und Stimmungen auf die Natur, und dieſe giebt unvermerkt und nach und nach denſelben eine andere Richtung. Dem Traurigen iſt die heiterſte Landſchaft mit einem duͤſtern Flor bekleidet, und dem Fröhlichen läͤcheln alle Gegenſtaͤnde, an denen er ſonſt kalt und gleichguͤltig voruͤbergeht, freundlicher zu. Aber in beiden Faͤllen kann es nicht fehlen, daß gleichſam durch das Mitgefuͤhl der Natur die Trauer des Einen gelin⸗ dert, und die Freude des Andern gehoben wird. Hed⸗ wig empfand dieſen wohlthaͤtigen Einfluß; beruhigter nahm ſie ihre Harfe aus Mariens Hand, und ſich nie⸗ derſetzend ergoß ſie nach einigen ſchwermuͤthigen Toͤnen ihre Gefuͤhle in folgenden Geſang: Das Mägdlein ſaß an des Stromes Rand, Ihr Haar des Windes Spiel, Der Gram, der ihre Stirn' umwand, Entlockt der Thränen viel. —— — Sie klagt des Herzens bitt're Qual, Doch Niemand hört ihr Leid, Der Wind verweht der Stimme Schall⸗ In dieſer Einſamkeit. „Warum folgt' ich dem falſchen Mann, Vom Schmeichelwort bethört, Womit er täuſchend mich gewann? Hätt' ich ihn nie erhört! Entflohen aus der Eltern Schloß, So tief geſtürzt herab, Sey, Wellen, euer kühler Schooß Des armen Mägdleins Grab.“ Sie ſchwingt ſich von des Ufers Rand Kühn in den naſſen Tod, und in den tiefen Wogen fand Sie Ruh von aller Noth. „Hörteſt du nicht Tritte, Marie?“ fragte Hedwig, nachdem ſie eine Zeitlang, uͤber ihre Harfe gelehnt, ſich ihren ſtillen Betrachtungen uͤberlaſſen.„Ach nein, es war eine Eidechſe, die hier neben uns ins Gebuͤſch ge⸗ ſchluͤpft. Noch nie, Marie, noch nie habe ich eine ſolche unruhe gefuͤhlt; ſelbſt die Noth meines Vaters, den ich ſo innig liebe, meine eigne, unſer Aller Gefahr hat mir nie die Angſt mitgetheilt, die ich jetzt empfinde. Wenn ihm ſein kuͤhnes Unternehmen mißlaͤnge, wenn er unſern Reitern in die Haͤnde fiele, muͤßte ich mich nicht als die Urheberin ſeines Ungluͤcks betrachten? Nur ein Wort, nur einen Schriftzug haͤtte es mich gekoſtet, und mein Verbot, ſich einer ſolchen Gefahr auszuſetzen, wäre meinem Franz Geſetz geweſen. Ach, daß ich ſo „ — 56— ſchwach war, ihm etwas zu erlauben, ja, daß ich noch ſo ſchwach bin, etwas zu wuͤnſchen, was unſere Lage nicht verbeſſern, und fuͤr ihn und mich ſo ſchrecklich enden kann!“ „Gnaͤdiges Fraͤulein,“ ſagte Marie,„ich weiß auch nicht, wo er denn eigentlich herauftommen will. Seht einmahl ſelbſt dieſe Bergwand,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihre Gebieterin an den Rand der Tiefe fuͤhrte, die jetzt in der beginnenden Daͤmmerung ſich dunkel zu ihren Fuͤßen oͤfnete,„ſeht nur ſelbſt, da kann kein lebendes Weſen heraufſteigen, wenn es nicht Fluͤgel hat.“ „Gott ſchuͤtze ihn!“ rief Hedwig aus, nach ihrem Sitze zuruͤckgehend.„Er leite ihn durch alle Gefahren ſicher und unverletzt in meine Arme!“ Dieſe Bitte, ausgeſprochen mit einer Innigkeit, deren ein fuͤr das Wohl des Heißgeliebten beſorgtes Maͤdchen faͤhig iſt, fand eine ſchnelle Erhoͤrung. Aus einer Baumgruppe traten plotzlich zwei Maͤnner hervor, von welchen der Eine Hedwig umarmte, und der Andere ſich der uͤber⸗ raſchten Marie als ihren alten Bekannten Hans an⸗ kuͤndigte, und ſie bei Seite zog, um ſeinen Herrn mit Hedwig allein zu laſſen. Die Liebenden vergaßen eine Zeitlang alle Umſtaͤnde, unter welchen ihre Zuſam⸗ menkunft Statt fand, bis Hedwig endlich ausrieft „Franz, wie konnteſt du dein theures Leben wagen?“ „Zu deiner Beruhigung,“ antwortete Hofer,„zu deiner Rettung that ich dieſen Schritt. Welche Ver⸗ aͤnderungen haben dieſe wenigen Tage, ſeit mich das Geſchick ſo unſanft von dir trennte, herbeigebracht! — ———— * —— Hedwig, auf dem Wege in die Fremde ward ich durch deine Gefahr aufgehalten, durch deine bedrohte Sicher⸗ heit allein ward ich bewogen, mit den Bauern vor dieſes Schloß zu ziehen. Glaube mir, Geliebte, Rach⸗ ſucht iſt meinem Herzen ſo fremd—“ „O Franz,“ unterbrach ihn Hedwig,„daran habe ich nie gezweifelt. Ich weiß, du ehrſt Hedwigs Vater um ihretwillen, ſelbſt wenn er gegen dich aufgebracht iſt.« „Nie habe ich gegen deinen Vater den geringſten Groll gehegt,“ ſagte Hofer,„wenn er auch hart an mir gehandelt hat. Wenn er den ergrimmten Bau⸗ ern in die Haͤnde fiele, die jetzt durch ſeine veraͤchtliche Abweiſung ihrer Forderungen aufs hoͤchſte erbittert ſind, er waͤre verloren.“ „Gott! Gott! mein theurer Vater!“ rief Hedwig jammernd aus. „Beruhige dich, Geliebte!“ troſtete ſie Hofer,„es ſoll ihm ſo wenig ein Haar gekruͤmmt werden, als dir, ſo lange ich noch ein Schwert fuͤhren kann. Aber er muß ſich mir vertrauen; er muß den Bauern, die ich gewonnen habe, um zu eurer Rettung mir beizuſtehen, einige ihrer gemaͤßigten Forderungen gewaͤhren.“ „Wollte Gott,“ ſeufzte Hedwig,„ſie erhielten alle ihre Anſpruͤche, wenn ſie auch noch fo unſinnig ſind, und der Unterſchied zwiſchen Bauer und Edelmann hoͤrte auf; dann wuͤrde nichts mehr unſerer Liebe im Wege ſtehen! Aber ach, Franz, mein Vater iſt ſo gegen dich aufgebracht, und ein ungluͤckliches Mißverſtaͤndniß S Perblende⸗ ihn ſo, daß er deine Hilfe verſchmaͤhen wird.“ G — 98— Hofer ſchien einen Augenblick nachzuſinnen, und Hedwig beobachtete ihn aͤngſtlich.„Ich darf ihm nicht ſagen,“ fuhr ſie fort,„daß du hier warſt, ich wuͤrde mir ſeinen Unwillen zuziehen.“ „Es iſt keine Zeit zu verlieren,“ erwiederte Hofer. „Morgen ſtuͤrmen ſie die Veſte, und ich zweifle, daß ſie ſich halten kann. Geliebte, folge mir, und ich rette deinen Vater ſelbſt wider ſeinen Willen.“ „Nein, Franz,“ entgegnete Hedwig feſt,„ich werde dieſes Schloß nicht ohne meinen Vater verlaſſen.“ „Um unſerer Liebe, ja ſelbſt um deines Vaters willen, Hedwig,“ beſchwor ſie Hofer,—„folge mir, und vertraue darauf, daß ich eher mein Leben aufop⸗ fere, als das ſeinige nur bedrohen laſſe. Wenn es etwas nutzte, ſo wuͤrde ich hier bleiben, und die Veſte verthei⸗ digen helfen, aber wenn ſie dann den Bauern in die Haͤnde ſiele, ſo koͤnnte ich nur mit euch ſierben, ſtatt daß ich euch jetzt retten kann.“ „Meinen Vater zu verlaſſen!“ rief Hedwig unru⸗ hig aus.„Rein, ich kann es nicht, Franz. Wenn er morgen ſeine Tochter nicht fände, es wuͤrde ſein Herz prechen!— Ich habe Staͤrke und Muth, alles zu er⸗ 4 tragen, was mein bitteres Geſchick mir bereitet hat. 3 Wir ſind getrennt auf ewig! In einem Kloſter will ich den gluͤcklichen Traum meiner Jugend beweinen, und den Himmel anflehen, daß er dir alles Glück gebe, was dein Edelmuth verdient.“ „Ich kenne kein Glück ohne dich erwiederte Franz. „Verzweifle nicht. Wenn du mir folgteſt, enn ich „ — — 99— dir deinen Vater unverſehrt in die Arme fuͤhrte,— Hedwig, wuͤrde ſein Herz nicht geruͤhrt ſich mit mir ausſoͤhnen, und vielleicht unſere Wuͤnſche erhoͤren? Wenn auch ſein Schloß unterginge, wenn auch die ſieg⸗ reichen Aufruͤhrer ihm Alles naͤhmen, wir, ſeine Kinder, wollten ihm durch unſere Liebe den Verluſt erſetzen.“ „Waͤre meines Vaters unbeugſamer Stolz und ſein Vorurtheil nicht,“ ſeufzte Hedwig,„ſo koͤnnten wir gluͤcklich ſeyn, aber— „Auch ohne dies,“ unterbrach ie Hofer,„iſt mir ein Strahl der Hoffnung aufgegangen. Ich bin nicht der Sohn Hofers, deſſen Namen ich fuͤhre; meine Geburt, ſo dunkel ſie jetzt noch iſt, ſtellt mich vielleicht in gleichen Rang mit dir.“ „Und das verſchwiegſt du mir, Franz?“ fragte Hed⸗ wig. „Nein,“ entgegnete Hofer,„ich ſelbſt erfuhr es erſt ſeit unſerer Trennung. Darum verzweifle nicht,“ fuhr er fort, nachdem er ihr kurz die Geſchichte mit⸗ getheilt hatte, die dem Leſer bereits aus dem Munde des alten Hofers bekannt iſt,„folge mir, und erhalte dich einem Gluͤcke, das uns vielleicht der Himmel be⸗ ſtimmt hat!“ Dieſe Veraͤnderung der Lage ihres Geliebten machte auf Hedwig natuͤrlicherweiſe einen ſtarken Ein⸗ druck. Sie zweifelte nicht im Geringſten, daß er von edler Herkunft ſey, da er ſich in ſeinem Benehmen nicht allein vor ſeinen Gefaͤhrten, ſo lange er auf dem Schloſſe geweſen, ſondern auch vor den Rittern G 2 — 100— ſo vortheilhaft auszeichnete, daß Hedwig oft gedacht hatte, er konne nicht der Sohn eines rohen Bauern ſeyn, obgleich ihr auf der andern Seite wieder ſeine Erziehung durch den Bruder Baſil einen Schluͤſſel zu dem Raͤthſel gab, wie er zu ſolchen edeln Empfindun⸗ gen und anſtaͤndigen Sitten gekommen ſey. Die ihr mitgetheilte Nachricht eroffnete ihr eine heitere Aus⸗ ſicht in die Zukunft, und ſie vergaß eine Zeitlang uͤber dem Glanze, der dort ihre Blicke blendete, das Dunkel der Gegenwart, welches ſie mit Gefahren umfing. Von ihrem Geliebten gedroͤngt, ihm zu folgen, wei⸗ gerte ſie ſich ſtandhaft, und beharrte in ihrem Vorſatze, ihren Vater nicht zu verlaſſen. Hofer, der ihren Hel⸗ denmuth mehr bewunderte, als ihre Hartnaͤckigkeit an⸗ klagte, gab ihr endlich nach.„Die Liebe wird mir Kraft verleihen,“ ſprach er,„dich deſſenungeachtet zu retten. Lebe wohl, Hedwig, und vertraue auf Gott und meine Sorge!“ Eine Umarmung ſchloß dieſe Zu⸗ ſammenkunft. Auch Hans kam jetzt mit Marien naͤher, und nach der Freude zu urtheilen, die aus ſeinen Blicken ſtrahlte, ſchien er durch ſeinen Kuͤraß und ſeine Be⸗ deutung im Bauernheer einen Eindruck auf Marien gemacht, und in ihrem Herzen wieder Raum gewon⸗ nen zu haben. Seine Freude wurde zwar getrubt, als Marie ihre Einwilligung zur Flucht wieder zuruͤck⸗ nahm, und bei ihrer Gebieterin zu bleiben beſchloß, aber Hofers Verſicherung, daß ſie ihm morgen folgen wuͤrde, troſtete ihn, und er entließ ſeine Geliebte ebenfalls mit einer Ermunterung, ſich auf ihn und — 101— ſeinen Muth zu verlaſſen. Mit der beruhigenden Zu⸗ friedenheit, ſo gehandelt zu haben, wie es ihre Pflicht erforderte, mit dem Vertrauen auf Franz und mit der Hoffnung, die ihr die Mittheilung ſeiner Herkunft eingeflößt, zog ſich Hedwig, von Marien begleitet, in das Schloß zuruͤck, und uͤberließ ſich, uͤber alle Furcht erhaben, einem ruhigen Schlummer.— Der Mond war aufgegangen, und lieh ſeinen blaſſen Schimmer unſerm Helden und ſeinem Diener zur Ruͤckkehr. Die kenſche Luna, obgleich ſelbſt gegen Liebe unempfindlich, wendet doch ihr heiteres Antlitz von den Zuſammenkuͤnften der Liebenden nicht ab. Haͤtte ſie jetzt dieſe Grauſamkeit gehabt, ſo waͤre der Ruͤckweg Hofers mit den groͤßten Gefahren verbunden geweſen. Der Abhang, den er, von Hans gefuͤhrt, her⸗ aufgekommen war, galt fuͤr unerſteigbar, und war es auch, ausgenommen an einer Stelle, wo einige vor⸗ ſpringende Felsſtuͤcke und feſtgewurzeltes Gebuͤſch dem Fuße und der Hand Punkte zum Feſthalten darboten. Die Liebe macht ſcharfſichtig und unternehmend; dieſe alte Erfahrung hatte auch der ehrliche Hans gemacht, und dieſen Weg entdeckt und zu erklimmen gewagt. Er hatte ſich bei ſeinen oͤfteren Beſuchen auf der Burg das Hinaufſteigen dadurch erleichtert, daß er an den gefaͤhrlichſten Stellen im Felſen und im Grunde Tritte angebracht hatte. Deſſenungeachtet waͤre in der Dun— kelheit der Ruͤckweg Hofers nicht ohne Schwierigkeiten und Gefahr geweſen; aber bei dem freundlichen Schim⸗ mer des Mondes gelangte er gluͤcklich ins Lager — 102— der Aufruͤhrer, wo Alles, zum Sturm auf die Veſte bereit, mit Furcht, Hoffnung, Rachſucht und den ver⸗ beſeelen, den Anbruch des Morgens erwartete. —— Neuntes Kapitel. Am Fuße der Burg dehnte ſich laͤngs des Baches ein Wieſengrund aus, wo ehemals bei feſtlichen Gele⸗ genheiten die Grafen von Falkenſtein ihre Turniete und ritterlichen Spiele gehalten hatten. Manche Ritter hatten hier ihre Lanzen gebrochen, um aus den ſchoͤnen Haͤnden einer Graͤfin den ausgeſetzten Siegerdank zu empfangen, und mit ihr den Reigen in der frohlichen alle des Schloſſes zu eroffnen. Nach dieſer Wieſe draͤngten ſich jetzt tumultuariſch die Schaaren der Auf⸗ ruͤhrer, um ſich zum Sturm zu ordnen, und die Rol⸗ len zu vertheilen, die Jeder bei der Eroberung und Zerſtorung der Veſte uͤbernehmen ſollte. Sowohl Zaͤnker als Winzer erkannte, daß es von dem gluͤcklichen oder ungluͤcklichen Ausgange dieſes Tages abhinge, ob es die Bauern mit den Edeln aufnehmen konnten, oder ob ihr Aufruhr, in der Geburt erſtickt, nur ihre Lage verſchlimmern würde. Zaͤnker wußte bei ſeinem Haufen die Leidenſchaften zu entflammen, die ſeine eigene Bruſt durchſtuͤrmten; Begierde nach Beute, Rache und Un⸗ gebundenheit entlockte ihnen ein muthiges Geſchrei, ſchiedenartigſten Gefuͤhlen, wie ſie eine ſolche Menge das, von den Uebrigen wiederholt, von den umherli⸗ — 103— genden Huͤgeln beantwortet ward, und, von dem Mor⸗ genwind zu der Veſte hinaufgetragen, die Beſatzung aufmerkſam machte, daß der Feind etwas im Sinne habe. Denn die Sonne hatte noch nicht den Nebel zertheilt, der uͤber dem Thale hing, und die Aufruͤh⸗ rer in ſeinen dichten Schleier huͤllte. Winzer trat mit einer Pike, an der ein weißes Fähnlein wehte, unter ſeine Leute, und entzundete in ihnen den Muth, wel⸗ chen ihm eine durch ſeine Einbildungskraft vorgeſpie⸗ gelte Viſion gegeben hatte.„Der Herr iſt mit uns,“ ſcholl ſeine durch alle Haufen hoͤrbare Stimme,“ und wird heute beweiſen, daß er wahr geredet hat, als er verkuͤndigte, er wolle den Schwachen und Frommen beiſtehn gegen die Starken und Gottloſen. Denn er erſchien mir in ſeiner Glorie, und ſprach: Michael! Michael! Ich fiel geblendet nieder, und antwortete: Herr, hie bin ich. Nimm dieſe Lanze, ſprach die gött⸗ liche Erſcheinung, und trage ſie vor meinem Volke her; jetzt iſt ſie weiß und glaͤnzend, aber bald wird ſie roth ſeyn vom Blut eurer Verfolger, die ich heute euren Haͤnden uͤberantwortet habe. Dies iſt das Pfand der göttlichen Gnade,“ fuhr er fort, ſeine Lanze ſchwingend, „und ihm ſollt ihr folgen zur Rache und Vergeltung!“ Waͤhrend ſich ein neues Freudengeſchrei uͤber die Ge⸗ wißheit des göttlichen Beiſtandes erhob, naͤherte ſich Hans ſeinem Herrn, und fluͤſterte ihm zu:„Glaubt ja nicht, lieber Herr, was er ſagt; das iſt ja dieſelbe Lanze, die ihr mir geſtern mit aufs Schloß gegeben habt, und die ich ihm in den Haͤnden ließ, als ich von — 104— ihm ging.“ Hofers Gemuͤthsunruhe ließ ihn aber dieſe wichtige Mittheilung ſeines Dieners wenig beachten. Wie ungewiß war es, ob er ſeinen Plan zu Hedwigs und ihres Vaters Rettung ausfuͤhren konnte! Durfte er erwarten, daß der alte Graf, ſtolz und mit Haß gegen ihn erfullt, ſeinen Schutz annehmen wuͤrde? oder konnte er nicht in die Haͤnde des fanatiſchen Winzer, oder, was ſchlimmer geweſen waͤre, in die Haͤnde des blutdurſtigen Zaͤnker fallen? und ſelbſt Hedwig, ent⸗ ſchloſſen ihres Vaters Loos zu theilen, und hochherzig genug, die Flucht nicht zu ergreifen, die ihr am Arme des Geliebten offen geſtanden, ſelbſt Hedwig konnte ein Schickſal erleiden, deſſen Gedanke ihn ſchon ſchandern machte. Er wagte nicht, es darauf ankommen zu laſſen, ob der Sturm vielleicht mißlingen wuͤrde. Die Anzahl der Bauern war ftark, ihr Muth aͤußerte ſich in kuh⸗ nen Worten, und ihre Rachſucht ſprach ſich offen aus. Er mußte handeln, und durfte die Rettung nicht dem Zufalle uͤberlaſſen. Alle dieſe Sorgen hatten ſein Ge⸗ muͤth gequaͤlt, und die ganze Nacht den Schlaf von ſeinen Augen verſcheucht. Zwar wehte jetzt die friſche Morgenluft kuhlend um ſeine Schlaͤfe, und die Bewe⸗ gung ſtaͤrkte ſeine erſchopften Glieder, aber der Zweifel und die Unruhe blieb zuruͤck, die jeden Menſchen er⸗ greift, wenn er einer großen Entſcheidung entgegengeht. Denn es galt ſein Lebensgluck und ſeine Ehre. Häͤtte er auch Hedwig gerettet, aber ihren Vater umkommen laſſen, ohne Alles zur Verhuͤtnng eines ſolchen Ungluͤcks verſucht zu haben, ſo wuͤrde ihm Hedwigs Kummer ein — 105— beſtaͤndiger Vorwurf geweſen ſeyn: und doch war unter den umſtaͤnden, in welchen ſich Hofer befand, die Ret⸗ tung ein Unternehmen, welches ſo leicht mißlingen konrte. Er nahm ſich zuſammen, und da die Vorſtel⸗ lung der Gefahr gewoͤhnlich ſchreckhafter iſt, als die Gefahr ſelbſt, ſo brauchte er ſich bloß von den foltern⸗ den Gedanken loszureißen, um ſeinen vollen Muth wieder zu gewinnen. Er ritt zu Winzer und Zaͤnker, die berathend zuſammenſtanden. „Ehe die Sonne dort hinter die Berge ſinkt,“ rief ihm Winzer entgegen,„wird die Burg, die der Herr mit ſeinem Nebel, wie mit einem Todtenkleide, um⸗ huͤllt hat, ein Haufen Steine ſeyn.“ „Das wird eine ſchoͤne Todtenfackel werden,“ ſagte Zänker,„ein ewiges Denkmal der Rache, wozu der Unterdruͤckte gereizt wird. Der Graf und ſein huͤb⸗ ſches Doͤchterlein—“ hier bemerkte er, daß Hofer zu⸗ ſammenfuhr.„Nun, nun, ihr ſeyd jung, wenn euch die Tochter gefaͤllt, ſo will ich mich an die Faͤhrte des Alten halten, und ihn jagen, wie einen gehetzten Hirſch.“ Dies begleitete er mit einem Blick, der Hofer'n wie ein Dolchſtich durch die Seele fuhr. Denn was er ſo aͤngſtlich fuͤrchtete, was er kaum zu denken wagte, ſprach der blutduͤrſtige Wilddieb, der jetzt ſein Mit⸗ hauptmann war, als Etwas aus, worauf er ſich freue. Er ſuchte daher ſogleich das Geſpraͤch zu wenden.„So iſt es alſo beſchloſſen,“ ſagte er,„einen Sturm auf die Veſte zu wagen? Winzer, ihr habt geſtern den Gang — 106— verſucht, iſt euch nicht die Luſt vergangen, eite noch einmal anzutreten?“ „Ich bin kein Krieger,“ erwiederte enſ⸗ „und habe nicht eher das Schwert umgurt t als bis der Herr gerufen hat; aber als er rief, mußte ich ihm folgen, wie Abraham, der ſeinen einzigen Sohn Iſane zum Altare fuͤhrte. Der Herr hat mir verheißen, dieſe Mauern zu ftuͤrzen, und mir geboten, keinen Stein auf dem andern zu laſſen.“ „So iſt es noͤthig, ſagte Hofer,„unter uns die Rollen dieſes Tages guszutheilen. Gott ſchone das unſchuldige Blut!“ „Er trifft die, welche es verdienen durch ihre Thaten,“ ſagte Winzer,„und deren Ohr dem Wort verſchloſſen iſt, das der Herr durch einen ſterblichen Mund verkuͤndigt.“ „Da ihr die groͤßere ahl habt,“ ſagte Hofer,„ſo ſucht den Burgweg zu fuͤrmen; ich werde den Sei⸗ tenpfad erklimmen, und mich am Graben mit euch vereinigen.“ „So ſey es! Fuͤr Gott und ſeine Vergeltung!« rief Winzer feiner Schaar als Loſungswort zu. „Fuͤr Rache und Beute!“ ſchallte der Ruf Zaͤn⸗ kers und ſeiner Haufen. „Fuͤr Liebe und Menſchlichkeit!“ dachte Hofer, und ritt zu ſeinen Leuten zuruͤck, um mit der Aus⸗ fuͤhrung ſeines Planes nicht laͤnger zu zogern. Die ganze Maſſe der Aufruͤhrer begann ſich nun in Bewegung zu ſetzen. Voran ſchritt Winzer, das Faͤhn⸗ —,— lein in der Hand, zunaͤchſt folgten Bauern mit weiden⸗ geflochtenen Schutzdächern, Balken und Leitern, um unter dem Schirm der erſteren auf den zweiten uͤber den Graben z gehen, und mit den letztern die Mauer zu erſteigen. Dann kamen die am beſten Bewaffne⸗ ten, und hinter dieſen die Uebrigen, theils mit Lan⸗ zen und Schwertern, theils noch mit Werkzengen aller Art bewehrt. Der Nebel entzog noch immer die Burg und die zu ihrer Vertheidigung getroffenen Maßregeln den Blicken der Aufruͤhrer, und verhinderte die Be⸗ ſatzung, die Bewegung dieſer zu beobachten, obgleich das dumpf zu ihnen heraufhallende Geſchrei die An⸗ naͤherung des Sturms verrieth. Als die Stuͤrmenden in der Mitte des Berges angekommen waren, gewann die Kraft der Sonne die Oberhand uͤber die Duͤnſte, und nach und nach erhoben ſich aus der fallenden Ne⸗ belmaſſe die Thuͤrme der Veſte, beſetzt mit den Rei⸗ tern des Grafen, deren Harniſche im Sonnenſtrahl funkelten. Sobald dieſe der den Berg heraufziehenden Schaaren anſichtig wurden, waͤlzten ſie große Steine von der Anhoͤhe, und richteten Pfeile und Wurfge⸗ ſchoſſe auf die Stuͤrmenden. Die Felsſtuͤcke gewannen im Hinabrollen Kraft und ungeſtuͤm, und ſchmetter⸗ ten Manchen nieder, ehe ſie ihren ſtuͤrmiſchen Lauf durch die ganze Maſſe beendigt hatten, und am Fuße des Berges fuͤr immer liegen blieben. Auch verfehlten die Geſchoſſe auf dick gedraͤngte Haufen ihre Wirkung nicht. Dieſe unfreundliche Begruͤßung machte die Aufruͤhrer ſtutzig, aber Winzer ſchwang ſeine Lanze — 166 mit dem Ausrufe;„Wehe dem, der heute die Fahne des Herrn verlaͤßt!“ Sie erklommen daher mit einem Geſchrei, welches das Roͤcheln und Fammern der Ster⸗ benden und Verwundeten uͤbertonte, den B. ſtanden am Graben, ehe eine zweite Begrüßin mit Pfeilen ihnen gezeigt hatte, welcher Empfang ſie ferner erwarte. Sogleich bildeten ſie mit ihren Balken Bruͤcken uͤber den tiefen aber nicht breiten Graben, und unter dem Schutz eines Weidendaches wagte ſich eine kleine Schaar hinuͤber. Als ſie unter dem Thurme ankam, warf die Beſatzung eine Stein⸗ maſſe auf ſie herab, unter deren Gewicht begraben die Meiſten augenblicklich ihre Verwegenheit mit dem Leben bezahlten, und nur einige mit verſtuͤmmel en Gliedern um Hilfe jammerten. Aber Niemand wagte ein ſo gefaͤhrliches Beiſpiel nachzuahmen; denn ſtein⸗ gefuͤllte Korbe, ſiedendes Waſſer und Oel drohte dem Kuͤhnen einen gewiſſen und ſchmerzhaften Tod. Schwan⸗ kend, den Geſchoſſen der Feinde ausgeſetzt, ohne Ord⸗ nung und taub gegen Befehl und Bitte, hegannen ſchon die Vorderſten auf die Hinteren zu draͤngen; ver⸗ gebens ſchallte Winzers Zuruf: dem Herrn zu vertrauen, vergebens Zaͤnkers Ermahnung, die errungenen Vortheile zu benutzen, vergebens ſahen ſie ſich nach Hofer um, der ſich hier mit ihnen zu vereinigen verſprochen,— es ſchien eine aufgeloͤſte Flucht zu erfolgen,— da ließ plötz⸗ lich das Schießen der Feinde nach, und viele verſchwan⸗ den von den Thuͤrmen mit dem bei den Aufruͤhrern hör⸗ baren Ausrufe:„Feinde in der Burg! Wir ſind ver⸗ ———— ————— ———————— — 109— loren!“ Mir nach!“ rief jetzt Winzer,„der Hert hat ſeine Engel uber die Feinde herabgeſandt!“ Mit die⸗ ſen Worten eilte er uͤber den Graben, und ſtand eher unter dem Thore, als die zuruͤckgebliebenen Vertheidi⸗ ger es verhindern konnten. Winzer ſtand nun allein, zwar gedeckt gegen die Geſchoſſe von oben, doch durch einen Graben von den Seinigen getrennt; die Ver⸗ theidiger brauchten nur das Thor, unter welchem er ſtand, zu dffnen, ſo war er verloren. Aber dieſe ſchienen von einem plotzlichen unerklaͤrbaren Schrecken befallen zu ſeyn; daher drangen die ermuthigten Aufruͤhrer ihrem Fuͤhrer nach, und begannen mit Aexten das Thor zu erbrechen. Die dumpfen Schlaͤge verkuͤndeten den noch auf den Thuͤrmen befindlichen Reitern, daß ihre Stel⸗ lung nicht laͤnger ſicher ſey; ſie verſchwanden, und nun ergoß ſich unter furchtbarem Jubelgeſchrei die ganze Maſſe uͤber den Graben, und drang durch das Thor⸗ das krachend den gewaltigen Streichen der Aexte wich. Wir haben ſchon oben angefuͤhrt, daß von dieſem aͤußern Thore ein enger Weg zu dem Eingang in den Schloß⸗ hof fuͤhrte. Das gedoffnete Thor zeigte ungefaͤhr fuͤnf⸗ zehn Bewaffnete, die dieſen Platz beſetzt hielten.„Ruft ihnen Gnade zu, wenn ſie die Waffen ſtrecken!“ ſagte Zänker zu Winzer,„wir erleichtern uns die Eroberung.“ „Sie haben das Blut unſerer Bruͤder vergoſſen,“ erwiederte Winzer,„und verdienen keine Schonung.“ „Wir brauchen ihnen ja nicht Wort zu halten,“ fuhr Zaͤnker dringend fort. Aber Winter, ſolchen treuloſen Rathſchlagen abgeneigt, ſtuͤrmte ohne Erwiederung auf — 110— Zäͤnkers Vorſchlag auf die Feinde ein. Seine fanati⸗ ſche Wuth gab ſeinen Streichen doppelte Kraft; er ſchlug den Vorderſten mit dem ſchweren Schlacht⸗ ſchwerte, das er in der rechten Hand fuͤhrte, nieder, waͤhrend er mit der linken das Faͤhnlein in das Blut des erſten Feindes, der heute gefallen war, tauchte, und es gerothet wieder emporſchwang. Erſchreckt durch die Menge, die ſich in den Engweg ergoß, zogen ſich die Reiter nach dem Thore zuruͤck, welches in den eigentlichen Schloßhof fuͤhrte, um ſich mit ihren Ge⸗ faͤhrten zu verbinden, die dort ebenfalls im Kampf be⸗ griffen zu ſeyn ſchienen. Sie hofften durch Ver⸗ ſchließung dieſes Thores die Feinde leichter abzuhalten, und durch die gemeinſchaftliche Bezwinguug der in das Innere der Burg Eingedrungenen doch noch die Oberhand zu gewinnen. Langſam und unter beſtaͤn⸗ digem Gefecht mit den entflammten Bauern zogen ſie ſich nach dem Thore zuruͤck, und erblickten hier— Hofer im Kampf mit dem Grafen von Falkenſtein. — * Zehntes Kapitel. An dem Morgen dieſes fuͤr Falkenſtein verhaͤngniß⸗ vollen Tages erwachte Hedwig aus ihrem Schlafe mit der Erinnerung eines lebendigen Traumes, der ihre Seele im Schlummer beſchaͤftigt hatte. Es dauchte ihr, ſie gehe an ihres Vaters Hand auf einem ſchwan⸗ ten Steg uͤber den Bach, der durch ihr heimathliches . — 111— Thal floß; die Wellen, die ſonſt ruhig und friedlich uͤber die Kieſel hinrollten, ſchienen auf einmal dunkel und verderbendrohend um ſie her zu rauſchen, und ihren finſtern Schooß zu offnen, um ſie mit ihrem Vater zu verſchlingen. In der Verzweiflung, in der Qngſt daͤuchte es ihr, als hoͤre ſie des Geliebten Stimme, als truͤge er ſie und ihren Vater auf retten⸗ den Armen durch die ſchreckliche Fluth in einen ſchoͤnen Saal, wo ſie an ſeiner Hand unter froͤhlichen Damen und Herren einen Reigen eroͤffnete. Die unwillkuͤhr⸗ liche Bewegung erweckte ſie. Pachdem ſie ihre durch einen ſo lebhaften Traum befangenen Gedanken geord⸗ net, glaubte ſie einen Wink des Schickſals zu erkennen. Denn von dem Aberglauben der Zeit nicht frei, be⸗ dachte ſie nicht, daß ihre aufgeregte Einbildungskraft in dem Schlummer, wo ſich die Seele allen aͤußern Eindruͤcken verſchließt, die Gedanken fortgeſetzt hatte, uͤber denen ſie entſchlafen war. Dieſer Traum, ihrer Meinun nach zu klar, um einer Deutung zu beduͤr⸗ fen, wlekte wunderbar beruhigend auf ihr Gemuͤth. Indeſſen ward es im Schloſſe laut, weil man ſich zum Empfang der Stuͤrmenden ruͤſtete, deren Bewegung man zwar nicht ſehen, deren Abſicht man aber aus dem herauftonenden Geſchrei errathen konnte. Der Graf, vollig geruͤſtet, nahm einen herzlichen Abſchied von ſei⸗ ner Tochter, ehe er ſich zu den aͤußern Thuͤrmen be⸗ gab, um das Bauerngeſindel den Berg hinab zu trei⸗ ben. Wenn er daran dachte, daß in fruͤheren Jahren ein Blick ſeiner Gemahlin ihn ſo begeiſtert hatte, daß — 112— viele tapfere Ritter vor ſeiner unwiderſtehlichen Lanze in den Sand ſanken, und er ihre Farbe oft ſiegend machte, ſo gab ihm jetzt die Liebe zu ſeiner Dochter, dem Ebenbild ihrer Mutter, und deren einzigem Pfande ihrer gluͤcklichen Ehe, nicht weniger Kraft, und er hoffte, ſich am Abend dieſes Tages von ihr den Sieger⸗ kranz reichen zu laſſen, den ihm ihre Mutter oft in zwar ehrenvolleren, aber nicht wichtigeren Kaͤmpfen aufgeſetzt hatte. Denn dort hatte er fuͤr Ehre mit ebenbuͤrtigen Rittern ſeine Lanze gemeſſen, und hier galt es die Rettung des Lebens und des Anſehens ge⸗ gen empoͤrte Bauern. Waͤhrend das immer naͤher ſchallende Geſchrei der Aufruͤhrer verrieth, daß der Sturm begonnen, befand ſich Hedwig mit Marien und dem Paſtor, dem ſein Stand die Fuͤhrung der Wäffen verbot, in ihrem Zim⸗ mer, deſſen Fenſter, wie ſchon bemerkt worden iſt, nach dem Garten gingen, in dem am vorhergehenden Abend Hofer ſeine Geliebte geſehen hatte. 4. „Was haltet ihr von Traͤumen, ehrwuͤrdiger Herr?“ fragte Hedwig.„Sind ſie von Gott oder bloß ein Blendwerk des boͤſen Feindes?“ Das iſt eine ſchwer zu beantwortende Frage, mei⸗ ne Tochter,“ erwiederte der Paſtor.„Unſere heilige Kirche hat daruͤber keine Beſtimmung. Es giebt Trug⸗ bilder, wodurch der Feind der Menſchen die Frommen vom Wege des Guten abzufuͤhren ſucht, und ihnen gerade, wenn ſie gegen ſeine Angriffe unvorbereitet ſind, ſein ſchmeichelndes Gift in ihre unbewachte Seele — 113— gießt. Gegen ſolche Verſuchungen ſchutzt uns das hei⸗ lige Kreuz, das die Macht hat, alle böſen Geiſter von uns abzuwehren. Jedoch giebt es auch gute Traͤume, die uns Gott ſchickt. Jakob ſah im Traume die Him⸗ melsleiter, an der die Engel auf⸗ und abſtiegen, und wo der Herr in ſeiner Glorie auf der hochſten Sproſſe ſaß.“ „Wie ſollen wir aber unterſcheiden,“ fragte Hed⸗ wig,„wenn uns ein Traum erſcheint, ob er ein guter oder boͤſer iſt?“ „Wenn er boͤſe Begierden und Leidenſchaften er⸗ regt, antwortete der Geiſtliche,„ſo iſt er ein Blendwerk der Holle, ein Erzeugniß jenes feurigen Pfuhls, wo die Schlechten ihren Lohn empfangen.“ „So muß ich euch wohl meinen Traum erzaͤhlen, chewuͤrdiger Herr,“ ſagte Hedwig;„nach der wunder⸗ baren Beruhigung, die er mir verſchafft hat, kann ich ihn nur fuͤr einen guten halten.“ Wir glauben gern,“ ſagte der Paſtor, nachdem er Hedwigs Erzaͤhlung ihres Traums angehoͤrt,„wir glau⸗ ben gern, was unſer Herz wuͤnſcht. Glaubt darum, meine Tochter, daß Gott mit eurer beaͤngſtigten Seele Mitleid gehabt, und ihr einen Blick in die Zukunft gewährt hat, die fuͤr das Ange und den Geiſt des Men⸗ ſchen verhuͤllt iſt. Hofer iſt ein edler Mann, er ver⸗ dient die Liebe und Achtung aller Guten, und Gott wird ſeine Treue nicht unbelohnt laſſen. Das ver⸗ blendete, bethoͤrte Volk,“ fuhr er fort, als das Ge⸗ ſchrei nun deutlich aus der Naͤhe ſchallte,„von fal⸗ H — 114— ſchen Propheten und Irrlehrern aus dem Schooß der wahren Kirche zu Abfall, Mord und Brand gefuͤhrt! Gott, ſchone die Unſchuldigen, und triff die, deren Bos⸗ heit Schuld an Allem iſt!“ „Ach Gott und alle Heiligen!“ rief Marie, die am Fenſter ſtand,„gnaͤdiges Fraͤulein, ehrwuͤrdiger Herr, kommt und ſeht, was das iſt!“ Hedwig eilte ans Fenſter und erbleichte. Denn zwiſchen den Baͤumen des Gartens ſah ſie Lanzen her⸗ vorragen und Waffen ſchimmern. Der Paſtor ſtuͤrzte hinaus, um dem Grafen die Nachricht zu hinterbrin⸗ gen, daß die Burg an einer unbewachten Seite uͤber⸗ fallen ſey. Es war Hofer, der mit einer Abtheil ſeiner Leute den verborgenen Pfad hinaufgeſtiegen war, um ſein Wort zu erfullen. „Beruhigt euch, Fraäulein,“ ſagte Marie,„ſeht, er iſt es ſelbſt, und Hans kommt mit ihm. Ach, jetzt brechen ſie die Gartenthuͤre ein!« Wirklich horte man auch bald darauf ein Krachen und Tritte auf dem Gange, der zu Hedwigs Gemach fuͤhrte, und Ho⸗ fer trat einige Angenblicke nachher herein. Folge mir, Geliebte,“ ſagte er, Hedwigs Arm ergreifend, rend ſie vorn kaͤmpfen, fluͤchten wir uns.“ „Und mein Vater?“ fragte Hedwig aͤngſtlich. „Ich bringe ihn nach,“ entgegnete Hofer.„Am 2 Fuße des Berges ſtehen Pferde, folge dieſen Leuten, ſie werden dich an einen Ort der Sicherheit bringen, wo du mich mit deinem Vater bald wiederſehen ſollſ.“ Mit dieſen Worten zog er ſie nach dem Schloßhofe — 115— hinab, wohin ſie halb willig, halb wider Willen, eigentlich ohne ſelbſt zu wiſſen, was ſie that, folgte. In dieſem Augenblick kam der Graf, vom Paſtor ge⸗ rufen, mit einer Anzahl ſeiner Bewaffneten herbei. Gott, was wird das werden?“ rief Hedwig aus. „Mein Vater!“ „Halt, Entfuͤhrer!“ ſchrie der Graf unſerem Hel⸗ den zu,„Bube! jetzt ſollſt du fuͤr deine Frechheit buͤ⸗ ßen.“ Vergebens ſuchte der Paſtor, der jetzt Hofer'n erkannte, den Grafen zuruͤckzuhalten; dieſer ſtieß ihn wuͤthend bei Seite, und fuͤhrte einen Hieb auf Franz, der ihn niedergeſchmettert haͤtte, wenn er ihm nicht gluͤcklich ausgewichen waͤre. Der Vater, der Geliebte im Kampf mit einander war fur Hedwig ein zu ſchreck⸗ licher Anblick; ſie ſank in Ohnmacht.— In dein verwirrten Auftritt, der nun erfolgte, wo Hofers Leute mit den Bewaffneten des Grafen kaͤmpf⸗ ten, konnte Hofer, von dem wuͤthenden Falkenſtein be⸗ drangt, ſich nicht nach Hedwig umſehen. Er rief ſei⸗ nen Leuten zu, die ihm beiſtehen wollten:„Lege keiner Hand an den Grafen! Ergebt euch, edler Herr,“ fuhr er zu ſeinem Gegner gewandt fort, deſſen fuͤrchterlichen Hieben er mit außerordentlicher Geſchicklichkeit und Gewandtheit auswich,„ergebt euch mir, und ich bringe euch in Sicherheit!“ Jetzt verkuͤndeten die Schläge an das äußere Thor die Annaͤherung Winzers und Zän⸗ kers, und der Graf mußte vor derſelben gerettet wer⸗ den. Da aber dieſer auf keine Vorſtellungen hörte, ſo ſuchte ihn Hofer zu entwaffnen. Die Liebe gab ihm H 2 — 5 ubermenſchliche Kraͤfte; aber ſeinen Gegner beſeelte die Wuth, und taub gegen Alles, was um ihn vorging, ſuchte er ſich und ſeine Tochter an ihrem frechen Ent⸗ fuhrer zu raͤchen, und denſelben mit in das Verderben zu reißen, das unvermeiblich uͤber ihm zu ſchweben ſchien. Zaͤnkers und Winzers in den Hofraum eindrangen. Die Bewaffneten des Grafen, von der Menge uͤberwaͤl⸗ tigt, wurden niedergemacht, und der Schloßhof mit ihrem Blute gerothet. Vor dem Andrang ſuchte der Graf die Wand des naͤchſten Gebaͤudes zu gewinnen, um ſich den Ruͤcken frei zu halten; aber er glitt aus, und ſiel mit einem dumpfen Geraſſel in ſeiner ſchwe⸗ ren Ruͤſtung zu Boden. Vergebens wandte er ſich hin und her, um ſich aufzurichten;„Hedwig! Hedwig!“ waren die einzigen Worte, mit denen er von ſeinen kraftloſen Anſtrengungen abließ und erſchoͤpft die Ent⸗ nen Leuten, den Grafen ſchnell aufzuheben, und in den ſich auch ſchon zur Pluͤnderung in die Gebaͤude zer⸗ ſtreut. Er ſelbſt eilte nach dem Platze, wo Hedwig in Ohnmacht geſunken,— aber ſie war verſchwunden; er ſtuͤrzte in den Garten, rief den Namen vyn Hans und ſeiner Geliebten,— aber der Ruf verklang in dem Siegsgeſchrei, womit die Aufruͤhrer den Fall des letz⸗ So war die Lage der Dinge, als die Schaaren ſcheidung ſeines Schickſals erwartete. Franz befahl ſei⸗ Garten zu tragen, denn noch waren die uͤbrigen Hau⸗ fen mit den Reitern beſchaͤftigt, und ein Theil hatte ten Reiters begleiteten. Als er nach dem Hofraum 1. 1 . „ — — 117— zuruͤcklief, kam er zu rechter Zeit, um dem Grafen das Leben zu retten. Hofers Leute hatten ſeinen Befehl voll⸗ zogen, und den Grafen, in einen Mantel gehuͤllt, nach dem Garten getragen; an der Pforte deſſelben be⸗ gegnete ihnen Zaͤnker mit blutigen Haͤnden.„Was habt ihr?“ fragte er, indem er den Mantel wegzog. „Bei Gott, das iſt ein koſtlicher Fang. Wißt ihr, was ihr fuͤr ein Wild erwiſcht habt?“ „Nun,“ ſagte Michel, der unter den Traͤgern des Grafen war,„wir werden doch den gnaͤdigen Herrn kennen.“ „Ha! ha!“ ſpottete Zaͤnker,„er ſoll bald unſere Gnade noͤthig haben. Laßt ihn los, und nehmt ihm ſeine Ruͤſtung ab. Ich will ihn ſchon wieder zum Le⸗ ben bringen; denn jetzt ſieht er aus, wie ein geſchoſſe⸗ ner Rehbock.“ Die Leute widerſetzten ſich; Zaͤnker ſchalt und drohte, und es ſammelten ſich viele, vom Zwiſt herbei⸗ gezogen, an dieſem Platze.„Ich will den Gefangenen haben; ich, euer Hauptmann, fordere es!“ rief Zaͤnker aus,„und wenn ihr ihn nicht loslaſſet, ſo ſchlage ich ihm unter euren Haͤnden den Kopf ein!“ Als er das Schwert erhob, um ſeine Drohung zu erfuͤllen, fing Hofer, der zum Gluͤcke herbeigekommen war, den Streich auf. „Der Graf iſt mein Gefangener,“ rief Hofer,„und ich habe uͤber ihn zu verfuͤgen.“ Damit ihr ihn frei laſſet, Buͤrſchchen?“ ſagte Zaͤn⸗ — 118— ker pohniſc„Geht und ſicht ſein Töchterlein; aber dieſen laßt mir und meiner Rache!“ „Grauſamer!“ erwiederte Hofer,„haſt du heute des Blutes nicht genug vergoſſen? Ich habe den Gra⸗ fen mit eigenen Haͤnden gefangen; er hat mich ſchwer beleidigt, und mir kommt ſeine Beſtrafung „Ja, ja!“ riefen viele Stimmen aus dem Haufen. „Laßt ihn dem wackern Hofer, der heute ſo viel ge⸗ than!“ „Was geht hier vor?“ ſcholl jetzt Winzers Stimme, der ſich durch die Haufen draͤngte, das Fähnlein in der Hand, das nun blutroth im Winde wehte, geht hier vor?“ Viele ſuchten ihm zu gleicher Zeit die Urſache des Streites zwiſchen Zaͤnker und Hofer zu erklaͤren, aber viele Redner auf einmal ſind wie viele Koͤche oder viele Aerzte, die eine Mahlzeit bereiten, oder einen Kran⸗ ken euriren ſollen. „Stille!“ rief Hofer aus.„Ich habe den Grafen von Falkenſtein gefangen genommen, und Zaͤnker ſucht mir ihn zu entreißen.“ „Die Rache,“ ſagte Zaänker,„iſt uns allen gemein⸗ ſchaftlich, und mir kommt es ſo gut zu, ſie auszuuͤben, als dieſem da.“ „Nein,“ antwortete Winzer,„die Rache iſt mein, ſpricht der Herr. Er werde von uns allen ge⸗ richtet, denn des Volkes Stimme iſt die⸗Stimme Got⸗ tes, und was dieſe uber ihn beſchließt, erleide er, als 5 — 119— ſein Verhaͤngniß. Hofer aber halte ihn in Gewahr⸗ ſam, und ſpare ihn auf zum morgenden Gericht.“ Winzers Anſehen war zu groß bei dem Haufen, um einen Widerſpruch zu erfahren; denn Zaͤnker hatte den Schein angenommen, als befolge er alle Aus⸗ ſpruͤche dieſes gotterleuchteten Mannes, die er ihm ge⸗ wohnlich zuvor angegeben hatte. Hofer widerſprach naturlicherweiſe nicht; er ließ den Grafen von dem großten Theile ſeiner Leute nach dem Dorfe Falken⸗ ſtein hinabbringen, mit dem Befehle, ihn daſelbſt zu bewachen und zu gleicher Zeit zu ſchuͤtzen, wenn Zaͤn⸗ ker, wie er furchtete, ihn mit Gewalt in ſeine Haͤnde zu bringen ſuche. Dann ſtellte er Nachforſchungen nach Hedwig an; aber ſeine Fragen gaben ihm uͤber fhr Schickſal keine Gewißheit. Er durchſuchte alle Winkel des wohlbekannten Schloſſes, wo jetzt der ne⸗ bermuth der rohen Sieger ſeine Zerſtoͤrung begann; aber ohne etwas gefunden zu haben, kehrte er nach dem Hofraum zuruͤck. Er hoffte, daß ſie ſich waͤhrend des Getuͤmmels gerettet, und auf den am Fuße des Berges bereitgehaltenen Roſſen entflohen ſey. Aber guch dieſe Hoffnung verſchwand, als die Leute, welche auf ſeinen Befehl mit den Pferden gewartet, des lan⸗ gen unnuͤtzen Harrens muͤde, und begierig, an der Pluͤn⸗ derung der eroberten Veſte Theil zu nehmen, herauf⸗ kamen und ihm die Nachricht brachten, daß Niemand erſchienen ſey. Mit einer Anſtrengung, zu der ihn nur die Verzweiflung fäͤhig machte, ſuchte er unter den Leichen, die auf dem Schloßhofe lagen; gher auch dies 3 — 120— war umſonſt. Er ſchopfte jedoch daraus einigen Troſt, daß Hans und der Paſtor ſeine Geliebte in Sicherheit gebracht haͤtten. Waͤhrend Hofer aͤngſtlich, und gleichguͤltig gegen Alles, was um ihn vorging, den Gegenſtand ſeiner Liebe ſuchte, raſte die gerſtörungswuth der ſiegreichen Bauern in der eroberten Burg. Ihr nebermuth, durch die im Keller des Grafen vorgefundenen Weine entflammt und vergroßert, ſchonte Richts, was nicht fortzubringen war. Die Ruͤſtkammer und die gefallenen Reiter dienten vielen zu einer vollſtaͤndigen Bewaffnung, und viele kleideten ſich in ritterliche Trachten. Hausgeraͤthe und andere Dinge wurden zerſchlagen, und das Werk der Zerſthrung mit einer Brandanlegung gekront. Bald erhoben ſich von allen Seiten die Flammen in dem ſtolzen Schloß, und rötheten den Himmel, uͤber den nun die Nacht ihren dunkeln ſternbeſaeten Mantel aus⸗ zubreiten begann. Der Brand von Falkenſtein ver⸗ dunkelte den bleichen Schimmer des Mondes, und leuchtete den Bauern, die, geſoͤttigt von Rache und im Gefuͤhle ihres Sieges, mit Geſang und Jauchzen den Berg hinabzogen, welchen ſie am Morgen mit ſo vie⸗ ler Gefahr erſtiegen. Stolz auf das vollendete Tage⸗ werk, ihrer Meinung nach unuͤberwindlich, nachdem ihnen die erſte Unternehmung ſo wohl gelungen war, lagerten ſich die Bauern in verſchiedenen Gruppen auf der Wieſe, von der ſie am Morgen auszezogen waren, und betrachteten mit ſelbſtgefälliger Zufriedenheit den Brand. So oft ein dumpfer Schall den Einſturz eines — 121— Dachs oder Mauerwerks verkuͤndete, erhob ſich ein Freudengeſchrei. Plane fuͤr die Zukunft, hochfliegend oder gemaͤßigt, je nachdem der Charakter der Einzelnen war, bildeten den Gegenſtand des Geſpraͤchs der ver⸗ ſchiedenen Haufen. Der Leſer wird die Geſinnungen der Sieger am beſten kennen lernen, wenn er ſich mit uns unter eine von jenen Gruppen wagen will, um das Geſpraͤch zu belauſchen. „Wir haben doch heute das Meiſte gethan,“ ſagte einer von Hofers Leuten,„ohne uns waͤret ihr nie uͤber den Graben gekommen. Ich habe mein Lebtage keine ſolche Kuͤhnheit geſehen, als wie unſer Hauptmann den Grafen niederſchlug. Und denkt, er verſchmaͤhte unſern Beiſtand, und wollte ihn ganz allein bezwingen; denn er iſt ſehr aufgebracht gegen ihn.“ „Ja, es iſt wahr,“ nahm ein Anderer das Wort, „Hyfer hat ſich tapfer gehalten, aber wie waͤre es euch denn ergangen, wenn wir euch nicht zu Hilfe gekom⸗ men waͤren, he?“ „Gebet dem die Ehre,“ fiel ein Dritter ein,„dem ſie allein gebuͤhrt, ich meine dem Herrn, den unſere Noth geruͤhret, und der uns einen Mann geſandt hat, deſſen Worte koͤſtlich, und deſſen Thaten dem Himmel wohlgefaͤllig ſind.“ „Aber ſagt,“ fragte der Zweite,„wo ſollen wir jetzt hinziehen? denn wahrlich, das Leben gefaͤllt mir, und wenn wir ſo fortfahren, wartet, ſo koͤnnen wir dem Kaiſer und Reich Geſetze vorſchreiben. Wir ha⸗ — 122— ben lange genug gehorcht, jetzt wollen wir auch ein⸗ mal befehlen.“ „Ich denke,“ ſagte der Erſte,„da wir jetzt den Grafen in unſerer Gewalt haben, ſo zwingen wir ihn, uns die Laſten abzunehmen, die wir bisher tragen mußten, und, weil nun ſein Schloß dort brennt, ſich ein Haus unter uns zu bauen, und uns ein milder Richter zu ſeyn. Denn ſeine Vaͤter haben doch ſo lange hier regiert, und unſere Väͤter ihnen gehorcht, ſo wol⸗ len wir auch den Sieg nicht zu weit treiben, denk' ich.“ „Seht einmal,“ ſagte der Zweite,„biſt du des Kriegs und des luſtigen Lebens ſchon muͤde? Ich nicht, ich wahrlich nicht eher, als bis ich mir ſelbſt ein Haus bauen kann, wie ein Edelmann. Nu, Kamerad, wie gefaͤllt dir das? dann kann ich mir die ſchoͤnſte Dirne nehmen, ja eine von den ſtolzen Fraͤulein ſelbſt.“ „Wo nur das arme Fraͤulein hingekommen iſt?“ ſagte der Erſte.„Ach, wenn ſie ſich im Schloß verſteckt haͤtte, und ſie jetzt in den Flammen umkommen muͤßte! Sie war doch immer den Armen ſo gnaͤdig und freund⸗ lich—“ „Klage nicht um ein Menſchenleben!“ unterbrach ihn der Dritte,“ denn in den Tagen des Gerichts, wie der gottſelige Winzer ſagt, trifft der Zorn des Herrn Alle, die mit den Schuldigen verwandt ſind, und ſein Grimm reicht bis in das vierte und fuͤnfte Glied.“ „Und noch dazu um ein Weiberleben!“ fiel der Zweite ein, Freund, es giebt nur zu viel Weiber in der Welt. Aber hoͤrt, ich glaube, wir ziehen jetzt zu . — 123— unſern Bruͤdern, die ſich gegen die große und reiche Stadt Worms aufgemacht haben. Ha, da wirds Beute geben! Ich weiß noch recht gut, wie der Sickingen,— Gott hab' ihn ſelig— das war auch ein Herr, der ſich der Unterdruͤckten annahm. Ich wollte wetten, wenn der noch lebte, er ſtellte ſich gleich an unſere Spitze, jagte den ſpaniſchen Kaiſer zum Teufel, und ſetzte ſich ſelbſt auf den Thron.“ „Er verdiente ihn auch,“ ſagte der Dritte,„denn er war ein Freund des Evangeliums.“ „Ja,« fuhr der Zweite fort,„wie der Sickingen mit der Stadt einen Krieg fuͤhrte, ſo brachten ſeine Knechte die Beute hier durch, die er den Wormſer Kaufleuten abgenommen hatte. Das war euch ein Reichthum! Wenn wir den haben, dann koͤnnen wir der ganzen Welt trotzen; dann fort mit den Edelleu⸗ ten und Vornehmen!“ „Beſonders,“ fiel der Dritte ein,„beſonders muͤs⸗ ſen wir die Pfaffen nicht dulden, die uns das Licht verſchloſſen haben, ſondern Prediger einſetzen, die uns das heilige Evangelium verkuͤnden.“ „Ei,“ ſagte der Zweite,„den Pfaffen ſaufen wir ihren Wein aus, und braten ihre dicken Schmeerbaͤuche. Heiſa!“ fuhr er fort,„ich lobe mir die jetzigen Zei⸗ ten. Keine Arbeit, keine Frohnden! Man braucht nichts zu thun, als todtzuſchlagen, zu pluͤndern und luſtig zu ſeyn, und, was das Schoͤnſte iſt, Alles ohne Suͤnde, und auf Gottes Befehl.“ In dieſer Weiſe ſetzten ſie ihr Geſpraͤch noch wei⸗ 124— ter fort, bis ſie ſich endlich zur Ruhe begaben und Alles im Thale ſchwieg, außer daß zuweilen der Ein⸗ ſturz von einem Theile des Schloſſes die dumpfe Stille ſchrecklich unterbrach. Eilftes Kapitel. Der Graf von Falkenſtein war auf Hofers Befehl in ſicheres Gewahrſam gebracht worden. Er ſaß in einer Huͤtte des Dorfes Falkenſtein, nachdem er ſich aus ſeiner Betaͤubung erholt hatte, mit dem vollen Bewußtſeyn ſeiner ſchrecklichen Lage. Es war nicht wahrſcheinlich, daß die Bauern, von rachſuͤchtigen Fuͤh⸗ rern geleitet, uͤber erlittenes oder eingebildetes Unrecht in die hochſte Wuth geſetzt, ſeine Geburt oder ſein Un⸗ gluͤck achten wuͤrden. Sein Leben gab er alſo verloren; aber weit ſchrecklicher als ſein eigenes Loos gualte ihn der Gedanke, was ans ſeiner Tochter geworden ſey. Er hatte ſie zum Letztenmal geſehen, wie ſie ſtraͤubend Ho⸗ fer'n folgte, und dann ohnmaͤchtig niederſank, und konnte nicht anders glauben, als daß ſie in ihrem be⸗ wußtloſen Zuſtande den rohen Siegern in die Haͤnde gefallen ſey. Sein ganzer Unwillen wandte ſich auf 5 Hofer, den er fuͤr die Veranlaſſung ſeines Ungluͤcks und fuͤr den Verderber ſeines Hauſes hielt. Er erin⸗ nerte ſich freilich, daß Hofer ſein von Zaͤnker bedrohtes Leben gerettet, aber er hatte ihn zugleich bei dieſer G⸗ — — 125— legenheit ſagen hoͤren, daß er die erlittene ſchwere Be⸗ leidigung nicht ungeahndet laſſen wolle.„Er hat mich nur geſchont,“ dachte er,„um mich zu einer deſto haͤr⸗ tern Beſtrafung aufzubewahren. So habe ich die Schlange an meinem Buſen genaͤhrt, die mich jetzt mit ihrem Gifte beſpritzt! der Gleißner! Sanft, wie ein Lamm, ſchien er, ſo lange er mir diente, und jetzt brennt er von boshafter Rachſucht gegen ſeinen alten Herrn! Aber ich will dem Niedertraͤchtigen einen Muth entge⸗ genſetzen, der den ſchaͤndlichen Triumph, den er uͤber mich zu halten gedenkt, vereiteln ſoll.“ Er verſank in ein dumpfes Hinbruͤten, bis er beim Eintritte Hofers auffuhr. „Kommſt du, Elender,“ rief er ihm entgegen,„dich an meinem Ungluͤck zu weiden? Entfuͤhrer, wo iſt meine Tochter?“ „Edler Graf,“ ſagte Hofer mit einer Miene und einem Tone, worin nicht, wie Falkenſtein erwartet hatte, ein hoͤhniſcher Triumph, ſondern ein trauriges Mitgefuͤhl ſichtbar war,„ihr verkennt mich und meine Abſicht.“ „Was kann deine Abſicht ſeyn, niedertraͤchtiger Bube,“ unterbrach ihn der Graf,„als Rache an mir? Du haſt mir Alles geraubt, meine Tochter, meine Frei⸗ heit, ſo ſaͤume nicht laͤnger, mir auch das Leben zu nehmen.“ „Ich verzeihe euch euren Schmerz,“ erwiederte Hofer,„aber ich bitte euch, mich ruhig anzuhoͤren. Ihr ſeyd frei, und koͤnnt in dieſem Augenblick fort. — 126— Draußen ſteht ein Pferd bereit, und Nacht wird eure Flucht beguͤnſtigen.“ „Spotteſt du noch meines unglůcks?« rief Falken⸗ ſtein aus. MNein, edler Herr,“ erwiederte Hofer,„es iſt mein voller Ernſt; dies iſt keine Zeit zum Scherzen. Waͤre eure verblendete Wuth nicht geweſen, ſo haͤtte ich euch und eure Tochter gerettet, ehe das Schloß erobert war. Hedwig wollte nicht fliehen ohne euch, und als ich euch mit Gewalt zwingen wollte, mir zu folgen, vereitelte eure Hartnaͤckigkeit dieſen Plan. Jetzt ſteht euer Schloß in Flammen—“ „Und Hedwig?“ fragte der Graf. „Iſt verſchwunden,“ erwiederte Hofer.„Ich habe alle Gemaͤcher, alle Plaͤtze des Schloſſes durchſucht, ich habe uͤberall nachgeforſcht⸗ aber man hat ſie nirgend geſehen.“ Die tiefe Ruͤhrung, mit der Hofer dieſe Worte ſprach, machte auf den Grafen einen beſaͤnftigenden Eindruck. Er ſah Hofer jetzt genauer an, und ent⸗ deckte auf ſeinem Geſichte einen Kummer, der zu acht und deutlich war, um erheuchelt zu ſcheinen. Das Mitgefuͤhl fuͤr einen und denſelben Gegenſtand verei⸗ nigt oft die bittetſen Feinde auf einige Augenblicke, ehe der Haß ſie wieder auseinander reißt. War jedoch Hofers Anerbieten der Freiheit wahr, ſo hatte der Graf keinen Grund mehr ihn laͤnger zu haſſen, oder das Mißtrauen zu naͤhren, das ihm ein ungerechtes Vorurtheil eingefloͤßt; er mußte ihn vielmehr als ſei⸗ ——————————— ———— nen Freund betrachten, der an ſeiner und Hedwigs Ret⸗ tung und vielleicht an der Erhaltung des Schloſſes nur durch ſeine(des Grafen) Hartnaͤckigkeit verhindert worden ſey. Dieſe Gedanken durchkreuzten Falken⸗ ſteins Seele, und Hofer, der die dadurch hervorge⸗ brachte Veraͤnderung bemerkte, fuhr fort:„Jedoch er⸗ muthigt euch, edler Graf; ſie kann gerettet ſeyn, und uͤberlaßt es mir, ſie aufzuſuchen, und in eure vaͤterli⸗ chen Arme zuruͤckzufuͤhren. Sucht jetzt zuerſt euer Le⸗ ben zu erhalten, und benutzt die Gelegenheit zur Flucht, welche die Nacht und die Siegstrunkenheit der Bauern darbietet.“ Geruͤhrt von Hofers Benehmen rang der Stolz des Grafen mit ſeiner Dankbarkeit. „Ich werde mein Leben retten,“ ſagte er,„aber nicht, ehe ich weiß, wie ich dir deine Großmuth ver⸗ gelten kann. Begleite mich, Hofer, nimm wieder deine Stelle in meinen Dienſten ein; denn, wenn auch mein Schloß und Alles verloren iſt, ſo kann doch dieſer Auf⸗ ſtand nicht mehr lange dauern. Verlaß die Sache die⸗ ſer ungluͤcklichen Leute, damit du nicht in ihre Be⸗ ſtrafung verwickelt wirſt.“ „Nein, edler Graf,“ ſagte Hofer,„ein Eid bindet mich. Wollt ihr euch dankbar erzeigen, ſo gewaͤhrt die Bitte eurer Unterthanen um Erleichterung der allzu⸗ druckenden Laſten. Ich verlange nicht, was der ſchwaͤr⸗ meriſche Winzer euch geſtern vorgelegt hat, noch was die blutduͤrſtigen Horden, die ebenfalls einen Theil un⸗ ſeres Heeres ausmachen, erzwingen wollen; aber ihr kennt den Druck, der auf euren Leibeigenen liegt, wohl ſelbſt nicht. Ich habe hier,“ fuhr er fort, ihm ein Pa⸗ pier uͤbergebend,„ich habe hier ihre Beſchwerden auf⸗ geſetzt. Man ſagt, daß jetzt ein Heer gegen die Em⸗ porer zuſammengezogen werde; begebt euch zu den Rit⸗ tern, und legt ihnen dieſe vor. Vielleicht wird dieſer blutige Krieg durch einen Vergleich beendigt. Auf jeden Fall bin ich auf dieſer Seite nuͤtzlicher, wo mein Anſehen manche blutige That verhindern kann, als wenn ich die Wenigen, die ich bisher in Mäßigung erhalten habe, den wuͤthenden Anreizungen der Uebri⸗ gen Preis gaͤbe.“ 8 „Du wirſt dir aber durch meine Freilaſſung Unan⸗ nehmlichkeiten, vielleicht ſelbſt Gefahr zuziehen!“ ſagte der Graf. „Ich werde das verantworten,“ erwiederte Hofer. „Jetzt eilt, edler Graf; nehmt dieſes Schreiben; es wird euch, wenn ihr auf einen Haufen Ir Aufruhrer ſtoßen ſolltet, ſichern Durchzug verſchaffen Hier iſt euer Schwert, und ein Roß harrt eurer, das euch noch dieſe Nacht aller Verfolgung entzieht. Wenn ihr zur Beilegung dieſes unſeligen Krieges etwas beitraget, ſo iſt meine Anſtrengung hinlaͤnglich belohnt.“ Er fuͤhrte den Grafen zur Huͤtte hinaus, wo die⸗ ſer ſein eignes Pferd aufgezaͤumt ſtehen fand. Hofer beſtieg ebenfalls ein Roß, um den Grafen zu geleiten, bis er in Sicherheit ſey. Als Falkenſtein ſeine Augen zuruͤckwandte, und die Burg ſeiner Vaͤter in Flammen erblickte, waͤhrend das Jauchzen der Sieger durch die — 129— Nacht in ſein Ohr ſchallte, entpreßte ihm der Schmerz und Zorn die bitterſten Ausdruͤcke gegen die Aufruͤhrer, obgleich ſein neben ihm reitender Beſchuͤtzer ein Haupt⸗ mann derſelben war.„Ja,“ ſagte Hofer,„ein großer Theil verdient euren Tadel, und wird ſchwer fuͤr ſeine Ausſchweifungen buͤßen.“ „Die Veſte meiner Vaͤter in Flammen!« klagte der Graf,„meine Reiſigen erſchlagen, meine Tochter vielleicht einem Schickſal Preis gegeben, das ich nicht zu denken wage, ich ſelbſt irrend und verlaſſen—« „Eure Hedwig lebt, edler Graf,“ unterbrach ihn Hofer, um dem ungluͤcklichen Vater dieſelbe Hoffnung mitzutheilen, die er naͤhrte,„und ihr ſollt ſie bald wieder in eure Arme ſchließen. Die Veſte könnt ihr wieder aufbauen, füͤrker und ſicherer, wenn ihr die Liebe eurer Unterthanen dabei zu Grunde legt. Hier muͤſſen wir uns trennen. Vergeßt nicht meine Bitte und lebt wohl!“ 8 Der Graf reichte Hofern ſeine Hand.„Ich werde dieſe Nacht nie vergeſſen,“ ſagte er,„und dir deinen 6 Edelmuth vergelten.“ Mit dieſen Worten gab er ſei⸗ nem Pferde die Sporen, und ritt davon, ſeinen groß⸗ muͤthigen Befreier bewundernd, der das Zartgefuͤhl hatte, nicht ein einziges Mal der Liebe zu ſeiner Tochter zu erwaͤhnen, oder ihre Hand zur Bedingung ſeiner Los⸗ laſſung zu machen.„Waͤre er edler Geburt,“ dachte er, vich könnte ihm ſeinen Dienſt nicht beſſer belohnen, als durch die Hand meiner Hedwig, wenn ich ſie jemals wieder an mein kummervolles Herz druͤcken werde. Aber cœ ₰ — 130— nein, ſie iſt die Letzte aus dem Geſchlechte der Falken⸗ ſieiner, und er eines Bauern Sohn; ich werde andere Mittel finden, mich von der großen Schuld zu befreien, die mir dieſer Hofer heute aufgebuͤrdet hat.“ Sein gutes Roß entzog ihn bald dem ſchmerzlichen Anblick ſeiner brennenden Veſte und dem Geſchrei der Bau⸗ ern, das ihm widerlich in die Seele hallte. Hofer ſah ihm nach, bis ſeine Geſtalt ſich in den Schatten der Nacht verlor und der Hufſchlag ſeines Pferdes verklungen war. Dann kehrte er in das Lager zuruck, um auf Mittel zu ſinnen, wodurch er die Be⸗ freiung des Grafen entſchuldigen könne, und um An⸗ ſtalten zu treffen, der entflohenen Hedwig nachzuſpuͤ⸗ ren, und ſich wegen ihres, ſo wie ſie wegen des Schick⸗ ſals ihres Vaters zu beruhigen. So ſehr er einſah, wie ſchwierig der erſte Punkt ſeyn werde, da er einen verſchlagenen Mann, der ſich ſchon im Voraus auf die Qualen freute, womit er den Gefangenen zu martern gedachte, und einen Fanatiker, der dieſe Befreiung für eine gottloſe Handlung hielt, weil ſie ſeinem Gotte ein geweihtes Ofer entzog, bekaͤmpfen mußte, ſo er⸗ wartete er doch ruhig die Ankunft des Morgens, an dem das Gericht des Grafen gehalten werden ſollte. neber Hedwig befragte er ſeine Leute, die mit ihm in den Schloßhof eingedrungen waren. Keiner wußte ihm jedoch Auskunft zu geben. Sie hatten ſie zwar niederſinken ſehen, aber, durch den Kampf mit den Be⸗ waffneten des Grafen beſchaͤftigt, ihre Aufmerkſamkeit von der ungluͤcklichen Jungfrau abgewendet. Der Be⸗ — 131— richt uͤber Hans lautete verſchieden: einige wollten ihn geſehen haben, wie er einen feindlichen Reiter, auf den er beſonders aufgebracht zu ſeyn ſchien, angriff und erſchlug; andere ſagten, er habe ein Maͤdchen bei der Hand gehalten, die wahrſcheinlich eine Dienerin Hed⸗ wigs geweſen ſey; jedoch wo er hingekommen, wußte Niemand. Eben ſo wenig konnte ſich Hofer uͤber das Schickſal des Paſtors Gewißheit verſchaffen, und blieb alſo bei der troͤſtenden Hoffnung, daß Hedwig in Sicher⸗ heit waͤre. Denn da er jedes Gemach des Schloſſes durchſucht hatte, ſo riß er ſich ganz von dem ſchreckli⸗ chen Gedanken los, daß ſeine Geliebte in einem der Gebaͤude Zuflucht geſucht, und in den Flammen ih⸗ ren Tod gefunden habe. Er ſchickte mehrere ſeiner Leute, die alle ſeine Befehle aufs puͤnktlichſte erfuͤllten, mit dem Auftrage aus, die Gegend zu durchſuchen, und wenn ſie den Gegenſtand ihrer Nachforſchungen entdeckt, ihm davon Nachricht zu geben. Er entflammte ihren Eifer durch große Verſprechungen und durch die Ausſicht auf Belohnungen von dem Grafen, der ihnen, wenn ſie beſiegt werden ſollten, wegen ſeiner und ſei⸗ ner Tochter Rettung ihre gemaͤßigten Forderungen hewilligen werde, waͤhrend die Andern ihre Ungebun⸗ denheit und Rachſucht mit ſchweren Strafen buͤßen muͤßten. Nach dieſen Anſtalten ſah er beruhigt dem Morgen entgegen. — 132— Zwoͤlftes Kapitel. Eine traurige Ruine beleuchteten die jungen Strahlen der aufgehenden Sonne an dem Platze, wo ſie am vorhergehenden Tage eine feſte Burg beſchienen. Die Thuͤrme, die der Gewalt des Feuers widerſtanden, ragten zwar noch empor, aber zeigten, gleich dem Tod⸗ tenkopfe, dem ſchrecklichen Ueberreſte von dem ſchoͤnge⸗ vildeten Geſichte eines Menſchen, nur noch die Spuren des alten Glanzes. Mit inniger Zufriedenheit ſahen die Aufruͤhrer dieſe Truͤmmer, als einen Beweis ihres Sieges und eine Buͤrgſchaft des ferneren Gluͤcks. Winzer betrachtete ſie als ein ewiges Denkmal von dem Arme des Herrn, dem hohe Mauern ein Graͤuel ſind, und die er nun zerſtören werde, wie den Thurm zu Babel. Seinem grauſamen Mithauptmann rief die traurige Ruine die Scenen des geſtrigen Tages in das Gedaͤchtniß zuruͤck, und erinnerte ſein boshaftes Ge⸗ muͤth an das ſchreckliche Vergnuͤgen, das er ſich von den Martern des Grafen verſprach, uͤber welchen nun ein Gericht gehalten werden ſollte. Zu dieſer Abſicht hatten ſich die Emporer auf der Wieſe verſammelt, und ſahen mit blutduͤrſtiger Freude der Ankunft des Gefangenen entgegen. Die Stimme, die ſie bei ſeiner Verurtheilung haben, der Triumph, den ſie bei ſeiner Beſtrafung genießen ſollten, war fuͤr eine Menge, die o lange in Knechtſchaft geſchmachtet, etwas hoͤchſt Schmeichelhaftes. In dieſer ſo wenig guͤnſtigen Stim⸗ —.——————— — 133— mung fand Hofer die Schaaren der Aufruͤhrer, als er ohne den Grafen herbeikam.„Wo habt ihr den Ge⸗ fangenen?“ rief ihm Zaͤnker ungeduldig entgegen. „Laßt ihn ſchnell herbei bringen, damit wir nach ſeiner Beſtrafung nicht laͤnger unſern Aufbruch von hier ver⸗ zögern.“ „Er iſt entflohen!“ ſagte Hofer ruhig. „Entflohen!“ tonte es durch alle Haufen, und ein Gemurmel verkuͤndigte den Unwillen uͤber dieſe Nach⸗ richt. „Entflohen?“ wiederholte Zaͤnker, um ſo mehr in Wuth geſetzt, jemehr er ſich auf dieſen Auftritt gefreut. „Freigelaſſen habt ihr ihn, ihn um eures eigenen Vor⸗ theils willen freigelaſſen! Sollen wir es ungeſtraft dulden, daß dieſer uns eines ſo köſtlichen Wildes be⸗ raubt?“ fuhr er zur Menge gewandt fort. „Nein, nein!“ war die Antwort von vielen Stim⸗ men.„Er iſt ein Verraͤther!“ riefen Andere.„Hoͤrt den wackern Hofer!“ ſchallte der Ruf von den Meiſten, und die erfolgende Stille gab unſerm Helden Gelegen⸗ heit, ſich zu entſchuldigen.„Koͤnnt ihr glauben,“ be⸗ gann er,„daß ich den Grafen freigelaſſen habe, den ich mit Gefahr meines Lebens gefangen nahm, der mich ſo bitter beleidigt hat, und den ich heute eurem urtheil uͤberlaſſen wollte, damit er fuͤr das Unrecht, das er euch Allen gethan, auch durch euch Alle beſtraft werde? Was haͤtte mich zu einem Schritte bewegen ſollen, wodurch ich mir euren Unwillen zuziehen mußte.“ „Was euch dazu bewogen hat?“ fragte Zänker. — 134— „Eigennutz, Verſprechungen, die er euch gemacht;— wie haͤtte er ſonſt entkommen koͤnnen?“ „Wie er entkommen iſt, weiß ich nicht,“ fuhr Hofer fort;„aber ihr werdet doch einſehen, daß ich nicht gewagt haben wuͤrde, laͤnger hier zu bleiben, wenn ich ihm den Weg zur Flucht geoͤffnet haͤtte. Ich habe ihm nachſetzen laſſen, vielleicht wird er eingeholt und zu⸗ ruͤckgebracht. Denn er entgeht doch nicht der Rache des Herrn!“ Dies Letztere ſprach er zu Winzer ge⸗ wandt, der ſeine Meinung uͤber dieſe Sache noch nicht geaͤußert hatte. „Nein,“ ſagte Winzer,„nein, er entgeht ihr nicht. Sie wird ihn finden, wie den Sohn Davids, den abtruͤn⸗ nigen Abſalon. Er floh auf ſeinem ſchnellen Maul⸗ thier, aber der Herr verwickelte ſein Haar in den Ae⸗ ſten einer Eiche, und lieferte ihn der Rache aus. Naͤh⸗ me er auch die Fluͤgel der Morgenroͤthe, er konnte doch nicht entrinnen, und flöhe er zum aͤußerſten Meere, ſo wird ihn doch die Hand des Herrn erreichen.“ „Es waͤre aber beſſer geweſen,“ ſagte Zaͤnker aͤrger⸗ lich,„den Vogel in der Hand zu behalten, ſtatt ihn fliegen zu laſſen, und zu warten, bis er uns wieder in den Schuß kommt. Ich beſtehe darauf, er iſt frei⸗ gelaſſen worden.“ „Ich habe ihn bewachen laſſen, ſo gut ich konnte,“ erwiederte Hofer, ermuthigt, da er ſich der Beiſtim⸗ mung Winzers verſichert hatte;„wollt ihr mir die Schuld zuſchreiben, ſo muͤßt ihr es beweiſen.“ Dies konnte Zaͤnker nicht; das Volk, ſo aͤrgerlich — 135— es auch uͤber die Entwiſchung des Gefangenen war, hatte bei dem Sturme auf die Veſie Hofern zu thaͤtig geſehen, als daß es glauben konnte, er habe den Ge⸗ fangenen entrinnen laſſen. Alle ſprachen ihn daher frei, zufrieden, daß ſie wenigſtens hier ihr urtheil gel⸗ tend machen konnten, und vertroſteten ſich auf die Hoff⸗ nung, wenn ſie noch einmal eine ſolche Beute bekämen, ſie beſſer zu bewahren. „Dieſer Gottloſe iſt entronnen,“ rief Winzer aus, „aber es ſind noch Viele, die uns uͤbrig bleiben zur Beſtrafung. Herr! vertilge ſie ohne alle Gnade, ver⸗ tilge ſie, daß ſie Nichts ſind, und inne werden, daß Gott Herrſcher ſey in Jacob, in aller Welt, Sela! In dieſen Wunſch ſtimmte die Menge mit ein, und nun berieth man ſich uͤber die Fortſetzung des Zugs. Der Aufſtand der Bauern war ſo bedeutend geworden, daß man endlich ernſtliche Ruͤſtungen gegen ſie machte. In Thuͤringen zogen die Fuͤrſten und Herren ein Heer zuſammeu, um dem Unweſen, das Thomas Muͤnzer daſelbſt anrichtete, ein blutiges Ende zu machen; in Franken ſammelte ſich die Ritterſchaft zur Erhaltung ihres Anſehens, und auch in der Pfalz und im Mainziſchen rief man die Edeln zuſammen. Dies war zum Theil Urſache geweſen, warum der von Falkenſtein erwartete Entſatz ausgeblieben; denn ſeine Freunde, auf deren Beiſtand er gerechnet, hatten ſich zu dem Heere des Pfalzgrafen begeben. Außerdem war der an ſie abgeſchickte Reiter, als er ſie dort aufſuchte, um ihnen die Noth ſeines Herr zu — 136— hinterbringen, unterwegs aufgefangen und getodtet worden. Uum ſich in eine Gegenverfaſſung zu ſetzen, boten die Aufruͤhrer alle zerſtreute Haufen auf, um gemeinſchaftlich ihre Gegner mit einem Schlage zu vernichten. Auch die Belagerer von Falkenſtein waren aufgefordert worden, ſich mit dem Hauptheere zu ver⸗ einigen, welches im Anzuge auf Worms war. Die größeren Staͤdte hatten zwar keinen Antheil an dem Aufſtande genommen, weil ihnen die urſache fehlte, die den Landmann zur Ergreifung der Waffen gend⸗ thigt hatte, aber der Poͤbel, der jede Gelegenheit zur Pluͤnderung begierig erhaſcht, war nur um eine Stuͤtze verlegen, um ſeinen reichen Mitbuͤrgern eben ſo mit⸗ zuſpielen, wie die Bauern den Edeln. In Worms hatten einige unruhige Köpfe mit den Aufruͤhrern un⸗ terhandlungen angeknuͤpft, und ihnen verſprochen, die Thore der Stadt zu oͤffnen. Dies war ein lockendes Anerbieten, theils wegen der zu hoffenden Beute, theils wegen der Sicherheit, die hinter den Mauern einer wohlbefeſtigten Stadt zu erwarten ſtand. Zu dieſer Unternehmung war ein bedeutender Haufen auf dem Wege, der ſich beſtaͤndig vermehrte, und mit dem auch nun Winzer vorſchlug, ſich zu vereinigen. Es war ge⸗ wiß, daß es hier zu einem entſcheidenden Kampfe kom⸗ men, und daß es ſich bald zeigen werde,⸗ ob eine neue Geſtaltung der Dinge durch den Sieg der Bauern erfolgen oder der uͤber ſeine ufer getretene Strom wieder in ſein altes Bett zuruckfließen ſollte, ohne — —— — 137— andre Folgen, als die traurigen Spuren ſeiner Zer⸗ ſioͤrungswuth. Winzers Vorſchlag fand weder bei Zänker noch bei Hofer Widerſpruch, und ward von der Menge mit einem um ſo groͤßern Beifall aufgenommen, je mehr man ſich von der Unternehmung gegen die reiche Stadt Beute verſprach. Denn die Wenigſten dachten daran, beſiegt werden zu koͤnnen; ſo ſehr waren ſie von dem erſten gluͤcklichen Erfolge berauſcht. Das ganze Heer ſetzte ſich nun in Bewegung in einer andern Geſtalt, als es vor Falkenſtein erſchienen war. Die Ruͤſtkam⸗ mer des Grafen hatte viele mit ordentlichen Waffen verſehen, und die Pferde der erſchlagenen Reiter einige dreißig beritten gemacht, ſo daß ſie im Ganzen unge⸗ faͤhr funfzig bis ſechszig Reiſige zaͤhlten. Sie bezeich⸗ neten ihren Weg mit der Verwuͤſtung der Felder und dem Brand der einzeln ſtehenden Haͤuſer. Hofer ver⸗ ſuchte Alles, ſolchen Ausſchweifungen Einhalt zu thun; aber es gelang ihm nur ſelten, und er konnte nichts thun, als ſeine Leute von aͤhnlichen Verheerungen zuruͤck zu halten. Wenn er den Zerſidrungsſuͤchtigen vorſtellte, daß ſie ihre eigenen Felder verheerten, erhielt er zur Antwort;„es waͤre doch Alles in die Haͤnde der großen Herren, oder in die Baͤuche der Pfaffen gekommen, jetzt wuͤrden ſie ſich dies von denſelben wieder holen, und den Acker moͤge bauen, wer wolle.“ Die Doͤrfer, wo die Bauern ſchon ausgezogen waren, und wo ſie mit Jubel von den zuruͤckgebliebenen Weibern und Kindern empfangen wurden, ſchonten ſie; in andern noͤthigten — 138— ſie die Bewohner, die den Frieden dem Kriege vorge⸗ zogen, ſich an ſie anzuſchließen. So gelangten ſie aus den Thaͤlern des Donnersberges in die offne Gegend, die ſich von dieſem Gebirgszuge nach dem Rhein hin⸗ ab erſtreckt. Sie zogen uͤber die in der deutſchen Ge⸗ ſchichte merkwuͤrdige Ebene von Göllheim, auf der Kaiſer Adolph Krone und Leben gegen Albrecht verloren hatte. Ein einfaches Kreuz bezeichnete die Stelle, wo er durch eine unbekannte Hand gefallen war*). Nicht weit von dieſem Platze brachten die Aufruͤhrer die Nacht zu, um am folgenden Tage mit aller Vorſicht vorwaͤrts zu ruͤcken, da ihnen die Kunde zugekommen war, daß die vereinigten Ritter unter der Anfuͤhrung Otto's von Windeck, eines erfahrenen Kriegers, in der Naͤhe von Worms laͤgen, um die Stadt zu decken. Sie folgten bei ihren Vorſichtsmaßregeln den Anweiſungen Hofers, und da ſie die Stellung ihrer Verbuͤndeten bei Pfed⸗ dersheim Prfahren hatten, ſo richteten ſie am folgen⸗ den Tage ihren Zug nach dieſem Dorfe, das kaum eine Meile von Worms entfernt iſt. Bald erblickten ſie die Reichsſtadt mit ihrem vierthuͤrmigen Dom und den vielen andern Kirchthuͤrmen, die noch heutzutage den rheiniſchen Staͤdten, ſo ſehr ſie auch von ihrer Größe herabgeſunken ſind, ein majeſtaͤtiſches Anſehen verſchaffen. Sie uͤberſahen die weite Ebene, durch die *) Dieſes Denkmal iſt noch heutzutage vorhanden. Da es jedoch einmal umgeſtürzt worden zu ſeyn ſcheint, ſo hat man das Kreuz nebſi dem Steine mit der Inſchrift, der ehemals das Piedeſtal gebildet hat, in eine Mauer eingemauert. — —,— — — — 139— hier der Rhein ſeinen breiten Strom waͤlzt, und auf derſelben das Lager ihrer Verbuͤndeten und ihrer Geg⸗ ner. Da man uͤber dieſe Ebene eine weite Ausſicht hat, ſo wurde ihre Annaͤherung von beiden Lagern be⸗ merkt; es ſchien, als wollten die Ritter ſie abſchneiden; wenigſtens ſetzte ſich eine Schaar Reiſige in Bewe⸗ gung, aber durch die große Anzahl der Feinde und zu⸗ gleich durch mehrere aus dem Lager der Aufruͤhrer heranruͤckende Haufen abgeſchreckt, ſprengten ſie wieder davon, nachdem ſie das Heer aus den Thaͤlern des Donnersberges eine Zeitlang beobachtet hatten. Dies vereinigte ſich mit den Uebrigen, und langte gluͤcklich und mit Jubel empfangen in Pfeddersheim an. Die hier verſammelte Macht war dem feindlichen Heere an Zahl bei weitem uͤberlegen, aber nicht an Waffen, an Kriegsuͤbung und an Muth. Es fehlte ihr eine gewandte Reiterei, und vor allen Dingen das Ge⸗ ſchuͤtz. Sie hatten zwar einige Karthaunen und Feld⸗ ſchlangen oder, wie man ſie damals nannte, Donner⸗ buͤchſen, aber weder Geſchicklichkeit, um ſie zu gebran⸗ chen, noch Munition, um ſie zu laden. Die Feinde dagegen hatten, außer einer treffliche Reiterei, einen bedentenden Zug von dieſen furchtbaren Feuerſchluͤnden, und hielten nur ihre zerſtorende Wirkung zuruͤck, in der Hoffnung, die Bauern noch zu einem Vergleich zu bereden. Dieſe hatten ſich in einer Wagenburg verſchanzt. Sie hatten naͤmlich eine Menge Wagen ineinander gefahren, eine Verſchanzung, die um ſo feſter war, weil vor ihr zwiſchen ſteilen, dichtbewach⸗ „ — 140— ſenen ufern floß, und bei einem Angriff ſowohl die Reiterei ganz unnuͤtz, als auch das Geſchuͤtz unwirkſam machte. An der Spitze des Heeres, mit dem ſich die Zer⸗ ſtörer von Falkenſtein vereinigten, ſtand Heinrich Pfeif⸗ fer, ebenfalls, wie Winzer, ein„ausgelaufener Moͤnch,“ aber nicht, wie dieſer, von demſelben Fanatismus und von der Begeiſterung fuͤr die Ehre Gottes und ſeines heiligen Evangeliums erfuͤllt, ſondern, wie ihn ein Zeit⸗ genoſſe nennt,„ſeer gut zum Spiel, Frevel und muth⸗ willig.“ Zwar glaubte er auch Oßfenbarungen zu ha⸗ ben, und war durch einen Traum, wo es ihm daͤuchte, er ſaͤhe in einem Stall viele Maͤuſe, und treibe ſie aus, zur Ergreifung der Waffen bewogen worden, weil er die Maͤuſe auf die Edeln deutete, und ſich einbil⸗ dete, er ſey zu ihrer Verjagung beſtimmt; allein ſein Fanatismus wurzelte nicht ſo tief, wie in Winzer, und hatte nicht ſeine ganze Seele eingenommen. Winzer waͤre im Stande geweſen, ganz allein einem großen Heere entgegen zu gehen, wenn ihm eine truͤgende Er⸗ ſcheinung den Sieg verheißen, und ſich im feſten Ver⸗ trauen auf den Beiſtand des Herrn einem gewiſſen Tode zu uͤberliefern; eines ſolchen Unternehmens war Pfeif⸗ fer nicht faͤhig. Winzer ſuchte die Edeln zu ftuͤrzen, weil er glaubte, ihre Stunde ſey gekommen; Pfeiffer, weil er zugleich Luſt an Raub, Mord und Brand und an ſeiner Wichtigkeit, als Anfuͤhrer eines großen Haufens, hatte. Jenem war das Evangelium Zweck, dieſem ein Mittel fuͤr ſeine Abſichten. Wenn daher — ——————— — 1141— Winzer faͤhiger war, einen Haufen zu fanatiſiren, ſo war Pfeiffer tauglicher, ihn anzufuͤhren, und die von ienem angeregte Schwaͤrmerei zu naͤhren und zu be⸗ nutzen. Zu dieſem Manne begab ſich jetzt unſer Held mit Winzer und Zaͤnker. Sie fanden ihn in einem Hauſe von Pfeddersheim, wo er ſo eben durch die Nachricht von der Beſiegung und Gefangennehmung ſeines fruͤhern Gefaͤhrten Thomas niedergeſchlagen war. Er ſah darin einen Wink, daß es mit ihrer Herrſchaft bald zu Ende ſeyn werde, und mochte uͤberlegen, ob es nicht beſſer ſey, ſich dem Sturme zu entziehen, ehe er losbraͤche. Aber mit dem Gedanken, daß ein ſo großes Heer ihm zu Gebot ſtehe, und daß er noch im⸗ mer Verſtarkungen erwarte und erhalte, heiterte ſich ſeine Miene bei dem Eintreten der drei Hauptleute auf. Wir bringen dir ein Heer,“ redete ihn Winzer an,„mit dem der Herr ſichtbar geweſen iſt, um dort jene Stolzen nieder zu werfen, wie wir es gethan haben mit ihren Mauern und Thuͤrmen. Warum verſchan⸗ zet ihr euch hier, und ziehet ihnen nicht entgegen ins Blachfeld, um ſie zu vertilgen?“ „Wir erwarten noch mehrere Haufen,“ ee Pfeiffer.„Es iſt gut, daß ihr gekommen ſeyd, euch hat Gott zu rechter Zeit geſendet. „Was ſollen wir langer warten,“ fuhr Vinze fort,„und uns höhnen laſſen, wie Goliath die Kinder Iſraels höhnte? Wahrlich, ich ſage euch, wie der Rieſe Goliath von der Schleuder eines Knaben fiel, ſo werden jene durch unſere Schwerter fallen. Hat nicht Jona⸗ — than allein mit ſeinem Waffentraͤger die Philiſter ge⸗ ſchlagen einen ganzen Tag lang, und ſie getoͤdtet mit der Schaͤrfe des Schwertes? Dieſer Platz iſt heilig und dem Herrn beliebt, hier wird er ſein Volk nicht verlaſſen. Hier hat er ſchon den Stab gruͤnen laſſen, den der Verkuͤndiger des Evangeliums in die Erde ſtieß; um dieſen heiligen Baum wollen wir ſtreiten vom Morgen bis in den Abend, und der Herr wird ein neues Wunder an ſeinem Volke thun.“ „Auch ſind wir den Feinden ſo uͤberlegen,“ ſagte Zaͤnker,„daß ſie nicht einmal den Muth haben werden, uns aufzuhalten, wenn wir nach der Stadt hinziehen, um hinter ihren Mauern eine reiche Beute und einen Platz der Sicherheit zu finden.“ „Es fehlt uns an Geſchuͤtz,“ entgegnete Hofer, „und ich fuͤrchte—“ Fuͤrchte nichts!“ unterbrach ihn Winzer.„Hat nicht der Herr einen Donner, der faͤrker bruͤllt, als ihre Buͤchſen, und einen Blitz, welcher ſchaͤrfer ſchlaͤgt, als ihre Kugeln?,“ „Ja, ja, ihr habt Recht,“ ſagte Pfeiffer ermuthigt, „wir haben die Maͤuſe aus ihren Löchern aufheagt. Aber was iſt ein Heer Maͤuſe gegen eine einzige Katze, die uͤber ſie herfaͤllt?“ Dieſes Gleichniß wurde von Zaͤnker mit einem widerlichen Laͤcheln beehrt, worin ſich ſeine Begierde nach blutigem Morde ausſprach. Hofer wollte ſprechen, aber Pfeiffer fuhr fort:„Ich muß euch aber eine Nachricht mittheilen, die mein Herz betruͤbet, die jedoch das Volk nicht hoͤren darf: . — 143— Thomas Muͤnzer iſt geſchlagen und gefangen, dieſer gottſelige Mann iſt in die Haͤnde der Philiſter gefallen.“ „Den nennſt du einen Gottſeligen,“ rief Winzer unwillig aus,„ihn, der mehr Irrthuͤmer begangen, als der Antichriſt ſelbſt? ihn, der den Sroͤſter nicht anerkennt, den uns der Herr geſandt hat in unſerer Noth? Hier iſt der Finger des Herrn ſichtbar, der die Boſen durch die Boͤſen verdirbt. Darum, daß er der Stimme des Herrn nicht gehorchet, und das Evangelium nicht klar und lauter gepredigt hat, darum hat ihm der Herr Solches gethan.“ „Nein,“ ſagte Hofer,„dieſe Nachricht ſey uns eine Warnung, auf unſere Anzahl nicht zu vertrauen, ſondern uns durch Unterhandlungen—“ „MNichts von Unterhandlungen!“ unterbrach ihn Winzer. „Sondern uns durch unterhandlungen einen Frie⸗ den zu verſchaffen,“ fuhr Hofer fort.„Ich hore, daß Windeck Vollmacht hat, dieſen Krieg zu beendigen, wie er kann; daher halte ich es fuͤr das Beſte, ehe wir un⸗ ſere Sache auf den ungewiſſen Ausgang einer Schlacht ankommen laſſen, den ſichern Weg des Friedens zu verſuchen.“ „Michts von Frieden!“ rief Winzer aus. Wir wollen jetzt zu dem Herrn rufen, und dann hinaus⸗ ruͤcken, und die Philiſter vertilgen bis auf den letzten Mann!“ Mit dieſen Worten begab ſich Winzer hinaus, und bald ertoͤnte durch den groͤßten Theil des Heeres der — 144— Pſalm:„Deine Hand wird finden alle deine Feinde, Herr! deine Rechte wird finden, die dich haſſen.“ —— Dreizehntes Kapitel. Das Heer der Aufruͤhrer war ſeit der Ankunft der Zerſioͤrer Falkenſteins von einem neuen Geiſte beſeelt worden. Dieſe erzaͤhlten von dem gottbegeiſterten Winzer, der eine heilige Fahne trage, vor welcher die Feinde ſchon fliehen wuͤrden, wenn ſie dieſelbe nur er⸗ blickten. Sie vergroͤßerten die Tapferkeit und Kriegs⸗ erfahrung Hofers, und ſprachen von Zaͤnkers Blutgier wie von einem großen Muth. Durch ihre Schilderung von dem Sturme auf Falkenſtein und die Uebertrei⸗ bung ihrer Thaten hauchten ſie den Andern ein Ver⸗ trauen ein, das ihnen bei dem Anblick der feindlichen Kriegsmacht bedeutend geſunken war. Als daher Win⸗ zer unter ſie trat, und ſie mit ſeiner bibliſchen Bered⸗ ſamkeit entflammte, ſtimmten ſie den erwaͤhnten Pſalm an, indem ſie zum Herrn um Hilfe und Vertilgung der Feinde ſchrieen. Sie wurden auch dieſer Hilfe ſo gewiß, daß ſie ihre Wagenburg zu verlaſſen und auf offner Ebene zu ſchlagen beſchloſſen. Hofer ſah die ſchlimmen Folgen eines ſo thorichten Schrittes voraus, und war in Verſuchung, Leute zu verlaſſen, die ſich blind ins Verderben ftuͤrzten; aber das Wohl derer, die er hieher gefuͤhrt, und die ſich nicht von den ne⸗ brigen trennen onnten, hielt ihn zuruͤck. Vergebens — 145— ſuchte er noch einmal Winzer'n zu Friedensvorſchlaͤgen zu bewegen; der Fanatiker blieb feſt bei ſeinem Ent⸗ ſchluß mit der Schaͤrfe des Schwertes zu entſcheiden. Nach langen gottesdienſtlichen Uebungen ruͤckte das Bau⸗ ernheer aus, und ſeellte ſich zwiſchen ſeiner Wagenburg und der Stadt Worms in dichten Maſſen auf. Hier, er⸗ zaͤhlt die Sage, ſteckte Luther bei ſeiner gefaͤhrlichen Reiſe nach dem Wormſer Reichstage, auf dem er vor Kaiſer und Reich wegen ſeiner Lehre Rechenſchaft ablegen ſollte, ſeinen Stab in die Erde, mit den Worten, daß Gott eben ſo gut ſeine Lehre wachſen und gedeihen laſſen koͤnne, als er Macht habe, dieſem duͤrren Holze Bluͤ⸗ then und Bläͤtter zu geben. Bei dem Baͤumchen, das aus dieſem Stocke erwachſen ſeyn ſollte, nahm das Heer der Aufruͤhrer ſeine Stellung, und erwartete, was die Feinde thun wuͤrden. Dieſe hatten nicht ſobald die Empoͤrer ihre ſichere Stellung verlaſſen ſehen, als ſie auch ſogleich, vom Sieg uͤberzeugt, ihre glaͤnzenden Reihen ordneten, und ſie eine Zeitlang den erſtaunten Blicken ihrer Gegner ausſetzten, ohne ſich zu bewegen. um den Schrecken zu vermehren, brannten ſie ihr Ge⸗ ſchuͤtz mehrere Male ab, ohne Kugeln geladen zu haben. Denn aus Mitleiden mit dem verfuͤhrten Volke wollten ſie bloß die Schuldigen beſtrafen, und die nebrigen, nach Niederlegung der Waffen, in ihre Doͤrfer unver⸗ ſehrt zuruͤckkehren laſſen. Sie erreichten aber ihre Ab⸗ ſicht nicht. Denn da das Volk ſich vor dem Geſchuͤtz am meiſten fuͤrchtete, und das dftere Losbrennen der Donnerbuͤchſen ohne Wirkung bleiben ſah, ſo glaubte K — 146— es den Worten Winzets, der Herr habe die Kugeln unſchaͤdlich gemacht, und die Feinde in ihre Haͤnde ge⸗ geben. Als die Edeln glaubten, daß ihre Ruͤſtung den gehoͤrigen Eindruck hervorgebracht habe, ſchickten ſie einen Herold mit einem Trompeter an die Bauern ab. Der Herold naͤherte ſich muthig, und rief ihnen zu:„Hore, bethoͤrtes Volk, hore, was deine Fuͤrſten dir anbieten. Lege die Waffen von dir, die dir nicht ge⸗ ziemen, und liefere die Anfuͤhrer aus, an deren Haͤnden das unſchuldige Blut der gemordeten Edeln klebt, ſo ſoll Gnade vor Recht ergehen.“ „Schweig, ſchurkiſcher Herold,“ rief ihm Winzer herbeieilend zu,„oder dein Rock ſoll dich nicht ſchuͤtzen.“ Aber dieſer fuhr ohne Ruͤckſicht auf die Warnung fort:„Das Schwert iſt auf euch gezuͤckt, wenn ihr in eu⸗ rer Hartnaͤckigkeit beharrt; es kehrt aber friedlich in die Scheide zuruck, wenn ihr von eurem ſtraͤflichen Begin⸗ nen ablaßt. Erkaufet euch Gnade durch die Auslie⸗ ferung eurer Haͤupter zur verdienten Strafe, oder er⸗ wartet Alle die ſchrecklichſte Rache.“ „Entferne dich,“ rief Winzer zornig aus,„ent⸗ ferne dich, damit du nicht jenen im Tode vorangehſt, die dich geſchickt haben.“ „Noch eine Viertelſtunde,“ fuhr der Herold fort, „geben euch eure Herren Zeit, um eure Fuͤhrer ihnen gebunden zu ſenden; thut ihr dies nicht, ſo komme euer Blut uͤber euch!“ Winzer, nicht laͤnger im Stande ſich zu halten, eilte auf den Herold los; dieſer waͤre aber ſeiner Wuth ent⸗ — 147— gangen, da er nach Beendigung ſeiner Rede ſein Pferd wandte, wenn nicht Zaͤnker eine Lanze ergriffen, und ſie ſo ſtark und ſicher geworfen haͤtte, daß ſie den He⸗ rold durchbohrte und entſeelt vom Pferde ſtuͤrzte. Das ledige Roß rannte im Galopp davon, waͤhrend ein Freudengeſchrei der Aufruͤhrer dieſe blutige, alle Kriegs⸗ geſetze hoͤhnende That begleitete. Der Fall des Herolds war kaum von den Edeln geſehen worden, als auch ſchon alle Trompeten zum Angriff ſchmetterten, und die Reiſigen uͤber die Ebene daherſprengten, eingehuͤllt in eine Staubwolke, welche die Hufe ihrer Roſſe auf⸗ wuͤhlten. Verderbendrohend waͤlzte ſich dieſe Wolke auf die Emporer los, wie ein ſchweres Gewitter, das lange aus der Ferne durch den rollenden Donner die ganze Natur in dumpfe Stille und die Herzen der Menſchen in Furcht geſetzt hat, plotzlich auf den Fluͤ⸗ geln des Sturmwinds einherzieht. Staunend und bewegungslos ſahen die Bauern der Ankunft der Rei⸗ ſigen entgegen, und nur Wenige folgten dem Rufe Winzers, den Gottloſen entgegenzugehen, die von den Pferden in ihr Verderben getragen wuͤrden. Von dem furchtbaren Andrang der Reiter zertheilt, wehrten ſich die Bauern in einzelnen Haufen gegen die Reiſigen, die von ihren Roſſen herab ohne Schonung auf ſie einhieben, und in einem Angenblicke war die Ebene mit Fluͤchtigen, Kaͤmpfenden, Sterbenden und Erſchla⸗ genen bedeckt. Hofer ſtand mit ſeinen Leuten an dem aͤußerſten Ende des rechten Fluͤgels. Waͤhrend der Unterhandlung mit K 2 — 148— dem Herold fuͤhlte er auf einmal einen leiſen Stoß, und erblickte beim Umſehen das wohlbekannte Geſicht von Hans, der ihn freundlich anlaͤchelte.„Wo kommſt du her, Hans,“ fragte ihn Hofer begierig. „Ich habe ench bei Falkenſtein geſucht, lieber Herr,“ erwiederte Hans,„und bin euch hierher nachgeeilt. Ach, wie ſieht das ſchoͤne Schloß jetzt aus! Was wird das Fraͤulein ſagen,—“ „Wo iſt Hedwig? Sprich, Hans!“ draͤngte ihn Hofer. „Doch was iſt das?“ rief er aus, als ſich ein Freuden⸗ geſchrei erhob.„Bei Gott! ſie haben den Herold ge⸗ todtet. Von edlem Unwillen fortgeriſſen ſprengte er auf Winzer los. Wir haben ſchon bemerkt, daß auf den Fall des Herolds der wuͤthende Angriff der Reiſi⸗ gen folgte, der das ganze Bauernheer auseinander warf. Von ſeinen Leuten getrennt ſammelte Hofer eine Schaar um ſich.„Zieht euch nach der Wagen⸗ burg zuruͤck!“ rief er ihnen ermunternd zu. Wenn ihr euch trennt, ſeyd ihr verloren!“ Der beftuͤrzte Haufe folgte ſeiner Ermahnung, und bahnte ſich unter Hofers entſchloſſener Anfuͤhrung ſeinen Weg durch das Getuͤmmel. Viele ſchloſſen ſich ihm an, und ge⸗ langten gluͤcklich bis zu dem Bache, der ſie von der Wagenburg trennte. Die meiſten Fluͤchtigen hatten ſich hieher gezogen, und der Eifer uͤber den Bach zu ſetzen, erregte die größte Unordnung. Die enge Bruͤcke war mit Fliehenden bedeckt, die ſich einander draͤngten und hinderten, und Hofer konnte hier nicht hinuͤber. „Fort, fort!“ hoͤrte man viele Stimmen.„Alles iſt — 149— verloren! Winzer iſt getödtet, Zaͤnker und Pfeiffer ſind gefangen!«„Weh! Wehe!“ riefen andere.„Da kom⸗ men ſie angeſprengt. Gnade! Gnade!“ Zugleich horte man den Hufſchlag der Roſſe, und ſah die Reiſi⸗ gen auf die Nachzuͤgler einhauen. Nur hinuͤber, Kin⸗ der,“ rief Hofer,„dann ſeyd ihr in Sicherheit!“ Mit aller Gewalt gab er ſeinem Pferde die Sporen, und ſprengte die ſteilen ufer des Baches hinab. Aber das edle Thier ſtuͤrzte, und fiel auf ſeinen Reiter, ſo daß es ihm das linke Bein beſchaͤdigte. Seine Begleiter zogen ihn unter dem Pferde hervor, und trugen ihn ſchnell uͤber den Bach. Hofer ſtellte ſich an den Eingang der Wagenburg, und ſuchte die Fliehenden aufzuhal⸗ ten, aber ſie horten ihn nicht, taub und blind rannten ſie an ihm vorbei. Rettet euch!“ riefen Viele.„Sie kommen ſchon uͤber den Bach; ſie nahen ſich mit ihren Buͤchſen'“ Der Donner der Kanonen und das Knallen des Gewehrfeuers begann in dieſem Angenblick horbar zu werden, und viele Kugeln fuhren nach Durchbrechung der Baumzweige, die ſich ihrem zerſtorenden Laufe in den Weg ſtellten, raſſelnd unter die Wagen.„Haͤtte ich nur ein Pferd!“ ſagte Hofer, aͤngſtlich umherblickend. Flieht,“ fuhr er zu den Wenigen, die noch bei ihm waren, fort,„flieht, und rettet euer Leben.“ Noch waͤhrend er dieſe Worte ausſtieß, ritt ein fliehender Bauer, der ſich wahrſcheinlich des ledigen Pferdes von einem gefallenen Feind bemaͤchtigt, uͤber die Bruͤcke und fiel nicht weit von Hofers Stand, von einer Kugel durchbohrt, zu Boden. Das Roß lief den Begleitern — 150— Hofers in die Haͤnde. Sie waren edelmuͤthig genug, es ihrem Anfuͤhrer anzubieten.„Einer kann ſich doch nur damit retten,“ ſagten ſie,„gebt es dem verwundeten Hauptmann; wir haben geſunde Beine, und wollen ſchon entrinnen.“ Sie hoben Hofer'n auf das Pferd, und folgten dem Zuge der Fluͤchtigen. Hofer ſchlug einen andern Weg ein, und verfolgte denſelben, unge⸗ achtet ihn die Quetſchung ſeines Beines ſtark ſchmerzte, ſo raſch, daß er das Getuͤmmel bald nicht mehr hoͤrte. Nachdem er der unmittelbaren Gefahr entgangen war, zwang ihn der empfindliche Schmerz, den Schritt ſeines Pferdes zu maͤßigen, und ſich nach einem Obdache umzuſe⸗ hen. Ein durch die Baͤume hervorragender Kirchthurm zeigte ihm die Naͤhe eines Dorfes, und er ritt darauf los. Aber Alles war verlaſſen, und kein einziges Haus bewohnt, wie die eingeſchlagenen Fenſter zeigten. End⸗ lich fand er eine Huͤtte, durch deren verſchloſſene Laden ein Licht ſchimmerte.„Hier ſind Menſchen,“ dachte Hofer,„ſie mogen Feinde oder Freunde ſeyn, ich kann nicht weiter, und muß ihr Mitleid anflehen.“ Er ſtieß mit ſeinem Schwert an die Fenſterladen; ſogleich erloſch das Licht, und Alles im Innern der Huͤtte blieb ruhig. Er rief und bat flehend, einem Verwundeten die Thuͤre zu offnenz er ſey allein, und ſie brauchten ihn nicht zu fuͤrchten, aber er erhielt keine Antwort. Er drohte, und hieb mit ſeinem Schwerte auf den Fen⸗ ſterladen, um den hartherzigen Bewohnern zu zeigen, daß er Gewalt gebrauchen köͤnne. Da ward eine Stim⸗ me von innen laut:„Wer ſeyd ihr, der uns ſtört?“ — 151— —„Macht auf!“ war Hofers Antwort⸗„ich bin ein verwundeter Mann, der eure Menſchlichkeit um Hilfe anfleht, und eure Dienſte belohnen kann.“ Der Fen⸗ ſterladen wurde mit Vorſicht geoffnet, und das Ge⸗ ſicht eines alten Mannes ſchaute aͤngſtlich heraus, um ſich von der Wahrheit der Ausſage des Hilfsbeduͤrfti⸗ gen zu uͤberzengen.„Wartet,“ ſagte er zu Hofer. „Muͤtterchen, dffne die Thuͤre, es iſt ein junger Mann, einer von den Reitern, er ſieht aber ſo elend aus, daß wir Mitleiden mit ihm haben muͤſſen.“ Eine alte Frau offnete die Thuͤre mit dem Ausrufe:„Du lieber Him⸗ mel, ein ſo junges huͤbſches Blut! Na, wir wollen euch helfen, ſteigt nur vom Pferde, und kommt herein!“ Hofer verſuchte ſich auf dem linken Beine im Steig⸗ bugel feſtzuſtellen, um ſich dann herabzuſchwingen, aber der Schmerz war ſo heftig, daß ſeine Anſtrengung miß⸗ lang.„Komm doch heraus, Mann,“ rief die Frau dem alten Bauer zu,„der junge Herr kann nicht ab⸗ ſieigen; hilf ihm vom Gaul herunter.“ Der Mann folgte der Aufforderung, und brachte nach vielen An⸗ ſtrengungen den Verwundeten in die Huͤtte.„Ach/ das ſind ſchlimme Zeiten!“ ſagte die Fran.„Man darf nicht jedem ſeine Thuͤre dͤffnen. Vorgeſtern waren eure Reiter hier und haben Alles zerſchlagen; nur auf die innigſten Bitten haben ſie unſer armes Haͤuschen verſchont.“ Waͤhrend der Bauer das Pferd in den Stall fuͤhrte, quaͤlte die Frau Hofer'n mit Fragen, und als ſie von ihm erfahren hatte, daß er ein Haupt⸗ mann der Aufruͤhrer geweſen, und das Bauernheer ge⸗ — 152— ſchlagen und zerſtreut ſey, brach ſie in Klagen aus: Ach Gott, ich habe auch zwei Sohne dabei, meinen Michel und Niklas. Leben ſie denn noch, lieber Herr? ſind ſie entkommen?“ Jammernd theilte ſie ihrem Mann, der indeſſen das Haus wieder verſchloſſen hatte, die Trauerbotſchaft mit. „Es ſind viele entflohen,« ſagte Hofer,„und ich hoffe, die Meiſten ſind verſchont worden. Aber, liebe Leute, helft mir, mich meiner Ruͤſtung entledigen.“ „So iſt mein Michel und mein Riklas auch davon gekommen; denn es ſind flinke Burſche, und ſchnell auf den Beinen, wie Haſen. Wartet, junger Herr, ihr ſollt euch ſtaͤrken. Hier,“ fuhr ſie fort, mit einem Kruge zuruͤckkommend, aus dem ſie ein Glas mit Wein fuͤllte,„hier, trinkt und erquickt euch. Von dieſem Weine haben mir meine Sohne— Gott behuͤte ſie!— ein ganzes Fäͤßchen gebracht, als ſie das Kloſter pluͤn⸗ derten.“ „Der Wein iſt aut und ſtarkend,“ ſagte Hofer. „Was ich aber jetzt am nothigſten habe, iſt Ruhe. Könnt ihr mir nicht ein Lager geben?“ „Ihr ſout hier unſer eigenes Bett haben,“ ſagte der Bauer,„was wir an euch thun, werden vielleicht andere mitleidige Menſchen unſern Soͤhnen, die jetzt auch der Hilfe bedurfen, vergelten.“ Es ſoll euch nicht gereuen,“ erwiederte Hofer. Ich werde euch belohnen, wenn jch der Wrfolgung entkomme!“ Er legte ſich zur Ruhe, und ein feſter Schlaf ver⸗ — —— — 153— ſchloß bald ſeine Empfindung gegen den Schmerz der in ſeinem Beine brannte, ſo wie ſein Gedachtniß ge⸗ gen die Erinnerung der Begebenheiten dieſes Tages und ſeines eigenen Schickſals. Aber es dauerte nicht lange, ſo wurde ſein Schlummer unterbrochen. Er fuhr auf, und hörte heftige Schlaͤge an die Thuͤre der Huͤtte. Es war im Zimmer Alles dunkel, und als er im Begriff war, zu ſprechen, fluͤſterte ihm ſein Wirth zu, ruhig zu ſeyn; die ungeſtuͤmen Klopfer wuͤrden vyruͤbergehen, wenn ſie das Haus unbewohnt glaubten. „Soll der Teufel den alten Grankopf holen!“ ſagte endlich einer von denen, die Einlaß verlangten. „Ich war dabei, wie wir ihm vorgeſtern erlaubten, ſeine Huͤtte zu behalten, und jetzt ſchließt er ſie uns vor der Naſe zu. Stoßt die Thuͤre ein, oder ſteckt ihm das Reſt uͤber'm Kopf an. Wenn einige von den Aufruͤhrern drinnen ſind, ſo konnen wir dem Henker eine Muͤhe erſparen.“ Da ein ſtaͤrkeres Klopfen verrieth, daß ſie ihre Drohung erfullen wollten, ſo fluͤſterte Hofer dem Al⸗ ten zu:„Macht ihnen auf, und ſetzt euch meinetwe⸗ gen nicht in Gefahr.“„Steckt euch unter die Bett⸗ decke,“ ſagte der Alte leiſe,„ich will ſie mir bald wieder vom Hals ſchaffen. Frau, wirf ein Tuch über des Herrn Ruͤſtung, und zuͤnde das Licht an.„Nu, nu!“ fuhr er dann laut fort,„wer klopft ſo ungeſtuͤm, und weckt uns arme Leute aus dem Schlafe?“ „Heffnet,“ antwortete eine Stimme 12 tauhen „oder wir brechen die e in — 154— Hofer befolgte den Rath des alten Bauern, und zog die Decke uͤber ſich, ſo ſehr ihn auch die gekruͤmmte Lage, die er anzunehmen gezwungen war, ſchmerzte. Durch eine Oeffnung, die er ſich zu machen wußte, ſah er ſeinen Wirth mit vier Reiſigen eintreten. „Donner und Wetter!“ begann der Eine mit dem rohen Uebermuth eines Siegers,„warum laßt ihr uns ſo lange klopfen? Wir ſind muͤde, hungrig und dur⸗ ſtig. Schafft uns Eſſen herbei, dann wollen wir euch eure Langſamkeit und Schlafſucht verzeihen.“ „Ach, gnaͤdige Herren,“ erwiederte der alte Bauer, „wo ſoll ich armer Mann das hernehmen, was ihr ver⸗ langt? Wir hungern ſelbſt in dieſen ſchlimmen Zeiten. Nichts haben uns eure Reiter gelaſſen, als das Haͤus⸗ chen und das bischen Leben, was uns noch uͤbrig bleibt.“ „Zum Teufel,“ ſagte ein Zweiter von den Reitern, „mir klebt die Zunge am Gaumen. Ihr werdet doch wenigſtens einen Trunk Waſſer haben.“ Mit die⸗ ſen Worten griff er nach dem Weinkruge, den man in der Eile vergeſſen hatte wegzunehmen.„Alle Wetter, Kameraden!“ rief er, nachdem er einen tuͤchtigen Zug gethan,„das iſt euch ein Wein, wie ihr ihn nicht im Keller des durſtigſten Pfaffen findet. Ha, alter Graukopf, du haſt uns belogen, hole uns ſogleich noch mehr von dieſem Getraͤnke, du magſt es her haben, woher du willſt.“ Der beſtuͤrzte Alte wußte nichts zu antworten; aber die Frau nahm ſogleich das Wort:„Gnaͤdige Herren, wie kaͤmen wir arme Leute zu einem ſo guten Wein? 6 . — 155— Den Krug haben uns die empörten Bauern hier zu⸗ ruckgelaſſen, als ſie hier durchzogen, und ſeit der Zeit ſteht er unangeruͤhrt da, weil es unrechtes Gut iſt.“ „Es ſchmeckt doch, Muͤtterchen,“ ſagte der Reiter, „wenn's auch ungerechtes Gut iſt, beſonders nach einer ſolchen Anſtrengung, wie die, in welche uns heute die rebelliſchen Schurken geſetzt haben. Aber wir wollen einmal nachſuchen, ob ſich nicht noch mehr in eurer Huͤtte findet.“ Die Alte wurde bange fuͤr die Sicherheit ihres Gaſtes, wenn eine Nachſuchung angeſtellt werden ſollte, und erinnerte ſich daher, daß es ein ganzes Faͤßchen geweſen ſey, was die Bauern nebſt dem Kruge zuruͤck⸗ gelaſſen haͤtten, ſie wiſſe aber nicht, ob Wein, oder et⸗ was Anderes darin enthalten ſey. „Schafft es nur berbei!“ rief einer, michts iſt angenehmer, als die Eingeweide eines Weinfaſſes zu unterſuchen.“ Er half der alten Frau, das Faͤßchen aus einer Kammer hereintragen. Der Inhalt wurde geprobt, und zum großen Jubel fuͤr einen koſtlicheren Wein befunden, als ihn die Sonne je auf den Huͤgeln von Nierenſtein ausgekocht habe. Der Tiſch ward zu⸗ recht geſtellt, die Reiter legten Schwert und Ruͤſtung ab, und begannen zu zechen. Hofer ſah das Gefaͤhrliche ſeiner Lage ein, und es koſtete ihn die groͤßte Ueberwindung, die Lage bei⸗ zubehalten, die er angenonmen hatte. Doch zog bald das Geſpraͤch der Reiter ganze aufnecijantet — 156— auf ſich, das nach allgemeinen Prahlereien uͤber die Thaten des Dages auf naͤhere Umſtaͤnde uͤberging. „Hab' ich doch mein Lebtage,“ fing einer an,„keine ſo luſtige Jagd gemacht, als heute; kaum zwanzig von den Unſrigen ſind geblieben. Sagt mir einmal, wie es zugegangen iſt, daß ſie ihr Unweſen ſo lange ge⸗ trieben, und ſo viele Burgen erobert haben.“ „Das will ich dir erklaͤren,“ erwiederte ein Zwei⸗ ter;„ihre Hauptleute haben einen Bund mit dem Teufel gemacht, und jetzt, da ihre Zeit verfloſſen iſt, kommt er ſie zu holen.“ „Geh',“ ſagte ein Dritter lachend,„wir ſind die Teufel geweſen, die ſie geholt haben. Ich mochte nicht an ihrer Stelle ſeyn, denn es wird ihnen ſchlimm er⸗ gehen. Den Pfeiffer haben ſie erwiſcht, wie er ſich in einen hohlen Baum verkriechen wollte.“ „Ja wohl,“ fuhr der Vierte fort,„noch einen andern haben ſie ebenfalls gefangen. Aber da war auch einer, der hieb um ſich, wie ein Lowe, und wehrte ſich, daß wir ihn nicht lebendig bekommen konnten.“ „Es war doch nicht der Hofer,“ fragte der Erſte. „Der ſoll ja entkommen ſeyn.“ „Wenn wir nur ſo gluͤcklich waͤren, den zu erwi⸗ ſchen, ſagte derzweite,„wir wuͤrden uns ein huͤbſches Suͤmmchen verdienen. Der Falkenſteiner iſt gewaltig auf ihn erzuͤrnt, und verſpricht jedem, der ihn lebendig pringt, zehn Pfund Gold.“ „Der Graf hat aber auch Urſache,“ ſagte der Dritte, „gegen ihn aufgebracht zu ſeyn. Der Hofer hat ihm ————— — — 157— nicht allein ſein Schloß in Brand geſteckt, ſondern ihm auch ſeine Tochter, die eine ſchmucke Dirne ſeyn ſoll, entfuͤhrt. Falkenſtein ſelbſt kam kaum mit dem Leben davon, und erſchien in unſerem Lager ſo elend und arm, daß er nicht einmal einen Kuͤraß auf dem Leibe hatte. Wenn er den Hofer in die Haͤnde bekommt, ſo wird er ihm die Gedanken an huͤbſche Dirnen aus dem Kopfe vertreiben.“ „Ja hoͤrt,“ ſagte der Vierte,„wir muͤſſen nach Worms hin, und das Schlachten mit anſehen; ſo eine Freude durfen wir nicht vorbeilaſſen. Denn der alte Windeck hat geſchworen, daß er ein Gericht halten wolle, was allen kommenden Geſchlechtern ein Beiſpiel ſeyn werde, ſich vor A fall von angeborenen Herren zu huͤten, und ihr wißt, er iſt ein Mann, der ſein Wort haͤlt.— Hofer hoͤrte alles dieſes mit an. So unglaublich es ihm war, daß der Graf von Falkenſtein, der mit den heißeſten Verſicherungen der Dankbarkeit von ihm Abſchied genommen, ſo unedel ſeyn werde, ſich an ihm, dem unſchuldigen, fuͤr die gerſtörung ſeines Schloſſes und das Verſchwinden ſeiner Tochter zu raͤchen, ſo horte er doch von den Reitern, daß ein Preis auf ſei⸗ nen Kopf geſetzt ſey und daß er aufgeſucht werde. Er hielt daher das Peinliche ſeiner Lage aus, theils zu ſeiner eigenen Sicherheit, theils aber auch, um ſei⸗ nem Wirthe keine Gefahr zuzuziehen⸗ und hoffte, durch den baldigen Aufbruch der Reiter erloſt zu werden. Dieſe aber dachten, ije mehr ſie tranken, deſto weniger Kameraden, das ſich auch nicht umſonſt verſteckt hat.“ an einen Aufbruch, und zechten bis an den Morgen. Erſt dann ſtanden ſie auf, um weiter zu reiten, ſuchten Schwerter und Ruͤſtung, und entdeckten bei dieſer Ge⸗ legenheit auch Hofers Kuͤraß.„Was zum Teufel,“ ſagte einer verwundert,„ſind wir denn fuͤnf geweſen, oder hat der Wein meine Sinne benebelt? Da liegt noch eine vollſtaͤndige Ruͤſtung.“ „Alle Welt, das iſt wahr, wie kommt dieſe hieher?“ fragte ein Anderer.„He, Bauer! wem gehoͤrt dieſe Bewaffnung? Haſt du einen der Emporer verborgen?“ „Donner und Wetter! hoͤrt,“ ſagte ein Dritter, „dieſe Ruͤſtung muß einem der Unſrigen gehoͤrt haben, den dieſer Bauer, der uns nicht in ſein Haus laſſen wollte, umgebracht hat. Iſt es nicht ſo? Seht wie er erſchrickt. Er ſoll mit uns nach Worms, er gehoͤrt auch zu den Rebellen, und ſoll ihre Strafe leiden.“ „Ach, gnaͤdige Herren,“ jammerte die Frau,„mein alter Mann ſollte zu den Rebellen gehoͤren? Seht doch nur, er iſt ja ſo alt, daß er kaum mehr auf ſeinen Fuͤßen ſtehen kann. Ach ich arme Frau! Meinen Mann fortzu⸗ fuͤhren, mit dem ich ſo lange zuſammen gelebt habe!“ Die Klage der Frau drang Hofern durch das Herz, und ſein Edelmuth ließ es nicht zu, daß ſein Wirth ſeinetwegen etwas erleiden ſollte. Er verließ alſo plotz⸗ lich ſeine gezwungene Lage, und ſich aufrichtend, rief er:„Die Ruͤſtung iſt mein!“ Die Reiter ſahen ſich erſtaunt um.„Potz Tauſend!“ ſagte Einer,„wer hat denn hier geſprochen? Aha, hier iſt ein Vögelchen, ——— — „Ich bin Hofer,“ ſagte unſer Held,„derſelbe, den ihr ſucht. Ich bin euer Gefangener; bringt mich zum Grafen von Falkenſtein.“ „Geluͤſtet dich ſo nach des Grafen Geſellſchaft?“ fragte der Reiter hohniſch.„Freund, der iſt nicht ſo zart, wie ſeine Tochter. Aber ich erfuͤlle deinen Wunſch mit Vergnuͤgen, denn er bringt mir zehn Pfund Gold ein „Dir?“ riefen die andern Reiter aus.“ Wir hof⸗ fen nicht, daß du ſie allein in Anſpruch nimmſt!“ „Ei, verſteht ſich, ich habe ihn ja allein und zuerſt entdeckt,“ erwiederte der Reiter.„Ihr recktet eure Gaͤnſehaͤlſe noch aus, und ſpitztet noch eure Eſels⸗ ohren, als ich ihn ſchon erwiſcht hatte. Pein, keinen Heller bekommt ihr davon, das ſage ich euch.“ „Das iſt ungerecht,“ ſagte einer von den Andern, „und eher toͤdten wir den Gefangenen, als daß du den Preis allein davon tragen ſollſt.“ Die beiden Andern gaben zu dieſem Vorſchlag ihren Beifall, und Hofer war in großer Gefahr, ein Opfer des Neides dieſer halbberauſchten Menſchen zu werden. Denn ſie machten ſchon wirklich Anſtalt, ihrem Kameraben ſeine Belohnung durch die Ermordung des Gefangenen zu eutziehen⸗ Dies brachte den Entdecker Hofers zu Vergleichsvorſchlagen, und er handelte mit ſeinen Gefaͤhrten ſo lange, bis ſie uͤber die Theilung des Geldes einig geworden waren, und ihre Feind⸗ ſchaft in einem Becher Weins begruben. Sie ſchieden frdhlich von dem alten Bauer, in deſſen Huͤtte ſie — 160— eine luſtige Nacht und eine ſchöne Beute gefunden, und nahmen Hofer'n mit ſich fort. —— Vierzehntes Kapitel. Die Reiter, den Gefangenen in ihrer Mitte, rit⸗ ten zwar gus Schonung fuͤr Hofers verwundetes Bein langſam, aber enthielten ſich nicht der Spoͤttereien und Scherze, womit ein roher Uebermuth die Ungluͤck⸗ lichen zu kraͤnken pflegt. Beſonders fanden ſie Stoff dafuͤr, als ſie uͤber das Schlachtfeld des geſtrigen Ta⸗ ges zogen. Hier herrſchte jetzt eine Todtenſtille, bloß unterbrochen von dem heiſern Gekraͤchze der Raben, welche an den Leichnamen der Gefallenen ſchmauſten. Haufenweiſe flatterten dieſe Raubvogel bei dem Schall des Hufſchlags in die Hoͤhe, um ſich ſogleich wieder auf ihre Beute zu ſtuͤrzen. Aus dem Geſpraͤche der Reiter, denen der Anblick des Schlachtfeldes ihre Thaten ins Gedaͤchtniß zuruͤckrief, erfuhr Hofer, daß die Bauern nach dem wuͤthenden Angriff der Reiterei in einzelnen Haufen ſich verzweifelt gewehrt haͤtten, bis das Fußvolk und die Buͤchſen angeruͤckt ſeyen. Dann haͤtten ſie ihre Waffen weggeworfen, und ſeyen zum Theil ein Opfer der Wuth, zum TDheil gefangen worden. Winzer, erfuhr er ebenfalls, hatte ſich nach dem Baum zuruͤckgezogen, auf den er vor dem Beginn der Schlacht ſo großes Vertrauen geſetzt, und war hier, nach tapferem Widerſtand, von einem todtlichen Hieb — 161— getroffen niedergeſunken, um die Wurzeln dieſer Linde mit ſeinem Blute zu traͤnken. Schweigend und in ſich gekehrt ritt Hofer zwiſchen ſeinen Gefaͤhrten zu den Thoren von Worms und in die volkbelebten Straßen der alten Reichsſtadt ein. Sein Schickſal erregte nicht wenig Mitleiden bei Vielen in dem Volksgedraͤnge. „Ach! der ſchoͤne junge Mann!“ ſeufzte manche Dirne, und blickte ihm traurig nach.„Schade um den Juͤng⸗ ling!“ ſagten die Alten.„Aber ſo geht es, boͤſe That bringt böſen Lohn.“ Aus dieſen Aeußerungen konnte Hofer erſehen, daß hier ein bitteres Schickſal ſeiner warte, und daß er das Loos derer theilen werde, die das Ungluͤck hatten, in die Haͤnde ihrer neberwinder zu fallen. Die Gerechtigkeit verlangte allerdings ihre Opfer, und die ruͤckſichtsloſe Grauſamkeit, womit die Bauern gegen die Edeln verfahren waren, verdiente ihre Beſtrafung; aber weder die umſtaͤnde brachten es mit ſich, daß man ſtrenge bei der Wahl der Opfer war, noch die Zeit, daß man ſich bei der Beſtrafung der Bauern der Grauſamkeiten enthielt, womit dieſe ihren Unwillen gegen ihre Unterdruͤcker ausgelaſſen. Denn dieſelben, welche die Bauern beſiegt und zum Theil ihren Grimm gefuͤhlt hatten, waren die Rich⸗ ter unter dem Vorſitz Otto's von Windeck, und wer ſich von der Milde dieſer Zeit in gerichtlichen Beſtra⸗ fungen eine Vorſtellung machen will, braucht bloß die in der peinlichen Halsgerichts⸗Ordnung Kaiſer Karls V. angedrohten Strafgeſetze zu leſen, wo der einfache Tod durch das Schwert des Henkers eine Wohlthat iſt. L — Obgleich Hofer mit den Geſetzen nicht bekannt war, ſo hatte ihn doch der hoͤhniſche Spott der Reiter unter⸗ wegs hinlaͤnglich von den Qualen belehrt, die den Be⸗ ſiegten bereitet ſeyen, und außer ſeiner eigenen ſchreck⸗ lichen Lage quaͤlte ihn noch die Ungewißheit des Schick⸗ ſals, das ſeine Leute in der Schlacht betroffen. Be⸗ ſonders war er wegen des treuen Hans bekuͤmmert, der ihn nur aufgeſucht zu haben ſchien, um ſeines Herrn Loos zu theilen. Er ward von den Reitern nach dem Gefaͤngniß gebracht, wo ein Theil der un⸗ gluͤcklichen Schlachtopfer fuͤr das Gericht aufgeſpart wurde, und hier mit ſeinen Leiden der Seele und des Korpers allein gelaſſen. Er bat um einen Arzt fur ſein beſchaͤdigtes Bein, und einer von den Reitern verſprach ihm, ſeine Bitte dem Grafen von Falkenſtein, von dem er ſich jetzt die verſprochene Belohnung holen wolle, mitzurheilen; aber er glaube, daß ihm ein Wundarzt unnoͤthig ſey, da der Henker ſeinen Schmerzen bald fuͤr immer ein Ende machen werde. ungefaͤhr zwei Stunden mochte Hofer allein zuge⸗ bracht haben, als ſich die Thuͤre ſeines Gefaͤngniſſes öffnete, und ein Wundarzt hereintrat, der auf Befehl des Grafen von Falkenſtein kam, um nach der Ver⸗ wundung des Gefangenen zu ſehen.„Das iſt eine Gunſt, junger Mann,“ ſagte der Wundarzt, ein ge⸗ ſchwaͤtziger Bader,„die nur Wenigen der Ungluͤcklichen zu Theil wird, die hier eingebracht worden ſind, um fuͤr ihre Verwegenheit zu buͤßen. Viele ſind verwun⸗ det und liegen ohne Hilfe, und wenn ihnen auch ein mitleidiger Mann beiſtehen mochte, ſo iſt es ihm doch — 163— nicht erlaubt. Sie haben aber auch ihr Schickſal um unſere gute Stadt verdient, die ſie mit Raub und Pluͤnderung bedrohten, und welcher der Allmaͤchtige das tapfere Heer zu Hilfe geſandt hat—“ „Ich bitte euch, Herr,“ unterbrach ihn Hofer,„un⸗ terſucht zuerſt mein Bein, hernach will ich euch ruhig anhoͤren.“ „So laßt mich ſehen,“ fuhr der Chirurg fort. „Du lieber Himmel, das iſt eine ordentliche Quet⸗ ſchung, da haͤttet ihr lange daran zu heilen gehabt, wenn ihr nicht in die Haͤnde eines Mannes gefallen waͤret, der ſchon ſo viele Wunden aller Art eurirt hat; wenn ſie euch acht Tage verſchonen, ſo ſollt ihr ſo ſtolz und feſt auf eurem Beine zum Richtplatz gehen koͤnnen, als je ein beherzter Kerl dieſen Gang ge⸗ macht hat.“ Hofer war durch die Spoͤttereien der Reiſigen, die ihn nach Worms gefuͤhrt hatten, ſchon ſo ſehr abge⸗ haͤrtet, daß er dieſem Manne ruhig zuhoͤrte, der nicht ſowohl, um ihn zu quaͤlen, als aus Unempfindlichteit an den Leiden Anderer, wozu ihn ſeine Beſchäftigung gewohnt hatte, ſich dieſe Anſpielungen auf das ihm drohende Schickſal erlaubte. Er fragte ihn ſogar nach einzelnen Umſtaͤnden, und erkundigte ſich beſonders nach dem Schickſal ſeiner Mithauptleute⸗ „Den Pfeiffer,“ ſagte ihm der Wundarzt,„haben ſie erwiſcht, als er ſich in einem hohlen Baume ver⸗ bergen wollte. Er wird auch nicht mit dem Leben davon kommen, oder ſo ſanft ſterben, als wenn er ru⸗ L 2 — 16— hig bei ſeiner Bibel geblieben waͤre. Manche Edelleute hät er von den Thuͤrmen ihrer eroberten Burgen hin⸗ abſtuͤrzen, und unten mit Lanzen auffangen laſſen, und uͤber ihre Schmerzen gelacht; jetzt wird ihm das La⸗ „chen vergehen, wenn ihn die Henker mit Sen Spie⸗ ßen kitzeln werden.“ „Iſt nicht auch ein Hauptmann ve Zaͤnker unter den Gefangenen?“ fragte Hofer.„Ja freilich,“ war die Antwort.„Der Wilddieb iſt der Strafe nicht entgangen. Er wird wohl das Geweih eines Hirſches ſchmuͤcken, wenn er nicht noch eine haͤrtere Strafe zu erwarten hat; z denn man. ſagt, er habe den er⸗ ſtochen.“ Hofer kannte die ſchreckliche Beſtrafung v Ueber⸗ tretung von Jagdgeſetzen, und ſchauderte. Doch konnte er es nicht anders als gerecht ſinden, daf dieſer blut⸗ durſtige Verbrecher die Rache derer erfahte, denen er ſie ſelbſt in vollem Maaße zugedacht. Er wagte end⸗ lich, obſchon mit zitternder Stimme, nach der Beſtra⸗ fung zu fragen, die man dem dritten Hauptmann be⸗ ſtimmt habe. Denn er ſah, daß der Wundarzt ihn nicht kannte.„Ihr meint wohl den, welchen ſie heute Morgen eingebracht haben?“ erwiederte der Wundarzt⸗ „Das weiß ich nicht, aber ich bin uͤberzeugt, daß er auch Worms lieber nie geſehen haben moͤchte, obgleich es eine ſchoͤne, vom Kaiſer beguͤnſtigte und ſonſt ſehr angenehme Stadt iſt. Aber jetzt werden hier mehr Menſchen an einem Tage umkommen, als ich mit Gottes Hilfe und mit meiner Kunſt in einer zwanzig⸗ jahrigen Praris gerettet habe. Ihr ſeyd ein junger Menſch; euch wird man ſchonen in Betracht eurer Ju⸗ gend, und es thaͤte mir von Herzen leid, wenn ich euch nicht auf dem Beine, das ich mit meiner Kunſt heilen werde, frei davon laufen ſehen ſollte.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich, und uͤberließ Hofern der Einſamkeit eines Kerkers und der quaͤlenden ungewißheit eines Schickſals, das in jeder Ruͤckſicht das ſchrecklichſte war, was einen Menſchen betreffen kann. In der Bluͤthe der Jugend ſollte Er, der durch⸗ aus an den Gräueln dieſes Aufſtandes keinen Antheil genymmen, dem vielmehr die Verhinderung der Grau⸗ ſamkeiten und die Milderung der Anmaßungen, wozu die Bauern von dem nebermuthe ihres erſien Gluͤcks erhoben worden, Hauptzweck bei ſeiner Anfuͤhrung ge⸗ weſen war, den ſchmaͤhlichen Tod der gemeinſten Ver⸗ brecher ſterben.„Warum habe ich die Streiche abge⸗ wehrt, die der wuͤthende Graf auf mich fuͤhrte?“ dachte er;„warum in der Schlacht den Tod vermie⸗ den? Ich waͤre ehrlich gefallen, und aus einer Welt geſchieden, in der ich mitten unter Menſchen, die die⸗ ſelbe Sprache reden, wie ich, als ein Fremdling ſiehe, bloß geliebt von einer Seele, die fuͤr mich verloren iſt. Hedwig!“ rief er aus,„Hedwig, du lebſt doch noch; dich den Bauern entriſſen zu haben, ſoll meinen Tod verſuͤßen, und wenn auch alle Menſchen mit Luſt mein Haupt fallen ſehen fuͤr Verbrechen, die ich nicht began⸗ gen, ſo wirſt du wenigſtens meinem Schickſal eine Thraͤne weihen!“ Er dachte ſeiner Eltern⸗ die viel⸗ — 166— leicht kinderlos ein trauriges Alter verlebten, und zog das Bildniß aus dem Buſen, das er, ſeit es ihm von ſeinem Pflegevater uͤbergehen worden war, um den Hals trug. Er verſank in das Anſchauen der ſchoͤnen Zuͤge des darauf vorgeſtellten Weibes, bis er durch den Eintritt des Kerkermeiſters geſtört wurde, der ſich freundlicher, als ſolche Menſchen mit den ihrer Auf⸗ ſicht anvertrauten Ungluͤcklichen umgehen, nach ſeinem Befinden erkundigte, und ihm eine Mahlzeit vorſetzte, die durchaus nicht mit dem Orte uͤbereinſtimmte, wo er ſich befand. Der Gefaͤngnißwaͤrter beantwortete Hofers Fragen gar nicht oder nur hochſt allgemein, und nachdem er außer andern Bequemlichkeiten auch ein Ruhebett hatte hereinbringen laſſen, entfernte er ſich, und verſchloß die Thuͤre. Hofer wußte ſich alle dieſe Anſtalten nur dadurch zu erklaͤren, daß man den Verurtheilten vor ihrer Hinrichtung noch einmal alle Annehmlichkeiten verſchafft, um ihnen den Abſchied von dem Leben deſto ſchwerer zu machen deſſenungeachtet that er der ihm vorgeſetzten Mahlzeit die gebuͤhrende Ehre an, und warf ſeine ermuͤdeten Glieder auf das Ruhebett, wo ihn bald der troſtende Schlaf umfing, der mit ſeinen leichten Fluͤgeln alle Sorgen von dem Haupte der ungluͤcklichen verſchencht, und ſie mit Traͤumen umgaukelt, welche nach ihrem Verſchwinden die Wirklichkeit um ſo bitterer machen. — — — 167— Sechszehntes Kapitel. In den Straßen von Worms ward es indeſſen leb⸗ hafter, als es ſeit dem großen Reichstage vor vier Jah⸗ ren geweſen war. Das Gericht uͤber die Aufruͤhrer und ihre Beſtrafung zog viele herbei, die theils dabei eine Stimme hatten⸗ theils ſich an dem Schauſpiele öffentlicher Hinrichtungen weiden wollten. Bald ritten Edele mit einem zahlreichen Gefolge ein, bald Buͤr⸗ ger oder Bauern aus der umliegenden Gegend. Auch Verwandte, Eltern und Freunde der Gefangenen ſah man traurig zum Thore hereinwandern, um fuͤr ſie um Gnade zu bitten, oder ſie zum letztenmal zu ſehen⸗ und ſie in ihrer betruͤbten Lage zu troſten. Die Haͤu⸗ ſer der Stadt faßten nicht die zahlreichen Gaͤſte, und viele mußten ſich in ſchnell errichteten gelten behelfen. Ein Aufzug erregte aber beſonders die Aufmerkſamkeit der Buͤrger von Worms, deren Schauluſt an dieſem Tage in große Thaͤtigkeit geſetzt ward. Eine junge verſchleierte Dame ritt auf einem gewoͤhnlichen Pferde zu dem Thore herein. Dem Anſtand nach, mit dem ſie ihr Roß lenkte ſchien ſie vornehmen Standes zu ſeyn, obgleich ihre Begleitung nicht von der Art war, wie er einem hohen Range zukam. Denn an der einen Seite ritt ein junger Burſche in Bauerntracht auf einem unbeholfenen ſchweren Gaule, welcher wohl zum erſtenmal einen Sattel auf ſeinem Ruͤcken trug, und an der andern Seite hatte ein bejahrter Moͤnch Muͤhe, — 168— den geduldigen Gang ſeines apoſtoliſchen Thieres, eines langohrichten Eſels, in gleichem Schritt mit den Ros⸗ ſen zu halten. Hinter dieſem ſonderbaren Aufzuge folgte ein Bauerwagen mit vier Perſonen beſetzt, die zu den Reitern zu gehoren ſchienen, da der junge Bauer oft ſein Pferd anhielt, um mit einem jungen Mädchen, das in dieſem Wagen ſaß, zu ſprechen, und dann wieder an die Seite der verſchleierten Dame eilte. Außer dem eben genannten Maͤdchen befanden ſich noch in dieſem Wagen zwei alte Leute, die mit Verwunde⸗ rung um ſich blickten, und denen Alles, was ſie ſahen, neu und wunderbar ſchien, ferner, der Kleidung nach zu urtheilen, ein Geiſtlicher. Die Zuſchauer erſchoͤpften ſich in Vermuthungen uͤber dieſe Erſcheinung; ſie wur⸗ den ſie fuͤr Verwandte irgend eines der gefangenen Em⸗ porer gehalten haben, wenn nicht alle darin übereinge⸗ ſtimmt, daß die verſchleierte Dame keine Baͤuerin ſeyn könne. Daß jedoch die Nengierde ſie nicht nach Worms gezogen habe, bewies die Traurigkeit ihrer Mienen. Sie hatten ſich ſchon eine Zeitlang durch das Gedraͤnge in den engen Straßen durchgewunden, ein Gegenſtand der Verwunderung fuͤr die gaffenden Augen, und der Vermuthungen fuͤr die Neugier der Zuſchauer, als ſie ſtille hielten, und der junge Bauer ſich nach der Woh⸗ nung des Grafen von Falkenſtein erkundigte. Sogleich boten ſich viele zu Führern an, und geleiteten ſie nach dem Hauſe, wo Falkenſtein mit Otto von Windeck, ſeinem alten Freunde, wohnte; hier ſtieg die Dame mit ihren Begleitern ab, und verſchwand in dem Hauſe, —— ohne die Neugier der Menge, die ihnen dahin gefolgt war, befriedigt zu haben. Otto von Windeck und der Graf von Falkenſtein, Jugendfreunde und Waffenbruͤder, hatten ſich nicht mehr geſehen, ſeit der Erſtere auf der Laufbahn des Ehrgeizes beſchaͤftigt und geſtiegen war, und Falken⸗ ſtein ſich auf die Einſamkeit ſeines Schloſſes beſchraͤnkt hatte. Durch den Bauernkrieg wiederum zuſammen⸗ gefuͤhrt, hatten ſie die Freundſchaft ihrer Jugend er⸗ neuert, und waren gerade, als der beſchriebene Aufzug ſich ihrer Wohnung naͤherte, in einem Geſpraͤche be⸗ griffen, das ſich auf den Aufruhr und die Beſtrafung. der Theilnehmer an demſelben bezog.„Wir muͤſſen ein warnendes Beiſpiel geben,“ ſagte Windeck,„as in Zu⸗ kunft die neuerungsſuͤchtigen Gemuͤther von aͤhnlichen unternehmungen abſchrecken wird. Denkt nur ſelbſt, wie gefaͤhrlich dieſer Aufruhr haͤtte werden koͤnnen, wenn unternehmende Maͤnner an die Spitze des Vol⸗ kes gekommen woͤren, wie euer Retter, der gluͤcklicher⸗ weiſe zu edel war, um ſeine Faͤhigkeiten anders anzu⸗ wenden, als zur Verhinderung von Grauſamkeiten. Haͤtten ſie Zeit und Beſonnenheit genug gehabt, Lanz⸗ knechte, die fuͤr jede Partei feil ſind, in Dienſte zu nehmen, und unter ſich eine formliche Verbindung zu unterhalten, ſo waͤre es um den Adel geſchehen gewe⸗ ſen. Aber zum Gluck bemaͤchtigten ſich Schwaͤrmer der Anfuͤhrung, die im Vertrauen auf gi Himmel irdi⸗ ſche Maßregeln vergaßen.“ „Ja,“ ſagte Falkenſtein,„dieſe neue Lehre iſt 170— Schuld an dem Aufruhr, und wird noch mehr Unheil uher unſer armes Vaterland bringen, wenn ſie nicht bald unterdruͤckt wird.“ „Nein, mein alter Freund,“ ſagte Windeck,„ich bin dieſer Lehre nicht abgeneigt, und nach Allem, was ich davon weiß, darf man ihr die Schuld nicht zu⸗ ſchreiben. Ich habe die Schrift geleſen, die Luther ſelbſt gegen die Aufruͤhrer bekannt gemacht hat, und worin er zum Frieden ermahnt. Wenn er ſich freilich mancher unziemlichen Ausdruͤcke gegen Fuͤrſten und Edele bedient, ſo meint er es doch gut mit unſerem deutſchen Lande! Er ſelbſt tadelt die Rebellen heftig, und ſagt ſich von allem Antheil an ihrem ſtraͤflichen Beginnen los. Kann er etwas dafuͤr, daß ſie ſeine Lehre mißverſtanden, die chriſtliche Freiheit in der Frei⸗ heit von Steuern und Abgaben geſucht haben, und von falſchen Propheten irre geleitet mit den Waffen erkaͤmpfen wollten, was ihnen verweigert ward? Der fromme Mann hat ihnen vorausgeſagt, was jetzt in Erfuͤllung gegangen iſt, daß ſie der Strafe nicht ent⸗ rinnen wuͤrden.“ „Mir iſt dieſer Luther als ein Ketzer und Verbrei⸗ ter von Frrlehren abgeſchildert worden,“ ſagte Fal⸗ kenſtein.. „Ich bin kein Geiſtlicher, Freund,“ erwiederte Windeck,„und kannuͤber ſeine Sätze nicht urtheilen; ich habe ihn aber vor vier Jahren hier vor Kaiſer und * Reich unerſchrocken ſtehen ſehen, und Niemand konnte ihm, wie er verlangte, aus der Schrift beweiſen, daß — —— ſeine Lehre eine Ketzerei ſey. Die Pfaffen verſchreien ihn, weil er ihr Anſehen zu fuͤrzen droht, und waͤre es nach ihrem Willen gegangen, Luther waͤre damals nicht lebendig aus dieſen Mauern gekommen. Aber der junge Kaiſer war edel genug, ſeinen erſten Reichs⸗ tag nicht mit einem Wortbruch zu ſchaͤnden; ich weiß auch, daß manches Schwert zur Beſchuͤtzung des Monchleins gezogen worden waͤre, das ſo muthig vor den verſammelten Staͤnden erſchien.“ „Wir wollen hoffen,“ ſagte Falkenſtein,„daß dieſer Zwieſpalt der Kirche bald durch ein allgemeines Con⸗ cilium beendigt wird.— Ihr uͤberlaßt mir alſo den gefangenen Hofer ganz und gar.“ „Er muß erſt vor unſerem Gericht erſcheinen,“ ant⸗ wortete Windeck,„aber das konnt ihr verſichert ſeyn, daß ich den Lebensretter meines Freundes und den ge⸗ maͤßigten Mann von dem tollen Geſindel zu unterſchei⸗ den weiß, das fuͤr ſeine Raſerei nun ſchwer buͤßen muß. Ihr habt noch keine Nachricht von eurer Hed⸗ wig?“ „Ich habe Boten ausgeſchickt,“ erwiederte Falken⸗ ſtein,„um ſie aufzuſuchen und hieher zu bringen. Denn ich weiß jetzt, daß ſie lebt.“ „Ihr ſeyd ein gluͤcklicher Vater,“ rief Windeck aus⸗ „aber mein einziger Sohn, der Letzte meines Stammes, iſt hin und mit mir ſtirbt mein Name aus. Wenn mein kleiner Otto noch lebte, er waͤre jetzt in dem hei⸗ rathsfaͤhigen Alter, vielleicht haͤtte er eurer Hedwig ge⸗ fallen, wir haͤtten unſere beiden Wappen in eines ver⸗ — 172— einigt, und Falkenſtein⸗Windeck waͤre ein Geſchlecht geworden, wie keines edler im Lande iſt.“ „Meine Hedwig hat die Thorheit begangen,“ ſagte Falkenſtein,„ſich in denſelben Hofer zu verlieben, der mir und ihr ſo weſentliche Dienſte geleiſtet hat.“ „Und dieſe wollt ihr ihm mit ihrer Hand beloh⸗ nen?“ fragte Windeck. „Nein,“ erwiederte der Graf,„er iſt ein ſchoͤner und, wie ich ſelbſt erfahren, ein edler Mann, aber von niederer Herkunft. Ich werde ihn von Hedwig fern zu halten ſuchen, und ſie wird bald ihre thörichte Lei⸗ denſchaft vergeſſen. Wenn ihr einen Sohn haͤttet, al⸗ ter Freund,— ja, das waͤre eine Verbindung, die un⸗ ſer Alter erfreuen könnte. Habt ihr denn nie eine Spur des verlorenen Knaben aufgefunden?“ „Nie, Freund,“ antwortete Windeck.„Ich befand mich damals in dem Kriege, den der Pfalzgraf Ru⸗ precht mit dem Kaiſer fuͤhrte, und als ich nach langer Abweſenheit auf mein Schloß zuruͤckkehrte, war ich ein kinderloſer Vater, der Knabe war und blieb verſchwun⸗ den; Gott hat mir keine Kinder mehr geſchenkt, und ich bin der Letzte in der langen Reihenfolge eines ed⸗ len Geſchlechts. Was giebt es?“ fragte er einen herein⸗ tretenden Diener. Dieſer meldete, eine junge Dame, die ſo eben vor dem Hauſe vom Pferde geſtiegen ſey, in Begleitung von einigen Bauern und zwei Geiſtlichen, wuͤnſche mit dem Grafen von Falkenſtein zu ſprechen. „Das iſt gewiß wieder eine Verwandtſchaft der ungluͤcklichen,“ ſagte Falkenſtein,„die jetzt von uns — 173— Schonung erſlehen, welche ſie waͤhrend ihrer Siege nicht gekannt haben. Sollen wir ſie herein laſſen, Win⸗ deck?“ Als der Gefragte eine beiahende Antwort gab, dffnete der Diener die Thuͤre und— Hedwig flog in die Arme ihres uͤberraſchten Vaters. Hinter ihr traten Hans mit Marien an der Hand, die Pflegeeltern Hofers⸗ der Paſtor von Rußbach und derſelbe Moͤnch, der auf dem Eſel in Worms eingeritten war, in das Gemach. Weder Falkenſtein, der entzückt ſeine Tochter umarmt hielt, noch Windeck, welcher geruͤhrt der Seene zuſah, bemerkte die Eintretenden, bis Hedwig nach der erſten Freude des Wiederſehens ſich zu ihrem Vater wandte, und ihr Hans und den Paſtor als ihre Retter, Hofers Pflegeeltern als ihre Schuͤtzer, und den fremden Moͤnch als einen Mann vorſtellte, der aus Theilnahme an Hofers Schickſal hieher gekommen ſey⸗ um den Unſchul⸗ digen von unverdienter Strafe zu retten.„Er iſt doch hier?“ fragte Hedwig. „Er ſitzt hier gefangen,“ antwortete der Graf, „doch wenn du dieſen Mann bitteſt, ſo wird er vielleicht bei ſeinem Gericht darauf Ruͤckſicht nehmen, daß er dir und mir zur Rettung aus den Haͤnden der Auf⸗ ruͤhrer behilflich geweſen iſt.“ Hedwig hatte den Namen Otto's von Windeck von ihrem Vater oft nennen horen, aber ihn noch nicht ge⸗ ſehen; ſie ging daher etwas ſchuͤchtern und verlegen auf ihn zu. „Ihr werdet gewiß,“ ſagte ſie,„meine Bitte um das Leben eines jungen Mannes nicht uͤbel deuten, — 174— wenn ihr erfahren habt, daß er nur um unſerer Sicher⸗ heit willen die Anfuͤhrung der Bauern uͤbernommen hat. Dieſer ehrwuͤrdige Geiſtliche kann es bezeugen, daß er den Tod, womit ihn die Empoͤrer bedrohten, der angebotenen Hauptmannsſtelle vorgezogen haben wuͤrde.“ „Ja, gnaͤdiger Herr,“ ſagte der Paſtor,„er ver⸗ dient eher Belohnung als Strafe.“ „Wenn er ſolche Fuͤrſprache hat,« entgegnete Windeck,„wie euch, mein ſchoͤnes Fraͤulein, und dieſen ehrwuͤrdigen Diener der Kirche, ſo wird er wohl ge⸗ linde davon kommen. Fuͤrchtet nichts fuͤr ſein Leben.“ Dieſe Nachricht verſetzte Alle in die größte Freude, und nur die Anweſenheit vornehmer Perſonen hielt den Ausbruch des lebhafteſten Entzuͤckens bei Hans und dem alten Hofer zuruͤck. Rachdem der Graf die von der Reiſe ermüdete Geſellſchaft ſich hatte erholen und erfriſchen laſſen, bat er ſeine Tochter, ihn mit ih⸗ ren Schickſalen ſeit ihrer Trennung unter ſo ſchreckli⸗ chen Umſtaͤnden bekannt zu machen. Er ſelbſt hatte ihr bereits mitgetheilt, was der Leſer ſchon weiß, und daß er nach der Entfernung von ſeinem Retter gluͤck⸗ lich bei dem Heere angelangt ſey, das Otto von Windeck gegen die Aufruͤhrer geſammelt hatte. „Theurer Vater,“ erzahlte Hedwig,„als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, die mich bei dem Anblick eurer Gefahr niederſtuͤrzte, ſah ich mich in Geſellſchaft des Paſtors, dieſes jungen Burſchen und Mariens al⸗ lein auf dem hinteren Abhange des Berges, wo ich nie „ — 175— geglaubt haͤtte, daß ein menſchlicher Fuß Halt finden fonne, und hoͤrte uͤber mir das Getuͤmmel der Aufruͤh⸗ rer, welche die eroberte Burg pluͤnderten. Euer unge⸗ wiſſes Schickſal aͤngſtigte mich, und ſo ſehr mich auch meine Begleiter verſicherten, daß euch gewiß kein Leid geſchaͤhe, ſo lange Franz Hofer lebe und Hauptmann ſey, ſo konnte ich mich doch nicht beruhigen. Da ich ſo erſchopft war, daß ich den ſteilen Abhang nicht al⸗ lein hinabklimmen konnte, ſo blieben wir an unſerem gufluchtsorte bis gegen Abend, wo auf einmal die in Brand geſteckte Burg unſere Lage gefaͤhrlich machte, weil die vom Wind getriebenen Funken auf den Platz fielen, wo wir uns befanden. Ich nahm daher meine Kraͤfte zuſammen, und gelangte bei dem Scheine der Flammen gluͤcklich hinab.“ „So leuchteten alſo,“ rief der Graf ſchmerzvoll aus,„ſo leuchteten alſo die Flammen meines väterli⸗ chen Schloſſes der rechtmaͤßigen Beſitzerin zur Flucht!“ Wir hoͤrten das entfernte Jauchzen der Sieger,“ fuhr Hedwig fort.„Hans wollte ins Lager der Auf⸗ ruͤhrer und Pferde herbeiſchaffen, aber ich gab es nicht zu, daß ſich der Einzige, der uns ſchuͤtzen konnte, ent⸗ ferne. Ich erklaͤrte, daß ich Staͤrke genug fuͤhle, bis an einen Ort der Sicherheit zu gehen. Aber nun fragte ſich, wohin wir unſere Flucht wenden ſoll⸗ ten. „Wehe,“ unterbrach ſie der Graf,„die Erbin von Falkenſtein mußte ihr Schloß verlaſſen, ohne zu wiſſen wo ſie ein Obdach fur ſich finden koͤnne!“ „Ja, theurer Vater, wir waren in großer Verle⸗ genheit. Wir beſchloſſen endlich, in dem verlaſſenen Kloſter von Marienthal Unterkunft zu ſuchen, bis Hans am andern Morgen euer Schickſal auskundſchaf⸗ ten, und mich zu euch bringen koͤnne. Wir erreichten auch wirklich das Kloſter, und brachten dort die Nacht traurig zu. Nachdem uns Hans verlaſſen hatte, um Rachrichten einzuziehen, blieben wir in einer der Zel⸗ len zuruͤck. Wir hoͤrten plotzlich Tritte in den gewoͤlb⸗ ten Gaͤngen des Kloſters erſchallen, und begannen ſchon zu fuͤrchten, daß es Feinde ſeyen, weil Hans noch nicht zuruͤckgekommen ſeyn konnte. Es war aber dieſer ehr⸗ wuͤrdige Bruder, der fromme Baſil, welcher, von wei⸗ ten Reiſen zuruͤckkehrend, die verddete Stätte ſeines Kloſters beſuchte.“ „Seyd mir willkommen, ehrwuͤrdiger Bruder,“ ſagte der Graf zu Baſil, veure Froͤmmigkeit iſt allen wohlbekannt, die in unſerem Thale leben. Ihr wart ja Hofers Lehrer, wenn ich nicht irre?“ „So iſt es, gnaͤdiger Herr,“ erwiederte Baſil.„Ich wollte ihn noch einmal ſehen, und da ich hoͤrte) daß er als Anfuͤhrer der Rebellen vor eurer Burg läͤge, ſo ging ich mit ſeinen Pflegeeltern, die unſer Kloſter im ungluck nicht verließen, und mit den Moͤnchen flohen, nach Marienthal zuruͤck, wo ich ſo unerwartet das Fraͤulein fand.“ „Der ehrwuͤrdige Bruder,“ erzaͤhlte Hedwig wei⸗ ter,„brachte uns zu dieſen freundlichen Alten, wo ich aͤngſtlich und ſorgenvoll wegen eures Schickſals gelebt — 177— habe; denn Hans brachte uns zwar die Nachricht, daß ihr entſlohen waͤret, aber er konnte nicht erfahren wohin, weil er wegen des Abzuges der Bauern von Falkenſtein Hofer'n nicht mehr getroffen hatte. Ich trieb ihn da⸗ her an, dem Bauernheere nachzueilen, und zaͤhlte die Stunden und Minuten bis zu ſeiner Wiederkehr. Aber ach, als er kam, uns ein Bild von der Schlacht ent⸗ warf, aus welcher er ſelbſt ſich kaum gerettet, wo er ſeinen Herrn nur auf einen Augenblick geſehen, und dann ſeinen Anblick in dem Getuͤmmel verloren hatte, — thenrer Vater, als er zuruͤckkehrte, ohne Nachrich⸗ ten von euch, ohne Gewißheit uͤber das Schickſal un⸗ ſeres Retters, da konnte ich es nicht mehr aushalten. Wir erhielten endlich von den gefluͤchteten Bauern aus Marienthal, die jetzt nach ihrer Beſiegung in ihre Huͤtten zuruͤckkehrten, die Kunde von eurem Aufenthalt in dieſer Stadt, und von eurem Einfluß bei dem Ge⸗ richte, das uͤber die Gefangenen gehalten werden ſolle. Sie verſahen uns mit Pferden und Wagen, um dieſe Reiſe hieher zu machen, und ich habe ihnen verſpro⸗ chen, ein gutes Wort fur ſie bei euch einzulegen. Lie⸗ ber Vater, es war eine Thorheit, eine Verblendung 6 der armen Leute, vergebt ihnen, und ſtraft ſe nicht zu hart.“ Der Graf antwortete nichts; aber Winde ihrer Erzaͤhlung theilnehmend zugehoͤrt, nahm lächelnd das Wort:„Mein Fraͤulein, wenn wir eure Verwen⸗ dung hoͤren wollten, ſo wurde die Gerechtigkeit dies⸗ mal ihr Schwert und ihre Wage ruhen laſen müſſen. M — 18— Zum Gluck iſt ſie eine blinde Göttin, ſonſt wuͤrde ſie ſich vielleicht durch Bitten aus einem ſo ſchoͤnen Munde ruͤhren laſſen.“ Hedwig errbthete.„Das verſtehſt du nicht, meine Tochter!« ſagte ihr Vater ernſt.„Doch vollende deine Erzaͤhlung.“ „Ich habe nichts mehr hinzuzuſetzen,“ ſchloß Hed⸗ wig,„als daß ich in einem Aufzuge, der den Bewoh⸗ nern dieſer Stadt ſehr aufzufallen ſchien, hier ange⸗ langt bin, und jetzt in euren Armen alle Leiden ver⸗ geſſe, die mich betroffen haben. Aber, lieber Vater,“ fuhr ſie nach einer kurzen Pauſe fort,„die Wonne des Wiederſehns, welche ich empfinde, erinnert mich, daß ihr dem alten Hofer und ſeiner Frau die groͤßte Gunſt erzeigen wuͤrdet, wenn Ihr ihnen erlaubtet, ihren Sohn zu beſuchen. Wenn ſie auch nicht ſeine Eltern ſind, ſo lieben ſie ihn doch, wie ihr eigenes Kind, und er——6 „Wie? fragte der Graf.„Franz Hofer iſt nicht euer Sohn? So iſt er wohl ein Verwandter von euch?“ „Nein, gnaͤdiger Herr,“ erwiederte der alte Hofer, an den dieſe Frage gerichtet war, ver iſt nur mein Pllegekind, aber wie das Fraͤulein— Gott ſegne ſie— geſagt hat, mir ſo lieb, wie mein eignes Fleiſch und Blut.“ Er verſuchte dem Grafen daſſelbe zu erzaͤhlen, was er unſerem Helden mitgetheilt hatte. Da ihm aber hier die Worte nicht ſo gut ſloſſen, ſo forderte er — 179— den Bruder Baſil auf, die ihm wohlbekannte Geſchichte dem gnadigen Herrn zu berichen. Der Aufgeforderte that dies mit aller Genauigkeit. Otto von Windeck hoͤrte mit außerordentlicher Theilnahme und mit ſicht⸗ barer innerer Bewegung zu.„In welchem Jahre hat ſich dies zugetragen?“ fragte er. „Es ſind jetzt wohl ein und zwanzig Jahre,“ ant⸗ wortete Baſil.„Der Knabe ſchien drei Jahr alt zn ſeyn.“. Das trifft zu,“ ſagte Windeck fuͤr ſich.„Aber ich will meine Frende zuruͤckhalten, um nicht, in einer zu voreiligen Hoffnung getaͤuſcht, meinen Verluſt von neuem zu empfinden.“ In der Fortſetzung ſeiner Fra⸗ gen wurde er durch die Nachricht unterbrochen, daß das verſammelte Gericht auf ſeine Erſcheinung warte, um ſein trauriges Geſchaͤft zu beginnen. Er entfernte ſich daher mit Falkenſtein, der ſich aus den Armen der Liebe riß, um ſich zu den blutigen Scenen der Be⸗ ſtrafung und Rache zu begeben, waͤhrend Hedwig mit ihrer Dienerin allein zuruͤckblieb, der alte Hofer und ſeine Frau, von dem Paſtor begleitet, ſich in die volk⸗ belebten Straßen der Stadt wagten, und Hans mit Baſil ſich an den Gerichtsſaal ſtellte, um der Verur⸗ theilung derer zuzuſehen, die noch kuͤrzlich ſeine Ge faͤhrten geweſen waren. — ——— — 180— Sechszehntes Kapitel. Wir verließen unſern Helden im Kerker und in der Erwartung einer ſchimpflichen Beſtrafung. Der Wundarzt, der ihn noch einmal beſucht hatte, um ſein beſchaͤdigtes Bein zu verbinden, hatte ihm die Nach⸗ richt mitgetheilt, daß ſich ſo eben das Gericht unter dem Vorſitz Otto's von Windeck, eines weiſen und ſtrengen Mannes, verſammle, und daß er ſich gefaßt machen ſolle, vor demſelben zn erſcheinen. Der Chi- rurg hatte ihn auch kaum verlaſſen, als eine Wache in ſein Gefaͤngniß trat, um ihn zum Gerichtsſaale zu vegleiten. Hofer folgte ihr, entſchloſſen, die Feſtigkeit im Tode zu zeigen, die der unſchuld gebuͤhrt. Da er trotz der Vorſicht des Wundarztes kaum auf ſeinem Beine ſtehen konnte, ſo wurde er ſehr angenehm überraſcht, als er eine Saͤnfte fand, in welcher er, vor den neugierigen Blicken der Menge geſchuͤtzt, bis an die Stufen des Rathhauſes getragen ward, wo die Ge⸗ richtsverſammlung Statt fand. Als er ſeinen wanken den Gang, ſich auf die Schultern zweier Gerichtsdiener ſhend, mit niedergeſchlagenen Augen durch das Ge⸗ draͤnge ging, kam es ihm vor, als ſaͤhe er bei einem gelegentlichen Aufblicken die Geſtalt von Hans und ſeinem Lehrer Baſil unter der Menſchenmenge, die ſich hier verſammelt hatte; er wandte jedoch ſeine An⸗ gen wieder zu Boden, vis er vor den geoffneten Fluͤ⸗ gelthuͤren des großen Saales ankam, wo die Gerichts⸗ verſammlung ſaß. Er mußte hier warten⸗ bis die — 181— Reihe der unterſuchung ihn traf, und wurde auf dieſe Weiſe wider ſeinen Willen ein Zeuge der Verurthei⸗ lung von Zaͤnker und Pfeiffer. Auf einem erhoheten Stuhle ſaß als oberſter Richter Otto von Windeck, und an beiden Seiten waren die Gerichtsbaͤnke mit Edeln und Rechtsgelehrten beſetzt, und unter jenen erkannte Hofer den Grafen von Falkenſtein.„Kann er noch mein Richter ſeyn wollen?“ dachte er.„Wird er ſich nicht ſchaͤmen, uͤber mich, den Retter ſeines Lebens, das Todesurtheil zu faͤllen? Bei Gott! ich mochte nicht mit ihm tauſchen!“ In dieſen Gedanken ward er durch den Anfang der Unterſuchung unter⸗ brochen, die zuerſt mit Zaͤnker begann. Zaͤnker wurde in Feſſeln hereingefuͤhrt, jedoch derſelben entledigt, ſo⸗ bald er vor ſeinen Richtern ſtand. Der Trotz ſeiner Miene und das grinſende Lächeln, womit er die Ver⸗ ſammlung uͤberblickte, bewies, daß er an die Rache dachte, die er genommen, wenn das Gluͤck ſich fuͤr die Waffen der Aufruͤhrer erklaͤrt, und die Edeln, die er jetzt vor ſich ſah, ſeinem urtheilsſpruch unter⸗ worfen haͤtte. Er ſchien alle ſeine Kraft zuſammenge⸗ nommen zu haben, um in dem letzten Augenblicke ſei⸗ nes Lebens die trotzige Feſtigkeit zu zeigen, wodurch oft die großten Verbrecher vor den Gerichten glaͤnzen. Nachdem er auf die Frage des mit der Unterſuchung beauftragten Richters ſeinen Namen mit unerſchrocke⸗ ner Stimme genannt hatte, fuhr der Richter fort: „So ſeyd ihr alſo derſelbe Jakob Zaͤnker, der ſich der Jagdfrevel ſchuldig gemacht, und durch Anſtiftung von — 182— Aufruhr die Zahl ſeiner Verbrechen noch vermehrt hat?“ „Derſelbe,“ antwortete der Trotzige,„und zugleich der, welcher euren verfluchten Herold getoͤdtet hat, und euch alle, ohne die langen Umſchweife, die ihr mit mir macht, umgebracht haben wuͤrde, wenn der Sieg das Recht beguͤnſtigt haͤtte. Jetzt wißt ihr Alles! Ge⸗ braucht eure Macht, wie ich die meinige gebraucht ha⸗ ben wuͤrde, und laßt mich die Ruthe fuͤhlen, die ihr unſern Haͤnden entriſſen habt, als ſie ſchon uͤber ench geſchwungen war.“ Dieſe feſte Sprache erregte die Verwunderung Aller. „Ihr ſeyd vielleicht ſo kuͤhn,“ ſagte der Inquiſitor, „weil ihr die Strafe nicht kennt, die auf eure drei⸗ fachen Verbrechen ſteht, und die wir nur vollziehen könnten, wenn ihr ein dreifaches Leben haͤttet—“ vWenn ich ſie auch nicht kenne,“ unterbrach ihn Zaͤnker,„ſo iſt mir doch euer verhaßter Anblick ſchreck⸗ licher, als alle eure Strafen. Was Jacob Zaͤnker an Andern thun kann, iſt er auch im Stande ſelbſt zu leiden.“ Was hat euch bewogen,“ fragte der Richter weiter, „das P ndvolk zum Abfall von ſeinem Herrn aufzurei⸗ zen? Thatet ihr es auf eigenen oder fremden An⸗ trieb? Antwortet,“ fuhr er fort, als Zaͤnker ein höh⸗ niſches Gelaͤchter erhob,„antwortet, oder wir haben Mittel euch zu zwingen.“ „Ich that es,“ erwiederte Zaͤnker und ſeine Fauſt ballte ſich krampfhaft,„ich that es, weil ich mich an — 183— euch raͤchen, und weil ich mein Wild ſchießen wollte, ohne es ſtehlen zu muͤſſen. Ich that es, weil dem die Macht zukommt, der die Oberhand hat, wie ich euch gezeigt haben wuͤrde, wenn ihr vor mir ſtaͤndet, wie ich vor euch.“ „Wir haben genug gehort,“ ſagte Otto von Win⸗ deck.„Dieſer halsſtarrige Verbrecher buͤße ſeine drei⸗ fache Schuld mit einem dreifachen Tode. Er ſterbe durchs Schwert, durchs Feuer und durch den Strang!“ Zaͤnker hoͤrte ohne Erbleichen dieſen Urtheilsſpruch an⸗ der ihn zu einem qualvollen Tode, zu dem Verluſt ei⸗ nes ſeiner Glieder durch das Schwert, zu dem Zwicken mit gluͤhenden Zangen und die Erdroſſelung durch den Strick verdammte. Er ward aufs neue in Feſſeln ge⸗ legt, und verließ mit ſtolzem, feſtem Schritt die uͤber ſeine Kuͤhnheit erſtaunten Richter. Im Vorbeigehen erkannte er Hofern, und warf ihm einen Blick zu, wor⸗ in ſich die boshafte Schadenfrende, daß auch dieſer buͤßen ſolle, ungeachtet er beſtaͤndig milden Rathſchaͤgen geneigt geweſen ſey⸗ ausdrucksvoll mahlte. Waͤhrend ſich unſer Held ſchaudernd abwandte, hörte er eine Stimme bei ſich fluͤſtern: Fuͤrchtet nichts, lieber Herr, ihr werdet unverletzt davon kommen.“ Er ſah ſich um, und erkannte, zu ſeinem nicht geringen Ver⸗ gnuͤgen und Erſtaunen, daß der treue Hans ihm die⸗ ſen Troſt zugeſprochen. Als er noch uberlegte, ob er nicht den ehrlichen Burſchen in Gefahr braͤchte, wenn er ihn als ſeinen Bekannten anreden wurde, war Hans ſchon von den Waͤchtern zuruͤckgetrieben worden. Hofer — 184— ſah ihn jedoch in einiger Entfernung ſtehen, und ihm durch freundliche Zeichen Muth zuwinken. Er freute ſich, daß ſein treuer Diener der Gefahr entronnen, und wunderte ſich uͤber ſeine Kuͤhnheit, dieſen Platz zu beſuchen. Indeſſen feſſelte die mit Pfeiffer ange⸗ ſtellte Unterſuchung ſeine Aufmerkſamkeit. Zaͤnker'n hatte ſeine verbrecheriſche in Schandthaten gehaͤrtete Seele die Kraft gegeben, in ſeiner letzten Stunde der Be⸗ ſtrafung zu trotzen, die er durch ſein unerlaubtes Hand⸗ werk ſchon laͤngſt verwirkt und einmal erwartet hatte, und der er bisher nur durch ſeine Schlauheit entgangen war; dem Pfeiffer aber ſchien dieſe Staͤrke zu fehlen, wie ſein bleiches Geſicht und ſeine wankenden Schritte anzeigten. Haͤtte Winzer nicht den Tod auf dem Schlachtfelde gefunden, ſo wuͤrde ihm ſein tiefgewur⸗ zelter Fanatismus einen bei weitem erhabenern Muth gegeben haben, als Zaͤnker gezeigt hatte. Er wuͤrde ſich mit Ergebung in den Beſchluß des Herrn gefuͤgt haben, der oft ſeine Lieblinge und Propheten mit Truͤb⸗ ſal heimſucht, nach den Worten des Herrn ſelbſt, der da ſagt: es wird eine Zeit kommen, da ſie euch werden in den Bann thun, und glauben, Gott einen Dienſt zu erweiſen, wenn ſie euch todten; das ungluͤckliche Ende ſeiner Unternehmung hätte ſein Vertrauen eben ſo wenig, als ſeinen Muth erſchuͤttern können, ſondern er waͤre triumphirend fuͤr ſeine ſchlechte Sache als Maͤrtyrer geſtorben. Pfeiffer, halb Fanatiker und halb Verbrecher, ſtand zwiſchen Winzer und Zaͤnker in der Mitte, und hatte folglich nicht das Vertrauen, welches dem Einen ſeine Schwaͤrmerei gegeben haben wuͤrde, noch den Trotz, welchen dem Andern ſein verhaͤrtetes und verſtocktes Herz einfloͤßte. Mit matter Stimme nannte Pfeiffer ſeinen Namen auf die Frage des unter⸗ ſuchenden Richters; als er aber uͤber ſeinen Antheil an dem Ausbruch der thuͤringiſchen Unruhen und uͤber ſeine Verbindung mit dem Wiedertaͤufer Thomas Muͤn⸗ zer gefragt wurde, hielt er es fuͤr das Beſte zu laͤug⸗ nen, und ſelbſt die Folter anszuhalten. Der Richter ließ ſeinen Daumen in die Folterſchraube legen. Pfeiffer hielt zuerſt den Schmerz aus, bis auf einmal die Vermehrung deſſelben eine voruͤberfliegende Roͤthe uͤber ſein bleiches Geſicht jagte, und ihm dann einen Schrei und die Worte auspreßte!:„Ich will Alles be⸗ kennen!“ Er geſtand, daß er es geweſen ſey, der bei der Nachricht von dem Aufſtand in Schwaben zuerſt die Waffen ergriffen, und durch ſein Gluͤck auch Tho⸗ mas Muͤnzer zu einem gleichen Schritte bewogen habe. Er gab ſeine Erſcheinungen fuͤr Blendwerke an, und flehte zuletzt um Gnade, um, in den Schooß der wahren Kirche wieder aufgenommen, in der Stille eines Kloſters ſeine Vergehungen buͤßen zu koͤnnen. Seine Bitte ward nicht erhoͤrt; ſein Urtheil lautete, daß in Be⸗ tracht ſeiner Reue er, nach Ablegung ſeines Glaubens⸗ bekenntniſſes, durch das Schwert vom Leben zum Tode gebracht werden ſolle. Kleinmuͤthig verließ Pfeiffer die Verſammlung, um Hofer'n Platz zu machen, wel⸗ cher nun in den Saal gefuͤhrt ward. Otto von Win⸗ deck heftete ſein Ange auf ihn, und Hofer, der ſeinem — 186— Blicke begegnete, bemerkte, daß aufregende Gefuͤhle ſeinen Richter ergriffen haben mußten; denn Windecks Miene ging aus dem feierlichen Ernſt, den er waͤhrend der vorhergegangenen Auftritte beobachtet hatte, in ein uͤberraſchtes, freudiges Erſtaunen uͤber, welches er kaum bemeiſiern zu konnen ſchien. Hofer trat unerſchrocken vor die Verſammlung, und zwar mit jener edlen ein⸗ nehmenden Unerſchrockenheit, die aus dem Bewußtſeyn der unſchuld hervorgeht. Er antwortete auf die Frage, was ihn zur Theilnahme an einem ſo ſchaͤndli⸗ chen Aufruhr habe bewegen können, kurz und beſtimmt: der Zwang und das Verlangen, den Grauſamkeiten Einhalt zu thun, zu welchen die verfuͤhrten Leute von Rachſucht und Leidenſchaft fortgeriſſen wurden.“ „Wenn ihr die Abſicht hattet,“ ſagte der Inqui⸗ ſitor,„wie ihr vorgebt——“ „Erlaubt mir, euch zu unterbrechen,“ ſiel ihm Hofer in die Rede, vich gebe nicht vor, dieſe Abſicht gehabt zu haben, ſondern hatte ſie wirklich, wie ich beweiſen kann, wenn der Graf von Falkenſtein, den ich hier un⸗ ter der Zahl meiner Richter ſitzen ſehe, ſeinen unbilli⸗ gen Zorn gegen mich ſo weit unterdruͤcken will, daß er der Wahrheit gemaͤß ein Zeugniß fuͤr mich ablegt. Wenn unfreiwilliger Antheil an dieſem Aufſtande mich des Todes ſchuldig macht, ſo will ich dem Geſetz mein Leben aufopfern.“ Der Graf von Falkenſtein erhob ſich, um Hofer'n das Mißtrauen in ſeine Dankbarkeit zu benehmen. „Geehrte Herren,“ ſagte er, zur Verſammlung gewandt, ———— ——— *— 187— „der junge Mann ſpricht die Wahrheit. Er hat mein von den Aufruͤhrern gefaͤhrdetes Leben gerettet, und ſich von ihnen nicht getrennt, um ſeinen Einfluß zur Verhinderung von Gewaltthaͤtigkeiten anzuwenden.“ „Es waͤre Ungerechtigkeit, nahm Windeck das Wort„jemanden fuͤr Verbrechen ſtrafen zu wollen, die er nicht begangen hat. Ich ſetze daher dieſen Gefan⸗ genen, gemaͤß der mir anvertrauten Richtergewalt, in Freiheit und Sicherheit, und gebe ihm Erlaubniß, ſich hinzubegeben, wohin er will.“ Die Verſammlung bil⸗ ligte dieſes urtheil, und Falkenſtein befahl, den uͤber⸗ raſchten Hofer nach ſeiner Wohnung zu bringen, wo⸗ hin er ihm ſelbſt mit Otto von Windeck folgte. Denn dieſer uͤbertrug nach dem Verhoͤr und nach der Ver⸗ urtheilung der Hauptleute ſeinen Vorſitz einem Andern, mit der Anweiſung, die Hartnaͤckigen hinrichten, und die nebrigen frei gehen zu laſſen. Der neue Praͤſident er⸗ fuͤllte ſeinen Auftrag mit Genauigkeit; die Halsſtarri⸗ gen, worunter beſonders die von Winzer Fanatiſirten waren, buͤßten fuͤr die Andern. Wir bemerken noch, daß Zaͤnker mit demſelben Trotz, den er bei ſeiner Ver⸗ urtheilung gezeigt, ſeinen qualvollen Tod erlitt, und Pfeiffer zwar kleinmuͤthig aber getroſtet ſtarb, und das herumſtehende Volk vor Verblendungen des Satans und vor Abfall und Aufruhr warnte. Denn wir haben nicht laͤnger bei dieſen Auftritten zu verweilen, und fuͤhren den Leſer, der, wie wir annehmen, ſolchen blu⸗ tigen Seenen nicht ſo begierig zuſehen wuͤrde, als die Buͤrger von Worms, zu einem freudigeren Anblick. — 188— Allein dies verdient eine ausfuͤhrliche Erzaͤhlung in einem neuen Kapitel. —— Siebzehntes Kapitel. Sobald Hofer aus dem Saale getreten war, wurde er mit Jubel von Hans, und mit einem herzlichen Haͤndedruck von ſeinem Lehrer Baſil empfangen, und verließ, auf Beide geſtutzt, das Rathhaus. Waͤhrend er in die Saͤnfte ſtieg, kam ein Diener, und rief Baſil zu Otto von Windeck. Der Monch uͤberließ es alſo dem ehrlichen Hans, unſern befreiten Helden nach der Wohnung des Grafen von Falkenſtein zu begleiten, und folgte der Aufforderung Windecks. Hofer oͤffnete das Seitenfenſter der Saͤnfte, um ſich mit Hans, der neben ihm herging, zu unterhalten. Daß er ſogleich nach Hedwig fragte, war natuͤrlich; aber Hans war ſchlau genug, ſeinem Herrn eine Ueberraſchung zu machen.„Sie iſt bei einem nahen Verwandten,“ ant⸗ wortete er,„und Marie auch. Waͤre dieſe nicht gewe⸗ en, ſo haͤtte ich nie die Waffen ergriffen. Dem Kuno habe ich ſeine Liebe aus dem Kopfe vertrieben, dem armen Kerl! und Marie hat mich jetzt lieber, als ehe ſie auf's Schloß gekommen iſt.“ „Wie biſt du denn entronnen, Hans?“ fragte Ho⸗ fer. „Ach, Herr, ich hatte keine Luſt, den Reitern zu widerſtehen, und auch eure uͤbrigen Leute nicht. So ——— — — 189— nahmen wir Reißaus, bis wir in Sicherheit waren, bloß um euch beſorgt. Denn wir konnten euch doch nicht helfen, ſonſt haͤtten wir gewiß unſer Leben nicht geſchont.“ „Das bin ich uͤberzeugt, treuer Burſche. Ihr hab euch alſo Alle gerettet?“ „Ja, die Meiſten ſind wieder in das Dorf zuruͤck⸗ gekehrt und haben die Waffen mit dem Pfluge ver⸗ tauſcht. Und das werde ich auch thun, wenn ich Ma⸗ rien geheirathet habe. Lieber Herr, ihr kommt doch auf meine Hochzeit, die,— ia wartet einmal, jetzt iſt Pfingſten vorbei,— ja, ja, die ich auf Johannstag feiern will.“ „Wenn ich noch im Lande bin, ſo werde ich ge⸗ wiß nicht verſaͤumen, dich in deinem Gluͤcke zu ſehen.“ „Nun, lieber Herr, ihr werdet doch nicht von hier fort wollen?“ „Guter Burſche,“ dachte Hofer,„du haſt dein Gluͤck gefunden, und kannſt deinen Kahn in den Hafen lenken; aber mein Schifflein, das ſich ſo eben erſt durch gefaͤhrliche Klippen gewunden hat, muß noch manche Stuͤrme und Fluthen beſtehen, ehe es einen Ankerplatz findet oder an einem Felſen zerſchellt. Ich weiß nicht,“ fuhr er laut fort,„wyhin ich gehen werde, aber ſchwerlich werde ich hier im Lande bleiben.“ „Wollt ihr denn das Fraͤulein verlaſſen, lieber Herr?“ fragte Hans.„Sie war ſo beſorgt um euch.“ „Noch einmal will ich Hedwig ſehen,“ ſagte Ho⸗ fer,„und mich dann von ihr auf immer trennen.“ unter dieſem Geſpraͤche langte die Saͤnfte vor „ — 190— Falkenſteins Wohnung an. Das Erſte, was Hofer bei ſeinem Eintritte in das Haus fand, war die ihm unbegreif⸗ liche und uͤberraſchende Anweſenheit ſeiner Pflegeeltern, die ihm mit dem Paſtor entgegen kamen. Kaum hatte er ſich aus ihren Umarmungen losgewunden, und ſich von ſeinem Erſtaunen erholt, als Hedwig auf ihn zu⸗ flog und trotz der Zengen in die Arme des Geliebten K ſtuͤrzte. Es war unſerem Helden, als traͤume er, und er fuͤrchtete faſt, auf einmal zu erwachen und die ganze ſchoͤne Erſcheinung verſchwunden zu ſehen. Erſt nach und nach kam er zu ſich, und vernahm nun die Geſchichte Hedwigs und ihrer Rettung.„Treuer Hans!“ rief Hofer aus,„wie kann ich dir hinreichend deine Dienſte vergelten?“ „Dafuͤr laß mich ſorgen,“ erwiederte Hedwig,„ich weiß, was ihn belohnen wird.“ Sie ſah auf Marien, welche verſchaͤmt die Augen niederſchlug waͤhrend ihr Hans einen recht zaͤrtlichen Kuß gab. Hedwig wurde aber durch den Eintritt ihres Vaters in ihrem Entzuͤcken geſioͤrt, und an die Hinderniſſe erinnert, die noch im⸗ mer zwiſchen ihr und dem Geliebten ſtanden. Der Graf that, als habe er die innige Vertraulichkeit nicht be⸗ merkt, womit Hedwig bei Hofer'n geſtanden, lobte ſie, daß ſie ihrem Retter gedankt, und entließ ſie nebſt den uͤbrigen anweſenden Perſonen.„Du haſt mich und meine Tochter dir ewig verbunden,“ ſagte er zu Hofer. „Sprich jetzt, womit ich dich belohnen kann.“ et „Ihr habt mir heute eure Dankbarkeit bewieſen, erwiederte Franz;„ich werde dieſes Land verlaſſen, — 191— und meinem Entſchluß tren, von deſſen Außfuͤhrung ich nur durch dieſen unſeligen Aufſtand abgehalten worden bin, nach Italien ziehen. Auch will ich ſuchen, meine Eltern zu entdecken, denn ihr muͤßt wiſſen, edler Graf,—“ „Ich habe es ſchon gehoͤrt, unterbrach ihn Falken⸗ ſtein.„Aber was willſt du in Italien?“ „Edler Herr,« antwortete Hofer,„ihr habt mich den Gebrauch und die Uebung der Waffen gelehrt, und durch ſie will ich mir in des Kaiſers Heer einen Na⸗ men erwerben, den mir das Schickſal verweigert hat. In Kriegszeiten bringt Tapferkeit zu Ehren, und an Kuͤhnheit wird es mir nicht fehlen, da ich mein Leben nicht achte, wenn ich es nicht,— warum ſollte ich mich ſcheuen es euch zu ſagen— wenn ich es nicht mit Hedwig, mit eurer Tochter theilen kann.“ Der Graf ſah verlegen aus, da ſein Stolz und ſeine Dankbarkeit miteinander rangen, um ſeinem edlen Retter, den er jetzt ſo ſehr achtete, als er ihn fruͤher geliebt hatte, keine harte und kraͤnkende Ant⸗ wort zu geben. Hofer erſparte ihm dieſelbe, indem er ſchnell hinzufuͤgte:„doch furchtet nicht, daß ich die Neigung eurer Tochter zu mir mißbrauchen werde. Hedwig haͤngt zu ſehr an euch, um einen Schritt zu thun, der ihren Vater betruͤben könnte, und ihr einzi⸗ ger Ungehorſam gegen euch war ein Gefuͤhl, das kein Verbot und kein Geſetz verhindern kann, das die Seele des Menſchen maͤchtig ergreift, und alle Schranken nie⸗ derwirft, die ſich ihm widerſetzen. Warum gab mir 5 — 192— die Patur die Kuͤhnheit, meine Augen zu eurer TDochter zu erheben, und nicht die Mittel— doch nein, ſie hat mir ja Kraft der Arme und des Geiſtes gegeben, und mir eine Laufbahn erdoͤffnet, wo Hedwig als Ziel ſteht. Werdet ihr mir ihre Hand verweigern, wenn ich als Ritter zuruͤckkehre?“ „Du wäaͤreſt ihrer wuͤrdig,“ ſagte der Graf,„aber meine Hedwig, die Letzte eines edlen Stammes—“ „Nehme ich nur dann in Anſpruch, edler Graf,“ unterbrach ihn Hofer,„wenn ich ihr als Ritter meine Hand bieten kann. Gebt mir eure Hand darauf, mir in dieſem Falle eure Tochter nicht zu verweigern, ſo wird dieſe Ausſicht meinen Muth zu den kuͤhnſten Tha⸗ ten entflammen.“ Falkenſtein gab ihm das Verſprechen, und entließ den dadurch begluͤckten Liebhaber, der einem Diener zu Otto von Windeck folgte, welcher ihn zu ſprechen ver⸗ langte. Er fand dieſen mit Baſil in einem tiefen Ge⸗ ſpraͤch, und hoͤrte ihn bei ſeinem Eintritt in das Zim⸗ mer ſagen:„Er iſt es, ehrwuͤrdiger Bruder, er iſt es.“ „Ihr habt ein Bildniß,“ wandte er ſich dann zu Hofer,„ein Pfand enrer dunkeln Geburt. Zeigt mir es ſchnell.“ Vielleicht iſt es das Bild derjenigen,“ ſagte Hofer, „welcher ich mein Daſeyn verdanke. Koͤnnte ich das Original zu dieſen ſchoͤnen Zuͤgen finden,“ fuhr er fort, waͤhrend er das Bild betrachtete,„könnten dieſe Lippen an meinen heißen Kuͤſſen erwarmen!“ „Es iſt gefunden! rief Windeck aus, einen ſchnellen — 193— Blick auf das Gemaͤlde werfend, und den erſtaunten Hofer in die Arme ſchließend.„Es iſt gefunden, mein Sohn! es iſt das Bild meiner Bertha, deiner Mutter. Mein Otto! meinzlang verlorener Otto! fuͤhlſt du nicht das Herz deines Vaters an dem deinigen ſchlagen?“ „Mein Vater!“ war Alles, was der Juͤngling hervorbringen konnte, als er die feurige Umarmung eines Vaters, der ſeinen einzigen Sohn, die Hoffnung und Stuͤtze ſeines Geſchlechts, nach einer ein und zwan⸗ zigiaͤhrigen Trennung wieder fand, noch feuriger ver⸗ galt, da ihm dieſer Augenblick auf einmal einen Vater, eine edle Abkunft, und ſeine Hedwig gab. Doch kann man ſich denken, daß unſer Held, den wir von nun an bei ſeinem rechten Namen nennen werden, nicht im erſten Sturm der Gefuͤhle dieſe Betrachtung anſtellte, ſondern erſt nach dem vollen Genuß eines ſo un⸗ verhofften Wiederfindens ſeine Angen an der ihm geoͤffneten glaͤnzenden Ausſicht weidete. Erſt nach⸗ dem das ſtuͤrmiſche Entzuͤcken, waͤhrend deſſen ſich Baſil unbemerkt entfernte, voruͤber war, theilte der Vater ſeinem Sohne, den er auch noch an dem deutlichen Beweis eines Muttermals erkannte, die Geſchichte ſeines Verſchwindens mit. „Ich kam aus dem Kriege zuruͤck,“ erzaͤhlte er,„be⸗ gierig deine Mutter, die ich ſchwanger verlaſſen, und dich zu umarmen, und fand dich nicht, und ſie durch den Schrecken uͤber dein Verſchwinden mit einem todten Kinde niedergekommen. Eine Zigeunerin war an dem vorhergehenden Tage auf dem Schloſſe geweſen, und N — 194— hatte meiner Bertha ihr und des Kindes Schickſal, das ſie unter dem Herzen trage, weißagen wollen, aber aus Muth⸗ willen,— es war ein Unrecht, das wir ſchwer haben buͤßen muͤſſen— aus Muthwillen ließ ſie die Heidenfrau hin⸗ auspeitſchen. Mit den ſchrecklichſten Verwuͤnſchungen und Drohungen verließ das mißhandelte Weib das Schloß, und erfuͤllte ihre Rache nur zu ſchrecklich; denn meine nach allen Richtungen ausgeſandten Spaͤher ka⸗ men mit leeren Haͤnden zuruͤck. Ein und zwanzig Jahre lang haben wir uͤber den Tag getrauert, der dich aus unſern Armen riß, und eine ſo lange Zeit ohne Hoff⸗ nung zugebracht, dich jemals wiederzuſehen. Doch Gott hat uns nicht verlaſſen, und dich uns wiederge⸗ ſchenkt.“ „Und wo iſt meine Mutter?“ fragte der junge Otto ſeinen Vatet.„Bei dem erſten Anblick dieſes Bildes ſtiegen dunkle Erinnerungen in mir auf.“ „So ſah meine Bertha aus,“ ſagte Windeck,„ſo freundlich laͤchelten ihre Zuͤge, als ich ihr gluͤcklicher Gatte ward. Jetzt hat der Kummer und das Alter dieſe Farbe verloſcht, und dieſe heitere Stirne gefurcht, aber bald ſoll ſie die Freude uͤber ihren wiedergefundenen Sohn verklaͤren. In welche gluͤckliche Haͤnde,“ fuhr er fort, ſeinen Sohn mit Wohlgefallen betrachtend, „in welche gluckliche Haͤnde hat dich der Zufall ge⸗ bracht! Ganz meiner und deiner Ahnen wuͤrdig kehrſt du in die Arme deines Vaters zuruͤck. Mein Sohn, du haſt eine Schule durchgemacht, die den edeln Men⸗ ſchen am beſten bildet, die Schule des Ungluͤcks. Der — 195— Mann, welcher aus dieſer hervorgeht, geſtärkt von ihren Lehren, bereichert durch ihre Erfahrungen, beſteht am beſten die Pruͤfungen des Lebens.“ „Ja Vater,“ erwiederte Otto,„aus dem Kerker, wo ich dieſen Morgen troſtlos den Tod erwartete, ſtieg ich zur Freiheit empor, und in dem Augenblicke, wo ich den Entſchluß faßte, nach Italien zu ziehen, halten mich die Arme eines liebenden Vaters im theuern Va⸗ terlande zuruͤck.“ „Nach Italien wollteſt du, Otto?“ fragte Win⸗ deck;„die Kriege, die der Kaiſer dort fuͤhrt, gehen uns nichts an. Opferte er das Blut, was dort ſeinem Ehrgeiz fließt, gegen die unglaͤubigen Tuͤrken, es waͤre fuͤr das Reich und die ganze Chriſtenheit beſſer.“ „Was ſollte ich hier machen, Vater?“ erwiederte Otto.„In einem Lande, wo ich fremd, freund⸗ und namenlos ſtand, haͤtte mich nichts zuruͤckhalten koͤnnen, als die Liebe zu Hedwig, der Tochter des Grafen von Falkenſtein, und den Beſitz der Geliebten wollte ich in Italien erringen.“ „Gott ſegne deine Wahl!“ ſagte Windeck.„Auch hier trifft mein Wunſch, den ich noch vor Kurzem mit ſo wenig Ahnung ſeiner baldigen Erfullung that, mit deiner Neigung zuſammen. Doch dies erinnert mich⸗ daß ich meinen alten Freund mit meinem Gluͤck be⸗ kannt machen muß, und auch Hedwig— „Erfaͤhrt am beſten ihr Gluͤck von mir!“ unter⸗ brach ihn ſein Sohn lebhaft, und fuͤhrte zugleich ſeinen Vater ſo ungeduldig und ſchnell aus dem Zimmer, als — 196— ob die guͤnſtige Veraͤnderung ſeines Schickſals alle kör⸗ perlichen Schmerzen erſtickt habe.“ — Letztes Kapitel. Der Graf von Falkenſtein hatte ſich nach ſeiner Entfernung von unſerem Helden zu ſeiner Tochter be⸗ geben, und war nun beſchaͤftigt, ihr die Leidenſchaft zu ihrem Geliebten zu verweiſen. Er bat ſie, ihm zwar als ihrem Retter dankbar zu ſeyn, aber nie an ihn an⸗ ders zu denken, als an einen Mann, den ſeine Her⸗ kunft zu jeder engern Verbindung mit ihr unfaͤhig mache. Weislich verſchwieg er ihr ſein ihrem Gelieb⸗ ten gegebenes Verſprechen; denn er hatte es dem drin⸗ gend darum Bittenden nicht abſchlagen wollen, in der neberzengung, daß er doch nie ſeinen Zweck erreichen werde, oder, wenn dies dennoch der Fall ſeyn ſollte, ſeine erſte Niigung vergeſſen konne. Hedwig hatte naſſe Augen, als der alte Windeck mit ſeinem Sohne dieſe ihr ſchmerzliche Unterhaltung ſioͤrte.„Warum weint das Fraͤulein?“ ſagte Windeck.„Geh, Otto, troſte ſie, und trockne ihre Thraͤnen.“ „Geliebte, uns trennt nichts mehr!“ waren die Worte, womit der gluckliche Geliobte auf Hedwig zuflog, und ſie vor den Augen ihres Vaters umarmte. Dieſer begann bei dieſem Anblick die Stirne zu runzeln, aber der alte Windeck nahm ihn bei der Hand, und fuͤhrte ihn zu den Liebenden hin.„Segnet die Verbindung — — — 197— unſerer Kinder, mein alter Freund,“ ſagte er,„denn mein Sohn Otto iſt es, der eure Tochter liebt.“ Er ſetzte dem Grafen kurz die Geſchichte auseinander, welcher erfreut dem jungen Windeck Gluͤck wuͤnſchte, und ihm ſelbſt ſeine Tochter zufuͤhrte. Baſil hatte indeſſen das gluckliche Ereigniß den Uebrigen mitgetheilt, welche an dem Schickſal unſeres Helden Antheil nahmen, und Alle bezeigten ihm ihre herzliche Freude.„Gott ſey gedankt!“ ſagte der alte Hofer.„Habe ich doch gleich gedacht, daß Franz nicht der Sohn eines niedri⸗ gen Mannes ſeyn konne.“ „Ach, jetzt wird er uns aber nicht mehr anſehen,“ ſagte die Frau, deren ſchwaches Gehoͤr mit vieler Muͤhe die Sache begriffen hatte; nietzt iſt er ein gnaͤdiger Herr geworden.“ „NRein, Mutter,“ ſagte der alte Hofer;„das wird mein Franz nicht; er wird ſich erinnern, daß er meinen ehrlichen Namen gefuͤhrt hat, bis er ſeinen ei⸗ genen gefunden.“ Auch irrte er ſich nicht. Denn ſowohl Otto ſelbſt als ſein Vater nahmen die alten Leute mit der Liebe auf, die ſie verdienten, und beſchloſſen ſie nach dem Schloſſe Windeck mitzunehmen, wohin die ganze Ge⸗ ſellſchaft, von der naturlich Hans mit ſeiner Braut nicht ausgeſchloſſen ward, Willens war aufzubrechen, ſobald unſeres Helden Wunde völlig geheilt ſey, um ei⸗ nen Ritt ohne Schmerzen aushalten zu können. Da dies hald der Fall war, ſo verließen ſie Worms in ei⸗ nem andern Aufzuge, als ſie es betraten; der Graf — 198— von Falkenſtein, Windeck und ſein Sohn zu Pferde, Hedwig auf einem ſchonen gelter, der Paſtor von Ruß⸗ bach, die Pflegeeltern unſeres Helden und Marie in einem Wagen, Hans unter der zahlreichen Dienerſchaft, die ſie geleitete; nur allein der Bruder Baſil auf ſei⸗ nem Eſel, den er nicht mit einem Pferde vertauſchen wollte,— ſo zogen ſie durch die finſtern Straßen der Reichsſtadt. Als unſer Held beim Durchreiten durch das Thor ſeine Augen zufaͤllig aufwaͤrts wandte, fielen ſie auf einen Gegenſtand, der ihn mit Abſchen und Schauder erfuͤllte, naͤmlich auf die abgeſchlagenen Haͤup⸗ ter ſeiner Mithauptleute, die hier aufgeſteckt waren. Dies lenkte das Geſpraͤch auf den unſeligen Aufruhr, der nun allenthalben gedaͤmpft war, und der alte Win⸗ deck konnte ſich nicht enthalten, zu bemerken, daß er dieſer Empoͤrung das Wiederfinden ſeines Sohnes ver⸗ danke, welcher ohne dieſelbe von ſeiner Reiſe nach Ita- lien nicht zuruͤckgehalten worden ſey, und dort vielleicht unberuͤhmt und unbekannt gefallen waͤre. Die Gegend, welche ſie durchzogen, zeigte noch die friſchen Spuren des Krieges; verlaſſene Doͤrfer, men⸗ ſchenleere Felder erinnerten ſie bei jedem Schritte an. den Aufſtund und an die uUrſachen, die ihn herbeige⸗ fuͤhrt.„Jahre lang,“ ſagte der alte Windeck, als ſie durch ein Dorf ritten, wo nur einige alte Leute zuruͤck⸗ geblieben waren, die von dem Schall des Hufſchlags ans Fenſter gelockt ihre furchtſamen Geſichter ſehen ließen; „ahre lang wird das arme Land an den Folgen dieſes Krieges leiden, der ſo unnatuͤrlich zwiſchen Herrn und — 199— unterthanen entbrannte. Ich wuͤnſche, daß er der erſte und letzte geweſen iſt, der unſern Frieden geſtoͤrt hat.“ „Euer Wunſch wird am beſten erfullt werden, lieber Vater,“ ſagte Otto,„wenn ihr die Urſachen ganz hin⸗ wegzuraͤumen, oder wenigſtens ſoviel als möglich zu vermindern ſucht, die zu dieſen grauſamen Auftritten Veranlaſſung gegeben haben. Die Edeln kennen die Noth des Landmanns nicht, und behandeln ihn haͤrter, als ihre Vorfahren gethan haben. In der kurzen Zeit, wo mir die Anfuͤhrung eines Theils der Empoͤrer auf⸗ gezwungen ward, habe ich eingeſehen, daß ihre Klagen und Beſchwerden zum Theil gerecht ſind.“ „Mir legten ſie Forderungen vor,“ ſagte Falken⸗ ſtein,„die mich und Jeden, der ſeine väterlichen Rechte ungeſchmaͤlert auf ſeine Nachkommen bringen will, aufs hoͤchſte entruͤſten mußten.“ „Glaubt nicht, edler Graf,“ erwiederte Otto,„daß ich die uͤbertriebenen Anmaßungen jenes Fanatikers billigen werde. Das Volk, im Beſitz der Macht, wird dieſelbe immer mißbrauchen, und beſonders wenn es von Fuͤhrern geleitet wird, die ſeine Wuth reizen, ſtatt mildern. Ich habe euch die Beſchwerden ſchriftlich uͤbergeben, von denen ich glaube, daß ſie abgeſtellt wer⸗ den koͤnnen, ohne den Rechten der Edeln bedeutenden Schaden zu thun.“ „Ich erinnere mich,“ ſagte der alte Windeck,„daß mir der Graf dieſe Schrift vorgelegt hat, aber nicht der darin enthaltenen Punkte.“ „Sie ſind einfach,“ erwiederte Ottv.„Der Bauer ——— . 4 — 200— bezahlt einen Zins, der bei weitem ſeine Kraͤfte uͤber⸗ ſteigt. Pruͤft mit Genauigkeit, wie viel er geben kann, ohne ſelbſt zu ſehr dabei zu leiden, und treibt dies nicht mit Strenge ein. Euer gehegtes Wild verwuͤſtet ſeine Felder, und er darf es nicht verſcheuchen, ohne ſich den groͤßten Strafen auszuſetzen: ſorgt dafuͤr, dieſem Uebel Einhalt zu thun, und achtet nicht das Wild hoͤher, als eure Mitgeſchoͤpfe.“ „Mein Sohn,“ ſagte Windeck,„du uͤbertreibſt, und wirfſt eine Anklage auf den ganzen Stand, die nur die Grauſamkeit einiger wenigen Unwuͤrdigen verdient.“ „Ich uͤbertreibe nicht,“ erwiederte Otto,„zum we⸗ nigſten ſollte man einen Menſchen nicht ſo hart ſtra⸗ fen, als bisher geſchah, wenn er ſeine Fruͤchte, von de⸗ nen ſein und ſeiner Familie Leben abhaͤngt, gegen das Wild ſchuͤtzt. Er hat ſich das ganze Jahr gequaͤlt, der Himmel hat ſeine Arbeit geſegnet, und er ſieht mit freudiger Hoffnung einer reichen Erndte entgegen;— denkt ſelbſt, mit welchen bittern Gefuͤhlen er den Schweiß eines ganzen Jahres, und die Erwartung einer Beloh⸗ nung deſſelben, durch die Verheerung des Wildes zer⸗ ſtört erblickt!“ „Die Jagd⸗ und Forſtgeſetze ſind eins der ſchon⸗ ſten Rechte,“ ſagte Falkenſtein,„die uns unſere Vor⸗ fahren uͤberliefert haben.“ „Auch ſollen dieſe nicht im Geringſten geſchmaͤlert werden, edler Graf!“ ſagte Otto.„Ich bin weit da⸗ von entfernt, den ihnen von religioſen Schwaͤrmern —————— „ ——— — 201— eingeflößten Satz zu billigen, daß alle Menſchen gleich und alles Eigenthum, was die Natur geſchaffen hat, gemeinſchaftlich ſey. Die Dauer von Jahrhunderten hat Einrichtungen geheiligt die anfangs ſbloße Uſur⸗ pationen waren. Aber Unrecht zu verhuͤten, ſey die Sache der Edeln, der angebornen Schuͤtzer des Volks. Außerdem wuͤnſchte ich die uͤbertriebenen Frohnden und harten Zinsarbeiten ohne Lohn und ohne die geringſte Verguͤtung eingeſchraͤnkt zu ſehen. Der Bauer thut gern, was ſein Herr mit Recht von ihm verlangen kann, und auch mehr, penn er an einem kleinen Lohne ſieht, daß ihm kein unrecht widerfaͤhrt.“ Mit innigem Vergnuͤgen und hocherfreut, daß er mit ſeinem Stande die Geſinnung nicht geaͤndert, horte Hedwig ihren Geliebten die Sache der Unter⸗ druͤckten fuͤhren, und wagte ſelbſt eine Bitte um Er⸗ leichterung der druͤckenden Laſten.„Ich habe den Bauern,“ fuhr Otto fort, vals ich ihr Anfuͤhrer war, verſprochen, wenn ſie maͤßig in ihren Forderungen und nicht grauſam in ihren Thaten ſeyn wollten, ih⸗ nen die Erleichterung zu verſchaffen, die ſie mit Recht verlangen koͤnnen. Dadurch allein konnte ich meinen Plan zu eurer und Hedwigs Rettung ausfuͤhren. Ich hoffe, weder ihr, mein Vater, noch ihr, edler Graf, werdet mir und eurer Tochter in der Erfuͤllung des Verſprechens hinderlich ſeyn.“ Der alte Windeck reichte ſeinem Sohne die Hand⸗ und Falkenſtein konnte nicht widerſtehen. Es wurde beſchloſſen, das Schloß wieder aufzubauen, und das junge Paar ſollte abwechſelnd auf Windeck und auf Falkenſtein leben. Nichts unterbrach die Reiſe, die be⸗ ſonders fuͤr die Liebenden Stunden der Wonne enthielt. Nachdem ſie uͤber den Rhein geſetzt waren, ſahen ſie bald die Thuͤrme von Windeck auf einem Huͤgel in dem Gebirgszuge, der die Rheinebene auf dem rechten ufer begraͤnzt. Der alte Windeck eilte voraus, um ſeine Frau auf ihr Gluͤck vorzubereiten. Wir wollen nicht verſuchen, das Wiederſehen zwiſchen Sohn und Mutter zu ſchildern. Der Kummer uͤber das Ver⸗ ſchwinden ihres Sohnes, wornn ſie ſich fuͤr ſchuld hielt, der Vorwurf, den ſie ſich beſtaͤndig wiederholte, daß ihr Muthwille ſie zu einer kinderloſeu Mutter gemacht und das Erloͤſchen des Geſchlechts herbeigefuͤhrt habe, hatte, ſo ſehr Windeck die geliebte Gattin ſchonte, doch beſtändig an ihrer Seele genagt. Dieſer ſank ihr jetzt vom Herzen, als ſie ihren wiedergefundenen Otto an den Buſen druͤckte. Die Verbindung Otto's mit Hedwig wurde nicht lange aufgeſchoben, und mit ihnen feierte das nicht weniger zufriedene Paar, Hans und Marie, ſeine Hoch⸗ zeit. Der Paſtor von Rußbach vollzog die Trauung. Dieſe freudige Gelegenheit lnd den benachbarten Adel nach Windeck, und Viele kamen, neugierig, den jungen Otto zu ſehen. Nach dem, was ſie von ſeiner Geſchichte gehoͤrt, erwarteten ſie einen rohen Bauer zu finden, verließen aber das Schloß nicht weniger erſtaunt uͤber die feinen Sitten des jungen Ritters, als uͤber ſeine Gewandtheit in den Waffenuͤbungen, welche Manche — 203— von ihnen gefuͤhlt, und in dem bei dieſer Gelegenheit gehaltenen Turnier ſich vor ſeiner Lanze ſo tief ge⸗ neigt hatten, daß ſie der Laͤnge nach den Sand maßen. Hans und Marie zogen nach ihrer Vermaͤhlung mit dem Bruder Baſil in das Falkenſteiner Thal zuruck, wo der Bau der Burg bereits begonnen und einen ſolchen Fortgang genommen hatte, daß ihm der junge Otto von Windeck mit ſeiner Gemahlin bald nach⸗ folgen konnte. Er vergaß nicht, unterwegs die Huͤtte wieder zu beſuchen, in welcher er nach dem Treffen bei Pfeddersheim Zuflucht gefunden, und den guten Bewohnern den ſeinetwegen erlittenen Verluſt reich⸗ lich zu erſetzen. Das nenvermaͤhlte Paar langte bald in dem Thale an, wo ſie ihre Kindheit verlebt, und ihre Liebe zu einander gefaßt hatten, an deren truͤbe Tage ſie ſich jetzt mit der Freude erinnerten, die ein dem Schiffbruch Entronnener fuͤhlt, wenn er an den grauſigen Sturm, der ihn zu verſchlingen drohte, denkt. Die Bauern nahmen ihren ehmaligen Hauptmann als ihren Herrn mit Freude auf, und ließen des Abends in dem Schloßhofe, wo ein Theil von ihnen reichlich bewirthet wurde, ihre junge Herrſchaft, die ihr druͤcken⸗ des Joch gelindert, unter aufrichtigen Gluͤckwuͤnſchen bei dem Klingen der Glaͤſer leben. Falkenſteins Gebaͤude und Befeſtigungen waren bald wieder hergeſtellt, und man vergaß nicht, auch an der hintern Bergwand durch eine Mauer in Zukunft einen ähnlichen Ueberfall zu verhuͤten, als der war, wodurch unſer Held bei dem Sturm der Bauern auf die Veſte — 204— eingedrungen war. Hedwig hielt ſich am liebſten auf ihrem vaͤterlichen Schloß auf, beſonders da ihr Vater es in den ſpaͤtern Zeiten nicht mehr verließ; doch folgte ſie ihrem Gatten noch einige Male auf ſein Stamm⸗ ſchloß Windeck. Beide lebten gluͤcklich und liebten ſich, eingedenk der Schwierigkeiten, die ſich ihrer Verbin⸗ dung in den Weg geſtellt hatten, bis an ihr Ende. X ſiſſiſſſſſſſſiſiſ 8 9 10 11 12 13 14 6 17 18 19 ½ — 3 9 B. 2* 2 8. 1 * 8