— n — V. — 1 Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher ni Literatur ht Ottmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur S pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr vffen. 2 Legepreis. Bei Rückgabe eines gelichenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenvmmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Fintle welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir v Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für chenlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— 2— P auf1 Monat; TW— W. 1 W 5f. W „ 3 5. Auswärtige Fonhenten! haben für Hin⸗ und z 8 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und i Bücher eneich bei ſolchen mit upfern c.) muß der Ladenpreis erſett werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, e lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren ſo iſt der Leſer zum Erſatz veb Ganzen verpflichtet: 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſeßt und wird . —— beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejeni ißen welche die⸗ 3 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen habe . qugend„Pihliotheß. Herausgegeben von Guſtav Nieritz. Ueunzehnter Jahrgang. Zweites Bändchen. In Mitten der Nordſee. Leipzig. Voigt& Günther. In Mitten der Rordſee. Erjühlung kür dir Ingend von Marie Roskowska. * —— Erſtes Rapitel. An der weſtlichen Küſte des Herzogthums Schleswig be⸗ finden ſich mehrere größere und kleinere Inſeln, die früher ſowohl unter einander, als mit dem feſten Lande zuſammen hingen. Die Nordſee hat hier eine große Strecke der Küſte ſo überſchwemmt, daß nur deren höchſten Punkte über den Meeresſpiegel emporragen. Noch immer fährt das Waſſer fort, ein Stück Land nach dem andern zu verſchlingen, wo daſſelbe nicht durch Deiche oder Dünen vor ſeiner Gewalt geſichert iſt. Das ſchleswigſche Ufer, wie auch manche der größeren Inſeln, iſt von künſtlichen Dämmen oder Deichen umgeben. Mit der größten Sorgfalt muß darauf geachtet werden, daß der geringſte Schaden an dieſen Dämmen ſo⸗ gleich ausgebeſſert wird, ſonſt könnte das Meer Striche des Feſtlandes oder die Inſel, auf der man ſorglos war, über⸗ fluthen. Dieſe Dämme gleichen den feſten Wällen, durch welche ſich ein bedrohtes Heer gegen ſeine Feinde verſchanzt, und hier gilt es ja auch einem furchtbaren, erbarmungsloſen Feinde. Andere Inſeln und viele Striche der Küſte ſind vor Ueberſchwemmungen durch Dünen geſchützt— Sandhügel, 1* 4 welche das Meer nach und nach anſchwemmte und ſich da⸗ durch ſelber eine Schranke ſetzte. Die kleineren dieſer Eilande heißen Halligen. Sie be⸗ ſitzen keine Schutzwehr gegen den andringenden Wogenſchwall und ſind flache Grasfelder, die gewöhnlich kaum zwei bis drei Fuß über dem Waſſer liegen. Bei ſolchen Fluthen und Stürmen wogt das Meer über ſie dahin und verdirbt den ohnedies ſpärlichen Graswuchs noch mehr. Dennoch ſind auch dieſe Inſelchen größtentheils bewohnt, oft nur von einer einzigen Familie, die einſam inmitten der Waſſerwüſte lebt, kein Augenblick des Lebens ſicher, immer von den Wogen be⸗ droht. Die Leute nähren ſich kümmerlich von der Schaf⸗ zucht, denn der unfruchtbare, vom Seewaſſer durchſickerte Boden trägt nichts Anderes, als ſpärliches Gras, wovon ſich das genügſame Schaf nährt, welches jedes andere Thier verſchmähen würde. Auf einer dieſer Halligen, die nur einige tuufend Fuß breit und nicht viel länger war, ſtanden zwei Häuſer. Sie waren nicht auf dem Boden erbaut, ſondern wie alle Hütten der Halligbewohner, auf künſtlichen Erhöhungen von Erde, Werften genannt. In einzelnen Vertiefungen ſtanden hier und da kleine Seewaſſerlachen im Graſe und ein ſchmaler Meeresarm durchſchnitt, wie ein Graben, die ganze Inſel in zwei ungleiche Hälften. Auf der kleineren derſelben war die Werfte, wie das Haus darauf, kleiner, obgleich Beides ſich nicht von den gewöhnlichen Wohnungen auf den Halli⸗ gen unterſchied. Das Häuschen war einſtöckig, Fachwerk, mit Stroh gedeckt, und enthielt zwei Stuben. Rings um das Haus herum war auf dem ſchräge abfallenden Hügel —— — ————— —— 5 nur ein ſchmaler Gang; an der einen Giebelſeite befand ſich eine mit Raſen ausgelegte Grube, der Brunnen des Hallig⸗ bewohners. Darin ſammelte ſich das Regenwaſſer, welches vom Himmel fiel, oder von den Seiten durchſickerte; es diente den Schafen zur Tränke, wie zum Gebrauch der Leute. An das Wohnhaus ſchloß ſich der Schaſſtall. Uebri⸗ gens war die Werfte nicht ſo gut unterhalten, wie das bei den häufigen Stürmen nöthig ſchien. Das Innere der Wohnung war ſo dürſtig, wie das Aeußere. Einige rohe Tiſche und Bänke, ein roth und blau bemalter Koffer bildeten das hauptſächlichſte Mobiliar. Hier wohnte Arvſt Rikmer mit ſeiner Frau und zwei Kindern, und der Schweſter ſeiner Frau. Die zweite Werfte war bedeutend größer, höher und beſer unterhalten und das Haus verrieth einigen Wohl⸗ ſtand; es war zwar auch nur einſtöckig, und ſtrohgedeckt, aber geräumiger, hübſch abgeputzt und blau und roth ange⸗ ſtrichen. Vor der Thür ſtand eine Bank, auf welcher der Hausherr oft mit ſeiner Pfeife ſaß, und dicht daneben ein Stachelbeerbuſch, eine große Seltenheit und Merkwürdigkeit auf einer Hallig, wo man weder Bäume noch Strauch, we⸗ der ein Gemüſebeet noch Blumen findet. Der alte Edlef Henneke beſaß noch manchen andern Schatz und ſeine Wohlhabenheit war ſprüchwörtlich auf den nächſten Inſeln. Er war in ſeiner Jugend viele Jahre hin⸗ durch draußen auf der See geweſen, zuerſt als Matroſe, dann als Steuerman, zuletzt gar als Schiffsherr— denn er war ein geſchickter, tüchtiger Seemann, hatte ſeine Löh⸗ nung geſpart und das Glück wollte ihm wohl. Als er end⸗ lich heim kam auf die Hallig zu ſeinen alten Aeltern, hatte er von ſeinem Gelde Werfte und Haus neu aufrichten laſſen und ſeine Schafheerde vergrößert. Seitdem hatte ihn zwar einmal eine furchtbare Ueberſchwemmung heimgeſucht, indeß war dadurch ſein Wohlſtand nicht ganz zerſtört worden und durch ſeine und ſeiner Frau Sparſamkeit hatten ſie ſich von den dabei erlittenen Verluſten an Hab und Gut bald erholt. Die Einrichtung des Hauſes entſprach ſeiner Wohlha⸗ benheit. Da war kein Luxus, doch alles ſolid und dauer⸗ haft und die„gute“ Stube überraſchte Jeden, der ſie zuerſt betrat. An den nicht großen, durch feſte Laden zu verwah⸗ renden Fenſtern befanden ſich weiße Gardinen, die Stühle waren mit Kiſſen, die Tiſche und eine Kommode mit Decken be⸗ legt. Einige hell polirte Schränke ſtanden an den blau ange⸗ ſtrichenen Wänden und ein Schrank mit Glasſcheiben enthielt einen ausgeſtopften Papagei, verſchiedene ſchöne, große Muſcheln, eine Kokosnuß und dergleichen Raritäten, wie ſie ein Seemann aus fernen Ländern mitzubringen pflegt. Un⸗ ter dem runden Spiegel hingen einige Citronen und auf den Fenſterbretern ſtanden drei Blumentöpfe. Der Stolz der Hausfrau beſtand darin, ihre ganze Wirthſchaft ſehr ſauber zu halten, und dieſe Stube wo möglich noch ſauberer, allein auf die drei Blumentöpfe verwandte ſie die verhält⸗ nißmäßig größte Sorgfalt. Sie wurde dafür belohnt, denn ihr Goldlack und der Roſenbaum blühten faſt das ganze Jahr hindurch und die Reſeda erfüllte das ziemlich niedrige Gemach mit ihrem würzigen Duft. Eines Morgens ſaß die Familie Henneke am Eftiſch. Das Frühſtück beſtand aus Thee und Schwarzbrot, der — 7 gewöhnlichen Nahrung der Halligbewohner, die oft täglich dreimal genoſſen wird. Heine, der jüngſte Sohn des Hauſes, war ungefähr drei⸗ zehn Jahr, ein blühender ſonneverbrannter Knabe, ſehr groß und ſtämmig für ſein Alter. Die drei Jahr jüngere Schwe⸗ ſter Maatje war auch ziemlich unterſetzt und glich ihm ſehr, hatte eben ſo ſchöne weiße Zähne, ſo blaue Augen und blonde Haare, wie er, und auch eben ſo friſches, ehrliches Geſicht. Ein bedeutend älterer Bruder war ſchon einige Jahre zur See, ſonſt hatten ſie keine Geſchwiſter. Frau Wabe Henneke war ungefähr vierzig Jahr, ihr Mann gegen funfzig. Die Stirnen Beider hatten ſchon manche tiefe Falte, doch waren ſie noch gewandt und rüſtig und namentlich die Frau unermüdet thätig. Dann war noch da Henneke's ſiebzigjährige Mutter, Frau Gumme, die jetzt behaglich in ihrem weich gepolſterten Lehnſtuhl ſaß und nicht das gewöhnliche Schwarzbrot, ſondern feines Brot zu ihrem Thee aß. Sie war noch ziemlich wohlauf, nur mit den Füßen wollte es nicht mehr recht fort, es wurde ihr ſchwer, die Werfte hinab und hinauf zu ſteigen— doch brauchte ſie das auch nicht oft zu thun. Nach dem Frühſtück ging Heine hinaus und warf einen Blick um ſich. Auf dem fahlen Grün der Hallig weidete die Heerde ſeines Vaters, bewacht von einem zottigen, weißen Hundez jenſeits des Grabens graſeten die Schafe des Nach⸗ bars, viel geringer an Zahl, auch von einem Hunde behütet. Doch nicht hierauf achtete der Knabe, ſeine Blicke hingen an der Fläche des Meeres, die ſonſt in trüben, gelblich grauen Fluthen die Inſel umgab. Jetzt, bei der Ebbe, war das Waſſer zurückgewichen und hatte den weichen, grauen Meeres⸗ boden, Schlick genannt, ſchon auf eine weite Strecke bloß gelegt. t Der Knabe eilte hinein und rüſtete ſich dann mit dem Vater zu einer Wanderung, die ſie ſchon oft gemacht. Mantije freute ſich lebhaft, denn ſie durfte heute mitkom⸗ men, wornach ſie ſich ſchon lange geſehnt hatte. Mit Brot, Käſe und einer Flaſche Milch, wie mit Sicheln und großen Tüchern von Sackleinwand verſehen, zogen die Drei aus, nachdem fie vorher herzlichen Abſchied von Mut⸗ ter und Großmutter genommen hatten.„Der Herr behüte Euch und führe Euch wohlbehalten heim!“ ſagte die alte Frau. Der Weg war zwar nicht weit, allein das Meer iſt tückiſch und obgleich der Halligbewohner durch die Gewohn⸗ heit gegen die Furcht abgeſtumpft iſt, muß er doch in jedem Augenblick auf eine Gefahr gefaßt ſein. In einiger Entfernung von ihrer Hallig lag eine andere, noch viel kleinere, die nicht bewohnt war, von welcher Henneke das Gras benutzte. Bei der Ebbe konnte der Weg dahin ganz gut zu Fuß zurückgelegt werden, und auch jetzt begab ſich der alte Seemann mit ſeinen Kindern dahin. Rinnen und Spalten von verſchiedener Breite und Tiefe, und in al⸗ len Richtungen, durchſchnitten den weichen Schlickgrund, doch Edlef Henneke war hier wohlbekannt und umging die⸗ ſelben entweder mit den Kindern, oder er half dem Mädchen über die ſchmalen, während der Knabe allein hinüber ſprang. Fiſche halten ſich in dieſer Gegend des Meeres nicht auf, weil die Ebbe ſie aufs Trockne ſetzt; nur Rochen und Krab⸗ ben gab es hier, daher war der Fiſchfang der Halligbewohner 9 auch ein ſehr geringfügiger und ihre Seebeute oft nur ein Seehund, der von dem ſchnellen Zurückgehen der Wellen überraſcht worden war. In kurzer Zeit war das nahe Eiland glücklich erreicht. Der Vater mähte nach einer kurzen Erholung mit Heine das Gras nieder, welches ſich vorfand, während Maatje ſchon bei einem vorigen Beſuch der Inſel gemähtes und indeß ge⸗ dörrtes Heu zuſammentrug. Die mitgebrachten Vorräthe wurden mit trefflichem Ap⸗ petit verzehrt, und dann liefen beide Geſchwiſter auf der kleinen Inſel umher und ſammelten die Muſcheln, welche das Meer, in dieſer Gegend damit ziemlich ſparſam, ausgewor⸗ fen hatte. Maatje war ſehr vergnügt, denn ſie kam ſo gar ſelten von ihrer eignen Hallig fort und ihr Leben verging ſo einförmig, daß ihr der heutige Tag beſonders merkwürdig und der kleine Ausflug eine ſehr wichtige Begebenheit ſchien. Die Fluth war indeß zurückgekehrt und wiederum der Ebbe gewichen. Der Vater hatte ſchon einige Mal zum Aufbruch gemahnt, das Mädchen aber immer gebeten, er möge noch ein Bischen bleiben, es ſei ja ſo ſchön hier. „Jetzt kommt endlich!“ ſagte der Vater mit Ernſt. „Denkt Ihr thörichten Kinder denn, das Waſſer werde euch zu Gefallen mit der Rückkehr ſäumen? Zeit und Fluth war⸗ ten auf Niemand, und wenn uns nun die Fluth unterweges träfe?“ Jetzt verlangte das Mädchen nicht mehr länger zu bleiben. Schnell wurde das dürre Gras in die Leinentücher gebunden, Jeder nahm ein Pack auf dem Rücken und alle Drei traten den Rückweg an. 10 Der Vater warf einen beſorgten Blick nach dem Stande der Sonne, nach welchem er ungefähr auf die Wiederkehr der Fluth ſchließen konnte, dann trieb er zur größten Eile. Die Rinnen und Vertiefungen füllten ſich ſchon mehr und mehr mit Waſſer, der Boden begann noch ſchlüpfriger zu werden, wie vorher. Das Meer war im Steigen, und überfluthete wieder die meilenweite Strecke, von welcher es ſich während der Ebbe zurückgezogen hatte. Es kam unendlich ſchneller heran, als ein menſchlicher Fuß ihm zu entfliehen vermochte. Henneke ſchaute hinter ſich auf die immer höher ſchwel⸗ lende Fluth und maß mit dem Auge die Entfernung, welche ihn von ſeiner Heimath trennte. Dann beſchleunigte er ſei⸗ nen Schritt ſo ſehr, daß Maatie, die er an der Hand führte, ihm kaum zu folgen vermochte. Bei dem geringen Umfang ihrer Inſel war ſie an weite Gänge nicht gewöhnt— der Hinweg, wie das Umherlaufen auf der Hallig in der Son⸗ nenhitze, hatte ſie ermüdet und jetzt lähmte die Angſt ihre Kräfte vollends, denn ſie kannte ja genug Geſchichten von Schlickläufern, die von der Fluth überraſcht worden und elend ertrunken waren. „Wirf doch die Muſcheln fort, ſie hindern dich ja ſagte der Vater und nahm ihr das kleine Päckchen Heu ab. Sie gehorchte nach einem betrübtem Blick auf die niedlichen Schalen, welche ſie mit ſolcher Freude geſammelt und zur Ausſchmückung ihrer Werfte beſtimmt hatte. „Ich bringe dir nächſtens andere mit!“ meinte ihr Bru⸗ der tröſtend, denn er begriff, wie leid es ihr ſein müſſe, dieſe Schätze weg zu werfen. Er ſelber hatte wenig Furcht vor der nahenden Fluth. Er konnte tüchtig laufen, auch gut 11 ſchwimmen und dann war ja der Vater bei ihnen. So lange der noch keine ernſte Beſorgniß äußerte, hatte es keine Ge⸗ fahr. Ueberdies war ihre Hallig auch ſchon ganz nahe und er ſahe deutlich, wie die Mutter aus der Hausthür trat, ſich vor der ſinkenden Sonne die Augen mit der Hand beſchattete und nach ihnen ausſchaute. Aber jetzt plätſcherte das Waſ⸗ ſer auch ſchon um ihre Füße und es war keine Zeit zu ver⸗ lieren. Maatje keuchte athemlos, da nahm ſie der Vater wie ein kleines Kind auf den Arm und eilte, ſo ſchnell er konnte, dem nahen Lande zu. Der Knabe blieb nicht zurück und ſie betraten ihre Hallig, als ihnen das Waſſer gerade bis an die Knie ging. „Gott ſei Dank, daß es ſo glücklich ablief!“ ſagte die Mutter, die ihnen entgegen gegangen war, aus Herzens⸗ grunde.„Ich wunderte mich ſchon lange über ener Aus⸗ bleiben und hatte keine geringe Angſt, als ich ſah, wie ſchnell das Waſſer ſtieg. Jetzt zieht raſch trockne Strümpfe an, beſonders du, Maatje!“ Als Alle um den Theetiſch ſaßen und des eben Erlebte erzählt und durchgeſprochen war, ſagte der Vater:„Laßt Euch das zur Warnung dienen, Kinder. Ich bin gewiß nicht zaghaft, aber ich will lieber im Sturm in einer Nußſchale von Schiff draußen im offnen Meer ſein, als bei ſteigender Fluth Schlicklaufen. Das iſt eine gefährliche Sache und geht nicht immer ſo gut ab, wie heute.“ „Und vergeßt nicht, Gott zu danken, daß er euch aus der Gefahr rettete, in die ihr durch eigene Schuld gerathen ſeid!“ ermahnte die Großmutter. Das Heu wurde übrigens zum Wintervorrath neben das 22 Haus gelegt und noch anderes hinzugethan. Nachdem es ein anſehnlicher Haufen geworden, breitete man darüber ein Flechtwerk von Stroh, an beiden Enden mit Steinen be⸗ laſtet. Dadurch iſt das Heu vor dem zuweilen hochgehen⸗ den Seewaſſer geſchützt und die Diemen erhalten eine ſolche Feſtigkeit, daß nur mit eiſernen Spaten abgeſtochen werden kann, was zum jedesmaligen Gebrauch nöthig iſt. Dieſe Heuberge halten bei Ueberſchwemmungen oft länger zuſam⸗ men, als die Häuſer und bieten zuweilen noch einen Zu⸗ fluchtsort, wenn die Mauern vor der Macht der Wogen einſtürzen. Zweites Kapitel. Die nächſte Kirche befand ſich auf einer, eine Meile ent⸗ fernten Hallig, konnte alſo nicht oft beſucht werden. Dafür wurde zu Hauſe eine Andachtsſtunde abgehalten. Maatje las das Evangelium und die Epiſtel des Tages, ihr Bruder eine Predigt aus einem großen, alten Predigt⸗ buche und die ganze Familie ſang vor und nach dem Leſen jedesmal ein Lied aus dem Geſangbuch, das die Großmutter ausgewählt hatte und der Vater mit der Geige begleitete. Dieſer Gottesdienſt war das Hauptvergnügen des Sonn⸗ tags, ſonſt floß ihnen ein Tag wie der andere hin. Heine half die Schafe abwarten, beſorgte das auch wohl allein, — wenn der Vater einmal nicht daheim war; oder zuweilen fuhr er mit dieſem auch nach einer nahen Halligen, und da⸗ bei handhabte er das Ruder ſchon ſo wacker, wie ein Er⸗ wachſener. Seiner Schweſter Leben war noch einförmiger, nur ein⸗ mal hatte der Vater ſie nach Huſum mitgenommen, als er dort Wolle und Käſe verkaufte und die für den Hausbedarf nöthigen Einkäufe machte. Das Mädchen ging der Mutter fleißig zur Hand, oder ſpann mit der Großmutter. In den langen Winterabenden erhielten die Geſchwiſter vom Vater Unterricht im Leſen und Schreiben, wie in den Anfangs⸗ gründen des Rechnens, oder er erzählte den aufmerkſam Lau⸗ ſchenden etwas von den fremden Ländern, die er geſehen, von den fernen Meeren, die er befahren hatte. Es ſchadete nicht, wenn ſie dieſe oder jene Erzählung ſchon ein oder auch meh⸗ rere Mal vernommen hatten, ſie hörten ſie ſtets mit regem Intereſſe immer wieder von Neuem. Von einem Sonntag zum andern mußten ſie Bibelſprüche und Geſangbuchlieder lernen und ſetzten eine Ehre darein, ihre Aufgabe ſtets ohne Anſtoß herzuſagen. Dann lernte auch Heine von ſeinem Vater die Geige, ſo gut er ſie ſelber ſpielen konnte. So eintönig dieſes Leben Manchen ſcheinen mag, die Zeit wurde den Halligbewohnern niemals lang. Die Aeltern waren bei ihrer Arbeit zufrieden, ließen ſich mit dem, was Gott ihnen gab, genügen und dankten ihm jeden Abend herz⸗ lich dafür, daß er ſie und die Ihrigen, wie ihr Haus und ihre Heerde beſchützt hatte. Der unruhige Sinn, der ſich in einem einfachen, geregelten Leben gelangweilt fühlt, war ihnen fremd, ſie begehrten nicht Luſtbarkeiten, ſehnten ſich nicht 14 nach Vergnügungen, fanden in Arbeit und Gebet die beſte Zerſtreuung. Auf die Kinder war derſelbe einfache Sinn theils vererbt, theils war er ihnen anerzogen; die Ruhe und Einſilbigkeit der Eltern hatte ſich ſogar in den Spielen der Kleinen wiedergeſpiegelt. Sie hatten faſt nie gelärmt, oder laut gelacht, nicht umhergetollt in wildem Uebermuth, wie das Kinder, beſonders Knaben, ſo oft thun. Sie waren immer heiter, aber ihre Spiele gewöhnlich ſtill und geräuſch⸗ los, wie faſt das ganze Weſen der Holligbewohner. Im be⸗ ſtändigen Anſchauen des weiten Oceans, in ſeinem ewigen Rauſchen und Wogenſchwall konnte laute Luſtigkeit nicht auf⸗ kommen, fühlte Jung und Alt ſich ernſt, faſt feierlich ge⸗ ſtimmt. Zuweilen legten Schiffer an und brachten irgend einen Vorrath in die Wirthſchaft, oder der Vater holte zur Schaf⸗ ſchur einige Bekannte von der nächſten Hallig. Auch ruderte Heine ſeine Schweſter manchmal auf dem glänzenden, ſpiegel⸗ glatten Meer, wobei ſie kleine, wunderbar geſtaltete Seethiere auffiſchte, oder Tang und Seegras, aus dem ſie dann Kränze zum Schmuck ihres Hauſes wand, die einzigen Kränze, welche ſie flocht, denn Laub und Blumen gab es ja nicht, kannte ſie kaum. Mitunter ſegelte auch ein Schiff vorüber, deſſen vom Winde aufgeblähtes Linnen in weiteſter Ferne den Flügeln einer Möve glich, das aber auch dann dem ſcharfen Blick des Knaben nicht entging. Bei ſeinem Anſchauen träumte er gewöhnlich von der unbekannten Weite, von der Zeit, in welcher er auch in fremden Zonen das zwar treuloſe, aber ſchöne Element befahren würde, wie es ſein Vater einſt ge⸗ 15 than hatte und ſein Bruder jetzt that. Mit Aufmerkſamkeit folgten ſeine Augen den Bewegungen des Schiffes, während ſeine Schweſter dann wohl ſagte:„Wenn doch Volkert darauf wäre und uns einmal beſuchte!“ Ein Wunſch, dem Mutter und Großmutter ſtets aus vollem Herzen beiſtimmten. Oder es zog ein Gewitter herauf, deſſen furchtbare, ma⸗ jeſtätiſche Schönheit jedes Gemüth tief erſchütterte; es nahte ein Sturm, der, die Wellen emporpeitſchend, den Menſchen⸗ kindern, die ſich auf dem kleinen Eilande in ihrer Mitte an⸗ geſiedelt, Tod und Verderben zu drohen ſchien und ihnen dann auf lange Zeit Stoff zum Nachdenken, wie zum Dank gegen Ihn gab, welcher den Sturmwinden gebeut. Bei der Abgeſchiedenheit, in welcher die beiden auf der Inſel wohnenden Familien lebten, hätte man meinen ſollen, daß ſie unter einander einen recht lebhaften und herzlichen Verkehr unterhielten, doch war dieſes nicht der Fall. Der biedere Henneke und die Seinen hegten zwar die freundſchaft⸗ lichſten Gefühle gegen ihre nächſten Nachbarn, doch wurden dieſelben nicht erwiedert, wie ſie es wünſchten. Freilich kamen ſie oft mit einander in Berührung und leiſteten ſich auch ge⸗ genſeitig Dienſte, doch beſchränkte ſich das auf das Noth⸗ wendige und wurde zu keinem rechten, nachbarlichen Umgange. Die Schuld davon lag an Arvſt Rickmer. Er machte eine häßliche Ausnahme von den gemüthlichen, gutherzigen Inſelbewohnern; ein abſcheulicher Fehler nagte an ſeinem Herzen, verzehrte das Glück, welches er hätte genießen kön⸗ nen, verkümmerte ſeiner Familie das Leben und machte ſeine Geſellſchaft für Jeden ſehr unbequem. Er war unzufrieden mit ſeinem Schickſal, beneidete Alle, die mehr hatten, wie er, * 16 beſonders ſeinen wohlhabenderen Nachbar und war ſtets mürriſch und verdrießlich. Dazu kam noch, daß erträge und arbeitsſcheu war. Er klagte und grollte ſtets über ſeine Ar⸗ muth und bedachte nicht, daß er nicht that, was er konnte und lieber, wie man zu ſagen pflegt, auf der Bärenhaut lag, als tüchtig zugriff. Er war auch zur See geweſen, hatte es aber über den Matroſen nicht hinausgebracht und von ſeiner Löhnung we⸗ nig erſpart. Als er endlich nach dem Tode ſeiner Aeltern heimgekommen war und die halbverfallene Werfte und Woh⸗ nung nothdürftig ausgebeſſert und ſich verheirathet hatte, fehlte es bald hier und da. Henneke hatte ſich ſeiner mit Rath und That angenom⸗ men, doch wenig Dank dafür geerntet. Rikmer wollte jetzt nicht mehr arbeiten, ſondern den Herrn ſpielen, beachtete die nützlichen Rathſchläge und Winke des älteren erfahrenen Halligbewohners nicht und ärgerte ſich, daß Jener ihm rathen wollte; dünkte er ſich doch ſelber klug genug. Henneke hatte das bald gemerkt und zu ſeiner Frau und Mutter geſagt:„Arvſt Rikmer iſt ein Narr. Es iſt am Beſten, man läßt ihn laufen, ſonſt gäbe es unter uns bald böſes Blut. Seine Frau dauert mich, ich kann ihr aber nicht helfen.“ Noch oft hatte indeß er und ſeine Frau dem undank⸗ baren Nachbar ausgeholfen, wenn es gerade Noth that. Bei Detlev, dem Söhnchen Rikmers, hatte Frau Henneke Gevatter geſtanden, und als ſein zweites Kind früh ſtarb, hatten ſie ihm willig den kleinen Sarg überlaſſen, den ſie vorräthig hatten, der übrigens für ihre eignen Kinder ſchon 17 zu klein geworden war. Bei der Schwierigkeit, welche die Verbindung mit dem Feſtlande oft macht, namentlich in der ſtürmiſchen Jahreszeit, iſt nämlich faſt in jedem Hauſe ein großer und kleiner Sarg für plötzliche Todesfälle vorräthig. Von dem Verkehr mit der Welt abgeſchnitten, muß der Hal⸗ ligbewohner auch auf unvorhergeſehene Fälle ſo gut als mög⸗ lich vorbereitet ſein. Doch was Henneke auch für Rikmer gethan haben mochte, es hatte ſeine Stimmung nicht verändert, und ſie vermieden ihn daher, weil ſein Anblick nicht angenehm war. Er hielt dieſes Ausweichen für Stolz und ging nun ſeinerſeits dem „hochmüthigen Pack“, wie er ſie nannte, aus dem Wege. Auch erbitterte ihn Alles, was er von der Behäbigkeit des Nachbar ſah, und in dem unſchuldigſten Umſtande fand er Veranlaſſung zu denken, dieſer oder die Seinen prahlten mit ihrer Wohlhabenheit, was ſie ſich gewiß nicht einfallen ließen. Seine Frau hatte ſchlimmere Tage bei ihm und noch ſchlimmere, ſeitdem ihre Aeltern geſtorben waren und ſie ihre Schweſter Meike bei ſich hatte, obgleich ihr die Gegenwart Meikes eine große Hilfe und auch oft ein großer Troſt war. Rikmer meinte jetzt, die beiden Frauenzimmer könnten Alles beſchaffen, was nöthig war, und wollte gar nicht mehr Hand anlegen. Frau Rikkmer war ſtill, ſanft und ſchüchtern; nachdem ihr Mann die freundlichen Vorſtellungen, die ſie ihm wegen ſeiner Trägheit und Nachläſſikeit gemacht, ſehr übel aufge⸗ nommen hatte, ſchwieg ſie, und ohne dieſes Schweigen hätte es in ihrem Hauſe auch fortwährenden Streit und Hader gegeben. Aber ſie härmte ſich im Stillen tief. S. Schwe⸗ In Mitten der Nordſee. * 18 ſter, ein achtzehnjähriges Mädchen, arbeitete und litt mit ihr, — ſonſt hatten ſie Niemand, dem ſie ſich anvertrauen konn⸗ ten. Frau Henneke und ihre alte, erfahrne Schwiegermut⸗ ter hätten ihnen zwar freundlich zugeſprochen, aber ſie moch⸗ ten nicht klagen, waren ſcheu und verſchloſſen, auch konnte das ja nicht helfen. Doch ſelbſt der Erheiterung und An⸗ nehmlichkeit, welche in einem geſelligen, nachbarlichen Um⸗ gange liegt, hatte Rikmer ſie beraubt. Er eiferte ſo oft und lange gegen Hennekes, bis ſie ſich zuletzt auf den nothwen⸗ digſten Verkehr mit ihnen beſchränkten und faſt nur aus ihren vier Wänden kamen, um die Schafe aus dem Stall und wie⸗ der hinein zu treiben. So war denn das Leben in dieſem Hauſe, im Vergleich mit dem auf der Werfte jenſeits des Grabens, ſehr öde und traurig und der kleine Detlev empfand das auch zuweilen. Er wuchs ganz einſam heran und hatte nicht einen Spielka⸗ meraden. Er war gewöhnlich noch ſtiller, wie die Kinder alle auf den Halligen, und machte oft ſtundenlang Gärtchen von kleinen, meiſt zerbrochenen Muſchelſchalen, welche er am Strande gefunden. Der Vater kümmerte ſich wenig um ihn, gab ihm auf ſeine wißbegierigen Fragen nur ſelten Antwort, Mutter und Tante hatten nicht Zeit, ſich viel mit ihm abzu⸗ geben, und das Spiel mit dem halbjährigen Schweſterchen, oder mit den kleinen Lämmern, wie mit Spitz, dem Hunde, erſchien ihm manchmal gar zu langweiligz er ſehnte ſich nach etwas Neuem. Wenn es unbemerkt geſchehen konnte, ſchlich er dann zu dem Balken, der über den Meeresarm hinübergelegt war und beide Inſelhälften mit einander verband. Hier blieb er ge⸗ 19 wöhnlich eine Weile ſtehen und ſchaute ſich um. War Nie⸗ mand zu ſehn, weder von den Seinen, noch von Hennekes, dann huſchte er ſchnell hinüber, obgleich die Brücke ſo ſchmal und gefährlich war, daß ſich nicht leicht ein Fremder darüber gewagt hätte. Der Seearm war mindeſtens funfzehn Fuß breit, und der ſchmale Balken darüber war ſogar noch mit der ſcharfen Kante nach oben gekehrt, um die Schafe an dem Herüber⸗ und Hinübergehn zu hindern. Wer indes daran gewöhnt war, dem machte dieſer Steg weder Schwindel, noch Furcht und ſelbſt der ſechsjährige Detlev ging ohne Zögern darüber hin. Lange ſtand er da und ſchaute nach den Blumen am Fen⸗ ſter der Frau Henneke; ſie waren auf einer Hallig überhaupt ſelten, für den Knaben ſchienen ſie aber ſo wundervoll und überirdiſch ſchön, daß er gar nicht glauben konnte, ſie ſeien etwas Wirkliches und Irdiſches und in gewöhnlicher Erde ge⸗ wachſen. Er meinte immer, ſie ſeien vom Himmel herabge⸗ fallen; wenn ihm Mutter und Tante zuweilen Abends vor dem Einſchlafen von dem verſtorbenen Brüderchen erzählten, das nun ein Engel im Himmel ſei, dann fragte er beſtändig, ob ſein Brüderchen auch ſo ſchöne Blumen habe, wie Frau Henneke. Er ſehnte ſich faſt, zu ſterben und auch ein Engel zu werden; ohne Roſen und Goldlack konnte er ſich gar kei⸗ nen Himmel denken. Die kleine unſcheinbare Blüthe der Reſeda blendete ihn nicht ſo, wie die beiden andern Blumen. Regnete es und Maatie ſtellte auf ihrer Mutter Geheiß die Blumentöpfe ſorgſam heraus, ſo hätte der Knabe am liebſten daſtehen mögen und dieſe Zaubergewächſe betrachten, ohne darauf zu achten, daß der Regen ihn durchnäßte. Aber er 2* 20 war blöde und ſcheute ſich, ſeine Bewunderung merken zu laſſen, auch hatte er in dieſem Jahr, wenn es regnete, ein Geſchäft zu vollbringen, das ihn ganz in Anſpruch nahm. Der liebe Gott hat in ſeiner Güte ſelbſt des ärmſten Kindes nicht vergeſſen. Unter allen Umſtänden, auch den traurigſten und drückendſten, ſprießen Freuden. Das Le⸗ ben braucht nicht gerade einem blühenden Garten zu gleichen, die Daſen der Wüſte ſind oft herrlicher und immer herzer⸗ quickender, als die reizendſte Gegend. Und die Kindheit hat eben die göttliche Gabe, dieſe HDaſen in der Wüſte aufzufin⸗ den, oder ſich auch welche zu ſchaffen; ſie vermag das Kleinſte, Unbedeutendſte in einen reichen Freudenquell zu verwandeln, kann bei dem Spiel mit Glasſcherben unſäglich glücklicher ſein, als der Beſitz aller Schätze der Welt macht. Auch in dieſem Sinne ſagte einſt der Heiland„Laſſet die Kindlein zu mir kommen, denn das Himmelreich iſt ihr“ und„Wahrlich, ich ſage euch, wo ihr nicht werdet, wie die Kinder, ſollt ihr nicht das Himmelreich erben.“ Auch der arme kleine Detlev auf ſeiner einſamen Hallig genoß das ſüße Glück der Kindheit im vollſten Maße. Außer dem Entzücken im Anſchauen der ſchönen Blumen lockte ihn das Geigenſpiel Hennekes und ſeines Sohnes gar gewaltig, auch träumte er viel von den Herrlichkeiten in der Stube, die er einige Mal ſchüchtern an der Hand ſeiner Mutter be⸗ treten hatte und die ihm außerordentlich, märchenhaft präch⸗ tig erſchien. Das war aber Alles noch nichts gegen einen andern Genuß. Im vorigen Jahre, als Henneke ſeine Werfte ausbeſſerte, hatte er Erde vom Feſtlande bringen laſſen. 21 Detlev hatte die Arbeit natürlich mit großer Theil⸗ nahme betrachtet und ſich näher geſchlichen, ſobald Niemand in der Nähe war. Da hatte er denn auf dem Boden ein halbverwelktes Pflänzchen gefunden. Der Knabe beſchaute aufmerkſam die kleinen Wurzeln und ſchmalen Blätter. Das Gras auf der Hallig war viel feiner und dann hatte die fremde Pflanze auch an winzig dünnen Stengeln zwei kleine Knötchen. „Was haſt Du da?“ fragte ihn plötzlich der alte Henneke. Der Knabe erſchrak zuerſt, zeigte dann aber zutraulich ſeinen Fund. „Pflanze dir das Zeug ein, es iſt vielleicht eine Blume und daran kannſt du deine Freude haben!“ ſagte Jener gutmüthig lachend.„Ich will dir eine Hand voll Erde von dieſer geben. Sie iſt beſſer, wie unſre, vom Seewaſſer durchſickerte.“ Detlev ließ ſich das nicht zweimal ſagen. Er ſprang ſchnell zur Mutter, die ihm auf ſeine Bitte einen zerbroch⸗ nen Topf gab. Dieſer wurde mit Erde gefüllt und das Pflänzchen eingeſetzt. Anfangs hätte der Kleine in ſeiner Ungeduld darüber, daß es ſich ſo gar langſam erholte, es am liebſten recht oft wieder herausgenommen, wie Kinder das wohl mit einer eingepflanzten Bohne thun, um zu ſehen, ob ſie denn noch nicht wachſe. Allein ſeine Muhme Meike hatte ihn davon zurückgehalten. Sie nahm ſelber großen Antheil an dieſer Gärtnerei und freute ſich auch ſehr, als die Knospen ſich entfalteten und ſchöne weiße, ſternähnliche Blümchen daraus wurden, mit zarten roſigen Rändchen und * 22 und gelben Pünktchen in der Mitte. Aber wer beſchreibt Detlevs Entzücken darüber?! Doch wie wurde die herrliche Blume auch gepflegt! Im⸗ mer, wenn es regnete, trug der Knabe den Scherben hinaus, fing auch wohl in einem andern Gefäß etwas Regenwaſſer auf, um ſie ſpäter zu begießen. Das Waſſer aus dem Sood (der Grube oder Eiſterne der Halligen), ſchmeckte von der Beimiſchung von Seewaſſer abſcheulich— damit durfte die Blume nicht getränkt werden. Der Knabe dürſtete dann lie⸗ ber ſelber und gab ſeine ſpärliche Trinkration der Blume; ſeine Tante hatte ja beobachtet, daß Frau Henneke ihre ſchö⸗ nen Blumen nie mit dem Soodwaſſer begoß. Freilich koſtete das dieſer keine Entbehrung, denn ihr Mann ſorgte dafür, daß ſie vft ein Tönnchen friſches Waſſer vom Lande bekam. Aber Detlev wurde auch für ſeine Aufopferung belohnt. Das Pflänzchen batte ſich verbreitetet, ſtatt der weißen Sterne prangten in dieſem Jahr daran rothe, gefüllte Blü⸗ then. Nie hat die reichſte Weihnachtsbeſcherung, vom blen⸗ denden Schimmer der Wachskerzen am Chriſtbaum beſtrahlt, einem Kinde ſo unbeſchreibliche Freude gemacht, wie Detlev ſein Tauſendſchönchen. Das kleine unſcheinbare Wieſenblüm⸗ chen erſetzte ihm einen Garten, die blumige Wieſe, das wo⸗ gende Kornfeld mit ſeinen blauen Cyanen und dem rothen Mohn, alles Dinge, die der Knabe auf dem dürren Eiland in der fluthenden Waſſerwüſte nicht kannte, für deren Schön⸗ heit unſre Kinder, die daran gewöhnt, ſo ſelten Sinn haben. Drittes Kapitel. Einſt ſtand Detlev am Sonntag Vormittag an der Werfte des Nachbarn, ſchaute nach der Roſe hinauf und lauſchte dabei andächtig dem frommen Geſange der Familie. Die barſche Stimme ſeines Vates ſchreckte ihn auf; hurtig eilte er über den Balken und wäre in ſeiner Eile faſt herab⸗ geſtürzt. „Dummer Junge!“ ſagte der Vater mürriſch.„Was ſtehſt du da und gaffſt und ſperrſt Augen und Mund auf? Das alberne, hochmüthige Volk drüben dünkt ſich auch Wun⸗ ders was mit ſeinem Geſinge und ſeiner Frömmigkeit und beſonders mit dem Dings da in den Töpfen auf dem Fenſter⸗ brett. Und du Narr biſt dahinter wie verſeſſen— ſchäme dich! Ich habe ganz andere Dinge geſehen, wie ſolche! Blumen mit ſo ſchönen Farben, daß ſie Einem faſt die Augen blendeten, ja, ſogar Blumen, die in der Luft herumflogen.“ „Ach, Vater!“ rief Detlev halb erſtaunt, halb entzückt. „Ja, gewiß!“ fuhr Jener fort.„Es giebt Vögelchen, Schmetterlinge heißen ſie, die ſind nicht einmal ſo groß, wie die Hand deiner Schweſter, weiße, gelbe, braune und bunte. Die flattern herum von einer Blume zur andern, denn auf dem Lande drüben hinter den Deichen, da wachſen überall Blumen aus der Erde, wie bei uns Gras für die Schafe. Das ſieht ſich recht ſpaßig an, doch ſind die kleinen Knirpſe . 24 von Blumen noch lange nicht ſo prächtig, wie die Wälder von lauter hohen Bäumen. Denke Dir viele hundert Maſt⸗ bäume neben einander, aber nicht Raaen und Segel daran, ſondern grüne Zweige und Aeſte. Der Wind rauſcht in den Blättern und giebt die ſchönſte Kühlung und eine Unmaſſe von kleinen Vögelchen, viel kleiner wie Möven, nicht größer wie deine Fauſt, ſitzen auf den Zweigen oder flattern da⸗ zwiſchen umher und zwitſchern und ſingen, daß es eine Art hat. Das klingt ganz anders, wie das Gefiedel bei Hennekes! Du ſollteſt nur einmal in einem Walde geweſen ſein, dann kümmerteſt du dich gar nicht mehr um das dumme Zeug, wovon die aufgeblaſenen Leute da drüben ſo viel Aufhebens machen. Ich wünſchte wohl,“ fügte er hinzu, mehr zu ſich ſelber, als dem Knaben redend:„wir hätten hier einen Wald, da ließe es ſich ganz gemächlicher ſchlafen, als in der heißen Kammer.“ Er dehnte ſich träge und gähnte, dann ging er verdrieß⸗ lich hinein. Detlev hatte ihm ſtumm zugehört und ſann unaufhör⸗ lich darüber nach. „Mutter, was ſind denn grüne Zweige an Bäumen— wie ſehen ſie aus?“ fragte er ſpäter. „Ja ſieh, das läßt ſich nicht ſo ſagen, das muß man ſchauen, um es zu verſtehen!“ ſagte die Mutter nachdenkend. „Aber halt, da fällt mir etwas ein. Denke Dir den Buſch, der vor Hennekes Thür ſteht und noch viele ſolche Büſche auf dicke Stämme hinauf, das möchte ungefähr wie ein Baum mit Zweigen ausſehen; aber die Baumblätter ſind viel größen wie die am Gebüſch drüben.“ 3 — Der Wald kam nicht aus Detlevs Sinn. Er hätte ihn gar zu gern einmal geſehen und auch darin geſchlafen— ſein Vater meinte ja, das ſei wunderſchön. Nachmittags, als der Vater ſein Schläſchen hielt, die Mutter und ihre Schweſter mit häuslichen Verrichtungen beſchäftigt waren, ging er hinaus und nach drüben. Von Hennekes war Nie⸗ mand draußen, denn es war ziemlich warm. Lange ſtand der Knabe und ſchaute zu dem merkwürdi⸗ gen Stachelbeerbuſch empor, indem er ſich einen Wald vor⸗ zuſtellen ſuchte. Die Zweige bewegten ſich leiſe im Winde, ihm ſchien es, ſie winkten. Langſam und klopfenden Herzens erſtieg er die Werfte— jetzt ſtand er dicht am Ziel ſeiner Sehnſucht. Im nächſten Augenblick kauerte er auf der Erde und duckte ſeinen Kopf unter die grünen Zweige. Je länger er ſo daſaß, deſto mehr verſchwand ſeine Ban⸗ gigkeit, man könne ihn überraſchen und fortjagen. Das unaufhörliche Eifern ſeines Vaters gegen Hennekes hatte ihm vor dieſen eine große Furcht eingeflößt. Dazu kam noch, daß ſie Alles viel ſchöner, beſſer, reinlicher hatten, wie ſeine Aeltern und obenein ganz unerhörte Herrlichkeiten. Sein Reſpect vor ihnen war daher ſehr groß und er bangte viel weniger vor dem Zorn ſeines Vaters, wie vor einem Blick des reichen Nachbars. Jetzt übte ſeine Umgebung und ſeine lebhafte Einbildungskraft jedoch einen ſo hohen Zauber auf ihn aus, daß jede Beſorgniß verſchwunden war. Der tiefblaue, wolkenloſe Himmel ſpiegelte ſich in der See, die dadurch eine ſchönere Farbe erhielt, als die gewöhn⸗ liche; wo die Strahlen der Sonne auf die Häupter der klei⸗ nen, ſich leiſe kräuſelnden Wellen trafen, glitzerte und flim⸗ * 26 merte das Waſſer mit blendendem Glanz. Detlev ſchaute um ſich. Außer einigen der nächſten Halligen war rings, ſo weit das Auge reichte, nur Meer und Himmel zu ſehen; doch glaubte der Knabe dort hinten im fernſten Oſten, wo Waſſer und Aether in eine Linie zuſammenfloß, die Dämme des feſten Landes ragen zu ſehen, hinter welchen es einen Wald gab. Welch wunderſames, aber prächtiges Ding ſtellte ſich der Kleine unter einem Walde vor, und doch reichte es noch lange nicht hinan an die Herrlichkeit eines wirklichen Forſts mit ſeinen majeſtätiſchen Baumſtämmen und dem ge⸗ heimnißvollen Flüſtern und Rauſchen in den ſchattigen Wipfeln. Auf dem Fleckchen Land, welches ihn und mehrere Men⸗ ſchen inmitten des Meeres trug, herrſchte die tiefſte Stille. Die Schafe lagen in bem ſpärlichen Graſe, ihre Hüter, die Hunde träumten blinzelnd und behaglich an einer Stelle, wo das hoch ſtehende Haus ihres Herrn ihnen Schutz vor der Sonne gab. Es war ziemlich heiß, Detlev ſpürte davon jedoch wenig; er ſteckte den Kopf wieder ſo weit wie möglich unter den Strauch und die nackten Füße gleichfalls; dann ſchloß er die Augen und träumte, im Walde zu ſein. Ein ſanfter Wind, viel zu ſchwach, um die Wogen aufzuregen, wehte zuweilen kühlend vom Meer über die Hallig und be⸗ wegte flüſternd die ſchwankenden Reiſer. Detlev war darüber ſelig.„Ganz wie in einem wirklichen, leibhaftigen Walde!“ dachte er entzückt undeſein Entzücken ſteigerte ſich noch, wenn ein vom Windhauch bewegter Zweig ſeine Wange oder ſein langes flachsblondes Haar⸗ſtreifte und es ſchadete nicht im Geringſten, wenn ihm dabei auch die Dornen zu nahe kamen. 27 Im Gegentheil, es ſteigerte ſein Glück, machte der erträumte Wald ihm auf dieſe Weiſe ſein Daſein fühlbar. Heine ſpielte drinnen leiſe auf der Violine und einige Flie⸗ gen ſummten um den Buſch und den Träumer unter demſel— ben; das war für Detlev das Gezwitſcher und der Geſang der Vögel, von dem ſein Vater geſprochen hatte, und eine ge⸗ raume Zeit verſtrich ihm in ſtiller Wonne, bis die wachen Träume allmälig zerrannen und die Einſamkeit und die Wärme ihn ſüß einzuſchläfern begann. „Detlev, was machſt du denn da! du bekommſt noch den Sonnenſtich!“ ſagte eine freundliche Kinderſtimme plötzlich. Der kleine Träumer fuhr erſchrocken aus ſeinem Halb— ſchlummer. Maatje ſtand vor ihm, in ihrem Sonntagsſtaat, eine noch ehrfurchtgebietendere Erſcheinung, als ſonſt für den armen Knaben. Blaue Strümpfe, einen geſtreiften Rock, ein grünes Mieder und ſeidenes Halstuch. Seine Muhme Meike hatte dieſe Sachen auch in der Lade, doch, um ſie zu ſchonen, legte ſie dieſe ſelten an. Aber Maatjes Geſicht erſchien Detlev ſo zutrauener⸗ weckend, da er es jetzt nahe ſah, und dann war er auch ſo erfüllt von ſeiner Glückſeligkeit, daß er bald alle Schüchtern⸗ heit verlor und ihr offen und immer zutraulicher erzählte, was der Vater ihm vom Walde geſagt habe; daß er darum ſich unter den Buſch geſetzt und was er hier eben Wunder⸗ ſchönes gedacht hatte. Das zehnjährige Mädchen hörte ihm aufmerkſam zu und ſteckte dann ſelber den Kopf ein wenig unter den Stachel⸗ beerſtrauch, der auch bei ihr in hohen Ehren ſtand, obgleich er keine Beeren trug. Hatte ja doch Niemand auf den Hal⸗ . 28 ligen weit und breit ein ſo ſchönes Grün vor der Thür, und mit welcher Freude hatte ſie und ihr Bruder im Frühjahr beobachtet, wie die winzigen Blätter hervorkamen uud faſt zuſehends größer wurden! Maatje hatte keine ſo lebhafte Phantaſie, wie ihr kleiner Nachbarsſohn, die Berührung ihres Geſichtes mit den ſtache⸗ lichten Zweigen verſetzte ſie daher nicht in ſolches Entzücken und in ſo ſchöne Träume von Waldesſchatten und Blätter⸗ rauſchen. Aber ſie ging freundlich auf ſeine Ideen ein und als nun auch ihr Bruder herauskam, waren alle Drei bald im vertraulichſten Geplauder. Die Geſchwiſter wunderten ſich, warum ſie ſich bisher um den kleinen Detlev ſo wenig gekümmert hatten, war er doch ſo einſam und auch ſo klug und liebenswürdig. Detlev ſeinerſeits begriff nicht, warum er Heine und ſeine Schweſter immer geſcheut und gemieden hatte. 5 Maatie zeigte ihm mit großer Bereitwilligkeit die Blu⸗ menſtöcke ihrer Mutter ſo nahe, wie er ſie noch nie geſehen hatte, und freute ſich über ſein begeiſtertes Entzücken. Er holte dann ſein Tauſendſchönchen und ließ es von ſeinen neuen Freunden bewundern, indem er ihnen ſeine Geſchichte erzählte. Darauf brachte Heine die kleinen Kähne, mit wel⸗ chen er früher geſpielt hatte und ließ ſie zu Detlevs größter Beluſtigung auf einer kleinen, ganz ſeichten Bucht des Mee⸗ res umherſchwimmen. „Detlev, Detlev!“ rief plötzlich ſein Vater erzürnt, haſtig gehorchte er dem Ruf und erhielt nun Scheltworte und Vorwürfe darüber, daß er ſich mit den hoffärthigen Nach⸗ barskindern eingelaſſen habe.„Siehſt du nicht, welche 2 29 hübſche Jacke Heine anhat und wie zerflickt die deine iſt?“ fügte er hinzu. „Aber ſie waren ſehr freundlich und thaten gar nicht ſtolz,“ wendete Detlev ein. „Schäme dich!“ fuhr ihn der Vater an.„Sie machen ſich gewiß nichts aus dir lumpigen Jungen; du brauchſt nicht ſo ſehnſüchtig nach ihnen hin zu ſchauen, ſie ſehen gar nicht nach dir, denken nicht an dich.“ Detlev war ſehr betrübt, nicht allein darüber, daß er nicht länger mit den Nachbarskindern ſpielen durfte, ſondern auch, daß ſie am Ufer ſtehen geblieben waren und nicht ein⸗ mal nach ihm und ſeiner Rückkehr ausſchauten. Niederge⸗ ſchlagen ſaß er auf ſeiner Werfte und blickte nach ihnen hin, aber ſie hatten ihn ganz vergeſſen und beobachteten aufmerk⸗ ſam ein Boot, welches ſich eben der Hallig nahete. Die Erſcheinung Fremder war auf dem kleinen Eiland etwas ſo Seltenes, daß es unter ſeinen Bewohnern ſtets Aufſehen machte. Heines Eltern kamen an den Strand herab, die Großmutter ſchaute neugierig durch das Fenſter, was Detlevs Mutter und Tante gleichfalls aus dem ihrigen tha⸗ ten. Auch Rikmers Neugier war erregt, doch glaubte er, Henneke erhalte wieder Lebensmittel vom Lande. Das er⸗ weckte ſeinen Neid und als der kleine Detlev ſchauluſtig nach dem Strande laufen wollte, hielt er ihn zurück und er ſelber ging ins Haus, weil die unerwartete Freude, welche ſeine Nachbarn hatten, ſein misgünſtiges Gemüth erbitterte. Unter den Bootsleuten befand ſich ein kräftiger junger Seemann, der, noch ehe das Schifflein anlegte, hinaus und ans Land ſprang und den erwartungsvoll Daſtehenden, die * 30 ihn ſchon erkannt hatten, jubelnd um den Hals fiel. Es war Volkert, Hennekes älteſter Sohn. Das Schiff, auf welchem er ſich als Steuermann be⸗ fand, ankerte in Huſum, und da einige Ausbeſſerungen dar⸗ an vorzunehmen waren, hatte er einen kurzen Urlaub erhal⸗ ten. Nachdem die erſte herzliche Begrüßung vorüber war, eilte der Jüngling nach dem Hauſe, um die Großmutter zu umarmen, die ihm mit dem Taſchentuche winkte, deren zit⸗ ternde Knie ſie über die Werfte nicht hinab tragen wollten. Dann wurden mehrere Kiſten aus dem Boot nach der Wohnung geſchafft, was dem neidiſchen Rikmer, der es ver⸗ ſtohlen vom Fenſter aus beobachtete, mit tiefem Groll er⸗ füllte. Nachdem die Schiffer gaſtlich bewirthet worden, fuh⸗ ren ſie ab, während die Seinen drinnen Volkert umringten und Fragen und Antworten ſich kreuzten. Inzwiſchen öffnete der Ankömmling geſchäftig die Kiſten und packte ſo viel Herrlichkeiten aus, daß Rikmer, hätte er ſie geſehen, noch erbitterter geworden wäre. Von Thee, Zucker, Rum, Citronen und Allem, was ſonſt zur Wirthſchaft einer wohlhabenden Halligbewohnerin gehört, fanden ſich reiche Vorräthe, auch guter Taback für den Vater und für die Frauenzimmer ſchöne Kleidungsſtücke und goldne Schmuck⸗ ſachen, welche letztere auf den Halligen ſehr beliebt ſind; für Heine ein dickes Buch mit ſchönen Geſchichten und präch⸗ tigen Bildern. Kurz, Niemand war vergeſſen, Allen hatte er etwas mitgebracht. Ohne daß die Glücklichen es gewahrten, ſank die Sonne tiefer und tiefer und zuletzt verſank ſie ſcheinbar in die pur⸗ purſtrahlende Fluth. 3 5 „Was thun wir denn unſerm Gaſt zu Ehren?“ fragte der Vater. „Wir ſchlachten einen Hammel!“, rief Heine.„Die Hausväter des Alten wie des Neuen Teſtaments thaten das ja auch, wie die Bibel erzählt. Es iſt da freilich von einem gemäſteten Kalb die Rede, aber wir haben hier doch kein ſolches.“ Die Aeltern waren damit einverſtanden. „Wie geht es denn Rikmers?“ fragte Volkert.„Ich ſah ja Niemand von ihnen. Iſt er noch immer ſo ungefällig, wie früher?“ „Noch viel mehr!“ ſagte Henneke und erzählte nun Volkert, daß während ſeiner Abweſenheit ihr Verhältniß ziemlich geſpannt geweſen ſei und die Entfremdung noch immer zunehme. „O das iſt nicht gut— ſo ſollte es unter den näch⸗ ſten Nachbarn nicht ſein!“ ſagte der junge frohherzige Mann. „Die Schuld liegt nicht an uns!“ meinte die Mutter. „Das weiß ich wohl!“ erwiderte er lebhaft.„Aber ich bedaure, daß Ihr wegen Rikmers unwirrſcher Gemüths⸗ art nicht in Eintracht und Herzlichkeit mit ihm und ſeiner Familie leben könnt. Die Hallig iſt nicht viel größer wie manches Schiff, und mir wäre es unerträglich, mit meinen Maaten nicht im beſten Einverſtändniß zu leben. Ich will doch einmal verſuchen, ob ich den Griesgram nicht umſtim⸗ men kann, und ich denke, wir laden ihn und die Seinen mor⸗ gen ein, da Ihr meinetwegen doch einen Hammel ſchlachten wollt.“ „ 32 Die Aeltern waren es zufrieden und beide Geſchwiſter riefen:„Dann wollen wir aber auch einmal tanzen!“ Auf der andern Inſelſeite, in der Hütte Rikmers, herrſchte indeß eine ganz entgegengeſetzte Stimmung. „Was iſt das für eine Sache mit dem Volkert!“ ſagte hier der Hausvater grämlich zu ſeiner Frau, die im Stillen herzlichen Antheil an der Freude der Nachbarn nahm, das aber nicht äußern durfte.„Hennekes denken Wunders, was ſie an ihm und unter einander haben, und werden jetzt noch ſtolzer ſein, nun er ſo viel heimgebracht hat. Der Alte dachte auch ohnedies ſchon, er ſei zu aller Leute Vormund beſtellt. Sagte er mir doch in der vorigen Woche, warum ich unſere Werfte nicht ausbeſſere, ſie ſei ja ſo verfallen, daß ſie uns bei einer hohen Fluth keinen ſichern Aufenthalt biete. Ich gab ihm aber zu verſtehen, er möge ſich um ſeine eignen Angelegenheiten kümmern.“ „Ach, lieber Arvſt, es ſind wirklich große Löcher zwiſchen den Stämmen, die das Haus tragen,“ verſetzte ſeine Frau bekümmert.„Eine Ausbeſſerung wäre wohl nöthig und ich dachte längſt ſchon mit Sorgen, eine Hochfluth könne uns unerwartet überraſchen! Der Nachbar hat alſo nicht Unrecht und du ſollteſt einmal Hand—“ Aber Rikmer unterbrach ſie mit heftigen Schmähungen, daß ſie ſtets die Partei des Nachbars nehme, ſtatt zu ihm zu ſtehen. Seine Trägheit machte ihm jede Arbeit verhaßt und er behauptete eifrig, die Werfte ſei noch ſo feſt genug, um auch den Winter über zu halten. Seine Frau wider⸗ ſprach ihm nicht länger, denn ſie wußte, daß ſie damit doch nichts ausrichtete, ſondern ihn nur noch mürriſcher und un⸗ ————— eeeiiceeeh „Grade Richtung— hat ſich was!“ brummte Rikmer. „Ja, wenn die Rinnen nicht wären!“ An dieſe hatte der Knabe freilich nicht gedacht; indeß blieb doch nichts Anderes übrig, als zu verſuchen, ob man die Hallig erreichen könne, und Heine trieb ſeinen Gefährten zur Eile an, indem er ſich bemühte, die Richtung, in welcher die Heimath lag, im Gedächtniß zu behalten. Dies war nicht ſchwer, ſo lange ſie gerade auszuſchrei⸗ ten vermochten, doch bald kamen ſie an tiefere Stellen, in denen ſo viel Waſſer ſtand, daß ſie nicht zu durchwaten waren und umgangen werden mußten. Da wurde es ſchon ſchwieri⸗ ger, ſich nicht zu verirren. Und jetzt ſtanden ſie gar an einem tiefen Spalt und mußten denſelben entlang gehen, um eine ſchmälere Stelle zu finden, die überſprungen werden mußte. Sollten ſie ſich rechts oder links wenden? Auf welcher Seite mochte eine ſchmale Stelle ſein? Zu ſehen war auf drei Schritte nicht das Geringſte. Sie entſchieden ſich für rechts, und gingen faſt eine halbe Stunde an der Vertiefung hin; jeden Augenblick glaubten ſie, einen zum Uebergang geeigneten Punkt zu finden, allein die Spalte ſchien zuletzt noch breiter zu werden. Sie kehrten um, machten den ganzen Weg wieder zurück und ſtanden nach faſt einer Stunde verlorner Zeit wieder auf demſelben Fleck. Kaum zehn Schritte davon links war eine ſchmale Stelle, die ganz bequem zu überſchreiten war. Ohne den Nebel hät⸗ ten ſie um ſich ſchauen können, doch der verhüllte jede Aus⸗ ſicht gänzlich und wurde immer dichter. Jetzt ſtanden ſie wieder an einer Rinne. „Gehe Du links, ich will rechts gehen!“ ſagte Heine, In Mitten der Nordſee. * 50 der unwillkürlich die Anordnungen machte, da er, obgleich unerfahrner, doch viel unverzagter war, wie ſein Gefährte. „Wer zuerſt eine ſchmale Stelle findet, der ruft dem Andern zu, oder kommt ihm entgegen!“ Rikmer wars zufrieden und ſie trennten ſich. Nach we⸗ nigen Schritten ſchon hatten ſie einander in dem faſt greif⸗ bar dicken Dunſt aus den Augen verloren und nach einiger Zeit ſtand Rikmer an einem Punkt, der ſich überſpringen ließ. Ein finſterer Gedanke ſtieg in ihm auf. Kehrte er zu⸗ rück, um Heine zu holen, ſo verlor er dadurch abermals Zeit und die Fluth konnte nicht mehr allzu entfernt ſein. Der Wunſch, ſein eigenes Leben zu retten, war mächtiger in ihm, als die Rückſicht auf den Knaben, den Sohn der vielfach be⸗ neideten Nachbarn. Kam Heine um, ſo konnte er ja nichts dafür, war ſich doch Jeder ſelbſt der Nächſte. Noch ging er mit ſich zu Rath, da rief Heines helle Stimme dicht neben ihm:„Ich habe einen Uebergang ge⸗ funden, Rikmer, komm ſchnell!“ Im nächſten Augenblick ſtand der Knabe athemlos neben ihm und fragte:„Haſt Du mich denn nicht gehört? Ich rufe mir ja ſchon ſeit langer Zeit faſt die Kehle wund.“ Rikmer verneinte; er hätte ihn nicht gehört, weil der Nebel den Schall dämpft. „Ah, hier iſt die Rinne ja auch ſchmal, da gehen wir natürlich hier hinüber!“ ſagte Heine arglos. Tiefe Scham⸗ röthe färbte Rikmer's bleiches Geſicht. Wie feig dachte er eben den Knaben zu verlaſſen, dem ein ähnlicher Gedanke nicht beigekommen war! Er folgte dem Voraneilenden, der ſchon wieder im Nebel verſchwunden war. Eine Minute vor⸗ 51 her hatte Rikmer geſchwankt, ob er nicht verſuchen ſolle, ſich zu retten, jetzt überkam ihn ein Grauen vor der Einſamkeit und er rief aus Leibeskräften Heine's Namen. Der Nebel war nun ſo dick geworden, daß eine graue Wand zwiſchen Beiden aufgethürmt ſchien, wenn ſie ſich nur einen Schritt auseinander befanden. Sie faßten ſich bei den Händen, um nicht getrennt zu werden, und gingen ſchweigend weiter— bald rechts, dann wieder links, einmal vorwärts, ein andermal rückwärts. Daß ſie dabei die Richtung nach ihrer Hallig ganz und gar verloren hatten, verſteht ſich von ſelbſt. Endlich konnte es ſich ſelbſt der hoffnungsreiche Heine nicht mehr ableugnen, daß ſie ſich verirrt hatten. Und kein Merkmal, um ſich zurecht zu finden, keine Spur in dem grauen Dunſt, die ihnen einen Fingerzeig von der Gegend gegeben hätte, in welcher die Heimath lag! Sie wußten nicht, ob ſie ſich bei jedem Schritt nicht weiter von derſelben entfernten und in das unendliche Meer hinausgingen, das nun bald mit ſeinen wallenden Fluthen die Stätte bedeckte, auf welcher ſie eben hinſchritten. Sie mußten öfter ſtehen bleiben, um ſich zu erholen, denn die Wanderung war ſehr mühſelig; bald verſanken ſie bis an die Knie im Schlamm, bald mußten ſie einen weiten Sprung machen. Große Schweißtropfen begannen auf Rikmer's Stirn zu perlen, theils vor Ermüdung, noch mehr aber vor Angſt. „Es hilft doch Alles nichts, daß wir uns abmühen! Wir ſind verloren, denn die Fluth komint ſchon heran!“ Wirklich waren die Rinnen und Vertiefungen auf dem unebenen, vielfach zerklüfteten Meeresboden jetzt ſchon viel 44 * 52 mehr mit Waſſer gefüllt und ihre Schritte auf dem ſchlüpf⸗ rigern Boden viel unſicherer, als anfangs. Ueber den un⸗ zähligen Wendungen und Krümmungen waren ſie völlig un⸗ gewiß über ihr Ziel, was nützte es alſo, ſich noch länger anzuſtrengen? Es war ja ein vergeblicher Kampf— dem * unvermeidlichen Tode entgingen fie doch nicht. Heine, der noch immer nicht glauben konnte und wollte, daß ſie verloren waren, zog den entmuthigten Gefährten mit ſich fort. Doch wohin ſie ſich wandten, überall fanden ſie jetzt ſchon kleine Ströme rieſelnden Waſſers, überall hin folgte ihnen der Feind, deſſen Beute ſie bald werden mußten. Schon plätſcherte das Waſſer um ihre Füße und ſtieg von Minute zu Minute höher, auch begann der nahende Abend die Dämmerung, welche der Nebel verbreitete, noch dichter zu machen. Sechstes Kapitel. „Victoria, wir ſind gerettet!“ rief Rikmer, plötzlich von der größten Angſt zu eben ſo großer Freude übergehend. „Die Fluth weiſt uns ja den Weg, welchen wir zu nehmen haben— alſo nur ſchnell vorwärts.“ Dieſes Mal war es Heine, der ein Bedenken hatte. Die Bewegung des Waſſers, bei aufmerkſamer Beachtung deut⸗ lich erkennbar, war ihnen zwar einigermaßen Wegweiſer, ſie 53 wußten nun ungefähr, in welcher Gegend die Heimath lag, allein eine ſo unſichere Richtung war faſt nicht beſſer, als gar keine. Die Hallig war nur eine ſo kleine Scholle in dem weiten Ocean, konnten ſie daran nicht eben ſo leicht rechts oder links vorübergehen, als ſie gerade auffinden? Indeß lag es in dem muthigen Charakter des Knaben, daß er nicht das Schlimmſte fürchtete, ſondern das Beſte hoffte. Jedenfalls mußte man doch auch thun, was man konnte, und die Hoffnung erſt im letzten Augenblick aufgeben. So ſchnell es auf dem überſchwemmten Boden ging, eilten ſie weiter. Das Waſſer reichte ihnen ſchon bis über die Knie, von Secunde zu Secunde höher ſteigend. Die Beſchaffenheit des Grundes war nicht mehr zu er⸗ kennen und plötzlich ſank Rikmer, der einen Schritt voraus war, bis an den Hals in eine Grube. Nur mit Mühe gelang es Heine, ihm herauszuhelfen. Das kalte Bad hatte Rikmers Zuverſicht ſo ſchnell ab⸗ gekühlt, wie ſie ihm gekommen war. Er ſah ein, daß es un⸗ möglich war, zur Hallig zu gelangen, wenn ſie deren Lage auch genau gekannt hätten; die nicht mehr ſichtbaren Vertie⸗ fungen und Rinnen ſchnitten ſie ab. Heine ſah die Fruchtloſigkeit jedes Rettungsverſuches auch ein, doch verlor er nicht die Beſonnenheit und zog ſei⸗ nen Gefährten mit ſich fort nach einer Sandbank, die ſich ganz in der Nähe befand. Während die Fluth immer mehr ſtieg, ſenkte ſich der Ne⸗ bel allmälig und einzelne Sterne begannen durch den blei⸗ chen Dunſtſchleier zu ſchimmern. Sie blinkten einen Hoff⸗ nungsſtrahl in Heine's Herz. Sank der Nebel ſchnell und * waren ſie zufällig ihrer Heimath nahe, ſo vermochten ſie die⸗ ſelbe vielleicht ſchwimmend zu erreichen. Aber Rikmer konnte nur ſchlecht ſchwimmen und als Heine ihm ſeine Gedanken mittheilte, packte er ihn feſt am Arme und rief:„Verlaß mich nicht, laß mich nicht allein hier umkommen!“ „Oder vielleicht können wir durch unſer Geſchrei den Vater zur Hilfe herbeirufen!“ meinte der Knabe. Das war allerdings wahrſcheinlich und ihnen ein großer Troſt; ſie wußten nicht, daß Henneke nicht daheim war. Jetzt einte der Nebel ſeine feuchten Dünſte mit den Wel⸗ len. Die Luft war wieder klar und die Sterne funkelten hell. Die beiden dem Tode Geweihten ſchauten um ſich. Ihr Schiffchen war in der Dunkelheit nicht zu ſehen— doch da ſchimmerte ein Licht über der Waſſerfläche und da noch eins! Es war der Schein der Lampen bei ihnen daheim. Aber der Anblick dieſer Lichter erlöſchte jeden Hoffnungsſchimmer in der Bruſt der Unglücklichen— ſie waren von der Hallig mehr als noch einmal ſo weit entfernt, wie in dem Augen⸗ blick, als ſie, ihre Wanderung antretend, das Boot verließen. Langſam, aber unausgeſetzt ſtieg das Waſſer höher und höher an ſie hinan. Sie hatten ſich umfaßt, um feſter zu ſte⸗ hen, weil die wogende Fluth ſie empor zu heben und fort zu reißen drohte. Sie ſchauerten vor Froſt und im Gefühl des unvermeidlichen Todes und mit dem ſteigenden Meer und der ſteigenden Gefahr ſtieg auch ihre Verzweiflung. Mit wie unſäglich bitterem Schmerz dachte Heine der Seinen daheim, die nichts von ſeiner Noth ahnten und ihn ſorglos erwarteten. Die Mutter hereitete gewiß ſchönen war⸗ men Thee für ihn und die Großmutter legte ein großes Stück * 55 Zucker neben ſeine Taſſe und ſagte mit ihrem freundlichen Lächeln: „Heute wollen wir dem Jungen das Leben einmal ſüß machen“ Und Maatie guckte ungeduldig nach ihm aus, bis der Vater ſagte:„Nur ruhig, jetzt muß er bald kommen— die Fluth iſt da!“ Und ſo war es wirklich, die Seinen erwarteten ihn ru⸗ hig, nur daß der Vater noch nicht daheim war. Einen Augenblick hatte der Knabe in dem Gedanken an ſeine Lieben ſeine Bedrängniß vergeſſen; eine Welle, die höher war, als alle übrigen, rauſchte über ſeine Schultern fort und ſpritzte ihm Waſſer in Ohren und Augen und brachte ihm das furchtbare Bewußtſein ſeiner Lage zurück. Er war noch ſo jung und ſollte ſchon ſterben— das Leben lag ſo ſchön und vielverheißend vor ihm und er ſollte ſchon in den Wellen ſein Grab finden? Sollte ſo plötzlich in Mitten ſeiner Geſund⸗ heit und Jugendkraft, den ahnungsloſen Seinen ſo nahe und doch unerreichbar fern, hilf⸗ und rettungslos ertrinken? Wie würde ſeine Familie ſich härmen, wenn er nimmer wieder⸗ kehrte, wie heiße Thränen würden ſie und namentlich die Mutter über ſeiner Leiche weinen, die vielleicht dieſe Fluth, welche ihn lebend wiederbringen ſollte, an das heimiſche Ge⸗ ſtade ſpülte. Seine eignen Thränen floſſen dabei heiß und unſäglicher Schmerz tobte in ſeinem jungen Herzen, das nun bald ſtill ſtehen mußte, ſo laut und angſtvoll es in dieſem Augenblick auch noch ſchlug.„Mein Gott, mein Gott, er⸗ barme Dich!“ murmelte er halb bewußtlos. So heftig Heine auch litt, die Empfindungen feines Todesgefährten waren noch unendlich qualvoller. Nachdem . er eine Weile laut geſtöhnt und gejammert, verſank Rikmer in eine dumpfe Betäubung, in eine Art Fühlloſigkeit. Hei⸗ ne's Seufzer und das Heranwogen der todbringenden Wellen rüttelte ihn daraus empor. Eine entſetzliche, ſinnverwirrende Angſt ſchnürte ihm die Bruſt zuſammen. Alles, was er in ſeinem Leben Arges gedacht und gethan, erhob ſich vor ſei⸗ nen innern Blick und wälzte eine Centnerlaſt auf ſeine Seele, die nun bald vor dem ewigen Richter Rechenſchaft über jeden Augenblick des vergangenen Lebens ablegen ſollte. Wie Heine ſeufzte auch er:„Erbarme Dich, mein Gott, erbarme Dich!“ aber dieſes Anrufen der göttlichen Barmherzigkeit gab ihm keinen Troſt. Er dachte an den böſen Neid, den un⸗ gerechten Haß, welchen er gegen den glücklichen Nachbar gehegt hatte, der nächtlichen, ſündlichen Rachegedanken, über welchen er gebrütet. Sein jetziges Unglück ſchien ihm eine gerechte Strafe dafür und er zitterte vor dem Tode und dem Gericht darnach. Er hatte niemals mit kindlich gläubigem Sinn auf Gott vertraut, ſondern ſtets ungeduldig gegen Alles gemurrt, was ihm begegnet war, wie hätte er ſich jetzt ſtill in das ergeben ſollen, was Gott über ihn verhängte? In ſeiner Verzweiflung und Todesangſt konnte er das Ver⸗ trauen auf den Herrn natürlich gar nicht finden. „Meine lieben Eltern, meine gute Großmutter, meine Schweſter! ich werde Euch Alle nie wieder ſehen!“ rief der Knabe weinend. Auch Rikmer gedachte ſeines Weibes daheim und der Kleinen, die nun bald vaterloſe Waiſen wären. Aber welch' bittern Stachel hatte ſein Schmerz! Wie ſchlecht hatte er bisher für die Seinen geſorgt, wie ſehr ihnen und namentlich 57 ſeiner Frau, das Leben verkümmert! Welche gualvolle Reue empfand er! Doch die Reue war fruchtlos, denn ſie kam zu ſpät. Die Vergangenheit ließ ſich durch keinen, noch ſo hei⸗ ßen Wunſch zurückkaufen und zur Beſſerung hatte er keine Zeit mehr. Wie leid waren ihm nun ſeine Fehler: Unzufrieden⸗ heit, Mißgunſt, Undankbarkeit! Wie glücklich hätte er ſich geſchätzt, wäre nur ſein Leben gerettet worden; er hätte nie und nimmermehr Hennekes beneiden und ihnen herzlich dank⸗ bar ſein wollen für ihre Freundlichkeit. Dabei dachte er daran, wie ſehr ſie ſich um den muntern, hoffnungsvollen Sohn härmen würden, der einen vorzeitigen Tod fand, weil er ihm dienſtfertig beigeſtanden hatte. Er beklagte, daß nicht wenigſtens der Knabe gerettet würde, und jener häßliche Zug ſeines Charakters, die Selbſtſucht, welche Andern nichts Beſſeres gönnt, als man ſelber hat, wurde in ſeinem Innern von edleren, großmüthigern Geſinnungen überwogen. „Hör', Heine!“ ſagte er, ſich ſchüttelnd und mit klap⸗ vernden Zähnen.„Du kannſt ja gut ſchwimmen— wie wär's, wenn Du die Hallig zu erreichen ſuchteſt? Die Fluth wird Dich unterſtützen. Grüße mein armes Weib und die Meinen und ſage Deinem braven Vater, er möge ſich ihrer annehmen und den Verlaſſenen Freund und Berather ſein.“ „Es geht nicht!“ erwiderte Heine.„Wie ſollte ich eine halbe Meile ſchwimmen können? Dazu reicht meine Kraft nicht aus. Ich bin ſchon ſo erſchöpft, daß ich kaum mehr dem Andrang der Wogen widerſtehen kann. Ich würde doch bald untergehen, es iſt alſo beſſer, wir ſterben zu⸗ ſammen.“ Rikmer war ſonſt ſo arbeitsſcheu und träge geweſen, jetzt 6 58 peinigte es ihn entſetzlich, daß er nichts thun konnte, daß er ſtillſtehend den Tod erwarten mußte! Hätte er noch wenig⸗ ſtens dagegen ankämpfen, mit dem Feinde ringen können, der ihn und ſeinen Gefährten eng und immer enger umſtrickte. Höher und höher wallten die plätſchernden Wogen; jeder neue Wellenſchlag ſteigerte die Gefahr, brachte den drohen⸗ den Tod näher. Es ließ ſich mit Beſtimmtheit berechnen, wie viele Minuten ihnen noch zugemeſſen waren, und Secunde auf Seeunde verrannen von der kurzen Lebensfriſt. Sie ſtanden auf einer kleinen, doch ziemlich hohen Sandbank und dann war auch die Luft ungewöhnlich windſtill, ſonſt hätten ſie ſich unmöglich ſo lange auf den Füßen erhalten können. Heine konnte in der Troſtloſigkeit, die ihn ergriffen hatte, nicht lange verharren; der Gedanke an die Seinen, ſo ſchmerz⸗ lich er übrigens war, rief ihm auch das Gottvertrauen und die Ergebung in's Gedächtniß, womit ſie in Zeiten der Ge⸗ fahr gewaffnet waren. Die Gebete, welche ſeine Mutter ihn gelehrt, als er noch ſo klein geweſen, daß er kaum ihre Worte nachzuſtammeln vermocht, die frommen Lieder, welche er mit ſeiner Familie Sonntags geſungen, die Stellen der heiligen Schrift, welche ſich auf ſeine Lage beziehen ließen: Alles ſtand vor ſeinem Geiſt und erhob denſelben über die peini⸗ gende Todesfurcht, welche er noch eben empfunden, welche ſeinen älteren Genoſſen ſchüttelte. Sein Vater hatte ſo oft dem Tode muthig in's Antlitz geſehen, ſein Bruder war von dem Wellengrabe, daß ihn verſchlingen ſollte, auch nur durch die ſchwachen Planken des Schiffes getrennt, die bei einem Sturm ſo leicht zertrümmern konnten. Würden ſie wohl in einer der ſeinigen ähnlichen Gefahr geweint und gezagt ha⸗ 59 ben, wie ein Kind? Er hätte ihnen ſeinen Kleinmuth nicht zeigen mögen, ein Beweis, daß er ſich deſſelben ſchämen mußte. Früher hatte er ja Seemann werden wollen und er beſaß nicht den Muth, einen Seemannstod zu ſterben? Nein, er wollte ruhig und gefaßt hinüber gehen. Und der Augenblick dazu ſchien gekommen; das Waſſer ging ihm über den Hals. Jede heranrauſchende Woge drohte ihn fort zu ſpülen. Rikmer war etwas größer und nur da⸗ durch, daß ſie ihre Füße mit aller Anſtrengung gegen den Grund ſtemmten und ſich dabei feſt umſchlungen hielten, ge⸗ lang es ihnen noch, ſich aufrecht zu erhalten. Vereinten Kräften gelingt ſtets mehr, als vereinzelten. Zu dem klaren, geſtirnten Himmel aufſchauend, bereitete ſich der Knabe auf ſein Ende. Da kam ihm plötzlich ſeiner Großmutter Lieblingslied in den Sinn, Gellert's herrliches Lied:„Jeſus lebt, mit ihm auch ich; Tod, wo find nun Deine Schrecken?“ Laut und freudig begann er es zu ſingen und mit jeder Zeile hob ſich ſein Muth, wuchs ſeine Zuverſicht. Er hatte eine ſchöne, volle Stimme, die Seinen hatten ſich oft darüber gefreut— jetzt tönte ſie über die leiſe flüſtern⸗ den Wogen weit in die ruhige Nacht hinaus. Auf ſeinem verzweifelnden Genoſſen machte der helle Ge⸗ ſang, die jubilirend klingende Melodie einen unbeſchreiblichen Eindruck; durch die finſtere Nacht ſeines Innern drang ein Troſtesſtrahl, als Heine fortfuhr zu ſingen: „Gnade hat er zugeſagt, Daß der Sünder ſich bekehre: Gott verläßt in Chriſto nicht, Dies iſt meine Zuverſicht.“ 60 Der ruhige Todesmuth, in den Heine's natürliches Ban⸗ gen ſich verwandelt hatte, übte eine erhebende Wirkung auf Rikmer; die feſte Zuverſicht auf die göttliche Gnade, welche dem Sünder vergiebt, erſchien ihm als ein rettender Anker, an den er ſich mit der ganzen Kraft ſeiner zagenden Seele anklammerte; in dem Munde des Knaben klangen die Worte ihm zugleich wie eine Verheißung der Vergebung. Als nun Heine immer voller und ſicherer weiter ſang, ſtimmte er mit ein, zuerſt leiſe und heiſer, dann lauter und heller. Heine's ganzes Weſen ging in dem Geſange auf, auch Rikmer vergaß zum Theil ſeine Noth. Niemand, der die ſchönen, melodiſchen Klänge unter dem klaren Sternenhimmel hinſchweben gehört, hätte geglaubt, daß ſie das letzte Gebet waren, welches zwei in der unermeßlichen Waſſerwüſte faſt ſchon Begrabene aus den Tiefen ihres Herzens zu dem Allmächtigen emporſandten. Kraftvoll und feierlich ſcholl nun der Schlußvers über die Waſſer: „Jeſus lebt; nun iſt der Tod Mir der Eingang in das Leben: Welchen Troſt in Todesnoth Wird er meiner Seele geben, Wenn ſie gläubig zu ihm ſpricht: Herr, Herr, meine Zuverſicht“! „So nimm uns denn auf, Vater im Himmel!“ ſagte Heine mit einem inbrünſtigen Blick nach Oben und Rikmer ſprach es ihm leiſe nach. Der letzte Augenblick ihres Lebens war da; im nächſten trieben ihre entſeelten Körper auf den Wogen. Doch horch! was war das? Ein Ton, der Ton einer 61 Menſchenſtimme drang aus der Ferne zu ihnen. Man hatte ihre Gefahr bemerkt und kam ihnen zu Hilfe. „Vater, Vater!“ rief Heine mit aller Kraft ſeiner Lunge. Wer nahte wohl zu ihrer Rettung, wenn nicht ſein Vater? Rikmer ſtimmte, ſo laut er konnte, in den Ruf ein und als ſie nun hochſchlagenden Herzens lauſchten, klang eine Ant⸗ wort zu ihnen herüber. Gleich darauf ſchoß ein dunkler Ge⸗ genſtand durch die Nacht und die Wellen. „Wir ſind gerettet!“ jubelten Beide. In demſelben Augenblick hob die Gewalt des Waſſers ſie empor und riß ſie um. Siebentes Kapitel. Henneke war auf der Heimkehr von dem Nebel überraſcht worden und hatte ſein Rudern eingeſtellt, um nicht weit über ſeine Hallig hinaus zu gerathen. Auch war die Ebbe noch nicht recht zu Ende und landen konnte er doch nicht, ehe die Fluth eintrat. Jetzt begann ſie indeß ſchon mächtig zu ſchwellen und ihrem Strome folgend, nahte der alte Halligbewohner plötz⸗ lich einem Gegenſtand, an dem er im Nebel faſt vorüber ge⸗ fahren wäre. „Das iſt Rikmer's Boot!“ ſagte er und rief dann: „Hollah⸗ friſch auf, Jungens, die Fluth ſteigt, wir können . * 62 nach Hauſe.“ Niemand antwortete und befremdet ſah der Alte, daß das Schifflein verlaſſen war.„Sie ſind gegan⸗ gen, Gott gebe, daß ſie die Hallig erreichten!“ dachte er und eine bange Beſorgniß überkam ihn. Er war kein Freund des Schlicklaufens und wenn ſie nun der Nebel überraſcht hatte, ehe ſie das Land erreicht? Mit kräftigen Ruderſchlägen trieb er ſein Fahrzeug nach der Hallig. Der finkende Nebel geſtattete ihm, die Lichter zu erkennen, welche ſeine und Rikmers Frau als Wegweiſer in die Fenſter geſtellt. Das Waſſer ſtand zwar noch niedrig, allein ſein Kahn ging auch ſehr flach. Seine und Rikmer's Familie umringte ihn beim Landen. Ein Blick zeigte ihm, daß ſein Sohn und Rikmer nicht un⸗ ter ihnen waren, eine Frage brachte ihm die Antwort, ſie ſeien noch nicht zurückgekehrt, hätten beim Eintritt der Ebbe Anker geworfen. Das wußte er wohl, aber auch, daß ſie nicht im Boot geblieben waren. Eine tödtliche Angſt ergriff ihn— doch theilte er den Frauen und Kindern nicht die entſetzliche Vermuthung mit, welche bei ihm ſchon zur Gewißheit geworden war. Mit jugendlicher Schnelligkeit ſprang er in ſein Fahrzeug zurück und ruderte davon, indem er nur zurückrief: er wolle hinaus den Erwarteten entgegen. Ein Verſuch, die von der Fluth Ueberraſchten aufzuſu⸗ chen, ſchien ihm ganz vergeblich, denn ſie waren jetzt gewiß ſchon die Beute der See und dann, wohin ſollte er ſich wen⸗ den?— Welche Richtung hatten ſie eingeſchlagen, auf wel⸗ chem Punkt des Oceans waren ſie von den Wellen ereilt worden? Jeder Weg, welchen er einſchlug, konnte ja der 63 entgegengeſetzte von dem ſein, welchen er nehmen mußte, um ſie zu finden. Auch war es ja unmöglich, das ſich Menſchen⸗ leben in Mitten des wallenden Meeres erhalten haben konnten! Nein, er hatte keine Hoffnung und ein unſägliches Weh zerriß das Herz des Vaters. Aber er wollte den Seinen und der armen Rikmer, die Wittwe geworden, ohne daß ſie es ahnte, noch einige Stunden der Hoffnung gönnen, ſie den Verluſt, welcher ſie unerſetzbar getroffen, noch nicht ahnen laſſen. Erfuhren ſie ihn noch immer zu zeitig! Und er hätte ſich doch unmöglich ſo beherrſchen können, daß ſie nichts merkten, wenn er daheim geblieben wäre. Um ſeinen Kummer durch körperliche Anſtrengung zu betäuben, ruderte er haſtig weiter und hatte bald das leere Schiff erreicht, deſſen Anblick ſein Weh verdoppelte. Er gab ſeinem Fahrzeug einen Schwung, daß es ſeitwärts flog, und trieb es dann in dieſer Richtung weiter. Sein ſcharfes Auge ſtreifte über die Oberfläche des Meeres, ſo weit der Sternenſchein es überſehen ließ. Doch nichts zeigte ſich, als die Spitzen der Wellen. Entmuthigt ließ er das Ruder ſinken, und überließ den Nachen dem Spiel der Wogen. Da tönte durch die ſtille Nacht ein Klang, der nicht derſelbe war mit dem leiſen Plätſchern der See, welches der alte Seemann von jedem andern Geräuſch zu unterſcheiden wußte, Er lauſchte angeſtrengt; leider hatte er ſich wohl geirrt, denn nur das Flüſtern der Wogen fiel in ſein Ohr. Aber nein! Ein ſtärkerer Luftzug führte ihm wieder einzelne Töne zu, die nicht vom Oeean hervorgebracht wurden. Er griff zu dem Ruder; alle ſeine Sehnen ſpannten ſich an— das * 64 leichte Schiffchen flog mit Blitzesſchnelle durch die ſtille Fluth der Gegend zu, aus welcher der Schall kam. Jetzt vernahm er die Klänge deutlicher— es war Geſang. Nun breitete ſich wieder das Schweigen des Abends über das Meer.— Henneke unterbrach es jedoch durch einen lauten, weithin⸗ ſchallenden Ruf. Rikmer's und Heine's Kräfte, aufs Höchſte angeſtrengt, reichten eben noch hin, ſie ſo lange ſchwimmend über den Fluthen zu erhalten, bis der Nachen herbei kam. Es gehörte Vorſicht und Geſchicklichkeit dazu, ſie in das kleine, ſchmale Fahrzeug aufzunehmen, ohne daß es umſchlug. Indeß waren alle Drei ja an und auf dem Meere aufge⸗ wachſen und zum Theil ergraut. Auch gab die Freude über die unvermuthete, ſchon ganz aufgegebene Rettung den beiden Verunglückten die nöthige Kraft; als ſie aber im Boot ſicher geborgen waren, fühlten ſie ſich völlig gelähmt und ſanken halb ohnmächtig zuſammen. Wer malt das Entzücken des Vaters! Die Freude ließ ihn jede Ermüdung vergeſſen und mit kräftigen Ruder⸗ ſchlägen trieb er das Boot nach der Heimath, um den ſo wunderbar dem Tode Entgangenen die dringend nöthige Ruhe und Erquickung zu gewähren. Die daheim Harrenden waren indeß doch über das unerklärlich lange Ausbleiben Heines und Rikmers beun⸗ ruhigt, wie auch über die Eile, mit welcher ſich Henneke, kaum angelangt, wieder entfernt hatte. Als nun das freudige Bellen der Hunde die Annäherung des Nachens verkündigte, eilten Alle, mit Ausnahme der alten Frau, nach dem Strande. Wie erſchraken ſie beim Anblick der 65 beiden gänzlich Durchnäßten und völlig Erſchöpften, und wie ſteigerte ſich ihr Schreck, als ſie die furchtbare Gefahr er⸗ fuhren, in welcher Beide geſchwebt. Wie lebhaft war aber auch ihr Dank gegen den Allmächtigen, der im letzten Augen⸗ blick Hilfe geſandt hatte! Von den ausgeſtandenen Strapazen und der Todesangſt durchaus entkräftet, vermochten die Geretteten die Werfte nur mit Hilfe ihrer Angehörigen zu erſteigen. Mit welcher Sorgfalt bemühten ſich nun Alle, ſchnell herbeizuſchaffen, was irgend nöthig war! Wie weich und warm wurden die Verunglückten gebettet, wie ſchnell war Thee bereitet, mit welcher Zärtlichkeit wurde geforſcht, was etwa noch zur Er⸗ höhung der Bequemlichkeit herbeigeſchafft werden könne! Heine war an allen Gliedern wie zerſchlagen, aber eine unbeſchreibliche Glückſeligkeit erfüllte ſein Herz. Als die Mutter ihm noch das Kiſſen glatt ſtrich und dabei eine Freudenthräne auf ſein Geſicht fiel, ergriff er dieſe Hand, die, obgleich rauh von harter Arbeit, ihn doch ſo ſanft und weich anzufaſſen wußte, wie keine andere, und benetzte ſie mit ſeinen Thränen. Wie ſüß waren dieſe gegen die bittren Zähren, welche er draußen in dem öden Ocean geweint, als der Tod in ſchrecklicher Geſtalt immer näher an ihn heran kroch! Als Henneke ſeinen Sohn unter der ſorgſamen Pflege von Mutter, Großmutter und Schweſter ſah, ging er zu dem Nachbarn hinüber, um zu fragen, ob er Frau Rikmar irgend einen Beiſtand leiſten könne. Sie, wie ihre Schweſter, war eifrig und ſorgenvoll um ihren Mann beſchäftigt, der ſprach⸗ und bewußtlos dalag und faſt einer Leiche glich. „Ach, ſieh nur Mutter,“ ſagte der kleine Detlev, welcher In Mitten der Nordſee. 5 * 66 ſtill und verdutzt zu Häupten des Bettes ſtand,„was hat der Vater denn auf dem Kopf? Hat er ſich Mehl auf⸗ geſtreut? Das Haar iſt ja ſo weiß, wie Großmutter Hen⸗ neke ihres.“ Die Mutter leuchtete hin und ſah jetzt, was ihr in der Angſt und Ueberraſchung bisher entgangen war. Die See⸗ lenqual und Todesangſt hatten Rikmers dunkles Haar ge⸗ bleicht— er ſah mit ſeinen dreißig Jahren wie ein Sech⸗ ziger aus. Seine Frau weinte. Sie ahnte, welche furchtbare Pein er gelitten habe, und bedauerte ihn lebhaft. Heine war mehrere Tage noch ſehr ermüdet und unwohl; nachdem er ſich aber tüchtig ausgeruht hatte und die Folgen der Erkältung vorüber waren, ſah es ihm Niemand an, was er unlängſt erlebt, und er war wieder friſch und geſund wie immer. Arvſt Rikmer dagegen erholte ſich nicht ſo ſchnell. Er war einige Tage ohne Beſinnung und fieberte ſtark. Nicht das Durchnäßtwerden und die Anſtrengung aller Muskeln, um dem heranwogenden Waſſer zu widerſtehn, ſondern haupt⸗ ſächlich ſeine Reue und Gewiſſensangſt hatten ihn ſo ange⸗ griffen. Seine Frau fürchtete, er werde ſterben, Hennekes verſicherten jedoch, Ruhe und einige Hausmittel, die jeder Halligbewohner vorräthig hat, würden ihn bald wieder her⸗ ſtellen. Und ſie hatten Recht. Er kam zu ſich und beſſerte ſich, doch ſehr langſam. Seine erſten Worte waren eine Bitte an ſein Frau, ihm zu vergeben, daß er ſie oft gekränkt und ihr das Leben ſtets verbittert hatte. Wie gern war ſie bereit, 67 Alles zu vergeſſen, und wie froh war ſie über ſeine Sinnes⸗ änderung, wie darüber, daß er ſich auch körperlich allmälig erholte! Dieſe Freude ging ihm ſehr zu Herzen und beſtärkte ihn in ſeinen guten Vorſätzen, wenn das überhaupt noch nöthig geweſen wäre. Als Henneke zu ihm kam, nahm er ſeine Hand und ſagte:„Ich war bisher ein recht ſchlechter Menſch, Nachbar, und habe auch gegen Dich viel auf dem Gewiſſen. Aber Gott hat mich zur Erkenntniß gebracht und ich danke ihm herzlich für die Gefahr, in die ich gerieth, obgleich ich dabei eine wahre Höllenpein ausſtand, wie mein ergrautes Haar beweiſt. Wenn mir künftig der Tod naht, werde ich hoffent⸗ lich nicht ſo ängſtlich vor ihm bangen, denn ich will ein ganz neuer Menſch werden. Vergieb mir, was ich gegen Dich fehlte und verſäumte, Deine Frau und Mutter will ich auch darum bitten. Ihr habt es immer gut mit mir gemeint, viel beſſer, wie ich ſelbſt, aber ich Verblendeter ſah das nicht ein und grollte Euch und Allen und der ganzen Welt, wo ich nur mir hätte Schuld geben dürfen!“ „Nun, was mich und die Meinigen betrifft, da laß es nur vergeſſen ſein, Arvſt, wir tragen Dir wahrhaftig nichts nach!“ ſagte Henneke herzlich und ſchüttelte dem Kranken ſo derb die Hand, daß es ihm beinahe weh that.„Wir haben Alle unſre Fehler und Mucken und dürfen es alſo mit denen Anderer nicht ſo genau nehmen. Aber was wahr iſt, bleibt wahr, obgleich es mir leid thut, Dir das jetzt zu ſagen: gegen die Deinen haſt Du nicht immer recht gehandelt, und es ſoll mich und meine Leute herzlich freuen, wenn Du das abſtellſt. Uebrigens weißt Du ja, daß wir ſtets bereit ſind, Dir zu 5* * helfen, und ich nehme es übel, wenn Du etwas brauchſt, was ich habe, und den Mund nicht aufthuſt.“ Rikmer drückte ihm gerührt die Hand und Henneke ging, um ihn nicht durch zu vieles Reden aufzuregen. Seine Frau und Mutter nahmen warmen Antheil an dieſer Beſſerung und die alte Frau ſagte:„Was Gott thut, iſt wohlgethan, ob⸗ gleich wir Kurzſichtigen es nicht immer einſehn. Wie leid war es uns, daß Heine ſo viel ausgeſtanden hat! wie ſehr bedauerten wir den armen Jungen! Und Gott hat durch die Todesnoth eine Seele vom Verderben gerettet und eine Familie glücklich gemacht. Wer könnte um dieſen Preis noch die erfahrne Angſt und Qual bedauern?“ Es ſchien ein ganz neues Leben auf der kleinen Hallig ein⸗ gekehrt zu ſein und beide Familien bildeten nur eine. Auch war jeder Einzelne in der frohſten Stimmung, die ſich zwar nicht durch laute lärmende Heiterkeit kund gab. Hennekes waren alle ſehr glücklich, daß Heine ihnen ſo gegen alle Wahrſcheinlichkeit und menſchliche Berechunng erhalten worden und fühlten auch lebhafte Theilnahme mit dem Glück der Nachbarn. Heine ſelber war das Leben und ſeine Hallig noch niemals ſo ſchön vorgekommen, als ſeitdem ihm der Tod ſo nahe geweſen. In dem kleinen Häuschen auf der andern Seite der Hallig aber war keine Spur mehr von Unzufriedenheit, Hader oder Groll. Rikmar war ſo dankbar für das neu ge⸗ ſchenkte Leben, daß er ſich ſelbſt in der tiefſten Armuth glück⸗ lich gefühlt hätte, und er litt mit den Seinen ja keine Noth. Es herrſchten nun bei ihm die Einigkeit und herzliche Liebe, der Frohſinn und der Wetteifer, einander zu Gefallen zu 69 leben, welche in jedem häuslichen Kreiſe herrſchen ſollte. Das Einzige, was ihn ſchmerzte, war, daß er früher ſich und den Seinen das Daſein verbittert hatte, und dann that es ihm auch leid, daß er noch immer zu ſchwach und ange⸗ griffen war, um arbeiten zu können. Die tiefe Erſchütterung ſeines ganzen Weſens an jenem ſchrecklichen Abende hatte ſeine Körperkraft ſo zerrüttet, daß er ſich nur ſehr langſam erholte. Alle Zeit, die Heine während der Fluth frei hatte, und das war manche Stunde, brachte er in der See zu und ſtellte unabläſſig Schwimmübungen an. Das Wetter begünſtigte ihn dabei und noch einige Wochen blieb es wunderſchön mild und hell. Dann aber kam ein trüber, kalter Tag und zu Detlevs ſchmerzlichen Bedauern verlor der grüne Buſch ſein ſchönes Grün. Achtes Kapitel. „Draußen liegt ein Schiff vor Anker!“ ſagte Heine, als er ſich Morgens vor der Thür umgeſehen hatte. Die Seinen kamen heraus und blickten theilnehmend nach dem fremden Fahrzeuge, das während der Nacht durch den widrigen Wind weit nach Norden verſchlagen worden. In der Entfernung einer kleinen halben Meile hatte es Anker geworfen; die See war auf dieſer Seite zwar nicht ſo flach . * wie auf der andern, allein es gab dort eine Menge Sand⸗ bänke und Untiefen, von denen ein Fahrzeug nicht los⸗ kommen konnte, ſaß es einmal feſt. Die Schafe wurden nun beſorgt und indeß nahm der Sturm mit furchtbarer Gewalt zu. „Herr Gott, Vater, ſieh nur!“ rief Maatje. Die Ankerkette des Schiffes war gebrochen, das Tau mit dem zweiten Anker vermochte es nicht zu halten. Der Wind trieb das Fahrzeug der Hallig zu und es wurden auch noch alle Segel aufgeſetzt, damit es bald auf den Strand laufe; während es faſt die Nacht hindurch vor Anker lag, hatte der Schiffsboden viel heſtigere Stöße gegen den Meeresgrund bekommen, als er aushalten konnte. Die ge⸗ löſten Fugen zogen Waſſer und der Leck wurde bald ſo ſtark, daß die höchſte Gefahr für alle auf dem Schiff Befindlichen eintrat. Auf den Booten konnten ſie ſich nicht retten, die Wellen gingen zu hoch, es blieb alſo nur die Hoffnung zu ſtranden. Mit der geſpannteſten Erwartung ſchauten die zwei auf der Hallig wohnenden Familien auf das gefährdete Schiff und wie lebhaft wünſchten ſie zu helfen! Aber das konnten ſie nicht, ja ſie vermochten nicht einmal ſich unter einander zu verſtändigen, denn ein ſchäumender Wogenſtreif befand ſich zwiſchen ihren Häuſern und Wind und Wellengebrauſe über⸗ tönte den Laut jeder menſchlichen Stimme. Sie winkten einander nur zu, um ſich ihre Theilnahme und Beſorgniß für das Schiff erkennen zu geben. Der Sturm wurde immer heſtiger und trieb das Schiff geſchwind der kleinen Inſel zu. Sein Steuermann war in 71 dieſer Gegend wenig bekannt, indeß glückte es ihm Anfangs, das Fahrzeug an den Untiefen vorüber zu leiten, welche an dem weißen Giſcht der brandenden Wogen kenntlich waren. Allein jetzt war der Sturm zu einem wahren Orkan ge⸗ worden und das Schiff gehorchte nicht mehr dem Drucke des Steuers, ſondern flog in gerader Richtung und mit raſender Schnelle dem Strande zu. Vor demſelben lag eine, den Halligbewohnern wohlbekannte, höchſt gefährliche Stelle, eine hohe Sandbank, auf die das Fahrzeug aufrennen mußte, wenn es ſeinen Cours beibehielt. „Steuer in Lee!“ ſchrie Heine aus Leibeskräften und mit einer Theilnahme, als beträfe die Gefahr ihn oder die Seinigen. „Sie hören das ja nicht!“ ſagte der Vater und ſchöpfte tief Athem. Im nächſten Augenblick ſtießen Alle einen Schreckens⸗ ſchrei aus. Das Schiff war auf die Untiefe gerathen; es ſtand plötzlich ſtill und gleichzeitig gingen die Maſten über Bord. Dabei wurde das größte auf dem Verdeck liegende Boot zertrümmert und das Schiff legte ſich auf die Seite. Nachdem die gebrochenen Maſten ſchnell gekappt worden, vermochte ſich das Schiff doch nicht ganz aufzurichten und eben ſo wenig konnten die Wogen, ſo heftig ſie auch an⸗ prallten, es wieder flott machen. Wohl aber drohte ihre Gewalt das Wrack auseinander zu reißen, und die Schiff⸗ brüchigen ſahen den Tod vor Augen. Das zweite Boot wurde herabgelaſſen und zwei Matroſen ſprangen hinein. An dem Nachen war ein Tau befeſtigt, deſſen Ende im Bord blieb und eine Art Verbindung mit . * 72 der ganz nahen Hallig herſtellen ſollte, wenn es den beiden Männern gelang, dieſelbe zu erreichen. Die Wogen hoben das leichte Fahrzeug hoch empor, um es im nächſten Augen⸗ blick wieder in die Tiefe zu ſchleudern. Die Matroſen waren indeß tüchtige Seeleute und ihre Anſtrengungen ſchienen zuerſt mit Erfolg gekrönt zu werden. Dann aber kenterte das Boot und die Matroſen ſtürzten ins Meer. Der Nachen trieb weit ab, ſeitwärts an der Hallig vor⸗ bei— der eine Matroſe, der beſte Schwimmer auf dem Schiffe, arbeitete ſich glücklich bis zu Rikmers Haus hin, wo er völlig erſchöpft anlangte und die gaſtlichſte Aufnahme fand. Der andere Seemann umklammerte einen Pfahl, an welchem die Kähne der Halligbewohner feſtgebunden wurden, denn er befand ſich ſchon auf dem überſchwemmten Boden der Inſel. Lange konnte er ſich dort unmöglich halten. Rikmer wäre ihm gern zu Hilfe gekommen, allein er konnt nicht be⸗ ſonders ſchwimmen und ein Boot gegen die Fluth aufbringen, war unmöglich, da es ja nicht einmal gelungen war, es mit der Fluth über Waſſer zu erhalten. Henneke befeſtigte indeß ſtill ein ſtarkes Seil mit einem Ende an den Thürpfoſten, mit dem andern um ſeinen Leib, wies Heine und ſeine Frau an, wie ſie daſſelbe ſpäter anziehn ſollten, und ſprang in die See, dem Matroſen zu Hilfe, der ſich mit letzter Kraft gegen die andringenden Wogen hielt. Mit zitterndem Herzen ſchauten die Seinen ihm nach. Es gelang ihm glücklich, den Seemann zu erreichen und die Rückkehr mit ihm nach ſeinem Hauſe war auch möglich, weil die Bewegung des Waſſers ſie dahin trieb. Aber er hatte 91 Heranwallende Wogen riſſen einen Theil des Daches fort. Die Ausſicht auf den empörten Ocean war nun völlig frei und die Gefahr in ihrer ganzen Größe ſichtbar. Rings um ſie her brauſte ein unüberſehbar weites Wogenfeld— haus⸗ hohe Wogen thürmten ſich empor und drohten die Ueberreſte des Hauſes ganz mit ſich fortzureißen, begnügten ſich vor⸗ läufig aber damit, einen Balken, eine Sparre oder einige Bretter mit ſich zu nehmen; einige Minuten drängte ſich dann wieder eine ſchäumende Welle unter dem Boden durch das Gebälk, welches ihn ſtützte, als wollte ſie die letzte Zu⸗ fluchtſtäte der Unglücklichen in Trümmer auseinander und hoch in die Luft ſprengen. Dabei zeigten ſich in der Richtung, welche durch Wind und Wellenſchlag vorgezeichnet war, die verſchiedenartigſten Gegenſtände, Betten, Wiegen und allerlei Hausgeräth— Holzſtücke in allen Größen und Formen, Heudiemen und todte Schafe. Und dazwiſchen tauchte auch wohl hier und da eine menſchliche Geſtalt auf und zeigte den noch Lebenden, was ſie erwarte. Der faſt grelle Mondſchein umwob mit fürchterlicher Helle dieſes Schreckensgemälde, welches bewies, daß die nordweſtlich liegenden Halligen in dieſer Nacht von derſelben Noth heimgeſucht worden. Alle auf dem Meere treibenden Körper wogten dem Feſtlande zu, an deſſen Deichen auch wohl unſere Bekannten eine Ruhe⸗ ſtätte fanden, ehe noch der Morgen nach dieſer entſetzlichen Nacht tagte. Angeſichts dieſer Scene, deren Graus und Schauerlich⸗ keit keine Beſchreibung ausdrückt, ſank ſelbſt dem Muthigſten das Herz. Die Männer und Heine verhüllten ihr Geſicht mit den Händen, um nichts mehr zu ſehen. * 92 Frau Henneke und ihre Tochter weinten mit Meike. Frau Rikmer war durch den Anblick der Leichen wieder an ihren Sohn gemahnt worden und wünſchte mit Thränen, daß er wenigſtens in ihren Armen geſtorben wäre. Nur die alte Großmutter behielt ihre Faſſung. Sie kniete nieder, ihr weißes Haar flog zerſtreut im Winde, und der Mond be⸗ leuchtete ſie durch das in Fetzen flatternde Ried des Daches. Sie erhob ihre Stimme, daß ſie durch das Geheul des Stur⸗ mes und der See und das Knarren und Aechzen der Bretter und Sparren hörbar blieb, warm und andächtig: „Gedenke, Herr, an Deine Barmherzigkeit und Güte, die von der Welt her geweſen iſt. Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Uebertretung, gedenke aber meiner nach Deiner Barmherzigkeit um Deiner Güte willen. In wenigen Minuten ſind vielleicht ſchon dieſe ſchwankenden Bretter, die uns jetzt noch tragen, das Spiel der Wellen. Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue, erbarme Dich unſer! Du wirſt es, Vater, was zagen wir? Es ſollen wohl Berge weichen und Hügel fallen, aber Deine Güte wird nicht von uns weichen. Unſer Haus bricht um uns zuſammen, unſere Kör⸗ per werden bald auf den Fluthen treiben, aber das ſchreckt uns nimmer. Wiſſen wir doch, ſo unſer irdiſches Haus dieſer Hütte zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben, von Gott erbaut, ein Haus nicht von Händen gemacht, das wis iſt im Himmel.“ Alle hörten ihr ſo aufmerkſam zu, daß ſie vergaßen, auf das zu achten, was um ſie her vorging. Die Ausſicht ver⸗ finſterte ſich, als zöge eine Wolke vorüber. Es war eine *. 93 Heudieme, die noch von dem am Flechtwerk herabhängenden Steinen zuſammengehalten wurde. Ein Stück des zertrüm⸗ merten Gebälks ragte aus dem wankenden Dach hervor; der Heuhaufen ward dagegen geſchleudert, überſchlug ſich und ging auseinander. Der obere Theil ſchoß unter das Dach und überſchüttete die Bodeninhaber mit naſſem Heu. „Detlev, mein Sohn!“ ſchrie Frau Rikmer auf. Der Knabe lag zu ihren Füßen, verwirrt, athemlos, das unange⸗ nem ſchmeckende Salzwaſſer von ſich ſprudelnd und ſeine Kleider waſſertriefend. Aber er lebte doch, ſie hatte ihn wieder und drückte ihn ſo entzückt an ſich, daß Elle davon erwachte und zu weinen begann. Sie beruhigte ſich indeß bald, da ſie nur freudige Geſichter um ſich ſah. Der Vater des Knaben war nicht minder glücklich und nahm ihn feſt in ſeine Arme, entſchloſſen, ihn erſt daraus loszulaſſen, wenn ſein Lebensathem geſchwunden ſei. Die glücklichen Eltern vergaßen in dem Anblick des wiederge⸗ ſchenkten Kindes völlig die eigene Gefahr und dankten Gott ſo inbrünſtig, als ſei alle Noth zu Ende. Man kann ſich denken, wie glücklich Detlev war, als er ſich ſo plötzlich mitten unter den Seinen und den freund⸗ lichen Nachbarn fand, nachdem er ſich vorher allein in der empörten See geſehen hatte. War er doch auch obenein auf einem Boden, der nach ſeiner Meinung, wie nach ſeiner auf der Heudieme gemachten Erfahrung, ein recht ſicherer, be⸗ quemer und angenehmer Aufenthalt war. Er erwiderte die Küſſe, womit Vater und Mutter ihn bedeckten, von ganzem Herzen und erinnerte ſich nicht einmal des Verluſtes ſeines Blumentopfs, den er ſonſt gewiß ſehr bedauert hätte. Doch auch Meike und die Nachbarn nahmen alle ſo leb⸗ haften Antheil an der Freude der Eltern, daß ſie eine Zeit lang den Sturm wie den empörten Ocean um ſich her ver⸗ gaßen. Sie bemerkten es gar nicht, daß die wenigen Balken und Bretter, die ſie vom Tode trennten, immer mehr zuſam⸗ men ſchmolzen, der Raum, auf welchem ſie ſich befanden, ſtets kleiner wurde und die Gefahr immer höher ſtieg. Erſt nach einiger Zeit kehrte die Erinnerung zurück. Das bedenkliche Schwanken ihres Aſyls mahnte ſie daran, daß daſſelbe nicht mehr lange dem Anprall von Sturm und Meer widerſtehen könne und in kurzer Zeit auseinander ge⸗ riſſen ſein werde. Sie umſchlangen einander und die nächſten Dachſparren feſt und erwarteten bei jeder neuen Erſchütte⸗ rung von einem Wellenſchlag, ihr letzter Augenblick ſei ge⸗ kommen. Die Furcht vor dem Tode wich allmälig und machte einer Art Sehnſucht nach ihm Platz. Die mannichfachen Anſtrengungen, wie die Entbehrung des Schlafs in dieſer Nacht hatte die Meiſten ermüdet und die Angſt und die Auf⸗ regung ihre Kräfte noch mehr erſchöpft, auch war in den naſſen Kleidern bei der Kälte ihre Lage recht unbehaglich und die beſtändige Todesfurcht im höchſten Grade peinigend. Ausſicht auf Rettung war nicht vorhanden, ſo wünſchten ſie denn eine baldige Erlöſung aus dieſer Schreckensſtunde und der Tod ſelber erſchien ihnen nicht ſo entſetzlich, wie ſeine be⸗ ſtändige Erwartung. Die Ergebung in den göttlichen Willen hatte ſich in eine dumpfe Betäubung verwandelt, da ſagte plötzlich Henneke: „Nur Muth, Kinder— der Sturm läßt etwas nach. Be⸗ merkt Ihr nicht, daß die Waſſermaſſen, die über dem 95 gebrechlichen Dach aufrauſchen, nicht mehr ſo gewaltig ſind, wie noch vor wenigen Minuten? Die See beruhigt ſich ein wenig und die Fluth fällt!“ Alle ſahen die Wahrheit dieſer Bemerkung ein; das Waſſer fiel faſt zuſehends und die Wogen ſtrömten bald nur noch unter den ſchwankenden Brettern hin, worauf ſie ſtanden. Neue Lebenshoffnung zog in die Herzen, welche ſo lange auf den Tod gefaßt geweſen; ihr Jubel wurde indeß gemäßigt, die Gefahr war keineswegs vorüber. Im Gegentheil, ſie ſchien wieder zu wachſen. Die Fluth unterwühlte bei ihrem Rückgang die Werfte noch mehr, als bei ihrem Steigen. Die Erde fiel in großen Stücken von den Ständern ab, welche die Querbalken und Bretter trugen, von denen die Unglück⸗ lichen über den Wellen erhalten wurden. Obgleich dieſe Baumſtämme tief in den Erdboden geſenkt waren, hatten ſie jetzt faſt allen Halt verloren und der kleine Bodenraum neigte ſich ganz auf die Seite. Die Querbalken und Bohlen löſten ſich mehr und mehr aus ihren Fugen und drohten bei jedem der noch immer häufigen Wellenſchläge auseinander zu gehen. Die Bedrängten konnten ſich nur auf den ſchrägen und glatten Brettern erhalten, indem ſie ſich feſt an die Dachſparren klammerten und die Schwächeren von den Stärkern unter⸗ ſtützt wurden. Das war furchtbar ermüdend und Allen waren die Glie⸗ der wie abgeſtorben. Auch ſchlug das Meer noch in einzelnen ſchweren Wogenzügen nach der ungern zurückgelaſſenen Beute hinauf, und jeder Stoß, den das knarrende Brettergerüſt da⸗ bei empfing, ſchien ſie in die Tiefe hinabzureißen. Die Furcht davor war um ſo größer, je gewiſſer die Rettung war, wenn . die Balken und Dielen noch bis zum Sinken der Sturmfluth aushielten. Wie träge kroch den angſtvoll Harrenden jede einzelne Minute hin! Wie langſam wich die See zurück! Es ſchien den völlig Abgeſpannten eine zu ſein, ehe dieſe Nacht vorüber ging. Rikmer hielt Detlev und gleichzeitig ſeine Frau feſt, welche das Kind auf den Armen trug; ſie klagten nicht, ſon⸗ dern ertrugen geduldig, was ſich nicht ändern ließ, zuftieden, ihren Knaben wieder zu haben, und darein ergeben, mit ein⸗ ander zu ſterben, wenn Gott es ſo beſchloſſen hatte. Die ältere, wie die jüngere Frau Henneke waren gleichfalls ruhig und gefaßt, doch Meike und noch mehr Maatie jammerten und ſeufzten oft, wiewohl dieſe in den Armen des Vaters verhältnißmäßig gut aufgehoben war. Heine hielt die Groß⸗ mutter umfaßt und obgleich ſeine Kräfte faſt ganz erſchöpft waren, kam doch kein Laut der Klage oder der Ungeduld über ſeine Lippen. 4 „Du biſt ein tüchtiger Junge!“ ſagte der Vater erfreut. „Denkſt daran, daß es in den Sprüchwörtern heißt:„Der iſt nicht ſo ſtark, der in der Noth nicht feſt iſt.“ Auch dür⸗ fen wir uns nicht beklagen, es ging im Ganzen gut genug ab. Ja, wenn wir Einen nach dem Andern von uns in den Wellen hätten verſinken ſehen und ſeinen Todesſchrei gehört hätten, ohne helfen zu können! Da hätten wir allerdings urſche zum Jammern und doch müßten wir auch das über⸗ winden. Die Verzweiflung ändert ja Nichts und dem Willen Gottes dürfen wir nicht widerſtreben.“ Endlich graute der Morgen und bald darauf hatten die Geretteten ihren unbeguemen Standpunkt verlaſſen und 97 befanden ſich wieder auf der Mutter Erde. Sie waren jetzt in Sicherheit, denn die Ebbe führte die Gewäſſer weit vom Strande fort. Dennoch war ihre Lage ſo traurig und troſtlos, wie nur möglich. Sie hatten kein Obdach, keine trockene Kleidung, nicht einmal Lebensmittel und die Boote waren fortgeriſſen. Ehe die rollenden Wogen ſich ſo weit beruhigt, daß Hilfe kommen konnte, waren ſie gewiß ihrem Ungemach erlegen. Auch waren ihre Heerden fortgeſpült und ſie damit des Unterhalts für die Zukunft beraubt. Dieſe Betrachtung erfüllte die Eltern, als ſie ihre ver⸗ wüſteten Wohnſtätten in Augenſchein nahmen, und bei den Frauen kam dazu noch die Betrübniß über den Verluſt aller Habſeligkeiten, die theils nothwendig waren, theils ihnen durch Gebrauch und Beſitz lieb und werth geworden. Detlev und Maatje beklagten namentlich, daß alle Raritäten, die Blumentöpfe und auch der Stachelbeerbuſch verſchwunden waren, wozu bei dem Knaben noch der Verluſt ſeines Tau⸗ ſendſchönchens kam. So war die Stimmung unter den dem Tode Entgangenen ſehr gedrückt, nur die Großmutter behielt ihren Muth in der Zuverſicht auf Gott ungetrübt und ſprach aus vollem Her⸗ zen:„Lobe den Herrn meine Seele, und was in mir iſt, ſeinen heiligen Namen. Lobe den Herrn meine Seele und vergiß nicht, was er Dir Gutes gethan hat.“ Den Andern kehrte das Vertrauen auch bald wieder. Gott hatte ihr Leben wunderbar beſchützt, es mußten ſich jetzt zur Erhaltung deſſelben auch die Mittel finden. Die Frauen und Maate durchſuchten die zerriſſenen Werfte, ob in den Löchern derſelben nicht Nahrungsnittel angeſchwemmt In Mitten der Nordſee.. 7 98 worden. Mit Freude entdeckten ſie einiges Haus⸗ und Küchengeräth, das ſich in den Höhlungen verfangen hatte oder auf Lattenwerk hängen geblieben war. Auch fanden ſie zwei Brote, die aber vom Seewaſſer verdorben waren, und ein Fäßchen Mehl, allein ſie hatten kein Waſſer, um es zu kochen. Die Männer und Heine brachten indeß Balken, Sparren und Latten zuſammen und begannen davon ſogleich eine Hütte aufzurichten, damit ſie für die Nacht nicht obdach⸗ los waren. Mit großer Mühe und Geduld gelang es den Frauen, ein Feuer anzuzünden, bei welchem ſie ſich ein wenig trocknen konnten. Auch ſollten ſie nicht ohne Speiſe bleiben. Detlev und Maatje, die in den Höhlungen der Werfte umherſtöberten, fanden einige Flaſchen Wein, welche Herr Walter ihnen ge⸗ ſchickt hatte. Der Wein wurde mit Mehl gekocht und ge⸗ währte den Hungrigen die beſte Erquickung, goß wieder Lebenswärme in ihre durchkälteten Körper. Die furchtbare Ueberſchwemmung welche die Halligen heimgeſucht, erregte nah und fern die lebhafteſte Theilnahme und reiche Gaben der Mildthätigkeit ſtrömten herbei für die von Allem Entblößten. Unſrer Bekannten nahm ſich Herr Walter beſonders an und durch ſeine Unterſtützung gelang es ihnen bald, die Wohnungen wieder aufzurichten. Das Häuschen Riekmer's war ganz fortgeriſſen und von dem ſei⸗ nes Nachbars nur das Pfahlwerk übrig geblieben. Trotz der Schreckniſſe und Gefahren, denen die Hal⸗ ligbewohner wieder ausgeſetzt geweſen, dachte doch Nir⸗ mand von ihnen daran, auszuwandern und ſich auf dem Feſtlande niederzulaſſen. Alle ſiedelten ſich wieder auf der „—— Stätte an, auf welcher ihre Wiege geſtanden hatte. Die Heimath war ihnen durch die Verwüſtung nicht verleidet, . ſondern nur noch theurer geworden und es ſchreckte Keinen, daß nächſtens das Meer ſeine Grenzen überſchreiten und vielleicht ſie, ſammt den Ihrigen, verſchlingen oder doch wenigſtens das mühſam erworbene Hab und Gut vernich⸗ ten könne. Elftes Rapitel. Mehr als ſechs Jahre waren ſeit jener Sturmfluth ver⸗ gangen und manche Veränderung hatte ſich in dieſer Zeit auf der Hallig zugetragen. Die kleine Maatje war jetzt ein ſiebzehnjähriges Mäd⸗ chen, Heine hatte das Vaterhaus verlaſſen, Volkert aber war zurückgekehrt; er hatte Meike Rürd als Gattin heimge⸗ führt und die alte, noch immer ziemlich muntere Großmutter wiegte ein ſchmuckes Urenkelchen. Henneke's und ſeiner Frau Haar begann zu bleichen und ihre Geſichter zeigten manche Furche mehr, als vor ſieben Jahren, doch waren ſie noch ganz rüſtig und wohlauf. Das früher anſehnliche Haus auf der hohen Werfte war jetzt noch größer, denn Volkert hatte ſich auf derſelben Werfte und unter demſelben Dach angebaut. Von dem, was er auswärts erſpart, war der Wohlſtand der Familie, bei ihrer * 100 Thätigkeit bald wieder ſo feſt gegründet, wie vorher und Werfte und Wohnung nahmen ſich recht ſtattlich aus. Doch auch Rikmer's Wohnſtätte trug nicht die Zeichen der Verfallenheit, welche wir im Beginn dieſer Erzählnng daran bemerkt; ſie war nett und ſauber und die Werſte aufs Beſte unterhalten. Rikmer's ſchneeweißes Haar gab ihm das Anſehen eines Greiſes, allein er arbeitete mit dem Eifer und der Unermüdlichkeit eines Jünglings; ſein und ſeiner Frau Fleiß und Arbeitſamkeit war nicht fruchtlos, ſondern wurde durch einen zwar beſcheidenen, doch ſtets wachſenden Wohlſtand belohnt. Von den Fehlern, welche früher ſein und der Seinigen Leben verkümmert, hatte ſich nie eine Spur gezeigt und Rikmer war der beſte Mann und Vater, der dienſtfertige Freund und Nachbar und zugleich der froheſte und zufriedenſte Menſch, den es geben kann. Detlev war dreizehn Jahr alt, Elbe im achten und ein jüngerer Bruder fünf Jahr. Herr Walter, der ſich noch im⸗ mer mit lebhaftem Antheil der Halligbewohner erinnerte, hatte ihm und Maatje Blumenzwiebeln und Samen geſchickt und ein ganzer Blumenflor blühte auf den Fenſterbrettern. Doch war deshalb von dem Knaben die Freude nicht ver⸗ geſſen, welche das kleine, unſcheinbare Maßliebchen ihm einſt gewährt. Eben ſo wenig war die Erinnerung an das Ent⸗ zücken aus ſeinem Gedächtniß verwiſcht, welches ihm der Stachelbeerbuſch erregt hatte. Seine Sehnſucht nach einem Walde war faſt eben ſo mächtig wie ſonſt und jetzt hatte er die Ausſicht, ſie bald verwirklicht zu ſehen. Bei den guten Anlagen, die Detlev von Kindheit ge⸗ zeigt, hatten ſeine Eltern und Freunde den Plan, ihn Thev⸗ 101 logie ſtudiren zu laſſen. Er ſelber hatte dazu die lebhafteſte Neigung, und dachte mit Freuden der Zeit, in welcher er den armen Halligbewohnern das Wort Gottes verkündigen werde, deſſen ſie in ihrem harten, drangſalvollen, von be⸗ ſtändiger Todesnoth umgebenen Leben ſo ſehr bedurften. Der Paſtor, zu deſſen Kirchſpiel ſein heimathliches Eiland gehörte, hatte den talentvollen Knaben unterrichtet; ſeit einiger Zeit war er ſtets nur einige Tage der Woche zu Hauſe geweſen und hatte die übrigen jn der Pfarrwohnung mit den nothwendigen Studien zugebracht. An einem ſchönen Frühlingstage lag ein hübſches Schiff⸗ chen in der Nähe der Hallig vor Anker. Heine führte es und dieſes Mal war es dazu beſtimmt, Detlev aus ſeiner Heimath und nach Hamburg zu bringen. Der Abſchied war ſchwer, doch durch die Nothwendig⸗ keit geboten und durch die Hoffnung des einſtigen Wieder⸗ ſehnes verſüßt. Herr Walter und die Seinen nahmen den Knaben wie ein Glied ihrer Familie auf und ſuchten ihm die Heimath ſo viel wie möglich vergeſſen zu machen. Allein das Kind der armen Hallig fühlte ſich in dem prächtigen Hauſe des reichen Kaufmanns nicht ganz behaglich, ſo freundlich und liebevoll ihm auch Jedermann entgegenkam. Es war nicht der hier herrſchende Luxus, welcher den an die größte Einfachheit ge⸗ wöhnten Knaben drückte, im Gegentheil erfreute er ſich an all den ſchönen Sachen um ihn her faſt ebenſo, wie in ſeiner Kindheit an den Raritäten in der„guten“ Stube der Nach⸗ barin; aber der Anblick des Meeres fehlte ihm. Die Blu⸗ men und Bäume, die üppigen Wieſen und die wogenden * Kornfelder entzückten ſein empfängliches Gemüth, dennoch ſehnte er ſich innig nach der öden, unfruchtbaren Heimath. Selbſt als er zum erſten Mal klopfenden Herzens unter den Baumkronen eines Waldes wandelte, ſchien es ihm, der Traum davon unter dem Stachelbeerbuſch vor Henneke's Thür ſei noch prächtiger und lieblicher geweſen, als die herrliche Wirklichkeit. Wie ſelten reicht aber auch die Wirk⸗ lichkeit an die Schöpfungen hinan, welche in der Seele eines phantaſiereichen Kindes entſtehen? Auch verklärt ja die Erinnerung die Traumgebilde der Kindheit mit ihrem ma⸗ giſchen Glanz, ſo daß wir ihnen Aehnliches oft vergebens im Leben ſuchen. Und dann erſcheinen uns die Dinge ge⸗ wöhnlich ſo, wie wir ſie anſehen. Kurz, Detlev dünkte der Wald bei Weitem nicht ſo wundervoll ſchön, wie er ihn ſich geträumt, ja, die durch die Baumſtämme und Wipfel eng beſchränkte Ausſicht ängſtigte ihn auf die Dauer; war er doch daran gewöhnt, eine freie Ausſicht auf das wogende Meer, einen weiten, nur durch Himmel und Ocean begrenzten Horizont zu haben. Er be⸗ neidete keins der Kinder, die ruhig und von allem Wün⸗ ſchenswerthem umgeben, auf dem Feſtlande leben, und hätte ſeine einſame Kindheit nicht mit der irgend eines ſeiner Spielgenoſſen vertauſchen mögen. Sie ſchien ihm bei all ihrer Dürftigkeit viel ſchöner und genußreicher geweſen zu ſein, als die jedes Andern. Mit raſtloſem Fleiß ſtrebte er darnach, je früher je lie⸗ ber die nöthigen Kenntniſſe zu erringen und in Kurzem zeichnete er ſich vor allen ſeinen Mitſchülern glänzend aus. 103 Auch auf der Univerſität war er ein Muſter des Fleißes und guten Betragens. Seine größte Freude waren die Beſuche zu Hauſe, welche er in den Ferien machte. Die Koſten ſeines Unterhalts wurden theils von ſeinen Eltern und Freunden, theils von dem Handelsherrn beſtritten; bei ſeinen wenigen Bedürf⸗ niſſen waren ſie auch geringer, als es ſonſt gewöhnlich der Fall ift. Um die Predigerſtellen auf den Halligen findet ſelten viel Bewerbung ſtatt, da dieſelben dürftig und von Gefahr umgeben ſind; ſo erhielt denn Detlev ſchon in ſeinem fünf⸗ undzwanzigſten Jahre das Paſtorat der Gemeinde, welcher die Seinen angehörten, da der bisherige Geiſtliche gerade verſetzt wurde. Seine Geſchwiſter waren indeß erwachſen und die Mut⸗ ter ergraut, wie der Vater. Mit welcher unbeſchreiblichen Freude empfingen ſie ihren Sohn als Seelſorger! Sie verjüngten ſich ordentlich in dieſem Glück. Maatje iſt indeß längſt nach einer nahen Hallig verhei⸗ rathet, ihre Großmutter hochbetagt und, von den Ihrigen innig betrauert, ſanft entſchlafen. Henneke, ein Greis, ſitzt bei gutem Wetter gewöhnlich mit ſeiner Pfeife auf der Bank vor der Thür, neben welcher ein von Heine friſch gepflanzter Buſch in dem auf einer Hallig ſo ſeltenen hellen Grün prangt. Seine Frau, jetzt die Großmutter, iſt ſtets von einer blühenden Enkelſchaar umgeben. Heine ſchweift noch auf dem Meere umher, denkt aber nächſtens, heim zu kehren und ſich für immer auf der heimathlichen Scholle niederzu⸗ . * laſſen, die ihm ſelbſt an den lachenden Geſtaden Neapel's als das traulichſte Plätzchen auf Gottes Erdboden erſchien. In ungeſtörter Eintracht und der innigſten Herzlichkeit leben ſämmtliche Bewohner der kleinen Hallig miteinander. Das Meer hat ſie ſeitdem, wenn auch zuweilen Sturmfluthen daher wogten, mit keiner ernſtlichen Gefahr bedroht. Und käme einmal eine ſolche, ſo wären ſie gefaßt, derſelben zu begegnen, oder ſtill in den brandenden Wellen unterzugehen, welche ſo lange Jahre ihr Glück ſahen und ihnen im Sturm und Meeresbraus nichts anhaben konnten. Des Herrn Hand hält und ſchützt ſeine Geſchöpfe überall, wenn es ſein Wille iſt, und will er ſie plötzlich aus dieſem Leben abrufen, ſo mangelt es ihm dazu auf dem anſcheinend minder gefähr⸗ lichen Feſtlande ja auch nicht an Boten— obgleich die ſchäumende See fehlt. Das Daſein des Bergmanns z. B. iſt auch ebenſo von Gefahr umdroht, wie das des Hallig⸗ bewohners, dennoch lebt er dabei ganz ruhig. Die Gewohn⸗ heit thut ſtets das ihrige und ſtumpft gegen die Furcht ab. Der junge Paſtor kommt oft herüber und im Kreiſe der Seinen vermißt er nicht die Genüſſe des Reichthums und der Bildung. Er kennt und ſchätzt die Schönheit anderer Gegenden, wie die Vorzüge eines weniger abgeſchiedenen und mühſeligen, der geiſtigen Regſamkeit zugänglichern Le⸗ bens— allein er iſt in ſeiner Beſchränkung zufrieden und von ſeinen Pfarrkindern herzlich geliebt, weil er warmen Antheil an ihrem Ergehen nimmt und ihre Denk⸗ und Ge⸗ fühlsweiſe verſteht. Er ſehnt ſich nicht mehr wie als Knabe fort unter die rauſchenden Haine des Binnenlandes, weiß er doch, daß er ſich nirgend ſo heimiſch fühlen kann, wie auf 105 der kleinen Scholle in der Nordſee, denn E. M. Arndt ſagt mit Recht: „Wo Dir, o Menſch, Gottes Sonne zuerſt ſchien, wo Dir die Sterne des Himmels zuerſt leuchteten, wo ſeine Blitze Dir zuerſt die Allmacht offenbarten und ſeine Sturm⸗ winde Dir mit heiligen Schrecken durch die Seele brauſten: da iſt Deine Liebe, da iſt Dein Vaterland. „Wo das erſte Menſchenauge ſich liebend über Deine Wiege neigte, wo Deine Mutter Dich zuerſt mit Freuden auf dem Schooße trug, und Dein Vater Dir Lehren der Weisheit ins Herz grub: da iſt Deine Liebe, da iſt Dein Vaterland. „Und ſeien es kahle Felſen und öde Inſeln, und wohnen Armuth und Mühe dort mit Dir: Du mußt das Land ewig lieb haben; denn Du biſt ein Menſch und ſollſt es nicht ver⸗ geſſen, ſondern behalten in Deinem Herzen.“ In Mitten der Nordſee. 8 Leipzig, Druck von Gieſecke« Devrient. — —————— ſiſff 7 8 9 10 11 12 13 16 17 18