7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von —— Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von 8 . Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei vefſ wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: en Zurückgabe von mir zurückerſtattet für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf 2 Mi.— Pf. 6 2 3„„ 5. Auswäntige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ — Album. Bibliothek deutſcher Griginnlromanr. Herausgegeben von J. L. Kober. Fünfzehnter JFahrgang. Sechster Band. Polniſche Mütter. Prag, 1860. Kober& Markgraf. Früher: J. L. Kober.) Polniſche Mütter. Pistorische Avvelle von M. Roskowska. Prag, 1860. Kober& Markgraf. Grüher: J. L. Kober.) Erſtes Cnpitel. Zweites Cnpitel. Drittes Capitel. Piertes Cnpitel. Fünftes Capitel. Sechstes Cupitel. Siebentes Cnpitel. Achtes Cnpitel. Ueuntes Cupitel. Zehntes Cnpitel. Elftes Cupitel. Zwölftes Capitel. Preizehntes Cnpitel. Pierzehntes Cnpitel. Fünfzehntes Cnpitel. Die Jahresfeier des dritten Mai Die Familie Dziekonski. „Mein Sohn ſoll einſt König ſein!“ Innere und äußere Angelegenheiten Die Conföderation von Targowica Der Reichstag zu Grodna Liebender und Sohn. Die Verhaſtung.— Ein Mätcenherz Die 3. e Seite 23 39 58 73 1 12 131 148 167 184 200 216 234 Polniſche Mütter. Erstes Capitrl. Die Jahresfeier des dritten Mai. Warſchau hatte ein Feſtkleid angelegt und die Be⸗ wohner drängten ſich frendetrunken in den geſchmückten Straßen. Man ſchrieb den dritten Mai 1792 und feierte den Jahrestag der Verfaſſung, durch welche ſich die Po⸗ len als eine aufgeklärte Nation gezeigt hatten. Befürch⸗ tungen, die einzelne Tieferblickende vor einem Jahre ge⸗ hegt, waren nicht eingetroffen. Trotz der heimlichen Ma⸗ chinationen der Gegner dieſer Conſtitution hatte das ganze Land dieſelbe mit Enthuſiasmus aufgenommen; der Eifer, den Stanislaw Auguſt für die Charte bewies, die er als ſein Werk betrachtete, war oder ſchien doch eine ſichere Bürgſchaft ferneren Sieges. Die Truppen, von Joſeph Poniatowski, dem Neffen des Königs, kommandirt, bildeten Spalier. In feier⸗ lichem Zuge, begleitet von den Großwürdenträgern des 1860. VI. Polniſche Mütter. 1 10 Reiches, der hohen Geiſtlichkeit und dem Hofe, begab ſich der König mit den Senatoren und Landboten in die Kirche zum heiligen Kreuz. Der Ruf, welcher ſeit Jahr und Tag von Aller Lippen klang und freudig in Aller Herzen wiederhallte, der Ruf:„Der König mit der Nation und die Nation mit dem König!“ ertönte auch heute laut und jubelnd in der Menge, und Jung und Alt ſtrömte herbei, den Zug und den König zu ſehen. Man liebte Stanislaw Auguſt früher nicht. Die Neigung der untern Volksſchichten hatte er zwar ſtets beſeſſen; ſein ſtattliches, majeſtätiſches Aeußere, ganz für einen Thron geſchaffen, ebenſo ſeine Leutſeligkeit und Herablaſſung bezauberten und feſſelten die niedern Stände. Doch auch die übrigen Klaſſen der Ge⸗ ſellſchaft, welche ihm ſonſt mißtraut hatten, glaubten jetzt an ſeine Aufrichtigkeit, und wendeten ihm ihre Theil⸗ nahme und Bewunderung zu, ſeitdem er ſich dem ruſſi⸗ ſchen Einfluß entzogen und an Preußen angeſchloſſen hatte. Für den König war inmitten der Kirche ein Thron aufgeſchlagen, deſſen Stufen die höchſten Beamten der Krone und Litthauens, und der glänzende Hofſtaat ein⸗ nahmen. Durch Lehnſtühle, Seſſel und Bänke war für die Uebrigen geſorgt, und die größte Ordnung herrſchte über⸗ all, obgleich die Menſchenmenge Kopf an Kopf die Zu⸗ gänge der Kirche erfüllte. 11 Paeſiello hatte zu dieſem Tage eine Vokalmuſik componirt und namhafte italieniſche Künſtler führten ſie, von einem zahlreichen Orcheſter begleitet, meiſterhaft auf. Der größte Theil der Zuhörer konnte ſich einer tiefen Rührung nicht erwehren. Die Anweſenden erinnerten ſich noch lebhaft ihrer Freude, als vor einem Jahre in der denkwürdigen Reich⸗ tagsſitzung vom dritten Mai die Verfaſſung faſt einſtim⸗ mig angenommen wurde, gedachten des Tedeums, welches ſie aus vollem Herzen angeſtimmt, nachdem ſie am Fuße der Altäre die Verfaſſung beſchworen hatten. Der gegenwärtige Augenblick mußte in der That alle Sorgen für die Zukunft verſcheuchen, und der An⸗ blick, welchen die Kirche bot, das Herz jedes Polen er⸗ heben. In Liebe und Vertrauen ſchaarte ſich Alles um den Thron, was durch Macht und Reichthum, durch Ver⸗ dienſte und Talente ausgezeichnet war. Jünglinge, die noch das ganze Leben vor ſich ſahen, Männer in der Blüthe ihrer Lebenskraft, Greiſe, die nur noch eine Spanne Zeit bis zum Grabe hatten— ſie Alle wollten freudig ihr Leben, mochte es nun kurz oder lang währen, der Aufrechthaltung der Conſtitution weihen, die das Glück des Vaterlandes ſichern mußte. Wie jedes Lebens⸗ alter, war auch jeder Stand vertreten, natürlich mit Aus⸗ nahme der Bauern, welche eben erſt durch die Ver⸗ 1* faſſung ein wenig die Rechte von Menſchen erhalten hatten. Sonſt ſah man hier den hohen, begüterten Adel neben dem armen Szlachiio und dem Abgeordneten der Städte; die Geiſtlichkeit neben dem Krieger, das arme Volk Warſchaus in der Nähe des feinen Herrn vom Hofe. Aber nicht allein die vaterlandliebenden Söhne Po⸗ lens waren zahlreich vertreten; auch ſeine nicht minder vaterlandliebenden, und durch ihre Schönheit und An⸗ muth weltberühmten Töchter fehlten nicht. So tief er⸗ griffen die Meiſten von dem großen Augenblick waren, doch haftete manches Männerauge bewundernd an den blühen⸗ den Mädchen⸗ und Frauengeſichtern, deren Reize durch die Thräne der Begeiſterung und den Ausdruck des Ent⸗ zückens noch erhöht wurden. Unter den Frauen und Töchtern von Senatoren und hohen Würdenträgern ſaßen auch die Gräfinnen Strzelno, Mutter und Tochter. Jene war mindeſtens vierzig Jahr und ihre Blüthezeit alſo längſt vorüber, doch zeigte ihr Geſicht noch immer genug Spuren der frühern, außer⸗ ordentlichen Schönheit, um ſogleich aufzufallen. Indeß machten die feinen, geiſtvollen Züge und die großen, klu⸗ gen Augen keinen ganz reinen, angenehmen Eindruck auf den unbefangenen Beobachter, obgleich die Gräfin bei ihren Bekannten und Freunden ſehr gern geſehen war und Jeden für ſich einzunehmen wußte, wenn ſie es be⸗ 13 abſichtigte. Es lag eben etwas Abſichtliches in ihrem ganzen Weſen, doch nur für den Feinfühlenden. Die Menge ahnte es nicht, wie wenig aufrichtig ſie war, und glaubte auch in dieſem Augenblicke nicht, daß ihr freu⸗ diges Lächeln und die Zeichen der Rührung und Begei⸗ ſterung, welche ſie wie alle Andern kund gab, durchaus erkünſtelt waren. Zuweilen erſchien ein flüchtiger Aus⸗ druck von Triumph, ſogar von Hohn, in ihrem Antlitz. Die Tochter dagegen war ganz Natur, Ungezwun⸗ genheit und Harmloſigkeit. Es gab viel ſchönere Mäd⸗ chen in ihrer Nähe, doch gefiel ſie mehr als manche re⸗ gelmäßige Schönheit. Man ſah es dieſer klaren Stirn an, daß noch niemals eine Sorge, ein ernſtliches Leid ſie bewölkt hatte; aus den braunen Augen ſtrahlte Glück und Unſchuld, und die beweglichen Züge ſpiegelten offen jede Regung des Innern und jeden äußern Eindruck zu⸗ rück. Sie war liebreizend in der ganzen Bedeutung des Wortes und beſaß in hohem Grade die hinreißende An⸗ muth der Polinnen. Die Blicke der Mutter richteten ſich während des Geſanges und des Hochamts oft auf einen jungen Mann in der reichen Hofkleidung der damaligen Zeit, der auf den Stufen des Thrones ſtand. Er zählte kaum zwanzig Jahre, und ſein auffallend ſchönes Geſicht hatte eine große Aehnlichkeit mit dem ihrigen. Es war ihr ein⸗ 14 ziger Sohn Severin, der Mittel⸗ und Ausgangspunkt all ihrer Wünſche, Ideen und Beſtrebungen. Wenn ſie ihn anſah, wurde das erzwungene oder ſpöttiſche Lächeln auf ihren Lippen natürlich und zärtlich, und eifrig be⸗ mühte ſie ſich, ſeinem Auge zu begegnen. Das gelang ihr jedoch nicht. Seine Blicke hatten ein anderes Ziel, als die Mutter, und ſie entdeckte daſſelbe bald. In geringer Entfernung ſaß neben einem Pfeiler die Generalin Dziekonska. Sie war etwas älter, als die Gräfin, eine hohe, ſtattliche Geſtalt mit ſchönem, ernſten Geſicht und ſprechenden, ſchwarzen Augen. Neben ihr, durch den Pfeiler halb verborgen, befand ſich ihre Tochter Marhnia, und dieſe feſſelte die Aufmerkſamkeit des jun⸗ gen Kammerherrn ſo ausſchließlich, daß er keinen Ge⸗ danken für die eigene Mutter übrig behielt. Marhnia war beinahe noch Kind, kaum fünfzehn Jahre alt, überdies ſah der junge Mann nur ihr Profil, doch das war ſo rein und madonnenhaft, daß er darüber ſeine ganze Umge⸗ bung vergaß und wie aus einem Traume auffuhr, als der Gottesdienſt zu Ende war und der Zug ſich aus der Kirche begab. Bei dem nun eytſtehenden Gedränge kam die Grä⸗ fin mit ihrer Tochter in die Nähe der Generalin und Marynia's. Die jungen Mädchen begrüßten einander herzlich, und Severin, der es zurückblickend bemerkte, ver⸗ wünſchte ſeinen Dienſt, welcher ihn an die Perſon des Königs feſſelte. „Welch' ein herrlicher Geſang!“ ſagte Jadwiga Strzelno lebhaft zu Marhnia.„Ich bin ganz entzückt und bedauere nur, daß— Dein Couſin Stanislaw ihn nicht hörte!“ Die letzten Worte ſprach ſie leiſe und haſtig, mit einem tiefen Erröthen. Marynia ſtimmte einſilbig bei. Es gab nicht leicht einen größeren Contraſt, als dieſe beiden jungen Mäd⸗ chen, ihre Mütter etwa ausgenommen. Jadwiga, das Bild blühender Geſundheit, entzückt von dem Geſange, mit Sehnſucht an„Couſin Stanislaw“ denkend, noch tief gerührt von der kirchlichen Feier, doch gleichzeitig be⸗ ſchäftigt mit der Außenwelt und den Freuden des Le⸗ bens;— Marynia dagegen noch unberührt von den Ahnungen und Empfindungen, die Jadwiga's liebliches Antlitz mit Purpurglut färbten. Aus ihrem ſchönen, vor innerer Erregung erblaßten Geſicht und ihren ſinnenden ſchwarzen Augen ſprach Ernſt, Andacht und Begeiſterung. Sie hatte nichts von Severims Anſtarren und den Außen⸗ dingen überhaupt bemerkt; ſie brauchte Zeit, um ſich wie⸗ der in der Wirklichkeit zurecht zu finden, und verſtand wenig von Allem, was Jadwiga ihr vorplauderte, wäh⸗ rend ſie warteten, bis der Zug die Kirche verlaſſen hatte. Die Gräfin war ganz Liebenswürdigkeit und Zu⸗ 16 vorkommenheit gegen Marynia's Mutter, doch dieſe ant⸗ wortete auch nur einſilbig und mit erzwungener Artigkeit. Ihr war dieſe gottesdienſtliche Feier nicht eine leere Ce⸗ remonie geweſen, überdies theilte ſie die freundſchaftliche Geſinnung nicht, welche die Senatorin zeigte. Obgleich ſie ſich als gebildete Frau beherrſchte und nicht gegen die Höflichkeit verſtieß, war doch in ihrem Benehmen eine ge⸗ wiſſe Kälte ſichtbar. Der Menſchenknäuel hatte ſich indeß aufgelöſt. „Ich werde alſo morgen wirklich nicht die Freude haben, Sie auf meinem Ball zu ſehens⸗ fragte Frau Strzelno.„Sie ſollten ſchon wegen Marynia kommen. Das Mädchen wird von Tag zu Tag ſöner ver⸗ jüngtes Ebenbild, Frau Generalin. Still, Sie dürfen mir das nicht übel uehmen! Sie wiſſen wohl, wir Frauen machen uns unter einander keine Komplimente und ſind da immer aufrichtig!“ Die Generalin verbeugte ſich und ſagte ruhig: „Meine Tochter beſucht noch nicht Bälle oder Geſell⸗ ſchaften; auch bereitet ſie ſich eben zur erſten Beichte und Communion vor, da muß ich jede Zerſtreuung von ihr fern halten. Sonſt wäre ein Ball bei Ihnen, Frau Grä⸗ fin, gewiß die erwünſchteſte Gelegenheit, ſie in die Welt einzuführen.“ 17 Sie verabſchiedete ſich ceremoniös von ihr, freund⸗ licher von Jadwiga. Dieſe nahm den Arm ihrer Mutter und ihr Blick überflog die Reihen der Soldaten, welche noch aufgeſtellt waren. Plötzlich hatte ſie gefunden, was ſie ſuchte, und erröthete freudig. Ein junger Offizier ſalutirte ehrer⸗ bietig und ſeine Augen begegneten den ihrigen feſt und lange. Die Mutter erwiederte den Gruß freundlich und ſchien die Verwirrung und Aufregung ihrer Tochter nicht zu bemerken. Nach einem Augenblick aber ſagte ſie lächelnd: „Wo haſt Du denn Deine Augen, Jadwiga? Graf Palowski grüßt ſchon zum Zweitenmale, und Du dankſt ihm nicht. Da kommt er eben heran.“ Ein bleicher Mann geſellte ſich mit artigen Fragen nach dem Befinden der Damen zu ihnen. Jadwiga ſchaute noch einmal nach dem Offizier zurück und antwortete dann dem Grafen Palowski ziemlich zerſtreut. Die Mut⸗ ter benahm ſich gegen denſelben ſehr artig; er war einer der reichſten Gutsbeſitzer Litthauens, und ſie hatte ihre Gründe, ihn an ſich zu ketten. Der König legte mittlerweile den Grundſtein zu ei⸗ nem Tempel, deſſen Erbauung von dem Reichstag be⸗ ſchloſſen wurde, um das Andenken an die Einführung der Verfaſſung zu verewigen. Seine Begleitung folgte 18 ſeinem Beiſpiele. Alle beeiferten ſich, einen Stein zu die⸗ ſem Gebäude hinzuzufügen. Eine zahlloſe Menge drängte ſich rings umher und der Ruf:„Der König mit der Na⸗ tion und die Nation mit dem König!“ erſcholl tauſend⸗ ſtimmig und aus vollem Herzen. Darauf zog ſich der König nach ſeinem Palaſt zu⸗ rück, um ein wenig zu ruhen. Der Gottesdienſt und die Grundſteinlegung hatte einige Stunden gewährt und ihn ermüdet, beſonders da der Tag ziemlich heiß war. Nach einiger Zeit begab er ſich zu dem großen Diner, welches die Bürgerſchaft Warſchaus im Gemeindehauſe veran⸗ ſtaltet hatte, und entzückte alle Welt durch ſeine Huld und Freundlichkeit. Ein Toaſt auf„den König mit der Na⸗ tion“ wurde ausgebracht und unter endloſem Jubelruf wiederholt. Viele patriotiſche Reden wurden gehalten, und der Tokayer, welcher in Strömen floß, erhöhte die Stimmung der Patrioten nicht wenig. Abends war die Stadt glänzend illuminirt und eine fröhliche Volksmenge wogte noch lange nach Mitternacht auf den Straßen.— Der junge Offizier, deſſen Gruß Jadwiga erröthend erwiedert hatte, ging, ehe es dämmerte, ſchnell und ein⸗ ſam ſeines Weges. Kameraden und Bekannte hielten ihn auf und wollten ihn überreden, mitzukommen, doch machte er ſich von ihnen los, nach wenigen Worten über die 9 Illumination und den ſchönen Tag, welchen Polen heute feierte. Es war ein hochgewachſener, ſchön gebauter Mann, das Modell eines jugendlichen Kriegers. Seine Geſichtszüge waren nicht ganz regelmäßig, doch nahmen ſie ſogleich für ihn ein. Muth und Entſchloſſenheit, eine feurige Seele, aber auch ein feſter Charakter, ſprach trotz ſeiner Jugend aus ihnen. Vor dem Hauſe des Grafen Strzelno blieb er ſtehen und ſchaute zu den Fenſtern auf. Eine weibliche Geſtalt befand ſich an einem derſelben und nach einem Gruß trat er haſtig ein. Die Dienerſchaft war heute nicht, wie ſonſt, auf ihrem Poſten— Niemand zeigte ſich, der ihn melden konnte. Allein das war auch unnöthig, Jadwiga hatte ihn bemerkt und öffnete ihm ſelbſt die Thür des Salons. „Wie hübſch, daß Sie kommen!“ rief ſie fröhlich. „Mutter hat in ihrem Zimmer Beſuch. Gott weiß, was die langweiligen Leute bei ihr wollen— Vater iſt in Ge⸗ ſellſchaft, die Männer können gar nicht genug bekom⸗ men. Das Diner auf dem Gemeindehauſe genügte nicht. Severin war unlängſt hier und wollte mich ber⸗den, mit ihm zu Marhnia zu gehen, die er ſeit einigen Jahren nicht geſehen hat. Allein ich lehnte es ab— ich weiß ja, daß ſie ſich in dieſer Zeit ungern durch Weltkinder zer⸗ ſtreuen und ſtören läßt. Aergerlich über meine Weigerung ging er fort, und da bin ich denn ganz allein.“ ——————— 20 Sie hatte ziemlich ſchnell geſprochen, um ihre Verle⸗ genheit zu verbergen. Auch Stanislaw war einen Augen⸗ blick verwirrt, als er ſich vhne Zeugen ihr gegenüber ſah. Bald gewann er aber ſeine Sicherheit wieder, denn das Ge⸗ ſpräch wandte ſich auf den Gegenſtand, welcher überall, in Privatcirkeln, in öffentlichen Verſammlungen, wie in ver⸗ traulichen Herzensergüſſen, das Thema der Unterhaltung bildete: die ſegensreichen Folgen, welche man von der Verfaſſung erwartete, die achtunggebietende Stellung, welche Polen durch die Einigkeit ſeiner Bewohner in Kurzem wieder einnehmen könne. Stanislaw liebte ſein Vaterland wie jeder Pole— er wurde warm und beredt, ſobald er darauf zu ſprechen kam. Jadwiga hörte ihm mit träumeriſcher Glückſeligkeit zu; vielleicht war es mehr ſeine weiche Stimme, als der Inhalt ſeiner Rede, wovon ſie entzückt war. Allmälig kam indeß die Unterhaltung, ohne daß Beide wußten wie, vom Allgemeinen auf das Perſönliche. Die Gelegenheit war günſtig, ein ſo unbe⸗ lauſchter Augenblick bot ſich vielleicht nicht ſobald wieder, und was ſich die Augen längſt mitgetheilt hatten, trat auch über die Lippen. Seitdem Stanislaw Jadwiga zu Anfang des Winters auf einem Balle geſehen, hatte er ſie geliebt; ihr Erröthen und ihre Verwirrung hatten ſtets verrathen, daß er ihr nicht gleichgültig geblieben, und Beide hatten nicht an der Natur ihrer Gefühle gezweifelt. 21 Jetzt kniete er zu ihren Füßen, ſagte ihr mit der ganzen Leidenſchaftlichkeit ſeiner Natur und ſeiner zweiundzwanzig Jahre, daß er ſie liebe, und küßte dann das Geſtändniß ihrer Gegenliebe von ihrem Munde. Uebrigens war dieſe Neigung den Familien Beider kein Geheimniß und ſie hatten derſelben kein Hinderniß in den Weg gelegt. Die Gräfin hatte faſt nichts gegen den Schwiegerſohn, der ziemlich begütert und ein talent⸗ voller Offizier war; ihr Gemahl mochte ihn ſogar gern leiden. Stanislaw hatte keine Eltern und war ganz un⸗ abhängig. Seine nächſten Verwandten, der General Dzie⸗ konski und deſſen Frau, fanden Jadwiga auch ſehr liebens⸗ würdig und wollten ſein Glick nicht ſtören. Während das junge Paar ſich in einem Wonnerauſch befand und ſich heilig gelobte, den dritten Mai niemals zu vergeſſen, hatte Jadwiga's Mutter eine Unterredung mit dem Grafen Palowski. Nach ſeiner Frage, ob ſie ihm das Glück ihrer Tochter anvertrauen würde, antwor⸗ tete ſie mit dem freundlichſten Lächeln: „Unbedingt, liebſter Graf. Aber leider fürchte ich, Jadwiga ſelbſt wird nicht ſo denken, wie ich. Ihr ſteckt, wie Sie wohl wiſſen, ein junger Offizier im Kopf, oder vielmehr im Herzen, und eine ſogenannte erſte Liebe iſt nicht immer vernün ftig. Ich und mein Mann hatten nichts gegen ihre Wahl, bis wir Sie kennen lernten; jetzt be⸗ 22 dauern wir freilich, daß wir nicht früher dazwiſchen tra⸗ ten. Allein in dieſem Augenblicke iſt es zu ſpät und— zu frühe, wie man es eben nehmen will. Ich liebe meine Tochter zärtlich, daher begreifen Sie wohl, daß ich nicht geneigt ſein kann, ſie gegen ihren Willen zu verheirathen, und Graf Strzelno dürfte eben ſo wenig daran denken.“ „So muß ich alſo jede Hoffnung aufgeben?“ fragte der Graf verſtimmt. „Jede? Nein!“ antwortete die Gräfin lächelnd. „Sie wiſſen ja wohl, wie leicht ein Mädchenherz erglüht und— erkaltet. Warten Sie ruhig ab, was die Zeit bringt. Vorläufig würde es freilich nicht helfen, ſondern nur ſchaden, wenn Sie ſich allzu ſichtlich um Jadwiga bemühten; nach einigen Monaten aber mag ſich das geändert haben. Auch iſt ſie eine gehorſame Tochter— hat noch nie einem Wunſch oder Befehl von mir wider⸗ ſprochen, und ich will das Meinige für Sie thun. Vielleicht gelingt es mir, ſie von Dziekonski abzuziehen, und dann mögen Sie verſuchen, ob Sie ihr Herz gewinnen; zwin⸗ gen würde ich ſie nicht gern. Ich liebe die gewaltſamen Mittel nicht, ſo lange man mit gelinden ausreicht. Daher ſuchen Sie auch keine Händel mit Dziekonski, verſpre⸗ chen Sie mir das. Es iſt möglich, daß Ereigniſſe ein⸗ treten, welche mich nöthigen, gegen meinen Willen und 23 meine milde Geſinnung zu verfahren. Hoffen Sie alſo immerhin ein wenig, Graf!“ Er küßte ihr halb mißvergnügt, halb zufrieden⸗ geſtellt die Hand, verſprach, ſeinem glücklichen Nebenbuh⸗ ler nicht feindlich in den Weg zu treten, und ſagte mit Bedeutung:„Es würde mir leid ſein, Frau Gräfin, wenn ſich unſere nähere Verbindung wirklich zerſchlagen ſollte!“ Zmrites Caitel. Die Familie Dziekonski. Am folgenden Morgen befanden ſich die Angehöri⸗ gen des Generals Dziekonski in dem gemeinſamen Wohn⸗ zimmer. Der General war eine kräftige Geſtalt, eher klein als groß. Das röthlich blonde Haar ziemlich er⸗ graut, der lange Schnurrbart faſt weiß; ſtarke buſchige Braunen überwölbten die blitzenden, hellgrauen Augen; ſeine Züge waren eckig und ſcharf ausgeprägt, auch durch die Spuren der Blattern und die Narben zweier Hiebwunden entſtellt. Auf den erſten Blick war er ein alter häßlicher Mann, der nicht einmal die feinen ge⸗ 24 ſchliffenen Manieren hatte, welche der höhere polniſche Adel gewöhnlich beſaß, obgleich ſie oft nur der glänzende Firniß waren, der die innere Fäulniß verhüllte. Sein Auftreten wie ſeine Redensweiſe war derb und rauh, auch gerieth er leicht in Zorn. Dennoch hingen die Seinigen mit der größten Zärtlichkeit an ihm, und ſeine Untergebenen, Sol⸗ daten ſowohl als Bauern, vergötterten ihn faſt. Das deutſche Blut, welches er von mütterlicher Seite in ſeinen Adern hatte, ſchien weſentlich ſeinen Charakter beſtimmt zu haben. Er war das treue Bild eines deutſchen Landedelmanns oder Kriegshauptmanns früherer Zeiten. Furchtlos, tapfer, leicht aufbrauſend, aber gutmüthig und großherzig, ohne Arg und Falſch und Jedem die eigene Aufrichtigkeit und Biederkeit zutrauend; kein Genie, doch mit geſundem Menſchenverſtande begabt; nicht ohne kleine angeerbte und angewöhnte Vorurtheile und Schwächen, allein ſtets bereit und fähig, dieſelben zu beſiegen, ſobald ſie mit ſeiner natürlichen Großmuth und ſeinem edeln Sinn in Confliet geriethen; dabei der zärtlichſte Gatte und Vater, der treueſte Freund, der ergebenſte Anhänger des Königs, doch entſchloſſen, ihm feindlich gegenüber zu treten, wenn er die alten Gerechtſame und Freiheiten des Vaterlandes antaſtete.. Seine Frau war nicht von germaniſcher Abkunft, dennoch beſaß ſie jene Vorzüge, die man hauptſächlich für 25 das Eigenthum deutſcher Frauen hält, die indeß häufig das ſchöne Erbe der Frauen aller Volksſtämme und aller Zeiten waren und ſind: ein reines, tiefes Gemüth, Sinn für das Häusliche, mit einem Wort: Weiblichkeit. Sie war unberührt geblieben von der Leichtfertigkeit der da⸗ maligen Zeit, von der Sittenloſigkeit, welche ſich wie ein böſes Miasma vom franzöſiſchen Hofe über alle Welt ver⸗ breitet und namentlich durch das Beiſpiel des regierenden Königs Eingang in die polniſche Ariſtokratie gefunden hatte. Die frivolen Frauen und Männer, welche ſie einſt wegen ihrer Schönheit und wegen ihres fleckenloſen Wan⸗ dels beneidet, oder ihre Unwiderſtehlichkeit an ihr umſonſt verfucht, hatten es nie gewagt, den Ruf der Frau Dzie⸗ konska anzutaſten. Dabei verſchmähte ſie nicht, wie die meiſten ihrer Landsmänninnen, die Sorge um die Wirth⸗ ſchaftsangelegenheiten, und ihr Haus und Vermögen war ſo wohl beſtellt, wie ſelten eins in Polen. Obgleich ihr Gatte bedeutend älter war, als ſie, und dem erſten An⸗ ſchein nach wenig Liebenswürdigkeit beſaß, hatte ſie ihn doch ſtets innig geliebt. Seit einem Vierteljahrhundert verbunden, hatte nie ein ernſter Zwiſt, ein wirklicher Un⸗ friede ſie einander entfremdet. Freilich hatte an ihrem Lebenshorizonte nicht immer die Sonne geſtanden, es war oft Nacht geworden; allein Kummer und Sorge, die Schrecken des Bürgerkrieges und die Noth des Vater⸗ 1860. VI. Polniſche Mütter. 26 landes, getäuſchte Hoffnungen und pecuniäre Verluſte, Krankheiten und der Tod eines Kindes, das Leid und Un⸗ gemach, welches das Leben gewöhnlich bietet, hatte ſie einander nur näher gebracht, ſie nur feſter und inniger vereinigt. Einer hatte vor dem Andern kein Geheimniß und ihre Wünſche, Abſichten und Beſtrebungen waren ſtets gemeinſam. Sie hielt ihn für den Inbegriff menſch⸗ licher Güte und Vollkommenheit und ſtellte ihn gern ihren Söhnen zum Muſter auf. Er vertraute ihrer Einſicht unbedingt, und ſeine aufbrauſende Heftigkeit hielt nie⸗ mals Stand vor ihrer ſanften Beſchwichtigung. Daß die Generalin ihre Kinder liebte, wäre eben kein beſonderes Verdienſt geweſen, etwas Natürliches ver⸗ ſteht ſich ja von ſelbſt. Allein ſie hatte dieſelben auch er⸗ zogen, und das will unendlich mehr ſagen, als manche Mutter begreift, welche meint, es ſei genug, dem Triebe des Herzens zu folgen. Domenik, der Aelteſte, war ziemlich das Ebenbild des Vaters, nur ohne deſſen Blatter⸗ und Hiebnarben in ſeinem friſchen und leidlich hübſchen Geſicht. Auch an Geiſt und Gemüth glich er dem General, nur hatte ihm ſeine Mutter die Neigung zum Zorn frühzeitig abgewöhnt. Eine glänzende, meteprartige Laufbahn war ihm wahr⸗ ſcheinlich nicht beſchieden, doch gewiß wurde er einſt das Haupt eines geehrten und glücklichen Familienkreiſes und 27 ein ſtiller Segen für ſeine Umgebung, für ſeine Unter⸗ thanen und für das ganze Land. Eine Ausnahme von den jungen Leuten ſeines Standes, widmete er ſich mit Eifer und Geſchick der Landwirthſchaft und ſtand ſchon jetzt den väterlichen Gütern vor. Er ſah ein, wie un⸗ endlich viel Polen zu thun habe, um vorläufig erſt wieder die frühere Blüthe des Handels und Wohlſtandes zu er⸗ reichen und die ergiebigen Quellen, welche es in ſeinem fruchtbaren Boden und dem Holzreichthum beſaß, flüßig und nutzbar zu machen. Sein Bruder Bogumil war viel jünger und wenig über ſiebzehn Jahre. Körperlich und geiſtig reich begabt, berechtigte er zu den höchſten Erwartungen. Die Eltern machten in ihrer Liebe keinen Unterſchied zwiſchen den Söh⸗ nen, Marhnia gaben ſie indeß in ihrem Herzen den Vor⸗ zug. Väter pflegen oft eine Tochter lieber zu haben, als einen Sohn, beſonders wenn ſie das Abbild ihrer gelieb⸗ ten Mutter iſt, während Mütter häufig den Erſtgebornen am meiſten lieben. Frau Dziekonska ſchloß ihre einzige Tochter aber mit doppelter Zärtlichkeit an ihr Herz. Das Mädchen war von Kindheit auf ſchwächlich geweſen; die Mutter hatte oft gefürchtet, es zu verlieren, und manche bange, ſich endlos dehnende Nacht an ihrem Bettchen ge⸗ wacht. Das und die Leiden des Kindes machte es ihr viel theurer, wie die andern, welche geſund und kräftig 2* 28 waren, wie ſie ſelber und weniger Pflege und Rückſicht bedurften, weniger Schmerz und Qual gekoſtet hatten. Jetzt war aber ein Wendepunkt in Marhnia's Zuſtand eingetreten. Sie wurde geſund und erblühte täglich ſchö⸗ ner. Wenn die Eltern ſie vorher heiß und angſtvoll ge⸗ liebt hatten, ſo verminderte ſich jetzt ihre Zärtlichkeit nicht. Doch Marhnia war nicht nur der Liebling ihrer Eltern, ſondern auch der Augapfel ihrer Brüder. Mit der zarten Schonung und Sorge des Stärkeren gegen den Schwä⸗ cheren hatten ſie ſtets das geduldige, leidende Kind be⸗ handelt; jetzt, als ſie ſich phyſiſch und intellectuell über⸗ raſchend ſchnell einwickelte, betrachteten ſie die einzige Schweſter mit dem ganzen Stolz, welchen Brüder in ähn⸗ lichen Fällen empfinden. Marhnia erwiederte ihre und des Vaters Liebe ſehr lebhaft, die Mutter zog ſie jedoch allen Uebrigen vor und hing an ihr mit ſchwärmeriſcher Innigkeit. Ueber⸗ haupt war ſie, obwohl äußerlich ſtill und ruhig, ſehr lei⸗ denſchaftlicher Empfindungen fähig. Die faſt beſtändige Kränklichkeit und der Mangel an fröhlichen Geſpielinnen ihres Alters hatte ihr von Natur ſchon ernſtes Ge⸗ müth noch ernſter und ſtrenger geſtimmt, ihren Sinn mehr nach innen gekehrt. Auch jetzt, nachdem die körper⸗ liche Unbehaglichkeit geſchwunden war, welche den jugend⸗ lichen Frohſinn gewöhnlich niederdrückt, war ſie nicht 29 heiter im Sinne der Jugend. Lautes Lachen und über⸗ müthiges Scherzen und Necken blieb ihr fremd; Putz, lärmende Vergnügungen, die Huldigungen der Männer, d. h. faſt Alles, was junge Mädchen berauſcht, oder doch lebhaft erfreut, war ihr gleichgültig; dagegen beſchäftigte ſie ausſchließlich ein großes Intereſſe. Vielen heißt es Weiblichkeit, in der Sorge und Liebe für den Gatten, die Kinder und das Haus aufgehen, und in dieſem Sinne war Frau Dziekonska allerdings nicht ganz weiblich. Sie nahm lebhaften Antheil an allem Bedeutenden, das zu ihrer Kenntniß kam, und be⸗ ſaß in hohem Grade die glühende, unauslöſchliche und opferfrendige Hingebung für ihr Vaterland, welche die Polinnen auszeichnet. Ihre Kinder hatten dieſelbe ererbt und durch Lehre und Beiſpiel von früheſter Jugend an eingeſogen; auf die Tochter aber war beſonders viel von dem ganzen Weſen der Generalin übergegangen. Nur hatte Marhnia's Begeiſterung für Polen eine größere Beimiſchung von Schwärmerei, als die ihrer Mutter, welche durch manche bittere Erfahrung zwar nicht ernüch⸗ tert, aber doch minder hoch geſtimmt war. Das inſtink⸗ tive Verlangen des erwachenden jungen Herzens, welches bei aller Zärtlichkeit der Eltern und Verwandten, ſich nach einem andern, fremden Gegenſtand der Hingebung ſehnt, wurde von Marynia in ihre Liebe für das Hei⸗ iathland übertragen.— 30 Domenik war lange Zeit auf dem Lande geweſen, die Seinigen hatten ihm alſo viel zu erzählen. Stanislaw Dziekonski fand ſich auch ein, der Ge⸗ neral war ſein Vormund geweſen, und deſſen Frau hatte den Frühverwaiſten größtentheils erzogen. In ihrem Hauſe hatte er eine zweite Heimath, Eltern und Ge⸗ ſchwiſter gefunden. Es war die Rede von der drohenden Haltung, die Rußland nach dem Friedensſchluß mit der Türkei gegen Polen annahm. Die jungen Leute theilten die Zuverſicht, welche die überwiegende Mehrzahl des Volkes erfüllte, der General war nicht mehr ganz ihrer Meinung. „Es iſt ein Unglück für uns, daß Kaiſer Leopold ſtarb!“ ſagte er.„Ich mag kein Unglücksprophet ſein, und Gott weiß, daß ich immer gern das Beſte hoffe. Aber es ſcheint mir doch ſehr fraglich, ob wir Zeit haben werden, die Verfaſſung Wurzel faſſen und Früchte tra⸗ gen zu laſſen. Die ruſſiſche Armee ſteht an unſern Gren⸗ zen und wird nicht ſäumen, ſie zu überſchreiten. Der Kurfürſt von Sachſen wußte wohl, was er that, als er die erbliche Krone für ſich und ſein Haus nur unter der Bedingung annehmen wollte, daß die benachbarten Mächte mit der Verfaſſung einverſtanden ſeien. Er fürchtet ſich vor Rußland, das ſeine Mißbilligung mit der Ver⸗ 31 beſſerung unſerer inneren Zuſtände ſo offen ausgeſpro⸗ chen hat.“ „Was kümmert uns dieſe Mißbilligung?“ meinte Stanislaw, der nie ſo hoffnungsvoll und ſiegesgewiß ge⸗ weſen war, als grade jetzt, obwohl er niemals zu den Zaghaften gehörte.„Unſer Heer iſt, Dank der Vorſorge des Reichtags, verſtärkt und mit allem Nöthigen ver⸗ ſehen, und brennt vor Eifer, ſich zu ſchlagen.“ „Und dann haben wir auch einen mächtigen Rück⸗ halt an Preußen!“ warf Domenik hin. „Ja, Preußen iſt unſer natürlicher Bundesgenoſſe!“ ſagte der General.„Es iſt ſein eig'ner Vortheil, ſich ſo feſt an uns zu ſchließen, wie es der König ſeit einigen Jahren that. Es wird davon eben ſo viel Gewinn ha⸗ ben, wie wir!“ Damit waren Alle einverſtanden. „Und nicht allein um des Vortheils willen iſt und muß Preußen unſer Bundesgenoſſe ſein!“ ſagte die Ge⸗ neralin.„Rußland ſtrebt nur nach Vergrößerung ſeiner äußern Macht, nach Erweiterung ſeiner Grenzen; wirk⸗ licher Fortſchritt iſt ihm fremd, trotz des Anſtrichs von Bildung, den Peter und Katharina ihrem rohen Volk aufzwangen. Es kann alſo niemals Sympathien für uns haben, denn es begreift unſere Beſtrebungen nicht, hält ſie 32 ſogar für ſchädlich! Mit Preußen dagegen iſt es ganz anders.“ „Es begreift unſere Bemühungen, die alten Inſti⸗ tutionen auszumerzen, welche ſich längſt überlebt haben, und nimmt Antheil daran,“ ſagte Domenik.„Preußen darf nicht fürchten, daß wir es auf dem Wege der Bil⸗ dung und Aufklärung überflügeln— es hat durch ſeine großen Regenten einen zu weiten Vorſprung vor uns. Auch iſt es fern von der ruſſiſchen Habſucht.“ „Ja, nehmen wir nur einen Fall aus allen übrigen heraus!“ bemerkte der alte Dziekonski.„Der König von Preußen zeigte in den lebhafteſten Aeußerungen ſeine Frende über unſere Verfaſſung, die das Königthum erb⸗ lich macht und unabhängig von dem Einzelnen. Friedrich Wilhelm II. ſah es gern, daß das liberum veto und das Conföderationsrecht abgeſchafft wurde, die zu ihrer Zeit recht gut und nützlich waren, zuletzt aber in arge Miß⸗ bräuche ausarteten, die Republik oft an den Rand des Verderbens brachten und jede zeitgemäße Reform hinder⸗ ten. Die Kaiſerin iſt aber darüber im höchſten Grade mißvergnügt, und möchte uns an die parta conventa binden. Rußland hofft, während der Zwiſchenregierun⸗ gen auch ferner im Trüben zu fiſchen, wie das bisher geſchah.⸗ „Den Ruſſen iſt auch unſere Vaterlandsliebe un⸗ begreiflich,“ äußerte Bogumil.„Preußen dagegen ver⸗ ſteht uns, hat es doch lange Jahre hindurch um ſeine Eriſtenz und ſeinen Ruhm gekämpft!“ „Aber es iſt dennoch ſchön von dem König, daß er ſeine wohlwollende Geſinnung ſo offen und ſo wiederholt ausſprach,“ meinte Domenik.„Durch ſeine Reſidenten Buchholz, Lucchiſini und Golz, wie in Privatbriefen an Stanislaw Auguſt hat er ſich ſtets gleich freundſchaftlich geäußert und immer kräftigen Beiſtand gegen Rußland zugeſichert.“ „Dafür lieben wir ihn auch, wie wir die Ruſſen verabſcheuen, und das will nicht wenig heißen!“ ſagte Marynia. „Wie würdeſt Du erſt die Ruſſen verabſcheuen, wenn Du die unzähligen, bitteren Kränkungen, welche ſie uns zufügten, nicht nur von Hörenſagen kennteſt, ſondern ſie erlebt hätteſt, wie ich und der Vater!“ ſprach die Mutter.„Wir haben oft großes, ſchweres Unrecht er⸗ dulden müſſen, aber das erträgt ſich leichter, als eine Demüthigung. Niemals vergeſſe ich die Rohheiten, die ſich Rußlands Geſandten gegen den Mann erlaubten, den Katharina zu unſerm König gemacht hatte; ſie behandel⸗ ten ihn ſtets wie ihren Untergebenen. Einſt waren wir im Theater und der König auch. Der Fürſt Repnin kam erſt, nachdem ſchon der zweite Act begonnen hatte. In 34 heftigen Ausdrücken ſchalt er darüber, daß nicht auf ihn gewartet worden; dann befahl er, den Vorhang zu ſenken und das Stück von Neuem zu beginnen. Und der König, unſer König, mußte ſich das gefallen laſſen! Ich bin nicht ſchwächlich“— fügte ſie hinzu, und richtete ihre ſtatt⸗ liche Geſtalt noch höher auf—„allein das war zu viel für mich. Ich wurde ohnmächtig, zum erſten und einzigen Mal in meinem Leben.“ „Und ich hatte darüber einen ſolchen Schreck, daß ich das Benehmen Repnin's für den Augenblick ganz und gar vergaß!“ ſagte ihr Mann. „Bielleicht wäre es doch beſſer geweſen, der Reichs⸗ tag hätte nicht die Untheilbarkeit des Landes ausgeſpro⸗ chen!“ meinte Stanislaw nachdenklich.„Es mußte den König von Preußen wegen der Abſichten verſtimmen, die er auf Thorn und Danzig hatte.“ „Wir ſollten ihm doch nicht etwa dieſe reichen Han⸗ delsſtädte geben!“ rief der General ärgerlich. „Dieſe Edelſteine der Krone!“ ſetzte Domenik hinzu. „Stanislaw meint nur, die Erklärung des Reichs⸗ tages würde das Land, im Fall eines Unglücks, vor einer Theilung doch nicht ſchützen, und ſei eine unnütze De⸗ monſtration, die den König von Preußen beleidigen könnte, wenn Ohrenbläſer, an denen es wohl nicht fehlt, es geſchickt benutzen!“ ſagte Frau Dziekonska vermittelnd. 35 „Ja, da haſt Du Recht, Stanislaw!“ gab der General zu. „Ich bin gewiß eben ſo ſehr gegen eine Abtretung, wie jeder Andere!“ ſagte der junge Offizier. Ein Diener brachte jetzt das Frühſtück. „Laßt uns auf das Wohl Polens trinken!“ rief der General und ſchenkte die Gläſer voll. Alle ſtießen wil⸗ lig an. „Und auf treues Bündniß mit Preußen!“ fügte ſeine Frau hinzu.. Wieder klangen die Gläſer, allein das der Genera⸗ lin ſprang— die Andern mochten im Eifer zu ſtark daran geſtoßen haben. „Soll das ein Omen ſein?“ fragten die jungen Männer ſcherzend. „Dumme Mode, aus ſo zerbrechlichen Dingern zu trinken!“ ſagte der General.„Ich lobe mir Becher, da kommt man nicht in dieſe Gefahr.“ Nachdem das Frühſtück unter Ernſt und Scherz ver⸗ zehrt worden, begab ſich Marynia auf ihr Zimmer, um ſich auf die Erſcheinung ihres Lehrers vorzubereiten. Da ihr Unterricht früher wegen ihrer Kränklichkeit oft ver⸗ ſäumt worden, wurde derſelbe noch jetzt fortgeſetzt. Ihre Brüder gingen aus, und Stanislaw wollte ſie 36 begleiten, der General hielt ihn jedoch mit den Worten zurück: „Meine Frau will Dir noch etwas ſagen.“ „Vergib mir, Stanislaw, daß ich einen zarten Punkt berühre,“ ſprach Frau Dziekonska herzlich.„Mein Mann war Anfangs dagegen, daß ich überhaupt davon rede, aber Du mußt es doch einmal wiſſen. Felir Potocki, Branicki und Rzewuski hielten ſich, wie Dir bekannt, lange in Jaſſy auf— jetzt ſollen ſie in Petersburg ſein. Ihre Partei iſt nicht unbedeutend, und man argwöhnt, auch der Senator Graf Strzelno halte zu ihnen.“ „Unmöglich, Tante!“ rief Stanislaw. „Ich glaube es auch nicht!“ ſagte der General. „Strzelno focht ſo tapfer für die Conföderation von Bar, er wird ſich jetzt nicht den Verräthern zugeſellen. Man muß nicht alles Geträtſch für wahr halten.“ „Andere hielten auch treu zur Barer Conföderation, und neigen ſich jetzt doch dem Landesfeind zu, z. B. die Koſtakowski's,“ warf Frau Dziekonska hin. „Wahr, wahr!“ ſeufzte ihr Mann. „Du müßteſt am Beſten wiſſen, was an dem Ge⸗ rede iſt!“ fuhr Zene fort.„Du gehſt lange dort im Hauſe aus und ein, und ſo könnten ſie ſich unmöglich verſtel⸗ len, daß ihnen nicht zuweilen eine Aeußerung entſchlüpft wäre.“ Stanislaw erröthete tief. Allerdings ſielen ihm jetzt verſchiedene halbe Winke und Hindeutungen ein, welche die Gräfin gegen ihn hatte fallen laſſen, die er aber in ſeiner Argloſigkeit und dem Glück, Jadwiga zu ſehen, nicht beachtet. Doch im nächſten Augenblick ſchämte er ſich dieſes Argwohns. Es war ja unmöglich— die Eltern ſeiner Geliebten konnten nicht Verräther ſein!— Und wenn es doch wäre? Das Blut ſtrömte ihm heiß und erſtickend nach dem Herzen, und er erblaßte eben ſo tief, als er vorher erröthet war. Sein lebhaftes Temperament er⸗ griff jede Möglichkeit ſchnell, und er hatte Mühe, ſich äußerlich ein wenig zu beherrſchen. Der Tante that ſeine Aufregung leid; ſie erfaßte theilnehmend ſeine Hand und ſagte freundlich:„Es iſt ja noch nicht erwieſen, Stanislaw, und ich wollte Dich nur darauf vorbereiten. Der Senator war nicht mit allen Artikeln der Verfaſſung zufrieden und ſeine Haltung ſeit dem dritten Mai oft zweideutig. Auch iſt ſeine Frau ſehr ränkeſüchtig. Das darf Jadwiga jedoch nicht zur Laſt ge⸗ legt werden; ſie iſt arglos und unſchuldig, und das rei⸗ zendſte, liebenswürdigſte Mädchen, das ich kenne.“ Stanislaw ſtimmte ihr lebhaft und dankbar bei, und geſtand dann, was Beide längſt wußten, daß er ZJad⸗ wiga liebe. „Willſt Du, dann werbe ich bei ihrem Vater für Dich!“ ſagte ſein Onkel;„dabei würden wir am be⸗ ſten erfahren, wie die Sachen ſtehen. Iſt er wirklich auf Seite Rußlands, ſo lautet ſeine Antwort gewiß vernei⸗ nend, er müßte denn die Hoffnung haben, Dich zu ſich herüber zu ziehen!“ „Onkel!“ rief der junge Mann verletzt. „Nun, nun, nimm mir das nicht übel— ich rede grade aus und nenne die Dinge gern beim rechten Namen. Aber Du weißt ja, wie herzlich gut ich es mit Dir mei⸗ ne!“ ſagte Dziekonski gutmüthig. „Seid verſichert, daß ſelbſt Jadwiga's Liebreiz mich von dem Pfade der Pflicht und Ehre nicht einen Augen⸗ blick abwendig machen könnte!“ ſprach Stanislaw feſt. „Der arme Junge!“ ſagte die Generalin,⸗nachdem er ſich entfernt hatte.„Das iſt ein bitterer Tropfen in den Kelch ſeines Glückes!“ Der General begab ſich noch Vormittags zum Se⸗ nator und warb für ſeinen Neffen um Jadwiga. Der Graf ſprach von dem jungen Offizier hinſichtlich ſeines Charakters, wie ſeiner Kenntniſſe in den rühmendſten Aus⸗ drücken, und erklärte, er für ſeine Perſon habe nicht das Mindeſte gegen den Schwiegerſohn, doch müſſe er noch Rückſprache mit Frau und Tochter nehmen. Inzwiſchen dürfe aber Stanislaw ſeine Beſuche nicht einſtellen ung werde zu dem heutigen Ball ſehr willkommen ſein. 39 Der General brachte nun die Rede auf die öffentli⸗ chen Angelegenheiten. Der Graf entſchlüpfte jedoch ſehr gewandt der Nothwendigkeit, ſeine Meinung offen aus⸗ zuſprechen. „Er iſt ſchlau wie ein Fuchs und glatt wie eine Schlange!“ ſagte der ehrliche Soldat ſpäter zu ſeiner Frau.„Seitdem er Senator geworden iſt, hat er ſich ſehr verändert.“ Prittes Capitel. „Mein Sohn ſoll einſt König ſein!“ Faſt Alles, was Warſchau an Schönheit, Geiſt, Reichthum und Lebensluſt beſaß, war auf dem Ball der Gräfin Strzelno vereinigt. Der Geſchmack und die Lie⸗ benswürdigkeit der Hausfrau, die Gaftfreiheit und Artig⸗ keit des Hausherrn war bekannt, wie die Pracht und Ele⸗ ganz, welche bei ihren Feſtlichkeiten herrſchte. Die Deco⸗ ration der Säle und Zimmer, die Muſik und die Bewirthung ließ nichts zu wünſchen übrig. Ein großer Theil der ältern Herren und Damen hatte die Spieltiſche eingenommen, der andere ſich nach Zufall und Neigung 40 gruppirt. Man unterhielt ſich über Tagesneuigkeiten oder ernſtere Gegenſtände, je nachdem es Bildung und Charak⸗ ter mit ſich brachte. Die jungen Leute aber flogen in fröhlicher Vergeſſenheit Alles deſſen, was außerhalb des gegenwärtigen Augenblicks lag, nach den Tönen der Muſik dahin und überließen ſich rückhaltlos dem Rauſche der Jugend und des Vergnügens. Manches Herz verſetzte auch ein anderes Gefühl, als Tanzluſt in ſchnellere Be⸗ wegung; zärtliche Blicke ſprühten herüber und hinüber und entzündeten manche Flamme, die nicht mit den Kerzen des Ballſaals wieder erloſch; mancher innige Händedruck ward bei den graciöſen Windungen und Verſchlingungen der Polonaiſe ausgetauſcht; die Anmuth und das Feuer, womit reizende Mädchen⸗ und kräftige Männergeſtalten den Mazur tanzten, ſchlug hier und da einem verwandten Herzen eine kleine Wunde, die jedoch ſelten ſchmerz⸗ lich war. Die Glücklichſten unter all' den Glücklichen waren Stanislaw und Jadwiga. Sie ſah bezaubernd ſchön aus in dem duftigen, blumengeſchmückten Ballkleide, mit den glühenden Wangen und ſtrahlenden Augen— und er ver⸗ gaß darüber gänzlich die Befürchtungen ſeiner Verwand⸗ ten, beſonders da ſich nirgend eine Veranlaſſung fand, dieſelben für begründet zu halten. Jadwiga's zahlreiche Bewunderer, die ſich Anfangs um ſie gedrängt hatten, 41 zogen ſich zurück und bemühten ſich um andere Damen, als ſie ſahen, daß ſie nur Sinn für den jungen Offizier hatte. Die nähern Bekannten machten lächelnd ihre Be⸗ merkungen über das junge Paar, welches faſt unzertrenn⸗ lich war und ſich inmitten des Schwarms der guten Tänzer doch durch die Lebendigkeit und Zierlichkeit ſeiner Bewegungen auszeichnete. Man vermuthete, die Verlo⸗ bung würde in Kurzem proclamirt werden, denn die Huldigung Stanislaw's war ganz öffentlich, und Jad⸗ wiga gab ſich keine Mühe, ihre Empfindungen zu ver⸗ bergen. Die Eltern billigten dieſe Liebe offenbar, denn die Gräfin ſchaute oft lächelnd nach dem glücklichen Pärchen und erwiederte die Anſpielungen ihrer Freundinnen mit heiteren Scherzen. Graf Palowski hatte Anfangs Jadwiga's Aufmerk⸗ ſamkeit zu erregen geſucht; als ihm dies jedoch gar nicht gelang, nahm er ſeine Zuflucht zu den Karten. Vorher flüſterte ihm die Frau vom Hauſe noch freundlich zu: 5„Muth und Geduld! Das iſt nur Kinderei, wie Sie ehen!“ Severin, einer der beſten Tänzer und faſt der ſchönſte hunge Mann unter den Anweſenden, war heute nicht ſo fröhlich, wie ſonſt. Seine Tänzerinnen hatten Urſache, ſich über den Mangel ſeiner gewöhnlichen Gelanterie und 1860. VI. Polniſche Mütter. 3 42 Geſprächigkeit zu beklagen; endlich zog er ſich gar in eine Fenſterbrüſtung zurück. Seine Mutter, die ihn nicht aus den Augen verlor, winkte ihm auf den Platz zu ihrer Linken, der grade leer war, und fragte leiſe: „Warum tanzeſt Du nicht?“ „Es iſt langweilig,“ erwiederte er.„Ich begreife nicht, warum die Leute Luſt haben, ſo umher zu ſpringen.“ Die Gräfin lächelte.„Nun, wenn Marhnia Dzie⸗ konska hier wäre, würdeſt Du noch eben ſo unguſig ſein, wie früher und wie es bei Deinen zwanzig Jahren natür⸗ lich iſt!“ ſagte ſie neckend. Der junge Mann erröthete und war empfindlich. Er hatte kein Geheimniß vor ſeiner Mutter, weil ſie ihn ſtets durchſchaute, und auch, weil er ein unbegrenztes Vertrauen zu ihr hatte und ſelbſt für ſeine jungendlichen Thorheiten Nachſicht und Entſchuldigung bei ihr fand. Darum hatte er ihr auch nicht verſchwiegen, daß er noch immer Marynia's Madonnengeſichtchen vor ſich ſehe; doch berſezt ihn ihre Neckerei. „Sei kein Kind, Severin. Du weißt ja, daß ich nie einen Deiner Wünſche unberückſichtigt laſſen könnte!“ ſagte ſie nun zärtlich.„Ich lud die Generalin geſtern noch mündlich ein, allein Marhnia geht zur erſten Beichte, wie ich Dir ſchon ſagte. Später wirſt Du ſie ge⸗ 1 wiß oft genug ſehen und mit ihr tanzen. Ihr ſeid Beide noch ſo ſehr jung, da brauchſt Du wahrlich nicht nieder⸗ geſchlagen zu ſein, wenn Du ſie auch für den Augenblick vermiſſeſt. Gehört Dir doch die Zukunft— und eine glänzende Zukunft!“ fügte ſie wie im Selbſtgeſpräch hinzu. Severin achtete nicht auf ihre letzten Worte. Er ſah, daß Domenik Dziekonski in dieſem Augenblick nicht tanzte, und verließ ſeine Mutter, um ſich zu Jenem zu geſellen. Er empfand plötzlich eine erſtaunlich große Freundſchaft für ſämmtliche Glieder der Dziekonski'ſchen Familie. Bei Stanislaw konnte er ſeine freundſchaftlichen Geſinnungen nicht geltend machen, ſo lange Jadwiga in der Nähe war, Domenik war weniger zerſtreut. Der vertraute Kammerdiener des Senators ſuchte ſeinen Herrn; da er ihn aber mitten im Spiele ſah, wagte er nicht, ihn zu ſtören, und nahte ſich der Herrin. Auf einige Worte, die er ihr leiſe ſagte, entfernte ſie ſich un⸗ bemerkt, doch kam ſie nach kurzer Zeit wieder. Langſam und hier und da ein artiges Wort an ihre Gäſte richtend, ging ſie in das Zimmer, in dem ihr Gemahl ſpielte, und gab ihm einen kaum merklichen Wint. Darauf entfernte ſie ſich wieder, ohne daß es den Fremden auffiel, denn Zeder glaubte, ſie befinde ſich in einem der andern Ge⸗ mächer. 3* 442 Als der Graf ſein Spiel beendet hatte, gab er die Karten einem Andern und folgte ſeiner Gemahlin. Er fand ſie in ihrem nach franzöſiſchem Geſchmack höchſt elegant eingerichteten Boudvir. Briefe und Papiere lagen auf ihrem Schreibtiſch und ſie durchflog dieſelben haſtig, doch auf⸗ merkſam. Mit triumphirendem Blick und Lächeln reichte ſie ihm ein verſiegeltes Schreiben. Er erbrach und entfaltete es ſchnell, wobei ſeine Hände leicht zitterten; ſeine Frau ſchob ihm einen Seſſel hin, denn die Aufregung überwältigte ihn einen Augenblick. „Von Ihrer Majeſtät der Kaiſerin Höchſtſelbſt!“ ſagte er mit ſchwankender Stimme und ſank auf den Seſſel. „Lies Du, Ludmilla, mir flirrt und flimmert es vor den Augen, es kam zu plötzlich und unerwartet.“ Die Gräfin nahm das Papier, zog eine Kerze näher zu ſich heran und las ruhig: „Herr Senator, Graf Strzelno! Ich habe mit Ver⸗ gnügen erfahren, daß Sie die thörichten und verbrecheri⸗ ſchen Ideen vieler Ihrer Landsleute nicht theilen, ſondern einſehen, das wahre Glück Ihres Landes hänge von einem feſten Bündniß mit Uns ab. Fahren Sie fort, dahin zu wirken, daß die verblendeten Polen ihren Vortheil erkennen, und Mein Wohlwollen wird Ihnen nicht fehlen. „In Kurzem iſt jene Partei, die ſich die patriotiſche nennt und den König in ſchmählicher Abhängigkeit hält, 45 vernichtet, und den wahren Patrioten, gleich Ihnen, wird der Lohn ihrer guten Beſtrebungen nicht entgehen. „Bis dahin wird Gott Sie, Herr Senator, Graf Strzelno, in ſeinen heiligen Schutz nehmen. Katharina.“ „Bis zum letzten Hauch meines Lebens will ich mich der Gnade Ihrer Majeſtät würdig zu machen ſuchen!“ rief der Graf mit Emphaſe. Er nahm das Billet aus den Händen ſeiner Ge⸗ mahlin, las es noch einmal aufmerkſam und betrachtete es dann von allen Seiten mit einer gewiſſen Ehrfurcht, die Ludmilla keineswegs theilte. Die ſtolze, ehrgeizige und herrſchſüchtige Frau freute ſich allerdings über dieſe Aus⸗ zeichnung, und mehr noch über die Ausſicht auf die künf⸗ tige Belohnung, allein ſie fühlte ſich nicht ſo geſchmeichelt, wie ihr eitler Gemahl. Der Graf war einſt ein ſchöner Mann geweſen, doch eine ziemlich wild durchlebte Jugend, einige Strapazen in den Feldzügen der Conföderation und ſpätere Hofintriguen hatten ihn frühzeitig gealtert. Den⸗ noch hatte er ein einnehmendes Aeußere. Die hohe Stirn, welche durch den Mangel an Haaren auf dem Vorderkopf noch erhöht ward, das lebhafte Auge und der feine Mund verrieth Geiſt und ließ die Falten auf den welken Wangen vergeſſen. Seine Kleidung war gewählt, doch nicht gek⸗ kenhaft, ſeine Haltung die eines vornehmen Mannes. 46 Er war eine lebhafte, ſangniniſche Natur, fähig zu allem Guten, doch auch zum Gegentheil durch Leicht⸗ ſinn, Eitelkeit und Genußſucht leicht zu verleiten. Bei der Leidenſchaftlichkeit ſeines Temperaments gab er ſich dem, was ihn beſchäftigte, ſtets mit ganzer Seele hin, und um zu einem Ziele zu gelangen, das ihn auf irgend eine Art reizte, ſah er im Drange des Augenblicks und der Begier nicht immer ſorgfältig auf die Mittel, durch welche er daſſelbe erreichen konnte. Er bedurfte ſtets eines mächtigen Reizes, eines ſtarken Antriebes, um ſich nicht gelangweilt zu fühlen. In der Jugend war es die Liebe und das Ver⸗ gnügen geweſen, worin er Befriedigung geſucht; ſpäter kämpfte er mit Muth und Eifer für die Rechte und die Freiheit des Volks und war, allerdings auf Veranlaſſung ſeiner Gemahlin, ein geachtetes Mitglied der Confödera⸗ tion von Bar. Zuletzt, und abermals durch ſeine Gemahlin, war der Ehrgeiz in ihm erwacht; er hatte ſich dem Hofe genähert, war zum Senator ernannt worden und ſtand in hohem Anſehen bei dem Könige. Die Gräfin hatte ihn einſt leidenſchaftlich geliebt und ihre Ehe galt für eine ſehr glückliche. Zwar behaupteten böſe Zungen, wiewohl ihre Schönheit ihn bezaubert hatte, ſei er ihr doch nicht immer treu geweſen; ſie war indeß eine lebenskluge Frau, hatte nie Eiferſucht gezeigt und eine faſt unbedingte Herrſchaft über ihn gewonnen und 47 behauptet. Auch war ſie eine treue Gattin, eine außer⸗ ordentlich liebevolle Mutter und ſogar eine tüchtige Wir⸗ thin— und dennoch, welcher Unterſchied zwiſchen ihr und der Generalin, überhaupt welcher Unterſchied in dieſen beiden Ehen, die beide glücklich hießen.— „Felir Potocki ſchreibt, er und Rzewuski ſei von der Kaiſerin ſehr gut aufgenommen worden,“ ſagte Frau Strzelno.„Nächſtens reiſen ſie nach Targowica, um die Conföderation bekannt zu machen. Du begibſt Dich na⸗ türlich auch dahin?“ „Gewiß!“ verſicherte der Graf.„Wo iſt der Bote, welcher das Paket brachte?“ „Louis fertigte ihn ſogleich ab, erkundigte ſich aber⸗ vorher nach ſeiner Abreiſe. Er hält ſich morgen den Tag hindurch in Warſchau auf, da er aus Petersburg an mehrere Perſonen Beſtellungen hat.“ „Ich will ihm dann gleich meinen Dank für das gnädige Billet der Kaiſerin mitgeben, ſo wie die Antworten an unſere Verbündeten.“ „Das wollen wir morgen beſprechen,“ verſetzte die Gräfin.„Jetzt wird man unſere Abweſenheit bemerken, wenn wir uns noch länger hier aufhalten. Gehe nur zur Geſellſchaft zurück— ich ſchließe indeſſen die Pa⸗ piere ein.“ Er gehorchte und ging zu den Gäſten. Sie legte 48 die Briefe in ein Schubfach des Schreibtiſches und ſtand dann einen Augenblick ſinnend da. Die Thüre ging leiſe auf und Severin trat ein. Die Entfernung ſeiner Eltern hatte ſeine Aufmerkſamkeit erregt. Die ungewöhnliche Be⸗ wegung in den Zügen ſeiner Mutter überraſchte ihn noch mehr; auch der Vater, dem er eben begegnet, hatte nicht ſeine ſonſtige Selbſtbeherrſchung. „Was iſt geſchehen, Mutter?“ fragte er haſtig. „Geſchehen?“ wiederholte ſie.„Bis jetzt noch wenig, aber es wird nächſtens Viel geſchehen! Mein Sohn ſoll einſt König ſein!“ Severin ſah ſie ungewiß und erſchreckt an. War ſie wahnſinnig geworden? „Starre mich nicht ſo ungläubig an, Kind!“ ſagte ſie faſt feierlich.„Ich ſpreche im Ernſt— mein Sohn ſoll einſt König ſein!“ Den noch immer ſchönen, mit Juwelen geſchmückten Arm gebieteriſch erhoben, ſtand ſie vor dem erſtaunten jungen Mann ſtolz, triumphirend, ſiegesgewiß. Den ſchönen Kopf mit wallenden Federn und einem funkelnden Diadem geſchmückt, die nur mittelgroße, doch Achtung einflößende Geſtalt von Goldſtoff umwallt, Hals, Bruſt und Hände mit koſtbarem Geſchmeide bedeckt, glich ſie ſelber einer Königin. Ehe ihr Sohn ſich noch von ſeiner Ueberraſchung 49 erholt hatte, klangen durch das Oeffnen ferner Thüren einige Tacte der Muſik in das Kabinet. Sogleich fügte ſie mit leichterem Tone hinzu:„Das wundert Dich— natürlich. Bleibe hier, bis ich wiederkomme, und ich will Dir mehr ſagen. ZJetzt muß ich mich den Gäſten zeigen.“ Wie im Traume blieb Severin zurück. Seine Mutter durchſchritt mittlerweile den Tanzſaal, wie die übrigen Geſellſchaftsräume, wechſelte verbindliche Worte mit Allen, die grade nicht tanzten oder ſpielten, mahnte die Dienerſchaft, im Umherbieten der Erfriſchungen nicht ſäumig und unaufmerkſam zu ſein, und warf einen freundlichen Blick auf die glückſtrahlende Jadwiga, den entzückten Stanislaw: darauf kehrte ſie in ihr Kabinet zurück. Sie nahm Platz in einem Fauteuil und winkte Se⸗ verin, ſich ihr nahe zu ſetzen. Dann ergriff ſie liebevoll ſeine Hand und begann: „Ich war einſt ein harmloſes Mädchen, fröhlich in den Tag hineinlebend, ohne Sorge, wie ohne Nachden⸗ ken— kurz, wie Jadwiga. Meine Eltern waren nicht reich, nicht vom vornehmen Adel, daher erſchien es meinen Freunden und der ganzen Welt als ein großes Glück, daß Dein Vater um mich warb. Auch ich war glücklich, doch nicht, weil er Graf und reich war, ſondern weil ich ihn liebte. Mein Severin, wir liehen nie mit ganzer 50 Seele, ohne daß unſer Weſen erhoben und unſer Geſichts⸗ kreis erweitert wird. Ich war in Kurzem nicht mehr das einfache tändelnde Mädchen, ich ſchaute um mich und dachte. Das Elend Polens zerriß mein Herz— wann iſt eine ſeiner Töchter je gleichgiltig bei ſeinem Jammer ge⸗ blieben? Dein Vater nahm Theil an den Kämpfen für die Freiheit— wir brachten freudig große Geldopfer. Es war umſonſt, wie Du weißt, und ich härmte mich tief. Dafür ward mir aber ein anderer heißer Wunſch erfüllt— ich wurde nach mehrjähriger Ehe zum erſten Mal Mutter. Mit wie inbrünſtigen Wünſchen für ſein Glück neigte ich mich über das roſige Antlitz meines Erſtgebornen, über Dein Antlitz, Severin! O, ein Mann kann es niemals verſtehen, mit welcher Stärke und Innigkeit ein Mutter⸗ herz für ſeinen Liebling wünſcht, bangt und ſorgt; wie es nichts für zu ſchwer, für unmöglich und nnausführbar hält, was dieſes Kind groß und glücklich machen ſoll! Ich ſah nur eine einzige Stellung in der Welt, welche mir für meinen Sohn genügte. Auf jedem Standpunkt iſt der Menſch mehr oder weniger beſchränkt, eingeengt, un⸗ fähig, zu vollbringen, was er will. Nur auf einem Thron iſt er Herr ſeiner ſelbſt und ſeiner Handlungen, wenn er Kraft des Geiſtes und. Charakters beſitzt. Ich ſagte da⸗ her zu mir ſelber: Mein Sohn ſoll einſt König ſein!“ Ein Ausruf des Erſtaunens entrang ſich Severin's — 51 Lippen. Er hatte nicht erwartet, dieſes Wort wieder zu hören und zwar mit dem vollen Ausdruck des Ernſtes und der Ueberzeugung. „Und warum nicht?“ fuhr ſeine Mutter mit einem ſtolzen Lächeln fort.„Was einmal geſchah, kann ſich wie⸗ derholen; was Einem gelang, iſt für mich nichts Unmög⸗ liches. Polens Krone trugen ſchon ärmere Adelige, als der Sohn des Grafen Strzelno. Und das neueſte Beiſpiel habe ich ja vor Augen. Die Gräfin Marßtin war am franzöſiſchen Hofe erzogen und wünſchte die Bildung und Geſittung Frankreichs in unſerm Reich einzubürgern. Sie verheirathete ſich mit Caſimir Czartoriski, und ihr Salon wurde der Mittelpunkt aller Beſtrebungen, welche die nothwendigen Reformen anbahnten. Sie erhob die Macht und den Einfluß der Familie dadurch, daß ſie Künſte und Wiſſenſchaften beſchützte, Kenntniſſe und edle Sitten unter dem Adel zu verbreiten ſuchte. Der eine ihrer Söhne wurde Kanzler von Litthauen, der zweite Wojewoda von Rothrußland, die Tochter Conſtanzia, die Gemahlin Stanislaw Poniatowski's, des tapfern Waf⸗ fengefährten und treuen Freundes Karl's XII. und— die Mutter Stanislaw Auguſt's, unſeres Königs.“ Sie ſchwieg einen Augenblick und ſprach dann leb⸗ haft weiter:„Stanislaw Auguſt beſaß nicht die nöthigen Eigenſchaften, um den Glanz der polniſchen Krone zu 2 erhalten, oder vielmehr zu erneuern— war er ja doch ſchon längſt erblichen. Polen wurde das Opfer ſeiner Schwäche und die Theilung fand ſtatt. Ich weinte damals nicht, wie andere Frauen, ich preßte Dich an meine Bruſt und ſagte mit hochklopfendem Herzen: Der Knabe wird einſt Mann werden und ſeinem Vaterlande den alten Ruhm, die alte Macht wiedergeben. All' mein Sinnen und Denken und Thun war ſeitdem darauf gerichtet, Dich dieſem Ziele näher zu führen, die Hinderniſſe aus dem Wege zu räumen, welche ſich vorfanden. Roch kurze Zeit— und wir dürfen nur die Hand nach der Krone ausſtrecken und ſie auf Dein Haupt ſetzen.“ „Aber Mutter, das Wahlkönigthum iſt ja aufgehv⸗ ben— der Thron erblich und der Kurfürſt von Sachſen zum Thronfolger gewählt!“ wandte Severin ein. „Darüber mache Dir keine Sorge,“ verſetzte die Gräfin.„Dieſe Erblichkeit des Throns wurde gegen unſern Willen erklärt, wir ſtoßen ſie um. Katharina iſt gern. bereit, uns dabei zu helfen.“ „Wie, Rußland?“ rief der junge Mann unwillig und ſprang heftig auf.„Meine Mutter macht gemein⸗ ſchaftliche Sache mit den Verräthern, die unſer armes Volk dem Feinde überſiefern?“ Die Gräfin fühlte ſich davon nicht verletzt, ſie be⸗ trachtete den Jüngling vielmehr mit der Innigkeit einer Mutter, die auf ihren Sohn ſtolz iſt.„Denke immer ſo, Severin— auch wenn Du König ſein wirſt!“ ſagte ſie ernſt.„Von Rußland iſt uns noch nie etwas Gutes ge⸗ kommen, und wir dürfen ihm nicht vertrauen, wie jene Schwachköpfe, welche von der Kaiſerin Heil für Polen erwarten. Ich haſſe Rußland, allein die Nothwendigkeit zwingt uns oft, in der Politik unſere perſönlichen Empfin⸗ dungen und die beſſere Einſicht zu verleugnen. So lange der Reichstag ſich nur damit beſchäftigte, die Macht des Königs zu erweitern, die thörichten und ſchädlichen Pri⸗ vilegien des Adels abzuſchaffen, den untern Volksklaſſen Menſchenrechte zu geben, da war ich vollkommen mit ihm einverſtanden und für den Anſchluß an Preußen. Der Menſch hat als ſolcher ſeine Rechte, darf nicht zum Vieh herabgewürdigt werden, darum ſchenkten wir unſern Bauern die Freiheit. Aber das Oberhaupt des Staates darf auch kein leerer Schatten ſein, wenn nicht Geſetz⸗ loſigkeit und Anarchie die Oberhand erhalten ſoll, wie ſo oft in unſerer Republik. Die Verfaſſung vom dritten Mai hat in meinen Augen faſt nur einen Fehler, aber einen ſo großen, daß ſie geſtürtzt werden muß: die Erblich⸗ keit im Hauſe Sachſen. Als die überwiegende Mehrheit des Reichstags dieſen Punkt annahm und durchſetzte, ſchloßen wir uns nothgedrungen an Rußland. In Kurzem bildet ſich unter ruſſiſchem Schutz eine Conföderation gegen die Verfaſſung, und dann ſind zwei Fälle möglich. Ent⸗ weder tritt der König zu ihr—“ „Gewiß nicht!“ rief Severin.„Er hat geſchworen, die Verfaſſung aufrecht zu erhalten, und wird ſeinen Eid nicht brechen!“ ehre mich Stanislaw Auguſt nicht kennen!“ ſagte Frau Strzelno mit einer geringſchätzigen Hand⸗ bewegung.„Er iſt ein Schwächling— ſchwört und bricht Eide ohne großes Bedenken. Droht ihm Katharina, ſo verliert er gewiß den Muth, ihr zu trotzen, und was iſt dann leichter, als nach ſeinem Tode bewerkſtelligen, daß Du ſein Nachfolger wirſt? Geſetzt aber auch, er bleibt feſt, was ich jedoch nicht glaube, und was Niemand glaubt, der ihn näher kennt— ſo wird er entthront und Du nimmſt ſeine Stelle ein. Dies wäre mir freilich nicht ſo lieb, als das Erſte, allein es wird dazu auch nicht kommen.“ Severin wollte ſprechen— ſie winkte ihm jedoch zu ſchweigen und redete weiter:„Ich weiß, was Du ſagen willſt. Du fühlſt Abſcheu und Unwillen, daß wir Ruß⸗ lands Beiſtand gegen die Verfaſſung in Anſpruch neh⸗ men, hältſt die Rolle, zu welcher Du berufen biſt, für eine unwürdige. Kind, begreifſt Du es denn nicht, daß ein großer Zweck ſelbſt verwerfliche Mittel rechtfertigt, ja heiligt? Und was verlange ich denn von Dir, oder welches Unrecht begehen wir? Conföderationen zu bilden, 55 war ſtets das Recht der polniſchen Adeligen; edle Patrio⸗ ten haben es geübt und Rußlands Schutz angerufen. Das gereichte nicht zum Beſten des Vaterlandes, ich gebe es gern zu, allein es ſoll ja auch zum Letztenmale ge⸗ ſchehen. Biſt Du König, dann führſt Du die Verfaſſung wieder ein— ganz wie ſie da iſt, ſogar mit dem erblichen Thron— Deine Nachkommen mögen Polens Krone für immer tragen. Rußlands Macht darfſt Du bei einem feſten Anſchließen an den Weſten nicht fürchten, unſer Vaterland iſt ſtark genug, wie einſt Preußen dem Bunde aller ſeiner Nachbarn, der halben Welt zu widerſtehen, aber nicht mit einem Stanislaw Auguſt. Die Zeit wird auch eine mächtige Bundesgenoſſin für uns ſein, denn ſie bringt Aufklärung. Auf dem Reichstage von 1780 wurde das Geſetzbuch Zamoiski's verworfen— zehn Jahre ſpä⸗ ter waren die Ideen des Fortſchritts ſchon ſo tief in allen Klaſſen verbreitet, daß viel größere, umfaſſendere Re⸗ formen mit Jubel aufgenommen wurden, daß unſere Landsleute nicht mehr ihren perſönlichen Vortheil im Auge hatten, ſondern das Wohl des Staates. Sie büßen dadurch nichts ein, denn der wahre Vortheil eines Staa⸗ tes iſt auch der ſeiner Bürger und Angehörigen. Die Polen werden das mehr und mehr einſehen und Deine Regierung ſoll das goldene Zeitalter des Reiches wer⸗ den— unter Deinem Scepter ſoll ſich Polen die Civili⸗ 56 ſation des Weſtens aneignen, ſoll Glück, Friede und Wohlſtand auf unſern verwüſteten Ebenen, auf unſerem verwahrloſten Boden entſtehen. Ferne Jahrhunderte wer⸗ den noch Deinen Namen ſegnen— Severin der Große wird einer jener Fanale ſein, die in der Weltgeſchichte weithinleuchtend, durch das Dunkel der Zeiten ſtrahlen. Schwer iſt die Miſſion freilich, mein Sohn, aber mißfällt ſie Dir noch?“ Severin war geblendet, berauſcht. Eine Krone, der verlockende Glanz der Majeſtät, Völkerbeglückungspläne, die Ausſicht der Unſterblichkeit— welcher zwanzigjährige Kopf wäre davon nicht ſchwindlig geworden? Ein dü⸗ ſterer Gedanke nur umflorte die leuchtende Zukunft— was würde Marynia Dziekonska dazu ſagen, daß er und ſeine Familie ſich den Ruſſen anſchloß? Seine Mutter hatte ihn nicht umſonſt von Kindheit auf ſtudirt, geleitet, überwacht und— geliebt; es gab keine Nuance ſeines Charakters und keine Schattirung ſeiner Stimmung, die ihr entging, die ſie nicht voraus⸗ berechnen konnte; ſie begriff auch jetzt, was in ſeinem Innern vorging. Zärtlich ſeine Hand drückend, fragte ſie: „Biſt Du zu ſchwach, eine Zeit lang Verkennung und un⸗ verdiente Verachtung zu ertragen? Iſt das männlich, Severin? Sieh, ich bin kein Mann, allein ich bange nicht vor dem Unwillen und der Verachtung, womit mich Viele 57 betrachten werden, die ich ehre und achte. Die Meinung der Welt, ſelbſt ihre Begriſſe von Ehre ſind nicht maß⸗ gebend, dürfen es nicht werden, wo es ſich um ſo Großes handelt. Laß den Erfolg unſere Rechtfertigung ſein! Sind wir erſt am Ziele, dann möchte ich den Polen oder die Polin ſehen, welche Dich verdammen wird! Der Kö⸗ nig von Polen darf unter den Töchtern ſeines Landes wählen!“ Ein neuer Freudenrauſch umnebelte Severin's Geiſt. Wie ſchön mußte die Krone der hohen Stirn Marynia's ſtehen? Sie ſchien ihm wirklich zu einer Königin geboren zu ſein und unmöglich konnte ſie ihm ihre Liebe verſagen, wenn er einſt als Polens Herrſcher um ſie warb. War er überdies doch gewöhnt, daß man ihn den ſchönen Se⸗ verin oder den ſchönen Strzelno nannte und die Herzen der ſchönſten Mädchen ihm entgegen ſchlugen. „Ich ließ Dich nichts von meinen Plänen ahnen, weil ich Dir die jugendliche Unbefangenheit nicht trüben wollte; ich offenbarte mich überhaupt keiner Seele völlig, denn ich konnte mein Ziel nur erreichen, wenn Niemand es kannte. Auch bedurfte ich keines Vertrauten. Selbſt Dein Vater iſt nicht ganz eingeweiht— es hätte ihn oft beunruhigt. Zetzt konnte ich Dich nicht länger in Un⸗ wiſſenheit laſſen. Du mußt Dich ja doch auf Deinen künftigen Beruf vorbereiten.“ 1860. VI. Polniſche Mütter. 4 58 Severin kniete zu den Füßen ſeiner Mutter nieder und küßte ehrerbietig ihre Hand. Zwanzig Jahre hatte ſie ſich mit dieſem Rieſenplan getragen und ihn zu verwirklichen geſucht, ohne dabei eine vertraute Seele zu haben! Dieſe Charakterſtärke überwältigte ihn faſt und heiß gelobte er, auszuführen, was ſie von ihm erwartete, wenn ſie wirklich das Ziel ihres Strebens erreichte. Stolz und triumphirend neigte ſie ſich zu ihm nie⸗ der, ſtrich das Haar aus ſeiner Stirn und küßte ſie. Dann wiederholte ſie träumeriſch die Worte, welche ſie an der Wiege des Kindes geſprochen hatte:„Mein Sohn ſoll einſt König ſein!“ Biertes Capitel. Innere und äußere Angelegenheiten.„ Severin wurde in den folgenden Tagen in einen großen Theil deſſen eingeweiht, was ſich auf die Pläne ſeiner Mutter bezog. Ihm Alles zu ſagen, hielt ſie für unnöthig und auch für unklug. Die Doppelzüngigkeit und Falſchheit, womit ſie oft zu verfahren gezwungen ge⸗ weſen, um ihre Abſichten zu verhüllen und zu fördern, das vielfachverſchlungene Netz der Intriguen, welche ſie ſeit Jahren geſponnen, kurz: dasjenige, was nicht beſon⸗ ders rechtlich und ehrenhaft war, und wovon es gar Mancherlei gab, verbarg ſie ſorgfältig vor den Blicken ihres Sohnes. Er ſollte die Früchte ihrer Mühen genie⸗ ßen, ohne durch die oft mehr als zweideutigen Ideen, Worte und Handlungen befleckt zu ſein, durch welche das Ziel allein zu erreichen war. Sie wollte ihn rein erhal⸗ ten von dem, was ſie bei Beſtrebungen, wie die ihrigen, nicht vermeiden konnte, und vor Allem wollte ſie ſich ſel⸗ ber in ſeiner Meinung rein erhalten. Wie gewöhnlich junge Männer, die von einer gei⸗ ſtes⸗ und charakterſtarken Mutter zugleich angebetet und beherrſcht, verwöhnt und bewundert werden, beſaß Seve⸗ rin nicht Selbſtändigkeit, oder hatte vielmehr nie Gele⸗ genheit gehabt, dieſelbe zu entwickeln und zu üben. Er war gewöhnt, mit den Augen ſeiner Mutter zu ſehen, ſich auf ihr Urtheil zu verlaſſen, ſich ihrer Leitung hin⸗ zugeben. Auch beſaß er einen ſehr leichten Sinn und die Vergnügungsſucht der Jugend. Der Hof Stanislaw Au⸗ guſt's war überdies nicht der Ort, einem lebensluſtigen Jüngling ſtrenge Grundſätze einzuflößen. Doch durfte ſeine Mutter ihn nicht in die Falten ihres Innern und das Getriebe ihrer Machinativnen ſchauen laſſen. Ein lebhaftes Rechtsgefühl, die Empfänglichkeit für das Gute, 4½ 60 war ein weſentlicher Beſtandtheil ſeines Charakters; Selbſtſucht und Ehrgeiz in der niedrigen Bedeutung des Wortes war ihm fremd, obgleich ſeine Erziehung und ſeine Verhältniſſe ganz geeignet geweſen, Beides in ihm zu erwecken. Trotz ſeines leichtſinnigen Temperaments und der weniger äußerlichen, doch faſt unbegrenzten Un⸗ terordnung unter die Einſicht ſeiner Mutter, hätte er ſich nie zu Etwas herbeigelaſſen, was er für Unrecht er⸗ kannt. Die tiefe, begeiſterte Hingebung an das Vater⸗ land, welche in allen Schichten der Geſellſchaft glühte, war an ihm nicht ſpurlos vorübergegangen, obgleich er ſich bisher in jugendlicher Sorgloſigkeit weniger um die öffentlichen Angelegenheiten gekümmert hatte, als faſt jeder Andere. In jüngſter Zeit war eindeß eine wichtige Veränderung in ihm vorgegangen. Marynia's Lieblichkeit und Unſchuld hatte ſo dauernden Eindruck auf ihn ge⸗ macht, daß ſich erwarten ließ, dieſe Neigung werde ihn von ſeinen Fehlern läutern und ſeinem ganzen Weſen eine ſelbſtändigere Richtung geben.. Die Unterredung mit ſeiner Mutter, welche wir im letzten Capitel erzählt, hatte ihn tief erregt. Noch lange Zeit ging er wie im Traume umher, dann nahm er leb⸗ haften Antheil an dem, was ſie ihm ſagte, lauſchte ent⸗ zückt auf die Schilderungen, welche ſie von ſeiner Zukunft entwarf, ſah ſich im Geiſte ſchon die großen Entwürfe 61 ausführen, welche ſie unermüdlich vor ihm entrollte. Er beugte ſich bewundernd vor ihrem kühnen Geiſt, ihrem ſcharfen Verſtande, ihrer Großherzigkeit und hoher Ge⸗ ſinnung. Neben dem Zartgefühl und dem edlen Enthu⸗ ſiasmus einer Frau zeigte ſie in dieſen Geſprächen Kennt⸗ niſſe, Einſichten und Ideen, die einem Staatsmann Ehre gemacht hätten, der das eigene Selbſt freudig über das Wohl des Landes vergißt und die edelſten Zwecke nur mit den edelſten Mitteln zu erreichen ſtrebt. Die Schatten⸗ ſeiten ihres Charakters, wie die dunkeln Fäden in ihrem Gewebe verbarg ſie, wie geſagt, ſorgſam vor ſeinen Blicken. Er hätte ſich ſonſt mit Unwillen und Verachtung von ihr gewendet, und doch war ſeine Achtung und Liebe das dringendſte Bedürfniß ihres heißen, ſtolzen Herzens. Indeß nahm ſie Severin gegenüber keineswegs zur Ver⸗ ſtellung ihre Zuflucht. Er war ſehr unerfahren in Ge⸗ ſchäften und ahnte nichts von den Mitteln, deren ſie ſich oft bedient hatte; auch waren die edlen Eigenſchaften, welche er an ihr verehrte, nicht gradezu erheuchelt. Sie beſaß neben ſtarken Fehlern, neben Stolz, Ehrgeiz, Herrſch⸗ und Ränkeſucht, glänzende Vorzüge des Gei⸗ ſtes und eine erſtaunenswerthe Energie, Feſtigkeit und Selbſtbeherrſchung, auch innige Vaterlandsliebe. Die ſanften und milden Tugenden ihres Geſchlechts waren zwar größtentheils von jenen Fehlern überwuchert und er⸗ 62 ſtickt worden; die bittere Erfahrung, daß der Mann, den ſie leidenſchaftlich, mit der ganzen Hingebung ihres jun⸗ gen, unſchuldigen Herzens geliebt, ihrer nicht würdig war, hatte früh ihre Ideale zerſtört und ihr einen Skep⸗ ticismus eingeflößt, der nie und nimmer ein Weib be⸗ glückt. Der Graf war eben nicht ſchlechter, als andere Männer, das ſah ſie wohl ein, und ſie benahm ſich ge⸗ gen ihn ſo, daß ihre Ehe für eine der glücklichſten gelten konnte, gewöhnte ſpäter auch ihre Kinder zur Ehrerbie⸗ tung gegen ihn. Allein in ihrem Herzen hatte ſie das volle Bewußtſein ihrer Ueberlegenheit; allmälig bildete ſich daneben eine gewiſſe Verachtung gegen das ganze männliche Geſchlecht aus. Das qualvolle Gefühl des Un⸗ befriedigtſeins zehrte an ihrem Herzen, untergrub ihre guten Eigenſchaften mehr und mehr, und ließ die böſen die Oberhand gewinnen. Die Mutterliebe ſollte ihr ein Erſatz für alles Verlorene ſein.— Severin wurde ihr Idol. Sie hatte in ihm einen Zweck für ihr Leben.„Mein Sohn ſoll einſt König ſein!“ wurde ihre fixe Idee. Sie zu verwirklichen, ſcheute ſie nichts— Intrignen, Falſch⸗ heit, Beſtechungen, Verrätherei. Dabei hatte ſie faſt Alles abgeſtreift, was ſie noch an Gemüth und Edelſinn be⸗ ſeſſen, und nur den leeren⸗Schein davon behalten. Aber dieſe Liebe, welche ſie auf einen ſo verderb⸗ lichen Irrpfad geführt, beſaß auch die reinigende Kraft 63 jeder echten Liebe. So herzlos und verderbt die Gräfin ſonſt war, ihrem Sohne gegenüber ſchien ſie wie aus⸗ getauſcht, und ſie ſchien es nicht allein, ſie war es wirklich. Sie heuchelte nicht edle Empfindungen, um Se⸗ verin's Liebe zu erhöhen, ſeine Verehrung, ohne welche ſie nicht leben konnte, zu erhalten, ſie wurde in der That gut und großſinnig, denn ſie beſaß jene Fülle und Schwungkraft des weiblichen Gemüths, welche die längſt verdorrten Triebe des Guten wie durch einen Zauber in friſcher Kraft grünen und blühen macht, wenn der warme Sonnenſtrahl der Liebe das verödete Herz erleuchtet. Schaute die Gräfin in das ſchöne, erregte Geſicht des Sohnes, in ſeine liebevoll, faſt andächtig auf ihr ruhenden Augen, dann tauchte aus der trüben Fluth, welche allmälig ihr Inneres überſchwemmt hatte, der ganze urſprüngliche Reichthum ihrer Natur. Sie wurde mit ihm wieder jung und hoffnungsvoll, ſchwärmte mit ihm für die Beglückung des Volkes und die Unſterblich⸗ keit, glaubte für einen Augenblick ſelbſt an Alles, woran ſie ihn glauben machte, ſogar an die Reinheit ihrer Ab⸗ ſichten, die Berechtigung ihrer Umtriebe gegen die Ver⸗ faſſung. Was Severin's Neigung für Marynia betraf, ſo war ſie weit entfernt, derſelben zu widerſprechen, doch war 64 es ihr im höchſten Grade lieb, daß er keine Gelegenheit hatte, dem jungen Mädchen anders, als von ferne zu begegnen. „Das iſt keine Tändelei, keine flüchtige Erregung, es würde eine tiefe Leidenſchaft werden,“ ſagte ſie bei ſich ſelber.„Ich gönnte ihm von Herzen das Glück, welches er darin fände, allein jetzt wäre es mir noch gefährlich, käme er in die Nähe der Generalin und ihrer Tochter. Sie könnten meinen Einfluß auf ihn untergraben, ihn mit Abſcheu vor der Verbindung mit Rußland erfüllen, die doch nothwendig iſt, ſoll mein Ziel erreicht werden. Auch iſt die Hoffnung, einſt eine Krone in Marynia's Schvoß legen zu können, ein mächtiger Sporn, das Aeußerſte zu wagen. Erränge er vorher ihre Neigung, wer weiß, ob ihn das nicht unempfänglich machte für die Einflü⸗ ſterungen des Ehrgeizes; darum muß ich ihn ſo viel wie möglich von ihr zurückhalten, ohne ſein Mißtrauen zu erregen. Iſt mein Werk gelungen und ſeine Liebe noch nicht erkaltet, ſo— doch wie thöricht ich denke! Er wird ſie dann längſt vergeſſen haben und eine Prinzeſſin heim⸗ führen. Kenne ich denn nicht den Lauf der Welt und die Vergänglichkeit aller Gefühle, auch der reichſten und glühendſten? Nun, wir werden ſpäter ja ſehen— ſeinem Glück oder dem, was er dafür hält, werde ich nie ent⸗ gegen ſein.“— 65 Frau Dziekonska that auch Alles, um Severin von Marynia fern zu halten. Ihr waren ſeine bewundernden Blicke nicht entgangen, und ſie bangte um den Herzens⸗ frieden ihrer unerfahrenen Tochter, wenn es dem glän⸗ zenden und liebenswürdigen, aber als leichtſinnig be⸗ kannten jungen Hofmann gelang, ſich ihr zu nähern. Früher waren Jadwiga und Marynia zuweilen beiſam⸗ men geweſen, jetzt beſchränkte die Generalin dieſe Be⸗ ſuche unter dem Vorwand, Marynia dürfe nicht zerſtreut werden. Da es gleichfalls im Interſſe der Gräfin lag, die jungen Leute von einander fern zu halten, ſo be⸗ mühte Severin ſich vergebens, das Mädchen zu ſprechen. Seine Schweſter konnte ihm dazu auch nicht behülflich ſein, und als er einige Mal unter dem Vorwande, Sta⸗ nislaw aufzuſuchen, das Haus der Generalin betrat, richtete dieſe es ſtets ſo ein, daß er Marynia entweder gar nicht zu Geſicht bekam, oder doch nicht Gebegenheit hatte, mehr als einige gleichgültige Worte an ſie zu richten. So mußte er ſich begnügen, recht oft durch die Se⸗ natorenſtraße, in welcher ſie wohnte, zu gehen und zu reiten und nach ihrem Fenſter zu ſchauen. Auch beſuchte er fleißig die Kirche, in welche ſie mit ihrer Mutter ging. Doch Frau Dziekonska wechſelte, ohne den Anſchein von Abſichtlichkeit, die Kirche oder die Stunde des Kirchen⸗ 66 beſuchs, und feſſelte das junge Mädchen, welches ohne⸗ hin ſelten am Fenſter war, noch mehr im Fond des Zim⸗ mers. Ueberdies war Marhnia ſo unſchuldig und un⸗ erfahren, daß es ihr durchaus nicht auffiel, wenn ſie Se⸗ verin auf ihrem Wege oder in der Kirche traf, und ſeine heißen Blicke glitten ſpurlos an ihrem unerwachten Her⸗ zen ab. Severin war der Bruder Jadwiga's, die ihr lieb war und mit welcher ſich ihr Couſin Stanislaw nächſtens verloben ſollte, daher hatte er in ihren Angen auch eini⸗ ges Intereſſe, aber das war Alles, was ſie vorläufig für ihn empfand. Stanislaw und Jadwiga träumten indeſſen den ſüßen Morgentraum des Daſeins, der oft ſo kurz, als das Erwachen daraus qualvoll iſt, und dem zuweilen ein langer, ſchwerer und unerquicklicher Lebenstag folgt. Der Graf hatte vom General eine unbeſtimmte Friſt für die Ant⸗ wort auf die Bewerbung verlangt, und es war davon ferner keine Rede mehr. Die Sache ſchien ſtillſchweigend abgethan zu ſein; Stanislaw wurde von den Eltern ſtets freundlich empfangen, und die Mutter ließ, anſcheinend ganz ohne Abſicht, das Paar oft allein. Der junge Offi⸗ zier hörte keine Hindeutung, welche ihn darauf bringen konnte, ſeine künftigen Schwiegereltern hätten ſich der ruſſiſchen Partei ergeben. Jadwiga wußte nichts davon, Severin ſchloß ſich zwar mit großer Herzlichkeit an den 67 Schwager und hätte ihn gern zu ſeinem Vertrauten gemacht, allein die Mutter hatte ihn davor gewarnt. „Es iſt noch nicht Zeit, Dziekonski in unſere Pläne und Ausſichten einzuweihen,“ ſagte ſie einſt, als in Ge⸗ genwart ihres Mannes wieder die Rede auf die Noth⸗ wendigkeit kam, Stanislaw zu ihrer Partei herüberzuzie⸗ hen.„Der beſte und geeignetſte Zeitpunkt wäre der, wenn der König ſich für uns erklärt. Das kann nicht lange ausbleiben; das Heer iſt durch den Beſchluß des Reichtags— der uns damit vortrefflich in die Hände ge⸗ arbeitet— unter den Befehl des Königs geſtellt und folgt ihm natürlich. Die Meinung des Einzelnen geht dann im Gehorſam auf— der Eid, welcher der Verfaſſung gelei⸗ ſtet wurde, iſt nichtig, wenn der König ihn bricht. Sta⸗ nislaw wird ſich dann nicht widerſetzen können, wenn er auch wollte, und hoffentlich bald einſehen, auf welcher Seite die Klugheit und Polens, wie unſer wahrer Vor⸗ theil iſt.“ Die letzten Worte waren für den Grafen berechnet, der von den weitausſehenden Plänen keine Ahnung hatte, von der Gräfin aber überzengt worden war, die Verfaſſung müſſe mit Hülfe Rußlands geſtürzt werden. Uebrigens war er ſelber ein zu eingefleiſchter und vorurtheilsvoller Ariſto⸗ krat, um nicht dadurch gereizt zu ſein, daß dem Adel ſo viele Vorrechte entzogen worden waren. Auch hoffte er 68 durch ruſſiſchen Einfluß Ehrenſtellen und Auszeichnun⸗ gen zu erlangen, und das Handbillet der Kaiſerin hatte ihn für Rußland ganz enthuſiasmirt. Er ſchloß, wie das gewöhnlich geſchieht, von ſich auf Andere, und glaubte daher, Stanislaw Dziekonski werde wie er empfinden, denken und handeln, wenn er nur erſt das Vorurtheil ab⸗ gelegt hatte, Rußland ſei nicht ein eben ſo guter und noch beſſerer Verbündeter als Preußen. Dennoch theilte er die Anſicht ſeiner Gemahlin, es ſei am Beſten, den jungen Mann nicht dadurch ſtutzig zu machen, daß man ihn zu früh in das begonnene Spiel ſchauen laſſe. Die Gräfin war eine zu große Menſchenkennerin, um die Anſicht ihres Gatten zu haben. Sie wußte wohl, Stanislaw werde um Beförderung und Auszeichnung niemals das Vaterland verrathen, ſei auch zu verſtändig und zu wenig wetterwendiſch, ſich überreden zu laſſen, die ruſſiſche Partei habe nur Polens Wohl im Auge. Für Ehrgeiz und Eitelkeit glaubte ſie ihn mit Recht unzu⸗ gänglich, dagegen rechnete ſie auf ein anderes, nicht min⸗ der mächtiges Motiv— auf ſeine Liebe. Jadwiga's Hand follte der Preis des Uebertrittes ſein. Um ſeiner deſto ſicherer zu werden, ließ ſie ihn oft mit ihrer Tochter allein; ſie wußte, daß Jadwiga mehr als ein liebliches Aeußere beſaß, und daß die Liebe des jungen Mannes ſich beträchtlich ſteigern mußte, wenn er Gelegenheit hatter 69 ſie ungeſtört zu ſprechen und ſie näher kennen zu lernen, als das auf Bällen oder in Gegenwart einer dritten Per⸗ ſon möglich war. Aber nicht allein um Dziekonski inniger an ihre Tochter zu feſſeln, ward eine beſtimmte Erklärung und die Veröffentlichung der Verbindung hinausgeſchoben. Graf Palowski war ein einflußreicher Mann in Lit⸗ thauen. Frau Strzelno hatte ihn für eine Intervention Rußlands zu ſtimmen gewußt, und die Ausſicht auf die Hand Jadwiga's kettete ihn unauflöslich an ihr Intereſſe, machte ihn zu ihrem gehorſamen Werkzeug. Es that ihr jetzt beinahe im Ernſte leid, daß ihre Tochter ihr Herz an Stanislaw verſchenkt hatte, denn jedenfalls war der angeſehene Graf ein viel paſſenderer Schwiegerſohn für die ſtolze Frau, welche nach einer Königskrone für den Sohn ſtrebte, als der junge, unbekannte Offizier, der zwar einiges Vermögen beſaß, doch nur wenig im Ver⸗ hältniß zu jenem. Allein Jadwiga's Glück lag nun ein⸗ mal in Stanislaw's Hand, und obwohl die Gräfin ihre Tochter wenig liebte, im Vergleich zu der Zärtlichkeit, mit welcher ſie den Sohn umſchloß, ſo war ſie doch gern bereit, ihr Glück zu fördern, ſobald nur das In⸗ tereſſe Severin's nicht darunter litt. Dann war Dzie⸗ konski auch muthig und talentvoll, er konnte einſt wich⸗ tige Dienſte leiſten, wenn es die letzten entſcheidenden 70 Schritte galt, und war das Ziel erreicht, ſo gab es ja nichts Leichteres, als ihn zu dem höchſten militäriſchen Poſten im Reiche zu erheben und ſo dem Schwager des Königs eine würdige Stellung anzuweiſen. Er ſollte Jadwiga's Hand haben, das war in ihrem Herzen be⸗ ſchloſſen, doch ſo lange dieſe Hand in den Augen der Welt noch frei war, hatte ſie mit dem Grafen ein leich⸗ teres Spiel, und auch aus dieſem Grunde wollte ſie die Verlobung ſo lange verzögern, als es anging. Später, wenn Palowski ſich erſt für Rußland erklärt hatte und ein Rücktritt nicht leicht war, dachte ſie ihn auch ohne die Hoffnung auf Jadwiga's Hand bei ihrer Partei zu er⸗ halten, denn er erſchien ganz als der Mann, der von ihr beherrſcht und gegängelt werden konnte. Es verſteht ſich von ſelber, daß ſie ihn nicht tiefer in ihre Karten blicken ließ, als ihren Gatten. Dieſer erbat ſich mittlerweile Urlaub vom König und verreiſte, angeblich auf ſeine Güter.— Der politiſche Horizont hatte ſich ſeit dem dritten Mai für Polen täglich mehr umwölkt. Die beunruhigend⸗ ſten Nachrichten über den Anmarſch der ruſſiſchen Trup⸗ pen liefen ein, das gute Einverſtändniß zwiſchen dem Pe⸗ tersburger und Berliner Kabinette war hergeſtellt, und die lichtſcheuen Umtriebe der Partei gegen die Conſtitution mehrten ſich. Der vereinigte Reichstag behielt mittler⸗ „ 71 weile ſeine achtunggebietende Stellung bei und belebte dadurch den Muth der Nation. Nie hatte mehr Eintracht in den Berathungen geherrſcht, die wichtigſten Entſchei⸗ dungen gingen einſtimmig durch und alle nöthig ſchei⸗ nenden Vorbereitungen für den äußerſten Fall wurden ge⸗ troffen. Der König erhielt eine Macht, wie ſie keiner ſeiner Vorfahren beſeſſen hatte, und wurde faſt abſoluter Herrſcher. Und er rechtfertigte auch das Vertrauen, welches ſein Volk in ihn ſetzte, durch die ſchönſten Worte und Verſprechungen. Wiederholt erklärte er:„Keine Macht ſei im Stande, die Grundſätze zu erſchüttern, zu denen er ſich bekenne und die er kundthun werde, indem er nöthigenfalls ſein Leben daran ſetze, die Verfaſſung auf⸗ recht zu erhalten und das Glück ſeines geliebten Landes zu befeſtigen.“— Am achtzehnten Mai wogte die Bevölkerung War⸗ ſchaus wieder auf den Straßen, wie vor zwei Wochen. Doch malte ſich jetzt ſtatt der Freude oder Neugier— Furcht, Verzweiflung und Rachedurſt auf allen Geſich⸗ tern. An den Straßenecken und auf den öffentlichen Plätzen ſtanden dichte Gruppen und laſen und beſprachen die Erklärung, welche der ruſſiſche Miniſter im Namen ſei⸗ ner Kaiſerin eingereicht hatte. Dem Reichstag wurde darin vorgeworfen, daß er ſich conföderirt, ſeine Dauer verlängert und einen Vertrag mit der Pforte abgeſchloſſen 72 habe. Alle dieſe Uebergriffe und Vergehungen verſprach die Kaiſerin zu verzeihen, wenn der Eid auf die Ver⸗ faſſung zurückgenommen würde, welche ſie nie anerkannt habe, und wenn die Polen ihr ganzes Vertrauen auf die Uneigennützigkeit und Seelengröße ſetzten, die alle Schritte Katharina's lenke. Sie wolle, hieß es ferner, die Ver⸗ pflichtung erfüllen, welche ihr durch die Gewährleiſtung auferlegt ſei, und dürfe nicht dulden, daß Polen Verän⸗ derungen in ſeinen Inſtitutionen treffe. Die größeren Staaten, und namentlich die deutſchen, ſeien weit ent⸗ fernt, dergleichen Gewährleiſtungen zurückzuweiſen, ſie ſuchten ſie vielmehr und wüßten ſie zu ſchätzen als Bezie⸗ hungen, welche ihr Gebiet und ihre Unabhängigkeit auf das Beſtimmteſte ſicherten. Dieſe Erklärung kam Vielen nicht unerwartet, die Menge berührte ſie jedoch wie ein Donnerſchlag. Der preußiſche Beiſtand, welchen der König und der Reichstag nun verlangten, wurde verweigert:„da ſich die Verhält⸗ niſſe völlig geändert hätten, ſeitdem das Bündniß ge⸗ ſchloſſen worden.“ So war Polen denn auf ſich ſelber angewieſen und große Rüſtungen wurden gemacht. — 05 Fünftes Capitel. Die Conföderation von Targowica. „Da kommt Stanislaw!“ ſagte Jadwiga, welche am Fenſter ſtand, zu ihrer Mutter.„Aber was hat er denn— er iſt bleich und verſtört!“ „Aengſtige Dich nur nicht, liebes Kind!“ verſetzte die Gräfin.„Es iſt wahrſcheinlich nichts von Bedeu⸗ tung— höchſtens wird ſeine Liebe eine Prüfung beſtehen. Liebte er Dich nicht, dann freilich hätteſt Du Urſache, zu bangen und zu erbleichen.“ Dieſe Worte waren nicht geeignet, Jadwiga's Un⸗ ruhe zu beſchwichtigen, auch trat Stanislaw faſt in dem⸗ ſelben Augenblick ein. Er war in ſo großer Aufregung, daß er kaum einen Blick für das junge Mädchen hatte, und reichte nach flüchtigem Gruß der Mutter ein Pa⸗ pier hin. „Was ſoll ich davon denken, Frau Gräfin?“ fragte er mit zitternder Stimme. Sie warf einen Blick auf das Papier— es war die Urkunde der Conföderation, welche von dem kleinen podo⸗ liſchen Städtchen, in welchem ſie zuerſt bekannt gemacht wurde, den Namen der Conföderation von Targowica er⸗ 1860, VI. Potniſche Mütter. 5 74 hielt. Nur zwölf Edelleute hatten das Actenſtück unter⸗ ſchrieben, unter ihnen Graf Strzelno. „Nehmen Sie Platz, Dziekonski, und hören Sie mich ruhig an!“ ſagte die Gräfin freundlich.„Ich be⸗ dauere, daß die Sache ſchon ſo früh zwiſchen uns zur Sprache kommt, allein je eher wir—“ „Es iſt alſo wahr!“ unterbrach ſie der junge Mann heftig.„Es iſt wirklich wahr— kein Irrthum, keine Ver⸗ wechſelung— keine Fälſchung— wie ich einen Augen⸗ blick hoffte!“ „Was gibt es denn aber— was iſt geſchehen?“ fragte Jadwiga beſtürzt. Stanislaw wandte ſich heftig zu ihr:„Dein Vater hat ſeinen Namen mit ewiger Schmach bedeckt, indem er ihn unter dieſe Acte ſetzte! Er hat die Verachtung jedes Edeldenkenden, den Fluch des ganzen Volkes auf ſich ge⸗ laden— er hat ſich mit Rebellen zum Verderben des Va⸗ terlandes verſchworen, und Rußland's Heere über unſere Grenzen gerufen!“* „Stanislaw, mäßige Dich!“ rief das Mädchen angſtvoll. Aber der leidenſchaftliche Jüngling war zu tief em⸗ pört, er dachte in ſeiner Entrüſtung nicht daran, daß von der Gräfin, die er beleidigte, das Glück ſeines Herzens abhing, und wollte lebhaft weiter reden. Frau Strzelno 75 fiel ihm jedoch in's Wort. Seiner Heftigkeit gegenüber bewahrte ſie vollkommen ihre Selbſtbeherrſchung und ſagte mit Würde: „Vergeſſen Sie nicht, wo Sie ſind und zu wem Sie ſprechen, Herr Dziekonski. Es ziemt ſich wenig, vor ziner wehrloſen Frau und ihrer Tochter den Gatten und Vater zu ſchmähen. Indeſſen bin ich fern von kleinlicher Em⸗ pfindlichkeit und verzeihe dieſe Aufwallung, weil ich ihre Urſache zu ſchätzen weiß. Laſſen Sie ſich jedoch von Ihrer Vaterlandsliebe nicht parteiiſch und ungerecht machen und hören Sie, was ich Ihnen ſagen will. Ich hoffe, Sie werden Ihre Anſicht, wenigſtens zum Theil, ändern!“ Stanislaw zuckte die Achſeln. Unausſprechlich bittere Gefühle wogten in ſeiner Bruſt; es ſchmerzte ihn tief, daß einige ſeiner Landsleute ſo verblendet oder nichts⸗ würdig waren, das Vaterland zu verrathen, daß aber der Vater ſeiner Geliebten zu den Verräthern gehörte, war für ihn natürlich noch unendlich ſchmerzlicher. Auch erinnerte er ſich der Anſpielungen und Andeutungen, die Jadwiga's Eltern früher hatten fallen laſſen, die er in ſeiner Argloſigkeit jedoch nicht verſtanden hatte. Er machte ſich Vorwürfe, daß er ſo blind und ſorglos geweſen war und nicht einmal da, als die Seinigen ihn warnten, die wahre Sachlage erkannt hatte. Wie Schuppen fiel es jetzt von ſeinen Augen— der Graf und die Gräfin hatten 5*½ alſo wirklich gedacht, ihn auf ihre Seite hinüber zu ziehen, und Jadwiga ſollte der Köder ſein! Sie war unſchuldig, wußte nichts von der Rolle, die man ſie ſpielen ließ— daran zweifelte er keinen Augenblick. Aber für wie cha⸗ rakterlos und niederträchtig hatten ihn denn dieſe Leute gehalten, wenn ſie im Ernſt gedacht, er ſei fähig, Polen zu verrathen? Schmerz um ſein Vaterland, Zorn und Verachtung gegen die Verräther, Unwille gegen ſich ſelbſt, gekränkter Stolz und Sorge um ſein und der Geliebten Glück, zuckten blitzſchnell durch ſein Inneres— allein dieſe Frau, welche ihm jetzt ſo verächtlich ſchien, wie er ſie früher hochgeſchätzt hatte, ſollte es nicht wiſſen, was in ihm vorging. Mit einer mächtigen Anſtrengung bezwang er ſeine Aufregung und ſagte kalt und förmlich:„Ich höre, gnädige Frau. Doch nur, weil Sie Jadwiga's Mutter ſind— ſonſt wäre jedes weitere Wort überflüſſig!“ Die Gräfin war etwas außer Faſſung. Sie hatte Vorwürfe, Klagen und heftige Worte erwartet, und dann Reue und Beſchämung über ſeine Heftigkeit, worauf ihre Beredtſamkeit und Jadwiga's Liebreiz das Uebrige thun ſollten. Seine Selbſtbeherrſchung imponirte ihr; ſie ſah ein, daß ſie ſich in dieſem jungen Mann geirrt hatte, und fühlte ſich dadurch gedemüthigt.. „Sie ſind eine kluge, geiſtreiche Frau,“ fuhr Sta⸗ nislaw mit einem Anflug von Trauer fort—„aber in „ 77 mir haben Sie ſich doch geirrt, und vergebens iſt Alles, was Sie ſagen könnten, um mich zu gewinnen.“ „Mein Herr, es bedarf zwiſchen uns auch nur weniger Worte!“ ſagte die Gräfin haſtig. Sie hielt ſeine Wehmuth für Hohn und verlor, zum Erſtenmal ſeit einer Reihe von Jahren, die Geduld, ihren Plan ſo auszufüh⸗ ren, wie ſie ſich vorgenommen. Es ſchien ihr nutzlos, ſich ferner Mühe um Stanislaw zu geben, und ſie begehrte eine ſchnelle Entſcheidung, obwohl ſie vorausſah, daß ſie ihn dadurch verlor. Raſch fügte ſie hinzu:„Sie begrei⸗ fen, daß wir unſere Tochter keinem Manne geben wer⸗ den, der die Anſichten und Handlungen des Grafen ſchmäht, wie Sie es eben gethan. Unſer Schwiegerſohn muß zu uns gehören.“ „Das erwartete ich!“ ſagte Dziekonski erbleichend. „Aber nichts in der Welt darf mir theurer ſein, als mein Vaterland und meine Pflicht!“ „Da ſiehſt Du, kleine Thörin, wie hoch man Deine Liebe ſchätzt!“ wandte ſich Frau Strzelno höhniſch zu ihrer Tochter. Dieſe war bisher ganz ſtumm und verwirrt geweſen, jetzt rief ſie halb erſchreckt, halb ungläubig:„O Sta⸗ nislaw, Du liebſt mich alſo nicht?“ „Könnteſt Du daran zweifeln?“ fragte er vor⸗ wurfsvoll. 2 78 Sie warf ſich an ſeine Bruſt und ſagte innig:„Ich laſſe Dich nicht— Du darfſt nicht von mir ſcheiden, denn ich kann ja nicht leben ohne Dich. Und Deine erſte Pflicht iſt, die Eide zu halten, welche Du mir ſchwurſt. Dein Arm, ſo tapfer er iſt, wird Polen wenig nützen, es iſt ja nur ein einzelner, für mich biſt Du Alles, die Welt.— Das Vaterland kann ohne Dich beſtehen— ich aber nicht; es hat noch viele Söhne, die es vertheidigen mögen, ich kann mein Glück in Keinem finden, als in Dir— Du darfſt mich nicht verzweifeln laſſen.“ „Ich war thöricht, mich überhaupt darin zu mi⸗ ſchen— das Mädchen verſteht beſſer wie ich, mit dieſem ſtolzen Jüngling umzugehen!“ dachte die Gräfin.„Die Liebe und die Natur iſt eine geſcheidtere Lehrmeiſterin, als Klugheit und Berechnung. Er müßte kein Mann ſein, könnte er dieſem Ton, dieſen Blicken widerſtehen. Es war gut, daß ich Jadwiga nicht in meine Pläne einweihte— ſie iſt viel hinreißender in ihrer Unbefangenheit.“ Stanislaw kämpfte einen ſchweren Kampf.„Jad⸗ wiga, habe Mitleid mit mir!“ ſagte er envlich mit er⸗ ſtickter Stimme.„Ich leide vhnedies genug. Du zerreißeſt mein Herz und machſt mir das Scheiden noch tauſend⸗ mal ſchwerer.“ „Du ſprichſt vom Scheiden? Dann geh', ich halte Dich nicht!“ rief ſie und entzog ſich ſeinen Armen.„Du 79 haſt mich nie geliebt— Deine Liebesworte waren Heuche⸗ lei und Deine Schwüre Betrug.“ In Thränen ausbrechend, warf ſie ſich auf ein So⸗ pha und verhüllte ihr Geſicht. Die beredteſten Betheuerungen, alle Worte der Welt hätten nur unvollkommen ausgedrückt, was Stanislaw empfand, und er war nicht einmal im Stande, einen Laut über ſeine Lippen zu bringen. In unſäglichem Weh kniete er zu ihren Füßen nieder und küßte ſchweigend ihre Hand, die ſie ihm nur widerſtrebend ließ. Das ver⸗ wöhnte Grafenkind hatte faſt nie einen Widerſpruch ge⸗ funden und fühlte ſich in ſeiner Liebe und ſeinem Stolz gleich gekränkt. „Soll ich Dich mit einem Verrath an dem erkaufen, was dem Manne das Heiligſte iſt? Könnteſt Du mich dann noch achten?“ ſtieß er mühſam heraus. „Er kennt etwas Heiligeres, als ſeine Liebe!“ rief Jadwiga händeringend.„Und ich, ich eitle Thörin glaub⸗ te, er liebe mich— liebe mich, wie ich ihn liebe. Iſt es etwa kein Verrath, ein Mädchenherz zu bethören und es dann grauſam brechen zu laſſen? Geh', ich wünſchte, ich hätte Dich nie geſehen— ja, ich haſſe Dich!“ „Lebe wohl!“ ſagte er tonlos und erhob ſich. Es that ihm unausſprechlich weh, ſo von ihr zu ſcheiden, allein er ſah ein, daß ſie im Paroxismus ihres Schmer⸗ zes nicht auf ihn hören werde. In der Thür blieb er ſte⸗ ſten; faſt unwiderſtehlich zog es ihn zu ihr zurück, doch ſein Blick begegnete dem Auge der Gräfin, das mit dem Ausdruck großer Spannung auf ihm ruhte. Haſtig machte er ihr eine Verbeugung und eilte hinaus. „Er geht wirklich!“ ſagte die Gräfin mit einer Art Bewunderung. Sie war unwillig darüber, daß ſie ſich in ihm getänſcht hatte, Jadwiga dauerte ſie und zugleich fühlte ſich ihr Stolz als Frau und Mutter dadurch ver⸗ letzt, daß ein Mann der Liebe, den Thränen und dem Flehen ihrer Tochter widerſtehen konnte— dennoch zwang ihr Dziekonski's Feſtigkeit Achtung ab. Sie war ge⸗ wöhnt, die Männer für Sklaven ihrer Schwächen oder Leidenſchaften zu halten, und wunderte ſich faſt, daß die⸗ ſer Züngling im wildeſten Aufruhr der Gefühle die Kraft hatte, ſeinen Grundſätzen treu zu bleiben. „Armes Kind, es hätte ſo glücklich ſein können— glücklicher, als ſeine Mutter war!“ dachte ſie mit einem Blick des Bedauerns auf Jadwiga, die ſich in wildem, ungeberdigem Schmerz das Haar zerraufte und ſich ſchluchzend auf dem Sopha umherwarf. Bald aber ſtieg ein anderer Gedanke in ihr auf. Sie freute ſich, daß ſie ſo vorſichtig geweſen, Severin einer der Geſandtſchaften an die fremden Höfe zugeſellen zu laſſen, welche damals den Polen Alliirte werben ſollten. Sie hatte es für zweck⸗ 81 mäßig gehalten, daß er dieſe Zeit hindurch nicht in War⸗ ſchau war, in welcher er den Namen ſeines Vaters nur mit Verwünſchungen gehört hätte. Er war am vorigen Tage abgereiſt und durfte von dem eben Vorgefallenen nichts erfahren. Das Herzeleid ſeiner Schweſter hätte ihm weh gethan, er hätte die Mutter grauſam gefunden, welche es veranlaßt. Noch weniger durfte er aber Sta⸗ nislaw ſprechen, denn deſſen lebhafte und gerechte Entri⸗ ſtung hätte ihm über die Schritte ſeiner Eltern die Augen geöffnet. Nach einiger Zeit trat Frau Strzelno zu ihrer Tochter und ſuchte ſie zu beruhigen, indem ſie auf die Aeußerun⸗ gen einging, welche das junge Mädchen vorhin gegen Stanislaw gethan. Sie nannte es Vorurtheil und Hart⸗ näckigkeit, was ihn an die Conſtitution feſſelte, ſchalt ſeine Liebe lau und ſelbſtſüchtig, ſuchte Jadwiga's Stolz zu reizen. Nebenbei ſchilderte ſie ihr den Beitritt ihres Vaters zur Conföderation als etwas ſehr Verdienſtliches, und ſuchte ihr zu beweiſen, daß Polens wahres Wohl von dem Anſchluß an Rußland abhänge. Jadwiga's Thränen floßen nach und nach milder und ſtockten zuletzt ganz, doch brachten die Worte der Mutter einen dem beabſichtigten ganz entgegengeſetzten Eindruck hervor. Sie hatte ſich wenig um Politik ge⸗ kümmert— auffallend wenig für eine Polin, und ſelbſt 82 Stanilaw's Begeiſterung hatte faſt nur darum ein Echo in ihr gefunden, weil ſie ihn liebte. Aber ſie liebte ihn eben mit der ganzen Glut ihrer leidenſchaftlichen Natur, ſie war ſich der Gewalt ihrer Empfindung erſt bewußt geworden, als ſie ſah, daß ſie ihn verlieren ſollte, und ihr bisher von jedem Leid, jedem Kummer verſchont geblie⸗ benes Herz hatte ſich rebelliſch gegen eine Nothwendigkeit aufgelehnt, die es weder begreifen konnte noch wollte. Zetzt begann ſie jedoch einzuſehen, daß ſie ſich thö⸗ richt benommen und Stanislaw Unrecht gethan habe. Die Mutter hatte ſie ſtets freundlich behandelt, ihr das Leben angenehm gemacht und ſie lächelnd gewähren laſ⸗ ſen; ſie liebte alſo ihre Mutter, und in ihrer fröhlichen Sorgloſigkeit hatte ſie es nie bemerkt, oder doch kein Ge⸗ wicht darauf gelegt, daß dieſe den Bruder ihr vorzog. Uebrigens war dieſer Vorzug zum Theil ausgeglichen worden durch die Vorliebe, welche der Vater für ſie hatte. Auch war ſie zu kindlich und arglos, um je an ihrer Mutter, die ſich überdies trefflich zu beherrſchen verſtand, einen Fehler zu entdecken; allein jetzt fühlte ſie inſtinktiv, daß ſie hatte benutzt werden ſollen, um Stanislaw für die Partei ihrer Eltern zu gewinnen. Das empörte ſie tief und zeigte ihr die Sache der Conföderation in viel mißlicherem Lichte, als es ſonſt vielleicht der Fall geweſen wäre. Dann hätte ſie auch nicht ſo heiß und innig lieben 83 müſſen, um Stanislaw's Anſicht nicht für unfehlbar zu halten, ſobald die erſte Aufregung vorbei war. Ueber⸗ haupt läßt ſich wohl leicht Jemand, der heftigen Tempe⸗ raments iſt, zu Anſchuldigungen gegen eine geliebte Per⸗ ſon hinreißen, wird aber eben ſo leicht ſchon im nächſten Augenblick aus dem heftigſten Ankläger der feurigſte Ver⸗ theidiger, wenn ein Britter dieſe Vorwürfe wiederholt. „Nein, Mutter, ſchilt ihn nicht!“ antwortete ſie daher ernſt und innig.„Ich weiß, er liebt mich aufrich⸗ tig; daß er aber dieſer Liebe ſeine Ehre und die Pflicht gegen das Vaterland nicht opfert, darum liebe ich ihn nur um ſo glühender. Ich war vor Schmerz unſinnig, als ich verlangte, ich ſolle ihm über Alles gehen, und hätte ihn nicht länger achten können, wenn er ſich nach⸗ giebig gezeigt. Wollte Gott, Alle, die ich liebe, ſtänden ſo rein und ehrenwerth vor mir, wie er. Ich habe kein Recht, über die Handlungen des Vaters und die Deinen zu urtheilen— ich verſtehe nichts von Politik und Staats⸗ intereſſen, und muß es daher dem Gewiſſen eines Jeden überlaſſen, zu entſcheiden, ob er im Irrthum iſt oder nicht. Aber es war Unrecht von Dir und vom Vater, uns in Unwiſſenheit über Eure Pläne zu laſſen. Entweder hättet Ihr nicht zugeben ſollen, daß wir uns näher traten und ₰ mit Eurer Einwilligung als ein Paar betrachteten, oder—“ 84 „Ich wollte Dein Glück nicht trüben, Dich wenig⸗ ſtens einige ſelige Stunden genießen laſſen!“ unterbrach ſie die Gräfin. „Dann laß mir mein Glück für immer ungetrübt, trenne uns nicht, obgleich Stanislaw ſeiner Fahne treu bleibt!“ verſetzte das Mädchen ſchnell und hoffnungsvoll. „Thörichtes Kind— ſoll Dein Gatte Deinem Vater und Bruder mit dem Schwerte in der Hand gegenüber ſtehen?“ fragte die Gräfin ſtreng, und feſt ſetzte ſie hin⸗ zu:„Nur Einer der Unſern wird mein Schwiegerſohn, vergiß das nicht. Kannſt Du ihn bewegen, der Conföde⸗ ration beizutreten, ſo will ich deinetwegen die heutige Be⸗ leidigung vergeſſen!“ Jadwiga richtete ſich ſtolz auf.„Schande über mich, wenn ich mich dazu hergäbe!“ rief ſie mit blitzen⸗ den Augen.„Nur als ich nicht wußte, was ich that, konnte ich ihn zu einem Ehrloſen, einen Verräther ma⸗ chen wollen, ſeitdem ich zur Erkenntniß kam, ſoll die Liebe zu mir ihm nicht zur Verſuchung werden. Wäre er nicht ſo rein und ehrlich, und kennte er nicht jede Falte meines Innern, ich würde mich ſchämen, die Augen vor ihm auf⸗ zuſchlagen; ſo aber weiß ich ja, daß er nicht glaubt, ich ſei eingeweiht geweſen in das Spiel, welches man mit ihm trieb. Aber laß uns davon abbrechen; das weitere Reden könnte mich Dinge ſagen laſſen, die dem Munde einer Tochter ſchlecht anſtehen!“ Mit Ueberraſchung ſah die Gräfin die Verände⸗ rung, welche eine Stunde des Schmerzes in dem heitern, argloſen und anſchmiegenden Mädchen hervorgebracht. Sie konnte es ſich nicht ableugnen, daß ſie einen großen Theil der Autorität über ihre Tochter verloren hatte, und ließ es ſchweigend geſchehen, daß dieſe auf ihr Zimmer ging.— Stanislaw hatte einen ſtolzen, verſchloſſenen Sinn— Nichts war ihm unerträglicher, als Mitleid, ſelbſt das ſeiner nächſten Angehörigen, und mit feſter Beharrlichkeit verſchloß er ſeine Verzweiflung in ſein Inneres. Der Stand der öffentlichen Angelegenheiten war auch ſo be⸗ ſchaffen, daß Diejenigen, welche ſeine Neigung für die Tochter des Grafen Strzelno nicht kannten, die Bläſſe ſei⸗ nes Geſichts und den unverkennbaren Ausdruck des tief⸗ ſten Seelenſchmerzes in ſeinen Zügen der Aufregung zu⸗ ſchrieben, in welcher ſich in dieſen Tagen jeder Freund des Vaterlandes befand. Und Diejenigen, welche um ſeine Liebe wußten, kannten auch ſeine Verſchloſſenheit, und fanden ſie ſo unnahbar, daß ſie ihn nicht fragten, was ihm im Hauſe der Gräfin begegnet ſei. Der Gene⸗ ral drückte ihm nur warm die Hand und die Stimme der Frau Dziekonska hatte einen weichen Klang, wenn ſie ſich an ihn wandte. 86 Uebrigens hatte der junge Offizier nicht viel Zeit, ſeinem Schmerz nachzuhängen, denn ſeine Truppenabthei⸗ lung ſollte ins Feld rücken. Mitten in den Vorbereitun⸗ gen dazu erhielt er einen Brief von Jadwiga, der ſein Herz bedeutend erleichterte. Sie ſchrieb ihm ungefähr, was ſie ihrer Mutter geſagt hatte, bat ihn um Verzei⸗ hung und fügte hinzu, daß ſie die politiſchen Anſichten ihrer Eltern, welche dieſelben ſo lange verſchwiegen hat⸗ ten, nicht als einen Grund anerkenne, ihn zu vergeſſen, oder die Eide zu brechen, welche ſie ihm geſchworen. Jadwiga's Magd hatte den Brief beſorgt und durch ihre Vermittelung gelangte auch Stanislaw's Antwort in die Hände ihrer Herrin. Ehe er ausrückte, hatten Beide eine Zuſammenkunft, um Abſchied von einander zu neh⸗ men. Jadwiga fand kein Unrecht in dieſem heimlichen Verkehr, ſie meinte:„Haben meine Eltern denn ein Recht, über mich und mein Herz wie über eine Waare zu ſchalten, die ein Preis für den Uebertritt zu ihrer Partei iſt? Sahen ſie ruhig zu, wie dieſe Liebe zur Lei⸗ denſchaft erwuchs, ſo bin ich auch berechtigt, dieſer Lei⸗ denſchaft zu folgen, obgleich ſie ihnen mißfällig gewor⸗ den iſt!“ Stanislaw hatte natürlich noch weniger Skrupel über die Rechtmäßigkeit dieſes Verhältniſſes.— Der Reichstag hatte ſich aufgelöſt, nachdem er ſeine 87 Gewalt in die Hände des Königs gelegt. Dieſer ver⸗ ſprach ſtets, ſich ins Lager zu begeben und perſönlich ſeine Truppen ins Feld zu führen— konnte ſich jedoch immer nicht entſchließen, ſeine Bequemlichkeit zu opfern und die gewohnte Lebensweiſe mit den Strapazen des Feldes zu vertauſchen. Statt ſich ſelber zum Heere zu begeben, bildete der König einen Kriegsrath, welcher dem Prinzen Joſeph, der an der Spitze der Armee ſtand, den Befehl ertheilte, die verſchiedenen polniſchen Corps nach dem Bug zurückzuziehen und in der Nähe Warſchaus zu vereinigen. Der Obergeneral war in Verzweiflung über dieſe Ordre und das kampfluſtige Heer murrte wie ſein Füh⸗ rer. Gegenvorſtellungen halfen indeſſen nichts und zo⸗ gen Joſeph nur Vorwürfe zu. Auf dem Rückzuge fanden einige Scharmützel ſtatt, in denen die Ruſſen den Sieg theuer bezahlten, wenn ſie ihn durch ihre Uebermacht errangen. Achtzig Tauſend Mann ruſſiſche Linientruppen und zwei Tauſend Koſaken überſchwemmten Polen und zwan⸗ gen die Bewohner der beſetzten Ortſchaften, ſich der Con⸗ föderation anzuſchließen. Daß das Land dabei wenig ge⸗ ſchont wurde und grauſame Bedrückungen vorkamen, darf nicht erſt erwähnt werden. Und eben ſo ſelbſtverſtändlich 88 iſt es, daß die Polen mit dem Terrain an Mitteln ver⸗ loren, den Krieg mit Nachdruck fortzuſetzen. Am 17. Zuli fand das bedeutendſte Treffen dieſes traurigen Feldzuges ſtatt. Die Ruſſen ſtießen bei Du⸗ bienka auf eine polniſche Heeresabtheilung unter Kosciuskv. Die Polen kämpften mit der Tapferkeit und Todesver⸗ achtung, welche die ſarmaliſchen Krieger ſtets auszeichnete, und gewannen über den dreimal ſtärkeren Feind glänzende Vortheile. Im Augenblicke ihrer Niederlage überſchritten die Ruſſen jedoch das neutrale öſterreichiſche Gebiet und kamen den Polen in den Rücken, worauf ſich dieſe nach einem verzweifelten Kampfe zurückziehen mußten.— Stanislaw hatte muthig gefochten und den Tod nicht geſcheut, war aber unverletzt geblieben. Sein Oheim dagegen hatte an dem Kampfe gar nicht Theil nehmen können. Gleich zu Anfang des Feldzuges war er mit dem Pferde geſtürzt, wodurch eine alte Wunde aufgebrochen war. Er hatte ſich nach Warſchau zu den Seinigen zurück⸗ begeben. Wieder wogte das Volk Warſchaus auf den Straßen und ſammelte ſich namentlich um das Schloß. Die Hal⸗ tung der Maſſen war drohend und finſter, ſtatt des ver⸗ trauensvollen Rufs:„Der⸗König mit der Nation!“ welcher längſt verſtummt war, hörte man die Rufe:„Verräther!“ oder„Meineidiger König!“ Stanislaw Auguſt hatte an 89 Katharina geſchrieben und ſich erboten, ihrem Enkel Kon⸗ ſtantin die polniſche Krone zu ſichern; die Antwort war die Aufforderung: der Conföderation von Targowica beizutreten, oder die Kaiſerin werde ihn nicht länger als König anerkennen. Obgleich Stanislaw Auguſt noch vor Kurzem immer wieder erklärt, er ſei bereit, für die Ver⸗ faſſung ſein Leben hinzugeben, hatte er jetzt doch allen Muth zum Widerſtande verloren und am vorigen Tage, den 22. Juli, ſeine Miniſter und die Würdenträger der Krone und Litthauens zu einem Rath verſammelt, worin er ſeinen Entſchluß kund gethan, der Uebermacht Rußlands nachzugeben. Die eindringlichſten Reden waren dagegen gehalten worden, doch hatte es in dieſem Rath auch nicht an Kreaturen Rußlands gefehlt, die den ſchwachen, wan⸗ kelmüthigen König in ſeinem Vorhaben beſtärkt, und ein Namensvetter des Generals Dziekonski, der Schatzmeiſter von Litthauen, gehörte auch zu dieſen. Jetzt unterzeichnete der König eben die Acte der Conföderativn. Der alte General Dziekonski, welcher noch nicht ganz geneſen war, ließ ſich nach dem Schloſſe bringen und im Verein mit mehrern andern treuen Söhnen ſeines Volks bat und beſchwor er den König, nicht das Ver⸗ derben Polens zu unterſchreiben. Er ſtellte ihm vor, wie viel rühmlicher es ſei, im ſchlimmſten Fall mit Ehren 1860. VI. Polniſche Mütter. 6 unterzugehen, als ſich ſo ſchimpflich zu unterwerfen, und bot ſeinen grauen Kopf zum Pfande, daß der ganze Adel freudig dem Rufe des Königs folgen würde, wenn dieſer ſich ſelbſt an die Spitze des Heeres ſtellte. Oſtrowski, der Schatzmeiſter der Krone, verſicherte, der Schatz ſei reich genug, den Krieg fortzuſetzen, und forderte, der Reichs⸗ tagsmarſchall ſolle den Reichstag einberufen, damit dieſer dem König die ſo ſchmählich mißbrauchte Gewalt abnehme. Aber Bitten und Vorſtellungen, ſelbſt Vorwürfe und Drohungen fruchteten nichts. Oſtrowski verſuchte ſogar dem Könige, als er unterſchrieb, die Feder zu entreißen, dennoch unterzeichnete Stanislaw Auguſt. Der General Dziekonski, noch unwohl und erſchöpft von den Leiden ſeiner Wunde, ertrug die heftige Auf⸗ regung nicht, in welche ihn die Verrätherei des Königs und der Hinblick auf das verlorene Vaterland verſetzte. Er brach zuſammen, und die Umſtehenden glaubten, der Schlag habe ihn getroffen. Allein es war nur eine Ohn⸗ macht und er kam bald wieder zu ſich. Er verlangte ſeinen Abſchied und begab ſich, nachdem er ihn erhalten, mit ſeiner Frau und ſeinen Kindern in ein Bad nach Schleſien, theils um ſeine Geſundheit herzuſtellen, theils aber auch, um das Unheil, welches jetzt über Polen hereinbrach, nicht zu ſehen. Viele folgten ſeinem Beiſpiel— ſelbſt vertraute 91 Freunde und erprobte Anhänger Stanislaw Auguſt's. Namentlich begaben ſich alle Diejenigen ins Auslaud, welche an der Verfaſſung und ihrer Einführung gear⸗ beitet hatten; auch die Reichstagsmarſchälle thaten es, nachdem ſie ihre Proteſtation eingereicht. Die Beſtürzung wie der Unwille gegen den König war allgemein, das Heer murrte laut, und Joſeph Poniatowski ging ſogar mit dem Gedanken um, ſeinen Oheim aufzuheben und ins Lager zu führen. Sechstes Cupitel. Der Fluch. Mit dem Uebertritt des Königs war auch der Krieg zu Ende und Stanislaw Dziekonski befand ſich wieder in der Hauptſtadt. Jadwiga hatte die Zeit hindurch in ſtiller Zurück⸗ gezogenheit gelebt und ſich von ihrer Mutter fern ge⸗ halten, die mit den politiſchen Angelegenheiten zu ſehr bſchäftigt war, um Zeit für die Tochter übrig zu haben. Seit Stanislaw's Rückkehr war der ſchriftliche Verkehr zwiſchen Beiden wieder angeknüpft, und eines Tages * 6* 92 begab ſich Jadwiga, von ihrer treuen Magd begleitet, nach dem Hauſe des Generals Dziekonski, das nach deſſen Abreiſe nur von Stanislaw bewohnt wurde. Der junge Offizier hatte ſie erwartet und führte ſie in Marynia's Zimmer, während die Zofe im Vorgemach blieb, um eine Ueberraſchung zu verhüten. Mit leidenſchaftlicher Zärtlichkeit umſchlang Jadwiga ihren Geliebten und rief in Thränen ausbrechend:„Ver⸗ achte mich nicht darum, daß ich hierher kam, wie Du es verlangteſt, Stanislaw. Ich habe ja keinen andern Willen, als den Deinigen, und Deine Wünſche ſind mir Geſetze.“ Er küßte jede Unruhe und Befürchtung fort, und Alles ſchien verſchwunden zu ſein, was Beide Bitteres und Trübes erlebt und empfunden hatten. Der junge Mann gedachte kaum noch der Noth und Gefahr des Vaterlandes und gar nicht des Ungemachs, welches ihm ſelber drohte; das Mädchen vergaß völlig den Zorn der Mutter, wenn dieſe Zuſammenkunft entdeckt wurde, wie die Hinderniſſe, welche durch die Anſichten ihrer Eltern und die Verhält⸗ niſſe ihrer Liebe in den Weg gelegt waren. Glücklich, ſich wieder zu ſehen, kümmerten ſie ſich um alles Uebrige nicht. Erſt nach langer Zeit, die jedoch nur dem wache⸗ haltenden Kammermädchen lang geworden, ſprach endlich Stanislaw von der Zukunft. Er ſagte, daß er ſeinen Ab⸗ ſchied nehmen und ſich ins Ausland begeben werde, weil 8. 93 er entſchloſſen ſei, der Conföderation nicht beizutreten. Vor der nahen Trennung hatte er ſie noch einmal ſehen wollen. „Wozu Trennung?“ fragte Jadwiga.„Das Wort „Scheiden“ hat für mich gar keinen Sinn— ich faſſe es nicht und werde es niemals faſſen. Ich folge Dir, wohin Du willſt; mußt Du Polen verlaſſen, ſo nimm mich mit!“ Stanislaw ſchloß ſie entzückt an ſeine Bruſt, doch war er zu edelmüthig, um das Opfer ſogleich anzunehmen, obgleich er ſelber nichts heißer wünſchte. Zögernd erinnerte er ſie an ihre Eltern. „Auf ihre Einwilligung darf ich nicht hoffen!“ ſagte ſie leiſe.„Der Vater ſchlug mir ſonſt nie eine Bitte ab, und darum glaubte ich, er werde auch jetzt weniger un⸗ beugſam ſein, als die Mutter. Geſtern kam er nach Hauſe, und heute benutzte ich ſogleich einen freien Augenblick, um mein Verhältniß zu Dir zur Sprache zu bringen. Allein er brauſte ſehr auf und vergeblich war mein Bitten. Laß mich über ſeinen Parteiſtandpunkt ſchweigen; ich weiß, daß Du vollkommen im Rechte biſt, aber ich kann doch meine eig'nen Eltern nicht verdammen— ſie waren ſtets ſo gütig gegen mich. Genug— heute ſah ich, daß ich für meine Liebe nichts zu hoffen habe, er war viel ſtrenger, wie die Mutter, und befahl mir heftig, Dich zu vergeſſen. 94 Kann ich das, Stanislaw? Du weißt wohl, daß es un⸗ möglich iſt, alſo bin ich Dein, auch gegen den Willen der Eltern!“ Im Grunde ihres Herzens war ſie überzeugt, ihre Eltern würden ihr verzeihen, wenn ſie ihr Glück ſo ſicher ſähen, als daſſelbe in Stanislaw's Armen ſein mußte. Auch rechnete ſie bei der Ausſöhnung auf Severin's Ver⸗ mittlung. Er war bei der Mutter allmächtig, das wußte ſie wohl, und daher bedauerte ſie lebhaft, daß er jetzt nicht daheim war. Leider würde er— wie die Mutter ihr geſagt hatte, um ihr die Hoffnung auf ſeinen Beiſtand zu neh⸗ men— erſt nach Jahr und Tag von ſeiner Sendung heim⸗ kehren, und das konnte ſie nicht abwarten. Dem Grafen war in der Aufregung die Hindeutung entſchlüpft, er habe ſich ſtatt des thörichten, verblendeten Dziekonski einen andern, vernünftigern Schwiegerſohn erwählt. Jadwiga ſprach zu Stanislaw nicht davon, um ihn nicht zu beunru⸗ higen, aber die Angſt vor all den peinlichen Auftritten, die nun kommen würden, trieb ſie in die Arme des Ge⸗ liebten. Ohne dieſe Furcht hätte ſie mit Thränen von ihm Abſchied genommen und von der Zukunft vertrau⸗ ungsvoll eine Wendung der Dinge erwartet, welche ihr geſtattete, dem Zuge ihres Herzens zu folgen; jetzt war das unmöglich. Stanislaw hatte jedoch noch ein Bedenken, ihr Ge⸗ 95 ſchick an das ſeinige zu knüpfen.„Man wird meine Güter einziehen und baares Vermögen habe ich wenig!“ äußerte er niedergeſchlagen.„Du biſt an Reichthum gewöhnt, keiner Deiner Wünſche blieb je unbefriedigt— wirſt Du die Entbehrungen der Armuth ertragen können?“ „Darf ich Dein Schickſal theilen, ſo ſind ja alle meine Wünſche befriedigt!“ antwortete Jadwiga warm. „Wir wollen miteinander Entbehrungen tragen, uns ein⸗ ſchränken, oder mitſammen arbeiten! Du gibſt Privat⸗ unterricht oder ſonſt etwas— ich koche indeß für Dich, und Du ſollſt Dich wundern, wie gut ich Alles machen werde!“ Dieſe Idee erſchien der jungen Gräfin ganz köſtlich, und mit der Lebhaftigkeit ihrer ſiebzehn Jahre ſchwelgte ſie in den Vorſtellungen von einer ſo idylliſchen Lebens⸗ weiſe— malte mit lebendigen Farben das kleine Haus in irgend einer abgelegenen Gegend Deutſchlands oder Frankreichs, wo ſie nur ſich und ihrer Liebe leben wollten. Lachend zählte ſie auf, was ſie Alles thun könne und wolle, und wie wenig ſie bedürfe, um glücklich zu ſein. Stanislaw hätte nicht zweiundzwanzig Jahre und leiden⸗ ſchaftlich verliebt ſein müſſen, um dieſe Pläne nicht eben ſo reizend zu finden, wie ſeine Geliebte, die wieder ganz das heitere, ſorgenloſe Weſen geworden war, das ihn zu⸗ erſt gefeſſelt. Und doch war ſie noch unendlich liebreizen⸗ 96 der, wie ſonſt. Der Kummer, welchen ſie erlebt, hatte ihrem ganzen Weſen eine Weichheit, Innigkeit und Hin⸗ gebung verliehen, die ſelbſt der wiederkehrende Frohſinn nicht verwiſchte. Beider Phantaſie war ſo lebhaft, daß ſie ſich für einige Zeit ganz ernſtlich in dieſe kleinen Auftſchlöſſer vertieften und mit keiner Silbe daran dachten, es gebe irgend etwas in der Welt, das ſie an der Verwirklichung derſelben hindern könne. Junge Herzen glauben ja über⸗ haupt ſo ſchwer und ungern an unabwendbares Unglück— ſind bei jeder Gelegenheit ſo ſehr geneigt, ihrer friſchen Hoffnungsfreudigkeit zu vertrauen. Jadwiga beſaß ein ſehr ſanguiniſches Temperament, Stanislaw war auch leicht erregbar, konnte ſich aber äußerlich beherrſchen und wurde im Kummer ſtets verſchloſſen und wenig mitthei⸗ lend. War er jedoch heiter, dann ging ſein Herz auf und er gab ſich mit ganzer Seele dem Augenblick hin; das geſchah natürlich niemals ſo ſehr, als in Jadwiga's Nähe, und zu Niemand, ſelbſt nicht zu dem Onkel und der Tante, ſo hoch er ſie auch ſchätzte, hatte er das volle, überſtrömende Vertrauen, als zu dem Gegenſtande ſeiner erſten Liebe. Ihr gegenüber kam die ganze Friſche und Lebendigkeit ſeines Gemüths zu Tage, wie nicht einmal in der Geſellſchaft fröhlicher Freunde. Er hatte ſich in Jadwiga's Zukunftsträume ſo ganz 97 hinein gelebt, daß er nur mit einer Art Bedauern daran dachte, wie ſchwer ihm das Losreißen aus dieſem reizen⸗ den Stillleben werden würde, wenn das Vaterland einſt ſeines Arms bedürfe. Dabei erinnerte er ſich denn auch, daß ſie vorläufig noch nicht ſo weit wären, ſich in einem ländlichen Hüttchen häuslich einzurichten. Sie verabredeten nun, auf welche Weiſe Jadwiga's Flucht aus ihrem elterlichen Hauſe bewerkſtelligt werden ſolle, waren damit aber noch nicht fertig geworden, als das Mädchen hereinſtürzte und erſchrocken ausrief:„Um Gott, Comteſſe, die gnädige Frau Mutter kommt!“ Jadwiga ſprang hocherröthend auf— Stanislaw wollte eine Thür öffnen, um Herrin und Dienerin von einer Seite aus dem Hauſe zu laſſen, während die Gräfin von der andern erſchien. Allein es war zu ſpät— Frau Strzelno betrat eben das Zimmer, in welchem ſie ſich befanden. Unwillkürlich warf ſich Jadwiga an die Bruſt ihres Geliebten; ſie wußte ſelber nicht, ob ſie dort Schutz ſu⸗ chen wollte, oder der Mutter zeigen, dies ſei fortan ihr Platz. Stanislaw ſchaute die Gräfin feſt an; er war ent⸗ ſchloſſen, ſein Anrecht auf Jadwiga bis zum Aeußerſten zu vertheidigen. Allein Frau Strzelno achtete darauf nicht— ſie wandte ſich mit der größten Ruhe an die Kam⸗ 98 merjungfer, welche ſich hinter den Liebhaber ihrer Ge⸗ bieterin geflüchtet hatte, und ſagte:„Mein Wagen hält an der nächſten Ecke; ſage dem Kutſcher, daß er nach einer halben Stunde wiederkommt und uns erwartet; Du kannſt nach Hauſe gehen.“ Das Mädchen ſchlüpfte haſtig hinaus, froh, ſo leichten Kaufs davon zu kommen. Die Gräfin ſetzte ſich nun in den Lehnſtuhl, welchen Jadwiga eben verlaſſen hatte, und warf einen prüfenden Blick auf das Zimmer, wel⸗ ches die Angebetete ihres Sohnes noch vor kurzer Zeit bewohnt hatte. Es war zierlich, aber ſo einfach möblirt, daß es faſt eine Kloſterzelle zu ſein ſchien; der hübſche Altar erhöhte noch dieſe Aehnlichkeit. „Wie nonnenhaft!“ dachte die Gräfin, und ihr nächſter Gedanke, der ſie ein wenig lächeln machte, war: „Wie glücklich wäre Severin an meiner Stelle und wel⸗ ches Intereſſe hätte jedes einzelne dieſer unſcheinbaren Geräthe für ihn!“ Dann ſprach ſie gütig, faſt ſchalkhaft zu dem überraſchten Liebespaar: „Ihr thörichten, unbeſonnenen Kinder! Gilt der Ruf eines Mädchens denn ſo wenig, daß Ihr ihn rück⸗ ſichtslos auf's Spiel ſetzt? Hätte Dziekonski nicht lieber zu uns kommen können, als Du zu ihm? Aber das Un⸗ gewöhnliche iſt der Jugend ſtets lockend, und dann ge⸗ 99 ſtehe ich auch, dies Zimmer iſt zu einem Rendezvous recht hübſch gewählt.“ Jadwiga war tief beſchämt. Vorwürfen und Schmä⸗ hungen hätte ſie getrotzt, allein die Freundlichkeit der Mutter, welche ſogar ihre Zuflucht zum Scherz nahm, um ihnen über das Peinliche des erſten Augenblicks hin⸗ wegzuhelfen, ging ihr ſehr nahe. Die letzte Zeit war plötzlich aus ihrem Gedächtniß verſchwunden, ſie erin⸗ nerte ſich nur, wie gütig ihre Mutter ſtets geweſen, wie viel Nachſicht ſie mit ihr gehabt, wie heiter ſie ihre Kindheit und Jugend geſtaltet hatte. Sie erſchien ſich ſehr ſchuldig und pflichtvergeſſen, und hätte ſie Stanislaw nicht ſo heiß geliebt, ſie würde bittere Reue über das empfunden haben, was ſie gethan hatte und noch zu thun im Begriffe war. Stanislaw empfand etwas Aehnliches. Das Stre⸗ ben, Jadwiga auch gegen den Willen ihrer Eltern ſein zu nennen, ſchien ihm nicht mehr ſo berechtigt, wie ſonſt, wo er nur die Stimme des Herzens zu Rath gezogen. Sein Gewiſſen ſagte ihm, es ſei nicht ehrenhaft, ein Mädchen dem elterlichen Hauſe zu entführen. Die Gräfin hatte dieſen Eindruck erwartet, und be⸗ ſchloſſen, die Sache einmal von einer andern Seite an⸗ zugrkifen. Graf Palowski drängte ſie, ihm die Hand Jadwiga's zuzuſagen— ſie fürchtete, ſeinen Beiſtand zu 100 verlieren, ohne dafür in dem Gatten der Tochter einen andern Bundesgenoſſen zu erhalten. Daß Jadwiga mit ihrem Geliebten in heimlichem Verkehr ſtand, ahnte ſie wohl und bemerkte es auch bald, als ſie deren Thun und Benehmen beobachtete, ohne ſich den Anſchein davon zu geben. An dieſem Nachmittag hatte ſie, nachdem Jadwiga ausgegangen war, ſogleich deren Zimmer durchſucht und den Brief gefunden, worin Stanislaw ſie um dieſe Zu⸗ ſammenkunft gebeten, den ſie, aus Furcht ihn zu verlie⸗ ren, nicht mitgenommen hatte. Es galt jetzt einen letzten Verſuch; entweder mußte Stanislaw gewonnen, oder Jadwiga von ihm losgeriſſen werden. Sie hatte es ſich einmal in den Kopf geſetzt, ihr künftiger Schwiegerſohn ſolle eine kräftige Stütze für Severin ſein. Die Feſtigkeit Dziekonski's hatte ſie mehr für ihn eingenommen, als ſeine übrigen Eigenſchaften— ſie fand darin etwas Verwandtes mit ihrem eigenen Charakter, und war überzeugt, er könne Severin einſt weſentlichere Dienſte leiſten, als der Graf, ſo reich dieſer auch war. Mit richtigem Tact vermied ſie es, Stanislaw's Stolz zu verletzen, oder ein Geſtändniß zu verlangen, das ihn demüthigen mußte. Sie ſchien völlig vergeſſen zu haben, was vorgegangen war, als ſie ſich zuletzt ge⸗ ſehen hatten, und ſetzte dreiſt voraus, er ſehe ein, Wider⸗ 101 ſtand ſei unklug und werde die Conföderationsacte unter⸗ ſchreiben, wie nach dem Vorgange des Königs ſchon ſehr Viele von anerkannt conſtitutioneller Geſinnung gethan hatten, um ihre Güter vor der Confiscation zu retten und ſich nicht Verfolgungen auszuſetzen. Sie erſparte ihm das Erröthen, welches es ihn gekoſtet hätte, dieſen Ent⸗ ſchluß einzugeſtehen, und ſelbſt wenn er zu der Unter⸗ ſchrift gar nicht entſchloſſen war, es ſich aber jetzt in der Ueberraſchung gefallen ließ, daß ſie ihm dieſen Vorſatz zuſchrieb, ſo war ſie ſicher, er würde ſpäter thun, was jetzt noch gar nicht in ſeinem Willen lag. Ein Schritt, den Andere bei uns als gewiß vorausſetzen, wird uns ja ſelten ſo ſchwer, als einer, der uns nicht zugemuthet wird, und dann zwang, wie geſagt, die Nothwendigkeit gar Man⸗ chen, der allgemein verhaßten Conföderation beizutreten; es war alſo durchaus nichts Schimpfliches, wenn Dzie⸗ konski es auch that. Später, wenn die Intereſſen ihrer Familie erſt die ſeinigen waren, mußte es ja ein Leichtes ſein, ihn für ihre großen Pläne einzunehmen. Stanislaw fühlte ſich verpflichtet, ſie ruhig und ſogar mit Aufmerkſamkeit anzuhören, denn ſie befand ſich im Hauſe ſeines Onkels, in welchem er den Wirth vor⸗ ſtellte; überdies war er ihr dankbar dafür, daß ſie Jad⸗ wiga kein hartes Wort, nicht einmal einen unfreundlichen Blick gab. 102 Mit all' ihrer Beredtſamkeit ſuchte die Gräfin nun zu beweiſen, Rußland ſei vorläufig der beſte Bundes⸗ genoſſe, indem ſie nicht undeutlich durchblicken ließ, was ſie ihrem Sohn auch geſagt hatte: Polen ſolle dies Bündniß nur ſo lange nutzen, bis es ſtark genug ſei, ſelbſtändig zu ſein. Die allerdings wahrſcheinliche Befürchtung, es ſei auf eine zweite Theilung abgeſehen, widerlegte ſie durch die Verſicherung, welche die Häupter der Conföderation in Petersburg erhalten hatten: daß von einer neuen Gebietsabtretung keine Rede ſei und die ruſſiſche Armee nur ſo lange in Polen bleiben ſolle, bis die republikani⸗ ſche Verfaſſung wieder hergeſtellt ſei. Sie erkannte die Vorzüge des conſtitutionellen Königthums vollkommen an, behauptete aber, Polen eigne ſich gegenwärtig nicht für ein ſolches, und unterſtützte ihre Meinung damit, daß ſie die ſchwachen Seiten der Verfaſſung hervorhob. Das Reſumé ihrer Worte war: wie die Sachen einmal ſtän⸗ den, ſei es Nothwendigkeit für jeden Vernünftigen und Wohldenkenden, ſich den Umſtänden zu unterwerfen, was ja die Hoffnung auf eine künftige Aenderung der Dinge nicht ausſchließe. Sie rühmte Stanislaw, daß er dies einſehe, und prophezeite ihm dafür in Zukunft eine große und glänzende Wirkſamkeit zum Segen des Landes. Nun erhob ſie ſich, reichte Stanislaw die Hand zum Abſchiede und fragte, ob er wünſche, daß ſeine Verlo⸗ 103 bung ſchon bekannt gemacht werde, oder in Anbetracht der traurigen Verhältniſſe im Lande noch einige Zeit ge⸗ heim bleibe. Allein Stanislaw ließ ſich nicht überrumpeln, wie die Gräfin gemeint. Er bat ſie, nun auch anzuhören, was er ſeinerſeits zu ſagen habe, und ſie nahm wieder ihren Platz ein. Jadwiga hatte einen Schemel herbeigezogen und ſich zu ihren Füßen niedergeſetzt. „Ich will nicht perſönlich werden, nicht von dieſem oder jenem Einzelnen, ſondern nur ganz im Allgemeinen ſprechen!“ ſagte der junge Offizier feſt und ruhig.„Sie ſelber erkennen an, wie das auch nicht anders möglich, daß unſer Vaterland bei ſeinen früheren Regierungsfor⸗ men zu Grunde gehen mußte und daß die Verfaſſung vom dritten Mai weſentliche Vorzüge hat. Mag ſie in mancher Hinſicht auch an Mängeln leiden, im Ganzen war ſie vollkommen geeignet, unſere Zuſtände zu ver⸗ beſſern, uns im Innern glücklich und nach Außen groß und geachtet zu machen. Die etwaigen Fehler hätten bei künftigen Reviſionen leicht verbeſſert werden können, und Polen hätte in der Kultur Fortſchritte gemacht, die es andern Staaten Europas ebenbürtig zur Seite ſtellten. Eine Handvoll Verblendeter— um keinen ſtärkeren Aus⸗ druck zu brauchen, weil ich Rückſichten nehmen muß— fand in dieſen heilſamen und nothwendigen Reformen eine 104 Schranke für ihre perſönlichen Gelüſte, und rief den alten Erbfeind zu Hülfe, weil ſie ſelber zu ſchwach waren gegen die Meinung des ganzen Volks. Der unverzeihliche Wankelmuth des Königs, in deſſen Hände die Nation zu vertrauungsvoll ihr Schickſal gelegt, gab jener Partei die Oberhand; ihre Abſicht iſt gelungen, die alte Verwir⸗ rung herrſcht wieder im Lande, jede Verordnung und Einrichtung des conſtituirenden Reichstags wird zu Schanden gemacht. Ich ſchweige davon, was jeder treue Pole dabei empfindet— Worte können die Tiefe unſerer Verzweiflung nicht einmal andeuten. Die Conföderirten haben geſiegt, aber ſie werden es mit Schrecken, doch lei⸗ der zu ſpät, inne werden, in welchen Abgrund ſie das Vaterland ſtürzten. Die Gewalt der ruſſiſchen Bajonette und die Rückſichten auf Familie und Eigenthum zwingen Viele, dieſe Acte zu unterſchreiben, welche ſie in ihrem Herzen und oft auch laut verwünſchen— mich ſoll aber nichts dazu bringen. Mögen ſie meine Güter einziehen, mich ſelber einkerkern, oder gar nach Sibirien bringen, ich werde dort Landsleute finden, denn ſeit Stanislaw Auguſt's Thronbeſteigung wurden ja viele Tauſende dort⸗ hin transportirt! Und ſelbſt, wenn ich den Tod finden ſollte— ich bin bereit zu ſterben, aber nie entehre ich mich dadurch, daß ich meinen Namen unter den von Ver⸗ räthern ſetze. Ich ſollte erklären, die Beſchlüſſe des letzten 2 105 Reichstags ſeien despotiſche Maßregeln geweſen, die Targowicer Conföderation aber müſſe als das Heil Po⸗ lens und Katharina als die Stütze unſerer Freiheit be⸗ trachtet werden? Das wäre gegen Pflicht, Ehre, Ge⸗ wiſſen, gegen die Liebe zum Vaterlande, wie gegen den geſunden Menſchenverſtand! Nur ein Thor oder ein der Sache Polens Abtrünniger, eine erkaufte Kreatur der Kaiſerin kann die verlangte Erklärung für einigermaßen begründet halten, nur ein elender Feigling ſie gegen ſeine Ueberzeugung unterzeichnen. Die Nothwendigkeit nöthigt freilich einen Theil unſerer beſten Patrioten zu dieſer ſchmachvollen Unterzeichnung, ich aber wiederhole, daß ich dieſe Nothwendigkeit für mich niemals anerkenne und der Conföderation nicht beitrete, möge für mich daraus entſtehen, was da wolle; ich bin gefaßt, Alles zu er⸗ tragen.“ Er hatte ruhig begonnen, war aber allmälig warm geworden. „Da hörſt Du es wieder, Jadwiga,“ ſagte die Grä⸗ fin zu ihrer Tochter.„Du mußt geſtehen, daß ich ge⸗ duldig war und Alles verſuchte, Dein Glück, oder was Du dafür hältſt, zu fördern. Die Hartnäckigkeit dieſes Mannes iſt nicht zu beſiegen— ich hoffe, Du wirſt fortan Deine Eltern nicht hart nennen und ihnen eine gehorſame Tochter ſein. Und Sie, Herr Dziekonski, werden das 1860. VI. Polniſche Mütter. 7 106 Verhältniß künftig als aufgelöſt betrachten und keine Schritte thun, meine Tochter von ihrer kindlichen Pflicht abwendig zu machen.“ Jadwiga war in der qualvollſten Ungewißheit. Die Güte ihrer Mutter benahm ihr den Muth zum Wider⸗ ſpruch, und gleichzeitig fühlte ſie doch, daß ihr Geliebter Recht hatte und daß ſie ihn nie vergeſſen könne. „Denke an Deine Eide, Jadwiga!“ rief Stanislaw bittend.„Du biſt mein und Niemand hat an Dich ein ſo heiliges Recht, wie ich, dem Deine Liebe gehört.— Ich weiß, daß Kinder Pflichten haben, ich achte und ehre die Anſprüche der Eltern, und alſo auch die Ihrigen, Frau Gräfin!“ wandte er ſich aufgeregt an dieſe.„Aber kann die elterliche Gewalt zwei Herzen trennen, die eins ge⸗ worden ſind? Das vermöchte Gott ſelber nicht. Das Glück zweier Menſchen iſt etwas Großes, Heiliges, hat mindeſtens eben ſo viel Berechtigung als der Gehorſam, den Eltern verlangen dürfen. Ich laſſe mir das meinige nicht rauben und ſtrebe nach der Hand Ihrer Tochter, wenn ſie und der Graf mir dieſelbe auch tauſendmal ver⸗ weigern. Ja, ich erkenne Ihr Recht zu dieſer Verweige⸗ rung nicht einmal an— Jadwiga allein iſt es, welche hier zu entſcheiden hat. Nur wenn ſie dem Beraub⸗ ten, Heimathloſen nicht in die Fremde folgen will, gebe ich ihr die Schwüre zurück, mit denen ſie ſich mir gelobte!“ 107 „Zürne mir nicht, vergib, daß ich meinem Herzen folge!“ bat Jadwiga, indem eine heiße Thräne der Mut⸗ ter Hand benetzte, auf welche ſie einen innigen Kuß drückte. „Was haben die politiſchen Verhältniſſe, was hat die Conföderation mit meiner Liebe zu ſchaffen? Du ſahſt ſie ja vom erſten Augenblicke an entſtehen und wachſen, und lächelteſt dazu— glaubſt Du, daß Deine und des Vaters Mißbilligung ſie jetzt aus meinem Herzen reißen kann?“ „Dann geh', folge dieſer Liebe, aber mein Fluch be⸗ gleite Dich!“ rief die Gräfin haſtig. „Mutter, nimm dies Wort zurück!“ flehte das Mäd⸗ chen und ſank auf die Knie.„Es würde mein Glück ver⸗ giften— mache mich nicht elend!“ „Nein, ich nehme es nicht zurück!“ ſagte Frau Strzelno kalt und hart.„Du kannſt nicht anders— ich auch nicht. Das Liebesgeflüſter jenes Mannes wird den Fluch Deiner Mutter zwar bald genug aus Deinem Her⸗ zen, wie aus Deinem Gedächtniß verwiſchen, doch ſeinen Folgen wirſt Du nicht entgehen!“ „Frau Grüfin!“ rief Stanislaw entrüſtet.„Sie vergeſſen, daß Jadwiga hier unter meinem Schutz iſt— daß ich nicht dulden kann—“ „Das heißt: dieſes iſt mein Haus, nicht ſo, mein Herr?“ fragte ſie ſpöttiſch.„Nachdem man das ſchwache 7⁸ 108 Herz der Tochter bethört, iſt es edel und männlich, der Mutter, welche ihr Kind fordert, die Thür zu weiſen!“ Stanislaw wandte ſich achſelzuckend von ihr zu ZJadwiga, und verſuchte, dieſe aus dem Zimmer zu füh⸗ ren. Sie wehrte ihn jedoch von ſich und flehte, noch immer auf den Knieen, die Mutter möge ihren Fluch zu⸗ rück nehmen. Aber ſtreng und unerbittlich fuhr die Gräfin fort: „Deine Liebe wandle ſich in Qual und Entſetzen, das Glück, welches Du von ihr erwarteſt, in Verzweiflung. Unglück und Ungemach folge jedem Eurer Schritte; wenn Dein Gatte Dich auf einen Augenblick verläßt, ſoll Dich die Furcht zittern machen, daß Du ihn nie wieder ſiehſt; Deine Zärtlichkeit gereiche ihm zum Verderben!“ „Mich treffe Dein Fluch, aber ſchone ihn und unſere Liebe!“ rief Jadwiga, angſtvoll die Hände ringend. Stanislaw beſchwor ſie mit den zärtlichſten Wor⸗ ten, nicht darauf zu achten und das Zimmer zu verlaſſen. „Glaube doch nicht, die Worte eines Menſchen könnten Einfluß auf unſer Geſchick üben!“ fügte er dringend hinzu.„Nur das Gewicht, welches wir ſelber ihnen bei⸗ legen, gibt ihnen Macht über uns. Es iſt kindiſch und thöricht, ja frevelhaft, zu wähnen, Fluch oder Segen geſtalte und beſtimme unſer Schickſal— ſei mehr, als ein bloßer Hauch!“ 109 Sie ließ es geſchehen, daß er ſie mit ſanfter Gewalt vom Boden aufhob, war aber nicht in der Stimmung, auf ſeine Gründe zu achten. „Was Andern zum höchſten Segen wird, gereiche Dir zum dreifachen Fluch!“ ſprach Frau Strzelno haſtig weiter.„Wenn je ein klares Kinderauge Dich zärtlich an⸗ ſchaut, ein kleiner, lächelnder Mund Dich Mutter nennt, dann erinnere Dich, daß Deine eigene Mutter Dir fluchte, daß ein gerechter Gott dieſen Fluch hörte, und Deine Se⸗ ligkeit werde zur Höllenqual!“ Vor ihren Worten ſelber erbleichend, doch den ſchö⸗ nen Kopf ſtolz aufgeworfen, ſtand die Gräfin mit blitzen⸗ den Augen und drohend erhobener Hand da. Der Wider⸗ ſchein der Abendröthe fiel durch das Fenſter und umfloß ihre Geſtalt mit einem Licht, das den Augen weh that. Todtenblaß und wie vernichtet hing Jadwiga in den Armen ihres Geliebten. Sie fühlte, daß ſie dieſe entſetz⸗ liche Minute nie vergeſſen werde, daß Glück und Frieden ihr damit auf immer vernichtet ſei. Ihr weiches Gemüth, ihre lebhafte Phantaſie war nicht geeignet, je einen ſolchen Eindruck zu vermeiden. Stanislaw wußte das auch, und ſein Erbarmen mit ihrem Zuſtande war noch ſtärker, als die Erbitterung gegen ihre Mutter. Er überhäufte die halb Ohnmächtige 110 mit zärtlichen Liebkoſungen und jenen Worten, die nur die Lebe zu erfinden weiß. 6 „Ich werde daran ſterben— aber es ſchadet nichts— ich ſterbe gern!“ ſagte ſie endlich mit gebrochener Stimme. „Um dieſen Preis will ich Dich nicht mein nen⸗ nen!“ antwortete er, ſeine tiefe Bewegung und qualvolle Aufregung hinter einem ruhigen Aeußern bergend.„Ich gebe Dir Deine Freiheit zurück— wollte Gott, ich könnte Dir auch die Ruhe des Herzens wiedergeben. Laß mich fortan für Dich todt ſein— bemühe Dich, zu vergeſſen, daß Du mich je gekannt. Glücklich wirſt Du nicht ſein, aber das wärſt Du auch in meinen Armen nicht!“ „Nein, dieſe Worte wären ewig eine Kluft zwiſchen mir und Dir, wie ſie es zwiſchen mir und ihr ſind!“ ver⸗ ſetzte ſie mit einer Bewegung nach ihrer Mutter.„Lebe wohl— wir ſind geſchieden. Und ich—“ ſetzte ſie tonlos hinzu—„bin allein, ganz allein auf der Welt!“ Sie war ſo betäubt, daß ſie den Schmerz des Ab⸗ ſchiedes kaum empfand, den er mit allen ſeinen Martern auskoſtete. Doch hatte er die Kraft, ſich zu beherrſchen, und küßte ſanft ihren fieberheißen Mund, die trüben, thränenloſen Augen. Nur als Frau Strzelno, zufrieden, daß ſie ihr Ziel erreicht hatte, herzu trat, um ihre Tochter ſortzuführen, ſagte er mit einer Stimme, die vor unter⸗ drückter Heftigkeit zitterte:„Gibt es einen Gott, dann 111 wird er eines Tages unſer zerſtörtes Glück und Jadwiga's gebrochenes Herz rächen!“ Er führte das ſchwankende Mädchen ſorglich aus dem Hauſe und zu dem längſt wartenden Wagen und hob es mit einem leiſen:„Lebewohl“ hinein. Die Grä⸗ fin warf unwillkürlich noch einen Blick auf das Zimmer Marhnia's, ehe ſie folgte. Die Dämmerung hüllte es ſchon in ihren Schleier, nur der weiß behängte Altar und der goldene Krucifir darüber leuchtete aus dem Dunkel hervor. Nachdem er den Wagen fortrollen geſehen, deſſen Räder über ſein Herz zu gehen ſchienen, kehrte Stanislaw in das Zimmer zurück, drückte das Geſicht auf den Sche⸗ mel, worauf Jadwiga geſeſſen hatte, und wünſchte, die ganze Welt bräche über ihm und ſeinem Leid zuſammen. Er war erſt im zweiundzwanzigſten Jahr, daher glaubte . es ſei unmöglich, zu überleben, was er eben erlebt atte. 112 Hiebentes Caitel. E i n Ehebund. Bei dem Schein der Nachtlampe ſaß die Gräfin an Jadwiga's Lager. Ein heftiges Fieber hatte das junge Mädchen dem Tode nahe gebracht und die Mutter ſie mit aufopferndſter Sorge gepflegt. Jetzt war die Gefahr vorüber, und bleich wie ein Wachsbild lag die ſchlum⸗ mernde Kranke da. Ihre Magd, welcher die Gräfin kein Wort des Vorwurfs geſagt, hatte ſie mit nicht minderer Treue und Selbſtverleugnung gewartet und war jetzt vor Erſchöpfung in einem Lehnſtuhl eingeſchlafen. Plötz⸗ lich fuhr ſie auf, fürchtend, in ihrer Pflicht ſäumig ge⸗ weſen zu ſein. „Geh' zu Bett, Joſepha!“ ſagte die Gräfin gütig. „Du ſiehſt, die Gefahr iſt vorbei und Du wirſt ſelber krank. Ich bin nicht mehr jung, wie Du— kann des Schlafes leichter entbehren, und wenn ich müde bin, laſſe ich Dich wecken!“ Die Zofe ſah ſie groß an. Ihr Blick fragte:„Wie konnteſt Du ſo grauſam gegen Deine Tochter ſein, wenn Du auf mich ſo freundlich Rückſicht nimmſt?“ und die Gräfin fühlte den ſtummen Vorwurf wohl. Nachdem das 113 Mädchen ſich entfernt hatte, beugte ſie ſich über die Schlummernde und ſagte wehmüthig:„Armes Kind— die Doſis war zu ſtark; ich vergaß, daß Du bis dahin noch wenig Schmerz erlebt hatteſt, alſo noch nicht ab⸗ geſtumpft biſt.“ Geräuſchlos nahm ſie dann wieder ihren Platz ein und ließ die jüngſte Vergangenheit an ihrem innern Blick vorüberziehen. Es war die erſte ruhige Minute, die ſie ſeit jenem Auftritt hatte. Sie ſuchte die Schuld von ſich ab⸗ und auf Stanislaw zu wälzen, allein ſie beſaß zu viel Gerechtigkeitsſinn und ſah ein, daß er nicht anders handeln konnte. Dann wollte ein Reuegefühl ſie anwan⸗ deln, doch wies ſie es entſchieden von ſich und dachte: „Ich konnte nicht anders— es mußte ſein. Ich brauche einen Schwiegerſohn, der feſt zu mir hält; und nicht das allein— welchen Eindruck hätte es auf Severin ge⸗ macht, daß der Gatte ſeiner Schweſter mein Thun ver⸗ dammt? Dieſer Tollkopf wäre im Stande geweſen, mir meinen Sohn abtrünnig zu machen. Und wenn auch das nicht— ſchon die bloße Thatſache, daß der Mann mei⸗ ner Tochter meiner Partei feindlich gegenüber ſteht, hätte ja meine Unfehlbarkeit in Severin's Augen vernichtet, ſein Vertrauen geſchwächt. Wo es ſich darum handelt— konnte das Glück des Mädchens nicht ſchwer in die Wage fallen. Sie wird es auch überwinden— was überwindet 114 man nicht? Wenn Du wüßteſt, was ich weiß, arme Jadwiga, dann wärſt Du mir ſogar zum Dank verpflich⸗ tet. Du behältſt Deinen Geliebten wie einen Gott in Deiner Erinnerung, die Zeit und das Beiſammenſein wird die Glorie nicht von ſeinem Haupte nehmen, und das iſt unendlich mehr, als Du jetzt begreifen kannſt. Es iſt tauſendmal weniger ſchmerzvoll, Du betrauerſt die Trennung von ihm und klagſt mich der Grauſamkeit an, als daß Du, wie ich, einſäheſt, er ſei nur ein Mann! So behältſt Du wenigſtens den Glauben an die Menſchen, und wie viel der werth iſt, das erkennt nur, wer ihn verloren.— Seltſames Ding, ein Mädchenherz!“ fuhr ſie in ihrem Selbſtgeſpräch fort.„Sein Reichthum ſcheint ihm nur gegeben, damit es ihn irgend einem Mann an⸗ dichte und ſpäter unter unſäglichen Martern erfahre, es habe in dieſem Manne nur darum mährchenhafte Schätze zu finden geglaubt, weil es dieſe ſelber beſaß. Und wie bei dieſer Erfahrung all die Reichthümer in der eigenen Bruſt zuſammenſchrumpfen! Grade wie verzauberte Schätze tauſend Klafter tief in die Erde ſinken ſollen, wenn der, welcher ſie heben will, zurückblickt oder ein Wort ſpricht. Vielleicht, nein wahrſcheinlich hätteſt Du das auch einmal erfahren, alſo ſei mir dankbar, daß ich Dich davor bewahrte. Freilich— wer mir damals ge⸗ ſagt hätte, der Mann, den ich anbetete, vergötterte, ſei 115 ein ſo gewöhnliches, gebrechliches Geſchöpf, wie die At⸗ dern alle, ich hätte ihm ſicherlich eben ſo wenig ge⸗ glaubt, wie Du mir jetzt glauben würdeſt. Und vielleicht wärſt Du auch glücklicher geweſen, wie ich; möglich, daß er, den Du liebſt, beſſer iſt, wie Dein Vater und eine Ausnahme ſeines Geſchlechts. Doch wer glaubt das nicht, wenn er eben liebt? Und dennoch— vielleicht hätte er Dir genügt; Du biſt weicher, ſanftmüthiger, leichter befriedigt, haſt nicht meinen Stolz, meine Unerſättlichkeit, auch wohl nicht meine verzehrende Leidenſchaftlichkeit. Das zeigte ja die Fluchſcene. Als ich einſt liebte, hätte meine Mutter mir tauſend Mal fluchen und der Himmel ſelbſt ſich aufthun können, es hätte mich in ſeinen Armen nicht geſchreckt.— Aber Du biſt eben fromm und gottes⸗ fürchtig, haſt das vierte Gebot im Herzen, und das kam mir ſehr zu Statten.“ Der Hohn, welcher dabei über ihr Geſicht flog, war mehr erkünſtelt, als natürlich; bei all ihrem Skepticismus empfand ſie in dieſem Augen⸗ blick ein tiefes Weh, das eben ſo wohl dem eigenen ver⸗ lorenen Paradieſe, als dem Schickſal der Tochter galt. Doch ſuchte ſie ſich der aufſteigenden Gedanken zu ent⸗ ſchlagen und ſagte leiſe:„Es iſt Alles Thorheit— das einzige wahre, dauernde Gefühl iſt die Mutterliebe!“ Die Kranke bewegte ſich im Schlaf und ſtöhnte leiſe. Die Grüfin zuckte unwillkürlich zuſammen. Zum erſten“ 116 Mal empfand ſie einen Gewiſſensbiß darüber, daß ſie faſt ihre ganze Liebe dem einen Kinde zugewendet hatte und das zweite nur als ein Mittel betrachtet, das Glück und die Größe des erſten zu fördern. Sie erinnerte ſich dabei der in dem Munde einer Mutter doppelt harten, frevelhaften Worte, die ſie gegen ihre Tochter geſchleu⸗ dert, und zwar nicht im Zorn, in der Uebereilung, ſondern mit Vorbedacht und Berechnung. Die ſonſt ſo freigei⸗ ſtige Frau fühlte ſich von einem Schauer durchbebt. „Und wenn ein Fluch dennoch Macht hätte, wenn der, den ich gegen eins meiner Kinder ausſtieß, auf das Haupt des andern, alſo auf mein eigen Herz zurückfiele?“ fragte ſie ſich, und dann wiederholte ſie mechaniſch Sta⸗ nislaw's Worte:„Gibt es einen Gott, ſo wird er einſt unſer zerſtörtes Glück und das gebrochene Herz Jadwiga's rächen!“ Draußen nahten Schritte, und der angſtvolle Ge⸗ danke:„Severin— es iſt ihm gewiß ein Unglück zu⸗ geſtoßen!“ machte das Blut in ihren Pulſen ſtocken. Die Thür öffnete ſich und ihr Gatte trat ein. „Was gibt's?“ fragte ſie faſt unverſtändlich. „Ich wollte nur ſehen, was ſie macht!“ antwortete er leiſe und ſchlich vorſichtig an Jadwiga's Lager. Sie ſah mehr einer Leiche, als einer Lebenden ähnlich, und die Verſicherung ſeiner Frau, es ſei nichts mehr zu fürch⸗ 117 ten, beruhigte ihn nur halb, denn der Gegenſatz zwiſchen ihrer früheren Blüthe und dem jetzigen Verfall ergriff ihn zu ſchmerzlich. „Wir hätten ſie doch lieber Dziekonski geben ſol⸗ len!“ ſagte er reumüthig.„Ich fürchte, ſie überſteht es nicht und ich würde mir aus ihrem Tode einen ewigen Vorwurf machen.“ „O ſei unbeſorgt— an Kummer ſtirbt ſich's nicht. Sie iſt meine Tochter, und ich lebe noch!“ verſetzte die Gräfin. Die letzten Worte ſprach ſie ſo leiſe, daß er ſie nicht verſtehen konnte. Mit ſeinem Eintritt waren die Ideen und Empfindungen verſchwunden, welche ſie in der Einſamkeit der Mitternacht beſchlichen hatten und die ſie Schwäche und Aberglauben nannte. Jetzt war ſie wieder ganz ſie ſelbſt, entſchloſſen, unbeugſam, unbeirrt von Reue oder Mitleid. Seine Unruhe und Bangigkeit erſchien ihr faſt verächtlich— ihr war nichts ſo zuwider, als Schwan⸗ ken und Halbheit.„Was man will, muß man ganz wol⸗ len, dabei weder rechts noch links ſchauen, und die Folgen ſeiner Handlungen hinnehmen, ob ſie unſern Wünſchen entſprechen oder nicht!“ war ihr Wahlſpruch. Der Graf war viel entrüſteter geweſen, wie ſie, daß Stanislaw nicht zu der Unterſchrift zu bewegen war, doch als er ſeine Tochter faſt ſterbend ſah, hätte er ihn auch als Nicht⸗ Conföderirten zum Schwiegerſohn angenommen, wenn 118 Jadwiga dadurch gerettet würde. Seine Frau beſpöttelte dieſe Inconſequenz— ſie beſaß nicht mehr die natürliche Gutmüthigkeit, aus welcher ſie entſprang, und ſcheute oder bereute nichts, was ihr nothwendig ſchien. Doch zeigte ſie ihm das nicht, ſondern beruhigte ihn über den Zuſtand der Kranken und verwickelte ihn dann in ein angelegent⸗ liches Geſpräch über Dinge, welche das Intereſſe ihrer Partei betrafen. Er unterbrach dieſe Unterhaltung bald, um von perſönlichen Angelegenheiten zu reden, welche er über die Gefahr der Tochter zu erwähnen vergeſſen hatte. Mit inniger Freude theilte er ihr mit, daß er eine reiche Sta⸗ roſtet in Großpolen erhalten ſolle, aber noch größere Freude verurſachte ihm augenſcheinlich die Andeutung des ruſſiſchen Geſandten, Katharina werde ſeine treuen Dien⸗ ſte mit einem Orden belohnen.„Ich ſagte ja immer, die Kaiſerin iſt ſehr gnädig, und Du ſiehſt, daß ich Recht habe, Ludmilla!“ fügte er hinzu. Ludmilla empfand wieder ein Gefühl tiefer Gering⸗ ſchätzung, zeigte es ihm aber nicht, wie ſie ihm überhaupt nie ihre Verachtung gezeigt hatte.— Jadwiga erholte ſich verhältnißmäßig ſchnell, aber die Saiten ihres Innern waren geſprungen. Wie ein Kind ließ ſie Alles mit ſich geſchehen, was man wollte, nur gegen ihre Mutter zeigte ſie eine unüberwindliche Abnei⸗ 119 gung. Sie ſchien wenig zu leiden und gar nicht an das zu denken, was vor ihrer Krankheit vorgegangen war, aber oft ſchwebte ein ſtilles Lächeln um ihre Lippen, das Zedem, der ſie anſah, tief in die Seele ſchnitt. Es war keine Geiſtesverwirrung, keine Geiſtesabweſenheit, aber Mangel an Empfindung. Mechaniſch verrichtete ſie Alles, wie ſie es gewöhnt war, zeigte ſich freundlich und auf⸗ merkſam gegen Alle, namentlich gegen ihre Magd, die ſich bemühte, ihr jeden Wunſch an den Augen abzuſehen, aber ſie hatte eben wenig Wünſche und Bedürfniſſe. Ihre Eltern hofften, mit der Zeit werde ſie ſich ändern, und der Arzt verſprach von einer tiefen Erſchütterung glück⸗ lichen Erfolg; doch begab ſich nichts, was ſie erſchütterte. Thränen ſchienen ihr ganz fremd geworden zu ſein und auch, als ihre Mutter einſt verſuchsweiſe von Stanislaw ſprach, blieb ſie ruhig und ſagte mit dem ſtereotypen Lächeln:„Ach, laß' doch das Vergangene ruhen; es iſt begraben, wozu es von den Todten erwecken?“ Die Ab⸗ neigung gegen die Mutter nahm ſeitdem noch mehr zu, und dieſe vermied auch, ihre Tochter zu ſehen, weil ihr Anblick für ſie ein ſtummer Vorwurf war. Uebrigens bemerkten ihre Bekannten an ihr keine Veränderung, als daß ſie ſtiller war wie ſonſt und Wi⸗ derwillen gegen rauſchende Vergnügungen empfand. Sie weigerte ſich entſchieden zu tanzen, und antwotete ihrem 120 Vater auf die Frage, warum?:„Ich habe keine Luſt und werde nie mehr Luſt dazu haben.“ Ihre Kräfte kehrten bald völlig zurück und ſie war ſo blühend und körperlich geſund, wie je; allein der Riß in ihrer Seele ſchien un⸗ heilbar und das Automatenmäßige verlor ſich nicht aus ihrem Weſen. Sie muſicirte, las, ſtickte, ging ſpazie⸗ ren, gab Almoſen und ſprach zuſammenhängend und ver⸗ nünftig, doch that ſie Alles handwerks⸗ und maſchinen⸗ mäßig und ſchien die Fähigkeit zum Empfinden zum gro⸗ ßen Theil verloren zu haben. Monate gingen ſo hin. Die Güter Derjenigen, welche der Conföderation nicht beigetreten, waren ſämmt⸗ lich eingezogen worden; durch den Einfluß der Gräfin war der General Dziekonski und ſein Neffe davon aber befreit geblieben. Sie lebten zurückgezogen auf ihren Gü⸗ tern, mit der Verwaltung derſelben beſchäftigt und das Unglück des Vaterlandes beklagend. Niemand beläſtigte ſie, während ihre Landsleute gezwungen wurden, ſich der Conföderation anzuſchließen und der empörendſten Thran⸗ neien ausgeſetzt waren.— Die Conföderirten hatten eine Generalität ernannt, welcher auch der Senator Strzelno angehörte und welche die Angelegenheiten des Landes leitete. Sämmtliche Be⸗ ſchlüſſe des letzten Reichstags wurden aufgehoben und die von ihm ernannten Beamten abgeſetzt. Der Gang des 121 Gerichtsverfahrens wurde unterbrochen und ein ſtrenges Verbot erlaſſen, irgend etwas gegen die Anordnungen der Generalität zu drucken. Die in Folge der Reichstags⸗ beſchlüſſe eingeführten Verbeſſerungen in der Juſtiz und Verwaltung verſchwanden ſchnell, und bald herrſchte über⸗ all wieder die frühere Unordnung und Verwirrung; klein⸗ liche Rachgier und Willkürlichkeiten jeder Art waren, na⸗ mentlich in Litthauen, an der Tagesordnung. Dabei erklärte die Generalität unaufhörlich: alle Uebel, welche Polen drückten, ſeien lediglich die Schuld des conſtitutiv⸗ nellen Reichstags, und Felix Potocki ernannte eine Kom⸗ miſſion zur Ausarbeitung einer republikaniſchen Ver⸗ faſſung, welche den Polen die Rechte und Freiheiten ihrer Vorfahren wiedergeben ſollte. Severin war indeſſen von ſeiner Miſſion zurück⸗ gekehrt und hatte den weißen Adlerorden mit dem gro⸗ ßen Bande erhalten, eine Auszeichnung, die mit General⸗ lieutenantsrang verknüpft war. Sein Vater, der dieſen und den Stanislaw⸗Orden längſt beſaß, freute ſich darüber ſehr, und Severin ſelbſt war nicht ganz unempfindlich dafür. Er bedauerte nur lebhaft, daß Marynia nicht in Warſchau war, um ſeinen Stern und das breite Band zu ſehen, und zuweilen ritt er ſehnfüchtig vor ihrem leeren Hauſe vorüber. Seine Beſchäftigung bei der Geſandtſchaft hatte darin beſtanden, große Toilette zu machen, Diners 1860. VI. Porniſche Mütter. 8 122 und Bälle zu beſuchen, mit Männern, und noch viel mehr mit Frauen, Artigkeiten auszutauſchen. Manch' ſchönes Auge hatte freundlich auf ihm geruht, allein Marynia war unvergeſſen geblieben und oft ergriff ihn ein heißes Verlangen, ſie wieder zu ſehen. Die Veränderung im Weſen ſeiner Schweſter fiel ihm zwar auf, allein er hatte nicht Zeit, darauf einzu⸗ gehen; ſeine Mutter hielt ihn in beſtändiger Bewegung, und kurz nach ſeiner Ankunft in Warſchau wurde er der Deputation beigegeben, welche nach Petersburg abging, um der Kaiſerin die Huldigungen der polniſchen Nation zu Füßen zu legen. Die Deputation wurde mit Artig⸗ keiten überhäuft und dem ſchönen jungen Grafen gefiel es an dem glänzenden Kaiſerhofe; als die Häupter der Conföderation um das Schickſal ihres Landes ſchon lange Beſorgniſſe hegten, glaubte er nach der Verſicherung ſei⸗ ner Mutter und der ruſſiſchen Miniſter, Polens Integrität ſolle unverletzt erhalten werden. Jadwiga's Zuſtand blieb derſelbe; der Anblick der Mutter verurſachte ihr einen Schauder, den Vater be⸗ trachtete ſie mit Gleichgiltigkeit, und die Beweiſe von Zärtlichkeit und Güte, womit er ſie Anfangs überhäufte, machten auf ſie keinen Eindruck. Endlich wurde er dieſer Bemühungen müde, nannte ihre ſtarre Empfindungsloſig⸗ leit Trotz und Verſtocktheit und kümmerte ſich nicht um ſie. Da Jadwiga fremden Umgang mehr mied, als ſuchte, war ſie auf die Geſellſchaft ihrer Magd beſchränkt, die zwar mit großer Treue an ihr hing, ſie aber nicht immer zu unterhalten vermochte. Zuweilen ſaß ſie ſtun⸗ denlang nachdenkend da, es ſchien, ſie wolle ſich die Ver⸗ gangenheit zurückrufen und brüte darüber. Joſepha er⸗ wähnte einſt Stanislaw's; ſein Diener war ein Verehrer von ihr, ſie befand ſich daher nie ganz ohne Nachricht von ihm und erzählte ihrer Herrin, wo und wie deren ehemaliger Geliebter lebe.„Möge er recht glücklich wer⸗ den!“ ſagte Jadwiga darauf ohne irgend ein Zeichen des Schmerzes. Die Zofe entſetzte ſich faſt über dieſe Gleich⸗ giltigkeit; ihr däuchte, ſie ſähe in ihrer Gebieterin nur noch den Leichnam ihres früheren Seins und ſie berührte dieſen Gegenſtand nie wieder. In der That glich Jadwiga einer galvaniſirten Tod⸗ ten, und ſelbſt ihre geiſtesſtarke Mutter konnte ſich An⸗ fangs eines geheimen Grauens nicht erwehren, wenn ſie ihrem ſtarren Blick begegnete. Je lebhafter und erregba⸗ rer das Mädchen ſonſt geweſen war, deſto unheimlicher erſchien dieſe Lähmung der Seele, dieſe Antheils⸗ und Schmerzloſigkeit. Sie ſelbſt fühlte ſich dabei gar nicht unglücklich, vermißte und entbehrte faſt nichts; wenn ſie ſich Stanislaw's und ihrer Liebe, der einſtigen Glückſelig⸗ keit und der plötzlichen Trennung erinnerte, ſchien es ihr 8* 124 faſt, ſie ſelber ſei es gar nicht geweſen, die das empfunden und erlebt hatte, oder es ſei in einer früheren, längſt verſunkenen Exiſtenz geſchehen, habe gar keinen Bezug mehr zu ihrem jetzigen Sein. Und eine ſo weite, tiefe Kluft lag zwiſchen dem Einſt und Jetzt, daß nicht einmal ein Bedauern des verlorenen Glückes und Mitleid mit ſich ſelbſt und dem Geliebten zu ihr hinüberreichte. Eine Fe⸗ der in dem künſtlichen, noch immer ſo wenig ergründeten Organismus des Menſchen ſchien geſprungen und dadurch ein Seelenleben in's Stocken gerathen zu ſein. Nur zuweilen ſchien ſie ein wenig aus ihrer Apathie zu erwachen, und dann trieb eine leiſe Unruhe ſie umher. Es war, als wolle ſie ſich auf irgend etwas Vergeſſenes beſinnen, oder etwas Verlorenes wieder finden. In die⸗ ſer Stimmung war ihr ein Beſuch des Grafen Palowski ſtets willkommen— ſie hörte mit Aufmerkſamkeit auf ſeine Worte und verrieth nie in ſeiner Anweſenheit Zeichen von Langeweile. Bald wurde er ihr täglicher Geſell⸗ ſchafter. Anton Palowski war einige dreißig Jahre alt und, ſeine Bläſſe abgerechnet, ein recht hübſcher Mann. Bei ſeinem Reichthum hatten Mütter und Töchter oft auf ſein Herz und mehr noch auf ſeine Hand ſpeculirt, allein er hatte das Junggeſellenleben den Feſſeln des Eheſtandes vorgezogen. Durch einen geiſtvollen und gelehrten Erzieher mit den Schätzen des Wiſſens vertraut gemacht, hatte er ſpäter eifrig fort ſtudirt und einen großen Theil ſeines Lebens auf Reiſen zugebracht. Das feurige Naturell ſei⸗ ner Landsleute, ihren Leichtſinn und ihre glänzenden Ei⸗ genſchaften beſaß er nicht; er war etwas pflegmatiſch und „von des Gedankens Bläſſe angekränkelt“. Die politi⸗ ſchen Wirren und Intriguen flößten ihm Widerwillen ein, ſein feingebildeter Geiſt entfremdete ihn ſeinem Vater⸗ lande, wie der Geſammtheit ſeiner Landsleute, obgleich er allen Beiden von ganzem Herzen das beſte Wohler⸗ gehen wünſchte. Sein großes Vermögen und das Anſehen ſeiner Familie gab ihm in Litthauen eine hervorragende Stellung und machte es für die Gräfin Strzelno wün⸗ ſchenswerth, ihn zu den Ihrigen zu zählen, da ihr Geiſt, wie ihre feine Bildung ſie auch lebhaft für ihn einnahm. Ihm galt es gleich, welche Regierungsform die Polen, dieſe Halbbarbaren hatten, etwas beſonders Erſprießliches kam nach ſeiner Meinung bei ihren Beſtrebungen doch nicht heraus. Wie er über die Parteiſucht erhaben war, ſo hatte er auch den Standpunkt ziemlich überwunden, auf welchem der Menſch ſich vorzugsweiſe als Glied des⸗ jenigen Volkes fühlt, dem er durch die Geburt angehört— er war Kosmopolit, obgleich dieſer Ausdruck damals noch gar nicht Mode war. Die Gräfin Strzelno hatte leichtes Spiel mit ihm, überhaupt, da er ſich für Jadwiga leb⸗ 126 hafter intereſſirte, als jemals für ein anderes Mädchen; er ließ ſie nach Belieben mit ſeinem Gelde und ſeinem Namen ſchalten und that, was ſie verlangte. Daß Jad⸗ wiga's Herz gefeſſelt war, ſah er wohl, und es ſchmerzte und ärgerte ihn. Allein er hatte keine beſonders romanti⸗ ſchen Ideen, meinte, die Liebe finde ſich in der Ehe, und dachte nicht daran, edelmüthig zurückzutreten, um das Glück derjenigen nicht zu ſtören, welche er liebte. Die Gräfin beſtärkte ihn darin, doch war er keineswegs ge⸗ neigt, ihr bloßes Wertzeug zu ſein, wie ſie erwartet. Er drang auf die Entſcheidung und erklärte, er werde in's Ausland gehen, wenn die Gräfin ihm nicht das Jawort ihrer Tochter verſchaffte. Dies hatte Jene zu der Scene im Dziekonskiſchen Hauſe veranlaßt. Nach Jadwiga's Krankheit trat ein gründlicher Um⸗ ſchwung in ſeinen Gefühlen ein. Seine bis dahin ſelbſti⸗ ſche und engherzige Neigung nahm einen ganz andern Charakter an. Er fühlte ein inniges Erbarmen mit ihrem Zuſtande und bemühte ſich, ſie zu unterhalten und zu zerſtreuen. Bei ſeiner vielſeitigen Bildung war ihm das ein Leichtes, und da er ſie mit wahrer Theilnahme be⸗ obachtete, wußte er bald, was ihr angenehm war. Er gab ihr Unterricht im Deutſchen und Engliſchen, lernte mit ihr Italieniſch, und ſie entfaltete dabei eine wunderbare Auffaſſungsgabe, ein wahres Sprachtalent. Leider blieb 127 das aber eine bloße Gedächtnißübung. Sie erlernte dieſe Sprachen ganz mechaniſch, hatte kein wahres Verſtändniß für die großen Dichter, die ſie bald in der Urſprache las, und Palowski fühlte ſich oft tief betrübt, wenn ſie gleich einem abgerichteten Vogel Worte ausſprach, die keinen Sinn für ſie zu haben ſchienen. Doch fuhr er in ſeinem Unterricht fort, denn es machte ihr ein gewiſſes Vergnügen, füllte die Zeit aus, welche ihr ſonſt zuweilen lang wurde. Ein noch größeres Vergnügen machte es ihr, von ſeinen Reiſen zu hören. War es eine Reminiscenz der letzten Stunden ihres Glückes, der damals entworfenen Pläne, oder die unbeſtimmte Sehnſucht nach der Ferne, welche in jeder Menſchenſeele lebt, die ſich daheim nicht heimiſch fühlt? Genug, ſie empfand ein zuerſt unklares, ſpäter immer bewußter werdendes Verlangen, das elter⸗ liche Haus, welches ſie beinahe anwiderte, die Mutter, vor welcher ihr graute, zu verlaſſen und weit draußen etwas, daß ſie nicht anzugeben wußte, vielleicht ſich ſelbſt, zu ſuchen. Die Gräfin bemerkte mit großer Zufriedenheit, daß Jadwiga ſich mehr und mehr an Palowski gewöhnte, und niachte ihren Gatten darauf aufmerkſam. „Du denkſt doch nicht daran, ſie in dieſem Ge⸗ müthszuſtande zu verheirathen!“ rief er faſt unwillig. 6 128 „Warum nicht?“ verſetzte ſie.„Ich hoffe, Du hältſt ſie nicht für irr⸗ oder blödſinnig, denn das iſt ſie durchaus nicht. Nur ſcheint der Hauptnerv des weiblichen Gemüths: die Liebesfähigkeit, gelähmt zu ſein. Das halte ich aber für kein Unglück, ja, ich prophezeihe ihr die glücklichſte Ehe. Bei allzugroßer Empfindſamkeit lebt es ſich ſehr unbequem— das Gegentheil ſchadet ſelten.“ „Du magſt Recht haben!“ antwortete er, wie ge⸗ wöhnlich von ihrer Einſicht durchdrungen.„Aber ſo viel weiß ich— an des Grafen Stelle würde ich eine ſolche marmorne Braut nicht wählen!“ „Ueber den Geſchmack iſt nicht zu ſtreiten,“ erwie⸗ derte die Gräfin.— Eines Tages, es war gegen das Frühjahr, trat die Gräfin in Jadwiga's Zimmer, und hielt ihr eine lange Rede über die Pflicht des Kindes, den Eltern zu gehor⸗ chen, über die Stütze, welche ihr Vater in dieſen bewegten Zeiten an einem Schwiegerſohn wie Palowski fände, Zber die Freude, welche ſie und Severin über ihr Glück haben würde. Jadwiga hörte ſie ruhig an und wünſchte nur im Stillen, ſie möge wieder gehen. Als Jene aber den Ausdruck:„elterlichen Segen“ brauchte, ſchaute ſie mit ihrem kalten, ſtarren Blick die Mutter an und fragte „Wer ſagte doch, Fluch oder Segen ſei nur ein Hauch? Ich glaube Stanislaw, aber genau weiß ich's nicht; es 129 liegt wie ein dichter Schleier auf mir, wenn ich mich darauf beſinnen will!“ Die Mutter ſtand auf und ging hinaus. Sie hatte den Muth verloren, die Sache zu verfolgen; doch er⸗ munterte ſie Palowski, Jadwiga's Einwilligung zu ver⸗ langen. Als er einmal wieder von fremden Ländern ſprach und ſie mit träumeriſchem Antheil zuhörte, fragte er, ob ſie auch reiſen möchte, und ſie antwortete mit ungewöhn⸗ licher Lebhaftigkeit:„Aber nicht mit meiner Mutter!“ „Lieber mit mir?“ fragte er zögernd. Sie bejahte unbefangen, und er ſagte ihr nun warm und beredt, daß er ſie liebe und ſein ganzes Leben daran ſetzen wolle, ſie glücklich zu machen. „Liebe? Glück?“ wiederholte ſie kopfſchüttelnd und mit dem gewöhnlichen Lächeln.„Damit iſt es aus! Das ſind Worte, die keinen Sinn für mich haben. Wollen Sie mich nehmen, wie ich da bin— ſo ſage ich nicht Nein. Aber wir gehen dann gleich fort aus dieſem Hauſe und aus dieſem Lande, ſo weit fort, als möglich. Frei⸗ lich fürchte ich, Sie werden eine ſchlechte Lebensgefährtin an mir haben, aber ich kann nicht anders ſein, wie ich einmal bin!“ hre Gleichgiltigkeit ſchmerzte ihn zwar, allein er hoffte, es werde ihm und ſeiner Liebe gelingen, dieſe un⸗ * 130 natürliche Kälte zu ſchmelzen und der neuen Galathee Leben einzuhauchen. Er bedachte nicht, daß er kein Pr maleon war, und daß es oft leichter iſt, das Unbelebte zu beſeelen, als die durch Ueberreizung ertödteten Fähigkei⸗ ten wieder zu beleben. Joſepha ſchlug die Hände über dem Kopf zuſam⸗ men, als ſie von dieſer Verbindung hörte. Sie mochte den Grafen zwar gern leiden, und ſeine Geduld und Zartheit im Verkehr mit ihrer Herrin hatte ſie oft ge⸗ rührt; allein ſie hatte es ſich in ihrem etwas romantiſchen Köpfchen ſo hübſch zurechtgelegt, daß ihre Herrin doch noch einmal die Frau Stanislaw's und wieder natür⸗ lich und glücklich werden würde, und das war nun für immer vorbei. Die kirchliche Einſegnung dieſes Ehebundes fand in Kurzem und ganz in der Stille ſtatt. Palowski hatte es ſo verlangt und damit vollkommen den Geſchmack Jad⸗ wiga's getroffen. Dann reiſte er mit ihr durch Deutſch⸗ land und Tyrol nach Italien. Der Gräfin war ſein Scheiden in der unruhigen Zeit nicht lieb— ſie äußerte ihm ihren Wunſch, daß er bleiben möchte, um, was in ſeinen Kräften ſtehe, für das Vaterland zu thun. Aber er antwortete kalt: „Ich habe weder Geſchick noch Neigung, dieſen Augiasſtall reinigen zu helfen und die Wahrheit zu ge⸗ 131 *hen; ich denke, man beſchmutzt ſich dabei die Seele, „die Hände. Ich glaube meinen Lebenszweck beſſer zu erfüllen, wenn ich Jadwiga's Gemüth von dem erſtarren⸗ den Bann zu erlöſen ſuche und dann meinem Glück und den Wiſſenſchaften lebe. Uebrigens wiſſen Sie ja, daß Sie auf meinen Gütern nach Belieben ſchalten können.“ Dabei mußte ſie ſich beruhigen, obgleich es ihr nicht gefiel, daß der neue Schwiegerſohn ſo ſelbſtändig han⸗ delte. Es ſchien indeſſen, ſeine Bemühungen um Jadwiga ſeien nicht erfolglos, denn ſie trat die Reiſe heiterer an, als ſie bisher geweſen war. Achtes Caitel. Der Reichstag zu Grodna. Die Hoffeſte, Bälle, Maskeraden, Schlittenpartien und Schmauſereien, welche ſich in Petersburg drängten, hatten Severin lange Zeit faſt berauſcht, endlich wurde ihm dies Leben mit alb ſeiner Ueppigkeit doch überdrüßig und er wünſchte, die Kaiſerſtadt zu verlaſſen. Aber ſeine Mutter geſtattete das nicht; unter allerlei Vorwänden * 132 hielt ſie ihn dort feſt, und erſt im Frühling, als Jadwiga eben verheirathet und abgereiſt war, kam er nach Hauſe. Die Urheber der berüchtigten Conföderation hatten dieſe gebildet, weil ihnen die Verfaſſung vom dritten Mai, die den Beifall von halb Europa hatte, ihre Freiheit zu beeinträchtigen und dem Königthum eine despotiſche Macht zu geben ſchien. Zu Anfang des Jahres 1793 erklärten aber die Petersburger und Berliner Kabinette die Beſtre⸗ bungen des Reichstags, welcher jene Verfaſſung geſchaf⸗ fen, für demagogiſch und jakobiniſch, und ließen die pol⸗ niſchen Landestheile, welche ihren Grenzen zunächſt la⸗ gen, beſetzen, damit ihre eigenen Unterthanen nicht von jenen verderblichen Grundſätzen angeſteckt würden, welche in Paris das Haupt des Königs unter das Fallbeil brach⸗ ten. Danzig ſollte vorzüglich der Heerd dieſer revolutionä⸗ ren Umtriebe ſein, daher ließ es Friedrich Wilhelm M. belagern und beſetzen. Die Conföderirten proteſtirten leb⸗ haft dagegen, wie überhaupt gegen die immer deutlicher werdende Abſicht der Nachbarmächte, ſich die ihnen am beſten gelegenen Gebietstheile anzueignen. Severin theilte den allgemeinen Schmerz und Un⸗ willen darüber, ſeine Mutter wußte ihn aber geſchickt zu beſchwichtigen. Sie rechifertigte die Anweſenheit der fremden Truppen dadurch, daß ſie die Erklärung der fremden Mächte, man arbeite in Polen eifrig daran, die 133 hölliſche Lehre zu verbreiten, welche in Frankreich ſo entſetzliche Früchte trug, für ihre Ueberzeugung ausgab. Sie verſicherte, auf dem nächſten Reichstage werde ſich Alles friedlich löſen, und zeigte ſich durchdrungen von der Großherzigkeit der Kaiſerin, wovon ſo viel Gerede ge⸗ macht wurde. Severin war von Katharina ſehr wohl auf⸗ genommen worden; bei ſeiner Jugend und Unerfahren⸗ heit hatte dies einen günſtigen Eindruck auf ihn gemacht, und er glaubte ſeiner Mutter, wie er es von jeher ge⸗ wöhnt war. Hatte ſich übrigens nicht ihre Vorherſagung in Betreff des königlichen Uebertritts zur Conföderation beſtätigt? Doch durfte Severin nicht in Warſchau blei⸗ ben, wo die Meinung gegen die Conföderirten eine ſehr heftige war; auch wünſchte die Gräfin ihn ganz aus dem Lande zu entfernen, damit er nicht Zeuge der Theilung ſei, welche ſie voraus ſah, obgleich ſie von Rußland noch immer abgeleugnet wurde. Sie ſann daher auf ſeine Ent⸗ fernung und ſtellte ihm vor, es ſei für einen gebildeten Mann nothwendig, Italien und Griechenland zu ſehen. Sie machte ihm den Vorſchlag, auf ein Jahr nach dem Süden, vielleicht auch nach der Levante zu reiſen, und ſchilderte ihm die Freude ſeiner Schweſter, wenn er un⸗ vermuthet mit ihr zuſammenträfe. Sterin mochte darauf nicht eingehen. Er wünſchte, irgend etwas Rützliches zu thun, um ſich ein Recht auf 134 vie Dankbarkeit ſeines Vaterlandes zu erwerben. Die Gräfin dagegen machte geltend, es tauge bei der im Lande herrſchenden Uneinigkeit nicht, daß er ſich darein miſche und thätigen Antheil an den Handlungen einer Partei nehme, ſei es, welche es wolle— das werfe einen ge⸗ häſſigen Schein auf ihn. Vorläufig ſtänden die Verhält⸗ niſſe unglücklicherweiſe nicht ganz ſo günſtig, als ſie wünſchte, allein in kurzer Zeit werde aus dem gegenwär⸗ tigen Chaos die neue und glänzende Geſtaltung der Dinge hervorgehen, welche das Ziel ihres Lebens in greifbare Nähe bringe. Er war noch immer nicht zur Reiſe geneigt, ſchon weil er Marynia wieder zu ſehen wünſchte. Zwar durfte er bei den Ihrigen keinen freundlichen Empfang erwarten, dennoch hatte er auf ſeiner Rückkehr von Petersburg einen Umweg gemacht und das Gut beſucht, welches der General zu bewohnen pflegte. Dieſer war aber mit ſeiner Familie nicht mehr dort, und der Inſpector, welcher Bö⸗ ſes vermuthete, hatte verſichert, er wiſſe nicht, wohin die Herrſchaft ſich begeben hatte.. Da die Gräfin dies von ihm erfahren hatte und ihn um keinen Preis zum Zeugen der nächſtens ſtatt⸗ findenden Vorgänge haben wollte, ſo deutete ſie darauf hin, Dziekonski's ſeien auch nach Italien gereiſt, und er werde ihnen dort wahrſcheinlich begegnen. 135 Nun machte der junge Mann keinen Einwand mehr und befand ſich ſchon in kurzer Zeit unterwegs. Er traf überall ausgewanderte Polen, die ihn mit Mißtrauen be⸗ trachteten— er achtete darauf jedoch nicht und erkun⸗ digte ſich eifrig nach Dziekonski's; allein keine Spur war von ihnen zu entdecken. Jadwiga und ihren Gatten fand er in Neapel. Jetzt erſt fiel ihm die ſeltſame Veränderung ſeiner Schwe⸗ ſter auf; er dachte darüber nach, wie es denn zugegangen ſei, daß ſie Stanislaw ſo ſchnell vergeſſen und einen Andern geheirathet habe. Sie ſelber gab ihm auf dieſe Frage keine Antwort, als ein Achſelzucken und das leere Sie hatte kein Bedürfniß zur Mittheilung oder lage. Uebrigens hatte nur die Ausſicht, das Elternhaus zu verlaſſen und die Hoffnung auf die Reiſe ſie für einen Augenblick angeregt— bald war ſie wieder, wie zuvor. Der fremde Ort, welchen ſie erreichte, bot ihr eben ſo wenig Intereſſe, wie derjenige, welchen ſie verlaſſen hat⸗ te. Was ſie inſtinktiv in der Ferne zu finden gehofft, ſich ſelber, fand ſie doch nicht wieder. So fuhr ſie denn gleichgiltig von Stadt zu Stadt, und von Land zu Land, wie ſie zu Hauſe aus einem Zimmer in's andere gegan⸗ gen war. Sie hatte keine Laune, keine Caprice, war im⸗ mer till und geduldig, lächelte oft, allein es lag etwas 136 entſetzlich Beängſtigendes in dieſer Unbeweglichkeit des Gemüthes und der arme Graf litt dabei tief. Aber er ermüdete nicht in ſeiner unabläſſigen Sorge um ihre Unterhaltung, und ſie erkannte das auch dankbar an, ob⸗ gleich mit demſelben öden Lächeln, womit ſie einem zer⸗ lumpten Bettler ein Gelvſtück reichte. Severin begriff nicht, wie der Graf dabei nicht den Muth verlor, und begann den Schwager aufrichtig zu ſchätzen, der ihm ſonſt ſehr gleichgiltig und ſogar ein we⸗ nig widerwärtig geweſen war, da er eine Verſchwägerung mit der Dziekonski'ſchen Familie gewünſcht hatte. Jad⸗ wiga's Theilnahmloſigkeit machte auf ihn den qualvollſten Eindruck und einſt, als dieſelbe wieder ſtark hervorgetre⸗ ten war, fragte er ihre Magd, wodurch ſie ſo verändert ſei. Joſepha hatte dieſe Frage längſt erwartet und theilte ihm mit, was ſie wußte. Der Scene in Marynia's Zim⸗ mer hatte ſie zwar nicht beigewohnt, aber die Phantaſien Jadwiga's in ihrer Krankheit hatten davon ſo viel ver⸗ rathen, daß ſie dieſelbe ziemlich wahrheitsgetren ſchildern konnte Uebrigens war Joſepha auch im Nebenzimmer geweſen, als Stanislaw damals mit der Conföderations⸗ akte zur Gräfin kam; ſie hatte ſtets eine ſtille Vorliebe für die Conſtitution gehabt und nahm durchaus keinen Anſtand, dem Bruder ihrer Gebieterin Alles zu wieder⸗ holen, was Dziekonski, die Grüfin und Jadwiga über dieſen Gegenſtand geſprochen hatten. 137 Severin hatte ſtets der Worte ſeiner Mutter: „Biſt Du zu ſchwach, eine zeitlang Verkennung und un⸗ verdiente Verachtung zu ertragen?“ gedacht, wenn er Aeußerungen des Tadels und Unwillens gegen die Con⸗ föderation gehört hatte, und fie waren ihm ein feſter Schild geweſen. Daher befremdeten oder reizten ihn Stanislaw's Ausdrücke, welche das Mädchen wiedergab, weniger, als man hätte denken können— aber das Benehmen ſeiner Mutter mißfiel ihm. Er war ja Zeuge geweſen, daß ſie Jadwiga und Stanislaw Gelegenheit gegeben hatte, ein⸗ ander näher zu treten, und fand es unedel, ſie zu trennen, weil der junge Mann ſeiner Ueberzeugung tren geblie⸗ ben war. Mit innigem Mitleiden betrachtete er ſeine Schwe⸗ ſter, und als er einſt mit ihr allein war, machte er ihr freundliche und dringende Vorwürfe darüber, daß ſie dem Grafen ihre Hand gereicht.„Warum haſt Du Dich mir nicht vertraut?“ rief er ſchmerzlich.„Ich hätte es nie geduldet, daß Du von Dziekonski getrennt würdeſt. Die Mutter hätte endlich nachgeben und den Fluch zurückneh⸗ men müſſen, und Du wärſt glücklich!“ Ein Lächeln trat auf die Lippen der jungen Frau, doch war es nicht ſo nichtsſagend wie gewöhnlich, ſondern unbeſchreiblich traurig.„Ich will Dir etwas ſagen, was ich keinem Menſchen anvertraute!“ ſprach ſie dann leiſe. 1860. VI. Polniſche Mütter. 9 * 138 „Eben weil ich fürchtete, Stanislaw könnte einmal wie⸗ verkommen und die Mutter aus Mitleid für mich jenen entſetzlichen Fluch zurücknehmen, heirathete ich den Gra⸗ fen. Stanislaw hätte geglaubt, ich ſei noch die Jadwiga, welche er kannte und liebte, und doch hat ein böſer Dämon die alte Jadwiga für immer mit einer andern vertauſcht, die ihn nie glücklich gemacht hätte!“ „O ſprich nicht ſo!“ rief ihr Bruder. „Dies ſcheint Dir närriſch, und doch ſprach ich nie⸗ mals wahrer und vernünftiger, als grade jetzt!“ fuhr Zene fort.„Mein Kopf iſt ſo geſund, wie früher, aber hier in der Bruſt iſt's mir anders, wie ſonſt. Es gibt ein deutſches Mährchen, worin ein Mann ſein Herz verkauft und ihm dafür ein Stein in die Bruſt geſetzt wird. So iſt mir's auch, aber mit dem Unterſchiede, daß ich mein Herz nicht verkaufte. Doch brauchſt Du Dich darum nicht zu härmen, Severin— es lebt ſich ganz bequem ohne Herz, wie die Mutter einmal ſagte, als ich noch eins hatte, das vor Schmerz zitterte.— Nun, ſie muß das wohl am beſten wiſſen, und ich bin froh, daß ich ſie lange Zeit nicht mehr ſehen werde. Ihr Anblick macht den Stein in meiner Bruſt noch ſchwerer. Den Grafen habe ich gern, weil ich denke, er leidet nicht ſehr dabei, daß ich we⸗ der Freude noch Schmerz empfinde, und weil es mir auch gleichgiltig wäre, wenn er litte. Stanislaw dagegen will 139 ich nie wiederſehen— meine Herzloſigkeit könnte ihm weh thun, denn hoffentlich iſt es ihm nicht ſo gegangen wie mir!“ Severin war tief erſchüttert, und es empörte ihn, daß ſeine Mutter, die gegen ihn ſtets zärtlich und nach⸗ giebig war, die Tochter ſo hart und lieblos behandelt hatte. Ihm blieb jedoch nicht ſo viel Zeit, darüber nach⸗ zudenken; er erfuhr, daß auf dem zu Grodna verſam⸗ melten Reichstage von Rußland und Preußen die Abtre⸗ tung großer Provinzen verlangt werde, und obgleich der alte Diener, den die Mutter ihm mitgegeben hatte, leb⸗ haft dagegen proteſtirte, begab er ſich eilig auf den Rück⸗ weg. Das Reiſen koſtete damals viel Zeit und dem jun⸗ jungen Manne wurde der Weg unendlich lang.— Der Gräfin war nach der Abreiſe ihres Sohnes ein Stein vom Herzen gefallen; ſie hoffte, er werde, mit Geld reichlich verfehen, den Reiſe⸗ und Abenteuergelüſten der Jugend nicht widerſtehen, ſich in die Wunder und Wü⸗ ſten Egyptens vertiefen und von der Zerſtückelung Polens erſt recht ſpät hören. Bei einem Zuſammentreffen mit Jadwiga konnte ſich dieſe allerdings bei dem Bruder beklagen, allein das fürchtete die Gräfin viel weniger, als ſeine Anweſenheit in Polen, und dann hoffte ſie auch, Jadwiga's Zuſtand habe ſich gebeſſert. In der letzten Zeit war ſie überhaupt auf die Ider gekommen, Jadwiga hätte 9* 6 ſich nur gegen ſie und den Vater ſo kalt und gleichgiltig gezeigt, weil ſie es nicht vergeben konnte, daß ihr Lie⸗ bestraum zerſtört ſei. Wenn nun Jadwiga ſich bei Se⸗ verin beklagte und ihre Mutter angriff, ſo war ja ihre freiwillige und ſo bald geſchloſſene Heirath mit Palowski eine Rechtfertigung der mütterlichen Strenge. Welches Mitleid konnte ſie für ihre zerſtörte Jugendliebe bei Se⸗ verin finden, da ſie dieſe ſelbſt verrathen hatte? Der erfahrene und treue Diener, welcher ihren Sohn begleitete, war der Mutter eine Beruhigung ge⸗ gen die Gefahren, in welche er unterwegs etwa gerathen konnte. Auch war ja Severin nicht zum erſten Mal von Hauſe fort. Mit doppeltem Eifer widmete ſie ſich den politiſchen Angelegenheiten. Sie reiſte auf ihre Güter und die des Grafen Palowski, um die Wahlen zu dem bevorſtehenden Reichstage zu leiten. Sie war keineswegs gleichgiltig ge⸗ gen die Demüthigung und den Verluſt, womit ihr Vater⸗ land durch die Schmälerung ſeiner Grenzen bedroht war, ſie hatte ſogar eine Anwandlung von Reue darüber, daß ſie ſich ſeit der Einführung der Verfaſſung an Rußland geſchloſſen, doch tröſtete ſie ſich wieder mit dem Gedan⸗ ken: die gegenwärtige Kriſis wäre ja auch ohne ihr Zuthun eingetreten. Und je düſterer im Augenblick die Verhältniſſe und Ausſichten Polens waren, mit deſto 141 größerer Zähigkeit hielt ſie die Hoffnung auf eine große und glückliche, durch ſie und ihren Sohn herbeigeführte Zukunft feſt. Ihr Gatte war trotz ſeiner Eitelkeit und Verblen⸗ dung tief entrüſtet über eine Theilung und eiferte, wie faſt ſämmtliche Urheber der Conföderatin, für die Integrität Polens. Allein die Gräfin dämpfte dieſen Eifer bald. „Glaubſt Du etwa, daß mir die Schmach nicht nahe geht, welche man unſerem Vaterlande anthut?“ ſagte ſie lebhaft.„Aber hier gilt Widerſtand nichts. Die Ueber⸗ macht iſt zu groß. Widerſetzen wir uns der Abtretung, dann wird vielleicht ganz Polen zerſtückelt, während wir ſo mit einem kleinen Opfer davon kommen.“ „Aber ich will lieber mit Ehren untergehen, als das Elend meines Vaterlandes überleben!“ rief der Graf in einer Anwandlung der Gefühle, welche ihn einſt be⸗ ſeelt hatten. „Das iſt ſehr edel geſagt, wäre aber ſehr albern ge⸗ than!“ verſetzte die Gräfin kalt.„Eine Verbannung nach Sibirien, das Höchſte, was Dir Deine Widerſetzlichkeit eintrüge, würde Dir wenig gefallen. Wahrſcheinlich wür⸗ deſt Du nur Deiner Güter, Aemter und Würden, der verliehenen Orden und Staroſteien beraubt, und da hätteſt Du allerdings Gelegenheit, Deinen Patriotismus zu beweiſen.“ Er verſtummte, denn ein Leben in Armuth und Dunkelheit erſchien ihm entſetzlich. Ihm blieb nichts An⸗ deres übrig, als der Großmuth der Kaiſerin zu vertrauen, und eifrig gab er ſich zu den Plänen des ruſſiſchen Ge⸗ ſandten her— es war ja das einzige Mittel, ſich ein glänzendes Leben, eine hervorragende Stellung zu ſichern. Seine Frau ließ ihn gewähren; es ſchien ihr noth⸗ wendig, die fremden Truppen aus dem Lande zu entfer⸗ nen, und das konnte, wie die Sachen einmal ſtanden, nur durch Nachgiebigkeit erreicht werden. In Maſavien, wo die Beſitzungen Strzelno's lagen, waren faſt ein Drittel der Bewohner Edelleute, und in manchen Dörfern gab es gar keine Bauern, nur Szlacheicen. Halb zerlumpt, doch mit einem Säbel an der Seite, waren ſie einſt auf elen⸗ den Kleppern zu den Vorlandtagen geritten, oder zu Dutzenden auf einem Wagen dahin gefahren. Die Zu⸗ ſtände hatten ſich hier noch wenig gebeſſert und ihre Ar⸗ muth gab den reichen Grundbeſitzern noch immer ſo gro⸗ ßen Einfluß auf ſie und die Wahlen, wie früher. Die Gräfin hatte das ſtets benutzt; ſie genoß in der ganzen Gegend ein hohes Anſehen, und eine Einladung zu Tiſch an die Vornehmeren, freundliche Worte, theilnehmende Erkundigungen und hier und da einige Fäſſer Brannt⸗ wein für die Geringeren, ein Lobſpruch, eine Schmeichelei für Alle, reichten hin, ihren Einfluß zu ſichern. Ihr Gatte 143 hatte dieſe Popularität nie genoſſen, weil er mit dieſen tapfern, aber rohen und meiſt dem Trunke ergebenen Män⸗ nern nicht umzugehen wußte. Der König begab ſich nach Grodna und eröffnete am 17. Juli den Reichstag. Die Vorgänge auf demſel⸗ ben ſind bekannt. Es waren nur in den Provinzen Ab⸗ geordnete gewählt worden, die fortfahren ſollten, Polen zu heißen, und die Wahlen hatten unter dem mächtigen Einfluß der Conföderirten und dem nicht minder mächti⸗ gen der ruſſiſchen Bajonette ſtattgefunden. Die polniſche Armee war theils aufgelöſt, theils im Lande unter den fremden Truppen zerſtreut, der Schatz erſchöpft, das Land verarmt und verwüſtet; ſtarke Abtheilungen ruſſiſcher Soldaten lagerten in und um Grodna, die Zugänge der Stadt waren ſo ſcharf bewacht, daß Niemand ohne ſchrift⸗ liche Erlaubniß des ruſſiſchen Befehlshabers einen Spa⸗ ziergang außerhalb der Thore machen durfte und die fremden Geſandten ſich darüber beſchwerten. Ohne Aus⸗ ſicht auf auswärtige Unterſtützung, durch Androhung der härteſten Gewaltmaßregeln gegen das Land geſchreckt, durch Militärmacht in ihrer perſönlichen Freiheit be⸗ ſchränkt und durch die ſophiſtiſche Beredtſamkeit der an Rußland Verkauften verwirrt, widerſtand dieſe Handvoll Männer doch lange dem Drängen und Drohen des ruſſiſchen Geſandten Sievers, die geforderten Provinzen abzutreten. 144 Endlich verſicherte der Geſandte, er werde eine län⸗ gere Weigerung als Kriegserklärung betrachten und das Land als feindliches behandeln. Der König, welcher ſtets mit Vorwürfen aller Art überhäuft wurde und ſehr lei⸗ dend war, ſchilderte eindringlich das Unheil, welches fer⸗ nere Widerſetzlichkeit über Polen brächte. Koſſakowski, der Biſchof von Liefland, machte darauf aufmerkſam, daß Katharina vielleicht nicht auf eine Abtretung an Preußen beſtehen werde, wenn ſie die begehrten Landſtriche er⸗ halte, und das war ein Hoffnungsſtrahl, welchen Viele auffaßten. Mit dreiundſiebzig gegen zwanzig Stimmen wurde beſchloſſen, den Vertrag gut zu heißen, welcher Rußland einen Landſtrich mit vier Millionen Einwoh⸗ nern zuſprach, und am 23. Juli unterzeichnete die dazu er⸗ wählte Deputation dieſen Vertrag. Die Hoffnung auf ruſſiſchen Beiſtand gegen Preußen war jedoch nichtig, wie ſich herausſtellte, als Buchholz die Unterzeichnung eines ähnlichen Vertrages verlangte, wie es eben mit Rußland abgeſchloſſen worden. Die Entrü⸗ ſtung und Verzweiflung der Landboten war unbeſchreiblich. Sie verſicherten faſt einſtimmig, keine Macht der Erde ſolle ſie zu einer neuen Abtretung zwingen. Anfangs ſah Sievers ruhig zu; es ſchien, er gönnte den Polen die Erleichterung, Friedrich Wilhelm II. zu ſchmähen, und dieſem die Demüthigung, daß eine Ab⸗ 145 tretung an ihn noch größeres Aergerniß erregte, als die an Rußland. Endlich erklärte er aber die Oppoſition für Jacobinismus und daß er diejenigen, welche ſich ſeinem Willen widerſetzten, zur Beſinnung bringen werde. Gre⸗ nadiere wurden auf der Terraſſe und im Schloßhofe auf⸗ geſtellt und gegen den Sitzungsſaal vier Kanonen gerichtet, zugleich aber völlige Redefreiheit zugeſichert. Die Land⸗ boten machten von dieſer Vergünſtigung den umfaſſend⸗ ſten Gebrauch. Sie ergoſſen ſich in die heftigſten Ver⸗ wünſchungen gegen die Thrannei und Treuloſigkeit der fremden Höfe; darüber verſtrich die Zeit und ein Beſchluß wurde nicht gefaßt. Nun ließ Sievers vier Landboten Nachts in ihren Wohnungen verhaften und aus der Stadt bringen.„Sie hätten alles Maß überſchritten,“ ſagte er in der Note von 23. September an den Reichstag,„hätten ſogar die Verfaſſung vom dritten Mai gerühmt und die zur Rettung des Vaterlandes gebildete, von Ihrer Majeſtät, ſeiner erhabenen Souverainin, geſchützte Conföderativn von Targowica mit den ſchwärzeſten Farben geſchildert. Er habe durch die Feſtnahme und Deportation dieſer Jacobi⸗ ner dem Reichstage einen Dienſt erwieſen, übrigens ſei es nicht ſeine Meinung, die Redefreiheit zu beſchränken.“ Die Verſammlung weigerte ſich, die Berathungen zu beginnen, ehe die weggeführten Landboten frei in ihrer 146 Mitte ſeien. Sievers antwortete kurz, er habe wegen dieſer Verhaftungen nicht Rechenſchaft abzulegen und das Benehmen des Reichstags ſei eine neue Beleidigung ge⸗ gen die hohen, verbündeten Mächte; das erſte aller Ge⸗ ſetze, Ehrerbietung gegen die Souveraine, werde von den jacbbiniſchen Grundſätzen vom dritten Mai verletzt, aber er werde ihm Achtung zu verſchaffen wiſſen. Dieſe Antwort wurde ſtumm angehört und Niemand verließ darauf ſeinen Platz und öffnete den Mund. Ohne ſich ihre Anſicht mitzutheilen, faßten die Landboten ein⸗ ſtimmig den Entſchluß, die Sitzung nicht zu beginnen. Der ruſſiſche Befehlshaber von Grodna, General Rautenfeld, der neben dem königlichen Thron einen Lehn⸗ ſeſſel inne hatte, beſtürmte den König, dieſem unerklär⸗ lichen Benehmen ein Ende zu machen. Stanislaw Auguſt erwiederte, er habe nicht die Macht, die Landboten zum Sprechen zu zwingen. Rautenfeld meldete das Ereigniß dem Geſandten und dieſer erklärte: Niemand dürfe den Sitzungsſaal verlaſſen, bis der Vertrag genehmigt ſei; der König ſolle auf ſeinem Thron bleiben und die Sena⸗ toren werde er im Sitzungsſaal auf Stroh ſchlafen laſſen. Keine Bewegung verrieth, was die Landboten em⸗ pfanden, und das Schweigen dauerte fort. Da ihre Re⸗ den und Proteſtationen erfolglos blieben, Einzelne von ihnen ſogar nach Sibirien brachten, waren ſie entſchloſ⸗ — 147 ſen, kein Wort mehr zu reden. Stunde auf Stunde ver⸗ rann. Die Lichter, tief herabgebrannt, verbreiteten nur ein düſtres, ungewiſſes Licht über dieſe bleichen, von Zorn und Kummer, Hunger und Ermüdung erſchöpften Männer, die in ihrer ſtummen Regungsloſigkeit Todten glichen. Die Nacht war faſt vorüber— es ſchlug drei Uhr, da verließ Rautenfeld, der daran zweifelte, dieſe Hartnäckigkeit zu brechen, den Saal, um ſeine Truppen eindringen zu laſſen. Nun äußerte ein Anhänger Ruß⸗ lands zum Reichstagsmarſchall, das Schweigen gelte als Zuſtimmung, und der Marſchall, ebenfalls Rußland er⸗ geben, fragte dreimal ſchnell hintereinander: ob der Reichstag den Ausſchuß zur Unterzeichnung ermächtige? Als keine Antwort erfolgte, ließ der Marſchall die Zu⸗ ſtimmung der Kammer ins Tagesprotokoll eintragen. Trotz der zahlreichen Proteſtationen, welche ſogleich zu Protokoll gegeben wurden, fand die Unterzeichnung ſtatt. Der alte König vergoß dabei bittere Thränen. Unter den Landboten war Domenik Dziekonski; er hatte ſich durch ſeinen lebhaften und beharrlichen Wider⸗ ſtand ausgezeichnet, und war nur darum nicht, wie Andere, verhaftet worden, weil der Graf und vorzüglich die Grä⸗ fin Strzelno dem Geſandten Sievers das Verſprechen abgenommen hatten, den jungen Mann zu ſchonen. Die Gräfin war dazu durch Rückſichten auf ihren Sohn, der Graf durch Rückſichten auf den Wunſch ſeiner Frau ver⸗ anlaßt worden. Uebrigens hatte ſich der Graf während der Reichstagsſitzungen durch ſeinen Eifer für Rußland noch verhaßter gemacht, wie ſchon vorher als Mitglied der Generalität. Neuntes Capitel. Liebender und Sohn. In einer ſchmutzigen Dorfſchenke, die, wie gewöhn⸗ lich in Polen, ein Sohn Iſraels hielt, befand ſich der General Dziekonski mit Frau und Tochter. Von den Vorgängen in Grodna verbreitete ſich zwar wenig Be⸗ ſtimmtes, ſie hatten indeß das unbegründete Gerücht ver⸗ nommen, Domenik ſei nach einer Sitzung verhaftet wor⸗ den, worin er mit mehreren Andern feurige Reden gehal⸗ ten und zum hartnäckigſten Widerſtande ermahnt habe. Seine Angehörigen hofften, in der Nähe von Grodna, wo ſie eine Beſitzung hatten, etwas Genaueres von ihm zu erfahren, und begaben ſich dahin. Auf dem faſt boden⸗ loſen Wege brach indeß ein Rad und ſie mußten in der Schenke vetweilen, bis der Schaden hergeſtellt war. 149 Der alte General war durch den Unfall körperlich erſchüttert worden; er ruhte auf einem durch die Sorg⸗ falt ſeiner Frau ſchnell improviſirten Lager und ſie ſaß neben ihm. Marhnia fand es in der niedrigen Stube ſehr dunſtig und ging hinaus, friſche Luft zu ſchöpfen. Der Octobertag war prächtig und ſie ſetzte ſich auf einer kleinen Anhöhe hinter dem Kohlgarten des Krügers unter einen Fichtenbaum. Anfangs verſammelten ſich um ſie einige Kinder, die ſie gewaltig anglotzten, ſpäter ermüde⸗ ten ſie jedoch darin und wateten endlich durch die Miſt⸗ pfützen, welche ſich vor ihren elterlichen Hütten befanden, in die Stuben, wo das Sauerkraut ſeinen Duft verbrei⸗ tete, da es grade Mittag war. Der Blick des Mädchens ſtreifte zerſtreut über die armſeligen Lehmhütten, über die reizloſe Ebene und den dunkeln Kiefernwald und haftete ſinnend an den lichten Wöllchen, welche durch den blauen Aether ſchwammen. Sie hatte nicht bemerkt, daß auf der Landſtraße ein Wa⸗ gen herbeigekommen war, daß ſein Inhaber ſie mit freu⸗ diger Ueberraſchung erkannte und ausſtieg. Erſt bei ſei⸗ nem leiſen, ehrerbietigen Gruß ſchaute ſie auf und in Severin's ſchönes, in dieſem Augenblicktief erglühendes Geſicht. Stumm erwiederte ſie ſeinen Gruß, einſilbig ſeine Erkundigung nach ihrem und dem Befinden ihrer Familie; ſeine ſchüchternen und doch ſo lebhaften Aeuße⸗ vungen der Freude über dieſe Begegnung ſchien ſie zu überhören. Allein Severin wollte ſich ſo nicht abweiſen laſſen. Wer bürgte ihm dafür, daß er ſie ſobald wieder traf? Ihr Bild war durch die Erinnerung verklärt worden, und doch erſchien ſie ihm jetzt noch unendlich ſchöner und an⸗ ziehender, wie damals in der Kirche. Sie hatte ſich in der That während der langen Zeit, in welcher er ſie nicht geſehen, zu einer Schönheit entwickelt, wie es unter ihren ſchönen Landsmänninnen nur wenige gab. Severin war früher in ihrer Nähe ſehr befangen geweſen, jetzt hatte ihn der lange Aufenthalt an Höfen und manche ſonſtige Erfahrung ſelbſtbewußter und in ſei⸗ nem Benehmen ſicherer gemacht; auch gab ihm das un⸗ erwartete Zuſammentreffen und der Zweifel, daß ſich ein ſolches wiederholen werde, einen Muth, über den er ſelbſt erſtaunte, da ihr ſtolzes, kaltes Benehmen wenig auf⸗ munternd war. Sie erhob ſich, um nach dem Kruge zurückzukeh⸗ ren, doch mit der Bitte, ihn anzuhören, ergtiff er ihre Hand. Sie entzog ihm dieſelbe haſtig und mit Widernillen und meinte, was er ſagen wolle, könne er drinnen in Gegenwart ihrer Eltern ausſprechen. Da er ſie aber dringend bat, zu bleiben, ſetzte ſie ſich mit Widerſtreben 151 nieder und ſagte kalt:„Ich weiß freilich nicht, was der Herr Graf Strzelno mir zu ſagen hat, bitte aber, es möglichſt kurz zu machen.“ Ihre ſichtliche Abneigung, ja Geringſchätzung, ſchmerzte ihn tief, er ließ ſich dadurch aber nicht ab⸗ ſchrecken. Mit beredten Worten ſchilderte er ihr ſeine Empfindungen, ſeit er ſie am dritten Mai des vorigen ZJahres in der Kirche geſehen, ſagte ihr, daß während der langen Zeit ihr Bild ihn ſtets begleitet habe und daß ſein ganzes künftiges Glück von ihr abhänge. Ueberraſcht und erſchreckt wollte ſie ſich entfernen, allein er hielt ſie zurück, und tief verletzt von dem, was ihr als unver⸗ ſchämte Zudringlichkeit ſchien, war ſie gezwungen, ihn anzuhören, wollte ſie nicht die Neugierde der Dorfbewoh⸗ ner reizen. Ihre Kälte brachte ihn faſt zur Verzweiflung, den⸗ noch konnte er ſie nicht laſſen; er war für immer un⸗ glücklich, wenn es ihm nicht gelang, ſie zu rühren. Seine Mutter hatte ihm zwar ſtets von der Zukunft geſprochen, aber gehörte dieſelbe ihm— konnte nicht ein Anderer ihm zuvorkommen und ihre Liebe rauben? Er wurde im⸗ mer dringender und leidenſchaftlicher, ſank ihr zu Füßen und bedeckte die Hand, welche ſie ihm nur mit heftigem Widerſtreben ließ, mit glühenden Küſſen. In flammenden Worten ſagte er ihr Alles, was ihm ſein Herz eingab, zeigte ihr die unendliche Verehrung und die heiße Glut ſeiner Liebe, wie die Seligkeit, welche in ihrem Beſitze läge, und flehte mit ſteigender Angſt und Wärme, ihn nicht elend zu machen. Bleich und erſchöpft, mit Thränen in den Augen, ſchwieg er endlich, und nun ſagte Marynia hart und un⸗ erbittlich: „Sie haben mir da eine unausſprechlich tiefe De⸗ müthigung bereitet, Herr Graf Strzelno! Ich halte es für eine Schmach, von Ihnen geliebt zu werden!“ „Marynia!“ rief er in einem Tone, der ihr ſtolzes Herz heftig erſchütterte; trotzdem fügte ſie ſo ſtreng wie früher hinzu: „Ich würde mich ſelbſt verachten, regte ſich in mei⸗ nem Innern ein anderes Gefühl, als Unwillen gegen den Verräther und den Sohn von Verräthern.“ Sie hatte nur ihre innerſte Ueberzeugung ausgeſpro⸗ chen, dennoch fühlte ſie ſich erleichtert, als ſie in dieſem Augenblicke ihre Mutter ganz in der Nähe ſah. Schnell eilte ſie ihr entgegen. Frau Dziekonski ſuchte Marynia und war nicht wenig überraſcht, Severin Strzelno zu ihren Füßen zu ſehen. Sie ergriff die Hand des vor Aufregung und Unwillen zitternden Mädchens und wollte mit ihr in's Haus gehen. Allein ſie änderte ihre Abſicht, ſchickte die 153 Tochter hinein und trat zu dem jungen Mann. Er war aufgeſtanden und lehnte an dem Baum, unter welchem Marynia geſeſſen hatte. Seine Verſtörtheit dauerte ſie, und ohne dieſelbe anſcheinend zu bemerken, fragte ſie nach ſeiner Schweſter. Es iſt wunderbar, wie viel Qual, Kummer und Verzweiflung das kleine Menſchenherz gleichzeitig um⸗ faſſen kann. Severin behielt in dem ſeinen noch Raum für das Elend Jadwiga's, doch erwähnte er deſſen nicht und beantwortete die Erkundigung nur mit einer herkömm⸗ lichen Phraſe. Dann raffte er ſich auf und fragte tonlos: „Frau Generalin, Ihre Tochter ſagte mir eben tödtlich harte Worte— was habe ich denn gethan, um ſie zu ver⸗ dienen? Mein Kopf ſchwindelt, kommen Sie mir zu Hülfe— ich habe Vertrauen zu Ihnen. Begingen wir wirklich einen Verrath?“ 2 Frau Dziekonska war in der peinlichſten Verlegen⸗ heit. Sie beurtheilte Severin's Eltern, wie ſie es ver⸗ dienten, doch ſprachen in ihrer Bruſt viele Entſchuldigungs⸗ gründe für den Sohn, der erſchüttert, faſt vernichtet vor ihr ſtand. Sie dachte über eine Antwort nach, welche die Wahrheit enthalten und ihn doch nicht verletzen ſollte, und eine ſolche zu finden, war ſchwer, faſt unmöglich. „Wo bleibſt Du denn, Boguslawa?“ rief der Ge⸗ neral plötzlich von der Hausthür aus. Marynia war 1860. VI. Polniſche Mütter. 10 nicht in's Zimmer zurückgekehrt, ſondern in den Stall gegangen, wo ſie die Pferde liebkoſte. Der Alte wunderte ſich, wo Frau und Tochter geblieben. „Sie ſind zu freundlich, gnädige Frau, um irgend einem Geſchöpf weh zu thun; der Herr General wird mich rückſichtsloſer aufklären!“ ſagte Severin und trat auf Dziekonski zu, der ihn nicht eben freundlich empfing. Es ärgerte ihn, ſogar in dieſem abgelegenen Dorfe auf Je⸗ mand zu ſtoßen, deſſen Anblick ihn an das Unglück des Vaterlandes und die Nichtswürdigkeit ſo vieler ſeiner Landsleute erinnerte, und er erwiederte den Gruß des jun⸗ gen Mannes faſt gar nicht. „Herr General! Ich habe eine Bitte, die ſie mir nicht verweigern dürfen!“ ſprach Severin bleich und er⸗ regt.„Ich war lange Zeit fern von Polen und verſäumte es leider früher auch, mich über die wahre Sachlage zu unterrichten. Geben Sie mir einen Ueberblick des We⸗ ſentlichen, was ſeit einigen Jahren bei uns geſchah, ſtellen Sie mir die Verhältniſſe dar, wie dieſelben ſind und wie ich ſie zu meinem Schmerz erſt ſeit kurzer Zeit zu ſehen anfange. Nehmen Sie keinen Anſtand, mir Alles zu ſagen, auch das, was mich kränken muß— ich werde Ihnen um ſo dankbarer ſein, je aufrichtiger, d. h. ſcho⸗ nungsloſer Sie ſind.“ „Was fällt Ihnen ein?“ verſetzte Dziekonski ver⸗ 155 wundert und ärgerlich. Er fand die Falle, für welche er dies Verlangen Severin's hielt, doch gar zu plump, um hinein zu gehen. Zwar hatte er ſeine Anſichten nie ver⸗ leugnet, ſie im Gegentheil bei jeder Gelegenheit offen ausgeſprochen, doch mochte er ſeinen Feinden nicht ab⸗ ſichtlich Urſache zu Chikanen geben. Severin empfand ſchmerzlich die Demüthigung, welche für ihn in der Meinung des Generals lag. Ma⸗ chnia's Vater mißtraute ihm alſo, hielt ihn für einen Spion— wie natürlich, daß ſie ihn tief verachtete. Aber er wollte auch das über ſich ergehen laſſen, bezwang ſei⸗ nen verletzten Stolz und gab ſein Ehrenwort, daß er nur zu ſeiner eigenen Aufklärung und zu keinem anderweiti⸗ gen Gebrauch eine Auseinanderſetzung und Beleuchtung der vaterländiſchen Zuſtände verlange⸗ Frau Dziekonski ahnte, wie qualvoll Severin litt, obgleich ſie nicht Alles begriff, was in ihm gährte; ſie nahm vermittelnd das Wort, und bald ſaßen beide Män⸗ ner in der ſchmutzigen, verräucherten Stube, der Eine lebhaft ſprechend, der Andere ſtill zuhörend. Die Haus⸗ bewohner waren entfernt worden und die Generalin warf zuweilen ein beſchwichtigendes Wort hin, wenn ſie fühlte, daß ihr Gatte in ſeiner Wahrheits⸗ und Vaterlandsliebe nicht nur die Conföderirten verdammte, ſondern auch die Eltern Severin's nicht ſchonte. Dieſer wußte ihr für die 10* — 156 wohlwollende Schonung keinen Dank, er wollte ja eben genau wiſſen, was die Anhänger der Conſtitution dachten und erſtrebten. Und Dziekonski ſchilderte ihm das aus⸗ führlich. Je mehr er in ſeinen Stoff einging, deſto be⸗ redter wurde er und malte dem jungen Mann in den ergreifendſten Farben die Noth, Schmach und Demüthi⸗ gung, welche die Conföderation von Targowica über Po⸗ len gebracht. Frau Dziekonska ſah mittlerweile nach ihrer Tochter und fand ſie in Thränen auf derſelben Stelle, wo Se⸗ verin ihr ſeine Liebe geſtanden. Worte und Blicke, wie die ſeinigen, waren noch nie durch Ohr und Auge in ihr Herz gefallen; ſie erregten ihren Unwillen und ihr ſtol⸗ zer patriotiſcher Sinn erfüllte ſie mit Abſcheu gegen die Abtrünnigen am Vaterlande. Durch einige leiſe Andeutun⸗ gen theilte ſie ihrer Mutter mit, was Severin geſagt hatte; eine Wiederholung war ihr unmöglich, und dann rief ſie, die Hände feſt zuſammenpreſſend, mit zuckenden Lippen:„O Mutter, welcher Schimpf, von einem Gra⸗ ſen Strzelno geliebt zu werden! Ich kann Dir nicht ſa⸗ gen, wie mich das empört— ich fühle mich herabgewür⸗ digt, entehrt!“ Die Mutter ſuchte ſie zu beruhigen und ſchloß mit den Worten„Wie kann Dich ein Gefühl herabwür⸗ 157 digen, das Du unbewußt einflößteſt? Ja, wenn Du ihn liebteſt—“ „Welche Vorausſetzung!“ rief das Mädchen mit vor Unwillen erſtickter Stimme. „Marynia, das iſt Hochmuth und dieſer kommt vor dem Fall!“ ſagte Frau Dziekonska ernſt.„Es iſt natürlich und vernünftig, daß Du kein wärmeres Gefühl für den jungen Mann haſt, der auf der Seite der Ver⸗ räther ſteht, ja, daß Du Unwillen gegen ihn hegſt, aber Dich ſelber darfſt Du durch ſeine Liebe nicht herabgewür⸗ digt fühlen. Nur unſere eigenen Empfindungen vermögen uns zu entehren, nicht diejenigen, welche wir ohne unſer Zuthun erregen. Auch ſollteſt Du ein wenig Mitleid mit ihm haben. Er iſt allerdings ſtrafbar, aber er ſcheint ſo ſehr zu leiden, daß ich ihn mehr beklage, als verdamme!“ Der General ſah endlich auch die ſchmerzliche Be⸗ wegung des jungen Grafen, und je mehr er aus den Fragen deſſelben erkannte, daß er über die wahren In⸗ tereſſen Polens in der größten Unwiſſenheit erhalten wor⸗ den ſei und daß ihm die Zerſtückelung des Vaterlandes ſo nahe ging, wie ihm ſelber, deſto lebhafter regte ſich ſeine natürliche Gutmüthigkeit. Severin ſchien jedoch we⸗ nig empfänglich für die Theilnahme, welche er ihm zeigte. Nachdem ihm der General mitgetheilt hatte, was er von den Reichstagsverhandlungen wußte, erhob er 158 ſich, dankte ihm und nahm Abſchied. Sein Wagen hielt vor dem Hauſe, er ſtieg ein und grüßte die beiden Da⸗ men mit einer tiefen Verbeugung, als er ihrer im Vor⸗ überfahren anſichtig wurde. Den Diener, welchen ſeine Mutter ihm mitgegeben, hatte er in Warſchau zurück⸗ gelaſſen, wo er die Gräfin nicht getroffen, da dieſe ſich auf den Gütern Palowski's befand. Er hatte ſie hier auf⸗ ſuchen wollen, aber nicht gefunden; ſie war ſchon nach der Hauptſtadt zurückgekehrt. Ohne ſich Raſt zu gönnen, eilte er wieder dahin. „Der arme Junge!“ ſagte Dziekonski zu ſeiner Frau und Tochter, und noch oft hörten Beide den durch ſeine Mutter irregeleiteten Jüngling bedauern.— Die Gräfin ſah mit einiger Unruhe dem erſten Zu⸗ ſammentreffen mit ihrem Sohn entgegen, denn die Schil⸗ derung, welche der Diener von ſeiner Stimmung auf der Rückreiſe entworfen, war keineswegs befriedigend für ſie. Indeß hoffte ſie, ihn bald umzuſtimmen— war ihr das bisher doch immer gelungen. Louis zog ſich ihren Tadel zu, daß er in Warſchau zurückgeblieben war, ſtatt ſeinen jungen Herrn zu begleiten und von ihm, wie bisher, Alles möglichſt fern zu halten, was ihm die Augen über die Rolle öffnen konnte, die ſeine Eltern geſpielt. Eines Tages ſaß ſie in ihrem Boudvir und las Briefe, die ſie eben aus Grodna erhalten hatte. Dunkle 159 Wolken lagen auf ihrer Stirn, denn die Abtretung ſo großer Landestheile ſchmerzte ſie tief. Das Gefühl für das Unglück ihres Vaterlandes war ihr nicht verloren ge⸗ gangen und dann betrachtete ſie die abgeriſſenen Land⸗ ſtriche auch als einen Raub an dem künftigen Eigenthum ihres Sohnes. Welch' ärmlicher Reſt blieb ihm und wie ſchrumpften die Rieſenpläne zuſammen, welche ſie einſt für ſeine und Polens Zukunft entworfen.„Aber er wird dennoch König ſein!“ ſagte ſie ſich immer wieder.„Der Beherrſcher des kleinen beraubten Polens iſt doch Herr⸗ ſcher, und wer weiß, ob die Zukunft ſich nicht zu unſeren Gunſten ausbeuten läßt? Die franzöſiſche Revolution ſchadete uns viel, warten wir ab, daß ſie uns Nutzen bringt. Die Siege der revolutionären Armeen ſind nicht zufällig, offenbar bereitet ſich eine große Umgeſtaltung aller europäiſchen Verhältniſſe vor; bleibt Polen bis da⸗ hin, wenn auch in noch ſo engen Grenzen und nur dem Namen nach, ein ſelbſtändiger Staat, ſo können wir die alte Größe wieder erringen!“ Sie hatte in dem letzten Jahr ſtark gealtert, doch die Künſte der Toilette verbargen es noch vor oberfläch⸗ lichen Blicken, und ſelbſt ihrem Sohn, der unbemerkt ein⸗ getreten war und ihr gegenüber ſtand, entging es. War er doch auch nicht in der Gemüthsverfaſſung, die Falten im Geſicht der Mutter zu zählen, da er unlängſt in die Fal⸗ ten ihres Herzens geſchaut hatte. 160 „Severin!“ rief ſie aufſchauend und breitete ihm die Arme entgegen. Er trat haſtig zurück und ſie gewahrte jetzt erſt die große Veränderung in ſeinem Weſen. Die dunkeln Augen lagen tief in ihren Höhlen, eine fahle Bläſſe bedeckte ſein entſtelltes Geſicht, Haar und Anzug war in der Unord⸗ nung, die eine lange eilige Reiſe und Unachtſamkeit auf Außendinge hervorruft, und was ihr am ſchwerſten auf die Seele fiel, war der kalte Blick, womit er ſie maß. Ihre Bruſt zog ſich krampfhaft zuſammen und mit halb⸗ erſticktem Tone rief ſie bittend:„Severin, was Du von mir gehört haben und denken magſt, vergiß nie, daß ich Dich unausſprechlich liebe und in jedem Fall auf Deine Liebe Anſpruch behalte!“ „Dieſer Anſpruch iſt erloſchen!“ antwortete Seve⸗ rin kurz.„Ich will Dir nicht ausführlich ſchildern, was Du gethan haſt, um meine Liebe, wie die Achtung der ganzen Welt, zu verlieren. Du weißt es ja beſſer wie ich. Aber erinnern will ich Dich daran, daß Du mich nicht undankbar nennſt. Deine elenden Intriguen halfen das Vaterland in den Abgrund ſtürzen, wo es verſinkt; Du haſt Jadwiga's Lebensglück vernichtet, ihr Gemüth gelähmt—“ „Halt ein, Severin, und höre mich an!“ unter⸗ brach ihn die Gräfin.„Wenn ich Unrecht that, geſchah 161 es aus Liebe zu Dir! Ich intriguirte für Deine Größe, zeigte mich hart und unbeugſam gegen die eigene Toch⸗ ter, weil mir nichts ſo theuer war, als Dein Glück! Du allein—“ „Wie, mir willſt Du die Mitſchuld davon aufbür⸗ den?“ rief Severin.„Auf mich die Laſt von Deinem Ge⸗ wiſſen wälzen? Ich ſchleudere ſie auf Dich zurück, denn ich bin unſchuldig an dieſem Seelenmorde und kein Opfer wäre mir für Jadwiga's Glück zu ſchwer er⸗ ſchienen.“ Die Gräfin wollte ſprechen, er achtete jedoch nicht darauf und fuhr heftig fort:„Wie das Leben meiner Schweſter haſt Du auch das meinige vergiftet. Marhnia iſt für mich verloren, wendet ſich mit Abſchen und Ver⸗ achtung von mir, und das danke ich Dir! O ich durch⸗ ſchaue jetzt Alles! Mein Inneres war immer ein offenes Buch für Dich, Du wußteſt, was dieſe Liebe mir hätte ſein können. Aber es war gegen Deine Pläne, daß ich die Thorheiten meiner Jugend ablegte, machten ſie mich doch abhänging von Dir und Deinen Einflüſterungen!— Und wie namenlos glücklich hätte ich ſein können! denn Marynia hätte mich geliebt, hätte mich lieben müſſen! Aber Glück genügte Dir nicht, Du wollteſt Größe! Und was haſt Du erreicht? Du ſtrebteſt nach einer Krone und verlorſt dabei Deine Kinder— Du trachteteſt nach 162 einem Königreich und erwarbſt den allgemeinen Haß, die allgemeine Verachtung. Gewährt es Dir Genugthuung, die Leiden zu ſehen, welche die Conföderation über das Land brachte? Wie gefällt Dir die Theilung und welchen Balſam haſt Du für die Wunden, die Du ſchlagen halfſt?“ „So höre mich doch nur an!“ ſagte die Gräfin, welche ſich von der erſten Ueberraſchung und Zerknir⸗ ſchung erholt hatte.„Geſchehene Dinge ſind nicht mehr ungeſchehen zu machen, aber Vieles läßt ſich ändern und verbeſſern. Du weißt—“ „Ich weiß, Du verſtehſt es, die Sachen von einer Seite darzuſtellen, welche Dir grade Nutzen bringt,“ un⸗ terbrach er ſie eiſig.„Wie lange haſt Du mich geleitet, bevormundet, in Reſpect erhalten, wie oft mir das Schändlichſte, Nichtswürdigſte als preiswürdig auf⸗ geſchwatzt! Aber das iſt vorbei— auf dem langen Wege von Italien hatte ich Zeit genug, nachzudenken, was ich früher im Vertrauen auf Deine Einſicht leider ganz ver⸗ ſäumt hatte. Hier ſah ich vollends ein, wie Du mich ge⸗ gängelt, überwacht, erniedrigt haſt. Jetzt möchteſt Du mich natürlich überreden, Deine Geſinnungen und Hand⸗ lungen wären rein, edel, und ſogar dieſe Zerſtückelung für uns nützlich— vergebliche Mühe!“ „Uebermüthiger, vermeſſener Knabe, wie, wagſt Du 163 ſolche Worte gegen mich?“ rief die Mutter, ſich ſtolz auf⸗ richtend und mit funkelnden Augen.„Meine Nachſicht und Zärtlichkeit hat Dich verwöhnt, aber noch bin ich nicht altersſchwach oder blödſinnig und noch gibt es Mittel, leichtſinnige und entartete Kinder zu ihrer Pflicht zurück zu führen!“ Severin lachte bitter. Dann kreuzte er die Arme, begegnete kalt ihrem flammenden Blick und ſagte finſter: „Was das Wagen betrifft, ſo darf ich wenig Rückſichten nehmen. Ich habe nichts mehr zu verlieren!“ „Ich kann Dich enterben und Deinen Vater dazu beſtimmen!“ rief die Gräfin.„Und kann Dir auch mei⸗ nen Fluch geben!“ „Ich bin kein ſchwaches, weichherziges Mädchen, das vor Deinem Fluch erſtarrt!“ erwiederte er kalt. „Ich bin überhaupt nicht gekommen, hier eine Komödien⸗ ſcene aufzuführen. Ich wollte Dir nur zeigen, wie ich von Dir denke, dann trennen ſich unſere Wege für im⸗ mer. Du drohſt mir mit Enterbung— ich kam, Dir zu ſagen, daß ich die Armuth den Reichthümern vorziehe, welche Dir und dem Vater für Euren Verrath gegeben wurden. Der Gewalt über Deinen Gatten brauchſt Du Dich nicht zu rühmen, ich kenne ſie und ſie vermindert in meinen Augen ſeine Schuld, vermehrt aber die Deinige in's Unendliche. In Deiner Hand lag es, ihn auf dem 164 Wege der Ehre zu erhalten. Du haſt ihn, wie mich, auf Irrpfade geleitet; Dich treffe die Verantwortung, wenn er einſt ein ſchmähliches Ende nimmt. Du drohſt mir mit Deinem Fluch“— fuhr er ſchnell und in ſteigender Auf⸗ regung fort—„aber Du biſt es, die tauſendfache Flüche verdient und auch mit ihnen überhäuft wird. Du nährteſt und ſchürteſt die Unzufriedenheit, hetzteſt zu der Conföde⸗ ration auf, brachteſt Dein Vaterland Deinem Ehrgeiz, Deiner Ränkeſucht zum Opfer. Und war es wirklich Liebe für mich, die Dich dazu veranlaßte, dann verfluche ich dieſe Liebe.— Ja, ich fluche ihr und Dir, und ſage mich für immer los von den kindlichen Pflichten, von Achtung und Ehrerbietung gegen Dich. Du meinſt, es laſſe ſich Vieles ändern und verbeſſern— nun wohlan, zeige, daß das mehr als bloßer Wortſchwall iſt! Gib Polen die alten Grenzen und die Verfaſſung vom dritten Mai zu⸗ rück— mache Jadwiga wieder zu dem heitern, glücklichen Weſen, das ſie einſt geweſen. Sie iſt erſt achtzehn Jahre, ſie kann nicht ein ganzes, langes Leben hinvegetiren, wie jetzt. Ich ſchweige von dem, was Du Stanislaw Dzie⸗ konski raubteſt, von dem verderblichen Einfluß, den Du auf meinen Vater übteſt— mag der Eine ſein Glück, der andere ſeine Ehre ſelber von Dir fordern.— Marh⸗ nia's Liebe, Glückſeligkeit auf Erden, könnte ich vielleicht entbehren und ihren Verluſt als Strafe für meine Thor⸗ 165 heit, meine Leichtgläubigkeit anſehen, obgleich die Strafe für das Vergehen furchtbar hart iſt. Aber gib mir meine Ehre und meinen Namen, gib mir meine Zukunft zurück! Mißtrauen und Verachtung begegnen mir, wohin ich mich wende, und mit Recht, denn der Name, den ich trage, iſt gebrandmarkt bei allen Gutdenkenden weit über die Grenzen des Landes hinaus. Du haſt mir Alles ge⸗ nommen— Vaterland, Freunde, Liebe, häusliches Glück, eine zärtliche Schweſter, ſogar die Erinnerung an die harmloſe Kindheit und die Liebe einer Mutter, denn nie werde ich Deiner anders als mit Widerwillen und Ver⸗ achtung gedenken, und das iſt um ſo bitterer, je abgöttiſcher ich Dich liebte. Doch Alles das ließe ſich verwinden, nur nicht der Mangel an nützlicher Thätigkeit, an eigener und fremder Achtung. Einen unbefleckten Namen und einen Wirkungskreis, der unſern Neigungen und Fähigkeiten entſpricht, kann kein Mann entbehren, es iſt ihm, was die Liebe dem Weibe: das Leben, die Welt! Du haſt mein Leben vernichtet, meine Welt zertrümmert, gib mir dann wenigſtens, was Du meiner Schweſter in dem glei⸗ chen Falle gabſt: Vergeſſenheit. Ihr Gemüth iſt ver⸗ ſteint— ich wünſchte, mein Verſtand verwirrte ſich. So weit hat Deine wahnſinnige Liebe es gebracht und Dein Gewiſſen ſoll Dir vergelten. Nun Adieu— mit meinem Willen haben wir uns zum letzten Mal geſehen!“ 166 Er ſtürzte hinaus. In herzzerreißendem Ton rief die Gräfin ſeinen Namen, allein er hörte es nicht. Das Geſicht mit den Händen bedeckend, ſank ſie mit einem lei⸗ ſen Stöhnen in ihren Lehnſtuhl zurück. Nach kurzer Zeit richtete ſie ſich jedoch wieder auf und rief durch die Glocke den alten Louis herbei. Auf die Frage nach ihrem Sohn erhielt ſie die Antwort, er habe das Haus eilig verlaſſen. Sie biß ſich auf die Lippen, winkte dem Diener, ſich zu entfernen, und ſagte dann: „Er wird wieder kommen, der Tollkopf, er muß ja kom⸗ men! Wahrſcheinlich gab ihm Marynia einen Korb und er war noch nicht über den erſten Anfall von Schmerz und Wuth hinweg. Das gibt ſich jedoch, mein armer Severin, ich habe auch Stunden im Leben gehabt, in denen ich Alles hätte zertreten und zermalmen mögen. Aber es geht vorüber. Ich fühle mit, wie qualvoll er in ſeinem ſtolzen, reizbaren Sinn leidet, und will ihm von Herzen vergeben, was er ſagte, und ihn freundlich tröſten, wenn er zurückkehrt.— Dieſe Dziekonski's könnte und möchte ich vernichten— ein Wink an den ruſſiſchen Ge⸗ ſandten, und ihre Güter werden confiscirt, ſie ſelber wan⸗ dern nach Sibirien. Doch Severin würde mir dafür ſchlechten Dank wiſſen, alſo muß ich ſie bis zu gelegener Zeit ſchonen. Wenn er aber nicht käme— wenn er ſich gar ein Leid anthäte? Gott im Himmel— nur das 167 nicht!“ ſchrie ſie in furchtbarer Seelenangſt auf. Doch bald beruhigte ſie ſich wieder und verſpottete ihre Furcht. „Es wird und muß gut werden!“ ſagte ſie ſich.„Sollte Alles, was ich that, umſonſt geweſen ſein? Nimmer⸗ mehr! Grübeln, ſchwanken und bereuen iſt nutzlos. Hier heißt es vorwärts und dabei weder rechts noch links ge⸗ ſchaut.— In einigen Tagen, höchſtens Wochen, kommt Severin gewiß wieder!“ Zrhntes Capitel. Die Verhaftung.— Ein Mädchenherz. Aber Severin kam nicht wieder. Er reiſte nach Grodna zu ſeinem Vater und ſuchte dieſen zu bewegen, daß er Rußland aufgebe und ſeine früheren Fehler ſo viel als möglich zu vergüten ſuche, indem er ſich von gan⸗ zem Herzen der Sache des Vaterlandes annehme. Allein ſo großen Einfluß ſeine Gemahlin auf den Grafen Strzel⸗ no hatte— Severin vermochte über ihn nicht viel; er glaubte, ſelber alt genug zu ſein, um von ſeinem Sohn keinen Rath annehmen zu dürfen. Ueberdies waren ja noch dieſelben Motive vorhanden, welche ihn zur ruſſi⸗ ſchen Partei geführt und derſelben erhalten hatten. 168 Etwas zu thun gab es für den jungen Mann nicht; der auswärtigen Tyrannei wollte er nicht dienen, und die treuen Söhne Polens betrachteten ihn mit Mißtrauen und Abneigung, auch vermochten ſie ſelber nichts für ihr Vaterland. Still zog er ſich zurück auf eine kleine Beſitzung in den lithauiſchen Wäldern, welche er von einem Onkel geerbt hatte, und lebte hier einſam und faſt in Dürftigkeit. Er wollte das Gut verkaufen und in's Ausland gehen, fand aber bei der Entwerthung der Grundſtücke und dem außerordentlichen Mangel an ba⸗ rem Gelde keinen Käufer. Die Landboten gingen indeſſen auseinander, nach⸗ dem ſie gezwungen worden, glle Beſchlüſſe und Verord⸗ nungen des vorigen Reichstags für null und nichtig zu erklären. Gedemüthigt und mit bitterm Schmerz kehrten ſie nach Hauſe zurück und verbreiteten überall mit der Kunde von dem, was in Grodna vorgefallen war, Scham, Kummer, Verzweiflung, aber auch Rachedurſt. In Kur⸗ zem bildeten ſich Verbindungen, die über das ganze Land verzweigt waren und einen allgemeinen Aufſtand bezweck⸗ ten. Trotz ihrer weiten Verbreitung blieb dieſe Verſchwö⸗ rung geheim, und die Ruſſen, welche in der Hauptſtadt wie im Lande herrſchten, ahnten nicht, daß ſie auf einer Pulvermine lebten. Der König war nach Warſchau zurückgekehrt. Graf 169 Strzelno bekleidete hohe Aemter in der Verwaltung und war eine der Hauptſtützen Rußlands, denn die meiſten Gründer der Conföderation von Targowica, welche übri⸗ gens nach der Theilung aufgelöſt worden, hatten ſich, ihren Verrath tief bereuend, in's Ausland oder auf ihre Güter begeben. Die Gräfin wartete in ſteigender Unruhe auf die Rückkehr Severin's. Sie zog Erkundigungen über ihn ein und ſchickte ihm eine bedeutende Geldſumme nebſt einem Brief, worin ſie ihm Alles ſagte, was ihr irgend geeignet ſchien, ihn zu verſöhnen. Er ſandte das Geld und den unerbrochenen Brief zurück und war nach eini⸗ ger Zeit von ſeiner Beſitzung verſchwunden, ohne daß ihre Spione eine Spur von ihm auffinden konnten. Um nicht die Aufmerkſamkeit der Leute zu erregen, ließ die Gräfin Alle bei dem Glauben, Severin ſei im Auslande. Nur ihr Gatte erfuhr den Zuſammenhang, war aber ſehr erbittert über den ungerathenen Sohn und meinte, wenn er vorziehe, ſich als Bettler in der Welt umherzutreiben, müſſe man ihn ſeinem Schickſal über⸗ laſſen. Die Mutter dachte nicht ſo und litt unſäglich bei der Vorſtellung, der Abgott ihres Herzens irre arm, hülflos und verzweifelnd umher. Die Sorge um die Noth, welche er vielleicht eben duldete, ſchreckte ſie oft 1860. VI. Polniſche Mütter. 11 170 aus dem Schlaf empor, und dazu kam noch der nagende Schmerz, daß ſie ſeine Liebe und Achtung verloren hatte. Es gab Augenblicke, in denen ſie ihr Daſein als zwecklos und verloren betrachtete, in denen ſich die Reue ihrer bemächtigen wollte; ſie hätte ihr Leben freudig hingegeben, wenn Severin ihr nur verſöhnt die Hand gereicht und von der Grille zurückgekommen wäre, lieber in Armuth zu leben, als von dem elterlichen Reichthum Gebrauch zu machen. Aber ihr zäher Charakter beſiegte noch immer die Anwandlungen der Reue— ſie hielt noch immer den Gedanken feſt, ihr Sohn werde zurückkehren und Alles gut werden; es war ihr zur fixen Idee geworden, er müſſe einſt König ſein, und ſogar jetzt noch hielt ſie be⸗ harrlich daran feſt. Der Winter war vorüber, und da Severin's Auf⸗ enthalt noch nicht entdeckt war, beſchloß ſie zum Aeußer⸗ ſten zu greifen. Sie ſetzte voraus, er halte ſich in irgend einer Verkleidung an einem Orte auf, wo er Nachrichten vom Ergehen Marynia's erhalten könne, und wirkte einen Haftbefehl für den General Dziekonski, ſeinen Sohn und Neffen aus. Deren Gefangennehmung mußte Severin zwingen, ein Lebenszeichen von ſich zu geben; wahrſchein⸗ lich wandte er ſich um ihre Vermittelung an ſeine Mut⸗ ter, und dies wurde Veranlaſſung zu einer Verſtändigung oder doch wenigſtens Annäherung. Das Mittel war frei⸗ lich gewagt, aber es gab kein anderes.— 171 Es war an einem Abend zu Ende März. Die Be⸗ wohner von Koſtrzye, dem Gute, welches Dziekonski be⸗ wohnte, hatten ſich großentheils zur Ruhe begeben, doch Marynia wachte noch und ſaß, den Kopf in die Hand geſtützt, an einem Tiſchchen. Das Buch war vergeſſen, in welchem ſie geleſen hatte, und ihre Träumereien jagten zuweilen eine lichte Glut auf ihre Wangen. Plötzlich hörte ſie ein Geräuſch draußen im Garten. Die Spaliere unter ihrem Fenſter, von kleinblätterigem Epheu dicht umrankt, kniſterten verdächtig. Sie wollte nachſehen, was das bedeute, als eine Scheibe eingeſtoßen und das Fenſter geöffnet wurde. Ein Mann ſprang in's Zimmer. Marynia ſtieß einen leiſen Schrei aus und der Eindringlig wandte ſich überraſcht nach der Ecke, in wel⸗ cher ſie ſaß. Es war ein ſchmächtiger Mann in ſchnuren⸗ beſetztem Rock und polniſcher Mütze. Sein Anzug war ſehr einfach und die Stiefel mit Lehm und Erde beſpritzt. Das bleiche, bartloſe Geſicht war hohl und eingefallen, blondes Haar fiel unter der Mütze herab. Marynia erkannte ihn augenblicklich, trotz Perrücke, veränderter Kleidung und entſtelltem Ausſehen, und eine dunkle Röthe ſtieg in ihre Wangen. Er hielt ſie für eine Kundgebung ihres Unwillens und ſagte haſtig: „Verzeihen Sie, Fräulein, ich wußte nicht, daß es Ihr Zimmer war, in dem ich noch Licht bemerkte. Ich 41* 172 kam durch den Garten, denn der Weg um das Haus her⸗ um, wie das Pochen an der verſchloſſenen Hausthür er⸗ ſchien mir als ein unnützer Zeitverluſt. Ich muß Ihren Herrn Vater ſprechen— es handelt ſich um ſeine Frei⸗ heit.“ Marynia führte ihn beſtürzt in ein anderes Zim⸗ mer und bald war der General mit den Seinigen bei ihm. Die Gräfin hatte Recht vermuthet. Severin lebte als der Gehülfe eines Förſters in der Nähe der Dziekonskiſchen Güter und verſäumte nicht, ſich nach dem Ergehen ihrer Beſitzer zu erkundigen. Zufällig hatte er die beabſichtigte Verhaftung erfahren, und war ſchnell herbeigeeilt, um die Bedrohten zu warnen. Stanislaw war grade zum Beſuch bei ſeiner Fa⸗ milie. Gefangenſchaft, vielleicht Verbannung, war nie etwas Wünſchenswerthes, jetzt ſchien ihnen Beides noch ſchrecklicher, da ſie wußten, daß der Aufſtand bald aus⸗ brechen werde und die Unthätigkeit, welche ihnen ſo pei⸗ nigend geweſen, ein Ende finde. Schleunige Flucht wurde alſo beſchloſſen und in der größten Eile vorbereitet. Die Generalin und Marynia brachten die nöthigen Kleidungs⸗ ſtücke herbei, der General nahm Geld hervor, Stanislaw und Domenik ſattelten die Pferde, denn von den Dienſt⸗ leuten war Niemand geweckt worden. Severin ſtand mitt⸗ lerweile an einem Fenſter und ſchaute auf den dunklen 173 Hof herab. Er wollte die Flüchtlinge zu ſeinem Förſter in den Wald führen, wo es nicht leicht war, ihrer habhaft zu werden. Dziekonski's, d. h. der männliche Theil der Familie, waren zwar überraſcht geweſen, daß der junge Strzelno ſo großen Antheil an ihnen nahm, hatten in dieſem Augenblick aber nicht Zeit darüber nachzudenken. „Herr Graf!“ ſagte eine ſanfte Stimme hinter Severin. Er ſchaute ſich um und Marynia ſtand mit einem Becher Wein vor ihm.„Sie ſehen angegriffen aus, und die Mutter meinte, Sie bedürften der Erquik⸗ kung!“ äußerte ſie verlegen. „Ich war lange krank!“ antwortete er mit einer Verbeugung des Dankes. Sie erröthete, wollte etwas ſagen, zog ſich aber ſcheu einige Schritte zurück.„Sie ſchwankt zwiſchen der früheren Verachtung und der Dankbarkeit, welche ſie mir ſchuldig zu ſein glaubt!“ dachte er mit unausſprechlich qualvollen Empfindungen.„Doch gleichviel— ſie ſoll mich noch achten lernen!“ Ganz andere Empfindungen, als er vorausſetzte, wogten in ihrem Innern. Während des langen, ziemlich einſam verlebten Winters waren ihre Gedanken oft un⸗ willkürlich zurückgeſchweift zu jener Liebeserklärung hinter den Klche des Krügers. Sie wußte nicht, wie es 2 174 kam, aber oft ſah ſie den ſchmerzlichen, vorwurfsvollen Blick Severin's, als ſie ihm ſo harte Worte ſagte, hörte den Ton, in welchem er ihren Namen rief. Sie war über ſich unwillig, wenn ſie ſich bei dieſer Erinnerung er⸗ tappte, dennoch weilten ihre Gedanken ſehr häufig dabei, und je längere Zeit ſeitdem verfloſſen war, deſto ge⸗ nauer und weniger unwillig erinnerte ſie ſich dieſer glü⸗ henden Worte, dieſer flammenden Blicke, dieſer Melo⸗ die der Stimme, welche ihr zuerſt die Macht der Leiden⸗ ſchaft offenbart hatte. Ihr Herz erwachte— ſtill und träumeriſch, in ungewöhnlicher innerer Unruhe ging ſie umher. Die jungen Männer, welche ſie bei Zuſammen⸗ künften ſah, die zum Zweck der Verſchwörung gehalten wurden, ſtanden Alle tief unter Severin, und mit ſtets wachſendem Bedauern gedachte ſie ſeiner. Ihre Härte reute ſie— aber jedenfalls hätte ſie doch keine andere als eine abweiſende Antwort geben können. Einen Verräther zu lieben, ſchien ihr unmöglich— ſie hätte es ſich nie zugetraut. Als er auf ſo ungewöhnlichem Wege in ihr Zimmer drang, hatte ſie eben ſeiner gedacht; jetzt wünſchte ſie ihm ein freundliches Wort zu ſagen; war ſie ihm doch zum Dank verpflichtet, auch erregte die Veränderung in ſeinem Weſen ihre ganze Theilnahme. Wäre er noch der glän⸗ zende Hofmann geweſen, der ſchöne, von den Damen be⸗ 175 wunderte Strzelno, er hätte ihr nicht ſo gefährlich werden können, wie jetzt, als er ernſt, ſchweigſam, bleich und vor⸗ zeitig gealtert vor ihr ſtand. Es war ihr unmöglich, ihre Theilnahme zu äußern. Finden wir doch oft da am wenigſten Worte, wo wir recht freundliche und herzliche ſprechen, wo wir recht viel ſagen möchten. Ein Lärm auf dem Hofe lenkte Severin's Blick von ihr ab und erſchrocken rief er:„Was gibt's denn drau⸗ ßen— ich fürchte, daß ich zu ſpät kam.“ Eine Abtheilung ruſſiſcher Soldaten hatte den Hof beſetzt und Stanislaw und Domenik umringt. Sie drangen eben in's Haus. Rathlos und angſtvoll ſtand Marynia da. Ihre Eltern, gleichfalls beſtürzt, traten eben ein. „Wir wollen die Dorfbewohner aufrufen!“ rieth Severin.„Im Verein mit der Dienerſchaft ſind ſie ge⸗ wiß ſtark genug, die Truppen zu überwältigen. Es ſcheint keine ſtarke Abtheilung zu ſein.“ Dziekonski verwarf das; er wollte ſeine Untergebe⸗ nen nicht der Rache ausſetzen, welche ſie ſpäter unaus⸗ bleiblich getroffen hätte. Faſt gleichzeitig erſchien ein Beamter mit einem ruſſiſchen Offizier und einigen Sol⸗ daten im Zimmer und verhaftete den General. Severin hatte die blonde Perücke abgenommen und trat vor.„Wen haben wir da noch?“ fragte der Offiziant. 176 „Ich bin Graf Severin Strzelno!“ ſagte der junge Mann, nicht ohne einige Ueberwindung den Namen nen⸗ nend, den er für immer abzulegen entſchloſſen war.„Sie kennen mich freilich nicht, gewiß aber meinen Vater, und werden es daher für unnöthig halten, Verhaftungen in dem Hauſe vorzunehmen, in welchem ich mich als Gaſt befinde. Das Ganze iſt ein Mißverſtändniß; ich bürge für den General, wie für ſeinen Sohn und Neffen, und glaube, dieſe Bürgſchaft iſt ausreichend.“ Allein der Beamte war nicht der Meinung. Er kannte zwar den Grafen Strzelno, hielt den unſcheinbar gekleideten Fremden indeß nicht für ſeinen Sohn, ſondern viel eher für einen Verdächtigen, den gleichfalls gefangen zu nehmen, rathſam ſein konnte. Der Offizier verbeugte ſich aber tief vor Severin und ſagte artig: „Ich habe die Ehre, den Herrn Grafen Severin Strzelno perſönlich zu kennen, obgleich er ſich meiner aus Petersburg wohl nicht mehr erinnert. Auch ich erkannte Sie nicht ſogleich— Sie haben ſich ſehr verändert, und dann dieſe Kleidung!“ Der junge Offizier hatte leichtſinnige Streiche ge⸗ macht und war zur Strafe aus Petersburg zu einem in Litthauen ſtationirten Regimente geſendet worden. Se⸗ verin erinnerte ſich nun auch ſeiner, obgleich die Erinne⸗ rung an ſeinen Aufenthalt in Petersburg für ihn keine 177 angenehme mehr war. Stroganow hätte aus Gefülligkeit für den jungen Grafen gern ſeine Bürgſchaft angenom⸗ men— allein der Beamte ſagte: „Ich habe den Befehl, die Herren zu verhaften und nach Warſchau zu liefern, und kann davon nicht abgehen. Iſt es ein Mißverſtändniß, ſo wird ſich's ja löſen und dem Herrn Grafen kann es nicht ſchwer werden, ſeine Freunde zu befreien.“ Die Generalin bat um die Erlaubniß, mit ihrer Tochter die Gefangenen begleiten zu dürfen, das ward aber verweigert, und nachdem ein Wagen angeſpannt worden, mußten ſie von einander Abſchied nehmen. Seve⸗ rin verſprach Stanislaw, ſie ſollten bald frei ſein, und daſſelbe wiederholte er den betrübten Frauen. Kaum waren die Gefangenen mit ihrer Begleitung fort, ſo kam ein Bote, der die Nachricht von dem Auf⸗ ſtande Madalinski's brachte. Severin's Entſchluß war darauf ſchnell gefaßt. Er wollte jetzt nicht mehr die Hülfe ſeiner Eltern in Anſpruch nehmen, wie er es vorher im Sinn gehabt, ſondern die Verhafteten ſelber befreien und ſich mit ihnen dem Aufſtande anſchließen. Haſtig ver⸗ ſicherte er noch einmal, die Generalin und Marynia dürf⸗ ten ganz unbeſorgt ſein. Sie wollten ſich ſogleich nach Warſchau begeben, doch rieth er ihnen davon ab, bis ſie nähere Nachrichten hätten, welche ſie bald erhalten ſollten. e eeeeerw Re 178 Dann küßte er der Generalin, die ihm herzlich für ſeinen ſo unerwarteten Beiſtand dankte, die Hand und verbeugte ſich tief vor Marynia. Ihre Hand zu küſſen wagte er nicht. Auf ſeiner Lippe ſchwebten die Worte:„Sie ſollen mich achten lernen und einſt die frühern Aeuße⸗ rungen zurücknehmen“— allein er hielt ſie zurück. Jetzt, wo ſie kummervoll war und er ihr und den Ihrigen Dien⸗ ſte erwies, ſchien es ihm wenig zartfühlend, ſie an die Verachtung zu erinnern, welche ſie ihm gezeigt. Er hätte ihr zwar unendlich viel zu ſagen gehabt, allein der Augen⸗ blick drängte und er wollte ſich ihrer doch erſt würdig ma⸗ chen; Thaten ſollten für ihn reden. Marynia's Stolz fühlte ſich gedemüthigt, daß der Mann, welchen ſie als Verräther verachtet und ſo hart von ſich gewieſen hatte, den Ihrigen die Freiheit und viel⸗ leicht gar das Leben zu retten vermochte; es war ihr un⸗ möglich, dem Sohn des berüchtigten Strzelno ein Wort des Dankes oder der Bitte zu ſagen. Gleichzeitig fühlte ſie aber auch mit einer Art Entſetzen, daß ihr dieſer Mann nicht Verachtung, ſondern ein ganz entgegengeſetz⸗ tes Gefühl einflöße, ja, daß ſie in dieſem Angenblicke weniger an die Gefahr des Vaters, des Bruders und Verwandten, als an ihn dachte. Schwer athmend, bleich vor innerer Aufregung ſtand ſie mit gefalteten Händen vor ihm, als er ſich zum Abſchiede vor ihr verneigte. 179 „Auf Wiederſehen, Graf!“ ſagte Frau Dziekonska, die nicht ohne Bangen die ſich ſtumm gegenüber Ste⸗ henden beobachtete.„Auf Wiederſehen!“ das war das Wort, welches Beiden im Sinne lag und doch nicht über die zuckenden Lippen wollte. Severin ergriff ſchnell Marynia's Hand, die in der ſei⸗ nen zitterte, und preßte einen heißen Kuß darauf. Sie ließ es geſchehen, ein flüchtiger Blick traf ſeinen vielſagenden und er entfernte ſich. Marynia öffnete die Lippen; es ſchien, ſie wolle ihn zurückrufen, doch Stolz und jungfräu⸗ liche Schüchternheit ſchloſſen ihr den Mund. Severin hatte ſein Pferd an die Hecke gebunden, welche den Garten umſchloß; er ſuchte es auf und ritt ſchnell davon. Ein großer Theil deſſen war verſchwunden, was ſein Herz belaſtet hatte; er fühlte ſich wie neu⸗ geboren, und die Hoffnung, die monatelang ſeine Bruſt gemieden hatte, zog wieder roſig und lächelnd ein. Marynia ſtand lange in ſchmerzlichem Kampf auf derſelben Stelle, dann ſagte ſie ihrer Mutter gute Nacht und ging auf ihr Zimmer. Frau Dziekonska ſah ihr be⸗ kümmert nach. Zu der Sorge um das Schickſal des Gat⸗ ten, des Sohnes und Stanislaw's, den ſie faſt wie ihr eigenes Kind liebte, geſellte ſich noch die Unruhe über den Gemüthszuſtand der Tochter. Am andern Tage war Marynia bleich und ver⸗ . 180 weint; das ſchien natürlich nach der Gefangennehmung der Ihrigen, beſonders da keine Nachricht von ihnen kam. Die Generalin wußte jedoch, daß nicht dies allein ihrer Tochter Thränen auspreßte, und ſie überraſchte dieſelbe ſpäter vor dem kleinen Betaltar in ihrem Zimmer. Sanft neigte ſie ſich zu der Knienden nieder und fragte mit lei⸗ ſem Vorwurf:„Kind, haſt Du zu Deiner Mutter kein Vertrauen?“ Weinend barg das Mädchen ihr Geſicht im Kleide der Mutter und flüſterte:„O ich leide ſo ſehr. Du hat⸗ teſt Recht— Hochmuth kommt vor dem Fall; wie tief bin ich gefallen! Ich mache mir die bitterſten Vorwürfe, ich will ſein Bild aus meinem Herzen reißen, aber ich kann es nicht; immer und immer denke ich an ihn— an den Sohn des Grafen Strzelno, des Elenden, der auch jetzt noch an der fremden Thrannei feſthält, nachdem die meiſten Urheber der Conföderation ihre Thorheit bereuen. Er iſt alſo in Wahrheit ein Verräther und ich— ich liebe ſeinen Sohn. Wie unſäglich die Vorſtellung ſchmerzt! Aber ich will— ich muß ihn vergeſſen!“ „Thue das, wenn Du es vermagſt!“ ſagte Frau Dziekonska mit einem trüben Lächeln. Sie wußte, daß ihr Charakter nicht zum Vergeſſen geſchaffen war und feſthielt, was er einmal erfaßt hatte. Sie machte dem Mädchen keinen Vorwurf, doch ſich ſelber einen leiſen, 181 daß ſie damals Severin von Marynia fern gehalten hatte. Er ſchien jetzt ſo gänzlich verwandelt, vielleicht wäre dieſe Umwandlung der glücklichen Liebe noch beſſer gelungen, als der unglücklichen; jedenfalls hätte ſie ihn dem Vaterlande gewonnen und ihm manche Reue er⸗ ſpart. Marynia's Herzensfrieden hatte ſie ihr doch nicht erhalten— menſchliche Vorſicht vermag nicht zu hindern, was einmal beſtimmt iſt. Allein ſie machte ſich auch bald keinen Vorwurf mehr— hatte ſie ja doch den beſten Willen gehabt, als ſie den damals leichtſinnigen Jüng⸗ ling nicht aufmunterte. „Vergiß ihn alſo, wenn Du kannſt!“ fuhr ſie herz⸗ lich fort.„Aber ſchaffe Dir keine eingebildeten Leiden, das Leben hat der wirklichen genug. Es iſt etwas namenlos Schönes und Beſeligendes, zu dem Mann, welchen wir lieben, mit Stolz aufzuſchauen, ihn von der ganzen Welt geehrt zu ſehen. Ich hätte Dir das vom Herzen gegönnt, und beklage ſehr, daß Severin's Eltern ihn mißleiteten, daß er nun ihre Schuld mitträgt und in den Augen jedes Polen haſſenswerth iſt. Das kann Dich allerdings tief kränken, allein deshalb darfſt Du es Dir nicht als Schmach und Geſunkenheit anrechnen, daß Du ihn liebſt. Wahre Liebe, meine Marynia, iſt etwas Heiliges, etwas Göttliches! Sie veredelt und erhebt ſtets— entwürdigt nie, ſogar dann nicht, wenn ihr Gegenſtand tadelns⸗ 182 werth und befleckt iſt; ſie hat ja die göttliche Macht, die Sünde zu vergeben, die Vergangenheit auszulöſchen, das ganze Weſen umzugeſtalten und ein neues Daſein zu ſchaffen. Laß Dich alſo durch Stolz und Hochmuth nicht blenden. Lieben, wahrhaft lieben, heißt nie fallen, iſt immer ein Aufſchwung zum Höheren!“ Marhnia hatte ſich erhoben. Sie legte ihren Kopf an das Herz der Mutter und rief gerührt:„Du biſt mein guter Engel!“ „Nein, aber ich bin Deine Mutter!“ antwortete Frau Dziekonska weich.„Der arme Severin— was kann er für ſeine Eltern? Wir wollen nicht ungerecht und vorurtheilsvoll ſein— lieber unſere eigenen Fehler beſſern, als Andere verdammen!— Aber ich möchte nur wiſſen, woher er geſtern ſo plötzlich kam!“ ſetzte ſie in leichterem Ton hinzu. Marynia hatte auch ſchon daran gedacht. Davon, daß er die Gemeinſchaft mit ſeinen Eltern aufgegeben hatte und dem Reichthum entſagt, wußten ſie nichts— um ſo räthſelhafter war ihnen daher ſeine veränderte Tracht, wie überhaupt ſeine unerwartete Erſcheinung. Severin war nach den Beſitzungen ſeines Vaters geeilt und bot die Nachbarn auf; ſie kannten und liebten ihn— die Gräfin hatte dafür geſorgt, daß ſie an ihm hingen, wie an ihr ſelber, und blindlings ſeine Anordnun⸗ 183 gen befolgten. Er zog die nöthigen Erkundigungen ein, überfiel die Bedeckung der Gefangenen und befreite ſie glücklich. Die Vorbereitungen zum weitern Fortkommen waren getroffen und Alle folgten Madalinski nach Kra⸗ kau, das ſie auch glücklich erreichten. Stanislaw ſchloß ſich innig an den Bruder ſeiner einſtigen Geliebten und ſie wurden bald die vertrauteſten Freunde. Dennoch trat der junge Graf nicht mit Dzie⸗ konski als Offizier in die Armee. Er legte ſeinen Na⸗ men ab und nahm Dienſt als Gemeiner. Es ſchien ihm eine größere Buße gegen ſein Vaterland, wenn er die Entbehrungen und Strapazen ſeiner ärmſten Bürger theilte— er fühlte ſich dadurch in ſeinen Augen erhoben, auch blieb er ſo leichter unerkannt. Die Hoffnung, welche ihn einen Augenblick erfüllt, war wieder mehr in den Hintergrund getreten; er durfte vorläufig nicht an ſich und ſein perſönliches Intereſſe denken, mußte erſt dem Lande einen Theil der Schuld abtragen, die ſeine Mutter aus Liebe zu ihm begangen hatte Ehe er zu Marhnia zurückkehrte, mußte er durch große Thaten und Opfer das Geſchehene verwiſcht und ſich ein Anrecht auf ihre und die Achtung ſeiner Landsleute erworben haben. Elftes Capitel. Die Revolution. Die Gräfin erhielt bald darüber Nachricht, daß und auf welche Art Severin Dziekonski's befreit hatte. Einer⸗ ſeits empfand ſie darüber eine gewiſſe Freude; lebte er doch und war geſund— zuweilen hatte ſie ſchon daran gezweifelt, weil gar keine Spur von ihm zu entdecken ge⸗ weſen. Ein langes Krankenlager in dem einſamen Forſt⸗ hauſe hatte ihn den Blicken ihrer Späher entzogen. Die Idee, ihre Anhänger in einer Sache zu verwenden, die ihrer Abſicht ganz entgegengeſetzt war, freute ſie theils wegen der Klugheit und Entſchloſſenheit ihres Sohnes, theils verſtimmte ſie die Vereitelung ihres Planes. War damit doch für den Augenblick jede Hoffnung zu einer An⸗ näherung vernichtet und Severin ihr noch viel mehr ent⸗ fremdet worden. Auch verlor ſie ihn wieder eben ſo ſchnell aus den Augen, wie er aufgetaucht war, und es blieb ihr unmöglich, eine Nachricht von ihm zu erhalten; ſie ver⸗ muthete nur, daß er ſich den Inſurgenten angeſchloſſen habe. Kosciuzsko war inzwiſchen zum Generaliſſimus er⸗ nannt worden und hatte das Gefecht bei Raclawica ge⸗ 185 wonnen. Aus allen Theilen des Landes ſtrömten ihm Freiwillige zu und in Warſchau jubelte man über die Wahl des tapfern, allverehrten Generals und über den erſten Sieg. In der Hauptſtadt fürchtete man zwar keine Revolution, ließ jedoch eine Menge angeſehener Männer verhaften und beabſichtigte am Charfreitag, den achtzehn⸗ ten April, wenn das Volk in den Kirchen war, die polni⸗ ſche Garniſon zu entwaffnen und das Arſenal zu beſetzen. Am Abend des Sechzehnten hatte die Gräfin mit ihrem Manne lange über die zu treffenden Anordnungen geſprochen und ihre Beſorgniß nicht verhehlt, dieſer Auf⸗ ſtand würde die Veranlaſſung ſein, Polen ganz zu zer⸗ ſtückeln. Das mußte um jeden Preis gehindert und die größten Anſtrengungen ſollten gemacht werden, den Aufſtand ſchnell zu erſticken. Ihr waren die Anordnungen des der⸗ zeitigen ruſſiſchen Geſandten, Generals Igelſtröm, nicht energiſch genug, auch hielt ſie es für unvorſichtig, daß er in dieſem kritiſchen Augenblick die Bevölkerung War⸗ ſchaus durch Grobheit und Anmaßung, wie durch die Drohung, die Stadt an allen vier Ecken anzuzünden, reizte und empörte, ſtatt ſie für ſich zu gewinnen. Der Graf nannte ihre Beſorgniſſe übertrieben und meinte, die Rebellion der Truppen ſei von keiner Bedeutung für die Zukunft, da die Maſſe des Volkes, d. h. des Adels, ſich wohl hüten würde, daran Theil zu nehmen. 1860, VI. Polniſche Mütter. 12 ——— 186 In der Frühe wurden ſie durch einige Kanonenſchüſſe geweckt. Die polniſche Garniſon griff die Ruſſen an, Waffen wurden unter das Volk vertheilt und ein heftiger Kampf entſpann ſich auf verſchiedenen Punkten, nament⸗ lich um das Hotel Igelſtröm's. Die Ruſſen waren mehr als noch einmal ſo ſtark, wie die polniſchen Kämpfer, da⸗ her erwartete man, jene würden ſiegen, und Strzelno blieb daher ruhig in ſeinem Hauſe, während er ſonſt gewiß die Flucht ergriffen hätte. Gegen Abend wurde das Geſandtſchaftshotel er⸗ ſtürmt und geplündert. Igelſtröm war entflohen. Die Briefe und Papiere, welche man vorfand, compromittir⸗ ten mehrere ſonſt ſchon verhaßte Perſonen, die ſogleich verhaftet wurden. Unter ihnen war auch Graf Strzelnv. Die Kämpfe in der Stadt dauerten mehre Tage und waren überaus blutig. Mehr als zweitauſend Ruſſen wurden niedergemetzelt. Sonſt fand keine Unordnung oder Ausſchweifung ſtatt. Sogar die Bankſcheine und Duka⸗ ten, welche bei der Plünderung der Wohnung Igelſtröm's abhanden kamen, wurden nach der Aufforderung wieder eingeliefert, welche der inzwiſchen ernannte proviſoriſche Rath erließ. Endlich waren die Ruſſen vertrieben, ein Courier mit der wichtigen Nachricht wurde an Kosciuszko geſandt und am erſten Oſterfeiertage ein Tedeum geſun⸗ gen. Gegen den König war die ſeinem Range gebührende 187 Achtung nicht aus den Augen geſetzt worden; er ſchloß ſich auch mit großem Eifer der Sache der Revolution an und erklärte, er und die Nation ſeien Eins. Wenige Tage ſpäter brach in Samogitien und Lit⸗ thauen gleichfalls der Aufſtand aus. Wilna wurde mit ſeltenem Heldenmuthe befreit. Die Studenten, unter ihnen Bogumil Dziekonski, zeichneten ſich dabei durch ihre Un⸗ erſchrockenheit beſonders aus. Später wurden die Ruſſen in drei Gefechten geſchlagen, allein ihre Streitkräfte wa⸗ ren den Polen weit überlegen, auch fehlte es dieſen an Munition. Die verſprengten ruſſiſchen Soldaten machten das Land unſicher. Der Aufenthalt auf demſelben wurde, beſonders für Frauen, höchſt mißlich, und die Generalin Dziekonska begab ſich daher mit ihrer Tochter nach War⸗ ſchau. Sie hatte Nachrichten von den Ihrigen erhalten, auch theilte ihnen Stanislaw mit, was er von Severin wußte. In Marynia's Achtung ſtieg dieſer dadurch un⸗ gemein, überdies war ſie ihm zu lebhaftem Dank ver⸗ pflichtet. Das Intereſſe an der glücklich vollbrachten Er⸗ hebung Polens nahm zwar ihren patriotiſchen Sinn in Anſpruch, doch behielt ſie noch immer Zeit genug, Seve⸗ rin's zu gedenken, und ſie that es mit ſtets wachſender Sehnſucht. Die Gräfin Strzelno war über das Gelingen des Warſchauer Aufſtandes faſt noch mehr beſtürzt, als über 12* 188 die Gefangenſchaft ihres Gatten. Was ſollte aus Polen werden, wenn ſich die Armeen der Nachbarmächte ver⸗ einigten? An einen erfolgreichen Widerſtand war nicht zu denken, ſie ſah eine dritte und letzte Theilung voraus und damit den Thron vernichtet, auf welchen einſt Seve⸗ rin zu erheben ſie noch immer gehofft hatte.— Bald begann ſie die nöthigen Maßregeln zur Rettung ihres Gatten zu treffen. Sie hatte überall mächtige Freunde und einflußreiche Verbindungen, auch unter den Männern, welche jetzt an der Spitze der Regierung ſtanden. Das Volk war durch das Gerücht aufgeregt worden, man wolle die gefangenen Verräther entfliehen laſſen, und verlangte ungeduldig ihre Beſtrafung. Der Prozeß wurde daher beſchleunigt und am 9. Mai wurden vier vornehme Män⸗ ner gehenkt. Die Galgen hatten die Aufſchrift:„Strafe für die Verräther des Vaterlandes.“ Graf Strzelno war durch die bei Igelſtröm auf⸗ gefundenen Acten nicht weniger compromittirt, als die Verurtheilten— es gelang indeß ſeiner Gemahlin, ſeinen Prozeß hinauszuſchieben, und mit dem Aufſchub ſchien auch das Leben gewonnen. Uebrigens benahm ſich der Graf ruhig und gefaßt. Die Hinrichtung ſeiner Freunde und Kollegen erſchien ihm als Beweis, man ſei in Polen zu der gräßlichen Ausgeburt der Revolution, zur Schrek⸗ kensherrſchaft gelangt, obgleich Niemand daran dachte, 189 und er erwartete ſein Schickſal mit der Ergebung, womit ein großer Theil der franzöſiſchen Ariſtokratie ſich zur Guillotine führen ließ. Gegen Ende Mai kehrte Graf Palowski mit Jad⸗ wiga nach Warſchau zurück. Sie war wie früher, nur er⸗ müdet von dem Aufenthalt in der Fremde und der An⸗ ſtrengung des Reiſens. Die Gefangenſchaft ihres Vaters verurſachte ihr keine Bewegung und ſie ſah die Mutter zwar mit Abneigung, doch ohne Vorwürfe wieder. Ruhig ließ ſie es ſich gefallen, daß ihr im elterlichen Hauſe eine Wohnung eingerichtet wurde, denn Palowski beſaß kein Haus in Warſchau, doch vermied ſie, die Mutter zu ſehen. Ihr Gatte war dagegen kaum wieder zu erkennen, ſo ſehr hatte er ſich verändeet. Das ſkeptiſche und über⸗ legene Lächeln war verſchwunden, womit er ſonſt auf ſeine Landsleute, ihre Beſtrebungen und ihren Charakter ge⸗ ſchaut hatte, und in ſeiner erſten Unterredung mit der Gräfin theilte er ihr ſeinen Entſchluß mit, als Feie in die Armee zu treten. Sie traute ihren Ohren kaum und ſagte lebhaft: „Dieſer wahnſinnige Aufſtand wird ein elendes Ende nehmen. Auf fremde Unterſtützung iſt nicht zu rechnen und ohne die iſt an keinen Erfolg zu denken. Im Innern es auch traurig genug aus. Zwar ſind Viele fähig 190 und entſchloſſen, Gut und Blut hinzugeben, aber das ge⸗ nügt nicht. Der größte Theil des Landes iſt in Feindes⸗ hand, woher ſollen alſo Mittel zum Kriege genommen werden? Und viele Grundbeſitzer, beſonders die reichen, wünſchen zwar die Wiederherſtellung Polens, ſcheuen aber jedes weſentliche Opfer. Wir haben keine Feſtungen und nur ein kleines Heer; der Schatz iſt erſchöpft, es fehlt gänzlich an baarem Gelde im Lande, und die Uneinigkeit und Zwietracht, welche bei uns von jeher heimiſch war, beginnt ſich auch ſchon wieder zu regen. Kosciuszko iſt ein guter General, ein edler, uneigennütziger Mann und un⸗ ſerm Vaterlande von ganzer Seele ergeben, auch, was die Hauptſache, faſt abgöttiſch beliebt. Aber ich zweifle, ob er ſich zum Dietator in einer Zeit, wie die jetzige, und bei Zuſtänden, wie die unſeren, eignet— er iſt eben nicht dietatoriſch genug. Dann muß in kritiſchen Momenten und Verhältniſſen der Feldherr zugleich unumſchränkter Herrſcher ſein, um das Unmögliche möglich zu machen, wie z. B. Friedrich von Preußen. Uns könnte nur ein König retten, der ſich muthig an die Spitze des Volkes ſtellt und die verſchiedenen einander bekämpfenden Par⸗ teien durch die Entſchloſſenheit ſeines Charakters, wie durch die Gewalt der Krone zur Einigkeit zwingt. Ich hoffte, wir würden einſt einen ſolchen auf Polens Thron ſehen!“ Sie ſchwieg einen Augenblick, überwältigt von 191 der Erinnerung an ihre Pläne und Anſtrengungen, die, wie es ſchien, umſonſt geweſen waren. Doch bald raffte ſie ſich auf und fuhr fort:„Sie werfen alſo unnütz Ihr Vermögen, Ihre Zukunft, ja vielleicht Ihr Leben in den klaffenden Abgrund der Revolution. Ich ſage Ihnen das nicht, weil ich etwa dem ruſſiſchen Intereſſe ergeben bin; Niemand war davon jemals ferner, wie ich— aber zweck⸗ loſe Aufopferungen ſcheinen mir eines intelligenten Men⸗ ſchen unwürdig. Wie werden Sie ſich auch mit dem wü⸗ ſten Lagerleben befreunden können, da Sie bisher nicht allein von der Gemächlichkeit des Reichthums, ſondern auch von der Verfeinerung der Bildung umgeben waren? Laſſen Sie das alſo lieber.“ „Ich gebe nicht nur Alles zu, was Sie ſagen, ſon⸗ dern bin auch ſelber vollkommen davon überzeugt!“ ver⸗ ſetzte der Graf.„Dennoch beharre ich bei meinem Entſchluß. Es gibt Lagen, in welchen man auch einer verlornen Sache ſeinen Arm leiht— ich bin in einer ſolchen. Sie wiſſen, daß ich überhaupt nie patriotiſch geſinnt war; es ſchien mir gleichgiltig, von wem und wie unſer rohes, unge⸗ bildetes Volk regiert werde, und ich kümmerte mich wenig um ſeine Angelegenheiten. In letzter Zeit dachte ich je⸗ doch über die Anſtrengungen nach, welche Polen ſeit eini⸗ gen Jahren gemacht, um ſich zu erheben. Sie ſind in der That achtungswerth, und der Muth, die Begeiſte⸗ 192 rung, womit man ſich jetzt gegen eine ungeheuere Ueber⸗ macht erhob, flößt mir eine Art Bewunderung ein. Ich fühle, daß ich Pole bin, und will meine Schuld gegen mein Geburtsland bezahlen, nun es ſo nothwendig iſt, daß Alle thun, was in ihren Kräften ſteht. Zch leugne nicht, daß mich dazu auch ein minder erhabenes Motiv treibt, als Vaterlandsliebe: ich habe das Leben ſatt. Es geht über meine Kraft, Jadwiga's Gleichgiltigkeit noch länger anzuſehen. Ich habe gewiß gethan, was ich konnte, um ſie zu erwärmen; es war umſonſt und ich verzehre mich dabei. Wieder zu meinen Büchern zurückzukehren, iſt mir unmöglich— mir fehlt die Gemüthsruhe. Ich hätte nie geglaubt, daß ich ſo thöricht ſein und durch das Herz ſo ſchmerzlich leiden würde, aber man kennt ſich niemals aus. Was das Aergſte dabei iſt, Jadwiga gab mir hie Veranlaſſung zur Unzufriedenheit. Sie iſt ganz ſo, wie ich mir früher die Frau dachte, mit welcher es ſich am glücklichſten leben läßt: in gleichmüthiger Stim⸗ mung, ohne Prätenſionen und Kapricen, ſanftmüthig, gelehrig, mit großem Talent für fremde Sprachen be⸗ gabt und bereit, von und mit mir zu lernen, was ich verlange. Ich kann ihr keinen Vorwurf machen, als den, daß ſie nie einen Funken Empfindung zeigt; ich habe das freilich vorher gewußt, dennoch bringt es mich zur Ver⸗ zweiflung. Ze unmöglicher es iſt, ihr Herz zu erwecken, 193 deſto nothwendiger ſcheint es mir— alſo will ich Soldat werden und entweder im Lagerlärm oder im Grabe Ruhe finden. Sie müſſen geſtehen, daß es für eine Stimmung, wie die meinige, keine geeignetern Zuſtände gibt, als die polniſchen; man kann da in Geſellſchaft Tauſender und mit einem Anſchein von Hervismus zu Grunde gehen!“ Seine ſchmerzliche Jronie und die außerordentliche Reizbarkeit ſeines Weſens überraſchte die Gräfin. Sie machte keinen Einwand mehr, es wäre doch vergebens geweſen. Uebrigens dachte ſie auch, der Patrivtismus, welchen Graf Palowski eben ſo unerwartet bewies, könne ſeinem Schwiegervater in der öffentlichen Meinung von Nutzen ſein. Auch theilte ſie ihm mit, Severin habe ſich wahrſcheinlich den Kämpfern angeſchloſſen, und bat ihn, ſich nach demſelben zu erkundigen.— Palowski ging auf ſeine Güter, rüſtete einen Theil ſeiner Unterthanen auf eigene Koſten und ſchloß ſich mit ihnen den kleinen Abtheilungen polniſcher Truppen und Parteigänger an, welche die weit überlegene ruſſiſche Macht in Litthauen lange im Schach hielten. Das erregte nur inſofern einiges Aufſehen, als man bisher an ſei⸗ nem Patriotismus gerechten Zweifel gehegt hatte. Sonſt waren Beiſpiele von großherziger Aufopferung und un⸗ eigennütziger Hingebung an der Tagesordnung, und nicht zu den geringſten gehörte es, daß Fürſt Joſeph Ponia⸗ 194 towski, der frühere Oberfeldherr, ſich bereitwillig unter Kosciuszko's Befehl ſtellte. Jadwiga war bei ihres Gatten Abreiſe gleichgiltig, wie immer. Er hatte ſtets eine unermüdliche Aufmerkſam⸗ keit für ſie gehabt und eine bewunderungswürdige Erfin⸗ dungsgabe entwickelt, um ihr Leben recht angenehm und behaglich zu machen. Dennoch ertrug ſie ſeine Abweſen⸗ heit ruhig und ohne Aeußerung des Bedauerns; nur Jo⸗ ſepha bemerkte, daß ſie ihn doch ein wenig vermißte. Was die Gräfin zu ihrem Schwiegerſohn geſagt hatte, war buchſtäblich wahr, aber man machte große Anſtrengungen, Polens Freiheit und Unabhängigkeit wie⸗ der zu erlangen. An Stelle des proviſoriſchen Raths war ein höchſter, aus acht Perſonen beſtehender Rath getreten. Man eröffnete patriotiſche Subſeriptionen und erhielt die Erlaubniß des päpſtlichen Nunkius, die Kir⸗ chenſchätze zu benutzen; Kosciuszko hatte das Volk in Maſſe aufgerufen und mit Senſen und Piken mehrere Tauſend Bauern bewaffnet, die ſich Anfangs auch mit wahrem Heldenmuthe ſchlugen. Allein die Grundbeſitzer betrachteten die Emancipation ihrer Unterthanen als einen Eingriff in ihre Rechte und der Feldherx ſelber ſah bald genug ein, daß er die moraliſche Kraft des bisher ge⸗ knechteten Volkes zu hoch geb hatke; es behielt nur Muth, ſo lange ihm das Glück lächelte. Als er nach — 195 der tapferſten Gegenwehr bei Sczekoeiny geſchlagen wor⸗ den, weil er nur die Ruſſen vor ſich zu haben glaubte, das preußiſche Heer ſich jedoch mit dieſen ohne vorherge⸗ gangene Kriegserklärung vereinigt hatte, da erkaltete der Eifer der Bauern und ſie verſchwanden bald ganz aus den Reihen der Vaterlandsvertheidiger. Faſt gleichzeitig verlor der General Znionczek die Schlacht bei Chelm gegen die Ruſſen und bald darauf mußte Wieniawski, der Kommandant von Krakau, die Stadt den Preußen übergeben. Dieſe Nachrichten erreg⸗ ten in Warſchau viel böſes Blut. Es hatten ſich hier zwei Factionen gebildet, die einander feindlich gegenüber ſtänden und den wirkſamen Widerſtand nach Außen ſehr lähmten. Es waren dies die Ultrarevolutionäre, die nach ihrem Haupt Hugo Kollentat, Mitglied des oberſten Raths, Hugoniſten hießen, und die ruſſiſche oder Hof⸗ partei, die aus erklärten, oder geheimen Anhängern Ruß⸗ lands und den Verwandten und Freunden der Verhafte⸗ ten und Hingerichteten beſtand. Beide Parteien überhäuf⸗ ten ſich gegenſeitig mit Vorwürfen und Verwünſchungen, verdächtigten die Patrioten und reizten das Volk auf. Warſchau wär bis dahin ganz offen geweſen und wurde jetzt in Eile befeſtigt. Tauſende von Menſchen ar⸗ beiteten an den Verſchanzungen. Der Bericht von den zwei verlorenen Schlachten und der Uebergabe Krakaus — — 196 hatte die Menge aufgeregt; als ſie am Abend des 27. Juni von der Arbeit heimkehrte, hielt ein junger Dema⸗ goge eine glühende Rede. Er ſchob die Schuld dieſer Un⸗ fälle auf die Nachläſſigkeit der Behörden, welche die Be⸗ ſtrafung der Verräther verzögert hätten. Das Volk war längſt der Meinung, bei den Verluſten ſei Verrath im Spiele, den die Gefangenen angeſtiftet hätten. Mit wü⸗ thendem Geſchrei verlangte es die Hinrichtung der Schul⸗ digen und beſchloß, die Juſtiz an dieſen ſelber zu üben. Noch an demſelben Abend wurden Galgen errichtet. Der Stadtpräſident Zakrzewski ließ ſie niederreißen, allein in der Nacht wurden ſie wieder aufgebaut. Beſorgt um ihren Gatten, verſuchte die Gräfin die Beſtechung der Wächter. Allein die Gefangenwärter waren theils zu ehrlich, theils fürchteten ſie die Strafe zu ſehr, um Strzelno entkommen zu laſſen. Am folgenden Morgen verſuchten die Behörden, die Ordnung wieder herzuſtellen, und das Volk fing ſchon an, ſich zu zerſtreuen. Allein einige Jakobiner rafften einen Pöbelhaufen zuſammen, eilten nach dem öffentlichen Gefängniſſe und erbrachen die Thüren. Der Aufſeher ſollte das Verzeichniß der Gefangenen ausliefern; da er ſich weigerte, wurde er auf der Stelle gehängt. Dann riß man Diejenigen aus den Kerkern, welche nach der Meinung des Haufens den Tod verdienten, und knüpfte —— 197 ſie auf. Es wurde kein Unterſchied zwiſchen Schuldigen und Unſchuldigen gemacht und Schiller's Wort:„Der Schrecklichſte der Schrecken, das iſt der Menſch in ſei⸗ nem Wahn!“ bewährte ſich auch hier auf eine entſetz⸗ liche Weiſe. Voll Unruhe über die Aufregung draußen und er⸗ haben über perſönliche Furcht eilte die Gräfin Strzelno zum Präſidenten Zakrzewski. Sie fand ihn im Begriff, ſich auf den Schauplatz des Tumultes zu begeben, und folgte ihm dahin. Es war jedoch unmöglich, den Pöbel ſogleich zu beſchwichtigen. Zakrzewski wäre beinahe ſelbſt das Opfer ſeiner Wuth geworden. Er ließ ſich indeß nicht abſchrecken— ſprach mit ſolcher Anſtrengung, daß ihm die Stimme ausging, ſchützte mit ſeinem eigenen Körper Diejenigen, welche man noch tödten wollte, und be⸗ ſchwor die Mordluſtigen auf den Knieen, von einem Vor⸗ haben abzuſtehen, das die polniſche Nation mit Schmach bedecke. Endlich gelang es ihm, die erregten Gemüther zu beſchwichtigen und die Menge ging auseinander. Für mehrere der Gefangenen war er gleichwohl zu ſpät ge⸗ kommen, auch für den Grafen Strzelno. Die Gräfin war faſt ohnmächtig durch einen Be⸗ kannten fortgebracht worden und das Ende ihres Man⸗ nes machte auf ſie einen tiefen Eindruck. Sie hatte ihn längſt nicht mehr geliebt, ihn ſogar recht herzlich ver⸗ 198 achtet, allein dieſer Tod unter den Händen der wüthenden Pöbelhorde erregte ihr tiefſtes Mitleid und verwiſchte und milderte dadurch Manches, was bisher zwiſchen ihnen geſtanden. Er war ein ſo williges Wertzeug ihrer Pläne und ihr ſo aufrichtig und achtungsvoll ergeben geweſen, daß ſie ſich plötzlich einſam und verlaſſen erſchien. Und mit Zentnergewicht drückten ſie Severins Worte:„Dich treffe die Verantwortung, wenn er einſt ein ſchmähliches Ende nimmt.“ Sie fühlte alle Pein des Selbſtvorwurfs, alle Qualen des Gewiſſens. Jadwiga nahm den Tod ihres Vaters mit ihrem gewöhnlichen Gleichmuth auf und die Kundgebung deſſelben war für die Gräfin ein neuer und furchtbarer Schmerz. Sie mußte ihre ganze Kraft zuſammennehmen, um nicht zu erliegen, denn zu ihrem Kummer kam noch die unab⸗ läſſig nagende und alles Andere überwiegende Sorge um Severin. Wo befand er ſich— war er vielleicht ſchon ge⸗ fallen und auf einem Schlachtfelde mit Hunderten ein⸗ geſcharrt, oder ächzte er irgendwo verwundet und ohne Pflege auf dürftigem Lager? Marynia vernahm die Kunde von den Greueln des Volkes und dem Ende des Grafen mit tiefer Bewegung. „Armer Severin!“ dachte ſie traurig.„Es war doch im⸗ mer ſein Vater, obgleich ein unwürdiger— wie wird er alſo leiden!“ Voll Theilnahme näherte ſie ſich Jadwiga, 109 als ſie dieſelbe einmal vor der Kirchenthür traf; allein die junge Frau war bei aller Freundlichkeit ſo wenig herzlich und äußerte ſich über den traurigen Verluſt ihres Vaters ſo ſonderbar gelaſſen, daß Marynia, die ihren Gemüthszuſtand nicht näher kannte, darüber faſt entſetzt war. Mit der Gräfin traf ſie gar nicht zuſammen; dieſe mied jeden Anlaß, ſich öffentlich zu zeigen, und überließ ſich in beinah völliger Abgeſchiedenheit ihren Grübeleien. Nur daß ſie eine Verbindung mit der Hoſpartei unter⸗ hielt, die ihren Kindern einmal nützlich ſein ſollte; ſonſt hatte ſie die Politik faſt aufgegeben. Mit wachſendem Schmerz ſah ſie, daß ihre Befürchtungen nur allzu be⸗ gründet geweſen und der üble Ausgang des Kampfes immer näher rückte. Die Rädelsführer vom 28. Juni waren übrigens nach kurzem Prozeß gehenkt worden. Man beklagte die⸗ ſen Exceß überall aufrichtig; Kosciuszko namentlich war darüber ſehr betrübt und äußerte: zwei verlorene Schlach⸗ ten würden der Sache der Revolution weniger geſchadet haben, als dieſe Greuel. Severin hatte den Tod ſeines Vaters vernommen. Er wurde dadurch tief erſchüttert. 200 Zuülſtes Capitrl. Finis Poloniae? Mit frendiger Bereitwilligkeit packten Marhnia und ihre Mutter ihre Schmuckſachen und das Silberzeug zu⸗ ſammen und ſandten Alles der Regierung, die ihre Geld⸗ noth dargelegt und an den Patriotismus der Polen appel⸗ lirt hatte. Und Jedermann gab frendig, was er konnte, ſelbſt der Aermſte legte ſein Scherflein auf den Altar des Vaterlandes nieder. Auch Jadwiga blieb nicht zu⸗ rück. Sie fühlte ſich von dem, was vorging, zwar nicht freudig oder ſchmerzlich bewegt, verſäumte aber nie, etwas zu thun, das ihr Pflicht ſchien. Sogar die Gräfin gab eine große Geldſumme, doch ohne ihren Namen zu nen⸗ nen. In Kurzem war ſo viel Geld und Geldeswerth an die Kaſſen eingeliefert, daß die außerordentlichen Steuern erlaſſen werden konnten. Warſchau widerhallte übrigens damals, am erſten September, vom Donner der Kanonen. Frirdrich Wil⸗ helm II. und der ruſſiſche General Ferſen belagerten es ſeit dem 23. Juli mit 59.000 Mann. Die Polen hatten die verſchanzten Lager bezogen, welche man in der Nähe der Stadt errichtet hatte, und fochten noch tapferer als 201 ſonſt— galt es doch die Vertheidigung der Haupſtadt, mit deren Fall auch der Fall der Inſurrection entſchie⸗ den war. Da man die ohnehin ſchwachen Streitkräfte nicht noch mehr ſchwächen konnte, hatten die Litthauer die verlangte und dringend nöthige Unterſtützung nicht erhal⸗ ten. Wilna war nach hartnäckiger Vertheidigung in die Hände der Ruſſen gefallen und bald waren dieſe Meiſter des ganzen Großherzogthums. Die kleine polniſche Armee zog ſich vor der Uebermacht zurück. Auch ein öſterreichiſches Heer hatte Polens Grenzen überſchritten, und die für ihre Freiheit und Unabhängig⸗ keit Kämpfenden mußten in kurzer Zeit rings eingeſchloſ⸗ ſen und vernichtet ſein. Doch erhellte ſich die Ausſicht für ſie wieder; in Großpolen, das bei der zweiten Thei⸗ lung unter dem Namen Südpreußen an Preußen gekom⸗ men war, erhoben ſich einige kühne Männer und organi⸗ ſirten den Aufſtand ſo geſchickt, daß er ſich bei der ſchon lange herrſchenden Gährung reißend ſchnell verbreitete und die drohendſte Geſtalt annahm. Der König hob des⸗ halb die Belagerung Warſchaus auf und verwandte ſeine Truppen zur Dämpfung dieſes Aufruhrs. Bogumil Dziekonski kam nach Warſchau, als die Bewegung in Litthauen erdrückt war. Einige Tage brachte er bei ſeiner Mutter und Schweſter zu, dann be⸗ 1860. VI. Polniſche Mütter. 13 202 gab er ſich ins Lager und nahm Dienſt. Er war jetzt neunzehn Jahre alt. Palowski hingegen mochte nicht nach Warſchau zu⸗ rückkehren, wo Jadwiga's Anblick ſein Herz aufs Neue zerriſſen hätte. Er begab ſich zum General Sierakowski, der mit einem kleinen Corps zu Krupczien die Bewegun⸗ gen zweier ruſſiſchen Armeen unter Derfelden und Su⸗ varow beobachtete. Hier fand er Stanislaw Dziekonski und, zu ſeiner Ueberraſchung, den verſchollenen Schwa⸗ ger. Er ſah ihn jedoch nur von fern und hatte nicht Zeit, ihn aufzuſuchen, da das kleine Häuflein der Polen eben von Suvarow angegriffen wurde. Zwei Tage lang be⸗ hauptete ſich Sierakowski in ſeiner Stellung und die Ruſſen verloren dabei fünf Tauſend Mann. Suvarow hielt ſich für den Sieger, geſtand aber, ein zweiter ähn⸗ licher Sieg würde ſeine Armee vernichten. Sierakowski zog ſich zurück, denn einen erneuerten Angriff hätte er nicht zurückſchlagen können. Die Unerfahrenheit einiger Hffiziere geſtattete den Ruſſen, über den Bug zu ſetzen, und die Polen wurden nun bei Terespol geſchlagen und verloren ihre ganze Artillerie. Stanislaw wurde von den Feinden umringt und wäre bald gefangen worden. Pa⸗ lowski bemerkte ſeine Gefahr und brach ſich zu ihm Bahn. Mit ſeinem eigenen Körper ſchützte er den ehemaligen Ge⸗ liebten ſeiner Frau und hielt ſo lange Stand, bis ihnen 203 Severin mit mehreren in der Eile zuſammengerafften Ka⸗ meraden zu Hülfe kam; dann ſank er zuſammen. Die Feinde wurden für den Augenblick zurück geworfen, und Palowski, der gefährlich verwundet war, wurde mit gro⸗ ßer Sorgfalt verbunden und nach Warſchau geſchickt, da man ſich zurückziehen mußte. Stanislaw ſchrieb ſeiner Tante, er danke Leben und Freiheit dem Grafen, und dieſe ſtattete Jadwiga einen Beſuch ab, um ſich nach dem Ergehen Palowski's zu er⸗ kundigen. Die junge Frau hörte mit ungewöhnlichem An⸗ theil die Erzählung der Generalin und es ſchien, ein Funken von Gefühl rege ſich in ihrer Bruſt bei der Vor⸗ ſtellung, welcher Gefahr der einſt ſo glühend Geliebte ausgeſetzt geweſen. Dieſe Empfindung wurde indeß zur Danlbarkeit gegen ſeinen edelmüthigen Retter, und mit mehr als bloßer Pflichttreue, mit einem Eifer, wie ſie denſelben ſeit der Trennung von Stanislaw nie bewieſen, widmete ſie ſich der Pflege ihres Gatten. Sein Zuſtand war durch den Transport ſehr verſchlimmert, die Aerzte gaben faſt jede Hoffnung auf und er war ohne Beſinnung. Jadwiga gewann plötzlich, und ohne zu wiſſen, wie es geſchah, einen Einblick in Palowski's Herz, begann ihn jetzt erſt zur würdigen. Sie hatte die Ausbrüche der Ver⸗ zweiflung über ihren Kaltſinn, welche er nicht immer zu unterdrücken vermocht, kaum bemerkt und gar nicht be⸗ 13* 204 achtet, jetzt erinnerte ſie ſich derſelben, wie aller Beweiſe ſeiner innigen und ſelbſtverleugnenden Zärtlichkeit, die ſie ſonſt ruhig hingenommen hatte, als etwas, das ſich von ſelber verſtand. Sie empfand eine Art Schmerz darüber, daß ſie ſeine Liebe nicht erwiedern konnte, und obgleich es nur eine leiſe, dumpfe Regung von Gefühl war, erſchien es doch als eine große Veränderung in ihrer bisherigen Gemüthsverfaſſung. Ihre Mutter beſchäftigte ſich wieder mit den An⸗ gelegenheiten des Landes. Die Erhebung in Großpolen war unterdrückt und die gewaltigen Streitkräfte der ver⸗ bündeten Mächte zogen immer näher gegen die Haupt⸗ ſtadt; war dieſe erſt eingeſchloſſen, dann war auch der verzweifeltſte Widerſtand bald erſtickt. Koscinszko begab ſich aus ſeinem Lager in der Nähe Warſchaus zu dem General Sierakowski. Er war entſchloſſen, die Ruſſen entweder zu ſchlagen oder zu ſterben. Seine Stellung war ihm durch die Lauheit der reichen Grundbeſitzer, wie durch die Spaltung zwiſchen ihm und dem höchſten Rath viel⸗ fach verbittert worden. Die Demokraten und Uebelwollen⸗ den tadelten ſeine Mäßigung; Befehle, die er gab, wur⸗ den oft nachläſſig vollzogen, und er erkannte mit tiefem Kummer die Unmöglichkeit, den Aufſtand zu einem glück⸗ lichen Ende zu führen. Suvarow hatte erklärt, ſeine Souverainin führe nicht —. 205 Krieg mit der polniſchen Nation, ſondern mit den Re⸗ bellen. Das enthielt die Hoffnung, Katharina werde Po⸗ len auch noch ferner, wie bisher, beſtehen laſſen, und der fruchtbare Geiſt der Gräfin Strzelno fand darin einen Wink, die Pläne wieder aufzunehmen, welche ſie ſchon für gänzlich zerſtört gehalten hatte. Jedenfalls konnte ihr Einfluß bei der ruſſiſchen Partei, wie das Andenken an ihres Mannes Tod dazu dienen, dem Grafen Palowski Verzeihung dafür auszuwirken, daß er gegen Rußland die Waffen getragen. Die Sorge um Severin quälte ſie unabläſſig, allein ſie hielt beharrlich die Idee feſt, ſie werde ihn wiederſehen.„Der Erfolg iſt die beſte Recht⸗ fertigung unſerer Handlungen!“ ſagte ſie ſich einſt.„Se⸗ verin wird mich nicht länger anklagen, wenn ich ihn glück⸗ lich zum Ziele geführt habe. Es kann Alles noch beſſer gehen, wie ich es mir dachte. Der König iſt alt und ich habe Anſprüche auf den Dank der Kaiſerin. Freilich wäre es thöricht, auf Dankbarkeit, und beſonders auf die Katharinen's, zu bauen, aber hier geht ja ihr Vortheil Hand in Hand mit dem meinen. Die Verhältniffe haben ſich im Grunde wenig geändert; wie es damals Katharina räthlich ſchien, Stanislaw Poniatowski auf Polens Thron zu ſetzen, ſo wird ſie nichts dagegen haben, daß ſein Nach⸗ folger Severin Strzelno heißt. Das Gleichgewicht der europäiſchen Staaten geſtattet nicht, Polen ganz aus 206 ihrer Reihe zu ſtreichen. Severin wandte ſich zwar zür⸗ nend von mir, allein er wird wiederkehren, wenn er ein⸗ ſieht, daß meine Handlungen nur zu ſeinem Beſten wa⸗ ren, und überhaupt, wenn er Ausſicht hat, Marynia ſein zu nennen. Dieſe wird dem König nicht widerſtehen— mir ſchien es neulich in der Kirche, ſie blicke mit Theil⸗ nahme zu mir herüber. Kenne ich nicht ein Mädchenherz? Sie wies ihn damals ſchnöde von ſich, aber ſie bereut es— welches Mädchen könnte auch ſeinen Herzensfrieden bewahren, dem mein ſchöner, enthuſiaſtiſcher Severin Liebesworte zuflüſterte?— Daß er, wie ich vermuthe, ſich den Inſurgenten anſchloß, wird ihm Katharina ver⸗ zeihen— dafür wollen wir ſchon ſorgen. Und in den Au⸗ gen der Patrioten wird ihm das günſtig ſein; ſie werden ihm einſt mit Freuden ihre Stimme geben. So gewinnt er die Polen für ſich und ich die Ruſſen für ihn. Ich war eine Thörin, mich ſo lange dem Kummer hinzugeben. Ich habe mein ganzes Leben auf dieſen Wurf geſetzt, er muß gelingen! Wozu nützte es denn, Verſtand, Energie und Beharrlichkeit zu haben, wenn man damit nicht durchfüh⸗ ren könnte, was man ſich vorgeſetzt? Da wären ja die Tröpfe und Schwächlinge eben ſo viel werth, wie unſer Eins!“ Louis unterbrach ihr Selbſtgeſpräch mit der Bitte, zu ihrem Schwiegerſohn zu kommen. 207 Dieſer hatte nach wochenlanger Betäubung ſein Be⸗ wußtſein wieder erhalten und mit Rührung bemerkt, daß Jadwiga Theilnahme an den Tag legte und ſich über ſeine Beſſerung ein wenig zu freuen ſchien. Das kam ihm unerwartet, hatte er doch längſt jede Hoffnung aufgegeben, die Starrheit ihres Gemüths gelöſt zu ſehen. „Wenn ich jetzt ſtürbe,“ ſagte er wehmüthig,„dann wärſt Du frei, könnteſt Deine Hand Stanislaw Dzie⸗ konski reichen. Ich bereute es ſchon lange, daß ich Dich an mich feſſelte.“ „Nein, nein!“ antwortete ſie mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit.„Ich freue mich ſo darüber, daß Du ge⸗ neſen wirſt, wie ich mich ſchon lange nicht gefreut habe. Glaube nicht, daß ich je Dziekonski's Frau werden könnte— das iſt vorbei. Es iſt nicht Liebe für einen Andern, was mich hindert, Deine Neigung zu erwie⸗ dern und Deinen Edelmuth zu vergelten, wie ich gern möchte; ſondern eine Herzenskälte, die ich nicht verban⸗ nen kann. Habe alſo Nachſicht mit mir und ſei über⸗ zengt, daß ich an Deiner Seite nicht unglücklich bin und Deinen Verluſt aufrichtig beklagt hätte.“ Es war wenig, was ihm Jadwiga hier zugeſtand, und den Meiſten hätte es nicht genügt. Palowski aber war darüber ganz glücklich, hatte er doch ſeit Jahr und Tag nicht ſo viel zu hoffen gewagt. Seine Gemüthsſtimmung 208 wirkte vortheilhaft auf ſeinen körperlichen Zuſtand und der Arzt erſtaunte über die außerordentlich ſchnelle Beſſe⸗ rung. Der Kranke erinnerte ſich jetzt auch, daß er Se⸗ verin unter den Truppen Sierakowskis geſehen habe, und ließ die Gräfin rufen, um es ihr mitzutheilen. Dieſe Nachricht regte ſie ungemein auf, obgleich ſie ſich äußerlich beherrſchte. Sie gab ſogleich Louis den Be⸗ fehl, in das Lager zu eilen und nicht früher zurückzukeh⸗ ren, bis er ihren Sohn gefunden habe. Stanislaw mußte ihm Auskunft geben können, und ſie ſchrieb in fliegender Eile einen Brief an dieſen, worin ſie ihn beſchwor, ihr über das Ergehen Severin's zu ſagen, was er davon wiſſe. Sie ſchloß eben dies Schreiben, als ſich ein un⸗ gewöhnlicher Lärm auf der Straße erhob; große BVolks⸗ haufen ſammelten ſich unter verzweiflungsvollem Ge⸗ ſchrei; nicht allein Weiber, auch Männer weinten laut und rangen jammernd die Hände. Viele rannten wie wahnſinnig mit den Köpfen gegen die Mauern— Andere wurden ohnmächtig, oder fielen in Krämpfe. Mit einer Angſt, die ſie ſich ſelber nicht erklären konnte, ſchellte die Gräfin, allein Niemand kam und in wachſender Unruhe eilte ſie zu ihrer Tochter. Auf der Treppe begegnete ihr Joſepha, bleich, in Thränen zerfließend, und rief ſchluch⸗ zend, was auch die Menge draußen ſich zurief, ohne daß die Gräfin es verſtanden hatte:„Kosciuszko iſt nicht mehr— das Vaterland iſt verloren!“ 209 Die Gräfin athmete wieder.„Ah, nur Kosciuzsko!“ dachte ſie erleichtert und ſchalt ſich ſelber eine Thörin, daß ſie bei der allgemeinen Verzweiflung nur ihren Sohn im Sinn gehabt und gefürchtet, ihm ſei ein Unglück zu⸗ geſtoßen. Wie eine Liebende auf ihren Geliebten, bezog ſie unwillkürlich Alles, was irgend geſchah, auf Severin, wenn es auch nicht den fernſten Zuſammenhang mit ihm haben konnte und ihr ſpäter lächerlich erſchien. Ueberhaupt waren ihre Nerven ſehr angegriffen und es war nur die Kraft des Geiſtes, welche ſie ihre körperliche Reizbarkeit und Schwäche beherrſchen ließ. Die Kunde von der unglücklichen Schlacht bei Ma⸗ ciniowica, von Kosciuszko's Verwundung und Gefangen⸗ nehmung drang mit Blitzesſchnelle in die entfernteſten Stadttheile. Die Worte:„Finis Poloniae!“ welche er, vom Pferde ſinkend, ausgerufen hatte, gingen von Mund zu Mund. Polen war in der That verloren und faſt Niemand zweifelte mehr daran. Die allgemeine Beſtürzung und Troſt⸗ loſigkeit bewies, welch' unbedingtes Vertrauen das Volk in den Generaliſſimus geſetzt hatte, und daß man ſeine Perſon viel höher anſchlug, als eine ganze Armee. Nur Diejenigen, welche dem ruſſiſchen Intereſſe ergeben wa⸗ ren, blieben gleichgiltig bei dieſem unerſetzlichen Verluſt; ſonſt war der Schrecken und die Verzweiflung ſo groß, daß mehrere Perſonen ſtarben oder wahnſinnig wurden. 210 Dziekonski's hatten bei jeder Gelegenheit gethan, was in ihren Kräften ſtand; Domenik, der bisher nur Talent für friedliche Beſchäftigungen gezeigt, hatte ſich ganz gut in Verhältniſſe hineingefunden, die ſeiner Rich⸗ tung ſonſt ſehr fern lagen, auch fehlte es ihm keineswegs an perſönlichem Muth. Bogumil hatte ſich durch Tapfer⸗ keit, Umſicht und ſtrategiſche Gewandheit ſehr aus⸗ gezeichnet; die höheren Offiziere erkannten in ihm eines jener militäriſchen Genies, deren jedes Jahrhundert nur wenige hervorbringt. Seine Familie ſchaute mit Stolz auf den hoffnungsvollen Jüngling, der einſt dem Lande wichtige Dienſte leiſten konnte, und ſelbſt die Gräfin Strzelno hatte ſein Lob vernommen und ſchon die Vor⸗ theile berechnet, welche ihr Sohn von dem Genie des künftigen Schwagers ernten werde. Stanislaw beſaß nicht weniger militäriſches Talent und dieſelbe Kühnheit, wie ſein Couſin, allein er hatte Unglück. Nie bot ſich ihm Gelegenheit, ſich bei einer glücklichen Affaire aus⸗ zuzeichnen— nur im Unglück konnte er ſeinen Heldenmuth bewähren; daher fand derſelbe keine ſo glänzende An⸗ erkennung, erregte nur Aufſehen in dem kleinen Kreiſe Derer, welche ihm in kritiſchen Augenblicken grade nahe waren. Jetzt befand er ſich bei der Heeresabtheilung, wel⸗ che die Schlacht verloren hatte, und die Seinen ſchwebten in der größten Unruhe um ihn.. 211 Der General, deſſen Alter und Gebrechlichkeit ihm Ruhe nöthig machte, wollte doch ſeine letzten Kräfte dem Vaterlande weihen, und dachte nicht daran, ſich zu ſcho⸗ nen. Als ſich die traurige Nachricht von Kosciuzko's Gefangenſchaft beſtätigt hatte, kam er Abends mit ſeinen Söhnen aus dem Lager, um ſeine Frau und Tochter zu beſuchen. Alle waren tief niedergebeugt, doch äußerlich ruhig und gefaßt— Marhnia beherrſchte ſogar die Un⸗ ruhe, welche ſie um Severin's Schickſal empfand. Niemand verhehlte es ſich, daß dem Lande die trau⸗ rigſte Zukunft bevorſtand. Nur eine Beruhigung hatten ſie dabei— die, ihre Pflicht gethan zu haben. An ihr eigenes Loos dachten ſie nicht, wenigſtens nicht die jungen Leu⸗ te; nur die Eltern bangten um das Schickſal ihrer Kinder. „Und können wir jetzt auch nicht mehr lange Wider⸗ ſtand leiſten,“ ſagte Bogumil mit der unerſchöpflichen Hoffnungsfülle der Jugend,„ſo wird doch die Zeit er⸗ ſcheinen, in der unſer Volk ſich erhebt und ſein Joch ab⸗ ſchüttelt. Wir ſind nicht geboren, um Ketten zu tragen, und unſere Unterdrücker werden das auch gewahr werden. Die Gründe, welche Männer von Erfahrung dafür an⸗ führen, daß wir jetzt verloren ſind, haben meine Vernunft überzeugt— mein Herz empört ſich noch immer gegen dieſe Annahme. Mir iſt, als könnte und ſollte ich allein ſtark genug ſein, den Feinden zu widerſtehen, und däch⸗ 112 ten nur einige Tauſend wie ich, ſo ſollte Polen nicht un⸗ tergehen!“ Der General ſchüttelte ſeinen weißen Kopf und ſeufzte.„Auch ich hoffe, daß Polen nicht für immer un⸗ tergeht! Aber ſeine Auferſtehung werde ich nicht mehr ſehen. Zetzt könnte noch Manches geſchehen— wir haben dreißig Tauſend Soldaten, wenn auch zum Theil Neulinge, ebenſo eine Menge Geſchütz und Munition. Damit könnte der Krieg noch lange Zeit fortgeſetzt werden, bis vielleicht in der europäiſchen Politik ein Umſchwung zu unſeren Gunſten eintritt. Aber die Spaltung und Zwietracht im Innern iſt zu groß— es fehlt ein tüchtiger Oberfeld⸗ herr. Wäre Kosciuszko nicht gefangen, ſo hätte trotz der verlorenen Schlacht ſich noch Alles zum Guten wenden können— ſo iſt jede Hoffnung verloren. Das darf uns jedoch nicht abhalten, unſere Pflicht bis zum letzten Augenblick zu thun!“ „Und dann,“ meinte Domenik,„wollen wir Rouſ⸗ ſeau's Worte beherzigen:„Ihr könnt nicht hindern, daß ſie euch verſchlingen, ſo macht wenigſtens, daß ſie euch nicht verdauen können.“ Die verbündeten Mächte ſollen einſehen, daß Polen ein zäher Biſſen iſt!“ „Ihr könnt wenigſtens etwas thun!“ rief Marhnia. „Aber wie gualvoll iſt das für uns Mädchen und 213 Frauen, die unthätig dem Fall des Vaterlandes und vielleicht auch unſerer Lieben zuſehen müſſen!“ Mit tiefem Schmerz, zu tief für Worte, nahmen ſie endlich von einander Abſchied. Wer wußte auch, ob ſie Zeit zu einem Wiederſehen fanden, ob der Feind nicht ſchnell heranrückte und jede Entfernung aus dem Lager unmöglich machte? Marynia hing am Halſe des Va⸗ ters— Frau Dziekonska ſchloß ihre Söhne in die Arme. Ihr Herz blutete bei dem Gedanken, daß dieſe friſchen jungen Leben vielleicht bald einem blutigen Tode verfallen waren. Aber ſie bezwang ſich— bei aller Weichheit des Herzens hatte ſie einen feſten Charakter, und ihre Hin⸗ gebung an das Vaterland machte es ihr zur Pflicht, ſelbſt ihr Liebſtes zu opfern. „Es ſind blutige Schlachten, die ſich vorbereiten, Kämpfe der Verzweiflung gegen eine ungeheure Ueber⸗ macht!“ ſagte ſie ernſt und feierlich.„Vielleicht kehrt Ihr daraus nicht heim, ſondern findet den Tod; doch ob wir uns nun wiederſehen, oder nicht— vergeſſet nie, daß Ihr Euer Leben dem Vaterlande ſchuldig ſeid. Wie die ſpar⸗ taniſchen Mütter ihren Söhnen möchte ich Euch zurufen: „Mit ihm oder auf ihm!“ Doch das wäre überflüßig. Ihr habt es von Jugend auf gelernt, daß Polens Wohl und Intereſſe Jedem von uns über das eigene Wohl und Intereſſe gehen muß, daß keine Rückſicht, als die auf un⸗ 214 ſere Ehre und unſer Gewiſſen, die Hingebung an das Vaterland beeinträchtigen darf. Immer iſt der Staats⸗ bürger verpflichtet, Gut und Blut, ſein und der Seinen Leben für das Vaterland hinzugeben, wie viel mehr noch aber jetzt, wo es ſich um Polens Exiſtenz handelt und unſer bitterſter, grauſamſter Feind Euch gegenüber ſtehen wird. Der edle Ignaz Potocki ſagte:„Man kann nicht von einem Ruſſen ſprechen, ohne vor Haß zu erbleichen und vor Zorn zu beben. Der Name allein genügt ſchon, uns an den Verluſt unſerer Freiheit, unſerer Geſetze, un⸗ ſeres Ruhms zu erinnern, uns alle die Unbilden in's Ge⸗ dächtniß zu rufen, denen unſere Ehre und unſere Fami⸗ lien ſo lange Zeit ausgeſetzt waren!“ Welchem Polen ſind dieſe Worte nicht aus dem Herzen geſprochen? Wohlan, Ihr werdet gegen Ruſſen kämpfen— ſeid deſſen eingedenk. Und nun lebt wohl! Gott ſegne Euch, mag es zum Siege oder zum Tode ſein!“ Sie legte in lautloſem, doch heißem Gebet ihre Hände auf die Häupter der jungen Männer, die vor ihr die Knie gebeugt hatten. Beide riefen dann wie aus einem Munde:„Nur ſiegreich kehren wir zurück!“ und küßten die Hand der Mutter, die das Todesgelübde ihrer Söhne feſt und ruhig entgegen nahm. Doch als ſie ſich zum Abſchiede an ihren Gatten wandte, verließ ſie der Muth, und mit zitternder Stimme 215 ſagte ſie:„Dziekonski, Du biſt ſechzig Jahr— iſt es nicht genug, daß Du bisher für Polen gekämpft und geblutet haſt? Habe ich nicht auch Rechte zu verlangen? Zwei junge, kräftige Streiter gebe ich hier dem Vaterlande, ſie müſſen ihm ihre Schuld abtragen. Doch Du haſt das längſt gethan, erhalte Dich mir und Deiner Tochter!“ „Was Du eben Deinen Söhnen ſagteſt, galt auch mir; ich bin Pole und mein Leben gehört meinem Vater⸗ lande!“ antwortete er bewegt.„Wo ſo viele junge Her⸗ zen verbluten, kommt mein altes nicht in Betracht— es wäre Feigheit, mich zu ſchonen. Und Du weißt wohl, Boguslawa, daß ich den Fall Polens nimmer überleben könnte und qualvoller ſtürbe, als im Kampfe. Dich und das Mädchen möge Gott tröſten und ſchützen, wie die Tauſende von Witwen und Waiſen, die ihre Angehöri⸗ gen betrauern und betrauern werden. Adieu!“ „Verzagt noch nicht!“ rief Bogumil im Fortgehen. „Kosciuszko's Worte ſind ja keine Prophezeiung, die eintreffen muß!“ Sie begaben ſich zurück nach dem befeſtigten Lager vor Praga, das unter dem Befehl des Generals Zaionczek ſtand. Frau Dziekonska theilte die Zuverſicht ihres jüng⸗ ſten Sohnes nicht. Obgleich man in der Perſon des Ge⸗ neral Wawrzecki einen neuen Generalliſimus gewählt, den 216 im Lande zerſtreuten Truppencorps den Befehl gegeben, zur Deckung der Hauptſtadt herbeizukommen, und mit großem Eifer an der Befeſtigung Warſchaus und Pragas arbeitete, ſo zweifelte ſie doch an dem Erfolg. Sie ſchlug zwar Marhnia's Muth nicht dadurch nieder, daß ſie ihre Befürchtungen ausſprach, wiederholte aber oft im Stillen den Ausruf des gefangenen Feldherrn: „Finis Poloniae!“ Preizehntes Caitel. Vernichtete Hoffnungen. Nachdem die Einzelnheiten der Schlacht bei Ma⸗ ciniowica bekannt geworden, war die Gräfin in nicht ge⸗ ringerer Beſorgniß, als die Uebrigen, nur bangte ihr hauptſächlich um das Schickſal ihres Sohnes. Louis war ſogleich den geſchlagenen Truppen entgegengeſandt worden, allein es währte ziemlich lange, ehe er von ſich hören ließ. Inzwiſchen langten mehrere Wagen mit Ver⸗ wundeten in der Hauptſtadt an. Joſepha hatte einſt den Verkehr Jadwiga's mit Stanislaw vermittelt; die Gräfin theilte der gewandten Zofe daher mit, es liege ihr viel daran, über den jungen Dziekonski Auskunft zu erhal⸗ 217 ten. Nun währte es auch nicht lange, bis Joſepha mit der Nachricht zur alten Gräfin kam, Stanislaw ſei verwun⸗ det im Hauſe ſeiner Tante. Janek, ſein treuer Diener, hatte ihn vor feindlicher Gefangenſchaft bewahrt und da⸗ für geſorgt, daß er auf einen Wagen gebracht und fort⸗ geſchafft wurde; von ihm hatte ſie auch dieſe Nachricht. In der heftigſten Aufregung begab ſich die Gräfin ſogleich nach dem Dziekonskwſchen Hauſe, welches ſie nicht betreten hatte, ſeitdem ſie ihre Tochter von Sta⸗ nislaw getrennt. Sie dachte hieran nicht— ſie dachte überhaupt an nichts Anderes, als daran, von Severin Kunde zu erhalten, zu erfahren, ob er vielleicht auch verwundet, am Ende gar gefangen ſei. Die männliche Dienerſchaft arbeitete an den Wäl⸗ len; ein Mädchen antwortete der Gräfin auf die Frage nach der Generalin, ſie ſei im Zimmer des Fräuleins, und bat ſie, in eins der Geſellſchaftszimmer zu treten, bis die Herrin benachrichtigt ſei. Allein Frau Strzelno war im Hauſe aus früheren Zeiten und auch ſeit dem letzten Beſuch wohlbekannt; ſie ſchob das Mädchen bei Seite und trat in Marhnias Zimmer.— Stanislaw war an der Schulter verwundet, zwar nicht gefährlich, allein ſein Kummer über das Unglück Polens und die Vernachläſſigung auf dem weiten Wege hatte die Wunde verſchlimmert und gab keine Hoffnung 1860. VI. Polniſche Mütter. 14 218 auf ſchnelle Heilung. Nachdem er ſo behaglich, als mög⸗ lich untergebracht war und ſich ein wenig erholt hatte, fragte ihn ſeine Tante nach den Bekannten, welche bei ſeiner Abtheilung geweſen waren. Sie erhielt da ſchlechte Nachrichten, entweder waren ſie gefallen, oder gefangen. Marynia hörte mit ſtockendem Herzſchlag zu; ſie wagte nicht nach Severin zu fragen; endlich that es die Mutter. „Er ſendet Dir einen Gruß— den letzten!“ ver⸗ ſetzte Stanislaw, zu ſeiner Couſine gewandt. Sie ſenkte ſtill das Haupt und bedeckte ihr Geſicht mit den Händen. „Wie ſtarb er?“ fragte die Generalin gepreßt. „Ruhig— faſt freudig, daß er den Fall des Va⸗ terlandes nicht überleben dürfe!“ antwortete Stanislaw. „Ihr wißt, daß ich ihm viel danke. Palowskis Muth und Kühnheit rettete bei Terespol mein Leben, ohne Se⸗ verin wären wir aber gefangen worden. Wir waren ſeit⸗ dem unzertrennlich. Er hatte ſich früher ſo ausgezeichnet, daß der Oberſt ihn zum Offizier ernennen wollte, doch hatte er es abgelehnt. Zetzt nahm er es an, damit unſer Beiſammenſein ungeſtörter ſein konnte. Wir redeten oft von der Vergangenheit— er ſprach ſich viel offener und rückhaltloſer aus, wie ſonſt. Ich kernte ihn jetzt erſt ganz kennen und lieben, und beklagte tief, daß durch ſeine Mutter ſein klares Urtheil getrübt und er der Sache % 219 Polens für eine Zeitlang abwendig gemacht worden war. Er hätte eine Zierde unſeres Volkes werden kön⸗ nen, denn er war wirklich reich begabt und eine ſehr edle Natur. Früher war er allerdings leichtſinnig, allein die Liebe läuterte ihn, und dann beurtheilte er ſich ſelber auch ſo ſtrenge, daß man ihn nur um ſo mehr entſchul⸗ digen mußte. Am Morgen des zehnten October gab er mir einen Brief für ſeine Mutter— ich habe ihn in dem Portefeuille, das ich bei mir trug; während des Kampfes fochten wir Seite an Seite. Als Kosciuszko verwundet vom Pferde ſank und von den Feinden umringt wurde, machten wir einen Verſuch zu ihm durchzudringen. Er mißlang, wir wurden zum Weichen gezwungen. Eine Ku⸗ gel traf Severin's Bruſt, ich trug ihn auf meinen Ar⸗ men aus dem Gedränge.„Es iſt gut, ich hätte doch nicht glücklich ſein können, nun Polen verloren iſt!“ ſagte er ſterbend.„Adieu, Bruder, und grüße Marynia, wenn Du ſie wiederſehen ſollteſt!“ Wenige Augenblicke darauf verſchied er und ich ſchloß ihm die Augen. Ich erhielt dabei den Schuß in der Schulter, blieb bewußtlos neben ihm liegen und wäre gefangen worden, wenn mich nicht Janek aufgeſucht und mit Hülfe einiger Kameraden fortgeſchafft hätte!“ Er ſchwieg, erſchöpft vom Sprechen und ſeiner tie⸗ fen Gemüthsbewegung. Marynia ging leiſe hinaus und 14* 220 auf ihr Zimmer, um in der Einſamkeit ihr Leid zu be⸗ weinen. Es war wenig mehr als ein Jahr vergangen, ſeitdem ſie Severin verächtlich zurückgeſtoßen, und welche Veränderung hatte der kurze Zeitraum in dieſem ſtolzen, jungen Herzen hervorgebracht! Heiße und unfäglich bit⸗ tere Thränen floßen dem einſt Verſchmähten und die Zu⸗ kunft lag wie eine unermeßliche Oede vor der Siebzehn⸗ jährigen. Sie hatte kein ſchnell bewegliches Tempera⸗ ment, es währte ſtets lange, ehe ſie etwas erfaßte und zum Bewußtſein darüber kam, dann war es aber auch in ihr Weſen übergegangen und konnte durch nichts verlöſcht werden. Es war ganz ihrem Charakter gemäß, daß ſie erſt nach ſeinem Tode erkannte, wie tief ſie Severin liebte und daß dieſe Liebe, wie die Trauer um ſeinen Verluſt, mit ihrem Sein eins wurde und daſſelbe verzehrte. Nach einigen Minuten legte ſich eine warme Hand auf den Kopf der Troſtloſen und ihre Mutter ſagte weich: „Laß uns mit einander weinen, mein Kind; gemeinſam vergoſſene Thränen ſind nie ſo ſchmerzhaft, wie einſam geweinte. Noch biſt Du nicht ſo verlaſſen und unglücklich, wie es Dir ſcheinen muß— ich kann Dir nicht helfen, aber ich kann wenigſtens mit Dir leiden.“ Schweigend legte Marynia ihren ſchmerzenden Kopf an das Herz der Mutter. Seine Schläge gaben ihr ein Troſtgefühl, wußte ſie doch, wie aufopfernd und ſelbſt⸗ 221 vergeſſen dieſes Herz für ſie und die Ihrigen ſchlug. Zu⸗ gleich dachte ſie dabei aber mit doppelter Lebhaftigkeit ei⸗ nes andern Herzens, das auch, und noch heißer und aus⸗ ſchließlicher für ſie geſchlagen hatte und nun gebrochen war. Kein Laut kam über ihre bebenden Lippen, doch Thräne auf Thräne rann über ihre erblaßten Wangen. Der Eintritt der Gräfin Strzelno löſte die Umar⸗ mung, und Marynia empfand eine Regung von Haß beim Anblick dieſer Frau, welche Schuld war, daß Seve⸗ rin ihr einſt haſſenswerth und verächtlich ſchien. Sie war es, die ſein Lebensglück gebrochen hatte. Die Gräfin konnte ſich kaum ſo weit beherrſchen, um die üblichen Höflichkeitsformeln nicht zu vernachläfſ igen. Zitternd ſank ſie in den Lehnſtuhl, in dem ſie einſt geſeſſen hatte, und fragte, ob Stanislaw nicht vielleicht Nachricht von ihrem Sohn habe. Frau Dziekonska theilte ihr zögernd und ſchonend mit, was ſie eben vernommen. Sie hatte ſonſt lebhaften Unwillen gegen die Gräfin gehegt, doch in dieſem Augen⸗ blick rechnete ſie es ihr nicht an, daß ſie Jadwiga und Stanislaw getrennt, das Vaterland verrathen und ihrer Marynia einen tiefen Schmerz bereitet hatte; nur Theil⸗ nahme für die unglückliche Mutter erfüllte ſie. Frau Strzelno glaubte ſich in einem böſen Traum befangen. Sie verſtand und begriff zuerſt nicht, daß die 222 Todesbotſchaft Wahrheit ſei. Dieſer einzige Sohn war ihr Alles, ſeit länger als zweiundzwanzig Jahren hatte ſich ihr Sinnen und Trachten, ihr ganzes Sein nur auf ihn bezogen; er hatte ihr Herz völlig ausgefüllt, dieſes heiße, ſtolze Herz, das vorher nach einem Gegenſtand gelechzt hatte, auf den es die Ueberfülle von Empfindun⸗ gen ausſtrömen konnte, welche es ſonſt verzehrt hätten. Die Liebe einer Mutter iſt ſtets tief und innig, aber ſie ſteigert ſich nicht zu dieſer krankhaften Heftigkeit und Aus⸗ ſchließlichkeit, wenn ein geliebter Gatte einen Platz im Gemüth der Frau einnimmt. Die Gräfin hatte nichts in der Welt ſo hoch geſchätzt, wie dieſen Sohn; der Liebe für ihn hatte ſie jedes andere Gefühl, jede Rückſicht, je⸗ den Gedanken untergeordnet. Ihr Leben war ſo innig mit dem ſeinigen verwachſen, daß ſein Tod ihr als etwas Unmögliches erſchien. Hatte ſich ihr die Befürchtung in der letzten Zeit ja einmal aufgedrängt, ſo hatte ſie die⸗ ſelbe mit der ganzen Energie ihres Charakters von ſich gewieſen, weil ſie wahnſinnig geworden wäre, hätte ſie ihr Raum gegeben. Und was iſt auch die guälendſte Furcht im Vergleich mit einer furchtbaren, unumſtößli⸗ chen Gewißheit? So lange wir noch fürchten können, hof⸗ fen wir auch noch, oft vielleicht unbewußt; iſt aber das Unglück wirklich geſchehen, ſo gibt es ja nicht mehr den leiſeſten Hoffnungsſchimmer. Die Gräfin vermochte ihren 223 Verluſt nicht zu faſſen— er war zu groß, um möglich zu ſein. Sie zweifelte an ihrem eigenen Wachſein, an ihrem Verſtande, an Allem, nur nicht daran, daß Severin lebe— leben müſſe! Frau Dziekonska holte mittlerweile den Brief Se⸗ verin's und zog ſich dann mit ihrer Tochter zurück, um der gebeugten Mutter keinen Zwang aufzulegen. Der Brief war kurz, aber herzlich; er ſollte nur nach Seve⸗ rin's Tod in ihre Hände kommen, und der Verſtorbene hatte ja gewußt, daß ſie ihn tief und ſchmerzlich be⸗ trauern würde. Er vergab ihr, was ſie an ihm gefehlt hatte, und bat ſie um Vergebung, daß er ihre irrende, doch warme Liebe nach ihrer Meinung ſchlecht vergelten mußte. Die Schriftzüge bewegten ſich vor den Augen der Gräfin und ſie war nicht im Stande, ihren Sinn zu ver⸗ ſtehen. Wozu bedurfte es deſſen auch? Das entſetzliche Bewußtſein von dem Vorgefallenen begann in ihr auf⸗ zudämmern.„Severin todt!“ dachte ſie und dieſer Ge⸗ danke verſchlang jeden andern, bohrte ſich ihr mit ſtechen⸗ der Schärfe in Hirn und Herz. Nach langer Zeit erwachte ſie wie aus einem Traum und ſchlug die Augen auf; ſie war halb betäubt in den Seſſel zurückgeſunken.„Welch' gräßlicher Traum!“ ſagte ſie, den kalten Schweiß von der Stirne trocknend, in⸗ 224 dem ſie ſich aufrichtete.„Aber Zeſus Maria, wo bin ich denn?“ Ihr Blick ſchweifte in dem klöſterlich einfachen Zim⸗ mer umher und haftete an dem weißbehängten Altar und dem goldnen Krucifix darauf. Mit Blitzesklarheit durch⸗ fuhr das eben Vernommene ihren Geiſt und zugleich erin⸗ nerte ſie ſich der Scene, welche vor länger als zwei Jah⸗ ren in dieſem Zimmer vorgegangen war. Stanislaw's Worte:„Gibt es einen Gott, dann wird er einſt uns und das gebrochene Herz Jadwiga's rächen!“ tönten vor ihren Ohren. Wie war Jadwiga gerächt!— Die Gräfin brach in ein gellendes Gelächter aus und ſank ohnmächtig nieder. Die Bemühungen der Generalin und ihrer Tochter riefen ſie zur Beſinnung zurück. Aber die ſtolze Frau, welche ſich ſonſt ſtreng beherrſcht, Freude und Schmerz in ihr Inneres verſchloſſen und nie eines Vertrauten bedurft hatte, war nicht wieder zu erkennen. Dieſer Schlag überſtieg ihre Kraft und zerſchmetterte ſie. Ohne daran zu denken, daß ſie nicht zu Hauſe ſei, überließ ſie ſich den wildeſten Ausbrüchen der Verzweiflung. Sie rang die Hände, zerraufte ſich das Haar, zerriß ihre Kleider und warf ſich mit lautem Geſchrei auf den Bo⸗ den, Die Generalin war überraſcht von dieſem wilden Gebahren und fürchtete eine Hirnzerrüttung. Sie ſandte 225 ſchleunig nach einem Arzt und nach Jadwiga. Marynia fühlte ſich Anfangs von dieſem Parorismus der Ver⸗ zweiflung beängſtigt, dann empfand ſie die lebhafteſte Theilnahme mit der unglücklichen Mutter ihres Ge⸗ liebten. In ihrem einfachen, großmüthigen Sinn erſchien ihr das eigene tiefe, doch ſtille Weh unbedeutend im Ver⸗ gleich mit dieſem maßlos leidenſchaftlichen, und ſie vergaß ſich ſelber in dem Wunſch und Bemühen, der Unglücklichen zu helfen. Die längſt untergrabene Körperkraft der Gräfin er⸗ trug dies Raſen nicht— ſie wurde von Neuem ohnmäch⸗ tig. Als ſie die Augen wieder aufſchlug, ſchaute ſie in ein liebliches roſenwangiges Antlitz; ſie ſtöhnte ſchmerzlich und bedeckte das Geſicht mit den Händen. Selbſt der Tod ihres Bruders brachte keine Thräne in Jadwiga's Auge, verwiſchte nicht das unbewußte Lächeln von ihren friſchen Lippen. Der ergreifendſte Kummer hätte der Gräfin nicht ſo weh thun können, wie dieſe Herzloſigkeit. Jadwiga war ihr ſonſt wenig geweſen, doch nun der angebetete Sohn ihr entriſſen war, fühlte ſie in ihrer völligen Gebrochenheit das Bedürfniß, ſich am Herzen der Tochter auszuweinen. Deren Gleichgiltigkeit ſchmerzte ſie tief und erinnerte ſie daran, daß Severin Recht ge⸗ habt und ſie bei dem Streben nach einer Krone ihre Kinder verloren hatte. Seit ihrer Jugend hatte ſie nicht 226 die Sehnſucht nach wahrer Theilnahme empfunden und ſich nur liebenswürdig gezeigt, um Werkzeuge für ihre Pläne zu gewinnen. Jetzt, als das einzige Weſen dahin war, deſſen Liebe ſie begehrt hatte, empfand ſie plötzlich die fürchterliche Oede in ihrem Leben und hätte den kleinſten Liebesbeweis von der einſt zurückgeſetzten Toch⸗ ter mit Dankbarkeit aufgenommen. Sonſt hatte ſie zwar auch ſchon Gewiſſensbiſſe beim Anblick Jadwiga's em⸗ pfunden, allein ſie immer bei Seite geſetzt; jetzt ließen ſie ſich jedoch nicht mehr zum Schweigen bringen. Alles, was Severin ihr geſagt, als ſie ihn zum letzten Mal geſehen, was ſie bisher als Ausbrüche ſeines gereizten Stolzes nur leicht genommen hatte, belaſtete jetzt mit dem Gewicht der Wahrheit ihre Bruſt. Der Tod des Sohnes allein wäre ſchon ein nie zu verwindender Schmerz geweſen, den Vorwürfen, welche er in ihr er⸗ weckte, mußte ſie vollends erliegen. Für wen hatte ſie denn nun gehofft, geſtrebt, intriguirt und vernichtet, was ihr im Wege ſchien? Für wen ihr Leben mit den Stacheln der Reue erfüllt? Mit Severin's Tode brach ihr zu ſchwindelnder Höhe aufgeführtes Gebäude zuſammen und begrub unter ſeinen Trümmern nicht nur ihr Glück, ſon⸗ dern auch ihren Seelenfrieden. Der Zweck heiligt die Mittel, hatte ſie ſich ſonſt eingebildet, jetzt war das Ge⸗ ſchehene zwecklos und nicht mehr geblendet von der 227 Ausſicht auf Erfolg, ſah ſie die Mittel, deren ſie ſich bedient, in ihrer ganzen Schändlichkeit. Furchtbare Schreckgebilde, früher durch den Hinblick auf das glän⸗ zende Ziel beſchworen, ſtellten ſich unabweisbar ihrer Seele dar. Sie ſah ihres gehenkten Mannes verzerrtes Ge⸗ ſicht neben dem ſtarren Blick, dem ſtillen Lächeln Jadwi⸗ ga's; hörte Stanislaw's gepreßten Ausruf:„Gibt es einen Gott, dann wird er uns rächen!“ und Palowski's in fieberhafter Aufregung hervorgeſtoßene Worte:„Ich hätte nie geglaubt, daß ich durch das Herz ſo ſchmerzlich leiden würde!“ Den Gatten hatte ſie um Ehre und Le⸗ ben gebracht, das Gemüth der Tochter gelähmt, das Glück zweier Männer zerſtört. An dem Unglück des Va⸗ terlandes trug ſie auch eine nicht geringe Schuld, und manche Anklage erhob ſich in ihrem Herzen gegen die Rechtmäßigkeit und Ehrenhaftigkeit der Umtriebe, worin ſie verwickelt geweſen. Der Richter im eigenen Innern läßt ſich zwar oft von Sophismen beſtechen und für eine Zeitlang zum Schweigen bringen, allein er erhebt ſeine Stimme ſpäter deſto lauter und am lauteſten, wenn es zu ſpät iſt und keine Reue die Vergangenheit auslöſchen kann. Die Gräfin war eine urſprünglich edle Natur, längſt verſunkene Erinnerungen an das, was ſie einſt geweſen, tauchten wieder in ihr auf und ließen ſie mit bitterer Qual erkennen, wie tief ſie geſunken, zu welchen 228 Verirrungen ſie ihr Stolz, ihre Herſchſucht verleitet hatte. Der wundeſte Fleck in ihrer Seele blieb jedoch Severin. Sie hörte, wie er ihr fluchte, ſah ihn ſterbend zuſammenbrechen. Sie hatte ihn in den Tod getrieben, nachdem ſie ſein Lebensglück vernichtet, ſie war die Mör⸗ derin ihres vergötterten Sohnes. Und wie ſehr hatte er vorher gelitten! So lange ſie noch gehofft, es könne wieder gut werden, hatte ſie nie bei dieſer Vorſtellung verweilt; nun ſie nicht mehr durch den Glanz einer Krone vergeſſen machen konnte, was er ihr damals beim Scheiden vorgeworfen, ermaß ſie erſt ſeine ganze Verzweiflung. Nun hätte ſie eine Welt hingeben mögen, um ihm nur eine Minute des Leides erſpart zu haben. Er hatte ihr zwar ſterbend vergeben, das war aber kein Troſt, ſondern eine Steigerung ihrer Pein. Wie eifrig hatte ſie ſich einſt bemüht, ſeine Achtung zu bewahren, wie tief gelitten, als ſein Benehmen ihr gezeigt, daß er ſie gering ſchätze, und mit welcher Seelenangſt ſich an die Hoffnung geklammert, der Erfolg werde ſie rechtfer⸗ tigen und es werde ihr gelingen, ſeine gute Meinung wieder zu erwerben! Das war nun unmöglich, er war geſtorben, indem er ihr zwar vergab, ſie aber doch nicht achtete und liebte, wie es ihr immer zum Leben nothwen⸗ dig geſchienen. Und wenn er ſie auch ſchon verachtet hätte, wenn er nur am Leben geblieben und einigermaßen 229 glücklich geweſen wäre! Aber ſo war er dahin, ihr ein⸗ ziger Sohn, ihr Abgott und das Haupt, welchem ſie Polens Krone zugedacht hatte, moderte in einer Gruft mit Manchem, der im Leben keinen Fußbreit Boden ſein Eigenthum genannt hatte; das Herz, welches ihre Welt geweſen, das zu beglücken ſie Leben und Seligkeit hinzu⸗ geben bereit, dieſes Herz war von einer Kugel durchbohrt, die ſie ſelber in den Lauf des Gewehrs gethan hatte. Ohne ihre Mitwirkung wäre, wie ſie meinte, keine Con⸗ föderation von Targowica entſtanden, kein ruſſiſches Heer über die Grenzen gerückt, hätte die Theilung und der jetzige Krieg nicht ſtattgefunden. Sie, ſie allein war Schuld an Allem, und es ſchien ihr, als klage ſie jede der Thränen, die im Lande Mütter, Witwen und Waiſen, Bräute und Schweſtern vergoßen, des Mordes, des tau⸗ ſendfachen Mordes an. Sie wäre geſtorbén oder wahn⸗ ſinnig geworden, hätte ſie nicht ein warmes Herz gefun⸗ den, das ſich ihrer freundlich annahm. Marynia fühlte die tiefſte Theilnahme für die See⸗ lenpein der Gräfin und that, was in ihren Kräften ſtand, um ſie zu tröſten. Einſt hatte Jene bittern Haß gegen das Mädchen gehegt, welches die Hauptveranlaſſung ge⸗ weſen, daß Severin ſich von ihr wandte, doch jetzt war ſie ſo zerknirſcht und gedemüthigt, daß in ihrem Herzen kein Raum zum Haß gegen irgend Jemand war, außer 230 gegen ſich ſelbſt. Der Verſtorbene hatte Marynia geliebt, das umgab ſie in den Augen der verzweifelnden Mutter mit einem Nimbus und dann weinte auch ſie um ihn, und dieſe Gemeinſamkeit des Schmerzes wob ein inniges Band zwiſchen Beiden. Frau Dziekonska fürchtete, Marynia's Geſundheit werde durch ihren Verkehr mit der Gräfin leiden, denn es war ſelbſt für einen Unbetheiligten unmöglich, den Ausbrüchen ihrer Seelenqual ohne Erſchütterung zuzuſe⸗ hen. Doch konnte ſie der gebeugten Frau den Troſt nicht verſagen, welchen ihr die Gegenwart des jungen Mäd⸗ chens gewährte; ſo war denn Marynia oft im Hauſe der Gräfin. Palowski konnte noch immer das Bett nicht ver⸗ laſſen und Jadwiga war ſeine aufmerkſame Wärterin. Frau Strzelno kam wenig mit ihnen in Berührung, Jadwiga's Anblick that ihr weh und der Graf mußte geſchont werden. 231 Bierzehntes Capitel. Pragas Fall. Die Niedergeſchlagenheit in Warſchau wuchs täg⸗ lich und die Bürger und Kaufleute wollten ſich je eher je lieber den nahenden Preußen unterwerfen, während die Hofpartei für Uebergabe an die Ruſſen ſtimmte. In⸗ zwiſchen wurde fleißig an den Verſchanzungen gearbeitet und jeder Waffenfähige zum Dienſt auf den Wällen be⸗ ordert. Gegen Ende October rückte Suvarow mit vierzig Tauſend Ruſſen gegen Praga und man hörte in der Hauptſtadt wieder eine Kanonade. Mancher Tapfere ſank unter den feindlichen Kugeln, manche Familie beweinte eins ihrer Glieder und Dziekonski's gehörten auch zu dieſen. Domenik fiel und die Seinigen betrauerten ihn innig, doch ſtill. Die Mutter ertrug ihren Verluſt mit äußerer Faſſung und flehte inbrünſtig, Gott möge ihr die andern Lieben erhalten. Am dritten November donnerte die ganze, ziemlich ſtarke Artilleriee von den Wällen Pragas und Sieg oder Tod war das allgemeine Loſungswort. Zu jenem war keine Ausſicht mehr, wohl aber zu dieſem, und er 232 nahte ſchnell. Stanislaw hatte ſein Lager verlaſſen und ſich trotz aller Abmahnungen nach der Vorſtadt begeben, allein ſeine noch nicht geheilte Wunde machte es ihm un⸗ möglich, an dem Kampfe Theil zu nehmen. Er kehrte zu⸗ rück und brachte Grüße vom General und Bogumil, die Beide unverletzt und kampfesmuthig waren. Das beru⸗ higte die geängſtigten Frauen ein wenig und ſie begaben ſich etwas leichteren Herzens, als früher, zur Ruhe. Einige Stunden nach Mitternacht ertönten die eine Zeitlang verſtummten Geſchütze mit verdoppelter Heftig⸗ keit. Bald kam ein Bote, der Frau Dziekonska benach⸗ richtigte, ihr Gatte ſei ſchwer verwundet in das Haus ei⸗ nes Bekannten geſchafft worden. Sie war augenblicklich bereit, zu ihm zu eilen, wollte aber Marynia nicht mit ſich nehmen.„Man kann nicht wiſſen, was geſchieht,“ ſagte ſie gepreßt.„Sollte Warſchau unvermuthet bedroht werden, dann begibſt Du Dich zur Gräfin Strzelno, Kind, da biſt Du ſicher!“ „O Mutter, Du wilſt doch nicht allein nach Pra⸗ ga?“ rief Marynia mit gefalteten Händen.„Der Vater ſtirbt, Du darfſt nicht verwehren, von ihm Abſchied zu nehmen, den letzten Lebenshauch von ſeinen Lippen zu küſſen. Soll ich denn Alle verlieren, ohne wenigſtens an einem Sterbebett zu ſtehen? Severin und Domenik und nun den Vater auch— nein, ich gehe mit!“ Frau Dziekonska widerſtrebte nicht länger. Sie fragte Janek nach dem Befinden ſeines Herrn. Er ſie⸗ berte ſtark und trieb den treuen Diener an, ſich nach Praga zu begeben und es vertheidigen zu helfen, da er ſelber es nicht könne. Frau Dziekonska ließ den Neffen in Unwiſſen⸗ heit über die Verwundung ihres Gatten und ihre Abſicht, mit Marhnia zu ihm zu gehen; er hätte ſie begleiten wollen und ſein Zuſtand wäre dadurch nur noch mehr ver⸗ ſchlimmert worden. In Janek's Begleitung begab ſie ſich nach der Vorſtadt und ſtand bald mit der Tochter am Lager des ſterbenden Gatten. Sie hatte nur einen lebhaf⸗ ten Wunſch: mit ihm zu ſterben— es ſchien ihr unmög⸗ lich, ihn zu überleben. Länger als ein Vierteljahrhundert war ſie mit ihm vereint geweſen, wie ſollte ſie ohne ihn das Leben ertragen? „Nur nicht verzagt, Boguslawa!“ ſagte der Ster⸗ bende.„Lebe, um ſtatt meiner die Auferſtehung Polens zu ſehen. Das Unglück kann ja nicht immer währen— es iſt wandelbar wie das Glück; drückt es uns heute nie⸗ der, ſo ſchlägt es nächſtens um. Polen wird wieder frei werden— und Du wirſt es noch erleben, warte es ge⸗ duldig ab.“ Es lag etwas Prophetiſches in dieſen Worten und die Generalin fühlte ſich davon tief ergriffen. Bald hatte er ausgeathmet, und ſeine Frau und Tochter knieten, in 1860. VI. Polniſche Mütter. 15 234 ihren Schmerz verſunken, an ſeiner Leiche; jene in lautloſem, aber herzzereißenden Weh, Marynia in einer Art Begeiſterung. Sie fühlte, wie ihre Mutter, daß das Leben ſeinen Reiz verloren habe, aber das drückte ſie nicht nieder, ſondern erhob ſie. Der Tod war ja das Ende aller Leiden, er vereinte die Getrennten in ewiger Selig⸗ keit. Severin konnte ſie nie vergeſſen, und hätte ſie ein halbes Jahrhundert gelebt, Domenik war todt und nun war auch der Vater dahin gegangen— nun ſehnte ſie ſich recht nach der Grabesruhe und betete um ein baldiges Ende. Unbekümmert um die Außenwelt, hatten ſie nicht beachtet, was draußen vorging; der Donner der Kano⸗ nen, der Lärm des erbitterten Kampfes war an ihren Ohren verhallt, und die Hausbewohner hatten ſich theils in die Keller, theils nach Warſchau geflüchtet. Zetzt ſtürzte Janek blutbefleckt herein.„Mein Gott, Herrin, welches Unglück!“ rief er entſetzt.„Die Ruſſen dringen von allen Seiten ein, die Unſeren ſind zurückgeworfen!— Kommt, rettet Euch, ehe es zu ſpät iſt!“ Ohne recht zu verſtehen, was er wolle, ließen Mut⸗ ter und Tochter es geſchehen, daß der treue Menſch jede von ihnen an einem Arm ergriff und ſie hinausführte. Vor der Thüre leuchtete ihnen Feuerſchein durch das nächtliche Dunkel entgegen— die Brücke ſtand in Flam⸗ 235 men! Einige Trümmer der polniſchen Truppenabtheilung, welche Praga vertheidigt, hatten die Weichſel überſchrit⸗ ten und die Brücke in Brand geſteckt. Die Zurückbleiben⸗ den waren ihrem Schickſal überlaſſen worden. Doch war dies Alles erſt nach verzweiflungsvollem Widerſtande geſchehen, erſt nachdem während des dreiſtün⸗ digen Kampfes acht Tauſend Polen gefallen waren. Mehrere Generale und die meiſten Offiziere waren geblieben, unter dieſen auch Bogumil Dziekonski. Tapfer und ohne ſich durch den ſchlechten Erfolg entmuthigen zu laſſen, hatte er gefochten, und auch als die Ruſſen ſchon die Verſchan⸗ zungen erſtiegen und die Seinigen zurückgedrängt hatten, ſtritt er mit einigen Leuten noch unerſchrocken und ſank endlich, von einer Menge Wunden bedect. Die Generalin hatte ſich mit Marynia wieder zu dem Leichnam ihres Gatten begeben, und ihre Tochter feſt in ihre Arme ſchließend, erwartete ſie ſtumm und thränen⸗ los das Kommende. Janek hatte ſich gelobt, ſie bis zu ſei⸗ nem letzten Athemzuge zu vertheidigen, und ſetzte ſich vor der Zimmerthür nieder, indem er ſich die Zeit damit ver⸗ trieb, an Jadwiga's Zofe, die niedliche Joſepha zu denken, welche es ihm mit ihren runden, braunen Augen ganz an⸗ gethan hatte und ihm, einem hübſchen, gewandten Bur⸗ ſchen, auch gar nicht abgeneigt war. 15* 236 Wie grell kontraſtirten die Gedanken des jungen Menſchen mit den Vorgängen um ihn her! Unter den ſieg⸗ reichen Ruſſen befanden ſich einige Bataillone jener Trup⸗ pen, die bei der Revolution in Warſchau ſo unglücklich geweſen und allerdings ſehr grauſam behandelt worden waren. Ihre Erbitterung und Racheluſt hatte ſich den an⸗ dern Soldaten mitgetheilt, und die Bewohner Pragas mußten büßen, was ſie nicht verſchuldet. Namenloſe Greuel wurden verübt, und wie einſt Tilly bei der Erſtürmung Magdeburgs, war Suvarow der Meinung, der Soldat müſſe etwas für ſeine Mühe haben. An mehreren Stellen wurde Feuer angelegt, und da die Häuſer größtentheils aus Holz beſtanden, verbreitete es ſich mit entſetzlicher Schnelligkeit. Alle, die den Ruſſen in die Hände fielen, Männer und Weiber, Greiſe und Kinder, wurden erbar⸗ mungslos niedergemetzelt und Säuglinge an die Lanzen der Koſacken geſpießt. Zwölf Tauſend wehrloſe Menſchen, nach Einigen fünfzehn Tauſend, wurden niedergemacht, und wenn dieſe Angabe auch übertrieben iſt, bleibt immerhin noch genug übrig, um unſer Haar zu ſträuben. Oginski ſagt in ſeinen Denkwürdigkeiten:„Ein Grenadier hielt in der Linken das Bajonet, welches er jedem Polen, auch den Schwerverwundeten, durch den Leib rannte, und in der Rechten die Axt, womit er dann Jedem den Gnaden⸗ hieb über den Hirnſchädel gab. Auf den Vorwurf eines 237 höheren Offiziers antwortete er: Ei was, Herr, ſie ſind Alle Hunde und haben gegen uns gefochten!“ Endlich wälzte ſich auch gegen das Haus, worin ſich die Generalin befand, ein Haufe Krieger, wenn man die rohe, zügelloſe Soldateska überhaupt ſo nennen darf. Die Bewohner wurden getödtet und Janek erlag bald der Ueberzahl, ſo tapfer er ſich und die Zimmerthür auch ver⸗ theidigte. „Sie kommen!“ ſagte nun Marynia furchtlos.„Wir ſterben mit einander, Mutter— und ſind dann nicht lange von unſeren Lieben getrennt.“ Die dunkeln Augen des Mädchens leuchteten in er⸗ höhtem Glanz und eine friſche Röthe färbte die vorhin er⸗ bleichten Wangen, als die Thür ungeſtüm aufgeſtoßen wurde. S Ihre ſonſt ſchon ungewöhnliche Schönheit war in dieſem Augenblick ſchwärmeriſcher Todesſehnſucht noch auffallender und die wilden Eindringlinge ſtutzten einen Augenblick— doch nur einen Augenblick. Das ſchöne Mäd⸗ chen war eine willkommene Beute, und trotz des heftigſten Widerſtandes riß man es aus den krampfhaft umſchlin⸗ genden Armen der Generalin. „Mutter, rette mich!“ rief Marynia in tödtlicher Angſt. 238 Die Generalin war eine große, ſtarke Frau; die Verzweiflung gab ihr Manneskraft und ſie entwand ſich den Händen Derer, welche ſie feſthielten. Auf einem Tiſch lag ein ſpitziges Meſſer, ſie ergriff es und wollte es zur Vertheidigung ihrer Tochter benutzen; allein was half es, daß ſie einen der Halbwilden niederſtieß, Alle konnte ſie ja nicht tödten. Nur eine Sekunde zögerte ſie, dann fuhr das Meſſer mit Gedankenſchnelligkeit durch die Luft und durch⸗ bohrte Marynia's Bruſt. Der Stoß war gut gezielt; die Soldaten, welche das Mädchen hielten, fuhren erſchreckt zurück und es ſank todt auf die Leiche des Vaters. Die Generalin ſtieß einen dumpfen Schrei aus, dann ſtarrte ſie, das Meſſer in der Hand, regungs⸗ und ſeelen⸗ los auf die Getödtete. Mit wüthendem Toben fiel der Haufe über ſie her— ſie beachtete es nicht und erwartete gleichgiltig ihr Ende. Dieſes ſollte martervoll ſein, denn ein ſchneller Tod ſchien den Barbaren nicht genug Strafe dafür, daß ſie ihnen das reizende Mädchen entriſſen hatte. Durch den wilden Lärm herbeigezogen, trat ein junger Offizier herein; es war Stroganow, der Bekannte Seve⸗ rin's. Schaudernd ſah und hörte er, was vorgefallen. Er errinnerte ſich der Generalin Dziekonska gar wohl und noch beſſer ihrer ſchönen Tochter, die jetzt entſeelt neben der väterlichen Leiche lag. Auf das Aeußerſte empört, trieb er mit eigener Gefahr die zügelloſe Bande hinaus und 1 239 ließ durch einige minder blutdürſtige Soldaten die Gene⸗ ralin aus dem Hauſe tragen. Dieſes war nämlich ſchon vom Feuer ergriffen und mußte in Kurzem zuſammen brechen. Frau Dzikonska wollte zurück und mit den Leich⸗ namen ihres Mannes und ihrer Tochter verbrennen. Der junge Ruſſe hielt ſie mit Gewalt zurück und ließ ſie eine Strecke weit fortbringen, damit es ihr nicht möglich ſei, ihren Vorſatz auszuführen. Todte und Sterbende lagen in der Gaſſe und rings hörte man noch immer Stöhnen und Wehgeſchrei, unter⸗ miſcht mit Todesſeufzern und vergeblichem Flehen um Gnade; dazwiſchen tönte zuweilen das Krachen eines zu⸗ ſammenſtürzenden Hauſes oder der Knall eines Gewehres durch den dämmernden Morgen. Endlich ließ man Frau Dziekonska los, und es ge⸗ ſchah zufällig an einer für ſie verhängnißvollen Stelle. Leichen lagen umher— Polen und Ruſſen; der Blick der unglücklichen Frau ſchweifte über ſie hin, indem ſie die dumpfe Vorſtellung hatte, wie glücklich ſie wäre, wenn der Tod ſich ihrer auch erbarmte. Plötzlich haftete ihr Auge an einem dieſer Gefallenen; ſie kniete neben ihm nieder und erhob ſein Haupt. Es war ein ſchöner Jünglingskopf mit einer klaffenden Wunde, von Blut überſtrömt; das edle Geſicht trug den Ausdruck des Zürnens, womit er 240 gefallen ſein mochte, und war der Generalin nur zu wohl bekannt. Stroganow neigte ſich zu ihr und bat ſie, mit ihm zu kommen, fort von dieſem entſetzlichen Orte.„Laſſen Sie mich hier ſterben!“ erwiederte ſie tonlos.„Mein Gatte iſt gefallen, mein älteſter Sohn auch; die einzige Tochter habe ich erſtochen, und hier liegt mein jüngſter Sohn. Ich kann doch nicht Alle überleben!“ Erſchüttert ließ Stroganow den Leichnam des jungen Offiziers aus der brennenden Stadt bringen, und die Mutter folgte den Ueberreſten ihres letzten Kindes. Das Haus, in dem der General und Marynia geſtorben, war zuſammengeſtürzt und ihre Leichen waren ein Raub der Flammen geworden. In wenigen Stunden war Praga eine rauchende Trümmerſtätte. Bogumil wurde nicht mit den übrigen Todten ver⸗ ſcharrt, ſondern auf Veranſtaltung Stroganow's anſtändig begraben. Die Generalin ließ ſich Alles ſtill gefallen, was der freundliche junge Menſch für ſie anordnete, ſie weinte und klagte nicht. Nur das trockene, brennende Auge verieth ihre ſtumme Pein. Durch das Schickſal der Vorſtadt eingeſchüchtert, ⁰ kapitulirte Warſchau, und am achten November zogen die 241 Ruſſen über die ſchleunig hergeſtellte Brücke in die Haupt⸗ ſtadt. Die Regierungsmitglieder, wie die polniſchen Trup⸗ pen, hatten Warſchau verlaſſen, auch Stanislaw hatte es gethan, um ſich nicht der Gefangenſchaft auszuſetzen. Die einzelnen, im Lande zerſtreuten Corps ſtreckten die Waffen; wer von den bei der Revolution Betheiligten nicht unentdeckt durch die Nachbarſtaaten kam, wurde ein⸗ gekerkert, oder nach Sibirien verbannt. Der König Sta⸗ nislaw Auguſt mußte dem Thron entſagen, und die dritte und letzte Theilung Polens erfolgte. Die Gräfin war tief erſchüttert, als ſie Marynia's Ende erfuhr, meinte aber:„Es iſt natürlich und gerecht, daß mein einziger Troſt mir geraubt wurde; ich habe es nicht verdient, Jemand zu beſitzen, der mich liebt, und ſie mußte untergehen, weil ſie ſich mir freundlich an⸗ ſchloß.— Die arme Mutter!“ Es war das erſte Mal in ihrem Leben, wenigſtens ſeit vielen Jahren, daß ſie aufrichtig und uneigennützig Theil an dem Leide eines Andern nahm; ſie wollte ſich der Generalin nähern, allein dieſe, die in ihr Haus zurück⸗ gekehrt war, nachdem die Brücke hergeſtellt, wollte Nie⸗ manden ſprechen. Sie war ſonſt zwar weichen, mittheilenden Gemüths geweſen, die furchtbaren Unglücksfälle, welche ſie ſo ſchnell nach einander getroffen hatten, ſchienen jedoch 242 die Beziehung zwiſchen ihr und der Außenwelt völlig ver⸗ nichtet zu haben. Jadwiga dachte oft an Severin, doch fand ſie keine Thräne um ſeinen Tod. Auch das Schickſal der Familie Dziekonski beſchäftigte ihre Gedanken, und als ſie Joſepha über den Tod Janek's weinend fand, ſagte ſie:„Wie glücklich biſt du, Mädchen, und wie glücklich ſind Alle, die noch weinen tänen! Es iſt ſchön, für unſere Verwandten und Mitmenſchen Thränen zu haben; mein Auge bleibt trocken und ich denke nur: warum die Todten betrauern? Ihnen iſt wohl und es liegt ja im Lauf der Natur, daß nicht Alle leben können und Einer nach dem Andern ſter⸗ ben muß. Mir graut manchmal vor meiner eigenen Ge⸗ fühlloſigkeit— aber ich kann ſie doch nicht abſchütteln!“ Für Palowski war ſie eine aufmerkſame Pflegerin, und nachdem er ziemlich hergeſtellt war, die angenehmſte Geſellſchafterin. Sie war vielleicht die einzige Polin, welche von dem Untergange ihres Vaterlandes unberührt blieb— das machte ſie jedoch zu einer deſto beſſeren Gefährtin für ihren Gatten, der davon tief ergriffen war und deſſen kör⸗ perliche Schwäche ihm jede Gemüthsbewegung verderblich machte. Bei dem Anſehen der Gräfin blieb er frei von jeder Unterſuchung wegen ſeiner Betheiligung am Kampfe, wäh⸗ 243 rend alle Uebrigen ſtreng beſtraft wurden, die der Revo⸗ lution auch nur im Mindeſten Vorſchub geleiſtet hatten. Auch gelang es Frau Strzelno, die Beſitzungen des Ge⸗ nerals Dziekonski ſeiner Witwe zu erhalten. Die Güter Stanislaw's aber wurden, trotz ihrer Bemühungen, ein⸗ gezogen. Sie ſelber begab ſich in ein Kloſter. Sie hatte ſich den größten Theil ihres Lebens hindurch zur franzöſiſchen Philoſophie bekannt und mit dem Glauben auch die als Vorurtheile betrachteten Grundſätze der Moral abgeſtreift, welche ſie etwa an der Erreichung des Zieles hindern konnten, das ſie ſich an Severin's Wiege vorgeſteckt. Der Uebergang von einem Extrem zum andern iſt nicht ſchwer, liegt in leidenſchaftlichen Charakteren ſchon vorbereitet und bedarf nur eines äußeren Anſtoßes. Der Tod des Sohnes war ein ſolcher für die Gräfin. Längſt verloren gegangene Erinnerungen an den Glauben ihrer Kindheit und frühen Jugend erwachten in ihr, als Reue und Verzweiflung ſie peinigte. Auch hatte Marynia's innige, faſt ſchwärmeriſche Frömmigkeit einen tiefen Eindruck auf ſie gemacht, und der Anblick des Altars im Zimmer des jungen Mädchens, nachdem ſie die Nachricht vom Tode Severin's erhalten, ſchien ihr ein höherer Wink nach dort, wo ſie Frieden und Vergebung ſuchen ſolle. Bei ihrer Abreiſe ſagte ſie zu Palowski: 244 „Ich bin von dieſem Augenblick an todt für dieſe Welt und will nur meinem Seelenheile leben. Geben Sie mir keine Nachricht von ſich, das würde mich zerſtreuen. Ich wünſche herzlich, daß Sie glücklicher wären, doch fürchte ich, Jadwiga's Zuſtand iſt hoffnungslos, denn er iſt der Fluch Gottes, den ich auf mich geladen habe. Zch beuge mich ihm in Demuth, allein es ſchmerzt mich un⸗ ſäglich, daß auch Andere darunter leiden müſſen.“ Fünfzehntes Cnpitel. Schluß. Es war an einem Frühlingstage des Jahres 1796. Der goldige Schein der Sonne drang eben durch das Fenſter einer Zelle und umwob mit blitzenden Streiflichtern den kleinen Altar, das einfache Krucifix, den Roſenkranz und Weihwaſſerkeſſel. Zwei hölzerne Schemel, ein Tiſch und ein ärmliches Lager bildete die ganze Ausſtattung des engen Gemaches, und dieſes kontraſtirte mit dem elegant und koſtbar eingerichteten Boudoir der Gräfin Strzelno 245 eben ſo ſehr, als dieſe ſchöne glänzende Frau mit der ab⸗ gezehrten, mumienhaften Geſtalt, die das dürftige Bett einnahm. Faſten und Beten, Reue und Kaſteiung hatte der Gräfin den Frieden nicht wiedergeben können. Es waren eben nur äußerliche Uebungen und trotz ihres angſtvollen Ringens fehlte doch der rechte Glaube an die Wirkſamkeit ihrer Reue. Sie war, wie man heute ſagen würde, nicht von dem Finger der Gnade berührt, nicht erweckt und wiedergeboren worden im Geiſte. Ihre Schuld ſchien ihr zu groß, um Vergebung, ihr Schmerz zu tief, um einen Balſam zu finden. Ihr Körper ertrug die Seelenangſt und Verzweiflung und die harte ascetiſche Lebensweiſe nicht; binnen Jahresfriſt nach ihrem Eintrit in's Kloſter waren ihre Kräfte aufgerieben und der Tod unabwendbar nahe. Allein ſie konnte nicht ſterben, wie ſie auch nicht leben konnte. Oft und auch jetzt wieder, als ſie einſam dalag, dachte ſie mit heißer Sehnſucht an ihre Tochter. Sie hätte nur einen herzlichen Blick von ihr erhalten und mit hin⸗ über nehmen mögen in die dunkle Todesſtunde und das unbekannte Jenſeits. Aber was half es, wenn ſie Jadwiga an ihr Sterbelager beſchied; deren kaltes Weſen hätte ſie ja nur daran gemahnt, daß es für ſie keine Verſöhnung gab. Und das wußte ſie auch ohnehin. 246 Die Nonne trat ein, welche die Kranke wartete, und ſagte ihr, eine junge Dame verlange dringend, ſie zu ſpre⸗ chen. Die Gräfin horchte hoch auf; ſie hatte keine Nach⸗ richt von außerhalb der Kloſtermauern erhalten und be⸗ gehrt— wer erinnerte ſich alſo ihrer?„Doch gleichviel, ſie mag kommen,“ äußerte ſie. Als die Thür aufging, traute ſie ihren Augen kaum und erhob mit dem leiſen Ruf:„Jadwiga!“ ihre zittern⸗ den Arme. Die junge Frau war nicht mehr ſo blühend, wie früher, eine ſanfte Bläſſe lag auf ihrem lieblichen Geſicht. Sie erkannte in dem abgehärmten, greiſenhaften Weſen zuerſt gar nicht ihre Mutter, dann perlten heiße Thränen in ihren Augen und ſie umſchlang feſt und innig die ge⸗ brechliche Geſtalt. Joſepha mit einem Säugling war ihr gefolgt; da man vorläufig ihre Gegenwart zu vergeſſen ſchien, ſetzte ſie ſich auf einen hölzernen Schemel und ſchaute ſich halb erſtaunt, halb erfurchtsvoll in der Zelle um. Frau Strzelno hielt ihre Tochter mit ihren ſchwa⸗ chen Händen und ſah, hörte und dachte nichts, als ſie. Jadwiga kniete vor dem Bett und küßte die runzel⸗ volle Stirn, das weiße Haar der vorzeitig Gealterten. 247 Endlich ſagte ſie weinend:„O meine Mutter, daß ich Dich ſo wiederfinden muß! Ich wollte ſchon vor einigen Wochen kommen, aber Palowski litt es nicht; er meinte, die Aufregung des Wiederſehens könnte mir ſchaden!“ „Mein Gott, mein Gott, wie danke ich Dir!“ flüſterte die Gräfin.„Sie weint wieder, ſie empfindet wieder, wie andere Menſchen— ich habe ihre Seele alſo nicht gemordet. Das iſt ein Beweis Deiner Gnade, ein Zeichen, daß Du den Fluch von mir genommen haſt.— Aber vergiebſt Du mir, daß ich Dich von Stanislaw trennte, Dein Lebensglück zerſtörte?“ fragte ſie dann die erſchütterte Tochter. „Ich bin nicht mehr unglücklich!“ antwortete dieſe mit dem Ausdruck der Wahrheit.„Und Stanislaw wird mich mit der Zeit auch vergeſſen und glücklich werden. Palowoski iſt gut, und obgleich ich ihn nicht liebe, wie ich einſt Stanislaw liebte, wie man nur einmal im Leben lieben kann, ſo bin ich ihm doch herzlich zugethan. Sein Glück befriedigt mich, und dann gab mir ja Gott einen Erſatz für Alles, was ich mit der erſten Liebe verlor. Ich bin alſo zufrieden und unausſprechlich dankbar dafür, daß dieſe unnatürliche Lähmung meines Gemüths gelöſt iſt, daß ich nicht mehr wie ein Geſpenſt unter den Menſchen umherwandle!“ 248 „Mir iſt damit eine unnennbare Laſt von der Seele gewälzt!“ ſagte die Gräfin.„Doch welches Wunder rief dieſe Veränderung hervor?“ „Die Seligkeit, Mutter zu ſein!“ erwiederte Jad⸗ wiga mit einem Lächeln, welches ſo verſchieden von dem früheren nichtsſagenden war, daß die Gräfin eine Thräne des Glücks in ihr Auge ſteigen fühlte.„Aber Du haſt ja meinen Knaben noch gar nicht geſehen!“ fügte die junge Frau hinzu und erhob ſich haſtig. Sie nahm das Kind aus den Armen Joſepha's und legte es ſtolz und glücklich auf das Lager der Kranken. Es ſchlug eben ein Paar wunderſchöne, dunkle Augen auf. „Severin!“ rief die Gräfin überraſcht und entzückt. „Woher weißt Du, daß er ſo heißt?“ fragte die junge Mutter erſtaunt. „Er iſt ganz das Ebenbild Deines Bruders! Da ſieh!“ verſetzte die alte Frau. Sie zog ein Medaillon hervor, in welchem ſich das Bild ihres Sohnes als Säugling gemalt befand und welches ſie ſtets auf dem Herzen getragen hatte. Der Kleine glich dem Porträt Zug für Zug, legte darüber aber keine Theilnahme an den Tag. Nachdem er ſich behaglich gedehnt, ſchlief er wieder ein. 249 Mit innigem Intereſſe beugten ſich Mutter und Großmutter über das Kind und betrachteten und beſpra⸗ chen dieſe Aehnlichkeit. Die alte Gräfin fühlte ſich bei dem Anblick des Enkels an die Wiege ihres Sohnes zurückverſetzt und mit unbeſchreiblichen Empfindungen ſchaute ſie von dem unbewußt lächelnden Kinde auf die glückſelige Tochter. Nur Eltern wiſſen, welch reinigender, verſöhnender und erhebender Hauch, wie ſüßer Duft die Blume, ein ſchlummerndes Kind umweht; wie der An⸗ blick ſolch eines träumenden, noch knospenhaft verſchloſſe⸗ nen Daſeins faſt mehr als jeder andere in der Menſchen⸗ bruſt das Höchſte und Heiligſte anregt, für das die Sprache keinen Geſammtnamen hat, das wir daher, je nach unſerer Eigenthümlichkeit: Tugend, Religion, Lie⸗ be, Poeſie oder Humanität nennen; nur ſie wiſſen, daß Jedem das eigene, ſchuldloſe Kind ein Heiland und Erlö⸗ ſer iſt, oder doch ſein könnte, wie einſt das Chriſtkind es der Menſchheit war. Für Frau Strzelno war ihr Enkel in der That der Heiland und Erlöſer. Die religiöſen Uebungen, deren Strenge ihr die Verehrung der Kloſterfrauen erworben, hatten ihr den Frieden nicht wiedergegeben, jetzt fühlte ſie ſich entſühnt. Der Sohn ihrer Tochter, Leben von ihrem Leben, konnte verwiſchen und gut machen, was ſie am Vaterlande verbrochen; nicht dadurch, daß er eine 1860. VI. Polniſche Mütter. 16 250 Krone in ihre Familie brachte— dieſen glänzenden, verführeriſchen Traum hatte ſie für immer zu Ende ge⸗ träumt— doch durch innige, ſelbſtloſe Hingebung an ſein zerriſſenes, geknechtetes Volk. Hatte dieſes Kind ſein Sühnungswerk doch ſo ſchön begonnen, daß ſie an der Vollendung deſſelben nicht zweifeln durfte. Der Fluch, womit ſie Jadwiga von ihrem Geliebten getrennt, der ſpäter mit zermalmender Schwere auf ſie ſelber zurück⸗ gefallen, ſchien ihr ausgelöſcht. Das Daſein dieſes Kin⸗ des hatte die Erſtarrung von der Seele ihrer Tochter genommen, ſeine auffallende Aehnlichkeit mit Severin, deſſen Namen es führte, dünkte ſie ein Zeichen vom Himmel, daß ihr vergeben ſei, was ſie an ihrem Sohn verſchuldet. So war von ihrer Bruſt gewälzt, was ſie am ſchwerſten gedrückt hatte, und ſelbſt der ver⸗ zehrende Schmerz um den gefallenen Sohn wandelte ſich Anblick des lieblichen Enkels in milde Weh⸗ muth. Wie in ihrem Innern, ſo war auch in ihrem Ku⸗ ßern eine bedeutende Veränderung vorgegangen. Die vorhin trüben Augen leuchteten, die gelblich fahle Ge⸗ ſichtsfarbe war einer zarten Röthe gewichen, die tiefen Falten und ſelbſt die erſchreckende Hagerkeit war ver⸗ ſchwunden, und ein Schimmer von Jugend und Schönheit lag mit der Verklärung des Glückes auf den vorhin ſo entſtellten Zügen. Jadwiga bemerkte das mit herzlicher Freude und ſagte lebhaft: „Wenn Du das Bett erſt verlaſſen kannſt, mußt Du auch dieſen düſtern Ort verlaſſen und mit uns kom⸗ men. Der Anblick Deines Enkels wird Dich geſund machen und verjüngen. Auch mußt Du mir ja helfen, ihn zu lieben und zu erziehen. Wir wollen ihn von der zarteſten Kindheit an nur zum Guten gewöhnen und namentlich ihn unſer armes Vaterland lieben lehren. Du wunderſt Dich über meine Worte? Ja ſieh, früher, in meiner Jugend, war ich ein thörichtes, gedankenloſes Weſen, kümmerte mich mehr um mich ſelber, als um das allgemeine Intereſſe. Das iſt jetzt ganz anders, denn ich habe ja die Pflicht, meinen Sohn zu einem tüchtigen Manne zu bilden. Auch wurzele ich jetzt erſt feſt in mei⸗ nem Volk, da ich ihm einen künftigen Mitbürger gegeben habe, liebe jetzt erſt Polen von ganzem Herzen, da ich einen kleinen Polen an meine Bruſt drücke. Und er ſoll nie ver⸗ geſſen, daß er Pole iſt, daß ſeine unglückliche Heimath geheiligte Anſprüche an ihn hat und Vaterlandsliebe eine der hervorragendſten Tugenden unſerer Nation iſt!“ „Amen!“ erwiederte Frau Strzelno und küßte den Enkel und die junge Mutter. Dann fügte ſie matt hinzu: „Ich bin müde, Kind, und möchte ein wenig ſchlafen! Lebe vorläufig wohl und grüße Palowski!“ 16* 252 Jadwiga entfernte ſich mit dem Kinde und der Kammerjungfer. Ihr Gatte, dem der Zutritt in's Kloſter verſagt war, erwartete ſie. Als ſie Nachmittags wieder⸗ kam, fand ſie ihre Mutter nicht mehr unter den Lebenden. Sanft und ſtill war ſie für immer entſchlafen. Die junge Gräfin beweinte ihren Tod aufrichtig, fand aber einen wirkſamen Troſt in dem Lächeln ihres Kindes. Palowski hatte den Aufenthalt auf ſeinen Gü⸗ tern genommen und war ſehr glücklich. Jadwiga liebte ihn zwar nicht mit der Leidenſchaft, welche er für ſie empfand, allein ſie ſchätzte und achtete ihn. Der kleine Severin entwickelte ſich überraſchend ſchnell, und die jun⸗ ge Mutter fand eben ſo ſehr ihr Glück in ihrem Kna⸗ ben, wie einſt die Gräfin Strzelno.— Doch führte ſie ihre Liebe nicht auf verderbliche Irrwege. Nur Stanislaw's Schickſal trübte vorläufig ihre Zufrie⸗ denheit. Stanislaw erreichte, glücklicher als viele ſeiner Landsleute, die franzöſiſche Grenze und lebte in der Verbannung arm und kummervoll. Sein Vermögen war confiscirt, die Tante in einem Geiſteszuſtande, der ſie ihren Neffen ganz vergeſſen ließ. Eine bedeutende Geld⸗ ſumme, welche die Gräfin Strzelno ihm übermachen ließ, nahm der ſtolze junge Mann nicht an. Er litt tief, denn zu dem Kummer um das unglückliche Vaterland und den Untergang ſeiner Verwandten, zu der Nothwen⸗ digkeit, arm in der Fremde zu leben, kam noch der Schmerz um ſeine Ingendliebe, die er keineswegs ſchon vergeſſen hatte. Doch ließ er ſich von alldem nicht beu⸗ gen. Als die polniſchen Legionen gebildet wurden, nahm er Dienſt darin und machte die Feldzüge mit, in denen ſo viel Polenblut floß. Allein die Hoffnungen, welche die franzöſiſche Republick den Flüchtlingen vorgeſpiegelt, wur⸗ den nicht erfüllt; in den Friedensſchlüßen zu Campo Formio und Luneville wurde ihres Vaterlandes nicht gedacht und im Zahre 1801 ſchiffte man den größten Theil der Legion mit Gewalt nach St. Domingo ein. Stanislaw nahm als Kapitain ſeinen Abſchied und die Thronbeſteigung Alerander's geſtattete ihm, in die Hei⸗ math zurückzukehren. Die Zeit hatte die erſte Liebe ver⸗ wiſcht, ſein Herz war wieder frei, blieb es aber nicht lange. Eine ſchöne junge Polin feſſelte ihn; er wurde ihr glücklicher Gatte und vergaß in einem Kreiſe blü⸗ hender Kinder Jadwiga. Janek, der Diener Stanislaw's, war nicht getödtet, nur ſchwer verwundet worden. Er genas und es gelang ihm, aus der Gefangenſchaft zu entfliehen, da die geringen Leute nicht ſcharf bewacht wurden. Seinem Herrn mit unerſchütterlicher Anhänglichkeit ergeben, bettelte er ſich zu ihm nach Paris durch und theilte mit ihm die Ar⸗ 254 muth, das Eril und die Strapazen der Feldzüge. Jo⸗ ſepha harrte ſeiner mehrere Jahre mit beiſpielloſer Treue, als er aber mit Dziekonski nach der Heimath zurück⸗ kam, hatte ſie eben einem Verwalter auf den Gütern Palowski's ihre Hand gereicht. Janek nahm ſich das ſo zu Herzen, daß er Zeitlebens ledig und bei ſeinem Herrn blieb. Die Generalin Dziekonska mied jeden Umgang, ſah ſelbſt ihren Neffen nicht gern, welcher nach ſeiner Heimkehr ihre Beſitzungen verwaltete. Stumm und thrä⸗ nenlos brütete ſie über ihrem Elend. Ihre treffliche Conſtitution widerſtand ſelbſt ihrem bittern Harm. Sie ſehnte den Tod herbei, allein ſie lebte— lebte ein Jahr nach dem andern. Hand an ſich ſelber legen mochte ſie nicht— mußte ſie doch die Herſtellung Polens abwarten. Ihr ſterbender Gatte hatte ihr ja geſagt, ſie werde die Erhebung des Vaterlandes ſehen. Dieſe Hoffnung ward zur fixren Idee, die ſie in ihrer Einſamkeit und Verzwei⸗ flung aufrecht erhielt. Eine Art Geiſteszerrüttung be⸗ mächtigte ſich ihrer allmälig; fanatiſcher Ruſſenhaß erfüllte ſie und mit glühender Begeiſterung prophezeihte ſie die Auferſtehung ihres Volkes. Gegenwärtig erſcheinen und ſind durch alle Buch⸗ handlungen zu beziehen: Pirtor hugo's ſümmtliche Werkr. (Gormat der Klaſſiker.) In vorzüglichen Uebertragungen. 3te revidirte Auflage. Mit dem Stuhlstich-Purtruit Zirtur Pugus. In Lieferungen von 5 Bogen zum Subſcriptionspreiſe von nur 3 Sgr. für die Lieſerung. Allmonatlich erſcheinen 3 bis 4 Lieferungen.— Bisher ſind bereits 41 Lieferungen erſchienen, die nach Belieben ſogleich ulle oder auch nuch und nuch durch jede Buchhandlung zu beziehen ſind. Vietor Hugv, deſſen Werke in Frankreich den⸗ ſelben Ruhm genießen, wie in Deutſchland die Werke unſeres Schiller, iſt unter allen franzöſiſchen Erzäh⸗ lern und Dichtern unſerer Tage der erſte, der ge⸗ feiertſte; ſeine Romane und Dramen haben Triumphe erlebt, welche außerordentlich genannt werden müſſen, und ſind in Frankreich verbreiteter als die jedes anderen Dichters. An Großartigkeit und Treue der hiſtoriſchen Zeichnung, an Genialität der Erfindung, der Charakter⸗ und Naturſchilderungen und ſomit an ſpannendſtem Leſe-Intereſſe überragt Hugo nicht nur alle ſeine Landsleute, ſelbſt Sür und Vumas, ſondern Schö⸗ pfungen, wie u. a.„Notre Dame von Paris“ (womit wir unſere Sammlung eröffnen), übertreffen an hohem hiſtoriſchem Intereſſe ſogar Alles, was wir aus Walter Srott's Feder beſitzen.— Von gleicher Bedeu⸗ tung, hoch dramatiſchem, hiſtoriſchem und poetiſchem Werthe und reich an unübertroffener Schönheit der Spra⸗ che ſind Hugo's Dramen und Poeſien. Die Werke des großen Schriftſtellers, welche wir dem deutſchen Publikum in vollendeter Uebertragung, ei⸗ ner faſt beiſpiellos billigen(à Bogen nur ½ Sgr. koſtenden) und zugleich ſchönen Ausgabe darbieten, haben wohl gerechten Anſpruch darauf, in jeder gebildeten deut⸗ ſchen Familie angeſchafft zu werden. Eine Verbindlichkeit zur Abnahme aller erſcheinen⸗ den Lieferungen findet nicht ſtatt und geben wir auch jeden Band, jede Lieferung einzeln ab. 2 Stuttgart. Bieger'ſche Verlagshandlung. n n ſ 15 16 1 18 8 9 10 12 13 14 6