3356% S Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oktmann in Gießen, 8 . Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. geih und Feſebedingungen. 1 —— 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ² 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommeu.* 2 3. Caution. Perſonen müſſen, bei Entgegennahme M eines Buches, eine dem rthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Es waren mehrere Männer, Weiber und Kinder von verſchiedenem Alter und Alle ließen ſich die ge⸗ trockneten Fiſche, Jukola genannt, wohl ſchmecken. Auf dem niedrigen Heerde qualmte unter lautem Gekniſter das naſſe Holz und erfüllte die Hütte mit beißendem Rauch. „Hörſt du, wie das Holz kniſtert, rem? Das bedeu⸗ tet Glück!“ ſagte ein Mädchen zu einem noch jungen Manne, der auf dem wärmſten Platz ſaß, auch an der Kuklanka von Hundefellen als der Vornehmſte im Hauſe zu erkennen war; das Stück Wallfiſchſpeck, welches er zu ſeinem trocknen Fiſche verzehrte, bezeichnete außerdem das Anſehn, in welchem er bei den Seinigen ſtand, denn die Andern hatten von dieſem Leckerbiſſen nichts. Die Kinder lachten und plauderten fröhlich unter ein⸗ ander und ihr Jubel wurde noch erhöht, als die Lieblings⸗ frau Arems ihrem vierjährigen Knaben eine Hand voll Slatkadrawa gab. Der Kleine vertheilte die Leckerei groß⸗ müthig unter ſeine Geſpielen, nur einem Mädchen gab er nichts. Dieſes ſchien ſich darum auch nicht zu kümmern und ſaß ſtill in ſeinem Winkel, zufrieden, daß es von den Uebri⸗ 1* gen, und beſonders von den wilden Knaben, nicht geneckt, verſpottet oder mißhandelt wurde. Das Mädchen war un⸗ gefähr ſieben Jahre alt und ſein Geſicht, häßlich und dunkel, ſtach alſo ſehr ab von den hübſchen und zarten Zügen der andern Kinder. Es wurde darum Gtechan Tatach, ſchwarzer Ruß, genannt und von den Erwachſenen zurückgeſetzt, von den Kindern gequält; am Aergſten trieb dies der kleine Lipacha, Gtecham Tatachs Stiefbruder. Die einzige Perſon, welche die Kleine liebte, ihre Mutter, konnte ſie nicht ſchützen; ſie war auch eine Frau Vrems, der mehrere Weiber hatte, wie das bei den heidniſchen Kamtſchadalen häufig vorkam, aber ſie durfte wenig ſagen, denn ihres Mannes zweite Frau, Lipacha's Mutter, wußte ſich bei ihm mehr beliebt zu machen. Was die Natur übrigens dem kleinen Mädchen an äuße⸗ rer Wohlgeſtalt verſagt, hatte ſie ihm an Verſtand zugelegt. Gtechan Tatach war über ihre Jahreklug, ja ſie wargeſcheidter, als manche ihrer erwachſenen Landsleute, darum konnte ſie die andere Frau ihres Vaters aber noch weniger leiden. Auch beſaß ſie ein gutes Herz, denn der Spott der Leute, wie die Zurück⸗ ſetzung, welche ſie ſelbſt von ihrem eignen Vater erfuhr, hatte ſie nicht boshaft und ſchadenfroh gemacht. „Ja, ſchönes Glück!“ antwortete Vrem auf die Bemer⸗ kung wegen des kniſternden Feuers.„Mein großer grauer Leithund hat geſtern im Schlafe gebellt— ich muß ihn er⸗ würgen!“ Nach dem kamtſchatkiſchen Aberglauben galt es für das Vorzeichen eines großen Unglücks, wenn ein Hund im Schlafe bellte. Sein Herr mußte ihn entweder tödten oder wegſchen⸗ ken; dadurch entging er dem drohenden Unheil. „Ich habe heute von Hunden geträumt!“ ſagte Gtechan Tatach halblaut. „Von Hunden? Das bedeutet die Ankunft von Koſaken 4 ſagte eine alte Frau erſchrocken. „Wenn ſie nur nicht ihre Schuld einzufordern kämen!“ meinte rem.„Ich habe keine Pelze.“ „Dachte ich's doch, das häßliche Mädchen bringt uns noch einmal Böſes!“ rief Agith, Lipacha's Mutter, erbittert: „Du wirſt uns ſicherlich Unglück auf den Hals träumen, du ſchwarzer Ruß!“ Die Kleine zog ſich vor der drohend erhobenen Hand der jungen Frau hinter ihre Mutter zurück, die mit einer häus⸗ lichen Arbeit beſchäftigt war und ihrem Kinde verſtohlen zu⸗ nickte, es aber nicht zu vertheidigen wagte. Bald darauf begaben ſich alle an die Arbeit. Arem tödtete den Hund, die andern Männer gingen nach Holz und die Frauen an ihre verſchiedenen Verrichtungen. Die Kin⸗ der ſchlüpften zum Zugloch hinaus und tummelten ſich drau⸗ ßen umher, obgleich es bitterlich kalt war. Lipacha war einer der Wildeſten und kletterte mit der Gewandtheit einer Katze an den Leitern zu den Balaganen empor. Gtechan Tatach war auch heraus gekommen, hielt ſich jedoch fern von den Andern. Endlich trat ſie näher zu Lipacha und ſagte: „Klettere nicht auf dieſer Leiter umher, ſie iſt von der großen Kälte brüchig geworden und kann zerbrechen. Hörſt du nicht, wie es knaſtert? Du wirſt herunterfallen!“ „Du haſt mir nichts zu befehlen, ſchwarzer Ruß!“ ver⸗ ſetzte der Knabe trotzig.„Jetzt thue ich es grade und du wirſt ſehen, daß die Leiter nicht bricht!“ Er kletterte bis ziemlich nach oben, erfaßte mit ſeinen beiden Händen eine Sproſſe und zog die Füße an ſich, Dar⸗ auf ſchwang er ſich wie an einem Reck hin und her und ſchnitt ſeiner Schweſter Geſichter, worüber die andern Kinder laut lachten. Gtechan Tatach ſah ſich nach Lipacha's Mutter um, allein dieſe war nicht in der Nähe; ſie verſteckte die ſchönen Klei⸗ dungsſtücke, die ihr Mann von den Koſaken geborgt hatte, um ſie damit zu ſchmücken. Es war den Kindern verboten, auf die Leiter zu ſteigen, und die verſtändige Gtechan Tatach merkte an dem verdäch⸗ tigen Knaſtern, wie gefährlich es ſei, auf derſelben umher zu balanciren. Allein Lipacha's Eltern waren nicht zu errufen und ihrer eigenen Mutter mochte ſie nichts ſagen, da der un⸗ gezogene Knabe dieſer doch nicht gehorchte. Sie bat ihn alſo flehentlich, herab zu kommen, worauf er übermüthig ant⸗ wortete und ſich einen noch ſtärkeren Schwung gab. Doch mitten in ſein Lachen ertönte ein Krach, die Leiterſproſſe brach und er ſtürzte hinab. Die Kinder liefen herbei und auf ihr und das Geſchrei des Gefallenen auch die Erwachſenen; zuletzt kam auch die Mutter des Kleinen. Dieſer brüllte aus vollem Halſe und ſtieß Gtechan Tatach von ſich, welche ihn mitleidig aufheben wollte. „Mein Kind, mein armes. Kind, wo haſt du dir weh ge⸗ than?“ rief ſeine Mutter erſchrocken. Im nächſten Augenblick ſtieß ſie das Mädchen unſanft zurück und ſagte zornig: „Da biſt du gewiß wieder Schuld! Du ſtifteſt lauter Un⸗ heil an!“ „O nein, gewiß nicht;“ betheuerte die Kleine.„Ich habe ihn ſo gebeten, ſich nicht zu ſchwenken, aber er hörte nicht darauf.“ „Wenn das auch wahr iſt,—“ rief die Frau gereizt, „ſo biſt du doch Schuld daran! Ohne deinen dummen Traum von den Hunden hätte ich meine Sachen nicht ver⸗ ſteckt und auf das Kind aufgepaßt!“ So hieß es ſtets— Gtechan Tatach ſollte immer an Allem Schuld ſein und war bei jeder Gelegenheit der Sün⸗ denbock. Sie wußte das längſt und dachte kaum, daß es anders ſein könnte. Betrübt ſchlich ſie in die Hütte und hockte ſich in den hinterſten Winkel. Lipacha wurde hinunter getragen und es ergab ſich, das er den Arm gebrochen hatte. Es wurde ihm ein Verband angelegt, ſo gut die unwiſſenden Leute es vermochten, und ſämmtliche Bewohner der Hütte beſchäftigten ſich eine Weile angelegentlich mit ihm. Sie überhörten dabei, daß ſich draußen ein ſonderbares Geräuſch, halb Klingeln halb Klirren, hören ließ. Gtechan Tatach zupfte ihre Mutter an der Kuklanka und machte ſie aufmerkſam, worauf dieſe ihrem Manne einen Wink gab. Er eilte am Baumſtamm hinauf und zum Rauchloch hinaus; die Uebrigen folgten ihm verſtört und ſelbſt Lipacha's Mutter trieb Neugierde und Unruhe von dem Lager ihres Sohnes. Ein Koſak war im Dorfe angekommen; er ſtand auf ſei⸗ nem Schlitten und klingelte mit dem Stück einer alten Kette. Die Leute ſtrömten zuſammen, nachdem ſie ſich ſo ſehr wie möglich herausgeputzt hatten und machten ihm tiefe Bücklinge. Es war nichts Seltenes, daß ein Koſak, der ſein Hab und Gut vertrunken und verſpielt hatte, ſein Schießgewehr nahm und nach dem erſten beſten itelmeniſchen Oſtrog zog, wo er den Leuten drohte, er werde ſie erſchießen, wenn ſie ihm nicht Zobel⸗ oder Luchsfelle gäben, ſo viel ihm beliebte. Gewöhnlich erhielt er von den eingeſchüchterten Eingebornen, was er verlangte; war er aber zu grob und unverſchämt, ſo geſchah es auch häufig, daß die Gebrandſchatzten über den Plünderer herfielen und ihn erſchlugen. Vrem war nicht ſo furchtſam und demüthig, wie viele ſeiner Landsleute, und es empörte ihn, daß ein Einzelner es wagen ſollte, ſie mitten im Frieden zu berauben. Des Ruſſen Leben ſchwebte in der höchſten Gefahr, das Gebell der Hunde rettete es jedoch. Ein Schlitten mit zwei andern Koſaken nahte und jetzt, wo er drei mit Büchſen Bewaffnete vor ſich hatte, hielt es Rrem nicht für gerathen, Feindſeligkeiten zu beginnen. In⸗ deß wurde ſein innrer Grimm bald auf's Höchſte geſteigert. Viele Koſaken reiſeten nämlich im Winter mit allerlei Waaren umher, welche ſie an die Einwohner verhandelten, aber ſo theuer, daß, z. B. ein eiſernes Meſſer zwei Zobelfelle galt. Geld hatten die Kamtſchadalen faſt nie, Vorräthe von Pelzwerk auch ſehr ſelten, da ſie zu träge waren, irgend ein Wild zu fangen, wenn ſie es nicht nothwendig brauchten; alſo wurden die Sachen gewöhnlich auf Credit genommen und im nächſten Jahre bezahlt. Geſchah dieſes nicht, dann verdoppelte ſich die Schuld und dieſe Verdoppelung fand alle Jahr ſtatt. So hatte mitunter ein Kamtſchadale an einer Kleinigkeit, die ihm zuweilen noch obenein von dem Koſaken halb mit Gewalt aufgedrungen worden, ſein ganzes Leben hindurch zu bezahlen. Arem hatte, wie ſchon erwähnt, für ſeine Lieblingsfrau einige Kleidungsſtücke und Schmuckſachen, wie Glasperlen und einen kleinen Spiegel, den ſie gleich einer Uhr am Gürtel trug, auf Borg genommen und beſaß jetzt noch nicht ſo viel Felle, um die Schuld zu decken. Sein Gläubiger war nicht unter den Ankömmlingen; einer derſelben erklärte jedoch, er ſei beauftragt, die Schuld einzufordern. Der Itelmenn wußte wohl, wie es damit war; der Koſak hatte nur zufällig etwas von dieſer Schuld gehört und forderte ſie betrügeriſcher Weiſe ein. Zahlte er, was er in dieſem Augenblick aber nicht im Stande war, ſo kam ſicher⸗ lich nach einiger Zeit der rechte Gläubiger und begehrte von Neuem Bezahlung, Das war ſchon öfter vorgekommen und die Betrogenen hatten Niemand, der ſich ihrer annahm und ihnen zu ihrem Rechte verhalf. Die Koſaken ſtiegen aus und befahlen, ihre Hunde wohl zu füttern und ihre Schlitten in Acht zu nehmen. Darauf kletterten ſie fluchend über die Uebequemlichkeit und den Rauch in Arems Jurte hinab, wo die Frauen und Mädchen ſchnell aufräumten, reine Strohdecken für die Gäſte an den Feuerheerd legten und zur Verbeſſerung der Luft Wachhol⸗ derbeeren auf die Kohlen warfen. Die Ruſſen nahmen dar⸗ auf die für ſie beſtimmten Plätze ein und ließen ſich unter grobem Schelten Schuhe und Strümpfe ausziehen. „Ich habe mir ein großes Loch in den Rock geriſſen, flickt es ordentlich, oder ich nehme den Kantſchuh!“ ſagte Einer. „Meine Stiefeln ſind entzwei, ſorgt dafür, daß ſie ganz gemacht und ordentlich getrocknet werden, oder ich werde es Euch lehren, Ihr Schurken!“ rief der Zweite. „Gebt mir ein Paar trockne Strümpfe!“ befahl der Dritte. Auf die ſchüchtern ertheilte Antwort, ſie hätten keine Strümpfe, ſchimpfte er abſcheulich, ließ ſich dann aber die Füße mit Eheu umwickeln, wie das bei ihnen Sitte war, und fand es recht bequem und behaglich. Sämmtliche Einwohner der Jurte waren mit dem größ⸗ ten Eifer um die Fremdlinge beſchäftigt, trockneten, reinigten und reparirten ihre Kleidungsſtücke, blieſen das Feuer an und trugen Speiſen herbei. Sogar der kleine Kranke wurde darüber vernachläſſigt. Dennoch waren die Koſaken nicht zufrieden, krittelten und mäkelten, ſchimpften und ſtießen diejenigen, welche in ihrer Nähe zu thun hatten. Die Koſaken ließen die Bewohner der andern Jurten rufen und geboten ihnen, Fuchs⸗, Zobel- und Otterfelle für ſie bereit zu halten. Dann erklärte der Eine, Arem ſolle entrichten, was er ſeinem Freunde ſchulde; wo nicht, ſo würde er ſeine Frau und eine jüngere Schweſter derſelben an Zah⸗ lungsſtatt nehmen. Die beiden Andern verlangten auch, er ſolle ihnen Pelzwerk geben, ſonſt nähmen ſie die Mädchen und jungen Frauen mit. Vrem bot ihnen die Felle an, welche er beſaß und bat ſie in großer Angſt, ſich damit zu begnügen und Niemand zum Sklaven zu nehmen; die er⸗ 11 ſchrockenen Frauen und Mädchen vereinten ihre Bitten mit den ſeinigen. Doch vergebens warfen ſie ſich den Harther⸗ zigen zu Füßen, dieſe ſtießen ſie roh zurück und mißhandel⸗ ten ſie ſogar. Einige Stunden vergingen, während welcher die unge⸗ ladenen Gäſte ihre Wirthe in beſtändiger Bewegung erhiel⸗ ten. Sie nahmen den ganzen Heerd ein, nur ſo viel Raum laſſend, daß gekocht werden konnte, was ſie verlangten, und verzehrten das Beſte, was die Hütte bot. Die Eigenthümer aber kauerten frierend im Winkel und nagten an Weiden⸗ rinden, wozu ſie getrockneten und ſchon ganz ſchimmligen Fiſchrogen aßen. Arem genoß nichts, er glaubte zu erſticken vor Wuth und Kummer, denn Agith ſollte ja fortgenommen werden. In tiefem Schweigen brütete er vor ſich hin. End⸗ lich war ſein Entſchluß gefaßt. Er flüſterte mit einigen ſei⸗ ner Hausgenoſſen und entfernte ſich dann, worauf ihm dieſe unbemerkt folgten. Draußen ſprach er lange und leiſe mit ihnen. Sie er— ſchraken anfangs über ſein Vorhaben und machten Einwen⸗ dungen, allein er widerlegte ſie ſiegreich. Haſtig wurde nun ſo viel Brennmaterial hinunter ge⸗ ſchaft, als ohne Verdacht zu erregen möglich war. Die Ko⸗ ſaken achteten darauf nicht, ſie glaubten das Holz ſei nöthig, um das Feuer zu unterhalten. Auch ſiel es ihnen nicht auf, daß diejenigen, welche vorher mit Arem draußen geweſen waren, den Andern heimlich winkten und ſich Einer nach dem Andern die Leiter hinauf ſtahl. Die Kinder waren ſchon vorher entfernt worden. Zuletzt blieb nur noch Arems Frau übrig, die mit der Bedienung der Fremden ſo emſig beſchäftigt war, daß ſie die Entfernung ihrer Verwandten und Freunde nicht bemerkte. Gtechan Tatach ſaß an der Lagerſtätte Lipacha's und erzählte ihm Geſchichten, um ihn ſtill zu erhalten; bei dem Stöhnen und Schreien, welches Schmerz und Ungeduld ihm erpreßt hatte, waren die Koſaken zornig geworden. Jetzt kam Arem herunter, er machte ſich etwas in der Hütte zu ſchaffen und hüllte dann den Knaben unbemerkt in ein Bärenfell. Als er aber mit Lipacha auf dem Arm an dem Baumſtamm empor ſteigen wollte, hielt ihn ein Koſak zurück und fragte barſch: „Wohin willſt du mit dem Jungen?“ „Er hat den Arm gebrochen und ſtört Euch mit ſeinem Winſeln; ich will ihn in eine andre Wohnung bringen,“ ant⸗ wortete Urem. Er bemühte ſich, ruhig und höflich zu ſein, doch gelang es ihm nicht, ſeine Bewegung zu verbergen. Seine Züge waren bleich und verſtört, in den kleinen, weit auseinander ſtehenden Augen, brannte ein unheimliches Feuer und auf der niedern Stirn perlten Schweißtropfen. „Der Junge bleibt hier!“ herrſchte der Koſak, in welchem ein Argwohn erwachte, als er in dieſem Augenblick ſah, das nur ſo wenige Bewohner der Hütte ſich in derſelben befanden. Der Kamtſchadale legte mit ſcheinbarer Gleichgiltigkeit den Knaben auf ſein Lager zurück, gab ihm Slatkadrawa, damit er ſtill ſein ſollte, und küßte ihn dabei mit einer In⸗ brunſt und zugleich mit einer Entſchloſſenheit, welche den Koſaken höchſt verdächtig erſchienen wäre, hätten ſie dieſelbe bemerkt. „Wo ſind die Andern?“ fragte der Koſak. 13 „Sie ſind zu den Nachbarn gegangen, um von ihnen das Beſte zu holen, was ſie an Speiſen im Vorrath haben! Die Herren ſollen mit unſerer Bewirthung zufrieden ſein!“ ſagte Vrem mit einer Unterwürfigkeit, die kaum den furchtbaren Hohn und den bittern Haß verbarg, den er empfand. Dabei holte er dienſteifrig verſchiedne trockne, ſehr wohlſchmeckende Beeren aus einer von Stroh geflochtenen Taſche, worin ſie bisher verborgen geblieben, und aus einer andern wildes Geflügel, das auch vor den unwillkommnen Gäſten verſteckt worden war. Sein Eifer und die Unterthänigkeit, welche er gefliſſentlich an den Tag zu legen ſich bemühte, ſchläferte den Verdacht der Ruſſen ziemlich ein und erfragte jetzt geſchmeidig, ob ſie nun befählen, daß er den Knaben, der ſie jedenfalls ſtören würde, in eine andre Hütte trage. Dies wurde jedoch abermals verboten und mit tiefem Schmerz ſtieg der Itel⸗ men wieder hinauf, um, wie er ſagte, die Andern zur Eile anzufeuern. Seine Frau rupfte die wilden Vögel, wobei ſie von den gierigen Koſaken heftig angetrieben wurde, ſich zu ſputen, und ſah daher nicht, daß er ihr wieder einen Wink gab, ihm zu folgen. Und hätte ſie dieſen Wink auch geſehn, die Koſaken würden ſie doch jeden⸗ falls am Fortgehen gehindert haben weil ſie Appetit auf den leckern Braten hatten. Gtechan Tatach, die Alles um ſich her mit großen Augen beobachtet hatte, war es nicht entgangen, daß ihr Vater, ganz im Gegenſatz zu ſonſt, die vollen Waſſergefäße hinaus getragen hatte und ſie leer wieder zurückgebracht. Noch vor ihm war ſie behend wie ein Eichhörnchen hinaufgeſchlüpft und horchte neugierig auf die ihr unverſtändlichen Redensarten der Ver⸗ 14 wandten und Bekannten, die in der Nähe des Rauchlochs ſtanden, oder Holz, Baumſtämme und Steine herbeitrugen. Lipacha's Mutter hatte ihr jüngſtes, zweijähriges Kind auf dem Arme und wartete ungeduldig auf das Erſcheinen ihres Mannes. „Wo iſt Lipacha, warum haſt du ihn nicht gebracht?“ fragte ſie angſtvoll, als Arem ohne den Knaben erſchienen war. „Ich konnte nicht— ſie ſind argwöhniſch und wollten ihn nicht herausnehmen laſſen!“ verſetzte er mit erſtickter Stimme. Die Frau machte eine Bewegung nach dem Rauchloch hin; ſie wollte hinab und den Knaben holen. „Es geht nicht!“ ſagte er und hielt ſie mit Gewalt zu⸗ rück.„Sie würden dich mit ihm eben ſo wenig fort laſſen, wie mich, behielten dich am Ende gar noch unten, oder merk⸗ ten unſere Abſicht. Du weißt, wie ich den Knaben liebe— ich möchte mir das Haar ausraufen und heulen, wie ein wildes Thier, wenn ich daran denke, daß er ſein junges Leben ſo enden ſoll! Aber es muß ſein, wir müſſen dies Opfer bringen. Thun wir es nicht, ſo nehmen ſie dich fort und du ſiehſt Lipacha doch nie wieder, mußt dich auch von dieſem trennen!“ Er deutete dabei auf das Kind, welches ſeinen Arm koſend um ihren Hals ſchlang und ſich ſchmeichelnd beſtrebte, mit den kleinen Händchen ihre hervorſtürzenden Thränen zu trocknen. Halb beſinnungslos kauerte ſich das junge Weib am Boden nieder und preßte das Kind, welches ihr geblieben, krampfhaft an ſich. . ut Gtechan Tatach begriff zwar nicht ganz, was vorging und vorgehen ſollte, allein ſie ahnte, daß den in der Hütte Befindlichen ein Unglück drohe. Jetzt ſah ſie, daß ihr Vater mit Hilfe der Andern Baumſtämme über das Rauchloch legte und ſagte entſetzt: „Aber meine Mutter— Vater, meine Mutter iſt ja auch noch unten und wird erſticken, wenn du das Rauchloch verdeckſt!“ „Freilich wird ſie's!“ verſetzte er tonlos.„Schade um ſie, denn ſie iſt eine brave Frau und eine tüchtige, unermüd⸗ liche Arbeiterin dazu. Aber es geht nicht anders! Beſſer ſie ſtirbt mit, als daß die Tatachs am Leben bleiben. Gebe ich doch ſogar meinen ſüßen Knaben hin! Ich wünſchte Gtechan Tatach wäre ſtatt Lipacha bei den andern Tatachs!“ ſetzte er zwiſchen den Zähnen hinzu. Die zurückgeſetzte Tochter hörte dieſe liebloſe Aüßerung des Vaters nicht. Sie ſtand ſchon auf dem Klotz, der über das Rauchloch gelegt war, es aber nicht ganz zudeckte und drängte ſich durch die kleine Oeffnung hinab, ehe Jemand es hindern konnte. „Ich will mit meiner Mutter ſterben— habe ja ſonſt gar Niemand, der mich lieb hat!“ dachte ſie bei ſich, und ſtand im nächſten Augenblick neben ihrer Mutter. Arem, der den Sohn, welchen er liebte, mit den ver⸗ haßten Feinden tödten wollte, ließ ſich von ſeinem Vorhaben natürlich nicht zurückhalten, daß die ungeliebte Tochter zu⸗ gleich umkam. Galt es doch mehrere Familienglieder von der Sklaverei zu retten und gleichzeitig Rache an den Koſaken zu nehmen. Er und die Seinen warfen Feuerbrände und 16 Stroh in die Jurte hinab, ſtießen die Koſaken, welche herauf⸗ kommen wollten, mit Stangen zurück und verdeckten, als von unten ein Schuß fiel, das Rauchloch mit Balken, die ſie zur Sicherheit mit Steinen beſchwerten. Aus den Ritzen zwiſchen denſelben ſtiegen kleine Säulen dunkeln Qualms empor, allein ſie wurden ſorglich mit Erde verſtopft. Anfangs hörte man unten dumpfes Geſchrei, Flüche und Gepolter. Den Umſtehenden grauſete, nur Arem empfand Ge⸗ nugthuung über die gelungene Rache. Agith aber horchte mit unbeſchreiblich qualvollen Empfindungen, ob ſich unter den verſchiedenen Tönen nicht die helle Stimme ihres Söhnchens unterſcheiden laſſe. Die Koſaken verſuchten offenbar, ſich einen Ausweg aus der Hütte zu bahnen, doch wußten die Obenſtehenden wohl, daß es nicht möglich war, durchzu⸗ brechen. Jede Wintethüttte beſaß, wie ſchon früher einmal er⸗ wähnt, außer dem im Dache befindlichen Rauchloch, das gleichzeitig Hausthür und Schornſtein vorſtellte, noch eine Oeffnung nach außen— einen fünf Ellen langen Canal, von den Kehaken Schupan genannt, der draußen eine bretterne Klappe hatte, die offen ſtand, ſo lange Feuer auf dem Heerd brannte, aber geſchloſſen wurde, ſobald daſſelbe ausgelöſcht war. Der Kanal gab dem Feuer Zug und diente zugleich den Kindern als Ausgang; für Erwachſene war er zu eng. Arem hatte die Klappe verſchloſſen, ehe er das Rauchloch verdeckte; nach einiger Zeit ging er wieder zu derſelben, um hier jede kleine Oeffnung ſorgfältig zu verſtopfen und ſo dem Rauch, der ſich aus jedem Ritzchen hervordrängte, auch den kleinſten Ausweg zu verſperren. Zu ſeinem Erſtaunen hörte ⸗ 17 er dicht hinter der Klappe ein Geräuſch und ſah, daß durch eine Ritze zwiſchen den Brettern ein Meſſer geſteckt war in der Abſicht, die Oeffnung zu erweitern. Doch ſchien die Hand, welche das Meſſer führte, ſchon ganz kraftlos, denn die Bewegungen waren ſehr ſchwach. „Iſt's möglich— die Ruſſen haben das Zugloch ſo ſehr erweitert, daß ſie durch können!“ rief er erſtaunt.„Aber das ſoll ihnen doch nichts helfen!“ Er befahl, Balken und Steine herbeizubringen, Agith, die ihm gefolgt war, gebot ihm indeß Schweigen. Er lauſchte und vernahm jetzt, was er vorhin überhört hatte, den Ton einer Stimme, die ihn bis in's innerſte Mark freudig durchrieſelte. Zweites Kapitel. Gtechan Tatach wollte alſo mit ihrer Mutter ſterben und theilte ihr leiſe mit, was ihnen bevorſtehe. Die Koſaken verſtanden die Sprache der Eingebornen nur unvollkommen, beſchäftigten ſich in dieſem Augenblicke auch mit der Brannt⸗ weinflaſche, die ſie ſtets wohlgefüllt aus dem Oſtrog mit⸗ nahmen, weil ſie wußten, daß es in den itelmeniſchen Dörfern ſelten ein anders Getränk als Waſſer oder Thee gab. Ueber⸗ dies intereſſirte es ſie wenig, was das häßliche Mädchen mit der Mutter zu verhandeln hatte. Die Kamtſchadalin errieth nach einigen Worten derKleinen, was geſchehn ſollte, hatte ſie doch Arems heiße, e Roskowska, die Eroberung Niſchnois. 18 Blicke wahrgenommen und eben bemerkt, daß ſich kein Tropfen Waſſer in den Gefäßen befand. An Rettung für ſie war nicht zu denken. Die Vögel ſteckten am Spieß und begannen einen höchſt einladenden Ge⸗ ruch zu verbreiten; die Koſaken hätten ſie jetzt auf keinen Fall fortgelaſſen und ſelbſt ein Verſuch dazu konnte ihren Verdacht erregen und den Racheplan vereiteln. Auf dieſe Gefahr hin durfte ſie ſich nicht zu retten wagen, denn der ganze Zorn ihres Mannes hätte ſie getroffen. Sie kannte deſſen Heftigkeit und vermochte die Glut ſeines Haſſes gegen die Koſaken, wie den unerſchütterlichen Entſchluß, ſie zu tödten, daraus abzunehmen, daß er dabei ſein Lieblingskind opferte. Still ergab ſie ſich in das Unabänderliche— hatte ihr das Leben doch nur Mühe und Laſt geboten, wie ſollte ſie alſo den Tod ſcheuen? Aber daß ihr Kind vor ihren Augen den entſetzlichen Flammentod ſterben ſollte, das zerriß ihr Herz. Mit inniger Zärtlichkeit umſchlang ſie das Mädchen, drückte es einen Augenblick feſt an ſich und küßte es krampf⸗ haft. „Jetzt geh, ehe es zu ſpät wird und ſei glücklich!“ ſagte ſie leiſe und ſchob Gtechan Tatach zu dem Baumſtamm hin. „Ich kann nicht mehr hinauf,“ antwortete dieſe. „Du verdammte alte Hexe, willſt du uns bei lebendigem Leibe räuchern?“ rief gleichzeitig ein Koſak und wiſchte ſich die thränenden Augen. Durch die Balken, welche über das Rauchloch gelegt worden, war der Qualm zum Theil in der Hütte zurückgehalten und hatte ſich ſo angehäuft, daß man nicht die Hand vor den Augen ſehn konnte. Die Koſaken 19 hatten es bisher nicht bemerkt, jetzt ſprangen ſie wüthend auf und wollten ihren Zorn an Mutter und Kind auslaſſen, doch in dieſem Augenblicke fiel eine Menge brennende Holz⸗ ſcheite, und Stroh und Moosbündel herab. Die Koſaken flüchteten in einen Winkel, um ihre Kleider vor dem Brande zu bewahren und begriffen einen Augenblick nicht, was das bedeuten ſollte. Dann ging ihnen ein ſchreck⸗ liches Licht auf. Mit lautem Geſchrei ſuchten ſie Waſſer, allein es war keins da. Nun warfen ſie die Strohdecken und ſich darüber auf die herabgeworfenen Gegenſtände, um ſo die Flammen zu erſticken, doch regnete es von Neuem Feuer her⸗ ab und ſie mußten wieder in die Ecken flüchten. Die Stroh⸗ decken geriethen nun auch in Brand, die hölzernen Geräth⸗ ſchaften am Heerde entzündeten ſich und die Flamme griff immer weiter um ſich. Mitten durch dieſelben hindurch ver⸗ ſuchten ſie jetzt an dem heißen, rauchenden Baumſtamm her⸗ auf zu ſteigen, doch die Obenſtehenden ſtießen ſie zurück. Ein Koſak, der Beſonnenſte von den Dreien, ergriff ſeine im Winkel lehnende Büchſe und ſchoß auf die Obenſtehenden, in der Hoffnung, ſie dadurch vom Rauchloch zu vertreiben. Wirklich wichen ſie erſchrocken zurück, warfen nicht mehr Brände hinunter und ſchon hofften die Ruſſen, ſie könnten ietzt glücklich hinauskommen; jeder ſtieß den Andern zurück und wollte der Erſte ſein, welcher ſein Leben rettete. Doch in demſelben Augenblicke wurde die Oeffnung oben ganz ver⸗ deckt und vergebens ſtieg einer nach dem Andern hinauf und bemühte ſich mit dem Kopf und den Händen emporzuheben oder auch nur ein wenig zu verrücken, was über dem Rauch⸗ loch aufgethürmt war. 20 Der Mangel'an Luft half zwar die Flamme dämpfen, doch obgleich ſie nun nicht mehr hell brannte, qualmte ſie um ſo mehr und der Rauch wurde bald unerträglich. Pruſtend und röchelnd, mit aus den Kopf gequollenen Augen ſuchten die Koſaken jetzt irgend einen Balken loszureißen. Allein bei der Feſtigkeit des Baues und dem Mangel an Werkzeugen gelang es ihnen nicht, obgleich ſie ſich die Hände blutig arbeiteten. Ihr Geheul und Geſtöhn, ihre gottesläſterlichen Flüche und Verwünſchungen, vermiſcht mit ſinnlos hinge⸗ murmelten Gebeten, klangen gräßlich, haarſträubend. In einer Ecke der Hütte hatte indeß eine andre Seene ſtattgefunden; die außer ihnen Anweſenden hatten die Koſaken in ihrer Todesangſt völlig vergeſſen. Gtechan Tatach hielt ihre Mutter umfaßt, die bei der Gewißheit, ihr Mädchen müſſe mit ihr ſterben, ganz ver⸗ zweiflungsvoll war, und ſuchte ſie zu tröſten. „Ich gehe ja gern mit dir!“ flüſterte ſie unter zärtlichen Liebkoſungen.“ Was hätte ich ohne dich hier, wo mich Keiner gern hat, wo mich Alle necken, ſchelten und ſtoßen? Bei Hantſch in der Unterwelt wird es beſſer ſein und ich bleibe mit dir zuſammen!“ Der kleine Lipacha ſaß auf ſeinem Lager und ſchaute vergnügt auf das Feuer, wie auf die angſterfüllten Koſaken. In ſeiner kindiſchen Unwiſſenheit ahnte er die Gefahr nicht und hielt Alles für ein höchſt ergötzliches Schauſpiel. Es brannte nur in der Mitte der geräumigen Jurte, ſein Lager war unverſehrt und die Hitze beläſtigte ihn nicht. Der zu⸗ nehmende Rauch machte ihnzzwar huſten und kniff ihm in die Augen, indeß war ihm derſelbe nicht ſo peinigend wie den Koſaken, weil er ſammt ſeinen Landsleuten ja an dieſe Räu⸗ cherung gewöhnt war. Plötzlich durchzuckte eine gute Idee das Hirn der Mutter und ſie bedeckte des Mädchens Geſicht mit Küſſen und Freudenthränen. „Ich hab's, ich hab's, Gtechan Tatach!“ ſagte ſie freudig. Wie anders doch der Name des Mädchens klang, wenn ihn ihre Mutter ſo liebevoll ausſprach, als wenn die Leute ihn als Schimpf⸗ und Spottnamen brauchten! Der Kleinen fiel das jetzt auf, bisher hatte ſie darüber nie nach gedacht. Ohne Furcht vor dem immer näher rückenden qualvollen Tode ſchmiegte ſie ſich innig in die Arme welche ſie ſo feſt umfingen, an das treue Herz, welches nur für ſie ſchlug. Sie fühlte ſich hier ſo geborgen, als gäbe es keine Gefahr; eine träumeriſche Ermattung, ein Zuſtand zwiſchen Schlaf und Wachen bemächtigte ſich ihrer und ſie mußte ſich an⸗ ſtrengen, um zu verſtehen, daß ihre Mutter zu ihr ſagte: „Du gehſt in den Schupan, ſo nahe wie möglich an den Ausgang. Der Deckel iſt nicht ganz, hat mehrere Ritzen. Hier iſt mein Meſſer, das ſteckſt du in eine Spalte und er⸗ weiterſt ſie ſo viel du kannſt. Dabei hältſt du den Mund dicht an die Oeffnung, um ein wenig Luft zu bekommen und rufſt recht laut den Vater. Er wird kommen und dich heraus laſſen.“ „Ich gehe nicht allein, und will mit dir leben und ſterben!“ verſetzte Gtechan Tatach. „Ich kann nicht durch den Schupan, du weißt ja, daß er für mich zu eng iſt!“ antwortete Jene.„Betrübe mich nicht unnütz, mache mir den Tod nicht noch ſchwerer. Es 5 22 4 hat mich ſo geſchmerzt, daß du mit mir umkommen ſollteſt, und ich freue mich nun ſo ſehr über deine Rettung. Sei meinem Befehl nicht ungehorſam! Und nun lebe wohl, mein einziges, liebes Kind!“ Das Mädchen bat zwar, bleiben zu dürfen, doch da die Mutter feſt entſchloſſen war, mußte ſie nachgeben. Auch verurſachte ihr der Rauch immer größere Beſchwerde; ſie glaubte zu erſticken, und der Kopf wollte ihr ſpringen. Die Liebe zum Leben wie die Abneigung gegen Schmerz, welche in jedem Geſchöpfe wohnt, regte ſich auch in ihr; ſie wäre gern für ihre Mutter geſtorben, da ſie dieſelbe jedoch nicht retten konnte, ſchien es ihr mit einem Mal ſchrecklich, in dieſem fürchterlichen Dampf umzukommen. Durch die Bemühungen der Koſaken und das völlige Verdecken des Rauchlochs, war die leuchtende Flamme er⸗ loſchen; tiefe Finſterniß herrſchte in der Hütte, denn der ſchwarze Rauch umhüllte die fortglimmenden Holzſtücke und Strohmatten wie ein dichter Nebelſchleier. Dem kleinen Lipacha gefiel das nicht, auch hatte er Athmungsbeſchwerden und er begann plötzlich laut zu ſchreien. Die Frau ſeines Vaters hatte ihn in der Sorge um ihr eignes Kind ganz vergeſſen. Jetzt ſchwankte ſie zu ihm und trug ihn zu den Schupan. Seine Mutter hatte ſie oft ge⸗ kränkt, ihr beſonders durch ihre Ungerechtigkeit gegen Gtechan Tatach ſehr weh gethan, jetzt war ſie gerächt. Doch kein Gedanke an Rache oder Triumph kam in ihre Seele. Sie war eine unwiſſende Heidin, hatte nie etwas gehört von dem Gebot Chriſti:„Liebet Eure Feinde, thut wohl denen die Euch beleidigen und verfolgen,“ aber in ihrem Herzen lebte jenes göttliche Wort, welches jedes Kind und jeder Menſch kennt und verſteht, ohne es je gelernt zu haben, weil es tief und unauslöſchlich in das Gewiſſen gegraben iſt:„Alles was du willſt, daß dir die Menſchen thun, das thue ihnen auch!“ An dem unſäglich bittern Schmerz, den ſie eben um ihr eigen Kind empfunden, wußte ſie ja, wie Agith um ihren Knaben litt. „Wäre ſie hier und ich an ihrer Stelle droben in der friſchen Luft, wie ſehnlich wünſchte ich, daß ſie ſich meines Kindes erbarmen und es retten möchte, wenn es ginge!“ dachte ſie„die Aermſte, welche Qual ſteht ſie aus! Noch größere, wie ich eben um Gtechan Tatach, denn ich muß ſterben und mein armes Mädchen verwaiſt zurücklaſſen und ſie iſt wohl und geſund und kann ihren Knaben lieben und hüten, wie das Auge im Kopf!“ Mitleidig ſuchte ſie das weinende Kind durch freundliches Zureden zu beſchwichtigen und ſchob es dann behutſam, um ſeinen Arm nicht zu ſtoßen, in den Zugkanal hinein, ſoweit ſie reichen konnte. Der faſt greifbar dichte, erſtickende Rauch quälte ſie furchtbar, darum empfand ſie um ſo lebhaftere Theilnahme mit dem Kinde, welches bei ſeinem gebrochnen Arm auch noch darunter litt. Eine Mutter bedauert die Schmerzen eines fremden Kindes weit lebhafter, als andre Leute, denn der Gedanke an das eigne Kind iſt ihr ja ſtets gegenwärtig, bringt jedes kleine, hilfsbedürftige Geſchöpf ihrem Herzen nahe und giebt ihm einen Anſpruch auf ihren Beiſtand. „Du ſchiebſt Lipacha vor dir her,“ ſagte ſie zu Gtechan Tatach„Wegen ſeines Armes kann er ja nicht allein kriechen. 24 Nimm dich in Acht, liebes Kind, daß du ihm nicht wehe thuſt, der arme Junge iſt krank. Schiebe ihn nahe an die Klappe und verletze ihn nicht aus Unvorſichtigkeit mit dem Meſſer. Laß ihn an einer Spalte athmen, damit er nicht erſtickt und habe ihn immer recht lieb. Er iſt ja dein Bruder! Und dein Vater wird dich auch lieb haben und ſeine Mutter dich nicht mehr ſchelten und ſtoßen, wenn du ihnen ihr Kind lebendig bringſt. Nun lebe wohl und denke zuweilen an deine Mutter!“ Mit ſo heißen Segenswünſchen, wie ſie jemals aus einer Mutterbruſt emporgeſtiegen, packte ſie eine Menge Küchen⸗ geſchirr, das gewöhnlich in dem Schupan bewahrt wurde, vor die Oeffnung derſelben. Ein herbeitaumelnder Koſak ſtieß ſie fort. Er hatte ſich dieſes Ausgangs erinnert und hoffte durch ihn zu entkommen. Haſtig ſteckte er den Kopf und die Arme hinein und drängte die Schultern nach, konnte nun aber weder vorwärts noch rückwärts. Seine Kameraden konnten ihm nicht helfen, die Kamtſchadalin auch nicht, denn ſie war betäubt und ſchwindlich und ſchon halb erſtickt Die Frau zog die Kapuze ihrer Kuklanka über den Kopf und legte ſich ſtill nieder, indem ſie fortfuhr, Glück und Wohlergehn auf ihr Kiud zu wünſchen, das ſo verlaſſen und verwaiſt durch das Leben gehn ſollte. Sie kannte nicht den Glauben an einen Gott, der väterlich der Menſchen Geſchicke leitet, und hatte alſo nicht die Beruhigung, welche eine chriſt⸗ liche Mutter in dem Vertrauen auf ihn findet, der der Freund der Schwachen üund Schutzloſen iſt und ſelbſt den Sperling auf dem Dach in ſeiner Hand hält. Allein ſie wußte, daß ihr Kind dieſem ſchrecklichen Tode entgehn werde 25 und hoffte, ihr Mann und deſſen Frau würden Lipacha's Rettung an dem kleinen Mädchen vergelten. Muthig und geduldig endete ſie. Die Koſaken ſtarben nicht ſo friedlich; aber wir wollen das ſchauderhafte Bild ihres gräßlichen Todes nicht weiter ausmalen. Der, welcher durch den Zugkanal zu entkommen verſucht hatte, mußte ſich noch viel länger quälen, als die Uebrigen. Sein Körper verſtopfte den Kanal und ließ keinen Rauch durch. Obgleich der Dampf im Schupan dicht und läſtig genug blieb, war er doch nicht erſtickend, denn die Spalten in der äußern Klappe gewährten ihm etwas Abzug und geſtatteten einigermaßen den Zutritt friſcher Luft. Gtechan Tatach hatte ihren Bruder, wie die Mutter geheißen, ſo dicht wie möglich an das Brett geſchoben; ſie lag hinter ihm und ſtreckte ihre Rechte über ihn, um mit dem Meſſer die Ritzen zu erweitern. Natürlich gelang dies nicht beſonders, obgleich ſie mit Aufbietung aller ihrer Kräfte arbeitete. Sie war ja ſchwach und dann hinderte ſie auch ihre unbequeme Lage, das Meſſer mit beiden Händen anzu⸗ faſſen. Der Knabe vor ihr ſtöhnte und jammerte, er ver⸗ langte zu trinken und ſie vermochte ihn kaum mit zärtlichen Worten zu beruhigen. Der Koſak hinter ihr fluchte und tobte und der Gedanke an ihre Mutter, die eben mit dem ſchmerz⸗ vollen Tode rang, ſchlug ihren Muth vollends nieder. Ihr Kopfwirbelte, es ſummte und ſchwirrte vor ihren Augen und Obren, die trockne Zunge klebte am Gaumen und Angſtſchweiß bedeckte den kleinen, zitternden Körper. Sie glaubte zu ſterben und ließ das Meſſer los, welches im Holz ſtecken blieb. 26 In dieſem Augenblicke machte der Koſak eine heftige, wiewohl vergebliche Anſtrengung, vorwärts zu kommen. Gtechan Tatach ängſtigte ſich vor ihm unbeſchreiblich. Sie fürchtete, er könne ſie an den Füßen ergreifen und an ſich reißen, wenn er ſeinen Arm recht weit ausſtreckte. Entſetzt ſchrie ſie auf, zog ihre Beine an ſich, ſo viel es der enge Raum erlaubte, und warf ſich vorwärts, ganz vergeſſend, daß Lipacha da war. Er bekam einen tüchtigen Stoß, brach in ein gellendes Geſchrei aus und rief dazwiſchen kreiſchend nach ſeiner Mutter. „Vater, Vater!“ rief auch das Mädchen ſo laut es konnte. Schon vorher waren Schritte draußen zu hören geweſen, von den bangen Kindern aber nicht bemerkt worden. Jetzt ward die Klappe haſtig weggeriſſen und Lipacha's Mutter zog ihren Sohn jubelnd hervor und konnte ihn nicht genug küſſen und herzen. Vrem hob ſeine Tochter heraus und legte ſie auf den Schnee. Sie war ohnmächtig und es dauerte lange, ehe ſie die Augen dem freundlichen Lichte des Tages öffnete und die friſche, reine Luft mit vollen Zügen einſog. Lipacha riß ſich aus den Armen ſeiner Mutter und nahn mit der geſunden Hand den ſchmuzigen Schnee auf und ver⸗ zehrte ihn gierig. bringen. Eine der Frauen eilte, Er trank tüchtig und reichte dann das Gefäß der noch bewußtloſen Gtechan Tatach hin. Aufmerkſamkeit der Andern auf ſie gelenkt. ihm Waſſer zu Dadurch wurde die Bisher hatte ſich noch Niemand um ſie bekümmert und Alle nur Augen für den geretteten Knaben gehabt; jetzt wurde ſie mit Waſſer beſprengt und mit Schnee gerieben, bis ſie zu ſich kam. 2W Lipacha's Gefinnung für ſie war völlig geändert. Sie hatte an ſeinem Lager geſeſſen und ihm Geſchichten erzählt, während die Andern, ſelbſt ſeine Mutter, mit den Koſaken zu thun hatten; und in dem finſtern, raucherfüllten Zugloch, wo ihm bange geworden, ohne daß er wußte warum, war es für den ſonſt ſo trotzigen Knaben ein großer Troſt geweſen, ihren Arm zu halten und ihre Stimme zu hören. Er weinte, als ſie bleich und ſtumm dalag, und nachdem ſie ſich einiger⸗ maßen erholt, forderte er Slatkadrawa und theilte es brü⸗ derlich mit ihr. Seine Mutter wollte ihn in eine der nächſten Jurten tragen, damit er ſich nicht erkälte, allein er ließ das nicht eher geſchehn, bis Gtechan Tatach, die noch immer etwas ſchwindlich und betäubt wax, auch hinab gebracht wurde. Dann mußte ſie auf ſein Lager gelegt werden, er faßte wieder ihren Arm an und ſagte: „So, jetzt erzähle mir noch eine Geſchichte! Aber hörſt du, Mutter,“ wandte er ſich an dieſe.„Laß hier nicht ſo großes Feuer machen, wie bei uns— das iſt häßlich. Ich will auch immer artig ſein und Gtechan Tatach nie mehr ſchelten und ſchlagen!“ Seine Mutter verſprach ihm unter Küſſen und Thränen, es ſolle nie wieder ein ſo großes Feuer angemacht werden; dann ſagte ſie zu den Umſtehenden:„Das Mädchen muß ihm doch Gutes gethan haben! Der liebe Junge iſt ſo klug, daß er nichts vergißt. Aber ich will es ihr auch gedenken!“ Der wilde, rachſüchtige rem hatte indeß einen bren⸗ nenden Holzſcheit in das Zugloch geworfen und laut aufge⸗ jubelt, als er bei dem Scheine deſſelben den Koſaken gefan⸗ gen ſah, wie eine Maus in der Falle. Er hatte darauf 28 ſchnell eine Menge Holz hineingethan und gleichgiltig gegen die flehenden Bitten, wie gegen die Flüche und Drohungen des Ruſſen die Klappe ſo feſt verwahrt, daß er erſticken mußte. Hierauf ging er zu ſeinem Söhnchen und wollte ſich jetzt erſt recht über deſſen Erhaltung freuen. Der Kleine ſtieß ihn jedoch von ſich und ſagte erzürnt: „Geh, ich will nichts von dir wiſſen, du haſt ja das Feuer zum Rauchloch hinunter geworfen— ich habe dein Geſicht wohl erkannt! Zuerſt war das Feuer ganz hübſch, hernach aber deſto garſtiger. Wir mußten Alle ſo viel huſten, darum bin ich böſe auf dich. Aber dir, Mutter, bin ich gut und Gtechan Tatach auch!“ Sein Vater trat ſtill zurück, die Mutter küßte ihn wie⸗ der zärtlich. „Mutter, warum küſſeſt du denn blos immer mich?“ fragte Lipacha, der wie viele kleine Knaben Liebkoſungen nicht ſehr leiden konnte.„Gieb doch Gtechan Tatach einen Kuß— ihre Mutter hat mich ja auch geküßt! Aber wo iſt denn deine Mutter, Gtechan Tatach?“ fügte er plötzlich hinzu.„Sie ſoll herkommen, ich bin ihr auch gut und will ihr von meiner Slatkadrawa geben!“ Das Mädchen war bisher noch in halber Betäubung geweſen. Jetzt kehrte ihm die volle Beſinnung zurück und damit das klare Gefühl ſeines Verluſtes und ſeiner Verlaſſen⸗ heit.„Mutter— meine liebe, liebe Mutter!“ rief es in herzzerreißendem Ton und rang verzweiflungsvoll die Hände. Alle Umſtehenden waren tief erſchüttert und die Augen der Frauen feuchteten ſich. Lipacha wußte nicht, was geſchehen war, weinte jedoch aus Sympathie mit ihr und ſuchte ſie nach beſten Kräften zu beruhigen. „Aber was weinſt du denn ſo?“ fragte er ſchluchzend „deine Mutter wird ja gleich kommen. Sie wird dir gewiß nichts thun, denn du warſt ja nicht unartig. Oder denkſt du, daß ſie dir doch böſe iſt? Das glaube ja nicht. Ich habe wohl geſehn, wie ſie dich herzte und küßte, obgleich es ganz finſter war vom garſtigen Rauch! Darum lhör' auf zu weinen und ſei ein gutes Kind!“ Da aber Gtechan Tatach noch ſchmerzlicher weinte, wandte er ſich zu den Andern und ſagte:„Was ſteht Ihr denn ſtille da, könnt Ihr nicht lieber ihre Mutter rufen? Vater, ſag' du ihrer Mutter, daß ſie kommt. Was ſoll ſie denn ſo lange mit den Tatachs in der rauchigen Hütte ſein? Mach ihr lieber auf und rufe ſie!“ „Arem, höre mich!“ ſagte Agith leiſe zu dieſem.„Die Koſaken ſind entweder todt, oder doch ſo betäubt, daß ſie nicht zu fürchten und leicht zu bewältigen ſind. Oeffne das Rauchloch und ſteige nach einer Weile mit einigen Andern hinab— vielleicht lebt deine Frau noch und du retteſt dem armen Mädchen die Mutter!“ Arem war dazu bereit. Nachdem die Steine und Bal⸗ ken fortgeräumt und der übelriechende Qualm zum Theil herausgeſtrömt war, ſtieg er hinab, gefolgt von mehreren Männern. Allein es war vergebens; Niemand athmete mehr, auch die Frau nicht. So war Gtechan Tatach wirklich verwaiſt, aber der in⸗ brünſtige Wunſch des brechenden Mutterherzens begann in Erfüllung zu gehn.— Die Kleine war nicht mehr verlaſſen und gemieden wie ſonſt, blieb nicht die Zielſcheibe des all⸗ gemeinen Spottes. Alle bedauerten ſie und ſuchten ihr etwas Freundliches zu erzeigen; ihr Vater erinnerte ſich, daß ſie ſein Kind ſei, was er bisher wegen ihrer Häßlichkeit ſo oft vergeſſen hatte. Er machte ſich zwar keine Vorwürfe über den Tod ihrer Mutter, allein er bedauerte ſeine arme Frau doch und ſuchte ihre weinende Tochter zu tröſten. Am herzlichſten aber bewies ſich Agith gegen die Waiſe. Sie war leichtſin⸗ nig und gedankenlos, wie die meiſten ihres Volkes, doch nicht ſchlecht, und die Verzweiflung um den vermeintlichen Tod ihres Sohnes, wie ihr Entzücken, als ſie ihn wieder lebend in ihren Armen hielt, hatte ihr Herz in ſeinen innerſten Tie⸗ fen erſchüttert. Auch wußte ſie es Gtechan Tatachs Mutter heißen Dank, daß ſie ſich im Angeſicht eines grauſenhaften Todes ihres Knaben erinnert und angenommen, da ſie (Agith) ihr früher doch manche Kränkung zugefügt. Die Zärt⸗ lichkeit erweichte ſie vollends, welche Lipacha für das Mäd⸗ chen plötzlich an den Tag legte. Mild und beſchwichtigend nahm ſie die troſtlos weinende Kleine in ihre Arme und ſagte zärtlich. „Ich will fortan deine Mutter ſein, und dich ſo lieb haben wie Lipacha und ſeinen kleinen Bruder— beruhige dich, liebe Gtechan Tatach!“ Die Kleine ſah erſtaunt auf. So gut war Ahgith nie⸗ mals gegen ſie geweſen und mit dieſem Ton und Ausdruck hatte ſie aus deren Munde ihren Namen noch nie gehört. Klang er doch faſt ſo lieb und ſchön, als hätte ihn ihre Mutter ſelbſt ausgeſprochen. Sanft legte ſie ihren müden 31 Kopf an dieſe Bruſt, in welcher plötzlich und unerwartet ein reicher Liebesquell für ſie ſtrömte, und weinte, bis ſie erſchöpft einſchlief. Drittes Rapitel. Die Leichen wurden nach dem herkömmlichen Gebrauch außerhalb des Dorfes auf die Erde geworfen, wo ſie die Hunde und wilden Thiere verzehrten. Arem und die Seinigen vertheilten ſich in die andern Jurten. Eine Wohnung, in der Jemand geſtorben, wurde immer geräumt und nie wieder be ogen. Lipacha war einige Zeit uit ſehr ungeduldig. Er fieberte ſtark und rief faſt unaufhörlich nach Gtechan Tatach, die ſtets an ſeinem Bette ſitzen und ihm etwas erzählen oder vorſingen mußte. Sie hatte eine ſehr liebliche Stimme und kannte alle Lieder, welche die Mädchen ihres Volks angen. Mit muſterhafter Geduld unterhielt ſie den kleinen Kran— ken, denn ſie erinnerte ſich des Woetes ihrer Mutter:„Thue ihm gut, er iſt ja dein Bruder!“ Dadurch erwarb ſie ſich die Liebe ſeiner Mutter immer mehr und auch ihr Vater hatte ſie bald eben ſo gern als ſeine beiden Söhne. Alle waren gut gegen ſie und vergaßen in Kurzem, daß ſie ſchwarz und häßlich war, und„Gtechan Tatach“ hörte auf ein Spitzname zu ſein. Natürlich fühlte ſich das Mädchen in dem allgemei⸗ nen Wohlwollen ſehr glücklich und obgleich ſie noch oft um 3 ihre Mutter weinte, vergaß ſie doch mit der Leichtigkeit eines Kindes und war zufrieden und heiter, als Lipacha genaß und hübſch ordentlich und vernünftig mit ihr ſpielte. Der Mord der drei Koſaken war in Niſchnoi ruchbar geworden, denn die Dorfbewohner hielten nicht reinen Mund gegen ihre Nachbarn. Die Gegend war hier, wie in der Nähe des Kamtſchatkafluſſes, dicht bevölkert. An der Mün⸗ dung jedes der vielen kleinen Flüſſe, die ſich in den großen Strom ergoſſen, lag ein Oſtrog. Unter den Leuten fanden ſich Verräther und die Koſaken in Riſchnoi ſchnaubten Wuth und Rache. Eine Expedition wurde ausgerüſtet, die Frevler zu ſtrafen, und alle männlichen Bewohner des Ortes ſoll⸗ ten getödtet, die Frauen und Kinder zu Sklaven gemacht werden. Die Itelmenen warteten das aber nicht ab. Sie konn⸗ ten ſich wohl denken, was kommen würde und beſchloſſen in einer gemeinſamen Berathung, dem drohenden Schickſal zu entgehn. An einen erfolgreichen Widerſtand war nicht zu denken, ſo wollten denn alle tiefer ins Land flüchten. Zu größerer Sicherheit dachten ſie ſich zu zerſtreuen. Die meiſten Männer waren nicht aus dem Ort, ſondern nur durch Verheirathung anſäßig geworden, dieſe wollten mit ihren Frauen und Kindern zu ihren nächſten Verwandten gehn. Arem ſagte eine Flucht nicht recht zu— er hätte am Liebſten mit den Koſaken gekämpft. Allein die Sorge für die Seinigen beſtimmte ihn, dem einſtimmig angenommenen Vorſchlage nicht zu widerſprechen. Er ſtammte von Oſernaia her, und Kontſchalo, der Häuptling des berühmten Oſtrog an dem kuriliſchen Oſero war ein Bruder ſeines Vaters. Zu ihm dachte er ſich zu wenden. Alle Anſtalten zur Auswanderung waren ſchnell ge⸗ troffen. Die wenigen Habſeligkeiten und Mundvorräthe, welche man nicht mitnehmen konnte, wurden vergraben oder weggeworfen, dann reiſte Jeder mit ſeiner Familie nach der Himmelsgegend, wohin ſein Sinn ſtand. Agith fuhr mit ihrem Mann und den drei Kindern auf einem Schlitten. Zwei ihrer Schweſtern mit ihren Männern und Kindern folgten, die Uebrigen hatten ſich von ihnen ge⸗ trennt. Die Meiſten der Letztern wollten nicht ſehr weit fort, ſondern in der Nähe bleiben und nach ihren Wohnungen zu⸗ rückkehren, ſobald die Koſaken dort geweſen wären. Das war allerdings gefährlich, denn der Oſtrog lag nahe am Kamt⸗ ſchatka und häufig kamen hierher Koſaken und ruſſiſche Kauf⸗ leute, die ſich nach der zweiten ruſſiſchen Niederlaſſung: Werchnoi⸗Oſtrog, begaben. Sie hofften indeß, ſich ſpäter, wenn der Zorn der Koſaken ein wenig abgekühlt ſei, damit genügend zu entſchuldigen, daß ſie den Mord auf Arem und ſeine nächſten Verwandten wälzten. Auf einem vor dem Winde etwas geſchützten Plätzchen hatte die kleine Karavane Halt gemacht, um eine Mahlzeit einzunehmen. Die Hunde waren in der Rähe feſtgebunden, damit ſie ſich nicht an die Lebensmittel ſchlichen und ſie ver⸗ zehrten. Sie fraßen ſo gierig die ihnen vorgeworfenen, trock⸗ nen und halbverſchimmelten Fiſche, daß ſie ſich an den Grä⸗ ten das Maul ganz blutig machten.— Dabei wälzten ſie ſich unruhig umher und ſuchten Gruben in den Schnee zu wühlen. Roskowska, Die Eroberung Riſchnois. 3 34 „Nächſtens giebt es einen Sturm, die Hunde wühlen ſich ein!“ ſagte Arem.„Wir wollen machen, daß wir wei⸗ ter kommen und wenn nicht eine Wohnung, ſo doch einen Wald erreichen!“ Sie fuhren weiter, allein ehe ſie eine ſchützende Waldung erreicht hatten, brach das furchtbare Unwetter los, welches wir aus dem erſten Theil dieſer Erzählung kennen. An die Fortſetzung der Reiſe war nicht länger zu denken, der Sturm mußte abgewartet werden. Die Männer ſuchten eine Hütte von den Matten zu errichten, welche ſie mit ſich führten, allein der Wind war zu heſtig, er riß ſie ſogleich um. Wie immer in ſolchen Fällen legten ſich Alle hinter einen Hügel von zuſammengetriebenem Schnee und ließen ſich ein⸗ ſchneien, ſtanden aber zuweilen auf, um den Schnee abzu⸗ ſchütteln. Hier war das doppeit unbequem, denn die kleinen Kinder machten ihren Eltern viel zu ſchaffen. Sie am Leben zu erhalten und vor Froſtſchäden zu bewahren, war in die⸗ ſem ſchrecklichen Wetter ſehr ſchwer. Dem ſcharfen Winde ausgeſetzt, erſtarrten ſie und unter Decken und Kleidungs⸗ ſtücken waren ſie unruhig. Die Nacht kam. Unter einem Wolfsfell lag Gtechan Tatach mit Lipacha. Ihr Vater ſaß an des Knaben Seite und erhob mitunter das Fell, um den Schnee abzuſchütteln, der ſich in kurzer Zeit dicht und ſchwer darauf legte. An der Seite des Mädchens kauerte Agith, den jüngſten Kna⸗ ben wohl zugedeckt auf⸗dem Schvoß. Um ſie herum hatten die Andern ihre Plätze eingenommen. Die Männer, welche dergleichen ſchon öfter erlebt, hatten es den Frauen lebhaft 35 eingeſchärft, ja nicht einzuſchlafen, weil ſie ſonſt leicht er⸗ ſticken konnten. „Wenn du nur ruhig biſt, geht das Wetter bald vor⸗ über!“ ſagte Gtechan Tatach zu Lipacha. Es wird jetzt auch gar nicht mehr lange dauern, dann kommen die Bachſtelzen und Schwalben und bringen uns den ſchönen Sommer. Da ſchneit und ſtürmt es nicht, es iſt hübſch warm und Bäume, Sträucher und Pflanzen bekommen ſchöne grüne Blätter und wir pflücken Blumen und ſuchen Beeren!“ „Wie lange dauert das noch?“ fragte Lipacha. „O gar nicht mehr lange,“ erwiederte ſie tröſtend.„Und du weißt doch noch, wie Alle ſich freuen und jubeln und ſingen und tanzen, wenn die Bachſtelze mit dem Frühlinge gekommen iſt?—„Aber woher holen die Bachſtelzen und Schwalben doch nur den Frühling, Mutter?“ wandte ſie ſich dann an Agith, indem ſie den Zipfel des Felles lüftete. „Aus der Unterwelt!“ antwortete Agith.„Im Pykis⸗ kratſch(Hetober) fliegen die Bachſtelzen nach der Unterwelt und nehmen den Sommer dahin mit, im Masgalkratſch (Bachſtelzenmonat, April) kommen ſie wieder und bringen die ſchöne Jahreszeit mit zurück und darum freuen wir uns ihrer Ankunft!“ „Warum kommen die Schwalben ſpäter und ziehn ſchon früher fort?“ fragte das Mädchen. „Die Bachſtelze iſt ein einſamer Vogel; ſie ſucht ihr Vergnügen nicht in Geſellſchaft und beſucht unterwegs keine Freunde und Verwandte, daher braucht ſie nicht lange Zeit zur Reiſe. Die Schwalbe hat viele Anverwandte und Freunde, die ſie auf der Hin⸗ und Herreiſe beſuchen muß. 3* Darum fliegt ſie ſchon im Kyſhnakratſch(Auguſt) fort und kommt erſt im Ahtemſtakratſch(Juli) wieder!“— Anfangs riefen die Frauen und Männer einander zu, um ſich munter zu erhalten, allmälig hörte das jedoch auf, weil Jeder müde und heiſer war und der zunehmende Sturm die Laute der menſchlichen Stimme übertönte. Agith war ſehr müde, die Fahrt auf dem Schlitten war, wie oft geſagt, ſehr anſtrengend, und ſie hatte nicht nur ſich ſelbſt, ſondern auch die Kinder darauf erhalten und ſie für Verletzungen behüten müſſen. Die Kleinen waren Alle feſt ein⸗ geſchlafen und auch ſie fühlte ſich von dem Bedürfniß nach Ruhe mehr und mehr überwältigt. Sie wußte nicht, warum ſie heute ungewöhnlich viel an die todte Frau ihres Mannes dachte, aber die Vorſtellung von dem qualvollen Ende der⸗ ſelben verließ ſie keinen Augenblick, dabei fielen ihr die Au⸗ gen trotz aller Anſtrengung zu. Die Wärme, welche die Schneefülle ihren Gliedern mittheilte, war nach der ſcharfen Luft, welcher ſie den Tag hindurch ausgeſetzt geweſen, um ſo einſchläfernder. Plötzlich fuhr ſie erſchrocken aus dem Halbſchlummer empor; es war ihr, als müſſe ſie auch erſticken, wie Gtechan Tatachs Mutter. Sie hatte vergeſſen aufzuſtehn und der Schnee hatte ſich ſchon dicht über ſie gelegt. Sie ſchüttelte ihn von ſich und nahm ſich vor, nicht wie⸗ der einzuſchlafen. Sie fühlte, daß ihr Mann ſich erhob und die Decke über den beiden Kindern abſchüttelte, dann über⸗ wältigte ſie doch wieder die Ermüdung. Gtachan Tatach träumte von dem Frühling, an welchen ſie vorher gedacht, von Bachſtelzen und Schwalben, Blumen und Beeren. Zuletzt ſah ſie ihre verſtorbene Mutter in der Ferne und wollte zu ihr eilen. Doch vergebens bemühte ſie ſich, dieſelbe zu erreichen oder nur die Arme nach ihr hin zu ſtrecken. Sie war wie gelähmt und an den Boden gefeſſelt; wie in der Hütte ihres Vaters mangelte ihr die Luft und lag es gleich einer Bergeslaſt auf ihrer Bruſt. In tödt⸗ licher Angſt verſuchte ſie ſich zu regen und erwachte darüber. Sie glaubte noch fort zu träumen, denn ein ſchwerer Druck ruhte auf ihr und die Luft mangelte. Doch neben ſich hörte ſie die mühſamen Athemzüge ihres Bruders. Sie weckte ihn und Beide ſtrebten nun mit Händen und Füßen ſich zu befreien, indem ſie laut nach ihren Eltern riefen. Der Vater war auch halb eingeſchlummert geweſen, jetzt ſprang er auf und warf die hohe Schicht Schnee von dem Wolfs⸗ pelz, der die Kinder deckte. „So, jetzt ſchlaft ruhig weiter, ich will munter bleiben, daß das nicht mehr vorfällt“ ſagte er. „Iſt es nicht bald Morgen?“ fragte der Knabe. „Nein, es iſt mitten in der Nacht— ſchlafe nur noch eine Weile“ war die Antwort. Alles wurde laut geſchrieen, denn das Heulen des Win⸗ des verſchlang das geſprochene Wort. „Mutter, Mutter ſchläfſt du denn?“ rief Gtechan Tatach. Agith blieb ſtumm. „Vater, Vater!“ ſchrie das Mädchen nun aus vollem Halſe.„Die Mutter antwortet mir gar nicht und ich höre ſie auch nicht Athem holen, wie ehe ich einſchlief.“ Vrem eilte zu ſeiner Frau. Ein Schneehügel wölbte ſich über ihr und als er denſelben angſtvoll auseinander ge⸗ riſſen, ſaß ſie mit dem Kinde auf dem Schooß regungs⸗ los da. Sie war eingeſchlafen und ſammt dem Knaben erſtickt. Arems gellendes Geſchrei brachte Alle auf die Beine und die Frauen bemühten ſich, die Lebloſen ins Daſein zurückzu⸗ rufen, allein umſonſt. Mit wildem Schmerz warf ſich Arem über die Leichen, zerraufte ſein Haar und heulte laut. Es war eine entſetz⸗ liche Scene. Das Toben des Sturmes begleitete das Ge⸗ ſchrei des Mannes und der Weiber und Kinder in der finſtern Nacht und das Geheul der Hunde klang ſchauerlich dazwi⸗ ſchen. Von Erde und Himmel war nichts zu ſehn, den Bo⸗ den bedeckte hoher Schnee, die Luft war mit großen Flocken dicht erfüllt— es ſchien die ganze Natur habe ſich in Schnee verwandelt. Lipacha und ſeine Schweſter krochen bald wieder unter ihre Pelzdecke und ſchmiegten ſich weinend aneinander. Sie wagten kaum, ein wenig hervor zu lugen, denn ihnen graute vor der Nacht und dem Unwetter, wie vor der Verzweiflung ihres Vaters. Die Verwandten ſuchten dieſen nach der erſten ſchmerz⸗ lichen Ueberraſchung zu tröſten, allein er wollte von nichts wiſſen, ſich nicht von den Leichen trennen und dies währte ſo lange wie der Schneeſturm. Als das Unwetter vorüber war, drangen die Andern auf die Weiterreiſe. Anfangs wollte er nichts davon hören, all⸗ mälig ſah er jedoch ein, daß er nicht immer dort bleiben konnte. An die Stelle des leidenſchaftlichen, maßloſen Kum⸗ mers trat ein eben ſo heſtiger Haß gegen die Koſaken, denen 39 er die Schuld an dem Tode ſeiner Frau und ſeines Kindes beimaß. Er gelobte, ſein ganzes Leben daran zu wenden, ſich an ihnen zu rächen. Dann ſah er nach ſeinen Kindern, um die er ſich während der Zeit gar nicht gekümmert, für welche aber die Verwandten ſo gut wie möglich geſorgt hatten. Gtechan Tatach und Lipacha hatten eben weinend Ab⸗ ſchied von ihrem todten Brüderchen und ſeiner Mutter genommen. Ihr Vater ſtand jetzt bei den Leichen und die Freunde rüſteten Alles zum Aufbruch. Plötzlich ſtieß der Knabe ſeine Schweſter an und ſagte: „Sieh, was iſt das? Da kommt ein Schlitten mit einem Mann darauf. Was hat der für eine prächtige Kuklanka. Eine ſchönere hat gewiß nicht einmal Billutſchei!“ Der Ankömmling hatte unter dem lauten Lärm aller Hunde angehalten und ſtieg herab. Er trug einen rothen Rock, wie die ruſſiſchen Bauerfrauen ihn lieben, doch ſah derſelbe von Nahem nicht ſo prachtvoll aus, wie es dem kleinen Lipacha vorkam. Er war von der Näße arg ruinirt und an vielen Stellen ganz zerriſſen. Es war ein halbes Wunder, ddaß ſein ſchielender, krummbeiniger Beſitzer in dem leichten Kleidungsſtück nicht erfroren war. Galgal, denn natürlich war er es, hatte in einem hohlen Baume eine ſichere Zuflucht vor dem Sturm gefunden, nach⸗ dem er Kutſchniz um ſein Fuhrwerk betrogen. Jetzt bemerkte er, während er mit den Andern über das Wetter ſprach, die ſchöne Kuklanka Rrems. Sie war von Hundefellen und dieſe wurden vornämlich darum hoch ge⸗ 40 ſchätzt, weil ihnen Schnee und Regen nicht ſchadete, wie das bei anderm Pelzwerk der Fall war. Galgal ging ſchnell auf Rrem zu und ſagte:„Mir träumte heute Nacht, ich traf einen Mann, der grade ſo aus⸗ ſah wie du und eine Hundskuklanka trug. Mich fror und du zogſt deine Kuklanka aus und gabſt ſie mir und ich ſchlief darin.“ Arem zog das Kleidungsſtück aus und reichte es ihm mit den Worten.„Sie kommt mir nicht mehr zu, alſo nimm du ſie.“ Nach dem Itelmeniſchen Aberglauben koſtete es Jedem das Leben, der einem Andern verweigerte, was dieſer im Traum beſeſſen oder genoſſen hatte. Natürlich wurde dieſer Wahn oft gemißbraucht und Galgal hatte auch gelogen, als er von einem Traum ſprach. Aber der liſtige Betrüger erhielt das Kleidungsſtück, welches ihm in der Kälte nöthig war und auch ſeine Habſucht reizte, auf dieſe Weiſe ganz leicht; über die Einfalt Arems heimlich lachend, ſtieg er damit auf ſeinen Schlitten und fuhr weiter. Arem ſuchte aus ſeinen Vorräthen eine Kuklanka, dann begab er ſich mit den Andern auf den Weg. In dem Oſtrog, welchen ſie in kurzer Zeit erreichten, beſchloſſen Arems Verwandte zu bleiben. Sie trauten dem Wetter nicht recht zu einer großen Reiſe. Arem aber hatte nicht ſo lange Ruhe. Er wäre gern zu Kontſchalo gegangen, allein mit den Kindern war ihm der weite Weg zu beſchwer⸗ li Sie bei ſeinen Verwandten zurücklaſſen mochte er nicht, weil dieſe ja keine bleibende Stätte hatten und er nicht wußte, wo er wieder mit ihnen zuſammentreffen würde. Da 41 erinnerte er ſich Kosko's. Der Tſchamſcha war nicht ſehr weit und hier waren ſie ſicher aufgehoben. Kosko war zwar nicht zu Hauſe, ſondern grade mit Alerei und Feodor nach dem Oſernaia abgereiſt, als Arem in deſſen Oſtrog anlangte Allein Paſuitſch empfing ihn freundlich und verſprach ihm bereitwillig den kleinen Wai⸗ ſen ihre Mutter zu erſetzen.— Arem hatte ſeine Reiſe glücklich zurückgelegt; nahe am Ziele und in dieſer Gegend ſchon von Alters her wohlbe⸗ kannt, ließ er in der Achtſamkeit auf ſeine Hunde nach und gab ſich den Gedanken an ſeine verſtorbenen Lieben, wie den Racheplänen gegen die Ruſſen hin. Seine Hunde machten ſich das zu Nutzen; wie immer, wenn ſie die Nähe menſch⸗ licher Wohnungen witterten, rannten ſie pfeilſchnell über Stock und Stein, bis der Schlitten umfiel und ſein Befitzer herausſtürzte. Sie liefen weiter und hielten erſt im nächſten Dorfe an. Die auf Kamtſchatka übliche Dreſſur war Schuld an der Heimtücke der Hunde. Sie wurden nämlich, ſobald ſie ſehen konnten, mit der Mutter und ſpäter allein in eine Grube gethan, wo ſie reichlich ernährt wurden, doch weder Menſchen noch Thiere erblickten. Waren ſie ungefähr ein halbes Jahr alt, ſo wurden zwei von ihnen mit zwei alten Hunden an einen Schlitten geſpannt, nachdem ſie eine kurze Strecke gefahren, wurde jeder wieder in ſeine Grube gebracht und dies geſchah ſo lange, bis die Hunde des Ziehens ge⸗ wohnt waren und eine weite Reiſe gemacht hatten. Damits war ihr Exercitium beendet, ſie wurden unter den Balaganen angebunden und erhielten im Sommer ihre volle Freiheit. 42 Dieſe Art der Abrichtung machte die kamtſchatkiſchen Hunde wild, mißtrauiſch und menſchenſcheu und gewöhnte ſie ſo wenig zur Anhänglichkeit an ihren Herrn, daß ſich dort ſelten eine Spur von der bei uns ſprüchwörtlich gewordenen Treue der Hunde fand. Zu den wenigen Ausnahmen gehörte Muri, doch war dieſer auch nicht in der Grube, ſondern in Geſellſchaft der Kinder aufgewachſen. Nachdem Arem die etwa aus dem Fuhrwerk gefallenen Hab⸗ ſeligkeiten aufgeſucht hatte, ging er höchſt verſtimmt weiter, bis eine Schlucht ſeinen Schritt hemmte. Sie zu umgehn war nicht möglich, da an beiden Seiten Felswände empor⸗ ragten. Unkehren wollte er nicht, ſo ſchlang er denn das Ende eines Riemens, den er bei ſich hatte, um einen am Rande der Kluft ſtehenden Baum und ließ ſich hinab. Der Riemen ſtreifte einen ſcharfen, hervorragenden Stein, er riß und Arem ſtürzte hinunter. Ein heftiger Schmerz im Fuß hinderte ihn, aufzuſtehn; er hatte ſich denſelben verſtaucht und er konnte die gegenüberliegende Wand der Schlucht nicht erklimmen. Das war nichts Angenehmes und konnte ſogar ſein Tod werden. Und welch entſetzlicher, grauſiger Tod! Es war zweifelhaft, ob ſobald Leute in die Nähe kamen und ihn aus dem Abgrund zogen. Geſchah dies nicht, ſo mußte er ver⸗ hungern. In wilder, leidenſchaftlicher Erregung warf er ſich auf die Erde, oder vielmehr in den Schnee und überließ ſich ſei⸗ ner Verzweiflung. Er begann ſchon zu überlegen, ob ein freiwilliger Tod nicht den Folterqualen des Hungers vor⸗ „ zuziehen ſei und nahm ſein Meſſer hervor. Da hörte er hin⸗ ter ſich ein Aechzen und ſchaute ſich betroffen um. Vrem war nicht das einzige lebende Weſen in der Schlucht. Wahrſcheinlich durch eine, über den Rand der Kluft hinausragende Schneewehe getäuſcht, war ein wildes Rennthier hinabgeſtürzt und hatte ſich die Beine gebrochen. Arem war das arme Thier eine willkommne Beute. Er tödtete es und ſuchte dann unter dem Schnee nach Brenn⸗ material. Er fand einiges Reiſig und auch mehrere kleine? Baumſtämme, die vom Sturm herab geweht waren. Er hatte zwar kein Beil, ſie zu zerhacken, allein die Itelmenen bedurften auch dazu niemals eines ſolchen; ſie ſpalteten das Holz mit der größten Leichtigkeit, indem ſie es höchſt geſchickt auf einader ſchlugen. Gleich Robinſons wilden Freitag zündete er durch Reiben ſchnell Feuer an und bereitete ſich ein Stück Fleiſch. Salz oder Brod brauchte er dazu nicht, einige Hände voll Schnee vervollſtändigten ſeine Mahlzeit und höchſt zufrieden kauerte er ſich zum Schlaf zuſammen. Jetzt konnte er warten, bis Leute kamen oder ſein Fuß beſſer wurde. viertes Kapitel. Inmitten des Gebirges, welches Kamtſchatka von Nor⸗ den nach Süden durchzieht, liegt einer der größten See'n der waſſerreichen Halbinſel. Er iſt eine Meile breit, zwei und eine halbe Meile lang und nimmt viele Bäche und auch warme Quellen auf. Hohe Berge unſchließen ihn, nur im Weſten treten ſie ein wenig zurück und geben einen ziemlich großen Fluß, welcher aus dem Oſero(See) Kſui ſtrömt, Raum zu ſeinem Bett. Der Fluß heißt Oſernaia und ergießt ſich in das genſchinskiſche Meer. Die Gegend war zur Zeit, in welche dieſe Erzählung füllt, ſehr bevölkert, denn der See friert nur in kalten Win⸗ tern zu und enthält bis Mitte December eine Menge Fiſche. Der ſtarkbefeſtigte Oſtrog, welcher auf einer Landzunge im See lag, war im ganzen Lande berühmt, hier wohnte der kühnſte, ſtreitbarſte Mann der Itelmenen, der ſich den Ruſſen noch immer nicht ganz ergeben hatte und nur nach eignem Belieben Tribut zahlte. Die Koſaken nannten den Oſero den kuriliſchen, weil ſeine Anwohner, wenn ſie ſich der Ueber⸗ macht der Eroberer einmal nicht erwehren konnten, ihren Wohnſitz verließen und nach der, Kamtſchatka zunächſt liegen⸗ den Inſel überſiedelten. Die Bewohner der Eilande, welche ſich bis zu den japa⸗ niſchen Inſeln hinziehn, hießen Kuſchi— die Koſaken mach⸗ ten daraus Kurilen und legten dieſen Namen auch den Itel⸗ menen bei, welche um den Landſee Kſui und überhaupt auf der Südſpitze des Landes wohnten. Die Leute waren hier wohlhabend, denn ſie durften nur wenige Meilen über das Gebirge gehn, ſo waren ſie an der WMeeresküſte, wo es ein ſehr koſtbares Pelzwild gab. Die in den Wintermonaten wehenden, ſcharfen Oſt- und Südoſt⸗ winde trieben an dieſes Ufer mit dem Eiſe eine Menge Thiere, Seebiber genannt, weil ihr ſchönes Fell mit dem des Bibers Aehnlichkeit hatte. Ein Seebiberfell galt zwei Zobel, oder vier Füchſe, und die Kamtſchadalen, deren Wohnort zum Fange nahe genug war, konnten dafür bei den Koſaken ein⸗ tauſchen, was ihnen gefiel. In keiner andern Gegend gab es ſonſt Seebiber. Die Bewohner des ſüdlichen Kamtſchatka waren geſitte⸗ ter, arbeitſamer und reinlicher als ihre nördlichen Stamm⸗ verwandten, auch waren ihre Winterhütten nicht ſo niedrig und der Rauch darin weniger erſtickend. Kontſchalo, der Häuptling des Oſtrogs, war noch ein kühner, unerſchrockner Mann, obgleich er über ſechzig Jahr zählte und die Körperſtärke, wegen welcher er einſt berühmt geweſen, ſchnell abzunehmen begann. Er war ein inniger Freund von Kosko's Vater und Schwiegervater geweſen und ſchätzte dieſen ſelber ſehr, obgleich es ihn oft verdroſſen hatte, daß Kosko ſtets die Theilnahme an den häufigen Verſchwör⸗ ungen verweigert hatte. Bei ruhiger Ueberlegung hatte Kont⸗ ſchalo indeß eingeſehn, daß der Oſtrog am Tſchamſcha nicht ſo leicht zu vertheidigen, wie der am Oſernaia, und daher bei einem unglücklichen Ausgang des Unternehmens der erbarmungsloſen Rache der Koſaken ausgeſetzt war. Kosko und ſeine Begleiter, Feodor und Alexei, waren von den Kurilen ſehr gaſtfreundlich aufgenommen und der Erſte durfte nicht ſobald abreiſen, wie er wollte. Es wur⸗ den ihm zu Ehren große Gaſtereien veranſtaltet, bei denen namentlich die Mädchen und Frauen in koſtbaren ſeidnen Kleidern und mit goldnen und ſilbernen Schmuckſachen er⸗ ſchienen. Auch das Tiſchgeſchirr war viel reicher, wie bei den Kamtſchadalen, welche die werthvollen Biberfelle nicht 46 erlangen konnten, und Kontſchalo beſaß ſogar mehrere ſilberne Gefäße. Bei dieſen Feſtmahlen wurde getanzt, geſungen und auch Komödie geſpielt, doch beſtand dieſe nur darin, daß die Sitten und Manieren, überhaupt das Weſen der Ruſſen auf eine höchſt übertriebene und meiſt ſehr ergötzliche Weiſe nach⸗ geahmt wurden. Die Gäſte fanden ſich aus meilenweiter Ferne dazu ein, doch kamen ſie nicht allein harmloſer Vergnügungen halber. Der kuriliſche Oſtrog war der Heerd aller Empöruugen gegen die Koſaken und faſt alljährlich wurde hier verabredet, die Bedeckung zu überfallen, welche den hart und oft gewalt⸗ ſam eingetriebenen Jaſak der Kamtſchadalen nach Rußland begleitete. Dieſe Ueberfälle waren gewöhnlich gelungen und es war daher kein Wunder, daß die Kurilen ſtets eine ſo ungeheure Menge von Pelzwerk zum Tauſch beſaßen. Auch jetzt vereinten ſich hier Viele von nah und fern, denen das Joch der Koſaken unerträglich ſchien, und eines Abends kamen die Männer in Kontſchalos Wohnung zu⸗ zuſammen. Kosko hatte ſich den Plänen, welche Alexei zur Abſchüt⸗ telung des fremden Joches hegte, nicht ſehr geneigt gezeigt, da er den Frieden liebte und die Macht der Ruſſen fürchtete; auch war er früher mit den Seinen ſtets glimpflich durchge⸗ kommen, weil er an keiner Empörung Theil genommen und darum bei dem Oberherrn in beſſerem Andenken geſtanden hatte, als die meiſten ſeiner Landsleute. Allein ſeit Aphaka aus ihrer Heimath fortgeſchleppt worden, hatten ſich ſeine Anſichten völlig verändert. Was einmal geſchehen war, konnte auch öfter geſchehen.— Liebe und Pflicht geboten ihm gleich dringend, ſeine Familie vor Gewaltthätigkeiten zu ſichern. Oft haben auch gebildete Nationen die Beeinträch⸗ tigung der bürgerlichen Freiheit, der politiſchen Rechte, ge⸗ duldig ertragen, aber das Volk erhob ſich ſtets und die Tyrannen wurden vertrieben, wo freche Willkür das Heilig⸗ thum der Familie anzutaſten wagte. Die Sicherheit ſeines Hauſes, das Leben und die Wohlfahrt ſeiner Kinder ſchützt oder rächt auch der Friedlichſte, Demüthigſte. Die einfäl⸗ tigen harmloſen Kamtſchadalen hatten Alle oft genug Ver⸗ anlaſſung zur Vertheidigung oder zur Rache bekommen. Daher beſeelte auch die ganze Verſammlung der Wuͤnſch, endlich einmal dieſe blutſaugeriſchen Fremden aus dem Lande zu treiben. Eine tiefe Stille herrſchte, als Kontſchalo ſich erhob und mit lauter Stimme ſprach: „Ich brauche Euch nicht noch einmal in meiner Hütte willkommen zu heißen, meine Freunde, denn Ihr wißt, daß ich keine größere Freude haben konnte, als ſo Viele unſeres Volkes bei mir zu ſehn. Ich mache nicht gern unnütze Worte und brauche lieber meine Keule als meine Zunge. Dennoch will ich Euch daran erinnern, wie die Tatachs in unſer Land kamen, obgleich Ihr das zum Theil ſelber erlebt, zum Theil erzählen gehört habt.“ „Zur Zeit, als ich noch ein junger Menſch war, lande⸗ ten einmal ſiebzehn Männer, die eine Kleidung und Waffen und verſchiedene Geräthſchaften hatten, wie wir ſie niemals vörher geſehn. Damals wohnte ein mächtiger Itelmene an der Stelle, wo jetzt Werchnoi⸗Oſtrog ſteht; er gebot über die Gegend weit umher bis zum Fluſſe Kykſcha und hieß Jwar Aſidam. Der hörte von den Fremden und ſchickte nach ihnen, um ſie zu ſprechen. Vier von ihnen kamen und er fragte ſie durch eine Koräkin, die ihre Sprache verſtand, was ſie wollen. Sie gaben zur Antwort:„Wir kommen von dem großen Herrſcher, dem alles Land gehört, und Ihr ſollt ihm jährlich einen Zobel dafür zum Geſchenk geben, daß Ihr in ſeinem Lande wohnt!“ Jwar wunderte ſich ſehr, daß er nicht in ſeinem eignen Lande, ſondern in dem der Ruſſen wohnen ſollte, aber er rief doch die Aelteſten zuſam⸗ men und berieth ſich mit ihnen. Alle meinten, die großen ſtarken Leute müßten aus einem mächtigen Volk ſein, weil ſich ihrer Wenige unterſtanden, von einem ſo großen Haufen Jaſak zu fordern, und aus einem klugen Volk, wie ihre ſchö⸗ nen Kleider und eiſerne Werkzeuge bewieſen. Auch brachten ſie ja ſo viele nützliche Dinge und verlangten dafür nur Fuchs⸗ und Zobelfelle, die jeder Itelmene umſonſt haben konnte. Darum beſchloß Jwar mit den Seinen, in das Be⸗ gehren der Tatachs zu willigen und ein großes Volk nicht dadurch zu beleidigen, daß ſeine Abgeſandten ſchlecht behan⸗ delt würden. Die Koſaken bekamen alſo mehr Zobel, als ſie erwartet hatten, und beſchenkten die Unſern mit Meſſern, worüber dieſe ſehr erfreut waren. Darauf kamen noch mehr Ruſſen und bauten Werchnoi⸗Oſtrog. Als es fertig war, hatte die gute Freundſchaft ein Ende. Die Ruſſen zogen, wie das noch immer geſchieht, im Lande umher und nahmen, was ihnen vorkam, Felle, Lebensmittel, Hunde und Menſ chen. Die Itelmenen wollten das nicht dulden und gingen nach dem Oſtrog, um dieſe Fremden todt zu ſchlagen, aber ſie waren zu ſchwach und ihr Vorhaben war auch vorher verra⸗ then worden. Sie wurden entweder erſchlagen oder gefan⸗ gen und dann auf die ſchrecklichſte Weiſe getödtet. Auch gab es Streitigkeiten unter uns und die Ruſſen ſtanden einer Partei bei und ſchwächten ſo eine nach der andern.— Spä⸗ ter wurden noch oft Uberfälle der Ruſſen verabredet und ich war ſtets dabei, doch nahmen unſere Kriegszüge ein ſchlech⸗ tes Ende. Wir waren nicht einig, oder es fanden ſich Ver⸗ räther, ſo daß die Ruſſen uns gerüſtet erwarteten, wenn wir ſie zu überraſchen dachten. Jetzt wird es aber anders ſein, denn die meiſten unſerer Brüder ſehen ein, daß es nicht länger ſo fortgehn kann. Viele Hunderte unſers Volkes ſind durch die mörderiſchen Hände der Koſaken ge⸗ fallen und ihre Gebeine liegen auf den Torffeldern umher; zuletzt bliebe ja Niemand von uns übrig. Wenn wir uns aber Alle zugleich erheben, warum ſollten wir dieſe Frem⸗ den nicht zwingen, die doch an Zahl viel geringer ſind als wir?“ Die Anweſenden ſtimmten ihm bei, dann zählten Ein⸗ zelne die Unbilden auf, welche ihnen vor Kurzem wider⸗ fahren waren. Auch Kosko theilte ſeine und Alexei's Ge⸗ ſchichte mit und erregte dadurch allgemeine Theilnahme für den Knaben. Dann ergriff Alexei ſelbſt das Wort; der blühende Knabe nahm ſich unter den, größtentheils bejahrten Männern ganz ſonderbär aus, doch hörten ihm Alle auf⸗ merkſam zu. Er wußte beſſer, als die Uebrigen, wie es in Niſchnoi zuging, wo mancher Koſak funfzig bis ſechszig Sklaven hatte, die er nach Belieben aus den Oſtrogen fort⸗ genommen hatte und, während er trank und ſpielte oder nach neuer Beute umher ging, ſchwer für ſich arbeiten Alexei Roskowska, die Eroberung Riſchnois. 50 verſicherte zugleich„Kratſch Urem goſſudar“(der wie die Sonne glänzende Herrſcher, wie die Itelmenen den ruſſiſchen Kaiſer nannten) wiſſe nichts von der Ungerechtigkeit und Härte, womit ſie behandelt würden; er verlange und erhalte nur von jedem Mann einen Zobel als Tribut— das Uebrige käme Alles auf Rechnung der Koſaken und des Gouverneurs, der die Zeit ſeiner Herrſchaft hier die Gelegen⸗ heit hatte, reich zu werden. Darauf ſchlug Alexei vor, den Angriff bis zu Ende Juni zu verſchieben, wo die geſammel⸗ ten Felle unter ſtarker Bedeckung aus dem Oſtrog fortge⸗ ſchickt würden. Die Andern gingen darauf ein und dann wurden die einzelnen Maaßregeln näher beſprochen. Am folgenden Tage reiſte ein großer Theil der Frem⸗ den ab, die Uebrigen gingen mit den Dorfbewohnern auf die Jagd. Das Wetter war ſchön und die mit Reif kan⸗ dirten Bäume und Sträucher boten einen herrlichen Anblick. Der See und der daraus fließende Strom glitzerten im Son⸗ nenlicht und über den mannigfaltig und abenteuerlich ge⸗ formten Felſen, welche rings die Ufer einſchloſſen, ragten die, ungeheuern Zuckerhüten ähnlichen Gipfel zweier Vulkane empor. Sie waren zwar lange nicht ſo groß, wie der Kamtſchatkaia in Goräla Sopka, wurden aber doch ſehr ge⸗ fürchtet und Niemand wagte ſich in ihre Nähe. Wie aus mächtigen Oeſſen ſtiegen Rauchwolken aus ihrenKratern und kräuſelten ſich zu dem tiefblauen Himmel hinan. In einiger Entfernung gab es auch zwei heiße Quellen, die, mannsdick und anderthalb Faden hoch, aus dem Boden prudelten. Die Leute hätten darin Fleiſch und Fiſche kochen 51 können, wären ſie nicht ſo furchtſam geweſen, daß ſie lieber einen großen Umweg machten, ehe ſie ſich dieſen Orten nahten, wo nach ihrer Meinung die Geiſter kochten. In der Gegend, wo der Oſternaia aus dem See fließt, war ein weißlicher Berg, deſſen eine Seite ausſah, als wären Kähne aufrecht nebeneinander geſtellt. Die Itelmenen hielten dieſe Steine für die Kähne des Weltſchöpfers Kutka, ihres Stammvaters, der hier am Oſero zuletzt gewohnt und die Boote an den Berg gelehnt haben ſollte, als er mit ſeiner Frau fortging, ohne daß Jemand erfuhr, wohin. Von dem Urſprung des Fluſſes erzählten die Eingebornen Folgendes: „Vor ſo viel Jahren, wie Haare auf vielen Köpfen, war mitten im See ein Berg, welcher aus einem einzigen Felſen beſtand und ſo ſchrecklich hoch und breit war, daß er allen übrigen Bergen das Sonnenlicht fortnahm. Die Berge zunkten daher beſtändig mit ihm und obgleich er tüchtig wiederſchalt, wurde es ihm zuletzt doch ärgerlich und er be⸗ ſchloß, dem ewigen Schelten aus dem Wege zu gehen. Eines Tages ſpazierte er zum See hinaus in das Meer, wo er ſich (vier Meilen von der Küſte) hinſtellte und dort noch heute als Inſel ſteht. Sein Herz, einen großen, kegelförmigen Stein, hatte er zum Andenken mitten im See zurückgelaſſen, und man ſieht ihn noch heute. Das Waſſer des Oſero ſehnte ſich aber nach dem Berge und eilte ihm nach bis in das Meer, in welches es, der Felſeninſel gegenüber, mündete, und ſo entſtand der Oſernaia.“ Die Kurilen waren nicht nur kräftiger von Körper, ſondern auch weniger arbeitsſcheu, wie die nördlicher woh⸗ nenden Kamtſchadalen, und betrieben mit großem Eifer den 4* 52 Fang der wilden Thiere, was die andern nur thaten, wenn ſie bei den Koſaken Schulden hatten, den Tribut bezahlen mußten, oder ein Kleidungsſtück nothwendig brauchten. Uebrigens verwendeten die Kamtſchadalen nur im Nothfall Biber, Zobel und Füchſe zu ihrer Kleidung, ſie zogen die Felle von Seehunden und Rennthieren und namentlich von Hunden, wegen ihrer Dauerhaftigkeit jenem, von Aſiaten und Europäern hoch geſchätzten Pelzwerk weit vor. Die Fallen waren ſo einfach, als ſinnreich und ſehr ver⸗ ſchieden. Ein geſpannter Bogen warz. B. an einen in die Erde gerammten Pflock befeſtigt und ein Pfeil aufgelegt; von dem die Sehne haltenden Hölzchen war ein Faden quer über die Stelle geſpannt, an welcher Spuren gefunden worden. Berührten die Vorderfüße des Wildes den Faden, ſo ſchnellte die Bogenſehne ab und der Pfeil traf gewöhnlich das Herz, denn nach der Höhe des Thieres wurde es genau berechnet, wie hoch der Pfeil liegen mußte. Zünftes Kapitel. Trotz des Wohlſtandes, zu welchem die Kurilen durch den Handelsverkehr mit den Ruſſen gelangten, waren ſie den Sitten und dem Aberglauben ihrer Väter treu geblieben. Sie hielten es für Sünde, den Schnee von den Schuhen ab⸗ zuſchaben, oder im Winter mit bloßen Füßen aus der Woh⸗ nung zu gehen und ſchärften im Freien nie ein Beil oder 53 Meſſer, weil ſie meinten, das verurſache die Sturmwinde, und hatten eine Menge dergleichen abgeſchmackte Gebräuche und Ideen. Sie verehrten alle Dinge, die ihnen nützten oder ſchadeten, als Götter und opferten ihnen, doch niemals etwas, das ſie brauchen konnten. Dem Feuer opferten ſie z. B. die Naſen von Zobeln, Füchſen und allen gefangnen Thieren. Wurden ſie gefragt, warum ſie Dieſes oder Jenes glaubten oder thaten, ſo antworteten ſie:„Wir wiſſen es nicht, unſere Alten haben es uns erzählt und geheißen.“ War etwas geſtohlen, ohne daß der Thäter entdeckt worden, ſo verſammelten ſich alle Dorfbewohner in der Hütte des Häuptlings oder Tajons und ſetzten ſich in einen Kreis. Darauf wurde von einem Schamanen oder einer Schamanin Feuer angezündet und nach einigen närriſchen Ceremonien der Wunſch ausgeſprochen, dem Diebe möchten Hände und Füße verkrummen. Alle glaubten, dieſer Wunſch ſei oft in Er⸗ füllung gegangen, und fürchteten ſich alſo, auch dann zu ſtehlen, wenn eine Entdeckung und Ausſtoßung nicht leicht möglich war. Während die Männer auf der Jagd waren, durften die Frauen nicht aufräumen oder nähen, denn nach ihrer Mei⸗ nung verderbten ſie dadurch die Spur. In der Wohnung Kantſchalo's beſchäftigten ſie ſich heute auf andere Weiſe. Eine ſeiner Töchter hatte nämlich ein Kind, das ſehr viel ſchrie. Wiegen kannte man nicht, die Mütter ſetzten ſich auf die Erde, ſteckten ihre Kinder in die Kapuze ihrer Kuk⸗ lanka und ſangen ein Lied, wobei ſie ſo lange den Ober⸗ körper vorn überbeugten, bis das Kind eingeſchlafen war. Der kleine Enkel Kantſchalo's ließ ſich aber nicht leicht ein⸗ 54 ſchaukeln und einſingen; er war ſehr unruhig, weil er wahr⸗ ſcheinlich Leibſchmerzen hatte. Die Leute dort glaubten aber, wie immer in dieſem Fall, das Kind habe nicht den rechten Namen erhalten und der Geiſt irgend eines verſtorbenen Verwandten plage daſſelbe, weil es nicht nach ihm genannt ſei. Es kam nun alſo darauf an, den Namen des Todten zu errathen, welcher das Kleine beunruhigte, und dies war das Geſchäft einer Schamanin. Während eines Gewitters ſollte das Schamanen am beſten ſein, weil dann der Donnergott Billutſchei auf dem Blitz in den Propheten oder die Prophetin fuhr. Jetzt im Frühjahr gab es jedoch kein Gewitter, alſo ſetzte ſich das alte Weib, welches die Pythia der Kamtſchadalen vorſtellte, in einen Winkel, band einen rothen Neſſelfaden um einen Fuß und murmelte Beſchwörungsworte an Billutſchei. Eine andere Frau ſetzte ſich neben ſie und redete ihr zu, ſich vor den Geiſtern nicht zu fürchten, ſondern den Namen, auf welchen ſie muthmaßte, feſt im Gedächtniß zu behalten. Dabei klapperte die Alte mit den Zähnen, wie in einem Fieberanfall, und lachte dann laut auf; endlich glaubte ſie, die Geiſter herbei gelockt zu haben, oder wollte es doch den Andern weis machen. Sie rief einige Mal:„Huſch, huſch!“ und verrieth eine große Angſt. Dabei hob ſie zu⸗ weilen den Fuß mit dem rothen Faden in die Höhe. So lange er ihr ſchwer vorkam, war das ein übles Zeichen, als er ihr aber endlich leicht zu ſein ſchien, war der Name, den ſie eben dachte, der rechte. Sie ſagte, der Knabe ſolle Schandal heißen, und dieſer Name wurde ihm ſofort beige⸗ legt. Oſt geſchah es, daß ein Kind viele Namen nach einander bekam und doch unruhig blieb; dann wurde von Zeit zu Zeit immer wieder ſchamant.— Die Namen waren übrigens beiderlei Geſchlechts; Knaben bekamen Mädchen⸗ namen und umgekehrt. Indeß drangen die Männer tief ins Gebirge, um wilde Rennthiere zu jagen. Von einem gebahnten Wege war keine Rede, der Ortsſinn der Eingebornen und die Trefflichkeit der eigens zur Jagd abgerichteten Hunde machten dieſen auch entbehrlich; überdies kannten die Itelmenen keine Furcht ſelbſt an den gefährlichſten Stellen und hatten keine Anlage zum Schwindel. Oft ließen ſie ſich von ſenkrechten Höhen an Riemen herab, ein ander Mal bog der Pfad um vor⸗ ſpringende Klippen, neben denen eine ſchaurig tiefe Kluft kaum einen etwa Fuß breiten Raum ließ. Dazu kam noch, daß die Schneehülle Abgründe und Felſenſpalten trügeriſch verdeckte; dennoch paſſirte kein ernſtlicher Unfall. Um auf dem Eiſe nicht zu gleiten, trugen die Kamtſchadalen Schuhe, deren Sohlen aus der poröſen Haut der Bärentatzen ver⸗ fertigt waren. Das Anſchlagen der Hunde deutete an, daß ſie die Spur eines Wildes entdeckt hatten und eifrig folgten ihnen Alle. Plötzlich hielten die Thiere an dem Rande einer Schlucht und bellten hinunter. Die Jäger erblickten d'runten einen Menſchen. Arem rief ihnen zu, einen Riemen herabzulaſſen und ihn hinauf zu ziehn. Das geſchah ſogleich und nachdem er glücklich oben an⸗ gelangt war, erkannte und begrüßte ihn ſein Oheim Kont⸗ ſchalv. 56 Als er ſeine Geſchichte erzählt hatte, wurde er nach dem Oſtrog gebracht und ſein Fuß durch die Heilkunſt einer alten Frau bald hergeſtellt. Der Plan zu einer allgemeinen Empörung gefiel Vrem gar wohl, nur bedauerte er, daß der Aufſtand ſo lange hinausgeſchoben worden. Indeß war vorher noch viel zu thun und er beſchloß, mit Feodor zu reiſen, welcher ſeine Heimath beſuchen wollte. Die gute Schlittbahn machte die Entfernung bis zur Südſpitze Kamtſchatkas nur gering und das Meer bis zu den kuriliſchen Inſeln ſchreckte die kühnen Männer auch nicht, obgleich es wegen der Eisſchollen ge⸗ fährlich war. Sie wollten die Kurilen zum Beiſtande an⸗ werben. Alexei war Anfangs Willens, Feodor zu begleiten, än⸗ derte jedoch ſeinen Entſchluß, als Urem mit ihm reiſte. Dieſer gefiel ihm nicht; er verdachte es ihm gar nicht, daß er die Koſaken getödtet. Wo Geſetzloſigkeit herrſcht, muß ſich Jeder gegen Ueberlaſt und Willkür ſchützen, wie er kann. Es war auch, wie ſchon geſagt, nichts Seltenes, daß Ko⸗ ſaken erſchlagen wurden, und diejenigen, welche ſie umgebracht, machten ſich nicht das geringſte Gewiſſen daraus; überhaupt galt dem Itelmenen ein Menſchenleben nicht viel. Alexei verargte es Arem aber ſehr, daß er ſo grauſam und gefühl⸗ los geweſen, ſeine Frau und Kinder mit den verhaßten Fein⸗ den dem Tode zu weihen, ſtatt dieſe, welche doch die Minder⸗ zahl waren, im Kampf zu erſchlagen. Er war Chriſt und wußte, daß Jeder für ſeine begangenen Sünden geſtraft wird, daher hielt er den Tod Agiths und des kleinen Sohnes für eine gerechte Strafe der bewieſenen, unnatürlichen Hart⸗ 57 herzigkeit. Ueberhaupt paßten Beide nicht zuſammen. Rrem war wild und roh in viel höherem Grade, als ſeine gut⸗ müthigen Landsleute. Alexei aber war mild und geſittet; es war am Beſten, daß ſie nicht lange beiſammen blieben. Es galt, Theilnehmer zu dem Aufſtande zu werben und die noch am Oſernaia weilenden Fremden kehrten alſo nach ihrer Heimath zurück. Alexei begleitete Kosko, der einen Umweg machen wollte, um den Oſtrog zu beſuchen, woher er ſtammte.— Es war jetzt Mitte März und die beſte Zeit zum Reiſen, denn der Schnee lag nicht mehr locker, ſondern war feſtge⸗ froren. Um die Schnelligkeit noch zu erhöhn, wurden unter die Kufen Schlittenläufer gebunden, die aus den obern Kinn⸗ baken eines Wallfiſches verfertigt waren; in einem Tage konnten 14 Meilen zurückgelegt werden. Die Ausdauer der Hunde kam nur der Klugheit gleich, womit ſie ihren Weg fanden und gefährliche Stellen vermieden. Muri und ſeine Gefährten zeigten nicht den geringſten Anflug der gegen Galgal bewieſenen Widerſpenſtigkeit; ſie hielten ſogar, wenn es einen ſteilen Berg abwärts ging, von ſelber an, damit kein Schaden geſchehe. Das Wetter war ſchön und klar; überhaupt gab es im Frühling ſelten Sturm und nur einen Uebelſtand, einen von denjenigen, unter welchen Napoleons große Armee auf dem Rückzuge aus Rußland viel litt. Die Sonnenſtrahlen prallten nämlich ſo blendend von der dichten Schneefläche ab, daß die Augen ſchmerzten und oft Erblindungen vor⸗ kamen. Zum Schutz dagegen trugen die Kamtſchadalen Netze von Birkenrinde vor dem Geſicht und unſre Reiſenden waren damit natürlich auch verſehn. Ueberdies wurden Alle ganz ſchwarzbraun unter der Einwirkung der Sonne; die Frauen und Mädchen erhielten ſich dadurch ihren zarten Teint, daß ſie während der Frühlingsmonate das Geſicht mit Bärendärmen beklebten. Kosko und Alexei dachten zur Nacht ein Dorf zu errei⸗ chen, das an einem Nebenfluß des Kamtſchatka lag. Die Ortſchaften waren alle an Gewäſſern erbaut, wo es Fiſche, das Hauptnahrungsmittel, gab. Die Sonne neigte ſich bereits zum Untergange, auch war die Gegend ſehr uneben und der Schnee blendete nicht ſo ſtark, wie auf einer Fläche, daher nahm Alexei die Art Maske, welche ihm ſehr läſtig war, vom Geſicht. Nicht fern vom Dorfe hörten ſie plötzlich Schellenge⸗ klingel und faſt gleichzeitig bog ein Schlitten um eine Berg⸗ ecke, die ihn vorher verdeckt hatte. Die Begegnung war, bei dem ſchnellen Lauf der Hunde, eine ganz unerwartete und die Reiſenden befanden ſich ſo nahe bei einander, daß ſie ihre Geſichtszüge genau unterſcheiden konnten. Der Koſak Bereſow, der Nämliche, welcher den Itel⸗ menen an der Tſchamſchamündung das Entweichen zweier Sklaven mitgetheilt hatte, ſaß mit einem Kamtſchadalen in dem Fuhrwerk; er ſtieß einen Ruf freudiger Ueberraſchung aus, als er Alexei erkannte. Kosko lenkte von dem Dorfe ab, weil deſſen Bewohner dem Koſaken zu ihrer Gefangennehmung vielleicht Beiſtand geleiſtet hätten. Muri ſammt ſeinen Gefährten gehorchten dem Wink, obgleich die Hunde viel lieber nach dem Oſtrog, 59 als anders wohin gegangen wären, und das Raſſeln der Ringe am Oſtall verdoppelte ihren Eifer. Bereſow folgte, ſo ſchnell ſeine Hunde vermochten, und ſetzte dabei ſeine Büchſe in Stand, während er den Flücht⸗ lingen zu halten befahl. Dieſe kehrten ſich jedoch nicht daran und Kosko ermun⸗ terte ſeine Hunde von Neuem. Es ging bergauf und wie das gebräuchlich war, ſprang er mit Alexei herab und ſie liefen neben dem Schlitten, indem ſie ſich ein wenig auf denſelben ſtützten. Als die Höhe erreicht war, ſtiegen ſie ſchnell wieder auf und es ging faſt im Fluge auf dem Rücken des Hügels dahin. Die Hunde des Koſaken hatten keine ſo große Tagereiſe gemacht und waren auch außerordentlich gute Thiere; ſie blieben dem Fuhrwerk Koskos ganz nahe und trotz der An⸗ ſtrengungen Muris und ſeiner Gefährten vermehrte ſich der Abſtand zwiſchen beiden Schlitten nicht. Bereſow ſchoß nicht, er wollte Alexei lebend in ſeine Gewalt bekommen. Daß dieſer und Kosko ſich ihm widerſetzen und ihn überwältigen könnten, fiel ihm nicht ein, er beſtrebte ſich nur, ſie einzuholen und verſetzte ſeinen Hunden einige ſcharfe Ruthenhiebe, um ſie zur möglichſten Eile anzuſpornen. Blind und raſend vor Schmerz rannten ſie auch pfeilſchnell und ſo kam der Verfolger den Verfolgten wirklich näher. Plötzlich hielt Muri an; die andern Hunde im Geſpann ſtrebten vorwärts— er hielt ſie jedoch keuchend zurück und wendete ſich dann ſeitwärts, dem Dorfe zu, obgleich Kosko ihm zurief und auch den Oſtall brauchte. Ueber die Widerſpenſtigkeit des ſonſt ſo klugen Thieres 60 verwundert, hatten Kosko und Alexei einen Augenblick nicht auf ihren Verfolger geachtet. Jetzt zerriß ein gellender Schrei die Luft und beim Zurückblicken gewahrten ſie keinen Schlitten mehr, ſondern nur einen Menſchen, der ſich vom Boden aufzuraffen ſuchte. Von den Schlägen ſcheu gemacht, hatten Bereſows Hunde die gefährliche Stelle nicht bemerkt, welche Muri glücklich gemieden, und waren mit dem Schlitten in eine Schlucht geſtürzt, die eine dünne Eisdecke dem Auge verbarg. Der itelmeniſche Führer, ein Sklave des Koſaken, war während des Sturzes herabgeſprungen, wie das die Eingebornen in der Gefahr zu thun gewöhnt waren. Kosko kehrte ſogleich um und Muri gehorchte ohne das geringſte Widerſtreben. Aus der Kluft, welche den Berg durchſchnitt, tönte nur das Gewinſel der Hunde herauf; der Koſak antwortete nicht auf den Zuruf der Obenſtehenden— er hatte ſich an einer Felsecke den Kopf zerſchmettert. Dergleichen Vorfälle waren nicht ſelten, dennoch ſchau⸗ derten die Verfolgten über das plötzliche Ende ihres Feindes und dankten Gott recht herzlich, daß er ſie durch Muri's Klugheit ſo ſichtbar beſchützt hatte. Der Sklave war von der Halbinſel Lopatka und ganz damit zufrieden, daß er frei geworden und in ſeine Heimath zurückgehn konnte. Er bat Kosko und Alexei, ihm die Hunde und den Schlitten aus der Schlucht bringen zu helfen, und ſie ließen ihn an einem Riemen hinab. Einer der Hunde hatte ſich das Genick gebrochen— der Zweite war auch ſchwer verletzt, allein die beiden andern krochen, als ihre Gefährten von ihnen losgeſchnitten waren, an einer minder 61 ſteilen Stelle der Erdſpalte empor und der ehemalige Sklave fuhr bald vergnügt mit ihnen davon. Nachdem Alexei die Büchſe des Koſaken heraufgeholt hatte, fuhr er mit Kosko langſam weiter. Es ſchien ihnen nicht rathſam, in dem Dorf einzukehren, denn wie leicht konnten andere Koſaken dorthin kommen; es war ja jetzt grade die beſte Zeit zum Reiſen und daher mehr als ein Ruſſe unter⸗ wegs. Kosko ſuchte ſeitwärts vom Oſtrog eine bequeme Lagerſtätte und errichtete eine Hütte.— Aufgeregt von dem plötzlichen Tode des Koſaken, konnte Alexei nicht einſchlafen. Er ging umher und erſtieg endlich, von Muri begleitet, eine nahe Anhöhe. Der Mond war voll und der leuchtende Schnee vermehrte die Helle, ſo daß Alles faſt wie im Tage zu erkennen war. Der Geſichtskreis wurde rings durch bewaldete Berge geſchloſſen, von denen einige ziemlich nahe, andre ſehr fern waren; der gigantiſche Kamtſchatskaia mit ſeinem, von Dampfwolken umgebenen Gipfel ragte trotz ſeiner Entfer⸗ nung über alle dieſe Bergkegel empor. Durch ein Gehölz von ihm getrennt, doch von ſeinem hohen Standpunkt aus deutlich ſichtbar, lag das Dorf, deſſen pyramidenartig geformten, mit Stroh gedeckten Ba⸗ laganen im Mondlicht golden ſchimmerten, während die nie⸗ dern Jurtendächer großen Maulwurfshügeln glichen. Alexei ſchaute lange dorthin und auf die Rauchwolken, welche aus einer Jurte aufſtiegen— endlich bemerkte er zu ſeinem Er⸗ ſtaunen, daß zu ſo ſpäter Stunde mehrere Menſchen aus dem Rauchloch kamen, ſich draußen etwas zu ſchaffen mach⸗ 62 ten und dann wieder hineingingen. Um den Platz, wo ſie vorher geweſen, ſammelte ſich eine Menge bellender Hunde. Muri hatte längſt am Boden umhergeſchnuppert und lief jetzt haſtig fort. In einem nahen Gebüſch hörte Alexei ihn freudig bellen und gleich darauf kam er in großen Sprüngen zurück. Tempte folgte nicht viel langſamer und äußerte lebhaft ſein Entzücken über das Zuſammentreffen. Nach ſeiner gewohnten Weiſe ſtreifte er planlos umher. Er hatte von der Lagerſtätte, die er ſich auserſehn und auf welcher ihn Muri aufgeſtöbert, das Dorf beobachtet und wußte, daß keine Koſaken in demſelben waren. Alexei ſchickte ihn ab, zu erforſchen, was es für ein Gegenſtand ſei, um welchen die Hunde ſich geſammelt hatten. Mit eben ſo großer Gelenkigkeit als Schnelligkeit ſchlüpfte der Verſtümmelte hinab und kam nach ſehr kurzer Zeit wieder. „Es iſt nichts Beſonderes,“ ſagte er gleichgiltig,„Sie haben nur einen Sterbenden hinausgeworfen und die Hunde können die Zeit nicht erwarten, bis er todt iſt, und ver⸗ ſuchen ihn ſchon anzubeißen. Ich jagte ſie fort, aber ſie ſind doch längſt wieder über ihn her!“ „Pfui, das iſt abſcheulich, das iſt gräßlich!“ rief Alexei. Tempte konnte es ſich nicht recht erklären, warum der Jüngling über etwas unwillig wurde, das doch ein faſt all⸗ gemeiner Gebrauch war. Alerei achtete nicht auf ihn, er ging zu Kosko, weckte ihn und theilte ihm mit, was Tempte geſagt hatte. Dann ſpann⸗ ten Beide die Hunde an und begaben ſich nach dem Dorfe. — 5 63 Der Sterbende war ſchon todt und die Hunde gierig mit der Leiche beſchäftigt. Kosko verjagte die Thiere und rief die Dorfbewohner zuſammen. Er ſchalt ſie wegen der Grauſamkeit, einen noch lebenden Menſchen vor die Hunde zu werfen. Die Leute waren Anfangs erſtaunt, dann ſagte ein Schwiegerſohn des eben Verſtorbenen verwundert und de⸗ müthig:„Iſt das denn etwas Böſes? Unſre Alten verlan⸗ gen ja oft ſelber, daß wir ſie vor die Hunde werfen. Wenn ſie ſchwach ſind, iſt ihnen das Leben zur Laſt und bei Haetſch werden ſie wieder jung und haben es gut. Und dann kön⸗ nen wir die Kranken ja auch nicht in der Jurte ſterben laſſen. Hat der Tod einmal den Weg in eine Hütte gefunden, ſo müſſen die andern Bewohner ausziehn, oder er kommt auch nach ihnen und dn weißt wohl, wie ſchwer es iſt und wie viel Mühe es koſtet, eine neue Winterwohnung zu bauen. Da tragen wir den Sterbenden nakürlich lieber hinaus, daß der Tod ihn draußen findet. Wenn es dir aber nicht ge⸗ fällt und du es grauſam nennſt, ſo thun wir es künftig nicht mehr. Wir ſind arme, einfältige Leute und wiſſen nicht, was Recht oder Unrecht iſt; wir leben, wie unſre Alten vor uns gelebt haben, ſagt uns aber Jemand etwas Beſſeres, ſo nehmen wir es gern an. Seid darum nicht auf uns böſe und laßt es euch als Gäſte bei uns ge⸗ fallen!“ Mit großem Eifer bemühten ſich Alle, den Ankömmlin⸗ gen etwas Liebes zu erweiſen. Sie erhielten den wärmſten Platz am Heerde, ihre Hunde wurden mit gekochten,„ſauern“ Fiſchen tractirt und für ſie das Beſte aufgetiſcht, was das arme 64 Völkchen irgend hatte. Die Tochter des Verſtorbenen be⸗ reitete eilig die Selaga, eine ſehr beliebte Delicateſſe, die manche Hausfrau recht ſchmackhaft zu bereiten verſtand. Getrocknete Fiſche und verſchiedene Beeren, die als Brot dienenden Lilienzwiebeln, Nüſſe, Eier und Fleiſch von Ge⸗ flügel wurden zuſammengehackt und dies Gemenge ſchmeckte ihnen ſehr gut; allein es war durchaus nicht appetitlich, daß die Frau mit ungewaſchnen Händen darin knetete. Die wenigen Thränen waren ſchon getrocknet, welche ſie über den Tod ihres Vaters geweint hatte, und ſie war ganz vergnügt, daß ſie Gäſte bewirthen konnte. „Ach, ach, und dieſe Menſchen ſollen ſich frei machen und ein glückliches, geachtetes Volk werden!“ dachte Alexei zugleich betrübt und empört.„Ich träumte mir das manch⸗ mal ſo ſchön und leicht und im Grunde ſtehen ſie gar nicht viel über dem Thier, haben nicht das natürlichſte Gefühl: Anhänglichkeit und Dankbarkeit für ihre Eltern!“ Doch waren ſie gaſtfrei, gutmüthig und gelehrig und erklärten ſich bereit zum Kampf gegen die Koſaken, als Kosko ihnen davon ſprach, nachdem er ſie vorher ausge⸗ horcht, ob ſie den Plan auch nicht verrathen würden. Tempte war draußen geblieben; die Leute, welche ihn nicht kannten, hätten ihn auch nicht allzu freundlich aufge⸗ nommen. Kosko und Alexei ſetzten ihre Reiſe zu ihren Verwandten fort und fanden bei dieſen freundliche Aufnahme und das Verſprechen kräftigen Beiſtandes, wenn die Empörung aus⸗ brechen würde. Dann kehrte Kosko zu den Seinen zurück und Alexei wurde von ſeinen Anverwandten nach dem Oſer⸗ naia gebracht. Ueberall wohin er kam, erwarb er ſich Liebe und Bewunderung; ſeine Klugheit und ſein einnehmendes Weſen, verſchafften ein ihm bei ſeiner Jugend außerordent⸗ liches Anſehn. Sechſtes Rapitel. Um die Zeit der Tag- und Nachtgleiche gab es auf Kamtſchatka oft heftige Erdbeben, doch in dieſem Jahr ließen ſich nur wenige unbedeutende Erſchütterungen des Bodens ſpüren. Anfangs April fing der Schnee an zu thauen und die Kamtſchadalen bezogen ihre luftigen Sommerwohnungen, weil die Jurten ſich mit Waſſer füllten. Das ganze Land war überſchwemmt und ſchien nichts als See und Sumpf zu ſein. Es war nun die ſchwerſte Zeit des Jahres, denn der Vorrath von Lebensmitteln war überall aufgezehrt. Der vorige Sommer war feucht geweſen und daher nicht ſo viel Vorrath bereitet worden, wie ſonſt, überdies waren die Itelmenen zu kindiſch und leichtſinnig, um zeitig ſparſam zu ſein, darum ging es im Frühling gewöhnlich etwas knapp zu. Doch auch in Kosko's Oſtrog und ſogar in ſeiner Hütte, wo ſonſt der Ueberfluß herrſchte, war jetzt Mangel einge⸗ treten, weil die Koſaken das Beſte und Meiſte mit ſich ge⸗ nommen und das Uebrige größtentheils verdorben hatten. Roskowska, Die Eroberung Niſchnois. 5 66 Zwar ſtarb Niemand Hungers, wie das oft geſchah, wenn der Ertrag der Fiſcherei gering geweſen, allein die unum⸗ gänglichen Entbehrungen, unter denen Alle litten, machten die Stimmung gegen die Ruſſen noch gereizter. Glücklicherweiſe waren die Kamtſchadalen nicht wählig in ihren Speiſen und hatten einen Magen, der viel vertrug. Sie aßen Alles, was ihnen vorkam, außer Mäuſen und Eidechſen, gruben nach Wurzeln und verzehrten die Rinde der Bäume in der Nähe ihrer Wohnungen. Mit dem Mai begann das neue Jahr, das bei den Itel⸗ menen nur ſechs Monate hatte und alſo mit dem Oetober zu Ende war. Jetzt verſchwand bald die Noth an Lebens⸗ mitteln, denn der ſchmackhafteſte der kamtſchadaliſchen Fiſche, der Tſchabitſcha, beginnt dann ſchon ſeine Wanderung aus der See nach den Quellen der Flüſſe. Es iſt eine ſehr fette Lachsart, deren Köpfe und Bäuche an Wohlgeſchmack alle andere guten Fiſche bei Weitem übertreffen, auf deſſen An⸗ kunft ſich alſo auch alle Leckermäuler ſehr freuten. Die Fiſche ſteigen oft in ſolcher Menge auf, daß die, von dem vielen Schneewaſſer ohnehin ſtark angeſchwollenen Flüſſe übertreten und ſpäter eine Menge Tſchabitſchen am ufer liegen bleibt und ſogar von Hunden und Bären ver⸗ ſchmäht wird. Sacknetze waren gar nicht im Gebrauch— ſie wären zerriſſen; oft wurde nur mit Spießen ins Waſſer hineingeſtoßen und daran mitunter ein Fiſch aufgeſpießt, der vierzig Pfund oder darüber wog. An den Mündungen der Flüſſe waren die Fiſche am fetteſten und ganz ſilberweiß; je näher ſie den Quellen kamen, deſto magerer wurden ſie und auch deſto rothfleckiger. 67 Die meiſten Itelmenen zogen im Frühling nach den Mündungen, um dort Fiſchfett zu kochen; ſie warfen, wie bei der Bereitung des Hundefutters, glühende Steine in den Trog mit Fiſchen, bis das Fett ausgeſchmolzen war. Kosko mit ſeiner Familie und dem größten Theil der Dorfbewohner war daheim geblieben; ſie begnügten ſich mit den Fiſchen, welche zu ihnen kamen, um bei der erſten Be⸗ wegung zum Kampf bereit zu ſein. Nachdem die Menge Waſſer ſich einigermaßen verlaufen hatte, womit der ſchmelzende Schnee das Land überſchwemmte, kehrten Alexei und Feodor nach dem Oſtrog am Tſchamſcha zurück. Der gute Bruder Baſil war wieder in den Oſtrog ge⸗ kommen, der ihm wohl gefiel; er hatte Aphaka und mehrere Andre getauft und den Unterricht in der Religion fortgeſetzt. Es freute ihn ſehr, in Alexei und Feodor gute Chriſten kennen zu lernen, und obwohl er wußte, daß ſie die Sklaven des Gouverneurs waren, dachte er nicht daran, ſie zu ver⸗ rathen. Er mißbilligte die Unmenſchlichkeit, womit man den Eingebornen begegnete und bemühte ſich, ſo viel in ſei⸗ nen Kräften ſtand, zu vermitteln und ein Unrecht gut zu machen. Er war zu wenig ſcharfblickend, um zu bemerken, daß die Eingebornen ihre Waffen rüſteten und einen Angriff auf die Ruſſen beabſichtigten. Die Kamtſchadalen liebten und ehrten ihn und er verdiente das wegen ſeines warmen, wohlwollenden Herzens und ſeiner Frömmigkeit. Feodor und Tſchekawa hatten ſich gegenſeitig immer ge⸗ fallen und hauptſächlich des Mädchens willen war der Kurile ietzt nach dem Oſtrog zurückgekehrt. Es traf ſich gut, daß 5* 5 68 grade Bruder Baſil anweſend war, denn nach den ruſſiſchen Oſtrogen durfte Feodor doch nicht kommen und außerhalb derſelben gab es keinen chriſtlichen Prieſter, um das junge Paar zu trauen. Tſchekawas Verwandte waren damit zu⸗ frieden und Baſil ließ ſich nicht lange bitten— er verrichtete die Trauung und reiſte dann weiter ins Land zu andern Chriſten. Gtechan Tatach war ganz glücklich. Paſuitſch, Tſche⸗ kawa und Aphaka, wie alle übrigen Frauen und Mädchen hatten ſie lieb. Die Kinder ſpielten gern mit ihr und nie⸗ mals wurde ſie zurückgeſetzt oder verſpottet. Emſig und mit großer Freude ging ſie den Frauen an die Hand, wo ſie konnte, und fand ſich auch immer etwas für ſie zu thun. Lipacha war Pikankurs liebſter Spielgefährte geworden und die beiden hübſchen, aufgeweckten Knaben machten ihrer Umgebung oft Vergnügen. Namentlich freute ſich die alte Saagſchehm über ſie. Sie war eine große Kinderfreundin und wurde ſelbſt dann nicht böſe, wenn die Kleinen dumme Streiche machten. Und das kam oft genug vor. Pikankur war von ſeinen verſtän⸗ digen Eltern nicht verwöhnt und daher ſtets ziemlich artig geweſen. Jetzt nahm er von Lipacha manche kleine Un⸗ tugend an. Dieſer war zwar nicht mehr ſo ungezogen, wie früher, da er ſeine Schweſter quälte, und wurde auch, ob⸗ gleich ihn Jedermann gern hatte, nicht mehr ſo verhätſchelt, wie daheim bei ſeinen Eltern, allein er konnte ſeine Unarten doch nicht ſo ſchnell ablegen und verleitete zuweilen auch ſeinen Spielkameraden. 69 Eines Tages ging Alexei in Begleitung Temptes zu dem Schamanen am Fuße des Kamtſchatskaia. Der Weg dahin war dieſes Mal zwar nicht ſo beſchwerlich, wie damals, als er ihn zuerſt mit Feodor und Tempte unternahm. Dennoch war er nicht wenig ermüdet, als er anlangte, denn Fuß⸗ wanderungen waren ja auf Kamtſchatka und namentlich in dieſer unebenen, zerklüfteten Gegend ſehr anſtrengend. Als Tempte, Alexei und Feodor aufſuchend, zum erſten Mal nach der Hütte des Schamanen gekommen war, hatte ſich dieſer mit Abſcheu und Verachtung von dem Gebrand⸗ markten gewendet. Nachdem er indeß gehört, mit welcher Aufopferung er für ſeine Wohlthäter gelitten, war er freund⸗ licher gegen ihn geworden, auch ſchon um Alexeis willen. Dieſen hatte er ſehr lieb gewonnen, obgleich er ein Chriſt war. Das Verwandte in ihnen, die Abneigung gegen die Fremdherrſchaft und der Wunſch, davon frei zu werden, hatte ſie einander ſchon damals ſehr nahe gebracht. Uebri⸗ gens war der Alte kein Gaukler oder Betrüger— er glaubte ſelber, was er die Leute glauben machte. Er war über Alexeis Beſuch ſehr erfreut und hätte um ſeinetwillen auch Tempte aufgenommen. Allein der Ver⸗ ſtümmelte, welcher ſeinen Aberglauben noch nicht ganz abge⸗ legt hatte, getraute ſich nicht in die Wohnung des vermeint⸗ lichen Zauberers, ſondern trat lieber den Rückweg an. Der Alte verzog ſein runzelvolles, verwittertes Geſicht zu einem vergnügten Lachen, als Alexei ihm mittheilte, welche Vorbereitungen ſchon zum Aufſtande gemacht ſeien. Von dem Plan war er durch Kosko ſogleich in Kenntniß geſetzt worden. 70 Alexei ſtieg ſehr in ſeiner Gunſt, als er ihn über das ganze Unternehmen reden hörte. Er war zwar abergläubiſch, doch ſonſt verſtändig genug, ſeine Klugheit zu erkennen und zu bewundern. Lebhaft wünſchte er, ihn von dem Glauben an den fremden Gott abwendig zu machen und ließ ſich Abends auf eine ausführliche Darlegung ſeiner Lehre ein, weil er meinte, Alexei kenne dieſelbe gar nicht, da er ſchon in früher Jugend unter die Tatachs gekommen war. „Die ganze Erde und Alles, was es giebt, iſt von Kutka erſchaffen worden,“ ſagte er unter Andern.„Dabei zeigte Kutka recht, wie einfältig er iſt, denn ſonſt hätte er es doch beſſer eingerichtet und nicht ſo viele hohe Berge und reißende Ströme gemacht, oder ſo ſchreckliche Stürme und Regen⸗ güſſe verurſacht. Woher er gekommen, wiſſen wir nicht, aber vor ſo langer Zeit, wie Haare auf vielen Köpfen, wohnte er mit ſeiner Frau Chachy, die viel klüger war, als er ſelber, eine Zeitlang an jedem unſerer Flüſſe und hatte Söhne und Töchter, von denen wir Itelmenen abſtammen. Wo er blieb, wiſſen wir nicht und fragen auch nicht darnach, denn wir haben ja mit ihm nichts zu ſchaffen und er küm⸗ mert ſich auch um Keinen; Jeder muß ſelbſt für ſich und ſeine Kinder ſorgen. Wem es ſchlecht geht oder hier nicht gefällt, der kann ſterben, da kommt er in die Unterwelt, zu Haetſch, der einer der älteſten Söhne Kutka's war und zuerſt ſtarb. Dort iſt es viel beſſer, wie hier oben— Jeder bleibt geſund und hat vollauf zu eſſen und die ſchönſten Kleider und Hundt und bekommt dort auch ſeine Frauen und Kinder wieder, kurz— es iſt ſo ſchön, wie man es ſich nur denken kann. Und was das Beſte iſt, die Ruſſen kommen nicht 71 dorthin! Siehſt Du nun, welch Unglück es iſt, das Du ge⸗ tauft biſt? Du mußt in den Himmel und was hilft es, daß es dort herrlich iſt? Die Koſaken werden auch da ſein und es wird über die Itelmenen grade ſo hergehn, wie hier! Sie werden nie aufhören, Euch ſchlechter zu achten, wie die Hunde, denn das liegt ihnen im Blut; gleichviel, ob ſie auf der Erde oder im Himmel leben, ſie bleiben doch die Herren. Da lobe ich mir die Unterwelt, wo wir von dieſer Plage nichts wiſſen werden.— Und nicht blos die Menſchen leben wieder auf, ſondern auch die Hunde und alle Thiere, ſelbſt die kleinſte Fliege. Haetſch kam einmal herauf und hat es den Menſchen, die damals lebten, erzählt, wie es dort iſt; die erzählten es wieder ihren Kindern und ſo iſt es auf uns gekommen. Hätteſt Du die Schwalben und Bachſtelzen ſo viele Mal kommen und fortziehn ſehn, wie ich, Du würdeſt auch wiſſen, daß es jetzt viel weniger Thiere giebt, als früher; ſie ziehn alle mit den Menſchen nach der Unterwelt. Daß wir überhaupt ſterben, das kommt von den Geiſtern her, nicht von Kutka.“ „Auch werden die Menſchen nach dem Tode nicht beſtraft, wie bei den Chriſten; wer ſtiehlt, wird geſchlagen und aus⸗ geſtoßen, hat alſo ſeine Strafe fort. Sünde iſt nur, Etwas thun, was unſre Vorfahren nicht thaten. Es iſt Sünde, den Schnee mit einem Meſſer von den Schuhen kratzen, denn daraus entſtehn die Sturmwinde; oder Fiſche und Fleiſch zuſammen in einem Keſſel kochen, oder einen Pfad gehn, auf dem unſre Voreltern nicht gegangen ſind, und vieles Andre, was unſre Alten uns gelehrt haben. Belohnt wird aber auch nach dem Tode Niemand, denn wer hier gut war, der 72 hatte auch viele Freunde und lebte angenehm. Es heißt zwar, daß Alle, die hier nur ſchlechte Kleider hatten, dort Hundskuklanken bekommen, und die hier gute Hunde hatten, ſie dort Andern geben, welche ſich auf Erden mit ſchlechten Thieren behelfen mußten, aber das wird nur ſo geſagt, da⸗ mit die Armen hier nicht gegen die Reichen aufſäſſig werden.“ „Ich hätte mich längſt getödtet, denn ich bin alt und habe hier keine Freude, aber ich möchte doch ſehn, ob die Koſaken nicht aus unſerm ſchönen Lande vertrieben werden. Vielleicht geſchieht das bald, denn die Geiſter im Berge draußen heizen ſtark und wenn das Feuer zum Rauchloch herausbrennt, empören ſich ja die Itelmenen wieder gegen ihre Feinde. Sie werden glücklicher ſein, wie früher, denn daß Balakitgh ſich im vorigen Jahr an der Mündung des Tſchamſcha zeigte, hat etwas zu bedeuten. Unſern Vor⸗ eltern erſchienen die Götter und Geiſter zuweilen und ich habe, wenn ich hier Nachts allein war, oft wunderliche Töne im Berg gehört, oder Billutſchei kam beim Schamanen über mich, aber geſehn habe ich nur damals Einen, der kein Menſch iſt wie wir.“ Alexei verſuchte eifrig, dem Alten ſeine albernen und gottesläſterlichen Anſichten zu benehmen, allein mit der Zähig⸗ keit des Alters und eines eigenſinnigen Charakters hielt er an Allem feſt, was er von Kindheit an und ſu Voreltern vor ihm, geglaubt hatte. Als er wieder von der Erſcheinung Lalakitghs ſprach, erzählte ihm Alexei, es ſei Feodor geweſen, den er damals für den Windmacher gehalten hatte. Anfangs zweifelte er daran, dann gab er zu, er könne ſich dies Mal geirrt haben, 73 verlor aber durchaus nicht die Zuverſicht zu ſeinen Göttern. — Er meinte ganz ruhig, wenn es nicht wirklich der Wind⸗ macher geweſen, den er geſehn, ſo wäre das kein Grund, an einen Windmacher überhaupt nicht zu glauben. Eben ſo wenig wie ſeine religiöſen Anſichten vermochte Alexei ſeine Idee von der Geſtalt der Erde zu berichtigen. Es ſchien ihm unmöglich, daß dieſe kugelförmig ſein könne, weil dann ja alle Menſchen herunterfallen müßten, die ſich nicht grade um den oberſten Mittelpunkt aufhielten. Er, wie ſein Volk überhaupt, ſtellte ſich das Weltall ungefähr wie ein ungeheueres Faß mit drei Boden vor, wovon das Firmament der oberſte, die Unterwelt der unterſte und die Erde der mittelſte ſei. Die untere Seite der Erde ſollte zugleich der Himmel der Unterwelt ſein. Siebentes Kapitel. Mehrere Kinder waren auf einem Hügel dicht beim Dorfe. Sie führten von Sand und Steinen Wälle auf und ahmten die Arbeiten der Erwachſenen nach. Nach einer Weile wurde das aber Einem nach dem Andern langweilig; ſie liefen um⸗ her und kehrten zuletzt nach den Wohnungen ihrer Eltern zurück. Nur Pikankur und Lipacha blieben bei ihrem Spiel, als ihnen dieſes aber zuletzt auch überdrüſſig wurde, ſuchten ſie 74 Blumen. In der Nähe des Oſtrogs gab es keine, ſie gingen alſo nach dem Rande des nahen Gehölzes. „Weißt Du was,“ ſagte hier Lipacha,„wir gehen lieber nach dem Tſchamſcha, da kenne ich eine Stelle, auf der die ſchönſten Blumen blühen. Als Dein Vater uns neulich mitnahm, hat Gtechan Tatach da prächtige geſam⸗ melt und die ſchönen Kränze gemacht— ſie ſoll uns jetzt wieder welche machen. Die Stelle werde ich ſchon finden.“ „Aber wir dürfen ja nicht allein ſo weit gehn!“ meinte Pikankur bedenklich.„Wir finden uns am Ende nicht zurück.“ Lipacha lachte ihn aus; auf dem Fußpfade konnten ſie ſich ja nicht verirren. Pikankur ſah das ein und Beide liefen in das Gebüſch, welches den Wald umgrenzte. Ehe ſie jedoch den Ort erreichten, wo die Blumen ſtehn ſollten, erblickten ſie auf einem Baum ein Eichhörnchen. „Ach, das fange ich mir!“ rief Lipacha. „Oho, ich bin doch wohl größer, kann es alſo eher fangen!“ antwortete Pikankur. S Sie verſuchten Beide das Thierchen zu greifen, doch konnten ſie natürlich nicht auf den Baum hinauf reichen. Das Eichhörnchen wartete nicht ab, bis Pikankur hinauf⸗ geklettert war, es ſprang auf den nächſten Baum. Die Kinder folgten in großem Jagdeifer und verließen dabei den Fußpfad. Das Thierchen ſchien ſich ein Vergnügen daraus zu machen, die Kinder zu necken; munter und behend hüpfte es von Baumzweig zu Baumzweig und die Knaben wollten ſich über die poſſierlichen Sprünge halbtodt lachen. Da⸗ durch wurde ihre Begierde, das niedliche Thierchen zu ——— 75 fangen, noch geſteigert, und da ſie es auf andere Art nicht erreichen konnten, ſo ergriffen ſie Steine und warfen darnach. Das gefiel dem Eichhörnchen jedoch nicht und mit einigen Sätzen war es im Dickicht verſchwunden und ließ den Knaben das Nachſehen. „Wir wollen Feodor bitten, dann fängt er uns mehr als eins!“ ſagte Pikankur ſich und ſeinen Gefährten tröſtend. Der Ruf eines Kuckucks ließ ſie das Eichhörnchen völlig vergeſſen und mit großer Haſt bemühten ſie ſich, den Vogel zu finden. Dabei geriethen ſie immer tiefer in den Wald. Sie hatten nicht geſehn, daß der Himmel ſich umwölkte; erſt ein Blitzſtrahl, dem ein ferner Donner folgte, machte ſie darauf aufmerkſam. Erſchrocken wollten ſie nach Hauſe, allein von dem Wege war nichts zn entdecken. Mit zu⸗ nehmender Angſt liefen ſie weiter in der Richtung, welche ſie für die richtige hielten, entfernten ſich dadurch aber immer mehr vom Dorfe. Gtechan Tatach ſollte die Knaben zu Mittag rufen und ſie hatte keinen geringen Schreck, als ſie nicht zu finden waren. Die Kinder, mit welchen ſie geſpielt, wurden nach ihnen gefragt, in den Hütten und der Umgegend geſucht, doch keine Spur von ihnen gefunden. Ein Mädchen hatte ſie in den Wald gehen ſehn, und hier wurden nun nach ihnen Nachforſchungen angeſtellt. Paſuitſch und die Ihrigen waren ſehr erſchrocken. Mehrere Perſonen zerſtreuten ſich ſogleich in allen Rich⸗ 76 tungen im Walde, allein ohne die Vermißten zu finden. Es begann nun auch zu regnen und das Gewitter kam näher und näher. Die Meiſten kehrten triefend von der fruchtloſen Nachforſchung wieder. „O es iſt auch umſonſt, daß Ihr ſie ſucht!“ jammerte Saagſchehm.„Wir werden ſie im Leben nicht wieder ſehen und auch nicht einmal bei Haetſch, denn ſicherlich hat ſie Billutſchei geraubt. Pikankur war ein zu ſchöner Junge und auch Lipacha nicht übel— Billutſchei hat ſie geholt! Er wird ſie als Leuchter brauchen zu ein Paar von den Lichtern, die er allabendlich am Himmel anſteckt!“ „Aber, Mutter, glaube und rede doch nicht ſolch' dummes Zeug!“ ſagte Paſuitſch.„Es giebt ja gar keinen Billutſchei, wie könnte er alſo die Kinder geraubt haben? Sie haben ſich im Walde verirrt und das iſt ein großes Unglück. Wie leicht können ſie Schaden nehmen! Und was würde Arem ſagen, wenn er kommt und ſeinen Sohn nicht findet! Pikankur iſt ein recht ſchlechtes Kind, uns ſolchen Kummer, ſolche Sorge zu machen! Wenn wir ihn und Lipacha nur erſt lebend und geſund wieder hätten!“ „Du wirſt ſehen, daß ich recht habe!“ behauptete ihre Mutter.„In meiner Jugend geſchah es oft genug, daß Kinder verſchwanden, und unſere Alten ſagten dann immer: Billutſchei habe ſie zu Leuchtern geraubt— alſo muß es doch wahr ſein.“ Dabei blieb ſie und viele Einfältige und Abergläubige im Dorft dachten wie ſie. Der Regen fiel in Strömen herab und der Wind heulte dazu ſein unheimliches Lied. Blitze zuckten und Schlag 57 auf Schlag folgte der Donner. Auch als das Gewitter vorüber gezogen war, hörte der Regen nicht auf, und es ſchien, es werde tagelang wie mit Kannen gießen, was übrigens keine Seltenheit auf Kamtſchatka war. Saagſchehm fand in dem Wetter eine Beſtätigung ihrer Vermuthung:„Die Gamulis(Geiſter) Billutſchei's verur⸗ ſachen es auf ſeinen Befehl!“ ſagte ſie.„Wir werden die Kinder nie wiederſehn! Die armen lieben Kleinen!— Und wäre Pikankur noch unſer, ſo könnten wir das ſchlechte Wetter bald in das ſchönſte verwandeln laſſen!“ Sie ſpielte dabei auf einen ſehr verbreiteten Aber⸗ glauben an. Es galt bei den Itelmenen nämlich für ein Unglück, wenn ein Kind in ſchlechtem Wetter geboren worden, und ein ſolches mußte gereinigt werden, damit ihm nicht allerlei Uebles begegne. War es ſo weit herange⸗ wachſen, daß es gut laufen konnte, ſo wurde es, wenn es einmal recht tüchtig regnete und ſtürmte, ganz nackt ausge⸗ zogen, bekam eine Muſchelſchale in die Hand und mußte um alle Hütten des Dorfes gehn, indem es, die Muſchel in die Höhe haltend, betete:„Höret auf, zu regnen und zu ſtür⸗ men, Gamulis. Die Muſchel iſt an ſalziges, nicht an ſüßes Waſſer gewöhnt. Hört auf, zu regnen und zu ſtürmen— ich bin ja ſchon ganz naß. Seht wie ich zittre; ich muß erfrieren, denn ich habe keine Kleider an!“ Durch dieſe Ceremonie ſollten die Geiſter, welche das Wetter machten, mit dem Kinde ausgeſöhnt ſein, und ſich überhaupt ſehr geſchmeichelt fühlen. Daher ging auch zu⸗ weilen bei anhaltend ſchlechtem Wetter in ſolchem Aufzuge ein Kind umher, das im ſchönen Wetter geboren war und 78 die Gläubigen behaupteten, es käme dann bald der ſchönſte Sonnenſchein. Pikankur war in gutem Wetter geboren, daher meinte die Großmutter, mit ſeiner Hilfe hätte man den Regen bald aufhören gemacht. Kosko, Feodor, Tſchakawa, ihr Vater, Aphaka und Andere waren eine Strecke vom Dorf entfernt am Ufer des Fluſſes. Die Männer fingen Fiſche, die Frauen und Mädchen zerſchnitten ſie zum Trocknen, oder kochten das Fett aus demſelben, welches in jeder Haushaltung eine wichtige Rolle ſpielte. Doch thaten ſie das nicht auf die frühere, höchſt unbequeme Weiſe, in einem Trog, in welchen glühende Steine geworfen wurden, ſondern ſie brauchten dazu Kosko's großen Keſſel. Mitten in der Arbeit wurden ſie durch die Botſchaft aufgeſchreckt, Pikankur und Lipacha ſeien nicht zu finden. Augenblicklich ließen ſie Alles ſtehen und eilten nach dem Oſtrog, während ſich die naſchhaften, gefräßigen Hunde über die gefangnen Fiſche hermachten. Muri war mit Alexei gegangen, ſonſt hätte er die Spur der Knaben gewiß bald gefunden. Das heftige Gewitter hinderte auch an Nachforſchungen und Pikankurs Eltern waren faſt in Verzweiflung. Wie leicht konnten die Ver⸗ irrten in einem der vielen Bäche ertrinken, oder in einen Sumpf gerathen, oder von Bären und Wölfen zerriſſen werden Vielleicht entfernten ſie ſich in ihrer Angſt ſo weit, daß ſie lange nicht aufgefunden wurden und dem Hunger erlagen, auch war es ja möglich, daß ſie der Blitz erſchlug. Der Abend kam, ehe das Gewitter vorübergegangen war, und die Nacht verging unter dieſen Befürchtungen in ſchreck⸗ 59 licher Langſamkeit. Als der Morgen graute, brachen ſämmt⸗ liche Bewohner des Dorfes auf, um den Wald genau zu durchſuchen. Sie waren noch nicht weit gekommen, als ihnen Muri mit freudigem Gebell entgegenſprang und in kurzer Zeit nahte Tempte mit den vermißten Kindern. Dieſe waren mit dem Schrecken davon gekommen und Pikankurs Eltern waren über ihren Anblick ſo glücklich, daß ſie jedes ſtrafende Wort vergaßen. Auch gelobten die Kinder, nie wieder allein in den Wald zu gehn; ſie hatten ſich ſo ſehr geängſtigt, daß anzunehmen war, ſie würden ihr Verſprechen auch halten. Beide waren ſo weit gelaufen, bis ſie vor Ermüdung nicht weiter konnten, dann hatten ſie ſich unter einen Baum gekauert und laut geweint. Muri, der mit Tempte von dem Schamanen zurückkehrte, hatte ſie aufgeſtöbert und ſie waren bei ſeinem und Temptes Anblick natürlich ſehr er⸗ freut geweſen. Den Rückweg anzutreten, waren ſie zu erſchöpft, ſie mußten erſt ausruhen und ausſchlafen. Tempte hatte ihnen ein trocknes Plätzchen geſucht, auch Wurzeln und wilden Knoblauch, um ihren Hunger zu ſtillen. Muri, welcher der Familie ſchon ſo viele Dienſte ge⸗ leiſtet, wurde noch mehr als ſonſt geliebkoſt; auch gegen Tempte waren Alle ſehr dankbar. Noch an demſelben Tage traf Rrem ein, der ſich faſt beſtändig unterwegs befand, um Theilnehmer an dem Kampf zu gewinnen. Wie froh war Paſuitſch, daß Lipacha wie⸗ der da war! Der heftige Mann wäre ja halb wahnſinnig geworden, hätte er ihn nicht gefunden. 80 Es ließ Arem nicht lange Ruhe im Oſtrog. Mit glühender Ungeduld ſehnte er den Aufſtand herbei und um die Zeit bis dahin zu tödten, war er in beſtändiger Be⸗ wegung. Tempte diente ihm zum Führer und Rrem über⸗ wand die Verachtung gegen den Gebrandmarkten, weil dieſer ſo großen Eifer für die Unternehmung gegen die Ruſſen zeigte. Achtes Kapitel. Galgal hatte eben mit dem Gouverneur geſprochen und verließ ihn unter vielen demüthigen Verbeugungen. „Du ſollteſt nicht ſo ſorglos ſein!“ ſagte ein Officier, der vertraute Freund des Gouverneurs, zu dieſem.„Gal⸗ gal iſt ſchlau, er verſteht ſeine Augen und Ohren zu brau⸗ chen und ein Mährchen wird er dir doch wohl nicht auf⸗ binden!“ „Nein, das glaube ich auch nicht;“ antwortete der Beamte.„Ich habe ihn ja tüchtig genug peitſchen laſſen, als er im Winter ſeinen Auftrag am Tſchanſcha ſo ſchlecht ausführte. Dadurch iſt er für immer zu einem treuen, brauchbaren Burſchen geworden und ſeine Dienſte ſind mir ſchon einige Mal recht nützlich geweſen. Ich glaube wohl, daß ſeine Landsleute, wie er eben ſagte, die Köpfe zuſam⸗ men ſtecken und verrätheriſche Anſchläge erſinnen! Aber ich fürchte ſie nicht, denn ſie ſind eben ſo feig als einfältig. 81 Auch iſt ihre Zahl ſehr vermindert, unſere Koſaken haben unter ihnen gut aufgeräumt. Es giebt Oſtroge, in denen kaum noch ein Viertel der ſrüheren Bewohner leben, andre ſind ſchon ganz ausgeſtorben!“ „Nun, das ſollte die Uebrigen grade noch mehr erbit⸗ tern!“ meinte Jener.„Und darum ſcheint mir die Expe⸗ dition nach Tſchuktſchien gar nicht rathſam, während zur Deckung des Tributs ſchon ein großer Theil der Koſaken abweſend iſt. Du ſollteſt damit noch warten. Wie leicht können ſich die Leute zuſammenrotten und das Fort nehmen. Im beſten Stande iſt es grade nicht.“ „Da hört man gleich, daß Du erſt kurze Zeit auf Kamt⸗ ſchatka biſt!“ lachte der Gouverneur.„Jeder, der einige Zeit hier lebt, hört auf, dies erbärmliche Volk im Gering⸗ ſten zu fürchten. Es wäre nicht zum erſten Mal, daß es ſich zuſammenrottete. Einmal kamen ſie in ungehenerer Anzahl; ſie vermaßen ſich, die Beſatzung von NRiſchnoi mit ihren Mützen zu erſchlagen— Andre wollten ſie gar ver⸗ ſchlingen. Aber nach den erſten Schüſſen aus den Mörſern liefen ſie davon und Viele wurden getödtet. Ein ander⸗ mal kamen ſie auf Booten— eine zahlloſe Menge, und unſeren Leuten mag damals doch ein Wenig bange gewor⸗ den ſein. Aber wieder wurde der Sturm ſiegreich abge⸗ ſchlagen und ein großer Theil der Kähne in den Grund gebohrt, ſo daß die ertranken, welche nicht erſchlagen wur⸗ den. Seitdem wagten ſie nichts Ernſtliches— höchſtens, daß ſie einige Koſaken heimtückiſch umbrachten oder den Tribut⸗Transport überfielen. Und den Muth dazu werde ich ihnen auch bald austreiben! Du ſiehſt alſo, daß es keine Roskowska, Die Eroberung Riſchnois. 6 82 Gefahr hat— wenn Galgal auch warnt, unſre Koſaken würden über jede Beſorgniß lachen. Die Eingebornen ſind ſo feige, daß die Weiber und Kinder ſie verjagen wür⸗ den, getrauten ſie ſich wirklich heran. Die Tſchuktſchen ſind anders, ſie haben uns lange hartnäckig getrotzt und wir dürfen das nicht mehr dulden. Sie ſollen und müſſen unterworfen werden und Tribut zahlen. Der Weg zu ihnen iſt nicht ſo ſumpfig, wie nach Süden hin, und kann auch im Sommer gemacht werden— alſo ſchieben wir den Zug dahin nicht auf. In einigen Wochen ſpäteſtens ziehn Aber meine Pfeife iſt ausgebrannt und die Flaſche leer! Heda, Jwan!“ Der Ruf galt einem Itelmenen, der in ſo großer Ent⸗ fernung, daß er nichts von dem Geſpräch hören konnte, auf einem Beet arbeitete. Der Gouverneur und ſein Freund befanden ſich nämlich im Garten imginer die von dichtem Gebüſch umgeben war. Nachdem der Sklave friſche Pfeifen und eine Flaſche Branntwein gebracht, entfernte er ſich wieder und die Bei⸗ den redeten noch eine Weile mit einander. Dann gingen ſie ins Haus. Leiſe wurden jetzt die Zweige der Büſche auseinander gebogen und ein Kamtſchadale ſchlüpfte vorſichtig hervor. Behend ſchlich er nach dem Hintergrunde des Gartens, in⸗ dem er ſich im Schatten hielt, oder ſich an den Beeten etwas zu ſchaffen machte. Einige Sklaven arbeiteten im Garten, ſahen ihn auch von Weitem, hielten ihn aber für einen ihrer Mitgefangenen, von denen es im Hauſe eine große Menge gab. 83 An der Hecke, welche den Garten umſchloß, ſchaute ſich der Lauſcher noch einmal um. Es war Niemand in der Nähe und ungeſehn kletterte er hinüber. In den Straßen der Stadt herrſchte ein reges Leben. Ruſſiſche Kaufleute waren angekommen und die Koſaken handelten ihnen zu hohen Preiſen ihre Waare ab, um ſie noch viel theurer wieder zu verkaufen. Mit den Ruſſen war eine Menge Eingeborne nach Niſchnoi gekommen, welche jene nach Belieben aus ihren Oſtrogen genommen, damit ſie die Boote auf dem Kamtſchatka ruderten oder zu Lande ihre Waaren trugen und ihnen den Weg wieſen. Eine Entſchädigung oder Bezahlung bekamen die Leute für dieſe unfreiwilligen Dienſte nie; ſie mußten zufrieden ſein, wenn ſie nicht noch obenein gemißhandelt wurden. Die Meiſten von ihnen beſchauten mit kindiſcher Neugier die Herrlich⸗ keiten, welche die ruſſiſche Niederlaſſung in ihren Augen enthielt. Mehrere Kamtſchadalen waren nach dem Oſtrog gekom⸗ men, um ihr Pelzwerk gegen Branntwein zu vertauſchen, und einige hatten von dieſem ſchon ſo viel genoſſen, daß ſie taumelten und den Kindern der Koſaken zum Schauſpiel dienten, wie bei uns Betrunkne der Straßenjugend. Andre drängten nach der Kirche hin, wo heute wieder einige Taufen ſtattfanden. Unter der Menge an der offnen Kirchenthür begegneten ſich zwei Perſonen, die man hier am wenigſten erwartet hätte. Arem, Du wagſt zu viel, es könnte Dich Jemand er⸗ kennen!“ ſagte der Eine leiſe zum Andern. 6* 84 „Bah, ich fürchte mich nicht!“ erwiederte Arem und legte die Hand an das Meſſer, welches er unter der Kuk⸗ lanka trug.„Aber ich hätte Dich beinahe nicht erkannt, ſo haſt Du Dich vermummt, Tempte.“ Tempte hatte ſich das Haar verſchnitten und das Ge⸗ ſicht mit einem Pflanzenſaft noch dunkler gefärbt, als es ſchon von der Luft war. Dennoch ſchien es ihm nicht ge⸗ rathen, ſich hier, wo er früher wohlbekannt war, länger aufzuhalten, als dringend nöthig. „Komm, ich habe eben etwas Wichtiges gehört!“ flüſterte er. „Nein, ich bleibe noch!“ antwortete Jener.„Ich will erſt die Taufe anſehn, dann treffe ich Dich draußen hinter den Gärten am Fluſſe. Geh nur voran!“ Tempte gehorchte, obwohl ihn das grimmige Ausſehn Vrems fürchten ließ, derſelbe beabſichtige irgend etwas, das übel ablaufen könne. Er entfernte ſich, um durch ein längeres Geſpräch nicht Aufſehn zu erregen. Uebrigens konnte er Arem ja auch nicht zwingen, ihm zu folgen, er hatte keinen Einfluß auf ihn und mußte froh ſein, daß dieſer ihn, den ehemaligen Dieb, um ſich duldete. Die Taufgebräuche in der ruſſiſchen und griechiſchen Kirche ſind ganz anders, als in der katholiſchen oder prote⸗ ſtantiſchen. Die Täuflinge werden nicht nur mit dem ge⸗ weihten Waſſer benetzt, ſondern darin ganz untergetaucht. Auf dem Tauſſtein brennen drei Kerzen und die Pathen halten brennende Wachskerzen in der Hand, als Symbol des Lichts, welches den neuen Chriſten erleuchtet. Das Geſicht des Täuflings iſt nach Oſten gekehrt, dem Gebiet der Verheißung, dem Sitze Gottes. Der Prieſter haucht ihm dreimal ins Geſicht, macht dreimal das Zeichen des Kreuzes auf ſeine Stirn und Bruſt und legt die Hände auf ihn mit der Bitte: Gott möge ihn mit Glauben, Liebe und Hoffnung erfüllen. Dann beſchwört der Pope den Teufel, aus dem Täuf⸗ ling zu fahren, und nicht wieder in denſelben zurückzukehren. Darauf wendet er den Täufling gegen Weſten— dem Sitz der Finſterniß, und fragt ihn drei Mal:„Entſagſt Du dem Teufel und allen ſeinen Werken?“ „Ich entſage!“ antwortet der Pathe ſtatt des Täuflings drei Mal. „Haſt Du dem Teufel entſagt?“ fragt der Prieſter wieder. „Ich habe ihm entſagt!“ iſt die Antwort. Nachdem die letzte Frage und Antwort noch zweimal wiederholt worden, befiehlt der Pope:„So ſpeiet ihn an!“ Alle Anweſende ſpeien einige Mal nach Weſten aus, zum Zeichen, daß ſie den Teufel verachten. Nun kommen das Glaubensbekenntniß und verſchiedene Fragen des Prieſters und Antworten des Pathen, die im⸗ mer dreimal wiederholt werden. Dann weiht der Prieſter unter Gebeten das Waſſer, beräuchert es mit Weihrauch und gießt einige Tropfen geweihtes Oel hinein. In das Oelgefäß taucht er dann ſeine Fingerſpitzen und macht unter fortwährendem Gebet Zeichen des Kreuzes auf alle Körper⸗ theile des Täuflings. „Michael“— oder wie der Täufling ſonſt heißt— „ein Knecht Gottes wird getauft im Namen des Vaters—“ 86 ſpricht jetzt der Pope und taucht den Täufling, deſſen Ge⸗ ſicht nach Oſten gewandt iſt, in das Taufwaſſer. „Amen!“ ſagt der Pathe. „Und des Sohnes—“ ſpricht der Prieſter weiter und taucht den Täufling wieder unter. „Amen!“ wiederholt der Pathe. „Und des heiligen Geiſtes!“ endet der Pope mit einer abermaligen Untertauchung, worauf der Pathe mit dem dritten Amen ſchließt. Hierauf überreicht der Pathe dem Prieſter ein metall⸗ nes Kreuzchen, das dieſer ſegnet und dem Täufling um den bloßen Hals hängt. Es ſoll vor Gefahren ſchützen, zeit⸗ liches und ewiges Heil bringen und wird daher von den Ruſſen während ihres Lebens nicht abgelegt und auch mit ins Grab genommen. Alle, Prieſter, Pathen und Täufling, gehn nun um das Taufbecken herum, das Geſicht nach Oſten gerichtet, während der Prieſter ſpricht:„Denn ſo viel eurer auf Chriſtum getauft ſind, die haben Chriſtum angezogen.“ Endlich werden dem Getauften kreuzweis an vier Stellen des Kopfes Haarbüſchel abgeſchnitten. Unter den Kamtſchadalen, die eben getauft worden, war eine junge Frau mit einem jener dicken und unmäßig hohen Haarwülſte, von denen früher ſchon die Rede ge⸗ weſen. Dieſer ſollte ihr ganz abgeſchnitten werden und ſie erhab darüber ein lautes Geſchrei und wollte fortlaufen. Die Zuſchauer brachen in ein Gelächter aus, welches weder für den heiligen Ort noch für die heilige Handlung paßte. Das freundliche Zureden ihres Mannes und des Pathen, brachten die Frau zuletzt dahin, daß ſie ſich ihren geliebten Haarputz nehmen ließ. Eine Weile vor dieſem kleinen Zwiſchenfall hatte ſich Galgal in die Kirche gedrängt. Er trug die Kuklanka von Hundefell, welche er damals Arem abgeſchwindelt hatte, und darüber ein großes, meſſingnes Kreuz. Vor Kurzem hatte er ſich taufen laſſen, doch trug er das Symbol des Chriſtenthums, welches er dabei erhalten, nicht wie die Andern unter, ſondern über ſeinen Kleidern. In ſeiner kindiſchen Eitelkeit wollte er damit Staat machen. Er muſterte neugierig die Umſtehenden und dabei fiel ihm ein Geſicht ins Auge, das er zu kennen glaubte. Zwar hatte er Nrem nur das eine Mal geſehn, allein deſſen finſtre, ſchmerzlich verzerrten Züge vergaßen ſich nicht leicht. Seinen Namen hatte er auch gehört und ſpäter, als er in Niſchnoi von dem Erſticken der Koſaken vernahm, war ihm jene flüchtige Begegnung ſogleich erinnerlich und er wußte, daß er die Kuklanka eines Mannes beſaß, für deſſen Gefangennehmung der Gouverneur ihm gewiß einen hübſchen Lohn gegeben hätte. Jetzt traute er ſeinen Augen nicht recht; es war ja gar nicht möglich, daß Arem ſo tollkühn ſein ſollte, ſich in die ruſſiſche Niederlaſſung zu wagen und gleichſam den Kopf in den Rachen des Raubthieres zu ſtecken. Doch wollte er ſich den guten Fang nicht entgehn laſſen und näherte ſich Vrem, um denſelben mit ſeinem Namen anzureden und ſich durch deſſen Ueberraſchung zu überzeugen, ob er es wirk⸗ lich ſei. In dieſem Augenblick fing die Frau wegen ihrer Zöpfe an zu lamentiren. Aller Augen wandten ſich nach ihr hin, auch die Galgals. Als er darauf ſeine Aufmerkſamkeit wie⸗ der auf Arem lenkte, war dieſer nicht mehr auf ſeinem Platze. Bei der Bewegung, die durch das Geſchrei der Frau ent⸗ ſtanden, hatte er ſich unbeachtet entfernt. Galgal ſuchte ihn zuerſt unter den Umſtehenden, dann draußen auf dem Platz vor der Kirche. Er konnte ihn nicht entdecken und ärgerte ſich darüber ſehr, denn nun war er ganz ſicher, daß es wirklich Arem, der Mörder der Koſaken, geweſen, warum hätte er ſich ſonſt davon gemacht? Arem hatte jedoch nicht die mindeſte Furcht vor Galgal gehabt und deſſen durchdringenden Blick nicht einmal be⸗ merkt; übrigens kannte er ihn auch gar nicht. Ihm war, als er ſo daſtand und mehrere der ihm ſo verhaßten Ko⸗ ſaken ſah, durch den Sinn gegangen, ob er ſich an ihnen denn gar nicht früher, als bei der allgemeinen Empörung rächen könne. Plötzlich war ihm etwas eingefallen und er hatte ſich haſtig entfernt. Nachdem er ſchnell die Straße hinabgeſchritten war, trat er in einen Kramladen und ließ ſich für einige Felle, die er für den Nothfall bei ſich hatte, eine Tabackspfeife und Taback, auch Feuer dazu geben. Dann ging er nach dem entlegnen Theil des Orts, ſuchte eine Stelle wo gerade kein Menſch war, und machte ſich bei den Balaganen etwas zu ſchaffen. Niſchnvi⸗Oſtrog hatte ungefähr ſiebenzig Häuſer, welche Koſaken oder ruſſiſchen Krämern und Anſiedlern gehörten. Neben ſeinem Hauſe beſaß jeder Einwohner des Ortes noch mehrere Balaganen, mitunter fünf bis ſechs, die wie die kamtſchadaliſchen Sommerwohnungen und Vorrathshäuſer auf Pfählen erbaut waren und worin die Lebensmittel, wie auch die eingehandelten Felle aufbewahrt wurden. Sie enthielten alſo das Vermögen der Einwohner und oft einen ungeheuern Reichthum an koſtbarem Pelzwerk. Arem ging weiter und trat in das nächſte, beſte Haus und bat das Mädchen, welches am Feuerheerde hantierte, um eine Kohle zum Anzünden der Pfeife; nachdem er eine erhalten, ging er hinaus und las das dürre Gras von der Straße auf, wie er auch ſchon vorher gethan hatte. Dann lungerte er wieder an den Balaganen umher, wo es unbe⸗ merkt geſchehen konnte, und erhob ſeine Hand zu den Bret⸗ tern, welche den Fußboden der Vorrathshäuſer bildeten. „Was machſt du Schelm da?“ rief ihn endlich ein Mann an.„Der Spitzbube hat wohl Luſt, etwas zu mauſen!“ Arem verſtand zwar nur wenig Ruſſiſch, doch wurde ihm ſogleich klar, der Ruſſe halte ihn für einen Dieb. Stolz wandte er ſich um und wollte weggehn. In dieſem Augenblick war aber Galgal, der bisher in den Straßen umhergelaufen, ſeiner anſichtig geworden. Er ſagte den in der Nähe befindlichen Leuten nicht, es ſei Arem, der Mörder, um die Belohnung allein zu bekommen, und rief nur dem Manne zu, der den Itelmenen eben ſo un⸗ freundlich angeredet hatte:„Halt ihn feſt, ich kenne ihn!“ Doch Arem war nicht geſonnen ſich halten zu laſſen. Er gab dem Ruſſen einen ſo derben Schlag, daß er nieder⸗ taumelte und eilte fort. Galgal ſetzte ihm nach, und rief die Vorübergehenden und vor den Hausthüren Stehenden zum Beiſtande, allein da er auch jetzt noch nicht den Namen Arems nannte, hiel⸗ ten es die Meiſten nicht der Mühe werth, ſich mit der Ver⸗ folgung einzulaſſen. Nur Wenige, und beſonders Kinder, nahmen zum Vergnügen daran Theil. Vrem war beinahe zum Orte hinaus, da erſt rief Gal⸗ gal ſeinen Namen. Jetzt wurde es Ernſt mit der Jagd, denn die Ruſſen und namentlich die Koſaken waren noch immer wüthend über den Tod ihrer Kameraden. Zum Glück für Arem liefen ihm Alle ſchreiend nach, wie ſie da waren, und Niemand dachte im erſten Augenblick daran, um⸗ zukehren und die Büchſe zu holen. Einige Itelmenen kamen ihm entgegen und wollten ihn auf den Zuruf ſeiner Verfolger feſthalten, allein er ſchwang ſein Meſſer mit ſo drohender Geberde um ſich, daß ſie ent⸗ ſetzt zurückwichen. Nun hatte er die Häuſer hinter ſich und die Flucht war ſicherer, da jetzt Niemand vor ihm war. Unter ſeinen Ver⸗ folgern gab es indeß beſſere Läufer als er. Mehrere waren ihm ganz nahe und auf das Geſchrei lief faſt ganz Niſchnoi zuſammen und hinter ihm her. Plötzlich erhob ſich ein Schreckensruf unter der Menge. „Feuer! Feuer!“ hieß es. Alle ſchauten ſich um. Die zwei Balaganen, an welche Vrem vorhin ſeine glühende Kohle aus der Pfeife, ſammt einer Hand voll dürren Heu's gelegt, waren angebrannt und ſtanden jetzt in lichten Flam⸗ men, da in den erſten Minuten Niemand den aufglimmen⸗ den Brand beachtet hatte und Alles herbeigeſtrömt war, Arem greifen zu helfen, oder es mit anzuſehen, wie er ge⸗ fangen wurde. 91 Erhob ſich ein ſtärkerer Wind, ſo konnte in kurzer Zeit ganz Niſchnoi in Aſche liegen, denn die ſtrohgedeckten Bala⸗ ganen wurden ja augenblicklich von den umherfliegenden Funken entzündet. Die Mehrzahl von Urems Verfolgern wandte ſich voller Angſt um ihre Habe rückwärts und eilte, den Brand zu löſchen. Diejenigen, welche nicht umkehrten, hatten wenigſtens einen Blick hinter ſich geworfen und da⸗ durch Arem einen kleinen Vorſprung gegeben. Die nächſte Umgegend Niſchnoi's unterſchied ſich von den kamtſchatkaliſchen Oſtrogen vortheilhaft durch die einzel⸗ nen Gärten und Feldſtücke. Die Sklaven der Koſaken hatten hier etwas Land bearbeiten und verſchiedenes Gemüſe ſäen und pflanzen müſſen. Upem befand ſich eben unter dieſen Ge⸗ müſebeeten, auf denen glücklicherweiſe gerade Keiner in der Nähe arbeitete. Er war ſchon ganz athemlos und ſeine Verfolger mußten ihn in wenig Augenblicken einholen. Eben hatte er ein Stück mit Zuckererbſen erreicht und bog um denſelben. Die Zuckererbſen ſchoſſen auf dem feuchten Boden Kamtſchatkas faſt endlos in die Höhe, blüh⸗ ten beſtändig, hatten aber ſehr wenig und nur kleine Scho⸗ ten. Das Kraut ſtand ſehr dicht und bot ein treffliches Verſteck. Nrem dachte nicht daran, es zu benutzen, auch hätten die ihm Folgenden ihn darin ſehr bald gefunden, weil ſie ge⸗ wußt, daß er hinein geflüchtet ſei. Aber es barg eine andre Perſon. Tempte hatte hier eine ſichre Zuflucht geſucht, als er von fern den Haufen Leute erblickte. Bald erkanute er Arem und ſah, daß dieſer ſchon ganz außer Athem ſei und in Kurzem eingeholt werden würde. Als Arem um die Erb— ſenpflanzung herumgekommen war und dadurch den Augen ſeiner Feinde entzogen, ſchlüpfte Tempte aus ſeinem Ver⸗ ſteck und ſchob den vor Ueberraſchung ganz willenloſen Arem hinein. Geſchickt und beſonnen zog Tempte dann noch die Ranken vor und zurecht, ſo daß ſelbſt ein geübter und argwöhniſcher Blick hier nichts Ungewöhnliches ent⸗ decken konnte, dann lief er raſch fort, dem nahen Walde zu. Die Verfolger hielten ihn für Arem und ſtaunten über ſeine Ausdauer im Lauf. Ihm war auch nicht die ge⸗ ringſte Ermüdung anzumerken und ſie konnten kaum mehr weiter. Bald waren Alle an der Stelle vorüber, wo Urem kauerte, und erbittert, daß der Flüchtling immer größeren Vorſprung gewann, ſchleuderten ſie Steine hinter ihm her. Tempte wußte dieſe Würfe unſchädlich zu machen; er lief im Zickzack und doch vergrößerte ſich der Raum zwiſchen ihm und den Andern immer mehr, denn er war ein außeror⸗ dentlicher Läufer und hatte ſich lange vorher ausgeruht. Er nahm den Weg nach einem beſtimmten Punkt am Saum des Waldes. Von dem Fluß zu einem der vielen Seen im Innern des Landes war ein Weg durch das Dickicht gehauen. Die vielen hier niſtenden Waſſervögel benutzten ihn ſtets zu ihrem Fluge und wurden hier in großer Menge gefangen oder geſchoſſen. Tempte hatte am Morgen, ehe er ſich nach NRiſchnoi und in den Garten des Gouverneurs wagte, bedacht, daß er entdeckt und verfolgt werden könnte, und demgemäß einige Anſtalten getroffen. Vorſichtig bewegte er ſich in dem aus⸗ 93 gehauenen Gange vorwärts, bis er ziemlich tief darin war, dann begann er erſt aus Leibeskräften zu laufen. Seine Verfolger hatten die Allee auch erreicht. Galgal war an ihrer Spitze und ſtrengte ſeine letzten Kräfte an, dem Fliehenden nahe zu kommen. Plötzlich ſtieß er jedoch einen Schrei aus und verſchwand vor den Augen ſeiner Begleiter. Tempte hatte auf dem Wege einige Gruben ge⸗ macht, ſie mit Reiſern überdeckt und Erde drauf geſtreut, daß nichts davon zu bemerken war. Galgal war in eine geſtürzt.. Ehe dieſer ſich empor arbeitete, waren ihm einige An⸗ dere vorgekommen, aber es dauerte nicht lange, da fielen auch ſie in ein Loch. Tempte bog indeß vom Wege ab und verlor ſich ſpurlos im Dickicht. ⸗ Die Verfolgung wurde nun aufgegeben, denn Jeder⸗ mann wußte, daß ein Eingeborner in dieſen Wildniſſen nicht zu finden und zu fangen war. Abends trafen ſich Rrem und Tempte an einer vorher be⸗ zeichneten Stelle. Dieſer theilte Jenem mit, daß der Gou⸗ verneur einen Zug nach Tſchuktſchien beabſichtige. Arem brachte die angenehme Nachricht den Seinen. Tempte blieb in der Nähe Niſchnois, er wollte abwarten, bis die Expe⸗ dition auszöge, und dann ſeinen Freunden die Botſchaft bringen. 94 . Reuntes Kapitel. An einem, für das neblige und regnigte Kamtſchatka ungewöhnlich klaren Sommertage ſaßen Alexei und Aphaka ziemlich fern vom Oſtrog am Fuße einer Birke, die ihre Wurzeln in die Spalten des Geſteins geſenkt hatte. Neben ihnen ſtanden Körbe mit Eiern, welche ſie aus den Vogel⸗ neſtern geſammelt, deren ſich auf den nahen Klippen eine große Menge befand. Seitwärts hinter dem Baum lagen bruſtwehrartige Fel⸗ ſentrümmer, auf denen verſchiedene Kräuter Nahrung zum Wachsthum gefunden. Dahinter ragten, von niedrigen Vorbergen umgeben, ſchneebedeckte Bergſpitzen empor. Zu beiden Seiten erſtreckten ſich bewaldete Berge und Thäler, die oft von nackten und ſehr maleriſchen Felsmaſſen unter⸗ brochen wurden. Wenige Schritte vor den beiden jungen Leuten fiel die Höhe ziemlich ſteil ab und die vielen Quellen und Bäche, welche den Bergen entſtrömten, bildeten hier aus dem Torfboden einen Sumpf, der, von Schilf und rie⸗ ſigen Gräſern überwuchert, ſich bis zu den Ufern des Tſchamſchas ausdehnte, deſſen Oberfläche im Sonnenſtrahl funkelte. Feodor und ein anderer junger Mann holten Eis von den Bergen. Die Itelmenen konnten ohne daſſelbe nicht leben und es war Sache der Schwiegerſöhne, es herbeizu⸗ ſchaffen, was immer beſchwerlich und oft auch gefährlich war. Tſchekawa und mehrere Mädchen und Frauen hatten ſich in 95 der Gegend zerſtreut, um Eier zu ſuchen. Ein Bach mit ſteilen Ufern ſchied ſie von Alexei und Aphaka. Dieſe redeten von dem nahen Aufſtande. Eine bedeu⸗ tende Anzahl der tapfern Landsleute Feodors war ſchon am Oſernaia eingetroffen. Muri lag zu den Füßen ſeiner jungen Herrin und ſchaute ihr und Alexei ins Geſicht, als verſtände er, was geſprochen wurde. Bisher war jede der frühern Empörungen zufällig mit einem Ausbruch des Kamtſchatskaia zuſammengetroffen; die phantaſiereichen Itelmenen waren dadurch auf die Idee ge⸗ rathen, ohne die Eruption des Vulkans könne kein Auf⸗ ſtand ſtattfinden und jeder Ausbruch des feuerſpeienden Berges rufe einen Kampf gegen die Unterdrücker hervor. Dieſer Aberglaube war Alexei unlieb, weil er fürchtete, der Berg könne ſeine Lavaſtröme ausſtoßen, wenn die Erhe⸗ bung noch nicht gehörig vorbereitet ſei, oder man könnte den günſtigen Augenblick vorübergehen laſſen, weil der Kamt⸗ ſchatskaia noch ruhig blieb. Indeß hoffte er doch das Beſte, wie das bei ſeiner Jugend und dem allgemeinen Eifer na⸗ türlich war. Er ſprach von ſeinen Plänen am liebſten mit Aphaka. Die leichtherzigen Itelmenen beſaßen nur Sinn für die Anforderungen des Augenblicks, oder lauſchten den Wor⸗ ten Alexeis wie einem ſchönen Märchen, das ſie ergötzte, das aber niemals verwirklicht werden konnte. Auch Feodor war kein Vertrauter für den hochſtrebenden Knaben; er liebte ihn außerordentlich, hatte indeß mehr Verwunderung als Verſtändniß für ſeine Auseinanderſetzungen. Aphaka ſtaunte zwar auch die Entwürfe ihres jungen 96 Verwandten an, hielt ſie jedoch nicht für unausführbar, und ging mit lebendiger Theilnahme darauf ein. Freilich hatte Alexei nicht geringe Pläne. Er wollte, wenn er ein Mann geworden, ſeine Landsleute zu einem gebildeten Volke, Kamtſchatka zu einem unabhängigen Lande machen. Der Boden war, beſonders am Kamtſchatkafluß, nicht ſo un⸗ fruchtbar, wie gewöhnlich geglaubt wurde. Das viele koſt⸗ bare Pelzwerk, und ſelbſt die leckern Fiſche, konnten zu einer Quelle des Wohlſtandes werden, wenn die Itelmenen den Handel in ihre eignen Hände nahmen. War Niſchnoi ero⸗ bert, ſo mußten auch die beiden andern ruſſiſchen Nieder⸗ laſſungen eingenommen werden; dann war die erſte Sorge die Anlegung einer Schule, in der aufgeweckte Knaben und Jünglinge gebildet wurden, um ſpäter für den Unterricht des Volkes zu wirken. Einige Geiſtliche, unter ihnen den guten Bruder Baſil, hoffte Alexei dafür zu gewinnen. Zwar brauchte er Zeit zur Ausführung alles Deſſen, was ihm vorſchwebte, denn trotz ſeiner Jugend ſah er völlig ein, wie viele Hinderniſſe ihm entgegenſtanden. Allein er hatte ja auch noch das ganze Leben vor ſich. Muri, der eine Weile ſtill und wie ermüdet dagelegen hatte, erhob ſich jetzt und gab unverkennbare Zeichen von Unruhe und Bangigkeit. Zuerſt glaubten Alexei und Aphaka, das Thier wittere irgend ein Wild oder eine verdächtige Perſon, und jener griff nach Bogen und Pfeil. Doch zeigte ſich nichts, dann ertönte ein lautes, donnerähnliches Krachen das die Erde in ihren Grundfeſten zu erſchüttern ſchien. „Der Berg!“ riefen Beide gleichzeitig und wandten ihre Blicke nach dem Kamtſchatskaia, aus dem dichte Wolken 97 ſchwarzen Rauchs, vermiſcht mit Feuerfunken, auſſtiegen. Nach einigen Minuten wollten ſie Tſchekawa aufſuchen, die ſich mit den Andern ziemlich weit entfernt hatte.— Zu derſelben Zeit und nahe bei dem Orte, an welchem die beiden Verwandten ſich befanden, hielt Tempte eine kurze Raſt. Er hatte die Umgegend Niſchnob's verlaſſen, als er die Koſaken zum Aufbruch nach Tſchuktſchien bereit geſehn, und war bei ſeiner Schlauheit und Gewandtheit jeder Gefahr glücklich ausgewichen. Er wußte nichts von der Nähe Derer, welche er liebte; aber er freute ſich, daß er ihnen eine angenehme Nachricht zu bringen hatte. Während er auf dem weichen Mooſe ſo lange ruhte, als es ihm unumgänglich nothwendig war nach dem eiligen Laufe, flog ihm Verſchiedenes durch den Sinn— der Gedanke an ſeine verſtorbene Frau, ſeine Verirrung im Trunke, ſeine Ausſtoßung und das elende Leben, welches er darnach geführt hatte und zuletzt in Ver⸗ zweiflung endigen wollte. Wieder, wie ſchon unzählige Mal, erinnerte er ſich des Augenblicks, in welchem er zuerſt Alerei's ſchönes Antlitz mit dem Ausdruck tiefen Mitleids geſehn, in welchem er die erſten Worte von ihm gehört, die erſten fanften, freundlichen Worte, die Jemand zu dem ver⸗ achteten Verbrecher geſprochen. Die Mißhandlungen, welche er um ſeinetwillen von den Koſaken ertragen, machten ihn faſt ein wenig ſtolz; es hatte ihn in ſeinen eigenen Augen gehoben, daß er Alexei und ſeinem Freunde nützlich geweſen war. Doch genügte ihm nicht völlig, was er damals gelit⸗ ten und gethan, und er wünſchte inbrünſtig eine Gelegen⸗ heit herbei, ſeine unbedingte Hingebung für ſeinen Wohl⸗ Roskowska, Die Eroberung Niſchnois. 98 thäter beweiſen zu können. Der bevorſtehende Kampf durfte wohl eine ſolche bieten; er nahm ſich vor, nicht von Alexeis Seite zu weichen und ihn mit ſeinem Leibe zu decken, mit ſeinem Leben zu ſchützen. Das ſtimmte ihn ungewöhnlich heiter und mit Vergnü⸗ gen ſchaute er umher und auf die Bachſtelze, welche unfern auf einem Zweige ſaß und fröhlich den Schweif auf und nieder bewegte. Dabei fiel ihm ein, was er von dieſem Vogel gehört hatte, und er dachte unwillkürlich: er ſei auch einſam, wie die Bachſtelze, habe keine Freunde und Anverwandte. Gleich darauf verbannte er dieſen trüben Gedanken indeß wieder; ſeine Blutsfreunde hatten ſich freilich wegen ſeines Verge⸗ hens von ihm gewendet, doch Alexei und Feodor, wie Aphaka und ihre Verwandten hatten ſtets die größte Freund⸗ lichkeit für ihn gehabt, unendlich mehr Freundlichkeit, als er zu verdienen glaubte. Jetzt ſah er eine Eidechſe aus einem Gebüſch hervor⸗ ſchlüpfen und haſtig ſprang er auf. Die Kamtſchadalen hielten dieſe harmloſen Thierchen, weil ſie in der Erde wohnten, für Spione aus der Unterwelt und Vorboten des Todes. Wer eins derſelben ſah, bemühte ſich, es zu tödten, damit es ſeinen Aufenthalt nicht an Hantſch verrathe. Die⸗ jenigen, welchen es nicht gelang, die Eidechſe zu erſchlagen, hielten ſich für Todeskandidaten und es war wirklich vorge⸗ kommen, daß ſolche Leute zufällig oder auch aus Angſt ge⸗ ſtorben waren, was dem Aberglauben neue Nahrung ge⸗ geben hatte. Tempte war zwar ſchon über die meiſten Vorurtheile 99 hinweg, allein die Furcht vor der Eidechſe überraſchte ihn und es betrübte ihn einen Augenblick ordentlich, daß ſie ihm entkommen, weil ſeine gelähmten Finger ihn ungeſchickt machten. Gleich darauf dachte er jedoch, Alexei würde ihn thöricht nennen, und er lachte nun über den Aberglauben, der ihn unwillkürlich beſchlichen hatte.— Uebrigens wollte er ſich auch taufen laſſen, wenn Baſil wieder nach dem Tſchamſcha käme oder Riſchnoi erobert ſei. Ein Beweis, daß er ſchon manchen Wahn als ſolchen erkannt hatte, war ſeine Ruhe bei dem furchtbaren Getöſe im Innern des Kamtſchatkaia, das ſich eben vernehmen ließ. Er fürchtete ſich jetzt nicht mehr vor den Geiſtern im Berge, ſondern freute ſich des Ausbruchs deſſelben, weil nun bald der Kampf beginnen ſollte. Schnell machte er ſich daher auf den Weg und binnen Kurzem traf er, zu ſei⸗ ner lebhaften Freude, mit Alexei und Aphaka zuſammen, als ſie eben Tſchekawa aufſuchen wollten. Muri wurde in demſelben Augenblicke ſehr unruhig; plötzlich bellte er laut auf und ſprang in die Nähe eines Gebüſches, doch kehrte er winſelnd wieder zurück. Die Urſache ſeiner Unruhe blieb nicht lange verborgen; die Büſche theilten ſich und zwei Koſaken, gefolgt von meh⸗ reren Itelmenen, traten hervor. Unter dieſen befand ſich auch Galgal, der wieder den rothen Weiberrock trug. „Flieht!“ rief Tempte den beiden Andern zu und er⸗ griff einen Stein, um ſich zu vertheidigen. „Nein, flieht ihr Beide— ich halte ſie auf!“ rief Alexei und legte einen Pfeil auf den Bogen. Niemand gehorchte und es war auch nicht wohl mög⸗ 7* 100 lich, denn ein dritter Koſak mit einigen Itelmenen trat auf der Seite nach dem Dorf hinter Felſen hervor. Ein Entkommen war ſchwierig, doch mochten es die Koſaken für möglich halten, denn während Einer Alexei und Tempte zurief, ſich zu ergeben, legte ein Anderer in ihrem Rücken auf ſie an und drückte los. Die Kugel fehlte glücklicherweiſe und ſchlug in den Stamm der Birke. Der Schuß fand ein hundertfältiges Echo in den Bergen. Zur Flucht war nur die Richtung nach dem Gebirge einigermaßen offen, doch war vorauszuſehn, daß Aphaka bald eingeholt würde, und ſie zurücklaſſen wollten die An⸗ dern nicht. So zogen ſich denn alle drei hinter das Stein⸗ geröll zurück, welches einigen Schutz gewährte, und ſuchten ſich ſo gut es in der Eile anging, noch mehr zu ver⸗ ſchanzen. Eine Zeitlang hielten ſie wirklich eine ordentliche Be⸗ lagerung aus. Alexei entſandte Pfeil auf Pfeil und die Andern ſchleuderten Steine. Mehrere wurden verwundet, auch hatten ſich, durch den Schuß herbeigelockt, die Eier⸗ ſammlerinnen am jenſeitigen Ufer des Baches eingefunden und eröffneten, von Tſchekawa angeführt, einen Steinhagel auf die Angreifer, der dieſe ſehr beläſtigte. Galgal hatte große Luſt, ſich Tſchekawa's zu bemächtigen, allein die Ko⸗ ſaken wollten nichts davon wiſſen. Ehe ſie über das Waſſer ſetzten, konnten die Frauen und Mädchen fliehen und Alexei ſammt ſeinen Gefährten gewann indeß auch Gelegenheit zum Entkommen. Ihre große Uebermacht war es allein, was ihnen Ausſicht auf Erfolg gab; waren die Angegriffe⸗ 101 nen nicht von allen Seiten dicht umringt, ſo konnten ſie, die hier mit der Oertlichkeit genau bekannt waren, leicht entfliehen. Ein Koſak ſchoß ſein Gewehr ab und verwun⸗ dete ein Mädchen— das machte die Uebrigen furchtſamer; ſie zogen ſich in die Büſche zurück und hüteten ſich ſorgfäl⸗ tig, eine Blöße zu geben. Natürlich wurden dadurch ihre Würfe ganz unwirkſam. Jetzt drangen die Angreifer hinter die Steine. Die Uebermacht war zu groß, der Widerſtand bald überwältigt. Ihr Sträuben hinderte nicht, daß Aphaka feſtgehalten und gebunden wurde, und auch der Vorſchlag Alexeis, er werde ſich ergeben, wenn das Mädchen ungekränkt entlaſſen würde, fruchtete nichts, eben ſo wenig ſeine Berufung darauf, daß ſie frei ſei und Niemand ein Recht habe, Hand an ſie zu legen. Die Koſaken meinten, ihn eben ſo ſicher zu haben, wie ſie, und waren überzeugt, daß Kosko, wenn er in Niſchnoi wegen des Raubes ſeiner Tochter klagte, doch nicht ange⸗ hört würde. Alexei hatte ſich mit einer Stange, deren er ſich zum Ueberſpringen der Bäche bediente, verzweifelt vertheidigt und auch einem Koſaken einen heftigen Schlag verſetzt. Endlich wurde er doch niedergeworfen und der Verletzte er⸗ hob den Säbel zu einem tödtlichen Hiebe, ohne in ſeinem Rachedurſt daran zu denken, daß der Gouverneur ſein Eigenthum lebendig wiederhaben wollte. Aphaka ſtieß einen herzzerreißenden Schrei aus, konnte ſich aber nicht von ihren Banden befreien. Tempte war bis jetzt noch immer gewandt den Händen entſchlüpft, die ihn faſſen wollten, und ſeinen ſchnellen Füßen, wie ſeiner Lokalkenntniß ver⸗ E 102 trauend, wollte er ſich in das nächſte Gebüſch werfen und zu entfliehen ſuchen. Den Gefangenen konnte er nichts nützen, wenn er bei ihnen blieb, wohl aber, wenn er die Ihrigen von ihrem Schickſal in Kenntniß ſetzte. In dem⸗ ſelben Augenblick jedoch, als er den ihm Nächſtſtehenden bei Seite ſtoßen und davon eilen wollte, gewahrte er Alexeis Gefahr; blitzſchnell warf er ſich über ſeinen Wohlthäter und fing den Hieb auf. Faſt gleichzeitig kam Hilfe. Feodor und ſeine Begleiter waren nicht mehr fern geweſen, hatten die Schüſſe gehört und, Böſes ahnend, ihre Laſt augenblicklich von ſich gewor⸗ fen; ſie erſchienen gerade im entſcheidenden Augenblick auf dem Kampfplatz. Feodor ſtreckte den von Alexei verwunde⸗ ten Koſaken mit einem Schlage ſeines Knüttels nieder, einer ſeiner Begleiter traf einen Itelmenen daß er auch nieder⸗ ſank. Die andern Kamtſchadalen ergriffen ſogleich die Flucht und Galgal war dabei der Erſte. Jetzt kamen auch die Frauen aus ihren Verſtecken hervor und ſandten ihnen Steine nach. Alles geſchah außerordentlich ſchnell, faſt in kürzerer Zeit, als zur Erzählung nöthig iſt. Zehntes Kapitel. 3 Feodor und ſein Begleiter ſtanden jetzt den beiden K ſaken gegenüber. Der Eine von dieſen hatte ſeine Büchſe „ noch nicht abgeſchoſſen und legte ſie auf den Kamtſchadalen an, der für einen Augenblick die Geiſtesgegenwart verlor und vor der Mündung, welche ihm ſichern Tod drohte, regungslos ſtehn blieb. Doch Aphaka ſtieß mit ihren ge⸗ bundenen Händen den Arm des Ruſſen noch rechtzeitig empor und der Schuß that keinen Schaden. Feodor hatte indeß den dritten Koſaken umfaßt und verſuchte ihn nieder⸗ zuwerfen, wogegen ſich dieſer aus Leibeskräften ſträubte. Galgal hatte hinter einem Baum in ſeinem Lauf inne gehalten; Feodor kehrte ihm ſeinen breiten Rücken zu und er ſchoß einen Pfeil auf ihn, um ſich dafür zu rächen, daß Tſchekawa ihn lieber gehabt. Alexei richtete ſich eben auf und empfing den Pfeil zwiſchen Hals und Schulter, achtete jedoch nicht darauf, ſondern ſuchte ſeinen Freunden in der Bewältigung der beiden Koſaken zu helfen. Tempte hatte mittlerweile halb betäubt am Boden ge⸗ legen, bei dem Ziſchen des Pfeils wandte er indeß ſeine Augen nach der Stelle, wo Galgals rother Rock ſchimmerte. Seine letzten Kräfte zuſammenraffend und ſeiner ſchweren Wunde vergeſſend, ſprang er auf und eilte Galgal nach, der ſchnell die Flucht ergriff. Er dachte für ſeine jungen Freunde gebe es nicht eher Ruhe und Sicherheit, bis ihr Feind unſchädlich ſei. Muri hatte redlich das Seinige zur Vertheidigung bei⸗ getragen, war aber bald durch eine Schlinge, die ihm ein Itelmene über den Kopf warf, kampfunfähig gemacht und an einen Baum gebunden worden, wo er wüthend heulte und an ſeinen Riemen zerrte. Der zweite Koſak lag endlich gefeſſelt am Boden neben * ſeinem verwundeten Kameraden, der dritte hatte die Flucht ergriffen und wurde von Feodor und ſeinen Gefährten ver⸗ folgt. Alexei befreite indeß Aphaka aus ihren Banden und dann auch Muri, der zuerſt freudig bellend an ihnen auf⸗ ſpraug, dann aber haſtig fortlief. „Du biſt ja verwundet!“ rief Aphaka und zog den Pfeil aus Alexeis Hals. Sie ſchrie entſetzt auf, als ſie ihn in der Hand hielt. Es war einer der gewöhnlichen Pfeile, an einem Ende Adlerfedern, am andern von grünlichem, glasartigem Stein eine Spitze; doch befand ſich auf dieſer etwas von der gepulverten Wurzel des Eiſenhutes. Aphaka dachte vor Schreck zu vergehn; die Vergiftung durch die Napellawurzel war tödtlich und ſchon wurde der Rand der Wunde bläulich. Plötzlich erheiterte ſich Aphakas verſtörtes Geſicht; ſie beugte ſich zu Alexei herab, der betäubt und ſchwindelnd auf der Erde ſaß, und ſog das Gift aus der Wunde. Er wollte ihr wehren, allein ſie ſchlang ihre Arme ſo feſt um die ſeinigen, daß er ſie nicht rühren konnte, und beſchwor ihn, ſtill zu halten, indem ſie verſicherte, das Ausſaugen der Wunde rette ihn und ſchade ihr nicht. Zugleich brauchte ſie die Vorſicht, das Gift auszuſpucken. Dann befeuchtete ſie ihr Halstuch, band es auf die Wunde und holte Waſſer zum Trinken für Alexei, worauf ihm wieder ganz wohl wurde. Ihr ſelbſt ſchwoll jedoch, trotz der beobachteten Vorſicht, das Geſicht auf. Daraus machte ſie ſich aber nichts, ſo ſehr Alexei es auch bedauerte; übrigens wußte ſie, daß die Geſchwulſt bald verging und pflückte ſchnell einige Blätter, welche in der Nähe wuchſen und in dieſem Fall gute Dienſte leiſteten. Indeß war Tſchekawa mit ihren Gefährtinnen weiter, aufwärts durch das Waſſer gewatet; ihre Ankunft unter⸗ brach Alexeis herzliche Dankesworte und Ausrufungen. Eine Blutſpur bezeichnete den Weg, welchen Tempte eingeſchlagen. Alexei eilte jetzt, ihn aufzuſuchen, und Aphaka folgte ihm mit den Frauen auf dem Fuß. Tempte hatte Galgal bald erreicht und ohne zu beden⸗ ken, daß er verwundet und ohne Waffen, auch nur theil⸗ weis im Gebrauch ſeiner Hände war, ſtürzte er ſich erbittert auf den Anſtifter alles Unheils. Er riß ihn mit ſich zu Boden, umklammerte ihn mit den Armen und packte ihn ſogar mit den Zähnen, damit er ihm ja nicht entgehn könne. Galgal brauchte ſein Meſſer und brachte ſeinem Verfolger, der wie eine Klette an ihm hing, mehrere Wunden bei. Lange hielt Tempte feſt, trotz des Blutverluſtes und ſeiner Schmerzen, doch zuletzt ließen ſeine Kräfte nach und er ver⸗ lor das Bewußtſein. Allein in demſelben Augenblick, als Galgal ſich erheben wollte, ſprang Muri von hinten auf ihn ein, und drückte ihn auf den Boden nieder. Muri hielt ſeinen Gefangenen ſo lange, bis Alexei er⸗ ſchien und Jenem Hände und Füße band. Der Jüngling trat hierauf zu Tempte, den die Frauen ins Leben zurück⸗ zurufen ſuchten, indem ſie ihm Waſſer ins Geſicht ſpritzten. Als Alexei ſich bekümmert über ihn beugte, ſchlug er die Augen auf und lächelte ihn freundlich an. Dann über⸗ zeugte er ſich durch einen Blick, daß Galgal nicht entkom⸗ men ſei und ermahnte Alexei mit gebrochener Stimme, den 106 Verräther nicht zu ſchonen, ſondern ihn zu tödten, damit er nicht noch mehr Unglück anrichte. Darauf ſah er Aphaka, die ſeinen ſchweren Kopf in ihren Armen hielt, dankbar an, wehrte Alexei, der ſeine Wunden unterſuchen und verbin⸗ den wollte, ſanft ab, und hauchte ſeine letzten Athemzüge aus— glücklich, unter Alexeis Augen und für ihn zu ſterben. Feodor und der Itelmene kehrten bald von der Verfol⸗ gung des Koſaken zurück. Dieſer war nämlich in den Sumpf gerathen, wohin ihm Niemand folgen konnte und wo er elend umkam. Temptes Leiche wurde in eine ſchnell gemachte Grube gelegt und ein Haufen Steine über dem Gräbhügel aufge⸗ ſchichtet. Die heidniſchen Kamtſchadalen pflegten ihre Todten nicht zu begraben, ſondern ließen ſie von den Thieren des Waldes oder von Hunden verzehren. Dies Letztere galt, beſonders den Aermeren, für ein großes Glück, denn ſie meinten in der Unterwelt die Beſitzer der Hunde zu werden, von welchen ihr Körper verſpeiſt worden. Nachdem Alle recht herzlich an dem Grabe gebetet, ſchieden ſie davon. Feodor weinte wie ein Kind und ſo be⸗ trübt und erſchüttert Alexei auch ſelber war, mußte er doch ihn und die ſchluchzende Aphaka tröſten. Der verwundete Koſak war indeß geſtorben, der nieder⸗ geworfene Itelmene hatte ſich davon gemacht. Galgal und der gefangene Ruſſe wurden mitgenommen, und Alle bega⸗ ben ſich auf den Heimweg. Der Kummer über das Ende Temptes wurde bald durch andere Ereigniſſe verdrängt. Nach einem gewaltigen Krachen im Innern des Vulkans warf dieſer eine ſolche Menge Aſche undmit ſolcher Gewalt aus, daß das Tages⸗ licht erblich und ein dichter Aſchenregen auf hundert Werhe in die Runde niederrieſelte. Nur die Alten, die Kinder und Mädchen blicben e am Tſchamſcha zurück, die meiſten Fraurn begleiteten ihre Män⸗ ner, unter dieſen Paſuitſch und Tſchekawa. Aphaka ſollte zu Hauſe bleiben, allein ſie bat und weinte ſo lange, ver⸗ ſicherte ſo lebhaft, ſie werde daheim vor Angſt umkommen, bis ihre Eltern nachgaben; ihr geſchwollenes Geſicht wurde bald beſſer. Einige MWänner mußten wegen körperlicher Gebrechen, zum Beiſpiel, Lahmheit oder blöden Augen, im Oſtrog blei⸗ ben und ihnen wurde der gefangene Koſak wie auch Galgal überlaſſen. Sie konnten zu ihrem Bedauern keinen An⸗ theil am Kampf nehmen, daher war es ihnen eine große Genugthuung, einen der verhaßten Fremdlinge und den Verräther Galgal zu tödten. Mit dem Koſaken wurde kurzer Prozeß gemacht; ſie erſchlugen ihn ſogleich, nachdem die Andern fortgezogen waren. Galgal dagegen wurde bis zum Morgen in eine Jurte geſperrt. Die alte Saagſchehm konnte ihm nicht vergeben, was er ihr und den Ihrigen Leides zugefügt und zuzufügen beabſichtigt; und obgleich ſie ihren Kindern und Enkeln verſprochen hatte, den Schul⸗ digen ſchnell und leicht ſterben zu laſſen, war ſie doch nicht geſonnen, ihr Verſprechen zu halten. Gegen Abend erſchien ganz unerwartet Bruder Baſil im Dorfe. Er hatte unter den Itelmenen verdächtige Be⸗ wegungen bemerkt und wollte nach Niſchnoi zurück, um ſeine Landsleute zu warnen. Saagſchehm ſah ein, ſie müſſe ihn aufhalten, weil er ſonſt früher nach dem Oſtrog gelangt wäre, als die Angreifenden. Höflich und ehrerbietig, doch ſehr beſtimmt erklärte ſie ihm: er ſammt dem Sklaven, wel⸗ cher ihm als Führer diente, dürfe nicht fort, ſondern wäre ihr Gefangener. Geduldig ergab ſich der Prieſter in ſeine Haft, obgleich er mit lebhafter Sorge ſeiner Landsleute dachte, die keine Ahnung der drohenden Gefahr hatten. Der Gouverneur hatte zwar Kosko vorläufig verziehn, doch hatte Galgal gemeint, es könne nicht ſchaden, wenn er dieſem auf eigne Hand einen Streich ſpiele, ſobald ſich näm⸗ lich eine Gelegenheit dazu darbiete. Darum hatte er die Koſaken, mit welchen er auf die Jagd nach wildem Geflügel gezogen war, überredet, bis in die Nähe des Tſchamſcha zu gehn. Jetzt ſtand er Todesangſt aus in der Jurte, worin ihm das Waſſer bis über die Knie ging, doch die Ankunft Baſils machte ihm neuen Muth. Er verlangte den Prieſter zu ſprechen, und der Lahme, welcher oben am Rauchloch ſtand und ihn bewachte, beſtellte willig ſeine Botſchaft. Baſil ſäumte nicht zu kommen; Galgal hatte ſich im Frühling taufen laſſen— es war natürlich, daß er vor ſeinem Tode religiö⸗ ſen Beiſtand verlangte und die Kamtſchadalen hatten nichts dagegen, ihm denſelben zu gewähren. Baſil blieb lange bei dem Verurtheilten. Dieſer er⸗ zählte ihm, was er von dem Vorhaben der Itelmenen er⸗ fahren hatte, und das war ziemlich Alles, denn vor ihm hatte man ſich nicht in Acht genommen. Baſil erſchrak und es ſchien ihm unmöglich, ſeine Landsleute ungewarnt zu —————— laſſen. Er wußte zwar, Galgal ſei bei einem Angriff auf Aphaka und Alexei gefangen worden, und ſein Billigkeitsge⸗ fühl ſagte ihm, die Itelmenen ſeien befugt, ſich von dem Friedensſtörer zu befreien, denn in Niſchnoi hätten ſie auf eine Klage gegen ihn doch kein Recht bekommen. Dennoch bewog ihn die Sorge um die Ruſſen und das Flehen Gal⸗ gals, auf deſſen Vorſchlag einzugehen. Er blieb bis zur Dämmerung bei ihm, was der Wäch⸗ ter, ſelbſt ein Chriſt, nicht zu hindern wagte, zerſchnitt dann Galgals Bande und tauſchte mit ihm die Kleidung. Das konnte ganz unbemerkt geſchehn, da es in der Hütte ſehr dunkel war. Galgal ſtieg hierauf den Baumſtamm hinan, indem er geſchickt die Unbehiflichkeit des Geiſtlichen nach⸗ ahmte Der Itelmen war ſo ehrfurchtvoll gegen den Prieſter, daß er ihm nicht unbeſcheiden nahe kam, ihn auch nicht aufhielt, als er, ſtatt die Leiter zu ſeinem Balagan hinauf, hinter die Hütten ging und in der Dunkelheit verſchwand. Erſt als der vermeintliche Prieſter nach einigen Minuten nicht wieder kam, machte der Wächter Lärm. Saagſchehm wurde ſogleich benachrichtigt und der Geiſtliche geſucht und gerufen. Es war vergebens, allein das erregte noch keine große Aengſtlichkeit wegen des drohenden Verrathes, denn der Führer Baſils war in ſicherm Gewahrſam und der Pope konnte ſich in der pfadloſen Gegend ſchwerlich zurecht finden. Wer beſchreibt aber die Wuth und Verzweiflung Saag⸗ ſchehms, als ſie am Morgen Galgal zu bringen befahl, da⸗ mit er getödtet werde, und ſtatt ſeiner der Prieſter erſchien. Die Abergläubigen meinten, der böſe Geiſt habe dabei ſeine 110 Hand im Spiele, doch Saagſchehm errieth ſogleich den Zu⸗ ſammenhang. Sein Prieſterthum und die Verehrung, welche Baſil genoß, ſchützten ihn nicht vor den Mißhandlungen der Betrogenen, die nicht nur um den Gegenſtand ihrer Rache gekommen waren, ſondern auch die Vereitelung des ganzen Unternehmens fürchteten. Die eifrig angeſtellten Nachfor⸗ ſchungen waren natürlich umſonſt. Galgal hatte eine ganze, wiewohl kurze Nacht Vorſprung, war vertraut mit der Art im Lande zu reiſen und beſaß ſchnelle Füße, überhaupt, wenn es ſein Leben galt. Muri hätte allenfalls ſeine Spur auffinden können, aber er war fort mit Aphaka, die er ge⸗ wöhnlich auf Schritt und Tritt begleitete, wenn er nicht bei Alexei war. Elftes Kapitel. In dem Walde um Riſchnoi befand ſich ein großer Haufe Kamtſchadalen. Der Angriff ſollte ſtattfinden, ob⸗ gleich die in entfernten Oſtrogen Wohnenden meiſt noch nicht eingetroffen waren, denn aus dem Krater des Kamt⸗ ſchatskaia ergoß ſich ſeit der Nacht ein breiter Strom glü⸗ hender Lava und nach dem allgemeinen Aberglauben durfte dieſer Zeitpunkt nicht verſäumt werden. Vergebens hatte Alexei gerathen, den Angriff wenig⸗ ſtens noch einen Tag aufzuſchieben, bis Mehrere angekom⸗ men und die Koſaken, welche nach Tſchuktſchien ausgezo⸗ gen, weiter entfernt ſeien. Kontſchalo, welcher wegen ſeines Alters und Anſehns und ſeiner Erfahrung den Oberbefehl hatte, war zu ungeduldig und die Menge durch die Reden Arems und des alten Schamanen vom Kamtſchatskaia auf⸗ geregt. Der Ausbruch des Vulkans war das Zeichen der Empörung; dieſe aufzuſchieben, ſchien Allen unmöglich. Alexei war ein Knabe und unbekannt; wer, außer ſei⸗ nen Freunden und Verwandten, ſollte auf ſeine Warnung achten, wenn erprobte und angeſehene Männer günſtigen Erfolg vorausſah'n? Dennoch ſetzte der ſechzehnjährige Knabe es durch, daß der Angriff nicht, wie gewöhnlich, plan⸗ und regellos ſtattfand. Die Kurilen, unter Feodors Leitung, umgingen den Oſtrog von einer Seite, Kosko mit ſeinen Lenten von der andern; Alexei nahm es auf ſich, mit einem Häuflein junger Männer, die ſich ihm freiwillig an⸗ ſchloſſen, den Ort im Rücken anzugreifen, während Kont⸗ ſchalo von vorn anrückte. Die anweſenden Frauen blieben mit einigen Leuten im Gebüſch zurück, um im ſchlimmſten Fall fliehen zu können. Die Ruſſen waren völlig unvorbereitet, die Heftigkeit und Allgemeinheit des Angriffs überraſchte ſie und die Schießgewehre, welche die Kamtſchadalen einigen Koſaken abgenommen hatten, erſchreckten ſie, weil ſie nicht ſogleich die geringe Anzahl derſelben ſahen. Die Einwohner der Stadt flüchteten in das Fort und ſuchten ſich dort zu be⸗ haupten, allein nach verzweifeltem Widerſtande wurde es erſtürmt und jetzt begann ein fürchterliches Morden. Ver⸗ gebens ſuchte Alexei mit einigen der menſchlichern Itelme⸗ nen die Frauen und Kinder zu ſchützen, hatten ſie Einige den Händen der Blutdürſtigen entriſſen, ſo fielen dieſe über andere Opfer her. Zu lange, zu grauſam und rückſichtslos waren die Eingebornen gemißhandelt worden; die Glut der Rachſucht ließ ſich nicht bändigen in dieſen Naturkindern, welche militäriſche Diseiplin nicht einmal dem Namen nach kannten. Beſaß ein Kamtſchadale unter den Koſaken irgend einen Freund und Gönner, ſo ſuchte er ihn jetzt auf und tödtete ihn ſelber, um ſeine Anhänglichkeit zu beweiſen, denn er dachte:„mein Freund ſtirbt leichter von meinen Händen, weil er weiß, daß ich ihm keine unnöthigen Schmerzen verurſachen, und gleich die rechte Stelle treffen werde.“ Nach Alexeis Anordnung ſollte vorzüglich darauf geſe⸗ hen werden, daß Niemand entkam, der die ausmarſchirten Koſaken von dem Ueberfall benachrichtige, dennoch gelang es Einigen, zu entfliehen. Die Itelmenen zerſtreuten ſich in die Häuſer, um zu plündern— namentlich reizten die Kaufläden mit den vielen lockenden Waaren den begehrli⸗ chen Sinn der Kamtſchadalen. Das Anſehn der Häuptlinge hörte hier auf, ja, die Häuptlinge ſelber konnten dem Ge⸗ lüſt nicht widerſtehn und packten fertige Kleidungsſtücke und Seidenzeuge, Scheeren und Spiegel u. ſ. w. zuſammen. Die Frauen waren ſogleich, als ſie den glücklichen Er⸗ folg des Kampfes ſahn, herbeigekommen und hatten ſich be⸗ eilt, auch etwas von der Beute zu erhalten, ehe die Andern ſich das Beſte zugeeignet. Die Verwirrung wurde dadurch noch erhöht, daß Viele über den Branntwein geriethen, den die Koſaken aus Slatkadrawa deſtillirt hatten und theuer verkauften. Sie tranken, größtentheils mit den Folgen 113 unbekannt, in vollen Zügen und bald gab es überall Be⸗ trunkene. Als Alexei ſah, daß weder Vorſtellungen noch Be⸗ fehle fruchteten, ließ er durch Feodors und Kosko's Leute, die ſich ſehr gut betrugen, die Branntweinfäſſer öffnen, daß der Inhalt auslief. Nur wenige Frauen, unter ihnen Pa⸗ ſuitſch und Tſchekawa, kümmerten ſich nicht um die zu erbeu⸗ tenden Herrlichkeiten, ſondern ſahen nach den Verwundeten. Alle waren außer ſich vor Entzücken über dieſen Sieg, der um ſo höher anzuſchlagen, als es der erſte entſcheidende war, welchen die Eingebornen über die freinden Eindringlinge errungen hatten. Die beiden andern ruſſiſchen Ortſchaften waren viel unbedeutender, und weniger befeſtigt— es konnte alſo nicht ſchwer werden, ſie auch zu nehmen. Von den auf dem Streifzuge befindlichen Koſaken kamen wahrſcheinlich nicht viele wieder, denn ſie hatten es mit einem kühnen, krie⸗ geriſchen Feinde zu thun, der ſeine Unabhängigkeit tapfer und bisher auch mit glücklichem Erfolg behauptet hatte. Die Uebrigbleibenden waren nicht zu fürchten, ſie konnten ein⸗ zeln aufgerieben werden und ſelbſt, wenn von Jakutsk eine Erpedition geſchickt wurde, konnten die Itelmenen ſiegen, denn die Ruſſen beſaßen dann ja keinen Platz im Lande, auf dem ſie feſten Fuß faſſen konnten Aphaka ſtand mit Alexei auf dem Wall und ſie ſprachen von dem Siege und den Hoffnungen für die Zukunft— da blitzte es in der Ferne wie Schimmer von Waffen im Son⸗ nenglanz. Die Koſaken waren noch nicht ſo weit entfernt, als die Itelmenen glaubten; ſie hatten ihre aus Verſehn zurückge⸗ laſſene Munition erwarten müſſen. Galgal hatte ſich nicht 8 Roskowska, Die Eroberung Niſchnois. 6 in die Nähe von Niſchnoi gewagt, weil er fürchtete, ſeinen Feinden in die Hände zu fallen, doch hatte er die ausgezoge⸗ nen Koſaken getroffen. Sie wollten ihm nicht recht glauben, und verlachten in ihrer ſtolzen Sorgloſigkeit den Gedanken, die Eingebornen könnten jemals ihre Feſtung nehmen. Erſt als ein athemloſer Bote, der nur mit Mühe dem Verderben entronnen war, die Einnahme des Ortes verkündete, hörten ſie auf, die Empörung als geringfügig zu betrachten, und kehrten ſchnell um. Die Sieger waren in wilder, gedankenloſer Luſt mit der Zerſtörung der Häuſer beſchäftigt, als Alexei ſie ſchleunig zuſammen rief und nach dem Fort führte, weil die Ruſſen anrückten. Es herrſchte die größte Verwirrung, doch ge⸗ lang es Alexei und den Häuptlingen, die Ordnung ſo weit herzuſtellen, um die Wälle zu beſetzen. Auch ſandte Alexei unter Feodors Führung deſſen Landsleute und einen Theil der Untergebenen Kosko's in das nächſte Wäldchen, wo ſie einen Hinterhalt bilden und den Koſaken in den Rücken fal⸗ len ſollten, ſobald dieſe das Fort angegriffen hatten; auch konnten ſie die Itelmenen aufnehmen, welche etwa noch ein⸗ trafen. Die Frauen ſchloſſen ſich ihnen nach einem kurzen, herzzerreißenden Abſchied an, damit ihnen im Nothfall der Weg ins Gebirge frei blieb. Dann ließ Alexei die Kähne verſenken, daß ſich die Koſaken ihrer nicht bemächtigen oder die Kamtſchadalen nicht zur Flucht verlockt werden ſollten. Auch ließ er in der Eile die Stellen der Feſtungswerke aus⸗ beſſern, welche in der Trunkenheit des Sieges zerſtört wor⸗ den. Jetzt, als die Gefahr dringend war und die Meiſten die Beſinnung verloren, zeigte ſich Alexeis Geiſtesgegenwart im — † hellſten Licht. Alle gehorchten ihm und verlangten von ihm Befehle und obgleich er keine Erfahrung beſaß und noch ein Knabe war, verriethen doch ſeine in der Eile getroffenen An⸗ ſtalten eine Klugheit und Unſicht, welche ſeinen Landsleuten Achtung und Vertrauen einflößten. Freilich wurden manche ſeiner Anordnungen ſchlecht oder gär nicht ausgeführt; er konnte nicht überall ſein und die Leute waren ſehr einfältig und verſtanden ſelten zu gehorchen, wenn nicht ein Koſak mit der Knute hinter ihnen ſtand. Mit einem bisher unerhörten Muthe ſchlugen die Itel⸗ menen den Agriff der wüthenden Koſaken zurück. Sonſt waren ihre Kämpfe ſtets Ueberfälle geweſen, die ſchnell auf⸗ gegeben worden, ſobald die Ruſſen ſich zur Wehre geſetzt; jetzt ſchienen ſie von einem neuen Geiſt beſeelt. Wußten ſie doch auch, daß ſie noch weniger wie ſonſt auf Gnade hoffen durften. Alexei, Kosko, Arem und Kontſchalo waren überall, wo die Noth am größten ſchien, ermuthigten die Zagenden und feuerten die Kühnen durch ihre Lobſprüche mehr an. Es galt, das Fort zu halten, denn mit ſeinem Fall warzjede Ausſicht auf Befreiung vernichtet. Nun wurde es wohl ein⸗ geſehn, welche Thorheit man begangen hatte, den Angriff nicht noch aufzuſchieben, allein die Reue kam, wie gewöhn⸗ lich, zu ſpät. Uebrigens war noch nicht alle Hoffnung verloren. Die Ruſſen konnten keinen Fuß breit Raum gewinnen; Feodor und die Seinen waren ihnen ſo kräftig in den Rücken ge⸗ fallen, daß ſie ſich theilen mußten, und einige Verſtärkung konnte bald ankommen, denn der weit und preit wahrnehm⸗ bare Ausbruch des Kamtſchatkaia war ja das Signal zum 8 . Auszug aus den Dörfern. Wirklich war auch ſchon ein friſcher Haufe Kamtſchadalen in der Nähe, hielt ſich aber unglücklicherweiſe mit der Zerſtörung des Kloſters auf. Von ſeinen Sorgen und Obliegenheiten ganz in An⸗ ſpruch genommen, hatte Kosko es nicht bemerkt, daß Aphaka, mit Muri an ihrer Sette, ihm ſtets folgte. Jetzt traf er mit Alexei zuſammen und dieſer rief nun erſchrocken: „Was machſt du hier, Unglückliche, warum biſt du nicht bei der Mutter?“ Aphaka erwiederte den Vorwurf, welchen ihr Vater ihr auch machte, mit einem flehenden Blick und antwortete mit gefalteten Händen: „Ich könnte es nicht aushalten, Euch in Gefahr zu wiſſen, darum blieb ich heimlich hier und ſagte es nur Tſchekawa, daß die Mutter ſich nicht ängſtigt, wenn ſie mich vermißt. Laßt mich Euer Schickſal theilen— ich verlange nichts anderes, und es iſt auch am Beſten! Schlagen wir den Sturm ab, ſo bin ich hier ſicherer, als draußen, fällt die Feſtung in die Hände der Ruſſen, ſo gehört ihnen ja auch das ganze Land und ich muß ſterben, oder Sklavin werden!“ Kosko ſah ein, daß ſie nicht Unrecht hatte, befahl ihr jedoch, nachdem er ſie herzlich geküßt, an einer geſchützten Stelle zu bleiben. Als er ſich aber nach einiger Zeit entfernt hatte und ſie nicht ſehn konnte, was paſſirte, vermochte ſie es in ihrem Verſteck nicht mehr auszuhalten. Die Seene hatte ſich indeß ſehr verändert; die Ruſſen hatten an einer Stelle den Wall erſtiegen. Alexei warf ſich ihnen mit weni⸗ gen Leuten entgegen und ein wildes Handgemenge entſpann 117 ſich. Aphaka drängte ſich furchtlos in das dichteſte Gewühl und kam zu rechter Zeit, um Alexei zu retten. Während er, trotz ſeiner geringern Körperſtärke, mit einem Koſaken tapfer gekämpft, hatte ihm ein Anderer von hinten einen Kolben⸗ ſchlag verſetzt, der ihn zu Boden geworfen. Der erſte Ruſſe gab ihm einen Säbelhieb und der andre holte zu einem ge⸗ waltigen Schlage aus, als Muri ihn niederriß. Ohne Rück⸗ ſicht auf ſich ſelber, ſtellte Aphaka ſich ſchützend vor ihren jungen Verwandten. Die plötzliche Erſcheinung, die Todes⸗ verachtung und die auffallende Schönheit des Mädchens machten die Ruſſen einen Augenblick ſtutzig und ehe ſie ſich wieder faßten, kamen mehrere Itelmenen, drängten Jene den Wall hinab und trugen Alexei aus dem Gedränge. Nach⸗ dem ſie ſeine Wunden etwas verbunden, überließen ſie ihn Aphaka's Sorge und eilten wieder zum Kampf. In einer Verzweiflung, wie ſie dieſelbe nie empfunden, nicht einmal, als ſie allein in Nacht und Sturm im Walde war, hielt Aphaka den bewußtloſen Alexei in ihren Armen, während Muri niedergeſchlagen ſeine Hände leckte. Sie dachte an Tempte, den ſie auch ſo umfangen gehalten und fürchtete in jedem Augenblick, es ſei Alexeis letzter. Endlich ſchlug er die Augen auf, doch noch immer flüſterte ſie, ohne es zu wiſſen: „Er ſtirbt, er ſtirbt— rette ihn, mein Gott, rette ihn Alexei ſuchte ſie zu beruhigen und richtete ſeinen Kopf auf; zufällig lag der Ort hoch und er konnte das ganze Schlachtfeld überſehn. Die Kamtſchadalen wurden, trotz ihrer tapfern Gegenwehr, überall zurückgedrängt und jetzt ſank Kontſchalo, der bisher mit bewunderungswürdiger 1 Tapferkeit gekämpft. Ein unſäglich qualvolles Gefühl er⸗ faßte den Verwundeten— er wußte, Alles ſei verloren, der ſchöne Traum von Freiheit vorüber. Aphaka umſchlang ihn feſter, blickte angſtvoll in ſein bleiches Geſicht und wiederholte:„Du darfſt— du darfſt nicht ſterben! Du weißt, dein Leben iſt nothwendig— du mußt alſo leben— Gott wird dich alſo leben laſſen!“ Die ſeltene Kraft im Charakter des Knaben zeigte ſich erſt jetzt; wo läßt ſich Seelenſtärke und Geiſtesgröße auch wohl beſſer bewähren, als in hoffnungsloſem Unglück und im Angeſicht des Todes?„Außer Gott weiß es Niemand ſo gut als du, wie bitter mir das Sterben iſt;— ich wollte ſo Vieles, ſo Großes, und nun Alles, Alles dahin! Aber Jammern und Klagen hilft nichts— ſtill und muthig lei⸗ den und ſterben iſt das Einzige, was ſich noch thun läßt,“ ſagte er gefaßt und ergeben.„Ich habe den Troſt, daß ich nichts verſäumte und Alles that, was ich konnte. Mehr ver⸗ mag kein Menſch, der Ausgang liegt in Gottes Hand— wir dürfen nicht mit ihm hadern! Bei unſrer Niederlage hat das Leben ſeinen Werth für mich verloren und ich ſegne meine Wunden; der Tod entzieht mich dem Hohn und der Erniedrigung, die meiner harrt. Aber was wird aus dir und den Deinen? Euer Schickſal kümmert mich viel mehr, als mein eigenes!“ fügte er in tiefem Schmerz hinzu und vermochte ſeine Thränen nicht zurückzuhalten. 5 Aphaka küßte die Thränen weg und ſagte ruhig, faſt heiter:„Oh, um uns weine nicht! Gott wird für uns ſor⸗ gen!— Aber ſieh, was iſt das?“ rief ſie plötzlich erfreut. Kosko und Arem hatten die Kamtſchadalen zu einer 3 —. 119 letzten Anſtrengung geſammelt und warfen ſich mit unwider⸗ ſtehlicher Gewalt auf die Feinde. Gleichzeitig brach Feodor mit ſeinen Leuten aus dem Wäldchen hervor, wohin er ſich mit ſeinen Leuten zurückgezogen, und der Gedanke: es gilt Leben oder Tod, Freiheit oder Sklaverei für die ganze Fa⸗ milie,“ ſpornte jeden Einzelnen zu unerhörtem Heldenmuth. Die Ruſſen wichen ein wenig und dies ſteigerte den Muth ihrer Gegner. Neue Hoffnung kehrte in Alexei's Bruſt zurück und ſeine Empfindungen ſpiegelten ſich in Aphaka's Innerm und auf ihrem Geſichte treulich wieder. Sein Verſuch, aufzuſtehn, war vergebens— er vermochte am Kampfe nur durch ſeine Wünſche theilzunehmen, aber wie feurig waren dieſe und welch glühendes Dankgebet ſtieg aus Aphaka's Herzen zum Himmel empor! Sie meinte, Alexei müſſe geneſen, wenn nur die Ihrigen ſiegten, und die Ruſſen wichen mehr und mehr! Die Arme feſt und innig verſchlungen, ſaßen Beide auf dem Boden neben einander und verfolgten mit athemloſer Spannung den Verlauf des Gefechts. Selbſt Muri ſchien zu wiſſen, daß eine günſtige Wendung eingetreten, denn er ſpitzte vergnügt die Ohren und wedelte mit dem Schweif. Da blitzte es plötzlich auf— ein Knall folgte ſo laut und furchtbar, als berſte Himmel und Erde, und ein erſtickender Dampf hüllte die Gegend ein. Nachdem ſich der Rauch verzogen, war ſtatt des Forts nur noch ein wüſter Trümmerhaufe, in dem ſich Stein und Erde mit verſtümmelten Menſchenleibern entſetzlich miſchten. Ein Pulverwagen war in Brand gerathen, der bei Weitem 120 größte Theil der Kamtſchadalen und auch die zunächſt befind⸗ lichen Koſaken in die Luft geſprengt. Alexei und Aphaka hatte die Erploſion nicht getrennt und ihr Tod war ſanft geweſen, denn ſie waren hinüber ge⸗ gangen, als frohe Hoffnung ſich in ihrer Bruſt regte. Lange blieb das grauſige Erntefeld des Todes ſtill und regungslos— die Koſaken betraten es erſt viel ſpäter. Nur ein verunſtalteter, ſchwer verletzter Hund hinkte winſelnd umher und ſuchte die, welche er liebte. Unter den ſtaub⸗ und blutbefleckten, zum Theil ſchrecklich zerriſſenen Leichen hätte ſelbſt das ſcharfblickende Auge der Mutterliebe kaum die Ueberreſte ihres Lieblings entdeckt, doch Muri fand bald auf, was von ſo viel Jugend, Schönheit, Geiſt und Edel⸗ muth hier auf Erden zurückgeblieben war. Er leckte ſchmei⸗ chelnd das pulvergeſchwärzte Geſicht, die lichtloſen Augen ſeiner jungen Herrin und Alexei's blutiges Haupt, wie die krampfhaft in einandergeſchlungenen Hände Beider— als ſie aber kalt und unbeweglich blieben und ſeine Liebkoſungen nicht erwiederten, heulte er kläglich und legte ſich ſterbend zu ihren Füßen nieder. Der treue Hund war das einzige Weſen, das an der irdiſchen Hülle zweier ſchönen, reichbegabten See⸗ len dem Schmerz jenen Tribut darbrachte, den Eltern und Geſchwiſter, Freunde und Verwandte ſonſt neben vorzeitig verwelkten Menſchenknospen weihen. 7 ₰ Zwölftes Kapitel. Vor der Exploſion hatte Paſuitſch die Kurilen und ihre Freunde zum Kampfe ermuthigt. Es galt ja nicht allein die Freiheit des Vaterlandes, die Abſchüttelung des uner⸗ träglichen Joches, ſondern auch das Leben ihres Mannes und ihrer Kinder, denn Alexei war ihr theuer, wie ein leib⸗ licher Sohn. Nach der ſchrecklichen Kataſtrophe war ſie außer ſich, daß ſie nicht, wie Aphaka, bei den Ihrigen geblie⸗ ben und mit ihnen geſtorben ſei. Sie wollte wenigſtens hin, die Leichen ihrer Lieben ſuchen, doch Tſchekawa und Feodor hielten ſie mit Gewalt zurück und nahmen ſie, gegen ihren Willen mit ſich, als der unvermeidliche Rückzug angetreten wurde. Erſt nach langer Zeit erinnerte ſie ſich, daß ſie da⸗ heim noch ein geliebtes Kind und eine alte Mutter habe, und für die Rettung Beider ſorgen müſſe. Als Saagſchehm das ganze Unglück erfuhr, war ſie einen Augenblick erſtarrt, dann wollte ſie mit ihren eigenen Händen den Prieſter umbringen, der noch in ihrem Gewahrſam war und nach ihrer Meinung die Veranlaſſung des furchtbaren Ausgangs der ſo viel verheißenden Unternehmung. Paſuitſch war durch ihr herbes Leid nicht blutdürſtig gegen den Mann geworden, der ihnen ſonſt nur Gutes erwieſen hatte; ſie mußte ihr ganzes Anſehn aufbieten, um den Mord zu hin⸗ dern, denn mehrere Andre dachten wie Saaſchehm und ver⸗ langten eine blutige Sühne für das viele Blut, das auf ihrer Seite gefloſſen war. Die Koſaken hatten ſich in mehrere Haufen getheilt, um die entflohenen Itelmenen zu verfolgen. Eine Abthei⸗ lung kam auch an den Tſchamſcha, und Alle, die noch im Dorf waren, zogen ſich in den Wald zurück. Nur Saag⸗ ſchehm blieb— ſie wollte es einmal ſo und ihrem feſt und ruhig ausgeſprochenen Willen wagte ſich ſelbſt ihre Tochter nicht zu widerſetzen. Feodor beabſichtigte mit ſeiner Frau und den Wenigen ſeiner Landsleute, welche übrig geblieben, nach ſeiner Heimath zurückzukehren, und Paſuitſch mit ihrer Familie, wie der Reſt der Dorfbewohner, wollte ſich ihnen anſchließen, weil ſie von den Ruſſen das Schlimmſte zu er⸗ warten hatten. Die Hartnäckigkeit, mit welcher Saagſchehm darauf beſtand, noch zu bleiben, hielt die Andern auf, denn Paſuitſch wollte ohne ihre Mutter nicht die Gegend verlaſſen. Endlich verſprach dieſe, ſich um Mitternacht an einem be— ſtimmten Orte einzufinden, und dann ſollte die Reiſe ange⸗ treten werden. Der leidenſchaftlichen alten Frau ſchien es unmöglich, ihren Schwiegerſohn und ihre Enkel ungerächt zu laſſen. Sie hatte einen Plan, zu deſſen Ausführung ſie ſchon vorher einige Anſtalten getroffen. Kutſchinz, der ſich auch unter Feodors Kommando befunden hatte, hegte eine große Ver⸗ ehrung gegen ſeine kluge Schwiegermutter; ihn hatte ſie in das Geheimniß eingeweiht, und obgleich er Anfangs darüber erſchrack, hatte er ſich doch bereden laſſen, die Hand dabei zu bieten. Die Koſaken waren ſehr erbittert, als ſie das leere Dorf fanden, und wollten Saagſchehm, die einzige lebende Seele darin, arg mißhandeln. Allein Baſil ſchützte ſie und zuletzt waren die Koſaken noch froh, daß ſie eine Perſon hatten, 123 die den Sklaven, welche ſie hieher geführt, bei der Bereitung des Abendeſſens half. Ein Theil der Ruſſen quartirte ſich in Kosko's Balagan ein und zu Saagſchehms großer Freude war auch Galgal dabei. Dieſer ſtand jetzt bei den Koſaken in hohem Anſehn, fühlte ſich aber ſehr getäuſcht, als er Tſchekawa nicht fand. Indeß hoffte er noch, ihrer habhaft zu werden, und gab der alten Frau die ſchönſten Worte, damit ſie ihm den Aufent⸗ halt ihrer Enkelin verrathe. Saagſchehm wies ihn nicht geradezu ab, ſondern meinte nur, am andern Tage wäre Zeit daran zu denken. Sie war ſo freundlich und dienſtbefliſſen, daß Galgal, der, wie man zu ſagen pflegt, mit allen Hunden gehetzt war, mißtrauiſch gegen ſie wurde. Er warnte die Koſaken, doch dieſe achteten nicht darauf Sie waren müde von dem Marſch durch das mit mächtigen Gräſern und dichten Schlingpflanzen über⸗ wachſene Land und fürchteten die wenigen Itelmenen nicht, welche ſich im Walde verſteckt haben mochten. Da es in Strömen regnete, ſtellten ſie nicht einmal eine Wache aus und das kam Saagſchehm ſehr gelegen. Die Alte hatte unter den Thee, welchen ſie den Ruſſen bereitet, unbemerkt etwas von einem Kraut gethan, das einen tiefen, ſüßen Schlaf und liebliche Träume gab. Bald ſchlie⸗ fen Alle feſt, wie nach einem Schlaftrunk, nur Galgal hatte ſich noch wach erhalten. Saagſchehm wollte hinausgehn, das gefiel ihm aber nicht; er fürchtete Verrath und legte ſich, da auch ihn die Schläfrigkeit überwältigte, vor die Thüre, ſo daß ſie nicht hinaus konnte. Um nicht Verdacht zu erregen mußte, ſie bleiben, auch machte ſie ſich nicht viel daraus, ſondern murmelte nur in ſich hinein:„Soll ich mit— auch gut; was liegt mir daran, ob es heute oder ein ander Mal geſchieht! Hat Arems Frau damals doch auch mit müſſen, und war jünger wie ich!“ Sie kauerte ſich wie zum Schlaf in eine Ecke, ſtand aber wieder auf, als Galgals tiefe Athemzüge ſie überzeugten, daß er feſt eingeſchlafen ſei. Mit eben ſo großer Geſchick⸗ lichkeit als Vorſicht warf ſie um die Hände und Füße Gal⸗ gals und der Koſaken Lederſchlingen und befeſtigte dieſelben an den Balken, woraus die Hütte beſtand. Dann zündete ſie an der Lampe dürres Gras an und ſteckte es an verſchiede⸗ nen Stellen unter das Dach und zwiſchen die Baumſtämme, welche den Fußboden bildeten. Das naſſe Stroh des Daches wollte nicht ſogleich brennen, der Fußboden aber war trocken und fing raſch Feuer. Dabei bedauerte ſie lebhaft, daß Bruder Baſil nicht in derſelben Hütte ſchlief und alſo ihrer Rache entging. Schon während ſie ihre Feinde und Opfer feſſelte, war draußen ein Geräuſch entſtanden. Kutſchiniz hatte ſich, der Verabredung gemäß, herangeſchlichen und nahm die Leitern fort, welche zu den Balaganen führten, auf denen ſich Ko⸗ ſaken befanden. Er wußte nicht, daß Saagſchehm noch oben war und ſie gab ihm auch kein Zeichen ihrer Anweſenheit, Galgal lag vor dem Eingange— ſie wollte ihn nicht er⸗ wecken, damit nicht vorzeitig Lärm entſtünde. Kutſchiniz kehrte zu den Uebrigen zurück, die ängſtlich, doch vergebens, der alten Frau harrten. Paſuitſch machte ſich Vorwürfe, daß ſie dieſelbe nicht wieder ihren Willen mitgenommen hatte, und zuletzt brach ſie mit Feodor und —— —— —*—2 125 ſämmtlichen waffenfähigen Männern auf, um ihre Mutter zu befreien. Die gefeſſelten Koſaken und Galgal erwachten erſt aus ihrem friedlichen Schlummer, als die Hütte in hellen Flam⸗ men ſtand. Sie erhoben ein lautes Geſchrei und ſuchten ſich ihrer Bande zu entledigen, während ſie Verwünſchungen gegen Saagſchehm ausſtießen. Sie ertrug dieſelben eben ſo gleichgiltig, wie die Qualen des Feuers, unter denen ſie bald nicht weniger litt, als die Andern. Ihr eigner marter⸗ voller Tod galt ihr nichts im Vergleich zu der Luſt, welche ihr die Rache an den Koſaken und vorzüglich an dem ver⸗ haßten Galgal gewährte; ſie hatte das Feuer ſo angelegt, daß er ordentlich gebraten wurde. Nachdem Drohungen und Anſtrengungen vergeblich geweſen, bat er ſie flehentlich, ihn von ſeinen Feſſeln zu befreien, und ſuchte ihr Mitleid durch das kläglichſte Jammern zu erregen. Doch ſie antwortete mit der Aufzählung alles Deſſen, was er ihr und den Ihri⸗ gen zu Leide gethan, und frohlockte laut über ſeine Marter und ſeine ohnmächtige Wuth. Die Koſaken in den andern Balaganen erwachten end⸗ lich von dem Hilferuf, doch waren die Leitern fort und ehe ſie hinabgeſprungen oder ſich hinabgelaſſen auf die Erde, hatte das Feuer ſchon die ganze Hütte ergriffen. Während die Ruſſen verwirrt und rathlos daſtanden, erſchien Feodor mit ſeinen Leuten und fiel über ſie her, faſt Alle wurden niedergemetzelt, nur Wenige entkamen in die nahen Büſche; Baſils Leben wurde ſelbſt in dieſem Augen⸗ blick geſchont. Paſuitſch begriff ſogleich, wie das Feuer entſtanden und daß ihre Mutter in der brennenden Hütte ſei. Sie ließ eine Leiter herbeibringen und anlegen, doch in demſelben Augen⸗ blick ſtürzte das Gebäude zwiſchen den Pfählen, auf welchen es ruhte zuſammen, und begrub Diejenigen, welche noch nicht erſtickt waren, unter ſeinen qualmenden Trümmern. Obgleich die Kamtſchadalen Sieger geblieben, verließen ſie doch das Dorf, denn in Kurzem hätte eine andere Abthei⸗ lung Koſaken ihre Kameraden blutig gerächt; ſie zogen Alle nach einer der kuriliſchen Inſeln. Arem hatte ſich in dem Theil des Forts befunden, wel⸗ cher dem auffliegenden Pulverwagen am fernſten war. Die Exploſion warf ihn nieder, doch erhielt er keine erhebliche Verletzung und raffte ſich bald wieder auf. Es gelang ihm, den Ruſſen zu entkommen und ſich an den Haufen ſeiner Landsleute anzuſchließen, welcher das Kloſter zerſtört hatte. Er führte denſelben nach ſeinen Wohnort, wohin ein Theil der früheren Bewohner zurückgekehrt war, und ſie verſchanz⸗ ten ſich hier ſo gut wie möglich. Die anrückenden Koſaken hatten einen ſchweren Stand vor dem ſtarkbefeſtigten und tapfer vertheidigten Oſtrog. Sie konnten ihn nicht einnehmen und holten endlich ein Ge⸗ ſchütz herbei. Erſt, als von den Bomben die Wälle und Hütten zerſtört und die Vertheidiger größtentheils getödtet oder verſtümmelt waren, gelang es den Koſaken, einzudrin⸗ gen. Die noch übrigen Kamtſchadalen, unter ihnen Arem, ſtarben mit den Waffen in der Hand. Arems Kinder hatte Paſuitſch mit ſich genommen und hielt ſie wie Pikankur. Sie konnte ihre Verluſte nie ver⸗ ſchmerzen und flößte den Kindern tiefen Haß gegen die — 127 Ruſſen ein. Pikankur und Lipacha kämpſten ſpäter auch tapfer gegen dieſe. Feodor und Tſchekawa betrauerten ihre Freunde und namentlich Alexei und Aphaka ſehr ſchmerzlich, lebten ſonſt aber glücklich und zufrieden. Kutſchiniz und ſeine Kinder befanden ſich auf den Inſeln auch ganz wohl. Die Kurilen wehrten ſich muthig gegen die ruſſiſche Herrſchaft und wurden erſt nach vielen Jahren unterjocht. Die Kamtſchadalen aber vermochten nichts mehr gegen die Koſaken, und ſogar die Anwohner des kuriliſchen Oſero mußten ſich unterwerfen. Sie verſuchten zwar einige Mal, ihre Ketten zn brechen, allein es gelang ihnen nicht; ſie waren nicht einig und durch ihre mangelhafte Bewaffnung, wie durch ihren unkriegeriſchen Charakter, zu ſehr im Nachtheil. Uebrigens nahm ihre Zahl auffallend ab. Vierzig Jahre, nachdem die Koſaken auf die von Kontſchalo geſchilderte Weiſe in den Beſitz der Halbinſel gelangt waren, hatte dieſe nur noch 3000 Einwohner, kaum den zwölften Theil ihrer muthmaßlichen, frühern Bevölkerung. Niſchnoi⸗Oſtrog wurde nicht wieder erbaut, ſondern wei⸗ ter abwärts am Kamtſchatka eine neue Niederlaſſung gegrün⸗ det, wo ſich die Ruſſen anſiedelten, welche dem Blutbade ent⸗ ronnen waren. Auf kaiſerlichen Befehl ſollten die Kamtſchadalen gut und freundlich behandelt werden, doch—„Gott iſt hoch und der Kaiſer weit!“ ſagt das Sprüchwort. Wir wollen zufrie⸗ den ſein, daß wir nicht zufällig grade dort geboren wurden. Es kamen mehr ruſſiſche Anſiedler ins Land und einige 128 neue Orte wurden gegründet, von denen Petropawlowsk am Meerbuſen von Awatſcha mit einem ſchönen Hafen der bedeutendſte iſt. Obgleich die Eingebornen ſpäter etwas milder behandelt wurden, als zuerſt, verminderten ſie ſich ⁰ dennoch ſtets und jetzt giebt es in dem ganzen großen Lande vielleicht noch 1200 Itelmenen. Sie werden allmälig aus⸗ ſterben, wie die Ureinwohner Amerika's. Die Habgier, die Herrſchſucht und— der Branntwein der eiviliſirtern Natio⸗ nen reiben die wilden Volfsſtämme auf, deren Land jene ein⸗ nehmen, um ihnen, wie ſie ſagen, den Segen der Bildung und des Chriſtenthums zu bringen. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. ſſſſnſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 12 18 19 „. ut⸗ —— — ₰