—— 1 Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Okkmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ijedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Sommer war feucht geweſen und der größte Theil der Fiſche verdorben, welche die Kamtſchadalen zur Nahrung für den Winter pehoüne hatten; es mußte alſo jetzt im Herbſt, wo das Wetter gewöhnlich ſchön iſt, für neuen Vor⸗ rath geſorgt werden. Die Bewohner aller Dörfer, die an wenig fiſchreichen Seen oder Strömen lagen, waren nach den Mündungen der Flüſſe gezogen, und auch am Tſchamſcha hatte ſich eine Kolonie niedergelaſſen. Die Männer warfen ihre Netze oberhalb der Mündung aus und hatten einen reichen Fang, nur waren die Fiſche nicht mehr ſo fett, wie im Frühling; die langen ſchmalen Kähne beſtanden aus einem mit Seehundsfell überzogenen Geſtell von Fiſchbein. Die Frauen ſchnitten Fiſche der Länge nach in vier Stücke, nahmen die Gräten heraus und hängten jene unter den hölzernen, auf Pfählen errichteten Hütten zum Trocknen auf, wobei ihnen die Kinder halfen. Eine Menge langhaariger, weißer, ſchwarzer und grauer Hunde trieb ſich umher und ſuchte etwas von den Fiſchen 1* efangenen — — 4 zu erhaſchen, wurden aber mit Stockſchlägen davon zurück⸗ gehalten. So oft einer einen Hieb bekommen hatte, lief er heulend davon und nach dem Fluſſe, um ſich ſelber Futter zu ſuchen. Am Strande lagen viele halbverfaulte Fiſche, von denen die leckerigen Hunde und Bären nur die Köpfe abgefreſſen hatten. Die Luft wäre von der Ausdünſtung verpeſtet worden, wenn nicht die faſt beſtändig und oft ſehr ſtark wehenden Winde ſie gereinigt hätten. Etwas abgeſondert von den leichten, ſtrohgedeckten Hüt⸗ ten, Balaganen genannt, die als Schlafſtätte und als Auf⸗ bewahrungsort der Fiſche dienten, war eine Winterwohnung, eine ſogenannte Jurte. Ein fünf Fuß tiefes, längliches Viereck im Erdboden war mit Baumſtämmen, Raſen und Erde überdeckt; in der Mitte des Daches befand ſich ein Loch, das zugleich Schornſtein und Eingang war. In der Jurte bereiteten einige Frauen die Borſa, eine große Deli⸗ kateſſe der oſtaſiatiſchen Völker. Sie hingen an und über dem Feuerheerd Fiſche auf, heizten ſtark ein und verſchloſſen das Rauchloch, damit die Wärme nicht ſo ſchnell entweichen konnte. Nach ein paar Stunden zogen ſie von den gebra⸗ tenen Fiſchen die Haut ab und zerrieben erſtere, nachdem die Gräten 1 Eingeweide herausgenommen waren, zwiſchen den Hän hierauf wurden die Krümel auf Strohmatten getrocknet. Alle, Männer, Weiber und Kinder, trugen Hoſen und enge, ſackartig zuſammengenähte Röcke von Rennthier- oder Seehundsfellen. Die Frauen waren im bloßen Kopf, die Männer hatten Mützen von Vogelfedern, oder Hüte von Rinde, und ſahen damit wunderlich genug aus. Sie waren „ 5 iberh nicht beſonders hübſch oder anſehnlich, ſondern klein und breitſchulterig, hatten größtentheils dicke Köpfe, kleine Augen, platte Naſen und wulſtige Lippen; nur „ den Mädchen gab es einige recht hübſche. Sie verrichteten übrigens ihre Arbeit flink und geſchickt nnd ſangen, lachten und plauderten dabei. Nur eine Per⸗ ſon nahm an der allgemeinen fröhlichen Geſchäftigkeit keinen Theil. Am Meeresſtrande ſaß ein alter Mann, der über ſeinen Rock noch einen zweiten, mantelartigen anhatte, der nur im Winter, auf Reiſen und zum Staat getragen wird und Kuklanka heißt; er murmelte einige Worte und warf eine Art Fliegenwedel aus Hobelſpänen in die Wellen. Es war ein Schamane, ein Prieſter, Arzt und Beſchwörer; er ſtand bei ſeinem Volk in viel höherem Anſehen, wie ſeine Antsbrüder, vor welchen die Kamtſchadalen wenig Ehr⸗ furcht hegten, weil ſie ihre Gottheiten auch nicht beſonders hoch achteten. Er beſchwor den Seegott Mitgh, einen reichen Fang zu geben. Der Tſchamſcha entſpringt am Fuße eines Vulkans, des Kamtſchatskaia Goräla Sapka; dieſer iſt über 16000 F. hoch und wird viele Meilen weit geſehen. Er bricht oft in Flammen aus und beſtändig ſteigen Rauchwolken aus ſeinem Krater empor. Die Eingebornen hielten ihn für die Woh⸗ nung der Gamuli(Geiſter) und fürchteten ſich, in ſeine Nähe zu kommen. Die Gebirge in der Mitte Kamtſchatka's ſind ſehr waldreich, an den Küſten herrſcht Holzmangel; es kommt hier nur Cedergebüſch und verſchiedenes Geſträuch fort. Südlich von der Mündung des Tſchamſcha iſt die Küſte voll ſteiler, zerklüfteter Felſen, die endlich in das Vorgebirge Kronozki auslaufen; im Norden iſt der Strand ebener und das Land wird immer flacher und ſumpfiger nach dem Kamt⸗ ſchatka hin, dem größten Fluß der Halbinſel, von welchem ſie den Namen hat; zwiſchen ihm und dem Tſchamſcha erſtreckt ſich das Land etwas ſeeeinwärts. Unweit der Stelle, wo die Fiſcher ihre Hütten aufgeſchlagen hatten, war eine Land⸗ zunge; rings herum wuchs viel Weidengebüſch, welches das nöthige Brennmaterial lieferte. Plötzlich rief der Schamanne:„ Dähn, Dähn!(Ein Wallfiſch, ein Walffiſch!)“ Es entſtand eine lebhafte Be⸗ wegung. Die Männer verſahen ſich mit Harpunen, indeß die Weiber dem Schamanen einen Hund ſchlachten halfen. Sämmtliche Itelmenen,(eingeſeſſene Leute) wie ſich die Kamt⸗ ſchadalen nannten, ruderten, nach den nöthigen Vorberei⸗ tungen, dem Walffiſch entgegen; nur Einer zögerte und ſchien auf einen Vorwand zu ſinnen, von der Jagd zurückzubleiben. Es war ein kleiner, ältlicher Mann mit einem noch plattern Geſicht und noch krummern Beinen, wie ſeine übrigen Lands⸗ leute; er gehörte nicht zu den Bewohnern des Dorfes, ſon⸗ dern hatte ſich ihnen nur während der Fiſcherei angeſchloſſen. Die Beſchwerden und Gefahren des Wallfiſchfanges ſagten ihm wenig zu, doch mochte er ſich davon nicht gradezu ausſchließen, um nicht verſpottet zu werden, und auch, um nicht ſeiner Antheil an der koſtbaren Beute zu verlieren. Indeß wurde er bald aus ſeiner Ungewißheit geriſſen. Es rauſchte im Geſtrüpp und ein Mann ward ſichtbar. Der Itelmann er⸗ ſchrak ſo heftig bei ſeinem Anblick, daß das Ruder faſt ſeinen Händen entglitt; er wollte fliehen, allein ſeine Arme waren wie gelähmt— in ſprachloſer Angſt ſtarrte er das menſch⸗ 7 liche Weſen vor ſich an, und gehorchte dann langſam und zitternd dem Wink deſſelben, an's Land zu ſtoßen. Der Fremde ſah keineswegs furchterweckend aus, doch gehörte er nicht dem itelmeniſchen Stamm an Es war ein großer junger Mann, von auffallend hübſchem und kräftigem Wuchs, mit ausdrucksvollem Geſicht und ſtarkem ſchwarzen Bart, was ihn weſentlich von den Eingebornen unterſchied, die nur ſchwache Bärte hatten. Man hätte ihn für einen Bewohner der kuriliſchen Inſeln gehalten, doch widerſprach ſein Anzug dieſer Annahme. Die kühnen, kriegeriſchen In⸗ ſulaner trugen Kleider von Vogelfedern, er jedoch hatte einen Kaftan und Beinkleider von grobem Tuch. Seine Kopfbe⸗ deckung bildete eine alte, ehemals blond geweſene, jetzt aber ſehr fuchſige Perücke, deren unzählige Locken über alle Be⸗ ſchreibung zerzauſt und mitgenommen waren. Auf dieſen Theil ſeiner Kleidung ſchien er ziemlich ſtolz zu ſein und er war es auch, welcher die erſtaunten und furchtſamen Blicke des Itelmen erregt und gefeſſelt hatte. „Gieb mir deine Barka und deinen Baidar!“ ſagte der Fremde haſtig, warf dabei ſeinen Kaftan ab und zog den Rock des Kamtſchadalen an, der von Hundefellen war und ihm ohne Widerrede dargereicht wurde. Dann ſprang er in den Kahn, welchen ſein Inhaber verlaſſen hatte, ergriff das Doppelruder mit ſtarkem Arm und eilte den An⸗ dern nach. Galgal, der Kamtſchadale, blickte ſcheu nach dem am Boden liegenden Kleidungsſtück und ſchlüpfte durch das Ge⸗ büſch zu dem Schamanen, der ſich von den Uebrigen wieder ert hatte. Der ganze Vorgang war unbemerkt 8 geblieben, denn die Weiber und Kinder ſchauten von der Landſpitze eifrig nach dem Wallfiſch aus. Galgal berührte den Arm des Schamanen und deutete ſchweigend auf den Unbekannten, der noch nicht ſo weit ent⸗ fernt war, daß ſeine auffallende Haartour nicht kenntlich geweſen wäre. Der Alte richtete ſeine klugen Augen auf den bezeichneten Punkt und allmälig verriethen auch ſeine Züge Verwunderung und eine leichte Anwandlung von Schrecken. „Balakitgh?“ ſagte Galgal fragend. Der Schamane nickte bejahend. Nach einer Weile, während Galgal ſeine Kuklanka anzog, trat er zu den Frauen und Kindern und machte Alle auf den Fremden auf⸗ merkſam. „Die Götter ſind in frühern Zeiten oft unter uns ge⸗ weſen!“ ſagte er feierlich.„Jetzt ließen ſie ſich ſo lange nicht ſehn, daß Viele aufhörten, an ſie zu glauben, und ſich von den Tatachs(Ruſſen) taufen ließen. Heute zeigt ſich wieder einer von ihnen. Ihr wißt, Kutka(der Weltſchöpfer, oberſte Gott) hat in den Wolken einen Mann mit erſchrecklich langen und krauſen Haaren erſchaffen. Schüttelt Balakitgh ſeinen Kopf nach einer Seite hin, ſo haben wir Wind auf der Erde, iſt er müde, ſo giebt es ſchönes Wetter. Balakitgh iſt ge⸗ kommen, er hat ſich Galgals Baidar geben laſſen und hilft Euren Vätern und Männern den Dähn fangen. Das be⸗ deutet Glück, wenn ihr ihn nicht böſe macht, aber Unglück, ſobald ihm etwas nicht gefällt.“ Alle ſchauten zuerſt verwundert den Schamanen an, dann theils neugierig, theils ängſtlich hinaus nach den Booten— —————— 3 9 doch ließ ſich auf denſelben nichts mehr deutlich erkennen. Mit Spannung und einiger Unruhe erwarteten ſie den Aus⸗ gang und in Keinem regte ſich ein Unglaube. Indeß begann die Jagd. Der junge Fremdling war bald allen Andern voran und ſtieß mit großer Kraft und Gewandtheit dem rieſigen, mindeſtens 70 bis 80 Fuß langen Gegner einen knöchernen, mit Widerhaken verſehenen Spieß in den Leib. Der Wallfiſch bewegte das Waſſer mit furcht⸗ barer Gewalt, ſchwamm eine Strecke weiter und ſchoß dann pfeilſchnell in die Tiefe hinab; der Fremde ließ jedoch nicht minder ſchnell den Riemen ablaufen, an welchem die knöcherne Harpune befeſtigt war. Endlich tauchte der gewaltige Feind wieder auf, um Luft zu ſchöpfen, ſein Verfolger nahm nun den Riemen ein und ruderte näher. Er ſah ſich nach den Andern um, an denen jetzt die Reihe war, eine zweite Harpune auszuwerfen, allein ſie hielten ſich ziemlich fern und zeigten wenig Luſt, näher zu kommen. In ihrem Jagdeifer und der Hoffnung auf den reichen Fang, hatten ſie Anfangs den Kopfſchmuck des fremden Gehilfen gar nicht bemerkt, jetzt erregte er jedoch ihre Aufmerkſamkeit und ſie ſcheuten, ſich Balakitgh zu nahen. Dieſer rief ihnen lange vergebens— er konnte ſich nicht erklären, warum ſie ſo ſcheu vor ihm zurückwichen. Endlich faßte ſich Kosko, der Vornehmſte der Itelmenen, ein Herz und ruderte heran; die Uebrigen folgten, als ſie ſahen, daß ihm nichts Böſes geſchah. Dazu bewog ſie auch die Sorge um ihr Leben; der ſchreckliche Ankömmling bewegte ſein Haupt bei dem Bemühen, ſie herbeizurufen— ſie fürchteten, 10 er werde dadurch einen jener heftigen Sturmwinde verur⸗ ſachen, deren Gewalt ſie ſchon ſo oft erfahren hatten. Neben dem Wallfiſch angelangt, warf Kosko die Har⸗ pune in ſeine Seite, worauf Jener wieder untertauchte. Die Jagd nahm nun ihren gehörigen Verlauf. Als die Kamtſchadalen ſahen, daß der vermeintliche Balakitgh keine Miene machte, ihnen etwas zu Leide zu thun, ſondern ſich mit ganzer Seele der Aufregung des Kampfes hingab, ver⸗ loren ſie alle Furcht und Einer nach dem Andern beffſtigte ſich an der erwünſchten Beute. Einmal ſchien ihnen dieſelbe faſt zu entgehn; der Wallfiſch ſuchte das weite Meer zu ge⸗ winnen, allein er war ſchon ſo abgemattet, daß er dieſen Verſuch bald aufgab. Uebrigens geſchah gar kein Unfall; die Riemen an den Harpunen waren insgeſammt ſo lang, daß ſie niemals ganz ausgelaſſen werden durften, wenn er in die Tiefe ſchoß; die leichten Baidare kippten nicht um, ſo heftig und wirbelnd das Waſſer auch aufgeregt wurde, und den gefährlichen Schlägen des Fiſches wichen Alle behende aus. Endlich verriethen die ſchwächern Bewegungen des Wallfiſches ſeine zunehmende Erſchöpfung und die Strö⸗ mung trug ihn an die Küſte. Die Männer zogen ihn ans Land und tödteten ihn vollends, während der Schamane Beſchwörungsformeln ſprach, damit ſich die Verwandten des Wallfiſches nicht von ſeinem Schickſal abhalten ließen, auch an die Küſte zu kommen.. Als die Zurückgebliebenen geſehen hatten, daß der Fang glücklich ablief, we ni närriſch umhergeſprungen, während ſie dabei ſangen und jubelten. Jetzt wünſchten ſie 1¹ den Männern frohlockend Glück zu der Beute und darauf eilten Alle, ihren beſten Staat anzulegen. Dann wurde in unglaublich kurzer Zeit eine neue Strohhütte aufgerichtet; Einige brachten unter der Leitung des Schamanen einen aus Holz geſchnitzten, zwei Fuß langen Wallfiſch herbei, den die Mädchen bekränzten, und ſtellten ihn unter die neue Hütte, indem ſie eine Lampe dabei anſteckten. Nun ging es an das Zerſchneiden des todten Walffiſches, dem ſie mit dieſen Ceremonien viel Ehre angethan zu haben glaubten. „Wo 1 meine Frau?“ hatte Kosko gleich nach ſeiner Landung ein Mädchen gefragt, worauf er zur Antwort er⸗ halten hatte: „Du weißt ja, daß ſie mit Aphaka ſchon heute früh zu den Mäuſen ging; ſie iſt noch nicht wieder gekommen und zu weit entfernt, als daß wir ſie rufen könnten.“ Kosko war es ſehr unangenehm, daß ſeine Frau und Tochter bei einer Feierlichkeit, wie die gegenwärtige, fehlten, allein ſie herbei zu holen war nicht möglich, da er nicht wußte, wie weit und in welcher Richtung ſie ſich befanden. Der Gedanke an ſie ließ ihn den geheimnißvollen Fremden vergeſſen, der ihnen beigeſtanden hatte, und von Allen für den Windmacher gehalten wurde. Auch die Andern dachten nicht an ihn. Als der Schamane ſeine Ceremonien beendet hatte, fragte er nach ihm, doch wußte Niemand zu ſagen, wo er geblieben: in dem allgemeinen, fröhlichen Wirrwarr hatte er ſich unbemerkt entfernt. Durch das laute Anſchlagen der Hunde aufmerkſam ge⸗ macht, wandten ſich jetzt Alle nach dem Seeufer, wo eben ein großes Boot befeſtigt wurde, das ungeſehn um die Land⸗ 12 zunge gekommen war. Ein Fremder ſtieg aus und zwei Itelmenen, welche die Ruder gehandhabt, folgten ihm. Bei dem Anblick des Ankömmlings entſtand eine lange Stille in der ganzen, eben noch ſo lärmenden Verſammlung. Es war einer der gefürchteten Koſaken, die in dem eroberten Kamtſchatka nach Belieben ſchalteten und walteten. Wohin ſie kamen, nahmen ſie, was ihnen gefiel— Lebensmittel, Hunde und Menſchen. Die beraubten, geknechteten Kamtſcha⸗ dalen hatten ſich deshalb ſchon oft empört, doch bis jetzt— man ſchrieb das Jahr 1729— ſtets mit unglücklichem Erfolge. Der Koſak erwiederte die tiefen Bücklinge der Itelmenen mit einem leichten Kopfnicken und ſprach einen Augenblick mit einem ſeiner Begleiter ruſſiſch, worauf dieſer in der Landes⸗ ſprache ſagte: „Dem Gouverneur in Niſchnei Oſtrog ſind vor einigen Tagen zwei Sklaven entlaufen. Der eine iſt ein junger Kuſchi(Bewohner der kuriliſchen Inſeln) der andere ein Itelmenknabe. Sie haben ein Baidar genommen, mit dem ſie bis in die Mündung des Kamtſchatka fuhren, wenigſtens fingen es Fiſcher dort auf; die Flüchtlinge ſelber aber hat Niemand geſehn. Wenn ihr ſie antrefft, ſo bringt ſie nach Niſchnei⸗Oſtrog und ihr erhaltet eine herrliche Belohnung von Meſſern, Beilen, Keſſeln und Zeug. Erkennen werdet ihr ſie hauptſächlich an ihren Tuchkleidern. Alle verſprachen, die Entlaufenen einzuliefern, wenn ſie ihnen in die Hände fallen ſollten. Dann ließ der Koſak aus dem Wallfiſch die ſchönſten Stücke herausſchneiden und in ſeinen Kahn tragen, ſuchte ſich aus dem Fiſchvorrath das Beſte aus und befahl endlich, ihm nach einigen Tagen eine ½ 13 Portion von dem Wallfiſch wie von ihren getrockneten Fiſchen nach Niſchnei zu bringen. Darauf kehrte er, wie er gekom⸗ men, um die Landzunge nach der Mündung des Kamtſchatka zurück, wo er einige Männer in Beſchlag nahm, die das ſchwerbeladene Boot die 110 Werſte ſtromaufwärts nach Niſchnei rudern mußten. „Es hat uns Unglück gebracht,“ ſagte der Schamane nach ſeiner Entfernung,„daß Balakitgh uns ſo ſchnell ver⸗ ließ. Er nahm es gewiß übel, daß wir uns nicht um ihn, ſondern um den Wallfiſch bekümmerten.“ Die Andern ſtimmten ihm bei; kamen dann aber darin überein, daß Alles noch gut genug abgelaufen ſei, da es ja viel ſchlimmer hätte kommen können und begaben ſich dann wieder an das Geſchäft, den Wallfiſch zu zerſchneiden, deſſen Speck, Haut, Därme und Kinnbacken ſie auf die verſchie⸗ denſte Weiſe benutzten.* Zweites Kapitel. Einige Werſte oberhalb der Mündung des Fluſſes befand ſich Kosko's Frau mit ihrer zwölfiährigen Toch⸗ ter; ſie hatten eben eine Mahlzeit gehalten und ruhten von ihrer Arbeit aus. Aphaka war ein hübſches Mädchen mit glänzenden, ſchwarzen Augen und Haaren und einer Haut wie Schnee und Blut, wie es in der Geſchichte von Schnee⸗ wittchen heißt. Sie ähnelte übrigens ihrer Mutter, die eines der ſchönſten Mädchens Kamtſchatkas geweſen und auch noch 14 jetzt ziemlich hübſch war. Die Frau hieß Paſuitſch, d. i. e Thränende, zum Andenken an die betrübte Zeit, da ſie gebo⸗ ren wurde; ſie war nämlich bald nach der Einnahme des Landes durch die Ruſſen zur Welt gekommen. Paſuitſch und ihre Tochter waren nach kamtſchatkiſchen Begriffen außerordentlich ſchön gekleidet. Ihre Barken von Rennthierleder mit Ellernrinde pomeranzengelb gefärbt, hatten unten herum einen handbreiten Streifen von weißen Haaren, untermiſcht mit rothem Seehundsleder und bunt⸗ farbigen Haarbüſcheln. Die Kamtſchadalen hielten nämlich den Regenbogen für den Saum an der Barke des Himmels⸗ gottes Billutſchei und glaubten ihm ähnlich zu ſein, wenn ſie ihre Röcke mit einer bunten Borte ſchmückten. Die Barka der Paſuitſch war übrigens gar nicht zu ſehn, denn ſie trug darüber die Kuklanka, welche weiter und länger iſt, ganz zugenäht und, wie die der Männer, mit einer Kapuze verſehn. Nur hatte die Kuklanka der Frauen hinten eine Verlängerung, welche faſt den Schleppen unſrer Urgroß⸗ mütter glich, doch ſchmäler und alſo ſchweifähnlich war. Oben um die Halsöffnung des Kleidungsſtückes, welches aus dem beſonders geſchätzten Fell der Hunde beſtand, am Ende der Aermel, wie unten herum, waren lange Hunde⸗ haare angenäht und oberhalb dieſer zottigen Franzen befand ſich, wie an den Barken, eine breite Borte von bunten Haa⸗ ren. Außerdem waren über das Ganze unzählige kleine Riemchen zerſtreut, die an einem Ende befeſtigt waren, während am andern Büſchelchen von rothen Seehundshaaren Quaſten vorſtellten, die ſich beim Gehen beſtändig bewegten. — Kurz, dieſe Kuklanka war ein Wunder von Schönheit ———— — — 15 und hatte bei mancher Kamtſchadalin den ſehnſüchtigen Wunſch nach einem ähnlichen Prachtſtück erregt. Das Haar trug Aphaka geſcheitelt und hinten in einen Zopf geflochten, au dem eine Korallenquaſte prangte. Ihre Mutter aber hatte auf dem Kopf, oberhalb jedes Ohres, ein handgroßes Stück von dem gelblich weißen Fell des Viel⸗ fraßes, was auch für eine ſehr große Zierde galt, weil die Roſomaken oder Vielfraße auf der Halbinſel ſehr ſelten waren. Mutter und Tochter hatten lederne Handſchuhe ohne Finger, welche die itelmeniſchen Frauen und Mädchen Tag und Nacht trugen und ſehr hübſch auszunähen verſtanden. Die Schuhe waren aus Seehundsleder, welches keine Näſſe durchläßt, und die Beinkleider von Rennthierfell. Dieſe letztern waren von derſelben Form wie die der Männer, nur an den Knieen etwas bauſchig. Strümpfe trugen ſie nicht; ihre Füße waren feſt und zierlich mit Eheu umwunden, wie ſie das Cypergras nannten, nachdem es mit einem zwei⸗ zackigen Kamm von Mövenknochen ausgekämmt worden war und friſch gebrochnem Flachs ähnlich ſah. Das Eheu diente übrigens außerdem zu Vielerlei, z. B. zu Taſchentüchern, Servietten, Handtüchern und auch zu— Windeln für die kleinen Kinder. Aphaka vertrieb ſich die Zeit, indem ſie an etwas kaute, das wie weißes Band ausſah. Es war eine kamtſchatkiſche Leckerei, Slatka Drawa genannt. Auf der ganzen Halb⸗ inſel wächſt nämlich häufig eine ſehr zuckerhaltige Pflanze, die dem Bärenklau ähnlich ſieht. Die Stengel derſelben werden von den Blättern und der äußern Schale gereinigt, an der Sonne getrocknet und auf verſchiedene Weiſe ver⸗ 16 wendet; auch gilt es als ein Naſchwerk für Kinder und ver⸗ tritt die Stelle unſrer Bonbons. Endlich nahmen Aphaka und ihre Mutter die neben ihnen ſtehenden, aus Stroh geflochtenen Körbe und fuhren fort, die Speiſekammern der Mäuſe aufzuſuchen. Sie gin⸗ gen ſehr langſam vorwärts und achteten genau auf den Boden unter ihren Füßen. Wo dieſer ein wenig nachgab, gruben ſie die Erde mit dazu beſonders aus den Hörnern der Rennthiere verfertigten Inſtrumenten auf und funden da auch gewöhnlich in kleinen Höhlungen Cedernüſſe, ver⸗ ſchiedene Beeren und namentlich die Knollen mehrerer Zwie⸗ belgewächſe, die auf Kamtſchatka ſehr beliebt ſind, weil ſie die Stelle des Brotes vertreten müſſen. Die Mäuſe, nicht größer wie die Hausmäuſe bei uns, die aber von röthlicher Farbe ſind und deren Geſchrei dem Guitſchen kleiner Schweine gleicht, hatten das Alles zum Vorrath für den Winter ein⸗ geſammelt und mit größter Sorglichkeit und Ordnung auf⸗ geſtapelt. Die Kamtſchadalinnen erſparten viel Mühe, wenn ſie dieſe Nahrungsmittel den Mäuſen abnahmen und hatten eine große Fertigkeit in dem und Ausräumen der Mauſelöcher. Auch Aphaka verſtand das ſchon und mit großer Gewiſſenhaftigkeit beobachtete ſie die herkömmlichen Gebräuche, wie ſie dieſelben von ihrer Mutter gelernt hatte. Sie ließ in den Löchern etwas Weniges von den Vorräthen zurück und legte dazu alte Lederlappen, zerbrochene Näh⸗ nadeln, Slatka drawa und Kyprei, die getrockneten Blätter des rothen Weiderich, welche als Thee ſehr geſchätzt waren, damit das Ganze das Anſehn eines Handels hatte. Nach dem allgemeinen Aberglauben war ſie überzeugt, die Mäuſe würden ſich erhängen oder erſäufen und ſie mithin ihre fleißi⸗ gen Arbeiter einbüßen, wenn dieſe zum Erſatz für ihre Vor⸗ räthe nicht andre Gegenſtände erhielten. Traf Aphaka eine Maus in einem der Löcher, was übrigens ſelten geſchah, weil die Wohnungen der Thierchen von ihren Speiſekammern getrennt ſind, ſo that ſie ihr nichts zu Leide, ſondern machte eine tiefe Verbengung und ſagte ſehr höflich zu dem Mäuschen: „Nimm es ja nicht übel, daß ich dir nehme, was du eingeſammelt haſt; ich thue das nicht in böſer Abſicht, ſon⸗ dern aus Freundſchaft und gebe dir dafür Betten, Kleider und andre Dinge.“ Nach langer Zeit forderte ihre Mutter ſie zur Rückkehr auf, weil die Sonne ſich ſchon zum Untergange neigte. Allein Aphaka bat, erſt ihren Korb füllen zu dürfen. Mit noch größerm Eifer ſuchte ſie wieder und entfernte ſich dabei immer weiter von ihrer Mutter und kam dem Tſchamſcha ganz nahe. Sie ſammelte emſig und ſah erſt auf, als ſie ein tiefes Brummen hörte. Dicht vor ihr ſtand ein ſchwarzes, zottiges Thier von bedeutender Größe, ein Thier, das meine Leſer, obgleich nicht von ſchwarzer, ſondern von brauner Farbe, wohl oft genug auf den Straßen geſehn haben, wenn es zum Klange der Trommel ſeine plumpen Sprünge macht. Aphaka wußte, daß ihr nichts geſchehen würde, weil die Bären auf Kamt⸗ ſchatka ſehr zahm waren und nur ſelten, wenn ſie im Schlaf geſtört wurden, einen Menſchen angriffen; allein ſie wollte dem Leckermaul auch nichts von ihren Beeren und Zwiebeln Roskowska, Alexei und Aphaka. 2 18 abgeben, worauf es eigentlich abgeſehn war und welche die Mädchen und Frauen gewöhnlich ſchnell hinwarfen, wenn ſie einem ſolchen Vierfüßler begegneten. „Sipang!(O Unglück!) ſagte ſie, wie alle Itelmenen bei dem Anblick eines Bären, und wich zurück, indem ſie ihn bat, mit ihr Freundſchaft zu halten und ihr nichts von dem abzunehmen, was ſie ſo mühſam zuſammengeſucht. Daran dachte ſie nicht, daß ſie vorhin ſelbſt den Mäuſen Freund⸗ ſchaft verſprochen und ihnen dabei doch ihre Vorräthe ab⸗ genommen hatte. Der Bär ließ ſich durch ihre ſchönen Reden natürlich nicht bewegen und ſchritt auf ſie zu. Sie ſetzte ihre Flucht fort und zwar rückwärts, indem ſie nach ihrer Mutter rief. Dabei näherte ſie ſich dem Ufer immer mehr, glitt endlich aus und ſtürzte in den Strom, der hier ſehr reißend war. Der Bär fiſchte ihren Korb auf, welchen ſie während ihres Falles losgelaſſen und entfernte ſich freudig brummend mit ſeiner Beute. Paſuitſch eilte auf das Geſchrei Aphaka's herbei und ſah ſie zu ihrem unbeſchreiblichen Entſetzen ſchon eine Strecke ſtromabwärts mit den Wellen kämpfen. Die Gegend war ganz einſam, vielleicht auf Meilenweite kein Menſch in der Nähe, außer den Bewohnern ihres Dorfes an der Flußmün⸗ dung. Auch hätte es nichts geholfen, wenn noch ſo viele Leute dabei geweſen wären, denn nach dem allgemeinen Aberglauben durfte Niemand herausgezogen werden, der ins Waſſer gefallen war; ja, die Kamtſchadalen ſtießen ihn ſogar wieder zurück, wenn er ſich ans Ufer zu retten ver⸗ ſuchte, und hielten es für eine große Sünde, daß Jemand am Leben blieb, der einmal zum Tode beſtimmt geweſen ſei. Sie nahmen ihn niemals bei ſich auf, hielten keine Gemein⸗ ſchaft mit ihm und ein ſolcher unglücklicher Menſch mußte hilflos leben oder nach einer itfiin Gegend auswandern, wo ihn Niemand kannte. Paſuitſch dachte daran jedoch nicht— ihre mütterliche Zärtlichkeit erhob ſie über den Wahn ihres Volkes; allein ſie vermochte zur Rettung ihres Kindes nichts zu thun, da es ſchon ziemlich entfernt war; überdies konnte ſie ja nicht ſchwimmen. So war denn keine Rettung und das Jammergeſchrei der Mutter zerriß die Luft, während das Mädchen ſtets weiter fortgetrieben ward und zuweilen im Waſſer verſchwand, nach einem Augenblick jedoch wieder auftauchte. Plötzlich trat aus dem Gebüſch am Uferrand ein junger Menſch, faſt noch ein Knabe, hervor.„Rette ſie, rette ſie“ rief Paſuitſch ihm flehend zu, ohne ſich daran zu erinnern, daß ihre herzzerreißendſte Bitte keinen Itelmen zum Beiſtand bewegt hätte, ſo leid ihm das Unglück vielleicht auch gethan. Allein der Ankömmling theilte augenſcheinlich nicht das barbariſche Vorurtheil der Eingebornen. Am ufer lag von dem Holz, welches zur Errichtung der Fiſcherhütten den Strom hinabgeflößt worden, ein Stamm der hier an einem Vorſprung hängen geblieben war. Mit ſchneller Beſonnenheit ſtieß der Knabe das eine, loſe aufliegende Ende deſſelben ins Waſſer, warf dann ſeinen Rock ab und ſprang muthig in den Fluß Er war ein tüchtiger Schwimmer— erfaßte glücklich das Mädchen und erreichte nach einer mächtigen Anſtrengung den Baumſtamm, woran er ſich feſthielt, um 2* 35 20 nicht von der Strömung fortgeriſſen zu werden. Nachdem er einige Augenblicke Athem geſchöpft hatte, brachte er Aphaka ans Land. Sie war mehr todt als lebendig, erholte ſich jedoch bald, als ihre, indeß herbeigekommene Mutter ſie in die Arme ſchloß und mit Küſſen bedeckte. Nach einer Weile wandte ſie ſich zu dem Retter ihrer Tochter, der ſeinen Rock wieder angezogen hatte und mit leb⸗ haftem Antheil an der mütterlichen Freude neben ihr ſtand. Sie überhäufte ihn mit glühenden Dankesworten, allein bald verſtummte ſie und betrachtete ihn erſtaunt und zweifelnd. Es war ein Knabe von vielleicht funfzehn Jahren, mit ſchwar⸗ zem Haar und dunkeln Augen, aus denen mehr Verſtand leuchtete, als er den Itelmenen überhaupt eigen zu ſein pflegte. Auch waren ſeine Züge nicht platt und ſtumpf, ſon⸗ dern hübſch und belebt und glichen denen Aphaka's ſo ſehr, daß man ſie für ſeine Schweſter hätte halten können. Eine Erinnerung ſtieg in Paſuitſch auf bei dem Anblick dieſes bekannten Geſichts, und zwiſchen Ungewißheit und Glauben kämpfend, betrachtete ſie die Kleidung des Jüng⸗ lings, welche aus grobem Tuch und nach ruſſiſchem Schnitt war. Eben wollte ſie fragen, wer er ſei, als von fern der Ruf:„Alexei!“ ertönte. „Hier, Feodor!“ antwortete Aphaka's Retter und nach kurzer Zeit trat aus dem Geſtrüpp der junge Inſulaner, welchen die Itelmenen vorhin für den Gott des Windes ge⸗ halten hatten. Auch Paſuitſch und ihre Tochter hielten ihn für Bala⸗ kitgh und furchtſam ſchmiegte ſich das Mädchen an die Mut⸗ ter, welche ſelbſt nicht frei von einem kleinen Schrecken war. 21 Indeß beruhigte ſie ſich bald, da nichts Furchterweckendes in dem Aeußern des Frendlings lag. „Wo bleibſt du ſo lange?“ fragte ihn Alexei:„Ich nnd dir ſchon nachkommen!“ „Drrunten an der Mündung haben ſie einen Wallfiſch gefangen!“ erwiederte Feodor mit blitzenden Augen.„Ich ſah die Vorbereitungen aus dem Gebüſch und bekam ſo große Luſt, an der Jagd Theil zu nehmen, daß ich nicht widerſtehn konnte. Es war auch faſt ſo ſchön, wie daheim bei mir, und ich vergaß darüber alle Vorſicht. Zum Glück ſah ich noch zeitig genug ein fremdes Boot herankommen und ſchlüpfte unbemerkt fort. Es war wirklich der Koſak Bereſow, der Allen befahl, uns einzuliefern, wenn ſie uns träfen. Sie verſprachen es auch und wir müſſen jetzt ſehn, wie wir über das Waſſer hinüber, ins Gebirge kommen.“ „Woher haſt du denn die Barka?“ fragte Alexei wieder. „Ach, die vergaß ich in der Eile gegen meinen Kaftan umzutauſchen!“ antwortete Jener.„Ich ließ ſie mir geben, weil ſie zu der Jagd paſſender war, wie die ſchwachen Tuch⸗ fetzen. Mag er dieſe dafür behalten— er macht einen guten Tauſch dabei!“ Paſuitſch hatte aufmerkſam zugehört und die wichtige Nachricht vom Fange des Wallfiſches wohl verſtanden, allein ſie war ihr in dieſem Augenblick nur Nebenſache und lebhaft fragte ſie: „Wer ſeid Ihr denn?“ Feodor hatte keine Luſt, darauf zu antworten, es war ihm leid, ſchon ſo viel geſagt zu haben und er winkte ſeinem Gefährten, zu ſchweigen. Doch Alexei ſagte: „O, ſie wird uns nicht verrathen und das Mädchen auch nicht. Wir waren Jeſirren(Sklaven) des Gouverneurs und ſind von Riſchnei⸗Oſtrog entflohn. Wir fuhren auf einem Baidar bis nahe zur Mündung des Kamtſchatka, mußten aber ans Land ſteigen, weil dort Viele fiſchten, die uns verrathen haben würden, wenn ſie uns geſehn hätten. Wir kamen bis hierher; da wir jedoch keine Fuhrt finden konnten, und ich ſehr ermüdet war, legte ich mich nieder und Feodor ging am Fluſſe hinab, eine ſeichte Stelle zu ſuchen.“ „Wer ſind deine Eltern und wie wurdeſt du ein Jeſirre der Tatachs?“ fragte Paſuitſch mit großer Spannung. „Mein Vater hieß Pikankur und meine Mutter Agith!“ verſetzte Alexei trübe.„Wir wohnten am Jelowka, bis die Ruſſen kamen und Jung und Alt tödteten. Ich wurde fort⸗ geſchleppt—“ Paſuitſch ließ ihn nicht ausreden; ſie umarmte und küßte ihn zärtlich und ſagte ihm, vor Freude weinend, Pikankur ſei ihr Bruder geweſen. Nach einer Empörung gegen die Ruſſen hätten dieſe ſein Dorf umzingelt, wobei die ganze Familie ſeiner Frau umgekommen ſei. Wie ſie erfahren, habe er Agith zuerſt getödtet, damit ſie nicht den grauſamen Feinden in die Hände gerathe, darauf ſei er ſelber geſtorben. Was aus ſeinem Knaben geworden, habe ſie nie erfahren können, jetzt ſei ihr Alexei's Aehnlichkeit mit ihrem Bruder aber ſo⸗ gleich aufgefallen. Auch Aphaka begrüßte ihren jungen Verwandten mit großer Herzlichkeit, dann machten ſich Alle auf den Weg, da der Abend nahte. Während des Gehens erzählte der Knabe S—— 23 von Fragen und Ausrufungen oft unterbrochen, ſeine Ge⸗ ſchichte. Vorher hatte jedoch Paſuitſch ihre Kuklanka Aphaka angezogen, damit dieſe ſich in den naſſen Kleidern nicht erkälte. Drittes Kapitel. Alexei hieß eigentlich Lipacha, weil er aber auf den erſten Namen getauft worden, ſo wollen wir fortfahren, ihn dabei zu nennen. Nach dem Ueberfall der Ruſſen war er, damals ein ſie⸗ benjähriger Knabe, nach Werchnoie-Kamtſchatskoi⸗Oſtrog gebracht worden, das inmitten der Halbinſel am Kamtſchatka⸗ fluß liegt und zu der Zeit der Hauptort des Landes und Sitz des Gouverneurs war. DerLetztere wurde von Jakutsk geſandt und ſein Geſchäft war, neben der eignen Bereicherung, die Beitreibung des Tributs, in welcher doppelten Thätigkeit er von ſeinen Untergebenen, den Koſaken, die ſeine 6 bildeten, ſehr eifrig unkerſtützt wurde. Die Frau des Gouverneurs hatte keine Kinder und nahm ſich daher des kleinen, betrübten Itelmenen über alle Erwar⸗ tung freundlich an. Sie ließ ihn taufen, behandelte ihn faſt wie ihr eignes Kind und behielt ihn bei ſich, als ihr Mann zurückberufen ward und ein andrer Beamter an ſeine Stelle kam, der ganz in ſeinem Sinn fortregierte. Alexei verlebte nun mehrere Jahre in Jakutsk; er erhielt 24 zwar während dieſer Zeit nicht, was man bei uns eine Er⸗ ziehung nennt, aber, wißbegierig und regen Geiſtes, ſah, hörte und lernte er unendlich mehr, wie irgend ein Anderer ſeines Volkes. Endlich ſtarb ſeine freundliche Herrin und ihr Mann, der ſich bis dahin wenig um ihn bekümmert hatte, verkaufte ihn an ſeinen Freund Simonowitſch, der grade als Gouverneur nach Kamtſchatka ging. Indeß war Niſchnoi⸗Bſtrog, das auch, wie Werchnoi, am Kamtſchatka liegt, aber mehr als viertehalbhundert Werſte näher an der Mündung des Fluſſes, Sitz des Gou⸗ vernements geworden, und Alexei diente hier als Doll⸗ metſcher zwiſchen den Ruſſen und ſeinen Landsleuten. An die gütige Behandlung der Frau Axima gewöhnt, empörte ihn die Härte und der Uebermuth, womit ihm nun von Allen begegnet wurde, und er ſehnte ſich oft nach der Freiheit und dem Leben bei ſeinen Stamngenoſſen. Er fand jedoch keine Gelegenheit zur Flucht und ſuchte dieſelbe auch nicht mit dem Eifer und der Beharrlichkeit, welche immer findet; er wußte nicht, ob und wo die Verwandten ſeines Vaters leb⸗ ten, und ſcheute ſich bei ſeiner Jugend, zu Fremden ſeine Zuflucht zu nehmen. Ueberdies fürchtete er, entdeckt und zu⸗ rückgebracht zu werden. Im Frühling hatten die Ruſſen einen Streifzug gegen die kuriliſchen Inſeln gemacht, deren Bewohner den Tribut verweigerten. Von dieſer Unternehmung hatten ſie den jungen Mann mitgebracht, der ſpäter bei ſeiner Taufe den Namen Feodor erhielt. Er war verwundet und litt viel, beſonders, da er ſogleich zu harter Arbeit angehalten wurde. Alexei empfand tiefes Mitleid mit ihm und obgleich es nicht in ſeiner 25 Macht ſtand, Feodors Schickſal bedeutend zu erleichtern, ſo zeigte er ihm doch die Theilnahme, welche er fühlte, und das war für den jungen Inſulaner ein großer Troſt. Es entſtand zwiſchen ihnen eine herzliche Freundſchaft, die von Seiten des Kurilen eine Beimiſchung von begeiſterter Bewun⸗ deruig für Alexei hatte, der, obgleich viel jünger wie er, ihm doch an Verſtand und Kenntniſſen bei Weitem über⸗ legen war. Die ſchlechte Behandlung und der Durſt nach Freiheit bewogen ſie zur Flucht, die ihnen auch gelang. Sie beabſich⸗ tigten Anfangs, den Kamtſchatka hinab und dann am öſt⸗ lichen Ufer des Landes bis zur Heimath Feo dors zu ſchiffen, allein das war nicht möglich; die Itelmenen, welche überall fiſchten, hätten ſie aufgehalten. So verließen ſie ihr Baidar und wollten zu Lande nach Kamtſchatka's Südſpitze, die Lopatka heißt, von wo ſie leicht nach den Kurilen gelangen konnten. Das war jedoch keine Kleinigkeit, denn vom Kamtſchatkafluß bis Lopatka find über 70 deutſche Meilen, und ſie konnten dieſelben nicht in grader Richtung zurück⸗ legen, ſondern mußten Umwege machen, je nachdem Ströme und Berge ihnen Hinderniſſe darboten. Uebrigens hatten ſie keinen rechten Begriff von den ihrer harrenden Schwierig⸗ keiten, denn Feodor beſaß gar keine und Alexei blutwenig Kenntniſſe in der Geographie. Beide wußten nur, daß ihr Ziel ungefähr in der Gegend lag, wo die Sonne Mittags ſtand, daß es zwar ſehr fern war, aber doch mit der Zeit erreicht werden mußte, wenn ſie nur immer tüchtig darauf los gingen. Das unerwartete Zuſammentreffen Alexei's mit ſeiner 26 Vaterſchweſter änderte dieſen Plan; ſie wollte ihren nahen Verwandten nicht von ſich laſſen, oder doch nicht ſogleich. Feodor liebte Alexei zu ſehr, um ſich von ihm zu trennen, und ſo verabredeten ſie denn, was zunächſt zu thun ſei. Sie hiel⸗ ten es nicht für rathſam, ſich Alle an der Küſte zu zeigen, alſo ging Paſuitſch mit ihrer Tochter allein zu den Ihrigen, während die beiden Andern ſich in einem Gebüſch in der Nähe lagerten. Ehe ſie jedoch ſchieden, äußerte Paſuitſch ihre Bewun⸗ derung über das außerordentlich ſchöne Haar Feodors, und Aphaka fügte hinzu, daß ſie ihn für Balakitgh gehalten hätten. Jetzt wurde ihm die Scheu klar, welche die Itelmenen vor ihm gezeigt hatten und lachend nahm er die Perrücke ab, worüber Mutter und Tochter ſehr erſchraken, dann aber herzlich lach⸗ ten. Die Perrücke ſelbſt mochte einem der Offiziere gehört haben, welche Boring auf ſeiner Unterſuchung des Meeres zwiſchen Kamtſchatka und Amerika begleiteten; der junge In⸗ ſulaner hatte ſie in ihrem zerzauſten Zuſtande unter alten Gerümpel vorgefunden und ſich zugeeignet. Aphaka's Fall ins Waſſer ſollte Jedem, außer ihrem Vater, Geheimniß bleiben. Ihre Mutter konnte ſich von dem Aber⸗ glauben, in welchem ſie aufgewachſen, nicht ſo weit los⸗ machen, um ganz ruhig zu ſein; ihr erſchien die Gefahr, ob⸗ gleich ſie glücklich überſtanden war, als ein böſes Zeichen für das künftige Glück ihres Kindes, daher ſuchte ſie die ſchlimme Vorbedeutung unſchädlich zu machen. Sie trug als Halsſchmuck ein ledernes Riemchen, mit Muſcheln und rothen Seehundshaaren verziert, daran war ein Lederläppchen mit rothen Seehundshaaren befeſtigt. Dies galt für einen Talis⸗ 3 E 27 man, der Dem, welcher ihn trug, Glück brachte. Ihr Mann hatte es ſich noch vor ihrer Verheirathung von dem alten Schamanen geben laſſen und ihr geſchenkt. Dieſen Talisman hing ſie ihrer Tochter um, die darüber ſehr erfreut war, und fühlte ſich nun völlig beruhigt wegen ihres künftigen Wohl⸗ ergehns. Aphaka ſelbſt hatte keine Sorge wegen der böſen Vor⸗ bedeutung. Sie war nur des wiedergeſchenkten Lebens froh und zugleich ſehr vergnügt über das Zuſammentreffen mit ihrem jungen Verwandten, der ihr übermenſchlich ſchön und klug erſchien.— Kosko war wegen ſeiner Frau und Tochter lebhaft in Sorgen und wollte ſie zu ſuchen eben fortgehn, als ſie kamen. Paſuitſch mußte nun den reichen Fang beſchauen und erhielt eine umſtändliche Erzählung alles Deſſen, was ſich begeben hatte. Sie, wie Aphaka, lachte im Stillen über den Glau⸗ ben der Andern, daß ſie Balakitgh geſehn, doch ſchwiegen Beide dazu. Als ſich Alles zur Ruhe begeben hatte, erzählte Paſuitſch ihrem Mann, was dem Mädchen und ihr begegnet war. Auch er erſchrak heftig über den Sturz in den Tſchamſcha, vergaß jedoch die Gefahr wie das üble Zeichen mit der leichten, kin⸗ diſchen Beweglichkeit ſeines Volkes über dem Folgenden. Bei dem Mangel an Ehrfurcht vor ihren Göttern, welcher die Kamtſchadalen vorallen andern heidniſchen Völkern aus⸗ zeichnete, machte er ſich über ſeine und ſeiner Leute Leicht⸗ gläubigkeit in Bezug auf den Windmacher ſehr luſtig, gleich darauf freute er ſich aber herzlich über das Leben des Bluts⸗ 28 verwandten ſeiner Frau. Er billigte Alles, was dieſe ſagte, denn er hatte großes Vertrauen zu ihrer Klugheit. Paſuitſch hielt es, wie geſagt, für zweckmäßig, die Andern bei ihrem Glauben zu laſſen, ſie hätten Balakitgh geſehn; kamen ſie dann doch um ſo weniger auf die Idee, der ver⸗ meintliche Windmacher ſei der Sklave, auf deſſen Auslie⸗ ferung ein Preis geſetzt war. Kosko mußte den Kaftan Feodors holen, welchen Galgal, ohne den Uebrigen etwas davon zu ſagen, als Erſatz für ſeine Barka genommen hatte. So alt und ſchlecht der Rock übrigens auch war, Galgal glaubte doch einen ſehr guten Tauſch gemacht zu haben, denn die ruſſiſchen Kleidungsſtücke ſtanden bei dieſen Naturkindern in dem höchſten Anſehn. Mit großer Sorgfalt hatte er ihn daher neben ſein Lager gelegt, als er ſchlafen ging. Kosko nahm den Rock fort, ohne Galgal zu wecken, während ſeine Frau zwei vollſtändige itelmeniſche Anzüge, Bogen und Pfeile und einige Lebensmittel herbeibrachte, womit ſie ſich dann Beide zu dem Verſteck Alexeis und Feo⸗ dors begaben. Unter herzlichen Worten und vielfachen Fragen, Ant⸗ worten und Erzählungen brachten ſie einige Stunden mit einander zu, dann kehrte Kosko mit ſeiner Frau zurück, wo⸗ bei er nicht vergaß, Galgals Barka mitzunehmen. Er legte dieſe auf dieſelbe Stelle, wo vorhin der Kaftan gelegen hatte und die abergläubiſche Verwunderung war nicht gering, wo⸗ mit Galgal am Morgen den Tauſch bemerkte. Nach einigen Tagen war die Fiſcherei zu Ende und Alle kehrten heim. Alexei und ſein Freund ſollten voraus⸗ gehen nach dem Oſtrog, wie die Ruſſen die itelmeniſchen 29 Dörfer nannten, wiewohl ſie wenig Aehnlichkeit mit Feſtun⸗ gen hatten. Sie konnten nicht irren, wenn ſie ſich im⸗ mer am Tſchamſcha hielten, und ſo brachen ſie ſchon vor Tage auf. Die Wanderung war ſehr mühſam, denn ſie mußten ſich durch verſchlungenes Geſträuch und oft anderthalb Mann hohes Gras Bahn brechen. Der Fußweg, welchen ſie aller⸗ dings fanden, war ihnen auch keine Erleichterung; ſie ſtießen ſich darin die Knöchel wund, weil er nicht über acht Zoll breit und dabei ſehr tief und ausgetreten war. Die Kamtſcha⸗ dalen hielten es nämlich für eine Sünde, einen andern Weg zu gehn, als den, welchen ihre Voreltern gegangen waren, ſollte es auch einen nähern und beſſern geben, und dann ſetz⸗ ten ſie die Füße beim Gehn ſo kreuzweis, daß beide Fuß⸗ tapfen immer in eine Linie kamen. Feodor war als Inſel⸗ bewohner, der einen großen Theil ſeiner Zeit im Boote zu⸗ gebracht, an dieſe Gangart nicht gewöhnt und Alexei hatte während ſeines achtjährigen Aufenthalts unter den Ruſſen ſeine urſprünglichen Gewohnheiten ganz verlernt. So kamen ſie denn nur ſehr langſam vorwärts und leg⸗ ten während des Tages kaum einige Meilen zurück. Paſuitſch hatte ihnen getrocknete Fiſche mitgegeben, dazu ſuchten ſie ſich Cedernüſſe, Beeren und Lilienzwiebeln und tranken von dem Waſſer der Bäche, deſſen außerordentliche Reinheit ſämmt⸗ liche Fremde einſtimmig rühmen, die Kamtſchatka je beſucht haben. Dies geſunde, wohlſchmeckende Waſſer und die, durch unaufhörliche Winde gereinigte Luft war auch die Ur⸗ ſache, daß man, außer dem Scorbut, faſt keine einzige Krankheit auf der Halbinſel kannte. Nicht einmal die Blat⸗ 30 tern, welche in dem nahen Anadias ſchon oft geherrſcht hat⸗ ten, waren bis hierher gedrungen. Am andern Tage kamen ſie an einem, mit Eheu umwun⸗ denen Pfeiler vorüber, an dem kein Kamtſchadale vorbei ging, ohne ein Stück Fiſch oder Fleiſch hinzulegen; man konnte dieſen Pfeiler faſt dem Altar vergleichen, welchen die alten Athener„dem unbekannten Gott“ errichtet hatten. In der Sprache der Itelmenen fand ſich auch ein Name für Gott, allein von ſeinem Weſen und ſeinen Eigenſchaften hat⸗ ten ſie keinen Begriff und dachten auch nicht daran, ſich einen zu bilden. Doch fürchteten ſie dieſen unbekannten Gott einigermaßen, während ſie von Kutka, dem ſie die Schöpfung der Welt zuſchrieben, die lächerlichſten und unehrerbietigſten Dinge erzählten und glaubten. Durch die eben erwähnten Opfer meinten ſie zwar ihr Leben zu verlängern, dennoch legten ſie nie etwas Taugliches auf den Pfeiler, ſondern nur die Köpfe der Vögel oder die Schwänze der Fiſche, welche ſie nicht aßen. In der Nähe dieſes Ortes hörten Alexei und Feodor den Knall eines Feuergewehrs und verbargen ſich nun vorſichtig im Gebüſch. Der Schuß konnte nur von einem Ruſſen her⸗ rühren, denn die Eingebornen beſaßen keine Feuergewehre und hielten es auch für eine Sünde, in dieſer, Duſtätſchitſch (Gott) geweihten Gegend zu jagen. Auf dies Letztere hatte Paſuitſch ſie aufmerkſam gemacht, damit ſ. ſich nicht etwa unwiſſentlich verſündigten. Nach kurzer Zeit kamen auch einige Koſaken vorüber, deren Hunde ſie gewiß entdeckt hätten, wenn ſie nicht glück⸗ licherweiſe auf der Fährte eines Wildes geweſen wären. Die F 31 beiden Wanderer wagten erſt nach geraumer Zeit weiter zu gehn und machten dann noch einen Umweg; dabei verirrten ſie ſich aber, ſo daß ſie den Tſchamſcha wohl lange nicht wie⸗ dergefunden haben würden, hätte ihnen der gewaltige Kegel des Kamtſchatskaia nicht als Wegweiſer gedient. Nachts zündeten ſie wegen der wilden Thiere ein Feuer an und wachten abwechſelnd dabei. Alexei hatte grade die Wache, als plötzlich ein dunkler, zottiger Gegenſtand ſich auf das Feuer wälzte, ſo daß es ziſchend verlöſchte. Die Bären greifen zwar im Allgemeinen ſelten einen Menſchen an, allein dieſer war durch die Jäger aus ſeiner Ruhe geſtört und dadurch gereizt worden. Einen ſehr gewöhnlichen Kunſtgriff brauchend, war er erſt ins Waſſer gegangen und löſchte dann mit ſeinem naſſen Fell das Feuer aus. Alerei rief Feodor zu Hilfe und dieſer ſprang ſogleich auf; mittlerweile verſetzte aber der Bär Alexei einen Schlag auf den Kopf, deſſen größter Gewalt er zwar auswich, dennoch verging ihm auf einige Augenblicke Hören und Sehen. Er taumelte und konnte ſeinem Feinde nicht entfliehn, der ihn mit ſeinen Tatzen feſt an ſich drückte. Er zog ſein Meſſer und ſuchte dem Bären einen Stich beizubringen, allein der dicke Pelz ließ die Stöße nicht durchdringen und die unbe⸗ hagliche Umarmung wurde immer inniger. Alexei fürchtete ſchon zu erſticken, da ſtieß Feodor dem Bären ſein Meſſer durch das Auge ins Hirn— mit einem Schmerzenslaut ließ er Alexei los und fiel nieder. Nachdem Feodor das Feuer wieder angefacht hatte, verband er ſorglich den verletzten Kopf ſeines jungen Freundes mit deſſen Taſchentuch, dann machte er ſich daran, dem Bären 32 das Fell abzuziehn. Während er damit beſchäftigt war, näherte ſich, von dem Feuerſchein angelockt, eine menſchliche Geſtalt, zog ſich aber wieder zurück, als ſie von Alexei be⸗ merkt wurde. Fevodor rief ihr zu, ſogleich heranzukommen, oder er werde ſchießen, und griff nach dem Bogen. Auf dieſe Drohung erſchien zögernd ein Itelmen in ſehr ſchäbiger Kleidung, mit zerriſſenen Schuhen und gelbblei⸗ chem Geſicht. Er ſuchte ſeine Hände zu verbergen, dennoch ließ ſich bemerken, daß ſeine Finger verkrüppelt und einwärts gekrümmt waren— die beiden Freunde erkannten ihn daher ſogleich als einen Dieb. Die Kamtſchadalen verachteten Niemand ſo ſehr als einen Dieb; es wurde bei ihnen auch ſehr wenig geſtohlen. Ertappten ſie Jemand dabei, ſo wurde er geſchlagen, ohne daß er ſich widerſetzen durfte, und damit gleichſam unehrlich gemacht. Im Wiederholungsfall banden ſie den Miſſethäter an einen Baum, ſpannten ſeine Arme aus und befeſtigten ſie an eine Stange, worauf ſie die Hände mit Birkenrinde umwanden, dieſe anzündeten und ihm die Finger ſo ver⸗ brannten, daß ſie ihm zeitlebens einwärts in die hohle Hand gebogen blieben. Daran wurde der Dieb ſogleich erkannt, daß ſich Jeder vor ihm hüten konnte, auch wurde er von Keinem aufgenommen und lebte ausgeſtoßen aus der ganzen menſchlichen Geſellſchaft. Feodor wandte ſich mit Unwillen von dem Verbrecher, doch Alexei empfand Mitleid mit dem Unglücklichen. Er hatte von ſeiner freundlichen Herrin und dem alten Popen in Jakutsk genug von der chriſtlichen Religion und dem Ge⸗ bote der Nächſtenliebe gehört, um den Fehlenden nicht zu 33 verachten, und die Gefahr, welcher er eben entgangen, ſtimmte ihn außerdem zum Dank gegen Gott und alſo auch zur Nach⸗ ſicht gegen die Menſchen. Freundlich fragte er den Gebrand⸗ markten nach ſeinem Namen und ſeiner Lebensweiſe, die elend genug war, weil er niemandem nahen durfte und über⸗ dies ſeine gelähmten Hände ihn an der, zu ſeinem Lebens⸗ unterhalt nöthigen Arbeit hinderten. Die Schilderung ſeiner Lage rührte den gutmüthi⸗ gen Kurilen bald lebhaft; auch er wurde freundlicher und hatte nichts dagegen, dem Ausgeſtoßenen, welcher Tempte hieß, das Fleiſch des Bären zu überlaſſen, welches ſie doch nicht mit ſich fortnehmen konnten. Ja, er zerſchnitt es noch in Stücke, wie ſie zum Trocknen grade gut waren und machte dann den Vorſchlag, ihm auch das Fell zu geben, welches ihm zu ſeiner Bedeckung für den Winter ſehr nöthig war; er meinte, Tempte ſei für ſein Verbrechen grauſam genug geſtraft worden. Alexei ſtimmte ihm bei und ſchenkte dem Ausgeſtoßenen ſein Meſſer;— der Woh⸗ nung ſeiner Verwandten nahe, konnte er daſſelbe ja ent⸗ behren. Tempte ward durch den geſchenkten Bären, mehr aber noch durch die freundlichen Worte, welche er ſeit Jahren nicht gehört, auf das Tieſſte gerührt, das Meſſer aber ver⸗ ſetzte ihn in eine Art Freudenrauſch. Ein eiſernes Meſſer galt für einen Schatz und war eine große Seltenheit; die Itelmenen beſaßen urſprünglich gar keine Metallgeräthe.— Er ſank Alexei zu Füßen und betheuerte ihm unter Thrä⸗ nen ſeine heiße Dankbarkeit. Feodor wollte hinter Alexei nicht zurückſtehn. In einer Roskowska, Alexei und Aphaka. 3 Aufwallung von Großmuth verehrte er ihm das Schönſte und Liebſte, was er beſaß, ſeine— Perrücke! Tempte gerieth ganz außer ſich vor Entzücken und trennte ſich endlich mit großem Bedauern von ſeinen Wohlthätern. Er hätte gern gewußt, woher ſie ſeien, wagte aber nicht zu fragen und verließ ſich auf ſeine Schlauheit, um ihren Auf⸗ enthaltsort auszukundſchaften. 2 viertes Kapitel. In dem Oſtrog am Tſchamſcha waren nur einige Frauen mit den kleinen Kindern zurückgeblieben, es herrſchte dort alſo eine große Stille. Eines Nachmittags ſaß unter einer ber Balaganen eine alte Frau und bereitete das Slatkadrawa. Sie war gewiß ſchon ſiebzig Jahr alt, doch noch ziemlich rüſtig und ihre Zähne waren noch alle feſt und geſund. Neben ihr ſpielte ein fünfjähriger Knabe mit einem großen, ſchwar⸗ zen Hunde und richtete nach Kinderart unaufhörlich Fragen an die Großmutter, welche ihm keine Antwort ſchuldig blieb und ſich über ſeine Klugheit ſehr freute. „Warum iſt der Himmel ſo roth?“ fragte er Ani indem er nach der Abendröthe hinwies.„Brennt Feuer bei Billutſchei?“ „Du weißt doch, Pikankur, daß in den Wolken Bala⸗ kitgh wohnt, der den Wind macht“ antwortete ſie.„Balakitgh hat eine Hausfrau—“ 35 „Wie heißt ſie?“ unterbrach Pikankur. „Savina Kuhagt!“ verſetzte die Großmutter.„Wenn ihr Mann verreiſt iſt, ſchminkt ſie ſich mit dem rothen See⸗ kraut, wie du das ja ſchon von vielen Mädchen und Frauen geſehn haſt, damit ſie ihrem Mann bei ſeiner Heimkehr gefalle. Kommt er nach Hauſe, ſo iſt ſie ſehr vergnügt, kommt er aber nicht und ſie hat ſich umſonſt geſchminkt und auf ihn gewartet, ſo fängt ſie an zu weinen und wir haben ſo lange trübe Tage, bis ihr Mann, der Windmacher, nach Hauſe kommt.“ ⸗ Der Knabe war von dieſer Erklärung der Abend⸗ und Morgenröthe und des Regens ſehr befriedigt und dachte eine Weile darüber nach. Endlich bellte ſein Spielgefährte Muri und er ſtand auf, um zu ſehen, was es gebe; da er jedoch nichts Ungewöhnliches entdecken konnte, ſo fragte er wieder: „Großmutter, warum bellte Muri?“ „Es kommt vielleicht ein Fremder!“ erwiederte die Alte, welche Saagſchehm hieß, indem ſie ſich aufmerkſam umſchaute. „Aber warum bellen die Hunde immer, wann ein Frem⸗ der kommt?“ fragte er weiter. „Vor ſo vielen Jahren, wie Haare auf dem Kopfe ſind, konnten die Hunde auch ſprechen, wie wir!“ ſagte die Groß⸗ mutter.„Einmal fuhren Menſchen auf einem Baidar den Strom hinab, da kamen die Hunde aus ihren Wohnungen und fragten ſie neugierig, wer ſie ſeien. Die Menſchen waren aber zu ſtolz, den Hunden zu antworten, und fuhren ſchwei⸗ gend weiter; darüber ärgerten ſich die Hunde ſo ſehr, daß ſie ſich vornahmen, kein vernünftiges Wort mehr zu reden. Das haben ſie auch gehalten; doch noch immer, wann ſie einen 3* 36 Fremden ſehn, möchten ſie gern wiſſen, wer er iſt, und weil ſie nicht fragen können, ſo bellen ſie ihn an.“ Pikankur fand das ſehr ſpaßhaft und ſuchte das Bellen der Hunde nachzuahmen.„Wau, wau, wer biſt du?“ rief er lachend, verſtummte jedoch plötzlich, denn zwei Fremde, Alexei und Feodor, näherten ſich. Saagſchehm, die Mutter der Paſuitſch, ging ihnen ent⸗ gegen und bewillkommte ſie. Kaum hatte Alexei den Namen ſeines Vaters genannt und ſeine Geſchichte zu erzählen be⸗ gonnen, ſo unterbrach ſie ihn mit zärtlichen Liebkoſungen und führte ihn und Feodor nach dem Balagan, welchen ſie be⸗ wohnte. Als die erſte Freude über den todtgeglaubten Enkel vorüber war, befahl ſie einem hübſchen, jungen Mädchen, Namens Tſchekawa, ſchnell ſaure Fiſchköpfe zu bringen. Tſchekawa, die Schweſtertochter der Paſuitſch, öffnete eilig eine der Gruben in der Erde, worin die Köpfe einer ſehr ſchmackhaften Lachsart aufbewahrt wurden. Da die Kamtſchadalen kein Salz hatten, außer dem durch Kochen aus dem Seewaſſer ſehr mühſam gewonnenen, und es auch nicht liebten, ſondern bitter nannten, ſo gingen die Fiſche, welche nicht getrocknet wurden, natürlich bald in Fäulniß über. Das ſchadete aber nicht, ſondern war eine große Ver⸗ beſſerung der Lachsköpfe, welche„ſauer“ hießen. Nirgend durfte die Grube fehlen, worin ſie aufbewahrt wurden, und jedem Fremden, den man ehren wollte, ward eine recht große Portion dieſer Delikateſſe vorgeſetzt. Der Duft, welchen die geöffnete Grube über die ganze Gegend ſandte, verrieth ſtets, daß ein Gaſt angekommen ſei. Zum Erſtaunen der geſchäftigen Wirthinnen hatte aber 37 Alexei gar keinen Appetit auf das leckere Gericht, dem auch die Koſaken gern zuſprachen; er war bei Frau Axina an andre Nahrungsmittel gewöhnt und konnte nur mit Mühe ſeinen Ekel verbergen. Die Großmutter ſchrieb ſeinen Man⸗ gel an Eßluſt den Verletzungen an ſeinem Kopf zu, die ſich ſehr verſchlimmert hatten, und eilte, ihm von den Wurzeln und Blüthenſtengeln des Kutachſchu, einer Pflanze, die der Angelika ähnlich ſieht, Thee zu kochen und Unſchläge zu machen. Das that ihm gute Dienſte, da die Umſchläge die Geſchwulſt bald zertheilten; doch war er mehrere Tage krank und fieberte ſtark. Der Oſtrog war ziemlich groß und von einem Erdauf⸗ wurf und Palliſaden umgeben; bei den häufigen Kriegen, welche die Eingebornen unter einander geführt, hatte dieſe Befeſtigung gegen einen plötzlichen Ueberfall geſchützt. Um Heizung und Beleuchtung zu erſparen, hauſten in jeder der unterirdiſchen Winterwohnungen mehrere Familien, manch⸗ mal fünf bis ſechs, je nachdem der Hausherr viel oder wenig Töchter hatte; denn die itelmeniſchen Mädchen, welche ſich verheiratheten, folgten nicht ihren Männern, ſondern dieſe blieben im Hauſe der Schwiegereltern und wurden deren Knechte. Die Sommerwohnungen waren aus Holz, wie die Tau⸗ benſchläge auf Pfählen erbaut und neigten ſich bei heftigem Winde wie eine Wiege hin und her. Jede Familie hatte ihren Balagan und, je nach ihrer Größe, eine oder mehrere ganz gleiche Hütten zur Aufbewahrung der Vorräthe. Die Bauart war ſehr zweckmäßig, weil bei der ſtarken Ausdün⸗ ſtung des feuchten Bodens das unten Aufbewahrte verſchim⸗ 38 melt, während in den luſtigen Wohnungen der Wind über⸗ all durchſtreicht und Nichts verderben läßt. Auch konnten die Füchſe, welche ſehr dreiſt und häufig waren, nicht ſo leicht hinaufkommen; doch gab es auch einen Uebelſtand: die Kinder fielen oft herab und brachen Arme und Beine, oder ſchlugen ſich wohl gar todt. Unter den Balaganen trockneten Fiſche, auch Neſſeln und andre Kräuter, und ſtanden die Schlitten und Wirthſchafts⸗ geräthe. An die Pfähle wurden im Winter die Hunde an⸗ gebunden; im Sommer liefen die Thiere frei umher, nur daß ſie Stangen am Halſe trugen, damit ſie nicht auf die Bala⸗ ganen ſteigen und dort naſchen konnten. Nach einigen Tagen, während welchen Feodor auf die Jagd ging und ſich den Frauen ſonſt nützlich zu machen ſuchte, Alexei aber krank war, kamen die Bewohner des Dor⸗ fes heim. Galgal begleitete ſie nicht und auch der Schamane war in ſeine Wohnung am Fuße des Kamtſchatskaia zu⸗ rückgekehrt. Jeder der Männer ſuchte nun ſeine Hunde zuſammen, band ſie feſt und ließ ſie tüchtig hungern, damit ſie magerer wür⸗ den und tauglicher zum Laufen ſo wie zum Ziehen der Schlit⸗ ten. Nach dem erſten Schnee wurden fleißig Fallen für die wilden Thiere aufgeſtellt und die Winterwohnungen bezogen. Saagſchehms Mann war, wie gewöhnlich der Aelteſte im Dorfe, der Vornehmſte und Anführer geweſen; nach ſei⸗ nem Tode war ihm Kosko in dieſer Würde gefolgt, weil er der Gatte ſeiner Lieblingstochter und ein kühner Jäger und unermüdlicher Arbeiter war, Eigenſchaften, die unter den oft ſehr läſſigen Kamtſchadalen ein hohes Anſehn verliehen. 39 Kosko bewohnte mit ſeiner Familie, ſeiner Schwieger⸗ mutter und Tſchekawas Vater und Geſchwiſtern die größte Jurte, deren Einrichtung ſich jedoch von der der Andern wenig unterſchied. Das Rauchloch über dem Feuerheerd diente als Eingang, von dem man an einem mit Kerben ver⸗ ſehenen Baumſtamm hinabſtieg, was jedem Europäer äußerſt unbequem ſcheinen müßte, beſonders da der Qualm von dem naſſen Erlenholz wirklich erſtickend war. Allein die Einge⸗ bornen fanden das ſehr hübſch und bequem, und auch Alexei gewöhnte ſich bald daran und erlangte bei ſeiner Gewandt⸗ heit ſchnell wieder die Geſchicklichkeit im Hinauf- und Hinab⸗ klettern, welche er während ſeines Aufenthalts in Häuſern mit Thüren und Treppen verlernt hatte. In der Wand, dem Feuerheerd gegenüber, befand ſich ein mindeſtens fünf Ellen langer Kanal, der draußen mün⸗ dete. Er diente als Zugloch und wurde immer ſorzfältig verſchloſſen, wenn das Feuer ausgebrannt war, die kleinen Kinder, welche noch nicht klettern konnten, krochen durch den⸗ ſelben hinaus und hinein, zugleich bildete er den Aufbewah⸗ rungsort(Repoſitorium) für das Küchen⸗ und Tafelgeſchirr. Die Schlafſtellen waren mit Strohmatten belegt, über welche Nachts Rennthier⸗oder Seehundsfelle ausgebreitet wurden, auf denen Jeder in ſeiner Kuklanka ſchlief. Neben ſeinem beſtimmten Schlafplatz hatte jeder Einzelne das zu ſeinen Arbeiten nöthige Geräth; die übrigen Habſeligkeiten befanden ſich in Kaſten und Beuteln, die aus Stroh gefloch⸗ ten waren, oder lagen auf dem Sims, der rings innerhalb der Wohnung herumlief. Der Fußboden, wie die Wände, waren mit Strohmatten bedeckt. 40 Eines Tages ging Kosko mit Feodor nach einer ſteilen Uferſtelle, zu einer Bärenfalle, die nur aus einem ſchweren Klotz beſtand, woran ein mit einer Schlinge verſehener Strick befeſtigt war. So einfach auch dieſe Vorrichtung, war ſie doch ſehr zweckmäßig, und ſie fanden wirklich einen todten Bären am Abhang des Ufers. Die Schlinge wird nämlich ſo geſtellt, daß der Bär ſie leicht um den Hals be⸗ kommt. Im Fortgehen bemerkt er, daß der Klotz ihn hin⸗ dert und zurückhält, doch iſt er nicht klug genug, den Kopf 2 aus dem Riemen herauszuziehn, ſondern er ergreift den Klotz und wirft ihn, um ſich davon zu befreien, mit größtmög⸗ licher Gewalt den Berg hinunter. Dabei wird er natürlich hinabgeriſſen und fällt ſich todt;— bleibt er lebendig, ſo ſchleppt er ſehr erbittert den Klotz wieder hinauf, um ihn von Neuem herabzuſchleudern; das treibt er ſo lange, bis er ſich todtgearbeitet oder gefallen hat. Dieſe Art, Bären zu fan⸗ gen, iſt übrigens in ganz Sibirien bekannt. Einige Männer kamen herbei und halfen das Thier ins Dorf bringen; dann wurden Anſtalten zu einem Gaſtmahl getroffen, und Saagſchehm, Paſuitſch und Tſchekawa hatten viel zu thun, wobei auch Aphaka fleißig half. Es war Sitte, zu einem Bären das ganze Dorf zu Gaſt zu laden, und dies Mal wurde zugleich das Herbſtfeſt begangen, welches ur⸗ ſprünglich eine Art Ernte- und Dankfeier für die eingeſam⸗ melten Nahrungsmittel geweſen ſein mochte, deſſen Bedeu⸗ tung jetzt aber Niemand mehr kannte. Die Leute verſammelten ſich in ihrem höchſten Staat und die Männer theilten ſich in zwei Parteien, von denen die eine in Koskos Hütte hinabſtieg, die andre aber draußen blieb. 41 Nun wurde eine Birke an einem Riemen in das Rauchloch ge⸗ hängt; die drin Befindlichen wollten den Baum hinabziehn, die Andern ihn nicht loslaſſen; nachdem ſie eine Weile aus Leibes⸗ kräften daran hin⸗ und hergezogen hatten, erhielten die Un⸗ tenſtehenden den Baum, wozu Feodors eifrige Anſtrengungen viel beitrugen. Darauf erhoben Alle ein lautes Freudengeſchrei, während in der Hütte die Birke und ein hölzernes Bild aufge⸗ richtet wurden, welches letztere den Donnergott Billutſchei vorſtellen ſollte. Vor das Götzenbild wurde allerlei Eßbares und ein hölzerner Löffel gelegt und die Gläubigern unter der Menge waren überzengt, daſſelbe genieße etwas davon. Dem Zugloch gegenüber, auf dem Ehrenplatz, befand ſich neben dem Sitz des Hausherrn ein Pfahl mit einer Art Kopf darauf, welcher den Hausgott vorſtellte. Dieſen be⸗ ſtrichen ſie, wie bei jeder wichtigen, außerordentlichen Ge⸗ legenheit, an den Ausſchnitt, welcher als Mund galt, mit Blut, machten ihm ein Halsband von Eheu und empfahlen ihm ihr Wohlergehn. Alexei, der ziemlich hergeſtellt war, betrachtete dieſe Cere⸗ monien theils mit Neugier, theils mit einem mitleidigen Un⸗ willen, und das entging Aphaka nicht, die ihn ſtets aufmerk⸗ ſam beobachtete. Er ſagte Nichts, denn er wußte wohl, daß es nicht helfen würde; auch wollte er ſich durch eine längere Be⸗ kanntſchaft Vertrauen erwerben, ehe er Gebräuche angriff, welche die Itelmenen von ihren Voreltern überkommen hatten. Sämmtliche Dorfbewohner, auch die kleinen Kinder, nah⸗ men hierauf in Kosko's Jurte Platz. Wie ſchon geſagt, waren Alle höchlich geputzt, die Frauen und Mädchen geſchminkt und mehrere von ihnen trugen eine ſonderbare Haartour. * 42 Sie hatten rund um den Kopf unzählige Zöpfe geflochten, deren Spitzen zuſammengebunden waren, und Diejenigen, welche recht elegant ſein wollten, hatten noch große Bündel von den Haaren ihrer Männer oder Brüder hineingedreht und ihre Häupter mit ungeheuren Wulſten bedeckt; Fiſchfett war nicht geſpart worden, um das Haar glänzend zu machen. Andre, unter ihnen Saagſchehm, trugen die üblichen Roſo⸗ nakenfellſtückchen über den Ohren, Paſuitſch und Tſchekawa aber ſeidne Tücher, mit vielem Geſchmack um den Kopf ge⸗ ſchlungen. Aphaka erregte den Neid der kleinen und großen Mädchen, ihre Mutter hatte ihr nämlich ein Stückchen Gold⸗ band um den Scheitel geknüpft. Die Schuhe der Männer ſowohl, als der Frauen und Kinder, waren ſehr hübſch zuſammengeſetzt aus Streifen rothen Safians und Hundegurgeln, welche die Kamtſcha⸗ dalinnen ſo weiß und weich zu machen wußten, wie das ſchönſte, franzöſiſche Handſchuhleder. Das Geſchenk ſolcher ſauber gearbeiteten, mit bunten Haaren und Fäden ausge⸗ nähten Staatsſchuhe war ein Beweis von Achtung und Liebe, und daran, daß ein Itelmen bei feſtlichen Gelegenheiten ſchlecht beſchuh't war, ließ ſich erkennen, daß er kein weibliches Weſen hatte, welches ihm wohl wollte. Daher hatte Paſuitſch ſogleich nach ihrer Ankunft für ihren Bruderſohn ein Paar gearbeitet; um Feodor nicht zu kränken, hatte Tſchekawa ſich erboten, für ihn welche zu fertigen, und ihre Aufgabe auch zu des jungen Inſulaners höchſter Zufriedenheit gelöſt. Nachdem die Gäſte ſich niedergelaſſen, zog Kosko nach altem Brauch die Kuklanka wie auch die Barka aus, und nun zeigte ſich, zum ehrfurchtsvollen Erſtaunen der meiſten An⸗ 43 weſenden, daß er— ein Hemde anhatte; das uns unent⸗ behrliche Kleidungsſtück war den Kamtſchadalen erſt durch die Ruſſen bekannt geworden und bis jetzt noch immer ein großer und ſeltener Luxus. Während Alle das Hemde aufrichtig bewunderten, wurde Feuer angemacht und ein großer Keſſel mit Waſſer aufge⸗ ſetzt; dieſer Keſſel war wieder der Gegenſtand lebhafter Be⸗ wunderung und ein Beweis von dem Reichthum des Wirthes. Metallgeräthe waren ſo theuer, daß man für einen Keſſel ſo viele der ſchönſten Zobelfelle gab, als hineingingen. Ein Paar Männer halfen hierauf Kosko die Haut des Bären abziehn, das Fett und Fleiſch in Streifen ſchneiden und in den Keſſel legen. Indeß tanzten die Kinder und die jungen Leute, die Alten aber unterhielten ſich mit Redensarten; doch ſprang auch zuweilen von ihnen Einer auf und miſchte ſich unter die Reihe der Tanzenden, denn von dieſer Be⸗ luſtigung und vom Geſang waren Alle ſehr große Liebhaber. Feodor, der ſich mit ganzer Seele der Fröhlichkeit hin⸗ gab, war der beſte Tänzer und führte einen in ſeiner Hei⸗ math gebräuchlichen Tanz an, der auf der ganzen Halbinſel ſehr beliebt war. Zehn Perſonen traten in einen Kreis und bewegten ſich nach dem Takt langſam in die Runde. Feodor ſagte einige Worte in kuriliſcher Sprache, die Jagd oder Fiſchfang betrafen, z. B.„Stoß das Baidar ab, ſchieße, halt' nach dem Ufer!“ Die Andern verſtanden das zwar nicht, wiederholten es aber und zwar ſo, daß, wenn die eine Hälfte die ſiebente Silbe ausſprach, die Uebrigen eben das erſte Wort ſagten. So ging es fort, bis nach ungefähr einer Stunde Feodor eine andere Loſung gab, die eben ſo gern 44 und eben ſo laut wiederholt wurde. Immer Mehrere traten in den Kreis, bis ſich endlich faſt Niemand mehr von der Theilnahme ausſchloß und ſelbſt die ſteinalten Greiſe ihre letzte Kraft daran wandten. Sie beluſtigten ſich dabei nicht weniger, wie kleine Mädchen bei einem endloſen„Ringel Roſenkranz“ oder„Wir treten auf die Kette.“ Es galt für eine Ehre, am längſten auszuhalten, und war ſchon vorge⸗ kommen, daß man vom Abend bis zum Morgen ſo ge⸗ tanzt hatte. Kosko unterbrach jedoch dieſes Mal den Tanz. Das Eſſen war fertig, er ließ Alle ſich niederſetzen, nahm einen Strei⸗ fen Fett in die linke und ein Meſſer in die rechte Hand, ſteckte einem der Gäſte das Ende des Specks in den Mund und ſagte;„Gieb Achtung!“ worauf der Gaſt:„Sipang, o Unglück!“ antwortete. Dann ſchnitt Kosko ein Stück Fett ab und ließ es verſchlucken, worauf er zum Zweiten ging und ſo die ganze Reihe herum bis zum Letzten. Dann wurden Fleiſch und Fett in gleiche Portionen getheilt und Alle ließen es ſich köſtlich ſchmecken. Die alte Saagſchehm, welche zuletzt auch an dem Tanze Theil genommen hatte, war davon ermüdet und ſchlief wäh⸗ rend des Eſſens ſanft ein. Ihre Nachbarin weckte ſie auf und Alle waren ſehr beſtürzt über dieſen Verſtoß gegen die Ehrfurcht, welche Jedermann dem Bären zollte, der eben verſpeiſt wurde; allein Saagſchohm beſaß Geiſtesgegenwart und machte ihren Fehler auf glänzende Weiſe gut. Sie ver⸗ neigte ſich tief gegen das Bärenfell, das in der Mitte der Jurte ausgebreitet war und ſagte: „Ach, ich bin eingeſchlafen— ich war müde, nimm mir 45 das nicht übel. Aber du wirſt es mir verzeihen, weil du auch zu ſchlafen pflegſt, wenn du müde biſt und aus dem Walde kommſt, oder, wie ich, getanzt haſt; du ſchläfſt ſogar den ganzen Winter über und wir ſagen dir auch nichts.“ Sämmtliche Anweſende rühmten dieſe Entſchuldigung und Saagſchehms Klugheit. Nach der Mahlzeit brachte Kosko den Schädel des Bären, umwand ihn mit Eheu und Slatkadrawa und ſteckte ihm Cedernüſſe zwiſchen die Kinnladen; darauf redete er ihn an und bat, der Bär möge es ihm nicht übel nehmen, daß er ihn gefangen habe, und ſeinen Verwandten verkündigen, wie ſehr er geehrt worden ſei, damit ſie auch kämen und ſich ohne Furcht fangen ließen. Nun vergnügten ſich Alle mit dem Singen einfacher Lie⸗ der, wobei Tſchekawa's Stimme als die lieblichſte anerkannt wurde; ſie war überhaupt ein hübſches, achtzehnjähriges Mädchen und viele der jungen Männer waren ſehr geneigt, ihrem Vater um ſie zu dienen, wie einſt Jakob dem Laban um die Rahel. Auf dem Sims brannte in ſteinernen Lampen Wallfiſchöl und verbreitete eine ziemliche Helle; der Qualm des Heerd⸗ feuers verdüſterte dieſe zwar ein wenig und war an ſich auch grade nichts Angenehmes, doch achtetete kein Menſch darauf, als etwa Alexei, der die Vorzüge eines Schornſteins kannte. Das Feſt wurde einſtimmig als ſehr prächtig und großartig geprieſen und die hohe Meinung verringerte ſich nicht, als 7 das Abendeſſen erſchien, wobei die Frauen ſchon am Morgen und am vorigen Tage ihre Kochkunſt bewieſen hatten, da nach der allgemeinen Sitte keine Speiſe warm gegeſſen wurde. 46 Statt des Tiſchtuchs und der Servietten dienten feine Strohmatten. Die vornehmſten Gäſte, unter ihnen Alexei und Feodor, erhielten zinnerne Teller und eben ſolche Löffel; die Andern bekamen hölzerne Teller und Löffel; ſtatt der Gabeln bediente ſich Jeder ſeiner Finger. Als Getränk er⸗ ſchien nur eiskaltes Waſſer in zierlichen Fiſchbeingefäßen; Salz gab es nicht: die Itelmenen verſchmähten es, ihre Speiſen damit zu würzen. Auf glatten Bretern, die rings herum einen Rand hat⸗ ten, wie unſre Präſentirteller, lagen Quappen, Lachſe, Forellen und andre Fiſche von rieſiger Größe und außer⸗ ordentlich gutem Geſchmack. Dann gab es Seekrebſe, Brei von Lilienzwiebeln und verſchiedene Gemüſe, ferner Haſen, Murmelthiere, wilde Enten und allerlei wildes Geflügel, auch Piroggen von Borſa und mehrere Gemengſel von ver⸗ ſchiedenen Kräutern, Wurzeln und Beeren, größtentheils mit Fiſchfett ſehr delikat zubereitet. In einer großen, hölzernen Schüſſel ſtand die Brühe von einer Sorte kleiner Fiſchchen, die nicht gegeſſen wurden, deren Brühe aber der Hühnerſuppe ſehr ähnlich ſchmeckte; in einigen andern Schüſſeln war Waſſer auf Slatkadrawa aufgegoſſen und Jeder nahm zwiſchen den andern Speiſen einige Löffel von dieſem ſüßen Waſſer. Getrocknete Fiſche fehlten nicht, auch nicht eine Art weißen Thons, der, mit ein wenig Waſſer zerrieben, wie Sahne ſchmeckte. Um dies für die Kamtſchadalen wahrhaft luculliſche Mahl zu vervollſtändigen, erſchienen natürlich auch die beliebten„ſauern“ Fiſchköpfe, welche die ganze Hütte für alle echt itelmeniſchen Naſen ſehr lieblich parfümirten. Außerdem war da noch ein anderes Gericht: die Haut eines 47 Fiſches wurde unter beſtändigen Umrühren ſo lange gekocht, bis ſie ſich ganz aufgelöſt hatte. Nach der Abkühlung hatte man davon einen Gallert, der mit zerklopften Cedernüſſen, wie bei uns Flameri mit Mandeln, garnirt wurde und für eine große Leckerei galt, obgleich er faſt gar keinen Geſchmack hatte. Doch diente er nicht allein zur Speiſe, ſondern es wurde daraus auch die Zukunft des Wirthes und ſeiner Familie prophezei't. War der Gallert weiß, ſo ſtand Glück bevor, wurde er bläulich, ſo trat ein kleiner Unfall ein, wurde er aber ſchwarz, dann bedeutete es großes Unglück, z. B. den Tod des Wirthes oder ſeiner Frau, d. h. nach der Meinung der abergläubiſchen Eingebornen. Bei Kosko fanden Alle Urſache, nur Heil und Segen zu prophezeien und ſo trennten ſie ſich denn höchſt befriedigt. Uebrigens fehlte es bei dieſer, wie bei jeder kamtſchat⸗ kiſchen Gaſterei nicht an Scenen, die für unſer Gefühl und unſere Begriffe widrig und empörend ſind und den Beweis liefern, daß Uncultur und überfeinerte Civiliſation viel Ge⸗ meinſames haben. Die üppigen, entarteten Römer reizten den Magen durch Pfauenfedern, die Speiſen von ſich zu geben, um neue Leckerbiſſen genießen zu können; die einfäl⸗ tigen, ungebildeten Bewohner des öſtlichen Aſiens waren der Unmäßigkeit eben ſo ſehr ergeben, und aßen, bis ſie ſich er⸗ brachen, worauf ſie wieder aßen, ſo lange irgend etwas da war. Alerei zog ſich dagegen in die fernſte Ecke der Wohnung zurück und erzählte Aphaka, die ihm ſogleich gefolgt war, von den beſſern Gewohnheiten, welche er im Hauſe ſeiner Wohlthäterin kennen gelernt hatte. Sie hörte ihm aufmerk⸗ 48 ſam zu, was ihn zu immer größerer Offenheit veranlaßte, und während die Uebrigen um ſie her laut ſangen, lachten, lärm⸗ ten und unmäßig aßen, wurde das erſtaunte und geblendete Mädchen die Vertraute der kühnen Pläne, welche in dem Hirn des Knaben reiften. „Es ſoll anders werden und müßte ich darüber ſterben!“ ſchloß er endlich aufgeregt.„Und du, Aphaka, kannſt dabei viel helfen, wenn du willſt.“ „Sage mir, was ich thun ſoll und mit Freuden bin ich zu Allem bereit!“ antwortete ſie feſt und einfach.„Du haſt mein Leben erhalten; ich will es anwenden, wie du es für gut findeſt und mit dir ſterben, wenn du ſtirbſt!“ Lünſtes Kapitel. In ſeiner veränderten Kleidung und ohne die oft er⸗ wähnte Perrücke war Feodor von Niemand als der vermeint⸗ liche Balakitgh erkannt worden und eben ſo wenig fiel es den harmloſen und leichtherzigen Itelmenen ein, er und Alexei ſeien die Sklaven des Gouverneurs, welche ſie einliefern ſollten. Alexei galt für das, was er war, für einen Ver⸗ wandten von Paſuitſch, und Feodor für deſſen Freund;. Beiden wurde, als lieben Gäſten mit großer Zuvorkommen⸗ heit begegnet. Feodor nahm an allen Arbeiten Theil, ging auf die Jagd und den Zobelfang und ſtand bald bei Allen in hohem An⸗ 49 ſehn. Alexei dagegen blieb mehr zu Hauſe; Paſuitſch und Saagſchehm ließen ihn nicht oft hinaus, auch war er nicht ganz geſund. Der Mangel des Salzes und des Brotes bekam ihm nicht; er mußte ſich erſt an die neue Lebens⸗ weiſe gewöhnen. Uebrigens war er nicht ungern mit den Frauen allein, denn ſie hatten für ihn mehr Verſtändniß, als die Männer. So ſehr er das langentbehrte Glück empfand, im Schooße ſeiner Familie zu leben, und ſo viel Vergnügen ihm das Be⸗ wußtſein der Freiheit gewährte, dennoch gefiel ihm Manches an ſeinem neuen Wohnort nicht, und das waren hauptſächlich die Unreinlichkeit und Nachläſſigkeit, ſo wie die große Un⸗ wiſſenheit der Leute. Die Itelmenen waren zwar ſehr gutmüthig, gelehrig und erfahren in der Benutzung des Kleinſten, was ihnen die Na⸗ tur darbot, welche ihre Heimath vor andern Ländern ſo ſtief⸗ mütterlich bedacht hatte; allein ſie waren dabei auch ſehr thöricht, ſchmutzig und ſinnlich, lebten nur für den Augen⸗ blick und hatten, außer in Betreff des Diebſtahls, nicht den geringſten Begriff von Ehre oder Schande. Alexei war noch jung und unerfahren, allein er war ihnen an Bildung und Einſicht doch unendlich überlegen und in ſeinem feurigen Gemüthe befeſtigte ſich mehr und mehr der Entſchluß, ſein Volk geſitteter zu machen und dadurch deſſen elenden Zuſtand zu verbeſſern. Eines Nachmittags ſaß er, ein Fiſchnetz knüpfend, an dem Heerdfeuer, das entſetzlich qualmte, weil das Holz nicht im Sommer geſammelt und getrocknet wurde, ſondern man Roskowska, Alexei und Aphaka. 4 50 täglich den Bedarf aus dem Walde holte; daher waren rothe, triefende Augen ſehr häufig. Kutſchiniz Tſchekawa's Vater, holte eben das Holz zu morgen, ſeine Kinder ſpielten mit Pikankur, während Tſche⸗ kawa fleißig an dem Saum einer Kuklanka nähte, die für Feodor beſtimmt war. Statt des Zwirns bediente ſie ſich der langen Haare vom Halſe des Rennthiers; Nähnadeln, aber natürlich nicht ſehr feine, erhielten die Itelmenen durch Tauſch von den Koſaken. Vor der Ankunft derſelben hat⸗ ten ſie die Nadeln von den Japaneſen eingetauſcht, die ſeit ungefähr 150 Jahren eine, allerdings ſehr unbedeutende Handelsverbindung mit Kamtſchatka unterhalten hatten, deren Hauptartikel ſo ſehr die Nähnadeln waren, daß die Japaneſen Sühſemen(Nadler) genannt wurden. Die Großmutter ſpaltete dürre Neſſeln mit einer Muſchel, ſchälte die holzige Rinde mit den Zähnen ab und ſchlug die Faſern mit einem Stock, worauf ſie dieſelben unter einem ſteten Anfeuchten der flachen Hand zwiſchen den Fingern in lange Fäden zuſammendrehte, und dieſe in Knäule aufwand; mehrfach übereinander gelegt, verbrauchte Alexei die Fäden zu ſeinem Netz. An der See wuchs ein hohes Gras, deſſen Halm unſerm Korn glich. Das Stroh wurde zum Dach der Sommer⸗ wohnungen, zu Decken und vielem Andern benutzt; Aphaka flocht eben daraus auf Fiſchbein, zu ihrem Nähgeräth, ein zierliches Körbchen, das ſie mit feuerroth gefärbten See⸗ hundshaaren, die allgemein ſehr geſchätzt wurden, recht nied⸗ lich verzierte. Ihre Mutter flocht aus demſelben Gras einen Regenmantel für den Sommer; dieſe Kleidungsſtücke waren 51 ſehr zierlich, dauerhaft und zweckmäßig; die innere Seite glatt, die äußere rauh, und rings herum eine Borte von Stroh. Alexei war in tiefes Sinnen verloren— er brütete über ſeinen Plänen. Auf die Frage ſeiner Großmutter, woran er denke, erzählte er, auf welche Weiſe in Jakutsk die Faſern der Neſſeln und des Hanfs verſponnen würden, eine Weiſe, die ſo viel Zeit und Mühe erſpare und das Garn viel dauer⸗ hafter mache. Alle intereſſirten ſich dafür ſehr und ließen ſich von ihm eine Spindel ſo genau beſchreiben, wie er es vermochte, worauf ſie die große Klugheit der Ruſſen be⸗ wunderten. „Und doch iſt das noch nichts gegen all das Andere, was ich von ihnen geſehn habe!“ erwiederte Alexei.„Sie wiſſen ſich jede Arbeit ſo leicht und das Leben ſo bequem zu machen, wie ihr euch das gar nicht vorſtellen könnt. Oſt, wenn ich in Niſchnoi-Oſtrog zuſehn mußte, wie grauſam die Unſern gemißhandelt wurden, oder wie ſchändlich im Handel betrogen, bäumte ſich mein Herz dagegen auf und ich dachte in ſtiller Nacht daran, ob wir die wenigen Koſaken denn nicht vertreiben und frei und glücklich ſein könnten.“ „Aber wir bekommen doch für unſre Felle, die wir um⸗ ſonſt haben, Meſſer, Keſſel, Zeuge und viele andre nützliche Dinge!“ wandte Saagſchehm ein. „Das könnten wir Alles viel billiger haben, wenn wir ſie nicht im Lande duldeten, wenn wir ihnen keinen Inſak (Tribut) zahlten und nur die Kaufleute mit ihren Waaren an's Land kommen ließen, um Handel zu treiben!“ verſetzte der Knabe.„Ich weiß ja, wie wenig in Jakutsk und an 4* 52 andern Orten die Sachen gelten, und wie theuer ſie unſre Felle wieder verkaufen.— Aber freilich iſt es ſchwer, die Koſaken zu vertreiben, ſo Wenige ihrer auch ſind! Früher dachte ich mir das viel leichter. Ich war noch ein kleines Kind, als ich von Hauſe fortgeſchleppt wurde, und vergaß bald, daß die Itelmenen nicht ſo klug ſind, wie die Ruſſen, weil ich unter dieſen aufwuchs. Erſt jetzt ſehe ich ein, wie ungeheuer viel unſer Volk noch lernen muß, ehe es ſich mit den Ruſſen meſſen kann!“ „Das können wir niemals!“ verſetzte die Großmutter eifrig.„Die Tatachs find übermenſchlich geſcheidt; die kleinſten Kinder ſind bei ihnen ſchon klüger, wie bei uns die älteſten Leute!“ Alexei konnte das nicht leugnen; die Itelmenen waren wirklich einfältig wie kleine Kinder, doch nicht in jeder Hin⸗ ſicht. Sie verſtanden Alles auf das Beſte zu benutzen, nicht das kleinſte Pflänzchen ging verloren, ſondern wurde zweck⸗ mäßig verwendet; die Ruſſen ſelber erkannten das an und Alerei hatte ſie davon oft mit Lobeserhebungen ſprechen hören. Er ſagte dies den Frauen, indem er hinzufügte: „Und was unſern Leuten noch fehlt, können ſie mit der Zeit lernen; mir iſt es gar nicht ſchwer geworden.“ „O du!“ rief Aphaka mit einem Ton, der deutlich ver⸗ rieth, ſie halte es für unmöglich, Andre könnten ſo klug ſein oder werden, wie er. Ihre Mutter aber ſagte: „Du haſt Recht— wir machen leicht nach, was wir ſehen, behalten ſchnell, was wir hören, und nehmen gern Alles an, was beſſer iſt, wie das, was wir kennen. Warum ſollten wir alſo nicht mit der Zeit ſo klug werden, wie die Ruſſen 53 ſelber? Wenn wir nur belehrt werden— an Luſt zum Ler⸗ nen fehlt es Niemand von uns.“ „Das Nöthigſte iſt, daß Alle aufhören, an Kutka, Bil⸗ lutſchei, Balakitgh und dergleichen Unſinn zu glauben,“ wo⸗ rüber ſie im Stillen doch lachen und ſich luſtig machen,“ ſagte Alexei.„Mit dem Glauben an den Gott der Ruſſen, der Niemand anders iſt, als Duſtätſchitſch, ſind die Menſchen viel klüger als vorher, und halten nicht ſo ungereimtes Zeug für wahr, haben nicht ſo alberne Gebräuche, wie das unter uns Sitte iſt. Sie werden aber nicht bloß klüger, ſondern auch beſſer, und fliehen das als Sünde und Unrecht, was bei unſerm Volk oft für gut und löblich gilt. Denkt nur an die vielen Selbſtmorde und an die Grauſamkeit, womit oft Kin⸗ der ihre alten Eltern tödten!“ „Nun, iſt es nicht beſſer, in die Unterwelt zu kommen, wo man es gut hat, als länger auf der Erde leben, wenn man alt und ſchwach iſt und nicht arbeiten oder ſich freuen kann?“ fragte Saagſchehm. „Ach nein, Großmutter,“ verſetzte Aphaka eifrig,„Alexei ſagt ja, es iſt Sünde früher zu ſterben, als Gott es will. Und dann hat es Vater und Mutter und uns Allen ja nie gefallen, wenn ein Sohn die Eltern todt ſchlug, damit ſie bald zu Hätſch in die Unterwelt kämen. Weißt du noch, wie der Vater erzählte, daß im vorigen Jahr ein alter Mann am Oſernaia ſeinen Sohn bat, ihn aufzuhängen, daß der Sohn es auch that, und als der Riemen riß und der Alte herunter fiel, einen andern Riemen holte und den Vater wieder auf⸗ hängte? Mir graut noch, wenn ich daran denke! Iſt es nicht viel hübſcher, die Eltern zu behalten? Und auch in 54 den Wald gehn und ſich todt hungern, wie es viele von unſern Leuten thun, wenn ſie hungrig oder betrübt ſind, ge⸗ fällt mir gar nicht. Das Leben iſt ja ſo ſchön und geht's Einem heute ſchlecht, ſo kann es morgen wieder beſſer ſein, und man muß ſein Schickſal tragen, wenn man es nicht ändern kann, ſagt Alexei!“ „Das iſt Alles wahr, nur Eins begreife ich nicht recht!“ meinte Paſuitſch nachdenklich und doch mit einem Anflug von Schelmerei.„Der Glaube an Gott ſoll gut und gerecht machen, weil Gott ſelber gut und gerecht iſt— aber warum beweiſt er ſeine Kraft denn gar nicht an den Ruſſen? Sie ſind viel ſchlechter und grauſamer, als die Itelmenen, die einfältig find und auch nur einfältige Götter haben. Daran dachten wir immer, wenn der Ruſſe nach dem Jaſak oder auf Handel kam und uns zur Taufe zuredete.“ „Wird bei uns der Diebſtahl nicht verachtet und hart beſtraft? Und doch gibt es Diebe unter uns,“ erwiederte Alerei ſchnell.„So iſt es auch bei den Ruſſen! Sie ſollen gut ſein, ihr Glaube befiehlt es und droht ihnen, wenn auch erſt nach dieſem Leben, mit harter Strafe, und doch ſind Viele unter ihnen ſchlecht. Aber nicht Alle; überhaupt dürft ihr nicht denken, alle Chriſten ſeien ſo ſchlecht, wie die Ruſ⸗ ſen bei uns. Hierher kommt beinahe nur das verlaufene Ge⸗ ſindel, das, wie bei uns ein Dieb, von den ehrlichen Men⸗ ſchen verachtet und gemieden wird. In andern Ländern, deren es noch ſo viele gibt, wie ihr euch gar nicht denken könnt, ſind viel beſſere und noch klügere Leute, wie die Ko⸗ ſaken, welche ihr kennt, und das ſind die eigentlichen Chriſten,⸗ während dieſe hier kaum mehr als den Namen haben.— 55 Ihr nehmt von den Koſaken Keſſel, Beile, Meſſer und viele andere gute Sachen, ohne euch daran zu ſtoßen, daß ſie hab⸗ ſüchtig, betrügeriſch und grauſam ſind, warum wollt ihr von ihnen alſo nicht auch ihre Religion annehmen und deren Lehren befolgen, obgleich ſie dieſelben vernachläſſigen? Es haben ſich auch ſchon Viele taufen laſſen, nur nahmen ſie ge⸗ wöhnlich ſtatt der Tugend, welche der Glaube lehrt, die Feh⸗ ler ihrer Pathen an!“ „Ich will mit Kosko ſprechen und iſt er bereit, ſo fahren wir einmal nach Niſchnoi und laſſen uns taufen,“ ſagte Pa⸗ ſuitſch.„Wir wollen dann auch Mehrere dazu bewegen, nur mußt du dich anſcheinend darum wenig kümmern, Lipacha. Im Winter haben wir nicht weit nach Niſchnoi, es kom⸗ men oft Koſaken her und die, welche zu den Ruſſen über⸗ treten wollen, fahren hin, alſo könnteſt du leicht verrathen werden. Wenn du viel mit den Andern über dieſe Dinge redeteſt, würden ſie ſich wundern, woher du die große Klug⸗ heit haſt, und wir dürften dich am längſten hier gehabt ha⸗ ben. Um ein Kleidungsſtück oder ein Werkzeug würden dich Viele verrathen. Freilich wärſt du damit noch nicht verloren. In unſerer Jurte ſoll Niemand Hand an dich legen, und Koskos Hunde ſind die beſten Läufer weit und breit und du könnteſt mit Feodor zum alten Kontſchalo am Oſernaia flie⸗ hen, wo die Ruſſen dich nicht zu holen wagen. Aber wir möchten dich doch ſo lange wie möglich bei uns ſehen.“ Das Gebell aller Hunde des Dorfes verkündete die An⸗ kunft Fremder und endete die Unterhaltung. Alle eilten hinaus und ſahen in der Ferne mehrere Schlitten. Der Ein⸗ nehmer des jährlichen Tributs kam, von ungefähr funfzehn 56 bewaffneten Koſaken begleitet, welche diejenigen in Reſpekt hielten, die ſich etwa Widerſetzlichkeiten zu Schulden kommen ließen. Sämmtliche Einwohner verſammelten ſich, nach dem ſie ihren beſten Putz angelegt, am Eingange des Dorfes und begrüßten die Ankommenden mit tiefen Verbeugungen. Alexei ſpannte indeß, wie es für dieſen Fall längſt verabredet wor⸗ den, den ſchönſten Schlittenzug Kosko's, fünf große Hunde, mit Muri an der Spitze, vor einen kleinen Schlitten, auf den Aphaka ſchnell etwas Mundvorrath, einige warme Kleidungs⸗ ſtücke und Strohmatten legte; dann fuhr er zum andern Ende des Orts hinaus. Die Strohhütten und dichtes Gebüſch verdeckten ihn den Augen der Ruſſen. Bald ließ er das, die Niederlaſſung umgebende Weiden⸗, Ceder⸗ und Erlengebüſch hinter ſich und kam in den Wald der aus Birken, Pappeln und einzelnen Tannen beſtand, welche letztere jedoch keine beträchtliche Größe erreichten. In kurzer Zeit kam er an einen freien, von Bäumen und Felſen umgebenen Platz, wo einiges todtes Wild lag. Hier band er die Hunde ſorgfältig an und folgte dann den friſchen Spuren im Schnee, indem er laut den Namen der beiden Männer rief Sie antworteten ihm nach einer Weile, und er fand ſie damit beſchäftigt, auf die gewöhnliche Art einen Zobel zu fangen. Das Thier hatte ſich, nachdem es ihrer anſichtig geworden, in einen hohlen Baum geflüchtet; ſie hieben dieſen um, und zwangen dadurch jenes, in das vorher aufgeſtellte Netz zu gehen. Kosko kehrte mit der Jagdbeute des Tages ſchnell auf dem Schlitten heim, in welchem er mit Feodor ausgefahren „ war. Dieſer und Alexei blieben zurück— ihre Abweſenheit konnte den Dorfbewohnern nicht auffallen, weil es, obgleich ſelten, doch mitunter geſchah, daß dieſer oder Jener ſich zu weit von den Wohnungen entfernte, um an demſelben Tage heimzukommen. Die Hunde, welche Alexei gebracht hatten, behielten ſie bei ſich, um durch ihren Anblick die Ruſſen nicht zur Begierde nach ihrem Beſitz zu reizen. Nachdem die Itelmenen indeß die Hunde des Steuerein⸗ nehmers gefüttert und ihn und ſeine Begleiter mit den beſten Speiſen bewirthet hatten, verlas er ihre Namen, und empfing den Tribut. Obgleich dieſe Verleſung ſchon mehrere Mal ſtattgefunden hatte, ſtaunte ſie das einfältige Völkchen doch wieder mit der größten Verwunderung an und hielt es für Zauberei, daß der Ruſſe ihre Namen wußte, ohne ſie vorher darum gefragt zu haben. Jeder ſollte einen Zobel als Tribut zahlen, und auch die kleinen Kinder waren davon nicht ausgeſchloſſen; doch nahm der Beamte, wie gewöhnlich, ſtatt eines Felles viere. Eines nur wurde an die Kaſſe abgeliefert, die übrigen theilten der Einnehmer und ſeine Begleiter und ſie machten ſich das Geſchäft noch einträglicher dadurch, daß ſie bei vielen Fellen erklärten, ſie ſeien zu ſchlecht zum Jaſak, und ſich andere geben ließen, die erſten aber für ſich behielten;— ſo kam es, daß mitunter eine Perſon acht bis zehn Zobel geben mußte;— waren ſie nicht gleich zur Stelle, ſo regnete es Schimpfworte und Schläge. Endlich beſchenkte der Einnehmer die Wohlhaben⸗ ſten mit einem Meſſer, etwas Tabak oder irgend einer andern Kleinigkeit, wofür er beim Abſchiede als Gegengeſchenk ſo viel Pelze verlangte und nahm, wie er wollte. Außerdem 4 58 mußten Lebensmittel und Schlitten zum Transport geliefert werden. Der Einnehmer war zufällig ein ungewöhnlich milder und einſichtsvoller Mann und machte es ſehr glimpflich. Wenigſtens fielen doch keine der empörenden Rohheiten vor, welche die Kamtſchadalen ſonſt bei der Gelegenheit ertragen mußten, auch wurden nicht, wie früher oft, Knaben und Mädchen als Sklaven fortgeſchleppt. Uebrigens ließ es ſich Kosko angelegen ſein, die Habſucht der Ruſſen zu befriedigen. Er ſelbſt war im Fange des Pelzwildes ſehr geſchickt, auch hatte ihm Feodor darin tüch⸗ tig beigeſtanden; alſo beſaß er eine Menge ſchöner Felle und gab ſie gern her, um nur die Fremden in guter Laune zu erhalten und ſich und die Seinigen von Beleidigungen los⸗ zukaufen. Wie es ihm als Ortsvorſteher zukam, ſorgte er nicht nur für ſeine Familie, ſondern auch für die andern Dorfbewohner. Den Aermern und Schwächern ſchenkte er von ſeinem Ueberfluß ſo viel, um ihren Tribut vollzählig zu machen, und durch dieſe Freigebigkeit hatte er ſich unter ſeinen Leuten ein hohes Anſehn erworben. Sechſtes Kapitel. Zuerſt begleitete Alexei Feodor zu einigen, an verſchie⸗ denen Stellen hergerichteten Fallen, um ſie für die Nacht mit Fiſchen zu verſehen. Darauf errichteten ſie eine Hütte, indem ſie üͤber einige 59 Pfähle die Strohmatten ſpannten, welche Alexei zu dieſem Zweck mitgebrachthatte. Plötzlich ſchlugen die Hunde laut an und ſie gewahrten in der beginnenden Dämmerung ein Ge⸗ ſchöpf, daß ſie im erſten Augenblick für einen Bären hielten— bald jedoch erkannten ſie ihren Irrthum. Tempte, der Ge⸗ brandmarkte war es, der ſich ihnen nahte und ſich erſt vor Alexei, dann vor Feodor nieder warf, während ihm die hellen Freudenthränen in den Augen ſtanden. Er trug das Bärenfell, welches ſie ihm geſchenkt hatten, wie einen Mantel um die Schultern und ſein Haupt war mit Feodors Perrücke bedeckt, die noch mehr zerzauſt war, als früher. Auf Alexei's Frage, wie er hierher komme, ge⸗ ſtand er, daß er ihnen gefolgt ſei und Feodor ſchon oft von Ferne geſehen, doch ſtets vergebens eine Gelegenheit geſucht habe, ihn allein zu treffen. In Gegenwart Anderer konnte er ihn nicht anreden, ohne ſich Mißhandlungen auszuſetzen, und überdies wäre Feodor dadurch bei den Andern in Miß⸗ achtung gekommen, daß er Verkehr mit einem Ausgeſtoßenen hatte. Alexei ſowohl als Feodor waren von der Anhänglichkeit des Unglücklichen gerührt; ſie hießen ihn an dem Feuer nie⸗ derſetzen, welches Feodor nun anzündete und theilten ihr Abendeſſen mit ihm, das durch Aphaka's Fürſorge ziemlich lecker war und beſonders für Tempte, der gewöhnlich von Wurzeln, Beeren, Baumrinde und verdorbenen Fiſchen lebte, die er an den Flußufern aufſuchte. Ermuthigt durch ibre Freundlichkeit, erzählte Tempte auf Alexei's und Feodor's Fragen ausführlich ſeine Geſchichte. Er war einſt ein geachteter Mann geweſen, allein der Brannt⸗ 60 wein, welchen die Koſaken aus dem Slatkadrawa deſtillir⸗ ten, war ſein Verderben geworden. Um ſich über den Tod ſeiner Frau zu tröſten, hatte er getrunken, nachdem er jedoch erſt einmal davon gekoſtet, kannte und ſchätzte er keinen andern Genuß und dachte nur darauf, ſich mehr von dem berauſchen⸗ den Waſſer zu verſchaffen. Sein ganzes kleines Hab und Gut gab er für einige Maaß Branntwein hin; dann ſuchte er Wild zu fangen. Allein da ihm der Fuchs⸗ und Zobel⸗ fang bei der Habſucht der Koſaken nur wenig Branntwein eintrug und es Zeit und Arbeit koſtete, ehe er ſeiner unglück⸗ lichen Neigung fröhnen konnte, ſo verfiel er auf einmal in der Trunkenheit darauf, ſich die Früchte von Anderer Mühe zuzueignen. Er ſtieg auf einen Balagan, wurde aber ertappt und nach Landesſitte dafür geprügelt. Unter ſeinen Lands⸗ leuten war er unehrlich geworden und Niemand wollte in irgend eine Gemeinſchaft mit ihm treten; das veranlaßte ihn theils aus Noth, theils aus Rachſucht, zu neuen Diebſtählen, bis man ihn dabei wieder ergriff und nun verſtümmelte. Jetzt, da er den Koſaken keine Felle mehr liefern konnte, ſtießen ihn auch dieſe von ſich, welche ihm bis dahin für die geſtohl⸗ nen gern Branntwein gegeben und ihn zu neuen Verbrechen angeſpornt hatten, und friſtete er jetzt in der Wildniß auf die elendeſte Weiſe ſein Daſein. Für den ungebildeten Menſchen hat das Leben meiſt nur dann einen Werth, wenn es ihm materielle Genüſſe bietet, oder wenn er Todesfurcht empfindet. Die Kamtſchadalen, fürchteten den Tod nicht, denn ſie dachten in die Unterwelt zu kommen, wo ſie es gut zu haben meinten; bei jedem Miß⸗ geſchick griffen ſie daher zum Selbſtmord— ertränkten ſich, . 61 hungerten ſich todt oder ließen ſich von wilden Thieren zer⸗ reißen. Auch Tempte war ſchon entſchloſſen, ſich auf irgend eine Art zu tödten, als er zufällig auf Alexei und Feodor traf; die unerwartete und unerhörte Güte, welche ſie ihm bewieſen, änderte ſeine Geſinnung völlig. Er folgte der Richtung die ſie eingeſchlagen, nachdem er vorher das Fleiſch, welches ſie ihm geſchenkt, ſicher verborgen hatte. Zufällig begegnete er dabei den Koſaken, welche die Flüchtlinge auch geſehen hatten und von ihnen erfuhr er, daß zwei Sklaven des Gouverneurs, entflohen ſeien. Der Be⸗ ſchreibung nach erkannte er ſogleich ſeine Wohlthäter, auch erfuhr er, daß man erſt im Winter beabſichtige, ernſtliche Nachforſchungen nach ihnen anzuſtellen, weil ſie ſich in der guten Jahreszeit im Freien zu leicht verbergen konnten. Um Feodor kümmerte man ſich weniger, es gab Männer genug im Lande, deren man ſich zur Arbeit bedienen konnte; doch Alexei war wegen ſeiner Kenntniſſe ein ſchätzbares Eigen⸗ thum, überdies hatte ihn der Gouverneur von ſeinem vorigen Herrn gekauft und wollte nicht ſein Geld verlieren. Es ſollte daher keine Mühe geſpart werden, ihn wieder zu bekommen. Tempte erzählte das jetzt den beiden Flüchtigen und Feo⸗ dor ſchlug ſogleich vor, in Zeiten weiter ins Land zu gehen, wo ſie ſicherer wären. Allein der ſchlaue Itelmen meinte, eben die Nähe Niſchnois ſei ihre Sicherheit; man werde ſie viel eher in der Ferne, als ſo nahe, vermuthen und ſuchen. Das war zwar einleuchtend, allein Feodor wurde, ganz gegen ſeine Natur, plötzlich mißtrauiſch und ſagte in ſeiner Sprache, welche Tempte ſeiner Meinung nach nicht verſtand, zu Alexei:„Wer weiß, ob er uns nicht zum Bleiben zuredet 62 redet um uns bequemer zu verrathen; ich traue ihm nicht recht!“ „O, Feodor, wie kannſt du ſo Arges von dem Unglück⸗ lichen denken!!“ verſetzte der Knabe vorwurfsvoll.„Er hat, durch den unſeligen Branntwein verführt, Unrecht gethan, —aber er iſt kein ſchlechter Menſch, das beweiſt die tiefe Rüh⸗ rung, welche er mehr noch über unſere freundlichen Worte, als über unſere Geſchenke zeigte. Wir haben ihm nur Gutes gethan, ich erwarte alſo von ihm nur Gutes und möchte Keinen durch falſchen Verdacht unſchuldig kränken. Glaube mir, er iſt beſſer, wie Viele, die nicht ausgeſtoßen und ver⸗ achtet ſind und wir können ſicher auf ihn bauen.“ „Ich danke dir!“ ſagte Tempte, in kuriliſcher Sprache und mit einer Würde, welche Niemand dem gemiedenen Verbrecher zugetraut hätte:„der Andere hat Recht, daß er mir miß⸗ traut; ich habe es verdient, denn ich bin ein ſchlechter, elen⸗ der Menſch. Du aber haſt noch viel mehr Recht— ich würde lieber auf immer von Häntſch aus der Unterwelt verſtoßen ſein wollen, ehe ich gegen euch Beide unehrlich wäre. Was habe ich hier noch zu thun? Ich lebe nur von der Hoffnung, euch vielleicht einmal nützlich zu ſein, uud mein ganzes armes Leben gehört euch, denn ich wollte es ja von mir werfen, als ich euch antraf. Du biſt klüger, als andere Menſchen, weil du beſſer biſt; du weißt, daß der Ausgeſtoßene, den Jeder flieht und verachtet, wie ein giftiges Gewürm, auch ein Herz hat— warum ſoll ich dir alſo von dem reden, was ich nicht ausſprechen könnte, hätte ich auch die geläufigſte Zuuge in unſerm Volke. Die Zeit wird es vielleicht zeigen, daß dein Vertrauen nicht verſchwendet iſt!“ —— 63 Der ehrliche Inſulaner reichte ihm begütigend die Hand, es that ihm leid, daß er den Armen gekränkt hatte; ſein Ver⸗ dacht war gänzlich verſchwunden und er vertraute ihm ſogar eine Nachtwache an. Der Oſtrog lag ſüdöſtlich von Niſchnoi, nur zwölf Mei⸗ len davon entfernt und alſo viel näher bei ihren Feinden, als Alexei und Feodor ſich Anfangs vorgeſtellt hatten. Da ſie zuerſt öſtlich den Kamtſchatka hinabgefahren waren, da⸗ rauf ſüdlich nach dem Tſchamſcha und dann weſtlich dieſen Fluß ſtromaufwärts gegangen, ſo hatten ſie einen weiten Weg gemacht, ehe ſie zu dem Dorfe kamen. Obgleich dieſes der ruſſiſchen Niederlaſſung ſo nahe lag, erſchienen dort doch ſelten Ruſſen, weil die Landſtraße nach Werchnoi, dem andern ruſſiſchen Orte, am Kamtſchatka hinführte und nach dem Tſchamſcha kein gebahnter Weg war. Dieſem Unſtande dankten es Kosko und ſein Oſtrog, daß ſie von den Erpreſſun⸗ gen der fremden Eindringlinge viel weniger gelitten hatte, als die Itelmenen, welche am Kamtſchatka oder an den, in dieſem mündenden Flüſſen wohnten. Tempte hatte Recht— man vermuthete die entflohenen Jeſirren nicht ſo nahe und der Steuererheber fuhr am andern Tage mit den Seinen weiter, ohne nach ihnen zu fragen. Er dachte ſie in einem entfernten Oſtrog anzutreffen oder Kunde von ihnen zu erhalten, wenn ſie überhaupt noch am Leben und im Lande wären, denn im Winter konnten ſie ſich doch nicht immer im Freien verbergen, ſondern mußten eine Woh⸗ nung aufſuchen. Alexei und Feodor kehrten darauf ruhig in das Dorf zu⸗ rück und Jener bat Paſuitſch um Lebensmittel und einige warme Kleidungsſtücke. Auf die Frage: wozu, antwortete er nur, er wolle ſie verſchenken und ſie beruhigte ſich dabei. Der Sohn ihres Bruders flößte ihr nämlich faſt Ehrfurcht ein, da es ſich bei der Erwähnung des räthſelhaften Dinges, aus welchem der Jaſakeinnehmer die Namen wußte, ergab, daß Alexei die kleinen ſchwarzen Zeichen, welche für die Einge⸗ bornen unerklärlichen Zauber enthielten, auch machen und verſtehen könne. Feodor mußte Tempte die Sachen unbemerkt zuſtellen und ſein Wort darauf geben, nichts von dem Gebrandmark⸗ ten zu erwähnen. Alexei hielt, und mit Recht, ſeine Ver⸗ wandten noch nicht für vorurtheilsfrei genug, um Mildthä⸗ tigkeit gegen einen ehemaligen Dieb gut zu heißen. Ein ſol⸗ cher mußte, nach ihrer Meinung, hier oben auf der Erde ſeine Strafe vollſtändig leiden; dafür war er ja in dem künftigen Leben völlig frei. Tempte blieb in der Nähe, hütete ſich jedoch ſorgfältig, von einem der Dorfbewohner entdeckt zu werden. Sie hätten ihn in ihrem Bereich nicht gelitten und bei jeder Falle die ſie leer fanden, weil die Wölfe das Wild herausgeholt, ihn im Verdacht des Diebſtahls gehabt. Wer ſich einmal ein Un⸗ recht zu Schulden kommen läßt, dem wird es bei jeder Ge⸗ legenheit wieder zugetraut und das iſt die gerechte Strafe des Böſen, doch gewöhnlich ein ſchlechtes Mittel, um den Sünder zu beſſern. Unterhaltungen, wie die im vorigen Kapitel erzählten, wiederholten ſich oft und Alexei lehrte die Frauen, Kosko und deſſen Schwager vom Chriſtenthum Alles, was er ſelber kannte. Freilich war das wenig genug, indeß immer noch 65 mehr, wie die meiſten, auf Kamtſchatka befindlichen Ruſſen wußten, deren Religion größtentheils im Kreuzſchlagen, in dem Herſagen einiger Gebete und der Anrufung verſchiede⸗ ner Heiligen beſtand. Paſuitſch und ihr Mann waren ſchon durch den Umſtand für die chriſtliche Lehre ſehr eingenom⸗ men, daß ſie nicht, wie der einheimiſche Aberglaube, Diejeni⸗ gen für dem Tode verfallen erklärte, welche zufällig ins Waſſer geſtürzt waren; überdieß ließ ſie ihr eigener, für Itelmenen ungewöhnlich ſcharfer Verſtand ſogleich die Un⸗ haltbarkeit ihrer bisherigen Irrthümer erkennen, ſobald ſie darauf aufmerkſam gemacht wurden. Aphaka, die der Liebling des Hauſes war und deren Meinung bei der oft übergroßen Nachſicht, welche die Kamt⸗ ſchadalen ihren Kindern bewieſen, ſtets in Betracht kam, war natürlich zu Allem bereit, was Alexei für gut hielt und Tſchekawa wie ihr Vater machten auch keine Einwendung gegen die Taufe. Der Letztere war einſt ein rüſtiger, junger Mann geweſen, jetzt aber etwas fett und träge geworden. Er verrichtete die niedrigſten Arbeiten des Haushalts und that Alles, was von ihm verlangt wurde, wenn er ſich dabei nur nicht übereilen durfte und ſpäter den wärmſten Platz am Heerde und das fetteſte Stück Fiſch erhielt. Nur die Großmutter wollte für ihre Perſon nichts vom Chriſtenthum wiſſen und erwiederte auf Zureden und Ver⸗ nunſtgründe ſtets dieſelben Worte:„Wenn ich mich taufen ließe, müßte ich in den Himmel und ich begreife nicht, wie das geſchehen ſoll, auch iſt es mir viel zu hochmüthig, da hinauf zu gehn. Ihr könnt ruſſiſch oder chriſtlich werden, ſo viel ihr wollt, ich aber bin eine alte, einfältige Fru; ich will Alexei und Aphaka. 66 nichts Neues anfangen und bin auch nicht ſo ſtolz, daß ich es beſſer haben wollte, wie alle meine Vorfahren, die auch nur zu Haetſch in die Unterwelt gekommen ſind.“ Dafür bewogen Kosko und Paſuitſch mehrere Andere zu dem Entſchluß, mit ihnen nach Riſchnei zu fahren und ſich taufen zu laſſen. Die geringe Ehrfurcht, welche die Itelme⸗ nen überhaupt vor ihren Gottheiten hegten, machte ſie für die Aufnahme des Chriſtenthums viel empfänglicher, wie andere heidniſche Völker, die auf ihre religiöſen Gebräuche mehr Gewicht legten; freilich bedurften ſie deshalb auch um ſo mehr des gründlichen Unterrichts in dem ueuen Glauben, wenn die Annahme deſſelben ihnen mehr als eine leere Förmlichkeit oder nicht gar bloß ein kurzweiliges Schauſpiel ſein ſollte. Indeß war es völlig Winter geworden und zwar ein ſehr ſtrenger, und es gab ungemein viel Wild, beſonders Füchſe. Da der Schnee zu tief und feſt gefroren war, fanden ſie an den Flußufern keine faulen Fiſche und konnten auch nicht die Mäuſe aus ihren Löchern graben, alſo verließen ſie die Gebirge und Wälder und kamen, von Hunger getrieben, in die Nähe der Wohnungen und gingen in die Fallen; viele wurden in den Gruben, worin die Fiſche zum Hundefutter aufbewahrt wurden oder an den Trögen, aus welchen die Hunde fraßen, mit Stöcken erſchlagen. Nachdem Alexei ſich an die Lebensweiſe gewöhnt hatte, nahm er fleißig Theil an dem Fange des Pelzwildes, doch verſäumte er darüber nicht die Bildung ſeiner Verwandten. Auf ſeinen Antrieb und beſonders durch ſein Beiſpiel wur⸗ den ſie ordentlicher, reinlicher und mäßiger, und wie die Kamt⸗ ſchadalen überhaupt Alles ſchnell nachahmten, ſo geſchah es 67 auch hier. Kleine Vortheile und Handgriffe bei den verſchie⸗ denen häuslichen Arbeiten, die Alexei urſprünglich nur Pa⸗ ſuitſch und Kosko beibrachte, wurden bald im ganzen Dorfe angewendet; man legte kleine Untugenden und abgeſchmackte Begriffe ab, wurde ſauberer und geſitteter und machte ſich das Leben bequemer. Der Knabe war oft eben ſo erfreut wie verwundert über die allgemeine Gelehrigkeit; was ihm jedoch nicht wenig Mühe machte, war, die Leute zu bewegen, daß ſie das Brennholz trockneten. Sie behaupteten ſtets, das naſſe Holz heize beſſer und halte länger warm obgleich ſie gern zugaben, die blöden, triefenden Augen, welche Viele von ihnen hatten, kämen zum Theil vom Rauch her. Ziebentes Rapitel. Kosko mit ſeiner Frau, Feodor, Alexei und mehrere Män⸗ ner und Frauen befanden ſich ſeit einigen Tagen an einem ziemlich freiliegenden See, in welchem es auch im Winter Fiſche gab, weil er durch heiße Quellen geſpeiſt wurde. Tſchekawa nähte daheim Seehundsfelle ſackartig zuſam⸗ men, während ihre Großmutter Ellernrinde kochte. In den Häuten, an welchen man die Haare dadurch hatte ausgehen laſſen, daß ſie naß auf den warmen Heerd gelegt worden, waren Oeffnungen geblieben, in die das Mädchen, mit Hilfe der alten Frau, die Rinde ſammt der Abkochung goß, worauf ſie die Felle ganz zunähte und für die weitere Bearbeitung in einen Winkel legte. Aphaka ordnete forgfältig die Strohmatten, plötzlich 5* 68 aber rief ſie lebhaft:„Hört ihr nicht etwas?“ und eilte an dem Baumſtamm hinauf und zum Rauchloch hinaus. Tſche⸗ kawa, die Kinder, und ſelbſt Saagſchehm folgten ihr, denn wirklich hörte man draußen Lärm und Hundegebell. Ein Theil der Dorfbewohner ſchaute neugierig vier Hun⸗ den entgegen, die mit einem zerbrochenen Schlitten im vollen Lauf daher kamen. Als Jedermann ſich überzeugt hatte, es ſeien ganz fremde Thiere, erhob ſich ein lautes Hohngelächter über den Ungeſchickten, der ſeine Hunde hatte durchgehen laſſen, und es wurde nicht vermindert, als nach einer Weile am Rande des Gehölzes ein Schlitten mit zwei Männern ſichtbar wurde. Der Eine war Kutſchiniz, Tſchekawa's Va⸗ ter, der Andere der Eigenthümer der durchgegangenen Hunde, den Jener aufgeleſen hatte. Bei der ſchlechten Beſchaffenheit der Wege und der Bös⸗ artigkeit der Hunde, die jede Gelegenheit zum Davonlaufen benutzten, war es kein Wunder, daß der, oder die Inhaber eines Schlittens abgeworfen wurden und ihren Thieren bis zum nächſten Oſtrog nachhinken mußten, wo dieſe allemal einkehrten. Dennoch galt es für eine große Schande, die Herrſchaft über die widerſpenſtigen Thiere verloren zu haben, und wurde mit bittern Spott beſtraft. Namentlich waren es die Weiber und Kinder, die jetzt den Ankömmling umringten und ihn durch ihre Neckereien faſt zur Verzweiflung brachten. Die alte Saagſchehm blieb nicht zurück, da ſie von Jugend auf gewöhüt war, bei dieſer Gelegenheit mit ihren Einfällen zu glänzen, und bei dem Anſehn in welchem ſie im ganzen Dorfe ſtand, rief jedes ihrer Worte ein unauslöſchliches Ge⸗ lächter hervor. — Uebrigens war der kleine, ältliche Itelmenen mit den ſehr krummen Beinen und dem platten, nichtsſagenden Geſicht, in welchem jedoch ein paar ſchlaue Augen blinzelten, kein Fremder, ſondern Galgal, der einſt Feodor ſein Boot bei dem Wallfiſchfange gegeben hatte. Durch die Spottreden noch mehr erbittert, als durch den Schmerz in ſeinem zerſchundenen Körper und den Verluſt ſeiner Habſeligkeiten, ergriff Galgal endlich einen Stock und ſchlug ſeine Hunde ſo unbarmherzig, daß die Männer, welche Anfangs lachend dabei ſtanden, ihn mit Gewalt zurückhielten. Der gutmüthige Kutſchiniz führte ihn darauf unter freund⸗ lichem Zureden, halb mit Gewalt in Koskos Jurte, in der gewöhnlich die Fremden gaſtliches Unterkommen fanden. Saagſchehm verſtummte, als der Verſpottete ihr Gaſt ge⸗ geworden; ſie zeigte in ſeiner Bewirthung nicht den gering⸗ ſten Eifer, hatte aber auch nichts dagegen, daß Tſchekawa bereitwillig das Feuer aufſchürte und allerlei Speiſen, auch die beliebten ſauern Fiſchköpfe, herbeibrachte. Ihr Vater ſorgte für die Hunde Galgals und dieſer gewann endlich einen Theil ſeiner Laune wieder und verſchlang mit unglaub⸗ licher Geſchwindigkeit eine außerordentliche Menge von Speiſen. Aphaka, welche ſonſt die Dienſtfertigkeit ſelbſt zu ſein pflegte, kümmerte ſich gar nicht um den Gaſt und antwortete unwillig auf einen Vorwurf Tſchekawa's: „Er gefällt mir nicht! Ich konnte ihn nie leiden und jetzt hat er gezeigt, daß ich Recht hatte. Wie abſcheulich, die armen Thiere dafür ſo grauſam zu ſchlagen, daß er ſelber nicht geſchickt genug war, ſie zu halten!“ „ 70 „Es iſt wahr, er hat ſie zu meinte Jene,„aber die Thiere ſind auch ſo boshaft, daß ihnen eine Strafe nichts ſchaden kann. Und die Spöttereien mußten ihn doch ſehr ärgern, darum that er mir leid. Bedenke ein⸗ mal, wenn es Feodor oder Alexei ſo ginge!“ „Wie kannſt du ſo ſprechen!“ rief Aphaka beleidigt. „Alexei wird ſeine Hunde durchgehn laſſen!“ „Ich glaube das ja nicht, und denke, Feodor wird auch nicht ungeſchickt ſein,“ meinte Tſchekawa begütigend.„Ich wollte nur ſagen, Alexei würde es nicht loben, daß du mit dem armen Galgal gar kein Mitleid haſt.“ Dies leuchtete Aphaka ſo ſehr ein, daß ſie nicht begriff, wie es ihr nicht ſelber beigefallen. Alexei war, ganz im Ge⸗ genſatz zu ſeinen Landsleuten, ſehr nachſichtig gegen jedes leidende Geſchöpf und Galgal war allerdings zu beklagen. Sie wurde daher gleich freundlich gegen ihn und es gelang ihr bald, auch die Großmutter umzuſtimmen. Dieſe legte ihre kalte Miene ab, verbot den Kindern, über ihn zu lachen, und machte ſogar mit Kutſchiniz Umſchläge auf die Beulen Gal⸗ gals, ſo daß er ſich in Kurzem ganz behaglich fühlte. Am andern Tage kamen die Uebrigen vom See und brachten eine Menge friſcher Fiſche mit, die eine angenehme Abwechſelung zu den getrockneten gewährten, aus welchen die Nahrung hauptſächlich beſtand. Galgal blieb allein in der Jurte zurück, während die Andern die Ankömmlinge draußen begrüßten. Er unterſuchte mit unbeſcheidener Neugier den Inhalt der aus Gras gefloch⸗ tenen Beutel, die neben den Schlafſtellen hingen und war nicht wenig übertaſcht, als er in einem derſelben den Rock von grobem Tuch fand, den ihm einſt Balakitgh zurückge⸗ laſſen, und dann ſo geheimnißvoll fortgeholt hatte. Dieſe Entdeckung beſchäftigte ihn ſo ſehr, daß er ſich bei dem Ein⸗ tritt oder vielmehr Herabklettern der Hausbewohner kaum ſo weit gefaßt hatte, um zu thun, als blaſe er das Cedernreiſig an, welches Aphaka, ehe ſie die Hütte verließ, auf die Koh⸗ len geworfen hatte; dies verbreitete einen ſo lieblichen Ge⸗ ruch, daß es ſtets als Räucherwerk benutzt wurde. Kosko und ſeine Frau bewillkommten ihn herzlich und er wußte ſich genug zu verſtellen um bei dem Anblick Feo⸗ dors keine Ueberraſchung zu zeigen; er hätte den Inſulaner vielleicht nicht erkannt, wenn er nicht das Kleidungsſtück vorher gefunden, allein jetzt war er ſogleich überzeugt, er habe ihn damals bei dem Wallfiſchfang geſehn, obgleich die langen Haarlocken fehlten. Das es nicht Balakitgh war, ſondern ein Menſch, ſah er wohl, indeß zerbrach er ſich da⸗ rüber nicht weiter den Kopf, wer er ſonſt ſein könnte, ſondern nahm mit großem Eifer an der Mahlzeit Theil, welche als⸗ bald erſchien. Feodor war ſtets aufmerkſam, und half Tſchekawa's Va⸗ ter immer bei den ſchwerſten Arbeiten; er begleitete ihn auch dieſen Nachmittag, um Holz zu holen. Außer dem Skorbut, der jedoch die Eingebornen ſelten vefiel, waren Geſchwüre die einzige Krankheit auf Kamtſchatka. Dieſe rührten von den fetten, ungeſalzenen Fiſchen her und brachen oft am ganzen Leibe hervor; ſie führten zuweilen den Tod herbei, denn ſie wurden durchaus vernachläſſigt, und Niemand nahm ſich dabei vor Kälte und Näſſe in Acht. — — Alexei hatte, als er von einem ſolchen Kranken im Dorfe gehört, mit Waſſer angefeuchtetes Slakka drawa auflegen laſſen, wie das die Koſaken zur Erweichung thaten; die Reinigung von der Materie hatte er durch einen Seeſchwamm befördert, und das Geſchwür war außerordentlich ſchnell geheilt. Während ſeiner Abweſenheit hatten Mehrere Geſchwüre bekommen und da ſein Rath einmal ſo erfolgreich geweſen, hatten die Leute hohes Zutrauen zu ihm gewonnen und mein⸗ ten in ihrer Einfalt, er bediene ſich irgend einer Beſchwörung, wie das die Schamanen zu thun pflegten. Sie erwarteten ihn daher mit Ungeduld und er mußte gleich nach dem Eſſen die Kranken beſuchen. Paſuitſch und ihre Mutter begleiteten ihn dabei und die beiden Mädchen, welche es zu Hauſe lang⸗ weilig fanden, beſuchten indeß ihre Altersgenoſſinnen. Kosko, der auf dieſe Art mit Galgal allein blieb, war ſo eingenommen von dem Gedanken an die Taufe, daß er bald das Geſpräch darauf brachte und ſeinem Gaſt dazu auch zuredete. Galgal zeigte ſich nicht abgeneigt; er fragte Kosko über Manches um Auskunft und äußerte ein ſo ehr⸗ furchtsvolles Erſtaunen über deſſen, durch Alexei erworbenen Kenntniſſe, daß Kosko ſich ſehr geſchmeichelt fühlte. Ueber⸗ dies half Galgal ihm in ſeiner Beſchäftigung— er nahm eins der Seehundsfelle nach dem andern auf die Knie und ſchlug mit einem Holz darauf, was ſtets wiederholt wurde, wenn grade nichts Anderes zu thun war, bis die Haut von der Abkochung der Ellernrinde ganz durchdrungen und pome⸗ ranzengelb gefärbt war. Auch bewunderte Galgal Aphaka und den kleinen Pi⸗ E— kantur ſo warm, daß dem zärtlichen Vater vollends das Herz aufging. Er rief Pikankur herbei und ließ ihn bis funfzig zählen, was Galgal in die höchſte Bewunderung verſetzte, denn viele Itelmenen konnten nur, nach der Zahl der Finger und Zehen, bis zwanzig zählen; wollten ſie eine große Menge bezeichnen, ſo ſagten ſie:„ſo viel, wie Haare auf dem Kopf.“ Ihre Zeitrechnung war durchaus unbeſtimmt und verworren, nur die Einnahme des Landes durch die Ruſſen war eine Art Mittelpunkt und diente zur Beſtimmung der Zeit, in welcher etwas geſchehn war, faſt eben ſo, nur in unendlich verkleinerten Maße, wie in der chriſtlichen Zeitrechnung die Geburt Chriſti oder in der römiſchen die Erbauung Roms. Pikankur beſaß eine rege Wißbegierde und einen offenen Kopf und hatte von Alexei leicht bis funfzig zählen gelernt, obgleich das keine Kleinigkeit war, da jede einzelne Zahl durch mehrere Worte ausgedrückt werden mußte. Daher war Galgals Staunen ſehr natürlich, doch freute ſich Kosko darüber um ſo mehr. Er ſchickte den Knaben wieder zu den andern Kindern und ſprach mit ſeinem Gaſte weiter, wäh⸗ rend es ihm ſchien, er habe an dieſem einen wahren Freund gefunden und er ſich nur wunderte, daß er deſſen Vorzüge früher ganz überſehn hatte. Jeder Menſch, ſelbſt ein ziemlich zurückhaltender, hat in ſeinem Leben Augenblicke, in denen er Alles, was er irgend weiß, denkt oder empfindet, ausſprechen könnte und auch wirklich ausſpricht, wenn ſonſt die Gelegenheit nur günſtig iſt. Die Kamtſchadalen plauderten überdies gern und waren im Allgemeinen ſchlechte Bewahrer von Geheimniſſen, und obgleich Kosko keiner der Schwatzhaften war, erging es ihm jetzt doch wie manchem Andern. Galgal war aufmerkſam und ſtimmte ihm bei und ehe er ſich deſſen recht bewußt ward, hatte er erzählt, daß ſeine Aphaka ohne Alexei's Hilfe im Tſchamſcha ertrunken wäre. Er wollte ſeinem Zuhörer, in den er das vollkommenſte Vertrauen ſetzte, dadurch beweiſen, daß die chriſtliche Religion ihrer einheimiſchen vorzuziehn ſei, und ein Wort bringt das andere. Wie das aufgeſtaute Waſ⸗ ſer durch die geöffnete Schleuſe ſtrömt, ſo ergießt ſich das Vertrauen rückhaltlos, nachdem durch die erſte offne Mitthei⸗ lung das Hemmniß entfernt iſt. Kosko erzählte dem aufhorchenden Galgal, daß ſeiner Frau Bruderſohn Alerei, wie deſſen Freund, ein Chriſt ſei; er hätte ihm wahrſcheinlich auch vertraut, ſie ſeien die Skla⸗ ven, welche dem Gouverneur entflohen, allein die Rückkehr ſeiner Tochter unterbrach ihn. Er erſchrack über ſeine Auf⸗ richtigkeit und begriff nicht, wie er ſich habe hinreißen laſſen, das auszuplaudern, was ſeine Frau ſelbſt ihrer Mutter ver⸗ ſchwiegen hatte, und ärgerte ſich ſehr über ſich ſelber. Das half indeß nichts mehr und er tröſtete ſich in ſeinem Herzen einigermaßen damit, daß er Alerei's und Feodor's Geheim⸗ niß glücklicher Weiſe für ſich behalten hatte. Bei der Aus⸗ ſicht, die Mehrheit der Dorfbewohner werde das Chriſtenthum annehmen, hatte ſeine Tochter von dem heidniſchen Vorur⸗ theil ja nichts mehr zu fürchten, und obenein beruhigte ihn auch Galgal durch das Verſprechen, der Sache gegen Nie⸗ mand zu erwähnen. Galgal aber hätte viel weniger ſchlau ſein müſſen, als er war, um nicht leicht zu errathen, was Kosko zu ſeiner Be⸗ — „ — — „ ruhigung noch nicht ausgeplaudert. Doch verrieth er durch keine Miene, welche wichtige Entdeckung er eben gemacht. Uebrigens wünſchten Kosko und die Seinigen bald, Gal⸗ gal möge abreiſen, weil er ihnen ſtets weniger gefiel, und ſie auch fürchteten, er möchte Feodor zufällig erkennen. Doch konnten ſie ihn nicht fortweiſen, und er machte keine Anſtalt zur Abfahrt. Im Gegentheil, nachdem er ſeine, im Walde verſtreuten Sachen zuſammen geſucht und ſeinen Schlitten zurecht gemacht, benahm er ſich ganz wie zu Hauſe, half bei den Arbeiten und ſuchte beſonders Gelegenheit, gegen Tſche⸗ kawa dienſtfertig zu ſein. Das war, nach der herrſchenden Sitte, nicht mißzuverſtehn, auch vertraute er bald einer der Frauen aus dem Dorfe, er ſei gekommen, eine Frau zu nehmen. Galgal hatte am Kamtſchatka gewohnt, doch nach dem unlängſt erfolgten Tode ſeiner Frau den Schwiegervater ver⸗ laſſen und ſeine Habe, die, wie bei den meiſten Itelmenen, nur in einigen Kleidungsſtücken, einem Meſſer, Bogen und Pfeile und den Hunden, wie einigem Jagd⸗ und Fiſchergeräth, be⸗ ſtand, gleich mit ſich genommen. Er hatte einige Kinder ge⸗ habt, ſie aber, wie das nicht ſelten vorkam, nach einer Ver⸗ abredung mit ſeiner Frau, den wilden Thieren im Walde hingeworfen, weil es ihm bei dem häufigen Mangel an Nah⸗ rungsmitteln zu ſchwer vorkam, ſie zu erziehn. Die meiſten Kamtſchadalen hielten das für kein Verbrechen, ja, nicht ein⸗ mal für ein Unrecht, und in den Oſtrog am Tſchamſcha wußte man überhaupt nichts von dieſen ſeinen Kindermor⸗ den, weil ſie durch die Zeit in Vergeſſenheit gerathen waren und ſein Oſtrog auch ziemlich entfernt lag. Daß Galgal von armen, unbedeutenden Eltern a umte, wußte man jedoch, denn einige alte Leute, unter ihnen Saagſchehm, hatten dieſelben gekannt. Sein erſtes Auftreten im Dorf war zwar einer Braut⸗ werbung nicht günſtig, indeß beruhigte ihn die Freundlichkeit, welche die gutmüthige Tſchekawa ihm bei ſeinem Unfall be⸗ wies, denn auf ſie hatte er ſeine Augen geworfen; das wurde Allen bald klar. Einige lachten über ſeine Eitelkeit und ſei⸗ nen Hochmuth, Andere ärgerten ſich darüber, die alte Saag⸗ ſchehm aber gerieth in ſo heftige Entrüſtung, wie Tſchekawa ſelber, oder wie Feodor, doch machte ſie ihrem Unwillen viel offener Luft, als die Uebrigen. Der Vater durfte nach dem herkömmlichen Gebrauch, ſeine Tochter dem Mann nicht verweigern, der um ſie dienen wollte, das Mädchen ſelbſt konnte jedoch verlangen, daß der Freier fortgehe, wenn er ihr nicht gefiel. Tſchekawa that dies, ſobald ſie Galgals Abſichten merkte, und Kosko, als Haupt der Familie ſagte es ihm, als er einſt zufällig mit ihm und Saagſchehm, allein war. Er ſprach ſchonend und rückſichtsvoll; da Galgal ihm jedoch nicht recht glauben wollte, miſchte ſich die alte Frau hinein und brachte ihn auch, trotz der Geläufigkeit ſeiner Zunge, ſehr ſchnell zum Schwei⸗ gen, indem ſie alle Schimpfworte der itelmeniſchen Sprache über ihn ausſchüttete. Sie nannte ihn Rabe, Fuchs, Wald⸗ teufel und Erhängter; ſagte ihm, er füttere alle Teufel in ſich, was einen unmäßigen Eſſer bezeichnete; endlich raffte ſie die ganze Geringſchätzung und Verachtung, die ſie gegen ihn hegte, zuſammen und fragte im wegwerfendſten Tone: „Wo warſt du, Menſch, als ich und meine Vorfahren ————————— 1 77 ſchon Hundskuklanken trugen? Was hatteſt du damals für Kleider an, und du willſt mein Enkelkind zur Frau?“ Die Berufung darauf, daß ſchon die Vorfahren Kuk⸗ lanken von den koſtbaren Hundefellen getragen hatten, war gerade ſoviel nach itelmeniſcher Anſicht, als wenn eine adel⸗ ſtolze Freifrau auf ihren Stammbaum mit ſechzehn Ahnen hinweiſt, und Galgal fühlte ſich dadurch auch ſehr niederge⸗ ſchmettert. Indeß wurde das bittere Gefühl ſeines Nichts bald durch die Ausſicht auf die glänzende Rache überwogen, welche er nehmen konnte, und darum bezwang er ſich ſogar hinlänglich, um keine Andeutung darüber fallen zu laſſen, daß und wie er ſich rächen würde. Er packte ſchweigend ſeine Sachen zuſammen und auch den Schlitten, auch gelang es ihm, Feodor's tuchenen Rock heim⸗ lich mit fortzunehmen— darauf ſpannte er ſeine Hunde an und fuhr davon. Achtes Kapitel. Der Oſtrog lag ſo fern von andern Dörfern, daß die Jäger oder Fiſcher nur höchſt ſelten mit fremden Itelme⸗ nen zuſammentrafen, die derſelben Beſchäftigung nachgingen, wie ſie. Von dieſen hatten Alexei und Feodor nichts zu be⸗ fürchten und die Bewohner ihres eigenen Dorfes ſchienen ganz vergeſſen zu haben, daß ſie nicht von jeher bei ihnen geweſen waren. Zwar ſchickte der Gouverneur einige Leute im Lande 78 umher, die von jedem Mann eine beſtimmte Menge trockne Fiſche, Slatkadrawa, Fett, Cedernüſſe, allerlei Beeren und was ſonſt zur Haushaltung gehörte, einſammeln mußten, damit er ſeine Sklaven erhalten konnte, indeß ging auch das ohne Entdeckung vorüber, denn die jungen Männer befanden ſich gerade auf der Rennthier⸗Jagd im Gebirge. Dies gute Glück machte endlich Alle ſo ſicher, daß faſt Niemand mehr an die Möglichkeit einer Gefahr dachte. Das unaufhörliche, von heſtigen Stürmen begleitete Schneegeſtöber, welches jetzt eintrat, bangte die Itelmenen in den Bezirk des Oſtrog, doch ſuchten ſie ſich, wie gewöhnlich, die langen Abende dadurch abzukürzen, daß ſie in Kosko's Jurte zuſammen kamen und ſich mit Geſang, Tanz und der Erzählung wunderlicher Geſchichten von ihren Gottheiten unterhielten. Seit Alexei's Anweſenheit verloren dieſe Beluſti⸗ gungen mehr und mehr den kindiſchen, leichtfertigen, oft auch rohen Charakter, welchen ſie ſonſt zuweilen gehabt, und wurden feiner und geſitteter; auch wußte Alexei es ſo einzu⸗ richten, daß Kosko faſt an jedem Abend irgend etwas Neues und Lehrreiches erzählen konnte. Dadurch ſtieg Kosko's Anſehn ungemein, denn Niemand vermochte ſich zu erklären, woher er alle dieſe Kenntniſſe hatte, und das Räthſelhafte, anſcheinend Wunderbare übt auf Kinder und Ungebildete ſtets eine hohe Anziehungskraft. Die Pfähle mit den Köpfen, welche als Hausgötter verehrt wurden, verſchwanden aus den Hütten und Viele lernten durch Kosko's Vermittlung kleine Gebete. Die Idee, ſich taufen zu laſſen, fand ſtets mehr Eingang, und als nach einem heftigen Nordwind wieder klares Wetter eintrat, zogen die meiſten Männer mit ihren * ————— 79 Frauen auf einige Wochen in's Gebirge, wo der Fang, be⸗ ſonders an Zobeln, viel ergiebiger war. Sie ſtellten theils, wie ſchon erwähnt, Fallen und Pfeile, theils bedienten ſie ſich zur Jagd abgerichteter Hunde. Der Ertrag war reichlich und das kam ſehr erwünſcht, denn die heidniſchen Kamtſcha⸗ dalen, welche der Segnungen des Chriſtenthums theilhaftig werden wollten, mußten dieſelben mit Biber⸗ Fuchs⸗ und Zobelfellen erkaufen. Die Eroberer Kamtſchatka's beher⸗ zigten nicht im Mindeſten das Wort:„Umſonſt habt ihr es empfangen, umſonſt ſollt ihr es auch geben.“ Es waren im Ganzen ungefähr funfzig Perſonen, die ſich mit dem größten Eifer zu der Fahrt nach Niſchnoi⸗Oſtrog rüſteten. Die Staatskleider wurden angethan, die beſten Hunde an die Schlitten geſpannt; nur Kosko ließ ſein ſchön⸗ ſtes Geſpann zurück. Die Schlitten waren dem unebenen Boden wie den Kräf⸗ ten der Hunde völlig angemeſſen und wogen im Ganzen nicht über 16 Pfund. Das Obertheil beſtand aus einem Korb von gitterförmig zuſammengefügten Hölzchen, deren Zwiſchenräumen dicht mit Riemen durchflochten waren; das Untergeſtell war auch ſehr dünne und biegſam, dennoch, oder gerade deshalb, hielten die Schitten die ſtärkſten Stöße gegen Bäume und Klippen aus und geſchickten Führern paſſirte ſelten ein Unglück, obgleich Jemand, der nicht an dieſe Fahrt gewöhnt war, ſich nicht lange auf dem Schlitten erhalten konnte, wenn die Thiere ſich in Vewegung ſetzten und es pfeilſchnell über Stock und Stein ging. Das Riemenzeug der Hunde war gewöhnlich ſehr ſauber, mit bunten Haaren ausgenäht, wie auch mit Muſcheln und Perlen beſetzt. 80 Statt der Peitſche wurde ein krummer Stock gebraucht, der Oſtall hieß und oben mit einem Metallknopf verſehen war, an welchem eiſerne Ringe hingen. Sollten die Hunde links gehen, ſo wurde mit dem Oſtall an der rechten Seite des Schlittens auf die Erde geſchlagen, wollte man rechts einbiegen, ſo klopfte man auf die linke Seite. Schläge beka⸗ men die Hunde ſelten, das Klingeln mit dem Ringen am Oſtall ſpornte ſie an, aus Leibeskräften zu laufen und war es ja einmal nöthig, ſie anzutreiben, ſo bekamen ſie einige Hiebe mit einer dünnen Ruthe, wovor ſie ſich ſehr fürchteten. Vier Hunde zogen ganz bequem drei bis vier Perſonen und noch einiges Gepäck. Aphaka wollte noch nicht mit nach Riſchnoi, ſondern erſt älter und verſtändiger werden, ehe ſie die Taufe empfing. Ihre Eltern gaben ihr darin, nach einiger Ueberlegung, Recht und ließen ſie zu Hauſe, wo der alten Großmutter in der Wirthſchaft und der Beaufſichtigung der Kinder überhaupt eine Unterſtützung nöthig war. Feodor und Alexei übernahmen die häuslichen Arbeiten, die vorzüglich im Holzholen, Füttern der Hunde und dem Aufſtellen der Fallen beſtanden. Kosko fuhr mit ſeiner Frau, Kutſchiniz mit ſeiner Toch⸗ ter; die Felle wurden auf beide Schlitten vertheilt. Der Abſchied wurde Allen ſchwer, beſonders Paſuitſch und den Mädchen; doch ſollte die Trennung ja nur einige Tage währen und die Reiſenden hatten obenein die Ausſicht auf all das Neue und Schöne in Niſchnoi. Die Bewohner des ganzen Oſtrogs, gegen zwei hundert Köpfe, waren in Aufregung, als der Zug ſich in Bewegung ſetzte. Aphaka — ———— — ——— 81 war das Herz ungemein ſchwer, allein ſie tröſtete ſich damit einigermaßen, daß ſie ſich nicht von Alexei trennen durfte, für den ſie lebhafte Dankbarkeit und Bewunderung empfand. Die Reiſe ging ſehr glücklich von Statten, obgleich es keinen gebahnten Weg nach Niſchnoi gab; das Wetter war ſchön und ſie erreichten, da ſie ſchon zeitig aufgebrochen wa⸗ ren, gegen Abend den Kamſchatka, an welchem ſie übernach⸗ teten, worauf ſie am andern Morgen ſtromaufwärts fuhren. In einiger Entfernung von Riſchnoi befand ſich ein dem heiligen Nikolaus geweihtes Kloſter, das einzige auf der Halb⸗ inſel, und zugleich der einzige Ort, an welchem man Gerſte anzubauen verſucht hatte. Der Ertrag war zwar lohnend geweſen, denn der Boden am Kamſchatkafluß iſt fruchtbar und geſtattet den Anbau der leichtern Getreidearten, allein das Beiſpiel war bis jetzt ohne Nachahmung geblieben, weil die Eingebornen die delikaten Fiſche den Mehlſpeiſen vorzogen, und es auch an Zugvieh fehlte. Auf dem Felde am Kloſter waren die als Sklavinnen fortgeſchleppten Mädchen vor den Pflug geſpannt worden und natürlich hatte das den Itel⸗ menen wenig Luſt zum Ackerbau gemacht. Niſchnoi⸗Oſtrog war mit Gräben, Wällen und Palliſaden umgeben, hatte ein Fort und war ein anſehnlicher Ort. Holz und Lebensmittel gab es hier viel reichlicher, als bei der früheren Hauptſtadt des Landes, daher waren hier ungefähr 70 ruſſiſche Häuſer, was im Verein mit drei bis ſechs Balago⸗ men, welche vor der Wohnung jedes Koſaken ſtanden, die Niederlaſſung ſehr bedeutend erſcheinen ließ. Wie in jedem, im Entſtehen begriffenen ruſſiſchen Orte waren die öffentlichen Gebäude, die Wohnung des Gouverneurs, die Sf und die Roskowska, Alexei und Aphaka. 82 Kirche ſehr hübſch gebaut; auch gab es eine Menge offener Kramläden mit den verſchiedenen ruſſiſchen, chineſiſchen und korekiſchen Waaren, mit Zeugen, Geräthen, Leder⸗ und Schmuckſachen und Allem, was ſonſt gebraucht wird. Es kamen viele Kaufleute von Jakutsk nach Kamtſchatka, weil ſie von den Koſaken für ihre Waaren vier Mal ſo viel erhielten als ſie ihnen mit den Transportkoſten zu ſtehen ka⸗ men. Die Koſaken, welche des Winters in den kamtſchatkiſchen Oſtrogen umher reiſten, verkauften Alles wieder drei Mal ſo theuer als ſie es ſelber bezahlt hatten. Obgleich nun die Ein⸗ gebornen ihre Bedürfniſſe viel billiger erhalten hätten, wenn ſie dieſelben im ruſſiſchen Oſtrog eingekauft, zogen ſie es doch vor, mit den Koſaken zu handeln, und nur Wenige von ihnen betraten freiwillig die Niederlaſſung ihrer Oberherrn. Die Koſaken waren ſehr roh und habſüchtig und diejenigen ihrer Kinder, die itelmeniſche Mütter hatten, eine noch größere Plage der Kamtſchadalen, weil ſie die Landesſprache ver⸗ ſtanden; allein die Fremden, welche aus Rußland herüber⸗ kamen, waren noch viel rückſichtsloſer und hochfahrender. Wer als gemeiner Soldat aus Moskau fortreiſte, war in Tobolsk Sergeant, in Tomsk Fähndrich, an der Lena Lieute⸗ nant, in Jakutsk Kapitain, auf Kamtſchatka aber Oberſt, oder galt doch dafür und durfte ſich mithin Alles erlauben, was ihm in den Sinn kam. Die armen Unterdrückten fan⸗ den nicht den geringſten Schutz und nirgends ließ ſich das Sprüchwort der polniſchen Bauern:„Gott iſt hoch und der Kaiſer weit“ beſſer anwenden, als hier. Kosko ſammt ſeinen Begleitern wurden indeß ſehr freund⸗ lich aufgenommen. Er brachte reiche Geſchenke und dann 83 war der Gouverneur wie auch die Geiſtlichkeit äußerſt er⸗ freut über eine ſo maſſenhafte Bekehrung. Ein Taufvater für Jeden wurde bald gefunden, ein langer Unterricht nicht für nöthig erachtet. Nachdem die Täuflinge das Glaubensbe⸗ kenntniß und ein Gebet an die Mutter Gottes auswendig gelernt hatten und das griechiſche Kreuz ſchlagen konnten, wurden ſie nach griechiſchem Ritus getauft und galten nun für Chriſten. Uebrigens drang Kosko auch auf die Abreiſe; er fürch⸗ tete, die Ruſſen möchten bei längerem Aufenthalt unverſchäm⸗ ter werden, oder Jemand von ſeinen Leuten könnte zufällig von Alexei und Feodor reden und ſie dadurch verrathen. Dieſe Furcht hätte er ſich jedoch erſparen können, denn ſeine männlichen und weiblichen Begleiter waren ſo ganz einge⸗ nommen von dem, was ſie Neues ſahen, daß jeder Gedanke an das, was ſie daheim noch lebhaft beſchäftigt hatte, völlig verdrängt war. Das Rauchwerk, welches Jeder noch etwa beſaß, wurde gegen Waaren eingetauſcht. Für Geld gaben die Kamtſcha⸗ dalen überhaupt ſelten etwas hin; ſie hatten keinen Sinn für dieſe Metallſtückchen, welche civiliſirten Völkern ſtets Gegen⸗ ſtand des Begehrens ſind, und wenn ein Itelmenen zufällig in den Beſitz einiger Münzen gelangt war, ſo ſagte er ſicherlich zu dem erſten Koſaken, den er antraf:„Komm, ich will dir mein Geld verkaufen, ich will etwas Nützliches dafür haben!“ und fühlte ſich höchſt glücklich, wenn er für die unnützen Silberſtückchen ein Meſſer für ſich, oder Nadeln für ſeine Frau erhielt. Kosko hätte ſich gern eine Büchſe erhandelt, allein der 6* 84 Verkauf von Schießwaffen und Munition war ſo ſtreng unterſagt, daß Niemand das Verbot zu umgehen wagte. Bei den häufigen Empörungen, zu welchen die Eingebornen gereizt wurden, wäre es auch im höchſten Grade unklug ge⸗ weſen, ſie mit Feuergewehren zu verſehen. Kosko gelang es, ſeine Leute zur baldigen Heimkehrzu ver⸗ anlaſſen. Auch fanden ſie, daß die allgemeine Freundlichkeit gleichzeitig mit ihren Pelzvorräthenſich verminderten. So ver⸗ ließen fie dennmitſammen Niſchnoi, kehrten jedoch nicht geradezu heim, ſondern fuhren ungefähr zehn Werſte den Kamtſchatka aufwärts und dann an dem Jelawka, einem nördlichen, hier mündenden Nebenfluß des erſtern, entlang bis zu einem Oſtrog, aus welchem vor langen Jahren die Kolonie am Tſchamſcha ausgewandert war. Hier, bei ihren Verwandten, verweilten ſie einige Tage; auf dem Rückwege kamen ſie nicht wieder nach Niſchnoi, ſondern wandtenſich gleich ſüdlich dem Tſchamſcha zu. Kaum einige Stunden nach ihrer Abfahrt aus Niſchnvi langte Galgal dort an. Er hatte ſich ſo lange in einem Oſt⸗ rog am Talbatſchik, einem ſüdlichen Zufluß des Kamtſchatka, aufgehalten und ſeine Zeit nicht nur zum Zobelfang, ſondern auch dazu angewendet, den Biber⸗ und Zobelfellen mit einer Miſchung von Alaun, Fiſchfett und dem Saft einer Beere eine prächtige Schwärze und außerordentlichen Glanz zu geben; dieſes Mittels bedienten ſich viele betrügeriſche Itel⸗ menen, um für ihre Pelze einen höhern Preis zu erhalten. Galgal hatte abſichtlich ſo lange gezögert, weil er glaubte, Kosko und die Seinen würden ihm mißtrauen und Anfangs auf der Hut ſein, ſpäter jedoch in ihrer Wachſamkeit nach⸗ laſſen, wenn ſich nichts Ungewöhnliches ereignete. 85 Jetzt vertauſchte er zuerſt ſeine gefärbten Pelze gegen Kleidungsſtücke nach ruſſiſchem Schnitt, welcher vielen Kamt⸗ ſchadalen eben ſo hoch ſtand, als unſern Modedamen die neueſte Pariſer Mode. Bei der Wahl eines Kaftans gerieth er zufällig an einen rothen Sarafan, das Oberkleid der ruſ⸗ ſiſchen Frauen, und er gefiel ihm dergeſtalt, daß er ihn ſo⸗ gleich erhandelte und, trotz des Gelächters der Einwohner von Niſchnoi, mit großer Genugthuung darin einherſtolzirte. Nachdem er ſeine Eitelkeit befriedigt, begab er ſich zu dem Gouverneur und theilte ihm mit, daß Alexei und Feodor ſich am Tſchamſcha aufhielten. Anfangs glaubte der Beamte dem närriſch aufgeputzten Alten nicht uud wollte ihn dafür aus⸗ peitſchen laſſen, daß er ſich mit ihm einen Spaß erlaube. Als Galgal jedoch den Rock Feodor's vorzeigte und Alles erzählte, was er wußte, beſchloß der Gouverneur, ein halb Dutzend Koſaken nach dem Oſtrog zu ſenden und die Ent⸗ wichenen fangen zu laſſen. Er war ſehr zornig, daß Galgal nicht gekommen war, als Kosko noch in ſeiner Gewalt war, und Galgal ſelbſt bedauerte dies lebhaft. ur Die Beſatzung war durch die Bedeckung der Inſakein⸗ nehmer, wie durch die auf Handel abweſenden Koſaken ſo vermindert, daß der Gouverneur vorläufig nicht mehr als ſechs Mann abſenden konnte, ohne ſich zu ſehr an Mannſchaft zu entblößen. Es ließ ſich erwarten, daß Kosko ſich gegen ſo Wenige mit Erfolg wehren würde; der Gouverneur konnte ihn dafür hart züchtigen, doch die Flüchtlinge gewannen in⸗ deß Zeit, zu entkommen. Galgal, der im Verlauf der Unter⸗ redung eben ſoviel Verſchmitzheit als Eifer zeigte, erri eth dieſe Bedenklichkeit und erbot ſich, die Koſaken in der Nähe des Oſtrogs zu verbergen; wenn Abends ein großer Theil der Dorfbewohner in Kosko's Jurte verſammelt war, ſo genügte ein einziger Mann mit ſeinem Feuergewehr am Rauchloch— und die darin Befindlichen mußten ſich dann jeder Bedingung fügen. Der Gouverneur war über dieſen Vorſchlag ſo erfreut, daß er Galgal den Befehl über die Koſaken gab. Schon am andern Tage brach dieſer mit ſeinen Begleitern auf und ge⸗ langte Tags darauf in die Nähe des Oſtrogs. Er verbarg ſeine Begleiter im Gehölz und machte ſich dann auf, um das Dorf zu recognosciren. Reuntes Rapitel. Eines Nachmittags ſahen Feodor und Alexei wie gewöhn⸗ lich nach den Fallen. Zu einigen Schlingen, die im Norden des Dorfes aufgeſtellt waren, gingen ſie zu Fuß, weil der Weg dorthin für einen Schlitten zu ſchlecht war. Sie kamen dabei nahe zu der Stelle, wo die Koſaken verborgen waren, bemerkten ſie jedoch nicht; dieſe kannten ſie nicht, hielten ſich daher ſtill, um nicht durch eine vorzeitige Entdeckung Lärm zu veranlaſſen. Galgal war grade nicht bei ihnen, ſondern überſchaute von einer Anhöhe das Dorf, welches ihm merk⸗ würdig öde erſchien. Da er nicht wußte, daß Kosko mit den Täuflingen noch abweſend war, glaubte er, man habe eine Ahnung von der drohenden Gefahr und auch irgend kinen Anſchlag, ſie abzuwenden. Aphaka ſtieg indeß ſorglos die Leiter einer Vorraths⸗ )* ) ——— 87 hütte hinauf, um die Lebensmittel für den folgenden Tag zu holen. Muri, der nie angebunden wurde und auch keinen Stock am Halſe trug, folgte ihr; er bekam hier ſtets ein Stück getrockneten Fiſch. Dieſes Mal ließ er jedoch den Fiſch unbeachtet und bellte laut auf. Das Mädchen ſchaute ſich neugierig um und nach der Gegend hin, woher Alexei und Feodor kommen mußten. Es war Alles ſtill und einſam; ein großer und zwar der rüſtigſte Theil der Einwohner war mit Kosko fort; einige Männer befanden ſich auf der Jagd, die Frauen und Kinder hielten ſich in den Jurten. Nur ein alter Mann kochte am Ende des Dorfes„ſaure“ Fiſche in einem hölzernen Trog, indem er glühende Steine hineinwarf. So hatten die Itel⸗ menen früher, ehe ſie von den Ruſſen Keſſel bekamen, ſtets ihre Speiſen gar gekocht; jetzt bereitet man auf dieſe Art meiſtens nur das Hundefutter, indeß kommen auch mitunter die kleinen Kinder bei den Trog zu Gaſt. Einige in der Nachbarſchaft befindliche Hunde wurden durch den ſtarken, aber keineswegs lieblichen Geruch ſo begierig auf den leckern Biſſen, daß ſie ein ſehnſuchtsvolles Geheul erhoben. Doch verklang dies in der Ferne und ſtörte nicht einmal die Krä⸗ hen, welche ſchaarenweiſe auf den niedern Jurtendächern ſaßen oder die Spuren ihrer Füße auf der leuchtenden Decke eindrückten, die der friſche Schnee rings über die Gegend breitete. Endlich gewahrte Aphaka einen Menſchen, der ſich ſchnell dem Dorfe nährte und offenbar die Abſicht hegte, nicht be⸗ merkt zu werden. „Wer kann das ſein und was fann er wollen? dachte ſie 88 neugierig und doch von einer unbeſtimmten Furcht erfaßt. Dann ſchloß ſie ſchnell die Hütte und eilte, von dem Hunde begleitet, dem Fremden entgegen. Er ſah ſie ſchon von Wei⸗ tem und winkte ihr, heranzukommen, während er hinter einem Gebüſch ſtehen blieb, das ihn verborgen hätte, wenn in die⸗ ſem Augenblick gerade zufällig Jemand aus einer Wohnung gekommen wäre. „Du biſt doch Aphaka, Kosko's Tochter?“ fragte er, als ſie nur noch einige Schritte von ihm entfernt war. „Woher kennſt du mich?“ fragte ſie befremdet zurück und ſchaute ihn aufmerkſam an. Er war ihr unbekannt, bleich und elend ausſehend; ſeine Arme ſteckten nicht in den Aermeln der Kuklanka, welche ihr bekannt zu ſein ſchien, ſondern waren unter derſelben gekreuzt und ſein Haupt wurde von einem Kopfſchmuck bedeckt, der ſie einſt an Feodor einen Augenblick erſchreckt hatte, jetzt aber noch viel wirrer und zerzauſter ausſah, wie damals. „Ich beobachtete dich oft von fern, antwortete er haſtig, „doch wo ſind eure beiden Gäſte, die der Gouverneur in Niſchnoi ſeine Sklaven nennt?“ Eben ſo betroffen von der Frage, als von der Weiſe, in welcher ſie geſtellt wurde, blieb das Mädchen ſtumm.„Ich will ſie warnen— im Holz drüben am Quell ſind Koſaken verſteckt und der Itelmene, welcher dieſen Herbſt im Zorne von euch ſchied, iſt auch dabei!“ Aphaka warf einen raſchen Blick umher, ob nicht vielleicht eben, und ſehr zur Unzeit, die bei⸗ den Flüchtlinge am Saum des Gehölzes ſichtbar würden. Da dieſes nicht der Fall war, autwortete ſie entſchloſſen: „Ich weiß nicht, wo die Sklaven des Ruſſen ſind,— —— —— — 89 ich kenne keine, und dann, was kümmern ſie mich? Und woher weißt du, daß Koſaken im Holz verſteckt ſind, wenn du nicht ſelber zu ihnen gehörſt? Komm in unſere Hütte und ſei willkommen, oder rufe erſt die Andern herbei; wir wollen ihnen gerne geben, was wir haben.“ Sie hoffte dadurch den Fremden, der ihr höchſt verdäch⸗ tig ſchien, zu entfernen und ſo Gelegenheit zu erhalten, Alexei und Feodor zu warnen. Der Kamtſchadale durchſchaute ihre Abſicht und lächelte über ihre Geiſtesgegenwart, doch war keine Zeit, iber Worte zu verlieren. „Meine Sicherheit heiſcht, daß ich überall umher ſpähe — daher entdeckte ich die Koſaken. Sieh her,“ ſprach er haſtig und ſtreckte den rechten Arm aus der Kuklanka hervor. Aphaka erblickte die verkrüppelte Hand, das Kennzeichen des Verbrechers, und bebte unwillkürlich davor zurück. In einem Anfall kindiſchen Schreckens wollte ſie davon laufen und in ihrer Hütte Schutz ſuchen, doch die Erinnerung an Alexei's und Feodor's Gefahr bannte ſie an ihren Platz. Tempte ſchien ihre Gemüthsbewegung nicht zu beachten und ließ ihr auch nicht Zeit, ſie zu äußern, ſondern fuhr mit überzeugender Beredtſamkeit fort:„Duſ ſollſt ſelber hören, ob du mir trauen darfſt! Alexei und ſein Freund erwieſen mir viel Gutes— mehr, als ich ſo ſchnell aufzählen kann. Aber die freundlichen Worte Alexei's thaten meinem Herzen viel wohler, als dieſe warmen Kleidungsſtücke meinen Gliedern, die der Froſt erſtart hatte. Seine Augen waren mir mehr, als die Strahlen der Sonne, denn mir ſchien es, ich, der Verachtete, Ausgeſtoßene, könne mein Angeſicht wieder aufrichten, nach⸗ dem er mich mild und freundlich angeblickt. Er legte ſeine Hand auf meine verſtümmelte und mir war es, als würde ſie dadurch wieder geſund und ehrlich. Du—“ „Genug, genug! ich glaube dir!“ unterbrach ihn Aphaka. „Die Zeit drängt— rette ihn und Feodor, ehe es zu ſpät wird! Und vielleicht iſt es ſchon zu ſpät, denn ſie gingen nach dem Quell drüben im Holz!“ „Dann muß ich eilen!“ verſetzte Tempte und wollte ſich entfernen. „Warte!“ rief das Mädchen.„Willſt du nicht einen Schlitten? Die beſten Hunde meines Vaters ſind im Au⸗ genblick angeſpannt.“ „Meine Füße ſind ſchneller wie die der Hunde,“antwor⸗ tete er.„Auch könnte das Gebell die Ruſſen leicht aufmerk⸗ ſam machen und im Walde kämen wir zu Schlitten doch nicht vorwärts. Wenn deine Freunde nicht bald hier find, ſo ſende den Schlitten nach der Stelle, wo der Pfad zum See ſich von dem Wege nach dem Gebirge trennt. „Und ſolltet ihr ihn dort nicht treffen, ſo ſucht ihn in dem Verſteck für die Hunde, das Alexei und Feodor kennen! Und ſie wiſſen ja, daß ſie zu Kontſchalo an den Oſernaia fliehen ſollen!“ ſagteſie noch und ſchaute ihm dann mit heißen Segenswünſchen für das Gelingen der Flucht nach. Im nächſten Augenblick beſann ſie ſich jedoch, daß ſie nicht müßig daſtehen dürfe, und mit der Behendigkeit ihres Alters ſchlüpfte ſie in ihre Wohnung und erzählte der Groß⸗ mutter, was geſchehen ſei. Saagſchehm half ihr zuſammen⸗ packen, was zu einer weiten Reiſe nothwendig war, wies in⸗ deß alles irgend Ueberflüſſige zurück, was das Mädchen in ſeiner Sorglichkeit noch hinzu thun wollte, damit die Hunde nicht zu ſehr belaſtet würden. Aphaka brachte den Schlitten ſelbſt zu dem bezeichneten Orte, denn die Männer des Hauſes waren ja fern, und zu den anweſenden Dorfbewohnern hatte Saagſchehm kein rechtes Vertrauen; auch waren die Hunde zahm und fanden unter Muri's Leitung faſt allein ihren Weg. Ueberdies begleitete ſie Tſchenkaneas älteſter Bruder, ein recht verſtändiger an⸗ ſtelliger Knabe von elf Jahren, um im Nothfall Hilfe herbei⸗ zuholen. Die beiden Kinder erreichten glücklich den Scheideweg, warteten hier aber vergebens bis zum Einbruch der Nacht. Dann brachten ſie das Fuhrwerk, nachdem die Hunde mit trockenen Fiſchen gefüttert worden, in ein nahes Dickicht, wo dieſe ſtets verborgen gehalten wurden, wenn das Dorf Beſuch von Ruſſen erhielt. Sehr niedergeſchlagen und angſtvoll über das Ausbleiben ihrer Freunde, kehrte hierauf Aphaka mit ihrem Begleiter zu Fuß nach Hauſe zurück, wo ſie un⸗ geladene Gäſte vorfand. Galgal hatte Tempte nach dem Dorf ſchleichen und mit Aphaka ſprechen ſehen, doch war die Entfernung zu groß, um ſeine Geſichtszüge zu unterſcheiden, und da er langes hel⸗ les Haar um ſein Haupt wehen ſah, hielt er ihn für Feodor, der die Perrückewieder hervorgeſucht hätte. Er ſah ihn ſehr eilig zurückkommen, worauf er ſich zu den Koſaken begab und ſie nach der Stelle führte, an welcher der vermeintliche Kurile den Wald betreten hatte. Von hier aus verfolgte er die Fuß⸗ tapfen im friſchen Schnee bis zu dem Orte, an welchem einige Perſonen zuſammen getroffen ſein mußten. Unter den großen Fußtritten waren hier auch kleinere, die offenbar von Alexei herrührten. Galgal kannte ja die zierlichen Schuhe, welche Paſuitſch ihrem Verwandten gemacht. Er fürchtete, Alexei und Feodor hätten auf irgend eine Weiſe Nachricht von der Gefahr erhalten und ſeien entflohen, doch tröſtete er ſich da⸗ mit, daß er ſie bald einholen könne. Daher ſchickte er einen Koſaken zu ihren Schlitten zurück, er ſelbſt mit den Uebrigen folgte der Spur, und die Vermuthung, daß ſeine Ankunft ge⸗ kanntſei, wurde baldzur Gewißheit, denn die Flüchtlinge hatten die Vorſicht gebraucht, nach einander in dieſelben Fußtapfen zu treten, deshalb waren nur die Abdrücke von den großen Schuhen Feodor's zu ſehen. Sie beabſichtigten offenbar das Dorf zu umgehen und die Richtung nach Süden und dem Gebirge zu nehmen, allein das konnte Galgal leicht hindern, denn die Oert⸗ lichkeit war ihm bekannt, er führte die Koſaken zu dem Platz, an welchem Feodor und Alexei vorüberkommen mußten. Tempte hatte ſeine beiden Wohlthäter getroffen, doch war es nicht möglich nach dem Dorfe zu kommen, ohne den Koſaken in die Hände zu fallen. Nach einer ſchnellen Ver⸗ ſtändigung führte er ſie darum zuerſt öſtlich, um ſich dann, die Lichtung in der Nähe des Dorfes vermeidend, nach Süden zu wenden und den Weg nach den Bergen zu gewinnen, wo auch der Schlitten ihrer harrte. Er ſchritt voran, Alexei folgte und Feodor ſchloß den Zug. Der frühe Abend dämmerte faſt, als ſie das Ufer eines Baches erreichten, der dem Tſchamſcha zuſtrömte. Sonſt war derſelbe in dieſer ebenen Gegend ſehr friedlich geweſen und vor wenigen Tagen noch ganz zugefroren; heute war er jedoch ſtark angeſchwollen und von Eis frei. 93 Während ſie am Waſſer aufwärts hingingen, wurde der Wald allmälig dünner und lichter und Ellern-, Weiden⸗ und Cedergebüſch trat an deſſen Stelle. Es war dies die Ge⸗ gend, aus welcher die Dorfbewohner größtentheils ihren Be⸗ darf von Brennmaterial holten; ſie waren hier dem Dorf ziemlich nahe und hatten einen kleinen freien Platz vor ſich. Allein Galgal war früher hier angelangt, denn er hatte keinen Umweg machen dürfen. „Ergebt euch, oder wir ſchießen!“ rief einer der Koſa⸗ ken im vorzeitigen Eifer Tempte entgegen, als dieſer zuerſt ans dem Gebüſch trat. Doch Tempte hatte keine Luſt zur Ergebung; er zog ſich ſchleunig zurück und eilte den Bach abwärts; die Andern folgten, ſo ſchnell ſie konnten, und die nachgeſchickten Kugeln verfehlten ihr Ziel. Einige Werſte weiter unten war bei dem eintretenden Thauwetter ein Baumſtamm über den Bach gelegt worden, dieſen erreichten die Flüchtlinge, überſchritten ihn und zogen ihn dann zu ſich herüber. Tempte, der ein außerordentlicher Läufer war, hatte ſchon das nächſte Gebüſch erreicht, ehe die Koſaken am jenſeitigen Ufer anlangten und ſeiner anſichtig wurden; Alexei blieb auch von den, durch die Dämmerung nachgeſandten Schüſſen unverletzt, allein Feodor ſtieß einen Schmerzenslaut aus und hinkte dann mühſam weiter. Eine Kugel hatte ihn am lin⸗ ken Knie getroffen. Jetzt war guter Rath theuer. Rachdem die Wunde ver⸗ bunden worden, verſuchte Feodor zwar, auf die beiden An⸗ dern geſtützt, die Flucht fortzuſetzen, der Schmerz war jedoch 94 zu groß. Seufzend ſchlug er ihnen vor, ihn ſeinem Schickſal zu überlaſſen und ſich zu retten, doch davon wollte Alexei natürlich nichts hören. So machten ſie denn eine Tragbahre aus Baumzweigen, und Tempte und Alexei trugen ihn eine Strecke weit; allein der Ausgeſtoßene war nicht beſonders kräftig und Alexei erſt funfzehn Jahre; ſie kamen nicht ſchnell vorwärts und ermüdeten ſehr balb. Während ſie abwechſelnd ruhten, den Verwundeten tru⸗ gen oder dieſer, mühſam und unter heſtigem Schmerz, eine Strecke weit hinkte, verging eine Stunde. Die Nacht hin⸗ durch hatten ſie keine Verfolgung zu befürchten, doch am Morgen mußten ſie bald eingeholt und gefangen ſein. Die Luft war ſehr mild, beinahe ſchwül, alſo keine Hoffnung, der Schnee würde frieren und die Fußtapſen auf dem harten Boden würden unkenntlich ſein. Auch war keine Ausſicht anf Schnee, der ihre Tritte verdeckt hätte. Der Himmel blieb klar und die Sterne fuukelten ſo hell, daß die Spitze des Kamtſchatskaia, von einer dichten Rauchwolke umhüllt, deutlich ſichtbar war. „Die Gamuli(Geiſter) im Berge heizen ſtark!“ bemerkte Tempte, als ſie gerade ausruhten, indem er auf den unge⸗ wöhnlich dichten Dampf um den Gipfel des Vulkan's blickte. Faſt gleichzeitig ertönte ein dumpfes, rollendes Geräuſch, gleich einem fernen Donner. „Billutſchei zieht ſeine Kähne an den Strand!“ ſagte Tempte. Es war dies die itelmeniſche Erklärung des Donners. Ehe Alexei ihm dieſen Wahn benehmen konnte, zitterte der Boden unter ihnen in ſchwankender, wellenförmiger Be⸗ wegung, indeß das Donnern und Krachen im Innern des brennenden Berges ſtärket wurde. 95 „O, Unglück!“ rief der Ausgeſtoßene entſetzt.„Der Geiſt Tuil fährt auf ſeinen Schlitten unter der Erde hin und ſeine Hunde ſchütteln den Schnee von ſich. Thun ſie das noch heftiger, wie jetzt, dann werfen ſie die ganze Erde um und wir fallen Alle hinunter.“ Dieſe Befürchtung verwirklichte ſich nicht; die Erſchüt⸗ terung war nicht bedeutend und wiederholte ſich nur noch einmal nach einigen Minuten in viel geringerem Grad. Nachdem ſich Tempte von ſeinem Schrecken einigermaßen erholt, ſagte Alexei:„So kommen wir nicht fort; oberhalb des Oſtrogs iſt eine Brücke über den Bach, ich möchte hin⸗ über gehen und den Schlitten holen, welcher uns gewiß noch erwartet. Es iſt zwar Nacht und kein gebahnter Weg hier⸗ her, allein die Hunde ſind ſehr klug und werden ſich ſchon zurecht finden. Vor Tage können wir dann auf dem Wege nach dem Oſernaia ſein.“ Tempte erbot ſich, das Fuhrwerk zu holen, mit ſeinen verkrüppelten Händen hätte er es jedoch nicht gut lenken können, alſo ging Alexei ſelber. Er kam indeß nur bis zu der kleinen Brücke und nicht hinüber, denn Galgal hatte dieſelbe beſetzen laſſen. Das reißende Waſſer ſo weit zu umgehn, bis es ohne Gefahr zu paſſiren war, erforderte zu viel Zeit; er hätte wohl hindurch ſchwimmen können, allein die Hunde mit dem Schlitten konnten doch nicht auf dieſelbe Weiſe her⸗ überkommen. So blieb denn nichts übrig, als zu verſuchen, ob ſie nicht das Gebirge erreichen könnten. Alexei kehrte demnach zu den Andern zurück und ſie ſetzten den Weg auf die vorhin erwähnte, mühſelige und. ür Feodor äußerſt ſchmerzhafte Weiſe fort. Alexei, welcher 3, wie der 96 Verwundete litt, ſchlug vor zu bleiben, wo ſie waren, und ruhig den Morgen und ihr Schickſal zu erwarten, aber der Inſulaner wollte davon nichts wiſſen und verbiß helden⸗ müthig ſeine Qual. An der Stelle, wo die Flüchtlinge den Bach überſchrit⸗ ten, hatte Galgal drei Koſaken mit dem Auftrage zurückge⸗ laſſen, jenen mit Tagesanbruch zu folgen. Er ſelbſt alar⸗ mirte das Dorf, ſchickte mehrere ſeiner Bewohner unter der Aufſicht eines Koſaken nach der Brücke und legte ſich endlich ſchlafen, nachdem er in Kosko's Hütte das Unterſte zu oberſt gekehrt und die alte Saagſchehm mit einer Menge Schelt⸗ worte und Drohungen überhäuft hatte. Am Morgen führten die Koſaken ſeinen Befehl ſehr eif⸗ rig aus, und da die Spur deutlich war und ſie ſich gar nicht aufhalten durften, ſo verminderte ſich der Vorſprung der Flüchtigen ſehr ſchnell. Zwar ſchien es den Koſaken zuweilen, ſie ſähen die Fußtapfen dreier Perſonen, doch achteten ſie darauf nicht, weil ſie ſich zu irren glaubten. Endlich veränderte ſich der bisherige, flache Charakter der Landſchaft: wunderlich geformte und zerbröckelte, von tiefen Schluchten zerriſſene Felſen lagen vor den Koſaken und die Verfolgung wurde hier allerdings ſehr ſchwierig. Deſto erfreuter waren ſie, als plötzlich Einer von ihnen, der eine Klippe erſtiegen hatte, von Ferne einen Menſchen er⸗ blickte. Alle drei eilten auf denſelben zu und erreichten ihn auch ſehr bald. Sie hielten ſich nicht damit auf, ſeine Arme aus der Kuklanka hervorzuziehn, welche er, wie die meiſten Kamt⸗ ſchadalen, mantelartig trug, ſondern umwanden nur die Mitte ſeines Leibes mit Riemen, wodurch ſie ihm den Ge⸗ brauch ſeiner Hände nahmen. „Biſt du Feodor?“ fragten ſie ihn. Er ſuchte zu leugnen, doch mit ſo ſcheuer Miene, daß ſie ihm natürlich nicht glaubten. „Wo iſt der Andere?“ fragte ſie weiter. „Steigt dieſen Felſen hinauf und ihr werdet ihn unten ſehen!“ antwortete der Gefangene mit allen Zeichen tiefer Bewegung in einem Gemiſch von ruſſiſch und kuriliſch, das den Koſaken faſt unverſtändlich war. Zweie beeilten ſich, der Weiſung zu folgen, hatten indeß keinen erfreulichen Anblick. Durch das Thauwetter zu unge⸗ wöhnlicher Stärke angewachſen, ſtürzte ſich unter ihnen ein Gebirgsbach ſchäumend zwiſchen nacktem, zerklüftetem Ge⸗ ſtein in einen ſchaurig tiefen Abgrund. An einer Felszacke, ſo tief unten, daß es faſt nicht zu erkennen war, ſchimmerte etwas wie ein Kleidungsſtück. „Er hat ſich hinabgeſtürzt!“ ſagte Einer ſchaudernd. Alle waren wenig davon erbaut, daß ihnen der beſte Fang entgangen war, indeß ließ ſich das doch nicht mehr ändern. So zündeten ſie denn ein Feuer an, röſteten einen Haſen, den ſie unterwegs geſchoſſen hatten, und hielten eine tüchtige Mahlzeit, wobei Einer von ihnen den Gefeſſelten mitleidig fütterte. Roskowska, Alexei und Aphaka. 7 98 Zehntes Rapitel. Galgal war ſehr zufrieden, daß Kosko mit den tüchtig⸗ ſten Männern nicht daheim war, denn ſein Muth pflegte ihn ſtets zu verlaſſen, wo ihm Widerſtand begegnete. Die Ab⸗ weſenheit Tſchekawa's ärgerte ihn jedoch ſehr, denn ſie ſollte ſeine Frau werden, obgleich ſie nichts von ihm wiſſen wollte. Das Entkommen Alexei's und Feodor's verſtimmte ihn zwar, indeß gab er die Hoffnung nicht auf, ihrer wieder habhaft zu werden; ſie hatten keinen Schlitten und ihm das Wetter war günſtig. Die Leute im Dorf wurden am andern Morgen aufge⸗ boten und theils durch Verſprechungen theils durch Drohun⸗ gen bewogen, die Nachforſchungen zu unterſtützen. Es gab dabei wieder einen Aufenthalt; der Bach war in der Nacht überraſchend geſtiegen und hatte die Brücke fortgeriſſen. Sie beſtand zwar nur aus einigen neben einanderliegenden Baum⸗ ſtämmen, allein ehe ſie hergeſtellt wurde, verging doch einige Zeit. 5 Indeß erinnerte ſich Galgal der ſchönen Hunde Kosko's in deren Beſitz er ſich gar zu gern geſetzt hätte. In Niſchnei hatte er durch eine hingeworfene Frage erfahren, daß Jener die Thiere nicht mitgebracht hatte, ſie mußten alſo zu Hauſe ſein und doch fand er ſie nicht vor. Der Gedanke fuhr ihm durch den Sinn, die Flüchtlinge hätten ſie irgendwo ver⸗ ſteckt gehabt und ſich ihrer zur Flucht bedient; dann war natürlich auch keine Ausſicht auf ihre Wiedererlangung. In großer Wuth fragte er Saagſchehm und Aphaka nach den —————— 90 Hunden, doch ſchwiegen ſie beharrlich, ſelbſt bei ſeinen Dro⸗ hungen, und dieſe auszuführen, wagte er nicht, weil ſich alle Dorfbewohner gegen ihn und ſeine drei Koſaken erhoben hätten, wenn er es gewagt, der Tochter und Schwiegermut⸗ ter ihres Häuptlings ein Leid zuzufügen. Er wendete ſich hierauf mit verfänglichen Fragen an die Kinder und endlich verrieth auch eine der kleinen Schweſtern Tſchekawa's in ihrer Unſchuld, daß ihr Bruder und Aphaka geſtern mit den Hunden fortgefahren und zu Fuß wieder ge⸗ kommen ſeien. Der Knabe war aus Furcht davon gelaufen und hatte ſich im Walde verſteckt, doch bedurfte Galgal ſei⸗ ner auch nicht. Er fuhr mit einem der Koſaken auf dem Wege nach dem Gebirge hin, bis zu der Stelle, wo der Pfad zum Seeſich abzweigte, und hier entdeckte er ſogleich, daß die Spur aufhörte. Obgleich Aphaka und ihr Verwandter dieſe zu verwiſchen geſucht hatten, fand er ſie doch bald, allein nach einer Weile verlor er ſie wieder auf dem mit Geſtrüpp über⸗ wucherten Boden. Enttäuſcht und erbittert wollte er eben umkehren, als aus einem nahen, anſcheinend unzugänglichen Dickicht Hundegebell erſcholl. Der Zugang zu dieſem Ver⸗ ſteck, ſo gut er auch durch Steingeröll und Gebüſch verbor⸗ gen war, wurde zuletzt doch aufgefunden und triumphirend brachte Galgal die Hunde in's Dorf, zur nicht geringen Be⸗ ſtürzung Saagſchehm's und ihrer Enkelin. Sie hatten im Stillen noch immer gehofft, es ſei Alerei und Feodor wäh⸗ rend der Nacht möglich geweſen, das Fuhrwerk zu erreichen; da das nicht geſchehn, blieb wenig Hoffnung zu ihrer Rettung. Indeß war die Brücke fertig und die Spur der drei Ko⸗ ſaken aufgeſucht worden. Galgal ließ einen der Ruſſen im — 7 100 Dorf zurück; mit den beiden andern und mehreren Itelmenen, die zu Fuß neben den Schlitten herlaufen und mit den Hun⸗ den Schritt halten, dieſelben auch an gefährlichen Stellen im Auge haben mußten, damit ſie nicht durchgingen, folgte er der Richtung, welche die Dreie eingeſchlagen hatten. Das Land war im Sommer ein Torfmoor, jetzt eine ebene Schnee⸗ fläche— erſt weiter hin fanden ſich wieder Bäume und zwar um ſo größer und dichter, je näher dem Gebirge. Nachmittag entdeckten ſie in der Ferne Leute, die ihnen entgegenkamen, und bald erkannten ſie drei Koſaken, welche eine vierte Perſon in ihrer Mitte hatten. „Wo iſt der Knabe?“ rief ihnen Galgal mit ſeinen Be⸗ gleitern ſchon von Weitem entgegen. „Er iſt in einen Abgrund gefallen, oder hat ſich hinab⸗ geſtürzt— wir ſahen unten ſeinen Rock ſchimmern!“ war die Antwort. Doch kaum hatte Galgal den Gefangenen näher geſehen, als er auf eine Weiſe, die den Andern Anfangs faſt lächerlich vorkam, zu ſchreien und zu toben begann. Die Itelmenen bemerkten indeß bald und zu ihrer geheimen Freude, daß der Gefeſſelte nicht Feodor war, und die beiden Koſaken, welche mit Galgal kamen, erkannten in ihm Tempte, den Dieb. Die Koſaken, welche ihn gefangen, waren erſt vor Kurzem aus Werchnoi herübergekommen und hatten weder Feodor noch Alexei je geſehen, wohl aber etwas davon lauten gehört, daß der Kurile eine alte Perrücke getragen habe, als Galgal ihn zuerſt antraf; übrigens hatten ſie ja auch Tempte am vorigen Abend auf einen Augenblick von Ferne erblickt und und ihn im Zwielicht für Feodor gehalten. ———— 101 Tempte mußte es büßen, daß Mntger getäuſcht, indem er bei ihrer Annäherung ſeine Barka in den Berg⸗ ſtrom geworfen und ſich als Gefangener geſtellt hatte. Gal⸗ gal ſowohl, als die Koſaken ſchlugen ihn auf eine unmenſch⸗ liche Weiſe, doch ertrug er die Mißhandlungen mit einer Standhaftigkeit, welche die Itelmenen in Erſtaunen ſetzte; nur als ihm die Perücke, dieſer Schmuck, auf den er ſich viel einbildete, vom Kopf geriſſen und ganz verdorben wurde, konnte er ſich nicht völlig beherrſchen. Da er auf alle Fragen nach den Entwichenen ſchwieg und entſchloſſen war, eher unter ihren Händen zu ſterben, als Jene zu verrathen, und auch zum Gehn unfähig ſchien, wurde er auf einen Schlitten geworfen und Alle begaben ſich hier⸗ auf zu der Stelle, wo er gefangen worden. Nach langem Suchen fand man, in geringer Entfernung, hinter Klippen den Platz, wo die beiden Flüchtlinge geſeſſen hatten, und ver⸗ folgte die Fußtapfen eine kleine Strecke weiter. Mit einem Mal ſtießen jedoch die Suchenden einen Ruf der Ueberraſchung oder der Wuth aus. Sie hatten die ſtar⸗ renden Felszacken, einen ſchmalen Ausläufer des Gebirges, durchſchritten und erblickten in dem Thale vor ſich neben Fuß⸗ tritten die Spur von Hunden und das Gleis eines Schlit⸗ tens, der wieder umgewendet hatte, nachdem er die Flücht⸗ linge aufgenommen. Die Spur war ſo friſch, daß der Schlitten noch ſehr nahe und alſo vielleicht zu erreichen ſein mußte, doch vorſpringende Berge entsogen ihn dem Auge. An einem Strauch hing ein Handſchuh, der von den Rückenſtückchen kleiner Murmelthiere zierlich zuſammengefügt, wie von Vogelfedern gefertigk ausſah und hübſch leicht war, 102 dabei aber doch ſeht warm hielt. Tempte kannte ihn gar wohl; er gehörte Alexei und war hier offenbar als Wahr⸗ zeichen aufgeſteckt, da er nach dem Kamtſchatskaia hinwies. Der Gebrandmarkte war ſo erfreut, daß er faſt den Schmerz in ſeinen zerſchlagenen Gliedern vergaß. Ein großes Stück wurde der Schlitten oder vielmehr ſeine Spur verfolgt, allein jetzt nahte man einer Region, welche die abergläubiſchen Itelmenen um keinen Preis, weder für Schläge, noch für Belohnungen, zu betreten wagten. Der Boden war hier frei von Schnee und ziemlich ſumpfig, an mehreren Stellen ſprudelten natürliche Spring⸗ brunnen, deren Waſſer ſiedend heiß war und etwas ſäuerlich ſchmeckte. In den warmen Quellen kochten, der Sage nach, die böſen Geiſter Wallfiſche, welche ſie, an jedem Finger einen, Nachts aus der See holten. Daran glaubten die Itelmenen ſteif und feſt, denn ihre Alten hatten es ihnen er⸗ zählt; ſie machten um heiße Quellen oder feuerſpeiende Berge, deren es mehrere gab, ſtets einen weiten Umweg. Man hatte Beiſpiele, daß Kamtſchadalen von den Koſaken, wel⸗ chen ſie als Führer dienen mußten, gezwungen worden, dieſen Orten, vor denen ſie ſich ſo ſehr fürchteten, zu nahen, allein die Abergläubiſchen waren vor Angſt geſtorben, oder hatten ſich ſelbſt getödtet. Galgal's Begleiter konnten die Bewohner des Oſtrog's am Tſchamſcha nicht bewegen, weiter zu gehn, obgleich ſie die Knute, dieſes oft unwiderſtehliche Beweismittel, nicht ſchon⸗ ten. Und ohne die Eingebornen, welche an gefährliche und beſchwerliche Reiſen in ihrem Lande gewöhnt, ſich überall zu 103 helfen wußten, durften ſich die Koſaken nicht in dieſe unweg ſame Gegend begeben. Während die Koſaken ihre Ueberredungskünſte vergebens anwendeten, hatten ſich Wolken am Horizonte aufgethürmt und es begann zu ſchneien. Nun war natürlich an keine wei⸗ tere Verfolgung zu denken, denn die Spur wurde ja vom Schnee verdeckt. Alle traten den Rückweg an, und es be⸗ durfte des Inſtinets der Hunde, welche ſtets den nächſten Oſtrog witterten, um ſich nicht zu verirren. Es läßt ſich denken, daß Saagſchehm und Aphaka üb das vergebliche Nachſetzen nicht weniger erfreut waren, als Galgal und die Koſaken erbittert. Dieſe machten ſich durch die ärgſten, empörendſten Mißhandlungen der Einwohner Luft und hauſten im Dorfe wie rohe, verwilderte Söldlinge in Feindesland, obgleich die armen Leute ſich auf das Zuvor⸗ kommendſte beſtrebten, die Wünſche ihrer Peiniger zu erfüllen. Es war nicht rathſam für Galgal und ſeine Gefährten, die Ankunft Kosko's abzuwarten, daher brachten ſie am näch⸗ ſten Morgen Alles zuſammen, was ihnen irgend des Mit⸗ nehmens werth ſchien. Die Itelmenen wurden beordert, ihr Eigenthum nach dem ruſſiſchen Oſtrog zu transportiren. Knaben und Mädchen als Sklaven zu nehmen, wie das oft geſchah, wagten ſie jedoch nicht, weil ihrer zu Wenige waren, um die Dorfbewohner ganz zur Verzweiflung zu treiben. Als faſt Alles zur Abreiſe gerüſtet war, nahm Galgal Aphaka bei der Hand und befahl ihr, den Schlitten ihres Vaters zu beſteigen, an welchen deſſen ſchöne Hunde geſpannt waren und worauf er ſelber fahren wollte. Sie ſollte dem Gouverneur als Geißel für Alexei dienen. 104 Saagſchehm rief alle Umſtehenden zum Beiſtand auf und ein lautes Murren erhob ſich. Aphaka war wegen ihrer Schönheit und Freundlichkeit allgemein beliebt und ihr Va⸗ ter, wie überhaupt ihre Familie, genoß der höchſten Achtung und Zuneigung, deren die leichtbeweglichen, furchtſamen und eigennützigen Itelmenen fähig waren. Sie hatten der Plün⸗ derung ihres Hab und Gutes ruhig zugeſehn, weil ſie wuß⸗ ten, daß an andern Orten nicht anders verfahren wurde; ſie hatten ſich auch, halb gezwungen, halb freiwillig, dazu her⸗ gegeben, Kosko's Verwandten und deſſen Freund, die ſie Beide gern gehabt, aufzuſuchen, weil ſie, wie ihnen geſagt worden, dem Gouverneur gehörten, vor welchem ſie zitterten: allein das Mädchen vor ihren Augen in die Sklaverei füh⸗ ren zu laſſen, ſchien Allen unmöglich. Schützend ſtellten ſich Männer und Weiber um Aphaka, während Einige herbei⸗ brachten, was ſich als Waffe brauchen ließ. Ein blutiger Kampf ſchien unvermeidlich, ein Kampf, wie er ſeit der Ankunft der Ruſſen oft ſchon vorgefallen war auf Kamtſchatka. Koſaken, welche ſich einzeln oder in gerin⸗ ger Anzahl in das Innere des Landes begaben, und ſich zu ge⸗ waltthätig betrugen, kehrten nicht heim zu ihrem Oſtrog, ſon⸗ dern wurden erſchlagen und ihr Gebeine ein Fraß der Hunde oder Wölfe. Hier ſchien jedoch imerſten Augenblick das Ueber⸗ gewicht auf Seiten der Ruſſen, denn ſechs mit Feuergewehren verſehene Männer konnten es mit einer großen Anzahl Leute aufnehmen, die keine andern Waffen als Knüttel und Steine hatten. Doch bald waren die Keulen und Bogen und Pfeile der Kamtſchadalen aus den Hütten herbeigeſchafft und der Erfolg wurde zweifelhaft, denn die Pfeile waren zuweilen vergiftet. 105 Galgal ließ es jedoch nicht zum Ausbruch des Streites kommen. Er forderte Alle auf, ihn zuerſt zu hören und er⸗ zählte, daß Aphaka im vorigen Jahre faſt ertrunken und nur durch Alexei's Dazwiſchenkunft gerettet wäre; zuletzt ver⸗ ſicherte er, Kosko ſelbſt habe ihm das mitgetheilt. Beſtürzung oder doch Unſchlüſſigkeit malte ſich auf den Geſichtern der Itelmenen und ſie ſchwiegen, bis Saagſchehm heftig rief: „Er lügt, der Fuchs lügt! Er will euch hindern, ſie zu ſchützen! Fragt Aphaka ſelber— ob es wahr iſt; ſie hat nie gelogen!“ „Ja, fragt ſie ſelber— ſie hat nie gelogen! Sprich du, Aphaka— wir glauben nur dir! Sage, daß er lügt und Niemand ſoll Hand an dich legen!“ tönte es durch einander. Aphaka kämpfte einen heftigen, innern Kampf. Sie ſollte ſich von der Heimath und ihren Verwandten trennen, ihre Eltern vielleicht nie wieder ſehn und einem Schickſal ent⸗ gegengehn, das ihr noch unendlich ſchrecklicher ſein mußte, als jedem andern Mädchen ihres Volks. Bei der Wohl⸗ habenheit ihrer Eltern hatte ſie den Mangel nie gekannt, im Beſitz der größten Zärtlichkeit derſelbeh kaum einen uner⸗ füllten Wunſch gehegt und Jedermann war der Tochter des geachteten Häuptlings mit Achtung und Aufmerkſamkeit be⸗ gegnet. Trotz ihrer Jugend und der Abgeſchiedenheit ihres Wohnortes hatte ſie doch ſchon genug gehört von dem Loos der Unglücklichen, welche ihren Familien entriſſen worden, um den Tod für minder furchtbar zu halten, als dieſe Dienſt⸗ barkeit. Die Sklavinnen wurden auf das Roheſte behan⸗ delt, von ihren Herren oft Dutzendweiſe im Würfelſpiel ver⸗ ſpielt, oder gegen Hunde umgetauſcht, und Diejenigen, welche dem Kloſter gehörten, ſtatt des Zugviehes an den Pflug ge⸗ ſpannt. Zum Glück waren die armen Geſchöpfe zu ſtumpf und unwiſſend, um von ihrer Entwürdigung einen Begriff zu haben; doch Aphaka war von Natur feinfühlend, durch ihre Verhältniſſe nicht abgeſtumpft und durch den Umgang mit Alexei, wie durch ſein Vertrauen, gebildet worden. Es bedurfte nur einer einzigen Unwahrheit, das drohende Unheil abzuwenden, und Niemand war da, der ſie der Lüge zeihen konnte, denn Galgals Ausſage galt neben der ihrigen nicht. Sie ſchwankte, allein im nächſten Augenblick erinnerte ſie ſich des Eifers, womit Alexei ſtets gegen die Unwahrheit geſprochen und ſie eine Sünde genannt hatte und wie lebhaft ſie ſich dann darüber gefreut, daß ſie von zarter Kindheit an ehrlicher und wahrhaftiger geweſen, als die Andern. Ihrem Volk galt zwar eine Lüge für nichts Böſes, wenn ſie nur Vortheil brachte, und ſie ſelbſt hatte ja Alexei und Feodor gegen Tempte verleugnen wollen, doch ſchienen ihr das zwei ganz verſchiedene Fälle. Hier galt es nur ihr eignes Wohl, dort Alexei's Sicherheit; dort konnte aus ihrem Leugnen nur Gutes für ihre Freunde entſtehn, hier dagegen brachte ſie ihre Familie und das ganze Dorf in unvermeidliches Unglück. Es war möglich und ſogar wahrſcheinlich, daß die Ihrigen Sieger blieben, und wenn ihr Vater mit ſeinen Begleitern zurückkehrte, was jeden Augenblick geſchehen konnte, ſo ver⸗ mochte er einer weit größern Macht zu trotzen. Allein zuletzt mußte er der Uebermacht der Ruſſen doch unterliegen, und dann war das Schickſal der Bewohner des ganzen Oſtrog's Tod oder Sklaverei. Sie durfte um ihretwillen nicht Ver⸗ 107 derben über ſo viele unſchuldige Häupter bringen und außer⸗ dem machte ihr das unbedingte Vertrauen, welches Alle in ihre Wahrheitsliebe ſetzten, eine Lüge ganz unmöglich. Ent⸗ ſchloſſen, obgleich mit zitternder Stimme, erklärte ſie, Gal⸗ gal habe die Wahrheit geredet. Scheu und beſtürzt zogen ſich Alle von ihr zurück, ſogar die Großmutter machte eine abwehrende Bewegung, als ſie ſich ihr nähren wollte. Nur ihr kleiner Bruder, der noch nichts wußte von dem Bann, mit welchem ſie jetzt in den Augen ihrer Landsleute belegt war, hielt ſie ſchreiend feſt, weil er verſtanden, daß ſie fort ſollte. Tempte lag indeß, eben ſo gemieden wie jetzt Aphaka, mit gebundenen Füßen am Boden; um den Leib hatte er noch den Riemen, welcher ihm bei ſeiner Gefangennehmung umge⸗ ſchlungen worden. Aphaka hätte ihn während der Nacht gern entfliehen laſſen, allein daran war nicht zu denken ge⸗ weſen; ſie hatte kaum einige Speiſe in den Mund ſtecken können. Jetzt war ſie ihm zufällig nahe gekommen und beugte ſich zu Pikankur herab. Tempte warf einen raſchen Blick umher. Galgal trug triumphirend Aphaka's Kleider auf den Schlitten, die Koſaken waren mit dem Unterbringen ihrer Leute beſchäftigt und die Itelmenen ſtanden ſo weit entfernt, als fürchteten ſie, von einer bösartigen Krankheit angeſteckt zu werden, indeß die alte Saagſchehm mit lautem Jammer die Hände rang. „Noch ſind wir nicht in Niſchnei— zur Nacht bekommen wir ſicherlich Sturm; gieb dann Acht auf mich!“ flüſterte Tempte dem niedergeſchlagenen Mädchen zu. Aphaka ſchaute 108 überraſcht in ſein verſchwollenes, durch die erduldeten Miß⸗ handlungen bis zur abſchreckenden Häßlichkeit entſtelltes Ge⸗ ſicht, allein er that, als hätte er nichts geſagt, denn eben kamen ein paar Koſaken, und warfen ihn auf einen Schlitten wie ein Waarenbündel, doch nicht mit der Sorgfalt, welche ſie einem ſolchen angedeihen ließen, ſondern mit der brutal⸗ ſten Rückſichtsloſigkeit. Er blieb ſtill und ſuchte ſogar das Stöhnen zu unterdrücken, welches der Schmerz ihm unwill⸗ kührlich erpreßte. Nun war Alles fertig und Galgal befahl Aphaka, ſich aufzuſetzen. In ihrer Großmutter ſiegte jetzt die Stimme der Natur über den hergebrachten Aberglauben, ſie umfaßte ihren Liebling und beſchwor die Itelmenen, die Tochter ihres Häuptlings zu ſchützen. Allein Bitten und Verſprechungen waren eben ſo fruchtlos, als Drohungen und Scheltworte. Niemand regte ſich und die Meiſten der anweſenden Dorfbe⸗ wohner hätten Aphaka wahrſcheinlich vor ihren Augen durch Gewalt oder vor Hunger und Kälte ſterben ſehen können, ohne das Allergeringſte für ſie zu thun. Es galt einmal für Sünde, nicht ertrunken zu ſein, wenn man in's Waſſer ge⸗ fallen war, und die gerettete Perſon wurde als todt betrach⸗ tet; das Herkommen erſtickte jede Regung des Mitleids. Vielleicht ſcheint dies meinen jungen Leſern eine Grau⸗ ſamkeit, um deretwillen die Itelmenen es verdienten, unter dem Uebermuth und der Habſucht ihrer Unterdrücker zu leiden. Indeß liegt es tief in der menſchlichen P dem Beiſpiel, den Gewohnheiten und Anſichten zu folgen, welche man von Jugend auf vor Augen hat. Der Ein⸗ zelne vermag ſich freilich durch ernſtes Streben auf einen + 109 Standpunkt zu ſchwingen, welcher den ſeiner Umgebung, wie ſeiner Zeit, weit überragt, allein die Menge wird ſich nur in ſeltenen Momenten zu Begriffen erheben, die über ihrer Bil⸗ dungsſtufe ſind, und ein gänzlich unwiſſendes Volk kann das nie, eben ſo wenig kann es ſich von Vorurtheilen, die mit ihMm verwachſen ſind, in einem Augenblick losſagen. Vorurtheils⸗ loſigkeit iſt überhaupt der Beweis höherer Bildung, obgleich nicht immer die Frucht derſelben. Wer übrigens nur einen Blick auf die Geſchichte und das Leben warf, dem iſt es nicht entgangen, daß zu allen Zeiten und auch unter den gebildet⸗ ſten Völkern, ein anerzogner Wahn, eine von den Vorfahren ererbte Gewohnheit, ein widerfinniger, aber ehrwürdiger, weil aus der Vergangenheit überkommener Gebrauch die Götzen ſind, denen das eblere Gefühl und die beſſere Einſicht nur zu oft gevpfert wurden und— leider— noch oft geopfert werden. Darum wollen wir die einfältigen, uncultivirten Kamtſchadalen nicht verdammen. Mit rohem Ungeſtüm wurde die alte Frau von ihrer Enkelin geriſſen. Sie klammerte ſich dann an den Schlitten, unter verzweifelten Bitten, Alles zu nehmen, nur nicht das Mädchen. Die Koſaken lachten dazu— ſie hatten ohnedies Alles genommen, was ihre Habgier irgend gereizt. Muri aber, das kluge Thier, ſchien zu verſtehn, was vorging, denn er rührte ſich nicht von der Stelle, obgleich Galgal mit dem Oſtall klingelte, und die andern Hunde fo wie immer, ſeinem Beiſpiel. Pikankur ſtand mit Tſchekawa's kleinen wiſern jammernd bei dem Hunde, deſſen Verluſt den Kindern faſt näher ging, als der Aphaka's. Der Knabe hatte ſein kleines Meſſer in der Hand und mit dieſem ſchnitt er, in der Ver⸗ wirrung unbeachtet, in die Riemen, welche Muri mit ſeinen Gefährten verbanden; doch ſeinen ſchwachen Kräften waren die Riemen zu ſtark, er machte nur Einſchnitte darin. Muri's Zögern änderte indeß nichts; er bekam ſo lange Schläge, bis er wüthend emporſprung und unter lautem Ge⸗ heul, in das die andern Hunde treulich einſtimmten, wie raſend davon lief, ſo daß Galgal ſich kaum auf dem Schlit⸗ ten erhalten konnte. Die Kinder ſtoben erſchrocken auseinander und Saag⸗ ſchehm erhielt einen ſo hefeigen Stoß, daß ſie zu Boden ſiel. Einige Frauen wollten ihr mitleidig aufhelfen, allein ſie wies dieſelben zurück und ſuchte mit den Augen dem Schlitten zu folgen, bis er im Gebüſch verſchwand. Dann ſchleppte ſie ſich troſtlos in ihre verwüſtete Jurte. Eilftes Kapitel. Aphaka ſaß lange ſchmerzlich weinend hinter Galgal, doch allmälig begannen ihre Thränen milder zu fließen. Es war jedenfalls ein Glück, daß ihr Vater nicht daheim ge⸗ weſen, denn er hätte ſie mit Blut und Leben vertheidigt und es wäre daraus viel Unheil entſtanden. Dann war ſie jung, mithin hoffnungsvoll; wie viele mögliche oder auch unmög⸗ liche Dinge konnten ſich ereignen, ehe ſie Riſchnei erreichte! Die verheißungsvollen Worte Temptes klangen in ibren Sh⸗ ren und in ihrem Herzen. Vielleicht hat Gott zu ihrer Be⸗ freiung auch irgend ein Wunder, wie Alexei dergleichen aus der bibliſchen Geſchichte erzählt hatte. In ihrer kindlichen Einfalt hätte es ſie nicht im Mindeſten überraſcht, wenn das Unerhörteſte geſchehen wäre; ſie dachte:„Gott iſt allmächtig und ich habe nichts Böſes gethan, vielleicht hilft er mir wenn ich ihn recht darum bitte!“ Allein kein Wunder geſchah und unateh ſch darein. Alexei war der Gefangenſchaft entronnen— das blieb die Hauptſache. Sie hatte ein ſo hohes Vertrauen zu ſeiner Kraft und Klugheit, daß ſie feſt überzeugt war, er werde ſie aus der Sklaverei, wie aus den Wellen der Tſcham⸗ ſcha, retten, wenn auch nicht früher als bei der Befreiung des Landes, von welcher er oft begeiſtert mit ihr geſprochen. Sie fühlte den Jammer der Großmutter mit und die Ver⸗ zweiflung der Eltern, wenn ſie heimkehrten und ihre Tochter nicht fanden, doch ſie beſaß die Schwungkraft des Gemüthes, welche der Jugend ſelten fehlt, und einen für ihre Jahre un⸗ gewöhnlich ſtarken Geiſt. So hoffte ſie denn das Beſte, machte ſich jedoch auf das Schlimmſte gefaßt und kehrte ſtets zu dem Gedanken zurück:„Alexei war ja auch der Jeſirre der Tatachs; warum ſoun für mich eine Schande ſein, was er dulden mußte? Er wurde dabei gut und klug, ich will verſuchen, auch zu lernen, vielleicht kann ich ihm dann nütz⸗ licher ſein, als blieb die Standhaftigkeit Temptes nicht ohne Einfluß auf ihr Stimmung; ſie wollte nicht ſchwächer ſein, wie dieſer Ausgeſtoßene, den ihr ganzes Volk unſäglich verachtete, für den ſie aber Theilnahme fühlte, 112 n er Alexei liebte und muthig für ihn gelitten hatte. Nach einiger Zeit ſchauteſie aufmerkſam nach dem Himmel, der ſich mehr und mehr bewölkte und zuletzt ganz bleifarben ausſah. Galgal war mit ſeinen Gedanken zu ſehr beſchäftigt, um auf das düſtere Ausſehen des Horizontes zu achten. Bei ſeiner Rückkehr nach Niſchnei ſtand ihm ein höchſt unfreund⸗ licher Empfang bevor, da Alexei und Feodor entkom⸗ men waren; die ſchönen Hunde wurden ihm genommen, und für Knutenhiebe durfte er nicht ſorgen, die regneten ge⸗ wiß auf ihn. Er dachte ſich das zu erſparen und gar nicht nach Niſchnei zu gehen und hatte Aphaka mehr für ſich mit⸗ genommen, wie als Geißel für den Gouverneur. Sie war der Augapfel ihrer Eltern— er dachte, Kosko würde ihm gegen ihre Auslieferung gern Tſchekawa zur Frau geben und die ſchönen Hunde obenein. Daß Tſchekawa nichts von ihm wiſſen wollte, kümmerte ihn nicht; in ſeinem neuen rothen Rock dünkte er ſich unwiderſtehlich. Im Innern des Landes gab es noch Orte genug, an denen er die Ruſſen verlachen konnte— ſo fehlte alſo zum Gelingen ſeines Planes weiter nichts, als ſich von den Koſaken zu trennen, ohne Argwohn zu erregen. Sie konnten ihn zwar nit ihren viel ſchlechtern Hunden nicht einholen, doch wollte er ſich auf alle Fälle bei dem Gouverneur den Rücken decken, und nicht als Verräther erſcheinen. Die Koſaken ließen ſich die im Dorfe gemachte Beute von den Einwohnern nachfahren u ie Schlitten hielten ſich alle beiſammen, obgleich die übrigen Hunde ſich auf das äußerſte anſtrengen mußten, um nicht hinter Koskos Geſpann zurückzubleiben. ———— 113 Sie fuhren nördlich, nach dem Kamtſchatka, und waren eben in einem ſchönen Lärchenwald. Nun verſetzte Galgal den Hunden, wie im Scherz, einige Ruthenhiebe, und als ſie darauf tüchtig rannten, ſtieß er einen Hülferuf aus und that, als habe er die Herrſchaft über ſie verloren. Die andern Schlittenführer wollten ihm zu Hülfe kommen, allein Muri verdoppelte ſeine Schnelligkeit und die Andern blieben ſtets weiter und weiter zurück, bis ſie Galgal endlich ganz aus den Augen verloren. Jetzt ſchlug Galgal mit dem Oſtall auf die rechte Seite des Schlittens und die Hunde wandten ſich ſogleich, dem Winke gehorſam, nach Weſten. Er war hoch erfreut, mußte ſich aber in Acht nehmen, nicht zu fallen, denn die Thiere liefen immer ſchneller und der Wald wurde immer dichter. Mittlerweile war, was vielleicht Niemand als Tempte und Aphaka bemerkt hatten, die Luft ganz dick und trübe geworden. Die Koſaken und Itelmenen folgten noch immer der nördlichen Richtung und glaubten vor ſich in der Ferne das Geklingel von Galgals Oſtall zu hören. Als Galgal von den Uebrigen weit genug entfernt war, verſuchte er die Thiere anzuhalten, indem er, wie das beſon⸗ ders am Abhange eines Berges gebräuchlich, ſeinen Oſtall vor dem Schlitten in den Schnee ſtieß. Allein ſein Arm zitterte, der Oſtall drang nicht tief genug in den Schnee und die Hunde riſſen ihn um, während ſie weiter liefen. Was er vorhin nur vorgegeben, geſchah jetzt wirklich; die Hunde ge⸗ horchten ihm nicht und wandten ſich ſüdlich, der Heimath zu. Vergebens klopfte Galgal mit einem zweiten Oſtall, den er als Reſerve mitgenommen, an die linke Seite des Roskowska, Alexei und Aphaka. 8 114 Schlittens; vergebens rief er den Hunden zu, ſtill zu halten. Zuletzt ſchlug er ſie mit der Ruthe, wenn er nicht grade da⸗ mit zu thun hatte, ſich auf dem Schlitten zu erhalten und ſeine Augen und Arme vor den Zweigen zu hüten, an welche er in jedem Augenblick anrannte. Der Schlitten flog hin und her und ſchwankte mehr als einmal bedenklich; von den heftigen Stößen brachen mehrere Holzſtückchen in dem Gitter, und der Schlittenkorb bog ſich ganz zuſammen, doch hielten ihn die Riemen, daß er nicht auseinander fiel. Es wurde plötzlich gänz finſter, ein unheilverkündendes Pfeifen entſtand in der Luft und ein ſtarker Südoſtwind erhob ſich, der die Schneeflocken ſo dicht mitbrachte, als wür⸗ den Federn aus einem Bett geſchüttet. Die Wipfel der Bäume beugten ſich, hier und da knackte ein gebrochener Aſt und die Hunde rannten wie beſeſſen⸗ Zum Unglück kamen ſie jetzt in einen Weidenwald, deſſen herabhängendes und verſchlungenes Gezweig die Fahrt noch halsbrechender machte. Galgal verwünſchte ſeinen Einfall, ſich von ſeinen Begleitern zu trennen und die Hunde ſelber zu lenken, da er doch nicht Einer der Geſchickteſten dabei war. Allein er hatte ſo oft von der Klugheit und Sanft⸗ muth der Thiere und beſonders Muri's, gehört, und wirklich konnte ſie ſonſt ein Kind lenken; doch jetzt waren ſie durch den Sturm unruhig und wild gemacht und durch die un⸗ gewohnten Schläge eben nicht beſänftigt worden. Aphaka ſaß ſchon längſt auf einer Seite des Schlittens, bereit, herabzuſpringen, wenn ſie an eine gefährliche Stelle kämen. Sie rief Muri's Namen in der Hoffnung, ihn da⸗ durch zu beruhigen; allein Galgal war wie närriſch— er 115 ſchrie und heulte ganz laut und übertönte damit ihre Stimme. Einen Augenblick ſchien es zwar, Muri erkenne den Zuruf ſeiner jungen Herrin, denn er verſuchte, ſtille zu ſtehen; doch die andern Hunde waren zu ſcheu und verängſtigt— ſie riſſen ihn mit ſich fort und um ſo leichter, weil er ſeiner Sache nicht gewiß war. Aphaka hatte jetzt Gelegenheit, ſich von Galgal frei zu machen, allein ſie zögerte, dieſelbe zu benutzen, weil die Ge⸗ ſeht. in der Wildniß umzukommen, ſehr nahe lag. Ueber⸗ dies eilten die Hunde mit einer Geſchwindigkeit, die ſich ſtets zu ſteigern ſchien, in der Richtung nach dem Oſtrog hin, ſie durfte alſo hoffen, bald bei ihrer Großmutter zu ſein, wenn nämlich der Schlitten bis dahin nicht in Trümmer ging, was gar nicht unwahrſcheinlich war. Ihre Arme waren ganz ſteif und müde von der An⸗ ſtrengung, mit welcher ſie ſich halten mußte, ſie ließ daher einen Augenblick los; der Wald war jetzt lichter und auf eine kleine Strecke keine Gefahr zu fürchten. Doch ſchon in der nächſten Minute fuhr der Schlitten ſo heftig gegen einen von Schnee verdeckten Stein, daß Aphaka herabgeſchleudert wurde. Sie fiel glücklicherweiſe in einen Schneehaufen und beſchädigte ſich nicht, aber ehe ſie ſich daraus vorarbeitete, war das Fuhrwerk ihren Blicken entſchwunden und ſie allein im Walde. Anfangs verſuchte ſie der Richtung zu folgen, welche die Hunde genommen hatten, weil ſie wußte, daß dort ihre Heimath lag, allein der Schnee fiel ſo dicht, daß ſie nicht zwei Schritte weit ſehen konnte, und der Boden war ſo un⸗ eben, daß ſie nicht gradeaus gehen konnte und bald nicht 8* 116 mehr wußte, wohin ſie ſich wenden ſollte, um ſich von Hauſe nicht weiter zu entfernen. Auch war ſie ſehr müde von der raſtloſen Aufmerkſamkeit, ſich bei dem tollen Lauf der Hunde im Schlitten zu erhalten und den Stößen ſo gut wie möglich auszuweichen, und zerſchlagen von den Stößen, welche ſie nicht hatte vermeiden können. Ueberdies wich der trübe, dämmrige Tag allgemach einer ſtockfinſtern Nacht und die furchtbare Heſtigkeit des Sturmes nahm noch immer zu, an weniger geſchützten Stellen war es nicht möglich, ſich aufrecht zu erhalten. Zwiſchen dem Winde, der in den ver⸗ ſchiedenſten Tonarten pfiff und heulte, dröhnte der Fall ent⸗ wurzelter Bäume; zuweilen klang auch aus der Ferne das Geheul eines Wolfes, oder der klägliche Schrei eines Wildes, das ſich aus einer Schneegrube nicht herauszuarbeiten ver⸗ mochte, in welche es gerathen war. Aphaka hatte die Kapuze an ihrer Kuklanka über den Kopf gezogen und kämpfte eine Weile muthig gegen die ſie umgebenden Schreckniſſe. Sie beſann ſich, daß die Richtung des Sturmes ihr als Wegweiſer dienen konnte, allein ſie vermochte nicht, wider den Wind zu gehen, auch verſank ſie oft in Schneewehen; einmal kniſterte und krachte es ſogar unter ihren Füßen und ſie wäre in einen Bach eingebrochen, deſſen dünne Eisrinde der Schnee verätheriſch bedeckte, wäre ſie nicht ſchnell zurückgeſprungen. Erſchöpft ſetzte ſie ſich endlich nieder, wo Gebüſch und einige Steine etwas Schutz vor dem Orkan gewährten. Das Gefühl der Ein⸗ ſamkeit und ihrer troſtloſen Verlaſſenheit überwältigte ſie jetzt; in Thränen ausbrechend, erwartete ſie ihr Ende. Ein Baum, der vom Sturm getroffen, dicht neben ihr 117 niederſtürzte, ſchreckte ſie auf. Trotz ihrer Verzweiflung mochte ſie ihr junges Leben doch nicht widerſtandslos dem Tode preisgeben und tappte in der Finſterniß nach einem Plätzchen, in deſſen Nähe ſich keine hohen Bäume befanden. Ein Dickicht von jungen Tannen ſchützte ſie beſſer, als das kahle Weidengeſträuch, vor der Gewalt des Windes, auch machte ſie mit einem Baumzweig eine Grube im Schnee und ſetzte ſich hinein. Sie gedachte mit qualvoller Sehnſucht des freundlichen Heerdfeuers in ihrer elterlichen Wohnung, wie der zärtlichen Sorgfalt, welche Mutter und Großmutter und alle Angehörigen ſtets für ſie gehabt hatten und es graute ihr unſäglich vor der Ausſicht, zu erfrieren oder zu verhungern, oder von wilden Thieren zerriſſen zu werden. Die Oede um ſie her entſetzte ſie und die unheimlichen Stimmen des Waldes und des Sturmes vergrößerten ihre Angſt. Plötzlich erinnerte ſie ſich deſſen, was Alexei von der Liebe und der Allgegenwart Gottes geſagt hatte. Ihr, die ſich von jeder menſchlichen Hilfe fern wußte, war der Gedanke ein unbeſchreiblicher Troſt, daß Gottes Vaterauge über ſie wache und ſeine Allmacht unzählige Mittel und Wege zu ihrem Schutz habe. Sie betete mit einer Inbrunſt, die Nie⸗ mand kennt, der nicht in troſtloſer, verzweifelter Lage war, und ihre Bangigkeit ſchwand, ihr Muth, ihre Zuverſicht kehrten zurück. Sie hoffte, der Sturm werde bald vorüber⸗ gehen und es werde ihr dann möglich ſein, nach Hauſe zu kommen; die Wölfe fielen ſelten einen Menſchen an und ſie war ſtark und geſund, konnte viel Beſchwerden ertragen und ſich im Nothfall noch vertheidigen. Es ſchien ihr unglaublich, daß ſie vom Ertrinken gerettet worden, um hier ſo elend umzu⸗ 118 kommen und die glückliche Flucht Alexei's war ja ein Beweis des göttlichen Beiſtandes. um nicht wieder von der Furcht überwältigt zu werden, die in ihrer Lage ſo natürlich war, dachte Aphaka an Aller⸗ lei, an ihre Lieben daheim, an ihre Eltern, die dieſes Un⸗ wetter vielleicht irgendwo abwarteten, und fragte ſich mehr als ein Mal, wo Alexei wohl ſein könne. Jedenfalls war er nicht ſo verlaſſen, wie ſie; er hatte Feodor bei ſich und für Männer war ein Schneeſturm ſelten gefährlich, wenn ſie nur die nöthige Vorſicht anwendeten. Ihre lebhafte Ein⸗ bildung ließ ſie ihre Umgebung bald faſt ganz vergeſſen; ſie erinnerte ſich an Alles, was Alexei geſprochen hatte, und ver⸗ tiefte ſich in die Pläne, die er für die Zukunft hegte. Von Zeit zu Zeit ſtand ſie jedoch auf und ſchüttelte den Schnee von ſich. Das wurde ihr aber jedes Mal ſchwerer, denn ſie war todtmüde und empfand eine unwiderſtehliche Schläfrigkeit. Sie wußte, daß ſie zugeſchneit würde und erſticken müßte, wenn ſie einſchliefe und ſuchte ſich daher munter zu erhalten; allein zuletzt war ihr das faſt unmöglich, auch begann ſie Froſt zu empfinden. Der Schnee, welcher ſie bedeckte, erwärmte ſie nicht— er war feucht und durch⸗ näßte ihre Kleider, ſobald der Wind nördlicher und kälter wurde, mußte ſie erfrieren. Endlich vermochte ſie ſich des Schlafes nicht mehr zu erwehren; in dem Zuſtande zwiſchen Traum und Wachen ſchien ihr das Heulen des Sturmes ein Wiegenlied, das ſie um ſo ſüßer einſchläferte; ihre Augen ſanken zu, trotz ihrer Anſtrengung, ſie offen zu erhalten und ein Schleier umflorte ihr Bewußtſein. Die Schneeflocken rieſelten unaufhörlich 1¹9 herab und legten ſich, eine weiße Hülle, dicht und immer dichter um die kleine, zuſammengekauerte Geſtalt; ſie ſchienen das Leichentuch zu ſein, welches die Natur freundlich über das einſame Mädchen breitete. Der Orkan ſchwieg endlich eine Weile, als wolle er ihren Schlummer nicht ſtören. Plötzlich durchdrang ein fremdartiger Ton die Luft— ein Schnaufen näherte ſich. An das Brauſen des Sturms und das Kniſtern in den Zweigen war Aphaka ſchon ſo ge⸗ wöhnt, daß es ſie nicht ſtörte, allein ſie fuhr auf, als dieſer ungewohnte Laut ihr Ohr berührte. Ein dunkler Gegen⸗ ſtand bewegte ſich durch die Nacht auf ſie zu. „Ein Wolf! Mein Gott, ſtehe mir bei!“ dachte ſie angſt⸗ voll und griff mechaniſch nach dem Baumzweig, welcher neben ihr lag. Doch der wohlbekannte Laut, den das Thier aus⸗ ſtieß, indem es auf ſie zuſprang und ſie faſt niederwarf, ver⸗ wandelte ihr Entſetzen in die höchſte Freude; es war nur das heiſere Bellen eines Hundes, allein es klang ihr ſüßer, als die herrlichſte Mufik.„Muri, mein lieber Muri!“ rief ſie entzückt und ſchlang ihre Arme um den Hals des Hundes, der mit ſeiner heißen Zunge ihr kaltes Geſicht leckte. Sie lachte und weinte zugleich vor Freude und vergaß ihre völlige ud gar. Nochdem ſie länge das Thier geliebkoſt und mit ihm ge⸗ ſprochen ha als könne ſie es verſtehen, forderte die Natur gebieteriſch ihr Recht. Sie legte ihren Kopf auf den breiten, zottigen Rücken des Hundes und ſchlief ſanft und furchtlos ein, während ihre Hände ſeinen Hals umfaßt hielten. Das kluge Thier lag ſtill und ſchüttelte ſich nur zuweilen ein 120 wenig, um nicht unter dem Schnee begraben zu werden, doch ſo behutſam, daß ſeine junge ermüdete Herrin davon nicht erwachte. Zwölſtes Kapitel. * Nachdem ſich die Koſaken eine Weile bemüht, den Schlitten Galgals einzuholen, hatten ſie Anſtalten getroffen, ſich vor dem Sturm zu ſchützen, deſſen volle Wuth eben hereinbrach. Die Itelmenen errichteten ſchnell einige Hütten von den Matten, die jeder mitnahm, ſobald er das Dorf auf eine weitere Entfernung als einige Werſte verließ. Die Hunde wurden feſtgebunden und gefüttert und Tempte wurde in die Ecke einer Hütte geſtoßen, hier blieb er, nachdem ihm bie Füße gefeſſelt worden, matt und anſcheinend halb todt vor Schwäche liegen. Zuweilen machten ſich Einige der Koſaken das Vergnügen, ibm Fußtritte U geben oder ihn an das Schickſal zu erinnern, welches ihm in Niſchnei bevorſtand und keineswegs lockend war. Die Herren des Landes waren ſehr geübt in der Quälerei der Eingebornen; ſie hatten Viele um geringerer Vergehen, als das Temptes, mit Riemen zu Tode⸗ gepeitſcht, oder ſie mit verfaulten Fiſ eſtrichen und lebendig von Hunden zerreißen laſſen.* Doch Tempte ertrug Alles mit ſo ſtumdfem Gleichmuth, daß Kraſcheninikow, die mitleidige Seele, welche ihm am vorigen Tage Speiſe in den Mund geſteckt, kopfſchüttelnd meinte, ſie ſollten ihn in Ruhe laſſen, wenn ſie ihn lebend 121 nach dem Oſtrog bringen wollten. Er fütterte den Gefeſſelten wieder und der gute Appetit, den der ſcheinbar Todtkranke zu haben ſchien, erfreute das Herz des gutmüthigen Ruſſen. Als die Nacht vorgerückt und Einer nach dem Andern eingeſchlafen war, kauerte Tempte ſich noch mehr zuſammen und zog aus ſeinem Schuh, den er glücklicherweiſe erreichen konnte, das Meſſer, welches Alexei ihm auch geſchenkt, das er ſeitdem immer bei ſich getragen und kurz vor ſeiner Gefangen⸗ nehmung dahin geſteckt hatte. Er ſchnitt damit die Bande an ſeinen Füßen durch und obgleich es ihm ſehr ſchwer wurde und auch ſehr lange dauerte, kam er endlich doch mit dieſer Rieſenarbeit zu Stande; darauf ſchüttelte er die Riemen von ſeinen Füßen, ſtieß behutſam die Zweige fort, die an einer Seite der Zelt⸗ wand die Lücke verſtopften, welche die etwas zu kurze Matte gelaſſen hatte und ſchlüpfte hinaus. Die Hunde wurden nicht unruhiger, als ſie es durch den Sturm ſchon waren, daher entkam Tempte unbemerkt. Die Schnelligkeit, womit er ſich trotz des heftigen Windes und Schneegeſtöbers ent⸗ fernte, bewies, daß er die große Entkräftung nur vorgegeben hatte, um die Koſaken ſorgloſer zu machen. In einiger Entfernung ſetzte er ſich nieder, ließ ſich ein wenig einſchneien und wollte ausruhen. Allein die Itel⸗ menen waren gewohnt, wenn ſie im Freien übernachteten, oder einen Schneeſturm abwarteten, ihre Kuklanka auf dem bloßen Leibe zu haben und ſich von Zeit zu Zeit umzudrehen. Dabei zündeten ſie nie ein Feuer an und froren ſelbſt in der ſtrengſten Kälte nicht im Mindeſten; hatten ſie die Kleidungs⸗ ſtücke aber feſt auf dem Leibe, ſo erſtarrten ſie gleich vor 122 Kälte. Auch Tempte konnte es nicht aushalten; er verſuchte zwar, ſeine Arme frei zu machen, doch die Riemen ſchnitten ihm bei jeder Gelegenheit ſo ſchmerzhaft ins Fleiſch, daß er davon abſtehen mußte. Ohne den Gebrauch ſeiner Arme und Hände war er ganz hilflos, und er empfand jetzt erſt, wie unentbehrlich dieſelben ſeien, obgleich ihm ſeine ver⸗ krümmten Finger viel weniger halfen, als Andern ihre ge⸗ ſunden. Sitzend konnte er die Kälte nicht ertragen, ſo ging er denn, trotz des Unwetters, deſſen Ungeſtüm der Wald nur zum Theil brach, langſam weiter. Er ſtolperte oft und ſtieß gegen Baumzweige, allein da ihm ſein langer, einſamer Aufenthalt in der Wildniß faſt den Inſtinet eines Thieres gegeben hatte und er ſich überdies ſehr vorſichtig weiter be⸗ wegte, ſo vermied er jeden ernſtlichen Unfall. Mit der Zeit kam er doch vorwärts und als der Tag nach der ewig langen Nacht graute, hatte er eine anſehnliche Strecke zurückgelegt. Plötzlich bewegte ſich ein Schneehaufen vor ihm und das Gebell eines Hundes erklang. Im nächſten Augenblick ſchüttelte Aphaka ihre Schneedecke ab und war höchſt er⸗ freut, ſtatt des wilden Thiers, welches ſie zu ſehen erwartete, den Ausgeſtoßenen zu erblicken, der für ihre Freunde ſo auf⸗ opfernd gelitten hatte. Auch Tempte war hoch erfreut. Er hatte um Aphaka's Schickſal lebhafte Beſorgniß gehegt, als die Hunde mit ihr und Galgal durchgingen, denn er nahm Antheil an ihr, weil ſie Alexei ſo nahe ſtand. Aphaka durchſchnitt ſeine Bande und klagte ihm dann, daß ſie Hunger habe; er ſuchte ihr Stückchen Weidenrinde. Allein durch die gehemmte Bluteirkulation waren ſeine Hände —— . 123 ganz abgeſtorben und Aphaka rieb ſie lange, ehe er wieder einiges Gefühl darin bekam. Auch ſchmeckte ihr die Rinde nicht einmal, denn ſie hatte nie nöthig gehabt, welche zu eſſen; den armen Itelmenen diente ſie jedoch häufig zur Nahrung und wenn eine Hungersnoth eintrat, wurde in den Weiden⸗ oder auch Birkenwäldern um die Oſtrogen oft die ganze Rinde abgeſchält und verzehrt. Das Mädchen ſuchte die Mahnung des Magens dadurch zu beſchwichtigen, daß es Schnee aß, wovon die Kamtſcha⸗ dalen alle ſehr große Liebhaber waren, und ließ ſich dann von Tempte ſeine Bekanntſchaft mit Alexei und Feodor um⸗ ſtändlich erzählen. Es ſtürmte noch fort und ſie konnten nicht weiter, weil vor ihnen, nur durch einen ſchmalen Wald⸗ ſaum geſchieden, eine baumloſe Ebene ſich befand, auf welche ſie ſich nicht hinauswagen durften, weil der Sturm ſie um⸗ geworfen hätte. Sie richteten ſich alſo ein, ſo gut es an⸗ ging; Tempte machte Gruben im Schnee und breitete für Aphaka Zweige darüber. Muri hielt ſeine Herrin warm und Tempte konnte ſich in ſeiner Kuklanka nach Belieben umdrehen und erwärmen. Beide hatten ſo viel von Alerei zu ſprechen und fanden ſo viel Vergnügen an dieſer Unterhaltung, daß ihnen die Zeit gar nicht lang wurde. Doch machte ſich endlich der Hunger immer fühlbarer und Muri litt ſo ſehr davon, daß er die Riemen fraß, womit Tempte gefeſſelt geweſen war. Währte das ſchlechte Wetter fort, ſo mußten ſie zuletzt verhungern, doch glücklicherweiſe ließ der Sturm ſchon Nach⸗ mittags ein wenig nach. Tempte führte jetzt das Mädchen ſchnell weiter. An manchen Orten lag der Schnee ellenhoch, 124 die Wanderung war alſo ſehr beſchwerlich, allein Aphaka ſtützte ſich auf Muri; er trug ſie mitunter mehr, als ſie ging, und wählte immer die ſicherſten Stellen. Bald kamen ſie über die Lichtung wieder in den Wald und erreichten dann nach einiger Zeit eine kleine Höhle, worin Tempte ſeine meiſten Habſeligkeiten aufbewahrte und worin er auch gewöhnlich ſchlief. Der Eingang war ſo gut verſteckt und jetzt obenein ſo verſchneit, daß Aphaka ſich wunderte, wie Tempte ihn überhaupt zu finden vermochte. Tempte war ſehr ſtolz darauf, einen Gaſt zu haben; er brachte das Beſte von ſeinen Lebensmitteln, was größten⸗ theils aus Aphaka's elterlichem Hauſe herrührte, und ver⸗ gaß nicht, dem Hunde ſeine Portion Speiſe zu geben. Obgleich das Obdach ziemlich enge und ſchmutzig war, fand Aphaka es doch ſehr angenehm und ſie fühlte ſich faſt behaglich, als ſie ein Feuer angezündet hatte. Sie trocknete nach und nach ihre vom Schnee durchnäßten Kleider und Schuhe und bewog Tempte, daſſelbe zu thun. Anfangs ſträubte er ſich zwar, denn nach dem herrſchenden Aber⸗ glauben galt es für Sünde, die Schuhe am Feuer zu trock⸗ nen, ehe die Bachſtelzen angekommen waren; die Verſiche⸗ rung, Alexei hatte das für eine Thorheit, reichte indeß hin, daß Tempte die Schuhe trocknete. Er liebte Alexei mit einer Zärtlichkeit, die viel von der Demuth und Unterwürfigkeit des Hundes hatte und Aphaka tief rührte. Die Begeiſterung, mit welcher der Gebrandmarkte von ihrem jungen Verwandten ſprach, war ein Freundſchaftsband zwiſchen ihr und ihm und ſie wurde dabei bald ſo heiter, wie ſie ſelber es in ihren Verhältniſſen für unmöglich ge⸗ 125 halten hätte. Dieſer Abend war aber auch, obgleich ſie ihn in einer finſtern, auch erfüllten Höhle und in Geſellſchaft eines ausgeſtoßenen Verbrechers zubrachte, ein wahrhaft glücklicher im Gegenſatz zu dem vorigen und Aphaka dankte Gott recht herzlich dafür, daß er ihr den Gebrandmarkten zugeführt hatte. Sie durfte nun doch nicht mehr fürchten, in der Wildniß eines entſetzlichen Todes zu ſterbe und in ſo elender Lage. ihr Gefährte ſich auch befand, er war doch weniger ſchwach und hilflos, wie ſie ſelber. Den Abſcheu, welche Alle vor ihm fühlten, begriff ſie nicht; wenn Alexei ihn nicht verachtete, durfte ſie es auch nicht thun, und jetzt um ſo weniger, da er ihren Freunden einen unſchätzbaren Dienſt erwieſen hatte. Ueberdies war ſie in ihrem Dorf jetzt nicht minder ein Gegenſtand des Widerwillens und der Verachtung, als Tempte ſelber. Dachte ſie daran, wie entſetzt ſich Alle von ihr zurückgezogen hatten, ſo überkam ſie eine lebhafte Furcht vor der Rückkehr und ſie fühlte ſich noch wohler bei dem Ge⸗ miedenen, der ſich vor ihr nicht ſcheute, ſondern ſie mit der zuvorkommendſten Aufmerkſamkeit behandelte. Die Gegen⸗ wart Muri's war ihr auch ein großer Troſt und ſein Rücken bildete wieder ihr Kopfkiſſen zur Nacht. . Dreizehntes Rapitel. Nachdem Aphaka heruntergefallen, waren die Hunde noch eine Strecke fortgerannt, dann ſtürzte der Schlitten um und Galgal ſchlug mit dem Kopf gegen einen Baumſtamm. Als 126 er nach langer Betäubung die Augen öffnete, dämmerte ſchon der Abend und das Fuhrwerk war längſt nicht mehr zu ſehn. Daſſelbe war indeß bald an einigen Aeſten hängen ge⸗ blieben und die Hunde hatten daran lange vergebens gezerrt. Den Schlitten zerbrechen oder die Riemen zerreißen, ging nicht, dazu war Alles zu dauerhaft. Nachdem ſie einige Male verſchnauft hatteund dann immer wieder aus Leibes⸗ kräften gezogen, ſprangen ſie, von einem fallenden Baum er⸗ ſchreckt, zufällig auf die Seite und bekamen dabei den Schlit⸗ ten los; zugleich riſſen auch die Riemen, welche Pikankur halb durchſchnitten hatte. Muri ſetzte ſeinen Weg nach o Oſtrog nicht fort, ſondern wandte um; die andern Hun 5 ſtutzten und ſchienen unſchlüſſig, ob ſie ihm folgen ſollten, wie ſie es gewohnt waren. Doch die Sehnſucht nach dem heimiſchen Futtertrog war zu groß; ſie verließen ihren Füh⸗ rer und liefen nach Hauſe, wo ihre Ankunft die Großmutter Aphaka's in noch größere Verzweiflung verſetzte. Muri aber ſuchte und fand indeß ſeine junge Herrin. Galgal ſpähte lange nach einer etwas geſchützten Stelle umher, wo er den Sturm beſſer abwarten konnte. Er mußte dabei zu ſeinem Aerger ziemlich weit gehn, da vernahm er plötzlich, in einer Pauſe, welche der Sturmwind mit ſeinem Heulen machte, fernes Hundegebell. Erfreut, die entlaufenen Hunde wieder zu finden, und darauf ſinnend, wie er ſie ſtra⸗ fen wolle, tappte er vorwärts. Jetzt hatte er den Ort erreicht, woher das Gebell erklang und er erſchrack nun nicht wenig, als er mehrere Hütten erblickte und ſich von Bekannten um⸗ ringt ſah. Kosko mit ſeiner Frau und allen Täuflingen waren hier 127 vom Sturm überraſcht worden; ſie nahmen ihn verwundert, doch nicht unfreundlich auf. Im erſten Augenblick war er ſehr angſtvoll, dann erinnerte er ſich, daß ſie ja noch nichts von der Rolle wußten, die er ſo eben in ihrem Wohnort ge⸗ ſpielt hatte und dadurch erhielt er ſeine ganze Dreiſtigkeit wieder. Natürlich hütete er ſich, ſein eigner Verräther zu werden, und erzählte nur, ſeine Hunde ſeien ihm wieder durch⸗ gegangen. Bei dem Unwetter wunderte ſich Niemand darüber, auch hörte er kein Wort des Spottes; es waren eben die Geſetzteren und Vernünftigſten, welche ſich hatten taufen laſſen. Was ihn ſelber betraf, ſo fühlte er ſich nicht im Minde⸗ ſten beſchämt, daß er ihre Freundlichkeit nicht verdiente, und ſann nur auf eine gute Gelegenheit, ſich von ſeinen Geſell⸗ ſchaftern zu trennen. Zu Fuß konnte er ſie nicht verlaſſen und kehrte er mit ihnen nach dem Oſtrog zurück, ſo war ſein Leben keinen Grashalm werth; Niemand hätte Bedenken ge⸗ tragen, ihn auf einen Wink Kosko's zu tödten. Nun fürch⸗ teten die Kamtſchadalen zwar den Tod nicht, allein Galgal zog es vor, ſo lange wie möglich auf Erden zu leben, ehe er zu den Freuden der Unterwelt einging. Paſuitſch war nicht die Freundin Galgal's, ſein tücki⸗ ſcher Blick mißfiel ihr und jetzt war er ihr widerwärtiger als je; doch hatte ſie ja keinen gegründeten Anlaß zu einer Abneigung und machte ſich ſelber Vorwürfe wegen dieſes un⸗ willkührlichen Gefühls. Um Tſchekawa, die ihn auch nicht leiden mochte, kümmerte ſich Galgal anſcheinend gar nicht, aber er ſchloß ſich ſehr enge an ihren Vater an. Als am andern Tage der Sturm ein wenig nachließ, be⸗ er den gutmüthigen Kutſchniig, mit ihm nach der 128 Stelle zu fahren, wo ſeine Hunde den Schlitten umgeworfen hatten und wo, wie er vorgab, ſeine Sachen lagen. Er deu⸗ tete dabei nach einer Gegend, die der Richtung ganz entgegen⸗ geſetzt war, in welcher er gekommen, und nachdem ſie eine Strecke Ffihren waren, ſtiegen Beide ab. Während Kut⸗ ſchiniz hinter das Gebü ch ging, wo die Habſeligkeiten ſich befinden ſollten, ſtieg G lgal wieder auf und fuhr ſchnell davon. Mit einigen Lebensmitteln hatte er ſich vorher heim⸗ lich verſehn. Der Betrogene konnte ſich nur mit Mühe zu den Seinigen zurückfinden. Hundediebſtahl war nach itelmeniſchen Begriffen eben ſo wenig Sünde oder Schande als Pferderaub nach arabiſchen; doch waren Alle über Galgals Treuloſigkeit höchſt erbittert. Mehrere wollten ihn verfolgen, allein da er einigen Vor⸗ ſprung hatte, weil Kutſchiniz zur Rückkehr viel Zeit gebraucht und es auch eben wieder zu ſchneien begann, ſo hielt Kosko das Nachſetzen für fruchtlos und geſtattete es nicht. Als das Wetter die Fortſetzung der Reiſe geſtattete, brachen Alle auf; Kosko nahm Tſchekawa zu ſich auf den Schlitten und Kutſchiniz ſtieg bei einem Andern auf. Der Sturm hatte nicht nur in den Wäldern große Ver⸗ heerungen angerichtet, ſondern auch im Dorfe viele Stroh⸗ hütten von den Pfählen geriſſen, auf welchen ſie mit Riemen feſtgebunden waren. Dieſer Schade wurde jedoch völlig ver⸗ geſſen über der ſchrecklichen Nachricht welche die Heimkehren⸗ den alsbald erfuhren.„ Alle nahmen Antheil an Aphaka's Schickſal und Pa⸗ ſuitſch war faſt außer ſich vor Schmerz, allein Kosko war in noch größerer Verzweiflung, als ſeine Frau, denn durch ſeiz Ausplauderei war Aphaka in dieſe Gefahr gerathen und viel⸗ leicht für immer verloren. Indeß halfen ſeine Gewiſſens⸗ biſſe nicht mehr, als die Vorwürfe, welche die Heimkehrenden den Zurückgebliebenen darüber machten, daß ſie das Mädchen wegen eines Wahnes, den die neuen Chriſten verlachten, der Villkür des verrätheriſchen Galgal überlaſſen hatten. Es war gut, daß Galgal ſich davon gemacht hatte, denn trotz ihrer Bekehrung zu der Religion der Liebe hätten die be⸗ raubten Eltern und ihre Untergebenen blutige Rache genom⸗ men und ſein Tod wäre gewiß martervoll geweſer 8 Was mochte nun aber aus Aphaka geworden ein? Das war die Frage, welche Alle beſchäftigte und ihre Eltern faſt wahnſinnig machte. Galgal hatte ſie auf dem Schlitten ge⸗ habt, den die Hunde, ſehr übel zugerichtet, nach Hauſe gebracht hatten. Vielleicht lag ſie zerſchmettert unter dem friſchge⸗ fallenen Schnee— vielleicht athmete ſie auch noch, verwun⸗ det, hungernd und frierend und ſtarb einſam eines langſamen, gualvollen Todes; oder vielleicht hatte ſie Galgal irgendwo zurückgelaſſen, ehe er ſich zu ihnen geſellt und ſie ſpäter ab⸗ geholt. Dann befand ſie ſich jetzt gewiß ſchon weit entfernt und die Ihrigen ſahen ſie niemals wieder. Daß Muri nicht mit den andern Hunden gekommen, war Allen ein Hoffnungs⸗ ſtrahl; es ſchien unglaublich, daß das kluge Thier ſich nicht nach Hauſe gefunden haben ſollte. Alle dazu fähigen Leute wollten aufbrechen, und die Gegend genau durchſuchen, in welcher, dem Vermuthen nach, Galgal vom Schlitten geworfen worden war, allein bei dem tiefen Schnee, der indeß gefallen, war doch wenig Hoffnung auf einen Erfolg. Roskowska, Alexei und Aphaka. 9 130 Die Ankunft Temptes machte dies Unternehmen über⸗ flüſſig. Er hatte Aphaka in Muri's Geſellſchaft in ſeiner Höhle gelaſſen, theils weil ſie durch den tiefen Schnee nicht kommen konnte, theils aber auch, weil ſie nicht wußten, ob ihre Eltern ſchon angelangt ſeien. War dieſes nicht der Fall, ſo mochte Aphaka noch nicht in ihre Heimath zurückkehren, weil die abergläubiſchen Leute ſie mit Abſcheu aus dem Dorfe gewieſen hätten. Außerdem glaubten ſie, es ſei möglich, daß Galgal von den Hunden nach dem Oſtrog zurückgebracht wo Das Entzücken Kosko's, ſeiner Frau und Schwieger⸗ mutter zu ſchildern, wäre unmöglich, darum überlaſſe ich es Jedem, ſich dasſelbe auszumalen. Aphaka wurde abgeholt und auch von den Dorfbewoh⸗ nern mit Jubel empfangen. Die Menge iſt in ihrer Meinung ſtets wankelmüthig, und Diejenigen, welche ſich noch vor wenigen Tagen vor einer Berührung des Mädchens entſetzt hätten, drängten ſich jetzt vielleicht grade am Eifrigſten um daſſelbe. Nur einige alte Männer und Weiber ſchüttelten mißbilligend den Kopf über dieſe Vernachläſſigung des Brauches, den ihre Eltern vor ihnen gehabt hatten. Die Andern wurden durch den Einfluß beherrſcht, den Kosko's Anſehn und ſeine Gegenwart übten, und verſpotteten mit den neuen Chriſten die abgeſchmackte Einbildung: Jemand der in's Waſſer gefallen, ſei zum Verderben beſtimmt. Uebrigens ſchien es mehr als Einem ein Wunder, daß das zarte, verwöhnte Kind glücklich den Sturm überſtanden hatte, der ſo ſtark geweſen, wie man ſich deſſen ſeit lange nicht mehr erinnerte, obgleich heftige Orkane nichts Seltenes & — 131 waren. Die neuen Chriſten dankten dafür dem Gott, zu welchem ſie ſich jetzt bekannten, und Mehrere, die vorher die Taufe verſchmäht hatten, beſchloſſen, ſie zu nehmen. Sogar die Großmutter wäre in der Freude, ihren Liebling wieder zu haben, Chriſtin geworden, hätte ſie das Bedenken wegen des Himmels nicht zurückgehalten. Auch in dem Benehmen gegen Tempte zeigte ſich der Fortſchritt in der Bildung und Aufklärung, welchen die Dorfbewohner ſeit Kurzem gemacht hatten. Daß Kosko und ſeine Familie die innigſte Dankbarkeit gegen ihn fühlten und auch zu beweiſen ſuchten, das verſteht ſich von ſelbſt, aber auch die Andern, und natürlich wieder die Verſtändigern, zeigten ihm Theilnahme, ſtatt des Widerwillens, womit ihm ſonſt begegnet worden wäre. Jetzt galt es zuerſt, den Aufenthalt Alexei's und Feodor's zu erfahren, denn die Verwandten des Erſtern waren alle in großer Sorge, ob ſie auch während des Sturms in Sicher⸗ heit geweſen. Tempte vermuthete ganz richtig, daß der Schlitten des Schamanen ſie aufgenommen habe, weil der Handſchuh in der Richtung nach dem Kamtſchatskaia aufge⸗ ſteckt war. Kosko wagte nicht, das Dorf zu verlaſſen, denn er wußte ja nicht, ob nicht in ſeiner Abweſenheit die Koſaken wiederkämen. So machte ſich denn Tempte allein auf den Weg zu der Hütte des Beſchwörers. Er fürchtete ſich zwar ſehr vor den Geiſtern, allein ſeine Zuneigung für Alexei überwand ſeinen Aberglauben, und zu ſeinem Entzücken fand er ſeine Vermuthung beſtätigt. Der alte Schamane hatte ſie getroffen und nachdem ihm Alexei offen ihre Gefahr geſtanden, bereitwillig in ſeine 6 132 Hütte gebracht. Hier waren ſie ſicher, denn die abergläubi⸗ ſchen Itelmenen wagten ſich niemals in die Nähe des Vul⸗ kans. Unter der ſorgſamen Pflege des Schamanen heilte Feodor's Wunde ſehr bald. Es ließ ſich erwarten, der Gouverneur würde eine ſtär⸗ kere Koſakenabtheilung ſenden und Kosko wegen der Auf⸗ nahme und Verheimlichung ſeiner Sklaven beſtrafen laſſen. Ein glücklicher Zufall überhob Alle dieſer Sorge. Ein frommer Mönch aus dem Kloſter des heiligen Nikolaus, Bruder Baſil, machte oft Reiſen, um die Heiden zu bekehren und die Bekehrten zu unterrichten. Er war nicht in Niſch⸗ nei geweſen, als dort die große Taufe ſtattfand, hatte aber davon gehört und kam jetzt zu den neuen Chriſten am Tſchamſcha. Es freute ihn herzlich, daß ſich hier mehr Spuren der Geſittung fanden, als bei Vielen, die das Chriſtenthum ſchon lange angenommen hatten; Vruder Baſil nahm bald herzlichen Antheil an der Familie des Häuptlings und wurde der Vermittler zwiſchen Kosko und dem Gouverneur. Kosko ſollte in verſchiedenen Terminen einige hundert Pelze geben und damit die Sache abgethan ſein. Der Gouverneur war ſo leicht zu beſchwichtigen, weil er in dieſem Winter einige Dörfer züchtigen wollte, deren Ein⸗ wohner den Tribut verweigert und ſich gegen Beamte unge⸗ bührlich benommen hatten. Vor der Hand war ſeine Mann⸗ ſchaft beſchäftigt, und im Sommer eine Unternehmung ſchwierig. Dennoch brachte Kosko, eine mögliche Hinterliſt des Gouverneurs befürchtend, ſeine beiden Gaſtfreunde, Alexei und Feodor, auf welche ſich ohnehin die Verzeihung — —— ———— Kamtſchadalen, ſich, wie dieſe, mit einem baldigen Wieder⸗ ſo ließ ſich ja im künftigen Winter, wie der heimtückiſche 133 des Gouverneurs nicht erſtreckte, nach dem Oſtrog am Oſer⸗ naia, wo ſie vor allen Nachſtellungen ſicher waren. Der Ab⸗ ſchied der beiden jungen Leute von ihren Verwandten und bisherigen Beſchützern war der herzlichſte von der Welt und wurde deſſen Weh nur durch die frohe Ausſicht auf ein bal⸗ diges und glückliches Wiederſehen gemildert. Von der mehr oder weniger günſtigen Aufnahme der vorliegenden Erzäh⸗ lung bei unſern jungen Leſern wird es abhängen, ob eine Fortſetzung derſelben ſpäter folgen ſolle oder nicht. Vor⸗ läufig nimmt die Verfaſſerin von den jungen Leſern eben ſo herzlichen Abſchied, als Alexei und Feodor von den wackern ſehen ſchmeichelnd. Wenn Kosko einen Theil des Pelzwerks geliefert hatte, wofür ihm Vergeſſenheit des Geſchehenen verſprochen worden, Gouverneur bei ſich meinte, leicht ein Vorwand finden, um den Vertrag zu brechen und Rache zu nehmen; es mußte nur die günſtige Gelegenheit abgewartet werden. Natürlich hatten weder Kosko noch Baſil eine Ahnung von dieſem treuloſen Hintergedanken. Kosko brachte Alexei und Feodor, als die Wunde des Letztern geheilt war und Beide herzlichen Abſchied von Allen genommen hatten, nach dem Oſtrog am Oſernaia, denn auf ſie erſtreckte ſich nicht die Vergebung des Ruſſen. Da ſie im Augenblick Alle außer Gefahr ſind, wollen wir vorläufig von ihnen Abſchied nehmen. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. 3 * S 16 17 18 19 2 b, 1 9 11 12 3 14 1