Leiipn ——— SLeih und der Bibliothek. Die Bib d Rückgabe der 2 ücher jed 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit e den angenommen. 3.(Aution. Unbekannte Perſonen mü eines Buches, eine dem Werthe de h nterlegen, we wird. 6 Offensein pfangnahme un 4. Abonnement. Daſſelbe muß vora t tlich 2 Büch ür wöcheutli üchen: auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnent der Bücher auf ihre eigenen Ko 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, defecte Bücher(namentlich bei ſolchen Ladenpreis erſetzt werden. lorene und defeete Buch ein Theil eines gr der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflich 7. Ansleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Ta beſonders darauf aufmerkſam gemacht, kaß 6 der Bücher nicht ſtattfinden darf, ſelben ir geliehen, auch da * a2 us das zerriſſ ü 2 V deutſcher, engliſcher und franzi 6duard Otlmann in Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 25 Seſebedingungen. 4 Bücher: 3 Mk. 50 Pf. en haben für Hin⸗'u ſten und Gefahr zerriſſene, mit Kupfern ꝛc. ene, beſch ößeren W tet. e feſtgeſetzt und wird indem DPiejenigen r zu ſtehen haben. hekt öſiſcher Literatur 7 m⸗ liothek ſteht zur E ag von Morgens en geliehenen Buches wird von) ines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſſen, bei Ent ſen entſprechen lche bei deſſen Zurn gabe von mir zurückerſtattet gegennahm de Summe bezahlt werden und 6 Bücher: NW nd Zurückſendun ſelbſt zu ſ verlorene und muß der mutzte, erkes, das eiterverleihen welche die⸗ „ ge Ain, flihre ei e hadenersatz. cher nicht ſartſin Das Hünengrab. P 20 Hünengrab. S Bistorisrhe Creühlung von Otto Rognette. Deſſau, Druck und Verlag von Gebrüder Katz. 1855. Erſtes Kapitel. Wenn wir von den weſtlichen Abhängen des Teutoburger Waldes hinabſteigen, in deſſen dunklen Gebirgsſchluchten einſt die römiſchen Adler dem Freiheitsdrange unſrer Urväter erlagen, gelangen wir in eine Gegend, in welcher die Geſchichte uns bei jedem Schritt von Schlachten, von langwierigen Kriegen erzählt, in welcher uns überall Denkmäler einer wilden, kampfdurch⸗ tobten Vergangenheit entgegentreten. Es iſt dies das Land der alten Sachſen, ein Theil des heutigen Weſtfalen. Der Theil dieſes Landes, auf welchem unſte Erzählung ſpielt, wird im Oſten begrenzt durch den Teutoburger Wald und das Eggegebirge, ſüdlich durch das Haargebirge, während im Weſten und Norden ſich weite Haide⸗ 1 * gegenden nach dem Rhein und gegen das Mün⸗ ſterland öffnen. Von Oſten nach Weſten wird es durchſtrömt von der Lippe, einem Fluſſe, dem eine Menge kleinerer Flüßchen und Bäche von den Bergen her zufließen und zum Theil tiefe Ein⸗ ſchnitte in das wälderreiche Hügelland machen. Im nordweſtlichen Theil dieſes urgermaniſchen Erdſtriches liegt die Stadt Paderborn. Hier war es, wo Karl der Große ſeine Schlachten gegen die alten heidniſchen Sachſen ſchlug, wo er ihre Irmenſäule zerſtörte und die Beſiegten zum Chri⸗ ſtenthumé zwang; hier, wo die zahlloſen Quellen des Flüßchens Pader von den Hügeln rieſeln, hielt der große Frankenkönig im Jahre 777 einen Reichstag, den erſten im Lande der Sachſen, von wo ihn die Geſandten der mauriſchen Emire nach Spanien zu Hülfe riefen. Hier ſtiftete er drei Jahre darauf das Bisthum Paderborn. Iſt es gleich nicht dieſe frühe Zeit, in welche ich meine Leſer zu führen denke, ſo wird vielen derſelben das Jahr 1123, in welchem die Ereig⸗* niſſe unſrer Erzählung ſpielen, doch noch eine zu frühe ſein, vorzüglich ſolchen, die im Roman — — — nur die nüchternen Tendenzen der Gegenwart leſen wollen. Dieſen rathe ich in unſerm beiderſeitigen Intereſſe, die vorliegende Erzählung aus den Händen zu legen. Im Anfang des zwölften Jahrhunderts bot der bezeichnete Theil Weſtfalens der Kultur noch weite Strecken dar. Dunkle Wälder, deren ver⸗ wildertes Dickicht noch keine Forſtkultur gelichtet hatte, wechſelten mit ausgedehnten Haideſteppen, unterbrochen von Sümpfen und unfruchtbaren Moorgegenden. Einige Menſchenalter, voll von furchtbaren Bürgerkriegen, Kämpfen der hohen und niederen Vaſallen gegen das weltliche Oberhaupt, die Regierungszeit Heinrich's des Vierten und Fünften, hatten Deutſchland aus dem Streben, ſich äußerlich und innerlich zu entwickeln, in die tiefſte Barbarei zurückgeworfen, eine Barbarei, welche die Kirche zu begünſtigen ſchien, um ihre weltlichen Zwecke dabei zu verfolgen. Nur mit Mühe und Selbſt⸗ überwindung war es Heinrich dem Fünften gelun⸗ gen, indem er dem Papſtthum nachgab, einen Frieden herzuſtellen, welcher zwar die hohen Wo⸗ gen des innern Krieges beſchwichtigte, wenn er 1 gleich das vom Kriegsſturm durchwühlte Meer noch nicht völlig ebnen konnte. Schon aber zeigen ſich die Spuren eines neuen Aufſchwunges im Vaterlande. Die Aufregung des erſten Kreuzzuges geht wie ein gläubig phantaſtiſches Meteor durch das Jahrhundert. Das Städteweſen entwickelt ſich, während der Adel ſich in rohen Fehden um⸗ hertreibt, aus ſich ſelber zu einer herrlichen Blüthe heraus, und mancherlei geiſtige Anzeichen ſagen uns, daß wir an der Schwelle einer größern, ruhmvollern Zeit ſtehen, daß wir der Geburt des herrlichen Zeitalters der Hohenſtaufen ent⸗ gegenſehen.— An einem trüben Septemberabende des Jah⸗ res 1123 kamen zwei Reiter aus den Gebirgs⸗ ſchluchten hervor, welche zwiſchen dem Teutoburger Walde und dem G Eggegebirge liegen, ungefähr in der Gegend, wo heut der Flecken Driburg, mit den Reſten des ehemaligen Schloſſes Iburg über ſich, liegt. Die Männer hatten dem Abte des Kloſters Corvey einen Beſuch gemacht, einen Beſuch, deſſen Zweck der Verfolg unſter Erzählung lehren wird. Da beide mit der Gegend un⸗ 5 bekannt waren, hatten ſie geglaubt, die Stadt Paderborn noch vor Nacht erreichen zu können, nun aber hatte die Dunkelheit ſie überfallen, während ſie noch mehre Stunden von ihrem Ziele entfernt waren, und keine Spur einer menſchlichen Kultur ließ ſie die Nähe einer Stadt erwarten. Sie hatten die Berge verlaſſen und ritten einer weiten hohen Fläche entgegen, während der rothe Septembermond am Horizonte aufſtieg. Ein ſcharfer Wind ſtrich über die Ebene, das„Hänge“ genannt, eine noch heut traurige und melan⸗ choliſche Strecke, wo kein Baum, kein Dach einer menſchlichen Wohnung auf Stunden weit zu er⸗ blicken iſt, und nur dürres Haidekraut die leiſen Erderhöhungen und Hügel bekleidet. Die Berge ſcheinen ſich furchtſam an den Horizont zurückzu⸗ ziehen von dieſer Gegend, wo der Sturm ſeine breiten Flügel auslegt und heulend und unge⸗ hindert dahinſauſt und ſeine Wirbel dreht. Die Wolken flogen von ihm gejagt am dunklen Him⸗ mel hin und verhüllten den Mond, und nur zuweilen fiel ein kalter Lichtſchimmer über weißliche Nebelſtrecken und klagende Schilffelder, welche die Nähe ausgedehnter Sümpfe andeuteten. Der kalte Wind bewirkte, daß die Reiter ſich feſter in ihre Reiſemäntel hüllten, und die troſtloſe Oede der Haidegegend, welche durch die herbſtliche Stimmung in der Natur noch melancholiſcher gemacht wurde, ließ die Gefährten in ein tiefes Schweigen verſinken. So ritten ſie wohl eine halbe Stunde neben einander. „Welch ein einſames, todtes Land iſt das!“ ſo unterbrach endlich der Jüngere das Schweigen. „Wahrhaftig, Gottfried, mich kommt faſt ein Grauen an vor dieſer Oede, in der ich keinen Weg für mein armes Thier, geſchweige denn einen Ausweg für uns ſehe!“ „Es iſt ſchlimm, daß uns die Nacht überfal⸗ len hat,“ entgegnete Gottfried,„bei Tage ſollte es Euch ſchon beſſer gefallen. Allerdings ſcheinen wir völlig auf Abwege gerathen zu ſein, und ich gönnte meinem Pferde gern bald Ruhe. Aber was hilft's, wir müſſen eben fortreiten, die Thürme und Lichter von Paderborn werden ja endlich irgendwo auftauchen und Ihr werdet den Biſchof, Euern Ohm, noch begrüßen können.“ ——.—— ——— „Wollt Ihr denn zu Paderborn in der Her⸗ berge bleiben? Frau Jutta wird ſich auf dem Kappenberge nach Euch ſehnen.“ „Mein Weib iſt wohl aufgehoben, und um ſo beſſer, da ſie in der Geſellſchaft des frommen Bruders Alviſius und ſeiner Brüderſchaft iſt.“ In der That, ich muß es glauben. Und — doch geſtehe ich Euch, ich kann es noch nicht recht faſſen, daß Graf Gottfried von Kappenberg ſein Schloß in ein Kloſter verwandeln will.“ „Ihr ſeid jung, mein lieber Richard, und ſo iſt es mir begreiflich, daß Ihr meinen Plan nicht faſſen könnt. Ihr ſeid ein Jugendgeſpiele und Waffenbruder Konrads von Hohenſtaufen, des kaiſerlichen Aeffen, Euer Herz hängt noch an der Welt, Ihr hofft glänzenden Tagen entgegen zu gehen, und ich bin weit davon entfernt, dies zu bezweifeln, oder Euch von Eurem Streben abwendig zu machen. Aber mit vierzig Jahren ſieht man die Welt anders an, als mit zwei⸗ undzwanzig, womit ich nicht geſagt haben will, daß Ihr in meinem Alter auch klöſterliche Ge— danken haben würdet. Der Eine will im Treiben der Welt, der Andere im Stillen ſeinem Herzen und ſeinem Gotte leben. Aber hättet Ihr, wie ich, damals zu Köln jenen heiligen Mann, den Bruder Aloiſius gehört, hättet Ihr ſein von heiliger Begeiſterung flammendes Auge geſehen, die Wirkung ſeiner hinreißenden Worte gefühlt, wie er die Schande und den Jammer unſerer Zeit aufdeckte, wie er zu einem gottſeligen Leben, zur Buße, zur Entſagung ermahnte— o Richard, auch auf Euer junges weltliches Herz hätte das einen Eindruck gemacht. Mit weltlichen Plänen war ich nach Köln gekommen, um den Kaiſer gegen Theodorich von Holland, oder vielmehr deſſen Mutter Gertrud, zu unterſtützen, und in tiefſter Zerknirſchung verließ ich die Stadt, denn mein Herz war durch die Worte des Heiligen völlig umgewandelt!“ „Ich konnte ihn leider nicht hören, der Kaiſer hatte mir zu thun gegeben. Aber Aloiſius muß hohe Gaben beſitzen. Wißt Ihr, wo er her⸗ kam, oder wißt Ihr ſonſt von ihm?“ „Ueber ſeine Vergangenheit habe ich ihn nicht befragt, ich hatte genug zu thun, um für — —— — ——— ſeine und ſeines Ordens Zukunft zu wirken. Ich weiß nur, daß er aus Frankreich kam, aus der Gegend von Laon. In der Gegend dieſer Stadt iſt ein Heiligthum auf dem Berge Prémontre und nach dieſem will er den Orden, zu deſſen Stif⸗ tung ich ihm behülflich ſein will, mit dem Namen der Prämonſtratenſer benennen.“ „Und der Kaiſer hat den Orden beſtätigt?“ 5„Das liegt nicht ganz in ſeiner Macht. Er hat die Schenkung, die ich dem neuen Orden mache, bewilligt, die Beſtätigung aber muß erſt von Rom eingeholt werden. Indeſſen hat er ſelbſt den Boten mit dem Geſuch dahin geſandt, und bei dem gegenwärtigen guten Einvernehmen zwiſchen Kaiſer und Papſt, hoffe ich, wird uns der letztere nichts in den Weg legen, im Gegen⸗ theil wird er den Kaiſer in einer ſo heiligen R Handlung gern unterſtützen. Wäre es erſt ſo weit, daß der Baumeiſter, welchen der Abt von Corvey mir empfohlen hat, auf meinem Berge Hand ans Werk legen könnte!“ 3„Wie lange habt Ihr den Aloiſius ſchon bei Euch?“ ———— =—— — —— ————— 10 „Zwei Monate. Ich wünſchte ihn von Köln aus gleich mit mir zu nehmen. Er aber zog es vor, noch predigend im Lande umherzuziehen. Auf einem Eſel reitend kam der Heilige bis nach Paderborn. Dort hörte ich ihn wiederum und wurde aufs Neue hingeriſſen. Dort widerſtand er meinen Bitten nicht länger und ſegnete mein Haus durch ſeinen Einzug, und ſeitdem war ich ſo hoch begnadet, ihn täglich zu ſehen und zu hören.“ Richard von Streitberg ſchwieg eine Weile und marf ab und zu einen Blick auf die dunkle, neblige Haide. Die Umgebung, ſowie das Ge⸗ ſpräch ſeines Begleiters ſchien wenig Anziehendes für ihn zu haben. Nach einiger Zeit wendete er ſich ſeinem Gefährten wieder zu und ſprach zö⸗ gernd die Worte: „Sagt mir, Gottfried— die Tochter des Grafen Arnsberg, Luitgart, Eurer Frau Schweſter, ſcheint auch— recht ſehr von dieſem Heiligen eingenommen zu ſein?“ „Eure Braut? Allerdings, das iſt ſie; wer könnte ſein Herz auch vor ſo göttlichen, erhabe⸗ nen Worten verſchließen!“ „Mich wundert nur,“ ſagte Richard wie⸗ derum nach einigem Stillſchweigen,„daß es dem Kaiſer einfällt, mich plötzlich zu verheirathen: Er kümmert ſich doch ſonſt nicht um Heiraths⸗ geſchichten!“ „Ich verſtehe Euch, Richard!— Ihr müßt die Sache als eine Handlung der Politik betrach⸗ ten. Ihr genießt die Gunſt des Kaiſers. Dem letztern lag es daran, dem Grafen Friedrich von Arnsberg, einem ſeiner furchtbarſten Feinde, nachdem ihm endlich die politiſche Verſöhnung mit ihm gelungen war, ein Zeichen ſeiner per⸗ ſönlichen Verſöhnlichkeit zu geben, und ſo ſuchte er die Verbindung mit Arnsbergs Tochter und einem ſeiner jungen begünſtigten Ritter herzu⸗ ſtellen.“ „In der That, ich muß ihm großen Dank dafür wiſſen!“ ſagte Richard nicht ohne einige Er⸗ regung.„Was kann dem mächtigen Grafen Arns⸗ berg an einem Schwiegerſohn liegen, er, der ſich einen ſolchen unter den höchſten Reichsvaſallen 12 ausſuchen könnte! Ich bin ein armer Edelmann, mein Roß und mein Schwerdt ſind mein Alles, das Schloß meiner Ahnen hat man mir in meiner Kindheit ſchon als einen Trümmerhaufen gezeigt!“ „Um ſo mehr ſollte Euch eine ſolche Ver⸗ bindung gelegen ſein, Richard! Und gefällt Euch denn Eure Braut Luitgart ſo wenig?“ „Sie ſcheint eine ſanfte, edle Jungfrau. Ich ſah ſie nur das eine Mal in Geſellſchaft Eurer werthen Hausfrau. Sie wagte mich kaum anzu⸗ ſehen und machte mir den Eindruck einer Kloſter⸗ jungfrau. Sie ſcheint ſehr fromm zu ſein!“ „Das iſt ſie. Ich bekenne Euch, ſie hatte ſich ſelbſt für das Kloſter beſtimmt. Doch nun— Ihr werdet eine fromme, gottesfürchtige Frau an ihr haben!“ Richard ſeußte nicht, aber in ſeiner Bruſt ſchien eine heftige Aufregung zu ſein, denn er riß ſein Pferd plötzlich am Zügel, daß es einen Satz machte und auf dem ſteinigen Boden beinahe geſtürzt wäre. Nach einer Weile unmuthigen Schweigens machte er endlich ſeinem Herzen Luft. 13 „Nein,“ rief er,„nein, Gottfried! Es geht nicht länger, ich kann meine Gedanken nicht länger verſchweigen, ich muß aufrichtig ſein! Ich mag mich nicht zum Opfer der Politik hingeben, und Luitgart ſoll es auch nicht ſein! Ueberdies— ich fühle nichts für ſie, ich kann mich nicht über⸗ reden, daß ich ſie lieben, noch das Fräulein glücklich machen könnte. Ich habe noch keine Luſt zum Heirathen. Ferner aber will ich nicht einen Mann zum Schwiegervater haben, deſſen Wildheit, deſſen Geſinnung, deſſen Thaten mir Abſcheu einflößen, und den ich— kurz und gut— aufs bitterſte haſſe! Gottfried, verzeiht mir, der Graf Arnsberg iſt Eures Weibes Vater— Ihr mit Eurer Lammesfrömmigkeit könnt mit dieſem ſchrecklichen Menſchen auskommen, ich aber könnte es niemals! Es könnte zwiſchen uns zum Aerg⸗ ſten kommen!“ „Ihr erſchreckt mich, junger Mann! Und doch habt Ihr recht. Nur darin nicht, daß Ihr meint, ich würde in meiner ruhigen Sinnesart immer mit dem Vater meiner Judith in gutem Einvernehmen leben! Gott ſei's geklagt, wir ſind ſchon darüber hinaus! Er iſt gegen die Schenkung, die ich dem Orden des heiligen Alviſius gemacht habe; er behauptet, ich hätte mein Weib dadurch um ihr Eigenthum verkürzt. Judith aber theilt in frommem Sinne meine Pläne und hat ſich, wenn ich einſt dahin gehen ſollte, für das Kloſter entſchloſſen. Ich habe böſe Auftritte mit dem Grafen gehabt, er hat Drohungen gegen mich ausgeſtoßen, hat die Forderung geſtellt, ich ſolle den Alviſius von mir thun. Aber glaubt mir, Richard, ich kann auch aufhören milde zu ſein, wenn man mich an der verwundbaren Stelle an⸗ greift! Genug davon. Luitgarts Wirkung auf Euch kann ich mir erklären, und bei der Neigung des jungen Mädchens zum Kloſter werdet Ihr auch keine erwünſchte Erſcheinung für ſie ſein. Vielleicht läßt ſich dieſer Konflikt ſchlichten. Der Kaiſer wird in einigen Tagen in Paderborn er⸗ wartet—— Aber um alle Welt, wo ſind wir denn hingerathen? Da ſind ja anſtatt der Thürme der Stadt die Berge des Osning*), die durch )„Osning“, alter und Volksname des Teutoburger Waldes. 5 das Dunkel dringen! Wir haben uns völlig ver⸗ irrt in der Finſterniß. Wenn wir dieſem Wege folgen— und allerdings ſcheinen wir hier auf einem gebahnten Wege zu ſein,— ſo kommen wir in den Wald.“ „Ich glaube wir ſind ſchon darin. Rechts und links nehme ich Buſchwerk wahr, und dort ſteigt eine hohe Felswand empor!“ „O weh, ſo ſind wir weiter von der Stadt entfernt, als ich fürchtete.“ „So binden wir die Pferde an einen Baum, hüllen uns in die Mäntel und ſchlafen unter freiem Himmel.“ Ein plötzlicher Mondſtrahl drang durch die finſtre Nacht und zeigte, daß ſich die Reiter einem Hohlwege näherten, welcher in einen ſchwarz da⸗ liegenden Wald führte, der an den Hügeln em⸗ porſtieg. Es war für die Reiſenden das Gera⸗ thenſte, dieſem Wege zu folgen, da er ſie am frühſten zu Menſchen führen zu wollen ſchien. Nach einer Stunde Reitens lichteten ſich die Bäume wieder, und aus dem Walde heraus kommend er⸗ blickten die Reiter im fahlen Mondlicht ein weit⸗ 16 gedehntes Hügelland, ab und zu mit Bäumen beſetzt und von großen Felsſtücken unterbrochen. „Halt!“ rief Richard,„dort ſehe ich ein Licht ſchimmern. Es muß freilich noch ſehr entfernt ſein. Dieſe verwünſchten Steppen dehnen ſich ins Unendliche. Jetzt fehlte uns übrigens nur doch, daß uns jenes Irrlicht anſtatt unter ein gaſtliches Dach an eine nächtliche Gerichtsſtätte der heiligen Vehme brächte!“ „Das glaube ich nicht,“ entgegnete Gottfried. „Dieſe Gegend ſcheint zwarziemlich abgelegen zu ſein von dem regern Verkehr der Menſchen, allein—“ „Ich kann Euch nicht verhehlen,“ unterbrach ihn Richard,„daß ich dies Land der rothen Erde mit einem gewiſſen Schauder betrat. Ich will in der Schlacht dem Feinde, im Zweikampf jedem Gegner mit Muth entgegentreten, aber dieſe heim⸗ lich ſchleichenden Richter und Gegner, die mit immer treffenden Waffen überall ſein ſollen, wo man ihrer nicht gewärtig iſt, flößen mir ein Grauen ein.“ „Das iſt es, was ſie wollen. Wer jedoch ein gutes Gewiſſen hat, braucht dieſe Gegner nicht 17 zu ſcheuen. Auch ich geſtehe, daß ich dieſe ge⸗ waltigen und furchtbaren Richter in ihrem Treiben nicht ganz vertheidigen möchte. Die Religion ver⸗ bietet dergleichen Gewaltthat, die in den meiſten Fällen wie blutiger Mord ausſieht, und doch leben wir in einer Zeit, wo man dieſes Gericht billigen muß. Sagt ſelbſt, iſt es in unſern Tagen, wo, wenngleich der Kaiſer den Frieden geboten hat, doch weder kaiſerlicher noch päpſtlicher Befehl geachtet wird, wo jeder zum Schwerdt greift, um ſeinen Leidenſchaften zu genügen, wo überall noch die abſcheulichſten Gräuel ausgeübt werden, iſt es da nicht ein wahrer Segen, daß es eine Macht giebt, vor der Alle zittern? Ihr Schrecken beſteht eben darin, daß ſie im Verborgenen geht, daß ihre Theilnehmer unbekannt und doch überall in der Welt leben, daß ſie raſch bei der Hand ſind mit der Strafe, und daß ihnen ſelten ein Schuldiger entgeht. Wie aus der Erde gewachſen, ſind ſie plötzlich da und treffen den Schuldigen, und nie iſt es vorgekommen, daß ein Unſchuldiger ihnen zum Opfer gefallen wäre. Es liegt etwas Schau⸗ dererregendes in dieſer Ausübung der Gerechtigkeit, 2 18 aber der Gedanke, welcher ihr zu Grunde liegt, iſt ein ſittlicher.“ „Und der Kaiſer dies Gericht wiederum beſtätigt?“ „Gewiß! Er weiß, wie viel er dem Frei⸗ ſtuhl zu Dortmund zu verdanken hat— er hat in ſeinem eigenen Leben Grund genug gegeben, die heilige Vehme zu fürchten. Laſſen wir das.“ „Und iſt dies Gericht ſchon alt?“ „Es behauptet ſchon aus Karls des Großen Zeiten zu ſtammen.“ „Ich kann mich nicht dazu verſtehen es zu loben. Man fordere ſeinen Gegner zum Kampfe heraus, aber man ſtelle ihm nicht heimlich nach. — Doch ſeht, wir kommen dem Lichte näher. Es kommt aus keinem Hauſe. Es iſt ein Feuer auf dem Hügel dort unter den dichten Bäumen. „Auch ich bemerke es, ohne jedoch Luſt zu verſpüren, mich ihm zu nähern. Es ſind wun⸗ derliche Geſtalten.—“ „Seht, ſeht! die eine ſchreitet um das F Su herum!“ 1 „Laßt uns umkehren, Richard! Ich bin 19 nicht zaghaft, das wißt Ihr, aber es giebt We⸗ ſen, denen man aus dem Wege gehen muß!“ Gottfried von Kappenberg war ein tapferer Mann, das mußten ihm auch ſeine Feinde laſſen. Bei aller Tapferkeit und Frömmigkeit aber war er doch durchaus von dem Aberglauben ſeiner Zeit befangen, und dieſer flößte ihm hier einen Schauer vor Hexen oder überirdiſchen Weſen ein, gegen welche alle Ritterſchaft und Tapferkeit zu Schan⸗ den wurde. Anders aber dachte ſein Gefährte. Ihn trieb die jugendliche Neugier, jene Weſen näher zu betrachten und ein gewiſſes Grauen, deſſen er ſich allerdings auch nicht erwehren konnte, verſtärkte den Reiz noch mehr. Trotz des ältern Gefährten Abmahnungen, ſetzte es Richard daher durch, daß beide ihre Pferde an einen Baum banden und den Hügel hinan ſtiegen, wobei der vernünftige Grund den Ausſchlag gab, daß man auf dieſe Weiſe vielleicht Auskunft über den rech⸗ ten Weg erhalten werde. Richard eilte, gedeckt vom Schatten einiger großer Felsſtücke, den Hügel empor, während Gottfried langſamer folgte. Auf dem Gipfel des 2 20 ziemlich geſtreckten Hügels erhoben ſich mehrere alte Eichen um einen Haufen von rieſigen Stei⸗ nen, welche aufeinander gethürmt zu ſein ſchienen und auf welchen ebenfalls eine Eiche ſich empor⸗ hob, die ihre gewaltigen Wurzelarme um das Geſtein geſchlungen hatte, während ihr Wipfel hoch über die ihrer Schweſtern hinausragte. Hinter einem dieſer alten Stämme, um welchen ſich dichtes Geſtrüpp wand, ſtand Richard und ſah einen der räthſelhafteſten Auſtritte. Um ein hochflackerndes Feuer von Baumäſten und Reiſig war ein Kreis gelegt von Todtenſchädeln und Feldſteinen, und um dieſen Kreis machte eine hohe Weibergeſtalt die Runde, indem ſie unver⸗ ſtändliche Worte vor ſich hin murmelte. Auf einem Steine daneben und gelehnt an eins der aufgethürmten Felsſtücke, ſaß ein zweites Weib, deſſen Geſichtszüge jugendlicher waren, und das mit untergeſchlagenen Armen und in Gedanken verloren in die Flamme ſtarrte. Beide Weiber waren in grobe Stoffe gekleidet, die Alte hatte ein Tuch um den Kopf geſchlungen und über der Stirn zugeknüpft, unter welchem das lange graue 2 Haar hervor und um die Schultern flatterte; der Kopf der Jüngern aber war ganz von einem groben Stück Tuch bedeckt, welches die Schultern und, während ſie ſaß, die ganze Geſtalt umgab. Der Schein des Feuers warf ſein grelles Licht auf die Geſträuche und Felſen und auf die beiden hohen Geſtalten, und die überraſchende Fremd⸗ artigkeit dieſes Bildes ſchien unſerm jungen Ritter die Vermuthung ſeines Freundes zu beſtätigen, daß er hier das Walten übernatürlicher Weſen zu belauſchen ſich erkühnt habe. Die Alte blieb jetzt ſtehen, und indem ihre Züge ſich verdüſterten, ſprach ſie: „Die Zeichen können nicht trügen, und den⸗ noch will es nicht zutreffen!— Es tritt etwas Fremdes in die Kreiſe, ich weiß nicht was, aber es iſt etwas Feindliches. Wolfhilt, lege Zweige in die Flamme, daß ſie höher ſteige!“ Die mit dem Namen Wolfhilt Angeredete erhob ſich und ſchritt, eine hohe königliche Ge⸗ ſtalt, auf das Feuer zu, um dem Befehle der Alten nachzukommen. Indem ſie ſich dem Feuer näherte, wurden ihre Züge noch mehr beleuchtet, 22 und zeigten eine überaus edle Bildung, aber um das dunkle Auge einen Zug von Wildheit, wel⸗ cher beim erſten Anblick Schrecken einzuflößen geeignet war. Nachdem ſie ihr Geſchäft voll⸗ bracht hatte, nahm ſie ihren Platz wieder ein, ſtützte den Ellenbogen auf das Knie, das Kinn in die Hand, und blickte ſchweigend vor ſich hin.“ „Die Raben fliegen durch die Nacht,“ ſagte die Alte;„es muß einen Kampf gegeben haben. Sie wittern die Beute auf dem Felde.— Wird Norbert kommen? Ich kann von keinem Kampfe mehr hören, ohne zu fragen: warum hat ihn Norbert nicht begonnen? Warum kam er noch nicht, uns und ſein Geſchlecht zu rächen?— Norbert! Norbert! Bald mußt du kommen, bald, denn es iſt Zeit! Noch einmal will ich die Zeichen fragen!“ Mit dieſen Worten wiederholte ſie ihren Rundgang um das Feuer und ihr Gemurmel, welches jetzt heftiger und wie eine Beſchwörung klang. „Laßt es gut ſein, Mutter!“ ſagte Wolfhilt, indem ſie ihr Haupt erhob.„Wartet bis zum nächſten Vollmond. Er iſt heut von Wolken umſchattet, und der Wind verweht die Flamme. Laßt uns heimkehren!“ „Heimkehren? Abwarten!“ rief die Alte. „Kannſt Du noch warten? Ich mags nicht!— Wo nur Frotolf bleibt! Nicht er erſcheint, nicht Norbert! Ich ſterbe vor brennender Sehnſucht. O, daß er in dieſer Stunde käme! Ha, ich wollte jauchzend niederſtürzen und ſeine Knie er⸗ faſſen, des Sohnes Knie umfaſſen und ihm in die Seele ſchreien: Auf dich ſetzte ich die Hoff⸗ nung meines Lebens, jetzt mit deinen Mannen auf und räche deine Mutter, räche dein Geſchlecht! — Norbert! O— noch einen Kreis! Ich muß Gewißheit haben, oder ich fange an zu ver⸗ zweifeln!“ Wiederum that ſie einige Schritte um den Kreis, plötzlich aber innehaltend rief ſie: „Nein, es drängt ſich ein Fremdes herein, wo iſt es?“ In dieſem Augenblicke bemerkte ſie Richards Geſtalt, da er ſich zu weit hervorgewagt hatte, und mit einem wilden Schrei der Wuth ergriff ſie einen Todtenſchädel und ſchleuderte ihn mit ſolcher Gewalt und Sicherheit gegen Richard, daß dieſer, an der Stirn getroffen, betäubt zu Boden ſtürzte. Wolfhilt, in dem Wahn, daß ihnen ein Ueberfall drohe, riß einen Feuerbrand aus der Flamme und ſtand mit geſchwungener Waffe des Angriffs gewärtig da. „Gott im Himmel, ſchütze uns vor Teufels⸗ gewalt!“ rief Gottfried, welcher herzuſprang, um den Verwundeten aufzurichten, was ihm jedoch nicht gelang, da eine Wunde auf der Stirn, aus welcher das Blut ſtrömte, ſeines jungen Freundes Sinne mit einer Ohnmacht umhüllt hatte. „Teufliſches Weib, Hexe, oder der Satan ſelbſt,“ rief er der Alten entgegen,„hebe Dich von mir! Du haſt ihn gemordet!“ Die Alte riß der Jüngern den brennenden Aſt aus der Hand, und indem ſie ſich ſeiner als einer Fackel bediente, leuchtete ſie dem jungen Ritter ins Geſicht. Wolfhilt trat herzu, ſah das Blut über Richards Antlit fließen, riß ein Hals⸗ tuch ab, und indem ſie ſchweigend aber haſtig neben ihn niederkniete, legte ſie ihm einen Ver⸗ band um die Stirn. „Vorwitzige Männer!“ entgegnete die Alte in ſtolzem Tone,„was ſuchtet Ihr hier? Was treibt Euch in dieſe Wildniß?“ „Wir ſind vom Wege nach Paderborn ab⸗ gekommen, und dieſer Gegend unkundig, dachten wir Euch nach der Richtung zu fragen. Ihr ſeid ein nichtswürdiges Geſchöpf, uns ſo zu empfan⸗ gen! Gott im Himmel, er ſtirbt!“ „Laß dieſe Scheltworte! Ich habe nicht Luſt, ſie heut mit Flüchen zu bezahlen! Deiner wartet nichts Gutes, ich leſe es in Deinen Zügen!— Wohlan, wenn Ihr in keiner andern Abſicht kamt, mags damit genug ſein. Wolfhilt, hole den Bal⸗ ſam— eil Dich!“ Wolfhilt erhob ſich und verſchwand gleich darauf im Dunkel der Umgebung. „Er wird nicht ſterben!“ fuhr die Alte fort. „Er athmet noch. Hm, wenn ich ihn näher be⸗ trachte— ſeine Züge ſprechen von Sinnesreinheit, ſein Bau iſt der eines jungen Helden— er ſoll nicht ſterben, es wär' ſchad' um den Jungen!— Porbert! Die Alte blickte ſeufzend und mit halb ſchmerz⸗ lichen, halb wilden Blicken in das Geſicht des Jünglings und murmelte leiſe vor ſich hin: „Wenn du ſo dalägſt, Norbert!“— „Was treibt Ihr hier, Weib?“ fragte Gott⸗ fried, indem er einen Blick auf den wunderlichen Kreis um das Feuer warf.„Was ſollen dieſe Schädel? Das ſieht aus wie verruchtes Zauber⸗ werk! Glaubt Ihr an Gott und die Heiligen?“ „Seid Ihr ein Betbruder? ein Pfaff? ein Mönch? Was gehen Euch meine Werke an? Jene hohlen Schädel da am Feuer ſind mehr werth als der Eurige! Die dort waren gefüllt von heldenkühnen Gedanken, die in die Glieder der Männer, die ſie trugen, Kampfesfeuer und Kraft ſtrömten. Der Eurige ſteckt voll grämlicher Kloſter⸗ weisheit und wird weder Euch noch der Welt etwas nützen. Laßt mir meinen Kreis in Ruh, Ihr verſteht ihn doch nicht.“ Graf Gottfried von Kappenberg ſah die Alte erſtaunt an, er konnte, bei ſeinem frommen Sinne, 27 ſich eines Entſetzens nicht erwehren und ſchwieg. Wenige Minuten darauf ward Wolfhilt wieder zwiſchen den Bäumen ſichtbar. Wie ſie groß und erhaben einherſchritt, ſich dann niederbeugte und lindernden Balſam auf die Wunde des jungen Ritters träufelte, glich ſie einer jener Walküren der nordiſchen Götterſage, die über die Schlacht⸗ felder ſchreiten und aus den gefallenen Streitern die Helden auswählen, um ſie von der Wahlſtatt in die Stätten ewigen Ruhmes und Glückes zu führen. Ein großer graubärtiger Alter war inzwi⸗ ſchen ebenfalls zum Platze gekommen. „Ragnachar,“ ſagte die Alte zu dieſem, der ihr Diener zu ſein ſchien,„faſſe den Verwundeten an und trage ihn zum Thurm, der Ritter da wird Dir helfen.“ Aber Ragnachar brauchte dem Befehle ſeiner Gebieterin nicht mehr nachzukommen, denn Richard erholte ſich plötzlich und ſchlug die Augen auf. Wolfhilt hob ſich ſchnell empor und verließ ihn, indem ſie ein Scheit Holz aus dem Feuer nahm, daſſelbe Ragnachar reichte und dann die übrigen brennenden Aeſte auseinanderzog, um die Flamme zu verlöſchen. 28 „Der Verwundete iſt fürs Erſte mein Gaſt!“ ſagte die Alte mit Ernſt und Würde.„Ihr da, frommer Ritter, mögt einen Trunk, wie man ihn dem Gaſte reicht, bei mir koſten, und dann heim⸗ reiten. Ragnachar, leuchte voran!“ Richard hatte ſich zwar erholt, ſchwankte aber in einem Taumel und unwiſſend, was mit ihm geſchah, am Arme Gottfrieds den Hügel hinab. Der Diener und ſeine Gebieterin gingen den bei⸗ den Rittern voran, Wolfhilt folgte in einiger Entfernung. Ungefähr zehn Minuten von dem Platze, welchen ſie verlaſſen hatten, zeigte ſich auf einer leichten Erhöhung des Erdbodens ein ſchwar⸗ zes, von Bäumen umgebenes Gebäude, welches faſt nur aus einem Thurme von gewaltigem Um⸗ fang beſtand. Sie gingen durch eine Thür, welche Wolfhilt hinter der Geſellſchaft mit einem Riegel verſchloß, und traten in einen großen Raum, aus welchem eine Treppe in ein höheres Stockwerk führte. Hier befanden ſich mehrere Zimmer. In einem derſelben, in welches die Gäſte geführt' wurden, brannte ein Kaminfeuer, deſſen wohl⸗ thätige Wärme, bei derbereits unleidlich gewordenen 29 Kälte der Nacht, dem Verwundeten ſehr wohl zu thun ſchien. Der Raum, wenngleich von Allem entblößt, was auf behagliches Leben deuten oder zum Schmuck gereichen konnte, war doch bewohnbar eingerichtet, und die faſt zehn Fuß dicken Mauern verſprachen eine immerhin ſichere Wohnung. Es war ein Wartthurm aus wahrſcheinlich heidniſcher Zeit, die Einrichtung aber, welche man ihm ge⸗ geben hatte, mochte noch kein Menſchenalter um⸗ faſſen. Maurer und Zimmerleute waren thätig geweſen, Fenſier mit tiefen Niſchen in die Mauern zu arbeiten, Wände zu ziehen, Treppen und Fuß⸗ böden einzurichten. Einigealte unförmliche Schränke und Truhen ſtanden an den Wänden, in der Mitte des Zimmers ein plumper, gebräunter Tiſch und einige Stühle von ähnlicher Arbeit. Während Gottfried ſeinen Freund zu einem Seſſel an den Kamin führte, fiel ihm ein, daß die Pferde noch auf der Haide an den Baum gebunden ſtanden, und er ſchickte ſich an, die Thiere zu holen. „Ragnachar,“ rief die Gebieterin des Hauſes, 30 „Du wirſt den Ritter begleiten.“— Sobald Gottfried ſich mit dem finſtern alten Diener ent⸗ fernt hatte, trat die Alte zu Richard. „Die Wunde ſchmerzt Euch, junger Ritter? Jo, ich hatte gut gezielt! Ich wünſchte, ich hätte Einen getroffen, der es mehr verdiente.— Nun, es thut mir leid! Mehr könnt Ihr von einem Gegner nicht erwarten, als daß er ſagt, es thut mir leid— das kann Euch eine hinlängliche Ge⸗ nugthuung ſein. Aber ich will noch mehr thun, ich will Euch von Euren S befreien, Ihr ſollt ſchlafen.“— ⸗ Sie ſagte alles das in einem ernſten, faſt barſchen Tone, wiewohl ihre Worte gut gemeint waren. Dann öffnete ſie einen Schrank, goß aus einer Flaſche eine Flüſſigkeit in eine Schale und ſtellte dieſe an das Feuer des Kamins. „Freilich,“ fuhr ſie während ihrer Be⸗ ſchäftigung fort,„ein Schwerdthieb über die Stirn wäre Euch lieber geweſen, als eine Beule durch den Wurf eines Todtenſchädels! Freilich die ſcharfe Kante deſſelben gab Euch eine Wunde. Ihr ſeid da zu Wunden gekommen, junger Ritter, —— 31 Ihr wißt nicht wie! Hahaha, und ein altes Weib hat ſie Euch beigebracht, ein altes Weib hat einen jungen Ritter niedergeworfen!“ „Wäret Ihr nicht ein Weib,“ rief Richard mit ſo viel Kraft, als ſein Zuſtand, der in ein Wundfieber übergehen zu wollen ſchien, es zuließ, „wäret Ihr nicht ein Weib und, wie es ſcheint, die Herrin dieſes Hauſes, ſondern ein Mann, ſo ſollten Euch dieſe höhniſchen Worte theuer zu ſtehen kommen! Ein Weib, ſo wie der feigſte Lump, können durch einen Wurf einen Helden tödten, da iſt nicht von Kampf, da iſt nur von Schandthat die Rede. Nur der iſt überwunden, der im Streite, Mann gegen Mann, beſiegt wird!“ „Ei ſeht! So gefallt Ihr mir! Das iſt ein tüch⸗ tiges Wort, und es reut mich nicht, es hervorgelockt zu haben. Aber glaubt mir, ich bin auch— ich war auch einſt kein zu verachtender Gegner. Doch genug! So ein Ding von Wunde kann auch einen Starken quälen, zumal wenn ſie nicht ſcharf, ſondern flach gefallen iſt. Ich kenne das, weiß 32 „ das aus Erfahrung. Da, trinkt aus dieſer er⸗ wärmten Schale, das wird Euch gut thun.“ Richard trank und erklärte, er fühle ſich ſtark genug, um die Reiſe fortzuſetzen. „In wenig Minuten werdet Ihr die Reiſe⸗ gedanken verlieren, junger Ritter. Der Trank bringt Schlaf, ich hab' Euch ſchon ein Lager be⸗ reiten laſſen, Ihr bleibt mein Gaſt.“ In der That fühlte Richard nach wenigen Minuten eine Schwere in allen Gliedern, und die tiefſte Schlafſucht überkam ihn, ſo daß er ohne Widerſtreben die Hand ſeiner Wirthin an⸗ nahm, die ihm eine Thür öffnete und ihm im Nebenzimmer ein Lager anwies, auf welchem er ſogleich in den tieſſten Schlaf verfiel.— Die Alte ſetzte ſich an den Kamin, und wäh⸗ rend Wolfhilt den Tiſch mit einer Kanne Wein, Brot und geräuchertem Fleiſch beſetzte, ſagte ſie: „Es iſt ein wunderliches Abenteuer! Er trat mir in die Kreiſe, ich erwartete Norbert und habe einen verwundeten Ritter als Gaſt ſtatt ſeiner im Hauſe. Ich wünſchte Norbert hätte ihm die Wunde beigebracht. Er iſt ein hübſcher und, wie es ſcheint. 33 wackerer Junge, ich gönne ihm eine gute Schwerdt⸗ narbe. Die Wunde, die ich ihm gab, verfliegt, davon bleibt nichts. Wunderliche Gedanken ge⸗ hen mir durch den Kopf— halb iſt mir, als müßte ich den Menſchen haſſen, und halb erfüllt mich Wohlwollen für ihn!“ Wolfhilt ſagte nichts, ſondern nahm ihr Spinnrad aus der Fenſterniſche und ſetzte ſich da⸗ mit an den Kamin, ihrer Mutter gegenüber. Nach kurzem Schweigen ſagte die Alte, indem ſie in die niſternden Flammen ſtarrte:„Und nicht einmal Frotolf kehrt zurück!“— Das Schnurren des Spinnrades war darauf einige Zeit der einzige hörbare Ton im Zimmer, bis Graf Gottfried zurückkehrte. „Stärkt Euch, Ritter, und genießt,“ ſagte die Wirthin zu dem Eintretenden.„Ihr werdet's bedürfen. Vergeßt auch den Wein nicht, ich will Euch den Becher zutrinken. Es iſt Alles einfach, wahrſcheinlich ärmlicher als Ihr es gewohnt ſeid, aber wer zu einer alten Nachteule zu Gaſte kommt, kann keine Leckerbiſſen erwarten. Auf eine glück⸗ liche Reiſe!“ 34 Gottfried folgte der Einladung und fand das einfache Mahl überaus erquickend. Als er ſich vom Tiſche erhob, ſagte ſeine Wirthin: „Jetzt müßt Ihr fort. Ihr habt bis Paderborn fünf Stunden. Es iſt Mitternacht, gegen Mor⸗ gen könnt Ihr dort ſein. Ragnachar wird Euch ein Stück begleiten und Euch den Weg weiſen. Euer junger Begleiter ſchläft, ich behalte ihn, bis ſeine Wunde heil iſt.“ „Unſere Bekanntſchaft,“ entgegnete Gottfried, „hat ſich auf eine wunderbare Weiſe angeknüpft.“ „Nicht eben!“ fiel die Alte ein.„Ich habe ſchon wunderbarere Anfänge gehabt. Meine Be⸗ gegnung war rauh, Ihr ſchimpftet mich eine Hexe — das kann ich täglich wiederholt ſehen, wenn ich unter Menſchen gehe!“ „Ich muß Euch bei der Sache noch Dank wiſſen, denn Ihr habt mich und meinen jungen Freund gaſtlich aufgenommen. Ich glaube, ihn Euch anvertrauen zu können, in wenigen Tagen ſoll ſein Ohm, der Biſchof von Paderborn, ihn abholen laſſen.“ „Sein Ohm— der Biſchof? Er iſt der 35 Neffe des Biſchofs?“ rief die Alte, indem ihre Augen von einem dämoniſchen Feuer glühten und über ihre Züge eine Unheil verkündende Freude flog.„Ha! des Biſchofs von Paderborn Reffe!“ Sie wiederholte dieſe Worte mit ſcharfer Betonung und ſah ihre Tochter an, welche ſich ſchnell erhob, ſich abwendete und in die Fenſter⸗ niſche trat.—„Verzeiht,“ fuhr die Alte fort, indem ſie ihre Mienen ſchnell bezwang,„ver⸗ zeiht, ich bin überraſcht, einen ſo vornehmen Gaſt zu haben! Und dann ſeid Ihr gewiß der Graf von Kappenberg, der fromme Herr, der ſein Haus in ein Kloſter verwandeln will— ich habe da⸗ von gehört!— Alſo richtig! Eilt, Herr Graf, eilt— Ihr habt es nöthig! Euer Haus— Euer Weib— Ragnachar wird Euch den Wg zeigen!“ „Um Gotteswillen, Ihr kennt mich— was wißt Ihr, was iſt geſchehen?“ „Ich weiß nichts, ich ſeh in Eurem Antlitz etwas ſtehen, das nichts Gutes bedeutet!“ „Deutet es auf Unglück in meinem Hauſe? Ihr ſetzt mich in Schrecken, Frau!“ 3 36 „Ei zum Geier, ſo ſeht ſelber zu! In fünf Stunden könnt Ihr in Paderborn ſein. Grüßt den Biſchof und ſagt ihm, ſein Reffe ſei in Gundofara's Obhut. Nennt ihm nur den Namen Gundofara— das wird Wirkung machen! Jetzt genug, frommer Graf! Zu Pferde! Und laßt, trotz aller Frömmigkeit, keinen Tropf aus Euch machen! Da, nehmt meine Hand zum Ab⸗ ſchied!“ Gottfried verabſchiedete ſich von der ſeltſa⸗ men Frau, ſchwang ſich in den Sattel und ver⸗ ließ das düſtere alte Gebäude, während ſein ſchweigſamer Begleiter, Ragnachar, ihm zur Seite ſchritt. Die Alte aber blickte, ſobald Gottfied den Rücken gewendet hatte, ihre Tochter mit froh⸗ lockender Miene an und rief:„Haſt Du's gehört? Des Biſchofs Neffe! Wir haben ihn in unſerer Gewalt!“ „Erbarmen, Mutter!“ ſagte Wolfhilt mit flehender Geberde.„Was willſt Du es den Jüngling entgelten laſſen? Er weiß vielleicht kaum von ſeines Oheims—“ 37 „Schweig!“ rief die Alte heftig und gebie⸗ teriſch.„Du biſt nicht werth des Namens, den Dein Geſchlecht führt. Auf Dein Lager, fort!“ Wolfhilt gehorchte ſchweigend, die Alte aber ergriff die dunkel ſchwelende Lampe, trat vor Richards Lager und blickte dem Schlafenden lange ins Antlitz. Die heftigſten Regungen ihrer Seele flogen über ihr Geſicht, bis ſie endlich auf einen Schemel niederſank mit den Worten:„Norbert! — Rein er ſoll Deiner Rache aufgeſpart werden!“ Zweites Kapitel. Die Stadt Paderborn hatte am Anfang des zwölften Jahrhunderts für ihr jugendliches Alter doch ſchon ein ſtattliches Anſehen. Nicht als ob ſchöne gerade Straßen mit großen Plätzen ſie ge⸗ ſchmückt hätten— von ſolcher Herrlichkeit war noch nichts zu ſehen. Krumme, enge Gaſſen, vielleicht noch nicht einmal gepflaſtert, waren von zuſammengedrückten Häuſerreihen beſetzt. Einige von Lehm, andere von Holz, wenige von Stein, und die meiſten ſchon mit hohen Giebeln verſehen. Zuweilen ragte ein beſſeres, ſchöneres Haus aus den Reihen hervor und zeigte, daß die Blüthe, welcher das Städteweſen in dieſer Zeit entgegen⸗ ging, auch ſchon in dem Ausſehen der Stadt ſich zu zeigen begann. Was aber der Stadt ein vor⸗ [4 zügliches Anſehen verlieh, war das hier von Karl dem Großen geſtiftete Bisthum. Der herrliche Dom, noch jetzt ein ausgezeichnetes Monument der Ver⸗ gangenheit, war um 1016 durch den Biſchof Mein⸗ werk vollendet worden, und ragte hoch über die Häuſermaſſe der Stadt empor. An der Weſtſeite der Kathedrale erhob ſich zu jener Zeit ein präch⸗ tiger kaiſerlicher Palaſt, neben dem erſteren, die größte Zierde der Stadt. Paderborn erfreute ſich, wie ihre Schweſterſtädte Soeſt, Dortmund und andere, ſchon früh einer ausgezeichneten Rechts⸗ pflege, deren Inſtitutionen von weit her verlangt wurden, um auf ihrer Grundlage eine Gerichts⸗ barkeit aufzubauen.— In der Nähe des weſtlichen Thors, welches gegen Lippſtadt liegt, lag eine Schmiede, die dem Meiſter Walram gehörte. Vor der Thür ſtand ein Baum und darunter lagen mehre Holzklötze, die oft zum Ausruhen dienten, wenn Einer länger auf ein zu beſchlagendes Pferd warten mußte, und oft war auf dieſem Platze ein buntes Treiben von allerlei Reiſigen, vornehmen Grafen und Rittern, Pferdeknechten und ſonſtigen Leuten, die in der 40 Schmiede zu thun hatten. Eine Schmiede war im Jahr 1123 ein Ort von ungleich größerer Be⸗ deutung als heutzutage. Es war eine wilde und unruhige Zeit, und trotzdem, daß der Kriegsſturm ſich im Großen gelegt hatte, waren doch alle Straßen noch voll von Fußvolk und Reiterzügen, die mancher wilde Reichsvaſall oder kleinere Burg⸗ herr benutzte, um über ſeinen Nachbar herzufallen. Privatfehden aller Art traten an die Stelle des großen Krieges.— Um die Stadt Paderborn herum erhoben ſich eine Menge von Burgen. Der Sitz des Biſchofs, wo es auch von berittenen Knechten wimmelte, gab dem Schmiedehandwerk immer neue Arbeit, und wer etwa auf einer Reiſe nach Paderborn kam, mußte, da ie Reiſen meiſt zu Pferde zurückgelegt wurden, auch den Schmied vielfach in Anſpruch nehmen. In der Schmiede des Meiſter Walram war alſo von früh bis ſpät ein lebendiges Treiben und die Schmiede⸗ hämmer dröhnten bis ſpät in die Nacht. Das Haus hatte außer dem Erdgeſchoß nur ein Stock⸗ werk, und darüber erhob ſich ein hoher geſchwärz⸗ ter Giebel. Durch einen breiten Thorweg trat — 41 man in eine große gepflaſterte und gewölbte Halle, welche durch einen Pfeiler in der Mitte getragen wurde, und in welcher die Bälge puſteten und das Feuer auf dem Schmiedeheerd nicht ausging. In dem großen Raume vor dem Pfeiler arbeite⸗ ten vier cyelopiſche Geſellen an dem niedern Schmiedewerk, während im Hintergrunde Meiſter Walrams eigne Werkſtätte war, wo er Schwerdter, Rüſtungen und Waffenwerk aller Art verfertigte. Aus dieſem hintern Raume führte eine ſteinerne Treppe nach ſeiner Wohnung hinauf und zu ſeiner Hausfrau, Frau Gerberga, welche durch das Dröhnen der Schmiedehämmer im Untergeſchoß nicht im Geringſten beläſtigt wurde, denn man hatte dazumal noch nicht ſo feine Nerven wie heutzutage. Es war noch früher Morgen, aber in der Schmiede ſchon Alles in Thätigkeit, als durch das Thor ab und zu ein Trupp von Fußknechten gezogen kam und die Straße entlang eilte, zu⸗ weilen auch ein Reiter haſtig vorübergeſprengt kam. War das gleich nichts Außergewöhnliches, ſo zog es doch die Blicke der Städter auf ſich, und wie die Schmiede der gewöhnliche Verſammlungs⸗ ort der Nachbarn war, die ihre Neugier befrie⸗ digen wollten, ſtand auch heut bald eine Gruppe in und vor der rußigen Halle, fragte, erkundigte ſich und ſprach ihre Vermuthungen aus. „Ich möchte nur wiſſen, warum die Kerle nicht mit der Sprache herausrücken?“ ſagte ein kurzer, etwas krummbeiniger Nachbar, deſſen Hände den Schuſter nicht verleugnen konnten.„Es ſind von des Arnsbergs Knechten. Der breitſchulterige Grobian da hat die Sohlen von den Stiefeln, die ich für ihn gemacht habe, noch nicht abgetreten, und thut heut als kenn' er mich nicht!“ „Werden wohl wieder was Sauberes einge⸗ rührt haben, die Arnsbergiſchen,“ meinte der Bäcker,„daß ſie ſich ſcheuen müſſen, es auszu⸗ ſprechen. Der wilde Wolf auf ſeiner Wevels⸗ burg hat nimmer Ruhe. Sollte ſich aber in Acht nehmen, daß der Kaiſer, der uns in unſerer Stadt heimzuſuchen kommt, ihm ſeine Höhle nicht gar durchſtöbert.“ „Ei doch, der Kaiſer!“ rief ein Anderer, „der hält dem Arnsberg ſelbſt die Stange, erin⸗„ nert ſich noch gut, wie er ihm bei Andernach an der Spitze des Heeres die Stirn bot, daß das ganze kaiſerliche Heer geſchlagen auseinander lief. Hat ſich jetzt mit dem Grafen verſöhnt und wird ſich hüten, wieder mit ihm anzubinden.“ „Es ſollt' ihm doch jetzt gerade nicht ſchwer werden, ſeine Herren Grafen und Barone in Ord⸗ nung zu halten,“ meinte ein rußiger Schmiede⸗ knecht;„ſteht doch jetzt unangefochten da und iſt mächtiger als jemals, und wer den Hammer regieren kann, der ſchmiedet ſein Eiſen, ſo denk ich.“ — „Ja, ja! laßt ihm nur den Hammer!“ ereiferte ſich der Bäcker,„und er wird was Rechts zuſammenſchmieden! Wir kennen ſeine Ar⸗ beit! Hat er doch mit ſeinem eignen Vater, Gott hab' ihn ſelig, den guten Herrn, im Kampfe ge⸗ H 5 legen, hat ihm Ketten geſchmiedet und ihn ge⸗ fangen geſetzt! Was wird er, wenn er die Macht in Händen hat, mit ſeinen Reichsbaronen lange umſpringen? Wiewohl, wenn ich's Einem gönne, ſo iſt's der Arnsberg!“ „Mein, ſeht! da kommt wieder eine Schaar! Sollte das etwa ſchon des Kaiſers Vortrab ſein?“ ————— 44 „Arnsbergiſche Knechte, ſo wahr das hier Pech und das hier Sohlenleder iſt! Lauter Arns⸗ bergiſche, die Kaiſerlichen würden anders ein⸗ ziehen!“ „Aber was iſt das? Haben ſie da nicht einige von dem neuen Orden des heiligen Aloiſius? Wahrhaftig— und in Ketten! Werden dahin⸗ getrieben wie die Schafe zur Schlachtbank! Nein,. was ſoll das geben? Die frommen Männer mit Ketten zu beladen, die ruhig auf dem Kappen⸗ berge ſaßen!“ Die Nachbarn ſahen mit vielfachen Ausbrüchen des Erſtaunens einer Schaar von Fußknechten nach, welche einige Mönche in ihre Mitte genommen hatten, die mit niedergeſchlagenen Augen ſich in das Geſchick einer rohen Behandlung ergeben zu haben ſchienen. „Es iſt weit gekommen,“ nahm einer der Nachbarn das Geſpräch wieder auf.„Als der fromme Aloiſius damals auf offenem Platze pre⸗ digte, daß einem das Herz aufging; als er die Schande unſrer Pfaffen aufdeckte und weder Hoch noch Niedrig ſchonte und Lehren gab für ein 45 gottſeliges Leben, daß man ſich hätte von all den Pfaffen abwenden und niederfallen und ihn als einen Heiligen anbeten mögen— ſchon damals ſchwante mir nichts Gutes. Der Biſchof ſah ge⸗ waltig ſcheel, mochte aber nichts thun aus Furcht vor den Leuten, und jetzt—“ „Ei, Nachbar, Ihr meint doch nicht, daß der Biſchof die Hand dabei im Spiele habe?“ „Was geht's mich an, aber es iſt redens⸗ werth! Unſre Pfaffen können's treiben wie ſie wollen— ei was, man erfährt auch, was ſo in den Kloſtermauern vorgeht!— Aber die frommen Brüder des heiligen Alviſius, die gleichwie die Engel im Himmel leben, ja die werden wie das liebe Vieh die Gaſſen entlang getrieben! Nur zu, nur zu— es giebt noch Leute, die da wiſſen, was ſie zu thun haben, wenn es zum Aergſten kommt!“— Von dieſer heftigen Rede eines ſtämmigen Gerberknechts, Namens Helmbold, wurde die Auf⸗ merkſamkeit Aller plötzlich abgezogen durch einen Trupp von Reiſigen, in deren Mitte zwei ver⸗ ſchleierte Damen durch das Thor herein und die 46 Straße entlang ſprengten. Einer der Knechte aus dem Trupp trennte ſich von den Seinigen, ſprang vor der Schmiede vom Pferde, und indem er ſich den Schweiß von der Stirn wiſchte, führte er ſein ermüdetes Thier in die Schmiedehalle mit den Worten:„Ein Hufeiſen! Hab' nicht lange Zeit! Friſch zu!“ „Nut biſt gar ſo eilig, Heribald?“ rief einer der Schmiedeknechte, welcher den Ankömmling er⸗ kannte.„Was hat's gegeben? War das Deine Burgfrau, die Gräfin Kappenberg, die da herein kam?“ „Nur nicht lang gefragt!“ rief Heribald heftig.„Flugs den Gaul hergenommen und ihm das Bein bearbeitet. Er wird ſeine Beine heut brauchen, das arme Vieh!“ Während die Schmiedegeſellen ſich über das Pferd hermachten und die Gruppe der Nachbarn ſich in die Halle nachdrängte, ſo daß bald ein großer Kreis von Neugierigen um Heribald und die Knechte ſich bildete, kam auch Meiſter Walram aus ſeiner eignen Werkſtätte herbei. 47 „Was giebt's denn ſo Eiliges?“ fragte er, „gilt Euch das Treiben da draußen?“ „Hat uns gegolten, daß Gott erbarm! Die verfluchten Schufte! Niedergebrannt Alles, die kahlen Mauern ſtehen auf dem Kappenberge! Der Graf nicht zu Haus! Dem Arnsberg wollt' ich das Herz aus dem Leibe reißen, dem Bluthund!“ „Um aller Heiligen willen! Ihr ſchnappt nach Luft, Mann; da trinkt einmal und dann erzählt ordentlich!“ Heribald ſetzte des Meiſters Frühſtückskanne an den Mund und nach einem tüchtigen Zuge rief er:„Zu Galle möcht' Einem der beſte Wein werden! Solche Schufte! Sitzen wir da ruhig auf dem Kappenberge, unſer Graf iſt nicht daheim, iſt in Köln beim Kaiſer, wird aber jeden Tag erwartet.“ „Unterhandélt wohl mit dem Kaiſer wegen der Schenkung für den heiligen Bruder Aloiſius?“ „Freilich thut er das! Der ſitzt derweil mit ſeiner frommen Schaar bei uns auf dem Kappen⸗ berge, bis der Graf ihm ein Kloſter für ſeinen neuen Orden eingerichtet hat. Ein wahrer Gottes⸗ 48 mann, ein Heiliger! Ihr habt ihn predigen hören, was er von ſeiner Pilgerfahrt nach Jeruſalem erzählte, wie er den Mönchen ihr läſterliches Leben vorhielt—“ „Ja, ja, Gott ſegne ihn, aber erzählt!“ „Sitzt alſo bei uns oben auf der Burg, hält täglich Uebungen mit uns, und unſte Frau, die Gräfin, mit ihrer Schweſter leben ganz in frommen Gebeten mit ihm. Verſehen wir uns alſo keines Uebels, da kommt geſtern ein Zug Arnsbergiſcher Knechte aus dem Walde, und immer mehr und mehr, daß wir bald Wind kriegen, was ſie wollen und die Zugbrücke außiehen. Dauert auch nicht lang, ſo ſchickt uns der Arns⸗ berg, der dabei iſt, einen Trompeter herauf, mit dem Befehl, ihm den Aloiſius mit ſeiner Brüder⸗ ſchaft auszuliefern! Der Graf Arnsberg, müßt Ihr wiſſen, der wilde Eber, iſt wüthend, daß unſer Graf und unfre Frau dem Alviſius faſt die Hälfte ihrer Güter zu einer frommen Stiftung vermacht haben, ſpekulirt ſelber darauf, möchte ſelber Alles an ſich reißen! Dieweil Frau Judith, ſeine Tochter, kinderlos iſt, hofft er das kappen⸗ 49 bergiſche Erbe an ſein eigen Haus zu bringen— iſt die rechte Art dazu, ſeiner Tochter Haus in Brand zu ſtecken, daß ſie noch mit Mühe und Noth davon gekommen!“ „In Brand ſtecken? Seiner Tochter Haus? So ein Rabenvater!“ „Ja, bei dem vatert ſich was! Schickt uns alſo einen Trompeter, daß wir ihm den heiligen Alviſius ausliefern ſollen, weil er das Herz ſeiner Tochter verblendet und ſie damit in ihrem Eigen⸗ thum verkürzt habe! Schickten wir ihm den Alviſius nicht herunter, ſo wolle er das Schloß zerſtören und abbrechen, und männiglich niedermachen, was er vorfinde!— Da ſaßen wir droben in einer verwünſchten Lage! Der Graf nicht daheim, keine Mannſchaft auf der Burg, als nur die frommen Brüder, die keine Armbruſt zu ſpannen verſtehen; außer mir nur noch zwei handfeſte Knechte! Aber unſre Frau verliert drum den Muth nicht, läßt ihrem ſaubern Herrn Vater ſagen, die frommen Brüder ſeien ihr von ihrem Gemal anvertraut, ſie dürfe ſie nicht ausliefern, und wolle er darob ihr Haus belagern, ſo werde ſie es mit Gottes 4 0 Hülfe vertheidigen, die wackere Frau! Da kommt der fromme Alviſius an der Spitze ſeiner Schaar auf den Schloßhof herab und erklärt, ſie ſeien bereit, hinabzugehen, und müßten ſie den Mär⸗ tyrertod ſterben, ſie wollten nicht, daß ihrer Be⸗ ſchützerin Haus um ihretwillen Gefahr leide. Dawider ſtreitet unſte Frau— Himmeltauſend⸗ ſakrament, da haben die Arnsbergiſchen ſchon die Brücke niedergeſchoſſen und donnern mit Sturm⸗ böcken am Burgthor! Mochten an die dreihundert Bewaffnete ſein, und wir nur zu dreien, und in wenig Augenblicken ſtürzt ſich der ganze Haufe in den Burghof. Unſte Frau und ihre Schweſter fliehen in die Gemächer, die frommen Brüder aber bleiben unerſchüttert ſtehen und laſſen ſich in Ketten legen. Jetzt werfen die Arnsbergiſchen Pechfackeln in das Haus, aller Orten fängt es an zu brennen, kein Menſch kann retten, zumal da's Nacht geworden iſt, und der Arnsberg kom⸗ mandirt und flucht in dem brennenden Haus herum und läßt Alles niederreißen. Mit Mühe kriege ich die Pferde aus dem Stalle heraus, ſchicke ſie mit einem Knechte hinab und rette die Frauen durch ein 51 Hinterpförtchen. Drunten wartet der ſchon mit den Gäulen; ich bringe die Frauen darauf und fort ging's durch die⸗Nacht, während oben die Flamme thurmhoch zum Himmel ſtieg! Das war ein Ritt, den ich dem Arnsberg gedenken will!“ „Gott erbarme ſich! Wenn das ein Vater in dem Hauſe ſeines Tochtermanns thut, was ſoll nun noch geſchehen? Das ſchreit um Vergeltung zum Himmel!“ „Und um Rache auf Erden! Unſer Graf iſt kein Mann, der ſich ſo aufſpielen läßt!“ „Aber was iſt aus dem frommen Ablviſius geworden?“ „In den Brunnen geſchmiſſen! Ueber hun⸗ dert Klafter tief, in den Brunnen auf dem Schloß⸗ hofe! Der Markolf hat's geſehen, hat's dröhnen und in der Tiefe rauſchen hören! Ertrunken! Wenn uns Gott eine neue Sündfluth ſchickt, ſo iſts von Rechtswegen!“ Mit Ausbrüchen des Abſcheus und Entſetzens ſtanden die Nachbarn in der Schmiedehalle bei⸗ ſammen, während in dem rauhen, bärtigen Ge⸗ ſichte Heribald's alle Regungen leidenſchaftlichen 4* 52 Schmerzes und wüthender Racheluſt wechſelten, als einer der Geſellen, welcher hinausgeſehn hatte, ver⸗ kündete, daß Graf Gottfried von Kappenberg zum Thor hereingeritten käme. Im Augenblick war Heribald draußen und erzählte ſeinem Herrn, was in ſeiner Abweſenheit vorgegangen ſei. Gottfried erblaßte, und als er erfahren hatte, daß ſein Weib entkommen und in Paderborn in der Herberge ſei, ſprang er vom Pferde, warf ſeinem Knecht den Zügel zu und eilte in die Schmiede. Ehrerbietig und theilnehmend wichen ihm die Nachbarn aus, während der Graf den Meiſter Walram am Arme nahm und in eine Ecke des Hintergrundes führte. Gottfried kannte den Schmied ſeit langer Zeit, er ſtand wegen ſeiner Waffen in Verkehr mit ihm und achtete ihn als einen wackeren und tüchtigen Mann. „Wollt Ihr mir jetzt Eure Anhänglichkeit durch That und Hülfe beweiſen?“ ſagte der Graf zu Meiſter Walram. „Gebietet über mich und mein Haus, edler Herr!“ 53 „Wohlan denn, ſo nehmt mein Weib und ihre Schweſter bis heut Nacht unter Euren Schutz. Zu ihrem Vater dürfen die Frauen mir nicht zu⸗ rück, und in der Herberge dürfen ſie auch nicht bleiben, wer weiß ob der Graf von Arnsberg nicht Gewalt gegen mein Weib brauchen und ihr mit Worten abdringen will, was ſie ſeinen Waffen ſo ſtandhaft verweigert hat. Es iſt eine unerhörte That! Wollt Ihr mein Weib in Euer Haus aufnehmen?“ „Im Augenblick, edler Herr, ich will ſo⸗ gleich—“ „Aber wie bringen wir die Frauen ohne Aufſehn zu erregen her?“ „Mein Hof und der der Herberge ſtoßen beide hinten an die Gaſſe; in fünf Minuten kön⸗ nen die edlen Frauen in meinem Hauſe ſein.“ „Gut. Es iſt nur bis zur nächſten Nacht, wo ich mit den Frauen aufbrechen und ſie nach dem Thurm Buke in Sicherheit bringen laſſen will. Bis dahin wird es nicht zum Aergſten kommen.“ 64 „Und käme es dahin, ſo habe ich vier hand⸗ feſte Geſellen, und Ihr und ich und Heribald ſind drei, ſo ſtehen wir unſer ſieben, wenn man Gewalt gegen mein Haus brauchen wollte.“ „Wackrer Schmied!“ ſagte Gottfried, indem er ſeine Hand auf Walrams Schulter legte.„Und jetzt ſchließt mir Eure Hinterthür auf, daß ich mein Weib herüber hole, dann grüßt mir Eure Hausfrau und bereitet ſie auf den Beſuch vor.“— Es geſchah wie Gottfried es wünſchte. Er fand in der Herberge ſein Weib Judith und de⸗ ren Schweſter Luitgart dem verzweiflungsvollſten Schmerze hingegeben. Frau Judith warrf ſich ſchluch⸗ zend an ſeine Bruſt, das Entſetzen vor der That ihres Vaters, die Flucht aus ihrem zerſtörten Ei⸗ genthume und die Ungewißheit über das Schickſal ihres Schützlings Alviſius, an welche ſich tauſend ſchreckliche Befürchtungen knüpften, dies Alles wirkte ſo auf das Gemüth der unglücklichen Frau, daß ſie beim Anblick ihres Gatten ihre Faſſung voll⸗ kommen verlor. Ihre Schweſter Luitgart dagegen ſtand bleich aber ruhig und feſt neben ihr, ſie ſeufzte nur und faltete ſchweigend die Hände.— — In Eile ermahnte Gottfried ſein Weib, ſich zu faſſen, und ſprach ſodann ſeinen Willen aus, ſie fürs Erſte der Obhut des Schmieds anzuvertrauen und ſie zur Nacht in weitere Sicherheit zu bringen. Er ſtieß auf keinen Widerſtand bei den Frauen, und nachdem er dem Herbergsvater die ſtrengſte Verſchwiegenheit dadurch anempfohlen hatte, daß er ihm die Gefahr, die derſelbe bei dem geringſten Verrath laufen würde, vorſtellte, brachte er Ju⸗ dith und Luitgart durch die Höfe und in das Haus des Schmieds. Frau Gerberga, die Meiſte⸗ rin, eine gute leicht zu rührende Seele, empfing die Frauen mit tauſend Höflichkeiten und führte ſie in das Obergeſchoß, in die engen niedrigen Räume ihrer Häuslichkeit. Sie nöthigte ihren Gäſten einen Becher warmen Weines auf, dann aber ſchickte Gottfried ſich an, zum Biſchof zu gehen, um bei ihm wegen der Behandlung, welche Alviſius erfahren hatte, zu klagen, ſo wie auch über das Schickſal Richards, welches bei dem Ueberſturz ſeiner eigenen Angelegenheiten faſt in den Hintergrund getreten war, Meldung zu machen. Wir wollen uns vor ihm in die biſchöfliche Reſidenz begeben. 56 Heinrich, der zweite in der Reihe der pader⸗ bornſchen Biſchöfe dieſes Namens, war ein jün⸗ gerer Sohn aus dem alten Hauſe der Grafen von Gennep aus dem Cleviſchen Lande. Urſprüng⸗ lich nicht für die geiſtlichen Würden beſtimmt, hatte er in früher Jugend ſich an mehreren jener unzähligen Fehden der aufrühreriſchen Va⸗ ſallen gegen den verſtorbenen Kaiſer Heinrich IV. betheiligt, und ſeine zu Ausſchweifungen gereizte Natur hatte ſich allen Verirrungen, welche eine rohe und verwilderte Zeit begünſtigte, ſchon früh hingegeben, bis Familienbeſtimmungen ihn in die geiſtliche Laufbahn brachten. Dergleichen war in jener Zeit durchaus nichts Ungewöhnliches, ſehen wir doch viele geiſtliche Würdenträger dieſes Jahr⸗ hunderts, wenn ſie an Kirchenfeſten die Stufen des Hochaltars beſteigen mußten, ſich zu anderer Zeit im weltlichen Kleide, an der Spitze von Heereshaufen an öffentlichen und Privatfehden be⸗ theiligen und bei wilden Jagden ihr Roß durch die Wälder tummeln.— Biſchof Heinrich hatte das ſchnelle Emporſteigen in ſeiner geiſtlichen Lauf⸗ bahn nicht allein ſeiner hohen Abkunft zu ver⸗ 57 danken, es war ſeine Schlauheit, ſein weltkluger Verſtand, welcher ihn als einen überaus verwend⸗ baren Charakter erſcheinen ließen, die Rechte des Clerus zu wahren und das Anſehen der Kirche zu vertreten. Sein perſönlicher Ehrgeiz, gepaart mit der berechnendſten Verſchlagenheit, wußte immer zur rechten Zeit und am rechten Orte die Wege einzuſchlagen, die ihn emporzuheben geeignet wa⸗ ren, und ſo ſehen wir ihn in ſeinem fünßigſten Jahre als Biſchof von Paderborn, über welche Würde ſeine hochſtrebenden Pläne noch weit hinaus⸗ flogen. Scharfe, von Leidenſchaft gefurchte Züge in ſeinem Antlitz zeugten von einer heftigen und weltlichen Gemüthsart. Dunkle, etwas grau ge⸗ miſchte Brauen hingen weit über die tiefliegen⸗ den Augen herab, die mehr mit gebieteriſcher Kraft, als mit geiſtlicher Hoheit hervorſahen, während ein etwas angegrauter Bart die Züge um den ge⸗ kniffenen, ſcharf gezeichneten Mund nicht ganz ver⸗ decken konnte.— Der Biſchof war nur eben auf⸗ geſtanden und trat in ein kleines, für jene Zeit prächtig geſchmücktes Gemach. Es war gewölbt, die Wände mit Eichenholz getäfelt, der Fußboden 58 mit wollenen Teppichen belegt. Kleine rundbogige Fenſter warfen nur ein dämmriges Licht in das Gemach. Ein fein geſchnitztes Betpult mit einem prächtigen Kruzifix darauf, befand ſich an der einen Wand, während in der den Fenſtern gegen⸗ überliegenden, in einem ſteinernen Kamin das Feuer kniſterte und eine behagliche Wärme ver⸗ breitete. Vor dem Kamin ſtand ein gepolſterter und ebenfalls mit reichem Schnitzwerk verſehener Armſeſſel vor einem maſſiven Eichentiſch, welchen mehrere Bände von Handſchriften und Pergamente bedeckten und zu welchen ſich das Frühmahl des Biſchofs geſellte, das ein dienender Bruder ihm in das Gemach nachtrug. Der Biſchof ſchien in einer unerfreulichen Morgenſtimmung zu ſein, er that mehrere Fragen in barſchem Tone an den demüthig an der Thür ſtehenden Mönch und ſagte endlich:„Rufe mir Cajetan!“ Als der Mönch ſich entfernt hatte, ſchritt er mehrmals im Gemach auf und ab, trat ſodann ans Fenſter, wohin das Geraſſel einer durch die Straßen ſprengenden Reiterſchaar ihn lockte, und ſetzte ſich dann nieder, um einen Becher 5 59 echitzten Weines und ein Stück des dampfenden gebacknen Huhns zu ſich zu nehmen. Kutze Zeit darauf wurde leiſe an die Thür gepocht, und ein Mönch trat ein, deſſen klägliche Züge und nieder⸗ geſchlagene Augen ein ſchlechtes Gewiſſen ver⸗ riethen, und der, da er augenſcheinlich das Weſen eines Menſchen annahm, der einer ſtarken Zu⸗ rechtweiſung entgegen ging, einen faſt komiſchen Eindruck machte. Der Biſchof würdigte ihn nur eines flüchtigen Blickes und ließ ihn ſchweigend in ſeiner demüthigen Stellung verharren, bis er nach zehn Minuten ſeine Mahlzeit beendet hatte. Dann lehnte er ſich im Armſeſſel zurück und rief in lautem Tone:„Hierher!“ Der Mönch näherte ſich ängſtlich und blieb demüthig vor ſeinem Herrn ſtehen. „Heuchleriſcher Schuft!“ herrſchte der Biſchof ihn an.„Steht er doch jetzt da, wie die Zer⸗ knirſchung ſelbſt, und dennoch weiß ich, daß, wenn die Gelegenheit ſich böte, er die That, die ihn jetzt ſchuldig macht, noch hundertmal begehen würde!“ Der Mönch ſchlug ſeufzend die Augen gen Himmel und verharrte im Schweigen. 60 „Laß Er jetzt das verwünſchte Augenver⸗ drehn!“ fuhr der Biſchof fort.„Er iſt werth, daß ich die härteſten Kirchenſtrafen über Ihn verhänge! Iſt das eine Aufführung? Heißt das die Faſten halten?“ Der Mönch warf unwillkürlich einen Blick auf die Reſte des gebacknen Huhns auf dem Tiſche und ſetzte ſein Schweigen fort. „Solch' ein Geſchrei zu vollführen, daß ichs auf meinem Lager hören muß!“ redete der Biſchof weiter.„Ich denke, es brennt im Kloſter, werfe mich in die Kleider, gehe mit einer Kerze die Treppe hinab, den Kreuzgang eutlang, höre lau⸗ ten Geſang und Jubel in einer Zelle, und wie ich öffne, finde ich das lebendigſte Zechgelage, ein Dutzend geleerte Kannen auf dem Tiſche, Wurſt und Schinken daneben, und meinen vortrefflichen Schreiber Cajetan mit ſeinen ſaubern Zechbrüdern bei der leckerſten Mahlzeit, bei den nichtswür⸗ digſten Gaſſenhauern! Heißt das die Faſten halten, frage ich?“ Trotz des grimmigen Blickes, den der Biſchof aus ſeinen Augen ſchoß, ermannte ſich Cajetan 61 zu einem neuen Augenaufſchlag, und fügte mit zitternder Stimme die Worte hinzu:„Eminenz, die Faſten waren zu Ende, es war ſchon eine halbe Stunde nach Mitternacht!“ „Gefräßiges Thier!“ rief der Biſchof.„Und nachdem die letzte Minute des Faſttages vorüber war, mußtet Ihr gleich an Mahlzeit und Zechge⸗ lage denken, und Euch heimlich zuſammenthun und dabei Zotenlieder ſingen? Ueber die unerhörte Frechheit einer ſolchen Entſchuldigung! Daß ich Dich, Du Hund, nicht gleich Nachts mit den Uebri⸗ gen einſtecken ließ, war eine übermäßige Lang⸗ muth von mir! Cajetan, wie oft ſoll ich Dir Deine Richtswürdigkeiten nachſehen? Sage ſelbſt, hat jener Alviſius, der Euch Euer läſterliches Le⸗ ben vorhielt, vor allem Volke Eure Faulheit, Ge⸗ meinheit und Richtswürdigkeit predigte, hatte dieſer Mönch Alviſius nicht Recht? Iſt es nicht die lauterſte und zugleich niederſchlagendſte Wahrheit? Menſch, was ſoll ich mit Dir anfangen?“ Der Biſchof nahm hier zwar Gelegenheit, die Beſchuldigungen jenes Alviſius ſeinem Schreiber als Wahrheit vorzuhalten, obgleich er ſelbſt weit 62 davon entfernt war, die Art, wie jener gegen die Sitten des Clerus aufgetreten war, zu billigen, wie wir ſpäter ſehen werden. Aber auch der de⸗ müthige Cajetan befolgte ſeinem Herrn gegenüber ein Syſtem, zu welchem die Erfahrung ihn ge⸗ bracht hatte, und dies ſagte ihm, daß der Ge⸗ ſtrenge hier anders rede als denke, und daß Schwei⸗ gen in dieſem Augenblick wohl das Beſte ſein dürfte. „Rede, nichtswürdiges Geſchöpf!“ fuhr der Biſchof fort.„Hatte Aloiſius nicht recht?“ „Ach Gott,“ ſagte nach einigem Zögern der Mönch,„wir ſind ſchwache Menſchen!“ „Unſinn! Wir ſind ſtark, wir können ſtark ſein, wenn wir unſern Willen befeſtigen, wenn wir mit der Kraft unſers Geiſtes die Gemeinheit unſerer Leidenſchaften bewältigen wollen. Ueber⸗ dies haben wir ein Kloſtergelübde abgelegt, mein ſauberer Bruder, das uns Enthaltſamkeit und Ge⸗ horſam befiehlt, und kurz und gut, Du wirſt vier⸗ zehn Tage bei Waſſer und Brod ins Loch ge⸗ ſperrt und täglich dreimal zur Verdauung gegeißelt werden! Es iſt Zeit, daß ich meine Strenge auch an Dir geltend mache! Fort, hinaus!“ Cajetan bekreuzte und beugte ſich tief, that einige Schritte nach der Thür zu, blieb dann aber ſtehn und ſprach mit zitternder Stimme:„Ich gehe, um meine wohl verdiente Strafe zu erleiden. Erlauben Eminenz mir nur noch eine wichtige Nachricht mitzutheilen. Der Graf von Arnsberg iſt mit einem Heerhaufen nach dem Kappenberg gezogen, hat die Burg erobert, zerſtört und nieder⸗ gebrannt.“ Der Biſchof ſprang von ſeinem Seſſel auf, kniff die Lippen zuſammen, ſah den Mönch ſcharf an, und rief:„Nun?“ Cajetan vecharrte in ſeiner Stellung und ſprach:„Der heilige Alviſius, wie die Welt ihn nennt, ſoll in den Brunnen auf dem Kappenberge geworfen worden ſein, während ſeine Brüderſchaft in Ketten durch die Straßen der Stadt geführt worden ſind, wie ich mit eignen Augen geſehen habe.“ Aufgeregt und mit großen Schritten ging der Biſchof einigemal durch das Gemach, dann ſtellte 64 er ſich mit höhniſchem Lachen und untergeſchla⸗ genen Armen vor Cajetan und ſprach:„Ei, Du verdammter Fuchs, es kam Dir wohl gelegen, daß Du mir dieſe Nachricht bringen konnteſt?— Das iſt von überaus großer Wichtigkeit,“ rief er, indem er wieder das Gemach durchmaß.„Der Schreier Aloiſius— hm! Ob es denn wahr ſein mag? Die Brüderſchaft haſt Du ſelbſt her⸗ einführen ſehen?“ „Morgens um fünf Uhr.“ „Lüge nicht! Um fünf Uhr lagſt Du noch auf dem Ohr und ſchlieſſt Deinen Rauſch aus, Schurke!— Aloiſius ertränkt? Faſt zu viel, konnte auf andre Art unſchädlich gemacht werden. Die Brüderſchaft in Ketten? Geht nicht, die müſſen frei grlaſſen werden!— Dieſem Arns⸗ berg—“ „Hätt' ich einen ſo klugen Streich nicht zu⸗ getraut, der mich ſogar mit ihm, meinem Erz⸗ feinde, verſöhnen könnte, denn wenn er es nur auf gelegene Weiſe hätte herſtellen können, ſo wäre der verwünſchte Aloiſius ſchon längſt beim Geier ge⸗ weſen!“ So ungefähr ergänzte Cajetan in Ge⸗ 65 danken den abgebrochnen Satz ſeines Herrn, und hob die Augen ſchon etwas freier zu ihm empor. „Ich muß den Arnsberg ſprechen!“ rief der Biſchof;„muß ihn durchaus ſprechen! In we⸗ nigen Tagen wird der Kaiſer erwartet, er hat den Orden des Aloiſius beſtätigt.“ „Das heißt, er hat die Schenkung des Grafen Gottfried von Kappenberg beſtätigt,“ erkühnte ſich Cajetan einzufallen.„Die Beſtätigung des Or⸗ dens iſt von Sr. Heiligkeit erſt einzuholen, und wie die Sachen ſtehen— wie wir ſie geſchildert haben— doch noch ſehr ungewiß!“ „Freilich, freilich! Du hatteſt den Bericht zu meiner Befriedigung gemacht, Cajetan.“ Cajetan warf jetzt den letzten Reſt ſeiner Zerknirſchung ab, und indem er keck in ſeine Rechte eines Vertrauten des Biſchofs eintrat, fuhr er fort: „Es iſt unſtreitig ein ſehr günſtiges Ereigniß, der Ketzer konnte nicht auf beſſere Weiſe bei Seite ge⸗ bracht werden, und Eminenz darf es nicht ver⸗ geſſen, was Sie dem Arnsberg zu danken hat. Verſöhnung mit dem Feinde iſt vielleicht auch äußerlich recht gut, zumal für den Empfang des 5 66 Kaiſers; dennoch aber iſt es nothwendig, daß wir gegen eine ſolche Behandlung unſerer geiſtlichen Brüder im Namen der Kirche und Kraft unſres Amtes proteſtiren. Das Ereigniß iſt willkommen, wir dürfen es aber öffentlich nicht billigen. Ich will Erkundigungen einziehen, ob Alviſius wirk⸗ lich ertränkt worden iſt— eine Nachricht, die mir als noch nicht gewiß mitgetheilt wurde.“ „Thu das!“ rief der Biſchof.„Natürlich er⸗ klären wir uns öffentlich gegen ein ſolches Ver⸗ fahren.— Dieſer Arnsberg! Das Schloß ſeines Schwiegerſohns niedetzubrennen! Man ſollte ihn excommuniciren, wenn das bei dieſem Teufel etwas helfen könnte. Du magſt indeſſen eine Schrift verfaſſen gegen ihn, die unſer Mifallen ener⸗ giſch ausdrückt, mit der Weiſung, die gefange⸗ nen geiſtlichen Brüder frei zu geben.“ Cajetan wollte ſich ſchnell entfernen, als dem Biſchof ſein richterliches Amt, was er in der Aufre⸗ gung vergeſſen hatte, wieder einfiel.„Halt, Ca⸗ jetan!“ rief er dem Eilenden zu, näherte ſich ihm an der Thür und ſprach:„Ich brauche Dich jetzt — nothwendig, darauf fußeſt Du, und frohlockſt, daß 67 Du glücklich der Buße entgangen biſt! Allerdings mag die Strafe für diesmal unterbleiben, aber kommen ſolche Ueberſchreitungen noch einmal vor, ſo mußt Du ins Loch, denn Du treibſt es im Ver⸗ trauen auf Deine Nothwendigkeit zu arg. Ge⸗ ſtehe ſelbſt, daß das in der Nacht eine viehiſche Wirthſchaft war! Du weißt, daß uns Gregor's Beſtimmungen immer aufs Neue eingeſchärft und in vielen Klöſtern mit größter Strenge durchg führt werden. Ich bitte Dich, nimm Dich kün tig in Acht!“ „Ich wünſchte es zu können, Eminenz! Ach Gott, die Verführung war zu groß! Neben meiner Zelle, wo ich in andächtigem Gebete lag, hörte ich plötzlich das vergnügte—“ „Schon gut, ſchon gut! Deine Gebete ſind wie ein Nebel, wenn die Sonne des Vergnügtſeins aufgeht. Ein Menſch von Deinen Fähigkeiten ſollte ſich nicht verführen laſſen. Dummheiten!“ „Daß ichs nicht vergeſſe— da ſind auch wieder neue Anklagen gegen die alte Hexe im Haidethurm gekommen. Hat das Vieh verzau⸗ bert, Leuten Krankheiten in die Glieder geblaſen, 5* e⸗ f⸗ 68 kocht Nachts teufliſche Tränke auf dem Hügel. Eminenz thäten wohl, die Alte endlich einmal aufgreifen zu laſſen!“ „Schon wieder das alte Lied!“ fuhr der Biſchof ſehr heftig heraus.„Ich ſage Dir, es iſt Unſinn, barer Unſinn!“ „Aber um der Leute willen—“ „Kein Wort mehr davon! Hörſt Du? Und unterſtehſt Du Dich, irgend Etwas gegen die Alte zu unternehmen, Cajetan, ich ſchwöre Dir, ich laſſe Dich erdroſſeln! Ei was— Dummheit! Wenn die Bauern wider ſie klagen, ſo ſage ihnen For⸗ meln und Sprüche wider den Zauber, und damit genug.“ Cajetan konnte, als der Biſchof ihm den Rücken kehrte, ein höhniſches Lächeln über den plötzlichen Ausbruch der Heftigkeit, deren Grund er zu kennen ſchien, nicht unterdrücken, und während er ſich ver⸗ neigte, um das Gemach zu verlaſſen, trat ein andrer Mönch ein und meldete, daß Graf Gott⸗ fried von Kappenberg im Vorzimmer ſei und Se. Eminenz zu ſprechen wünſche. 69 „O weh!“ rief der Biſchof,„jetzt kommt der arme Tropf, um zu klagen, vielleicht gar um Hülfe zu flehen!“ „Er muß empfangen und gehört werden, Eminenz müſſen ihm den größten Antheil zeigen, ihm verſprechen—“ „Schweig, Du vorlauter Schuft, ich weiß ohne Deinen Senf, was ich zu thun habe. Die Thür auf! Der Graf iſt willkommen!“— Die Mönche öffneten die Thür des Gemaches, traten heraus, und indem ſie ſich rechts und links mit einer tiefen Verbeugung gegen den Grafen neigten, gaben ſie ihm ein Zeichen, einzutreten, worauf ſie ſich entfernten. Der Biſchof trat dem Grafen mit Würde und Adel entgegen, indem er ſagte:„Richts kann mich mehr erfreuen, als daß Graf Gottfried von Kappen⸗ berg mir ſeine Gegenwart ſchenkt! O Gott, wäre nur der Anlaß ein erfreulicherer! Ich weiß Alles, mein frommer vortrefflicher Herr, ſeid überzeugt, daß ich Eure Sache durchaus zu der meinigen machen werde.“ 60 „Erlaubt, Eminenz,“ entgegnete Gottfried, „daß ich zuerſt von Euren eignen Angelegenheiten ſpreche, in welchen ſchnellere Hülfe nöthig iſt, als ich ſie in meinen bedrängten Umſtänden zu leiſten fähig bin.“ Der Biſchof ſtutzte.—„In meinen eignen An⸗ gelegenheiten? Was meint Ihr, Graf? Richard?— Wo iſt er? Was iſt geſchehen?“— Wir laſſen es dahingeſtellt ſein, ob der Kirchenfürſt neben ſeinem eignen noch ein anderes, rein menſchliches Intereſſe für irgend Jemand zu nehmen im Stande war, und wenn die Sorge um ſeinen Reffen für das Letztere zu ſprechen ſchien, ſo mochten hinter dieſem Schein wohl Beweggründe weltlicher Art verborgen ſein. Er nannte Richard ſeinen Neffen, in der That aber war die Verwandt⸗ ſchaft eine viel weitläufigere, da Richard der Sohn eines Vetters ſeines Gönners in entfernterem Grade war. Der Biſchof hatte von dem früh verwaiſten Knaben niemals Notiz genommen, als derſelbe aber zum Jüngling herangewachſen war und mit der Zeit in die Nähe des Kaiſers gezogen, ja ſo⸗ gar als einer der am meiſten begünſtigten jungen — 71 Ritter bezeichnet wurde, da erinnerte ſich der Kir⸗ chenfürſt mit einem Male deſſelben als eines Ver⸗ wandten, nannte ihn ſeinen Neffen, und ſprach davon, ihn zum Erben einſetzen zu wollen. Er, deſſen Trachten ſtets über den Bereich der Kirche und in weltliche Pläne hinüberſchweifte, ſah die glänzende Laufbahn des jungen Mannes voraus, und hoffte von dieſer ähnliche Reſultate für ſich ſelber. Obwohl es alſo der Eigennutz war, der ihn an Richard knüpfte, ſo begegnete er dieſem ſtets mit der äußerlich zärtlichſten Fürſorge, und vorzüglich vor Zeugen wußte er ſich den Anſchein der rührendſten Vaterliebe zu geben. Das Abenteuer und die unglückliche Folge deſſelben, wovon Gottfried ihm erzählte, ſetzte ihn daher in die größte Beſtürzung, und da er in den bezeichneten Weibern jene Hexen aus dem Haidethurm, wie der Volksmund ſie nannte, er— kennen mußte, ſchien er einen Augenblick geneigt, dem Vorſchlag ſeines Geheimſchreibers Gehör zu geben und mit Strenge gegen dieſelben zu ver⸗ fahren. In dieſem Punkte aber überwand er ſich ſchnell. Er klingelte, und als Cajetan erſchien, 72 gab er dieſem den Auftrag, ſogleich einige berit⸗ tene Knechte aufſitzen zu laſſen und den jungen Ritter Giſo, einen Waffengefährten Richards, wel⸗ cher ſchon ſeit einigen Tagen am biſchöflichen Hofe verweilte, zu rufen. Giſo erſchien, erhielt den Be⸗ fehl, ſogleich mit der Schaar nach dem Haide⸗ thurm außubrechen und Richard abzuholen. Ein Mönch, welcher einige Erfahrungskenntniſſe in der Arznei hatte und als Kloſterarzt fungirte, wurde für alle Fälle der Schaar als Beiſtand mitge⸗ geben. Nachdem der Biſchof dies Geſchäft mit einer Sorgſamkeit, mit einem Gemüthsantheil, der Gott⸗ frieden tief rührte, angeordnet hatte, ſetzte er ſich ſeinem Gaſt gegenüber und ſagte:„Ihr habt, mein werther Graf, die Güte gehabt, mich zuerſt bei einem bekümmernden Ereigniß meines Hauſes thätig ſein zu laſſen, ſagt mir jetzt, wie ich die Trübſal von Eurem Hauſe abzuwenden Euch un⸗ terſtützen kann!“ „Was mein Haus betrifft, Eminenz,“entgeg⸗ nete Gottfried,„ſo hoffe ich allein fertig zu werden, und danke beſtens für Euer gütiges Anerbieten. 73 Aber meine geſcheiterten Pläne, meine Beſtrebun⸗ gen für göttliches Recht, für die Reinheit des Glau⸗ bens und die Läuterung der Kirche, welche jetzt durch die unnatürlichſte That des Grafen von Arns⸗ berg vernichtet ſcheinen, dieſe ſuchen Rath und Hülfe bei Euch, Herr Biſchof, und ich hoffe, Ihr werdet mit Eurem Anſehen meine Beſtrebungen unterſtützen.“ „Ich werde zu wahren wiſſen, was ich zu wahren für nöthig erachte, verlaßt Euch darauf!“ „Ich verlange die Auslieferung des ftommen Bruders Aloiſius und ſeiner Ordensbrüder, und Ihr werdet hoffentlich dieſe Forderung theilen.“ „Gewiß, wenn ſie nämlich in ihrer ganzen Ausdehnung noch geltend gemacht werden kann. Aloiſius ſelbſt—“ „Das Gerücht, welches über ihn geht, wäre noch zu unterſuchen. Es iſt nicht glaublich, daß Graf Arnsberg ſeine Feindſchaft gegen mich ſo weit ſollte ausgedehnt haben, einen Unſchuldigen zu ermorden! Was mein Verhältniß zu ihm be⸗ trifft, ſo denke ich die Verhandlung darüber bis zur Ankunft des Kaiſers außuſparen.“ 74 „Sehr rathſam! ſehr gut! Der Kaiſer wird viel zu thun bekommen, wird nicht jedem Wunſche nachkommen können. Es iſt eine böſe Angelegen⸗ heit! Der Graf von Arnsberg hat früher ſchon gezeigt, daß er dem kaiſerlichen Anſehn zu wider⸗ ſtehn vermag. Sehr traurig! ſehr böſe!“ „Wir wollen das abwarten, wenn ich nur in dem kirchlichen Theil meiner Angelegenheit auf Euch rechnen kann.“ „Ohne Zweifel, ſie iſt ſo gut die meine, als die Eure!“ Nach dieſen Worten des Biſchofs erhob ſich Gottfried und empfahl ſich. Der Biſchof aber ſah ihm nach, und indem er höhniſch zwiſchen den Zähnen murmelte:„Göttliches Recht— Reinheit des Glaubens— Läuterung der Kirche— alberner Tropf! Um deiner Beſtrebungen willen lohnte ſichs auch, ſich Unbequemlichkeiten zu machen!“— ſchellte er wiederum und ließ ſeinen Geheimſchrei⸗ ber rufen. Drittes Kapitel. Als Richard am Morgen im Haidethurm er⸗ wachte und er ſich der Ereigniſſe der abenteuer⸗ lichen Nacht zu erinnern begann, erſchien ihm das Ganze wie ein wunderlicher Traum, bis ihm die Binde, welche um ſeine Kopfwunde gelegt war, von der Wirklichkeit der Erlebniſſe über⸗ zeugte. Die u be befand ſich hart an der Schläfe, und die Gefährlichkeit einer Verletzung an dieſer Stelle hatte ihn in jenen Taumel der Bewußtloſigkeit verſetzt, welchen ihm eine Ver⸗ wundung anderer Art kaum beigebracht haben würde. Der enge Raum, welchen er, indem er ſich erhob, überblickte, zeigte ihm außer ſeinem nächtlichen Lager nur kahle Wände und in einer derſelben ein enges Loch, welches, da das Tages⸗ 76 licht dadurch hereinfiel, auf den Namen eines Fenſters Anſpruch machen zu wollen ſchien.— Er hatte ungewöhnlich feſt und lange geſchlafen und fühlte ſich, da er an ſeiner Wunde nicht den geringſten Schmerz empfand, vollkommen friſch und geſund. Nachdem er ſeine Kleidung in Ord⸗ nung gebracht und die Binde abgenommen hatte, pochte er an die Thüre und folgte der Aufforde⸗ rung einzutreten. Er trat in daſſelbe Gemach, welches geſtern zuerſt die Gäſte aufgenommen hatte und in welchem das Kaminfeuer auch heut wieder loderte. Wolfhilt erhob ſich von ihrem FPlatze am Spinnrade in der Fenſterniſche und erwiederte ſeinen Morgengruß mit dem ernſten Anſtande einer Königin.„Ihr dürft die Binde noch nicht ablegen, Ritter,“ ſagte ſie, indem ſie ihm un⸗ willig in's Geſicht ſah,„der Balſam hat die Wunde zwar geſchloſſen, Ihr dürft ſie aber der Luft noch nicht ausſetzen. Ich beſtehe darauf daß Ihr die Binde anlegt!“ Es lag in ihrem Tone etwas ſo Gebieteri⸗ ſches und Strenges, daß der junge Ritter nicht 77 umhin konnte, ihrem Befehle nachzukommen.— „Dort auf dem Tiſche ſteht ein Morgenimbiß für Euch,“ fuhr ſie fort, als Richard wieder herein trat, nach welchen Worten ſie ſich ſchweigend wieder an das Spinnrad ſetzte. Richard hatte während ſeines Frühmahls Zeit, das Mädchen näher zu betrachten. Sie trug dieſelbe Kleidung wie geſtern, und obgleich dieſelbe ſehr unvortheil⸗ haft war, da ſie Kopf und Schultern mit einem groben grauen Tuche, welches unter dem Kinn zugeſteckt war, verhüllte, ſo war ſie doch nicht im Stande, die Hoheit und den Adel des Ge⸗ ſichtes zu beeinträchtigen. Von dem Schmucke des Haars war nichts zu entdecken, aber die ſchwarzen Bogen der Augenbrauen ließen auf eine dunkle Farbe deſſelben ſchließen. Um die großen blauen Augen lagen Ernſt und Strenge, und die dunklen Schatten derſelben ließen viel⸗ leicht auf Schwermuth ſchließen; während der Mund etwas Trotziges, faſt Männliches hatte, was zu der hohen, ſtolzen Geſtalt durchaus im Einklang ſtand. Da Wolfhilt das Schweigen nicht brechen zu wollen ſchien, ſo ſah der junge 78 Ritter ſich genöthigt, ſelbſt das Wort zu ergrei⸗ fen, was ihm einige Mühe koſtete, da er Frauen gegenüber noch nicht gelernt hatte, ſeine jugend⸗ liche Befangenheit zu überwinden. Endlich brachte er die Worte heraus:„Ihr ſcheint hier recht ein⸗ ſam zu wohnen!“ „Wir bedürfen der Geſellſchaft nicht!“ ent⸗ gegnete Wolfhilt kurz;„und wie meine Mutter Gäſte zu bewillkommnen pflegt, das habt Ihr geſtern erfahren.“ „Ich habe auch nicht die Abſicht, Euch länger zu beläſtigen. Wo iſt Graf Gottfried von Kap⸗ penberg— ich geſtehe, daß ich kaum zu ſagen wüßte, was geſtern geſchah! Iſt er weiter ge⸗ ritten?“ „Zu Nacht abgereiſt. Euer Pferd iſt in Sicherheit, Ragnachar hat Alles beſorgt.“ „So erlaubt, daß ich ſo bald als möglich aufbreche.“ „Ihr müßt die Mutter abwarten, ſie wird bald kommen. Ich darf Euch nicht fortlaſſen.“ „Ihr ſeid freilich mein Arzt und ich müßte mich Eurem Gebote fügen, aber glaubt mir, ich bin völlig hergeſtellt und kann die Reiſe fort⸗ ſetzen.“ „Das iſt möglich. Wenn die Mutter kommt, mögt Ihr es ihr wiederholen.“ „So darf ich doch wenigſtens hinab gehen und mein Pferd beſehen?“ „Das könnt Ihr nicht. Die Mutter hat den Riegel vor die Thür geſchoben, Ihr ſeid hier eingeſchloſſen.“ „Eingeſchloſſen? Meinte ſie denn, ich würde mich heimlich entfernen?“ „Ich kenne die Abſichten meiner Mutter nicht.“— Damit war die Unterhaltung zu Ende. Richard ſah ſich in einer Art von Gefangenſchaft bei zwei Weibern, deren Erſcheinung und Be⸗ tragen ſo viel Eigenthümliches hatte, daß ſeine Gedanken über ſie ſich nicht erſchöpfen wollten. Unmuthig rückte er einen Schemel an den Kamin und ſah in die Flamme, während zuweilen ein Seitenblick betrachtend auf das Mädchen fiel, welches ihm in ſo wunderlicher Weiſe Geſellſchaft leiſtete. Er konnte ſich nicht verhehlen, daß ihm 80 dieſe Erſcheinung ein Intereſſe einflößte, aber der rauhe und barſche Ton ihrer Worte, der mit dem ihrer Mutter übereinſtimmte, hatte etwas Zurück⸗ weiſendes für ihn und bewirkte, daß, wenn er auch äußerlich ein Weib vor ſich ſah, welchem gegenüber er ein geſittetes Benehmen inne halten mußte, er ſich ihr innerlich wie einem Manne gegenüber fühlte, deſſen rauhem Weſen er Trotz zu bieten beabſichtigte. Eine Viertelſtunde mochte vergangen ſein, als dem jungen Manne dieſe Situation läſtig zu werden begann. „Eure Mutter bleibt lange,“ ſagte er. „Sie kommt vielleicht vor Mittag nicht zurück.“ „Vor Mittag nicht zurück? Und ſo lange ſoll ich hier eingeſperrt ſitzen? Das geht nicht. Ich werde verſuchen, mir den Ausgang frei zu machen!“ „Unterſteht Euch!“ ſagte Wolfhilt, indem ſie ſich mit gebieteriſchen Blicken erhob. 3 Richard that einige Schritte gegen die Thür, im nämlichen Augenblicke aber flog Wolfhilt gegen dieſelbe und deckte ſie mit dem Rücken „Ich erſuche Euch im Guten,“ ſagte er, „gebt die Thür frei! Ich habe nicht Luſt, mir von Weibern einen Aufenthalt vorſchreiben zu laſſen, und möchte mich nicht gern an meiner Wiächterin vergreifen!“ „Zurück!“ rief Wolfhilt mit zornglühenden Augen.„Wagt es nicht, einen Schritt vorwärts zu thun!“ „Und wenn ich's dennoch wagte?“ „Nun denn, ich hab's ſchon mit Anderen verſucht— wagt es!“ Die beiden hohen ſchlanken Geſtalten ſtanden ſich erbittert gegenüber und ſahen einander mit wilden, feindlichen Blicken an, die nur zu erwar⸗ ten ſchienen, daß Eines von Beiden den Kampf beginnen ſollte. Richard, um ſeiner Gegnerin zu zeigen, daß er ſich durch ihr Verbot nicht ein⸗ ſchüchtern laſſe, trat einen Schritt vor, im Nu aber umfaßte ihn Wolfhilt mit der Abſicht, ihn zu Boden zu ſchleudern. Aber auch Richard, welcher merkte, daß er es mit keinem verächt⸗ lichen Gegner zu thun hatte, umſchlang ſie mit den Armen und es begann eine Art von Ring⸗ 6 82 kampf, in welchem Kraft gegen Kraft ſtand. Des Mädchens Kopftuch verſchob ſich dabei und fiel herunter, indem es eine Fülle des herrlichſten ſchwarzen Haars erblicken ließ. Doch bald fühlte Wolfhilt, daß ihre Kräfte denen des jugendlichen Ritters doch nicht gewachſen waren, und indem ſie ihre Arme löſte und abwehrend vor die Bruſt ihrer Gegners ſtemmte, rief ſie mit abgewandtem Geſicht und angſtvoller Stimme:„Laßt mich los, ich gebe mich überwunden!“ Richard aber ließ ſie nicht ſogleich los; noch waren ſeine Arme um ihren Leib geſchlungen, er hielt ſeine Augen ſtarr auf ſie gerichtet, er wußte es ſelbſt kaum, daß er es that; ein Blick von ihr hatte ihn in eine eigenthümliche Verwirrung ge⸗ bracht. „Laßt mich los!“ ſchrie Wolfhilt, indem ſie ihn bei der Bruſt faßte. „Nicht eher, wildes Weib, als bis Du mir den Ausgang frei giebſt.“ „Ihr ſollt hinaus! Ich habe den Schlüſſel in der Taſche!“ „Gut, Ihr ſeid frei!“ ſagte Richard, indem et ſie aus ſeinen Armen ließ. Das Mädchen ſprang drei Schritte zurück, reichte ihm den Schlüſſel und zog eilig das herabgefallene Tuch wieder über den Kopf.—„Nun,“ fragte ſie heftig,„was zögert Ihr? So geht doch!“ „Wolfhilt,“ entgegnete Richard,„ich war ungeſchickt in meinem Betragen. Nehmt den Schlüſſel zurück und fürchtet nichts von mir, ich will ruhig ausharren, bis Eure Mutter zurück⸗ kehrt.“ „Thut was Ihr wollt,“ erwiederte Wolf⸗ hilt, indem ſie ſich an ihr Spinnrad ſetzte. „Ich habe Euch beleidigt, Wolfhilt, Ihr zürnt mir! Ich hab' es freilich nicht beſſer ver⸗ dient. Nehmt meine Verſicherung, daß ich es von Herzen bereue!“ Er ſetzte ſich wieder an das Kaminfeuer und beide beſchäftigten ſich eine Zeit lang mit hart⸗ näckigem Schweigen.— Plötzlich ſchob Wolfhilt ihr Spinnrad weg, ſah einige Secunden gedankenvoll durch's Fenſter und indem ſie ſich zu Richard wandte, dem ſie 6* jetzt ſehr veränderte Mienen zeigte, ſprach ſie mit ängſtlich befangener Stimme:„Ritter, Ihr wolltet abreiſen— thut es! Thut es bald!“ „Eure Mutter iſt meine Wirthin,“ ſagte Richard,„ich werde mich erſt bei ihr verabſchieden müſſen.“ „Es iſt nicht nöthig— reiſet vor der Rück⸗ kehr meiner Mutter ab! Es iſt beſſer—“ „Wie meint Ihr das— beſſer? Wart Ihr doch noch kürzlich ſo erpicht, mich hier gefangen zu halten! Warum dieſe plötzliche Veränderung?“ „Fragt nicht darnach! Reiſet ab, ich will Euch zur Flucht behülflich ſein! Die Mutter hat Euer Pferd verſtecken laſſen— ich weiß es zu finden! Kommt hinaus Ihr ſollt fort, Ihr dürft nicht bleiben!“ „Nun darf ich ſogar nicht mehr bleiben? Was iſt das? Mein Pferd verſteckt— ich ſelbſt gefangen, und plötzlich dies Treiben zur Flucht? Was geht hier vor?“ „Fragt nicht! Oder wenn Euch das zur Flucht bewegen kann— ſo hört: Ihr ſeid nicht ſicher, ſeid in Gefahr!“ 85 „So ſcheint es, aber Ihr irrt, wenn Ihr glaubt, ich fürchtete mich vor der Gefahr.“ „Ritter— Ihr werdet es mit keinem Manne außunehmen haben; die Gefahr, die Euch droht, iſt eine heimlich ſchleichende, der auch ein Held nicht widerſteht! Flieht, um aller Heiligen willen— Weh mir, da höre ich die Mutter kommen! Seid auf Eurer Hut! verrathet durch keine Miene, was ich Euch geſagt habe, heuchelt Argloſigkeit, ſagt, die Wunde ſchmerze Euch— ſtill! Folgt meinen Worten!“ Die letzten Worte ſprach ſie flüſternd und mit beſchwörender Geberde, worauf ſie eilig an die Thür trat um zu öffnen, denn ſchon hörte man Gundofara pochen und Einlaß begehren. Letztere trat ein und Richard hatte Gelegenheit, ihre Geſichtszüge jetzt näher zu betrachten. Sie mußten einſt von großer Schönheit geweſen ſein, waren aber in dieſem Augenblick von Schmetz, Wuth und vielleicht noch anderen Leidenſchaften ſo verzerrt, daß Richard nie ein abſchreckenderes Weiberantlitz geſehen zu haben glaubte. Mit wilder Geberde fuhr ſie in's Zimmer herein und ſchrie ihrer Tochter entgegen:„Frotolf iſt ge⸗ kommen!“ „Nun?“ fragte dieſe haſtig. „Allein gekommen! Norbert iſt verwundeßi in einem Aufſtand gegen den Dänenkönig! Verwun⸗ det an des Prinzen Knud Laward Seite, den er zum Thron erheben wollte!— Norbert— viel⸗ leicht ſchon todt!“ „Wo iſt Frotolf?“ „Unten!“ rief Gundofara, indem ſie ſich mit den Aeußerungen des heftigſten Schmerzes auf einen Schemel warf.—„Ruf ihn herauf, ſchnell!“ „Ritter, wandte Wolfhilt ſich an Richard, „verlaßt uns einen Augenblick!“ „Richtig, da ſeid auch Ihr noch,“ fuhr die Alte auf,„Euch hätt' ich faſt vergeſſen! Ich verſäume meine Pflichten, ich vergeſſe, daß ich jetzt zu thun habe! Geht jetzt, folgt meiner Tochter, wir werden Euch rufen— wenn es Zeit iſt.“ Richard, der dieſem Auftritt mit Staunen zugeſehen hatte, und, da er ſich des Namens Norbert vom geſtrigen Abend erinnerte, wo der⸗ ſelbe von der Alten am Feuer in ſo leidenſchaft⸗ licher Weiſe ſchon ausgeſprochen worden war, merkte, daß es ſich hier um Familienangelegen⸗ heiten handle, folgte dem Winke Woffhilt's, ſie hinunter zu begleiten. Beim Herabſteigen von der Treppe begegnete ihnen ein Mann mit dunk⸗ lem Barte und ernſtem, ſehr würdigem Antlitz, welches aus einer Kapuze hervorſah. „Frotolf.“ redete Wolfhilt ihn ſchnell an,— „was haſt Du ihr geſagt? Iſt es wirklich ſo ſchlimm?“ „Schlimm genug!“ antwortete die tiefe Stitnme Frotolf's.„Aber was will dieſer Jüng⸗ ling hier? Ihr ſeid an der Stirn verwundet? Wie heißt Ihr?“ „Mein Name iſt Richard von Streitberg, und ich geſtehe, daß ich ſelber nicht weiß, was ich hier ſoll, merke aber, daß man etwas mit mir vor hat. Die Wunde—“ „Richard von Streitberg? Der Neffe des Biſchofs von Paderborn? Und dieſe Wunde? Wolfhilt— was habt Ihr gethan! Seid Ihr von Sinnen, Weiber?“ 88 „Ich habe keinen Theil daran,“ entgegnete das Mädchen.„Aber er muß gerettet werden! Benutzt den Augenblick, Ritter, und entflieht!“ „Wo iſt mein Pferd? Auch ich finde den Aufenthalt in dieſem Gemäuer nicht länger wün⸗ ſchenswerth! Wo iſt mein Pferd?“ „Wartet noch, junger Mann,“ ſagte Frotolf, „ſo lange ich hier bin, dürft Ihr ohne Beſorg⸗ niß ſein. Entflieht nicht, ich habe Euch noch etwas Wichtiges mitzutheilen. Wartet noch, in Kurzem bin ich wieder bei Euch!“ Mit dieſen Worten betrat er die Stiege und folgte dem Mädchen. Richard faßte Vertrauen zu dem Manne, welcher unter den Bewohnern dieſes Thurmes eine achtunggebietende Stellung einzunehmen ſchien, und beſchloß zu bleiben und die wichtige Nachricht, welche jener ihm vorbe⸗ halten hatte, abzuwarten. Das zweideutige Be⸗ nehmen dieſer Menſchen, zu welchen der Zufall ihn gebracht hatte, der Aufenthalt ſelbſt und ſeine Umgebungen, mußten unſerm jungen Manne wie eine Kette unlösbarer Räthſel erſcheinen und ver⸗ ſenkten ihn tief in Gedanken. Ohne ſich weit vom 89 Thurme entfernen zu wollen, war er geradeaus geſchritten, und befand ſich plötzlich am Fuße jenes Hügels, auf welchem er geſtern Abend für ſeine Neugier hatte büßen müſſen. Der Gipfel dieſes Hügels mit dem Haufen der rieſigen auf⸗ gethürmten Steine war ein Hünengrab, die Begräbnißſtätte des Helden oder Fürſten eines uralten, längſt hinabgegangenen Geſchlechts, und die Eiche, welche über den Steinen die grüne Kuppel ihrer belaubten Aeſte erhob, verkündete, daß ſchon manches Jahrhundert vorübergegangen war, ſeitdem ſie als junges Bäumchen Erde genug auf dem Geſtein gefunden hatte, um auf dem⸗ ſelben fußen zu können.— Von dieſer Eigenſchaft des Hügels, als eines Hünengrabes, wußte Richard freilich nichts, denn erſt Entdeckungen neuerer Zeiten haben die Bedeutung ſolcher Hügel — deren ſich am Fuße des Teutoburger Waldes noch manche befinden— ſo wie auch dieſen Na⸗ men für dieſelben gefunden. Der junge Ritter machte ſich, indem er den Hügel beſtieg, überhaupt keine anderen Gedanken über denſelben, als ſolche, die mit ſeinem Abenteuer zuſammenhingen. 90 Man überſah von der Höhe aus eine Reihe von Hügelrücken, zum Theil mit Eichen und Buſchwerk beſetzt, zum Theil auch kahl und nur von dürrem Haidekraut bekleidet. Der alte um⸗ fangreiche, aber nicht eben hohe Thurm blickte finſter aus den Bäumen hervor. Richard fand zwiſchen den Eichen die Brandſtätte vom geſtrigen Abend, aber weder von den Steinen noch von den Todtenſchädeln, welche im Kreiſe um das Feuer gelegen hatten, konnte er eine Spur er⸗ blicken. Sie mußten ſehr ſorgfältig verborgen worden ſein. Er nahm denſelben Platz ein, auf welchem er am Abend die heldenhafte Geſtalt des Mädchens hatte ſitzen ſehen und es war nicht zufällig, daß ſich dabei ſeine Gedanken mit ihr beſchäftigten. Sie flößte ihm ein Gemiſch von Antheil und Abneigung ein, die edle Form ihrer Geſtalt, ihrer Geſichtszüge, die Majeſtät ihrer Erſcheinung feſſelte ihn, während das Barſche und Unweibliche ihres Betragens ihn abſtieß. Der eigenthümliche Fall, daß ein Weib ſich unter⸗ fing, mit einem Manne förmlich zu t und ihre Körperkraft gegen ihm geltend zu machen, 91 hatte etwas Befremdendes, und dennoch empfand er ein Gefühl der Genugthuung, ihr gezeigt zu haben, daß er ihren männlichen Trotz zu über⸗ winden verſtehe. Dazu kam noch, daß er wäh⸗ rend des Ringens zum erſten Male bemerkt zu haben glaubte, daß dieſes wilde, räthſelhafte Geſchöpf ſchön ſei und daß ihre ſonſt ſo finſtern Blicke in jenem Augenblicke ihrer Niederlage einen vollkom— men veränderten Ausdruck gezeigt hatten, einen Ausdruck, welcher den jungen Mann faſt in Ver⸗ wirrung gebracht hatte. Daß ihm hier irgend eine Gefahr drohe, hatte Wolfhilt ihm ſelbſt be⸗ kannt, doch konnte er ſich nicht erklären, wie oder warum er derſelben ausgeſetzt ſein ſollte. Mußte ihn aber der Antheil, welchen das Mädchen für ſeine Rettung nahm, nicht auch mit Theilnahme für ſie erfüllen?— Von ſol chen Gedanken erfüllt verweilte er einige Zeit auf dem Hügel, erhob ſich dann aber, um ſich von den Hausgenoſſen nicht ſuchen zu laſſen und ging zum Thurme zurück. Als er ſich demſelben von der Seite näherte, fund er, obgleich das alte Bauwerk beim erſten Anblick nicht das Anſehen einer menſchlichen Woh⸗ nung zeigte, doch einige Spuren, die daſſelbe durch Menſchenhand noch an die Gegenwart knüpften. Ein kleiner fleißig beſtellter Garten mit Gemüſebeeten fand ſich hinter demſelben, daran ſchloß ſich ein Stall, deſſen Bewohnerin, eine wohlgenährte braune Kuh, auf dem Raſen⸗ abhange weidete, während ein Flug von Tauben eben ſchwirrend zu ſeinem Schlage auf der zer⸗ brochnen Zinne des Thurms zurückkehrte. Als Richard ſich dem Eingange des Thurms näherte, hörte er aus dem unterſten Raume deſ⸗ ſelben folgendes Geſpräch: „Sage was Du wrillſt, Frotolf, ich gehe nach Paderborn, ich ſpreche mit dem Biſchof. Widerſteht er mir, ſo werfe ich mich dem Kaiſer zu Füßen!“ „Der Kaiſer läßt ſich nicht von Weiberthrä⸗ nen bewegen; Du kennſt ſeine Gemüthsart nicht.“ „Thränen? Ich will auch nicht weibiſch vor ihm weinen! Die ganze Schande jenes Mächti⸗ gen will ich ihm erzählen, will's ihm in die Ohren —,—ů ÜÜ————— 93 ſchreien, und wär's auf offener Straße! Entgegne mir nichts mehr, ich bin entſchloſſen!“ „Mädchen, Du wirſt nicht retten, was wir vergeblich zu erhalten verſucht haben! Gut, Du ſollſt Deinen Willen haben, Du ſollſt nach Pader⸗ born, aber verſprich mir nur Eins: verſprich mir, daß Du Dich dabei meinen Anordnungen fügen, daß Du nicht eher handeln willſt, als bis ich den glücklichen Augenblick dafür finde.“ „O, Ihr werdet ſo lange zögern, bis die beſte Zeit vorüber iſt!“ „Glaube mir, wir werden nicht zögern! Aber noch muß erſt Manches aufgeklärt werden— wir müſſen deu tich ſehen, eh wir handeln können. Ich kann Dir unſer ganzes Gewebe nicht enthüllen.“ „Wohlan denn, ich will verſuchen mich Dei⸗ nem Plane zu fügen. Bei der Mutter bleibe ich nicht länger. Sie iſt furchtbar! Sie will nur Rache, ich will Gerechtigkeit.“ „Wir werden Gundofara's Gemüthsart nie⸗ mals bändigen! Nun alſo: Ich begleite Dich nach dem Schloß Bucke. Frau Marketrud, die Schaffnerin, ſoll Dich nach Paderborn begleiten, Ihr ſollt eine Bedeckung von Reiſigen haben, denn die Straßen ſind unſicher. In Paderborn wirſt Du ein Unterkommen finden in Meiſter Wal⸗ rams, des Schmieds, Hauſe. Ich kenne ihn und ſein Weib. Dort bleibſt Du im Verborgenen, bis ich Dich herausführe. Verſprichſt Du mir zu gehorchen?“ „Wenn es nicht anders ſein kann— ſo ver⸗ ſpreche ich's. Jetzt aber laß uns den jungen Ritter wegbringen!“ Richard trat in die Thür, wo Wolfhilt ihn einlud hinauf zu kommen und ſich von der Mutter zu verabſchieden. Frotolf blieb unten, um des Ritters Pferd beſorgen zu laſſen! Als Richard mit dem Mädchen ins obere Zimmer trat, fand er die Alte am Kamin beſchäftigt.—„Es iſt nun doch wohl Zeit,“ ſagte ſie,„daß ich Euch abrei⸗ ſen laſſe. Die Schramme wird Euch wenig mehr beläſtigen, Ihr mögt alſo Eures Weges reiten. Da, junger Herr, nehmt noch einen warmen Trank. Es iſt eine gute alte Sitte, daß man einem Gaſte einen Abſchiedstrunk reicht, und Ihr dürft ihn *. 4 nicht verſchmähen. Es iſt kaltes nebliges Wetter, und ſo wird der Trank Euch wohl thun!“— Mit dieſen Worten reichte ſie ihrem Gaſte eine Schale, die ſie vom Kaminfeuer genommen hatte. Während Richard dieſelbe empfing, wurde Gun⸗ dofara durch Frotolf abgerufen, und kaum ſah ſich Volfhilt mit ihm allein, als ſie ihm die Schale, welche er eben an den Mund ſetzte, aus den Händen riß und den Inhalt zum Fenſter hinaus⸗ ſchüttete. „Was ſoll das?“ rief Richard erſtaunt.„War das wieder ein Schlaftrunk— oder etwa mehr als ein Schlaftrunk?“ „Bei Eurem Leben, ſeid ruhig, Herr!“ rief Wolfhilt, indem ſie ihm das leere Gefäß wieder in die Hand gab.„Ich weiß nicht, was es war, aber ich weiß, daß ich vorbeugen muß, wo ich etwas argwöhne! Sagt, Ihr hättet getrunken, der Trank hätte Euch wohlgethan, und dann um Gotteswillen macht, daß Ihr fortkommt!“ Gundofara trat wieder herein.—„Nun, mein ritterliches Herrchen,“ rief ſie,„wie hat der Trank gemundet?“ 96 „Vortrefflich!“ entgegnete Richard, der mit aller Gewalt ſeine Faſſung zu behalten ſuchte. „Ich weiß Euch Dank für dieſe Erquickung! Es war ein ſtarkes Getränk, und ich bin für die Reiſe gerüſtet.“ „Es iſt keine lange Reiſe,“ fuhr die Alte mit vor Genugthuung funkelnden Augen fort;„keine lange Reiſe, Ihr werdet ſchnell am Ziele ſein! Grüßt mir Euren Ohm, den Biſchof, ſagt ihm, Gundofara bewahre ihm eine dankbare Erinne⸗ rung. So, nun flieg aus, junger Vogel!“ Richard warf ihr einen verachtenden Blick zu, und da Woffhilt ſich entfernt hatte, eilte er hinab und dem Ausgange des Thurms zu, wo⸗ ſelbſt er ſein Pferd fand, und Frotolf, der ihm für eine kurze Strecke ſeine Begleitung zugedacht hatte. Eilig ſprang der junge Mann in den Sattel und ſah ſich noch einmal nach ſeiner Ret⸗ terin um, welche ſich jedoch nirgend zeigte. Fro⸗ tolf gebot ihm langſam zu reiten, da er ihn be⸗ gleiten wolle. Richard aber, der ſich auf dem Rücken ſeines Pferdes endlich in Freiheit ſah, die ihm nach dem letzten Auftritt doppelt erwünſcht 2 97 war, gab ſeinem Thier die Sporen, und indem er dem Manne zurückrief, daß er ſich weder um ſeine Nachrichten, noch um ſeine Geſellſchaft küm⸗ mere, ſprengte er fort. Einigemal ſah er ſich noch um, ohne jedoch das, was ſeine Augen ſuchten, erblicken zu können, und endlich entzog ihm der Wald, welchen er ſich zum Ziel genom⸗ men hatte, den Anblick ſeines verhängnißvollen Aufenthaltsortes. Glücklicherweiſe fand er den⸗ ſelben Hohlweg, welcher ihn geſtern Abend mit ſeinem Gefährten nach dem Hügel gebracht hatte, und da er in dieſen Krümmungen die ſauſende Eile ſeines Rittes hemmen mußte, überdachte er jetzt mit mehr Ruhe die Gefahr, welcher er entgangen war. Es ſtand ihm nun feſt, daß die Alte ihn habe vergiften wollen, und das Grauen, welches er vor dieſem Weibe empfand, ging mit auf Wolfhilt über, denn, ſagte er ſich, wenn die letztere mich auch von dieſer Gefahr befreit hat, wer ſteht mir dafür, daß ſie nicht in ähnlichen Fällen ihre Hand im Spiele gehabt hat? Ich bin in einer Hexen⸗ höhle der abſcheulichſten Art geweſen! Auch die⸗ ſem Frotolf traue ich nicht, ſeine Geheimniſſe ſind 7 98 eben ſo verdächtig, wie die offenbaren Mordver⸗ ſuche des teufliſchen alten Weibes! Aber in wel⸗ cher Beziehung ſtehen die Bewohner des Thurms zu meinem Oheim? Unter ſtummen Selbſtgeſprächen dieſer Art ritt der junge Mann ſeines Weges. Er hatte von dem Treiben ſeines Oheims geringe Kennt⸗ niß, aber die Art, wie derſelbe ſich ihm gegen⸗ über benahm, flößte ihm durchaus Achtung ein. Nicht daß er eine beſondere Zuneigung für den Biſchof gefühlt hätte, aber er ſchätzte ihn als einen geiſtvollen Mann, und mußte ſich ihm, der ſeit einigen Jahren ſo viel väterliche Fürſorge für ihn an den Tag legte, in jeder Weiſe ver⸗ pflichtet glauben. Nur ſelten zwar hatte Richard Gelegenheit ſeinen Oheim zu ſehen, denn da das Hoflager des Kaiſers ein wanderndes war, ſo hing es von dem Wechſel deſſelben ab, Oheim und Neffen von einander räumlich näher zu bringen oder zu entfernen. Nach einer Stunde Reitens hatte Richard den Wald verlaſſen, und vor ihm dehnte ſich jetzt die weite todte Ebene, die er am Abend vorher 99 durchritten hatte. Der Septembertag war trüb umſchleiert, ein grauer Nebeldunſt lag jiber der öden Haide, die nur zuweilen von einem leiſen Hügelrücken unterbrochen wurde. Die Luft wehte feucht über die ſchilfigen Sumpfſtrecken und grü⸗ nen Moräſte, welche ſich dem Reiter, der keinen Weg auf dieſer Ebene ſah, entgegenbreiteten und ihn zu einem fortwährenden Kreuz⸗ und Quer⸗ reiten zwangen. Dann wieder kamen lange Strecken dürren Bodens, wo ganze Familien hochaufgeſchoſſener Diſteln ſich angeſiedelt hatten, deren einige noch mit einer Menge purpurner Blüthenköpfe prangten, während andere, abgeblüht, ihren geſiederten Samen im Winde weit über die Haide verſtreuten. Zuweilen hob ſich ein Felsſtück aus der Fläche empor, auf welches ſich ein Strauch braunen Brombeergeſtrüppes ge⸗ ſchwungen, und in deſſen dornigem Geranke ſich weiße Sommerfäden gefangen und in Flocken zuſammengewirrt hatten. Wieder folgten Sümpfe und lange Felder graugrünen Schilfes, hochge⸗ wachſen aber unfruchtbar, und weiße Schierlings⸗ dolden, zahlreich und ausgedehnt, verbreiteten —* 100 ihren unheimlichen Duft über die Fläche. Kein Ton war weit und breit zu hören, als ab und zu das Gekrächz einer Krähe, die aufgeſcheucht emporflog, oder das Gurgeln des Waſſers, wenn ein Froſch in den Sumpf ſprang. Es dünkte unſerm Freunde, er wäre Jahre lang und hun⸗ dert Meilen weit von ſeinen gewohnten Umge⸗ bungen entfernt geweſen, und er ſah der Rückkehr in die Stadt, dem Verkehr mit Menſchen, welchen er trauen dürfe, mit Sehnſucht entgegen. Da hörte er in der Ferne ein Geräuſch, wie Roßgetrappel einer Schaar von Reiſigen. Er ritt einem leichten Hügelrücken entgegen, und von dort aus erblickte er nicht unweit die vermuthete Schaar, an welcher er die Abzeichen des Biſchofs von Paderborn erkannte. Beiderſeits— denn auch jene ſchienen ihn erkannt zu haben— ſetzte man ſich in Galopp, und bald wurde Richard von Giſo bewillkommnet und von den Knechten ſeines Oheims mit ſtürmiſchem Rufe begrüßt. Die Reiſe nach Paderborn ging darauf un⸗ gehindert und in einigen Stunden vorwärts. Liertes Kapitel. Die Ankunft des Kaiſers in Paderborn ſollte früher ſtattfinden, als man erwartete. Noch im Laufe dieſes Tages erſchienen reitende Eilboten in der Stadt, welche den Kaiſer ankündigten, und ſchon am Abend war das Oberhaupt des Reichs in den Mauern von Paderborn. Durch alle Gaſſen bewegte ſich ein lebhaftes Treiben der Einwohner und fremden Gäſte, die im Gefolge ihres Fürſten in ſo reicher Zahl angekommen waren, daß das Reſidenzſchloß ſie nicht zu faſſen vermochte und Herbergen und Bürgerhäuſer über⸗ füllt waren von Rittern, Edelleuten und Diener⸗ ſchaft. Ehe wir jedoch die ſchnell auf einander fol⸗ genden Ereigniſſe der nächſten Tage erzählen, ſei „— 102 uns vergönnt, den merkwürdigen Charakter Kai⸗ ſer Heinrichs V., ſo wie der Zeit, welche ihn er⸗ wachſen ließ, etwas näher ins Auge zu faſſen, und wenn wir dieſe unſere Schilderung mit des Kaiſers Vater, Heinrich dem IV., beginnen, ſo iſt dies eine gebotene Nothwendigkeit, da die An⸗ fänge des erſteren mit dem Ausgang des letzteren in genauem Zuſammenhange ſtehen. Kaiſer Heinrich IV., die troſtloſeſte und den⸗ noch die großartigſte Perſönlichkeit des ganzen fränkiſchen Fürſtenhauſes, zeigt uns ein ſolches Gemiſch von Licht und Schatten in ſeinem Cha⸗ rakter, daß es ſchwer iſt, den Werth deſſelben zu beſtimmen, zumal ſeine Verdienſte nur perſönliche waren, ſeine Fehler aber, als politiſche, ungleich ſchwerer in die Wagſchale fallen. Dennoch aber kön⸗ nen wir behaupten, daß er weniger gefehlt haben würde, wenn man weniger an ihm verbrochen hätte. Von Weibern, ohne ſittliche Energie erzogen, von Pfaffen in ſeinen jugendlichen Ausſchweifungen ge⸗ radezu begünſtigt, erwuchs dieſe geniale Natur wild und zügellos, und ſah ſich plötzlich an die Spitze eines Reichs geſtellt, welches der Unmündige zwar als 103 ein fertiges Ganzes von ſeinem Vater ererbt hatte, welches aber bis zu ſeiner Mündigkeit durch den Zwiſt ſeiner geiſtlichen Vormünder bereits aus allen Fugen gerückt war. Das Reichsgut war auf alle Weiſe geplündert und der Krone abge⸗ ſtohlen, in allen Provinzen waren die Gemüther zum Aufruhr geneigt, als deſſen Hebel die hohen Vaſallen daſtehen. Während unter Heinrich II. die Päpſte Werkzeuge des Kaiſers ſind, tritt jetzt in Hildebrand ein Mann auf den päpſtlichen Stuhl, der ein in jahrelanger Vorarbeit ſchon fertiges Syſtem mitbringt, ein Mann, bei dem ſich wahre Begeiſterung mit wildem Fanatismus, kälteſter Berechnung und Politik vereinigen. Er läßt in den erſten Jahren den jungen König nach ſeiner Weiſe wüſten und verwildern, noch iſt es ihm lieb, wenn ſich derſelbe nicht in die Angelegen⸗ heiten der Kirche miſcht. Plötzlich macht Hilde⸗ brand, als Papſt Gregor VI., Ernſt, und die Art, wie er durch eine Geſandtſchaft an den Kö⸗ nig in die weltlichen Angelegenheiten eingreift, muß dem letztern wie ein Wahnſinn erſcheinen, denn nur zu ſehr iſt er der ſelbſtändigen Gewalt 104 eingedenk, welche ſein Vater über die Päpſte aus⸗ übte. Daß dies eine vorwiegend moraliſche Gewalt war, daran dachte er freilich nicht, daran konnte er, bei ſeiner Erziehung, nicht denken. Im Ge⸗ fühle ſeines Rechts, ohne eine Ahnung der Größe der Gefahr, nahm er den Kampf mit einem furcht⸗ baren Gegner auf, und ſelbſt die Verſchwörung des Vaſallenthums, welches eine günſtige Gelegen⸗ heit ſieht, um unter der Maske des Papſtthums weltliche Zwecke zu verfolgen, ſelbſt dies Unerhörte hielt er noch für geringfügig. Das Wanken dieſer ſeiner Hauptſtütze aber ſollte ihn ins Verderben ſtürzen. Der furchtbar demüthigende Tag zu Ca⸗ noſſa kam und ſah das beiſpielloſeſte Ereigniß der Geſchichte. Dieſer Tag aber, wie er des Kai⸗ ſers Schwäche plötzlich zur Größe umwandelt, macht zugleich des Papſtes Schale ſinken. Gregor hatte dem Kaiſer ein Gewicht auferlegt, deſſen Druck weder Heinrich ertragen, noch der Papſt in ganzer Macht durchführen konnte, und welches abgeworfen werden mußte. Dies thut Heinrich, und der Gedemüthigte ſteht plötzlich als ein Mann da, und zwar um ſo größer, da er noch allein 105 ſteht, da er Alles gegen ſich, Gregor aber viel für ſich hat. Noch hatte Heinrich auf keine fertige Partei in Deutſchland zu hoffen, aber eine Schaar mächtiger Freunde kam ihm entgegen, und bald bildete ſich eine Partei des Sinnes, daß der Kaiſer jetzt ein nationaler Mittelpunkt ſei, dem man ſich anſchließen müſſe, um dem hierarchiſchen Joche nicht gänzlich zu unterliegen. Nicht Heinrichs Perſönlichkeit— dieſe ſollte ſich erſt Achtung erwerben— ſondern die Kai⸗ ſergewalt unterſtützte man für's Erſte in ihm. Heere von Bürgern ſtrömen zu des Kaiſers Fah⸗ nen, die eben jetzt aufblühenden Städte erklären ſich für ihn, ganze Provinzen(Schwaben, Franken, Kärnthen) fallen ihm zu, und beim Ausbruche des Krieges, welchen er gegen den von der Ge— genpartei erwählten König zu führen hat, ſtehen die Heere ungefähr gleich. Das ſonderbare Be⸗ nehmen des Papſtes iſt dabei günſtig für Hein⸗ rich. Der Gegenkönig Rudolf verlangt vom Papſte ein Paar Bannflüche für Heinrich; Gregor aber will ſeine Bannſtrahlen nicht verſchwenden, denn ſeine Politik betrachtet den neu aufſteigenden Stern 106 des Kaiſers bereits aufmerkſamer. Eine Reihe von Schlachten bringt dem letztern immer günſtigere Reſultate, en wird zum allgemeinen Anziehungs⸗ punkt, ja er erzieht ſich ſogar eine kirchliche Par⸗ tei. Jetzt, dem Gipfel ſeiner Macht nahe, zieht er nach Italien, gewinnt durch einen glücklichen Feldzug Rom, erringt durch Mäßigung und po⸗ litiſche Klugheit eine moraliſche Macht, bietet ſei⸗ nem Feinde Gregor Frieden an und verlangt von ihm die Krönung. Gregor iſt zu den Nor⸗ mannen entflohen und ſchlägt des Kaiſers Aner⸗ bietungen aus. Von dieſem Augenblick an ſteht Heinrich gerechtfertigt da. Wenn er jetzt ſelbſt einen Gegenpapſt(Clemens II.) wählt und ſich von dieſem krönen läßt, ſo iſt er nicht nur in ſeinem politiſchen und perſönlichen, ſondern auch in ſeinem moraliſchen Rechte.— Von dieſem Gipfel ſeiner Macht gab es aber für ihn keine Stufe aufwärts. Eine Kette von Wechſelfällen des Geſchickes, die ihn bald an den Rand des Verderbens, bald wieder auf die Höhe der Macht brachten, würde er überwunden haben, aber das hinzutretende Ueberſtürzen des häus⸗ 107 lichen Jammers mußte dieſen Charakter brechen. Des Kaiſers Erzfeind ſtarb, aber die Nachfolger deſſelben auf dem päpſtlichen Stuhle nahmen Gregors Werk auf und ſuchten mit aller Gewalt die Macht des Kaiſers zu brechen. Die Menge kleiner Parteiungen, in welche ſich die Parteien geſpalten hatten, machen jetzt ganz Deutſchland zum Schauplatze eines Bürgerkrieges und werden dem feindlichen Wirken des Clerus überaus gün⸗ ſtig. Nachdem der zweite Gegenkönig Heinrichs ohne Bedeutung vom Schauplatz abgetreten war, beginnen die Gräuel im Kaiſerhauſe ſelbſt, und zwar unter unmittelbarer Leitung des Clerus. Heinrichs Sohn, Konrad, eine weiche, frömmelnde Natur, wird ihm zuerſt abwendig gemacht, durch die Brille der Geiſtlichkeit ſieht er im Kaiſer nur den Gottverfluchten und beginnt eine Empörung gegen den Vater. Zu ſeinem eigenen Beſten tritt der Unglückliche bald vom Schauplatz der Ge⸗ ſchichte ab. Des Kaiſers Gweite) Gemahlin wird gleich darauf die Beute einer kirchlichen Partei; man entführt ſie dem Gemahl und ſie verräth ihn in der treuloſeſten Weiſe. Dieſe Ereigniſſe 108 beugen den Kaiſer ſo tief, daß er ſchon Vorkeh⸗ rungen zum allmäligen Zurücktreten macht, wie wir ein Zeichen davon in der Erwählung ſeines Sohnes Heinrich zum Nachfolger ſehen. Aber die⸗ ſer Sohn Heinrich ſollte ihn in das ſchrecklichſte Elend und bald darauf ins Grab bringen. Der Kaiſer iſt geneigt zum Frieden, die Kirche aber will keinen Frieden, rührt überall die Parteien auf, hetzt alle alten und tauſend neue Widerſacher an und hat auch den Sohn des Kaiſers auf den Fuß gebracht, auf welchem ſie ihn wünſcht. In einer ſolchen Zeit des Verfalls, unter ſolchen Umgebungen hat der junge Heinrich ſeine Jugend verlebt. Er kennt alle niedrigen Motive des Clerus, er ſieht alle Wechſelfälle, welchen der deutſche Thron ausgeſetzt iſt, er iſt von energi⸗ ſchem Charakter, ohne Begeiſterung, ohne reli⸗ giöſe Ueberzeugung, und wenn er ſich von der Geiſtlichkeit zur Empörung wider den Vater bewegen läßt, ſo iſt der Gehorſam gegen ſie Heuchelei. Ihn treibt der politiſche Scharfſinn, die Energie des Charakters, er iſt ein Sohn ſei⸗ ner verwilderten Zeit, der jede Regung der Pietät 109 und des Herzens als ein Vorurtheil abzuſtreifen gelernt hat. So beginnt er den Kampf mit dem Vater, den unnatürlichſten und ſchmachvollſten aller Kriege. Fühllos ſieht er den greiſen Vater Nachts im Lager auf ſeinen Knieen liegen, und verwirft die flehentlichen Bitten deſſelben von dieſem Kriege abzuſtehen. Er ſieht in dem Greiſe nicht mehr den Vater, ſondern das gedemüthigte Königthum, welches er durch den Rückhalt der Kirche wieder zu Ehren bringen will. So beſiegt er den Kaiſer, ſetzt ihn gefangen, und als der⸗ ſelbe entkommt und im Schutze ſeiner treuen Städte ſein ſorgenvolles Leben endet, läßt er, um der Kirche zu gefallen, die Leiche des Vaters fünf Jahre in ungeweihter Erde verharren. Ein ſolcher Fürſt mußte bei ſeiner Thron⸗ beſteigung die gerechteſten Bedenken erregen. Vor Allem hatte er das immer ſchöner ſich entfaltende Städte⸗ und Bürgerthum gegen ſich, welches treu an ſeinem Vater gehangen hatte und Heinrich dem Fünften das unnatürliche Benehmen gegen denſelben nicht vergab. Dennoch aber ſah eine andere Partei in ihm den Repräſentanten des 110 Königthums, welches er allerdings mit gewalti⸗ ger Hand aufrecht zu erhalten ſtrebte, und ſo ſtand er, wenn nicht unangefochten, doch ſicher da. Seine Ueberlegung wußte die Menſchen an ſich zu ketten, und vorzüglich hatte er an den Söhnen ſeiner Schweſter, den jungen Grafen von Hohenſtaufen, die kräftigſte Stütze, ja ſelbſt ſeine Gegner unterwarfen ſich dem Prinzip, welches ſie in ihm als ein Gegengewicht gegen die Hierarchie vertreten ſahen. Ein glänzender Römerzug und eine mit Gewalt erzwungene Krönung ſchienen ieden Widerſtand aufheben zu wollen. Seine Neffen, von denen er dem ältern, Friedrich von Hohenſtaufen, Schwaben, dem jüngern, Konrad, Franken gegeben hatte, wußten mit jugendlicher Kraft am Rhein die Geiſtlichkeit in Ordnung zu halten, während ſein Heer unter dem Grafen Hoyer von Mansfeld die Sachſen beſiegte und im Zaume hielt. So ſtand er auf dem Gipfel ſeiner Macht da, gewaltig und erſchreckend. Dieſe Höhe aber ſchien ihm die Beſinnung zu rauben. Tyranniſch und perfid handelt er gegen ſeine Vaſallen, und eine Reihe von Gewaltthätigkeiten macht ihn, wenn er ſchon gefürchtet war, jetzt zum Gegenſtand des Haſſes. Was Heinrich W. aus jugendlicher Leidenſchaftlichkeit verbrach, thut er mit kalter Berechnung und Hinterliſt. Aber auch die Stunde ſeiner Demüthigung war gekommen. Sein früherer Kanzler und Hel⸗ fershelfer, Albrecht, den er zum Erzbiſchof von Mainz gemacht hatte, ein Mann von ſo unge⸗ bändigtem Ehrgeiz, wie ihn nur eine ſo wilde Zeit erwachſen laſſen konnte, ſtellt ſich an die Spitze einer Verſchwörung des hohen Reichsadels. Die Niederlage des Kaiſers am Wolfesholze, wo ſein Feldherr, Graf Hoyer von Mansfeld, fiel, und die Schlacht bei Andernach, wo Heinrich dem Heer der Vaſallen, welches Graf Friedrich von Arnsberg befehligte, erlag, zeigten den Gefürch⸗ teten überwindlich, und ſo geſchah jetzt, was man bisher nicht gewagt hatte, der Kirchenbann wurde, wegen der erzwungenen Krönung, in Köln und Goslar gegen den Kaiſer verkündigt. So hatte ſich Heinrich plötzlich zwei große Parteien ſeines Reichs, die Kirche und das Vaſallenthum, ab⸗ wendig gemacht, während er bei der dritten Partei, 112 dem Städte⸗ und Bürgerthum, welchem ſein Va⸗ ter einſt ſo viel verdankte, von Anfang an keine Sympathieen hatte. Hier lag die eigentlich mo⸗ raliſche Kraft des Reichs, welche ſich mit Abſcheu einem ſolchen Charakter entgegenſetzte. Aber mit unbeugſamer Energie rettete ſich Heinrich auch aus dieſen Gefahren. Auf einem zweiten Zuge nach Italien nahm er das Erbe des alten Haders, die Güter ſeiner Muhme Ma⸗ thilde, in Beſitz, und wählte ſich einen eigenen Papſt Gregor VIII.). Bei ſeiner Rückkehr nach Deutſchland findet er das ganze Land in den Flammen des Aufruhrs und Bürgerkriegs, ein Geſchäft, welches hauptſächlich Albrecht von Mainz verwaltet. Herzog Lothar von Sachſen(ſpäter Heinrichs Nachfolger) ſteht an der Spitze eines Heeres ihm gegenüber, und die furchtbarſten Gräuel wüthen überall im Vaterlande. Da beſchließt Heinrich mit ſeinen Gegnern Frieden zu machen. Während er auf dem Reichs⸗ tage zu Tribur mit ſeinen Vaſallen verhandelt und ſich mit ihnen ausſöhnt, machinirt aber die Kirchenverſammlung zu Rheims ſchon wieder gegen S— 113 ihn, und der Kirchenfluch ertönt von dort aufs Neue gegen den Kaiſer. Dieſen kann Heinrich fürs Erſte auf ſich beruhen laſſen, da er ſich mit den bedeutendſten ſeiner weltlichen Gegner, Lo⸗ thar, Friedrich von Arnsberg, dem Pfalzgrafen und ebenſo mit dem Erzbiſchof zu Köln verſöhnt hat. Bald darauf wird zu Würzburg ein all⸗ gemeiner Reichsfriede geſchloſſen, und die Strei⸗ tigkeiten mit der Kirche finden wenigſtens äußer⸗ lich ihr Ende durch jenes ſonderbare Concordat zu Worms, welches den fünfzigjährigen Inveſti⸗ turſtreit löſt, und das Recht des Kaiſers in der Art wahrt, daß ihm die weltliche Belehnung mit dem Scepter verbleibt, nachdem die geiſtlichen Weihen von Rom aus vorher gegangen waren. 122) So hat Heinrich V. mit einigen Zugeſtänd⸗ niſſen das königliche Anſehen gerettet, wiewohl in einem Lande, wo alle Leidenſchaften wie ein bewegtes Meer gegen einander getobt hatten, an einen vollkommenen Frieden noch nicht zu denken iſt. Der Kaiſer ſteht jetzt wieder auf der Höhe ſeiner Macht, rieſenhaft in ſeiner Energie, und 8 niemals verlegen um ein Mittel, wenn es zum Zwecke führt. Scharfſinnig, tückiſch und ſchlau, voll heuchleriſcher Demuth vor Rom, hat er, bei großer kriegeriſcher Thatkraft, den zweideutigen Ruhm, der klügſte Fürſt ſeiner Zeit zu ſein. An Genialität den Königen ſeines Hauſes nicht nach⸗ ſtehend, ſcheint er beſtimmt zu ſein, ſein Geſchlecht großartig, gewaltig und eiſern, aber ſchreckener⸗ regend und unverſöhnt abzuſchließen.— Zwei Jahre vor ſeinem plötzlichen Tode, im kräftigſten Mannesalter tritt er uns in unſerer Erzählung entgegen, und zwar auf einem ſeiner kleineren Feldzüge gegen ſeine unter einander hadernden Vaſallen. Dieſen, als nicht ſpeziell zu unſerer Erzählung gehörend, können wir bei Seite laſſen.*) Wir haben, um ſeinen Charakter zu ſchil⸗ dern, ſeine und ſeines Vorgängers Zeitverhältniſſe nur im Allgemeinen dargeſtellt, da uns im vor⸗ liegenden Falle die Darlegung der Spezialgeſchichte *) Es iſt der Erbfolgeſtreit über die Meißner Mark, welcher, nach Heinrichs M.(von Eilenburg) Tode, das Haus Wettin, mit Markgraf Konrad, zur Regierung brachte. (1123.) nicht die Pflicht des Erzählers zu ſein ſchien, wiewohl wir auch ſo fürchten müſſen, die Geduld unſerer Leſer ſchon ermüdet zu haben. Wir beei⸗ len uns daher, dieſelben nun in den Kaiſerpalaſt einzuführen. Der Kaiſer hatte vor der Stadt ſchon die Begrüßungen einiger Edlen, die ihm entgegen geritten waren, darunter auch des Grafen Fried⸗ rich von Arnsberg, entgegen genommen, und an der Schwelle des Palaſtes die des Biſchofs von Paderborn. Nach kurzem Verweilen im Audienz⸗ ſaale hatte der Kaiſer die Genannten, der ſpäten Abendſtunde wegen, entlaſſen und nur Richard in ſein Gemach befohlen. Der Kaiſer ſaß jetzt, nach⸗ dem er zu Nacht geſpeiſt hatte, in einem ſammt⸗ nen, mit Pelz verbrämten Hauskleide am Kamin eines kleinen aber koſtbar geſchmückten Zimmers, und um ihn ſtanden einige Ritter ſeiner nächſten Umgebung, darunter auch Richard von Streit⸗ berg. „Du biſt übel gezeichnet, Richard!“ ſagte der Kaiſer:„Du haſt da eine tüchtige Wunde auf der Stirn. Was hat's gegeben, Junker 8. 116 Streitberg, die Verletzung iſt noch ziemlich friſch. Rauferei gehabt? Das wird Deiner Braut, dem Fräulein von Arnsberg, wenig gefallen.“ „Es iſt eine unbedeutende Wunde, Herr!“ entgegnete Richard, dem es unangenehm war, daß dieſes Zeichens Erwähnung gethan wurde, obgleich er es als unvermeidlich vorher geſehen hatte. Unter den Edlenzaus des Kaiſers Umgebung befand ſich aber Mancher, der die Gunſt, welche der junge Mann genoß, beneidete, und ſo warf einer derſelben, ein kecker junger Edelmann, die Worte hin: „Man ſagt, daß der Junker von Streitberg neuerdings ſeine Wunden nicht aus dem Kampfe mit Männern, ſondern mit— Weibern davon⸗ trage!“ Richards Augen flammten, er ſah mit Schrek⸗ ken, daß ſein Abenteuer ſchon die Runde zu machen beginne. „Wäre mein Schwerdt nicht durch des Kai⸗ ſers Gegenwart in die Scheide gefeſſelt,“ rief er, 117 „ſo wollte ich Euch zeigen, Junker Rando, daß ich mit Euresgleichen& ℳ„ „Was ſoll das?“ rief der Kaiſer.„Dr, Rando, haſt am wenigſten das Recht, den Junker Streitberg zu höhnen! Ich verbiete den Zwiſt in meiner Gegenwart und verbiete ebenſo, daß Ihr Euch um Albernheiten ſchlagt. Die Wunde mag auf ſich beruhen!“ „Wenn es Euch, mein Herr und Kaiſer, gefiele,“ ſagte Richard,„mir unter vier Augen Gehör zu geben, ſo wollte ich Euch das Aben⸗ teuer, welches mir dieſe Wunde gegeben hat, erzählen.“ „Warum nicht gar! Behaltet Eure Weiber⸗ geſchichten für Euch! Ich erlaſſe Dir Deine Er⸗ zählung.“ „Es iſt kein Abenteuer gewöhnlicher Art, nicht wie mein kaiſerlicher Herr vermuthet—“ „Nun, das verſteht ſich! Für Dich iſt die Geſchichte natürlich überaus ungewöhnlich und intereſſant! Geht mir mit Euren Liebesgeſchichten!“ Richard, der den Kaiſer auf einer falſchen Vermuthung ſah, war gleichwohl zum Schweigen Graf Gottfried von ſihe Audienz bäte. ſagte der Kaiſer.„Nun, wenn unſer frommer zeit machen will, ſo mß er wohl etwas Wich⸗ tiges vorzubringen haben! Er ſoll eintroten. enz fernt Euch— Richard, Du bleibſt!“ Die Edelleute entfinte ſch und Gottfried trat ein. „Nun, Kappenberg, was giebts?“ fragte der Kaiſer.„Ihr ſeht verwünſcht niedergeſchla⸗ gen aus!“ „Verzeiht, mein Herr und Kaiſer, daß ich zu ſo ſpäter Stunde—“ „Zur Sache, Kappenberg, zur Sache! Vorreden!“ Gottfried erzählte nun in Kürze die Beleidi⸗ gung und das Unglück, welches durch die Ge⸗ waltthätigkeit ſeines Schwiegervaters über ſein Haus gekommen war, und legte ſeiner Geſinnung gemäß das Hauptgewicht auf das Verſchwinden f die Nacht zur Audienz⸗ des Bruders Alviſius und die rohe Behandlung, welche die Ordensbrüder deſſelben erfahren hatten. Der Kaiſer ſprang nach Anhörung dieſer Erzäh⸗ lung in großer Erregung auf, und indem er mit haſtigen Schritten das Zimmer durchmaß, rief er: „Das iſt eine verwünſchte Geſchichte, Kap⸗ penberg!— Aufrichtig geſagt, mir wäre es lieber, wenn anſtatt des Grafen Arnsberg ein Anderer die That begangen hätte! Dieſen Arnsberg habe ich nur mit Mühe zur Ruhe gebracht, aber er kann nun einmal nicht ohne Gewaltthätigkeiten und Schandthaten leben! Und dennoch— nein, es iſt gut, daß ich ihm endlich das Handwerk legen kann, estiſt Zeit, daß ich mit aller Strenge gegen ihn auftrete!— Wo iſt Alviſius?“ „O, gnädiger Herr, das iſt eben das Un⸗ heil! Verſchwunden! Es heißt, Arnsberg habe ihn in den Brunnen auf dem Kappenbäge werfen laſſen!“ „Das iſt arg! In der That!— Hattet Ihr die Beſtätigung ds Papſtes ſh in Händen, als die That geſchah?“ 120 „Ich hatte ſie weder, noch auch habe ich ſie jetzt.“ „Was? Noch immer nicht?— Daß man ſich von dieſem Pfaffenpack abhängig machen muß!“ „Gnädiger Herr!“ „Ich weiß, Kappenberg, das iſt nicht nach Eurem Sinne geſprochen! Jeder nach ſeiner Weiſe! Aber die Beſtätigung von Rom wird kommen. Ich habe die gegründetſten Hoffnungen, daß ſie kommen werde. Vor der Hand— werden wir ohne dieſelbe handeln. Euch ſoll Genugthuung werden für die Uebergriffe in Euer Eigenthum, die Schandthat gegen Aloiſius aber iſt eine Be⸗ leidigung gegen mich, denn ich hatte Eure Schen⸗ kung beſtätigt, ich habe das Geſuch nach Rom geſandt. Die Sache iſt alſo die meine!— Und müßte ich dieſem Teufel ſein Haus über dem Kopfe anzünden und die Wovelsburg dem Erd⸗ boden gleich machen, es ſoll geſchehen, um ihn endlich zu beugen. Eine Heeresabtheilung ſteht noch bei Lippſtadt, ſie genügt, um zwanzig ſolcher Raubneſter niederzureißen.“ 121 „Gnädiger Herr, wäre es nicht beſſer, den Grafen erſt in Gutem zu einem Vergleich zu be⸗ wegen?“ „Das könnt Ihr mir rathen, Ihr— nun ja, Ihr ſeid ein frommer Mann! Vergeßt aber nicht, Kappenberg, daß meine Ritter nicht Kloſter⸗ leute ſein ſollen, daß wer ein Schwerdt führen kann, es auch führen ſoll! Ihr habt ſonſt be⸗ wieſen, daß Ihr's könnt!— Ihr kennt dieſen Arnsberg, wie ich— was ſind ihm Verträge? Ich muß ein großes Beiſpiel meines Richteramts geben, wenn ich vor dieſem und ähnlichen Köpfen endlich Ruhe haben ſoll!“ „Arnsberg's Anhang iſt groß, mein Herr und Kaiſer, Ihr wißt, daß er mit den mächtig⸗ ſten Reichsfürſten in Verbindung ſteht. Sieht er, daß mit Gewalt gegen ihn verfahren wird, ſo iſt ſein Einfluß geeignet, eine furchtbare Partei auf⸗ zuregen. Sein Schloß, die Wevelsburg, ſteht unter dem geiſtlichen Schutze des Erzbisthums Mainz, es genügt ein Wort von ihm, und unſer alter ſchlimmſter Gegner, Adalbert von Mainz, ſpinnt die alten Fäden des Aufruhrs noch ein⸗ ——— 122 mal, um den Bürgerkrieg im Vaterlande zu er⸗ neuern. Nein, gnädiger Herr, ſolchen Ausſichten gegenüber laſſe ich meine Sache fallen oder— gebe ſie päpſtlicher Entſcheidung anheim!“ „Thut Ihr, was Euch güt dünkt, ich werde handeln, wie es mir zukommt!“ Heinrich ging in großer Erregung im Zim⸗ mer auf und ab. Dann, nach einer Pauſe, blieb er vor Gottfried ſtehen und fuhr fort: „Nein, Kappenberg, päpſtlicher Entſcheidung werdet Ihr dieſe Angelegenheit nicht überlaſſen. Wir wollen einen Vergleich verſuchen— wir wollen Rechenſchaft von Arnsberg fordern. Iſt er noch in der Stadt?“ „Er iſt gleich nach der Audienz auf die Wevelsburg zurückgeritten.“ „So ſoll noch in dieſer Nacht ein reitender Bote an ihn geſchickt werden, mit dem Befehl, daß er ſich morgen früh um zehn Uhr vor uns zu ſtellen habe!— Was zuckt Ihr die Achſeln? Ihr meint, er werde ſich nicht ſtellen? Nun, dann möge er ſich wahren! Bei meiner Krone, dann werde ich ihm einen Beſuch machen— und mag * daraus werden, was da will. Wie ſteht Arns⸗ berg mit dem Biſchof von Paderborn?“ „Sie lebten in Feindſchaft. Nach ihrer heu⸗ tigen Begegnung aber ſcheint eine Verſöhnung ſtattgefunden zu haben.“ „So! Eine Verſöhnung? Und nach dieſer That?— Sehr gut! Sehr glaublich!— Graf, wißt Ihr, was ich denke? Was der Wolf zer⸗ riſſen hat, kommt als Beute auch dem Fuchs zu ſtatten!— Die Pfaffen waren überall aufſäſſig, wo Aloiſius predigte, ſie ſchimpften ihn einen Ketzer. Jetzt iſt er verſchwunden— da haben ſie Ruhe vor den Geißelhieben ſeiner Worte, und lachen ſich in's Fäuſtchen!“ „Mein Herr und Kaiſer,“ nahm jetzt Richard zum erſten Male das Wort,„ich glaube, meinen Ohm, den Biſchof, vor ſolchen Beſchuldigungen vertheidigen zu können. Es wäre Unrecht, das gewöhnliche Maaß an ihn zu legen—“ „Es wäre etwas Gewöhnliches,“ rief der Kaiſer heſtig,„wenn ſein geiſtliches Maaß un⸗ gewöhnlich voll wäre! Schweig, und miſche Dich nicht in dieſe Geſchäfte! Verehre Du Deinen 124 Ohm, indeß wir der Fährte unſers Biſchofs folgen!— Er ſoll morgen gegenwärtig ſein, wenn wir über Arnsberg verhandeln. Richard, geh und laß meinen Kanzler rufen. Ich ſage Dir zugleich gute Nacht.“ Richard verbeugte ſich und ging. „Kappenberg,“ ſagte der Kaiſer jetzt etwas leiſer,„was gilt's, Ihr ſeid meiner Meinung!“ „Ich geſtehe, daß mir der Verdacht ſchon aufgeſtiegen iſt.“ „Und ich geſtehe die Ueberzeugung, daß, wenn Arnsberg es nicht gethan hätte, die Geiſt⸗ lichkeit ſelbſt Euern Aloiſius über Seite gebracht haben würde. Redet mir nichts dagegen— ich kenne meine Leute aus langer Erfahrung!— Iſt Eure Frau bei ihrem Vater?“ „Ich habe ſie auf eine meiner Burgen, nach Bucke gebracht. Mit meinem Willen wird ſie jetzt das Haus ihres Vaters nicht betreten.“ „Auf morgen alſo das Weitere, Kappen⸗ berg. Ich bekomme da zu meinen vielerlei hie⸗ ſigen Geſchäften noch ein ſehr ernſtes.“ 125 „Nehmt meinen Dank im Voraus, mein Kaiſer.“ „Spart ihn, noch iſt nichts geſchehen. Mein Kämmerer kommt. Gute Rachtl— Um im Zuſammenhange zu bleiben, wollen wir die Nacht überſpringen und gleich auf die nächſten Ereigniſſe in dieſer Angelegenheit über⸗ gehen. Wir betreten einen prächtig gewölbten Saal, der ſein Licht durch drei große Fenſter erhält. Die Fenſter ſind dreitheilig, im byzantiniſchen Style, und ihre Unterabtheilungen durch kleine Säulen getrennt. Die Wände ſind mit Darſtel⸗ lungen aus der Heiligengeſchichte ausgemalt, zwar noch in der rohen, unbeholfenen Art jener Zeit, die noch zu keiner eigentlichen Kunſtſchöpfung durchgedrungen iſt, aber doch ſind es Wandge⸗ mälde, die für ausgezeichnet galten und ſomit den Zweck ihrer Aufgabe erfüllten. An den Wän⸗ den herum zieht ſich eine Wandbank von Eichen⸗ holz, welche feſtgemacht iſt, zu den etwas hohen Fenſterſitzen führen Stufen, die mit wollenen Teppichen belegt ſind. Eine thronartige Erhöhung 126 über dem mit Granitplatten gepflaſterten Fuß⸗ boden beherrſcht die ganze Länge des Saales und iſt von einem purpurnen Baldachin überragt. Auf dem bunten geſtickten Teppich ſteht, etwas zur Seite des Throns, ein großer Eichentiſch mit gewundenen Füßen, bedeckt mit Quartanten und Pergamenten. Der Kaiſer hat ſeine Sitzung und Audienz pünktlich und auf die Minute begonnen. Der Saal iſt ongefüllt mit Rittern und Edeln, der Biſchof ſitzt am Tiſche neben dem Thron und hinter ihm ſteht ſein würdiger Cajetan. Schon mancherlei weltliche Geſchäfte hatte der Biſchof dem Kaiſer vorgetragen und ſchon eine halbe Stunde war über die geſetzte Zeit hingegangen, ohne daß Graf Arnsberg noch erſchienen war. Schon hatte Gottfried von Kappenberg den Kaiſer, deſſen erzürnte Aufregung immer drohender werden zu wollen ſchien, dringend beſchworen, ſich noch zu gedulden, und jetzt auch bei der dritten Er⸗ kundigung nach dem Grafen wußte der Biſchof gewandt noch einige Deputationen der Bürger⸗ ſchaft in die Verhandlung einzuſchieben, welche 127 den Kaiſer um die Beſtätigung einiger Gerecht⸗ ſame angingen. Schon aber war eine Stunde des Wartens vergangen, und jetzt erhob ſich der Kaiſer und rief mit donnernder Stimme:„Iſt Graf Arnsberg noch nicht erſchienen?“ „Er kommt!“ riefen mehrere Stimmen, und durch die geöffnete Thür, dem Thron gegenüber, trat die rieſenhafte Geſtalt des Grafen Friedrich von Arnsberg. Von den hohen, breiten Schultern blickte ein mit dichtem, ſchwärzlichem Haar bedecktes Haupt ſtolz auf ſeine Umgebungen herab, ein wilder Bart umgab den untern Theil des Geſichts, aus welchem die gebogene Naſe und die von ſchwarzen Augenbrauen halb verborgenen Augen ſcharf her⸗ vortraten. Ueber einem ſchwarzen Untergewand trug er einen verroſteten Kettenpanzer, das Schwerdt an der Seite fehlte nicht, und die ganze Erſchei⸗ nung des Grafen machte den Eindruck einer ſo dämoniſchen Größe und Gewalt, daß ihm die Ritter zu beiden Seiten freiwillig Platz machten, und er trotzig durch die ganze Länge des Saales 128 auf den Thron zuſchritt. Hier verneigte er ſich nur kurz und ſprach: „Der Kaiſer hat mich zu ſich entboten, hier bin ich.“ „Graf von Arnsberg,“ ſagte Heinrich, in⸗ dem er ſich zur Gelaſſenheit zwang, ohne daß es ihm ganz gelingen wollte,„Ihr habt unſte Ge⸗ duld übermäßig auf die Probe geſtellt!“ Arnsberg neigte ſein Haupt ein wenig, ſtützte ſich auf ſein Schwerdt und ſchwieg. ſind Klagen wider Euch gekommen, die Euch mir noch immer als den trotzigſten meiner Vaſallen zeigen, Ihr habt Frevelthaten begangen, für welche Ihr Euch vor meinem Throne ſchwer⸗ lich werdet rechtfertigen können. Was ſagt Ihr zu der Zerſtörung des Schloſſes Kappenberg?“ „Daß ich die That gethan habe!“ entgegnete Arnsberg feſt. Des Kaiſers Mienen zeigten den heftigſten Zorn.„Ihr habt,“ rief er,„trotzdem, daß ich die Schenkung Eures Schwiegerſohnes beſtätigt habe, die Brüderſchaft des neuen Ordens auf's 129 Nichtswürdigſte behandelt! Wo iſt ihr Stifter, Bruder Alviſius?“ „Ich weiß es nicht!“ „Zum Teufel, redet, Graf! Oder bei allen Heiligen, ich ſpreche für Eure Schandthat die Acht über Euch aus!“ Ein höhniſches Lächeln drang unter dem Barte Arnsbergs empor, und indem er ſein Schwerdt ein wenig erhob und es klirrend wieder auf den Boden ſetzte, begann er:„Wohlan, ich will reden, und zwar kurz, wie ich zu handeln gewohnt bin! Durch jene Schenkung des Grafen Kappenberg wird ſein Weib, meine Tochter, in ihrem Eigenthum verkürzt, und ſomit erkläre ich, ihr Vater, die Schenkung für ungültig!“ Der Kaiſer legte die geballte Fauſt auf die Lehne ſeines Thronſeſſels, Arnsberg aber fuhr fort: „Wenn meine Tochter ihre Einwilligung gegeben hat, daß ihre Güter dem Orden des Pfaffen Alviſius übermacht werden ſollen, ſo war ſie von jenem Pfaffen beſchwatzt, war durch ſeine ketzeriſchen Lehren bethört worden. Weder dieſe 9 130 Geſinnung, noch die Schenkung ſtand mir an. Den Ketzer wußte ich auf dem Kappenberge, und um mich ſeiner zu verſichern, zog ich dorthin. Ich forderte nur ihn, man ſollte ihn mir heraus⸗ geben, und da es nicht geſchah, brach ich die Burg, um mich ſeiner zu verſichern! Ich habe gethan, was mir zukam, wie ein Mann handeln muß, wenn er ſieht, daß die Vernunft durch Irrlehrer bethört wird! Ich hab's gethan und bin zufrieden, daß ich's that.“ „Und ſeid zufrieden, daß Ihr's thatet? Nun, ſo ſeid auch mit den Folgen Eurer That zufrieden! So alſo haltet Ihr meinen Reichsfrieden, ſo die Geſetze, ſo die Ordnung, die ich endlich im Reiche hergeſtellt habe!— Arnsberg, Ihr treibt mich zum Aeußerſten! Ihr behauptet gehandelt zu haben, wie ein Mann handeln muß? Wie ein Wahn⸗ ſinniger, ein Verbrecher, wie ein— Nichtswür⸗ diger habt Ihr gehandelt!“ Arnsberg fuhr bei dieſen Worten nicht auf, aber langſam dehnte er ſich empor, und während er den Kaiſer mit einem furchtbaren Blicke anſah⸗ ſchien es allen Anweſenden, als wüchſe ſeine 131 Hünengeſtalt um eine Kopfeslänge. Doch auch Heinrich ſtand ihm mit eiſerner Feſtigkeit gegen⸗ über, und erwiderte ſeinen Blick durch die dro⸗ hendſte Gewalt ſeines Auges. „Stets wart Ihr unter den Erſten,“ fuhr er fort,„wenn es galt, Aufruhr gegen Euer königliches Oberhaupt anzuſtiften, und auch jetzt ſteht Ihr da als ein Rebell gegen die kaiſerliche Würde! Ihr habt den Reichsfrieden verletzt, Ihr habt wider meine perſönlichen Befehle und Ge⸗ bote gehandelt, denn jene Schenkung, die Ihr in Eurem Trotz für ungültig erklärt, hatte ich be⸗ ſtätigt! Wie ein Tiger fallt Ihr in das Haus Eurer Tochter, brennt es nieder, begeht in Einer That drei Verbrechen— wider Euer Oberhaupt, wider die Kirche, wider Eure Familie!“ „Wie man die Bande der Familie ehrt, dar⸗ in empfing ich Unterricht bei einem Manne, der den Jahren nach mein Schüler hätte ſein können, aber ich ſollte der ſeine werden. Ich er⸗ innere mich jener Sturmesnacht am Rhein, als Vater und Sohn mit einander im Kriege waren, ich erinnere mich jenes Augenblicks im Zelte, da 9* Heinrich der Vierte vor ſeinem Sohne auf den Knien lag, um den Frieden zu erlangen! Der jammernde Greis flößte mir Mitleid ein, aber Heinrich der Fünfte legte ſeinen greiſen Vater in Banden und ſetzte ihn gefangen!“ Das war zu viel. Heinrich ſprang auf, ſtürzte vom Throne, mit einer Bewegung, als wollte er den Grafen bei der Bruſt faſſen, und des Arnsberg Ruhe, da derſelbe unbeweglich und auf ſein Schwerdt geſtützt daſtand, ſchien ſeine Wuth zum Gipfel zu bringen. Gottfried und einige Edle warfen ſich dazwiſchen, und der Kaiſer ſchien ſich zu faſſen. Eine Todtenbläſſe bedeckte ſein Antlitz, aber ſeine Augen und ſeine Mienen zeigten, daß er einen jener Momente lebte, wo es hieß, ſein Herz ſei von Eiſen oder Marmor. „Graf von Arnsberg,“ ſagte er kalt und ſchneidend,„dies Wort verzeiht der Herr ſeinem Knecht, der ihn nicht beleidigen, den er aber züchtigen kann. Für Eure Verbrechen aber führe ich Eurer Burg ein Heer entgegen, und ſie ſoll fallen, ehe dieſe Sonne ſich zum Untergange neigt!“ 133 „Vortrefflich! Wir kennen einander in feind⸗ lichen Schlachtreihen,“ ſagte Arnsberg.„Ich erinnere mich des Tages bei Andernach— wir waren beide Heerführer!“ Dieſe Erwähnung der Niederlage des Kaiſers gegen das Heer der Vaſallen, an deren Spitze Arnsberg ſtand, ſchien die Eisruhe Heinrichs noch einmal erſchüttern zu wollen, aber es zuckte nur wie ein Krampf durch ſeine Züge und ſie waren wieder kalt und unbewegt. Jetzt aber warf ſich, während alle Zuſchauer dieſer Scene vor Schreck und Erwartung gefeſſelt ſtanden, der Biſchof in's Mittel und ſprach: „Mein kaiſerlicher Herr, vergönnt mir, daß ich einige Worte mit dem Grafen Arnsberg ins⸗ geheim ſpreche. Dieſe verwickelte Angelegenheit eignet ſich nicht für die Oeffentlichkeit, und ich habe einige religiöſe Gründe, die ohne Frage bei dem Grafen in's Gewicht fallen werden.“ Arnsberg ſah den Biſchof erſtaunt und mit verächtlichem Blicke von oben bis unten an, und wollte entgegnen, Heinrich aber nahm das Wort: „Des Grafen Arnsberg Verbrechen gehört vor meinen Richterſtuhl, es bedarf daher keiner kirchlichen Vermittelung, ſondern meinem Be⸗ fehl hat er ſich zu unterwerfen!“ Mit höhniſcher Miene blickte Arnsberg, auf ſein Schwerdt geſtützt, vom Biſchof zum Kaiſer und vom Kaiſer wiederum zum Kirchenfürſten. Letzterer aber begann nochmals in ſanftem und eindringlichem Tone: „So will ich denn, mein gnädiger Herr, mein geiſtliches Amt dabei nicht in Erwägung ziehen, ſondern nur als ergebener Knecht, aber zugleich als Freund meines Kaiſers meinen Vor⸗ ſchlag wiederholen, um Mißverſtändniſſen vorzu⸗ beugen, die mich, ſo wie dieſen glänzenden Kreis Eurer getreuen Vaſallen auf's Schmerzlichſte be⸗ trüben würden.“ Gottfried trat bei dieſen Worten einen Schritt hervor und ſchien des Biſchofs Vorſchlag unter⸗ ſtützen zu wollen, ſchon aber erhob ſich ſchnell entſchloſſen der Kaiſer und ſagte: „Es ſei! Eine Viertelſtunde gebe ich ven Schuldigen Bedenkzeit. Dann kehre ich zurück, 135 und wenn Graf Arnsberg ſich dann nicht zur Wiedererſtattung deſſen, was in Flammen auf⸗ gegangen iſt, und zur Auslieferung des Alviſius und ſeiner Ordensbrüder verſteht, ſo fälle ich den Richterſpruch!“ Mit dieſen Worten verließ der Kaiſer ſeinen Sitz und entfernte ſich mit dem ganzen Gefolge, indem er in den Schloßhof hinabſtieg, um einige ſchöne Pferde von vorzüglicher Zucht, welche er behufs der Ankaufung dahin beſtellt hatte, vor⸗ reiten zu laſſen. Der große Saal war leer, nur Arnsberg und der Biſchof ſtiegen die Stufen zu einem Fenſter hinan, und Cajetan ſtand in einiger Ent⸗ fernung am Tiſche und blätterte in einem Quar⸗ tanten. Was die Beiden in der Fenſterniſche ſprachen, können wir nicht verſtehen, da die Ver⸗ handlung ſehr leiſe geführt wird. Der Biſchof ſpricht zuerſt ſehr ſchnell und angelegentlich, und der Graf öffnet die Augen plötzlich größer als ſonſt. Dann ſpricht auch er und ein Lächeln höchſter Genugthuung verklärt des Biſchofs Antlitz. Beide verlaſſen darauf, wie es ſcheint in völliger 136 Uebereinſtimmung, das Fenſter, dann erhält Caje⸗ tan einen geheimen Auftrag und eilt unhörbar zu einer Nebenthür des Saales hinaus. Gleich darauf fliegen vier Edelknappen herein, ſtellen ſich zu beiden Seiten der Hauptthür auf, der Kaiſer ſchreitet durch den Saal zu ſeinem Thronſeſſel und das Gefolge ordnet ſich um ihn her. „Wie haben wir uns gegen den Grafen Arnsberg zu verhalten?“ fragte Heinrich. „Mein kaiſerlicher Herr,“ entgegnete der Biſchof,„die kleinen Mißverſtändniſſe zwiſchen Euch und Sr. Gnaden, dem Herrn Grafen, ſind durch die Vermittelung der Kirche ausgeglichen. Gründe der Religion haben, wie ich vorausſah, die Anſichten Eures getreuen Dieners, des Grafen Arnsberg, verändert.“ Der Kaiſer warf dem Biſchof einen ungläu⸗ bigen Blick zu, Arnsberg aber nahm das Wort und ſagte: „Es iſt, wie Seine Eminenz es ſagt. Ich bin erbötig, das Schloß Kappenberg wieder auf⸗ zubauen, zu einer Burg, einem Geſtüt, einem 137 Kuhſtall, einem Kloſter, oder was Graf Gottfried ſonſt dort aufführen laſſen will. Die gefangenen Ordensbrüder ſollen noch heut in Freiheit geſetzt werden.“ „Arnsberg!“ ſagte der Kaiſer,„das iſt Euer Entſchluß?“ „Mein feſter Wille!“ Ein leiſes Geräuſch des Erſtaunens ging durch den Saal. „Aber Aloiſius ſelbſt— auch ihn gebt Ihr heraus?“ „Das ſteht im Augenblick nicht in meiner Macht. Er iſt entkommen, ich habe ihn nicht in Gewahrſam gehabt. Aber ich verſpreche, ſelbſt Boten auszuſenden, die ihn aufſuchen und im Triumph zurückbringen ſollen!“ „Arnsberg, es geht die Rede, Ihr hättet ihn tödten laſſen! Er iſt nicht in den Brunnen auf dem Kappenberge geworfen worden?“ „In den Brunnen? Ich hätte ihn tödten laſſen? Ich?— Was liegt mir im Grunde an dem winzigen Wurm?— Ich ſehe jetzt, daß es thöricht war, mich überhaupt ſeinetwegen zu rühren. Bei meiner Ritterehre erkläre ich, daß ich ihn nicht habe tödten laſſen! Wenn denn aber meinem Kaiſer ſo viel an dem Pfaffen liegt und er, wie ich die Vermuthung habe, noch lebt, ſo erbiete ich mich, denſelben aufſuchen zu laſſen. Zugleich aber verſichere ich meinen Herrn und Kaiſer meiner ergebenen Vaſallentreue und bitte ihn, zum Zeichen ſeiner Huld, daß er mich mit ſeinem Hofe auf meiner Wevelsburg mit einem Beſuche beehre.“ Das war mehr, als Heinrich oder irgend Einer aus ſeiner Umgebung erwartet hatte, und Manchem mußte ſich der Gedanke aufdrängen, daß die überzeugende religiöſe Gewalt des Biſchofs eine ungeheure ſein müſſe, da er den dämoniſchen Trotz des Grafen Arnsberg damit gebändigt hatte. Arnsberg wurde in Gnaden entlaſſen, auch der Biſchof beurlaubte ſich, und als die Verſammlung ſich zerſtreute und der Kaiſer allein in ſeinem Zimmer auf und nieder ſchritt, war er überzeugt, daß dies nicht das Ende des Streites, ſondern der Anfang neuer Verräthereien ſei. Der über⸗ müthige Vaſall hatte alte Wunden Heinrichs auf⸗ geriſſen, und dieſer war nicht nur weit davon entfernt, ihm dies jemals verzeihen zu wollen, ſondern rüſtete ſich, auf alle Fälle ſeinem Erzfeind gegenüber ſchlagfertig zu ſein. Ein Eilbote wurde insgeheim abgeſendet, um die Truppen, welche bei Lippſtadt ſtanden, in der nächſten Nacht nach Paderborn rücken zu laſſen. Fünftes Kapitel. Es war gegen Abend, als Richard ſich nach der Schmiede des Meiſter Walram begab, bei welchem er ſeiner Waffen wegen vorſprechen zu müſſen behauptete. Eigentlich aber zog ihn etwas Anderes hin, was vielleicht ein eben ſo großes, wenn nicht größeres Intereſſe für ihn zu haben begann, wenngleich er es ſich ſelbſt noch kaum ge⸗ ſtehen mochte.— In der Schmiedehalle war Ar⸗ beit vollauf, die Ankunft des Kaiſers und ſeines Troſſes hatte noch mehr Hände in Bewegung ge⸗ ſetzt, als ihrer ſonſt das geräuſchvolle Werk zu betreiben pflegten. Die Bälge puſteten, die Heerde praſſelten in Funkenfeuerwerken, die Hämmer dröhn⸗ ten auf den Amboſſen, und Geſellſchaft aller Art hatte ſich eingefunden. Richard drängte ſich durch 141 die erſte Halle, um in den, durch einen Bretterver⸗ ſchlag abgeſonderten Theil des Raumes, zum Meiſter ſelbſt zu gelangen. Dort hingen Helme, Harniſche, Schwerdter an den Wänden umher, anderes Waffen⸗ zeug lag haufenweis auf dem Boden. Eine Lampe hing vom Gewölb herab und erleuchtete den Raum nur zum Theil, und dieſer geringe Lichtapparat deutete ihm an, daß der Meiſter nicht zu Hauſe⸗ ſei. Richard blieb einige Minuten ſtehn, indem er einige Schwerdter von der Wand nahm und betrachtete, und ſchon wollte er ſich wieder ent— fernen, als Frau Gerberga die Treppe herab kam. „Gott zum Gruß, Frau Meiſterin,“ rief der junge Ritter.„Der Meiſter ſcheint nicht daheim zu ſein?“ „Viel Dank, Junker! In Geſchäften aus, es giebt Arbeit vollauf! Man weiß nicht, wo Einem der Kopf ſteht!“ „Ei, wer den ſeinigen ſo friſch und wacker trägt, wie die ſchmucke Frau Gerberga, der kann ihn nicht verlieren!“ Die Schmeichelei machte ſichtlichen Eindruck auf die Meiſterin, ſie ſah den Ritter ſchalkhaft an 142 und knixte ein wenig.„J nun,“ erwiederte ſie, indem ſie mit der Hand über die weiße Schürze ſtrich,„man ſchafft ſein Tagewerk und ſchaut zu, wie man durchkommt!“ „Wenn ich nur wüßte, was andere Frauen machen, daß ihnen die Hauben niemals ſo vor⸗ trefflich ſtehn, als der Frau Gerberga! Der Mei⸗ ſter muß ein glücklicher Mann ſein! Angeſehn in ſeinem Handwerk und dabei im Beſitz einer ſo liebwerthen Hausfrau zu ſein, das nenn' ich Glück. Ihr könnt keine fünfundzwanzig Jahr alt ſein, Frau Gerberga!“ „Ei geht, Herr Junker!“ rief die Meiſterin halb lachend.„Ein Jahrer zehn werden's drüber ſein! Ihr ſeid gar zu gütig! Man hält ſich eben wie's geht, und wenn man friſch und munter bleibt, iſt man eben ſchmuck, wie's der Herr zu nennen beliebt! Ja, vor ein zehn Jahren, da hätt' ſich's noch der Müh verlohnt in den Spiegel zu gucken, jetzt iſts Gottesgnade, wenn unter der Haube mehr als Runzeln zu ſehen ſind. Arbeit, Junker, und Zeit bringen vorwärts und zurück, wie man's nimmt!“ 143 „Und gewiß habt auch Ihr die Fülle zu thun! Sind auch bei Euch fremde Gäſte im Quartier?“ „Fremde Gäſte? Nicht eben— nein— nun ja doch! Es iſt nur ein Beſuch. Meine Schweſter iſt bei mir.“ „Habt Ihr eine ſo junge Schweſter?“ „Jung? daß Gott erbarm, zehn Jahr älter als ich, da hats mit der Jugend ein End! Ja wie ſo denn, junge Schweſter?“ „War mir's doch, als hätt ich ein ganz junges Geſicht von der Straße aus am Fenſter geſehen.“ Der Ritter hatte durchaus nichts geſehn, er verfolgte ein Syſtem des Ausforſchens, welches er ſich ſelber kaum zugetraut hatte.„Aber ich täuſchte mich vielleicht,“ fuhr er fort,„es war vielleicht Euer eigen Geſicht!“ „Ei du meine Güte, nein, da bin ich doch älter.“ „Aelter? Als wer?“— „Je nun— als Ihr meint, daß Ihr geſehen habt.“ „Ich weiß nicht, was meine Augen dann mir vorgeſpiegelt haben. War mir's doch, als ſäh'ich ein ſchönes Antlitz, von ſchwarzem Haar umgeben.“ 144 „Ich bitt Euch, ſchweigt, Junker! Heiliger Auguſtin, dacht ich mir doch gleich, daß es nicht geheim bleiben würde!“ „Es bleibt unter uns, Frau Gerberga! Iſt ſie geſtern Abend angekommen?“ „Nicht doch, ſpät in der Nacht!— Aber wie denn? Ihr wißt, Junker? Himmliſcher Vater— was wißt Ihr denn?“ „Frotolf hat ſie Euch gebracht, nicht wahr?“ „Auch den kennt Ihr? Junker, ich hab Euch nichts verrathen! Ihr ſcheint um Alles zu wiſſen! Er hat mir heiliges Stillſchweigen geboten!“ „Haltet das ferner, Frau Meiſterin! Ich ver⸗ ſichere Euch, es bleibt unter uns!“ „Nun wahrhaftig, Ihr nehmt mir eine Laſt von der Seele! Mir zittern die Knie vor Schreck! Alſo Ihr wißt um die Sache, Ihr kennt ſie?“ „Vollkommen!“ entgegnete Richard, obgleich er noch ſo gut wie nichts wußte.„Sie iſt doch geſund und glücklich angekommen?“ „Da hat's keine Noth, ganz wohl auf! Aber es iſt eine Arbeit und Qual mit ihr!“ 145 „Das will ich glauben! Bei ihrer heftigen Gemüthsart—“ „Ja, recht ſo, heftige Gemüthsart, das iſt das Wort! Nicht auszukommen iſts mit ihr!“ „Was treibt ſie den Tag über?“ „Gar nichts Geſcheits! Frotolf hatt' es mei⸗ nem Manne und mir auf die Seele gebunden, wir ſollten ſie nicht heraus laſſen, ſie ſollt wo möglich nur nach dem Hof hinaus wohnen! Aber da iſt kein Halten! Sie kommandirt, daß es eine Art hat, und wir wagen nichts zu ſagen, ſie hat ſo eine Art—“ „Ihr dürft ſie nicht ſo beſchränken, werthe Frau Meiſterin, ſie iſt das nicht anders gewohnt, ja, ſie iſt—“ Nicht wahr? Ja, ich hab's mir gleich ge⸗ dacht, daß ſie was mehr iſt! Eine Grafentochter wenigſtens— oder wie? gar noch mehr? Na⸗ türlich— Jeſus, der Kaiſer iſt ja hier! Daß ich darauf nicht gleich verfallen bin! Hätt' ich doch nicht gedacht, daß ich ſo vornehmen Beſuch hätte!“ „Aber ſprecht nicht ſo laut, Frau Meiſterin, man könnte uns drüben hören!“ 10 146 „Ja wahrhaſtig! Alſo Ihr kennt das Fräu⸗ lein! Bitte, ſagt mir doch— ich bin verſchwie⸗ gen.“ „Das iſt nicht möglich, aber eines Tages ſollt Ihrs erfahren!“ „Ei was— ſo ſo— ja, ich verſtehe!“ „Haltet ſie gut, und laßt ihr ſo viel Willen, als es in ehrbarer Weiſe möglich iſt.“ „Gott ſteh mir bei! Da könnt Ihr auf mich rechnen! Jetzt bin ich erſt recht im Schick mit ihr, aus dem Frotolf war nichts herauszubringen.“ „Frotolf beſucht Euch wohl öfter?“ „Nicht gar zu oft, Gott ſei Dank! Mein Mann hat's öfter geheim mit ihm. Wißt Ihr, Junker, ich mag ihn nicht!“ „Warum? Er hat doch ein ernſtes, geſetztes Weſen!“ „Das hat er, ja, da habt Ihr recht. Aber er iſt immer ſo geheim— wißt Ihr, die Ge⸗ ſellen ſagen— ſtill, es hört's doch Niemand?— ſie ſagen, er gehöre zu——“ Frau Gerberga's Eröffnung wurde unter⸗ brochen durch den Ruf der Frau Marketrud, welche herabkam, um die Schweſter zu Hülfe zu rufen: „Komm herauf,“ rief ſie,„ſie will ſich nicht halten laſſen, die verwünſchte Kreatur!“ „Um Alles in der Welt, red' nicht ſo von Kreatur, Schweſter!“ rief die Meiſterin.„Denk doch nur, der Junker kennt ſie und weiß Alles! Wir haben ein vornehmes Fräulein im Hauſe!“ „Ach du allmächtige Güte!“ entgegnete Frau Marketrud, indem ſie herbeieilte.„Ich hab's gleich geſagt, ich hab's gleich geſagt! Ein vor⸗ nehmes Fräulein! Nein, ſo was lebt nicht! Ja, da mag's ihr wohl zu eng droben werden!“ „Iſt ſie ſo unruhig?“ fragte Richard. „Ja, das iſt unruhiges Blut,“ entgegnete Frau Marketrud, jeßt iſt's mir begreiflich! Gleich als ich ſie brachte, und der Frotolf ihr gebot, ſie ſollte dahinten bleiben, fragte ſie nach dem Biſchof und nach weiß Gott wem, und wollte— ans Straßenfenſter!“ „Nein, Schweſter!“ rief die Meiſterin,„erſt ſuß ſie ganz ruhig dahinten und ſchwieg. Und dann bracht ich Euch ein Weinſüppchen, weil's kalt 10* war und ihr zu Nacht kommen wart, und jedem zwei Semmelwecken. Du aßeſt Dein Theil, ſie aber mocht' nichts anrühren. Da ſprach ich ihr Muth ein und ſagte: Iß doch, und ſtärk Dich, ſagt ich, es wird Dir wohl thun nach der ſcharfen Nachtluft!“ „Ja da war gut reden!“ fiel Frau Marketrud ein.„Iß, ſagte auch ich, die Schweſter verſteht ſich drauf, das Weinſüpplein iſt gut, es iſt Ho⸗ nig drin und Aepfeſſcheiben.“ „Nein, es waren Birnenſcheiben, Schweſter!“ eiferte die Meiſterin;„von den großen Spätbir⸗ nen in der Ecke, der Baum hat wenigſtens zwei Scheffel getragen! Gut, ſagt ich, ich dringe Rie⸗ mand was auf, und wer mein Süpplein nicht mag— ich verſichere Euch, Junker, es war ein Viertelquart Honig dran, wir halten ſelber Bie⸗ nenſtöcke draußen im Garten vor dem Thor, neben des Lohgerbers Garten— ja wenn Einem die Buben nur nicht immer bei den Aepfeln wären, ich hab' erſt letzt einen ordentlich erwiſcht.“— „Richtig,“ ſagt die Schweſter,„wer mein Süpplein nicht mag, dem thu' ich keinen Zwang 149 an! Aber denkt Ihr, daß ſie was angerührt hat? Auf einem Stuhl blieb ſie ſitzen die ganze Nacht und hat kaum geſchlafen. Morgens hat ſie denn das Süpplein gegeſſen, wollt aber nicht in der Kammer bleiben.“ „Und lief ans Straßenfenſter und ſchaut her⸗ aus und fragt nach dem Biſchof und dem Kaiſer und nach allerhand Rittern und Herren, was weiß ich! So ging's den ganzen Tag, und wenn wir ſie wegführen wollten ins Hintetzimmer, ſtieß ſie uns zurück, die Unbändige— Gott verzeih mir's, das Fräulein!“ „Nachher hat ſie geſponnen, und das muß man ihr laſſen, ſie zieht ihren Faden ſauber und klar! Geſponnen und kein Wort geſprochen. Dann ſtützt ſie plötzlich die Arme auf den Tiſch und ſieht vor ſich hin und ſpricht wie im Traum: Und er iſt doch gerettet, er ſollte bei uns nicht zu ſchan⸗ den werden!— Wer, frag ich, ſoll nicht zu ſchan⸗ den werden? Ja, da konnt' ich lange fragen! Hernach ſpinnt ſie wieder, und läßt das Rädel wieder ſtehn und ſagt: Er muß außzufinden ſein, ich warte nicht länger, er ſoll mich zum Kaiſer — führen! Und dann geht ſie oben im Stübel her⸗ um und macht ein Weſen, daß mir angſt und bange wird. Und darum kam ich herunter. Komm nur herauf, Schweſter, oder bring Deinen Mann mit, es thut Noth, daß man ſie an die Kette legte!“ „Schweigt, Weiber!“ rief plötzlich eine ge⸗ bieteriſche Stimme, und hinter ihnen ſtand Wolf⸗ hilt. Die Frauen fuhren mit einem Schrei aus⸗ einander und falteten die Hände, indem ſie ſich ängſtlich umſahen. Wolffhilt trug noch ihr gro⸗ bes Gewand, welches mit einem Ledergut um den Leib befeſtigt war, aber das große Kopftuch fehlte, und ihr dunkeles Haar war in ſtarken reichen Flechten um den Kopf geſchlungen. Ihre plötz⸗ liche majeſtätiſche Erſcheinung wirkte ſo bedeutend auf den jungen Ritter, daß er einen Schritt zu⸗ rück trat und ſich ehrfurchtsvoll verbeugte. Als dies die Frauen ſahen, begleiteten ſie Richards Verbeugung mit einem tiefen Knix und blickten ihre Fflegebefohlne beſtürzt und erwartungsvoll an. „Geht hinauf, Weiber!“ ſagte Wolfhilt. „Was der Ritter wiſſen ſoll, erfährt er am beſten durch mich ſelbſt!“ 151 Die Frauen ſahen den Ritter fragend an, und als dieſer ihnen einen Blick zuwarf, der im Einklange mit Wolfhilts Aufforderung ſtand, ent⸗ fernten ſich beide, nicht ohne ſich noch einigemal erſtaunt umzuſehen. Als das Mädchen ſich mit Richard allein ſah, gab ſie ihm einen Wink, und er folgte ihr in einen Winkel der Werkſtätte, wo es noch dunkler war, und hier, hinter einem Berge von aufgeſchichteten Harniſchen und anderm Rüſtzeug ſagte ſie: „Es iſt gut, daß ich Euch endlich einmal ſprechen kann, Ritter! Zu Hauſe in unſerm Thurm konnte ich's nicht. Was macht Eure Wunde?“ „Laßt die Schramme endlich gut ſein, Fräu⸗ lein!“ entgegnete Richard. Er hatte ſie bei ihrem Namen anreden wollen, aber das Wort Fräulein ſaß ihm plötzlich auf der Zunge, und es ſchien der gebührende Titel zu ſein, da Wolfhilt ihn vollkommen gelten ließ. „Was denkt Ihr nur von uns?“ fuhr ſie fort.„Ihr kommt als Fremder in unſere Nähe, werdet mit einem Wurf empfangen, der Euch 152 hätte das Leben koſten können. Kaum habt Ihr Euch erholt, ſo werdet Ihr wie ein Gefangener behandelt, werdet von einem Weibe gezwungen, Euch in einen Ringkampf mit ihr einzulaſſen, beſiegt ſie, was ſich die Thörin hätte vorher ſa⸗ gen können, und eine Stunde darauf entgeht Ihr kaum der Gefahr vergiftet zu werden! Ihr müßt glauben in eine Höhle mörderiſcher Teufelinnen gefallen zu ſein!“ „Eine von den beiden,“ entgegnete Richard, „die Ihr mit dieſem Namen belegt, hat ſich viel⸗ mehr als meine Retterin gezeigt, wofür ich ihr mein Leben lang verpflichtet bin.“ „Ach, ich wünſchte, Ihr lerntet auch von der Anderen beſſer denken! Gundofara iſt fürch⸗ terlich in ihrem racheſüchtigen Zorne! Er iſt ihre Lebensluft, ihr ganzes Daſein hängt an der Hoffnung einer einſtigen blutigen Rache an ihren Feinden. Auch mich hat ſie in dieſem Sinne erzogen, die erſten Worte, welche ich ſtammeln lernte, waren Verwünſchungen und Flüche. Von Kindheit auf wurden durch ſie alle meine Ge⸗ danken in dieſen einen Kreis gebannt, und mein 153 —— Geiſt hätte denſelben Verirrungen unterliegen müſſen, wie der meiner Mutter, wenn mir nicht durch Frotolf ganz andere Kreiſe des Denkens und der Empfindung aufgeſchloſſen worden wären. Die Lehren des Chriſtenthums, von welchen ſich meine Mutter höhniſch abgewendet hatte, um ihrem Rachegefühl bei alten heidniſchen Gebräu⸗ chen und Zauberformeln zu fröhnen, dieſe waren es, die mich erfüllten, und meine angeborne und noch mehr anetzogene Wildheit einigermaßen bän⸗ digten. Aber das mußt' ich vor der Mutter tief verborgen halten, ſie hätte mir als einer Ab— trünnigen geflucht. So ſah ich ihrem Treiben zu und die Gewohnheit machte es mir zu etwas weniger Schrecklichem, ja ſogar Gleichgültigem. Ich mußte ihre Gebräuche mitmachen, und nahm ſie wie etwas, dem man einmal nicht aus dem Wege gehen kann.— Sie hat ſchreckliche Schick⸗ ſale über ſich ergehen ſehen, die arme Mutter!“ „Sie mußten wohl ſchrecklich ſein, wenn ſie eine ſolche Gemüthsart hervorbringen konnten. Jetzt aber erlaubt mir die Frage: wie ſtehe ich —— zu ihren Schickſalen in Beziehung, daß ihr mein Tod erwünſcht zu ſein ſchien?“ „Euer Leben, Ritter, wäre ungefährdet ge⸗ blieben, wenn Ihr nicht— der Reffe des Biſchofs von Paderborn wäret.“ „Des Biſchofs? Wie aber verdient mein würdiger Oheim den Haß Eurer Mutter?“ „Ihr mögt ihn würdig nennen, Euch zeigt er ſich vielleicht würdig, er iſt Euer Oheim! Wir kennen ihn anders!“ „Ihr ſetzt mich in Erſtaunen! Darf ich nicht wiſſen, wodurch mein Oheim Euren Haß verdient hat?“ „Niemals, fragt nicht danach!“ „Laßt mich's wiſſen! Ich bin überzeugt, daß ein unglückſeliger Irrthum hier waltet. Mein Oheim iſt edel, ich verbürge mich für ihn! Man hat ihn bei Euch angeſchwärzt. Nennt mir den Verläumder, und bei Gott, ihm und Euch ſoll Genugthuung werden!“ „Dies edle Feuer macht Euch Ehre, muß aber zurückgedrängt werden, denn weder uns würde es nützen, noch Euch, geſchweige denn dem Biſchof!“ „Ihr ſprecht in lauter Räthſeln, Fräulein! Kann ich denn nichts zu meines Oheims Recht⸗ fertigung thun? Und kann ich's nicht, muß ich nicht auch durch die Schuld der Verleumdung in ſchlechtem Lichte bei Euch ſtehen?“ „Ich bin überzeugt, daß Ihr von Eures Oheims Verbrechen nichts wißt. Ihr ſeid frei von aller Schuld!“ „Verbrechen? Hat ſich denn alle Welt ver⸗ ſchworen, meines Oheims Ehre in Zweifel zu ziehen? Nun denn, ſo bin ich entſchloſſen, offen vor ihn zu treten und ihn zu fragen, welch un⸗ ſeliges Ereigniß Euch zu ſeinen Feinden gemacht hat!“ „Richud! Um Alles in der Velt, das darf nicht ſein!“ Wolfhilt erröthete in dem Bewußtſein, daß ihr Eifer ſie zu weit geführt habe, während auf den jungen Ritter die Freiheit, die ſie ſich nahm, ihn bei ſeinem Vornamen zu nennen, einen ſehr angenehmen Eindruck machte. 156 „Ihr müßt mir verſprechen,“ fuhr ſie dann ruhiger fort,„keinen Schritt dieſer Art zu thun, es könnte uns in noch größeres Verderben brin⸗ gen. Wollt Ihr mir aber Verſchwiegenheit ge⸗ loben, ſo will ich Euch etwas anvertrauen.— Später könntet Ihr uns ſogar nützen.“ Richard verſprach, was ſie verlangte. „Wohlan,“ ſagte Wolffhilt,„ſo will ich Euch in Kürze die Geſchichte unſeres Unglücks erzählen. Meine Mutter iſt eine Edle von Iburg, aus einem alten ſächſiſchen Geſchlechte, deſſen Schloß einſt auf einem Berge an den Ausläufern des Osning ſtand. Die Mauern ſtehen noch, auch der Name der Burg iſt noch derſelbe, aber nicht mehr iſt es der Sitz des alten Rittergeſchlechts, ſondern— ein Kloſter. Den Namen meines Vaters verſchweige ich Euch. Gundofara folgte ihm aus dem Hauſe ihres Stammes an den Rhein, wo er, ein tapferer, ritterlicher Graf ſei⸗ nen Stammſitz hatte. Er war— ein Verwandter des Biſchofs. Mein Vater fiel in einer der letz⸗ ten Schlachten, die der unglückliche Kaiſer Hein⸗ rich W. gegen ſeinen aufrühreriſchen Sohn führen mußte, er fiel an ſeines greiſen Fürſten Seite, fiel durch die Hand des Mannes, der jetzt Biſchof von Paderborn iſt— er wurde es ſchnell! Mit blutiger Hand aus dem Aufruhr heimkehrend, em⸗ pfing er die geiſtlichen Weihen! So wurde meine Mutter zur Wittwe, da mein Bruder kaum drei Jahre, und ich ein halbes Jahr alt war, ſo lebte ſie zwei Jahre. Aber immer noch tobte der furcht⸗ bare Krieg, und das Schloß meines Vaters wurde ein Raub der Zerſtörung. Die Mutter floh mit ihren Kindern zurück zu dem alten Sitze ihres Geſchlechts, wo ihr ein Bruder lebte. Kurz vor dieſer Zeit war Euer Oheim Biſchof von Pader⸗ born geworden. Meine Mutter kommt nach der Iburg, hofft dort ein Aſyl, einen Wittwenſitz zu finden, findet aber ihren Bruder in den Banden der Kirche, der er durch die Ueberredung des Bi⸗ ſchofs, Eures Ohms, das Schloß und alle ſeine Güter vermacht hat, um ſelbſt in ein Kloſter zu treten. Die Vorwürfe und Beſtürmungen meiner Mutter bringen ihn faſt zur Verzweiflung, er er⸗ klärt endlich, er habe ſich zu der Schenkung be⸗ thören laſſen, und wolle ſie zurücknehmen. Dies 158 eröffnet er dem Biſchof auf einer Jagd, welche derſelbe veranſtaltete. Der Biſchof lacht ihn aus, es kommt von einem Wortwechſel zum Kampf, in welchem meiner Mutter Bruder durch die Hand des Biſchofs vor den Augen mehrerer Diener er⸗ ſchlagen wird. Der Biſchof, der die That zu verdecken ſuchte, ließ ausſtreuen, mein Ohm habe ſich, von Gewiſſensqualen bewogen, ſelber ums Leben gebracht, jene Diener aber, obwohl ihnen Stillſchweigen auferlegt war, brachten uns ſpäter die That zu Ohren.— Hört weiter! Meine Mutter beſtand darauf, das Schloß ihres Vaters zu bewohnen, und wollte von keiner Uebergabe an die Kirche wiſſen. Da erſchien der Biſchof und erklärte, ſie dürfe im Hauſe bleiben, wenn ſie ſich und ihre Kinder dem Kloſter weihen wolle. Meine Mutter verſchmähte das, und ſo wurde ſie, ein Kind auf dem Arme, das andere an der Hand führend, aus dem Schloſſe ihres Vaters getrieben. Sie wandte ſich an die Mächtigen der Umgegend, darunter an den Grafen Arnsberg. Er hörte nicht auf ihre Bitten, ihr zu ihrem Eigenthum zu helfen, nicht auf ihre Klagen, daß 159 die Kirche die Güter ihres Hauſes durch Ueber⸗ liſtung erſchlichen habe, und als ſie ihn gar mit Vorwürfen und Ausbrüchen ihrer heftigen Sinnes⸗ art überſchüttete, ließ er ſie mit Hunden von der Wevelsburg hetzen! Noch einen Verſuch machte ſie, die Beſitzthümer meines Vaters, am Rheine, für uns zu retten, aber auch dieſe hatte unſer Erzfeind, der Biſchof ſchon an ſich gebracht. Es war in jener furchtbaren, herrenloſen Zeit kein Beſchützer, kein Fürſprecher für uns vorhanden, wußten ſich doch ſelbſt die Mächtigen keinen Rath! — Da beſchloß Gundofara von der Zukunft zu erwarten, was ihr die Gegenwart entzog. Sie kehrte hierher, in die Gegend, wo ſie ihre Jugend verlebt hatte, zurück, zwei Diener, die einzigen, die ihr treu geblieben, ſetzten jenen alten Thurm, den Ihr kennen gelernt habt, für uns in Stand, und dort im Verborgenen erzog ſie uns ihrer Rache. Dieſer einzige Gedanke, der ſie ſeit lan⸗ gen Jahren erfüllte, hat ihr Herz und ihre Sinne ſo verwildert, daß ich ſtets vor ihrem Thun be⸗ ſorgt bin, denn ich ahne das Schlimmſte!“ Wolfhilt ſchwieg, und Richard, der mit Grauen 160 zugehört hatte, konnte ſeinem Erſtaunen keine Worte geben. Beide ſchwiegen einige Minuten. Dann fuhr Richard plötzlich empor und fragte: „Weiß mein Oheim, daß Ihr in ſeiner Nähe lebtet? Kennt er Euch noch?“ „Er weiß es und fürchtet uns. Er hat den „Heren aus dem Haidethurm“ zu öfteren Zeiten ein Kloſter öffnen wollen, wir haben es ausge⸗ ſchlagen.— Erkennt Ihr nun Euren würdigen Ohm? Werft Eure Achtung nicht weg, Ritter, ſie iſt zu gut für Nichtswürdige, die, unter dem Gewande des Kirchenfürſten, das Herz eines Höllen⸗ fürſten tragen!“ „Das iſt entſetzlich!— Und jener Frotolf, iſt er einer der beiden treuen Diener, die Euch nicht verließen?“. „Der treueſte, er iſt mehr denn ein Diener. Er war mehrere Jahre im heiligen Lande, die allgemeine Begeiſterung des Kreuzzuges zog ihn mit fort, und er kehrte zurück und wurde uns ein Freund und ein Schützer. Er iſt's, der die Verbindung zwiſchen uns und meinem Bruder unterhielt.“ 161 „Recht, Euer Bruder! was ward mit ihm? Ich wurde neulich der Zeuge eines traurigen Auftritts. Die Nachricht, daß Norbert— ſo heißt er doch?“ „So heißt er. Ihn hatte meine Mutter zum Hauptwerkzeug ihrer Rache auserſehen. In ſeinem zehnten Jahre ſandte ſie ihn nach Däne⸗ mark.— Ritter, ich habe Euch ſchon zu viel ge⸗ ſagt! Ich habe Euch, wie einem Freunde, einem Verwandten vertraut, ich war es Euch ſchuldig, nach jenet rauhen Begegnung, die Ihr in unſerm Thurme erfuhrt. Als ich Euch hier in der Schmiede ſah, hatte ich ſogar vor, eine Bitte an Euch zu richten, jetzt habe ich mich anders beſonnen.“ „Nennt ſie, Fräulein— fordert Alles!“ „Nein, es unterbleibt beſſer. Auch Ihr habt, ſeit Ihr uns verlaſſen, böſe Erfahrungen gemacht, der Vater Eurer Braut hat in ſeiner wilden Art— „Meiner Braut—? Fräulein, Ihr wißt—2“ ſo ſiel ihr Richard in die Rede, indem er fühlte, wie das Wort„Braut“ in ihrem Munde, ihn wie ein vernichtender Blitzſtrahl durchzuckte. 11 . 162 Wolfhilt aber ſagte, halb erſtaunt über ſei⸗ nen Schreck: „Warum ſollte ich's nicht wiſſen? Frotolf hat mir geſtern Alles erzählt.“ „Ich verſichere Euch,“ rief Richard haſtig, „ſie iſt nicht meine Wahl, ich kenne ſie kaum! Sie iſt vom Kaiſer für mich beſtimmt worden! Ich kann ſie nicht lieben— werde mich nicht an ſie ketten laſſen! Niemals!“ „Wunderbar!“ ſagte Wolffhilt halb für ſich. „Was denkt aber das Fräulein von Arnsberg davon?“ „Sie wollte ins Kloſter gehen, eh' ſie mich kannte, ſie geht vielleicht auch jetzt noch ins Klo⸗ ſter!— Woffhilt, Ihr wußtet, daß ſie mir ver⸗ lobt iſt?“ „Ich fürchte, ich werde ſie bedauern müſſen!“ „Wolfhilt— ich höre Meiſter Walrams Stimme! Ich hoffe, Euch nicht zum letzten Mal geſehen zu haben!“ „Das will auch ich nicht hoffen, im Gegen⸗ theil denke ich noch Eure Hülfe anzuſprechen.“ 163 Sie reichte ihm bei dieſen Worten die Hand, welche Richard ergriff, indem er rief: „Gebietet über mich, über alle meine Tha⸗ ten, über mein Schwerdt, über mein Leben— das iſt Alles, was ich habe! Thut es bald, ich brenne vor Begier, Euch meine Dienſte zu leiſten!“ „Ich danke Euch, mein wackerer Freund!“ entgegnete Wolfhilt.„Ich werde nicht lange zögern, das verſpreche ich. Aber denkt auch Ihr Eures Verſprechens— Verſchwiegenheit und keine That zur Unzeit! Verſprecht Ihr's noch einmal?“ „Ich verſpreche es!“ Meiſter Walram öffnete die bretterne Thür, welche aus der vordern Schmiedehalle in ſeine Werkſtätte führte, und war nicht wenig erſtaunt, als ihm aus dem Dämmerlicht dieſes Raumes zwei Geſtalten entgegentraten, die er am wenig⸗ ſten hier vermuthet hätte. „Was ſoll das?“ rief er, da er ſeine Pflege⸗ befohlene erkannte;„will ſie wohl machen, daß ſie zu den Weibern hinaufkommt! und Ihr, Junker Streitberg? Was? ſoll meine ehrſame Werkſtätte—“ 11 164 „Walram!“ rief das Mädchen ernſt und ſtreng:„Ich bin nicht gewohnt, mir in dieſer Weiſe gebieten zu laſſen! Merkt es Euch ein für allemal!“ Mit dieſen Worten ging ſie davon und die Treppe hinauf, während der Schmied ihr ver⸗ duzt nachblickte. „Ihr dürft der Gräfin nicht in dieſer Weiſe begegnen!“ ſagte Richard leiſe, aber eindringlich. „Gräfin? Alle Hagel! Was?“ „Verlaßt Euch darauf! Fragt nur oben die Weiber.“ „Ja, wie denn? Was denn? Gräfin alſo?“ „Wie ich Euch ſage! Ich muß fort!“ „Ja ja, draußen ſteht ein Diener des Bi⸗ ſchofs, der hat ſchon in der ganzen Stadt nach Euch herum gefragt. Aber wie komm' ich denn ſchon wieder zu einer Gräfin? Frotolf hat da⸗ von nichts geſagt.“ „Er wird das auch bleiben laſſen! Alſo man fragt nach mir? Um ſo mehr muß ich eilen. Lebt wohl!“ Richard verließ den Meiſter und fand, wie dieſer ihm geſagt hatte, in der Schmiede einen weltlichen Diener des Biſchofs, der ihn erſuchte, ihm ſogleich zu folgen, da er ihn ſchon ſeit einer Stunde geſucht, und der Biſchof ſehr angelegent⸗ lich nach ihm begehrt habe. Während Richard durch die finſtern, krum⸗ men Straßen ging, und ſeine Unterredung mit Wolfhilt überdachte, kam es ihm deutlicher zum Bewußtſein, daß er ſich in einer bedenklichen Lage befinde. Einerſeits an ein Verlöbniß gefeſſelt, an welchem weder vorher ſein Wille, noch nachher ſein Herz Antheil gehabt, und auf deſſen Rück⸗ gang jetzt, wo der Kaiſer ſich mit Arnsberg ver⸗ ſöhnt hatte, kaum zu hoffen war; und auf der andern Seite mit einem Mädchen ſo außerordent⸗ licher Art in Verbindung, daß ſein Intereſſe ſich immer mehr ſteigerte, zumal da ſie ſeine Hülfe in Anſpruch nahm; ſo in Conflict gebracht, wußte der zweiundzwanzigjährige Ritter keinen andern Ausweg, als an ſein Schwerdt zu greifen und zu ſich ſelbſt zu ſagen: Es komme was da wolle, 166 es wird von mir abhängen, zu wollen oder nicht zu wollen. Die Eröffnungen, welche ihm über ſeinen Oheim gemacht worden waren, erfüllten ihn mit dem tieſſten Abſcheu, und es erſchien ihm ſchon als eine Kränkung ſeiner Ehre, ihm jemals et⸗ was verdankt zu haben. Geſtern noch hatte er dem Kaiſer gegenüber den Muth gehabt, einen Argwohn gegen den Biſchof anzugreifen, heut aber, da er die Schuld deſſelben aus einem für ihn ſo glaubwürdigen Munde erfahren hatte, mußte er wohl den geſtrigen Verdacht gerechtfertigt fin⸗ den. Mit innerſtem Widerſtreben betrat er die Schwelle der biſchöflichen Reſidenz. Die Luft in den Kreuzgängen, die ihm ſonſt als geweiht er⸗ ſchienen war, widerte ihn an, als wäre ſie ver⸗ giftet, und als er gar in den Vorzimmern den kriechenden Verbeugungen der geiſtlichen Diener begegnete, hatte er nicht übel Luſt, dieſe Begrü⸗ ßungen mit einem Fußtritt zu erwidern. Er trat in das erhellte prächtige Gemach ſei⸗ nes Oheims. Der Fuß trat auf weiche Teppiche, ſeidene Vorhänge verhüllten das Fenſter, Weihranch 467 durchduftete das Gemach, Trauben und andere Früchte in einem zierlichen Korbe ſtanden auf dem Tiſche neben ſilbernen Deckelkrügen mit Wein, alles athmete die wärmſte, weichſte Behaglichkeit— und doch, in der rußigen, lärmenden Schmiede⸗ werkſtatt däuchte es ihm herrlicher! Er dachte an den alten Haidethurm und ſeine Bewohner, und ſein ritterlicher Sinn, ſein Rechtsgefühl empörte ſich gegen den unrechtmäßigen Prunk, der hier herrſchte, und in welchem er Verrath und Nichts⸗ würdigkeit aus allen Ecken hervorgrinſen zu ſehen wähnte. Mit wie verſchiedenen Empfindungen hatte er ſonſt dieſen Raum betreten! Der Biſchof veränderte ſeine bequeme Lage im Lehnſtuhl, als Richard eintrat, und legte das Brevier, in welchem er geleſen zu haben ſchien, auf den Tiſch. „Nun, Richard, Du läßt mich lange nach Dir ſuchen!“ ſagte er.„Kaum daß ich Dich heut Morgen im Audienzſaal des Kaiſers einen Augen⸗ blick geſehen habe. Warſt Du bis jetzt in der Umgebung des Kaiſers?“ 168 „Ich hatte andere Geſchäfte!“ entgegnete Richard. „Sie ſcheinen Dir ſehr wichtig geweſen zu ſein! Du ſollteſt keine anderen Geſchäfte haben, mein Kind, als ſolche, welche Dir Dein Ohm, oder der Kaiſer auftragen! Wir ſorgen für Dein Beſtes, und Du haſt Dich in allen Dingen un⸗ ſeren Anordnungen zu fügen.— Setz Dich dort in den Lehnſtuhl, da ſind Früchte und Wein, wenn Du eine Erfriſchung wünſcheſt. Indeſſen habe ich Dir wichtige Mittheilungen zu machen.“ Richard lehnte das Dargebotene ab, und ſetzte ſich ſeinem Oheim gegenüber. „Du warſt heut Morgen Zeuge,“ fuhr der Biſchof fort,„Zeuge der Verſöhnung zwiſchen dem Kaiſer und dem Grafen Arnsberg. Zur Be⸗ ſiegelung dieſer Verſöhnung ſoll nun ein ganz beſonderes Feſt auserſehen werden, bei welchem Du eine große Rolle wirſt zu ſpielen haben, näm⸗ lich die des Bräutigams. Mache Dich daher auf Deine Vermählung gefaßt, welche übermorgen ſtattfinden wird.“ 169 „Das wird ſie nicht!“ rief Richard aufſprin⸗ gend.„Das wird ſie niemals!“ Der Biſchof ſah ihn erſtaunt, aber ruhig an. „Was ſoll das? Was iſt das für ein Be⸗ tragen, Richard? Du benimmſt Dich wie ein unverſtändiger Knabe! Setz Dich! Deine Ver⸗ mählung wird übermorgen ſtattfinden— unwi⸗ derruflich, ſo hat es der Kaiſer beſtimmt, ſo hat es der Graf Arnsberg genehmigt. Das Fräulein, ſeine Tochter, wird noch dieſen Abend in Beglei⸗ tung ihrer Schweſter, der Gräfin Kappenberg, auf der Wevelsburg erwartet, und übermorgen iſt ſie Deine Gemahlin.“ „Und ich erkläre,“ rief Richard nochmals, „daß ſie weder übermorgen, noch jemals meine Gemahlin werden wird! Unterbrecht mich nicht, Oheim! Ich habe nicht Luſt, mich und meine Hand verſchachern und verkuppeln zu laſſen! Der Kaiſer mag über mein Schwerdt gebieten— über die Neigung meines Herzens kann er es nicht! In dieſem Punkte werde ich meine Freiheit zu wahren wiſſen! Das Fräulein, welches man mir beſtimmt hat, iſt aus einem hohen Geſchlecht, ich habe auch ſonſt keinen Grund, ihr meine Achtung zu verſagen, aber— unglücklich machen will ich ſie nicht, und das müßte ſie werden, wenn man mich mit Gewalt an ſie kettete! Weder Ihr, Oheim, noch die ganze Welt, werdet mich be⸗ wegen, von dieſem meinem Entſchluſſe abzu⸗ ſtehen.“ Der Biſchof wollte zornig auffahren, bezwang ſich jedoch, biß ſich auf die Lippen und ſagte mit Ruhe: „Du wirſt kindiſch, mein lieber Sohn! Bän⸗ dige dieſen unpaſſenden Ungeſtüm, ich bin über⸗ zeugt, Du wirſt mir bei einiger Ueberlegung ver⸗ nünftiger antworten.— Entgegne kein Wort! Du biſt in dieſer Stimmung unzurechnungsfähig. — Dieſe Verbindung mit des Arnsberg Tochter iſt ein tief angelegter Plan, den Deine Weige⸗ rung nicht zerſtören wird. Sie wird Dich zu hohen Ehren bringen, wird Dir Macht, Ruhm, Anſehen bringen—“ „Ich verlange ſolche Güter nicht, wenn ich ſie um dieſen Preis erkaufen ſoll.“ 171 „Schweig— Knabe! Und wer biſt Du denn, wenn Du auf dieſe Verbindung mit den höchſten Männern des Reichs verzichteſt, wenn Du dieſe Gnade des Kaiſers von Dir weiſeſt, wenn ich obenein von einem Unwürdigen, wie ich ihn in Dir erblicken müßte, meine Hand abzöge? Wer biſt Du denn, was bliebe Dir— he?“ „Ich wäre ein Mann, der nach Recht und Gewiſſen gehandelt hätte, mir bliebe mein Schwerdt und der Ruhm, meine Freiheit und das, was mir edel und gut dünkt, bewahrt zu haben, ungeſchreckt von der Macht derer, die ſich einbilden, die Welt nach ihrem Sinne geſtalten zu können! Eure tief angelegten Pläne verabſcheue ich, unter ihrer glän⸗ zenden Maske grinſen Niedrigkeit und unlautere Abſichten hervor, und nie werde ich mich verſtehen, Zwecke zu unterſtützen, die ich nicht deutlich ſehe, die ich nicht als eines Ehrenmannes würdig er⸗ kenne! Ich bin kein Kind, wie Ihr mich zu nen⸗ nen beliebtet, ſondern ein Mann, der, ob er nichts hat, als ſein Schwerdt, durch die Welt kommen wird. Ich verſchmähe jede Hülfe mich emporzu⸗ heben, ich will fortan nichts, als was ich mir 172 ſelbſt, oder Männern zu verdanken habe, die ich achten und verehren kann.“ „Nichtswürdiger Bube!“ ſchrie der Biſchof aufſpringend.„Mir, Deinem Beſchützer, dieſe Sprache! Und woher dieſe Sprache? Woher weißt Du, daß ſich hinter meinen Plänen unlau⸗ tere Abſichten verbergen? Bin ich nicht ein Die⸗ ner der Kirche? Dieſe Würde ſollte Dir genug ſein, größer von meinen Plänen zu denken! Un⸗ dankbarer!“ In dieſem Augenblick fiel dem Biſchof die Stirnwunde ſeines Neffen in die Augen, und durch eine nicht fern liegende Ideenverbindung kam ihm der Verdacht, daß Richards Benehmen ſich aus Eröffnungen herſchreibe, die ihm im Haidethurm gemacht ſein könnten. Ein Schreck durchzuckte ihn, und er war nahe daran ſeine Faſſung zu verlieren. „Halt!“ rief er dann, da es ihm ſchien, als wolle Richard ſich entfernen.„Bleib, Richard, ſetz Dich! Solche Mißverſtändniſſe und Auftritte dürfen zwiſchen uns nicht ſtattfinden! Ich bitte Dich, ſetz Dich— laß uns mit Beſonnenheit 173 reden, wie es meinem Amt und Deiner Ergeben⸗ heit als des biſchöflichen Reffen zukommt. Richard, Du ſprachſt von unlauteren Abſichten— ſage mir aufrichtig, was Dich zu dieſer Vermuthung führt!“ Richard wurde mit einigem Schrecken inne, daß er ſich vom Zorn habe hinreißen laſſen, Dinge zu erwähnen, die ihm zwar aus einem glaub⸗ würdigen Munde kamen, deren Erwähnung ihn ſeinem Oheim gegenüber aber doch als undank⸗ bar hinſtellen mußte, und indem die Erinnerung hinzukam, daß er ſeiner Freundin Verſchwiegen⸗ heit angelobt hatte, ſchwieg er in großer Ver⸗ legenheit ſtill. „Sieh,“ fuhr der Biſchof fort,„es ſteht die Ehre, die Würde keines Mannes ſo feſt da, daß Läſterzungen ſich nicht daran wagten, ſie zu be⸗ flecken, zu beeinträchtigen. Selbſt ein Kirchenfürſt iſt ſolcher Gefahr ausgeſetzt, aber Goit ſieht in ſein Herz— er weiß— er kennt ſeinen Diener, und wird ihn ſchützen vor den Betn des Teufels.“ 174 Richard machte bei dieſen Worten eine Be⸗ wegung und ſah ſeinem Oheim feſt ins Auge, wodurch dieſer faſt verwirrt zu werden ſchien. „Laß Dich dadurch nicht beirren, mein Sohn,“ fuhr er fort.„Ich bitte Dich, laß dieſes ſtörriſche Weſen fahren, was Dir nicht natürlich iſt. Ich habe ſtets für Dein Beſtes geſorgt, Du biſt mir, wie ein Sohn— nimm meine Verſicherung, daß Du Dich als Edelmann meinen Anordnungen unterwerfen kannſt, ohne daß Deine Ehre dabei auf dem Spiele ſtände. Und dann bedenke, daß auch für mich viel von Deiner Einwilligung zu dieſer Verbindung abhängt. Weigerſt Du Dich darauf einzugehen, ſo zerrinnen auch mir die ſchönſten Ausſichten, und das, wofür ich mein Leben lang gearbeitet habe, iſt mit einem Schlage vernichtet. Ich bin überzeugt, in Dir einen gehorſamen und vernünftigen Sohn zu finden. Du verſprichſt mir, ich weiß es, Deiner Vermählung kein Hin⸗ derniß in den Weg zu legen.“ Richard erhob ſich, ſchob den Seſſel weg und ſagte feſt: — 175 „Wenn Ihr nichts Anderes wißt, als das alte Lied, Oheim, ſo iſt unſere Unterredung zu Ende. Ihr kennt meinen Willen, ich werde mich in dieſe Verbindung nicht fügen!“ Mit dieſen Worten ſchritt er auf die Thür zu, und verließ das Gemach. „Richard!“ rief der Biſchof ihm nach,„höre mich, noch ein Wort! Bei meinem Zorn!— Da geht er, der verwünſchte Junge! Was iſt nun mit dieſem Starrkopf anzufangen?“ Eine im Täfelwerk der Wand verborgene Thür öffnete ſich, und durch die Spalte lauſchte das Geſicht Cajetans. „Herein mit Dir!“ rief der Prälat,„her⸗ ein! Ich kann annehmen, daß Du Dein Ohr an das Schlüſſelloch gelegt und Alles mit angehört haſt! Was ſagſt Du zu der Weigerung dieſes Burſchen?“ „Schlimm! Sehr bedenklich!“ „Das weiß ich ſelber, Eſel! Sinne etwas aus, ihn zu ködern! Beſteht er auf ſeiner Wei⸗ gerung, ſo iſt Alles verloren!“ 176 „Er willigt nicht ein! Er hat von den Hexen im Haidethurm Alles erfahren.“ „Das Wetter über dies Geſindel! Sie müſſen weg!“ „Das war ſchon lange mein Rath! Aber damit iſt nichts gewonnen, im Gegentheil dürfte das jetzt eher ſchaden. Eminenz ſollten eine Au⸗ dienz beim Kaiſer ſuchen, es ihm ans Herz legen, daß er den Ritter umſtimme.“ „Nichts da! Das hieße die Gewalt aus den Händen geben! Wir müſſen ſelber etwas ausfindig machen, den Brauſekopf zu feſſeln. Friſch, denke nach, Du weißt doch ſonſt immer Wege! Verläßt Dich diesmal Dein Scharfſinn, ſo zähle nie wieder auf meine Gnade!“ Cajetan ſah bedenklich, vielleicht diesmal wirklich rathlos auf den Teppich nieder, während ſein Herr aufgeregt im Zimmer umherging. In dieſer Situation verlaſſen wir das Paar, und wollen von der weitern Entwicklung erwarten, was ſie ausfindig gemacht haben, um den jun⸗ gen Mann umzuſtimmen. — Sechſtes Kapitel. Zwei Meilen von Paderborn und drei Meilen von Lippſtadt erhebt ſich auf einem felſigen Berge des Almethals die Wevelsburg. Ihren Fuß beſpült das Flüßchen Alme, während im Rücken waldige dunkle Bergformen über ſie hinausragen. Wir wollen unſte Leſer nicht mit dem hiſtoriſchen Detail ihrer Entſtehung aufhalten, da wir dabei mit den Römern beginnen müßten, haben auch nicht die Abſicht, ihrer Bauart und Beſchreibung zu viel Raum zu gewähren. Nur ſo viel ſei ge⸗ ſagt, daß ihre Form die eines Dreiecks iſt, deſſen Ecken durch drei gewaltige feſte Thürme bezeichnet werden. Das Ganze iſt ein Kaſtell mit Mauern und Gräben, welches jeder Belagerung trotzen zu wollen ſchien, während ihr Inneres mit dem ge⸗ 12 räumigen Schloßhofe, ſeinen weiten Hallen und Sälen dies Schloß zu einem Fürſtenſitz geeignet macht. Die überaus reizende Lage der Wevels⸗ burg, die mit ihren Thürmen und Erkern über die waldige Grundfeſte hinausblickte, die anmu⸗ thige Ausſicht über das Thal der Alme, über Hügel und Wälder, iſt freilich ein Moment, welches in jener eiſernen Zeit am allerwenigſten, vielleicht gar nicht in Betracht kam, welches wir aber in unſerer Erzählung nicht unerwähnt laſſen wollen. Jenes Jahrhundert baute ſich Burgen in wilden, feindlichen Abſichten, um ſich zu befehden und ſich vor den Befehdungen der Nachbarn zu ſchützen, wir aber, die wir, nachdem Jahrhunderte die Spu⸗ ren jener rohen Zwecke faſt verwiſcht haben, in friedlicher Abſicht die Ruinen auf den Bergen be⸗ ſteigen, wollen uns auch an dem ſchönen Umblick ſolcher Orte freuen. So auch iſt es in der Erzäh⸗ lung, die uns die Begebenheiten der Vergangen⸗ heit überblicken läßt; der Darſteller wie der Be⸗ ſchauer hat es gern, wenn die Gruppen des vor⸗ geführten Bildes aus einem ſchönen landſchaftlichen Hintergrunde hervortreten.— Zwei Tage nach den Ereigniſſen, welche das vorige Kapitel ausfüllten, ſchritt über die ſteinerne Brücke der Alme eine hohe, ſtark gebaute Frauen⸗ geſtalt. Sie führte einen dicken Eichenſtock in der Hand, ihr Kopftuch und ihre Gewänder flatterten im Winde. Eine Schaar von Mädchen, welche auf dem Raſen des Almeufers Wäſche bleichten, ſah ſie ſchreiten und rief:„Da geht die Hexe aus dem Haidethurm!“ und ein paar müßige Buben konnten nicht unterlaſſen, ihr dieſe Worte noch eindringlicher nachzuſchreien. Gundofara ſchritt vorüber, ohne darauf achten zu wollen, indem ſie nur zwiſchen den Zähnen murmelte: „Ja, ja, die Hexe aus dem Haidethurm! Wäre ſie's nur! Ihre Rache ſollte Geiſter herauf⸗ beſchwören, die ihr endlich Genugthuung verſchaf⸗ fen! O Norbert, Norbert! Wärſt Du nur da, ſo brauchte Deine Mutter nicht länger wie eine Land⸗ ſtreicherin umherzuziehn!“ Mit mächtigen Schritten eilte ſie weiter und als ſie von einem der Thürme die Reichsfahne flattern ſah, rief ſie: 122 180 „Willkommenes Zeichen! Iſt der Kaiſer oben, ſo ſoll er Dinge erfahren— ſie ſollen zittern vor mir, Alle!“ Es waren nur wenige Tage vergangen, ſeit⸗ dem Gundofara den jungen Ritter in ihrer Ge⸗ walt gehabt hatte. Der Trank, welchen ſie ihm zum Abſchied gereicht, mußte, wie ſie wähnte, einen Theil ihrer Rachſucht befriedigt haben, und die dämoniſche Freude darüber bewirkte, daß ſie die ſchreckliche Nachricht, welche ſie über ihren Sohn erfahren hatte, faſt verſchmerzte. Das Verſchwin⸗ den ihrer Tochter am Abend gab ihren Gedanken eeeine neue Aufregung des Haſſes. Sie ſchloß daraus, daß der Biſchof, durch Gottfried von dem chickſal ſeines Neffen benachrichtigt, ihre Tochter habe aufgreifen laſſen, und ohne irgend einem andern Gedanken, irgend einer andern Möglich⸗ keit Raum zu geben, fußte ſie auf dieſer Anſicht, ja es gereichte ihr gewiſſermaßen zur Genug⸗ thuung, die Feindſeligkeit gegen ihren Widerſacher thätlich aufnehmen zu können. Vergebens hatte ſie nach Frotolf ausgeſpäht, und da auch Ragnachar ihr keine Rachricht über die beiden Entſchwundenen 181 geben konnte, hatte ſie ihren Thurm verlaſſen und ſich auf den Weg nach Paderborn gemacht. Von der Schwelle der biſchöflichen Reſidenz durch die Nachricht zurückgewieſen, daß der Biſchof beim Kaiſer ſei, um mit ihm an dieſem Morgen nach der Wevelsburg zu reiten, hatte ſie die Stadt verlaſſen, um ſich ebenfalls dahin zu begeben. Auf mancherlei Fragen, welche ſie an Landleute unterwegs richtete, erfuhr ſie, daß man am Tage vorher ein verſchleiertes Weib, umgeben von Rei⸗ ſigen habe nach der Wevelsburg reiten ſehen. Es unterlag für ſie keinem Zweifel, daß die Ver⸗ ſchleierte ihre Tochter Wolfhilt geweſen ſei, und ſo förderte ſie die Schritte rüſtig ihrem Ziele entgegen. Nachdem ſie den letzten Theil des waldigen Weges, welcher zur Burg führte, zurückgelegt hatte, ſah ſie das Schloßthor vor ſich. Die Zug⸗ brücke war, da man hohe Gäſte erwartete, bereits herabgelaſſen, das Thor aber noch geſchloſſen, und ſo that Gundofara mit ihrem Stocke einige heftige Schläge gegen daſſelbe. Der Thorwärter erſchien, und da der Thürmer die Ankunft der Gäſte noch 132 picht verkündet hatte, ſchob er nur ein Vorſchiebe⸗ brett bei Seite und fragte, durch die Oeffnung ſchauend, was die Alte begehre. „Aufgemacht!“ rief ſie.„Ich will herein, ich muß herein!“ „Das wäre mir ſchön!“ entgegnete der Thor⸗ wärter.„Sie will und muß herein? Ei, wenn wir jede alte Vettel hereinlaſſen wollten, um in der Küche ebenſo viel Gäſte zu haben, als im Ritterſaale, da würde das Haus voll werden!“ „Ich gebiete Ihm zu öffnen, denn ich werde heut im Schloſſe einen Platz einnehmen, daß Seinesgleichen niederfallen wird, um den Saum meines Kleides zu berühren!“ „Platz? Ja, in einem Hundeloche! Schere ſie ſich zum Teufel!“ „Menſch, öffne! Ich will zu meiner Tochter, die ihr Buben mir geraubt habt! Ich, die Hexe aus dem Haidethurme, werde Euren Gäſten ein Lied ſingen, daß ſich ihnen das Haar empor⸗ ſträuben wird. Laßt mich ein, ich will zum Kaiſer!“ 183 „Zum Kaiſer! Hahaha! Was der ſich über den hohen Beſuch freuen wird! Mach ſie, daß ſie in ihre Hexenhöhle zurücktommt!“ Mit dieſen Worten ſchob er die Oeffnung zu. Gundofara donnerte ihm noch ein paar Flüche nach, da dieſe aber ohne Wirkung blieben, ſetzte ſie ſich auf einen Stein und überlegte, was ſie, wenn man ſie durchaus nicht einlaſſen wolle, zu beginnen habe. Jede ihrer Empfindungen war heftig und gewaltſam, für ſie gab es keine Re⸗ gung des Verſöhnens oder Ausgleichens, und den Gedanken, den Kaiſer durch einen Fußfall um Gerechtigkeit zu bitten, würde ſie als einen un⸗ würdigen verworfen haben. Wenn ſie daran dachte, vor den Kaiſer zu treten, ſo war es in dem Sinne einer Anklägerin, die nicht Recht, ſondern Rache fordere, und die für eine Verwei⸗ gerung nur Flüche oder, wenn es in ihrer Macht ſtände, Thaten verſönlicher Wiedervergeltung haben konnte. Den Kaiſer nebſt dem Biſchof glaubte ſie bereits in den Mauern des Schloſſes, und da man ihr jett den Eingang verwehrte, ſaß ſie in wüthendſter Aufregung an der Pforte und ſtemmte, 184 wilde Gedanken brütend, beide Ellenbogen auf die Knie und die geballten Hände vor die Stirn. Eine Viertelſtunde mochte ſie geſeſſen haben, als ſie vom Thurme der Burg ein Signal blaſen hörte. Was konnte das ſein? Sie erhob ſich, blickte forſchend um ſich, und jetzt vernahm ſie aus dem Thale Waldhornrufe und Trompeten⸗ ſignale, welche dem Thürmer zu antworten ſchienen. Bald darauf wurden Roſſeshufe hörbar, zwiſchen den Bäumen zeigten ſich die Farben bunter Ge⸗ wänder und glänzender Waffen, und jetzt kam ein glänzender Zug von Reitern aus dem Walde herauf, an ſeiner Spitze der Kaiſer und neben ihm der Biſchof von Paderborn. Gundofara's Herz jauchzte, ſie hatte gewähnt durch Mauern und Gräben von denen, die ſie ſuchte, getrennt zu ſein und ſah jetzt die günſtigſte Gelegenheit, ſich ihnen zu nähern. Die Thore der Burg wurden weit aufgeriſſen für die königlichen Gäſte, welche mit Hörnerklang in langem Zuge ſich der Brücke nahten. Gundo⸗ fara paßte den Augenblick ab, eilte in's Thor und über die Brücke. Dem Thorwärter, welcher ———— 185 ſie erkannte und zurückwies, endlich ſogar anfaßte, gab ſie einen Schlag auf die Bruſt, daß er zu⸗ rücktaumelte, flog in den Schloßhof und verbarg ſich hinter einen Flügel des innern Thors. Gleich darauf zog das ganze Reitergeſchwader in den Schloßhof ein. Gundofara ſprang aus ihrem Verſteck hervor, fiel dem Pferde des Biſchofs in die Zügel und rief mit lauter Stimme: „Erkennſt Du mich, Biſchof von Paderborn? Gundofara iſt's, die vor Dir ſteht, Gundofara iſt's und wird nicht eher von der Stelle weichen, als bis ſie Deine ganze Schande entdeckt hat!“ Das Pferd des Biſchofs machte, ſcheu ge⸗ worden durch den plötzlichen Angriff, einen kleinen Seitenſprung, und der Biſchof, nicht minder er⸗ ſchreckt, war nahe daran, das Gleichgewicht zu verlieren. Seine Züge drückten Beſorgniß und Schreck aus und waren leichenblaß geworden, während ſich auf dem Antlitz des Kaiſers und des ganzen Gefolges Neugier und Erſtaunen über dieſe eigenthümliche Begegnung malten. „Sitze nur feſt auf Deinem Pferde!“ fuhr Gundofara fort,„es wird bald das Einzige ſein, 186 was Dir übrig bleibt, denn auf Deinem Biſchofs⸗ ſtuhle ſollſt Du mit meiner Hülfe nicht mehr lange ſitzen! Antworte! Erkennſt Du mich?“ „Fort, Weib! Ich kenne Dich nicht!“ rief — der Biſchof, aber in einem Tone, der den Kaiſer 1 noch aufmerkſamer machte. „Du willſt mich nicht kennen? Gundofara nicht kennen, deren Gatten Du im Aufruhr, deren Bruder Du auf der Jagd gemordet haſt? Gundo⸗ fara, die Du beraubt, in's Elend geſtoßen, an der Du ſeit zwanzig Jahren wie ein gemeiner Verbrecher gehandelt haſt? Wo haſt Du meine Tochter,— denn auch ſie haſt Du mir geraubt— wo haſt Du ſie verborgen?“ „Wahnſinnige Hexe! Was geht mich Deine Tochter an?“ „Wer iſt die Alte, Herr Biſchof von Pader⸗ born?“ fragte jetzt der Kaiſer mit einem forſchen⸗ den Blicke. „Eine arme Verrückte, mein Herr und Kaiſer! Ich habe allerdings ſchon von ihr gehört, ſie tritt Jedem entgegen und giebt ihm böſe Thaten ſchuld!“ „Verrückt? O, es wäre kein Wunder, wenn ich's geworden wäre! Aber ich bin's nicht, ich habe mir alle Sinne geſund gehalten, um der Rache willen, die ich und mein Haus an Dir zu nehmen habe. Wo iſt meine Tochter, frage ich Dich, denn Du haſt ſie aufgreifen und verwah⸗ ren laſſen!“ „Herr Biſchof,“ ſagte der Kaiſer,„Ihr ſcheint die Alte näher zu kennen, habt Ihr mir vielleicht insgeheim etwas zu ſagen?“ Der Biſchof war nicht im Stande, auf den Wink, den ihm der Kaiſer gab, eingehen zu können, und die Beſtürzung, in welche ihn dieſer Auftritt gebracht hatte, machte, daß ſeine ohne⸗ dies heut nicht ſehr geſammelte Geiſteskraft ſich in Selbſtvergeſſenheit verlor.—„Allerdings, mein Kaiſer,“ ſagte er verwirrt,„kenne ich das Weib! Es iſt daſſelbe, welches meinen Reffen durch einen Wurf beinahe getödtet hätte.“ Gundofara ſuchte mit ſpähenden Augen unter dem Gefolge, und da ſie Richard nicht darunter erblickte, rief ſie mit funkelnden Augen:„Richtig! 138 Wo iſt nun Dein Bürſchchen von Neffen, wo iſt der junge Fant?“ „Mein Neffe iſt Deinen verbrecheriſchen Hän⸗ den glücklich entgangen und wird in Kurzem hier ſein.“) Gundofara ſtutzte und ſchwieg einen Augen⸗ blick.— „Es ſcheint, gnädiger Herr,“ wandte ſich der Biſchof an den Kaiſer,„als habe es die Alte geradezu auf einen Mord an meinem Neffen angelegt!“ „Vielleicht, Herr Biſchof,“ entgegnete der Kaiſer, indem er vom Pferde ſtieg,„hatte ſie einen Grund dazu. Dieſer Auftritt iſt ſehr auf⸗ fallend!“ Während das ganze Gefolge nach des Kaiſers Beiſpiel aus dem Sattel ſprang, kam der Graf Arnsberg in den Burghof, um ſeine Gäſte zu begrüßen. Schon glaubte der Biſchof dadurch dem Angriff Gundofara's zu entkommen, als dieſe ihn am Arme feſthielt, und rief: „Nicht von der Stelle ſollſt Du mir, bis Du mir die Tochter wiedergegeben!“ 189 „Ich weiß nichts von Deiner Tochter, ver⸗ wünſchtes Weib!“ rief er,„geh zur Hölle mit Deinem Geſchrei!“ „Was ſoll das?“ fragte Arnsberg,„was will die Alte?“ „Was ich will, Du reißendes Thier? Bei Dir iſt ſie verſteckt, meine Tochter! Dich kenne ich auch, auch Dir habe ich Rache geſchworen! Denkſt Du noch des Augenblicks, da ich, die Erbin von Iburg, flehend um Hülfe hier vor Dir erſchien? Du biſt noch derſelbe Wütherich wie damals, als Du mich und meine jammernden Kinder mit Hunden von Deiner Burg hetzen ließeſt!“ „Die Erbin von Iburg?“ fragte der Kaiſer erſtaunt. „Ja, ich ſtamme aus dem Geſchlechte der Grafen von Iburg, meine Väter waren mächtig wie Ihr und beſſere Ritter als dieſe Klötze, die hier ſtaunend die Augen aufreißen! Mein war das Schloß Iburg, dieſer Biſchof, der jetzt bleich und bebend daſteht, hat es von meinem Bruder für ſich erſchlichen, und ihn mit eigner Hand er⸗ mordet. Seht, an der Hand jenes würdigen Dieners der Kirche klebt Blut, das Blut eines Verwandten, das um Rache ſchreit!“ „Ihr Herren,“ ſagte der Kaiſer mit fragen⸗ den Blicken auf Arnsberg und den Biſchof,„ich war vorbereitet auf ein Feſtgelage, und, wie es ſcheint, ſoll ſtatt deſſen hier die Hülle von ernſten Geheimniſſen gehoben werden. Für's Eſte, Graf Arnsberg, habt Ihr die Tochter dieſer Frau auf Eurem Schloſſe?“ „Ich weiß nichts von der Tochter dieſes Weibes, mit meinem Wiſſen iſt ſie nicht in mei⸗ nem Hauſe.“ „Sie iſt hier!“ rief Gundofara,„ſie iſt geſtern herauf geführt worden. Man hat mir geſagt, ein verſchleiertes Weib ſei geſtern, von Reiſigen umgeben, zum Schloſſe hinauf geritten.“ „Allerdings,“ entgegnete Arnsberg,„aber die Verſchleierte war nicht Eure, ſondern meine Tochter. Ich gebe Euch mein Ritterwort, mein kaiſerlicher Herr, daß es meine Tochter Luitgart war, welche man herauf geleitete. Und ſo wird ſich jede der Ausſagen dieſes Weibes als eine Tollheit herausſtellen. Laßt Euch keinen Verdacht 191 erwachſen, mein Fürſt! Dieſem Weibe gebührt, daß man ſie auspeitſchen laſſe, da ſie die Schwelle meines Hauſes, welches durch den Beſuch meines Kaiſers geehrt werden ſoll, mit ihrem Geſchrei entweiht!“ „Ich habe allerdings,“ entgegnete der Kaiſer, „in dieſem Augenblick keine Luſt hinter Geheim⸗ niſſe zu kommen, die unſer Feſt ſtören könnten, ich will daher für jetzt nichts unterſuchen. Aber, Herr Biſchof und Herr Graf Arnsberg, ich ver⸗ lange, daß noch heut alles Störende ausgeglichen werde— ich möchte kein Richteramt in dieſer Sache übernehmen!“ Bei dieſen Worten wandte er ſich um, und ſchon ſegnete ſich der Biſchof, leichtern Kaufs davon gekommen zu ſein, als er gefürchtet hatte, als Gundofara mit der Geberde des wildeſten Zornes auf den Kaiſer losfuhr, ihn am Arme ergriff und rief: „Du wilſſt kein Richteramt hier übernehmen? Du biſt der Kaiſer dieſes Landes und willſt die Schandthaten Deiner verruchten Vaſallen nicht unter⸗ ſuchen? Du willſt Dich deſſen, der durch die Frevel⸗ ——— 192 thaten dieſer Buben vernichtet worden, deſſen Recht unter die Füße getreten iſt, nicht annehmen? Wenn Du ein König biſt, ſo mußt Du mich hören, ſo mußt Du mir Genugthuung verſchaf⸗ fen, denn Du ſollſt ein Richter ſein über ſie! Nicht von der Stelle laſſe ich Dich—!“ „Weib, Du wirſt läſtig!“ rief der Kaiſer, indem er ſeinen Arm von ihren Händen los machte. „Ich will Dir läſtig werden, will Dich mit meinem Geſchrei beläſtigen, bis ich Genugthuung habe! Mein Eigenthum ſollſt Du mir wieder⸗ geben, meine Schlöſſer, meine Tochter! Die Rache ſollſt Du in meine Hand geben, oder— ſo wahr ich lebe—!“ „Schweig, Unſelige!“ ſagte Heinrich.„Melde Dich morgen auf meinem Schloſſe in Paderborn und trage mir mit Ruhe vor, was Du zu ſagen haſt. Ich hoffe, Du wirſt dann ſchon von denen, welche Du für Deine Feinde erklärſt, zufrieden geſtellt ſein!“— Wiederum wandte er ſich um und that einige Schritte, trotzdem aber, daß das Gefolge die Alte vom Kaiſer zu trennen verſuchte, fuhr dieſe noch⸗ mals auf denſelben zu und ſchrie: „So willſt Du mir entſchlüpfen? Dieſe Schurken können mich in den Kerker werfen, mich morden laſſen, und Dir morgen ſagen, mir wäre mein Recht geſchehen! Nein, ſo kommſt Du mir nicht davon! Knirſche die Zähne und ſieh mich wüthend an, Dein Zorn ſchreckt mich nicht.“— „Fort, Unſinnige!“ „Halt, Du bleibſt! Du willſt mir nicht Ge⸗ nugthuung verſchaffen?— Nicht? Du ſiehſt mich mit denſelben Augen an, ſtößeſt mich mit derſel⸗ ben fluchbeladenen Hand zurück, die einſt das Schwerdt gegen den Vater zückte? Höre mich! Mein Gatte ſtarb an der Seite Heinrichs des Vierten den Heldentod, ſeine Hand vertheidigte den unglücklichen Herrn gegen die blutigen An⸗ ſchläge ſeines Sohnes, gegen Deine rebelliſchen Schaaren! Recht ſo! Du warſt ein Aufrührer gegen Deinen Vater, Deinen Kaiſer, Du beſchützeſt jetzt die Schandthaten Deiner Vaſallen! Ja, Herr und Diener ſind einander würdig!“ . 13 194 „Reißt die Wahnſinnige fort!“ rief ein Dutzend Stimmen. Aber trotzdem einige der Herren Hand an Gundofara legen wollten, war doch die Gewalt ihrer flammenden Augen, ihrer ganzen Erſcheinung ſo mächtig, daß Niemand recht Ernſt machte, ſie fortzureißen. Sie aber zerrte den Kaiſer am Mantel und fuhr fort: „Wagt es, mich fortzuſchleppen, wagt es, ihr aufgeputzten Puppen! Da ſtehen ſie alle in ihrer Schande! Du, reißender Wolf von Arnsberg, deſſen Leben Aufruhr, deſſen Gedanken Bubenſtücke ſind! Du, Tiger mit der Biſchofsmütze, doppelt und tauſendfach Mörder! Giftige Schlange, es giebt keinen Namen für Dich Ungeheuer! Du da, frommer Graf Kappenberg mit dem gottſeligen Schafsgeſicht— wärſt Du, was Du ſein willſt, Du trätſt für mich in die Schranken und forder⸗ teſt dieſen ganzen Troß von Verbrechern zum Kampfe heraus! Und Du, der Du Dich Kaiſer nennſt dieſes Landes, Du willſt meine Anklage nicht hören, mein Recht, wie dieſe da, mit Füßen treten? Keine Gerechtigkeit— keine? Halt— ich laſſe Dich nicht, zerre nur an Deinem Mantel, 195 ich halte ihn feſt und müßte ich ihn Dir vom Leibe reißen! In Deinen Zügen ſteht der Tod geſchrieben, Du haſt nur noch wenige Jahre zu leben— Du wirſt beſchließen, wie Du ange⸗ fangen haſt! So nimm zu den tauſend Flüchen, die Dir nachdonnern, noch den meinen mit auf den Weg! Es iſt nur der Fluch eines Weibes, aber es iſt ein kräftiger Fluch, der Fluch eines ganzen vernichteten Geſchlechts!“ In dieſem Augenblicke riß ſich der Kaiſer los, ein Schauder ging ihm durch Leib und Seele, und er flog in der heftigſten Aufregung durch die Vorhalle und die Treppe hinauf. Der Biſchof und Gottfried folgten ihm zunächſt. Arns⸗ berg aber rief ſeinen Knechten und ſagte mit zorniger, aber gedämpfter Stimme: „In's Loch mit der Hexe! Sie darf die Burg nicht wieder verlaſſen!“ Gundofara hatte ihre Kräfte übermäßig an⸗ geſtrengt, und während Alle ſich um ſie her ent⸗ fernten, ſtand ſie erſchlafft und finſter da und ließ ſich in einer Art von Stumpfſinn von den Knechten wegführen.— 13* 196 Der Tag, welcher einem Verſöhnungsfeſte geweiht war, hatte ſomit drohend begonnen. Der Ritterſaal, mit bunten Fahnen, Rüſtungen, Sie⸗ gestrophäen auf das Glänzendſte geſchmückt, mit der reichen gedeckten Tafel in der Mitte, dem Kredenztiſche, wo die rieſigen ſilbernen Humpen blinkten, ſchien für's Erſte nicht der Sitz des Feſt⸗ gelages werden zu wollen. Der Kaiſer ging mit großen Schritten im Saal auf und ab, ohne daß einer ſeiner Vaſallen es wagte, ihn anzureden. Endlich öffnete er die Thür, welche zum Altan führte, trat hinaus und ſtarrte mit untergeſchlagenen Armen hinab in das Almethal, ohnk daß jedoch ſein Auge etwas von der Anmuth der Landſchaft erblickte. Während die Gäſte beunruhigt und gruppenweiſe im Saale umherſtanden, und die Diener des Zeichens harr⸗ ten, um das Mahl anzurichten, wagte es Gott⸗ fried von Kappenberg, auf den Altan zu treten, und ſo, hinter dem Kaiſer ſtehend, harrte er des Momentes, um ein begütigendes Wort an ihn zu richten. Während dem nahm der Biſchof den Wirth des Hauſes bei Seite, undnachdem er ihn in einen Erker geführt hatte, von wo aus er zugleich den Kaiſer beobachten konnte, begann er: „Laßt uns Alles vermeiden, Graf, was ſonſt noch ſtörend auf den Tag wirken könnte!“ „Dieſer Auftritt, den uns die Hexe machte,“ entgegnete Arnsberg,„iſt genügend, die Stim⸗ mung zu zerſtören!“ „Eben drum laßt uns auf der Hut ſein. Sucht den Kaiſer zu beſchäftigen, bringt ihn auch nicht auf die Vermählung meines Neffen mit Eurer Tochter!“ „Warum nicht? Wo iſt Euer Neffe?“ „Seit zwei Tagen habe ich ihn nicht geſehen, habe ich ihn nicht auffinden können!“ ſagte der Biſchof mit dem ängſtlichſten Weſen und einem Blicke gen Himmel.„Gott, was ſoll daraus werden?“ „Er iſt verſchwunden? Mann— vielleicht mit Eurem Willen verſchwunden! Habt Ihr die Abſicht mich zu hintergehen?“ „Ich beſchwöre Euch, Graf, laßt jetzt dieſen Verdacht! Mein Neffe iſt ein Starrkopf—“ * 5 2 F 198 „Was heißt das? Er will ſich dieſem Tage entziehen? Er will der Vermählung mit der Toch⸗ ter des Grafen Arnsberg ausweichen?“ „Es iſt nicht meine Schuld, wenn er dieſe Abſicht hat.“— „Herr Biſchof, Ihr kennt mich! Meine Toch⸗ ter harrt im Brautkranze des Bräutigams, der ſie zum Altare führen ſoll, die Lichter in der Kapelle ſind angezündet— erſcheint Euer Neffe nicht— wohlan denn, ſo habt Ihr es zu ver⸗ antworten!“ Der Biſchof war der Verzweiflung nahe. Er hielt den Grafen, welcher ſich von ihm entfernen wollte, am Arme und rief leiſe:„Gott erbarme ſich unſer Aller,— wenn Ihr etwas thut— Graf—“ „Ich kann's wagen!“ entgegnete der Andere, „ich hab's zu andern Zeiten gewagt, der Kaiſer kennt meine Macht, und mit Euch hoffe ich auch fertig zu werden!“ „Seid nicht vorſchnell, Graf! Richard kommt vielleicht doch noch—“ „— Vielleicht doch noch—! Gut!— Haltet mich nicht auf, ich habe mehr Gäſte und keine Zeit zu Verhandlungen!“ Ein Diener trat jetzt eilig in den Erker mit der Nachricht, daß das Fräulein Luitgart einen heftigen Fieberanfall bekommen habe, und daß die BGräfin Kappenberg im Nebenzimmer warte, um ihren Vater zu ſprechen. Arnsberg warf einen hämiſchen Blick auf den Biſchof und ſagte:„Das kommt Euch ge⸗ legen, Mann, nicht wahr? Die Braut kriegt das Fieber, und ſomit wäre eine Verzögerung der Vermählung geboten. Aber frohlockt nicht zu frühe!“ Mit dieſen Worten ging er in's Nebenzim⸗ mer, der Biſchof aber richtete einen dankenden Blick gen Himmel, der vielleicht zum erſten Male in ſeinem Leben auftichtig gemeint war. Dann blickte er ſpähend nach dem Altan, und als er bemerkte, daß der Kaiſer mit Gottfried bereits im Geſpräche war, wagte auch er es, ſeinen Stand⸗ punkt zu verlaſſen und zu dem Fürſten zu gehen. 200 „Gut!“ hörte er den Kaiſer zu Gottfried⸗ ſagen,„ich will Euren Worten glauben, obgleich ich anfangs fürchtete, das Ganze ſei eine Veran⸗ ſtaltung Arnsbergs gegen den Biſchof und gegen mich, bei der aber mehr zur Sprache gekommen, als ihm ſelber lieb iſt. Wer kann dieſem Manne trauen!— Gut— ich verwerfe den Gedanken! Wenn das Weib alſo wirklich daſſelbe iſt, wel⸗ chem Richard ſeine Stirnwunde zu verdanken hat, und Ihr ſie kennt, wie Ihr behauptet— wo iſt Richard, ich habe ihn noch nicht ge⸗ ſehen!“ Gottfried ſchlug die Augen nieder. „Nun? Wo iſt er? ſoll ich noch etwas hören?“ „Darf ich ganz offen ſprechen, gnädiger Herr, ohne Euren Zorn zu erregen?“ „Ohne Umſchweife, redet!“ „Gnädiger Herr, dann bitte ich inſtändigſt, beſtehet nicht auf dieſe Verbindung zwiſchen Richard und meiner Frauen Schweſter!“ „Nicht? Was ſoll das nun wieder? Waru nicht?“ 2 „Richards Herz iſt anderweitig gefeſſelt— er liebt die Tochter jenes Weibes, die uns eben jenen ſchrecklichen Auftritt bereitete.“ „Iſt der Junge verrückt? An eine wilde Beſtie will er ſich hängen?“ „Die Tochter iſt der Mutter entflohen, oder ihm nachgelaufen, ſie iſt ſelber ein räthſelhaftes Weſen.“ „Und jetzt, da der Prieſter am Altar ſeiner wartet, jetzt fällt es ihm ein, eine Liebſchaft an⸗ zuknüpfen, und ſeinen Trotz ſo weit zu trei⸗ ben, daß er gar nicht zur Vermählung erſcheint? Wahrlich, dieſer Tag ſoll uns der Verwickelungen noch mehr bringen! Wo iſt der Burſche?“ „Er hat zwei Tage völlig im Verſteck ge⸗ lebt, Niemand hat ihn geſehen. Da erſchien er geſtern Nacht in einen Mantel tief verhüllt in meiner Herberge, erklärte feſt, daß er nicht zur Vermählung erſcheinen werde, daß er der ganzen Welt trotzen wolle, und zugleich, daß ſeine Nei⸗ gung für ewig an jenes Mädchen gekettet ſei. Mir trug er auf, es Euch zu ſagen. Er wiſſe, daß er durch dieſe Erklärung für immer die Gnade —————— —— 202 ſeines Herrn und Kaiſers verſcherzt habe, er werfe allen Glanz, alle Ausſicht auf Ruhm und Ehre mit brechendem Herzen von ſich, aber er ſei feſt entſchloſſen, nicht das Fräulein von Arnsberg und ſich ſelbſt für immer elend zu machen. So ging er davon, ohne mir ſeinen Aufenthalt zu ver⸗ rathen. Ich hatte ſchon heut früh beim Ausritt die Abſicht, dies Euch, mein hoher Herr, zu ſagen, aber erſt jetzt konnte ich den Weg zu Eurem Ohre finden.“ Der Kaiſer ſchwieg eine Minute. Dann entgegnete er: „Das iſt ſonderbar!— Hm! Faſt gefällt mir das von dem Jungen!— Aber unmöglich! Was ſoll hier aus der Braut werden?“ „Ich glaube, es würde ihr nicht unerwünſcht ſein. Sie widerſtrebt ebenfalls dieſer Verbindung, ihr Sinn iſt nur auf das Kloſter gerichtet, und nur der furchtbare Befehl ihres Vaters hat ſie be⸗ ſtimmt. Das unglückliche Kind ſteht verzweif⸗ lungsvoll, wie ein Opferlamm geſchmückt da, und harrt widerſtrebend des Gefürchteten, der ſie zum Altare führen ſoll!“ 203 „Stehen die Sachen ſo? Da wäre noch ein Ausweg möglich. Aber, Kappenberg, wie kann der Junge ſeine Neigung auf ein ſo gemeines Weib werfen! Das iſt eines Ritters aus mei⸗ nem Gefolge unwürdig! Wenigſtens— die Heirathsgedanken ſoll der tolle Burſche laſſen! Bettelwirthſchaft!“ „Gnädiger Herr— das Mädchen ſtammt aus dem alten gräflichen Hauſe von Iburg, wie die Mutter es ſelbſt verrathen hat!“ „Ha, richtig! Und hier iſt noch mehr auf⸗ zuklären! Kappenberg— mir ſoll die Alte nicht mehr unter die Augen treten, aber unterſucht ſoll die Sache werden. Euch übergebe ich ſie, Ihr werdet mir Rachricht darüber bringen!“ Als der Biſchof dieſen Theil der Unterhal⸗ tung gehört hatte, ſank plötzlich wieder ſeine Hoff⸗ nung, und bebend zog er ſich von der Thür des Altans zurück. Alle Schrecken eines böſen Ge⸗ wiſſens gingen durch ſeine Bruſt, er ſah die Fä⸗ den ſeines heimlichen Geſpinnſtes plötzlich an mehreren Stellen zugleich zerriſſen, und unfähig 204 in dieſem Augenblick etwas zu thun, ſank er auf einen Fenſterſitz nieder, und ließ ſich von einer Gruppe von jungen Rittern anſtarren, denn aller⸗ dings gewährte er ein Bild der jammervollſten Vernichtung. Der Graf von Arnsberg kam jetzt in den Saal zurück, und indem er zum Kaiſer auf den Altan trat, ſagte er: „Ein unglückliches Ereigniß zwingt mich, die Vermählung meiner Tochter außuſchieben. Sie liegt an einem bedenklichen Fieberanfall dar⸗ nieder, in welchem es unmöglich iſt, ſie zum Altar zu geleiten. Das Feſt ſoll dadurch nicht geſtört werden. Möge ſich mein Herr und Kaiſer die Bewirthung ſeines Vaſallen gefallen laſſen.“ Von der Gallerie des Ritterſaales ſchmetter⸗ ten die Trompeten und luden zum Gaſtmahl ein. Der Kaiſer ließ fürs Erſte alle Widerwärtigkeiten auf ſich beruhen und folgte der Aufforderung, und bald ſaß die ganze Schaar der Gäſte um die reich beladene Tafel gereiht. Nur Gottfried folgte einem Diener ins Nebengemach, wohin ihn Frau Judith hatte rufen laſſen. ——————. 205 Geſchäftige Diener flogen um die Tafeln mit mächtigen Schüſſeln voll Wildpret, die großen Humpen kreiſten und die Becher waren fortwäh⸗ rend im Gange. Nach den ärgerlichen Auftritten, welche dem Feſte vorhergegangen waren, ſchien es ſich Jeder angelegen ſein zu laſſen, das Gaſt⸗ mahl ſo laut und lärmend als möglich zu bege⸗ hen, um die unangenehmen Eindrücke zu ver⸗ wiſchen. Der Wein floß in Strömen, und der Wirth des Hauſes ging ſeinen Gäſten mit gutem Beiſpiel voran, denn Humpen um Humpen wur⸗ den an der Ecke, an welcher er den Vorſitz führte, geleert. Der Kaiſer trank wenig, wußte ſich aber den Anſchein zu geben, als folge er dem allge⸗ meinen Strome, und der Biſchof, welcher anfangs in der kläglichſten Stimmung neben dem Ober⸗ haupte des Reichs geſeſſen hatte, wußte ſich durch fortgeſetzten Gebrauch der vor ihm ſtehenden ſil⸗ bernen Deckelkrüge in die gewaltſamſte Aufregung zu bringen. Während ſo der Lärm des Gelages zur Höhe eines Bacchanals zu ſteigen begann, wollen wir den Saal verlaſſen und Gottfried von Kappen⸗ berg in einen andern Theil der Burg folgen. Im anſtoßenden Zimmer fand derſelbe ſeine Gattin Judith, welche, als er erſchien, zum Zei⸗ chen des Schweigens den Finger an den Mund legte, ihn bei der Hand nahm und ſchnell durch eine Reihe von Gemächern führte. „Was giebt es denn ſo Geheimnißvolles, liebes Weib?“ fragte Gottfried. „Du ſollſt es gleich erfahren.— Sind ſie drinnen endlich bei Tiſche? Gottfried, das war ein furchtbarer Auftritt im Schloßhofe! Ich habe nur davon gehört, aber ich fürchtete, das Haus würde zum Schauplatz ſchrecklicher Scenen wer⸗ den! Gott ſei Dank, daß ſie alle ſitzen, ich habe es an nichts fehlen laſſen!“ Darauf führte ſie ihn eine im Thurm be⸗ findliche Wendeltreppe empor, dann noch durch einen langen Gang, und jetzt erſt gelangten ſie in die Frauengemächer. Ein kleines enges Zim⸗ merchen nahm ſie auf, deſſen Thüre Judith hin⸗ ter ſich verriegelte. 207 „Gottfried,“ ſagte ſie dann,„ich habe ohne Dein Wiſſen einen Schritt gethan, den Du viel⸗ leicht mißbilligen wirſt! Aber Du warſt in der Stadt, und es mußte etwas geſchehen“ „Was denn? Geſchwind, Liebe!“ „Richard von Streitberg iſt hier— bei mir verſteckt!“ „Er iſt hier? Nun? Wie kommt er her? In welcher Abſicht?“ „Du kennſt Luitgarts Widerwillen gegen dies Ehebündniß. Sie glaubte vergehen zu müſ⸗ ſen bei dem Gedanken heut zum Altare zu treten, die Gattin eines Ritters zu werden, den ſie zwar achtet, dem ſie aber keine bräutliche Neigung ent⸗ gegen bringen kann— ach ſie iſt ſo entfernt von jeder irdiſchen Neigung, der reine Engel! Des Vaters grauſamer Befehl hat uns verzweiflungs⸗ volle Stunden gebracht, ſie hat die ganze Nacht durch geweint, und ihre größte Klage war die, daß ſie den jungen Ritter, wenn ſie ihm aufge⸗ zwungen würde, nicht beglücken könne, daß er, der ſo viel Achtung verdiene, jan eine Fremde gefeſſelt werde, während ſein Herz vielleicht ganz 208 wo anders ſei. Ich konnte den Jammer kaum ertragen! Da erſchien heut in der Frühe Fro⸗ tolf bei mir—“ „Frotolf iſt wieder da? Was bringt er? Hat er eine Spur von unſerm Aloiſius ge⸗ funden?“ „Ich weiß es nicht. Du kennſt ja ſeine Art, ſich ſtets in Geheimniß zu hüllen. Er war in ſehr trüber Stimmung, es ſcheint, er habe noch nichts entdeckt.“ „Nun, weiter.“ „Als er erſchien, kam es mir plötzlich, wie eine Eingebung des Himmels, ihn an Streitberg zu ſenden, ihm Luitgarts Geſinnung zu entdecken, und ihn zu erſuchen, zuerſt heimlich zu mir zu kommen. Vor einer halben Stunde kam er, ge⸗ hüllt in ein Mönchsgewand hier an— Gottfried, die Krankheit Luitgarts war eine Erdichtung! Ach, ſie war ſo ſchwach, ſo angegriffen, daß es dieſer Erfindung, die ſein Rath war, kaum bedurfte. Luitgart iſt in ihrem Zimmer, ſie iſt jetzt gefaßt und will ihn ſprechen. Mein Gewiſſen trieb mich aber, Dir dies Geheimniß anzuvertrauen, und 209 von Dir wird es abhängen, ob ſie ſich ſehen ſollen. Verzeih mir!“ „Sei ruhig, liebes Weib! Euer Kunſtſtück kam uns ſehr zu ſtatten!“ entgegnete Gottfried, und fügte eine Erzählung des nächtlichen Beſuches hinzu, welchen Richard ihm gemacht hatte. Frau Judith beruhigte ſich, als ſie erfuhr, daß Richard ähnliche Geſinnungen hege, und da ihr Gatte nichts gegen ein Geſpräch des jungen Paars ein⸗ zuwenden hatte, deutete ſie auf eine Thür und ging ihre Schweſter zu holen. Gottfried öffnete die bezeichnete Thür, und fand Richard, in eine Kapuze gehüllt, in Gedan⸗ ken verloren am Fenſter ſitzen. „Nun, Richard?“ rief er,„wacht auf!“ Der Angeredete ſprang empor, und ſagte, indem er ſchnell auf Gottfried zu kam: „Kappenberg, Eure Frau hat es ſo gewünſcht! Weiß der Himmel, wo dieſer Frotolf, der mir immer räthſelhafter wird, mich aufgefunden hat! Soll ich das Fräulein ſehen? Ich wünſche es jetzt ſelbſt. Es iſt gut, wenn wir aufrichtig gegen einander ſind.“ 14 — Ihr ſollt ſie ſehen! Da kommt ſie ſchon!“ — Luitgart erſchien an der Hand Judiths, weiß gekleidet, mit blaſſen Wangen, eine reine edle Geſtalt, wie die einer ſchüchternen, verſchämten Heiligen. „Ritter von Streitberg,“ ſagte ſie mit be⸗ bender Stimme,„der heutige Tag ſollte ein trau⸗ riger— ſicherlich für uns beide werden, hoffent⸗ lich wird aber dieſer Kelch nun von Euch genom⸗ men! Ich achte Euch wahrlich— wie ich einen Ritter nur achten kann, aber meine Hand, welche man an die Eure ketten wollte, muß ich Euch entziehen. Ich will eine Laſt von Euch abwälzen, die Euer ganzes Leben bedrücken würde, denn wenn ich auch erzwungene Pflichten erfüllte, ſie wären doch eben erzwungene, und ich könnte ſie nicht mit der Freude erfüllen, die Eurem Werth gebührte. Mich feſſelt nicht nur ein frühes Ge⸗ lübde, ſondern mehr noch meine Neigung an das Kloſter. Ich könnte Euch daher nicht beglücken, wie Ihr es verdientet. Aus Euren Augen blickt ein reines, edles Gemüth, das würdig iſt, glücklich zu ſein— o wie tief, wie ſchrecklich 211 würdet Ihr es empfinden, an ein Weib gebun⸗ den zu ſein, deſſen Gedanken weit weg von Eurer ehrenvollen Laufbahn ſich in ein Kloſter ſehnten, und das Eurem Herzen nichts darbrächte, als kalte Achtung! Mehr könnt auch Ihr mir nicht bringen, ich leſe es in Euren Augen. Es wäre alſo Sünde, wenn wir uns in das über uns Beſchloſſene fügten. Ihr zürnt mir nicht, ich weiß es— reicht mir zum Abſchied die Hand, und denkt nicht böſe von einem Mädchen, daß es ſeinen Himmel nicht da finden kann, wo ihn eine Andere gewiß und mit Recht finden wird!“ Sie bot dem jungen Manne ihre Hand dar, und Richard, der anfangs mit niedergeſchlagenen Augen zugehört, dann aber mit ſtummer Ver⸗ wunderung in ihr Antlitz geſehen hatte, ſank in die Knie vor ihr nieder und führte ihre Hand an ſeine Lippen. „Ich erkenne,“ fuhr Luitgart mit ſanfter Stimme fort,„in dieſer Eurer Bewegung einen ſtummen Dank, den Dank eines Herzens, das ſich plötzlich von drückenden Banden befreit ſieht — 14* 22 und glücklicheren Gedanken wieder Raum geben darf. O, wenn Euer Herz ſchon von einem Bilde erfüllt iſt— beten will ich für die Glückliche, die darin wohnen darf! Iſt es ſo? bekennt es mir, mein Freund!“ Richard blickte zaghaft von den Knien zu ihr empor, und als er einem verklärten Blicke und einem Lächeln voll himmliſcher Güte begeg⸗ nete, rief er überwältigt: „O, gnädiges Fräulein— wie ſoll ich vor Euch beſtehen! Ja, ich geſtehe es, mein Herz iſt nicht mehr frei!“ „Ich ahnte es,“ entgegnete Luitgart mit freudiger Rührung,„ich ahnte es— Gott hat es mir eingegeben! So ſeid denn glücklich, Richard, und ich will mich wie eine Schweſter Eures Glückes fteuen! Bis jetzt ſtandet Ihr mir kalt und fremd gegenüber, von nun an aber kann ich ein warmes geſchwiſterliches Gefühl für Euch hegen. Nehmt es mit Euch und grüßet von mir die Beglückte, die Euch liebt. Ich will für ſie, für Euch beide täglich mein Gebet zu Gott rich⸗ ten, und er wird es erhören! Und nun lebt wohl und vergeßt dieſen Tag nicht, der uns Beſſeres gebracht hat, als man uns zugedacht hatte.“ Sie machte bei dieſen Worten ihre Hand, die er nicht unterlaſſen konnte, noch einmal an die Lippen zu drücken, los und entfernte ſich mit Frau Judith, welche bei dieſer Scene reichliche Thränen vergoſſen hatte, aus dem Gemach. „O,“ rief Richard, als er ſich mit Gottfried allein ſah,„ſie iſt ein Engel des Himmels, eine Heilige, die ich mein Leben lang verehren werde.“ „Das verdient ſie,“ entgegnete Kappenberg. „Nun aber, junger Freund, müßt Ihr unverzüg⸗ lich das Schloß verlaſſen. Wo iſt Frotolf?“ „Ich weiß es nicht, er hat mich bis an ein verborgenes Pförtchen geleitet und iſt dann wie⸗ der verſchwunden. Ich habe den Schlüſſel.“ „So nehmt denſelben Weg zurück. Ich werde einen Diener mit meinem Pferde hinab⸗ ſchicken, das Euch ſchneller nach Paderborn führen ſoll. Wenn Ihr Frotolf ſeht, ſo ſagt ihm, ich 214 müſſe ihn durchaus heut noch ſprechen. Da kommt Frau Judith, ſie wird Euch zum Aus⸗. gang führen. Reiſet mit Gott!“ Richard folgte darauf ſeiner Führerin durch die Irrgänge des Schloſſes, während Gottfried ſich zu dem lärmenden Gelage in den Ritterſaal zurückbegab. Siebentes Kapitel. Wir haben im vorigen Kapitel ſchon mehrere Räume der geräumigen Wevelsburg durchwandert und müſſen jetzt, während im Ritterſaale das lärmendſte Bankett im Gange iſt, in den bekla⸗ genswertheſten Raum des Schloſſes, in den Kerker hinabſteigen, wobei wir aber nicht umhin können, etwa eine Stunde in der Zeit zurückzugehen, um Einiges nachzuholen. In jenem Augenblick, da Gundofara von den Knechten Arnsbergs feſtgenommen ward, erſchien auf des Grafen Befehl ein Mann mit finſteren Mienen, die jedoch von einem Zuge des Mitleids durchkreuzt wurden, welcher bei einem Kerker⸗ meiſter— denn dies Amt bekleidete der Mann— auffallend erſcheinen konnte. Nachdem alle müßigen 216 Gaffer, von welchen es auf dem Schloßhofe wimmelte, alle Reitknechte und Pferdebuben weg⸗ getrieben worden waren, nahm der Kerkermeiſter ſein Opfer in Empfang und führte es durch einige dunkle Gänge bis in einen Raum, der durch eine Oellampe nur düſter erhellt wurde. Gundofara ließ ſich ohne Widerſtreben fortführen, ihre Kräfte ſchienen völlig erſchlafft zu ſein. Als ſie in den dunkeln, gewölbten Gang gelangt waren, ſagte der Kerkermeiſter: „Ich wünſchte auch was Beſſeres zu thun zu haben, als Dich in jenes Verließ ſteigen zu laſſen! Ich kann nicht anders, Alte!“— Gundofara ſchwieg.— „Ließ Dich gerne laufen,“ fuhr er fort, in⸗ dem er eine eiſerne Fallthür am Boden aufſchloß, „hab' Deine Klagen mit angehört, Alte! Haſt's aber zu arg getrieben, zu arg, haſt dem Kaiſer verteufelte Dinge geſagt! Wiewohl, es gehörte Mancher in mein Bereich, der jetzt in Blüthe ſteht! Da unten hört Alles auf. Such Dein Vaterunſer und alles Gute, was Du weißt, zu⸗ ſammen, Alte, wirſt's brauchen da unten!“ 217 Gundofara entgegnete nichts und ſtarrte nach der Oeffnung des Bodens, die unter der Fallthür ſichtbar ward und in welche der Kerkermeiſter jetzt eine Leiter hinabließ.— „Haſt noch irgend ein Begehr, Alte? Sag's, noch kann ich Dir was Beſſeres geben, als ich da hinab reichen kann— Hör, ich will Dir's heim⸗ lich zuſtecken, aber red'“ ſag' ein Wort! Ja— viel Umſtänd' machen darf ich nicht, thu' die Lip⸗ pen voneinander— ein Schluck Wein? Da, ich hab' die Flaſche im Sacke! Nimm— ich ſag' Dir, mir geht's ſelbſt hart an!“ Gundofara wies die dargebotene Flaſche zurück.— „Ja, nunter mußt Du halt, Alte, jetzt mach' Anſtalt— oder haſt noch was an Wen zu be⸗ ſtellen? Meine Tochter ſoll's ausrichten! Nu? Nu?— Schlag das Wetter drein, haſt ein Brett vor'm Maule?— Ich thu's!— Ja, da hilft nix, mach Anſtalt und ſteig nunter!“ Gundofara war wie mit Stummheit ge⸗ ſchlagen, ſie preßte nur einmal die geballten Hände vor die Stirne und betrat dann die Leiter, — 218 die ſie in den finſtern Kerker hinabführte. Unten angelangt ſah ſie, wie die Leiter hinaufgezogen wurde, hörte die Fallthür über ihrem Haupte zu⸗ ſchlagen und befand ſich darauf in tiefſter Nacht begraben. Mit den Händen taſtete ſie an den Wänden des feuchten, in die Grundfeſte des Felſens ge⸗ hauenen Kerkers umher, und jetzt erſt, da ſie ſich von aller Welt verlaſſen ſah, ſich zum ſchrecklichſten Tode verdammt wähnen mußte, jetzt erſt löſte ſich ein Schrei aus ihrer Bruſt und ſie ſank zu Boden mit den Worten:„So weit mußte es kommen! So weit konnten es dieſe Ungeheuer treiben!“— „Wer iſt's, der dieſe traurige Wohnung mit mir theilt?“ ſo tönte vernehmlich eine Stimme aus einem Winkel des Kerkers. Gundofara fuhr zuſammen und lauſchte. „Sprach da Jemand?“ rief ſie.„Hat dieſes Gefängniß mehr Bewohner?“ „Nur Einen, dem Gott dieſe Prüfung ſchickte!“ entgegnete die Stimme. „Wie lange liegt Ihr ſchon hier unten?“ 219 „Ich kann's nicht ſagen. Hier iſt kein Un⸗ terſchied zwiſchen Tag und Nacht. Es mag kaum eine Woche ſein, ſeit ich das goldne Licht der Sonne zuletzt ſah,— vielleicht iſt's auch einen Monat her, ich weiß es nicht, es kommt mir lange vor. Aber Gott iſt bei mir! Ihr ſeid ein Weib nach Eurer Stimme— kann ich Euch tröſten? Vertraut auf Gott und ſeine Engel, will er uns retten, ſo ſendet er ſie uns, will er uns nicht retten,— ſo geſchehe ſein Wille!“ „Spart Euren Troſt und laßt mich allein mit mir!“ entgegnete ſie in mürriſchem Tone und verſank in ein langes, tiefes Schweigen. Ihr ganzes Leben ging, Bild um Bild, durch ihre Seele, Alles, was ſie erduldet und gehofft, zog vorüber, und als ſie den Schlußſtein aller ihrer Hoffnungen in der heutigen Begegnung mit dem Kaiſer erblicken mußte, und ſich hier im tiefſten Kerker ſah, da löſte ſich ſeit langer Zeit zum erſten Male ihr Schmerz in Thränen, und laut ſchluchzend rief ſie: „O Norbert, Norbert! Wenn Du nun ————— 220 kommſt— wie ſollſt Du mich finden? Norbert! Norbert!“ „Weſſen Namen ruft Ihr da, arme Genoſ⸗ ſin meiner Leiden?“ fragte die Stimme, wie es ſchien, mit noch mehr Theilnahme.— Gundofara ſchwieg, der Andre aber fuhr fort: „Erleichtert Euer Herz, Frau! Ach, es iſt ein Segen des Himmels, daß er mir Gelegenheit giebt, noch in dieſer Trübſal den Schmerz eines ſeiner armen Geſchöpfe zu theilen! Sagt mir Euren Kummer und ich will mit Euch weinen!“ „Ich weine nicht mehr— dieſe Schwäche hat mich verlaſſen. Ich bin wieder feſt und ſtark, wie es mir geziemt. Das Unglück ſoll meine Seele nicht beugen. Nein, Norbert, ſtark wie Du biſt, ſtark wie mein Herz Dich weiß, ſo will auch ich ſein!“ „Um Gott, Frau, wer iſt dieſer Norbert, von dem Ihr ſprecht?“ „Euch kann's gleichgültig ſein!“ „Nein, nein, Ihr irrt! Wer iſt Euer Nor⸗ bert? Iſt er Euer Sohn?“ 221 „Meinetwegen mögt Ihr's wiſſen— ja er iſt mein Sohn!“ „Und Ihr heißt— wie heißt Ihr?“ „Fragt mich nicht aus, ich habe hier keinen Namen.“ „Ihr heißet Gundofara? Heißt Ihr ſo?“ „Bis in dieſen Kerker kennt: man die Hexe aus dem Haidethurm?“ „Allmächtiger Gott! Sie iſt's! Gundofara! Mutter— Mutter— ich bin Norbert! Bin Dein Sohn Norbert!“ Ein Gefühl von Entzücken und Schauder zu⸗ gleich ging durch Gundofara's Seele. Sie ſprang empor, bebend an allen Gliedern, hielt ſich an der Wand feſt und ſchrie laut: „Hier! Hier? Norbert—! Nein, widerruf' es! Norbert!“ Norbert taſtete ſich an der Wand zu ihr hin, laut athmend vor überſtrömenden Empfindungen, erfaßte Gundofara's Geſtalt, hielt ſie in den Ar⸗ men und rief: „Ich bin's, ich bin's! O Mutter, Mutter! Dein Sohn iſt's, der Dich umſchlungen hält!“— 222 Gundofara war außer ſich, preßte ihren Sohn krampfhaft an die Bruſt, rang nach Worten, be⸗ taſtete ſein Haupt, ſein Geſicht und erſt nach Minuten fand ſie die Sprache wieder. Es war ein furchtbares Wiederfinden. „Ach mein Sohn, Kind meiner Hoffnungen!“ So ſollen wir uns finden! Aber wie iſt's mög⸗ lich— es iſt ja nicht möglich! Vor wenigen Tagen erſt brachte mir Frotolf die Nachricht, Du ſeiſt in Dänemark, lägeſt an Wunden dar⸗ nieder, die Du im Kampfe erhalten habeſt! Wie geht das zu? Biſt Du Norbert, wie kommſt Du dann hierher? O, meine Gedanken verwirren ſich! Biſt Du Norbert?“ „Ich bin's, Mutter!“ „Ach, Du biſt's! Gefangen, im Kerker! Aus dieſem Gefängniß, dachte ich, ſollteſt Du mich erlöſen, und nun finde ich Dich ſchon vor mir hier! Oder wie— iſt es eine Liſt? Haſt Du Alles bereitet Dich zu befreien? Harren draußen Deine Schaaren? Weh mir— ich weiß nicht, was ich frage, ich rede irre! Sprich Du und ſage mir Alles!“ 223 „Höre mich ruhig an, Mutter, ich habe Dir viel zu ſagen! Gott wird meine Zunge ſtärken, daß meine Worte Dir zu Herzen gehen! Wir hatten's verdient, daß er uns dieſe Prüfung ſen⸗ det, ſie iſt gerecht! Wie oft hatten wir uns ver⸗ meſſen im Glücke, wie oft haben wir uns über⸗ hoben und unſer Herz mit eitlen Thorheiten erfüllt. Wir glaubten ſtark zu ſein und Alles war ein ſündiger Wahn! Aber Gott iſt barm⸗ herzig. Auf dunklem Pfade will er uns zum Lichte führen, er wird es und ginge der Pfad in ewiger Nacht fort bis an die Todespforte! Werfen wir drum alle irdiſchen Gedanken von uns, hier unten nützen ſie uns nicht mehr, kaum gehören wir noch dem Leben an. Jeder Athemzug ſei von nun an Gebet zu Gott, jeder Gedanke Buße für unſre Sünden!“ „Weg! Weg!“— rief Gundofara in hefti⸗ gem Tone, indem ſie ihren Sohn von ſich ſtieß. „Du biſt nicht Norbert, biſt nicht mein Sohn! Warum lügſt Du Dich erſt in mein Herz, betrü⸗ geriſches Weſen, um mich ſo zu enttäuſchen! Du biſt ein Dämon der Nacht und kommſt mich zu 224 quälen! O, Norbert ſpräche anders— anders, das weiß ich!“ „Faſſe Dich, gute Mutter! Bändige dieſe Heftigkeit, ich habe Dir Dinge zu ſagen, die Dein Herz noch mehr quälen werden. Aber hier muß ich ſie ſagen. Wer weiß wie lange wir noch zu leben haben, und ich mag mit keiner Lüge von hinnen ſcheiden. Ich bin Norbert, Dein Sohn.“ „Ihr Geiſter meiner Väter, iſt es möglich? Das iſt Norbert, ſo ſpricht Norbert! Rede nicht weiter— ich glaube Dir nicht, Du biſt ein Quälgeiſt, ein Alp— Du ſollſt keine S über mich haben!“ Norbert ſchwieg eine Weile. Dann ſagte er: „Wenn Du meinem Worte nicht glauben willſt, arme Mutter, ſo wird keines andern Nor⸗ bert Stimme jemals zu Deinem Ohre dringen.“ Noch einmal ſtürzte ſich Gundofara über ihren Sohn, umſchlang und e ihn und rief: „Ach, und Du biſt's doch, Deine Stimme geht mir zum Herzen und regt mir jedes Gefühl der Mutterliebe auf! Ich will's glauben, daß 225 Du's biſt! Armer Sohn! So weit konnte die Luft des Kerkers den Muth meines jungen Helden herunter bringen, ſo ſeine Kraft lähmen! Ich ver⸗ zeihe Dir, denn ich weiß, Du wirſt Dich ändern. Ja, ja, ich werde Dir neuen Muth, neue Kraft erwecken, daß dem jungen Adler die Flügel wieder wachſen! Ich kenne mein Geſchlecht, es waren Männer, heldenhafte Männer! Es kann wohl einer von ihnen, der letzte, auf kurze Zeit verzagen— ich will's verſchweigen, wills vergeſſen! Nur Kerkermauern haben's gehört, ſie ſind ſtumm und werden's nicht weiter ſagen. Ich aber bin da und wache über Dich, mein Geiſt iſt auch im Kerker ungebrochen, und ich werde Dich aufrich⸗ ten, mein Sohn. Wir werden die Pforte brechen, werden Männer ſammeln, werden unſer Geſchlecht rächen— ich werde meine Hoffnungen erfüllt ſehen!“ „Wie ſehr mißverſtehſt Du mich, Mutter!“ ſagte Norbert ſeufzend.„Wie beklagenswerth iſt Dein Sinn von Wahn bethört! Willſt Du mich wiederfinden, ſo mußt Du alle Deine finſteren Pläne, Deine grauenhaften Hoffnungen auf⸗ 15 226 geben! Sei ruhig, gute Mutter, und höre mich.“ „Norbert! Was willſt Du mir zu hören geben?“ „Du ſandteſt mich in meinem zehnten Jahre nach Dänemark, gabſt mich dem Prinzen Knud Laward, dem Sohne König Erich Eiegods, in Obhut. Er war ein Freund meines Vaters, und er nahm mich, als ſeine Reiſe nach Deutſchland beendet war, in ſeine Heimath mit. Ich lebte an ſeinem Hofe, an ſeiner Seite und wurde ſechs Jahre lang in allen männlichen Uebungen erzo⸗ gen. Bis dahin ſind alle Nachrichten, welche Frotolf, den Du mir alljährlich einmal ſandteſt, überbrachte, vollkommen wahr und richtig.“ „Was ſoll das? Nun, und dann? Nor⸗ bert— Du biſt nicht im Kampfe an des Prinzen Knud Seite verwundet worden?“ „Nein, Mutter! Wie käme ich ſonſt ſo ſchnell hierher? Höre mich weiter, ich muß Dir endlich Wahrheit geben. Auch in Dänemark lebt nicht mehr jene wilde alte Heidenzeit, wie Du wähnteſt, von der Du ſo viel für mich erwarteteſt, ſondern 227 auch dort iſt der Funke des Evangeliums leben⸗ dig, auch dort lebt eine Ghriſtliche Religion, welche dem Menſchen mildere Geſinnungen giebt. In meinem ſechzehnten Jahre ergriff mich die Reli⸗ gion mit ſolcher Macht, daß ich nicht nur das Schwerdt mit dem Mönchskleide vertauſchte, ſon⸗ dern daß ich mich berufen fühlte, die heiligen Lehren des Chriſtenthums, die ſo vielfach miß⸗ verſtanden und verunehrt wurden, rein und lauter zu predigen.“ „Norbert! Du giebſt mir den Tod!“ rief Gundofara verzweiflungsvoll. Norbert hielt ſeußend inne, dann aber fuhr er fort:„Frotolf, den eine Pilgerfahrt nach dem heiligen Lande wunderbar geſtärkt hatte, unter⸗ ſtützte mich in meinen Geſinnungen. Er ver⸗ ſchaffte mir ein loſterkleid, und von ihm geleitet entfloh ich aus Dänemark, warf meinen Namen von mir und zog in den Ländern umher, pre⸗ digte und lehrte, und Gott ſegnete mich ſo, daß die Worte des Bruders Aloiſius, wie ich mich nannte—“* 15* „Steht mir bei, ihr Mächte der Welt, daß ich nicht wahnſinnig werde! Was? Der Pfaff, von dem ſie reden, von deſſen mönchiſchem Ge⸗ zeter ſie auf allen Straßen ſchreien, jener Alviſius ſoll mein Sohn ſein? Norbert, hinter dem Namen jenes kriechenden Sclaven ſteckteſt Du?“ „Ich bin jener Aloiſius, Mutter! Aber haſt Du keinen andern Namen für Deinen Sohn? Mußt Du ſchmähen, wozu Gott mich berufen hat? Arme, verblendete Mutter! Er, der mich ſeit jenem frühen Alter, meinem ſechzehnten Jahre, da ich alles Weltliche von mir warf, ſo gnädig und wunderbar geführt hat, daß mein begeiſtertes Wort das Beſſere in ſo vielen Herzen erweckt hat, er wird mir auch die Kraft gewähren, auf das Herz meiner Mutter zu wirken!“ „Schweig, Bube, mit Deinem weibiſchen Geplärr!— So bin ich betrogen! So bin ich ſeit vier Jahren mit falſchen Hoffnungen hinge⸗ halten worden! O über dieſen Schurken Frotolf!“ „Schmähe ihn nicht, Mutter, er iſt ein edler Mann! Daß Dich meine Umwandlung ſchmerzen würde, ſahen wir ein, und ſo brachte er Dir falſche Nachrichten über mich. Oft verſuchte er, wie er mir ſagte, Dich milder zu ſtimmen, aber da es ihm niemals gelingen wollte, ließ er Dich in Deinem Wahne, und ich betete zu Gott, daß er mich fähig mache, Dich für ſeinen Himmel zu gewinnen und Deine Verzeihung zu erringen!“ „Darauf hoffe niemals, Memme! O daß eine Mutter des Stammes Iburg ihren Sohn ſo nennen muß!“ „Ich muß die Schmähung der Mutter er⸗ dulden! Es iſt ein bitteres Kreuz, aber ich nehme es auf mich!“ „Er nimmt es auf ſich! Hört es, ihr Geiſter ſeiner Väter, er nimmt es auf ſich! O, wir ſind tief geſunken!— Norbert, es giebt keine Schmach, die furchtbarer über mich ſtürzen könnte! Seit zehn Jahren ſaß ich, die Witwe des Grafen Rutger von Gennep, einſam in einem öden Thurme und nur die Hoffnung Deiner Wieder⸗ kehr ſchützte mich vor Verzweiflung. Du kennſt die Kette des Elends, die ſich durch mein Leben zog. Gattenlos, freundlos, nur durch die Hülfe zweier Diener unterſtützt, hatte ich Zeit eine Reihe 3 230 von Schandthaten zu durchdenken, die an meinem Hauſe begangen worden waren. Aber das Ge⸗ fühl des Haſſes loderte täglich neu auf in meiner Bruſt. Dich ſandte ich von mir unter Männer, daß Du in Deinem zwanzigſten Jahre ſtark genug wäreſt zu vergelten, was man an Deiner Mutter verbrochen hatte. An der Spitze einer kühnen Schaar von Jünglingen, ein junger, thaten⸗ durſtiger Held, ſo, hoffte ich, ſollteſt Du kommen! Stürzen ſollteſt Du Dich über die Feinde Deines Hauſes, Flüche Dein Gebet, Dein Gottesdienſt die Rache! Wiedergewinnen, was man uns entriſſen und wenn Du die Häuſer Gennep und Iburg gerächt, dann ruhmvoll und ehrenreich ſollteſt Du ein neues Geſchlecht von Helden gründen, zu deſſen Ahnen zu gehören ſchon hier mein Stolz geweſen wäre! Norbert— iſt es denn möglich, daß der Sohn des Grafen Rutger von Gennep die letzte ſeiner Pflichten vergeſſen kann? daß er abſichtlich Schmach und Schande über ſein Haus bringen kann?“ „Ich habe höhere Fflichten, Mutter, als die Dinge der Welt auszugleichen. Iſt mir Gott aber ſo gnädig, daß er ſeine Sonne wieder über mich Unwürdigen ſcheinen läßt, dann will ich mich wieder bei dem Namen meines Vaters nennen, um der Welt zu zeigen, daß der Allmächtige auch in die Herzen derer, die einen hohen Namen tragen, ſeinen Samen ſtreuen könne!“ „Nein— nein, thu's nicht, Norbert! Thu's nicht! Verbirg den reinen Namen Deines Vaters, beflecke ihn nicht vor den Augen der ganzen Welt! Den einen Troſt laß mir!“ „Wie tief beklage ich Deinen Irrthum, gute Mutter! Ach, warum mußt Du, die meinem Herzen am nächſten ſteht von allen Sterblichen, warum mußt Du grade am ſtarrſten in Wahn und Unglauben feſtwurzeln!“ „Du ſprichſt mir aus der Seele! So denk' ich von Dir! Norbert, giebt es keine Rückkehr?“ „Keine, Mutter, für mich! Aber Dir iſt der Weg noch offen. Komm, verſchließe Dein Herz nicht—“ „Weibiſcher Thor! Berühre mich nicht! Ver⸗ ſchone mein Gehör mit pfäffiſchem Gewimmer, ich ertrag's nicht, es macht mich toll! Ein 232 Mönch, ein Pfaff! Der letzte Graf von Gennep iſt ein Pfaff geworden, zieht in einer Kutte auf den Landſtraßen umher, und der Pöbel ihm nach, hört ſeine Litanei auf Märkten und auf Kreuz⸗ wegen und kaſteit ſich nach ſeiner Vorſchrift! Das thut Norbert von Gennep, ſetzt ſich hin wie ein Uhu, den die Vögel umkreiſen— pfui Dir! Du biſt kein Mann, biſt ein ſchlaffer Betbruder, biſt ſchlimmer als ein Weib!“ „Mutter, Mutter, Du darfſt mir viel ſagen!“ entgegnete Norbert mit feſter, kräftiger Stimme, „Du darſſt es, weil Du meine Mutter biſt, und wenn Deine Schmähungen ungerecht ſind, ſo verzeihe ich's Dir! Ich bin ein Mann, ich habe männlich geſtrebt und männlich gelitten, und wenn ich jetzt, da mich eine wilde Verbrecherhand in den Kerker geworfen hat, hier zu Grunde gehen muß, ſo werde ich mit männlichem Muthe, mit männlicher Kraft ſterben! Ich bin ein Mann vor Gott— er kennt meine Glaubenskraft, den Kampfesmuth meiner Seele! Dein Rachewahnſinn, Mutter— ich muß es ſo nennen— Dein grauen⸗ 233 hafter Stolz iſt kein männliches Gefühl, ſondern eine Ausgeburt weibiſcher Wildheit, ein thieriſch ſinnloſes Streben, ohne Halt, ohne Fähigkeit Dir ſelbſt und Andern zu nützen! Gott verzeihe mir, daß ich das meiner Mutter ſagen muß!— Das Eigenthum, welches man unſerm Hauſe entriſſen hat, iſt nicht mehr zu retten, die Schuld iſt längſt verjährt und wäre durch Thaten der Rache am wenigſten wiederzugewinnen. Der deutſche Boden hat in fürchterlichen Kriegen ſo viel des Bluts getrunken, Verbrechen ſind auf Verbrechen gehäuft worden, daß der Himmel ſein reines Antlitz verſchleiern ſollte, um ſolchen Scenen des Gräuels nicht mehr zu leuchten. Nicht derjenige, der neue blutige Thaten zu den alten fügt, ſon⸗ dern der iſt ein Mann, der es wagt außzutreten, um der Menſchheit ihre Schande vorzuhalten, der es wagt, die Sitten einer verwilderten Zeit zu läutern, zu reinigen, all die tauſend Wunden zu heilen und der weinenden Unſchuld Troſt zu bringen. Das Unrecht, welches wir errlitten, wollen wir verzeihen, denn Verzeihung iſt edler und heldenhafter, als finſtre Rache!“— —— 5 Gundofare ſchwieg. Dieſe Anſchauung war eine ihr ſo fremde, ſo verſchiedene, ja verwerfliche, daß ſie keine Worte hatte zu entgegnen. Ihr Charakter hatte ſich ſeit langen Jahren in ſo rauher, wilder Weiſe befeſtigt, daß nichts im Stande war auf ihn zu wirken, ja, daß die ein⸗ dringlichen Worte ihres Sohnes eher geeignet waren, ein feindliches Gefühl in ihr aufzuregen. „Theure, geliebte Mutter!“ fuhr Norbert fort, indem er ſanft ihre Schulter berührte—„laß Dich von den Bitten Deines Sohnes bewegen, laß ab von Deinen heftigen Gefühlen, bringe Dein Herz zur Ruhe, und verſuche es einmal wieder zur Gnade Deines Gottes aufzublicken, er hat Troſt und Frieden für Alle, die—“ „Fort!“ rief ſie.„Berühre mich nicht! Wir haben nichts mehr mit einander gemein. Wie ich Dich aus meinen Armen ſtoße, ſo ſtoße ich Dich aus meinem Herzen, Du biſt mein Sohn nicht mehr!“ Norbert ſchwieg einige Minuten, wie es ſchien, erſchüttert. Dann mit etwas zögernder Rede fuhr er fort Mutter Du haſt auf Thaten der Rache von mir gehofft— dieſe kann ich Dir nicht gewähren! Aber auch eine Zukunft voll Ruhm und Größe lag in Deinen Hoffnungen— Mutter, wenn es Dich mit mir verſohnen kann, ſo be⸗ kenne ich Dir, daß auch ich dieſe Hoffnungen inner⸗ halb der Kirche hegte!“ „Eine Biſchofsmütze? Ein paar Papſtpan⸗ toffeln?“ rief Gundofara verächtlich.„Pfaffen⸗ wirthſchaft! Das nennt Norbert von Gennep große Hoffnungen! Mir ekelt vor ſolchem Kloſter⸗ dunſt, die Luft dieſes Kerkers iſt rein dagegen! Geh' und laß mich zufrieden!“ „Mutter!“ rief Norbert in nur mühſam be⸗ kämpfter Erbitterung:„Du ſprichſt wie Du's ver⸗ ſtehſt, wie ein verblendetes, verſtocktes Weltkind! Du weißt nichts von dem hohen Beruf der Kirche, von der großen Aufgabe ihrer Vertreter! Richt die weltliche Macht ſoll die erſte ſein in der Welt, ſondern die der Kirche. Die Kirche ſoll den Völ⸗ kern Geſetze geben, nicht der Kaiſer! Sie wird ſich niemals begnügen mit der zweiten Stelle, und ſo lange die Welt ſteht, ewig, ewig wird ihr Kampf mit den Fürſten der Welt fortdauern. 236 Nicht zum Dienen, ſondern zum Herrſchen iſt ſie von Gott eingeſetzt, und wo man ihr Herrſcher⸗ amt beeinträchtigt, da wird ſie offen und im Ver⸗ borgnen wirken, bis ſie die Gewalt in Händen hat. Die Diener der Kirche, wir ſind es, die Gott zu Vormündern der Völker berufen hat, und niemals werden wir uns dies Amt entreißen laſſen! Ja, ſendet mir Gott ſeinen rettenden Engel in die Nacht meines Kerkers, ſo werde ich meiner Pflicht eingedenk ſein, ſeine heilige Kirche zu reinigen, zu erhöhen, ſie groß und gewaltig zu machen! Du ſchmähſt die Würde eines Biſchofs oder gar des Papſtes? Blinde, unwiſſende Mutter! Ich bekenne es, daß meine Hoffnungen mich bis zu den oberſten Stufen der Macht in meiner Kirche trugen, und eine Mutter ſollte es als die höchſte Ehre, den höchſten Ruhm betrachten, ihren Sohn zu den erſten Häuptern der geiſtlichen Gewalt zäh⸗ len zu dürfen. Deine Verachtung iſt Beleidigung gegen die Kirche und ſomit der ſchwerſte Grad der Sünde! Geh in Dich Mutter, beuge Dich und bete um Verzeihung, und ich, der ich Gott näher ſtehe als Du, will Dein Gebet vermitteln!“ 237 „Thu' was Du willſt, Du gehſt mich nichts mehr an!“ entgegnete Gundofara und tappte eilig an der Kerkerwand fort, und dem äußerſten Winkel zu, wo ſie ſich in ſtarrem Schweigen auf den Boden niederließ. Noch Einmal verſuchte es Nor⸗ bert mit der ganzen Macht ſeiner Beredtſamkeit auf ihr Herz zu wirken, da er aber kein Wort der Entgegnung bei ihr fand, zog auch er ſich in einen Winkel zurück, und ſchwieg in tiefem Schmerze. Und ſo ſaßen dieſe Beiden durch die heiligſten Bande des Blutes an einander ge⸗ knüpften Menſchen ohne Verſtändigung in der Nacht ihres Kerkers, und ohne die Hoffnung, daß er ſich jemals wieder für ſie öffnen werde. Achtes Kapitel. Es drängen ſich in dieſen einen Tag ſo viel Ereigniſſe unſter Erzählung zuſammen, daß wir, um all den verſchiedenen Perſonen unſrer Gruppe gerecht zu werden, nochmals unſte Blicke rückwärts werfen müſſen, und zwar diesmal, um den jungen Ritter, welchen wir unlängſt in den Frauenge⸗ mächern des Schloſſes geſehen haben, wieder auf⸗ zuſuchen.— Richard wurde von Frau Judith bis an den Eingang zu einer langen Gallerie geführt, wo ſie ihn entließ, da ſein Weg nun nicht mehr zu ver⸗ fehlen war. Die Gallerie gewährte ihm einen Blick auf den Schloßhof hinab, und hinüber nach einem andern Flügel des Gebäudes, wo aus der Halle des Erdgeſchoſſes der Lärm der Dienerſchaft 239 herüber drang, welche, wie die Herren im Ritter⸗ ſaal, mit Speiſe und Getränk reichlich bedacht worden waren. Es mochte ungefähr gegen fünf Uhr Abends ſein, der Himmel war dicht mit grauen Wolken bedeckt, und machte den Septembertag un⸗ gewöhnlich früh dunkel. Ueberall im Schloſſe ent⸗ zündeten ſich ſchon die Lichter, zuweilen ſah man Knechte mit Fackeln über den Hof eilen. Richard blieb einige Minuten auf der Gallerie ſtehn, und während er in der Dunkelheit ungeſehn hinab blickte und die verſchiedenen Töne an ſein Ohr drangen, überdachte er die Stunde, welche ſoeben an ihm vorüber gegangen war. Sein Herz war ſo erhoben und glücklich, die reine Lichtgeſtalt Luitgarts hatte ihm Ruhe und Gottesfrieden in die Seele gegoſſen!— Als er an jenem Abende nach dem erzählten heftigen Auftritt mit ſeinem Oheim die Kloſtergänge der biſchöflichen Reſidenz verlaſſen hatte, fühlte er ſich von einer drückenden Laſt befreit, und faßte zugleich den Entſchluß, dieſe Räume, in welchen er für die Zeit ſeines Aufent⸗ halts in Paderborn Wohnung gehabt hatte, nie wieder zu betreten. Er hatte die Abſicht, die nächſten 240 Tage völlig im Verborgnen zuzubringen, und ſich auch an jenem, wo man ſeine Vermählung zu be⸗ gehen vorhatte, nicht zu zeigen. Daß ihm zu einem Verſteck für dieſe Zeit das Haus des Schmieds Walram aus mehr als einem Grunde am paſſend⸗ ſten erſchien, wird uns nicht eben Wunder nehmen. Meiſter Walram, obgleich es ihm immer unbe⸗ greiflicher wurde, warum ſein Haus geeignet ſei als Zufluchtsort zu dienen, ließ ſich doch bere⸗ den, und räumte dem jungen Ritter eine Kammer im Giebel ein, wo er die Nacht zubringen konnte. Daß aber der Ritter den Tag über ſich einige Treppen tiefer bei den Frauen aufhielt, konnte der Meiſter, der faſt den ganzen Tag an ſeine Arbeit gebunden war, nicht verhindern. So verbrachte denn Richard manche Stunde mit Wolfhilt allein, da den beiden Damen Gerberga und Marketrud, ſobald er erſchien, merkwürdigerweiſe immer bald Geſchäfte einfielen, die ſie draußen hatten, ſo daß ſie lächelnd ihren Rückzug nahmen. Daß ſie aber ab und zu durch das kleine Thürfenſterchen lauſch⸗ ten, darf die Geſchichte auch nicht verſchweigen.— Mit Wolfhilt war eine große Veränderung vor⸗ gegangen. Die Frauen hatten ihr, auf ihren eig⸗ nen Wunſch, eine gewähltere Kleidung beſorgt, welche ihre herrliche Geſtalt erſt zu ihrem Rechte kommen ließ. Eine Art Mieder von ſchwarzem Sammt umſchloß Bruſt und Arme, und unter demſelben fiel ein dunkelblaues faltiges Gewand bis auf die Füße herab. Das reiche ſchwatze Haar war ſorgfältiger geſcheitelt und umgab in einer einfachen aber reichen Flechte das Haupt wie ein Kranz. Als Richard das Mädchen zum erſten Male ſo geſchmückt und die hohe Schönheit dieſer Züge und Geſtalt nun erſt im rechten Lichte erblickte, war der letzte Widerſtand ſeines Herzens dahin. Auch aus Wolfhilts Mienen war jener Zug finſtrer Wildheit gewichen, und an ſeiner Stelle ſtand ſtiller Ernſt, zu welchem ſich zuweilen ein flüchtiger Schatten der Wehmuth geſellte. Sie hatte Richard nun doch einmal zum Ver⸗ trauten ihres finſtern Familiengeheimniſſes ge⸗ macht, und es konnte nicht fehlen, daß dies Ver⸗ trauen ſich weiter ausdehnte, und daß ſie dem Freunde nicht mehr bloß eine Bevorzugung, ſon⸗ dern ſogar Neigung verrieth. Richards lebhafter 16 242 feuriger Geiſt trieb ihn oft an, ſich ihr zu Füßen zu werfen und ihr ſeine Liebe zu bekennen— wenn es deſſen noch bedurft hatte,— aber ein ernſter vorwurfsvoller Blick ſcheuchte ihn immer noch zu⸗ rück. Wolfhilt verſchwieg es ſich ſelbſt nicht, daß ſie den in Jugendſchönheit und Kraft blühenden jungen Mann liebe, aber das Verlöbniß, in welchem er zu einer Andern ſtand, mußte ihr als ein un⸗ überſteigliches Hinderniß erſcheinen. Richard war eher in Gefahr, als ſie, daß ſein Herz ihm über den Kopf wachſe, zumal da er den feſten Willen hatte, ſich nicht binden zu laſſen. Freilich aber laſtete der Druck jenes noch nicht gelöſten Ver⸗ hältniſſes auch noch ſchwerer auf ihm, denn auf Wolfhilt. Es kam noch ein Moment dazu, welches ihn überaus peinigte, ſo daß er unwillig über ſich ſelbſt wurde, während er doch den feſten Ent⸗ ſchluß hatte, ſo und nicht anders zu handeln. Seine Ehrfurcht vor den Frauen nämlich ſtellte es ihm als eine Sünde dar, offenkundig die Hand eines Weibes zu verſchmähen, und um ſo mehr, als diejenige, welche man ihm als Braut beſtimmt hatte, ihm in der Stunde, da ſie ihm als ſolche 243 vorgeſtellt wurde, wenn keine Neigung, doch eine ehrfurchtsvolle Scheu eingeflößt hatte. Bei ſeiner Sinnesreinheit dachte der junge Ritter in dieſem Punkte ſehr zart, und es dünkte ihn abſcheulich, ſich ſo widerſtrebend, ja, wie er ſich ſelbſt ſagte, roh zu betragen. Dennoch aber ſah er keinen Aus⸗ weg aus dieſer Verwirrung, und konnte auch nicht verhindern, daß die Liebe zu Wolfhilt immer mehr Wurzel in ſeinem Herzen faßte.— Wie eine Stimme vom Himmel mußte es ihn daher be⸗ rühren, als das, worüber er ſich ſelber ſchalt, nun von Luitgart ſelbſt ausging, und nun in Frauen⸗ händen eine ganz andere und verſöhnlichere Ge⸗ ſtalt annahm. Der Knoten, welchen er hatte durch⸗ hauen wollen, war nun von zarten Händen gelöſt worden, er brauchte Luitgart nicht mehr zu ver⸗ ſchmähen, er konnte ſie verehren, und dies gab ihm ein überaus tröſtliches Gefühl. Mit ſolchen Gedanken beſchäftigt ſtand er auf der dunklen Gallerie. Er, der heut' die Haupt⸗ perſon eines ihm widerwärtigen Feſtes hatte ſein ſollen, ſtand, in eine Kapuze gehüllt und uner⸗ kannt zwiſchen den Mauern, die vom Lärmen des 16* 244 Feſtes wiederhallten, und fühlte ſein Herz frei und leicht. Dieſer Zuſtand erfüllte ihn mit einer ſolchen Genugthuung, einem gewiſſen heimlichen Behagen, daß, während die verworrenen Töne und Laute an ſein Ohr drangen, er ſich kaum von ſeiner dunklen Stelle zu trennen vermochte. Plötzlich aber fuhr er innerlich jubelnd empor bei dem Ge⸗ danken, daß er nun mit gutem Gewiſſen vor die Geliebte treten und ihr in Worten ſagen könne, was ſie wahrſcheinlich längſt ahnte. Er eilte den Gang entlang und die Treppen hinab, welche ihn zu dem Pförtchen, deſſen Schlüſſel er bei ſich hatte, leiteten.— Dieſes Pförtchen führte— da das Schloß nur Einen Eingang, den über die Zugbrücke, hatte— in einen gewölbten Raum, welcher das äußere und innere Thor verband, und hatte nur den Vortheil, daß man ins Innere des Schloſſes gelangte, ohne den Hofraum über⸗ ſchreiten zu müſſen. Er eilte über die Brücke und fand, ungefähr einen Pfeilſchuß von derſelben ent⸗ fernt, den Diener, welchen Gottfried, ſeinem Ver⸗ ſprechen gemäß, mit einem Pferde dorthin geſandt hatte. Es war Gottftieds Reitknecht, Heribald, welchen Richard kannte, und deſſen auch wir uns aus einem der erſten Kapitel erinnern, als desjeni⸗ gen, welcher die Nachricht von der Zerſtörung der Burg Kappenberg zuerſt in der Schmiede verkündigt hatte. Er wufßte nicht, für wen er das Pferd hier bereit halten ſollte, und erkannte auch im Dunkeln denjenigen nicht, welcher ſich ihm näherte. Als aber Richard fragte, ob er auf das Geheiß des Grafen Kappenberg hier ſei, und die Kapuze ab⸗ warf, rief er:„Je, Junker Streitberg! Euch hätt' ich in dem Rocke nicht geſucht!“ „Du biſt's, Heribald?“ fragte Richard.„Gieb die Kutte nur wieder her, ich kann ſie als Mantel benutzen!“ „Macht Euch ſo früh ſchon davon, Junker? Droben gehts heut' hoch her. Was da alles bei⸗ ſammen iſt! Drunten und droben? Habt Ihr auch die Wirthſchaft mit angeſehn, die das alte Weib im Schloßhofe machte?“ Richard hatte allerdings gehört, daß etwas vorgegangen ſei, aber verborgen in den inneren Gemächern des Schloſſes, war ihm die Sache ſelbſt unbekannt geblieben, und die Bedeutung, 246 welche ſein heimlicher Beſuch für ihn hatte, ließ ihn für eine Weile jedes andere Intereſſe vergeſſen. So erfuhr er denn jetzt erſt, welche Verwirrung die Hexe aus dem Haidethurme unter den hohen Gäſten angerichtet hatte. So wenig er ſich ſonſt um die Alte gekümmert haben würde, ſo nahm er jetzt, ſeitdem ihre Tochter ihm näher getreten war, doch Antheil an dem Schickſal Gundofara's, und vergaß die Anſchläge, die ſie jüngſt noch auf ſein Leben gemacht hatte. „Wo iſt die Alte hingekommen?“ fragte er. „Wo ſie ſobald nicht wieder herauskommen wird! In's Burgverließ geworfen! Die hat's auch danach gemacht. Wird wohl Geſellſchaft fin⸗ den da unten!“ „Wie das?“ „Je nun— Hunold, der Schließer, hat ſo was fallen laſſen! Hat heut auch ſeinen Durſt tüchtig gelöſcht, wie die Andern, und über angefeuchtete Lippen geht Mancherlei, was trockne zurückhalten. Hört, Junker, ich wollt es meinem Herrn Grafen vertrauen, aber ich kann's auch Euch ſagen. Der Hunold hat ausgeſchwätzt, es ſäße drunten im 247 Loch ein Mann gefangen, etwa ſeit einer Woche. Das ſtimmt nun beinah zu dem Tage, wo unſer frommer Aloiſius verſchwand. Der Schließer weiß auch ſicherlich, wen er da unten verborgen hat, ich hab's verſucht ihn noch weiter reden zu machen, aber da hält er nicht ſtill. Denkt, Junker, wenn der Graf Arnsberg den Aboiſius ſelbſt in ſeinen Kerker geſchmiſſen hätt', da er doch vorgiebt, daß er ihm entkommen ſei, und Boten ausgeſendet hat, die ihn ſuchen ſollen.“ „Heribald, das iſt ein ſchlimmer Verdacht!“ „Junker,'s kommt viel vor in der Welt, wenn's nur Einer unterſuchen wollt'!“ „Und dazu habe ich nicht übel Luſt! Wenn ich mir den Kerkermeiſter einmal vornähme— höre, ich bleibe! Ich reite nicht nach der Stadt zurück. Gieb mir die Kapuze her!“ Richard ſtieg bei dieſen Worten vom Pferde, warf ſeine Verhüllung wieder um und ſchickte ſich an, zum Schloſſe zurück zu gehn.„Führe das Pferd nur wieder zurück in den Stall,“ fuhr er fort,„und rufe mir den Hunold heraus. Ver⸗ ſchweige ihm aber, wer ihn rufen läßt, ſag' ihm, 248 ein Fremder, ein Mönch wolle ihn heimlich ſprechen. Aber Niemand darf es hören!“ Heribald war erfreut über den Plan des Ritters, und eilte voran und dem Schloſſe zu. Auch Richard ſchritt über die Brücke in den Burg⸗ hof und blieb an einer finſtern Stelle ſtehen, um ihn zu erwarten. Kurze Zeit darauf kam Heri⸗ bald mit dem Kerkermeiſter aus der Halle, wo die Dienerſchaft lärmte, heraus und räuſperte ſich einigemal zum Zeichen, daß der Ritter, den er der Dunkelheit wegen nicht ſehen konnte, ſich nähern möge. Richard ging, faſt über das ganze Geſicht verhüllt, auf den Schließer zu, nahm ihn beim Arm und führte ihn in's Dunkle zurück, während Heribald in einiger Entfernung ſtehen blieb. „Gieb mir jetzt ohne Umſchweife Antwort, Mann,“ ſagte Richard mit gedämpfter feſter Stimme—„auf das, was ich Dich fragen werde. Wer ſteckt an Gefangenen an Eurem Kerker?“ „Ei nun!“ entgegnete Hunold erſtaunt,„wie kommt Ihr zu der Frage? Was gehts Euch an?“ „Ich rathe Dir, Mann, Dich nicht gegen 249 meine Fragen zu ſperren! Antwort, wen habt Ihr unten im Loche!“ „Ich darfs nicht ſagen! Es geht Keinen was an— oder, nu ja, die Alte iſt drunten, die heut' den Lärm vollführt hat!“ „Wer ſonſt noch?“ „Niemand. Potz Wetter, wer iſt denn der Herr, daß er das durchaus wiſſen will?“ Richard ergriff ſchnell einen Gedanken, der ihm plötzlich durch den Kopf fuhr, obwohl er ſelbſt ein leiſes Grauen davor empfand. „Ich bin,“ ſprach er mit leiſer Stimme,„ein Diener— des heimlichen Gerichts!“ Allmächtiger Gott!“ rief der Schließer, am ganzen Leibe bebend. „Still, leiſe, ruhig! Die heilige Vehme weiß, was hier vorgeht! Ihr habt in Eurem Kerker den frommen Bruder Aloiſius!“ „Jeſus Maria!“ „Bekennt! wenn Ihr nicht wollt, daß das Strafgericht auch über Euch komme!“ „Ach, Erbarmen! Was kann ich armer Menſch dafür! Ja, ja, er iſt unten!“ 250 „So führt mich augenblicklich zu ihm, und gebt ihn mir heraus!“ „Weh' mir— Herr du mein Gott! Ich darf nicht! Was wird der Herr Graf ſagen? Ich komme um Dienſt und Leben!“ „Wenn Aloiſius aus ſeinem Kerker heraus iſt, wird der Graf Arnsberg nicht mehr viel zu ſagen haben! Unverzüglich führt mich zu ihm, und gebt beide Gefangenen heraus!“ In dieſem Augenblick huſchten rechts und links ein paar ſchwarze Geſtalten durch das Dun⸗ kel, und Richard, ſo wie der Kerkermeiſter, welche ſie erblickten und wieder verſchwinden ſahen, durch⸗ zuckte ein jäher Schreck. Richard ſuchte ſich zu faſſen und in ſeiner Rolle zu bleiben, Hunold aber ſtieß ein leiſes Stöhnen aus, und da die vorüber⸗ huſchenden Geſtalten die Ausſage des Fremden zu beſtätigen ſchienen, wagte er, von Todesangſt an⸗ gefaßt, nicht länger zu widerſtehen. So führte er zitternd ſeinen Begleiter und Heribald, welcher von Richard die Erlaubniß erhielt mitzugehen, über den Hof, durch lange Gewölbe und endlich in jenen Raum, in welchem ſich die Fallthür befand. 251 Hier faltete Hunold die Hände und blickte den vermeintlichen Vehmrichter mit einem flehentlichen Blicke an. Richard aber ſchüttelte den Kopf und rief: „Aufgemacht! An's Werk!“ „Mir iſts im Grunde recht!“ entgegnete Hu⸗ nold, indem er die Fallthür öffnete,„aber mein Weib, meine Tochter!“ „Sie ſollen nicht gefährdet ſein, nur ftiſch dran!“ Die Fallthür klaffte weit auf, und Richard blickte ſchaudernd hinab in das ſchwarze Verließ. Dann beugte er ſich herunter und rief:„Aloiſius! Seid Ihr in dieſem Kerker?“ „Ja!“ antwortete eine Stimme empor. „Das iſt Schurkerei!“ rief Heribald.„Aber Gott ſei Dank!“ „So kommt herauf, Aloiſius, Eure Haft ſoll zu Ende ſein, Ihr ſeid gerettet!“ „Ich gehe nicht aus dieſem Kerker,“ entgeg⸗ nete Alviſius,„wenn ich meine Mutter nicht mit mir nehmen darf!“ „Eure Mutter? Was iſt das?— Nur ge⸗ ſchwind, bringt ſie mit herauf!“ 252 Hunold hatte die Leiter herabgelaſſen, und in wenig Augenblicken erſchienen Norbert und Gun⸗ dofara. Es war zu dunkel, als daß Richard die Züge der Gefangenen hätte unterſcheiden können; er ſah nur eine lange ſchlanke Geſtalt im Mönchs⸗ gewande vor ſich und ein Haupt, von welchem langes braungoldnes Haar herabfiel und worauf die hängende Lampe einige glänzende Lichter warf. Als Aloiſius ſich befreit ſah, athmete er tief auf, breitete dann ſeine Arme gegen Gundofara aus und rief: „Mutter! Gott ſchenkt uns die Freiheit! Ach, verzeihe endlich Deinem Sohne!“ „Norbert!“ entgegnete die Alte kalt,„es iſt vorbei! Wir ſind geſchieden!“ Norbert ließ traurig die Arme ſinken, und Richard fragte erſtaunt: „Ihr ſeid Norbert?“ „Der bin ich!“ „Und wo iſt Alviſius?“ „Norbert und Alviſius ſind Eins. Von heute an aber ſoll er nur Norbert heißen!“ Richards Verwunderung war nicht gering. „Erlaubt mir, ehrwürdiger Mann,“ ſagte er,„daß — 253 ich Euch vorerſt in Sicherheit bringe, denn Ihr ſeid noch nicht durch den Willen deſſen, der Euch feſtnahm, ſondern durch meine Veranſtaltung und durch Liſt frei.“ „Und wem verdanke ich meine Freiheit?“ „Ich heiße Richard von Streitberg, noch knüpft ſich keine große That an meinen Namen.“ „Dieſe hier wird Gott ſegnen!“ „Kommt, daß ich Euch in Sicherheit bringe! Heribert, geleite unſern Freund ſofort zur Gräfin Kappenberg, aber heimlich, und noch komme ge⸗ gen Niemand ein Wort von dem, was wir be⸗ gonnen, über Deine Lippen. Ich ſelbſt eile hin⸗ auf in den Ritterſaal, um den Kaiſer zu ſprechen!“ Hunold mußte der Geſellſchaft den Weg zu den Frauengemächern zeigen, während Richard den zum Feſtſaale verfolgte. Indem die Gefangenen an einer Treppe vorübergingen, bog Gundofara plötzlich ſeitwärts ab und flog eilenden Schrittes die Stiege hin⸗ unter. Heribald wollte ihr nacheilen, und Nor⸗ bert rief ſeiner Mutter nach, da es jedoch gefahr⸗ voll war, ſich in die belebteren Räume zu wagen, mußte man die Alte ſich ſelbſt überlaſſen, zumal, da für ſie weniger zu befürchten war, und den Weg fortſetzen. So gelangten ſie ungehindert an's Ziel, wo Norbert durch eine Dienerin zu Frau Judith geführt wurde. Richard verfolgte unterdeſſen ſeinen andern Weg. Immer näher dröhnte ihm der Lärm ent⸗ gegen, und endlich befand er ſich in einem Neben⸗ gemache des Ritterſaales. Die Kannen und Becher klirrten, Geſchrei und Gelächter ging durch⸗ einander und das Gelage ſchien ſeinen Gipfel erreicht zu haben. Der Ritter hielt einen der eilig ab und zu laufenden Diener feſt, und ſchickte ihn in den Saal, um ihm den Grafen Kappenberg herauszurufen. Gottfried erſchien ſogleich und war nicht wenig erſtaunt, ſeinen jungen Freund hier zu erblicken. „Richard!“ rief er.„Seid Ihr noch hier? Was wollt Ihr?“ „Wollt Ihr Euren Alviſius wiederſehen?“ fragte Richard. „Iſt er aufgefunden? Wo iſt er?“ „Ich ſelbſt habe ihn aufgefunden, aus dem 255 unterſten Kerker dieſes Schloſſes habe ich ihn an's Licht gezogen!“ „Ihr? Aus dem Kerker dieſes Schloſſes? Unmöglich! Das wäre entſetzlich!“ „Es iſt ſo! Während hier bei brechenden Tafeln gepraßt wurde, lag Aloiſius in Nacht be⸗ graben in der Grundfeſte der Burg.“ „O Gott im Himmel! hier! Das wird noch grauenhaft enden! Aber er iſt gefunden, Gott ſei gelobt! Sagt mir nur, wie kommt Ihr dazu?“ „Fragt jetzt nicht, ſondern eilt zu Frau Ju⸗ dith, der ich Euren Freund zugeſendet habe.“ Gottfried umarmte den Ritter ſtürmiſch und mit einem Ausruf, in welchem tauſend Worte der Dankbarkeit lagen, und eilte nach den Frauen⸗ gemächern. Hierauf ſandte Richard einen andern Diener in den Saal, mit dem Auſtrage, den Biſchof von Paderborn ins Nebenzimmer einzuladen. Auch dieſer erſchien bald darauf mit einem vom Wein gerötheten Geſicht, welches halb in Erſtaunen und 256 halb in Freude aufblühte, als er ſeines Reffen anſichtig wurde. „Biſt Du da, Junge, Du Tauſendſaßa! Endlich doch noch! Nun Du haſt viel verſäumt, aber noch nicht Alles! Komm, wollen uns an den Rüdesheimer halten, wollen die Widerſpenſtig⸗ keit vergeſſen und herunter ſpülen, komm, Du Schlingel!“ „Oheim, ich komme in ernſterer Abſicht, hört mich!“ „Ernſte Abſicht? Hahaha! Ich merke! Die Weigerung dauerte ſo lange es Tag war, jetzt, da es Nacht wird— hahaha!— jetzt ſchmilzt die Rinde und es wird Dir klar, daß es doch hübſch wäre, heut noch Hochzeiter zu ſein! hahaha! Ach, Du Hallunke! Nun, nun, nur ruhig, kenne das! hahaha! Ja mit zweiundzwanzig Jahren — hahaha!“ Der angeheiterte geiſtliche Herr ſchüttelte ſich vor Lachen über ſeinen luſtigen Verdacht und klopfte ſeinen Neffen auf die Schulter, während dieſer ſeiner Empörung gegen des Biſchofs un⸗ 257 würdiges Betragen kaum Herr werden konnte und mit zornigem Blicke rief: „Oheim, ich wünſche, daß Ihr Euch ſo weit ernüchtern könntet, um mir auf eine ernſte Frage Antwort zu geben! Wißt Ihr, wo der Bruder Alviſius verborgen iſt?“ „Larifari! Was ſoll das jetzt? heut iſt kein Tag für Geſchäfte!“ „Wenn ich Euch nun aber ſage, Oheim, daß Aloiſius in den Kerkern dieſes Schloſſes ver⸗ borgen iſt? wenn ich Euch ſage, daß ich in zwei Minuten in den Saal trete und vor dem Kaiſer und allen Gäſten dem Arnsberg ins Geſicht rufe, er ſei ein Schurke, denn er habe den Aloiſius in den Kerker werfen laſſen?“ Dieſe Worte ernüchterten den Biſchof voll⸗ ſtändig, wiewohl er einige Minuten Zeit brauchte, um ſich zu faſſen. „Wie kommſt Du zu dieſem unfinnigen Ge⸗ danken, lieber Sohn!“ ſagte er mit ſtockender Stimme.„Es iſt ja unmöglich!“ „Es iſt nicht nur möglich, ſondern gewiß! Ich ſelbſt bin hinabgeſtiegen und habe den Ge⸗ 17 258 fangenen hervorgeholt, ich habe die nichtswür⸗ digſte Verrätherei entdeckt und zugleich vereitelt. Alviſius iſt gerettet, und jetzt trete ich vor den Grafen, um ihm ſeine Schande vorzuwerfen.“ „Richard! Knabe! Biſt Du toll— halt! Sei doch nicht närriſch! Du biſt im Irrthum, wer weiß, wen Du für den Aloiſius gehalten haſt— Du kennſt ihn ja nicht!“ „Ich habe genaue Anzeichen! Laßt mich—“ „Richard— Menſch— höre, Du biſt be⸗ ſeſſen! Willſt Du denn heut Alles mit Gewalt zu Grunde richten?“ „Ich fürchte allerdings, Oheim, daß dabei Mancher zu Grunde gehen wird, der ſich bis heut auf ſichern Füßen fühlte! Und darum ließ ich Euch erſt herausrufen, um Euch Gelegenheit zur Flucht zu geben, wenn Ihr vielleicht glauben ſolltet, daß es in fünf Minuten draußen ſicherer ſein werde, als drinnen im Saale! Laßt Euer Pferd ſatteln, Oheim— Ihr thut beſſer dran, als hier zu bleiben. Redet nicht dawider— Ihr wißt, wozu ich entſchloſſen bin, das thu'ich, und ſomit glücklichen Heimritt!“ — — Der Biſchof ſchien vernichtet zu ſein. Er rief bebend nach ſeinen Dienern, ſeinem Mantel, ſeinem Pferde, er war in einer Eilfertigkeit, daß die Diener ihn kaum verſtanden, da er bald Flüche, bald Gebete, bald Befehle mit lallender Zunge ausſprach, und erreichte nur mit Mühe, daß ſein Pferd geſattelt wurde und er ſich mit ſeinem Troſſe zur Heimkehr anſchicken konnte. Richard aber trat in den Saal, wo die Ge⸗ ſellſchaft die Tafelordnung bereits aufgehoben hatte, und zum Theil mit glühenden Geſichtern hinter den Humpen ſitzend, zum Theil in Grup⸗ pen ſtehend, lärmend, lachend, ſchreiend, den bun⸗ teſten Anblick gewährte. Er wurde von Einigen erkannt, die ihn anriefen und ſchreiend bewill⸗ kommneten, eilte aber an ihnen vorüber und machte ſich Bahn bis zum Platze des Kaiſers, welcher ebenfalls aufgeſtanden, und mit einigen Edelleuten im Geſpräch begriffen war. Der Kaiſer ſah den jungen Mann, welcher ſich verneigend vor ihm ſtand, erſtaunt von oben bis unten an, und fragte dann mit gedehntem Tone: — 17 260 „Nun? Erſcheint der Junker endlich doch noch? Warum hat er ſo lange auf ſich warten laſſen?“ „Gnädiger Herr,“ entgegnete Richard,„den Grund meines Ausbleibens werde ich Euch nicht verſchweigen. Derſelbe würde mich gewiß heut von dieſem Saale entfernt gehalten haben, wenn mich nicht eine mächtigere Urſache dennoch hier⸗ her führte. Ich komme, um den Grafen von Arnsberg als einen Verräther anzuklagen!“ Die nächſten Umſtehenden fuhren erſchreckt zuſammen, der Kaiſer aber gebot durch einen ein⸗ zigen Blick Schweigen, trat einen Schritt auf Richard zu und ſprach mit gedämpfter Stimme: „Haſt Du den Vorſatz reiflich bedacht und iſt Dein Grund ſo wichtig, daß Du dieſe Stunde zu Deiner Anklage wählen mußt?“ „Damit mein Kaiſer ſelber darüber entſchei⸗ den möge,“ ſagte Richard,„bringe ich meinen Entſchluß zuerſt vor ſein Ohr. Graf Arnsberg hat als ein Betrüger gehandelt, denn jener Aloi⸗ ſius, von dem er nichts zu wiſſen vorgab, den er aufſuchen zu laſſen behauptet, hat bis vor einer . 261 halben Stunde im unterſten Kerker dieſes Schloſſes geſchmachtet, von wo ich ihn durch eine Liſt her⸗ vorgeholt habe.“ Des Kaiſers Augen ſprühten vor Zorn, er biß ſich auf die Lippen und rief: „Schurkerei ohne Gleichen! Uns hier ein Bankett zu geben, während der Geſuchte im Ker⸗ ker liegt! Gut— das Maaß iſt voll! Streitberg, Du ſollſt Deinen Willen haben!“ Der Kaiſer wendete ſich zur Tafel, gab ein Zeichen, daß er ſprechen wolle, und nachdem ſich die Wogen des Lärms einigermaßen gelegt hat⸗ ten, rief er: „Graf von Arnsberg, dieſer junge Mann hier hat Euch ein Wort öffentlich zu ſagen!“ Stumme Erwartung ging bei dieſen Worten, deren Ton Unheil verkündete, durch den Saal, während der Wirth des Hauſes, halb betrunken, die Fauſt ballte, da er des jungen Mannes an⸗ ſichtig wurde, welchen er heut vergeblich als Bräutigam ſeiner Tochter erwartet hatte. Richard aber erhob kühn die Stimme und rief: 262 „Graf von Arnsberg, ich klage Euch an als einen Nichtswürdigen, der ſich des Betrugs an ſeinem Herrn und Kaiſer ſchuldig gemacht hat, und werfe Euch hiermit meinen Handſchuh hin!“ Der Eindruck, welchen dieſe Worte in der Geſellſchaft machten, iſt kaum zu beſchreiben.— Das Erſtaunen, daß ein ſo junger Ritter es wagte, den Allgefürchteten in ſeinem eigenen Hauſe anzuklagen und herauszufordern, die Neu⸗ gier über ſeine Gründe, die Ausrufungen der Verwunderung, alles das geſtaltete ſich ſo tumul⸗ tuariſch, daß einige Augenblicke die Geſellſchaft wie im Aufruhr begriffen ſchien. Man ſprang auf, um ſich zu der Hauptgruppe hinzudrängen, Stühle und Kredenztiſche wurden umgeſtürzt, daß die ſilbernen Kannen am Boden rollten und klirr⸗ ten und der Wein in Strömen über den Eſtrich floß; Lichter wurden durch die Bewegung umge⸗ riſſen und verlöſcht; einzelne Taumelnde polterten zwiſchen den umgeworfenen Tiſchen und Stühlen umher, fielen nieder, fluchten und ſchrieen; Tiſch⸗ decken und Tafelgeſchirr wurde durcheinander ge⸗ riſſen und von den Dienern vergeblich feſtgehalten; 263 es war ein Lärm von tauſend Mißklängen, worein ſich die Stimmen derjenigen miſchten, welche Ruhe geboten, die aber alle von der brüllenden Donner⸗ ſtimme Arnsbergs übertönt wurden, der ſich auf ſeinen jungen Ankläger ſtürzen wollte und nur mit Mühe von zehn kräftigen Armen feſtgehalten wurde. Endlich ward es ruhiger und es bildete ſich ein großer Halbkreis, in deſſen Mitte der Kaiſer und Richard ſtanden, während ihnen gegenüber Arnsberg allein ſtand, und zwar ziemlich im Dunkeln, da mehrere Armleuchter in ſeiner Nähe ausgelöſcht und im Tumult nicht wieder ange⸗ zündet worden waren. Die Eine Rieſengeſtalt dieſes furchtbaren Mannes ſchien der ganzen Schaar der ihm gegenüberſtehenden Ritter trotzen zu wollen, die Wuth trieb ihm das Blut in das ſchon weinge⸗ röthete wilde Antlitz und durchloderte ſeinen ganzen Körper. Wie er ſich in dieſem Augenblick Gewalt anthat und mit untergeſchlagenen Armen und trotzigem Haupt daſtand, glich er einem Thurme, an welchen die Gewalt einer empörten Meeres⸗ fluth vergeblich zu rütteln ſtrebt. — — 264 Nach einigen Augenblicken des Schweigens fragte er mit lauter, durch den Saal dröhnender Stimme: „Welcher Bube wagt es, mich, Friedrich Grafen von Arnsberg, anzuklagen?“ „Den Buben auf Dich ſelbſt zurück!“ ent⸗ gegnete Richard mit feſtem kühnem Tone. Richard von Streitberg, klage Dich des Verrathes an göttlichen und menſchlichen Rechten, und des Betruges an Deinem Kaiſer an, denn während Du vorgabſt, nichts von jenem Bruder Aloiſius zu wiſſen, hatteſt Du ihn in den Kerker werfen laſſen, in den Kerker dieſes Deines Schloſſes, in welches Du die Frechheit hatteſt den Kaiſer ſelbſt mit ſeinem Gefolge einzuladen!“ Arnsberg zuckte zuſammen, dies ſchien er nicht erwartet zu haben. Aber nur eine Secunde dauerte ſeine Verwirrung, er war ſchnell wieder gefaßt und rief: „Und das wagſt Du, lügneriſcher Knabe, zu behaupten? Wie willſt Du das wiſſen?“ „Weil ich ſelbſt die Untiefen Deines Burg⸗ 265 verließes unterſucht und den Gefangenen daraus befreit habe!“ „Frecher Lügner! Das haſt Du nicht! Das konnteſt Du nicht!“ „Ob es mir möglich war, mögt Ihr gleich unterſuchen, denn dort kommt Aloiſius!“ Die Thür hatte ſich geöffnet, und an Gott⸗ frieds Hand trat Norbert in den Saal. Eine lange Geſtalt im Mönchsgewande, ein ſchönes Haupt von braunem Haar umgeben, ein ernſtes, von der Kerkerluft gebleichtes Antlitz mit dunklen geiſterhaften Augen, und Zügen, in welchen Ho⸗ heit und Willenskraft ausgeprägt lagen. Als dieſe Erſcheinung durch den Saal ſchritt, ging ein halblauter Ausruf der Ueberraſchung durch den ganzen Kreis der Gäſte, und alle Blicke ſchweif⸗ ten erwartungsvoll von Norbert zu Arnsberg, und von beiden zum Kaiſer. Arnsberg ſchwieg, er athmete faſt hörbar und ſchien ſich kaum auf den Füßen halten zu können, ſeine Mienen aber drückten noch immer den wildeſten Trotz aus. Während dieſes kurzen verhängnißvollen Schwei⸗ gens tauchte plötzlich eine ſchwarze Geſtalt aus 266 dem Dunkel des Saals, in welchem Arnsberg ſtand, erhob drohend die Fauſt gegen ihn, huſchte dann an ihm vorüber und war im Umſehn wie⸗ der im Dunkel verſchwunden. Arnsbergs Rieſen⸗ körper bäumte ſich empor, wie von einem jähen Entſetzen ergriffen, er ſtieß einen dumpfen Schrei aus, und wankte taumelnd, aber wie von Furien gejagt, aus dem Saale. Dies war vor den Augen Aller geſchehen, Niemand aber konnte beſtimmen, woher die Geſtalt gekommen, noch wohin ſie ge⸗ gangen war, und indem man die plötzliche Um⸗ wandlung des unerſchreckbaren Arnsberg mit et⸗ was ganz Unerhörtem zuſammenſtellen mußte, konnte ſich kaum Einer der Verſammelten eines leiſen Schauders erwehren. Einige gingen dar⸗ auf dem Grafen nach, um ſich über ſeinen Zu⸗ ſtand näher zu erkundigen, kamen aber bald darauf zurück mit der Rachricht, daß man den⸗ ſelben wohl habe durch die Vorzimmer ſtürzen ſehen, aber nicht erfahren können, wo er geblie⸗ ben ſei. Der Kaiſer ſah ſich darauf im Kreiſe ſeiner Ritter um, und ſprach: 267 „Ihr Herren, wir verlaſſen ſogleich dieſes Schloß! Man ſoll zur Heimfahrt rüſten!“ Während die Meiſten ſich zerſtreuten, um nach dem Burghofe hinab zu gehen, trat Heinrich zu Norbert und ſagte: „Aloiſius, Ihr ſeid durch dieſen Ritter heut befreit, vielleicht vom Tode errettet worden, Euer Dank gebührt alſo ihm! Ich— habe erſt noch für Euch zu handeln. Und was Arnsberg an Euch verbrochen hat, wird Graf Kappenberg an Euch wieder gut machen!“ Norbert blickte den Kaiſer ruhig an und ſprach:„Was Ihr der Geringſten Einem in meinem Namen thut, das thut Ihr mir, ſagt der Herr! Die Hülfe, die Ihr mir, werthe Männer, zu Theil werden ließet und noch zu Theil werden laſſen wollt, iſt Gottesdienſt, den ich nicht em⸗ pfange, noch mir anrechne, ſondern dem, der mich durch Euch gerettet hat!“ „Alviſius,“ fuhr der Kaiſer fort,„Ihr wur⸗ det durch den Grafen Arnsberg vom Kappenberge geſchleppt, und ſogleich in jenen Kerker geworfen, der Euch bis heut verborgen hat?“ 268 „So iſt's mein Herr! Seit etwa einer Woche lag ich unter den Mauern dieſes Schloſſes ge⸗ fangen, zuletzt— o Gott! gemeinſam mit meiner Mutter! O Herr, ich weiß nicht, was meine Mutter verbrochen hat, ich flehe Euch, ſchützt — „Eure Mutter? Wie kommt Eure Mutter in den Kerker?“ Gottfried von Kappenberg, der inzwiſchen durch Norbert das Hauptſächlichſte erfahren hatte, nahm jetzt das Wort: „Gnädiger Herr, es iſt dieſelbe Frau, die heut im Schloßhofe—“ „Jene Alte? Sie iſt Eure Mutter? Aloi⸗ ſius, ſie nannte ſich eine Gräfin von Iburg?“ „Das iſt das Geſchlecht,“ ſagte Norbert, „dem ſie entſproſſen iſt. Sie war vermählt mit Rutger, Grafen von Gennep, meinem Vater.“ Die Nennung dieſes Namens, deſſen ſich Heinrich ſehr wohl als eines treuen Anhängers ſeines Vaters, Heinrichs W., erinnerte, brachte ihn einen Augenblick in Aufregung, zumal da ihm durch die leidenſchaftliche Alte heut ſchon einmal eine furchtbare Vergangenheit vor die Seele geführt worden war, aber im Angeſichte einer Ruhe fordernden Gegenwart wußte er ſich zu bezähmen. „Aloiſius,“ ſagte er,„Ihr ſeid ſomit ein Graf von Gennep?“ „Norbert von Gennep!“ entgegnete der An⸗ geredete.„Den Namen Aloiſius werfe ich von heut an von mir, und nenne mich bei dem Na⸗ men, auf welchen ich getauft bin!“ „Norbert, Ihr bleibt fürs Erſte bei mir, in meiner Nähe, ich ernenne Euch zu meinem Beichtiger. Euren Wünſchen wird mein Ohr ſtets offen ſein. Ihr begleitet mich ſogleich nach Paderborn.“ „Herr, meine Mutter—!“ „Für ſie ſoll geſorgt werden. Wo iſt ſie?“ „Entflohen! Wahrſcheinlich zurück nach ih⸗ rem Haidethurme!“ „Haidethurm! Iſt dies nicht der Ort, wo Streitberg, wie ich nachträglich doch noch erfah⸗ ren habe, ſeine Stirnwunde erhalten hat? Etwa von demſelben Weibe—?“ — „Allerdings— von ihr—!“ ſagte Richard zögernd. Norbert war verwundert, der Kaiſer aber beendete dieſe Unterſuchungen mit den Worten: „Ich ſoll in dieſer Gegend hinter verwickelte Geſchichten kommen! Wir werden auf dem Heim⸗ wege Zeit haben dies zu beſprechen, und Ihr, Norbert, ſollt mir auch erzählen, in welchem Ver⸗ hältniß der Biſchof von Paderborn zu Euch ſteht! Kappenberg, Ihr werdet Jemand nach dem Haide⸗ thurm ſchicken— thut Euer Möglichſtes! Ihr bleibt die Nacht wohl hier— morgen aber er⸗ warten wir Euch! Eilen wir, daß wir aus die⸗ ſem Hauſe kommen. Die Zeit der Langmuth iſt vorbei, über Arnsberg werden wir morgen richten!“ Mit dieſen Worten ſchritt er, gefolgt von den Uebrigen, aus dem Saale und in den Schloß⸗ hof hinab. Dort war ein lautes buntes Treiben, die Roſſe ſtampften, die Fackeln wirrten durch⸗ einander, Alles rüſtete ſich zum Aufbruch, und mit vielem Geräuſch ergoß ſich bald der Zug durch das Thor und über die Zugbrücke. Als 271 Führer des Troſſes ritten ſechs Fackelträger, dann folgte der Kaiſer, zu ſeinen Seiten Norbert und Richard. Die ganze Schaar der Reiſigen ſetzte ſich bald in Trab, es ſchien, als ſei Allen daran gelegen, das Schloß, welches jetzt in ſcharfen ſchwarzen Umriſſen über dem waldigen Berge in die Nacht hinauf blickte, bald hinter ſich zu haben. Was hatten dieſe Mauern an einem Tage Alles geſehen! Die Flüche und Verwünſchungen eines leidenſchaftlichen, zur Verzweiflung gebrachten Weibes; das Wiedererkennen einer Mutter und ihres Sohnes im Kerker, das leider in keine ver⸗ ſöhnende Melodie ausklingen wollte; die Thränen einer unglücklichen Braut, und die verſöhnendere Entſagung zweier Verlobten; die Angſt eines un⸗ würdigen Kirchenfürſten; Lärm und jubelndes Zechgelage und endlich jenen furchtbaren Schluß⸗ auftritt, an welchen ſich das Verſchwinden des Hausherrn knüpfte. Die Meiſten aus der durch die Nacht heim reitenden Schaar, hatten heut etwas erlebt, einige ſogar ſehr Bedeutendes, und ſo waren denn alle Herzen und Zungen voll von den Ereigniſſen die⸗ 272 ſes Tages, ſo daß die Stunden des Weges Allen ſchneller als gewöhnlich entſchwanden. Schon tauchten die Lichter von Paderborn aus dem Dunkel hervor, und bald ſehen wir den Kaiſer mit ſeinem Gefolge in die Mauern der Stadt einreiten. Neuntes Kapitel. Noch hatte die Reiterſchaar die Pforten des Kaiſerpalaſtes nicht erreicht, als ſich ſchon durch alle Straßen die Nachricht verbreitete, daß Aloiſius wiedergefunden ſei. Viele hatten ihn zur Seite des Kaiſers reiten ſehen, und bald eilten auf dieſe Mittheilung aus all den finſteren Gaſſen der Stadt, aus allen Winkeln und Werkſtätten die Bewohner nach dem Platze vor dem Schloſſe, um dieſes Glückes ebenfalls theilhaftig zu werden. Knechteund andereReiſige hatten, verbunden mit viel⸗ fachen ſonſtigen Erzählungen dieſes ereignißreichen Tages, die Kunde ſeiner Gefangenſchaft im Kerker der Wevelsburg und ſeiner wunderbaren Rettung verbreitet, und auch der Rolle, welche Richard dabei geſpielt hatte, wurde vielfach erwähnt. So . 18 geſchah es, daß die Namen Aloiſius und Streit⸗ berg gemeinſam von allen Lippen erſchollen, und auch der Name des Kaiſers hatte heut einen beſſern Klang als ſonſt, denn er hatte den„Hei⸗ ligen“ gleichſam im Triumph nach der Stadt gebracht und in die Mauern ſeines Schloſſes ein⸗ geführt. Ueberall ſtanden gedrängte Gruppen beiſammen, denn wo man einen Reiſigen feſt⸗ halten konnte, beſtürmte man ihn mit tauſend Fragen, und kaum hatte man mit Neugier und Erſtaunen die Erzählungen des Einen verſchlungen, ſo ſtürzte man ſich auf den Andern, um all das Wunderbare noch einmal zu hören. Tauſend Verwünſchungen wurden gegen den Grafen Arns⸗ berg ausgeſprochen, und ſonderbarer Weiſe rich⸗ tete man einen Theil des Unmuthes auch gegen den Biſchof. Vielfach drängte man ſich nach der biſchöflichen Reſidenz hin, und bald wogte vor derſelben eine murrende Volksmaſſe auf und ab, deren Betragen einen immer bedrohlicheren Cha⸗ rakter annahm. War es doch in jenen Tagen öfter vorgekommen, daß die Bevölkerung einer Stadt, in welcher ſich ein Bisthum befand, ſich 275 gegen ihren Biſchof empört, ihn aus der Stadt getrieben, mißhandelt, ja wohl gar ermordet hatte, wenn ſeine Aufführung gegen die geiſtliche Würde verſtoßen, oder wenn weltlich feindliche Abſichten bei ihm zu Tage getreten waren. Es ſtand alſo hier das Aergſte zu befürchten, denn obgleich jetzt gerade kein ſprechender Grund für den allgemeinen Mißmuth gegen den Kirchenfürſten vorlag, ſo brachte man doch manche Züge aus dem frühe⸗ ren Benehmen deſſelben gegen Aloiſius mit dem Verbrechen Arnsbergs in Verbindung, und die Aufregung konnte, wenn ihr nicht geſteuert wurde, in blinde Wuth und Zerſtörungsgelüſt über⸗ gehen.— Wir verlaſſen dieſe Bewegungen für jetzt und begeben uns in den Kaiſerpalaſt, wo wir in einem kleinen, uns ſchon bekannten Zimmer das Oberhaupt des Reichs in regem Geſpräche mit Norbert und Richard und noch einem Dritten finden. Dieſer Dritte war der Abt eines kölni⸗ ſchen Kloſters, derſelbe, welcher vor einigen Mo⸗ naten nach Rom geſendet worden war, um dem Papſte die Regeln des geiſtlichen Ordens, welchen . 18* 276 Norbert ſtiften wollte, zur Beſtätigung votzulegen. Dieſer päpſtliche Bote hatte ſich mit der Beſtäti⸗ gung, welche er erhalten, nach der Burg Kappen⸗ berg gewendet, da ſie allgemein als der Aufent⸗ halt des Aloiſius bekannt war, da er dieſelbe aber zerſtört fand, ſich auf den Weg nach Pader⸗ born begeben, wo er den Grafen Kappenberg außufinden hoffte. Er war am Mittage einge⸗ troffen, und hatte ſich auf die Nachricht, daß der Kaiſer mit Aloiſius angekommen ſei, ſogleich in den Palaſt begeben, um das glückliche Reſultat ſeiner Sendung zu verkündigen. Der Abt war eben in einer langen Rede begriffen und beſchloß dieſelbe nun, indem er ſagte: „Ich habe der Majeſtät des Kaiſers den ganz beſondern Segen Sr. Heiligkeit zu über⸗ bringen. Papſt Honorius II. ſprach ſeine große Freude aus über die Theilnahme des Kaiſers an einem ſo heiligen Werke, und äußerte den from⸗ men Wunſch und zugleich die Ueberzeugung, daß er in Zukunft ſtets die Handlungen des Kaiſers 277 der Kirche gegenüber werde billigen und als fromme Gotteswerke begrüßen können!“ „Ich bin Sr. Heiligkeit verbunden für die gute Meinung!“ entgegnete Heinrich kutz, und wie es ſchien etwas ermüdet durch die Rede des Abts.„Das Uebrige mögt Ihr mit Aboiſius, oder, wie er fortan heißt, mit Norbert ausmachen. Wir werden dem feierlichen Hochamte, bei welchem Norbert dem Volke wieder gezeigt werden und es anreden ſoll, ſogleich beiwohnen. Iſt denn noch immer keine Nachricht vom Biſchof gekommen?“ Bei dieſen Worten des Kaiſers fuhr eine ſchüchtern an der Thür ſtehende Geſtalt heftig zuſammen und that dann einige Schritte vor⸗ wärts. Es war Cajetan, welcher, Todesbläſſe und Seelenangſt im Antlitz, zitternd an allen Gliedern, ſich näherte und vor dem Kaiſer ver⸗ beugte. „Seid Ihr ein Diener des Biſchofs?“ fragte Heinrich.„Warum kommt er nicht ſelber, wie ich geboten habe?“ „Seine Eminenz“— ſagte Cajetan mit ſtocken⸗ der Stimme—„ſind ſehr krank— ein Fieber— — 278 bedauern von ganzem Herzen, daß das Hochamt im Dome nicht ſtattfinden könne!“ „Es wird ſtattfinden!“ rief Heinrich zornig. „Ich befehle es! Der Biſchof wird das Hochamt abhalten, er ſoll geſund ſein!“ „Seine Eminenz liegen zu Bette,— können kein Glied rühren.“ „So ſoll er aufſtehn! Ich werde ihn lehren ſich zu rühren! Seinen Rauſch vom heutigen Feſte kann er ſchon ausgeſchlafen haben— ſagt ihm, ich befehle, daß er nüchtern vor dem Altare erſcheine und das Hochamt leite, nachher mag er— das Uebrige wird ſich finden. Fort!“ Cajetan eilte bebend davon. Der Abt aber nahm das Wort: „Wenn Eminenz wirklich krank iſt, ſo wolle mein kaiſerlicher Herr doch nicht auf das Hochamt beſtehen. Ich erbiete mich, die Meſſe zu leſen, das dürfte genügen!“ „Es bleibt beim Hochamt. Seid überzeugt, daß der Biſchof geſund iſt! Nun— Norbert? Ihr ſteht tief in Gedanken? habt Ihr Euch etwa auf etwas beſonnen, das Ihr Euch als Gnade 279 von mir ausbitten wollt? Kann ich Euch denn gar nichts bieten?“ „Nicht dabei waren meine Gedanken, gnä⸗ diger Herr!“ ſagte Norbert.„Aber da Ihr mir doch einmal eine Gnade erweiſen wollt, ſo bitte ich mir aus, eine Kirche gründen und den Platz für dieſelbe ſelbſt beſtimmen zu dürfen.“ „Das ſei in ganzer Ausdehnung gewährt!“ „Doch nun,“ ſagte Norbert weiter, indem er ſich zum Danke verneigte,„ſei es mir ver⸗ gönnt, mich zurückzuziehen, um mich auf die feierliche Handlung vorzubereiten.“ „Mein Hausmeiſter wird Euch Eure Zimmer, und Eure, Herr Abt, anwéiſen.“ Norbert und der Abt verließen in Begleitung einiger Diener das Zimmer, und als ſie fort waren, athmete Heinrich erleichtert auf und ſagte halblaut: „Endlich iſt man die Pfaffen auf eine Weile los!“ Er, dem frühe Erfahrungen alle Ehrfurcht vor dem Klerus geraubt hatten, ſah in der Geiſt⸗ lichkeit nur den Inbegriff eines ewigen heimlichen 5 280 Ränkeſpiels, den Inbegriff der Anmaßung und des Widerſacherthums gegen die Krone. Die Zugeſtändniſſe, welche er, um in ſeinem Reiche endlich Ruhe zu erhalten, ihr hatte machen müſſen, dünkten ihm ein unauslöſchlicher Makel, den er niemals verſchmerzen konnte, und für den er ſich, wenn er äußerlich und beſonders in großen öffent⸗ lichen Angelegenheiten Ehrfurcht gegen die Kirche heuchelte, im geringern Falle und im Privat⸗ leben durch Darlegung ſeiner Verachtung zu rächen ſuchte. Hier war nun ein Fall eingetreten, wo er ſeiner urſprünglichen Regung fröhnen und ſich dabei doch den Anſchein eines Beſchützers der Kirche geben konnte.“ Daß der Biſchof an dem Verbrechen Arnsbergs betheiligt ſei, davon war er überzeugt, er konnte daher gegen ihn auf das Strengſte verfahren, während die Unterſtützung, welche er Norbert zu Theil werden ließ, ihn vor jedem Tadel reinigen mußte. Dazu kam, daß das energiſche Weſen des Jünglings Norbert ſein großes Wohlgefallen erregte, wenngleich ſeine Erfahrung ihm ſagte, daß in dieſem jungen Manne der Keim zu einer gewaltigen Macht 281 innerhalb der Kirche ruhe, welche, zur Reife ge⸗ kommen, die Hülle der Liebe und Demuth ohne Zweifel abwerfen werde. Um ſo mehr glaubte er beſtrebt ſein zu müſſen, Norbert an ſich zu feſſeln und ihm Vorſchub zu leiſten. Die Ueber⸗ führung Arnsbergs als eines betrügeriſchen Schur⸗ ken, konnte er nicht umhin, als eine Genugthuung zu begrüßen für jenen Auftritt bei der Verhand⸗ lung über die Kappenberg'ſche Angelegenheit, er fühlte ſeinem Haſſe gegen den wilden Vaſallen Genüge geleiſtet und war nun entſchloſſen, mit aller Strenge gegen ihn zu verfahren. Die Dienſte, welche Richard dabei geleiſtet hatte, ver⸗ ſchafften dem jungen Manne in dem Herzen des Kaiſers die größte Anerkennung und Auszeich⸗ nung, ja das Gefühl rein menſchlicher Zunei⸗ gung ſchien bei demſelben lebhafter als je hervor⸗ zutreten. „Nun, mein wackerer Richard,“ ſagte er, „womit kann ich Dich denn belohnen?“ „Meine That war nur die Erfüllung eines Gebotes, gnädiger Herr!“ entgegnete Richard. „Auf eine Belohnung mögt Ihr denken, wenn — 282 ich im Felde etwas für das Vaterland gethan habe, obgleich auch dann Ruhm und Ehre mein ſchönſter Lohn ſein werden.“ „Dieſe Antwort durfte ich von Richard von Streitberg erwarten! Nun gut! Wir hatten heut einen bunten Tag, und Du haſt auch das Dei⸗ nige gethan, um ihn bunt zu machen. Deine Vermählungsgeſchichte— nun, ſei nur ruhig, wir wollen die Weigerung verzeihen! Jetzt hat die Sache doch einmal ein ganz anderes Anſehen gewonnen. Kappenberg hat mir von Deinem nächtlichen Beſuche bei ihm erzählt— Norbert, hat, wie ich nun höre, eine Schweſter—“ „Gnädiger Herr,“ ſagte Richard verlegen, „ich ſah ſchon vor einer Weile, wie ſich eine bedrohliche Volksbewegung nach der Wohnung meines Oheims wälzt, wolltet Ihr mir nicht ge⸗ ſtatten, mich zu ihm zu begeben? Vielleicht be⸗ wege ich ihn, das Hochamt—“ „Dazu wirſt Du ihn nicht bewegen, dabei wird er auf meinen Befehl fungiren! Ich ſehe ſchon, Du willſt mir entſchlüpfen! Geh denn, 283 aber ich erwarte Dich an meiner Seite, wenn wir zum Dome gehen!“ Richard verließ den Palaſt und machte ſich auf den Weg nach der biſchöflichen Reſidenz. Die Gegend des Palaſtes hatte ſich bereits ganz von Menſchen geleert, da Alles dem Strome ge⸗ folgt war, welcher ſich in die Straße nach dem Sitze des Biſchofs hin ergoß. Die Erbitterung ſchien immer höher zu ſteigen, und ſchon nahm man einzelne wilde Geſellen wahr, mit Stangen, Aerten, Brecheiſen bewaffnet, deren Mienen, Ge⸗ berden und Worte nichts Gutes erwarten ließen. Ehe Richard noch bei den dichteſten Gruppen an⸗ gelangt war, fühlte er ſich am Arme gefaßt und hörte die Worte:„Ave Maria! Der Junker iſt's!“ Es war Cajetan, welcher vor ihm ſtand und ſich bebend mit beiden Händen an ſeinen Arm klammerte. „Nun, Cajetan, was wollt Ihr? Wie be⸗ findet ſich mein Oheim?“ fragte Richard. „Ach, ich weiß nicht— weiß nicht! Bin, ſeit ich vom Kaiſer entlaſſen wurde, noch gar nicht bei Sr. Eminenz geweſen! Hört nur, — 6 3 6 . 6. 284 Junker, wie die Beſtien brüllen! Sie zerreißen mich, ich wage es nicht, in das Thor der Reſi⸗ denz einzutreten,— auch hat man es von innen verſchloſſen! Kaum bin ich den Blutgierigen ent⸗ gangen— ſie hatten mich ſchon gefaßt! Junker, erbarmt Euch, rettet mich!“ „Eben bin ich auf dem Wege zum Biſchof. Kommt mit, es ſoll Euch Niemand etwas an⸗ haben!“ „Nein, Junker, nicht dieſe Straße! Man ermordet uns!“ „Wenn Ihr Euch denn in einer andern ſicherer glaubt, ſo geht Eures Weges!“ „Nein, ich laſſe Euch nicht mehr! Jeſus Maria! Das iſt ein Tag! Ich gehe mit Euch; Ihr ſeid ein Ritter, ſchützt mich, ſchützt mich!“ „Ja doch, faßt Euch und kommt!“ Cajetan drängte ſich wimmernd an den jungen Ritter und folgte ihm auf dem Wege, welcher durch das Gedränge mit manchem Ellenbogenſtoß erkämpft werden mußte. Eben hatte Richard mit ſeinem geängſteten Gefährten das Thor der Re⸗ ſidenz erreicht, als von mehreren Seiten zugleich 285 Steinwürfe gegen das Haus losgelaſſen wurden, daß die Fenſterſcheiben klirrend zerſprangen, bei welchem Klange Cajetan einen ächzenden Schrei ausſtieß. „Halt!“ ſchrie Richard aus Leibeskräften in die aufgeregte Maſſe hinein,„halt! Seid Ihr wahnſinnig? Die Steine weg! Wer unterſteht ſich dies Haus anzutaſten?“ „Wer wagt's da, den Biſchof zu vertheidi⸗ digen? Reißt ihn vom Thore weg! Schlagt ihn nieder, den Ffaffenfreund! Er hat den heiligen Aloiſius ermorden wollen! Schlagt ihn todt!“ So ungefähr ſchrieen zwanzig Stimmen durch⸗ einander, und Alles drängte nun in geſchloſſener Maſſe gegen die Thür. „Ruhig, Bürger!“ rief Richard.„Weder ich noch der Biſchof wollen dem Abloiſius etwas anhaben! Ueberdies iſt det Heilige gerettet! Geht nach dem Dome!“ Richard wurde von einem Dutzend Stimmen unterbrochen, diesmal aber in einem andern Tone. „Hört ihn!“ erſcholl es.„Der Junker Streitberg iſt es!— Gott ſegne ihn! Er hat den Heiligen gerettet! Fackeln her, hebt ihn auf die Schultern, daß Alle den Junker Streitberg ſechen können! Hurrah hoch! Ein edler Ritter! Hebt ihn empor!“ Wie einige Sekunden vorher dem Sturme des Ingrimms, ſo hatte Richard jetzt dem Stur⸗ me des allgemeinen Jubels zu wehren. Die Maſſe derer, die ihn ſehen wollten, erdrückte ihn faſt, er ſtemmte ſich mit beiden Armen dagegen, fonnte aber nicht verhindern, daß zwei ſtämmige Schmiedeknechte Meiſter Walrams ihn anfaßten und auf die Schultern hoben, und daß man Fackeln herbeibrachte, um ihn vor der Menge zu beleuchten. Da aber, als er, Allen ſichtbar, mit der Hand grüßte, brach ein Jubelgeſchrei aus, das gar nicht enden wollte. Cajetan hatte ſich unterdeſſen feſt an die Thür gedrückt, ſeine von Todesangſt umnebelten Sinne waren nicht mehr mächtig, Wuthgeſchrei und Jubel zu unterſcheiden, und als er ſah, daß Richard ergriffen wurde, wähnte er, es ging nun an's Zerreißen, und die Furcht, ein Gleiches zu 287 erdulden, drang ſo heftig auf ihn ein, daß er ohnmächtig an der Thür niederfiel. Richard aber ſaß ſicher auf den Schultern der Schmiedegeſellen, und als ſich der Lärm einigermaßen gelegt hatte, machte er den Verſuch, das Volk von ſeiner Warte aus anzureden. „Ruhig!“ erſcholl es.„Er wird ſprechen! Hört den Junker! Der Ritter Streitberg will reden! Gott ſegne ihn! Hört!“ „Bürger von Paderborn,“ ſprach Richard darauf,„Ihr thut Unrecht, das Haus Eures Biſchofs anzugreifen! Wenn Ihr ihn ſo empfangt, kann er ſeine Schwelle nicht überſchreiten, und doch hat er Eile, nach dem Dome zu gehen, um Euch dort vor dem Hochaltare den heiligen Aloviſius zu zeigen. Ihr müßt ihm alſo Platz machen und ihn in Frieden laſſen. Geht auch Ihr nach dem Dome und feiert das Hochamt, worauf Aloiſius Euch eine Predigt halten wird! Ich hole den Biſchof ab, und bald werdet Ihr Alle ſehen, daß derſelbe keinen Groll gegen Alviſius trägt. Zerſtreut Euch und geht, es iſt 288 Zeit, denn ſchon werden im Dome die Kerzen angezündet!“ Nach dieſen Worten brach ein nochmaliges Jubelgeſchrei los, und während Richard von den lebendigen Säulen ſeines Thrones herabſprang, begann ſich die Menge unter Segenswünſchen und Freuderufen zu zerſtreuen und die Richtung nach dem Dome zu nehmen. Richard pochte nun heftiger an das Thor und riß dann den Schreiber Cajetan aus ſeiner Ohnmacht empor, welcher, indem er die Augen aufſchlug, die Worte ſtammelte: „Ach, Junker, hat man uns unſer unwür⸗ diges Leben gelaſſen?“ „Ich glaube, wir haben's noch!“ entgegnete Richard.„Faßt Euch, Menſch, und hängt Euch nicht ſo an mich, Ihr ſeid ſicher!“ „Ach, daran werde ich mein Lebtage denken!“ „Das wäre ſehr vortheilhaft für Euch! Nun— zum Teufel, wird denn noch nicht auf⸗ gemacht? Heda, aufgemacht!“ „Alle Heiligen! Wer iſt denn da?“ rief eine ängſtliche Stimme von innen. 289 „Ich bin's, Richard von Streitberg! Schnell aufgemacht, die Gefahr iſt vorüber!“ Jetzt wurde der Schlüſſel gedreht, die Thür geöffnet und Richard ſah eine bebende Mönchs⸗ geſtalt mit einer Laterne vor ſich. Er eilte durch die langen Gänge, aber weder weltliche noch geiſtliche Dienerſchaft war zu erblicken, alle hatten ſich beim Herannahen der Gefahr durch Hinter⸗ thüren davon gemacht, wie die Waſſerratten, die das Schiff, auf welchem es ihnen gut ging, verlaſſen, ſobald durch einen Leck die Fluth eindringt. Ueberall herrſchte Finſterniß, und der Mönch hatte Mühe dem eiligen Schritte des Ritters mit der Laterne zu folgen. Endlich leuch⸗ tete ihm derſelbe in das Gemach des Biſchofs, in welchem dieſer im Zuſtande geiſtiger und kör⸗ perlicher Ermattung und ohne ein Glied rühren zu können, im Lehnſtuhle lag. Als Richard eintrat, richtete der Biſchof die Augen auf ihn, und ſah ihn mit einem Blicke völliger Aus⸗ drucksloſigkeit an. „Faßt Euch, Oheim! Die Gefahr iſt vor⸗ über! Ihr ſeid nicht nur für jetzt, ſondern könnt 10— — —— 290 für immer gerettet ſein, wenn Ihr Euch zuſam⸗ mennehmt! Ihr müßt das Hochamt durchaus abhalten und den Aloiſius vor dem Altare dem Volke zeigen, nur dadurch könnt Ihr dem Zorne des Kaiſers entgehen!“ Der Biſchof hob den Kopf und einen Arm ein wenig, ließ aber beides wieder ſinken, da er ſeiner Kräfte noch nicht Herr war. „Ihr müßt eine Stärkung zu Euch nehmen. Schnell, bringt heißen Wein her! Wo iſt denn die ganze Dienerſchaft?“ „Ach!“ klagte der alte Mönch mit der La⸗ terne,„ſie haben ſich alle beim Wachſen der Gefahr entfernt, und mich mit Sr. Eminenz allein gelaſſen!“ „O dieſe Schurken! Aber es muß Rath geſchafft werden! Wißt Ihr wo etwas Wein zu finden iſt?“ „Weiß nicht! Bin nur der Bruder Glöckner, kenne die Wirthſchaftsangelegenheiten gar nicht.“ „So geht in die Herberge und holt Wein! Aber was iſt das? Mann, Eure Hand blutet ja!“ 291 „O, das thut nichts! Ein Steinwurf durch's Fenſter hat mich da getroffen. Er ſtreifte dicht an Sr. Eminenz hin, ach Gott, wenn er den Herrn getroffen hätte! Ich kam gerade zurecht, um den Wurf abzufangen, Gott ſei gelobt!“ Der niedrigſte von allen Dienern des Biſchofs war es, der im Augenblicke der Gefahr allein bei ſeinem Herrn geblieben, und der es als ein Glück ſchätzte, den Wurf, deſſen Ziel jener geweſen war, aufgefangen zu haben. Jetzt wurden durch die halb geöffnete Thür einige Köpfe ſichtbar, es waren die der Diener⸗ ſchaft, welche ſich wieder eingefunden hatte. Richard fuhr mit Scheltworten unter ſie, die jetzt ſämmtlich ihre Gründe vorbrachten, warum ſie das Haus gerade hätten verlaſſen müſſen, und begann mit gebieteriſcher Stimme jetzt den Herrn in dieſen Gemächern zu ſpielen. Er gebot, Wein, warme Steine und andere Belebungsmittel zu bringen, rieb inzwiſchen ſelbſt die Hände und Füße des Biſchofs, wobei Cajetan ihm auf ſeinen Befehl helfen mußte. Dieſe Anſtrengungen wur⸗ den, nachdem der Erſchöpfte einen Becher heißen 10 292 Weins zu ſich genommen hatte, dadurch gekrönt, daß der Biſchof ſich erheben konnte und, obwohl mit matter Stimme, rief:„O Richard, Richard, es geht zu Ende mit mir!“ „Fühlt Ihr Euch noch ſo ſchwach, Oheim?“ „Nein, es geht beſſer, viel beſſer! Aber meine Stellung mein Anſehn—!“ „Alles kann gerettet werden, Oheim, wenn Ihr meinen flehentlichen Bitten folgt. Wenn Eute Kräfte nikr einigermaßen ausreichen, ſo kommt zum Dome, haltet das Hochamt ab und gebt ſomit dem Willen des Kaiſers nach. Und glaubt mir, Oheim, ich werde es an nichts fehlen laſſen, Euch in der Gnade des Kaiſers wieder herzuſtellen!“ „Meinſt Du, Richard? Willſt Du das? Du gutes Kind! Ja, ja, ich bin kräftig genug, ich will ſogleich zum Dome!“ „Gott ſei Dank! Nun kann Alles gut werden! Der Kaiſer wird befriedigt ſein und damit iſt für's Erſte viel gewonnen. Morgen müßt Ihr dann bei Zeiten um Audienz bei ihm 293 pitten. Seid auch gegen Norbert zuvorkom⸗ mend.“ „Norbert— Jeſus!“— ſchrie der Biſchof, indem er Richard mit einem Blicke der Verzweiflung anſah. „Faſſet Euch, Oheim! Nehmt Eure ſonſt ſo feſten und lebhaften Geiſteskräfte zuſammen!“ Der Biſchof wurde mit der Zeit wirklich Herr ſeiner Kräfte, ſtürzte noch einen Becher heißen Weins hinunter, rief nach Cajetan, ließ ſich um⸗ kleiden und entließ darauf ſeinen Neffen, um ſich nach dem Dome führen zu laſſen. Als Richard nach dem Kaiſerpalaſte zurück⸗ eilte, ſah er ſchon die erleuchteten Fenſter des Domes, in welchen er kurze Zeit darauf an der Seite des Kaiſers eintrat. Dieſer nahm mit ſeinem Gefolge heute die Chorſtühle zu beiden Seiten des Hochaltars ein, während das ganze Schiff der Kirche von einer gedrängten Volksmaſſe angefüllt war. Hundert Kerzen flammten auf und um den den Hochaltar und verbreiteten durch den Raum des hohen Chors ein blendendes Lichtmeer, von — 294 welchem die nächſten Pfeiler, Rundbogen und Wölbungen noch beglänzt wurden, während die Helle ſich bei den entfernteren Theilen immer mehr in eine magiſche Dämmerung abſtufte und die letzten Pfeiler nebſt dem Orgelchor in geheim⸗ nißvoller Dunkelheit dalagen. Aus dieſem Dunkel quollen die tiefen Accorde der Orgel, anfangs noch leiſe und gedämpft in andachterweckenden und vorbereitenden Präludien, dann aber, als der Biſchof, gefolgt von Norbert, dem Abt und den dienenden Chorknaben zum Altare ſchritt, ſchwollen alle Töne mächtiger an und rauſchten in gewal⸗ tigen Harmonieen durch die Wölbungen des Doms. Wer hätte nicht ſchon in ſeinem Leben einmal die Macht all dieſes auf die Sinne wirkenden Zaubers empfunden! Harmonieen, Weihrauch⸗ duft, Lichtwellen und Farbenſchimmer ſchloſſen auch hier einen geheimnißvollen Bund, um die Sinne gefangen zu nehmen und den Gedanken an das tiefe innere Verderben der Kirche zu er⸗ tödten. Selbſt Richard wähnte in dem Biſchof, der jetzt, das heilige Amt ausübend, vor dem Altare ſtand, einen Andern zu ſehen, als ſeinen 295 Oheim, den er doch nun zur Genüge kennen ge⸗ lernt hatte, und ſaß in Andacht verſunken an des Kaiſers Seite. Auch der Kaiſer hatte eine an⸗ dächtige Miene angenommen, theilte aber ſeine weltlichen Gedanken mit denjenigen des Biſchofs, nur daß dieſelben je unter der verſchiedenen Maske eine verſchiedene Richtung nahmen. Die Herzen der Gemeinde aber waren dieſen äußer⸗ lichen Mitteln des Kirchenkultus mehr zugänglich, und es waren vielleicht wenige da, welche ſich in dieſem Augenblick erinnerten, daß ſie eine halbe Stunde vorher das Haus des Mannes, auf deſſen Wort ſie jetzt betend auf die Knie ſanken, mit Steinwürfen angegriffen hatten. So hat es der katholiſche Klerus ſtets verſtanden, durch äußere Blendungsmittel zu wirken, und ſelbſt zu Zeiten, in welchen Niemand ſich ſcheute, ſeine Verachtung gegen die Unſittlichkeit des Ffaffenthums offen auszuſprechen, ſeine Vortheile über die leicht erregbaren Sinne geltend zu machen. Die feierliche Handlung nahm indeſſen un⸗ geſtört ihren Gang. Der Abt verlas darauf die päpſtliche Beſtätigung des Prämonſtratenſerordens, 296 worauf Norbert vor dem Altar geweiht wurde und ſodann die Kanzel beſtieg. In einer kurzen Predigt dankte er Gott zuerſt für ſeine Rettung, aber auch für die Prüfung, welche er ihm durch die Gefangenſchaft geſendet habe, und ermahnte die Gemeinde zur Frömmigkeit und zu einem gottgefälligen Leben. Bald darauf verklangen die letzten Töne der Orgel, es war Mitternacht, die Glocken vom Thurme läuteten das Hochamt aus, und die Menge ergoß ſich aus den hohen Wölbungen des Doms in's Freie hinaus. Richard wurde, als er ſich mit dem Kaiſer ent⸗ fernte, noch innerhalb der Kirche durch das Gedränge von dem übrigen Gefolge getrennt. Trotz der Dun⸗ kelheit erkannte er da plötzlich Frau Gerberga, bald auch wurde Frau Marketrud ſichtbar und zwiſchen beiden Frauen eine hohe verhüllte Geſtalt. Wer konnte dieſe ſonſt ſein als Wolfhilt? Schon hatte er Platz gewonnen, auf die Frauen zuzueilen, als er hinter ſich eine tiefe Männerſtimme hörte, welche ihm halblaut zurief:„Junker, nehmt Euch 297 in Acht vor der heiligen Vehme! Es iſt gefähr⸗ lich, unberufen in ihr Amt einzugreifen!“ Betroffen wandte ſich Richard um, die Er⸗ innerung, daß er heut ſelbſt leichtſinnig die Rolle eines Dieners der Vehme übernommen hatte, be⸗ wirkte, in Gemeinſchaft mit der eben gehörten Warnung, daß es ihn kalt überieſelte. Er warf ſeine Blicke forſchend umher, erblickte aber Nie⸗ mand, dem er dieſe Worte hätte zutrauen mögen, und erſt nach einigen Schritten vorwärts bemerkte er den Schatten eines Kapuziners, welcher eilig um die Pfeiler ſchlüpfte und bald im Dunkel ver⸗ ſchwand. Eine Minute lang ſtand Richard wie an die Stelle gefeſſelt ſtill, und als er darauf ſeine Blicke wieder ſuchend in den Kreis derer ſchickte, die den Dom verließen, war auch die Gruppe der Frauen verſchwunden. * Zehntes Kapitel. Richard hatte ſeinen Urlaub beim Kaiſer ſchnell und ohne Schwierigkeit erhalten, da dieſer, ermü⸗ det von dem vielbewegten Tage, ſich gleich nach der Rückkehr aus der Kirche zur Ruhe zu begeben geſonnen war. Unſer junger Freund aber war viel zu aufgeregt, um an eine Nachtruhe denken zu können, ja er hatte heut' noch ganz beſtimmte Abſichten, die zum Ziele drängten. Der Weg zu dieſem Ziele führte in grader Richtung durch Mei⸗ ſter Walrams Schmiede. Er ſah im oberen Stock⸗ werk noch Licht und begann heftig an das Thor der Schmiedehalle zu pochen. Der Meiſter öffnete nach kurzer Zeit, und ſchien einigermaßen über⸗ raſcht, als er bei dem Schein ſeines Lämpchens den Ritter Streitberg erkannte. 299 „Ei Junker, ſo ſpät noch? Was ſteht zu Dienſten?“ fragte er. „Was mir zu Dienſten ſteht? Nun ich denke, Euer Haus! Habt Ihr denn vergeſſen, Meiſter, daß ich bei Euch Quartier genommen habe?“ „Ja das war geſtern und— vorgeſtern, aber Ihr werdet doch nicht—“ „Freilich werde ich, lieber Meiſter! Schließt nur Euer Thor wieder, ich bleibe bei Euch!“ „Ich denke nur, der Junker ſteht jetzt doch ſo hoch in Anſehn bei aller Welt und in des Kaiſers Gnade, daß er im Kaiſerpalaſt eher eine Wohnung fände!“ „Ei ſagt mir, Meiſter, hat mich das Anſehn bei aller Welt um mein Anſehn bei Euch gebracht? Ich will nicht hoffen. Mir gefällt es in Eurem Hauſe viel beſſer als im Kaiſerpalaſte, drum bleibe ich bei Euch im Quartier. Iſt ſie noch wach?“ „Wer?“ „Nun ſie, die— die—“ „Die— die Gräfin?“ „Ja! Iſt ſie noch wach?“ „Hört, Junker— nun ja, ſie iſt erſt eben — — 300 mit meinen Weibsleuten aus dem Dome ge⸗ kommen.“ Richard hatte, ohne auf Walrams Zögerung zu achten, ſchon die erſte Halle durchſchritten, und indem er mit dem Meiſter in die hintere Werk⸗ ſtätte trat, ſah er Wolfhilt, als hätte ſie ihn er⸗ wartet, die Treppe herab eilen. Mit den Worten: „Richard! Richard! Du haſt ihn gerettet!“ flog ſie auf ihn zu und ſtürzte an ſeine Bruſt, und er im Taumel des Entzückens wußte nichts Andres zu thun, als die Geliebte mit Heftigkeit an ſich zu drücken. Walram ſtand verdutzt da, während auf der Treppe Frau Gerberga und Frau Marketrud er⸗ ſchienen und ihre Taſchentücher vor das Geſicht hielten. Das Dunkel der Geſchichte und insbe⸗ ſondere der Treppe giebt uns leider keinen Auf⸗ ſchluß darüber, ob ſie mit den Tüchern ihr Kichern zu verbergen ſuchten, oder ſich die Augen wiſchten. Wolfhilt aber riß ſich plötzlich aus Richards Armen, und hoch erröthend ſagte ſie:„Gott im Himmel!— Verzeiht mir, Ritter— die Freude hat mich zu weit geführt! Lebt wohl!“— 301 Sie wollte ſich entfernen, Richard aber hielt ihre Hand feſt und entgegnete: „Bleibt, Fräulein— nur zwei Worte laßt mich Euch ſagen!—(dann zu den ungelegenen Zeugen dieſer Scene gewendet:) Nicht wahr, werthe Frauen, und Ihr, Meiſter Walram, Ihr geſtattet mir ein paar Worte mit dem Fräulein?“ Die Frauen nahmen bereits ihren Rückzug, und als der Meiſter brummend ihnen folgte, rief ihm Frau Gerberga zu:„So laß doch wenigſtens die Lampe unten! Gott ſteh uns bei, Du wirſt ſie doch nicht im Finſtern ſtehen laſſen!“ Walram ſetzte die Lampe auf einen Tiſch, und indem er zwiſchen den Zähnen murmelte: „Die Geſchichten in meinem Hauſe hab' ich ſatt!“ ſtieg auch er die Treppe hinauf. Als Richard ſich mit dem Mädchen allein ſah, begann er: „Wolfhilt, die Hinderniſſe, welche bisher zwi⸗ ſchen uns lagen, ſind beſeitigt, das Fräulein von Arnsberg hat aus freien Stücken auf meine Hand verzichtet, wir haben unſere Wege nicht durch einen gewaltſamen Bruch, ſondern durch eine ruhige innere wie äußere Uebereinkunft getrennt, und jetzt kann ich mit gutem Gewiſſen und freudiger Seele Deine Hand ergreifen.“ „Seid nicht zu raſch, Richard!“ unterbrach ihn Wolfhilt.„Ich könnte auf die Frage, die Ihr an mich richten wollt, mit einem zu ſchnellen Ja antworten! Bedenkt was Ihr thut! Bedenkt wie verführeriſch es für die Dankbarkeit eines Mädchens ſein muß, den Mann ſo ſprechen zu hören, wie ich Euch höre, den Mann, der ihr den Bruder vom Tode gerettet hat. Aber Richard, an wen richtet Ihr Eure Worte? An ein Weib, welches Ihr— ein Ritter, an Glanz und Um⸗ gang mit Fürſten gewöhnt— ſo gut wie auf der Straße aufgeleſen habt, deſſen Haus, wenn⸗ gleich edlen Stammes, erniedrigt und in den Staub getreten iſt; an ein Mädchen, das Ihr erſt wenig Tage kennt, und deren Betragen Euch in dieſen Tagen noch keine Bürgſchaft gegeben hat, die Euch Glück verheißen könnte!“ „O Wolfhilt, Du liebſt mich nicht, wenn Du ſo ſprechen kannſt! Du willſt mich abweiſen!“ 303 „Richard!“ entgegnete Wolfhilt in ſanftem Tone, indem ſie ſeine Hand ergriff:„Ich wünſche Cuer Glück, aber ich zweifle, ob meine Hand fähig ſei, Euch Glück zu bereiten!“— „Ich kenne kein andres, als durch Dich! Wolfhilt, ich habe nicht gelernt kluge Worte aus⸗ zuſinnen um das Ohr eines Weibes zu bethören— ich kann nur frei und offen ſprechen! Kannſt Du gewähren, was ich bitte— Wolfhilt, ſo werde mein Weib, ich habe keinen andern Gedanken mehr, als Dich!“ „Wohlan, Richard, ich will Dich durch Wider⸗ ſtand nicht länger quälen— iſt er mir doch keine geringere Qual— ja, ich will die Deine ſein!“ Richard war jung und feurig, der Augen⸗ blick, den er jetzt erlebte, war wohl geeignet einen Sturm von Jubel in ihm außzuregen, aber der ernſte Sinn Wolfhilts ſchien auf ihn mit über⸗ zugehen, und ſtimmte ſein Herz zu einer feierlich ernſten Ruhe, in welcher Beide ſich nur die Hände reichten und einander mit einem tiefen langen Blicke anſahen. — 304 „So ſei denn Gott mit uns Beiden!“ ſagte er nach einer Pauſe. „Amen!“ entgegnete Wolfhilt. Das war das Verlöbniß dieſer beiden hohen königlichen Jugendgeſtalten. In einer Waffen⸗ werkſtätte, die durch das matte Licht eines Lämp⸗ chens kaum echellt wurde, unter Umgebungen, rauh und dunkel, wie die Zeit, welcher ſie ent⸗ ſproſſen, ward es geknüpft, aber wie das Unter⸗ pfand einer neuen ſchönern Zeit ſtanden ſie da, einer Zeit, die ſich mit tauſend lebensvollen Knospen zum Lichte eines neuen Weltenfrüh⸗ lings drängte. „Richard,“ ſagte Wolfhilt endlich,„weil Du ein Mann biſt, der reiner denkt, als alle Männer, die ich kennen lernte, darum will ich Dein Weib ſein. Weil Du ſtark biſt, und die Laſt, welche meine Hand Dir mitbringt, mit Edelmuth und Geiſtesgröße wirſt ertragen können, weil ich das weiß, darum liebe ich Dich! Meine Mutter zwar wird es niemals billigen— Du haſt ſie kennen gelernt, ohne ſie achten zu können— ſie hatte Schreckliches mit Dir im Sinte ————— 305 „Das Unglück hat ihr Gemüth verwirrt, ich verzeihe ihr. Unſte Pflicht wird es ſein, die Liebe ihrem Herzen wieder zu geben, mildere Regungen in ihr zu erwecken!“ „Ach Richard, Du kennſt ſie nicht genug! Wer ſich, wie ſie, mit Haß und Rachegedanken genährt hat, deſſen Herz iſt verhärtet für jede Regung der Liebe! Seit ich ſie heimlich verlaſſen, fürchte ich, hat ſie aufgehört meine Mutter zu ſein! Ich entfloh hierher, weil ich durch Frotolf von dem Unglück meines Bruders gehört hatte, und weil ich ſie nicht länger täuſchen konnte. Frotolf ut mich ſeit Jahren in das Geheimniß der Veränderung, welche mit Norbert vorgegangen war, eingeweiht, der Mutter aber ſollte es ver⸗ ſchwiegen bleiben. Jener Tag, welcher der Mutter die Nachricht von Norberts Verwundung in Däne⸗ mark brachte, weihte mich in das Geheimniß ſei⸗ nes Verſchwindens bei der Zerſtörung von Kappen⸗ berg ein. Da hielt ich es nicht länger aus, ich wollte zum Biſchof, oder zum Kaiſer, um Hülfe für ihn zu flehen, und nur durch Frotolf, welcher mir allnächtlich Kochti brachte, wurde ich in 20 — 306 dieſem Hauſe zurückgehalten, da er erſt genauere Nachforſchungen anſtellen wollte. Inzwiſchen haſt Du durch eine raſche That den Bruder gerettet! Alle näheren Umſtände ſind mir bereits zu Ohren gekommen. Die Mutter mit ihm im Gefängniß! Wie anders, als ſie es ſich dachte, hat ſie ihn wiedergefunden! Ich zitterte ſtets vor dieſem Augenblicke! Du ſahſt Beide zuſammen, Richard — wie fandeſt Du ſie?“ Richard konnte nicht verſchweigen, daß es ihm ſcheine, als ob ſie ſich mit feindlichen Ge⸗ ſinnungen von ihrem Sohne abgewendet habe, und erzählte, was er erfahren hatte, daß nämlich Gundofara ſich in Eile aus dem Schloſſe entfernt, und Gottfried von Kappenberg den Auſtrag erhal⸗ ten habe, ſie aufſuchen und für ſie ſorgen zu laſſen. „Wenn ich jetzt zu ihr zurückginge in den Haidethurm,“ fuhr Wolfhilt ſeußend fort,„was nützte es ihr oder mir? Und doch, ich will zu⸗ rück! O, ihr Herz hat die furchtbarſte Täuſchung erfahren, ſie iſt gebeugt und vielleicht mildersge⸗ ſtimmt, ſie bedarf des Troſtes! Ich gehe, noch dieſe Nacht will ich fort!“ 307 „Wolfhilt— allein? Das geht nicht!“ „Ich kenne den Weg.“ „Ich laſſe Dich nicht. Eher begleitete ich Dich ſelbſt!“ Dagegen erhob Wolfhilt nun wieder Ein⸗ ſpruch, und während ſie auf ihrem Entſchluß zu beſtehen verſuchte, näherte ſich ihnen plötzlich Je⸗ mand— man konnte nicht errathen, wo er her⸗ gekommen ſei— es war Frotolf. Beide waren bei ſeinem Anblick betroffen, er aber begann: „Was giebt es hier? In ſo ſpäter Nacht dieſes Beiſammenſein?“ „Wir haben ein Recht dazu!“ entgegnete Richard, welcher ſeinen Argwohn gegen dieſen Mann nicht verbannen konnte, zumal, da es ihm in dieſem Augenblick ſchien, als erkenne er dieſelbe Stimme, welche ihm in der Kirche jene bedeu⸗ tungsvolle Warnung ins Ohr geflüſtert hatte. „Wolfhilt“— fuhr er fort—„iſt ſeit dieſer Stunde meine Braut!“ Frotolf richtete ſeine Augen unverwandt auf Richard und ſprach:„Eure Braut? Und Ihr habt bei Niemand zuvor um ſie geworben?“— 20* „Es genügte mir an ihrer eignen Entſchei⸗ dung!“ „Und ich habe ſie gegeben!“ fügte Wolfhilt feſt hinzu.„Ich erkläre Richard von Streitberg für meinen Verlobten!“ Frotolf ſchwieg einen Augenblick.—„Das iſt ſehr ſelbſtändig gehandelt!“ entgegnete er dann. „Einer mindeſtens lebt doch, der dabei ein Wört mitzuſprechen hätte?“ „Kommſt Du von meiner Mutter? Wo iſt ſie? Zu Hauſe? Ich will zu ihr, Du ſollſt mich noch dieſe Nacht zu ihr geleiten!“ „Ich komme nicht von ihr, ſondern von bert. Er iſt als das Haupt Deiner Familie an⸗ zuerkennen, und ſeinem Worte wirſt Du Dich— fügen müſſen. Er läßt Dir ſagen, Du mögeſt bleiben, wo Du biſt, und zwar durchaus ver⸗ borgen— bis er über Deine Zukunft entſcheiden werde.“ „Ueber meine Zukunft,“ entgegnete Wolfhilt, indem ſie ſich ſtolz empor hob—„hat nicht er zu entſcheiden, ſondern der, welcher vor Dir ſteht, Richard von Streitberg, mein Verlobter!“ 309 „Hm!— Laſſen wir das bis auf morgen. Fürs Erſte wirſt Du Norberts Gebote folgen und—“ „Welche Macht will Norbert ſich über mich anmaßen? Da ich ihn noch nicht kannte, flog ihm, dem Bruder, mein ganzes Herz entgegen, jetzt, da ich ihn im Dome geſehen, ſeine Worte gehört habe, kommt es vor ihm über mich wie Eiſeshauch, mir iſt als müßte ich mich weit von ihm entfernen. Es ſcheint als wolle das, was er mir durch Dich ſagen läßt, mein Gefühl recht⸗ fertigen.— Wo iſt die Mutter, ich will zu ihr, begleite mich!“ „Im Haidethurm iſt ſie nicht, Du würdeſt ſie vergeblich dort ſuchen.— Ritter Streitberg, Ihr werdet die Güte haben, Euch nach Hauſe zu begeben.“ „Ich bin zu Hauſe! Hier habe ich Quartier genommen. Ihr etwa auch?“ In dieſem Augenblicke hörte man ein Ge⸗ räuſch, als ob Jemand mit einem Stocke heftig gegen eine Holzwand ſchlüge. Gleich darauf wurde eine kleine im Dunkeln liegende Thür, welche nach 310 dem Hofe hinaus führte, geöffnet und herein trat Gundofara. Frotolf eilte auf ſie zu mit den Worten: „Warum bleibt Ihr nicht, Gundofara, wo ich Euch gerathen, und wo Ihr zu bleiben ſelbſt vorgezogen hattet?“ Wolfhilt aber ſtürzte mit dem Ausruf:„Mutter! Mutter!“ zu Gundofaras Füßen. Die Alte ſtand in der Nähe des Tiſches, auf welchen Walram die Lampe geſetzt hatte, und das, wenn auch nur matte Licht der letzteren, ſetzt uns in den Stand, Gundofaras Geſichtszüge etwas näher zu betrachten. Es war mit derſelben eine merkwürdige Veränderung vorgegangen, die hef⸗ tigen Gemüthsſtürme des letzten Tages ſchienen das Feuer ihrer Augen aufgebrannt, und nur eine irre dämoniſche Gluth übrig gelaſſen zu haben. Die ſcharf geſchnittenen Züge waren erſchlaffter als ſonſt, nur ein Zucken um die Mundwinkel ſchien anzuzeigen, daß eine innere Energie der Ermattung noch Einhalt zu thun ſuche. Aber ſogar ihre Geſtalt erſchien gebeugter, und in ihrer ganzen Erſcheinung machte ſich eine Hinfälligkeit geltend, daß man ſie für zehn Jahr älter, als ſie — — 311 war, hätte halten können. Sie ſtützte ſich auf ihren Stock, und indem ſie ihre Blicke von ihrer Tochter zu dem jungen Ritter ſchweifen ließ, ſagte ſie mit tonloſer Stimme: „Der alſo! Ihm biſt Du nachgegangen! Ich hätt' es vorher wiſſen können! Ja wohl, es mußte ſich Alles von mir wenden, um zu meinen Feinden überzugehen!“ „O, Mutter!“ rief Wolfhilt,„ich gehe mit Dir zurück, verzeih' mir! Richard iſt nicht Dein Feind! Nicht ihm bin ich nachgegangen, ſondern um für die Rettung Norberts thätig zu ſein, hat mich Frotolf hierher geleitet. Ich wußte durch Frotolf—“ „Du alſo wußteſt darum?— Es iſt genug! Denkſt Du, der Ritter da wäre nicht unſer Feind?“ „O Mutter, wie könnte er das? hat er nicht Norbert und Dich ſelbſt aus dem Kerker ge⸗ rettet?“ „Und nun? Was wird er nun beginnen?“ Richard ergriff das Wort und ſagte mit aller Ehrerbietung: „Ihr ſeht mich für Euren Feind an, Frau Gräfin, und doch bin ich's niemals geweſen. Im Gegentheil wünſchte ich Euch zu überzeugen, daß ich es freundlich mit Euch meine. Ich liebe Wolfhilt, Eure Tochter— Gundofara, gebt mir Eure Tochter zum Weibe!“ „Zum Weibe?“ erwiderte Gundofara einiger⸗ maßen erſtaunt.„Iſt's ſo gemeint? Ihr wollt ſie heirathen?“ „Wollt Ihr ſie mir verweigern? Gebt Eu⸗ ren Segen, vergeßt, was geſchehen iſt, wie wir vergeſſen werden, geht mit uns und ſeid unſre Mutter!“ „Vergeſſen wollt Ihr— das wäre verzeihen? Soll es denn heutzutage keine Vergeltung geben, ſondern nur ſchwächliche Verzeihung? Hm— Ihr ſteht wenigſtens nicht als ein— Betbruder, ein Mönch, ein Pfaffe vor mir, ſondern als ein Edelmann, ein Ritter! Ihr könntet Euer Schwerdt brauchen, Ihr könntet Thaten ausführen— habt's auch wohl bewieſen— und wenn Ihr verzeihen wollt, ſo iſt das etwas Anderes! Faſt möchte man's groß nennen!“ 313 „Werthe Frau— gebt mir die Hand zur Verſöhnung, laßt mich Euren Sohn ſein!“ „Weg! Ruhig! Ich will keinen Sohn mehr! Was ſagt das Mädchen da?“ „O Mutter!“ „Du willſt ſein Weib werden?“ „Ja, Mutter, ich will's!“ „So— geh und werde es!“ „Laßt mich Eure Hand küſſen!“ rief Richard erfreut aus, die Alte aber wehrte ihm, als er ihre Hand ergreifen wollte, und entgegnete: „Die Hand, welche Euch den Tod geben wollte, werdet Ihr nicht küſſen! Könnt Ihr ver⸗ geſſen, ſo kann ich's doch nicht. Euch kann ich verzeihen, Ihr habt nichts mit meinen Feinden gemein, aber Ihr ſteht nahe bei ihnen, und ihnen kann ich nicht verzeihen. Nehmt die da hin, ſie iſt aus einem guten Geſchlechte und bringt Euch einen ehrenvollen Namen mit, weiter aber auch nichts. Geht denn und lebt 142 Weiſe, mir aber laßt die meine!“ 314 „O geht mit uns, werthe Frau! Wir wollen Euch ehren, wie es einer Mutter ge⸗ bührt!“ „Ihr könnt's nicht, ſag' ich Euch, Ihr könüt's nicht! Und wenn Ihr's könntet, ſo kann ich's nicht mit anſehen. Laßt mich zurück in meinen Thurm!“ „Mutter, ich folge Dir, bleibe bei Dir, bis Richard mich zum Altare abholt!“ „Soll ich Euch Diener mitſenden, kann ich ſonſt etwas für Euch thun? Redet, befehlt!“ „Nichts, gar nichts! Ich bitte Euch, macht mir das alte Gemäuer draußen nicht auch noch verhaßt! Dort will ich allein ſitzen und ab⸗ warten, bis meine Feinde das Verhängniß ereilt. Einer iſt gefallen, ich hielt ihn in den Armen und ſchrie ihm eine letzte Verwünſchung in die Ohren, als ſeine ſchwarze Seele zur Hölle fuhr!“ „Was iſt geſchehen? Wen meint Ihr?“ „Ihr werdet's erfahren. Jetzt laßt mich gehen. Du, Mädchen, wirſt mir nicht folgen, und Ihr, Ritter, werdet mir Niemand ſenden! Beim erſten Schritt, den ein Anderer in meinen 315 Thurm thut, gehe ich heimlich davon ins Gebirge, in die Felſen, oder— ſonſt wohin. Ich habe heut auf meinen Sohn verzichten gelernt, wie werd' ich nicht auf das Mädchen da verzichten tönnen? Geht! Lebt ſo gut Ihr zuſammen könnt, ich will's Euch wünſchen, aber von mir müßt Ihr für immer geſchieden ſein!“ Sie wandte ſich und that einen Schritt auf die Thür zu. Da aber ſtürzte Wolfhilt auf ſie zu, ergriff ihre Hand und rief mit überwallendem Herzen: „Mutter, Mutter! Bin ich Dir denn gar nichts mehr? Spricht in Deinem Herzen keine Stimme für Deine Tochter?— Ach, ich kann Dich ſo nicht laſſen! Sprich— erfinde ein Wort der Liebe zum Abſchied, lüge mir's vor, daß Du mich ſchwer vermiſſen werdeſt, ich beſchwöre Dich— gehe nicht ſo kalt, ſo fremd von mir! Wollteſt Du nur meine Mutter bleiben— o Gott, keine treuere Tochter ſollte es auf der Welt geben, als die Deine!“ Gundofara erbebte bei dieſen ſchmerzlich aus⸗ gerufenen Worten ihrer Tochter. Sie ließ ihr 316 Haupt auf die Bruſt ſinken, der Stab fiel aus ihren Händen, ein ſchwerer Seußer drang aus ihrer Bruſt, und ſie ſchien es zu geſtatten, daß Wolfhilt ſie mit Heftigkeit in die Arme ſchloß und laut ſchluchzend an ihrem Halſe hing. „Sei ruhig, mein Kind,“ ſagte ſie darauf, „nimm Deine Kraft zuſammen! Du biſt dennoch meine Tochter, ſollſt es immer ſein, aber— mit Euch leben kann ich nicht. Der Menſchen Art iſt verſchieden geworden von der meinen, ich würde in Eurer Nähe nicht gut thun.— Ritter, jetzt gebe ich Euch ſelber die Hand! Ich weiß, Ihr werdet immer ein Mann ſein, und ſo kann ich mit Zufriedenheit an Euch denken. Aber das Maal da auf Eurer Stirn— es wird ſich vernar⸗ ben, es wird vielleicht nichts davon ſichtbar blei⸗ ben, trotzdem würde ich es immer ſehen, und Ihr habt mich ſchon ſo weit gebracht, daß ich es nicht gern ſehen möchte. Aber weiter ſoll's nicht mit mir kommen! Nehmt denn mein Kind, haltet es gut, es geht mit Euch vielleicht einem beſſern Schickſal entgegen, als mit mir. Und jetzt laßt mich gehen— ruhig, ich befehl's! Niemand folge 317 mir! Frotolf, Du gehſt Deiner Wege, mit Dir habe ich nichts zu ſchaffen, und gehſt Du mir auf meinem Wege zum Thurme nach, ſo ſpringe ich in den erſten beſten Bach!“ Mit dieſen Worten wandte ſie ſich, gab ihrer Tochter, die ihr mit flehender Geberde folgte, einen gebietenden Wink zurückzubleiben, während Richard Frotolf am Arme zurück hielt. Frotolf wußte ſich loszureißen und wollte zur Thür hinauseilen, Ri⸗ chard aber ſchloß dieſelbe ſchnell und ſteckte den Schlüſſel ein, da er Gundofara zutraute, daß ſie ihre Drohung zur Wahrheit machen werde. Der Zurückgehaltene ſchoß einen wüthenden Blick auf den Ritter, welchem letzterer jedoch keine Beachtung ſchenkte, ſondern ſich ſeiner Braut zuwendete, die ſich weinend von ſeinen Armen umſchlingen ließ. „Richard!“ ſagte ſie mit halb erſtickter Stimme,„nun habe ich auf der weiten Gottes⸗ welt nur noch Dich allein!“ „Und ich werde Dir Alles ſein, Geliebte!“ entgegnete Richard.„Unſere Liebe wird uns Freude und Glück bringen, denn ſie iſt unter Drangſal und Schmerzen aufgewachſen!“ Es hatte nicht fehlen können, daß der Zuwachs von Stimmen, welche hier inzwiſchen laut geworden, den Meiſter Walram längſt wie⸗ der auf die Treppe gelockt hatte, zumal da die beiden alten Damen, welche ab und zu lauſchend auf der oberſten Stufe ſtanden, ihn auf die eigen⸗ thümliche Scene in der Werkſtätte aufmerkſam gemacht hatten. Auch jetzt ſtand die ſchützende Trias auf der Treppe, und zwar, da die Ent⸗ wickelung des Auftrittes ſie demſelben von Mi⸗ nute zu Minute einen Schritt näher gebracht, bereits auf der unterſten Treppenſtufe. Richard, welcher ſie bemerkte, führte den Frauen ſeine Braut entgegen. „Noch kurze Zeit,“ ſagte er,„gebe ich ſie in Eure Obhut, werthe Frauen, bald denke ich ſie zum Altare abzuholen! Gute Nacht, Geliebte!“ Die Frauen führten Wolfhilt hinauf und fanden, trotz der ſichern Vorausſicht deſſen, was ſich ereignet hatte, und trotz der nächtlichen Stunde, noch genug der Worte, ihr Erſtaunen und ihre Freude darüber auszudrücken, daß ihr Schützling nun des Ritters Braut ſei. Eine 319 Verlobungsgeſchichte hat nun einmal für Frauen ein unendliches Intereſſe, und ſo mußte Wolfhilt noch lange Zeit den theilnehmenden Damen ein williges Ohr heucheln. Richard aber wandte ſich, während die Frauen den Raum verließen, an Frotolf und ſagte: „Ihr werdet die Güte haben, die Nacht ebenfalls in Meiſter Walrams Hauſe zu bleiben. Gundofara wünſcht Eure Geſellſchaft nicht, und ſonſt werdet Ihr zu dieſer nächtlichen Stunde keine Geſchäfte draußen haben. Steiget hinauf in das Giebelzimmer und nehmt mein Lager ein, ich werde hier unten in der Schmiede ein Unter⸗ kommen finden. Da hängt ein Mantel am Na⸗ gel, Meiſter, der ſoll mir für die Nacht genug ſein. Und nun gute Racht, es muß bald Morgen ſein, drum bis Eure Knechte aufſtehen und zu hämmern anfangen, laßt uns noch eine Stunde ruhen.“ „Ritter Streitberg,“ entgegnete Frotolf,„Ihr wißt mit großer Kühnheit den Herrn zu ſpielen! Ich würde mich Euren Anordnungen aber gewiß nicht ſo willig fügen, wenn ich nicht— für jetzt 320 meine Gründe dazu hätte. Gute Nacht denn! Kommt, Meiſter, führt mich hinauf!“ Auch Walram und Frotolf ſtiegen hinauf, und Richard nahm des Meiſters Mantel von der Wand, ſetzte ſich eingehüllt in denſelben auf einen Schemel an den Tiſch, der voll kleiner Waffen⸗ ſtücke lag, und indem er den Kopf auf die Hand ſtützte, erwartete er, daß der Schlaf ſich einſtellen werde. Dieſer aber zögerte lange. Ein ereigniß⸗ reicher Tag war an Richard vorübergegangen, hatte die verſchiedenartigſten Regungen in ihm geweckt und ſein Blut in fortdauernd lebhafter Bewegung erhalten, ſo daß dieſes ſich nicht ſo leicht beruhigen zu wollen ſchien. Wie hätte auch das Ende dieſes Tages, die Stunde, welche ihm den dauernden Beſitz der Geliebten zugeſichert hatte, ſein Herz ſo leicht zur Ruhe kommen laſſen können! An dieſe beglückende Stunde knüpfte ſich eine lange Reihe von Gedanken. Richard war ein junger Ritter, der außer ſeinem Schwerdt und ſei⸗ nem Roß über kein Eigenthum verfügen konnte, und der Alles, was er bisher beſeſſen, allein der Gnade des Kaiſers zu verdanken hatte. Dieſe —— traurige Wahrheit mußte ihm in dieſem Augen⸗ blick um ſo ernſter ans Herz treten, da er ſich der Geliebten, welche ſich in ähnlicher Lage befand, ſo bald als möglich zu vermählen wünſchte. Er wollte ſie der äußern Hülfsbedürftigkeit entreißen und ſah doch in ſeinen eigenen Verhältniſſen keine Möglich⸗ keit dafür. Den Gedanken, ſeinen Oheim, deſſen Erbe er einſt werden konnte, ins Geheimniß zu ziehen, verwarf er, weniger bedenklich aber ſchien es ihm, ſich dem Kaiſer, dem er ſich mannigfach verpflichtet hatte, offen anzuvertrauen. Es iſt wohl hier der Ort, das Verhältniß unſres jungen Freundes zu ſeinem Kaiſer in eini⸗ gen Worten näher zu beleuchten. Daß ein Jüng⸗ ling von Richards Sinnesreinheit und einfacher Offenheit des Charakters, ſich einem Heinrich V. nicht menſchlich nahe fühlen konnte, bedarf kaum der Verſicherung. Heinrichs Kämpfe mit ſeinem Vater waren noch friſch in Aller Gedächtniß und in dem Munde Vieler, während jedes Jahr ſeiner Regierung, ſelbſt die letzten, Handlungen von ihm ſahen, die wenig geeignet waren, ihm Zuneigung zu verſchaffen. Vielfach hatte er, wie wir oben 21 322 des weitern erzählt haben, mit Parteien zu käm⸗ pfen, eine Partei aber hatte immer an ihm ge⸗ halten, diejenige, welche, wenn er für ſie auch kein Anziehungspunkt ſein mochte, ihn doch als den Repräſentanten des Königthums, welches durch alle Verhältniſſe hindurch zu unterſtützen ſei, anſah. Dieſe Partei war in den letzten Jahren zum herr⸗ ſchenden Zeitgeiſt geworden, welchen hauptſächlich die jüngere Generation vertrat, und welcher ſich bald, im Vergleich zu jener Zeit allgemeiner Par⸗ teiungen, als der votzüglichere gezeigt hatte. Um wie viel mehr mußte Richard davon durchdrungen ſein, da er ſich an der Seite des kaiſerlichen Neffen, Konrads von Hohenſtaufen, ſeine erſten Sporen verdient, und bald darauf ſo große Fortſchritte in der Gunſt des Kaiſers gemacht hatte. Weit davon entfernt, alle Handlungen ſeines Fürſten zu billigen, ſah er ſich doch täglich durch neue Beweiſe von Zuneigung an die Perſon deſſelben gefeſſelt, zumal ſeine Argloſigkeit und Unbefangenheit ſelten weiter zu ſehen vermochte, als ſein Gebieter ihn ſehen laſſen wollte. Es mußte ein Funke des beſſern ſittlichen Elementes noch verborgen in Heinrich V. 323 glimmen, der ihm die makelloſe Geſinnung Richards verſtändlich machte, und ihn vielleicht an ſein eignes verlornes beſſeres Theil ge⸗ mahnte. Wir müſſen dies annehmen, um die vielfachen Beweiſe von Zuneigung, welche er für Richard an den Tag legte, erklären zu können. Obwohl vielfach abgeſtoßen, wähnte Richard trotz⸗ dem doch ſtets die edlere Seite ſeines Gebieters wieder zu finden, und trug daher keine Scheu, ihm, wie er ihn als ſein unbedingtes Oberhaupt anerkannte, auch perſönlich Vertrauen und An⸗ hänglichkeit zu ſchenken. So gab ihm dieſer Ge⸗ danke endlich eine Beruhigung, und er beſchloß ſchon morgen dem Kaiſer ſein Herz aufzuſchließen. Bunte Traumbilder bewegten ſich vor ſeinen halbwachen Sinnen. Bald ſah er ſich im Haide⸗ thurme, bald in einem ſchönen ſonnigen Thale mit der Geliebten, bald im Kampfe mit Arns⸗ berg, bald vor dem Vehmgerichte, bald im Kerker und bald in den klöſterlichen dunklen Gängen der biſchöflichen Reſidenz. Immer wieder fuhr er aus dem Halbſchlummer empor, ſah die Lampe zu einem nur noch glimmenden Dochte ſchwinden, und hüllte 324 ſich fröſtelnd und ſchlafſuchend dichter in den Man⸗ tel. Endlich nach einer Stunde fand er erquicken⸗ den Schlaf, und wir gönnen ihm die kurzen Ruhe⸗ ſtunden, bis Meiſter Walrams Cyklopen ihn mit ihrem lärmenden Tagewerke wecken. Elftes Kapitel. Der erſte Gang, welchen wir am nächſten Morgen thun, iſt nach dem Kaiſerpalaſte. Es iſt früh um ſieben Uhr, aber ſchon ſteht Jemand im Vorgemache des Kaiſers am Fenſter und ſtarrt in den Nebeldunſt hinaus, der die Straßen der Stadt erfüllt. Es iſt Gottfried von Kappenberg, welcher des Kaiſers zu ſo ungewöhnlicher Stunde harrt. Ein Kämmerer erſcheint darauf mit der Nachricht, daß der Kaiſer eben aufgeſtanden ſei, und den Grafen empfangen wolle. Gottfried wird in das Empfangzimmer geführt, und zehn Minuten darauf tritt der Kaiſer ein. „Nun, Kappenberg?“ nimmt der Kaiſer das Wort—„Ihr kommt mit einem Geſicht, ſo —————— 326 trübſelig wie der graue Nebelmorgen, der draußen liegt?“ „Es ſcheint,“ entgegnete Gottfried,„daß ich auserſehen bin, Euch immer die ſchrecklichſten Nach⸗ richten überbringen zu müſſen, gnädiger Herr!“ „Nun? Es hat ſich noch mehr zugetragen, als ich ſchon weiß?“ „Der Graf von Arnsberg iſt— todt!“ „Iſt todt!“ wiederholte der Kaiſer.—„Hm! Da hat mir der Tod das Richteramt abgenom⸗ men! Ich habe einen mächtigen Bundesgenoſſen an ihm— Arnsberg wird uns alſo nicht mehr in den Weg treten!— Todt!— Ich weiß nicht was es iſt, daß mich der Tod meines Erzfeindes ergreift, als hätte ich einen Verluſt zu beklagen.“ „O gnädiger Herr—“ „Soll ich noch mehr erfahren?“ „Der Graf iſt keines natürlichen Todes ge⸗ ſtorben!“ „Ermordet? Hat er ſich ſelbſt das Leben genommen?“ „Erlaubt mir, gnädiger Herr, daß ich Euch den Hergang erzähle. Ihr erinnert Euch, daß der 327 Graf geſtern Abend wie von einem böſen Geiſte geiagt aus dem Saale ſtürzte. Der allgemeine Aufbruch ließ im Augenblick die Frage, wo er ſich hingewendet, nicht aufkommen, und erſt, nach⸗ dem das Schloß ſich geleert hatte, begann ich Nach⸗ forſchung nach ihm zu halten. Das ganze Schloß wurde durchſucht, und nach einer Stunde vergeb⸗ lichen Nachfragens und Forſchens, erzählte der Pförtner, er habe geſehen, wie vier Geſtalten einen Fünften, Größern, durch das Burgthor auf die Zugbrücke geſchleppt hätten. Dort habe der letz⸗ tere ſich losreißen wollen, und es ſei ein grauen⸗ haftes Ringen entſtanden, bei welchem die ganze Gruppe in Gefahr geweſen in den Abgrund des Schloßgrabens zu ſtürzen. Endlich hätten die vier Andern den Fortgeſchleppten bewältigt, und wie es geſchienen, gebunden, und wären dann mit ihrer Beute fo ſchnell als möglich über die Brücke und den Berg hinunter geflohen. Der ganze Vor⸗ gang war, wie der Thorwärter behauptet, ſo ent⸗ ſetzlich, daß er nicht gewagt, ſich von der Stelle zu rühren. Eine ſchreckliche Vermuthung ging mir auf, ich ließ ein Dutzend Knechte mit Fackeln —2 ausrüſten, und eilte an ihrer Spitze von der Burg hinab, um die Gegend zu durchſuchen. Wir zogen durch den Wald, zerſtreuten uns nach allen Seiten hin, und als ich mit einem Diener an das Ufer der Alme gelangt war, hörte ich an einer ſchilf⸗ reichen Stelle, wo ein Fußſteig vorüberleitet, eine Weiberſtimme, welche uns mit gräßlichem Ge⸗ lächter zurief: Kommt hierher mit den Fackeln, wenn Ihr den ſucht, deſſen Seele zur Hölle ge⸗ fahren! Entſetzt eilte ich zur Stelle, leuchtete, und erkannte jene Alte aus dem Haidethurme, welche neben der Leiche des Grafen Arnsberg am Boden ſaß. Im erſten Augenblick war ich ver⸗ wirrt genug, dem Weibe ſelbſt den Mord zuzu⸗ trauen, ſchon aber rief ſie uns entgegen: Meint Ihr, ich hätte das Unthier erſtochen? Wenn ich's gethan, würd' ich mich deſſen rühmen! Ihrer Vier waren's, Diener des Vehmgerichts, da ſtecken die Zeichen!— Ich unterſuchte die Stelle und fand vier blutige Dolche, welche an einen Weiden⸗ ſtamm geſpießt waren. Ein Strick, der um den Hals des Grafen geſchlungen war—“ „Fürchterlich!“ rief der Kaiſer, die Erzählung 329 unterbrechend, indem er aufſprang und im Ge⸗ mach auf und nieder ſchritt. Eine Eiſeskälte durchſchauerte ihn und ein Gedanke durchzuckte ſeine Seele, den er noch nie gedacht, der aber plötzlich mit kalter Fauſt an ſein Herz griff, der Gedanke: Wenn dies Gericht auch Dich ereilte! — Nur einige Angenblicke triumphirte dieſer Ge⸗ danke über ſeine Faſſung, ſchnell ſammelte er ſich wieder, und indem er ſich wieder niederließ, ſagte er:„Kappenberg, ſeid Ihr überzeugt, daß dies eine Execution des Vehmgerichts war?“ „Die Anzeichen ſind untrüglich!— Ich fand, indem ich die Leiche unterſuchte, vier tiefe Wun⸗ den in der Bruſt, dieſe hatten das Opfer wahr⸗ ſcheinlich noch nicht getödtet, und ſo wurde ſeinen Qualen durch den Strick ein ſchnelles Ende ge⸗ macht.“ „Und die Alte, hat ſie's mit angeſehen?“ „Sie behauptet, ein„Gebrüll“ gehört, ſich herbei geſchlichen, und dann geſehen zu haben, wie vier Vermummte ihre Dolche in den Weiden⸗ ſtamm gehauen und dann nach verſchiedenen Sei⸗ ten entflohen ſeien. Erinnert Ihr Euch, gnädiger Herr, jener Geſtalt, welche geſtern Abend im Saal, wie aus dem Boden gewachſen, ihre Hand gegen den Gräfen erhob und wieder verſchwand?“ „Ich ſah ſie, vergaß ſie aber über Norberts Angelegenheit.“ „Ich wollte einen der Dolche zu näherer Betrachtung aus dem Weidenſtamme ziehen, un⸗ terließ es aber auf die flehentlichen Bitten der Diener, welche behaupteten, daß die Berührung einer Waffe der heiligen Vehme unabwendbares Unheil bringe. Heut früh brachte mir einer der Knechte die Nachricht, daß die Dolche verſchwun⸗ den ſeien, das Gericht habe ſeine Warnungszeichen wieder abgeholt.“ „Es iſt ein ſtrenges Gericht,“ ſagte Heinrich nach einer Pauſe. Aber ich habe ſeine Gerecht⸗ ſame und Einrichtungen, wie meine Vorgänger, beſtätigt, und muß nun ſeine Ausübung gut heißen!“ „Muß ich, deſſen Haus dadurch ſo tief ver⸗ wundet worden iſt, doch ſelbſt eine Macht billi⸗ gen, die mit ſo grauenhafter Strenge zu Werke geht. Arnsberg war mir niemals freundlich geſinnt, aber mein Weib iſt ſeine Tochter. Hatte ſie und ihre Schweſter Luitgart auch viel von dem rauhen Manne zu leiden, ſo war er doch ihr Vater, und das Gefühl der Kindesliebe muß bei einem ſo furchtbaren Falle wohl mit verdoppelter Ge⸗ walt hervorbrichen, um ſo mehr, als ihm in der letzten Zeit ſo vielfach Gewalt angethan wurde.“ „Ich glaub's. Die Sache wird weit umher Aufſehn machen. Einer der wildeſten und am meiſten aufrühreriſchen Vaſallen, von der heiligen Vehme gerichtet!“— Heinrich ſprach dieſen Satz nicht zu Ende wie er ihn gedacht hatte. Er ſah den großen Vortheil, welchen er, der Kaiſer, durch dieſen Akt der heimlichen Gerichtsbarkeit gewann, denn ſo⸗ wohl der einzelne Fall, als die allgemeine Scheu, mußte unter ſeinen ihm feindlichen Vaſallen von der größten Wirkung ſein. Ueberdies konnte er nicht umhin zufrieden damit zu ſein, daß ihm das Richteramt in dieſem bedenklichen Falle vor⸗ weg genommen worden war, denn die Strenge, mit welcher er gegen Arnsberg zu verfahren ge⸗ dacht, hätte vielleicht zu neuen Mißverhältniſſen unter den Genoſſen deſſelben führen können. „Kappenberg,“ fuhr Heinrich fort,„glaubt Ihr, daß der Biſchof Theil hat an dem Ver⸗ brechen Arnsbergs?“ „Wenn Ihr mich fragt, ob ich es glaube, gnädiger Herr, ſo kann ich darauf mit Ja ant⸗ worten, Beweiſe für die Gewißheit kann ich aber freilich nicht beibringen. Dürfte ich, gnädiger Herr, ſo kühn ſein, Euch in dieſer Sache einen Rath zu ertheilen?“ „Nun? Was rathet Ihr?“ „Die Sache nicht zu unterſuchen, ſondern, da Norbert gerettet iſt, das Uebrige auf ſich be⸗ ruhen zu laſſen!“ „Hm! Das wäre von Eurem Standpunkte aus vielleicht gut, von dem meinigen iſt es nicht ſtatthaft.“ „Der Biſchof iſt genug gedemüthigt. Jeder⸗ mann bringt ihn mit dem Verbrechen in Verbin⸗ dung, er ſieht ſich in ſeinen geheimen Schlichen entdeckt, verachtet, um ſeine hochfliegenden Pläne iſt es für immer geſchehn. Ueberdieß iſt er krank.“ 333 „Und würde wahrſcheinlich, wie geſtern, auf meinen Befehl geſund ſein!“ „Gnädiger Herr, ich hörte durch meinen Reit⸗ knecht Heribald ſchon von dem was geſtern vor⸗ gegangen. Der Biſchof war wirklich krank, und nur nachdem er ſich durch ſeines Neffen Hülfe einigermaßen erholt hatte, konnte er Eurem Be⸗ fehl nachkommen, gleich nach der feierlichen Hand⸗ lung aber verfiel er wieder in den bedenklichſten Zuſtand. Erlaubt Ihr, gnädiger Herr, daß ich mich zu ihm verfüge, und Euch dann über ſeine Lage berichte?“ „Thut das, wenn Ihr wollt. Was an Ge⸗ ſchäften ſonſt noch drängt, muß heut und morgen abgethan werden, denn übermorgen früh verlaſſe ich die Stadt. Wenn Ihr zu Norbert geht, ſo ſchickt ihn mir, ich habe noch mit ihm zu ſprechen. Laßt mir aber wo möglich den Abt vom Halſe. Auf Wiederſehn!“— Wir verlaſſen hierauf mit Gottfried von Kap⸗ penberg den Kaiſerpalaſt und nehmen mit ihm den Weg nach der biſchöflichen Reſidenz, nicht aber in die Gemächer des Biſchofs, ſondern in — das ſich daran ſchließende Kloſtergebäude, wo Nor⸗ bert nach dem beendeten geſtrigen Hochamte vor⸗ gezogen hatte, ſeine Wohnung zu nehmen. An dem Fenſter einer öden kahlen Kloſter⸗ zelle ſtand Norbert und ſah hinaus auf den Hof. Er hatte die Arme untergeſchlagen und ſchien tief in Gedanken verſenkt, als leiſe an die Thür ge⸗ pocht wurde. „Ave Maria!“ rief Norbert, und Frotolf trat herein. Als er Norbert erblickte, ſtürzte er vor ihm auf die Knie und rief:„Du biſt frei, Norbert! Ge⸗ benedeit ſei die Gnade Gottes! Ach warum durfte ich es nicht ſein, der Dich befreite! Doch Du biſt frei, und kannſt Dein Gotteswerk nun vollenden!“ „Ich bin frei! Aber ſteh' auf. Frotolf“ ſagte Norbert.„Vor allen Dingen nun— wo iſt meine Mutter?“ „Wahrſcheinlich in ihrem Thurme!“ entgeg⸗ nete Frotolf. „Du weißt es alſo nicht gewiß?“ „Ich glaube es annehmen zu dürfen.“ „Wann ſahſt Du ſie zuletzt?“ 335 „Geſtern Nacht in der Schmiede Walrams, als ſie die Verlobung ihrer Tochter beſtätigte.“ „Wolfhilts? Was ſoll das? Mit wem?“ „Nun mit wem anders, als mit dem Junker Streitberg!“ „Mit dem? Daraus kann nichts werden, Wolfhilt ſoll ins Kloſter!“ „Sie hat etwas von der Art Gundofaras, gegen ihren Willen wirſt Du wenig ausrichten können. Und nun gar der Burſche von Ritter! Er hat mir Nachts den Ausgang verſperrt, weil Gundofara nicht wollte, daß ich ihr folgen ſollte, und ſo habe ich in der Schmiede bleiben müſſen. Wahrhaftig, hätten wir dem Fant nicht Deine Rettung zu danken, ſo ſollte ihm ſeine Rolle als Diener der Vehme übel bekommen!“ Norbert that einen Schritt gegen Frotolf, ſah ihm feſt in die Augen und ſagte:„Frotolf, ich habe Dich geſtern auf der Wevelsburg erkannt! Was iſt geſchehen?“ „Haſt Du mich erkannt, ſo ſchweige! Rach dem was geſchehen iſt, frage nicht!“ 336 „Ich will es wiſſen! Was iſt's mit Arns⸗ berg?“ „Er liegt!“ „Unſeliger! Das thateſt Du?“ „Mit drei Gewählten. So war's uns vor dem Freiſtuhl zu Dortmund befohlen. Sein Le⸗ ben war verwirkt.“ „Gott im Himmel! Nennt Ihr das Gericht?“ „Du darſſt's nicht tadeln— es iſt gerecht!“ „Und habt Ihr mehr Opfer auserſehen? Ha— der Biſchof! Rede— iſt's um ihn ge⸗ ſchehn?“ „Noch nicht!“ „Noch nicht? Aber es ſoll ſo ſein? Frotolf, ich beſchwöre Dich, laß ab davon!“ „Du brauchſt mich nicht mehr zu beſchwören, ich habe meine That gethan und will damit fertig ſein. Mag aus dem Biſchof werden, was da will! Ich trete in Deinen Orden, und ſcheide aus jenem— doch auch er iſt heilig, denn er iſt gerecht!“.* Norbert ſchwieg und trat nachdenklich an das Fenſter. Nach einer langen Pauſe ſagte er: 337 „Haſt Du der Mutter die letzte Gabe ge⸗ bracht?“ „Ich legte das Röthige in Ragnachars Hände, er iſt treu und wird es für Gundofaras Unter⸗ halt verwenden. Es reicht auf lange Zeit.“ „Die arme Mutter! Daß wir uns im Ge⸗ fängniß wieder finden mußten!— Und doch, der Ort war gleichgültig— wenn ich nur etwas über ihren Charakter vermocht hätte! Sie iſt zu be⸗ dauern, und dennoch muß ich ſie fürchterlich nen⸗ nen! Wäre ihre Natur weniger wild, ſie hätte glücklicher ſein können. Ich hätte ſie ſo gern der ſtillen Ruhe eines Kloſters anvertraut— ich hoffe es noch zu erreichen, wenn auch mit großer Mühe! Sie hat mich als ihren Sohn verworfen— will nichts von Gott, Glauben, Kirche und deren Die⸗ nern wiſſen, ihr Herz iſt völlig verſtockt. O, wenn noch eine Spur von Mutterliebe in ihr iſt, ſo wird dieſe meine 4, That ſie wohl gar verlöſchen, denn ich muß ih ihr noch einen großen Schmerz bereiten!“ „Was haſt Du vor?“ „Der Kaiſer hat mir die Bitte gewährt, eine 22 — 338 Kirche gründen zu dürfen. Ich habe einen paſſen⸗ den Ort für dieſelbe auserſehen. Gundofara be⸗ hauptet, daß jener Hügel in der Nähe des Haide⸗ thurms die Gebeine eines meiner Ahnen decke. Er war ein heidniſcher Fürſt, wie ſie ſagt, und oft hat ſie mich als Kind zu jenem Hügel ge⸗ führt, mir erzählt von den gen Thaten der ge⸗ ſtorbenen Heiden, meiner Väter. Dann pflegte ſie räthſelhafte Kreiſe um ein Feuer zu ziehen, Zauberſprüche zu murmeln und Geiſter zu rufen. Mein kindiſches Herz erbebte bei dieſem Treiben, und ſchaudernd wähnte ich die Geiſter meiner Ahnen durch die Gebüſche des Hügels ſ ſchlüpfen zu ſehen. Du erzählteſt mir ſpäter oft, daß ſie noch immer in dieſem verwirrten Treiben befangen ſei, heidniſche Gebräuche und Formeln dort anſtatt des Gebetes ausübe, und ich ſelbſt habe in den Stunden unſter Gefangenſ aft genug erfahren, was mir Deine Ausſage beſtätigt. Nun, liegen unter den Steinen jenes Hügels die Gebeine eines meiner Ahnen, ſo ſollen ſie fortan in geweihter Erde liegen, und ein chriſtlicher Altar ſoll die Stätte ſühnen, wo der Irrſinn ſein ſchreckbares 339 Weſen getrieben hat. Die Bäume des Hügels ſollen gefällt, die Felsſteine weggebrochen werden, und an ihrer Stelle erhebe ſich eine Kirche!“ Frotolf zögerte eine Weile, dann ſagte er: „Ich billige Deinen Plan— aber wird es Gun⸗ dofara überſtehen?“ „Sie wird es überſtehen! Wenn der letzte Gegenſtand ihrer Abgötterei und ihres Wahns ihr genommen iſt, wird ſie ſich endlich überwäl⸗ tigt und willig meinen Anordnungen fügen, und ſich mit ihrer Tochter in den Schooß eines fried⸗ lichen Kloſters bergen laſſen. Möglich, daß es ihr noch harte Kämpfe koſtet! Ich kann ſie ihr nicht erſparen, denn ich halte es für meine Fflicht, für ein Gotteswerk, jene Stätte durch ein Heilig⸗ thum zu weihen!— Frotolf, Du machſt ein ſehr bedenkliches Geſicht— biſt Du nicht meiner An⸗ ſichte⸗ „Was Gundofara und Wolffhilt betrifft— nein! Im Uebrigen billige ich Dein Vorhaben.“ „Laß alles Uebrige fallen vor dieſem einen Geſichtspunkte! Ich bin nicht gekommen Frieden zu bringen, ſondern das Schwerdt! ſagt der Hei⸗ 22 340 ——————— land, und auch mein Werk kann nicht auf dem ebenen Wege des Friedens fortſchreiten. Hat mich nicht Gott in Gefahr und Noth gebracht, und dann gerettet, damit ſein Wort den Sieg behalte? Iſt nicht ſchon mit Flammen und Schwerdtern dagegen gewüthet worden? Genug Frotolf, ich werde thun, was ich muß!— Geh und ſende Boten aus, daß die zerſtreuten Brüder unſres Oidens ſich womöglich auf morgen früh wieder ſammeln. Ich werde zum Kaiſer gehn und ihn einladen, morgen der feierlichen Einweihung jenes Platzes beizuwohnen. Inzwiſchen frage den Abt, ob es ihm gelegen ſei, ſich bald mit mir über das Nähere des Ordens zu beſprechen!“ Frotolf ging, und Norbert durchmaß lang⸗ ſamen Schrittes ſeine Kloſterzelle. Seine Züge waren blaß und fahl, und nur die Gluth ſeiner Augen verrieth das innere Feuer. Wie ſeine Ge⸗ ſichtsbildung viel Aehnlichkeit hatte mit der ſeiner Mutter und ſeiner Schweſter, ſo auch konnte der Grundzug ſeines Weſens die Familienähnlichkeit nicht verleugnen. Was bei Gundofara dämoniſche 4 Wildheit, Rachbegier, leidenſchaftlicher Haß gegen 341 Alles was ſie für feindlich hielt; bei Wolfhilt Energie des Willens, wiewohl in edlerer Form, war, das lebte in ihm als fanatiſcher Glaubens⸗ eifer. Er war überzeugt, durchdrungen von dem was er glaubte und erſtrebte, aber Alles was ſonſt das Herz erfüllt, mußte bei ihm vor dieſer Macht verſchwinden. Er liebte ſeine Mutter und ſeine Schweſter, aber ſie zu ſchonen, ihre eignen Regungen zu berückſichtigen, erſchien ihm als klein⸗ lich. Er hatte ſeinen Eifer, ſeine innere Gluth, trotz ſeiner Jugend, ſehr in ſeiner Gewalt, und wenn für gewöhnlich eine milde Ruhe in ſeinem Weſen lag, wenn er ſich vor dem Volke predigend der ganzen Macht ſeiner Empfindung überließ, ſo konnte er zu andern Zeiten mit ſolcher Energie über die Regungen ſeines Herzens gebieten, daß ſein Weſen wie dämoniſche Kälte und Fühlloſig⸗ keit ausſah. Doch nicht immer ſah es bloß ſo aus, oft war dies in der That die Aeußerung ſeines Weſens. Es lag ein Zug von Trotz und Hartnäckigkeit gegen Alles was ihm widerſtrebte in ihm, ein Zug, welcher mit ſeinem religiöſen innern Leben in keinerlei Uebereinſtimmung ſtand. 342 Norbert war ſelbſtändig und gebieteriſch, und je⸗ mehr ihm weltlicher Widerſtand entgegen trat, deſto heftiger wurde ſein Trotz und die Beharr⸗ lichkeit ſeines Willens. Da er Gundofara, wegen ihrer geringen Achtung für die Kirche, als unzu⸗ rechnungsfähig betrachtete, ſo ſah er ſich für das Haupt der Familie an, welches über die Mutter mit einiger Nachſicht, über die Schweſter aber durch⸗ aus ohne alle Umſtände zu entſcheiden habe. Fro⸗ tolf wußte dies ſehr wohl, und obgleich er am Abend vorher, als er Wolfhilt gegenüber behaup⸗ tete, von Norbert zu kommen, nichts weniger als die Wahrheit geſagt hatte, ſo hatte er doch die Anſichten deſſelben ſehr richtig ausgeſprochen. Daß Wolfhilt ſich mit Richard verbinden wolle, erſchien dem Bruder nicht bloß darum unſtatthaft, weil er Wolfhilt für das Kloſter beſtimmt hatte. Nor⸗ bert hatte nämlich gegen Richard, ſeinen Befreier, eine Regung, die faſt an Widerwillen grenzte. War es nun, daß das freie, friſche, jugendliche Weſen des hübſchen, jungen Mannes ihm als etwas weltlich Verwerfliches erſchien, oder war es Richards energiſche Entſchloſſenheit und Entſchie⸗ 343 denheit, welche ihn abſtieß, wir wollen es nicht zu ſchnell entſcheiden. Sehr oft aber fühlen ſich Charaktere nur darum von einander abgeſtoßen, weil ſie dieſelben Grundzüge in ihrem Weſen haben, nur daß dieſelben aus dem gemeinſamen Mittelpunkt in verſchiedene Strahlen auslaufen. Es giebt Menſchen, die ihr Spiegelbild nicht lei⸗ den mögen, wiewohl wir dies Gleichniß auf das Verhältniß Norberts und Richards in ganzer Aus⸗ dehnung durchaus nicht anwenden können.— Genug Richard war für den Mönch keine ange⸗ nehme Erſcheinung, es war ihm widerwärtig, daß er ſeine Rettung dieſem weltlichen jungen Manne hatte verdanken müſſen, der ſonſt mit ihm, ſeinem Orden, mit ſeinen übrigen Beſtrebungen gar nichts zu thun hatte, und auf den nun ein Theil jener Glorie fiel, welche er lieber einem ſei⸗ ner Bekenner gegönnt hätte.— Norberts Ein⸗ fluß auf die Gemüther der Menſchen war ſehr groß. Er hatte Gottfried von Kappenberg, Frau Judith und Luitgart vollkommen unter ſeine gei⸗ ſtige Herrſchaft gebracht, ja ſeine Perſönlichkeit hatte auf Richard, der in ſeiner Unbefangenheit 344 den Widerwillen Norberts nicht theilte, einen großen Eindruck gemacht.— Mit Gedanken über den jungen Ritter und Wolffhilt beſchäftigt, ſchritt Nor⸗ bert in der Zelle umher, als an die Thür ge⸗ pocht wurde. Norbert rief ſein Ave Maria, welches in Klöſtern ſo viel als„Herein“ bedeutet, aber zu ſeinem Erſtaunen trat ſtatt des Abtes— Richard von Streitberg in die Zelle. Sein Auge leuchtete, ſeine Wangen waren friſch geröthet, und mit freiem, liebenswürdigem Weſen reichte er Norbert die Hand entgegen, indem er ſagte: „Grüß Euch Gott, theuerſter Rorbert! Ich bin glücklich, daß ich Euch endlich unter vier Augen ſprechen kann!“ Norbert wies die ihm dargebotene Hand zu⸗ rück und ſagte kalt: „Was verſchafft mir die unvermuthete Ehre, den Ritter Streitberg in meiner Zelle zu ſehen?“ Richard war ein wenig betroffen über dieſe Begegnung, ſchrieb ſie aber der Würde des„Hei⸗ ligen“ zu, gegen welche ſein eignes weltliches Weſen verſtoßen habe. „Verzeiht mir,“ ſagte er,„wenn ich Euch in —6 einer frommen Betrachtung ſtörte, ich habe etwas ſo Wichtiges mit Euch zu ſprechen!“ „Will der Ritter von Streitberg ein Gottes⸗ ſtreiter werden, und in meinen Orden treten?“ „Nein, Norbert, für dieſe Würde paſſe ich nicht, ich habe weltlichere Wünſche!“ „Deren Erfüllung Ihr doch nicht von mir erwarten werdet?“ „Ja, Norbert, von Euch! Seht, mir iſt es nicht gegeben, durch den Umweg langer Reden zum Ziele zu kommen, kurz— ich liebe Eure Schweſter! Norbert, ſeid mein Bruder! Beſter Norbert!“— „Ritter, Ihr ſeid überaus raſch!“ entgegnete Norbert kalt zurücktretend.„Ihr wißt nicht, was Brüderſchaft heißt! Meine Brüder ſind gottge⸗ weihte Söhne der Kirche— einen ſo weltlichen Bruder nehme ich Anſtand, ohne Umſtände anzu⸗ erkennen!“ Richard, der ſich mit ſeinen lebensvoll über⸗ ſtrömenden Gefühlen ſo kalt zurückgewieſen ſah⸗ ſtand in großer Beſtürzung da, dennoch aber meinte er mehr einen Verſtoß gegen die Form, 346 welche dem Heiligen gebühre, gethan zu haben, als daß er ſich wirklich zurückgeſtoßen hätte glau⸗ ben können. „Verzeiht mir, Norbert“ ſagte er,„wenn mein raſches Weſen Euch verletzt hat! Gott weiß, daß ich es aufrichtig meine, mit Euch und mit Wolfhilt! Sie liebt mich, wie ich ſie, wird mein Weib werden! derlichen Segen!“ und ſie Gebt uns Euren brü⸗ „O ja, ein Segen iſt Euch weltlichen Herren ſo ein hingeworfenes Wort! Ihr verliebt Euch über Hals und Kopf, und meint, die Kirche hätte nichts weiter zu thun, als blindlings drauf los zu ſegnen!— Es thut mir leid, nicht gleich einen Segen für Eure Ehe bei der Hand zu haben. Ich habe über meine Schweſter anders beſtimmt. Sie wird ins Kloſter gehn!“ „Ins Kloſter? Norbert! über ſie beſchließen, ohne ihren Nein, das werdet, das könnt Das wollt Ihr Willen zu hören? Ihr nicht! Hat doch g zu unſter Eure Mutter ſelbſt ihre Einwilligun Verbindung gegeben!“ —— 347 „Meine Mutter glaubt Euch vielleicht eine Genugthuung ſchuldig zu ſein, wegen Eurer Narbe da auf der Stirn, von deren Entſtehung man mir geſtern Abend beim Heimritt nach der Stadt erzählte. Wenn ſie deshalb aber ſo ſchnell ihre Einwilligung gegeben hat, ſo iſt das eine Ueber⸗ eilung. Wenn ſie erſt ihr Kloſter bezogen haben wird, dann wird ſie darüber anders denken!“ „Nun— meine Mutter!“ „Die Mutter auch? O Ihr wollt die ganze Welt ins Kloſter ſchicken! Giebts denn auf der Welt nicht ſonſt noch zu thun? Giebts denn nicht Menſchen, die bei aller Frömmigkeit, die ſchöne freie Gotteswelt den Kloſtermauern vor⸗ ziechen? O Norbert! Man nennt Euch einen Hei⸗ ligen— Ihr werdet doch nicht—“ „Ich werde, Ritter, was ich muß!“ „Nun? Und was glaubt Ihr zu müſſen?“ „Daß ich mit Euch darüber verhandelte! Kurz und gut, Wolffhilt kann nicht Euer Weib werden, ſie wird in ein Kloſter gehn, welches ich ihr anweiſen werde!“ 348 „Ich verſichere Euch, Norbert, ſie wird mein Weib werden! Es iſt ihr, ihrer Mutter, und mein Wille! O beſteht nicht darauf, daß es gegen den Eurigen geſchehe, denn geſchehen wird es! Norbert, muß ich Euch daran erinnern, daß ich die Pforte Eures Kerkers erbrochen habe, daß Ihr ohne meine Hülfe nicht das Licht des Tages wieder geſehen hättet; muß ich ſelbſt Euch daran erinnern, um Euch günſtig für mich zu ſtimmen?“ „Alſo darauf pocht Ihr? O Ihr Blinder! Ihr meint, daß ich ohne Eure Hülfe nicht das Licht wieder geſehen hätte? Gott hat mich be⸗ freit, nicht Ihr! Er hätte mir, wenn es in ſeiner Abſicht gelegen, eine Legion Engel zur Rettung ſenden können, und jetzt, da ich weiß, daß er meine Freiheit gewollt hat, könnte ich, wenn es nicht wider die Religion wäre, mit ihm rechten, daß er mir keinen beſſeren Befreier geſendet!“— Das war zu viel für Richard, er fuhr auf und bezähmte nur mit Mühe ſeinen Zorn. „Norbert!“ riefer Ihi ſeid ein Edelmann — und wenn Ihr nicht in einer Mönchskutte ſtecktet, ſo ſolltet Ihr mir dies Wort büßen!“ 349 „Aha!“ entgegnete Norbert, indem ein höh⸗ niſcher Zug um ſeinen Mund ſpielte„Das nimmt der Günſtling des Kaiſers übel! Der Kaiſer wird viel zu thun haben, wenn er ſeine jungen Herren, die heirathen wollen, erſt alle ausſtatten muß! Denn ohne das, Junker, wüßte ich nicht, wo Ihr mit einem Weibe bleiben wolltet!“ Richard fuhr bei dieſen Worten nicht zum Zweitenmal auf, im Gegentheil, ſein Zorn legte ſich und ein Erſtaunen überkam ihn, daß er ſo liebloſe Reden von einem„Heiligen“ hören müſſe. „Gut, Norbert!“ ſagte er,„ich kenne Euch jetzt! Das Volk nennt Manchen einen Heiligen, der unter vier Augen den Heiligenſchein in die Taſche ſteckt, weil er ihm unbequem iſt. Gut, man macht Erfahrungen, wo man ihrer nicht ge⸗ wärtig iſt! Ihr verhöhnt mich, weil ich mein äußeres Glück dem Kaiſer verdanke? Müßt Ihr das denn nicht auch? Und wenn Ihr nicht zu⸗ fällig ein Geiſtlicher geworden wärt, ſtündet Ihr nicht auch als ein armer Edelmann da Meiner Armuth ſchäme ich mich nicht, denn ich habe ſie nicht verſchuldet, ebenſowenig aber ſchäme ich mich 350 vom Kaiſer mein Glück zu empfangen, denn da⸗ für diene ich ihm mit meinem Schwerdte. Der höchſte Reichsvaſall, der ein Land vom Kaiſer zu Lehen nimmt, hat nichts vor mir voraus. Doch das verſteht Ihr ja nicht! Ich habe Euch ver⸗ trauungsvoll meinen Bruder genannt, ich bereue es jetzt! Wolfhilt wird mein Weib, auch ohne Eure Einwilligung, und weder Ihr, noch die Kirche, noch der Papſt, noch ſonſt Jemand wird ſie mir entreißen!“ Mit dieſen Worten wendete Richard ſich um und verließ die Zelle. Norbert war, als er ſich wieder allein ſah, unzufrieden mit ſich ſelbſt, er fühlte, daß er weiter gegangen war, als es ſich für ſeine Würde ziemte. Weit daher entfernt, einen Triumph ſeiner Energie erreicht zu haben, fühlte er ſogar etwas von Demüthigung, er mußte ſich ſelbſt ſagen, daß das herzliche und liebens⸗ würdige Weſen des jungen Ritters wohl eine beſſere Begegnung verdient hätte, und vor Allem war ihm Richards Bedenklichkeit gegen die Heilig⸗ keit, welche ihm beigelegt wurde, wie ein Dolch⸗ ſtich ins Herz gedrungen. Gerade daß dieſer Zweifel 351 von einem ſo edlen und natürlichen Menſchen— denn als einen ſolchen mußte Norbert den Ritter anerkennen— ausgeſprochen worden war, gerade das verwundete ihn, brachte ihn aber auch zu einer Selbſtbetrachtung, welche nicht zu ſeinen Gunſten ausfiel. „O Gott,“ rief er,„daß die Sünde ſo mäch⸗ tig, daß irdiſche Gedanken und Empfindungen ſo feſt auch in der Bruſt deſſen haften, der ſich ganz Deinem Dienſte geweiht hat!“ Mit dieſen Worten kniete er an einem Bet⸗ pult nieder und verſank in ſtummes Gebet, aus welchem ihn bald darauf der Abt weckte. Da ſich die nun folgende Beſprechung Ror⸗ berts mit dem Abte um innere und äußere Ein⸗ richtungen des Prämonſtratenſerordens drehten, welche weder in dem Zweck noch in dem Intereſſe unſter Erzählung liegen, wollen wir die beiden geiſtlichen Herren in ihren Verhandlungen nicht behorchen, ſondern dem jungen Ritter folgen, welcher ſich zu ſeinem Oheim, dem Biſchof, begeben hatte. 352 Er fand denſelben im Lehnſtuhl mehr liegend als ſitzend, mit fieberbleichem Geſicht, in Pelze eingehüllt, die Füße mit wollnen Decken umwickelt. Sein Platz war am Kamin, ein Mönch, welcher den Kloſteratzt ſpielte, der Schreiber Cajetan, und einige andre geiſtliche Diener ſtanden zum Theil um den Kranken, zum Theil waren ſie ſchweigend und unhörbar im Gemache beſchäftigt. „Wie geht's, Oheim?“ fragte Richard ein⸗ tretend. „Still!“ flüſterte der Arzt,„Eminenz ſind eben im Einſchlummern!“ „Hat ſich ſein Zuſtand gebeſſert?“ Der Arzt zuckte die Achſeln.— „Kein Auge zugethan die Nacht!“ ſagte er dann.„Erſt jetzt will der Schlaf ſich einſtellen. Bis vor einer Stunde hat er im Fieber ge⸗ ſprochen!“ Cajetan ſtand wie ein Jammerbild daneben. Er hatte einen grauenhaften Gedanken, nämlich den, daß wenn der Biſchof ſtürbe, Norbert an ſeine Stelle geſetzt werden dürfte! Geſchähe dies, was ſollte dann aus dem guten frommen Cajetan werden?— Endlich ermannte er ſich zu den Worten: „Ach Junker, Gottes Hand liegt ſchwer auf uns!— Eben war der Graf Kappenberg hier, ein frommer guter Herr, er gilt ſo viel beim Kaiſer! Junker, auch Ihr ſteht hoch in der Gnade Da⸗ vid's oder Salomo's, ſeid bei ihm ein Freund derer, die Eures Blutes ſind, und derer, die den Eurigen nahe ſtehn! Junker, es war auch ein Bote an Euch hier!“ „Vom Kaiſer?“ „Von ihm, er verlangte nach Euch! Ach Junker!“— „Pflegt meinen Oheim gut, ſagt ihm, daß ich hier war, wenn er erwacht.“— Raſch, aber leiſe, verließ Richard das Gemach und begab ſich zum Kaiſer. Er fand Gottfried von Kappenberg bei ihm, der eben ein Geſchäft beendet zu haben ſchien, und ſich verabſchiedete. „Nun Richard, willkommen!“ rief ihm der Kaiſer entgegen.„Du weißt, die Geſchäfte drängen, ich bleibe nur noch heut und morgen in Pader⸗ born, drum muß ich ein Geſchäft, das ich mit 23 354 Dir noch habe, raſch abmachen. Du ſollſt etwas von mir annehmen— nicht zur Belohnung— nein, nein, ſondern weil ichs in guten Händen wiſſen will! Kennſt Du das Schloß Hohenſy⸗ burg bei Dortmund?“ „Nein, gnädiger Herr!“ „Nun, ſo ſollſt Du's kennen lernen. Denn von dieſer Stunde an iſt es Dein, mit Allem was dazu gehört.“ „O, mein Kaiſer!“— „Rede mir nicht drein, ich wills ſo haben! Du wirſt Platz genug drin haben, wahrſcheinlich zu viel, ſieh Dich daher bald nach Jemand um, der den Aufenthalt mit Dir theilen will. Oder weißt Du ſchon Jemand?“ „Ja, gnädiger Herr! Norberts Schweſter!“ „Vortrefflich! Was ſagt Norbert dazu?“ „Er hat ſie mir verweigert!“ „Verweigert? Nun, und wie denkt ſie ſelbſt darüber?“ „Sie will mein Weib werden!“ „Nun ſo iſt, denk ich, weiter nichts nöthig!“ 355 „Das iſt auch meine Anſicht. Norbert will ſeine Mutter und Schweſter in's Kloſter ſperren— ich werde es zu verhindern wiſſen!“ „Das verſteht ſich! Und ich werde ſelbſt Dein Brautführer ſein. Morgen Abend iſt die Vermählung, denn ſchnell muß ſie vor ſich gehn, wenn ich dabei ſein ſoll. Das gefällt mir! Auf dieſe Weiſe kann ich die unangenehmen Tage, die mir der Aufenthalt in Paderborn gebracht hat, durch ein freudiges Feſt beſchließen! Nun geh' und empfiehl mich Deiner Gräfin von Hohenſy⸗ burg!“ Richard mußte ſeinen feurigen Dank abkürzen, denn die Hauptleute der Truppen, welche bei Lipp⸗ ſtadt ſtanden, und nun zur Begleitung des Kaiſers nach Sachſen, in die Nähe von Paderborn ge⸗ zogen werden ſollten, wurden gemeldet. Richard konnte daher nichts Beſſeres und Willkommneres thun, als in Meiſter Walrams Schmiede zu eilen, um ſeiner Braut die freudige Wendung ihres ge⸗ meinſamen Geſchicks mitzutheilen. — Zwölftes Kapitel. Gundofara war in der Nacht, da ſie ſich von ihrer Tochter getrennt hatte, geradeswegs in ihren Thurm zurückgegangen. Sie kannte den Weg genau, ja ihre Füße ſchienen ihn von ſelbſt zu finden, da ihre Gedanken in dunkles Hinbrüten verloren, ſich weder um eine Richtung ihrer nächt⸗ lichen Wanderung, noch um ihre dunklen Umge⸗ bungen bekümmerten. Gegen Morgen trat ſie aus dem Walde, und Ragnachar, der inzwiſchen das Haus gehütet hatte, eilte ihr entgegen. Als ſie ſeiner anſichtig wurde, ihren Thurm, den Hü⸗ gel, auf welchem ſie ſo manche Mitternacht am Feuer geſeſſen, wieder erkannte, überkam ſie eine körperliche Schwäche, ſo daß ſie wankte und ſich von Ragnachar nach Hauſe führen laſſen mußte. 357 Im Thurme angelangt, machte er ihr am Kamin einen Sitz zurecht, wo ſie ſich ohne Widerſtreben niederließ, und mit geſenktem Haupte, die Hände ſchlaff in den Schooß legend, daſaß. Ragnachar, * der von den Ereigniſſen der letzten Tage nichts wußte, ſah ſeine Herrin mit der größten Beſorg⸗ niß an. So hatte er ſie nie geſehen. „Frau,“ ſagte er,„wollt Ihr Euch nicht niederlegen?“ Gundofara ſchüttelte das Haupt. „Soll ich Euch ein Frühmahl rüſten?“ Sie machte wiederum eine verneinende Be⸗ wegung. Ragnachar ſtand noch lange mit fragenden Blicken, aber ohne eine direkte Frage über den Grund ihrer Zerrüttung zu wagen, im Zimmer, und erſt als er ſich leiſe der Thür näherte, um es zu verlaſſen, hob ſeine Herrin das Haupt ein wenig und fragte mit tonloſer Stimme: „Ragnachar, haſt Du mich auch getäuſcht?“ „Nein, Frau! Wer hat Euch getäuſcht?“ „Alle! Haſt Du von Norbert mehr gewußt, als ich?“ 358 „Nein, Frau! Was iſt's mit Norbert? Iſt er an ſeinen Wunden geſtorben?“ „Wohl ihm wenn er's wäre! Frotolf und Wolfhilt haben Dir nichts über ihn vertraut?“ „Nein, Frau! Hat's denn ſo gar was Ar⸗ ges gegeben?“ 4 „Es iſt gut. Frage nicht weiter. So bin ich doch nicht allein betrogen! Geh!“ Ragnachar verließ mit ängſtlichen Blicken das Zimmer, während ſeine Gebieterin das Haupt ſinken ließ, und die Augen ſtarr vor ſich hinge⸗ richtet, in gebeugter Stellung daſaß. So fand ſie Ragnachar noch nach einer Stunde, ſo noch nach einigen Stunden, ſo noch am Abend. Sie beantwortete keine ſeiner Fragen anders, als mit einem Kopfſchütteln. Ragnachar ſetzte ihr einen Napf erwärmter Milch auf den Tiſch, und ſchob dieſen an den Kamin, er legte friſche Holzſcheite ins Feuer, ſie ſchien nicht darauf zu achten.— Gundofaras Kraft ſchien gelähmt zu ſein, denn man hatte ihr die Stütze geraubt, an welcher ſie ſich ihr ganzes Leben lang gehalten hatte. Ihre Racheſehnſucht war Eins mit der Liebe zu ihrem 359 Sohne, ſie war ihre Lebensluft, ja ſie war ihre Religion. Alle Regungen ihrer Seele fanden in der Hoffnung, durch Norbert gerächt und echöht zu werden, ihre Spitze, und da dieſe nun abge⸗ brochen war, gab es für ſie nichts mehr, woran ſie ihr Herz hängen konnte. Dies Schreckliche hatte Ein Tag gebracht! Sie eilt ihrer, wie ſie wähnt, geraubten Tochter nach, und findet, ſtatt dieſer, die ganze Schaar derer, die ſie für ihre Feinde halten muß, beiſammen. Sie erhält auf ihre Forderungen keine Gerechtigkeit, erzwingt ſich dafür Gehör für ihre Schmähungen und Flüche, und wird in den Kerker geworfen. Hier findet ſie ihren Norbert, der ihr nach dem erſten Sturm ſchmerzlicher Freude zum Gegenſtand des Abſcheus wird. Schwerer konnte die Hand des Schickſals nun nicht mehr auf ſie fallen. Daß ſie einen ihrer Feinde blutend zu ihren Füßen ſieht, ge⸗ währt ihr kaum noch eine Art von dämoniſcher Freude, und daß ſie ihre Tochter wiederfindet und einem Manne hingeben muß, den zu haſſen ſie für ihre Pflicht hielt, und den zu achten ſie ſich widerſtrebend entſchließen muß, iſt nur ein traum⸗ 360 haftes Nachſpiel dieſes erſchütternden Tages, und ging ohne tiefe Spuren an ihrer Seele vorüber. Auf Norbert hatte ſie von jeher die ganze Gluth ihrer Liebe ausgeſtrömt, die Tochter mußte ſich mit geringen Gaben mütterlicher Liebe begnügen. Hatte Gundofara dieſelbe auch wild und hart er⸗ zogen, ſo hatte ſie doch mit der Zeit geſehen, daß von Wolffhilt für ihre Rache nichts zu erwarten ſei, und dies gab ihr eine Art von Gleichgültig⸗ keit gegen dieſelbe, welche nur bei Wolfhilts ſchmerzlichem Abſchied einem ſpärlichen Aufflam⸗ men ihres Hetzens noch einmal gewichen war. Alles was ihr die letzten Ereigniſſe an Em⸗ pfindungen gebracht hatten, ging während ſie in brütendem Schweigen daſaß, wirr und unklar durch ihre Seele, dunkle Bilder wichen einander, keins ließ ſich halten, keins faſſen, bei keinem wollte ſich ein beſtimmtes Gefühl herausbilden. Energie des Geiſtes und tiefſter Schmerz hatten ſo lange ihre Kräfte mit einander gemeſſen, keins hatte geſiegt, keins war unterlegen, bis endlich beide aufgerieben und in ein ſtumpfes Hinbrüten übergegangen waren. 361 Am Abend trat Ragnachar wiederum ein und meldete ſchüchtern, daß ein Bote vom Grafen Kappenberg angekommen ſei, der ſich erkundigen laſſe, ob er ihr irgend einen Dienſt erweiſen könne? Er wolle alle ihre Bedürfniſſe befriedi⸗ gen, ſie ſolle ihm nur ſagen, was ihr von Nöthen wäre. Gundofara ſah ihren Diener mit einem un⸗ heimlichen Blicke an, lachte dann dumpf und trocken und ſagte: „Der fromme Graf! Weg! Schick ihn und den Boten in die Hölle!“ Ragnachar ging hinab und ſagte zu Heri⸗ bald— denn dieſer war der Bote— daß ſeiner Herrin wohl ſchwerlich noch ein Dienſt willkom⸗ men ſein werde, lud ihn aber ein, die Nacht im Thurme bei ihm zu bleiben. Hier, in einem un⸗ teren Raume des Gebäudes nahmen darauf die beiden Diener an einem Tiſche Platz und theil⸗ ten ein von Ragnachar veranſtaltetes Nachtmahl. Letzterer erfuhr jetzt erſt durch den ſpäten Gaſt die Ereigniſſe der letzten Tage, und Heribald gab ſeine Verwunderung über dieſe ſonderbare Wohnung, 362 zu welcher er ſich nur mit Mühe gefunden hatte, zu erkennen. Noch in ſpäter Nacht ſchlich Rag⸗ nachar noch einmal zu ſeiner Herrin hinauf, und da er ſie unbeweglich in derſelben Stellung fand, glaubte er, ſie ſchliefe, und ſuchte im untern Raume, wo Heribald auf einem Bündel Heu ſchon ſein Lager gefunden hatte, auch ſeine Schlaf⸗ ſtätte auf. Während in dem Kamin, an welchem Gun⸗ dofara ſaß, die letzten Kohlen verglommen, lag draußen dunkle ahnungsvolle Nacht. Eulen und Fledermäuſe, die Mitbewohner des alten Thurms, ſchlugen ihre Flügel um das Gemäuer, das Käuz⸗ lein ächzte ſo klagend von den Eichen des Hünen⸗ grabes her, als wolle es Gefahr und Tod an⸗ zeigen. Ein Wind erhob ſich vom Teutoburger Walde her, jagte die Wolken auseinander, und ließ die ſpäte Sichel des Mondes ſehen. Dann fuhr er in die alten Eichen des Hügels, riß die frühwelken Blätter aus ihren Wipfeln, daß ſie im Geſtöber mit den Rachtvögeln um die Wette flatterten. Er verkündete den Morgen. Ueber einem herbſtlichen Rebelmeer hob ſich die Sonne 363 empor, umſchleiert von Dünſten warf ſie einen Blick über die Haide, wo der alte Thurm und ſeine Umgebungen ſich nur in Umriſſen im Nebel abzeichneten. Früh um ſechs Uhr ging Ragnachar hinauf, um nach ſeiner Herrin zu ſehen. Da er ſie noch in derſelben Stellung fand, hielt er ſie für todt, eilte auf ſie zu und faßte ihre Schulter an. Sie aber wendete ſich zu ihm, ſah ihn mit einem verwunderten Blicke an und ſagte: „Was willſt Du?“ „Habt Ihr denn ſo ſitzend ſchlafen können, Frau?“ „Schlafen! Wer kann ſchlafen!“ „Wollt Ihr nicht einen warmen Morgen⸗ trunk, Frau?“ fragte der bekümmerte alte Diener, indem er Feuer im Kamin machte.—„Oder wollt Ihr Euch nicht niederlegen?“ „Um wieder außzuſtehen? Nein!“ „Seid Ihr krank, Frau?“ „Laß mich zufrieden, und geh!“ Der Alte ging, nicht ohne den dampfenden Morgentrunk an das Kaminfeuer und einige Bei⸗ 364 lagen für das Morgenmahl auf den Tiſch geſetzt zu haben, aus dem Zimmer. Gundofara empfand die behagliche Wärme der Flamme, ſie ſchloß die Augen und ſchlief ein. Nach einigen Stunden öffnete Ragnachar wiederum die Thür. Gundofara fuhr auf, ſtellte ſich aufrecht hin und rief: „Er ſoll nicht herein, ich will ihn nicht ſehen!“ „Wer?“ fragte Ragnachar,„der Diener des Grafen Kappenberg?“ „Von dem rede ich nicht! Iſt ſonſt Nie⸗ mand da?“ „Noch nicht, aber ich ſehe ſie kommen—“ „Wen?“ „Ich denke, Ihr wißt es? Reiſige in großer Zahl, wie ein Heereshaufen, glänzende Rüſtungen und Fahnen!“ Gundofara ſchien plötzlich wieder Antheil am Leben zu nehmen. „Sind ſie ſchon nah?“ fragte ſie. „Noch weit weg. Kommen eben aus dem Walde.“ — Raſch nahm Gundofara den Morgentrank vom Feuer und genoß etwas davon. Es ſchien ſie zu ſtärken. Dann öffnete ſie einen Schrank, ſteckte haſtig Etwas in ihren Buſen und ging die Treppe hinunter. Vor der Thür angelangt, ſah ſie ihres Dieners Ausſage beſtätigt. Die Sonne hatte die Frühnebel vertrieben, und beſtrahlte ein glänzendes und lebendig be⸗ wegtes Bild. Ritter und Reiſige kamen in lan⸗ gem Zuge vom Walde hergeritten, der immer neue Schaaren zu gebären ſchien. Prächtige Banner wehten in der Morgenluft, Kirchenfahnen ſchwankten dazwiſchen an langen Stäben. Glän⸗ zende Rüſtungen, farbige Waffenkleider und Helm⸗ büſche ſchimmerten und wetteiferten mit einander. Hier und da bäumte ſich ein Roß, dort ſprengte ein Reiter voran, oder zur Seite, alles war Le⸗ ben, aber nicht kriegeriſches, ſondern ſchien mehr den Anſtrich einer glänzenden Luſtfahrt zu haben, zumal da die Hörner und Trompeten luſtig in den Morgen hinein ſchmetterten. Gundofara ſah mit Erſtaunen und Beſorg⸗ niß den Zug näher kommen, und richtete unwill⸗ —— . — kürlich ihre Schritte nach dem Hünengrabe, denn eine Ahnung durchzuckte ſie, die ihr noch einmal das ganze Herz erbeben mc Dort ſetzte ſie ſich auf einen Stein und ſtarrte erwartungsvoll hinab auf das Bild, welches ſich näher und nä⸗ her bewegte. Etwa zweihundert Schritt vom Hügel ent⸗ fernt hielt der Zug. Die Reiſigen ſtiegen ab, die Fußgänger, deren ſich eine große Schaar da⸗ bei befand, ließen ſich auf dem Boden nieder, um auszuruhen, Zelte wurden aufgeſchlagen, vor allem ein großes prächtiges Zelt, vor welchem das Reichsbanner aufgepflanzt ward. Dienerſchaft war in Bewegung, um aus ſchon im Walde vorbereiteten Material Tiſche und Bänke zuſam⸗ menzuſchlagen, die Feldköche packten aus, Hum⸗ pen mit Wein wurden aufgeſetzt, und einige Reiſigfeuer deuteten an, daß man ein Mahl zu rüſten beginne. Nach einer halben Stunde, während welcher man ausgeruht und ſich durch einen Becher Wein geſtärkt hatte, ordnete ſich aus dem großen Zuge 367 ein kleinerer zuſammen, welcher ſich langſam unter geiſtlichem Geſange dem Hügel entgegen bewegte. Voran ſchritt ein Mönch im Gewande des neuen Prämonſtratenſerordens, welcher das Krucifix trug, hinter ihm Chorknaben mit Meßbuch, Weihwaſſer und Weihrauchbüchſen. Darauf folgte Norbert, zwiſchen dem Kaiſer und Gottfried, gefolgt vom Abte und den Brüdern, die ſich inzwiſchen wieder geſammelt hatten, mit Kirchenfahnen, und an dieſe ſchloß ſich ein Zug von Rittern aus des Kaiſers Gefolge, in welchem Richard nicht fehlte. Mit pochendem Herzen ſah Gundofara den Zug ſich nähern, der dumpfe Geſang betäubte faſt ihre Sinne. Jetzt betrat der erſte Mönch den Gipfel— ſie erhob ſich in ihrer ganzen Höhe, ſah ihn mit geiſterhaften Augen an und rief: „Zurück! Was willſt Du?“ Der Mönch erſchrak und blieb ſtehen, der Zug aber drängte nach und ſtellte ſich im Kreiſe auf dem Hügel umher. Der Kaiſer, Gottfried, Richard und viele Andere erkannten Gundofars und blickten ſie erſtaunt an, durch Norberts Herz 368 aber ging ein flüchtiger Schauder, als er ſeiner Mutter anſichtig wurde. Dieſe ſchien den ganzen Kreis, welcher ſich um ſie gebildet hatte, kaum zu beachten, ſie hatte nur Augen— angſtvolle, abwehrende, und zu⸗ gleich drohende Augen für ihren Sohn. Ohne ſich von der Stelle zu rühren, fragte ſie mit be⸗ bender Stimme: „Norbert, was willſt Du hier?“ „Mutter!“ entgegnete Norbert, der ſich in⸗ zwiſchen wieder gefaßt hatte,„verlaß dieſe Stelle, oder bete mit mir zu Gott, daß er ſie ſegne! Ich komme, um an dieſem Orte eine Kirche zu gründen!“ Gundofara war nahe daran zuſammen zu brechen, hielt ſich aber mit letzter Kraft aufrecht. „Norbert, warum hier? Giebt es nicht Platz genug in der Welt? Laß ab— laß ab!“ „Hier, Mutter, will ich ſie gründen! Hier, wo die älteſten meiner heidniſchen Ahnen begra⸗ ben liegen, wie Du mir oft erzählt haſt, hier ſoll 369 Gott mich auf den Knieen liegen und um Weihe für die noch unheilige Stätte bitten ſehen!“ „Nein, Norbert, nein! Loß ſie ruhen, wie ſie ſind „Widerſetze Dich nicht, Mutter, wir können nicht warten. Ich bitte Dich— bitte Dich, Mutter, ſtöre uns nicht in unſerm frommen Werke!“ „Norbert— Menſch, Du biſt zu meinem Henker beſtellt! Du willſt mir Alles, auch das Letzte rauben! Auf meinen Knieen beſchwöre ich Dich, ſteh ab von Deinem Vorhaben!“ „Umſonſt, gute Mutter—! Steh auf!“ „Du willſt nicht?“ „Ich hab's gelobt!“ „Nun ſo ſei Deiner Mutter Leiche die erſte Stufe zu Deiner Kirche!“ Mit dieſen Worten fuhr das furchtbare Weib wild empor, riß einen Dolch aus dem Gewande und ſtieß ihn ſich in die Bruſt. 24 Dies war mit ſo unglaublicher Schnelligkeit vor ſich gegangen, daß die Umſtehenden, welche mit Erſtaunen dieſem Auftritt zwiſchen Mutter und Sohn zugehört hatten, kaum ihren Augen trauten, als Gundofara taumelnd vor ihrem Sohne zu Boden ſank. „Mutter! Mutter! was thuſt Du?“ rief Norbert, neben die Hingeſunkene niederknieend, während ſich der Kaiſer abwandte und mit ſei⸗ nem Gefolge den Hügel verließ. Die neuen Ordensbrüder ſtanden in der größten Verwirrung umher, der ganze Act der Einweihung ſchien vereitelt zu ſein. Frotolf, jetzt auch im Gewande des Ordens, und Ragnachar, welche beide einige ärztliche Erfahrungskenntniſſe hatten, unterſuchten Gundofaras Wunde, aber ihre Belebungsverſuche blieben fruchtlos, ſie hatte ihr Herz getroffen und athmete nicht mehr. Norbert erhob ſich erſchüttert von der Leiche ſeiner Mutter und rief: „Gott erbarme Dich ihrer Seele! Sie iſt in Wahn und Unglauben dahin gegangen.— 371 Faßt Euch, Brüder! Dieſer ſchreckliche Zwiſchen⸗ fall ſoll uns nicht hindern, unſer heiliges Werk zu beginnen!“ Der Abt übernahm die Vermittelung, den Kaiſer mit ſeinem Gefolge wieder auf den Hügel zurück zu führen, was dieſer aber entſchieden ver⸗ weigerte. Nur Gottfried begab ſich zurück.— Während der Ort eingeweiht und die erſte Meſſe dort geleſen wurde, ging Richard in den Thurm wohin Gundofaras Körper inzwiſchen gebracht worden war. Er konnte ſich eines Abſcheus vor Norbert nicht mehr erwehren, denn war auch ſeine Mutter von einem Irrwahn befangen, ſo hätte er, meinte Richard, ihrer doch ſchonen müſſen. Lange ſaß der junge Ritter neben der Entſeelten — war ſie doch die Mutter ſeiner Braut, die erſt heute ſein Weib werden ſollte! Welche grauenvollen Ereigniſſe hatte er erlebt! Wenige Tage vorher, da er Luitgarts Hand am Altare empfangen ſollte, verfiel der Vater derſelben, Arnsberg, der Schuld ſeiner Verbrechen, und heut, da er der beglückenden Verbindung mit Wolfhilt entgegenſah, muß er den unnatürlichen 24* Tod ihrer Mutter mit anſehen! Richard war in der heftigſten Bewegung, er ſchauderte vor all den Scenen des Grauens, welche die letzten Tage an ihm hatten vorübergehen laſſen, er dachte einen Augenblick mit Erbeben in die Zukunft hinaus, indem er die ſtumme Frage an das Schickſal richtete, ob dieſe Ereigniſſe von Vorbe⸗ deutung für ſein Leben ſein, ob ſie der Anfang einer Kette von ähnlichen Geſchicken ſein würden. In ſolche trübe Gedanken verſenkt ſaß er lange und blickte mit aufrichtigem Schmerz in die ent⸗ ſeelten Züge Gundofaras. Der Geſang der Mönche hatte aufgehört, und dumpfe Schläge, wie von Aexten, ſchallten vom Hügel herüber.— Richard eilte aus dem Thurm ins Freie, und ſah, wie die Eichen des Hügels angeſchlagen wurden. Dieſe herrlichen Bäume ſollen fallen! dachte er. Dieſer hochge⸗ wölbte grüne Dom, unter deſſen Aeſten ich Wolf⸗ hilt zuerſt ſah, ſoll nicht mehr rauſchen, die Fel⸗ ſen ſollen weggebrochen, der Grund des Hügels, in welchem ein altes Geſchlecht begraben liegt, ſoll aufgewühlt werden— ich mag's nicht mit anſehen! Er wandte ſeine Blicke ab und ſchritt dem Zelte des Kaiſers entgegen. Aber wie? dachte er weiter: Iſt es denn gewiß, daß dort die Ge⸗ beine der Ahnen Norberts begraben liegen? Hat er dieſe Verſicherung denn nicht allein aus dem Munde Gundofaras, die doch völlig in ihren Träumereien lebte? Kann es nicht eine bloße Einbildung ſein? Und wenn Norbert durch die kirchliche Einweihung dieſes Ortes ſeiner Mutter ſo grauſam entgegen tritt, iſt er dann nicht eben⸗ falls von einem ſträflichen Wahn befallen? Er iſt ein herzloſer Menſch, hat ſeiner Mutter Tod auf dem Gewiſſen! Er iſt der Bruder meiner Wolfhilt— und doch, ich kann nicht anders: Mögen Andere ihn als einen Heiligen verehren, ich verabſcheue ihn! Richard fand den Kaiſer vor ſeinem Zelte auf⸗ und abſchreitend. „Nun, Richard,“ ſagte er,„Du haſt Un⸗ glück mit Deinen Hochzeitstagen! Ich kann mir denken, daß Du Deine Vermählung wirſt auf⸗ ſchieben wollen?“ „Nein, gnädiger Herr! Meine Braut ſoll für's Erſte nichts von dem ſchrecklichen Ereigniß erfahren. Iſt's noch Euer Wille, heut mein Brautführer zu ſein, ſo ſoll unſere Vermählung mit Gott vor ſich gehen. Später werde ich meiner Frau den Tod ihrer Mutter mittheilen. „Gut, Richard! Ich habe die Feſtlichkeiten dieſer Gegend nun ſatt, und will froh ſein, wenn ich weg bin! Komm, laß uns zur Stadt zurück reiten, ich mag das Geplärr der Mönche nicht mehr hören, und dieſen Heiligen— laß die Pferde bringen!“ „Im Augenblick, gnädiger Herr! Geſtattet nur, daß ich noch einige Anordnungen zum Be⸗ gräbniß Gundofaras gebe!“ „Iſt das nicht Norberts Sache? Laß das! Sieh, da geht der Zug der Mönche eben zum Thurme!“ „Darf ich nicht noch zwei Worte mit Nor⸗ bert ſprechen?“ 85 „Mach's kurz! Mir ekelt vor dieſem Orte!“ Richard eilte zum Thurm zurück. An der Thür deſſelben trat er zu Norbert mit den Worten: „Norbert, trotz dieſer ſchrecklichen Stunde trete ich heut Abend mit Eurer Schweſter zum Altare. Habt Ihr kein Wort, keinen Wunſch für uns?“ Norbert war ſehr erſchüttert. „Nehmt ſie!“ ſagte er.„Geht mit Gott und ſeid glücklich. Erwartet nicht, daß ich Eurer Vermählung beiwohne, ich will hier bleiben und meine Mutter begraben!“ Richard war einigermaßen ausgeſöhnt mit Norbert, wenngleich er einen unüberwindlichen Schauder vor ihm empfand, und eilte zum Kai⸗ ſer zurück. Dieſer war ſchon zu Pferde geſtiegen, und mit ſeinem Gefolge im Davonreiten begriffen. Raſch warf auch Richard ſich auf's Pferd, ſchickte noch einen letzten Blick nach dem Thurm und dem Hügel zurück, und ſprengte dem Zuge nach.— 7 — 376 Am Abend dieſes Tages verließ eine Gruppe von fünf Menſchen die Schmiede Meiſter Wal⸗ rams und eilte verhüllt durch die finſteren Straßen von Paderborn. Voran ſchritt Richard von Streit⸗ berg, ſeine Braut am Arme führend, ihnen folgte der Schmied mit ſeiner Frau und Schwä⸗ gerin. Verſtohlen bog die Geſellſchaft in eine dunkle Gaſſe, gelangte durch dieſe nach dem Dome und ſchlüpfte durch ein kleines Thürchen, welches zur Sakriſtei führte. Zu jeder andern Zeit würde man zu einer Hochzeit, bei welcher der Kaiſer Brautführer war, wohl anders gegangen ſein, als gerade hier es geſchah. Der Bräutigam würde ſeine Braut bei lichtem Tage in einem prächtigen Wagen abge⸗ holt, Ritter und Knappen würden ſie zum Dome begleitet haben, es wäre ein Aufſehen und Leben in der Stadt geweſen. Unter den gegebenen Ver⸗ hältniſſen aber war es allen Betheiligten wün⸗ ſchenswerth, die Vermählung im Stillen zu be⸗ gehen, und auch der Kaiſer war es zufrieden, da er Scheu vor einer neuen Feſtlichkeit trug. 377 So trat unſre Gruppe denn auf einem ver⸗ borgenen Wege in den Dom, ſchritt durch die Sakriſtei einer kleinen erleuchteten Seitenkapelle zu und ließ ſich dort nieder. Die Familie Meiſter Walrams hatte natürlich nicht fehlen dürfen, war ſie es doch, bei welcher die Braut ein Obdach gefunden und der Bräutigam ſeine glücklichſten Stunden verlebt hatte. Ja, die Damen Ger⸗ berga und Marketrud waren heut zwei überaus wichtige Perſonen. Sie hatten die Braut in das lange faltige ſchwatze Sammtkleid gehüllt, ſie hatten ihr das Diadem von edlen Steinen— das Brautgeſchenk des Kaiſers— in das ſchwarze Haar und den Myrthenkranz darum geſchlungen; ſie hatten ihre beſten Zimmer für das neuver⸗ mählte Paar hergegeben, ſie ſollten heut Abend ſogar noch Wirthinnen des kleinen Feſtmahls ſein, welches ſie ganz in der Stille angeordnet hatten. Sie erkannten ganz ihre Wichtigkeit, und allerdings wollte es etwas ſagen, eine ſolche Hauptrolle zu ſpielen bei einer Hochzeit, bei welcher der Kaiſer Brautführer war. 2 Nach kurzer Zeit erſchien dann auch der Kaiſer 378 mit wenigen Auserwählten ſeiner Ritter. Er nahm die Braut, über deren Schönheit er ſehr überraſcht ſchien, bei der Hand und leitete ſie zum Altare, auf deſſen Stufen der Prieſter bereits harrte. Ernſt, feierlich und ſtill ging die Trauung vor ſich, als Vermählte verließen die beiden hohen edlen Geſtalten den Altar, und bald darauf der ganze Brautzug die Kapelle. In der Sakriſtei angelangt, wandte ſich der Kaiſer zu Richard und ſagte: „Da Du denn, Richard, mit Deiner Ge⸗ mahlin die Wohnung in meinem Schloſſe durchaus abgelehnt haſt, ſo entlaſſe ich Dich an dieſer Stätte aus meinem Dienſt. Die Grafſchaft Hohenſyburg wird Dir für's Erſte genug zu thun geben, drum geh' und ſei auf Deinem Schloſſe Dein eigner Herr. Du warſt mir der liebſte von allen jungen Rittern meiner Umgebung, ich gönne Dir jedes Glück, denn Du verdienſt es. Zieh' in Frieden, Beneidenswerther! Wenn ich einſt Deines Schwerdtes bedürftig ſein ſollte, dann, weiß ich, wirſt Du nicht zögern, und— die ſchöne Gräfin von Hohenſyburg ſieht mit ſo 379 herviſch beiſtimmenden Augen drein, daß ich hoffen darf, ſie werde Dich mit großdenkendem Sinne in den Kampf entlaſſen!“ Mit dieſen Worten wandte ſich der Kaiſer grüßend um und verließ mit ſeinem Gefolge die Sakriſtei, Richard aber umſchlang ſeine Gemahlin und vergaß in einem Kuſſe Vergangenes und Zukünftiges. Letztes Kapitel. Gewöhnlich iſt die Geſchichte aus, wenn der Held und die Heldin derſelben zum Altare gehen oder denſelben verlaſſen. So mag ſie denn für dieje⸗ nigen Leſer zu Ende ſein, die ihr Intereſſe nicht weiter, als auf die Liebenden zu erſtrecken ver⸗ mochten. Und allerdings hat der Erzähler viel⸗ leicht zu viel verlangt, wenn er Theilnahme für eine ſo rohe und wilde Zeit beanſpruchte, eine Zeit, die ſo fremd und finſter in die Gegenwart hinüber ſieht, daß wir in ihrem Antlitz wenig Züge finden, die uns ihr nahe bringen können. Sie war der Abſchluß eines Jahrhunderts voll chaotiſcher Kämpfe, und ihre Kinder mußten wohl von härterer, wilderer und heftigerer Natur ſein, als die verzogenen Söhne und Töchter unſerer 381 Tage. Alle Leidenſchaften waren gewaltiger und ungebändigter, und Conflicte fanden ſelten eine andre Löſung, als durch das Schwerdt. Eine Geſtalt, wie die Heinrichs V. iſt ſchreckenerregend, und wenn der Leſer durch einige mildernde Züge von ihm, den er hier in keinem ſeiner großen politiſchen Kämpfe ſah, ein etwas vermenſchlichtes Bild erhalten hat, dem er einen gewiſſen Antheil nicht verſagen kann, ſo muß der Erzähler zu⸗ frieden ſein. Zwei Jahre nach den hier erzählten Ereig⸗ niſſen ſtarb Heinrich V. eines plötzlichen Todes. Eine Krankheit, mit welcher er ſich ſchon länger getragen, die er aber durch die unglaublichſte Willenskraft verheimlicht und vor ſeinen Umge⸗ bungen verborgen hatte, warf ihn nieder und brach in einem Augenblicke ſeinen Körper. Er ſtarb von Wenigen betrauert, von Vielen gehaßt, um rühmlicheren und glänzenderen Fürſtengeſtalten in der Geſchichte Platz zu machen. Um ein Jahr ging ihm der Biſchof von Paderborn voran, er war der Erſte, der aus dem Kreiſe, welchen wir kennen lernten, durch den 382 Tod hingerafft wurde. Er hatte ſich von jenem Fieber, in welchem wir ihn zuletzt geſehen, nie⸗ mals erholen können, ſein Körper war gebrochen. Seinen Reffen Richard hatte er noch einmal ge⸗ ſehen und ihn zu ſeinem Erben eingeſetzt, daß er aber niemals Verlangen trug, die Gräfin von Hohenſyburg zu ſehen, wird glaublich genug er⸗ ſcheinen. Gottfried von Kappenberg wurde, nach⸗ dem er den Grafen Arnsberg begraben, Erbe der Wevelsburg, die er dem von ihm begünſtigten Orden ſchenkte. Er baute auf dem Kappenberge ein großes Kloſter und lebte mit Frau Judith in klöſterlicher Abgeſchiedenheit, während Luitgart ein rheiniſches Kloſter zum Aufenthalt wählte. Die Chroniken ſagen, daß Frau Judith, die noch jung und ſchön war, das Kloſterleben weniger anmuthig fand, als ihr Gatte, ja es wird von einer merkwürdigen Entführungsgeſchichte erzählt, die jedoch außerhalb der Grenzen unſerer Erzählung liegt. Norbert verließ ſein Kloſter auf dem Kap⸗ penberge bald, um eine größere kirchliche Laufbahn einzuſchlagen, erlebte aber kein hohes Alter. Er ſtarb als Biſchof von Magdeburg 1134. S Glänzenderen Geſchicken gingen Richard und Wolfhilt entgegen. Letztere betrauerte den Tod ihrer Mutter aufrichtig und mit vielen Thränen, obgleich ſie nie die ganze Schrecklichkeit dieſes Vorganges erfuhr, da Richard ihr am Vermäh⸗ lungsabend noch Grüße von derſelben und erſt nach einigen Wochen den plötzlichen Tod derſelben hinterbrachte. Dieſe Nachricht wurde durch Rag⸗ nachar nach Hohenſyburg gebracht. Richard hatte den Alten, der ſeit Gundofaras Hingang einſam ſtand, in ſeine Dienſte genommen und konnte auf ſeine Verſchwiegenheit in Betreff der Todes⸗ art ſeiner alten Gebieterin rechnen. Noch eine bekannte Geſtalt zog, und zwar gleich mit den Neuvermählten, nach Hohenſyburg, nämlich Frau Marketrud, an welche ſich Wolfhilt ſehr ange⸗ ſchloſſen hatte, und welche im Verlauf der Jahre eine überaus wichtige Perſon in den Frauen⸗ gemächern wurde. Mit Norbert konnte weder der Graf noch die Gräfin von Hohenſyburg in ein näheres Verhältniß kommen, was ſich einmal aus der Verſchiedenheit der Anſichten, hauptſäch⸗ lich aber aus der Entfernung der Wohnorte und 384 der auseinandergehenden Art der Geſchäfte beider Theile ergab. Zwei Jahre lang lebten die jungen Gatten in der glücklichſten Vereinigung auf dem Schloſſe Hohenſyburg. Macht doch ſchon die Natur dieſe Burg, am Zuſammenfluſſe der Lenne und Ruhr, zu einem der reizendſten Orte in der Graſfſchaft Mark. Der Blick beherrſcht zwei Stromthäler, die anmuthigſten Umgebungen, Berge, Dörfer, in welchen bald alle Herzen die neuen Beſitzer liebten und ehrten. Nach Ablauf dieſer zwei Jahre hatte das behagliche Leben der Ruhe für den jungen Grafen plötzlich ein Ende. Kaiſer Heinrich V. ſtarb, und durch die mit ſeinem Nach⸗ folger ſich anders geſtaltenden Zeitverhältniſſe wurde Richard wieder mitteh in die politiſchen Ereigniſſe hinein gerufen. Der Kaiſer hatte keinen Erben hinterlaſſen, noch auch war ein Nachfolger vorgeſchlagen, und ſo ſollte dem deutſchen Reiche durch die Wahl ſeiner Großen ein neuer König gegeben werden. Daß die Hohenſtaufen, als Reffen des verſtorbe⸗ nen Kaiſers, ſich Rechnung auf den Thron machten, ¹ — 385 war natürlich, und zwar, da Konrad auf einem Kreuzzuge begriffen, trat Friedrich allein mit ſeinen Anſprüchen hervor. Richard von Hohenſyburg, bei ſeiner An⸗ hänglichkeit an die Hohenſtaufen, ſah der Wahl mit der größten Spannung entgegen, und konnte nicht unterlaſſen, ſich dem Bruder ſeines Jugend⸗ freundes anzuſchließen und ihm für alle Fälle ſein Schwerdt anzubieten. So zog er mit Friedrich von Hohenſtaufen gen Mainz, wo die deutſchen Fürſten behufs der Kaiſerwahl in großer Menge, ja ſogar mit Heeresmacht zuſammen kamen. Die erſten Vorſchläge für den Thron bezeichneten Friedrich, Lothar von Sachſen und Leopold, Markgrafen von Oeſterreich als die Geeignetſten. Aber Erzbiſchof Adalbert von Mainz, der alte Feind des ſaliſchen Stammes, der dieſe Feind⸗ ſchaft auch auf die demſelben verwandten Hohen⸗ ſtaufen übertrug, lenkte die Wahl und ſuchte mit allen Mitteln Lothar von Sachſen auf den Thron zu bringen. War doch Lothar der Zögling ſeiner Machinationen gegen Heinrich V. geweſen, ein Haupt der aufrühreriſchen Vaſallen, dabei ein 25 — 386 ſchwacher Charakter, der ſich durch mancherlei Mittel lenken ließ. Dieſer mußte dem alten wilden Kirchenfürſten als der Geeignetſte für den Thron erſcheinen, wenn der Name Adalbert wieder ein gefürchteter und allgebietender im deutſchen Reiche werden ſollte. Lothar ſelbſt ſchien keine Luſt zu verſpüren, die Krone zu tragen und ſuchte aus⸗ zuweichen. Die Verhandlungen gingen ihren Weg, ſchienen aber Vielen kein Ende finden zu können, und da Friedrich und Leopold gerade abweſend waren, ergriff Adalberts Partei den Moment, be⸗ mächtigte ſich Lothars, hob ihn auf den Schild und rief ihn zum König aus. Die Sage geht, er habe ſich mit Händen und Füßen gegen das Schickſal deutſcher König zu ſein, gewehrt. Der wider⸗ rechtliche Schritt war geſchehen und gelungen, Adalbert wußte dem neuen Kaiſer, da dieſer in ſeiner Rathloſigkeit der Geiſtlichkeit allen Willen that, eine mächtige Partei zu verſchaffen, und ſo mußte Friedrich ſich in das Unabwendbare fügen. Aber es ſollte ſich bald eine Gelegenheit zum Ausbruche des alten Streites finden. Lothar verlangte alle 387 von den Hohenſtaufen durch Erbſchaft oder ſonſt wie erlangte Reichsgüter zurück, und da Friedrich dies verweigerte, wurde er, ohne irgend eine Vor⸗ ladung, ohne einen Verſuchzu gütlicher Ausgleichung, zu Weihnacht 1125 zum Reichsfeind erklärt. Friedrich, nicht gewillt, ſich dem widerrechtlichen Ausſpruche eines widerrechtlichen Fürſten zu fügen, beſetzte Nürn⸗ berg, während ſeine heroiſche Gemahlin Agnes Speier auf's tapferſte vertheidigte. Zu dieſer Zeit kehrte Konrad von Hohen⸗ ſtaufen aus Paläſtina zurück. Richards Herz flog dem Jugendfreunde entgegen, und Friedrich entließ ihn von Nürnberg, um Konrad nach Italien entgegenzuziehen. Mit einer Heeresab⸗ theilung eilte Richard nach Süden, that mit Kon⸗ rad einen glücklichen Zug und erkämpfte mit ihm die Königskrone, welche Konrad zu Monza und Mailand erhielt. Indeſſen ſollte Konrad die Krone für's Erſte nicht behalten. Lothar that ſeinen Römerzug, Konrad mußte von Mailand entfliehen und wurde in den Kirchenbann gethan. Richard theilte das Geſchick ſeines Freundes und kehrte, von dieſem 25* 8 388 bewogen, endlich nach Hohenſyburg zurück, um dort auf künftige günſtigere Zeiten zu harren. Er verſchmähte es, einem Kaiſer, wie Lothar, zu dienen, der durch Schwäche die Ehre des deutſchen Thrones ſchändete und ſich zum Lehnsmann des Papſtes machen ließ. Sechs Jahre hatte Richard in der Zurück⸗ gezogenheit, wiewohl nie unthätig, gelebt, als ihn die öffentlichen Angelegenheiten und zwar diesmal mit mehr Erfolg zu beſchäftigen began⸗ nen. Nach Lothars Tode nämlich wurde Konrad von Hohenſtaufen nun wirklich zum Kaiſer ge⸗ wählt, und mit ihm beſtieg das größte, genialſte und glorreichſte Kaiſergeſchlecht den deutſchen Thron. Adalbert von Mainz, der alte Kirchenwolf, war zwar geſtorben, aber neue Feinde traten den Hohenſtaufen in dem Geſchlechte der Welfen ent⸗ gegen, und begannen einen Kampf, welcher zwi⸗ ſchen dieſen beiden Geſchlechtern ſich durch Jahr⸗ hunderte ziehen ſollte. Die Welfen hatten ſich nicht weniger Hoffnung auf die Krone gemacht, als Konrad. Heinrich der Stolze von Sachſen — — 389 und Baiern ſtarb zwar bald nach dem Beginn der Feindſeligkeiten, hinterließ aber einen unmün⸗ digen Knaben, den nachmaligen Heinrich den Löwen, für den Heinrichs Bruder, Welf VIL. jetzt in die Schranken trat. Als Konrad das Städt⸗ chen Weinsberg belagerte, wurde der Ruf:„Hie Welf, Hie Waiblinger“ zuerſt gehört. Weins⸗ berg mußte ſich ergeben, und als Konrad den Weibern der Stadt geſtattete, mit dem, was ihnen am liebſten ſei, abziehen zu dürfen, nahmen ſämmtliche Frauen ihre Männer auf den Rücken und trugen ſie aus der Stadt. Richard ſtand neben Kaiſer Konrad, als dieſer Zug ſich aus den Thoren der Stadt näherte, und war glücklich in der Ueberzeugung, daß ſeine Wolfhilt in ähnlichem Falle nicht anders gehan⸗ delt haben würde. Es würde uns zu ſehr ins Einzelne führen, wenn wir Richards weiteres Schickſal verfolgen wollten. Er theilte mit Konrad, in deſſen Nähe er vielfach war, alle ernſten und guten Tage⸗ und als dieſer ſtarb, ſah er in dem jungen Fried⸗ rich(Barbaroſſa) den vierten Kaiſer auf d 390 deutſchen Throne. Zu dieſer Zeit, da ſchon ein Wherrlich aufblühendes Geſchlecht von Söhnen den glücklichen Grafen von Hohenſyburg in den Kampf begleiten konnte, wurde dieſes Haus noch einmal durch eigenthümliche Verwickelungen und Ereig⸗ niſſe merkwürdig, und wenn meine Leſer nicht abg⸗ 5 neigt ſein ſollten, dieſe zu erfahren, ſo will ich es nicht verſchwören, ihnen in einer Fortſetzung dieſer Geſchichte davon zu erzählen. * —— 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19