5„„ E. Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von 3 Cdnard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe iilget, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 Wi.— Pf. TW Pf 2— f. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Ein An⸗ flug von Schwermuth verlieh ſeinen Zuͤgen ei⸗ nen ruͤhrenden Ausdruck. Die Urſache ſeines Kummers war zwar nicht oͤffentlich bekannt; doch vermuthete man die Quelle deſſelben. *) Hie, in den Handſchriften des Don Manuel gefundene Geſchichte des Grafen d'Arenis del Mar mußte, zum beſſeren Verſtaͤndniß des Folgenden, im Anfang dieſer Abtheilung er⸗ zahlt werden. Man wußte naͤmlich, daß der Graf del Mar ſich, gegen den Willen ſeiner Familie, mit der reizenden Tochter eines einfachen Landmanns, deren Schoͤnheit ihn feſſelte, vermaͤhlt hatte. Ohne Ehrgeiz, ohne hoͤhere Wuͤnſche, floſſen ihm ſeine nur der Liebe geweihten Tage, ru⸗ hig und gluͤcklich, im Schoos des einſamen Lanolebens dahin. Aber die ſchoͤne Graͤfin war ihres einfoͤrmigen Gluͤcks nur allzubald uͤberdruͤſſig, und beſiegte, durch Liſt und Schmeichelworte, den Widerwillen des Grafen gegen das Hofleben ſo ſehr, daß er ſich ent⸗ ſchloß, ſeinen Aufenthalt in Madrid zu nehmen. Die Vermoͤgensumſtaͤnde des Grafen del Mar waren nicht glaͤnzend, und das Herz ſeiner ſchoͤ⸗ nen Lebensgefaͤhrtin nicht hinlaͤnglich, gegen die Reize des Luxus und der Eitelkeit gewaff⸗ net. Er erfuhr ſehr bald, wie unwiderſtehlich die Ueberredungskraft einer geliebten Gattin iſt. Sie wurde anſpruchsvoll, er ſchwach. Er ver⸗ ſuchte, ihr Vernunft zu predigen, ſie vergoß Zaͤhren, die er den Fehler beging, trocknen zu wollen. Sie errieth, wie weit ſie ihre Ober⸗ herrſchaft uͤber einen liebenden und nachgiebi⸗ gen Gatten ausdehnen koͤnne. Er empfand noch immer eine heftige Leidenſchaft fuͤr ſeine Gemahlin, die jedoch von ihr nur noch aus Gewohnheit erwiedert wurde. Aber ſie ver— ſtand die Kunſt zu ſcheinen, als theile ſie die Empfindungen des Grafen, und erſchien ihm daher reizender als jemals. Anfangs zeigte ſie nur leichte Launen, die ſich aber bald in ernſthaf⸗ tere verwandelten. Der Graf fuͤrchtete, ein ſo lei⸗ denſchaftliches Herz zu verwunden, und uͤberre⸗ 5 redete ſich, in ſeiner Blindheit, daß eine unbe⸗ grenzte Gefallſucht mit Ruhe und haͤuslichem Gluͤck nicht unvertraͤglich ſey. Er gab nach, und die glanzſuͤchtige Graͤfin uͤberließ ſich allen Thorheiten und Verkehrtheiten der großen Welt. Von den Maͤnnern bewundert, von den Frauen beneidet, die ſie ihrerſeits haßte und wieder beneidete, widmete ſie ihre ganze Sorg⸗ falt, und ſetzte ihren ganzen Ruhm darin, die Geſetzgeberin der Moden und die Richterin des guten Geſchmacks zu ſeyn. In Verſchwen⸗ dung geſtuͤrzt, verirrt in den Wirbeln des Leichtſinns, berauſcht von dem ihr geſtreuten Weihrauch, wurde ſie gleichguͤltig gegen den Tadel und unempfindlich gegen die Warnungen der oͤffentlichen Meinung. Alle Formen der ————————— Vergoͤtterung wurden fuͤr ſie erſchoͤpft, und ſchaͤdliche oder thoͤrichte Rathſchlaͤge fuͤhrten ſie ſchnell auf den Gipfel der Ausſchweifung. Gab auch zuweilen der Durſt nach Bewunde⸗ rung den ſeltenen Mahnungen der Vernunft nach, verſchwand auch mitunter das Blendwerk der Eitelkeit vor den geheimen Regungen des ehedem aͤngſtlichen Gewiſſens, ſo wurden dieſe voruͤbergehenden Bedenklichkeiten, bald von rau⸗ ſchenden Vergnuͤgungen und von dem ſuͤßen Duft der Schmeichelei beſiegt. Endlich er⸗ fullte voͤllige Verderbniß ein Herz, in welchem der Stolz den Keim jedes tugendhaften Ge⸗ fuͤhls erſtickte. Der Graf del Mar war zwar unfaͤhig einen ungegruͤndeten Verdacht auf die Ehre ſeiner Gattin zu werfen, ſeufzte aber insge⸗ heim uͤber die Unordnungen und außerordent⸗ lichen Verſchwendungen, welche ſeine Gluͤcks⸗ umſtaͤnde zerruͤtteten. Die Zeit zu gegenſeiti⸗ ger Mittheilung und liebevollem Vertrauen, war voruͤber. Seine Ruͤgen wurden entweder ſchnoͤde abgewieſen, oder mit heuchleriſchen Thraͤnen und Anfaͤllen verſtellter Verzweiflung erwiedert. Von nagendem Kummer gepeiniget, —— — gab er ſchweigend nach, und ſuchte durch neue Opfer Klagen zu ſtillen, die ſein Herz zerriſſen. Seine unverzeihliche Schwaͤche ließ ſeiner Gat⸗ tin die Waffen, die ſie gegen ihn gebrauchte, in den Haͤnden. Der Contraſt ſeines vorigen Wohlſtandes mit dem Mangel, den er voraus ſah, erfuͤllte ihn mit unbeſiegbarem Schrecken. Er ſuchte ſich ſelbſt zu vermeiden, und ſein Auge wagte nicht, den Abgrund zu meſſen, in den ihn ſeine uͤbertriebene Nachgiebigkeit hin⸗ abzog. Der unvermeidliche Sturz erfolgte. Der faſt gaͤnzliche Verluſt ſeines Vermoͤgens vollen⸗ dete das Ungluͤck des Grafen d'Arenis del Mar, und was ſein Herz noch empfindlicher verwundete, war die wenige Theilnahme ſeiner liebloſen Gattin, der er ſo große Opfer ge⸗ bracht hatte. Anſtatt ihm mit Troſt beizuſte⸗ hen, befliß ſie ſich vielmehr, ihm alle Vorwuͤr⸗ fe, der durch den Bankerot des Grafen erbit⸗ terten Glaͤubiger, in den ſchwaͤrzeſten Farben zu hinterbringen. Nur zu ſpaͤt erkannte er, wie ſehr er ſich in dem Charakter und den Gefuͤhlen der Frau, die er uͤber Alles liebte, — 10— geirrt habe. In den Jahren ſeines Gluͤcks knuͤpfte die Eitelkeit ſie an ſein Schickſal; jetzt machte ihr gekraͤnkter Stolz ihm bittere, unverdiente Vorwuͤrfe, und an die Stelle des Wohlwollens trat eine Gleichguͤltigkeit, die ſchmerzlicher iſt als der Haß. Ohne Zweifel waͤre der jetzige Moment der geeigneteſte gewe⸗ ſen, ſie wieder auf den Pfad der Tugend zu⸗ ruͤck zu fuͤhren, und zu ihrer hoͤchſten Pflicht, ihrem Gatten den inneren Frieden wieder zu verſchaffen, den er um ihrentwillen verloren hatte: aber der Egoismus erſtickte jedes beſ⸗ ſere Gefuͤhl. Das Publikum beweiſt faſt ſtets durch ſeine Urtheile, wie ſehr es jede Pflicht⸗ erfuͤllung zu ehren weiß. Ueber kleine Schwaͤ⸗ chen ſieht es meiſt hinaus, ſo lange ſie in den Grenzen des Anſtands bleiben, und laͤchelt zu kleinen Dornen, die zuweilen auf den Pfad ehelicher Gluͤckſeligkeit geſtreut werden; aber gegen ſchnöden Undank zeigt es ſich unerbitt⸗ lich. Die Graͤfin vergaß die Rechte, welche ihr Gemahl noch uͤber ſie hatte; ſie vergaß ſelbſt die Gefuͤhle der Natur, und verließ die Wohnung ihres Gatten, um ſich in die Ar⸗ me der Schande zu werfen, gegen welche ſie weder Schoͤnheit, noch Witz, noch Grazie, zu ſchuͤtzen vermochten. Der Graf war nahe daran ſeiner Ver— zweiflung zu unterliegen, fand es aber noth⸗ wendig, ihr, aus Liebe zu ſeinen Kindern, zu widerſtehen. Er verdiente es in der That nicht, daß ſeine Gattin ihn ſo treulos verließ. Seine Freunde tadelten ſeine Schwaͤche, be⸗ klagten aber auch ſein Ungluͤck, und leiſteten ihm thaͤtigen Beiſtand. Seine ſaͤmmtlichen Guͤter waren verpfaͤndet, und wurden zur Be⸗ friedigung ſeiner Glaͤubiger verkauft: doch wußte man ihm noch eine bei Manreſa gele⸗ gene Beſitzung zu erhalten, deren Einkuͤnfte zur Erziehung der beiden Sproͤßlinge ſeiner beklagenswerthen Heirath hinreichten. In dieſem Landhaus endete die, von ihrem Ver⸗ fuͤhrer verlaſſene, Graͤfin d'Arenis del Mar, zu den Fuͤßen ihres durch Reue verſoͤhnten Gemahls, ihr trauriges, mit Schmach bedeck⸗ tes Leben. Er verzieh ihr vollkommen, und druͤckte ihre Augen mit dem tiefſten Gefuͤhl des Schmerzes zu. Der Ungluͤckliche liebte ſie noch immer. Nachdem er ſeiner Gattin den letzten Dienſt geleiſtet hatte, eilte er, einen * * DOrt zu verlaſſen, an welchem jede Erinnerung an die Vergangenheit, ſein Herz aufs neue verwundete und ſuchte Vergeſſenheit und Zer⸗ ſtreuung, in den glaͤnzenden Geſellſchaften Va⸗ lencias.* Donna Pepita*) de Mendoqa, Marquiſin de Jaffra, eine der reichſten Erbinnen Spa⸗ niens, erwartete in Valencia den Tag, an wel⸗ chem ihre Vermaͤhlung mit Don Joſeph Car⸗ valho de Pombal, einem portugieſiſchen Edel⸗ mann und Vetwandten des Hauſes Braganza, feſtgeſetzt war. So hatte es ihr Großvater, der Herzog von Campo-Marte verfuͤgt, der, bei dem Mangel an maͤnnlichen Erben, ſeine Wuͤrden und Reichthuͤmer auf den gluͤcklichen Gemahl der ſchoͤnen Pepita vererbt wiſſen wollte, und dieſen Don Joſeph ausdrucklich dazu beſtimmte. Donna Pepita erblickte nicht ſobald den Grafen d»Arenis del Mar, als ſie auch den Vorſatz faßte, ihn an ihrem Triumphwagen zu feſſeln, an welchem bereits die meiſten jun⸗ * Abkürzung von Joſephine. gen Spanier der vornehmſten Geſchlechter des Koͤnigreichs Valencia zogen. Sie redete ihn im verfuͤhreriſchten Tone an, und laͤchelte beifaͤllig zu ſeinen einfachſten Antworten. Ih⸗ re ſchwarzen, von langen Wimpern bedeckten Augen, hefteten ſich oft mit bedeutendem Aus⸗ druck auf die ſeinigen, und ſpruͤhten Flammen in ſein Innerſtes. Hundert kleine Gunſtbezeu⸗ gungen zeichneten ihn, unter der erſtaunten Schaar der Anbeter der Marquiſin aus. Er empfing ſie zwar mit Dankbarkeit, aber, uͤber⸗ zeugt von der Fruchtloſigkeit ſeiner Wuͤnſche, huͤtete er ſich welche zu aͤußern, und war der letzte, welcher die Auszeichnungen, deren Ge⸗ genſtand er war, bemerkte: ſelbſt die Eifer⸗ ſucht ſeiner Nebenbuhler vermochte nicht, ihm die Augen zu oͤffnen. Sein Ungluͤck hatte al⸗ les Selbſtvertrauen in ihm erſtickt, und wenn auch ehedem ein Keim zur Eitelkeit in ſeinem Herzen verborgen lag, ſo war jetzt eine Be— hutſamkeit an ihre Stelle getreten, die an Zaghaftigkeit grenzte. Verrathen vom Gluͤck und von der Liebe, konnte er da wohl neue Hoffnungen ſchoͤpfen? Durfte er ſeine Augen bis zur reichſten Erbin beider Caſtilien er⸗ — 44 heben? Und war er auch uͤberzeugt, ihren Beifall zu erlangen, wie durfte er ſich unter— ſtehen gegen Bande zu kaͤmpfen, die zwei maͤchtige Familien in kurzer Zeit knuͤpfen wollten? Der Graf d'Arenis del Mar hegte dieſe Gedanken nicht einmal von ferne. Er ſetzte die Zuvorkommenheiten der Marquiſin auf Rechnung ihrer natuͤrlichen Hoͤflichkeit. Je zutraulicher ſie gegen ihn wurde, je ehrfurchts⸗ der Donna Pepita, gereizt durch einen Wider⸗ ſtand, deſſen Urſache ſie nicht errieth⸗ wendete alle erſinnliche Kuͤnſte an, um ein Herz zu be⸗ ſiegen, das die Macht ihrer Reize nicht aner— kennen wollte. Bald ſprach man in ganz Va⸗ lencia nur von der Seltſamkeit einer Leiden— ſchaft, bei welcher der ſchwächere Theil den Angriff wagte, waͤhrend der Stärkere, der ſich nur zu gluͤcklich haͤtte ſchaͤtzen ſollen beſiegt zu werden, vertheidigungsweiſe zu Werke ging. Endlich zweifelte der Graf nicht laͤnger nſeinem Sieg, als nach der Ankunft des 3, von Pombal, die herrſchſuͤchtige und voller zog er ſich zuruͤck. Aber die Koketterie 1— unbedachtſame Pepita ſich auf einem glaͤnzen— den Balle weigerte, die Aufforderung des ihr beſtimmten Braͤutigams anzunehmen, und nur mit dem Manne tanzen wollte, der ihren Zu— vorkommenheiten auswich. Der Graf konnte es ſich nicht verhehlen, daß die dem Marquis von Pombal widerfahrene Beleidigung zu öͤffent⸗ lich geſchehen ſey, als daß dieſer nicht Gelegen— heit zur Rache ſuchen wuͤrde. Noch glaubte er ſein Herz unempfindlich gegen eine neue Liebe, fand aber bei genauerer Selbſtpruͤfung, zu ſeinem Schrecken, daß die Reize der jungen Marquiſin de Jaffra, dennoch einen weſentli⸗ chen Eindruck auf ihn gemacht haͤtten, und fuͤrchte, ſeine ganze Seelenſtaͤrke wuͤrde nicht hinreichen, dieſe Klippe zu vermeiden. Er faßte jedoch den Vorſatz, ſich ſelbſt zu beſiegen, zumal da er uͤberzeugt war, die Schranken nie uͤberſteigen zu koͤnnen, die ihn von der Erbin des Herzogs von Campo:Marte trennten. Er hoffte, die glaͤnzende und leichtſinnige Donna Pepita wuͤrde, aus Unwillen uͤber ſeine Kaͤlte und Zuruͤckhaltung, ihn bald aus ihrem Ge⸗ daͤchtniß verbannen. Nie, ſelbſt dann nicht, wenn die Marquiſin ihn am meiſten dazu ver⸗ — 16— anlaßte, entſchluͤpfte ein Wort das auf Liebe haͤtte deuten koͤnnen, ſeinen Lippen. Er beſaß nicht Eigenduͤnkel genug, um zu glauben, er habe die Herzensruhe der ſchoͤnen Marquiſin auf ewig geſtoͤrt, und erwartete mithin ruhig und furchtlos, daß Don Joſeph eine Erklaͤrung von ihm verlangen werde, die er ihm mit Auf⸗ richtigkeit zu geben gedachte. Der Marquis von Pombal, der in der That uͤber die Unbeſonnenheit der Donna Pe⸗ pita erſtaunt war, faßte zwar Anfangs den Vorſatz, ſeinen Nebenbuhler noch vor dem Ende des Balls zu entfernen, ob er gleich nicht glaubte, dieſer Mitbewerber koͤnne ihm ſehr im Wege ſtehen, da die zwiſchen ihm und Donna Pepita beſchloſſene Vermaͤhlung ſich auf unwiderrufliche Verhandlungen gruͤndete. Aber ſtolz auf ſeine hohe Abkunft, und ſtreng uͤber den Ruf der ihm beſtimmten Braut den⸗ kend, wollte er der einzige Beherrſcher ihres Herzens ſeyn, ihre Schritte lenken, ſie abhalten, ſich der Verlaͤumdung auszu⸗ ſetzen, und ſelbſt den Schein des Verdachts von ihr entfernen. So geſinnt, beſchloß er, mit Vorſicht zu handeln, wo moͤglich jedes — 1— Aufſehen zu vermeiden, den Charakter der kuͤnftigen Marquiſin von Pombal in der Stille zu ergruͤnden, und ſie mit Feinheit dahin zu fuͤhren, daß ſie den Grafen del Mar ſelbſt verſtoße: denn ob er zwar ſehr gut einſah, daß Donna Pepita den Grafen ermuntere, ſo vermuthete er doch nicht, daß ſie ihn zu verfuͤhren ſuche. Auf dieſe Weiſe machte der Marquis ſei⸗ ne Plane und Berechnungen, zu deren Aus⸗ fuͤhrung ihm jedoch die Gelegenheit mangelte, da der Graf ſich nicht mehr in den Geſellſchaf⸗ ten Valencias ſehen ließ, in denen ſeine Abwe⸗ ſenheit allgemein gefuͤhlt und bedauert wurde. Man verwunderte ſich uͤber eine Zuruͤckgezogen⸗ heit, deren Urſache man nicht ergruͤnden konn⸗ te. Man ſprach viel uͤber dieſe ſeltſame Men⸗ ſchenſcheue, war aber ferne davon, den richti⸗ gen Grund zu errathen. Don Joſeph Car⸗ valho blieb ſeinem einmal feſtgeſetzten Plane treu, und da ſeinem Gluck jetzt nichts mehr im Weg zu ſtehen ſchien, ſo ließ er es ſich nicht im mindeſten merken, daß er jemals ei⸗ nen Nebenbuhler gefuͤrchtet habe. Das ein⸗ zige was er ſich erlaubte, war, in Pepitas Don Mannel. Zweiter Zheil. 2 Gegenwart leicht uͤber den plotzlichen Entſchluß zu ſcherzen, den einer ihrer Anbeter gefaßt habe, ſich in eine Wuͤſte zu begeben, um dort von der Ruͤckerinnerung an die erſten Gunſt⸗ bezeigungen ſeiner Schoͤnen zu leben, wie einſt Renaud von Montauban, der Liebhaber der ſproͤden Angelika*). Dieſer Scherz verfehlte jedoch ſeinen Zweck, und erregte Donna Pepitas Unwillen. Ob man ihr zwar den Don Joſeph als ihren kuͤnftigen Gatten vorgeſtellt hatte, oder noch wahrſcheinlicher, weil man ihn dazu beſtimmt hatte, ſo empoͤrte ſich eben aus die⸗ ſer urſache ihr Stolz deſto mehr gegen ihn, und es kraͤnkte ſie, daß er ſich erkuͤhnte, in die Tiefen ihres Herzens blicken zu wollen. Ohne daran zu denken, daß dem Marquis die Verſuche, welche ſie auf das Herz des Grafen machte, gaͤnzlich unbekannt waren, glaubte ſie vielmehr, es liege ein abſichtlicher Spott in ſeinem unbedeutenden Scherz. Nunmehr ließ *) Aus dem Gedicht des Bojardo, der verliebte Roland, welches dem raſenden Roland des Arioſts voranging⸗ ſie den Marquis das ganze Gewicht ihres Stolzes und ihrer Geringſchaͤtzung empfinden, und gab ihm deutlich zu verſtehen, ſie verlange keinen Cato zum Gemahl. Da Don Joſeph mit der Urſache dieſes Ungewitters unbekannt war, ſo ſuchte er es mit Klugheit von ſich ab⸗ zuwenden, und befliß ſich, die ſtolze Dame zu kaͤlterer Vernunft zuruͤck zu bringen. Er hoffe te, ſie durch Unterwuͤrfigkeit zu gewinnen; das Geſicht der ſchoͤnen Sennora klaͤrte ſich auch ſcheinbar merklich auf, und ihre Stimme wur⸗ de wieder ſanft und harmoniſch. Aber die bloße Gleichgultigkeit, welche ſie bisher gegen den aufgedrungenen Braͤutigam empfunden hat⸗ te, verwandelte ſich ploͤtzlich in bittern Haß, der Gefuͤhlen und Gedanken Raum gab, wel⸗ che bisher nur in ihr geſchlummert hatten. Wenn kleine Zufalligkeiten oder gering⸗ fuͤgige Dinge ſo haͤufig Einfluß auf große Be⸗ gebenheiten haben, und ſehr oft das Schickſal kluger Maͤnner entſcheiden, um ſo weniger darf man ſich verwundern, wenn unbedeutende Urſa⸗ chen die Herzen herrſchſuchtiger Frauen in Bewe⸗ gung ſetzen, und zur Richtſchnur ihrer Hand— lungen werden. Haͤtte der Graf d'Arenis del ) X — — W— Mar ſeine Bewunderung der ſchoͤnen Pepita laut erklaͤrt; hätte er ſich von ihren kuͤnſtli⸗ chen Lockungen umgarnen laſſen, und die An⸗ zahl ihrer Anbeter, die ſie bald aufmunterte, bald zur Verzweiflung trieb, vermehren wollen; haͤtte er ſich noch vor der Ankunft des Mar⸗ quis von Pombal in die Einſamkeit vergraben, und haͤtte man weniger hieruͤber geredet; und haͤtte endlich Don Joſeph jenen unzeitigen Scherz nicht vorgebracht, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß Donna Pepitas Vorliebe fuͤr den Grafen nur von ſehr kurzer Dauer wuͤrde geweſen ſeyn. Sobald ſie ſich aber allein befand, trat der hoͤchſte Zorn an die Stelle des bloßen Unwil⸗ lens. Sie erroͤthete bei dem Gedanken, der Gegenſtand des Spottes eines Mannes gewe⸗ ſen zu ſeyn, dem ihre Hand beſtimmt war. „Wie?“ dachte ſie:„Wollte er ſchon jetzt ſeine Macht und ſeine Rechte gel⸗ tend machen? Wollte er mir, unter der Larve eines unverſchaͤmten Scherzes, Pflichten einſchaͤrfen, Verbindlichkeiten vorſchreiben? Trachtete er blos nach meiner Hand, um ſich meiner großen Reichthuͤmer zu bemaͤchtigen, und mich dann als Sklavin zu behandeln?“ Ihre ſtolze Seele empoͤrte ſich gegen den Ge⸗ danken an Abhaͤngigkeit. Sie begehrte einen Gemahl, der ihren Befehlen gehorche, und ſich ihrem Willen unterwerfe. Nun ging Donna Pepita zu Vergleichungen zwiſchen dem Grafen del Mar und dem Marquis von Pombal uͤber, die nicht vortheilhaft fuͤr den letzteren ausfielen. Ge⸗ kraͤnkt uͤber die freiwillige Entfernung des Gra⸗ fen, und mehr von uͤbertriebener Eigenliebe, als von wahrer Neigung angereizt, wiederholte ſie ſich, mit den glaͤnzenden Farben der Erin⸗ nerung geſchmuͤckt, jeden Umſtand, der ihn an ihre Seite fuͤhrte; ſeine feinen Sitten, ſei⸗ nen guten Geſchmack, ſeinen Witz und ſeine zarte Beſcheidenheit. Sie entſann ſich der Melancholie die ſo oft ſein Geſicht verdunkelte, und ihrer eigenen Zuvorkommenheiten.— Die Verwirrung, in welche der Graf auf jenem Ball gerieth, an dem ſie ihn mit allen Kuͤn⸗ ſten der Verfuͤhrung, mit allen ihren Reizen, an ſich zu ketten ſuchte, war ihr damals nur wenig aufgefallen: jetzt aber gedachte ſie deſ⸗ ſen aufs neue, und erſtaunte, daß ſie nicht gleich die Leidenſchaft des Grafen fuͤr ſie, die ſich ſo deutlich in dieſer Verwirrung ausſprach, entdeckt habe. Nun erſt erkannte ſie die Ur⸗ ſache ſeiner Entfernung;— der Graf liebte ſie, floh ſie nur aus Beſcheidenheit, und viel⸗ leicht gar aus Verzweiflung. Bei einem ſo gebieteriſchen und entſchie⸗ denen Charakter, als der der Margquiſin de Jaffra, kounte kein großer Zeitraum zwiſchen der Entdeckung ihrer Neigung und dem Stre⸗ ben nach Befriedigung derſelben ſtatt finden. Sie fuͤrchtete die unzaͤhligen Hinderniſſe, die ſich der Ausfuͤhrung ihres Plans entgegenſetz⸗ ten, keinesweges. Angeſpornt, ſowohl von der Begierde, den Don Joſeph zu kränken, als von der, ſich ſelbſt einen Gatten zu waͤhlen; verſichert, daß durch die Schaͤtze und den ho⸗ hen Rang, welche ſie dem Grafen d'Arenis del Mar zubringe, es ihr gelingen werde, einen unterthaͤnigen Sklaven aus ihm zu machen, und ihre gaͤnzliche Unabhaͤngigkeit zu erhalten, ſuchte ſie ſich zu uͤberzeugen, daß ſie der Liebe ein großmuͤthiges Opfer bringe. Feſt hiezu! entſchloſſen, ſetzte ſie nunmehr alle Triebfedern in Bewegung, um den Marquis von Pombal zu entfernen, und ſuchte den Grafen del Mar von ſeinem Gluͤck zu unterrichten, und das von ihr erſehnte Geſtaͤndniß ſeiner Liebe von ſeinen Lippen zu vernehmen. Der Graf gerieth in das hoͤchſte Erſtau⸗ nen, als eine Abgeſandte der Sennora, Men⸗ doqa vor ihm erſchien, und ihn bat, ihr ſchleu— nig und heimlich zu dem Pallaſt ihrer Gebie⸗ terin zu folgen. Im erſten Augenblick wollte er dieſe Zuſammenkunft ablehnen, die, wie er glaubte, nur den Zweck habe, ihn zum Zeugen des Gluͤcks des Marquis von Pombal zu ma⸗ chen, und ſeine eigenen Hoffnungen, im Fall er deren noch hegen ſollte, auf eine hoͤfliche Weiſe zu vernichten. Rach etwas reiflicherem Nachdenken hielt er jedoch dafuͤr, die junge Marquiſin fuͤrchte vielleicht die Eiferſucht ihres vortugieſiſchen Verlobten, und verlange daher aus dem eigenen Munde des Grafen zu hoͤ⸗ ren, daß ſeine Neigung fuͤr ſie erloſchen ſey. Von dieſem Gedanken ergriffen, entſchloß er ſich ſogleich, ihr den begehrten letzten Beweis ſeiner Achtung zu zollen; auch rechnete er zu gleicher Zeit auf den ehrenvollen Charakter ſei⸗ nes glucklichen Nebenbuhlers, und hoffte, daß die⸗ ſer ihm entweder achtungsvollen Dank ſagen muͤſſe, oder ihm die Rechtfertigung nicht verſagen würde, — die er durch ſein Betragen verdiene. Er nahm ſeinen Degen und folgte der Duenna. Auf die geheimnißvollſte Weiſe in das Zimmer der Maraquiſin eingefuͤhrt, ſtand er vor ihr, ehe er noch Zeit gewann, ſeine Ge⸗ danken zu ordnen. Donna Pepita, die kein Mittel ihm zu gefallen vernachlaͤſſigen wollte, hatte ſich mit allen ihren Reizen gewaffnet. Die ſchoͤnſten und beſtgewaͤhlteſten Gewaͤnder hoben ihren nymphenaͤhnlichen Wuchs. Ein goldnes Netz bedeckte ihre ſchoͤnen, mit ge⸗ ſchmackvoller Nachlaͤſſigkeit geordneten Haare, zwiſchen denen die blendend weiße Stirne her— vorglaͤnzte, und die dann in langen, das Ebenholz beſchaͤmenden Locken, auf den alaba— ſteraͤhnlichen Hals herabrollten. Ein leichter Schleier ließ die ſchoͤnen Formen mehr erra— then, als daß er ſie haͤtte verſtecken ſollen. Das halbdunkle Zimmer war mit den wohlrie⸗ chendſten Blumen geſchmuͤckt. Auf einem Ru⸗ hebette, halb liegend, halb ſitzend, ſtuͤtzte die ſchoͤne Pepita ihr niedliches Koͤpfchen, in ſchmachtender Stellung, auf ihre ſchneeweiße Hand. Wie man den Grafen anmeldete, ſchrack ſie zuſammen, wollte ſich erheben, ſank aber, gleichſam als ſey ſie von ihren Gefuͤhlen uͤberwaͤltiget, wieder in ihre vorige Stellung zuruͤck. Der Sieg uͤber den Grafen wurde der liſtigen Zauberin nicht ſchwer. Sein Herz ſprach ſchon allzuſehr zu Gunſten der Sennora Mendoga. Das Blendwerk des geſchmuͤckten Tempels und die Schoͤnheit der Goͤttin deſſel⸗ ben, verwirrten ſeine ſchwache Vernunft. Er vergaß, daß ihm die Urſache dieſer Zuſammen⸗ kunft noch unbekannt ſey, und daß er zuerſt eine Erklaͤrung abwarten muͤſſe; er vergaß den Don Joſeph und deſſen Rechte; er ſprach von Liebe,— er ſprach mit der hoͤchſten Lei⸗ denſchaft. Donna Pepita hoͤrte ihn ſchweigend an, und genoß mit Wolluſt das ſuͤße Vergnuͤ⸗ gen, den Widerſpenſtigen endlich zu ihren Fuͤ⸗ ßen zu ſehen. Die aufrichtige und feurige Begeiſterung, mit der er ſich ausdruͤckte, be⸗ maͤchtigte ſich auch ihres Herzens, und ergrif⸗ fen von einem ihr bis jetzt unbekannten Ge⸗ fuͤhl, waͤhnte ſie wirkliche Gegenliebe zu em⸗ pfinden. Dieſe kalte, ſtolze Seele ſtieg einmal, aber nur auf kurze Zeit, von ihrer Höhe her— ab, um Empfindungen zu theilen, die nur wohlwollende, biedere Herzen begluͤcken. Entzuͤckt, das Geſtaͤndniß des Grafen er⸗ langt zu haben, ehe ſie ihn noch mit ihren Geſinnungen bekannt gemacht hatte, eilte Don⸗ na Pepita ſein Feuer zu mäßigen, indem ſie den wuͤrdevollen Ton, der ſie ſelten verließ, wieder annahm. Sie ſtellte ſich erſchrocken uͤber den Weg, auf welchem die Leidenſchaft ſie fortgeriſſen hatte. Der Graf, ſagte ſie, habe dasjenige errathen, was die Ehre ihr ge⸗ biete, vor der Welt verborgen zu halten. Wie koͤnne ſie, von nun an, vor Don Joſeph ohne Schamroͤthe erſcheinen? Wie ihre Hand ei⸗ nem Gatten reichen, den ihr Herz verrathe? Wie ihm vor dem Altar Treue geloben, wenn ein unwiderſtehlicher Hang ſie zu einem andern Gegenſtand ziehe? Sie fuͤhle weder den Muth wortbruͤchig zu werden, noch den, Wi⸗ derſtund zu leiſten. Es mangele ihr ein Be⸗ ſchuͤtzer, und es bleibe ihr kein anderer Aus— weg, als in eine Wuͤſte zu fliehen:— ihre ſchoͤnen Tage waͤren dahin!— Einige Thraͤ⸗ nen vollendeten den Sieg uͤber ein Herz, das ſich nur allzuwillig ſelbſt taͤuſchte. Trotz der Verfuͤhrungskuͤnſte, welche den Grafen von allen Seiten umgarnten, zoͤgerte er dennoch um eine Hand zu bitten, die ihm ſo deutlich angeboten wurde. Seine erſte Ehe, ſeine verlaſſenen Kinder kamen ihm ins Ge⸗ daͤchtniß. Er warf ſich zu den Fuͤßen der Marquiſin, und erzaͤhlte ihr ſeine traurige Le⸗ bensgeſchichte. Er klagte ſich ſelbſt an, ſprach ſich ein ſtrenges Urtheil, uͤberließ ſich der gren⸗ zenloſeſten Verzweiflung, und ſchilderte ſeinen Schmerz, ſeine Liebe, ſeine Verehrung und ſeine Wuͤnſche, mit ſo vieler Wärme, daß Donna Pepita ſich uͤberzeugte, der Geliebte, den ſie bis zu ſich erhob, dem ſie Alles auf⸗ opferte, wuͤrde ſich nicht weigern, auch ihr die groͤßten Opfer zu bringen. Sie wagte es mit⸗ hin ihm den kuͤhnen Vorſchlag zu thun, daß er die Fruͤchte jener ungluͤcklichen Ehe, die auf ewig in Vergeſſenheit ſinken muͤßten, nach den Kolonien verbanne. Dieſen ſchaͤndlichen Rath wußte die Liſtige mit ſo ſchoͤnen Farben auszu⸗ ſchmuͤcken, daß es ihr gelang, ihn den Grafen weniger verabſcheuungswuͤrdig zu machen. Sie gab vor, ſie ſey weit entfernt von dem Gedan⸗ ken dieſe Ungluͤcklichen zu verlaſſen; ſie wolle ſie im Gegentheil mit ihren Gaben uͤberhaͤufen, durch ihre Wohlthaten die Grauſamkeit, ſie ihres Vaters beraubt zu haben, verguͤten, und ihnen ein Schickſal bereiten, das ſie in Spa⸗ nien nie finden koͤnnten. Aber die Wuͤrden und Reichthuͤmer, welche ſie dem Grafen zu⸗ bringe, muͤßten das unbeſtreitbare Erbe der Fruͤchte ihrer beiderſeitigen Liebe werden; ſeine Finder erſter Ehe waͤren ja ohnehin, wegen ihrer niedrigen Geburt und der Schande ihrer Mutter, zur Dunkelheit verurtheilt; auch wuͤr⸗ de es hart ſeyn, ſie zu Zeugen des Glanzes ihrer Stiefgeſchwiſter zu machen. Sowohl die Klugheit, als die Sorge fur ihr Glück gebiete, ſie weit zu entfernen, und in einem Stand zu erziehen, in welchem ſie Ruhe, Wohlhabenheit und Gluͤckſeligkeit finden wuͤrden. Der ſchwache Graf wuͤrde dieſem grau⸗ ſamen Vorſchlag widerſtanden haben, hätte ſei⸗ ne Leidenſchaft, die ſelbſt die Stimme der Na— tur erſtickte, es zugegeben, den Sophismen der ſchoͤnen Zauberin vernuͤnftige Gruͤnde entgegen zu ſetzen. Erbangend vor einer entſcheidenden Antwort, und unwillkuͤhrlich vor dem Verbre⸗ chen, das er im Begriff war zu begehen, zu ſchaudern, obgleich er deſſen fuͤrchterliche Fol⸗ gen noch nicht ahnen konnte, bat er ſich einen einzigen Tag zu reiflicherer Ueberlegung aus. Bei dieſer Bitte, die der Marquiſin eine Wi⸗ derſetzlichkeit duͤnkte, uͤberzog ihre ſtolze Stir⸗ ne eine Wolke des Unmuths, und Zorn bemei⸗ ſterte ſich ihres Herzens. Aber noch glaubte ſie ihren Zauber nicht vollendet; ſie begehrte einen Sklaven, und noch lag dieſer nicht in ihren Feſſeln. Mit ſcheinbarem Wohlwollen geſtand ſie ihm daher dieſen Aufſchub zu, und zwar auf eine Weiſe, daß es das Anſehen hatte, als habe ſie ihm das Anerbieten ſelbſt machen wol⸗ len. Dieſes Alles geſchah mit ſo vieler ge⸗ heuchelter Guͤte, und mit Aeußerungen der groͤßten Theilnahme an dem Schickſal der ar⸗ men Kinder, daß dem Grafen, als er ſeine Schoͤne verließ, kein anderer Wille uͤbrig blieb, als der ihrige. Auf dieſe Weiſe ging Alles nach den Wuͤnſchen der Sennora Mendoqa; der jedoch noch ernſthaftere Hinderniſſe im Wege ſtanden. Der Marquis von Pombal drang auf balbige Vollziehung der Vermahlung. Alles war dazu vorbereitet, und die beiderſeitigen Familien 30— foderten die Vollſtreckung des Teſtaments des Herzogs von Campo⸗Marte. Dieſe dem An⸗ ſchein nach unuͤberwinblichen Schwierigkeiten mußten beſiegt werden. Pepita uͤberlegte eben wie dieß anzufangen ſey, als ihre Duenna ploͤtzlich ins Zimmer ſtuͤrzte, und ihr mit er⸗ ſchrockener Stimme zurief, Don Joſeph ſey dem Grafen del Mar begegnet, als dieſer ihr Gemach verlaſſen habe, und eine heftige ge⸗ genſeitige Erklaͤrung habe auf der Stelle ſtatt gefunden. Beide jung und tapfer, haͤtten ſich mit blinder Wuth geſchlagen, und Beide waͤren ſo eben, todtlich verwundet, von ihren Dienern fortgetragen worden. Donna Pepita befahl, man ſolle ſogleich ihren Pallaſt verſchließen, und jeden Beſuch, ſelbſt den ihrer Verwandten, abweiſen. Sie zeigte ſich nirgends, und wurden ihre Leute be⸗ fragt, ſo antworteten ſie, daß niemand von ih⸗ nen das Innere ihrer Zimmer betreten duͤrfe; nur einer alten Kammerfrau ſey der Zutritt einmal des Tages geſtattet. Donna Pepita ließ ſich nie nach dem Schickſal der beiden Ne⸗ benbuhler erkundigen, und ihr eigenes blieb in den Schleier eines undurchdringlichen Ge— — — heimniſſes gehuͤllt. Man wollte jedoch behaup⸗ ten, eine verſchleierte Frau habe die Thuͤr des Grafen d'Arenis belagert, und ſich nicht eher von dieſer entfernt, bis ſie die Gewißheit er⸗ langte, ſeine Wunde ſey nicht toͤdtlich. Aber dieſes alte, arme Weib gehoͤrte nicht zu der Dienerſchaft der Marquiſin. Während der Graf unter den Haͤnden der Wundaͤrzte litt, troͤſtete er ſich mit der Hoff⸗ nung, ſeine Geliebte wuͤrde den innigſten An⸗ theil an ſeinen Schmerzen nehmen; aber er wartete vergeblich auf eine Nachfrage von ih⸗ rer Seite. Ein Tag folgte nach dem andern, ohne daß ein Beweis von Liebe, ja nicht ein⸗ mal eine einfache Erkundigung nach ſeinem Be⸗ finden, ſeine Schmerzen gelindert haͤtte. Eine ſchreckliche Unruhe bemeiſterte ſich ſeiner, die einer ſeiner Diener noch durch die Erzählung vermehrte: Donna Pepita habe ihre Freude nicht verhehlen koͤnnen, wie ſie den Zweikampf und deſſen Folgen erfuhr. Er hielt ſich fuͤr verſpottet, fuͤr betrogen und in ſeinen heilig⸗ ſten Gefuͤhlen verrathen. Er verabſcheute die Grauſame, die ihn nur deswegen auf den Gipfel des Gluͤcks erhoben habe, um ihn deſto * —— boshafter von demſelben herabzuſtoßen. Sein Blut gerieth in Entzuͤndung, ſeine Wunden verſchlimmerten ſich, und ein gefaͤhrliches, durch ſeine Gemuͤthsbewegungen, heftiger ge⸗ wordenes Fieber, fuͤhrte ihn an den Rand des Grabes. Der Marquis von Pombal war weder glucklicher noch ruhiger. Gerechterweiſe uͤber das mehr als unſchickliche Betragen der ihm beſtimmten Braut empoͤrt, wollte er ſich zu ihr begeben, um ihre letzten Geſinnungen zu erforſchen, und die Vollziehung ſeiner Ehe zu beſchleunigen. Er gedachte, ſie zu ihrer Pflicht zuruͤck zu fuͤhren, und durch ihre Ent⸗ fernung in ein anderes Land, in dem auch an⸗ dere Sitten herrſchten, ſie thoͤrichten Verbin⸗ dungen zu entziehen. Aber als er eben um eine Ecke des Pallaſtes der Marquiſin bog, gewahrte er den Grafen d'Arenis, der, in ei⸗ nen Mantel gehuͤllt, aus einer geheimen Pforte ſchluͤpfte. Es ſtand mithin zu vermu⸗ then, der Graf habe ſich nur zum Schein der Welt entzogen, um deſto bequemer heimliche Zuſammenkuͤnfte mit Donna Pepita halten zu können. Die Beleidigung heiſchte blutige Ge⸗ —— nugthuung. Vor Zorn außer ſich, rief er dem Grafen zu, ſich zur Wehre zu ſtellen, und man ſchlug ſich mit voller Wuth. Das Blut des Marquis floß und man brachte ihn beſinnungslos vom Kampfplatz. Kaum aber ins Leben zuruͤckgekehrt, ließ er gegen die treu⸗ loſe Pepita ſeine ganze Wuth aus, die auf den hoͤchſten Grad ſtieg, als man ihm kund thun mußte, Sennora Mendoqa habe ſich ge⸗ weigert ſeine Briefe anzunehmen, und ſie un⸗ entſiegelt zuruckgeſchickt. Hierauf erſchopfte er ſich in leeren Drohungen, entwarf die thoͤrich⸗ ſten Plane zur Rache, und reizte ſich dadurch ſo ſehr auf, daß, obgleich ſeine Wunden nichts weniger als gefaͤhrlich waren, das Fieber ſo zunahm, daß auch ſeinem Leben Gefahr drohte. Die beiden unglucklichen Nebenbuhler er⸗ holten ſich nur langſam von den Folgen ihres unſeligen Zweikampfs, und man glaubte allge⸗ mein, ſie wuͤrden ſich zum zweitenmal begegnen, um ihre Zwietracht durch den Tod des einen oder des andern zu endigen; als der Pallaſt der Marquiſin de Jaffra ſich aufs neue, mit mehr Pracht als jemals oͤffnete. Donna Pe⸗ Don Mannel. Zweiter Dbeil. 3 — pita erſchien wieder im vollen Glanze ihres Reichthums und ihrer Schoͤnheit. Eine ſtolze Zufriedenheit herrſchte in ih⸗ ren Zuͤgen, und ſchlug alle Vermuthungen nie⸗ der, die man ſich erlaubt hatte, uͤber ihre Ab⸗ weſenheit zu machen. Nicht weniger verwun—⸗ derte man ſich uͤber das Stillſchweigen, wel⸗ ches ſie uͤber ihre bisherigen Schritte beobach⸗ tete. Dieſe Verwunderung erreichte aber den hoͤchſten Grad, als man erfuhr, der Marguis von Pombal ſey in aller Stille nach Portu⸗ gall abgereiſt, entſage ſeinen Anſpruͤchen, und uͤberlaſſe die Rache an der Perſon des Grafen der treuloſen Sennora Mendoga. Ungefaͤhr zur naͤmlichen Zeit wurde der Graf d'Arenis in die Wohnung ſeiner Gelieb⸗ ten gebracht, von Donna Pepitas ſtolzer Fa⸗ milie als ihr rechtmaͤßiger Gatte anerkannt, und von dem Könige, Carl dem Vierten, mit der Wuͤrde eines Grands von Caſtilien begna⸗ diget. Seine voͤllige Geneſung ging ſchnell von ſtatten, und die unerwartete Vermaͤhlung wurde mit beiſpielloſem Pomp gefeiert. Denn die Marquiſin de Jaffra, die nicht den Namen ihres Gemahls annahm, ſondern ihm den ihri⸗ F gen beilegen ließ, wollte ihn mit allem Blend⸗ werk der Pracht und Groͤße umgeben; ſo⸗ wohl um allen falſchen Deutungen ein Ende zu machen, als auch um den ſtolzen Spaniern zu zeigen, daß, da ſie ihn zum Gegenſtand ihrer Liebe erhoben habe, ſie auch wuͤnſche, man moͤge ihn dem gemaͤß ehren. Der neue Marquis de Joaffra war nicht lange gluͤcklich. Sein empfindungsreiches Herz fuͤhlte bald eine Leere, die er ſich vergeblich zu verheimlichen ſuchte. Das Gluͤck verliert ſchnell ſeine Reize, wenn alle Wuͤnſche bis zur Ueber⸗ ſaͤttigung befriediget ſind. Das Gewiſſen des Grafen mahnte ihn unablaͤſſig, daß er der Taͤuſchung eines Augenblicks die Ehre, die Gefuͤhle der Natur, und die der Menſchlichkeit aufgeopfert habe. Sich auf ſeine außerordent⸗ liche Nachgiebigkeit ſtuͤtzend, noͤthigte ihn ſeine Gemahlin, ungeachtet ſeines Widerwillens, wieder bei Hofe zu erſcheinen. Ihre Abſicht ging dahin, ihn zu den hoͤchſten Ehrenſtellen zu erheben; aber alle ihre Raͤnke ſcheiterten an den liſtigeren und geheimeren der alten Hoͤflinge. Der Marquis, deſſen Beurthei⸗ lungskraft nicht vom Stolz geblendet war, 2* 0 —— nahm ſchaudernd wahr, daß die zuͤgelloſeſte Ehrſucht ſich oft mit dem Namen Ruhm ſchmuͤckte, daß die Ausſchweifung ſich hinter der Liebe verſteckte, und ſchaͤndliche Sklaverei, treue Anhaͤnglichkeit an den Monarchen heißen wollte. Er erſtaunte, daß Maͤnner von Gei⸗ ſtesgaben ſich herablaſſen konnten, leichtfertig zu ſcheinen, und ihre wirklichen Vorzuͤge da⸗ durch verloren, daß ſie geiſtesarmen Großen in Sitten, Trachten und Albernheiten nachaͤff⸗ ten*). Und wenn nun, wie es der Fall war, dergleichen unnuͤtze Weſen die erſten Ehrenſtel⸗ len einnahmen, wenn man ſehen mußte, wie ſie das Schickſal eines edlen Volkes lenkten, wie ſollte da der beſſer geſinnte Marquis ſich haben entſchließen koͤnnen, Antheil an Ehren⸗ poſten zu nehmen, welche die Frucht der In⸗ trike und der Niedertraͤchtigkeit waren, und der Gegenſtand des Fluches und des Haſſes der ganzen Nation? Der Marquis verhehlte „ *) Die Epoche, von welcher hier die Rede iſt, faͤllt in die Zeit der Regierung des beruͤchtigten Friedensfurſten. ſeine Anſichten ſeiner Gemahlin keinesweges, und dieſe, aufgebracht uͤber ſeine kleinliche Denkungsart, und uͤberzeugt, daß er nicht zum Herrſcher geboren ſey, gab es auf, ihm ein Ziel vorzuſtecken, das er weder erreichen konn— te, noch wollte. Von nun an betrachtete ſie ihn blos als den lenkſamen Vollſtrecker ihrer haͤuslichen Befehle, belaſtete ihn mit dem vol— len Gewichte ihres Hochmuthes und ihrer Herrſchſucht, und konzentrirte ihre ſtolzen Rei⸗ gungen auf Don Francisco de Jaffra, die ein⸗ zige Frucht dieſer mißrathenen Ehe. Unter den haͤufigen Vorwuͤrfen, welche die Marquiſin ihrem Gemahl taͤglich machte, ſtand einer an der Spitze, den ſie faſt ſtuͤndlich und jedesmal mit groͤßerer Bitterkeit wieder⸗ holte. Die Herzogswuͤrde, welche ihr Großva⸗ ter ihr beſtimmt hatte, war auf einen andern Zweig der Familie von Mendoqa uͤbergegangen, und nur unter dieſer Bedingung war ihre Verbindung mit dem Grafen d'Arenis del Mar von der Famitie zu erlangen geweſen. Von einem unbeugſamen Willen beſeelt, und bereitwillig jedes Opfer zu bringen um dieſen zu befriedigen, war ihr in den Sinn gekom⸗ — Wille des Herzogs von Campo⸗ Marte, im Herzen eines ihrer nahen Verwandten erregt habe, der ihr jene Wuͤrde beneidete, und dafuͤr hielt, man entziehe ihm dieſelbe ungerechter Weiſe. Sie hoffte, wenn ſie heimliche Unter⸗ handlungen mit ihm anknuͤpfe, daß ſie in ihm eine maͤchtige Stuͤtze, ſowohl gegen das Teſta⸗ ment, als auch gegen den Marquis von Pom⸗ bal finden wuͤrde. Eben als ſie im Begriff war, uͤber einen ſchicklichen Vorwand zur Ein⸗ leitung dieſer Verhandlung nachzudenken, und dieſen noch nicht zu finden wußte, brachte man ihr die Nachricht von dem Zweikampf der bei⸗ den Nebenbuhler. Dieſer Zufall verſchaffte ihr Licht, Troſt und Rath. Ihr Entſchluß war auf der Stelle gefaßt. Durch eine vertraute Perſon, von der wenigen Gefahr, welche das Leben des Grafen bedrohe, unterrichtet, ver⸗ ſchloß ſie ihre Wohnung, empfahl den wenigen Leuten, denen ſie ihr Vertrauen ſchenkte, das tiefſte Geheimniß, und begab ſich in groͤßter Eile nach Madrid. Von ihrem Verwandten, dem Grafen von Mendoqa eingefuͤhrt, warf ſie ſich zu den Fuͤßen Carls des Vierten, ſtellte ihm men, welch großes Mißvergnuͤgen der letzte . 3 — 36— die Tirannei ihres Großvaters vor, der, von einem unerklaͤrbaren Eigenſinn verleitet, ihre Hand, ſeine großen Reichthuͤmer und eine der hoͤchſten Wuͤrden Spaniens, einem Auslaͤnder beſtimmt habe. Sie beſchwerte ſich ferner uͤber das Betragen dieſes Fremdlings, welcher, gleich bei ihrer erſten Zuſammenkunft, ohne alle gegebene Urſache, Haͤndel mit einem der treuen Unterthanen Sr. Majeſtaͤt geſucht, dieſen be⸗ ſchimpft, angegriffen und ſchwer verwundet habe. Der Graf von Mendoqa ſtellte ſeiner Seits ehrfurchtsvoll vor, wie unpolitiſch es ſey, wenn man einem machtigen portugieſiſchen Hauſe, Rechte auf ſo große Beſitzungen in Spanien einraͤumen wolle. Ferner zaͤhlte er ſeine dem Vaterlande geleiſteten wichtigen Dienſte auf, wie auch daß die Laͤndereien des Herzogthums von Campo⸗Marte ihm zukaͤmen; doch wuͤrde er ſich hinlaͤnglich belohnt glauben, wenn der Koͤnig ſein vaterliches Oberrecht wolle obwalten laſſen, und die unterthaͤnigſten Vorſtellungen ſeiner großmuͤthigen Baſe zu er— hoͤren geruhe. Der König verſprach die Sache unterſuchen zu laſſen, und der Graf von Men⸗ doga, nebſt der ſchoͤnen Pepita, verloren keinen —— Augenblick Zeit. Dem hohen Rang und der Schoͤnheit fehlt es nie an Beſtechungsmitteln. Das Teſtament wurde, als den Geſetzen des Königreichs entgegen, aufgehoben, der Graf ge⸗ langte zum Beſitz der Herzogswuͤrde, und der von der reizenden Pepita erwaͤhlte Gatte, er⸗ hielt zum Erſatz, den Titel und die Vorrechte eines Grands. Aber die Marquiſin hatte die Anſpruͤche auf die Herzogswuͤrde nur in der Ueberzeu⸗ gung aufgegeben, daß ihr Gemahl in ihre ehrgeizigen Plane eingehen, und ſich, durch die Gnade des Koͤnigs, leicht eine neue Ehrenſtelle verdienen wuͤrde. Unwillig uͤber ſeine Unfaͤhig⸗ keit dieſe Gnade zu erlangen, ging ſie von ih⸗ ren uͤbertriebenen Begriffen von ſeinen hoͤfſiſchen Talenten, zur aͤußerſten Geringſchaͤtzung ſeiner Perſon uͤber. Sie lebte nunmehr blos fuͤr ih⸗ ren Sohn, den ſie ſelbſt zum Ungehorſam, zur Prunkliebe und zur Ehrſucht erzog, und auf deſſen Zukunft ſie die thoͤrichſten Hoffnum gen ſetzte. Von dem Tage des glaͤnzenden Vermaͤh⸗ lungsfeſtes des Marquis de Jaffra an, erhiel⸗ ten die beiden Kinder des Grafen d'Arenis del Mar eine unbekannte Beſtimmung, und ein undurchdringlicher Schleier verbarg ihr Schick⸗ ſal vor den Augen der Welt. Eine unbeſieg⸗ bare Traurigkeit, der ſelbſt die Freundſchaft keinen Troſt zu ſpenden vermochte, und die, von Jahr zu Jahr, zunahm, bemeiſterte ſich des Marquis und nagte an ſeinem Leben. Nie hoͤrte man ihn von den Begebenheiten reden, die ſeiner letzten Heirath vorangingen. Er liebte ſeinen Sohn, und ſeufzte uͤber die Thor⸗ heiten und Verkehrtheiten, zu denen ihn ſeine Mutter anfuͤhrte; hatte aber nicht den Muth ſich ihr zu widerſetzen. Als Don Francisco ſein ſiebzehntes Jahr erreicht hatte, ſtoͤrte, ei⸗ nes Tages, ein heftiger Streit, den zwiſchen. dem Marquis und der herrſchſuͤchtigen Pepita ſcheinbar obwaltenden Frieden. Eine plauder⸗ hafte Stimme erkuͤhnte ſich das Geruͤcht aus⸗ zuſtreuen, die Sennora Mendoqa habe ihrem Gemahl Vorwuͤrfe gemacht, uͤber die Kinder des Grafen d'Arenis auf eine andere Weiſe verfuͤgt zu haben, als es ihr Wille und Befehl war. Die naͤmliche Stimme fugte hinzu, ein Vorfall der hoͤchſt traurige Folgen nach ſich zie⸗ hen koͤnne, habe die Marquiſin auf dieſen Ge⸗ danken gebracht. Doch herrſchte bald wiedor ein tiefes Stillſchweigen uͤber die Urſache jenes Zwiſtes, und die allgemeine Aufmerkſamkeit richtete ſich nie wieder auf das Schickſal dieſer Kinder, die aus der menſchlichen Geſellſchaft verbannt ſchienen. Die Traurigkeit des Mar⸗ quis de Jaffra nahm jedoch ſo ſehr zu, daß ſie ſogar ſeinem Leben Gefahr drohte. Jetzt erſchien der große Moment, in wel⸗ chem die alte Regierung Spaniens in ihrer Grundfeſte erbebte, in Truͤmmer zerfiel, und dem ſich taͤglich mehr aufklaͤrenden Volke ein neues Schickſal bereitete. Der Madrider Hof bot jetzt dem beobachtenden Weltweiſen ein ſon⸗ derbares und belehrendes Schauſpiel dar. Die in unreine Haͤnde getheilte Obergewalt gehoͤrte, der Wirklichkeit nach, weder dem Koͤnige, den ſowohl ſeine Geburt als die Geſetze des Staates dazu berechtigten, noch dem Volke, das unter dem ſchwerſten Druck ſeufzte. Sinn⸗ loſe und verlaͤumderiſche Anklagen, die fuͤr Wahrheiten gehalten wurden, erſtickten bald die Stimmen muthvoller Maͤnner, die ſich trotz aller Gefahren erhoben, und vergroͤßerten noch den Triumph des Verbrechens durch die —— Erlaubniß, die Tugend beſtrafen zu duͤrfen. Alles regierte; Pfaffen, Weiber, Miniſter, Generale, kurz jeder,— ausgenommen der Koͤnig. Der Reichthum und die Macht,— un⸗ ſelige Hebel in den Haͤnden des Ehrgei⸗ zes— untergruben unaufhoͤrlich das oͤffentliche Wohl, und der ſchwache Regent oͤffnete der un⸗ verſchaͤmten Freiheit ein weites Feld, indem er ihr Eingriffe in die heiligſten Rechte erlaubte. Ach! wenn gleich die auf dem Throne gebor⸗ nen Fuͤrſten nicht aufhoͤren Menſchen zu ſeyn, ſo wiſſen ſie ſich doch ſelten der Menſchheit zu naͤhern; die einzige Weiſe, durch welche ſie ſich aufzuklaͤren vermoͤgen. Sie ſind, von ihrer Geburt an, von Larven umringt, und man ent⸗ ſetzt ſich, wenn man bedenkt, welche Verbrechen ſich hinter einen Vorhang verſtecken, den man nicht wagen darf hinwegzuziehen, ohne Gefahr, fuͤr einen Hochverraͤther gehalten zu werden. Die Geſchichte der Koͤnige enthaͤlt die Weltgeſchichte. Elende Kleinigkeiten ſtuͤrzen, unter einer ſchwachen und laſterhaften Regie⸗ rung, die feſtgegruͤndetſten Staaten oft ins aͤu⸗ ßerſte Verderben. Durch die dichten Mauern des Eskurials drangen Geheimniſſe in die Oh⸗ —— ren des mißvergnuͤgten Volkes, das zwar an⸗ faͤnglich nur Spott und Satyre hoͤren ließ, aber bald zu wichtigeren Betrachtungen uͤber⸗ ging, von denen das Schickſal Spaniens ab⸗ hing. Alte Hoͤflinge und verderbte Machtha— ber glaubten, mit Unrecht, man wuͤrde die neuen Vernuͤnftler leicht uͤberreden koͤnnen, daß ihr Geſchrei nach Verbeſſerungen ſich nur auf leichtfertige und gefaͤhrliche Paradoxen gruͤnde. Sie begingen den thoͤrichten Frevel, die Vater⸗ landsliebe als eine Krankheit zu betrachten, die nur durch Strenge geheilt werden koͤnne. Gewohnt ihre Sklaven fuͤr ein Intereſſe blu⸗ ten zu ſehen, welches weder das der Wahrheit, noch der Gerechtigkeit, noch das des Volkes war, fuͤhrten ſie die Nothwendigkeit politiſcher Kriſen durch Beſchimpfungen, Unmoralitat und Gewaltſchritte herbei. Die Kataſtrophe wurde endlich durch Begebenheiten eingeleitet, uͤber welche Europa noch nicht richtig geurtheilt hat; — ſo ſchwer iſt es uͤber das Betragen der Fuͤrſten zu richten. Spaniens Thron wurde zum Zankapfel zwiſchen dem Koͤnige und ſei⸗ nen Kindern. Alle Leidenſchaften erwachten, und der Chrgeiz erhob ſein Haupt; aber die ——„— —— Vernunft, die Billigkeit und der Zeitgeiſt hoff— ten ihre Feſſeln abzuſchuͤtteln. Eine, unglucklicher Weiſe, nur zu be⸗ ruͤhmte Hand, beruͤhrte die Ringe der Kette, an welche das alte Iberien gefeſſelt lag, aber nur um es nach eigenem Gefallen zu lenken. Sie verwies den Vater in die Staaten des Oberhauptes der Kirche, und ſich den ſchwa— chen, uͤbelberathenen Sohn zur Entthronung aufſparend, gab ſie den Spaniern einen Herr⸗ ſcher, den ihre Kriegsheere zum Throne geleite⸗ ten. Mit ihm drang der Keim der Zwietracht in das ungluͤckſelige Reich, aber auch der der neuen Aufklaͤrung und der wahren Groͤße. Die ehrſuͤchtige Marquiſin de Jaffra eilte dem neuen Gnadenſpender zu huldigen. Ihr Sohn, Don Francisco, kannte die Tugend nur dem Ruf nach, und ließ es ſeine Hauptbe⸗ ſchaͤftigung ſeyn, Weiber und Madchen zu ver⸗ fuͤhren, Vater und Gatten zur Verzweiflung zu bringen, und ganze Familien in Ungluͤck und Schande zu ſtuͤrzen. Weit entfernt zu glauben, ein von den Voraͤltern ererbter be⸗ ruͤhmter Name, auf den er ſo ſtolz war, muͤſſe durch Edelſinn und Tugend aufrecht er⸗ halten werden, ſuchte er ihn, im Gegentheil, durch ſeine Auffuͤhrung zu beſchimpfen. Gleich manchem Andern hegte er den Wahn, eine hohe Abkunft verleihe auch hohe Geiſtesgaben, der Edelmann beduͤrfe keiner buͤrgerlichen Tu⸗ gend, und ſchon ſeine Geburt berechtige ihn zu den hoͤchſten Ehrenſtellen. In dieſer Ueber⸗ zeugung fluͤſterte ihm der boͤſe Daͤmon, der be⸗ reits Krieg und Tod uͤber ſein ungluͤckliches Vaterland ausſtreute, den unſeligen Gedanken ein, Antheil an der Lenkung des ſchwankenden Staatsſchiffes nehmen zu wollen. Es gelang ihm, ſeine boͤſen Neigungen dem Schein nach zu bezwingen. Ein Herrſcher, dem Spanien und ſeine Sitten fremd waren, vermochte nicht die Doppelherzigkeit des jungen Staatsmannes zu entdecken, und vertraute mithin Angelegen— heiten von der groͤßten Wichtigkeit unreinen und ungeſchickten Haͤnden. Der damalige Regent verſtand nicht die ſchwere Kunſt, den gefaͤhrlichen Ehrgeiz in Schranken zu halten, noch die, der gekraͤnkten Eitelkeit zu ſchmeicheln. Sein ſchwacher, nur auf eigenen Vortheil bedachter Charakter, ſuchte zwar alle Partheiwuth und Rachbegier zu un⸗ terdruͤcken; aber hiezu gehoͤrt Kenntniß der ihn Umgebenden, und jener Scharfblick, der das Talent, welches er zu benutzen gedenkt, ſogleich zu erkennen weiß und es zu belohnen, noch ehe er Gebrauch von ihm macht. Die⸗ ſer, den Koͤnigen ſo nothwendige, Tiefblick man⸗ gelte ihm gaͤnzlich. Er wuͤnſchte freilich be— lehrt zu ſey, erfuhr aber nur, aus dem Streit entgegengeſetzter Meinungen, daß ein Jeder Recht zu haben glaubt. Begehrte er Unter⸗ ſtuͤtzung und guten Rath, ſo erhielt er dieſe nur insgeheim von einigen Großen, die der Zufall an ſein Gluͤck knuͤpfte, und die es noch nicht wagen durften, ſich öffentlich fuͤr ihn zu erklaͤren. Die uͤbelgewaͤhlten Maasregeln ſei⸗ ner Miniſter, brachten nur unnuͤtze Reſultate hervor. Beleidigend ſcheinende Auszeichnungen erweckten die Erinnerung an erlittenes Un⸗ recht. Oft entflammt ein unbedeutendes Sinn⸗ bild, eine Blume, ein Band, eine Farbe die Einbildungskraft der Menſchen, und floͤßt ihnen hoͤhere Tugenden ein, als die begeiſterndſten Lehren es vermoͤgen. Einfache Benennungen brachten ſchreckliche Exploſionen hervor, und — 48— die, fruͤherhin von feindſeligen Partheien zer⸗ riſſene, ſpaniſche Nation, vereinigte ſich nun⸗ mehr in eine Maſſe, und entwickelte einen großen und edlen Charakter. Das Gewand des Ruhms,— aͤhnlich einem mit Blut und Koth beſpritzten Prunk⸗ kleide,— bedeckt zuweilen abſcheuliche Gebre⸗ chen. Man muß es zur Ehre und zur Schan⸗ de der beiden damals feindlichen, jetzt ver⸗ ſohnten und einander wuͤrdigen Nationen ſa⸗ gen, daß große Thaten aus ihnen hervorgin⸗ gen. Als die ruhmſuchenden und begeiſterten franzoſiſchen Krieger ſich zuerſt auf Iberiens Gefilden zeigten, erregten die jungen Tapferen, die ſich eben ſo ſehr durch Herzensguͤte als durch bewaͤhrten Muth auszeichneten, allgemei⸗ ne Bewunderung. Man ſah, wie ſie ſich ohne Schmerz aus den Armen des Vergnuͤgens und der Wolluſt losriſſen, um in die des Sieges und des Todes zu eilen. Die Tapferkeit, die gefaͤlligen Sitten, die Geiſtesgaben die ſie zeig⸗ ten, kaͤmpften an ihrer Seite, und beſiegten oft die vorurtheilsvollſten Menſchen. Aber dieſe Täuſchung verſchwand nach der erſten Niederlage. Nachdem der Zauber einmal ge — 38— löſt war, ſchien dem in ſeinen Huͤtten angegrif⸗ fenen Volke, der Gebrauch jeder Vernichtungs⸗ waffe ſchicklich. Es vertheidigte ſich mit Liſt, Dolch und Gift, eben ſo gut als mit Schwert und Schild. Tapfere vergoſſen Blut bei hel⸗ lem Sonnenlicht, Feiglinge in den Schatten der Nacht. Die Echo's von Saragoſſa, Tara⸗ gonä und erbeben noch von dem Ge⸗ ſchrei der Verzweiflung, das von ihnen zuruͤck⸗ hallte. Waͤhrend der Donner der ehernen Feuer— ſchluͤnde in den Ebenen Andaluſiens und Ara⸗ goniens, an den ufern des Tajo, wie an de⸗ nen des Ebro und des Ter einherrollte, ſchlich ſich, im Dunkel der Nacht, ein Ueberlaͤufer aus den Wällen des belagerten Gironas, und richtete ſeinen Weg nach dem Ktoſter der Ka— puzinerinnen des Mont⸗Serrat. Das Ge⸗ ruͤcht ſagte, eine Abtheilung des franzoͤſiſchen Heeres ſey bis zu jenem Zufluchtsort der Un⸗ ſchuld und der Armuth vorgedrungen. Die Diener der Altare des geaͤngſteten Gironas be— nutzten alsbald dieſes Geruͤcht, um, durch die Erzählung der ſchrecklichen, an den Gottge⸗ weihten Jungfrauen veruͤbten Greuelthaten, Don Mannel. Zweiter Theil. 4 — 6 den Muth der heldenmuͤthigen Vertheidiger der Stadt noch mehr zu entflammen. Die Moͤnche des Berges Carmel, und die des Ordens der Barmherzigkeit, die Dominikaner und Franciskaner, die Mitglieder des biſchofli⸗ chen Kapitels und die Kapitularen des heili⸗ gen Narcis, des Schutzheiligen von Girona, wetteiferten faͤmmtlich in Beredtſamkeit, be⸗ ſtrebten ſich aber mehr die religioſen Schwaͤr⸗ mer, deren Gewiſſen ſie lenkten, zur hoͤchſten Wuth gegen die Feinde anzufeuern, als der Wahrheit getreu zu bleiben. unter den Kriegern, auf welche jene uͤbertriebene Erzaͤhlungen Eindruck gemacht hatten, bemerkte man vorzuͤglich einen, in der Stadt unbekannten, aber ſich durch die hoͤchſte Tapferkeit auszeichnenden jungen Mann. Die tropiſche Sonne hatte ſeine maͤnnlichen, aber vollkommen regelmaͤßigen und ſchoͤnen Geſichts⸗ zuͤge ſtark gebraͤunt. Er war ſanft, von gefaͤl⸗ ligen Sitten und mitleidsvoll. Aber ſeine zum Himmel emporgerichteten Blicke, ſeine tiefen muͤhſam zuruͤckgedraͤngten Seufzer, ſein Hang zur Einſamkeit, wenn der Dienſt ihn nicht auf die Wälle rief, ſeine immerwaͤhrende Trau⸗ 5 rigkeit, alles dieſes bewies deutlich, daß ſein Zweck ganz verſchieden von dem der uͤbrigen Streiter ſey, und daß eine andere Hoffnung ihn zum Kampf begeiſtere. Ein anhaltender und herzzerreißender Schmerzensruf erſchallte, als ein mit dem Kreuz bewaffneter Moͤnch folgende Worte ausrief:„Weinet, meine Bruͤder, und rächet ſie! Rachet den Gott, den ſie beleidigten! Der hoͤchſte Frevel wurde veruͤbt! Keiner der Toͤchter des heiligen Franciscus wollte ihren kirchenſchaͤnderiſchen Haͤnden entrinnen! Alle erwarteten und em⸗ pfingen den Tod an der heiligen Schädelſtaͤtte! Dort, zu den Fuͤßen des Gekreuzigten liegen ihre irdiſchen Huͤllen, ohne noch von der Erde bedeckt zu ſeyn! Rächet ſie! Raͤchet den Gott, der auf euch herabſchaut!“ Von dieſem ünſeligen Augenblick an legte der junge Krieger, hingeriſſen von einer un⸗ baͤndigen Wuth, Beweiſe einer unglaublichen Kuͤhnheit an den Tag. Weder Furcht, noch Gefahr vermochten ſeine Seele zu ſchrecken. Er ſuchte die letztere aller Orten auf, um ihr die Stirne zu bieten. Er begehrte den Tod, der vor ſeiner Tapferkeit zu fliehen ſchien. 4* —— Alle Blicke des Beſatzungsheeres hafteten auf ihm, aber er ſchien die allgemeine Bewunde⸗ rung zu verachten. Sein Beiſpiel bewirkte Wunder der Tapferkeit, und an ſeiner Seite entflammte ſich der Muth der Belagerer im⸗ mer hoͤher. Der Kommandant von Girona wollte die Kuͤhnheit des jungen Helden durch einen hoͤheren Grad belohnen; aber er ſchlug, mit finſterer Miene, jede Befoͤrderung aus, die dahin haͤtte abzwecken koͤnnen, ihn einiger⸗ maßen vor der Todesgefahr zu ſichern. Das hohe Feſt des heiligen Sakramentes erſchien. An dieſem Tage verſammeln ſich die Prieſter und die Glaͤubigen, in ihren Feier⸗ kleidern, und bringen dem hoͤchſten Weſen Blumen zum Opfer dar, gleichſam als die Erſtlinge des Segens, mit welchem es die Ar— beiten des Landmannes belohnt. Die heiligen Gebraͤuche werden nicht in dem Innern des Tempels gefeiert. Verſchiedene der verehrten Myſterien werden, mit Pracht, von Kindern nachgeahmt; während andere Kinder, welche die Bewohner des Himmels darſtellen, deren Unſchuld ſie beſitzen, Rauchfaͤſſer ſchwenken und die Luſte mit Wohlgeruͤchen erfuͤllen, die ſich —— mit dem ſußen Duft der Blumen vermiſchen, welche man vor den Sinnbildern der Gottheit ausſtreut. Alle geiſtlichen Bruͤderſchaften ver— ſammlen ſich, und wandeln, nebſt dem Volk, vor oder hinter dem heiligen Greis, der den lebendigen Gott in ſeinen Haͤnden haͤlt. An dieſem Tage offneten ſich die Thore der Cathe⸗ drale, und die Feierlichkeit begann. Dieſe Cathedrale der Stadt Girona,— ein uraltes Denkmahl der Baukunſt— liegt auf der Spitze eines Hugels. Hundert ſehr breite, durch verſchiedene Ruheplaͤtze unterbro⸗ chene, Stufen fuͤhren die Glaͤubigen zu dem Haupteingang, von dem man eine herrliche Ausſicht uͤber eine unermeßlich weite Ebene ge— nießt. Von allen Punkten dieſer Ebene er⸗ blickt man die hohen Stufen, und der Tempel ſelbſt ragt uͤber ſie empor, wie die Baſilika der Peterskirche in Rom ſich uͤber die ſie um⸗ ringenden Pallaͤſte erhebt. Das Gebaͤude iſt von Granit und ſeine Thore ſind von Erz. Die Anſtalten zur Vertheidigung der Stadt konnten nicht dieſen Zufluchtsort der frommen Beter verſchonen, und das Kapitel hatte er⸗ kaubt, eine Batterie von grobem Geſchuͤtz auf — einem der Ruheplaͤtze, die zu der Wohnung des Gottes des Friedens fuͤhren, aufzupflanzen. Die Verheerungen, welche dieſes Geſchutz unter den Reihen der franzoſiſchen Krieger anrichte— te, verfuͤhrten jedoch die Belagerten zu dem Wahnglauben, der Gott des Friedens habe ſich in den des Krieges verwandelt. Eine Art von Waffenruhe, uͤber die man keine eigentliche Uebereinkunft getroffen hatte, verminderte auf einige Zeit die Muͤhſeligkeiten der Belagerung, und waͤhrend man ſich gegen⸗ ſeitig auf einen entſcheidenden Schlag vorbe— reitete, und die Bewohner des ungluͤcklichen Gironas friſchen Athem ſchoͤpften, unterbrach, beim Aufgang der Sdnne, der Donner des auf der Terraſſe der Cathedrale aufgepflanzten Geſchuͤtzes, jene allgemeine Waffenruhe. Als⸗ bald gerieth das franzoͤſiſche, auf ſeiner Hut ſtehende, Heer in Bewegung. Es ſah, daß ſich die Thore des Tempels oͤffneten, und eine große Menſchenmaſſe umherzog. Die Krieger eilten zu den Waffen, und hielten ſich zur Ver⸗ theidigung bereit. Indeſſen bedeckten, unter dem Krachen der Feuerſchluͤnde, Soldaten, Buͤrger, Prieſter, 5 Weiber und Kinder, die Stufen des Vorhofes. Sie ſchritten mit religiöſem Ernſt einher, er— fuͤllten die Luft mit feierlichen Geſaͤngen, und befolgten die Vorſchriften der Kirchengebraͤuche; — als ploͤtzlich ein fuͤrchterlicher Kanonendon⸗ ner Schrecken, Verwirrung und Tod unter die Menge verbreitete. Das vor der Cathedrale aufgepflanzte Geſchuͤtz war jden Abend zuvor ſcharf geladen worden, hatte mehrere franzoͤſi⸗ ſche Krieger verwundet, und das Belagerungs⸗ heer ließ daher ſein Wurfgeſchuͤtz aufs neue ſpielen. Augenblicklich waren der Kreutztraͤger und ſeine Akolythen niedergeſchmettert, und ſchwammen in ihrem Blute. Die erſchrockenen Kinder ſtießen ein fuͤrchterliches Geheul aus, warfen Blumen und Rauchfaͤſſer von ſich, und verbargen ſich, bebend, hinter die Prie⸗ ſter und Frauen. Die Geiſtlichen ſchwankten hin und her, und der Greis welcher die ge⸗ weihte Hoſtie trug, bereitete ſich, ſie ſchnell in das Innere des Heiligthums zuruͤck zu brin⸗ gen, als der junge Held, deſſen Tapferkeit ganz Girona bewunderte, ſich eines verlaſſenen Pa⸗ niers bemächtigte, und ſich in die voderſte Reihe ſtuͤrzte. Mit Stimme und Geberden, bie erſchrockenen Buͤrger ermunternd,— Män ner, die dem Tode jeden Tag muthig ins Auge blickten und ſich noch nie feige gezeigt hatten, — ordnete er die geiſtlichen Reihen aufs neue. Die Krieger folgten ſeinem Beiſpiel, und ſelbſt die Kinder vergaßen Furcht und Gefahr. Ei⸗ ne Wolke von Blumen verdunkelte die Luft, und die Prozeſſion fuhr fort die Stufen des Tempels, mitten unter dem Zerſpringen der Bomben, unter einer Saat von Kugeln, und dem Jammergeſchrei der Verwundeten, in ma— jeſtaͤtiſcher Ordnung herabzuſteigen. Das franzoͤſiſche Heer, welches große Tha⸗ ten zu wuͤrdigen verſteht, gab ſelbſt ein merk⸗ wuͤrdiges Beiſpiel von Edelmuth. Kaum ge⸗ wahrten die Tapfern den frommen Urſprung der Bewegung, die ihnen Unruhe verurſacht hatte, als ſie auch ploͤtzlich zu feuern aufhoͤr⸗ ten, den Muth der Feinde durch wiederholtes Beifallgeſchrei ehrten, von einem gemeinſchaft⸗ lichen Gefuͤhl ergriffen die Kniee beugten, und den Gott der Heerſcharen prieſen. Gironas Geſchuͤtz donnerte allein fort, und bedrohte noch das Leben der franzoͤſiſchen Krieger. — —— —— Unter den, von einer langwierigen Bela⸗ gerung unzertrennlichen Uebeln, iſt wohl der Mangel an Lebensmitteln eines der groͤßten. Girona empfand dieſes Uebel eben in ſeinem ganzen Umfang, als eine anſehnliche Zufuhr, durch Liſt und Tapferkeit, in die Stadt ge⸗ bracht wurde. Dieſes Gluͤck hatte man aber⸗ mals dem jungen Helden zu danken, den man ſtets in der Mitte der drohendſten Gefahren ſchweben ſah. Aber diesmal wurde er von ei⸗ nem gemeinen eataloniſchen Krieger unterſtuͤtzt, der, nach verſchiedenen vergeblichen Verſuchen in den Platz zu gelangen, ſich an die Spitze einiger, von ihm ermuthigten, Landleute ſtellte, und mit ihnen in die Stadt eindrang. Der Hauptzweck des Kriegers war jedoch, ſich mit dem tapferen und doch ſtets traͤumenden Offi⸗ cier, der das ſchwankende Schickſal Gironas unterſtuͤtzen half, zu vereinigen. Er fand ihn, fiel zu ſeinen Fuͤßen, und bezeigte eine unmaͤ⸗ ßige Freude. Der gemeine Krieger war der Zigeuner Carlos, und der Officier kein anderer als Don Manuel d'Altamonte. Die Ankunft des treuen Zigeuners beru⸗ higte das Gemuͤth ſeines Gebieters. Durch — 5 ½— Leute ſeines Stammes hatte er erfahren, daß ſich zwar eine Abtheilung franzoͤſiſcher Krieger in der Naͤhe des Kloſters der Kapuzinerinnen von Mont⸗Serrat gezeigt, der Obergeneral öber den ſtrengſten Befehl gegeben habe, den Zufluchtsort der heiligen Jungfrauen zu ſcho⸗ nen; Carlos hielt daher das Geſchrei der Moͤnche fuͤr eitle Uebertreibung, wo nicht ganz fuͤr Luͤgen. Don Manuel empfing dieſe Hoff⸗ nung wie man das Leben empfaͤngt, das dem Tode geweiht war, aber ſein Herz ſchmachtete dennoch nach Gewißheit. Carlos errieth ſeine Gedanken, und, einem ſchmaͤhligen Tode tro⸗ tzend, bat er um den gefaͤhrlichen Auftrag, dem Oberbefehlshaber des ſpaniſchen Heeres geheime Botſchaften uͤberbringen zu duͤrfen. Die Nacht uͤberſchattete das Thal mit ihren Fluͤgeln, als der Zigeuner in die Gärt— nerwohnung des Kloſters drang. Die Huͤtte ſtand verlaſſen; ihn uͤberlief ein kalter Schau⸗ der, und er war beinahe geneigt, den Berich⸗ ten der Moͤnche Glauben beizumeſſen. Er durchſchritt die Kreuzgaͤnge, in denen kein Laut zu hoͤren war. Eben gedachte er des trauri⸗ gen Berichtes, mit dem er Don Manuels ——— 7 S 2—— Herz wuͤrde durchbohren muͤſſen, als Töne, die von der Kapelle herzukommen ſchienen, ſein Ohr erreichten, und ſeine Beſorgniſſe zum Theil minderten. Um dahin zu gelangen, ging er durch den Speiſeſaal der frommen Schweſtern, den nur eine ſpaͤrlich brennende Lampe erleuchtete. Einige harte, trockene Stuͤ⸗ cke ſchwarzes Brot, die auf den verſchiedenen Plaͤtzen der Schweſtern vertheilt lagen, bewie⸗ ſen zwar ihre Armuth, aber auch ihr Daſeyn. Endlich fand er ſie an den Fuͤßen des Altars verſammelt, wo ſie Gott fuͤr ſeine Barmher— zigkeit und Gnade dankten. In ihrer Mitte gläͤnzte Almaide wie eine ſchoͤne Blume, die ſich nach einem Ungewitter in den Strahlen der Sonne entfaltete. Carlos war den Schweſtern bekannt. Sie erzaͤhlten ihm, die Franzoſen hätten ihr Klo⸗ ſter verſchont, und ihnen eine Schutzwache un— ter der Bedingung gegeben, keine feindliche Ab⸗ theilung freiwillig ins Kloſter aufzunehmen. Die Erfullung dieſer Bedingung habe ihnen ſeither viele Drangſale verurſacht, von denen die ge⸗ ringſten die Drohungen einiger Guerilla⸗Haͤupt⸗ linge wären, die ihnen Vorwuͤrfe uͤber ihre — Liebe zum Frieden machten. Viele Landleute haͤtten aufgehoͤrt, Beiſteuer an Lebensmitteln zu bringen, und nur Almaidens Freigebigkeit ſchutze ſie vor dem grählichſten Mangel. Car⸗ los uͤberreichte Almaiden ein Schreiben von Don Manuel, das die Geſchichte ſeines Le⸗ bens, waͤhrend ſeiner vierjährigen Verbannung⸗ enthielt. Nach einigen Stunden reiſte der Zigen⸗ ner wieder ab, um den Zweck ſeiner Sen⸗ dung zu erfuͤllen. Er ſollte ins Floſter zu⸗ ruͤckkehren, ehe er es wagte, ſich wieder in Gi⸗ rona einzuſchleichen. Mit thraͤnenden Augen und gepreßtem Herzen, druͤckte Almaide die Schriftzuͤge des Geliebten an ihre Lippen. Seine Handſchrift enthielt Folgendes: „Wandelſt Du noch auf dieſer Erde, meine ſuͤße, theuere Almaide? Du, die ein⸗ zige Hoffnung meines Lebens! Iſt es wahr, daß Du nicht unter dem Schwerte der Barba— ren, die ich bekaͤmpfe, gefallen biſt? Ach! ich traue meinen Ahnungen; der Stoß der Dein Herz getroffen haͤtte, wuͤrde auch das meinige durchbohrt haben! Meine Seele waͤre —————— der Deinigen auf ihrem Flug zu den vnn ſchen Regionen nachgefolgt! „Als ich meine Schritte nach Deinem Zufluchtsorte zu richten gedochte, als ich hoffte, bei Dir das Gluͤck zu finden, das mich flieht; da zog mich ein gebieteriſches Schickſal, nebſt einigen mein Loos theilenden Kriegern, von meinem Wege ab. Die Stimme des Vater⸗ landes erſchallte,— ich gehorchte ihrem Ruf. Lieber haͤtte ich der guten Sache auf freiem Felde, oder in den Gebirgen gedient, am liebſten uͤber Deine Sicherheit gewacht und mich ein— zig und allein Deiner Vertheidigung gewidmet. Der Zufall entſchied ſtreng gegen mich. Er warf mich hinter Gironas blutige Waͤlle, wo meine tapfere Mitſtreiter dem Tod, der ihnen unter hundert Geſtalten droht, Trotz bieten. Sie beehren mich mit dem Namen eines An— fuͤhrers, und mit jedem Tage ſehe ich, wie ihre Reihen ſich verduͤnnen, und fuͤhle die Nich⸗ tigkeit des Ruhms. Mitten auf ihrer thati⸗ gen Laufbahn rafft der Todesengel ſie hinweg! Sie fallen und— ſelbſt ihr Andenken er⸗ loͤſcht! Gibt es denn außer dem Grabe nichts Wirkliches, nichts Gewiſſes? Wie viele jetzt * — 6— kalte Herzen waren nicht von feurigen Leiden⸗ ſchaften entflammt? Von wie vielen Begier⸗ den, von wie vielen Hoffnungen waren ſie nicht beſeelt? Und was blieb ihnen von ſo vielen Muͤhſeligkeiten uͤbrig?— Liebe und Tugend, Ungluͤck und Verbrechen,— alles ver⸗ ſchwindet! Wo waren ſie, ehe ſie duldeten, und was iſt aus ihnen geworden? Ein unge⸗ kannter Staub, das Spiel der Winde und des Regens! Iſt denn dieſes das Reſultat des muͤhſeligen Kampfes, den man Leben nennt? — O, meine Almaide! in meinem Buſen brennt eine reine Flamme, die ſelbſt der Tod nicht zu erloͤſchen vermag. Ich weiß, es iſt nur die Haͤlfte derjenigen, die in Deiner keu⸗ ſchen Bruſt brennt, und— falle ich, und iſt auch Dein Daſeyn geendet, ſo werden beide Flammen ſich vereinigen, um in jenem Aufent⸗ halt fort zu leben, welchen die Gottheit denen bereitet hat, die ſich auf Erden ſo liebten, wie wir uns lieben.“ „Beſeelt von Deinem Muth, ſtets Dein angebetetes Bild im Herzen tragend, landete ich an den Ufern von Cadix, die mir das Land ſchienen, von welchem aus ich den An⸗ ———— —— fang machen ſollte, Deinen Beſitz durch Tha⸗ ten mir zu erringen. Eine zahlreiche Flotte bereitete ſich zur Abfahrt. Dieſe gewaltige Armada bedeckte die Wellen, und ſetzte eine große Menge Menſchen in Thätigkeit. Ich fand mich allein unter ihnen. Ich entdeckte kein Herz, das mit dem meinigen uͤbereinſtimmte, — keinen Freund der mich verſtand. Der, fuͤr einen Neuling, allerdings zu hohe Rang, zu dem man mich erhoben hatte, gab bei Eini— gen Anlaß zur Eiferſucht, und bei Andern, die mich fuͤr einen Guͤnſtling des Miniſters hiel⸗ ten, zu Schmeicheleien. Bei allem dem wurde es mir unmoͤglich, bis zum Oberbefehlshaber durchzudringen, der, nach Don Narcis Ausſa⸗ ge, mich beſchuͤtzen ſollte. Niemand von allen denen, an die ich mich wendete, ſchien den Don Narcis d'Altamonte zu kennen. In kur⸗ zer Zeit erfuhr ich, daß ein von ehrenvollen Wunden bedeckter Officier ſich laut und bitter uͤber den Nachtheil beſchwere, den mein Ein⸗ ſchub ins Regiment ihm zugefuͤgt, da er die gerechteſten Anſpruͤche auf meine Stelle habe. Man fuͤhrte mich alſo durch eine Ungerechtig⸗ keit auf die Laufbahn des Ruhms! Dieſer X — 64— Gedanke empörte mich, und verwundete mein Zartgefuͤhl. Ich kam dem Officier, der mir auswich, entgegen; und erklaͤrte ihm meine Lage. Er hörte mich mit wilder, duͤſterer Miene an, und ſchien an meiner Aufrichtigkeit zu zweifeln. Ich wußte, daß er Familienva⸗ ter war, und daher des Hauptmannsſoldes be— durfte. Gern haͤtte er ſeinen Degen gegen den meinigen verſucht, aber der Kampf gegen ſei⸗ nen Vorgeſetzten, wuͤrde ihn in gewiſſes Ungluck geſtuͤrzt haben. Er ſprach von ſeinen Kindern— und da wurde der harte, ſtrenge Mann von weichen Gefuͤhlen ergriffen! Er erkannte die reine Abſicht, die mich ihm entge⸗ gen fuͤhrte. Er verzieh mir, wies aber ſtand⸗ haft die Huͤlfe, welche ich ihm anbot, zuruͤck. Vereinigt baten wir, man moge das ihm zu⸗ gefuͤgte Unrecht verguͤten. Seine Stimme wurde nicht gehoͤrt, und die Waͤrme, mit welcher ich ſein Geſuch unterſtuͤtzte, wurde— verſpottet.“ „Das Heer, von welchem das Regiment Murcia einen Theil ausmachte, war nach dem Norden von Europa beſtimmt, wo es den Be— fehlen eines großen Feldherrn folgen ſollte, der, wie man ſagte, die Menſchen nicht ſchon⸗ te, ſobald ſeine weitausſehenden Plane ihm ge⸗ boten, ſie toͤdten zu laſſen. Der Augenblick zur Einſchiffung erſchien. Der Officier, um deſſen Freundſchaft ich mich bewarb, noch im⸗ mer empoͤrt uͤber die niedrige Stufe, auf wel⸗ cher er ſtand, beunruhiget uͤber die geringen Mittel, welche er ſeiner Familie hinterlaſſen konnte, die Gegenwart und die Zukunft fuͤrch⸗ tend, war im Begriff einen verzweifelten Schritt zu thun, und dem einzigen Stande zu entſagen, zu dem ihn ſeine Talente geſchickt machten. Ich errieth ſeine Gedanken. Die Niederlegung ſeiner Stelle wuͤrde ihm den Lohn ſeiner langen, ehrenvollen, kriegeriſchen Laufbahn geraubt, und ihn in gaͤnzliche Duͤrf⸗ tigkeit geſtuͤrzt haben. Ich wußte, daß nur ich ſeiner Befoͤrderung im Wege ſtehe. Folgte er dem Heere und ſtarb er in einem hoͤhe⸗ ren Grade, ſo verſicherte er ſeinen Kindern ein zwar geringes Jahrgeld, das aber doch hin⸗ reichte, ſie vor dem aͤußerſten Mangel zu ſchuͤ⸗ tzen. Es gelang mir, die Hirngeſpinnſte des Ruhms, die vor meinen Augen gaukelten, zu verſcheuchen. Ich widmete mich aufs neue Don Mannel. Zweiter Theil. 5 ——— — der Dunkelheit, legte meine Hauptmannsſtelle nieder, und ſah mit Vergnuͤgen den verdienten Officier meinen Platz einnehmen. Den fol⸗ genden Tag fuͤhrte mich ein Schiff weit von Spaniens Kuͤſten hinweg.“ „Werde ich es Dir geſtehen, meine Almaide? Dieſes Opfer, das Du mir wuͤrdeſt geboten haben, wurde fuͤr Thorheit, vielleicht ſogar fuͤr Feigheit gehalten. Man verſuchte jedes Mittel, um mich von meinem Entſchluſſe abzubringen. Der Bankier Munnoz de la Torre, glaubte mich dadurch zur Vernunft zu⸗ ruck zu fuͤhren, daß er ſich weigerte, mir die Gelder auszuzahlen, welche Don Narcis fuͤr mich bei ihm hinterlegt hatte. Ich beklagte mich nicht. Munnoz de la Torre ſah jedoch bald ein, daß mein Wille nnerſchutterlich ſey⸗ und ich reiſte nach Neu? Andaluſien*) ab⸗ wo vielleicht ein guͤnſtigeres Schickſal meiner wartete.“ „Lange blickte ich nach der vor meinen ——— *) Bekannt unter dem Namen Cumana. d. Ueb. —,——— Augen ſchwindenden Kuͤſte, und nach den Fak⸗ keln mit denen Fiſcher am Strande hin und her liefen. Dieſe leuchtende Punkte ſchienen mir die letzten Spuren des Vaterlandes. Auch ſie verſchwanden, und nichts blieb mir uͤbrig, als das Andenken an Dich.“ „Alle, die mich umgaben, hatten ſchon gegen die Elemente gekaͤmpft. Sie hatten, in unbekannten Meeren, entfernte Welttheile ge⸗ ſucht. Fuͤr ſie waren der Himmel und der Ocean bloße Wolken und Waſſermaſſen. Aber, o meine Almaide! welche neue Gefuͤhle erho⸗ ben ſich in meiner Bruſt, als die große, man⸗ nigfaltige, erſtaunenswuͤrdige Natur, ſich in ihrer ganzen Herrlichkeit vor meinen Blicken aufthat. Es ſchien mir, als richteten wir un⸗ ſern Lauf nach den Regionen des Feuers. Die Tage waren blendend, die Luft klar und durch⸗ ſichtig. Wir gingen bei den gluͤckſeligen Eilan⸗ den vor Anker. Es war Nacht, und der Mond warf ſeine Strahlen auf unermeßliche Gebirge, die ſeinen Silberglanz reflektirten. Das von phosphoreſeirender Materie bedeckte Meer, glich einem brennenden Hochofen, und warf große Lichtſaͤulen in die Luͤfte empor, 5* — 68— und der ewige Glanz der Geſtirne, wurde bei⸗ nahe von den unzählichen Meteoren verdunkelt, die von allen Seiten den Himmel durchkreuz⸗ ten und ſich in Feuerſaͤulen aufloͤsten. Das Licht der Sonne erſetzte dieſes Ehrfurcht gebietende Schauſpiel durch Schoͤnheiten an⸗ derer Art. Man erblickte Gruppen von Palmen, Mirthen und Lorbeerbaͤumen, die ſich in die Lufte erhoben. Neben ihnen ſtand der Drachenbaum, deſſen Stamm dem Koͤrper ei— ner Rieſenſchlange gleicht, die traurige Cypreſ⸗ ſe, und der Kokosbaum, deſſen vom Winde zerriſſene Blaͤtter wie lange Baͤnder hin und her ſlattern. In einiger Entfernung zeigten ſich ſchwarze, kegelfoͤrmige Gebirge, von er⸗ ſtaunlicher Hoͤhe, welche ihre Schatten, bis jenſeits des Geſichtskreiſes, uber den Ocean hin⸗ auswarfen. Von einem unbekannten Gefuͤhl ergriffen, ſchloß ſich mein Herz vor dem Zau⸗ berreiz dieſer wunderherrlichen Natur auf;— es ſeufzte nach Almaiden! War es hier, war es in dieſem irdiſchen Paradieſe, wa ſie mit mir der ſuͤßen Liebe pflegen ſollte? Ach! mein Wahn verſchwand nur zu bald! Dieſes Eiland, das man Gracioſa nennt, iſt nur — 65— eine Klippe. Chedem wurde, unter dem Schat— ten ſeiner Baͤume, ein gaſtfreier Hirtenkoͤnig von ſeinen Gaͤſten verrathen, und zum zins⸗ baren Sklaven gemacht*). Eine despotiſche Geſetzgebung, und eine mißtrauiſche Politik halten dieſe Voͤlker in Unwiſſenheit und Dumm⸗ heit, die ſonſt bald aus ihrer geiſtigen Schlaf⸗ ſucht erwachen wuͤrden. Die reizenden Doͤrfer Maderas und Teneriffas ffuͤhren Namen, die dazu geeignet ſind, Ideen von Zerſtoͤrung und Rache zu erwecken*½). Der Pflanzer genießt nicht die Fruͤchte ſeines Schweißes. Der Mangel an allen ſchuͤtzenden Geſetzen, miſcht nur Elend unter die Schätze der freigebigen Natur, und die himmelanregenden Berge, wel— che das Staunen der Reiſenden erregen, ſind Vulkane, die Verwuͤſtung und Tod herabſchlen⸗ dern.“ „Wir verloren dieſe beruͤhmten Eilande aus dem Geſichte, und indem wir uns dem *) Johann von Bethencourt bemächtigte ſich der gluͤckſeligen Inſeln, und vernichtete die Nation der Guanchen. *) Matanza oder Vittoria. — db Aequator naͤherten, durchſtrichen wir Regionen, in welchem die Luft nie durch Stuͤrme beunru⸗ higer wird. Das Auge gen Himmel gerichtet, verfolgte ich mit bangem Gefuͤhl, den Lauf jener Geſtirne, die ich mit Dir unter Spa⸗ niens ſanftem Clima betrachtet hatte. Sie ver⸗ ſchwanden auf immer vor meinen Blicken, und glänzendere Sternbilder ſtiegen am Horizonte auf. Ich erblickte das feurige Kreuz des Suͤ⸗ dens, deſſen regelmaͤßiger Lauf die Stunden vezeichnet; ich ſah die zahlloſe Menge der in Nebel gehuͤllten Geſtirne, die mit der Milch⸗ ſtraße wetteifern, und die ſonderbaren dunkeln Raͤume, welche wie ſchwarze Flecken auf dem reinſten Azur erſcheinen. Meine Einbildungs⸗ kraft war entflammt: ich verſetzte mich in dieſe aͤtheriſchen Welten, dieſe Wunder einer unbegreiflichen Schoͤpfung:— aber ich ſuchte nur Dich in ihnen. Welch' ein Zwiſchenraum trennte uns! Unſere Augen erblickten nicht mehr die naͤmlichen Phänomene, nicht mehr dieſelben Sterne; und von dem Himmel un⸗ ſerer Kindheit, blieb uns nichts gemeinſchaft⸗ lich, als die Sonne und der Mond! Da, theuerſte Almaide, da brach mein Herz: da wuͤrde ich mein ganzes Leben hingegeben ha⸗ ben, um nur einen Theil bei Dir zuzubringen. Meine Bruſt war beklommen, mein Antlitz ſchwamm in Thraͤnen. Ein Freund, er nannte ſich Alphons, ergriff meine Hand und druͤckte ſie an ſein Herz. Meine Gefuͤhle waren in ſeine Seele gedrungen. Ich ſchwor ihm ewige Freundſchaft.“ „Endlich erblickten wir den Zweck unſe⸗ rer Reiſe, die von Columbus entdeckte Erde. Meine Gefährten begruͤßten ſie mit einem Freudengeſchrei, und wir ließen die Anker in der Bucht von Cumana fallen. Der Anblick dieſes Landes erinnerte mich durch nichts an mein Vaterland, ſetzte aber alle meine Sinne in Erſtaunen. Die zierlichen Palmblaͤtter wog⸗ ten langſam in den Luͤften, deren Durchſichtig⸗ keit harmoniſche Tinten uͤber das ewig junge Gruͤn verbreiteten. Die Ufer eines Fluſſes, der ſein Gewaͤſſer friedlich in das ruhige Meer ergoß, waren mit Kokos und Dattelbaͤumen eingefaßt. Zahlreiche Mimoſen ſchienen mit ihren Zweigen Sonnenſchirme zu bilden. Die ſonderbar geſtalteten Gebirge waren auf ihren Gipfeln mit cylinderformigen Baͤumen bewach⸗ ſen, die weder Schatten noch Kuͤhlung gewah⸗ ren. Tauſende von Voͤgeln, Reiher, Flamin⸗ gos und Pelikane, bedeckten den Strand des Meeres, das ihnen ihre taͤgliche Nahrung zu— führt. Bald näherte ſich ein, mit ſechs bis zum Guͤrtel nackenden Indianern, bemanntes Boot dem Schiffe. Von der Sonne beleuchtet ſahen dieſe Menſchen erzenen Bildſaͤulen ähn⸗ lich, die ein Wunder belebt habe. Wir fuhren mit ihnen auf das feſte Land.“ „Don Lopez, der Correſpondent des Sennors Munnez de la Torre, bewies mir die thaͤtigſte Gaſtfreundſchaft. Seine Sorg— falt, ſeine außerordentliche Guͤte, wuͤrden mir Spanien vergeſſen gemacht haben, haͤtte ich mich ſelbſt vergeſſen koͤnnen, waͤre es mir moͤg⸗ lich geweſen einen andern Gedanken zu faſſen, als den an meine Almaide. Don Lopez zeigte mir die waͤrmſte Theilnahme, ſuchte mich zu troͤſten und meine erloſchenen Hoffnungen zu be⸗ leben. Auch belehrte er mich, mit unglaubli⸗ cher Geduld, uͤber die Geheimniſſe ſeiner Ha delsgeſchaͤfte, und nach kurzer Zeit bereiſte ich in dieſem die Ufer des Orinoco. Ich ſah Ca raccas, Carthagena und Neu⸗Barcellona. Ich — hatte das Gluͤck ihm nuͤtzlich zu ſeyn. O! warum war nicht er Almaidens Vater?“ „Ich werde Dir nicht ſagen, mit wel⸗ chem Eifer ich mich beſtrebte, den Zweck zu erreichen, der meine Verbannung endigen ſollte. Aber ſo ſehr mich das Gluͤck beguͤnſtigte, wenn ich die Geſchaͤfte meines Beſchuͤtzers be⸗ trieb, eben ſo eigenſinnig kehrte es mir den Ruͤcken, ſobald ich fuͤr mich ſelbſt handelte. Endlich wurde ich muthlos. „Eines Tages trug ich meinen Kummer auf eine einſame Anhoͤhe, die in der Naͤhe der hohen Gebirge liegt, welche den Horizont von Cumana umgrenzen. Ich legte mir keine Re⸗ chenſchaft von den Empfindungen ab, die mich in der Stille dieſer hehren Natur ergriffen. Aber ich wurde nicht muͤde, jene majeſtätiſchen Waͤlder zu bewundern, welche ſich bis an das Weltmeer ausdehnen, und wilden Staͤmmen Schutz gewaͤhren, die ſich unter ihren Schat⸗ ten, im Schoos der Unabhaͤngigkeit und Unthaͤ⸗ tigkeit, gluͤcklich fuͤhlen. Von den Gipfeln die⸗ ſer Rieſenbäume, deren Formen Erſtaunen er⸗ regen, haͤngen Lianen herab, ſchlingen ſich⸗ in unermeßlicher Ausdehnung, von einem —— Stamm zum andern, ſchmuͤcken ſie mit ihren langen Buͤſcheln, und verwirren gleichſam alle Gattungen, durch ein unglaubliches Gemiſche von Fruͤchten, Bluͤthen und Blaͤttern. Die jungfraͤuliche, noch unbezwungene Natur, ent⸗ faltet eine Ueppigkeit der Vegetation, welche die Blumenſtengel der gemeinſten Pflanzen bis zur Groͤße unſerer hoͤchſten europaͤiſchen Baͤume treibt. Dle Eilande, welche ich in der Ferne liegen ſah, ſchienen ſich uͤber ihre Grundfeſte zu erheben, und gleichſam wie durch Zauber— kraft in den Luͤften zu ſchweben*). Die all⸗ gemein herrſchende Stille, wurde nur durch den ſchweren Flug der Aras unterbrochen, die ſtets paarweiſe fliegen, oder durch den Geſang des Capirots, eines lieblichen Vogels, der alle ihm gelegte Schlingen klug zu vermeiden weiß, und ſtirbt, wenn man ihn ſeiner Freiheit beraubt. Gaͤnzlich in den Empfindungen verloren, welche dieſes erhabene Schauſpiel in mir erregten, verſetzte ich mich in Gedanken an Deine Sei⸗ * Eine unter dem Namen Luftſpiegelung be⸗ kannte optiſche Tauſchung. — 75— te, und traͤumte mich gluͤcklich. Ein wenig Thonerde, einige Binſen und Palmblaͤtter, ge⸗ waährten uns Schutz gegen die Witterung. Ba⸗ nanen, Kokosnuͤſſe, die Fruchte des Goldblatts und des Papajebaums, wuͤrden uns Nahrung und Erquickung geben. Wuͤrden wir mehr be⸗ dürfen, theuere Almaide! Deine Liebe wuͤrde ſich ohne Zweifel damit begnugt haben, aber durfte es auch die meinige?“ „Die herannahende Nacht unterbrach meine Traͤume von Gluͤckſeligkeit nicht. Ihr Schleier, der beide Welten bedeckte, ſchien den großen Zwiſchenraum, welcher uns trennte, zu verengen. Eine angenehme Kuͤhle gab der Luft ihre Spannkraft wieder. Ich begab mich auf den Ruͤckweg. Noch war ich ziemlich weit von meiner Wohnung entfernt, aber ich folgte dem Lauf des Manzanares, und in dieſen gluͤck⸗ lichen Climaten gewaͤhren die Naͤchte eben ſo viele Genuͤſſe, als die ſchoͤnſten Tage. Zuwei⸗ len lenkte ich von meinem Wege ab, um das undurchdringliche Gewebe der Fackeldiſteln zu vermeiden, unter denen Klapperſchlangen, Rie⸗ ſenſchlangen und giftige Vipern ſich bergen, — 6— oder die Teppiche anderartiger Gewaͤchſe, wel⸗ che jene herbeiziehen. Alsdann gerieth ich in jene unabſehlichen Wieſengruͤnde, die man Sa⸗ vannen nennt, wo ich die großen, auf und nieder tanzenden Irrlichter bewunderte, von denen die aberglaͤubiſchen Koloniſten meinen, ſie enthielten die Seele eines Ungeheuers, wel⸗ ches ſie den Tirannen Aguira nennen. Die Gebuͤſche und der Raſen waren von unzaͤhligen leuchtenden Inſekten bedeckt, die das Bild des geſtirnten Himmels auf der Erde wieder zu geben ſchienen; waͤhrend man, verfuͤhrt von einer ſonderbaren optiſchen Taͤuſchung, glaubte, die uͤber dem Meere ſchwebenden, unbewegli⸗ chen Sterne bewegten ſich hin und her, und ſtiegen auf und nieder. Der Manzanares wie⸗ derhallte von dem Geſchrei der Waſſervoͤgel, und eine Unzahl von Delphinen ſchwamm den Fluß aufwaͤrts und ſpruͤhte Waſſerſaͤulen aus ihren Naſenloͤchern. Plötzlich hoͤrte ich eine ſanfte Stimme, welche die Angſt zu laͤhmen ſchien. Sie fuͤhrte mir lebhaft jenen Ungluͤcks⸗ tag ins Gedaͤchtniß zuruͤck, an welchem ich Dich den unverſchaͤmten Armen des Don Fran⸗ cisco de Jaffra entriß. Die Stimme kam — von den ufern des Fluſſes, und ich eilte zu ihm hin.“ „Ein junges, in einem einfachen, baum⸗ wollenen Leibrock, von blendender Weiße, ge⸗ kleidetes ſchoͤnes Weib erreichte, ſchwimmend, ſo eben das Ufer des Manzanares. Als ich es ans Land zog, verlor es die Beſinnung und ſank in meine Arme. Im naämlichen Augen⸗ blick liefen Negerinnen und indianiſche Frauen mit Fackeln herbei. Weinend und wehklagend legten ſie ihre Gebieterin, die ſich bald wieder erholte, und mich uͤber die Folgen ihres Schre⸗ ckens zu beruhigen ſuchte, auf eine Art von Palankin. Sie erzaͤhlte mir, ſie habe ſich, nach der Sitte der Frauen dieſes Landes, im Fluſſe baden wollen, und ſich deshalb von be⸗ ſuchten Plaͤtzen entfernt, als ploͤtzlich einer jener kleinen Krokodillen, die man in dieſen Gegenden Bavas nennt, auf ſie zugefahren ſey. In dem Augenblick, in welchem das Um⸗ geheuer in den Strom geſchoſſen waͤre, haͤtte ſie, gluͤcklicher Weiſe, eine Bewegung in dem uferſchilf wahrgenommen, und alle ihre Staͤrke aufgeboten, um das jenſeitige Ufer zu errei⸗ chen. Aber ihre Kraͤfte haͤtten ſie verlaſſen, und wenn ihr Schutzgeiſt mich nicht zur Huͤlfe ge⸗ fuhrt, ſo haͤtte ſie ihr Leben, entweder in den Ge⸗ wäſſern, oder unter den Zaͤhnen der Beſtie, enden muͤſſen. Vergeblich beſtrebte ich mich ih— ren Dank abzulehnen, ſie wollte mich nun ein⸗ mal fuͤr ihren Retter halten. Sie beſtand ſo lebhaft und ſo ruͤhrend auf dieſem Gedanken, daß ich ſie zu betruͤben fuͤrchtete, und ihre Dankſagungen als verdient annahm.“ „Ich begleitete ſie zu ihrer Wohnung, wo wir ihren Vater ſchon von dem Vorfall unterrichtet fanden. Er eilte ſeiner Tochter entgegen, ſchloß erſt ſie, und dann mich, an ſein Herz. Seine Dankbarkeit gegen mich⸗ der das Gluͤck ſeines Daſeyns erhielt, kannte keine Grenzen. Er wollte mich bei ſich behal— ten. Er bot mir ſeine Freundſchaft, ſeine Schätze dar; er haͤtte mir, wenn ich es be⸗ gehrte, ſein Leben geopfert. Vergnugt, eine würdige Familie von ſo großem Ungluͤck be⸗ wahrt zu haben, begab ich mich hinweg.— Ach, leider! hatte ich bereits das Ungluck, das mich unablaͤſſig verfolgt, in dieſes Haus gebracht!. ——— „Don Lopez befragte mich uͤber die Ur⸗ ſache meiner langen Abweſenheit. Als ich ihm Don Paklo Melendez und deſſen Tochter nannte, laͤchelte er. Da ich ſeine Gedanken errieth, ſchmerzte mich dieſes Laͤcheln. Er kannte ja mein Herz nicht,— dieſes Herz, das nur bei dem Namen Almaide ſchlaͤgt!“ „Sennor Mendez war ein Caſtilianer, den das Gluͤck in der neuen Welt, mit ſeiner Gunſt uͤberhaͤuft hatte. Weit entfernt dem Beiſpiel der meiſten Spanier zu folgen, die, ſo bald ſie ſich nur etwas mehr als das Noth⸗ duͤrftige erworben haben, in die Traͤgheit der Ureinwohner des Landes verſinken, hatte Men⸗ dez große Ausrottungen unternommen, wuͤſtes Land urbar gemacht, ein Dorf erbaut, das er als Vater regierte, und fuͤr ſich ſelbſt eine be⸗ queme Wohnung errichtet, in welcher er die ſeltenſten und nuͤtzlichſten Produkte beider He⸗ miſphaͤren aufbewahrte. Die ihn umgebenden Neger waren freie Menſchen; und iſt der frohſinnige und leichtſinnige Charakter dieſer armen Geſchoͤpfe ſchon im Stande, die Muͤhſe⸗ ligkeiten des Sklavenlebens zu verſuͤßen, um wie viel gluͤcklicher mußten ſie ſich in der Frei⸗ „ heit fuͤhlen, die ihnen uͤberdies die Entwicke⸗ lung ihrer geiſtigen Kraͤfte verſtattete. Jeden Abend ſah man ſie Freudenfeuer anzuͤnden, und nach dem Klang der Guitarre um ſie her tanzen. Beim Aufgang der Sonne aber gin⸗ gen ſie mit Eifer an ihre, den Kraͤften eines jeden angemeſſenen Arbeiten, welche ihrem Herrn Reichthuͤmer verſchafften, von denen ein Theil wieder auf ſie zvruͤckfiel.“ „Viele dieſer gluͤcklichen Diener kamen zur Stadt, um mir in ſo warmen Ausdruͤcken zu danken, als habe ich wirklich ihre junge Gebieterin einem gewiſſen Tode entriſſen. Auch brachten ſie mir kleine Geſchenke. Eine Nege⸗ rin hatte den vornehmſten Geiſterbeſchwoͤrer zu Rathe gezogen, und dieſer uͤberſandte mir ei nen weißen Stein mit kleinen rothen Strei⸗ fen, der mich gegen alle Uebel ſchuͤtzen ſollte. Eine Indianerin hingegen, ſchenkte mir einen Buͤſchel von den blauen Federn des Guacha⸗ ro*), die mit weißen hersfoͤrmigen Flecken *) Der Guacharo iſt ein Nachtvogel, der ſich in großer Anzahl in den Hoͤhlen von Caripe auf⸗ huͤlt, und den man an keinem anderen Orte — — 6 geſprenkelt ſind. Sie begleitete dieſe Gabe mit einem Wunſch, der mir ein Laͤcheln ab⸗ zwang, und verließ mich in der Ueberzeugung, daß der Federbuͤſchel gehoͤrig auf meine Nei⸗ gungen wirken wuͤrde.“ „Don Pablo Melendez hatte eine In⸗ dianerin geheirathet, die einſt ſein Leben rette⸗ te. Sie ſtarb, indem ſie eine Tochter zur Welt brachte, die Melendez mit der groͤßten Sorgfalt erzog, und ihr mit ſchweren Koſten die wenigen Fertigkeiten beibringen ließ, die es moͤglich war, in dieſem Lande zu erlangen. Euja, der einzige Gegenſtand der Zaͤrtlichkeit ihres Vaters, Spanierin nach der Weiße ihrer Haut, Indianerin durch die ungemeine Erreg⸗ barkeit ihrer Gefuͤhle und ihre kindliche Nai⸗ vetaͤt, wurde ſowohl wegen ihrer Schoͤnheit, antrifft. Seines Fettes wegen, ſtellt man jedes Jahr eine allgemeine Jagd auf ihn an. A. d. O. Von dieſer Hoͤhle und ihren geflugelten Be⸗ wohnern, gibt Humboldt im dritten Theil ſei⸗ ner Reiſen eine ſehr anziehende Schilderung. A. d. Ueb. Don Manuel. Zweiter Zheil. 6 —„ als wegen ihres Reichthums, von Bewerbern umringt. Noch hatte ſie keine Wahl getroffen, und Don Pablo, der ihr keinen Zwang aufle⸗ gen wollte, hatte bereits mehrere edle Caſtilia⸗ ner zuruͤck gewieſen. Ich war jedoch weit von dem Gedanken entfernt, zu glauben, daß er ſeine Augen auf mich gerichtet habe;— auf mich, der nichts in der Welt fuͤr das Gluͤck ſeiner Tochter beſaß, als meine guten Wuͤnſche.“ „Schon oͤfters hatte ich den Don Lopez zu ſeinem Freunde begleitet, und war ſtets mit Herzlichkeit und Wohlwollen aufgenommen wor⸗ den, die mich jedoch keine andere Abſichten er⸗ rathen ließen. Ich ſah, ich hoͤrte Euja, ich beantwortete ihre Fragen: aber mein Herz und meine Gedanken waren ſtets abweſend, und meine Aeußerungen beſchraͤnkten ſich auf die allgemeine Hoͤflichkeit. Bald aber ver⸗ ſchwor ſich die Freundſchaft gegen meine Unab⸗ haͤngigkeit.“ „Eines Tages erſuchte mich Don Lopez ein Geſchaͤft fuͤr ihn, bei Sennor Melendez zu beſorgen. Melendez war abweſend, und ich mußte ſeine Ruͤckkehr abwarten. Seine Dienſt⸗ leute empfingen mich mit ſo vielen Zeichen von — Unterwuͤrfigkeit, und mit ſo haͤufigen, kleinli⸗ chen Aufmerkſamkeiten, daß ich mich davon be⸗ läſtiget fand. Ich ſuchte daher Ruhe in ei⸗ nem kleinen Gehölze von Mirthen und Bana⸗ nenbaͤumen. Nur der Anblick der freien Na⸗ tur vermochte meine Leiden etwas zu mindern. Mir duͤnkte, Troſt in dem Anſchauen ihrer Wunder zu finden, welche meine Gedanken auf Almaiden lenkten; auf Dich, zu der nur die Leitung des allmächtigen Schöpfers dieſer wun⸗ derherrlichen Natur, mich zuruͤckfuͤhren kann. Ich war allein, und verlor mich im Genuß der Ruͤckerinnerungen an die gluͤcklichen, nur allzuſchnell entflohenen Stunden meiner Kind⸗ heit, als ein leiſes Geraͤuſch ſich hoͤren ließ. Ich erhob die Augen und gewahrte die Toch⸗ ter des Melendez, deren ſchlanker Wuchs mit dem des jungen Palmbaums, an dem ſie lehn⸗ te, wetteiferte.„Du denkſt an Dein Vater⸗ land, redete ſie mich an.„Errieth ich nicht die Urſache Deiner Seufzer? O! koͤnnte ich Dir Erſatz dafuͤr leiſten!“ 63 Bei dem Worte Vaterland, das mit zauberiſchem Ton ausgeſprochen wurde, erbeb— te ich, und meine Augen erfuͤllten ſich mit 6* der Mitte des Waſſerbeckens hatte man einen — 84—. Thraͤnen. In dieſen entfernten Zonen hörte ich dieß Wort zum erſtenmal: es klang herr⸗ üich in meine Ohren, und regte alle Gefuhle meines Herzens auf. Ich naͤherte mich der Jungfrau, deren Auge gleichfalls einige Zaͤh⸗ ren glaͤnzten, die ein tiefes Mitleiden aus⸗ druͤckten.„Komm,“ ſagte Euja,„dieſer Platz iſt wild; er floͤßt Dir traurige Gedan⸗ ken ein; ich ſelbſt betrachte ihn nur mit Schmerz.“ Sie ergriff meine Hand und fuhrte mich ſchweigend in ein kleines Wäldchen, das durch eine klare Quelle erfriſcht wurde, welche aus einem mit dichtem Gruͤn bewachſe⸗ nen Felſen entſprang. Baͤume, ſo alt wie die Erde, beruͤhrten mit ihren Gipfeln den Him⸗ mel; und ihre ſchwarze Rinde ſtach ſeltſam ab, gegen das friſche, glänzende Gruͤn der Erdbeerbaͤume, der Pothos und Cyatheen; eine Gattung von Farrenkraͤutern, die hier zu ei⸗ ner erſtaunlichen Hoͤhe waͤchſt. In einiger Entfernung bildete der Bach ein ſeichtes, von Fruchtbaumen umringtes Becken, unter denen ſich der Orangen, Citronen, Papayat, Tama⸗ rinden und Piſangbaum auszeichneten. In ——————— 85 Tiſch mit zwei Gedecken geſetzt. Junge Nege⸗ rinnen bedienten uns, und beeilten ſich, auf einen Wink ihrer Gebieterin, eine herrliche Mahlzeit aufzutragen. Euja zog ihre leichte Fußbekleidung ab, und ermahnte mich, ihrem Beiſpiel zu folgen. Ich kannte bereits dieſe Gewohnheit der Koloniſten, da ich ſchon meh⸗ rere male mit ihnen, in den reinen Fluthen des Manzanares geſpeiſt hatte. Weigerung wuͤrde hier Beleidigung geheißen haben.“ „Meine ſtets zerſtreuten Blicke hefteten ſich jetzt zum erſtenmal, auf die Tochter des Sennor Melendez, und ich bemerkte eine Aehn⸗ lichkeit mit gewiſſen Zuͤgen, die meiner Seele viel zu tief eingepraͤgt ſind, als daß ich ſie je⸗ mals haͤtte vergeſſen koͤnnen. Dieſe ſonderbare Uebereinſtimmung erregte meine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit. Die verfuͤhreriſche Creolin war klein, aber alle ihre Bewegungen hatten einen un⸗ ausſprechlichen Reiz. Jeder Maler, der meine Almaide nicht kannte, wuͤrde ſie zum Voibilde gewaͤhlt haben. Ihre etwas blaſſe Geſichtsfar be roͤthete ſich nur leicht, wenn ein etwas leb⸗ haftes Befuͤhl ſie ergriff; aber man hätte ſa— gen ſollen, die Grazien ſelbſt haͤtten dieſes zarte Roth aufgetragen. Lange, ſtets niederge⸗ ſchlagene Wimpern, maͤßigten das Feuer ihrer Blicke. Sie ſchienen ſich nur muͤhſam erheben zu koͤnnen, gleichſam als verwunde das Ta⸗ geslicht die ſchoͤnen Augen, welche ſie bedeck⸗ ten, und verliehen Eujas Phyſiognomie den Ausdruck einer ſanften Melancholie. Ihre, in zwei lange Zoͤpfe geflochtene ſchwarzen Haare, waren mit einem Kranz von Bera gekroͤnt, deren goldne Blume den Wohlgeruch der Va— nille hat. Ein Halsband von Perlenmuſcheln, fiel auf ihren Alabaſterbuſen herab, den nur eine einfache Tunika von Mußlin bedeckte, und mehrere Reihen Koͤrner, von den lebhafteſten Farben, ſchimmerten auf vollkommen ſchoͤn ge⸗ rundeten, bis an die Schultern bloßen Armen. Sie bemerkte, daß meine Augen auf ihr ruh⸗ ten, und ein Laͤcheln ſchwebte auf ihren fri⸗ ſchen Lippen. Mir duͤnkte, Almaiden laͤcheln zu ſehen, und uͤberraſcht von der außerordent— lichen Empfindung, welche dieſe Aehnlichkeit in mir aufregte, rief ich:„O, Du ruͤhrendes Bild meiner herrlichen Schweſter, moͤge die Gluͤckſeligkeit, die Dich umringt, nie getruͤbt * 2 — werden! Moge Dein reines Herz nie andere Gefuͤhle, als die ſanften Regungen unſchuldi— ger Luſt empfinden!“—„Du haſt alſo eine Schweſter?“ erwiederte ſie mit einem Ton, der mir in die Seele drang.„Ich hatte auch eine! Ein Haͤuptling von der Vol⸗ kerſchaft der Guaraonen, jener Indianer, die ihre Wohnungen, in den Inſeln des Orinoco, auf die Stämme der Palm; und Manglebau⸗ me errichten, begehrte ſie von meinem Vater. Er behauptete, als Stammverwandter meiner Mutter, ein Recht auf ſie zu haben. Zora war erſchrocken, und mein Vater ſchickte den großen Haͤuptling der Guaraonen in ſeine Wälder zuruͤck. Bald kam er insgeheim mit ſeinen Kriegern wieder, um Zora zu entfuͤhren. Ein Sambos*) uͤberraſchte ſie, als ſie ſich et⸗ was von unſerer Wohnung entfernt hatte. Sie wollte entfliehen, aber der Sambos ſchlug ſie mit einer Keule vom Holz des Palmbaumes und die Seele der armen Zora floh zum Him⸗ *) Abkoͤmmling eines Mulatten und einer Nege⸗ rin, oder umgekehrt. d. Ueberſ. — mel. Voller Verzweiflung ließ der große Haͤuptling den wilden Sambos unter langwie⸗ rigen Martern toͤdten. Hierauf ließ er ſeinem Stamm den feierlichen Eid ablegen, nie die Pflanzungen meines Vaters anzugreifen, und nach wenigen Tagen fand man ihn entſerlt auf Zoras Grabe liegen. Wir weinten kange,— aber Zora iſt gluͤcklich. Oft hoͤrten die Nege⸗ rinnen ihre Stimme in dem Waͤldchen, in wel⸗ chem Du dieſen Morgen ſeufzteſt!“ „Dieſe, durch Schluchzen unterbrochene, Erzählung endend, verließ Euja den Tiſch und ließ ſich auf einem Raſenteppich nieder, auf dem einige muſikaliſche Inſtrumente umher la⸗ gen. Sie ergriff eine Guitarre, und wollte ſingen, aber das Lied, welches ſie anſtimmte, war traurig, und ihre Stimme zu bewegt um fortfahren zu koͤnnen. Sie blieb lange in tiefes Nachdenken verſunken, dann ſprach ſie:„War⸗ um haſt Du Deine Schweſter in jenem ent— fernten Lande gelaſſen? Die Europaͤer kom⸗ men nur zu uns um Reichthuͤmer zu erwer⸗ ben, und ohne Zweifel beraubte das Ungluͤck Dich der Deinigen. Aber mein Vater iſt ſo guͤtig, die Erde ſo fruchtbar, und unſere Neger — — 6 lteben Dich ſo ſehr und wuͤnſchen Dir zu die⸗ nen. Laß Deine Schweſter zu uns kommen; ich will ihr Yam und Maisfelder und Frucht⸗ bäume geben. Hier hat die nicht urbar ge— machte Erde keinen Herrn. Meine Neger wer⸗ den Deiner Schweſter bald einen eben ſo ſchoͤ— nen Platz zubereiten, als der unſrige iſt. Sie ſoll mir meine verlorne Schweſter erſetzen, und ich werde zu ihr ſagen: Du ſchenkſt mir mei⸗ ne liebe Zora wieder. Ich heiße Euja; das heißt in der Sprache unſerer Indianer, Dein eigen; und hier iſt Alles Dein Eigenthum, wie mein Herz.“ 1„O, meine vielgeliebte Almaide! wel⸗ 6 che Reize wuͤrde dieſes großmuͤthige Anerbieten fuͤr mich gehabt haben, haͤtte nicht die Leiden⸗ ſchaft, welche die Quelle dieſer Großmuth war, ſelbſt durch den Schleier der Unſchuld hervorgeblickt. Eujas hochklopfender Buſen, ihre gehemmten Athemzuͤge, ihre ungewoͤhnliche Roͤthe, das Feuer ihrer Augen, alles dieſes be lehrte mich von demjenigen, was ich vergeblich ſtrebte vor mir ſelbſt zu verbergen. Ich warf mir den unwillkuͤhrlichen Irrthum, zu dem ich ſie verleitet hatte, wie ein Verbrechen vor, — unb hoffte, des Geheimniſſes meiner Lage, das noch ſchwach glimmende Feuer, deſſen mehr auflo⸗ dernde Flamme ich nicht theilen konnte, gaͤnz⸗ lich auszuloͤſchen.“ „Euja,“ ſagte ich,„die Schweſter, von der ich ſprach, wird mit Strenge in ei— nem Kloſter aufbewahrt, und darf Europa nicht ohne den Willen ihres Vaters verlaſſen. Wie Dir, entriß der Himmel ihr die Mutter, und alle Zaͤrtlichkeit welche ſie verdient, verei— nigt ſich in meinem Herzen. Der ſuͤße Schwe⸗ ſtername, den ich ihr beilege———“ „Fahre nicht fort,“ unterbrach ſie mich lebhaft.„Euja duldet keinen Wider⸗ ſpruch. Deine Schweſter kann nicht kommen? Gut, ſo wollen wir ſie hohlen. Mein Vater ſehnt ſich oft ins alte Spanien zuruͤck. Er wird mir laͤchelnd ſagen: Du willſt es Euja! Das Schiff ſoll bald bereit liegen. Dein Va⸗ ter!—— Ach! Dein Vater wird der klei— nen Euja nichts abſchlagen, wenn Don Ma— nuel ihre Bitte unterſtuͤtzt.“ „Liebenswuͤrdige Euja,“ rief ich,„mo⸗ ge der Himmel Deine Guͤte belohnen! Aber durch eine aufrichtige Entdeckung ——— —— komme von Deinem Jrrthum zuruͤck. Weißt Du wep ich bin, und was Du verlangſt?“ „O, ja!“ unterbrach ſie mich noch⸗ mals.„Ich weiß daß Du gut und men⸗ ſchenfreundlich biſt, und ich wuͤnſche Dein Gluͤck. Lege Deine Hand auf mein Herz; ſo ſchlägt es immer, wenn ich bei Dir bin; und Euja ſagte nie eine Unwahrheit.“ „Ich zog meine Hand aus der ihrigen. Sie ſchien erſtaunt.„Habe ich Dich beleidi⸗ get?“ fragte ſie ſanft.„Ich wollte es nicht. O! verzeihe der Einfalt einer unwiſ⸗ ſenden Indianerin!“ „Ich will Dir, theuerſte Almaide, mei⸗ ne lebhafte Ruͤhrung nicht verhehlen. Richts in der Welt vermochte Dich auch nur einen Augenblick, aus meinem Gedanken zu entfer⸗ nen; aber mein Herz war erweicht, und ich ſeufzte uͤber eine Liebe, deren hohe Kraft mir Eujas Offenherzigkeit nur zu deutlich be⸗ wies, und die mir neue Qual bereitete. Ach! mein unguͤnſtiges Schickſal hoͤrte nicht auf mich zu verfolgen.„Euja,“ ſagte ich, „Du irreſt, wenn Du der Anhaͤnglichkeit, welche Du mir ſchuldig zu ſeyn glaubſt, keine Schranken ſetzeſt. Du legſt dem kleinen Dienſt, den ich Dir leiſtete, zu viele Wichtigkeit bei. Kehre wieder zuruͤck zu der Ruhe, die der Reinheit Deiner Seele angemeſſen iſt, und ſchenke dem Ungluͤcklichen, der Dich nur mit den Empfindungen eines Bruders lieben kann, die Zärtlichkeit einer Schweſter.“ „Euja hoͤrte mich mit Aufmerkſamkeit an, und ſchien beunruhiget.„Dein Herz,“ fuhr ich eilig fort,„iſt des Vertrauens, das ich Dir jetzt ſchenken will, vollkommen wuͤrdig. In dieſem Lande weiß Niemand um das Geheimniß meines Lebens. Die Schwe⸗ ſter, von der ich redete, iſt nicht meine Schweſter. Wir wurden mit einander erzo⸗ gen; ſie beſitzt Deine Reize, Deine Guͤ⸗ ten— nd Du liebſt ſie unterbrach mich Euja ſeufzend.„Wohl! auch Euja wird ſie um Deinetwillen lieben. Wird ſie mich nicht auch lieben? Antworte. Ach! ſie muß die arme Euja wohl lieben!— Ich ſagte Dir es ja; ſie wird meine Schweſter ſeyn.—— Laß uns nach Europa reiſen, und— ihr und Dir.———“ Euja er⸗ blaßte und ſchwieg.. Ich ergriff den Augen⸗ blick, um ihr die Begebenheiten, die unſere Trennung verurſachten, zu erzaͤhlen. Ich ſchil⸗ derte ihr unſere ewige Liebe, die Ungerechtig⸗ keit Deines Vaters, die der Menſchen, Deine Großmuth, Deine Opfer, Deine Tugenden. Theuerſte Almaide! ich ſchilderte Dich, wie mein Herz Dich kennt; ich ſprach von Dir mit dem ganzen Feuer einer unverſiegbaren Leidenſchaft. Ich gedachte nicht mehr des Schmerzes, den ich in dem Buſen der trauri⸗ gen Euja erregte. Sie ſeufzte, ſie ſchrie laut auf, ſie fuhlte ſich beklommen. Ein Thraͤnen⸗ ſtrom entquoll ihren ſchoͤnen Augen, und ſie empfand unſer Ungluͤck ſo lebhaft und innig, als ſey es ihr eigenes.— Es war ein Theil Deiner Seele,— doch nicht Du ſelbſt.“ „Ein langes Schweigen folgte dieſem Schmerzgefuͤhl. Euja druͤckte die Hand auf ihre Bruſt, als wolle ſie ihr dem Zerſprin⸗ gen nahes Herz beruhigen. Mit der andern Hand entblätterte ſie langſam den Kranz, der ihr Haar geſchmuͤckt hatte. Endlich ſprach ſie:„O! wie gluͤcklich iſt Deine Almaide! Ich fuͤhle es wohl, daß ich Dich nicht lieben darf, aber ich bin uͤberzeugt, daß ich Dich —— eben ſo ſehr geliebt haͤtte, als ſie!— Verlaſſe mich jetzt; ich bedarf der Einſamkeit.— Ver⸗ laſſe mich, aber vergeſſe mich nicht.— Nicht wahr, Du kehrſt zuruͤc?““ Ich verſprach es ihr.„O!“ fuͤgte ſie weinend hinzu,„die arme Euja wird Dich nicht S mehr darum bitten!“ „Ich kehrte zur Stadt zuruͤck, ohne die Ruͤckkehr des Sennor Melendez abzuwarten. Traurig ſann ich uͤber die Mittel nach, ſeiner Tochter die verlorene Gemuͤthsruhe wieder zu verſchaffen.— Ich fand keines.“ „Don Lopez erwaͤhnte des Auftrags, den er mir an Don Pablo gegeben hatte, mit kei⸗ ner Silbe. Ich ſchloß daher, daß meine Sen⸗ dung an letzteren eine verabredete Sache gewe⸗ ſen ſey, und aͤrgerte mich uͤber dieſe uͤberge⸗ ſchaͤftige Guͤte, welche, ohne zu wiſſen, ob die Herzen uͤbereinſtimmten, der gefaͤhrlichſten Lei⸗ denſchaft Thor und Angel oͤffnete.“ „Vierzehn Tage verſtrichen, ohne daß ich die zaͤrtliche Euja ſah, als ihre indianiſche Amme mich zu ſprechen begehrte. Sie war ſehr niedergeſchlagen, und verſicherte, ihre ge⸗ liebte Tochter, Euja, habe den gluͤcklichen merkte nur zu deutlich, Frohſinn ihrer Kindheit gaͤnzlich verloren, und ein boͤſer Geiſt habe ſein Gift uͤber das Haus des Melendez gehaucht. Die gute Amme bat mich, ihr den Buͤſchel von Gugcharofedern, den ſie mir geſchenkt hatte, zuruͤckzugeben, um durch ihn das Schickſal ihres Pflegekindes zu beſchwoͤren. Ich ſeufzte uͤber das neue Un⸗ gluͤck, dem ich nicht hatte zuvor kommen koͤn— nen, ergriff den Federbuͤſchel, und folgte der Amme.“ „Euja lag auf einem Ruhebette, deſſen mußlinene Draperien kaum ihrer Weiße gleich kamen. Eine zu ihren Fuͤßen ſitzende Nege⸗ rin, ſuchte ihre Traurigkeit durch die Erzaͤh⸗ lung drolliger Maͤhrchen zu zerſtreuen. Euja wollte die treue, demuͤthige Gefaͤhrtin nicht kraͤnken, und zwang ſich ſie anzuhoͤren, Aber bald bemeiſterte eine tiefe Melancholie ſich ih⸗ rer aufs neue, und unwillkuͤhrliche Thraͤnen entfielen ihren ermuͤdeten Augen. Erſchrocken uͤber die Verheerung, welche ein geheimer Kummer an ſo vielen Reizen veruͤbt hatte, naͤherte ich mich ihr, ergriff ihre Hand und kuͤßte dieſe. Ich fand ſie gluͤhend und be⸗ daß ein grauſames — Fieber in ihr wuͤthe. Euja ſchlug die Augen auf und ſtieß einen lauten Schrei aus. Ihre bleichen Wangen roͤtheten ſich und ſie ſagte? „Du kehrſt alſo zu mir zuruͤck?— Ich er⸗ wartete Dich, aber Du wollteſt mich pruͤfen. Ich verlangte Deine Ruͤckkehr, aber ich hatte kein Recht ſie Dir zu befehlen.“—„Du darfſt alles befehlen, liebe Euja,“ antwor⸗ tete ich,„und ich werde Dir gehorchen. Aber wie kannſt Du, die Du in der Bluthe des Alters und der Schoͤnheit biſt, der die ganze Natur lͤchelt, die der Himmel und die Erde mit ihren reichſten Gaben uͤberſchutteten, wie kannſt Du die Gegenwart eines Ungluͤckli⸗ chen verlangen, der den Glanz Deiner ſchoͤn⸗ ſten Tage truͤbt?“ „Nein,“ erwiederte Euja,„ich will nichts von dieſen Ausfluͤchten wiſſen. Deine Schmeichelworte ſind zwar meinem Herzen ſuß; das war es aber nicht, was ich von Dir erwartete. Warum fliehſt Du mich? Ich rief nach Dir, wie nach einem geliebten Bruder. So wollteſt, ſo erlaubteſt Du es ja! O! warum retteteſt Du mir das Le⸗ ben?“ 4 9— „Ich rettete Dich, liebe Euja, um Dich der Liebe Deines Vaters, und aller Dich um⸗ gebenden Weſen wieder zu geben. Sieh, wie ſie ſich uͤber Deine Leiden graͤmen; ein Laͤ⸗ cheln von Dir wird ſie wieder gluͤcklich ma⸗ chen.“—„Ach!“ erwiederte ſie,„von dem Tage, an welchem Du mir Deine Leiden erzaͤhlteſt, fuͤhle ich, daß eine unertraͤgliche Laſt mein Herz druͤckt. Ich fuͤhle, daß Deine Ge⸗ genwart mich erleichtert. Wie Zora uns ge⸗ raubt wurde, empfand ich einen aͤhnlichen Druck. Damals warſt Du noch nicht bei uns, und Niemand wußte mich zu troͤſten. Aber Du wirſt mich wieder verlaſſen, und wie werde ich da meinem Schmerz widerſtehen koͤnnen?“ „ Es war mir nicht unbekannt, welche Macht der Aberglaube uͤber die Bewohner der neuen Welt hat, und ich zweifelte nicht an ſeiner Gewalt, uͤber den Verſtand eines jun— gen, unerfahrnen Mädchens. Ich entſann mich, daß Eujas Amme mir den Buͤſchel von Guacharosfedern wieder abgefodert hatte, und verfiel auf die Idee, denſelben zu benutzen, um ihren Phantaſien eine andere Richtung zu Don Manuel. Zweiter Theil. 7 geben.„Hier,“ ſagte ich,„iſt der Ta⸗ lisman den Du mir ſendeteſt. Ich behielt ihn aus Freundſchaft fuͤr Dich, und bat den Himmel alle Tage, Dein Gluͤck daran zu knuͤ⸗ pfen.“—„O!“ rief ſie, den Buͤſchel hef⸗ tig an ſich reißend,„wer gab Dir dieſe Fe: dern? Sie gehoͤrten meiner Zora, die ihn von dem großen Haͤuptling der Guaraonen erhielt,— und Zora iſt nicht mehr!“ Ich ſchauderte uͤber meinen Mißgriff, und wollte den Buͤſchel zuruͤcknehmen. Sie widerſetzte ſich und ſprach mit verwirter Stimme: „Willſt Du mir denn keine Zufriedenheit ge⸗ waͤhren, als um ſie mir ſogleich wieder zu rauben? Siehſt Du dieſe Herzen? Man ſagt, der große Geiſt habe ſie in den Hoͤhlen von Caripe gezeichnet; aber ſie ſind von ei⸗ nem ſchwarzen Kranz umgeben,— das iſt das Sinnbild des meinigen.“—„Nein, nein,“ rief ich mit tiefer Ruͤhrung.„Dein Herz ſchimmert von dem Heiligenſchein der Tugend. Dieſer eitle Talisman hat keine Macht, keinen Antheil an Deinem Schickſal. Ich trug ihn lange: urtheile ſelbſt, ob er etwas an dem meinigen geändert hat. O, gieb mir ihn zu⸗ — ruͤck! Moge er den Einfluß, den Du ihm zu⸗ ſchreibſt, in ſeiner ganzen Gewalt uͤber mich ausuͤben. Am Tage Deines Gluͤcks ſoll er Dir wieder werden.“—„Der Tag mei⸗ nes Gluͤcks wird bald erſcheinen,“ erwie⸗ derte Euja mit ſanfter Stimme.„Es war Zoras Federſchmuck, jetzt iſt er der meinige. Zora ruft mich. Bald werde ich an ihrer Seite im Himmel beten. Bald wirſt Du auch meine Stimme, an ſtillen Abenden, in je⸗ nem Waͤldchen hoͤren.“ „Vergebens bemuͤhte ich mich, dieſes ſo heftig ergriffene Gemuͤthe zu beruhigen. Sie betrachtete mich mit Augen, aus denen die hef⸗ tigſte Liebe ſtrahlte. Sie bat mich, ſie noch oft vor ihrer Abreiſe, zu dem Aufenthalt der guten Zora zu beſuchen. Sie willigte ein, den unſeligen Federbuſch mit mir zu theilen, und als ich ſie verlaſſen mußte, ſank ſie ohn⸗ maͤchtig nieder.“ „Die ſchleunig herbeigerufenen Aerzte erkannten, in Eujas Uebelbefinden den Keim zu einem, jener peſtilenzartigen Fieber, mit denen die neue Welt der alten ein unſeliges Geſchenk machte. Dieſer zarte, reizende Koͤr⸗ 7* — 4050— per umerlag beinahe dem erſten Anfall der Krankheit. Ich glaubte Dich theuerſte Almai⸗ de, nicht zu beleidigen, wenn ich der Leidenden Dienſte leiſtete, die ſonſt nur die Liebe zu lei⸗ ſten pflegt. Sie allein irrte nie uͤber die Be⸗ wegungsgruͤnde meiner Sorgfalt, die aus Dankbarkeit und Mitleiden entſprang. Auf einfachen Matten neben ihn liegend, wachte ich uͤber alle ihre Beduͤrfniſſe. Nur aus mei⸗ ner Hand erhielt ſie die Heilmittel, die leider! keine Kraft hatten, ſie unſeren Wuͤnſchen wie⸗ der zu ſchenken. Blos meine Gegenwart ſchien ihre Leiden zu lindern. Einſt, in tiefer Nacht, erwachte ſie aus einem Schlaf, den die Aerzte fur ein guͤnſtiges Zeichen hielten. Muͤde und erſchoͤpft hatte ihre Dienerſchaft ſich entfernt, und ſelbſt ihr Vater ſich voller Hoffnung zur Ruhe begeben. Mit leiſer Stimme rief ſie mich an ihre Seite. „Ich ſah meine Zora,“ ſagte ſie.„Sie dankt Dir fuͤr Deine Guͤte fuͤr mich. Sie weiß es, daß Du die arme Euſa nicht lieben kannſt, aber ſie verlangt, daß Dir alle ihre und meine Diener und unſere ſaͤmmtlichen Pflanzungen uͤbergeben werden moͤchten, damit Du mit Deiner anderen Schweſter gluͤcklich werdeſt. Ich ſagte es meinem Vater, und er will alle unſere Wuͤnſche erfuͤllen. Sage Dei⸗ ner Schweſter, daß Euja auch ſie liebte.— rbe wohl Manuel—— lebe wohl, — Zora erwartet mich——.“ Die Au⸗ gen der Ungluͤcklichen ſchloſſen ſich und ihr Haupt ſank auf meine Bruſt. Ach! dieſes rei⸗ ne Herz hatte aufgehoͤrt zu ſchlagen, und der Hauch der es belebte, entfloh zu dem nachſich⸗ tigen Richter unſerer Gedanken und unſerer Handlungen. Von Schmerz durchdrungen, kuͤßte, ich die letzte Thraͤne von ihren Augen, und uͤberließ den ehedem ſo reizenden, jetzt entſeel— ten Koͤrper, der traurigen Pflege ihrer Diene⸗ rinnen. Den untroͤſtlichen Vater fuͤhrte ich zu ſeinem Freunde.“ „Euja ruht in dem bekannten Waͤldchen, an der Seite ihrer Schweſter. Kein koſtbarer Marmor ziert ihr Grab; aber man erkennt es an den wohlriechenden, herrlichen Blumen, die auf daſſelbe gepflanzt ſind, und die noch lange von den Thränen Derer erfriſcht wur⸗ den, welche das himmliſche Maͤdchen kann⸗ ten.“ —— „Ich wollte den Talisman, von dem Euſa einen Theil, ſeit dem Tage, an welchem ſie zuerſt an ſeinen Einfluß glaubte, auf ih⸗ rem Herzen getragen hatte, der Erde uͤberge⸗ ben, aber ihre Dienerinnen warfen ſich zu meinen Fuͤßen und baten mich, ihn unter ſie zu vertheilen. Es geſchah; doch bewahrte ich eine dieſer traurigen Federn auf. Wenn Almaide dereinſt dieſes unſelige Unterpfand ei⸗ ner unſchuldigen, aber ſtuͤrmiſchen Leidenſchaft erblicken ſollte, ſo wird ſie der reizenden, nur allzubald vom Sturm entblaͤtterten Blu⸗ me, ihr Mitleiden nicht verſagen.“ „Als Melendez ſich wieder in etwas von dem ſchrecklichen Schlage, der ihm ſeine Ver⸗ nunft zu rauben drohte, erholt hatte, widmete er mir die treueſte Freundſchaft. Seine Toch⸗ ter hatte mich geliebt; Urſache genug fuͤr ihn, mich an Sohnes Statt anzunehmen. Ich weinte mit ihm, und er konnte ſich nicht mehr von mir trennen. Nur ich vermochte ſeinen Kummer zu mäßigen, und ſeiner Ver⸗ zweiflung Grenzen zu ſetzen. Anfangs glaubte ich, ſeine Liebe zu mir gruͤnde ſich auf den vereitelten Entwurf, einer Verbindung zwiſchen — 103— mir und ſeiner Lochter, und hielt es für Pflicht, ihm dieſen Wahn zu benehmen: aber bald ſah ich ein, der ungluͤckliche Vater habe nie ernſtlich daran gedacht. Die großmuͤthige Euja hatte ihm mein Geheimniß nicht offen⸗ bart, und auch ihr eigenes war in ihrem Her⸗ zen verſchloſſen geblieben. Melendez ſchloß ſich an mich, als an das einzige Weſen, das mit ihm gleich empfand, und ſeinen Schmerz theil⸗ te. Wichtige Geſchaͤfte riefen ſeinen Freund, Don Lopez, nach Carthagena. Melendez fuͤhrte mich in ſeine Wohnung, und wir pfleg⸗ ten gemeinſchaftlich die Blumen auf Eujas Grabhuͤgel. „Wäͤhrend dieſer Zeit hatte Aphon. auf dem ihm anvertrauten Schiffe, alle Laͤnder beſucht, in denen man ehedem die Sonne, um ter dem Namen Zis verehrte. Er ſah wilde, aber nicht barbariſche Voͤlker, deren angebliche Geiſtesbeſchraͤnktheit nur aus der Unwiſſenheit entſprang, in der eine habſuͤchtige Politik ſie zu erhalten ſuchte. Mit dem hoͤchſten Unwil⸗ len bemerkte er den fortdauernden Mangel an Cultur, der, in den Wäldern der neuen Welt⸗ ſich der Entwickelung aller geiſtigen Kraͤfte — 104— widerſetzt. In die Bucht von Cumana zuruͤck⸗ gekehrt, ſuchte ſeine Freundſchaft alle erſinnli che Mittel hervor, um meine tiefe Melancho— lie zu zerſtreuen. Er unterhielt mich oft von dem Reſultat ſeiner Beobachtungen, und bewies mir, daß, wenn auch die Fortſchritte der ſittlichen Cultur, durch die Abgeſondertheit, in welcher dieſe entfernten Voͤlker leben, gehemmt wuͤrden, ſie dennoch, eben durch ihre Entfer⸗ nung von geſitteten Menſchen, ein Gefuͤhl von Unabhaͤngigkeit und einen unbezwinglichen Charakterſtolz erlangten. Eines Tages, an dem Melendez den Sterbetag ſeiner Lochter, unter tauſend Thränen feierte, und ich mich dergeſchlagener als jemals fuͤhlte, noͤthigte mich Alphons an Bord einer leichten, von ihm ſelbſt gefuͤhrten Pirogue 8. Bald fanden wir uns, auf ruhigem Meere, ziemlich weit vom Lande entfernt, und ſteuerten unſer ſchwaches Fahrzeug nach dem Theil des Meerbuſens, in welchem ſiedende Quellen aus der Tiefe des „ *) Ein langes, ſchmales indianiſches Boot oder Canot. d. Ueberſ. 6. F — 105— Meeres emporſteigen. Alphons ſagte:„Dieſe jetzt noch von den ſie umgebenden Felſenmaſſen zuruͤckgehaltenen, erwaͤrmen die Sewäſſer kaum in der Naͤhe ihres Heerdes. Aber durch die langſame, doch ſichere Kraft zukuͤnftiger Jahr⸗ hunderte, oder vielleicht auch durch einen plotz: lichen Ausbruch des Vulkans, den ſie bedecken, werden ſie die Geſtalt dieſer friedlichen Plätze veraͤndern, und neue Länder werden den Ocean ber ſeine alten Gränzen zuruͤckdraͤngen. Auf gleiche Weiſe verhalt es ſich mit den Bewoh⸗ nern dieſes Landes, deren unthätiges, arbeit⸗ ſcheues Leben, ihnen Muße zum Nachdenken verleiht. Seit langer Zeit geſtattet man ih⸗ nen die Vortheile des unumſtoͤßlichen Voͤlker: rechts nur mit willkuͤhrlichen Einſchraͤnkungen⸗ wie ſie der Sieger dem Beſiegten vorſchreibt. Wer aber kann das Erwachen dieſer Unter⸗ druͤckten vorausſehen? wer es verhindern? Die Schlafſucht der Voͤlker endet, wie das Schweigen der Vulkane, mit Alles zermalmen⸗ dem Ausbruch. Manche von mir recht gut bemerkte Kennzeichen verkuͤnden mir, daß ein neues, hellleuchtendes Geſtirn fuͤr dieſe Laͤnder aufgehen wird. Welche Erndte wird ſein Ein⸗ —— fuß hervorbringen? Wird man auch hier die Standhaftigkeit des Mutterlandes nachahmen, das auf offenem Felde, wie in Stäͤdten und Feſtungen, gegen die Gewalt kämpft, die ihm fremde Koͤnige aufdringen will? Und Du, der Du entfernt von Deinem Vaterlande, einer unnuͤtzen Traurigkeit nachhängſt, ſchlaͤgt Dein Herz nicht mehr bei den Erzaͤhlungen ſeiner Heldenthaten oder— ſeiner Fehler?“ „Alphons ermunternde Reden wirkten auf mein Gemuͤth. Heilige Bande knuͤpften mich an das Schickſal meines Vaterlandes. Ich dachte mir das Genie und die Tugend zu ſeiner Vertheidigung bewaffnet, und uͤber⸗ ließ mich unangenehmen Traͤumereien uͤber das Mißgeſchick, welches mich, ferne von Spanien und von Dir, zwecklos zuruͤckhielt, als Al⸗ phons, der ſich in ernſte Beobachtungen der ihn umgebenden Natur vertieft hatte, ploͤtzlich laut aufſchrie, es drohe uns große Gefahr! Er hatte die Ruder niedergelegt, und ſie durch ein leichtes Segel erſetzt. Ich lenkte das Steuerruder, legte aber, in meiner Zerſtreu⸗ ung, das Canot zu nahe an den Wind, und wir trieben gerade gegen die Wogen, wel⸗ — 107— che ein herannahender Sturm emportrieb. Wir befanden uns in einem Theil des Meerbuſens, der den Namen der traurigen Bucht*) fuͤhrt. Seine unbewohnten Ufer floͤßen den Europaern⸗ die das Schickſal in dieſe Gegend fuͤhrt, Ent⸗ ſetzen ein. Ein unermeßlicher Wald zieht ſich längs der Meereskuͤſte hin. Die heißen Win⸗ de, beladen mit den Duͤften der Blumen und Blaͤtter, wie mit den Ausduͤnſtungen des ver⸗ faulenden Holzes, und den Truͤmmern einer unaufhoͤrlich ſich hier erneuernden animaliſchen Natur, tragen den Keim der Zerſtorung, in die bereits geſchwaͤchte Organe der Ungluͤckli⸗ chen, die hier Huͤlfsmittel gegen ihre Armuth ſuchen. Noch vor nicht langer Zeit fanden mehrere hundert Menſchen, die gegen den Mangel und das Clima kaͤmpfen wollten, hier den ſchrecklichſten Tod, dem ſie ſich zum Vor⸗ aus geweiht zu haben ſchienen. Nur einer blieb uͤbrig, welcher das Schickſal ſeiner Ge⸗ fährten der Colonie verkuͤnden konnte, und der allgemeine Schmerz legte jenem Et enſtec den traurigen Namen bei, den er jetzt trägt.“ *) Golf Triſte. — 102— „Durch Alphonſens Zuruf aus meinen Traͤumen aufgeſchreckt, erkannte ich ſogleich die Gefahr in der wir ſchwebten. Der Wind er— hob ſich immer ſtaͤrker; der Donner ließ ſich von ferne hoͤren; drohende Wolken hingen an den Bergſpitzen; das anhaltende Geheul der Affen erſchallte durch den ganzen Wald, und Schwaͤrme von Reihern, Flammingos und Seeraben, flogen der Kuͤſte zu. Vergebens ſtrengte Alphons ſeine Kräfte an, um Meiſter des Segels zu werden. Ich eilte, dem Steu— erruder eine andere Richtung zu geben, um den Wogen weniger Widerſtand entgegen zu ſe⸗ tzen, und eine kleine, ſichere Bucht zu gewin⸗ nen. Aber das pfeilſchnell heranziehende Un— gewitter hatte uns bereits erreicht. Die Wen⸗ dung der Perogue ging nicht ſchnell genug vor ſich, der Wind verfing ſich in das Segel, und das Fahrzeug ſchlug mit einer ſolchen Ge⸗ ſchwindigkeit um, daß ich augenblicklich alle Beſinnur berlor. dhrt „Didhmich verſchlingenden Wellen ſchie⸗ nen mein Grab werden zu wollen; aber die Freundſchaft, geleitet von der Liebe, wachte. Wie ich meiner Sinne wieder maͤchtig wurde, — 109— lag ich auf der ſandigen Kuͤſte ausgeſtreckt. Alphons, kaum ſelbſt dem gewiſſen Tod ent⸗ ronnen, widmete mir ſeine ganze Sorgfalt, und vergaß die Gefahr, in der er geſchwebt hatte, um ſich nur mit mir zu beſchäftigen. Neben ihm, näher noch an mir, erblickte ich ein hoͤchſt geſchäftiges Weſen, deſſen Zuͤge mir be⸗ kannt ſchienen. Dieſer Menſch that Geluͤbde zum Himmel, zur Erde, und zu allen Elemen⸗ ten. Sein Eifer, ſeine Geberden, ſeine ſon⸗ derbare Ausſprache, mehr aber noch ſeine zärt⸗ liche Theilnahme an mir, ließen mich nicht lange die treue Anhaͤnglichkeit des guten Zi⸗ geuner Carlos verkennen. Wie aber war diet ſer Menſch an die Kuͤſten der neuen Welt ge⸗ rathen?“ „Dir, meiner theuerſten Almaide, ver⸗ dankte ich ja dieſe Huͤlfe! Es war ein Wun⸗ der, das die Liebe bewirkte! Vergebens drang man in mich meine Ungeduld zuruͤckzuhalten; vergeblich wollte man den treuen Carlos von mir entfernen. Er hatte ja meine Almaide geſehen, er wollte mit mir von Almaiden re⸗ den; ſchon dieſes genuͤgte, mich ins Leben zu⸗ ruck zu fuͤhren. Von Deinen Befehlen gelei⸗ tet, durch Verſprechungen und Treue gebunden, allen Gefahren Trotz bietend, gelang es dem guten Carlos endlich, die Kuͤſten von Neu-⸗An⸗ daluſien zu erreichen. Sobald er den Fuß ans Land ſetzte, erkundigte er ſich nach mir bei den Einwohnern der Stadt, und ſuchte mich hierauf bei Melendez. Er folgte mir auf der Ferſe, als er in dem Meerbuſen die Piro⸗ gue gewahrte, die ich ſo eben beſtieg. Unge⸗ duldig mich einzuholen, wendete er ſich an ei⸗ nige indianiſche Fiſcher, die aus Furcht vor dem aufſteigenden Gewitter, ſeinen Wuͤnſchen nicht Folge leiſten wollten. Unwillig, ſich auf dieſe Weiſe ans Land gebannt zu ſehen, uͤber⸗ ließ er ſich dem ganzen Ungeſtuͤme ſeines Cha⸗ rakters. Aber bald fand er andere Indianer, die ſich erboten, um den Preis von zwei Goldſtuͤcken, die Pirogue einzuholen. Unge⸗ achtet dieſe ſein ganzer Reichthum waren, ſo gab er ſie dennoch willig hin, und verſprach noch groͤßeren Lohn, wenn der Schiffer uns bald erreiche. Da brach der Sturm in ſeiner größten Heftigkeit los, fuͤllte unſer Segel⸗ fuhrte uns mit unglaublicher Schnelle fort und ſtuͤrzte uns in die Tiefe. Bei dieſem An⸗ —— blick ſtießen die Indianer einen Schreckensruf aus, und das gräßliche Ungewitter fuͤrchtend, kehrten ſie eilig nach dem Hafen zuruͤck. Ver⸗ zweiflungsvoll warf Carlos ſich zu ihren Fuͤ— ßen, verſprach ihnen reiche Bolohnung, erhielt aber nur kaltes Bedauern.„Ich vermag al⸗ ſo nicht euch zu ruͤhren!“ rief er im hoͤch⸗ ſten Schmerz.„Nun, ſo will ich wenigſtens mit Don Manuel ſterben!“ Im Begriff ſich ins Meer zu ſtuͤrzen, ergriff ihn ein ſtar⸗ ker Indianer, und rief mit herzlichem Ton: „Jenes Boot trug den Don Manuel? O! lebt er noch, ſo ſoll er gerettet werden! Euja befahl es mir im Trauerwäldchen!“—„Ich weiß nicht,“ fuͤgte Carlos hinzu,„welcher Zauber im Namen Euja liegt; aber der Indianer bemaͤchtigte ſich alsbald des Steuerruders und riß alle ſeine Gefährten mit ſich hinweg. Wir erreichten gluͤcklich die umgeſtuͤrzte Pirogue. Dem Sennor Don Alphons, der ſich mit ei⸗ ner Hand an dem Tackelwerk feſthielt, war es gelungen, Sie loszumachen, und Ihren Kopf uͤber dem Waſſer zu halten. Aber ſeine Kräfte ſchwanden, und er wuͤrde mit Ihnen umge⸗ kommen ſeyn, wenn der großmuͤthige India⸗ — 41— ner, der kräftig die Fluthen durchſchnitt, Sie nicht Beide aus dem Rachen des Todes geret⸗ tet haͤtte.“ „Cavlos und die Indianer ðrachten mich in die Wohnung des Melendez, wohin Al⸗ phons, der ſich eben ſo ſehr uͤber mein Gluͤck erfreute, als ich ſelbſt, mich begleitete. Car⸗ los uͤbergab mir Dein Schreiben, geliebte Al⸗ maide. Wie waͤre es mir moöglich, das Ent⸗ zuͤcken zu ſchildern, das mich ergriff, als ich die Schriftzuͤge erblickte, in denen ſich Deine ganze Seele ausſprach, als ich in ihnen die Beweiſe der Fortdauer Deiner Liebe fand, als ich meine gluͤhenden Lippen auf die Blätter druͤckte, die Deine Hand geheiligt. Ich be⸗ merkte Spuren von Thraͤnen auf dem Papier, und die meinigen floſſen reichlich. Mein Herz empfand die Schmerzen, uͤber welche Du klag⸗ teſt. In meinen Gedanken betete ich mit Dir an den Stufen des Altares. Ich folgte Dir durch die finſtern Kreuzgaͤnge, in denen Du in der Stille der Nacht, und im daämmernden Schein der Tage, welche Dir keine Hoffnung brachten, wandelteſt. Ich zuͤrnte uͤber die er⸗ neuerten Verfolgungen Deines Vaters. Ich ——— bewunderte Deine Froͤmmigkeit, Deine Stand⸗ haftigkeit, Deine muthvolle Ergebung. Ver⸗ diente ich denn ſo viele großmuͤthige Opfer? Ich ſchwur Dir aufs neue Treue bis in den Tod. Ich legte mein Herz, meine Gefuͤhle, mein Leben zu Deinen Fuͤßen. Als Du mir aber mit prophetiſchem Geiſte von der Zu⸗ kunft des ungluͤcklichen Spaniens redeteſt; als Du mir berichteteſt, welche Verwirrung ſchon jetzt in ihm herrſcht, wie die Zwietracht ſich in das Haus unſerer Koͤnige ſchlich, ſie von ihrem Throne ſtuͤrzte, und einen fremden Herrſcher darauf erhob, wie das Volk ſich al⸗ len Greueln eines buͤrgerlichen Krieges uͤber⸗ ließ, wie fremde Heere das Vaterland angrei⸗ fend und vertheidigend, Recht und Gerechtig⸗ keit mit Fuͤßen tretend, auf ſeinem heiligen Boden gegen einander kaͤmpfen; als ich die⸗ ſes alles las, ergriff auch mich die Begeiſte⸗ rung welche Deine Feder fuͤhrte, und erſchro— cken uͤber die Gefahren die Dich umringen, be⸗ ſchloß ich, ſogleich zu Deinen Schutz zuruͤckzu. kehren und uͤber Deine Sicherheit zu wachen. Du ſelbſt rieſſt mich ja zuruͤck; Du die Ge⸗ bieterin meines Herzens und die Lenkerin mei⸗ Don Manuel. Zweiter Theil. 8 ner Handlungen.„Spanien,“ ſchreibſt Du, „fordert die Tapferkeit ſeiner Kinder auf. Drang dieſe Stimme nicht in Don Manuels Herz?“ Du zweifelteſt nicht daran, theuerſte Almaide, und ſo ſchlug die Stunde meiner Abreiſe.“ „Der gute Carlos vermochte kaum mei⸗ ne haͤufigen Fragen zu beantworten. Ich rief nur Deinen Namen aus; ich war trunken von Gluͤck. Ich ſchien ungerecht und undank⸗ bar gegen dieſen treuen Diener, der, um zu mir zu gelangen, der Gefangenſchaft, dem To⸗ de, und der vielleicht noch bittereren Duͤrftig⸗ keit, Trotz bot. Von Raͤubern gepluͤndert, bet⸗ telte er ſich durch ganz Spanien. Dann nahm er Dienſte auf einem angeblich nach Neu⸗Gre— nada beſtimmten Schiffe, deſſen Mannſchaft ſich aber auf der Hoͤhe der Antillen fuͤr See— raͤuber erklaͤrte; ſo daß Carlos beinahe alle Hoffnung mich zu erreichen verlor. Aber ploͤtzlich machte eine engliſche Fregatte Jagd auf das Raubſchiff und dieſes fluͤchtete ſich in eine kleine Bucht der Inſel Trinidad, in wel⸗ che das groͤßere Schiff nicht eindringen konnte. Es gelang dem Zigeuner in der Nacht zu ent⸗ * —. fliehen. Mehrere Tage lebte er in den Waͤl⸗ dern von Wurzeln und Kraͤutern, bis ein von wilden Hunden angefallenes Kind, das er den Zaͤhnen dieſer Beſtien entriß, das Werkzeug ſeiner Rettung wurde. Aus Furcht, fuͤr einen Spießgeſellen der Seeraͤuber gehalten zu wer⸗ den, wagte Carlos es nicht, dem Kinde bis zur Wohnung ſeiner Aeltern zu folgen. Der dankbare Knabe vergaß jedoch ſeinen Befreier nicht, ſondern brachte ihm taglich Fruͤchte und Brot. Endlich erzaͤhlte er ſeiner Mutter, die ihn eines Tages in Carlos Armen fand, ſein Abentheuer. Die Dankbarkeit der guten Frau kannte keine Grenzen. Carlos foderte als ein— zige Belohnung, aufs feſte Land uͤbergeſetzt zu werden. Der Knabe drang ihm zwei Gold⸗ ſtuͤcke auf und er ſchiffte nach Cumana uͤber. Bei allen ſeinen Ungluͤcksfällen war ſeine groͤßte Sorge, das koſtbare Schreiben meiner Almaide aufzubewahren.“ „Alphons billigte und beſchleunigte mei⸗ ne Abreiſe. Seine Freundſchaft ſah, daß mein Leben davon abhing. Aber Melendez! —— O! wie ſchwer belaſtete ſein Gram mein Herz! Selbſt als das Sickſal ihm 8* — 116— ſeine beiden Kinder geraubt; war ſein Schmerz nicht heftiger. Er glaubte ſie noch einmal zu verlieren, indem er den Freund verlor, der mit ihm klagte, mit ihm weinte.“ „ Trauere mit mir, theuerſte Almaide, uͤber die Leiden dieſes Ungluͤcklichen. Sein zu fruͤh herangenahtes Alter, rechnet nicht mehr auf die Zukunft; ſeine Zaͤrtlichkeit findet kei⸗ nen Gegenſtand mehr, auf dem ſie haften koͤnnte, und ſeine Gedanken richten ſich nur auf das Grab. Edler und gefuͤhlvoller Melen⸗ dez! als Deine Gtoßmuth mich, gegen mei⸗ nen Willen, mit Schätzen uͤberhaͤufte, verſprach ich Dir, Almaide ſolle Deine Tochter werden; ſie wird die Gaben Deiner väterlichen Liebe nicht zuruͤckweiſen. Vereiniget uns der Him— mel, ſo wollen wir an Deiner Seite leben, und ungetruͤbtes Gluͤck in Deinen Armen ge⸗ nießen. Almaide und ich wollen Dir dereinſt zum Grabe der ſanften Euja folgen.“ „Nach ſo vielen Jahren erblickte ich endlich Spaniens Kuͤſten wieder. In Ferrol gelandet, erſtaunte ich uͤber die Wirkungen der Revolution auf den Staat, und auf die Sit⸗ ten der Abkoͤmmlinge des Pelagius. Mein —— erſter und eifrigſter Wunſch war zwar in Dei⸗ ne Arme zu eilen; aber faſt ganz Catalonien ſtand unter den Waffen, und die neuen Zwing⸗ herren meines ungluͤcklichen Vaterlandes ver⸗ wehrten Jedem, der ſich nicht fuͤr ſie erklaͤrte, den Eingang. Don Narcis hielt ſich, nach Deiner Verſicherung, in Madrid auf, und von ihm wollte ich zum letzten male die Beſtäti⸗ gung der Rechte verlangen, die Du mir uͤber Dein Herz einräumteſt. Melendez hatte mich mit Reichthuͤmern uͤberhaͤuft, und ich hoffte, Don Narcis, dem meine Abkunft bekannt ſeyn mußte, wuͤrde, bei der neuen Umwaͤlzung der Dinge, wenn gleich jene niedrig ſeyn ſollte, nunmehr allen Vorurtheilen entſagen, und ſich durch unſere treue Liebe ruͤhren laſſen.“ „In dieſer ſuͤßen Hoffnung betrat ich die alte beruͤhmte Hauptſtadt, in der ich jedoch kein anderes Geſchaͤft hatte, als das Deinen Vater aufzuſuchen. Empoͤrt uͤber den Graͤuel der in derſelben herrſchte, und uͤber den An⸗ blick von Menſchen, die ſich dem Daͤmon der Ehrſucht weihten, die ihre Blicke nur nach dem neuen Geſtirne, das ſich erhoben hat⸗ te, richteten, die bereit waren, Ehre, Vater⸗ 8. 118— land, alte und neue Hertſchet zu verrathen; aufgebracht uͤber dies alles, wuͤrde ich dieſe un⸗ gluͤckliche Stadt ſogleich wieder verlaſſen haben, haͤtte mich jene Hoffnung nicht feſtgebannt. Meine Nachforſchungen waren jedoch langwie⸗ rig und vergeblich. Ich forſchte bei allen Be⸗ wohnern Madrids nach Don Narcis d'Alta⸗ monte. Ich drang in die Pallaͤſte der Rei⸗ chen und in die Huͤtten der Armen. Ich be⸗ ſuchte den Hof und ſeine Sklaven. Ich miſchte mich unter die Feinde der Anarchie, welche insgeheim die Befreiungsſtunde vorbe— reiteten. Niemand kannte, ſelbſt nicht den Namen nach, einen Don Narcis. Man be⸗ hauptete, dieſer Name ſey nie in Madrid ge⸗ nannt worden, und eben ſo wenig in ganz Ca⸗ talonien. Voller Schrecken und Beſorgniſſe uͤber dieſen mir unbegreiflichen Umſtand, ver⸗ doppelte ich meine Nachforſchungen, verlor aber ſelbſt die Spuren des Daſeyns Deines Vaters. Der Bankier Munnoz de la Torre iſt nicht mehr am Leben, und ſein Sohn ver⸗ ſicherte mir, es befinde ſich keine Verhandlung zwiſchen einem angeblichen Don Narcis und ſeinem verſtorbenen Vater, in den Handelsbuͤ⸗ — —— chern des Hauſes. Ich lief von einer Kriegs⸗ kanzelei zur andern. Ein gefaͤlliger Sekretair zeigte mir die Rangliſten des Regiments von Murcia, aber das Blatt, welches meine An⸗ ſtellung und meinen Austritt bezeugen ſollte, war ſpurlos verſchwunden. In welchem ge⸗ heimnißvollen Schleier huͤllt ſich denn Dein Vater? Welchen Schatten will er ſogar auf mein vergangenes Leben werfen? Wozu dieße neuen Geheimniſſe? Bereitet er uns vielleicht neues Ungluͤck? Nur Du vermagſt mir dieſe Raͤthſel zu löſen, und mein Herz zu beru⸗ higen. „Darf ich es Dir geſtehen, liebe Al⸗ maide, daß waͤhrend ich ein Weſen verfolgte, welches gleich einem Schatten unter meinen Händen verſchwand, ein Zufall meine ganze alte, wie ich glaubte laͤngſt vergeſſene, Feind⸗ ſchaft aufs neue erregte? Denke nur! Ich ſah, ich erkannte den Don Francisco de Jaf⸗ fra! Mit Gold und Ordenszeichen bedeckt, lehnte er nachlaͤſſig in den Kiſſen eines praͤch⸗ tigen, von ſtolzen Pferden gezogenen, Wagens. Sein Geſicht war der vollendete Abdruck der Niedertraͤchtigkeit und Falſchheit. Man ſagte — 120— mir, er habe ſein Vaterland fuͤr einen Titel und einige Ellen Band verrathen: mein gan⸗ zes Weſen empoͤrte ſich gegen den Treuloſen! Ich weiß nicht ob er in meinem Geſichte den Abſcheu las, den ich gegen ihn fuͤhlte, doch wendete er das ſeinige hinweg und entzog ſich meinen Blicken. Aber, beſte Almaide! eine weit ſchmerzlichere Erſcheinung, ein unſeliges Blendwerk verwirrte damals meine Sinne völ⸗ lig. Mir duͤnkte naͤmlich, neben dieſem Don Francisco Deinen Vater ſitzen zu ſehen, der mit einer gewiſſen Heftigkeit zu ihm ſpreche, und eine ſichtliche Oberherrſchaft uͤber ſeinen Stolz auszuuͤben ſcheine! War es aber auch Don Narcis? Taͤuſchten mich meine Sehor— gane nicht? Ich folgte dem eilenden Wagen, der in das Thor eines großen Pallaſtes, dem des Marquis de Jaffra, einfuhr. Meine Er⸗ kundigungen nach Don Narcis beantworteten die Diener mit Unverſchaͤmtheit, und die Nachbarn kannten nur den Don Francisco und ſeinen Vater. Es konnte nicht anders ſeyn, ich mußte mich geirrt haben. Dennoch wachte ich an den Thoren des Pallaſtes, und ſpaͤhte alle Waͤgen aus, die ein und ausfuhren; „ — 121— aber ohne die Geſtalt wieder zu ſehen, die mit ſo ſehr aufgefallen war. Ohne Zweifel hatte ein Geſpenſt, um mich irre zu leiten, den Koͤrper des Don Narcis angenommen. „Niedergeſchlagen und entmuthiget uͤber meine vergebliche Nachforſchungen, jede Stunde verwuͤnſchend, die mich von Dir, meiner Ge⸗ liebten, trennte, und uberdies die Gefahren be: fuͤrchtend welche Dir drohten, beſchloß ich, dieſe ungluͤckliche Stadt zu verlaſſen. Mit unendli⸗ chen Schwierigkeiten erreichte ich endlich die Ufer des Ebro. Hier fand ich das ganze Volk unter den Waffen ſtehen, bereit fuͤr Vaterland und Kirche zu fechten. Hier wurde ich Augenzeuge von Verbrechen, die alle Einbildungskraft uͤber⸗ ſteigen, und ſelbſt nicht durch die Nothwendig⸗ keit, auf die man ſich berief, entſchuldiget werden konnten. Da entſchloß ich mich, das Schwert fuͤr das Vaterland und Almaiden zu ziehen. Mit Huͤlfe des treuen Carlos ſam⸗ melte ich ein Haͤuflein Krieger, die mir ſchwu⸗ ren, mir zu Deiner Rettung behuͤlflich zu ſeyn. Ich fuͤhrte ſie zu dem Aufenthalt, den Deine Gegenwart verſchoͤnert, und ſchon erblickten wir die Gipfel des Mont; Serrat, als ein — 122— zahlreicher Haufe Feinde uns von demſelben abſchnitt, und uns, trotz unſerm Widerſtand, bis unter die Waͤlle Gironas zuruͤck warf. Kaͤmpfend drangen wir in die Stadt, aber der gute Carlos, der an meiner Seite verwundet wurde, ſah ſich von mir abgeſchnitten. Unſere Wiedervereinigung war unmoͤglich, und zu dem Schmerz mein Leben Deiner Sicherheit nicht widmen zu koͤnnen, geſellte ſich noch die Furcht, dieſen großmuͤthigen Freund auf ewig verloren zu haben.“ „Und dennoch war mir ein noch weit grauſamerer Schmerz aufgeſpart; deſſen Groͤße zu ermeſſen ich Deinen eigenen Gefuͤhlen uͤber⸗ laſſe. Ein Geruͤcht, das alle Kennzeichen der Wahrheit trug, das ſelbſt von den Dienern des Allerhoͤchſten beſtatiget wurde, zerriß die letzten Bande, welche mich an dieſe Erde knuͤpf⸗ ten. Man ſagte, das Kloſter der Kapuzinerin⸗ nen von Mont⸗Serrat ſey in Flammen aufge⸗ gangen, und zum Grab ſeiner frommen Be— wohnerinnen geworden! Von dieſem Augen⸗ blick an war mein Schickſal entſchieden. Blindlings ſtuͤrzte ich mich in alle Gefahren, aber der Tod, der meine Gefaͤhrten auf der — 123— Bahn der Ehre unablaͤſſig hinwegraffte, ſchien mich zu noch laͤngeren Leiden aufſparen zu wollen. „Doch Carlos, der getreue Carlos, wachte noch. Während ſeine Wunden in der Huͤtte eines Landmannes heilten, beredete er einen der liſtigſten Burſche ſeines Stammes, Nach⸗ richten von Dir, meiner geliebten Almaide, einzuziehen, und man brachte ihm die freudige Kunde, daß die Wuth des Krieges das Klo⸗ ſter und deſſen heilige Bewohnerinnen ver⸗ ſchont habe. Treu und tapfer, wie er war, drang er in Gironas Thore ein. Die ganze Beſatzung zollte ſeinem Muth den hoͤchſten Beifall, und gleich dem Boten des Himmels, der den in die Wuͤſte verſtoßenen Iſmael lab⸗ te, belebte er mich aufs neue durch ſeine er⸗ freuliche Kunde.“ „Er, der edle Freund, iſt der Ueber⸗ bringer dieſes, mitten unter dem Blutvergießen geſchriebenen Briefes. Er ſchwur mir zuruͤck⸗ zukehren; er wird Wort halten und mir — Deine Befehle uͤberliefern. O, Almaide! Dein Herz ſprach; Deine Vernunft kann nicht län⸗ ger zweifeln. Ich bedarf keines Vormundes — 124— 1 mehr; und ſollte dieſer Grauſame Dir noch Vater ſeyn? Was kuͤmmert uns das Geheim⸗ niß mit dem er unſer Ungluͤck beſiegelte? Der Himmel und die Menſchen, die Erde und das Meer, vereinigen ſich, um die Hinderniſſe hin⸗ wegzuraͤumen, die der Stolz und die Habſucht ſchufen. Melendez erwartet uns. Ich bin ihm Troſt ſchuldig; Du aber ſchuldeſt Eujas Grab eine Blume. Nur an den Ufern des Manzanares herrſcht Ruhe!“ Don Manuel de Jaffra an ſeinen Freund Alphons. Girona, den—— 1818. Du, mein theuerer und einziger Freund, begehrteſt die Begebenheiten zu wiſſen, die mich dahin brachten, mein ungluckliches und ſogar dem Richtplatz gewidmetes Leben, bei Euch zu endigen. Verzeihe mir, daß ich die Wunſche der Freundſchaft nicht fruͤher befolgte. — 125— Iꝝch fuͤhlte, daß ich nicht die Kraft hatte, Dir Genuͤge zu leiſten, und wollte Deinem mitlei⸗ digen Herzen den Schmerz erſparen, der das meinige zerreißt. Ich wuͤnſche jedoch daß Du Denjenigen nicht verkennen moͤchteſt, den Du ehemals Deiner Freundſchaft werth hiel⸗ teſt, und den ein unbegreifliches Schickſal in das moͤglichſt groͤßte Ungluͤck ſtuͤrzte. Mein letzter Augenblick naͤhert ſich mit reißender Schnelle, und dieſes Schreiben wird nicht eher in Deine Haͤnde gelongen⸗ bis ich nicht mehr auf dieſer Erde walle. Ein guter Greis wird Dir es zuſtellen, und daszjenige hinzufuͤ gen, was ich vielleicht nicht mehr im Stande ſeyn werde niederzuſchreiben. O, Alphons! Haſſe mein Andenken nicht! Ich bin ſchuldig — aber kein Verbrecher! In jener Zeit, wel⸗ che wir mit einander in der neuen Welt verleb⸗ ten, wo Du ſo herzlichen Antheil an meinen Schmerzen nahmſt, vertraute ich Dir die Ge⸗ ſchichte meiner Liebe und die Hinderniſſe, wel⸗ che das Schickſal mir entgegenſetzte. Deine Seelengroͤße, die von der eines Spaniers nach ihrer eigenen urtheilte, gab mir den Rath⸗ in mein Vaterland zuruͤck zu kehren und meine — 126— Arme zu ſeiner Vertheidigung zu erheben. Und dennoch liefſt Du, in einem andern Lande Gebohrner, Gefahr aufgerufen zu werden, zum Kampf gegen mich und gezwungen, mir als Feind gegenuͤber zu ſtehen. Als Feind? Nein, theuerer Alphons, tugendhafte und wahrhaft freie Menſchen koͤnnen nie Feinde werden, ſelbſt dann nicht, wenn ſie unter ver⸗ ſchiedenen Panieren fechten. Beinahe ein Jahr verfloß ſeit dem Ta⸗ ge an welchem ich Dich zum Abſchied in mei⸗ ne Arme ſchloß, und meine Hoffnungen aufs neue, den unbeſtaͤndigen Winden anvertraute. Mein Vaterland empfing mich nicht mit Guͤte. Der Krieg verheerte ſeine Prodinzen. Almai— dens Befehlen gehorchend, wendete ich alle er⸗ ſinnliche Mittel an, meine Familie oder doch wenigſtens meinen Vormund zu entdecken; da aber alle meine Nachforſchungen fruchtlos aus⸗ fielen; blieb mir nichts uͤbrig, als alle Hinderniſſe auf ein mal hinwegzuraͤumen, und meine Almaide den Gefahren des Krieges, die ſich ihrer heiligen Wohnung mit ſchnellen Schritten naͤherten, zu entreißen. Ich werde Dich, meinen lieben Alphons, nicht durch die 1 — 7— Erzählung der Drangſale ermuͤden, welche ich in der belagerten Stadt erlitt; ein Ort, der mir zum Kerker wurde und mich abhielt, mei⸗ ne Geliebte nach ſo langen Jahren wieder zu ſehen. Welche Qual fuͤr mein liebendes Herz, ſie in meiner Nähe zu wiſſen, ſie den drohend⸗ ſten Gefahren ausgeſetzt zu ſehen, jeden Tag fuͤr ihr koſtbares Leben zittern zu muͤſſen, und ihr nicht Beiſtand leiſten zu koͤnnen! Ueber⸗ dies ängſtigten mich die ſchrecklichſten Geruch⸗ te, und anſtatt Almaidens theueres Leben be⸗ ſchuͤtzen zu koͤnnen, mußte ich meine Kräfte dem Willen eines Befehlshabers unterordnen, deſſen Ruhm meine Tapferkeit vermehren half. Dies iſt das Loos des Kriegers! Ach! warum verlor ich nicht mein elendes Daſeyn in einem der haͤufigen Gefechte! Ich wuͤrde meiner Al⸗ maide vorausgeeilt ſeyn, und meine Hand wäre noch ſo unſchuldig als mein Herz. Der gepruͤfte Eifer des redlichen Carlos ließ nicht nach. Es gelang ihm aus Gironas Waͤllen zu entfliehen, und mit gleichem Gluͤck wieder in ſie einzudringen. Er ſah Almaiden, brachte mir aber nur muͤndliche Antwort. O! wie wohl that dieſe meinem Herzen, als Car⸗ — 8— los hinzufuͤgte, die von ihrem Vater ſeit Jah⸗ resfriſt verlaſſene Almaide, widerſetze ſich mei⸗ nen Wuͤnſchen nicht laͤnger, und betrachte die Bande der vaͤterlichen Gewalt, die ſich nur durch Strenge kund gethan habe, als zerriſſen. Sie willige nunmehr ein, mir in andere Re⸗ gionen, ja bis ans Ende der Welt zu folgen. Eine Wuͤſte genuͤge ihrer Liebe, die der Him⸗ mel ſicher billige, da er mich ſo ſichtlich in den groͤßten Gefahren beſchuͤtzt habe, uns jetzt ein⸗ ander naäher gefuͤhrt, und die Bahn zu einem Gluͤck eroͤffne, dem ſich bisher ſo viele Hindert niſſe entgegen geſtemmt haͤtten. Girona fuhr fort, ſich mit Ausdauer und Tapferkeit zu vertheidigen. Ich ſah kein Ende der Belagerung, und beſchloß mithin, um den Befehl uͤber einen jener gefaͤhrlichen Poſten zu bitten, welche Muth und Entſchloſſenheit verlangen. Tauſend Andere beſaßen die naͤm— lichen Eigenſchaften, aber keiner wurde von einem ſo maͤchtigen Beweggrund geleitet, als ich. Ich erhielt den gewuͤnſchten Poſten, und ein allgemeines Gefecht benutzend, drang ich, mit zehn, vom treuen Carlos gewählten Krie⸗ gern, aus Gironas Wällen. Ein ſchuͤtzender ——,— ————— —— Gott ſchten unſere Schritte zu leiten. Wir durchbrachen alle Schranken, und unſeren Weg nach Tarragona richtend, erreichten wir den Theil des ſpaniſchen Heeres, der unter den Befehlen der Generale d'Eroles, Lasch und Caſtannos ſtand. Ich legte Rechenſchaft von meinem Zuge ab, und die Belohnungen, welche man mir anbot, verweigernd, ſchoͤpfte ich nicht wieder freien Athem, bis meine Augen die Thurmſpitzen des Kloſters der Kapuzinerinnen von Mont⸗Serrat erblickten. Ich ſollte alſo Diejenige e die meinem Leben Troſt gab, und von der mich Meere und Welttheile getrennt hatten; Dieje⸗ nige, welche meinem jungen Herzen zuerſt den Werth der Tugend kennen lehrte! Sie ſollte ich wiederſehen, und die Gaben des großmuͤ⸗ thigen Melendez vor ihr ausſchutten duͤrfen! Endlich ſollte ich den Lohn meiner Treue er⸗ halten! Die Thraͤnen welche ich vergoß; die Gefahren denen ich mich ausſetzte; der Schmerz uͤber eine mir ewig duͤnkende Tren⸗ nung, den nur die Theilnahme der Freund⸗ ſchaft zuweilen zu lindern vermochte; die neuen Gefahren welche mich auf Spaniens Don Manuel. Zweiter Theil. 9 Boden bedrohten; alles dieſes kehrte in mein Gedaͤchtniß zuruͤck, um mich mein jetziges Gluͤck deſto lebhafter fühlen zu laſſen. Ein Augen— blick, ein kurzer Zwiſchenraum, nur eine Mauer, trennten mich noch von meiner ſuͤßen Freundin. Meine Sehnſucht, zu ihr zu gelan⸗ gen, ſtieg aufs Hoͤchſte, und dennoch zitterte ich, hemmte meine Schritte und fuͤhlte wie meine Kniee bebten. Ich ſtand ſtill um Athem zu ſchoͤpfen. Die Luft war mit dem Wohlgeruch der Orangenbluͤthen geſchwaͤngert, und ich waͤhnte, Almaidens ſuͤßen Hauch ein⸗ zuſchluͤrfen. Entzuͤckt und vor Erwartung zit— ternd, verzoͤgerte ich dennoch meine Schritte, aus Furcht, den begluͤckenden Traum, welcher mich berauſchte, zu vernichten. Ich horchte. Der Geſang der Nachtigall toͤnte in meine, von dem ſchrecklichen Getoͤſe der Schlachten er— muͤdeten Ohren. Es war ſeit meiner Ruͤck⸗ kehr das erſtemal, daß ich dieſe harmoniſchen Toͤne vernahm, die der ſuͤßen, mir ewig un⸗ vergeßlichen Stimme aͤhnlich klangen. Die Gefuͤhle der Liebe ſind Dir nicht fremd, mein theurer Alphons, aber Du er⸗ freuteſt Dich ſtets heiterer Tage. Dir er⸗ * — 131— 5 ſchien der Morgen im hellſten Sonnenlichte und der Mittagswind wehte Dir keine Stuͤr⸗ me herbei. Deine Gluͤckſeligkeit war kein Blendwerk. Du traͤumteſt nicht, und durfteſt das Erwachen nicht fuͤrchten. Aber ich, den ſeit ſeiner fruͤhſten Kindheit an ein Trauer⸗ ſchleier umhuͤllte, ich hatte das Mißgeſchick daß alle Begebenheiten meines Lebens, dem peinli⸗ chen Zuſtand eines Menſchen aͤhnlich ſahen, der ein betaͤubendes Getraͤnke genoß, und deſ⸗ ſen Einbildungskraft von taͤuſchenden Phanto⸗ men umſchwaͤrmt wird. Dann und wann er⸗ hebt ein Lichtſtrahl, ein gluͤcklicher Gedanke, ein geliebtes Bild, ſeine finſteren Vorſtellungen und lindert ſeine Pein; dann aber verſinkt er wieder in ein ewiges Dunkel, und das Gift, welches ihn toͤdtet, vergroͤßert die Qualen, die ihn bereits marterten. „†ch haͤtte ſterben ſollen, als ich die Schwelle des Kloſters, das meine Geliebte in ſich ſchloß, überſchritt. Haͤtte ich meinen letz⸗ ten Seufzer zu ihren Fuͤßen aushauchen koͤn⸗ nen, ſo wäre es das herrlichſte, mir jemals vom Gluͤck vergoͤnnte Loos geweſen: nie wuͤrde ich um ein anderes gebeten haben. Der Him— 9 X* — 132— mel iſt mein Zeuge, daß meine feurige Liebe nur eine reine, keuſche Flamme war. Ich brachte das Verbrechen, welches mein Haupt belaſtet, nicht freiwillig uͤber mich. Ich kannte es ja nicht, und ein glucklicher Tod wuͤrde die Barmherzigkeit des Gottes beſtaͤtiget haben, der dem Verbrechen zuvorzukommen weiß und es verzeiht. Aber ſeine Beſchluͤſſe waren unwiderruflich, und der bittere Kelch ſollte bis auf die Hefen geleert werden. Ach! warum muß mich jetzt ein ſchauder⸗ haftes Beben bei der Erinnerung an unſer Wiederſehen ergreifen? Sie ſtieß einen Freu⸗ denſchrei aus,— ich flog in ihre Arme,— ich ſchloß ſie an mein Herz, unb blieb lange in ihrer Umarmung liegen,— ich vergaß die ganze Welt. Selbſt die Verwunderung der frommen Schweſtern, vermochte mich nicht an die Achtung zu erinnern, die ich dem heiligen Orte ſchuldig war. In dem Uebermaas un— ſeres Entzuͤckens, fielen wir auf die Stufen des Altares nieder, vergoſſen koͤſtliche Freuden⸗ thraͤnen, und riefen Gott zum Zeugen unſerer 3 erneuerten Schwuͤre. Sollte der Ewige dieſe unbedachten Schwuͤre verdammt haben? Rein, — 133— gewiß nicht! Er kannte ja die Reinheit un⸗ ſerer Liebe! Die guten Schweſtern umringten uns, und erkundigten ſich, in ihrem noch beſtehen⸗ den Irrthum, nach dem Schickſal des Don Narcis, den ſie noch immer fuͤr meinen Vater hielten. Ich huͤtete mich ihnen dieſen Wahn zu benehmen. Es war mir gelungen mich meiner Beute zu bemaͤchtigen, und ich wollte ſelbſt das ſchwaͤchſte Hinderniß vermeiden. Ich antwortete daher den Schweſtern, daß Don Narcis ſeine Tochter den Gefahren des Krie⸗ ges zu entziehen wuͤnſche, und mir befohlen habe, ſie zu einem ſichereren Aufenthalt zu fuͤhren. Um allen ferneren Fragen zu entge⸗ hen, fuͤgte ich hinzu, daß eben dieſe Kriegs⸗ unruhen uns bisher getrennt, und alle gegen⸗ ſeitigen Mittheilungen unmoͤglich gemacht hat⸗ ten. Aber Almaide ergab ſich nicht ſo leicht wie die leichtglaͤubigen Schweſtern. Sie ver⸗ ſicherte mich zwar ihrer Gegenliebe, aber Don Narcis, ſagte ſie, bleibe noch immer ihr Va⸗ ter, und ob er gleich, wie es ſcheine, ſeine Rechte auf ſie aufgegeben habe, ſo wolle ſie — 134— ihm dennoch den letzten Beweis ihrer kindli⸗ chen Achtung zollen. Ich ſuchte ſie von der Zweckloſigkeit und der wahrſcheinlichen Gefahr eines ſolchen Schrittes zu uͤberzeugen. Don Narcis, ſagte ich, ſey ſcher nicht mehr am Leben, und geſetzt er wäre es, ſo trenne ihn doch ſein unerklaͤrbares Geheimniß auf ewig von uns. Sie moͤge nur bedenken, was aus der Zaͤrtlichkeit und Sorgfalt geworden ſey, mit welcher er ehedem das Schickſal ſeiner Tochter verſuͤßte? Habe er ſie nicht in ein elendes Kloſter geſteckt, und ſogar die heilig— ſten Pflichten mit Fuͤßen getreten, indem er ſie hier im Elend ſchmachten laſſe und den Greueln des Mangels ausſetze? Zwar koͤnne ich unmoͤglich glauben, daß dieſe Grauſamkeit aus freiem Willen geſchehen ſey, und vermu⸗ the daher mit der hoͤchſten Wahrſcheinlichkeit, Don Narcis walle nicht mehr unter den Le⸗ benden; dann aber ſey Almaide frei und ge⸗ hoͤre nur mir an. Jede Verzogerung ſey ein an meiner Liebe begangener Raub. Alle dieſe Reden hatten jedoch wenig Ein⸗ fluß auf Almaidens Entſchluß. Sie ſchwur mir, daß, ungeachtet der Strenge unſerer Ver⸗ — 135— wandten, unſer ferneres Schickſal von jetzt an unzertrennlich ſeyn, und nur der Tod unſeren Liebesbund aufloͤſen ſolle. Aber ſie beſtand feſt darauf, zuerſt das Moͤgliche zu verſuchen, und wenn Don Narcis nicht mehr am Leben ſey, ſelbſt ſeinen Manen zu beweiſen, daß ſeine Tochter den vaterlichen Befehlen nicht eher un⸗ gehorſam geworden waͤre, bis ſie jedes Mittel ſeine Einwilligung zu erlangen, vergeblich er⸗ ſchoͤpft habe. Alle meine Erkundigungen nach Don Narcis fruchtlos findend, ſetzte ich meine letzte Hoffnung auf die gepruͤfte Anhaͤnglichkeit des guten Salvador Terillo. Er war der Einzige, der meine Briefe nicht beantwortet hatte, aber auch der Einzige, der mir Aufklärung zu ge⸗ ben vermochte; und ſein Nichtantworten ſetzte ich auf Rechnung der unruhigen Zeitlaͤufte, welche allen Briefwechſel unſicher machten. Carlos erhielt daher den Auftrag, ſich nach Cervera zu begeben, und dem alten Salvador das Geheimniß zu entreißen, von dem das Gluͤck meines Lebens abhing. Er reiſte un⸗ verzuͤglich ab. Ich blieb noch einen Tag bei Almaiden, und die Kloſterfrauen erlaubten — 136— dem Gaͤrtner, mich in ſeine Huͤtte aufzuneh⸗ men. Dieſen ganzen Tag brachte ich damit zu, meine Geliebte zu ſchauen, zu hoͤren, ihr zu huldigen, unter dem Schutz des Gottes, dem wir gemeinſchaftlich unſere Anbetung zoll⸗ ten. HO! warum erleuchtete uns dieſes allmaͤch⸗ tige Weſen nicht, als wir uns vor ſeinem Bilde niederwarfen, und es mit feſtem Ver— trauen auf ſeine Guͤte anflehten, unſere Wuͤn⸗ ſche und Geluͤbde zu erhoͤren? Warum ge⸗ ſtattete es, daß unſere Seelen von ſo reiner Wolluſt trunken wurden? Theuerer Alphons! ſelbſt heute noch, am Rand des Grabes ſtehend, ſchlaͤgt mein Herz ſchneller bei der Erinnerung an jenen gluͤckſeligen Tag. Ach! da mir das Schickſal dieſen vergoͤnnte, war ich doch nicht ganz ungluͤcklich auf dieſer Erde!— ZJeder Schritt, den wir zuſammen thaten, fuͤhrte eine Erinnerung in unſer Gedaͤchtniß zurück. Jedes Wort, das Almaide ſprach, brachte eine neue koſtliche Empfindung in meiner Seele her⸗ vor. In den vier langen, traurigen Jahren, welche ſie in dieſer Wuͤſte zubrachte, dachte ſie nur an die Pruͤfungen und Muͤhſeligkeiten, 1 — 137— denen ich in einem anderen Welttheil ausge⸗ ſetzt war. Sie befragte die Wolken, die Winde und die Sterne, nicht wiſſend, daß an⸗ dere mir leuchteten. Eine von ihr ſelbſt ge⸗ pflegte Aloe, war an dem Orte aufgewachſen, wo ich zum letztenmal zu ihren Fuͤßen lag. Man ſagt, dieſes Gewächs bluͤhe nur alle hundert Jahre. In ihm ſah ſie das Sinn⸗ bild unſerer Liebe, deren Bluͤthe ſich auch nur jenſeit, der, von der Natur feſtgeſetzten Schranken zeigen wuͤrde. Sie fuͤhrte mich durch die Kreuzgaͤnge zu jenen Graͤbern, bei welchem ſie mir, im Schmerz der Verzweiflung den Schwur ablegte, entweder meine Gattin zu werden, oder ſich dem Dienſte des Altares zu weihen, und mir den heiligen Schweſterna— men ewig aufzubewahren. Mit verſchlungenen Armen und Haͤnden, ihr Herz an dem meini⸗ gen zitternd, wiederholten wir jenen Eid, den wir durch eine lange Umarmung beſiegelten. Der Himmel hoͤrte ihn und zuͤrnte nicht— aber der Tod vernahm ihn gleichfalls und trug ihn in ſein Schuldbuch ein. Ich beſchaͤftigte mich mit den Vorberei⸗ tungen zu Almaidens Abreiſe, die vielen — 13— Schwierigkeiten unterworfen warz vorzuͤglich um die bewaffneten Haufen zu vermeiden, wel⸗ che, unter dem Vorwand die Straßen zu ver⸗ theidigen, ſie unſicher machten und die Doͤrfer verhrerten. Ich begab mich nach Lerida und verſicherte mich dort eines Bootes, das mich den Ebro hinab, an Bord eines amerikaniſchen Fahrzeuges bringen ſollte, deſſen Kapitain mich zehn Tage lang erwarten wollte. Voller Hoffnung kehrte ich zum Khſie der Kapuzine⸗ rinnen zuruͤck. Carlos ſaͤumte nicht, bald mint mit mir zuſammen zu treffen. Er traf den alten Salvador nicht mehr in Cervera, folgte ſeiner Spur bis Manreſa, und fand den Greis end— lich in der Naͤhe dieſer Stadt. Von Alters⸗ ſchwaͤche gebeugt, des groͤßten Theils ſeiner Sinne, durch eine langwierige Krankheit be⸗ raubt, uͤberließ Salvador ſich dennoch bei dem Empfang meines Briefes, einer ſo unmäßigen Freude, daß ſie ihm beinahe gefaͤhrlich gewor⸗ den waͤre. Nachdem er ihn aber geleſen hat⸗ te, und einſah, daß ich meine Fragen beant, wortet haben wolle, verfiel er in eine finſtere Niedergeſchlagenheit, verweigerte ſeine gewoͤh⸗ —— liche Nahrung zu ſich zu nehmen, ſtieß unzu⸗ ſammenhaͤngende Reden aus, lehnte allen Um⸗ gang mit Carlos ab, und ſchwieg hartnaͤckig mehrere Tage hindurch. Der ihn aufmerkſam beobachtende Zigeuner erfuhr, daß Salvador, ſeine Schmerzen vergeſſend, die erſte Nacht ſeiner Ankunft außer Bette zugebracht, und mehrere Stunden hindurch ſich mit Schreiben beſchaͤftiget habe. Carlos zweifelte nicht im mindeſten, dieſes ſey die Beantwortung meines Briefes geweſen, und hoffte ſie bald zu erhal⸗ ten. Nachdem er aber mehrere Tage vergeb⸗ lich gewartet hatte, ließ der Greis, ohne Zwei⸗ fel ſich ſelbſt mißtrauend, ihm andeuten, alsbald zu mir zuruͤck zu kehren, und ſtellte ihm bloß ein kurzes Briefchen zu, das ich mit der groͤßten Begierde oͤffnete. Dieſes Brieſchen enthielt nur folgende Zeilen: Was thun Sie, Ungluͤckſeliger! in dieſem verwirrten Spanien? Welches ſchreckliche Schickſal fuͤhrt Sie zuruͤck? Sie durchbrachen die Schranken Ihrer Verbannung und ſehen ihre Schweſter wieder! O! glauben Sie den Worten eines Greiſes, der an den Pforten der Ewigkeit ſteht! Fliehen Sie, fliehen Sie auf immer dieſes unſelige Land, das Sie ausſtieß! Don Narcis lebt nicht mehr fuͤr Sie!— Ihre Schweſter kann nie Ihre Gattin werden!“ Dieſe kurzen Worte wuͤrden vielleicht weniger unbefangenen, weniger leidenſchaftli⸗ chen Gemuͤthern, als die unſrigen waren, heil⸗ ſame Betrachtungen eingefloͤßt haben. Aber getaͤuſcht durch die traurigen Vorſichtsmaasre⸗ geln des Don Narcis, gaben wir ihnen eine verkehrte Deutung. Unſere Verblendung ſtieg bis auf den hoͤchſten Grad, und wir waren ge⸗ meinſchaftlich der Meinung, Don Narcis ſey fuͤr uns Beide auf immer verſchwunden. Das Uebrige ſchien uns nur das Streben eines treuen Dieners zu ſeyn, bis zu ſeinem letzten Athemzuge uͤber die Befehle ſeines Herrn zu wachen. Almaide, ſich nunmehr ganz meiner Fuͤh⸗ rung uͤberlaſſend, verließ das Kloſter an mei⸗ ner Hand, nachdem wir die guten Kloſter⸗. frauen, die ihr waͤhrend meiner langen Abwe⸗ ſenheit ſo viele Theilnahme gezeigt hatten, — 144— vorher noch reichlich beſchenkten. Als Almaide die Mauern dieſes Kloſters im Ruͤcken hatte, in denen ſie ſo vielen Troſt in ihren bittern Leiden fand, vergoß ſie heiße Zaͤhren; die ſelbſt die feurigen Beweiſe meiner Liebe nicht zu ſtillen vermochten. Sie war unruhig und bewegt. Es ſchien, als habe ſie eine prophe⸗ tiſche Ahnung, von dem uns bevorſtehenden ſchrecklichen Ungluͤck. Auch in mir ſchien ein aͤhnliches Gefuͤhl ſich regen zu wollen, aber ich widerſtand ihm und gedachte nur des uns er⸗ wartenden Gluͤcks. Gluͤcklich langten wir in Lerida an. Al⸗ les bereitete ſich zum Kriege. Das Volk ſtand unter den Waffen. Die Beamten des neuen Koͤniges durften ſich nicht oͤffentlich zeigen. Man erwartete eine Belagerung, und ich hatte daher mehr als einen Beweggrund, unſere Ab⸗ reiſe zu beſchleunigen. Ich betrieb ſie mit Ei⸗ fer und war mithin gezwungen, Almaiden zu⸗ weilen allein in dem Gaſthofe, in dem wir abge⸗ treten waren, zu laſſen. Carlos, der uͤber ſie und mich wachte, glaubte eines Tages bemerkt zu haben, daß man uns beobachte. Leider! vernachlaͤſſigte ich ſeine Warnung, da mir die — 142— Sache unwahrſcheinlich vorkam. Den ſolgen⸗ den Tag ſagte er mir, man habe ihm verſi⸗ chert, Don Francisco de Jaffra halte ſich in Lerida auf, und er ſelbſt glaube ihn erkannt zu haben. Don Francisco!! Ich hatte ihn in Madrid unter dem Namen, Herzog von Campo Marte, und als Liebling des Koͤni⸗ ges Joſeph verlaſſen: was ſollte er unter den Vertheidigern Ferdinands, des Vaterlandes und der Freiheit? Und was hatte er mit mir zu ſchaffen? Ich begnuͤgte mich, uͤber die Leicht⸗ glaͤubigkeit des ehrlichen Carlos zu laͤcheln, und gebrauchte keine Vorſicht. Ach! auf dieſe Weiſe ſtuͤrzte ich mich einem der ſchrecklichſten Verbrechen entgegen, durch welches das Schick ſal eine andere Miſſethat verhindern wollte, die Stolz und Schwaͤche ſchon ſeit geraumer Zeit vorbereitet hatten. Das Boot, welches uns den Fluß hinab⸗ fuͤhren ſollte, lag endlich in einer kleinen Ent⸗ fernung von der Stadt bereit, und erwartete meine Befehle. Ich hatte fuͤr Alles Sorge getragen, was meiner Almaide auf ihrer ge⸗ fahrvollen Reiſe, Bequemlichkeit gewaͤhren konnte. Ich fuͤrchtete, die Muͤhſeligkeiten der —, „ Seefahrt, duͤrften ihrer zarten Geſundheit ſchaden, und haͤtte ihr dieſelben gern erſpart, waͤre eine Moͤglichkeit dazu auszufinden gewe⸗ ſen. Aber das Gluͤck entfloh aus dem be⸗ klagenswerthen Spanien. Die Mirthe welkt unter den Greueln des Krieges, und der blu⸗ tige Lorbeer verſcheucht die Liebesgoͤtter. Ich glaubte dem Vaterlande meine Schuld abgetra⸗ gen zu haben. Der politiſche Sturm, der herannahte, uͤbertraf den, welchen wir von den treuloſen Fluthen zu erwarten hatten. Bis hieher hatte der Himmel mich beſchuͤtzt, und ließ er der Tugend Gerechtigkeit widerfah— ren, ſo mußte er Almaiden ferner beguͤnſti— gen. . Von dieſen und aͤhnlichen Gedanken er⸗ fuͤllt, kehrte ich in meinen Gaſthof zuruͤck und begab mich nach Almaidens Zimmer. Ich ſehe ſie nicht— ich rufe— Niemand antwor⸗ tet. Mein Herz wird beklommen, die ſchwar⸗ zeſten Vorſtellungen peinigen mich, und meine Gedanken gerathen in Verwirrung. Wuͤthend befrage ich den Wirth, ſeine Leute und Alle die mir aufſtoßen. Ich verlange Almaiden; ich begehre, daß man ſie augenblicklich herbei⸗ — 144— ſchaffe. Ich drohe. Ich erfuͤlle das Haus mit meinem Geſchret. Ich renne zu meinen Waffen; aber man umringt mich und wirft mich zu Boden.— Was man weiter mit mir vornahm, iſt mir unbekannt. Den an⸗ dern Morgen fand ich mich auf meinem Bette, das in der groͤßten Unordnung war, ausge⸗ ſtreckt liegen, und der gute Carlos ſaß weinend zu meinen Fuͤßen. Dieſer Augenblick war entſetzlich! Alle Scenen des vorigen Abends ſtanden vor mei— nen Augen, und die Thraͤnen des guten Zi⸗ geuners beſtaͤtigten mein Ungluͤck nur allzuſehr. Als ich ihm zurief, reichte er mir zitternd und finſter ſchweigend meine Kleider. Wir verfolg⸗ ten jede Spur, die man uns andeutete, horch⸗ ten auf jede Nachricht, achteten auf jeden Rath,— Alles vergeblich. Uns blieb nur die Ueberzeugung von der vorſichtigen Liſt des Entfuͤhrers. Ich war wie vernichtet. Ich hatte der ganzen Stadt das Schauſpiel einer Geiſtesver⸗ wirrung gegeben, die man bemitleidete, ohne die urſache derſelben recht begreifen zu koͤnnen. Ich hatte Gold und Verſprechungen verſchwen⸗ det, und die unempfindliche Habſucht verkaufte mir dafuͤr blos betruͤgeriſche Hoffnungen. Er⸗ ſchoͤpft an Leib und Seele, hoͤrte ich auf, Spuren zu verfolgen, deren Grundloſigkeit mich voͤllig zur Verzweiflung brachte. Ich uͤberließ mich meinem Schickſal und leerte ſeinen bittern Kelch. Nie fand ich mich ſo ungluͤcklich: aber leider! erfuhr ich nur zu bald, daß kein Ungluͤck ſo groß iſt, daß es nicht von einem noch groͤßerem koͤnne uͤbertroß⸗ fen werden. Endlich erhielt ich einen Brief von Alt maiden, den meine Hand mit Zittern erbrach. Ich erwartete neues Ungluͤck, und dennoch durchdrang ein Strahl von Hoffnung mein Herz, als ich das Siegel gelsſet. Almaide ſchrieb: „Durch ein unmoͤglich vorher zu ſehen⸗ des Ereigniß aus Deinen Armen geriſſen, gibt mir ein neuer Vorfall Hoffnung, wieder mit Dir vereiniget zu werden, da die Boͤſewichter, die mich von Dir trennten, ihre Tuͤcke nicht laͤnger ausuͤben koͤnnen. Kaum ſchoͤpfe ich Athem, kaum kann ich noch an meine Freiheit glauben, und dennoch befinde ich mich ruhig Don Manuel. Zweiter Theil. 10 — 145— und ſicher in der Mitte der heiligen Jung⸗ frauen, welche mich ſeit vier Jahren beſchutz ten. Waäͤre mein Herz nicht von dem Schmerz des Deinigen durchdrungen, ſo wuͤrde ich glauben, es habe ſich mit mir keine Ver⸗ aͤnderung zugetragen. Aber es iſt kein Traum! Ich war bei Dir— ich ſuche Dich— und finde Dich nicht!— Ich fuͤhle was Du lei⸗ den mußt! Aber ich hoffe, daß unſer Gluͤck nicht zerſtoͤrt iſt! „Du hatteſt mich verlaſſen, und ich er⸗ wartete eben Deine Ruͤckkehr. Mit unſägli⸗ cher Freude ſah ich den Augenblick heranna⸗ hen, der uns nach einem neuen Vaterlande fuͤhren ſollte. Ich laͤchelte vergnuͤgt bei dem Gedanken an die gluͤckliche Sukunft, welche du mir bereitet hatteſt. Ploͤtzlich hoͤre ich meinen Namen rufen. Ich waͤhne die Stim⸗ me meines Vielgeliebten zu vernehmen, und laufe ihr entgegen. Zwei mir unbekannte Maͤnner ergreifen mich, und ſchleppen mich ge⸗ waltſam fort. Halbtod vor Schrecken ver⸗ mochte ich keinen Widerſtand zu leiſten. Man warf mir einen dichten Schleier uͤber, und ich gewahrte mit Entſetzen, daß der Wagen, in — 147— den man mich gehoben hatte, von der Straße abfuhr. Ich war keines Gedankens faͤhig, als den an Deinen Schmerz. Mir duͤnkte, Dein aͤngſtliches Rufen zu hoͤren, Deine Thraͤnen zu ſehen, und Deinem Klaggeſtoͤhne zu antworten. Das Uebermaas der Leiden be⸗ taͤubte endlich meine Sinne in einem ſo ho— hen Grad, daß ich bewußtlos niederſank. Ich kam nicht eher wieder zur Beſinnung, bis eine ſanfte, mitleidige Stimme mein Ohr erreichte, die mich fragte, ob ich mich beſſer befinde und etwas zu genießen wuͤnſche. Mein erſtes Wort war, das Angebotene auszuſchlagen. Aber das junge Maͤdchen, welches mich be⸗ diente, beſtand darauf, ich ſolle einige Erfri— ſchungen zu mir nehmen, und ſchien uͤber mei⸗ ne Weigerung ſo aufrichtig betruͤbt, daß ich Hoff⸗ nung ſchoͤpfte, in dieſer wahrſcheinlich noch nicht verdorbenen Seele, vielleicht eine Stuͤtze zu finden. Das Maͤdchen war kaum uͤber die Kinderjahre hinaus. Ich befragte es, und er⸗ hielt die ganz ungeſchminkte Antwort, ich be⸗ fände mich in dem Schloſſe Almedia, welches dem Herzoge von Campo-⸗Marte gehoͤre. Sr. Excellenz wuͤrden noch heute ankommen, und 10* — 18— habe Befehl gegeben, mich mit der groͤßten Achtung zu behandeln.„O!“ ſagte das junge Mädchen,„wenn Sr. Excellenz ge⸗ wahr werden, daß Sie weinten, ſo wird er mich ſchmaͤlen, und die kleine Olivetta nicht im Schloſſe behalten wollen!“ „Ich beruhigte das liebenswurdige Kind. Der Herzog von Campo⸗Marte war mir ſelbſt dem Namen nach unbekannt. Ich glaubte, man habe ſich in meiner Perſon geirrt, und der Herzog wuͤrde dieſen Irrthum auf der Stelle wieder gut machen. Die Stunden mei⸗ ner Gefangenſchaft verſtrichen zwar zu laͤngſam fuͤr meine Ungeduld, aber ich blieb doch ruhig und faßte Muth. „Auf einmal hoͤrte ich den Laͤrm, den die Ankunft des Herzogs verurſachte. Die kleine Olivetta, die mich nicht verlaſſen hatte, ſtieß einen Freudenruf gus. Hieraus ſchloß ich, daß da der Herzog von ſeiner Diener⸗ ſchaft geliebt ſey, er auch der Menſchlichkeit und Gerechtigkeit nicht abgeneigt ſeyn wuͤrde. Er war mir großen Erſatz ſchuldig! Ich be⸗ reitete mich ihn zu empfangen. — 140— „Verwirrt und etwas verlegen trat der Herr des Hauſes, in das Zimmer ſeiner Gefangenen.— Aber, theuerſter Manuel, wie wurde mir zu Muthe, als ich in der Perſon des Herzogs von Campo- Marte, Deinen nie⸗ dertraͤchtigen Feind, den erſten Urheber unſeres Mißgeſchicks, den ſchlechten Don Juan de Jaffra erkannte! Schrecken und Ueberraſchung beraubten mich der Sprache. Mit einem Blick uͤberſah ich die ganze Groͤße unſeres Un⸗ gluͤcks. Leblos ſank ich auf meinen Sitz zu⸗ ruck. „Er naͤherte ſich mir, und entſchuidigte die barſchen Mittel, deren er ſich bedient habe, um ſich meiner zu verſichern, mit ſeiner hefti⸗ gen Liebe. Seit dem Tage, ſagte er, an wel⸗ chem ich ihn in Cervera ſo grauſam behandeit hätte, ſey das Andenken an mich nie in ſeiner Seele erloſchen. Er habe meinem Vater, den Don Narcis, ſchriftlich um meine Hand gebe⸗ ten, und, deſſen beſtimmte abſchlaͤgliche Ant⸗ wort nicht achtend, ihn ſeit fuͤnf Jahren auf— geſucht, ohne daß es ihm jemals gelungen ſey⸗ den Ort ſeines Aufenthalts zu entdecken. Auch ich ſey, fuhr er fort, wie eine jener Sylphi⸗ den verſchwunden, die ſich nur einmal zeigen um die Herzen zu bezaubern, und Alle, die ſie mir einem Blick aus ihren ſchoͤnen Augen be⸗ günſtigen, dem Liebestod zu weihen.„Ich glaubte,“ fuͤgte er hinzu,„ Sie entweder nach ihrem Feenſchloß zuruͤckgekehrt, oder in dem Kelch einer Blume verborgen liegend, als der Zufall mich nach Lerida fuͤhrte. Ihr Bild war mir ſtets gegenwaͤrtig und kaum er— blickte ich Sie, ſo entzuͤndete meine Flamme ſich ſtaͤrker als jemals. Der allzu gluͤckliche Manuel war Ihr Begleiter! Ich wuͤrde mein Leben fuͤr einen der himmliſchen Blicke geopfert haben, die an ihn verſchwendet wur⸗ den. Geſtehen Sie es nur, ſchoͤne Almaide, dieſer vorgebliche Bruder iſt nichts anders, als ein beguͤnſtigter Liebhaber; und dieſer unſicht⸗ bare Vater———. Aber ich will ihren Zorn gegen den ungluͤcklichen Francisco nicht weiter reizen. Genug, er betet Sie an— er liegt zu Ihren Fuͤßen. Reden Sie! Sie ſind die allmaͤchtige Gebieterin an dieſem Orte. Beſtimmen Sie ſein Schickſal— Ihr Wille wird ſein Geſetz ſeyn!“ „ 154— „O! welche unverdiente Schmach wider⸗ fahrt Deinem reinen Herzen, theuerſter Ma⸗ nuel!“ rief ich.„ Ja, ich liebe Dich! Ich fuͤhle, daß ich Dich nie feuriger liebte, als in dieſem Augenblick, in welchem man Deine Ehre antaſtet, mich mit Gewalt Deinem Schutz entziehen will, und mich herabgewuͤrdi⸗ get glaubt, ſo niedrigen Verfuͤhrungskunſten Gehor zu verleihen! Nie warſt Du mir ſo theuer! Deine Tugend, Deine reine Seele, Deine Biederkeit ſind meiner Liebe wuͤrdig! Ihnen, Don Francisco, habe ich keine Hoff⸗ nung zu geben; Manuel empfing meine Schwuͤre und ich die ſeinigen, von Ihnen kann mir nur der Tod werden.“ k „Alſo,“ erwiederte Don Francisco, „fuͤhrten Sie und dieſer Don Manuel mich damals in Cervera hinters Licht, als ich Ih⸗ nen, mit der Aufrichtigkeit wahrer Liebe, mei⸗ ne Hand und meine Schaätze bot? Ich werde mich raͤchen, mein ſchoͤnes Kind. Aber ſeyn Sie ruhig; meine Rache wird nicht grauſam ſeyn; Manche wuͤrden Sie ſogar großmuͤthig nennen. Alle Bewohner dieſes Hauſes werden ihnen gehorchen. Ich bin es Ihrer Schoͤnheit — 15— und meiner Liebe ſchuldig, daß man Sie mit der hoͤchſten Achtung behandle. Ich begehre nichts. Aber durch meine Unterwuͤrfigkeit, meine Zaͤrtlichkeit, mein Beſtreben Ihre Wuͤn⸗ ſche zu erfullen, werde ich hoffentlich eines Tages mir guͤnſtigere Blicke verdienen.“ 3 „Sie ſollen Sie erhalten,“ erwiederte ich,„Sie ſollen ſie ſofort erhalteh, zugleich mit der Verſicherung meiner unausloͤſchlichen Dankbarkeit. Ja, Sie uͤbereilten ſich nur; zwingen Sie mich nicht Sie zu haſſen. Schenken Sie mir die Freiheit, und machen Sie Ihr unrecht auf eine edle Art wieder gut. Mein Gluͤck ſey Ihr Werk! Ich ver⸗ ſpreche Ihnen eine aufrichtige Freundſchaft— ich verſpreche Ihnen die des Don Manuels.“ „Die Freundſchaft des Don Manuels,“ unterbrach mich Don Francisco hoͤhniſch,„iſt allerdings nicht zu verachten; noch aber ſteht es nicht in meiner Macht, ſie zu verdienen. Ich erwarte einen ſuͤßeren Lohn von Ihrer Gäte. Sie werden mich nicht haſſen, ſchone Almaide. An dem Orte wo Sie herrſchen, ſind Sie keine Gefangene. Mein einziges Un⸗ recht iſt meine unwiderſtehliche Leidenſchaft, und ihr Gluck mein hoͤchſter Wunſch. Aber,“ fgte er hinzu im Zimmer umher blickend, „Sie haben Beduͤrfniſſe. Man empfing Sie nicht mit der Aufmerkſamkeit, welche ich be⸗ fahl. Ich werde ſogleich Sorge fuͤr Alles tra⸗ gen. Sie duͤrfen nur befehlen, und ich werde unverzuͤglich zu Ihren Fuͤßen ſeyn.“ „Moͤchte ich Sie nie wieder ſehen!“ rief ich und vergoß einen Strom von Thra⸗ nen. Er laͤchelte, verbeugte ſich, befahl der kleinen Olivetta ihm zu folgen, und verließ das Zimmer. „ Nach einigen Minuten kehrte das jun⸗ ge Mädchen zuruͤck. Auf Befehl ihres Herrn uͤberbrachte ſie mir Diamanten, andere Juwe⸗ len und ſonſtigen ſchimmernden Tand, den ſie mit kindiſcher Bewunderung betrachtete. Er⸗ ſtaunt uͤber die wenige Aufmerkſamkeit, welche ich dieſen Wundern zollte, bezeigte ſie mir ihre Verwunderung hieruͤber. Ich ergriff dieſe Gelegenheit, um ſie uͤber die Rolle, die ſie bei mir ſpielte, zu beſchaͤmen. Sie hoͤrte mir mit noch groͤßerem Erſtaunen zu. Ihre Un⸗ wiſſenheit ging ins Unglaubliche. Sie weinte zwar mit mir, und bat mich ihr zu verzeihen, *— 154 begriff aber weder meine Vorwuͤrfe noch ihren Fehler. „Don Francisco verhehlte ſeine ſchaͤnd— lichen Abſichten nicht lange. Fodere nicht, o mein Vielgeliebter, von Deiner Almaide, daß ſie den empoͤrenden Auftritt wiederhole, zu dem ſie die ſtrafbare Leidenſchaft dieſes Unge⸗ heuers fuͤhrte. Kurz, Deine Almaide hatte alle ihre Kraͤfte, und ihren vollen Muth wie⸗ der erlangt. Der Himmel und ihr Herz wa— ren ihre Beſchuͤtzer. Die Macht des Laſters beugt ſich vor der Tugend, ſobald dieſe Alles wagt. „WMein Verfolger wollte mir das Meſſer, mit dem ich mich bewaffnet hatte, entreißen. Dieſer Gewaltſtreich wuͤrde der letzte geweſen ſeyn. Aber ploͤtzlich ließ ein unerwarteter Lärm ſich im Hofe des Schloſſes horen, der Don Franciscos Aufmerkſamkeit erregte. Man hoͤrte mehrere Waͤgen einfahren. Er horchte, naͤherte ſich mir wieder, zauderte, und verließ endlich fluchend das Zimmer. Die unglqubliche Ueberſpannung meiner Kraͤfte verließ mich mit der Urſache, welche ſie hervorgebracht hatte, und ich verfiel aufs neue in Schwäche und — 255— Verzweiflung. Bei Wem ſollte ich Huͤlfe ſuchen? Konnten dergleichen Auftritte ſich nicht erneuern? Vater im Himmel, dem ich mit ſo vieler De⸗ muth diente, konnteſt Du mich in einer ſo ent⸗ ſetzlichen Lage verlaſſen? „Olivetta fieng an einzuſehen, daß ich Mitleiden verdiene, warf ſich zu meinen Fuͤßen und erzaͤhlte mir, wie es gekommen ſey, daß der Herzog ſie zu meiner Bedienung beſtimmt habe, wie auch, daß er ihr verboten, keiner der uͤbrigen Dienerinnen des Schloſſes meine Anweſenheit wiſſen zu laſſen. Olivetta war die Tochter eines geringen Pachters. Ihre aufkei⸗ mende Schoͤnheit bemerkend, liebkoſ'te ſie der Herzog ſeit ihrer zarteſten Kindheit und erhielt ſie mit leichter Muͤhe von ihren Aeltern. Jetzt da ſie taͤglich mehr aufbluͤhte, zeigte er ihr ein Wohlwollen, das die arme Unſchuldige mit gren⸗ zenloſer Anhaͤnglichkeit erwiederte,„Ach,“ ſagte ſie in ihrer Unſchuld,„wenn er mich ausſchmält, ſo habe ich es verdient. Aber Sie Sennora, ſo ſchoͤn, ſo gut, und doch ſo ungluͤcklich!“ Plötzlich ſprang ſie auf und rief als fühle ſie ſich begeiſtert:„Mag der gnaͤdige Herr die kleine Olivetta nur verſtoßen; mag er ihr alle ſeine — 156— Wohlthaten entziehen! Olivetta wird getrsſtet ſeyn wenn ſie Ihre Thraͤnen trocknen kann!“— Eilig lief ſie fort. „Ich ſuchte eben die Abſichten des Maäd⸗ chens mit ſeinen geringen Hulfsmitteln zu ver— einen, als es wieder zuruͤck kam und mir die Marquiſin de Jaffra, die Mutter des Don Francisco, anmeldete. Bei dieſem Namen ſchoͤpfte ich freieren Athem. „Ich bin,“ ſagte die Marquiſin,„Oli⸗ vettas Schwatzhaftigkeit vielen Dank ſchuldig, da ſie mir das Vergnuͤgen verſchaffte, eine ſo ſchoͤne Perſon kennen zu lernen. Aber Sie, Sennora, werden hoffentlich auch die Guͤte haben mir zu ſagen, aus welchen Gruͤnden Sie hier in meines Sohnes Zimmern als Gebieterin herrſchen, da er ſelbſt es nicht fuͤr gut hielt mich davon zu unterrichten? Die Unruhen in der Hauptſtadt fliehend, komme ich hier an; er empfaͤngt mich, eilt hinweg um ſeinen Vater zu bewillkommen, und uͤberlaͤßt Sie einem thoͤ⸗ richten Kinde, das Ihre Geheimniſſe verraͤth. Ich traute dem Herzog mehr Lebensart zu. Aber Sie weinten ja, ſagte man mir? Seyn Sie verſichert daß nicht bloße Neugierde mich zu Ihnen fuͤhrte.⸗ —— „Der hohe, wie es ſchien ſogar veraͤcht⸗ liche Ton, mit dem die Marquiſin dieſe Fragen that, klaͤrte mir die Zweideutigkeit meiner Lage auf. Ich erwartete zwar nur wenig Theilnahme von Seiten dieſer hochmuͤthigen Frau; aber ſie war Weib und Mutter, und es ſchien mir faſt un⸗ moͤglich, daß ſie mir ihren Beiſtand verſagen wuͤrde, wenn ich mich bei ihr uͤber das ſchaͤnd⸗ liche Verfahren ihres Sohnes beklagte. Ich eilte mithin, durch eine treue Erzaͤhlung ihr allen Verdacht zu benehmen, den meine Lage bei ihr hervorbringen mußte, und bat ſie, mich nicht nur gegen alle neuen Angriffe zu beſchuͤtzen, ſon⸗ dern mir auch die Freiheit zu geſtatten, unge⸗ hindert nach Lerida zuruͤckzukehren. „Und was thaten Sie in Lerida?“ fragte ſie mit troniſchem Laͤcheln. „Den falſchen Deutungen zu entgehen, die mich das unglaͤubige und ſpoͤttiſche Weſen der Marquiſin nur zu ſichtbar wahrnehmen ließ, wollte ich ihr nicht die Wahrheit in ihrem vollen. Umfang eingeſtehen, ſondern begnuͤgte mich zu ſagen, ich ſey in dem Kloſter der Kapuzinerin⸗ nen des Mont⸗Serrat erzogen worden, die un⸗ ruhigen Zeitlaͤufte haͤtten mich von aller Gemein⸗ — 158— ſchaft mit meinem Vater getrennt, und ich habe mich deshalb nach Lerida begeben, um vielleicht dort ſein Schickſal zu erfahren. „Die Marquiſin beobachtete mich mit einer ſo pruͤfenden Aufmerkſamkeit, daß ich daruͤber erroͤthete, und ſtieß, während ich ſprach, wie⸗ derholt den Ausruf aus:„Seltſam! Sonderbar! Hoͤchſt ſonderbar! Glaubend ſie zweifele an der Wahrheit deſſen was ich erzaͤhlte, erroͤthete ich noch ſtaͤrker. Sie bemerkte es, gab ſich aber nicht die Muͤhe mich zü beruhigen, ſondern ſagte:„Reden Sie noch ein wenig, Sennora, man wird nicht muͤde Sie anzuhoͤren; und— wie heißt ihr Vater?“—„Er nennt ſich Don Narcis d'Altamonte“ antwortete ich.„d'Alta⸗ monte?“ wiederholte ſie.„Welcher Zuſammen⸗ hang!— Welcher Zufall!— Ja, ja, Sie ſind ohne Zweifel die junge Perſon, welche mein Sohn vor einigen Jahren heirathen wollte.“ Ich bejahte.„Jetzt verwundere ich mich nicht mehr uͤber ſeine heftige Liebe,“ fuhr ſie fort.„Aber welche Stimme! Welche Aehnlichkeit! und— fuͤhrt Ihr Vater keinen andern Namen als d' Al⸗ tamonte?“—„Ich hoͤrte nie einen andern. Mein Vater wohnte nicht an dem Orte in wel⸗ — 150— chem ich meine Kinderjahre zubrachte. Sollten Sie ihn aber kennen, o, ſo geben Sie mich ihm wieder!“—„Ich ihn kennen!“ unterbrach mich die Marquiſin in einem auffahrenden Ton. „Nein, ich kenne ihn wahrlich nicht,— ich verbiete Ihnen es zu glauben!“—„Ich bin bereit, ihnen zu gehorchen,“ erwiederte ich, hoffe aber, daß Ihre Großmuth mich beguͤnſti⸗ gen wird. Ihrer Ankunft, Ihrer Tugend, werde ich meine Freiheit verdanken. Ich will ſogar das gegen mich begangne Verbrechen vergeſſen, und mich nur Ihrer Guͤte erinnern.“ „Die Marquiſin fuhr fort mich mit einer Neugierde zu betrachten, die von Minute zu Minute ſich zu vermehren ſchien; aber ihr kalt und ruhig bleibendes Geſicht verrieth mir nicht was in ihrem Innern vorgieng. Eine kleine Weile blieb ſie in Nachſinnen vertieft und fragte dann in einem ſanfteren Tone:„War dem Her⸗ zog Ihr Aufenthalt in dem Kloſter der Kapuzi⸗ nerinnen bekannt?“ Ich verſicherte, er habe nie davon gehoͤrt.„Gut mein Kind,“ fuhr ſie fort,„ſo muß man Sie augenblicklich wieder dahin zuruͤckbringen, Sie ſollen dort unter mei⸗ nem perſoͤnlichen Schutz leben.— Verſtehen Sie mich?— Ich werde Sie ganz beſonders empfehlen. Finden Sie Ihren Vater wieder, ſo begehre ich, daß Sie mich unverzuͤglich davon benachrichti⸗ gen.— Ich will ihn kennen lernen,— ich will— Aber reiſen Sie auf der Stelle ab— es liegt mir Alles daran, daß es augenblicklich geſchehe. Der Marquis— der Herzog, wollte ich ſagen, darf Sie nicht mehr hier finden. Ich werde ſo⸗ gleich die noͤthigen Befehle geben.“ Ich warf mich zu ihren Fuͤßen. Sie reichte mir ihre Hand, die ich mit Thraͤnen benetzte. Hierauf verließ ſie das Zimmer, und ich hoͤrte ſie im Weggehn ſagen:„Welche Aehnlichkeit! Endlich werde ich doch erfahren,—“ Das Uebrige entgieng mir. „Hlivetta, die ſich auf einen Wink der Marquiſin entfernt hatte, kam nicht wieder zu mir zuruͤck. Bald darauf traten zwey Kammer⸗ frauen der Marquiſin ein, und fuͤhrten mich zu einem Wagen, der mich, Tag und Nacht rei⸗ ſend, in den frommen Zufluchtsort zuruͤckbrachte, den ich nur um Deinetwillen verließ, und nur aus Liebe zu Dir jemals wieder verlaſſen werde. „Die guten Schweſtern empfingen mich mit Wohlwollen und Zärtlichkeit. Weder die glaͤnzende Livree der Marquiſin, noch ihr an die Oberin gerichtetes Empfehlungsſchreiben, noch das rei⸗ che von ihr dem Kloſter geſchenkte Almoſen, mochten wohl ihre Liebe zu mir vergroͤßert ha⸗ ben; aber es miſchte ſich doch ein wenig mehr Ehrerbietung in ihr zutrauliches Weſen. Sie befragten mich weder um Deine Abweſenheit, noch weshalb wir uns getrennt haͤtten. Ich ſagte ihnen jedoch, ich erwarte Dich. Die gute Oberin waͤhnte in ihrer Unſchuld, die Marquiſin habe große Abſichten mit meiner Perſon. Aber ich moͤchte ſelbſt fragen, wo eine ſo ſchnelle und lebhafte Theilnahme bet dieſer ſtolzen Frau herruͤhre? Ihre Guͤte ſchmerzt mich. Don Francisco ſagte ehedem, er ſey der Einwilligung ſeiner Mutter gewiß! — O, mein geliebter Manuel! mein Bruder! mein Gatte! laß uns nicht einen einzigen Tag verlieren. Eilen wir, uns wieder zu ver⸗ einigen! Hier druͤckt und erſchreckt mich Al⸗ les! ich fuͤrchte dieſen Don Francisco; ich fuͤrchte ſeine Mutter; ich furchte das Ungluck, welches mich verfolgt! Laſſe die Meere uns von dieſen boͤſen Menſchen trennen! Ach! ich Don Manuel. Zweiter Theil. 11 — fuͤhle es wie Du— nur bei dem guten Me⸗ lendez werden wir gluͤcklich ſeyn!“ Almaidens Schreiben konnte meine Wuth nicht vergroͤßern. Ich fuͤhlte mich von einer Begierde nach Rache entbrannt, die der Raſe⸗ rei eines hitzigen Fiebers aͤhnlich war. Ich wollte den ſchäͤndlichen Don Francisco aufſu⸗ chen, und ihm die Macht mir zu ſchaden, auf immer rauben. Ich ſchaͤumte vor Zorn und Wuth. Aber endlich uͤberzeugte ich mich, daß es, ſchlimmerer Folgen wegen, nothwendig ſey, meinen Zorn zu baͤndigen, und ich vor Allem trachten muͤſſe, mich Almaidens Perſon zu ver⸗ ſichern. Ich hatte keinen Augenblick zu verlie⸗ ren. Ich wußte ja, welcher Schandthaten die⸗ ſer Herzog von Campo⸗Marte faͤhig war. Ich beſchloß daher, Almaiden ſo ſicher zu ſtellen, als es mir die Klugheit nur einzugeben ver⸗ mochte. Carlos fuͤhrte mir treue Maͤnner zu. Ich erhielt die Erlaubniß, ſie zu bewaffnen, und ſie gegen die Vorpoſten des Feindes zu fuͤhren, der ſich aller Orten zeigte. In weni⸗ gen Stunden war Alles bereitet, und wir rich⸗ teten unſern Weg nach dem Mont Serrat. Die Nacht war finſter. Der Donner rollte durch das Thal. Die Blitze erhellten die Felſenſpitzen, und waren unſere einzige Fuͤhrer durch das undurchdringliche Dunkel. Wir durchwadeten Gießbaͤche, und der entſetz⸗ liche Regen bildete Suͤmpfe, die uns den Un⸗ tergang drohten. Entſetzt vor dieſen Gefah⸗ ren, verließen mich zwei meiner Leute, und die uͤbrigen bedachten ſich, ob ſie mir folgen ſollten. Mit Gold beſiegte ich jedoch alle Hin⸗ derniſſe, und endlich gelangten wir zu den Mauern des Kloſters. Der Sturm wehte mit der groͤßten Heftigkeit, und bog die Baͤume bis zur Erde. Die ganze Natur erlag der Wuth des Orkans, nur das Kloſter ſchien in tiefe Ruhe verſunken. Ach! wie weit war Ruhe von meinem Herzen entfernt! Ich wollte bis zum Anbruch des heran⸗ nahenden Tages, Schutz fuͤr meine Leute ſu⸗ chen, und ging daher, von Carlos beglei⸗ tet, rings um das Kloſter her. Eine mir bisher unbekannte Pforte ſtand oͤffen. Nicht ohne eine gewiſſe Aengſtlichkeit ging ich in das Innere und gelangte, ohne Geraͤuſch, in den Garten. Es duͤnkte mir, mehrere Weſen ſich 11 — 164— in den Kreuzgaͤngen hin und her bewegen zu ſehen. Die Graͤber wiederhallten von dem Klaggeſchrei eines Nochtvogels; ein toͤdtlicher Froſt durchſchnitt meine Adern. Ich folgte den gewoͤlbten Gaͤngen, welche zur Kapelle fuͤhrten. Eine dem Verloͤſchen nahe Lampe, warf noch von Zeit zu Zeit, einen hellen Licht⸗ ſtrahl auf den Altar der heiligen Jungfrau. Von unwillkuͤhrlicher Angſt ergriffen, beugte ich meine Kniee und betete,— ich betete fuͤr meine Almaide! Ach! das nemliche Dach ſchuͤtzte uns gegen den Sturm. Ich ſollte ſie wieder ſehen, um ſie nie wieder zu verlaſſen; und dennoch miſchte ſich in das Gluͤck, das mich entzuͤckte, eine ſchmerzliche, herzzerreißende Ahnung. Ein entferntes Getoͤſe erregte meine Auf⸗ merkſamkeit. Carlos ſtand mir zur Seite. Wir horchten. Das Getoͤſe, welches uns in Verwunderung ſetzte, kam von einer der obe⸗ ren Gallerien her; naherte ſich langſam, und lautete wie der dumpfe Wiederhall von den Tritten mehrerer Maͤnner, die mit Vorſicht vorwaͤrts ſchreiten. Mein Herz fuͤhlte ſich be⸗ engt. Sollten meiner Almaide neue Gefahren — 465— drohen? Ich ſchickte mich an ſie zu verthei⸗ digen. Dem treuen Carlos gebietend, meine tapferſten Leute herbeizurufen, verbarg ich mich hinter einem Pfeiler, und erwartete was da kommen wuͤrde. Bald gewahrte ich Bewaffnete, welche ohne Geraͤuſch und in kurzen Zwiſchenraͤumen, ſich auf verſchiedenen Poſten vertheilten. Eine andere Abtheilung verlor ſich in dem Dunkel, das meine Augen nicht durchdringen konnten. Ich bebte; unwillkuͤhrlich langte ich nach den Waffen und wollte ſchon den Angriff beginnen. Aber Almaide!— durfte ich durch eine Ueber⸗ eilung die Moͤglichkeit ihrer Rettung auf das Spiel ſetzen? Ueberlegung und Vorſicht hiel⸗ ten meinen Arm zuruͤck. Meine Stirne be⸗ deckte ein kalter Schweiß; alle meine Glieder zogen ſich, von der Anſtrengung, mit welcher ich meiner Hitze Meiſter zu werden ſtrebte, krampfhaft zuſammen. Während ich ſo noch im Sturm der hef⸗ tigſten Leidenſchaft uͤberlegte, erhob ſich vor den Thoren des Kloſters ein gewaltiger Laͤrm, ſo daß meine Leute darauf zu liefen. Dieſer Unfall verbreitete Schrecken und Entſetzen un⸗ — 460— ter den armen Nonnen, deren Geſchrei aus allen Zellen ertoͤnte. Mehrere Maͤnner mit Fackeln in ihren Haͤnden, ſtiegen langſam die Stufen hinab, und trugen eine weibliche Per⸗ ſon, deren Haar im Winde flatterte, und die ſo eben dem Schlafe entriſſen ſchien, auf ihren Armen. O Gott! es war Almaide! Ich floh auf ſie zu. Don Francisco erkuͤhnte ſich ſie in ſeine Arme zu druͤcken. Ich rief das Ungeheuer bei Namen, und ſchwur ihm den Tod; er aber befahl kaltbluͤtig ſeiner Rotte, ſich meiner zu bemaͤchtigen. Ein ver— zweifeltes Gefecht entſpann ſich auf der Stelle. O! warum leerte der Himmel ſeinen Zorn nicht uͤber mich allein aus! Welche fin⸗ ſtere Macht lenkte die Spitze meines Schwer⸗ tes? Warum fuͤhrt das blinde Schickſal tu⸗ gendhafte Herzen zu unwillkuͤhrlichen Verbre⸗ chen? Es bedurfte nur eines Lichtſtrahles, der zwar mein Ungluͤck auf dem hoͤchſten Gip— fel gebracht haͤtte, aber doch unſere Unſchuld wuͤrde bewahrt haben.— Ach! er erſchien allzuſpaͤt! Ich vertheidigte Almaiden! Ihre Thraͤ⸗ nen ſprachen den feigen Schurken, die gegen — 16— einen Einzelnen kaͤmpften, das Urtheil, als ploͤtzlich andere Bewaffnete in den Kreuzgän⸗ gen erſchienen. Ich hielt ſie fuͤr meine Ver⸗ theidiger, und rief laut meinem Earlos. Die neuen Ankoͤmmlinge eilten ſchnell herbei. Ihr Anfuͤhrer, welcher nicht Carlos war, rief Al⸗ maidens und Franciscos Namen. Bei dem bekannten Ton ſeiner Stimme uͤberlief mich ein toͤdtlicher Schauer.— Es war die Stim⸗ me des Don Narcis! Blind vor Wuth rief Don Francisco: „Es kommt Dir Beiſtand— hier ſein Em⸗ pfang!“ und ſtieß im naͤmlichen Augenblick ſeinen Dolch in die Bruſt des Don Narcis. Von Entſetzen durchdrungen glaubte ich, der Stahl, der den Beſchuͤtzer meiner Kindheit traf, habe zugleich mein eignes Herz durch⸗ bohrt, und war nur darauf bedacht, ihn zu raͤchen.„Stirb Elender!“ rief ich.„Du trafſt Almaidens Vater! Der Himmel ſey Richter zwiſchen mir und Dir!“ Ach! der Himmel verwarf uns Beide— Don Francis⸗ co fiel unter meinen Streichen! Als Carlos zuruͤckkam, war das Gefecht bereits geendet. So bald die Diener des Don 3 — 168— 1 Francisco ihren Herrn fallen ſahen, ergriffen ſie die Flucht. Die des Don Narcis wehklag⸗ ten und ſuchten ihn wieder ins Leben zu bringen. Almaide lag ohnmaͤchtig auf dem Koͤrper ihres Vaters. Vom hoͤchſten Entſetzen uͤber dieſen ſchrecklichen Auftritt durchdrungen, ſuchte ich meine Almaide aus ihrer Ohnmacht zu erwecken, und ſchweigend brachten wir dann den lebloſen Don Nareis, tiefer in das Innere des Kloſters. Endlich entquoll ein tiefer Seuß— zer ſeiner Bruſt; die Beſinnung kehrte ihm wieder, und er erkundigte ſich nach ſeiner Toch⸗ ter. Es ſchien uns unmoͤglich ihn weiter fort— zubringen. Der Schrecken, der waͤhrend dem herbeigekommenen guten Kloſterfrauen, verwan⸗ delte ſich in das huͤlfreichſte Mitleiden, und in wenigen Minuten war ein Bett fuͤr den Ver⸗ wundeten bereitet. O, Alphons! dieſes Bett ſtand neben dem Grabmahl, an welchem wir, Almaide und ich, uns ewige eheliche Treue ge⸗ ſchworen!. an dieſem Grabſtein gelehnt, wagten wir nicht, uns unſere fuͤrchterlichen Gefuͤhle mitzutheilen. Almaide kniete weinend an Don Narcis Seite. Sobald dieſer ſich wieder etwas er⸗ 0 holt hatte, erkundigte er ſich nach Don Fran⸗ ciscos Schickſal. Man konnte ihm deſſen Tod nicht verhehlen.„Dieſes,“ rief er,„ſind die Fruͤchte meiner langjaͤhrigen Nachgiebigkeit, meiner ſtraͤflichen Schwaͤchen! Dieſer Gegen⸗ ſtand ſo vieler Sorgfalt, ſo mancher ehrgeitzi⸗ gen Entwuͤrfe, ſtieß den Dolch in das Herz ſei⸗ nes Vaters! Ach, meine Tochter! ich ver⸗ diente meine Strafe nur allzuſehr!“ Wir glaubten, der Schmerz verwirre ſeinen Ver⸗ ſtand. Ich naͤherte mich ihm und ſprach: „O! Sie, der Vaterſtelle bei mir vertrat, glauben Sie nicht, daß ich es war, der Ihr Leben antaſtete. Ich, im Gegentheil, war Ihr Raͤcher, und rettete ihre Tochter aus den Haͤnden eines Boͤſewichts. Iſt dieſes noch nicht hinlaͤnglich, um den Namen zu erlangen, den ich ſchon ſo oft vergeblich erflehte?“ Don Rarcis richtete ſich auf und ſtarrte mich mit Grauſen an.„Wer ſpricht zu mir?“ fragte er.„Hoͤre ich nicht Don Mantels Stimme? Gab denn das Meer ſein Opfer zuruͤck? Rufſt Du mich vor dem Thron des allmaͤchtigen Richters? Warte— ich folge Dir! Ich will Alles offenbaren!— Es war die Marqui⸗ .— ſin!— ſie war es—“ Ich wollte ſeinen ir⸗ ren Geiſt auf andere Gedanken fuͤhren.„Ver⸗ geſſen Sie,“ ſprach ich,„alles vergangene Ungluͤck. Ich, Ihr Muͤndel, ich Don Ma⸗ nuel, beſchwore Sie darum! Der Abgrund des Meeres hat mich nicht verſchlungen. Ihre Tochter iſt Ihnen wiedergegeben. Was kuͤm⸗ mert Sie das Schickſal des ſtrafbaren Don“ Francisco? Ich allein, der däs Werkzeng ſei⸗ nes Todes war, muß uͤber dieſen ungluckſeli⸗ gen Sieg ſeufzen! Aber Sie, den ich ſeinen blutigen Haͤnden entriß, wollen wir unſerer Liebe erhalten! Sehen Sie Almaiden, ſehen Sie Ihre Kinder zu Ihren Fuͤßen! Wir hat⸗ ten Sie verloren, wir hatten ihren Verluſt beweint! Ferne von Ihnen wollten wir uns vereinigen! Wollen Sie nicht jetzt unſerem Gluͤck die Krone aufſetzen? Wollen Sie nicht eine Ehe ſegnen, die mit ſo vielen Leiden er⸗ kauft wurde? Ich bin nicht mehr die verſto⸗ ßene Waiſe; ich bin reich, ich———“ —„O! moͤge die Erde mich verſchlingen, ehe dieſe abſcheuliche Ehe vollzogen wird!“ rief Don Narcis mit ſchrecklichem Ton.„Vater⸗ mord, Brudermord und Blutſchande, oͤffnen — mir die Pforten der Ewigkeit! Ich erkuͤhnte mich den Geſetzen der Natur Trotz zu bieten, und ſie verſpottete meine thoͤrichten Raͤnke! O, Du unbeſiegbares Schickſal, wie ſtrafſt du meine Irrthuͤmer! Wiſſet ungluͤckliche Kinder, die ich nicht zu trennen vermochte; Don Francisco war ener Bruder, und ihr Alle ſeyd die Kinder des ungluͤckſeligen Don Narcis!“ Leichenblaß und ohnmaͤchtig ſank Almaide, bei dieſem furchtbaren Geſtaͤndniß, auf den Grab⸗ ſtein nieder. Ich und die weinenden Kloſterfrauen eilten ihr zu Huͤlfe. Wir brachten ſie ins Leben zuruͤck; ſobald ſie mich aber erblickte, ſtieß ſie mich heftig von ſich und rief:„Laß mich! o, laß mich ſterben! Ich will meinen Geiſt auf dem Grabmahl aushauchen, neben welchem ich ſchwur Deine Schweſter zu ſeyn! Ach! mußte mein Schwur auf dieſe Weiſe erfuͤllt werden? O! traurige Ahnung, o! geheimer Naturtrieb, die ihr zu meinem Inneren redetet, warum gab ich euch nicht Gehoͤr?“ In voller Verzweiflung, ihr Geſicht auf den Boden druͤckend, ſtieß ſie herzzerreißende Schmerzenstoͤne aus. Woher nimmt das Leben die Kraft, ſo ſchrecklichen Stuͤrmen zu widerſtehen? Warum — vermag die gepeinigte Seele die Bande, mit denen ſie an die Erde geknuͤpft iſt, nicht zu zerreißen, und dieſem Sitz des Leidens und der Verbrechen zu entfliehen? Ach! ſelbſt der eifrigſte WVille iſt zu ſchwach hiezu. Wir muͤſſen dulden, und die Glieder der Kette, die uns feſſelt, eines nach dem andern abnutzen. Der ſich ſtets erneu⸗ ernde Schmerz iſt der wahre Geier des Pro⸗ metheus! D, Alphons! wie ergieng es Deinem Freunde in dieſen entſetzlichen Augenblicken? Zwar ſchon hinlaͤnglich vom Schickſal niederge⸗ beugt, ſammelte ich dennoch meine Kraͤfte, um mir den Reſt meines Looſes von Don Narcis auftlaͤren zu laſſen. Ich erfuhr von ihm, der Name d'Altamonte ſey ein angenommener, ſein wahrer aber Graf d'Arenis del Mar, ſeitdem Marquis de Jaffra. Ich erlangte die grauſame Ueberzeugung, daß die naͤmliche Mutter mich und Almaiden gebar, und daß der Stolz der zweiten Gattin unſeres Vaters uns, ſeit unſerer Kindheit, verurtheilte in den Kolonien zu leben. Ich erfuhr ferner, daß um uns dem harten Ausſpruch der Marquiſin zu entziehen, der Graf uns, unter angenommenen Namen, in einen —— — 173— Winkel der Provinz verbarg, und um deſto ſicherer allen Nachforſchungen zu entgehen, das Projekt faßte, ſeine Tochter in einen niedrigeren Stand zu verheirathen, und ſeinen Sohn ent⸗ weder den Waffen oder einem Amte in der neuen Welt zu widmen. Aber die raͤchende Nemeſis verfolgte ihn in allen ſeinen Berechnungen. Al⸗ maide und Manuel liebten ſich nicht wie Ge⸗ ſchwiſter,— ſie liebten ſich mit ſtrafbarer Leiden⸗ ſchaft! Das Schickſal fuͤhrte den Don Fran⸗ cisco, die Frucht der neuen Verbindung unſeres Vaters, nach Cervera, wo er gleichfalls von Almaidens Reizen beſtrickt wurde. Die Marqui⸗ ſin ſchoͤpfte Verdacht, und der allzu ſchwache Don Narcis brauchte tauſend Raͤnke, um dieſen von ſich zu entfernen. Daher verbarg er ſeine Tochter in das Kloſter der Kapuzinerinnen von Mont⸗Serrat, und vertraute Deinen Freund dem weiten Weltmeer an. In den Papieren, welche ich Dir, mein theuerer Alphons, anvertraue, findeſt Du eine 3 umſtaͤndlichere Darſtellung aller jener Begeben⸗ heiten, als meine ſtundlich ſchwaͤcher werdende Hand im Stand geweſen ſeyn wuͤrde Dir zu —— geben.*) Der Marquis de Jaffra lebte ruhig mit ſeiner ſtolzen Familie, obgleich nicht mit ſich ſelbſt, als die großen Begebenheiten, welche mit Thronen und Volkern ſpielten, ihn dem neuen Hoß entriſſen, deſſen nahen Fall ſein Sohn, der Herzog von Campo Marte, voraus ſah. Die Marquiſin wollte ſich ins Schloß Almedia zuruͤckziehen. Der Herzog eilte ihr einige Tage voraus und bemaͤchtigte ſich während deſſen Al⸗ maidens, welche die Marquiſin, ohne ſie zu kennen, aus ſeinen Haͤnden befreite. Aber Almai⸗ dens auffallende Familienaͤhnlichkeit erneuerte ih⸗ ren Verdacht, und ſie ſprach daher ſtrenge mit ihrem Gemahl, der, aus Schwaͤche, abermals ſeine Zuflucht zum Laͤugnen nahm. Als die Mar⸗ quiſin jedoch erfuhr, Don Francisco habe ſich heimlich auf den Weg zum Kloſter der Kapuzi⸗ nerinnen gemacht, befuͤrchtete ſie, er ſey im Stande ein abſcheuliches Verbrechen zu begehen, . *) Aus dieſen Papieren ſchoͤpften wir die umſtand⸗ liche Erzoͤhlung des Lebens des Marquis de Jaffra, Grafen von d'Arenis del Mar, die wir unſeren Leſern bereits im Anfang dieſer Ab⸗ theilung mittheilten. — 175— und verſprach dem Marquis, dieſes Maͤdchen, deſſen Reize ihren Sohn verblendeten, an Kin⸗ desſtatt anzunehmen. Auf dieſe Weiſe erhielt ſie ſein aufrichtiges Geſtaͤndniß. Sie erlaubte ihrem Gemahl ſogleich nach dem Kloſter abzureiſen und Almaiden zu ihr zu bringen. Ach! dort fand er auch den ungluͤckſeligen Don Manuel, den ein falſches Geruͤchte in die Fluthen begraben und deſſen fruͤhzeitigen Tod er beweint hatte, bei ſei⸗ ner Tochter! Zwei Jahre ſind ſeitdem ins Meer der Ewigkeit geſunken, und noch ſtehen dieſe ſchreck⸗ lichen Auftritte vor meiner Seele. Sie verfolg⸗ ten mich bis in den Kerker in welchem ich ſchmach⸗ tete und den Tod vergeblich erflehte. Jeder Tag, jede Nacht, jede Stunde, ſchwebten mir mein unter dem Dolch ſeines Sohnes blutender Vater, dieſer allzuſtrafbare von meiner Hand durchbohrte Sohn und die arme Almaide, vor Augen! Ach! die unſchuldige Almaide, die ich mich kaum er⸗ kuͤhne Schweſter zu nennen, die nur durch Va⸗ ter: und Brudermord der Blutſchande entgehen konnte! Theuerer Alphons! Du wirſt, Du mußt, Deinen Freund beklagen, der im Kerker in tiefſter Einſamkeit ſchmachtet, und umringt — 176— von ſolchen Schreckensbildern, und von noch ſchrecklicheren Vorwuͤrfen des Gewiſſens gepei⸗ niget wird! Die Wunde des Marguis de Jaffra ließ uns einige Hoffnung zu ſeiner Geneſung ſchoͤpfen. Man brachte ihn in das Schloß Almedia. Der Leichenzug des Don Francisco war einige Stun⸗ den zuvor abgegangen. Ach! wir ſollten den gan⸗ zen bittern Kelch der unheilbarſten Schmerzen leeren! Die Marquiſin empfing den Trauerzug mit convulſiviſchem Geſchrei, warf ſich uͤber den entſeelten Koͤrper ihres Sohnes her, rief ihn bei den zartlichſten Namen, und ſchien ihm in die ewige Nacht folgen zu wollen. Aber als ſie nun auch ihren Gatten bleich und blutig ſah, als ſie die tiefe Wunde erblickte, die von der ver⸗ brecheriſchen Hand des Sohnes herruͤhrte, ſank ſie mit langem, ſchrecklichem Stoͤhnen in furcht⸗ bare Ohnmacht, in welcher nur der regelloſe Schlag ihres Herzens Kunde von ihrem Leben gab. Als ſie erwachte, war Don Narcis nicht mehr. n Almaide, meine ſuͤße Almaide, warf ſich zu den Fuͤßen der Marquiſin) und ſchien ihre Ver⸗ zeihung fuͤr alle die unglucksfaͤlle, welche ſie be: — 17— troffen hatten, erflehen zu wollen. Dieſe ſtolze Frau erſtaunte Anfangs, daß ihr Wille ſich vor der Macht des Schickſals beugen mußte; aber endlich kam ſie zur Erkenntniß, unter⸗ warf ſich der eiſernen Nothwendigkeit und er⸗ kannte in Demuth, die Billigkeit der Strafen, denen ſie Trotz geboten hatte. Anſtatt Almai⸗ den zuruͤckzuſtoßen, gewann ſie taͤglich mehr Zuneigung zu ihr, und trug alle die heftigen Leidenſchaften auf ſie uͤber, von denen ſie einen ſo beklagenswerthen Gebrauch gemacht hatte. Eine ſtete Schwermuth uͤberzog Almaidens ſonſt ſo reizendes, bluͤhendes Antlitz, deſſen leb⸗ hafte Farben auf immer verſchwunden waren. Nie ſchwebte wieder ein Laͤcheln auf ihren Lip⸗ pen. Ihre Stimme, ihre Blicke, waren noch immer ſanft, aber deren Ausdruck ſtets leidend. Sie nannte mich Bruder, und dieſer zartliche Name zerfieiſchte mein Herz, als ſey er die Geißel der Furien! Almaide! geliebte Schweſter! welche Vor⸗ wuͤrfe konnte der Himmel uns machen? Die Verbrechen, welche uns umringten, hatten ja unſere Herzen unbefleckt gelaſſen. Was ich in Dir liebte, war ja nur Deine unſchuld und Don Manuel. Zweiter Tbeil. 12 6— Deine Tugend. Empfindlich fuͤr ihre Reize, mußte ich es auch fuͤr die uͤbrigen Schoͤnheiten ſeyn, mit denen der Himmel Dich begabte. In ihnen erblickte ich nichts anders, als Deine himmliſch reine Seele. Dein Herz, nach deſ⸗ ſen Beſitz ich ſtrebte, war ja ſchon die Haͤlfte von meinem. Unſer ganzes großes Mißgeſchick entſprang aus einem einzigen Irrthum. Nur ein Wort, nur ein kurzes Geſtaͤndniß, konnte Alles aufklaͤren. Warum, o, warum! vertraute Dein Vater— ach! auch meiner— ſeine Eh⸗ re nicht der meinigen? Irrte er gleich, ſo wuͤrde ich ſeine Beweggruͤnde dennoch geachtet und nicht mißbraucht haben. Er ſetzte ſich ei⸗ ner zu gefaͤhrlichen Lage aus; er betrog ſich ſelbſt und fuͤhrte uns an den Rand des Ab⸗ grundes, der ihn verſchlang. Was ich ehedem ſo zaͤrtlich liebte, jetzt ſo rein liebe, iſt mir nunmehr zum Gegenſtand des Schreckens und der Gewiſſensbiſſe geworden. Ach! ich verlor ſelbſt die Rechte der Geſchwiſterliebe! Zuweilen ſuchte ich mich ſelbſt zu bethö⸗ ren. Dann rief ich in meinem Wahnſinn: „Schweſter! geliebte Schweſter! der ich nicht zu entſagen vermag, wir ſind ja Beide vor den Geſetzen dieſer haſſenswerthen Welt ſtraf⸗ bar! Wir vermoͤgen die Flamme die uns ver⸗ zehrt nicht zu loſchen, und der Zwang, den man uns aufiegt, facht ſie nur noch ſtaͤrker an. Warum ſollten wir Gefuͤhle zuruͤckdraͤngen, die doch ewig in unſerer Bruſt herrſchen werden? Laß uns die Wunden unſerer Herzen heilen. Wozu dient es, wenn man ſich der Standhaf⸗ tigkeit im Ungluͤck ruͤhmt, ſo bald man vor Schmerz ſtirbt? Ein unvorhergeſehener Vor— fall zerriß die Bande, welche uns an dieſes unſelige geſellſchaftliche Leben ketten. Warum darf ich Dich nicht mehr umarmen? Warum darf Dein Herz nicht mehr an dem meinigen ſchlagen? Unter den Voͤlkern der Vorzeit fin⸗ det man die weiſen Parſis, die ein heilig ge⸗ haltenes Geſetz hatten, nach welchem der Bru⸗ der die Schweſter heirathen mußte. Hatte die⸗ ſes Volk weniger Werth als wir? O, Almai⸗ de! laß uns ihnen nachahmen! Das Verbre⸗ chen unſerer Eltern hat uns befreit vom Joch menſchlicher Geſetze. Laß uns fuͤr uns ſelbſt leben! Laß uns zu Melendez fliehen, und uns dort vor der ganzen Welt verbergen! 1 Durch dergleichen thoͤrichte Trugſchluͤſſe bemuͤhte ich mich, meine Irrthuͤmer zu ent⸗ ſchuldigen und zu naͤhren. Bald aber erroͤthete ich uͤber mich ſelbſt, bald ſaß ich vor mich⸗ hin— ſtarrend in ſtillem Brüͤten, bald entſtiegen tiefe Seufzer meiner Bruſt. Man beklagte mich, aber alles Mitleiden drückte mich nur noch tiefer darnieder. Almaidens Schmerz war gottergebener; aber ihre Geſundheit nahm taͤglich ab. Eine Todtenblaͤſſe uͤberzog nach und nach ihr ſanftes Antlitz. Sie vermochte kaum ſich aufrecht zu erhalten. Bald konnte ſie ihr Zimmer nicht mehr verlaſſen. Der Gedanke an ihren Tod war mir noch nicht in den Sinn gekommen. Gott! welches Entſetzen uͤberfiel mich, als man mir ankuͤndigte, ihre Leiden wuͤrden ſich bald enden. Von dieſem Augenblick an verließ ich ſie nicht mehr, redete nur zu ihr, und duldete nicht, daß irgend Je⸗ mand ſich ihr naͤhere. Wenigſtens durch ge⸗ meinſchaftlichen Schmerz vereiniget, hoffte ich, mein Herz wuͤrde mit dem ihrigen zu ſchlagen aufhoͤren. Sie klagte mir die Vorwuͤrfe ihres Gewiſſens. Warum mußte denn ſie welche er⸗ — 181— dulden? Bald, ach nur allzubald! ſah ich ihre himmliſchen Augen erloͤſchen. Ich druͤckte meine Lippen auf die ihrigen. Die letzte Stunde ſchlug! Ihr reiner Geiſt kehrte zum Himmel zuruͤck! Almaide war nicht mehr!— Noch lange rief ich ihr nach, ſollte aber die ſuͤßen Toͤne ihrer Stimme nicht wieder hören. Vergeblich verſuchte man, mich von ihrer irdiſchen Huͤlle zu entfernen;— nichts konnte mich von der mir ſelbſt auferlegten Pflicht zuruͤckhalten. Ich be⸗ deckte den ſchönen, lebloſen Körper mit einem Schleier, betete und wachte bei ihm. Noch hatte ich ſie vor Augen; ich redete zu ihr; ich berauſchte mich in dieſer traurigen Wolluſt. Mit eigenen Haͤnden trug ich ſie ins Grab, legte ſie ſelbſt hinein, und hoffte noch immer mit ihr zu ſterben;— aber der Tod ſtieß mich von ſich! Alles was damals mit mir vorging, wurde mir erſt dann klar, als mich die Pflege des treuen Zigeuners dem Leben und dem Gefuͤhl meines Ungluͤcks zuruͤckgegeben hatte. Von allen Weſen, die ſich liebten und fuͤr einander duldeten, wandele nur noch ich auf dieſer Erde. Euja, die ſanfte Euja, ging uns Allen voraus. Auch Carlos fiel als Opfer ſeiner — Treue und ſeines Muthes. Mich vernachläſſigte der Tod nur allzulange; aber meine Geliebten erwarten mich, und ich fuͤhle, daß ich bald mit ihnen vereiniget ſeyn werde. Du kannteſt den redlichen Carlos. Du haſt es ſicher nicht vergeſſen, wie er uns Beide der Wuth der Wogen, in dem traurigen Golf, entriß. Dieſer treue Diener, dieſer tapfere Krie⸗ ger, der ſtets aufmerkſam auf alle Gefuͤhle mei⸗ ner Seele war, lenkte meine Aufmerkſamkeit haͤufig auf die Uebel, denen das ungluckliche Spanien unterlag. Er erregte meinen Unwillen, wenn er von meinem Vaterlande ſprach, gegen deſſen Unterdruͤcker.„Sie koͤnnen,“ pflegte er zu ſagen,„Almaiden nie wieder ſehen, aber Ihr Vaterland lebt noch. Ihr Leben verzehrt ſich in unnuͤtzen Thraͤnen, und Spanien ruft ſeine Vertheidiger auf. Ihm und ſeiner gerech⸗ ten Sache ſind Sie Ihre uͤbrigen Tage ſchuldig. Nehmen Sie keinen Antheil an den verſchiede⸗ nen Meinungen, laſſen Sie ſich von keiner Par⸗ theiſucht verfuͤhren. Die Koͤnige ſterben oder wech⸗ ſeln; aber das Vaterland bleibt ewig; an ſein Schickſal knuͤpfen ſich Ehre und Treue. Man hat — 153 noch nicht Alles auf dieſer Erde verloren, wenn man ihm noch nuͤtzlich ſeyn kann.“ Nicht weil Ruhmſucht oder Ehrgeiz mir neue Kraft verleihen, ſondern weil ich in den Gefahren des Krieges das Ende meiner muͤhſeli⸗ gen Laufbahn zu finden hoffte, gab ich den Vor⸗ ſtellungen des ehrlichen Carlos nach. Ich machte der Marquiſin de Jaffra, die ſich jetzt der hoͤch⸗ ſten Froͤmmigkeit ergeben hatte, meinen Ent⸗ ſchluß bekannt. Sie billigte meine Entwuͤrfe, bewaffnete ihre Lehnsleute und befahl ihnen mir zu folgen.„Ich habe Viel bei Ihnen gut zu machen,“ ſagte ſie, und uͤbergab mir, am Tag meiner Abreiſe, einen Schenkungsbrief, in welchem ſie mir, unter der Bedingung den Na⸗ men de Jaffra zu fuͤhren, ihr ganzes Vermoͤ⸗ gen zuſicherte. Was aber kuͤmmerten mich dieſe Schaͤtze? Ein kalter Schauer uͤberlief mich bei einem Namen, den ſo viele Verbrechen be⸗ fleckten. Die Marquiſin wurde uͤber meine Wei⸗ gerung beſtuͤrzt. Sie erwaͤhnte meines Vaters— er trug dieſen Namen— und ich widerſtand nicht laͤnger. Ich ſtuͤrzte mich aufs neue in Krieg und Schlachten. Mein Blut floß in mehreren Ge⸗ — 184— fechten, aber der Tod ſchien mich zu fliehen. 1. Eines Tages, als Carlos und ich, uns uͤber⸗ eilter Weiſe bis zum Dorfe Sarria gewagt hatten, umringte uns eine zahlreiche Abtheilung des Fein⸗ des; und foderte uns auf die Waffen niederzu⸗ legen. Wir verſuchten uns durchzuſchlagen. Car⸗ los focht als Held und ich unterſtuͤtzte ihn mit dem groͤßten Eifer, bis unſere Kraͤfte ſchwanden. Schwer verwundet fuͤhrte man uns in die Ge⸗ faͤngniſſe Gironas, welches ſich damals in den Haͤnden der Franzoſen befand. Hier, hier in der Mitte meines Vaterlandes wurde ich fuͤr einen Verbrecher erklaͤrt, weil ich mich unterfangen hatte es zu vertheidigen. Briefe, die man bei* mir fand, gaben Stoff zu falſchen Deutungen. Ich kam in den Verdacht, einen heimlichen An⸗ ſchlag gegen die Stabt eingeleitet zu haben, und die Kriegsgeſetze verurtheilten mich zum Tode. Man fuͤhrte mich in meinen Kerker zuruͤck, und kün⸗ digte mir an, meine Hinrichtung ſey nur ver⸗ ſchoben, um mich einem bei Hoſtalrich gefange⸗ nen Kundſchafter gegenuber zu ſtellen. Carlos, den man fuͤr meinen Mitſchuldi⸗ gen hielt, wurde gleichfalls zum Tode verur⸗ theilt, und kein Aufſchub der Hinrichtung ver⸗ — — 5— laͤngerte ſein Leben. Ich erfuhr ſeitdem, daß man ihn nach der Vorleſung ſeines Urtheils befragte, ob er ſich nicht ſein Leben durch ein freies Geſtaͤndniß retten wolle. Er erkundigte ſich nach meinem Schickſal. Man antwortete ihm, ich ſey nicht mehr unter den Lebendigen. „Nun, ſo laßt uns eilen!“ rief der treue Freund. Ach! auch ihn mußte ich noch beweinen! In dem ſchauderhaften Aufenthalt, in dem ſelbſt der Haß mich vergeſſen hatte, mußte ich meine ganze Vernunft aufbieten, um nicht zu glau⸗ ben, ich ſey den Goͤttern des Tartarus geweiht. Stunden, Jahreszeiten, Jahrhunderte, wie mir duͤnkte, verfloſſen und belaſteten meine ge— beugte Seele; aber der Tod wollte noch im⸗ mer nicht erſcheinen! Sollte es ſelbſt in den unterirdiſchen Schreckensorten grauſamere Stra⸗ fen geben? Als ich Dich, meinen theuren Alphons, erblickte, ſchien es mir als oͤffne ſich der Him⸗ mel. Deine Freundſchaft ſollte den letzten Troſt in mein gebrochenes Herz gießen. Ich danke Dir fuͤr Deine Bemuͤhungen, mich auf dieſer Erde zuruͤckhalten zu wollen. — 186— Die Bande, welche mich an ſie knuͤpften, ſind laͤngſt zerriſſen.— Traure nicht— bald werde ich alle meine Lieben wieder ſehen— Almai⸗ de!— Euja!— ſie kannten und liebten Dich! — Melendez!— er fodert mich noch von den Winden Europas— ſchreibe ihm, daß— Hier endete Don Manuels trauriger Bericht. Die Hand des Ungluͤcklichen verwei⸗ gerte laͤngere Dienſte. Mitten durch die Ge⸗ fahren eines blutigen Krieges fand ich Mittel, ſeine irdiſche Huͤlle nach dem Schloſſe Almedia bringen zu laſſen. Dort ruht er neben Almai⸗ den. Reuere Verlagsartikel der Hildebrand'ſchen Buchhandlung z u Arn ſita d t⸗ ————————— Nicolai, Carl, die Mitwelt oder Biographien denkwuͤrdiger Perſonen und hiſt. Gemaͤlde der neueſten Zeit. Vier Hefte. 1819.§. Ernſt der Zweite, Herzog von Sachſen⸗Gotha und Altenburg. 8. 1819. 8 Gr. Der deutſche Anti⸗Sturdza oder die deutſche Burſchenſchaft und das deutſche Volk. S. 1819. 6 Gr. Hellbachs, J. C. von, Handbuch des Schwarz⸗ burg⸗Sondershauſiſchen Privat⸗Rechts, in einem Repertorio vorgetragen. gr. 9. 1820. 1 Thl. 8 Gr. Heinzelmann, J. C. F., griechiſches Leſebuch fuͤr die unteren Klaſſen. Nach der vierten Auflagr ins uͤberſetzt. 8. 1820. 9 Gr. Steinbrenners, Dr. V. L., Naturlehre in Fragen und Antworten. Dritte Auflage m. ein. Kpfr. g. 1820. 9 Gr. Nicolai, C., Denkwuͤrdigkeiten aus dem Leben Carl Johanns, Koͤnigs von Schweden und Norwegen. 8. 1821. 18 Gr. Erhard, Pr. H. A., Theodor Koͤrner. Sein Leben nebſt einer ausfuͤhrlichen Beurthei⸗ lung ſeiner Schriften. 8. 1821. 18 Gr. Hellbachs, J. C. von, Nachricht von der ſehr alten lieben Frauen Kirche und von dem dabei geſtandenen Jungfrauen Kloſter zu Arnſtadt. gr S. mit 2 Kupfern. 1821. 21 Gr. Melmoth, der Wandere, frei aus dem Engl. des Hrn Maturin, uͤbertragen von C. v. S. Roman in 3 Theil. 8. 1821. 4 Thl. Soden, Fr. Freih. v., Beitraͤge zur Geſchichte des Krieges in den Jahren 1812 u. 1313 — ——— — — ———— beſonders in Bezug des 6ten Regiments der damaligen Fuͤrſten⸗Diviſion des Rhein⸗ bundes. 8. 1821. 15 Gr. Gebhard, F. H., die letzten Gruͤnde des Ras tionalismus. In einer Widerlegung der Briefe des Superint. Zoͤllich, uͤber den Supernaturalismus. gr. 8. 1822. 1 Thl. 12 Gr. Noch machen wir Inhaber von Leih⸗ bibliotheken, auf die in unſerm aͤltern Verlag, erſchienene Romane von Cramer, Vulpius, Ar⸗ nold, Schink und Andere aufmerkſam, die wir nicht nur bedeutend im Preiſe herabgeſetzt haben, ſondern noch uͤberdies mit dem gewoͤhn⸗ lichen Rabbat erlaſſen, wodurch die Anſchaf— fung dieſer immer noch ſehr beliebten und viel geleſenen Romane, ſehr erleichtert wird. Gotha, gedruckt mit Reyherſchen Schriften. N ſ 15 1 7 1 . 12 14 6 1 8 19 * 3 1 i 1 1 3 ¹ — 1 ¹ — —