F Leihbibliothet f deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6 Cduard Otlmann in Gießten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines- Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent 1 gegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchern: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr 5· P Pf. „3 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mü Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ . t 4 Don Manuel, eine ſpaniſche Geſchichte aus dem jetzigen 3 Jahrhundert. Nach dem franzöſiſchen Orginal des Herrn Rojoux frei bearbeitet von C. v. S. Erſter Shei ——.....— Arnſtadt, im Verlag der Hildebrand'ſchen Buchhandlung. 822. Vorwort des deutſchen Bearbeiters. —— Nachſtehender Roman erſchien vor kurzem in Paris und wurde mit großem Beifall aufgenommen; auch iſt deſſen Verfaſſer be⸗ reits durch ähnliche Arbeiten ruͤhmlichſt be⸗ kannt. Ich glaubte daher, denjenigen meiner 4 Landsleute, die mit der Sprache unſeres 2 IV + Nachbarlandes nicht vertraut ſind, einen klei⸗ nen Dienſt, durch die Uebertragung dieſes in der That höchſt anziehenden Werkes in die 4 vaterlaͤndiſche, zu leiſten. Möge daſſelbe„ ſich einer guͤnſtigen Aufnahme erfreuen! den 2. Merz 1922. 5 des Verfaſſe3. c Im Anfang des Fruͤhlings 1812 reiſte mein vertrauter Freund, Herr Alphons von.., in Catalonien umher, wohin ihn wichtige Geſchäfte gerufen hatten. Es war dieſes der Zeitraum, in wel⸗ chem Catalonien, durch Befehle die man nicht befolgte, mit Frankyeich vereinigt, von 4 WMachthabern beherrſcht wurde, deren Ge⸗ walt ſich nur auf eine kleine Anzahl von Staͤdten erſtreckte. * VI Girona war der Mittelpunkt einer die⸗ ſer neugeſchaffenen Verwaltungen und das Hauptaquartier einer Abtheilung des Heeres. Herr v....., der ſich einige Zeit in dieſer Stadt aufhielt, ſuchte und fand oft Gele⸗ genheit zur Ausuͤbung ſeiner Wohlthätigkeit und Menſchenliebe. Er ſchrieb mir nachſtehenden Brief: Sie, mein Freund, neckten mich oft uͤber die wenige Vorſicht, mit welcher ich Jedem, der mir leidend ſchien, zu Huͤlfe eilte, ohne vorher zu prufen, ob der Lei⸗ dende auch meines Beiſtandes wuͤrdig ſey. Sie verlangten, ich ſolle mehr auf meiner Hut ſeyn, nicht ſowohl gegen meine Men⸗ ſchenliebe, doch gegen das Uebermaas einer Empfindſamkeit, die man oft gemißbraucht hatte. Sie hatten Recht. Auch verſuchte ich oft meine Gefuͤhle zu beſiegen, aber, in⸗* dem ich den muthmaßlichen Betruͤger zu ent⸗ ſernen gedachte, zitterte ich vor dem Gedan— VII — ken, vielleicht das tugendhafte Ungluͤck zu verſtoßen. Weit lieber häͤtte ich mich be⸗ truͤgen laſſen.“ „Genöthiget, mich einſtweilen in Girona aufzuhalten, begann ich meine Nachforſchun⸗ gen und meine Beobachtungen in dieſer 3 Stadt. Ich ſah viele Ungluͤckliche. Allen konnte ich nicht Huͤlfe leiſten; aber, indem ich das Vergnuͤgen genoß, einige Leiden zu verſuͤßen, bereitete mir das Schickſal einen Schmerz, den nur die Zeit zu lindern ver⸗ mag.“ S „Mit ein wenig Gold dringt man ſelbſt in das Verborgenſte. Ich beſuchte die Ge⸗ fängniſſe Girona's, welche mit einer Menge von Ungluͤcklichen angefüllt waren, von de⸗ nen die meiſten kein anderes Verbrechen be⸗ * gangen hatten, als ihrem Vaterlande mit einem unzeitigen und übel geleiteten Eifer gedient zu haben: möglichſt ſuchte ich ihr VII Elend zu erleichtern. Eben als ich glaubte, die Aufgabe erfuͤllt zu haben, welche ich mir auferlegt, ſagte mir der Kerkermeiſter auf eine geheimnißvolle Art, es ſey noch ein ge⸗ heimes Gefangniß vorhanden, deſſen Eröff⸗ nung ihm aber ſtreng verboten ſey Ich drang in ihm, mir die Erlaubniß des Ein⸗ tritts in dieſen Kerker zu ertheilen, und ſeine Strenge wich ſeiner Habgier.“„„ Es iſt wahrſcheinlich,““ ſagte er:„„daß der Be⸗ wohner dieſes Gefängniſſes keiner Huͤlfe mehr bedarf. Schon verſchiedenemale ließ er die Speiſen, welche ich ihm brachte, unberuͤhrt ſtehen. Geſtern rief ich ihm zu, aber er ant⸗ wortete nicht.““ „Ich konnte mich eines unwillkuͤhrlichen Ausrufs des Abſcheues nicht enthalten. Der Kerkermeiſter dieſer neuen Hölle verſuchte ſeine Unmenſchlichkeit mit der Verſicherung zu ent⸗ ſchuldigen, der Elende, welcher dieſen Kerker bewohne, ſey kein gewöhnlicher Gefangener, , IX ſondern ein ſeit eilf Monaten zum Tode Ver⸗ urtheilter, deſſen Hinrichtung man nur auf⸗ geſchoben habe, um ihn einem als Kundſchaf⸗ ter eingefangenen Soldaten gegenüber zu ſtel⸗ len. Die kriegeriſchen Oberbefehlshaber hat⸗ ten ſeit dieſer Zeit häufig gewechſelt, die bei den Verwaltungen angeſtellten Perſonen wa⸗ ren oͤfters verändert worden, und auf dieſe Weiſe war der Verurtheilte in gänzliche Ver⸗ geſſenheit gerathen.“ „Die Schluͤſſel zu dem Kerker waren nicht zu finden, und meine Ungeduld ſtieg aufs Höchſte. Endlich brachte man einen Schloſ⸗ ſer, der mit großer Muͤhe die Vorlegſchlöſſer und Riegel öffnete, welche die eiſerne Thuͤr verwahrten. So wie dieſe ſich aufthat, drang mir eine ſolche mephitiſche Luft entgegen, daß ich trotz meiner Standhaftigkeit zuruͤckfuhr. Ich erholte mich jedoch bald wieder, und kroch durch ein niedriges, feuchtes Gewölbe, das ohne Helle und Luft war. Ich glaubte in ein Grab zu ſteigen.“ X „Ein Weſen, das kaum noch einer menſch⸗ lichen Geſtalt aͤhnlich ſah, lag auf einigen halbverfaulten Strohhalmen ausgeſtreckt, und einige Lumpen bedeckten kaum ſeine Blöße. Das ſchwarze Brot, welches man ihm am verfloſſenen Abend dargereicht hatte, lag noch unberuͤhrt neben ihm. Regungslos vor Ent⸗ ſetzen ſtarrte ich die Jammergeſtalt an. Der Uungluͤckliche machte eine leichte Bewegung und ſeine Augen hafteten an den meinigen. Er erniedrigte ſich zu keiner Bitte, zu keiner Flage, zu keinem Seußzer; aber ſein Athem war gluͤhend und unterbrochen. Er ſchien ſeine Leiden verbergen zu wollen. Sichtbar war er dem Tode nah.“ „Von Mitleiden und Abſcheu durchdrun⸗ gen verließ ich dieſe verpeſtete Stätte, und wagte einige Schritte bei den Behörden, um, wo möglich, die Freiheit des Gefangenen zu erlangen. Meine Bemühungen wurden mit dem erwünſchteſten Erfolg gekrönt, und der XI bejammernswuͤrdige Gegenſtand derſelben ſo⸗ fort in ein geſuͤnderes Gemach gebracht. Ich flehte die Menſchlichkeit des Oberbefehlshabers nicht vergeblich an, denn dieſer wurde es fuͤr die höchſte Grauſamkeit gehalten haben, den Ungluͤcklichen blos darum ans Licht bringen zu laſſen, um ihn auf den Richtplatz zu fuh⸗ ren. Er erhielt volle Begnadigung.“ „Mehrere Tage verſtrichen, ehe ſeine Schwaͤche es erlaubte, ihm Kunde von der guͤnſtigen Wendung ſeines Schickſals zu ge⸗ ben. Ich beſuchte ihn öfters. Ich bewun⸗ derte die edlen Verhältniſſe ſeiner Geſichts⸗ zuͤge. Seine ſchwarzen, von langem Leiden tiefliegenden Augen, waren noch voll Feuer. Mit dem Ausdruck der tiefſten Melancholie richtete er ſeine Blicke zum Himmel empor, der, wie es ſchien, ihn bald in ſeinen Schvos aufnehmen wuͤrde, und wo er die wieder zu finden hoffen durfte, die er auf dieſer Erde liebte. Rie ergriff mich eine innigere Ruͤh⸗ KII rung. Meine Seele flog der ſeinigen entge⸗ gen. Eine mir ſelbſt unerklaͤrbare Theilnah⸗ me trat in meinem Herzen an die Stelle des Mitleidens, welches ſein hartes Schickſal mir eingeflößt hatte. Seine von der langen Ge⸗ fangenſchaft, dem Mangel und der Verzweif⸗ lung veraͤnderten Zuͤge ſchienen mir nicht un⸗ bekannt.“ N „Als der Doctor V..., dem ich außge⸗ tragen hatte, ihm ärztliche Huͤlfe zu leiſten, ihm endlich ſeine Freiheit ankuͤndigte, legte er nicht das mindeſte Zeichen von Freude uͤber dieſe unerwartete Rachricht an den Tag.“ Rach langem Schweigen ſagte er jedoch, „„man hätte mich in meinem Kerker ſterben laſſen ſollen.““ „Einen Augenblick ſchien das Leben bei ihm wiederkehren zu wolien. Der Arzt ſchöpfte einige Hoffnung, und eilte, ſie mir mitzuthei⸗ len. Ich widmete hierauf dem Kranken noch KIII größere Sorgfalt, und unterhielt ihn von der Hoffnung, welche ich hegte, ihn nach Man⸗ reſa, ſeinem vermuthlichen Geburtsorte, wie es aus dem Verhör zu erhellen ſchien, zuruͤck ſenden zu können. Er antwortete mir nicht, betrachtete mich aber mit unabläſſiger Auf⸗ merkſamkeit, und als ſuche er ſein geſchwaͤchtes Gedaͤchtniß zu ſtaͤrken. Mit einer wohlwol⸗ lenden Bewegung naͤherte er ſich mir, unter⸗ druͤckte dieſe aber alsbald. Ein ſchwaches Lächeln gab ſeiner Phyſiognomie einen unbe⸗ ſchreiblichen Ausdruck von Guͤte, verwandelte ſich aber ſogleich in die Falten des Miß⸗ trauens und des Schmerzes. Er ſeufzte tief und verſank aufs Nene in ſeine ſtumme Me⸗ lancholie.“ „Die geringe Beſſerung, welche man an ihm bemerkt hatte, war blos die letzte An⸗ ſtrengung ſeiner Natur, die gegen einen, durch Entbehrungen aller Art, auch noch mehr durch die weit empfindlicheren Leiden der Seele, ge⸗ . ſchwächten Koͤrper kämpfte. Wenn großer Kummer ſtarken Gemuͤthern zwar vermehrte Kraft verleiht, ſo reibt dennoch ſeine Dauer ſie deſto geſchwinder auf, und der Wenſch verzehrt ſich ſo ſchnell, als eine Kerze, die man auf gluͤhende Kohlen legt.“ „Eines Tages nannte man meinen Na⸗ men in Gegenwart des Kranken, ohne daß es ſchien, als errege dieſer ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit. Als ich ihn aber beſuchte, winkte er nen Wink.“„„Alphons,““ ſprach er auf franzöſiſch:„„Deine Freundſchaft rettete mir ſind gezählt. Bald werde ich mich wieder mit dem Engel vereinigen, der mir voran— gieng und der mich jetzt von hier abruft.““ „Plötzlich fiel die Decke von meinen Augen. In dieſem bleichen Antlitz, auf dem bereits das Bild des Todes ſchwebte, er⸗ * mir, mich ihm zu naͤhern. Ich befolgte ſei⸗ nun das Leben zum drittenmal. Meine Tage — . XV kannte ich die ehemals ſchönen und reinen Zuge meines Freundes Don Manuel d'Alta⸗ monte. Der kurze Zeitraum von zehn Jah⸗ ren hatte ihn, ſelbſt in den Augen des Freundes, unkenntlich gemacht! So fand ich alſo das Weſen wieder, das ich bisher fuͤr das höchſte Ideal der männlichen Schön⸗ heit, der Herzensguͤte, der Tugend und des ſtandhaften Muthes gehalten hatte! Ich fand es zum ſchrecklichſten Tode verurtheilt, vergeſſen in der Tiefe eines Kerkers, ſterbend in Elend und Kummer! Aber meine Be⸗ muͤhungen, meine Sorgfalt, hatten meinen Freund gerettet; noch konnte er wieder zum Gluͤck und zum Genuß der Freundſchaft ge⸗ langen. Eine guͤtige Vorſehung hatte meine Schritte geleitet, und noch vermag ich mir keine Rechenſchaft von der geheimnißvollen Ahnung zu geben, die mich in einem ſter⸗ benden, ſelbſt von der gemeinſten Menſchen⸗ liebe verlaſſenen Gefangenen den Freund er⸗ rathen ließ. Die Empfindungen zu ſchildern, XVI welche ſich meines Herzens bemächtigten, gränzt an Unmöglichkeit.“„„Don Ma⸗ nuel!““ rief ich aus.„„Ich bin nicht mehr Don Manuel,““ ſagte er mit gebrochener Stimme,„„man nennt mich Juan de Jaffra. Unter dieſem Namen haben ſie mich verur⸗ vertheilt. Ach! theuerſter Alphons, welchen langſamen Tod läßt man mich erdulden! Aber ich verdiente ihn.— Mein einziger Troſt iſt, daß Du es biſt, der meine Angen zudruͤcken wird.““ „Noch hegte ich einige Hoffnung. Man brachte den Kranken öfters in einen kleinen, mir zuſtändigen Garten, in welchem ſich auch andere meiner Bekannten einfanden. Don⸗ Manuel miſchte ſich zuweilen in unſere Unter⸗ haltung, und entwickelte, trotz ſeiner Schwä⸗ che, den Reichthum ſeines Geiſtes, und man hörte auf ihn mit der Theilnahme, welche er⸗ habene Geſinnungen einflößen. Eines Abends ſprach man von den Grauſamkeiten des Gue⸗ XVII rillaskrieges. Don Manuel vertheidigte ſein Vaterland mit Wärme. Man fuͤhrte Bei⸗ ſpiele von unverzeihlicher Grauſamkeit an; er ſchob dieſe mit vielem Scharfſinn auf das Betragen der Franzoſen. Herr von M, der eben eintrat, erzaͤhlte, daß einige Catalo⸗ nier, die Beſitzer einer abgelegenen Muhle, oft franzöſiſche Krieger in ihre Wohnung ge⸗ lockt, und dann ermordet haͤtten. Eine Heer⸗ abtheilung habe ſich der Muͤhle bemächtiget, und die Mörder ergriffen, die aus einer Fa⸗ milie von zwölf Perſonen, worunter ſich ver⸗ ſchiedene Frauen befanden, beſtand. Sie wurden ſämmtlich zum Tode verurtheilt. Da man aber keinen Henker hatte, ſo bot man demjenigen unter ihnen Gnade an, der ſich dazu verſtehen wuͤrde, das Henkeramt an ſeinen Mitſchuldigen zu vollziehen. Falt⸗ bluͤtig uͤbernahm der älteſte Sohn das gräß⸗ liche Amt. Er fuͤhrte ſeinen Vater, ſeine Mutter, ſeine Bruͤder, ſeine Schweſtern, ſeine Dienſtboten zum Galgen und knuͤpfte XVIII ſie auf; aber, indem er dieß ſchreckliche Opfer vollzog, ſagte er leiſe zu ihnen: „„Bete fuͤr mich, ich werde Dich rächen!““ Am andern Morgen erhielt er ſeine Freiheit. Seine Rache war ſo empörend wie ſeine That. Er vereinigte ſich mit einigen ent⸗ ſchloſſenen Männern, und befeſtigte mit ihrer Huͤlfe, ein an dem Ausgang verſchiedener Hohlwege gelegenes Haus. Hier tödteten ſie uͤber vierhundert Franzoſen, die ſich entwe⸗ der verirrt hatten, oder durch Liſt in dieſe Mördergrube waren gelockt worden. Nur nach einem blutigen Gefechte gelang es, ihrer habhaft zu werden“*). „Don Manuel hoͤrte nicht mehr das Ende dieſer gräßlichen Erzählung. Die Vor⸗ ſtellung von dem Sohne, der ſeine verruch⸗ ten Häͤnde an die eigenen Aeltern und Ge⸗ * Leider hiſtoriſch! A. d. Ueb. XIx ſchwiſter gelegt, ſchien ihn vernichtet zu ha⸗ ben. Ich trug ihn auf mein eigenes Bette. Er druͤckte meine Hand und ich glaubte ihn ſchlafend.—— Aber ſeine ſchone, liebe⸗ volle, tugendhafte, ſo häufig gepruͤfte Seele bewohnte ſchon die Heimath des Friedens, in welcher ſeine Lieben ihn erwarteten.“ „Kurze Zeit nach Don Manuels Tode verlangte ein gewiſſer Salvador Terillo mich zu ſprechen; ein Greis, der den Don Ma⸗ nuel zur Welt hatte kommen ſehen. Auf Befehl ſeines Herrn uͤberbrachte er mir deſſen hinterlaſſene Papiere, die ſich noch in Man⸗ reſa befunden hatten. Der Greis vergoß bit⸗ tere Zaͤhren.“ „Ich ſende Ihnen hiermit die Papiere, welche Don Manuel befohlen hatte mir zuzu⸗ ſtellen, nebſt denen, welche er mir ſelbſt uͤbergab. Sie enthalten Briefe und Nach⸗ richten, die Sie von dem belehren werden, kannten, werden ihn beklagen und— lieben. was ich nicht von ihm ſelbſt erfahren konnte. Ich durchlas ſie wohl hundertmal. Ich glaubte, mich noch immer mit dem Ungluͤck⸗ lichen zu unterhalten. Ich weiß, daß man ihn verläumdete. Ich bin es ſeinem Anden⸗ ken ſchuldig, ihn gegen dieſe Verläumdungen in Schutz zu nehmen; die fuͤr ihn gehegte Freundſchaft verpflichtet mich, ſeinen wahren Charakter bekannt zu machen. Wollen Sie ſeine traurigen Ereigniſſe der Welt vorlegen, ſo werden ſeine Bekannten fuͤhlen, daß wir eine Pflicht erfuͤllten, und Jene, die ihn nicht Don Manuel. Erſten hel. Don Manuel. Erſter Theil. —————— ——— Act Tage ſind verfloſſen, ſeitdem die Ufer mei⸗ nes Vaterlandes vor meinen Blicken verſchwan⸗ den. Meine Augen hafteten lange an den blauen Gipfeln der Gebirge, vom Schauen ermuͤdet, ſchloß ich ſie endlich auf einige Momente. Als ich ſie wieder oͤffnete, erblickte ich nichts als den Himmel und das unermeßliche Weltmeer. Nur noch ſchwach lebt dieſes Bild in mei⸗ ner Erinnerung fort; kaum vermag ich, mir es deutlich zuruͤckzurufen. Und wirkt nicht die Abweſenheit eben ſo auf die Gefuͤhle, die man am feſteſten gegruͤn⸗ det glaubt? Was bleibt von Don Manuel auf der Erde, die er bald verlaſſen wird, zuruͤck?— 1 X 6— 4— Das Andenken?— Aber auch dieſes verſchwin⸗ det endlich, wenn es keine Nahrung findet. Selbſt die Freundſchaft verweigerte mir ihre ſuͤ⸗ ßen Genuͤſſe, und das Ungluͤck ſonderte mich, ſeit meiner Kindheit, von dem großten Theile der Menſchheit ab.— Die Theilnahme?— Aber der Vormund, welcher ſo ſorgfältig uͤber meine Erziehung wachte, erklaͤrte er nicht, daß ich eine, nur von ſeiner Guͤte abhaͤngige, Waiſe ſey? Ich liebte ihn ſo zaͤrtlich, mit ſo warmer Dankbaͤrkeit! Er ſtieß mich mit Strenge von ſich!„Gehe“, rief er,„durchſchiffe die Meere, gedenke Spaniens nicht laͤnger, ver— geſſe auf ewig, daß ich dein Vormund war!“ — Die Liebe?— Nein in deinem Herzen, theuerſte Almaide, wird das Bild deines Freun⸗ des nie erloͤſchen! Ich vermag Spanien, dem Gluͤck, einem ehrenvollen Namen zu entſagen, aber nie meiner Almaide! Ein friſcher Wind trieb das Schiff, wel⸗ ches mich neuen Ufern zufuͤhrte, mit der groͤß— ten Schnelle vorwaͤrts. Zu meiner Unterhal⸗ tung ſuchte ich, mir einige nautiſche Kenntniſſe zu erwerben. Ein junger, franzoͤſiſcher Officier erklärte mir in einfachen, beſtimmten und deut⸗ lichen Ausdruͤcken, die wichtigſten Regeln, wie man die Segel handhabe und nach der Richtung und Staͤrke des Windes ſtelle. Ich bewunderte, wie richtig und klar ein denkender Geiſt im Stande ſey, in wenigen Minuten zu verdeutli⸗ chen, was mir eines langen Unterrichts zu be⸗ duͤrfen ſchien. Dieſer junge Franzoſe bot mir ſeine Dienſte mit vieler Guͤte an, und ohne daß er beſonderen Werth darauf zu legen ſchien. Ich hatte alle Unannehmlichkeiten erwartet, die eine lange Seereiſe gewoͤhnlich mit ſich fuͤhrt: Alphons erſparte ſie mir Alle. Er er— rieth ein Herz, das fähig war, die trefflichen Eigenſchaften des ſeinigen zu erkennen. Las er die Gedanken, welche mich verfolgen und mar⸗ tern, in meiner Seele? Theilte er meinen Un⸗ willen gegen die Zudringlichen, deren unbedeu⸗ tende Unterhaltung mich, auf eine ſo grauſame Weiſe, den Erinnerungen entzog, welche mei— ne Hoffnung fortwaͤhrend naͤhrten? Errieth er dieſes Beduͤrfniß der Einſamkeit, in welcher ich an dich, meine Almaide, denken kann? an dich, die einzig und allein meine Gedanken er⸗ fuͤllt; an dich, um derentwillen das Leben noch einigen Werth fuͤr mich hat. Ich vermag es nicht zu errathen, welcher Lichtſtrahl Alphon⸗ ſens Seele erhellte; aber er fuͤhrte mich, mit Huͤtfe eines Tau, in eine kleine, am Hinter⸗ theile des Schiffes angebrachte Gallerie, die blos zur Aufbewahrung einiger zerbrochenen In⸗ ſtrumente und anderem Plunder diente. Er nahm ſeinen Dienſt zum Vorwand, um mich al⸗ lein zu laſſen, und wie ich in der Folge erfuhr, befahl er dem Steuermann, Sorge zu tragen, daß ich mie geſtört wuͤrde. Theurer Alphons! deine beſcheidene Gefällgkeit⸗ deine Aufmerk⸗ ſamkeit, verdienten einen Freund, der freier uͤber ſich ſchalten konnte. Widmer er dir nur dasjenige, was Almaiden nicht gehoͤrt, ſo wirſt du dich oft uͤber ſeine Undankbarkeit zu bekla⸗ gen haben. Ich konnte mich nicht von dem einſamen Zufluchtsort losreißen, den ich Alphonſens Freundſchaft verdankte. Der Ocean entrollte ſich in ſeiner ganzen Unermeßlichkeit vor mei⸗ nen Blicken. Dann und wann bedeckte mich eine ſich hochaufthuͤrmende Welle mit ihrem Schaum. Ich entzog mich gaͤnzlich aller Ge⸗ meinſchaft mit meinen Schiffsgefaͤhrten. Kei⸗ ne menſchliche Stimme ließ ſich hoͤren,— kein Ton, der an das Leben auf dem Lande erinnert. Nur das einfoͤrmige Seufzen der durch das Steuerruder gebrochenen Welle, klang in meine Ohren. Eine ſchwache Schranke trennte mich von der Vernichtung.— O, meine Almai⸗ de! nur deine letzten Schwuͤre ketteten mich an das Leben, und mein Muth errang neue Staͤrke, als ich der Tage des Friedens und der Liebe gedachte, die ich mit dir verlebte. Gluͤckſelige Kindheit! Nur allzuſchnell verſchwundene Jugendjahre! Ich will ſie ſaͤmmt⸗ lich in meine Erinnerung zuruͤckrufen,— ich will mich noch einmal in dem Gluͤcke berauſchen, von Almaiden zu reden. Ich hatte meine Studien auf der Univerſi⸗ tat Cervera begonnen, und erhielt bei einer oͤffentlichen Pruͤfung den erſten Preis. Ich hielt den Kranz, nach dem ich mit Eifer ge⸗ ſtrebt hatte, in meinen Haͤnden. Eine zahlrei⸗ che Verſammlung uͤberhaͤufte mich mit Gluͤck⸗ wuͤnſchen, und meine Nebenbuhler, noch zu jung und unbekannt mit den menſchlichen Lei denſchaften, um eiferſuͤchtig uͤber meinen errun⸗ genen Sieg zu ſeyn, gaben mir wiederholte Beweiſe ihres Wohlwollens. Aber mitten un⸗ ter dieſem reinen und vollkommenen Triumph hegte ich nur einen Gedanken; eine Idee, die mich mit Ungeduld erfuͤllte und die mir Zerſtreuun⸗ gen verurſachte, welche man meiner Beſcheiden⸗ heit zuſchrieb. Ich hatte meiner Schweſter Al⸗ maide einen Kranz verſprochen, und nur dem Beſtreben, ihr zu gefallen, verdankte ich meinen Sieg. Sie allein belebte meinen Eifer, und ich ſuchte bloß deßhalb den Preis zu erringen, um ihn in ihre Haͤnde geben zu koͤnnen. Schon malte ich mir in Gedanken die Freude aus, wel⸗ che ihr reizendes Geſichtchen beleben wuͤrde, wenn die gluckliche Hand ihres Bruders den errungenen Siegerkranz, den ſie ihm geweiſſagt hatte, auf ihr Haupt ſetzte. Ich ſuchte den Ehrenbezeugungen eines Gaſtmahls zu entge⸗ hen, mit dem man mich bedrohte, und ſchickte mich an, zu ihr zu eilen, als Salvador Te⸗ rillo erſchien, um mir anzukuͤndigen, mein Vor⸗ mund erwarte mich im Gaſthof zum goldnen Brunnen. WMein Vormund! Dieſer Ausdruck, deſſen Terillo ſich bediente, ſchien mir ſo ſeltſam, als ungewoͤhnlich. Hatte ich nicht einen Vater, der mich mit Zärtlichkeit uͤberhaͤufte, und den — S— ich mit ganzem Herzen liebte? Wahr iſt es, daß er nicht in Cervera wohnte, und daß mir der Ort ſeines eigentlichen Aufenthalts unbe⸗ kannt war: aber er beſuchte uns regelmaͤßig alle Vierteljahre. Almaide und ich ſchienen ſtets die Gegenſtaͤnde ſeiner lebhafteſten Sorgfalt zu ſeyn. Nie entzog er ſich unſern Liebkoſungen. Terillo und ſeine Gattin, die gute Gertrude, denen man uns ſeit verſchiedenen Jahren anver⸗ traut hatte, erhielten oͤfters Briefe von ihm, und ſendeten ihm die von uns gemeinſchaftlich geſchriebenen zu. Er ſelbſt hatte Alles angeord⸗ net, was unſere Beduͤrfniſſe und unſeren Unter⸗ richt betraf. Er hatte befohlen, daß nichts ge⸗ ſpart werden ſollte, was zur Erwerbung nuͤtzli⸗ cher Kenntniſſe und das Leben verſchoͤnernden Fertigkeiten dienen konnte. Man verbarg uns nicht, daß wir dereinſt die Erben eines großen Vermoͤgens werden wuͤrden. Wer war denn dieſer mir angekuͤndigte Vormund, und warum erſchien mein Vater nicht ſelbſt, um dem Tri⸗ umph ſeines Sohnes ſeinen Beifall zu zollen? Dieſen ſich in meinem Kopfe kreuzenden Gedan⸗ ken reihte die Frage ſich an:„hat Almaide auch einen Vormund?“ — WMit der Unbeſonnenheit meines Alters pei⸗ nigte ich den guten Salvador mit hundert Fra⸗ gen, auf welche er mir nur die einzige Ant⸗ wort gab: mein Vormund wuͤrde mir ſchon die mir auffallenden Sonderbarkeiten erklaͤren. Gern haͤtte ich dasjenige, was ich zu fuͤrchten oder zu hoffen hatte, in den Augen dieſes trefflichen Dieners geleſen; aber ich konnte keine Veraͤn⸗ derung in ſeinem ſtets heiteren und wohlwollen⸗ den Geſichte bemerken, und ich wähnte daher, man wolle den jungen Triumphator mit ir⸗ gend einer ſchmeichelhaften Ehrenbezeugung uͤberraſchen. Ich kam in den goldnen Brunnen. Man fuͤhrte mich in einen Saal, wo ich einige Zeit, die mir eine Ewigkeit duͤnkte, mir ſelbſt uͤber⸗ laſſen blieb. Ich traͤumte nur von meiner theu⸗ ern, mich erwartenden Almaide. Die Blumen des Kranzes, welchen ich fuͤr ſie beſtimmt hatte, verloren ihre Friſche. Mein Herz ſchlug heftig. Der unbekannte Vormund erſchien noch immer nicht. Konnte ich mich nicht auf einen Augen⸗ blick entfernen, um meine Schweſter zu ſehen? Der Vormund, dachte ich, wuͤrde ja wohl, in Ruͤckſicht des mich beſeelenden Gefuͤhles, eine eleine Verzogerung verzeihen. Ergriſſen von die⸗ ſer Idee, und von meiner Sehnſucht fortgeriſ⸗ ſen, rannte ich aus dem unertraͤglichen Gaſt⸗ hof, erreichte bald Salvadors Wohnung und eilte in Almaidens Zimmer. Salvador Terillo bewachte den Eingang. Er verbarg mir nicht ſein Mißvergnuͤgen, mich hier zu ſehen, und erſuchte mich, ſogleich in den Gaſthof zuruͤckzukehren. Sein ganzes We⸗ ſen war veraͤndert, er war ungewoͤhnlich ernſt und ſein Antlitz mit Kummer bedeckt. Ich war nicht gewohnt, ihn mit Strenge reden zu hoͤren, und ſein veraͤnderter Ton fiel mir ſelt⸗ ſam auf. Ich wollte zwar auf meinem Willen beſtehen, aber Terillo wiederholte ſeine Befehle mit ſo vielem Nachdruck, daß ich murrend, uͤber das mir ganz unbegreifliche Verbot, meine geliebte Schweſter zu ſchen⸗ in den Gaſthof zuruckkehrte. Endlich öffnete ſich die chur des Saals, in welchem ich voller Aerger und Ungeduld harrte, und— mein Vater ſtand vor mir. Ihn er⸗ blicken, einen Freudenſchrei ausſtoßen, in ſeine Arme fliegen, ihn mit meinen Kuͤſſen bedecken, mich uͤber Terillos Verheimlichung beklagen, la⸗ — chen uͤber die Idee, die mich ſo ſehr entſetzt hatte, einen Vormund zu finden, der ſich nun in einen guͤtigen Vater verwandelt, mir uͤber dieſen guͤnſtigen Wechſel Gluͤck wuͤnſchen, alles dieſes war das Werk eines Augenblicks; meine Fragen und die Ausbruͤche meiner Zaͤrtlichkeit verwirrten ſich in einander. Mein Vater war geruͤhrt, ſeine Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen, er ſetzte ſich nieder und hielt meine Hand in der ſeinigen,— aber er antwortete mir nicht und ſchien ſich in ernſte Gedanken zu verlieren. Meine Freude verwandelte ſich in Erſtau⸗ nen. Wir ſchwiegen Beide. Endlich brach ich dieſes peinliche Schweigen und ſprach von der Preisvertheilung und der mir erzeigten Ehre. „Alſo, Don Manuel,“ antwortete mir der ehrwuͤrdige Mann,„zeigſt du dich meiner Fuͤr⸗ ſorge wuͤrdig? Der Himmel ſey dafuͤr geprie⸗ ſen! Dieſes iſt das einzige Gluͤck, welches ich noch auf Erden genießen kann. Dieſe Erde, mein junger Freund, iſt nichts als ein Jam⸗ merthal, in welchem Kummer und Schmerz die Reichen wie die Armen, in gleichem Maaſe verfolgen. Characterſchwaͤche zieht ſie nach ſich und verleiht ihnen Nahrungsſtoff; nur Stand⸗ haftigkeit kann ſie beſiegen. Aber ach! Wer vermag den taͤglichen Verfuͤhrungen, den Fode⸗ rungen der Convenienzen, der in Pflicht ſich verhuͤllenden Selbſtſucht, gehoͤrigen Widerſtand zu leiſten? Dieſe ſind die Quellen von Feh⸗ lern, die wir nie wieder gut machen koͤnnen.“ Hatte der ernſte Ton dieſes Geſpraͤches mich ſchon uͤberraſcht, ſo wurde ich es noch weit mehr durch den Ausdruck, mein jun⸗ ger Freund, deſſen ſich mein Vater zum er⸗ ſtenmal gegen mich bediente. Ich war auf dem Wege, ihm zaͤrtliche Vorwuͤrfe hieruͤber zu machen, als er in ſeiner Rede alſo fort— fuhr: „Mit der lebhafteſten Theilnahme ſehe ich, daß du gute Fortſchritte in den Wiſſen⸗ ſchaften machteſt. Nur durch dieſe vermag der Mann ſich ehrenvoll auszuzeichnen, und nur ſie fuͤhren zum wahren Gluͤck. Du erreichſt bald dein ſechszehntes Jahr. Meine Zaͤrtlich⸗ keit fuͤr dich waͤhlte den Tag, an welchem deine Anſtrengungen belohnt wurden, um dich zu neuem Eifer zu ermuntern, und zu deiner Ver— nunft zu reden, die ich fuͤr fruͤhreif halten moͤchte. Alle Lehrer, die du verlangſt, ſollen dir von nun an gehalten werden. Ich rathe dir aber, dich beſonders auf die zum Erwerb nothwendigen Wiſſenſchaften zu legen⸗ vorzuglich auf die Kenntniſſe der Handelszweige, und uͤber⸗ haupt auf die Erlangung aller Talente, die dereinſt die Exiſtenz eines ehrlichen Mannes ſichern koͤnnen. Du wirſt ihrer beduͤrfen. Ich bin gezwungen, dir ein Geheimniß zu enthul⸗ len, welches ſchwer auf meinem Herzen laſtet. Gern hatte ich dir dieſen bittern Kelch erſpart. Ich tiebe dich mit der ganzen Zaͤrtlichkeit eines Vaters; aber— ich muß es endlich geſtehen, — du, lieber Manuel,— biſt nicht mein Sohn,— ich bin 4 dein Vormund.“ Die Stimme meines Vaters, oder richti⸗ ger geſagt, meines Vormundes, zittterte ſo ſehr, daß er kaum die letzten Worte hervorzubringen vermochte. Ich war nicht weniger bewegt. Meine Bruſt hob ſich, mein Blut drang in Kopf und Herz,— tauſend Gedanken beſtuͤrm⸗ ten meine Seele. Von dem mir ſo ſchrecklich aufgegangenen Lichte geblendet und betaͤubt, ver⸗ mochte ich nicht zu fragen, ob ich noch Eltern —————————— habe, oder ob ich nichts als eine verlaſſene Waiſe ſey.— Ich war wie vernichtet. Mein Vormund verſuchte mich zu beruhi⸗ gen, nahm mich in ſeine Arme und benetzte mein Geſicht mit ſeinen Zaͤhren.„Lieber Sohn,“ rief er,„warum war ich verurtheilt, dir dieſes traurige Geheimniß entdecken zu muͤſ⸗ ſen?“—„Ja“, rief ich aus,„nennen Sie mich ſtets Ihren Sohn! Nur ſie beſchuͤtzten meine Kindheit; nur Sie will ich ſtets lieben; nur Sie allein verehren! Sie ſind mein wah⸗ rer Vater! den, der mich von ſeinem Herzen ſtieß, verabſcheue,— verfluche ich!“ Dieſe, von einem verzweiflungsvollen Kin⸗ de ausgeſtoßene, unuͤberlegte Worte, bewirk⸗ ten eine ſeltſame Veraͤnderung in den Geſichtszuͤ⸗ gen meines Vormundes. Er erroͤthete und er⸗ blaßte wechſelsweiſe. Er durchlief das Zimmer mit ſtarken Schritten und ſtieß Reden aus, de⸗ ren Sinn ich nicht begriff. So viel glaubte ich zu verſtehen, daß er einen Sohn verabſcheue, der faͤhig ſey, ſeinem Vater zu fluchen. Nach einem langen, nur durch mein Schluchzen unterbrochenen Schweigen ſetzte ſich der Mann, welcher den ſuͤßen Vaternamen ge⸗ gen den eines Vormundes vertauſchte, auf's neue neben mich, und ſprach, mit einem un⸗ beſchreiblichen Ausdruck von Liebe und Traurig⸗ keit, und mit einem Stocken in ſeiner Rede, das ich der Furcht, meinen Schmerz zu vergroͤ⸗ ßern, zuſchrieb, folgendes zu mir:„Theurer Manuel, mein ſtets geliebter Sohn! Ja, ich werde dir ewig deine Anſpruͤche auf mein Va⸗ terherz, die du mit ſo vielem Eifer foderſt, aufbewahren, und ich hoffe, daß du dich deſ⸗ ſen wuͤrdig machen wirſt. Dadurch, daß ich dir dein Schickſal enthuͤllte, daß ich gezwungen war, dir deine Geburt bekannt zu machen, wollte ich dich keinesweges von meinem Herzen verſtoßen. Nein, du ſollſt die alte Stelle in demſelben behalten, und ſollſt ſtets einer der vorzuͤglichſten Gegenſtaͤnde meiner Liebe und meiner vaͤterlichen Fuͤrſorge bleiben. Aber, mein Kind, da ich dich betruͤbt habe, ſo bin ich dir auch heilſame Rathſchlaͤge ſchuldig. Du trittſt mit einer lebhaften Einbildungskraft, die man verblenden wird, in das Leben ein. Du beſitzeſt einen nur allzufeurigen Character, der dir Ge⸗ fahr droht. Dein Herz iſt einfach und bieder, aber leidenſchaftlich. Man wird deine Aufrich⸗ tigkeit, deine Reinheit, zu deinem Verderben mißbrauchen. Deine Tugenden allein werden nicht im Stande ſeyn, dich vor Schaden zu be⸗ wahren. Nur zu ſpaͤt erfaͤhrt man, daß ſie nur wenig Nutzen bringen, wenn nicht Staͤrke der Seele mit ihnen verbunden iſt. Nur mit dieſer ſeltenen, aber großen Eigenſchaft iſt man im Stande, die ſchwerſten Pflichten zu erfuͤllen; durch ſie widerſteht man den ſchrecklichſten Un⸗ glaͤcksfaͤllen, wie auch den Wandelbarkeiten des Lebens, die ſo oft erzwungen, ſtrafbare Folgen nach ſich ziehen. Kurz, man entſcheidet ſelbſt uͤber ſein Schickſal. Es gehoͤrt viele Energie, große Standhaftigkeit, ein inniges Gefuͤhl eigener Wuͤrde, und eine ausdauernde Geduld dazu, um jene Herrſchaft uͤber ſeinen eignen Willen zu erlan⸗ gen, die ſich das Schickſal ſelbſt und die gemeinen Seelen zu unterwerfen verſteht. Du biſt dazu geeig⸗ net, dieſes Ziel zu erreichen, und von dieſem Tage an, mußt du darauf bedacht ſeyn, Herr uͤber dich ſelbſt und dein Schickſal zu werden. Du haſt keine Mutter mehr. Dein Vater kann dich nicht zu ſich rufen: Ein unerklaͤrbares Ver— haͤngniß zwingt ihn, ſelbſt ſeinen Namen vor dir zu verbergen. Tadle ihn nicht, mein Sohn, Don Manuel. Erſter Theil. 2 — — fluche ihm nicht. Er liebt dich und du biſt ihm ſtets gegenwaͤrtig. Wie gern wuͤrde er dein Gluͤck auf ewig gruͤnden, aber leider! muß er gebieteriſchen Umſtänden nachgeben. Erhebe dich durch deinen Fleiß, deine Tugenden, und durch deine Standhaftigkeit uͤber dein Schickſal. Be— klage deinen ungluͤcklichen Vater, benutze die Rathſchlaͤge, die er dir durch meinen Mund ge⸗ ben laͤßt, beſſer als er es ſelbſt that. Moͤgeſt du nicht die Schwaͤchen erben, die alle Stunden ſeines Lebens vergiften!“ In den letzten Worten meines Vormunde war ein gewiſſer Zwang ſichtbar. Ich erinnere mich deſſen erſt jetzt, und ich fuͤhle, daß ſeine Guͤte mir damals die Strenge meines Schickſals zu verſuͤßen ſuchte; ich war aber zu jener Zeit noch zu jung, um gehoͤrigen Nutzen davon zu zie⸗ hen. Damals fuͤhlte ich nur die Gewißheit, daß er fortfahren werde, mich zu beſchuͤtzen und zu lieben,— und dies war ja der einzige Wunſch meines Herzens. Nach wiederholten Verſicherungen, daß das Geheimniß meiner Ge— burt nie entdeckt werden ſolle, daß man jede Maasregel getroffen habe, mir meinen Rang in der Welt, unter ſeinem Namen, unter dem Na— men Don Manuel d'Altamonte, zu ſichern; nach allen dieſen Zuſicherungen koſtete es ihm keine Muͤhe, mich zu uͤberreden, daß dasjenige, was er meiner fruͤhreifen Beurtheilungskraft und meiner Klugheit anvertraut habe, nichts in mei⸗ ner Lage aͤndern wuͤrde. Er ertheilte meinem Fleiß neue Lobſpruͤche und ermahnte mich liebe⸗ voll, mich ferner anzuſtrengen. Seine Wohl⸗ thaten, die ich in ihrem ganzen Umfang zu er⸗ kennen glaubte, ſeine Nachſicht, ſeine Liebkoſun⸗ gen, berauſchten mich. Ich gelobte mir ſelbſt, das Andenken an einen andern Vater zu verban⸗ nen, und nur Don Narcis d'Altamonte ſollte meine ganze kindliche Liebe beſitzen. Er beſaß ſie ja ſchon. Den Schmerz, den er mir ver⸗ urſacht hatte, vergaß ich ſchnell.— Noch war ich gluͤcklich. Bei den Entdeckungen, welche Don Nar⸗ cis mir machte, war ich nicht ſo ganz und gar mit mir beſchaͤftigt, daß ich meiner geliebten Schweſter haͤtte vergeſſen ſollen. Wohl zwanzig⸗ mal ſchwebte ihr Name auf meinen Lippen, und wohl zwanzigmal ſcheute ich mich, ihn auszuſpre⸗ chen. In meinen Gedanken trennte ich mein Schickſal nicht von dem meiner theuern Almaide. 2* — Sch ſah ſie, gleich mir, zuruͤckgeſtoßen von die⸗ — ſem unbekannten Vater, der ſich unſerer Liebe entzog. Wie ein Blitzſtrahl fuhr es mir in den Sinn, ich wuͤrde von nun an ihr einziger Be⸗ ſchuͤtzer ſeyn. Dieſe Idee erfuͤllte mich mit kin⸗ diſcher Freude, und raubte mir alle Beſinnung ſo ſehr, daß ich ploͤtzlich aufſprang, meinen Kranz ergriff, und der Thuͤre zulief. Aber eben als ich uͤber die Schwelle ſchreiten wollte, hemmte die Stimme meines Vormundes meine eilfertigen Schritte. Verwundert, aber mit Sanftmuth, fragte er mich, welche neue Em⸗ pfindung mich draͤnge, von ihm mit ſolcher Eile und mit ſo weniger Achtung zu ſcheiden. Errothend kehrte ich mit langſamen Schrit⸗ ten zuruͤck. Ich war auf's neue uͤbelgeſtimmt. „Ich war auf dem Wege,“ ſprach ich,„Al⸗ maiden zu ſagen, daß wir nicht laͤnger einen Vater haben; ich wollte ihr meinen Kranz zum Unterpfand ewiger Freundſchaft anbieten; ich wollte ihr ſchwoͤren, daß wenn auch die Welt in ihren Grundfeſten erbebe, daß wenn ich auch dem haͤrteſten Schickſal Trotz bieten muͤßte, dennoch nichts mich zwingen ſolle, meiner Schwe⸗ ſter zu entſagen,— wie man uns entſagte.“ v. ———— Ich druͤckte mich mit einer Waͤrme aus, die Anfangs meinen Vormund zu uͤberraſchen ſchien; aber bald erwiederte er mir mit eini— er Strenge:„Dies ſind knabenhafte Ueber⸗ Und wer ſagte dir, daß Almaide von ihrem Vater verſtoßen ſey?——“ Ich unterbrach ihn.„Wie,“ ſagte ich,„ſollte dieſer Vater ein weniger grauſames Herz fuͤr meine Schweſter haben als fuͤr ſeinen Sohn? Der Himmel ſey dafuͤr geprieſen!. Ich verzeihe ihm ſeine ganze Ungerechtigkeit! Moͤge Almaide gluͤcklich ſeyn! Dies iſt der einzige Wunſch ih⸗ res Bruders!“ „Almaide“ fuhr Don Nareis fort,„er⸗ fuhr ſo eben das, was ſie angeht, von mir ſelbſt. Sie iſt in der That meine Tochter, und nicht deine Schweſter. Als ich ihre Mutter verlor, vertraute ich ſie der Sorgfalt der guten und klugen Gertrude an, wie dich der des ehrli⸗ chen Salvadors. Ob ich zwar nur dein Vor⸗ mund bin, ſo hab't ihr doch gleiche Anſpruͤche auf meine Zaͤrtlichkeit, und ich ſehe euch Beide fuͤr meine Kinder an. Du aber, mein lieber Sohn, vergeſſe nie, daß du Mann biſt; ſuche dir mithin auch die Eigenſchaften und Vorzuͤge eines Mannes zu erwerben. Suche dich unab⸗ haͤngig von deinem Schickſale zu machen, und dieſes moͤge ausfallen wie es wolle, ſo ſollen dennoch meine Arme ſtets eben ſo bereit ſeyn, dich aufzunehmen, als Almaiden.“ Hierauf befahl mir Don Narecis, zu Salvador zuruͤckzu⸗ kehren, wohin er mir bald nachfolgen wolle. Ich kam bald in Salvadors Wohnung zu⸗ ruͤck, wo er mir den Eintritt in Almaidens Zimmer nicht laͤnger verweigerte. Gewoͤhnt an die unſchuldigen Freiheiten der Kindheit und der Geſchwiſterliebe, umarmte ich ſie mit mehr Feuer als jemals, und ſetzte meinen Kranz auf ihr jungfraͤuliches Haupt. Ich konnte nicht re⸗ den. Der Stolz auf meinen Triumph, die ver⸗ traulichen Mittheilungen meines Vormundes, die Freude, die Gemuͤthsbewegung, meine leb⸗ hafte Freundſchaft fur Almaiden, das Gluͤck, bei ihr zu ſeyn, alles dieſes ſtuͤrmte auf mich ein, und beengte meine Bruſt. Weinend erwiederte ſie meine Liebkoſungen, und jede ihrer Thraͤnen fiel ſchwer auf mein Herz.„Beruhige dich!“ rief ich endlich.„Ich bin noch immer dein Bruder, und Don Narcis iſt noch immer mein Vater. Ich verlange keinen andern als den Deinigen.“ Und hierauf erzaͤhlte ich ihr, mit gelaͤufiger Zunge, meinen gluͤcklichen Erfolg in der Pruͤfung, meine Beſorgniſſe vor der Preis vertheilung, mein Entzuͤcken, wie ich mich auf— rufen hoͤrte,— denn ich hätte ſie in Gedanken ſchon mit meinen ſchoͤnſten Blumen geſchmuͤckt, und vor Freude ſtrahlend geſehen,— meine, durch Salvador vereitelte Flucht aus dem golde⸗ nen Brunnen, und meine neue, mir von mei— nem Vormund mitgetheilte, Beſtimmung. Almaide horchte aufmerkſam auf mein Ge— plauder. Sie laͤchelte uͤber die Reden, welche meine Bewunderung ihrer Perſon ſchilderten, aber mein ganzes Beſtreben konnte nicht die Traurigkeit verſcheuchen, welche ſich ihrer bemei⸗ ſtert hatte. Vergeblich wollte ich die Urſache da— von erforſchen. Der Tag verſtrich unter gegen⸗ ſeitigem Mißbehagen. Don Narcis ſchloß ſich zum zweitenmale mit mir ein, und ich ſah mei⸗ ne Schweſter, den ganzen Abend hindurch, nicht wieder. Am anderen Morgen war mein Vor⸗ mund abgereiſt, und Alles um uns her ſchien zur gewoͤhnlichen Ordnung zuruͤckzukehren. Almaide war ein Jahr juͤnger als ich; aber ihre aufkeimende Vernunft ſah weiter als — 24— die meinige, und ſchien das zu errathen, was ich kaum begriff. Die Grundſaͤtze der Moral und der feinen Sitten faßte ſie mit Leichtigkeit und in ihren feinſten Diſtinktionen auf. Denn der Inſtinkt, welcher ihr inne wohnte, zeigte ihr das Schickliche, und hielt ſie ſtets in den Schranken, welche Weisheit und Weltklugheit vorſchreiben. Es war dieſes keine kuͤnſtliche Berechnung, nicht einmal Ueberle⸗ gung,— nein, es waren die Eingebungen ih⸗ rer ſchoͤnen Seele, es war der Adel ihres Her⸗ zens, dieſes unerſchoͤpflichen Schatzes von Rein⸗ heit, Aufrichtigkeit und Tugend. Als Almaide erfuhr, ich ſey nicht ihr Bruder, berechnete ſie, ohne ſich ſelbſt Rechenſchaft davon geben zu koͤnnen, die ganze Gefahr ihrer Lage. Die Natur lehrte ihr, daß ſie, von nun an, allzu lebhaften Liebkoſungen widerſtehen muͤſſe. Die Schamhaftigkeit wuchs, und ſollte bald das Da⸗ ſeyn der Liebe entſchleiern. Von unſerer zarteſten xinthp an der Pflege des biederen Terillo und der guten Ger⸗ trude anvertraut, faſt von gleichem Alter, ſtets unzertrennlich, jedes Vergnügen, jeden Schmerz theilend, faßten wir die ſtaͤrkſte gegenſeitige Zu⸗ N— * — 25— neigung, und bewieſen einander die kleinſten Aufmerkſamkeiten; wozu uns die kleinen Nek⸗ kereien und Lobeserhebungen unſerer Erzieher noch mehr ermunterten. Wie ſtolz war ich auf die Schoͤnheit, die Grazie, die Lieblichkeit mei⸗ ner Schweſter! Und wie freute ſie ſich, wenn ich⸗ nach geendeten Lehrſtunden, zu ihr lief, um ihre Spiele zu beleben, und ſie mit den Beweiſen meiner Zartlichkeit zu uͤberhaͤufen! Ueber meine Fortſchritte in den Wiſſenſchaften beunruhiget oder triumphirend, zeigte ſie tiefe Ruͤhrung bei meinen Erzählungen von den Hin⸗ derniſſen, welche ſich mir etwa entgegengeſtemmt hatten, und die ich gluͤcklich beſiegte. Das Lob, welches mir geſpendet wurde, erfreute ſie mehr als mich ſelbſt; ſie wiederholte es mit ih⸗ rer ſuͤßen Stimme und munterte mich auf, noch groͤßeres zu verdienen. Ihr junges Herz huͤpfte vor Freude, wenn ich ihr zuſchwor, ich wuͤrde auch das Schwierigſte unternehmen, um mei⸗ ner Almaide Beifall zu erlangen. Meine Leh⸗ rer erſtaunten uͤber meine Begeiſterung und meine ſchnelle Fortſchritte,— die Auelle, wel⸗ che mich dazu antrieb⸗ blieb ihnen aber ver⸗ borgen. Ich konnte mich nicht ganz von der Ge⸗ ſellſchaft meiner Schulkammeraden losmachen. Ich liebte Lerm und heftige Leibesbewegungen. Im Wettlauf und in allen Spielen, zu wel⸗ chen koͤrperliche Gewandheit gehoͤrt, zeichnete ich mich aus. Eines Tages ſchenkte man mir die Ueberſetzung des befreiten Jeruſalems und die des raſenden Rolands. Ich verſchlang ſie beinahe, und meine Einbildungskraft, ent⸗ flammt durch die reizendſten Gemaͤlde der feu⸗ rigſten Leidenſchaften, der zaͤrtlichſten Gefuͤhle und der wolluͤſtigſten Bilder, verwandelte als⸗ bald Almaiden in Angelika, Armide und Her⸗ minie. Mein Herz, das ſich noch nicht kannte, und das ſich in der Ueberzeugung, ich ſey ihr Bruder, nicht haͤtte ohne Abſcheu trennen koͤn⸗ nen, unterwarf dennoch alle meine Handlun⸗ gen den eigenſinnigen und mir ſelbſt noch raͤthſelhaften Empfindungen meiner aufkeimen⸗ den Liebe. Hierdurch angeſpornt, zwang ich alle meine Geſpielen, zu erklaͤren, meine Schwe⸗ ſter ſey das ſchoͤnſte unter allen jungen Maͤd⸗ chen Cerveras. Dieſen Vorzug erhielt ich nicht ohne Kaͤmpfe. Gaben mir auch einige Freunde lachend nach, ſo vertheidigten hingegen viele — N— Andere ihren Geſchmack und ihre jugendlichen Neigungen gegen meine gebieteriſche Anmaßun⸗ gen. Dann aber kannte mein Zorn keine Gren⸗ zen, und das Recht des Staͤrkern, das einzige, welches die Kindheit anerkennt, entſchied faſt immer zu meinem Vortheil. Hatte ich jedoch das Ungluck, beſiegt zu werden, ſo konnte kein Schmerz, keine Bitte, keine Mißhandlung mich zu einem Widerruf meiner Behauptung bewe⸗ gen. Ich beklagte alsdann Almaiden, daß ihr Ritter ein Schwaͤchling ſey. Ich tadelte mich, ich wuͤthete gegen mich ſelbſt; aber ſogar der Tod haͤtte mich nicht zwingen können, zu erklaͤ ren, ſie ſey nicht die ſchoͤnſte der Schonen. Almaide zitterte, wenn ſie von meinen Thaten hoͤrte. Noch war es ihr zwar unbekannt, wel⸗ ches Ungluͤck ein feuriger Charakter herbei zu fuͤhren vermag, aber ſie ſchien es zu ahnen; und indem ſie ihre niedlichen Haͤnde zuſammen⸗ faltete, bat ſie mich in einem bezaubernden Ton, mich um ihrentwillen nie wieder in Kämpfe einzulaſſen, die freilich nur Spiele waͤren, aber auch allzuleicht in Zank ausarteten. Ich ver⸗ ſprach es ihr zwar, ließ mich aber immer aufs neue verleiten, ihre Vorwuͤrfe zu verdienen. 8 8 2 4 — Sie ſchmaͤlte mich aus,— ich demuͤthigte mich vor meiner liebenswuͤrdigen Schweſter, und ein fuͤßer Kuß trocknete die Thraͤnen, welche ihr die Furcht auspreßte. Ich ſchoͤpfte mein Schick⸗ ſal aus ihren Augen. Gluͤcklich, ſie nur zu hoͤ⸗ ren, ſie anzuſehen, ihr zuzulaͤcheln, ſie zu be⸗ wundern, ſchon durch ihre bloße Gegenwart gluͤcklich, uͤberließ ich mich dem Zauber, der mich fortriß, ohne vorauszuſehen, daß eine an⸗ dere als die Geſchwiſterliebe exiſtire. Auf dieſe Weiſe naͤhrte ich, mit der Sicherheit der Un— ſchuld, den Keim der feurigſten Leidenſchaft. Nur darauf denkend, Almaiden zu gefal— len, entſagte ich fruͤhzeitig allen kindiſchen Spielen. Unter ihren Augen, und durch ihre Lobſpruͤche ermuntert, verſuchte ich die Schwie⸗ rigkeiten zu uͤberwinden, mit denen die Wiſſen⸗ ſchaften umbornt ſind. So von Almaiden er⸗ muntert, hoffte ich, den Gipfel des Wiſſens und des Ruhms zu erklimmen. Und welche neue Quelle von Gluͤck eroͤffnete ſich mir da⸗ durch, daß meine ſitzende Lebensweiſe mich nun faſt beſtaͤndig in ihrer Nahe hielt! Ein Lä⸗ cheln, eine unſchuldige Liebkoſung waren mein Lohn, und dann liehen wir uns in lange und vertrauliche Mittheilungen ein. Wir ſchmiede⸗ ten unausfuͤhrbare Plane fuͤr die Zukunft, die ſtets darauf hinausgingen, uns nie und durch kein Ereigniß trennen zu laſſen. „Ich bin nur deine Schweſter,“ ſagte ſie oft.„Du liebſt mich jetzt; aber wenn du eines Tages gezwungen wirſt, mich zu verlaſ⸗ ſen, wirſt du nie mehr an meine Freundſchaft denken. Man ſagt, alle Maͤnner verheirathe⸗ ten ſich, und du waͤhlſt dir ſicher eine ſchoͤnere Gefaͤhrtin als Almaide iſt. Auch ſie wird meine Schweſter werden, und um deinetwillen werde ich ſie lieben. Wir werden ſtets zuſam⸗ men wohnen; ich will ihr meinen ſchoͤnſten Schmuck geben; ich will ſie dir zu Liebe ver⸗ ſchoͤneren und ihr die Mittel lehren, dir zu ge⸗ fallen.“ „Ach!“ rief ich,„ich werde nie heira⸗ then. Ich wuͤrde eine zweite Almaide haben wollen, und die finde ich nirgends. Exiſtirt in Spanien ein Held, der ein biederes, tugend⸗ haftes, treues Herz mit wahrem Muth vereini⸗ get, ſo ſuche ich ihn ſelbſt auf, fuͤhre ihn zu deinen Fuͤßen, und werde ſein treueſter Freund. Wir wollen dir um die Wette dienen; er wie — 3— dein Ritter, ich wie der zaͤrtlichſte der Bruͤder, wie der eiferſuͤchtigſte auf das Gluͤck ſeiner lie⸗ benswuͤrdigen Schweſter.“ „Nein, nein, ich wuͤrde ihn nie anneh⸗ men,“ erwiederte dann Almaide.„Alle Maͤn⸗ ner ſind boͤsartig, nur dich Manuel halte ich fuͤr gut, fuͤr empfindſam. Du lachſt und weinſt mit mir; du biſt freudig, wenn ich mich freue, du biſt ernſthaft, wenn ich dich bitte ernſt zu ſeyn; du willſt immer was ich will. Ich bitte dich, nur dieſen Ritter nicht aufzuſuchen, denn ich koͤnnte ihn nur haſſen; ja ich haſſe ihn ſchon jetzt.“ Die zaͤrtliche Anhaͤnglichkeit, welche meine Schweſter mir bewies, entwickelte und verdop⸗ pelte die meinige. Ich konnte mich nicht mehr von ihr trennen. Mit Widerwillen nur ver⸗ nahm ich den Seigerſchlag, der mich zu den Lehrſtunden rief. Aber mit welchen freudigen Genuͤſſen wurden dieſe langen Stunden von Abweſenheit bei meiner Ruͤckkehr belohnt! Ich fuͤhlte mich ein ganz anderer Menſch. Mein Frohſinn war unerſchoͤpflich. Ein Blick mei⸗ ner ſuͤßen Schweſter ſchuf gleichſam eine neue Seele in mir, eben ſo rein, aber ſchwaͤrmeri⸗ — 31— ſcher als ihre Tugend. Meine ſtets im Em⸗ pyraͤum ſchwebende Phantaſie verſetzte ſie unter die Engel, und umringte ſie mit himmliſchen Strahlen, deren Glanz ſie uͤbertraf. Ich war der Genius, der die Beluſtigungen ſchuf, welche ſie mit ihren Geſpielinnen theilte. Ich zeigte meine Thaͤtigkeit, aber auch meine ganze Vor⸗ liebe fuͤr Almaiden, in dieſen reizenden Geſell⸗ ſchaften, in denen ein Schwarm aufbluͤhender Schoͤnheiten in Grazie, Munterkeit und Un⸗ ſchuld wetteiferten. Ich hatte mich ihren Spie— len nothwendig zu machen gewußt;— ſie ſuch⸗ ten und wuͤnſchten meine Gegenwart. Aber Almaide war ſtets die von mir erwaͤhlte Koͤ nigin, ſtets die maͤchtige Fee, deren Wille fuͤr ein Geſetz gelten mußte. Nur ihre Sanft— muth, ihre Beſcheidenheit, ihre Nachgiebigkeit, ihre Herzensgute, und die Kunſt, mit welcher ſie die Talente, den Witz und die Reitze ihrer jungen Gefaͤhrtinnen hervorzuheben wußte; nur Alles das konnte dieſe vermoͤgen, ihr den Vorzug einzugeſtehen, auf welchen ich un⸗ aufhoͤrlich aufmerkſam machte, und der ſonſt den Saamen jener kindiſchen Eiferſuͤchteleien wuͤrde ausgeſtreut haben, die ſo oft in unver— — ſöhnlichen Haß ausarten. Aber Almaidens Loos wollte, daß ſie eben ſo als bewlnder werde. So verfloß unſere Kindheit in einem uns ſelbſt unbekannten, ruhigen Gluͤckszuſtande, in einer Unwiſſenheit unſerer Lage, und ohne Furcht vor der Zukunft! Nichts ließ uns ah⸗ nen, daß unſer Schickſal eine andere Wendung nehmen koͤnne, und unſere Herzen uͤberließen ſich, ohne Furcht, ohne Vorſicht, beinahe ohne Verlangen, den ſuͤßeſten Hoffnungen. Laſteten auch zuweilen jene unbeſtimmte Unruhen, jene ſtuͤrmiſchen Bewegungen, die von der Entwik⸗ kelung der Organe und von dem erſten Aufkei⸗ men der Leidenſchaften herruͤhren, ſchwer auf mir, ſo ſuchte ich dennoch nicht das zu ergruͤn⸗ den, was mir meine außerordentliche Unſchuld verborgen ließ. Ich eilte alsdann in die Naͤhe meiner Schweſter, deren ſuͤße Stimme mich uͤber meinen eingebildeten, ſelbſtgeſchaffenen Kum⸗ mer troſtete: ich vergaß Alles, und dachte nur an ſie. Die ſeltſamen Eroͤffnungen von Don Narcis zerſtoͤrten dieſen friedlichen Zuſtand. Noch ahnte ich nicht, daß eben dieſe Entdek⸗ — 33— kungen mir andere Quellen des Gluͤcks eroͤffne⸗ ten, die freilich entzuͤckender und maͤchtiger, aber vielleicht auch weniger rein und ruhig waren. Die ſonſt ſtets ruhige Laune Almaidens nahm nunmehr einen Anſtrich von Melancholie an, der mich beunruhigte. Sonſt war ſie freu⸗ dig und lebhaft, wie der junge Vogel, der ſeine wachſende Schwingen erprobt. Jetzt wurde ſie nachdenkend und ſchwermuͤthig, und ich uͤber⸗ raſchte ſie oft mit Augen voller Thraͤnen. Ploͤtz⸗ lich ſuchte ſie meine Gegenwart zu vermeiden, und beklagte ich mich daruͤber, ſo erroͤthete ſie. Dennoch erneuerte ſie mir ihre Zuſicherungen von Freundſchaft, und ſie war ſo ſchoͤn, ſo auf⸗ richtig und ſo zaͤrtlich, daß ich mir Vorwuͤrfe uͤber meine Beſorgniſſe machte, und mich ſelbſt der Ungerechtigkeit und der Anmaßung beſchul⸗ digte;— aber ſie vermied fortdauernd jede Ge⸗ legenheit, mit mir allein zu ſeyn. Sie verließ die gute Gertrude faſt nicht mehr. Sie bediente ſich des leichteſten Vorwands, um mir den Ein⸗ tritt in ihr Zimmer zu verweigern;— in dieſen bezauberten Pallaſt, in welchem uns die Stun⸗ den pfeilſchnell verſchwunden waren. Schlug ich ihr neue Luſtparthien vor, oder ihr ſonſt liebe Don Manuel. Erſter Theil. 3 —— Spaziergaͤnge, oder Spiele, denen ſie ſich ehe⸗ dem ohne Ruͤckhalt uͤberließ, ſo weigerte ſie ſich, Antheil daran zu nehmen. Ließ ſie ſich aber dennoch durch meine Zudringlichkeit dazu bereden, ſo betrug ſie ſich mit einer Art von Zuruͤckhaltung und Befangenheit, die ich ver⸗ geblich zu verſcheuchen ſuchte, und die nur durch ihre außerordentliche Sanftmuth und Gefaͤlligkeit gemildert wurden. Ihr Mund laͤchelte mir zwar noch oͤfters zu, aber dieſes Laͤcheln zeigte von kei⸗ nem Frohſinn. Sie redete mit mir, aber mit zitternder und aͤngſtlicher Stimme. Sie ant wortete mir, aber mit unſicherem, ſchwebenden Tone. Meine oft auf die ihrigen gehefteten Au⸗ gen begegneten nicht mehr den glaͤnzenden Ster⸗ nen, in denen Jugendfeuer und Geiſt leuchteten, ſondern niedergeſchlagenen Augenliedern und langen Wimpern, die kaum einen ſchmachten⸗ den Blick den Durchgang verſtatteten. Eine ſeltſame Blaͤſſe trat bald an die Stelle der Roſen auf ihren Wangen, die jedoch zuweilen wiederkehrten. Die unſchuldige Almaide glaubte, mir die Urſache aller dieſer Erſcheinungen verber⸗ gen zu muͤſſen, und wenn ich endlich einmal da—⸗ zu gelangte, die ſchwachen Hinderniſſe, die ſie — 66— mir entgegenſtellte, hinwegzuraͤumen, indem ich die Arguſſe, mit denen ſie ſich umringte, ent⸗ fernte, oder mich offenbar ihren ſonſt ſo geach⸗ teten Befehlen entgegenſtemmte, ſo entzog mir entweder ein dichter Schleier ihr liebliches Ge⸗ ſicht, oder ihr Koͤpfchen ſenkte ſich auf ein Buch oder eine Stickerei, und erhob ſich nur halb, um ſich gleich wieder nieder zu beugen. Es wuͤrde mir unmoͤglich ſeyn, die Empfin⸗ dungen zu ſchildern, welche mein Herz zerriſſen, als ich endlich nicht laͤnger zweifeln konnte, Almaide vermeide mit Vorbedacht jede Gele⸗ genheit, das alte Zutrauen zwiſchen uns aufle⸗ ben zu laſſen. Meine Seele unterlag allen Qualen einer Eiferſucht ohne Gegenſtand. Noch nie hatte ich das Wort Liebe ausgeſprochen, und ich hielt das Betragen derjenigen, die ich Schweſter nannte, fuͤr einen ſchrecklichen Bruch der Geſchwiſterliebe. Mein Stolz empoͤrte ſich gegen das Gefuͤhl, welches mich ſtets zu ihr zuruͤckfuͤhrte. Ich erroͤthete uͤber dieſes Gefuͤhl, welches ich meine Schwaͤche nannte, und in dem nemlichen Augenblicke, in welchem ihre ſcheinbare Kaͤlte mich am meiſten erzuͤrnt hatte, gerieth ich in Verſuchung, mich zu ihren „ 3 —— Fuͤßen zu werfen, und ihre Verzeihung uͤber nicht begangene Fehler zu erflehen. Je mehr ich litt, jemehr vermied ich, vermoͤge eines ſelt⸗ ſamen Widerſpruchs, eine Erklaͤrung, die ich oft im Begriff war zu fodern, die ich aber 3 den Muth hatte zu begehren, ſo oft ich meine Almaide erblickte, die noch immer zaͤrtlich 93 liebte, trotz ihren unbegreiflichen Launen und dem Unrecht, das ſie in meinen Augen begieng. Viele Tage verfloſſen unter dieſem ſteten Wechſel von Hoffnung und projektirten Vor⸗ wuͤrfen, die eben ſo bald verſchwanden, als ſie gefaßt wurden. Meine Laune wurde finſter und reizbar, und ich brachte ganze Stunden in einer Art von melancholiſcher Betaͤubung zu. Einſam und ſchweigend durchwanderte ich, in den rauhſten und wildeſten Gegenden, die Waͤlder und irrte an den Ufern der Fluͤß ſe;— aber mir ſelbſt konnte ich nicht entflie⸗ hen. Wohin ich mich auch wendete, fand ich das Andenken an Almaiden, und mein brennen⸗ des Haupt verwirrte ſich in den ſeltſamſten Einfällen. Bald wollte ich eine Huͤtte auf. einen Felſen bauen, ſie dahin fuͤhren und auf ewig von der menſchlichen Geſellſchaft getrennt, dort mit ihr leben. Bald erbaute ich ihr eine reizende Wohnung an den Ufern eines Bachs, umgeben von blumenreichen Wieſen, und von dem Schatten der Oliven und Orangenbãumt. Hier ſollte ſie auf einem Thron von Raſen ſitzen und die Huldigungen der Schaͤfer des Ebro, des Tajo und des Duero empfangen. Ich ſah ſie, in meiner Phantaſie, immer ſchoͤn, immer bewundert, immer werth es zu ſeyn, ſowohl in den Pallaͤſten der Koͤnige, als in der Huͤtte des Fiſchers, wo es mein groͤßtes Gluͤck wuͤrde geweſen ſeyn, ihr als Sklave oder als Beſchuͤtzer zu dienen. Ich berauſchte mich mit Ideen, die meiner zerruͤtteten Einbildungskraft ſich aufdraͤngten; aber bald verfiel ich in die peinigendſten Zweifel, und mein Herz, das ſich ſeine Empfindungen nicht erklaͤren konnte, war dem Zerſpringen nahe. Traurig und mißvergnugt, wenn Almaide zuweilen wieder Frohſinn zeigte, ohne daß ich die Urſache davon ergruͤnden konnte; voller Verzweiflung, wenn ich ihre Thraͤnen bemerkte, wuͤrde ich mein Leben darum hingegeben haben, wenn ich noch haͤtte darnach fragen, und mich, wie ehedem, des Rechts bedienen duͤrfen, dieſe Thraͤnen zu trocknen. Allein eine, mir bis jetzt unbekannte, Blöbigkeit ergriff mich, ſo oft ich mit meiner Schweſter reden wollte. Hatte ſie ſich aber aus ihrem Zimmer entfernt, ſo be gab ich mich in daſſelbe, beruͤhrte, was ſie be⸗ ruͤhrt hatte, druckte das Buch, in welchem ſie geleſen, an mein Herz, erroͤthete und ſchauderte vei dem Anblick der leichten Gewaͤnder, die ſie getragen hatte, waͤhnend, daß ihnen noch etwas von der Grazie ihrer Traͤgerin geblieben ſey, und beging hundert andere Thorheiten der Art. In der Nacht ſetzte ich mich vor ihre Thuͤre, um ein Wort, einen Seufzer zu belauſchen, einen Schlaf beneidend, den ich fuͤr ruhig hielt, und wuͤnſchend, ein gluͤcklicher Traum moͤge mich ihr vergegenwaͤrtigen. Der anbrechende Tag fand mich abermals mit meiner Freundin beſchaftiget und in zweckloſe Betrachtungen ver⸗ ſunken, die mit der aufgehenden Sonne ver⸗ ſchwanden. Dann floh ich gleich einem Ver⸗ brecher, ſchaͤmte mich meiner Thorheit, und eilte auf die Jagd. Ich erkletterte die Felſen, ich durchſtrich die Waͤlder— aber die Schat⸗ ten der Nacht fuͤhrten mich unter Almaidens S— Dach zuruͤck, und der neue Tag fand mich ſtets das nemliche Spiel treibend. Don Narcis ſchrieb nicht mehr an uns, ſondern nur an Salvador. Der Ort ſeines Aufenthalts war mir gänzlich unbekannt, und wenn ich ihm unbedeutende Briefe, als z. B⸗ einen Gluͤckwunſch zum Jahreswechſel oder der⸗ gleichen zu ſchreiben hatte, ſo uͤbergab ich dieſe dem treuen Salvador zur Beſorgung, der mir dann, nach einiger Zeit, entweder die Zufrie⸗ denheit meines Vormundes bezeigte, oder mir, auf ſeinen Befehl, ein kleines Geſchenk, oder eine Zulage zu meinem Taſchengelde uͤberliefer⸗ te. Eines Tages jedoch brachte mir Salvador einen an mich gerichteten Brief von Don Nar⸗ cis, der mich uͤberraſchte und beſtuͤrzte. Es duͤnkte mir, als enthielt dieſes Schreiben mein Schickſal. Ich zitterte, waͤhrend ich das Sie⸗ gel loste. Ein Nebel bedeckte meine Augen und verfinſterte die Buchſtaben. Endlich ge⸗ lang es mir, ihn zu leſen. Er enthielt fol⸗ gendes: „Die Faͤhigkeiten, welche Du, mein lieber Manuel, zeigſt, und die ſchmei⸗ chelhaften Berichte, welche ich von der —— Entwickelung Deiner Vernunft und Deiner Ta⸗ lente erhielt, laſſen mich hoffen, daß Du un⸗ verzuͤglich eine Laufbahn beginnen wirſt, auf welcher Du Dich auszeichnen kannſt. Meine Zaͤrtlichkeit fuͤr Dich wird dir die Mittel dazu verſchaffen. Der beruͤhmte Admiral Gravina hatte ehedem viele Guͤte fuͤr mich, und ich werde ihn nicht vergeblich um ſeinen Schutz bitten. Vor einigen Tagen nahm ich mir die Freiheit, an Sr. Excellenz zu ſchreiben. Der einzige Gegenſtand meines Brieſes war, ihn von Dir und der Hoffnung, die ich auf unſere alte Freundſchaft baue, zu unterhalten. Er iſt bei Hofe faſt allmaͤchtig und verbindet gern ſeine Freunde. Ich redete von Dir, wie von einem Verwandten, fuͤr den ich mich lebhaft in⸗ tereſſire. Du haſt die Wahl zwiſchen dem Land⸗ und dem Seedienſt, oder der langſame⸗ ren, aber friedlicheren Laufbahn der Staats⸗ aͤmter. Ich bezweifle keinesweges, daß es Sr. Excellenz gelingen wuͤrde, die Schwierigkeiten zu entfernen, die ſich vielleicht Deinem Eintritt in irgend ein Corps entgegen ſtellen koͤnnten. Gelingt es mir, meine ſehnlichen Wuͤnſche zu erreichen, ſo werde ich Dir abermals ſchreiben. Zu gleicher Zeit hoffe ich, einige Familien⸗ anordnungen zu beendigen, die mich in den Stand ſetzen werden, Almaiden ehren⸗ voll zu verheirathen. Ich glaube, Du wirſt nicht aufhoͤren⸗ den lebhafteſten An⸗ cheil an dem Gluͤck derjenigen zu nehmen, die Du ſo lange Zeit als Deine Schwe⸗ ſter liebteſt.“ „Gott erhalte Dich noch Jahre!“ Nur das Ende dieſes Schreibens fiel mir ſchwer aufs Herz. Hatte auch, bis zu die⸗ ſem Tage, ein ehrgeiziger Gedanke mich be⸗ ſchaͤftiget, hatte ich mich gleich zuweilen allzu glaͤnzenden und chimaͤriſchen Hoffnungen uͤber⸗ laſſen, ſo fiel es mir doch nie im Traume ein, daß man mir Mittel bieten wuͤrde, dieſe zu verwirklichen. Die Seele vermag beinahe alle Zufaͤlle des Lebens zu berechnen. Nur die Liebe verſchmaͤht dieſe Berechnungen; ſie ſtoͤßt alle die zuruͤck, deren Gegenſtand ſie nicht iſt: — ſie zeigt ſich— und Alles verſchwindet vor ihrer ploͤtzlichen Begeiſterung.„Wer koͤnnte ſich unterfangen, Almaiden heirathen zu wol⸗ len?“ rief ich mit Ungeſtuͤm aus.„Wer iſt —.— der Wuͤrdige, der ſich erkuͤhnen duͤrfte, dieſes edle und reine Herz zu beſitzen? Meine Schweſter!— Nein, nein, ſie iſt nicht meine Schweſter! Ich bin nicht ihr Bruder! Ich bin ihr gar nichts— als ein treuer, zaͤrtlicher Freund!— Antheil an ihrem Gluck nehmen? — war es denn nicht mir ſeit ihrer Kindheit anvertraut? Sagte ſie mirs nicht hundertmal, ſie ſey nur bei mir gluͤcklich? Empfing ich nicht die erſten Ergießungen dieſer ſchoͤnen Seele? War ich nicht ihr erſter Spielgefähr⸗ te, ihre Stuͤtze, ihr Beſchuͤtzer?— Sie ver⸗ ſprach, nur mich zu lieben!— Man will ſie verheirathen,— und ſie iſt nicht meine Schweſter!“ Ich verfiel in ein tiefes Nach⸗ ſinnen. Wird man es glauben, daß der einfache Gedanke, der ſo natuͤrlich aus den Entdeckun⸗ gen des Don Narcis entſprang,„Almaide iſt nicht meine Schweſter, und ich darf nach dem Gluͤck ſtreben, ihre Hand zu erlangen,“ daß dieſe Idee mir jetzt erſt in den Sinn kam? Wird man es glauben, daß die ganze Gluth des Feuers, welches in meinem Herzen brannte, mich bis jetzt im Irrthum üͤber die urſache deſſelben gelaſſen haͤtte, und daß ich, anſtatt es fuͤr die Wirkung der heftigſten Liebe zu er⸗ kennen, ich mich nur von der zaͤrtlichſten und lebhafteſten Geſchwiſterliebe hingeriſſen glaub⸗ te? Ich begehre keinesweges dasjenige zu er⸗ klaͤren, was in der Entwickelung meiner Lei⸗ denſchaft ſeltſam und wunderlich ſcheint. Das ſuͤße, unſchuldige Gefuͤhl, welches das Schickſal meines Lebens beſtimmt, erfuͤllte meine Seele, und genugte meiner gluͤcklichen Exiſtens⸗ als ich vernahm, daß die heiligen Bande, welche uns zu vereinigen ſchienen, anſtatt der Hoff⸗ nung zu einer andern Art von Vereinigung Hinderniſſe entgegen zu ſtellen, nur in einer Erdichtung beſtanden, welche geheime Pflichten nothwendig machten. Ich war damals noch zu jung, um von der bezaubernden Idee der neuen Verhaͤltniſſe, die zwiſchen uns eintreten könnten, ergriffen zu werden. Mich ganz Al⸗ maiden widmen, zufrieden, mich noch ihren ge⸗ liebten Bruder nennen zu duͤrfen, achtete ich die Zukunft nicht; und als die Natur ihre maͤchtige Stimme in Almaidens Buſen erhob, und auch zu meinem Herzen ſprach, unterſchied ich dieſe neue Empfindungen nicht von deneu, 44 die mich ſchon beſtuͤrmt hatten. Meine Liebe war zu feurig, als daß ich daran haͤtte denken konnen, ſie zu unterſuchen. Ich wurde eifer⸗ ſuͤchtig, ich wurde anmaßend, ich hatte alle Schwaͤchen der unwiderſtehlichſten Leidenſchaft, — aber ich wußte es nicht. Noch hatte mich nichts auf die Spur geleitet, mich ſelbſt zu er— rathen, und nur ein Zufall konnte mir die Au⸗ gen oͤffnen, und mir den Zweck und das Da⸗ ſeyn meiner Liebe offenbaren. Ich eilte. zu Almaiden. Ich glaubte, ich koͤnne ihr nicht fruͤhzeitig genug das Licht mittheilen, welches mir ſo ploͤtzlich aufgegangen war. Sie war allein. Ein ſuͤßes Laͤcheln, das auf ihren Lippen ſchwebte, als ſie mich eintreten ſah, verſchoͤnerte ſie noch mehr. „Theuere Almaide,“ ſprach ich, vor Ge— muͤthsbewegungen, Freude, Liebe und Hoffnung bebend,„liebſt du mich, wie ich dich liebe? Wirſt du mir erlauben, dir mein ganzes Le⸗ ben, mein ganzes Daſeyn, meine ganze Seele zu widmen?“ Sie erhob ihre ſchoͤnen Au⸗ gen, in denen eine leichte Ueberraſchung ſich ſpiegelte, und antwortete:„Was ſagſt du, Manuel? Haſt du mir nicht ſchon ſeit langer — Zeit dein Leben gewidmet? Hegſt du Gefuͤhle, die nicht auch die meinigen waͤren? Ich ſah dich traurig und bekuͤmmert, wenn ich es war; — warum ich es war, weiß ich freilich ſelbſt nicht; aber ich konnte mich deſſen nicht ent⸗ wehren. Ich wußte wohl, daß ich dich be⸗ truͤbte; aber vergib meiner Schwaͤche und liebe mich deshalb nicht minder.“ „Ach!“ erwiederte ich,„ich bin es, der zu deinen Fuͤßen um Verzeihung flehen muß. — Ich zweifelte je an deiner Liebe! Du wurdeſt mit jedem Tage ſchoͤner, und ich ging in meiner Verworfenheit ſo weit, daß ich glaubte, deine Liebe wuͤrde in eben dem Grade ſchwinden, als deine Schoͤnheit zunahm. dein Herz hat andere Anſichten gewonnen. Liebe Almaide, wir betrogen uns Beide! Die lebhafte Freundſchaft, welche wit uns zuſchwo⸗ ren, der Vorzug den ich dir ausſchließlich gab, der bezaubernde Reiz deiner ſuͤßen Gegenwart, die Gefuͤhle welche deine Stimme in meiner Seele erregte, alles dieſes iſt nicht Freundſchaft, es iſt— Liebe! Es iſt die zaͤrtlichſte Liebe, die ich dir auf ewig zuſchwoͤre!“ Almaide ſchwieg. Ich fuhr fort:„Du biſt nicht meine Schweſter, und ich darf dich, waͤre es moͤglich, noch mehr lieben,— dich mein ganzes Leben hindurch lieben,— dich nie verlaſſen,— dir den Namen des gluͤcklichen Manuels geben,— nicht mehr dein Bruder, ſondern dein Geliebter ſeyn! Dein Geliebter, theuere Almaide, und— dein Gatte!“ Eine hohe Schamroͤthe uͤberzog Alma dens Stirne, waͤhrend ſie mich anhörte. Ihr heftig pochender Buſen verrieth die Empfin⸗ dungen ihres Herzens. Ein Paar Zaͤhren quol⸗ len aus ihren Augen, und mit zitternder Stim⸗ me antwortete ſie mir:„O, Manuel! Iſt dir denn dieſer Gedanke erſt heute in den Sinn gekommen? Mir ſiel er gleich ein, als mein Vater dir das Geheimniß deiner Geburt eroͤff⸗ nete. Der ſchoͤne Ritter, den du verſprachſt in ganz Spanien aufzuſuchen, ſchien mir gleich damals gefunden. Aber dein Schweigen koſtete mir viele Thraͤnen, und verfuͤhrte mich zu glauben, ich ſey dir gleichgultig.“ Ich ſiel der reizenden Geliebten, die mir das Geſtaͤnd⸗ niß ihrer Neigung mit ſo viel Unſchuld und Offenherzigkeit ablegte, zu Fuͤßen. Ich ſchil⸗ derte ihr die tödliche Unruhe welche mich pei⸗ nigte, als mein Sinn noch mit der chimaͤri⸗ ſchen Bruͤderſchaft erfuͤllt war, und ich die Strenge mit der ſie ſich meinen Liebkoſungen entzog, einem Wankelmuth zuſchrieb, deſſen Veranlaſſung ich nicht kannte. Ich ſchilderte ihr die Kaͤmpfe, welche mein Herz zerriſſen; meine thoͤrichten Einfaͤlle, waͤhrend ich in fin⸗ ſterer Nacht in den Waͤldern umherirrte; meine plotzliche Furcht und die wunderlichen Hoffnun⸗ gen, die auf ſie folgten. Ich erzaͤhlte ihr, wie ich ſie mir ſtets zu vergegenwaͤrtigen ſuchte, indem ich vor ihrer Thuͤre wachte, ihren Schritten folgte, mich der geringſten, ihr gehoͤ⸗ renden Kleinigkeiten bemaͤchtigte, und mich auf den Stuhl ſetzte, auf dem ſie geſeſſen hatte. Sie lachte, ſeufzte und weinte zu gleicher Zeit, waͤhrend ſie auf mich horchte. Einige Kuͤſſe trockneten die Quelle dieſer koſtbaren Zaͤhren. Gluͤckſelige Taͤuſchung! Bezauberndes Hinreißen des erſten Geſtaͤndniſſes! Kein Ge⸗ danke an unſere unabhaͤngige Lage, keinen an die zahlloſen Schwierigkeiten, die wir haͤtten voraus ſehen muͤſſen, und die ſich vielleicht ſchon gegen uns aufthuͤrmten, truͤbte unſere —— Sucſugtet: Wir liebten uns; wir ſchie⸗ nen fuͤr einander geſchaffen! Die Wichtigkeit der Convenienzen des geſelligen Lebens waren uns noch unbekannt; ſelbſt die Folgen, welche die einfachſten Begebenheiten dieſes Lebens oft nach ſich ziehen, kannten wir nicht. Dieſe Kenntniß erlangt man nur unter den Stuͤr⸗ men denen man ausgeſetzt iſt, und um den Preis der grauſamſten Pruͤfungen. Zu einer unbeſchreiblichen Begeiſterung erhoben, vermoch⸗ ten wir nicht, zur Erde zuruͤckzukehren, um wahrſcheinliche Zufaͤlle zu erwaͤgen. Die Ge⸗ wißheit, geliebt zu ſeyn, verlieh dem himmli⸗ ſchen Antlitz meiner jungen Freundin einen neuen Glanz. Mit langen Zuͤgen ſchluͤrfte ich das ſuͤße Gift, das ich aus ihren Augen ſog, ein. Noch heute erquickt das Andenken an jene entzuͤckenden Stunden mein trauriges Le⸗ ben. Nein, die Liebe iſt kein veraͤchtlicher Trieb! Die reine Liebe erhebt die Seele bis zur Gottheit, und wůrdiget ſie zu ihrer hoͤhe⸗ ren Beſtimmung. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß durch die Tugenden, welche die Liebe entwickelt, durch die Begeiſterung, in welche ſie uns verſetzt, und durch die edlen gei⸗ —— ſtigen Genuͤſſe, welche ſie uns verſchafft, das durch alles dieſes der Ewige den Menſchen ihr wahres Vaterland und ihren goͤttlichen Urſprung andeuten wollte! Ich theilte das Schreiben des Don Nar⸗ cis meiner geliebten Almaide mit. Die, Plane ihres Vaters, wegen ihrem zukuͤnftigen Schick⸗ ſal, ſchienen uns ſo unbeſtimmt, und ihre Ausfuͤh⸗ rung ſo entfernt, daß wir Beide dafuͤr hielten, es ſey nichts zu beſorgen. Ueberdies hatte er ſich ja ſtets geneigt gezeigt, unſere Wuͤnſche zu befriedigen. Wir waren gewoͤhnt, an ſeine Liebe zu glauben und auf ſeine Nachſicht zu zaͤhlen. Sollte er uns nun zuruckſtoßen, wenn wir mit der ganzen Gluth, die uns beſeelte, uns zu ſeinen Fuͤßen werfen, und ſeine Guͤte anflehen wuͤrden? Wenn wir unſere gegenſei⸗ tigen Schwuͤre vor ihm wiederholten, und ihm erzaͤhlten, wie die Freundſchaft die Pfeile Amors in unſere junge Herzen geſenkt habe 7 Was konnte er unſern Thraͤnen entgegenſetzen? Was den Banden, die wir fuͤr unaufloͤslich hielten? Was ſeinem eigenen Gefuͤhl, das zu unſern Gunſten ſprechen wuͤrde? Und geſetzt auch, das Geheimniß meiner Geburt wolle uns Don Manuel. Erſter Theil. 4 eine ſchwache Schranke entgegen ſtemmen; war es denn nicht die Pflicht des Don Narcis dieſe hinweg zu raͤumen? denn er war ja der einzige Beſitzer dieſes Geheimniſſes, welches, wie er mir ſelbſt ſagte, keinen Einfluß auf mein Schickſal haben ſollte. Don Narcis war uns ſeine Einwilligung, ſeinen Schutz, ſeine ganze Zaͤrtlichkeit ſchuldig; wir waren ſicher ſie zu erlangen. Wir dachten nicht an die truͤ— geriſchen Zufaͤlle des Geſchickes, deſſen Gefah⸗ ren ſelten von liebenden Herzen, welche ſich gewoͤhnlich in hoͤhere Sphaͤren verſetzt wäh⸗ nen, erwogen werden. Auf die glaͤnzendſten Verheißungen, welche man mir haͤtte machen wollen, wuͤrde ich geantwortet haben:„Al⸗ maide und eine Huͤtte!“ und meine ſuͤße Al⸗ maide haͤtte das Gleiche geſagt. Almaide nahm taͤglich an Geiſt, Schön⸗ heit und Talenten zu. Sie uͤbertraf alle ihre Gefährtinnen. Es konnte nicht anders ſeyn: die Geſtalt eines Engels mußte himmli⸗ ſche Seele umgeben! Alle dieſe Reize, dieſe Vorzuͤge, konnten nicht verborgen bleiben. Jedermann bewunderte ſie; Jedermann bemuͤhte ſich ſie zu ſehen, und man erzeigte ihr eine ungewoͤhnliche Vereh⸗ rung. Vergeblich wies ihre reine Seele jedes Lob, jede Schmeichelei zuruͤck. Vergeblich be⸗ ſtrebte ſie ſich, den Foderungen der Eigenliebe entſagend; ihre Vorzuͤge vergeſſen zu machen, und vergeblich ſuchten wir die einſamſten Orte auf, um uns allzu ſchmeichelhaften, oder auch zu unbeſcheidenen Blicken zu entziehen. Al⸗ maidens beſcheidene Schoͤnheit eroberte alle Herzen. Ich zitterte vor Vergnuͤgen, ſo oft ich das Lob meiner jungen Freundin hoͤrte. Sie erroͤthete alsdann, und wir theilten uns unſere geheimen Gedanken durch Blicke mit. Almaide wußte recht gut, daß man in der Ver⸗ ehrung der gleichguͤltigen Menge keinen Erſatz fuͤr die Mittheilungen der Liebe findet. Das Lob ihrer Reize machte ihr nur deshalb Ver⸗ gnuͤgen, weil es das meinige erhoͤhte. Don Francisco de Jaffra erſchien um dieſe Zeit zu Cervera. Dieſer kaum den Kin; derjahren entwachſene junge Mann war von vorzuͤglicher Schoͤnheit, und beſaß ein großes Vermoͤgen; zeigte aber einen hoͤchſt leichtſinni⸗ gen Charakter, wie auch eine Sucht nach Ver⸗ aͤnderung, durch welche er der Langeweile ent⸗ 4* —— fliehen wollte, die ihn oft peinigte. Er kam von Barcellona und durchreiſte Catalonien, um der einfoͤrmigen Lebensweiſe ſeiner Familie und den ſtrengen Grundſaͤtzen ſeines Vaters zu entgehen. Seine, wie er ſich ausdruͤckte, ver⸗ nuͤnftigete Mutter, welche die Zierde des geſel⸗ ligen Lebens ſey, habe ihm die Geheimniſſe deſſelben enthuͤllt, und ihm den wahren Weg zum Gluͤck und zum Emporſtreben gezeigt. Unter die allgemeinen Vorſchriften, die ſie ihm mittheilte, und nach denen er ſein Betragen richtete, ſetzte er die an die Spitze, ſich nie eines Vorrechtes ſeiner hohen Geburt zu bege⸗ ben; und aus dieſem Grund ſuchte er ſtets ein Anſehen von Wuͤrde anzunehmen; da er doch nichts weiter war, als eitel, ſchwach, nie⸗ drig, hochmuͤthig und hoͤchſt empfindlich. Noch zu jung, und ſchon zu verderbt, um die erha⸗ beneren Schoͤnheiten der Tugend zu kennen, hatte er dennoch bereits einſehen lernen, daß man mit ein wenig Liſt, erkuͤnſteltem Anſehen, und durch die Geſchicklichkeit einen guten Ruf zu erlangen,— ein Ruf, der oft der erhaben⸗ ſten Tugend verſagt wird,— ſich im Leben empor ſchwingen kann. Ihm zu Folge, S — * — 53— urtheilte man in der großen Welt blos nach dem Schein. Nach ſeinen Grundſaͤtzen, mußte man dieſen Schein anzunehmen wiſſen, um ſeine Zwecke zu erreichen, und er glaubte, es genuͤge, nur der offentlichen Meinung zu hul⸗ digen, die ſich am Ende auch durch die For⸗ men der Hoͤflichkeit beſiegen laſſe, zu denen nichts weiter erforderlich ſey, als Geſchmeidig⸗ keit, Geiſtesgegenwart und Falſchheit; die große Welt begehre nichts weiter. Ferner hielt er dafuͤr, man verlarve leicht die Leere des Herzens und andere geglaubte Fehler, durch eine genaue Beobachtung des Schicklichen, und durch eine gewiſſe Kunſt in dem Fällen ſeiner urtheile; durch den Firniß der Empfindſam⸗ keit, der Nachſicht und der Strenge, mit denen man, nach Zeit und Umſtaͤnden, ſeine Redens⸗ arten uͤbertuͤnchen muͤſſe. Die Wohlthätigkeit ſey blos ein kunſtlicher Zierrath, um den Egois⸗ mus zu verbergen, und naturliche Gutmuͤthig⸗ keit ein von der Heuchelei gewebter Schleier, um den Haß und den Betrug damit zu äber⸗ decken. Don Franciscos Charakter wuͤrde verab⸗ ſcheuungswuͤrdig und hoͤchſt gefährlich geweſen 3 1 ſeyn, wenn er eben ſo viele Kunſt und Scharf⸗ finn angewendet haͤtte, um die abſcheulichen Vorſchriften ſeiner Mutter in Ausuͤbung zu bringen, als Unbeſonnenheit ſie an den Tag zu legen, und ſich ihrer zu ruͤhmen. Er gab ſich das Anſehen an keine Tugend zu glauben, und dennoch hatte ſeine unkluge und ſtrafbare Lehrerin, indem ſie ihm die Nothwendigkeit be⸗ wies, wenigſtens eine ſcheinbare gute Außen⸗ ſeite zu zeigen, ihm eingepraͤgt, dem Urtheil tugendhafter Menſchen, einen ſteten, wenn auch unwillkuͤhrlichen, Beifall zu zollen. Aber durch eine unbegreifliche Unbeſonnenheit, oder vielmehr durch einen Mangel an Ueberlegung, der aus ſeiner großen Jugend und ſeiner ver⸗ kehrten Erziehung entſprang, zerſtoͤrte er ſelbſt das Gebäude, welches er zu gruͤnden ſuchte. Denn wenn er auch Tugend und Sittſamkeit heuchelte, wenn es ihm auch fuͤr einen Augen⸗ blick gelang, die Maske der Moralitat zu tra⸗ gen, ſo bemuͤhte er ſich doch ſofort, durch eit⸗ les Prahlen mit ſeiner eingebildeten Weltklug⸗ heit die am meiſten verblendeten Augen zu oͤff⸗ nen, und dann erfreute er ſich, thoͤrichter Weiſe, uͤber das von Verwunderung oder Mit⸗ leid hervorgebrachte Schweigen, auf welches ſich Menſchen beſchraͤnkten, die, von ſeinen perſoͤn⸗ lichen Annehmlichkeiten, ſeinen Familienverhalt⸗ niſſen, oder vielleicht auch von dem Ruf ſeines Reichthums verleitet, fruͤherhin eine beſſere Meinung von ihm hatten. Ich ſah ihn ein einziges mal, und mit der Zunggelaͤufigkeit des Eigenduͤnkels und der Selbſtgenuͤgſamkeit theilte er mir die verderbten Lehren mit, die er die Kunſt durchs Leben zu wandern nannte. Ich ſchauderte, als ſey ich auf eine Schlange geſto⸗ ßen, aber ich hielt ihn nicht fuͤr gefaͤhrlich⸗ Er lieferte ſelbſt die Schutzwehr gegen ſeine Angriffe in die Hand, und iſt es an dem, daß die⸗ Verſtellung die Waffe der Verfuͤhrer iſt, und die Liſt die der Boͤsartigen, ſo ſchien mir die ſeinige durch ſeine Inconſequenz und Un⸗ bedachtſamkeit abgeſtumpft. Was aber kuͤmmern mich noch jetzt die guten oder ſchlechten Eigenſchaften des Don Francisco de Jaffra? Ich betrachtete ihn ja damals unter dem uͤbertriebenen Geſichtspunkt eines Vorurtheils, deſſen ich mich nicht ent⸗ wehren konnte. Nunmehr werden vorgeruͤckte Jahre ſeinen Charakter vermuthlich gereift, —— — 56— und ihn uͤber die ſtrafbaren Irtthumer, mit denen er ohne Erroͤthen prahlte⸗ aufgeklaͤrt haben. Don Francisco wollte ſich nur einige Tage in der alten Stadt Cervera aufhalten, wohin ihn ein Beſuch der Salzminen, welche dieſe Gegend bereichern, gefuͤhrt hatte. Er ſah Almaiden, und geblendet von ihrer ſeltenen Schonheit, faßte er eine heftige Leidenſchaft fuͤr ſie, und trachtete nur nach einer Gelegen⸗ heit, ihr dieſe zu erklaͤren. um dieſen Vorſatz auszufuͤhren, verlaͤngerte er ſeinen Aufenthalt in unferer Stadt uͤber zwei Monate. Sein erfinderiſcher Geiſt floͤßte ihm tauſend kleine Kunſtgriffe ein, die jedoch ſaͤmmtlich fruchtlos ausfielen. Ohne Erfolg erſchoͤpfte er ſich in thoͤrichten Schritten, in uͤbertriebenen Hoͤflich⸗ keitsbezeugungen, und ſelbſt⸗ in öffentlichen Scandalen. Almaide ſetzte nicht den mindeſten Werth auf alle dieſe Albernheiten. Salvador war unbeſtechlich, und obſchon Don Francisco ſeine erſten Hoffnungen auf den Umgang mit mir geſetzt hatte, ſo ſah er doch hell genug, um zu bemerken, auf welche Weiſe ich ſeine eigennuͤtzigen Gefaͤlligkeiten aufnahm. — Ein Bach, welcher in einer kleinen Ent⸗ fernung von Cervera floß, begrenzte an einer Seite eine ſchoͤne Pflanzung von Olivenbaͤu⸗ men, und beſpuͤlte auf der andern blumenreiche Wieſen, die durch Befriedigungen von Grana⸗ ten, Citronen und Aloehecken getrennt waren⸗ Einige nicht kultivirte Flecken dieſer Wieſen, waren mit einem Teppich von Reſeda bedeckt, welche mit Buͤſcheln einheimiſcher Nelken ſich miſchten. An dem Fuß eines Huͤgels, deſſen Spitze die Mauern eines Dominicanerkloſters kroͤnten, unterbrach ein Felſenbette den Lauf des Waſſers, das man in Rinnen von weißen Steinen auffing, welche auf anderen gleich Saͤu⸗ len aufgerichteten ruhten, und den umherlie⸗ genden Laͤndereien Fruchtbarkeit zufuͤhrten. Im⸗ mergruͤne Eichen, Korkbaͤume und vereinzelte Orangenbaͤume, zierten mit ihrem ewigen Schmuck die Seiten des Huͤgels; auf wel⸗ chem der Kloſterthurm, mit ſeinen, nach mau⸗ riſcher Art gearbeiteten Pfeilſpitzen, prangte. Dieſe herrliche Landſchaft, deren Anblick Almaiden entzuͤckte, hatte fuͤr mich noch groͤ⸗ ßere Reize. In unſerer Kindheit hatten wir uns oft in der aͤußeren Kapelle der Jungfrau — 8— des heiligen Dominiks*) aufgehalten. Wir hatten ſie mit auf unſeren freudigen Spatzier⸗ gaͤngen geſammelten Blumen geſchmuͤckt, und das Haupt der verehrten Bildſaͤule mit Kraͤn⸗ zen geziert. An dem Rand der heiligen Quel⸗ le, hatte ich fuͤr die leidende Almaide zu Gott und den Heiligen gefleht, und Almaide genas. Das Andenken an dieſe Nacht der Verzweiflung und des eifrigſten Gebetes, preßte noch oft Thränen aus Almaidens Augen. Auf dieſem geliebten Erdenfleck äberließen wir uns unſeren ſuͤßen Empfindungen, und nahmen oft die guͤtige Jungfrau zum Zeugen unſerer gegenſeitigen Schwuͤre, daß unſere Freundſchaft ſo lange dauern ſolle, als das Fließen des Waſſers der Quelle. Die laͤndliche Waſſerlei—⸗ tung hatte gleichfalls unſeren leichtſinnigen Kin⸗ derſpielen oft zum Tummelplatz gedient, und *)—— nous nous étions arrétés à la cha- Pelle extérieure de la Vierge de Saint Do- minique; heißt es im Hriginal. Warum der heilige Dominik eine eigene Jungfrau hatte, weiß ich nicht zu deuten. . Der Ueberſ. 3 ————— ich ſelbſt hatte haͤuſig Almaidens leichten Lauf auf dieſen langen, ſchluͤpfrigen Marmorbaͤndern bewundert, die ich jetzt nicht ohne Beben anſe⸗ hen konnte. Ein tiefes Schweigen herrſchte unter den Gebuͤſchen, welche den Bach beſchat⸗ teten. Nur der Ton der Kloſterglocken und die melancholiſchen Geſaͤnge entfernter Schaͤfer, unterbrachen die feierliche Stille. Dieſe Ein⸗ ſamkeit ſtimmte mit den Empfindungen unſerer Herzen uͤberein, und wir genoſſen das reinſte Gluͤck, wenn wir unter dem Laubdach der al— ten Eichen alle die Plaͤtze beſuchten, auf wel⸗ chem wir ſo manche frohe Tage unſerer Kin⸗ derjahre verlebt hatten. Jeden Fruͤhling, an dem wiederkehrenden Jahrestage, an welchem ich Gefahr lief, meine Almaide zu verlieren, verfehlte ich niemals, dem guten Moͤnch, der die in der Kapelle bren⸗ nende Lampe unterhielt, ein kleines Opfer zu bringen. Dann erhob ich mein feuriges Ge⸗ bet zum Himmel. Meine Seele ſchwang ſich bis zum Thron des Ewigen auf, und in der Begeiſterung, in welche mich Liebe und Froͤm⸗ migkeit verſetzten, ſchmeichelte ich mir, einen Blick der Gnade von dem allerhoͤchſten Wie⸗ — 60— dervergelter, der meine aufrichtige Inbrunſt zur Nachſicht ſtimmen wuͤrde, zu erhalten. Alle meine Wuͤnſche, alle meine Bitten, bezo⸗ gen ſich auf Almaiden. Gab es auch ein an⸗ deres Weſen in der ganzen Natur, das die goͤttliche Gnade ſo ſehr verdiente? War ſie nicht ſelbſt ein himmliſches Geſchopf, das ſich auf dieſer Erde verirrt hatte, uͤber das die Bewohner des Himmels ihre ſchirmenden Fit⸗ tige ausbreiten mußten? Dieſer Jahrestag war aufs neue erſchie⸗ nen. Bis dahin hatte ich nur fuͤr eine ge⸗ liebte Schweſter gebetet, jetzt aber wollte ich es fuͤr eine angebetete Geliebte. Zu den Fuͤßen der ſchoͤnen Bildſäule knieend, welche die Mutter des Heilandes vorſtellte, dieſer reinen Quelle unausſprechlicher Liebe, waͤhnte ich, ſie zu me nen inbrunſtigen Gebeten laͤcheln zu ſehen. Ich zweifelte keinesweges, daß ſie nicht mein Gebet erhoͤren, die Vermittlerin meiner ſehn⸗ lichen Wuͤnſche werden, mit ihrer ſtets wohl⸗ thaͤtigen Hand, das Gluͤck Almaidens, und vielleicht auch das meinige, in das Buch des Schickſals eintragen wuͤrde. In ſchwaͤrmeri⸗ ſche Traͤume verſunken, in die Regionen ſeliger 6— Taͤuſchungen entzuͤckt, uͤberſtroͤmte ein uͤberna⸗ tuͤrliches Licht mein ganzes inneres Weſen, und belebte meine Hoffnungen, die ſich den reizen⸗ den Bildern einer ewig gluͤcklichen Zukunft uͤberließen. Endlich verſchwand die Kapelle⸗ die Bildſaͤule, die heilige Quelle, kurs⸗ die ganze Welt vor meinen Augen. Ach! nur ein Gedanke, ein einziger Traum blieb mir uͤbrig, Von dieſem Wahn berauſcht und betaͤubt, ver— gaß ich Alles um mich her, als urploͤtzlich, ein, durch das Thal rohender und von dem Echo der Gebirge zuruͤckgegebener, fuͤrchterlicher Donnerſchlag mich aus meiner Taͤuſchung auf⸗ ſchreckte, und meine ſuͤßen Hirngeſpinſte zer⸗ ſtoͤrte. Es war Nacht. Die Sonne hatte den Horizont verlaſſen, ohne daß ich es wahrnahm, und in der tiefen Finſterniß, die mich umgab, hatte ich die groͤßte Muͤhe die Wege zu erken⸗ nen, auf denen ich zuruͤckwandeln mußte. Das Ungewitter tobte mit Macht. Blitze folgten auf Blitze und erhellten das Himmelsgewoͤlbe, nur um meine Augen zu verblenden, und mich dann in deſto tiefere Finſterniß zu ſtuͤrzen. Vom Sturmwinde herbeigefuͤhrte Regenſtroͤme vervielfaͤltigten die Hinderniſſe auf den Fußpfa⸗ —5— den und machten ſie unbrauchbar. Ich konnte nicht zu dem ſchon zu entfernten Kloſter zuruͤck gelangen. Der Bach, der aus ſeinen Ufern ge— treten war, ergoß ſich uͤber das Thal. Es blieb mir kein anderer Ausweg uͤbrig, als der, ͤber einen kleinen Steg, welchen einige umge⸗ ſtuͤrzte Baͤume gebildet hatten, und ich eilte ihn zu erreichen, ehe das Waſſer ihn hinweg— ſchwemme. Ein lang anhaltender Blitzſtrahl zeigte mir ihn, doch ſchon dem Verſchwinden nahe. Allein in dem nemlichen Augenblick, in welchem ich mich retten wollte, durchdrang ein ſchmerzliches, mich auf eine unbeſchreibliche Weiſe ergreifendes Geſchrei, meine Ohren. Ich ſchauderte. Ich ſtand faſt unwillkuͤhrlich ſtill. Ich horchte. Das ſchreckliche Bruͤllen des Sturms vermiſchte ſich mit dem Nollen des Donners und dem Krachen der niederſtuͤrzen⸗ den Bäume. Einen Augenblick glaubte ich, mich geirrt zu haben; aber das nemliche Klaggeſchrei ließ ſich abermals hoͤren. Nun ſchwankte ich nicht laͤnger. Ich kehrte auf meinen Schritten zuruͤck, und ſuchte der Rich⸗ tung der um Huͤlfe rufenden Stimme zu fol— gen. Bald aber gewahrte ich, daß die Verwuͤ⸗ 33 — 3— ſtungen des Ungewitters mich verhindern wuͤr— den, zu dem Orte zu gelangen, von woher dieſe Klagetone erſchollen. Schnell eilte ich zu dem Steg zuruͤck, den ich unkluger Weiſe ver⸗ laſſen hatte. Noch rechnete ich auf die Moͤg⸗ lichkeit ihn zu uͤberſchreiten, und dann die uͤberſchwemmten NRiederungen zu umgehen. Aber welch' ein Schrecken! Der Steg, meine letzte Zuflucht, war von der Fluth hinweggeriſſen; ich ſah ihn, bei dem Leuchten der Blitze, die den Horizont durchkreuzten, ſtromabwaͤrts ſchwimmen. Mein einziges Rettungsmittel war nunmehr verſchwunden, die Gefahr aufs Hoͤchſte geſtiegen, und die ſchreckliche Winds⸗ braut fuhr fort, mir ein Angſtgeſchrei zuzutra⸗ gen, das mein Herz zerriß. Eine dumpfe Verzweiflung bemaͤchtigte ſich meines ganzen Daſeyns. Ich war von Mitleid durchdrungen und wuͤthend, keine Huͤlfe leiſten zu koͤnnen. Ich war auf dem Wege den unerbittlichen Himmel anzuklagen, deſſen, wie ich waͤhnte, unheilbringende Geſetze das irdiſche nicht ach⸗ ten. In meinem Wahnſinn ging ich ſo weit, die Beſchuͤtzerin, die ich eben angebetet hatte, zu verkennen,— als meine vorwaͤrts ausge⸗ — 6— ſtreckten Haͤnde, eine Art von Säule ergriffen, die ich alsbald fuͤr einen der Pfeiler erkannte, welche die Waͤſſerung ſtuͤtzten. Ohne Zaudern ſchwang ich mich auf dieſe ſchmalen, ſchluͤpfri⸗ gen Steine, die, in der herrſchenden Finſter⸗ niß, einen gefaͤhrlichen Uebergang darboten. Es hieß, ohne Zweifel, nur die Gefahr ver⸗ tauſchen: aber ich uͤberlegte nicht lange. Eine unwiderſtehliche Gewalt riß mich fort; und bald gehend, bald kriechend, oft meine Bahn durch die ausſpringenden Winkel verlierend, gegen die losgelaſſenen Elemente kaͤmpfend, ge⸗ gen meine Schwaͤche wuͤthend, zuweilen jede Spur vermiſſend, die Verzoͤgerungen, die mich abhielten, hoͤchſt wahrſcheinliches Ungluͤck zu verhuͤten, verwuͤnſchend, gelang es mir endlich, nach unſaͤglichen Anſtrengungen, eine Erhoͤhung zu erreichen, die in der Naͤhe der Landſtraße lag, von welcher ein ſteiler Fußpfad zur Ka⸗ pelle der heiligen Jungfrau fuͤhrte. Das Ungewitter tobte fort, und noch hatte ich nicht alle Schwierigkeiten uͤberwun⸗ den, die mich vom Wege trennten. Aber be⸗ reits unterſchied ich rauhe, zornige, ungedul⸗ dige Stimmen, von feineren, klagenden oder halb erſtickten; auch ſchien es mir, als waͤren es nicht die Schrecken und Gefahren des Sturmes, welche das Angſtgeſchrei, das in meinen Ohren ertoͤnte, hervorbrachten. Ich war ohne Waffen. Aber die kalte Ueberle⸗ gung, die meiſt nichts anders iſt als niedrige, uͤbertuͤnchte Selbſtſucht; und vom großen Hau⸗ fen Hlugheit genannt wird, war gluͤcklicher⸗ weiſe ferne von mir.„Wer ihr auch ſeyn moͤgt,“ rief ich mit lauter Stimme,„ſchoͤpft Hoffnung, denn ein Beſchuͤtzer naͤhert ſich euch!“ Kaum hatte ich dieſe Worte gerufen, als mir eine Stimme, die ich ſogleich fuͤr die der guten Gertrude Terillo erkannte, lebhaft zurief:„Welch ein Gluͤck! Don Manuel— ach Don Manuel!“ Ich verſchweige, was in die⸗ ſem ſchrecklichen Augenblick in mir vorging. Alle Schrecken und fuͤrchterliche Ahnungen ſtuͤrmten auf mich ein!„Vielleicht gar Almaide!— Großer Gott!“— Von Entſetzen durchdrun⸗ gen, von Wuth entflammt, und von Zorn mit uͤbermenſchlicher Kraft begabt, riß ich einen ungeheuern Aſt ab, ſtuͤrzte durch einen Sumpf, in den ich haͤtte verſinken koͤnnen, und fand mich, gleichſam durch ein Wunder, in der Don Manuel. Erſter Theil. 5 Mitte der Boͤſewichter, denen meine Rache drohte, und welche ſie gleich den Blitzen, die uns leuchteten, traf. Ihre naß gewordenen Waffen verſagten den Verbrechern ihren Dienſt. In einem Augenblick waren ſie Alle niederge ſchmettert oder in die Flucht gejagt. Don Franrisco de Jaffra ſchenkte ich aus Mitleid das Leben, deſſen er unwuͤrdig war, und in⸗ dem ich mich der Maulthiere bemächtigte, die zur Ausfuͤhrung ſeiner ſtrafbaren Abſichten be⸗ reit ſtanden, geleitete ich meine vielgeliebte Almaide nach Cervera zuruͤck.— Aber Almaide war dem Tode nahe und Gertrude ſchwamm in Thraͤnen und vermochte kaum zu athmen. Die ſorgfaͤltige Pflege, die wir meiner ſchoͤnen Freundin angedeihen ließen, verhalf ihr bald wieder zu der Geſundheit, welche die⸗ ſes Abentheuer ihr zu rauben drohte. Ich wachte unausgeſetzt an ihrem Bette, und ob ich zwar wuͤnſchte, die Thatſachen, welche dieſe Ungluͤcksſcenen herbeifuͤhrten, aus ihrem eige⸗ nen Munde zu hoͤren, ſo ließ ich ſie mir doch lieber, aus Schonung fuͤr ihre Gefuͤhle, von Gertruden erzahlen. Die gute Frau berichtete mir alſo: Almaide habe erfahren, daß ich zu der Kapelle des heiligen Dominiks gewallfahr⸗ tet ſey, und da ſie die geheime Abſicht dieſer Pilgrimſchaft errathen, ſo habe ſie ſich mit ih⸗ rer guten, alten Gertrude verabredet, mich dort in meiner zaͤrtlichen Andacht zu uͤberra⸗ ſchen. Sie waͤren mithin bei anbrechender Daͤmmerung mit einander fortgewandert; aber, in einer kleinen Entfernung von der Stadt, ſey ihnen Don Francisco, in Begleitung eini⸗ ger ſeiner Diener, begegnet. Dieſer junge, thoͤrichte Menſch habe ſogleich ſeine Leute fort—⸗ geſchickt, indem er ihnen einige Befehle zufluͤ⸗ ſterte. Hierauf habe er Almaidens Arm, trotz ihres Widerſtandes ergriffen, und darauf be⸗ ſtanden, ſie zu begleiten. Zwar ſchien ihn Al⸗ maidens wuͤrdevoller Ton in einige Verwirrung zu ſetzen, aber ſeine Bedenklichkeit verſchwand ſogleich wieder, und um ſich den Aeußerungen ihrer beleidigten Tugend zu entziehen, ſcherzte er uͤber ihre heimliche Wanderung, und ſchrieb dieſe ſtrafbaren Abſichten zu. Almaidens Schweigen war ihre einzige Antwort. Don Francisco verdoppelte ſeine Frechheit, und ſich vielleicht uͤber die Urſache dieſes fortdauernden 5 * Unwillens taͤuſchend, ergriff er nicht nur die Gelegenheit ihr ſeine Liebe zu erklaͤren, ſondern ging in ſeiner Verworfenheit ſo weit, daß er ihr Gold bot, und ſie bereden wollte, mit ihm nach Madrid zu entfliehen. Nachdem Almaide vergeblich verſucht hatte, dieſes ſchaͤndliche An⸗ erbieten mit gehoͤriger Verachtung zuruͤckzuwei⸗ ſen, blieb ihr nichts uͤbrig, als mit zitternder, von Schluchzen unterbrochener, Stimme um die Erlaubniß zu flehen, daß ſie nach der Stadt zuruͤckkehren duͤrfe. Gertrude, ihre einzige ſchwache Stuͤtze, konnte nicht glauben, daß Don Francisco ſie mit Gewalt zuruͤckhal— ten wuͤrde, als ſie mit Entſetzen wahrnahm, wie ſeine getreuen Helfershelfer ſie jetzt um⸗ ringten, und ſich anſchickten, ſie auf die herbei⸗ gefuͤhrten Maulthiere zu heben. Jetzt gewahr⸗ ten ſie Don Francisco's niedertraͤchtigen Plan in ſeinem ganzen Umfang. Sie erfuͤllten die Luft mit ihrem Geſchrei, das ſich aber in dem Toben des eben ausgebrochenen, und ihr Grau⸗ ſen vermehrenden Ungewitters verlor. Ihre Thraͤnen, ihr Flehen, wurden nur mit Fluͤchen und unverſchämten Schmeicheleien beantwortet. Lange hofften, beteten, flehten ſie den Schutz — 60— der Menſchen und des Himmels an,— aber leider vergeblich. Endlich unterlagen ſir der Gewalt, und Almaide, deren Sinne ſchwanden, vermochte nicht laͤnger ihren Entfuͤhrern Wider⸗ ſtand zu leiſten, als mein plotzliches Erſchei⸗ nen, meine wuͤthende Stimme, und die von mir ausgetheilten, unerwarteten, ſchrecklichen Streiche, die Mitſchuldigen des Don Francisco zerſtreuten. Das Uebrige war mir bekannt. Zwei Tage darauf, als ich an nichts we⸗ niger dachte, als daß Don Francisco neue Ver⸗ ſuche wagen wuͤrde, lag ich zu Almaidens Fuͤ⸗ ßen, ihr eben erzaͤhlend, auf welche Weiſe ich ihm ſeine Maulthiere zuruͤckgeſchickt habe,— da ſtand der Unverſchaͤmte ploͤtzlich vor uns. Zorn und Abſcheu ſetzten mein Geſicht in Flammen. Ein ſardoniſches Lächeln, das auf ſeinen Lippen ſchwebte, verwandelte ſich in un⸗ terdruͤckte Wuth, deren Ausbruch er jedoch zu bemeiſtern wußte. Sich mit einem gewiſſen erkuͤnſtelten leichten Ton an Almaiden wen⸗ dend, ſagte er ihr, er hoffe, daß ſie die Verir⸗ rungen der leidenſchaftlichen Liebe, die ihre ſchoͤnen Augen hervorgebracht hätten⸗ verzeihen wuͤrde. Er klage ſich an, in dem Eifer nach — Befriedigung ſeiner hoͤchſten Wuͤnſche, dem Be⸗ ſitz ihrer ſchoͤnen Hand, vielleicht allzu weit gegangen zu ſeyn. Er habe blos die Abſicht gehabt, durch einen Scherz der Sklaverei einer langen Dienſtbarkeit zu entgehen, und die weit⸗ laͤuftigen Erklaͤrungen zu vermeiden, deren ſich nur die Gleichguͤltigkeit bediene: uͤbrigens ſey er weit entfernt, die ſchuldige Achtung gegen den Gegenſtand ſeiner zaͤrtlichſten Liebe zu ver⸗ geſſen. Er habe freilich unrecht gehabt zu glauben, daß ein Anſtrich von Geheimniß die Beguͤnſtigungen der Liebe erhoͤhe; aber ver⸗ zehrt von einer unwiderſtehlichen Gluth, er⸗ ſcheine er jetzt um ſein Unrecht zu verguͤten, wolle ſich und ſein Gluͤck zu Almaidens Fuͤ⸗ hen legen, und ſie bitten, ſeinen Rang und ſein Vermoͤgen zu theilen. Almaide empfing dieſe ſeltſume Erklaͤ⸗ rung mit einer kaltbluͤtigen Ruhe, die Don Francisco'n irre leitete. Wahrſcheinlich erwar⸗ tete er heftige Ausbruͤche von Unwillen und verdiente Vorwuͤrfe, die er vorgeſetzt hatte da⸗ durch zu unterbrechen, daß er ſich die Schuld ſei⸗ nes Verbrechens auf die Heſtigkeit ſeiner Lei⸗ denſchaft warf. Einen Augenblick war Almaide ——,——— —— uͤberraſcht, ihn vor ſich zu ſehen⸗ aber die uebung, in ihrem Geſichte zu leſen, was in ihrem Herzen vorging, entdeckte mir alsbald den Abſcheu, den ſie fuͤhlte. Doch kehrten ihre ſchoͤne Zuge ſogleich zu ihrer gewohnten Heiterkeit zuruͤck, und gewannen, durch ein ein⸗ faches und beſcheidenes Anſehen, neue Reize. Es gibt Dinge, durch welche ſich die blin⸗ deſte Eigenliebe nicht täuſchen läßt; aber Al⸗ maidens Ruhe verwirrte Don Francisco's Scharfſinn. Wahr iſt es, daß er in ihrer Aufmerkſamkeit ihn anzuhoͤren, weder ein in⸗ neres Wohlgefallen, noch die Zeichen eines be⸗ friedigten Stolzes entdecken konnte, und haͤtte ihn die hohe Meinung, die er von ſich hegte nicht geblendet, ſo wuͤrde er leicht bemerkt ha⸗ ben, daß hinter dieſer ſcheinbaren Maͤßigung die Verachtung und der Stolz verborgen lagen, die jedes tugendhafte Weib bei unverdienten Beleidigungen fuͤhlt. Er aber begnuͤgte ſich mit der taͤuſchenden Oberflaͤche, und das Still⸗ ſchweigen benutzend, das wir Beide beobachte⸗ ten, erkuͤhnte er ſich, mich Bruder zu nennen, und mich in einem vertraulichen Ton, zu dem nur eine lange Bekanmtſchaft berechtiget, zu — bitten, ſeine Bewerbungen um Almaidens Hand zu unterſtuͤtzen. Der Blick den ich ihm zuwarf, drang bis ins innerſte ſeiner Seele, und ich fragte ihn, mit einem unterdruͤckten Sorngefuͤhl, das meinen Worten einen ſeltſa⸗ men Ausdruck gab; ob er wiſſe, wie ein Mann ſeinen verlornen Ruf wieder gut zu machen habe, und ob er glaube, daß ſich Bande des Vertrauens und der Achtung zwi⸗ ſchen einem anbetungswuͤrdigen Frauenzimmer und einem Manne knuͤpfen ließen, der es ſo grauſam beleidigte, und der gewiß nicht wuͤrde angeſtanden haben, es der Schande zu uͤber⸗ liefern, haͤtte es nicht ein Gluͤcksfall aus den Klauen ſeiner unverſchaͤmten Leidenſchaften er⸗ rettet? „Ich weiß nicht,“ erwiederte Don Francisco,„wie weit die Rechte eines Bru⸗ ders ſich uͤber ſeine Schweſter erſtrecken, und ich erſuche Sie, die Herablaſſung, mit welcher ich ihre Fragen beantworte, blos auf die Rech⸗ nung meiner Verehrung fuͤr die Schoͤnheit und mein Verlangen zu ſehen, zuverlaͤſſigere Rechte bei ihr geltend zu machen. Sie reden von verlornem Ruf; aber dieſer Ausdruck 6— kann mich nicht treffen. Ich geſtehe einige Thorheiten begangen zu haben; es iſt jedoch das Loos leidenſchaftlicher Menſchen dergleichen zu begehen, und die Weisheitsſpruͤche der kal⸗ ten Ueberlegung ſind nur die Entſchuldigungen eines vertrockneten Herzens. Aber die große Welt vergißt bald dieſe Leichtfertigkeiten, deren Folgen ihr gleichguͤltig ſind, und verzeiht ſie ſtets, wenn ein gluͤcklicher Erfolg ſie kroͤnt. Was liegt an ihrem Unwillen oder an ihrer Achtung? Sie bewilliget dem Gluͤck, der Liſt, der Benutzung der niedrigſten Mittel, ſelbſt der Verachtung die man fuͤr ihr Urtheil hat, was ſie großmuͤthigen Handlungen, be⸗ ſcheidenen Talenten, und demuͤthiger Recht⸗ ſchaffenheit verſagt. Nichts iſt häufiger als ſie ihr eigenes, als unwiderruflich ausgeſpro⸗ chenes Urtheil, vernichten zu ſehen: dies iſt ihr ſuͤßeſter Zeitvertreib. Ueberzeugt von die⸗ ſer Wahrheit, ergreife ich das gegenwaͤrtige Gute mit Begierde, ohne die Folgen, die ich durch Geringſchaͤtzung zuruͤckweiſen kann, zu berechnen. Ich ergreife das Gegenwaͤrtige gleichſam wie eine vorausbezahlte Schadloshal⸗ tung fuͤr die Ungewißheiten der Zukunft, und — als einen Erſatz fuͤr fruͤher fehlgeſchlagene Hoffnungen. Ich weiß, daß man der Tugend nachgeben muß, die ich, in ihrer edelſten Ge⸗ ſtalt, in der Perſon ihrer Schweſter bewun⸗ dere. Aber ich vermag nicht mein Herz gegen die Lockungen einer reizenden Frau zu waff⸗ nen, und ich wuͤrde mir Vorwuͤrfe machen, wollte ich dem ſeltſamen Vorurtheil gehorchen, das mir gebietet ſie zu fliehen, weil ſie nicht begreifen kann, wie ſehr ſie geliebt wird. Die kleine Eitelkeit, ein geringes Hinderniß hin⸗ weg zu raͤumen, das ich doch mit weit große— rer Leichtigkeit haͤtte entfernen koͤnnen, ein unvermuthetes Zuſammentreffen, die Gluth welche ſo viele Reize in meinem Herzen ent⸗ zuͤndete, alles dieſes bewirkte den Wahnſinn, der mich ploͤtzlich ergriff, ihre Schweſter zu den Fuͤßen meiner Mutter, der Marquiſin de Jaffra, fuͤhren zu wollen. Ihre barſche und wuͤthende Dazwiſchenkunft verhinderte jede Er— klaͤrung. Ich erſuche, daß alles vorgefallene vergeſſen ſeyn moͤge. Richten Sie mich Sen— nora,“ fuhr er, ſich zu Almaiden wendend, fort,„und geben Sie meinen Wuͤnſchen nach. Ein gnſtiges Wort aus Ihrem Mundt wird 1 — ein verzweiflendes, verkanntes Herz zum Gluͤcke zuruͤckfuͤhren.“ Unter den mannigfaltigen Inconſequen⸗ zen, welche Don Francisco hervorbrachte, um ſein ſchaͤndliches Betragen und das Unſittliche ſeiner Grundſaͤtze zu entſchuldigen, ſagte er lei⸗ der manche nur zu ſchmerzliche Wahrheit. Beinahe ſchien es mir, als blicke in der That eine aufrichtige Neigung aus ſeinen letzten Worten. Er hielt mich ja fuͤr Almaidens Bruder, und erklaͤrte ſich deshalb ſo frei in meiner Gegenwart, als zweifle er nicht im mindeſten an meinem Beiſtand. Reich, jung, vornehm, mit aͤußeren glanzenden Eigenſchaf⸗ ten begabt, bot er der Tochter des Don Nar⸗ cis Vortheile dar, die ſelbſt die ſtrengſte Ver⸗ nunft zu ſchaͤtzen gewußt haben wuͤrde.— und ich, wahrſcheinlich der Sproͤßling eines verbotenen Umgangs, von nun an ſelbſt dem Anſchein vaärerlicher Liebe entfremdet, weder Rang, noch Vermoͤgen, noch eigentliche Hei⸗ math, vielleicht nicht einmal einen anderen Na⸗ men, als den, welchen uns das Mitleid bewil⸗ ligte, beſitzend, was hatte ich Aermſter, außer meiner Liebe, der Gefährtin meiner Kindheit — 36— anzubieten?— nichts als Elend und Ernie⸗ drigung, der Keim des Ungluͤcks, das mich ver⸗ folgte. Durfte ich ein ſo großes Opfer von ihrer Zartlichkeit heiſchen? War es nicht an mir, es darzubringen, und auf die ſuͤßen Hoff⸗ nungen, mit denen ich mir geſchmeichelt hatte, zu verzichten? War es nicht an mir, jedes Hinderniß hinwegzuraͤumen, das ſich Almai⸗ dens Gluͤck entgegen ſtemmen wollte? Dieſe Ueberlegungen folgten blitzſchnell aufeinander, und es ſey, daß Almaide entwe⸗ der meinen innern Kampf errteth, oder daß ſie es nicht fuͤr geeignet hielt, geradezu auf Betheuerungen zu antworten, die ihr laͤſtig waren, und ſie faſt noch mehr beleidigten als der vereitelte Angriff auf ihre Ehre, kurz, ſie wendete ſich mit einem unausſprechlich zaͤrtli⸗ chen Blick zu mir und ſagte:„Theurer Ma⸗ nuel, geliebter Bruder, du, der du das Inner—⸗ ſte meines Herzens kennt, willſt du mir nicht in dieſer peinlichen Lage beiſtehen? du ſollſt, du mußt fuͤr mich reden!“ Bei dieſem Aufruf an meine Vernunft oder an meine Liebe, ergriff mich die Begeiſte⸗ rung der Großmuth. Almaide legte ihr — 77— Schickſal in meine Haͤnde! Ich glaubte, ein einziges Wort genuͤge, um es auf immer zu entſcheiden. Ich bot alle meine Kraͤfte auf und beſchloß, mich ſelbſt zu vergeſſen, und mich einem ewigen Ungluͤck zu weihen, koͤnnte ich dadurch das Gluͤck der Geliebten gruͤn⸗ den. „Don Francisco,“ ſprach ich mit bebender Stimme,„Sie ſind noch jung und abhaͤngig von Ihren Eltern, deren Einwilligung Sie beduͤrfen. Auch Almaidens Wille muß ſich dem ihres Va⸗ ters unterwerfen.“ „Meiner Mutter Einwilligung,“ antwor⸗ tete er,„der mein Vater ſich nicht widerſetzen darf, bin ich gewiß. Was die Zuſtimmung des Ihrigen betrifft,“ fugte er mit ſtolzem Laͤ⸗ cheln hinzu,„ſo wird der Name und Rang des Marquis de Jaffra und der des Grafen von Torresello———“ „Es ſind weder,“ unterbrach ich ihn mit grauſamer Anſtrengung,„ die Lockungen der Groͤße, noch des Reichthums, welche Al⸗ maidens Herz zu feſſeln vermoͤgen. Ihre er⸗ habene Seele, ihre Schoͤnheit, ihre Tugenden wuͤrden ihr den Weg zum Throne bahnen, — 78— waͤre ein ſolcher der Wuͤrdigſten aufbewahrt. Sie muß einem Gatten angehoͤren, der ihre hohen Eigenſchaften zu ſchaͤtzen weiß, deſſen Zärtlichkeit ſtets mit den reinſten, ſittlichen Grundſatzen ſich eint, der ſein ganzes Leben ihrem Gluͤcke widmet. Es liegt mir nicht ob, ein Herz wie das ihrige zu warnen; aber Sie, Don Francisco, muͤſſen Ihr eigenes genau pruͤfen. Iſt es einer grenzenloſen Anhaͤnglich⸗ keit faͤhig, widmet es ſich einzig und allein der reizenden Goͤttin, der es heute Weihrauch ſtreut, ſetzt es ſeinen ganzen Ruhm darein, ſie gluͤcklich zu machen, dann duͤrfen Sie hof⸗ fen, daß ich in ihrem Namen die Schwuͤre annehmen werde, die Sie ſich hoffentlich nicht unterfangen zu brechen. Waͤre es anders, ſo Hier verſagte mir die Zunge den weite⸗ ren Dienſt. Die Pein welche ich erduldete, war grauſam, war herzzerreißend. Ich ent⸗ ſagte meinen Rechten,— ich gene dem 6. ben zu entſagen! Almaide, die gleich Anfangs aufmerkſam auf meine Worte gehorcht hatte, erroͤthete und erblaßte wechſelsweiſe. Sie geſtand mir in der Folge, ſie ſey, um mich fuͤr meine Gleich⸗ guͤltigkeit zu ſtrafen, einen Augenblick Willens geweſen, mir nicht zu widerſprechen. Aber meine Blaͤſſe, das Beben meiner Stimme, und ein Zittern, das ich vergeblich zu uͤberwinden ſtrebte, klaͤrte ſie uͤber meinem inneren Kampf auf. Mit einem Blick uͤberſah ſie die Folgerungen, die ich ſelbſt aus meiner ungewiſſen Lage gezo⸗ gen hatte. Sie ahnte das Opfer welches ich ihr zu bringen gedachte, und entſchloſſen, es nicht anzunehmen, wollte ſie aller Unſchluͤſſig⸗ keit dadurch ein Ende machen, daß ſie vermied, den Don Francisco einen Nebenbuhler in mir ahnen zu laſſen. Das Herz eines liebenden Weibes iſt voller Zartheit. Die Natur, wel⸗ che ihm dieſe einfloͤßt, enthuͤllt ſeinem Scharf⸗ ſinn die Schwierigkeiten, die zu vermeiden ſind, und die Huͤlfsmittel, welche die Unzu⸗ friedenheit mildern und zum Nachgeben ſtim⸗ men. „Du haſt mich falſch verſtanden, lieber Manuel,“ ſagte ſie zu mir.„Ich ertheilte Dir nicht den Auftrag, dem Don Francisco uͤbertriebene Lobeserhebungen von mir zu ma⸗ chen, die ich ablehnen muß, und noch weniger S ihm Bedingungen vorzuſchreiben, unter denen er meine Hand erlangen koͤnnte, die ich nur mit meinem Herzen verſchenken werde. Ih⸗ nen aber Don Francisco,“ fuhr ſie mit der Wuͤrde des Selbſtgefuͤhls fort,„bin ich ſehr fuͤr den Schritt verbunden, zu dem Sie das Gefuͤhl Ihres Unrechts gegen mich, das ich laͤngſt vergeſſen habe, fuͤhrte. Ich wuͤrdige die Ehre, in die Familie der Marquiſin von Jaf⸗ fra aufgenommen zu werden, nach Verdienſt. Aber ich geſtehe, ein wenig eitel und empfind⸗ lich zu ſeyn. Sie ſprachen nur von der Ein⸗ willigung Ihrer Mutter: die Ihres Vaters wuͤrde mein Stolz vermiſſen, ſelbſt dann, wenn er ſich knechtiſch dem Willen ſeiner Ge⸗ mahlin fuͤgte. Alles iſt jetzt wieder gut ge⸗ macht. Ihr gethaner Schritt genuͤgt meinem gerechten Unwillen, und gewaͤhrt mir, trotz meiner Weigerung, den Genuß, Sie wieder zu dem urſpruͤnglichen Adel Ihres Charakters zu ruͤckkehren zu ſehen.“ Don Francisco beſtand auf ſeiner Bitte. Er verſuchte die Eigenliebe, von der er kein weibliches Weſen frei glaubte, ins Spiel zu ziehen. Er beſchrieb die Schaͤtze, mit denen — 86— er Almaiden uͤberhaufen wolle, die Vergnuͤgun⸗ gen und die Ehrenbezeugungen, die ſie in der großen Welt genießen wuͤrde. Er ſprach von den Pallaͤſten, die ſie in Barcellona und Ma⸗ drid bewohnen ſolle, von der Bewunderung und der Eiferſucht, die ihre Schoͤnheit, ihre Gra— zie, ihr Verſtand, bei dem ganzen Hof erregen wuͤrden. Er ſchilderte ſich als den unterwuͤr⸗ figſten Menſchen, als ihren demuͤthigſten Skla⸗ ven, der ſich hinlaͤnglich belohnt fuͤhlen werde, wolle ſie nur einen Strahl ihrer Glorie auf ihn fallen laſſen. Dieſe Betheuerungen, dieſe glaͤnzenden Schilderungen, brachten nicht ein⸗ mal ein ſchwaches Laͤcheln auf Almaidens Lippen hervor. Sie hoͤrte ſie mit jener kalten Hoͤß⸗ lichkeit an, welche bie zu große Vertraulichkeit zuruͤckweiſt, und den Stolz demuͤthigt. Ich aber bebte vor Schmerz und Scham, uͤber die Gewißheit, daß der Mann dem ich bereit war, Liebe und Leben zu opfern, waͤre Almaidens Gluͤck dadurch gegruͤndet worden, daß dieſer Mann, ferne davon ſie zu verdienen, ſie in ſei⸗ nem unklugen Wahn mit jenen leichtſinnigen Weſen vergleichen konnte, die, ohne Grundſätze und ohne Vernunft, ſich von ein wenig Weih⸗ Don Manuel. Erſter Theil. 6 — 4— rauch berauſchen laſſen, die ein eitler Glanz verblendet, die ihr Gluͤck in augenblickliches Gelingen ſetzen, und die, in den Wirbel der großen Welt geſtuͤrzt, ein Hirngeſpinnſt verfol⸗ gen, deſſen Leerheit ſie endlich unterliegen, und das ihren Abſcheu vor allem Tand, von dem ſie ſich verfuͤhren ließen, erregt. Ich verſuchte Don Francisco'n begreiflich zu machen, daß ohne Zweifel ſeine Einbildungs⸗ kraft, bei Almaidens Anblick, mehr aufgeregt worden ſey, als ſein Herz, und daß er in der Wahl der Mittel, die ihn zum Zweck fuͤhren ſollten, einen großen Irrthum begehe. Aber Don Francisco hatte ſchon wieder ſein ganzes hochfahrendes Weſen und den ganzen Ungeſtuͤm ſeines Charakters angenommen. Gekraͤnkt, ſich ohne Vortheil erniedriget zu haben, uͤberließ er ſich den Ausbruͤchen ſeines Zorns, und wieder in ſeinem gewohnten anmaßenden Ton zuruͤck⸗ fallend, ſagte er mir mit leiſer Stimme, und meine Hand heftig druͤckend:„Ich werde hoffentlich noch erfahren, woher der ſeltſame Contraſt ruͤhrt, den ich zwiſchen Ihren Wor⸗ ten, Ihrer Lage, und Ihren Blicken, deren Aus⸗ legung Sie mit Schande bedecken wuͤrde, be⸗ ———— merke. Ich gehe und erwarte Sie. Erinnern Sie ſich des Weges zur Kapelle; dort verliert und erſetzt ſich der gute Ruf!“— Almaide horte dieſe Worte nicht. Ich weiß, was man den Geſetzen der Ehre ſchuldig iſt. Ein Mann, der eine Her⸗ ausforderung erhaͤlt, kann ſich dem Zweikampf nicht entziehen, ohne ſich mit Schande zu be⸗ decken. In Spanien iſt dieſes Vorurtheil viel⸗ leicht noch feſter eingewurzelt, als in anderen Laͤndern(2). Ich dachte nicht daran mich ei⸗ ner Gefahr zu entziehen, welcher mich zu un⸗ terwerfen die Sitte gebot; aber ich war auch ferne davon, das Aufbrauſen von Muth zu fuͤhlen, welches den Juͤngling meiſt bei einer erſten Ehrenſache beſeelt. Ich ahnte, im Ge⸗ gentheil, zitternd, die vermuthlich hoͤchſt trau⸗ rigen Folgen dieſer Sache, die ich weder vet⸗ meiden wollte, noch konnte. Zwar war ich, mit der Ruhe des wahren Muthes, unbeſorgt fur mich ſelbſt, und mein Leben ſchien mir kei⸗ nen hohen Werth zu haben. Blieb ich aber Sieger, ſo raubte ich einer hohen Familie den geliebten Sohn; und ſchon zerriſſen die Vor⸗ wuͤrfe eines verzweiflenden Vaters und das 6— — Wehegeſchrei einer jammernden Mutter mein Gehoͤr, und ſchickten ſich an, mich in dieſer und jener Welt zu verfolgen. Unterlag ich, ſo blieb meine angebetete Almaide nicht nur den Verfolgungen meines niedertraͤchtigen Geg⸗ ners ausgeſetzt, ſondern auch den Schmerzen einer ewigen Trennung. Ich ſah ſie auf mei⸗ nem Sarg weinen; ich hoͤrte, wie ſie meiner Aſche verdiente Vorwuͤrfe machte; ich ſah ſie ein⸗ ſam, verlaſſen, die Stutze ſuchend, die ſie an mir haͤtte finden ſollen, und keine andere Zu⸗ flucht ſindend,— als das Grab. Dieſes fruͤhzeitige Grab, in welches ich ſie ſtuͤrzte, war alſo der Lohn ihrer reinen Reigung! Dies war die Grube welche ich der Schoͤnheit, der Tugend, bereitete! Bei dieſen Vorſtellungen empoͤrte ſich meine Seele gegen die Barbarei, der im geſelligen Leben herrſchenden Wider⸗ ſpruͤche, gegen jenen Zwang, der uns unter Strafe der Schande heimzufallen, zum Blut⸗ vergießen nothiget. Aber auch ein anderes Ge⸗ fuͤhl, das ich mir noch heute gern ableugnen moͤchte, laſtete mit ungeheuerem Gewicht auf meinem Herzen. Vergeblich beſtrebte ich mich deſſen los zu werden, es wuchs ſtets aufs neue, — 85— es beherrſchte und druckte mich wie ein ſchwerer Traum. Ich wuͤrde mehr als mein Leben geopfert haben, um Almaiden gluͤckliche Tage zu bereiten. Ich wuͤrde Kraft gehnbt haben mei⸗ me Liebe zu beſiegen, wenigſtens zu verſchwei⸗ gen, hoͤtte ich auch dem Kampf unterliegen muͤſſen, wenn ich haͤtte hoffen konnen, daß Al⸗ maidens Schickſal durch Rang⸗ Vermoͤgen und Glanz waͤre verſchoͤnert worden.— Vorzuͤge die mir Aermſten ja verſagt waren ihr zu bie⸗ ten. War ich nicht ſchon auf dem Weg ihr dieſes Opfer zu bringen? Zwar fuͤhlte ich wohl, daß ich dieſen ſchrecklichen Schlag nicht uͤberleben wuͤrde; aber indem ich die einzigen Bande, welche mich ans Leben knuͤpften, frei⸗ willig zerriß, indem ich mich ſelbſt meinem traurigen Schickſal widmete, blieb mir doch die Genugthuung, heiligen Pflichten gehorcht, und der ſuͤße Troſt, das Bedauern derjenigen erweckt zu haben, deren Gluͤck mein Werk war. Jetzt aber milderte nicht einmal dieſer traurige Genuß meine Leiden. Ohne Zweck, ohne Nutzen ſtarb ich fuͤr Almaiden, und ich weiß nicht welches Geſpenſt mich verfolgte, das meiner erhitzten Einbildungskraft vorſpie⸗ — 6— gelte, wie ſie die von ihr ſelbſt gewebten Ban⸗ de zerriß, die ſo oft geſchworne Treue brach, und ſogar das Andenken an mich verbannte. Ich erkannte meine ſtrafbare Ungerechtigkeit, ich zuͤrnte mit mir ſelbſt uͤber die Beleidigung welche ich meiner Vielgeliebten zufuͤgte; aber Schuld und Gewiſſensbiſſe vereinigten ſich, um mein Herz zu zerreißen. Mitten unter dieſen Qualen ſchlug die ungluͤckſelige Stunde. Ich begab mich auf den Weg zur Ka⸗ pelle der heiligen Jungfrau, geſinnt meiner Rache verſoͤhnenden Maasregeln zu unterwer⸗ fen. Ich empfand das ganze Ungluͤck meines Schickſals, und meine unſtaͤten Blicke und die Blaͤſſe meines Geſichts, zeugten von der Qual, die ich litt. Don Francisco war mir zuvor⸗ gekommen. Er war allein, und begann ſo⸗ gleich, in dem anmaßendſten Ton, mir Vor⸗ wuͤrfe uͤber meinen Mangel an Puͤnktlichkeit zu machen. Augenblicklich bemerkte ich, daß keine großmuͤthige Geſinnung von ihm zu er⸗ warten ſey, und wurde noch mehr davon uͤber⸗ zeugt, als er ſeine trotzige Anrede mit den Worten ſchloß:„ Alſo verleitete Dich Deine unverſchaͤmte Thorheit zu dem Wahn, Du ——— wuͤrdeſt, durch ein geſchändetes Weib, äber Don Francisco triumphiren! Geh, nieder⸗ traͤchtiger Blutſchaͤnder, ich errieth Deine ver⸗ abſcheuungswuͤrdigen Abſichten! Beleidiget mich Deine Mitſchuldige, ſo wird ihre Strafe der Deinigen folgen!“ Dieſe abſcheulichen Worte ausrufend, zog er den Degen, und ich ſah mich gezwungen ſeinem Beiſpiel zu folgen. Der Kampf dauerte lange. Er griff mich wuͤthend an. Ich be⸗ ſchraͤnkte mich auf bloße Vertheidigung, be⸗ durfte aber meiner ganzen Vorſicht, um ſeine Stoͤße abzuwehren. Ich blieb jedoch nicht im⸗ mer in dieſem Vortheil. Sein Degen ver⸗ wundete meinen Arm, und er brach in ein Freudengeſchrei aus, als er mein Blut fließen ſah. Verwundert und erboſt uͤber dieſe teuf⸗ liſche Freude, verließ mich die bisher beibehal⸗ tene Maͤßigung; ich fuͤhlte wie mein Zorn entbrannte, und ohne dieſe Aufwallung unter⸗ drucken zu wollen, drang ich nun mit voller Kraft auf meinen Gegner ein. Sein Schick— ſal war in kurzer Zeit entſchieden. Er fiel von einem tiefen Stich durchbohrt, ſuchte ſich wieder zu erheben, aber— vergeblich⸗ — 88— Ich näherte mich ihm.„Ihr Leben,“ ſagte ich,„iſt in meinen Haͤnden. Ich werde keinen Gebrauch von dieſem verhaßten Rechte machen; huͤten Sie Sich aber Al⸗ maiden zu verlaͤumden! Ich liebe ſie, und bin nicht ihr Bruder. Ich liebe ſie uͤber Al⸗ les— und doch wollte ich Ihnen meine Liebe opfern! Urtheilen Sie uͤber mich, urtheilen Sie uͤber ſich ſelbſt, und erroͤthen Sie ob Ihrer Uebereilung.“ „Ich errothe uͤber meine Niederlage,“ etwiederte Don Francisco, ſich zum Laächeln zwingend.„Aber wozu ſo viel Geheimniß? Warum klaͤrten Sie mich nicht fruͤher auf? Ich wuͤrde mich dann wohl gehuͤtet haben, meinen Nebenbuhler zum Fuͤrſprecher zu waͤh⸗ len Ich unterbrach dieſe Rede, deren Fronie meinen Zorn erregte. Ich bemuͤhte mich, das Verſprechen des tiefſten Geheimniſſes uͤber die⸗ ſen Vorfall von ihm zu erlangen, und unter— ſuchte ſeine Wunde. Seine Schwaͤche nahm ſichtlich zu. Ich zerriß meine Kleider um den Blutverluſt zu ſtillen, und trug ihn auf einen Hugel, wo ich ihm ein Lager von Blättern . —,—— — bereitete. Mit ſeinem und meinem Blute be⸗ deckt, eilte ich nach Huͤlfe, und man brachte ihn in das Kloſter des heiligen Dominikus. Einer der Bruͤder, der den erſten Ver⸗ band auflegte, gab mir die troſtreiche Verſich⸗ rung, der Verwundete wuͤrde bald geneſen, und ich kehrte, ohne mir die Zeit zu nehmen meine kleine Armwunde unterſuchen zu laſſen, nach Cervera zuruͤck. Alles peinliche Gefuͤhl war nunmehr von mir gewichen. Mit mir ſelbſt zufrieden, der Gefahr, die ich am meiſten fuͤrchtete entron—⸗ nen, der, einen von Hochmüth und Liebe Ver⸗ blendeten zu toͤdten, wanderte ich getroſt mei⸗ ner Wohnung zu. Zu dem Beifall meines Gewiſſens geſellte ſich das Bewußtſeyn Almai⸗ den Ruhe verſchafft zu haben. Die Hoffnung war in mein Herz zuruͤckgekehrt. Schmeichel⸗ hafte Trugbilder, die ich nicht von mir wies, zeigten mir die Zukunft im roſenfarbenſten Licht, und war auch der grauſame Sturm, den ich eben erduldet, vielleicht nicht die letzte Pruͤfung, die mir bevorſtand, ſo verlieh mir doch mein jetziges entzuckendes Gefuͤhl hin⸗ — 90— laͤngliche Starke, um kuͤnftigem Mißgeſchick zu trotzen. z Welche ruͤhrende Theilnahme bewies mir nicht meine herrliche Almaide, als, ungeachtet meinem Beſtreben ſie nicht zu betruͤben, ſie dennoch die Wahrheit errieth. Alles was die Freundſchaft nur erfinden kann, was die Er⸗ kenntlichkeit und die Liebe zu erſinnen ver— moͤgen, verſchoͤnerte die Sorgfalt, welche ſie fuͤr mich trug. Die koͤſtlichſten Momente ver— floſſen in einer Trunkenheit, die um ſo fuͤßer war, da ſie aus reiner Quelle entſprang. Meine geheime Eiferſucht verſchwand vor Al⸗ maidens Klarheit. Don Francisco genas in kurzer Zeit. Er ließ mich bitten ihn zu beſuchen. Ich folgte ſeinem Ruf und fand ihn ſich zur Abreiſe bereitend. Er begruͤßte mich mit einigen Ver⸗ ſicherungen von Dankbarkeit, die ich ablehnte, und bat mich, Almaiden, die er nie aufhören wuͤrde anzubeten, in ſeinem Namen den Schmerz auszudruͤcken, den er empfinde, die Ruhe ihrer ſchoͤnen Tage getruͤbt zu haben. Im Ton, in welchem er mir dieſen Auftrag gab, lag etwas von Verachtung und Ironie, die ich aber nicht zu bemerken ſcheinen wollte. Dagegen erinnerte ich ihn ſtark und kraͤftig an ſein Verſprechen, unſeren Streit geheim zu halten, und er verpflichtete ſich aufs neue da⸗ zu. Sein ferneres Schickſal iſt mir gaͤnzlich fremd geblieben. Die Väter des heiligen Dominikus waren verſchwiegen. Salvador und Gertrude ver⸗ ſprachen gleichfalls zu ſchweigen, auch ſchien dieß ihr eigener Vortheil zu heiſchen. Auf dieſe Weiſe konnte nur ein Ungefaͤhr meinen ungluͤcklichen Streit an den Tag bringen. Dieſes Ungefaͤhr fand ſich jedoch bald. Es hat bis auf den heutigen Tag uͤber mein Le⸗ ben entſchieden, und mich uͤber den ſtuͤrmiſchen Ocean getrieben,— fern von meinem Va⸗ terlande,— fern von Allem was mir theuer iſt. Almaidens Vater erkundigte ſich ſo ſel⸗ ten nach uns, und wir ſtanden in ſo weniger unmittelbarer Verbindung mit ihm, daß wir nicht daran dachten, ihm Kunde von der Be⸗ gebenheit zu geben, die uns ſo ſehr beunruhigt hatte. Ueberzeugt eben ſo gluͤhend geliebt zu ſeyn, als ich liebte und ſicher, daß Almaide —— en ſey mein Schickſal, waͤre es auch das harteſte, mit mir zu theilen, war ich nur darauf bedacht, mich zu der Wahl einer der Laufbahnen vorzubereiten, die mir mein Vor⸗ mund angedeutet hatte. Dem Herzen Almai— dens genuͤgte es, ihre Tugend und Zärtlichkeit nur mit meiner Liebe belohnt zu ſehen; aber es war meine Pflicht ihre großmuͤthige Auf⸗ opferung zu wuͤrdigen. Es lag mir ob, fuͤr ihr Gluͤck zu ſorgen, und ich begann zu glau⸗ ben, daß dieſes nur in Reichthum und gluckli⸗ chem Gelingen deſſen was man unternehme, beſtehe. Als ich eben von dieſen Ideen erfuͤllt war, und Plane fuͤr die Zukunft ſchmiedete, uͤberreichte mir Salvador ein abermaliges Schreiben von Don Narcis. In dieſem Briefe, der mehr in einem traurigen, als ſtrengen Ton geſchrieben war, ſagte mir mein Vormund, er habe den Entfuͤhrungsplan des Don Francisco erfahren. Er billige es zwar ſehr, daß ich meine Schweſter ſeinen Haͤn⸗ den entriſſen habe, tadele mich aber eben ſo ſehr, den Zweikampf, in welchem Don Fran⸗ cisco verwundet worden, angenommen zu ha⸗ — v ——— —— ben. Dieſer junge Mann habe ſich an ihn gewendet, um Almaidens Hand zu erlangen. Von mir habe er, großmuͤthiger Weiſe, nur mit Achtung geſprochen und ſich blos ſelbſt ange⸗ klagt. Allein, ob zwar ſein edles Geſtaͤndniß Nachſicht verdiene, ob zwar ſein Rang und ſeine Gluͤcksumſtaͤnde allgemein bekannt waͤren, ſo habe dennoch eine beſtimmte verneinende Antwort allen ſeinen Bewerbungen, die Almai⸗ dens Vater nie zugeſtehen koͤnne, ein gaͤnzli⸗ ches Ende gemacht.„Nie wird,“ fuhr Don Narcis in ſeinem Schreiben fort,„mei⸗ ne Tochter die Gattin des Don Francisco werden; mein Wille iſt in dieſem Punkt un⸗ erſchuͤtterlich. Und Du, Don Manuel, den ich wie einen Sohn liebe; wenn der Eifer den Du zeigteſt, Deine Schweſter zu retten, mei⸗ nen Beifall verdient, wenn ich Dir nicht ver— bergen kann, daß Du ihn noch mehr durch die Klugheit, mit der Du Deinen Muth zuͤ⸗ gelteſt, und die Maͤßigung, mit der Du Dei⸗ nen Sieg nutzteſt, verdient haſt, ſo vollende Du nun auch, Dich meiner Achtung wuͤrdig zu machen. Belohne mich nunmehr fuͤr meine väterliche Sorgfalt dadurch, daß Du mir N ſchworſt, Deinen Arm nie wieder zur Rache gegen Don Francisco zu bewaffnen. Sein herrſchſuͤchtiger und uhuͤberlegter Charakter iſt mir ſehr gut bekannt. Sollte der Zufall euch jemals zuſammenfuͤhren, ſo vergeſſe das Vorge⸗ gangene, und laß keine neue Feindſchaft in Dir aufteimen. Meine Stimme, das Verſprechen welches ich von Dir heiſche, moͤgen Dir ſtets gegenwaͤrtig ſeyn. Gebe ihm nach, und iſt es nothwendig, ſo— fliehe! O, mein theurer Muͤndel! Darin beſteht kein Ruhm, wegen eines leichtfertigen Vergehens, den Dolch in das Herz eines Thoren zu ſtoßen! Die Thraͤnen einer ungluͤcklichen Mutter, die ihres Sohnes beraubt wird, fallen ſtets auf den Elenden zuruͤck, der ihn ſchlug, ſelbſt dann, wenn er der Beleidigte wäre. Dieſe bittern Zaͤhren verfolgen ihn ſein ganzes Leben hin⸗ durch, und bedecken ſeine Zukunft mit einem blutigen Schleier! Suche ſtets den Don Francisco zu ſchonen oder meide ſeine Gegen⸗ wart: dies iſt zu gleicher Zeit meine Bitte und mein Befehl.“ Ob zwar dieſer bittende Befehl, der ſo lebhaft ausgeſprochen war, mich anfangs ver⸗ w —,—— wunderte, ſo nahm ich dennoch dieſe Ausdruͤcke väterlicher Sorgfalt mit Dankbarkeit auf. Als Vater und Freund mußte ja Don Narcis be⸗ fuͤrchten, daß neue Thorheiten, entweder der Ehre ſeiner Tochter Nachtheil bringen, oder dem unter ſeinem Schutz ſtehenden Muͤndel eine unaufhoͤrliche Fehde bereiten wuͤrden. Mein Herz, deſſen Grundſätze ſo ſehr mit denen mei⸗ nes Vormundes uͤbereinſtimmten, war ihm hoͤchlich fuͤr ſein Vertrauen auf meinen Ge⸗ horſam verpflichtet. Mit wahrem Entzuͤcken wuͤrde ich jedes Mittel ergriffen haben, ihm meine Ergebenheit zu beweiſen, waͤre es auch eine ſchwerere Aufgabe geweſen, als die den Don Francisco zu vergeſſen. Meine ganze Rache verſchwand ja ohnehin vor der Gewiß⸗ heit, daß er meiner Liebe nicht laͤnger im Wege ſtehe. Stets bereit mir ſelbſt zu ſchmei⸗ cheln, erkuͤhnte ich mich ſchon zu waͤhnen, daß der einzige Zweck nach dem ich ſtrebte, viel⸗ leicht durch eine Reihe von Begebenheiten wuͤrde erreicht werden, die dem Weg den ich mir vorgeſetzt hatte, ganz entgegen geſetzt waͤ⸗ ren. Ich empfand daher eine lebhafte und reine Freude, und faßte ohne Muͤhe den Vor⸗ — ſatz, das Andenken an Don Francisco aus meinem Gedachtniß zu verbannen, und ganz nach dem Willen meines Vormundes zu han⸗ deln. 8 Don Narcis, den wir ſeit zwei Jahren nicht geſehen hatten, langte den andern Abend, ohne vorhergegangene Ankuͤndigung, bei uns an. Dieſe unerwartete Erſcheinung vermehrte anfangs das geheime Gluͤck, mit welchem mei⸗ ne eitlen Hoffnungen ſich ſchmeichelten. Aber bald verwandelten ſich dieſe in Erſtaunen und Beſorgniſſe. Don Narcis ſonſt ſo offene Phy⸗ ſiognomie, in der ſich ſeine Herzensguͤte, obgleich zuweilen von einiger Melancholie getruͤbt, aus⸗ ſprach, trug jetzt das Gepraͤge eines eingewur⸗ zelten Grams. Der Kummer hatte tiefe Fur⸗ chen in ſeine Stirne gepraͤgt; ſein Gang war langſam, ſeine Augen truͤbe, ſeine Stim⸗ me ſchwach und zitternd. Seine ganze Ge⸗ ſtalt ßtellte ein ſolches Bild der Traurigkeit dar, daß ich das zärtlichſte Mitleid mit ihm hatte. Ich glaubte, er fuͤhle das Beduͤrfniß ſeinen Kummer vor theilnehmenden Herzen 34 auszuſchuͤtten, und ich dankte dem Himmel, daß er ihm das Verlangen eingeſioͤßt habe, — —————— — Troſt bei Almaiden zu ſuchen; bei dieſem engliſchen Herzen, in welchem nie die Aus⸗ uͤbung einer Tugend auf Koſten der andern geſchah. Aber die Art, mit der er uns um⸗ armte, war kalt und gezwungen, und kein lie⸗ bevolles Woͤrtchen munterte zur Vertraulichkeit auf. Seine ſtrenge Zuruͤckhaltung und der Schleier des Geheimniſſes, in den er ſich zu huͤllen ſchien, hemmten die Ausbruͤche meiner Zaͤrtlichkeit und erfuͤllten mich mit Unruhe. Ich ſuchte einen Blick aus Almaidens ſchoͤnen Augen zu erhaſchen, und bemerkte, auch ſie ſey von dem nemlichen Gefuͤhl ergriffen, und vermoͤge kaum ihre Thränen zuruͤckzuhalten. Nach einer leichten, ſchweigend zugebrachten Abendmahlszeit, ſchuͤtzte Don Narcis eine un— gewoͤhnliche Ermuͤdung vor, befahl ſeiner Toch⸗ ter ihn zu begleiten, und zog ſich zuruͤck. Mir reichte er im Weggehen die Hand, die ich mit Kuͤſſen bedeckte, und die Art mit welcher er die meinige druͤckte, benahm mir einen Theil meiner, wie ich glaubte, vielleicht zu voreili⸗ gen Furcht. Der Schlaf ſtreute keine Mohnkoͤrner auf mein einſames Lager. Bleibt man gleich Don Manuel. Erſter Theil. 7 —„ mit Vorliebe bei Ideen ſtehen, die dahin ab⸗ zwecken, das Gewuͤnſchte zu verwirklichen, ſo gibt es dennoch Umſtände, bei denen das Herz aufhoͤrt ſich zu taͤuſchen. Das Ungluͤck mei⸗ ner ungewiſſen Lage trat aufs neue, ohne Schleier, ohne Milderung, mit allen ſeinen Schwierigkeiten und Hinderniſſen vor meine Augen. Ich war uͤber meinen Wahn er— ſtaunt, auch nur einen Augenblick an ein guͤn⸗ ſtigeres Schickſal geglaubt zu haben. Ein, dem Don Narcis entfallenes Wort hatte mich aufgeklaͤrt. Die Zukunft bot mir nur eine weite Leere dar, die alle Traͤume meiner Phan— taſie nicht auszufuͤllen vermochten.„Nein,„ ſagte ich mir,„die Rechte eines Vaters duͤrfen nicht der romantiſchen Neigung zweier Kinder weichen, die, zuſammen auferzogen, ſich unbedachtſamer Weiſe unter den heiligen Na— men des Bruders und der Schweſter liebten. Der Vater wuͤrde dieſe Neigung nicht einmal verſtehen, oder doch wegwerfend behandeln, da ſie bis jetzt bei ihn weder Furcht noch Argwohn erweckte, und nur fuͤr jene Bande gehalten wurde, die ſich gewoͤhnlich ſo leicht zerreißen und erſetzen laſſen,— fuͤr die Bande, welche — 90— man Geſchwiſterliebe nennt.“ Wie durfte ich es meinem Vormund geſtehen, daß die einfa⸗ che, unſchuldigg, bruͤderliche Zaͤrtlichkeit, die mich mit ſeiner Tochter vereinigte, ſich ſo ploͤtzlich in die feurigſte Leidenſchaft verwan⸗ delt habe? Strafbare Leidenſchaft, gegen die ich nicht hinlaͤnglich gekaͤmpft,— der ich viel⸗ leicht Dankbarkeit und Ehrgefuͤhl opferte! Sch! der Ungluͤckliche, der Verlaſſene, der Namenloſe, der Elternloſe, der Arme!! Womit konnte ich dieſe anmaßende Liebe entſchuldigen, die von Almaiden vielleicht aus bloßer Gewohnheit des Zuſammenlebens erwiedert wurde, waͤhrend ihr Vater uns, auf meine Rechtſchaffenheit bau⸗ end, ungetrennt ließ? Es war mir wahr⸗ ſcheinlich, daß Don Francisco alles verrathen habe, und nun kam, ohne Zweifel, mein Be⸗ ſchuͤtzer, voller Unruhe und an ſeinen zaͤrt⸗ lichſten Gefuͤhlen gekraͤnkt, um den ungewiſſen Folgen zuvorzukommen, die aus dem Kampf zwiſchen meiner Liebe und der Pflicht entſprin⸗ gen konnten. Als ich lieber ſterben wollte, als Almaidens Gluͤck im Wege ſtehen, waͤre Don Francisco ihrer Hand wuͤrdig geweſen, warum kam mir dieſer Streit zwiſchen Liebe * — 100— und Pflicht damals in den Sinn? Warum trug meine thoͤrichte Schwäche ſo bald wieder den Sieg uͤber mein Herz davon? Mußte ich mich nicht darauf beſchränken, ſchweigend zu dulden? War es denn ſo ſchwer dieſe Lei— denſchaft zu unterdruͤcken, die in meiner Bruſt tobte? Und war denn dieſe Selbſtbeherr— ſchung wirklich unmoͤglich? Hatte ich nicht ſchon fruͤher gefuͤhlt, daß ich mich Almaidens Ruhe aufopfern muͤſſe? In den entſlohenen gluͤcklichen Tagen, glaubte ich die Tugend zu lieben. Ich hatte mir oft wiederholt, daß man nur in der Ausuͤbung dieſer goͤttlichen Eigenſchaft die Kraft erlange, die harten Pruͤ— fungen dieſer Welt zu beſtehen, und jetzt bebte ich vor einem Opfer! Richt laͤnger durfte ich in einer voruͤbergehenden Begeiſte⸗ rung Huͤlfe ſuchen, ſondern in den ſtrengen Vorſchriften der Vernunft. Ich fuͤhlte es, ich ſagte es mir; und mein niedergeſchlagenes, von Liebe zerriſſenes, uͤber ſein eigenes Hellſe⸗ hen erſchrockenes Herz, klagte zu gleicher Zeit alle Mächte des Himmels und der Erde an. Alles trug dazu bei meine Angſt zu vermeh⸗ ren. Ich war ohne Muth gegen mich ſelbſt, — 101— und mein Geiſt verirrte ſich in den wiberſpre chendſten Gedanken. Gluͤcklich Derjenige, welchem jene langen, ſchlafloſen Nächte unbekannt ſind, in denen die Seele von Sorge und Unruhe gefoltert wird? . Meine, von dem langen naͤchtlichen Kampfe, ermuͤdete Sinne, gaben endlich nach; ich ſchlief gegen Morgen ein und erwachte erſt, als die Sonne ſchon hoch am Horizonte ſtand. Ich eilte ſogleich nach dem Zimmer mei⸗ nes Vormundes, fuͤrchtend, er moͤge mein lan⸗ 1 ges Auſſenbleiben fuͤr Mangel an ſchuldiger Auf⸗ merkſamkeit halten, aber auch auf ſeine gewohnte Nachſicht zählend. Seltſam! Sein Zimmer war leer und von allem entblößt, was zu ſei⸗ nem längeren Aufenthalte nothwendig geweſen wäre. Ueberraſcht, aber noch nichts Uebles ah⸗ nend, flog ich zu Almaiden, wo ich ihn anzutreffen hoffte. Die Thuͤre ihres Zimmers war nicht verſchloſſen. Kein Geräuſch erreichte mein 3 Ohr, keine Stimme antwortete der meinigen. Mit einer unbeſchreiblichen Unruhe, mit der peinlichſten Herzensangſt drang ich in dieſes Gemach, das ich wie den Tempel der un⸗ ſchuld und der Tugend verehrte. Aber ach! — die Göͤttin dieſes Tempels war nirgends zu erblicken! Einige zerſtreute“ Kleidungsſtucke, von ihrer Stelle geruͤckte Meubles, und geoff⸗ nete Schraͤnke, bewieſen mir nur zu deutlich, daß eine eilige Abreiſe muͤſſe ſtatt gefunden haben. Almaide und Don Narcis waren ver⸗ ſchwunden! Er hatte uͤber ſeine Tochter ver⸗ fugt! Mein Schickſal war auf ewig entſchie⸗ den! Beinahe leblos und in der groößten Verzweiflung, lehnte ich lange, mit auf der Bruſt gekreuzten Armen und in krampfhaften Zuckungen, an einer Saͤule. Ich dachte nicht, — ich litt nur, und zuweilen entſtiegen meiner Bruſt unwillkuͤhrlich Laute des Jammers. Meine ganze Lebenskraft war gelähmt, und meine zum Himmel emporgerichteten Augen ſchienen ihn anzuklagen, und Rechenſchaft von ihm zu fodern. Als ich aus dieſer Betaͤubung erwachte, als ich ins Leben zuruͤckkehrte, um mein volles Ungluͤck zu fuͤhlen, begegneten meine Blicke den mitleidigen der guten Ger⸗ trude, die mein lautes Wehklagen herbeigezo⸗ gen hatte. Fragen waren uͤberfluͤſſig:— ihr — 203— Schweigen und die Veraͤnderung ihrer Ge⸗ ſichtszuͤge beſtätigten das Vorgefallene nur all⸗ zuſehr. Wie ſie mich fahig glaubte ſie zu ver⸗ ſtehen, ſagte ſie mir, Don Narcis habe ihren Gatten um meine Auffuͤhrung befragt. Dieſer habe mir das beſte Lob ertheilt, und darauf ſeinem Herrn von unſerer gegenſeitigen Liebe erzaͤhlt, und von der Hoffnung die auch er hege, uns vereiniget zu ſehen. Aber zu ſeinem hochſten Erſtaunen, habe Don Rarcis ſich hef⸗ tig daruͤber entruͤſtet; dann ſey er in ein halblautes Selbſtgeſpraͤch verfallen, von dem ſie nur die Worte, Unklugheit, unverzeihliches Unrecht, ehrgeitzige Schwaͤche, Angriffe auf die Rechte der Natur, verſtanden habe. Nach ei⸗ ner Stunde, während welcher ihn die peinlich⸗ ſten Gedanken zu foltern ſchienen, habe er endlich ihrem Gatten befohlen, ſogleich und in der Stille, alles zu ſeiner Abreiſe anzuordnen. „Almaide wird mich begleiten; ich werde ſie dazu vorbereiten,“ habe er hinzugefuͤgt. „Ich verbiete, dem Manuel meine Abreiſe kund zu thun. Sobald die Gefahr, welche ich nicht genugſam vorausgeſehen hatte, durch die Entfernung unſchädlich wird, ſoll er meine fer⸗ — 6— nere Befehle erhalten.“—„Ach, mein Kind!“ fuhr die ehrliche Gertrude fort. „Wenn die Gefahr, welche er fuͤrchtet, von dem Herzen ſeiner Tochter abhaͤngt, ſo be⸗ zweifele ich ſehr, daß Zwang und Abweſenheit ſeinen Abſichten dienen werden. Ich kenne dieſe ſanfte Almaide beſſer als er. An meine Nachſicht gewoͤhnt, legte ſie, ſeit ihrer Kind⸗ heit, alle ihre kleinen Sorgen in meinen Buſen nieder. Ich ſah, wie die Empfindſam⸗ keit, mit der die Natur ſie begabte, ſich in ih⸗ rem jungen Herzen entwickelte. Man wird dieſer Zwang auftegen, aber ſie nie erſticken können; der leiſeſte Hauch wird hinreichen, das Feuer wieder anzufachen, deſſen Heftigkeit ihr jetzt ſelbſt noch unbekannt iſt. Erſchrocken uͤber dieſe ploͤtzliche Abreiſe, wagte ſie es nicht, den Don Narcis um die Urſache derſelben zu befragen. Ihre von Thränen getruͤbten Augen flehten mein Mitleid an. Während des Ab⸗ ſchiedes nannte ſie Ihren Namen. Glauben Sie mir, mein Sohn, der Himmel hat Ih⸗ nen. bei allem Mißgeſchick, das Sie jetzt erdulden, doch noch manchen Troſt aufge⸗ ſart.“ — 106— Gertru'« haͤtte noch lange fortreden kön⸗ nen. Ich hatte nur eine ihrer Mittheilungen aufgefaßt, die mich, trotz meines herzzerreißen⸗ den Schmerzes, mit Entzuͤcken erfuͤllte. Es war die, daß Don Narcis, mit aller ſeiner Strenge, mich dennoch nicht aus einem Her⸗ zen zu verbannen vermoͤge, welches das mei⸗ nige errieth. Ob zwar aller Hoffnungen, die meine Jugend bezauberten, beraubt, nur mit Schrecken in die Zukunft blickend, ſo ſchien es mir dennoch, daß wenn man liebt, wenn man ſicher iſt wieder geliebt zu werden, die Abwe⸗ ſenheit keine Gewalt uͤber ein gemeinſames Ge⸗ fuͤhl haben koͤnne. Man duldet ſchrecklich! Aber iſt man von Hinderniſſen umringt, ſo iſt es gleichguͤltig, ob man zuſammen bleibt oder getrennt wird. Es kommt nur darauf an, dieſe Hinderniſſe zu uͤberwinden, und die Liebe kann ſich nicht uͤberzeugen, daß das Un⸗ gluͤck nicht endlich durch ſie beſiegt werden wuͤr⸗ de. Aber Betrachtungen anderer Art fuͤhrten mich bald zu ſtrengeren Anſichten zuruͤck, und ſtellten meinen Augen die traurige Wirklichkeit aufs neue dar. Mein Herz brach bei dieſer ſchmerzlichen Ueberlegung. — 106— Acht Tage nachher kehrte Salvador zu⸗ ruͤck. Er hatte meinen Vormund und deſſen Tochter bis Lerida begleitet, und brachte mir deſſen Befehle. Dieſe waren kurz und be⸗ ſtimmt. Ich ſollte unverzuͤglich nach Mattaro abreiſen, wo man mich bei dem Sennor Val⸗ des, einem daſigen Handelsherrn und Friedens⸗ richter, erwarte, der mir meine weitere Be— ſtimmung kund thun werde. Keine Erklaͤrung, keine Klage, aber auch keine Verſicherung von Theilnahme, begleitete dieſe muͤndliche Bot⸗ ſchaft. Salvador antwortete kaum auf die Fragen, welche ich ihm uͤber Almaide that; er wollte nicht ungehorſam gegen ſeinen Herrn ſeyn, und bat mich, nicht weiter in ihn zu vringen. Ich glaubte, er befurchte den Lohn fuͤr zwanzigjaͤhrige Treue, durch eine kleine Unvorſichtigkeit zu verlieren, verſchloß alſo mei— nen Kummer, und fuͤgte mich in Alles, was der nur zu gerechte Unwille meines Vormun⸗ des uͤber mich verhaͤngen wuͤrde. Unter anderen Umſtänden wuͤrde ich nicht ohne Gram und ohne den lebhafteſten Schmerz zu empfinden, die Mauern der alten Stadt Cer⸗ vera verlaſſen haben; der Stadt, in welcher — —— — 07— ich meine Kinderjahre ſo gluͤcklich und unge⸗ truͤbt verlebte; in der mir die Hoffnung auf Gluͤck und belohnte Liebe zulaͤchelte. Jetzt war das Blendwerk verſchwunden. Ein einzi⸗ ger Gedanke erfullte meine Seele. Wenn das Gefuͤhl durch eine erhabenere Leidenſchaft aufs mächtigſte erhoͤht worden iſt, dann wird die Seele nicht mehr durch untergeordnete Dinge erſchreckt; die Einbildungskraft beſchraͤnkt ſich alsdann auf einen Punkt, und vermeidet alle Gegenſtaͤnde, die ſie ſonſt auszu⸗ ſchmuͤcken pflegte, oder die Einfluß auf ſie hat⸗ ten. Kaum beantwortete ich die zaͤrtlichen Abſchiedsworte der treuen Gertrude; ich legte die Hand auf mein Herz, aber die Worte, mein Gefuͤhl auszudruͤcken, mangelte mir. Salvador verſuchte mich zu zerſtreuen; aber das kalte Haupt eines Greiſes paßt ſchlecht zu dem brennenden Herzen eines Juͤng⸗ lings. Er ſagte mir manche aus der Vernunft und der Erfahrhng geſchoͤpfte Troſtſpruͤche vor; aber er wußte nicht, daß unerſetzbare Uebel ſich nur durch die Thraͤnen des Mitleids mildern laſſen. — 108— Bald erreichten wir den Hafen von Mattaro und das Haus des Sennor Valdes, woſelbſt Don Narcis unſerer bereits wartete. Als ſeine Augen ſich auf die meinigen hefte⸗ ten, ſenkten ſich zwar meine zaghaften Blicke zur Erde, aber ich hatte ſchon wahrgenommen daß die Traurigkeit, welche ſeine Stirne bei unſerer letzteten Zuſammenkunft verfinſtert, ſeit⸗ dem noch zugenommen habe. Hätte er mir ſeine Arme geoͤffnet, ſo wuͤrde ich mich hinein⸗ geſtuͤrzt haben,— ich war im Begriff mich zu ſeinen Füßen zu werfen. Einen Augenblick glaubte ich zu bemerken, daß ſein Herz ſich er⸗ weiche, aber er unterdruͤckte dieſe unwillkuͤhr— liche Regung ſogleich, und ohne mir eine Er— klärung zu erlauben, eilte er zum Worte zu kommen. „Ich glaube errathen zu koͤnnen,“ ſagte er,„wovon du mich zu unterhalten wuͤn⸗ ſcheſt. Mit Almaiden aufgewachſen, haſt du dich leicht an die wohlwollenden Aeußerungen einer bruͤderlichen Liebe gewohnt. Spaͤterhin belehrt, daß kein verwandtſchaftliches Band zwiſchen euch beſtehe, haſt du dieſe Neigung beibehalten und genährt. In der Einſamkeit, in welcher du lebteſt, haſt du dich uͤberredet, daß das junge Mädchen, deſſen aufbluͤhende Reize deine erſten Gefuͤhle erregten, das ſchoͤn— ſte auf Erden und das dir vom Himmel be: ſtimmte ſey. Ich entſchuldige dieſe jugendliche Verblendung,— die Welt, in die du bald eintreten wirſt, wird dich anders denken leh⸗ Ich erroͤthete und wollte antworten. „Unterbreche mich nicht,“ fuhr Don Narcis ungeduldig fort.„Erſchwere mir nicht meine Sorgfalt fuͤr dein Wohl. Ich will gern glauben, daß du nicht zu der Klaſſe von Menſchen gehoͤreſt, welche die ſittlichen Grund⸗ ſätze der Befriedigung ihrer Begierden unter⸗ ordnen. Noch ſpricht die Tugend zu deinem Herzen, und ich ſelbſt kann gewoͤhnliche Auf⸗ merkſamkeiten und unſchuldige Zuvorkommen⸗ heiten nicht fuͤr Kennzeichen einer ernſthaften Leidenfchaft halten. Moͤge die Ueberlegung bei dir die Stelle der Erfahrung vertreten. Das Gute und das Boͤſe jeder Lage des Lebens, be⸗ ſtehen weit weniger in der Wirklichkeit, als in der ſelbſtgeſchaffenen Meinung. Der Mann, der vom wahren Muth beſeelt iſt, kennt die — 110— Sklaverei der Gewohnheit nicht, und noch we⸗ niger die von der Eitelkeit gewebten Bande. Er weiß, daß die meiſten dieſer unbedachten Leidenſchaften, mit denen man ſich ſchmuͤckt, anſtatt ihnen zu widerſtehen, blos die Reſul⸗ tate der Eigenliebe oder des Stolzes ſind.“ „Des Stolzes!“ rief ich, hingeriſſen von Unwillen und von der Staͤrke der Wahr⸗ heit.„Ich bete Almaiden an, wie man die Tugend anbetet, wie jene Gottheiten, die man ſich als die Vermittler zwiſchen dem Himmel und der Erde denkt, die uns den Weg zu dem Sitz des ewigen Gluͤcks zeigen, und uns in dieſem irdiſchen Kerker troͤſten!“ „Die Pfade auf denen man ſich ver⸗ irrt,“ entgegnete Don Narcis,„haͤngen ſtets mit dem Hauptweg zuſammen. Meine eigenen Fehltritte uͤberzeugten mich, daß man mit ein wenig Geiſt dahin gelangen kann, die beßten Rathſchlaͤge hinweg zu vernuͤnfteln, ſo wie man ſich gleichfalls uͤber die gewiſſeſten Folgen unbedachtſamer Handlungen betaͤubt. Weil ich dich liebe, weil du keinen andern Be⸗ ſchuͤtzer haſt als mich, weil ich hoffe, daß es noch Zeit iſt, dich der Verfuͤhrung eines erſten „ Irrthums zu entreiſſen, will ich dir behuͤlflich ſeyn, dieſen Fehler zu vermeiden. Biete die ganze Staͤrke deiner Vernunft auf! Ich glaube dich hinlaͤnglich vorbereitet zu haben, deine Blicke mit Standhaftigkeit auf das Licht der Wahrheit zu heften. Hier iſt ſie ganz und ungeſchminkt. Ich beſtrebte mich vergeblich dein widriges Schickſal zu bekaͤm⸗ pfen; ein undurchdringlicher Schleier bedeckt deine Geburt und den Namen deiner Eltern. Suche nicht ihn aufzuheben!— es wuͤrde dir nicht gelingen; und ließeſt du dich zu Thorheiten verleiten, ſo wuͤrde ich dir meine Zaͤrtlichkeit entziehen muͤſſen. Man kennt dich unter dem Namen, Don Manuel d'Altamonte, den du von nun an immer fuͤhren mußt. Hier uͤbergebe ich dir das Patent zu einer Haupt⸗ mannsſtelle im Regiment Murcia, das bereits in Cadix, auf der Flotte des Admirals Gravi⸗ na, eingeſchifft iſt. Sr. Excellenz iſt von dei⸗ ner Ankunft unterrichtet, und geneigt, deine Stelle als Officter des Landdienſtes gegen die eines Secofficiers zu vertauſchen, wenn dir dieſer Dienſt angenehmer ſeyn ſollte. Hätteſt du aber eine Abneigung gegen beide Gattun⸗ — zu 6 i ſt 1 ſ ————— —— gen, ſo hat meine Freundſchaft fuͤr dich, auch dieſen Fall bedacht. Du darſſt dich alsdann nur zu dem Bankier Munnoz de la Torre bege⸗ ben, der dir eine von mir bei ihm niedergelegte Summe einhändigen, und dich mit gutem Rath, wie dieſe am vortheilhafteſten zu ver— wenden ſey, unterſtuͤtzen wird.— Keine Dankſagungen, keine ſchwuͤlſtigen Betheuerun— gen! Die Dankbarkeit verdient nur dem Ver⸗ trauen, wenn ſie ſich einfach ausdruͤckt. Spricht aber die Ehre wahrhaft zu deinem Herzen, fuͤhlſt du dich ſo von ihr begeiſtert, daß dir das Opfer leicht wird, ſo vergiß Almaiden,— ich befehle es als Vater,— ich fordere es als Freund! Almaide kann nie die deinige wer⸗ den. Unuͤberſteigliche Hinderniſſe, die nicht von meinem Willen abhängen, ſtemmen ſich dieſer Verbindung entgegen.— Du erbleichſt Don Manuel! Faſſe Muth! Du wirſt bald erproben, daß die alles heilende Zeit Schmer⸗ zen zu vernichten vermag, die man fuͤr ewig. dauernd hielt. Muͤßte ich auch an deiner Selbſtbeherrſchung zweifeln, ſo wuͤrde mein Entſchluß dennoch nicht davon erſchuͤttert wer⸗ den. Aber ſchreckliches Ungluͤck wuͤrde uns — * 18 uͤberfallen, und ich muͤßte glauben, du hätteſt meine Liebe nie verdient. Jetztuͤberlaſſe ich dich deinen eigenen Betrachtungen. Mein Herz ſeufzt uͤber die Schmerzen des deinigen; aber ſie werden voruͤbergehend ſeyn;— die meinigen ſind unheilbar!“ Die Stimme meines Vormundes war gaͤnzlich veraͤndert. Er entfernte ſich ſchnell. Das grauſame Urtheil welches er ſprach, uͤberraſchte mich keinesweges. Mein Herz war durchbohrt,— aber ich hatte es erwartet, und mich ſchon mehrere Tage darauf vorberei⸗ tet, da ich die Nothwendigkeit und Gerechtig⸗ keit dieſes Ausſpruchs einſah. Hatte ich mich nicht bereits ſelbſt ſtrenge genug verurtheilt? Was konnte alſo nunmehr meine Leiden ver⸗ mehren? Ich hatte damit geendet, den Mann anzuhoͤren, der, von jetzt an, mir nichts an— ders war, als ein gewoͤhnlicher, vielleicht allzu⸗ geſchaͤftiger Beſchuͤtzer. Ich horchte mit jener Gleichguͤltigkeit auf ſeine Reden, die aus einer volligen Apathie entſpringt. Aber Don Nar⸗ cis hatte mir keine eigentlichen Gruͤnde ange⸗ geben; er beſchraͤnkte ſich blos darauf, von Don Mannel. Erſter Theil. 8 — 1— Hinderniſſen zu reden, welche zu beſeitigen au⸗ her ſeiner Macht ſtehe. Er ſagte, unheilbare Schmerzen zerriſ— ſen ſein Herz! Aber die Eile, mit welcher er mir ſeinen Willen kund that, ſein ſichtliches Beſtreben, die Ausbruͤche meiner Gefuͤhle zu verhindern, die angelegentliche Schnelle mit der er ſprach, ſein plotzliches Verſchwinden, als das Gefuͤhl eigener Leiden ihn wahrſcheinlich zum Vertrauen ſtimmte, meine neue, mehr als jemals huͤlfloſe und unentſchiedene Lage, alles die⸗ ſes fuͤhrte mich zu Betrachtungen, die freilich vol⸗ ler Ungewißheit und Dunkel waren, mir aber doch nicht die Erwartung eines weniger grau⸗ ſamen Lvoſes raubten. So haſcht der Menſch, in der traurigen Finſterniß des Ungluͤcks, nach einem ſchwachen Lichtſtrahl des Troſtes! Weiche Schmerzen, war denn Don Nar⸗ eis verurtheilt zu leiden? Durfte er ſie mir nicht vertrauen? War ich nicht im Stande, durch meine Theilnahme an denſelben, ihm zu beweiſen, daß ich Almaidens wuͤrdig ſey, und den ganzen Umfang meines Opfers fuͤhle? Und warum ſollten mich Beharrlichkeit, Zufall oder Gluͤck, nicht vielleicht dahin fuͤhren dieſe 15 Schmerzen zu lindern? Stets mit Almaiden beſchaͤftiget, von ihrem Bilde, gleich einer Aegide, gegen die Lockungen der Leidenſchaften geſchuͤtzt, war es denn ſo ganz ſicher, daß mei⸗ nem edlen Ehrgeiz jede Gunſt des Zufalls wuͤrde verſagt werden? Der Ehrgeiz verdirbt gemeine Seelen und erniedrigt ſich mit ihnen; aber er erhebt große Gemuͤther, und vielleicht dem dunkeln Leben entrinnend, in welches das Schickſal meine Geburt gehuͤllt hatte, wuͤrden die Eitern, die mich dazu verdammten, ſich gluͤcklich fuͤhlen, mich anzuerkennen, mich zu ſich zu erheben, und mich mit meiner Gelieb⸗ ten zu vereinigen. War der Zweck, den ich mir zu erreichen vorſetzte, kein Hirngeſpinnſt, ſo verdiente er mein ganzes Beſtreben, und war es wohl werth, daß ich der Pein meines Herzens widerſtehe, um blos in dem Gedanken an die Zukunft zu leben. Vergeblich hoffte ich auf eine abermalige Zuſammenkunft mit Don Narcis. Es ſey nun, daß er entweder die Folgen einer zweiten Unterredung fuͤrchtete und ſeinem eigenen Ge⸗ fuͤhl mißtraute, oder daß ein unerwarteter Vor— fall ihn abrief, wie Sennor Valdes verſicherte, S ſo war es doch gewiß, daß er, ſo bald er mich verließ, ſein Pferd forderte, und ſeinen Entſchluß kund that, mich nicht wieder zu ſe— hen. Mit vieler Guͤte bot mir mein ehrwuͤr⸗ diger Hauswirth ſeine Dienſte an, und ge— ruͤhrt von meinem außerordentlichen Kummer, verdoppelte er ſeine Aufmerkſamkeit, um, wie er ſich ausdruͤckte, mir eine Trennung, die ich haͤtte vorausſehen muͤſſen, leichter tragen zu helfen. Er ſah in meinem Schmerz nichts anders, als eine wirklich kindliche Zaͤrtlichkeit, die ich fuͤr meinen trefflichen Vormund hege, und ermunterte mich, dieſe, ſelbſt aus Liebe zu dem wuͤrdigen Gegenſtand derſelben, zu maͤßi⸗ gen. Ach! waͤre der gute Mann im Stande geweſen, in dieſem bittern, verwundeten Her⸗ zen zu leſen, ſo würde er erroͤthet ſeyn, dasje— nige auf Rechnung der Tußend zu ſetzen, was nur die Frucht aufgeregter Leidenſchaften war. Ich konnte mir die Meinung nicht aus⸗ reden, daß die pioͤtzliche Abreiſe des Don Narcis nicht vorher berechnet geweſen ſey, und dazu beitragen ſollte, mich in gaͤnzlicher Ungewißheit uͤber Almaidens Schickſal und — 17— Aufenthalt zu laſſen. Sennor Valdes kannte meinen Beſchuͤtzer nur durch ein Empfehlungs⸗ ſchreiben von einem ſeiner Correspondenten in Barcellona, der ihm zugleich den Auftrag er⸗ theilte, mich auf einem nach Cadix beſtimmten Kauffahrer, deſſen Ladung mein Hauswirth be⸗ ſorgte, unterzubringen. Don Narcis war den Abend zuvor angekommen, hatte das Schiff be⸗ ſehen, eine kleine Kajuͤte in demſelben bedun⸗ gen, die Fracht vorausbezahlt, und eine ziem⸗ lich betraͤchtliche, fuͤr mich beſtimmte, Geldſum⸗ me niedergelegt; aber ohne die mindeſte Kun⸗ de oder Nachweiſung von dem Ort ſeines Aufs enthalts zu geben. Ueber dieſes Alles ſtieg mein Erſtaunen auf den hoͤchſten Grad, und ſolche auſſerordentliche Maasregeln ſchienen mir allzuſtrenge, ja faſt beleidigend. Auch Salvador reiſte bald nachher ab, und ob zwar ſeine Freundſchaft fuͤr mich ſehr zu meinen Gunſten ſprach, ſo koſtete es doch Muͤhe, ihn zum Verſprechen zu bewegen, daß er dann und wann Briefe von mir, an Don Narcis gelan⸗ gen laſſen wolle; an Almaiden aber irgend einen Auftrag auszurichten, weigerte er ſich durchaus. So ſtrenge Maasregeln aberſtei⸗ — gen die gewoͤhnlichen Vorſchriften der Klugheit, und verleiteten mich,— ich geſtehe es— den Umfang der Pflichten, die ich meinem Vor⸗ mund ſchuldig ſey, einiger Pruͤfung zu unter⸗ werfen. Ich erlaubte mir zu glauben, daß mein bloßes Ehrenwort ein zuverlaͤſſigerer Buͤrge meines Gehorſames wuͤrde geweſen ſeyn, als das myſtiſche Dunkel in welches man ſich einhuͤllte. Ich konnte das tyranniſche Opfer, welches Don Narcis von mir heiſchte, nicht laͤnger fuͤr Pflichterfuͤllung halten. Ich klagte ihn der Ungerechtigkeit und des Mißtrauens an, und dieſes beleidigende Mißtrauen, wel⸗ ches einen Ungluͤcklichen zu der grauſamſten Abgeſchiedenheit verdammte, ſchien mir das Uebermaas der Unterdruͤckung und Barbarei zu ſeyn. Die Zeit in welcher das Schiff, die Mutter Gottes genannt, unter Segel gehen ſollte, war noch nicht beſtimmt. Meinem Gram uͤberlaſſen, niemand mehr angehörend, gleich einem Meteorſtein auf die Erde geſchleu⸗ dert, ſollte ich bald erfahren, wie wenig Ge⸗ wicht ein Menſch auf dieſer Welt hat, der mit keinen Banden, weder an die Natur, „——————— noch an die Geſellſchaft geknuͤpft iſt. Die Zu⸗ vorkommenheiten des Sennor Valdes ließen bald nach. Ich trachtete nur nach Einſam⸗ keit. Meine Seele hatte alle Schnellkraft ver⸗ loren, und nichts trug dazu bei, mich aus meiner tiefen Betruͤbniß zu ziehen. Muͤde ein Leben zu fuͤhren, das ſo traurige Ausſich⸗ ten darbot, ſuchte ich die einſamſten Orte auf, ſetzte mich an die Ufer eines Bachs, deſſen einfoͤrmigen Lauf meine Blicke langſam be⸗ gleiteten, ohne Kraft neue Thraͤnen zu vergie⸗ ßen, ohne Geiſtesſtaͤrke um die Tiefe des Ab⸗ grundes zu ergruͤnden, zu dem mich mein Schickſal hinriß, ob der Vergangenheit er⸗ ſchrocken, und bebend uͤber die geheime Stim⸗ me, die mir noch immer Almaidens Namen zurief. Es wuͤrde beinahe unmöglich geweſen ſeyn, dieſem gewaltſamen Zuſtand lange zu widerſtehen. Mit einer geheimen Freude fuͤhlte ich die Veraͤnderung meines ganzen Weſens, und rief, mit Inbrunſt, den Augenblick her⸗ * bei, der meine Leiden enden wuͤrde. Eines Abends, als ich langſam nach der Stadt zu⸗ ruͤckkehrte, ging ein Unbekannter dicht an mir — 120— 1 vorbei, und ſagte ziemlich laut:„Sind Sie Don Manuel?“ Auf meine bejahende Ant⸗ wort, fuͤgte er hinzu:„Finden Sie ſich morgen zur naͤmlichen Stunde auf dieſem Fleck ein. Verſäumen Sie es ja nicht!“ Oh⸗ ne mir Zeit zu weiterer Nachfrage zu laſſen, verſchwand der Unbekannte. Die Sonderbarkeit dieſer Aufforderung, in einem Lande, in welchem ich gaͤnzlich unbe⸗ kannt war, und der gebieteriſche Ton in wel⸗ chem ſie geſchah, zerſtreuten ein wenig die fin⸗ ſteren Gedanken, in die ich verſunken war. Ein ſchwacher Hoffnungsſchimmer daämmerte in mir auf. Mein Herz ſchlug mit mehr Thaͤ⸗ tigkeit, und mein Jugendfeuer, das auf immer erloſchen ſchien, ſpruͤhte wieder einige Funken. Aber das große Gluͤck, welches mir auf⸗ geſpart war, erwartete ich nicht. Meine Ver⸗ muthungen ſchwankten hin und her. Bald glaubte ich, meine Eltern fuͤhlten Reue mich verſtoßen zu haben, und wollten ſich meiner insgeheim annehmen; bald waͤhnte ich, Don Francisco ſey nach Barcellona zuruͤckgekehrt, habe meinen Aufenthalt in Mattaro erfahren, und, mich aufs neue wegen Don Narcis ver— * —,——— —— neinenden Antwort haſſend, wolle er mich aber⸗ mals zur Rechenſchaft ziehen. Dieſe letztere Vermuthung ſchien mir die wahrſcheinlichſte, und ich entſchloß mich, meinem grauſamen Be⸗ ſchuͤtzer zu zeigen, daß die Furcht, eine Pflicht unerfullt zu laſſen, einzig und allein den offen handelnden Mann, zu tugendhaften Entſchlie⸗ ßungen beſtimmen kann. Als ich an die bezeichnete Stelle kam, war die Nacht nicht ſo finſter, daß ſie mich haͤtte verhindern koͤnnen, ein, an eine alte Korkeiche gebundenes Pferd zu ſehen, das ſei⸗ nen Reiter zu erwarten ſchien. Sobald ich mich dem Baum genaͤhert hatte, ſprang der nemliche Menſch, der mir den Abend zuvor aufgeſtoßen war, hinter einen Buſch hervor, und bat ſchnell und dringend, mich des bereit gehaltenen Pferdes zu bedienen, um ihm zu folgen. Er ſelbſt war zu Fuße; aber er war einer von jenen cataloniſchen Bauern, die in bloßen Baſtſchuhen, in den Gebirgen, mit den beßten Pferden um die Wette laufen, ja ſie ſo⸗ gar ermuͤden. Dies war auch die Antwort, welche er mir auf meine Frage, nach der Laͤnge des Weges, den wir zu machen hatten, gab. N Meine uͤbrigen Fragen, nach dem Zweck dieſer geheimnißvollen Reiſe und nach den Perſonen, die ihn abgeſchickt hatten, ließen ihn vermu⸗ then, ich trage Bedenken ihm zu folgen. Mit großer Zungengelaͤufigkeit uͤberhaͤufte er mich daher mit unzaͤhligen Verſicherungen von Red⸗ lichkeit und treuer Ergebenheit, und gab mir zu verſtehen, Stillſchweigen und Geheimniß waͤren unumgänglich nothwendig, um zum Zweck zu gelangen.„Kommen Sie, kommen Sie,“ fuͤgte er lebhaft hinzu,„die junge Sennora erwartet Sie!“ Die junge Sennora! Dieſe Worte dran⸗ gen wie ein Lichtſtrahl in meine Seele und hoben alle Zweifel. Ich folgte meinem Fuͤh⸗ rer, den ich mit Fragen beſtuͤrmte, der aber entweder ſelbſt wenig wußte, oder von ſeltener Treue war. Aber ich konnte mich nicht irren. — Welches Weib in der weiten Welt, außer Almaiden, konnte nach dem ungluͤcklichen Ma— nuel verlangen? Nur ſie konnte meine Ver⸗ zweiflung ahnen, nur ſie kannte mein Herz, nur ſie vermochte deſſen Stuͤrme zu ſtillen. Ach! ohne Zweifel hatte ſie ſo viel gelitten als ich, aber ein einziger Augenblick ſollte ja ———— ₰ ———— wieder Alles verguͤten, und ich fuͤhlte mich ſchon jetzt ſo ſelig, daß es mir ſchwer wurde mich zu maͤßigen. Auf meinem unempfindlichen Begleiter ſchienen die feurigen Reden, mit denen ich ihn zu ruͤhren ſuchte, wenig Eindruck zu ma⸗ chen. Er ſagte lange Gebete her, ſang from⸗ me Lieder und unterbrach ſich nie, als um mir gefaͤhrliche Stellen zu bezeichnen, und mir ſorg⸗ ſam uͤber dieſe hinzuhelfen. Bei Aufgang der Sonne erſtiegen wir ei⸗ nen ſteilen Berg, auf welchem die hier ſtief⸗ muͤtterliche Natur nur einige Kiefern zwiſchen Steinen und Felſen wachſen ließ. Eine von armen Schaͤfern bewohnte Huͤtte lag vor uns, in welcher mein Fuͤhrer Gaſtfreiheit heiſchte, die ihm auch mit der groͤßten. Bereitwilligkeit zugeſtanden wurde. Aber der Reichthum die⸗ ſer guten Menſchen beſtand blos in ihrer Bies derkeit und in ihrer Unbekanntſchaft mit einem beſſeren Loos. Sie reichten uns ein wenig Schafmilch, und theilten zwiſchen meinem Pferde und ihrer Heerde, den kleinen Vorrath trockener Kraͤuter, den ſie noch uͤbrig hatten. — 424— Ein Goldſtuͤck, welches ich einem jungen Mad⸗ chen ſchenkte, deſſen feurige, ſchwarze Augen mit Neugierde und Verwunderung auf mir hef— teten, erregte mehr ſein Erſtaunen als ſeine Dankbarkeit, da es deſſen Werth nicht zu ken— nen ſchien. Aber der aͤlteſte Schaͤfer neigte ſich vor mir mit allen Zeichen der Unterwuͤr⸗ figkeit, und entſchuldigte ſich, daß ſeine Ar⸗ muth ihm nicht verſtatte, mich meinem Stande ge⸗ maͤs zu bewirthen. Er bat mich ehrfurchts⸗ voll, ihm zu verzeihen, daß der Mangel, der ihn druͤcke, ihn des Gluͤcks beraube, mir mehr als ſeinen guten Willen zu bieten. Haͤtte er es ahnen koͤnnen, ſagte er, daß ich ſeine Huͤtte mit meiner Gegenwart beehren werde, ſo wuͤr— de er den Abend zuvor nach dem Floſter der Kapuzinerinnen des Thales von Mont Serrat gegangen ſeyn, wo die Schweſter Pfoͤrtnerin zuweilen die milden Gaben frommer Seelen mit ihm theile, und dann wuͤrde ich ihn nicht ſo gaͤnzlich entbloßt von Allem gefunden haben. Da ich aber ſelbſt auf dem Weg zu dieſem Kloſter ſey, ſo muͤſſe ich ganz gewiß ein guter Chriſt ſeyn, woran er auch nicht im minde⸗ ſten zweifele. Er hoffe, ich wuͤrde ihm meine —— — —— ——— — 1 mächtige Fuͤrſprache goͤnnen, und ihn und ſeine Familie den Haͤuptlingen meines Volkes, die Ehre und Gluͤck ausſpendeten, beſtens em⸗ pfehlen. 5 In dieſer myſtiſchen Sprache ſah ich An⸗ fangs nichts als einen ſchwuͤlſtigen Ausbruch von Dankbarkeit, der den ſpaniſchen Bauern ziemlich eigen iſt; aber meine Hoffnungen ſtiegen, da ich nunmehr erfuhr, daß mein ver⸗ ſchwiegener Fuͤhrer den Weg zu einem Frauen⸗ kloſter einſchlage. Was aber ſollten die ver⸗ ſteckten Zweifel an meinem Chriſtenthume be— deuten? Was der Schutz, um den der Greis flehte? Was das Volk, uͤber welches ich zu gebteten habe? Alles dieſes waren Raͤthſel⸗ deren Auflöſung der Alte, mit zweideutigem Laͤcheln aus dem Wege ging, gleichſam als wolle er ſagen: ihm komme es nicht zu, in die Geheimniſſe' zu dringen, die ich verbergen wolle. Es war nunmehr Zeit weiter zu rei⸗ ſen. Als ich aus der Huͤtte trat, ſah ich mei⸗ nen Fuͤhrer von den Schaͤfern und ihren Kin⸗ dern umringt, die er mit ſonderbaren Geber⸗ den und mir unverſtaͤndlichen Reden unterhielt und in Erſtaunen ſetzte. So wie er mich — 1— erblickte, entzog er ſich dem Kreis ſeiner Zuhoͤ⸗ rer, fuͤhrte ſchnell mein Pferd herbei und lief dieſem mit ſeiner gewoͤhnlichen Behendigkeit vorauf. Ehe ich ihm folgte, theilte ich noch einige kleine Beweiſe meines Dankes unter die guten Menſchen, die uns mit ſo ruͤhrender Herzlichkeit aufgenommen hatten, und holte dann meinen Fuͤhrer an dem Eingang eines faſt ungangbaren Hohlweges wieder ein. Die Schwierigkeiten dieſes Paſſes, die zahlreichen Windungen des Fußpfades, denen ich folgen mußte, die Hinderniſſe die ich zu uͤberwinden hatte, das Grauſen von einem wuͤ⸗ ſten, unfruchtbaren Erdſtrich, der alle Spuren einer großen Naturumwaͤlzung an ſich trug, eine wilde, bald uͤppig wuchernde, bald ver— dorrte Vegetation, mit Moos bedeckte Höhlen, in die nie ein Sonnenſtrahl drang, und aus denen truͤbe Quellen floſſen, welche gefährliche Suͤmpfe bildeten, und der gaͤnzliche Mangel an Cultur, alles dieſes erregte meine Auf⸗ merkſamkeit, und lenkte ſie dann auf mei— nen wunderlichen Fuͤhrer. Die Erinnerung an die ſonderbare Ehrerbietung welche der alte Schaͤfer mir bezeigte, zerſtreute meine gewohn⸗ „ — 17— ten Gedanken. Mein Fuͤhrer ging an meiner Seite und meine jetzige Seelenruhe erlaubte mir, den Mann auszuforſchen, auf den ich meine ganze Hoffnung ſetzte. Seine durchaus regelmaͤßigen Geſichtszuͤge waren ausdrucksvoll und lebhaft, hatten aber eine HOlivenfarbe, die den cataloniſchen Bauern nicht eigen iſt, un⸗ geachtet ſie faſt ſtets den Strahlen der Sonne ausgeſetzt ſind. Belebte ſich ſeine Phyſiogno⸗ mie, ſo ſpruͤhten ſeine durchdringenden Augen Feuerfunken. Seine ſchwarze, glaͤnzende Haa⸗ re hielt ein, mit Goldfaͤden durchwirktes, ſcharlachrothes Netz zuſammen. In ſeiner Kleidung war, außer einigen Metallfaͤden, die verblichener Stickerei glichen, nichts auffallen⸗ des. Mit vielem Anſtand trug er eine Art von Shawl oder Teppich von Wolle, mit hel⸗ len Streifen, deſſen ſich die Gebirgbewohner bedienen, den ſie ſehr maleriſch zu ordnen wiſ⸗ ſen, und der ihnen bald zum Mantel, bald zum Bette dient. Seine baſtenen Halbſtiefel waren mit Schuuͤren von rother Seide an ſeine nackte Beine befeſtigt. Liſt und Geſchmei⸗ digkeit leuchteten aus ſeiner ganzen Geſichts⸗ bildung hervor. Der Stempel eines fremden ——— —— —— Stammes, der ſeinem ganzen Weſen aufge⸗ draͤckt war, und durch die angenommenen ſpas niſchen Sitten hervorblickte, die barbariſch klingenden Worte, die er vor den erſtaunten Schaͤfern ausſprach, alles dieſes erinnerte mich an jene jungen Zigeuner,(Gytanos) deren poſſirliche Taͤnze mich oſt in meiner Kindheit beluſtigten. Ich fragte ihn, ob er zu dieſem irrenden Volke gehoͤre, das nur ſeinen eigenen Geſetzen gehorcht, das kein anderes Gut als die Freiheit kennt, keinen anderen Tempel als den Himmel, keine Wohnung als die Waͤlder, und kein Eigenthum als das, was es von der aberglaͤubiſchen Ungewiſſenheit erliſtet. Er legte den Finger auf den Mund, als wolle er mir Beſcheidenheit empfehlen, warf mir einen durchdringenden Blick zu, und ſagte mit ſchalk; haftem Laͤcheln:„Und Sie auch; aber ich bin nur ein Unterthan.“ Wahrlich! die Pflege welche man mir in meiner Kindheit angedeihen ließ, die Erzie⸗ hung welche ich genoß, die Laufbahnen, welche man mir noch jetzt vorzeichnete, mein ganzes phyſiſches Aeußere, alles dieſes mußte den Ge⸗ danken an die Verwandtſchaft mit einem aus⸗ — 12— gearteten mauriſchen Stamm verbannen. Aber ich uͤberlegte dieſes nicht. Mir ſchien ſelbſt das Aergſte moͤglich, und in der Reihe von Mißgeſchicken, die mich ſeit kurzem ſo ſehr niederbeugten, ſah ich als das letzte und ſchlimmſte, das Ungluͤck an, durch Bande des Blutes einem Haͤuptling des verachtetſten Vol⸗ kes auf Erden anzugehoͤren. Nach der zweifel⸗ haften Lage, in welcher ich mich befand⸗ konnte ich eben ſowohl von den veraͤchtlichſten Eltern abſtammen, als von den erlauchteſten. Die Unterwuͤrfigkeit des alten Schaͤfers, ſeine zweideutigen Reden und ſeine eigennuͤtzigen Wuͤnſche, ſchienen mir Licht zu geben, und drangen wie ein vergifteter Dolch in mein Herz. Mein Fuͤhrer war weit entfernt, die Wunde, die er mir geſchlagen hatte, voraus⸗ zuſehen, da er die Urſache derſelben nicht kannte. Aber er blickte mich aufmerkſam an, und nahm meine Geſichtsveraͤnderung wahr, die er auf Rechnung meines Unwillens, uͤber die Rolle, welche er mich ſpielen ließ, ſetzte⸗ Er eilte daher, mich von meinen Qualen zu Don Manuel. Erſter Theil. 9 —— befreien, und enthuͤllte mir ſein geheimnißvol⸗ les Betragen. „Ehemals,“ ſagte er,„als der Koͤ⸗ nig meines Stammes, die Gebirge unter die Kinder der Egypter austheilte, ſollte ich, durch meine Kuͤnſte, in Cervera, Geld, Kleider und Nahrungsmittel erwerben. Eine junge Dame, ſchoͤn wie die Engel des Paradieſes, tauſend⸗ mal ſchoͤner als die Tochter unſerer Koͤnigin, erbarmte ſich meines Elendes. Vor ihr tanzte ich die Tchinchinella und die Tchiritſchina*) mit verdoppeltem Feusreifer. Ihre großmuͤthi⸗ gen Gaben fuͤhrten meine treffliche, alte, lei⸗ dende Mutter ins Leben zuruͤck. Rie, nie⸗ mals werde ich ihre Guͤte vergeſſen! Fuͤr ſie wuͤrde ich Leben und Freiheit, den ganzen Reichthum eines Zigeuners, geopfert haben. Ich ſah dieſe Himmliſche in Lerida wieder. Ihre Augen ſchwammen in Thraͤnen und ihr Herz ſchien voller Kummer. Sie reiſte ab, und ich folgte ihrem Wagen bis zu dem Klo⸗ ſter der heiligen Kapuzinerinnen des Thales *) Tänze der cataloniſchen Bauern. — von Mont⸗Serrat. Hier bot ich dem Gaͤrtner mei⸗ ne Dienſte an. Gleich am andern Morgen hatte ich das Gluck, mich ihr nähern zu koͤnnen. Meine Worte, deren rauhen Klang ich zu mildern ſuchte, erſchreckten ſie anfangs; aber bald er⸗ rieth ſie die Gedanken meines Herzens, die ich beſſer empfand als ich ſie auszudruͤcken ver⸗ mochte. Sie trocknete hierauf ihre Thraͤnen und ſagte:„Ich glaube an deine Erkennt: lichkeit, an deine Treue. Gehe nach Matta⸗ ro. Dott findeſt du vielleicht noch den Sen⸗ nor Don Manuel d'Altamonte. Beobachte ein tiefes Schweigen gegen alle ſeine Umgebungen. Er ſoll dir ſchnell folgen; aber ſeine Reiſe und der Zweck derſelben muß ein tiefes Geheim⸗ niß bleiben. Geh auf der Stelle— morgen iſt es vielleicht zu ſpaͤt.“ „Sie gab mir ihre Boͤrſe, indem ſie ihre ſchönen Augen zum Himmel emporrichtete. Ich konnte nur mit den meinigen antworten, und ihr Laͤcheln bewies mir, daß ſie mich ver⸗ ſtanden habe. Ich ſah und erkannte Sie; denn mein Gedaͤchtniß iſt hier,“ fuhr der Zigeuner, die Hand auf ſein Herz legend, fort.„Ich fuͤhrte Sie auf nur mir bekann⸗ 0* — 18 ten Umwegen, und ſollte der Zufall irgend Ze— mand auf Ihre Spur leiten, ſo wuͤrde er dieſe bei den gaßtfreien Schaͤferhuͤtten gaͤnzlich ver⸗ lieren, da die Schaͤfer Sie fuͤr den Sohn des Konigs meines Volkes halten, und nichts in der Welt ſie bewegen koͤnnte, Sie zu verra— then. Verzeihen Sie mir dieſen nothwendi⸗ gen Betrug.“ Willig wuͤrde ich einen weit groͤßeren Betrug verziehen haben als dieſen, der mich unter die Aegide des Aberglaubens und der Dankbarkeit verbarg. Die Gewißheit Almai⸗ den wieder zu ſehen, verſetzte mich in ein Ent— zuͤcken, welches ſelbſt der Ungehorſam gegen die Befehle meines Vormundes nicht zu tru— ben vermochte. Die Feſtigkeit meiner Vorſaͤtze war erſchuͤttert, mein innerer Kampf hoͤrte auf, und alle meine Gedanken vereinigten ſich auf den Gegenſtand, der meine Vernunft und mein Leben auf ewig beherrſchte. Gegen Abend fielen mir die Mauern des Kloſters ins Auge. Dieſer Anblick erfullte mich mit unausſprechlicher Freude, aber auch mit peinlichem Schmerz. Hier fuͤhren, dachte ich, auf ewig von der Welt ausgeſchloſſene, — freiwillige Schlachtopfer ein Pflanzenleben, und waͤhrend ihre Natur und ihr Gewiſſen in immerwaͤhrendem Streit liegen, waͤhnen ſie, die erſtere durch Entbehrungen und Kaſteiun— gen zu beſiegen, und ſuchen ſich durch Wider⸗ ſtand zu ſtaͤrken. Hier erſticken zarte und ſchwache Weſen den Anreiz der Gefuͤhle, und uͤben einen Despotismus uͤber ihre Neigungen aus, deſſen ſonſt nur große Seelen faͤhig ſind, die menſchliche Gebrechlichkeit dadurch beſchwoͤ⸗ rend, daß ſie alle ihre Hoffnungen auf den Himmel richten. Unter dieſe, von einer reli⸗ gioͤſen Ueberzeugung,— oft genug aber auch durch Swang— gefeſſelte Geſchoͤpfe, die allen Freuden des Lebens entſagen mußten, hatte Don Narcis ſeine reizende, zur Zierde der Welt geſchaffene Tochter, zu leben verurtheilt. Hier in dieſe ewig friedliche Mauern, in dieſe Wohnungen der reinſten Sittlichkeit, in denen das Streben nach Vollkommenheit der einzige Zweck des Lebens iſt, in dieſes Heiligthum, trug ich ungluckſeliget jetzt ein von gluhenden Leidenſchaften brennendes Herz, ohne den Muth zu beſitzen, die verzehrende Flamme zu loͤſchen. Doch glaubte ich ſchon den Einſiuß der ſtillen Froͤmmigkeit und der aͤußeren Ruhe, welche mich umgab, zu empfinden,— aber der Sturm wuͤthete verborgen in meinem Bu⸗ ſen fort. Das Kloſter der Kapuzinerinnen des Mont⸗Serrat lehnt an einem Felſen, und zwar am Fuße dieſes ſteilen Gebirges, auf welchem gottergebene Einſiedler ſich einer muͤ⸗ hevollen Lebensart widmen, und unterſtuͤtzt von ihrem frommen Eifer, ſich der Arbeitſam⸗ keit, der Armuth und dem Dulden weihen. Aber ſelbſt dieſe ſtrenge Lebensweiſe laͤßt ſich nicht mit der vergleichen, welche ſich die gott⸗ geweihten Jungfrauen vom dritten Orden des heiligen Franciscus auferlegt haben. Ihre geringſte Buͤßung, die aus der genauen Befol⸗ gung ihrer Ordensregel entſpringt, iſt der oft gaͤnzliche Mangel an Allem was das Leben be⸗ darf. Sie beſitzen kein Eigenthum, leben blos von Almoſen, und uͤberſchreiten nie die Grenze des Kloſterbezirks. Die Wohlthaͤtigkeit, die uͤberdies ihre Gaben ſelbſt und unaufgefordert darbringen muß, ernaͤhrt ſie. Aber auch die Wohlthätigkeit erkaltet zuweilen; die Jah⸗ reszeiten ſind unbeſtaͤndig; die Stürme hal⸗ — 135— ten oft lange an, und der ſchreckliche Hunger verfolgt alsdann dieſe Unglucklichen bis zu den Fuͤßen der Altaͤre. Nur dann kuͤndiget der Schall einer, fuͤr dieſe grauſame Lage aufbe⸗ wahrten, Glocke den Bewohnern des Thales die große Noth des Kloſters an. Dieſe lau⸗ fen dann eilig zu, und trotzen oft wirklichen Gefahren, um die frommen Schweſtern dem Hungertode zu entreißen. Vergnuͤgt, wenn keine der gottgeweihten Jungfrauen unterlegen hat, fuͤllen die Thalbewohner deren Speiſege— woͤlbe mit neuen Vorraͤthen, welche die Non⸗ nen als Gaben des Himmels empfangen, und mit gewohnter Sorgloſigkeit, und in feſtem Vertrauen auf die Vorſehung, deren Beiſtand ihnen nie fehlte, wieder mit anderen Duͤrfti⸗ gen theilen. Mein Fuͤhrer ließ mich einige Zeit allein, und ging durch die Gaͤrtnerwohnung ins In⸗, nere des Kloſters. Es blieb mir alſo hinläng— liche Muße die Wildniß, in welcher das Klo⸗ ſter der Kapuzinerinnen liegt, zu betrachten. Die traurigen, unfruchtbaren, hohen Felſenſpi⸗ tzen des Mont Serrat, ſchuͤtzen den demuͤthi⸗ gen Zufluchtsort der Nonnen weniger gegen ——— —— die Orkane, als ſie denſelben mit furchtbaren Felſenſtuͤrzen und verheerenden Waſſerguͤſſen be⸗ drohen. Ihre neuerlichen Verwuͤſtungen ſah man noch deutlich an den großen Sandſtrecken und umherliegenden Felſenſtuͤcken, die dem Kloſter die groͤßte Gefahr gedroht hatten. Halb entwurzelte Pinien und zerſtreut ſtehen⸗ de Eichen ſind die einzigen Baͤume, welche auf dieſem wuͤſten und traurigen Erdenfleck ei— nigen Schatten gewaͤhren. Die Pflanzen, welche die Natur in dieſer angeſchwemmten Sandwuͤſte hervorbringt, ſind blos einige Dor⸗ nenſtraͤuche, ſtacheliche Euphorbien und Aloen. Das nach Suͤden gelegene Thal bietet hinge⸗ gen dem ermuͤdeten Auge deſto ſchoͤnere Reize dar. Alle Reichthuͤmer des ſpaniſchen Bodens, der Feigenbaum, die Weinrebe, der Helbaum, die uͤppigſten Wieſen und die fruchtbarſten Fel⸗ der liegen im Geſichtskreis. KFlare, aus den Seiten der Gebirge entſpringende Baͤche, ſchläͤngeln ſich durch dieſe herrliche Landſchaft, und befruchten ſie. Jetzt war ihr ſonſt rei⸗ ßender Lauf ruhig, und drohte nicht, wie oft, die von ihnen ſonſt geliebkoſ'ten Ufer zu uͤber⸗ ſchwemmen und zu zerſtoͤren. Aber die Son⸗ ne, welche dieſes Thal vergoldete und belebte, warf nur gluͤhende Strahlen, die tauſendfaͤltig von den Felſen zuruͤckprallten, auf das arme Kloſter. Die Luft glich einem Feuermeere und verſtattete kaum Athem zu ſchoͤpfen. Im Winter hingegen, laſſen kalte, ſtuͤrmiſche Winde ihre ganze Wuth an den frommen 6 Floſterfrauen aus, die nur den Glauben und das Gebet zum Schutz gegen die unbeſtaͤndi⸗ gen Jahreszeiten haben. Endlich oͤffnete ſich eine kleine Pforte, und eine ſchwache, furchtſame Stimme rief zitternd meinen Namen. Ich naͤherte mich vol⸗ ler Furcht und Hoffnung. Eine Frauensperſon, in ein ziegenhaar⸗ nes, langes Gewand gekleidet, den Kopf in eine Art von Schleier vom naͤmlichen Zeug gehuͤllt, und die rauhen Steine baarfuß betre⸗ tend, begruͤßte mich zaghaft und fragte: ob ich der von Almaiden, der Tochter des Sen⸗ nors Don Narcis, erwartete Bruder ſey? Ich ſchämte mich die Unwahrheit zu ſagen, und befuͤrchtete doch, durch das Geſtaͤndniß der Wahrheit Anſtoß zu geben, und den Zorn der heiligen Schweſter zu erregen. Meine Ant⸗ — 38— wort war daher verworren und zweideutig. Die Nonne glaubte jedoch mich verſtanden zu haben, und ſagte:„Folgen Sie mir.“ Eine Klingel in ihrer Hand tragend, ſchritt ſie vor mir durch die feuchten Kloſtergaͤnge her, in denen ich einige, wie ſie gekleidete, hei⸗ lige Jungfrauen erblickte, die ſich aber ſaͤmmt⸗ lich auf ein Zeichen mit der Klingel, das die Annaͤherung eines Fremden bedeutete, in ihre Schleier einhuͤllten. Wir gingen durch einen Theil des Gartens, in welchem die wichtigſten Geheimniſſe unſerer Religion, in erhabener Arbeit abgebildet waren. Meine Fuͤhrerin kniete vor der heiligen Schaͤdelſtaͤtte nieder, und ſprach ein kurzes, inbruͤnſtiges Gebet. Ich folgte ihrem Beiſpiel, und mein Herz demuͤ⸗ thigte ſich vor dem Gott, den ich vielleicht im Begriff war zu beleidigen. Der Nutzgarten, in den wir nunmehr eintraten, bewies die Unfruchtbarkeit des Bo⸗ dens, und die Armuth und Selbſtverlaͤugnung der guten Schweſtern. Man ſah hier nur wenige und ſchlecht angebaute Gemuͤſe, wenige Obſtbaͤume, keine Blumen und blos mit rothen Ziegelſtuͤcken eingefaßte Beete. Meine ſtille — 130— Fuͤhrerin, die dieſes wuͤſte Fleck fuͤr ein Para⸗ dies hielt, machte mir einen mit bunten, gla⸗ ſirten Ziegelſteinen belegten Fußpfad bemerklich, den ſie als einen ſeltenen und koſtbaren Zier⸗ rath betrachtete. Was ihr Stolz war, erfuͤllte mein Herz mit tiefer Trauer.— In die⸗ ſem elenden Aufenthalt war ja meine Almaide verurtheilt, ihre ſchoͤnſten Tage hin zu ſchmach⸗ ten! Endlich ſah ich ſie wieder. Sie ſaß un⸗ ter einem alten Maulbeerbaum. Ein kleiner Granadenbuſch und zwei bis drei bluͤhende Orangenbaͤumchen, waren in dieſem Garten die einzige Schutzwehr gegen die gluͤhende Sonne. Die Floſterfrauen, mit der Aus⸗ uͤbung ihrer Ordensregeln beſchaͤftigt, oder mit Arbeiten im Innern des Gebaͤudes, verſagten Almaiden nie den Genuß dieſes wenigen Schattens. WMeine Fuͤhrerin kreuzte die Haͤnde auf ihrer Bruſt, gruͤßte mich verbindlich, deutete nur mit einem Fingerzeichen Almaidens Auf⸗ enthalt an, und entfernte ſich mit langſamen Schritten. — 140.— Wie vermoͤchte ich die Gefuͤhle dieſes Augenblicks zu ſchildern? Noch einmal ver⸗ nahm ich die Toͤne der ſuͤßen Stimme, die ins Innerſte meines Herzens drangen. Noch einmal war es mir geſtattet, die ſchoͤnen Au⸗ gen zu bewundern, in deenn ſich ihre reine Seele ſpiegelte; dieſe reizende, ausdrucksvolle Phyſiognomie; dieſer Mund, auf dem noch vor kurzem das geiſtreichſte Lächeln ſchwebte; dieſes herrliche Incarnat, das die zarteſte Verſchaͤmtheit hervorbrachte, welche die Em⸗ pfindungen ihres Herzens verrieth und die des meinigen erhoͤhte, da ich ſie wechſelſeitig fand. Ich beugte mein Knie vor der herrlichen Ge⸗ ſtalt. Ich uͤberließ mich dem nie geſättigten Vergnuͤgen, ſie zu ſehen, ſie anzuhoͤren. Ich vergaß die ganze Welt. Nichts erinnerte mich an meine verletzte Pflicht, noch an meine ver⸗ ſchwundenen Hoffnungen. Ich vergaß, daß wir nur uͤber einen Tag zu gebieten hatten. Ich empfand blos das Gluͤck geliebt zu ſeyn! Almaide entriß mich bald dieſem Ent⸗ zuͤcken, in dem ich mein ganzes Leben ge⸗ wuͤnſcht haͤtte zu bleiben. Sie liebte mich zwar ſo ſehr als man im Stande iſt zu lie⸗ — — 141— ben; aber die Vernunft hatte dennoch nicht die Herrſchaft uͤber ſie verloren, und ſie hoffte, durch Standhaftigkeit und feſte Entſchluͤſſe nicht nur ihr jetziges Schickſal zu beſiegen, ſondern auch ihr kuͤnftiges zu beſtimmen. Wie Don Narcis uns trennte, aͤußerte er ihr den Wunſch, ſie moͤge dem von ihm gewaͤhlten Gatten ihre Hand reichen. Ein ehrerbietiges, aber ſeſtes Nein, war ihm nicht ſehr auf⸗ fallend. Er ſetzte dieſen Entſchluß, den er fuͤr voruͤbergehend hielt, auf Rechnung des weibli⸗ chen Eigenſinns, und glaubte nicht, daß Al⸗ maide lange auf ihren Willen beſtehen wuͤrde. Ein unbeguͤterter Mann, waͤhnte er, duͤrfe nicht nach ihrer Hand ſtreben, am wenigſten aber ſein von ihm mit Wohlthaten iterhauß ter Pflegeſohn. „Ich weiß,“ ſagte Amaide zu ihrem Vater,„daß, indem man dem weiblichen Geſchlechte Unterwuͤrfigkeit und Gehorſam ein⸗ zupraͤgen ſucht, waͤhrend man ihm nur ſtilles Dulden verſtattet, man glaubt, den Convenien⸗ zen des geſelligen Lebens Genuͤge geleiſtet zu haben. Aber hat denn das Vaterherz nicht noch andere Pflichten zu erfuͤllen? Giebt es — 142— zwiſchen dem Zwang, dem ewiges Ungluͤck auf dem Fuße folgt, und der Freiheit die ſich durch Verirren entehrt, keine Mittelſtraße? Ach! ich ziehe die Dunkelheit des Kloſterle⸗ bens der Verbindung, die Sie mir vorſchlagen⸗ bei weitem vor!“ „Meine Tochter, meine liebe Tochter!“ erwiederte Don Narcis,„Du wirſt keine Ruhe in der Einſamkeit finden, wenn dich nicht eine inbruͤnſtige Gottesfurcht dazu be⸗ ſtimmt. Die Kaſteiungen und die Gebraͤuche des Kloſterlebens, fuͤhren bald die Schwärme⸗ rei des Herzens zum druͤckenden Gefuͤhle der Wirklichkeit zuruͤck. Eine uͤbernatuͤrliche Tu⸗ gend iſt zu dieſer Lebensweiſe erforderlich. Man muß allen Schwaͤchen und Begierden, die uns an dieſe Welt feſſeln, entſagen, um eine Lebensart zu ergreifen, die keine Reue zulaͤßt. Ich werde nie zugeben, dich auf dieſe Weiſe lebendig begraben zu ſehen.— Aber durch we'ches Mißgeſchick muͤſſen zwei Weſen, die ich ſo innig liebe, mir ſo vielen Kummer verurſachen? Liebe Tochter! ſey gerechter — gegen meine Zaͤrtlichkeit, und halte dich uͤber⸗ zeugt, daß wenn meine Klusheit ſich deinen — 1 ½— Wuͤnſchen widerſetzt, wenn ich mich gezwungen ſehe, den Don Manuel auf immer zu entfer⸗ nen, ich die wichtigſten und gerechteſten Gruͤn⸗ de hiezu habe. „Giebt es aber auch nicht Ungerechtig⸗ keiten,“ entgegnete Almaide,„die ſich auf Irrthuͤmer gruͤnden, welche der Wahrheit aͤhn⸗ lich ſehen? Aber beruhigen Sie mich, lieber Vater. Geben Sie dieſem Herzén, das Sie ſo ſehr betruͤbten, einigen Troſt. Sagen Sie, zu welchem Schickſal haben Sie den Ungluͤck⸗ lichen, von dem Sie mich ſo grauſam trenn⸗ ten, aufgeſpart? Ihn, welchen Sie Ihren Convenienzen opferten, gegen den Sie handel⸗ ten, wie jene Despoten, die von Menſchenrech⸗ ten und Freiheit reden, waͤhrend ſie die Menſchheit unterjochen. Schon von der einzi⸗ gen Freundin, deren Seele mit der ſeinigen uͤbereinſtimmt, gewaltſam getrennt,— muß er auch noch ſeinem Vaterlande entſagen? Ha⸗ ben Sie ihn zu dem Opfer aller ſeiner Gefuͤhle verdammt? Veturtheilten Sie ihn zu jener bitteren Vergeſſenheit, die ſelbſt die erhabenſten Geſinnungen tödtet? Ach! ſagen Sie mir, was iſt aus ihm geworden? — 14— Don Narcis, den ſichtlich wichtige Ge⸗ danken beſchaͤftigten, antwortete ſeiner Tochter nicht. Seine Unruhe verrieth ein Gefuͤhl, das ihn zum Vertrauen zu draͤngen ſchien, und dennoch ſchwieg er. Almaide gewahrte, daß er muͤhſam mit ſich ſelbſt kaͤmpfte. Sie ſchoͤpfte einige Hoffnung; aber der Stolz beſiegte die Regungen der Natur. Er beklagte ſich bitter uͤber ihren Unglauben, an die Nothwendigkeit der Maasregeln, bei denen er durchaus beharren muͤſſe. Er ſeufzte uber ihre Zweifel an ſeiner Groß⸗ muth, an ſeiner freigebigen Zärtlichkeit gegen mich, die ihm nunmehr zur Pflicht, und ſei⸗ nem Herzen zum Beduͤrfniß geworden ſey. „Dein angenommener Bruder,“ fuͤgte er hinzu,„wird ſich in Mattaro einſchiffen. Er geht einer ehrenvollen Laufbahn entgegen⸗ Mein Schutz folgt ihm in beide Hemisphaͤren. Verlangt er aber dein Gluͤck, achtet er das er— graute Haar ſeines Wohlthaͤters, ſo muß er dich vergeſſen; und auch du, liebe Tochter, mußt ihn aus deinem Gedaͤchtniß verbannen. Der freie Wille darf und kann nicht der Skla⸗ ve unſerer Leidenſchaften ſeyn, und der gluͤckli⸗ che Erfolg unſerer Handlungen haͤngt ſtets von „ — 4145— der Erfuͤllung unſerer Pflicht ab. Der edel⸗ ſte Charakter, der verſtaͤndigſte Geiſt, koͤn⸗ nen ſich auf kurze Zeit verirren, aber der wah⸗ re Verdienſt der Tugend iſt, gehoͤrigen Wider⸗ ſtand zu leiſten. Du kennſt ihren Werth, und bald wird eine ſchickliche und unauflösliche Verbindung Bande knuͤpfen, die dich zu einer neuen Reigung fuͤhren werden.“ „Ach! was vermoͤgte die erſten Neigun⸗ gen des Herzens zu erſetzen?“ entgegnete Almaide nochmals.„Es gibt ohne Zweifel noch andere erhabene, reine, zoͤrtliche Seelen; man kann ſich um meine Hand bewerben, mir Schaͤtze bieten, und eine aufrichtige Anhaͤnglich⸗ keit verdienen, die ich jedoch nicht zu erwie⸗ dern vermag. Es wuͤrde ja immer nicht er ſeyn! Er, deſſen Blicke meine Gedanken er⸗ riethen, der meinen Kummer ahnte, theilte, milderte, und mir durch Schweigen mehr ſag⸗ te, als Andere mit Worten. Wuͤrde ich zu dem ewigen Zwang, den die Ehre gebietet, verurtheilt, ſo wuͤrde, ich befuͤrchte es, mein Ge⸗ daͤchtniß dem Andenken an meine Liebe und an meine Schwaͤche treu bleiben. Ueberlaſſen Sie mich meiner ungluͤcklichen Leidenſchaft ganz; Don Manuel. Erſter Dheil. 10 nen. Ich liebe, ich achte Sie, beßter Vater; ich wuͤn ſchte Ihren Willen zu befolgen; aber zwingen Sie mich nicht das Leben zu verab⸗ ſcheuen!“ Auf dieſe Weiſe widerſtand Almaide dem Willen ihres Vaters. Erſtaunt uͤber ihre Fe⸗ ſtigkeit, beſtuͤrmt von ſeiner Zaͤrtlichkeit fuͤr ſie, und dennoch unbeugſam in ſeinen Entſchluͤſ⸗ ſen, bewilligte er ihr endlich die einzige, trau— rige Gnade um die ſie flehte; die, in ein Kloſter gehen zu duͤrfen. Vielleicht hoffte er, das langweilige Kloſterleben wuͤrde bald eine Flamme ausloͤſchen, der ſich bis jetzt noch nichts entgegen geſetzt hatte. Um leichter zu dieſem Zwecke zu gelangen, waͤhlte er das von jeder Stadt entfernteſte, und in der wildeſten Gegend gelegene Kloſter der Kapuzinerinnen des Thals von Mont⸗Serrat. Seine Ge⸗ ſchenke gewannen ihm bald die Einwilligung der Oberin eines Zufluchtsortes, der ſich nur durch die Almoſen frommer Seelen erhielt. Almaibe wurde mit der Dankbarkeit aufgenom⸗ men, die man ihr als Wohlthäterin der Stif⸗ tung ſchuldig zu ſeyn glaubte, und mit dem ich will ſie an den Fuͤßen der Altaͤre bewei⸗ — 147— Wohlwollen, welches ihr ſanſtes Benehmen einfloͤßte. Don Narcis hatte kaum das Kloſter ver— laſſen, als die ſämmtlichen Schweſtern ſich um die Wette beeiferten, Almaidens Wuͤnſchen zu⸗ vorzukommen, und ihre kleinſten Launen zu be⸗ friedigen. Sie Alle hatten ja die Truͤbſale des Lebens gekannt und erfahren; ſie Alle wein⸗ ten mit ihr, und bemuͤhten ſich, ſie uͤber ihren Kummer zu troſten, nach deſſen geheimer Quelle zu forſchen ſie ſich enthielten. Ein Gaͤrtner, ein verachteter Zigeunerjuͤngling, durfte ſich ihr naͤhern, und ſich ihr zu erkennen geben. Ge⸗ ruͤhrt von den Zeichen hoher Dankbarkeit, wel⸗ che dieſer Sohn der Natur an den Tag legte, faßte ſie Zutrauen zu ihm, und bediente ſich ſeiner, um mich in ihre Naͤhe zu bringen. Die Oberin widerſetzte ſich dem Beſuch des ge— glaubten Bruders nicht, und der Zigeuner eilte nach Mattaro. Im Lauf dieſer Erzaͤhlung ſenkten ſich Al⸗ maidens Blicke zur Erde, eine zarte Schamrs⸗ the deckte die lieblichen Wangen, und ihrer Bruſt entquellende Seufzer verriethen die Qualen die ſie erduldete. Sie hatte aufgehoͤrt 10* — 148— zu reden, aber ich horchte noch immer, mit einer Miſchung von Entzuͤcken und Schmerz, auf das was ſie noch ſagen wuͤrde. Sie ert ſchien mir als das Bild der hoͤchſten Vollkom⸗ menheit. Meine kuͤhne Einbildungskraft ver⸗ wirklichte alle Traͤume meiner Kindheit,— ich trotzte den Schlaͤgen des Schickſals,— an ihrer Seite glaubte ich, dieſes Schickſal beherr⸗ ſchen zu koͤnnen! Die verſtohlenen Winke, welche ich uͤber meine kuͤnftigen Hoffnungen fal⸗ ten ließ, gaben ihr Licht uͤber die neue Lage meines Herzens. Zitternd ſprach ſie:„Ich liebe dich, theurer Manuel! Ich liebe dich wie meine Seele, und ich lebe nur fuͤr dich. Aber ich wuͤnſche auch daß die Vernunft deine Liebe leite, daß mein Muth dadurch erhoben und geſtäͤrkt werde. Ich werde nicht ungehorſam gegen meinen Vater ſeyn, und———“ „Und dieſes iſt es,“ unterbrach ich ſie, von neuem Wahnſinn ergriffen,„was du mir ſagen wollteſt! Einige wenige Augenblicke genuͤgten dir, um Bande zu zerreißen, die von ewiger Dauer ſeyn ſollten! Verbannt aus meinem Vaterlande, blieb mir noch ein Gluͤck — 149— uͤbrig,— die Gewißheit geliebt zu ſeyn; und dieſe einzige Freude meiner ſchon gezaͤhlten Ta⸗ ge, raubte mir die Treuloſe, die mich noch ih⸗ rer Liebe verſichern will!“ „Ich ſah dieſe uͤbertriebene Ungerechtig⸗ keit nicht voraus,“ erwiederte Almaide.„Ich verzeihe ſie deinem Gram. Ich exiſtire nur durch meine Liebe; ſie iſt die Quelle meiner Schmerzen, die du unrecht haſt zu vermehren. Wenn meine Leiden nicht meine Sachwalter in deinem Herzen ſind, ſo wird eines Tages,— vielleicht bald,— zu deinen Gunſten mein Jammer emporſteigen, zum Thron des himm⸗ liſchen Vaters, deſſen Barmherzigkeit mir die Hoffnung verleiht, dich an einem Orte wieder zu ſehen, der nur der Wahrheit offen ſteht. Aber, ich wiederhole mit Standhaftigkeit;— ich werde nie ungehorſam gegen meinen Vater ſeyn!“ Bittere Zaͤhren ſtroͤmten uͤber ihre er⸗ blaßten Wangen. Ein fuͤrchterlicher Schmerz bemaͤchtigte ſſich meiner Seele. Mit einem Blick las ich, was in der ihrigen vorging. Ganz außer mir, warf ich mich zu ihren Fuͤ⸗ ßen.„Theuerſte Almaide,“ rief ich:„Du, die mit Engelsreinheit liebt, warum mußt du mit der Wuth einer ſtrafbaren Leidenſchaft wieder geliebt werden? Ich wollte dein gan⸗ zes Daſeyn an das meinige ketten,— aber was ſagſt du mir jetzt? Einem Andern ſollte es erlaubt ſeyn, nach deiner Liebe ſtreben— dein Herz zu feſſeln? Er ſoll das Gluͤck der Seelengemeinſchaft genießen, das nur uns Bei⸗ den vorbehalten iſt? An deiner Seite wird ihm die Morgenrothe prachtiger leuchten, die Abendkuͤhle ihn lieblicher erquicken! Aber fuͤr mich Aermſten, wird es weder Morgen noch Abend geben,— nur ewige finſtere Nacht und Jahrhunderte von Trauer und Tod!“ „ Mein Mund,“ ſagte Almaide,„wird nie den Eid brechen, den mein Herz in ſeinem Inneren ſchwur. Ich verſprach dir meine Liebe; aber ich verſprach auch meinem Vater, meine Hand nie ohne ſeine Einwilligung zu vergeben: wir muͤſſen dieſe zu erlangen ſu— chen. Urtheile ich richtig, ſo ſteht dir ſein Reichthum, vielleicht auch ſein Stolz, den ſeine Großmuth und ſeine geheimen Wunſche verlaͤugnen mochten, im Wege. Daher mußt du ſtreben, dieſe Hinderniſſe durch Thaten, die ——— —,——FꝓF dir einen hoͤheren Rang in der Geſellſchaft ge⸗ ben, zu beſeitigen. Ich will mich gern davon uͤberzeugen laſſen, daß Don Narcis nicht im— mer unerbittlich ſeyn wird; aber dem Don Manuel liegt zuvor die Erfuͤllung wichtiger Pflichten ob. Trennt uns gleich jetzt das grauſame Schickſal, ſo laſſe wenigſtens ein tro⸗ ſtendes Gefuͤhl ſtets unſere Gedanken beherr⸗ ſchen: der Gedanke, daß Almaide der Lohn fuͤr Don Manuels tugendhaftes Beſtreben ſeyn wird! Rufe deine ganze Kraft gegen jene Kleinmuͤthigkeit zu Huͤlfe, gegen jene Geiſtes⸗ ſtumpfheit, die das Ungluͤck naͤhrt und vollen⸗ det. Widerſtehe mit Muth und biete deinen Ehrgeiz zum Beiſtand der Liebe auf.“ „Wer koͤnnte dich anhoͤren,“ etwie⸗ derte ich,„und ſich nicht uͤberzeugen laſſen? Die ſuͤßeſte Ueberredungskraft belebt deine Stimme und deine Blicke. Meine Seele er⸗ hebt ſich auf den Fluͤgeln der deinigen, wuͤrde aber ſchmerzlich ſinken, wenn ſie die Kraft ver⸗ löhre, von der ſie allein erhalten wird. Wer bin ich? Nichts, als ein von allen Lebens⸗ pfaden Zuruͤckgewieſener, deſſen Erinnerungen, deſſen Wuͤnſche, deſſen Verlangen, deſſen Vor; urtheile ſelbſt, kaͤmpfen.“ „ Und findeſt du nicht,“ antwortete ſie, „Schadloshaltung in deinem Herzen? Haſt du mir nicht ſelbſt gelehrt, daß die Tugenden nicht mit den Titeln uͤbertragen werden. Dieſe Namen, dieſe Ehren, dieſe voruͤbergehenden Wuͤrden, von dem Menſch dem Menſchen ertheilt, was ſind dieſe gegen den Adel der Seele? Wenn ſie aber einſt der Lohn der Tugend werden, dann eile, ſie zu verdienen. Uebrigens haſſe ich das Gluͤck, weil es ver⸗ muthlich die Schranken, die uns trennen, er— hoben hat; beſchenkt es aber dich mit ſeinet Gunſt, ſo wollen wir ihm Altäre errichten.“ Die Begeiſterung mit welcher Almaide ſprach, verlieh ihr neue Reize. Es war mir unmoͤglich, ihr ſogleich nachzugeben, und ich fuhlte den Drang, ihre Vorſaͤtze noch einmal zu bekämpfen.„Ich werde die Welt durch⸗ ſtreifen,“ ſagte ich.„Ich werde verſuchen mein ungluͤckliches Schickſal zu beſiegen. Dich zu erlangen wird mir nichts zu ſchwierig, 3 nichts unmoͤglich ſcheinen. Mißlingt mir aber mein ganzes Beſtreben, werde ich von den ewig gegen ſeine Verhaͤltniſſe — — — 153— Schranken des Gluͤcks und der Ehrenſtellen, die ohnehin geneigt ſind, ſie Unwuͤrdigen zu verleihen, zuruͤckgeſtoßen, verliere ich ſogar das Recht, mich uͤber die Ungerechtigkeiten der Menſchen zu beklagen; wohin werde ich als⸗ dann meine Zuflucht nehmen, und was werde ich noch begehren koͤnnen? Ach! daß ich jemals an ein guͤnſtigeres Schickſal glauben konnte! Unterſuche meine angebetete Almaide! die Ge⸗ heimniſſe deines Herzens; gibt es nicht welche die du dir ſelbſt verhehlen moͤchteſt? Du ver⸗ achteſt das Gluͤck? Hat es denn groͤßeren Werth fuͤr mich? Auf den Menſchen der we⸗ nige Beduͤrfniſſe fuͤhlt, kann es ohnehin keinen Einfluß haben. Und dennoch ſoll ich dich flie⸗ hen, um dieſes truͤgeriſche Gluͤck zu ſuchen? Von dir entfernt werde ich Thraͤnen vergießen, die du nicht ſiehſt, und werde nicht im Stande ſeyn die deinigen zu trocknen! Zermalmet der Schmerz meine Seele, ſo wird deine troͤſtende Stimme ſeine Wunden nicht zu heilen vermoͤ⸗ gen, ſo wenig wie ich die des Deinigen! Meine Gedanken werden ſtets bei dir ſeyn; bin ich aber ſicher, daß auch du ſtets an mich denken, keine andere Freude, kein anderes W — 164— Gluͤck kennen wirſt? Du machſt es mir zur Pflicht, langen Gefahren entgegen zu gehen, und ich gehorche dir. Aber wie viele Jahre werden nicht bis zu unſerem Wiederſehen ver⸗ fließen? da wir uns ſchon jetzt ein friedliches, unabhaͤngiges Leben verſchaffen könnten,— ein Leben voll— Liebe! Glaube mir, theuerſte Almaide; laſſe uns denen entſagen, die uns zuruͤckſtoßen. Ich kenne ein oͤdes Fleck auf dieſer Erde, welches nur Schaͤfer bewohnen, die dich aber wie eine Gottheit verehren wer⸗ den. Unter ihrem gaſtfreichen Dach erwartet uns das wahre Gluͤck. Komm, folge mir! Laſſe uns unſeren Tyrannen zeigen, daß der Zwang eben ſo wenig uͤber liebende Herzen vermag, als uͤber den ſtandhaften Geiſt.“ Almaidens Zuͤge wurden beim Anhoͤren meiner Rede, von tiefer Betruͤbniß umwoͤlkt. Ein krampfhafter Seufzer entſtieg ihrer Bruſt. Sie verſuchte zu laͤcheln, aber dieſes Laͤcheln verbarg ihren Schmerz nicht.„O!“ ant⸗ wortetete ſie,„fuͤhlſt du denn nicht wie ſehr ich leide, wie ſehr du meine Leiden ver⸗ mehrſt? Auf dieſe Weiſe verſchwindet das Vertrauen, das ich in ſo hohem Grade ver⸗ — 155— diene, vor der beleidigenden Idee eines einge⸗ bildeten Hinderniſſes? Ich ſehe es recht gut; du fuͤrchteſt meine Unbeſtaͤndigkeit, und denkſt, ſo grauſam mich demuͤthigend, nicht daran, daß ich auch Pflichten zu gehorchen, habe. Ich irrte mich alſo in der Hoffnung, daß deine Staͤrke meine Schwaͤche unterſtuͤtzen wuͤrde! Was iſt aus deiner Tugend geworden, die ſo oft die Stuͤtze der meinigen war? O, Ma⸗ nuel! verſtehſt du nicht mehr in Almaidens Herz zu leſen? Wenn die tiefe Einſamkeit, in die ich mich begrub, wenn dieſes traurige Kloſter, in dem ich meine Zuflucht ſuchte, dir nicht mein Herz und meine Beſtaͤndigkeit offen darlegen, was koͤnnte dich von nun an uͤber⸗ zeugen und beruhigen?— Ach! du ſeufzeſt, du weinſt? Nein, du haſt mich nicht beleidigen wollen! Aber lerne mich doch endlich ganz kennen! Vertheidige mich gegen mich ſelbſt! Wahrlich, ich widerſtand meinem guten Vat ter, deinen Wohlthaͤter, der uns Beide liebt, nicht ohne Gewiſſensbiſſe. Ich achte die Rechte der Natur, auf welche die buͤrgerli⸗ chen Geſetze ſich gruͤnden. Beſteht mein Va⸗ ter auf ſeinem Vorſatz, ſo wird zwar mein — 156— Herz dir ewig angehören, doch nicht ſo meine Hand, die ich aber auch nie einem Andern rei⸗ chen werde. Ich bin entſchloſſen deine Ruͤck⸗ kehr in dieſem traurigen zu Orte erwarten. Du ſollſt mich mitten unter dieſen unfruchtbaren Felſen wiederfinden, von deren Höhe ich jeden Tag in das Thal herabſchauen werde, um dei⸗ ne Ruͤckkehr zu erſpaͤhen. Vielleicht findeſt du mich alsdann zu den Fuͤßen des Kreuzes fuͤr dich betend, oder vielleicht auch in der kuͤhlen Gruft, in welcher dieſes Herz, das nie aufhoͤrte fuͤr dich zu ſchlagen, Ruhe finden wird.“ Schluchzen erſtickte ihre Stimme. Mei⸗ ne Seele folgte allen Bewegungen der ihrigen. 3 Sehnlichſt wuͤnſchte ich, dieſer Augenblick moge mein letzter ſeyn. Eins in den Armen des Andern zu ſterben, ſchien mir das einzige Gluͤck, welches das ſtrenge oder guͤtige Schick ſal uns noch aufgeſpart habe. Ich erkuͤhnte mich, dieſen ſchrecklichen Wunſch zu äußern; denn die Beſinnung hatte mich gaͤnzlich verlaſ⸗ ſen. O, wie zeigte ſich da ihre Tugend, ihre Liebe! Sie ſetzte meiner Raſerei eine Ruhe— entgegen, die ſie fern war zu empfinden. Ob zwar mit dem feſteſten Muth begabt, beklagte —— ſie dennoch ihre Schwaͤche, die bei dem Gedanken erbebe, daß der Menſch es wage, ſich freiwillig dem gegenwaͤrtigen Ungluͤck ent⸗ ziehen zu wollen, um ſich in ewiges zu ſtuͤr⸗ zen:— der arme Menſch! der den Wahn hegt, zum Beherrſcher der Erde beſtimmt zu ſeyn, und der ſich nicht einmal ſelbſt zu be⸗ herrſchen weiß.„Und ſollte mich,“ fuhr ſie fort,„die Hoffnung in dieſer Welt taͤu⸗ ſchen, ſollte ich meinen Leiden unterliegen, ſo bin ich gewiß, Jenſeits Erſatz dafuͤr zu finden. Dort hoffe ich, fleckenrein wie die Engel, vor dem himmliſchen Vater zu erſcheinen, und auch noch vor dem Thron der ewigen Liebe mich des Gegenſtandes meiner Wahl ruͤhmen zu koͤnnen.“ Ihre bewegte, ſuͤße Stimme, ihre ein⸗ dringlichen kraftvollen Worte, und der einfache Adel ihrer Haltung, der ihrer Zaͤrtlichkeit ſo hohe Reize verlieh, alles dieſes fuͤhrte eine mir bisher unbekannte Ruhe in meine Seele zuruͤck, und floͤßte mir einige Hoffnung auf die Zukunft ein. Ich erroͤthete uͤber die Verirrung meines Verſtandes, und einſehend, daß nur der Ruhm oder das Gluͤck uns zur Erfuͤllung un⸗ ſerer Wuͤnſche fuͤhren könnten, unterwarf ich, ſeufzend, mein Schickſal den Vbhlht die mich von Almaiden trennten. Ich lag zu ihren Fuͤßen, und meine ganze Seele berauſchte ſich in dem ſchmerzlich ſuͤßen Vergnuͤgen, ſie vielleicht zum letztenmale be⸗ wundern zu duͤrfen, als die unſelige Kloſter⸗ glocke mit ſchnellen Schlaͤgen meine Ohren durchdrang. Almaide pebte und ſagte mit ſchwacher Stimme:„Die Stunde ſchlaͤgt, theurer Manuel! Wir muͤſſen uns trennen — ich will fuͤr dich beten!“ Im nemlichen Augenblick erſchien die fromme Jungfrau, wel⸗ che mir die Kloſterpforte geoͤffnet hatte, und benachrichtigte mich, daß Alles zu meiner Ab⸗ reiſe bereit ſey. Ich vermochte nicht ihr die Geiſtesverwirrung, die ſich in meinem ganzen Weſen ausſprach, zu verbergen. Ach! ihre reine Seele ſetzte ſie nur auf die Rechnung keuſcher, bruͤderlicher Liebe, und vom zaͤrtlich⸗ ſten Mitleiden durchdrungen, ſuchte ſie, mein untroͤſtbares und von ſeinem Gewiſſen ange⸗ klagtes Herz zu beruhigen. Ihre Stimme, dem Lob der Tugend geweiht, glaubte von ih— rem Zweck ſich nicht zu verirren, indem ſie rechtmaͤßige Gefuͤhle pries, und den Segen des — Himmels auf ſie herabflehte. Ich antwortete nicht, und folgte der guten Pfoͤrtnerin in ſtumpfſinniger Verzweiflung. Meine Thraͤnen⸗ quelle war verſiegt, und ich fuͤrchtete mich vor mir ſelbſt. Als ich aber aufs neue dieſes furchtbare Kloſter durchſchritt, deſſen einzige Zierde Trauer und Graͤber waren, ergriffen mich unwillkuͤhrliche Schauder. Die in ihm herrſchende Stille war die des Todes, und die⸗ ſer ſchien mir die einzige Vorbedeutung fuͤr unſere Liebe! Ich ſah meine Almaide an: ſie wankte, und ſank erbleicht und kalt, wie die Graͤber unter unſeren Fuͤßen, in meine Arme. Ich brach das um uns herrſchende Schweigen und rief: O, laß mich nur noch einmal deine ruͤhrende Stimme hoͤren! Dein Bruder ruft dich! Suͤße Almaide, wirſt du mir nie wie⸗ der antworten!“ Sie kehrte ins Leben zu⸗ ruͤck.„Bruder, ja,“ ſagte ſie,„ſo muͤſſen wir uns lieben! Dieſe heiligen Orte mahnen mich an meine Pflichten.— Lebe wohl, geliebter Manuel! Lebe ewig wohl!— Noch einmal ſchwoͤre ich dir: Du ſollſt mich wiederfinden wie heute.— Deine Geliebte, — deine Gattin, wenn mein Vater einwilliget, — 160— — deine Schweſter,— ſtets deine Schweſter bis zu dem Grabe!“ Schnell entriß ſie ſich meinen Armen, bedeckte das Geſicht mit ihren Haͤnden— und verſchwand unter den Gewol⸗ ben, die zum Calvarienberg fuͤhrten. Schwankend, aller Sinne beraubt, mei⸗ ner ſelbſt kaum bewußt, gehorchte ich endlich der mitleidigen Stimme meiner frommen Fuͤh— rerin, die meine Schmerzen bejammerte, ohne deren Groͤße und ihre urſache zu errathen. Dieſe Pforte, durch welche ich, mit einem ſo lebhaften Gefuͤhl des Gluͤcks, das mich erwar⸗ tete, einging, oͤffnete ſich abermals, um mich aus dem Pargdieſe zu verbannen, in dem ich meine ganze Gluͤckſeligkeit zuruͤckließ, um mich in eine Welt zu ſtoßen, in der ich nichts als dro⸗ hende Abgruͤnde vor mir ſah. Als ſich aber die Ungluͤckspforte wieder ſchloß, als mein treuer Zigeuner mich hinwegfuͤhrte, als die Thuͤrme des Kloſters in den Schatten der Nacht verſchwanden, da glaubte ich, mein Sis geen⸗ det zu ſehen. Der gute Menſch achtete meine tiefe Be truͤbniß. Er ſchwieg bis zu dem Augenblick in welchem wir uns Mattaro naͤherten. Er ſagte mir, die Klugheit gebiete ihm, mich jetzt zu verlaſſen, wenn ich Urſache haͤtte, meine Abweſenheit geheim zu halten, und deshalb habe er mich auf einem anderen Wege zur Stadt zuruͤckgefuͤhrt. Er ermahnte mich zur Standhaftigkeit, und gab mir den wohlgemein⸗ ten Rath, nur an dasGluͤck zu denken, das mir eines Tages werden wuͤrde. Dabei ſchilderte er mir ſeine Treue und Ergebenheit ſo wahr und ruͤhrend, daß ich kein Bedenken trug, mich ihm gaͤnzlich anzuvertrauen. Er verſprach mir, bei ſeinem Leben, bei ſeiner Hoffnung zur Se⸗ ligkeit, uͤber Almaidens Sicherheit und Frei⸗ heit zu wachen. Die Geſchenke, welche ich ihm darreichte, nahm er nur an, um ſie der⸗ einſt vielleicht zu meinem Dienſte benutzen zu koͤnnen. Dieſer Menſch bewies mir, daß man ſelbſt in dem niedrigſten, verachtetſten Stande tugendhaft ſeyn kann, ſobald man die Ge⸗ fuͤhle des Herzens nicht verlohren hat. Der Sennor Valdes bezeigte wenig Ver⸗ wunderung uͤber meine Abweſenheit, und be⸗ gnuͤgte ſich mit den Urſachen, die es mir beliebte anzugeben. Er erſuchte mich blos, mich nicht mehr zu entfernen, da ſein Schiff nur guͤnſti⸗ Don Manuel. Erſter Theil. 11 gen Wind erwarte, um in die See zu gehen. Nach einigen Tagen hob das Schiff, die Mut⸗ ter Gottes, die Anker, und ich ſah mich bald, und faſt ohne es zu bemerken, von den gelieb⸗ ten Ufern Cataloniens, an die von Cadix ver⸗ j. ſetzt, woſelbſt ich von den Menſchen ein Gluͤck heiſchen ſollte, das mir der Himmel verſagte. End⸗ des erſten Theils. ſſſſſſſſſſſiſ 8 9 12 1 14 5 1 10 11 3 1 6 17 18