— —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Geſebedingungen. 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe Lines geliehenen Buches wird von I jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗„ den angenummen., 6 ſ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.—„f. 1 Mr. 50 Pf. S— Pf. ſt SS „ 7„.—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und] vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S— L ——— lut Hugo von Wolfsthal der Raubritter die Stiefbrüder. Geſchichte aus den Zeiten der Vehmgerichte von Verfaſſer Erichs von Ulſingen, des Hofmeiſters oder das Monument im Miihlenthale. L 3 weiter Theil. 1 3 weite Auflage. Leipzig, 1841. . Wilhelm Lauffer. ——,—— J. Sehnſuchtsvoll, die hoͤchſte Liebe fuͤr ſeine Adelheid im Herzen, war Ritter Wal⸗ ther mit ſeinem Freunde Eduard von Maien⸗ thal, ſeinem treuen Rudolph und vielen andern Rittern, gluͤcklich und ohne wichtige Ereigniſſe in Deutſchland angekommen.— Von Prag aus, wo er den Kaiſer geſpro⸗ chen, reiſte er mit Eduard, den ein gleiches Gefuͤhl fuͤr Waldinen beherrſchte, allein weiter. Beide eilten, die Gegenſtaͤnde ihrer innigſten Wuͤnſche zu erreichen, doch mußte Walther es ſich ſchon wegen der ſehr ermuͤ⸗ deten Roſſe gefallen laſſen, auf der Burg des Ritters von Maienthal einzukehren und Nachtlager zu halten. Groß war die Freude u. 1 2 des Vaters und der Uebrigen, den braven Eduard nach laͤnger als Jahresfriſt wieder zu umarmen. Wohlwollend ſchuͤttelte der biederherzige Burgherr Walthers Hand und gab ihm ſeine Freude zu erkennen, daß ſein Sohn ſich einen ſo edlen Freund erworben. Feſtlich wurde der Abend beim Schmauſe, unter dem Klange der kredenzenden Po⸗ kale und mannichfaltigen Erzählungen, voll⸗ bracht. Den naͤchſten Morgen zog Walther von dannen.( 4 „Sprecht bei meiner Waldine einen Au⸗ genblick vor; meldet ihr meine gluͤckliche Zuruͤckkunft aus dem gelobten Lande und ſagt ihr, daß ich nicht zogern wuͤrde, ſie ſo bald als moͤglich mit treuer Liebe zu be⸗ gruͤßen!“ war der geheime Auftrag Eduards an ſeinen Freund, der auch von dieſem puͤnktlich beſorgt wurde. Geruͤhrt und herz⸗ lich empfing ihn der alte ehrliche Berndt, aber die groͤßte Freude ſtrahlte auf Wal⸗ 3 dinens Geſicht uͤber die Mittheilung von Eduard, obgleich Thraͤnen ihre ſchoͤnen Augen dabei benetzten. So ſehr auch Beide baten, noch zu ver⸗ weilen und einen Imbis zu genießen, lehnte Walther dieß doch ab, denn ſeine Liebe trieb ihn unaufhaltſam und oft mit ſolcher Eile fort, daß Rudolph ihn erinnern mußte, langſamer zu reiten, wenn ſie nicht einen Tag ſpaͤter, und zwar zu Fuße, auf Schloß Mansfeld eintreffen wollten, da die Pferde ſolche Anſtrengung nicht aushalten koͤnnten. Als ſie gegen Abend am Schloſſe Mans⸗ feld ankamen, rief Rudolph mit lauter Stimme:„Thurmwart Eppo! laßt die Zug⸗ brucke herab und oͤffnet ſchnell dem Herrn Ritter Walther von Wolfsthal das Thor!“ Finſtern Blickes und mit kurzen 2 grußungen geſchah dieß. 4 „Dem Alten muͤſſen unheimliche Dinge den Mund verſtopft haben, ſonſt würde er uns nach ſo langer Abweſenheit doch woht 1* 4 freundlicher empfangen haben!“ ſagte Ru⸗ dolph. Walther, dieß nicht en ſprang vom Roſſe und ſtuͤrzte die Schloßſtiegen hinauf. Begeiſtert von der innigſten Liebe fuͤr ſeine Adelheid und der groͤßten Dank⸗ barkeit fuͤr den Grafen, ſah er nicht das Erſchrecken des Leibknappen, der in der Vorhalle vor des Grafen Gemach ſich befand, und uͤberhoͤrte ſogar deſſen Worte:„Gott und alle Heiligen nt Euren Muth ſtärken!“ „Vater! geliebter Vater! Euer glucklich zuruͤckgekehrter Sohn begrußt Euch mit der innigſten Freude nach Jahrelanger Entfer⸗ nung wieder im Vaterlande!“— Mit dieſen Worten warf er ſich in die offnen Arme des Grafen. Wortlos erwie⸗ derte dieſer die Umarmung. Große Thranen —* 5 —— perlten ihm dabei uͤber die blaſſen Wangen. Sein Pfleger, der Ritter Bodo, trat auch ins Gemach, und begruͤßte ſeinen theuren Walther mit einem traurig⸗ernſten Geſicht. Anfänglich war dieß Walthern nicht auf⸗ fallend, weil ſeine Gedanken und ſein ſehn⸗ liches Verlangen nur dahin gingen, die angebetete Geliebte zu umarmen. Endlich aber, verwundert, daß beide Ritter keine Fragen, kein frohes Willkommen aͤußerten, fragte er von Sehnſucht uͤberwaͤltigt:„Wo iſt denn meine theuerſte Adelheid, liebſter Vater?“ Wie zum Gebet faltete der Graf die Haͤnde und hob ſie ringend empor; eine Antwort zu geben, ließ ſein Schmerzgefuhl in dieſem Augenblick nicht zuz nur ein tie⸗ fer Seufzer entquoll ſeiner Bruſt. Nun erſt drängten ſich plotzliche Ahnungen in Walthers Bruſt; erwartungsvoll und heftig fragte er nochmals:„Vater! wo iſt meine. Adelheid?“— 6 „In des Teufels Krallen!“— ſtieß endlich Bodo mit geballter Fauſt die Ant⸗ wort heraus. S. „O mein armer, guter Walther! mein braver Sohn! ſtatt einen freudevollen Em⸗ pfang zu erwarten, findeſt Du einen un⸗ gluͤcklichen Vater in hoͤchſter Betruͤbniß.“ „Allmaͤchtiger Gott! was iſt vorgefal⸗ len?— wo iſt Adelheid?“ rief dieſer angſt⸗ voll aus. „Geraubt iſt ſie auf die infamſte, hinter⸗ liſtigſte Weiſe von dem verruchten Straßen⸗ raͤuber, Deinem Stiefbruder!“ antwortete Bodo. Betaͤubt und mit ſtarrem Entſetzen ſtand, einer Bildſaͤule gleich, Walther eine lange Zeit ſprachlos da. Es duͤnkte ihm, als 6 wuͤrde er ploͤtzlich aus ſeinem Himmel ge⸗ ſtoßen, und der boͤſe Feind erſchiene ihm in der graͤßlichſten Geſtalt und packte ihn mit furchtbaren Krallen. Als ſeine Beſinnung allmaͤhlig wieder „5 zuruͤckkehrte, wollte er ſogleich fort nach Wolfsthal, und bat flehentlich den Grafen um einige ſeiner Knappen und Knechte. „Um Gottes willen, Graf Mansfeld! Ihr ſeyd ja Adelheids und jetzt auch mein Vater, und Ihr, mein theurer Pfleger, ſchlagt mir die Huͤlfe nicht ab! Ich muß noch dieſe Nacht des Buben Burg erſtuͤrmen, um meine Geliebte ſeinen verfluchten Haͤnden zu entrei⸗ ßen, ja muͤßt' ich auch den Teufel ſelbſt er⸗ wuͤrgen!“ „Oder hoͤchſt wahrſcheinlich ſelbſt erwuͤrgt werden!“ erwiederte Bodo. Graf. Mit Gewalt richten wir gegen dieſen heimtuͤckiſchen Boͤſewicht nichts aus. Walther. Aber wie kann ich ruhig ſeyn, bevor ich meine Adelheid gerettet? Graf. Ihr zweifelt doch nicht, lieber Wal⸗ ther, daß ich mit allen meinen Mannen das Aeußerſte verſuchte?— Gegen dieſen ehrloſen Suͤnder kann nur Liſt angewendet werden⸗ Bodo. Selbſt die Mahnungen des Freigerichts; die ſonſt Jeden mit Grauen. erfullen und aus Furcht daruͤber von ſchlech⸗ 5 ten Handlungen zuruͤckhalten, beachtet er nicht, weil leider verſchiedne Mitglieder des Bundes insgeheim ſeine Genoſſen ſind und ihn zu ſchutzen wiſſen. Walther. Aber um aller Heiligen willen! wie hat der Bube denn dieſen teuf⸗ liſchen Raub ausfuͤhren koͤnnen, da Eure Burg doch zu ſehr vor ſolchem Frevel ge⸗ 4 ſichert iſt?— Graf. Laßt's Euch etzahlen. Ehe Ihr. gen Palaͤſtina zoget, ließ dieſer Elende durch den Ritter Steinberg um meine Tochter wer⸗ 3 ben. Welchen Beſcheid er von mir bekom⸗ men, konnt Ihr denken. Ich habe es Euch gar nicht ſagen mogen, weil mir die Sache zu unwichtig war. Das Turnier zu Nord⸗ hauſen, von welchem er ſchaͤndlich abziehen mußte, hat gewiß ſeine Rache gegen mich und Euch erſt recht angefacht. Lange muß ſ er auf die Ausfuͤhrung ſeines verruchten— — Planes geſonnen haben, bis er ihm gegluͤckt. Gerade vor einem Mondeslauf erſchien ein Ritter, der mir einen Brief von meinem alten Freund und Fehdekumpan, den Ritter von Eichhorſt, brachte, der Jahre lang ſo ſtill als friedlich ſeine etwa vier Meilen von hier belegne Burg bewohnt, die er, un⸗ beweibt und kinderlos, ſeiner Schweſter Sohn vererben wollte. In dieſem Briefe meldete er mir: es ſey wie ein Dieb in der Nacht der Ritter Hugo von Wolfsthal mit einer Schaar Knappen und Knechte in ſeine Burg gedrungen, habe ihn daraus vertrieben und hauſe darin, wie in ſeinem Eigenthume. Um ihn zu ſeinem Beſitz wieder zu verhel⸗ fen, bat er mich um meine geſammte Man⸗ nen. Keine Bubenthat ahnend, ſetzte ich mich ſelbſt an die Spitze der Meinen, und noch am Abend zogen wir fort, um den folgenden Tag zeitig dort zu ſeyn. In mei⸗ nem Schloſſe ließ ich nur wenige meiner Leute. Kaum ſind wi ein paar Stunden 10 fort, als der verruchte Hugo mit ſeinem Raͤubertroß ſtill ſich dem Schloſſe naͤhert und dem Thorwart mit aͤngſtlicher Stimme zuruft, geſchwinde die Zugbruͤcke herabzu⸗ laſſen, weil ich plotzlich ſehr unwohl gewor⸗ den ſey und zuruͤckkehre. Wer konnte da nun wohl eine teufliſche Hinterliſt erwar⸗ ten? Adelheid eilt vor Schrecken und Be⸗ ſorgniß ſelbſt an das Thor. In dem Au⸗ genblick, da ſich dieſes oͤffnet, ſtuͤrzt der Schaͤndliche, der wohl kein ſo leichtes Spiel ſich gedacht, ploͤtzlich auf Adelheid zu, wäh⸗ rend die uͤbrigen Schurken meine unbewaff⸗ neten Leute abhalten ihr zu Huͤlfe zu eilen. So wurde die ungluͤckliche Dirne faſt ohn⸗ maͤchtig auf ein Roß gehoben und mit ihr davon gejagt. Die Zofen, welche Adelheid gefolgt waren, ſtuͤrzten, da ſie dieſen Raub ſahen, beſinnungslos an der Schloßſtiege nieder. Einer meiner Knechte ſchwang ſich aber eiligſt auf den Gaul und ſetzte den Raͤubern nach, um Kunde zu erlangen, wo 11 ——— ſie mit ihrer Beute hineilten; er brachte die Nachricht, daß ſie auf Burg Wolfsthal eingezogen waͤren. Ich war unterdeſſen mit meiner Schaar am naͤchſten Morgen bei Burg Eichhorſt angekommen. Der alte Thurmwachter, der mich an unſerm Feld⸗ zeichen erkannte, ſtieß in ſein Horn, wor⸗ auf ſogleich der Thorwart auf der Mauer erſchien und nach meinem Namen fragte. „Sage den heilloſen Raͤubern in Deines Herrn Veſte: Der Graf von Mansfeld ſeh mit ſeinem Fähnlein angekommen, um ſie fuͤr ihre Bubenthaten derb zu zuͤchtigen, wenn ſie nicht ſofort ſich ergäben.“ Der ℳ arme Menſch, dem meine Worte ein Raäth⸗ ſel ſehn mochten, meldete dieß ſeinem Burg⸗ herrn, und ſiehe, wie ich eben mein Faͤhn⸗ lein ordne, wird die Zugbrucke herabgelaſ⸗ ſen, mit freundlichem Geſicht erſcheint mein alter Freund, heißt mich herzlich willkom⸗ men und in ſeiner Veſte einziehen. Hier erfahre ich nun zu meiner nicht geringen 12 Verwunderung, daß er weder von einem Briefe, viel weniger von einem Raͤuber⸗ uͤberfall etwas wiſſe. In dem Augenblicke wußte ich nicht, was ich davon denken ſollte, erfuhr es aber zu meinen Entſetzen bald hinterher, indem einer meiner Knappen mit Schweiß bedeckt angeſprengt kam, und die wyreckliche Kunde brachte, daß Adelheid ploͤtzlich geraubt ſey. Faſt alle Sinne ver⸗ gingen mir, ich war meiner ſelbſt nicht maͤchtig. Nachdem ich mich etwas wieder ermannt, ſagte ich meinem Freunde, der hoͤchſt erſtaunt uͤber dieſen Vorfall war, Valet, und jagte eiligſt mit meinen Reiſigen wieder zuruͤck. Kaum in meiner Schloßburg angekommen, erfuhr ich, wer der verruchte Raͤuber meiner Tochter ſey. Ungeſaͤumt ging es jetzt mit meinen geſammten Dienſt⸗ leuten nach des Buben Veſte, und ich for⸗ derte ihn auf, meine Tochter mir ſogleich auszuliefern, wenn ich ſein verfluchtes Raub⸗ neſt nicht den Flammen opfern und ihn 13 ſelbſt in Stuͤcken hauen laſſen ſollte. Mit teufliſchem Lachen erklaͤrte mir der Satan, daß er Adelheid von mir zur ehelichen Ge⸗ mahlin begehre. Nach dieſer Einwilligung wuͤrde er ſogleich ſeine bisherige Handlungs⸗ weiſe einſtellen; wenn ich mich aber deſſen weigere und ſeine Burg erſtuͤrmte, wuͤrde er meine Tochter zuvor erdolchen. Aller Muth entfiel mir auf dieſe Antwort. Ich ſah mich nun gezwungen, zum Bitten meine Zuflucht zu nehmen. Gold, Land und Koſt⸗ barkeiten verſprach ich dem Boͤſewicht; alles ruͤhrte ihn nicht, er wollte nur Adelheid. Verzweifelnd, weder durch gute Worte noch Verſprechungen die arme Dirne ihrem Rau⸗ ber zu entreißen, mußte ich mit tief be⸗ ſchwertem Herzen abziehen; denn durch Gewalt hatte ich das Schauderhafteſte von ihm zu erwarten. So, mein theurer Walther, iſt jetzt unſte Lage. Was fangen wir nun an, um Eure Braut ungefährdet den Klauen dieſes heilloſen Tiegers zu entreißen?— 14 Walthers Schmerzgefuͤhl und Wuth gegen ſeinen bubiſchen Stiefbruder war aufs Hoͤchſte geſtiegen; die Ruhe floh ſein naͤchtliches Lager; tiefſte Trauer und hundert Gedan⸗ ken hatten ſich ſeiner uͤber Adelheids Schick⸗ ſal bei der Erzaͤhlung des Grafen bemei⸗ * R „Hin muß ich, armer Vater!“ ſagte Walther am andern Tage zum Grafen, „hin zu dem ehrloſen Buben, und meine Adelheid von ihm erbetteln oder erkaͤmpfen. An der Spitze Eurer Mannen ziehe ich vor ſein Raubneſt, und ich will nichts unver⸗ ſucht laſſen.“ 3 Graf. Von Herzen gern gewahr ich Euch meine Leute; aber ich furchte zu ſehr, daß Eure Hoffnungen getäuſcht werden. Mit Gewalt durft' Ihr nun aber ſchon Adelheids wegen nichts erzwingen; auf einen Kampf mit Euch wird er ſich auch nicht einlaſſen, weil er von Eurem Muth und Eurer Uoberle⸗ genheit zu derbe Proben hat. In die Raͤu⸗ berhoͤhle duͤrft Ihr ſelbſt noch weniger. Walther. Ich ſende zuvor unſern 16 wackern braven Rudolph zu ihm, und laſſe ihn Vorſtellungen machen. Finden die keinen Eingang, ſo wird ihm die Erklaͤrung: die Burg zu erobern, ihn ſelbſt aber lebendig bei den Beinen aufhaͤngen zu laſſen, ſo er Adelheid nur ein Haar kruͤmmt! Graf. Und wenn er dennoch ſich an dieſe Mahnung nicht kehrt?— Walther. Sein Leben ſo zu enden, mochte ihn doch mit Schaudern erfullen! Graf. Wenn er aber Adelheid zuvor mordet, oder, o grauſender Gedanke! noch mehr als mordet, und dann doch zu ent⸗ ſchluͤpfen wuͤßte?— Walther. Das wird ja der Allmaͤch⸗ tige verhuͤten! Graf. Er moͤge Dein Vorhaben ſegnen. Ungeſäͤumt mußten faſt alle Knappen und Mannen des Grafen ſich ruͤſten, die mit Freuden Alles fuͤr den edlen Walther zu thun verſprachen. Ritter Bodo blieb im Schloſſe, weil der Graft ſelbſt mit hinzog. 17 Zeitig kamen ſie unfern der Burgveſte Wolfsthal an und lagerten ſich in dem gelegenen Walde. Rudolph ritt in Auftrag ſeines Herrn zur Burg und begehrte im Namen des Grafen von Mansfeld Einlaß. Der Thor⸗ wart meldete es und Hugo befahl, den Ab⸗ geordneten einzulaſſen. Der Burgvogt Hans verlangte jedoch, da ihm unter dieſen Um⸗ ſtänden alle Vorſicht nothig duͤnkte, daß er ſein Schwerdt zuvor ablege. Nur ungern war Rudolph dazu bereit. „Ihr ſeyd ein Abgeſandter des Grafen von Mansfeld? 7“ trat ihm Hugo entgegen. Rudolph(mit Wuͤrde). Und zugleich vom edlen Ritter Walther von Wolfsthal. Hugo. Dieſer geht mich nichts an. Rudo lph. Allerdings haben Beide ein 1 gegruͤndetes Aufforderungstecht an Euch. Hugo(barſch). So ſprecht zuvot von *n Erſten. Rudolph. Der edle Graf, höchſt be⸗ I. 18 trubt und ſehr aufgebracht uͤber einen ſo unerhoͤrten als hinterliſtigen Raub, den Ihr an ſeiner Tochter begangen, fordert Euch auf, wenn Ihr den hohen Ritterpflichten noch nicht ganz erſtorben waͤret, ſofort das edle Fräulein ungefaͤhrdet ihrer Gefangenſchaft zu entlaſſen, wonach Ihr zu erwarten habt, auf welche Weiſe der Graf ſich dankbar ge⸗ gen Euch bezeigen wird. Hugo cach). Ei man ſehe doch, wie fein!— Wenn ich ein Rarr wäre, das zu thun, ſo wuͤrde Eure Dankbarkeit darin beſtehen, meine Burg den Flammen preis u geben. Rudolph. Einer ſolchen That konnen ſich nur liebloſe, heimtuͤckiſche Menſchen ſchuldig machen, aber durchaus keine recht⸗ ſchafne Maͤnner. Hugo Galh. Wað da geſchehen— mich nicht. Zetzt ſagt mir, ob der Graf ſich entſchließen wird, wenn ich mich 19 zu einer demuͤthigen Bitte verſtehe, mir ſeine Tochter zum Weibe zu geben? Rudolph. Davon kann nie die Rede ſeyn, da ſie ſeit laͤnger als Jahresfriſt die Verlobte des Ritters Walther iſt. Hugo. Immerhin mäg ſie die bis jetzt geweſen ſehn. Schon manche Dirne, die an Einen verlobt war, iſt kurz vor der Hochzeit doch noch einem Andern geworden. Rudolph. Das wird bei dieſer Ver⸗ bindung nie, nie ſtatt finden; das edle Fraͤulein trägt bereits ſo lange ſchon den Mann ihrer Wahl in ihrem treuen Herzen. Hugo. Moͤge ſie ihn hinausſtoßen und mich dafur einziehen laſſen. Rudolph(mnt unwillech. Wie koͤnnt Ihr, Herr Ritter, von einer liebenden Braut dieß erwarten?— Hugb. Warum nicht? Solch Dirnen⸗ gezier verliert ſich mit der Zeit. Sie kann hier auf meinet Bürg, wenn auch anfungs mit einiger Mähe, ſich beſtreben, ihren 2* 20 Buhlen zu vergeſſen. Zeit und Umſtaͤnde aͤndern viole Dinge. Rudolph. Aber nie bei dem Fraͤulein von Mansfeld. Hugo. Wenn Ihr denn davon ſo beſtimmt uͤberzeugt zu ſeyn glaubt, ſo erklaͤre ich Euch, mein Herr Abgeſandter, daß ich Nichts mehr anhoren will, beſonders wenn Ihr ſonſt nichts weiter wollt. Geht und fragt den Grafen: ob er mich ſtatt meines Bruders zum Siaſenhrnet will, ich wuͤrde dann— Rudolph(hn haſtig e Dat auf rechnet in dieſer Welt nie! Hugo Gitig). So bin ich mit cuch fertig, und Ihr koͤnnt S6 zum Henker ſcheren Rudolph. Bedentt, Euch die ſchrecklichſte Ahndung, der ſchmählichſte Tod droht, wenn der Graf Gewalt braucht. Hugo(nit zornigem Blic). Die verlach' ich, well ich mich dagegen zu ſchtzen weiß⸗ 21 Rudolph. Noch einmal laͤßt Euch der Graf hundert Mark loͤthigen Goldes und hundert Feldmarken Landes fuͤr die Befreiung ſeiner Tochter bieten. Hu go(nit brauſender Heftigkeit). Zum Teufel mit Eurem Loͤſegeld!— Sagt Eu⸗ rem Herrn: er und ſeine Dirne haben mich ſchnoͤde verhoͤhnt, ſo was gebiert Rache; an des Maͤdels Straͤuben wuͤrd' ich mich eine Zeitlang erlaben, und wuͤrde ſie ſich nach allen guͤtlichen Vorſtellungen mir nicht erge⸗ ben, ſo ſolle ſie doch zuletzt meinem feſten Willen unterliegen. Durch Guͤte oder Ge⸗ walt wird ſie mein Weib, und wenn ſie ſich dagegen ſtraͤubt, oder von Eurer Seite ſtuͤrmend gegen mich verfahren werden ſollte, ſo wuͤrde ſie mein verhaßter Bruder doch wenigſtens nicht als Jungfrau in ſeine Arme bekommen, darauf konnt' Ihr Euch verlaſ⸗ ſen. Jetzt koͤnnt Ihr Euch fortpacken.“ Wuͤthend vor Zorn, häͤtte ihn Rudolph gern ob ſeiner teufliſchen Worte nieder⸗ 22 gehauen, wenn's ihm auch das Leben ge⸗ koſtet, waͤr' nur ſein herrlicher Damaſcener an ſeiner Seite geweſen; ihn zu erwuͤrgen war deßhalb nicht ausfuͤhrbar, weil der Burgvogt, mit dem Schwerdte umguͤrtet, ihm zur Seite ſtand. „Ihr zeigt Euch wie ein furchtbarer Hoͤllengeiſt, aber Gottes Engel werden uͤber das edle Fraͤulein wachen, und die Hand des Ewigen Gerechtigkeit an Euch uͤben, darauf rechnet feſt!“ „Noch ein Wort, und ich laſſe Euch fuͤr Eure Dreiſtigkeit durch meine Jagdruͤden das Geleit zum Burgthore hinaus geben!“— „Die Beſtien wuͤrden aber dann mit zertretenen Knochen in ihren Zwinger kriechen muͤſſen.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich Rudolph, ließ ſeh auf dem Burghofe ſein Schwerdt geben, beſtieg ſeinen Gaul und ritt fort. Die traurigſten Empfindungen und den tiefſten Schmerz erregten die von Rudolph be⸗ 23 richteten Ausdruͤcke Hugo's bei dem Grafen, ſo wie den hoͤchſten Grad von Wuth bei Walthern. Dieſer haͤtte gern ſogleich die Burg erſtuͤrmt und den Boͤſewicht zum Kampf gefordert; aber nach reiflichem Erwaͤgen ſah er wohl ein, daß dieß in der zweifelhaften, ungluͤcklichen Lage Adelheids nicht rath⸗ ſam ſey. Angſt und Beſorgniß, dieſelbe in ſolchen Satanshaͤnden zu wiſſen, trieben ihn wie einen Verzweifelten umher, um ſo mehr, da man unvermoͤgend war, einen ſichern Entſchluß zu ihrer Rettung zu faſſen. Er fand ſich wie verwaiſet; ſeine troſtloſe Seele war umduͤſtert; ſeine vielen Gedan⸗ ken, Entſchluͤſſe und Ueberlegungen verwirr⸗ ten ſich nach und nach ſo ſehr, daß ſie alles Zuſammenhanges unfaͤhig waren.— Dem guten Grafen ging es aber auch nicht beſſer. ————— 3 (Im St. Bernhardskloſter, unfern der Burg Wolfsthal.) Der Graf von Mansfeld und Walther beſchloſſen, mit Rudolph und ein paar Knappen— Walthers Wunſch gemaͤß, der nicht eher von dannen ziehen wollte, bis ſeine Braut gerettet waͤre— in dem Klo⸗ ſter eine Zeitlang zu verweilen, um ſich mit den Moͤnchen ihres Verhaltens wegen zu berathen, weil dieſe, wie bekannt, in manchen Dingen mit beſonderer Liſt zu Werke zu gehen verſtanden. 1—„Wollt Ihr, Herr Abt, uns gegen recht⸗ liche Verguͤtung eine kurze Zeit in Eurem Kloſter aufnehmen?“ fragte der Graf, nach⸗ dem der Pfoͤrtner das Kloſterthor geoffnet, den ihm entgegentretenden Abt. „Zieht ein im Namen des Herrn, edler Graf von Mansfeld, und laßt's Euch ge⸗ fallen, wie Ihr es bei uns findet!“ erwie⸗ derte dieſer.— Der Pater Kellner mußte ſogleich etwas zum Imbis auftragen und mehrere Pokale mit gutem Wein kredenzen. Nachdem Walther ſeinen Becher haſtig geleert, fragte er den Abt:„Wollt Ihr, heiliger Vater, uns wohl mit einem guten Rath in unſerer bedraͤngten Lage beiſtehn?“ „„Amt und Pflicht erheiſchen es ſchon, Jedem in dieſem Falle zu dienen, ſo weit es mein Wiſſen und meine Einſichten ver⸗ moͤgen,“ erwiederte dieſer. Nun erzaͤhlte abwechſelnd der, Graf und Walther das Schickſal Adelheids und die hoͤchſt vermeſſene Erkläͤrung Hogo's. Der Raub des Fraͤuleins war bereits dem Klo⸗ ſter nicht mehr unbekannt. 26 Abt. Dieſer gottvergeßne Ritter hat ſchon ſo viele ſuͤndhafte Thaten veruͤbt, daß die Gerechtigkeit des Himmels ihn gewiß mit der verdienten Strafe nicht verſchonen wird. Walther. Koͤnnte vielleicht Euer Scharfſinn ein zweckmaͤßiges Mittel auf⸗ finden, wodurch der edle Graf ſeine Tochter und ich meine Braut aus den Klauen dieſes Unholds errettete? Abt. Auf offnem Wege und in Fehde gegen ihn werdet Ihr, ohne Gefahr fuͤr das edle Fraͤulein, nichts ausrichten. Walther. Eben das iſts, was uns ſo niedergeſchlagen macht. Rudolph. Deßhalb hoff ich, Euer und Eurer Moͤnche Nachdenken verhilft uns zu einer Liſt, welche in dieſer Sache ihre Wirkung weniger verfehlen wird, als der Gebrauch unſrer Schwerdter. Ambroſius(einer der Monche, mit laͤcheln⸗ der Miene). Alſo auf krummen und liſtigen 27 Wegen ginge es, Eurer Meinung nach, beſſer?— Abt. Warlich, Ihr habt ſhon oft in ſchwierigen Faͤllen uns guten Rath gegeben, lieber Bruder Ambroſius, was ich Euch zum Lobe nachſagen muß.— Laßt's Euch nun auch jetzt angelegen ſeyn, fuͤr die edlen Ritter etwas Erfreuliches zu erdenken. Es iſt gewiß, daß mit dieſem Raͤuber auf eigne Weiſe verfahren werden muß, wenn er uͤberliſtet werden ſoll. Ambroſius. In der That, Herr Abt, das ſind auch meine Gedanken.— Nachdem er eine Weile ſinnend auf⸗ und nieder gegangen, bleibt er mit Einemmale ſtehen, ſtreicht mit der glatten Hand uͤber ſein Vollmondösgeſicht, ſieht mit ſtieren Augen auf einen Fleck und ſchlägt ein Schnippchen.) Maria und Joſeph!— das waͤr moͤglich!— Abt. Habt Ihr ſchon etwas gefunden, was den Kummer der edlen Herren lindern kann?— 3 — Walther chaſtig. O um Gotteswil⸗ len! theilt es gleich mit, Herr Pater. Graf. Ihr macht mich begierig, re⸗ det! Ambro ſius(etwas wichtig). Ich glaube, Ihr Herren, daß ein guter Geiſt mir, we⸗ nigſtens fuͤrs erſte, die eine Haͤlfte des Un⸗ ternehmens hat finden laſſen, die Euch, wenn die andere Haͤlfte in der Stille uͤber⸗ wunden werden kann, was aber erſt zu unterſuchen iſt, zum unvermutheten Ueberfall Hugo's und zur Befreiung Eurer edlen Braut fuͤhren kann. 12 Walther(voll ungeduld). Ach ſo bitt' ich Euch um aller Heiligen willen! ſprecht doch, Pater, ſprecht geſchwind! Ambroſius. Ihr kennt, Herr Abt, die pergamentnen Urkunden in dem Wand⸗ ſchranke Eures Schlafgemachs? Abt(ſich beſinnend). Ihres Daſehns erin⸗ nere ich mich, aber nicht mehr ganz ihres Inhalts. 29 Ambroſius. Dann will ich ſolche den edlen Herren erklaͤren. Walther. Aber was frommen uns alte urkunden zur Ueberwaͤltigung Dirnenraͤubers?— Ambroſius. Allerdings ſehr viel, denn wenn dieſe nicht waͤren, ſo wuͤrdet Ihr auch vielleicht, ich wiederhole jedoch zugleich: vielleicht, nicht im geheim ins Innere der Burg Hugo's kommen koͤnnen. Walther(ſehr geſpannt,) Was ſagt Ihr, Pater? ins Innere der Burg?— Graf(aufmerkſam). Wie meint— das?— Ambroſius. Erlaubt, edle Herren, daß ich vorlaͤufig Euch die Geſchichte von der Entſtehung unſers Kloſters kurz mit⸗ theile. Vor uralten Zeiten hatte auf dieſem Kloſtergrunde eine wenig benutzte, zum Theil verfallne alte Burgveſte geſtanden, die den Ahnherren der Ritter von Wolfsthal gehoͤrte. Einſt begab es ſich, daß der Urgroßvater des ſchmählich hingeſchiedenen Veit— er ſoll ein ſehr geachteter, tapferer und braver Ritter geweſen ſeyn— von einem andern boſen Ritter, der von Jenem ſich beleidigt gehal⸗ ten, unvermuthet mit einer ſtarken Anzahl Knappen und Knechte in feiner Burg bela⸗ gert ward. Der Ritter von Wolfsthal hatte nur wenig Mannen, mit denen er ſich außer⸗ halb der Burg nicht vertheidigen, und auch keinen Freund zur Huͤlfe aufbieten konnte, daher hätte er ſich zuletzt ſchimpflich ergeben oder verhungern muͤſſen, hätte ſein Haus⸗ pfaff Bernhard ihn nicht gerettet. Ihr wißt vielleicht, daß die Geiſtlichen gern alles ge⸗ nau wiſſen und unterſuchen. Es hatte denn auch der Pater Bernhard aus Langerweile das Obere wie das Untere der Veſte genau erforſcht, und bei dieſem Herumlugen einen unterirdiſchen Gang entdeckt, um den ſich ſonſt wohl Niemand bekuͤmmerte. Dieſer Gang fuͤhrte in einigen Kruͤmmungen bis zu der alten Burg, die ſonſt hier ſtand. So⸗ 31 fort theilte der Pater dem Ritter ſeine Ent⸗ deckung mit. In der Eil' wurden nun einige benachbarte Freunde des Ritters mit ihren Knappen und viele Bauern aus ſeinem Gau aufgeboten, die ſich bei Nacht ſtill in die alte Veſte ſchleichen mußten, worauf ſie dann Alle durch den verdeckten Gang in die Burg Wolfsthal zogen. Als der Ritter nun eine uͤberlegene Macht hatte, that er einen ſchnellen Ausfall und erlegte ſeinen Feind i im offenen Kampfe. Die Fehde war damit geendigt, jedoch die Erben des er⸗ ſchlagenen Ritters mußten noch eine anſehn⸗ liche Summe bezahlen. Dieſe und einen Theil ſeines eigenen Vermoͤgens veiwandte er dazu, daß er die alte Veſte abbrechen und dafuͤr dieß Floſter bauen ließ; zugleich beſchenkte er es mit ſo viel Acker Landes, daß wir ſechs Perſonen davon leben koͤn⸗ nen. Seinem braven Hauspfaffen uͤbergab er das Kloſter, und ließ ihn aus Dank⸗ barkeit vom Biſchoffe zum Abt einſetzen. So 32 heißt es nun bis jetzt das Bernhardskloſter⸗ Dieſe Geſchichte hat der damalige Abt auf⸗ geſchrieben, und als urkunde bleibt aufbewahrt. Walther(der mit ungeduld das&tzhtte angehört). Nun ſagt mir aber, Pater, wel⸗ chen Nutzen wir von Eurer Ge⸗ wichte Anbtoſius. Den habt nicht errathen, Herr Ritter?— Nun ſo hoͤrt! Dieſer gewblbte Gang, de Be⸗ rechnung nach wohl an dreihundert Schritte bis zu Hugo's Burg haben mag, war ſo lunge ofen, bis der böſe Veit einige Jahre vor feinem Ende in der Mitte deſſelben ihn zumauern, und den Eingang, der hin⸗ ter unſern Altare befindlich und nur leicht bedeckt war, durch eine große Steinplatte zuiegen ließ. Geafn Jett, w wr 6. wo Ihr hinzielt. 33 Ambroſius(ächelnd). Nicht wahr, nun habt Ihrs errathen? Walther. Ja wohl! Nun muͤſſen wir uns aber auch ſogleich an die Acheit machen Rudolph mußte nun zu mehreren wohl⸗ geſinnten, dem Kloſter ergebnen Bauern mit dem Auftrage gehen, ſie ſollten mit einigen ſtarken Brechinſtrumenten in das Kloſter kommen. Als dieſe, vier an der Zahl, an⸗ kamen, begab man ſich in die Kapelle, wo man alles ſo fand, wie der Pater erzaͤhlt. Eine unbeſchreibliche Muͤhe und mehrſtuͤn⸗ dige ſtarke Anſtrengung koſtete es, ehe man die gewaltige Platte aus ihren Fugen her⸗ aus hob. Wohlbehalten war unter derſelben die zwanzig ſteinerne Stufen enthaltende Stiege, welche in den unterirdiſchen Gang fuͤhrte. Walther war der Erſte, der auf derſelben mehr hinunter ſtuͤrzte, als ging. Rudolph und ein paar Bauern folgten ihm, H. 3 34 In einiger, jedoch geraͤumigen Kruͤmmung wand ſich der Weg uͤber hundert Schritte weit; hier ſtießen ſie, nach Ambroſius Aus⸗ ſage, auf ein Mauerwerk von ſtarken Werk⸗ ſtuͤcken, welches das Weitere des Ganges verſperrte. Der Graf begab ſich nun auch in die⸗ ſen unterirdiſchen Gang, und verkannte die großen Schwierigkeiten nicht, welche das Durchbrechen derſelben verurſachen wuͤrde. Doch dem liebenden Ritter Walther duͤnkte nichts zu ſchwer und unausfuͤhrbar. Mit muthiger Entſchloſſenheit war er der Erſte, der mit einem Brechinſtrument an die Ar⸗ beit ging. Sein ungeduldiger Eifer zur Be⸗ freiung ſeiner Geliebten lieh ihm doppelte Kraͤfte; was die Bauern in mehrern Stun⸗ den verrichteten, hatte er allein in einer Stunde vollfuͤhrt. Nach ſechsſtuͤndiger Arbeit konnten die erſten Quaderſtuͤcke herausgenom⸗ men werden, hinter welchen ſich aber wie⸗ der aͤhnliche befanden; und man wollte faſt„ 35 an einem gluͤcklichen Erfolge zweifeln, da der Moͤnch aͤußerte, daß dieſe Mauer viel⸗ leicht zehn Fuß dick ſeyn koͤnnte. Die Bauern waren ermuͤdet, ſo auch die Leute des Grafen, die Jene bei der Arbeit abge⸗ loͤſet hatten. Haͤtte Walther ſie nicht durch Bitten und der Graf durch Verſprechung von Belohnungen angefeuert, ſo wären ſie von der Aufgabe abgeſtanden. So aber ſetz⸗ ten ſie ſolche nach einiger Erholung fort, bis die Nacht heran kam, die ihnen Ruhe gewaͤhrte. „Sag' aber, Hugo, was ſoll am Ende mit dem Fraͤulein werden?“— fragte den Tag darauf, als er des Graſen Knappen Rudolph mit der ſchnoͤden Erklrung ent⸗ laſſen, ſeine Mutter. Hugo. Ich zwinge den Grafen, ſie mir zum Weibe zu geben. Bertha. Darauf wirſt Du weder 3* 36 von des Vaters noch ihrer Seite je rechnen duͤrfen. Hugo. Ei, Mutter, warum ſprecht Ihr mir denn alle Hoffnung ab? Bertha. Weil Alles gegen Dich iſt. Hugo(ſpottiſch. Hm, wie klug Ihr zu urtheilen vermeint. Bertha. Was legſt Du gegen den uͤberaus reichen und hochgeachteten Grafen und ſeine liebenswuͤrdige Tochter, die Braut eines ſchoͤnen und tapfern Ritters, in die Waagſchale?— ugo Cbosj. Nehmt's nicht uͤbel, Mut⸗ ter: Eure dumme Frage wohl nicht, aber meinen feſten Willen lege ich hinein. Bertha. Und wenn der endlich doch der Uebermacht der Ritter und— Gott behuͤte! des Freigerichts weichen muß?— „Hugo. Dem Letzten weiß ich zu be⸗ gegnen oder mich mit ihm abzufinden, und der Erſten werde ich nicht ſehr zu furchten haben, da der Graf wie mein verhaßter 37 Stiefbruder das Schlimmſte wegen Adelheid befuͤrchten muͤſſen. Bertha. und wenn ſie doch zuletzt, ſelbſt das Schlimmſte nicht achtend, unſre Burg erſtuͤrmen, Dich und den Ohm gefan⸗ gen nehmen, wohl ſchmaͤhlig Menes. vertreiben—— Hugo(achend). Euch Geſpenſier und Kobolde uͤber den Hals ſchicken, ins Verließ ſtecken, verhungern laſſen, und noch andere Uebel uͤber Euch herſenden— das war ein ſchoͤner Spaß! Bertha. Maria und Joſeph moͤgen das Unheil das P uns S men kanh Hu go nit lächelndem Spott). Im ſchlimm⸗ ſten Fall, Mutter, wißt Ihr ja recht gut, durch welchen Weg Ihr zu Eurem Freunde, dem Eremiten, nach ſeiner ſchoͤnen Klauſe im Waldrevier kommen könnt; der wird Euch ſchon Herberge geben und ſchuͤtzen. Bertha(mit verlegnem v 3 38 der nicht unſer beiderſeitiger Freund?— Hole ich nicht doͤfter guten 6 von ihm fuͤr Dich? Hugo(mit ſcharfem Blich). Den beſten nehmt Ihr doch wohl fuͤr Euch ſelbſt, nicht wahr?— Nun, wir wollen dieß einſtweilen ruhen laſſen, weil er mir nuͤtzlich ſeyn muß, wenn ich das Aeußerſte verſucht, und kein andrer Ausweg moͤglich waͤre.— Doch jetzt, Mutter, laßt's Euch angelegen ſeyn Adelheid ein wenig vorzunehmen, um ſie durch Ueberreden und Vorſtellungen fuͤr nic geneigt zu machen. Bertha. Meine beſten Worte keine Hoffnungen fuͤr Deine Wuͤnſche fuͤhren. Hugo. Dann erwarte ſie meine Rache. Mit mancherlei truͤben Gedanken und boͤ⸗ ſen Ahnungen fur die Zukunft erfuͤllt, war ſie eben nicht geneigt, in des Fraͤuleins Ge⸗ mach zu gehen; mußte ſie doch erſt ſelbſt dar⸗ uͤber nachdenken, wie ſie ſich nun unter den * 39 Augen ihres Sohnes zu verhalten habe, der, wie es ihr duͤnkte, einen Blick zu viel in ihr Geheimniß gethan haben muͤſſe. Was Hugo'n, ſeit er das Fraͤulein ent⸗ fuͤhrt, vorzuͤglich muͤrriſch machte, war, daß er keine Raubzuͤge unternehmen, ſelbſt in ſeinen Gauen nicht einmal jagen durfte, aus Beſorgniß, unvermuthet von des Gra⸗ fen Mannen uͤberfallen und von ſeiner Burg abgeſchnitten zu werden. Seine Roſſe und Ruͤden tummelten ſich daher auf dem Burg⸗ hofe herum, er ſelbſt aber war nur auf ſeinen Burggarten beſchraͤnkt. i Einer ſeiner ergebenſten Knechte, den er aufs Herumlugen ausgeſandt, brachte ihm die Anzeige, daß der Graf von Mansfeld, der Ritter Walther und noch einige Reiſige ſich im St. Bernhardskloſter aufhielten; verdächtig aber habe es ihm geſchienen, daß mehrere Bauern mit ſtarken Brecheiſen ſich heimlich in daſſelbe geſchlichen. 40 Hugo's Aufmerkſamkeit wurde durch dieſe Nachricht zwar erregt, aber er konnte nicht errathen, zu welchem Zweck dieſes die⸗ nen ſollte. Der Burgvogt Hans hingegen, dem Hugo dieſe Kunde mittheilte, wurde ſehr geſpannt, und ein kurzes Nachdenken ließ ihn bald errathen, was man im Schilde fuͤhre. Beyor er aber dem Burgherrn ſei⸗ nen Argwohn kund machte, wollte er ſich von der WMeit vlen genau uͤber⸗ „Vie tichtig er geuecheilt ſe bewieſen ſeine gemachten Lokalkenntniſſe. tin Eins der unbrauchbarſten Gemaͤcher im untern Geſchoß. des Seitenflögels der Burg 5 hatte im Hintergrunde eine wenig benett⸗ bare Thur, die in der Wandbekleidung an gebracht war, ohne Schloß und Ziegelz 6 leicht ließ ſi ch dieſe zurückſchicben, und hier war der Eingang des gewölbten Ganges, der vormals i ium Floſter führte. Hugo hatte ſich um dieſes Gemachi nie bekuͤmmert, kannte 41 auch um ſo weniger den verſteckten Eingang, da ſein Vater ihn nie darauf aufmerkſam gemacht. Wohl aber wußte der Burgvogt darum, auch daß in der Mitte des Ganges ein Mauerwerk den uͤbrigen Theil ver⸗ ſchloſſe. 2 Daß die Pfaffen im Kloſter dem Grafen und Walthern davon Kunde gegeben, und dieſe einen Verſuch machen wuͤrden, nhch Durchbrechung der indern Mauer in die Burg zu dringen, ließ ſich vermuthen. 12 1e im p 93 nunZ*„ 4* „Nun, Ritter Hugo, laßt uns die Po⸗ kale auf Euer noch zwei⸗ oder dreitaͤgiges Leben anſtoßen!“ ſagte der Burgvogt den naͤchſten Morgen beim Fruͤhſtuͤck zu ihm. „Welcher Damon ſpricht dieſen Wunſch aus Euch, Oheim?— In meinen kraft⸗ vollen beſten Jahren will ich noch laͤnger die Welt genießen, als drei Tage.“ „Und doch war's nahe daran, daß die Mansfelder und Euer Bruder ſpottwohlfeil Euren, wie auch den Umſtaͤnden nach meinen Tod mit erkauft hätten.“ „Mordelement! was ſagt Ihr?“— fragte Hugo erſchrocken. „Ja ja, ſo iſt's. In ein paar Tagen 43 waren die Ritter mit dem ganzen Troß von Knappen in Euren Burggemaͤchern, und warfen uns eiligſt ins Verließ, oder aus beſonderer Gnade, um uns geſchwinder das Zeitliche ſegnen zu laſſen, in den Burg⸗ graben, waͤr' ich nicht bei Zeiten vorſichtig⸗ geweſen.“ 3 „Ihr ſpannt mein Erſtaunen aufs Hoͤch⸗ ſte; erklaͤrt mir Eure Raͤthſelworte.“ Da machte ihn Hans mit dem von der Burg zum Kloſter fuͤhrenden Gange bekannt, und daß er ſich, nach der Anzeige des Knechts, ſeit geſtern dahin begeben und die geſchäftige Arbeit daſelbſt nur zu deutlich vernommen habe, ſo daß man in kurzem zum Durch⸗ bruch gelangen wuͤrde. Hierauf fuͤhrte er ihn an die gefahrvolle Stelle, wo man die groͤßte Thätigkeit der Arbeitenden am Mauer⸗ werk vernahm. Ergrimmt vor Wuth wollte Hugo ſchon in laute Worte ausbrechen, aber Hans ermahnte ihn, ganz ſtill zu ſeyn. „Laßt ſie erſt ſo weit kommen, bis ſie 44 ein Loch zum Durchkriechen gemacht haben. Wahrſcheinlich iſt der geliebte Walther der Erſte, welcher durchſpaziert; ſeine Freude wird dann nicht gering ſeyn, ſich ſo plotzlich in den Armen ſeines lieben Bruders zu ſehen. Den Uebrigen wird das Nachkommen aber von ſelber verleidet werden, indem wir nur eins von unſern Schwerdtern beduͤrfen, um damit: wiob Pan 4 Hugo fand, daß ſein Ohein Recht hatte Beide, nebſt zwei ſeiner Knechte, verließen dieſen Aufenthalt nun nicht mehr. Gegen Abend bemerkten ſie, daß es nur noch we⸗ nig Zeit bedurfte, um eine Oeffnung durch⸗ brochen zu haben. Wirklich erfolgte dieſe auch nach Verlauf von etwa einer Stunde. Ein halblautes Jubeln entſtand auf jener Seite. Hugo vernahin deutlich des Grafen Worte, der Walthern beredete, von der Arbeit ſo lange abzuſtehen, bis die Nacht einbraͤche; wo man alsdann das Wenige 45 noch vollbringen koͤnne, um gemaͤchlich durch⸗ zukommen. „Dieſe und noch mehr Naͤchte ſollen Euch ſchon verkuͤmmert werden!“ ſagte Hugo im leiſen Tone, aber mit teufliſcher Freude, ſeinen Gegnern ihr Spiel ſo zu verderben. Daß man ſich einen gluͤcklichen Erfolg der Unternehmung verſpreche, zeigte die Nach⸗ richt, die einer von Hugo's Knechten brach⸗ te: wenigſtens zehn von des Mansfelders Reiſigen waͤren, ehe der Morgen gegraut, ins Kloſter gezogen. Eben in der Mitternachtsſtunde ſtieß man einen Quaderſtein von nicht ſehr beträchtli⸗ cher Staͤrke aus der Oeffnung, worauf Hugo eine Anzahl Windlichter bemerkte, und ver⸗ nahm, daß Walther der Erſte ſeyn wollte, durch die Oeffnung zu ſchluͤpfen, welches der Graf aber nicht zugab; dagegen einen von den Bauern aufbot, jenſeits das Wei⸗ tere zu unterſuchen. Obgleich Hugo'n dieß nicht recht war, ſo vermochte ihn doch Hans, 46 erſt die Folgen abzuwarten. Sie zogen ſich nun bis zu einer Kruͤmmung, die unfern des Einganges von der Burg befindlich war, zuruͤck, ließen den Bauer mit ſeinem Wind⸗ lichte voruͤber gehen, ergriffen ihn von hin⸗ ten plotzlich, und ehe der arme Teufel um Beiſtand ſchreien konnte, hatten ſie ihn nie⸗ der geworfen und den Mund mit einem Tuche verſtopft. „Jetzt haſt Du neugierige Kanaille die Wahl, von meinem Schwerdte durchſtoßen zu werden, oder ſofort dem Ritter Walther puͤnktlich die Worte zuzurufen: Es iſt al⸗ les geheuer, Herr Ritter Walther, kommt nur herein!“ Der Ueberfallene war ganz verdutzt uͤber dieß unverhoffte Ereigniß und langes Beſin⸗ nen in dieſer gefaͤhrlichen Lage unrathſam. Der Gedanke: geſunden Leibes ſich dem Tod in die Arme zu ſtuͤrzen und Weib und Kin⸗ der brodlos zu laſſen, beſtimmten ihn, des Ritters Geheiß unweit der zerbrochenen 49 dienliche Mittel ſich wieder etwas erholte. Stumm und ſtarren Blickes, mit dem herb⸗ ſten Gefuͤhl in der Bruſt, ſchritt ſie nun einem Geiſte gleich in den Schloßgemaͤchern umher. Bodo und dem Grafen ging es faſt nicht beſſer. Dem Willen Hugo's zu Folge begab ſich ſeine Mutter in Adelheids mit ſtarken Schloͤſſern verſehenes Gemach, was auch nur von ihm ſelbſt geoffnet wurde., „Wollt Ihr mein Kommen uͤbel deuten, Fraͤulein?“— Adelheid. Als Gefangene muß ich ja das ſchon zugeben, und heiße Euch daher willkommen. Bertha. Ihr geht mir wahrlich ſehr nahe, Fräulein, und ich beklage Euer un⸗ guͤnſtiges Schickſal. Adelheid. Wenn Ihr das vih n. 4 50 thut, ſo ſucht es zu mildern, da Ihr doch als Mutter ſo viel Einfluß auf Euren Sohn haben werdet, um ihn durch Ermah⸗ nungen zu bewegen, ſeinen unritterlichen, ja ſchaͤndlichen Raub meiner Perſon durch die Entlaſſung aus ſeinem Gewahrſam in etwas wieder gut zu machen. Bertha. Ach Gott! mein Fraͤulein, mit ſolchen Vorſtellungen darf ich ihm nicht kommen, wenn ich ihn nicht boͤs und hart gegen mich ſelbſt machen will. Adelheid. So verzeihet, daß ich Euch ſagen muß: Ihr habt die Mutterpflichten in keinem ruͤhmlichen Grade erfuͤllt. Bertha. Laßt uns nicht hieruͤber rech⸗ ten; meine Lage war von Anbeginn hierin beſchraͤnkt. Adelheid. So ſchd Ihr alſo ſtets ein ungluͤckliches Weib geweſen, wie es die edle Edda auch war; aber noch weit un⸗ gluͤcklicher als Mutter eines ſchlechten Soh⸗ nes, wogegen Jene die Freude hat, den 51 edelſten und bravſten an ihr Her druͤcken zu konnen. Bertha(mit einem geheimen Seufzer).] Es ſind nicht alle Menſchen gleich. Adelheid. Da habt Ihr leider Recht. — Jetzt ſagt mir aber, habe ich Hoffnung, bald aus meiner unruͤhmlichen Gefangenſchaft entlaſſen zu werden? Bertha. Wollte die heilige Jungfrau, ich konnte Euch das verkuͤnden! Adelheid(etwas aufgebracht). Was kann Euer Sohn denn noch wollen, da er meine Verhaͤltniſſe kennt? Bertha. Ihr wißt ja, edles Fraͤulein, daß ſeine Neigung zu Euch ſo ſtark iſt, daß er ſich von dem Wunſche, Euch zur Haus⸗ frau zu beſitzen, nicht abbringen laͤßt. Adelheid(mit vermehrtem unwillen). In dieſes tolle Verlangen werd' ich, ſo lange noch ein Blutstropfen in meinen Adern riunt, nie einwilligen, ſelbſt wenn ich auch Walthers Verlobte nicht waͤre. Euer Sohn 4* 52 kennt weder Liebe noch Ritterpflicht; ſein bloßer Zweck iſt, durch meinen Beſitz die Reichthuͤmer meines Vaters an ſich zu reißen. Bertha. Er laͤßt Euch durch mich die beſtimmte Verſicherung geben, ſeine fruͤhern Handlungen durch ruͤhmliche Ritterthaten vergeſſen zu machen: einzig nur Eurer Liebe und Eurem Vater zu Gefallen zu leben. Verſucht doch, bei Eurem guten Herzen, ob es ſich nicht endlich zu Hugo hinneigen wuͤrde, da er ſich zu beſſern verſpricht. Adelheid(mit Hoheit.) Haltet Ihr, Frau Bertha, wirklich mein Herz fuͤr gut, ſo wundert mich ſehr, daß Ihr es mit ſol⸗ chen abſcheulichen Zuredungen nicht ver⸗ ſchont. Bevor nicht die Sonne auf ewig ihren Glanz werde ich 6 Weib! Bertha. Alſo gar vu Adelheid. Keine! 1 „So moͤge Euch zwar die Soine ſchei⸗ nen, aber zu lebenslaͤnglichem Gram und 53 —— Elend!“— Mit dieſen Worten ſturzte Hugo, der einen Theil der Unterredung an der Thuͤr belauſcht hatte, in das Gemach. Erſchreckt trat ſie einige Schritte zu⸗ ruͤck, ermannte ſich aber bald und ſah ihn mit weiblicher Wuͤrde offen an:„Es ſcheint, Ihr habt unſer Geſpraͤch gehoͤrt; nehmt daraus abermals meine Geſinnung gegen Euch ab. Hugo. Ha! ſtolze⸗ uͤbermuͤthige Dirne! wie ſollt Ihr noch nachgeben lernen, wenn Ihr Hugo erſt recht kennen lernt! Adelheid. O, dazu bedarf es wohl Nichts mehr! Hugo. Meint Ihr das, i Grafentochter?— O Euch, Euren ſtolzen Vater und Buhlen, ſammt dem Pfaffen⸗ gezucht, das meine Rache faͤhlen ſoll, wird mein feſter Wille ſchon bezwingen. Adelheid. Der gerechten Ahndung des Himmels werdet Ihr nicht entrinnen, dar⸗ auf verlaßt Euch! 54 — Hugo. Verſteht Ihr darunter Euren Vater und Buhlen, ſo kuͤndige ich Euch zum Voraus deren Ohnmacht an. Jetzt ſeyd Ihr in meiner uͤblen Gewalt, wenn Ihrs ſo nehmen wollt, und aus dieſer befreit nur ein Ehebund mit mir, welcher Euch dann die Gewalt der Liebe uͤber mich einräumen Adelheid(mit Abſche). Wie Ihr bei Eurer verworfenen Sinnesart noch auf Dir⸗ nenliebe Anſpruch machen— mich Wunder⸗ Hugo(nit zornigen Auget). Ausdröcfe wuͤrden Euch in Eurer Lage beſſer ziemen. Wißt, daß Ihr auf meinen Stief⸗ bruder nicht mehr S er K fuͤr Euch verloren. Adelheid(geſpannc. Putrin?— O er wird ſich zu und Bichi zu ret⸗ ten wiſſen. Hugo chämiſch). Das ichte ihm aus ſeinem Verließ wohl ſchwer werden. 55 Adelheid(vol Beſtuͤrzung). Was ſprecht Ihr? Walther im Verließ?— Hugo. So iſt's! Adelheid(nach einigem Beſinnen). So erſchrecken nur boͤſe Geiſter, aber ein guter Engel kehrt es wieder zum Beſſern. Hugo. Dießmal nicht, mein holdes Taͤubchen. Der feine Plan, den Euer Va⸗ ter und mein Bruder mit gewaltiger An⸗ ſtrengung gegen mich gemacht, iſt ihnen gaͤnzlich geſcheitert. Letzterer mag ſeine furch⸗ terliche Thorheit in ſeinem Verließ ver⸗ ſchnaufen. Adelheid. O Ihr wart mehr als Teufel, wäre dieß wahr! Nein, durch dieſe Luͤge ſucht Ihr nur mein Herz in die Enge treiben zu wollen. Hugo. Von der Wahrheit meiner Worte will ich Euch uͤberzeugen. Ob ich ferner Euer Teufel bleiben ſoll, oder ob Ihr mich zu Eurem Engel machen wollt, wird von Euch abhaͤngen. Jetzt kommt. 56 Er nahm die Schwankende unter den Arm, und fuͤhrte ſie die Stiegen hinab zum hintern Fluͤgel des untern Burggeſchoſſes. Auf ſeinen Wink mußte die Mutter ihnen folgen. Hier ſchloß er eine Thuͤr aufz meh⸗ rere Stufen fuͤhrten zu einem erhoͤheten Mauerwerk von betraͤchtlicher Staͤrke, in welchem eine eiſerne, mit ſchweren Riegeln verſehene Thuͤr befindlich war, und neben dieſer ein eiſernes Gatterfenſter. Dieſes oͤffnete Hugo mit den Worten:„Jetzt koͤnnt Ihr ein paar Augenblicke mit Eurem Ve geliebten verkehren.“— Adelheid trat voll Schauder an das Git⸗ ter, und rief mit bebenden Worten in die Tiefe hinab:„Walther! geliebter Walther! ſeyhd Ihr da unten? Eure Adelheid ruft Euch!“ Dumpf, aber vernehmlich antwortete Walther:„O Gott, ſeyd 3rs Adelheid?“ a h 57 ———— Adelheid. Heiland der Welt! alſo doch wahr? Walther. Hat Euch noch kein Engel Gottes aus den Klauen dieſes Unmenſchen retten koͤnnen?— Warum muͤſſen wir ſo ungluͤcklich ſeyn?— ach waͤrſt Du nur frei! ich will ja gern um Dich leiden, bis der Allmaͤchtige es mit mir endet. Adelheid. Enden?— Nein, das thut er nicht! das kann er nicht, wenn Deine Liebe mir bleibt. Walther. Die iſt ſo feſt und ewig, wie Gottes Schoͤpfung! mein letzter Hauch ſpricht noch Adelheid! Adelheid. Deine Seelenſtarke ſoll meine Kraft aufrecht erhalten! Deine Liebe meinen Muth und Vertrauen doppelt ſtär⸗ ken! Der guͤtige Vater aller Menſchen wird uns uͤber unſer Schickſal erheben und uns nicht untergehen laſſen, deß bin ich gewiß. Walther. Deine Engelmilde, Dein hohes Vertrauen, werden auch mein Schickſal 58 erleichtern und mich erheben, bis es Gott gefallt, unſern Peiniger zu zuͤchtigen. „Jetzt hat Eure Unterhaltung ein Ende! Euch aber, Fraͤulein, laſſe ich nun die Wahl, ob Ihr Eurem Buhlen entſagen und mir angehoͤren wollt, oder ob er in ſeinem Ver⸗ ließ verkuͤmmern ſoll?“ ſagte Hugo kurz und barſch, und das Gitter⸗ fenſter. Adelheid ſank ennßi und wurde, als ſie ſich etwas erholt, zitternd und erblaßt von Bertha und Hugo in i Gemach gefuͤhrt. Ergriffen vom heftigſten Senie uͤber ihr und Walthers Ungluͤck, ſo wie uͤber das ihres guten Vaters, der bis jetzt ihre Rettung nicht bewirken konnte, verſank ſie abermals in den tiefſten Kummer. Zwar gab ſich Bertha alle Muͤhe, durch ſanfte Worte ſie aus ihrer Dumpfheit zu ermu⸗ thigen, aber ſie redete umſonſt. Adelheids Thraͤnen floſſen unaufhoͤrlich. 59 „Ihr zwingt mich, hart gegen Euch zu ſehn, Fraͤulein! denn bei meinem feſten Willen kann ich nicht anders; drum reizt meinen Zorn nicht ferner. Schenkt Ihr mir dagegen Eure Liebe, ſo ſollt Ihr den liebe⸗ vollſten und biegſamſten Ehemann in mir finden!“ ſprach Hugo⸗ „Wie koͤnnt Ihr Liebe von einer längſt verlobten Braut verlangen?— Läßt ſich Liebe erzwingen?“ etwiederte unter heftigem Schluchzen. Hugo. Seyd Ihr erſt meine Haus⸗ frau, ſo wird die ſchon ohne Zwang nach und nach entſtehen, beſonders wenn Ihr Euch darum ein wenig Muͤhe geben wollt. Ich werde dann Alles aufbieten, Euch ſo gluͤcklich zu machen, wie es in meinen S ſteht. Adelheid(verhunt ihr Geſicht mit beiden Händen). Ihr mich gluͤcklich machen?— Ihr, den ſeine verworfnen Thaten, ſein ganzes Gefuhl verunedelt hat?— Rur ein boͤſer 60 Daͤmon kann Euch ſolche wRhſbt Worte in den Mund legen. Hugo(mit krauſer Stirn). Sagt denn Euer alberner Daͤmon nicht, daß Euer ſtolzer Eigenſinn Walthers Verderben und das Eurige herbeifuͤhren wird? Adelheid(mit Feſtigkeit. Gott und die heilige Jungfrau Maria werden uns ſchüben, Euch aber richten! Hugo(lach. Kindiſche Idee! Pfaffen⸗ litanei! Geſtimmt) Nochmals ſag' ich Euch: wenn Ihr nicht bald mein Engel werdet, ſo muß ich Euer Teufel ſeyn„und werde mein jetziges ſtaͤrkeres Recht gegen Euch in Anſpruch nehmen! Adelheid. Nur ein Boͤſewicht ohne gleichen kann Unſchuld und Tugend auf eine teufliſche Art morden! Unmöglich muß ichs halten, daß Ihr zu Eurer Schaͤndlich⸗ keit auch noch ſolche Verruchtheit fuͤgen koͤnnt, oder Ihr muͤßt an keinen gerechten Gott glauben.(Sich an Bertha in heftiger Ge⸗ muͤthsbewegung wendend.) Vermag Euer Mut⸗ terrecht denn nicht ſo viel uͤber Euren Sohn, daß er nach gerechter Vorſtellung menſchlich gegen Menſchen handle, die ihn nie belei⸗ digt haben?— Bertha(ſeufzend). Er wird nicht hören. Hugo(entſchieden). Ich hoͤre nur das an, was meinen Wuͤnſchen frommt; mit allem Andern bleibt man von mir entfernt. iſt mein Wille als Burgherr!— Ihr, Fräulein! mögt Euch noch einige Tage auf Euren Entſchluß beſinnen.— Mit dieſen Worten verließ er das Gemach. Von mancherlei ſchauderhaften Gedanken erfuͤllt, ſaß die trauernde Adelheid im Seſ⸗ ſel und ſann auf irgend eine Moglichkeit der Befreiung, doch all' ihr Denken half keinen Schritt weiter.— Fieberhaft kochte ihr Blut in der Bruſt uͤber die furchtba⸗ ren Folgen, die ſie vielleich 61 62 Bertha gab ſich zwar oft Muͤhe, ſie fuͤr ihren Sohn geneigt zu machen, jedoch blieb Adelheid ihr jede Antwort ſchuldig. Walther ſchmachtete indeſſen auf ſeinem aͤrmlichen Strohlager, bei ſpaͤrlicher Brod⸗ und Waſſerkoſt. Er beachtete jedoch dieſe abſcheuliche Behandlung wenig, ja ſelbſt die andraͤngende Zutraulichkeit mancherlei Un⸗ geziefers, das ſein feuchtes Stroh, oft auch ihn ſelbſt, benagte, vergaß er, dachte nur an die ſchreckliche Lage ſeiner gefangnen Adelheid, und daß er gar keine Ausſicht habe, zu ihrer Rettung behuͤlflich zu ſeyn. — 5. Von Burg Wolföthal fuͤhrte ein Weg zum nah gelegenen Walde. Ein aͤhnlicher Fußpfad vom Bernhardskloſter leitete eben⸗ falls dahin. Mitten in einem nicht ſtarken Dickicht dieſes Waldes lag, von alten hun⸗ dertjäͤhrigen Eichen und Buchen umgeben, eine faſt unſichtbare Klausnerwohnung. Hatte man ſich aber zwiſchen Geſtraͤuch und Baumzweigen muͤhſam durchgewunden, ſo erſchien dieſe nicht als kleines einfaches Eremitenhaͤuschen, ſondern man fand eine geraͤumige, nicht unbedeutende Wohnung, die zwei Gemaͤcher hatte und ſechs bis acht Perſonen beherbergen konnte. Statt einer 64 aͤrmlichen Einrichtung bemerkte man daſelbſt viele Bequemlichkeiten, die in gar keinem Verhaͤltniß zu der Huͤtte ſtanden, welche ein hochbejahrter Greis bewohnte. Der Fuß⸗ boden der niedlichen Gemaͤcher war mit Holz ausgelegt; ein paar gepolſterte Seſſel und zwei mit reichen Decken belegte Tiſche— von denen der eine zum Speiſen diente, der andere aber unter einem großen Spiegel ſtand, beſetzt mit ein paar ſchoͤnen ſilbernen Weinhumpen,— ſo wie ein ſauberes Lot⸗ terbett. Mit einem grauen haͤrenen Gewande angethan, einem greiſen Barte, der bis zur Bruſt herabhing, und ein paar buſchigen Augenbraunen, die faſt das Auge bedeckten, fand den Klausner Mancher, der guten Rath bedurfte, in ſeinem bequemen Seſſel, oder auf dem Ruhebett gemaͤchlich hingeſtreckt. Fruͤher hatte er viele Beſuche von de⸗ nen, welche ſich von alten erfahrnen Grei⸗ ſen in verworrenen Angelegenheiten gern zurechtweiſen laſſen; jedoch mochten ihm 65 dieſe Zuſprachen wohl laͤſtig geworden ſeyn, denn man fand jetzt ſeine Wohnung oft ver⸗ ſchloſſen, ja er wies die Beſuchenden ſo⸗ gar mit buͤndiger Kuͤrze ab, und hieß ſie ihres Weges ziehen, damit man ihn zum zweiten Male nicht wieder beläſtigte. Der Abt und auch die Moͤnche von St. Bernhard ſtatteten ihm, als guten Nachbarn, zu Zeiten einen Beſuch ab. Da Jenen es aber auch einige Mal betroffen hatte, daß der Klausner geradezu erklaͤrte dieß ſtoͤre ihn, ſo bekuͤmmerten ſie ſich um den unhoͤflichen Alten nicht weiter. Nur Pater Ambroſius kehrte ſich nicht daran. In der groͤßten Verlegenheit uͤber das ungluͤckliche Ereigniß mit Ritter Walther, und uͤber die gerechte Sorge, wie der Ritter Hugo gegen das Kloſter verfahren wuͤrde, wuͤnſch⸗ ten die Kloſterbewohner guten Rath, be⸗ ſonders aber wär' es ihnen ſehr lieb gewe⸗ ſen, wenn der alte Klausner, gegen deſſen Worte man doch Achtung haben muͤſſe, in n. 5 —. Pater mußte alſo unbefriedigt von dannen 66 eigner Perſon bei dem Ritter fuͤr ſie zum Beſten redete; deßwegen ging Pater Am⸗ broſius zu ihm. „Seyd gegruͤßt im Namen des Herrn, ehrwuͤrdiger Vater Klausner!— Moͤge mein Eintritt Euch genehm ſeyn! ſprach Ambro⸗ ſius zu den im Seſſel gemaͤchlich ausgeſtreck⸗ ten, den Weinpokal neben ſich auf dem Ti⸗ ſche habenden Klausner.“ „Was fuͤhrt Euch zu mir, Herr 1% fragte er etwas kurz. „Eine traurige Begebenheit, die ſich mit dem Ritter Walther zugetragen; wovon man zugleich uͤble Folgen fur unſer armes Klo⸗ ſter zu befuͤrchten hat. Unſer Abt laßt Euch deßhalb um einen liebevollen Rath erſuchen.“ „Erzählt mir die Sache in Kuͤrze.“ Als der Pater Ambroſius dieſes gethan, beſchied jener ihn nach einiger Zeit wieder zu ſich, um ihn ſeine Meinung, vielleicht auch einen erſprießlichen Rath mitzutheilen. Der 67 ziehen, da der Alte ihm nicht undeutlich zu verſtehen gab, er koͤnne ſich, bei der Ruhe die er zu pflegen beabſichtige, nicht mit gruͤ⸗ belnden Gedanken befaſſen, und Abt und Moͤnchen war dieſe ungenuͤgende Wallfahrt ihres Mitbruders hoͤchſt unerfreulich, da ſie genoͤthigt waren, noch laͤnger auf den Troſt des Alten zu warten. 6. Eine furchtbare Mahnung des Freige⸗ richts an Hugo war mit ſehr gemeſſenen Drohungen gegen ſein Nichterſcheinen er⸗ folgt.„Ihr werdet dießmal nicht umhin koͤn⸗ nen, Euch einzufinden,“ ſagte Steinberg zu ihm, der mit noch einigen Rittern auf Hugo's Burg zum Zechgelage war. „So iſt auch meine Meinung, der Un⸗ bekannten wegen, die Euch unverhofft in's Fegefeuer befoͤrdern koͤnnten. Seyd Ihr aber der Ladung gefolgt und allenfalls mit einem 5* 68 Verweis entlaſſen, ſo ſichert dieß Euch fuͤr ſolches Ungemach,“ verſetzte der Ritter von Waldenburg. „Ich denk' es wird wohl ohne Dolchſpitze und Strick abgemacht werden,“ ſprach Rit⸗ ter von Grauenſtein. So verlaſſe ich mich auf Eure freund⸗ ſchaftliche Mitwirkung, edle Kumpane, wie Ihr dagegen meines thaͤtigen Dankes ge⸗ wiß ſeyn koͤnnt,“ erwiederte Huge. Kurt. Des Freigrafen friedlicher Macht⸗ ſpruch und unſte Zuſtimmung werden ihre Wirkung nicht verfehlen. Wolf. Richtet Eure Vertheidigung nur gehoͤrig ein, ſo wird's ſchon gehen. Hugo. Ich werde mich gut vertheidigen. Kurt. Sucht Euch aber auch vor un⸗ verhofftem Dolchſtoß des Frohnvogtes zu ſichern; der iſt ein gewaltiger Anhaͤnger der Vehme, und ihr mit Leib und Seele erge⸗ ben. Er wuͤrde ſelbſt des Stuhlherrn Macht⸗ wort zu drehen und zu deuteln wiſſen, wenn * 69 ———— er nur die Freude haben kann, einen Ver⸗ vehmten den Strick um den Halsknochen zu legen und den Dolch in die Bruſt zu ſtoßen. Hugo. Ich werde ihn zu bezwingen wiſſen, ſo er mir zu nahe tritt. Wenn Ihr, getreue Kumpane, fuͤr mich ſeyd, will ich meine Furcht, die mich, ich geſtehe es, doch etwas belaͤſtigt hat, verſcheuchen. Der Frei⸗ graf— nun der muß wohl auf meiner Seite ſehn, weil ſein naͤchſter Gang ſonſt gewiß der Letzte ſeyn wuͤrde. Wolf. Das iſt mir eine dunkle Rede. Hugo. Deren Enthuͤllung Euch auch nicht weiter frommt, da es bis jetzt ein Geheimniß fuͤr mich bleiben muß. Die dritte Nacht erſchien. Von ſtarkem, faſt undurchdringlichen Nebel umduͤſtert la⸗ gen alle Gegenſtaͤnde verhoͤllt; nur wenige Schritte reichte der Blick hin, um den Fuß⸗ pfad zu bemerken. Kaͤuze und Eulen hat⸗ ten ſich in ihre Reſter verſteckt, und ſelbſt 70 kein Häschen ging zur Nahrung auf Raub aus.—* „Daß dieſe verdammte Nacht erſt vor⸗ uͤber waͤre, die das Blut zu Eis machen, und den ſonſt ſichern Fußtritt zum Hinſtuͤr⸗ zen bringen kann! Ich faͤnde, ſtraf mich—1 weder Weg noch Steg ohne Euch in dieſem Nebelgewoͤlk!“ ſprach Hugo zu ſeinem Be⸗ gleiter, dem Burgvogt, der— bekannt mit dem Kreuzwege, deſſen linke Seite zu dem grauſigen Tiefenthaler Gebirgen fuͤhrte, wo das Freigericht in verſteckten Hoͤhlen gehalten wurde,— ſeinen Burgherrn bis dahin fuͤhrte. „Hier, mein lieber Hugo! nit ich cuc verlaſſen. Schreitet nur behutſam fort, bis Euch der Weg zur nächſten Schlucht bringt. Der Freifrohn hauſet da gewoͤhnlich, der Euch dann ſchon weiter leiten wird. Alle Heiligen moͤgen Euren Gang beſchuͤtzen!“ „Und meine Dolche,“ erwiederte Hugo. Mit einem feſten, undurchdringlichen 71 Stahlwamms, der bis unter das Kinn reichte, unter der Ritterhauskleidung ver⸗ ſehen, und mit zwei verborgenen Dolchen bewaffnet, ging er an einem jahen Abhange der Bergſchlucht zu. Unfern davon erſcholl ein Anruf: Wer da? „Ritter Hugo von Wolfsthal, der Ge⸗ ladene, will vor Eurem Gericht erſcheinen,“ war ſeine Antwort. Ein Vermummter trat ihm entgegen, faßte ihn ſchweigend bei der Hand, und fuͤhrte ihn durch unwegſame Gaͤnge weiter, bis ſie an eine Berghoͤhle kamen, wo er verweilen mußte. PVoll Verdruß waͤre er gern wieder zuruͤckgekehrt, doch war's nun zu ſpaät. Als der Vermummte zuruͤck kam, hing er Hugo einen rothen Mantel um, der ihn ſo verhuͤllte, daß auch der mindeſte Schein ſeinen Augen entzogen wurde, fuͤhrte ihn nun noch eine kurze Zeit am Arme haltend fort, bis er ſtill ſtand, und dem Ritter den 32 * 5 Nantel abnahm. Bei mattem Ampelſcheine ſah ſich Hugo in einer kleinen Hoͤhle. Sein Fuͤhrer gab mit dem Schwerdt durch drei⸗ maliges Anſchlagen an die Mauer ein Zei⸗ chen; da that ſich eine unbemerkte Thuͤr auf, durch welche ihn der Vermummte ſchob, wor⸗ auf er in eine geraͤumige, von der Natur ge⸗ woͤlbte Hoͤhle eintrat. Hier ſaßen an einer langen, mit ſchwar⸗ zem Tuch belegten Tafel die zwoͤlf Vehm⸗ richter, in ſchwarze Maͤntel ganz verhuͤllt; der Freigraf in der Mitte, auf einem erha⸗ benen Sitzt. Vor ihm auf der Tafel zur Rechten ſtand ein Todtenkopf, neben wel⸗ chem ein Strick und ein Dolch lagen; zur Linken zwei kreuzweis gelegte Schwerdter, neben einem Weidenzweige; zur Seite ein ſchwarz und weiß behangener Altar, mit einem Kruzifix. Eine Ampel erleuchtete maͤ⸗ ßig das Ganze. Tiefe Stille herrſchte eine Zeitlang. Endlich erhob ſich der Freigraf: „Bruͤder der heiligen Vehme, ich frage S 73 ob es die Zeit iſt, daß wir halten ein Frei⸗ gericht?“— Frohnvogt(im Namen der nebrigen). Der vergangene Tag war der Rechte, wie dieſe Racht die Zeitige iſt, wo ein heilig Geding gehegt wird. Da Ihr, edler Frei⸗ graf, von unſerm maͤchtigen Stuhlherrn be⸗ rufen ſeyd, Gericht und Acht zu hegen uͤber Unbilden, Frevel und Verbrechen, ſo beginne der Aufruf an die ebenbuͤrtigen Bruͤder und Schoͤppen. Freigraf. Wer erhebt ſich als Klaͤ⸗ ger gegen den anweſenden Ritter Hugo von Wolföthal? Bodo(erhebt ſich, ſchlagt ſeinen Mantel zuruck und oͤffnet das Viſier). Ich trete mit ge⸗ rechter Klage gegen ihn auf. Hugo cheimlich fur ſich. Dieſer Satan wird mir am Meiſten zu ſchaffen machen! Freigraf(chlägt dreimal mit dem Stabe an das metallene Gefäß). So ſagt an ſeine Schuld! 74 Bodo(zu Hugo). Ihr laͤugnet doch nicht, daß Ihr mich auf die niedertrachtigſte Weiſe uͤberfallen, gebunden und in einen Keller der Burg Wolfsthal, bei Woſſer und Brod, eingeſperrt habt?— Hugo Solches kann ich nicht laͤugnen; aber es geſchah auf ausdruͤckliches Geheiß meines Vaters, weil Ihr veranlaßt, daß Derſelbe von den Bauern faſt halb todt ge⸗ ſchlagen worden. Bodo. Meiner gitterpflicht mußte ich ehrliche Kaufleute von Straßen⸗ raͤubern befreien.. Hugo. So wie ich Sohnespflicht für den Vater uͤben mußte.— Ihr hattet Euch aus ſeinem Gewahrſam durch Kraft und Liſt befreit. Da mein Vater todt iſt, ſo kann dieſe Klage, die mich nicht angeht, auch meine Perſon nicht ſchuldig machen. Freigraf. Da der Vater ſeine Schuld mit dem Tode bezahlt, ſo ruhe dieſe 6 in Frieden.. 75 Mehrere der Vehmrichter ſprachen:„Sie ruhe in Frieden.“ Bodo. Ihr, Ritter Hugo, habt den Ritter Auerbach, der hinterruͤcks mit dem Schwerdte niedergehauen, in den Burggra⸗ ben geworfen. Hugo. Wer ihn zu Boden geſchlagen, weiß ich nicht. Mit heiligem Eide kann ich bekraͤftigen, daß ich's nicht gethan; da er nun einmal todt war, ſo wurde er in der erſten Haſt in den Burggraben geworfen. Sein Schickſal hatte er ſich aber durch den ſchnellen und unuͤberlegten Einfall in unſres Freundes Burg ſelbſt zugezogen. Dieſer mußte fliehen, und rief meinen Vater um Beiſtand an. Daß wir ſein Fähnlein mit Liſt uͤberrumpelt, thut wohl jeder Ritter, und mich duͤnkt, Herr Bodo, Ihr haͤttet es auch ſo gemacht. Doch iſt dieß wieder meines Vaters Sache, und man kann mich darob nicht anſchuldigen. 76 ——— Freigraf. Eure Ausrede— e der Verantwortung! Bodo. Ihr wißt mit guter Manier Al⸗ les auf den todten Vater zu ſchieben! Wie vertheidigt Ihr aber Euren ehrloſen Raub der Tochter des Grafen von Mansfeld? Hugo. Dieſen rechnet der uͤbergroßen Liebe fuͤr die Dirne zu.— Bodo. Oder vielmehr der Habſucht nach des Vaters Guͤtern. Hugo. ueber dieſe Beſchuldigung mit Euch zu rechten, wär' zu weitläuftig. Was jedoch heftige Liebe vermag, ſcheint Ihr, Herr Kitter, wohl nicht empfunden zu haben, oder in Eurem vorgeſchrittenen Alter die Wirkun⸗ gen derſelben gar nicht uchr etwägen iu koͤnnen.— Bodv. Geht denn Liebe mit heimtůck⸗ ſcher Buͤberei Hand in Hand? Hat denn je⸗ mals ein braver Ritter eine edle Grafen⸗ tochter durch die ſchamloſeſten Drohungen zu einem Ehebund zwingen wollen, zu dem 77 ſie ſich nicht verſtehen kann, da ſie langſt ſchon die Braut eines Andern iſt, auch außer⸗ dem nie einem Raͤuber ſich zum Gemahl er⸗ kieſen wird. Hugo. Ihr habt den Ausdruck Raͤu⸗ ber zur Genuͤge wiederholt! Raub im Klei⸗ nen oder Großen iſt einerlei.— Gehoͤren denn die an Reiſigen und Knechten ſtar⸗ ken Ritter, welche die ſchwaͤcheren mit grundloſer Fehde heimſuchen, ihre Burgen erobern, die Beſitzer hinausjagen, und ſich ſolche als Eigenthum zueignen, auch zu den Edlen? Bodo. Solcher einzelnen Faͤlle giebt es wohl! Hugo. Ol ich will Euch eine ganze Menge anfuͤhren, die ſchon von meinem Großvater, ſo wie von meinem Vater auf⸗ gezeichnet worden, und die noch immer in Beſitz derſelben ſind, auch von keinem Ge⸗ richt, nicht einmal von Kaiſer und Reich in Anſpruch genommen worden. Ein ſolcher 78 Raub iſt doch wohl viel bedeutender, als wenn man reichen Kaufleuten, oder betrugli⸗ chen Juden, einen kleinen Theil ihres Ge⸗ winnes abnimmt, den ſie ſich bald wieder verdienen koͤnnen. Habt Ihr gegruͤndete Ein⸗ wendungen dagegen zu machen?— Bodo(ſehr aufgebracht). Ihr ſolltet Euch faſt zum ehrlichen Mann machen, wenn nicht Eure Thaten gegen Euch ſpraͤchen.— Liegt denn auch in Eurer ſogenannten Macht der Liebe das Recht, die Tochter des Grafen gewaltſam in der Burg gefangen zu halten, und ihm auf die verruchteſte Weiſe ſagen zu laſſen, daß ſie verloren ſey, wenn er mit Macht die Burg erſtuͤrmte?— Hugo. Wenn Ihr annehmen wollt, daß in jedem Menſchen etwas angeborne Rach⸗ ſucht liegt, ſo werdet Ihr Euch auch erklä⸗ ren koͤnnen, daß die mir vom Grafen zu⸗ gefuͤgte Beleidigung, der meine demuͤthige, 2 durch den Ritter Steinberg gethane Bewer⸗ bung um ſeine Tochter mit den allerſchno⸗ 79 deſten Worten abwies, mich bewegen mußte, ihn die Tochter zu entfuͤhren, um zu ver⸗ ſuchen, ob ſie mir nicht ihre Liebe ſchenken koͤnne. Bodo(etwas wild). Da Euer thoͤrigter und toller Verſuch doch ſichtbar unnuͤtz iſt, was kann Euch alſo bewegen, die Edeldirne gefangen zu halten? Hugo(kalt). Sie, finden meine Wuͤn⸗ ſche kein Gehör, nach einiger Zeit wieder zu entlaſſen. Bodo(vol Zorn). Nach einiger Zeit?— Elender! Verworfner! wenn Ihr morgen das Fraͤulein nicht frei gelaſſen, ſo erwartet Eurer die ſtrengſte Ahndung! Jetzt klage ich Euch noch uͤber die ruchloſe Behandlung Eures Stiefbruders an, den Ihr unverſchul⸗ deter Weiſe ins Verlies geworfen. Hugo. Unverſchuldet?— Hat er nicht hinterliſtiger Weiſe in meine Burg einfallen wollen?— Alſo Strafe fuͤr Liſt. 80 Bodo. um ſeine Braut aus Eurer Ge⸗ walt zu befreien. Hugo. So wie nebenher mich dem Schwerdte zu opfern. Bodo. Solch ein Bubenſtreich laͤßt ſich von einem ſo gutgeſinnten ehrſamen Ritter nicht erwarten. Hugo. Das koͤnnt' Ihr nicht behaupten. In der erſten aufwallenden Hitze thut man gar viel. Uebrigens geb' ich Euch mein Wort, zu ſeiner Zeit auch ihn zu entlaſſen. Bodo. Spitzfindige Ausreden ſcheinen Euch gut zu Gebote zu ſtehen. Hugo. Jeder thut, wie er kann.— Habt Ihr, Herr Ritter, nun noch Klage gegen mich? Bodo(nit Grimm). Fuͤr dieſen Augen⸗ blick nicht. Sucht aber die Gelegenheit zu vermeiden, daß ich aufs neue gegen Euch auftrete. Die Glocke ertoͤnte; der Frohnbote trat herein. 8¹ ———— „Fuͤhtt den Ritter Hugo ins dritte Ge⸗ mach!“ ſprach der Freigraf. Als dieſes ge⸗ ſchehen, erhob ſich derſelbe mit der Frage: „Was beſchließen die Bruder unſers heiligen Gerichts? Welche Meinung habt Ihr uͤber ihn?“ Steinberg. Ich halte ihn des Todes nicht werth. Wolf von Grauenſtein. Ich bin derſelben Meinung. Kurt v. Waldburg. Er hat ſich, meiner Anſicht nach, zu ſeinen Gunſten ver⸗ theidigt. Herrm. Staͤmminger. Er hat ge⸗ than, was unendlich Viele vor ihm auch thaten und noch Mehrere nach ihm thun werden. Andere Vehmrichter. Er hat ſich zwar einiger Unbilden ſchuldig gemacht, aber keinen Mord begangenz iſt daher von der Strafe des Dolches frei. Dieſer Meinung ſtimmten noch Einige beis die Uebrigen ſchwankten in ihrem Aus⸗ II. 6 82 ſpruch. Der Freigraf entſchied. vor⸗ theilhaft fuͤr Hugo. „und wohl nicht einmal einer Mahnung werth, hinfort nach edler Ritterpflicht zu handeln?“ fragte zuͤrnend Bodo. Freigraf. Ihr haͤttet, wie es ſcheint, Hugo wohl lieber den Dolch in die Bruſt ſtoßen laſſen? Bodo(mit Eifer). Beim nein, Freigraf! und wenn Alle dafuͤr ge⸗ ſtimmt haäͤtten, ſo war ich der Einzige, der widerſprach, um ihm das Leben zu retten. Doch wuͤrde dieſes Urtheil ſeine Sinnesart vielleicht geaͤndert, auch wohl Beſſerung er⸗ zeugt haben, wenn er unverhofft begnadigt worden waͤre.— Zuͤgelloſer wird er jetzt in ſeinen Thaten werden, unſer erkranktes Gericht belachen und uns, wie ſchon ſein Vater gethan, die Mahnungsbriefe beſudelt vor die Fuͤße werfen. Freigraf. Ihr habt eine zu S Anſicht vom 83 Bodo. Ich glaube, es iſt die richtige. Freigraf. Dießmal ſey Hugo mit einer ernſtlichen Ermahnung entlaſſen. Der Frohnbote mußte ihn hereinfuͤhren. „Ritter Hugo, Ihr habt Euch mancher⸗ lei Unbilden ſchuldig gemacht; habt Euch zwar gegen die Anklage ſo vertheidiget, daß Euer Leben nicht verfallen, aber von Suͤn⸗ den gegen die Ritterwuͤrde ſeyd Ihr nicht frei; beſſert Euch daher und uͤbt Euch in muthigen Heldenthaten; haltet die uns ge⸗ gebenen Verſprechungen und betragt Euch lobenswerth!“ ſo ſprach der Freigraf. „Ich werde mein Verhalten nach den Umſtänden einrichten!“ war Hugo's Ant⸗ wort. „Frohnbote, fuͤhre den freien Ritter bis dahin, wo Du ihn empfangen.“ Verhullt und ſtillſchweigend wurde Hugo von jenem bis zur Schlucht gefuͤhrt. Hier befreite er ihn von der Verhuͤllung und ent⸗ fernte ſich ſchnell.— Bereits wollten die 6* 34 erſten Strahlen der Morgenroͤthe hervorbre⸗ chen, als Hugo wohlgemuth ſeiner Burg zuſchritt. Unfern derſelben kam ihm der Burgvogt entgegen, der eine Freude hatte, ihn unverletzt wieder zu ſehen. „Ich geſtehe es, Oheim, daß der Anfang des Gerichts, beſonders da Bodo als An⸗ kläger gegen mich auftrat, mir einiges Grau⸗ ſen in die Knochen jagte. Mit meinen ſtudierten Antworten kam aber nach und nach mein ganzer Muth zuruͤck, und als der Freigraf und meine Freunde zu Recht er⸗ kannten, daß meine Ausreden Grund haͤtten, kam ich mit einem Verweis davon. Zum zweitenmale aber bekoͤmmt mich der Teufel ſelbſt nicht wieder in dieſe verdammten un⸗ wirthlichen Höhlen!“— Unter weiterm Geſpraͤch gingen Beide zufriedner wie zuvor durch den ihnen bekannten Gang ins J Innere der Burg. 7. Den nächſten Morgen kam Rudolph am Burgthore der Veſte an und verlangte Ein⸗ laß. Auf der Mauer erſchien der Burg⸗ vogt und fragte nach dem Begehr. „Der edle Graf von Mansfeld verlangt ſogleich die Entlaſſung ſeiner gefangenen Tochter, ſo wie die Entkerkerung des Rit⸗ ters Walther von Wolfsthal!“ rief Rudolph hinauf. „Im Auftrage des Ritters von Wolfs⸗ thal, der mir geſtern geworden, ſoll ich Euch den Beſcheid ertheilen: Das Fraͤulein werde binnen drei Tagen, wenn ſie ſich nicht zu Gunſten Hugo's erklaͤre, nicht mehr auf der Veſte ſehn.“ „Da das edle Fraͤulein dieſes nie thun wird, ſo koͤnnt Ihr ſie in dieſem Augen⸗ blick entlaſſen!“ erwiederte Rudolph. 86 „Daß es ſo und nicht anders ſehn ſoll, iſt der gemeſſene Befehl der Burgfrau.“ „und was den Ritter Walther betrifft?“ „Wird den Tag nachher entlaſſen. Hie⸗ mit habt Ihr Euren Beſcheid!“ Mit dieſen Worten entfernte ſich der Burgvogt und ließ Rudolph ſtehen. Verdrußlich uͤber dieſe kurze Abfertigung, ritt er zum KFloſter, wo ſich der Graf von Mansfeld, Bodo und ein paar Reiſige des Grafen mit einem Zelter fuͤr Adelheid befanden. Der hoͤchſte Zorn be⸗ maͤchtigte ſich ihrer uͤber die abermalige Vermeſſenheit des Raͤubers, doch mußten ſie ſich gedulden, bis dieſe Tage verlaufen wa⸗ ren, und kehrten mißmuͤthig heim, wo die gute Edda wegen der fehlgeſchlagenen Aus⸗ ſicht in neuen Kummer verſank. Ein nicht geringer Schrecken uͤberfiel die Moͤnche von St. Bernhard, als ſie aus der Hora mit ihrem Abt in deſſen Gemach tra⸗ ten, und gleich darauf den Ritter Hugo, 87 den Burgvogt nebſt zwei Knechten ihnen nachſchreiten ſahen. Hugo, der dießmal den geheimen, noch nicht wieder zugemauerten Gang zum Klo⸗ ſter benutzt hatte, gewahrte die aͤngſtliche Verlegenheit auf den heiligen Geſichtern, und konnte ſich eines haͤmiſchen Lachelns nicht mehr enthalten.„So unerwartet bin ich Euch noch nicht erſchienen, Herr Abt, und beſonders durch ſolche Pforte. Da Ihr nun vorzuͤglich dazu beigetragen habt, mir den Weg kuͤrzer zu machen, ſo muß ich Euch wohl dadurch danken, indem wir aus Eu⸗ ren Pokalen Eure Geſundheit trinken.“ Dabei leerte er die bereits auf des Abtes Lafel geſetzten Humpen rein aus, welches Hans und die andern Beiden auf ſeinen Wink gleichfalls thaten.—„Noch einmal gefuͤllt!“ ſagte er barſch. Der Pater Kellner ſah ſich gendthigt, des Ritters Verlangen zu erfoͤllen. Den heiligen Herren hingegen war der Appetit 38 durch dieſe ungeladenen Gaͤſte verleidet, ſo daß ſie den Beſcheid unerwiedert ließen. „Nun, wollt Ihr Pfaffen nicht ſaufen, ſo wollen wir's thun!“ ſagte Hugo trotzig. Die vier geleerten Pokale hatte dieſer ſchon unter den Arm genommen, mit den uͤbri⸗ gen verfuhr er eben ſo, und rief hierauf dem Abt ſeinen Paters ein Valet zu. „um Gott und aller gelligen Willen! Derr Ritter, Ihr werdet uns doch unſer Eigenthum nicht rauben wollen?“— rief ihm heftig der Abt zu, wobei er ihm den Ausgang vertreten wollte. „Seyd doch keine Narren, Ihr Pfaffen! Euer guter Wein wird Euch aus andern Ge⸗ faͤßen eben ſo gut munden.“ Abt. Wir haben aber keine andern, als dieſe von Eurem Ahnherrn uns Becher Hugo. Dafuͤr will ich Euch noch ein⸗ mal ſo große holzerne Humpen ſenden. Abt(aufs hochſte erbitterh. Wollt Ihr denn mit aller Gewalt dem Hoͤllenpfuhl zueilen, und allen Glauben aufgeben an das, was heilig iſt?— Hugo. Ihr ſeyd nicht geſcheid, Herr Abt! welcher Pabſt hat denn Eure Trink⸗ becher kanoniſirt?— Abt. In einem Kloſter iſt Alles heilig! Hugo. Eure Dummheit bringt mich zum Lachen, aͤndert aber meinen Vorſatz nicht. Ambroſius(ußtg). Ich denk', Herr Ritter, wenn Ihr Euch beſinnt, ein bischen Gottesfurcht zur Hand nehmt und mit der Wegnahme unſrer Trinkbecher bis morgen zoͤgert, ſo koͤnnte dann wohl ein andrer guter Sinn in Euch aufkeimen, der Euch bewegen wird, uns dieſelben zu laſſen. Hugo duchend). Hol mich der Teufel, Pfaff! Deine Mutter hat keinen Dummkopf in Dir vom Stapel laufen laſſen! Du kannſt noch am Ende Biſchoff werden.— Uebrigens nimm's nicht uͤbel, daß mir Dein Vorſchlag 90 nicht gefaͤllt; denn mein Grundſatz iſt: ſelig iſt der Beſitzer. Ambroſius. Aber bedenkt doch, Herr Ritter, daß Ihr wegen dieſer holliſchen That nicht ins Paradies kommen werdet. Hugo. Da werden ohnehin ſo viele Heilige und Ffaffen ſitzen, daß fuͤr uns Laien kein We mehr ſeyn wird⸗ 3 Abt. Wie tönnt Ihr dieſe uaßilen vor Gott verantworten?— Wie duͤrft Ihr Klo⸗ ſterſchaͤtze rauben?— Perdorren werden Eure ſtrafbaren Hande im Fegefeuer wegen S dieſes entſetzlichen Raubes! Hugo. Dann werden es Eure Mäulet nicht minder, wenn Ihr in daſſelbe hinein ſpaziert; denn wer gab Euch Schafkoͤpfen das Recht, dieſen Gang zu verrathen„der mir Hab' und Gut, vielleicht gar mein Le⸗ ven koſten konnte?— War das nicht hinter⸗ liſtig und gottlos gehandelt? und koͤnnt' Ihr es mir verdenken, wenn ich eine kleine Se 91 gegen Euch übe? Seyd froh, daß ich Eure Weine nicht auch mitnehme. Und nun, Gott befohlen! Mit dieſen Worten entfernte er ſich und die Uebrigen auf demſelben Wege, den er gekommen. Zorngluͤhenden Auges ſtierte ihm der Abt nach; ſeine Moͤnche ſahen mit truͤben Blicken auf die leeren Stellen der Tafel, und bejammerten ihren Verluſt. Zu ihrer Wiedererlangung fand ſich auch bei aller Ueberlegung kein wirkſamer Rath. Den empfindlichſten Verdruß hatten ſie aber noch dadurch, daß Hugo ihnen wirklich nach eini⸗ gen Stunden ſechs große hoͤlzerne Humpen ſchickte. „Verſchmachten muͤſſe ſeine Seele vor Durſt im Fegefeuer!“ rief der Abt. „Ja, Hochwuͤrdiger, dieſe Schmach iſt kaum zu erdulden! Ich gehe morgen mit dem fruͤheſten zu unſerm alten Klausner, der geht oͤfter zur Burg. So ein ehrwuͤrdiges Haupt mit gutem Redetalent muß auch bei 92 dem boͤſeſten Menſchen Eindruck machen. Er ſoll den Ritter vornehmen, ihm zuſetzen und ermahnen, uns das geſtohlne Gut wieder herauszugeben, und mit dem fuͤrchterlichſten ungluͤck drohen, falls er nicht horen will““ „Thut das, lieber Bruder in Chriſto. Narie und Joſeph moͤgen das harte Ritter⸗ herz biegſam machen!“— v Am andern Morgen wanderte Ambroſius zur Klausnerhuͤtte. Leiſen Schrittes ging er an die Thuͤr, um nicht zu ſtoren, wenn der ehrwuͤrdige Vater etwa noch im Beten be⸗ griffen waͤre. Wirklich hörte er auch ein Fluͤ⸗ ſtern, doch wollten ihm die Worte nicht wie Gebet vorkommen. Er legte nun abwechſelnd bald das rechte, bald das linke Ohr an's Schluſſelloch der verſchloſſenen Thuͤr, konnte aber keinen Zuſammenhang auffaſſen, indem zweierlei Toͤne aus dem Nebengemach zu kom⸗ men ſchienen. Die Neugierde des guten Am⸗ broſius ward immer ſtärker⸗ Er umkroch die Klausnerei von allen Seiten, um irgend einen Spalt zu entdecken, den Stimmen— zuweilen mit tief gehaltenem O und Ach untermiſcht— naͤher zu kommen. Endlich ge⸗ wahrte er am obern Theile der Huͤtte ein Fenſterchen; die Hoͤhe war nicht bedeutend, und einige Baumzweige, die hart an die Huͤtte graͤnzten, wurden ſogleich benutzt, um gemaͤchlich durch das Fenſter zu ſchauen. Welche Anſicht gewahrte er, welche Em⸗ pfindungen bemaͤchtigten ſich ſeiner?— Er glaubte zu traͤumen und doch wurde ſeinen Augen die Szene immer klarer und ſein Er⸗ ſtaunen ſtaͤrker. Der alte, graue, langbaͤrtige Klausner hatte ſich verjuͤngt— Gewand und Vart la⸗ gen auf dem nebenſtehenden Tiſche— denn ſein bartloſes Geſicht gluͤhete ſo feurig, wie das ſeines ehrwurdigen Abtes, wenn er drei Pokale Nierenſteiner getrunken hatte. Er lag mit Hugo's Mutter, die mit nicht minderer Karminfarbe uͤberzogen war, Arm in Arm 94 auf dem kiſſenreichen Ruhebette, und zwar in einer ſo weltlichen Gruppe, daß dem from⸗ men Ambroſius dabei ganz ſonderbar zu Muthe ward. Er wollte ſich zwar Muͤhe geben, ſeine geiſtlichen Augen von dieſer Scene abzu⸗ wenden, um ſich keinen Erregungen auszu⸗ ſetzen, aber vergebens— das gerade jetzt un⸗ gekreuzigte Fleiſch zog ihn zum fernern Schauen immer wieder hin. Allgemach erhob ſich das Paar. Der gute Ambroſius ſtieg nun ſo behutſam als moglich von dem ihm treu gedienten Baum⸗ zweigen herab, und ſtellte in Gedanken eine Unterſuchung uͤber die ganz einzige Veraͤnde⸗ rung des Klausners an, deſſen bartfreies Geſicht hochſtens nur einem Manne von eini⸗ gen vierzig Jahren angehoͤren konnte⸗ Gewiß wuͤrde Mancher von dieſer wunderbaren Er⸗ ſcheinung nicht minder ergriffen worden ſeyn, als unſer Ambroſius, der ſich eine ſolche Szene nicht traͤumend gedacht hatte. Ganz ſtill hielt er ſich zur Seite der Huͤtte 95 hinter einem ſtark verwachſenen Geſtraͤuch, welches jedoch die Ausſicht nicht verhinderte, den Fortgang der Frau Bertha zur Burg zu beobachten. Laͤnger als eine Stunde hatte er in ſeinem Verſteck erwartungsvoll auf der Lauer geſtanden, doch keine Ritterfrau wollte erſcheinen. Des vergebnen Harrens uberdruͤſſig, war er im Begriff ſeinen Ruͤck⸗ weg anzutreten und hatte ſich ſchon ganz leiſe neben einigen Gebuͤſchen, bis zu dem engen Fußpfade der zur Eremitage fuͤhrte hingeſchlichen, als die Pforte derſelben ſich oͤffnete, und er den Klausner in ſeiner ge⸗ woͤhnlichen, ehrwuͤrdigen Bekleidung darin erblickte. Ein neues Verwundern feſſelte die weitern Schritte des Moͤnchs. Stehen blei⸗ bend ſchaute er ihn eine Weile mit ſtarren Augen an, als ſollten dieſe ihm die aberma⸗ lige Verwandlung erklären. „Gott geb' Euch einen guten Tag, Pa⸗ ter Ambroſius!“ ſprach der Klausner ihm iju. Ihr habt Euch ja ſchon fruͤh aus den 96 2 Federn gewunden, ſo Euch geiſtlichen Herren ſonſt eben nicht eigen iſt. Ihr wollt mir ver⸗ muthlich einen Morgenbeſuch abſtatten?“— Ambroſius, verlegen uͤber die eben ge⸗ machte Entdeckung, zoͤgerte mit der Antwort. „Hat Euch etwa der Morgenthau die Zunge gelaͤhmt, daß Ihr meinen Gruß un⸗ beantwortet laßt?“ fragte der Alte. um keinen Argwohn ſchoͤpfen zu laſſen, erzwang Ambroſius ſo ſchnell als moͤglich mit freundlicher Gutmuͤthigkeit die Worte: „Meine Abſicht, guter Vater, war eigent⸗ lich, Euch zu beſuchen, um ſowohl einen guten Rath zu erbitten, als auch Eure Thaͤ⸗ tigkeit fuͤr unſer armes Kloſter zugleich in An⸗ ſpruch zu nehmen.“ „So tretet in meine Huͤtte.“ Ambroſius folgte nicht ohne Verlegen⸗ heit, wie er ſich gegen die Burgfrau beneh⸗ men ſollte, wenn er ihren Sohn bei dem Klausner verklagen, und dieſen auffordern wuͤrde, ſich fuͤr das Kloſter zu verwenden, 97 um die Zuruͤckgabe der geraubten, ſilbernen Becher zu bewirken.— Der gute Pater wurde auf's Neue uͤberraſcht, als er weiter Niemand als den Klausner wahrnahm. Er durchforſch⸗ te vergebens das ganze Gemach, ſo wie das offen ſtehende Nebenzimmer, welches wenig Umfang hatte, und nur das Ruhebett, einen Tiſch und Stuhl enthielt. Auffallender war Ambroſius jedoch eine an der Wand hängende Ritterruſtung, die er fruͤher— gewiß mit der Haupt⸗Scene zu ſehr beſchaͤftigt— nicht be⸗ merkt hatte. Er wußte in ſeinen Gedanken uͤber al' das Wunderbare nicht in's Reine zu kommen. Bei Marie und Joſeph konnte er ſchwoͤren, daß er die Burgfrau von Wolfé⸗ thal in den Armen des verwandelten Klaus⸗ ners geſehenz daß ſich Beide von ihrem La⸗ ger erhoben; daß ſie nicht aus der Huͤtte ge⸗ gangen ſehn konnten, ohne von ihm bemerkt zu werdenz und doch ſah er kein weibliches Weſen. War hier Zauberei im Spiele? und⸗ der Klausner ein Zauberer?— I. 7 98 Ihr ſcheint in Gedanken verloten, Pa⸗ ter, und ſchweift ja mit Blicken umher, wie der Kampfritter, wenn er Feind er⸗ ſpaͤhen will.“ Lachelnd ſuchte Anbroſius: des Alen Arg⸗ wohn zu beſchwichtigen, indem er aͤußerte: „Es fallen einem zuweilen ſich widerſpre⸗ chende Gegenſtande auf, die zum Nachdenken fuhren! Zum Beiſpiel: dort in jenem kleinen Gemach Panzer, Helm und Schwerdt) hier Euer ſchoͤnes Betpult. Wohl koͤnnte mich Beides zu der e— 5 — hig. 016 306 Betroffen iter des Pfuffen und üm ſeine Verlegenheit nicht merken zu iaſſen, ſpräch der Klausner mit ernſthafter Miene:„Laßt Euch um Gegenſtande unbe⸗ ruͤminert, die Euch nichts angehen, achtet auf das Klöſterliche, auf Brevier und Roſenkranz, ſo werden andere gleichguͤltige Dinge Euch weniger auffallen· Wie die Ruͤſtung in meine Klausnerei kommt/ geht Euch nichts an.“ — 099 „Nehmt meine Worte nicht uͤbel, guter Nachbar, ſie waren ja nicht boͤs gemeint,“ „JIn welcher Abſicht kommt Ihr zu mir?“ fragte der Alte weiter. Jetzt erzählte Ambroſius den ganzen Vor⸗ fall, vorzuglich den unerhorten Raub ihrer Zrinkbecher, worauf er ihn im Namen des Abtes und ſeiner geiſtlichen Bruͤder bat, ſich ihrer anzunehmen, da zr vermoͤge ſeiner Ehr⸗ wuͤrdigkeit den beſten Eindruck auf den boſen Ritter machen waͤide, beſonders wenn er i0 — zuſetze. Klausner Hoͤrt, Pater, 6 n daß Ihr mich mit ſolchen Aufträgen nicht be⸗ läſtigtet. Wenn ich auch dem Burgherrn Vorſtellungen deßhalb machte, ſo wuͤrden meine Worte nicht auf ihn einwirken, mir wohl eher einen Verweis, S ich mich darum hefümmere, zuziehen! Pater. Alſo duͤrfen wir auf ein bit⸗ liges Vorwott von Euch nicht rechnen?— Klausner cthrz). Nein. Laßt Euren 100 Abt dieſe Sache ſelbſt uͤbernehmen, da ſie ja dem Kloſter angeht. Wenn er dem Ritter demuthövoll zuredet, ſo laͤßt ſich dieſer viel⸗ leicht bewegen, Euch die— wie⸗ derzugeben. Pater. Ach Gott! das thut er gewiß um ſo weniger, weil er unſern Abt nicht leiden kann, da dieſer dem Ritter ſchon ein⸗ mal harte geiſtliche Worte bei dem Wein⸗ raub geſagt hat. Er hat ihn ja auf uner⸗ yorte Weiſe aus ſeinem Gemach geſchoben. Klausner. Warum donnert Ihr Pfaf⸗ ſen auch gleich unbeſonnen mit heftigen Wor⸗ ten drein? Hätte der Abt bittweiſe den Ritter Hugo wurde es anders. Pater. Gott und die ßeilge Jungrau weiß es, bei Hugo fruchten weder Bitten noch Vorſtellungen; er lacht einem noch⸗ obenein ins Geſicht. Klausner. Dann kann ich Euch auch nicht helfen, und Ihr muͤßt den Kloſterwein 101 ſo lange aus hoͤlzernen Humpen trinken, bis wieder beſſere da ſind. Pater. Das ſey dem Himmel geklagt! — Doch, Vater Klausner, da Ihr uns nicht weiter dienen koͤnnt, oder wollt, ſo nehmt meinen Antrag nicht fuͤr ungut. Klausner. Das will ich unter der Bedingung, wenn Ihr mich mit dergleichen Anliegen ferner nicht behelliget. Gruͤßt Eu⸗ ren Abt und ſomit Valet, Vater Ambroſius. — Rach dieſen Worten begleitete er den Monch bis vor ſeine Huͤtte und verſchloß die Thuͤre. Verdruͤßlich uͤber die mißlungnen Hoff⸗ nungen und im Gruͤbeln uͤber die merk⸗ wuͤrdige Schau durchs Huͤttenfenſter verſun⸗ ken, wandelte er langſam zwiſchen einigem Geſtruͤpp fort, abſichtlich den ſchmalen Fuß⸗ weg meidend, in Erwartung, die Burgfrau vielleicht noch in irgend einem Winkel ver⸗ ſteckt zu erblicken. Doch kam er ins Kloſter zuruͤck, ohne etwas von ihr gehort und geſehen zu haben. 102 Wie funkelten die Augen der Monche, als ihr geiſtlicher Bruder ſein gehabtes Aben⸗ theuer mit allen Nebenumſtaͤnden erzaählte. Im Stillen beneideten ſie ihn, und jeder von ihnen waͤr' gern an ſeinem Platze ge⸗ weſen. Faſt hingeriſſen von Ambroſius genauer Darſtellung uͤber das Geſehene, be⸗ achteten ſie anfangs das Reſultat der Ge⸗ ſandtſchaft zum Klausner etwas minder, bis ſich allgemach ihre Gedanken wieder auf die Hauptſache wendeten.— Abt und Moͤnche konnten ihren Verdruß nicht bezwingen, weil ſie nun vorausſahen, daß ihre Pokale, ſo tange der Raubritter lebe, als verloren zu betrachten waren. Hinſichtlich des ſonder⸗ baren Klausners wurde beſchloſſen, dem Grafen von Mansfeld und dem Ritter Bodo — wenn ſie zum Kloſter kaͤmen, um das befreite Fraͤulein mit dem Ritter Walther abzuholen— dieſen Vorfall zu erzählen, um deren Gutachten daruber zu vernehmen. 8. Kaum hatten die erſten Sonnenſtrahlen den neu beginnenden Tag beſchienen, der dem Grafen ſeine geliebte Tochter und ihren Spon⸗ ſen in die Arme fuͤhren ſollte, als Jener mit Bodo, Rudolph und einigen ſeiner Reiſigen, die noch zwei Roſſe mit ſich fuͤhrten, vor dem Kloſter ankam. Der Kloſterknecht oͤffnete ihnen ſogleich die Pforte. Die Ungeduld ließ aber den Grafen nicht lange zöͤgern; Ru⸗ dolph und zwei der Reiſigen mußten ſofort zur Burg. Nachdem Jener zweimal ins Huͤfthorn geſtoßen, erſchien ein Knecht Hu⸗ go's auf der Mauer, und Rudolphs Begehr um Einlaß wurde ohne weiteres bewilligt. „Wo iſt Dein Herr?“ fragte Rudolph den Knecht, der ihm das Thor geoffnet und ihm folgte. „Davon kann ich Euch keine Nachricht geben!“ erwiederte derſelbe. 104 Rudolph. Zum Teufel! Kerl, Du wirſt doch wohl wiſſen, in welchem Gemach Dein Herr gewoͤhnlich hauſet? Knecht. JI nu, der hauſet uͤberall in ſeiner Burg⸗ Rudolph. Narr! mit Deiner ver⸗ kehrten Antwort!— fort und rufe gleich den Ritter Hugo! Knecht. Das iſt unmöglich, wenn ich auch die Lungenkraft von tauſend Menſchen haͤtte; uͤberdieß wuͤßte ich nicht einmal, nach welcher Weltgegend ich hinrufen ſollte. Rudo lph. Das heibt Dein Herr iſt nicht daheim. 3 Knecht. So iſt's! Rudolph. So wirſt Du mir 6 wohl ſagen konnen, in welchem Gemach Eu⸗ rer Burg das gefangne Fräulein von Mans⸗ feld und in welchem Verließ der Ritter Walthe⸗ ſich befinden. Knecht. Ich weiß weder von einem gefangnen Fraͤulein, noch von einem einge⸗ 105 ————— ſperrten Ritter, daher kann ich auch dieſe Fragen Euch nicht beantworten; denn uͤber ſolche Sachen hat der Burgherr noch nicht mit mir geredet, dergleichen verhandelt er, wie ich glaube, nur mit ſeinem Ohm, dem Burgvogt. Rudolph. So hole mir ſogleich den. Knecht. Das geht auch nicht, da er mit unſerm Herrn gezogen. Rudolph. Daß ihn Gott todte, den Verdammten!— Aber Du wirſt doch wiſ⸗ ſen, ob die Burgfrau, ſeine Mutter, hier iſt? Knecht. Die kenn' ich noch nicht. Rudolph(ans Schwerdt greifend). Das Wetter komme uͤber Dich, wenn ich nicht ſogleich gehoͤrige Auskunft erhalte! Knecht. Maͤßigt nur Euren Zorn ge⸗ gen mich. Ich kann Euch nichts weiter ſagen, als was ich ſeit drei Tagen, die ich beim Burgherrn im Dienſt bin, weiß, und das iſt ſehr wenig. Er hat mir einſtweilen den Befehl gegeben, die Burgpforte zu off⸗ 106 nen, wenn vom Grafen Mansfeld Einlaß begehrt wuͤrde Ueber das Weitere muß Euch der alte krumme Burgknecht Martin Aus⸗ kunft geben, den ich holen werde, wenn die Gicht ihm etlaubt den Bettſchragen zu ver⸗ laſſen. Waͤhrend dieſer ging, beſchaͤftigte ſich Rudolph mit ſeinen beiden Kumpanen, einige offen ſtehende Gemaͤcher zu durchgehen und den Namen des Fraͤuleins Adelheid zu rufen, erhielt aber keine Antwort. Jetzt kam der Knecht mit dem alten, ziemlich lahmen Mar⸗ tin.—„Gruͤß Euch Gott!“ ſagte er,„ich habe ſo eben Euer Verlangen erfahren.“ Rudolph. und will im Augenblick Befriedigung deſſelben, indem unſer edler Herr, der Graf, mit hochſter Ungeduld im Kloſter harrt, ſeine Tochter aus den Raͤu⸗ berhaͤnden erloͤſt zu ſehen, ſo wie Ihr auch keinen längern Anſtand nehmen werdet, den unverantwortlicher Weiſe eingekerkerten Rit⸗ ter Walther von Wolföthal zu befreien. 107 Martin. Dieß letzte kann ich Euch ſo⸗ fort gewaͤhren, weil der Befehl des Ritters Hugo hiezu mir den Tag vor ſeiner Abreiſe geworden. Folgt mir nur; jedoch muͤßt Ihr Nachſicht mit mir haben, wenn's ein wenig langſam geht, da die Gicht mich zu Zeiten ſtark mitnimmt. Sie gingen nun durch verſchiedene Gaͤnge, bald mehrere Stufen auf⸗, bald wieder ab⸗ waͤrts, bis ſie endlich tief unten an ein paar eiſerne Thuͤren kamen, die von Martin ent⸗ riegelt und gedffnet wurden. Groß war die Freude Rudolphs, ſeinen geliebten Herrn wieder zu ſehen; auch Walther war ergrif⸗ fen und umarmte ihn mit Herzlichkeit. „Ihr ſehd frei, edler Herr, ſo iſt der Befehl des Ritters Hugo!“ ſagte Martin. „Hat der Satan der Gehoͤr gegeben?“ Ungeſaͤumt verließen ſie das Verließ, welches Walthern, wegen der Unruhe fuͤr ſeine theure Adelheid, zwar hart angegriffen, 108 doch ſeiner kernfeſten Geſundheit um ſo we⸗ niger geſchadet hatte, weil der mitleidvolle Martin ihn, freilich gegen den Willen ſeines Herrn, mit guten Speiſen und auch oͤfters mit einem Labetrunk Nierenſteiner verſehen. Oben an dem Gemach angekommen, war ſeine erſte Frage:„Wo iſt meine Adelheid?“ „Das Raͤhere uber dieſen Umſtand muͤßt Ihr Euch, Herr Ritter, von unſers Herrn Mutter ſagen laſſen. In der Burg iſt„ nicht mehr.“ „Nicht mehr in der Burg und auch nicht bei dem Vater?“ fragte voll Verwunderung und auffahrend Rudolph. „Was? nicht hier und nicht auf NMans⸗ feld?— wo denn?— Fort zu des Buben Mutter, daß die uns Aufſchluß gebe!“ wuͤ⸗ thete Walther, wobei er einem von Rudolphö Kumpanen das Schwerdt aus der Scheide riß.„Wo iſt das Weib? wo find' ich ſie? Wehe ihr, wenn ſie mir nicht augenblicklich Adelheids Aufenthalt entdeckt!“— So tobte 109 er in hoͤchſter Wuth umher und riß mehrere Fluͤgelthuͤren, die zu andern Gemaͤchern fuͤhr⸗ ten, mit kraftvollen Armen faſt aus der Angel. „Setzt nur einſtweilen Eurem Unmuth Graͤnzen, Herr Ritter, ich werde Euch zu der Frau Bertha fuͤhren!“ ſagte aͤngſtlich der alte Martin, von dem jungen Feuerkopf nichts Gutes erwartend. „So komm geſchwind, alter Mitſuͤnder!“ und hiermit packte er ihn unter den Arm und zog ihn fort. „Um Gotteswillen! ſachte, Herr nite. ſachte! Habt Erbarmen mit meinen Gebei⸗ nen, die mit den Eurigen S gleichen Schritt halten koͤnnen.“ Fuͤr Walthers Ungeduld dauerte aber der Weg der Stiegen zu den Gemächern im zwei⸗ ten Geſchoß zu lange; er war daher eben im Begriff, den Gichtlahmen auf den Arm zu nehmen, um ſchneller zur Burgfrau zu als Martin vor einer Thuͤr ſtehen ſagte:„Dieſes iſt das Prunk⸗ 110 gemach der Burgfrau; 4 werde bei ihr melden.“ „Was faſelſt Du, ater Nurr! Der i⸗ genthuͤmer dieſer Veſte ſoll ſich bei einem Weibe, die gar nicht hieher gehort, erſt lange melden laſſen, auch wohl gar ſo lange war⸗ ten, bis es der Hochgebietenden gefallig waͤre, ihn einzulaſſen?“ Und ſo ſtuͤrmte er ins Gemach hinein. Bertha bekam einen nicht geringen Schret⸗ ken uͤber Walthers plotzliches Erſcheinen⸗ Sie nahm ſich jedoch zuſammen, und empfing ihn mit dem Anſtande, welcher ihr bei den bewandten Umſtaͤnden in dieſem zu Gebote ſtand.. „Wo iſt meine verlobte Braut, adel- heid von Mansfeld?““— fragte Walther mit zornigem Blick und entbloͤßtem Schwert. Bertha, in nicht geringer Verlegenheit, wie ſie dem wuͤthenden, ſchwer beleidigten Ritter gleich begegnen ſollte, hielt lich die Antwort etwas zuruͤck. 113 —— ℳ mir, daß derſelbe ihm befohlen, Euch, Herr Walther, Eurer Haft zu entlaſſen. Dieß iſt Alles was ich zu ſagen weiß, und wenn Ihr mir auf der Stelle das Leben nehmt. Walther(zu Martin). Weißt Du denn nichts Naͤheres2 Martin. Nichts weiter, edler Herr, als daß unſte Knechte, bis auf ein paar alte, die noch im Zwinger ſind, und mich Gichtlahmen vorgeſtern Nacht in aller Stille mit ihren und noch zwei geſattelten Roſſen, unter dem Vor⸗ ritt des Burgvogts, aus der Veſte zogen, wonach ich die Zugbruͤcke ſogleich wieder auf⸗ winden mußte. Unſer Herr war aber nicht dabei. Auf welche Weiſe er nachher aus der Burg gezogen, kann ich Euch nicht ſagen. Bertha(bei Martins Worten aufmerkſam, fur ſich). Ach Gott im Himmel! nun iſt mir Alles klar.— Schweigen iſt aber jetzt meine erſte Pflicht; das Gegentheil koͤnnte ſonſt uns und unſern Freund vielen ausſetzen. n. 8 114 Rudolph. Gott ſeyh Eurem u Sohn gnaͤdig, wenn wir ſeine Faͤhrde auf⸗ ſpuͤren! Walther. Auf dann, fort zum edlen Grafen, um ihn von Neuem das traurige Schickſal Adelheids zu verkuͤnden. Bertha war herzlich froh, Walthers wei⸗ tern Nachforſchungen entgangen zu ſeyn, ob⸗ gleich ſie nicht umhin konnte, ihren Stief⸗ ſohn dieſer ungluͤcklichen Verhaͤltniſſe wegen zu beklagen, Hugo'n dagegen im Herzen wegen ſeiner That ſehr zu tadeln. 9. Welche Schreckensnachricht war fuͤr den Mansfelder die abermalige Bubenthat Hugo's. „O mein Gott und Herr! wie wird meine gehoffte Freude ſo furchtbar vernichtet!— Meine arme ungluͤckliche Tochter, was mußt du leiden! und wie beklage ich Dich, guter Walther.“ 115 „Der Allmaͤchtige moͤge mich den Ver⸗ ruchten finden laſſen, mein Schwerdt ſoll er fuͤhlen!“ „Ich koͤnnt' es Dir zwar nicht verdenken, wenn Du dem Nichtswuͤrdigen Dein Schwerdt in die Gurgel ſtießeſt, aber Du darſſt es nicht thun; ſein Vater war auch der Deinige.“ „Aber, edler Graf, wie koͤnnt' ich mich maͤßigen gegen dieſen heilloſen Schandfleck, der uns hoͤhnt, der meine ungluͤckliche Adel⸗ heit am Ende noch O Gott im Himmel!— laß dieſen graͤßlichen Gedanken mein Herz nicht erfuͤllen, damit ich nicht wahnſinnig werde!“— „Wir wollen von Gottes Gnade erwar⸗ ten, daß er das Schlimmſte verhuͤten wird.“64 4, Der Abt und ſeine Monche waren jetzt„— auch herein gekommen, und verwunderten ſich nicht wenig, als ſie die neue Bubenthat Hugos vernahmen. „Dieſer gottloſe Ritter, ein Feind aller Guten, ſcheut weder Fegefeuer noch Hoͤlle, 4 85 1¹6 und muß an gar keinen Gott glauben, weil er, denkt Euch, Herr Graf, das Unerhoͤrte! ſich entblodet hat, uns die ſilbernen Trinkpokale geradezu wegzunehmen und dafuͤr hoͤlzerne Humpen zu ſchicken,“ ſagte der Abt, wobei er ſehr breit die Art und Weiſe erzaͤhlte, wie Hugo in's Kloſter gekommen- „Hol' doch der Geier Eure Trinkgefaͤße, Herr Abt! um dieſen Raub wird ihn der Teufel am wenigſten anpacken. Wenn Ihr „ — aber ein Mittel angeben Koͤnntet, wie unſer edler Graf den Aufenthalt ſeiner Tochter er⸗ fährt, ſo wuͤrde er Euch gewiß gern ein paar Dutzend beßre dafuͤr ſchenken,“ ent⸗ gegnete Rudolph. „Ach guͤtiger Himmel! welch' ein Glůck waͤre das fuͤr uns. Ich werde mit meinen heiligen Bruͤdern uͤberlegen, was hier anzu⸗ fangen,“ verſetzte der Abt. Sein und ſeiner Moͤnche Einſichten wa⸗ ren jedoch wenig geeignet, etwas zu erden⸗ ken, was ſo weit ͤber ihre klöſterliche An⸗ 117 gelegenheiten hinaus reichte. Zwar haͤtte der nicht geiſtesſchwache Ambroſius wohl auf ein Mittel fallen koͤnnen, wenn man ihn dazu Zeit genug gelaſſen; allein die Ungeduld des Ritters Walther, und des Grafen Beſorgniß um Adelheid war viel zu groß, und den Ort anzugeben, wohin ſich Hugo gewendet, lag im Bereich der Unmoͤglichkeit. Doch erzaͤhlte Ambroſius den Kloſtergaͤ⸗ ſten bei dieſer Gelegenheit ſein gehabtes Aben⸗ theuer mit dem Klausner und der Burgfrau„ Bertha. Der Graf und Walther beachteten dieſe Nachricht wenig, aber dem Ritter Bodo fiel ſie um ſo mehr auf, und erweckte ſchnell ſein Nachdenken, da er der Erzaͤhlung ſeine ganze Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte. Man⸗ nigfaltige Gedanken durchkreuzten ſich bei ihm, und er nahm ſich vor, im geheim einen Auf⸗ ſchluß daruͤber zu erforſchen. Deßwegen be⸗ auftragte er auch Ambroſius, ſich von Zeit zu Zeit zum Klausner zu verfuͤgen, ſo viel als nur moͤglich auszukundſchaften, und E N 118 Alles, was er ſaͤhe und hoͤre, ihm bei der nächſten Wiederkehr mitzutheilen. Die Ritter verließen nun das Kloſter und zogen gen Mansfeld. Hier uͤberlegten ſie, auf welche Art dem ſchändlichen Räu⸗ ber auf die Spur zu kommen waͤre, und wo er das Fraͤulein verborgen halte. Aber alle Anſtrengungen blieben fruchtlos; ob⸗ gleich der edle Mansfeld mit Walthern die bekannten und unbekannten Gauen, Schloſ⸗ ſer und Burgen in allen Richtungen durchzog und beſuchte, auch an allen moͤglichen wei⸗ teren Erkundigungen es nicht fehlen ließ. Eben ſo kehrte Ritter Bodo in Begleitung Rudolphs, den er ſich vom Grafen erbeten, von ſeinen Kreuz⸗ und Querzuͤgen zuruͤck, ohne eine Spur von Adelheid's Aufenthalt erforſcht zu haben. Dem Grafen hatte dieſes ſtarke, oft naͤcht⸗ liche Umherreiten, verbunden mit dem Kum⸗ mer uͤber den langen Verluſt ſeiner Tochter, * 119 ſo ſehr angegriffen, daß er, um ſich nicht einer Krankheit auszuſetzen, von dem wei⸗ tern Herumreiſen abſtehen mußte, und nach ſeinem Burgſchloſſe zuruͤck zu kehren gend⸗ thigt war. Walther verfolgte hingegen, wuthent⸗ brannt gegen ſeinen tuͤckiſchen Stiefbruder, und mit aͤngſtlicher Beſorgniß um ſeine Adelheid, unausgeſetzt mit ein paar Knap⸗ pen des Grafen Wege, und ſprach auf allen nah' und fern gelegenen Burgen ein, wo er nur immer glaubte etwas erfahren zu koͤnnen. So fuͤhrte ihn denn auch ſein Weg zu der Burg ſeines Freundes Eduard von Maienthal. „Herzlich, recht herzlich willkommen, Freund Walther! Was verſchafft mir das Gluͤck, Euch auf unſerer Burg zu ſehen?“ „Ach Gott! lieber Eduard, ſeit unſrer Ruͤckkehr aus dem Tuͤrkenlande hat ein heil⸗ loſer Ungluͤcksſtern uͤber mir gewaltet und ich bin bis dieſe Minute nicht froh gewor⸗ 120 den. Schon lange treibe ich mich in allen Richtungen umher, um einen Teufel aufzu⸗ ſuchen, der mir mein ganzes irdiſche Gluck, meine verlobte Braut Adelheid von Mans⸗ feld, geraubt hat.“ „Da beklag' ich Euch vom Grunde mei⸗ ner Seele, und nehme den lebhafteſten An⸗ theil an Eurem gerechten Schmerze.“ unter ſolchen Geſpraͤchen fuͤhrte ihn Eduard in's Gemach zu ſeinem Vater.— Bei dem dargereichten Labetrunk und Imbiß erzaͤhlte Walther ihnen ſein Ungluͤck. Hochſt unwillig daruͤber, verwuͤnſchten ſie den nichts⸗ wuͤrdigen Raͤuber und Eduard erbot ſich, ſo⸗ gleich ſeinen Freund zu begleiten, welches dieſem ſehr willkommen war. Am raͤchſten Morgen zogen ſie zuſam⸗ men aus, ſprachen aber erſt noch bei Wal⸗ dinen ein. „Nicht wahr, liebe Waldine, mein Freund Walther hat ſich als Dein Befreier aus Raͤuberhaͤnden ein hohes Recht auf meine 121 unbegraͤnzte Freundſchaft und auf Deine Dankbarkeit erworben?“ „Stets wird es bei mir im Andenken bleiben, was Ihr, Herr Ritter, fuͤr mich gethan. Wer wuͤßte wo ich hingekommen waͤre, wenn Ihr nicht mein Retter wart!“ „Ihr rechnet mir meine Ritterpflicht zu hoch an, meine gute Waldine,“ erwie⸗ derte Walther. „Gleiche Liebe will ich jetzt fuͤr meinen edlen Freund uͤben, deſſen boshafter Stief⸗ bruder ſeine Braut geraubt. Wir ſind eben im Begriff, den Raͤuber aufzuſuchen.“ „Da moͤgen Euch die heiligen Engel leiten und Eure Wuͤnſche baldigſt ſegnen. Beten wird die arme Waldine fuͤr Euch fruͤh und abends.“ Unter dieſen herzlich gemeinten Worten zogen ſie von dannen, nachdem Eduard zuvor Waldinen entdeckt hatte, daß ſeine Liebe fuͤr ſie Walthern kein Geheimniß waͤre. 10. Dem Auftrage des Ritters Bodo zu Folge hatte ſich der Pater Ambroſius oͤfters zur Klausnerwohnung begeben„ aber verge⸗ bens waren ſeine wiederholten Wanderun⸗ gen geweſen; ungeachtet alles Pochens fand er keinen Einlaß. Eben ſo fruchtlos blieb ſein Lauſchen und das Lugen durch das Fenſter, welches jetzt von innen mit dicker Leinewand behangen war. 5 Eines Morgens kehrte Ritter Bodo mit ſeinem Begleiter Rudolph im Bernhardtö⸗ Kloſter ein.„Nun, Herr Pater, habt Ihr, meinem Wunſche gemaͤß, etwas uͤber den Eremiten und ſeine Wohnung auskund⸗ ſchaftet?“ fragte Bodo Ambroſius. „Leider nichts, Herr Ritter!“ und ſo erzaͤhlte er ſeine vergeblichen Wanderungen 123 und ſeine ſtets fehlgeſchlagnen Hoffnungen, den Klausner zu ſprechen. „Eure fruͤhere Erzaͤhlung hat meine Neu⸗ gierde ſehr erregt, den Nachbar Klausner ſelbſt kennen zu lernen. Wir wollen hin, Rudolph, und ihm Rede abzugewinnen ſu⸗ chen, zugleich auch ſeine Klausnerei ein we⸗ nig erforſchen.“ „Recht gern, Herr Ritter!“ ſagte Ru⸗ dolph. Ihren Entſchluß fuͤhrten ſie auch ſogleich aus. Der Pater wollte ihr Fuͤhrer ſeyn; denn er hoffte vielleicht etwas mehr zu erfahren wie bisher, da ein Ritter, mit dem Schwerdt angethan, gewiß einen beſ⸗ ſern Eindruck auf den Alten machen wuͤrde, als er in ſeinem heiligen Gewande. Zwiſchen Geſtruͤpp und unter Baͤumen durchgewunden, befanden ſie ſich endlich vor des Alten Wohnung; ſie war verſchloſſen. „Da haben wir's, Herr Ritter,“ ſprach Ambroſius,„ich dachte wohl, daß wir 124 unverrichteter Sache wieder heim ziehen wuͤrden.“ „Das laſſ' ich bleiben, ſollte ich auf ſeine Ruͤckkehr auch bis zum Abend warten; denn Eure Erzaͤhlung hat beſondere Gedan⸗ ken in mir erregt, warum ich in dieſer Sache naͤhern Aufſchluß haben will.“ Bereits waren zwei Stunden verfloſſen, waͤhrend denen der Ritter und Rudolph das Terrain, ſo weit es ſich thun laſſen wollte, unterſuchten, aber keine Pforte oͤffnete ſich; auch hoͤrte man, trotz des genaueſten Lau⸗ ſchens, nicht die mindeſte Bewegung im Innern. Dieſes langweilige Harren machte Ru⸗ dolphen endlich verdruͤßlich, ſo daß er zu dem Ritter ſagte: es moͤchte doch wohl keine Suͤnde ſeyn, wenn man ſich eigen⸗ maͤchtiger Weiſe einen Eingang verſchaffte. Ambroſius hatte zwar eine leiſe Ein⸗ rede, daß es gegen die Heiligkeit eines Ere⸗ miten ſtritte, wenn man in ſein Aſyl unbe⸗ 125 rufener Weiſe eindraͤnge. Da aber der Ritter Rudolphs Meinung war, ſo wider⸗ derlegte er ihm dieſe durch den trifftigen Grund, daß ihn ja ſelbſt ſeine Neugierde zwaͤnge, ſich Aufſchluß uͤber deſſen Verhält⸗ niß zu verſchaffen. Rudolph hatte kaum ſeines Herrn Wil⸗ len vernommen, als er durch einen kraͤfti⸗ gen Fußtritt die Thuͤr, die ohnehin nicht ſehr ſtark und feſt war, aufſtieß. Als ſie hineingingen, wunderte Bodo ſich, hier ein Gemach zu finden, welches im Vergleich mit allen uͤbrigen Einſiedlerwohnungen, deren er viele kannte, keinesweges harmonirte. Die Thuͤr, welche ins Rebengemach fuͤhrte, war zwar von jener Seite verriegelt, doch ein zweiter Fußtritt ſprengte dieſe bei weitem leichter. Nicht genug konnte Bodo das ſchoͤne geraͤumige Prunkbett, welches auf den angeſehenſten Ritterburgen kaum vorzuͤglicher gefunden ward, bewundern; auch fand er, beim fernern Herumſchauen, den grauen 126 Nantel mit der Kaputze, ein greiſes Haupt⸗ haar und einen weißen Bart; in der Ecke lehnte ein Schwerdt, und bei zufaͤlliger Auf⸗ hebung des Gewandes gewahrte er Helm und Panzer unter demſelben. „Den ſonderbaren Patron koͤnnte man die irdiſche Dreifaltigkeit nennen; denn zwei ganz verſchiedene Bekleidungen finden ſich hier, und in einer dritten muß er doch wohl auf der Wanderung ſehn, wenn er nicht wie Adam im Paradieſe geht!“ bemerkte Rudolph. „Dein Einfall iſt nicht unpaſſend!“ entgegnete Bodo. Eine Zeitlang hatten ſie ſich durch man⸗ cherlei Betrachtungen unterhalten, wobei der fromme Pater beſonders mit wohlgefaͤlligen Augen das Bett betrachtete, und mit ſeinen heiligen Haͤnden die Dunenweichheit unter⸗ ſuchte. Endlich aͤußerte er, ſeine Ruͤckkehr zum Kloſter nehmen zu muͤſſen, warf noch einen Blick herum, prallte aber plotzlich zu⸗ —2 ruͤck:„alle guten Geiſter! eine Erſcheinung!“ ſchreiend. Ritter Bodo und Rudolph geriethen in nicht geringes Erſtaunen, als ſie hinter dem Bette einen Theil des Fußbodens ſich all⸗ gemach erheben und aus der Vertiefung einen Mann heraufſteigen ſahen, der, erſchreckend, Gaͤſte in ſeiner Wohnung zu finden, anfaͤng⸗ lich nur mit dem halben Leibe hervorkam. Viel groͤßer aber wurde das Verwundern Bodo's, da er in der Erſcheinung den— Freigrafen von Woldemar, in einer ſaubern Hauskleidung, ſogleich erkannte. „Ei, bei allen Heiligen! das ſeyd Ihr ja leibhaftig, Herr Freigraf!— war't Ihr ſeit kurzem Todes verblichen und ſteht ſchon wieder auf? oder habt Ihr bloß einen Be⸗ ſuch in der Unterwelt abgeſtattet?“ mit ſehr ernſtem Tone Bodo. „Wahrſcheinlich hat der edle Herr Graf im Schooße der Erde ſich etwas abkuͤhlen wollen!“ bemerkte Rudolph liſtig. 128 ——— Pater Ambroſius ſtand offnen Mundes uber dieß neue Ereigniß da. Nach und nach ermannte ſich der Frei⸗ graf; aber in dem Grade wie ſich ſein erſtes Erſtaunen minderte, vermehrte ſich ſein Grimm. Mit zornfunkelnden Augen blickte er erſt den furchtſamen Moͤnch und darauf die beiden Andern an.—„Welcher Unhold hat Euch hieher gefuͤhrt? Wer gab Euch das Recht, in meine verſchloßne Huͤtte gewalt⸗ ſam einzudringen?“ fragte er aufgebracht. „Schreibt dieſes beſondern umſtaͤnden zu, die mich hiezu veranlaßt haben!“ ent⸗ gegnete Bodo. Freigraf. Die moͤgen ſehn, welche ſie wollen, ſo berechtigen ſie nicht!, durch einen dummkdpfigen Pfaffen, der meinen Zorn noch fuhlen ſoll, ſich zu ſo einer ungebuͤhrli⸗ chen That verleiten zu laſſen. Dem gebeugten Pater wackelten wegen dieſer harten Worte vor Schreck die dicken Wangen. Keiner Entſchuldigung maͤchtig und 129 um kein weiterer Zeuge in dieſem Streite zu ſeyn, ſchlich er ſtill davon. Bodo. Wenn Ihr meine That fuͤr un⸗ gebuͤhrlich haltet, ſo weiß ich bei Gott nicht, welchen Namen ich Euren S lungen geben ſoll. Freigraf(zornig). Hoͤll' und Luſel Wißt Ihr nicht, mit wem Ihr redet? Bodo(gelaſſen). Allerdings, mit dem Ritter Woldemar, der ſich, als Freigraf des Vehmgerichts, von manchen Seiten darge⸗ ſtellt, die ihm nicht zur Ehre gereichen. Freigraf. Das Wetter uͤber Euren Kopf, wenn ich zum Schwerdte greife! Bodo(tritt mit kalter Gelaſſenheit in die Ecke, nimmt das Schwerdt und reicht es ihm hin). Hier, Herr Ritter, nehmt Euer Schwerdt; da Ihr jedoch ohne Helm und Panzer zu ſehr im Nachtheile gegen mich ſtaͤndet, ſo bekleidet Euch erſt damit, dann wollen wir uns ins Freie begeben und verſuchen, weſ⸗ ſen Kraft die gewichtigſte iſt. m. 130 — So ſchnell als die Wuth bei dem Freigra⸗ fen entſtanden, folgte dieſer jetzt die Ueber⸗ zeugung, den Kampf unverweilt abzuwen⸗ den, um ſich keiner doppelten Beſchaͤmung auszuſetzen. Groͤßer noch war die Verle⸗ genheit, wie er die von einander abweichen⸗ den Bekleidungen: Helm, greiſes Haupthaar, Panzer, Cremitenmantel, Bart und Schwerdt mit einiger Wahtſcheinlichkeit in Vereinigung bringen ſollte. Gedankenvoll uͤberlegend, ſtand er eine Weile ſtill. Bodo. Nun, Herr Freigraf, ſoll ich Euch wapnen helfen? Freigraf. Meiner Wuͤrde gemaͤß, und vermdge unſerer Geſetze, darf ich mich nicht mit einem der Vehme Angehoͤrigen in einen Kampf einlaſſen, es muͤßte mich denn einer unſrer Bundesbruder perſonlich vertreten Da ich nun aber fuͤr zwecklos halte, den Streit noch weiter zu treiben, ſo bitte ich, Euch zu entfernen. 181 Bodo. Doch nicht, ohne Aufſchluß zu erhalten, was Eure Mummerei bezweckt?— Freigraf(bös). Darnach zu fragen, geziemt Euch nicht. Der Freigraf des gehei⸗ men Gerichts kann nach ſeiner Willkuͤhr han⸗ deln, wie er es fuͤr dienlich erachtet; genug, wenn er Gruͤnde dazu hat, und dieſe mitzu⸗ theilen, finde ich mich keineswegs befugt. Wir ſind mit einander fertig. Entfernt Euch daher. Bodo. Ja, ja, jetzt erſt iſt mir Eure Theilnahme fuͤr Hugo erklaͤrlich.(Wit eini⸗ gem Nachdruck.) Ob Ihr aber bei dem Her⸗ zoge, unſerm Stuhlherrn, mit dem wunder⸗ lichen Spiel, das Ihr treibt, und den man⸗ cherlei gemachten Anzeigen auch ſo bald werdet fertig werden, habt Ihr zu erwar⸗ ten.(Gurz.) Einſtweilen Gott befohlen, Herr Ritter Woldemar!— Obſchon Jene ſich entfernt hatten, war der Freigraf doch nicht minder ruhig. Sein Aſyl war ihm nun kein ungeſtorter Sicher⸗ heitsort, da Schloß und Riegel es nicht 9* 132 ſchuͤtzten. Was den Ritter Bodo bewogen haben mochte, auf dieſe Art in ſeine Eremi⸗ tage zu dringen und den Pfaffen mit hieher zu bringen, konnte er ſich nicht erklaͤren. Seine Verhaltniſſe, glaubte er, mußten doch demſelben, wie jeden Andern, ein Geheimniß ſeyn, weil theils ſeine Klauſe ſehr verſteckt lag, theils er ſich fuͤr dftere Beſuche ge⸗ ſichert hatte. Daß Pfaffenneugierde manches auszuſpioniren wußte, war ihm wohl bekannt, ſo wie die unberufene Einmiſchung in Dinge, die ihnen nichts angingen. Was ihm aber beſonders großen Verdruß machte, war die nunmehrige Unſicherheit, mit welcher er ſeine unterirdiſchen Wanderungen machen muͤßte, indem er jedesmal zu befuͤrchten habe, nach ſeiner Ruckkehr ungebetene Gaͤſte in ſei⸗ ner Klauſe zu finden. Die Mummerei konnte er allenfalls damit entſchuldigen, hiedurch um ſo eher hinter manche zweideutige umtriebe zu gelangen; aber wie bemaͤntelte er den zufaͤlligen Verrath ſeines geheimen Verhaͤlt⸗ niſſes? Dieß reiflich zu uͤberlegen, mußte er ſich beſonders angelegen ſeyn laſſen. 3 11. Sein verworfnes Spiel verloren haltend, Adelheid weder durch guͤtliche noch drohende Vorſtellungen zu bewegen, ſein Weib zu wer⸗ den, machte endlich Hugo'n ſo wild und ſtoͤrrig, daß er ihr mit zornfunkelnden Au⸗ gen erklaͤrte: ihren Buhlen und Vater mit ſeiner Rache ſo lange zu verfolgen, bis ſie zuletzt, ganz davon ermuͤdet, aus Verzweiflung ihren Zweck aufgeben wuͤrden. Adelheid blieb feſt und ſtandhaft. Im ſtillen andaͤchtigen Gebet wandte ſie ſich je⸗ desmal, wenn ihr Peiniger ſie verließ, an ihren Schoͤpfer, und bat flehentlich, ihr Be⸗ ſchutzer in dieſer ungluͤcklichen Lage zu bleiben. Eines Abends trat Hugo voͤllig geruͤſiet in ihr Gemach.„Ihr folgt mir ſogleich, Fräulein, und werdet Euch gefallen laſſen, 134 daß ich Euch erſt eine Binde vor die Mupen lege.“— „Glaubt Ihr gottloſer Thrann denn, durch Zwangsmittel wilffaͤhiger fuͤr Eure Wuͤnſche zu machen, ſo irrt Ihr Euch ſehr. Gelingt es meinem edlen Vater oder Wal⸗ thern nicht, mich aus Euren Raͤuberhaͤnden zu retten, ſo weiß Adelheid von Mansfeld zu ſterben!“ „Wahrhaftig, an Euch iſt ein tuͤchtiger Ritterbube verloren gegangen, denn Ihr zeigt einen gewaltigen Muth!“ ſagte er hohnend, ein Tuch unter dem Bruſtharniſch hervorzie⸗ hend, um der weinenden Adelheid damit die Augen zu verbinden. „Die Rache des Himmels wird Euch beſtimmt ereilen; wehe Euch dann, wenn die Fluͤche und Verwuͤnſchungen aller derer, die Ihr unglucklich gemacht, Euch zu Boden druͤcken! Eure LTeufel werden dann auch hohnlachen, wenn Ihr, von den Gewiſſens⸗ biſſen gemartert, gleich einem zertretenen 135 Wurm Euch kruͤmmt und den Hoͤllengeiſtern anheim fallt!“ „Ihr habt ohne Zweifel dieſe niedlichen Pfaffenworte in irgend einem Kloſter gelernt und ſie in Eurem Gedaͤchtniß aufbewahrt, um gelegentlich davon Gebrauch zu machen. Da mir, Hugo von Wolföthal, ſolch Ge⸗ waͤſch keinen Kummer macht, ſo verfolge ich jetzt meinen feſten Vorſatz, in welchen Ihr Euch gehorſam zu fuͤgen habt.“ Bei dieſen Worten hatte er ihr das Tuch vor die Augen gebunden, nahm ſie nun kei der Hand und fuͤhrte ſie fort. Sich gegen dieſen Unhold ſtraͤuben, waͤr vergebene Muͤhe geweſen. 6 1 Die leidende Adelheid konnte weiter nichts bemerken, als daß ſie, von ihm erſt durch einige Gaͤnge und Thuͤren gefuͤhrt, viele Stu⸗ fen auf einer ſteinernen Treppe hinunter ge⸗ hen mußte. Nun ging es eine ganze Weile gerade aus, bis er ſie wieder eine Treppe von betraͤchtlicher Hoͤhe hinauf fuͤhrte. Als 136 ſie oben waren, ſchien ſie ſich in einem Ge⸗ mache zu befinden; Hugo offnete eine Shuͤr, durch welche ſie in ein zweites Zimmer ge⸗ langten; hier hatte ſie den Schreck, daß ein Zweiter ſie unter den Arm faßte und ſo von Beiden fortgefuͤhrt wurde. Daß ſie gleich nach ihrem Austritt aus dem Gemache ſich im Freien und in einem Geholz befand, ſagte ihr das unſichere Gehen. Nachdem dieſer beſchwerliche Gang wohl eine gute halbe Stunde gedauert, nahm Hugo ihr die Binde von den Augen. Jetzt ſah ſie⸗ ſo viel es die Dunkelheit der Nacht erlaubte, ſich am Ausgange eines Waldes. Hier hielt ein Wagen und zwei berittene Maͤnner, wel⸗ che noch zwei andere Roſſe bei ſich hatten. Adelheid mußte ſich bequemen, auf den Wa⸗ gen zu ſteigen. Hugo und ſein Begleiter ſetzten ſich zu Roſſe, worauf alle eiligſt die Reiſe fortſetzten. Die gänzliche unbekanntſchaft mit der Gegend und das Dunkel der Nacht ließ die 137 Trauernde in voͤlliger Ungewißheit, wo ſie war. Nur ſtille Seufzer konnte ſie zum Himmel ſenden, und die heilige Mutter Gottes in beklommener Bruſt bitten, ihre Unſchuld zu bewahren und ſie endlich aus dieſer grau⸗ ſamen Lage zu retten. Mehrere Stunden waren ſo hingegan⸗ gen, als nach und nach das naͤchtliche Dun⸗ kel verſchwand, und bald darauf einige Strahlen des neuen Morgens ſichtbar wur⸗ den. Man erreichte jetzt einen dichten Wald von betraͤchtlicher Laͤnge, bis ſich der Weg endlich in einer Ebne endigte, von wo aus in einer Ferne von einer Viertelſtunde eine alte Burg ſichtbar wurde, die auf einem grauen, bemoosten, hohen Huͤgel lag. An dem Fuß deſſelben angelangt, mußte ſie von dem Wagen herabſteigen. Hugo und deſſen Begleiter, in welchem Adelheid den Burgvogt zu erkennen glaubte, obgleich ſie dieſen nur einige Mal auf Wolfs⸗ thal zu ſehen Gelegenheit gehabt, nahmen 138 ſie nun wieder unter die Arme und fuͤhrten ſie eine ſteile Anhoͤhe hinauf bis zur alten Veſte. Einem Opferlamme gleich, wankte die Arme, zwiſchen ihren beiden Henkern, auf den vom Alter und dem Zahn der Zeit faſt ganz zerbroͤckelten und gefahrvoll zu be⸗ tretenden ſteinernen Burgſtiegen hinan, bis zum zweiten Geſchoß dieſer uberall verwit⸗ terten, alten Burgveſte. „Dieſes iſt ſo lange Euer Aufenthalt, bis Ihr, holdes Fraͤulein von Manszfeld, beſſere Geſinnungen, die zu meinem Frie⸗ den mit Euch fuͤhren, gegen mich hegen werdet. Gebt Euch dazu etwas Muͤhe!“ ſprach Hugo mit erzwungener Gelaſſenheit. „und wenn Ihr noch tauſend Mal Eure veraͤchtlichen Worte gegen mich wiederholt, ja wenn Ihr kaltherziger Unmenſch mich in dieſem Augenblick zu erdolchen droht, nie werde ich Euer Weib, mein Haß gegen Euch iſt unvertilgbar!“ antwortete ſie mit flam⸗ 139 mendem Blick, und ſah mit edlem Stolz auf ihn. Hugo achtete aber nicht darauf, ſondern fuhr fort:„Ich denke doch es wird an⸗ ders kommen; wenn Ihr, eigenſinnige Dirne, erſt hoͤren werdet, daß Euer Vater vor Kummer uͤber Euren Verluſt das Siegbett huͤtet und Euer krauskoͤpfiger Sponſe, der auf den Ehebund mit Euch gar lange war⸗ ten ſoll, ſich endlich eine andere freundliche Dirne erkieſet, bringt ſie auch nicht gerade ein Grafenſchloß zur Ausſteuer.“ „Alſo meint Ihr, daß unſre guten En⸗ gel nicht ſo viel Macht uͤber Euch achtungs⸗ loſen Menſchen haben werden, Eure teuf⸗ liſchen Streiche zu Schanden zu machen?“— „Ach, da gaͤb's noch viel wichtigere Dinge, welche dieſe zu Schanden zu machen haͤtten, wenn ſie ſich um alle Erdenlapalien bekuͤmmern wollten.“ „Schmach und Verderben werden Euch Gotteslaͤſterer zu ſeiner Zeit ſchon erreichen!“ 140 „Bevor dieß nicht geſchehen, bemuͤhet Euch nur zu einer geneigteren Stimmung fuͤr mich, denn lange reſpectire ich den alber⸗ nen Ungehorſam nicht mehr! Nehmt zu Her⸗ zen, daß Eure goldene Freiheit dahin iſt, wenn ihr ſie mit mir nicht theilen wollt.“ Mit dieſen Worten verließ er ſeine Gefangene. Adelheid warf ſich in einen alten Seſſel und uͤberließ ſich mit thraͤnenvollen Augen ihrem Kummer. Aus dieſem wurde ſie nach einigen Stunden durch den Eintritt einer etwas ältlichen Frau, die nach ihren Befeh⸗ len fragte, und zugleich einige Speiſen und in einem ſilbernen Becher Wein auftrug, erweckt.— „Wer ſeyd Ihr?“ fragte Adelheid. „Eure Aufwaͤrterin und Dienerin, gnaͤ⸗ diges Fräulein,“ verſetzte die Frau. „So konnt Ihr mir vielleicht ſagen, wem dieſe alte Burg gehoͤrt.“ „Daruͤber kann ich Euch keinen Beſcheid geben. Wie ſollte auch eine arme Bauer⸗ 141 frau die Ritterburgen und ihre Beſitzer ken⸗ nen, zumal ich von dem alten Ritter, der hier mit hauſet, aus der Ferne von zwei Meilen zu Eurer Bedienung hieher gebracht bin.“ Adelheid, die wohl einſah, daß dieſer Alten fuͤr jetzt nichts abzufragen war, was ihren Wuͤnſchen genuͤgen koͤnnte, ließ ſie ruhig ihr Weſen treiben. Nach einiger Zeit, da ſie ſich mit derſelben zuweilen unterhal⸗ ten hatte, bemerkte ſie, daß die Frau eini⸗ gen Antheil an ihr nahm. „Koͤnnt Ihr denn gar nichts gute Mutter, was mich aus meiner ſchreck⸗ lichen Lage zu reißen vermag?“— ſprach eines Tages Adelheid zu ihr, nachdem ſie ihre Verhaͤltniſſe offen erzaͤhlt und ſich ver⸗ traulich mit ihr unterhalten hatte. Alte. Ach Gott, wie gern moͤchte ich das, mein edles Fraͤulein, wenn ich nur irgend ein Mittel dazu wuͤßte, denn Euer 142 edler Vater wuͤrde es mir armen Weibe wohl vergelten. Adelheid. Fuͤr Euer kuͤnftiges Le⸗ bensgluck waͤre gewiß geſorgt.— Sagt, Mut⸗ ter, waͤr's Euch denn nicht moͤglich, auf eine unbemerkte Weiſe aus der Burg zu kommen, und in Geheim einen Auftrag an meinen Va⸗ ter zu beſtellen. Alte. Ach, da hat der alte boͤſe und auch der junge Herr Ritter ſchon geſorgt, daß dieß nicht angeht. Man hat mir hart be⸗ deutet, nicht einmal aus dem untern Ge⸗ ſchoß der Burg zu gehen, und gedroht, wenn dieß geſchaͤh, mir einen Tag um den andern, vier Wochen lang, nichts als ein kleines Brod und ein wenig faules Waſſer zu rei⸗ chenz ſollte ich aber gar ſo vermeſſen ſehn, aus der Burg zu ſchleichen, ſo wuͤrde ich ohne Bariherzigkeit ins tiefſte Verließ zwi⸗ ſchen Schlangen, Ottern und Kroten gewor⸗ fen, die mich bei lebendigem Leibe verzehrten · Ihr ſeht alſo, liebes gnädiges Fraͤulein, daß 143 ich leider fuͤr Euch gar nichts zu thun ver⸗ mag! Nur mein herzliches Bedauern kann ich Euch ſchenken, und die Mutter Gottes um Eure Erloͤſung bitten. Adelheid. O wie ungluͤcklich macht mich dieſer nichtswuͤrdige Menſch!— Indeß danke ich Euch fuͤr Eure Theilnahme. Alte. Ja, was ich doch ſagen wollte: es kommt hier auch oft eine altliche Frau zur Burg, die viel Verkehr mit dem alten Ritter hat. Beide werden manchmal ſehr heftig gegen einander. Zufaͤllig vernahm ich letzthin, wie ſie zehn Marienguͤlden von ihm verlangte, um ſich noch etwas Acker zu dem ihrigen zu kaufen; daruͤber aber ward der alte Ritter ſo unwillig, daß er ſie zum Teufel ſcheren hieß, wenn ſie nicht die Burgſtie⸗ gen hinunter geworfen ſeyn wollte. Ich hatte mich gewiß gleich in einen Winkel verkro⸗ chen, aber dieſe Frau that das nicht, ſah vielmehr dem alten graͤmlichen Ritter dreiſt in die Augen, und meinte dabei: ihr Mann 144 wuͤrde, wenn er ſich dieß unterſtaͤnde, gewal⸗ tige Rache an ihm nehmen. Trotz der Dro⸗ hung des boͤſen Alten mit Burgverließ, be⸗ harrte ſie doch auf ihrem Willen, denn, wie ſie ſich ausdruͤckte, wuͤtde wohl aus der gan⸗ zen vorgenommenen Geſchichte nichts werden, was ſie jetzt an Gelde bekäme, moͤchte wohl die Hauptſache ſehn. Der boͤſe Alte zog nach dieſen Worten gelindere Saiten auf und be⸗ ſchied die Frau nach einigen Tagen wieder her.— Sollte dieſe Euch, mein Fraͤulein, vielleicht in etwas dienen koͤnnen, ſo will ich ſie zu Euch ſchicken. Die Worte der alten Dienerin hatte Adelheid zwar wenig beachtet, doch ließ ſie ſichs gefallen, jene Frau vor ſich zu beſchei⸗ den, um kein Mittel ihrer Befreiung un⸗ verſucht zu laſſen. Sie erſchien einige Tage darauf mit einem freundlichen Geſicht und zutraulichem Weſen vor Adelheid. „Ihr habt mich zu ſprechen verlangt, Fraͤulein, kann ich Euch in etwas dienen?“ 145 Adelheid. Das könntet Ihr wohl da⸗ durch, wenn Ihr mir ſagt, in welchen Ver⸗ haͤltniſſen Ihr mit dem Ritter Hugo, der mich auf eine liebloſe, ſchaͤndliche Weiſe hier ge⸗ fangen haͤlt, und zu ſeinem Großohm ſtehet? Die Frau(etwas verlegen. Ach, mein gutes Fraͤulein, das ſind Geheimniſſe, uͤber die ich nicht reden darf, ohne mich und andere Perſonen in Gefahr zu bringen. Adelheid. Eine ſolche Gefahr, daͤcht' ich, wuͤrde mein Vater, der angeſehen und wichtig genug iſt, wohl von Euch abzuwen⸗ den wiſſen, auch noch außerordentlich beloh⸗ nen, wenn Ihr mich aus meiner Gefangen⸗ ſchaft rettetet. Frau. Verzeiht, Fraͤulein, das kann ich aus mehreren Gruͤnden nicht. Adelheid. Sollten dieſe Gruͤnde denn gar nicht zu beſeitigen ſehn? Frau. In keinem Falle, weil hoͤchſt ge⸗ wiß ein Menſchenleben davon abhinge, das, wenn ich mehr ſpraͤche wie mir zukoͤmmt, n. 10 146 verloren ware, und dieſes muß ich ver⸗ huͤten. Adelheid. Nun ſo wird Gott helfen. Mit Euch bin ich fertig. Frau. Ich weiß wohl, daß Ihr den Ritter Hugo nicht gern zum Gemahl haben wollt, weil er ſich durch verſchiedene unrecht⸗ liche Handlungen Eurer nicht ganz wuͤrdig genat hat. Adelheid(nit unwillen. Sagt vielmehr, er hat ſich vor Gott und allen guten Men⸗ ſchen im hochſten Grade unwuͤrdig gemacht! Jeder muß ihn ſeiner verworfnen Thaten wegen verabſcheuen! Frau. Im Beſitz einer ſo edlen und liebenswuͤrdigen Gemahlin, wie Ihr, wuͤrde er, das ſollte ich wohl glauben, ein neuer und guter Menſch werden, der Euch gewiß ſehr verehren wurde. Glaubt, mein Fraͤu⸗ lein, Ihr vermoget es, ſein jetziges wildes und rauhes Weſen zu ändern und fuͤrs Edle wieder empfaͤnglich zu machen. 147 Adelheid(aufgebracht). Genug von die⸗ ſem Elenden! Jetzt entfernt Euch, damit ich nicht gezwungen bin, ohne Noth ſeinen ver⸗ haßten Namen nennen hoͤren zu muͤſſen!— Und ſo trat ſie an ein Bogenfenſter, ohne die Frau eines weitern Blicks zu wuͤrdigen. Dieſe begab ſich, da ſie einſah, daß mit dem Fraͤulein nichts mehr zu verhandeln ſey, aus dem Gemach.— Sich ſelbſt uͤberlaſſen, hoffte Adelheid auf Gott und ſeine Guͤte, der ihr aus ihrer verzweifelten Lage helfen wuͤrde. In der unmuthsvollen langen Weile hatte ſie in verſchiednen Gemaͤchern ihrer Wohnung hin und wieder einige Unterſu⸗ chungen angeſtellt— wie erforſcht, wie ſucht der Gefangne nicht alle Mittel auf, die ihm vielleicht Gelegenheit zu ſeiner Befreiung ge⸗ ben koͤnnen?— und fand hei ſolcher in einem Wandſchranke, unter allerlei unnutzen Sachen, einen verroſteten Dolch. Schauerlich war ihr der Gedanke, ſich deſſen im alleraͤußerſten Falle gegen ihren heimtuͤckiſchen Peiniger als 10* 148 Nothwehr zu bedienen; doch war er ihr willkommen, und ſie verbarg ihn in ihrem Kleide. Bei weiterer Durchſuchung der Faͤ⸗ cher fand ſie ein Stuͤck Pergament, welches ſie liegen laſſen wollte; allein mit Einem⸗ male kam ſie auf den Gedanken, daß auch dieſes ihr nutzlich ſeyn konnte. Sorgfaͤltig verbarg ſie daſſelbe, und ſann nach geende⸗ ter Unterſuchung hin und her, auf welche Art es zu beſchreiben ſey. Die Bleieinfaſ⸗ ſung einiger zerbrochnen runden Fenſterſchei⸗ ben, feſt und ſpitz zuſammen gedreht, wurde verſucht, um auf das ſtarke Pergament Worte zu ſchreiben, und ſiehe da, zu ihrer groͤßten Freude gelang es. Muͤhſam/ aber doch ziem⸗ lich leſerlich ſchrieb ſie darauf:„Die ungluͤck⸗ liche Adelheid von Mansfeld, gefangen in die⸗ ſer Burg, bittet um Befreiung aus des Raͤu⸗ bers Hugo Haͤnden.“ Das Blatt ſorgfaͤltig in 5 S geknuͤpft, ſah ſie zum Bogenfenſter hinaus, um zu erforſchen, wo ſie das Tuch mit die 149 ſem Pergament wohl hinwerfen koͤnnte, ſo daß es auch gefunden wuͤrde. Lange hatte ſie ihre verweinten Augen angeſtrengt, ohne in dieſen unwirthlichen Umgebungen irgend einen Pfad zu enidecken, der unfern der Burg vorbeifuͤhrte. Rach einigen Tagen ſah ſie einen Bauer von weitem ſich nahen, der ſich aber bald durch verſchiedenes Geſtruͤpp und verwachſenes Geſtraͤuch bis zu einer Naͤhe von vielleicht einigen funfzig Schritten von der Veſte in ein ſtarkes Brombeergebuͤſch ver⸗ lor, und nun hielt es Adelheid für gerathen, ihr Tuch ſo weit als moͤglich aus dem Bo⸗ genfenſter, mit Anſtrengung aller ihrer Kraͤfte, hinab zu werfen. Im Nachſchauen hatte ſie die Freude zu ſehen, daß ein leichter Wind das Tuch zwar unfern dahin fuͤhrte, wo der Bauer in dem Gebuͤſch wahrſcheinlich verbor⸗ gen ſehn mußte, ob aber der Zufall es dem⸗ ſelben in die Haͤnde ſpielen wuͤrde, konnte ſie nicht bemerken. „Nun gieb, Allguͤtiger, daß mein fle⸗ 150 hendlicher Wunſch um Rettung nicht erfolg⸗ los bleiben moͤge! Laß den Stern meiner Hoffnung aufgehen, daß mein edler Vater ſeine ungluͤckliche Tochter bald wieder unver⸗ letzt in ſeine Arme ſchließen, mein treuer Walther meinen Kerker oͤffnen und ich an ſeiner Bruſt meine ausgeſtandne Qual ver⸗ geſſen moͤge!“ So ſprach die arme Adelheid, demuthsvoll auf die Knie geſunken. pe Ohne eine Entdeckung, oder nur einige Kunde uͤber den Aufenthalt der unglucklichen Adelheid und ihres verruchten Entfuͤhrers ge⸗ macht zu haben, war der Ritter Bodo mit Rudolphen zum Schloſſe des Grafen Mans⸗ feld traurig zuruͤckgekehrt. ſa Der ſtille Gram uͤber den Verluſt ſeiner Tochter, und die mancherlei ſchrecklichen Ge⸗ danken uͤber die Folgen, denen ſie in der Gewalt dieſes abſcheulichen Buben ausgeſetzt 151 7 ſeyn mußte, hatten Dieſem eine ernſthafte Krankheit zugezogen, welche die erfolgloſe Zuruͤckkunft Bodo's noch verſtaͤrkte. Nur die beſten Mittel und die Hoffnung, mit der man ihn troͤſtete, nichts zu ihrer Wiederauffin⸗ dung unverſucht zu laſſen, ließen den guten Grafen nicht ganz verſinken. Nach ein paar Tagen Aufenthalt zog Bodo mit Rudolph abermals ab. Sie durch⸗ ſuchten ſo geheim als moͤglich die Umgebun⸗ gen von Wolföthal, um vielleicht einen der Knechte Hugo's, wenn er ſich blicken ließe, aufzufangen und durch harte Drohungen et⸗ was Naͤheres von ihm zu erforſchen; aber nicht Einer wurde ihnen ſichtbar. Nun ſpra⸗ chen ſie im St. Bernhardskloſter ein, um da Erkundigung einzuziehen, ob die Moͤnche nicht Einiges erfahren haͤtten. Hier war auch ihr Forſchen vergebens, denn der nach der letzten Aeußerung des Freigrafen furchtſam gemachte Ambroſius hatte es nicht gewagt, in dieſer Zeit den Pfad zur Eremitage wieder zu betre⸗ 152 ten, und ſo blieb Bodo fuͤr jetzt ohne alle weitere Nachricht. Ein Verſuch in die Veſte zu kommen, um von Hugo's Mutter, wenn man ihr mit harten Drohungen zuſetzte, mehr zu erkunden, gelang auch nicht, weil Niemand Einlaß erhalten durfte, deßhalb auch ſtets die Zugbruͤcke aufgezogen war, und der Burg⸗ wart nur von der hohen Mauer herab das Begehr der Angekommenen beantwortete. Da nun auf dieſe Weiſe nichts zu erfor⸗ ſchen war, ſo wollte Bodo doch wenigſtens noch einmal des Freigrafen Einſiedelei unter⸗ ſuchen, da ihm eine Ahnung ſagte, die auch durch die fruͤheren Ausſagen des Pater Am⸗ broſius verſtaͤrkt war, daß die ſogenannte Huͤtte des verkappten Klausners etwas Ge⸗ heimes enthalten muͤſſe, welches mit dem Vehmgericht in keiner Verbindung ſtehe. Auch Rudolph war der Meinung, daß die Walffahrt des Freigrafen in der Erde ſeinen beſondern verſteckten Zweck haben muͤſſe. An der Huͤtte angekommen, fanden ſie 153 die Thuͤr nur angelehnt. Als ſie hineintraten, ſahen ſie den Ritter Steinberg und den Rit⸗ ter Kurt von Waldburg. Verwundert hier⸗ uͤber, beſonders da Beide bei vollen Humpen und anſehnlichen Portionen Speiſen am Tiſche ſitzend ſichs wohl ſeyn ließen, konnte Bodo in dieſem Augenblick nur einen verlegenen Gruß ſagen. Steinberg(der Bodo's Verlegenheit merkt). Ei ſiehe da, Herr Ritter Bodo! was fuͤhrt denn Euch in dieſe Eremitage? Kurt. Und wohl gar nicht eingeladen von dem Beſitzer derſelben?— Bodo(ſeine Verlegenheit bezwingend, mit ernſthafter Mienc). Die Huͤtte eines Klausners zu beſuchen, braucht man doch wohl nicht zu⸗ vor die Erlaubniß, wie bei einem fuͤrſtlichen Hoflager? uh Steinberg. Das gerade nichts und ſo moͤgt Ihr uns willkommen ſeyn und Beſcheid thun aus unſern Humpen(indem er denſelben gefuͤllt darreicht). 154 Bodo. Ich danke Euch.(Bu Rudolph heimlich.) Erwarte mich im Kloſter. Rudolph(im Abgehen fuͤr ſich). Wieder vergeblich. Verdammtes Unkenneſt!— Bodo(etwas ironiſch). Sagt mir doch, Ihr Wiſſende und Bruͤder, ob Ihr dieſe Wohnung gegen Eure Burgen vertauſcht, oder von unſerm Freigrafen zu Huͤtern die⸗ ſer wunderlichen Klauſe berufen ſeyd?— Kurt(ie Zronie merkend). Nicht ſowohl zu Huͤtern⸗ als vielmehr zu Fortweiſern je⸗ des Vorlauten, der ſich hier eistn betragen wil. Steinberg. Und Zecgi patu hat.— Bodo⸗ Otgeich Eure Antworten eben nicht zu den Guten gehoren, ſo will ich ſie doch ungepruͤft laſſen, und Euch bloß fra⸗ gen, ob Ihr von den Geheimniſſen dieſer Klauſe, und der Verbindung derſelben mit der Veſte Wolfsthal Kenntniß habt? 155 Steinberg. Davon haben wir keine Kunde. Kurt. Wollen auch keine, weil uns das nichts angeht. Bodo. Ihr ſolltet weniger kurz meine Frage beantworten, dagegen lieber forſchen, was ich damit gemeint haͤtte, um hinter verſteckte Dinge zu kommen, die aufzudecken jedem braven Ritter geziemt, der geſonnen iſt Tugend und Eyrlichkeit zu beſchutzen, oder das Laſter zu beſtrafen. Steinberg. ueber beides haben wir hier nicht zu rechten. Bodo. Und doch haͤttet Ihr e, wenn es Euch am Herzen laͤgech der unterdruͤckten Unſchuld beizuſtehen und ſie dem Srn zu entreißen. Kurt. So was wird doch hier nicht der Fall ſeyn. Steinberg. Auch von unſerm Frei⸗ grafen wohl nicht zu erwarten ſtehen. Bodo. Was darf man heut zu Tage 156 nicht alles von den Menſchen erwarten; auch dieſes Neſt kann ein Mittel fuͤr geheime Schlechtigkeiten darbieten, denn, wie es mir deutlich vorkommen will, hat ſeine Lage einen Bubenſtreich befordert, der durch ſolche leichter ausgefuͤhrt werden konnte. Steinberg. Dieſe Raͤthſel moͤget Ihr Euch von dem Freigrafen ſelbſt loͤſen laſſen. Wie der es damit halten, oder welche wei⸗ tere Kunde er Euch geben will, s uns zi an. Kurt. Jetzt ſchuͤtzen wir noͤthigen Fals mit dem Schwerdte ſein Aſyl gegen jedem unberufnen Unterſucher. Bodo. Mic) Euch weiter hieruͤber zu reden, iſt, wie ich merke, fuͤr jetzt verlorne Muͤhe. Eure Schwerdter ſolltet Ihr jedoch fuͤr eine beſſere Sache gebrauchen; und ſo⸗ mit Gott befohlen. Einen ernſthaften Blick auf Beide wer⸗ fend, entfernte er ſich mißmuthig. Bei ihren ſtets gefuͤllten Humpen hatten —— 157 Kurt und Steinberg ſich um nichts weiter bekuͤmmert, als dieſe zu leeren, und den Freigraf, der alle drei oder vier Tage bei ihnen erſchien, von dem etwa Vorgefallnen Beſcheid zu geben. Bodo's Aeußerung uͤber dieſe Eremiten⸗ wohnung erregte aber doch verſchiedene Ge⸗ danken bei ihnen und ſie beklagten es faſt, ſich zu barſch gegen ihn benommen zu ha⸗ ben. Durch freundlicheres Zuvorkommen haͤtte ihre jetzt erregte Neugierde befriedigt werden koͤnnen, ſie haͤtten erfahren, was es mit dieſer Waldwohnung zu bedeuten habe. Daß ſolche mit der Vehme in Ver⸗ bindung ſtaͤnde, war ihlen nicht denkbar, noch weniger wußten ſie, daß der Freigraf hier eine Nebenrolle ſpielte. Beide kannten ihn als Freund und Beſchuͤtzer Hugo's, der, wie ſie und mehrere, Manches von dem er⸗ worbenen Raube ſich zu Rutze machte. Sie unterſuchten nun die Klauſe mit ihren Um⸗ gebungen, fanden aber nichts, was Bodos 158 Aeußerungen beſtaͤtigt haͤtte. Das war auch ganz natuͤrlich, weil ſie es bei einer nur oberflaͤchlichen Durchſicht bewenden ließen⸗ Hätten ſie aber ernſter nachgeforſcht, und die breite Bettſtelle aus ihrer Lage geſcho⸗ ben, ſo wuͤrden ſie unter derſelben eine große Klappe mit einem Ringe gefunden haben, die ſie, jedoch nur gewaltſam, emporheben konnten, da ein Riegel von innen das Oeff⸗ nen verhinderte. Dieſe Vorkehrung hatte Hugo's Mutter und der Freigraf zur Si⸗ cherheit gemacht, damit dem Ritter Bodo, bei etwaigem Vorſpruch, der Verſuch, den unterirdiſchen Weg zu unterſuchen, nicht zu leicht gemacht wuͤtde. Unangenehm und lä⸗ ſtig war dieß jedoch fuͤr den Freigrafen, weil er dadurch in ſeiner Ruhe geſtoͤrt wur⸗ de, auch ſeine Wanderung zur Burg Wolfs⸗ thal mehr geheim und beſchraͤnkter geſchehen mußte. t Pn ————— 159 Seit geraumer Zeit hatte Bertha von ihrem Sohne Hugo nichts vernommen, ob⸗ gleich zuweilen einer von ſeinen Knechten, und zwar in einer Verkleidung, auf der Burg erſchien; denn dieſem war es bei ſchwerer Ahndung befohlen, jede Frage uͤber ſeinen Aufenthalt unbeantwortet zu laſſen. Hatte dieſer Knecht von der Burgfrau uͤber Ver⸗ ſchiedenes Auskunft und fand er alles in gehoͤriger Ordnung, ſo ſchlich er auf Neben⸗ wegen wieder fort. Mutter⸗ und Kindesliebe war gegenſeitig ſchon laͤngſt dem Erloͤſchen nahe geweſen; ihre Gefuͤhle fuͤr einander ſprachen ſich nur kalt an. 4 Bodo war indeſſen zum Kloſter zuruͤck⸗ gekehrt, konnte aber die Neugierde Rudolphs nicht befriedigen. Mit den Pfaffen von St. Bernhard konnte man auch nichts ausrich⸗ ten, weil ſie nicht liſtig genug waren und nur ſelten ihr Kloſter verließen. Beide zogen wieder nach Mansfeld, und waren ſehr er⸗ 160 freut, den Grafen merklich beſſer zu ſinden. Nur die gute Edda, Walthers Mutter, die treuſte Pflegerin deſſelben, war noch zu troſt⸗ los uͤber das Schickſal der edlen Braut ihres Sohnes. Der Ritter Bodo machte den Grafen mit der Klauſe und ihrem Beſitzer, ſo wie mit dem Zuſammenhange derſelben mit der Burg Wolfsthal bekannt.„Ich behaupte feſt, daß die verdammte Flauſe des Grafen von Wol⸗ demar, die uͤbrigens im Innern ſo viel Net⸗ tes und Bequemes enthaͤlt, wie weiter keine Eremitenhuͤtte, durch einen geheimen unter⸗ irdiſchen Gang mit Wolfsthal verbunden iſt, der hoͤchſt wahrſcheinlich in die Veſte ſelbſt fuͤhrt, und bin der Meinung, mit Liſt oder Gewalt dieſelbe zu unterſuchen,“ ſprach Bodo. „Ihr ſolltet mich faſt davon uͤberzeugen,“ entgegnete der Graf,„daß der verworfne Bube meine Tochter durch dieſen Gang ent⸗ fuͤhrte, denn aus ſeinem Raubneſte konnte er die Arme nicht fortbringen, weil unſte 161 — getreuen Laurer ſolches bemerkt haͤtten. Aber wo haͤlt der heilloſe Boͤſewicht ſie ver⸗ borgen?“ 1 „Es verlaſſe Euch nur nicht das Vertrauen zum hoͤchſten Regierer und Lenker der menſch⸗ lichen Schickſale, er wird uns gewiß noch zur Entdeckung fuͤhren und des Buben Un⸗ that ſtrafen!“ erwiederte Bodo. „NRur in dieſem Gedanken finde ich noch einige Beruhigung, denn ſonſt haͤtte mein unendlicher Schmerz mich ſchon dem Grabe uͤbergeben.“ „Wenn Ihr aber, Herr Ritter, nun auch mit Gewalt durch dieſen verſteckten Weg bis in die Burg draͤnget, und die Burgfrau koͤnnte Euch dennoch den Aufenthalt des Fraͤuleins nicht anzeigen, weil ſie ihn, wie Walther erzaͤhlt, ſelbſt nicht wiſſe, wie dann?“ bemerkte Edda. „Freilich, edle Frau,“ entgegnete Bodo, „ich ſeh es ein, daß wir dadurch unſern Zweck auch nicht erreichenz ſonſt wuͤrde ich II. 11 . 162 rathen, das ganze verdammte Raubneſt zur Brandruine zu machen, und die unwuͤrdige Burgfrau ins Freie und zu allen Teufeln zu jagen; dieß geht aber leider nicht eher, bis Adelheid gerettet. Mein Unmuth ließ michs nicht gleich beachten, daß der Satan ſeine Tuͤcke alsdann aufs— treiben wuͤrde.“ „Deßhalb, lieber Bodo, wollen wir fir jetzt mit allem Glimpf verfahren. Hat mir der Allguͤtige aber meine Tochter in die Arme gefuhrt, nun dann moͤge die ganze Raub⸗ burg, zum abſchreckenden Beiſpiel fur Andere, durch Feuer vernichtet werden; meinem guten Walther bleiben doch noch Beſi tigen ge⸗ u— der Graf. 8 Adelheidens Wunſch war, ohne ihr Wiſ⸗ ſen, in Erfuͤllung gegangen. Der Bauer fand in dem Brombeergeſtraͤuch das Tuch, 163 und in demſelben das beſchriebene Perga⸗ mentſtuͤck. Leſen konnte er nicht; daß es aber damit irgend eine Bedeutung haben muͤſſe, war ihm klar. Der Weg zu ſeinem Dorfe fuͤhrte ihn unfern der Wohnung des alten Berndts vorbei. Wie er wußte, war deſſen Tochter Waldine weit kluͤger als an⸗ dere Bauerdirnen, und er vermuthete, dieſe wuͤrde es wohl deuten koͤnnen. „Seht, guter Freund,“ ſagte er beim Eintreten,„da hab' ich in der Naͤhe der alten unheimlichen Burg, die dort oben auf dem verwitterten Steinfelſen liegt, und wer weiß wie lange ſchon von keinem Ritter bewohnt ſeyn mag, dieſes Tuch mit ſeinem Inhalte zwiſchen dem Brombeergeſtrupp ge⸗ funden. Eure Tochter wird das Geſchreibſel wohl auslegen koͤnnen und ſehen, ob es von Bedeutung iſt.“ Als Waldine die Worte auf dem Perga⸗ mentſtuͤck geleſen hatte, rief ſie freudig: „Ach, guter Gott! wär' doch nur gleich der u* 164 Ritter Walther hier, ſo konnte er erfahren, wo ſeine geliebte Braut iſt.“ Der alte Berndt hielt es jedoch gera⸗ then, dem Bauer fuͤr jetzt nichts merken zu laſſen, damit durch unzeitiges Plaudern Adel⸗ heid kein Nachtheil geſchehe. Unbekͤmmert um ſeinen Fund, den er in Berndts Haͤn⸗ den ließ, entfernte ſich der Bauer. Nach Verlauf einer Woche kehrten Wal⸗ ther und Eduard Maienthal von ihrer ver⸗ geblich gemachten Reiſe zuruͤck, und ſprachen bei Vater Berndt vor. Welche unendliche Freude bemächtigte ſich Walthers, als ihm Waldine das Tuch mit ſeinem Inhalte uͤber⸗ gab und ihm ſagte, wo der heilloſe Entfuh⸗ rer ſeine unglockliche Adelheid verbarg. Daß Adelheids Aufenthalt ihnen ſo nahe war, haͤtten ſie am wenigſten vermuthet. Viele alte verfallene Burgveſten hatten ſie unterſucht, aber dieſes alte Reſt gerade un⸗ beachtet gelaſſen. Nun war aber wohl zu äberlegen, auf welche Weiſe es moglich ſey, 165 dem Dirnenraͤuber beizukommen, um ihm ſeine Beute zu entreißen, und dabei das Fraͤulein nicht zu gefaͤhrden. Die Ritter durften ſich am wenigſten in der Umgebung der Burg ſehen laſſen, weil Hugo und ſeine Raubgenoſſen ſonſt gleich Argwohn geſchoͤpft haͤtten. „Dieſen Menſchen muß man durch Liſt uͤberwaͤltigen oder gefangen nehmen, auf an⸗ dre Weiſe moͤchte es wohl ſchwer auszufůß ren ſeyhn!“ meinte Berndt. „In dieſes verwitterte Unken⸗ und eu lenneſt, welches bei hellem Sonnenſchein ſchon einen widerlichen Anblick hat, laͤßt ſich mit Gewalt gar nicht eindringen. Seine Lage zwiſchen zwei hohen Felſenklippen iſt mir noch von mehreren Jahren her bekannt, als ich mit meinem Vater hart an demſelben voruͤber ritt. Damals ſchien das alte Schloß unbewohnt zu ſeyn; nicht einmal Beſcheid konnte man uns geben, wem es gehoͤre.“ Walther konnte ſeine ungeduld nicht 166 mehr bezaͤhmen. In der erſten Aufwallung haͤtte er ſich gern allein zu dem verdamm⸗ ten Raͤuber begeben, doch die wichtigen Gruͤnde der Uebrigen ſetzten ſeinem Ungeſtum Schranken. Vorerſt uͤbernahm es der gute Berndt, die alte Burg zu umgehen und zu lugen, oder Voruͤbergehende auszuſpaͤhen, aber er war oft ohne Etwas erkundet zu haben zuruͤckgekehrt. Eines Tages, da er ſeine Wanderung wieder begann und ſo nahe als moͤglich ſich der grauſigen Veſte naͤherte, kam von einer andern Seite, ſich muͤhſam durch das Geſtruͤpp windend, ein Bauer, der in einige Verlegenheit zu gerathen ſchien, Jemand hier zu finden. „Gruͤß Euch Gott, Freund!“ ſprach ihm Berndt ſo unbefangen als moͤglich zu, er⸗ ſtaunt, auf einem ſo holprigen, ungangba⸗ ren Wege Jemand anzutreffen. Der Bauer frug Berndten etwas verlegen, was er hier ſuche und wohin er wolle. „Auf Beides kann ich Euch weiter nichts 167 antworten,“ entgegnete Berndt,„als daß mich bloße Gedankenloſigkeit zufaͤllig hieher gefuͤhrt, und jetzt will ich nur die dort oben zwiſchen den ungeheuern Felſenklumpen gele⸗ gene alte, verfallne Burg bewundern, und dabei gedenken: daß doch Alles im menſch⸗ lichen Leben vergaͤnglich iſt, wenn es auch tauſend Jahr alt geworden. Bauer. Unrecht habt Ihr nicht, denn wie unendlich Vieles iſt und wie⸗ der vergangen. Berndt. So ſoll's nun einmal nach der alten Weltordnung ſeyn.— Doch— ſagt mir, wollt Ihr zu der Veſte da oben hinauf?— Bauer. So iſt's— um einen alten Hausmeiſter, der mit ſeinem Weibe darin wohnt und den ich kenne, zu beſuchen. Berndt. Ei da koͤnntet Ihr mich ja mitnehmen, damit meine Neugierde das In⸗ nere mit dem Aeußern vergleichen kann⸗ Ich mag ſo etwas gern ſehen. 168 Bauer. Da muß ich Euren Wunſch unbefriedigt laſſen, denn der Alte iſt von ſo eigner Art, daß er durchaus Niemandem außer mir den Eingang geſtattet. Berndt. Sonderbar! Der Mann hat wohl melancholiſche Grillen? Bauer. Kann ſehn! Doch gehabt Euch wohl!— Schnell verließ er Berndt, und verlor ſich zwiſchen den Felſenwaͤnden.— Dieſer kehrte wieder unbefriedigt nach Hauſe, wo er dem mißmuͤthigen Walther ſeine ge⸗ ringe Erfahrung kaum mitzutheilen wagte, der, trotz Eduards troͤſtender Zuſicherungen, — kein Mittel unverſucht zu laſſen, was ſein Vorhaben foͤrdern koͤnnte,— auf Burg Maienthal faſt ganz verzweifeln wollte. 14. „Welch ein Unſtern fuͤhrt Euch denn ſchon wieder hieher?“ fragte mit barſchem Tone der alte Großohm Hugo's den eintre⸗ 169 tenden Bauer Jakob Horſt, der ſich durchaus nicht von den Knechten hatte zuruͤckweiſen laſſen, die freilich jeden andern Zudringlichen ohne Schonung den hohen Berg hinab ge⸗ worfen haͤtten. Horſt war aber bekannt als Mann der Frau, welche das Fraͤulein von Mansðfeld mit bediente, und hatte ſchon mehrere Male mit ihrem Herrn geſprochen. „Was iſt Euer Begehr?“ fragte der Ohm Hans von Geiersbach weiter, als ſie oben im Vorgemach der Burgzimmer ange⸗ kommen waren. „Mehr Unterhalt und funfzehn Marien⸗ gulden ſoll mir Hugo geben, um von mei⸗ nem Nachbar ein Stuͤck Acker zu kaufen, was ihm ſonſt ein Andrer abnimmt.— Mit einem Wort: ich will etwas beſſer leben koͤnnen; und dazu berechtigen mich Eure Verheißungen.“ He v. Geiersbach. Werdet nur nicht unverſchaͤmt in Euren Forderungen, ſo was kann Hugo nicht leiden. 170 ———— Horſt. Leiden, oder nicht! wer das geworden und ſo viel erhalten hat, wie Hugo, der kann ſchon etwas abgeben; auch iſt ja mein Wunſch noch ſehr beſcheiden; ſeine Pflicht waͤr's, noch viel mehr fuͤr mich zu thun. H. v. Geiersb. Unter den jetzigen umſtaͤnden braucht er das nicht, weil er Euch nicht mehr ſo viel angeht; das merkt Euch. Horſt. Dieſe Worte kann nur ein boͤſer Feind oder der Teufel aus Euch reden, Herr Burgvogt! H. v. Geiersb.(an ſein Schwerdt ſchla⸗ gend). Hort Horſt, werdet Ihr grob, ſo brauche ich andere Moßregeln, die Euch un⸗ angenehm ſeyn muͤſſen. Horſt Cert). Ich aber auch, und dieſe konnten Euch insgeſammt noch fataler wer⸗ den. Alſo ſchafft Geld, weil ich nicht wie⸗ der unbefriedigt von dannen gehen will. H. v. Geiersb.(mit ſtarkem Tonc · Plagt 171 Dich groben Geſellen der Satan?— ver⸗ gißt Du, mit wem Du ſprichſt? Horſt(etwas hohniſch). Wie ſollt ich das je vergeſſen koͤnnen?— Ihr wißt aber auch wohl, wem Ihr vor Euch habt, Herr Burgvogt?— H. v. Geiersb.(ſtarhh. Adlerdings, einen groben Bauer, dem man den Kopf zurecht ſetzen muß, wenn er ſi ich ungebůͤhr⸗ lich betraͤgt. Horſt. Der Euch aber noch zble zu⸗ ſetzen wird, wenn Ihr ſeinem billigen Ver⸗ langen kein Gehoͤr geben wollt. H. v. Geiersb.(aufgebracht). Augen⸗ biclich ſchert Euch zum LTeufel, wenn ich 52 nicht die Burgſtiege hinabwerfen ſoll! Horſt(acht mit Grimm). Wagt das ja nicht, Burgvogt, oder ich rede ein Woͤrt⸗ chen, daß Euch Allen die 3 ſollen!. v. Geiersb.(faßt B bei der Bruſ 172 Das Wetter uͤber Dich trotzigen fort den Augenblick!— Horſt(ſtoßt den Burgvogt mit ſtarker Kraft und ſo gewaltig von ſich, daß er zur Erde ſtuͤrzt). So, das habt einſtweilen. Horſt läßt ſich von keinem Raͤuber faſſen, ſo lange er ſich noch wehren kann! H. v. Geiersb.(in höchſter Wuth). Ha! Teufel! das ſoll Dir ſchwer vergolten wer⸗ Se Leider wurde dieß auch. Waͤhrend die⸗ ſer Szene war Hugo aus der Thuͤr eines Nebengemachs getreten, in welcher er die letzten Worte Beider gehoͤrt; und als er ſah wie ſein Großohm von dem Bauer zur Erde geworfen, ſprang er ſchnell von hin⸗ ten auf ihn zu, riß ihn, der ſich deſſen nicht verſah, mit ſtarker Fauſt zur Erde nieder, ſchleifte ihn zur Ausgangsthuͤr und ſtieß ihn mit dem Fuße in die Seite, daß Horſt beſinnungslos die hohe Burgſtiege hinunter ſturzte. 173 Lange lag er ohne Bewußtſehn. Nach⸗ dem dieſes nach und nach zuruͤckgekehrt war, und er aufzuſtehen verſuchte, fuhlte er mit Entſetzen, daß Bein und Huͤfte zerbrochen waren. Jammernd uͤber den furchtbaren Schmerz, traten ein paar Knechte Hugo's herzu, die, als ſie ſein Ungluͤck erfuhren, ſofort ihren Herrn davon benachrichtigten. „Werft den Sn vollends Verg hinab,“ ſprach Hugo. Zoͤgernd gegen dieſen Befehl, meinten die Knechte, daß ſolches Verfahren doch wohl zu hart ſey, und waͤhrend ſie eine gemä⸗ ßigtere Ordre erwarteten, erſchien der Burg⸗ vogt. Ueber Hugo's That und ihre Fol⸗ gen auf's hochſte verlegen, ſuchte er dieſen zu entfernen, ging mit den Knechten hin⸗ unter, ließ den Ungluͤcklichen ſogleich in ein Bett legen, und befahl, ſo ſchleunig als moͤglich einen Chirurgus herbei zu ſchaffen. Ehe dieſer erſchien, gab ſich der Burgvogt ſelbſt Muͤhe, das zerbrochne Bein feſt in 1 — Luͤcher zu binden. Der Schmerz des armen Horſt's war aber ſo heftig, daß er faſt un⸗ aufhorlich laut aufſchrie. Das Geſchrei und die Nachricht eines Knechtes, der Horſt's Weib mit dem Vorgefallnen bekannt machte, fuͤhrten dieſe hinunter zu ihrem Manne⸗ Ganz außer ſich uͤber den traurigen Zuſtand deſſelben, brach ſie in die heftigſten Ver⸗ wuͤnſchungen gegen Hugo und den Burg⸗ vogt aus, obgleich letzterer ſich alle Muͤhe gab, Beide einſtweilen durch viele Verſpre⸗ chungen zu beruhigen. Allein das Wehkla⸗ gen des Mannes ließ ſie gar nicht darauf achtet „Fluch! doppelten Fluch uber den ver⸗ worfnen Buben Hugo!“ ſtieß Horſt im Gefuͤhl ſeiner zunehmenden Schmerzen und ſeines huͤlfloſen Zuſtandes aus. „Ach, lieber Horſt! das waren furcht⸗ bare Worte; laß mich die heilige Mutter Gottes bitten, daß ſie die Erfuͤllung derſel⸗ 175 ben verhindern moͤge!“ ſagte weinend und haͤnderingend die Frau. „Weib, ich kann nicht anders! Der Elende iſt nichts beſſeres werth!— Gott. verdamme den ganzen Handel!“ „Um Maria und Joſeph! hoͤr'auf, Horſt! es kann ja wohl noch gut werden.“ In der Hoͤlle vielleicht, wenn ihn die Teufel genug kaſteiet haben, aber hier auf Erden wird dieſer Boͤſewicht nimmer ein⸗ 3 Menſch!“ „Schafft Rath und Huͤlfe! oder i klage Euch bei Gott an!“ ſtuͤrmte Horſts Weib, außer ſich, dem Burgvogt zu. Dieſer war aber fuͤr den Augenblick ſo arm an beiden, daß er, keiner Antwort maͤchtig, der Thuͤr zuging und ſich entfernte. Nach Verlauf von acht Stunden kam endlich der ausgeſandte Knecht mit einem Wundarzt an. Nachdem dieſer den Ungluͤck⸗ lichen, bei dem ſchon alles verſchwollen war, genau unterſuchte, fand er, daß es unmög⸗ 176 lich ſeyn wuͤrde, ihn beim Leben zu erhal⸗ ten. Horſt, dem ſein gefaͤhrlicher Zuſtand von dem Chirurg verkuͤndet wurde, verlangte, daß man ihn aus dieſer Satansburg fort⸗ ſchaffe. Hugo wollte des Bauers Verlangen erfuͤllen; aber der Burgvogt gerieth daruͤber in aͤngſtliche Verlegenheit, die noch hoͤher ſtieg, als ſich Horſts Frau, trotz ſeiner ernſt⸗ lichen Bemuͤhungen ſie zuruckzuhalten, aufs aͤußerſte dem widerſetzte. „Wie koͤnnt Ihr ſo vermeſſen ſeyn, nich abhalten zu wollen, meinem durch Euch Un⸗ holde in den gewiſſen Tod geſtuͤrzten armen Mann in unſre Huͤtte zu folgen?“ „Ich rathe Euch aber,“ ſprach der Burg⸗ vogt rauh zu ihr,„Eures eignen Vortheils wegen kein Wort von dem Geheimniſſe fal⸗ len zu laſſen, denn Hugo wuͤrde es nicht glauben, und ich es abläugnen; Euch aber, wenn etwa Euer Mann ſterben ſollte, in große Gefahr bringen. Das merkt Euch! Wäret Ihr billiger zu Werke gegangen, 177 ſo haͤtte mein armer Manh nicht das furch⸗ terliche Ungluck durch den gottvergeßnen Hugo erlitten; und ſollte er, was die Mutter Got⸗ tes abwenden moͤge, gar ſterben, dann wird Horſts Fluch, der mich noch durchſchauert, gewiß in Erfuͤllung gehen!“ ſo entgegnete ſie dem Burgvogt. Dieſer graue Sunder hätte jedoch nichts lieber geſehen, als wenn der Bauer ſammt ſeinem Weibe auf der Stelle geſtorben, und dadurch das Geheimniß mit einemmale be⸗ graben waͤre. Horſt wurde nun auf einen Wagen gelegt, und unter Begleitung der troſtloſen Frau und des Sders nach ſeinem Dorfe gebracht. 15. 3 Der Ritter Walther hielt es für nöthig,“ ſogleich zum Grafen von Mansfeld zu eilen, um dieſem Nachricht zu bringen, wo ſich Adelheid befaͤnde. Freude verurſachte Allen 178 5 die Erzaͤhlung auf welche eigne Weiſe Adel⸗ heid von ſich ſelbſt ein Merkmal gegeben. Wußte man doch nun ihren Aufenthalt. Zwiſchen Hoffnung und Befuͤrchten ſann Jeder daruͤber nach, auf welche Weiſe ſie befreit werden konnte, aber man konnte ſich nicht daruͤber vereinigen. Walther ſetzte den umgebungen der alten Veſte fort. Seid gegruͤßt im Namen des Herrn und der heiligen Jungfrau!“ Mit dieſen Worten trat eines Morgens der Hauskaplan auf Burg Maienthal in die Wohnung des alten Berndt. „Ich freue mich Eures Beſuchs, und danke Euch, Herr Pater!“ Pater. Mir iſt ein beſonderer Auftrag an Euch geworden von dem unglucklichen Bauer Horſt, der, wie Euch bekannt ſehn wird, vom Ritter Hugo ſo gottlos behan⸗ nun Tag und Nacht ſeine Forſchungen in 179 delt wurde, daß er wohl im Verlauf einiger Tage das Zeitliche ſegnen wird, weßhalb ich ſeiner Bitte zufolge morgen wieder zu ihm kommen ſoll, um ſeinem letzten Stuͤnd⸗ lein beizuwohnen. Bevor er aber ſtirbt, will er mir noch eine Entdeckung machen, die manchen Perſonen von Nutzen ſeyn wird. Fuͤr jetzt aber ſollt Ihr dem Ritter Wal⸗ ther von Wolfsthal die Nachricht geben, auf welche Art er in das Innere der alten Veſte kommen koͤnne, um bhh zu erlöſent 6 Berndt. O Gott, n wie he wird cuc der Ritter dadurch hoͤren, Hert Pater- onnn ön Pater. unweit der wiſe wo hohen Felſen ablaufen/ befindet ſich ein altes, von Dornen und verwachſenen Lichen kaum zu entdeckendes Gemäuer. Hinter dieſem fuͤhrt ein ſchmaler Fußſteg in eine kleine Tiefe hinab; am Ende derſelben wäre) wenn man einiges Dornengeſttauch beſektigt, rint 12* 180 eiſerne Thuͤr; nachdem dieſe geoffnet, käme man in einen gewoͤlbten Gang; die Thuͤr am Ende deſſelben ſey leicht zu oͤffnen, und dann fuͤhre eine ſteinerne Stiege ins In⸗ nere des untern Geſchoſſes der Veſte. Das uebrige bliebe dem Ritter uͤberlaſſen. Berndt. Ach Gott! welche Freude wird der edle Ritter bei dieſer Kunde haben. Nehmt in ſeinem Namen von mir den herz⸗ lichſten Dank. Hoͤchſt uͤberraſchend war die mittee dieſer Nachricht Berndts fuͤr Alle. Walther wollte nun nicht zdgern, und ſich ſogleich allein an Ort und Stelle begeben; aber ſeiner Freunde Vorſtellungen: daß die Nacht der beſte geitpunkt zu dieſem Unternehmen waͤre, und man ſich mit noch mehr Huͤlſe verſehen muͤſſe, da man nicht wuͤßte, wie viele von Hugo's Raubgenoſſen auf der Peſe buſt hielten ihn zuruͤck. ungeſaͤumt mußte Rudolph aufſiten 8 — in gebter Eil nach Mansſeld jagen, um 181 ſechd der Knappen zu entbieten. Den Gra⸗ fen machte die Kunde Rudolphs ſo heiter und froh, daß er gern mitgezogen waͤre, wenn ſeine Schwaͤchlichkeit ihn nicht daran verhindert haͤtte. Aber die ſechs Knappen mußten ſogleich folgen, und kamen auch in der Daͤmmerung in Berndts Hauſe an. Was ſeyn ſoll, ſchickt ſich wohl! Dieß Spruͤchwort bewaͤhrte ſich bei den Rittern. Selbſt die aufgeregte Natur kam ihnen zu Huͤlfe. Schwere Gewitterwolken zogen ſich zuſammen; bald durchkreuzten Blitze die Luft und der ferne Donner rollte nach und nach mit ſtarkem Getoͤſe immer naͤher; heftl⸗ ger Regen ergoß ſich, und ſo konnten ſie ſich deſto unbeachteter der Burg naͤhern. Berndt, dem die verwilderte Umgebung derſelben wohl bekannt war, aber von dieſem heimlichen Eingange nie etwas gehoͤrt hatte, fuͤhrte, mit einem Brecheiſen verſehen, die kleine Ritterſchaar zu dem vom Pater beſchrie⸗ benen Orte hin. Sie fanden es, wie ange⸗ 182 geben war. Regen und Donner machte das Aufbrechen der eiſernen Thuͤr zu dem ge⸗ woͤlbten Eingange unvernehmbar. Gluͤcklich waren ſie durch dieſen hindurch und eine ſtei⸗ nerne Stiege von einigen zwanzig Stufen hinan geſchritten, als ſie oben eine andere eiſerne Thuͤr fanden. So geraͤuſchlos als moͤglich verſuchte man erſt das Oeffnen der⸗ ſelben, wendete aber bald, eben als ein furchtbarer Blitz und krachender Donnerſchlag erfolgte, gewaltſam alle Kraͤfte an, und ſieh da! auch dieſe Thuͤr ward gluͤcklich aufge⸗ ſprengt. Das Oeffnen der Klappen von eini⸗ gen Windlichtern, die der vorſichtige Berndt mitgenommen, ließ ſie nun erkennen, daß ſie im untern Geſchoß der Burg waren. Auf der Flur deſſelben befanden ſich mehrere Thuͤ⸗ ren. Mit Aug' und Ohr wurde an jeder gelauſcht, bis ſie an einer derſelben ein ſtar⸗ kes Schnarchen vernahmen, und daher in dieſem Gemach die Knechte Hugo's vermu⸗ theten. Loͤngeres Zaudern erlaubte Wal⸗ 183 thers Ungeduld nicht. Mit einigen kraftvollen Stoͤßen und Anwendung des Brechinſtru⸗ ments oͤffneten ſie die Thuͤr. In dem Au⸗ genblicke erwachten die acht im Gemach be⸗ findlichen Schlaͤfer und waren nicht wenig erſtaunt, ſo viel Bewaffnete vor ſich zu ſe⸗ hen. Einige ſprangen von ihrem Lager auf und wollten die an der Wand haͤngenden Schwerdter ergreifen, allein die Mansfelder hinderten ſie daran und bemaͤchtigten ſich derſelben. Mit empot gehobnem Schwerdte fragte Walther im zornigen Tone:„Wo iſt das Gemach Eures Herrn?“ In den verlegenſten Stellungen wußten die Knechte nicht, wie ſie die Frage beant⸗ worten ſollten, bis Einer von ihnen Be⸗ ſcheid gab, daß er den Burgvogt, der im Nebengemach ſchliefe, wecken wollte. Dieſer war aber von dem ungewoͤhnli⸗ chen Geraͤuſch bereits ermuntert, hatte ſich ſchnell in ſeine Hauskleidung geworfen und 184 trat mit umguͤrtetem Schwerdt zu den Knech⸗ ten herein. Verwunderung und Schrecken uͤber das, was er jetzt ſah, laͤhmten ihm die Zunge. Schon wollte er zuruͤcktreten, um Hugo den Ueberfall zu verkuͤnden, als Walther ihm den Weg vertrat.„Halt, alter Suͤnder! nicht von der Stelle, als unter meiner Begleitung; ſogleich fuͤhrt mich zu dem ehrvergeßnen Dir⸗ nenraͤuber!“ Er war unentſchloſſen, ob er gehorchen ſollte. „Wird's in dieſem Augenblick, oder ſol⸗ len unſre Faͤuſte Huͤlfe leiſten?“ fragte Walther zornig. Seine Ohnmacht fuͤhlend, ging der Burg⸗ vogt endlich, zaͤhneknirſchend und bedenkend, was aus dem Ritter Hugo nun werden wuͤrde, voran, begleitet von Walther, Eduard, dem Ritter Bodo und Rudolph. Die Mansfelder Knappen blieben zur Bewachung der Knechte Hugo's zuruͤck. 185 Vor deſſen Gemach angekommen, pochte der Burgvogt. Hugo, dem das ſtarke Ge⸗ witter ſchon ſeit einer Stunde erweckt hatte, fragte, ob etwa die Burg brenne? „Noch weit Schlimmeres muß ich Euch verkuͤnden!“ rief der Großohm mit gedaͤmpf⸗ ter Stimme,„macht nur auf!“ Weit entfernt das Vorgefallene zu ahnen, hatte er ſich in eine Nachtkleidung geworfen und oͤffnete. Mit einem Male wurde er aber wie vom Schlag geruͤhrt, als er ſei⸗ nen Stiefbruder mit Gefolge vor ſich er⸗ blickte. 6 „Ehrloſer Dirnenraͤuber! in dieſem Au⸗ genblick uͤbergiebſt Du mir meine Adelheid!“ „Oder Ihr werdet ſo lange in Euer eigenes Burgverließ geworfen, bis Euch der Hunger biegſamer macht!“ ſetzte Ru⸗ dolph mit ſtarker Stimme hinzu. Daß ſeine Macht jetzt vorbei war, ſah er ein. Er wollte aber ſeinem Bruder doch noch das Herz auf eine ſchreckliche Art er⸗ 186 ſchuttern, und ſprach mit erzwungnem Hohn⸗ lachen:„Da ich Euer Liebchen nun ein⸗ mal nicht zu meinem ehelichen Weibe ma⸗ chen ſoll, ſo koͤnnt Ihr ſie hinnehmen, und da nachkoſen, wo ich mich bereits ſatt genoſſen!“— Ein heftiger Blitzſtrahl, neben Walthern niedergeſchlagen, hätte ihn nicht ſo betaͤu⸗ ben koͤnnen, als dieſe graͤßlichen Wortez auch die Andern ſtanden eine Weile wie er⸗ ſtarrt.„Verruchter Hoͤllengeiſt! haſt Du wahr geredet, bei Gott! ich zermalme Dich auf die furchtbarſte Weiſe!“ ſchrie ihm Walther im furchtbarſten Tone zu.„Ihr aber, graukopfiger Mithelfer, fuͤhrt mich ſogleich zu ihr!“ Bei dieſen Worten faßte Walther den Burgvogt ziemlich unſanft am Arme. Die Schluͤſſel von Hugo erhaltend, oͤffnete er bald die Riegel und Schloͤſſer an Adelheids Gemach. Dieſe hatte ſich aber von innen verriegelt. Walther rief ſie mit kräftiger Stimme. 187 Adelheid vernahm den Ruf und glaubte zu traͤumen, jedoch die oͤftere Wiederholung deſſelben und Walthers zu bekannte Stimme ließen ſie nicht laͤnger zweifeln. Behende erhob ſie ſich von ihrem Lager, warf ſich eiligſt in ihre Weies und das Gemach. n: Freudiges Erſtaunen und das bochſe Entzuͤcken machte ſie in den erſten Augen⸗ blicken ſprachlos. Walther ſchloß die Gerettete zwar ent⸗ zuͤckt an die Bruſt, aber ſein befangnes Ge⸗ fuͤhl uͤber Hugo's Worte ſtimmte ihn ſehr wehmuͤthig. Adelheid(im hochſten Freudengefuͤh). Ach mein theuerſter Walther! laß uns eiligſt von hier aufbrechen, ehe neue Gefahr drohet. Walther. Die haben wir nicht mehr zu befurchten, da der Nichtswuͤrdige mit ſeinen Raͤubergenoſſen entwaffnet und in unſe⸗ rer Gewalt iſt.— Doch jetzt folge mir in Deiner volligen Freiheit; nachher ſoll aber 138 der ruchloſe Bube Rechenſchaft uͤber ſeine Schandſage ablegen.— Den Sinn dieſer Worte nicht achtend, verließ ſie frohlich ihren Kerker, um Gottes reine Luft unter dem Schutze ihres Geliebten zu genießen. unterdeſſen hatten der Ritter Bodo, Ru⸗ dolph und die Mansfelder Knappen die Knechte Hugo's in Gehorſam gehalten. Hugo, gleichſam ein Gefangener in dem Gemache ſeiner Knechte, knirſchte vor Wuth, als er Adelheid am Arme ſeines verhaßten Bru⸗ ders ſah, und waͤre gern noch uͤber die Grenzen des groͤßten Boſewichts gegangen, wenn die Umſtaͤnde ihn nicht gelaͤhmt haͤt⸗ ten. Nachdem einige ſeiner Knechte die Burg⸗ pforte gedffnet, zogen die Ritter mit dem Fraͤulein und den Uebrigen einſtweilen zur Veſte von Eduards Vater. Hugo's Geſellen mußten jedoch ihre Fahr⸗ läſſigkeit, dieſen Einbruch nicht durch beſ⸗ ſere Wachſamkeit verhindert zu haben, durch harte Behandlung ſchwer buͤßen. —— 189 Das Gluͤck des Grafen von Mansfeld, wie aller Schloßbewohner war groß, als Adelheid an der Seite ihres Geliebten mit den Uebrigen in die Burg einzogen. Auch Walthers Kummer und Zweifel an der Unverletzbarkeit ſeiner Braut durch Hugo verſchwand bald, da Adelheid offen und waht das Gegentheil betheuerte. Verzeih mir, Theuerſte, dieſen. wohn, den Hugo's Rede angefacht,„ſägte Walther, ſie hetzlich umfangend.„Doch ſoll der nichtswördige Bube im Gottesge⸗ richtskampf mir Rde ſtehen, und ſeine vet⸗ fluchten Worte zuruͤck nehmen) oder ich ſtoße W tas is S. 4. — den n elhn mit des Freigrafen zweideutigen Handlun⸗ gen bekannt gemacht, ſo wie mehrere der 190 Freiſchoͤppen angeklagt, daß ſie in heimli⸗ cher Verbindung mit den Raubrittern ſtän⸗ den, und dieſen bisher geſchuͤtzt haͤtten. Der Stuhlherr war ſehr aufgebracht uͤber das was er hoͤrte; beſonders uͤber die Ruchloſigkeit Hugo's, ein edles Fraͤu⸗ lein, die Tochter eines der angeſehenſten Grafen,— bſchimpſet⸗ Er ließ ſogleich Rittr ergthen,„ſ ſchn St Satabstag in Nordhauſen einzufinden, um dem Gottesge⸗ richtskampf—— auf Walthers Erſuchen ange⸗ ordnet— wiſchen Letzterem und Pugn von Wolfsthal beizuwohnen Pugo empfing das Schreihen, da er n im Begriff war ſich im geheim nach ſei⸗ ner Burg Wolfsthal zu begeben. Die ſchwerſte Ahndung im Richterſcheinungsfall war der Mahnung beigefgt. In eine nicht geringe Verlegenheit brachts es den Elenden, weil et die bewährte Tapforkeit ſeines Geh⸗ ners kanhte, dem ſich nu noch der wä⸗ 191 thendſte Haß gegen ihn zugeſellen mußte. Mit dieſen Gedanken und der Furcht vor den geheimen Dolchen, wenn er den Kampf verweigerte, ſchwankte er ruhelos in den Gemaͤchern ſeines oͤden Wolkenneſtes umher. Auf Raubthaten durfte er nicht mehr aus⸗ ziehen, weil es zu gefaͤhrlich fuͤr ihn war, und die Reiſenden, da er in weiter umge⸗ gend bekannt, ſich mit ſtarker Begleitung verſahen, auch mehrere ſeiner Raubknechte ihn, wegen ſchlechter Behandlung, heimlich verlaſ⸗ ſen hatten. S, Seinem Großohm, der jetzt mit vielen Sorgen zu kůmpfen hatte, ging es um kein Haar beſſer. Sein boͤſer Daͤmon ruͤttelte und jagte ihn oft von einer Burgſchlucht zur andern, aber befteit wurde er von ſei⸗ ner heftigen Gemuͤthsbewegung nicht, weil ihn die Furcht vor der Entdeckung ſeiner Hugo's Mutter lebte in duͤſterer Einge⸗ zogenheit ein trauriges Leben, denn ihr ge⸗ 192 heimer Freund konnte auch hoͤchſt ſelten zu ihr kommen, weil der heimliche Weg zer⸗ ſtort war. Der Ritter Bodo und Rudolph hatten mit einigen Gehuͤlfen die beruͤchtigte Klausnerhutte abbrechen und den Eingang zu dem unterirdiſchen Gange verſchuͤtten laſ⸗ ſen. Der Freigraf, beſtuͤrzt, als er dieſe Verwandlung ſah, war hoͤchſt erbittert ge⸗ gen Bodo, denn ihn und keinen Andern hielt er fuͤr den Zerſtorer ſeines Lieblings⸗ weges n nnd Mit dem Naͤherruͤcken des Jakobitages vermehrte ſich das innere Grauen Hugo's⸗ Es bangte ihm fur ſein Leben, gleichwohl durfte er ſich keine Bloͤßen geben, mußte auch bei ſeiner Ausſage beharren, wenn ihn nicht die geſammte Ritterſchaft mit dem großtenn Schimpf behandeln und jeder Bube hohnen ſollte. Mit ſeinem Großohm und ein paar Knechten, die noch bei ihm geblie⸗ ben waren, zog er nach dir Veſte Wolföthal. 193 Der gegenſeitige Gruß von Mutter und Sohn war ſo kalt, als waͤren ſie ſich einan⸗ der fremd, und die Zerſtorung der Eremi⸗ tenklauſe ruͤhrte ihn nicht ſehr, als Bertha dieſes verkoͤndete. Sie aber wurde von der Nachricht des Ohms ergriffen, daß Hugo, wegen ſeiner leichtſinnigen Worte uͤber das Fraͤulein von Mansfeld, mit Walthern zu einem Gottesgerichtskampf gehen muͤſſe. Auch dem Burgvogt bangte vor der Zu⸗ kunft; er war ſo einſylbig, daß ſeine Nichte nicht drei Worte von ihm hoͤrte. Hugo's naͤchſte Nachbarn, die Monche,— anfangs bei ſeiner Züruͤckkunft ſehr mißgeſtimmt, weil ſie glaubten neuen Plagen und Unbil⸗ den ausgeſetzt zu ſeyn,— blieben wider Erwarten von ihm verſchont. Einige Tage vor St. Jakobi waren be⸗ reits eine anſehnliche Zahl edler Grafen. n. 13 —— 194 und Ritter, dem heiligen Kampfe beizuwoh⸗ nen, in Nordhauſen angekommen. Der Graf von Mansfeld und Walther trafen mit einem ſtattlichen Zuge von Knappen und Dienern Tages zuvor ein, ſo wie eine Menge Volk ſich eben dahin begeben hatte, um dieſes bobwichtige Schauſpiel m mit an⸗ zuſehen. Die Geruͤſte und Schranken waren auf einer ſehr großen Haide erbauet; der Kai⸗ ſerſitz mußte jedoch leer bleiben, weil eine unpaͤßlichkeit die Majeſtät abhielt, dieſem großen Gericht beizuwohnen. Deſſen Stelle vertrat dieſes Mal der oberſte Stuhlherr, dem ein kleiner Thron neben dem kaiſerli⸗ chen bereitet war. 6 Der feierliche Morgen an. Die Kreiswaͤrter ſtanden ſchon am Eingange der innern Schranken mit kreuzweis gehaltenen Lanzen. Viele Ritter, die ihre Roſſe ihren Knechten uͤbergeben hatten, befanden ſich mit entbloͤßten Schwerdtern in dem Innern, 195 vor den hohen Sitzen der uͤbrigen vorneh⸗ men Ritterſchaft und der Angeſehenen des Adels wie des Volks. Walther erwartete am Eingange der Schranken ungeduldig, aber muthvoll, mit tiefem Groll in der Bruſt, ſeinen boshaften Stiefbruder. Nachdem alles ſich geordnet, ſtand der oberſte Stuhlherr auf, faßte mit der rech⸗ ten Hand auf die Lehne des Kaiſerſitzes und ſprach:„Im Namen kaiſerlicher Majeſtät! Herold, thu' was Deines Amtes iſt!“— Dieſer ſtieß dreimal in die Trompete, wor⸗ auf ſich die— von ihren S erhoben. Walther trat mit— Viſi ier in die Schranken. 3¹0 Stuhlherr. Wer ſeyd hr, Ritter und was habt Ihr vorzubringen?— Walther(nachde er das⸗ Viſier geoffüet)⸗ Ich, der Ritter Walther, rechtmaͤßiger Ve⸗ ſitzer der Veſte Wolfsthal und einer m 13* — Burg mit ihren Gauen, beſchuldige vor Gott, vor Kaiſer und der geſammten edlen Ritterſchaft meinen Stiefbruder Hugo des Straßenraͤuberhandwerks, der hinterliſtigen Gefangenſchaft meines edlen Pflegevaters, des Ritters Bodo, desgleichen meiner eig⸗ nen Gefangennehmung und ſchmaͤligen Ein⸗ kerkerung in ein abſcheuliches Verließ. Ins⸗ beſondere aber beſchuldige ich ihn vor des Allmächtigen Angeſicht und vor den edlen Rittern, daß er auf die unruͤhmlichſte, ja auf die infamſte Weiſe das edle Fräulein von Mansfeld, meine Braut, entfuͤhrt, um ſolche, nach ſchaͤndlicher Bubenart, zu zwin⸗ gen, ſein Weib zu werden, und nachdem ſie dieſes ſtandhaft verweigert, ſo lange ge⸗ fangen gehalten, bis wir dieſelbe durch ein gunſtiges Geſchick befreien konnten. Da der heimtuͤckiſche Hugo die Befreiung nicht mehr verhindern konnte, ſo ſuchte ſeine Ruchloſig⸗ keit ſich dadurch zu raͤchen, daß er mit teuf⸗ tiſchem Hohnlachen wir erklätte, er habe 197 die erſten Fruͤchte ihrer Jungfraͤulichkeit ge⸗ noſſen. Die heiligſten und feierlichſten Be⸗ theurungen des edlen Fraͤuleins ſind zwar ſchon hinlaͤngliche Beweiſe vom Gegentheil⸗ Doch fordere ich den ehrloſen Verlaͤumder auf, in Gegenwart aller Edlen, die hier verſammelt ſind, ſeine ſchandhafte Ausſage zu widerrufen. Einer der Kampfrichter. Herold, thu' was Deines Amtes iſt.* Der Herold ſtieß dreimal in die Trompete. Kampfrichter. Der beſchuldigte Hugo von Wolföthal trete in die Schranken und vertheidige ſich erſt mit Worten gegen ſei⸗ nen Anklaͤger; kann er dieſe Beſchuldigung nicht gehoͤrig widerlegen und will er die Chrenſchändung nicht widerrufen und ab⸗ ſchwoͤren, ſo mſcheied das Schwerdt fuͤr den Gerechten. Nun trat Hugo in die Schun und oͤffnete das Viſier mit den Worten:„Ich, der Ritter Hugo von Wolfsthal, bleibe bei 198 meinen Worten und ſchere mich den Teufel um meinen Stiefbruder!“ „Daß Dich Gott vernichte, heilloſer Bube! Heran zum Kampfe auf Leben und Tod!“ ſchrie Walther, kaum noch— ſeines gerechten Zornes. Der erſte Kampfrichter(entbloßt ſein Schwerdt und hält es hoch empor). Im Na⸗ men Gottes und des Kaiſers!— Der hei⸗ lige Kampf beginne.— Furchtbar war das Schwerdtgetoͤs der Kaͤmpfenden. Hugo hatte ſich durch einen ſtarken ſtaͤhlernen Harniſch ſo verpanzert, daß er faſt der Undurchdringlichkeit einer Mauer glich, und mehrere Humpen des ſtaͤrkſten Weins entflammten anfangs ſeinen Muth, daß die kraftvollſten Schwerdtſtreiche Walthers ganz fruchtlos blieben. Dieß entmuthigte dieſen jedoch keinesweges. Durch eine ge⸗ ſchickte Wendung wußte er bald ſeinem Geg⸗ ner einen ſo kraftvollen Seitenhieb auf den Helmkragen und auf das Viſier zu verſetzen, 199 daß dieſes zerſprang und jener ihn faſt die Eurgel zuſammendruͤckte, wodurch er halb betaubt zuruͤckwankte. In demſelben Augen⸗ blicke brachte ihm Walther noch einen ſo maͤchtigen Stoß gegen die Bruſt bei, daß er ruͤcklings taumelnd niederſtuͤrzte. „Heil! Heil dem Sieger in ſeiner ge⸗ rechten Sache!“— ertoͤnten viele hundert Stimmen. Eben als Walther ſeinem Gegner den Fuß auf die Bruſt und das Schwerdt an die Gur⸗ gel geſetzt, mit den Donnerworten:„Elender Bube! jetzt ſchwore Deine ruchloſe Sage uͤber ein edles Fraͤulein ab, oder mein Schwerdt macht Deinem nichtswuͤrdigen Leben ein Ende!“— ſprengte ein Ritter auf einem ſchaͤumenden Roſſe bis an die Schranken heran und rief:„Halt, halt! der edle Walther von Wolföthal kann mit keinem Bauernſohn ritterlich kaͤmpfen!“ Die Kampfrichter und die geſammte Rit⸗ terſchaar verwunderten ſich hoͤchlich uͤber dieſe —= — S — — —— —— 200 Worte, und waren geſpannt uͤber die wei⸗ tern Umſtaͤnde. Sogleich trat nun der fremde Ritter in die Schranken und oͤffnete das Viſier. Walther, noch immer den Fuß auf der Bruſt ſeines Ueberwundenen, erkannte ſeinen Freund Eduard von Maienthal, uber deſſen Worte er zugleich in nicht geringes Erſtaunen gerieth. Dieſer hieß den Kreis⸗ waͤrteln und einigen Knechten den Ueber⸗ wundenen unverweilt gefangen nehmen und nach Nordhauſen in Verwahrung bringen. Hugo hatte ſich indeſſen unter Walthers Fuße losgewunden und war aufgeſprun⸗ gen, indem er mit boshaftem Grimm rief: „Welcher Teufel redet ſolche Unwahrheiten? — Ich will weitern Kampf! ich beharre auf meiner Ausſage!“ Maienthal. Das heilige Gericht wird Euch Bauernſohn ſchon eines Andern beleh⸗ ren.— Auf meine Verantwortung, Ihr Frohnknechte, nehmt ihn feſt. Dieſe faßten und fuͤhrten den in verzweifelter Wuth ſich 201 ſtraͤubenden Hugo, nachdem ſie ſich ſeines Schwerdtes bemaͤchtigt, gewaltſam fort. Bald darauf kam ein Wagen an. Der Ritter von Maienthal gab einen Winkz die Schranken wurden geoͤffnet und es traten der Hauskaplan von der Burgveſte Maien⸗ thal und des ungluͤcklichen Horſts Weib mit dem Bauer Berndt herein. „Im Namen des Herrn! Gegrußt ſey der hohe Stellvertreter des Kaiſers und die hochedle Ritterſchaft!“ Mit dieſen Worten nahete ſich der Pater dem Kaiſer⸗ und Her⸗ zoglichen Sitze.„Geprieſen ſey die hochge⸗ benedeite Jungfrau, der es endlich ein Graͤuel ſeyn mußte, ein Verbrechen noch laͤnger mit Langmuth anzuſehen. Hugo, den man bis iett fuͤr Ritter Veits von Wolfsthal Sohn gehalten, iſt ein untergeſchobnes Kind und der leibliche Sohn des Tagelöhners und Bauers Horſt, der von eben dieſem Hugo auf unverantwortliche Weiſe eine hohe Burg⸗ ſtiege hinabgeworfen, wodurch er vor meh⸗ —— 202 reren Tagen ſein Leben geendet. Vor ſei⸗ nem traurigen Hinſcheiden hat er mir in Gegenwart des edlen Herrn Ritters von Maienthal, ſeines Weibes und des hier ge⸗ genwaͤrtigen Berndts dieſe Entdeckung ge⸗ macht, auf die Wahrheit ſeiner Ausſage, die er beſchworen, das Mahl Chriſti genom⸗ men, auch ſolche kurz vor ſeinem Hinſchei⸗ den nochmals heilig bekraͤftigt. Sein armes Weib moͤge nun den edlen Herrn Grafen das Naͤhere erzaͤhlen.“— Weinend trat dieſe auf Befehl des Stuhl⸗ herrn vor und berichtete:„Ich wohnte außerhalb des Gaues Ritter Veits von Wolfsthal in einer kleinen Huͤtte, hatte einen Jungen geboren, der etwa drei diertel Jahr alt war, als der Burgvogt und Ohm des Ritters Veit zu mir kam und mir gegen recht gute Belohnung den Antrag machte: ich moͤchte, wenn ſeine Richte, Veits Ge⸗ mahlin, von einem Maͤdchen entbunden wer⸗ den ſollte, meinen Jungen dagegen vertau⸗ 203 ſchen, weil der Ritter durchaus nur einen Knaben von ſeiner Hausfrau erwartete. Wir waren wegen dieſes Vorſchlags anfangs zwar unentſchloſſen, die Ueberredungen und Vorſtellungen von den Vortheilen, die uns fur die Folge aus dieſem Tauſch erwachſen wuͤrden, bewogen endlich meinen Mann und mich, den Vorſchlag des Burgvogts an⸗ zunehmen. Wir glaubten es ſey fuͤr uns ein großes Gluͤck, wenn unſer Sohn ein geehrter Ritter wuͤrde. Im Geheim mußte ich mich mit meinem Jungen in der Nahe der Burg aufhalten, und als nach ein paar Tagen des Ritters Hausfrau von einem Maͤdchen entbunden ward,— welches ich ſo⸗ gleich von der Kindermutter, die auch er⸗ kauft war, empfing, und ihr dagegen mein Junge uͤbergeben wurde,— mußte ſch mich mit dem Kinde entfernen. Mir und meinem Manne wurde eine Bauerhuͤtte mit ein paar Acker Land im Gau der alten Veſte, von der mein unglucklicher Mann ſeinen Tod ge⸗ 204 holt, angewieſen. Um beſſer zu leben, und da ein fremdes Kind doch Riemand ſo ſehr am Herzen liegt, beſchloſſen wir, uns von demſelben zu befreien. Nachdem ich es etwa drei bis vier Monate gehabt, ging ich weit von unſrer Huͤtte fort und forſchte uberall herum nach kinderloſen Leuten. In dem Gau des Herrn Ritters Kunz von Maien⸗ thal fand ich den kinderloſen Bauer Berndt. Unter einem Vorwande uͤbergab ich ihm das kleine Maͤdchen und entfernte mich. Der liebe Gott hat aber meine That ſchwer ge⸗ geraͤcht, denn mein Sohn, der nun als Ritterbube erzogen wurde, artete leider ſo aus, daß er endlich zu einem Raubritter geworden. Mein Mann wie ich mußten uns ſcheuen und durften es wegen der har⸗ ten Drohungen des Burgvogts nicht wagen, unſerm Sohne die Entdeckung ſeiner Geburt zu machen. Seine vorherigen Verſprechun⸗ gen waren groͤßtentheils leere Worte gewe⸗ ſen und endlich wurden wir gar aus der 205 Nähe von Hugo verwieſen, und bekamen in der Gegend der unſeligen alten Veſte eine andere Huͤtte nebſt ein paar Acker Land. Ach Gott! häͤtte ich gewußt, welches Un⸗ heil meinen armen Mann treffen wuͤrde, ich hätte dem Fräulein von Manofeld bei mei⸗ nen Verrichtungen auf der Burg ſchon gern vorlaͤufige Entdeckung gemacht, wenn mich die Umſtaͤnde und die Furcht vor der Rache des alten Ohms nicht zuruͤck gehalten haͤt⸗ ten. An jenem Ungluͤckstage meines Man⸗ nes war er auf der alten Veſte, und for⸗ derte von dem Burgvogte ſo viel Marien⸗ gulden, wie zum Ankauf von ein paar Acker Land noͤthig waren. Die Verweigerung dieſes brachte Beide hart an einander, und in Folge deſſen warf ihn ſein eigner Sohn die hohen Burgſtiegen hinab, welches ihm ein paar Wochen nachher den Tod zuzog⸗ Zuletzt vor ſeinem ſchmerzhäften Ende ent⸗ hielt er ſich nicht laͤnger, dem Herrn Pater mitzutheilen, auf welche Weiſe in die Vſte 206 zu kommen ſeh, und entdeckte ihm zugleich, daß Hugo unſer Sohn und Waldine die Tochter des Ritters Veit waͤre. Auch ich betheure beim Blute Chriſti und der heiligen Jungfrau die Wahrheit meiner Ausſage!“ Hierauf zerſtreute ſich das Volk wie die geſammte Ritterſchaft. Auch der Pater mit ſeiner Begleitung fuhren bald darauf wie⸗ der nach ihren Wohnorten. 18. Mit welchen Empfindungen hoͤrte Waldine die Nachricht dieſes ſonderbaren Ereigniſſes von ihrem zuruͤckgekehrten Pflegevater, der ſowohl wie Eduard und der Burgkaplan ihr noch nichts von dieſer Begebenheit hatte erfahren laſſen. Bisher hatte zwar die in⸗ nigſte Liebe in ihrem Herzen fuͤr den Ritter Eduard geherrſcht, doch den Gedanken zu wagen, ſein Weib zu werden, ſuchte ſie ſo viel als moͤglich zu unterdruͤcken. Jetzt war 207 ſie die Tochter eines zwar ebenbuͤrtigen Rit⸗ ters, aber ſie wußte auch, wie verhaßt ſich ihr Vater durch ſeine Raͤubereien in allen Gauen weit umher gemacht hatte. War ſie durch ihre bisher vermuthete Geburt ausge⸗ ſchloſſen von dem Beſitze eines edlen Rit⸗ ters, ſo dachte ſie nun demſelben Looſe unterworfen zu ſeyn, als Tochter eines un⸗ edlen Ritters. Von ſolchen Gedanken war jedoch der brave Eduard weit entfernt. Wie vom Winde getrieben flog er zu Berndts Wohnung, in der zuverſichtlichen Voraus⸗ ſetzung, daß Waldine jetzt alles efbrem habe. „Geſchwind, zoſe Geliebte, zu meinem Vater! Er ſoll Dich ſehen, ſprechen und ſeinen Segen zu unſerer Verbindung geben.“ Mit dieſen Worten faßte er ihren um ſie ſogleich fortzufuͤhren. „O Gott, theuerſter Eduard! ſieh Furcht, meine Verlegenheit; wird Dein Vater —— —— 208 des Raubritters xochter ſeiben Sh wuͤrdig halten?“ „Nichts davon, edles2 Ninchen! Warum ſollte die gute Lochter die Suͤnden des Va⸗ ters buͤßen?— komm, komm!“— Das ging aber doch nicht ſo geſchwind, da ſie ſich zuvor in ein beſſeres Gewand kleiden mußte. Nach dieſem fuͤhrte er ſie wie im Triumph zur Burg ſeines Vater. Der Segen des alten Berndt war ihr gleiter. „Hier, mein ineſint Vater, bringe i Euch die treffliche Waldine, deren Beſitz mein hochſtes Gluͤck iſt. Seht, pruͤft und ent⸗ ſcheidet!“— Mit dieſen Worten war das zitternde Maͤdchen an der Hand haltend, in das Gemach deſſelben getreten. „Wie? was iſt das?“— fragte der Vater, dem dieſe iberraſchende Vorſtellung ganz neu war. Fetzt gerieth Eduard in einige Verlegen⸗ heit, weil er in der Haſt gar nicht daran 209 gedacht, ſeinen Vater darauf vorzubereiten. Noch beklommener wurde Waldine. Mit dem hoͤchſten Karmin auf den Wangen und ge⸗ ſenktem Blick ſtand ſie dem alten Ritter Kunz von Maienthal gegenuͤber. Eduard machte nun mit den beredteſten Worten den Vater mit ſeiner Liebe fuͤr Waldinen bekannt, deren Beſitz ſtets ſein innigſter Wunſch geweſen, den er ihm zu vertrauen bisher nicht habe wagen wollen. Erzaͤhlte ſodann die Umgeſtaltung der Ver⸗ haͤltniſſe Waldinens, nebſt dem Vorgefalle⸗ nen, und ſetzte mit lebhaftem Feuer hinzu: „Seht, liebſter Vater, das gute Maͤdchen, pruͤft und fragt den ehrlichen Berndt und— Ihr werdet mir Euren Segen zu unſerer Verbindung nicht verweigern!“— Jetzt wurde der alte Kunz erſt auf die Geliebte des Sohnes aufmerkſam, und mußte ſich bald geſtehen, daß dieſer nicht uͤbel ge⸗ waͤhlt. Verſchiedne Einwendungen, die der gute Alte ruͤckſichtlich ihres Vaters machte U. 14 210 wurden von des Sohnes Beredtſamkeit bald durch Außzaͤhlung von des Maͤdchens Voll⸗ kommenheiten beſchwichtigt. Gutmuͤthig laͤ⸗ chelnd ſprach er darauf:„Nun, mein Sohn, da ſich Alles auf eine gunſtige Weiſe geſtal⸗ tet hat, ſo darf ich meine Einwilligung wohl nicht laͤnger verweigern. Nimm ſie hin und werde ſo gluͤcklich, wie Du es hoffſt und wuͤnſcheſt. Von Euch, Fräulein, erwarte ich aber, daß Ihr meinen Eduard ſtets mit treuer Liebe ergeben ſeyd.— Mit groͤßte⸗ Dankbarkeit warf ſich Waldine wortlos an die Bruſt des guten Alten, und Eduard folgte ihrem Beiſpiele. Der alte Berndt vergoß Freudenthraͤnen, als der Ritter ſeine Geliebte wieder zu ihm zuruͤckbrachte, und ſie ihm nun als ſeine Braut vorſtellte. Der Mutter Edda und Adelheids Freude war unbeſchreiblich groß, als ſie ihren ge⸗ liebten Walther wohlbehalten mit dem Gra⸗ S.——— —,—— 211 fen wieder einziehen ſahen. Nicht minder war ihr Erſtaunen uͤber den ſeltſamen Aus⸗ gang des Kampfes und die Erzaͤhlung von Hugo's Geburt, ſeine Gefangennehmung, und daß Waldine die Stiefſchweſter Wal⸗ thers ſey. Erfreulich war ihnen auch die Nachricht, daß dieſes Maͤdchen die Geliebte ſeines Freundes Eduard waͤre, die er nun ohne weiteres Hinderniß zu ſeiner Hausfrau machen wuͤrde. Der alte Burgvogt, Hans von Geiers⸗ bach, kam faſt außer ſich, als er Hugo's Schickſal und die Enthuͤllung ſeiner Herkunft erfuhr. Er verwuͤnſchte nun tauſendmal ſeine Harte und ſein unuͤberlegtes Verfahren gegen den ungluͤcklichen Horſt. Sein trubes Schickſal, welches er zu erwarten habe, ſtand ihm mehr denn zu klar vor Augen. Um ſich jedoch fuͤr ſein uͤbriges Leben noch Unter⸗ halt zu verſchaffen, beſchloß er, zu ſeiner Nichte zu eilen, um gemeinſchaftlich mit ihr 14* 212 den beſten Theil der geraubten Schaͤtze aus der Burg Wolfsthal abzuholen, und mit ihr an einen ganz entfernten Ort zu wandern. Swei von Hugo's Knechten, die es noch mit ihm hielten, denn die uͤbrigen waren bereits mit den Pferden davon gegangen, folgten ihm zu dieſem Unternehmen. Als er in das Gemach ſeiner Nichte trat, fand er aber zu ſeinem nicht geringen Schrecken den Ritter Bodo. „Was wollt Ihr heilloſer Unhold hier in meiner Burg?“ fuhr ihn Walther an. Des Burgvogts Verlegenheit benahm ihm alle Worte. „Eure Nichte zieht morgen von hier ab und geht in das Kloſter zur Ponitenz„üs welchem ſie damals mein Vater geholt; Ihr aber packt Euch mit Euren Spießgeſellen ins Weite, und ſo Ihr Euch in der Um⸗ gegend von zwei Tagereiſen ſehen laßt, trifft Euch ſchwere Ahndung. Habt Ihr verſtan⸗ den? und nun ſott in dieſem Augenblick!“ 213 Mit ſchlotternden Knien und bleichen Lip⸗ pen, uber die keine Worte kamen, ſchlich er ſtill davon; auch ſeine zwei Knechte verließen ihn, als ſie den ungluͤcklichen Ausgang ver⸗ nahmen. Allein, Hugo gefangen, ſeine Nichte ver⸗ wieſen, entbloͤßt von Unterhaltungsmitteln, geaͤchtet, auch wohl gar noch den Dolchen der Vehmrichter ausgeſetzt, machte er ſeinem Leben ein ſchnelles Ende, indem er ſich von eben dem Felſen, der den alten Veit damals unwillkuͤhrlich den Tod brachte, hinab in den tiefen rauſchenden Strom ſturzte. Der Burgfrau Bertha wurde von Bodo die auſchung ihrer Tochter gegen Hugo er⸗ zaͤhlt. Entſetzt und von Kummer uͤberwaͤl⸗ tigt, kam ſie faſt außer ſich; ja ſie flehte die Mutter Maria um ihren Tod an. Zu dieſem Flehen, ſagte der Ritter, haͤtte ſie die beſte Gelegenheit im Kloſter, wozu man ſie beſtimmt habe. Ohnehin in wenig 214 Achtung ſtehend, unterwarf ſie ſich ihrem Schickſale und zog nach einigen Tagen da⸗ hin, nachdem man ihr das Verſprechen ge⸗ geben, ihre Tochter Waldine zuweilen im Kloſter ſprechen zu duͤrfen. Nun trafen Walther und Bodo mit ihren Reiſigen Anſtalten, alle im Burgſchloß auf⸗ bewahrte Sachen auf Wagen zu laden und nach Mansfeld zu transportiren, von wo aus ſolche den Eigenthuͤmern nach gehori⸗ gen Beweiſen zuruͤckgegeben wurden. Den Pfaffen im benachbarten Kloſter gewaͤhrte die Zuruͤckgabe ihrer ſilbernen Humpen be⸗ ſondere Freude. Der Freigraf Woldemar bekam ſehr Verweiſe uͤber ſein nachlaͤſſiges und zwei⸗ deutiges Benehmen bei ſeinen hohen und wichtigen Amtspflichten und wurde ſeiner Wuͤrde entſetzt, daſſelbe geſchah mit Hugo's Freunden. Das neu eingeſetzte Vehmgericht, unter —. 215 dem einſtweiligen Vorſitze des Stuhlherrn, ließ den gefangenen Hugo vorfuͤhren. Der Verluſt der Ritterwuͤrde, ſeiner Bur⸗ gen, geraubten Schaͤtze und die Ruͤcktehr zum Bauernſtande, hatte ihn ſo duͤſter und ſo tuckiſch gemacht, daß er alles, ſelbſt ſein eignes Leben in die Hoͤlle wuͤnſchte. Mit dieſem boͤſen Sinn trat er trotzig in die Verſammlung der heimlichen Richter, nichts anderes als den Tod erwartend. Wie wun⸗ derte er ſich aber uͤber den erhaltenen Be⸗ ſcheid: ſein Leben ſollte ihn ſeiner veraͤn⸗ derten Lage wegen geſchenkt ſeyn, dagegen wuͤrde er aus zwoͤlf Gauen in der Runde erwieſen und ſofern er in einem derſel⸗ c einem Monatslaufe betroffen wuͤrde, muͤßte er durch den Dolch der Barmherzig⸗ keit das Leben verlieren. Nach dieſer Wei⸗ ſung wurde er mit verbundenen Augen durch zwei Vermummte eine weite Strecke fortge⸗ fuͤhrt, und dann entlaſſen. 7. Gewoͤhnt an eine wohlbeſetzte Lafel, an 216 gefullte Humpen und viele andere Annehm⸗ lichkeiten, wollte ihm der Gedanke, dieſes nun alles zu verlieren, ganz zu Boden druͤcken. Unter fuͤrchterlichen Fluͤchen gegen Him⸗ mel und Erde, gegen ſeine Eltern, ja gegen ſein eigenes Daſeyn, haͤtte er ſich vielleicht ſelbſt den Tod gegeben, wenn nicht noch gluͤhende Rache in ſeinem verderbten Her⸗ zen gekocht. Fort, weit fort mußte er. Fuͤr elende Koſt als Bauer im Taglohne zu arbeiten, hatte er weder Sinn noch Geſchick. Sein Vorſatz war, das einmal geuͤbte Raͤuberhandwerk fortzuſetzen, da er den Flamberg zu handhaben verſtand, und in weit entlegnem Lande eine Raͤuberband bilden; zuvor aber noch an dem Ritter Wal⸗ ther eine furchtbare Rache zu nehmen. Nicht unterrichtet von dem was waͤh⸗ rend der Gefangenſchaft in ſeiner vormali⸗ gen Burg geſchehen war, beabſichtigte er, der beſten Kleinodien, die in einem der —— —— 2 Burggewoͤlbe aufbewahrt waren, ſich zu be⸗ maͤchtigen. Ein geheimer Weg, nur ihm und dem Burgvogt bekannt, fuͤhrte von einem ſchroffen Felſen neben der Burg zu einem geheimen Eingang in den Ruͤdenbehaͤlter, und dieſer in den Burghof. Von Roß und Ruͤden war nichts mehr ſichtbar, uͤberhaupt herrſchte eine Todtenſtille. Bekannt mit Allen, war ſein erſter Weg zu dem untern Geſchoß. Wie unheimlich wurde es ihm aber, als er alle Thuͤren geoͤffnet und jedes Behaͤltniß rein ausgeleert fand. Er be⸗ durfte Zeit um ſich von ſeinem Schrecken zu erholen. Nun ging's in die Burggemaͤcher; ier fand er ebenfalls alle Thuͤren geoͤffnet. hier S6 ihn aber faſt zum Wahnſinn brachte, war die Entdeckung, daß alle ſeine ver⸗ ſchloßnen Schraͤnke, ſelbſt die verſteckteſten, offen und alle Schaͤtze herausgenommen wa⸗ ren. Starre, fuͤrchterliche Wuth bemaͤch⸗ tigte ſich ſeines ganzen Weſens; doch aus dieſem Zuſtande riß ihn endlich ein teufli 218 ſcher Gedanke, der ihn verzweifelnd zur to⸗ benden Wildheit trieb.„Habt Ihr Satans mir alles genommen, ſo ſollt Ihr auch die verdammte Burg nicht behalten!“— Die Burgfrau, die er noch im Schlaf⸗ gemach vermuthete, wollte er aufrutteln, um ſie mit Vorwuͤrfen zu uͤberhaͤufen; aber auch dieſe war fort. In ſeiner Wuth ver⸗ ſchaffte er ſich eine brennende Lampe, trug die noch vorraͤthigen Betten und anderes Holzwerk zuſammen, und zuͤndete alles an. Nachdem die Flamme zu lodern begonnen, verließ er die Gemaͤcher, und legte auch noch in den Pferdeſtaͤllen Feuer an. Mit teufliſchem Hohnlachen ſah er die hochauf⸗ ſchlagenden Feuerflammen ſich uͤberall ½ verbreiten, und ſo trat er ſeinen Ruͤckweg an, den er, wider Erwarten, uͤber die niedergelaſſene Zugbruͤcke nehmen konnte. Auf dem Burghofe erwartete ihn aber das Straf⸗ gericht des Ewigen. Zwei tief Vermummte traten ihm entgegen, er ſchauderte zuſammen. 219 „Iſt es Dir verſtocktem Boͤſewicht an der Großmuth des heiligen Gerichts noch nicht genug geweſen, ſo erfahre nun ſeine gerechte Strafe!“ Mit dieſen Worten ſtieß ihm der Eine den Dolch in die Bruſt. Hugo ſank tau⸗ melnd zur Erde, und gab unter Winſeln und Kruͤmmen ſeinen Geiſt auf. Als Walther und deſſen Mutter hievon Kunde erhielten, machte es ſie ſehr beſtuͤrzt; der Graf von Mansfeld hingegen laͤchelte uͤber das Ereigniß, und verſicherte, daß er dieſes heilloſe Raubneſt doch in Kurzem haͤtte ohlen und zur Ruine werden laſſen, um Andenken an die Schmach ſeiner Toch⸗ ter zu vernichten. Kurze Zeit nachher wurde zur hoͤchſten Freude Walthers das Ehebuͤndniß mit ſei⸗ ner geliebten Adelheid beſtimmt. um dieſe hohen Feſtlichkeiten noch voll⸗ kommner zu machen, ſollte auch Eduard . 220 —— von Maienthal mit ſeiner Waldine ihre Ver⸗ bindung auf dem Schloſſe Mansfeld zugleich an einem Tage feiern. Walthers edle Mutter hatte der gluͤck⸗ liche Ausgang dieſer Begebenheiten ganz verjuͤngt, und auf den alten Grafen den wohlthätigſten Einfluß gehabt; auch Ritter Bodo fuͤhlte ſich neu belebt. Adelheid mußte geſtehen, als Waldine mit ihrem Geliebten und ihrem guten Schwie⸗ gervater in's Schloß zogen, daß dem Ritter Eduard, hinſichtlich ſeiner Braut, nichts zu wuͤnſchen uͤbrig bliebe. Eine große Anzahl von Freunden und andern geladenen Rittern fanden ſich zůh Vermaͤhlungs ⸗Feſtlichkeiten ein. W nens Pflegevater, der edle Berndt, wurde nicht vergeſſen, ja er mußte mit Theilneh⸗ mer an der Tafel ſehn. Ungemein groß war der Jubel unter ſo vielen Rittern, Ritterdamen und Fraͤuleins. An gefuͤllten Humpen und Tafelfreuden —— F—— * 3 ſiſſiſſ 20 ſin ſſſ 5 1 18 19 9 10 11 12 13 14 1 6 17 3 5 44 5 . „ . „ —— N * 5