Leihbibliotherk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Feſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 2 korgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für hentteh 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mk f 1 Mk. 50 6f. 2 Mi. 5 uswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Vücher nicht ſtattfinden varf, indem Piejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 28 feſtgeſetzt und wird ² — ——— — L „ —— — 7 Die Strußenſüngerin von Jondon. Yrittes Buch. Die Strußenſüngerin von London. Ein Bumnn in dri Pücherm von IJnlius Rodenberg. Drittes Buch. Das Uecht der Aeberſetzung iſt vorbehalten. Verlin. Verlag von Oswald Seehagen. 1863. Drittes Buch. Straßenſängerin III. 1 Erſtes Capitel. Der Cryſtallpalaſt von Bydenham. Wenn man aus der Norsſee kommt und Raſt macht an den grünen Waldſeiten von Greenwich oder auf den — ausgedehnten Raſenplätzen von Blackheath, ſo ſieht man + fern gegen Südweſten, über den Hügeln, über dem Strom, über der Stadt und ihren tauſend Thürmen die 3 beiden Thürme von Sydenham. Einſam in der Sonne und dem Mittagsdufte ſtehn ſie da; fantaſtiſch— ab⸗ gelöſt von aller Verbindung— aufrecht und verloren im träumeriſchen Blau des Himmels, mehr mit dem An⸗ ſehen von Säulen als mit dem von Thürmen, die noch dazu Waſſerthürme ſind. Von Blackheath aus ſieht man Nichts als dieſe beiden Thurmſäulen— Nichts von dem . Zauberſchloß ſelber, welches ſie auf beiden Seiten be⸗ grenzen und nur ein Stück von der Hügelfläche, welche es trägt.— Kommt man aber vom Süden herein, 1 von den Häfen des Canals oder dem Pas de Ca⸗ lais; hat man die Hopfengefilde durchflogen, welche das alte Land der Cantuarier ſchmücken, und die Buchs⸗ baumhecken paſſirt, welche die liebliche Gegend von Box⸗ * hill und Dorking begrenzen, ſo erſcheint dem Fremden, welcher müde iſt von dem Rauſchen des Meeres und voll Erwartung nach der Stadt, plötzlich zur Linken auf ſanftem Hügelhange, von üppigem Grün am Fuße ver⸗ deckt, ein gewaltiges Bauwerk von Glas, in deſſen Kup⸗ peldächern die Sonne flimmert und durch deſſen Wände das Blau des jenſeitigen Himmels ſcheint. Farblos, außer denjenigen Farben, welche ihm das Sonnenlicht und die Transparenz des Himmels verleiht,— wie eine ſtumme Geiſterburg über der lärmenden Welt ſieht man dieſes Gebände zur Linken auf ſanftem Hügelhange. Es ſteht zu entfernt, um ſeine einzelnen Theile unterſcheiden zu können. Man erkennt nur ſeine Umriſſe— ſeine zarten und majeſtätiſchen Linien, ſeine ſtumme, großar⸗ kige Schönheit— ſeine gewaltige Maſſe von Stoff, die in ſchwebende Grazie, und ſeine Helligkeit, welche in das ruhige Weiß des reinen Lichtes gelöſt ſcheint. Dieſes iſt der Crhſtallpalaſt von Sydenham, welcher auf einem der Außenhügel von London thront, als ein Vorpoſten ſeiner Größe und ein Atzeichen ſeiner Herr⸗ lichkeit. Alle Handbücher haben den Crhſtallpalaſt von Sy⸗ denham bereits unter die Sehenswürdigkeiten von Lon⸗ don aufgenommen, und kein Fremder, der in dieſe Me⸗ tropolis kömmt, verſäumt daher, demſelben ſeinen Beſuch abzuſtatten. Mehr aber noch, als für die Fremden in London, iſt der Crhſtallpalaſt für die Einheimiſchen ſelbſt ein Wunder und eine Wohlthät; ihn zu beſuchen iſt ein jährlich wiederkehrender Feiertag für viele ehrbare Fa⸗ milien und gern ſchweifen ſie in ſeinen ſtillen, grünen, — — — abgelegenen Gründen, ſich erquickend an ihrer Blumen⸗ luft und Wieſenfriſche, auf ihren ſchattigen Bänken und einſamen Waldplätzen, wo man zuweilen noch um Weih⸗ nachten eine Roſe pflückt, an ihrer tiefen Stille, die nur unterbrochen wird durch das leiſe Plätſchern der Spring⸗ brunnen und das Echo von Muſik, an ihrer Fernſicht über ein reiches, ſchönes Land bis in die bläuliche Däm⸗ merung, wo im Oſten das Meer beginnt, und dem Hauch von Frieden, der über Allem weht. Oft und oft, wenn uns weh ward in dem täglich wiederkehrenden Brauſen von Londons Straßen, haben wir ſelber uns hierherge⸗ wandt nach Sydenham, uns unter den Myrthenbaum ſetzend, am ſtillen Waldrand, zwiſchen Eichen und Ulmen und Roſen träumend, als ſei die Welt hinter uns ver⸗ ſunken, und ſelig in dem Genuſſe der ſüßen Luft und dem holden Schweigen der Natur. Hoch über dieſen lieblichen Gründen auf dem Hügel ſteht der Crhſtallpalaſt. Breite, weiße Stufen führen hinan; Götterbilder lächeln uns entgegen; auf den Trep⸗ penabſätzen in weißen Marmorſchaalen blühen kleine glü⸗ hend rothe Blumen. Sphynxe liegen auf den Rampen. Gelber Kies bedeckt die Terraſſe. Aetheriſch vor uns baut ſich Galerie über Galerie; und prächtig darüber wölbt ſich die Kuppel von Glas.— Eine neue Welt. Wir vernehmen ihr dumpfes Brauſen, indem wir durch das Crhſtallthor ſchreiten, ihr Gemurmel, wie von tauſend und abertauſend Lippen,— die Vereinigung all jener Stimmen, welche ihr fortwäh⸗ rendes Geränſch bilden— die Fußtritte der Menſchen, das Lachen, die Muſik, den Geſang, das Plätſchern des * Waſſers, das Rollen eines Rades, den langen Nachhall eines Schlages, eines Falles, die ſtete Arbeit unterirdi⸗ ſcher Maſchinen— ein mächtiges Concert von Dishar⸗ monieen, die ſich für das Gehör zuſammenballen in ma⸗ jeſtätiſche Tonloſigkeit und die Seele überwältigen durch die zwar gedämpfte, aber ununterbrochene Folge ihrer formloſen Accorde. Dieſes iſt der erſte Eindruck, den man erhält. Noch lange begleitet er uns in ſeiner grandiöſen Unentwirrbarkeit, ehe ſich allmälig aus der unförmlichen Maſſe die einzelnen Töne entwickeln, von denen einige, wie die des Waſſers, der Chöre und Mu⸗ ſiken, liebliche Melodien und andre die natürlichen Laute einer großen und bewegten Menſchenmenge ſind. Der zweite Eindruck iſt der von Licht— Licht, † nicht minder betäubend und verwirrend, wenn wir es zu empfinden beginnen, als es zuvor der Eindruck des Schal⸗ les war. Licht von ſolcher Fülle und in ſolchen Dimen⸗ ſionen, wie wir es niemals geſehen haben. Wir haben über uns in gewaltiger Höhe ein Kuppeldach, welches nicht der Himmel iſt, und doch ſeinen Glanz, ſeine Farbe, ſeine luftige Klarheit beſitzt. Wir haben zu un⸗ ſeren Seiten Galerien, in welchen Menſchen wandeln, auf⸗ und niederſteigen,— drei, vier Stockwerk über ein⸗ ander, unabſehbar weit hinunter— und ſehen doch keine Wände, keine Fußböden, keine Treppen— nur feines, leichtes Stabgewebe, durchſichtig, wie das Maſchenwerk von Spinnefäden, zierlich, ganz von Klarheit durchſtrömt. Wir haben vor uns in endloſer Ferne hohe Gänge, prachtvolle Hallen, Höfe von Säulenſtellungen geſchloſ⸗ ſen und Thorbögen, hinter denen die Perſpective neuer — Gänge, neuer Hallen, neuer Höfe und Säulenſtellungen erſcheint. Wir vermögen es nicht, ihre Ordnung zu un⸗ terſcheiden; wir ſehen nur eine ungeheure Menge von Gegenſtänden und eine weite Ausde ehnung von Licht da⸗ rüber. Die ungeſtalteten Maſſen von Schall und Licht vereinen ſich, um uns vollends zu verwirren und zu be⸗ täuben. Wir erinnern uns einer jungen Dame, die in unſrer Geſellſchaft zum erſtenmal hierher kam. Sie war eine muntre, junge, hübſche Dame, und trug einen hüb⸗ ſchen Roſenhut und einen weißen Shwal an jenem Tage. Die fing an zu weinen, als wir ſo weit gekommen waren. Aber allmälig geſchieht es, und gleichſam Hand in Hand, daß der Schall ſich ordnet und das Licht ſich ge⸗ ſtaltet. Wunderliebliche Harmonien aus ungeſehenen Fernen, wie Sphärenmuſiken umſchweben uns. Der ge⸗ tragene, weihevolle Schall der Orgel begrüßt uns; und indem die letzte Schwingung ihres frommen Prälndiums verbebt, miſchen ſich helle Kinderſtimmen hinein, deren Geſang, aus der Höhe herunter, der Vorſtellung gleicht, welche wir uns von dem Geſange der Engel machen. Und glockenrein, wie ſich dieſe himmelsverwandten Klänge in das melodiſche Plätſchern von Brunnen verlieren, die über Klippen und Moosbänke in weite Waſſerbecken rie⸗ ſeln, werden ſie ſogleich durch einen rauſchenden Satz aus der neuen Oper oder durch einen Chor von Tau⸗ ſenden erſetzt, die an der Rieſenorcheſtra hinaufgruppirt, Aehnlichkeit mit einem bewegten Meere haben, in dem man kaum die Köpfe der Einzelnen, die weißen Hals⸗ tücher der Männer und die farbigen Mäntel der Frauen * unterſcheidet; die, wenn ſie ſich erheben, die Bewegung nachahmen wie von einer Schaar dunkler Vögel, die ſich zum Fluge anſchickt, und wenn ſie die Notenblätter um⸗ ſchlagen, ein Geräuſch machen, wie von einem Windſtoß. Und Chorgeſang, Orgelſpiel und Inſtrumentalmuſik be⸗ gleiten uns, wohin wir gehen; wir verlieren ſie nie ganz aus dem Gehör, ſei es auch nur als leiſeſtes Echo, wel⸗ ches uns unflüſtert. Wie an einem goldenen Faden hält uns die Melodie und wird unſer ungeſehener Füh⸗ rer, indem wir unſre Wandrung machen, durch dieſen Palaſt der Märchen und Wunder. Sie iſt die tönende Seele dieſes Pantheons von Crhſtall, in welchem die er⸗ habene Schönheit der alten Welt und der gedankenreiche Ernſt der neuen, die farbenglühende Pracht des Orients und die keuſche Enthaltſamkeit des Occidents, die amei⸗ ſenhafte Induſtrie der Chineſen und das reine Kunſt⸗ ideal der Hellenen zu einem Mikrokosmos zuſammenge⸗ ſtellt ſind, der die Weltgeſchichte ſpiegelt, in welchem alle Zeitalter, alle Völker, alle Zonen und alle Religionen einen Platz gefunden haben. Lieblich umgaukelt uns Muſik, wenn wir am Rande ſchlafender Seen zu ruhen meinen, auf deren lebloſer Fläche die breiten Blätter ſüdauſtraliſcher Waſſerpflanzen ſchwimmen. Wehmüthig begleitet ſie uns, wenn wir den Göttern Griechenlands vorübergehn und dem Forum von Rom und dem Coloſ⸗ ſeum; wie verlorene Liebesklage, wie Schluchzen der Nach⸗ tigall, des heimathlichen Bülbül, folgt ſie uns durch die blaurothen Gardinen in das roſige Dämmerlicht der Alhambra und zu dem Springbrunnen des Löwenhofes. Räthſelhaſt ſtirbt ſie in den unheimlichen Räumen hin, — aus welchen uns die rieſengroße Vergangenheit von Ni⸗ niveh anſtarrt. Menſchengeſichter mit unbegreiflichem Lächeln auf Leibern von ungewöhnlichen Dimenſionen— Vogelköpfe auf Frauenkörpern— Kampfſcenen und Sie⸗ gestänze, weiße Röcke des Friedens und ſeltſam gebogene und gewundene Inſtrumente, auf welchen zur Ehre deſ⸗ ſelben geſpielt wird... Alles fremd und coloſſal, voll greller Farbe und von einer Phantaſie, die nicht raſtet, bis ſie den Himmel erreicht hat. Die Geſchichte vom Thurmbau zu Babel ergreift, wie ein ſchauriges Mär⸗ chen der Kinderzeit, den Wanderer, wenn er dieſe bun⸗ ten Säulen ſo hoch über ſich in ſchwindelnder Höhe leuchten und ein ſinnlos verziertes Dach ſtützen ſieht. Seht! dieſe urweltlichen Leute haben doch auch das Ideal der Schönheit geſucht und ſie haben es in der ſchreien⸗ den Diſſonanz und der plumpen Unförmlichkeit gefunden. Tauſende von Generationen haben es nach ihnen geſucht, wir ſuchen es noch immer. Seid Ihr deſſen ſo ganz gewiß, daß wir es gefunden?... Wir ſuchen es... Horch! beim Schalle eines Beethoven'ſchen Shmphonie⸗ ſatzes, der ſanft, wie tröſtender Engelflug heranſchwebt, betreten wir den gothiſchen Hof und ſehen alte Könige auf ihren Särgen und Königinnen in ihren Röcken von Erz; kunſtreich verzierte Krerze, Kirchenthüren mit erha⸗ bener Arbeit, Weihwaſſerſchalen und Taufbecken von Stein. Iſt dieſes das Ziel der Kunſt und Schönheit?... Ihr bleibt ſtehen... Ihr lächelt... So kommt in den folgenden Hof mit ſeinen Renaiſ⸗ ſancefagaden, mit ſeinen Roccocoſtühlen, auf deren Vor⸗ bildern Ludwig der Einzige und Frau von Maintenon * . geſeſſen, als ſie noch gottlos und ſchön und reizend und luſtig war.„Aber ſie iſt doch nicht immer ſo geblie⸗ ben!“ ſagt Ihr.„Auch ſie ward fromm, als ſie alt ward“... Als ſie alt ward— das iſt es! Kommt in den folgenden Hof... Hier ſeht Ihr unfre eigne Zeit, und Leſſing und Goethe und Schiller ſehen ernſt auf Euch nieder.. O, meine Freunde! laßt uns nicht müde werden, nach dem Ideal der Schönheit zu ſuchen; aber ſeht in die durchwanderten Jahrtauſende zurück, wenn Ihr trau⸗ rig werdet, es nicht zu finden. Setzt Euch nieder, hier⸗ her, zu den Füßen Gvethes, oder Leſſings, oder Schil⸗ lers! Laßt die bunten Fahnen über Euch wehen! Laßt die grünen Rebenguirlanden ſich ſchlingen von Säule zu Säule, von Hof zu Hof, von Volt zu Volk, von Jahr⸗ tauſend zu Jahrtauſend— laßt die Quellen plätſchern und die Tropendüfte wehen, ringsum! Laßt die Muſik ſanft klingen— laßt das Cryſtalldach über Euch leuch⸗ ten im blauen Himmelsäther— laßt Euch berauſchen und entzücken, und wenn Ihr ſie ganz durchkoſtet habt, die Herrlichkeit dieſer kleinen Welt, welche unter einer Kuppel alle Herrlichkeiten der großen Welt vereinigt, dann nehmt Euren Kopf in beide Hände und denkt an die Venus von Milo, die weinende Göttin der Schön⸗ heit und Liebe. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr einen kleinen Gypsabguß derſelben in einem jener Läden kaufen. Die Außenräume und die oberen Galerien im Cryſtallpalaſt ſind nämlich an Londoner Geſchäftsleute vermiethet, von denen die Fremden, welche Sydenham beſuchen, Andenken mitzu⸗ ————₰ nehmen pflegen. Parkins und Gotto, die großen Leute in Luxuspapier, ſilbernen Raſirbecken und Bibeln mit Goldſchnitt von 24. und 25. Oxfort⸗ſtreet ſind da; Eugen Rimmel, Parfümeur Ihrer Majeſtät, von 96. Strand iſt da, im Laden„zu den Duftquellen“, mit Eſſenzen für das Taſchentuch, wohlriechenden Waſſern, Präpara⸗ ten für das Haar, Seifen, Schminken„und allen Toi⸗ letten⸗Requiſiten von der beſten Qualität“. Pariſer Handſchuhe ſind zu haben. Zede Art von Damenputz iſt zu haben. Schottiſche Doſen und Feuerzeuge ſind zu haben. Alle Gegenſtände der Mode und des Lurus von London ſind zu haben.— Ein Schild im Cryſtall⸗ palaſt von Sydenham wird als eine mächtige Empfeh⸗ lung der Londoner Firma erachtet.— Auf der zweiten Galerie im öſtlichen Flügel, dicht an der Glaswand, mit dem Ausblick auf die Gründe, hat ein Muſikalienhändler von Cheapſide, London, ſeine Niederlage. Der Mann verkauft auch Violinen und Pianino's. Aber kein Menſch, der zum Beſuch nach Sh⸗ denham kommt, iſt darauf eingerichtet, eine Violine oder ein Pianino als Andenken mitzunehmen. Weswegen ſein Umſatz in dieſen beiden Artikeln nicht groß iſt. Deſto mehr jedoch blüht ſein Geſchäft in neuen Polka's, deren Titelblätter mit ſonderlich ſchönen Gemälden verſehen ſind, wie z. B.„die Cryſtallpalaſt⸗Kimo⸗Keimo⸗Polka“ mit der Abbildung von Sam Cowell, dem„erſten komi⸗ ſchen Sänger der Welt“, und in Potpourris aus der „Traviata“ mit der Abbildung der Sigra. Piccolimini, in der Scene, wo ſie das Champagnerglas an die Lip⸗ pen führt. Außer dieſen Muſikſtücken und einigen an⸗ * deren von gleicher Vorzüglichkeit ſind auch Felix Men⸗ delsſohn⸗Bartholdy's Compoſitionen allgemein beliebt, weswegen man ſie hier im Erhſtallpalaſt mit paſſenden Bildwerken verziert, gleich den übrigen, zwiſchen den Polkas und Potpourris an einem Bindfaden hängen ſieht, welcher quer an dem Eiſengitter, über die Violi⸗ nen hingezogen iſt. Um dieſe beſagten Handelsartikel nun in ihr ganzes Licht zu ſetzen, iſt der Eigenthümer des Etabliſſements auf die Idee gekommen, ſie nicht nur mit ihren ſchönen Bildern und Außenſeiten an den Bind⸗ faden zu hängen, ſondern ſie auch den ganzen Tag lang dem wohlgeneigten Publikum, welches hier auf- und ab⸗ geht, vorſpielen zu laſſen. Auf dieſe Weiſe, meinte der Mann, müßten ſeine Sachen zu ihrem ganzen Vortheil erſcheinen, und gleichſam ſich ſelber empfehlen. Daher geſchah es denn, daß man von der bezeichneten Stelle im öſtlichen Flügel immerfort Muſik hörte, und wenn man näher ging, einen jungen Mann erblicken konnte, welcher unter einem großen Schilde mit der Firma ſei⸗ nes Hauſes(Cheapſide, London und Cryſtallpalace, Sy⸗ denham) zwiſchen aufgehängten Muſikalien und Violinen an einem Pianino ſaß und ſpielte. Dieſer junge Mann hatte langes, blondes, weiches Haar und blaue Augen, welche von der benachbarten Verkäuferin elfenbeinerner Schnitzwaren für hübſch erklärt wurden. Auch ſei ſein Spiel auf dem Pianino dem ſeines Vorgängers vorzu⸗ ziehen; wogegen dieſer letztere aber viel luſtiger geweſen, allen Damen im Crhſtallpalaſt den Hof gemacht habe und ſchließlich mit einer kleinen Putzmacherin aus dem ſüdlichen Flügel durchgegangen ſei. An ihrem jetzigen Nachbar hatte die Verkäuferin elfenbeinerner Schnitzwaa⸗ ren— eine Dame von großer Corpulenz— viel aus⸗ zuſetzen, bei allem Reſpekt vor ſeinem hübſchen Spiel und ſeinen hübſchen Augen, denen ſie alle Gerechtigkeit widerfahren ließ. Er ſei ſo einſilbig, ſagte ſie. Er ſei ein Ausländer, ſagte ſie, ein Deutſcher, wie ſie gehört habe. Alle Deutſchen ſeien einſilbig. Er ſolle ſich nur den franzöſiſchen Handſchuhmacher von Piver's Laden zum Muſter nehmen; der ſei gleichfalls ein Ausländer, ſpreche aber doch den ganzen Tag, wenn es nicht recht ſei, ſo ſei es falſch. Darauf komme es nicht an. Der Deutſche da aber könne ſchon ganz gut Engliſch ſprechen. Er wolle nur nicht. Das ſei die Sache. Er ſei ſo einſilbig.— In der That— es war nicht höflich von unſerem blonden Landsmann, ſich ſo wenig um ſeine geſprächige Nachbarin zu bekümmern, die doch eine Dame von ſehr anſtändigem Aeußern und höchſt reſpectablen Jahren war. Er war nun ſchon mehr als ein halbes Jahr täglich— mit Ausnahme der Sonntage— an dieſem Platze geweſen, von früh bis ſpät, ohne mehr mit ihr zu ſprechen, als:„Guten Morgen“,„Guten Abend“, oder: „Es iſt heute ſchönes Wetter“,„Es iſt heute ſchlechtes Wetter“, wie es eben war. Alſo die Verkäuferin elfen⸗ beinerner Schnitzwaaren hatte ganz Recht, wenn ſie den deutſchen Clavierſpieler als einen ungeſelligen Nachbarn tadelte; aber der Verfaſſer dieſes Romanes iſt der Ver⸗ zeihung ſeiner Leſer für denſelben gewiß, wenn er ſie bittet, den Beſchuldigten etwas näher anzuſehen. Denn wenn auch mehrere Monate vergangen, ſeitdem ſie ihn * zuletzt erblickten, und ſie vielleicht Alles eher erwarteten, als ihn hier zu finden, in dem berühmten Pallaſt von Sydenham, ſo werden ſie doch ſogleich in dem blauen, träumeriſchen Auge des deutſchen Clavierſpielers und ſeinem leidenden Geſicht das Auge und das Geſicht Walter Grüns wiedererkennen. Er war an jenem Abend im October, als er Annie Laurie, gebeugt über das Kind auf ihrem Schooße in der Stube des kleinen Bierhauſes am Waſſer geſehen, innerlich ganz gebrochen zu ſeiner Wohnung zurückgekehrt. Ohne Licht, ohne Feuer ſaß er auf dem einzigen Stuhle, deſſen ſich jene Wohnung rühmte, als in der Nacht Franz Michel vom Café Chantant kam. Es war ſpät in der Nacht, und Franz Michel roch, wie gewöhnlich um dieſe Zeit, nach Grog und Taback. Franz Michel konnte nicht begreifen, wie man über Etwas, was alle Tage geſchehe, ſo betrübt ſein könne. Doch hatte er ſo viel ſein Tabacksbeutelchen hervor⸗ zubringen, ſich noch eine Cigarre zu wickeln, und ſeinen jungen Freund zu tröſten, während er ſie rauchte.„Wer wird ſich über ein Frauenzimmer grämen?“ war ſeine alte Moral.„Frauenzimmer ſind nur da, um ſich mit ihnen die freie Zeit zu vertreiben. Frauenzimmer ſind Spielſachen. Frauenzimmer lieben?.... Pah— es giebt keine Liebe. Was Ihr ſo nennt, iſt eine Täu⸗ ſchung der Natur!“ Dieſes war die Anſicht des biedern Franz Michel, worauf er ſeinen Cigarrenreſt mitten in die Stube warf, ſich zu Bette legte und unverzüglich einſchlief. Walter Grün aber wollte keinen Troſt annehmen, ſchlief wenig ——4 in jener Nacht und theilte ſeinem würdigen Freund am andern Morgen mit, daß er entſchloſſen ſei, London zu verlaſſen Es ſei ihm unmöglich, ſagte er ihm, länger an den Plätzen zu verweilen, die ihm ſchrecklich ſeien ohne den Gedanken an ſie, und ſchrecklicher durch den edanlen an ſie, die er nun für immer verloren habe. m Verhaßteſten von Allem ſei ihm das Café chantant mit ſeinen müden Geſtalten, die nicht einmal der Rauſch mehr zu entflammen vermöchte, und ſeinen lärmenden Nächten, deren Reſt die größte Rüchternheit und uner⸗ träglichſte Leere ſei. Ja, er empfinde einen heftigen Widerwillen gegen Alles, was Schönheit und Frende heiße— und er wollte fort— einerlei wohin— nur fort, um Nichts mehr davon zu ſehen und zu hören. „Dieſes alſo“, erwiederte damals Franz Michel, „iſt Deine Meinung und ſo bald hat ſich die Begeiſte⸗ rung verflüchtigt, mit welcher Du Dich in das nichtige, glänzende Treiben ſtürzteſt? Weißt Du noch, wie an jenem erſten Abend Dein Auge funkelte? Weißt Du noch, wie Dein Herz, Deine Schläfe pochten? Wie Du Dir Feſte endloſen Entzückens träumteſt? Weißt Du noch? Und heute ſchon brichſt Du mit Schönheit und Freude.— O, mein Freund, ſie ſind wohl nichtig; aber das Andere iſt es auch. Nichtig iſt der Schein; aber nichtig iſt auch das Weſen, und glücklich nur der Eine, welcher von Beiden Nichts mehr hfft Iſt denn nun in der That das Glück Nichts als ein Verzweifeln, Aufgeben und Entſagen? Giebt es kein wirkliches Glück,— ſolch eines, das man empfinden kann, wie man den Klang einer lieblichen Muſik, den Duft einer ſüßen Blume, den Glanz einer ſonnigen Landſchaft empfindet... oder wäre Klang, Duft und Glanz ſelber nichtig, weil ſie doch flüchtig und vergäng⸗ lich ſind? Flüchtig und vergänglich iſt Alles, was uns umgiebt, und wir ſelber ſind es. Aber einen feſten Grund giebt es in dieſem raſtloſen Wechſel der S nungen; eine ewige Quelle, aus der ſie ſteigen, in d ſie zurückkehren; eine beſtändige Kraft,— die Liebe, welche Alles geſchaffen hat und immer neu mit ihrer Fülle durchſtrömt. Die Erſcheinungen verwandeln ſich — ihr Leben iſt Sterben. Der Klang der Muſik ver⸗ hallt. Der Duft der Blumen verweht. Der Glanz der Landſchaft verſchwindet. Aber die ſüße Empfindung die wir hatten, als die Muſik noch tönte, die Blume noch blühte und die Landſchaft noch lächelte— die Ge⸗ wißheit der Liebe, welche durch unſere Sinne zu uns geſprochen,— die bleibt! Dieſe Liebe iſt— das Wirk⸗ liche; und uns im Leben und Sterben Eins mit ihr zu wiſſen— das Glück!.. Wir wollen mit Schönheit und Freude nicht brechen— wir wollen unſere Seele zu läutern verſuchen, damit ſie voll hineinfluthe in jenen ewigen Strom der reinen Liebe— wir wollen die Illuſivnen verſcheuchen und unſren Träumen eine Thräne nachweinen.. weint ja auch die Roſe am frühen Morgen, wenn die goldigen Nebel ſinken, welche die Sonne verhüllten... Wir wollen wahr und rein und gut zu werden trachten, da⸗ mit unſer Herz einen Theil habe an jenem Glücke, wel⸗ ches in dem Gefühle der Einheit und des Friedens mit der das All durchſtrömenden Liebe beſteht... ſei es nun im Verein mit einem geliebten und verwandten Herzen oder in der Einſamkeit eines pflichtgetreuen und ehrlichen Beſtrebens. Das Glück iſt kein Geſchenk des Zu⸗ falls und der Laune. Es iſt der Lohn einer Arbeit. Es iſt der Preis eines Kampfes. Es iſt die Erfüllung unſrer ſchön⸗ Wir wollen arbeiten, kämpfen und hoffen! ber utiter denn je war Walter an jenem Morgen. Wie bald hatte dieſes Reich der Täuſchung ſeinen reizenden Schimmer für ihn verloren! Es waren dieſelben Perſonen, wie an dem erſten Morgen— der ſorgloſe Haarkräusler und ſeine ſorgloſen Kunden, deren ganzes Leben aus Rauchen, Biertrinken und Tanzen be⸗ ſtand— es waren dieſelben Melodien, welche Franz Michel auf dem Claviere ſpielte... es waren dieſelben Weiber, welche draußen im Sonnenſchein vor der Thür ſtanden und dieſelben Kinder, welche um den braunen Leierkaſtenmann herumſprangen. Aber wie ſehnte er ſich hinaus nach friſcher Luft, mitten aus dieſer ſchwülen Atmoſphäre, dieſen ſinnlichen Melodieen und dieſem gan⸗ zen Treiben des Leichtſinns und der Gedankenloſigkeit. Walter nahm, um ſich zu zerſtreuen, das Zeitungs⸗ blatt auf, welches an jedem Morgen in's Haus gebracht wurde. Es war der„Advertiser“, das Londoner Krä⸗ merblatt. Walter hatte in der Zeit ſeines Aufenthalts in London Engliſch genug gelernt, um es leſen zu können. Plötzlich ſtand er auf und ging mit dem Blatt zu Franz Michel;„das wäre vielleicht Etwas für mich!“ ſagte er. Franz Michel nahm das Blatt und las an der ihm von Walter bezeichneten Stelle:„Ein Gent, welcher Straßenſängerin III. 2 * kann, wird nach Außerhalb geſucht.“ Franz Michel lachte zuerſt; alsdann, mit komiſchem Ernſte, begann er ſeinen jungen Freund zu muſtern.„Gefälliges Aeußere“, ſagte er,„das paßt.— Fertig Clavierſpielen, paßt auch. Aber mit dem Gent— das iſt die Schwierigkeit. in Gent muß mit dem Stock unter dem wn ſ können. Ein Gent muß das Halstuch genial tragen, * la Bhron, und den Hut ſchief auſſetzen. Ein Gent muß für halben Preis in's Theater gehen und ſich mit Policemen ſchlagen. Kurz, Du ſiehſt, daß Du kein Gent biſt, Walter. Aber verſuch Dein Glück. Vielleicht nimmt's der Mann nicht ſo genau!“ Walter ſuchte die im Blatt angegebene Adreſſe auf, und fand den Mann, welcher einen Muſikalienladen in Cheapſide und eine Filiale im Crhſtallpalaſt hat. Da⸗ mals war ihm gerade der muſterhafte junge Menſch durchgegangen, welchen die Verkäuferin elfenbeinerner Schnitzwaaren ſo ſehr zu rühmen pflegte. Vielleicht geſchah es daher, daß der Prinzipal nicht ſo ſtreng auf die Tugenden ſah, welche ein Gent nach Franz Michels Meinung beſitzen mußte, und ſein bisheriger Commis, der muſterhafte junge Menſch, wirklich auch in höchſter Vollendung beſeſſen hatte, ſondern ſich damit begnügte, daß Walter Grün von ſeiner Ehehälfte für einen ganz erträglich ausſehenden Menſchen erklärt wurde und die Prüfung auf dem Clavier beſtand, welche er ſelbſt mit ihm vornahm. Worauf er ihn engagirte und ihm ſeinen Platz im öſtlichen Flügel des Crhſtallpalaſtes anwies, mit der Verpflichtung auf den daſelbſt ſtehenden Cla⸗ von gefälligem Aeußern iſt und fertig Clavier ſpielen — — 19— vieren freie Vorträge zu halten und den dadurch ange⸗ zogenen Mufikfreunden ſeine Noten, womöglich ſein Cla⸗ vier ſelber zu verkaufen. Ein halbes Jahr hatte Walter in dieſer ſeltſamen Einſamkeit und dieſer eigenthümlichen Beſchäftigung ver⸗ bracht. Aber die Einſamkeit that ihm wohl, und die Beſchäftigung ſammelte ſeine zerſtreuten Gedanken und führte ſeine kranke Seele zur langſamen Geneſung. Hier zum erſtenmale in ſeinem Leben hatte er Freiheit zur Einkehr in ſich ſelber; hier, in den weiten phantaſtiſch geſchmückten Räumen, wo die Tropenblumen herauf duf⸗ teten, wo das Plätſchern der Fontainen heraufklang, wo die ſtummen Götterbilder herauflächelten— hier, wo in der Schwere und Stille der kurzen Herbſt⸗ und Winter⸗ tage ein Schleier der Wehmuth ausgebreitet lag über die Hügel, die Landſchaft, die Gründe, über dieſes Crh⸗ ſtalldach ſelber, und wo viel weniger Beſucher als ſonſt die grandioſe Monotonie der dumpfen, vereinzelten Klänge und der ununterbrochen webenden Dämmerung ſtörten. Da war es, wo Walter wieder über ſich zu denken be⸗ gann und in Schweigen und Entſagung ſeine Rücktehr feierte zur Muſik und ſich ſelber. Er war ihr untreu geworden, der holden Kunſt ſeines Lebens, die mehr noch Natur, als Kunſt für ihn geweſen. Er hatte den vorigen Einklang ſeiner Melodieen einem Phantom ge⸗ opfert— einer neuen und zerriſſenen Melodie, die ihm ſo fremd und traurig klang, die ihn verlockte, nach ihrem Schluſſe zu ſuchen.... Nun hatte er den Schluß ge funden.... Aber fort damit! Fort mit der Erinnernng an die dunkle Nocht, in welcher er ihn gefunden 2* 2 Fort mit dem Klange ſelber. Er konnte ihn nicht mehr ertragen. Eine ſchönere, weichere, holdere Melodie war ihm nun erklungen: die ſchöne, weiche, holde Melodie Men⸗ delsſohns, welche hier zuerſt, in der regelmäßigen Uebung ſeines Berufs, ihren heilenden Zauber auf ſeine wunde Seele gelegt. Er konnte ſich noch ſehr gut jenes Mor⸗ gens erinnern, wo er gebeugt und gedrückt ſeinen Platz vor dieſem Clavier genommen. Es war ein dunkler Morgen im Herbſte geweſen, und ſein Herz war befan⸗ gen von der Schwermuth der Landſchaft und von der geheimnißvollen Pracht der halbdunklen Wölbungen vor ihm. Da nahm er die Mendelsſohn'ſche Muſik zum Sommernachtstraum, welche unter den andern Muſika⸗ lien lag. Es geſchah zufällig, daß er ſie nahm. Er wollte ſie ſpielen, um ſich zu zerſtreuen. Es war ihm einerlei, was er ſpielte. Er hatte bisher von Mendels⸗ ſohn noch Nichts geſpielt. Kaum, daß er ſeinen Namen kanſite. Er war ja noch niemals dazu gekommen, ſeine Künſt anders zu üben, als die kleinen Vöglein, welche im Frühling ſingen. Und doch lag ein großer Reich⸗ thum von Melodie in ſeiner Seele; und es bedurfte derſelbe nur des weckenden Strahles und der veredelnd bildenden Hand. So begann er an jenem Morgen, Mendelsſohn zu ſpielen— es war das Intermezzo des Sommernachtstraumes— dieſe neckiſche Weiſe, die in ihrem Grund ſo trüb und traurig iſt— wie ein warmer, feuch⸗ ter Wolkenhimmel, von Mondenſchein durchfloſſen— wie ein großes, feuchtes Auge, welches wehmüthig lächelt Mendelsſohn's Muſik lächelt immer, aber unter Thränen. Dieſer neue Klang traf Walter's Herz, wie eine Stimme der Heimkehr zu ſeinem verlorenen Selbſt. Walter war zuerſt betroffen und hielt mitten inne. Dann war er ergriffen, bis zu Thränen, und konnte nicht hindern und wollte es nicht, daß ſie niederrollten— langſam und eine nach der andern. Dann war er ent⸗ zückt und hingeriſſen bei jeder neuen Wendung— und glücklich, wenn der eigenſte Grundton dieſer ſchwärme⸗ riſchen Seele wiederkehrke, dies ſüße Schluchzen, wie das einer Nachtigall des Oſtens, dies melancholiſche Klin⸗ gen, wie das von Regentropfen an einem Sommerabend. Zuletzt kam eine ſtille Seligkeit über ihn, wenn er Men⸗ delsſohn ſpielte, eine Ruhe, wie aus ferner Kinderzeit, wie aus den grünen Mittagswieſen und den duftigen Sommerabendgefilden ſeiner Heimat, bevor die Kämpfe des Lebens für ihn begonnen. Und ſo, während der Herbſt und Winter dahingingen, vertiefte er ſich immer mehr und mehr in das wahre Geheimniß ſeiner Kunſt, welches jetzt zuerſt ſeine zu weiten und ſein Auge zu erleuchten anfing. K gann ein neues Glück zu ahnen, von welchem erzzuvor ichts gewußt; und einen neuen Frieden zu empfinden, an welchen er ehedem nicht gedacht. Ferner, immer ferner, wie in einen ſchönen Abendduft trat ihm das Bild Annie's. Er dachte ſich ihr Bild, wie das Bild, welches er in ſeiner früheſten Kindheit geſehen— am Rande der Feldmark von Kornblumen umblüht.— Und in eine andere Heimat rief ihn dieſe neue Muſik— in die ewige Heimat der Kunſt, wo die Sehnſucht wohnt, die hienieden keine Befriedigung fand, und mit ſchmerz⸗ lichem Lächeln uns die Liebe erwartet, welche im Leben Abſchied von uns genommen. Und es war Frühling geworden, und die Gründe des Crhſtallpalaſtes hatten ſich mit neuem Grün und die fernen Hügel mit neuen Farben geſchmückt. Aber Walter ſaß noch immer an ſeinem Platze und Mendelsſohn's Muſik war ſein Troſt und ſeine Frende. Und es war Sommer geworden, und in den Grün⸗ den des Crhſtallpalaſtes blühten die Roſen und auf den fernen Hügeln lag der blaue, feine Sommerduft. Und ein ſchöner, kühler Sommermorgen war es, wo er wieder vor ſeinem Inſtrumente ſaß, ruhig und zu⸗ frieden in den ihm vertrauten Klängen, welche den Sai⸗ ten entquollen und ſeine Seele labend an ihren ſchönen Verheißungen von einem Reiche, das nicht von dieſer Welt. Er ſah nicht, wie lieblich die Welt draußen lachte — dieſe Welt, die ihn einmal getäuſcht⸗ und noch mehr⸗ mal täuſchen ſollte, bis er durch erneute Entſagung und ſtreng geübte Selbſtbeherrſchung zu dem einzigen Glücke durchgedrungen, welches auch ſie zu gewähren im Stande iſt und zu welchem wir Alle berufen ſind. Er ſah nicht, wie die Landſchaft ſonnig glänzte, in aller Pracht der frühen Sommerherrlichkeit, bis hinaus zu den Hügeln, über welchen ein zarter, blauer Duft träumte. Er ſah nicht, wie die Marmorbilder im Crhſtallpalaſt ſchim⸗ merten, wie die Waſſer blitzten, wie die Fahnen und die Kränze leuchteten.— Er ſah nicht, wie eine ſchöne Frau dicht neben ihm ſtand, und mit Bewunderung und Entzücken ſeinem Spiele lauſchte. Er ſah Nichts von 6 alle Dem. Er ſpielte und ſein garzes Weſen war aufgelöſt in Muſik und Sehnſucht nach dem Unaus⸗ ſprechlichen. Er ſpielte die wonnigen Lieder Mendelsſohns, die Duette, welche er auf den Taſten in ſanft getragene Weiſen verwandelte, und in dem Ueberſtrömen ſeines Herzens, welches nach einem Wort für dasjenige ſuchte, was doch kein Wort ausdrücken kann, ſang er dazu— leiſe, leiſe, kaum hörbar. Er ſang das Lied von der Haide und dem Sturme und daß er ſein Liebchen mit dem Mantel vor dem Sturme ſchützen möchte und daß die Wüſte ihm zum Paradieſe würde, wär' ſie bei ihm — und daß ſie in ſeiner Krone der ſchönſte Stein, wenn er ein König wär' und wenn die Erde ſein.... Und dann ſang er das andre Lied von der Hinfälligkeit aller Luſt und wie ſo bald der Reigen verhalle.... Bald ſind letzten Klänge verflogen, Bald iſt das letzte Grün dahin; Bald ſind die letzten Sänger gezogen, Alle ſie wollen zur Heimat ziehn. 5 Ach wie ſo bald verhallet der Reigen, Wandelt ſich Luſt in ſehnendes Leid!— Ach, wie ſo bald in trauerndes Schweigen Wandelt ſich alle die Fröhlichkeit... Wart ihr ein Traum, ihr Liebesgedanken— Süß wie der Lenz und ſchnell verweht? Eines, nur eines will nimmer wanken— Es iſt das Sehnen, das nimmer vergeht. Plötzlich hielt er inne. Er fühlte den ſanften Druck einer Frauenhand auf ſeiner Schulter. Er ſah auf. Er ſah die ſchöne Frau, welche neben ihm ſtand. Es war eine wunderſchöne Frau in Trauer. Jede Frau, ſei ſie noch ſo einfach und beſcheiden, gewinnt an Reiz, wenn ſie in Trauer geht. Eine gewiſſe natürliche Sanftmuth, welche jedem Frauengeſichte eigen, kommt durch dieſe Kleidung, in welcher ſo wenig Ab⸗ wechslung iſt, zum Vorſchein, wie manche Bilder, die einen heiligen Character ausdrücken, am Vortheilhafteſten in einem ſchwarzen Rahmen geſehen werden. Während die Schwermuth dieſer Tracht jenen angeborenen und urſprünglichen Character jedes Frauengeſichtes erhöht, läßt die Schmuckloſigkeit derſelben es zugleich in all ſei⸗ ner Eigenthümlichkeit hervortreten. Der Glanz von Brillanten auf der Bruſt einer Frau mag in der That einen Mann in Verſuchung führen, die Frau zu ſtehlen; aber er wird ihn nie in die Verſuchung führen, ſie zu lieben. Die ſchöne Frau, welche Walter's Schulter mit der Hand leiſe berührt hatte, trug keine Brillanten. Sie trug ein hochanſchließendes ſchwarzes Kleid von leichtem Wollſtoff und eine ſchwarze Stuarthaube, welche das Goldblond ihres prächtigen Haares ſchlicht an die feinen Schläfen preßte. Die gänzliche Schmuckloſigkeit des Ge⸗ wandes, welche ſchon bei einem minder ausgezeichneten Weibe anziehend gewirkt haben würde, übte bei der großen Schönheit dieſer Dame einen lieblichen Zauber aus. Ihr Geſicht war ſo bleich und ſo anmuthig und ſo ſchön. Ihr blaues Auge war ſo beſchattet— ſei es von Trauer, ſei es nur von dem Trauergewand— ihr rei⸗ zender Mund hat einen ſo wehmüthigen Zug— ob von innerem Leide oder nur, weil mit den ſchwellenden Lip⸗ pen die Farbe der Entſagung ſo ſehr contraſtirte— ihre rechte Hand, von der ſie den ſchwarzen Handſchuh geſtreift, war ſo weiß und ſo glatt und ſo köſtlich wie Marmor; und der Ton ihrer Stimme klang ſo weich und ſo himmliſch ſüß, da ſie zu ſprechen begann und ſagte: „Wollt Ihr mit mir gehen?.. Die ſchöne Dame war nicht allein. An ihrer Seite ſtand ein hoher Mann mit dunklen Augen und dunklem Barte— ein ſchöner ſtolzer Mann— eine Heldenge⸗ ſtalt; und etwas weiter zurück, in gemeſſener Entfernung, ſtand ein Diener mit unterwürfig ſchlauem und doch vertraulich lächelndem Geſicht, in gelber Livree, welche über dem Arme mit ſchwarzem Flor umwunden war. Die ſchöne Dame wandte ſich an den ſtattlichen Herrn, der ihr Begleiter war. „Ich ſehne mich wieder nach Muſik,“ ſagte ſie, ſeitdem ich den erſten Schmerz um mein Kind über⸗ wunden Eine Thräne glänzte in ihrem Auge. Sie neigte ſich ein wenig zur Seite und wiſchte mit der weißen, glatten Marmorhand die Thräne aus dem Auge. „Ich glaube es thäte mir gut,“ fuhr ſie fort,„wenn ich wieder Muſik hörte und ſelber wieder verſuchte, zu ſingen. Was denken Sie,“ wandte ſie ſich an ihren ſtattlichen Begleiter,„wenn ich dieſen jungen Künſtler, der ſo wundervoll zu ſpielen weiß, bäte, mich in die Einſamkeit zu begleiten, welche ich jetzt aufzuſuchen im Begriff ſtehe?.. 26 Walter hatte ſich erhoben. Er ſtand, mit der Rech⸗ ten auf den noch niedergedrückten Taſten an ſeinem Cla⸗ viere und ſah zu der ſchönen Frau empor, wie zu einer Traumgeſtalt. „Wir gehn in ein ſchönes Schloß, das fern von hier in den blauen Gebirgen von Wales liegt. Dort ſeht Ihr das Meer. Dort hört Ihr den Hochwald. Dort, in einer hohen, einſamen Halle ſollt Ihr Eure Weiſen ſpielen, und meine Lieder begleiten, wenn ich ſinge.— Wollt Ihr mit mir gehn?“.. Walter war ſprachlos. Er fand kein Wort. Er ſah nur auf zu der wunderbaren Erſcheinung, zu der ſchönen Fran, die vor ihm ſtand, umgeben von dem ge⸗ dämpften Glanze des Morgens. War ſie eine Fee aus den Bergen, die gekommen war, ihn zu entführen? War ſie die Königin aus jenem Reiche des Sehnens, das nimmer vergeht, und von welchem er vorhin ge⸗ ſungen? Die ſchöne Frau ſchien zu verſtehn, was in der Seele des Jünglings vorging und warum ſeine Blicke ſo verwirrt zu ihr emporſahn. „Wir wollen Euch Bedenkzeit geben,“ ſagte ſie, in⸗ dem ſie dem Dienſtmann in gelber Livree winkte, welcher den Mantel ſeiner Herrin über dem Arme trug. Sie langte ein kleines Buch, deſſen Deckel reich von Gold und Elfenbein glänzte, aus demſelben und nahm eine Karte heraus, welche ſie dem betroffnen Jüngling reichte.. „Dies iſt mein Name und meine Wohnung. Bis morgen um dieſe Zeit will ich Euren Entſchluß wiſſen. Morgen Mittag verlaſſe ich die Stadt und wenn Ihr wollt, ſo geht Ihr mit mir. Es liegt bei Euch. Auf Wiederſehen!“ Sie winkte mit der Hand— der ſchönen Hand, wie die einer Göttin. Sie nahm den Arm ihres Begleiters. Sie gingen. Der Diener folgte Sie waren ver⸗ ſchwunden Aber Walter ſank auf den Seſſel vor dem Clavier und preßte ſeine glühende Stirn gegen den kühlen Ma⸗ hagonhrand deſſelben. Zweites Capitel. Die Damen von Argyll. In der Abenddämmerung jenes Tages, als der Ceh⸗ ſtallpalaſt von den Beſuchern geräumt und das große Thor deſſelben verſchloſſen worden war, verließ Walter mit dem letzten Train, der nach London abgeht, Syden⸗ ham. Es war ſeit acht Monaten das erſte Mal, daß er London wiederſehen ſollte. Er hatte in einem von den kleinen Häuſern unter dem Hügel gelebt, jenſeit des Palaſtes, auf dem Wege nach Crohdon. London war für ihn eine verſchollene Stadt. Er hörte Nichts mehr von ihrem immerwährenden Getöſe, und der Wirrwarr ihrer Straßen ſtörte ihn nicht länger. Nur zuweilen, an dunklen, feuchten Winterabenden, wenn er über die Hügel zu ſeiner einſamen Wohnung geſtiegen war, hatte er weit gegen Norden den Horizont an ſeinen Enden röthlich flammen ſehen. Zuerſt meinte er, es ſei das Nordlicht. Später aber hörte er, daß es der Lichtſchein von London ſei.— Er hatte nicht geglaubt, daß ſein Herz ſo klopfen würde bei dem Gedanken, London wieder zu ſehn. Aber es klopfte ihm mächtig, nun, da er in dem Wagen ſaß, welcher brauſend dahinflog— durch die ſommerlichen Fluren, durch den Abendfrieden der Landſchaft, an ſtil⸗ len Dörfern vorbei. Er hörte die Glocken läuten. Er hörte die Grillen zirpen, mitten durch das eintönige, bald über Wieſen laut hinhallende, bald in Hügelſchluchten dumpf gebrochene Rollen des Zuges. Er hörte die Bäume in Gruppen rauſchen. Die Dämmerung ward immer weiter und blauer. Bis auf einmal die erſten Lichter hindurchblitzten; die erſten Lichter von London. Warum bangte ihm vor London und warum zog es ihn doch an, wie mit tauſend ſtarken Armen?... Ach, ſeines Lebens beſten Theil hat er ja dort verlebt,— die kurze Zeit der Täuſchung, die ſich niemals wieder erneut, den flüchtigen Traum, welcher auf der Grenz⸗ ſcheide der Jugend, dicht vor dem Erwachen gaukelt, und nach welchem der Kampf um das Leben beginnt. — Und doch war noch nicht Alles zu Ende; das ſagte ihm das raſche Klopfen des Herzens. Wenn er Annie wiederſähe— ach, das noch immer geliebte Mädchen, deren Bild an ſchmerzlichem Zauber gewonnen, ſeitdem in jener Nacht am Waſſer der letzte Hauch der Illuſiv⸗ nen von ihm hinweggewiſcht. Wenn er ihr begegnete — wenn er ihr noch einmal die Hand drückte— vielleicht zum Abſchied... Aber nein! er wollte London nicht verlaſſen; er konnte nicht ganz aus ihrer Nähe ſcheiden. Er war nur hierher gekommen, um an dieſem Abend mit Franz Michel und am andern Morgen mit ſeinem Prinzipal die Angelegenheit zu beſprechen. Er war über⸗ zeugt ſie würden ihm beide davon abrathen, London zu verlaſſen. Dann aber trat das Bild der ſchönen Frau wieder vor ſeinen Blick, wie ſie heut im ſanften Glanz der Morgenſonne geſtanden— gleich einer lächelnden Fee aus den Märchen ſeiner Kindheit— und wie weich der Druck ihrer Hand geweſen und wie lieblich der Ton ihrer Stimme und wie ſie ihm von dem ſchönen Schloß und dem Meer und den Bergen und ihren Liedern ge⸗ ſprochen. Und neue Bilder der Zukunft wogten durch ſeine Seele— neue, ſtolzere Hoffnungen, als er ſie je gehegt, von vornehm ernſten Hallen, in welchen, nicht wie in jenen andren die er kannte, der Schein, ſondern die wahre Herrlichkeit dieſer Welt, ihr unverfälſchter Glanz und ihre über dem Gemeinen hoch erhabene Pracht wohnt. Seine Träume die er einſt geträumt von ſchönen königlichen Frauen, die entzückt ſeinem Spiele lauſchten, erneuten ſich... aber zürnend trat ein Bild hinein, das Bild Annie's, wie ein Vorwurf, daß er dem Schatten ſeiner Liebe treulos werden und Wünſchen noch einmal nachgeben könnte, welche mit ihr für Immer begraben. Nun hielt der Zug unter dem großen Bogen der Station. Lichter in rothen, blauen und grünen Gläſern funkelten ringsum. Das entfernte Brauſen von London, wie die heranrollenden Wogen des Meeres, ſchlug an ſein Ohr. Er trat hinaus. Die Omnibuſſe mit ihren Laternen, die Cabs und andere Wagen ſtanden auf dem Platze. Das Gewirr betäubte ihn aufs Neue. Und doch hatte es einen heimatlichen Klang für ihn; einen bekannten Ton, wie aus weiter verlorener Ferne. Die Wagen rollten, die Menſchen drängten hin und wieder. Tauſend Lichter erſchienen, in dem hellen ſchmalzüngeln⸗ den Blau ihrer Flämmchen contraſtirend mit dem dunklen Blau der Juni⸗Nacht; unabſehbare Reihen, wie funkelnde Diamautſchnüre, einige ſich kreuzend und ſchneidend, andre nebeneinander, hügelauf, hügelab, wie hängende Guir⸗ landen, und fern an den Endpunkten ſich zu großen, rauchenden Lichtknoten ſchürzend. Er war Fleetſtreet hinabgegangen und ſtand nun unter Temple Bar— unter dem grauen Thorweg von Stein, unter welchem er ſo oft geſtanden, und vor ihm wieder einmal mit ſeinen ſtattlichen Kaufhäuſern, welche von der ganzen Pracht des Abends ſtrahlten, mit ſeiner ungeheuren Straßenbreite, mit ſeinen weißen Kirchen, dem Donner ſeiner zahlloſen Räder und dem dumpfen Schall ſeiner Menſchenmenge lag der Strand von London. Und dort, rechts von der Kirche, lag Star⸗Chamber⸗ Alleh; und das dritte Haus war Annie's Haus.. Er ſtand an der Kirche, bevor er noch überlegt hatte, was er weiter thun ſolle. Er ſtand vor den Stufen, die zu dem Gäßchen hinaufführen, bevor er ſich noch klar gemacht, ob es gut ſei oder böſe. Er ſtand unter dem Hauſe, bevor er noch auf das Schlagen ſeines Herzens gelauſcht, und ob es Freude ſei oder Trauer. Er hatte den Klopfer der Thür gefaßt... nun hielt er inne. 3 Nun fing er an zu überlegen. Sollte er klopfen? Sollte er hineingehn? Sollte er Annie wiederſehn?... Seine Hand ſank ihm.— Dort oben war das Fenſter. Es war matt erleuchtet. Annie mußte zu Hauſe ſein. Jetzt wieder gehn, nachdem er ihr ſo nah geweſen, daß er die Hand nur auszuſtrecken brauchte um ſie zu erreichen? Unmöglich. Seine Pulſe fieberten. Eine vorübergehende Hitze flog über ſeine Schläfen. Er wandte ſich zum Gehen. Er kehrte zurück. Er blieb ſtehen. Er ſah empor zu ihrem Fenſter, welches erleuchtet war. Er hob die Hand. Er ergriff den Klopfer— aber ſiehe da! plötzlich er⸗ loſch das Licht oben. Der Klopfer entſank ſeiner Hand. Er trat zurück. Das Fenſter war dunkel. Was konnte das ſein? Das Geſicht nach Oben gewandt blieb er ſtehen. Aber mitten in ſeinen Gedanken ward er durch das Geräuſch der Thüre geſtört. Sie öffnete ſich und im Zwielicht des Sommerabends traten zwei weibliche Geſtalten heraus. Die Eine, ſehr ſtattlich gekleidet in rauſchender Seide und einen bunten Beduinenmantel, jung und hübſch und fröhlich, kannte er nicht. Die Andre aber, im beſcheidnen, faſt ärmlichen Gewande, mit einem Geſicht voll Gram und Entbehrung und mit trau⸗ rigen Augen— die kannte er. Es war Annie. Sein Herz klopfte laut auf— vor Freude! O, du armes, thörichtes Menſchenſchenherz. Vor Freude, ſie wieder zu ſehn, klopfte ſein Herz, und die Liebe zu ihr, die er überwunden zu haben glaubte, flammte auf in ihm aufs Neue. Er hätte ihr entgegenfliegen, und auf ihre Schulter weinen mögen; vor ihr niederſinken hätte er mögen, um ihre Knie ſchluchzend zu umklammern. Aber mitten in ſeinem Paroxysmus ging es ihm wie ein Stich durch die Seele— ſie liebte ihn ja nicht! Das Fortbeſtehen einer Liebe, welche nicht erwidert wird, gehört zu den ſcheinbaren Räthſeln des Menſchen⸗ herzens. Ein eigenthümlicher Schimméß von Schwer⸗ muth und unverdientem Leiden, der um ſie ausgebreitet iſt, läßt ſie„intereſſant“ erſcheinen und macht ſie zu einem Lieblingsthema für gewiſſe Dichter. Aber wir haben nie daran geglaubt. Wir haben gemeint, der flüchtige Blick eines Auges, das Lächeln eines Angeſichts, die Muſik einer Stimme— ſogar das Flattern eines Schleiers könne die Zukunft eines Herzens beſtimmen für Immer; aber wir haben nicht gemeint, daß dieſe Attri⸗ bute von Jngend und Schönheit an ſich ſchon genügend wären, um einen Eindruck von unauslöſchlicher Dauer zu machen. Wir haben gemeint, das Weſen der Liebe und das Zeugniß ihrer heiligen Miſſion auf Erden ſei ihre Gegenſeitigkeit. Man hat uns Beiſpiele des Gegen⸗ theils angeführt, und mehrere bedeutende Beweiſe dafür aus alter und neuer Zeit genannt; worauf wir erwidert haben, daß es vielleicht eine Liebe ohne Gegenſeitigkeit geben könne, aber daß ſolch' eine Liebe unnatürlich und entweder eine Täuſchung oder eine Krankheit ſei. Die urſprünglich geſunde Natur iſt ſtark genng, eine ſolche. Liebe von ſich auszuſcheiden; und darum iſt unſre Mei⸗ nung, daß es eine„unglückliche Liebe“ nur im Sinne der Tragödie giebt, wenn das Schickſal trennend zwiſchen zwei Herzen tritt, die durch eine große Leidenſchaft ver⸗ bunden ſind. Wir glauben an die Liebe von Abälard zu Helviſe. Wir glauben an die Liebe von Romeo und Julie. Aber wir glauben nicht an die Liebe Petrarca's zu Laura. Die Liebe des geſunden Herzens ſucht ihren Gegenſtand zu erobern und erobert ihn oder— erlöſcht wie eine Flamme, welcher die Nahrung fehlt. Die beiden Frauengeſtalten waren nun von dem Hauſe fort und aus der engen Seitengaſſe in die brei⸗ tere Hauptſtraße getreten, und Walter— ſeiner ſelbſt kaum noch mächtig— folgte ihnen ungeſehen. Da ſtand ſie wieder vor ihm, die das ſchwindende Traumbild ſeines langen, traurigen Winters geweſen; und jetzt in ihrer Nähe, fühlte er mit Entſetzen, daß alle Kämpfe deſſelben umſonſt geweſen ſeien! Daß Annie inzwiſchen einen viel härteren Kampf und mit einem unerbittlicheren Feinde zu kämpfen ge⸗ habt, als ſelbſt verrathene Liebe und gebrochene Treue ſind: dieſes konnte Walter nicht wiſſen. Ihre ſtolze Seele hatte ihm keins von Beiden erlaubt, weder einen Blick in den Zuſtand ihres Herzens noch jener äußerſten Entbehrung zu thun, in welchem ſie wochen⸗ und mona⸗ telang ſchweigend aber hoffnungslos geſchmachtet. Er hatte aus Demjenigen, was er von Annie's Vergangen⸗ heit ſelber geſehn und den wenigen dunklen Andeutungen die ſie ihm ſpäter gemacht, den Schluß gezogen, daß ſie von dem Manne, mit welchem er ſie einſt zuſammen erblickt, welchen ſie geliebt habe und welcher der Vater ihres Kindes, verlaſſen worden ſei. Aus dem Elend ihrer Seele daher hatte er ſich ihre kummervollen Au⸗ gen, ihre hageren Wangen und bleichen Züge erklärt; aber er hatte keine Ahnung davon, daß noch ein anderes Elend, faſt noch größer und furchtbarer, ſie bereits an Straßenſängerin III. 3 1* 3 den Abgrund gedrängt haben könne... Er war den beiden nächtlichen Wandrerinnen nun ſo nahe gekommen, daß er hören konnte, was ſie ſprachen. „Faſſe Dich endlich,“ ſagte die Eine, die im ſeidnen Gewande und dem Beduinenmantel;„Du biſt ihm Nichts mehr ſchuldig, der Dir die Treue gebrochen und der Dich ſo elend gemacht hat, als ein Mädchen auf dieſer Welt nur ſein kann!“ Ein unterdrücktes Schluchzen der Andern war Alles, was ſie als Antwort hervorbringen konnte. „Weißt Du noch, vor einem Jahre, als wir zuſam⸗ men in Regent⸗ſtreet arbeiteten, von Früh bis in die Nacht, als wir uns kennen lernten und des Abends beim Nachhauſegehen von unſrem Elend und unſrer Kümmerniß ſprachen? Damals dachte ich, wie Du heut noch denkſt. Aber ich bin inzwiſchen klüger geworden. Was!— weil ein treuloſer Mann, dem wir glaubten und den wir liebten, uns unglücklich gemacht, ſollten wir unſer ganzes Leben in Hunger und Noth verbringen? Weg mit den Lumpen und den Thränen und der Furcht— hier iſt noch ein Reſt zu genießen, hier iſt noch Tanz und Muſik und Gold und Wein— hier ſind noch ein paar Jahre,... und das Ende auf das Haupt Desjenigen, der uns ſo tief erniedrigt hat!“— Faſt zähneknirſchend hatte das Mädchen ſo geſpro⸗ chen; aber krampfhaft drücke Annie Laurie, indem ſie ſtehen blieb, beide Hände auf die Bruſt und rief:„O dieſer Schmerz— dieſer Schmerz! Eliza, Du weißt nicht, was Du ſprichſt!“. „Nur zu gut weiß ich's!“ entgegnete dieſe faſt höhniſch, die Zögernde mit ſich fortziehend;„nur zu gut, was die Welt von uns armen, verſtoßenen Geſchöpfen denkt. O, es iſt gut, von Seelenſtärke und weiblichem Heldenthum zu ſprechen, ſo lange man im Schooße des Glückes ſitzt; und auf einem behaglichen Lehnſtuhl iſt es ſo leicht, über Tugenden und Sünden zu urtheilen, die man beide nur aus Romanen kennt. Man nennt uns Sünderinnen, aber— Gott im Himmel, ſei Du mein Zeuge!— wir ſind nur Opfer.— Komm, Mädchen, Unglücksgenoſſin— es iſt nur der erſte Schritt, der über⸗ wunden ſein will!“ Walter hätte ſich zu erkennen geben, und flehend Annie Laurie beſchwören mögen, der Verführerin nicht zu folgen. Aber es war zu ſpät. Schon ſtanden ſie vor einem Hauſe, welches von Lichterkränzen ſchimmerte, und aus deſſen Räume liebliche Melodien in die Nacht hinausklangen. Walter kannte die Muſik und die Lichter.— Es war in der Gegend von London, welche genannt iſt nach dem ſchottiſchen Geſchlecht der Archibald Camp⸗ bells, der großen Earls von Arghll, von denen zwei auf dem Schaffot für ihren Glauben und ihre Feindſchaft gegen die Stuarts ſtarben und deren Stadtpalaſt einſt hier geſtanden. Aber dieſer Palaſt iſt lange verſchwun⸗ den, die großen Arghlls wohnen weitab im fernen Weſt⸗ end, unter den übrigen Häuptern der engliſchen Ariſto⸗ kratie; und nur einer Straße, einem Platze und einem Hauſe iſt der Name geblieben. Und kümmerlich genug ſieht es in dieſer Straße aus, welche beſchattet iſt von den ſtattlichen Häuſern der Regentſtreet; gemieden von 9½ 3* den Caroſſen der eleganten Welt iſt dieſer Platz und ſchlecht berufen in ganz London, als ein Sammelplatz des Leichtſinns und der nächtigen Freuden iſt dieſes Haus, welches bekannt iſt unter dem Namen von Arghll⸗ Rooms. Aber prächtig, wie bei keinem zweiten Hauſe in Lon⸗ don, leuchten ſeine Portale und hohen Fenſter, wenn über der Säule von Charing Croß der Abendſtern ſteht; und voll und rauſchend brauſt ſeine Muſik durch die engen Gaſſen und füllt die ſtillen Straßen und Plätze ringsum mit ſeinem gebrochenen Nachhall. Dichte Hau⸗ fen von Zuſchauern ſtehen um die tageshell ſchimmern⸗ den Thore, und ſchöne Damen, gehüllt in leichtes Weiß und Blau, duftig von den Gerüchen öſtlicher Zonen und ſtrahlend von dem ganzen Blendwerk einer durch Kunſt erhöhten Schönheit wandeln über die mit Teppichen be⸗ legten Stufen und verſchwinden hinter den ſchweren Da⸗ maſtvorhängen der Halle. „Ob ſie wol eintreten werden?“ fragte Walter ſich ſelber in der Bangigkeit ſeiner Seele. Aber die Beiden waren ſchon eingetreten. Sie waren ſchon verſchwunden in dem von Gas und Spiegelwänden glänzenden Corridor. Und Walter folgte ihnen. Eine betäubende Fülle von Licht und Duft und Schön⸗ heit und Muſik ſtrömte ihm entgegen, indem er durch die hohen weißen Flügelthüren mit Goldfaſſung hinter den Sammetportieren in den Saal trat... als ob man den entfernten Anhauch der wirklichen Luft von Draußen fürchte in dieſem Reich des ſchweren Rauſches, wo Alles Kunſt und Alles Schein iſt. Eine ſchwüle Luft weht darin, zuſammengeſetzt aus der Gluth zahlloſer Gasflam⸗ men, dem Parfüm zahlloſer Handſchuhe und Taſchen⸗ tücher und dem ſchweren Niederſchlag von aſiatiſchem Taback. Tiefe Gardinen von dichtem, koſtbarem Stoff umſchließen die Seitenfenſter; türkiſche Teppiche von je⸗ nen bunten Farben des Orients aus Grün und Roth bedecken den Boden der Nebengemächer und eine Däm⸗ merung gedämpften Lichtes, welches aus mattgeſchliffenen Cryſtallſchaalen von den dunkelrothen Wänden herab⸗ ſtrömt, erfüllt dieſen Theil der Räume. Der große Saal in der Mitte jedoch iſt hell von mächtigen Cryſtallkronen, welche an goldenen Schnüren von dem weißen Plafond der Decke herabhängen; er ſtrahlt von hohen Spiegeln in Goldrahmen, welche die Marmorpracht ſeiner Wände und die Reihenfolge ſeiner Götter und Göttinnen unter⸗ brechen, die Erhſtallkugeln, von Licht erfüllt, auf den Händen oder den Schultern tragen; er iſt voll von dem Schalle des Orcheſters, welches teraſſenfö einer mit Carmviſin ausgeſchlagenen Balluſtrade grup⸗ pirt und durch ein zierliches Gitterwerk aus vergoldeten Stäben von dem Saale geſchieden iſt. Ein glänzendes Parquet von Moſaik bedeckt den Boden, und über die glatte Fläche deſſelben rauſchen kleine Füße in Seiden⸗ ſchuhen dahin und leichte Kleider, welche ſich im Fluge des Tanzes bis zum Knöchel emporſchürzen. O, wie oft haben wir ſelber auf jenem Divan von rothem Sammet geſeſſen, auf welchem jetzt Walter ſich niederläßt— dem dort, unter dem Goldgitter des Or⸗ cheſters. Ein Gefühl von Ueberdruß und Wehmuth er⸗ greift uns, jetzt, wo wir jener Zeit und jenes Raumes gedenken, in welchen wir zuerſt flohen um zu träumen, und darauf, um zu vergeſſen, wie nichtig dieſe Träume geweſen. Wir ſehen dieſe ſchönen und traurigen Ge⸗ ſchöpfe wieder auf und nieder wandeln— dieſe Som⸗ nambülen der modernen Geſellſchaft, lächelnd für den⸗ jenigen nur, der ſie zum erſtenmale ſieht. Wir ſuchen aufs Neue ihre Geſchichte zu leſen von dieſen Stirnen, welche ſo bleich ſind, und aus dieſen Augen, welche ſo ſchlaftrunken leuchten— ach, eine Geſchichte von troſt⸗ loſer Monotonie, und ein Roman, der zuweilen mit einem Irrthum anfängt und immer mit einem Uebermaß von Elend, beides, der Seele und des Leibes, endet. Wir ſehen ſie ſcherzen und lachen, jetzt, in der Mitte ihres kurzen Glanzes und auf der Höhe ihrer ſekundenlangen Herrlichkeit; wie ſie, Arm in Arm, den Kopf geſchmückt mit abgeblühten Roſen oder falſchen Diamanten, ſtehen bleiben vor einem Herrn, welcher gähnend und rauchend ſſel liegt, wie ſie ſich unwillig abwenden von ern Herrn, der ſie angeredet... wie ſie ein Glas Champagner an die Lippen führen... wie ſie ein Stück Eis aus dem Kühlbecher nehmen und es in den heißen Händen halten, bis es langſam zergeht... Wir ſehen den Portier wieder, welcher mit Dreimaſter und rothen Kniehoſen und breitem Treſſenfrack und querhän⸗ gendem Hirſchfänger und hohem Stock mit Goldknopf an der Thüre ſteht— ernſt und ſtattlich, als ſtehe er an der Pforte eines Königsſchloſſes. Wir ſehen die beiden Maitres de Dance(M. C.'s, Ceremonienmeiſter nennt ſie das Programm, aber ſie ſind nichts weiter als Tanzmeiſter) und halten ſie für Kammerherren und Hof⸗ marſchälle nach dem Klapphut mit Silbertreſſen, den ſie unter dem Arme tragen, nach den ſchwarzen ſeidenen Strümpfen und den Brillantſternen auf der Bruſt des ſchwarzen Frackes. Leider ſind es nur Sterne von Böh⸗ miſchem Glaſe, wie uns ein Herr ſagte, ein Fabrikant aus jenem Lande, welcher alle Jahre in Geſchäften nach London herüberkommt, und dieſem Etabliſſement, außer geſchliffenen Weingläſern und Erhſtallglocken, auch beſagte Brillanten zu liefern die Ehre hat... Wir ſehen die Wärter wieder, in ihren weißen„Chokers“ und Fräcken nach der Mode— auch den alten Sünder darunter, der ſein ganzes Leben in Räumen wie dieſen verlebt, mit Aufziehen von Sodaflaſchen und Anzünden von Fi⸗ dibuſſen für die Raucher— hinkend auf dem rechten Fuße, von einer zutraulichen Kürze in ſeinen Anreden, als ob er Jedermann kenne und ſtets mit einem Anſtrich biederer Geſchäftigkeit an die kleine Münze vergeſſend, die er wieder herauszahlen muß, wenn man ihm große gegeben. Wir ſehen dieſe ganze Welt des Leichtſinns und der Thorheit wieder, wie damals. Aber wir ſind älter geworden ſeitdem. Wir glauben nicht mehr an ihre Poeſie. Vergeblich hatte Walter nach den Beiden geſucht, denen er durch die Dunkelheit der Nacht bis hierher ge⸗ folgt war. Denn das Orcheſter hatte eben zum Anfang der Quadrille das Zeichen gegeben, als Walter einge⸗ treten war, und eine undurchdringliche Menge von Her⸗ ren und Damen, die ſich zum Tanze ordneten, erfüllte die Mitte des Saales. „Quadrille à la Cour“ leuchtete es in dem Trans⸗ — 4 parente von Crhſtallen, weiche den täuſchenden Schim⸗ mer von Diamanten haben, über dem Goldgitter. Das Orcheſter begann. Es war die ſchottiſche Quadrille, und unter dem Namen„the Caledonians“ ſehr beliebt bei dieſem Publikum. Sie iſt zuſammengeſetzt aus ſo man⸗ chen guten alten ſchottiſchen Melodien, nach denen eipſt die Männer von Arghll luſtiglich marſchirten und jetzt die Damen von Argyll nicht minder luſtig tanzen. Die Quadrille fängt an mit der ſchönen, wehmüthigen Weiſe des Etrick⸗Schäfers von„Charlie is my darling“,— der großen und volksthümlichen Hochlandsklage um den Königsſohn, der in der Verbannung lebt, um den ver⸗ triebenen Stuart. O Charlie iſt mein Liebling, Mein Liebling, mein Liebling. O Charlie iſt mein Liebling, Der junge Cavalier! Nun brach die Muſik mitten im Tacte ab, denn die Engagements zum Tanze wurden gemacht und die beiden M. C., die Herren mit den Brillantſternen auf der Bruſt und dem franzöſiſchen Chapeau bas unter dem Arme ordneten die Paare. Seltſame Paare ſind es. Die Damen in gewählter Balltoilette, aber mit leichten Mänteln darüber, mit Blumenhütchen in den Nacken hängend und mit parfümirten Taſchentüchern im Mund, wenn ſie rundtanzen; die Herren in langen Oberröcken, faſt bis an die Knöchel, mit kurzen Stöcken unter dem Arm, mit Cigaretten im Munde, mit Hüten ſchräg auf dem Kopfe. Sie ſtellen ſich auf in drei oder vier wei⸗ ten Kreiſen.„Révérence à vos dames!« Sie machen — ihre Complimente, die Damen in altfranzöſiſcher Eti⸗ quette, mit den Fingerſpitzen die Zipfel ihrer Kleider faſſend und knixend; die Herren(es ſind zumeiſt Ellen⸗ reiter aus den Läden von Regentſtreet und Piccadilly, Friſeure, Parfümeure, Schneider ꝛc., die freies Entrée haben und dafür tanzen müſſen) mit den Beinen hin⸗ tenaus ſchlagend unter allerlei Grimaſſen und grotesken Sprüngen. Hierauf ſetzt die Muſik wieder ein, zuerſt ſanft, meiſt mit Saiteninſtrumenten, der Melodie ange⸗ meſſen. O Charlie iſt mein Liebling, Mein Liebling, mein Liebling. O Charlie iſt mein Liebling, Der junge Cavalier! Die Paare chaſſirten, hinüber, herüber; wechſelten die Plätze,—„changez les dames!« riefen die M. Cs., welche das Franzöſiſche mit einem wehvollen Anflug von engliſchem Aecent ſprechen— die Herren wechſelten die Damen und führten ſie zuletzt ihren urſprünglichen Part⸗ nern zurück. Alles mit gebührendem Anſtand, anßer dem einen oder anderen Sprung, welchen dieſer oder jener Herr ſchon jetzt, bei Anfang der Quadrille, nicht unter⸗ drücken konnte und welcher in der That nicht ganz an⸗ ſtändig war. Hierauf erfolgte ein kurzer Stillſtand. »Pour de main avec son Propre cavalier!“ riefen die M. C's. und die Muſik ſchwieg einen Augenblick, worauf ſie in einem andren Tempo und mit einer anderen Me⸗ lodie wieder begann. Das Tempo geht ſchon etwas raſcher und die Melodie iſt von einem feurigen Charak⸗ ter. Es iſt die wohlbekannte Melodie vom„John High- — andman“, ſeinem Philabeg und Tartankleid und dem guten Clahmore an ſeiner Seit'. Ein Hochlandsburſch mein Liebſter war, Verhöhnt' das Flachland ganz und gar— Doch Treue hielt er ſeinem Clan, Mein tapfrer, braver John Hochlandsmann! Singt hey, mein braver John Hochlandsmann! Singt ho, mein braver John Hochlandsmann! Da war kein Burſch, bergab, bergan, Der gleich kam mein'm John Hochlandsmann! Doch ach! ſie fingen ihn zuletzt, Und haben ihn in den Thurm geſetzt— Mein Fluch auf ſie und Jedermann,— Sie haben gehängt meinen Hochlandsmann! Und ſtürmiſcher, als ob das Schickſal der armen Hochlandsmaid, der man den Liebſten gehängt, ihnen recht zu Herzen gehe, ſchlang ſich der Reigen und raſcher gin⸗ gen die Paare hinüber und herüber und feſter faßten die Herren ihre Damen und ſchwenkten ſie mit kräftigerem Schwunge auf ihre Plätze zurück, während die Muſik in den Refrain zurückfiel. Singt hey, mein braver John Hochlandsmann! Singt ho, mein braver John Hochlandsmann! Da war kein Burſch, bergab, bergan, Der gleichkam mein'm John Hochlandsmann! »Konde à gauche et a vos places!“ riefen die M. Cs. und eine Pauſe trat ein in der Muſik und unter den Tänzern und Tänzerinnen, deren Geſichter zu glühen begannen. Und alsbald, nachdem die Paare ſich neu geordnet, gaben die Maitres das Zeichen und die neue Tour begann mit der Melodie von„Bonnie Dundee“. Scharf abgehackt und voll von Gluth und Enthuſiasmus iſt dieſe Melodie, mit welcher einſt die Clans der Macken⸗ zies und Macdonalds und Grahams und Gordons mit ihrem„bonnie Pundee“, dem ſchlachtberühmten Claver⸗ houſe für den vertriebenen König Jakob Stuart gegen Wilhelm, den Proteſtanten und den Feind, ins Feld zogen. Zu den Lords vom Convent war's, daß Claverhouſe ſprach: Eh' die Krone ſinkt, leuchte manch' blutiger Tag! Drum auf, Cavaliere— heut gilt's oder nie Für den Thron und die Mützen von Bonnie Dundee! Kommt, füllt mir den Becher, kommt füllt mir den Krug, Kommt, ſattelt mein Pferd mir und ordnet den Zug— Schließt auf die Weſthäfen und Jedermann zieh Mit dem Ruf: für die Mützen von Bonnie Dundee! Und Tact auf Tact durch den ganzen Saal gings — als ob man den Schlachtſchritt aufs Neue verneh⸗ men ſolle. Und heißer ward der Athem— heißer die Luft; und wirbelnd verſchlangen ſich die Paare, als ob das Kampfgewühl ſich erneuern ſolle— jenes von Kil⸗ likrankie, in welchem der„bonnie Dundee“ fiel, und die Hoffnung von Jakob Stuart fiel und die ganze Herrlich⸗ keit und Königsbegeiſterung des jakobitiſchen Aufſtandes auf blutigem Moor zu Ende ging. Kommt, füllt mir den Becher, kommt füllt mir den Krug, Kommt, ſattelt mein Pferd mir und ordnet den Zug— Schließt auf die Weſthäfen und Jedermann zieh Mit dem Ruf: für die Mützen von Bonnie Dundee!... Ach, wol mögt Ihr jubeln, jetzt, wo der Becher noch voll iſt, wo voll noch der Krug— Ihr, die Ihr dem Tod und dem Untergang gewidmet ſeid, wie jene Schaar von Killikrankie. Sterben müſſen wir Alle— was gilt's, wo wir ſterben und wie wir ſterben... Ob auf dem Schlachtfeld, dem ſeidnen Bett oder dem Spital — ob in den Armen eines Prieſters oder in den Wel⸗ len eines tiefen Stromes.— Sterben müſſen wir, hin⸗ unter Alle; und der Abgrund ſchließt ſich zuletzt über einem Jedem von uns... Und wieder die kurze Pauſe... wieder der Ruf der 3 M. Cs. Pinale ccun Demi-grande chaine!“ — wieder die Muſik und eine neue Melodie, die letzte der Quadrille. Dies war auch die kräftigſte, die zün⸗ 3 i dendſte, die ergreifendſte von allen. Es war die Melo⸗ die, mit der einſt die Campbells, die Clansleute des gro⸗ ßen Argyll, nach welchem jene Straße, jener Platz und dieſes Haus genannt iſt, in die Schlucht von Glencve zogen, zum blutigen Vernichtungswerk der letzten Jako⸗ biten.. Es war die Melodie, welche Jeſſie Brown hörte, an jenem letzten Morgen der Belagerung von Luck⸗ now, im vſtindiſchen Aufſtand, als keine Hoffnung mehr war auf Rettung und Entſatz— erſt fern, ganz fern, wie Dröhnen dumpfer Hörner.„Die Campbells, die kommen!“ rief ſie, als ſie das Dröhnen vernahm,„wir werden gerettet ſein vor Nena Sahib's Barbaren!“ Aber die britiſchen Männer glaubten ihr nicht und ſchüt⸗ telten traurig mit dem Kopfe, denn Alles war wieder ruhig geworden, in der heißen, ſonnebeſchienenen, dumpf brütenden Ebene. Aber nach zwei Stunden war ihr, als ob ſie das Dröhnen auf's Neue vernehme— näher, deutlicher als zuvor.„Die Campbells, die kommen!“ rief ſie— aber wieder ſchüttelten die britiſchen Männer traurig mit dem Kopfe, ſie hörten Nichts. Sie erwar⸗ teten den Fall von Lucknow. Der Tag rückte vor. Keine Rettung kam. Da wieder, als es Nachmittag geworden, rief Jeſſie Brown:„ich höre ſie jetzt ganz deutlich— die Campbells, die kommen!“ und ſiehe da! fern am Horizont erblickte man einen ſchwarzen Punkt, eine Wolke, wie von Staub, die zu wachſen ſchien, und nun auch hörten Alle das Dröhnen der Dudelſäcke, die ihr vor⸗ aufzogen. Und gegen Abend ſah man ihre Waffen blitzen und ihre Philabegs leuchten— und jauchzend erſcholl es überall:„die Campbells, die kommen!“.. und bald war es vor den Mauern, das tapfere hochländiſche Re⸗ giment, und Rettung und Hülfe den Schwerbedrängten bringend, zog es ein unter dem Schall und Jubel ihres alten Hochlandsliedes... Die Campbells, die kommen, O⸗ho, O⸗ho! Die Campbells, die kommen, Oeho, O⸗ho! Die Campbells, die kommen zum ſchönen Lochleven, Die Campbells, die kommen, O⸗ho, Ocho!. Wol hoch auf den Lommonds ich lag, ich lag, Wol hoch auf den Lommonds ich lag, ich lag, Ich ſah wohl hinab zu dem ſchönen Lochleven Und hörte von drei ſchönen Rudern den Schlag. Voran geht der große Argyll, ſo froh, Die Büchſen und Feldſtücke krachen ſo, Mit Klang der Trompeten, mit Trommel und Pfeif' Die Campbells, die kommen, O⸗ho, O⸗ho! Die Campbells, die kommen, nicht Einer entfloh, Ihre Treue zu zeigen, ſind Alle ſo froh, Mit ihren Bannern raſſelnd im Wind, Die Campbells, die kommen, O⸗ho, O⸗ho! Da plötzlich durch das Schmettern der Hörner, das Klirren der Becken, das Dröhnen der Pauken und das Rauſchen des Tanzes gellte ein lauter und furchtbarer Schrei. „George! George!“ rief es aus einem unbekannten Munde— ſo herzzerreißend, ſo ſchmerzenswild, daß Al⸗ les verwundert um ſich blickte. Was war das? Wer war George? Wer hatte gerufen? Der Tanz ward unterbrochen. Die Quadrille gerieth in Unordnung. Die Kreiſe löſten ſich auf. Die Muſik, mißtönig und mitten in einem Tacte, brach ab. Alles drängte nach der Stelle, von welcher jener ſchmerzlich⸗geheimnißvolle Ruf gedrungen. Hier ſah man ein Mädchen im ein⸗ fachen, für dieſen Raum des Glanzes viel zu einfachen Gewande, welches bleich und ohnmächtig zu Boden ge⸗ ſunken war. Neben ihr ſtand ein Herr, den Arm noch halb um ſie geſchlungen, mit dem Ausdruck der höchſten Beſtürzung im Geſichte. An ihrer Seite kniete, über ſie gebeugt und ihre Schläfen mit Eau⸗de⸗Cologne waſchend, ein Mädchen im Beduinenmantel; und ringsum ſtand ein dichter Haufe neugieriger Tänzer und Tänzerinnen. Endlich ſchlug die Ohnmächtige das Auge wieder auf; aber ihr Blick war fürchterlich.„Fort da,“ rief ſie mit bebenden Lippen—„fort da den Arm, den Ihr um mich geſchlungen— laßt mich los,“ rief ſie, indem ſie ſich gewaltſam erhob und mit der letzten Kraftanſtren⸗ gung den Herrn von ſich ſtieß, welcher ſie eben noch im Arme gehalten hatte.— Der Herr wußte in der That nicht, wie ihm geſchah; denn lange ſchon hatte ihm Miß Eliza verſprochen, ihn mit einer ihrer Freundinnen be⸗ kannt zu machen, und heute Abend endlich war dieſe Freundin gekommen und er hatte ſich ſo ſehr ſchon auf ein Souper mit ihr gefreut— und nun, da er zum erſtenmale ihre Hand ergriffen, hatte ſie„George, George!“ geſchrieen, war in Ohnmacht geſunken und hatte ihn, nachdem ſie wieder zur Beſinnung gekommen, weit von ſich geſchleudert! Dann, mit Blitzesſchnelle, brach ſie ſich Bahn durch den Haufen, und ehe noch ihre Freun⸗ din ein Wort ſagen konnte, ſtürzte ſie der Thüre zu und war fort aus dem Saale. Erſtaunten Blickes ſahen Alle ihr nach; aber nur Einer folgte ihr, und das war Walter. Er hatte ſie erkannt, als ſie ſich vom Boden aufgerafft und aus dem Saal entfernt hatte. Aber um⸗ ſonſt, daß er ſie einzuholen ſtrebte. Umſonſt, daß er ihren Namen laut und flehend rief— als ob ſie von einem Feinde verfolgt würde, eilte ſie durch die nächtlich leeren Straßen Londons und erſt, als ſie an ihrem Hauſe in Star⸗Chamber⸗Alleh angelangt war, ſank ſie zuſammen. Sie war auf beide Kniee geſunken, ſie hatte ihren von Angſt und Anſtrengung erhitzten und von ihrem wild gelöſten Haare umflatterten Kopf in die Höhe gehoben, und die gefalteten Hände gen Himmel ſtreckend, rief ſie:„Ich danke Dir, Gott, daß Du mir Kraft gabſt, mich vor dieſer letzten Schmach zu retten! Mag nun kommen, was da kommen will— ich kann's nicht ändern! Aber das kann ich nicht— nimmer, nimmer, nimmer! Und willſt Du nun mein armes Kind Hungers ſterben laſſen, lieber Gott im Him⸗ mel— o ſo nimm ſeine unſchuldige Seele gnädig auf„ Ein Thränenſtrom erſtickte ihre Worte und wim⸗ mernd kauerte ſie auf der unterſten Stufe der Treppe vor ihrem Hauſe zuſammen. Walter hatte Alles mit angeſehen, Alles mit angehört. Ein unfägliches Mitgefühl mit der Armen erfüllte ſeine Seele. „Zetzt nicht unthätig mehr lieben und um ſie leiden — jetzt ihr helfen!“ rief eine Stimme in ſeinem In⸗ nern. Und leiſe nahm er ein Beutelchen aus ſeiner Bruſttaſche mit 10 Goldſtücken, welche er ſich während des Winters in Sparſamkeit und Entbehrung erübrigt hatte,— und ſchüchtern nahte er ſich ihr und langſam, ohne ſie zu wecken, ließ er das Beutelchen in die Taſche ihres Gewandes gleiten. Dann ſtellte er ſich wieder in den tiefen Schatten des gegenüberliegenden Hauſes. Eine halbe Stunde mochte vergangen ſein,— ſchon begann der frühe Som⸗ mermorgen zu grauen— als das Mädchen, aus ihrer Bewußtloſigkeit erwachend, ſich endlich erhob. Stille waren die Straßen und eine grün⸗goldne Dämmerungshelle um⸗ wob ihre Geſtalt, als Annie Laurie in der Thür ihres Hauſes verſchwand. „Gute Nacht, müde Pilgerin!“ ſagte Walter leiſe; „ſchlafe wol— Einer iſt noch in der Welt, der Dich in Deinem Elend nicht vergeſſen wird. Zetzt iſt es Zeit, daß ich London verlaſſe, um für Dich und Dein Kind zu arbeiten— ſchlafe wol!“— Dann, im Fortgehen, zog er die Brieftaſche heraus, nahm die Karte, welche ihm am vergangenen Morgen — die vornehme Dame im Crhſtallpalaſt gegeben, und die Aufſchrift derſelben betrachtend, las er: The Uight Hon. Lady Jane Caſtlemerr. Belgrave Square. London. Drittes Capitel. Erryynyr-Hall. Das Fürſtenthum Wales, welches die Südweſtecke von England einnimmt, wird in den Reiſehandbüchern „die Engliſche Schweiz“ genannt. Es iſt in der That ein ſchönes, bergreiches Land und wird bewohnt von einem gutmüthigen und biederen Menſchenſchlage, mit bleichen, wehmüthigen Geſichtern und dunklen, träume⸗ riſchen Augen. Die Waliſer ſind unterſchieden in Brauch und Sitte von den Engländern und ſprechen nicht die⸗ ſelbe Sprache, wie die Engländer; wenigſtens Diejenigen nicht, welche in den nördlichen Gebirgen und an den Ufern des St. Georg's Canals, den Küſten von Jrland gegenüber, wohnen. Hier hat ſich, neben vielen andren Reſtern der celtiſchen Vorzeit auch ein Reſt jener Sprache erhalten, welche die alten Briten redeten, die Ureinwoh⸗ ner dieſer Inſel, bevor ſie von unſren eignen und den Vorvätern der heutigen Engländer, den blonden, ſeefah⸗ renden Anglo⸗Sachſen aus ihren ehemaligen Beſitzungen gedrängt wurden, Schritt vor Schritt und Meile vor Meile, bis ſie in den cambriſchen Bergen, dem Wales Straßenſängerin HI. 4 unſerer fanden. Doch iſt es nur das eigentliche Volk von Nord⸗ wales, ſeine Bauern und kleineren Pächter, welche ſich alſo auszeichnen durch ihre Sprache und eine Reihe alter Sitten und Ueberlieferungen; Alles dagegen, was vor⸗ nehm, reich und von Stande iſt in dieſem Lande, redet Engliſch, lebt nach engliſcher Weiſe, kleidet ſich ſo und wohnt in Häuſern, Schlöſſern und Burgen, welche nicht verſchieden ſind von denjenigen, welche man im Innern von England geſehn. Namentlich ſind es die Burgen und Sitze der Edlen in Wales, welche ſich durch ihr Alter, ihre maleriſche Schönheit und ihren gut bewahr⸗ ten anglo⸗normaniſchen Charakter bemerklich machen. Einige davon ſtammen aus den Grenzkriegen, welche bis in's 15. Jahrhundert dauerten und ihr dunkles, kriege⸗ riſches Ausſehn deutet auf die urſprünglich mit ihnen verbundene Verpflichtung des Burggrafendienſtes für England. Andere ſind in ſpäteren Jahrhunderten, aber auf den Stellen und nach den Vorbildern alter Schlöſſer, die ehedem daſelbſt geſtanden, erbaut worden, und an mehreren von ihnen kann man Reſte unterſcheiden, welche aus der alten Zeit ſtammen, und Theile, welche in der neueren hinzugefügt worden ſind. Zu dieſer letzteren Art von Schlöſſern gehört Tre⸗ vynyr⸗Hall, auf der Baronie und Herrſchaft gleichen Namens, mit welcher ſchon unter Eduard I. die ſächſiſche Familie derer von Hazlewood beliehen wurde und welche ſie ſeit jener entfernten Zeit, ſechshundert Jahre lang ununterbrochen beſeſſen hatte. Der Name dieſer Herr⸗ Tage, ihre letze Zuflucht und Heimath * ſchaft, welchen die Familie demnächſt dem ihrigen hinzu⸗ fügte, ſeitdem ſie ihren Platz erhalten hatte unter der waliſiſchen Baronetage, iſt ein gut und alt waliſiſcher. Denn wo gäb' es im ganzen Fürſtenthume Wales einen alten mit dem Adel verbundenen Namen, welcher nicht mit einem„Tre“, einem„Pen“ oder einem„Pol“ an⸗ finge? Weswegen es auch in dem alten Denkvers heißt: By Tre, Pol and Pen. Vou shall know the Welshmen, oder wie der Spruch in der deutſchen Wappen⸗ und Geſchlechtslehre lautet: An Pen, Tre und Pol, Erkennt man den Waliſer wol. Die Baronie und Herrſchaft Trevhnyr liegt in Caernarvonſhire, im Schooße ſeiner ſchönen Gebirge, welche ſich nach dem Meere zu öffnen. Die alte Stadt Conwah, berühmt durch ihr mit Efen reich umwachſenes Eaſtell, begrenzt ſie zur einen; die alte Stadt Bangor, berühmt durch ihre ehrwürdige, von dunklen Bäumen beſchattete Cathedrale begrenzt ſie zur andern Seite. Wenn man zwiſchen dieſen beiden Städten auf der Schienenſtraße dicht am Meere dahinrollt, ſo dicht in der That, daß man zuweilen glaubt, ſeine Wellen müß⸗ ten ſich unter den Rädern des Trains brechen, ſo er⸗ blickt man zur Rechten, an dem weſtlichen Abhange des Pen⸗Maen⸗Mawr, eines ſteilen Felskopfes, welcher mit ſeiner ördlichen Steinwand jach in das Meer fällt, verſchiedenartig ſchimmernd, je nach der Farbe und dem Lichte des Himmels, ein fanft geſtrecktes Plateau, wel⸗ ches üppig bekleidet iſt mit ſtattlichen Baumkronen auf 4½ ſeiner Höhe und lieblichen Wieſenſtreifen an ſeinen Flächen, die ſich in dem Seeſtrand verlaufen. Anmu⸗ thig contraſtirt das ſaftige Grün ſeiner Bäume und ſeines Graſes mit dem metalliſchen Blau der Felſen zu ſeiner Rechten und der duftigen Waldung in ſeinem Hintergrunde, und hier iſt es, wo man aus der tiefen Maſſe alter und dunkler Wipfel, die ſich weich und voll einer an den andren ſchmiegen, einen grauen, viereckigen Normannenthurm emporragen ſieht. Dieſes iſt der Thurm von Trevhnyr⸗Hall. Er iſt der einzige Reſt, welcher ſich erhalten von der alten Burg und Warte, errichtet von dem erſten Baron Hazle⸗ wood von Trevynyr, in der Zeit König Eduard's I. Die übrigen Theile litten großen Schaden in den Krie⸗ gen der Cavaliere gegen die Rundköpfe, in welchen na⸗ türlich die Hazlewoods von Trevynyr treu und feſt zu ihrem König Karl ſtanden; und was dieſe ſchlimmen Jahre überdauerte, das ließ— nachdem der König auf dem Schaffot vor Whitehall geſtorben— der Protector Cromwell niederſchießen und ſprengen. In den beſſeren Tagen, welche mit der Reſtauration wieder aufgingen über England, da ward auch Trevynhr⸗Hall wieder auf⸗ gebaut, aber recht ärmlich und erbärmlich mit einem Holzflügel hier und einem Lattendach und Ziegeln dort. Denn der luſtige König Karl— Gott ſegne ſein An⸗ denken!— hatte wol Titel und Ehren für die treuen Cavaliere, welche für ſeinen Vater ihr Blut verſpritzt und ihr Silbergeſchirr verſetzt, aber kein Geld. Erſt viel ſpäter, als die Geörge ſchon herrſchten über Eng⸗ land, im Laufe des vorigen Jahrhunderts, waren die * 6 — Hazlewood wieder in ſo weit zu Geld und Kräften ge⸗ kommen, daß ſie das Flickwerk vom ehrwürdigen Thurm abreißen und die Halle der Väter in alter Pracht her⸗ ſtellen konnten, mit hohen Sälen, in welchen ihre Waffen und Fahnen hingen, mit gothiſchen Fenſtern und bunten Scheiben darin, mit ſtattlichen Spitzbögen über den Thoren, in denen das Familienwappen prangte, und mit weiten Höfen, in denen Kaſtanienbäume rauſchten und Springbrunnen plätſcherten. In dieſem Schloſſe war es, wo das verehrte Hanpt der Familie, Seine Herrlichkeit, Lord Hazlewood von Trevynyr, die Zeit des Jahres verlebte, nachdem die Seaſon in London vorüber und ſeine Geſchäfte als Peer von England in Weſtminſter⸗Hall gethan waren. Ein einſames Leben hatte der gute Baron in den letzteren Jahren allhier geführt, ſelten nur unterbrochen durch Beſuche ſeiner Standesgenoſſen, von denen mehrere in den Schlöſſern der Nachbarſchaft, Tremadve⸗Caſtle und Madryn⸗Logde wohnten, oder durch Jagdpartien, die er mit ihnen verabredete. Seinen Claret trank er zuweilen mit dem Biſchof, der von Bangor herüberkam; und zu⸗ weilen mit dem Pfarrvikar von Llanfairfechan. Aber im Ganzen war der Spätſommer und Herbſt einem Manne, der die Geſelligkeit liebte, wie Seine Lordſchaft, ſehr einförmig geweſen, und groß daher die Freude, als Lady Jane, ſeine geliebte Tochter, für diesmal ihren Beſuch ankündigte. Der alte Herr hegte eine ſchwache Hoffnung, daß in Begleitung Mhlady's ein gewiſſer Major erſcheinen würde, mit welchem er ſchon verſchiedene Male in neuerer Zeit vergnügte Stunden, ſowol bei der Tafel als auch beim Kartentiſch, verbracht hatte, und für wel⸗ chen er eine beſondere Freundſchaft und mehr als ge⸗ wöhnliche Hochachtung empfand. Er hatte auch gewagt ſeiner Tochter einen leiſen Wink zu geben, indem er ſich ſchöne Vorſtellungen von geſellig verlebten Tagen und fröhlichen Abenden machte, in dieſem Schloß, welches nun ſo lange ſchon den Hufſchlag muntrer Calvalcaden, den melodiſchen Schall von Gläſern und den Klang eines herzhaften Lachens nicht mehr vernommen hatte. Aber Mylady ſchüttelte mit dem Kopfe. Es ſchicke ſich nicht für eine Dame von Stande, ſagte ſie, mit einem Herrn von den perſönlichen Eigenſchaften und der geſellſchaft⸗ lichen Stellung des Majors Fitzroy ihre Wohnung unter dem gleichen Dache zu nehmen, und ſei es auch das gaſtliche und ehrwürdige ihres eigenen Vaters. Mehr ſagte ſie nicht. Sie hätte vielleicht gerne mehr geſagt; aber ſie hatte Niemanden, gegen den ſie offen ſein durfte Sie hatte ihre Baſe, die ſchöne, traurige Gräfin Erkisdale. Aber dieſe war wie ein Schatten, wie eine fremde Erſcheinung, die ſich unheim⸗ lich fühlt in der ungewohnten Umgebung. Ihr wurde nicht wohl und heimiſch bei der älteren Verwandten; es ſtand Etwas zwiſchen ihnen, von dem nicht geſprochen ward, obgleich es beide fühlten. Lady Caſtlemere hatte mit dieſem Mädchen nie von dem Major Fitzroy ge ſprochen. Aber auch mit Jacques Patürot, ihrem Ge⸗ treuen, der ihr ſelbſtverſtändlich in die Burg ihrer Vä⸗ ter gefolgt war, ſprach ſie nicht mehr davon. Sie empfand eine Abneigung, mit ihm, welcher der Ver⸗ * traute ihrer erſten Regung geweſen, länger davon zu ſprechen. Auch für Perſönlichkeiten, welche kalt und ſtolz und ſtarr von Selbſtſucht ſind, wie Lady Caſtle⸗ mere, pflegt der Moment, wo das Ziel eines unbeug⸗ ſamen Strebens erreicht iſt, ein Wendepunkt zu ſein. icht alle Günſtlinge des Geſchicks laſſen ſich von ſeiner Gunſt berauſchen. Einige werden vorſichtig. Einige werden wehmüthig, als ob ſie der Lehre des Polyerates gedächten. Einige haben das Gefühl einer ſittlichen Läuterung. Mit dem gehobenen Zuſtand ihrer Seele möchten ſie die Zukunft, die rein und unangetaſtet vor ihnen liegt, auf gleiche Höhe bringen. Sie möchten, nun, wo das große Ziel erreicht iſt, der Mittel ver⸗ geſſen, durch welche ſie es erreicht haben. Aber ach!— die ſittliche Weltordnung weiß Nichts von einem ſolchen Compromiß. Sie verzeiht die Sünde, aber ſie verzeiht nicht die Abſicht, aus welcher geſündigt worden. Sie nimmt die Sünderin Magdalena in dem Schooß ihrer Gna⸗ den auf, aber ſie übt ein ſtrenges Gericht gegen die klöſter⸗ liche Maintenon. Denn es gibt Dinge, die— wenn ſie geſchehen ſind— nicht mehr vergeſſen und nie mehr gut gemacht werden; ſie gehn unter für eine Weile in der Täuſchung einer friedlichen Zukunft, aber ſie tauchen wieder auf. Sie ſchweigen einen Augenblick, aber ſie reden mit gewaltiger Stimme am Tage der Heimſuchung. Sie ſind eine Saat des Verderbens, und die Hand, welche ſie geſtreut, kann nicht verhindern, daß ſie auf⸗ geht. O, wie furchtbar iſt der Gedanke, daß es Men⸗ ſchen giebt, die nicht mehr gut werden können! Der Tod ihres Kindes hatte Lady Jane von der — letzten Feſſel befreit. Sie war nun reich mit Einem⸗ mal und unabhängig und frei, das zu thun, was ihr ſo lange als heißeſter Wunſch vorgeſchwebt. Sie war in den Beſitz des ungeheuren Vermögens und jener aus⸗ gedehnten Herrſchaft gekommen, welche nicht zu den Feudalgütern der Familie Caſtlemere gehörten und— gleich der Peerage dieſes Hauſes— auf den männlichen Seitenzweig deſſelben übergegangen waren. Der lange reiflich erwogenen Verbindung mit dem Major Fitzroh ſtand nun kein Hinderniß mehr im Wege; ja, ſie wurde von Niemandem lebhafter gewünſcht, als von Lord Hazle⸗ wood, dem Vater Mylady's. Aber, nun dieſem großen Ziel gegenüber, blieb ſie einen Augenblick ſtehen ʒö⸗ gernd, prüfend. Sie dachte an das Urtheil der Welt. Sie ſchlug es aus, mit dem Major in Trevhnhr⸗Hall die erſten Tage der neuen Freiheit zu genießen. Das Urtheil der Welt war für ſie früher Alles geweſen. Eine neue Stimme begann für ſie zu ſprechen und ein neues Urtheil beſchäftigte ſie. Es war die Stimme der eigenen Seele. Ihre Neigung für den Major nahm eine Geſtalt an, die ihr bisher fremd geweſen. Sie hatte eine Scheu, mit ihrem Bedienten davon zu ſprechen, wie ſie ehedem gethan. Und doch hätte ſie ſo gern da⸗ von geſprochen! Zu irgend Wem— aber ſie hatte Niemanden. Sie empfand auf Einmal eine Leere, die nur ſeine Nähe hätte ausfüllen können. Sie ſehnte ſich nach ihm. Sie hatte eine beſeligende Vorſtellung davon, wie ſie ihm einſt ganz und allein angehören wolle; wie ſie ihn glücklich machen wolle; wie ſie, mit ihm vereinigt, gut und mildthätig werden wolle. Sie war voll von dem Gedanken, Andre zu beglücken und ihr ferneres Leben ſegensreich zu machen für ihre Um⸗ gebung. In dieſem Entſchluſſe, welcher ihrer Secle einen weichen Ton und ihrem Auge ein ſchmerzliches Lächeln verlieh, betrachtete ſie die Zeit der Trennung von dem Major als eine Zeit der Prüfung und Ent⸗ ſagung, welche ſie würdig machen ſollte für das Glück, welches ihrer in nicht zu entfernter Zeit harrte. Das Einzige, was in dieſer Stimmung ihr vollen Genuß gewährte, war die Muſik und ein rechter Troſt war es, den jungen Künſtler um ſich zu haben, welchen ſie im Eryſtallpalaſt„entdeckt“ und deſſen Spiel für ſie etwas ganz beſonders Sympathiſches hatte. Sein Ta⸗ lent war nicht in der Schule gebildet worden; es ent⸗ behrte der feineren Vollendung, aber es ſprach zum Herzen mit jenem Zauber, welcher der reichbegabten Natur eigen iſt und mit jenem ergreifenden Klange der Sehnſucht, welche nach einem Ausdruck ſucht, den ſie nicht finden kann. Sie konnte ihm ſtundenlang zuhören, wenn er auf dem Flügel, welcher in dem Muſikzimmer des freiherrlichen Schloſſes ſtand, ſpielte— ſchöne, ſanfte, ſinnige Weiſen, wie ſie der getragenen Muſik ihrer eignen Seele angemeſſen waren. Zuweilen auch wandelte ſie wieder die Luſt an, zu ſingen, und er be⸗ gleitete ihren Geſang, der aber nicht— wie früher aus den leidenſchaftlichen Opern Donizetti's oder Verdi's war, ſondern aus den reineren und erhabenen Werken Beethoven's und Mendelsſohn's. Meiſtens jedoch war ſie ſtill, eine edle Erſcheinung in der tiefen Verſunken⸗ heit, welche der junge Clavierſpieler der Trauer um den 5 Tod ihres Kindes zuſchrieb. Er ehrte dieſen Kummer, welchen die Zeit nur gedämpft, nicht verwiſcht hatte, und fand ſeine Herrin ergreifend in der ſanften Melan⸗ cholie, welche ihrem ſchönen und leidenden Geſichte neuen Reiz verlieh. Ueber ihr ganzes Weſen lag jener Schleier der Wehmuth ausgebreitet, der jedes Weib zu einem Gegenſtande unſerer Sympathie macht. Sie ward ihm ein Ideal— ſie, ſo jung, ſo ſchön, ſo traurig... das Ideal der Entſagung, welches ihn tröſtete und zur Standhaftigkeit aufrief in ſeinen eignen Leiden, welche er mit ſich hierhergebracht. Denn eine Reihe von qualvollen Tagen hatte Wal⸗ ter verlebt ſeit jener frühen Stunde, wo das kalte, goldne Licht des Morgens über ihm zum letzten Male in London gedämmert hatte— jenes Licht, welches kalt und golden iſt für die Glücklichen und die Unglücklichen und welchem gleichmäßig der Tag folgt mit Freuden für die Einen und mit Elend für die Andern. So wüſt, ſo kahl, ſo troſtlos war ihm die Welt wol noch nie erſchienen, als an jenem Morgen, wo er ſie, die das glänzende Trugbild ſeiner fernen, harmloſen Ver⸗ gangenheit geweſen, elend und verlaſſen hinſinken ſah auf die Treppen von Star⸗Chamber⸗Alley.„Iſt es möglich“, hatte er damals ausgerufen,„daß ſo viel Liebe und Treue ſo ſchmählich mit Füßen getreten wer⸗ den kann? Iſt es möglich, daß ſo viel Ungerechtigkeit, ſo viel Grauſamkeit, ſo viel Härte in der Welt ſein können? Wo iſt das ewige Auge, das über uns Allen wacht? Was hat dieſes arme Geſchöpf verbrochen, daß ſie ſo dulden ſoll, und wo iſt der Schändliche, der ſie ſo unglücklich gemacht?...“ Haß gegen dieſen Unbe⸗ kannten erfüllte ſein Inneres und das Bild Annie's, wie ſie wimmernd da lag auf den kalten Steinen, ſchauernd in dem Nachtwind von London, mit dem un⸗ ſäglichen Kummer in der Seele, verfolgte ihn lange. Nicht ſchwer unter ſolchen Umſtänden war ihm der Abſchied von London geworden. Bei ſeinem Freunde, den Mufikmeiſter, hatte er keinen Troſt, ja nicht einmal Shmpathie gefunden. Dieſer begriff Annie's Betragen in Argyll⸗Rooms nicht. Er fand es ſeltſam und meinte, ſie werde zuletzt doch wieder hingehn, wenn ihr nichts Anderes übrig bleibe.„Sie wird eher ſterben!“ hatte Walter hierauf gerufen, indem er ſein glühendes Geſicht in tiefer Schaam mit beiden Händen bedeckte.— Als⸗ dann waren Beide zu ſeinem Principal in die City ge⸗ gangen, welcher ſich gegen eine angemeſſene Ent⸗ ſchädigung bereit fand, Walter aus ſeinem Dienſt zu entlaſſen. Von dem Motive, welches ihn hauptſächlich beſtimmt hatte, die neue und wie vorauszuſehen war einträglichere Stelle anzunehmen, ſo wie von ſeinem Vorſatze, aus dem Ertrage deſſelben Annie künftig zu unterſtützen, ſagte er ſeinem Freunde Nichts. Aber treulich hatte er dieſen Vorſatz gehalten und ausgeführt. Und ſo, in der tiefſtillen Einſamkeit ſeines neuen Aufenthaltes genas Walter's Seele langſam von den letzten Eindrücken, welche ſie in London betroffen. Das Muſikzimmer des Schloſſes war ſeine neue, ſeine beſſere Welt, und die Dame, welche darin zu weilen und ihm zuzuhören pflegte, wenn er ſpielte, die Erſcheinung, welche, durch die verwandte Stimmung der Trauer, ihn wieder zum Gleichmaß des Empfindens zurückführte. Sie pflegte an dem hohen Bogenfenſter zu ſitzen, welches— um⸗ ſponnen von altem Efen und eingerahmt von den Zweigen ehrwürdiger Ulmen— den Ausblick hatte über den grünen von Sonne ſchimmernden Park, über die gelben Aehrenfelder bis zur Landſtraße, über das kleine Dorf mit ſeinen roſenumſponnenen Hütten, über das blaue Meer bis zu dem lieblichen Hügelgeſtade von Angleſea. Eine himmliſche Ruhe herrſchte hier, nur unterbrochen von dem Säuſeln des Windes, der ſfanften Bewegung des Laubes und feierlich aus der Ferne begleitet von dem fortwährenden Rauſchen des Meeres. Dies war ſeine neue Heimath und Lady Caſtlemere darin zu ſehen, ſein neues Glück. Er glaubte an die Reinheit ihrer Seele, wie er an die Schönheit ihrer Geſtalt glanbte; und faſt leidenſchaftlich, nachdem er in der Nähe jener Unglücklichen an der Welt verzweifelt, klammerte er ſich an dieſen Glauben, als bedürfe ſeine Seele der Erhe⸗ bung im vertrauensvollen Anſchaun der ihrigen. Keine Liebe für ihn mehr— nur Rettung aus dieſem Laby⸗ rinth von Zweifel und Qual, von Täuſchung und Irr⸗ thum. Zu ihren Füßen niederfallen hätte er mö⸗ gen und weinen, bis die Verſöhnung über ihn gekommen. Eines Nachmittags nun, im Hochſommer, war ſeine Herrin zu Beſuch in das benachbarte Schloß zu Tre⸗ madoc gefahren, und ſie wollte vor dem ſpäten Abend nicht heimkehren. Es war ein ſchwüler Nachmittag und der Geruch des Kornfeldes und der Heuhaufen, welcher mit dem warmen Winde heraufwehte, hatte etwas Ein⸗ ſchläferndes. Es wurde Walter'n zu drückend in dem Muſikzimmer und er beſchloß an das Meer zu gehn, deſſen Nähe er ungemein liebte. Von der Herrſchaft war Niemand zu Hauſe und er durfte daher frei über ſeine Zeit verfügen. Er ging über den Schloßhof, in welchem die Springbrunnen träger als ſonſt in der ſchweren Sommernachmittagsluft rieſelten. Der Pfau, welcher in den kühlen Morgenſtunden ſo majeſtätiſch durch den Hof zu ſpazieren pflegte, hatte ſich auf die ſchattige Schwelle des Pferdeſtalles zurückgezogen; und Cianmawr, der große waſiliſche Hund, der ſonſt immer laut bellte und wüthend an ſeiner Kette herumſprang, wenn er Walter'n ſah, lag jetzt röchelnd, mit weit aus dem Maule hängender Zunge in ſeinem Häuschen, ohne ſich zu rühren, als Walter vorbeiging. Die Fenſter des Flügels, welcher gegen Süden lag(ein Theil deſſelben ward von Ladh Caſtlemere bewohnt) waren geöffnet worden, damit der wachſende Schatten, der ſie ſchon ſtreifte, und die heraufwehende Luft vom Meere ihnen Kühlung bringen möge nach der langen Hitze des Tages. Nur zwei Fenſter waren beſtändig, ſo lange ſie Walter geſehen hatte, dunkel verhängt geweſen, und als er ſich bei der Dienerſchaft nach dem Grunde davon erkundigt hatte, war ihm von dieſer geſagt worden: es liege da⸗ ſelbſt ein Irrſinniger, der Bruder Lady Jane's, welcher ſchon ſeit länger als einem Jahre nicht recht im Kopfe ſei und deſſen Zuſtand ſich in der letzten Zeit immer mehr und mehr verſchlimmert habe. Die tiefſte Stille und. Abgeſchiedenheit ſei das Einzige, was die Aerzte noch für ihn zu empfehlen gewußt hätten; und darum befinde er ſich oben in dem einſamen Zimmer und hin⸗ ter den dunklen Fenſtern, damit weder der Lärm des Tages noch das Licht deſſelben ſein Krankenbett treffe. Mit dieſer Auskunft begnügte ſich Walter, und auch heute war es nicht mehr, als ein flüchtiger Blick, den er zu den dunklen Fenſtern emporwarf, als er an ihnen vorbei, aus den Mauern des Schloßhofes in den ſchwer flüſternden Park, in das offene, von Duft und Sonne trunkene Gefilde und an das dumf rollende Meer eilte.— Viertes Capitel. Die nnf Fenſterg. Hier am Meere hatte Walter eine Lieblingsſtelle. Es war da, wo die breiten Wurzeln des Pen⸗Maen⸗ Mawr auf die Uferklippen ſtoßen. Der Seeſtrand iſt ſonſt flach längs dem Strande von Nordwales; in die⸗ ſem Theile von Caernarvonſhire aber, an den Abhängen der hohen Gebirge, ſind gewaltige Steinblöcke und moos⸗ bewachſene Felsklötze übereinandergethürmt bis in das an⸗ und ablaufende Waſſer. Mit großer Mühe ſind im vergangenen Jahrhundert Landſtraßen durch dieſe Felſen gehauen worden, welche nun, feſt und weiß, ſich auf dem dunklen Steingrunde dahinziehen. Mit noch grö⸗ ßerer Mühe ſind in unſrem eignen Jahrhundert in die letzten Stufen dieſer Felſen, am Strande, welcher viel⸗ fach überbrückt werden mußte, die Schienen der Eiſen⸗ bahn eingekeilt worden, und unter einer der zahlreichen Brücken war es, wo Walter ſo gern ſaß und träumte⸗ Hier war er allein; ungeſehen von Jedermann konnte er hier das weite Meer überſehen und, ſelber unbelauſcht, deſſen mächtige Stimme belauſchen. Wie in einem dunk⸗ len Rahmen gefaßt erſchien ihm der blaue, glänzende Spiegel deſſelben mit den weißen Segeln darauf und dem woſigen Dufte, wo es mit dem Himmel verſchwamm; mit dem purpurnen Hauch des Great⸗Ormes⸗Head, als wäre eine zarte, ſchöngeformte Wolke ſtehen geblieben, zur Rechten, mit den kühnen Umriſſen von Penrhyn⸗ Caſtle, in weiter Ferne zur Linken— und vor ſich das unabläſſige Rauſchen, das Zürnen, wie von tauſend Prophetenlippen, das Murmeln, das Flehen, das Schmei⸗ cheln, das Flüſtern, wie von Liebenden,— ach! dieſe ewige Sprache des Meeres, in welchem der Menſch ein Echo zu hören glaubt ſeiner eigenen;— das Fliehen der Wogen, ihr Suchen, ihr Finden, ihre ſtürmiſche Umarmung und zuletzt ihr Verrollen auf dem weiten Sande— ach! dieſes ewige Schauſpiel des Meeres, in welchem das Menſchenauge liebt ein Bild zu erkennen von dem Schauſpiel des Lebens... Stundenlang auf dem Steinblock, welcher unter der Brücke liegt, konnte Walter ſitzen, vertieft in dieſes Schauſpiel und dieſe Sprache, welche nur zuweilen unterbrochen wurdé durch den Donner eines Zuges, über ſeinem Haupte hinrollend und in weitem Umkreis zurückgetragen von dem Wieder⸗ hall der Gebirge. Dann ward es wieder ſtill und das Meer begann wieder mit ihm zu ſprechen. — Was es ihm erzählte? Zuerſt verſtand er es nicht, und ſpäter, als er anfing es zu verſtehen, ſträubte ſich ſein Herz lange gegen die Erzählungen deſſelben. Denn langſam, in der Einſamkeit mit dieſem heiligenden Ele⸗ mente, und geweckt gleichſam von dem bibliſchen Geiſte, welcher über demſelben ſchwebt, war ein Bild vor ihm aufgetaucht, das in dem wilden Strome ſeines Londoner Lebens völlig untergegangen war; und ein Name begann in ſeinem Herzen ſich zu regen, ein ſchöner, reiner Name, zu rein, um ihn auszuſprechen mit dieſen ſchon ent⸗ weihten Lippen. Aber das Bild war da; und der Name klang in ſeinem Innern jedesmal, wenn er hierherkam an das Meer und das Rauſchen deſſelben vernahm. Zuletzt, ohne daß er ſich ſelbſt geſtehen mochte, zog ihn das Verlangen hierher, dieſes Bild zu ſehen, dieſen Namen zu hören. Und reizende Geſtalten, wie das Meer wogte im goldnen Abendglanz, hoffnungsreiche Träume von der Zukunft malte ſein Geiſt in den ſanften Roſenduft der Ferne. Wie noch Alles vielleicht ſich löſen könne zum Beſten. Wie auch ihm wol einſt, wenn dieſe Kämpfe zu Ende und dies einſame Tagewerk in der Fremde vollbracht, ein Abend e ſei voll Heßter- keit und Frieden in der Heimath... Die Heimath? Hatte er ſie nicht verſcherzt? S er nicht das beſte Weſen, das reinſte, das ſchuldloſeſte, gekränkt und mißverſtanden und von ſich geſtoßen? Nein— fün⸗ihn kein Frieden, keine Hoffnung mehr, ſeit er die Einzige, welche an ihm gehangen mit der ganzen Fülle einer engelreinen Liebe, verlaſſen und vergeſſen hatte. Für ihn war die Welt leer, wohin er ſah, und das ganze Leben, welches noch vor ihm lag, eine Sühne für die Vergangenheit. Für ihn nur noch Entſagung, und ach! — auch dieſe Entſagung trug ein ſtilles und ſchmerz⸗ liches Glück in ſich. Sie gab ihm Ruhe. Sie theilte ſeinem Gemüthe jenen getragenen Ton der Wehmuth mit, welcher ſein Echo fand hier unten im Rauſchen des Meeres und oben auf dem Schloſſe in den Melodien von Mendelsſohn. Sie zeigte ihm ſeine ſchöne, trauernde Herrin mit dem melancholiſchen Lächeln um die Lippen als den Genius, herabgeſandt, um ihn zu führen in das ſtille Reich, wo es kein Verlangen mehr und keine Liebe giebt, ſondern nur Trauer um die Hinfälligkeit der irdiſchen Schönheit... Dieſes war es, was das Meer ihm rauſchte; und auch heute hatte er an ſeinem Strande geſeſſen, bis es dunkel geworden. Die weiche Sommernacht hatte den Roſenduft des Meeres in ſich getrunken und mit ihrem feuchten Grau, durchblitzt hier und da von den erſten Sternen, das Waſſer, die Ufer und den Himmel ver⸗ ſchleiert. Walter erhob ſich und ſtieg über die Felſen zur Landſtraße empor. Die Abendglocken von Kanfairfechan läuteten. Die Glocken einer kleinen Schafheerde miſch⸗ ten ſich darein. Sie kam vom Gebirge und zog dem Dorfe zu, welches in der grünen, vom Abend erfüllten Schlucht begraben lag. Hinterher ging ein Mädchen mit einer Feder am Hute. Die Feder nickte leis im Abend⸗ winde und leiſe vor ſich hin, indem das Mädchen durch die Dämmerung an der Schlucht dahinging, ſang ſie das traurige Lied:„Ar hyd y nos, welches ſo gern geſungen wird von den Londleuten im waliſiſchen Gebirge. 5 Straßenſängerin II. 5 Sanft mit den Glocken und den gedämpften Stimmen der Nacht und des Meeres vereinte ſich die Stimme des Mädchens und Walter vernahm ihren Geſang, wie er ſich melodiſch in der Ferne verlor. Stürme ſauſen, Wogen rauſchen, Ach, in der Nacht! Hier am Strande will ich lauſchen, Ach, in der Nacht! Wogen, Wogen auf und nieder— Sturmwind, deine dunklen Lieder Wecken alle Leiden wieder, Ach, in der Nacht! Das Uebrige verhallte in der Dunkelheit. Die Heerde und das Mädchen waren in der Schlucht verſchwunden und Walter ſetzte ſeinen Weg fort nach Trevhnyr⸗ Hall. Er ging in das Muſitzimmer. Es war nun dunkel darin und nach dem Verſinken des Tags und der Sonne war die kühle Abendluft durch das geöffnete Fenſter hereingeweht. Der Efen flüſterte. Die Zweige der Ulmen rührten ſich.— Das Muſikzimmer ſtieß unmittelbar an die große Halle, in welcher die Wappen, die Rüſtungen und die Fahnen der Familie hingen, während die Bilder derſelben in dem erſteren aufgehängt worden waren. Einige Stufen von Stein führten aus dem Muſikzimmer in die große Halle hinab. Die Flügelthüre zwiſchen beiden ward ſelten geöffnet, obgleich ſie nicht verſchloſſen war. Die Halle ſtand leer und ward nicht benutzt, da von großen Gaſtmahlen und Feſtlichkeiten lange nicht die Rede geweſen im Schloſſe von Treyhnyr. Walter hatte eini⸗ * gemale hineingeblickt: aber er empfand eine Art von Furcht vor dem großen, alterthümlichen Raume, in welchem es bei Tage nicht hell ward wegen der Läden vor den Spitzbogenfenſtern mit gemaltem Glaſe, und bei Nacht ſo ſchauerlich rauſchte und wehte, als ob der Wind in den hohlen Waffenſtücken an der Wand rumore oder als ob die alten Fahnen anfingen, ſich an ihren Schäften zu bewegen. Walter's Phantaſie verband mit dieſem unheimlichen Lärm die Vorſtellung von den Gei⸗ ſtern längſt Abgeſchiedener, als ob ſie nun, in der Stille der Nacht, ſich an dem Orte verſammelten, wo ſie einſt die Feſte des Lebens gefeiert, und die Stätte noch ein⸗ mal beſuchten, wo ſie die ritterlichen Zeichen ihrer Tha⸗ ten zurücklaſſen mußten, als ſie ſelber gingen... Das Piano im Muſikzimmer ſtand offen. Es ſtand immer offen, bei Tage und Nacht, ſo daß Walter zu jeder Zeit, ſo oft ihn die Luſt anwandelte, mit einem flüchtigen Akkorde über die Taſten ſtreifen konnte. Wal⸗ ter ſetzte ſich vor das Inſtrument. Seine Seele war noch voll von den Empfindungen, die ihn am Meere beſchäftigt hatten, und von dem traurigen Liede, welches das Hirtenmädchen in der Schlucht von Llanfairchan ge⸗ ſungen. Ein eigenthümlicher und leiſer Schauer miſchte ſich damit, wenn er den Wind hörte, welcher in der großen Halle ſtöhnte, und mit einer Art beklommener Erwartung ruhte ſein Ange auf den alten Ahnenbildern, welche die Wände des Muſikzimmers bedeckten, und auf der Flügelthüre, als ob ſie ſich unter dem Druck einer Geiſterhand öffnen könne. Er war garnz allein in die⸗ ſem Theile des Schloſſes, da die Herrſchaft noch nicht Fx 5* heimgekehrt war und die Diener in dem gegenüberliegen⸗ den Theile deſſelben wohnten. Er konnte ſich nicht er⸗ klären, warum grade heute dieſes Gefühl ihn ſo ſehr übermannte, da er doch ſchon öfter um dieſe Zeit allein im Muſikzimmer und in der Nähe der großen Halle ge⸗ weilt hatte. Um dieſe ſeltſame Angſt zu verſcheuchen, griff er in die Taſten— zuerſt mit einigen abgeriſſenen Präludien, die ſich aber unter ſeinen Händen allmälig und je mehr ſeine Phantaſie ruhig ward, zu geſchloſſenen Akkorden formten, bis zuletzt die Melodie von:„Ar hyd y nos“, welche er vorhin gehört, ſanft und weich in die Sommernacht und das Wiegen der Baumwipfel hinaus⸗ klang. Aber immer wieder kam jener geheimnißvolle Schauer, und wilder, als ob er ihn dadurch übertönen und betäuben könne, quollen unter ſeinen Händen die Melodien, und wilder floß in ſeinen Adern das Blut und heißer wurden ihm ſeine Schläfen und lauter pochte ſein Herz... und ihm ward zuletzt, als ob ſeine Hände nicht ſeinem Willen mehr gehorchten, als ob ſie ſpielen müßten nach dem Gebot einer Macht, die er nicht kannte.. Und alle ſtürmiſchen und leidenſchaftlichen Weiſen, die er je in ſeinem Leben geſpielt, kamen ihm wieder unter die Hände, und auf Einmal— zu ſeinem eignen Entſetzen!— war es die Weiſe, die er nicht mehr gehört hatte ſeit jener Nacht unter den ſchwarzen Bögen von Adelphi... Er hätte einhalten mögen mitten in ſeinem Raſen, aber ihn hetzte eine Stimme, gegen die kein Widerſtrében möglich war... ſie jagte ihn zu ſpielen, dieſes Lied, welches ihn in alle Irrthümer, Sünden und Qualen der Vergangenheit hineingetrieben — das Lied, welches ihn um ſeine Heimath und um ſeinen Glauben gebracht.. das Lied der Täuſchung und des Verderbens... das Lied von Annie Laurie! Und wie er es ſpielte, feuriger, gewaltiger, hinreißen⸗ der, als er es je geſpielt und gehört hatte, da ergriff ihn wieder jener namenloſe Schreck vor der Dunkelheit, in der er ſich befand, vor der Flügelthüre und der großen Halle, als ob er Geiſter darin höre... Vergebens redete er ſich ein, es ſei der Wind. Er hörte ein Geräuſch, völlig verſchieden von jenem An⸗ und Abſchwellen und luftartigen Dahinſterben des Windes, wie es früher wol aus der großen Halle zu ihm gedrungen war. Er hörte Tritte, welche unſicher und leiſe, aber regelmäßig, einer nach dem andern, und immer wiederkehrend, auf den ſteinernen Boden der Halle fielen und dumpf zurückhall⸗ ten aus dem hohen, öden Raume. Vergebens, daß er lauter und lauter und immer wilder ſpielte... die Fuß⸗ tritte waren da, ſie wiederholten ſich— ſie hatten eine beſtimmte Richtung... ſie kamen auf die Stufen zu, welche von der Halle in das Muſitzimmer führten. Tropfen des Angſtſchweißes traten auf Walters Stirne. Zetzt hielten die Tritte an. getzt war Alles ruhig Gewiß— er hatte ſich getäuſcht. Seine vom Spiel und von den Bildern der Vergangenheit erhitzte Phan⸗ taſie hatte ihn getäuſcht. Aber auf Einmal— da wa⸗ ren die Tritte wieder. Sie ſtiegen die Stufen hinan⸗ Die Klinke der Flügelthüre bewegte ſich⸗ Mitten in ſeinem Spiel hielt Walter inne. Seine Hand war un⸗ fähig, die Taſten länger zu bemeiſtern. Vom Schreck gelähmt, ſank ſein Arm nieder. Es war keine Sinnen⸗ 6 täuſchung geweſen. Die Flügelthüre that ſich auf. Der Strahl eines Lichtes drang in die Dunkelheit des Mu⸗ ſikzimmers und eine Geſtalt trat herein, ganz in Weiß, eine hohe Geſtalt— die Geſtalt eines jungen Mannes mit geſpenſtiſch bleichem Geſichte, mit tiefliegenden Au⸗ gen, wirr und halb erloſchen, mit langem, lebloſen Haar, dünn um die Schläfen verſtreut, mit knöchernen Hän⸗ den, welche das Licht hielten und daſſelbe, nachdem er die Flügelthüre hinter ſich verſchloſſen, auf den Deckel des Claviers ſetzten, ſo daß Walters Ange von dem plötzlichen Schimmer gänzlich geblendet wurde. „Warum haſt Du mich geweckt?“ fragte die Ge⸗ ſtalt, welche auf ſo ſeltſame Weiſe aus dem unheimlichen Dunkel des Ahnenſaals getaucht war, mit einer Stimme, welche Waltern klang, als ob ſie aus dem Grabe käme. „Warum haſt Du mich aus meinem langen Schlafe ge⸗ ſtört?“ fuhr ſie fort. Aber Walter gab keine Antwort. Zitternd vor der Erſcheinung, die er nach ihrem Ausſehen und ihrer Stimme für einen Geiſt hielt, zurückgekehrt auf eine Weile aus dem Dunkel des Jenſeits, für eine Geſtalt, emporgetaucht aus dem Schatten des Ahnenſaales, drückte er ſeinen Kopf auf die Arme, um Nichts zu ſe⸗ hen. Aber er fühlte ſich plötzlich berührt von den Hän⸗ den der Erſcheinung, und ein kalter Schauer rieſelte ihm durch alle Glieder. „Du fürchteſt Dich vor mir?“ fragte ihn die Stimme auf's Neue, welche zugleich etwas ſo Fremdes, als ob ſie aus dem unbekannten Reiche jenſeits der Grenze käme und doch auch etwas ſo ergreifend Klagendes und Feierliches hatte.„Sei unbeſorgt, daß ich ſo plötzlich aus dem Geheimniß der Nacht und der unbewohnten Dämmerung des Väterſaales herausgetreten bin. Dein Geſicht iſt mir fremd. Du mußt neu ſein in dieſem Hauſe. Du kennſt mich nicht. Ich bin George Meadows, der Erbe von Trevynyr!“. Walter ſah nicht auf. Walter preßte ſein Geſicht feſter in die Hände, welche auf dem Rande des Piano's lagen. Die Mittheilung, daß er ſich dem geheimnißvol⸗ len Kranken, deſſen dunkle Fenſter er immer ſchon mit einer gewiſſen Scheu betrachtet, gegenüber befinde, er⸗ ſchütterte ihn, und faſt ſchrecklicher noch, als mit einem Geiſte, dünkte es ihn hier in der hülfloſen Einſamkeit der ſpäten Stunde, allein und von allen Menſchen ver⸗ laſſen mit einem— Wahnſinnigen zu ſein. Aber auf's Neue fühlte er ſich leiſe berührt von den gefürchteten Händen.„Um Gotteswillen!“ flehte die Stimme, und diesmal ſo weich, ſo klagend, daß Walter's Herz von Mitleid überging,„verbirg Dich nicht! Wer Du auch ſeiſt— hab' Erbarmen mit einem Kranken, ſieh' mich an und ſteh' mir Rede!“ Da erhob Walter ſeinen Kopf langſam; und indem er das Geſicht des Unbekannten zögernd und ängſtlich betrachtete, ging eine Empfindung durch ſeine Seele, wie von einer längſt vergangenen Zeit, eine Erinnerung, als ob plötzlich Scenen und Perſonen vor ihm erſchie⸗ nen, die er lange nicht mehr geſehen,— als ob er dieſes Geſicht ſelber ſchon einmal geſehen! Jahrelanges Leiden, des Körpers wie der Seele, ſprach aus der blei⸗ chen Farbe und den erſchöpften Zügen deſſelben. Jener trübe Flor, welcher dem Irrſinn eigen iſt und zu ſeinem eigenen Beſten ihm die Außenwelt verhüllt, ſchwebte um ſeine Augen. Aber es war, als ob er ſich getheilt habe. Ein Schimmer ihres ehemaligen Glanzes belebte ſie und Bilder der Vergangenheit ſchienen aus ihren wehmüthigen Tiefen emporzutauchen. Ein Stück Ver⸗ gangenheit ſchaute ihn ſelber an, als Walter in dieſe Angen blickte, und ein Gefühl, als verbinde ihn ein ungekanntes Etwas mit dieſem bejammernswerthen Kran⸗ ken, verſcheuchte die letzte Spur von Mißtranen aus ſeiner Seele und gab menſchlicheren Regungen von Mit⸗ leid und Erbarmen freien Spielraum. Immer mehr angezogen fühlte er ſich von dieſem Geſicht, welches ihn zuvor ſo ſehr erſchreckt hatte, und indem ſein Auge feſt und furchtlos auf demſelben ruhte, gewahrte er bald, daß in der langen Nacht, welche den Geiſt des armen Leidenden umſchattete, ein lichter Zwiſchenraum einge⸗ treten ſein müſſe. Dem Kranken that der vertrauensvolle Blick des jungen Mannes am Clavier wohl; und indem er die Hand deſſelben ergriff, die dieſer ihm nicht länger ent⸗ zog, ſagte er:„Sei freundlich, ſei offen, ſei wahr gegen einen Kranken, der keinen Freund mehr hat auf dieſer Welt— gegen einen Sterbenden, der bald den Schau⸗ platz dieſer Erde verlaſſen haben wird, auf welchem die Zeit der Freude ſo kurz und die Zeit der Qual ſo lang war, ſo endlos lang für ihn!“ Das Auge des Kranken belebte ſich immer mehr, indem er ſo ſprach— ſeine Wangen fingen an, ſich wieder zu röthen, ein Anflug vergangener Schönheit und Ju⸗ 2 73— gend theilte ſich ſeinem Antlitz mit... und immer mehr ward es Waltern, als ob er dies Geſicht ſchon einmal in ſeinem Leben— einmal in einer beſſeren Zeit ge⸗ ſehen habe. „Erlaubt, mein Herr,“ ſagte Walter,„daß ich das Fenſter ſchließe. Ihr ſeid erhitzt, und die Nachtluft weht herein!“ „Laß mir die Luft,“ erwiederte George Meadows, indem er an das Fenſter trat und, ſich weit hinausbeugend in die laue Nacht, in den Efen und das dunkle Ulmen⸗ grün, einen tiefen Zug that in die balſamiſche Abend⸗ kühle.„Laß dies Licht, welches im Erlöſchen iſt, noch einmal aufflackern vom Anhauch des friſchen Lebens,— denn ſchwül iſt es dort oben,“ und dabei zeigte er mit einem wilderen Ausdruck ſeines Auges, als ſtreife der Irrſinn flüchtig über die Lider deſſelben, in der Rich⸗ tung des Gebäudes, wo ſein Krankenzimmer war, auf die dunklen Fenſtern.„Schwül iſt es dort, zum Er⸗ ſticken, und Luft habe ich nicht gehabt ſeit langer, langer Zeit. Wie lang' iſt es? Ich weiß es nicht! Die Zeit hat keine Grenze mehr für mich, ſie fließt dahin wie ein Strom... ſie nimmt mich mit an das andere ufer.. Aber einmal noch will ich leben.. einmal noch... ſag' mir, mein Freund, woher haſt Du das Lied, das Du eben geſpielt haſt? Sag' mir, woher— Du weißt nicht, was dieſes Lied für mich bedeutet... Ich vernahm es oben auf meinem vereinſamten Kran⸗ kenlager und es weckte mich und zog mich hinunter. O, Du weißt nicht, daß es der Geſang iſt, welcher mich in den kurzen und glücklichen Traum meines Le⸗ bens gewiegt und wie ſüße Stimmen der Sirenen ſeine holdeſten Freuden begleitet hat... Du weißt nicht, daß es der Schickſalsgeſang worden iſt für mich und Alle, die mich liebten... Dieſe Worte, klagend geſprochen und mit einem Blick, welcher angeglüht ſchien, wie von einer unter⸗ gehenden Sonne, machten einen unendlich traurigen Ein⸗ druck auf Walter. War dieſes Lied nicht auch ſein Schickſalsgeſang geweſen? Hatte es nicht auch ihn ge⸗ weckt aus dem ruhigen Tagewerk ſeiner Vergangenheit, nicht auch ihn fortgeriſſen aus der friedlichen Beſchrän⸗ kung ſeiner Heimath und getrieben, Phantomen zu fol⸗ gen, bis er auf Einmal, nach jener langen und thörich⸗ ten Flucht vor der Wirllichkeit, arm und elend wieder an ihren Grenzen angekommen war, ohne Frieden, ohne Liebe, ohne Glauben, ohne Hoffnung? Und war es nicht derſelbe Mund geweſen, der dieſes Lied für Beide geſungen hatte, für denjenigen, der krank und ge⸗ brochen vor ihm ſtand, wie für ihn ſelber? Ja, er mußte dieſen Kranken ſchon einmal geſehen haben— er erinnerte ſich der Züge aus einer Zeit, wo ſie weniger bleich und geiſterhaft waren, als an dieſem Abend, der Augen, da ſie noch, von Liebe leuchtend, auf ihrem ge⸗ liebten Gegenſtand ruhten— er erinnerte ſich dieſer ganzen Geſtalt aus den grünen Wäldern ſeiner Heimath! Dieſes alſo war der Mann, der Annie Laurie liebte und der ſie treulos verlaſſen und zu Grunde ge⸗ richtet hatte! Und doch— war es möglich, dieſen Mann einer ſo fluchwürdigen Handlung für fähig zu halten— war es möglich, ihn zu haſſen, wenn man in ſeine — Augen geſehen, ſo voll von Güte und Leiden und Trauer und Unglück? „Hab' ich Euch nicht ſchon geſehen, Herr? fragte Walter darum in einem milderen Tone, von den Ge⸗ fühlen der Furcht und des Mitleidens zugleich bewegt, —„war es nicht jenſeits des Meeres, weit, weit von hier, im fernen Deutſchland, wo ich Euch damals ge⸗ ſehen?“ Das Wort„Deutſchland“ ſchien wie ein Blitz auf den Kranken zu wirken. Seine Augen leuchteten, wie ſie damals geleuchtet hatten. „Deutſchland!“ rief er,„welch' ein Klang hier, in der troſtloſen Oede! Kehrt die Vergangenheit zurück? Wachen die Todten wieder auf? O, mein Freund, Du kennſt Deutſchland?“ „Ich bin ſelbſt ein Deutſcher,“ erwiederte Walter. „Ich habe meine Jugend, meine beſte Zeit verlebt in Deutſchland.“ Er dachte an Eine, die in Deutſchland wohnt.. „Und wo war es,“ fuhr George haſtiger fort, „und von wem— ich beſchwöre Dich!— daß Du jenes Lied gehört haſt?“ „Es war in Marburg, in der Dämmernng eines Herbſtabends. Ein Mädchen ſang es, welches am Fen⸗ ſter ſtand. Und dieſes iſt das Mädchen, welche das Lied geſungen.“ Und dabei langte Walter aus ſeiner Bruſttaſche ein kleines Medaillonbildniß heraus. Es war das Bild, welches er einſt, am erſten Tage von London, in Petth⸗ evat⸗Lane gefunden und welches er, treu durch alle Schmerzen und Täuſchungen, als letztes Vermächtniß der ſchönen Zeit, wo er noch glaubte und hoffte, bei ſich getragen hatte. Er reichte das Bild dem Kranken, auf's Aeußerſte erregt, dem Manne gegenüber zu ſtehen, welcher ihm einſt ſo beneidenswerth und dann ſo haſſenswerth erſchienen war. Jetzt aber waren beide Empfindungen aus ſeiner Seele geſchwunden, da er ihn ſo frühzeitig in der Mitte ſeiner Jugend gebrochen, ſo krank, ſo traurig, ſo voll von glühender Liebe für die Entfernte, die ihn für treulos hielt, erblickte. Nicht mehr für ſchuldig hielt er den armen Kranken, nur für ſehr un⸗ glücklich; und es durchſchnitt ihm das Herz, als er ihn mit dem Aufſchrei„Es iſt Annie Laurie! Es iſt meine Annie!“ das Bild an ſeine Lippen drücken und dann erſchöpft in einen Seſſel ſinken ſah. Nach einer Pauſe bat ihn der Kranke um Nach⸗ richten von Annie Laurie, und Walter erzählte ihm ge⸗ treulich Alles, was er von ihr und ihrem Kummer, ihrer Noth, ihrer Verzweiflung und ihrer Standhaftig⸗ keit wußte, von jener erſten Nacht, wo er ſie unter den ſchwarzen Bögen von Adelphi gefunden, bis zu jener letzten, wo er ſie mit dem Rufe„George! George!“ aus Arghll⸗Room hatte ſtürzen und dann mit einem Gebet auf den Lippen an den Treppen von Star⸗Cham⸗ ber⸗Alley zuſammenbrechen ſehen. „Halt ein!“ rief George Meadows zuletzt—„ich kann's nicht mehr ertragen. Das Uebermaaß von Elend, das ſie meinetwegen geduldet, nagt an meinem Herzen— O Gott im Himmel, wie konnteſt Du dieſes Alles geſchehen laſſen? Warum haſt Du dieſe Hand gelähmt — — dieſe Hand, die ſie aus der Dunkelheit der Straße gehoben, um ſie darauf nur tiefer, viel tiefer wieder ſinken zu laſſen? O— ſie leben zu wiſſen und ihr nicht helfen zu können— krank zu ſein, und hülflos ſelber— O, wie grauſam hat man mich getäuſcht! Tauſendmal auf dem Krankenlager habe ich nach ihr geiammert und geſchrieen— wie ein Kind hab' ich nach ihr geweint— ihr Anblick, ich weiß es, hätte mich retten können... Aber man hat ihn mir verweigert. Man hat mir geſagt, Annie ſei todt. Und mit ihrem Schatten allein noch hat mein müder Geiſt ſich beſchäftigt. Nun aber lebt ſie und in dieſem Augenblicke wird mir Alles klar... Die Bosheit und Rachſucht einer Frau hat ſie vernichtet. Einer Frau, welche mich gehaßt hat, und darum Alles zu zerſtören trachtete, was mich geliebt. O— nur zu wohl iſt ihr dunkler Plan ihr gelungen. Sie hat mir das Liebſte geraubt, was ich beſaß; ſie hat mir das Schönſte zertrümmert, was ich hatte. Sie hat ihr Ziel erreicht. Sie hat uns Beide zu Grunde gerichtet. Aber auf dem Hauſe Hazlewood laſtet eine Schuld.— Wehe, wehe! Es wird Nacht vor meinen Augen... Sie kommt wieder, die fürchterliche Nacht, die mich ſo lange umſchattet— ſie läßt mich nicht wieder los... aber ſie reißt Alle mit hinunter.... Alle!... Wehe! Wehe!....“ und weinend verbarg er ſein Geſicht in den abgemagerten Händen. Schaudernd nahte ſich Walter dem Schluchzenden. „Ihr habt Eure Schweſter nicht gemeint,“ ſagte er, indem er von einer dunklen Ahnung des ſchrecklichen Zuſam⸗ menhangs getrübt, ſich über ihn beugte.„Ihr habt nicht von Ladh Jane geſprochen— nehmt das fürchter⸗ liche Wort zurück. Rein und heilig, und ſchön wie ein Engel iſt ſie, die trauernde Herrin von Caſtlemere!“ Da richtete ſich George noch einmal mit der gan⸗ zen Kraft ſeines gebrochenen Lebens empor.„Sprich dieſen Namen nicht aus in meiner Nähe...“ rief er. Ein Fluch lag auf ſeinen bebenden Lippen. Aber er ſprach ihn nicht aus. Er ſank auf ſeinen Seſſel zu⸗ rück, wie ein Sterbender. Walter aber, erdrückt von dem düſtern Geheimniß all' der Räthſel, die den er⸗ bleichenden Lippen entſtrömt, ergriff in Todesangſt die Hände des Ohnmächtigen. „Ich bin ſchon auf der Wanderung in ein anderes Land und in eine andere Heimath...“ ſagte nach einer Weile tiefen Schweigens der Kranke.„Für mich kein— Glück, für mich keine Rettung mehr— aber noch ein⸗ mal muß ich ſie ſehen, noch einmal ſie umarmen, und ihr ſterbend ſagen, daß ich ihr tren geblieben bis in den Tod— und das ſchwöre ich bei dem allmächtigen Auge, das über uns wacht, über uns Allen, die wir uns gefunden, die wir uns verloren haben, daß ich nicht eher ſterben will, bis ich ſie geſehen.— Mein Freund, willſt Du an ſie ſchreiben? Willſt Du ihr von mir erzählen, und wie man mich getäuſcht habe in der hülfloſen Ein⸗ ſamkeit meines Krankenlagers— wie man mir geſagt habe, ſie ſei todt, und die Briefe zurückhielt, die ich ihr ſchrieb— wie mich ein Netz von Verrath und Lüge umſtrickt hielt, bis dieſer Moment es zerriſſen— und wie ich gejubelt habe und friſch aufgelebt ſei bei der Nach⸗ richt, daß ſie noch lebe und wie mich nun verlange, mit * der heißen Sehnſucht eines Scheidenden, ſie noch einmal zu ſehen, ihr Lebewohl zu ſagen, und ihren letzten Kuß mit mir hinüber zu nehmen?“ Auch Walter's Auge hatte ſich mit Thrinen ge⸗ füllt.— „Ich will an ſie ſchreiben, Herr!“ ſagte er. „Weißt Du ihre Adreſſe? fragte George Meadows. „Ich glaube, mein Brief,“ erwiederte Walter, „wird ſie am Sicherſten erreichen, wenn ich ihn an einen früheren Diener Eures Hauſes adreſſire, der jetzt in kümmerlichen Verhältniſſen zu London lebt, und zu dem ſie täglich geht. Er heißt William Williams.“ Daß er mehrmals ſchon, ſeit er in Trevynhr⸗Hall wohnte, unter der Adreſſe dieſes Mannes Geldſendungen nach London gemacht, welche er in dem nächſten Dorf auf die Poſt gelegt, ohne Angabe, von wem ſie kämen, und ohne weitere Inſchrift, als die Worte:„Für Annie Laurie und ihr Kind“— das ſagte er dem Kranken nicht. Dieſer aber, als er den Namen ſeines alten Dieners hörte, fuhr frendig auf.„Der alte Bill!“ rief er, indem mit dieſem Namen das Andenken an eine vergangene und beſſere Zeit ſich erneuerte.— Dann ward er wieder ruhig und traurig.„Auch dieſer treue Diener unſeres Hauſes iſt ihr Opfer— Alles, was treu war und gut, das hat ſie vernichtet— ſie iſt es geweſen, die ihn aus der ererbten Hütte ſeiner Väter vertrieben, weil er mich nicht verrathen wollte— ſie, dieſer Engel von einem Weib, die Du Deine Gebieterin nennſt!— Und weißt Du die Wohnung des alten Bill in London?“ „Ich weiß, daß er in einem von jenen Neben⸗ gäßchen wohnt, die vom Strand niederführen zu den ſchwarzen Bögen von Adelphi, dicht am Waſſer. Er hat daſelbſt ein kleines Bierhaus. Ich erinnere mich des Schildes, welches vor der Thüre hängt. Es ſind darauf abgebildet der Löwenkopf und der Haſelzweig Eures Hauſes und darüber ſtehen die Worte:„The Hazlewood of Trevynyr Arms.“ „O, daran erkenn' ich meinen alten Bill!“ rief George.„Das Haus Hazlewvod of Trevynyr konnte die Treue brechen, aber der alte Bill bricht ſie nicht! — Wolan denn, ſchreib' an Annie, und ſie wird nicht ausbleiben— ſie wird dem Ruf eines Sterbenden fol⸗ gen— ich werde ſie wiederſehen,— meine Annie, meine Annie!“ Und auf's Neue, unter Thränen küßte er das kleine Bildniß von ihr, welches er ſelber in beſſeren Tagen getragen und welches er damals, bei dem haſtigen Abſchiede von ihr, vergeſſen, und in ihren Hünden zurückgelaſſen hatte. Inzwiſchen, ohne daß die Beiden es vernommen in der Aufregung, in welcher ſie ſich befanden, hatten ſich harte Tritte von draußen der Thüre genähert. Dieſe ward raſch geöffnet und ein Mann, deſſen Geſicht die höchſte Beſtürzung verrieth, trat ein. Es war einer von George's Krankenwärtern. „Um Gotteswillen, Sir,“ rief er,„Ihr habt Euch den Tod geholt. Ihr ſeid in dieſem leichten Anzuge in die Nachtluft gegangen...d Himmel! was wird daraus werden! Was wird aus mir werden, dgß ich Euch nicht beſſer gehütet habe— ich dachte, Ihr ſchliefet, und — —— Ihr habt den Augenblick, wo ich entfernt war, benutzt, um dem ſtrengſten Befehl Eurer Aerzte zuwider zu handeln und mich und Euch in's Unglück zu ſtürzen!“ „Zum Unglück ſind wir Alle beſtimmt— wir Alle ſind reif zum Tode—“ rief George, indem er das auf Porzellan gemalte Bildniß fallen ließ, daß es zerſplitterte am Boden, und das Licht ergriff.„Gute Nacht, mein Freund, halte Dein Verſprechen—— gute Nacht!..“ Und mit heiſerem Gelächter— dem Gelächter des wiederkehrenden Irrſinns, welches ſchaurig durch den öden Raum ſchallte— verſchwand er, auf ſeinen Wäch⸗ ter gelehnt, in der Finſterniß der großen Halle.— Spät aber in dieſer Nacht, nachdem er geſchrieben, wie er es dem Kranken gelobt, irrte Walter noch am Meere. Er konnte nicht ſchlafen in dieſer Nacht. Ihm war, als müßte die ſtolze Halle von Treoynyr über ihm zuſammenbrechen; als ob das ſchmerzliche Lächeln ſeiner Herrin, die er für einen Engel gehalten, und die nichts beſſer ſein ſollte, als eine Schweſter, die ihren kranken Bruder haſſen, und ſein letztes Glück zerſtören könne, ihn vergiften möchte. Alſo wieder ein Ideal war erſchüttert in ſeinen Grundfeſten— nach dem unterge⸗ gangenen Ideal einer ſchwärmeriſchen Liebe nun auch dieſes Ideal der Trauer und Entſagung.. Und eine tiefe Sehnſucht, ein Verlangen aus Her⸗ zensgrund, empfand er— ſo tief, ſo wahr zum erſten⸗ mal nach jener Einzigen, welche rein und ſchuldlos und wirklich ein Engel war. Und als ob ſie ihn hören, als 6 Straßenſängerin III. ob ſie ihm antworten, und die Hand zur Rettung rei⸗ chen könne, rief er in das Dunkel der Nacht und in das Branden des Meeres hinaus, zum erſtenmal im frem⸗ den Land ihren Namen:„Gertrud! Gertrud!“ Aber der Ruf verhallte in der tauſend Meilen weiten Entfernung; und keine Antwort kam zurück. Fünftes Capitel. Das Roſenfeſt. Mehrere Wochen waren vergangen. Es war mitten im Auguſt. Die Herbſtroſen blühten und die Herbſt⸗ roſen blühen nirgends wieder ſo ſchön, als ſie in Nord⸗ wales blühen zwiſchen dem blauen Gebirg und dem blauen Meer. Wir haben auf unſren Wandrungen durch Nordwales Häuſer geſehn, welche ganz in Herbſt⸗ roſen begraben waren, vom Giebel bis zur Grund⸗ mauer. Um dieſe Zeit nun, wo die Herbſtroſen blühten, im Jahre 1858, begann es in dem ſonſt ſo ſtillen Schloſſe von Trevynyr⸗Hall, welches am ſüdweſtlichen Abhange des großen Pen⸗Maen⸗Mawr und dem iriſchen Meer liegt, ſehr lebendig zu werden. Denn ein großes Familienfeſt ward daſelbſt, in der alten baronialen Halle vorbereitet; eines, welches nur alle hundert Jahr, laut dem Statut dieſer edlen Familie, gefeiert werden ſollte und in der ſeit Begründung deſſelben, erſt — einmal im Jahre 1758, als König Georg II. noch herrſchte über Großbrittannien, gefeiert worden war. Dieſes war das berühmte Roſenfeſt von Trevhnyr— berühmt unter der Nobilität des Königsreichs und weit⸗ läufig beſchrieben in den ſo beliebten Büchern, welche von den Familienromanen und häuslichen Annalen des engliſchen Adels handeln. Es hat mit dieſem Roſenfeſt aber folgende Bewandtniß.— Es bezieht ſich auf einen weiblichen Vorfahr dieſes edlen und erlauchten Hauſes, die alſo genannte„große Viscounteß“, welche vor zweihundert Jahren lebte und deren Bild mit ſteifer Halskrauſe und kupferrother Naſe zu ſehen iſt ſowol in dem ſtattlichen Front⸗Parlour von Hazlewvod⸗Houſe, London, als auch in der großen Halle des Schloſſes von Trevynyr. Dieſe Dame, welche die Stammmutter der jetzt herrſchenden Linie iſt und Lady Jane hieß, wie in der That jedesmal die älteſte Tochter in dieſem Hauſe genannt wird, leiſtete dem guten König Carl, als er in der Verbannung lebte und ſeinen klei⸗ nen, kümmerlichen Hof zu Brüſſel in den belgiſchen Landen hielt, einen großen und unvergeßlichen Dienſt. Nach der Schlacht von Marſton⸗Moor, in welchem ihr. einziger Bruder, der Honourable George Meadows fiel, und der Schlacht von Naſeby, in welchem Lord Hazle⸗ wood of Trevynyr, ihr erlauchter Vater fiel, war Lady Jane als„Peeress in her own right“ in den Titel und die Peerage des Hauſes Hazlewvod of Trevynyr gefolgt. Die Baronie von Trevynyr, als ſolche begründet unter den Normannenkönigen, obwohl die Wappenſage derſelben ihren Urſprung noch weiter hinauf verfolgt bis 6* in die Sachſenzeit, verdankt, gleich den wenigen andren engliſchen Peeragen von ſo hohem Alter, ihre Dauer bis auf den heutigen Tag dem Umſtand, daß ſie als eine ſg.„Barony by writ“ auf und durch Frauen weiter⸗ geht. In Baronien dieſer Art ſuecedirt zunächſt aller⸗ dings der Sohn, ohne Unterſchied, ob er älter iſt als ſeine Schweſter, oder jünger. Iſt aber kein Sohn vor⸗ handen, oder wenn er ſtirbt, ſo geht der Beſitz des Hauſes, Stammgut, Lehn, Allod und Alles zuſammt der Peerage auf die Tochter über, die daher„Peeress in her own right“, d. h. Peereß im eigenen Recht, zum Unterſchied von den Gemahlinnen der Peers, genannt wird, welche das Recht der Pairſchaft nicht haben. Wenn die Peereß in her own Right heirathet, ſo bleibt Beſitz, Herrſchaft und Alles, was mit dem Titel und der Würde verbunden iſt, in ihren Händen; wie der Gemahl der Königinnen von England, die man wol auch Königinnen in ihrem eignen Recht nennen könnte, nie⸗ mals König, ſondern immer nur Gemahl der Königin wird. Nur ein Recht, welches mit der Peerage von Großbrittannien verbunden iſt, können die Peereſſes in her own Right nicht ausüben: nämlich das Recht im Oberhauſe der Vereinigten Königreiche zu ſitzen. Sie müſſen ſich vielmehr durch einen Bevollmächtigten, einen ſog.„Prosy“ vertreten laſſen; und da war. B. der alte Herzog von Wellington ſo ſehr der Liebling der Peereſſen von England, daß ihn zwölf derſelben zu ihrem „proxy“ erwählten, und daß man ſagte, wenn Seine Gnaden bei irgend einer Abſtimmung im Oberhaus auf⸗ ſtanden:„es ſtehen zwölf Unterröcke auf!“ 00 5— An eine Vertretung im Oberhaus aber brauchte Lady Jane diesmal nicht zu denken; denn— Gott be⸗ ſchütze das theure England, daß ſolch' eine Zeit ihm niemals wieder begegnen möge!— am 30. Januar 1649 ſtarb Carl I. auf dem Schaffot vor den Fenſtern von Whitehall und am 2. Februar ver⸗ tagte ſich das Haus der Lords„bis morgen um zehn Uhr.“— Dieſer Morgen aber war der 25. April 1660, und eine lange Nacht von eilf Jahren folgte, in welcher Oliver Cromwell, einigen Secten von England noch heunt ein Heiliger und ein Held, ſeine blutige Geißel ſchwang. Vorzüglich war es auf Hab, Gut und Be⸗ ſitthum der Cavaliere abgeſehen, welche treu bis zu Naſeby bei ihrem unglücklichen König ausgeharrt; ihre Burgen wurden gebrochen, ihre Schlöſſer wurden mit Pulver geſprengt und man findet die Spuren dieſer Gewaltthätigkeiten noch heut an vielen Edelſitzen, nicht bloß in England und Wales, ſondern auch in Irland und Schottland, ſogar auf den entfernten Eilanden von ZJerſey und Guernſey. Daß auch Trevynyr⸗Hall nicht verſchont ward, obgleich die männlichen Bewohner des⸗ ſelben die Schuld ihres Lebens längſt bei Marſton⸗Moor und Naſeby abgezahlt hatten, iſt ſchon in einem vorigen Capitel berichtet worden. Aber Lady Jane in ihrem halbzerſchoſſenen Caſtell, welches ſie als Wohnſitz mit den Raben und Eulen theilte, blieb als ſtandhafte Ca⸗ valierstochter der Sache des Königthums und des ver⸗ triebenen Königs treu. Ja, ein mannhaftes Weib, wie ſie war, mit ihrer rothen Naſe, die jedem royaliſtiſchen Clarettrinker in England Ehre gemacht haben würde, war ſie ſogar in mehrfache Verſchwörungen zu Gunſten der königlichen Sache verwickelt, und ſie hatte es mehr ihrer eignen Klugheit, als der Galanterie Oliver's zu danken, daß ſie nicht eines Tages den Galgen von To⸗ wer⸗Hill zierte. Denn eigentlich wußte dieſer Oliver Alles; Spione hatte er, welche es jedem anrochen, ob er Etwas im Schilde führe, und zuletzt konnte keine Botſchaft mehr über das Waſſer gehen, weil man ſie regelmäßig ſchon in den Häfen von England abfaßte. Da wäre nun aber im Jahre 1658 die geheiligte Per⸗ ſon des Königs bald in die allergrößte Noth und Fähr⸗ lichkeit gerathen. In dieſem Jahre kam James Butler, Marquis und ſpäter Herzog von Ormond(der Groß⸗ vater des zweiten Herzogs, welcher für die Stuarts 1715 zum zweitenmale in's Exil ging und die ſchöne Herzogin von Ormond zur Frau hatte) aus Brüſſel herüber nach England, verkleidet natürlich und unter falſchem Namen, um auszukundſchaften, ob noch immer keine Ausſicht zur Rückkehr für ſeinen königlichen Herrn ſei. Unter ſeiner Leitung organiſirte ſich eine Verſchwörung der Cavaliere von Wales und den Grenzen. Trevynyr⸗Hall war der Mittelpunkt dieſer Verſchwörung, und als Alles zum Aufſtand reif, reiſte der Marquis ab, um ſeinem Herrn, welcher mit geworbenen Truppen an der belgiſchen Küſte bereit lag, das Signal zur Abfahrt und zur Landung in Cornwallis zu bringen. Aber da, im entſcheidenden Moment,— es war Mitte Auguſt des Jahres 1658, als die Herbſtroſen blühten,— bekamen die Verſchwo⸗ renen geheime Nachricht, daß ihre Verſchwörung entdeckt ſei, und daß man den Plan gefaßt habe, ſich unwiſſend zu ſtellen bis der„Prätendent“ Carl Stuart gelandet ſei, um ihn alsdann zu ergreifen und nach London zu führen, vor die Fenſter von Whitehall. Wie ſollte man den gefährdeten Herrn warnen? Wie ihm Botſchaft ſenden, da alle Häfen und Auswege von England dop⸗ pelt beſetzt waren? Die Cavaliere waren in Verzweif⸗ lung; aber Lady Jane wußte Rath. Sie ging in den Park von Trevynyr— und ein kläglich verwüſteter Park war es dazumal— zu der Stelle, wo über dem alten Getrümmer des geſprengten Thurmes die Herbſt⸗ roſen blühten; und ſie pflückte einen Roſenſtrauß, und als ſie ihn band, fügte ſie eine Roſe von rothem Papier künſtlich und vorſichtig hinein, auf deren innerſten Blatt geſchrieben ſtand: Um Gotteswillen! Rommt nicht! Alles iſt enideckt! Nun hatte ſie ein Kammermädchen, ein wildes, welſches Ding, aus ihrem eignen Dorfe Trevynyr, des Namens Luch Walters. Dieſem Mädchen gab ſie den Roſenſtrauß und ſchickte ſie mit demſelben über's Meer, zu König Carl, dem„Manne über dem Waſſer.“ Als das Mädchen in den Hafen von Briſtol kam, da ſuchte man ihre Taſchen durch nach chiffrirten Briefen und ge⸗ heimen Botſchaften; aber als man Nichts dergleichen fand, da ließ man ſie mit ihrem Roſenſtrauß unbehindert fahren. Und ſo kam ſie in den Hafen von Dünkirchen, wo König Carl II. zur Abfahrt bereit lag, und glühend vor Eile und Haſt, mit dunklem Ange voll Feuer und dem zarteſten Profil, deſſen je ein welſches Kind ſich zu rühmen gehabt, überreicht ſie Seiner Majeſtät den Ro⸗ ſenſtrauß mit dem ſchönſten Gruße ihrer Gebieterin, die ihn geſandt. Seine Majeſtät, ſehr glücklich einer ſo drohenden Gefahr entgangen zu ſein, begiebt ſich noch einmal nach Brüſſel zurück, und dankbar gegen das ſchöne Kind, welches ihn gerettet, nimmt er Luch Wal⸗ ters mit ſich in die luſtigen Cirkel von Brüſſel, macht ſie zu ſeiner Geliebten und zur Mutter des ſchönen und ritterlichen und ſeiner Zeit ſo hochberühmten Herzogs von Monmouth, der ſpäter noch ſo viel Unglück haben ſollte. Aber nicht volle zwei Jahre danach, als Oliver Cromwell geſtorben, Richard Cromwell das Protectorat niedergelegt und General Monk ſich für die Reſtaura⸗ tion erklärt hatte, zog an dem glorreichen Tage des 29. Mai 1660 Seine Majeſtät Carl II. wieder in die Cith von London ein, reitend auf einem ſchwarzen Ara⸗ ber mit einer rothen Feder am Hut und gefolgt von einem Zuge der Lords und Gemeinen von England, welcher ſo lang war, daß es ſieben Stunden dauerte, bis er durch des Stadtthor von Temple Bar geſchritten war. An jenem Tage war's, wo Seine Majeſtät bei dem öffentlichen Empfange im Schloſſe von St. James's, der Lady Jane, als ſie ſich— mit ſteifer Halskrauſe, oher Taille und langem Schleppenkleide— vor ihm verbeugte, einen lauten Kuß gab, feierlich erklärend, daß dieſe Dame es ſei, der er, nächſt Gott, ſein Leben, ſeinen Thron und den gloreichen Tag verdanke, an welchem er wieder zuſammen ſei mit ſeinen Getreuen im Schloſſe ſei⸗ ner Väter. Worauf er allſogleich mit eignen Lippen 6 proclamirte, daß das Wappen der Hazlewood's fortan durch eine goldbeſaamte rothe Roſe gebeſſert ſein ſolle, zur Erinnernng an den Roſenſtrauß, den ſie ihm geſandt; daß ſie ſolle zur Viscounteß erhoben ſein, und daß von nun an in alle Zukunft jedesmal wenn es ſich ſo füge, daß in Ermanglung eines Sohnes eine Tochter im Hauſe Hazlewvod ſuccedire, dieſe den Namen und Titel einer Viscounteß Hazlewvod of Trevynyr führen ſolle. Daß Seine hochherzige Majeſtät die Viscounteß Jane gleich den übrigen Hofſchönheiten, deren lebens⸗ große Portraits die Wände des Schloſſes von Hampton⸗ Cvurt ſchmücken, nicht auch zu ſeiner Geliebten gemacht, daran muß wohl ihre rothe Naſe Schuld geweſen ſein, welche noch jetzt, nachdem zwei Jahrhunderte verfloſſen, einen ſo hervorragenden und leuchtenden Theil ihres Bildes ausmacht. Aber er ſorgte dennoch auch in die⸗ ſer Beziehung für ſie auf's Beſte, indem er ihr den Major Codrington, einen rechtſchaffenen Cavalier zum Manne gab, welcher am Hofe Sr. Majeſtät zu Brüſſel das Amt und die Würde eines Stallmeiſters bekleidet hatte, obwol Seine Majeſtät damals keine Pferde hatte. Zur Erinnerung an die große Viscounteß und ihren Roſenſtrauß wurde im Monat Auguſt 1758, und zwar am dritten Mittwoch deſſelben, als dem Jahres⸗ tage der Abſendung von Luch Walters, das Roſenfeſt von Trevynyr zum erſtenmale gefeiert und ſtatutariſch feſtgeſtellt und beſchloſſen, daß es von da ab und weiter alle hundert Jahre an demſelben Tage von allen Glie⸗ dern, Freunden und Bekannten des Hauſes Hazlewood of Trevynyr feſtlich ſolle begangen werden. Und in — Folge dieſes Statuts war es, daß am dritten Mittwoch im Monat Auguſt des Jahres 1858 Schloßhof und Hallen der Hazlewvod's ſich belebten zur zweiten Säcu⸗ larfeier des Roſenfeſtes von Trevynyr.— Dieſer Mittwoch war ein ſo ſchöner und klarer Tag, als der geſegnete Spätſommer jenes Jahres ſich nur eines rühmen konnte. Die goldne Morgenſonne lag ſo ſchimmernd und ruhig auf den blanduftigen Wipfeln aller Bäume; die Wieſen funkelten in jenem ſaftigen Smaragdgrün, welches wir auf dem Continent nur zuweilen ſehen in dem erſten und friſcheſten Gras⸗ wuchs des April. Ein friſcher Luftzug wehte weich und wolig von der ſanft gekräuſelten Fläche des Meeres herauf; und ein reiner blauer Himmel, in den hinein⸗ zuſchauen eine Luſt war, ruhte über dem Meere, dem Strande, dem Wald und Gebirge. Der breite gelbe Kiesweg, der von der Landſtraße am Meere hinaufführt nach Trevhnyr⸗Hall, war an dieſem Tage von Früh an mit ſtattlichen Kutſchen be⸗ deckt, welche Gäſte in das Schloß brachten zum Feſte. Der Weg führt zuerſt an den ſtarken Mauern dahin, welche den Park einſchließen, dann durch das hohe Thor in den Park ſelber. Man glaubt in einen Wald zu kommen, der aber ſchöner iſt, wie unſere heimiſchen Wälder. Da rauſchen Bäume. Da blühen Roſen. Da rieſeln Bäche. Da laufen Rehe im dunklen Schat⸗ ten. Der Geruch des Waldes und der wonnige Zauber ſeiner Einſamkeit empfangen den Gaſt von Trevynyr. Zu beiden Seiten ſtehen ernſte Wände von Tannen. Nun öffnen ſie ſich, und man ſieht goldige Wieſen mit ſtar⸗ ken Bäumen, die ihren blauen Schatten auf den grünen Sammet derſelben malen, und im Hintergrunde ſchließt der Wald, deſſen majeſtätiſche Kronen und rundlich gezackte Außenwipfel von einem feinen Dufte umſchwebt ſind, das liebliche Bild. Endlich aus den Baumgruppen, wenn man den Wald zur Linken zurückläßt, tritt auf einem Hügel das Schloß hervor. Mit dem ungetrübten Weiß ſeiner Mauern ſchimmert es in dem reinen Blau, in der klaren Sonne dieſes Morgens; ſeine Zinnen zeichnen ſich ſcharf gegen den Himmel ab und hoch auf dem verwitterten Baue ſeines uralten Thurmes flattern drei Fahnen, deren Farbe und Sinnbilder durch die klare Herbſtesluft weit erkannt werden im Lande rings⸗ um. Die mittlere Fahne mit drei rothen Feldern und einem blauen, iſt die königliche Fahne der drei vereinig⸗ ten Reiche mit den normanniſchen Leoparden, dem Lö⸗ wen von Schottland und der Harfe von Irland; die grüne Fahne zur Rechten iſt die Fahne von Wales mit den drei Straußenfedern, dem Stirnreifen und der deutſchen Deviſe:„309 DE“ und die weiße Fahne zur Linken iſt die des edlen Hauſes Hazlewood of Tre⸗ vhnyr. Ueber dem Portale des Schloſſes hoch aufgerichtet ſteht das Wappen dieſes edlen Hauſes. Das Wappen des waſiliſchen Hauſes der Barone Hazlewood of Trevhnyr iſt quadrirt mit einem Mittel⸗ ſchild, welches in Silber eine goldbeſaamte rothe Roſe zeigt(Wappenbeſſerung durch König Carl II. im Jahre 1660, zur Zeit der großen Viscounteß). Im erſten und vierten ſilbernen Felde zeigt es einen grünen Ha⸗ — ſelzweig mit drei Blättern(Stammwappen aus der Zeit von Wilhelm dem Eroberer), im zweiten und dritten blauen Felde einen goldnen Löwenkopf, vorwärts ſehend. (Wappenbeſſerung ſeit dem Eintritt in die Peerage unter Eduard I.) Auf dem gekrönten Helm erſcheint der goldene Löwe, wachſend und links gewendet. Die Helm⸗ decken ſind grün und ſilbern. Schildhalter ſind zwei goldene Löwen, widerſehend, und die Deviſe lautet: Semper viret!“ Das Haus der Hazlewvods grünt ewig! Das Innere des Schloßhofes war erfüllt von Vier⸗ ſpännern, von geputzten Pferden, von farbigen Livreen ind von edlen Herren und Damen in Galla, welche ſich über einen ausgebreiteten Plücheteppich in das Schloß und die große Halle begaben.— Die große Halle von Trevynyr ſah heute prächti⸗ ger aus, als man ſie je geſehen. Durch die hohen Spitzbogenfenſter, auf deren Scheiben die Wappen des Hauſes und der durch Heirath mit ihnen verbunde⸗ nen Geſchlechter in brennenden Farben gemalt waren, fiel der Sonnenſchein, wundervoll gefärbt, und die azur⸗ blauen, glühendrothen und hellgrünen Funken deſſelben tanzten auf dem ſteinernen Eſtrich, bis zu dem gegen⸗ überſtehenden Wandgetäfel von ſchön gefirnißtem hell⸗ braunem Holz empor. Durch eines dieſer Fenſter, deſſen gebräunter Holzflügel ein wenig geöffnet worden war, damit die Morgenluft hereinwehe, hatte man einen zau⸗ berhaften Blick in die Tiefe hinab, gleich einer holden Spiegelung der Fee Morgana. An den weißen Kalk⸗ wänden über dem Wandgetäfel glänzten die Helme, die Schilde, die Fahnen, welche die Vorfahren dieſes Hauſes 4 getragen, treu ihren Traditionen, in den Kämpfen der rothen und der weißen Roſe, bis zum Tage vei Bos⸗ worth⸗Field, und treu ihrem König und ihrer Kirche, in den Kriegen der Cavaliere mit den Rundköpfen. Nur drei Bilder hingen, von zwei zerſchoſſenen Fahnen überwallt, unter dieſen Trophäen in der Halle von Trevynyr: das Bild der großen Viscounteß, ganz mit Herbſtroſen umſchlungen und bekränzt, und die Bilder ihres Vaters und ihres Bruders, welche bei Marſton⸗ Moor und Naſeby gefallen. Die übrigen Bilder der Familie hingen in dem anſtoßenden kleineren Gemache, zu welchem man über einige Steinſtufen emporſtieg, und welches in der letzteren Zeit von Lady Caſtlemere als Muſikzimmer benutzt worden war. Von dem mächtigen kunſtreich geſchnitzten Balkenwerk, welches das dunkel⸗ braune Holzdach der Halle trug, hingen zahlreiche Fähn⸗ lein und Flaggen, zur Feier des Tages, nieder, und Roſenguirlanden, welche einen köſtlichen Duft verbreite⸗ ten in dem hohen, luftigen Raume, ſchlangen ſich von einem zum andern und ließen ihre Enden zu beiden Seiten verſchwenderiſch niederhangen, zwiſchen den Waf⸗ fenſtücken und Rüſtungen an der Mauer. Treu der Ueberlieferung dieſes Feſtes erſchien Alles roſenfarben, und Roſenduft war der erſte Eindruck, den der Eintre⸗ tende hatte in der großen Halle von Trevynhr. In der Mitte derſelben, zum feſtlichen Empfange der zahlreichen Gäſte, ſtand die herrliche Tochter des Hauſes, Lady Jane, welche nach ihrer Ahnfrau, der großen Viscounteß, genannt war. Sie hatte das Trauergewand abgelegt, welches ſie ſeit dem Tode ihres und zum erſtenmal wieder erſchien ſie in der glänzenden Tracht des Reichthums und der Mode. Sie trug ein koſtbar blaues Gewand, hoch aufgeſteckt mit Brillanten über weißem Grunde, und mit roſen⸗ farbigem Florüberwurf. In ihr goldglänzendes Haar, wellig über der weißen Stirn emporfriſirt und nach hinten über dem ſtolzen Nacken in üppigen Lockenſchlan⸗ gen niederringelnd, war ein Roſenkranz geflochten mit milchweißen Perlen und blauem Bande. Neben ihr, zur Rechten, ſtand Seine Herrlichkeit, der edle Lord Hazlewood von Trevynhr, und zur Linken, im rothen Rock der Königin, mit der Carmoiſinſchärpe der Cold⸗ ſtreams und dem handbreiten rothen gewäſſerten Bande von der rechten Schulter nach der linken Hüfte, mit dem goldenen, blau geſchmelztem Schilde daran und auf der linken Bruſt mit dem achtſpitzigen Strahlen⸗ ſtern eines Ritters von dem höchſt ehrenwerthen mili⸗ tairiſchen Orden„of the Bath“, mit welchem er bald nach ſeiner Heimkehr aus dem Krimkriege decorirt wor⸗ den war, ſtand Major Richard Fitzroy. Die Auszeich⸗ nung, welche ihm dadurch widerfuhr, daß er an dieſem Tage einen Platz neben Mhlady und Mylord erhalten, erhob ihn über die Eigenſchaft eines Gaſtes in Trevh⸗ nyr⸗Hall und indem ſie ihm einen Antheil gewährte an den dem Wirthe vorbehaltenen Ehren des Empfanges, beſtätigte ſie bei den Uebrigen ein Gerüch, welches ſchon eine Zeit lang vorher verbreitet geweſen, daß nämlich Mylord Hazlewvod dieſe feſtliche Gelegenheit benutzen werde, um die Verlobung ſeiner Tochter mit dem Major zu proclamiren. Schöner, ſtolzer war Lady Caſtlemere nie geweſen als an dieſem Tage, wo das Rauſchen der Frende, nach der Pauſe voll Trauer und Stille, ſie wieder um⸗ gab und die Erwartung des Genuſſes ihre Wange leiſe röthete. Königlich waren die Verbeugungen, mit welchen ſie die Gäſte von Trevynyr⸗Hall empfing und bezaubernd das Lächeln, mit welchem ſie ihnen dankte für die Ehre ihres Beſuches. Nach einer langen Entfernung war ſie wieder zurückgekehrt in ihr heimathliches Reich voll Licht und Schönheit; und die anfängliche Zurückhaltung, mit welcher ſie die erſten Schritte that, erhöhten nur die Anmuth ihres Weſens. „Dies iſt ein alter Freund unſeres Hauſes““ ſagte ſie, indem ſie mit dem liebenswürdidſten Lächeln— in der That, ihr ganzes Geſicht lächelte, als ob die Sonne daraus ſchiene— einem jungen Herrn die Hand reichte, welcher mit einer großen, reich gekleideten Dame am Arme, ſeine Eintrittsverbeugung vor ihr, und hierauf vor Lord Hazlewwood und Major Fitzroy machte. „Erlauben Sie, Mylady,“ ſagte der Herr,„daß ich Ihnen Mrs. Slender, meine Gemahlin vorſtelle...“ Lady Caſtlemere und die beiden Herren zu ihrer Rechten und Linken, erwiderten die Vorſtellung durch eiue tiefe Verbeugung. „Sie waren ſo freundlich, uns ihre Vermählung anzuzeigen, Mr. Slender,“ ſagte Lady Jane.„Jch kann nur den Glückwunſch widerholen, den wir Ihnen damals ſchriftlich abzuſtatten die Ehre hatten.. Seien Sie mir noch einmal herzlich willkommen, Mrs. Slen⸗ der,“ ſchloß Mylady, indem ſie die Hand von Mrs. Slender ergriff. „Ich bin ſehr glücklich,“ erwiderte Mrs. Slender, welche eine lange Dame war mit einer langen Naſe und einem ungeheuren Vermögen(Mr. Sam Slender war von ſeinem Prinzip des Reichthums und der Schönheit, da ſich Beides nicht zuſammen finden wollte, zu Gunſten der erſtern abgegangen),„ich bin ſehr glücklich, die Bekanntſchaft einer Dame zu machen, zu derem ehrenwerthen Bruder Mr. Slender eine ſo aufrichtige Freundſchaft von Jugend auf empfun⸗ den. Wenn Eins mein Glück trüben konnte, ſo wäre es der Gedanke, daß dieſer Herr, der Honourable George Meadows ſich leider in einem Zuſtand befindet, der ihm nicht erlaubt, an den Freuden des Feſtes und des Wie⸗ derſehens Theil zu nehmen!“ Eine leichte Wolke ſchien über den Sonnen⸗ ſchein von Mylady's Antlitz zu fliegen. Aber raſch ge⸗ faßt ſagte ſie:„Sie haben Recht; kein Glück iſt voll⸗ kommen. Wir ſollen nicht vergeſſen, daß wir noch auf Erden wandeln. Aber ich hoffe,“ ſetzte ſie mit dem ge⸗ winnendſten Ausdruck hinzu,„daß Sie in dem jungen Glücke Ihrer Ehe noch keine Unterbrechung erfahren haben.“ Mrs. Slender erröthete. Aber Mr. Sam Slender antwortete, ohne ſich zu beſinnen:„Nein, Unterbrechun⸗ gen kennen wir nicht. Seit dem betrauerten Tode mei⸗ nes Onkels, Tobias Slender, Esq., von Taviſtock Square, London, bewohnen wir unſer neues Haus, Hydepark⸗ Corner—(die übrigen Häuſer“ mit einem Seitenblick auf den Major— ohaben wir verkauft) und begeben uns nach dem Ende der Segſon, ſobald meine Geſchäfte es erlauben, auf einige Wochen nach der Inſel Wight.“ Seine Geſchäfte erlaubten ihm das unſchuldige Vergnügen. Seine Geſchäfte hätten ihm erlaubt, das ganze Jahr auf der Inſel Wight zu reſidiren. Denn, um die Wahrheit zu ſagen, hatte Mr. Slender eigent⸗ lich gar keine Geſchäfte. Mr. Slender war zwar nicht aus der ehrenwerthen Innung des Inner⸗Temple ge⸗ ſchieden, und hatte, nachdem er die beiden berühm⸗ ten Fenſter mit der Ausſicht auf die Themſe gegen das Haus von Hydepark⸗Corner vertauſcht,„Chambers“ ge⸗ nommen, d. h. ein Geſchäftslokal, in der beliebten Lage von Queens⸗Bench⸗Walk, wie es einem Barriſter⸗at⸗Law vom Inner⸗Temple geziemt. Leider merkte er nur, daß die Clienten ausblieben, oder daß ſie nicht wiederkamen, wenn ſie je in ſeinen„Chambers“ geweſen. Aber er tröſtete ſich mit der Zukunft und begnügte ſich für den Augenblick, eine große Geſchäftsmiene anzunehmen, und alle Tage vier bis ſechs Stunden außer Hauſes zu ſein, in welchen er ſeine Geſchäfte beſorgt, wie er Mrs. Slender ſagte, in Wirklichkeit aber ſeinen alten Ver⸗ gnügungen nachging, und froh, für dieſe Zeit wenigſtens wieder frei zu ſein, wie ehedem, mit ſeinen früheren Genoſſen im Club oder ſonſt wo zuſammen war. „Weitere Unterbrechungen“ ſetzte er daher, ſeine vorherige Aeußerung noch einmal bekräftigend, hinzu, „kennen wir nicht und ſind ſehr glücklich, Gott ſei Dank!— Aber ſiehe da!— wieder ein alter Freund. 5 Straßenſängerin III.* Wir wollen ihm Platz machen.... Mylady, Myhlord, Major Fitzroy— wir haben die Ehre....“ Und nach einer Verbengung gegen die drei He⸗ nannten, ſeiner Frau, Mrs. Slender den Arm reichend, führte er ſie mit Pomp zu den übrigen Gäſten, indem er auf ihren Ausruf:„Welch' eine reizende Dame dieſe Lady iſt!“ mit einem etwas zweifelhaftem Tone, als ob er ihr einen Vorwurf mache, erwiderte:„Und ich hätte ſie bekommen können, wenn ich damals auf Rotten⸗Row nicht ſolch' ein Eſel geweſen wäre!“ Ueber welche ver⸗ trauliche Eröffnung ihres Gemahls Mrs. Slender er⸗ röthete und ſchwieg.— Lady Jane aber war beſchäftigt, einen jungen Gentleman, der ſich zu dieſer Gelegenheit trefflich heraus⸗ geputzt, zu bewillkommnen. Sie konnte ſich eines klei⸗ nen, feinen Lächelns nicht erwehren; er aber war in rechtem Ernſte, als er ihr die Hand ſchüttelte. „O, es iſt mir ganz gleich!“ erwiderte er mit vor Freude ſtrahlendem Geſichte, nachdem ſie ihm geſagt hatte, wie glücklich ſie ſei, ihn nach langer Zeit wol und munter wiederzuſehen.„Ich bin auch ganz glücklich— o ja, ich muß Ihnen ſagen....“ Aber er ſagte Nichts, ſondern fuhr fort, Mhlady die Hand zu ſchütteln, ſehr zum Nachtheil ihrer Toilette, welche mit ihren mannig⸗ fachen Schleifen und Garnituren auf ſo kräftige Freund⸗ ſchaftsbezeugungen nicht eingerichtet war. WVie ſchön iſt es,“ fuhr Lady Jane fort, nachdem es ihr gelungen, ihre feine Hand aus derjenigen des Gentleman zu befreien,„daß dieſer Tag uns Gelegen⸗ heit giebt, allè Freunde unſeres Hauſes um uns zu v meln; und wie ſchön iſt es von Ihnen, daß auch Sie nicht ausgeblieben ſind, Mr. John. Ich höre, e ſtanden im Begriffe, nach Spanien zu reiſen...“ „Allerdings, ich ſtand im Begriffe,“ erwiderte Mr. John— Mr. John Crawford in der That, unſer guter Mr. John, welcher nicht blos im Begriffe geſtanden hatte, nach Spanien zu reiſen, ſondern, auf ſeiner be⸗ abſichtigten Reiſe nach Spanien bereits ſo weit in's ſüdliche Frankreich vorgedrungen war, daß er im Be⸗ griffe geſtanden, die Phrenäen zu überſteigen, als ihn das Einladungsſchreiben von Trevynyr erreichte, welches ihm vom Hauſe nachgeſandt worden war. Mr. John Crawford war kein großer Mann darin, Einladungen abzuſchlagen. Es konnte es ebenſowenig über ſich bringen, Einladungen abzuſchlagen, als er es über ſich bringen konnte, Abſchied zu nehmen, nachdem die Feſtlichkeiten vorüber, zu welchen er eingeladen worden. Dieſes war der Grund, warum der Plan ſeiner Jugend, ſich in's Parlament wählen zu laſſen, noch immer nicht in Fr⸗ füllung gegangen. Denn jedesmal an dem Tage, wenn er beſchloſſen hatte, ſich einer Wahl⸗Corporation zu prä⸗ ſentiren, wußten es ſeine Gegner ſo einzurichten, daß er eine Einladung zu einem von dem Schauplatz der Wahl verſchiedenen Orte erhielt. Woher es kam, daß er regelmäßig an ſolchen Tagen, nicht auf der Wahlbühne geſehen wurde, wo man ihn erwartete, ſondern bei irgend einem Frühſtück oder Mittageſſen, welches ein Squire der Nachbarſchaft gab. So geſchah es auch, daß er in Folge jenes Einladungsſchreibens der Hazlewood's ſich in Nordwales befand zu einer Zeit, „3 7* — 100— wo ſeine Angehörigen vermutheten, er befände ſich in Madrid.— Er wäre gern weiter gereiſt, denn die Reiſe Spanien war ſein Ideal geweſen, ſeitdem er das gött⸗ liche Buch des Cervantes geleſen; und drei Tage lang, während welcher er in einem elenden Dorfe unter den Pyrenäen Halt machte, kämpfte er wirklich einen Hel⸗ denkampf gegen die Lockungen des Einladungsſchreibens. Aber zuletzt fand er, daß ſeine Kraft zu ſchwach und daß es ihm unmöglich ſei, dieſe Einladung abzuſchlagen, und demgemäß machte er ſich auf, kehrte in Eilmärſchen durch Frankreich zurück und traf grade noch früh genug in London ein, um ſich mit einem trefflichen Frack, deſſen Aermel von einer angenehmen Rundung und deſſen Schöße von einer verſchwenderiſchen Länge waren, mit Hoſen, die ſich nach Unten verengten,(angefertigt von A. Webb Miles, dem berühmten Hoſenmacher von Brook⸗ ſtreet) mit einer ſteifen weißen Cravatte und einem „Gibus“ Opern⸗Hut, ſolch' einem, wie wir ſie an jedem Abend in dem Eckladen von King William⸗ſtreet bei gro⸗ ßer Beleuchtung ſich(von ſelbſt!) auf⸗ und niederklappen ſehen, zum Roſenfeſte von Trevynyr zu ſchmücken. Und alſo, ein vollſtändiger Dandy mit fröhlichem Geſicht und kleinen funkelnden Angen ſtand unſer guter John vor Mylady und ſagte noch einmal:„O, es iſt mir ganz gleich! Ich bin ganz gerne gekommen. O ja!“ und hhierauf, da er Nichts mehr zu ſagen wußte, ſtimmte er ein herzhaftes Gelächter an. „Wir ſind doppelt froh, Sie— den alten Freund unſres Hauſes zu begrüßen, Mr. John,“ begann Mh⸗ lady auf's Neue,„da Sie eine ſo glückliche Heiterkeit mit ſich bringen. Heitre Gäſte ſind die beſten Gäſte. Sie ſcheinen immer fröhlich, immer luſtig zu ſein, recht wie es einem jungen Mann von Ihren Ausſichten ge⸗ bührt!“ „Inmer fröhlich— immer luſtig!“ rief mit glück⸗ ſeligem Geſichte Mr. John, der nicht widerſprechen konnte, obgleich er vor einer halben Stunde noch heim⸗ lich am Bett ſeines kranken Freundes George bittere Thränen geweint. Er hatte von dem Sturz gehört, den ſein Freund vor einem Jahre im ſchottiſchen Hoch⸗ land gethan; aber er hatte keine Ahnung davon, welch' zerſtörende Folgen derſelbe gehabt und welche dauernde Spuren er zurückgelaſſen. Zuerſt hatte George ihn gar nicht erkannt; und nach kurzem Lichtblick war er wieder in Phantaſien verfallen, die der gute John nicht ver⸗ ſtand und die ihn auf's Tiefſte ängſtigten. Aber„immer fröhlich, immer luſtig!“ rief er, als Mylady ihn fragte, und dann ſetzte er hinzu:„Sehn Sie, das iſt ganz gut!“ obgleich Niemand wußte, was ganz gut ſei? Er hatte ſelbſt nur eine dunkle Vorſtellung davon, denn, da er merkte, daß neue Gäſte zum Empfang angekom⸗ men und es für ihn jetzt Zeit ſei, ſich zu empfehlen, bemächtigte ſich ſeiner wieder jene Unruhe, welche er immer vor dem Abſchiednehmen empfand. Von dieſer natürlichen Abneigung getrieben, ließ er alle ſonſtigen Rückſichten aus den Augen, und nur beſchäftigt mit den Mitteln, ſich ihm zu entziehen, verlor er den Faden des Geſpräches; bis er auf Einmal die rothe Naſe der gro⸗ ßen Viscounteß an der Wand gewahrend, mit der Wiederholung des Ausrufs: Sehn Sie, das iſt ganz gut!“ zu dem Bildniß derſelben enteilte und glücklich, dem drohenden Abſchied entgangen zu ſein, Lady Jane den Rücken kehrte, um ſich an der rothen Naſe ihrer großen Ahnfrau zu ergötzen. Inzwiſchen, während die große Halle ſich gefüllt hatte mit glänzenden Toiletten und brillanten Uniformen, und das bunte Licht der Fenſter ſich vertheilte auf eine große Menge wehender Federn, koſtbarer Treſſen und blitzender Steine, klang das tiefe und harmoniſche Ge⸗ läute der Dorfglocken durch die klare, blaue Morgen⸗ luft, und paarweiſe durch den ſonnig grünen Park zog die ſtattliche Verſammlung in die Kirche um den reli⸗ göſen Theil der Feier zu begehen. Die Kirche liegt in der Mitte des Dorfes Trevy⸗ nyr; und ein lieblicheres Dorf und eine ſchönere Kirche darin iſt nicht zu finden in ganz Nordwales. Ein brei⸗ ter, gelber Kiesweg, wie durch den Park, führt auch durch das Dorf und zu beiden Seiten deſſelben ſtehen die zierlichen Häuschen, jedes hinter einer weißen Mauer und ſorgſam gepflanzten Hecke, und zwiſchen dem ein⸗ fachen, hölzernen, bis oben hinauf mit grünen Ranken umſponnenen Holzportalen leuchten aus den Fenſtern farbenreiche Blumen. Wie leuchteten ſie heute, in dem wunderſchönen Sonnenſchein und der Ruhe des Feier⸗ tags! Und wie ſtanden die waliſiſchen Bauern alle vor den Thüren, indem dieſe prächtige Schaar von Kirchen⸗ gängern dahinzog, ehrfurchtsvoll grüßend, während die Glocken läuteten, und kleine Mädchen, in Weiß gekleidet, mit Körben dem Zuge vorangingen, aus welchen ſie Ro⸗ — 103— ſenblätter ſtreuten, bis man an der Kirche angelangt war. Dieſe Kirche, mit ihren weißen Steinmauern, ihren Thürmen, ihrem Vorbau, um welchen hoch auf⸗ gewunden üppig noch die Roſen blühten, und ihren Fen⸗ ſtern, zwiſchen welchen voll und glänzend das dichte Laub des Weinſtocks grünte, glich einem Tempel des Friedens zugleich und der Schönheit, und umgeben von den dunklen Tannen und Buchen des Friedhofes, lag ſie als in einem tiefen Walde. Und nun ſchwieg das Geläute der Glocken und der feierliche Schall der Or⸗ gel ſchwebte weit hinaus durch das ſtille Dorf bis zum leiſe wallenden Meere... Und es war ſpäter Nachmittag geworden, und die Sonne warf glühende Abſchiedsſtrahlen von Weſten herein und die Fröhlichkeit in der großen Halle von Trevynyr hatte ihre Höhe erreicht. Man hatte reichlich getafelt, wie es dem Feſte geziemte, welches der reiche Lord dieſes Schloſſes dem großen Kreis ſeiner vorneh⸗ men und edlen Freunde gab. Man hatte der alten und vormaligen Trinkgebräuche nicht vergeſſen, welche üblich waren in der Zeit der Cavaliere von England und welche ſich beſchrieben fanden in den Chroniken, als wieder beliebt und angewendet auf dem letzten Roſen⸗ feſte von Trevynyr. Man hatte eine große Schaale, mit Waſſer gefüllt, hereingetragen und mitten auf die Tafel, vor dem Präſidenten derſelben, dem Lord des Hauſes, niedergeſetzt, als das Mittagsmahl faſt zu Ende. Dann war der Lord dieſes Hauſes aufgeſtanden und nachdem er einen goldenen Pokal eigenhändig bis an den Rand mit rothem Burgunder gefüllt, hatte er ihn — 104— über der Schaale mit Waſſer erhoben und mit lauter Stimme geſagt:„dieß bring' ich dem Manne!“ wie es Sitte geweſen bei allen Gaſtmahlen der Cavaliere, bis zum Sturze von Cromwell, wo ihr König noch„über dem Waſſer,“ d. h. jenſeit des Meeres im Exil gewe⸗ ſen und Niemand wagen durfte, aus Furcht vor Ver⸗ rath den Namen des Königs zu ſprechen. So ſagten ſie nur„der Mann,“ und Jeder von ihnen wußte, wenn er das Glas„über dem Waſſer“ erhob, wel⸗ chem Mann es gelte, und noch lange, bis in die Zeiten der George und des zweiten Exils, aus welchem die Stuarts nicht wieder heimkehren ſollten, war eine Schaale mit Waſſer auf dem Tiſch das Zeichen der jakobitiſchen Familien von England. Hierauf, nachdem der edle Lord alſo geſprochen, hatten ſich alle Gäſte erhoben und nachdem ſie mit ihren Bechern und Pokalen über der Schaale angeſtoßen, hatten ſie dieſelben, dem Hauſe und der alten Erinne⸗ rung zu Ehren, gleich Seiner Lordſchaft, mit einem lan⸗ gen und tiefen Zuge geleert, und ſelbſt die Damen, denen es an dieſem Tage nicht geſtattet war, ſich von der Tafel zu entfernen, als die Rothweinflaſche rund ging, nippten von dem ſüßen und berauſchenden Trunk und machten ihn dadurch für alle andern Trinker um ſo ſüßer und berauſchender. Bis das Abendroth kam und es dunkel wurde in der Halle von den Tannen, welche vor den farbigen Fenſtern ſtehen; bis die Becher von Allen geleert wor⸗ den und nun die Wachskerzen entzündet waren, welche in alt⸗modiſch goldenen Leuchtern auf der verſchwende⸗ riſchen Tafel zwiſchen Bechern und Kannen und Blu⸗ men niedergeſetzt wurden. Da erhob ſich der edle Lord dieſes Hauſes noch einmal, und indem er die Hände ergriff von Lady Jane, welche zu ſeiner Rechten, und von Major Richard Fitzroy, welcher zu ſeiner Linken an der Mitte der Tafel geſeſſen hatte, bat er um die Erlaubniß ſprechen zu dürfen und ſagte mit lauter Stimme: „Ladies und Gentlemen! Ich habe die Ehre Ihnen anzuzeigen, die Verlobung meiner Tochter Jane, ver⸗ wittweten Lady Caſtlemere mit Richard Fitzroy, Ritter des hohen Bathordens und Major von den Garden Ihrer Majeſtät!“ Ein Sturm des Beifalls, der Freude und der Glück⸗ wünſche erhob ſich in der Halle und Alles begab ſich nach der Stelle hin, wo die Dreie noch Hand in Hand, ſtanden. Hierauf zerſtreuten ſich die Gäſte in der ge⸗ räumigen Halle. Einige von den Herren traten in den anſtoßenden Park, um eine Cigarre anzuzünden. Andere begaben ſich in das Muſikzimmer, wo ſie vor dem offnen Piano Lady Jone fanden, die rechte Hand auf Fitzroy's Arm geſtützt, und mit den Fingern der linken auf den Elfenbeintaſten des Inſtruments ruhend. Man bat Lady Jane, welche unter ihren Freunden einen Ruf für ihre ſchöne Stimme beſaß, um einen Geſang. Lady Jane folgte der Aufforderung gern. Ihr Inneres war in dieſem Augenblicke voll von der Muſik des Triumphes und jenes Rauſches, welchen uns das Glück in ſeinen höchſten Momenten zuweilen gewährt.„Das Trinklied aus Luerezia Borgia!“ rief ſie mit funkelnden Augen, 06— als der junge Künſtler, den ſie aus London mitgebracht und der ihren Geſang zu begleiten pflegte, zu ihr em⸗ porblickte. So hatte er ſeine Herrin noch nicht geſehen — der arme Walter; ſo ſtrahlend, ſo ſchön... ſo ſchön, daß er vor ihrer Nähe zitterte. Und er begann, mit fiebernden Pulſen, zu präludi⸗ ren. Das Feuer ihrer Angen, die fliegende Unruhe ihrer Seele ergriff ihn und prächtig durch die lauſchende Halle rauſchten die erſten Akkorde dieſes Liedes der Freude und des Verderbens— dieſes Jubelgeſanges über dem Abgrund eines zuſammenbrechenden Hauſes— dieſes Triumphchores bei der Verzweiflung eines Weibes, einer Fürſtin, welche nur über den Leichen ihrer Freunde zum Ziele ſchreiten kann, und nun, da ſie am Ziele angekommen iſt, ſchaudernden Herzens erkennt, daß das Einzige, was ſie auf der Welt liebte und um welches ſie alle das Entſetzliche gethan, auch unter den Opfern, auch unter den Leichen iſt... ach, dieſes Weibes, wel⸗ ches auch nicht mehr gut werden konntel Und mit jubelnder Stimme ſang Lady Jane: Trinket Wein und die Thoren verhöhnet, Denen Sorge die Zukunft noch macht— Wenn nur heute die Freude uns krönet, Werde nimmer an morgen gedacht. Eine Pauſe trat ein. Leiſer accompagnirte Walter — da hörte man von Unten aus dem Thale, aus der Dunkelheit herauf, Orgelſchall und Kirchengeſang, und einzelne Glockenſchläge dumpf dazwiſchen. Es waren die Bauern in der Kirche, welche— um den Tag feierliche zu beſchließen— zum Abendgottes⸗ 107 dienſt verſammelt waren. Aber ein heimlicher Schauer durchrieſelte Alle, die es hörten.... und ſie dachten Alle an den Chor der Mönche in Lucrezia Borgia und an das Todtenmahl im Pallaſte der Fürſtin Negroni. Aber Lady Jane begann auf's Neue und in das Flackern der Kerzen, und das geſpannte Pochen aller hier ſchlagenden Herzen, rauſchte ihr trunkener Geſang: Laßt die Blüthenzeit froh uns genießen, Sie durch Lieb' und Geſang uns verſüßen, Und will drohend das Alter Euch ſchrecken, Und die Stirn Euch mit Falten bedecken: Trinket Wein, und die Thoren verhöhnet, Denen Sorge die Zukunft noch macht— Wenn nur heute die Frende uns krönet, Werde nimmer an morgen gedacht.— Und hier, an dieſer Stelle, wo in der Oper die Lichter auf Einmal verlöſchen, wie von dem Hauche un⸗ ſichtbarer Geiſter, und ſchauerliches Dunkel und Grab⸗ geſang die Gäſte umfängt, welche eben noch ſo fröhlich gejubelt: hier war es, wo plötzlich die Thüre der gro⸗ ßen Halle geöffnet ward, und mit leichenblaſſem Geſicht ſtürzten mehrere Diener herein, und mit ſchwankenden Knien nahte ſich Jacques Paturot ſeiner Herrin und flüſterte ihr ein paar Worte in die Ohren.... und mit unheimlich leuchtenden Angen und bebenden Lippen, trat Lady Jane vom Clavier und ſtützte ſich, im Fort⸗ gehen, auf den Arm ihres Verlobten— und Angſt und Beſtürzung theilte ſich allen Gäſten mit... und ein banges Geflüſter war bald rings um— und Niemand wußte, um was es ſich handle— und Jeder fürchtete — 108— etwas Entſetzliches... und Alles drängte der Thüre zu, um zu ſehen, was es ſei... und leer ward die Halle und todtenſtill, in welcher eben noch Geſang und Freudenjubel geweſen... und in dem ſtarken Windzug, welcher durch die offen gebliebene Thür hereinſtrömte, flackerten in dem einſamen Saale zwiſchen goldnen Kan⸗ nen, halbleeren Bechern und welkenden Kränzen die Lich⸗ ter hin und her.— Sechstes Capitel. Die Tichter verlöſchen. In den Nachmittagsſtunden dieſes Tages, während man noch beim Diner in der großen Halle ſaß, hatte Mr. John Crawford ſich vom Tiſche geſtohlen, um heimlich einem Zuge ſeines guten Herzens zu folgen. Man vermißte ihn nicht; die junge Dame, neben wel⸗ cher er ſaß, Tochter eines Edelmannes aus der Nähe von Cheſter, mit ſchönen blonden Locken um den Kopf und zwei hübſchen, blauen Augen darin, aber noch nicht ganz fertig mit der Penſion, war eigentlich recht froh, daß er ſich entfernt hatte. Sie— armes Kind!— hatte noch nicht gelernt, viel zu ſprechen; man hatte ihr geſagt, eine junge Dame, wenn ſich ein Gentleman mit ihr unterhalte, dürfe nicht weiter gehen, als zu ant⸗ worten, wenn er ſie frage. Aber dieſer Gentleman hatte ihr noch gar keine Gelegenheit gegeben zum Ant⸗ — 1 worten. Er hatte ſie um Nichts gefragt. Nur gleich zu Anfang der Tafel, als man noch bei Port und Sherry hielt, hatte er ſie nach einigem Beſinnen gefragt, ob ſie glücklich ſei? Worauf ſie„Ja“ geantwortet hatte. Dann hatte er geſagt:„Sehn Sie, das iſt ganz gut!“ und war ſtille, bis der Champagner kam, bei welcher Gelegenheit er wieder eine Frage that nach ihrem Wohnſitz. Sie theilte ihm demgemäß mit, daß ihre Eltern in der Nähe von Cheſter wohnten und deß ſie ſelber in London, in Penſion und eine Schülerin der „St. James's Academy for young ladies“ ſei, worauf Mr. John erſtaunt ausgerufen:„Sie ſagen es nicht!“ eine Viertelſtunde gar Nichts mehr, weder ausrief noch fragte, ſondern ſich nur immer unruhig auf ſeinem Stuhle hin⸗ und herbewegte, einigemal lachte, ſeine Tiſchnachbarin ſchlau anſah und endlich, zur großen Er⸗ leichterung derſelben, ohne ein Wort zu ſagen aufſtand und fortging. Er ging zu ſeinem kranken Freunde. Es hatte ihm das Herz abgedrückt, hier unter das Gläſerklingen, die fröhlichen Tiſchreden und das jubelnde„hip, hip, hip. hurrah!“ zu hören, welches einem jeden Toaſte folgte, und dabei zu denken, daß oben einſam und leidend ſein Freund liege, ſein George Meadows, der Genoſſe ſei⸗ ner frohen und beſten Tage. Zuletzt war es ihm ganz unmöglich geworden, länger ein Gaſt zu ſein in der Halle der Freude; ſein Herz machte ihm laute Vorwürfe und nach einem etwas langwierigen Kampfe gegen die Zweifel, was man wol darüber ſagen könne, wenn er ſich ſo gegen die Geſetze der Tafel vergehe, hatte er 0 ſich zuletzt mit einer ſeltenen Selbſtverleugnung erhoben und war gegangen. George Meadows ſaß in einem Lehnſtuhl von brau⸗ nem Leder, als Mr. John eintrat. Ein klein wenig waren die dunklen Vorhänge zurückgeſchoben. Man ſah ein Stück vom blauen Meer, ein weißes Segel darauf, und die ferne Felſenwand, ſchon duftig von dem blauen Schatten des Abends. Ein einziger ſchmaler Sonnen⸗ ſtreifen, der ſich durch die Gardinen geſtohlen hatte, fiel roth und glühend über die dunkle Tapete. George Meadows ſaß ſtumm in ſeinem Seſſel. Seine Hände lagen gefaltet in ſeinem Schooße. Sein Antlitz, bleich von Leiden; ſein Auge, müde von Phantaſien ſchaute theilnahmlos vor ſich hin. Ein Hauch von friſcher Abendluft wehte durch das dämmernde Gemach, als die Thüre geöffnet ward. Ein matter Anflug von Freude belebte den Kranken, als John eintrat. Aber nur einen Moment; dann fiel er in die vorige Apathie zurück. „George, kennſt Du mich?“ fragte der gute John mit zitternder Stimme, als er ſich ihm näherte. Der Kranke neigte das Haupt, langſam bejahend. Dann war es wieder ſtill. Der Kranke ſprach nicht; und John war kein großer Meiſter darin, Fragen zu ſtellen. Dann, nachdem er ſich lange beſonnen, fragte er ihn: „George, biſt Du glücklich?“ Dieſes war nämlich immer diejenige Frage, welche Mr. John Crawford that, wenn ihm keine andere einfiel. Der Kranke ſchüttelte das Haupt. Langſam ver⸗ neinend, lächelnde 1 Worauf es wieder ſtille ward. Der Wärter war nicht im Zimmer. Er hatte ſich hinunter begeben, um ſich im Zimmer der Bedienten nach einigen Weinreſten umzuſehen. Die beiden Freunde waren allein. Sie ſchwiegen Beide. So dumm war ſich Mr. John Craw⸗ ford noch nie vorgekommen. Es wollte ihm heute gar Nichts einfallen. Aber ihm war weh, unausſprechlich. Denn je weniger Worte er finden konnte, um ſo mehr beſtürmten Gedanken ſein Herz— Gedanken an die Vergangenheit, an George Meadows, wie er einſt ſo ſchön und heiter geweſen, und wie ſie zuſammen gelacht hatten, und getrunken hatten und welche Pläne ſie Beide für die Zukunft gemacht hatten— und nun ſollte Alles vorbei ſein! Der Anblick des Kranken er⸗ ſchütterte ihn tief, und ein Gefühl der Bangigkeit über⸗ kam ihn, indem er den Sonnenſtreifen an der Wand betrachtete, welcher ſich zu bewegen begann und kürzer ward. Endlich begann der Kranke.„Es geht zum Abſchied, John,“ ſagte er mit ſchwachem Lächeln. Das Wort„Abſchied“ fuhr dem guten John wie ein Stich durch's Herz. Unruhig auf ſeinem Stuhle, den er George gegenüber eingenommen hatte, bewegte er ſich und einen verſtohlenen Blick nach der Thür wer⸗ fend, rief er:„Sie ſagen es nicht!“— Er wußte nicht mehr, was er ſprach. Denn Thränen waren in ſeine Angen gekommen; große und ſchwere Thränen. „Du weinſt, John?“ fragte George, indem er ver⸗ ſuchte die Hände des Freundes zu faſſen. „Ich? Nein, ich weine nicht— gar nicht,“ erwi⸗ derte John, während die Thränen langſam niederfloſſen. „Du trauerſt über mich, John?“ fuhr George fort, den Freund zärtlich anblickend. „O, es iſt mir ganz gleich!“ entgegnete John ſchluchzend—„ich... ich weine nicht! ich traure nicht,“ und dabei zog er ſein Taſchentuch hervor und wandte ſich ab. „John,“ begann George auf's Neue,„ich habe Dir ein Geheimniß zu vertrauen. O, wäreſt Du immer bei mir geweſen, dann hätte ſich vielleicht Alles anders ge⸗ ſtaltet... aber ich war allein, immer allein... und hatte Niemanden. Nun, bevor ich gehe, will ich in Deinen treuen Händen eine Sorge zurücklaſſen, die mich quälen würde, wenn ich ſie mit hinüber nehmen ſollte. Wiliſt Du mir verſprechen, John, eine letzte Pflicht für mich zu übernehmen und ein Vermächtniß zu erfüllen, ſobald ich geſchieden bin?“— Der Kranke dachte an ein Mädchen, dem er noch eine Schuld abzutragen und eine Botſchaft zu entrichten hatte, bevor ſein Mund ſtumm geworden. Aber es war für den guten John wirklich unmöglich, länger bleiben zu können, und wenn er auch ſeinen Aus⸗ weg durch das Fenſter, zwei Stockwerk hoch, hätte neh⸗ men ſollen.. „Ich will Alles verſprechen... Alles übernehmen. — Alles erfüllen... o ja!“ rief er verwirrt,„nur jetzt nicht! In einer Viertelſtunde, in zehn Minuten, in fünf Minuten—!“ Und dabei verſchwand er raſch aus der Thüre, und ging die Treppen hinunter, und in den Park, und ſetzte ſich an ſeinem äußerſten Rand, wo es ſchon dunkel war, kunter eine große Tanne. George blieb allein.— Der Sonnenſcho Wand bewegte ſich immer raſcher. Er ward imt zer. Er verwandelte ſich in mehrere Ringe, welch der dunklen Tapete auf und niedertanzten. Das Mes welches man durch die zurückgeſchobenen Vorhänge er⸗ blickte, war grau geworden, und der Fels, welcher in der Sonne geleuchtet hatte, war vom aufſteigenden Dufte des Waſſers verſchleiert. Die Luft hatte bereits jenen zwiſchen Grün und Blau ſchwebenden Ton ange⸗ nommen, welcher dem vollſtändigen Einbrechen der Som⸗ mernacht vorangeht, und eine wunderbare Abendſtille herrſchte in dem Gemache. Da ließen ſich haſtige Tritte von der Treppe her über den Flur vernehmen. War es John, welcher zu⸗ rückkehrte? Nein— es waren nicht die Tritte eines Mannes. Es waren leichte, unſichere, haſtig daher⸗ eilende Tritte, wie die einer Frau. Jetzt blieben ſie ſtehen. Sie ſchienen von einer Thür des Flurs zur andern zu huſchen. Jetzt waren ſie vor derjenigen ſei⸗ nes Gemaches angekommen. George's Herz, das arme, müde Herz, das nur noch leiſe und zögernd klopfte— begann lauter zu ſchlagen, als ob ſich etwas Großes, etwas Unerwartetes nahe. Er erhob ſich, langſam, zitternd, von ſeinem Seſſel, auf die Lehne deſſelben geſtützt. Die Thüre ward geöffnet. Ein Hauch der Abendluft wehte herein. Nur noch ein einziger Funken Abendroth tanzte an der dunklen Wand. Ein Mädchen trat herein, mit einem ſchwarzen Kleid von Wolſſtoff, welches an dem Saume zerriſſen war von Diſteln und Dornen, mit dunklen, verwilderten Haaren um den Straßenſängerin III. 8 Schuhen, welche weiß waren 1 Straßen⸗ Als das Mädchen eingetreten wa o den Kran⸗ Jeſehen hatte, welcher auf die Le des Seſſels ſtützt, in der Abenddämmerung des naches ſtand, warf ſie ſich mit dem Schrei„George ich habe Dich gefunden!“ in ſeine Arme, und er, indem er ſie leiden⸗ ſchaftlich an ſich preßte, ſank mit dem halb von Jubel und halb von der Schwäche ſeines Innern erſtickten Ausruf:„Annie! Du biſt es! Meine Annie!“ in den Seſſel zurück. So hatten ſich dieſe beiden Erdenpilger noch ein⸗ mal gefunden, welche müde waren von der kurzen Wan⸗ derung, die ſie gemacht; welche ſich nach einander ge⸗ ſehnt hatten mit der ganzen Fülle ihrer treuen und ſtarken Liebe— dieſer Liebe, welche mit dem erſten Finden beginnt und welche dieſſeits des Grabes nicht mehr endet— ach, dieſe Beiden, welche durch die Macht der Verhältniſſe von einander geriſſen, und durch eine feindliche Hand immer weiter von einander entfernt worden waren, um nun, am Ende ihrer einſamen und ſchmerzensreichen Laufbahn ſich noch einmal vor dem Abſchied auf Ewig zu ſehn.... George Meadows, er, der einſt ſo ſchön, ſo ſtolz und hochherzig geweſen, ein Sterbender und Annie Laurie——— Annie. Laurie hatte den Brief, welchen Walter in George's Auftrag an ſie geſchrieben, erſt am geſtrigen Tage erhalten. Mehrere Wochen lang hatte der Brief im Hauſe des alten Bill für ſie gelegen. Aber der alte Bill wußte Nichts mehr von Annie Laurie. Eines Ta⸗ ges war ſie gekoömmen mit einem verſtörten und ver⸗ 5 weinten Geſichte, und hatte dem alten Bill ein Beutel⸗ chen mit zehn Goldſtücken gegeben.„Ich weiß nicht,“ hatte ſie geſagt,„woher dieſes Geld iſt. Ich habe es in meiner Taſche gefunden. Anfangs war mein Ge⸗ danke, es fortzuwerfen, denn mein Herz quälte mich mit einer böſen Ahnung, als ob es von Demjenigen ſein könne, welcher.... Aber nein! dachte ich dann wieder, es iſt ja nur Das, um was Du den Himmel gebeten, vielleicht hat er Dich erhört. Nun braucht mein armes Kind nicht Hungers zu ſterben!“ Mit dieſen Worten hatte ſie das Geld dem alten Bill übergeben, während ſie an das Bett ihres Kindes trat, und es unter heißen Thränen küßte.— Einige Wochen ſpäter war ein Brief angekommen, welcher an den alten Bill adreſſirt war und den Poſtſtempel des Dorfes Trevynyr trug. Mit fiebriſch klopfendem Herzen hatte Annie den Brief an die Lippen gedrückt.„O!“ hat ſie ausgerufen,„wenn er mir Nachrichten brächte von ihm!“ Dann ward der Brief erbrochen und es fand ſich Nichts darin als zwei Banknoten, jede zu fünf Pf. St., in ein Papier ge⸗ ſchlagen, auf welchem geſchrieben ſtand:„Für Annie Laurie und ihr Kind!“ Wild erregt, wie der alte Bill ſie noch nie zuvor geſehen, war Annie Laurie aufgeſprungen und hatte das Papier zerknittert und zu Boden geſchlendert.„Ha!“ hatte ſie gerufen,„ſo hat meine böſe Ahnung mich nicht betrogen. Von ihm kommt das Grld— mit Geld denkt man mir meine Liebe, meine Treue und mein Unglück abzukaufen— kein Wort von ihm— kein Zeichen, kein Buchſtaben— nur Geld! Gut! magſt 8* — 116— Du das Geld für das Kind behalten,— das arme Geſchöpf iſt ja ſchuldlos— aber ich will kein Geld von ihm— meiner bedarf man nicht mehr— mein Name ſoll vergeſſen ſein— fort, fort!“ Und mit dieſen Worten war ſie aus dem Hauſe geſtürzt. Vergebens, daß der alte Bill ihr folgte, bittend, flehend, beſchwö⸗ rend— ſie war verſchwunden. Nach dem Hauſe, in welchem ſie bis dahin gewohnt hatte, kehrte ſie nicht zurück. Tagelang, wochenlang wartete der alte Bill auf ſie, aber umſonſt. Mehre Briefe mit Geld, ganz in der Weiſe des erſten, waren inzwiſchen wieder aus Trevynyr angekommen. Der alte Bill wußte in der That nicht, was er daraus machen ſollte. Hätte Annie Laurie Recht gehabt, daß George Meadows, zum Bewußtſein ſeiner Schuld erwacht und um ſein Gewiſſen zu beſchwichtigen, ihr heimliche Unterſtützungen zukommen ließe? Nein! — Die Seele des Alten ſträubte ſich dagegen. Für ſo niedrig konnte er ſeinen Herrn nicht halten. Er hatte den Glauben, daß George Meadows ſeine Treue nicht brechen könne und daß ſeine Unſchuld eines Tages offenbar werden müſſe—*er hatte den Glauben, daß diejenigen, welche er liebte, gut und tngendhaft ſein müßten, und er war doch nur ein armer Dienſtmann, vertrieben und verſtoßen wegen der Treue, die er ge⸗ halten.... Aber mehr noch beſchäftigte ihn ein anderer Gedanke; der Gedanke an Annie Laurie. Annie Laurie war nicht wiedergekommen. Annie Laurie blieb ver⸗ ſchwunden. Sie war ausgewandert aus dieſer Gegend von Lon⸗ don. Sie konnte es nicht mehr über ſich bringen, ihr Kind zu ſehen. Ein unüberwindliches Gefühl von Schaam trieb ſie fort aus ſeiner Nähe. Durch jene Geldſen⸗ dungen kam ſie ſich in innerſter Seele verletzt und be⸗ ſchimpft vor. Und doch konnte ſie dieſelben nicht ab⸗ weiſen. Hatte ſie nicht den Himmel in jener Nacht angerufen, ſich des hülfloſen Weſens anzunehmen? Nun war Hülfe gekommen— aber in einer Art, die ihr, wie ſie ſich einbildete, nur zu deulich zeigte, daß ihr Schickſal entſchieden ſei.„Nun iſt das letzte Band zerriſſen,“ jammerte ſie,„nun hat er mir Geld geſchickt, und ich habe es angenommen!“ Dann ging ſie in eine Gegend von London, wo Niemand ſie kannte,— weit hinauf in den Norden, wo die großen Fobriken ſtehen, und hier, als Arbeiterin, friſtete ſie kümmerlich ihr Daſein. Da— Wochen waren vergangen— klopfte es eines Morgens an der Thüre des alten Bill. Es war früher Morgen, vier Uhr. Das grüne Morgenlicht dämmerte über den ſtillen Straßen von London. Er⸗ ſchreckt fuhr der alte Bill aus dem Schlafe, erhob ſich, öffnete und ſah vor der Thüre— Annie Laurie ſtehn! In einem ärmlichen Kleide von ſchwarzem Wollſtoff ſtand ſie da, mit einem von Hunger und Kummer ab⸗ gezehrten Geſichte; und indem ſie ihre abgemagerten Händchen dem alten Bill hinſtreckte, ſagte ſie mit zittern⸗ der Stimme:„Ich konnte dieſe Nacht nicht ſchlafen, ich habe einen böſen Traum gehabt!“ Aber„Gott ſei Dank, daß Du wieder da biſt!“ ſagte der alte Bill, indem er mit feuchten Augen das arme Mädchen an ſeine Bruſt drückte und ſie dann mit ſich in das Haus ſührte Vielleicht giebt es eine Sympathie. Vielleicht iſt es doch nicht ganz ſo zufällig, wenn wir auf Einmal, mit⸗ ten in unſerem Tagewerk, die Hände ſinken laſſen und ernſt werden und an Perſonen denken, die weit von uns entfernt ſind— wenn wir des Nachts, mitten in unſren Träumen, die klagende Stimme eines Freundes, den Abſchiedsruf eines geliebten Mundes vernehmen... vielleicht giebt es eine Shmpathie zwiſchen Herzen, die ſich lieben, und eine geheime Seelenſtrömung, welche fühlbar wird in den äußerſten Momenten und Wende⸗ punkten des Lebens Entfernter, mit denen wir vereinigt ſind durch die Banden entweder des Blutes oder der Neigung. „Ich habe Dir eine gute Nachricht mitzutheilen,“ ſagte der alte Bill, nachdem ſie in das Stübchen ein⸗ getreten war.„Es iſt ein Brief angekommen aus Tre⸗ ohnhr— dießmal ein Brief für Dich, Annie! Mit dieſen Worten trat der alte Bill zu dem Schranke, aus welchem er einen Brief hervorholte, wel⸗ cher ſchon ſeit einigen Wochen da gelegen hatte. Mit welcher Freude der alte Bill dieſen Brief angeſehen hatte, Tag für Tag, und wie er nach den Nachrichten verlangte, die derſelbe nach ſeiner Meinung enthalten mußte! Denn es konnte ja nicht anders ſein— dieſer Brief mußte von George Meadows ſein, und ſein Glanbe, ſeine Zuverſicht, daß ſeines Herrn Unſchuld eines Tages an das Licht kommen werde, konnte ihn ja nicht getäuſcht haben!... Armer Bill! es war der Brief, welchen Walter in jener für ihn ſo entſetzlichen Nacht im Auftrage des ſterbenden George Meadows ge⸗ ſchrieben hatte!* — Gleichgültig, faſt apathiſch hatte Annie Laurie den Brief genommen und erbrochen. Aber wie veränderte ſich die Farbe ihres Geſichtes, als ſie die wenigen Zei⸗ len geleſen hatte, die er enthielt— wie ſprang ſie empor, Alles vergeſſend, was ſie bisher geduldet und gelitten— Schmerz und Kummer und Noth und Ver— zweiflung— Alles vergeſſend in dem einen Gedanken an ihn— und mit dem wilden Aufſchrei:„Er denkt noch mein! Er hat mich nicht vergeſſen!“— Dann ſetzte ſie hinzu mit geſteigerter Unruhe ihres Herzens: „Er iſt krank! Er will mich ſehen! Er will Abſchied von mir nehmen!— O Gott! er iſt vielleicht ſchon todt... Alter Bill! Du treuer Freund Keines Glücks und meines Unglücks— jetzt muß ich gehn! Jetzt muß ich reiſen! George ruft mich— ich höre ſeine Stimme — ich vernehme ſeine Worte... Ich komme, ich komme.“ Und Annie Laurie war gekommen. In der ärm⸗ lichen Tracht ihres ſchwarzen Kleides, welches zerriſſen war von der Haſt, mit der ſie ihren Weg gemacht, und bedeckt von dem Sand der heißen Straße, die ſie ge⸗ wandelt— mit beſtaubten Schuhen und verwilderten Haaren war ſie gekommen, den weiten Weg von Lon⸗ don nach Cheſter, die ſteinigten Pfade von Cheſter nach Aber, und in der Dämmerung dieſes Tages von Aber herauf die dunklen Heckengäßchen von Trevynyr... und ſo, während das edle und berühmte Haus der Ba⸗ rone Hazlewood von Trevynyr das Roſenfeſt feierte in der Halle, lag ſie, die Straßenſängerin von London, die verlorene und verlaſſene Bettlerin in den Armen George Meadows, ſeines ſterbenden Sohnes. — 120— Der letzte Funken des Abendroths an der Wand war erloſchen. Tiefe Dämmerung herrſchte im Ge⸗ mache; tiefes Schweigen. Feſt nur am Herzen George's ruhte Annie, und die Gewißheit ſich wieder zu haben und wieder vereinigt zu ſein, erfüllte die Gemüther Beider mit einer unausſprechlichen Wonne und einem himmliſchen Frieden. Keine heftige Erregung mehr. Kein Sturm der Empfindung. Ein leiſes Verklingen. Ein wunderbares Austönen. Er bengte ſich über ſie, die langſam an ſeinem Seſſel hingeſunken war. Er nahm ihren Kopf in ſeinen Schooß. Er ſtreichelte ihre Wangen. Er küßte ihre Haare Er weinte— ſeine letzten Thränen. Kein Wort ward mehr geſprochen. Kein Wort von der Vergangenheit. Keine Frage ge⸗ than; keine nach der Gräfin Erkisdale, deren Name einſt Annie's Herz ſo wild erregt. Die Vergangenheit, mit all' ihrem Leide, mit all' ihren Zweifeln, mit all' ihren Beſchuldigungen und Qualen war verſunken. Sie Beide fühlten, daß zwiſchen ihnen Nichts mehr ſtehe— Nichts als der Tod— Und was iſt der Tod für Liebende? Sie lebten einen Moment der Seligkeit,— einen Mo⸗ ment, wie er ſich nie wiederholen kann in dieſem armen, kurzen Menſchenleben, einen Moment, der ſie belohnte, für Alles, was ſie gelitten und ihnen eine ſchwache und vorübergehende Vorſtellung gab von der Vereinigung im Zenſeits, auf die ſie hofften— ohne daß ſie es wuß⸗ ten, ohne daß ſie es dachten. Zuletzt, leiſe, leiſe begann Annie Laurie zu ſingen. Sie ſang, halb wie im Traum. Sie träumte. Sie träumte von jener Nacht, wo George ſie hülflos, elend, verloren in dem Zwielicht des weichenden Dunkels ge⸗ funden, wo er ſie aus der Niedrigkeit der Straße zu dem kurzen und höchſten Glücke erhoben hatte, welches Sterbliche hienieden fühlen und erleben können. Sie drückte ihm leiſe, heimlich, wie im Schlafe, die Hand. Sie träumte und ſang: Maxwelton Wald iſt wonnig, Und wonnig iſt die Au; Und ſchön iſt Annie Laurie, Des Morgens früh im Thau. Des Morgens früh im Thau, Im erſten Morgenroth, Da ſchwur ich Annie Laurie Treu' Liebe bis zum Tod.— Ihr war, als ſpiele das erſte, das ewige Morgen⸗ roth ſchon um ihre Schläfen... Da ward die Thüre des Gemaches aufgeriſſen. Heller Kerzenglanz aus drei, vier großen, goldnen Arm⸗ leuchtern, von Dienern getragen, ſtrömte in das Gemach, welches eben noch voll war von Dunkelheit, Frieden und leis verklingendem Geſang; und eine Menge von bunt⸗ geputzten, fremden Menſchen, deren Geſichter erhitzt wa⸗ ren, ließ ſich am Eingange ſehen. Was war das? Sie hatten es nicht vernommen die Beiden, welche verſunken waren in die ſchönen Träume des Wiederſehns, daß viele und geräuſchvolle Tritte ſich genaht hatten; und plötzlich ſahen ſie ſich umgeben von den Gäſten, welche aus der Feſtfreude der großen Halle und mitten im trunkenen Geſange der Lady Jane aufgeſtört worden waren durch die Botſchaft, welche — 122— Jacques Patürot ihr gebracht. Er hatte die dunkle Ge⸗ ſtalt der Fremden durch das Portal des Schloſſes tre⸗ ten und in dem großen Flur deſſelben an ſich vorbeieilen ſehen; er war ihr heimlich nachgegangen, ſie war in dem Zimmer des Kranken verſchwunden, und er war nun ſeiner Sache gewiß, daß es niemand anders ſei, als das verhaßte Bettelweib, die Straßenſängerin von London. Und dieſe Nachricht war es, welche Lady Jane — gerade jetzt, ſie wußte nicht warum?— wie ein Donnerſchlag erſchüttert, welche ihr auf Einmal die Be⸗ ſinnung geraubt hatte, als drohe ein furchtbares Unheil— welche ihr klang wie die eherne Drommete des Schick⸗ ſals ſelber und welche darum die plötzliche Stockung brachte in ihren Geſang und den Jubel der großen Halle. Ihrer ſelbſt nicht mächtig, war ſie, die ſo lange und bis zu dem entſcheidenden Moment mit kalter Ruhe und vornehmer Gelaſſenheit den Gang der Erxeigniſſe be⸗ herrſcht hatte, auf dem Arme ihres Verlobten hinaus⸗ geſchwankt; und jetzt zum erſtenmal fühlte ſie ſich von der Gegenwart ihres Geiſtes verlaſſen— jetzt zum er⸗ ſtenmal überwältigt von der Schwäche, die uns Allen angeboren, und von der Furcht, die wir vor dem plötz⸗ lichen Eintritt des Unerwarteten empfinden— vor je⸗ nem gewaltigen Eingreifen einer höheren und unerbitt⸗ lichen Hand, welche uns zeigt, daß es außer uns und über uns noch ein Etwas gebe, unabhängig von der Macht unſrer Berechnung— einen Zufall, eine Vor⸗ ſehung, einen Gott— nennt es, wie Ihr mögt,— und daß es einen Zuſammenhang gebe zwiſchen der erſten Schuld noch ſo klèin, und dem großen Augenblick, wo die Rache mit ihrem furchtbaren Geſicht und ihrer eiſer⸗ nen Stirn uns gegenübertritt— unſern Weg hemmend, unſre Pläne zerdrückend, unſre ganze Zukunft mit einem Fußtritt, gegen den wir ohnmächtig ſind, zerquet⸗ ſchend... Das fühlte Lady Jane jetzt; und daß ſie es grade jetzt fühlte, hier am Ziele ihres Triumphes, gelehnt auf den Arm ihres Verlobten und umgeben von dem Glanze des Feſtes und dem Schwarme der Gäſte. das war vielleicht für diesmal der empfindlichſte Theil jener Rache, die ſie heute nur demüthigen wollte, die Stolze, die Trunkene, die Selbſtvergeſſene, welche noch eben im lauten Geſange die Thoren verhöhnt hatte, „denen Sorge die Zukunft noch macht,“— jener Rache, welche wollüſtig zuweilen, gleich einem Thrannen, in den Qualen, die ſie ihren Opfern bereitet, ihren letzten Schlag für ſie noch aufgeſpart hat. Die Gäſte, nachdem ſie ſich von ihrem erſten Er⸗ ſtaunen und Schrecken erholt— denn ſie wußten, als Alles der Thüre zugedrängt war, nicht, um was es ſich handle und waren, wie es in ſolchen Fällen geht, von einem blinden Gefühl der Furcht fortgeriſſen worden— hatten ſich langſam zurückgezogen und entfernt, da ſie bemerkten, wie wenig dieſer Anblick für die Angen von Fremden ſich eigne. Sie waren zurückgekehrt in die unteren Gemächer des Schloſſes, begleitet von Lord Hazlewood der ſich umſonſt bemühte, die frühere Hei⸗ terkeit des Feſtes fortzuſetzen. Eine düſtere Ahnung Deſſen, was ſich oben im Gemache des Kranken zuge⸗ tragen, beſchäftigte ſie und gab den letzten Stunden die⸗ — ſes froh begonnenen Tages etwas Unheimliches für Alle. Sam Slender und John Crawford waren geblieben. Lady Jane, umlodert von dem hellen Kerzenglanze der goldnen Armleuchter und geſtützt auf den Arm ihres Verlobten, ſtand vor ihrem Bruder und dem Mädchen, welches in ſeinem zerriſſenen und beſtaubten Bettlerge⸗ wande zu den Füßen des Kranken kniete. „Bringt mir dieſes Weib fort,“ war ihr erſter Aus⸗ ruf, als Lady Jane wieder ſo weit zu ſich gekommen, um ſprechen zu können.„Sie entweiht die Schwelle dieſes edlen und unbefleckten Hauſes.“ Jacques Patürot nahte ſich der Knieenden, welche ſtumm und flehend zu George emporſah, um den Befehl ſeiner Herrin auszuführen. Aber George erhob ſich. Er erhob ſich mit einer Kraft und Beſtimmtheit, als ob das Leben noch einmal voll und ganz zu ihm zurückgekehrt ſei; und indem er das Mädchen feſter an ſich drückte, rief er mit einer Stimme, in welcher die Bewegung beſſrer Tage zitterte: „Daß ſich Niemand unterfange, dieſes Wädchen zu be⸗ rühren! Sie iſt mein!“ 7 Jacques Patürot trat furchtſam Seite. Aber Lady Jane, von der Gewalt des Augenblicks, welcher ſelbſt ein Held unterliegt und nur ein Weiſer gebietet, weit über die Grenzen der Vorſicht und des Tactes, den ſie bisher bewahrt, fortgeriſſen, ſagte mit bebender Zunge: „Wie iſt es möglich, mein Herr, daß Sie ein Weib unter Ihren Schitz nehmen, dem Fn die Veru heit auf der Stirne lieſt und die den Tag der Ehre in einen Tag der Schmach verwandelt für Trevynyr⸗Hall!“ „Beſchimpfen Sie dieſes Mädchen nicht, Mylady!“ ſagte Georg mit einem Ernſte, der Allen, die das Wort hörten, Entſetzen einflößte.„Armuth und Elend ſind kein Grund, Jemanden verworfen zu nennen. Dieſes Mädchen aber habe ich mir erwählt, dieſem Mädchen habe ich Treue verſprochen, dieſem Mädchen habe ich Liebe gelobt, dieſes Mädchen iſt mein! Wer dieſes Mädchen beſchimpft, der beſchimpft mich— den Erben von Hazle⸗ wood und Trevynyr!“ „Es iſt unerhört!“ jammerte Lady Jane, indem ſie ſich von dem Arme Fitzroh's losmachte, auf welchen ſie ſich feſter geſtützt hatte.„Und wenn denn Niemand da iſt in dieſer Stunde, welcher den Muth hätte, die Ehre unſeres Hauſes gegen ſolche Läſterungen zu vertheidigen, ſo laßt mich„ Und dabei näherte ſie ſich dem Seſſel, an welchem George Meadows aufrecht ſtand, und dem Mädchen, bereit die Hände deſſelben zu ergreifen. Der Zorn hatte ihre Wangen gefärbt und es war, als ob ihr röthlich goldenes Haar flamme. Aber George wehrte ſie ab. „Berühren Sie dieſes Mädchen nicht, Mylady!“ ſagte er.„Die Hände dieſes Mädchens ſind rein— die Hände dieſes Mädchens ſind nicht befleckt von dem Blut eines Kindes, über deſſen Leiche der Weg zum zweiten Traualtare geht— ich möchte nicht, daß Ihre Hände die Hände dieſes Mädchens berührten...“ Alle, welche Dieſes hörten, fühlten ein unſägliches — 126— Entſetzen. Aber die Augen Lady Jane's funkelten wild und rachſüchtig, wie die einer Furie und mit bebenden Lippen rief ſie: „Er iſt wahnſinnig!“ Und in der That— die Verwirrung ſeines Geiſtes, welche für einige Zeit gewichen war, kehrte wieder, um die letzten Momente dieſes armen Dulders zu beſchatten. Aus Schatten ſollte er in Schatten niederſteigen. Aber furchtbare Dinge entſtrömten ſeinen Lippen, als der letzte Wahnſinn das Siegel von denſelben löſte, welches bis⸗ her auf ihnen geruht. Aufrecht ſtand er da, und das Mädchen zu ſeiner Seite dicht an ſich preſſend rief er, indem ſeine Augen wirr wurden und Schaum vor ſei⸗ nen Mund trat: „Lady Jane, gehen Sie nicht! Lady Jane, bleiben Sie! Ich habe Ihnen noch ein Wort zu ſagen— noch ein Wort des Abſchieds auf Ewig. Sie ſind es ge⸗ weſen, die dieſes Mädchen, welches ich geliebt habe, von mir riſſen— Sie ſind es geweſen, die mich un⸗ glücklich machten und dieſes Mädchen auch— Sie ſind es, die mich haßten und die aus Haß gegen mich dieſes Mädchen zertreten haben und mich dazu. Ich muß nun gehen— ich fühle es— aber ich laſſe Ihnen dieſes Mädchen zurück“— und dabei legte er, wie zur furcht⸗ baren Schickſalsweihe ſeine Knochenhand auf das Haupt der noch inimer Knicenden...„Der Erbe von Trevy⸗ uhr ſcheidet aus der Halle ſeiner Väter, und Sie, Mh⸗ lady, haben nun erreicht, was Sie erreichen wollten... O ſchmücken Sie ſich nur mit dem Roſenkranz der gro⸗ ßen Viscounteß, Sie werden bald das Krönlein mit — 127— ſechszehn Perlen hineinflechten... Aber dieſes Mädchen, das ich Ihnen zurücklaſſe, wird der Fluch Ihres Lebens ſein— und eine Wolke zieht herauf, und aus dem Dunkel der Wolke wird Ihnen dieſes Mädchen eines Tages entgegentreten... und eine Schuld laſtet auf dem Hauſe Hazlewvod,— Wehe! Wehe! und in die Nacht des Verhängniſſes wird das erlauchte Haus Hazlewvod ſelber verſinken, auf Ewig und keine Erbe von Hazlewood wird nach mir ſein in der ſtolzen Halle von Trevynyr!...“ Dieſe letzten Worte, welche der Kranke mit dem Ton und Ausdruck eines Propheten geſprochen— denn das Schickſal hat es oft geliebt, ſich der Lippen zu be⸗ dienen, welche der Wahnſinn geheiligt— machten einen niederſchmetternden Eindruck auf die Verſammelten. Der Major aber, an deſſen Seite Lady Jane faſt beſinnungs⸗ lon niedergeſunken, konnte den Anblick nicht länger er⸗ tragen. Er näherte ſich dem Mädchen, welches ſich er⸗ hoben hatte, nachdem der Kranke erſchöpft von dem Fluche, den er ausgeſprochen, die zitternde Hand von ihrem Haupte entfernt. Das Mädchen ſah ihn an, in⸗ dem er ſich ihr nahte, mit jenen furchtbaren Augen, die ihn einſt ſo ſehr aus der Faſſung gebracht, als ſie, im Salon der Lady Jane ſich zum erſtenmale zu ihm er⸗ hoben hatten. Aber nicht zum zweitenmale ſollte ihm das Gleiche begegnen. Schwankend zwiſchen einer un⸗ bekannten Art von Trauer, indem er das Mädchen be⸗ trachtete, und vor Wuth, daß ſie ſolch' eine entſetzliche Macht über ihn hätten, überwand er das heftige Ban⸗ gen, welches ſeine Seele vor dieſen Augen empfand, als ob ſie entſcheidend werden könnten für ſein Schickſal; und mit dem Entſchluſſe ſich jetzt mit Einemmal und für Immer von ihrem entſetzlichen Zauber loszumachen, er⸗ griff er die Hand des Mädchens und zerrte ſie gewalt⸗ ſam von dem Seſſel fort, an welchen ſie ſich klammerte, und fern in den öden Räumen des Schloſſes verhallte ihr klagender Hülferuf:„George, George.“— George hörte ihren Ruf nicht mehr. Die letzte Flamme des Lebens loderte in wildem Wahnſinn in ihm auf. „Hurrah! meine Freunde,“ rief er, als er Sam Slender und John Crawford erblickte, nachdem der Major und das Mädchen und Lady Jane das Gemach verlaſſen hatten.„Hurrah— nun wollen wir noch ein Feſt feiern, bevor wir auseinander gehen... Kommt, gebt mir die Hand... Warum zögerſt Du, John? Wir wollen noch eine Flaſche Wein leeren, bevor wir uns trennen... Wohin ſollen wir gehn, Sam? Kommt, wir wollen in das Café de la Regence gehen... Dort ſteht es, auf der Höhe des Hahmarket... Seht Ihr, wie die Fenſter leuchten? Hört Ihr, wie die Gläſer klingen, und wie der Dudelſack ſchwirrt von draußen? Kommt, kommt... Wärter, eine Flaſche Champagner... Sechs Gläſer, drei für uns, drei für die bleichen Fran⸗ zöſinnen... Aber nein! ich darf nicht länger bleiben. Hört Ihr nicht, wie ſie ruft? Hört Ihr nicht, wie ſie ſingt?... Dort, unter den Säulen rechts am Wege vor den dunklen Häuſern von Lower⸗John⸗ſtreet. Ich komme, Annie Laurie— ich komme— ich bin ſchon da.. der Tag graut... dort iſt das Morgen⸗ — roth.. wir wandern in's Morgenroth. o, ſinge noch einmal das Lied, indem wir wandern: Des Morgens früh im Thau, Im erſten Morgenroth, Da ſchwur ich Annie Laurie, Treu' Liebe bis zum Tod. Dies waren die letzten Worte, welche George Mea⸗ dows, der Erbe von Trevynyr, ſprach.„Treu' Liebe bis zum Tod“ hatte er ihr gehalten, und mit dieſen Worten auf den Lippen war er in die Cwigkeit hinüber⸗ gegangen. Mit Thränen in den Augen kniete Sam Slender an dem Seſſel, in welchem der Todte ruhte. John Crawford aber in ſeiner Herzensangſt vor dieſem größ⸗ ten und letzten Abſchied, welchen man im Leben über⸗ haupt nehmen kann, war zum zweitenmal hinuntergeflo⸗ hen in die düſtre Einſamkeit des Parkes. „ In ſpäter Stunde, als die Gäſte längſt ſchon in tiefem Entſetzen das Schloß verlaſſen hatten, in welches ſie am heitern Sommermorgen des Feſtes ſo fröhlich eingezogen waren, trat Lady Jane in die große Halle. Unter den verlöſchenden Lichtern derſelben ſaß Major Fitzroy. Er hatte ſchon lange daſelbſt geſeſſen, ſein Auge ſtarr und unbeweglich auf einen goldenen Reifen geheftet, welcher ihm, beim Ringen mit dem verzweifel⸗ ten Mädchen, als er ſie in die Nacht hinausſtieß, in den Händen zurückgeblieben war. Eine Kapſel des Gold⸗ reifens hatte ſich, als er wieder in das Licht getreten Straßenſängerin III. 9 — war, geöffnet, und von einem eigenthümlichen Vorgefühl ergriffen, war er in die einſame, verödete Halle gegangen, um dort die Worte zu leſen, die auf der Fläche der Kapſel eingegraben waren.„Gedenke mein!“ weiter war da Nichts zu leſen geweſen. Aber ihm war, als rief eine Stimme aus dem Grabe„Gedenke mein!“ Er erkannte den Ring wieder, den er einſt, vor langen Jahren der Unglückſeligen gegeben, die ihn bis in ihren Tod getragen.„Gedenke mein!“— die ganze Ver⸗ gangenheit, die er begraben glaubte, rührte ſich bei die⸗ ſen ſchrecklichen Worten wieder und zum erſtenmal ſeit langer Zeit dachte er ihrer, deren gebrochenes Leben und frühzeitiges Ende wie eine ungeſühnte Schuld auf ſeiner Seele laſtete. Jetzt, als ob ſie da aus dem Bo⸗ den herausgeſtiegen ſei, ſtand ſie vor ihm, wie ſie da⸗ mals vor ihm geſtanden hatte, an dem Abend, wo ihre Thränen floſſen und wo ſie geſagt hatte:„ich fühle, daß Du nicht wiederkommen wirſt“— und wo er ge⸗ gangen und nicht wiedergekommen war... Sie ſtand vor ihm, wie ſie— ein Schemen, ein Gebilde ſeiner erregten Phantaſie und ſeiner Träume— vor ihm geſtan⸗ den in den düſtern Viſionen des Geſpenſterhauſes, mit dem Kind auf dem Arme, welches ſeine Händchen nach ihm ausſtreckte. Und jetzt auf einmal, indem dieß„Ge⸗ denke mein!“ einer Todten in ſeiner Seele brannte, kam auch ein plötzlicher Zuſammenhang in die Blicke jener furchtbaren Augen, die nun ſo oft ſchon ſeinen Lebensweg gekreuzt hatten. Die Augen jener Alten, die er im Geſpenſterhaus von London geſehn— die Augen des Mädchens, welches er eben erbarmungslos von dem 3 Herzen eines Sterbenden losgeriſſen— es waren die⸗ ſelben Augen, die damals von dem kurzen Schimmer des Glücks und der Liebe beſeligt, ſo träumeriſch hold auf ihm geruht hatten... es waren die Augen Flory Wellman's, die er geliebt und verlaſſen hatte und die geſtorben war aus Kummer... und jene Alte war die Mutter Flory Wellman's und jenes Mädchen... ihn ſchauderte vor dem Gedanken.. Lange darum, nachdem Lady Jane zu ihm gekommen war— in Weiß, mit einer Lampe in der Hand, wie Lady Macbeth— und nachdem ſie ſeine Schulter mit der Hand berührt und gefragt hatte:„was ihm ſei?“ hatte er keine Antwort gegeben, immer bleich und unverwandt auf den Ring und das„Gedenke mein!“ ſtarrend. Endlich, ſich langſam erhebend, ſagte er:„Das Mädchen, welches Ihr Bruder von der Straße aufge⸗ nommen und geliebt hat, iſt die Tochter Florh Well⸗ man's. Das Mädchen, welches dieſen Ring, indem ich ſie zur Thüre hinausſtieß, in meinen Händen zurückge⸗ laſſen hat, iſt meine Tochter!“ Dann gingen Beide.— Stille ward es in der Halle von Trevynhr. Die Lichter waren verlöſcht.— 9* Siebentes Capitel. Der ſehr Ehrbare, der Tord Mayor von Tondon ſitzt zu Gericht. Unſre Geſchichte kehrt nach London zurück.— Aus der Stille der Landſchaft und dem eintönigen Gemur⸗ mel der Wogen am Meeresſtrand begeben wir uns in die Mitte der Stadt und in den hochgehenden Strom ihres Lebens, in ihr vollſtes Gedränge und ihren lau⸗ teſten Lärm. Es iſt ein trüber Herbſttag. Es iſt Mit⸗ tag. Wir ſind in der City von London.— Die Cith von London!— Uns klopft das Herz, indem wir dieſes Wort niederſchreiben, und des Lebens, der Pracht, des Reichthums und der Herrlichkeit geden⸗ ken, welche es mit ſeinen wenigen Buchſtaben umſchließt. Wir ſehen ſeine alten und ehrwürdigen Gebäude. Wir hören den Schritt von Hunderttauſenden. Wir ſehen die Dächer der Omnibuſſe, die Köpfe der Menſchen und der Pferde, wie eine coloſſale Meereswoge in Bewegung und zu beiden Seiten, wie mächtige Ufer, die Kauf⸗ häuſer, ſchwarz und weiß von Ruß und Regen— die Schaufenſter, die Shawls, die Goldſachen, die Juwelen — und hoch darüber die Kuppel von St. Paul's.— Aber wir können nicht ſtehen bleiben in dieſem un⸗ aufhaltſamen Strom von Menſchenſchaaren, Wagen und Pferden; wir werden fortgeriſſen und machen endlich Halt auf einem großen Platze und vor einem großen Gebäude, gegenüber der Börſe und der Bank von Eng⸗ t land. Dieſer Platz, in welchen alle Hauptſtraßen der Cith münden, iſt der Mittelpunkt der City; und dieſes Gebäude iſt das Manſionhouſe, das Stadthaus von London und die Reſidenz ſeines oberſten Magiſtrats.— In dieſem Gebäude— umbrandet von dem unauf⸗ hörlichen Toſen, welches ſich gleichmäßig an den Grund⸗ mauern deſſelben bricht, umgeben von den glorreichen Erinnerungen der Vergangenheit und den ſtolzen Mo⸗ numenten der gegenwärtigen Größe Londons— mitten in ſeinem Reichthum und ſo zu ſagen in dem Centrum ſeines Weltverkehrs, ſitzt, an mehreren Tagen der Woche der ſehr Ehrbare, der Lord Mayor von London zu Gericht.— Wir, die wir fremd ſind in London, mögen wol lächeln, wenn wir dieſen Oberbürgermeiſter von London, welcher von Jahr zu Jahr gewählt wird aus den Al⸗ dermen oder Räthen der Stadt, mit feierlichem Gepränge, am 9. November in einer wackeligen vergoldeten Kutſche, die mit Sechſen beſpannt iſt und gefolgt wird von den Eity⸗Beamten und Cith⸗Gewerken im alterthümlichen Anzug, unter Muſik und dem Geläute der Glocken von St. Paul's aus ſeiner Reſidenz nach Weſtminſter ziehen oder ihn in einer Staatsbarke von Weſtminſter nach Blackfriars auf dem Strome zurückfahren ſehen. Aber eine ehrwürdige Erinnerung an die Zeiten, die geweſen, iſt damit verbunden für jeden Londoner; und ſein Herz ſchwillt von gerechtem Stolze, wenn er die Banner der ehrbaren Zünfte und Gilden von London über dem Zuge flattern und das Schwert der City vorbeitragen ſieht. Ein anderes Band, als bei uns, gleicherweiſe ge⸗ heiligt durch die Vergangenheit und die Treue, mit welcher jedes engliſche Herz daran feſthält, verbindet dieſen Ober⸗Bürgermeiſter mit ſeiner Stadt; und eine Weihe, ähnlich der eines Patriarchen, umgiebt ſeine Perſon. Er iſt wirklich noch der Vater der Stadt, und gekleidet in die hergebrachte Tracht früherer Jahrhunderte nimmt er den Richterſtuhl in ſeiner Reſidenz, dem Manſion⸗Houſe, ein, um über ſeine Kinder Recht zu ſprechen, ihre Streitigkeiten unter einander zu ſchlichten, ihnen Rath zu ertheilen, wenn ſie deſſelben bedürfen, ihnen Troſt zu ſpenden, wenn ſie ein unverdientes Loos getroffen, ſie der öffentlichen Barmherzigkeit zu empfeh⸗ len, wenn ſie derſelben werth erſcheinen.— Dieſes iſt ſein Amt, wenn der Lord Mahor von London zu Gerichte ſitzt; und an einem ſolchen Tage, wo die große Treppe vor dem Manſion⸗Houſe zu wim⸗ meln pflegt von Menſchen aller Claſſen, iſt es, wo wir daſſelbe betreten. Es iſt ein trüber Herbſttag. Die Luft iſt kalt, feucht und traurig.— Es iſt Mittag.— Wir drängen uns durch die Menſchen, welche auf der Treppe des Manſion⸗Honſe, von der unterſten Stufe bis zur ober⸗ ſten, ſtehen. Ein alter Mann mit einem weißen Haupte, welches bedeckt iſt mit einem ſchwarzen Sammetkäppchen, in der Kleidung des Dieners eines vornehmen Hauſes — blauer Rock mit rothem Kragen und Goldbeſatz— frägt uns, wohin wir wollen. Er iſt der offizielle Die⸗ ner des Lord Mahors; und er zeigt uns den Weg auf unſer Wort, daß wir der Gerichtsſitzung deſſelben bei⸗ wohnen möchten. Wir treten in ein düſtres Hinterzim⸗ mer. Es iſt heut überall düſter in London. Wir tre⸗ ten an ein niedriges Gitter, welches umgeben iſt von Frauen aus den niederen Ständen, in ſchmutzigen Um⸗ ſchlagetüchern und ſchwarzen Hüten, aus denen die Fiſch⸗ beinenden hervorſtehen, von einigen Männern und halb⸗ erwachſenen Mädchen. Mädchen und Frauen bilden den Hauptbeſtandtheil der Zuhörer.— Hinter dem Gitter iſt zunächſt links ein erhöhter Stand, wie eine Art von kleiner Kanzel, welcher„Dock“ genannt wird, für den Angeklagten. Gegenüber, rechts, hinter einem langen Tiſche, ſitzen die„Reporters“ der Zeitungen von Lon⸗ don, deren Berichte am andern Morgen erſcheinen. Im Mittelgrunde, unter dem Fenſter, im ſchwarzen Mantel mit weißen Bäffchen und einer gepuderten Allongeper⸗ rücke um den Kopf ſitzt der ſehr Ehrbare, der Lord Mayor von London, und neben ihm ſein„Clerk,“ oder Secretair, welcher das Protokoll führt. Ein feierliches Schweigen herrſcht in dieſem Gerichts⸗ hof, noch eindrücklicher gemacht durch das düſtere Tages⸗ licht, welches durch die hohen Fenſter vom Hintergrund hereinfällt. Es iſt ein ernſter Fall, welcher heute ver⸗ handelt werden ſoll; ſolch' einer, wie er das Gemüth eines Zuhörers nicht unerſchüttert laſſen kann. Vor dem Lord Mahor ſteht ein Policeman. Den ſchwarzen oben mit Wachstuch beſetzten Filzhut hält er in der Hand. Unter ſeinem dunkelblauen Frack von ſtarkem Tuche trägt er einen Kautſchukkragen, welcher bis zur Hüfte niederreichend, Arm und Schultern des⸗ ſelben gegen den rieſelnden Herbſtnebel ſchützt, wenn er auf Wache iſt. Um das Handgelenk des rechten Armes — 136— trägt er die weiß⸗ und ſchwarzgeſtreifte Dienſtbinde mit dem rothen Kreuz der Cith, und in dem Stehkragen ſeines Frackes findet ſich, mit Silberfäden eingeſtickt, die Zahl 341. Er gehört zur City⸗Polizei, welche eine eigne Diviſion bildet, unterſchieden von den achtzehn übrigen Diviſionen, in welche die Metropolis zur Handhabung der Polizei, mit genauer räumlicher Abgrenzung des je⸗ desmaligen Gebiets eingetheilt iſt. Jeder Policeman hat ſeine beſondere Nummer, mit welcher er amtlich bezeich⸗ net wird. Die übrigen Diviſionen haben jede ihren Buchſtaben und ihre Nummern(z. B. A. 171 bezeich⸗ net einen ganz beſtimmten Polizeimann von der Weſt⸗ minſter⸗Diviſion); die Cith⸗Polizei aber hat nur ihr rothes Kreuz auf weißem, herzförmig geſtalteten Grunde und ihre Zahl. Jede Polizei⸗Diviſion hat ihr beſonde⸗ res Polizei⸗Gericht. Dasjenige der Cith⸗Diviſion iſt das Manſion⸗Houſe. Der Clerk, nachdem er ſeine Feder niedergelegt und ſich mit dem Protokoll erhoben, lieſt: „Nr. 341 von der City⸗Polizei iſt erſchienen, um Bericht zu erſtatten über den Verſuch zu einem Selbſt⸗ morde, welcher durch ſeine Dazwiſchenkunft verhindert worden iſt.“ Der Clerk nimmt ſeinen Sitz wieder ein, und der Lord Mayor fordert den Policeman auf, ſeinen Bericht zu erſtatten. 2 „Geſtern Nacht,“ ſo beginnt dieſer,„etwa gegen zwölf Uhr, als ich auf der Wache war in Bridge⸗ſtreet, in der Nähe von Blackfriars⸗Brücke, ſah ich ein Mäd⸗ chen an mir vorübergehen, welches raſch durch die men⸗ — ſchenleere Straße eilte, aber nur ſchlecht gegen die Witterung verhüllt ſchien und mir zuerſt durch ihren Anzug auffiel. Der Fluß tobte und der Wind, wenn er durch die Straßen ſtrich, jagte das Gas in den La⸗ ternen. Der Anzug des Mädchens war ſehr verwil⸗ dert. Ihre Schuhe waren von Staub bedeckt, wie von einer weiten Wandrung, und zerriſſen. Sie trug keine Kopfbedeckung. Alles dies erregte zuerſt meinen Ver⸗ dacht. An dem Eingang zu der Brücke blieb ſie ſtehen. Dieß war ein zweiter Grund, der mich auf⸗ merkſam machte. Ich machte daher nach dieſer Rich⸗ tung einige Schritte vorwärts. Das Mädchen aber, als ſie merkte, daß ſie beobachtet werde, ſetzte ihren Weg über die Brücke fort und verſchwand in der Dun⸗ kelheit derſelben. Nachdem ich etwa fünfzehn Minuten vergeblich darauf gewartet hatte, entweder daß ſie wie⸗ derkommen oder ein anderweitiges Zeichen von ſich geben ſolle, kehrte ich zu meinem Platze, oberhalb der Brücke, zurück. Aber ein eigenthümliches Gefühl, welches mich heunruhigte, zwang mich, der Brücke noch einmal näher zu gehen und ich ſtellte mich unter die dunkle Thür von de Keyhſer's Hötel, welches hier, dicht am Waſſer, ſteht. — Und nun auf Einmal ſah ich das Mädchen zurück⸗ kommen. Sie blieb wieder einen Augenblick an dem Eingange der Brücke ſtehen, dieſesmal aber offenbar in der Abſicht, um ſich zu überzengen, ob ſie noch beobachtet werde oder nicht. Ich gab mir daher die größte Mühe, mich in meinem Verſteck nicht zu verrathen, und das Mädchen, nachdem ſie Niemanden mehr gewahrte, der ſie in ihrem Vorhaben ſtören könne, ſetzte ſich auf's — 138— Neue in Bewegung. Ich bemerkte, wie ſie einen Durch⸗ gang ſuchte zu der Treppe, welche von hier zum Fluſſe niederführt; und nachdem ſie ihn gefunden, durch den⸗ ſelben zu der Treppe zu gelangen ſuchte. Nun hielt ich es für meine Pflicht, ſie nicht mehr aus dem Auge zu laſſen und ihr auf dem Fuß zu folgen. Ich benutzte daher denſelben Durchgang, durch welchen ſie ihren Weg zu der Treppe genommen, und geſchützt von der Dunkelheit, die hier unten meine Geſtalt verbarg, ſo wie von dem Winde, welcher meine Schritte für ſie unhörbar machte, kam ich faſt zu gleicher Zeit mit ihr an dem Strande des Fluſſes an. Hier war es ganz dunkel; und wär'es nicht um ihr flatterndes Kleid geweſen, ſo würde ſie mir vielleicht ganz entſchwunden ſein. Sie blieb einen Augenblick am Rande des Waſſers ſtehen, welches finſter und eiſig kalt an ihr vorüberſtrömte. Dann kniete ſie nieder und mit einer Stimme, welche ich deutlich durch das Sauſen des Windes vernehmen konnte, rief ſie:„George ſei bei mir in dieſem letzten Augenblick! George, ich komme— ich komme!“ Und mit dieſem Worte ſprang ſie in den Fluß...“ Ein lautes Schluchzen wird gehört im Gerichtsſaal des Manſion⸗Houſes. Kein Auge im Zuſchauerraum iſt trocken. Der Lord Mayor aber erhebt ſeine Stimme und ſagt:„Es ſcheint mir, als ob Liebe der Grund dieſes ſündigen Verſuches zur Zerſtörung des eigenen Lebens geweſen. Aber es iſt nicht recht, Hand an ſich zu legen; es iſt dieß gleicherweiſe verboten durch gött⸗ liches wie menſchliches Geſetz. Das Leben iſt ein Gut, welches uns gegeben worden durch unſren himmliſchen — 139— Schöpfer; und es wegwerfen, ſei es aus Trotz oder Verzweiflung, iſt eine Verſündigung gegen die ewig währende Güte und Vorſehung deſſelben. Aber fahret fort,“ wendet ſich der Lord Mayor an den Policeman. „Als ich das Geräuſch ihres Sprunges und das dumpfe Zuſammenſchlagen der Wogen über ihrem Haupte vernommen, beſann ich mich nicht, unverzüglich in das Waſſer zu eilen, der Richtung folgend, welche mir das Gehör als diejenige bezeichnete, in welcher das Mädchen geſunken ſein mußte. Ich kam bis an die Bruſt in's Waſſer, ohne daß ich Hoffnung gehabt hätte, ſie noch retten zu können. Da jedoch ſchlug eine Welle zurück und hob das Haupt der Geſunkenen aus der Tiefe em⸗ por. Ich war ſo glücklich, mit dem erſten Griffe der Hand ihr Haar zu erfaſſen, und an ihrem Haar zog ich ſie aus dem Waſſer zurück an den Strand des Ufers Ein Gemurmel des Beifalls macht ſich vernehmbar unter den Zuſchauern im Manſion⸗Houſe. Der Lord Mayor aber ſagte zu dem Policeman gerichtet:„Ihr habt gehandelt wie ein Ehrenmann und der Beifall Eures eigenen Herzens, unendlich mehr werth als die Anerkennung, welche Euch Eure Vorgeſetzten und das Publikum ſpenden können, wird Euer dauernder Lohn ſein für dieſe That. Seinem Nebenmenſchen die hülf⸗ reiche Hand reichen, wenn er in Elend iſt, oder ihn zu⸗ rückhalten von einem Verbrechen, zu welchem ihn die ſündhafte Verzweiflung an der Vatergüte unſres himm⸗ liſchen Schöpfers getrieben, dieſes iſt eine Pflicht, welche wir Alle haben, und durch ihre Erfüllung erwerben wir — 140— uns den Anſpruch darauf, gute Menſchen genannt zu werden. Habt Ihr Euch den Namen des unglücklichen Mädchens geben laſſen?“ „Sie weigerte ſich, ihn mir zu nennen. Sie wei⸗ gerte ſich überhanpt, irgend eine Auskunft zu geben. Das einzige Wort, welches ich von ihr hörte, war, nachdem ich ſie gerettet, der Ausruf:„Warum habt Ihr mir das gethan?“ Darauf, als ich ihr erwidert, daß es ein ſündiges Vorhaben geweſen, an deſſen Aus⸗ führung ich ſie gehindert, verſtummte ſie, ließ ſich ohne den leiſeſten Widerſtand von mir verhaften und folgte mir ſchweigend und mit geſenktem Haupte nach der Polizei⸗Station, wo man ihr andere Kleider gab ſtatt derjenigen, welche von dem Themſewaſſer ſchmutzig und durchnäßt waren. Aber ſie ſprach kein Wort mehr. Sie gab keine Antwort. Sie nahm keine Speiſe. Sie ſaß, in ſich gekauert, aber ohne zu ſchlafen, auf der Bank, welche man ihr in dem Zimmer der Polizei⸗ Station angewieſen.“ „Werdet Ihr ſie wiedererkennen, wenn man ſie Euch gegenüberſtellt?“ iſt hierauf die Frage des Lord Mayors. „Ich denke, daß dieſes der Fall ſein wird, Mhlord,“ erwidert der Policeman; worauf der Lord Mahor den Befehl ertheilt, die Angeklagte heraufzuführen. Innerhalb des Saales, dicht am Gitter, öffnet ſich im Boden eine Fallthüre. Der Raum der Angeklagten befindet ſich unterhalb des Saales und unter der Erde. Auf einer kleinen Treppe ſteigen ſie von dort herauf. Ein Mädchen ſteigt die Treppe aus dem Dunkel — 141— herauf, mit bleichen Wangen, bleichen Lippen und dunk⸗ len, lebensmüden Angen. Sie trägt ein ſchwarzes Woll⸗ kleid von ſchlechter Beſchaffenheit und ein ſchwarzes, kurzes Mäntelchen darüber. Sie geht langſam und ge⸗ beugt. Ihr Geſicht iſt auf den Boden geheftet. Ein halbunterdrückter Ausruf der Theilnahme, des Erbarmens läuft durch den Zuſchauerraum bei ihrer Erſcheinung. Plötzlich gellt von der Eingangsthür her ein Schrei. Ein altes Weib, welches bis dahin unter der Thüre geſtanden, verſucht durch die Menge vorzudringen nach dem Gitter. Man leiſtet ihr Widerſtand. Es giebt einen kleinen Lärm. Der Diener des Lord Mayors in dem Sammetmützchen und dem kleinen Rock mit Roth und Gold ermahnt zur Ruhe und für eine Weile iſt die Ordnung wieder hergeſtellt, während die Angeklagte, ge⸗ ſenkten Hauptes, den erhöhten Stand betritt, den man ihr angewieſen. Der Lord Mayor, als er dies Mädchen ſieht, wel⸗ ches noch ſo jung und trotz der Spuren langer und tiefer Leiden noch ſo ſchön iſt, kann ſich eines mitleidi⸗ gen Gefühls nicht erwehren. Mit väterlicher Betrüb⸗ niß ruht ſein Auge auf der gramgebeugten Geſtalt in Schwarz und indem er ſich an ſie wendet, ſagt er mit einem ernſten aber milden Tone: „Mein Kind! Sie ſtehen auf dem Platze der Ange⸗ klagten, obgleich Ihr leiderfülltes Auge und Ihr kum⸗ mervolles Geſicht dafür zu ſprechen ſcheinen, daß Ihre Seele zu empfindſam und Ihr Herz zu weich ſeien, um mit Vorbedacht etwas Böſes zu vollführen. Gewiß, Sie ſind deſſen unfähig, ſich gegen Ihre Mitmenſchen zu vergehen. Aber es giebt auch Pflichten, die wir ge⸗ gen uns ſelber haben; und die erſte Pflicht, die wir haben, iſt unſer Leben nicht als unſer Eigenthum, ſon⸗ dern als ein uns vom himmliſchen Vater anvertrautes Gut zu betrachten, welches Er uns gegeben, und wel⸗ ches Er allein uns wieder nehmen und abverlangen kann. Gegen dieſe Pflicht, mein Kind, waren Sie im Begriff ſich zu verſündigen. Sie ſtehen hier, angeklagt des Verſuchs zum Selbſtmord.— Iſt dieſes das Mädchen,“ fragt der Lord Mahor hierauf den Policeman,„welches ſich geſtern Nacht unter Blackfriarsbridge in die Themſe ſtürzte und welches Ihr daraus gerettet habt?“ „Sie iſt es, Mylord,“ erwidert der Policeman. „Ein ſchweres Verbrechen,“ fährt der Lord Mahor, wieder zu dem Mädchen gewandt, fort,„war es, wel⸗ ches Sie zu begehen im Begriffe ſtanden. Ich bitte Sie nun, mein Kind, Vertrauen zu mir zu faſſen, als zu einem väterlichen Freunde, welcher es wohl mit Ihnen meint, und mir offene und ehrliche Antwort zu geben auf alle Fragen, die ich an Sie zu richten habe. Denn ich ſitze heut nicht hier als Ihr Richter— Ihr Richter iſt Derjenige, der über uns Allen thront; und Sie mit dieſem, welchen Sie durch Ihr Vorhaben er⸗ zürnten, wieder auszuſöhnen: das iſt der Grund, warum ich heute hier ſitze, warum Sie heute vor mir ſtehen.“ Das Mädchen ſteht noch immer mit geſenktem Haupte— bleich, froſtzitternd, ſcheinbar theilnahmlos für die guten Worte, die an ſie gerichtet worden, ſo wie für Alles, was um ſie vorgeht. — 143— „Sie haben ſich geſtern geweigert,“ beginnt der Lord Mayhor auf's Neue,„Ihren Namen zu nennen, als der Policeman Sie um denſelben befragte. Ich * hoffe, Sie werden ſich nicht weigern, ihn mir zu nennen, wenn ich Sie darum befrage. Denn wenn Sie Eltern haben oder Anverwandte oder irgend Jemanden, den es geſchmerzt haben würde, wenn Ihr unſeliger Plan ge⸗ lungen, ſo wird es ihn glücklich machen, daß Sie ge⸗ rettet ſind; und wenn Sie Niemanden...“ Hier beginnt das Mädchen heftig zu ſchluchzen. Es iſt das erſte Lebenszeichen, welches ſie von ſich giebt. Alle Frauen, welche ſich im Zuſchauerraum befinden, ſchluchzen mit ihr. und wenn Sie Niemanden haben,“ fährt der Lord Mahor fort,„ſo iſt dieſe Obrigkeit, welche Gott eingeſetzt hat, dazu berufen, Eltern⸗ und Freundesſtelle an Ihnen zu vertreten.— Darum antworten Sie mir; wie iſt Ihr Name? g Das Mädchen beſinnt ſich einen Augenblick. Dann, mit zitternder Stimme ſagt ſie„Annie Laurie.“ Da läßt ſich auf's Neue jener Schrei von der Thüre her vernehmen.„Es iſt nicht wahr!“ kreiſcht das alte Weib, welches dort ſteht, und mit beiden Ell⸗ bogen bemüht iſt, ſich durch die Menge an's Gitter vor⸗ zudrängen.„Sie heißt Flory Wellman, wie ihre Mut⸗ ter geheißen hat; und meine arme Tochter, die vor Kummer geſtorben, iſt ihre Mutter, und ich, Sarah Wellman aus Portſea, bin ihre Großmutter, und ſie iſt mir geraubt worden in einer Nacht vor zwei Jahren von der Straße fort— und man hat mich eingekerkert — 144— zwei Jahre lang.. und ich will ſie wieder haben! Sie gehört mir...“ Ein Wuthgeheul, welches die Alte ausſtößt, macht die ferneren Worte, welche ſie ſpricht, unverſtändlich. „Was iſt das?“ fragt der Lord Mahor, indem er unwillig nach dem Zuſchauerraum blickt.„Wer unter⸗ ſteht ſich, die Verhandlungen dieſes Gerichtshofes zu unterbrechen? Ich werde, ſobald ſich dieſer Lärm wiederholt, Befehl zur Verhaftung der Schuldigen er⸗ theilen!“ Darauf wird es ruhig im Zuſchauerraum. Das arme Mädchen aber auf dem Stand der Angeklagten, welches jene Stimme ſchaudernd wieder erkannte, hat ſein Geſicht auf den Rand der Schranken gedrückt, hinter welchen ſie ſteht, und ein convulſiviſches Zucken erſchüttert ſichtbar ihren ganzen Körper. „Sein Sie unbeſorgt, mein Kind,“ ermuntert ſie der Lord Mayhor,„bedenken Sie, daß Sie hier Ange⸗ ſichts Desjenigen ſtehn, der die Wahrheit kennt, auch wenn Sie dieſelbe verſchweigen wollten; und ſprechen Sie ſie aus vor der Obrigkeit, welche Mittel hat, Sie gegen jeden unrechtmäßigen Eingriff Dritter zu beſchützen. Reden Sie!“ 5 Das Mädchen erhebt ſich zögernd. Dann als es daſteht, den Kopf halb emporgerichtet, wirft ſie einen langen, bittenden Blick auf den Lord Mahor, und in einem leiſen, aber beſtimmten Tone: „Ich kenne meinen Vater nicht. Ich habe nur noch eine ſchwache Erinnerung von meiner Mutter. Meine Mutter hieß Flory Wellman und nach ihr bin — 145— ich genannt. Der größte Theil meines Lebens verfloß in Elend; und in dem Augenblicke, wo es ſich auch in Sünde verwandeln ſollte, rettete mich ein Mann, deſſen Name nie mehr über dieſe Lippen gehen wird. Von dieſem Manne empfing ich das einzige Glück, die einzige Liebe, die ich in meinem Leben erfahren. Dieſer Mann gab mir den Namen Annie Laurie, damit jede Erinne⸗ rung an meine traurige Vergangenheit ausgelöſcht ſei. Er fragte mich nie nach meinem wirklichen Namen. Er hat ihn nie erfahren. Mit meiner Liebe zu ihm und meinem neuen Leben ging er auch für mich unter. Aber das Unglück riß uns auseinander. Der Mann, den ich geliebt habe, iſt geſtorben. Und da bin ich in den Fluß gegangen...“ Das Mädchen ſchweigt. Kein Auge— ſelbſt das des Lord Mahors nicht— bleibt ohne den Glanz einer Thräne, bei der einfachen, aber traurigen Geſchichte des Mädchens. Eine tiefe Pauſe, in welcher man das Schluchzen der Verſammlung vernimmt, folgt. Dann nimmt der Lord Mahor noch einmal das Wort: „Es iſt nicht recht, mein Kind,“ ſagte er,„daß ſich das Menſchenherz ſo feſt an einen irdiſchen Beſitz hänge, ſei es nun den einer Perſon oder einer Sache, daß der Verluſt deſſelben uns das Leben unerträglich macht. Dieſes iſt nicht gut und nicht gottesfürchtig. Dieſes iſt eine ſchwere Verſündigung gegen Denjenigen, welcher geſagt: daß er ein Troſt der Unterdrückten und eine Hülfe den Schwachen ſei. Das Leben, meine Tochter, iſt für uns Alle eine ernſte Aufgabe, die wir erfüllen ſollen zum Wohle unſerer Mitmenſchen. Haben Sie Straßenſängerin III. 10 — denn gar kein Band mehr gehabt, welches Sie an das Leben gefeſſelt? Haben Sie Nichts mehr auf der Welt, welches Sie das Ihrige nennen?“ „Ich habe ein Kind!“ ſagt das Mädchen, mit dumpfer Stimme. „O Gott! ein Kind!“ murmeln die Zuhörer mit dem Ausdruck tiefſten Mitgefühls; der Lord Mayor aber ſagt in einem ernſten und tadelnden Tone:„Und dieſes Kind, welches ohne Sie verloren iſt in dieſer weiten Welt, haben Sie verlaſſen wollen? War die Stimme des Mutterherzens in Ihnen nicht mächtiger, als die Stimme der Verzweiflung? War die Pflicht, die Sie hatten, Ihres Lebens zu ſchonen, nicht eine doppelte — gegen Ihren Schöpfer und gegen Ihr Kind? Selbſt⸗ mord iſt die feigſte und verwerflichſte That der Selbſt⸗ ſucht— um einer Qual zu entgehen, welche die Zeit lindern würde, ſtürzt ſich der Selbſtmörder blindlings in einen ungewiſſen Abgrund, welcher reich ſein kann, wir wiſſen es nicht, an ewigen Qualen und hinter⸗ läßt in der Seele Derjenigen, von Denen er geht, an⸗ ſtatt der ſanften und wehmüthigen Erinnerung, welche das Grab unſerer Theuren umſchwebt, einen dunklen Fleck, welcher nicht mehr zu vertilgen iſt. Dieſes Ihnen, mein Kind, hier laut und öffentlich zu ſagen, hielt ich für meine Pflicht. Strafen kann ich Sie nicht— ich kann Sie nur ermahnen und verwarnen; und da ich in Ihrem Geſichte zu leſen glaube, daß meine Ermahnung Ihr Herz bewegt habe und meine Warnung auf keinen unfruchtbaren Boden gefallen ſei: ſo will ich nun des anderen Theiles der Verpflichtung gedenken, welche mein * — obrigkeitlicher Beruf mir Ihnen gegenüber auferlegt. Um Sie für die nächſte Zeit eines Schutzes zu ver⸗ ſichern, welchen Ihr Seelenzuſtand zu erfordern ſcheint, übergebe ich Sie auf drei Monate dem Armenhauſe der Cith of London Union; und damit Sie, ſobald Sie jene Anſtalt verlaſſen haben, vor dem erſten Mangel gedeckt ſeien, um ſich auf's Neue mit Ernſt und Gewiſſenhaf⸗ tigkeit Ihren FPflichten als Mutter eines hülfloſen Kin⸗ des zu widmen: ſo werde ich Sie einem Quell des Wolthuns und der Mildthätigkeit empfehlen, welcher noch nicht verſiegt iſt und nicht verſiegen wird, ſo lange Gottesfurcht und Menſchenliebe das ſchönſte Erbtheil unſeres großen britiſchen Volkes geweſen iſt und blei⸗ ben wird.— Meine Herren,“ hier wendet ſich der Lord Mayhor an die Vertreter der Preſſe, welche bisher eifrig mit Nachſchreiben beſchäftigt, an dem langen Tiſche, links von ihm, ſitzen,„meine Herren, ich erſuche Sie, Ihren Leſern mitzutheilen, daß der Lord Mayor von London bereit iſt, alle Gaben in Empfang zu neh⸗ men und öffentlich anzuerkennen, welche man ihm für das hilfsbedürftige Kind Flory Wellmann's anvertrauen wird. Ich ſelbſt, im Namen der Cith⸗Armenkaſſe, er⸗ öffne hiermit die Subſcription durch einen Beitrag von fünf Pfund, außer einer kleinen Gabe, welche ich aus meinen Privatmitteln hinzuzufügen gedenke. Womit ich die Sitzung für heute beſchließe!“— In dieſem Augenblick, wo der Lord Mahor Miene macht, ſich zu erheben, um das Mädchen einem Beam⸗ ten des genannten Armenhauſes zu übergeben, läßt ſich aufs Neue der Lärm im Zuſchauerraume vernehmen, 10* 3 — 148— der ſchon die Verhandlung mehrmals unterbrochen hat. Diesmal aber iſt es dem alten Weibe gelungen, ſich durch die Zuſchauermenge bis an's Gitter vorzuarbeiten, und indem ſie hier ſteht, ruft ſie, ſich an den Lord Mayor wendend,„Mylord, im Namen des Geſetzes! Ich bitte um Gehör!“ Der Lord Mahor befiehlt, das Gitter zu öffnen, und das alte Weib tritt herein, ſchlumpig mit einem alten Rocke bekleidet, wie damals, wo wir ſie zuerſt ge⸗ ſehen, aber mit einem Geſichte, deſſen Falten noch tiefer und deſſen Ausdruck noch beſtialiſcher, als damals. „Mylord,“ ſagt ſie, als ſie vor dem Stuhle ſteht, in welchem ſich dieſer wieder niedergelaſſen,„Ihr habt die Verfügung getroffen, daß Flory Wellman auf drei Monate dem Armenhauſe übergeben werden ſolle. Ich aber mache Euch das Recht ſtreitig, eine ſolche Ver⸗ fügung zu treffen. Ich bin die Nächſte, welche ein An⸗ recht an ihr hat. Sie iſt das Kind meines Kindes— ſie iſt meine Enkelin, und ich— Sarah Wellman aus Portſea weiß mich ſtark genug, um ſie fernerhin ſowol vor Mangel als auch vor dem verzweifelten Entſchluß zu ſchützen, jeden Verſuch auf ihr Leben zu widerholen. Ich verlange ſie alſo, kraft des Rechts, welches eine bri⸗ tiſche Mutter auf ihr Kind und ihres Kindes Kind hat, von Euch wieder, Mhlord!“ Schaudernd vor dem Weibe zurück iſt das Mädchen gewichen, ſo lang es redete. Nun aber wirft ſie ſich mit erhobenen Händen und dem Ausdruck des Entſetzens vor dem Stuhle des Lord Mayors nieder und ruft. „Retten Sie mich! Retten Sie mich!“ Aber der Lord Mayor ſagt:„Ich würde die Befug⸗ niß überſchreiten, welche mir als Magiſtrat dieſer Stadt zuſteht, wenn ich einer Großmutter ihre Enkelin vorent⸗ halten wollte. Dies würde zugleich ungeſetzlich und grauſam ſein. Ich kann es nicht. Aber indem ich ſie derſelben übergehe“(zu dem Mädchen gewandt)„ſpreche ich Ihnen auch zugleich das Recht zu, ſich jederzeit, wenn Sie ſich von ihr beleidigt oder ſchlecht behandelt glauben, vor dieſem Stuhl einzufinden, um Klage zu führen, wo⸗ rauf alsdann nach Recht und Billigkeit entſchieden wer⸗ den wird. Hier iſt Eure Enkelin“, ſchloß er, indem er der alten Frau einen Wink gab und auf das noch im⸗ mer knieende Mädchen wies;„aber hütet Euch, ihr durch Wort oder That irgendwie wehe zu thun, und ſucht Euch ihre Liebe auf's Neue zu erwerben!“— Nach dieſen Worten des Lord Mayors beugt ſich das alte Weib über das knieend hingeſtreckte Mädchen, und unter den Mitleidsbezeugungen des Zuſchauerraums, ſchleppte ſie daſſelbe faſt bewußtlos aus dem Saale des Manſions⸗Houſes fort.— „——— Eine Anſicht machte ſich geltend unter Denjenigen, welche dieſem höchſt traurigen Falle bei⸗ wohnten, daß— obgleich Seine Lordſchaft nach dem Geſetze nicht anders entſcheiden konnte, als er in der That entſchieden hat— für das arme Mädchen beſſer geſorgt ſein würde, wenn ſie dem Armenhauſe überwieſen worden wäre, anſtatt dieſ er alten Frau, ihrer Großmutter, — 150— vor welcher ſie einen tiefen Abſcheu gehegt zu haben ſchien; und mehr als einer von den Zuhörern raunte beim Verlaſſen des Saales ſeinem Nachbar zu: ſie wird doch wieder in's Waſſer gehen.———“ Dieſes waren die Worte, mit welchem der Manſion⸗ Houſe⸗Polizeibericht der„Times“ ſchloß, und welche zwei Abende ſpäter Walter Grün in Trevynhr⸗Hall las. Die Zeitung von London kam an jedem Morgen nach Trevynhr⸗Hall und wurde von dem Diener auf den Frühſtückstiſch gelegt. Vieles hatte ſich geändert in Trevhnyr⸗Hall, ſeitdem man das Roſenfeſt daſelbſt gefeiert. Zuerſt hatte ein Begräbniß Statt gefunden. Unter dem Geläute der Dorfglocken— es waren dieſelben Glocken, welche zu dem Roſenfeſte geläutet— hatte man den Honourable George Meadows, den Erben von Trevynhr in der Familiengruft beigeſetzt. Sein Sarg — es war ein metallener Sarg mit ſchwarzen Sammet überzogen, gleich denen ſeiner Vorfahren— ward neben demjenigen ſeiner Mutter, die ihm im Tode vorangegangen, niedergeſetzt. Dann ward das Gewölbe wieder geſchloſſen und eine Marmortafel an die Kirchenwand geheftet, mit dem Wappen, den Namen und allen Titeln des Ver⸗ ſtorbenen, und der Inſchrift in Gold, daß er in dem Alter von zweiundzwanzig Jahren heimgegangen und einen trauernden Vater und eine tiefbetrübte Schweſter zurückgelaſſen habe. Der Herbſtſonnenſchein beſuchte täglich dieſe Stätte; und ein Kranz von Immortellen hing an der Marmortafel, welchen die junge Gräfin Erkisdale gewunden an dem Tage, bevor ſie Trevhnyr⸗ 6. Hall verließ um zurückukehren in das Haus ihres Bruders und ihre ſchottiſche Heimat. Dem Begräbniß war eine Hochzeit gefolgt. Die Hochzeit von Lady Jane und dem Major Richard Fitz⸗ roh. Es war eine ſtille Hochzeit. Nur die Glocken läuteten wieder. Immer dieſelben Glocken. Sie hatten nun Beide das Ziel erreicht, nach welchem ſie beharrlich und Alles, was demſelben entgegenſtand, bereitwillig opfernd, geſtrebt hatten. Ja, ſie hatten Mehr erreicht, als ſie ſich vorgeſtellt hatten. Das Glück war ihnen hold geweſen. Lady Jane war durch den Tod ihres Kindes nicht nur in den Beſitz ihres eigenen großen Vermögens gekommen, ſie war auch durch den Tod ihres Bruders in alle Rechte deſſelben getreten und die Erh⸗ ſchaft von Trevhnhr, die Würde einer Peereß von Eng⸗ land und der hohe Rang einer Viscounteß lagen vor ihr. Und Richard Fitzroh, Major in Ihrer Majeſtät Garden und decorirt mit den höchſten Ehrenzeichen mi⸗ litairiſcher Bravour, war nun im Beſitze eines der ſchönſten, vornehmſten und reichſten Weiber von London, — das Paradies, in deſſen Vorſtellung er einſt geſchwelgt, als er— der Held des Tages— aus dem Feldzuge heimgekehrt, war nun erreicht. MA. Wenn er es nur auch hätte genießen können!... Aber es war ihm vergällt ſeit jener Nacht, wo er den unglückſeligen Ring in der Hand gehalten. Er war nicht wieder froh geworden ſeit jener Stunde. Die Tapferkeit dieſes berühmten Kriegers, welche nicht ge⸗ wankt hatte im Kugelregen der Krim und ſtandhaft geblieben war mitten unter den Schrecken von Geiſtern und Viſionen, ſie war durch den letzten Schmerzensſchrei eines Mädchens und die Erinnerung an eine Todte bis in den Grund erſchüttert und vernichtet worden... So daß wir denn, die wir uns überhaupt zu den auf⸗ richtigen Bewunderern derer zählen, die einen Erfolg nicht blos zu erringen, ſondern ihn auch, trotz all ſeiner letzten Conſequenzen, zu benutzen verſtehen, ſagen müſ⸗ ſen, daß Lady Jane ſich jetzt viel herviſcher und ſtär⸗ ker bewies als ihr kriegsberühmter Gemahl. Es ſcheint überhaupt, als ob das ſchwache Geſchlecht in dieſem Punkte ſtärker ſei, als wir. Wenn die Frauen vielleicht auch, im Schauer der Geiſterſtunde, ihr geängſtetes La⸗ ger verlaſſen und beim Scheine der Nachtlampe die Blut⸗ flecken von ihren Händen zu reiben ſuchen, ſo werden ſie ſich doch nie bei der Klarheit des vollen Tages und vor den fröhlichen Gäſten der offnen Tafel verrathen. Umſonſt daher, daß Lady Jane ihrem beunruhigten Gemahl Muth einzuſprechen ſuchte. Sie kannte ſein Geheimniß und redete mit ihm davon. Sie hegte keinen Zweifel, daß die ganze Sache ſich wieder in dem Dun⸗ kel verlaufen werde, aus welchem ſie zu ſo ungelegener Zeit aufgetaucht ſei.„Jugendſünden!“ ſagte ſie.„Wel⸗ cher Mann von Geiſt, Temperament und Unternehmungs⸗ geiſt hat keine Jugendſünden? Ich kann mir nicht ein⸗ bilden, daß ein Mann intereſſant ſei, deſſen Jugend gleich dem Blatt im Album eines jungen Mädchen iſt — entweder weiß oder beſchrieben mit irgend einem ſen⸗ timentalen Verſe. Es giebt nichts Langweiligeres auf der Welt, als ſolch ein Albumblatt!“ Aber Richard Fitzroy fürchtete ſich vor der Zukunft. Er wußte nicht, warum er ſich fürchtete. Aber ihm war, als ſtände ihm in der Ferne ein düſteres Ereigniß, welches ſeinen unheimlichen Schatten vorauswerfe bis hierher in die grüne Einſamkeit von Wales. Lady Jane war deshalb auf den Gedanken einer Ortsveränderung gekommen; es war ihr ſelber erwünſcht, einige Zeit über die letzten Ereigniſſe hinwegrauſchen zu laſſen und ihr Gemahl ging mit Freuden auf den Gedanken ein, den nächſten Winter in Paris zu verleben. Die ſchwere Luft von England war ihm unerträglich geworden. Möglich, daß das bunte Treiben der Kaiſerlichen Hauptſtadt und die größere Leichtigkeit, mit der man dort lebt und denkt, die düſteren Bilder verſcheuchen würde. So ſtanden die Dinge, als jene Zeitung ankam, von welcher wir geſprochen haben. Lady Jane las ſie zuerſt. Sie war einige Minuten früher in den Frühſtücksſalon gekommen, als die Herren, Mylord Hazlewood und Ma⸗ jor Fitzroy. Sie hatte ihre Faſſung und Ruhe bewahrt in allen Erſchütterungen, an welchen die letzte Zeit ſo reich geweſen. Selbſt das Aufſehen, welches der Tod ihres Bruders und der tragiſche Schluß des Roſenfeſtes unter der Ariſtokratie von England machen mußte, hatte ſie nicht übermäßig beunruhigt.„Es wird vorübergehen, wie vieles Andre vorübergegangen iſt,“ ſagte ſie,„man muß die Zeit walten laſſen.“ Nun aber, da ſie den Polizeibericht vom Manſion⸗ Houſe las, den wir kennen, fühlte ſie Etwas, gleich einem heftigen Schlage. Ihr war in dieſem Moment, als greife wieder jene Hand, die mächtiger und ſtärker, als die ihre und jener Willen in den Gang der Dinge, — 154— welchem der ihre umſonſt zu trotzen verſuchen würde. Eine Beklemmung überkam ſie, welche zu bemeiſtern ihr ſehr ſchwer ward. Eine plötzliche Angſt, wie ſie der⸗ gleichen vorher nie empfunden.„Entſetzlich,“ rief ſie, „daß gewiſſe Menſchen nicht ſterben können! Daß ſie immer und immer wieder auftauchen! Wenn dieſes Weib, welches den Namen der Mutter genannt, auch den Namen des Vaters ausgeſprochen hätte! Wenn London und die ganze Welt geſtern erfahren hätte, daß Richard Fitzroh . Entſetzlich!... Warum hat die Alte den Namen des Vaters nicht genannt?.. Ah— ſie kennt ihn nicht. Sie würde ihn genannt haben, wenn ſie ihn ge⸗ kannt hätte... Nun aber kein Verzug mehr! Wir müſ⸗ ſen das Land verlaſſen und dürfen lange, lange nicht wiederkehren! Vor Allem aber fort mit der Zeitung.. Fitzroh darf ſie nicht leſen...“ und ſie trug die Zeitung hinunter in das Muſikzimmer, wo Walter Grün ſie las. An Walter Grün hatte ſie nicht gedacht. Und wenn ſie an ihn gedacht hätte, ſo würde ſie das auch nicht weiter beſorgt gemacht haben. Der harmloſe Fremdling der ſchwermüthige Züngling... was hatte der mit dieſer ganzen Geſchichte gemein? Außer Walter Grün und ihr ſelber betrat aber kein Menſch das Mu⸗ ſikzimmer. 5 Ein leicht erklärliches Gefühl des Zweifels an der idealen Tugend ſeiner Herrin hatte ihn an dem Abend ergriffen, wo ihm der nun Verſtorbene die erſten An⸗ deutungen über den wahren Charakter Lady Jane's ge⸗ macht. Dieſer Zweifel war von Tag zu Tag, je mehr er das folgende Benehmen ſeiner Herrin beobachtet, ge⸗ — 155— wachſen und hatte ſich in Abſcheu verwandelt im Augen⸗ blicke, wo er ſie aus dem Bachanal des Roſenfeſtes, auf den Arm Fitzroy's geſtützt, in das Sterbezimmer ihres Bruders ſchwanken ſah.„Sie hat ihn getödtet!“ rief eine Stimme in ihm. Zugleich erfuhr er aus den. zuſammenhangsloſen Reden der verſtört hin⸗ und wider⸗ eilenden Dienerſchaft, daß ein fremdes Mädchen oben ſei im Krankenzimmer, eine Bettlerin, hergelaufen aus London. Walter wußte, wer dieſe Bettlerin ſei und wa⸗ rum ſie gekommen. Er wußte, daß es Annie ſei und ein unfäglicher Schmerz um ſie ergriff ihn aufs Neue. In dem von allen Gäſten verlaſſenen Muſikzimmer ſtand er, an das Fenſter gelehnt, unſchlüſſig, ob und wie er ſie ſehen ſolle. Plötzlich hörte er einen Schrei vom Park herauf. Das mußte ſie geweſen ſein. Er eilte hinunter. Aber vergebens in dieſer Nacht und am fol⸗ genden Tage ſuchte er ihre Spuren im Park und in der Nachbarſchaft von Trevhnyr. Sie war verſchwunden. Von dieſem Augenblick ſchwankte ſein Herz heftig zwi⸗ ſchen Bleiben und Gehen bis zu jenem Morgen, wo er zitternd und mit erſchütterter Seele das Blatt der„Times“ in der Hand hielt, welches von ihrem Gang nach Blackfriars⸗Bridge erzählte. Nun gab es keine Gewalt mehr für ihn, die ihn länger hier hätte zurückhalten können. Die Worte:„ſie wird doch wieder in's Waſſer gehen,“ mit welchen jener Bericht ſchloß, ließen ihm keine Ruhe, als ob es nur noch in ſeiner Hand liege, ſie zu retten, und an dem⸗ ſelben Abend trat er zu Lady Jane hin und ſagte: „Mylady, ich bin gekommen, Sie um meinen Abſchied zu bitten. Eine dringende Veranlaſſung ruft mich nach London, und ich möchte die Erlaubniß haben, ſogleich abzureiſen.“ Lady Jane antwortete, daß er ihr zuvorgekommen mit ſeiner Erklärung; daß ſie den Winter auf dem Continent zubringen werde und ſeiner ferneren Dienſte deshalb entbehren müſſe; daß er aber willkommen ſein werde, wenn er ſich im nächſten Sommer wieder bei ihr melden wolle, und daß er früh am andern Morgen — heut Abend gehe kein Zug mehr nach London— den Reiſewagen, der ſie nach der nächſten Eiſenbahn⸗ ſtation bringe, gleichfalls benutzen könne. Und in der Frühe des andern Morgens mit dem herrſchaftlichen Wagen verließen drei Perſonen Trevhnyr⸗ Hall; Walter Grün um nach London, Major Fitzroy und Lady Jane um über London nach Paris zu reiſen.. Achtes Capitel. Der große Uebel. Der Weg von London nach Paris geht über Lon⸗ don⸗Bridge. Der Weg von London nach dem Conti⸗ nent, wenn man die kurze Seefahrt des Canals vorzieht, geht über London⸗Bridge. Alles was nach Dover und Folkſtone, den Häfen der Südoſtküſte und den Stationen am rechten Themſeufer bis zu ihrer Mündung geht oder von dort kommt, nimmt ſeinen Weg über London⸗Bridge. Der unermeßliche Verkehr der City mit der„andern Seite der Waſſers“ und der London⸗Bridge Station, dem größten und tumultuöſeſten Bahnhof von London, welcher eigentlich aus fünf Bahnhöfen beſteht mit hun⸗ derten von Zügen, einer dicht hinter dem andern aus⸗ oder einlaufend, geht über London⸗Bridge in ſchweren Frachtkarren, Omnibuſſen, Wagen aller Art und einem Troß von Fußgängern ohne Ende. London⸗Bridge, mit einem Wort, iſt der Weg, auf welchem die ganze Welt aus der ganzen Welt in die ganze Welt reiſt. Darum iſt ſie unter den Brücken von London, was Cheapſide und Poultry unter den Straßen von London iſt: die belebteſte,— ein Bild ewiger Bewegung, ein Chaos von Stimmen, voll vom Donner des raſtloſen Lebens, deſſen Strom unter und über ihr unabläſſig dahin⸗ rauſcht. Auch iſt ſie die älteſte der Brücken von Lon⸗ don. Nicht ihre coloſſalen Bögen, die von unvergäng⸗ licher Dauer ſcheinen, noch die Mauern an beiden Sei⸗ ten, die grau ſind von der Miſchung der Feuchtigkeit und des Kohlenrußes; London Brigde iſt im Laufe der Jahrhunderte mehrmals neu von Grund auf gebaut worden. Aber ihr Platz und ihr Name iſt es, die faſt ſchon ein Jahrtauſend alt; und noch immer, wie zu jener Zeit, wo ſie die einzige Brücke war, und Kauf⸗ läden hatte, wie eine Straße(eine Abbildung davon iſt noch zu ſehen im South⸗Kenſington Muſeum) und Giebelhäuſer mit Erkerzimmern, in welchen Menſchen wohnten, und eine Kirche, in welcher ſie beteten, führt ſie den Fremden mitten hinein in den Reichthum, die — 158— Größe und das Gewühl der City. Unter ihren Bögen beginnt der Hafen von London. Nicht weit von ihrem letzten Landpfeiler, aus den langen und tiefen Straßen an der Themſe, wo die Exportgeſchäfte und die Rheder ihre Comptors haben, ragt das„Monument“ mit dem Flammenbündel, zum Andenken an das große Feuer von 1666. Nur die kurze Paſſage von King⸗Williamſtreet trennt dieſe Brücke von Bank, Börſe und Manſionhouſe; und das Getöſe von Cheapſide miſcht ſich mit dem Ge⸗ töſe von London⸗Bridge. Aus dem gelben Waſſer der Themſe hebt ſich Lon⸗ don⸗Bridge auf gewaltigen Pfeilern, welche ſo hoch ſind, daß die großen Dampfſchiffe mit ihren Schornſteinen aufrecht die Bögen derſelben paſſiren können. Wie ein grandiöſer Altan, von Tauſenden bevölkert, ſteht ſie über dem dunklen Themſegrunde, und über ihre breiten Bruſtwehren einen Blick hinabzuwerfen auf den„ſtillen Heerweg“ des Waſſers, iſt ein Triumph für das Auge, welches das Schauſpiel menſchlicher Herrlichkeit liebt. Dieſes Schauſpiel, welches Nichts iſt, als die Arbeit in ihrer großartigſten Entfaltung und in ihrer geſteigertſten Mannigfaltigkeit, entbehrt nicht der maleriſchen Ro⸗ mantik. Es iſt die Romantik des wirklichen Lebens und die Poeſie der Dimenſionen und Zahlen, die Poeſie der Steine, der Kohlen, der Waarenballen und Zucker⸗ fäſſer... eine Poeſie, von welcher derjenige keine Ahnung hat, welcher ſie bisher nur in der Stille des Waldes und am Plätſchern des Bergquells gefunden. Ein tauſendfältiges Gewimmel von Böten, Barken und Nachen arbeitet ſich ſtromauf zu den andern Brücken — 159— von London, welche eine hinter der andern aus dem Nebelduft herauftauchen, einige ſchwer auf Stein ruhend, andre wie ein eiſernes Maſchenwerk, fantaſtiſch in der Luft hängend, zu beiden Seiten umgeben von dem Häu⸗ ſermeer mit ſeinen Thürmen, Domen, Kuppeln, Schorn⸗ ſteinen und Telegraphenſtangen— aus Schwarz und Grau in das zarteſte Blau hinüberdämmernd und ganz im Hintergrund in einen leiſen Hauch von Formen und Farben verflüchtigt. Ein tauſendfältiges Gewimmel von Böten, Barken und Nachen treibt ſtromab in die unab⸗ ſehbare Weite des Hafens, wo die Weltenfahrer liegen, Maſt an Maſt und Wimpel bei Wimpel, bis hinauf an die Docks und drüber hinaus, wo die eckigen Thürme des Towers ſtehn; die Landmarken des öſtlichen Londons, gebleicht von dem Winde und dem Regen von nahezu achthundert Jahren; wo die Lagerhäuſer ſtehen, ſchwarz und eintönig, hoch, tief und weit genug, um Proviant zu faſſen für die ganze Welt.. Aber die Zurufe der Schiffer und das Rauſchen des von hunderttauſend Rudern geſchlagenen Waſſers verhallen in dem raſenden, alle Sinne betäubenden Lärm von London⸗Bridge, in dem Rädergetöſe von zehn⸗ tauſend Frachtkarren, Cabs und Omnibuſſen, welche ſich im Laufe eines Tages über London⸗Bridge wälzen; in dem Stimmengewirr von zweimal hunderttauſend Men⸗ ſchen, welche ſich in derſelben Zeit, zu beiden Seiten der vier Geleiſe für Fuhrwerk, auf dem etwas erhöhten Trottoir aus gekerbten Granitplatten hin⸗ und her⸗ ſchieben. Man denke ſich die unbeſchreibliche Verwirrung und — 160— die ungeheure Gefahr, wenn auf dieſem engen Raume, wo kein Ausweichen möglich iſt, und in dieſem langen, endloſen Zuge von Menſchen, Pferden und Wagen eine plötzliche Stockung eintritt. Solch' eine Stockung tritt zuweilen ein, trotz der dort ſtationirten Polizeimänner, welche thätig ſind die Ordnung aufrecht zu erhalten und zu verhüten, daß ein Wagen aus dem Geleiſe biege oder durch Stillhalten den regelmäßigen Fortgang der übri⸗ gen hemme. Bei Tage, ſo lang es hell iſt, oder bei Nacht, wenn die vielflammigen Gaslaternen ihr Licht geben, ereignet ſich freilich ſelten ein Unglück. Aber es giebt Momente in dieſem großen Londoner Leben, wo es mitten am Tage finſter wird— ſo finſter, daß man die Hand vor Augen nicht ſehen kann— wo die Sonne auf Einmal verſchwindet und bis zu dem Zeitpunkt, wo das Gas durch die zahlloſen Röhren des unterirdiſchen Londons gelaufen, das London über der Erde in Gra⸗ besdunkel verſinkt. Dieſes aber geſchieht, wenn in den ſpätern Tagen des Herbſtes— der große Nebel kommt. Ganz klar iſt die Luft von London ſelten. Es ſchwebt eine Beimiſchung in ihr, die in den Tagen des Frühlings und Sommers zart und duftigblau, den Hintergrund in eine bezaubernde Ferne vertieft, den Formen der Londſchaft eine unbeſchreibliche Weichheit und ihren Farben einen unnachahmlichen Schmelz mit⸗ theilt, dergleichen auf dem Continent nie geſehen wor⸗ den; in den Tagen des Herbſtes und Winters jedoch erſcheint dieſe Beimiſchung wie eine zähe, gelbe Maſſe, welche mehr oder weniger dicht, den nächſten Vorder⸗ — 161— grund verbirgt und die Gegenſtände rings umher bis zum Unkenntlichen verwandelt, indem ſie ihnen entweder die Beſtimmtheit ihrer Umriſſe nimmt oder ihre Di⸗ menſionen unverhältnißmäßig verzerrt, ſo daß z. B. ein Laternenpfahl um ſeine doppelte Länge zu wachſen und das Dach eines Hauſes aus Wolkenhöhe herabzudämmern ſcheint. Es giebt nichts Lieblicheres als jenen blauen Hauch, welcher—„bloom“ genannt— fein und duf⸗ tig, wie die eigenſte„Blüthe“ der engliſchen Landſchaft, über den Terraſſen und weiten Wald⸗ und Wieſengrün⸗ den des Themſeufers ſchwebt. Es giebts nichts Been⸗ genders, als jenen Dunſt, welcher gelb, feucht und trau⸗ rig über den Straßen von London hängt, ihnen den Anblick des Himmels raubend und jede Fernſicht mit ſeiner ſenkrechten Maſſe gleichſam abſchneidend. Dieſes jedoch iſt ein Alltagsſchauſpiel und noch immer nicht der rechte und große Nebel von London, welcher nur einige Male im Spätjahre zu kommen pflegt. Der große Nebel iſt das Geheimniß und das Phä⸗ nomen von London. Man weiß nicht, woher er kommt. Man weiß nicht, wohin er geht. Man hat keine Vorſtellung davon, wie er entſteht. Plötzlich iſt er da. Dann wogt er ein paar Stnnden lang durch die ganze Ausdehnung von London und iſt ebenſo plötzlich wieder verſchwunden. Langſchattig, kalt und troſtlos kommt er daher gezogen, immer wachſend und wachſend, immer ſteigend, als wie aus der Erde, immer dicker und dichter werdend, bis zuletzt der Himmel eine gelbe, trübe Maſſe iſt mit einem rothen Ball darin, der Sonne, gleich einer glühenden Kugel, über die ein ſchwarzer Schleier fällt, immer mehr Straßenſängerin III. 11 162— und mehr, bis die Stelle ausgelöſcht iſt, an der ſie ge⸗ ſtanden, und nun— mitten am Tage— eine Nacht herrſcht im weiten Umkreis von London, finſter, wie eine Winternacht, aber mit einem eiſig⸗feuchten Hauch, der nur dem Nebel eigen iſt, der die Bruſt beengt, das Athmen erſchwert und den Eindruck der Unheimlichkeit erhöht, den das ſchauerliche Dunkel der ganz mit Dün⸗ ſten erfüllten Luft und die unnatürliche Stille der Stra⸗ ßen erzeugt. Dann ſteigen die Omnibusführer von ihrem Trittbrett, nehmen die ſcheuenden Pferde am Zügel, und ſuchen— mit dem Stocke— den Weg durch das dichte Dunkel. Zuweilen taſten ſie mit dem Stocke hinüber und herüber, zur Rechten und Linken, unſicher, ob ſie den hohen Rinnſteinen nicht zu nahe gekommen. Dann ſteigen die Kutſcher in London von ihren Sitzen und führen die Pferde am Zügel. Dumpfe Flüche und Redensarten, die der Fremde nicht verſteht, tönen aus dem Dunkel herauf von Männern, die er nicht ſieht. Dann erſcheinen plötzlich, wo die Straßen ſich kreuzen und an den großen Durchfahrten des Han⸗ dels und der Paſſage, dunkelrothe Punkte mit ſchwefel⸗ gelben Rändern in der dicken, ſchwarzen Nebelſchicht— Flammenbündel, welche ſich bewegen, welche, vom Dunſt niedergedrückt, und vom Wind gejagt, wie feurige Zun⸗ gen in die Nacht lecken. Es iſt das Licht von Fackeln — von Kienholzfackeln, welche die Straßenjungen zum Verkauf ausbieten. Aengſtlich durch die ſchwere Finſter⸗ niß irren dieſe Fackeln an den Häuſermauern hin, hier und dort ſtill haltend, getragen von Männern, welche ſich in ihrer eigenen Straße befinden, und von Thür zur Thür taſtend, die ihrige mit den Händen ſuchen. Dann jagen in den Bahnhöfen von London die Trains und Erpreßzüge aufeinander, und die nächſte Nummer der Zeitung bringt eine traurige Erzählung von Todes⸗ fällen, Quetſchungen und Beinbrüchen Dann, in dem Fluß, rennen die Schiffe auf einander, der Klüverbaum am treibenden Steamer bohrt die Kohlenſchaluppe von Neweaſtle mit allen Schiffsleuten, mit Meiſter, Weib und Kind, in den Grund; Barken werden von dem Dreimaſter, der die Segel nicht ſo ſchnell reffen konnte, als der Nebel kam, über den Haufen gefahren, und ſchrill durch die doppelte Gefahr des dunklen Nebels und des dunklen Waſſers tönt der Pfiff und die Noth⸗ glocke des Pennhſteamers mit der rothen Laterne am Maſt. Dann herrſcht Schrecken und eine bange Er⸗ wartung in London; und an einem ſolchen Tage und in einem ſolchen Augenblicke iſt es, wo wir uns an das Ufer und nach London⸗Bridge begeben. Es war hell geweſen am frühen Vormittag. Die Sonne hatte geſchienen, bleich und glanzlos, wie die Sonne ſo oft ſcheint im Herbſte, wenn ſie um das weißliche Laub, den Raſenfleck und das Gitter des Squares ſchleicht oder ihren wehmüthigen Schein lang⸗ ſam wandern läßt durch die ſchmalen Gaſſen der City und an den ſüdlichen Seiten der Thürme hinauf, wo er ſich in das eigene Grau derſelben verliert. Die Sonne war aufgegangen und hatte geſchienen an dieſem Tage. Aber gegen Mittag, wo das Gewühl der Stadt am Bunteſten und ihr Leben am Gewaltigſten wird, war ein Dunſt gekommen, der ihr den letzten Schimmer 11* nahm und ſie in eine Kugel umwandelte, welche roth und drohend über der Kuppel von St. Paul hing. Die Umriſſe der Kuppel wurden unſichrer. Ihre Ränder verſchwanden in einer dunklen Maſſe, welche auſfſtieg, und die unteren Räume ſchon ausgefüllt hatte. Ihre Wölbung ſchwebte noch einen Augenblick, abgelöſt von dem übrigen Theile und zuſammenhanglos auf der ſtei⸗ genden Dunſtmaſſe, bis ſie darüber zuſammenſchlug, und Alles in Nacht begrub, als ob es nie dageweſen, Kup⸗ pel, Thurm, Dom, Grundmauer und Alles. Der Cityverkehr hat um dieſe Zeit ſeine Höhe er⸗ reicht. Aber heut, wo die Finſterniß des Nebels ſich über die Straßen gelagert hatte, war kein Galopp an Holborn Hill und kein Donner von Rädern bei Temple⸗ Bar. Wie ein dumpfes Getöſe ſchlich der Mittagslärm Cheapſide hinab, und am Zügel dicht gefaßt, führten die Kutſcher ihre Pferde über London⸗Bridge. Eine ſchwarze Dunſtmauer ſtand über dem Abgrund der Themſe und kein Unterſchied des Waſſers mehr war zu bemer⸗ ken. Kein Maſt war zu ſehen, kein Lagerhaus, keine Spur der Thürme und der Docks. Nur dumpfes Rauſchen von Unten und dumpfes Rauſchen von Oben, indem ſich ängſtlich Wagen hinter Wagen herſchob. Auf einmal entſtand in dieſem Zuge, wie von Gei⸗ ſtern, die durch die Finſterniß wallen, unaufhörlich, wie man ſich den Zug der Schatten über den Acheron denkt, eine Stockung, da, wo die Brücke mit ihrem letz⸗ ten Bogen auf der Cityſeite ruht. Aus der Tiefe von Thames⸗ſtreet, welche dicht am Waſſer dahinläuft, hatte ſich eine Gruppe von Menſchen nach der Brücke zu be⸗ — 6 wegt, und war, indem ſie— unterſcheidbar wie ein ſchwarzer Klumpen, nicht durch ihre Formen, ſondern nur durch ihre Maſſe— die Anhöhe emporſtieg, durch ein furchtbares Geheul, wie das eines alten Weibes, begleitet worden. Dann hörte die Bewegung deſſen, was in der Finſterniß wie ein Klumpen erſchienen war, auf und es wuchs in ſeinem Umfang, indem ſich neue Menſchengruppen anſchloſſen, aufmerkſam gemacht durch das Jammergeſchrei, deſſen Urſache man nicht kannte. Die Stimme eines Polizeimanns ward gehört. Aber ſie verhallte in dem wachſenden Getöſe. Der Haufen am Eingang der Brücke ward immer größer, und die Paſ⸗ ſage war nahezu gehemmt, bis endlich ein paar Kien⸗ holzfackeln durch die Dunkelheit flackerten und ſich ihren Weg brachen durch die tobende Menge. Und nun, als ihre dunkelrothen Streifen durch den feuchten Dunſt fielen, erkannte man ein paar Männer vom Waſſer, welche eine Geſtalt heraufgetragen und auf dem Boden niedergelegt hatten, deren Kleider ſtarrten von Schlamm und Näſſe, und über deren Antlitz ein Tuch ausgebrei⸗ tet war. Daneben ſaß ein altes Weib auf dem Boden, mit ſchwarzen Haaren wild um den Kopf, mit hagern Armen, auf welche ſie den Kopf ſtützte, und mit einem elenden Gewand von Lumpen bekleidet, welche ihr um die mit Koth beſpritzten Beine hingen. Sie war es, welche das Jammergeheul ausgeſtoßen hatte, und immer wie⸗ der in kurzen Pauſen auf's Neue ausſtieß, indem der Menſchenhaufe rings umher ſich vordrängte und fragte: Ob es eine Ertrunkene ſei? Ob ſie todt ſei? Ob man noch Belebunsverſuche machen könne? Worauf die Männer . vom Waſſer antworteten, ſie ſei todt, ſie habe ſchon lange im Waſſer gelegen, bevor ſie an's Land gewaſchen worden ſei.* Der Strahl einer Fackel, welche ſich niederbeugt zu der armen Todten, huſcht über das Tuch, mit welchem ihr Geſicht bedeckt iſt, und über das von Alter, von Leidenſchaft und Kummer zernagte Geſicht der Alten. Wir erkennen ihre Züge und ihre Augen, welche ohne Thränen ſind, aber voll von Wildheit, die faſt bis zum Wahnſinn geſteigert ſcheint. Es iſt die ſchwarze Sa⸗ rah, welche nun ſchon zum zweitenmale unſern Weg kreuzt ſeit jener Nacht im Geſpenſterhaus, nachdem ſie aus dem Gefängniß entlaſſen worden, in welchem ſie zwei Jahr ausgeharrt. Der Gedanke an ihr verlornes Enkelkind war die größte Qual in ihrem Gefängnißleben geweſen. Sie ſchrie über den Verluſt ihrer Freiheit nur, oft mitten in der Nacht, wenn es wieder über ſie kam, daß der Mann, den ſie haßte und zu vernichten geſchworen, innerhalb des Griffs ihrer Hände geweſen, und daß er ihr entgangen war, und daß man ihr das Werkzeug ge⸗ raubt, mit welchem ſie ſich an ihm zu rächen vorge⸗ nommen. Ihr ganzes Leben war ſo ſehr in dieſem Gedanken der Rache aufgegangen, daß ihr die langen Jahre der Enfernung von ihrem Opfer nicht ſo lange geſchienen hatten, als die zwei Kerkerjahre, mit dem Bewußtſein, daß ſich der Verhaßte in ihrer Nähe be⸗ finde, und dem Gefühl, durch Ketten und Riegel ver⸗ hindert zu ſein, ihr großes Werk zu vollbringen. Dieſer Racheplan war ihre ſixe Idee und ihr Wahnſinn geworden; und die Einſamkeit ihres Gefängniſſes und die Schlaf⸗ loſigkeit der langen Nächte hatten ihn bis zu einer ra⸗ ſenden Höhe geſteigert. Ein milderes Empfinden hatte ſich zuweilen mit der Bitterkeit ihres Herzens gemiſcht, wenn ſie an ihre Enkelin gedachte. Denn in der Ent⸗ fernung von ihr hatte es ſie doch zuweilen angewandelt, ols ob ſie dieſes unglückſelige Kind ihres eigenen Kindes liebe und als ob der Haß, mit dem ſie es behandelt, ſo lange ſie zuſammengelebt, nur der Ausdruck der Ver⸗ zweiflung geweſen, ſich an demjenigen nicht rächen zu können, deſſen verhaßte Züge es in ſeinem eigenen ſchuldloſen Geſichte trug. Aber dieſe Regung der Menſchlichkeit verwandelte ſich bald in Zorn darüber, daß man auch dieſes Kind ihr geraubt. Jede weichere Schattirung in ihrem Seelenleben wurde von dem einen, entſetzlichen Gedanken verwiſcht, vor welchem keine Ret⸗ tung mehr war. Ja, daß ſie hier ohnmächtig liegen mußte, knirſchend in hülfloſer Verlaſſenheit, hier in dem kalten Gemäuer mit Gittern und eiſenbeſchlagner Thür, das hatte ſie auch noch demjenigen zu verdanken, der ſie ſo unauſprechlich elend gemacht, der ihrem Kind die Unſchuld und das Leben, und ihr Alles geraubt und nur die Schande und den tödlichen Haß zurückgelaſſen hatte Thieriſch, nicht menſchlich, war daher ihre Freude geweſen, als ſich zuletzt die Kerkerthüren öffneten und ihr den Weg wieder frei gaben, um auf ihr Opfer zu lauern und nach dem Schickſal ihrer verlorenen Enkelin zu ſpähen. Wir wiſſen, daß ſie ſich an dem Tage, wo ihre Enkelin vor dem Lord Mayor von London ſtand, — 168— unter den Zuſchauern im Raume befand; wir haben geſehen, wie ſie das arme Weſen, welches noch feucht war vom Waſſer der Themſe, mit der Gier eines wilden Thieres aus den Schranken zerrte, und wir haben ge⸗ hört, wie die Leute damals ſagten:„und ſie wird doch wieder in's Waſſer gehen!“ Nur zu richtig hatten die Leute in dem Geſichte des Mädchens, welches von aller Hoffnung und Lebensluſt verlaſſen ſchien, geleſen; und was ſie geſagt hatten, ſollte ſich nur zu bald erfüllen. Man hatte das arme Mädchen nach dem Aufent⸗ halte ihres Kindes gefragt. Sie hatte die Wohnung des alten Bill genannt. Die Großmutter war dgrauf mit ihr dahin gegangen. Aber ſie weigerte ſich, ihr Kind auf den Arm zu nehmen, als der alte Bill es hereintrug und das kleine Weſen, mit einem Geſicht voll Sonnenſchein, da es ſeine Mutter ſah, die Händ⸗ chen ausſtreckte und mit den Beinchen zappelte. Sie weigerte ſich, Speiſe zu nehmen. Sie gab auf keine Frage Antwort. Keine Silbe mehr kam über ihre Lippen, ſeitdem ſie das letzte Wort im Manſion⸗Houſe geſprochen. Der alte Bill lud Beide ein, bei ihm zu bleiben, bis weiter für ſie geſorgt ſei. Sie blieben. Aber in der Nacht, als der alte Bill zu Bett gegangen und die ſchwarze Sarah ſchlief, war ihre Enkelin auf⸗ geſtanden. Leiſe war ſie an die Wiege getreten, in welcher ihr Kind ſchlummerte. Leiſe hatte ſie die Stirne deſſelben geküßt und leiſe zu ihm geſagt:„Lebe wol!“ Dann war ſie gegangen. Sie kehrte nicht wieder. Der folgende Morgen ver⸗ ging. Sie kehrte picht wieder. Die ſchwarze Sarah hatte keine Ruhe im Hauſe. Sie dachte an das, was die Leute im Manſion⸗Houſe geſagt hatten, als ſie ſich mit ihrer Enkelin entferute. Sie dachte an das Waſſer. Sie ging an das Waſſer. Sie machte den langen Weg, dicht an der Themſe hinunter, von Weſtminſter und Waterloo⸗Bridge bis zur Brücke von Southwart und London⸗Bridge. Und hier war's, wo eine in der letzten Nacht Ertrunkene an das Ufer geſchwemmt und aufgefangen worden war, in dem Augenblicke, als der große Nebel aufzuſteigen begann. Und die Geſtalt, welche mitten im tiefſten Dunkel, von Fackeln umleuchtet und von einer dichten Menſchenmenge umgeben am Eingange von London⸗Bridge lag, die Geſtalt, deren Kleider ſtarrten von Schlamm und Näſſe, und über deren Antlitz ein Tuch ausgebreitet worden— das war das Mädchen, welches gegangen und nicht mehr heimgekehrt war— das Letzte, was die Alte noch auf dieſer Welt gehabt hatte, und was ihr nun auch genommen war... das Kind ihres Kindes... todt und ertrunken... die Leiche ihrer Enkelin.. Mitten in dem Gemurmel des Menſchenhaufens, welcher ſich um die Leiche und das alte Weib geſammelt hatte und durch die Finſterniß, welche immer unheimlicher geworden durch die überall hin⸗ und herhuſchenden Kien⸗ holzbrände, ward plötzlich das Knirſchen eines Rades vernommen, als ob es breche, dann ein ſtarkes und wil⸗ des Gewieher von Roſſen, als ob ſie ſcheuten, dann ein furchtbarer Krach, als ob ein Wagen aus den Fu⸗ gen gehe, dann laute Hülfrufe, und dann... Der Menſchenhaufen, welcher an der Leiche geſtanden 70 hatte, war beſtürzt auseinandergeſtoben. Zeder hörte die ſchrecklichen Laute dicht in ſeiner Nähe; Niemand ſah, woher ſie kamen und was ſie verkündeten. Und in dem Aungenblicke, wo die Menſchen ſich nach beiden Seiten zurückgedrängt hatten, die einen nach der Niede⸗ rung von Thames ſtreet hin, die andern dicht an die Mauer der Brücke, da vernahm man den erſchütternden Hufſchlag näher und gleich darauf einen gellenden, herz⸗ durchdringenden Schrei, wie der letzte, gewaltige Schrei, der ſich einer Menſchenbruſt entringt. Verworrene Stimmen riefen und jammerten. Sogleich ſprangen von der Brücke her einige Männer den ſchnaubenden Roſſen entgegen, deren Hufe in dem nächſten Moment vielleicht blindlings in die Menge geſchlagen hätten, welche dicht und ſchreiend an der Brückenmauer, hoch über dem fin⸗ ſtern Abgrund der Themſe zuſammengedrückt ſtand; und von der andern nahten ſich zahlreiche Flammenſpäne, deren blutrothes Licht eine plötzliche Helligkeit über den Fleck verbreiteten, an welchem das Ereigniß ſich zuge— tragen. Es war ein Reiſewagen, welcher auf ſeiner Fahrt über London Bridge begriffen geweſen. Er war ſchwer beladen mit Reiſegepäck aller Art. Die Pferde hatten geſtutzt vor dem dunklen Menſchenhaufen, welcher faſt bis an den Fahrweg geſchwollen war. Sie waren aus der Bahn gewichen und eins von den Vorderrädern war gegen einen von den Steinen gerathen, welche den Fahr⸗ weg von dem Fußweg abgrenzen. Das Rad war zer⸗ brochen, und der für ſie fremde Ton und die Hemmung, die ſie durch den Stein empfanden, hatte die Pferde, ohnedieß ſchon unruhig durch die Dunkelheit, noch un⸗ ruhiger gemacht. Sie hatten den Wagen, trotz des zer⸗ brochenen Rades, fortgeſchleift und durch das Angſtge⸗ ſchrei der Menge vollends in Wildheit gerathend, waren ſie, unempfindlich für Zügel und Zuruf des Kutſchers, eben im Begriff durchzugehen, als die Männer von der Brücke ihnen in's Gebiß fielen. Unglücklicherweiſe war eine von den Perſonen, welche im Innern des Wagens geſeſſen hatte, ſo unbeſonnen geweſen, den Schlag auf⸗ zureißen, und— um ſich zu retten— aus dem Wagen zu ſpringen, in dem Augenblicke, wo dieſer im vollen Carriere und krachend gegen einen zweiten Stein prallte. Die Heftigkeit des Sprunges war geſteigert durch die Heftigkeit der Bewegung, in welcher ſich der Wagen befand; und mit einer furchtbaren Gewalt wurde die Perſon, welche ſich zu retten verſucht hatte, gegen den Stein geſchlendert, von welchem her man jenen gellen⸗ den, herzdurchdringenden Sterbeſchrei vernommen. Alle Fackeln ſchaarten ſich ſogleich um dieſen Stein. Es war eine Frau, welche an dem ganz bis oben hin⸗ auf von ihrem Blute beſpritzten Steine lag. Sie war mit dem Kopfe gegen die ſcharfe Ecke des Steines ge⸗ ſchlendert worden. Der Kopf war zerquetſcht und mit Blut überſtrömt; er war kaum noch zu erkennen. Mit Blut überſtrömt war der koſtbare Seidenmantel und die feine Stickerei des Buſentuches. Mit Blut über⸗ ſtrömt war das reiche Untergewand, die Arme, das Kleid. Die röthlich goldenen Flechten, welche breit und prächtig um die Schläfe geſchlungen waren, dampften von Blut. Niemand wagte das ſchöne vornehme, un⸗ glückliche Weib zu berühren. Man ſah, daß ſie ausge⸗ litten hatte; ihr Tod war ein gräßlicher geweſen. Aber der Kampf deſſelben war ſchon zu Ende, ehe menſchliche Hände im Stande geweſen, ihn zu erleichtern. Juzwiſchen war eine zweite Perſon aus dem Wagen geſtiegen. Es war ein Mann. Ein Mann in den beſten Jahren ſeines Lebens, ſchön, hoch und kräftig, nur ein wenig gebückt in ſeiner Haltung und mit einem Geſichte, in welchem der angeborne Muth gegen eine ſchreckliche Erwartung kämpfte. „Wo iſt meine Gemahlin?“ rief er, als er aus dem Wagen ſtieg, unſicher, wohin er ſich in der Dunkelheit wenden ſollte. Man führte ihn zu den Fackeln. Die Fackeln ſchloſſen einen Kreis und bei ihrem Scheine ſah er ſeine Gemahlin, einen zerſchellten Frauenkörper, verblutend am Steine von London⸗Bridge, eine Leiche, untergehend im Nebelmeere von London... So findet ſich immer in dieſem Leben der Stein, an welchem das Haupt zerſchmettert, welches im Son⸗ nenſchein und Lächeln des Glückes, der Jugend und Schönheit vergaß, daß der Menſch, und fühle er ſich noch ſo frei und überlegen, die Schranken nicht unge— ſtraft überſchreitet, welche von einer mächtigeren Hand ſind aufgerichtet worden; und ſo kommt zuletzt nach den Tagen des Triumphes, wenn die glänzende Höhe er⸗ ſtiegen und die beneideten Erfolge der Eitelkeit errungen ſind, der große Nebel, der ſie plötzlich begräbt, zum Zeichen, daß Menſchenwerk nichtig ſei und daß das letzte Wort von jener Stimme geſprochen werde, welche —— Moſes auf dem Sinai vernommen... O, glaubt nicht, daß wir an der Freiheit dieſes Lebens verzweifeln ſollen, weil wir es beſtändig von unſichtbaren Einflüſſen durch⸗ kreuzt ſehen, welche die Einen dem Zufall, die Andern dem Schickſal, und die Glücklichſten von Allen einer Vorſehung zuſchreiben, welche ſie lieben und von welcher ſie ſich geliebt meinen. Glaubt nicht, daß dieſe Ein⸗ flüſſe nur ſtoßweiſe in die Gewebe unſres Lebens grif⸗ fen, und daß die Macht, von welcher ſie ausgehn, plan⸗ los mit uns verführe. Es beſteht ein tiefer Zuſammen⸗ hang in der langen Reihe von Tagen, von dem erſten Athemzuge, mit welchem wir das Leben grüßten, bis zum letzten, mit welchem wir Abſchied nehmen Der Zufall iſt nicht zufällig. Das Schickſal iſt nicht blind. Die Vorſehung iſt nicht grauſam. Ein Keim des Gu⸗ ten liegt in der Seele. Ein weiſer Plan iſt mit der Fähigkeit jedes Einzelnen von uns verbunden; eine Rich⸗ tung zu ewigen und unvergänglichen Zielen iſt unſerm Lebenspfad von Anfang an gegeben. Unter den wach⸗ ſenden Temperaturen des Daſeins entfaltet ſich jener Keim langſamer oder raſcher. Die verſchiedene Mi⸗ ſchung des Stoffes, aus welchem wir gemacht ſind, be⸗ günſtigt die Erkenntniß jenes Planes bei dem Einen und erſchwert ſie bei dem Andern; und oft laſſen wir uns verführen— denn diejenigen von uns, welche die Welt und ihre Genüſſe lieben, ſind nicht immer die Schlech⸗ teſten— von der Richtung abzuweichen, welche wir zu unſerm Heile eingeſchlagen. Aber laßt uns nicht er⸗ müden, Ihr meine Schweſtern und Brüder, dieſen Keim zu entwickeln; dieſen Plan zu ergründen; dieſe Richtung 174 immer wieder aufzuſuchen. Dieſes iſt die wahre Auf⸗ gabe unſres Lebens und uns in Harmonie zu ſetzen mit dem Willen Desjenigen, der uns dieſe Aufgabe geſtellt, der einzige Weg des Glückes und des Friedens. Das Glück, welches uns Tugend und Liebe gewähren, und der Frieden, welcher aus der ernſten Verwaltung unſrer täglichen Pflichten entſpringt, dem tritt keine Macht entgegen; durch alle Prüfungen und Schmerzen und Verluſte nehmen wir es rein mit auf unſer Sterbelager, welches uns Alle erwartet, auch Dich, meine blauäugige, blondlockige Leſerin! Aber zerſchmetternd und vernichtend ſchon in dieſem Leben und mitten auf dem Pfade, der über die lachenden Anhöhen der Welt läuft, tritt dieſe Macht dem Willen entgegen, der ſich gegen ihre ewigen Geſetze empört hat. Und nicht planlos; nicht zufällig. Erkennt Ihr nicht den Zuſammenhang in dieſem düſtern Momente des Nebels, in dieſem Steine von London⸗ Bridge und dieſen beiden Leichen, welche auf dem nack⸗ ten Boden zu beiden Seiten deſſelben liegen?.. Mit erſtarrtem Geſichte hatte ſich der Mann, wel⸗ cher zuletzt aus dem Wagen geſtiegen war, zu der blu⸗ tenden Leiche gewendet. Aber kaum, daß der Fackelglanz mit rothem Lichte ſeine bleichen Züge deutlicher beſchien, als ſich plötzlich aus dem andern Theile der Gruppe ein Ton hören ließ, wie das Gekreiſch eines Raubvogels, wenn er von Oben auf ſeine Beute ſtürzt. Und von der Leiche der Ertrunkenen her ſtürzte das alte Weib in Lumpen und mit kothbeſpritzten Beinen, welches bis dahin regungslos bei derſelben gekauert; und mit flammenden Augen, mit Schaum auf dem Munde und 75 ausgeſtreckten Händen, wie Krallen, warf ſie ſich auf den über ſeine todte Gemahlin gebengten Mann. „Ha!“ rief ſie mit dem Ausdruck wilden Triumphes und raſender Freude,„da hab' ich Dich endlich! Das biſt Du! Neunzehn Jahre lang— neunzehn Jahre der Schmach, des Elends und des ohnmächtigen Haſſes bin ich Dir nachgefolgt. Aber nun hab' ich Dich endlich. Herbei, herbei und hört es Alle— die ganze Welt ſoll es hören, daß dieſer Mann Richard Fitzroy iſt, welcher mir mein Kind verführt und getödtet hat... Mein Kind, mein einzig Kind! Meine Flory— heute ſollſt Du Rache haben für das Unrecht, das man Dir ge⸗ than, für Deine Unſchuld und Dein Leben....“ Und feſt gekrallt hielt ſie den Erſtarrenden, als wolle ſie ihn erwürgen, und Niemand von Denen, die umherſtanden, hatte den Muth, ſie von ihrem Opfer zu entfernen, ſo knirſchte und ſchäumte ſie, und die Fackeln rings umher beleuchteten die grauenhafte Scene mit ihrem blutrothen Lichte. „Herbei!“ kreiſchte ſie auf's Neue,„damit Ihr Euch den Mann anſeht! Ha, ha, ha,— winde Dich nicht ſo! Ich bin ja die Mutter Deiner Liebſten, die im Grabe ſchlummert, dieſe neunzehn Jahre lang... und hier, mein Liebling, Richard Fitzroy, liegt das Kind, welches ſie Dir geboren... komm doch her, mein Theurer, und ſieh Dir das Kind an, ob Du es noch erkennſt! Fürchte Dich nicht, mein Freund, es wird nicht zu Dir ſprechen; es wird Deine Blicke nicht erwidern; es wird nicht aufſtehen, Dich zu umarmen und Vater zu nennen, komm doch— komm!“ Und dabei zerrte ſie den unglücklichen Mann zu der andern Seite des Steines, wo die Leiche der Ertrunke⸗ nen lag. Und ſie riß das Tuch fort, welches das Haupt der Todten verhüllt hatte, und ein bleiches Ge⸗ ſicht kam zum Vorſchein mit ſchwarzen Haaren ringsum, welche noch vom Waſſer trieften, und mit ſchwarzen Augen, welche gebrochen und weit offen aus den Höh⸗ lungen ſtarrten. „Siehſt Du, mein Freund!“ ſchrie die Alte weiter, „dies iſt Dein Kind. Erkennſt Du die Züge der Mut⸗ ter wieder? Nein, wende Dich nicht ab— Du ſollſt es ſehen, Du mußt es ſehen.— Du haſt es ja nicht angeſehn, ſo lange es lebte. Gönne ihm doch einen Blick nun, wo es nichts mehr von Dir verlangt ... Nichts mehr. Aber ich lebe noch, ich— und will Rechenſchaft von Dir haben, Elender— Rechenſchaft für beide Leben und für beide Kinder.... Für meins, das Du in ein vorzeitiges Grab und für dies, das Du in den Fluß getrieben... Ha, hao, ha— denkſt Du noch an den Tag und an die Kirche und an den Platz von Portſea? Weißt Du noch, wie Du mein Kind dort getroffen.. ſiebzehn Jahr alt. nicht älter, ſchön und rein und unſchuldig... in weißem Kleide mit ro⸗ then Bändern und weißem Hute... weißt Du noch, wie Du ihr nachgegangen und mit ihr geſprochen und ihr armes Herz berückt und ihr zuletzt geſagt haſt, daß Du eine Schweſter habeſt, welche ein Kammermädchen miethen wolle, und daß ſie gerade ſolch' eine hübſche und anſtellige Perſon. ſei, als Deine Schweſter nöthig habe, und daß Du ſie am andern Abend zu Deiner Schweſter führen — 177— wolleſt, und daß ſie am andern Abend in der Dämmrung wieder auf dem Platze ſein ſolle, aber daß ſie inzwiſchen ſchweigen, und Niemand davon ſagen müſſe? Weißt Du noch— Du Elender— wie ſie kam, und wie Du ſie nahmſt und in die Kaſerne brachteſt, und keine Schwe⸗ ſter da war, aber Wein, um das arme Ding zu be⸗ rauſchen und zu bethören... und wie plötzlich die Trompeten blieſen:„Lichter aus!“ und wie mein armes, armes Kind gefangen war zu ſeiner Schande und ewigem Verderben. Weißt Du noch, wie Du ihr die Ehe ver⸗ ſprachſt, und wie ſie nach ihrer Mutter jammerte und wie Du ſie beruhigt und berückt haſt Tage lang, Wochen lang... bis Du eines Morgens verſchwunden und mit Deinem Regiment fortgegangen warſt und nie mehr kehrteſt und mir mein armes Kind zurückſchickteſt, gebro⸗ chenen Herzens und entehrt?... Sieh hin— das iſt die Frucht Deiner That... Das da, die Leiche, triefend vom Themſeſchlamm... Und nun gieb mir Rechenſchaft!“. Sie hatte den Sprach⸗ und Wehrloſen bis dicht an die Bruſtwehr der Brücke gedrängt, als wollte ſie ihn hinüber in den fürchterlichen Abgrund des Nebels und des Waſſers ſtürzen. Aber laute Hülferufe aus der Menge hatten mehrere Polizeidiener herbeigeführt, welche von Fackeln umgeben und den vollen Strahl ihrer klei⸗ nen Blendlaternen feſt auf den Punkt gerichtet, endlich den Gegenſtand dieſes Tumultes herausfanden und den unglücklichen Mann aus ſeiner gefährlichen Lage rette⸗ ten. Aber ſeine Kraft war erſchöpft. Müde, bewußt⸗ los, ohnmächtig ſank er an dem Steine nieder— zwi⸗ ſchen der mit dem Schmutze des Stroms bedeckten Leiche Straßenſängerin III. 12 78 ſeines Kindes und der mit Blut bedeckten Leiche ſeiner Gemahlin... Dies war das Ende der ſchönen Lady Jane, der * Erbtochter von Trevynhr und zukünftigen Viscounteß Hazlewood— und dies das Ende aller ſtolzen Hoff⸗ nungen und Zukunftspläne, welche Richard Fitzroh, Major von Ihrer Majeſtät Garden und Ritter des hohen Bathordens auf ihren Beſitz und die Verbindung mit ihr gebaut... Ihr großes Allodialvermögen von des Mannes Seite, in deſſen Beſitz ſie durch den Tod ihrer Tochter Jemima gekommen, fiel dem neuen In⸗ haber der Peerage Caſtlemere zu, und ſeit jenem ver⸗ hängnißvollen Tage von London⸗Bridge, an welchem ihre Reiſe nach dem ſonnigen Frankreich zu einer Reiſe ward in das dunkle Land, welches wir nicht kennen, ſteht die. Peerage Hazlewood of Trevhnhr nur noch auf zwei Augen und wird mit dem jetzigen von Alter und Gram gebeugten Repräſentanten derſelben verlöſchen für Immer. Stolzer Wappenſpruch der Hazlewood's— Du leuch⸗ tendes„Semper viret!“— wie ſchlecht haſt Du Dich bewahrheitet, und wie glänzend auf's Neue gezeigt, daß „die wolkenkappigen Thürme, die prächtigen Paläſte, die feierlichen Tempel, der große Erdball ſelber ſchwinden muß“ und daß uns Nichts bleiben wird, wenn die Herrlichkeit dieſer Welt unſer einzig Gut und Beſitz⸗ thum geweſen... Fort zu dem Wagen, welcher derſelbe Wagen war, (nur, der Gelegenheit gemäß neu gemalt mit den Far⸗ ben ihres eigenen Hauſes) aus welchem ſie einſt gegrüßt hatte am Morgen jenes glorreichen Tages, wo die — 179— Garden einzogen, trug man den entſeelten Leib Lady Jane's, führte man den beklagenswerthen Richard Fitz⸗ roy; und mit einem Tone voll höhniſcher Freude, als ſie gefragt wurde, wohin man den Leichnam ihrer En⸗ kelin ſchaffen ſolle, rief die ſchwarze Sarah, dem Wagen nachblickend, auf deſſen Schlage man das Wappen der Hazlewood's von Trevhnhr erkannt hatte:„Auch nach dem Wappen der Hazlewood's von Trevhnyr! Nach Jvy⸗bridge⸗lane, in das Bierhaus am Waſſer!“ Von Richard Fitzroy haben wir ſpäter gehört, daß er gänzlich gebrochen an Leib und Seele und tödtlich erkrankt von jenem furchtbaren Schlage auf London⸗ Bridge, da er Niemanden auf der Welt mehr hatte, der ſich ſeiner annahm, in eines von den großen Kran⸗ kenhäuſern Londons gebracht wurde, um langſam noch einmal für ein trauriges, ödes, hoffnungsloſes Daſein zu geneſen, welches nach dem Scheitern all' ſeiner küh⸗ nen Zukunftspläne, ſeine dauernde Strafe werden ſollte; Jacques Patürot dagegen ſetzte ſeine Reiſe über Lon⸗ don⸗Brigde nach Paris fort, wo er auf's Neue in ſeine frühere Funktion als Commiſſionär und„ami des Etran- gers“ in das Hötel des Princes am Boulevard des Italiens eintrat. Wenn man ihn nach ſeinem Lon⸗ doner Aufenthalt befragt, ſo erwidert er, es habe ihm dort„ſehr wohl gefallen,“ die Hauptſache jedoch für ihn ſei es, daß er dort die engliſche Sprache erlernt habe; welcher Vortheil in Verbindung mit ſeinen übrigen Tugenden ihn denn auch zum Liebling aller jungen und faſhionablen Engländer in Paris gemacht hat. 12* 0 Neuntes Capitel. Walter hält Todtenwachr. Endlich war der Nebel gewichen. Es wurde wieder hell. Die Sonne kam wieder und ihr Nachmittagsglanz wanderte durch die langen Straßen von London, durch ſeine entlegenen Höfe und ſeine Squares mit den ſchon gilbenden, herbſtlich rauſchenden Bäumen. Walter Grün, welcher an dieſem Morgen mit dem Cheſter⸗Train Wales verlaſſen hatte, war in London angekommen, als es in dem dichteſten Nebel begraben lag. ZJe mehr ſich der Zug dem Umkreis von London genähert hatte, um ſo finſterer war es geworden; und vollſtändige Nacht umgab die Reiſenden, die rothen La⸗ ternen und das Feuer der Locomotive, als ſie in den Bahnhof von Euſton⸗Square zu London einliefen. In der großen glasgedeckten Halle dieſer Station brannten die Lichter, als ob ein Mitternachtzug eingelaufen; und die Porters gingen mit ihren Handlaternen von Wagen zu Wagen. Dieſe Nacht, mitten am Tage, hatte etwas unge⸗ mein Beängſtigendes für Walter. Wie ein dunkles Meer brauſte der Lärm der Rieſenſtadt vor ihm,— wie ein Meer, unabläſſig rollend und toſend,— Schiffe zerbrechend, Menſchen begrabend, wer weiß? während wir machtlos am Ufer ſtehen. Walters Seele war voll von dem Gedanken an die Unglückſelige, in deren Ge⸗ ſchichte ſich ſein eignes Leben ſo wunderbar verflochten hatte; und wie eine düſtere Ahnung quälten ihn die — 1 Worte, welche von den Leuten im Manſion⸗Houſe ge⸗ ſprochen worden. Er hatte ſie nur zu wol behalten. Ihm war, als höre er ſie jetzt, hier, mitten im Nebel von Euſton⸗Saquare; als ob eine Hond ſich, um Ret⸗ tung flehend, ausſtrecke, und ihm fehle die Kraft, ſie zu erreichen... Was war es denn nun noch, was ihn auf ſo ſchmerzliche Weiſe mit dem Schickſal dieſes Mäd⸗ chens verband? Es war nicht Liebe, nicht Sehnſucht mehr. All' jene Empfindungen, welche einſt die räthſel⸗ hafte Etſcheinung in der ſtürmiſchen Bruſt des Jüng⸗ lings erweckt hatte, waren untergegangen, eine nach der andern, je näher er ihr kam, der dem Untergang Ge⸗ weihten. Zuletzt war nur noch ein tiefer Schmerz übrig geblieben— ein Schmerz um den Hingang alles Irdi⸗ ſchen, um die Nichtigkeit unſrer Ideale, um das Elend der Menſchen, welche Wandrer ohne Heimath ſind.... und dieſer Schmerz um das eigne Schickſal war es, welcher ihn mit ganzer Seele an dasjenige des unglück⸗ lichen Mädchens feſſelte.... Und wenn es ihr Ent⸗ ſchluß wäre, ſich aufs Neue in den Strom zu ſtürzen, — warum ſie hindern? Warum ſie zurückhalten in einer Welt, die kalt gegen die Leiden und gefühllos für die Schmerzen und gleichgültig iſt, ob man in ihr bleibt oder ſie verläßt.... warum eine Wanderſchaft fort⸗ ſetzen, die kein Ziel hat, und die eines Tages abgebro⸗ chen wird, etwas ſpäter vielleicht, aber nicht weniger willkürlich, als ob wir ſelber es gethan? Warum die⸗ ſen hoffnungsloſen Zug vermehren? Wäre es nicht beſſer, ſie gehn zu laſſen und ihr zu folgen, wenn ſie gegangen?— Aber nein! Die kräftige Seele Walters ſträubte ſich gegen dieſen Gedanken; und heftiger ward ſeine Unge⸗ duld, aus dieſem Nebel heraus zu kommen und die rettende Miſſion zu beginnen, von welcher er träumte. Er hatte eine unſägliche Furcht, wenn er in dieſen un⸗ beweglichen Nebel hinausſchaute. Es wehte ihn daraus wie Grabesluft an; und tauſendmal quälte ihn ſein Herz mit der Frage:„Wenn es nun zu ſpät wäre?“ Seine bisherige Herrſchaft, mit welcher er bis Che⸗ ſter zuſammengereiſt war, hatte dort den Expreßtrain genommen, während er den folgenden Zug erwartete. Jetzt, als er in dem dichten Nebel gefangen ſaß, machte er ſich Vorwürfe über ſeine Verſäumniß, obwol der Grund derſelben ein unerklärlicher Widerwille geweſen, länger in der Nähe Lady Jane's zu bleiben; und ſo hielt ihn denn die Hand der Vorſehung, welche ſich zu⸗ weilen der leiſen Regungen unſres Herzens als ihrer Werteuge be ient, mitten in ſeinen Zweifeln, ſeinen Vor i en und ſeiner Ungeduld auf, während die An⸗ dern ihre Reiſe fortſetzten und ihren Weg verfolgten bis zu jenem Stein, an welchem ihr W und ihre ganze Zukunft zerſchmetterte. Endlich aber war der Nebel gewichen und ein ſon⸗ niger, ſanfter Herbſtnachmittag war der ſchaurigen Fin⸗ ſterniß gefolgt. So iſt es in London; ſo iſt es im Leben. Die Sonne wandelt ihre himmliſche Straße und ihr freundliches Licht lächelt— nur zu bald!— die Spuren der Nacht und des Verderbens fort. Können wir Menſchen anders, als vergeſſen? Iſt es nicht die Schuld der vechſeliden Geſtirne, des wandelnden Jahres, — — 183— der kreiſenden Zeiten, daß wir vergeſſen? Verändert ſich nicht, beſtändig nur im Wechſel, Alles um uns her — verändern wir uns nicht ſelber? O, laßt uns dem weiſen und gütigen Schöpfer, welcher uns durch Schner⸗ zen erzieht, danken, daß er uns die Dinge die wir lieb⸗ ten, nicht blos nimmt, ſondern daß er uns auch lehrt, ſie zu vergeſſen; daß er die Gräber ſchließt und die Kirchhöfe in Blumengärten verwandelt. Dankt ihm, daß Ihr vergeſſen könnt; und täuſcht Euch nicht darüber, daß man Euch vergeſſen wird. Walter Grün nahm ſeinen Weg zu dem Stranp und dem Gäßchen, welches zu dem Hauſe des alten Bill am Waſſer führt. Mit andern Empfindungen, als damals, wo er in der vollen Erwartung ſeiner Jugend dieſe Straßen gewandelt, ging er ſie heute. Er war älter geworden ſeitdem, viel älter; nicht ſo ſehr in ſeinen Jahren, als in ſeinem Herzen, welches der eigentliche Sitz der Jugend iſt. Mit welch' veränderten Empfin⸗ dungen wandert man durch eine Stadt, welche ehedem das Ziel unſrer Sehnſucht geweſen, in welcher Menſchen wohnten, die nicht mehr ſind, und in welcher wir von einer Zukunft träumten, welche ſich nicht erfüllte? Der ſanfte Schimmer des Nachmittags, welcher die Plätze ſeiner vergangenen Freuden und die hohen Häu⸗ ſer zu beiden Seiten ſeines wolbekannten Weges beſchien, erwärmte ihn nicht. Die Menſchenwoge, welche wie ehemals durch die langen Straßen rollte, ließ ihn gleich⸗ gültig; und die Pracht und Majeſtät dieſer gewaltigen Stadt machte keinen Eindruck mehr auf ſeine Seele. So wahr iſt es, daß die Dinge rund um uns her ſich — 184— verändern, indem wir uns verändern; und daß wir die Welt uns ſelbſt erſchaffen, welche wir ſehen. Ein bleicher Sonnenſtreifen fiel ſchräg über den dunklen Eingang zu Jvy⸗bridge⸗lane, als Walter vor demſelben ſtehen blieb; und die buntſcheckige Menge und die weißen und rothen Omnibuſſe und die Kutſchen und Karren rollten an demſelben vorbei, wie an jedem an⸗ dern Tage. Walter ſtieg über die abſchüſſigen Stufen hinunter, welche er damals, in dem dunklen Drange ſeiner Liebe und ſeines Verlangens mehrfach betreten. Er erinnerte ſich an die Oktobernacht mit Sturm und Regen, wo er den Schluß des verhängnißvollen Liedes und das Mädchen gefunden welches einſt die Anfangs⸗ akkorde deſſelben geſungen. Er dachte an. die ſchwarzen Bögen von Adelphi. Nun, aus der Dämmrung, die in dieſer Gegend beſtändig herrſcht, kam ein breiter, ſilber⸗ artiger Glanz herauf und ein tiefes dumpfes Rauſchen. Es war der breite Spiegel der Themſe, über deſſen glatte Fläche die bleiche Sonne des Nachmittags ſchien. — Er ſtand vor dem Hauſe des alten Bill mit dem Wappen der Hazlewoods von Trevhnyr über der Thüre; und er zögerte nicht einzutreten. Bei wem, außer die⸗ Manne, durfte er hoffen Nachrichten zu bekommen 8 Mädchen, um deſſen Schickſal ihm bangte? Er kannte den alten Bill nur aus den Beſchreibun⸗ gen des Mädchens und ſeines ehemaligen Herrn, welcher nun in der Dorfkirche von Trevynyr ſchlummerte. Er fand einen Mann mit grauem Haupte und tief von Kummer geſrchtem Geſichte, als er eingetreten war.— über — 185— „Seid Ihr Mr. William Williams von Trevynyr?“ fragte er, als er ihm gegenüberſtand. „Der bin ich,“ ſagte der Mann mit ernſtem und gedämpftem Tone.„Was führt Euch zu mir und wer ſtid 3h „Ich komme von Trevynyr,“ erwiderte Walter. „Ich bringe Euch diz letzten Grüße von George Meadows... Da verklärte ſich das matte Auge des Alten.„Von George Meadows!“ rief er,„von meinem Herrn!... So gedenkt er meiner noch...“ „Er hat Eurer gedacht, treu bis zum Letzten. Aber der Tod hat ihn befreit don den Qualen ſeines Kran⸗ kenlagers und ſeines Herzens.... er iſt nicht mehr. Er ruht bei ſeinen Vätern im Grabgewölbe ſeiner Hei⸗ nath Das Auge des alten Bill hatte ſich mit Thränen gefüllt.„So ſind ſie Alle heimgegangen,“ ſagte er, „Alle, die Gerechten und die Ungerechten, Diejenigen, welche Unrecht thaten und Diejenigen, welche Unrecht litten.... Alle, Alle in der Kraft und Jugend ihres Lebens, und einſam an ihrem Grabe zurückgeblieben iſt nur der Alte und der Lebensſatte.... O, mein Gott, mein Gott, warum konnte dies nicht anders kom⸗ men und warum ließeſt Du mich zurück, um zu denken an jene Nacht, wo das Unheil heraufſtieg über das edle Haus der Hazlewoods und zu bereuen den Antheil, den ich daran gehabt?... Seht, daß ich noch lebe und ſehen muß, wie die Andern ſterben— das iſt meine Strafe! Und nun auch wird mir's klar, was der Herr — 186— geſprochen, daß er ein furchtbarer Gott ſei, der da heim⸗ ſucht die Sünde der Väter bis in's dritte und vierte Geſchlecht... O, glaubt es mir, kein noch ſo kleiner Theil von Schuld bleibt ohne Strafe auf dieſer Welt .. Aber Ihr, junger Mann, was ſucht Ihr hier, in der Wohnſtätte des Jammers und des Elends?“ „Ich ſuche Annie Lau—“ ſagte Walter, aber ſich plötzlich unterbrechend fuhr er fort:„ich ſuche Florh Wellmann...“ „Die Tochter Richard Fitzroy's, deſſen Weib— die letzte Tochter aus dem Hauſe Hazlewvod von Trevhnyr — heute am Brückenpfeiler von Londonbridge zerſchmet⸗ tert worden? Kommt— ich will Euch zu ihr führen, welche zum dunklen Geiſt eines großen und edlen Ge⸗ ſchlechtes ward und zum Werkzeug der Strafe in den Händen des richtenden Gottes... kommt! Faſt erdrückt von dieſer Nachricht neuen Unheils und zitternd, als ob jener zürnende Gott, von dem der Alte geſprochen, an ihrer Seite ſchreite, folgte Walter dem vorangehenden Bill in eine halbdunkle Stube, in deren Mitte eine Bahre ſtand mit einer ſchwarzverhäng⸗ ten Leiche darauf. „Hier,“ ſagte der alte Bill, indem er auf die Bahre wies,„iſt diejenige welche ihr ſuchet!“... Und hier ſtand Walter Grün am Ziele ſeiner aben⸗ teuerlichen Pilgerfahrt, am Ziele ſeiner Träume und ſeiner Hoffnungen. Eine Bahre und eine Leiche darauf, feucht vom Themſeſchlamm,— das war das Ende von Allem.. * — 187— Wiederum Eine mehr Welche die Noth, Müde wie keine mehr, Trieb in den Tod. Er wich die lange Nacht nicht von ihrer Bahre. Auf einem Schemel zur Seite derſelben ſaß er. Was in jener Nacht in ſeiner Seele vorging, das beſchreibt dieſe Feder nicht. Wie zuerſt der dumpfe Schmerz in ſeinem Innern wühlte. Wie dann Thränen kamen. Wie dann Selbſtanklagen mit der heftigſten Pein des Scheidens auf Immerdar wechſelten. Wie die Gedan⸗ ken ſich auf das eigne Leben und die eigne Zukunft lenkten. Wie es ihm plötzlich klar ward, daß es nun gelte ſich aufzuraffen; und wie, Angeſichts des furcht⸗ barſten Todes, der Entſchluß in ihm reifte, ein neues Leben zu beginnen, ein beſſeres, ein reineres, ein nützli⸗ cheres. Wie er halb aufgerichtet durch dieſen Vorſatz, ebenſo raſch wieder zuſammenſank in ſeinen Zweifeln und ſein Herz gen Himmel ſeufzte, um eine Hand, die ihn zu retten ſich ausſtrecken möge. Wie er empfand, daß er durch eigne Kraft dem drohenden Verderben nicht mehr entrinnen könne.... und daß eine an⸗ dere Kraft ihm zu Hülfe kommen müſſe eine Kraft, von der er noch keine Ahnung hatte, wo ſie zu finden Wie er nun, mitten in ſeinem Fieber, an die ferne Heimath dachte und an Eine.... deren Antlitz ſich zürnend abkehrte, als er es eben zu erblicken meinte. Zürnend? Nein, nur ſchmerzlich lächelnd, als wolle es ſagen:„Nun iſt auch dieß zu ſpät!“... Und wie es nun, über den Kämpfen und Vorſätzen, die in ihm auf⸗ — 188 und niederwogten, langſam anfing Tag zu werden wie das Dunkel wich, zuerſt vor den Fenſtern, dann in der Stube— wie der Themſeſpiegel auf Einmal leuch⸗ tete und ein rother Strahl quer durch den Fenſterbogen über die Bahre und die Decke fiel... Wie dieſer Strahl ihn weckte, wie er gleichſam leuchtend über ſei⸗ nen eignen dunklen Lebenspfad lief und ihn zu drängen ſchien zum Abſchied von dieſer Leiche und der Vergan⸗ genheit. Er hatte die Decke bis jetzt noch nicht von der Leiche genommen. Er hatte das Geſicht derſelben nicht ge⸗ ſehn. Nun, indem der Morgenſtrahl durch's Fenſter drang, erhob er ſich und mit feſter Hand, aber leiſe, als fürchte er ſich, ſie zu wecken, ſchob er das ſchwarze Tuch von dem Haupt und den Schultern der Schlafenden zurück. Das Geſicht war ſtill und ruhig. Es hatte die Formen früherer Tage angenommen. Der Kampf des Lebens in ſeinen Zügen war ausgekämpft. Der Tod hatte ihnen den Frieden der Kindheit wieder gegeben. Die Augen waren geſchloſſen. Die Hände lagen wie zum ſtummen Gebete gekreuzt über der Bruſt und um das nach hinten gebeugte Haupt und die dunklen Haare wob das Morgenlicht ſeine ſchimmernde Aureole... Walter nahm aus ſeiner Brieftaſche eine rothe Schleife. Es war die rothe Schleife, die er fern in ſeiner eutſchen Heimath gefunden, an dem Tage, wo das Mädchen ſie verlaſſen, und die er zum Andenken an ſie lang auf ſeinem Herzen getragen; wie ein ſym⸗ patiſches Zeichen der Verbindung. Er nahm ſie. Er drückte einen Abſchiedskuß auf das verblaßte Band. Er heftete ſie an die Bruſt der Schlafenden, an welcher er ſie einſt in beſſern Tagen des Frühlings und der ſeli⸗ gen Erwartung hatte leuchten ſehen. Das war ſein Todtenopfer. Dann ſah er das bleiche Geſicht noch einmal an. Dann bedeckte er das Haupt wieder. Dann ging er.— Zehntes Capitel. Die Vraft des Gebetes. Als Walter Grün in der Frühe des Tages zu Franz Michel kam, da lag dieſer würdige Mann noch in ſei⸗ nen beſten Träumen. Wovon er träumte? Je nun, wovon träumt man am Morgen, wenn man bis ſpät in die Nacht hinein Punch getrunken, Cigaretten ge⸗ raucht, Muſik gemacht und ſich mit lachenden Frauen⸗ zimmern unterhalten hat? Davon hatte er ſicher nicht geträumt, daß ihn die Stimme und das Geſicht Walter Grün's an dieſem Morgen wecken würde. Aber er ward ihm nicht böſe darüber. Franz Michel, der Muſikmei⸗ ſter vom Cafe⸗chantant des Leiceſter⸗Squares ward nie böſe. Er hatte Walter'n faſt ein halbes Jahr lang nicht geſehen und während dieſer Zeit Nichts von ihm ver⸗ nommen. Aber es wunderte ihn nicht, als er ihn jetzt plötzlich an ſeinem Bette wieder erblickte. Er fragte ihn nicht, woher er komme, was ihm begegnet ſei, was ihn zu dieſer ungewöhnlichen Zeit hierherführe. Franz Michel wunderte ſich über Nichts. Er rollte ſich eine Cigarre, und nachdem ſie brannte, ſtreckte er ſeine Hand aus dem Bette, ſchüttelte Walters Hand und fragte ihn: „Was für Wetter haben wir heute?.. Ich glaube die Sonne ſcheint.“ Die Sonne ſchien in der That. Aber ſie bemühte ſich vergebens durch die ſtaubigen Fenſter und die kümmerlichen Fetzen zu dringen, welche in der Privatwohnung Franz Michels die Stelle vovn Vorhängen vertraten. Nur hier und da, an der abge⸗ ſchabten Wand tanzte ein verſtohlenes Sonnenfünkchen. Im Haushalt des Muſikmeiſters hatte ſich Nichts geändert ſeit der Zeit, wo Walter zuerſt in demſelben eingeführt worden war. Das Frühſtück war angerichtet wie damals in dem dunklen Zimmer mit Glasdach und Bretterwänden; der Thee war kalt wie damals, das Clavier ſtand geöffnet, und auf dem Kaminfener brodelte der Keſſel mit Raſierwaſſer. In dem„Atelier“ wirth⸗ ſchaftete der ſchwarzlockige Gehülfe mit Meſſer, Kamm und Brenneiſen und erzählte ſeinen Kunden, den ſorg⸗ loſen Handſchuhverkäufern von Regent⸗ſtreet furchtbare Geſchichten von dem Stepney⸗Mörder und ſeiner Hin⸗ richtung auf dem Dach des Gefängniſſes von Horſe⸗ monger⸗lane, welcher er in der Frühe des Morgens bei⸗ gewohnt. Dazu leierte der Orgelmann in der grünen Mancheſterjacke draußen das inzwiſchen neu aufgekom⸗ mene Niggerlied von„Nelly Gray“ und dem„alten Kentucky⸗Strand“, welches von Chriſth's Minſtrels zu⸗ erſt in der St. Jamess Hall und dann in der„Royal Academy over the Water“(welche früher, ehe ſie ſo vornehm war„Canterbury Hall“ hieß) mit außerordent⸗ lichem Beifall geſungen und ſeitdem von allen Leierkaſten in London wiederholt worden war. Die kleinen Kinder tanzten rund um die Drehorgel wie damals.— Das Geſchlecht der kleinen Kinder iſt unſterblich in gewiſſen Straßen London's und andrer Hauptſtädte. Die dicken Weiber gegenüber zwiſchen den Mehlſäcken erſchienen zur gewohnten Zeit und hielten ihren ordnungsmäßigen Morgenklatſch. Die Sonne ſtrich über die hohen dunk⸗ len Häuſer in das enge Gäßchen hinein. Zuletzt ſetzte ſich Franz Michel an das Clavier und begann auch zu ſpielen— das Cantabile aus der Traviata natürlich und bald war die Miſchung von Parfüm, Tabaks⸗ qualm, Muſik, Tanz, Schwüle und Sonnenſchein wieder da, welche Walter'n in den erſten Tagen ſeiner Londo⸗ ner Abenteuer ſo ſehr entzückt und berauſcht hatte.— Der Muſikmeiſter hielt es für eine ausgemachte Sache, daß Walter ihn in's Cafeé⸗chantant begleiten und ſeine Stelle von ehedem wieder einnehmen werde. Aber Walter ſagte nein, er werde ihn nicht begleiten. Er werde überhaupt nur noch kurze Zeit in dieſer Stadt und dieſem Lande bleiben. Er denke daran, weiter zu wandern. Franz Michel begriff ſeinen Freund nicht, und dieſer konnte kein Wort über die Lippen bringen, um ihn mit den erſchütternden Vorgängen der letzten Zeit bekannt zu machen. Das Andenken der Geſchiedenen war in ihm zu heilig geworden, um von ihr zu ſprechen und ihren Namen zu nennen in der Gegenwart eines Men⸗ — 192— ſchen, für den es nichts Heiliges mehr gab. Nur ein⸗ mal, als dieſer ihn nach dem Frühſtück zu einem Spa⸗ ziergang in den Park und die Straßen aufgefordert, hatte er geantwortet:„Laß mich, lieber Franz; ich be⸗ darf der Zerſtreuung nicht länger, fortan muß ich mich ſammeln.“ Die Stimmung, mit welcher Walter von ſeiner Todten geſchieden, paßte ſchlecht zu der gewaltigen Fülle des Lebens, welche ihn bei dem erſten Schritt auf die Straße wieder umgeben hatte; und die ſanfte Wehmuth, die ſtille Hoffnung, welche er dort empfunden, auf der geweihten Schwelle der Ewigkeit, verwandelte ſich in Schwermuth und Verzweiflung, als der Lärm des Ta⸗ ges wieder um ſeine Füße brandete und die gewöhnli⸗ chen Anblicke der Wirklichkeit ſich vor ſeinem Auge er⸗ neuten. Feſt nur in ihm ſtand der Gedanke, daß die⸗ ſes Leben, wie er es bisher geführt, verfehlt und aus⸗ ſichtslos ſei; daß es entſetzlich enden müſſe, wenn er es weiterhin ſo verfolge, und daß eine Veränderung nöthig ſei, unverzüglich und ohne Verweilen, wenn er ſich noch retten wolle. Aber was ſollte er beginnen? Er muſterte den geringen Reſt ſeiner Erſparniſſe von Trevynyr⸗Hall. Sie würden ausgereicht haben für die Koſten der Ueberfahrt nach Amerika. Er dachte an Amerika. Hier zu bleiben war ihm fernerhin unmög⸗ lich. Die Erinnerungen der Vergangenheit würden ihn bei jedem Schritt gequält haben. Er ſehnte ſich nach einem neuen Orte, wo er frei von den Schatten, die er fürchtete, ein neues mühſeliges Leben beginnen könne. Er ſehnte ſich aus dieſer Wüſte, die voll von Trüm⸗ — 193— mern war, nach geordneten Verhältniſſen, nach Arbeit und dem beſtändigen Lohne der Arbeit. Er dachte an die Heimath und eine unendliche Sehnſucht ergriff ihn, wenn er an den Abendfrieden ihrer Dörfer und das Rauſchen ihrer Kornfelder dachte. Aber für ihn gab es keine Heimath mehr. Für ihn war nur noch das breite, breite Meer und die neue Welt, welche dahinter liegt. Gepeinigt von dem Widerſtreit dieſer Empfindun⸗ gen und rathlos, welchen Entſchluß er faſſen ſolle, be⸗ gab er ſich zuletzt auf die Straße. Immer wieder kam ihm der Gedanke:„wenn doch nur eine Hand ſich aus⸗ ſtreckte, um Dir zu helfen!“ An jeder Straßenecke machte er Halt. Jeden Wagen ſah er an. Das Dach jedes Omnibuſſes betrachtete er. Aber die Menſchen gingen vorüber. Die Wagen rollten dahin und die Omnibuſſe verſchwanden in dem leichten Dufte, der die Straßenferne feucht verhüllte. Von Außen hatte er keine Hülfe zu erwarten. Es geſchehen wol noch Wun⸗ der. Aber unſere Seele iſt die einzige Stätte, in der ſie vorgehen; und von Innen, aus unſerm eignen In⸗ nern kommt die warnende Stimme, wenn wir uns ver⸗ irrt, die Rettung, wenn wir uns zum Beſſern entſchie⸗ den und der Lohn, wenn wir es erreicht haben. Unſer wahres und eigentliches Leben leben wir nach Innen; was nach Außen tritt, ſind nur die fertigen Reſultate deſſelben. Müde vom langen Umherirren, von den Kämpfen ſeiner Seele, und dem vorangehenden Nachtwachen kehrte Walter am Abend in die Wohnung des Muſik⸗ Straßenſängerin MI. 13 meiſters zurück. Schon brannten die Abendlichter und der Muſikmeiſter ſaß um dieſe Zeit wol ſchon vor dem Flügel des Café chantant, welches für die letzte Saiſon ganz neu eingerichtet worden war, mit neuen Goldſpie⸗ geln, rothen Sammtdivans und ſpiegelblanken Marmor⸗ platten auf den Tiſchen. Neue Sänger und Sänge⸗ rinnen traten auf der Plattform des Saales auf; und nur zuweilen noch, in den ſpäteren Stunden der Nacht, erſchien die einſt hochgeſeierte Madame Léonie, welche in der letzten Zeit merkwürdig gealtert hatte und mit einem ſehr traurigen Geſichte und einer ſpitzen Stimme das Lied„Buvons à la jeunesse!“ ſang, wenn ſchon Niemand mehr zuhörte und nur noch hie und da, aus Mitleid und alter Anhänglichkeit eine Hand ſich rührte, um zu applaudiren.— Walter legte ſich nieder. Aber, müde wie er auch war, er konnte nicht ſchlafen. Kennt Ihr das Gefühl, mit dem heftigen Bedürfniß des Schlafes, wenn man ſich mit ganzer Seele nach ihm ſehnt, nicht ſchlafen zu können? Ich habe oft gedacht, daß es ein Gefühl ſein muß, wie das eines Sterbenden, welcher ſich nach Auflöſung ſehnt, und immer in jenem unerklärlichen Momente, wo es ſich, wie ein tiefer Schatten über das Bewußtſein legt, wieder zurückgerufen wird durch eine grauſame Stimme des Lebens. O, glücklich Diejenigen, deren Seele ſanft, wie auf murmelnden Meereswellen oder auf Wogen des rauſchenden Kornfeldes aus der Ermüdung des Tages und des Lebens hinüberſchwebt in die heiteren Gefilde des Schlafes, und einſt in die⸗ jenigen des Todes, ohne den gräßlichen Kampf, welchen ſtärker pochende Herzen oft bei beiden durchzumachen ha⸗ ben! Glücklich Derjenige, welchem Geſundheit und Frie⸗ den— arbeitsgeſegnete Tage und ruhig durchſchlum⸗ merte Nächte gewährt ſind! Wie wahr iſt der Spruch, daß eine geſunde Seele in einem geſunden Leibe wohne wie wahr, und wie hart zugleich!... Walter konnte nicht ſchlafen. Sein Körper war wie zerknickt von den Mühſeligkeiten des Tages und ſeine ganze Seele war ein Seufzer nach Schlaf. Aber er konnte nicht ſchlafen. Er nickte zuerſt wol ein. Aber nur auf Minuten, dann fuhr ihm der Gedanke an die Leiche von Jvh⸗bridge⸗lane wie ein Schlag durch's Herz — und er war wieder ganz wach. Die Stunden ver⸗ gingen. Er hörte die Schläge der Glocken von Stunde zu Stunde. Stiller ward es auf den Straßen. Im⸗ mer mehr Glocken, je ſtiller es im weiten Umkreis der Stadt ward, hörte er— die Glocken von St. Mar⸗ tin's in the Fields— die luſtigen Glocken, die jetzt ſo hoffnungslos klangen... die Glocken von St. Marh, und von St. Giles's, und von St. James's und von St. George's... ach! ein trauriges Concert von Glocken, mit ihren verſchiedenen Stimmen, wenn ſie ſo langgedehnt und theilnahmlos die Nacht durchklingen, uns die Stunden vorzählend, in welchen wir die Mar⸗ ter des Nicht⸗Schlafen⸗Könnens erdulden. Und als es zwei Uhr geſchlagen hatte, kam der Muſikmeiſter nach Hauſe, und mit dem Geruch von Grog und Tabak an ſich, warf er ſich auf ſein Bett und ſchlief ehe von dem nächſten Thurme das erſte Viertel erſcholl. Aber Wal⸗ ter konnte nicht ſchlafen. Vor ſeinem Auge ſtand die 13* — 196 Leiche von Jvy⸗bridge⸗lane— bleich, tropfend von Themſewaſſer, geiſterhaft von einer feuchten und ſchauer⸗ lichen Atmoſphäre umgeben. Aufgeregt bis zum Höchſten und heiß, richtete er ſich empor, um das Phan⸗ tom zu verſcheuchen und den Fortſchritt der Nacht zu bewachen. Aber wie langſam ſchritt ſie vor! Es war noch tiefes Dunkel vor den Fenſtern, und der matte Schimmer, welcher um die Scheiben zitterte, war Wi⸗ derſchein von den Straßenlaternen. Dann legte er ſich wieder nieder. Vielleicht, daß nun der Schlaf kommen würde. Aber aus der kurzen Bewußtloſigkeit von we⸗ nigen Minuten jagte ihn das Bild wieder auf— das Phantom— die Leiche— und horch! da ſchlug es drei von dem Thurme von St. Martins und von dem Thurme von St. Marh und von St. Giles's und von St. James's und von St. George's... und ehe noch die Glocken alle ausgeſchlagen hatten, war er wie⸗ der ſo munter und ſo wach, wie mitten am Tage... und die Stunde verfloß... und der Schimmer am Fenſter nahm eine andere Färbung an, es hyuſchte wie Grau um die Scheiben und ein eigenthümliches Däm⸗ mern quoll durch die Vorhänge.... Das war ſchon Morgenlicht. Der Tag begann... bald war die Nacht zu Ende und Walter hatte kein Auge geſchloſſen. Fieberhaſtig begann ſein Herz zu klopfen. Morgengrauen und noch immer kein Schlaf nach faſt zehnſtündigem Ringen... Da konnte Walter es nicht länger mehr aushalten. Er begann zu weinen— zu weinen, wie ein Kind, und indem ſeine Thränen heftig floſſen, kniete er nieder an dem Pfoſten ſeines Bettes... und mit⸗ ten in ſeiner Abſpannung und Hoffnungsloſigkeit wandte ſich ſeine Seele nach Oben und zu Denjenigen, welcher ihm in allen andern Nächten den Schlaf gewährt und ihm denſelben in dieſer Nacht verſagt hatte. Es war keine plötzliche Umwandlung, die in ſeiner Seele vorge⸗ gangen. Sein war ein gläubiges Gemüth; aber in all den Tagen, wo er den trügeriſchen Bildern ſeiner Phan⸗ taſie und ſeines ungeordneten Verlangens gefolgt war, hatte er ſeinen Glauben verloren, wie ſeine Heimath. Sie waren noch da, beide, die Heimath und der Glaube; aber nicht für ihn. Er ſehnte ſich oft, mit tiefer In⸗ brunſt nach ihnen; aber er hatte den Weg zu ihnen ver⸗ loren. Wie wunderbar, daß der Weg zu Beiden ein gemeinſamer ſein ſollte! Daß er ihn zu gleicher Zeit und aus denſelben Gründen verlor, und daß es ihm beſtimmt war, ihn durch Inſpiration und gleichſam von Innen heraus wiederzufinden! Denn ein Zuſammen⸗ hang beſteht zwiſchen der Heimath, die wir hienieden haben, und derjenigen, die wir im Zenſeits zu finden hoffen; und darum war„ein Grab in der Heimath“ der letzte Wunſch unſrer frommen Vorväter.— In dieſer Nacht war es, wo Walter Grün, gepei⸗ nigt von der Angſt und Unruhe, welche die Schlafloſig⸗ keit begleiten, zum erſtenmale ſeit Jahren wieder betete. Er betete nur um Schlaf. Aber das Gebet, wenn es wirklich aus der Tiefe des Herzens kommt, wenn der wahre Schmerz es geboren und die ganze Zerknirſchung der Hülfloſigkeit aus ihm ſpricht, hat die Kraft eines Wunders. Zuerſt war Etwas wie Empörung in den Gedanken Walters.„Warum kann ich allein nicht ſchla⸗ — 198— fen, da doch Alle jetzt ſchlafen? Was hab' ich gethan, daß der Schatten dieſes unglücklichen Weſens mich ver⸗ folgt und den Schlaf fortſcheucht aus meinen todtmüden Augen? Hab' ich es verdient und iſt es meine Schuld, daß ich um ihretwillen ſo leiden muß?“... Da hielt Walter ein. Die Frage, in der Stille und Einſamkeit der Nacht an ſich ſelbſt gerichtet: ob er eine Schuld auf der Seele trage, traf ihn tief mit Einemmale. Mit einem einzigen Blicke überflog er die Vergangenheit und ſein Geiſt, raſcher als ſonſt, trug ihn zurück von dem Schatten Derjenigen, welche geſtorben war, zu der Er⸗ innerung einer Andern, welche noch lebte.— Ob Gertrud wol glücklich geweſen in der langen Zeit, die inzwiſchen verfloſſen? Ob ſie nicht oft an ihn gedacht, den ſie wie einen Bruder und mehr geliebt, ſo lange ſie zuſammen geweſen; ob ſie nicht um ihn ge⸗ trauert, der ſo leichtherzig von ihr gegangen.... ob ſie nicht auch ſchlafloſe Nächte, gleich dieſer, um Denje⸗ nigen gehabt, der ihrer längſt in der weiten Welt ver⸗ geſſen?...„Nein, ich habe ihrer nicht vergeſſen“, rief die Stimme in ihm, welche betete—„Du weiſt es, mein Gott, daß ich ihrer nicht vergeſſen habe! In meiner Seele lebt ihr Bild; und das Andenken ihres treuen und reinen Herzens begleitet mich. Alles, rund um mich her, iſt untergegangen; aber ſie ſteht noch da, das einzig holde Weſen, in einer wüſten, troſtloſen Welt, und die Liebe mit der ſie mich geliebt, iſt meine letzte Erinnerung. Du haſt ſie mir gegeben, mein Gott; aber ich habe ſie weggeworfen. Ich hab' es verdient, und dieſe Schuld iſt mein....“ Seine Schuld aufrich⸗ tig gefühlt und reuig geſtanden zu haben, machte ihn nicht kleinmüthiger, als er zuvor geweſen. Es hatte eine ganz andere Wirkung. Es brach den Trotz in ihm, der anfänglich dem Gefühle ſeiner Ohnmacht beigemiſcht war; und an die Stelle der Auflehnung trat eine De⸗ muth und ſtille Ergebung.„Verzeih mir meine Schuld“, rief er,„und vergib mir, mein Gott, was ich an die⸗ ſem Mädchen gethan habe. Mein Glück verſcherzt zu haben, laß meine Strafe ſein. Aber, Du mein himm⸗ liſcher Vater, wende Dich nicht länger von mir! Sei wieder in meiner Nähe; höre mich, wenn ich rufe; führe mich aus dieſem Lande, wo ich geirrt, und aus dieſer Stadt, wo ich gefehlt habe, weit, weit weg in ein neues Land und in eine neue Stadt, damit ich un⸗ ter Deinem Schutze ein anderes Leben... ein Leben der Entſagung, der Arbeit und des Friedens beginnen möge:— Amen!“ 4 Walter erhob ſich.! Es war, als ob er ſchon jetzt ein andrer Menſch geworden. Er fühlte eine wunder⸗ bare Ruhe in ſich. Er hatte eine Empfindung, als ob Etwas in ſeiner Nähe ſei, was ihn unausſprechlich ſelig mache; als ob an die Stelle, wo ihn bisher Dunkelheit und troſtloſe Oede umgeben, ein milder Geiſt der Ver⸗ ſöhnung gekommen. Er fühlte den ſanften Anhauch deſſelben. War es die Allgegenwart der himmliſchen, war es die ſympathiſche Regung der irdiſchen Liebe? Sie waren es beide aus einem Borne, ſie ſind die Wellen deſſelben Meeres, und das Menſchenherz, in ſei⸗ nen höchſten Momenten, empfindet ſie mit gleicher Stärke. Die wahre Liebe iſt heilig; und das Herz, — 200— welches mit Treue und Beſtändigkeit an einem andern Herzen hängt, iſt der ſchönſte Tempel Gottes auf Erden. Walter legte ſich wieder. In das Morgengrauen hatten ſich ſchon die erſten wechſelnden Farben des Mor⸗ genrothes gewoben, und ein matter Abglanz von Licht ſpielte um das Kiſſen ſeines Lagers, als Walter ein⸗ ſchlief.... An der Stelle des bleichen Geſpenſtes, das ihn gequält, ſchwebte nun eine lächelnde Heimath⸗ geſtalt durch ſeine Träume, roſig angeglüht von dem Schimmer des Morgens und mit einem Kranze von fri⸗ ſchen Kornblumen in der lieblichen Hand... Er ſchlief tief und ruhig. Ein Doppelſchlag an die Thüre des Hauſes, der dumpf von unten herauf klang, weckte ihn zuletzt. Es war heitrer Tag. Die Streifen der Helligkeit, welche von draußen durch die Fenſter und die Vorhänge in das dämmrigs Zimmer drangen, hat⸗ ten jenen gleichmäßigen Ton des Lichtes, welcher den weitläufigen Raum zwiſchen den farbigen Auf⸗ und Un⸗ tergängen der Sonne ausfüllt. Der mühſame und ge⸗ dankenvolle Fortſchritt der Arbeit verträgt keine Illumi⸗ nation; nur ihr Anfang und ihr Ende iſt durch bunten Farbenwechſel ausgezeichnet. Der Vormittag mußte ſchon weit vorgerückt ſein. Aber eine wunderbare Erquickung war das erſte Gefühl Walters, als er die Augen auf⸗ ſchlug, und die Gewißheit des Tages hatte. Das zweite war, jenen Doppelſchlag an der Thüre gehört zu haben. Die Schläge an den Hausthüren, ſind die Zeichen, mit welchen ſich in London das Leben von Außen an⸗ meldet. Das Londoner Haus, ſelbſt das geringſte und elendeſte, iſt gegen die Straße verſchloſſen, wie bei uns nur die Wohnungen der Großen und die Paläſte zu ſein pflegen, und es öffnet ſich nur Demjenigen, welcher in vorgeſchriebener und althergebrachter Weiſe um Einlaß gebeten hat. Dieß geſchieht durch den„Klopfer“, einen eiſernen Ring von beträchtlicher Schwere, welcher außen an den Thüren, in der halben Höhe derſelben, ange⸗ bracht iſt. Die Zeichen, welche mit demſelben gegeben werden, ſind gleichfalls von jenem ſtereothpen Charakter, welcher dem ganzen Leben in London eine gewiſſe Mo⸗ notonie, aber auch den ehrwürdigen und großartigen Zug der von Alters hergebrachten Ordnung giebt. Ein ſtar⸗ ker Schlag gegen die Thüre verkündet den Dienſtmann, den Handwerker, den Laufburſchen, ſo wie Zeden, der zu der Herrſchaft des Hauſes in einem untergeordneten Verhältniß ſteht. Drei Schläge, gefolgt von einem für Ausländer ſchwer zu erlernenden Wirbel, zeigen die An⸗ kunft eines Gentleman an. Zwei Schläge aber ſind die Meldung der Poſt und das Zeichen, daß der Briefträ⸗ ger mit ſeinem rothen Rock ſeinem ſchwarzen Hut und ſeinem blauen Beutel über dem Arme, vor der Thüre ſtehe. Von allen den Lauten, welche in ihrer wirren Ver⸗ einigung den Straßenlärm von London bilden, ſind dieſe beiden Schläge des Poſtmanns die angenehmſten, wenn er ſo von Thür zu Thür geht, aus ſeinem blauen Beutel die Briefe vertheilend, welche dem Einen Freude, dem Andern Schmerz bringen. Von allen Erſcheinun⸗ gen, die im Laufe des Tages vorüberziehen, iſt die ſei⸗ nige dem Auge die liebſte; ſein Auftreten in dem bunten — 202— Schauſpiel der Straße erregt Spannung, ein Jeder in ſeiner verſchiedenen Weiſe verknüpft Erwartungen mit dem Nahen deſſelben, und ſelbſt das Dienſtmädchen, welches die Briefe in Empfang nimmt, begrüßt ihn mit Freuden, wenn ſie an das heimathliche Dorf oder ihren indiſchen Soldaten denkt. Und Walters Herz, als er die beiden Schläge des Poſtmanns hörte, klopfte hoch auf. Wenn der Brief für ihn geweſen wäre! Wenn der Brief aus Deutſch⸗ land geweſen wäre! Ach, der Poſtmann hatte in dieſen Jahren ſo oft ſchon an die Thüre geklopft, ohne ihm Etwas zu bringen... Aber nein— ſo wie eben, hatte er noch nie geklopft. Es konnte nicht anders ſein. Der Brief mußte für ihn ſein und er mußte von— S Walter wagte nicht weiter zu denken. Es ſcheint beinahe, als ob es gefährlich ſei, Lieblingswünſche zu denken. Ein Verhängniß ruht auf dem geſprochenen Wort; man nimmt den Hoffnungen, ſo bald man von ihnen geſprochen, den beſten Theil ihrer Exiſtenz, durch welche ſie mit der unſtchtbaren Welt zuſammenhängen. Man raubt ihnen den Schleier. Man hebt ſie aus den Händen des Schickſals und ſtellt ſie zu früh in die rauhe Luft der Wirklichkeit. Hoffnungen erfüllen ſich ſelten, nachdem man von ihnen geſprochen hat. Man ſoll von ihnen nicht ſprechen. Man ſoll ſie nicht einmal fertig zu Ende denken— Aber es ließ Walter'n auch nicht mehr ruhn. Er war allein im Zimmer. Franz Michel mußte ſchon vor ihm aufgeſtanden und hinuntergegangen ſein. Walter kleidete ſich raſch an. Aber er zögerte an der Treppe. Er zauderte, nachdem er unten war, die Thür zu öffnen, aus Furcht in ſeiner ungeſtümen Erwartung getäuſcht zu werden. Aber der Schlag ſeines Herzens ward ra⸗ ſcher und lauter. Er öffnete die Thür und trat in die Stube ein; das Feuer im Kamin brannte, wie immer, und der Keſſel hing darüber. Der Theetopf mit dem zerbrochenen Henkel ſtand auf dem Tiſche. Der ſchwarz⸗ lockige Friſeur war geſchäftig im Vorderzimmer. Die Drehorgel mit„Nelly Gray“ war draußen. Der Mu⸗ ſikmeiſter ſaß vor dem Clavier, ſpielend und rauchend. Es war Alles, wie es an jedem andern Tage ge⸗ weſen. Nicht die geringſte Veränderung war zu ent⸗ decken; und der heftigen Erregung in Walters Seele folgte nun ebenſo plötzlich ein Gefühl der Leere. Mehrere⸗ mal drängte es ihn, den Muſikmeiſter zu fragen. Aber das Wort wollte nicht über ſeine Lippen. Er hatte eine Scheu davor, von Etwas zu ſprechen, an welches ſich ſeine ganze Lebenshoffnung geklammert; aber ſtill und ohne Vorwurf begann er zu reſigniren, indem er ſich auf einen Stuhl am Tiſch nieberſetzte. Denn neu ge⸗ kräftigt durch den Vorgang der letzten Nacht war ſeine Seele; und neu gerüſtet durch den Ernſt, mit welchem er die Zukunft betrachtete. Eine Empfindung des Eben⸗ maßes war in ihm, als könne fortan kein Wechſel des Schickſals mehr, wie ehedem, ihn gänzlich aus der Bahn werfen. Feſt in ſeinem wiedergewonnenen Vertrauen auf die Macht über ſich, entdeckte er eine Kraft in ſich, welche ihm nicht mehr geſtattete, zu ſchwanken und zu irren. Der Schlag ſeines Herzens ſtillte ſich, und eine 20 Ruhe kam über ihn, welche ihn— mitten in ſeiner Enttäuſchung— glücklich machte.— Der Muſikmeiſter brach in ſeinem wilden Spiel ab. Er hatte nämlich ſeine Cigarre zu Ende geraucht, und wandte ſich um, mit der Abſicht, eine neue zu 6 gen. Er ſah Walter'n am Tiſche ſitzen. „Guten Morgen, Walter!“ rief er, indem er ſein Kautſchukbeutelchen hervorlangte und ein Blättchen aus dem dazu gehörigen Buche löſte. Dieſes Buch, aus der beliebten Fabrik von Job, war das einzige Buch, mit welchem ſich unſer muſikaliſcher Freund beſchäftigte. „Haſt lange geſchlafen, Walter,“ ſetzte er hinzu, den feinen, krauſen Tabak in dem Blättchen rollend und mit einer Berührung ſeiner Lippen das kunſtvolle Werk voll⸗ endend.„Aber halt', ehe ich's vergeſſe“, ſagte er, nachdem die Cigarre brannte,„hier iſt ein Brief für Dich angekommen“, und dabei griff er in ſeine Rock⸗ taſche und zog einen Brief daraus hervor, deſſen Cou⸗ vert nicht reiner dadurch geworden war, daß es in der Rocktaſche des Muſikmeiſters Station gemacht hatte. „Für mich?“ ſagte Walter, indem ihm auf Einmal das Blut wieder in die Wangen ſchoß. „Für Dich,“ erwiderte der Muſikmeiſter.„Es iſt ein Brief aus Marburg.“— „Alſo doch!“— das war das einzige Wort,— ches Walter hervorbrachte, indem er den Brief i Empfang nahm und ſich langſam entfernte. Er hätte den Brief nicht in Gegenwart von Men⸗ ſchen erbrechen können. Er begab ſich in die Einſamkeit des oberen Zimmors. Er ſchob zuerſt das Fenſter in die Höhe, damit die friſche Luft des Morgens herein⸗ komme. Dann, den Brief heftig an die Lippen preſſend — Aufſchrift und Siegel— kniete er nieder an derſel⸗ ben Stelle, an welcher er in der letzten Nacht gekniet hatte und ſein feuchter Blick wandte ſich zum zweiten⸗ mal inbrünſtig nach Oben, aber dieſesmal, um zu dan⸗ ken! Dann ſetzte er ſich auf den Rand ſeines Bettes . Er konnte den Brief noch immer nicht erbrechen. Sein Auge hing an der Aufſchrift und an dem Poſt⸗ ſtempel von Marburg. Ihm war, als ob jetzt ſchon, indem er dieſe geliebten Züge las und den Namen der Heimath erblickte, das Wort der Heimkehr geſprochen ſei. Eine wunderbare Fröhlichkeit ergriff ihn und er erbrach den Brief, deſſen Inhalt lautete, wie folgt: Lieber Walter! Ich ſchreibe Dir dieſen Brief unter der Adreſſe, welche Du mir bald nach Deiner Ankunft in London angegeben haſt, und hoffe, daß er richtig in Deine Hände kommen wird. Denn ſeitdem haben wir hier Nichts mehr von Dir erfahren. Ich würde Dir gern ſchon eher geſchrieben haben; aber Du weißt, daß ich nicht ſehr geſchickt mit der Feder bin. Auch habe ich mich immer davor gefürchtet, Dir zu ſchreiben, weil ich glaubte, daß es Dir nicht angenehm ſei, Etwas von hier zu hören, wo es Dir ſo ſchlecht ergangen iſt. Du biſt nun gewiß ein ſehr vornehmer Herr geworden, und in der großen Stadt, in welcher Du lebſt, wirſt Du uns längſt vergeſſen haben. Wir aber denken noch im⸗ mer an Dich, und ſprechen alle Tage von Dir. Wir haben uns eine Beſchreibung von London gekauft, ich leſe der Mutter daraus vor, am Abend, wenn ſie in dem großen Stuhl am Ofen ſitzt und ſtrickt; und wir wundern uns darüber, wie herrlich und ſchön dieſe Stadt iſt und wenn wir die großen Paläſte ſehen, welche in dem Buche abgebildet ſind, ſo ſuchen wir uns einen aus und denken, daß Du darin wohnſt. Bei uns aber iſt es ſehr ſtill geworden, und die Mutter und ich tragen Trauerkleider. Denn der Vater iſt vor vier Monaten am Blutſturz geſtorben. Es kam ſo plötzlich, daß wir uns zuerſt gar nicht darein finden konnten. Er lag nur zwei Tage, aber das Schrecklichſte für uns war, daß er uns nicht mehr erkannte. Nun haben wir uns Etwas getröſtet, obgleich es uns an je⸗ dem Morgen, wenn wir aufſtehen, ſo vorkommt, als könne er gar nicht geſtorben ſein; und immer, wenn wir aufſtehen, fehlt er uns. Ach Walter, vergieb ihm, was er Dir gethan! Er iſt ja nun todt, und er war ja mein Vater und er hat es gewißlich bereut, und er hat mehr als einmal geſagt: ich wollte doch, daß der Wal⸗ ter wieder hier wäre! Das ſagen wir auch, die Mutter und ich; und wir bilden uns ein, Du müßteſt doch noch einmal wieder kommen. Ach wie ſchön wäre es, ſagt die Mutter oft, wenn er wiederkäme, nun, wo wir ſo allein in unſrem Hauſe ſind! Denn wir haben das Muſikgewerbe auf⸗ gegeben, und nur die Wirthſchaft beibehalten, die uns auch alle Hände voll zu thun gibt. Und wir ſind doch ſeine Verwandten, ſagt die Mutter, und haben noch ein Unrecht an ihm ut zu machen; und er ſollte es wie ein Kind im Hanſe haben, ſagt die Mutter, wenn er wiederkäme, und die Mutter hat auch Schuld daran, daß ich Dir dieſen Brief ſchreibe. Denn, ſiehſt Du, die Mutter kann ſich gar nicht vorſtellen, wie es einem ehrlichen Menſchen in ſolch' einer großen Stadt wol er⸗ gehen und gefallen könne, die doch ſo voll ſei von Schlechtigkeit, wie ſie ſagt, und wie wir auch in der Beſchreibung von London geleſen haben. Jch aber kann es mir wol vorſtellen, wenn ich mich an das erinnere, was Du mir damals von der Sehnſucht Deines Her⸗ zens ſagteſt, und wie Dich's nach fremden Ländern und einem Leben voll Glanz und Herrlichkeit verlangte. Da⸗ rum will ich Dich nicht bitten, zurück zu kommen. Aber getreulich will ich halten, wie bisher, was ich Dir in jener Nacht am Brunnen verſprochen habe; daß ich Dich nämlich erwarten will, als könnteſt Du in jeder Stunde bei uns eintreten. Dein Zimmer oben iſt bereit für Dich. Dein Platz an unſerm Tiſche und Dein Sitz in unſrer großen Stube iſt bereit für Dich. Ich erwarte Dich, und ſollten auch meine Haare grau werden unterdeſſen. Du biſt nicht gebunden; Du kannſt thun, was Du willſt. Ich aber will dem Vorſatz treu bleiben, welchen ich gefaßt habe. Lebe wol, lebe glücklich; wenn es Dir aber einſt im Lärme der Welt nicht mehr gefällt, oder wenn Du darin nicht fin⸗ deſt, was Du geſucht haſt und Dich ein Verlangen überkömmt nach Ruhe, dann kehre dahin zurück, lieber Walter, wo Deine Heimath iſt, wo Dein Haus ſteht und Dich erwartet Deine Gertrud. Eilftes Kapitel. Die Berzogin von Vrmond erſcheint noch einmal. Es iſt Abend.— Zum letzten Mal umrauſcht uns das bunte Gewühl von London. Wir nehmen Abſchied von ſeinen gedrängten Straßen, von ſeinen herrlichen Paläſten, von ſeinen weiten Plätzen, von ſeinen phanta⸗ ſtiſchen Anblicken. Wir gedenken mit Wehmuth an den Mondenſchein und an die Juninacht, in welcher wir es zuerſt, am Anfang dieſer Geſchichte erblickt haben, und rufen uns die Veränderungen zurück, welche wir inzwi⸗ ſchen erfahren haben, an uns ſowol, wie an andern. Es iſt Abend,— ein Herbſtabend, kühl, ein wenig feucht, aber klar genug für die Lchter welche in langen Reihen“ durch die Straßen von London brennen. Die breiten Trottoirs des Strands glänzen von einem kur⸗ zen Regen beim Einbrechen der Dämmrung; und die Säulen und Monumente von Charing⸗Croß ragen in einen dunklen Himmel, deſſen Säume vom Wiederſchein der Lichter röthlich flammen. Es iſt neun Uhr Abends und die Glocken von St. Martins in the Fields läuten——„jene liebe Me⸗ lodie von acht Tönen— jene Glockentonleiter hoch in den Lüfte Walter Grün iſt auf ſeinem Wege zum Schiff, und Franz Michel der Muſikmeiſter von London begleitet ihn dahin.— Das Schiff wird erſt gegen Mitternacht die Rhede von Horſelhdown, den Tower und St. Chatarinen's — 209— Wharf verlaſſen; ſie haben Beide Zeit noch eine Weile in den Straßen von London zu verzögern. — Als ſie auf ihrem Wege, den Strand hinunter, vor dem kleinen und dumpfigen Eingang zu Jvy⸗bridge⸗ lane ankamen, wo die Gaslaterne brennt und die Zettel der benachbarten Theater von Adelphi, Lyceum und Strand angeklebt ſind, da blieb Walter ſtehen. Er konnte dem Flatze nicht vorübergehen, welcher ſo ver⸗ hängnißvoll für ſein Leben geworden war, und er bat ſeinen Freund, ihm zu folgen. Die Fenſter des kleinen Bierhauſes, welche nach dem Waſſer gehen, waren dunkel, die Barre war verſchloſſen und das Schild mit dem Hazlewood of Trevynyr⸗Wap⸗ pen von der Thüre verſchwunden. Der alte Bill ſaß in der Stube rechter Hand. Er ſaß ganz allein, ein kleines Licht brannte auf dem Tiſche und tiefes Schwei⸗ gen umgab ihn, als die Beiden eintraten... „Es iſt ſchön von Euch, noch einmal zu kommen,“ ſagte der alte Bill, indem er aufſtand und Waltern die Hand gab.—„Viel ſpäter würdet Ihr mich nicht mehr getroffen haben. Es rüſtet ſich Alles zum Abſchied. Auch ich bin wieder frei und gehe!“ „Ihr wollt London verlaſſen?“ fragte Walter den alten Mann, welcher ehrwürdig mit ſeinem weißen Haupte, und ergriffen von einer ſichtbaren Bewegung ſeines Innern vor ihm ſtand. „Sie ſind nun Alle gegangen, die ſich in dieſem Leben haßten oder liebten,“ ſagte der alte Mann mit einem gehobenen Ausdruck in ſeiner Stimme und ſeinen Mienen,„und auf ihrem Grabe feiern wir, die zurück⸗ Straßenſangerin MI. 14 ———— geblieben ſind, das Feſt der Verſöhnung. Der edle Lord Hazlewood, der Vater meines todten Herrn, verläßt das Schloß ſeiner Ahnen, und der Haushofmeiſter, welcher ihn hierherbegleitet, war bei mir und hat mir die Er⸗ laubniß gegeben, nach Trevhnyr zurückzukehren, wo meine väterliche Hütte ſteht und George Meadows begraben iſt. Ich bin zum Abzug bereit; die Miethzeit dieſes Hauſes iſt abgelaufen und ſobald meine Angelegenheit in dieſer Stadt geordnet, kehr' ich zurück in mein hei⸗ mathliches Dorf, fröhlich, in der alten Heimath und auf dem geliebten Boden meiner Kindheit ſterben zu dürfen.“ Walter, mit Thränen in den Augen ſah ſich um. Er wagte nicht, zu fragen. Aber er ſtand auf der Stelle, wo in jener unvergeſſenen Nacht die Leiche ge⸗ ruht hatte. Der alte Bill wußte, was ſein Blick be⸗ deuten ſollte. „Sie iſt begraben, mit allen Ehren, die einem tod⸗ ten Chriſtenkinde geziemen,“ ſagte der alte Bill.„Die Jury bei der Leichenſchau erkannte darauf, daß ſie in einem Anfall von Wahnſinn ihrem Leben ein Ende ge⸗ macht habe. Sie ruht in Frieden— mehr als ſie, hat nie ein Weib geliebt und gelitten, und ungerechter, als gegen ſie, iſt nie das Schickſal geweſen. Aber uns ſteht es nicht zu, mit dem ewigen Willen, der uns Alle be⸗ herrſcht, ins Gericht zu gehen. Wir ſind blind; und ſi vielleicht, die jetzt ſehend iſt, lächelt in Seligkeit, ſie auf das kurze Leben zurückblickt, das ſie gelebt hat Sie ruht in einem friſchen Grabe, an der Hügelſeite von Woking, dis gen Oſten ſchaut. Wir brachte — 21— hinaus an einem ſchönen, frühen Morgen. Wir deckten ihren Hügel mit Raſen zu und die Sonne ſchien dar⸗ auf, als wir es verließen.. „Und das Kind?“ fragte Walter, zögernd. „Gott ſei Dank!“ erwiderte der alte Bill,„für das Kind iſt geſorgt. Die Subſcription, welche der Lord Mayor am Tage des Gerichts vom Manſion⸗Houſe er⸗ öffnet, hat eine beträchtliche Summe ergeben. Aus allen Theilen der Stadt und des Landes floſſen die Beiträge herbei, und der Ertrag, welcher für die Mut⸗ ter beſtimmt geweſen, iſt nun für das zurückgelaſſene Kind derſelben eine reichliche Verſorgung geworden. Auf die Verfügung des Magiſtrates, welcher ſich dieſer Angelegenheit angenommen, iſt das Copital in ſichere Hände niedergelegt und das Kind einer Anſtalt anver⸗ traut worden, in welcher es, unter Gottes allmächtigem Schutze, erwachſen und gedeihen, und frei von dem Schatten, welcher auf der Erinnerung ſeiner Eltern ruht, zu einem guten und nützlichen Menſchen werden wird. Denn der Zorn des Herrn währt nicht ewig!“ ſetzte der fromme, alte Mann hinzu, worauf eine Weile Schweigen herrſchte in dem niedrigen Gemache.—„Die merkwürdigſte Verwandlung,“ begann er alsdann noch einmal,„iſt mit der alten Frau vorgegangen, welche ihre Großmutter iſt. Wie wenn ſie von der langen und wahnſinnigen Raſerei ihres Lebens endlich erſchöpft ſei, brach ſie ſchwach und machtlos an der Leiche ihrer Enke⸗ lin zuſammen. Das wilde und ſchreckliche Feuer ihrer Aungen war plötzlich erloſchen, und matt, blöde und theilnahmlos ſah ſie Alles mit an, was um ſie 14* vorging. Sie war, wie ein Kind, und ließ Alles mit ſich machen, wie ein Kind. Die letzten Worte, die ich von ihr hörte, waren: Nun habe ich erreicht, wo⸗ nach ich ſo blindlings getrachtet— nun bin ich ge⸗ rächt für das Verbrechen, das man an mir begangen, aber nun erkenn' ich auch, daß die Rache nicht unſer, ſondern eines Andern iſt, an den ich vergeſſen hatte in der langen Nacht meines Lebens— und mit dem Haupte, auf das ich ſie herabbeſchworen, hat ſie zugleich auch das meine zerſchmettert... Dann verſtummte ſie und ließ ſich ohne Widerſtand und Widerrede in das Armenhaus bringen, in welchem ihr auf Anordnung des Magiſtrats ein Platz angewieſen ward.“ „So iſt denn Alles zuletzt geendet, wenn auch an⸗ ders, als wir es Anfangs dachten,“ ſagte Walter mit ſchmerzlichem Lächeln, indem er dem alten Bill noch einmal die Hand ſchüttelte.„Lebt wol— auch ich gehe... ich kehre zurück in die deutſche Heimath, welche ich einſt im Uebermuth und in der Täuſchung der Jugend verlaſſen habe— ich kehre zurück, nicht an Jahren, aber an Erfahrung viel, viel älter. Lebet wol — wir haben doch nichts Heiligeres als dieſe Heimath cuf Erden„₰ „Denn ſie ſoll uns ein Unterpfand ſein und eine Vorbereitung zu der Heimath im Himmel,“ ſetzte der alte Bill hinzu, und feuchten Auges ſchloß er die Thüre hinter den beiden Fremden, nachdem ſie ge⸗ gangen.— „ZJetzt habe ich nur noch einen Gang in London zu machen, und hoffe, lieber Franz, daß Du mich auch diesmal begleiteſt, ſagte Walter Grün, ſeinen Arm in den des Muſikmeiſters legend. „Ich werde Dich nicht verlaſſen, Walter,“ erwiderte dieſer.„Ich bin es nicht, der Dich verläßt, Du ver⸗ läſſeſt mich... Aber huſch!— vertheidige Dich nicht Es iſt ja kein Vorwurf, den ich Dir mache. Du biſt nicht für die Welt gemacht. Du haſt noch Dinge, an die Du glaubſt. Du haſt noch Dinge, die Du „Und mein Glaube iſt feſter, meine Liebe inni⸗ ger geworden, ſeitdem ſie mir auf's Neue gegeben ſind,“ unterbrach ihn Walter, deſſen Seele mit den ſtillen und friedvollen Bildern der Heimkehr beſchäftigt war. „Ich fühle,“ fuhr er fort,„daß eine wunderbare Ver⸗ änderung in mir vorgegangen iſt. Ich fühle Nichts mehr von jener nagenden Pein, die mich einſt in die Welt trieb, um Phantomen zu folgen. An ihre Stelle iſt eine ſtille Sicherheit getreten, als ſei ich nun auf dem rechten Wege. Ich kehre zu dem Glück zurück, das ich verlaſſen habe; und ich danke dem Herrn, daß er es mir erhalten hat.“ „Du ſprichſt, wie ein Profeſſor der Moral,“ ſagte Franz Michel mit einem etwas ungläubigen Geſichte, obgleich er ihn ganz ruhig angehört hatte.„Aber Dein Glück, mein Freund, iſt nicht für Jedermann. Es iſt ein recht ſpießbürgerliches Glück, nimm mir's nicht übel, in ſolch' einer engen Stadt und ſolch' einem altfränki⸗ ſchen Hauſe zu ſitzen, gefeſſelt an ein Weſen, und umgeben immer von denſelben Geſichtern. Es mag gut ſein für die erſte Zeit— denn aller Wechſel zerſtreut... aber werden nicht bald die bunten Lampen von London wieder herauftauchen? Werden die ſchönen Geſichter und die lachenden Augen von Regent⸗ſtreet Dich nicht mitten in Deinem Alltagswerk ſtören? Werden die be⸗ zaubernden Klänge Dich nicht aufwecken, wenn Du in Deiner getünchten Stube ſitzeſt, und das monotone Ge⸗ ſpräch des Haushaltes begleitet wird von dem Ticktack der Wanduhr? Werden die Paläſte von Belgravia und die duftumflorten Baumgruppen von St. James's nicht plötzlich vor Dir ſtehen, wenn Du durch die holprigen Gaſſen und die einſamen Feldwege Deiner erſehnten Heimath gehſt?... „Nimmer— nimmer!“ rief Walter. „Täuſche Dich nicht,“ fuhr ſein älterer Freund fort. „Unſer iſt die Sehnſucht, die uns in die Fremde zieht, und uns mit Heimweh quält, wenn wir ſie erreicht haben. Wir ſind ein unglücklich Geſchlecht, wir Men⸗ ſchen; wir hängen am Vergangenen, und unſrer Seele verlangt es nach dem Unbekannten. Aber Eines iſt unmöglich: in den frühern Zuſtand der Unſchuld und zu der ehemaligen Beſchränktheit des Glückes zurückkehren. Es giebt Bilder, die ſich nicht vergeſſen, und Ideen, die ſich nicht mehr verbannen laſſen. Oder glaubſt Du, daß Adam und Eva das Paradies, ſelbſt wenn man es ihnen hätte zurückgeben wollen, noch paradieſiſch gefun⸗ den hätten, nachdem man ſie einmal daraus vertrieben? Ich glaube es nicht; ich glanbe an Nichts als an die Erbärmlichkeit dieſes Lebens. Und da Unbefriedigung das Ende iſt, wie man es auch leben mag, ſo laß mir den Glanz, der müch über das Elend täuſcht, den rau⸗ ſchenden Lärm der Weltſtadt, welcher mich betäubt; den Anblick ihrer Pracht, welcher mich unterhält und ihrer Nichtigkeit, welcher mich über mein eigenes Schick⸗ ſal tröſtet.“ „Und haſt Du niemals ein Verlangen nach der Stelle in dieſer weiten Welt empfunden, welche Deine Heimath iſt?“ fragte Walter. „Was nennſt Du Heimath?“ entgegnete Franz Mi⸗ chel.„Iſt es der zufällige Erdenfleck, auf welchem wir die Miſere des Lebens begonnen haben? Sind es die Berge, die gleichgültig für Menſchenweh in's Thal hin⸗ unterſchaun, heut, wie vor Jahrhunderten? Oder die trägen Kleinſtädter, welche die Köpfe zuſammenſtecken, um über Dich zu tuſcheln? Ich glaube, nicht eine Seele würde mich wiederkennen, wenn ich zurückkehrte zu Dem, was Du meine Heimath nennſt. Meine Eltern ſind todt. Meine Geſchwiſter ſind ausgewandert— zweie nach Amerika— der Dritte— ich weiß nicht wohin. Nicht einmal mehr das Haus ſteht, in welchem ich ge⸗ boren worden bin. Soll ich auf den Kirchhof gehn? Sind die Gräber meiner Eltern meine Heimath? Sprich nicht von meiner Heimath— ich habe keine. Es gibt nur zwei Dinge: die Welt und die Heimath; und Du verlierſt die Heimath, ſobald Du die Welt geſehen!“ „Armer Freund!“ dachte Walter, indem er an Franz Michels Seite zum letztenmal durch die langen Straßen von London ging, umtoſt von dem gewaltigen Rauſchen, das ihn einſt ſo entzückt, und umglänzt von den Lichtern, die ihn einſt ſo geblendet hatten.„Nicht der Glauben an das Leben, nicht der Glauben an die Heimath— 3 — 216— Dir fehlt der Glauben an das Menſchenherz— an das treue und leidenſchaftsloſe Walten der Liebe, welches uns an das Leben bindet und in die Heimath zurückruft.“ Und mit einem dankbaren Blick gen Him⸗ mel dachte er an Gertrud, welche, treu dem Worte, das ſie ihm freiwillig gegeben, und geduldig ihn daheim er⸗ wartete, ob er ihrer gleich im Lärmen der Welt ver⸗ geſſen hatte; und zu der er nun zurückkehrte aus dem ſtürmiſchen Ozean des Lebens, nachdem er ſo viele Opfer der Leidenſchaft, des Wahnes und der Selbſtüberhebung in demſelben hatte verſinken ſehen... Nach einer langen Wanderung durch immer entlege⸗ nere Straßen, nachdem ſie den Dom von St. Pauls, Bank und Börſe hinter ſich hatten, hielten ſie in einer ſchmutzigen, wunderlichen Gaſſe, und vor einem ſchmutzi⸗ gen, wunderlichen Hauſe ſtill. Harfenklänge, Geſang, Tanz und Lachen erfüllten die Herbſtnacht; und braune Geſichter mit dunklen Augen wurden ſichtbar in ihrer feuchten Dämmerung. Ein Klang und eine Viſion, wie aus einem andern Leben, welches er vor dieſem gelebt, zogen an Walter vorüber, als er in dem Gäßchen und vor einem ſeiner hohen und halbeingeſunkenen Häuſer ſtehen blieb. Hier war es, wo einſt ſeine Londoner Abenteuer bigonnen hatten, als er arm und hülflos, aber reich an Eipbildungen und glühend noch von dem unge⸗ prüften Feuer ſeiner erſten Leidenſchaft angekommen war; und hierher noch einmal in der Stunde des Ab⸗ ſchieds zog es ihn. Er ſtand in Pettycvat⸗lane und vor dem Hauſe des alten Ifrael Moß. 2. Große Leeru herrſchte in der Stube diſes Hauſes, als die beiden Fremden ſo ſpät noch eintraten. Iſrael Moß, bekannt in jenem Viertel der Stadt und unter ſeinen Leuten als der„Captain“, ſaß in einem Lehnſtuhl, dicht am Camin, bekleidet mit dem Sammt⸗ ſchlafrock und dem Sammtkäppchen, in denen er nach des Tages Laſt und Mühe die patriarchaliſchen Func⸗ tionen des Hausherrn auszuüben pflegte. Dieſelben en⸗ deten gewöhnlich mit einem geſunden Schlaf im Lehn⸗ ſeſſel, welcher begleitet ward von den tiefen und regel⸗ mäßigen Athemzügen ſeiner Ehehälfte, ihm gegenüber in dem zweiten Lehnſeſſel der Stube, und von dem Schnar⸗ chen ſeiner jugendlicheren Gehülfen, welche auf den höl⸗ zernen Bänken an der Wand lagen.— Die Sitten dieſer morgenländiſchen Colonie ſind auch darin von denjenigen des übrigen ſie umgebenden Londons verſchie⸗ den, daß die Thüren daſelbſt nicht verſchloſſen und Glockenzüge und Eiſenringe an denſelben unbekannte Dinge ſind. Die ſchlafenden Bewohner des Moß'ſchen Etabliſſements bemerkten daher den Eintritt der beiden Fremden nicht eher, als bis dieſe mitten in der Stube ſtanden. Dann aber gab es einen großen Aufſtand und eine allgemeine Bewegung. Mr. Iſrael Moß, der Captain, ſchob ſein Sammtkäppchen weit zurück über das Ohr und der Kopfputz ſeiner Ehehälfte, welcher noch wie damals, wo wir dieſes Meiſterſtück weiblicher Hand⸗ arbeit zuerſt zu bewundern Gelegenheit hatten, aus einer Maſſe von beweglichen Blumen und Federn beſtand, machte gewaltige Schwankungen auf dem Haupte dieſer würdigen Dame. Am Meiſten hervor aber thaten ſich diesmal die Gehülfen, welche bei dem unerwarteten An⸗ —— — 218— blick der Fremden in die Höhe fuhren, bis der Oberge⸗ hülfe, Walter'n wiedererkennend, ausrief:„So ſoll mir Gott helfen, der Gerechte, wenn das nicht iſt der Chriſt, welcher iſt gelaufen weg aus dieſem Hauſe!“ Nach welchem Ausruf der Principal des Hauſes gleichfalls aufſtand, zunächſt aber um ſich an ſeinen Ge⸗ hülfen zu wenden.„Verſchwarzter Jung',“ rief er, „wenn Du nur wollteſt ſein ſtill mit Deinen nichts⸗ nutzigen Redensarten. Was geht's an Dich, das er iſt ein Chriſt? Kann man nicht haben lieb Menſchen, wenn ſie auch ſind Chriſten? Leg Dich auf Deine Bank, und ſei ſtill, Jung,“ ſchloß er ſeine Anrede an ſeinen Obergehülfen, der(ein guter Vierziger trotz der ſchmei⸗ chelhaften Bezeichnung eines„Jungen“) ſich wieder auf die Bank legte, und brummend mit den Worten:„Wo der Mann nur herkriegt ſein gutes Herz, wenn er hat an ſeinen Schlafrock und ſeine Pantoffeln,“ den Uebri⸗ gen den Rücken kehrte. Mr. Iſrael Moß aber ſchüt⸗ telte den beiden Fremden die Hand und Mrs. Moß bot ihnen einen Stuhl an. „Ihr kennt mich noch, nach ſo langer Zeit?“ begann Walter, nachdem er ſich geſetzt hatte. „Ob ich Euch noch kenne!“ erwiderte Mr. Moß, der Captain.„Ich würde Euch wieder erkannt haben nach zehn Jahren. Wir haben oft von Euch geſprochen und haben geſagt: wo nur mag ſein der fremde Menſch? Wenn er ſich nur nicht wird haben verlaufen— ſo ohne Geld und ohne die Sprache herumzugehen in Lon⸗ don— was kann ihm nicht paſſiren in dieſer großen Stadt! Haben wir das nicht geſagt, Eſtherleben?“ Mrs. Moß nickte mit dem Kopfe, wobei die Federn und Blumen ihrer Haube ſich gravitätiſch bewegten. Geld, was Ihr mir habt gegeben zur Aufbewahrung. So aber hat es gelegen bei uns und wir haben nicht gewußt, was wir ſollen machen damit. Gott dem Ge⸗ rechten ſei Dank, daß Ihr wieder da ſeid, daß es Euch gegangen zu ſein ſcheint gut, und daß ich Euch nun wieder kann geben Euer Geld.“ „Behaltet es, guter Mann,“ entgegnete Walter, „ich bin es Euch ſchuldig für die freundlichen Dienſte und die Aufnahme, die Ihr mir habt zu Theil werden laſſen, als ich fremd und verlaſſen hier ankam. Aber wenn Ihr mich glücklich machen wollt, ſo gebt mir meine Violine wieder, welche ich damals bei Euch zu⸗ rückließ.“ „Ihr ſollt Beides haben,“ ſagte Mr. Frael Moß. „Eſtherleben, hier ſind die Schrankſchlüſſel, hole das Beutelchen mit Geld und die Fiedel, die wir haben be⸗ wahrt auf für den jungen Menſchen.“ Mrs. Moß ſtand auf und ging zu dem hohen, alt⸗ modigen Eckſchrank, aus welchem ſie nach einigem Suchen die beiden Gegenſtände hervorlangte, welche darin Jahr und Tag ſeit jenem Abend, wo Walter zuerſt in dieſem Hauſe geweſen, gelegen hatten. Seine Augen glänzten von Thränen, als er die Violine, die einzige Vertraute ſeiner erſten Schmerzen und Hoffnungen wiederſah; und mit einer Art von Andacht preßte er das ſeidene Beu⸗ telchen, die letzte Gabe Gertruds, an ſeine Lippen. Er hatte die fantaſtiſchen und täuſchungsreichen Zeichen ſei⸗ „Wenn Ihr nur hättet genommen mit Euch Euer ner Irrfahrt wieder vertauſcht gegen die Pfänder, welche — für Andere ſtumm— mit ihm die Sprache der Heimath und der Treue redeten; und glücklicher, als er je geweſen, war er nun, als er dieſe Sprache wieder vernahm und— verſtand! Aber die Silberſtücke, welche ſich noch von damals in dem ſeidenen Beutel befanden, wollte er nicht behalten. Er ſchüttelte ſie auf den Tiſch und ſagte:„Gebt ſie den Armen, wenn Ihr ſie nicht annehmen mögt. Ich kehre jetzt zur Heimath zurück, und habe genug, um dorthin zu gelangen; mitbringen aus der Fremde will ich davon Nichts!“ „So rreiſt denn mit Gott!“ ſagte der alte Mann, nachdem er ſich herzlich von Walter verabſchiedet, und dieſer mit Franz Michel das Zimmer verlaſſen hatte; wobei der Obergehülfe, welcher noch immer, von Zeit zu Zeit, verdrießlich brummte, die Bemerkung nicht un⸗ terdrücken konnte, daß die Chriſten thörichte Menſchen ſeien, wenn es ſich um Geldſachen handle, und daß er ſeinen Herrn, den Captain, nicht wieder erkenne, wenn er Schlafrock und Pantoffeln anhabe.— Dieſer aber ſtand noch eine Weile in der Thür ſeines Hauſes, den Beiden nachſehend, welche ſich in der Dämmerung von Pettycvat⸗lane verloren,— Franz Mi⸗ chel ſeine Lieblingsmelodie aus der„Traviata“ pfeifend und Walter Grün ſeine Violine an ſich preſſend, als fürchte er, ſich noch einmal von ihr trennen zu müſſen. Arm, wie er gekommen, verließ er dieſe Stadt des Reichthums und der Pracht; er brachte Nichts daraus zurück, was er nicht mit dahin gebracht hatte. Aber glücklich Diejenigen, aus dem Strudel der Welt ₰ — 221— und den Verſuchungen des Lebens die urſprüngliche Mitgift ihres Herzens und die von der Natur ihnen verliehenen Schätze des Innern rein und unbeſchädigt wieder mit ſich in die Heimath tragen! Denn die Un⸗ ſchuld der Seele und der heitere, vertrauensvolle Blick in die Zukunft ſind Schätze, für deren Verluſt kein an⸗ derer Gewinn, und ſei er noch ſo unermeßlich in ſeiner Art, entſchädigen kann.— Auf demſelben Wege, und durch dieſelben Straßen, wie damals, wo er an der Seite des alten Iſrael Moß London zuerſt betreten hatte, verließ Walter es heute wieder. Er kannte die langen Straßen, in denen es ſchon ſtille ward, wie es in dieſer Gegend von London, in den großen Geſchäftsquartieren am Waſſer, mit dem Vorrücken des Abends immer zu werden pflegt. Die Läden und großen Schaufenſter von Whitechapel und den Minories waren geſchloſſen; nur die Ginläden und Bierhäuſer waren noch offen, und das volle Licht ihrer Gaslaternen ſtrahlte durch die geſchloſſenen Cryſtallſchei⸗ ben ihrer Thüren. Stiller ward es, immer ſtiller in den langen faſt unabſehbaren Straßen; kaum hier und da noch ein Wagen und ruhig, ſo weit der Blick ging, in der unbewegten Luft des Abends, brannten die La⸗ ternen zu beiden Seiten.— Der Abſchied verbreitet eine eigenthümliche Glorie um jeden Gegenſtand, welchen man zum letztenmale ſehen ſoll. Die Empfindungen der Liebe werden ſtärker in einem ſolchen Momente, und die Erinnerung an Leiden, weit entfernt dieſen Zauber zu verringern, gibt ihm eine wehmüthige Beimiſchung. Wir ſcheiden ja nicht gänzlich von den Schauplätzen, auf welchen wir ein Stück unſres Lebens gelebt haben; wir laſſen Etwas von uns ſelbſt und unſrer Vergangenheit auf denſelben zurück. Endlich, nach einer Wanderung durch enge, tiefe und menſchenleere Straßen, in denen ihre Tritte dumpf wie⸗ derhallten, waren die beiden nächtlichen Wanderer an ihrem Ziele angekommen. Sie ſtanden auf Tower⸗Hill. Hinter ihnen in die Nacht empor ragten die grauen, uralten Thürme des Caſtells hinter Gräben und hohen Wällen; und vor ihnen in das Dunkel der Themſe und 5 zu den verſchlungenen Gängen der Lagerhäuſer am 3 Waſſer hinunter führte eine finſtere Straße, aus welcher hier und da Geſtalten emporhuſchten, als ſie den Fuß⸗ tritt der beiden Nahenden vernahmen.. Männer vom Waſſer, welche hier bei Tag und Nacht auf dem feuch⸗ ten Straßenpflaſter lungern, zu einem kurzen Schlafe einkehrend unter die hölzernen Vorbögen und das faule Stroh der Lagerſchuppen und aufgeweckt durch die lei⸗ ſeſte Hoffnung von Verdienſt oder Raub. Dicht am Themſeufer, an einer Treppe lag ein Bootsmann in ſeinem Fahrzeug, welches von zwanzig oder dreißig andern umgeben, auf dem Waſſer ſchaukelte. Dumpf rauſchte das Waſſer vorüber und aus der Dun⸗ kelheit deſſelben leuchteten die bunten Lampen der anker⸗ feſten Schiffe, wie bunte, aber geheimnißvolle Märchen⸗ ſterne. Die kühlere und bewegtere Luft des Waſſers wehte die beiden Wa nderer an, als ſie Haltmachten, um den Bootsmann zu wecken. „Holla, ho! Wo liegt der Dampfer, welcher j Hamburg fährt?“*. — — 223— „Bei Horſelhdown, Sir,— dort, wo Ihr die grüne Laterne ſeht.“ „Wann wird er fahren?“ „Um Mitternacht, Sir.“ „Wie heißt der Dampfer?“ „The Puchess of Ormond, Sir— Captain John Smalridge, Sir.“ „So fahrt uns hinüber!“ „Sehr wol, Sir!“ Dem guten Walter klopfte das Herz, als er den Namen des Schiffes und den des Captains hörte. Der Bootsmann aber erhob ſich. Die Kette raſſelte aus dem Eiſenring, in welchem ſie— das Boot am Treppenſtein haltend— gehängt hatte. Die Ruder plätſcherten im Waſſer, die Beiden vom Lande ſtiegen ein, und über den dunklen Themſeſpiegel glitt das Boot dahin... Da lag ſie, die gute Herzogin von Ormond— da war ſie noch einmal. Sie lebte noch immer, ſie fuhr noch immer von Hamburg nach London, von London nach Hamburg— gepeitſcht von den großen Wogen des Nordmeers, gejagt von den ſchweren Stürmen des Herbſtes und des Frühlings... Menſchen und Hämmel hin⸗ und hertragend, wie vor Jahren, die einen zur Schlachtbank, die andern zu Schickſalen, die zuweilen nicht minder qualvoll, aber in ihrem Verlauf nicht ſo regelmäßig und ſo kurz ſind Sie ſelber aber immer noch, trotz ihres klapprigen Räderkaſtens und ihres ſchäbigen Gewandes von verwaſchenem Blau, die Seglerin des Meeres und die gute, in beiden Häfen wohlbekannte Herzogin von Ormond! — 224— Frachtkähne lagen auf beiden Seiten des Schiffes, bei Laternenſchein wurden Tonnen und Ballen empor⸗ gehoben an ſchweren, knarrenden Ketten und in den Raum verſenkt. Die Arbeit nahte ſich ihrem Ende. Das mechaniſche Stöhnen der nächtlichen Arbeiter, die — chelopenhaft, rieſige Schatten werfend— um den düſtern Brand der Laternen verſammelt waren oder ge⸗ ſpenſtiſch mit ihren weißen Kappen aus dem Dunkel der Böte über dem Waſſer emporragten, ward ſchwächer und die Stimme des Oberſteuermanns ward ſelten nur noch gehört. Captain Smalridge auch„German John“ genannt, ſaß am langen Tiſche unten in der Kajüte. Sein Herz war fröhlich und guter Dinge und ſeine Gedanken wa⸗ ren, wie Bugſpriet und Klüverbaum ſeines Schiffes, wieder vollſtändig nach Deutſchland gewandt; weswegen er auch ſeine Wachstuchmütze auf dem Kopfe und eine Flaſche Rothwein mit Hamburger Etikette vor ſich hatte. Er lachte mit dem ganzen Geſichte. Wenn er lachte, ſo lachte er immer mit dem ganzen Geſichte; und eigentlich lachte er immer, außer wenn er ſchlief. Ein Herr, welcher einen braunen Rock, eine braune Hoſe, eine braune Weſte und einen braunen Hut trug, und außerdem ein braunes Geſicht hatte, half ihm bei der Flaſche Roth⸗ wein, und hörte ſeinen Geſchichten zu, die ſich ſämmtlich dadurch auszeichneten, daß ſie kein Ende hatten. Denn Captain Smalridge fing bei allen Witzen, die er vor⸗ trug, immer ſchon an zu lachen, wenn noch Niemand wußte, warum er eigentlich lache; und auf dieſe Weiſe pflegten ſeine großen Pointen und Hauptevups regel⸗ — — 225— mäßig verloren zu gehen. Weswegen auch der braune Freund an ſeiner Seite, Geſchäftsführer des großen und weltbekannten Hauſes Day und Martin(macht in Schuhwichſe) welches der Herzogin einige hundert Ton⸗ nen ſeines Fabrikats in Ladung gegeben hatte, ſehr ernſt war und ſich nur bewegte, wenn der Captain ihn mit einem galanten Winke auf die Flaſche einlud, ſich zu bedienen. Außer dieſen beiden Herren waren nur noch die Mantelſäcke, Röcke und Hüte von einigen andern Her⸗ ren anweſend, welche nebenan in den kleinen Kajüten ſchnarchten; ſowie der„Steward“ des Schiffes, welcher irgendwo hinter einem Verſchlage in derſelben harmlo⸗ ſen Beſchäftigung thätig war, bis der Ruf der beiden Neuangekommenen ihn weckte. Worauf er aus ſeinem Verſchlage hervorkroch, in ſchmutzigen Hemdärmeln, mit derſelben von Ruß geſchwärzten Tuchkappe, demſelben Meſſingring im Ohr und demſelben verdrießlichen Ge⸗ ſichte, welches Walter von ſeiner erſten Fahrt her noch wol im Gedächtniſſe hatte. Zum letztenmale, am Kazütentiſch der Herzogin, ſaßen ſich Walter Grün und Franz Michel, der Muſikmeiſter von London, gegenüber. Ihre Gläſer, mit Rothwein gefüllt, klangen gegen einander und eine Thräne— die erſte, welche Walter je darin geſehen hatte— glänzte in dem kleinen, grauen Auge des Muſikmeiſters. „Und fühlſt Du noch immer keine Sehnſucht, mit mir in die Heimath zu reiſen?“ fragte Walter. „Ich habe keine Heimath mehr“, erwiderte der Mu⸗ ſikmeiſter, weicher und wehmüthiger, als Walter ihn je Straßenſängerin III. 15 — 226— hatte ſprechen hören;„aber möge die Deine Dir in aller Zukunft ſo ſchön, ſo roſig und ſo friedevoll blei⸗ ben, als ſie Dir in dieſem Augenblick erſcheint!“ Dann hörte man das kurze Geläut einer Glocke und ein dumpfer Stoß ward durch den ganzen Schiffs⸗ rumpf gefühlt— die Maſchine ſetzte ſich in Bewegung. Captain Smalridge erhob ſich, und der braune Geſchäfts⸗ führer des großen Schuhwichſe⸗Hauſes Dah und Mar⸗ tin erhob ſich, trank ſeinen Reſt aus, wänſchte dem Captain eine gute Nacht und glückliche Reiſe, gab ihm Auftrag für eine Kiſte Hamburger Cigarren, wenn er in vierzehn Tagen zurückkäme, und ſtieg die kleine Treppe zum Verdeck hinauf. Und oben auf dem Verdeck gaben ſich Walter Grün und Franz Michel der Muſikmeiſter von London, zum letzten Mal die Hand. „Grüß' mir die Heimath und grüße mir Gertrud!“ war ſein letztes Wort, als er ſich niederließ in das Boot, welches auf ihn wartete. Ein ſanfter Regen hatte ſich eingeſtellt— feucht glänzte das Verdeck, feucht Boot und Bänke,— und in dem weichen Schleier der Nacht verlor ſich allmälig der Ruderſchlag und das Boot, in welchem Franz Michel zurückfuhr nach London. Lange blickte Walter ihm nach. Es war ihm, als ob ſeine Jugend mit all ihren holden Täuſchungen und all ihren ſchönen Schmerzen Abſchied genommen hätte mit jenem Manne, den er nie wieder ſehen ſollte. Lange noch ſtand er auf dem Verdeck, rückwärts ſchauend, in⸗ dem das Schiff vorwärts ging durch den ſtillen Hafen, bis keine Spur mehr war von dem Boote, bis die * —+—.—— — 227— hohen, dunklen Häuſer zu beiden Seiten ſich vermiſcht hatten mit dem Schwarz der Nacht und die Lichter von London⸗bridge, welche gleich einem glänzenden Bogen über der Finſterniß des Stromes gefunkelt hatten, aus⸗ gelöſcht ſchienen von der Feuchtigkeit und dem Nebel... Dann ſtieg er nieder. Vor ihm lag die Heimath; und hinter ihm, gleich einem Traume, war London ver⸗ ſunken.... London und das Leben der Welt, London und die Kämpfe der Leidenſchaft,— London und die Jugend!— Letztes Capitel. Die Bochzeitsglocken läuten. An einem trüben und regneriſchen Herbſtnachmittage, als es ſchon anfing zu dunkeln, war es geweſen, daß Gertrud, welche, wie gewöhnlich um dieſe Zeit vor dem Fenſter der großen Stube im Brunnenhof mit weiblicher Handarbeit beſchäftigt ſaß, plötzlich aufſprang mit dem Rufe:„Mutter, Mutter! da kommt Walter!“.. Manch' einen Nachmittag, zur Sommers⸗ und zur Winterzeit, bei Sonnenſchein und Regenwetter hatte ſie vor dieſem Fenſter geſeſſen, an Walter'n denkend, von Walter'n mit ihrer Mutter ſprechend, zuweilen nach der Straße aufblickend, mit den altmodigen Giebelhäuſern gegenüber und den gewohnten Nachbarsgeſichtern davor. Die Mutter, welche nach dem Tode ihres Mannes, des Brunnenmatz, nichts Liebes mehr auf dieſer Welt 3 15* ———————— — 228— beſaß, außer ihrer Tochter Gertrud, hatte den Ge⸗ danken derſelben nicht gewehrt. Das Auge der Mut⸗ ter hatte lange ſchon wahrgenommen, daß eine tiefe und ernſthafte Neigung zu dem Entfernten das kleine, un⸗ ſchuldige Herz ihres Kindes erfülle. Sie hatte keinen zweiten Verſuch gemacht, ihre Tochter zu einer„vor⸗ theilhaften Parthie“ zu bewegen, ſeitdem der erſte miß⸗ glückt war. Denn mit der Werbung Peters, des Lieutenants, hatte es ein klägliches Ende genommen. Ein liederlicher und unzuverläſſiger Burſche war er ſein Lebtag geweſen, daran war kein Zweifel; aber daß er ſich zuletzt noch ſo ganz auf die ſchlechte Seite legen werde, das war nicht vorauszuſehen. Er machte ſo viele Schulden, als man in einer kleinen und ehrlichen Stadt, wie Marburg, machen kann, und nahm, nachdem alle Hülfsquellen erſchöpft waren und ſelbſt der Brunnen⸗ matz kein Geld mehr anſchaffen wollte oder konnte, ſeine Zuflucht zum Spiel. Er begann mit kleinen Aus⸗ flügen nach Nauheim, wo ſein Geſicht bald bekannt war an dem grünen Tiſche des Kurſaales, bekannter in der That, als ihm lieb war, wegen der Nachbarſchaft von Marburg und weil dieſes wegen ſeiner Hazardbänke be⸗ rühmte Bad nebſt einem oder zwei andern von gleicher Beſchaffenheit zu dem glücklichen und geſegneten Vater⸗ lande gehört, in welchem Peters Heimath war. Wes⸗ wegen er ſich denn demnächſt über die nicht allzu ent⸗ fernte Grenze begab, Frankfurt a. M. zu ſeinem Mittelpunkt und Hauptquartier machte, und von dort aus abwechſelnd die Heilquellen und Spieltiſche von Wiesbaden, Homburg und Baden⸗Baden beſuchte. In ———— —,————— —. — 2. Frankfurt und im Café Milani— den Leſern dieſes Romanes gewiß erinnerlich wegen des vorzüglichen Caffees, welchen man daſelbſt trinkt— machte der Lieutenant die Bekanntſchaft eines kleinen Mannes mit einem kleinen gelben Geſichte und zwei verſchmitzten, ſchwarzen Augen darin. Dieſer Mann, nachdem er zu⸗ erſt kleine Summen vorgeſtreckt auf eine Cylinderuhr, auf eine Tuchnadel und dergleichen und hierauf Erkun⸗ digungen eingezogen über Stand, Character und fonſtige Umſtände von Peters, des Lieutenants Vater, erklärte ſich bereit, Wechſel zu giriren, welche dieſer junge Herr auf ſeinen Vater, den bäuerlichen Gutsbeſitzer und Land⸗ tagsdeputirten, ausgeſtellt hatte; bis eines Tages dieſer mit bleichem und zornigem Geſichte in der Wohnung erſchien, welche ſein Sohn im„Hamburger Hof“ zu Wiesbaden zeitweilig inne hatte. Von dieſem Augen⸗ blick aber verſchwindet Peter der Lieutenant aus unſrer Geſchichte; denn daß ihn ſein Vater, nachdem er mit großen Opfern die oben geſchilderten Wechſelverbindlich⸗ keiten gelöſt, mit ſich aufs Land nahm, und daß Peter, dem es daſelbſt ſehr langweilig vorkam, den Verſuch machte, ſeinen Vater zu beſtehlen und zu entfliehen, wo⸗ rauf Letzterer, nach einer Beſprechung mit dem Orts⸗ pfarrer, ſeinen Sohn nach Amerika ſchickte, ww er— wenn wir nicht irren, in Chicago— Kellner in einem deutſchen Hötel geworden.... dieß Alles gehört nicht mehr in unſere Geſchichte. Ungefähr um dieſelbe Zeit mit dem Lieutenant hatte ſich auch der Baron von dem Schauplatz dieſer Bege⸗ benheiten entfernt. Eigentlich, und um die Wahrheit — 230— zu ſagen, war er entfernt worden. Denn ſeine Verwandten im nördlichen Theile von Deutſchland hat⸗ ten Nachricht von dem eigenthümlichen Treiben erhalten, welches er im ſüdlichen Theile deſſelben führe. Worauf denn dieſe Leute, welche ebenſowol beſorgt waren um das zeitliche und ewige Heil als die Erbſchaft ihres ſchwelgenden Vetters, es dahin zu bringen wußten, daß derſelbe gerichtlich für einen Verſchwender erklärt und mit Hab und Gut unter Curatel geſtellt wurde. Der Curator erſchien hierauf, um den Baron nach ſeinem Meklenburgiſchen Geburts- und geſetzlichen Heimathsort einzuholen und fand ihn in dem dunklen Paterrezimmer des„Ritters“ zu Marburg, in einein Zuſtande, welcher den Spruch des Gerichtes nur zu ſehr rechtfertigte. Zwar remonſtrirte der Baron, nachdem er, aus ſeinem Schlaf erwacht, vernahm um was es ſich handle, aufs Heftigſte, und erklärte, noch im Bette liegend,„daß kein Gericht in der Welt das Recht habe, einen unbeſcholte⸗ nen Mann ſo zu behandeln und daß er ſich an den Bundestag wenden werde, wenn ſolche Ungerechtigkeiten Statt finden könnten.“ Einſtweilen aber, mit obgemel⸗ detem Proteſt, fügte er ſich, nachdem er die Erlaubniß erbeten und erhalten hatte,„den Jochmus, den Hund“ mitnehmen zu dürfen; mit welchem andren Haupthelden unſrer Geſchichte er denn auch demnächſt von der Scene verſchwand. Wir haben lange Nichts mehr von dieſem unſrem Liebling vergangener Zeiten gehört; bis wir neu⸗ lich zufällig in einer Geſellſchaft die Bekanntſchaft einer jungen Künſtlerin machten, welche eine Zeit lang auf dem Hoftheater der kleinen Reſidenz geſpielt hatte, in welcher, ſeit jener verhängnißvollen Erklärung der Ober⸗ vormundſchaftsbehörde, auch der Sitz unſres Freundes, des Barons, iſt. Sogleich ſtellten wir bei dieſer Dame Nachforſchungen bezüglich deſſelben an, und waren ſehr froh zu erfahren, nicht blos, daß ſie ſich ſeiner erinnere, ſondern auch, daß es ihm wol gehe; daß er auf der Promenade ſtets in Begleitung eines ſehr alten und ſehr häßlichen Hundes geſehen werde; daß er— in Er⸗ mangelung andrer Beſchäftigungen— ein großer Freund und Protector des Theaters geworden, daß er ſeine eigne Loge darin habe; daß er an jedem Abend darin erſcheine, möge nun gegeben oder wiederholt werden, was da wolle, und daß er ihr bei ihrer Benefiz⸗ und Abſchiedsvorſtellung einen großen Kranz zugeworfen habe. Dieſen Kranz, welchen die Dame unter ihren andern Trophäen aufbewahrt, haben wir geſehen; und glaubten, im Intereſſe unſerer Leſer, Akt von demſelben nehmen zu müſſen, als einem Zeichen, daß unſer Freund nun⸗ mehr auf einem beſſern Wege begriffen ſei, als bisher. Alles dieſes hatte ſich noch vor dem Tode des Brunnenmatz ereignet und zugetragen; und in dieſer Zeit war es, wo er zuerſt ſelten, dann immer häufiger an Waltern dachte und einzuſehen anfing, daß er doch eigentlich ſehr Unrecht an ihm gehandelt habe. Ja, einmal ſogar äußerte er ſich gegen ſeine Frau dahin, ob es denn wol nicht möglich ſei, den armen Jungen wieder aus London zurückzurufen; worauf aber ſeine Frau, die biedre Brunnenbäuerin, erwiderte, dieß ſei nun zu ſpät; es werde dem„armen Jungen“ jetzt draußen wol beſſer gehen, als es ihm jemals hier gehen — 232— könne, und er ſei viel zu gut, um hinter den Biertiſchen von Marburg zu fiedeln.— Im Herzen aber hatte auch ſie keinen innigeren Wunſch, als daß er zurückkehren möchte; denn ſie wußte ja zu gut, wie Gertrud ihn liebe, und es that ihr weh zu beobachten, wie ihr Kind zwar ſtill, aber fortwährend an ihn denke und um ihm trauere. Als daher der Brunnenmatz jenes plötzlichen, aber nicht ganz unerwar⸗ teten Todes verſtorben— denn ſein unordentliches Le⸗ ben hatte in der letzten Zeit eher zu⸗ als abgenommen — da redete ſie ihrer Tochter zu, an Walter nach Lon⸗ don und unter jener Adreſſe zu ſchreiben, welche er ihr einſt, in ſeinem erſten und einzigen Briefe an ſie gege⸗ ben hatte. Täglich, ſtündlich wartete ſie auf Antwort. Aber es kam keine. Und trauriger ward ſie von Tag zu Tag. Sie ſprach nicht von ihrem Schmerze, denn ihre Natur war eine leidende und duldende, ſolch' eine echt weibliche, deren helfende Hand und theilnehmendes Lächeln für Jeden bereit iſt, ohne Anſpruch darauf zu machen, daß ein Andrer die Erzählung ihres Wehs und die Geſchichte ihres eignen Kummers mit anhöre. Aber in der Tiefe ihres Herzens litt ſie unendlich darüber, daß Walter ihr auf einen Brief, wie ſie ihn geſchrieben, nicht antwortete; ſie wußte ja nicht, daß er ſelber als Antwort kommen werde.. Und an einem trüben und regneriſchen Herbſtnach⸗ mittage, als es ſchon anfing, zu dunkeln, war es gewe⸗ ſen, daß Gertrud, welche gewöhnlich um dieſe Zeit vor dem Fenſter der großen Stube im Brunnenhof mit weiblicher Handarbeit beſchäftigt ſaß, plötzlich auf⸗ . . — ———— — 233— ſprang mit dem Rufe:„Mutter! Mutter! Da kommt Walter!“ Und im nächſten Augenblick hatte ſich die Thür auf⸗ gethan— dieſelbe, durch welche er damals, am Som⸗ mernachmittag, als ihn der Brunnenmatz vor allen Leuten ſo unwürdig behandelt, zum letztenmal gegangen war— und herein war Walter Grün getreten, mit dem Geruch der See noch an ſich, welche er bei Sturm und Regen gekreuzt und erſt geſtern verlaſſen hatte, nachdem das Schiff in Hamburg an derſelben Stelle, dem Stintfang gegenüber vor Anker gegangen war, wo es damals gelegen hatte, als er Deutſchland und die Heimath im Abendſonnenſchein verließ.... Und die Brunnenbäuerin war aufgeſtanden und hatte ihn umarmt und geküßt, wie einen Sohn, welcher heim⸗ kehrt. Und Gertrud hatte ihm die Hand gegeben, und ihre Thränen fielen auf ſeine Hand, mit der er die ihrige feſt und dankbar gefaßt hatte.. Und ſtill und glücklich war der Winter dieſen Dreien im Brunnenhof vergangen. Eine ſelige Ruhe war in die Bruſt Walters eingezogen, ſowie der brauſende Lärm der Weltſtadt vertauſcht war mit dem tiefen und unge⸗ ſtörten Schweigen der alten, der neu gewonnenen Hei⸗ math. Mit reifem Ernſt und tüchtigem Willen fand er ſich in die Geſchäfte des Hauſes, welches ihm nun ſo theuer geworden; die Wanderung hinaus auf die Felder mit der ſchmelzenden Schneedecke that ihm in ungewohn⸗ ter Weiſe wol. Den Pflug durch den friſchen Boden gehen zu ſehen, war ſeine Freude und an den kleinen, wenig aufregenden Sorgen Theil zu nehmen, welche das — 234— Säen der Winterfrucht begleiten, und im Frühling, wenn das erſte Grün des Sommerkornes durch die. ſchwarze Decke bricht, der Ernte vorausgehen, war ſeine 5 Luſt. Aus dem eitelen Wirrwarr der Welt, welcher einſt das Ziel ſeiner Sehnſucht geweſen, war er zu dem ruhigen Walten der Liebe, welches ihn umgab, und zu dem Umgang mit der Natur, welcher unſre Herzen friſch erhält für die Empfindung derſelben, zurückgekehrt. Sein Tagewerk ging nicht länger mehr über den engen Horizont hinaus, welcher die Berge von Marburg be⸗ grenzt; aber wie glücklich, wie unausſprechlich zufrieden fühlte er ſich nun unter dieſem engen Horizont, nach⸗ dem er erfahren, auf ſeinen Reiſen und Fahrten zu Waſſer und zu Lande, daß die Weite deſſelben doch nur eine Täuſchung und daß wir ſeinen verlockenden Rand, wenn er vom Feuer des Abends und den ſchönen Trug⸗ bildern des Sonnenuntergangs glüht, doch niemals er⸗ reichen. Geprüft in der Schule des Lebens und zur Erkennt⸗ niß gekommen, daß die Weihe und Bildung der Kunſt in ihm nicht ſtark genng geweſen, um ihn ſiegreich über die Irrthümer und Erſchütterungen der Vergangenheit hinweg zu den Höhen des Daſeins und der Entſagung zu tragen— denn die höchſte Stufe der Kunſt iſt ja die höchſte Stufe der Entſagung— iſt er zurückgekehrt zu dem Frieden des Hauſes und der Beſchränkung der täglichen Pflichten. Sein Glück war auch eine Entſa⸗ gung, wenn gleich von anderer Art. Er hatte einer 3 ſchönen Täuſchung entſagen lernen müſſen, um ſich einer 4 Wirklichkeit zuzuwenden, welche er vordem von ſich ge⸗. * — 235— wieſen. Sein Weg war eine Rückkehr geweſen; und gleich den Erinnerungen ſeiner Wanderjahre, ward ihm die Muſik, welche ihm damals das Leben ſelbſt geweſen, fortan nur der Feiertagsſchmuck deſſelben. An den Abenden, wenn die beiden Frauen auf den Stühlen beim großen Kachelofen ſaßen, erzählte er ihnen von London, von England und Wales— nur einen Namen er⸗ wähnte er nicht; oder auf ſeiner Geige, dem theuren und einzigen Pfand, welches er ſich aus dem Strudel gerettet, ſpielte er ihnen mit volle deter Meiſterſchaft die Melodien jener Länder vor— jur eine Melodie ſpielte er nicht. Dieſen Namen wird er nie erwähnen, dieſe Melodie nie mehr ſpielen; aber Beide ruhen mit dem Andenken an eine Todte ſtill und unerſchütterlich in dem Heiligthume ſeiner Seele... Und ein Tag war gekommen, ein heller, ſchöner Junitag— und der berühmte Junimarkt von Marburg war im vollen beſten Gange— wo ſich eine kornblaue Tuchmütze mit kleinen Troddeln daran durch das offene Fenſter der großen Stube im Brunnenhof ſteckte, und ein gelbes, viereckiges, verdrießliches Geſicht erſchien und eine wohlbekannte Stimme ſich hören ließ mit den Worten:„Schlittſchuh! Schleifen! Alles geht ſchleifen! Die ganze Welt geht ſchleifen! Wie iſt mir ſo weh' vor mei' Handel und vor die ganze Welt!.. Wer kauft noch Sachen zur Hochzeit? Wer kauft noch'nen echten Schildpattkamm vor's Haar? Wer kauft noch ne ſil⸗ berne Nadel zum Anſtecken des Brautſchleiers? Wer kauft noch'nen Kaſten mit echtem Cau⸗de⸗Colonche vor's Taſchentuch bei der Trauung!...“ Worauf die Brunnenbäuerin ſagte:„Schlawitzer, ſeid Ihr's? Kommt herein und laßt uns ſehn, ob wir noch ein Geſchäft mit einander machen können!“ Und der Schlawitzer kam herein und nach öfterer Wiederholung ſeiner Anſicht, daß„Alles ſchleifen und Alles zu Grunde gehe, und daß ihm weh ſei vor dem ganzen Handel und der ganzen Welt,“ ſo wie nach mehrfachen Anſpielungen auf Walter und Gertrud, welche Hand in Hand dabei ſtanden, Letztere zuweilen erröthend über die Worte des Schlawitzers, hatte die Brunnenbäuerin ihre Einkäufe bei demſelben vollendet, worauf er ſich empfahl und weiter zog mit ſeinen voll⸗ geſtopften Taſchen und ſeinem breiten Frack, indem ſein Ruf:„Schlittſchuh! Schleifen! Alles geht ſchleifen!“ in der Ferne verhallte.. Und dann kam wieder ein Tag, und dieſer Tag war der hellſte und ſchönſte von allen. Die Glocken der Eliſabether Kirche länteten. Es waren die Hochzeits⸗ glocken für Walter und Gertrud. Das Trauerjahr für den Vater war vorüber, und im bräutlichen Gewande, mit dem Myrthenkranz auf der reinen Stirn trat Gertrud am Morgen dieſes Tages in die große Stube des Brunnenhofes, umringt von den Freundinnen ihrer Jugendzeit, welche, gekleidet in ihren Sonntagsſtaat mit blauen Kränzen von Kornblumen in den Haaren, ſich bereits zum Zuge nach der Kirche ordneten. Aber ſie verläßt die Stube noch einmal. Sie hat ihren Walter auf der großen Diele an der Thür ſtehen ſehen, welche ſich in den Garten öffnet.„Ich habe an den Tag ge⸗ dacht,“ ſagt er, indem er die Arme ausbreitet, um ſie — 237— an ſeine Bruſt zu drücken,„an den Tag, an welchem ich von Dir Abſchied nahm; und mein Herz trieb mich hierher, um an dieſer Stelle Gott zu danken, daß er mich wieder zu Dir zurückgeführt hat. O Gertrud, Gertrud, wie glücklich bin ich.“ Dann preßte er einen langen Kuß auf ihren reinen Mund, und Hand in Hand mit ihr kehrte er zu den Hochzeitsgäſten zurück. Die Trauung konnte nicht Statt finden in dem ſchönen Eliſabether⸗Dom, weil die Arbeiten, welche dieſes herr⸗ liche, aber etwas verfallene Denkmal der Kunſt und Frömmigkeit früherer Tage wieder in alter Pracht her⸗ ſtellen ſollen, noch immer nicht ganz vollendet ſind; weswegen der Hochzeitszug ſich nach der lutheriſchen Kirche bewegte, welche hoch auf dem Hügel, unter dem Schloßberg, liegt, umgeben von grünen Bäumen und mit der ſchönſten Ausſicht auf die Gärten und Felder und Berge des Lahnthals... Sonniges Lahnthal! Friedliche Heimath meiner eig⸗ üen jungen Tage,— die Feder niederzulegen und an dich zu denken, jetzt im beginnenden Ernſte des Mannes⸗ alters, ſtimmt mich weich und giebt meinem Herzen eine ſanftere, ſchmerzloſe Abſchiedsempfindung... Hin⸗ ter uns liegen die Feſte der Jugend, hinter uns die lieblichen Nächte des Lenzes... aber deine Berge, o Heimath, ſeh' ich leuchten! Ich athme den Wohlgeruch deiner Wälder... ich höre das Läuten deiner Glocken. Ich ſehe die Hochzeitsſchaar heraufkommen— dort, den breiten Weg über die Treppen, welchen ich ſelbſt oft gewandelt— mit fröhlichen Hoffnungen von der Welt, mit großen Erwartungen vom Leben... ich ſehe ſie — 238— unter dem ſchattigen Portale der Kirche verſchwinden und in den wehmüthigen Wandel meiner Gedanken, in⸗ dem ich den Raum und die Zeit zwiſchen heut und zwiſchen damals überſchaue, miſcht ſich das volle und feierliche Dröhnen der Orgel.— Zetzt Alles ſtill... bis auf das Flüſtern der Bäume über mir, und das leiſe Rauſchen des Windes, welcher von der Lahn her⸗ auf, die Wieſen und Gärten ſtreift... Jetzt ſtehen ſie vor dem Altare... mir iſt, als ob ich die Stimme des Pfarrers vernehme... des guten Pfarrers, den ich ſo wol kenne... und wie er ſeine oft gehaltene Rede von der Liebe, die Alles kann, die Alles thut und Alles duldet, wiederholt, und ich denke an meine Freunde, die mit mir einſt hier unter den Blüthenbäumen ge⸗ ſchwärmt, und die nun Alle glückliche Chemänner und Familienväter geworden.... Glücklich? Alle?. Ach, die Meiſten von ihnen erwarteten von der Ehe gar Nichts. Sie hofften nicht einmal, daß ſie glücklich darin werden würden. Sie ſchienen nur auf ein paar Feiertage beim Beginn derſelben gerechnet zu haben; nach welchen ſie, im beſten Falle, zu dem gewöhnlichen Cours ihres Lebens zurückkehren müßten, und— wenn ſich's ſchlimmer machte— zu beſtändigem Elend und Unbehagen.. Nein! Walter und Gertrud, Euch iſt ein anderes Lobs beſtimmt. Denn Eure Liebe iſt geprüft und Eure Treue hat ſich befeſtigt, Beides, im Sturme der Welt und der hoffnungsloſen Einſamkeit des Hauſes. Und ſo— nachdem der Pfarrer Euch ſeinen Segen gegeben, gibt Euch der Dichter— welcher draußen ſteht, unter den grünen Bäumen, vergoldet vom Morgenſonnenlicht — noch einmal den ſeinigen. Sein Herz iſt voll von Andacht, wie an einem Feiertage, nun, wo der ſtarke und heilige Schall der Orgel, gemiſcht mit den Klängen des Schlußchorals aus den geöffneten Thüren der Kirche ſtrömt und fern verhallt in der ſonnigen Tiefe und an den bläulichen Bergen des Lahnthals. Und eine Em⸗ pfindung ergreift ihn, nun wo er gefolgt von den Hoch⸗ zeitsgäſten Walter'n gehn ſieht und an ſeiner Seite Gertrud, in ihrem weißen Kleide und ihrem grünen Kranze, gleich einem Engel— eine Empfindung, als ob er der Vorſehung danken müſſe, daß ſie zuweilen noch ihre Engel entſendet, um Diejenigen, welche ſich verirrt hatten auf den Wegen des Lebens, zurückzuführen zu der verlorenen Hetmath! Ende der Straßenſängerin von London. Berlin, Druck 8 5 8 & 8 5 — S S 6S ₰ — 8 8 5 5 8 * * — 5 ſiſn 15 16 17 18 b 7 8 9 10 11 12 13 14