n 3 Cdnard Oltmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Sic ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe entſprechende Summe welche bei deſſen Zurü wird.„ 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und gabe von mir zurückerſtattet beträgt: 5 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf 2 Mt.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Sſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, i 6 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ß ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen., 6 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von das Weiterverleihen Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur. — — Die Ftraßenſüngerin von Londyn. Bweites Buch. Die Ftrußenſingerin von Lundon. Ein Bumun in dri Pichern von Julius Rodenberg. Sweites Buch. Was Recht der Ueberſetzung iß vorbehallen. Berlin. Verlag von Oswald Seehagen. 1863. Straßenſängerin II. 1 Zweites Buch. * Erſtes Capitel. Der Hchauplatz wechſelt. Mun aber müßt Ihr eine weite Wanderung mit uns machen. Von dem flachen Strande der Nordſee und den Weiden des Scheldeufers wandern wir mitten nach Deutſchland hinein, wo es am Grünſten und Traulich⸗ ſten iſt. Wir wandern durch ein blühendes Land, wo ein tapferer, ſtarker, hartbedrängter deutſcher Volksſtamm wohnt; an Dörfern vorbei, von blühenden Triften um⸗ geben, an Schlöſſern vorüber, in denen edle, freigeſinnte Geſchlechter ſitzen; wir wandern zu einem kleinen, wun⸗ derbar anheimelnden und lieblichen Städtlein, welches am Berge liegt, über dem Fluſſe, und Marburg heißt— Marburg an der Lahn. O, wie wenig dachten wir daran, als wir vor Jahren durch die krummen Straßen dieſes Städtleins ſchwankten— um Mitternacht, oder ſpäter, wenn der Mond über den ſchnörkelreichen Giebeln ſtand und das gezackte Balkenwerk der Erker ſeinen fantaſtiſchen, dunkel⸗ blauen Schatten über unſern engen, holprigen Weg warf; oder wenn das Schweigen des alterthümlichen 3 ⸗ hölzernen Juſtitia davor, welche eine Wage in der Hand und eine Freſe um den Hals hat, durch einen Glockenlaut vom Thurme herab, ein Hundegebell, einen kleinen Scandal zwiſchen tapferen Rückzugsherzen unter⸗ brochen wurde; oder wenn wir an der langen Mauer, unter den dicken, ſchönen Bäumen dahinzogen und jen⸗ ſeits den Fluß im Mondſchein glänzen ſahen, und unſer Herz mitten in ſeinem Glück und ſeiner Seligkeit auf einmal eine tiefe Sehnſucht empfand— o, wie wenig dachten wir damals daran, daß dies kleine Städtlein mit ſeinen krummen Straßen, ſeinem alterthümlichen Markte, ſeinem Berg, ſeinem Fluß und ſeinen dicken, ſchönen Bäumen noch der Schauplatz unſres Romans und die Scene von einigen ſeiner luſtigſten und traurigſten. Begebenheiten werden ſollte!— Das heſſiſche Univerſitätsſtädtchen Marburg iſt das wunderlichſte Ding, was man unter Gottes Sonne ſehen kann. Es zieht ſich um einen mäßigen Hügel und ver⸗ liert ſich in demſelben. Es ſteigt bergauf, bergab. Es giebt Straßen darin, durch welche niemals ein Wagen gefahren iſt. Es giebt keine Straße darin, durch welche zwei Wagen neben einander fahren könnten. Einige von dieſen Straßen ſteigen ſchnurſtracks den Berg hinauf, wie Alpenpäſſe; andere ſtürzen ebenſo ſchwindelnd den! Berg hinunter, und iſt es namentlich eine große Fähr⸗ lichkeit, beſagte Straßen bei Glatteis zu wandeln. Wo es denn nicht ſelten vorkommen ſoll, daß ein Mann, der eben noch auf der Höhe ſtand, ſich plötzlich am Fuße derſelben wiederfindet. Gott dankend, daß der Kopf Marktplatzes mit ſeinem grauen Rathhaus und der noch oben ſitzt, wenn auch die Mütze einen andern Weg gerollt iſt. Die meiſten Wagen fahren um die Stadt herum, und ſetzen Güter und Paſſagiere an einem von den beiden Thoren im Thal ab. Aus einer Straße in die andere ſteigt man auf Treppen, welche zwiſchen winkeligen Häuſern emporführen. Die Häuſer haben eine Thüre hinten und eine Thüre vorn. Tritt man durch die Thüre von Hinten, ſo befindet man ſich im Dach der Häuſer und ſieht nach Vorn drei, vier Stock⸗ werke zuweilen nieder in die gekrümmten, engen, dunklen Gäßlein. Drei, vier Stockwerke jedoch haben nur die neuen Häuſer. Die alten haben nur eins, höchſtens zwei. Die alten Häuſer ſind ein Wunder von ſchiefen Balken, welche ſchon mehrere Generationen lang ſo aus⸗ geſehen haben, als wollten ſie einbrechen; von abſchüſ⸗ ſigen Gängen und räthſelhaften Stiegen; von allerlei unerklärlichen Ecken und lichtloſen Seitengemächern; von unregelmäßigen Stuben, deren Decken und Fußböden zu einander im Verhältniß der geneigten Ebene ſtehen, deren Wände ſo wenig nach dem Winkelmaaß gebaut ſind, däß die Bilder daran unter keiner Bedingung gerade hängen, deren oberes Ende gewöhnlich um ein Drittel breiter iſt, als das untere, und deren Fenſter ſo ſchmal ſind, daß kaum ein Mann oder eine Frau einzeln, ge⸗ ſchweige denn Beide zuſammen darin Platz finden, trotz⸗ dem der Philoſoph Chriſtian Auguſt Wolff, ſo vormalen Lehrer der Aeſthetik an dieſer Hochſchule geweſen, die letztere Bequemlichkeit als unerläßlich für ein gutes Fenſter ausgegeben. Sieht man aber durch die Fenſter über die blauen Schieferdächer fort, ſo erblickt man blühende Gründe und ſchöne Hügelketten mit Wald und Wieſe, die ſie begrenzen; rothe Felſen, um welche der gelbe Ginſter blüht, und einen umbuſchten, kleinen, rauſchenden Strom, welcher das liebliche Thal durch⸗ ſchlängelt. Dieſer Strom iſt die Lahn und dieſes Thal iſt das Lahnthal; und ein glücklicheres Leben, als man hier führt in den alten, winkligen Häuſern mit den un⸗ regelmäßigen Stuben und ſchiefen Wänden, giebt es nicht in der Welt, und ein luſtigeres auch nicht.— Zwar hat die Zahl der Muſenſöhne in den letzte⸗ ren Jahren um ein Beträchtliches abgenommen. Aber die Muſen werden daſelbſt noch geehrt, wie zur Zeit des trefflichen Erasmus; und die furcht⸗ nnd tadelloſen Jünger derſelben, wiewohl ihrer keine volle zweihundert mehr ſind, haben noch ihre Stacheldintenfüſſer, ihre großen Mappen, ihre Bänder, ihre Mützen, ihre Schlä⸗ ger und ihre Humpen, wie in der guten, alten Zeit; und ſie ſo dahinziehen zu ſehen durch die altmodigen Straßen, in hohen Kanonenſtiefeln und groben Flaus⸗ röcken, Arm in Arm, dampfend aus gewaltigen Pfeifen mit Quaſten und Troddeln, und gefolgt von nachtrot⸗ tenden Hunden, iſt ganz ein Bild des mittelalterlichen Studentenlebens. Um die Zeit nun, wo dieſer Abſchnitt unſerer Ge⸗ ſchichte beginnt, zu Anfang des Frühlings im 1857ten Jahre, gab es daſelbſt eine auserleſen flotte und luſtige Geſellſchaft von etwa dreißig oder vierzig jungen Herren, welche ſich die„Rhenanen“ nannten, rothe Mützen mit Silber trugen, Schöngeiſter waren und das Geſetz der abſoluten Freiheit proklamirt hatten. Sie lebten dieſer⸗ halb mit den übrigen Studioſis, von denen etwelche be haupteten, ſie ſeien gottloſe Geſellen, und etwelche, ſN ſeien Renommiſten ohne Courage, auf höchlich geſpann⸗ tem Fuße. Aber ſie hatten viel Geld und noch mehr Credit; und da ſie durchweg hübſche, friſche Burſche waren, ſo machten ſie das größte Glück bei den Töchtern aller Metzger, Bäcker und Bierwirthe von Marburg. Dieſe Geſellſchaft von ehrgeizigen jungen Leuten war, in ihrem Streben nach Ruhm und Auszeichnung, jede Nacht beſchäftigt, die Kellner im„Ritter“ aus ihrem Schlaf zu ſtören, Aerzte und Hebeammen aufzuwecken und letztere zu Frauen zu ſchicken, welche ſich in geſundem Schlaf und vollſtändigem Wohlſein befanden, Glocken⸗ züge abzureißen, Nachtwächter zu prügeln, Pedelle zu ärgern, Fenſter zu zerbrechen, Wagen in die Lahn zu rollen und andere unſterbliche Thaten zu verrichten, welche ihren Namen bald geehrt und gefürchtet machten in der Stadt und den umliegenden Dörfern. Man konnte zuweilen kein Ladenſchild mehr an ſeinem Orte finden, wenn dieſe Schöngeiſter in rothen Mützen mit Silber ihre Mitternachtserpedition gemacht hatten. Einige⸗ male fanden auch die Bürger dieſer guten Stadt neben den Glasſcheiben ganze Händevoll kleiner Münzen auf dem Fußboden ihrer Parterreſtuben umhergeſtreut, woraus dieſe weiſen Männer dann den Schluß zogen, daß die großmüthigen Herren mit Roth und Silber nicht bloß die Fenſter zerſchlagen, ſondern auch ſogleich das Geld zurück⸗ gelaſſen hätten, um ſie wieder einſetzen laſſen zu können. Was denn nicht minder dazu diente, ihren Ruf zu erhöhen. Der bevorzugte Verſammlungsort dieſer S und Schöngeiſter war ein weitläufiges Wirthſchaftsgehöft Wr dem Barfüßerthore, der„Jägerpfuhl“ genannt; und ihre Buſenfreundin war Frau Jena, die alte dicke Wir⸗ thin, welche in den gaſtlichen Räumen deſſelben waltete. Von Herrn Zena war niemals die Rede, obwol er den ganzen Tag lang in einer kleinen Schnapsbude auf der Diele ſaß und den Fuhrleuten einſchenkte, welche Holz aus dem Walde geholt hatten oder mit ihren ſchweren Frachtwagen auf der Straße von Gießen daherkamen. Des Abends ſaß er gewöhnlich in der Stube bei den Knechten und Mägden am Ofen, welche ſich aber auch wenig um ihn bekümmerten, ſo daß von dem alters⸗ ſchwachen, dünnen Männlein im Jägerpfuhl ſo gut wie Nichts bemerkt wurde. Nur einmal in ſeinem Leben hatte man ihn ſchreien hören, in jener denkwürdigen Nacht, wo er in der einzigen Bekleidung eines Hemdes, mit einer Stalllaterne und einem verroſteten Gewehre, auf der Höhe der Treppe vor dem Schlafgemach ſeiner Frau geſehen wurde, bereit, die Ehre derſelben gegen jeden Angreifer zu vertheidigen. Bis ſich denn bei dem Scheine beſagter Laterne herausſtellte, daß der unheim⸗ liche Lärm im Erdgeſchoß und das darauf erfolgende ſchleichende Getrappel die Stufen hinan von einem Hunde Namens Jochmus herrührte, deſſen nähere Be⸗ kanntſchaft unſern Leſern noch bevorſteht, und deſſen Lieblingsneigung— treu den Grundſätzen der„Rhe⸗ nanen,“ zu deren Zeichen und Farben er ſich be⸗ kannte— es war, in Häuſern zu übernachten, in die er nicht gehörte, und abenteueyliche Streifzüge zu machen, deren Endzweck nicht klar war. Wie das beſagte Gehöft zu dem wenig pvetiſchen Namen des„Jägerpfuhls“ gekommen, iſt uns unbe⸗ kannt geblieben. Von Jägern war niemals darin Etwas 3 zu ſehen. Außer unſern Freunden, den Schöngeiſtern in rothen Mützen, pflegten nur Fuhrleute im Jägerpfuhl zu ver⸗ kehren. Einmal hatte auch eine Geſellſchaft von Kunſt⸗ reitern ihr Quartier darin aufgeſchlagen; aber da es ſich mehrfach ereignet hatte, daß die Herren Rhenanen auf ihren Pferden ausgeritten waren und ihre Damen mitgenommen hatten zu der Zeit, wo das Publikum im Reithaus eine Vorſtellung erwartete, ſo hatte der Direc⸗ tor der Geſellſchaft das Quartier mit einem andern vertauſcht, nachdem er dem Chorführer der Rhenanen mit einem großen Eide verſichert hatte, er werde ſich an Jedem von ihnen fürchterlich rächen, welcher ſich wieder in ſeinem Pferdeſtalle ſehen ließe. In dem weitläufigen Gehöfte des Jägerpfuhls war es denn nun auch, wo in den letzten Tagen des Aprils 1857 die Fenſter des oberen Stockwerks feſtlich er⸗ glänzten. Die Rhenanen feierten ihren„Antrittscommers,“ d. h. ſie waren damit beſchäftigt, ſich aus Freude über das Ende der Ferien und den Beginn des neuen Se⸗ meſters nach beſten Kräften zu betrinken. Denn für den flotten Burſchen— und flotte Burſchen waren die Rothmützen alle— iſt die Ferienzeit eine recht er⸗ bärmliche Zeit mit ihrer Trennung von den Ge⸗ noſſen, den Bierfäſſern und den hübſchen Schenk⸗ mädchen der Univerſität, mit ihrer Einſamkeit und dem Zwange des Elternhauſes; wogegen der Anfang eines neuen Semeſters der luſtigſte Abſchnitt des Studenten⸗ lebens iſt, wegen des unverletzten Wechſels, dieſes Real⸗ bürgen einer langen Reihe froher Tage und der Mutter⸗ pfennige, auf welche eine zärtliche Studioſenſeele ganz beſonders hält. Und wie hatte Frau Zena, dieſe biedere Dame und Buſenfreundin der Rothmützen, den Saal geſchmückt zur Ehre des Abends! Den halben Wald von Ellen⸗ hauſen hatte ſie bei nächtlicher Weile(aus Furcht vor dem Förſter) um ſein erſtes Aprilgrün gebracht, um der Decke ihres Saales einen duftigen Frühlingsſchmuck zu geben, und der alte Obriſt, dicht am Barfüßerthor, der bekanntlich ein paſſionirter Blumenfreund iſt, nachdem er in ſeinen jungen Jahren den Krieg mitgemacht und allerlei Abenteuer mit Männern und Frauen beſtanden, wie brachte der, zum Erſtaunen ſeines alten Reitknechtes, Flüche an's Tageslicht, welche er ſeit dem großen Kriege nicht mehr gebraucht, als er ein halbes Dutzend der ſchön⸗ ſten holländiſchen Tulpen in ſeinem Garten vermißte! Was würde der alte Obriſt aber erſt geſagt haben, wenn er ſie an dieſem Abend rund um ein Transparent hätte ſchimmern ſehen, welches auf feuerrothem Grunde in Silber die Worte trug:„Die Freiheit iſt das einzige Gut! Es lebe die Brüderſchaft der freien Rhenanen!“ Dieſe Brüderſchaft ſaß um zwei lange Tiſche, über welche von der Decke, aus den Laubgewinden herab, Trinkhörner und Fahnen und bunte Lampen und farbige Bänder hingen, und recht luſtig war ſie, und Einer küßte den Andern vor Freude, daß ſie ſich wieder hatten, und daß die Ferien zu Ende und daß das ſchöne, ſelige * „ Leben auf's Neue beginnen ſollte. Und Muſik hatten ſie auch; und der alte Brunnenmatz, für welchen die Ferien auch immer eine ſehr traurige Zeit waren, weil er die Studenten ſo lieb hatte, daß er ohne ſie nur halb lebte— der machte auf ſeiner berühmten Fiedel Freu⸗ denſprünge, die Einem durch Mark und Bein gingen. Zwei allerliebſte ſchmucke Mädchen, das Hannchen und die Eliſe, von denen die Eine blond und die Andere brünett war, machten die Kellnerinnen, zapften den Herren das Bier, brachten ihnen die Fidibuſſe, um die Pfeifen anzuzünden, und ließen ſich in den Pauſen zwiſchen den ſchönen Geſängen, die ſie ſangen, von ihnen küſſen. Das Hannchen und die Eliſe waren eigentlich Nähterinnen in der ehr⸗ und tugendſamen Stadt Marburg; aber Frau Jena, die biedere Dame, wußte ſie an Tagen, wie dieſem, auf den Jägerpfuhl hinauszulocken und zu allerlei kleinen Verrichtungen und Handleiſtungen anzuhalten. Auch waren ſie meiſt jeden Sonntag da, wo die Dienſtmädchen im ZJägerpfuhl Tanz hatten und die Brüderſchaft der freien Rhenanen in den benachbarten Zimmern bei offenen Thüren ihre Gelage abhielten, welche regelmäßig durch kleine Prügeleien mit den eiferſüchtigen Dienſtknechten unterbrochen wurden. Die Brüderſchaft war um dieſe Zeit ſchon recht luſtig geworden, wie geſagt. Sie hatten ihre Mützen ſchon durchbohrt, mehrere Gläſer zerſchlagen und zwei oder drei leere Fäſſer zum Fenſter hinaus geworfen. Sie ſchrieen, ſie lärmten, ſie ſchlugen mit Händen und Füßen auf die Tiſche und lobten die Freiheit, zu deren größerer Ehre dies Alles geſchah. * „Leutnant,“ rief da auf einmal durch den gewaltigen Lärm eine Stimme, die ſich im Allgemeinen wenig hören ließ, und bei feſtlichen Anläſſen, wie dieſem, auch immer nur dann, wenn eine hinreichende Anzahl von Fäſſern geleert und von Gläſern zertrümmert worden war. Der Eigenthümer dieſer Stimme war ein Mann in den Vierzigern, mit glattgeſchorenem Kopfe, einem zufriedenen Geſichte und einer Brille, welche gewöhnlich an jedem Morgen zum Opticus wanderte, um von demſelben grad gebogen und mit neuen Gläſern verſehen zu werden. Denn in den Nächten pflegte dieſer Mann ſeinem Ver⸗ gnügen nachzugehen, welches darin beſtand, in den Bier⸗ häuſern zu ſitzen und mit dem Wirthe Streit zu be⸗ kommen, wenn dieſer einige Stunden nach Mitternacht müde ward und kein Bier mehr verabreichen wollte, wobei es dann regelmäßig zu Handgreiflichkeiten kam, in welchen die Brille zu Schaden gerieth. Der Mann hieß der Baron. Es iſt noch immer nicht ganz ausgemacht, ob er wirklich ein Baron war. Aber er hatte ein unab⸗ hängiges Vermögen, eine Rente von zwölfhundert des Jahres und war vor einigen zwanzig Jahren in einer Forſtakademie geweſen, woraus man folgerte, daß er von edlem Herkommen ſein müſſe. Er ließ ſich deswegen den Namen des Barons gefallen, und wußte zuletzt ſelbſt nicht mehr, ob er ein Baron ſei, oder nicht. Der Baron war aus dem nördlichen Deutſchland, aus Meklen⸗ burg; allein er liebte den Norden nicht, er zog den Süden vor, wegen des beſſeren Bieres. Da er aber, in An⸗ betracht ſeiner Güter und aus Familienrückſichten doch nicht ganz frei war, ſo machte er es wie Proſerpina, ſtieg während des Winters in den düſteren meklenbur⸗ giſchen Norden hinunter und kehrte mit dem jungen Frühling in den ſonnigen, wonnigen Süden zurück wo⸗ ſelbſt er ſechs Monate und länger als freier Baron wirthſchaftete, Brillen zerbrach, Gläſer zerſchlug und Reiſen machte nach Herzensluſt. Der Baron war kein Student, noch weniger ein Angehöriger der alma mater Philippina von Marburg; aber er hatte in letzterer Zeit eine große Freundſchaft mit Einem von der Brüderſchaft geſchloſſen, den er unterwegs irgendwo in einem Wirths⸗ haus kennen gelernt, und mit dieſem war er gen Marburg gezogen, woſelbſt es ihm über die Maßen wol gefiel. Er hatte ſich ein Quartier im„Ritter“, dem Gaſthofe des Städtchens, genommen, zu ebner Erde, denn er liebte die Treppen nicht, wenn er von ſeinen nächtlichen Ver⸗ gnügungen heimkehrte; auch hatte er dem Hausknecht auf das Strengſte befohlen, die Läden ſeiner Fenſter niemals zu öffnen, weder bei Tag noch bei Nacht, ſo daß denn das Leben des Barons, ſobald er ſich aus den Bierhäuſern zurückzog, in vollſtändiges Dunkel verlief. Dieſer Baron war es, welcher nun auf einmal, nachdem er ein langes und feierliches Schweigen über ſeinem Glaſe beobachtet,„Leutnant!“ rief—„Leutnant, das neue Lied!“ Das neue Lied, welches der Baron verlangte, war eins, welches der Leutnant jüngſt mit von Jeng gebracht hatte, wohin er ſich auf einige Zeit begeben, weil er von Marburg relegirt worden war. Er hatte nämlich eines Tages, als er von einem Frühſtück mit Champagner kam, der Tochter eines Profeſſors der Theologie auf * offener Straße ſeine Liebe erklärt, welches alle vier Fakul⸗ täten von Marburg ſo übel nahmen, daß ſie mit allen Stimmen gegen keine beſchloſſen, er ſolle auf ein ganzes Jahr verbannt und verſtoßen ſein. Nun aber war das Jahr vorüber und herrlich und in alten Ehren zog der Leutnant mit ſeinem neuen Liede wieder in Marburg ein. Der Leutnant war ein ſehr verliebter junger Mann, wie alle Mädchen von Marburg hätten bezeugen können, wenn ſie gewollt hätten; dabei war er ein hübſcher junger Mann und hatte ein ſchönes Vermögen. Er war der einzige Sohn eines Bauern aus dem heſſiſchen Oberland, welcher ſich als ländlicher Deputirter in der heſſiſchen Kammer durch die Feſtigkeit ſeines Schlafes und die Bereitwilligkeit, zu Allem„Ja“ zu ſagen, wenn er glück⸗ lich aufgeweckt worden war, einen Namen gemacht hatte. Dieſer Bauer hatte beſchloſſen, ſeinem einzigen Sohne eine gute Erziehung zu geben, hatte ihn darum auf die Univerſität geſchickt, mehr als einmal ſchon die Schulden deſſelben bezahlt und erwartete nun mit dem gerechten Stolze eines bäuerlichen Deputirten den Tag, wo ſein ſtudirter Herr Sohn als ein Licht der Wiſſenſchaft in den väterlichen Hof zurückkehren würde. Warum dieſer Herr Sohn, der eigentlich Peter hieß, der„Leutnant“ genannt wurde, iſt dem Verfaſſer dieſer Erzählung nie⸗ mals klar geworden. Vielleicht, weil er Liebſchaften hatte, wie ein Leutnant, oder den ganzen Tag Nichts that, wie ein Leutnant— genug, er ſo und wir müſſen ihn ſo nennen. Der Leutnant ließ ſich äuch um das neue Lied nicht bitten; er war ein großer Sänger, wenn er beim Biere ſaß, und würde mit Jedem Streit angefangen haben, welcher ihm das nicht glaubte. Der Baron, welcher für den Leutnant eine ganz beſonders zärtliche Freundſchaft empfand, glaubte es ihm auch; und„Eliſe! Bier!“ rief er— worauf die brünette Eliſe kam und ihm ſein Glas bis an den Rand friſch füllte. Nachdem auf der andern Seite des Tiſches das blonde Hannchen mehreren Herren denſelben Dienſt erwieſen, begann der Leutnant ſein neues Lied zu ſingen, ſo zwar, daß die ganze Brüderſchaft jedesmal die beiden letzten Zeilen jeder Strophe im Chore wiederholte. Es ſaßen vier Hallunken In einer Kneip' und trunken; Sie hielten unter ſich gar einen weiſen Rath, Wer unter ihnen wol das ſchönſte Mädel hat? Da war auch Einer drunter, Und Nichts verſchweigen kunnt' er. Der renommirte laut, daß ihm für dieſe Nacht Das allerſchönſte Mädel ein Stündlein zugeſagt. Das Mädel ſtand am Pförtel, Und hörte jedes Wörtel; Du großer Gott verleih, verleih mir Troſt und Rath, Daß dieſer böſe Burſch kein'n Antheil an mir hat. Des Nachts wol um der Mitten, Da kam der Burſch geritten; Er klopfte dreimal an mit ſeinem Siegelring: Sprich, ſchläfſt Du oder wachſt Du, Du allerſchönſtes Ding? Mag ſchlafen oder wachen, Dir thu' ich nicht aufmachen— Geh Du nur immer hin, wo Du geweſen haſt, Und binde deinen Gaul an einen dürren Aſt. Wo ſoll ich denn hinreiten? Es ſchlafen alle Leuten; Es ſchlafen alle Leut' und alle Bürgerskind'— Und draußen auf der Heid', da weht ein kühler Wind. Das thut mich gar nicht rühren, Ob das Dich thut genieren; Da draußen auf der Heid' da liegt ein großer Stein, Leg' Deinen Kopf darauf, wirſt ohne Federn ſein. Da ſprachen die Hausknechte: Dem Herrn geſchieht ganz rechte! Hätt' er geſchwiegen ſtill, ſein Maul gehalten fein, So hätt' ihn wol geküßt das ſchönſte Mägdulein! „Das ſchönſte Mägdulein“ wiederholte in tiefer Rührung der Baron, welcher dieſes Lied für das beſte erklärte, welches er in ſeinem Leben gehört, und ſich hierauf bitter über ſein. Gedächtniß beſchwerte, welches ihm nicht geſtattete, dergleichen ſchöne Lieder zu be⸗ halten, ob er ſie auch zehnmal gehört und mitgeſungen habe. Der Leutnant aber, welcher an dieſem denkwürdigen Abend den Vorſitz führte, ſchlug mit einen blanken Schläger mitten zwiſchen die Gläſer, daß der Tiſch zitterte und die Scherben herumflogen, commandirte mit der Stimme eines Generalfelomarſchalls eher als eines Leutenants:„Präparirt Euch einen Ganzen!“ und war⸗ tete alsdann bis dieſes Geſchäft, zur großen Zufrieden⸗ heit des Barons, von den beiden hübſchen Kellnerinnen beſorgt worden war. Hierauf, als alle Gläſer wieder woll auf den Tiſchen ſtanden, erhob ſich der Leut⸗ id rief:„Wir reiben einen Salamander auf das — Wohl des allerſchönſten Mädchens von Marburg— auf das Wohl von Gertrud am Thore!“ Ein„Salamander“ iſt in der Sprache der Studen⸗ ten nicht jenes fabelhafte Thier, mit welchem wir An⸗ dern die Vorſtellung von Feuerfeſtigkeit und Unverbrenn⸗ lichkeit verbinden. Der Salamander iſt in dieſer Sprache überhaupt kein Thier, ſondern eine Ceremonie, eine Trinkceremonie, bei welcher die Gläſer mehr dazuſein ſcheinen, um mit ihnen zu klappern, als aus ihnen zu trinken. Luſtiges, unvernünftiges, lärmendes Studenten⸗ leben! Wir wollen dich nicht beſſer machen, als du biſt; aber wir wollen niemals vergeſſen, daß diejenigen Jahre, die wir in dir vertummelten, unſere fröhlichſten geweſen! „Hurrah!“ ſchrie daher die ganze Brüderſchaft, als ſie von dem Salamander hörten; aber der Leutnant überbot ihre Stimmen, indem er zum Trinken comman⸗ dirte, worauf ein Zeder ſein dickbauchiges Glas mit einer Gewiſſenhaftigkeit leerte, die einer beſſeren Sache werth geweſen wäre. Alsdann ſetzte der Leutnant ſein Glas mit einem furchtbaren Schlag nieder, dreißig, vier⸗ zig andere Schläge folgten demſelben, und während die Brüderſchaft mit allen Gläſern ein donnerähnliches Ge⸗ trommel auf den Tiſchen ausführte, tönte, wie über dem Brauſen des Schlachtfeldes, der Ruf des Commandiren⸗ den:„Exercitium Salamandris— eins— eins— zwei— drei— eins“... und bei dem letzten„Eins“ ſchlugen wieder alle Gläſer, wie beim Anfang auf den Tiſch! Es iſt nun die große Schönheit und V dieſer ſinnreichen Ceremonie, daß ſie gleichſam n . Straßenſängerin II. 2 gewaltigen Schlageffect abſchließe. Aber der Baron hatte Unglück. Wie bei jedem Rundgeſang, ſo kam er nicht minder bei jedem Salamander zu ſpät, was ſeiner empfindlichen Seele ſehr wehe that; und auch diesmal fuchtelte er noch auf dem Tiſche herum, während alle Andern ſchon fertig waren, wobei er denn von der Brü⸗ derſchaft tüchtig ausgelacht wurde. „Daß ich das nicht lernen kann!“ ſagte der Wür⸗ dige, nachdem er tiefbekümmert ſeiner Einzelübung ein Ende gemacht, und„Eliſe“ geziemend erſucht hatte, ihm „das vermaledeite Glas“ zu füllen, welches nach ſeiner Anſicht, verbunden mit ſeinem ſchlechten Gedächtniß, die ganze Schuld dieſer Beſchimpfung trage. Inzwiſchen war von dem Muſikantentiſche der Brun⸗ nenmatz zum Leutnant gegangen, und ihm die Hand ſchüttelnd, ſagte er:„Schönen Dank, Herr Leutnant, für die Ehre, die Ihr meinem Kinde, der Gertrud er⸗ wieſen habt!“ „Setz' Dich alter Matz,“ erwiederte der Leutnant darauf, und ſchob ihm ein gefülltes Bierglas hin,„da, nimm das und ſtoß mit mir an auf Dein Kind, auf die Gertrud!“ Seit ſeiner Rückkehr ſtieß der Lentnant nur noch auf die Gertrud an und es war eine ausgemachte Sache bei ſeinen Freunden, daß er in dieſes Mädchen ganz verliebt ſei.— Der Brunnenmatz ſetzte ſich und ſprach mit dem Lentnant und ſtieß mit ihm und den Uebrigen verſchie⸗ dene Male an. Der Brunnenmatz war ſeinem Stand und Gewerbe nach ein Muſikant, und wohnte dicht vor Phere, welches in neuerer Zeit das Eiſenbahnthor — genannt wird, ob es gleich wegen ſeiner Nähe an der ſchönen und ehrwürdigen Eliſabetherkirche ſonſt immer das Eliſabetherthor geheißen hat, wie es auch bei den alten Leuten von Marburg und den Bauern der Um⸗ gegend noch heute heißt. Das Gehöfte, in welchem der Brunnenmatz wohnte, hieß der Brunnenhof, nach einem ehedem ſehr berühmten Brunnen, von welchem in der Chronik ſteht, daß ſein Waſſer ein unfehlbares Heil⸗ mittel gegen ſchlimme Augen und andere körperliche Ge⸗ brechen geweſen ſei. Neuerdings aber, ſeitdem die Herren von der Univerſität gegen ſolchen Aberglauben mehrfältig geeifert, verſiegte das Waſſer, der Brunnen verfiel, ward mit Steinen zugeworfen, und war mit ſeinen alten, dunkeln Bäumen ringsumher am Ende des großen Gar⸗ tens ein wenig in Verruf gekommen, ſo daß man in der Nacht nicht gerne daſelbſt verweilt haben würde. Der Brunnenmatz war ein Muſikant; aber er hatte es, wie die Rede ging, Gott ſei Dank nicht nöthig. Er war ein reicher Mann, und ſein Gehöft nebſt den dazu gehörigen Ländereien und Waldantheilen waren ein ſchö⸗ nes und einträgliches Eigenthum. Er betrieb die Muſik nur noch aus Liebhaberei und weil er davon nicht laſſen konnte. In ſeinen jungen Jahren allerdings, als er aus dem bairiſchen Lande hierher gen Marburg kam, hatte er Nichts als ine Fiedel; aber da verliebte ſich die Brunnenbäuerin in ihn, und da ſie keinen Vater und keine Mutter und nicht Bruder noch Schweſter mehr hatte, ſo mußte ihr Vormund zuletzt nachgeben und ſie nahm ſich den Matz zum Manne. Aber der Matz konnte ſich von ſeiner Fiedel nicht trennen, obgleich er — ſie nicht immer zum Beſten tractirte; denn er war eigentlich ein ſchlechter Muſikant. Es war die alte Ge⸗ wohnheit und die Luſt an einem freien und fröhlichen Leben, die ihn mit ſeiner Fiedel verband; und ſo ging er ſeinem alten Geſchäft nach, und ſpielte den Studen⸗ ten auf, dieſe zwanzig Jahre lang. ſah eine Generation derſelben nach der andern kommen und gehen, commer⸗ ſchirte und betrank ſich mit ihnen, borgte ihnen, zum großen Verdruß der Brunnenbänuerin Geld, ward von ihnen„Du“ genannt und war der Frennd, Vertraute und Gläubiger Aller geweſen,(und bei Einigen iſt er es geblieben bis auf den heutigen Tag), die je in Mar⸗ burg ſtudirt haben, vom erſten Miniſter in Caſſel bis zum letzten Practicanten der entfernten Grafſchaft Schaum⸗ burg. Und die Folge dieſes überluſtigen Lebens, Trin⸗ kens und Zechens war für den biedern Brunnenmatz eine Reihe von Schlaganfällen und in letzterer Zeit die Mode, ſich alle Vierteljahr Schröpfköpfe ſetzen oder die Ader ſchlagen zu laſſen, wiewol der alte Phyſikus ſagte, das eine tauge ſo wenig als das andere. Er müſſe das Trinken aufgeben, ſonſt ſtehe er nicht dafür, daß eines Tages ein neuer Schlag der ganzen Herrlichkeit ein Ende mache. Der Brunnenmatz verſprach denn auch jedesmal, er wole das thun. Allein er ſchlug den Rath des Doctors und die Ermahnungen der Brunnenbäuerin in den Wind, ſobald er wieder beſſer war, und ging ſeinen alten Vergnügungen in gewohnter Weiſe nach. Die Brunnenbäuerin dagegen war eine Bäuerin geblie⸗ ben, wie ihre Voreltern vor ihr geweſen; ſie beſorgte das Hausweſen und die Wirthſchaft, ſie ging, wie die — Bäuerinnen alle gehen in dem ſchönen Lahngau, und litt auch nicht, daß ihre einzige Tochter, die Gertrud anders ging, wiewol ſie Nichts dawider hatte, daß ſie lernte, ſo viel ſie lernen mochte, und allerlei Bücher las, welche ihr die Studenten liehen. Aber dabei mußte ſie der Mutter in Allem zur Hand gehen; und oft an heißen Sommertagen konnte man ſie draußen in der Wieſe und auf den Feldern ſehen, wie ſie mit den Mägden vom Brunnenhof das Heu wendete oder die Garben band. So herrſchte denn im Brunnenhof eigentlich ein doppeltes Regiment, und der Mann mit ſeinem Anhang, ſeinen Geſellen und Lehrlingen, ging ganz andere Wege, als ſeine Frau mit dem ihrigen, den Mägden und Knechten. Doch wußte die verſtändige Brunnenbäuerin es in den letzteren Jahren ſo einzurichten, daß der Mann, welcher den Baß ſpielte, in ſeinen freien Stun⸗ den die Kühe fütterte und die Pferde kämmte, worüber es allerdings faſt täglich noch zu Streitigkeiten zwiſchen ihr und dem Matz kam, welcher behauptete ſolch ein Geſchüft paſſe ſich nicht für einen Baßſpieler. Allein der Baßſpieler war auf Seiten der Frau: er ſah nicht ein, warum er den kleinen Nebenverdienſt nicht mit⸗ nehmen ſolle, zumal er ſich dadurch der Brunnenbäuerin ganz beſonders angenehm machte, die als unumſchränkte Gebieterin über Speiſeſchrank und Wurſtkammer mannig⸗ faltige Gelegenheit hatte, ſeinen guten Willen zu beloh⸗ nen. Die Flöte jedoch war anderer Anſicht. Sie gab dem Meiſter Recht, und hielt an dem Grundſatz feſt, daß es edler für die Kunſt ſei ein Stück Wurſt oder — eine Butterſchnitte weniger zu eſſen, als Kühe zu füttern und Pferde zu kämmen. Das Horn ſchwankte; zuweilen, wenn der Meiſter ausgegangen war, ſah man es mit einer gewaltigen Art in der Hand Holz ſpalten; aber es warf dies verächtliche Werkzeug weit von ſich, wenn der Meiſter wieder auf der großen Diele geſehen ward. Die zweite Violine jedoch war die größte Schwierigkeit von Allem; ſie machte dem guten Meiſter viel Herze⸗ leid. Es war noch ein halber Junge, der ſie ſpielte, Walter Grün mit Namen, ein Menſch kaum zwanzig alt, und obendrein eine elternloſe Waiſe, ein weitläufiger Anverwandter, den er aus purer Barmherzigkeit ange⸗ nommen und in ſeiner Kunſt unterrichtet hatte. Und wie ſpielte dieſer Menſch nun! Es war eine himmel⸗ ſchreiende Ungerechtigkeit gegen ihn, ſeinen Wohlthäter, ſeinen Meiſter und älteren Verwandten, wie dieſer Menſch ſpielte! Er konnte ihm das nie vergeſſen und vergeben, wie ſie im letzten Sommer auf einem benach⸗ barten Dorfe zur Kirmeß ſpielten, und wie auf einmal das gnädige Fräulein vom Edelhof, welches ein paarmal mit rund getanzt hatte, mitten drin inne hielt und ſagte: „Dieſer junge Menſch ſpielt ja ganz entzückend. Wie heißt dieſer junge Menſch und wer iſt er?“ Darauf hatte ſie am andern Morgen den Walter zu ſich auf's Schloß kommen laſſen, wo er ihr ein paar Stunden lang zuerſt auf der Geige und dann auf dem Clavier vorſpielen mußte, denn der Walter ſpielte Geige und Clavier mit gleicher Fertigkeit. Dieſe Beſchimpfung war dem alten Brunnenmatz ſehr zu Herzen gegangen. Warum hatte das gnädige Fräulein nicht zu ihm, der doch die — 23 Fiedel um ſo viele Jahre länger ſpielte und von dem der Walter doch erſt Griff und Bogenführung aus purer Barmherzigkeit gelernt hatte, warum hatte ſie nicht zu ihm geſagt:„Dieſer Brunnenmatz ſpielt ja ganz ent⸗ zückend!“ Warum hatte ſie ihn nicht auf's Schloß kommen laſſen? Das wäre noch vor den Bauern und den Geſellen eine Ehre geweſen— aber nein! Der Lehrjunge wird vorgezogen! Von dem Meiſter ſagte kein Menſch, daß er ſchön ſpiele, und dieſer undank⸗ bare Schlingel wird ins Schloß gerufen, und ein Lakei geht hinter ihm her und trägt ihm die Fie⸗ del nach! Seit jenem Tage war ihm der Walter ein Dorn“ im Auge und ein Stachel im Herzen. Er ſchalt ihn, wo er ihn ſah, und wo er ihm begegnete; er nannte ihn einen Taugenichts, wenn er ſpielte, und nannte ihn einen Faullenzer, wenn er nicht ſpielte. Einmal hatte er auch, ganz gegen ſeine ſonſtige Natur und Eferſucht auf alle Uebergriffe derſelben, ſeine Frau gefragt, ob es wol nicht beſſer für die Zukunft des Jungen und zu⸗ gleich eine Bequemlichkeit für ſie ſelber ſei, wenn man ihn in die Wirthſchaft nehme und einen rechtſchaffenen Ackerknecht aus ihm mache? Worauf aber ſeine Frau, welche dem Jungen ganz beſonders gut war, geantwor⸗ tet hatte: das ſei doch wahrlich ſchade und eine Sünde; der Walter ſei der Beſte und Geſchickteſte von ſeiner ganzen Geſellſchaft, und wenn er denn doch ſo ſehr für ihre Bequemlichkeit beſorgt ſei, ſo möge er in Zukunft nicht mehr einen ſolchen Lärm machen, wenn ſie den Baßſpieler und den Hornbläſer zu häuslichen Geſchäften verwende. So daß der Brunnenmatz es erleben mußte, daß man in ſeinem eigenen Hauſe, weit davon entfernt, ihn gegen den böswilligen Walter zu unterſtützen, dem⸗ ſelben gar noch Recht gab und ihn bei allen Vorkomm⸗ niſſen in Schutz nahm.— An dieſem Abend nun hatten die Muſikanten ein großes Feſt; denn der Baron, welcher neben gutem Bier gute Muſik über Alles liebte, hatte dafür geſorgt, daß es den Geſellen des Muſikmeiſters an Nichts fehle. Er war der Meinung, daß ein Muſikant trinken müſſe, und die Geſellen des Muſikmeiſters waren derſelben Meinung und thaten demgemäß. Die Flöte, welche ſich gegen die ſchnöden Würſte der Brunnenbäuerin ſo ſtolz bewieſen, nahm keinen Anſtand dem Biere zuzuſprechen, welches ihm als eine aufmunternde Huldigung verab⸗ reicht wurde; das Horn, hier nicht in Zwieſpalt mit ſich ſelber, wie auf dem Brunnenhofe, nahm mit edlem Anſtand an den Freuden des Abends, ſoviel ihrer auf die Rechnung des Muſikantentiſches kamen, Theil, und der Baßſpieler, welcher mit Recht behauptete, dem größten Inſtrumente komme auch das größte Glas zu, machte von der Güte und Freigebigkeit des Barons einen ſo ausſchweifenden Gebrauch, daß er in den ſpäteren Stunden der Nacht ſeinem Inſtrumente Töne entlockte, dem Gebrüll der Kühe und dem Wiehern der Pferde nicht unähnlich, welche er kurz vor dem Beginn dieſer Feſtlichkeit gefüttert und gekämmt hatte. Nur Walter Grün ſaß ſtumm und theilnamlos für die Luſtbarkeit ſeiner Cameraden während der großen Pauſe da. Er ſei nicht durſtig, ſagte er, als der gemüthliche Baßſpieler ihm den Reſt ſeines Glaſes anbot; worüber dieſer ſehr ungehalten ward und es ſelber austrank.— Walter Grün war ein junger Menſch von etwa zwanzig Jahren. Sein edles, bleiches Geſicht mit den ſchwärmeriſch blauen Augen paßte wenig zu dem braun⸗ rothen Antlitz des Baßſpielers oder zu den nichtsſagenden Augen des Hornbläſers und Flötiſten. Ganz von blon⸗ dem, weichem Haar umgeben glich es dem Geſicht eines Johanniskopfes, wie wir es auf den Bildern nieder⸗ ländiſcher Maler geſehen haben. Er hatte ſeinen Stuhl etwas zurückgeſchoben, in das Dunkel, wo er weniger geſtört wurde durch den wüſten Lärm des Commerſches und die Geſpräche, welche ſeine Cameraden bei ihrem Biere führten; und wie er daſaß, den Kopf an den Hals ſeiner Geige gelehnt, und den Fiedelbogen in der Rech⸗ ten haltend, ſchien er in eine weite Ferne verloren, welche ſeine Seele ganz mit ſchönen Geſtalten und ahnungs⸗ vollen Träumen bevölkerte. Aber ein Schlag, welchen der gemüthliche Baß⸗ ſpieler mit ſeinem gewaltigen Bogen nach ihm führte, weckte ihn. „Wir ſollen den Bierwalzer ſpielen!“ ſagte er, wäh⸗ rend der Brunnenmatz ſeinen Stuhl wieder einnahm und der Baron, welcher ſich dieſes muſikaliſche Meiſter⸗ werk beſtellt hatte, mit dem billigenden Wort„den Bier⸗ walzer!“ zu ſeinen Platz zurückging. Der Bierwalzer war das große Lieblingsſtück des Barons, und derſelbe durfte bei keiner Gelegenheit fehlen, wo er ſich bei Muſik und Bier in fröhlicher Geſellſchaft befand. Der Bierwalzer iſt in der That eine geniale Compoſition, indem nicht blos die Muſikanten, ſondern auch die Zuhörer dabei beſchäftigt ſind, ihn mit allen muſikaliſchen und un⸗ muſikaliſchen Gliedmaßen ihres Körpers, pfeifend, hu⸗ ſtend, ſchreiend, ſtampfend und ſchlagend zu accom⸗ pagniren. Der Bierwalzer ſollte ſogleich beginnen. Der ge⸗ müthliche Baßſpieler wollte ſich nur erſt ſein kurzes Pfeifchen ſtopfen; denn da die Brunnenbäuerin es ein⸗ mal nicht litt, daß er bei ſeinen häuslichen Verrichtun⸗ gen rauchte, ſo bediente er ſich dieſes Vergnügens bei Ausübung ſeiner Kunſt. Auch der Brunnenmatz pflegte desgleichen zu thun. Er aber rauchte eine lange Pfeife, welche ihm quer unter der Fiedel weghing, und er benutzte das untere Ende ſeines Fiedelbogens, um wäh⸗ rend des Spiels die Aſche im Pfeifenkopf hinunter⸗ zudrücken. „So!“ ſagte der Baßſpieler, nachdem er ſeine Pfeife angezündet;„nun kann es losgehen.“ Aber was war das?. Ein wunderbarer Klang, der Anfang einer ſehnſüchtig klagenden Melodie, wie ſie in dieſen Räumen noch nie gehört worden war, rauſchte durch den Sagl. Alle ſahen ſich um. Der Baron zuerſt, mit einem Geſicht voll Unwillen und Enttäuſchung, weil er in voller Erwartung ſeines beliebten Bierwalzers da ge⸗ ſeſſen hatte. Der Brunnenmatz jedoch ſprang wüthend auf, und die Pfeife aus dem Mund nehmend, fuhr er Wal⸗ ter'n an:„Nichtsnutziger Schlingel, was ſoll das bedeuten?“ Das waren die Töne, die ihn nun ſchon den gan⸗ zen Winter lang bis in den Frühling hinein geärgert hatten. Er wußte nicht, was ihm dieſe Töne zu Leide gethan hatten, aber es verdroß ihn, wenn er ſie hörte. Es waren nur drei, oder vier Tacte, dann aber brachen ſie immer wieder ab; es ſchien als wiſſe der Walter das Folgende nicht, oder als ſuche er es. Aber er ward nicht müde, ſie zu wiederholen, und Tag und Nacht, aus Walter's einſamer Kammer, aus dem Hof, ja ſo⸗ gar von dem verrufenen Brunnen im Garten her hatte der Brunnenmatz dieſe Töne vernommen. Sie waren ihm zuletzt ganz unerträglich geworden, und als er ſie nun an dieſem Abend und an dieſem Ort wieder ver⸗ nahm, da konnte er ſich nicht länger halten und ſein ganzer, lang verhaltener Unwille brach los. „Du Nichtsnutz von einem Jungen,“ ſchrie er,„Du weißt, daß ich dieſe niederträchtige Melodie nicht hören kann— Du weißt, daß mir die Galle übergeht, wenn Du ſie auf Deinem vermaledeiten Inſtrument zu kratzen beginnſt, und doch ſpielſt Du ſie mir frech in's Geſicht, Du undankbarer, hergelaufener Herr von Habenichts, Du Stolzmichel, Du Trotzkopf, Du...“ und dabei erhob er ſeine Hand, um ihn zu ſchlagen. Aber Walter hatte ſich erhoben. Eine tiefe Röthe färbte ſeine ſonſt ſo bleichen Wangen, und ſeine Augen, ſonſt nur träumeriſch und ſechnſuchtsvoll, ſprühten ein ſeltenes, ungewohntes Feuer, vor dem der Brunnenmatz zurückwich und ſeine ſchon erhobene Hand ſinken ließ. Aber die lauten Worte des Brunnenmatz hatten Alle aufmerkſam gemacht und bald war die ganze Brüder⸗ — rhaft der freien Rhenanen um den armen Walter ver⸗ ſammelt. „Werft ihn hinaus, den Störenfried!“ rief der Leutnant, welcher den ſtillen, ſtolzen Menſchen nie hatte leiden können,„werft ihn hinaus,“ riefen Alle einſtim⸗ mig,„den Störenfried!“ repetirte der Baron, doppelt entrüſtet über den Vorfall, und ſogleich Partei nehmend gegen den hochmüthigen Burſchen, welcher Schuld daran war, daß der Bierwalzer noch immer nicht geſpielt ward, als müßte man ihn um Verzeihung bitten. Walter ſagte kein Wort. Er nahm ſeine Fiedel unter den Arm, er ſtrich ſein langes, blondes Haar hinter die brennenden Wangen zurück, er trat vom Muſikanten⸗ ſitz herunter, er ſchritt langſam der Thüre zu. Niemand wagte ihn zu berühren. Aber ein langes und lautes Gelächter und tauſend Spottreden folgten ihm, als die Thüre hinter ihm zufiel. Dann nahm der Brunnenmatz ſeine Pfeife und ſeine Fiedel wieder, der Bierwalzer begann, und der Baron ſchlug mit beiden Händen und beiden Füßen auf den Tiſch. Walter aber ging in's Freie hinaus, und noch lange durch die Stille der Nacht hörte er den rohen Tumult. 6 aus dem erleuchteten Stockwerk des Jägerpfuhls. 16 und nun doch ſo vornehm und ſo großmächtig daſtand, — Zweites Capitel. Wohin Walter ging. Es war eine laue Mondnacht. Durch das zarte Frühlingslaub der Kaſtanien, unter welchen Walter ging, fielen die ſanften Silberſtrahlen, und Licht und Schatten wechſelten auf ſeinem Wege. Zu ſeiner Rechten das Thal lächelte friedlich. Mit dem tiefen, geheimnißvollen Zauber einer Aprilnacht iſt Nichts zu vergleichen. Leiſe Quellen rieſeln unaufhörlich. Der Wind ſäuſelt weich und traumhaft. Der Geruch des erſten Grüns erfüllt die Luft. Die Welt iſt ſtille. Sie ſchlummert in den Armen des Frühlings. Zu ſeiner Linken erhoben ſich Hügel, mit tiefen Schluchten, nun ganz von Schatten ausgefüllt, mit ſchönen Wäldern, welche halberhellt im Lichte ſtanden. Auf der Höhe des Hügels war das Schloß, deſſen alte Thürme und Mauern und Zinnen bleich im Mondenglanz der Mitternacht ſchimmerten. Ja, es war Mitternacht. Dort aus dem Dörflein, welches am geſtreckten Abhang im Dunkel des Hintergrundes lag, ſchlug es zwölf. Jetzt auch vom Schloß herab hörte man die Schläge, und weit aus der Tiefe herauf einzelne dumpfe, ſchwer verhallende Klänge. Es mußten die Glocken der Eliſabetherkirche ſein. Nun Alles ſtill. Nur das ſanfte, ſtete Rauſchen der Lahn aus dem Thale herauf, dort von den dunkeln Bäumen her, die ihren ruhigen Spiegel bedecken. Nur der Anſchlag eines Hundes hier in dem alten Jägerei⸗ gebäude, dort aus einem Gehöfte des Dörfleins. Zetzt — 30— ein wachſendes Brauſen und Rollen hinter den von Schatten umlagerten Felsvorſprüngen des Thales. Zetzt eine dunkle Maſſe, die in die Helligkeit der Ebne eilte — mit flatterndem Silbergewölk voran— mit Funken und rothen Lichtern— mit einem ſchrillen Pfiff und dumpfem Getöſe, indem ſie entſchwand. Es war der Bahnzug von Frankfurt, welcher, bei Guntershauſen ſich theilend, im Morgenroth die Zinnen der Wartburg oder die Thürme der Wilhelmshöhe ſchimmern ſehn ſollte. Und nun war Alles wieder ſtill und Nichts mehr ſtörte den lieblichen Wandel der Mondnacht. 3 Aus dem Schatten der Kaſtanien trat Walter jetzt an die offene, helle Landſtraße, welche zum Barfüßerthor führt, rechts durch die lange Mauer begrenzt, hinter der unter Anderm auch der berühmte Garten des blumen⸗ freundlichen Obriſten liegt, und links von dem Abhang des Schloßberges, an welchem ſich einzelne Landhäuſer erheben. Dieſe Landhäuſer ſind von einer neueren Bau⸗ art, und in ihrer reſidenzartigen Zierlichkeit bilden ſie einen eigenthümlichen Gegenſatz zu den vorväterlichen, ſchwerfälligen, ſchnörkelreichen Wohnhäuſern der alten Univerſitätsſtadt. Weswegen denn auch Studenten, welche ſchon in andern und beſſern Städten gelebt haben, oder junge Privatdocenten, welche noch friſch ſind von den Eindrücken ihrer Reiſen, die Häuſer am Schloßberg vor⸗ ziehen. In einem derſelben, welches am Ende eines emporſteigenden Gartens gelegen iſt, und deſſen oberes Stockwerk frei gegen die Straße, das Thal und die gegen⸗ überliegenden Lahnberge ſchaut, während das Untergeſchoß. von den Bäumen und Geſträuchen des Gartens verdeckt n ſo Pleich und ſo ſchön! Wie waren ihre Augen tſo duldend! Wie flatterten ihre Haare in der e Abenddämmerung, im Herbſtwind! Wie blickte ſie unver⸗ n wandt dort hinüber, wo die Sonne geſunken war— in d den letzten, matten gelben Schein, welcher in Nebel ſtarb r— in den verlöſchenden Schimmer des Weſtens— wie h drückte ſie nun ihre zarte Hand gegen das Auge— wie r 1 öffneten ſich nun die lieblichen Lippen, und wie klang 2 jener fremdartige Geſang, leiſe, leiſe in das Schauern e der Herbſtbäume, in das Rauſchen des Windes, in das Brauſen des Stromes— und wie verlor er ſich in das t Vorüberwallen der Dämmerung, gleich jenem Abendroth r im Weſten! Dort an dem Fenſter hatte ſie geſtanden. Der Schein des Mondes glänzte nun an der weißen Wand des Hauſes. Das Weinlaub, deſſen erſtes, krauſes Blätter⸗ werk um das Fenſter rankte, zitterte im lauen Zugwinde und die tiefe, kühle Stille der Aprilnacht umgab die e Stätte. Aber ſiehe!— das Fenſter leuchtete noch von Innen! — —— N N Sollte ſie noch nicht ſchlafen? Sollte ſie noch denſelben e laulichen Mondenhimmel ſehen, welcher über ſeinem Haupte r dämmerte? Sollte ſie aber ſtill! Am hellen Fenſter ſchwebte ein Schatten vorüber. Jetzt ward die Gardine ⸗ gehoben— jetzt ward das Fenſter geöffnet— jetzt flatterte das Haar im Winde— ſie war es— und jetzt auch der Geſang! Das war der Geſang, der ſeine Luſt und Qual ge⸗ eſen war, dieſen langen, langen Winter! Dieſen Tact thatte er geſucht und dieſen, und nun dieſe Cadenz und Straßenſängerin H. 3 dieſen Ruhepunkt... ja, er mußte ſich das merken, und wozu auch hatte er ſeine Geige bei der Hand? Aber 6 der erſte Strich, den er darüber führte, löſte den Zauber. Eine andere Geſtalt erſchien plötzlich am Fenſter; die . Sängerin brach plötzlich im Liede ab— das Fenſter ward zugeworfen, die Gardine fiel und über ein Kurzes verlöſchte das Licht. Und nur der Schein des Mondes hing an dem einſamen Hauſe. 1 Walter'n aber ging es wie ein Stich durch das Herz, daß das ſchöne Traumland, in welches er einen Blick gethan, ihn nun wieder ausgeſtoßen habe— daß es gegangen und geſunken ſei; und die Qual der Sehn⸗ ſucht und des unvollendeten Liedes folgten ihm, als er 1 Abſchied nahm von dem ſtillen Hauſe auf der Höhe und ſeinen Heimweg fortſetzte. Er ging durch das alte, baufällige Barfüßerthor, welches den dicken Schatten ſeiner unförmlichen Maſſe quer über den Hügel warf, auf deſſen Höhe, hinter einer 1 Einfaſſung von morſchen Planken das Muſeum ſteht, 1 mit den dunkelblauen Schiefern an ſeinen Wänden. Er ging an dem Reithaus vorbei, deſſen Schatten auf einen Abhang fiel, welcher ganz mondenhell ſich zur Rechten in die tiefe, dunkle Untergaſſe ſenkte. In den engen Straßen war es finſter; nur zwiſchen den hohen, ſpitzen Giebeln oder wo zwiſchen dem einen Dach und dem 1 andern eine Lücke war, ſtahl ſich hier und da ein Mon⸗ 1 denſtrahl durch, wie eine blaue, leuchtende Linie— und 8 Treppen, die ſich im nächtigen Duft der über einander gebauten Häuſer verloren, abſchüſſige Senkungen, um deren Fuß der Flimmer des Mondes ſpielte— Giebel⸗ zacken, Mauerniſchen und hölzerne Figuren aus ver⸗ gangenen Zeitaltern darin, löſten einander ab auf ſei⸗ nem Wege, bis er am Ende des letzten Hügels ange⸗ kommen war und vor der Kirche der heiligen Eliſabeth ſtand. Herrlicher Dom, welchen ein unvergeßlicher Lehrer unſrer Jugend das ſteinerne Triumphlied himmliſcher Minne genannt! Herrliche Frau, groß im Dulden, groß im Lieben, groß in Allem, was eine Frau groß macht — ſchöne Landgräfin Eliſabeth, die dieſen Dom errichtet in der Fülle ihres Glaubens, ihres Leidens und ihres Hoffens! Seine ſchlanken Thürme glühten wie Silber in der bläulichen Helle des Mondenhimmels, um ſeine ſteinernen Blumen und Knäufe floß die wunderbare Milde der Aprilnacht, und durch ſeine hohen, dunklen gothiſchen Bogenfenſter quoll der Geiſt, der ihn gebaut — der ewig⸗alte, der ewig⸗junge Geiſt des Geheimniſſes, in welchem wir leben und lieben. Dicht unter der Kirche der heiligen Eliſabeth, drei Schritte hinter dem Thore, liegt der Brunnenhof. Ein Gebäude, unregelmäßig in ſeinen Außenlinien, mit niedrigen Fenſtern, mit vorſpringenden Stockwerken, mit Giebeln und Erkern, wie alle andern Gebäude in Marburg; und noch älter, wie die meiſten. Es gehörte ehedem zu den Baulichkeiten der Deutſch⸗Ritter, welche hier Gründe und Güter beſaßen; und nach denen noch heutigen Tages ein großmächtiges Gebäude„das deutſche Haus“ heißt, in welchem jetzt aber nur einige Stadtarme wohnen.— Die Thüre des Brunnenhofes war nicht verſchloſſen. Man verſchließt in Marburg die Thüren überhaupt nicht; 3* —— es giebt daſelbſt keine Hausſchlüſſel und die Häuſer ſtehen alle offen, bei Tag und Nacht. In der großen Stube brannte noch Licht. Die große Stube war recht altfränkiſch und patriarchaliſch eingerichtet. Es ſtanden hölzerne Tiſche darin, an welchen die Knechte und die Mägde mit der Herrſchaft zu eſſen pflegten, und hölzerne Bänke, auf welchen ſie dann Alle gemeinſam ſaßen. Neben dem großen, eiſernen Ofen, auf welchem ein Ritter mit gezückten Schwerte dargeſtellt war— der heilige Georg oder der heilige Martin, wir wiſſen nicht recht, welcher von Beiden— ſtand ein Großvatexſtuhl⸗ in welchem ſchon manch' ein Großvater und manch eine⸗ Großmutter geſeſſen, die nun auf dem Gottesacker hinter der Eliſabetherkirche zur ewigen Ruhe gegangen. In dieſer Nacht aber ſaß ein junges, hübſches Mäd⸗ chen darin, von ſiebzehn oder achtzehn Jahren, in der ſchmucken, bäuerlichen Tracht des Lahngaus— das Haupt, deſſen ſchlichtes, falbes Haar von einer bänder⸗ reichen, geſtickten Haube knapp umſchloſſen war, auf die Bruſt geſenkt, die kleinen, von Arbeit gehärteten Hände im Schvoße in einander gefaltet, die Füße in bunten Strümpfen bis zur Wade ſichtbar, über welchen ſich der bunte Streifenrock mit blauem Bandbeſatz anſchmiegte, auf einem Schemelchen ruhend. Neben ihr, trübe genug ſchon, brannte die Oellampe. Es war ja auch ſo ſpät! Walter trat ein. Das Mädchen ſchlief. „O— die Gertrnd iſt noch auf!“ dachte er, indem er ſeine Geige leiſe auf den hölzernen Tiſch legte.„Sie iſt meinethalben aufgeblieben, das weiß ich! Ich weiß, daß ſie das einzige Weſen auf dieſer weiten Welt iſt⸗ das mir gut iſt. Und wenn ſie nicht wäre, wie hätte ich es hier ſo lange, ſo lange wol aushalten ſollen?“ Dann näherte er ſich ihr. Der dunkelrothe Schein der tiefer brennenden Oellampe färbte ihr anmuthiges Geſichtchen, die vollen, weichen Wangen, die zierlich auf⸗ geworfenen Lippen, das hübſche Stumpfnäschen. Ein unbeſchreiblicher Ausdruck von Güte und Frieden lag in ihren reinen, ebenmäßigen Zügen. Ein ſanftes Beſchei⸗ den, ein ſtillſeliges Genügen umgab ihre Erſcheinung, wie ſie daſaß, ſchlummernd im Großvaterſtuhl mit ge⸗ falteten Händen. Walter legte ſeine Hand auf ihre Schulter. Das Mädchen erwachte. Sie ſchlug die ſüßen, blauen Augen auf; ſie erröthete. Sie rieb ſich den Schlaf aus den Augen, ſie lächelte; ſie gab Walter'n die Hand. „Guten Abend, Walter,“ ſagte ſie, mit der vollen ſanften Stimme eines Weibes, welches rein und voll⸗ kommen aus ſeiner Entfaltung hervorgegangen. Und der warme Glanz ihres blauen Auges ruhte auf ihm mit jener Innigkeit, welche den Blick des Kindes von dem der Jungfrau unterſcheddet, mit jener ſonnigen Heiter⸗ keit, welche das ſchöne Eigenthum offener, ſchuldloſer Seelen iſt. Dann erhob ſie ſich aus dem Großvaterſtuhl, in welchem ſie— Walter'n erwartend— geſchlummert hatte, und ſtand vor ihm, eine kleine, zierliche Geſtalt, mit langen, ſeidenen Bändern, welche von der Haube über ihren vollen Nacken niederhingen, mit ſchimmerndem Bruſtlatz, kurzem, bunten Röckchen bis auf die Waden und farbigen Strümpfen— ein Weſen, in ſeiner länd⸗ lichen Einfalt ſo reizend, ein Geſchöpf, in ſeiner jung⸗ fräulichen Befangenheit ſo lieblich! „Du kommſt allein, Walter?“ ſagte ſie, als ſie vor ihm ſtand, über die Lampe gebeugt, um den verglimmen⸗ den Docht noch einmal zu beleben—„wo iſt der Vater? Und wo ſind die Andern?“ „Der Vater und die Andern ſind im Jägerpfuhl, Gertrud,“ antworte Walter. „Und warum biſt Du früher gegangen, als ſie, Walter?“ fragte das Mädchen ihr Geſicht ein wenig betroffen von der Lampe zu Walter'n emporkehrend. „Weil Dein Vater mich beſchimpft hat, Gertrud,“ ſagte Walter mit einem feſten, ernſten Tone. „Dich, Walter?“ ſprach das Mädchen und ſah ihm ängſtlicher in's Geſicht.„O Walter, ſag', was hat er gethan?“ „Er hat mich ſchlagen wollen, Gertrud. Er hat die Hand gegen mich erhoben vor allen Geſellen und den ganzen Studenten!“ „O Walter, Walter... ſagte das Mädchen, in deſſen blauen, klaren Augen ſich Thränen ſammelten, „und was haſt Du gethan?“ „Ich habe meine Geige genommen und bin fortge⸗ gangen, Gertrud. Ich habe mich auf den Weg gemacht, und bin zu Dir gekommen, um Dir zu ſagen, Gertrud, daß meines Bleibens hier nicht länger ſein kann.“ „Du wollteſt gehn, Walter?“ rief das Mädchen in einem Tone plötzlicher Erregtheit...„Du wollteſt... 2“ Die Stimme verſagte ihr; ſie ſchluchzte leiſe. — 3 „Du weißt, ich habe mich ſchon lange fortgeſehnt. Gertrud,. Du weißt...“ Walter ſtockte. „Ich weiß,“ brachte Gertrud ſchluchzend hervor.„Ich weiß, daß Dich mein Vater ſchlecht behandelt...“ „Nicht das iſt es,“ ſagte Walter, indem er die klei⸗ nen, von Arbeit gehärteten Hände des Mädchens in die ſeinen faßte—„nicht das. Du weißt, wie ich mich immerdar in die Fremde hinaus geſehnt habe; wie es mich lange ſchon gewaltſam trieb, die Welt zu ſehen, und mein Glück zu verſuchen. Wie meine Seele darnach verlangte, in fremden Gegenden und vor andern Men⸗ ſchen Muſik zu machen und zu ſehen, ob ſie mir auch ſo gram ſind, wie die Menſchen hier, oder ob ich mir ihre Herzen dadurch befreunden kann!“ „Und an mein Herz, das Dir ſo gut iſt, denkſt Du nicht, Walter?“ fragte das Mädchen ſchüchtern und erröthend über und über. „Ich werde nie daran vergeſſen,“ erwiderte Walter, die Hände des Mädchens preſſend—„ich werde Dir ewig dankbar bleiben für Deine Güte, die mein Troſt war, wenn die Andern mich verletzt hatten, für Deine Freundlichkeit, welche mich beruhigte, wenn mein Herz gedrückt, und für Deine beſtändige Milde, welche mich oft aufrichtete, wenn mein Muth geſunken war. Aber ſiehſt Du, Gertrud, ich fühle dennoch, daß mir noch Er⸗ lebniſſe bevorſtehen, von denen ſich mein Herz nicht los⸗ machen kann. Ich weiß nicht, ob ſie mir Freude oder Schmerz bereiten werden, aber meine Seele iſt voll von ihnen und meine Ahnung ſucht ſie. O Gertrud, Du weißt nicht, was ich leide, wenn ich die Wolken wandern ſehe, und wie dann verborgene Stimmen in mir zu klagen beginnen, daß ich ihnen nicht folgen darf. O, die großen, großen Wolken in der Märzzeit, wenn der Schnee ſchmilzt, wenn das erſte Grün am Bach ſich zeigt, wenmn die Wipfel der Bäume ſich rühren! Und wie ſtand ich dann oft auf dem Berge und ſah in das trübe, brauende Frühlingsgewölk— und ſah die Sonne darin verſinken und hätte mit ihr gehen mögen in die weite unermeß⸗ liche Ferne, von der ich träume, bei Tag und bei Nacht und wie mußte ich dann immer an den Franz Michel gedenken, der doch vor Jahren auch nur ein Spiel⸗ mann geweſen in Deines Vaters Haus, wie ich; und der in einer Nacht auf und davon ging, und jetzt ein großer Muſikmeiſter worden iſt, in der größten und ſchönſten Stadt der Welt, jenſeits des Meeres, gen Sonnenuntergang, und vor lauter Edelfräulein und Prin⸗ 6 zeſſinnen ſpielt in königlich geſchmückten Hallen.... Das Auge des Jünglings, ganz in die Phantaſie⸗ bilder verſunken, die vor ſeiner Seele ſchimmerten, ward von einem Glanz erfüllt, vor welchem Gertrud unwillkürlich zurückbebte. „Du haſt mich nicht mehr lieb! Du biſt mir nicht mehr gut!“ ſchluchzte ſie, leiſe, leiſe. Sie wollte ihm keinen Vorwurf machen. Sie wollte ihn keiner Schuld zeihen, ihn nicht anklagen. Was ſie ſagte, war der ſchmerzliche Ausdruck einer Seele, welche zum erſtenmal liebt und zum erſtenmal leidet. „Ich habe Dich noch ſo lieb wie immer; ich bi Dir noch ſo gut, als⸗ich je geweſen,“ ſagte Wal obgleich ſeine Stimme ein wenig ſchwankte, als er 1 Worte ſprach. Denn zum erſtenmale zieh ſeine Seele ihn der Unwahrheit, indem ſie des ſtillen Hauſes am Schloßberg und des Liedes und der Fremden gedachte, welche daſſelbe im Mondenſchein geſungen. Und ſeine eigne reine Seele that, was das Mädchen, welches ihn liebte, nicht gethan hatte: ſie machte ihm Vorwürfe, ſie klagte ihn einer Schuld an gegen das einzige Weſen, welches mit der ganzen, unentweihten Fülle der erſten Liehe an ihm hing. Die erſte Liebe!— Als wenn es eine zweite Liebe gäbe. Glaubt es mir, es giebt nur eine Liebe und die eine Liebe iſt ewig. Es mögen wohl roſige Wolken am Himmel dahingaukeln, und ſie mögen den Blick wohl bezaubern und die Seele entzücken— aber die Wolken verrinnen in Luft, und wenn ſie noch ſo lieblich geleuchtet. Nur die Sonne, die einzige, große, ſchöne Sonne, iſt immer dieſelbe, und ſie verrinnt nicht in Luft und ſie vergeht nicht. Dunkelheit mag ſie verhüllen, eine lange Nacht ſie begraben.— Aber ſie iſt nicht todt, ſie iſt nicht geſtorben. Ihr Schein iſt es, welcher aus dem traurigen Monde ſeinen letzten Segen um unſere einſame Wohnung breitet; ihr Schimmer, der aus den blitzenden Sternen all ſeine freundliche Botſchaft von Wiederſehen und Wiederfinden erzählt. Die erſte Liebe ſtirbt nicht; die erſte Liebe iſt einzig und ewig! Und Walter, gerührt von dem Schmerze des Mäd⸗ chens, deſſen erſte Liebe er war, ſtreckt die Hände aus, um die ihrigen zu ergreifen, welche ſie gegen die feuchten Augen gedrückt hatte und ſagte: „Gertrud, noch einmal will ich, Dir zu Liebe meinen Vorſatz aufgeben. Noch einmal will ich verſuchen, ob Dein Vater anders gegen mich wird, und um Deinet⸗ willen will ich vergeſſen, was er mir heute angethan. Aber bitte den lieben Gott, gutes Mädchen, daß Dein Vater ſich nicht wieder gegen mich vergehe; denn das ſchwöre ich Dir, Gertrud, wie ich Dir ſchwöre, daß ich ihm den Vorfall des heutigen Abends verzeihen will, daß ich ihm eine zweite Beſchimpfung nach dieſer nicht mehr Arzeihen kann und nicht mehr verzeihen will. Ich werde ſtill und gern meine Fflicht thun, wie bisher; meine Freu ſoll es ſein, Deine blauen, frommen Augen zu ſehen und meine Geige zu ſpielen an einſamen Orten im Wald und im Gebirge, wo kein Menſch mich hören und aus⸗ lachen kann, und Niemand, als die Vögel und der Wind allein und die ſäuſelnden Blätter die Weiſen begleiten, welche meine Seele erfüllen, indem ſie an die Wolken und die untergehende Sonne und das ferne Land ge⸗ denkt!“ Das feuchte Auge des Mädchens richtete ſich groß und zärtlich auf den Jüngling, welcher alſo geſprochen; und ein ſchwaches Lächeln, wie Sonnenſchein aus ziehen⸗ dem Regengewölk, flog über ihr bekümmertes Geſicht. Dann gab ſie ihm die Hand, und ſagte:„Gute Nacht, Walter!“ und über den weiten Flur des todtenſtillen Hauſes und die hölzerne Treppe hinan hörte man ihren leiſen Tritt, bis er ſich in der Höhe derſelben langſam verlor.—) — Drittes Capitel. Der brave Zochmus wird mishandelt. Sieben oder acht Wochen ſpäter— es war mitten n Juni und an einem wunderſchönen Nachmittage— atte der Baron eine kleine Excurſion in die Umgegend n Marburg gemacht. Das Ziel dieſer Excurſionen pflegte das Dörflein Werda zu ſein, woſelbſt ſich ein Wirthshaus befand, welches der Baron ganz vorzüglich begünſtigte. Er lobte das leichte Bier, welches in die⸗ ſem Wirthshaus verſchänkt wird, als beſonders zuträg⸗ lich auf kleinen Nachmittagspromenaden, und ſtand in dem Verdacht, ein Auge auf die dicke Tochter der Wir⸗ hin geworfen zu haben. Dieſe dicke Tochter leiſtete ihm Geſellſchaft, wenn er zechend bei dem leichten Biere unter der Bohnenlaube vor der Thüre ſaß, und die⸗ ſem Umſtande ſchrieb man es zu, daß er ſeit eini⸗ er Zeit die einſame Landſtraße von Werda ſo häufig rreuentire. Auf dieſer Landſtraße war es auch, wo man ihn an ſem ſchönen, ſonnigen Juninachmittage, um die fünfte Stunde etwa, hätte marſchiren ſehen können. Sein urs ging heimwärts. Um ſieben Uhr heut Abend itte er verſprochen, im Jägerpfuhl zu ſein, wo Einer n der Brüderſchaft ein„Fäßchen“ auflegen wollte, der Baron war ſeinen Verſprechungen in Fällen, dieſem, ſtets um eine Stune Loraus. Er war in beſten Laune. Er war immer in guter Laune, wenn „fröhlicher Abend in Sicht war; und eigentlich, um 3 Wahrheit zu ſagen, beſtand ſein ganzes Leben aus 44— fröhlichen Abenden. Wohlgemuth ſchritt er daher ſeines Weges. Sein Strohhütlein ſaß ihm höchſt fidel auf dem Kopfe, und das knallgelbe Vändlein daran flatterte vergnüglich, indem er ging. Der Baron hatte ſich nicht dazu verſtehen können, eine bunte Mütze aufzuſetzen; in dieſem Punkte war und blieb er ein ſtrenger Civiliſt. Aber die Strohhüte liebte er ſehr; er fand dieſe Tracht namentlich vortheilhaft für alle Zufälligkeiten, die einen ehrlichen Mann um Mitternacht und im Streite mit groben Bierwirthen betreffen konnten; und die erſte Schwalbe erſchien daher im Lenze nicht früher, als der Strohhut des Barons. Seine Brille befand ſich im erfreulichſten Zuſtande, und in den ovalen Gläſern der⸗ ſelben blitzte die Spätſonne. Sein Geſicht hatte den glücklichſten Ausdruck von Selbſtzufriedenheit, und ſo, in der Rechten ſeinen Stab, welchen er ſtets mit ge⸗ ſtrecktem Arm eine Elle weit vor ſich auf den Boden ſetzte, um ihn darauf wieder mit pathetiſcher Bewegung zierlich in die Luft zu ſchwingen, ſchritt dieſer Bieder⸗ mann zwiſchen dem Birkengeſträuch und den wilden Roſenhecken, am Rande des Waldes dahin. Jedoch ging er nicht ganz allein. In ſeiner Ge⸗ ſellſchaft befand ſich ein Hund, welchen wir unter den Namen„Jochmus“ unſern Leſern vorzuſtellen die Ehre haben. Unſere Leſer haben die flüchtige Bekanntſchaft dieſes Hundes ſchon in einem früheren Capitel gemacht; jetzt aber iſt es nothwendig, ihre Aufmerkſamkeit aus⸗ führlicher auf denſelben zu lenken. Jochmus war der älteſte, häßlichſte und verrufenſte 3 Hund in der Marburger Stadt. Er hatte ein grar der Straße oder der Bierſtube heimkehrte— gerieth er Zottelfell, welches an den meiſten Stellen abgeſchabt war. Er hatte nur ein Ohr, nur ein Auge, nur drei Beine, konnte nicht bellen und pflegte nur ſelten zu knurren. Er war ein alter Sünder, und bekannte ſich zu dem Princip der abſoluten Freiheit, weswegen er auch ſeit Menſchengedenken zu dem Bunde der Rhenanen gehörte. Er war nicht das Eigenthum eines einzelnen Mitgliedes; er war vielmehr das eiſerne Vieh der Ge⸗ ſellſchaft— die Geſellſchaft wechſelte in ihrem Beſtande von Semeſter zu Semeſter, von Jahr zu Jahr; Joch⸗ mus aber wechſelte und wandelte nicht, Jochmus war, wie die Idee ſelber, unwandelbar und unſterblich. So hatte er denn ſchon Jahre lang dem oben genannten Princip gedient, und war— ach! vielleicht der einzige Märtyrer deſſelben geworden. Einſt, als die Brüder⸗ ſchaft in einer Mitternachtsſitzung beſchloſſen hatte, daß Proudhon Recht habe und das Eigenthum Nichts weiter ſei, als Phraſe und Vorurtheil, begab ſich Jochmus in einen Fleiſcherladen und ſtahl eine Wurſt. Allein der Metzger ertappte ihn und ſchlug ihm in ſeiner Wuth das eine Ohr ab. Kurze Zeit darauf ward in der Brüderſchaft die Anſicht aufgeſtellt, die Gelehrſamkeit ſei Dunſt, und es lohne ſich nicht der Mühe, ſich damit zu befaſſen— das Einzige, was man allenfalls noch gelten laſſen könne, ſei die Wiſſenſchaſt von der Natur. Dieſer Ausſpruch machte einen tiefen Eindruck auf Jochmus; und eines Abends— da er an und für ſich herren⸗ und heimathlos war, und ſtets mit Demjenigen nach Hauſe ging, welcher am Späteſten nach Mitternacht von in die Stube eines Chemikers. Der Vorgang jener Nacht iſt niemals ganz aufgehellt worden. Nur ſo viel hat ſich als gewiß ergeben, daß am andern Morgen eine Phiole, welche Schwefelaether enthalten, zerbrochen am Boden lag, und daß Jochmus ſein linkes Auge da⸗ durch verloren habe. Später brachen Zwiſtigkeiten zwiſchen der Brüderſchaft und den übrigen Studenten⸗ verbindungen aus und das Fauſtrecht ward gepredigt. Der Erſte, der ſich deſſelben bediente, war Jochmus, und umgehend fiel er bei nächtlicher Weile den größten Bulldoggen der„Thüringer“ rücklings an. Aber der Bulldogge wehrte ſich, und in der Frühe des andern Tages fand man den braven Jochmus halb todt auf der Gaſſe liegen. Er erholte ſich nur langſam, aber ſein rechtes Hinterbein ſollte ewig die Spur dieſer nächt⸗ lichen Heldenthat an ſich tragen. Es war verſtümmelt worden und heilte ſchlecht an. Und ſo, auf einem Ohre taub, auf einem Ange blind und auf einem Fuße lahm, hinkte er durch das akademiſche Leben als das rührende Sinnbild der abſoluten Freiheit; und es war nicht zu verwundern, daß er nach ſo vielen Leiden ein wenig ſtumpf geworden. Seit ſeinem letzten großen Abenteuer hatte er nicht mehr gebellt, und nur in ganz außerge⸗ wöhnlichen Fällen hörte man ihn knurren. Wie erſtaunte daher der Baron, als Jochmus, wel⸗ cher bisher ruhig an ſeiner Seite mitgetrabt war, auf Einmal ſtehen blieb und knurrte! Es hatte ſich näm⸗ lich, vom erſten Tage an, wo der Baron im Kreiſe der Brüderſchaft erſchienen war, eine ſtille Freundſchaft zwiſchen ihm und Jochmus etablirt. Jochmus pflegte nur noch in der dunklen Behauſung des Barons zu übernachten(ſchon deshalb, weil der Baron immer der Letzte war, welcher nach Hauſe ging); Jochmus beglei⸗ tete ihn auf ſeinen Nachmittagszügen gen Werda und war der Zeuge ſeiner Schäferſtunden in der Bohnen⸗ laube; und Jochmus ſchloß ſich ſeinem verehrten Freunde an, wenn dieſer ſich des Abends anſchickte, ſeinen Stab nach der Richtung des Jägerpfuhls in Bewegung zu ſetzen.— Aber Jochmus blieb ſtehn und knurrte, welches den Baron über die Maßen wunderte. Er machte eine Pauſe in den Bewegungen ſeines Stockes und blieb gleichfalls ſtehen. Jochmus knurren zu hören, war für ihn etwas Neues, ja, ſogar etwas Unheimliches. Er würde ſich vielleicht nicht viel mehr gewundert haben, wenn Jochmus geſprochen hätte.— Es jing ihm in der That an ein wenig ängſtlich zu Muthe zu werden; denn obgleich wir nichts Schlechtes vom Baron ſagen wollen, ſo dürfen wir doch nicht verſchweigen, daß die Freunde deſſelben von ſeiner Courage nur eine untergeordnete Meinung hatten. Warum hatte Jochmus nur geknurrt? Da lag der Wald im Nachmittagsſonnenſchein— da ſtanden ſo viel dicke Gebüſche— und der Weg war ſo einſam. Kein Menſch war zu ſehen, weder vorwärts noch rückwärts; und das Dorf und die Stadt lagen gleich weit entfernt von dieſer höchſt bedenklichen Stelle. Bis denn über ein Kurzes das Geſträuch auseinander⸗ gebogen ward, und aus der Waldſchlucht, die hier vom Berg zum Thal niederführt, weiter Nichts hervortrat, als ein ſchlanker, junger Menſch mit einem traurigen Geſichte und einer Geige unter dem Arme. Ueber wel⸗ chen Anblick den Baron eine große und gerechte Wuth ergriff. Denn es war ja kein Andrer, als Walter, der dumme Junge, der ihn neulich ſchon auf dem Antritts⸗ commers ſo geärgert hatte, und der nun wieder die Urſache geweſen, daß die Ruhe ſeines Gemüthes und ſeines nachmittäglichen Spazierganges auf eine ſo unge⸗ bührliche Weiſe unterbrochen worden. „Was unterſtehſt Du Dich, Du frecher Junge, den Jochmus zu erſchrecken?“ rief er mit großer Kühnheit, als Walter, aus dem Gebüſch hervorgetreten, vor ihm ſtand. Denn es war die löbliche Eigenſchaft des Ba⸗ rons, Leuten gegenüber, welche wehrlos waren, oder welche er dafür hielt, alb jenen Muth zu entwickeln, welcher ihn bei anderen Gelegenheiten verließ. Wes⸗ wegen er auch als ein Muſter von Unerſchrockenheit gegen Hausknechte und kleine Kellnerjungen galt, und groß darin war, Kinder zu züchtigen, welche es ſich her ausgenommen hatten, über ihn zu lachen. „Es thut mir leid, wenn Euer Hund ſo ſchwache Nerven hat, daß ihn das Raſcheln des Laubes erſchreckt,“ ſagte Walter höhniſch. Das war jedoch mehr, als der Baron vertragen konnte, und zumal von dieſem Jungen, welchen die ganze Brüderſchaft der freien Rhenanen zum Ziel ihres Ge⸗ ſpöttes und Gelächters gemacht hatte. „Was!“ rief er,„Du willſt den Hund, den Joch⸗ mus beleidigen, Du frecher Junge? Wart, ich will Dich mit ſchwachen Nerven, Du frecher Junge— allons, Jochmus, faß an, Jochmus, allons!“ . 5 Und dabei verſuchte er, das unglückſelige Thier auf den Muſikanten zu hetzen. Jochmus hatte, wie geſagt, ſeit ſeinem letzten Abenteuer mit dem Bulldoggen alle Verſuche im Heldenthümlichen aufgegeben und war ſtumpf gegen die kriegeriſchen Inſtinkte ſeiner Jugend geworden. Aber ob nun die glückliche Situation oder die verführeriſchen Worte ſeines Freundes, des Barons, ihn reizten: kurz, er knurrte auf's Neue und ſetzte ſich gegen ſeinen Feind in Bewegung. Aber Walter, als er die beſchimpfende Abſicht des häßlichen Hundes bemerkte, ging entrüſtet auf ihn zu und trat ihm mit dem Fuße ſo verächtlich aber auch ſo heftig ins Geſicht, daß derſelbe heulend und winſelnd zu ſeinem Freund und Beſchützer, dem Baron, zurück⸗ kroch. Das erſte Gefühl des Barons bei dieſem unerwar⸗ teten Ausgang ſeiner Unternehmung war von zweifel⸗ hafter Natur, denn es war nicht ausgemacht, daß Je⸗ mand, der ſich an einem Hund vergriff, ſich nicht auch an einem Menſchen vergreifen könne. Aber kaum hatte Walter mit einem geringſchätzigen Blicke dem edlen Mann den Rücken gekehrt, als der Muth des Barons wieder die Oberhand gewann. „Wart!“ rief er, indem er ſeinen Knittel drohend in der Richtung ſchwang, in welcher Walkter hinter einem Schlehenſtrauch verſchwunden war—„das ſollſt Du mir bezahlen! das ſoll Dir nicht geſchenkt ſein, daß Du den Hund, den Jochmus gemishandelt haſt wan Du Nichtsnutz. Du Taugenichts... Du dummer Junge!“ Straßenſängerin IH. 4 Und wuthſchnaubend, mit doppelt großen Schritten und ſeinen Stab von nun an immer zwei Ellen weit vor ſich auf den Boden ſtoßend, ſetzte er ſich aufs Neue in Marſch, und gar fürchterlich und kriegsluſtig flatterte das knallgelbe Bändlein ſeines Strohhutes in der abend⸗ lichen Juniſonne. In der großen Stube des Brunnenhofes ging es indeſſen ſehr laut und luſtig her. Der Schlawitzer war da; und wenn der Schlawitzer da war, ging es immer laut und luſtig her. Der Schlawitzer war ein Han⸗ delsmann aus einem von den acht Dörfern der freien Reichsſtadt Frankfurt. Sein Metier beſtand darin, die Meſſen und die Märkte des mittleren Deutſchlands zu beſuchen; nördlich ging er bis Caſſel und ſüdlich ging er bis Heidelberg, und da war kein Mann, keine Frau, kein Mädchen und kein Kind von Caſſel bis Heidelberg, welches den Schlawitzer nicht kannte, und welches ſich nicht gefreut hätte, wenn der Schlawitzer kam. Der Schlawitzer ſelbſt jedoch hatte immer ein verdrießliches Geſicht, oder er machte wenigſtens ſo, als ob er eins habe. Denn obgleich Leute, welche in der Frankfurter Gegend bekannt waren, behaupteten, daß er in ſeinem Dorfe ein ſchönes Haus mit Gardinen vor den Fenſtern und eine ſchöne Tochter darin habe, welche an jeden Sonnabend ein ſeidenes Kleid und eine goldene Kette anlege, ſo war der Schlawitzer doch unſäglich ver⸗ picht auf den Handel, ſchimpfte unermüdlich auf denſel⸗ ben und machte ſtets ein verdrießliches Geſicht, weil er glaubte, daß es ſeinem Geſchäft ſchade, wenn er ein vergnügtes mache. Der Schlawitzer handelte mit Allem, womit ſich in dieſer Welt handeln läßt; und wenn es an ſich ſchon wunderbar war, daß er— wie der große griechiſche Weltweiſe und ſein Nachfolger, der Wandsbecker Bote— Alles bei ſich trug, ſo war es noch viel wun⸗ derbarer, wie er es bei ſich trug. Der Schlawitzer war ein Mann von mittlerer Sta⸗ tur, mit breitem Rücken und kurzen Beinen, und ſein Anzug beſtand aus einem Fantaſiefrack von hellgrauer Farbe, welcher ihm bis auf die Füße hing, aus weiten Beinkleidern und einer kornblauen Tuchmütze mit kleinen Troddeln daran, welche ſo hoch war, wie ein Hut. In dieſen genannten Kleidungsſtücken befand ſich ſein Magazin, und indem er bald in das eine, bald in das andere derſelben griff, brachte er die unerwartetſten Gegen⸗ ſtände an das Tageslicht. Die Veranlaſſung ſeiner Anweſenheit in Marburg war der große Sommermarkt, welcher die Bauern der Umgegend und die Viehhändler aus dem Oberland in der zweiten Woche des Juni⸗Monats auf dem Kämpf⸗ raſen vor der Stadt und in den Wirthshäuſern und Bäckerſtuben derſelben verſammelt. Es war ſeine Ge⸗ wohnheit, nachdem er ſeinen Großhandel auf Marburgs öffentlichen Plätzen und an den Wirthstafeln, die er eine nach der andern beſuchte, abgemacht, in den Nachmittags⸗ ſtunden ſich in den Bürgerhäuſern umzuſehen, und da. ging er dem Brunnenhof nie vorbei, weil daſelbſt um dieſe Zeit immer die Studenten vorzuſprechen pflegten. 52 „Wer kauft baumwollene Strümpfe?“ rief er durch das vffene Fenſter in die große Stube hinein, welche vom rothen Glanze der Abendſonne ganz erleuchtet war. „Ho, der Schlawitzer!“ ließen ſich von Innen ſo⸗ gleich mehrere Stimmen vernehmen, und der Leutnant trat ans Fenſter und ſagte ihm, er ſolle hereinkommen. Der Leutnant war in letzter Zeit ein häufiger Be⸗ ſucher des Brunnenhofs geweſen. Er machte kein Ge⸗ heimniß daraus, daß ihm die Gertrud gefalle, und dem Brunnenmatz wäre Nichts lieber geweſen, als wenn der einzige Sohn des reichen und vornehmen oberländiſchen Bauern ſeine Tochter geheirathet hätte. Auch die Brunnenbäuerin war der Sache nicht abgeneigt, obgleich ſie im Grunde ihrer Seele viel zu tadeln fand an dem leichtſinnigen und unſoliden Patron, welcher ihrer Toch⸗ ter die Cour machte. Aber ſo ſind ja die Mütter: um eine Tochter zu„verſorgen“, werfen ſie ſich zu Für⸗ ſprecherinnen von Bewerbern auf, die ſie in ihrer Ju⸗ gend vielleicht abgewieſen haben würden. Das eigene Unglück, welches ſie in ihrer Ehe geduldet, macht ſie nicht klüger und die Erinnerung an die Gefühle ihrer Jugend nicht milder. Das„Verſorgen“ von Töchtern muß wol eine Leidenſchaft der Mütter ſein; denn ſonſt würden wir gewiß einige unglückliche Ehen weniger in dieſer Welt ſehen. Heute ſaß die Brunnenbäuerin in dem Großvaterſtuhl am Ofen. Daſelbſt ſaß ſie immer an Nachmittagen, wie dieſem, wenn die Arbeit gethan war. Dann ſah ſie noch ſchmuck und ſtattlich genug aus, die Vierzigerin, mit ihrer Bänderhaube, dem geſtickten Mieder und dem gutmüthig vollen und kräftigen Geſichte. Wenn ſie im Großvaterſtuhl ſaß, ſo ſtrickte die Brunnenbäuerin, jene langen, bunten Strümpfe, wie ſie dort zur bäuerlichen Tracht gehören. Stricken war ihr Feierabendzeitvertreib; das dicke Garnknäuel lag neben ihr auf dem Tiſche, und ihre Hände bewegten ſich ſo flink, daß man es ordent⸗ lich ſah, wie das Knäuel kleiner und der Strumpf grö⸗ ßer wurde. „Strümpfe kaufen wir nicht, Schlawitzer,“ ſagte da⸗ rum die Penelope des Brunnenhofes, als dieſer eintrat. „Strümpfe machen wir uns ſelber!“ „Wer kauft nir?“ entgegnete der Schlawitzer, indem er mit dem verdrießlichſten Geſichte, welches ihm zu Ge⸗ bote ſtand, die hohe, kornblaue Tuchmütze vom Kopfe nahm und auf ein hölzernes Lotterbett ſetzte, welches ſich im Hintergrunde der Stube befand.„Wer kauft nir?“ wiederholte er, mit ſeinen kleinen, grüngrauen Augen die Runde machend in der Stube.„Schlittſchuh! Schleifen!“ fuhr er fott, über ſeine Mütze gebückt, und einige Schnupftabacksdoſen aus derſelben hervorlangend— „Alles geht ſchleifen. Die ganze Welt geht ſchleifen. Wie iſt mir ſo weh vor mei' Handel und vor die ganze Welt!— Vier Dinge gehn noch alleweile: Manélche, Betélche, Mamſelche und Perpendikelche— wer kauft ne' Schnupftabacksdoſe? Wer kauft'en Schildpatt⸗ kamm? Wer kauft'en Strumpfband? Manmſelche, wer kauft'en Strumpfband?“ Dabei wandte er ſich an ertrud, die in ihrem beſten Staate(denn der Juni⸗ markt iſt allemal ein Feſttag für die Marburger Kinder) „ — zur Seite ihrer Mutter ſaß. Er hielt die Gegenſtände, welche er zum Kauf ausbot, mit beiden Händen hoch empor und zeigte ſie mehrmals nach allen Seiten um⸗ her. Aber Gertrud, mit einigem Erröthen ſagte, ſie gebrauche kein Strumpfband, worauf der Schlawitzer ganz empört ausrief:„Schlittſchuh! Schleifen! Alles geht ſchleifen! Alles geht zu Grunde! Wie iſt mir ſo weh vor dem ganzen Handel! Wer kauft noch'en Brillen⸗ futteral? Der Brunnenmatz ſagte, er habe ein Brillenfutteral nöthig, was es koſten ſolle? „Ein Brillenfutteral mit Silber ausgelegt— koſtet einen Thaler Preußiſch— einen Thaler Preußiſch,“ ſagte der Schlawitzer, indem er mit ſeinem weiten Aer⸗ mel das„Silber“ zu poliren begann. „Ich gebe Dir zwölf Kreuzer,“ ſagte der biedere Brunnenmatz, welcher noch aus der alten Schule war und nach Kreuzern rechnete. „O weh!“ jammerte der Schlawitzer, indem er ſein Brillenfutteral ſo tief in ſeine Mütze vergrub, als nur irgend möglich war. Dieſe Mütze war nämlich ſein Bijouterie⸗Magazin, während die ſolideren Dinge für den Haus⸗ und Wirthſchaftsbedarf ſich in den Abgrün⸗ den ſeines Fracks und ſeiner Beinkleider befanden. „Wer kauft Hoſenträger?“ begann er aufs Neue, nach einem Griff in ſeinen Frackſchoß..„Wer kauft ein billiges Halstuch?“ redete er den Leutnant an, während er dem Brunnenmatz mit dem Ausdruck der tiefſten Ge⸗ ringſchätzung den Rücken wandte. Aber nicht lange, ſo kehrte er zu ſeinem Bijouterie⸗ — 55 Magazin, der kornblauen Tuchmütze mit Troddeln zurück, und das Brillenfutteral vom Grunde derſelben wieder hervorholend, fragte er, als ob gar Nichts vorgefallen: „Wer kauft noch ein Brillenfutteral? Der Brunnenmatz fragte, was es denn nun koſten ſolle? „Vierundzwanzig Kreuzer!“ ſagte der Schlawitzer. „Zwölf Kreuzer“, entgegnete der unerbittliche Brun⸗ nenmatz; worauf jedoch der Schlawitzer wieder in ſein „O weh!“ ausbrach, und den beſagten Handelsartikel in die Mütze zurücktrug, indem er vor ſich hinmurmelte: „Man kann nit anders! Mein Gemüth leidet es nit! Mein Gemüth is verwundet. Wer kauft noch'en Stück Seife?“ Die Brunnenbäuerin that ein Gebot von vier Kreu⸗ zern.„Großer Gott im Himmel! wie is mir ſo weh' vor mei' Handel. Da— haben Sie's— Wer kauft noch'en Perſpectiv mit Perlmutter? Vor en halben Thaler kriegen Se's nit— bei meinem Wohl— kann ich es vor'en halben Thaler⸗ geben.. Wer kauft noch ne Jagdhoſe?“ Inzwiſchen, je mehr und je öfter er in die uner⸗ ſchöpflichen Taſchen ſeiner Kleidungsſtücke gegriffen hatte, bedeckten ſich die Tiſche und Bänke der Stube mit allen möglichen Gegenſtänden der Mode, des Luxus und des allerintimſten Hausbedarfes(Unterhoſen und Corſette waren auch dazwiſchen), bis ſie das täuſchende Ausſehen einer Trödelbude angenommen hatte. Mitten in ſeiner Hanthierung jedoch kam er noch einmal auf das Brillen⸗ futteral zurück, und indem er es dem Brunnenmatz reichte, ſagte er mit dem Ausdruck der tieſſten Verach⸗ tung:„Da haben Sie's! Vor zwölf Kreuzer— vor zwölf Kreuzer!“ „Habt Ihr denn keine Eau⸗de⸗Cologne bei Euch, Schlawitzer?“ fragte der Leutnant. „Eau⸗de⸗Colonche— auch!“ erwiederte der Schla⸗ witzer nach einigem Beſinnen. Dieſes„auch“ war vor⸗ trefflich, da ſein Hauptgeſchäft bekanntlich darin beſtand, unechte Waare unter dieſem Namen zu colportiren. Er zog daher aus einer beſondern Taſche ſeines Phantaſiefracks einen Kaſten hervor, welcher ſechs Fläſchchen enthielt. „Iſt ſie auch echt?“ fragte der Leutnant, indem er ſie prüfend anſah. „Hab' ich Euch ſchon was Unechtes angeſtellt?“ entgeg⸗ nete der Schlawitzer, ihn mürriſch von der Seite anſehend. Nachdem ſie Handels einig geworden, nahm der Leutnant das Käſtchen und ging damit zu Gertrud, welche ſchweigend und an dem ganzen Spaß wenig Antheil nehmend, neben ihrer Mutter ſaß. „Hier, Fräulein Gertrud,“ ſagte er,„bringe ich Ihnen meine Kirmeß und bitte mir gleich einen Kuß dafür aus als Gegengeſchenk!“ Dabei umfaßte er die ſchlanke Taille des Mädchens. Dieſes aber, indem ihr plötzlich das Blut in die Wangen ſchoß, machte die Hände des Zudringlichen von ſich los, und ſich ſtolz erhebend, ſagte ſie, mit feſtem Blick auf ihn:„daß Ihr Euch nicht wieder unter⸗ fangt, mich anzurühren. Wer hat Euch das erlaubt?“ Der Brunnenmatz ward faſt mehr noch als der Leutnant von dieſen Worten Gertruds betroffen. — „Ei, ei, Jungfer Gertrud,“ ſagte er,„was fällt Dir ein, ſo mit einem Herrn zu reden, der Dir ein Käſtchen mit Eau⸗de⸗Cologne geſchenkt hat?“ „Ich mag ſeine Eau⸗de⸗Cologne nicht,“ erwiederte das Mädchen, indem ſie das Käſtchen mit der Hand heftig zurückſchob,„und wenn er ſich noch einmal Worte gegen mich herausnimmt, wie er da eben gethan, ſo werde ich nicht wieder in dieſe Stube kommen, wenn er darin iſt!“ „Ei, ei, Du Jüngferlein— Du wirſt nicht?“ ſagte der Vater, dem nun gleichfalls das Blut in den Kopf ſtieg. „Nein, nein und nochmals nein!“ rief Gertrud, in⸗ dem ſie mit den Füßchen trotzig auf den Boden ſtampfte, daß die Gläſer auf dem Tiſche klirrten. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür, und Walter, mit der Violine unter dem Arm, und mit einem Geſicht, welches bleicher und kummervoller aus⸗ ſah, als je, trat herein. Still und geräuſchlos ging er in den hinterſten Winkel der großen Stube; aber das Auge des Mädchens flammte ſichtbar auf, als es ihn dahingehen ſah. Dem Vater blieb die plötzliche Wand⸗ lung im Geſicht und Benehmen ſeiner Tochter nicht verborgen; und die Wuth ſeines Innern, die ſich immer höher ſteigerte, bekam nun einen neuen Gegenſtand, ge⸗ gen den ſie ſich kehren und an dem ſie ſich auslaſſen konnte. Denn wir wiſſen und haben es ſchon mehrfach erfahren, daß ſich der Aerger niedriger Naturen am Liebſten an denjenigen ausläßt, welchen ihre Natur und Stellung es am Wenigſten erlaubt, ſich ta zur zu ſetzen. Der Schlawitzer jedoch, ſeine ausgekramten Sachen, eins nach dem andern wieder in die Schöße ſeines Fracks und die Taſchen ſeiner Beinkleider verſenkend, ſagte: „Schlittſchuh— Schleifen! Alles geht ſchleifen— und die Sach' wird doch noch richtig! Wenn ich rauf komme, ins Oberland und Ihren geſtrengen Herrn Vater ſeh, den großen Herrn Landtagsverdeputirten, dann werd' ich ihm ſagen, daß die Sach' doch noch richtig wird und daß er doch noch'ne Schwiegertochter kriegt aus dem Brunnenhof!“ „Nein, das werdet Ihr nicht,“ rief Gertrud,„bei Gott, das werdet Ihr nicht! Und wenn Ihr es thut, ſo iſt's eine Lüge, ſo wahr ich Gertrud heiße!“ Der Brunnenmatz, immer aufgebrachter, wollte eine Erwiderung herausſtottern; da aber ward die Thüre aufgeriſſen, wie ſie ſelten noch war aufgeriſſen wor⸗ den im ſonſt ſo friedlichen Brunnenhof, und herein marſchirte im großen Staat der Baron, und hinter ihm drein Jochmus mit geſenktem Haupte. Der Baron jedoch trug ſein Haupt höher, und ſein Strohhütlein drauf mit dem knallgelben Bande ſchiefer als je, und indem er mit ſeinem Stabe in der Luft herumfuchtelte, rief er athemlos an der Thür ſtehen bleibend: „Wo iſt der Nichtsnutz? Wo iſt der Taugenichts, der den Hund, den Jochmus mishandelt hat?“ „Wer hat den Jochmus mishandelt?“ fragte der Brunnenmatz und der Leutnant, für welche es außer einer ihnen perſönlich widerfahrenen Beleidigung keine größere gab auf der Welt, als diejenige, welche dem alten und ehrwürdigen Hunde der freien Rhenanen zu⸗ gefügt worden war. „Wer ihn mishandelt hat?“ keuchte der Baron. „Der Nichtsnutz— der Taugenichts— der dumme Junge— der da in der Ecke— der Walter!“ Nun gab es für den Brunnenmatz keine Gewalt mehr, ſtark genug, um ſeinen lange unterdrückten Aerger gegen den Violinſpieler länger in Schranken zu halten. „Was unterſtehſt Du Dich, Du miſerabler Junge,“ ſchrie er,„Leute zu beleidigen, welche tauſendmal beſſer und zehntauſendmal vornehmer ſind als Du, Du her⸗ gelaufener, bettelhafter, dummſtolzer Schlingel, Du? Haſt Du allen Reſpect gegen den Meiſter und alle Achtung vor den Herren verloren, welche jeine beſten Kunden ſind? Wart, ich will Dich Hunde mishandeln und ehrliche Leute beſchimpfen lehren— wart ich will Dir Sitte beibringen— Du...“ und dabei ſchlug er ihm mit ſeiner Fauſt in's Geſicht, daß dem armen Wal⸗ ter die Funken aus den Augen ſprühten. Ein dumpfer Schmerzensſchrei war Alles, was von Walter gehört ward. Dann aber, indem er beide Hände vor das glühende Geſicht hielt, ſagte er:„Nun ſind wir quitt!“ und verließ das Zimmer. Gertrud aber, aus deren Augen unaufhaltſame Thrä⸗ nen ſtürzten, indem dieſer Act der Rohheit vollzogen ward, zu raſch, als daß ſie ihn hätte hindern können, rief mit zitternder Stimme:„O Vater, was haſt Du gethan! O, Vater, Vater, Du kannſt nicht verantworten, wus Du gethan haſt!“ Dann verließ auch ſie, unter lautem Weinen das ₰ Zimmer. Auf dem großen Flur, dicht an der Thür, dem Garten zu, traf ſie Waltern. Er hatte den Kopf an den Pfoſten gelehnt, und hörte es nicht wie ſie kam. „Walter,“ ſagte das Mädchen zaghaft und halb er⸗ ſtickt vom Schluchzen,„Walter, ich bin es!“ Walter erhob das Geſicht. Er hatte geweint. Das Auge, in welches ihn der Vater Gertruds geſchlagen, war blau unterlaufen. Indem er die dargebotene Hand des Mädchens in die ſeinen preßte— und eine Thräne fiel darauf, in⸗ dem er es that— ſagte er:„Gertrud, nun mß ich gehen! Von dieſer Stunde an darf ich nicht länger unter einem Dache mit Deinem Vater ſein. Wenn Du mich noch einmal ſehen willſt, ſo ſei heut' Nacht zwiſchen zehn und eilf Uhr am Brunnen im Garten!“ Mit dieſen Worten ſchritt er über den großen Flur, auf deſſen Lehmboden die Scheideſtrahlen der unterge⸗ henden Sonne ſpielten, und hinter dem purpurnen Schatten der Eliſabetherkirche ſah das Mädchen ihn ver⸗ ſchwinden.— Viertes Kapitel. Des Uachts am Brunnen. Es wär' ein Unrecht, wollten wir es unſern Leſern verſchweigen, wenn Walter es auch dem treuen Mädchen — 6 Entſchluß, von Marburg zu ſcheiden, nicht das plötzliche Reſultat der letzten Ereigniſſe, und der Vorgang, welchen wir geſchildert haben, eher der Vorwand, als der Grund geweſen, ihn raſch und mit Einemmal aus⸗ zuführen. Das ſchöne, räthſelhafte Weib, welches er am Fenſter geſehen, deſſen Lied er belauſcht, war verſchwunden. Ge⸗ heimnißvoll, wie ſie gekommen, war ſie auch gegangen, und Nichts von ihr war zurückgeblieben, als die Erinne⸗ rung an ihre dämmerhafte Erſcheinung und das Frag⸗ ment jenes Geſanges, welches den armen Walter nicht mehr ruhen ließ. Dieſes Lied ohne Schluß war zu einer Stimme für ihn geworden, welche ihn unaufhör⸗ lich rief; ſo lange ſie hier geweſen, nach dem Hauſe, in welchem ſie wohnte, und nun, da ſie fort war, in die weite, ungewiſſe Ferne, in der ſie ſich verloren. An einem ſonnigen Aprilnachmittage hatte er ſie noch ge⸗ ſehen, wie ſie Arm in Arm mit dem jungen Herrn in den benachbarten Wald ging. Er war ihnen von Wei⸗ tem gefolgt. Er hatte das feine bleiche Geſicht ihres Begleiters geſehen und wie ſeine Augen aufleuchteten, wenn ſie auf der lieblichen Frauengeſtalt ruhten. Er mußte ſie innig lieb haben. Unter einem weitäſtigen Eichbaum im Walde machten ſie Raſt. Er ſetzte ſich auf das ſtämmige Wurzelwerk, und ſie zu ſeinen Füßen hingeſtreckt im Mooſe lehnte ihr Haupt mit dem ſchwar⸗ zen Haar und den ſchwarzen Augen an ſeine Kniee. Ihr Geſicht war ganz voll Leidenſchaft, ganz voll Gluth, ganz voll Verlangen. Ihre prächtigen Augen brannten in die innerſte Seele desjenigen, auf den ſie mit jener warmen Gewalt ſchienen, wie die Sonne, wenn ſie am frühen Morgen Feuchtigkeit und Nebel aus den ver⸗ borgenſten Waldſchluchten ſ. augt. Die Abendſonne beleuch⸗ tete ſie, indem ſie alſo ſaßen, und das goldige Früh⸗ lingsgrün flüſterte dicht über ihnen. Leiſe ſtrich er ihr das ſchwarze Haar aus der Stirne, und ſeine Hand, von ihren beiden feſt umſchlungen, ruhte an den heißen Lippen des verführeriſchen Geſchöpfes.— Einige Tage ſpäter, als Walter ſeinen Weg wieder zu dem Barfüßerthor und zu der Stelle gemacht, von wo er das Haus der Fremden erblicken konnte, da ſtand dieſes Haus leer. Die Vorhänge von den Fen⸗ ſtern waren fortgenommen; die Thüre, die ſonſt immer verſchloſſen geweſen, ſtand weit geöffnet, ſo daß man eine Unordnung von übereinander geworfenen Tiſchen und Stühlen im Innern gewahren konnte. Walter wagte, was er ohne dieſe Veranlaſſung nie⸗ mals gewagt haben würde; er näherte ſich dem Hauſe, Er ſtieg die Stufen zu dem über der Straße erhöhten Garten empor; er ſchritt den Pfad hinauf und ſtand an der Schwelle deſſen, was ihm ſo lange ein Heiligthum ge⸗ — — weſen. Das Haus ſtand leer. Niemand war darin. Alle Stubenthüren waren weit aufgeworfen. Auf der Treppe lag eine rothe Schleife. Er erkannte ſie wieder. Er hatte ſie oft genug am Buſen Derjenigen erblickt, deren Namen er nicht wußte, deren Schickſal er nicht kannte, deren Zauber ihn beſtrickt, deren Lied ihn rief, deren Geſang ihn lockte. Die rothe Schleife hatte einen Duft an ſich, desgleichen er nie zuvor geathmet. Welch ein ſüßer, verführeriſcher Duft das war! Wie er ihn berauſchte ₰ p— 3 — wie er ſeine Seele in ſeliger Entzückung fortriß— wie es ihm auf einmal ward, als ob die ganze Ferne, nach der er ſuchte, ſo duften müſſe! Merkt es Euch, daß auf erregbare und ſchwärmeriſche Gemüther Nichts einen ſo illuſoriſchen Eindruck macht, als der Duft. Denkt, wie er Euch betäubt und aufregt, ob er nun in den dämmernden Hallen ernſter Dome aus geſchwun⸗ genen Weihkeſſeln dampft, oder in dem Athem glühender Frauen Eure Wangen ſtreift Walter ſteckte die Schleife zu ſich und ging weiter. Auch das obere Stockwerk war leer. Große zerknitterte Papiere, deren Schrift er nicht verſtand, lagen hie und da, wie beim Einpacken verſtreut und zurückgelaſſen. Aber was ihm von jeglichem Blatte in großen Buch⸗ ſtaben entgegenleuchtete, war das Vort: London! Dort war die Kammer. Die Betten ſtanden darin.. vielleicht in jenem hatte ſie geſchlummert.... Aber ſie war verſchwunden! Auf dem Rückwege traf er Hans Velten, den Stie⸗ felwichſer. Hans Velten ſagte:„Ja, ſie ſind abgereiſt. Der junge Herr bekam einen Brief, und da ſind ſie kurz darauf abgereiſt. Sie ſind dahin zurückgekehrt, woher ſie gekommen, nach London.“ Nach London! Zum zweitenmale griff dieſes Wort in das ſtille Traumleben, welches die Seele Walters führte. War nicht London auch der Ort, wo Franz Michel, der große Muſikmeiſter lebte? Lange ſchon hatte ihm die Erzählung von dieſem Franz Michel vorgeſchwebt, welcher einſt, da Walter noch ein Knabe war, in dieſem Hauſe geweſen; deſſen er ſich 6 noch deutlich aus jenen Jahren erinnerte, wie er, der dazumal wol ſchon dreißig Jahre alt ſein mochte, unter den Bäumen am Brunnen ſaß, in den heißen Sommer⸗ nachmittagen, und daſelbſt wunderſchöne, wilde Geſänge auf ſeiner Geige ſpielte, und wie er eines Tages aus dem Hauſe verſchwunden war und nicht mehr heimkehrte. Wie man lange Zeit Nichts mehr von ihm hörte und nicht wußte, wo er geblieben war, bis es auf einmal hieß: er ſei in London und ein gar großer Mann da⸗ elbſt geworden. Er hatte eine Vorſtellung von ihm, als ob er klein und dunkel ſei; ja, das Bild deſſelben, welches eine häufige Erſcheinung in ſeinen Träumereien war, hatte ſich ſo feſt mit all' ſeinen Vorſtellungen ver⸗ webt, daß er glaubte, er müßte ihn überall erkennen, wo er ihn ſähe. Denn der nun ſo weit Entfernte hatte auch ihn immer lieb gehabt, als er noch ein Knabe war. Er hatte es gern, wenn er zu ſeinen Füßen auf den großen, moosbewachſenen Steinen dort unten im Mit⸗ tagsſchatten ſaß, während er ſeine eigenthümlichen Wei⸗ ſen fiedelte. Walter hatte auch noch eine Erinnerung — davon, wie dann der Muſikant zuweilen zu dem Rau⸗ ſchen ſeiner Fiedel zu ſingen begann, als ob ihre Töne nicht ausreichend wären, die tiefen Empfindungen ſeines Herzens ganz und vollkommen auszudrücken; er wußte zwar nicht mehr, welche Worte es geweſen, aber es klang ihm ſo nah und ſo gegenwärtig, als ob es jetzt wäre, und als ob der Eindruck derſelben geweſen:„O Selig⸗ keit! O nimm mich, nimm mich hin!“ Und dieſer ver⸗ lorene Freund ſeiner Kinderzeit, deſſen lockendes Bild immer und immer wieder vor ihm erſchienen war, ſollte . 65 nun ein vornehmer Mann ſein in der großen und be⸗ rühmten Stadt London. Wunderdinge waren von ihm er⸗ zählt worden, wie ein Leben führe voll Glanz und Herr⸗ lichkeit; wie die ſchönſten Frauen von London zuhörten, wenn er ſpiele, wie er bewundert werde von ihnen, wie ihre feurigſten Blicke ihm gehörten und wie ſeine Nächte voll ſeien von rauſchenden Feſtlichkeiten. O, ſolch ein Leben auch zu führen! Vor ſolchen Frauen auch zu ſpielen! Feurige Blicke, gleich den ihren, zu erhaſchen! Nächte zu durchſchwärmen in fernen, ſeligen Reichen!.. So war London für den ſchwärmeriſchen Geiſt Wal⸗ ters die Zauberſtadt geworden, in welcher ſich Alles ver⸗ einte, was er bisher in einer ungewiſſen Ferne geſucht, ohne rechte Ahnung, wo er es finden ſollte. Nun ſagte ihm ſeine Seele, daß er es dort finden würde; Glanz, Liebe, Reichthum,— all' das Unbekannte, wofür er noch keinen rechten Namen hatte, würde er dort fin⸗ den. Die Sehnſucht, welche die ſchönſte und traurigſte Mitgift des deutſchen Gemüths iſt, nagte an ſeinem Innern und London war ihr heißbegehrtes Ziel gewor⸗ den. Dorthin, gen Weſten und über's Meer waren die Abendwolken geſchwebt, denen er lange nachgeſchaut; dorthin war der trübe, feuchte Märzwind gegangen, der ſeine Seele ſo oft mit unausſprechlichem Weh gefüllt.— Und nun, ſeit dieſem Nachmittage, wo der Brun⸗ nenmatz mit rohem Schlage die letzten Fäden zerriſſen hatte, welche ihn noch an die grüne Scholle inmitten der heſſiſchen Berge feſſelten, wo der Kerker zertrümmert lag, durch deſſen Stäbe er lange vergeblich hinausge⸗ blickt, war er entſchloſſen, ſich auch dorthin zu wenden, Straßen ſängerin II. 5 2* gen Weſten und übers Meer— nach der Stadt des Geheimniſſes und der Lockung, nach London! Nun hielt ihn Nichts mehr. Hielt ihn denn Gertrud nicht? Ach, nur zu leicht ward es ihm, von einem Herzen zu ſcheiden, welches gut und treu und voll von Unſchuld und Liebe war, um Phantomen zu folgen, die ſeine Einbildungskraft ſchuf und ſein unruhiges Verlangen mit trügeriſchen Reizen ſchmückte; und wir werden es erfahren, in wie viel Qualen des Verlaſſenſeins und der Enttäuſchung er erſt lernen mußte, was es geweſen, das er leichtſinnig von ſich geſtoßen;— daß ſolch ein Herz, wie das, von wel⸗ chem ihn eigne Thorheit und Verblendung ſcheinbar auf ewig getrennt, in ſeiner Beſtändigkeit mehr werth ſei, als alle die ſchimmernden Güter des Augenblicks, und daß die freundlichen Segnungen deſſelben gleichmäßig fortwirken, wenn die traurigen Reſte der andern ſchon längſt in die Nacht ragen. Wer von uns hat dieſe ſchmerzliche Schule nicht durchmachen müſſen? Wer von uns war nicht bereit, aufzugeben, uneingedenk der Leiden derer, die wir in der Einſamkeit zurückgelaſſen, während wir den verführeriſchen Pfad zu Glück, zu Ruhm, zu Ehre wandelten? Und wer von uns blieb dann nicht eines Tages ſtehen, um rückwärts zu ſchauen, und nun⸗ nachdem der erſte Rauſch des Erfolges verflogen und uns Ekel überkommt an den Gaſtmahlen und Feſten, bei denen die Liebe fehlt, an die erſten, ſchuldloſen Freuden zu denken, welche wir geopfert haben um dieſer Nüch⸗ ternheit willen, die uns aus halbabgebrannten Kerzen und früh verwelkten Kränzen entgegenſtarrt? Glücklich, wer — dann auf kein Grab ſchaut! Glücklich, wer dann an kein Unrecht denkt, welches nicht mehr gut zu machen! Glücklich, wer dann unter einem lange vergeſſenen Dach ſeiner Heimath ein Weſen weiß, welches gut iſt und bereit zu verzeihen und mit den Thränen des Wieder⸗ ſehns die Schuld oder den Irrthum der Vergangenheit hinweg zu wiſchen! Es war eilf Uhr Nachts, und eine laulich dunkle, wunderbar holde Juninacht war es. Der Garten ſtand in voller Blüthe und füllte die Luft mit ſeinem ſüßen Arom. Die Bäume flüſterten leiſe hin und wieder, und durch die tiefe Stille der ſchlafenden Natur ſchallte das liebverlangende Schluchzen der letzten Nachtigall. Es giebt nicht viele Nachtigallen in der Marburger Umgegend; aber von den wenigen, die es dort giebt, hat ſeit Menſchengedenken immer eine in den dunklen Bäumen am Brunnen geſeſſen, von welchem der Brun⸗ nenhof ſeinen Namen hat. Die Einſamkeit des Ortes, welche bei Tage ſelten und bei Nacht niemals geſtört wird, mag dazu beigetragen haben, dieſe Bäume der Nachtigall lieb zu machen. Denn leider iſt es ihr in neuerer Zeit mehrfach ſo ergangen, wie andern Sängern, daß die Straßenjungen ſie zum Zielpunkt ihrer Stein⸗ würfe gemacht haben; weshalb ihr lieblicher Geſang ſeltener wird, und entlegene Plätze nur noch widerhallen von den ſcheuen Klagen, welche ſie ausſtrömt. Ein ſolcher Platz war der verrufene Brunnen mit ſeinem wilden Geſträuch, welches die Steine faſt ganz überwuchert hatte und mit ſeinen hohen Eſchen, . 5* unter denen es ſtets ſo unheimlich dunkelte. Mit einer unbeſchreiblichen Angſt im Herzen machte ſich daher Ger⸗ trud mit dem eilften Glockenſchlage auf, um ſich an dieſe Stelle zu begeben, zu welcher Walter ſie beſchieden hatte. Sie würde es auf keinen Fall über ſich vermocht haben, in der Nacht an den Brunnen zu gehen, vor welchem ſie ſchon von Kindheit an eine Art von Ge⸗ ſpenſterfurcht gehabt, wäre es nicht um Walter geweſen, der aus dem Hauſe fortgegangen und nicht wieder zu⸗ rückgekommen war und der ſie nun verlaſſen wollte. Das Herz that ihr weh, wenn ſie an Walter dachte. „Er wird nicht wiederkommen,“ dachte ſie, als ſie ſich leiſe die Treppe hinunterſtahl, damit Niemand ſie hören möchte,„er wird mich vergeſſen, wenn er erſt in der weiten Welt iſt,“ und dabei zerdrückte ſie die Thränen, welche ſich in ihrem Auge geſammelt hatten. Leiſe öffnete ſie das große Thor, welches in den Hof und in den Gar⸗ ten führte, und leiſe trat ſie in die dunkle Nacht hinaus. Wie bebte ſie am ganzen Leibe, indem ſie dahinſchritt! Zuerſt war ihr, als könne ſie gar nichts ſehen; und als ſich ihr zaghafter Blick an die Dunkelheit gewöhnt hatte, da kamen ihr. die Zweige an den Bäumen ſo herenhaft vor, und die großen Sonnenblumen, welche ſich am Rande der Beete mit ihren breiten Köpfen und langen Stielen hin⸗ und herbogen, ſchienen einander unheimliche Dinge zuzuflüſtern.„Walter geht,“ ſagten ſie,„Walter geht und Gertrud bleibt zurück. Walter wird nicht wie⸗ verkommen, Gertrud wird viel Thränen weinen. Wal⸗ ter geht, Walter kommt nicht wieder!“ Gertrud hätte die Blumen beſchwören mögen, ſtille zu ſein; aber ſie — bogen ſich hin und her mit ihren breiten Köpfen und langen Stielen und flüſterten. Und die Jasminſtau⸗ den ſtimmten ein und ſchüttelten ihre ſchweren Blüthen und tuſchelten r ſich:„Die Welt iſt groß, die Welt iſt ſchön und Walter geht in die Welt!“ Und es war zuletzt ein Gewisper und Gemurmel rings um ſie her, daß dem armen Kinde bange ward zum Schreien. Und nun ſtand ſie an dem alten Brunnen und die hohen Eſchen rauſchten, und durch das Geſtrüpp ſeufzte der Nachtwind und die Nachtigall ſang und ſchluchzte mit ihr; und als Walter durch die Hecke drang, welche hier den Garten vom anſtoßenden Felde trennt, da fand er das Mädchen zitternd und das Geſicht mit ihrer Schürze bedeckend. „Gertrud,“ ſagte Walter, indem er ſeine Hand ſchüchtern auf die Schulter des Mädchens legte,„ich bin gekommen, um Dir Lebewol zu ſagen.“ Da machte der langverhaltene Schmerz des Mäd⸗ chens ſich gewaltſam Luft, und mit heftigem Thränen⸗ ſtrom ſank ſie, faſt ohnmächtig und bewußtlos an die Bruſt des Jünglings. Es war das erſte Mal, daß ſie an der Bruſt Desjenigen ruhte, den ſie lange mit ver⸗ ſchwiegener Innigkeit geliebt; und es war das erſte Mal, daß ſie ſich in der unwiderruflichen Stunde des Abſchieds von ihrer Liebe überwältigt fühlte. Denn wie groß auch die Stärke des Weibes ſein mag, zu dulden und zu ſchweigen: es kommt ein Augenblick, ob ihn nun die Qual der Eiferſucht oder das bittere Gefühl der Tren⸗ nung heraufbeſchworen, wo es hinſinkt, ſchwach, hülflos, eine Blume mit geknicktem Stiele— und beklagenswerth das Weib, welches ſolchen Augenblick nie erlebte!— „O geh nicht, Walter, geh nicht!“ waren ihre erſten Worte, als ſie aus dem Anfall ihres Schmerzes er⸗ wachte— und feſt umſchlangen ihre Arme den Jüng⸗ ling, welcher ſchweigend vor ihr ſtand. Auch er war ergriffen; aber nur ſo etwa, wie der Sohn, der von der Mutter geht, oder der Bruder, der die Schweſter verläßt. Er hatte keine Ahnung davon, daß das Gefühl, mit welchem Gertrud ihn liebte, verſchieden ſei von dem ſeinigen; ſein Herz, ganz verloren in Traumgebilde, welchen er folgte, in die reizenden Lockungen von Genuß und Schwärmerei, nach denen er verlangte, hatte noch kein Verſtändniß für die natürliche Sprache der Liebe, welche jener trügeriſchen Reize entbehrt und in ihrem geräuſchloſen Walten ſich gleich bleibt von Tag zu Tag. Seine Liebe war ein abenteuerliches Suchen, und be⸗ rauſcht von dem dunklen Drang, der ihn führte, begriff er das Herz nicht, welches ſo heftig an dem ſeinen pochte. „Laß mich ziehen, Gertrud,“ ſagte er,„ich kann nicht mehr bleiben. Es würde nur ein kümmliches Leben ſein, wenn ich bleiben wollte. Ich bin jung,— laß mich die Welt verſuchen. Ich bin arm; ich bin eltern⸗ los, ich habe keine Heimath und keine Freunde. Wer frägt nach mir, wenn ich gehe und wer vermißt mich, wenn ich nicht wiederkomme?“ „Wer Dich vermiſſen wird?“ rief das Mädchen und ließ die Arme ſinken, mit denen ſie ihn umſchlungen ge⸗ halten.„O Walter, wenn Du nicht fühlſt, daß ich Dich vermiſſen werde, ſo haſt Du mich nie gekannt, und umſonſt habe ich dann geglaubt, daß ich Dir ein Erſatz werden könnte für die Eltern und die Freunde und daß meine Heimath auch die Deine ſei. Dann war Alles umſonſt!“ ſagte Gertrud, ihre Thränen mit der Schürze trocknend und das Haupt ſenkend, indem ſie daſtand. „Nicht umſonſt, Gertrud,“ erwiderte Walter und ergriff die Hand des Mädchens.„Die Erinnerung an Dich wird mich begleiten, Dein Bild wird mit mir gehn. Es wird mich tröſten, es wird mich behüten. Meine Vergangenheit iſt mit dieſem Abend zu Ende; aber Dei⸗ ner werd' ich nie vergeſſen. Ich werde Dein gedenken, wie einer treuen Freundin, die daheim geblieben; wie einer Schweſter, die mit mir trauert, wenn es mir ſchlecht ergeht, und ſich mit mir freut, wenn ich glücklich bin. Ja, das werd' ich, Gertrud,— das werd' ich ewig thun!“ Er fühlte, wie das Mädchen zitterte, als er dieſe Worte geſprochen, ſtiller, immer ſtiller ward ſie darauf. Kalt ruhte ihre Hand in der des Jünglings und nicht wieder erhoben ſich ihre Arme, um ihn zu umſchlingen, wie vorher. „So geh denn, Walter,“ ſagte ſie nach einer Pauſe, in welcher nur das Laub gekniſtert, nur die Nachtigall geſungen hatte.„Zetzt fühle ich wol, daß Du gehn mußt, und daß ich Dich nicht mehr halten kann. Du gehſt in die Welt, welche ſo groß iſt und ſo ſchön; neue Dinge wirſt Du ſehen, Freuden aller Art erwarten Dich. Deine Seele, der es immer zu enge geweſen in unſerm Thale, wird nun weit hinausfliegen, höher, immer höher. Deine Kunſt wird zunehmen, und was Dir bei uns nur Spott eingetragen, wird Dir draußen Freunde erwerben. — Man wird Dich bewundern, man wird Dich lieben; Du wirſt berühmt und ſtolz und glücklich werden. Gott ſei mit Dir, Walter! Ich will für Dich beten... Aber“ ſetzte ſie ſchüchtern hinzu,„wenn es vielleicht anders kommt, wenn Du Dich mitten in dem Schimmer der Welt verlaſſen und umgeben von dem Lärm der Menſchen einſam fühlſt— wenn Du Dich umgeſehen haſt in der Fremde und findeſt, daß ſie doch ganz anders ſei, als Du Dir gedacht— wenn Dein Vertrauen be⸗ trogen wird und Deine Hoffnungen ſich nicht erfüllen, wenn Du müde biſt von den Täuſchungen und krank und elend und Niemanden haſt, der Dich tröſtet und wieder aufrichtet: dann Walter, dann denk' an mich! Dann denke, daß ich hier ſitze, in der großen Stube, um Dich zu erwarten, und daß ich bereit bin zu jeder Stunde, Dich zu empfangen; dann denke, daß meine Heimath auch die Deine und daß mein Haus Dein Haus iſt! Denn das ſchwöre ich Dir, Walter, jetzt, in der Nacht, da uns Niemand hört und ſieht, als der Eine, welcher Alles hört und Alles ſieht: daß Du mich ewig ſo wie⸗ derfinden wirſt, als Du mich heute verläſſeſt, Dein ge⸗ denkend, Dich erwartend, ob Du nun früh wiederkommſt oder ſpät— ob glücklich oder unglücklich, ob reich oder arm— und wenn Du niemals wiederkommſt, will ich fröhlich, daß ich meine Pflicht gethan, dieſe Heimath mit jener andern vertauſchen, die unſer Aller wahre und ewige Heimath iſt!“ Hingeriſſen von dieſen Worten des Mädchens, wel⸗ ches er noch niemals ſo hatte ſprechen hören— denn der Schmerz hat eine weihende Kraft und der Glaube — —3 leiht den Lippen der Unmündigen die Redegabe der Pro⸗ pheten— breitete Walter ſeine Arme aus, um Gertrud an ſeine Bruſt zu drücken. Aber ſanft wehrte ſie ihn ab; und, indem ſie ein ſeidenes Beutelchen aus der Taſche ihres geſtreiften Rockes hervorlangte, ſagte ſie: „Nimm das Wenige, was ich Dir auf Deine Reiſe mit⸗ geben kann. Ich werde es nicht entbehren, und Dir wird es von Nutzen ſein, um Dein neues Leben damit zu beginnen.“ Walter nahm die Gabe Gertrud's ohne ein Wort der Widerrede. Er wußte nicht, wie es kam; aber das Mädchen ſtand auf Einmal ſo hoch über ihm, was ſie that, hatte einen ſolchen Schein von Heiligkeit, was ſie ſprach, einen ſolchen Ton überlegener Sicherheit, daß er ſich beſchämt und gedemüthigt vorkam, als ob er alles deſſen unwerth ſei. Zögernd näherte er ſich ihr, um mit dem letzten Lebewol ihren Mund zu küſſen. Aber ſie wandte das Geſicht ab. Und vom Thal herauf hörte man den entfernten Pfiff der Lokonptive und das dumpfe Rollen und Raſ⸗ ſeln des Nachtzuges. „Es iſt Zeit, daß wir ſcheiden,“ ſagte Gertrud. „Lebe wol, Walter, und Gott erfülle Dir Alles, um was Du ihn aus der Tiefe Deiner Seele bitten magſt. Ich aber gehe in das Haus zurück und werde Alles ſo halten, als ob Du jeden Tag heimkehren könnteſt. Lebe wol!“ Dann gab ſie ihm ihre Hand, drückte die ſeine feſt und herzlich und war bald hinter den flüſternden Stau⸗ den und Zweigen verſchwunden. Wie betäubt aber blieb * 3 3 Walter zurück. Jetzt war ihm doch, als habe er ſich den Abſchied von Gertrud zu leicht vorgeſtellt. Für einen Augenblick, ſie noch einmal zu ſehen, die doch eben noch neben ihm geſtanden und die zu verlaſſen ſein freier Wille geweſen, hätte er jetzt Alles gegeben. Noch ein⸗ mal ihre treue Hand zu drücken... Aber es war zu ſpät. Sie war gegangen und vom Bahnhof herauf zeigte das Läuten der ſchrillen, weithintönenden Glocke an, daß der Nachtzug eingelaufen ſei. Walter ſtieg durch den Hagen zurück, und der Platz am Brunnen war wieder ſo einſam, wie er zuvor geweſen; und das Laub der Bäume raſchelte und die Nachtigall darin ſang, als ob ſich nie zwei Herzen unter ihnen getrennt, von denen das eine in hoffnungsloſer Entſagung in die Stille des Hauſes und das andre, ach! zu ebenſo hoffnungsloſen Freuden in den Lärm der Welt ging. Dann gellte noch einmal das Läuten der Glocke durch die Nacht, noch einmal jener FPfiff.... vom Thurme der Eliſabetherkirche ſchlug es zwölf und kein Geräuſch weiter ſtörte den ſchlaftrunkenen Wandel der blüthenduftigen Sommernacht— kein Geräuſch, als das Schließen eines Fenſters oben im Brunnenhof, welches 5 gegen das Thal und die Eiſenbahn ſieht— früh gegen Morgen, als der öſtliche Himmel ſich leiſe zu röthen be⸗ gann und der Zug ſchon weit, weit hinter den Bergen war, welche das ſtille Lahnthal umſchließen. Fünftes Capitel. Walter führt über das Meer. Habt Ihr den Hamburger Hafen geſehen zur Som⸗ merszeit und im Abendroth? Wenn die Uferhügel mit dem leuchtenden Grün geſchmückt waren und die Ter⸗ raſſen mit duftigen Blumen und Blüthen— wenn die Thürme der altberühmten Hanſaſtadt hinter Euch im bläulichen Purpur des Abends dunkelten und vor Euch das Waſſer, die Schiffe, der Himmel in einer einzigen Roſengluth zu brennen ſchienen? Habt Ihr das Plät⸗ ſchern gehört von tauſend Rudern, die in Bewegung ſind, die fliegenden Böte mit ihrer buntjackigen Bemannung nach allen Richtungen über das ſchimmernde Baſſin zu tragen? Saht Ihr die Wimpel flattern von den ſonni⸗ gen Maſtſpitzen der großen Schiffe, auf denen geſtern die Möve Raſt machte im offenen Ozean und welche die Linie grüßen wird von heut in zwei Monden? Saht Ihr die zahlloſen Stangen mit ihren Raaen und ihrer Ta⸗ kellage— ein Zauberwald im Abendroth mit goldenen Spinnengeweben, und Menſchen darin hängend und klet⸗ kernd, die dunkle Augen haben und braune Geſichter, und an Spanien denken und an Weſtindien, indem die Sonne ſtrahlend untergeht über dem Elbſtrom von Ham⸗ burg?—. O ſchöne Muſik des ſchaffenden, waltenden Lebens, das die Welt umſegelt, die Meere durchſchweift und die Ströme bevölkert! O wechſelnde Glut der Farben, die hier mit ihren lieblichſten Reizen den letzten Rand des Geſtades malt, und dort mit ihrer Spiegelung, mit * ihrem Golddufte und der ſchimmernden Pracht ihrer Täuſchung die Seele lockt in die unabſehliche Ferne des Untergangs! Wen hätte dann nicht jener ſeltſame Zwie⸗ ſpalt des Gemüths ergriffen, der zwiſchen Bleiben und Gehen ſchwankt,— der unſer Leben theilt und im Tode doch nur mit einem neuen Räthſel endet? Wer hätte dann nicht hinausfliegen mögen in ſeliger Wanderluſt, wenn der Strom nun mit ſchwererem Rauſchen und ge⸗ ſchwellteren Wogen ſeewärts rollte— wenn der Bann gleichſam ſich löſte, der ihn zur Fluthzeit an dieſe Küſten hinuntertrieb, und er nun in voller Freiheit und Maje⸗ ſtät in's offene Weltmeer zurückebbt, Alles mit ſich füh⸗ rend, die ſegelfertigen Schiffe, die Maſten, die Flaggen, die Wimpel, die Herzen derer, die auf den Uferhügeln ſtehn und ihm ſehnſüchtig nachſchauen? Ein friſcherer Hauch, wie Meerwind, ſtreicht dann durch das ziehende Gewäſſer, und weſtwärts ſchwinden die Schiffe— ſchwimmende Seepaläſte, weiß bis oben hinauf von allen Segeln, und vergoldet in ihren Falten vom Abglanz der Sonne. Und ein Schiff nach dem andern entfernt ſich aus der ruhenden Maſſe der andern— und ſchwerbe⸗ ladene Schaluppen mit hellrothen Segeln oder Purpur⸗ tüchern, welche die holländiſche Küſte beſuchen wollen, ſchwimmen hinterdrein,— und brauſende Dampfer, mit den Thürmen von Hamburg und dem weißen Kreuz der Scandinaven, mit dem Union Jack, der rothen Flagge von England und dem blauen Sternenbanner von Nord⸗ amerika hoch oben am Topmaſt oder hinten am Stern ſauſen an ihnen vorbei, den Spiegel des Stromes mit ihren Rädern und Schrauben zerſchneidend, daß die — 7 Woge nach beiden Seiten hin die Ufer ſchlägt.. Habt Ihr das Alles geſehen und wie es ſich langſam im aufſteigenden Dufte der Sommernacht verlor— wie es dahinſchwand mit ſeinen Farben und Umriſſen in dem eintönigen Nebel der Dämmerung, bis Alles ſtille war und Alles gegangen?— Und wenn nun am Ufer das Werk des Tages gleichfalls verſtummt— wenn die letzten Schläge des Hammers erklingen— wenn das Knarren der Räder nachläßt und die Kette träg über den Eiſenkrahn hinunterrollt— wenn die ſanfthinglei⸗ tenden Böte heimkehrende Arbeitsleute an das Ufer und zu dem Heerde des Hauſes tragen, und der Matroſe den Dreidecker verläßt, feſtlich geſchmückt zu den nächt⸗ lichen Freuden von St. Pauli, mit der weiten Hoſe und dem breiten Kragen über der Sonntagsjacke— wenn die erſten Sterne in den hohen, feuchtblauen Himmel treten, blinkend hier und da mit ihrem traulichen, oft gegrüßten Schimmer— und wenn der Blick ſich um⸗ kehrend zur Stadt ein weites Lichtmeer erblickt, überragt von dem ehrwürdigen Dunkel der Thürme, deren Glockengeläut voll iſt von heimathlichen Erinnerungen, wenn das fröhliche Stimmengewirr, welches die Ankunft des Abends in einer volkreichen, thätigen Stadt beglei⸗ tet, zu Euch empordringt— allerlei Stimmen, mit Muſik vermiſcht, mit Geſang und fernen Harfenklängen, welche Euch zu geſelliger Theilnahme, zu freundlichem Verweilen laden,— dann gewiß ſeid Ihr leichteren Herzens vom Ufer geſchieden, und habt— je nach Eurer verſchiedenen Seelenverfaſſung— einen dankbaren Blick gen Himmel geſandt, eine Thräne im Auge zerdrückt, * oder Euern Weg zur— London⸗Tavern genommen, wo man faſt wie in einem Schiffe ſitzt und das beſte Beef⸗ ſteak in ganz Hamburg hat. Aber die Sonne iſt noch nicht unter; noch leuchten die Uferhügel, noch glühen die Dächer, noch ruhen die tauſend und abertauſend Stangen und Balken und Stricke und Taumaſchen von Dreimaſtern und Schonern auf dem Goldgrunde des Weſthimmels, noch ſind die Segel in Licht gebadet, noch ſteht die Arbeit des Tages nicht ſtill, noch ſind die Schiffe nicht alle gegangen, welche mit dieſer Ebbe hinaus in's Meer ſchwimmen wollen. Und dort, nicht weit vom Hafenthor, dicht unter dem Stintfang an der Landungsbrücke liegt ein Dampfer, deſſen Schlöte ſchon mächtiges Rauchgewölk in die Abendglut ſchicken, welches ſie mit wunderbaren Gold⸗ tinten färbt. Es iſt der Großbritanniſche Dampfer: „Duchess of Ormond“; hinten vom Stern herunter wallt das rothe Tuch mit dem blauen St. Georgskreuz. Es iſt ſegelfertig; die blaue Flagge mit dem weißen Quadrat flattert über der Bramſtenge. Die„Duchess“, wie man ſie im Hafen einfach nennt, iſt ein altes Schiff, mit breitem, klapprigem Räderkaſten und im ganzen Bau etwas ſchwerfällig. Aber ſie hat ſich dieſe dreißig Jahre lang feſt und tüchtig zur See erwieſen; ſie war beinahe das erſte Dampfſchiff, welches zwiſchen London und Hamburg fuhr. Damals war ſie ein ſchmuckes Fahrzeug und machte der ſchönen Herzogin von Ormond, welche ſeine Pathin war, alle Ehre. Seitdem aber hat das Seewaſſer ſo manchen Tag an ihm— an Kiel, Klüverbaum, Schiffsfigur und Allem —0— — herumgewaſchen, daß von der ehemaligen Schönheit ſo wenig geblieben iſt, als von der ehemaligen Farbe, und das ganze Ding jetzt ein wenig verwittert ausſieht. Ja, ja, ſo gehts; Herzoginnen und Schiffe werden alt. Die Herzogin, die Pathin nämlich, iſt ſogar ſchon ge⸗ ſtorben und liegt in der Cathedrale des heiligen Patrick zu Dublin begraben; die Herzogin aber, das Schiff, fährt noch heutigen Tages luſtiglich hin und her, von Hamburg nach London, von London nach Hamburg, bis es am Ende ſeiner Laufbahn in einen von den Dockyards gezogen werden wird, wo es ruhig verfaulen kann, wenn nicht der Sturm ein Einſehen hat, und es vorher in der hohen Nordſee begräbt. Der Captain, welcher die„Duchess“ führt, heißt John Smallridge. Captain Smallridge fährt von den dreißig Jahren, wo die Puchess zum erſtenmale die Thürme von Hamburg ſah, ſchon fünfundzwanzig Jahre mit derſelben. Captain Smallridge iſt kein Jüngling mehr; aber er hat einen röthlichen Bart, braune Backen, eine Wachstuchkappe, ſpricht kein Wort Deutſch und unterbricht ſich und Andere oft durch ein lautes herz⸗ haftes Gelächter, wenn er Engliſch ſpricht. Captain Smallridge iſt eine populäre Perſönlichkeit, beides, in dem Hafen von Hamburg und in dem von London. Die Bootsleute und Jollenführer nennen ihn den„Ger⸗ man John“, wenn ſie unter ſich von ihm reden; und in der That hat er einige deutſche Sitten angenommen, unter welchen der Wachstuchkappe ein hervorragender Rang gebührt. Ehe er jedoch in die Straßen von London geht, ſetzt er ſeinen Hut wieder auf.— . * 856 Captain Smallridge, vulgo„German John“ ſteht auf dem breiten, klapprigen Räderkaſten ſeiner geliebten Herzogin. Captain Smallridge hat beide Hände in den Hoſentaſchen und zählt die Hämmel, welche ſoeben noch über ein Brett von der Landungsbrücke herein getrieben werden. Hämmel ſind ſeine Lieblingspaſſagiere. Häm⸗ mel brauchen kein Obdach, außer dem Verſchlag an der Maſchine; Hämmel verzehren wenig, ſo lange ſie auf dem Fluſſe ſind, und werden ſeekrank bei dem erſten Stoß auf dem Meere und verzehren dann gar Nichts. Hämmel ſind billige Paſſagiere, und jedes Stück bringt ihm einen halben Schilling Engliſch ein. „Achthundertundfünfundzwanzig!“ ruft Captain Smallridge in engliſcher Sprache ſeinem erſten Steuer⸗ mann zu, welcher über die Paſſagiere, die mit zwei und die mit vier Beinen, Buch führt,„laßt das Gitter zumachen!“ Das Schiff ſoll abgehen. Die Paſſagiere der er⸗ ſten Cajüte haben ſich an Deck begeben, um den Freun⸗ den am Lande ein Lebewol bis zum letzten Augenblick zuwinken zu können. Ein Hamburger Handelsherr hat es ſich ſchon gemüthlich gemacht und erſcheint in ge⸗ ſtickten Pantoffeln. Zwei engliſche Ladys mit blauen Fallſchirmen ſitzen in der Abendſonne und leſen„Little Porrite in der Tauchnitz Edition. Ein junger Iriſch⸗ man, der— wie ſich hernach herausſtellte— ein Tau⸗ genichts war, und wegen einer kleinen Zwiſtigkeit mit ſeinem Vater in Werford, Grafſchaft Leinſter im ſüd⸗ lichen Irland, ſich auf vier Wochen davongemacht und, in Ermangelung beſſerer Beſchäftigung, in Deutſchland —————————————— herumgetrieben hatte; ein Glasſchleifer en gros aus Böhmen auf der Hochzeitsreiſe mit ſeiner jungen Frau, einer Engländerin, welche er als Gouvernante in Dres⸗ den kennen gelernt und umgehend geheirathet hatte; ein Hopfenhändler aus Kent und ein Oekonom aus Schles⸗ wig, die gerne mit einander geſprochen hätten, wenn nur eine Möglichkeit geweſen wäre, ſich zu verſtändigen — das waren außer den achthundertundfünfundzwanzig Hämmeln, den beſonderen Günſtlingen des Captain Smallridge, die Paſſagiere der Herzogin, in dem Augen⸗ blick, als das dicke Kabel vom Block abgerollt wurde, um das Schiff freizulaſſen. Da kam ein junger Menſch, der Nichts bei ſich hatte, als Fiedel und Bogen, von dem Hügel herunter⸗ gelaufen, auf welchem jetzt Wietzel's Hotel ſteht. Die Hämmel waren ſchon an Ort und Stelle und das Brett fortgezogen, als er am Damm ankam und laut hinüber⸗ rief, ob das Schiff nach London gehe? „Ja,“ ſagten die Hafenarbeiter, welche ſich nicht ſtören ließen, das dicke Tau abzuwickeln. „Wenn das Schiff nach London geht, ſo nehmt mich mit!“ rief der junge Menſch in einem flehenden Tone und ſtreckte dabei die Hände dem Captain entgegen, welcher auf dem Räderkaſten ſtand. Dieſer jedoch rührte ſich nicht; aber der Holſteiniſche Oekonom wandte ſich an den Hamburger Handelsherrn und fragte:„Können wir noch Jemanden mitnehmen?“ Worauf der Ham⸗ burger Handelsherr mit vieler Würde den jungen Men⸗ ſchen am Lande fragte:„Wo hat Er denn ſeine Sachen?“ Straßenſängerin II. 6 * 5 „Ich habe keine Sachen, ich habe Nichts, als meine Fiedel— ich will mitreiſen, ſo wie ich hier bin,“ war die Antwort. „Wer keine Sachen hat, iſt ein Vagabond,“ erwi⸗ derte der Hamburger Hondelsherr; und„ordentliche Menſchen haben auch ordentliche Sachen“ fügte der Holſteiniſche Oekonom hinzu,„eine Fiedel aber iſt keine ordentliche Sache,“ wozu der böhmiſche Glasſchleifer en gros mit dem Kopfe nickte. Denn der böhmiſche Glas⸗ ſchleifer ſprach im Ganzen wenig; und wenn er ſprach, ſo war es eine Dummheit. Weshalb ſeine Frau, die Engländerin, eine große und ſchöne Frau, mit großen und ſchönen Augen, ihn ſtets anſah, wenn er ſprechen wollte; worauf er ſchwieg. Unſer armer Vagabond, der die Worte des Han⸗ delsherrn und Oekonomen nicht beachtete— denn das Leben hatte ihn ſchon, ſo jung er war, an harte Worte gewöhnt— würde wahrſcheinlich auf der Brücke zu⸗ rückgeblieben ſein, hätte er ſich nicht, die Fiedel unter dem Arm, mit einem ebenſo raſchen, als kühnen Satze über die Railings geſchwungen, in demſelben Momente, wo das letzte Ende des Strickes eingeholt worden war, und das Schiff abſtieß. Dieſes glückliche Wagſtück gewann dem jungen Men⸗ ſchen mit Einemmal die Sympathie der Damen an Bord. Die beiden Ladies mit den Fallſchirmen ſahen für einen Augenblick von„Little Porrit“ auf und die engliſche Frau des Glasſchleifers warf dieſem einen ihrer Blicke zu, gerade als er iin Begriffe war, eine Dumm⸗ heit zu ſagen. 5 ¹ „Ich bin kein Vagabond,“ ſagte dieſer, indem er zu dem Captain ging, welcher die Hände aus der Taſche genommen hatte und Miene machte, von dem Räder⸗ kaſten herabzuſteigen,„ich bin ein Muſikus, welcher nach London will,— ich bin eben angekommen und muß mit dem erſten Schiff fort— ich bitte Euch, nehmt mich mit!“ „Muſikus hin, Muſikus her,“ ſagte der Hamburger Handelsherr, und der Holſteiniſche Oekonom blieb dabei, daß ordentliche Menſchen auch ordentliche Sachen hätten und eine Fiedel keine ordentliche Sache ſei. Aber die Damen nahmen ſich des mißliebigen Paſſagiers an. O, ſolch ein Damenherz zu gewinnen, wie leicht iſt das doch! Und beſonders war es die Frau des Glasſchlei⸗ fers, welche für ihn das Wort ergriff, und den Cap⸗ tain im beſten heimathlichen Engliſch mit dem Cockneh⸗ Accent von London anredete. „Nehmt ihn doch mit, Captain,“ ſagte ſie,„wer wird ſo grauſam ſein, Captain!“ Grauſam war Smallridge nie geweſen, das konnte keine Frau und kein Mädchen von ihm behaupten. Es gab keinen galanteren Mann zur See, als Captain Smallridge. Die Liebenswürdigkeit, mit welcher er bei Tiſch in der erſten Cajüte präſidirte, war berühmt; und die Kunſt nicht minder, mit welcher er beim Tranchiren die beſten Stücke zwiſchen ſich und den Damen zu thei⸗ len pflegte. Kurz, Captain Smallridge erklärte der Frau des Glasſchleifers, er wolle den Menſchen mit⸗ nehmen, mit Sachen oder ohne Sachen, wenn ſie es wünſche und er Geld habe, die Ueberfahrt zu bezahlen. . 6* Worauf, als der junge Menſch die letzte Willensmeinung des Captains erfahren, ein ſeidenes Beutelchen zum Vor⸗ ſchein kam, welches den Captain beruhigte und die Rä⸗ der des Schiffes in Bewegung ſetzte— und fort in den glühenden Strom des Waſſers und des Abendroths mit ſeiner Rauchſäule— Schwarz auf Goldgrund— und ſeinen glanzunfloſſenen Maſten flog die„Duchess of Ormond“— Das ſeidene Beutelchen!... Ruft es nicht Er⸗ innerungen im Leſer wach? Erinnerungen an eine dunkle Sommernacht, an hohe Bäume mit einer Nachtigall darin, an ein trauerndes Mädchen, welches zurückgeblie⸗ ben, und einen hoffnungstrunkenen Jüngling, welcher gegangen? O Walter, Walter— die Ferne ſieht nicht immer ſo golden, ſo duftig aus, als im leuchtenden Abendroth, wenn man die Heimath verläßt und in der erſten Stunde der Wanderſchaft! Zetzt noch iſt Alles friſch und ſchön um Dich her, und Alles, was Du er⸗ warteſt, liegt noch vor Dir in jenem Roſengewölk, wel⸗ ches die Ferne und die Zukunft lieblich verhüllt... aber es will Abend werden, es wird Nacht werden und Du wirſt umſonſt nach einem Sterne jammern! Weh⸗ muth ergreift uns jedesmal, wenn wir ein Schiff mit fliegenden Wimpeln und ſchwellenden Segeln ſehen, wel⸗ ches in's Meer ausläuft; Wehmuth, wenn wir einen jungen Menſchen ſehen, ſtrahlend von Hoffnung, träu⸗ mend von Glück und Zukunft, welcher ſeinen erſten Schritt in das Leben macht. Denn das Meer und das Leben ſind geführliche Elemente! Es iſt Walter Grün, unſer Freund Walter, welcher 5 an der Brüſtung des Deckes ſteht, und froh, daß das Waſſer ihn trägt, nach der ſchwindenden Uferlandſchaft blickt. Grüne Gärten, freundliche Villen fliegen vorüber. Schon blitzen Abendlichter durch die Lunkelnden Bäume. Dort aus einer Laube, hoch über dem Geſtade, ſchim⸗ mert eine Lampe, und röthlich von ihr beſtrahlt, im falben Zwielicht nur ſchwach noch zu erkennen, grüßen Hände und flatternde Tücher. Es ſind fröhliche Mäd⸗ chen, die dem fahrenden Schiffe ihr freundliches Lebewol nachwinken. Der Hondelsherr in geſtickten Pantoffeln ſagt, er kenne ſie; es ſeien die Töchter eines Senators, der dort während des Sommers in Neumühlen am Waſſer wohne. Ein Böllerſchuß donnert durch die ſinkende Nacht, eine grüne Laterne wird aufgezogen... es iſt dunkel. Es wird Nacht. Die Paſſagiere ſteigen in die Cajüte nieder zum Thee. Aber Walter bleibt an Deck. Und Stunden vergehen. Breiter wird der Strom; flacher das Geſtade. Dort noch zur Linken eine Maſſe von Lichtern und ein ſchwacher Schimmer von ihnen über dunklen Dächern, wie eine blaſſe Wolke. Es iſt die letzte Stadt des Elbufers— bald ſind wir am Leuchtthurm, bald an der rothen Tonne, bald im Meere... Stunden vergehen. Wie leuchten die Sterne der Mitternacht an dem wolkenloſen Gewölbe! So leuchten die Sterne nicht am Lande; ſo hoch, ſo weit, ſo maje⸗ ſtätiſch iſt die Himmelskuppel nur auf dem Meere. Horch! wie rauſcht es auf einmal ſo dumpf, ſo tief und unabläſſig, wie brandet es ringsum, wie brechen ſich die Wellen am einſamen Schifflein— wie ſchwankt es, wie wird es von der einen Seite bald auf die an⸗ 66 3 33 — dere Seite geworfen und wie ſtill iſt es nun an Deck geworden, wo vorhin noch ſo laut gelacht, ſo fröhlich geplaudert wurde! So ſtille wird es, wenn der erſte Rauſch verflogen, wenn der mühevolle Kampf mit den Wogen beginnt, welche uns im ſtetigen, aber langſamen Fortſchritt an das entfernte Ziel tragen, wenn dem Men⸗ ſchenherzen bange wird und das Meer und die Nacht und die Einſamkeit ihre gewaltigen Symphonien beginnen! Aber Walter blieb an Deck. Seine Seele ſuchte die Melodie zu den donnernden Rythmen des Meeres. Seine Seele formte traumhafte Geſtalten aus der weiß⸗ lichen Dämmerung, die ihn umgab, und die Einſamkeit ward belebt von ſchönen Augen, die ihn grüßten. Dunkle Augen, die ihr dieſen armen Jüngling aus der Stille ſeines einſamen Thales fortgezogen, wo leuchtet ihr jetzt? Weint ihr— lacht ihr— habt ihr euch in Luſt, habt ihr euch in Weh zum Schlaf geſchloſſen? Welche Bil⸗ der ſeht ihr im Traume?... Und Walter, auf einer Tonne am Schiffsrand ſitzend, nahm ſeine Fiedel und begann zu ſpielen. Klagende, ſanfte Töne voll Leiden⸗ ſchaft und Sehnſucht zum gleichmäßigen Branden des Meeres— und eine Weiſe flocht ſich ein, welche, wenn auch für eine Weile begraben, gleichſam von dem plötz⸗ lichen Aufjauchzen des Herzens— doch immer wieder hervorquoll, dunkel, haſtig, ohne Schluß und kurz abge⸗ brochen. Dann begann er von vorn, und ſtockte wieder und ſtieß die Fiedel von ſich und ſprang von der Tonne auf und rief verzweiflungsvoll:„Ich kann und kann es nicht finden!“— und ging fort und verſchwand un⸗ ter dem dunklen Eingang der Cajütenthür. Zwei Tage verfloſſen ſo, während welcher die Sonne zweimal hell und herrlich auf⸗ und niederging, das Meer glatt und eben blieb und der Hamburger Handelsherr die geſtickten Pantoffeln nicht vom Fuße nahm, außer wenn er zu Bett ging Alle Leute an Deck ſagten, man habe nie eine ſchönere Reiſe gemacht. Niemand wurde ſeekrank; nicht einmal die Hämmel, zum großen Verdruß des Captain Smaollriddge. Sonſt war Captain Small⸗ ridge in der beſten Laune, hatte mehrere Unterredungen mit dem Holſteiniſchen Oekonomen, wobei Keiner den Andern verſtand, ließ ſich von dem verlorenen Sohn aus Irland das Lied:„St. Patrick war ein Bieder⸗ mann“ vorſingen, half dem Hopfenhändler aus Kent, welcher Furcht vor den Großbritanniſchen Zollbeamten hatte, den Reſt ſeiner Cigarren aufrauchen und war ein Muſter von Artigkeit gegen die Damen. Am Abend des erſten Tages kam man in die Nähe der Fiſcher⸗ flotille, welche während des Sommers in Hunderten von kleinen Segelböten zwiſchen den Küſten von Eng⸗ land, Holland, Belgien und Frankreich Station macht. Sie treiben immer mit dem Winde, wie die Meeres⸗ ſtrömung und die Fiſche, denen ſie folgen; gehen bald ein paar Meilen vorwärts, bald ebenſoviel zurück, wer⸗ fen von früh bis Spät ihre Netze und ſenden den Er⸗ trag in kleinen Frachtſchiffen nach England, welche ihnen von dort Proviant dafür mitbringen. Es iſt ein Tauſch⸗ handel ganz im Sinne der bibliſchen Vorzeit, welchen dieſe Nomaden der Nordſee mit den Küſten treiben; und wir, wenn wir bei unſrem ehrenwerthen Mr. Simpſon vom Strand unſer Diner mit Fiſchen beginnen, * denken wenig an die ſommerlange Einſamkeit und die täglichen Entbehrungen derjenigen, welche— um ſie zu fangen— ſechs Monate auf der hohen See wohnen. Wie ein ſchwimmendes Dorf erſcheinen dieſe Hunderte von Böten mit ihren weißen Segeln, welche an der Sonne glänzen, und ihrem Küchenrauch, welcher aus kleinen Röhren friedlich in die Abendluft wirbelt. Der gute Captain ließ, um ſie zu grüßen, den Union⸗Jack aufziehen, was ſogleich durch viele kleine rothe Fahnen erwidert wurde, welche man im weiten Umkreis des von der Abendſonne ſchillernden Meeres über den dicht und luſtig vor dem Winde liegenden Segeln erblickte. Es war Sonntagsnachmittag, und keine Kirche konnte feier⸗ licher ſein, als dieſer blaue, hohe Himmel und dieſes goldene Meer. Und fröhlich jauchzten die vorüberziehenden Segler der wohlbekannten Herzogin und dem guten Cap⸗ tain zu, und dieſer gab Befehl, zu halten, als er eine Schaluppe gewahrte, welche von zwei wettergebräunten Jungen in Lederhoſen herangerudert ward. Sie mußten tüchtig arbeiten, um über die Wellen fortzukommen, welche ihnen vom Schiffe her groß, grün und ſilbern entgegenſchäumten. Sie hielten einen friſchgefangenen Fiſch in die Höhe und der Captain reichte ihnen dafür ein Paquet Tabak und ein Fläſchchen mit Rum hinun⸗ ter.„Da habt Ihr Etwas für den Sonntag,“ ſagte er, — dann ſetzte ſich die Maſchine wieder in Bewegung und ſchleuderte die Schaluppe mit den erſten Ruder⸗ ſchlägen ein paar hundert Ellen in's Meer zurück. Lang⸗ ſam hierauf nebſt all den rothen Flaggen und weißen Segeln verlor ſie ſich im aufſteigenden Dufte des Abends; — 6 dem Captain aber ſchmeckten die Cigarren des Hopfen⸗ händlers und der Grog noch einmal ſo gut, wenn er daran dachte, daß die armen Fiſcher doch auch nun „Etwas für den Sonntag“ hätten. Und die Herzogin wandelte ſtolz und einſam ihre Straße weiter durch die kalte, dunkle Nordſee.„ Am andern Morgen ward das Meer immer belebter. Zahlreiche Schiffe wurden am Horizont erblickt, einige wie hohe, wandelnde weiße Thürme auf dem tiefen Blau des Himmels, andere lange, feine, ſchwarze Strei⸗ fen über ſich zurücklaſſend, indem ſie dahinzogen: es waren die Dampfer, welche von Schottland nach Nor⸗ wegen oder Hamburg fuhren. Mehrfach ward die Straße der Herzogin von breiten, holländiſchen Vollſchif⸗ fen gekreuzt, oder fern im Südweſten tauchten franzöſiſche Segel auf. Man merkte es, daß man ſich den Küſten von England nahe, welche von den Schiffen aller han⸗ deltreibenden Nationen umſchwärmt werden. Zu Mittag hatte man die Mündung der Themſe erreicht. Der Lootſe kam an Bord und die Bewegung des Meeres hörte auf. Es hat für Reiſende jedesmal etwas unendlich Rührendes, nach längerer Abweſenheit und Seefahrt wieder in den Fluß zu kommen. Erſt wird das Waſſer ruhiger; dann erſcheint unter dem weiten Himmel ein bleicher Küſtenſtreif. Dann ein letztes, bretternes Leuchthaus, dann ein einzelner Kirchthurm und ein paar einzelne Häuſer, und im Waſſer ein rothes Feuerſchiff, mit der einſam verlorenen Exiſtenz des dort ſtationirten Wärters, der ſein Lebelang nichts ſieht, als gelbes Waſſer, graue Wolken und Schiffe, welche ein⸗ und auslaufen. Wunderliche Tonnen, welche vor Anker und Ketten liegen, tanzen im Strudel herum, und dreieckige, ſchwarze Gerüſte ſtehen am flachen Ufer, wo der breite Sand und das ſchaale Gewäſſer kaum von einander zu unterſcheiden ſind. Möven mit breit⸗ geſpannten Flügeln ſtreichen die Fläche und die Luft nimmt wieder den Geruch des Feſtlands an. Immer näher treten die Ufer; ſie werden voller und verlieren ihre Amphibiennatur. Man ſieht Bäume, Baumgrup⸗ pen, kleine Gehölze; Hütten, Häuschen, Windmühlen, Dörfer— was bisher nur wie ein weißer Strich neben dem gelben des Waſſers erſchien, wird breiter und land⸗ artiger. Schiffe fahren vorüber— die Flaggen werden aufgehißt und bald gleitet man zwiſchen blühenden Ufern im ruhig vollen Strome dahin. So iſt die Einfahrt in faſt allen Flußmündungen; aber an Reichthum und Großartigkeit übertrifft, je wei⸗ ter man kommt, der Themſeſtrom alle andern. Der ganze gewaltige Handel Londons treibt auf ihn herab und hinauf, und tauſende von Schiffen beleben ihn vom Meer bis zum Hafen. In den erſten Stunden aller⸗ dings iſt der Wechſel nicht ſo bemerkbar; aber vom Thames⸗Haven an wird das Auge von neuen, unge⸗ wohnten Anblicken unaufhörlich beſtürmt, und bei Black⸗ wall ſcheint die Waſſerſeite der ungeheuren Stadt ihren Anfang zu nehmen. Ein Gefühl der Beklommenheit erfaßt den eben noch ſo muthvollen Wanderer— ihm, dem eben noch das ganze Meer gehörte, wird bange vor der rieſigen Schöpferkraft und der unermüdlichen Zähig⸗ keit des Fleißes, deren Bauwerke ihm von allen Seiten entgegenſtarren, deren Rauchſäulen ihn überall umwir⸗ beln, deren chaotiſches Stimmengewirr ihn auf Einmal betäubt. Es war vier Uhr Nachmittags, als die Herzogin an Blackwall vorüberfuhr. Sie, die ſich ſtolz in der Ein⸗ ſamkeit gedünkt, wie war ſie nun wieder ſo klein neben all' den andern Königinnen und Fürſtinnen des Meeres, die neben ihr ein⸗ und auswandelten. Wie übertönte der Lärm vom Lande nun wieder den Schlag ihrer Räder, welcher jüngſt noch die Woge der Nordſee ge⸗ peitſcht, und wie machte ſich nun Alles an Bord ſchon bereit, die Stille der Cajüte mit dem millionenfachen Gewühl zu vertauſchen, deſſen abgeſchwächtes Echo man ſchon zu vernehmen glaubte. Eiſenbahnzüge rollten da⸗ hin. Der Pfiff der Locomotive miſchte ſich in das Ge⸗ töſe der Fabriken, und zuweilen verlor ſich beides auf einen Augenblick in das tiefſte Schweigen der Natur. Reicher bewaldeten ſich die Uferhügel. Weiße Landhäu⸗ ſer wurden ſichtbar auf ſanften Abhängen vor dem Ge⸗ hölze. Auf weiten, weichen Wieſen weideten Kühe, deren Schellengeläut wie eine vorüberziehende Melodie klang. Das große Arſenal von Woolwich mit ſeinen Kanonen und Kugelhaufen ſtand am Waſſer. Von einer grünen Anhöhe leuchteten die weißen Thürme der Stern⸗ warte; das Hospital von Greenwich mit ſeinen ſtillen Höfen und der Bildſäule der guten Königin Marh da⸗ rin, kam und ſchwand, und darüber, von der ſanften Nachmittagsſonne beſchienen, Blackheath, die liebliche Berghaide mit ihren luſtigen Sommerhäuſern und ihren blumigen Raſenplätzen, auf welchen es ſich ſo ſchön N — ſchwärmen läßt in den langen Stunden der Abenddäm⸗ merung, wenn unten die dumpfe Woge des Lebens wei⸗ ter, immer weiter verrollt, und fern über den in blauen Duft begrabenen Dächern und Domen der Metropolis und über den weichgeſchweiften Anhöhen von Surrey der letzte Funken der Sonne ſtirbt. 5 Hier iſt es, wo der Hafen von London beginnt, wo die ruhende Maſſe der Schiffe auf dem Strome und in den Docks, die Waaren⸗ und Vorrathshäuſer zu beiden Seiten deſſelben, die nach allen Richtungen kreu⸗ zenden Flußdampfer und Böte und die Hunderttauſende von menſchlichen Händen, die ringsum thätig ſind, das eigenthümlichſte Schauſpiel gewähren, welches man irgend⸗ wo ſehen kann: ernſt und doch erfriſchend, eintönig und doch unterhaltend, mit ſeiner unbeſchreiblichen Rührigkeit, da faſt kein feſter Punkt in dem ganzen Bilde erſcheint, ſondern Alles in Bewegung iſt von Rädern und Rollen und Rudern, zugleich den Eindruck der Melancholie ver⸗ bindend, wenn man den düſtern Himmel betrachtet, welcher unveränderlich darüber lagert. Im Hafen von London ſcheint die Sonne nicht; im Hafen von London iſt Alles nebelumflort, Alles rauchumlagert, Alles regen⸗ geſchwärzt. Die Sonne nimmt Abſchied von Denen, die in den Port laufen, wenn ſie die ſchwarzen Hospi⸗ talſchiffe mit den weißen Luken erreicht haben.— Durch der Themſe flaggenden Maſtenwald Sieh das Fahrzeng drüben, morſch und alt! Seine Planken duften wie Sargesharz; Den Wimpel, den es führt, iſt ſchwarz. Die wirren Fieberträumer, von denen Freiligrath — phantaſirt, ſchauen in weißer Mütze heraus— bleiche Geſichter, die auf den vorüberfahrenden Schiffen Lands⸗ leute ſuchen, um ſie zu grüßen. In den kleinen, ſchwar⸗ zen Scheiben blinzelte die Abendſonne, als die„Duchess of Ormond“ vorüberfuhr. Dann ging die Sonne nieder und die„Duches of Ormond“ ſah mehrere Tage lang keine Sonne wieder. Aber das dunkle Panorama des Welthandels öffnete ſich düſter ringsum. Er hat neben dem Gewaltigen, Großen und Kühnen, welches ſeinen Charakter macht, jenen unheimlichen Zug, welcher den Fremden erſchreckt. Räthſelhafte Formen und Umriſſe begegnen dem Auge, wohin es ſieht. Die Gegend um⸗ her hat etwas Unterweltartiges; die Erde ſcheint zu rauchen, der Boden ſtößt ſchwarzen dicken Qualm aus. Schornſteine überall; Schornſteine aller Arten: einige gleich wunderlich geformten Thürmen der Vorzeit, an⸗ dere klumpig, mit ſonderbaren Auswüchſen; andere wie Bienenkörbe, mit Planken und Gallerien hoch oben um das Dach. Stangenwerke daneben, in welchen Schiffs⸗ gerippe hängen. Nackte Lagerplätze auf breitem Blach⸗ feld hinter Holzgittern. Holzſpeicher und plattgebaute Fabriken in Rauchſchichten begraben. Große Steinhau⸗ fen, Fäſſer übereinandergethürmt, rieſige Steinkohlenge⸗ birge. Lagerhäuſer, die ganz fahl und erdgrau ausſehn — andere ganz ſchwarz, wie mit Theer beſtrichen, oder aus Eiſen gebaut. Keine helle Farbe, keine heitere Un⸗ terbrechung— Alles dunkel, Alles monoton, Alles in Bewegung— der Fluß, die Schiffe, die Menſchen, der Rauch, die Häuſer ſelbſt— Meilen hinauf, Meilen hinunter— rechts, links, überall— Schiffe, Maſten, Raa'n, Schornſteine, geiſterhaft weiße Kirchthürme da⸗ zwiſchen aus den Dörfern am Ufer, mit Spitzen, die in die Wolken ragen. Und immerfort daſſelbe— eine unendliche Kette von Wiederholungen, als ob das Ende derſelben in den Acheron liefe. Schiffe im Strom und hinter den hohen Häuſern in den Docks. Häuſer, die keine Häuſer ſind. Unten dunkle Grundfluren mit Stricken davor und Tonnen, die in der Luft hängen, und rieſige Kiſten, welche an unſichtbaren Ketten balan⸗ ciren. Hänſer ohne Wände, Stockwerke, durch welche der Nebel zieht. Menſchen mit Papierkappen im Zwie⸗ licht, ſchiebende, tragende, gebückte, aufrechte Geſtalten — Alles unſicher, wie Nebelbilder. Krähne, Winden, Balken, Stricke und Ketten halb eingeſchlagene Fenſter, Luken, Thüren, vier, fünf Stockwerke hoch und darüber ſchwarze Schilder mit großen, weißen Inſchriften und dahinter die Wimpel aus den Docks bis in den aller⸗ fernſten Horizont. Einige Lagerhäuſer ſtehen auf Pfäh⸗ len im Themſeſchlamm und die Grundmauern der üb⸗ rigen beſpült das gelbe Themſewaſſer, und die kleinen Leichterſchiffe fahren in den Häuſern ein und aus. Welch eine Welt iſt das. Und wie ſchiebt und drängt ſich Alles durcheinander, ſtill und beweglich wie das Waſſer, welches ſie trägt— große Schraubenſchiffe aus dem Meere wühlen das trübe Gewäſſer auf, Dreimaſter ſuchen den Ankergrund, tauſend kleine Böte tanzen rings⸗ um und ſchmal und zierlich ſchießen hier die erſten Lon⸗ doner Flußdampfer durch das träge Gewühl der Meer⸗ ungeheuer— mit ſchrillem Pfeifen bald hier, bald dort an den Uferſtationen anlegend,— eine erſte Erſchei⸗ nung des bunten Londoner Lebens zieht den Fremden vorüber, und die erſten Londoner Geſichter grüßen! Und immer voller, immer betäubender, überraſchen⸗ der und bezaubernder wird das große Bild! Tauſend Schornſteine— nach den tauſend, die ſchon zurückge⸗ blieben— rauchen; die einen weißen Waſſerdampf aus⸗ ſtoßend, die andern gelben Qualm oder ſchwarzen Steinkohlendunſt. Nicht blos das Waſſer, auch die Luft erfüllt ſich mit phantaſtiſchen Gebilden; aber die Farbe bleibt trüb und ſonnelos. Die hohen düſtern Fa⸗ briken von Southwark begrenzen das linke Ufer. Die Werfte von Horſelydown iſt erreicht. Barken, Dreima⸗ ſter, Briggs und Schvoners liegen dicht neben einander. Man könnte faſt über den ganzen Strom trockenen Fußes gehen, wenn man von einem Schiff auf das andere ſtiege. Einige von den Matroſen arbeiten im Takel⸗ werk; andere liegen auf dem Deck oder pfeifen und ſin⸗ gen und tanzen mit der Cajütsjungfer. Buntſcheckige Gruppen von Arbeitsleuten ſind auf andern Schiffen mit der Ladung beſchäftigt; einige mit blauen Leinentü⸗ chern um den Kopf und Gypspfeifchen im Munde, an⸗ dere haben einen Shawl, wie einen Gürtel, um den Leib geſchlungen. Und immer mehr und doch daſſelbe, je weiter die„Herzogin“ mit halber Kraft vorwärts dringt— wie pocht den Ankommenden das Herz! Wie klopfen ihre Schläfe! Wie lächeln ihre Angeſichter! Wie ſchwellt Erwartung jede Faſer!— Und die Ketten raſſeln, und die Winde knarrt und der monotone Ge⸗ ſng der Arbeitsleute— halb Stöhnen, halb Ermun⸗ terung— klingt dazu, wenn ſie die Tonnenlaſten her⸗ aufziehen und über das Deck fortrollen. Und bald verſchwindend, bald wieder emportauchend erſcheint das Bild, wie die Nebelgardine ſich hebt und ſenkt— rothe Segel und gelbe Segel, und weiße und ſchwarze Segel ziehen ringsum, und Wimpel und Flaggen aller Nationen und aller Farben wehen dazwiſchen und hoch zuweilen auf flatterndem Blau am Beſanmaſt der Zirkel und das Winkelmaß der Freimaurer. Und die dunklen Lagerhäuſer um Horſelydown wer⸗ den immer maſſenhafter und gegenüber, auf dem rechten Ufer, ſteigen die Fallbrücken auf und nieder,— Fracht⸗ karren raſſeln ſchon, man hört die engliſchen Flüche ihrer Treiber— man ſieht die dunkeln Uniformen der Zollbeamten, und das düſtere, rieſenhafte Zollgebäude — man ſieht die langen, gewaltigen Dampfer, welche ſich auf den ſchwarzen Werften von St. Katharine's Dock ſammeln, man ſieht durch die ſchwarzen Maſten das Häuſermeer der Cith, man ſieht in dem tiefen, blauen Dunſt, magiſch gewölbt, die pompöſe Kuppel von St. Paul's,— man ſieht die hohe Feuerſäule mit ihrer goldflammenden Spitze,— man ſieht mit ihren vier⸗ eckigen Stumpfthürmen und ihren gezackten Mauern den grauen, alten Tower— man ſieht durch den feinen Nebel geſpannt London⸗Bridge mit Allem, was darin hängt und webt und lebt, mit Allem, was darüber jagt und darunter brauſt— man ſieht ſo viel, daß man es nicht faſſen, man hört ſo viel, daß man es nicht ent⸗ wirren kann... Der brauſende Ozean des Lebens toſt von ferne, ſeine letzte Welle brandet vor unſern Füßen— er will uns faſſen, er will uns hineinziehen. 9— bald ſind wir mitten darin, bald geht die Erinnerung an die jenſeitige Welt wie ein Traum nieder, bald wer⸗ den wir getragen von der vereinten Gewalt von zwei⸗ undeinhalb Millionen— vielleicht getragen, vielleicht zertreten— bald werden wir jauchzen im Vollgefühl unſeres Daſeins und trunken ſein von der Empfindung ſeiner Rieſenkraft— vielleicht ſeufzen, vielleicht weinen — bald werden wir auf der Höhe aller Erdenherrlich⸗ keit ſtehen, um hinabzuſchauen in ſeine furchtbaren Ab⸗ gründe und offenen Gräber, und mitten im jubelnden Gewühl, bei Muſik und Liebe werden wir dem grinſen⸗ den Tod die nackten Knochenhände ſchütteln... Ein Pfiff. Eine Schwenkung. Das Ankertau fliegt hinüber— wir ſind in London. „ Sechstes Capitel. Was Walter in Tondon zuerſt ſah und hörte. Es ward ſpäter Nachmittag, bevor die Paſſagiere der„Duchess“ an Land kommen konnten. Denn Cap⸗ tain Smallridge, in ſeiner Parteilichkeit für die Häm⸗ mel, hatte dieſen die Ehre des Vortritts beſtimmt. „Die werden in der Stadt am Meiſten erwartet,“ ſagte er,„alſo müſſen ſie zuerſt heraus.“ Und mit fröhli⸗ chem Geblöck und eilfertig, als ging es zu einer Feſti⸗ vität, und nicht zu den Schlachtbänken von Smithfield, liefen die dummen deutſchen Hämmel dahin. Die Göt⸗ ter ſchlagen ihre Opfer mit Blindheit. Straßenſängerin II. 7 * Captain Smallridge jedoch hatte ſchon ſeinen Hut auf. Er pflegte ſeine Wachstuchkappe gleich hinter Greenwich abzunehmen, wo die erſten Penny⸗Dampfer laufen, um den Steuerleuten derſelben mit dem Hute zu ſalutiren. Imgleichen hatte der Hamburger Han⸗ delsherr ſich von ſeinen geſtickten Pantoffeln getrennt und an ihrer Stelle ein Paar Stiefel gewählt, welche ſo blank waren, daß er ſich ihrer beim Ordnen der Toilette mehrfach als Spiegel bediente. Der Hol⸗ ſtein'ſche Oekonom, getreu ſeinem Grundſatz, daß ordent⸗ liche Menſchen auch ordentliche Sachen haben, hatte in jedem Arm einen Mantelſack hängen, von welchem der eine mit der Inſchrift in Perlen:„Bon voyage“ geziert war, und der andere einen Hund in erhabener Chenille⸗ arbeit zeigte, welcher einen Korb im Maule trug. In der rechten Hand hielt er ſeine Hutſchachtel und die linke, mit Stock und Schirm im Futteral, ruhte auf einem aufrecht ſtehenden Koffer. Er war im höchſten Grade eiferſüchtig auf Das, was er„ſeine Sachen“ nannte, und bereit, ihre Heiligkeit und Unverletzlichkeit gegen die ganze Londoner Diebscorporation zu vertheidigen, deren Angriffe er jeden Augenblick erwartete. Der Glasſchlei⸗ fer en gros ſtand mit offenem Munde, lachte die ganze Welt an und ſagte eine Dummheit über die andere, da ſeine Frau, entzückt, ihr geliebtes London wiederzuſehen, nicht Acht auf ihren Mann gab. Der iriſche Tauge⸗ nichts im Gegentheil, welcher unterwegs das Lied vom heiligen Patrick geſungen hatte, war ſehr traurig gewor⸗ den. Mit ſeiner Baarſchaft und ſeinem Humor hatte es ein betrübtes Ende genommen. Der Entſchluß, in — 96 London ſein Glück zu machen, von welchem er auf der Reiſe unaufhörlich geſprochen, war ſchon halb und halb ſchwankend in ihm geworden, als er dem finſtern Coloß gegenüberſtand, welcher London heißt; und er fing an, über einen Friedensſchluß mit ſeinem Vater und die Heimkehr nach dem alten, grünen„Oirland“ nachzuden⸗ ken. Der Hopfenhändler aus Kent hatte ſich an einem Strick vom Hintertheil des Schiffes in ein juſt vorüber⸗ fahrendes Boot niedergelaſſen, in welchem er den Brau⸗ meiſter von der Firma Meux u. Co., einen alten Freund, erkannte, und die beiden engliſchen Damen, welche ſo⸗ eben mit der letzten Seite von„Little Porrit“ zu Ende gekommen, winkten einem alten Gentleman zu, welcher auf der Landſeite in dem Gewühl von Hämmeln ſicht⸗ bar wurde. Endlich war die Paſſage frei und das Schiff ward leer. Der Oekonom, welcher ſich nur nach langem Widerſtreben und vielfachem Zureden des Handelsherrn von ſeinem Koffer getrennt hatte, folgte dem ſtämmigen „Porter,“ welcher ihn(den Koffer nämlich!) nach dem jenſeitigen Ausgang des Zollhauſes in einen Wagen trug. Er hatte dieſen Packträgern, ſchon als er ſie von Ferne ſah in ihren Kitteln, die nach Theer rochen und mit ihren fürchterlichen Fäuſten, nicht recht getraut; nun aber gar, als ſie von allen Seiten, über Wand und Gitter in das Schiff ſtiegen und ſich um die dort auf⸗ geſtellte Bagage riſſen und zankten, erklärte er laut, daß ſich Keiner unterſtände, Hand an ſeine Sachen zu legen. Da es indeſſen ein Privilegium dieſer Leute iſt, Sachen vom Bord eines Schiffes an's Land zu bringen, mag der Eigenthümer 7 00 wollen oder nicht, ſo mußte der Oekonom nachgeben, und erreichte unter fortwährendem Proteſt den Wagen, welcher ihn und den Handelsherrn demnächſt nach dem deutſchen Hötel in der Nähe von Blackriarsbridge führte. So ging einer nach dem Andern; der iriſche Taugenichts, mit Friedens⸗ und Rückzugsgedanken im Herzen, die bei⸗ den engliſchen Damen mit„Little Porrit“ unter dem Arm, der Glasſchleifer en gros hinter ſeiner Frau her, welche ſich noch einmal umkehrte, um den armen Jun⸗ gen mit der Fiedel, welcher ſo einſam daſtand, ein flüchtiges Lebewohl zuzulächeln. Sie Alle gingen; Alle zu irgend Jemandem, der ſie erwartete, Alle zu irgend einem Plätzchen in dieſer unabſehbaren Wüſte von frem⸗ den und unbekannten Scenen, welches ihnen heimiſch und vertraut war. Nur Einer blieb zurück— unſicher, furchtſam, zaghaft wohin er den erſten Schritt ſetzen ſolle; das einzige Bekannte, was in dieſem gewaltigen Umkreis von Unbekanntem und Unheimlichem für ihn noch exiſtirte, war die„Herzogin“ und Captain Small⸗ ridge im Hut, welcher den Clerks einiger Geſchäftshäuſer, für welche er Ladung an Bord hatte, mit biederm Ge⸗ lächter die Hand ſchüttelte. Niemand bekümmerte ſich um dieſen Einen, den wir kennen, und welcher uns von all Denen, die wir auf der„Herzogin“ geſehen, der Liebſte iſt, obgleich wir ihm nun gar nicht helfen können, da er ſo einſam, ſo freud⸗ und heimathslos und ſo verlaſſen daſteht. Aber wir bedauern ihn darum nicht inehr. Wir haben Alles ſel⸗ ber durchgemacht, was er nun durchzumachen im Be⸗ griffe iſt; und haben die Ueberzeugung daraus gewonnen⸗ — daß Nichts von zweifelhafterem Werthe ſei, als die Ge⸗ ſchenke, welche uns die Gunſt des Schickſals fertig ent⸗ gegenträgt, und Nichts von bleibenderem, als die Preiſe, welche wir uns mühſelig erkämpfen, als die Erfahrun⸗ gen, welche wir unter Zweifel und Reue machen, als die Kenntniſſe der Welt und des eigenen Herzens, welche wir in täglichem Streite mit Beidem erwerben.„Du haſt es gewollt!“ riefen wir uns damals zu, als wir, gleich Walter, unter dem finſtern Thorbogen des Zoll⸗ hauſes von London ſtanden.„Du haſt es gewollt!“ rufen wir ihm jetzt zu, in welchem wir ein Bild unſerer eigenen Vergangenheit erkennen und ohne ihn mehr zu bemitleiden, als tauſend Andere, die in der nämlichen Lage geweſen, überlaſſen wir ihn ſeinem Schickſal, ge⸗ wiß, daß er das ihm beſtimmte Ziel erreichen wird, wie wir Alle, wenn ſeine Entſchlüſſe feſt, ſeine Abſichten gut und ſeine Anſtrengungen ehrlich geweſen. Das große Zollhaus am Hafen iſt die große Ein⸗ gangspforte, durch welche Alles ziehen muß, was von der Waſſerſeite nach London hinein will. Mit ſeinen weiten, dunklen Bögen, mit ſeinen tiefen Höfen und von Koth und Waſſer ſchlüpfrigen Zugängen ſteht es wie ein Labyrinth vor dem Ankommenden, wie eine Warnung, alle Hoffnung hinter ſich zu laſſen. Ein betäubendes Gewühl und Getöſe erfüllt ſeine lichtloſen Räume; und Menſchen mit Furcht einflößenden Geſichtern treiben ſich in ſeinem Umkreis herum. Rauhe Bootsmänner lungern auf dem Waſſer, das ſeine Grundmauern wäſcht; Pack⸗ träger ſtöhnen unter ſchweren Laſten, die ſie ein⸗ und ausſchleppen. Frachtkärrner klatſchen mit ihren Peitſchen; . — 102— ſchwere Gäule ſchlagen Funken aus den eingeſunkenen Steinen ſeines ſchlammbedeckten Pflaſters. Matroſen mit aufgepauſchten Hoſen ſitzen auf hochgeſtapelten Kiſten. Unterirdiſche Stimmen laſſen ſich vernehmen. Lichter irren durch die feuchte Dunkelheit ſeiner kellerartigen Gewölbe, und die vermiſchten Gerüche von Theer, Salz und Fäulniß verdichten die Luft. Hunderte von Müſſig⸗ gängern, in der Tracht von Bettlern und mit dem Profil von Räubern, belagern dieſe Stätte; immer in Erwar⸗ tung eines zufälligen Verdienſtes, und ſtets in Bereit⸗ ſchaft, aus der Rathloſigkeit oder Unachtſamkeit der Vorübergehenden ihre Beute zu machen. Hier iſt es, wo Euch junge, verwogene Burſchen mit gebengtem Rücken und Mütze in der Hand entgegenkommen und mit ihrem unverſtändlichen Geſchwätz immer dichter um⸗ ſchwärmen, bis Ihr plötzlich Eure Börſe oder Eure Uhr vermißt, wenn Ihr Beides nicht feſthaltet, bis Ihr dem planmäßigen Gedränge entronnen ſeid. Hier wird Euch ein ſchmutzig ausſehender Mann mit gewaltigem Bart an der Hand nehmen und zu der nächſten Mauer führen, wo er mit blauer Kreide Figuren auf den rußgeſchwärz⸗ ten Kalk gezeichnet,— obſcöne Geſtalten, welche die durch lange Entbehrung geſtachelte Einbildungskraft des Seemann's reizen, oder die Vorſtellung des fünzehnjäh⸗ rigen Lehrjungen mit vorzeitigem Verlangen erfüllen. Dieſes ſind die ſogenannten„screevers“.— Hier iſt es, wo die„touters“ im Hinterhalt liegen, Dockarbeiter und Kohlenkärrner, welche ſich einen Nebenverdienſt ma⸗ chen, neu Ankommende, hauptſächlich vom Seegewerbe, welche der Sprache nicht mächtig ſind, in ſchlechte Lo⸗ — 103— gierhäuſer zu bringen, deren Wirthe ihnen Procente für jeden Gaſt nach dem muthmaßlichen Werthe der Priſe zahlen. Sie halten Wache an den Eingängen des Zoll⸗ hauſes, immer bereit, die Seeleute zu verlocken, ſobald ſie den Fuß an's Land ſetzen; und wenn ſie mit den⸗ ſelben in den Logierhäuſern ankommen, ſo verhandeln ſie ihre Beute nach dem Meiſtgebot. Dieſe Logierhäuſer, deren Wirthe„crimps“ genannt werden, liegen in den verborgenſten Höfen und entlegenſten Sackgaſſen von Wapping, Shadwell und Eaſt⸗Smithfield— ſchmutzige, elende Höhlen, in welchen der„crimp“ ſein Opfer un⸗ geſtört ausplündern kann.— Hier, auf der lehmigen Treppe des Zollhauſes, liegen die„kidnappers,“ welche ein Gewerbe daraus machen, Matroſen von ihren Schif⸗ fen durch Vorſpiegelung beſſerer Löhnung auf andere Fahrzeuge zu verführen, und bei den„crimps“ ſo lange verſteckt zu halten, bis der Captain, welchem ſie entlau⸗ fen ſind, eine Löſeſumme für ſie anbietet, welche dann „kidnapper“ und„crimp“ unter ſich theilen. So ungefähr waren die Gruppen, von denen ſich Walter Grün bei ſeinem erſten Gang in London um⸗ geben ſah, unſchlüſſig, was er aus ihrem Gerede machen ſollte— denn Walter verſtand nicht ein Wörtchen Eng⸗ liſch— und bei aller natürlichen Furcht vor ihnen, doch auch wieder rathlos, an wen anders er ſich wenden und wem in aller Welt er folgen ſollte. Einer von der edlen Genoſſenſchaft hatte ihm ſeine Fiedel abgenommen, und wies mit derſelben, unter unaufhörlichem Geplapper nach einem von den Ausgängen, während ein Anderer ſich ſeines Fiedelbogens bemächtigt hatte, und mit dem⸗ * — 104— ſelben unter mißtönigem Gekreiſch, zum großen Ergötzen der Andern, welche ſogleich tanzende Bewegungen mach⸗ ten, über den ausgeſtreckten Arm hin⸗ und herſtrich. Er hätte ihnen Alles gerne gegönnt, nur ſeine Fiedel nicht; und er wäre, im feſten, faſt leidenſchaftlichen Trotz, ſie wiederzuerlangen, faſt handgemein mit ihnen geworden, als ein alter Mann, der eine ſchäbige blaue Mütze mit blind gewordenem Goldſtreif darum und einen blauen Rock mit halbabgeriſſenen Meſſingknöpfen, nach Art der Leute von der engliſchen Marine, trug, hinter einem Mauervorſprung hervortrat und den Leuten zuredete, dem Jungen ſeine Fiedel wiederzugeben. Zu⸗ gleich redete er ihn auf Deutſch an, aber mit einem ſehr eigenthümlichen Accent, und fragte ihn, ob er ein Deutſcher ſei? Walter, deſſen ganzes Vertrauen ſich ſogleich dem Manne zuwandte, welcher ihn in ſeiner Mutterſprache anredete, hier mitten unter dem Raubgeſindel in dem finſtern, feuchten Thorweg, ſagte aus voller frendiger Seele ja, und bat ihn, ſich ſeiner doch anzunehmen, bis er glücklich aus dieſem Tumult heraus wäre. Der alte Mann, deſſen ſchlaues, gelbes, von Sor⸗ gen durchfurchtes Antlitz wenig zu ſeinem Seemannsan⸗ zug paßte, ſagte, er ſolle nur ganz ruhig ſein, es werde ihm Nichts geſchehen. Dann kaufte er mit einigen Kupferſtücken die Fiedel und den Bogen los, und gab Walter'n ein Zeichen, ihm zu folgen. „Seid Ihr ein Jude?“ fragte der alte Mann ſeinen Begleiter, welcher Flücklich war, ſeine Fiedel wie⸗ derzuhaben und mit leichterem Herzen ſeinem Führer folgte. ——.— „Ein Jude?“ wiederholte Walter ganz betroffen bei der ſeltſamen Frage.„Nein, ich bin kein Jude!“ „Was ſeid Ihr denn? fuhr der Alte fort. „Ein Muſikus!“ erwiderte Walter. „Nun, das iſt mir auch einerlei,“ ſagte der alte Mann, mit jenem eigenthümlichen Accent, dem man es wol anhörte, daß Deutſch nicht ſeine Mutterſprache ſei. „Wohin wollt Ihr denn und zu wem?“ begann er nach einer Pauſe aufs Neue, während welcher ſie aus dem Zollgebände herausgetreten und dem Hügel des Towers mit ſeinen Fallgattern und dunklen Wachtthürmen gegen⸗ über in die Minories eingebogen waren. „Ich will zu einem Muſikmeiſter, Namens Franz Michel, der aus Marburg nach London gezogen iſt,“ erwiderte Walter. „Was heißt Franz Michel— was heißt Marburg,“ ſagte der alte Mann,„wißt Ihr ſeine Adreſſe?“ „Nein,“ verſetzte Walter,„die habe ich nie gewußt.“ „Dann könnt Ihr ihn auch nicht finden— allmäch⸗ tiger Gott im Himmel! London iſt groß, und da findet man keinen Menſchen. Straßen kann man finden und Häuſer kann man finden, aber Menſchen kann man nicht finden. Aber ich will Euch was ſagen,— wie heißt Ihr denn?“ „Walter Grün!“ antwortete der Gefragte. „Walter Grün, ich will Euch was ſagen. So her⸗ umzulaufen in London, das geht nicht. Es iſt bald Nacht. Ihr könnt Euch verirren tauſendmal und ge⸗ rathen in ſchlechte Straßen und ausgeplündert werden bis aufs Hemd. Habt Ihr Geld bei Euch?“ * Walter faßte in die Taſche und langte das ſeidene Beutelchen hervor, welches ihm Gertrud gegeben in der Stunde des Abſchieds. „Sechs— acht Schilling...“ ſagte der Alte, in⸗ dem er hineinſah,„das iſt nicht viel. Jedoch iſt es beſſer, als gar Nichts. Gebt es mir, ich will es Euch bewahren auf!“ Und Walter gab es ihm und trennte ſich von der letzten Erinnerung an Gertrud. „So, hier habt Ihr meine Adreſſe,“ ſagte der Alte, indem er nach langem Suchen einen fettigen, halbzer⸗ knitterten Brief aus der Bruſttaſche hervorbrachte, wel⸗ cher den Londoner Poſtſtempel und die Aufſchrift„Mr. Israel Moss. 22. Pettycoat-Lane,“ trug. „Das iſt mein Name und meine Wohnung,“ fuhr Mr. Iſrael Moſſ fort,„und ich will Euch machen nun einen Vorſchlag. Kommt mit in mein Haus, eßt bei mir, ſchlaft bei mir, und wenn ihr morgen früh wollt, ſo gehe ich mit Euch aus, um zu ſuchen den Muſik⸗ meiſter. Können wir ihn finden, gut; können wir ihn nicht finden, ſo ſeid Ihr ganz willkommen, zu treten in meinen Dienſt. Ich kann grad' noch gebrauchen ſo einen jungen Menſchen, wie Ihr ſeid einer.“ Mr. Iſrael Moſſ handelte mit alten Kleidern und war ein ſo ehrlicher Mann dabei, als man beim Han⸗ deln mit alten Kleidern ſein kann. Die einzige offen⸗ bare Unehrlichkeit, deren er ſich ſchuldig machte, war, daß er ſich als Schiffscaptain verkleidete, wenn er auf's Geſchäft ging, und ſich von ſeinen Gehülfen, welche als Matroſen angezogen waren,„Captain“ nennen ließ. — 107— Seine bevorzugten Handelsartikel waren nämlich aus der Mode gekommene Lurusgegenſtände, als großgeblümte Seidenkleider, Federhüte von veralteter Facon, Umſchla⸗ getücher aus zweiter Hand und Taſchentücher mit den Bildern längſt vergeſſener Helden und Schlachten. Seine Kunden waren die Köchinnen und Hausmädchen entfern⸗ ter Landſtädte, welche— noch nicht verdorben von den Beiſpielen der Modejournale und den Ausſtellungen der Schaufenſter— eine ebenſo unſchuldige als gerechte Vorliebe für das Groteske und Lebhafte, Farbige und Bunte hegen. Da es ſich jedoch, im Fortſchreiten der neuern Zeit und ihrer Bildung immer mehr heraus⸗ ſtellte, daß auch die Köchinnen und Hausmädchen, noch ſo weit ab von dem Sitz der Moden und launiſchen Thorheit des Tages, anfingen bedenklich zu werden, und den großen Blumen, ſowie den Federn nicht mehr recht trauen wollten: da griff Mr. Iſrael Moſſ zu dem Auskunftsmittel des Seemann's, gab ſich in den ver⸗ ſchiedenen Theilen der inneren Grafſchaften für einen ſchiffbrüchigen Captain aus, der Ladung in Luxusartikeln aus Paris nach London gehabt, ſein Schiff verloren, nur das Wenigſte von den Gütern noch gerettet habe und jetzt gezwungen ſei, daſſelbe zu Spottpreiſen zu ver⸗ ſchleudern, um ſich und ſeine Mannſchaft durch's Land und bis zum nächſten Hafen zu bringen. Die Bewoh⸗ nerinnen der Küche und der Domeſtikenſtube, die ſich durch ihr Herz und ihre Phantaſie in vielen Dingen vor denen der höheren Stockwerke auszeichnen, bemitleideten den ſchiffbrüchigen Captain und ſeine Mannſchaft, rega⸗ lirten ſie mit heimlichen Mittagsmahlen und kauften * — 108— ihnen die Hüte, Kleider und Tücher ab, die nach der Ausſage der unglücklichen Seelente für die Königin und ihren Hofſtaat beſtimmt geweſen. Mr. Iſrael Moſſ, der Captain, war ſonſt ein guter und tugendhafter Mann, und indem er zuerſt durch lange, volkreiche Straßen und dann durch immer enger und ſchmutziger werdende Gäßchen ſchritt, ſah er ſich vielfach um, ob auch Walter Grün noch hinter ihm ſei. Er hatte die beſten Abſichten mit dieſem Jungen. Einer von ſeinen„Matroſen“ war ihm nämlich untreu ge⸗ worden und hatte in Briſtol, an der Südküſte, ein ähn⸗ liches Geſchäft begründet; ſo konnte ja nun Walter Grün an die Stelle deſſelben treten, und der Vortheil war um ſo größer, als er kein Engliſch ſprechen konnte. Einen beſſeren Beweis für die Aechtheit ſeiner Waaren und ihre überſeeiſche Abſtammung konnte er den Köchinnen gar nicht geben. 8 „Hier ſind wir!“ ſagte Mr. Iſrael Moſſ, der Cap⸗ tain, zuletzt, nachdem ſie etwa eine Viertelſtunde lang durch die breite, und mit ſchäbig aufgeputzten Läden be⸗ deckte Straße der Minories und das anſtoßende Gaſſen⸗ gewirr derſelben gegangen waren. Dieſe ganze Gegend, obgleich ſie nicht fünf Minuten weit von der Bildſäule der Königin Victoria in der Königlichen Börſe und den Goldkellern der Bank von England entfernt liegt, iſt doch eine der erbärmlichſten und elendeſten in der ganzen Welt. Der Londoner kennt ſie nur vom Hörenſagen, und er ſcheut ſich, ſie zu beſuchen. Er pflegt nur von ihr zu hören in harten Wintern, wenn daſelbſt in den übervölkerten Häuſern — von Bethnal Green, in denen regelmäßig von zwanzig zu dreißig Familien zuſammen wohnen, Hungersnoth, oder in heißen Sommern Peſt und Cholera ausgebrochen iſt. Hier iſt das Terrain der Cith⸗Miſſionäre, die den Dienſt in dieſen von den berühmten Straßen des Welt⸗ handels, Cornhill, Leadenhall und Biſhopsgate verdeckten Quartieren der ſchlechtbezahlten Arbeit, des Elends und folglich des Verbrechens, demjenigen in den Colonien, wo es viel weniger Elend und viel weniger Verbrechen giebt, vorziehen. Dort iſt es der Kampf mit den kräf⸗ tigen Ausſchreitungen, den zuweilen heldenhaften Grau⸗ ſamkeiten der Uncultur; hier mit den Uebeln und Sünden, welche ſich als ein langer, trauriger Fluch hinter der Uebercultur herſchleppen und zumeiſt die Häupter derjenigen treffen, die unſchuldig an ihnen ſind. Hier, von einer dünnen engliſchen Bevölkerung zuſam⸗ mengehalten und ſelber nur halb angliſirt, wohnt in den dumpfigſten Gaſſen und ruinenartigſten Häuſern der Auswurf der Nationen in dichten Haufen bei einander. Da ſind die Weber von Spitalfields, franzöſiſche Huge⸗ notten, welche ſeit dem Edict von Nantes ausgewandert und in trüben, einſtöckigen, großfenſtrigen Häuſern ihr kümmerliches Daſein am Webſtuhl friſten. Da ſind die deutſchen Zuckerſieder von Goodmann's Fields, mit den hagern knochigen Geſichtern ihrer Männer und Frauen und den ſchmutzigen Kinderſchaaren, die auf den Treppen⸗ ſteinen liegen; eine von den zahlreichen deutſchen Colo⸗ nien in dieſem engliſchen Ocean, der ſie umgiebt, mit deutſchem Pfarrer und deutſcher Kirche— aber eine der jämmerlichſten und ärmſten. Den eigenthümlichſten — 110— Charakter in dieſer fremdartigen Zone des Londoner Lebens jedoch hat Pettycvat Lane. Pettycvat Lane iſt der Orient von London. Pettycvat Lane wird aus⸗ ſchließlich von Juden und Irländern bewohnt— hier haben ſich dieſe Racen gefunden und vereint, die beide verfolgt, beide verachtet und beide doch ſo poetiſch ſind mit ihren ſchwarzen Augen, und ihren feurigen, leiden⸗ ſchaftlichen Seelen. In neuerer Zeit iſt zwar manch' ein„Moſſ“ und manch ein„Iſrael“ in die ſtilleren Straßen und vornehmeren Squares des Weſtends aus⸗ gewandert; und manch' ein„Paddy“ hat ſich durch die Vorurtheile, die ſeine Sprache und ſeine Lebendigkeit erweckte, zum Gentleman durchgearbeitet. Sie haben die Traditionen ihres Volkes und den Glauben ihrer Väter geopfert, um ſich einen Rang in der Geſelſſchaft zu erwerben, der aber immer noch angezweifelt wird und ſie beſtändigen Kränkungen ausſetzt, von welchen ſie in ihren abgeſperrten Vierteln Nichts wußten, oder aus welchen ſie, wenn man ſie ihnen zufügte, Strafen der Verbannung machten und Anſprüche auf jenſeitige Be⸗ lohnung folgerten. Der treue und orthodoxe Reſt von ihnen, derjenige, welcher am Feſteſten noch an den alten Gott glaubt und ihn in der tauſendjährigen Sprache der Vorväter anbetet, iſt in Pettycvat Lane zurückge⸗ blieben, Beides, von den Irländern und von den Juden. Darum iſt die Sprache, welche man in Petthcvat Lane hört, entweder ein mit vielen hebräiſchen und aufge⸗ nommenen engliſchen Floskeln verſetztes Deutſch, oder der iriſche Jargon, der faſt noch ſchwerer verſtändlich iſt, als jener. Pettycvat Lane iſt ein langes, ſchmales Gäßchen mit holperigem, höhlenreichem Lehmpflaſter, ſo ſchmal in der That, daß die finſtern Giebel ſeiner von Alter und Schmutz zerfreſſenen Häuſer ſich nahezu berühren. Bei Tag iſt es ein Schauplatz des unausgeſetzten Feilſchens und Handelns, ſowie des lauten Gezänks, welches ver⸗ miſcht iſt mit dem Gekreiſch zahlloſer Kinder und Säug⸗ linge und dem heiſeren Ruf bis in ihr höchſtes Alter fruchtbarer Weiber. Goldene Uhren ohne Glas, zu⸗ ſammengeklopfte Löffel von Silber, ſtinkende Kleidungs⸗ ſtücke, verſchoſſene Pelzkragen, alte Stiefeln mit röthlichen Schäften, löcherige Hemden bilden die Handelsartikel von Petthevat Lane, und ſie auszuhängen, anzupreiſen und haufenweiſe loszuſchlagen iſt das Geſchäft ſeiner Bewohner, ſo lang' es Tag iſt. Aber ſobald es Abend wird, verändert ſich das Anſehn von Petthcvat Lane. Dann ziehen Harfenſpieler durch die Gaſſe und hier hört man ein altes iriſches Nationallied, ſolch' eins, wie es außerdem nur noch in den Haiden am Atlantiſchen Ocean oder in den Geſangbüchern der ausgeſtorbenen Barden lebt, dort hört man eine von jenen klagenden, hebräiſchen Mollmelodien, wie ein Echo, in welches ſich die Erinnerungen einer tauſend Jahre langen Wander⸗ ſchaft verwoben haben. Und hier wird eins von den ſchmutzigen Fenſtern hell und dort eins; und hier ſetzt ſich eine zahlreiche Familie, deren Geſichter von Zufrie⸗ denheit und Liebe glänzen, um den gedeckten Tiſch und dort eine; und hier wird gelacht und dort wird gelacht— und ſchöne üppige Mädchen treten vor die Thüren und funkelnde Augen glühn durch die Dämmerung, und die * Kinder, ungewaſchene Geſchöpfe in Lumpen, ſtehen von den Kehrichthaufen auf, in welchen ſie gewühlt, und fangen an, um die lehmigen Löcher im Straßenpflaſter zu tanzen, und die Harfenmuſik wird voller und rauſchen⸗ der von allen Seiten und die Stimmen der Sänger vermiſchen ſich, und in dem ſeltſamen Zwielicht, welches Alles verhüllt, unterbrochen nur an einzelnen Stellen durch Lichter aus den Erdgeſchoſſen, verwandelt ſich die⸗ ſes verrufenſte Gäßchen von London mit all ſeinem Schmutz, ſeiner Verächtlichkeit und ſeiner geſindelhaften Bevölkerung in einen Schauplatz der Fröhlichkeit, des Müſſiggangs, des Tanzes und Geſanges, ähnlich den⸗ jenigen, die wir in den Berichten morgenländiſcher Rei⸗ ſenden geſchildert finden. In dieſes Gäßchen führte Mr. Iſrael Moſſ ſeinen Gaſt Walter Grün. In dieſem Gäßchen ſtand ſein Haus. Es war ein hohes, düſteres Haus mit ruß⸗ und fettgeſchwärzten Balken, mit drei oder vier wackligen Stufen, welche in einen finſtern Flur führten, ganz voll⸗ gehängt von Hüten mit Federn, von ſeidenen Kleidern und Tüchern aller Art. Durch dieſes Magazin, welches nach vorn ein offenes Lodenfenſter mit Eiſenſtäben hatte, trat man rechts in eine Stube, in welcher ſchon Licht brannte. In einem großen Lehnſtuhl, von deſſen Polſtern die Sammetfetzen herabhingen, ſaß eine dicke, alte Frau, gekleidet in eines der wunderlichſten und grellſten Seiden⸗ kleider, welche das Magazin aufzuweiſen hatte, und mit einer Haube geſchmückt, welche bis auf die Stirn reichte und von Bändern, Blumen und Federn wimmelte. Ein paar Burſchen in Matroſenjacken lagen auf den Bänken — an der Wand; und machten eine träge Bewegung, als wollten ſie ſich erheben, als Mr. Iſrael Moſſ eintrat. Sie blieben aber dennoch liegen. „Friede ſei mit Euch!“ ſagte Mr. Iſrael Moſſ, der Captain, als er eintrat, wobei er die Hand erhob, um die heilige Kapſel mit den zehn Geboten zu küſſen, welche an der linken Thürpfoſte befeſtigt war. „Friede! Friede!“ tönte es ihm von allen Seiten entgegen. „Eſther leben,“ wandte ſich der Captain in jenem oben beſchriebenen engliſch-hebräiſch⸗deutſchen Jargon an die dicke Frau mit dem beweglichen Kopfputz,„ich habe einen Fremden mitgebracht, der vielleicht in unſer Ge⸗ ſchäft tritt!“ „Er ſei willkommen,“ ſagte Eſther, die Frau des Captains, indem ſie aufſtand und Walter Grün die Hand gab; während die faulen Burſchen, welche ſich auf den Bänken rüttelten, einen Seitenblick der Eiferſucht und Neugier auf den neuen Concurrenten warfen. Dann aber drehten ſie ſich wieder herum und blieben liegen, wie zuvor. „Iſt das Eſſen fertig, Eſther leben?“ fragte der Captain hierauf. „Ja, Iſrael leben,“ erwiderte die dicke Frau. „So laß anrichten, Eſther leben,“ ſagte der Cap⸗ tain,„und gieb mir meinen Schlafrock und mein Käppchen.“ Eſther reichte ihrem Manne einen Schlafrock von verſchoſſener türkiſcher Seide und ein ſchwarzes Sammt⸗ käppchen, und der Captain, nachdem er ſeine Mütze mit Straßenſängerin II. 8 * — 114— dem Goldſtreif und ſeinen blauen Rock mit Meſſing⸗ knöpfen ausgezogen und an die Wand gehängt hatte, verwandelte durch die neue kaftanartige Bekleidung ſein bisheriges Seemannsausſehen in das eines Rabbiners. „Laß anrichten, Eſther leben,“ wiederholte Mr. Iſ⸗ rael Moſſ, nachdem er es ſich bequem gemacht,„ich habe Hunger und unſer Gaſt wird auch Hunger ha⸗ ben.“— Hierauf wandte er ſich an die Burſchen, welche noch immer nicht Anſtalten machten, von den Bänken aufzuſtehen.„Was macht Ihr da, Ihr faulen Jungens!“ rief er,„verſchwarzt ſollt ihr werden, wenn Ihr nicht gleich da von den Bänken aufſteht!“ „Nu, Captain,“ ſagte der Eine von denſelben, in⸗ dem er ſich langſam aufrichtete—„nu was iſt der⸗ mehr? Gönnt' Ihr uns nicht die Stätt' wo wir ſollen liegen?“ „Verſchwarzter Jung,“ fuhr ihn der Captain an, „willſt Du wohl ſein ſtill mit Deiner Redensart? Was haſt Du verdient heut', Dich ſo zu räkeln da herum?“ „Was ich hab' verdient heut? Fragt die Frau, was ich hab' verdient heut, und wenn ſie Euch wird gege⸗ ben haben Antwort, ſo ſeid ſtill und laßt mich liegen, wo ich lieg'!“ „Nu, was wirſt Du haben verdient?“ verſetzte der Captain ungläubig.„Was wird er haben verdient, Eſther leben?“ „Er hat gebracht nach Haus ein kleines Bild mit Juwelen beſetzt, und ſagt, es ſollen ſein echte Juwelen.“ Da verklärte ſich das Geſicht des Captains, und —————————— er ſagte mit ſchlecht verhehlter Ungeduld:„Er ſagt! Was kann ich geben darauf, wenn er ſagt. Laß mich ſehen das Stück.“ Die Frau holte aus einem hohen altmodigen Schranke ein Etui, welches ſie öffnete und aus welchem ſie ein Medaillon hervornahm, deſſen Steinſchmuck in dem Scheine der Lampe auf dem Tiſch wunderbar funkelte und brillirte. Faſt mehr aber noch funkelten die Augen des alten Iſrael. 3 „Nu Captain,“ begann der Gehülfe deſſelben aufs Neue,„hab' ich gemacht ein Geſchäft oder hab' ich ge⸗ macht keins?“ „Fragt ſich noch immer, ob es nicht ſind unechte Diamanten,“ erwiderte der Captain, obgleich der unfrei⸗ willige Ausdruck ſeines Geſichtes laut genug für ſeine Ueberzeugung ſprach, daß es echte ſeien.„Was haſt Du gegeben für das Stück?“ „Was werd' ich haben gegeben 7 erwiderte der ver⸗ drießliche Gehülfe, der ſchon daran gewöhnt war, nie⸗ mals, ſelbſt bei ſeinen gelungenſten Einkäufen nicht, ein Wort der Anerkennung zu vernehmen.„Zehn Schilling ſechs hab' ich gegeben—“ „Du wirſt mich ruiniren mit Deinen Einkäufen, Du dummer Jung',“ ſagte der Captain.„Warum haſt Du's nicht gekauft für die Hälfte?“ „Gebt mir's wieder her, Captain,“ verſetzte der Ge⸗ hülfe im gleichgültigſten Tone;„die ſechs Pence ſind, ſo ſoll mir Gott, der Allmächtige, helfen, mein ganzer Gewinn— hier habt Ihr Euer Geld wieder, gebt mir mein Bild.“ 8* — 116 Aber der Captain dachte nicht daran, ihm das Bild, deſſen Faſſung vielleicht das Zwanzigfache von Dem werth war, was der Gehülfe dafür bezahlt, zurück⸗ zugeben. „Wenn der Jung' nur nicht wollte haben ſo freche Redensarten an ſich,“ ſagte der Captain.„Wo ſchickt ſich das für einen Jung' ſo zu reden mit ſeinem Herr Von wem haſt Du gekauft das Bild?“ „Von der Königin von England! Von der Baronin von Rothſchild! Von wem werd' ich haben gekauft ein Stück, was da iſt werth zehn Pfund unter Brüdern für zehn Schilling? Von einem armen Mädchen, was iſt verlaſſen worden von ſeinem reichen Liebhaber und ſitzt nun in Schulden und Jammer bis über beide Ohren!“ „Gott ſoll hüten,“ ſagte der Captain, welcher voll Mitleid mit dem Unglück, wie alle echten Genoſſen ſei⸗ nes Stammes, durch dieſe Mittheilung des Gehülfen ſeine Habgier plötzlich vor den beſſeren Regungen ſeines Herzens verſchwinden fühlte.„Wie kann man drücken noch mehr, was ſchon gedrückt iſt genug! Wie kann man machen Geſchäfte mit einem Mädchen, was iſt ſo verlaſſen!“ „Wie heißt verlaſſen?“ verſetzte unwillig der Ge⸗ hülfe.„Wird ſie nicht lange mehr ſein verlaſſen. Wird ſie ſich bald mit dem Geld, was ſie hat ein⸗ genommen, neue Kleider und neue Liebhaber an⸗ ſchaffen. Wer wird haben Mitleid mit ſolchen Mäd⸗ chen, Captain?“ „Wo wohnt das Mädchen?“ forſchte der Captain ————— weiter, immer noch nicht ganz beruhigt in ſeinen Ge⸗ wiſſensſcrupeln. „Was weiß ich, wo es wohnt? Es hat mir nicht ſagen wollen, wo es wohnt. Ich hab' es getroffen an einem dritten Ort, in einem Bierhaus am Waſſer, was da hält ein alter Mann, mit dem das Mädchen iſt be⸗ kannt. Und nun hört auf, Captain, von dem Geſchäft. Ich mag nichts mehr hören von dem Geſchäft. Laßt mich gehn und gebt mir was zu eſſen, ſonſt, ſo ſoll mir Gott der Allmächtige helfen, geh' ich nicht mehr aus in die Stadt und mache Geſchäfte!“ „Wenn der Jung' nur nicht wollte haben an ſich ſolche verſchwarzte Redensarten!“ rief der Captain, dann aber gab er ſeiner Frau einen Wink, um endlich anrich⸗ ten zu laſſen. Hierauf begaben ſich die Männer in den Hinter⸗ grund der Stube, woſelbſt ein zinnernes Waſchbecken ſtand, in welchem ſie ſich die Hände wuſchen, bevor ſie zum Mahle ſchritten. Walter, der während der ganzen vorhergehenden Verhandlung nicht recht wußte, was er mit ſich beginnen ſolle, hatte ſich nun dem Tiſche ge⸗ nähert, auf welchem das Medaillon lag und warf einen gleichgültigen Blick auf daſſelbe. Plötzlich aber war ihm, als ſolle das Blut in ſeinen Adern ſtocken, als wollten ſeine Knie einſinken, als verwandle ſich die Welt rings um ihn her. Was war das? Um Gott! das waren ihre Züge! Das war ihr Auge! Das war ihr dunkles Haar! Das war ſie, die er vor dem Fenſter in der Aprilnacht geſehen— ſie, die geſungen hatte— ſie, die verſchwunden war— ſie, der er als *„ ſi dem wunderſeligen Bilde ſeiner Träume über's Meer gefolgt war! In tiefer Verzückung ſtand er vor dem Bilde, hob es auf, drückte es an ſeine Lippen, ſah es wieder an und benetzte es mit ſeinen heißeſten Thränen, als weine er ſchon Thränen des Wiederſehens, und als feiere er das Feſt der Vereinigung mit ihr, der heiß Erſehnten! „Gebt mir das Bild!“ rief er dem Captain zu, als dieſer, nachdem er ſich die Hände getrocknet und den Segen in hebräiſcher Sprache geſprochen, zum Tiſche ſchritt, gefolgt von ſeinen Gehülfen, um das Mahl zu beginnen. „Habt Ihr verloren den Verſtand?“ ſagte der Captain, unwillig, ſich in den Ceremonien zu unter⸗ brechen, die dem Beginn der Mahlzeit vorangehen, aber doch zu ſehr erſtaunt, um das Wort zu unterdrücken. Dann ſchnitt er ein Brod an, welches auf ſeinem Teller lag, lobte den Gott ſeiner Bäter, welcher es ihm ge⸗ geben, und warf Jedem einen Biſſen davon zu dem gleichen Dankgebet auf den Teller. Ein geſchmortes Hammelviertel war auf einer großen Zinnſchüſſel aufge⸗ tragen worden, und der liebliche Duft deſſelben ſtieg den hungrigen Gehülfen in die Naſe. Auch Eſther hatte ſich ſchon ihrem Gemahl gegenüber am untern Ende des Tiſches niedergelaſſen, nur Walter ſtand noch trunken mit dem Bilde und Alle vergeſſend, die um ihn her waren, vor dem Stuhle der ihm beſtimmt worden. „Was will der Fremde?“ brummte der Gehülfe, welcher der Anführer der Andern war, vor ſich hin. „Was geht ihm an das Bild des Mädchens?“ Aber Walter begann auf's Neue:„Gebt mir das Bild!“ Worauf der Captain ſagte, er ſolle keine Thor⸗ heiten reden und ihm das Werthſtück wiedergeben. „Ich kann mich nicht von dem Bilde trennen,“ rief Walter,„nehmt mir, was ich an mir und auf mir habe— nur laßt mir das Bild!“ „Gerechter Gott im Himmel,“ ſagte der Captain achſelzuckend,„für acht Schillinge kann man nicht kaufen Zuwelen!“ „Mir liegt nichts an den Juwelen,“ erwiderte Walter raſch,„brecht die Juwelen heraus und gebt mir nur das kleine Bild, was darunter ſitzt. Ich habe Nichts als meine Fiedel mehr, aber ſie iſt das Theuerſte und Beſte, was ich beſitze. Nehmt meine Fiedel und gebt mir das Bild— gebt mir das Bild!“ „Captain, das iſt noch kein ſo ſchlechtes Geſchäft,“ ſagte der Obergehülfe, der die Zeit nicht erwarten konnte, wo endlich das neliertel vertheilt werden würde. Der Captain nahm das Medaillon in die Hand. Man konnte es durch den Druck einer Feder öffnen, und alsdann das Bild, welches frei darin unter einem Glaſe lag, herausnehmen. „Gut,“ ſagte er,„ich bin's zufrieden. Ich will Eure Fiedel als Pfand annehmen, bis Ihr mir werdet bezahlen das Bild, was ich euch will anrechnen zu zwei Schilling ſechs. Seid Ihr damit einverſtanden?“ „Ich bin's!“ rief Walter überglücklich, und preßte das Bild, welches ihm nun, ohne das Glas, noch viel näher getreten, aufs Neue an die Lippen. * — 0 „Eſther leben!“ ſagte der Captain,„ſchließe die Diamanten mit ſammt der Fiedel in den Schrank, und mach', daß wir was kriegen zu eſſen!“ Eſther, welche die Schatzmeiſterin des Hauſes war, that, wie ihr Mann geheißen, dann nahm ſie ihren Platz am untern Ende des Tiſches wieder ein und einen Augenblick ſpäter war die Stube voll von dem Dampf des angeſchnittenen Hammels und von dem behaglichen Schnalzen Derer, die ihn verzehrten. Nachdem die Mahlzeit verzehrt und der Hausherr das Tiſchgebet geſungen, in welchen letzteren Geſang die Gehülfen mezza voce einſtimmten, legten ſich dieſe biedren Seefahrer wiederum, ſo lang und breit ſie waren, auf die Bänke, während der Captain ſich auf eine Art von Sopha verfügte, welches ihm heilig ſein mußte, da Nie⸗ mand es zuvor berührt. Auch Eſther hatte wieder un⸗ geſtörten Beſitz von ihrem Lehnſtuhl genommen; und bald herrſchte vollkommenes Schweigen in der Stube, nur noch unterbrochen von den Anfangstönen der ſchnarchenden Gehülfen, welche nach dem reichlichen Ge⸗ nuß des Hammels ſehr ſchläfrig geworden, und von den Harfenklängen und dem ſchwermüthigen Geſang, welcher draußen durch das Gäßchen von Petthevat Lane wan⸗ derte. Walter hatte nichts gegeſſen; Walter war nicht müde. Walter ſaß da und beim trüben Schimmer der Lampe— welche auch ſchläfrig zu ſein ſchien, wie die übrigen Hausgenoſſen, ſo matt brannte ſie,— beſah er das Bildchen, welches ihm ein Schatz und ein Talis⸗ man dünkte, mehr werth, als Alles, was bisher ihm die Welt zu bieten hatte. Wie verändert kam er ſich vor, —— ſeit er dieſes Bild ſein nannte— ſeitdem es eine Weile an ſeinem Herzen geruht! Wie ein günſtiges Zeichen war es ihm vom Himmel gefallen— o, daß er gleich hätte hinausſtürmen dürfen, ſie zu ſuchen! Ge⸗ wiß, er würde ſie gefunden haben. Wie dies dunkle, traumſchwere Auge ihn anlächelte! Wie dieſer volle Mund ſich lieblich rundete, wie dieſer ſtolze Buſen ſich wölbte— welch ein geheimer Zauber dieſe zarten Züge beſeelte— wie Alles in dieſem Antlitz ihm fremd war und heimiſch zugleich— wie es ihm war, als müſſe das Ziel ſeiner Wanderung erreicht ſein, wenn er zn ihren Füßen knie'n dürfe... Und doch hatte er eben vernommen, daß ſie unglücklich ſei. Daß ſie einen reichen und vornehmen Liebhaber gehabt, welcher ſie verlaſſen, daß ſie durch Noth gezwungen ſei, werthvolle Zeichen des Andenkens und Ueberreſte eines früheren Glückes zu verkaufen; daß ſie ſich ſo weit erniedrigen mußte, mit ſolchem Lumpengeſindel zu verkehren, und daß ſie, um ihre Wohnung rein von den Fußtritten deſſelben zu halten, ſich herablaſſe, Bierhäuſer am Waſſer zu be⸗ ſuchen... O, es preßte ihm das Herz ab, dieſes Weſen, welches bisher nur wie ein zarter Duft durch ſeine Vorſtellungen gegangen, ſich ſo denken zu müſſen, da er ſie zum erſtenmal im Verkehr mit der Wirklich⸗ keit erblickte— verlaſſen und ſo erniedrigt. Zetzt erſt fing ihre Erſcheinung an, feſte Umriſſe für ihn anzu⸗ nehmen, und jetzt mehr als je glaubte er daran, ſie erreichen zu können. So lange ſie ihm in ihren unnah⸗ baren Regionen ein Weſen höherer Ordnung geblieben, war er doch nur ein irrender Ritter, der eine Fee —— — 2 geſehn, wie dergleichen in den Märchenbüchern ſeiner Kindheit beſchrieben. Jetzt aber war ſie zur Erde herab⸗ geſchritten, um an den Leiden und Freuden derſelben Theil zu haben— jetzt war ſie eine Fee in Menſchen⸗ geſtalt, eine Königstochter in Noth, eine Unglückliche, der er vielleicht helfen konnte. Und ſie nun ſo zu finden— ſie zu tröſten, für ſie zu arbeiten und durch Alles, was in ſeinen Kräften ſtände, ihr Erſatz zu bieten für Das, was ſie verloren— welch' eine Aufgabe, welch' ein Beruf! Er ſtellte ſich ſein ganzes ferneres Leben als eine unendliche Fülle von Seligkeiten vor, wenn er es ſo, im Dienſte der heiß erſehnten Unbekannten verbrau⸗ chen und mit der ſchönen Herrlichkeit ſeiner S rei für ſie umgeben könnte. Und lockender von inße en die Harfe und der Geſang; und immer widerwärtiger in dieſem Zimmer ward ihm das Getöſe, welches von den Bänken, dem Sopha und dem Lehnſtuhl ſich hören ließ. Sie Alle waren nun feſt eingeſchlafen. Aber lauter und haſtiger begann das Herz des Wachenden zu klopfen. Es hatte ſein bisheriges Gleichmaß verloren, ſeitdem das Bild daran geruht. Er verſuchte, ſich der Gedanken zu ent⸗ ſchlagen. Er verbarg das Bild aufs Neue in jener Bruſttaſche, in welcher er die rothe Schleife trug. Das Letzte, was ihn noch an Gertrud hätte erinnern können, war gegangen; das rothe Band und das kleine Bild hatten ſein Blut in ungewohnte Wallungen verſetzt. Die Pulſe in den Fingerſpitzen pochten ihm vor heftig⸗ ſter Ungeduld. Seine Seele brannte nach den Enthül⸗ lungen des nächſten Augenblicks. Jeder Schritt in die Straßen konnte ihm eine Entdeckung bereiten; an jeder Biegung des Weges konnte ſie ſtehen. Und der Harfenſchall zog ihn vor die Thüre. Nie⸗ mand in der Stube hörte, daß er die Thür öffnete. Kein Auge öffnete ſich. Sie ſchliefen alleſammt ſehr feſt. Er ſetzte ſich auf den oberſten Stein der Treppe. Er ſah in der Dämmerung des Sommerabends allerlei Gruppen von Männern und Frauen unter den dunklen. Thüren der Nachbarhäuſer liegen. Er hörte ſie lachen, er hörte ſie ſcherzen. Er hörte die Harfe wieder, deren ſchwebende Klänge in ihrem Anſchwellen und Hinſterben auf das Gemüth träumeriſcher Menſchen eine Wirkung machen, gleich dem Abblühen des Abendroths. Seine ſchwindende Gluth, ſeine verblaſſenden Farben rufen Euch, Ihr wißt nicht wohin. Noch einmal zog Walter das Bild hervor und ſuchte durch das lauliche Dunkel die feinen Umriſſe der Mi⸗ niatüre zu erkennen. Dann, nicht länger fähig, die Qual der Ungeduld zu ertragen— dem Ziel, das er ſeinen Irrfahrten geſetzt wähnte, ſo nahe, und doch durch eine lange träge Nacht von dem erſten Verſuch, es zu erreichen, getrennt,— erhob er ſich von dem Stein, ſtieg zögernd die Treppe hinab und befand ſich in dem Gäßchen. Er dachte zuerſt nicht daran, die Leute, die ihn ſo gaſtlich aufgenommen, wie er ſich mehrfach wiederholte, zu verlaſſen. Er wollte in ihr Haus zurückkehren. Und wenn er daran gedacht hätte? Hatte er nicht das ſeidene Beutelchen und ſeine Fiedel zurückgelaſſen, welche im ſchlimmſten Fall Alles mehr als gut machten, was er von ſeinen Wirthen 1 — 124— Und dann war das Haus doch nicht viel beſſer für ihn, wie ein Gefängniß— mit ſeinen vergitterten Fenſtern, mit ſeinen ſchmutzigen Bewohnern und der unheimlichen Sprache, die ſie redeten. Und wenn ſie ihn nun gar zwangen, mit ihrem verächtlichen Handel, der aus der Verlegenheit armer und unglücklicher Mädchen ſeinen Vortheil zog, ſich abzugeben—„nein!“ rief er,— in⸗ dem er dahinging,„ich will nicht wieder in das Haus zurück!“ Er wußte nicht, wohin er ging, aber es hatte etwas unendlich Reizendes und geheimnißvoll Verführeriſches für ihn, durch dieſe langen, dunklen Straßen zu gehen, die er nicht kannte und von denen er nicht ahnte, wo⸗ hin ſie führten. Es hat etwas unbeſchreiblich Anziehen⸗ des, durch ſtille Gegenden zu wandern, wenn das Ge⸗ heimniß der Nacht ſie verhüllt, durch weite dröhnende Straßen, die unſern Tritt dumpf zurückgeben, an langen Reihen dunkler Häuſer vorbei, von deren Bewohnern wir nichts wiſſen. Solch eine Wanderung gleicht der Reiſe in ein unbekanntes Land, in eine verſchleierte Ferne. Wie viel Abenteuer können uns begegnen! Wo⸗ hin kann uns die Dunkelheit verleiten, welche eine eigene Magie in ſich hat, die dem Tage und dem Sonnenlichte fremd iſt. In wie viel verborgene Dinge kann ſie uns einweihen; jeder abgeſchiedene Hof kann uns ein Mhſte⸗ rium enthüllen, an jeder Thüre, ſtumm und verſchwie⸗ gen, kann uns eine Erſcheinung erwarten, von welcher wir zuvor nichts ahnten. Und ſeltſam, wie er nie zuvor Etwas geſehen, war der Weg, welchen Walter ging. Da waren lange, lange * Straßen, in denen außer den ſpärlichen Gasflämmchen, hier und da auf hohen Laternenpfählen, kein Licht wei⸗ ter zu erblicken war; alle Fenſter waren groß und fin⸗ ſter, alle Thüren waren verſchloſſen. Er ſah keinen Menſchen in den langen, langen Straßen. Er hörte nur ein dumpfes Geräuſch, welches von unten tief her⸗ auf kam. Dieſes Geräuſch war das der Themſe, welche unter den Häuſern zur Linken und von ihnen verdeckt durch das Schweigen der Nacht dahinrollte. Dieſe Straßen waren die berühmten Straßen am Waſſer, er⸗ füllt von dem mächtigen Donner des Londoner Lebens und Handels, ſo lange es Tag iſt, aber todtenſtill, ſo⸗ bald es Nacht geworden. Dieſe Häuſer waren die Ge⸗ ſchäftshäuſer weltbekannter Firmen, welche leer ſtehen, ſobald der Lärm des Tages verſtummt und das Geſchäft geſchloſſen iſt. Und ihm war, als wolle die Reihe die⸗ ſer wüſten, ausgeſtorbenen Häuſer nicht enden, und als ſeien ſchon Stunden verfloſſen, indem er dieſe todten Straßen durchwandert. Bis er auf einmal in einem weiten Umkreis dunkler hoher Gebäude ſtand und vor einem gewaltigen hohen Dome mit majeſtätiſcher Kuppel, mit geiſterhaft weißgrauen Wänden von Stein und zahl⸗ loſen Grabesplatten und Marmorfiguren, halb ruß⸗ und wettergeſchwärzt, die ihn von denſelben anſchauten. Es war ſo ſtill, ſo ſtill darin. Ein eigenthümlicher Schauer, als ob eine Verſammlung heraufgeſtiegener Todten ihren lautloſen Nachtdienſt darin feierte, floß ihm von der ko⸗ loſſalen Rotunde entgegen. Es war St. Paul's Church⸗ hard und der Dom von St. Paul's, vor deſſen mächti⸗ gem Gitterwerk das irrende Menſchenkind ſtand. Und Walter ging weiter, wieder durch eine lange, menſchen⸗ leere, unbewohnte Straße— es war Paternoſter Row, die Straße des engliſchen Büchermarkts, in deren tiefen Hallen nur bedruckte Ballen übernachteten.. ſchauer⸗ licher Gedanke! eine lange Straße in der Grabesruhe der Nacht, nur bewohnt von hunderttauſend Gedanken, die an's Papier gekettet ſind... Dann eine Wen⸗ dung, ein Hügel, ein Abhang... Ave Maria Lane, Ludgate Street, Ludgate Hill... und der wunder⸗ barſte Anblick lag vor dem erſtaunten Auge des nächti⸗ gen Wanderers! Tauſende von Lichtern, tauſende von bunt ſtrahlenden Läden, tauſende von Menſchen— ein buntes fröhliches Gewühl, ein bre endes Gedränge auf tageshellen Straßen, ein jauchzenes Gemiſch von Stim⸗ men, Straßenrufen, Rädern, Hufſchlägen,— jauchzend in der Vollkraft des Daſeins und überſchäumend faſt in der Fülle des Stromes. Hinein in dieſes Toſen, dieſes Stürzen und Drängen— hinein in dieſe Lichter, hinein in dieſe Luſt! Es war Fleet⸗ſtreet, dieſe gewaltige Arterie des Cityverkehrs, welche nie ſtill wird, bei Tag nicht, bei Nacht nicht— welche ewig voll iſt von Drang und Bewegung, wie das Meer ſel⸗ ber, ob nun das Leben der Millionenſtadt hinaufflu⸗ thet zum Herzen der Cith, oder zurückebbt in die um⸗ fangreichen Quartiere des Weſtends. Und Walter trieb dahin, ſelig, wie er es nie geweſen; vergeſſend an Das, was hinter ihm geblieben, und an Das, was vor ihm lag— trunken von all' den großen gelben, rothen und grünen Lichtern, deren Schein auf die Straße fiel, welche er ging; erhoben von der wogenden Gewalt des Lebens, 26 — 1227— welches ihn umtoſte,— leicht, vertrauensvoll, als könne ihm hier nichts mehr mißlingen, übermüthig faſt vor Glück und Zuverſicht. Und ein dunkler, maſſiver Stein⸗ bogen, mit zwei kleinen Seitenpförtlein und einem grö⸗ ßern Thorweg in der Mitte, mit geöffneten, eiſenbe⸗ ſchlagenen, ſchwarzen Holzthüren, begrenzte die Straße. Es war das alte Citythor von Temple Bar, deſſen eiſenbeſchlagene, ſchwarze Holzthüren ſich unveränderlich vor dem Staatswagen der Souveraine von Großbrita⸗ nien ſchloſſen, auf deſſen Giebel einſt die Köpfe von Hochverräthern, Mördern und Dieben aufgepflanzt wur⸗ den, und in deſſen durchſichtigem Obergeſchoß nunmehr das große Bankhaus von Meſſrs. Child ſeine Haupt⸗ bücher aufbewahrt. Und eine breitere Straße öffnete ſich hinter dem alten Thore, mit tauſendmal mehr Men⸗ ſchen noch, mit tauſendmal mehr Wagen und tauſendmal mehr Lichtern. es war in der That keine Straße, ſo breit und unabſehbar war ſie, ſie glich einer unge⸗ heuren Stadt in ſich ſelber. Es war der Strand von London, die große Heerſtraße von Weſtminſter, die unaufhörlich belebte Durchfahrt des Handels bei Tag, des Vergnügens bei Nacht— voll von brillanten Schau⸗ fenſtern, von rieſenhaften Hotels und ſchimmernden Theatern, von auf⸗ und niedertreibenden Menſchen⸗ wogen, von Omnibuſſen, Vierſpännern, zweirädrigen Cabs, Leichenwagen und Frachtkarren. Leben und Tod wirbelt hier durcheinander; Beides wohnt hier, Rücken an Rücken, und das Eine ſcheint in ſeiner glänzenden Unabſehbarkeit nicht weniger ergreifend als das Andere. Und weiter, immer weiter— Tod und Leben kennen — beide keinen Stillſtand in London. Und da ſtehen die hohen Säulen von Charing Croſſ, und um ihre einſa⸗ men Figuren flimmert die phosphorartige Lichtatmo⸗ ſphäre der Londoner Nacht— und die beiden Stein⸗ treppen werfen ihre Schatten, und die Fontainen rieſeln und funkeln— und die Sirenenklänge vom Hahmarket miſchen ſich darein. Wir betreten bekannten Grund. Uns iſt, als ob wir nach langer Trennung und freudlo⸗ ſem Aufenthalte im kalten Norden von Deutſchland heute Nacht in London eine Nacht des Wiederſehens feiern ſollten! Die melancholiſchen, verführeriſchen Augen lächeln uns wieder an. Das türkiſche Kaffeehaus wirft ſeinen Farbenſchimmer über unſere Füße. Narkotiſche Düfte umwehen uns. Da iſt der Hügel, den wir kennen. Da iſt das Café, in welchem wir Champagner getrunken. Da ſteht der Mann mit den Regenſchirmen, wie er vor Jahren geſtanden, und wir glauben, daß er ſeitdem, ſo lang' es auch iſt, noch immer keinen einzigen verkauft habe. Da ſitzt das alte Weib mit ſeiner rothen„könig⸗ lichen Kartoffelpfanne,“— da iſt Quinn und Scott— da ſind die Dudelſäcke wieder, und die armen Hochlands⸗ jungen mit dem Plaid und den nackten Beinen und da iſt auch das kleine Mädchen noch,(es iſt noch nicht grö⸗ ßer geworden ſeitdem), welche den Jig auf der offenen Straße tanzt— und da iſt Coventryſtreet, und da iſt Leiceſter⸗Square, der luſtige Sitz der franzöſiſchen Emi⸗ grauten, einſt der Schmollwinkel des Prinzen von Wales, als er ſich mit ſeinem königlichen Vater Georg II. ent⸗ zweit,— dort im Eckhaus hat William Hogarth ge⸗ wohnt, wo jetzt das Hotel der Sabloniere ſteht. Es iſt — 129— heut noch ſo luſtig und ſo leichtſinnig, als es damals war, wo in ſeinen Bagnios die Edelleute ihre nächtli⸗ chen Duelle ausfochten, wo Voltaire in einer ſeiner Ne⸗ bengaſſen ſchöne Jahre der Verbannung lebte, und ſein Freund Congreve in die reizende Mrs. Bracegirdle, die Schauſpielerin, verliebt war. Noch eben ſo luſtig, noch eben ſo leichtſinnig, wie damals; die Franzoſen, die hier herum wohnen, und etwelche von unſern eigenen Lands⸗ leuten haben dafür geſorgt. Noch leuchten die hohen, bunten Fenſterbögen und Minarets des Panopticons— noch glänzt das byzantiniſche Kuppeldach des großen Globus— noch klingt Muſik und Saitenſpiel, noch ſchimmern die Gasſterne des Café chantant. Und vor der Treppe des Calé chantant vom Leiceſter⸗ Saquare war es, wo Walter Grün jetzt ſtand. Wie er dahin gekommen? Du großer Gott, wie ſind wir ſelber tauſendmal dahin gekommen, wenn wir von der Woge des Londoner Lebens, indem ſie ſelber müde und hin⸗ ſterbend in den Paſſagen des Ernſtes und der Thätigkeit verrann, auf den rauſchenden Tummelplätzen der Nacht zurückgelaſſen wurden? Wir wiſſen es ſo wenig, als Walter es weiß; und wir wußten ſo wenig, als wir zum erſtenmal die Treppe zu der leuchtenden Halle em⸗ porſtiegen, was wir darin finden würden, als Walter es wußte, als er von der Muſik und der glänzenden Hel⸗ ligkeit angezogen, langſam folgte. Ein Portier mit Livrée, blauen Sammthoſen und dreieckigem Hut ſtand auf der hohen Treppe unter mächti⸗ gen Criſtallcandelabern. Eine Halle mit Spiegelwänden, welche den Lichterglanz und das Funkeln der Criſtall⸗ Straßenſängerin H 5 — glocken durch zahlloſe Reflectionen ſteigerte, öffnete ſich. Stand Walter Grün in der Halle eines Schloſſes? Der Portier, ſo ſtolz er auch daſtand, vertrat ihm den Eingang nicht. Die wundervollſten Düfte wehten ihm aus der ſtrahlenden Halle entgegen. Entzückt blickte Walter um ſich. Das war ſolch' ein Schloß, wie er es geträumt hatte in den einſamen qualvollen Stunden ſei⸗ ner Vergangenheit. Das war ſolch' ein Paradies— voll Duft und Glanz und Reichthum und Wonne. Und horch! Die füßeſten Klänge von Ferne— ſchmachtende Stimmen dazwiſchen, wie der wahre Geſang des in ſei⸗ ner eigenen Seligkeit ſterbenden Genuſſes. Schöne Frauen huſchten an ihm vorüber; dunkle Augen ſahen ihn an und lächelten. Das waren die Augen, nach denen er verlangt hatte, als er noch durch die Berge der Heimath irrte; das die Geſichter, die ihn umgaukelt hatten, des Nachts, wenn er auf ſeinem Bette lag und keinen Schlaf finden konnte. Das war das Reich der Schwärmerei, zu deſſen Eingang er nun nach vielfachem Jrren durch das Schickſal ſelbſt geführt worden. Er trat ein durch die mit rothem Damaſt verhängte Wölbung. Ein prächtiger Saal— mit rothen Sammt⸗ möbeln und geäderten Marmortiſchen— Broncecande⸗ laber von der nivellirten Decke herab— Mahagoni⸗ Trümeaux mit Südfrüchten, hunderte der lieblichſten Geſchöpfe auf den rothen Sammtmöbeln— der ſtarke Geruch von Patſchouly und Eſſ Bouquet, ähnlich demje⸗ nigen, welcher ihm zuerſt aus der rothen Schleife ge⸗ duftet, vermiſcht mit dem dicken Rauch von türkiſchem Tabak— das Klingeln von Gläſern auf den Steinti⸗ — ſchen und ſanfte Muſik— ein Vorhang rollt in die Höhe... In einer lieblichen Gartenlandſchaft ſieht man die ſchönſten Göttinnen in ſeliger Vereinigung— keine Göttinnen von Marmor— Göttinnen, welche Blut in den Adern haben, deren Herzen klopfen, deren Augen funkeln... Göttinnen von wunderbaren Körperformen, ſchlanke Ge⸗ ſtalten von der zarteſten Rundung und Fülle, Köpfe, ſo hold und edel, Geſichter von ſo bezauberndem Oval— ſo ſtolze Nacken, ſo ſanft gewölbte Schultern, ſo berau⸗ ſchend weiche Hüften... Der Vorhang fällt. Mufik beginnt auf der andern Seite des Saales. Eine Dame in ſeidener Gewandung erſcheint auf dem Rand der Tribüne. Sie hat ſo dunkelblaue, ſchwermüthige Augen, dieſe Dame; und ihre Stimme hat einen ſo ſüdlich kla⸗ genden Ton, und indem ihr Geſicht zwiſchen Lächeln und Thränen kämpft, beginnt ſie ihr Lied— Buvons à la jeunesse! Buvons à nos amours! Arme Leonie— wo iſt unſere Jugend? Wo iſt unſre Liehe Und eine rauſchende, wilde Weiſe folgt dem Liede der Franzöſin und ſcheint es mit ihrer verzweifelten Ausgelaſſenheit begraben zu wollen. Welch' ein kühner, weltverächtlicher Geiſt funkelte durch die Saiten, daß ſie ſo klingen mußten? Welch' eine geniale Künſtlerhand, des eigenen Herzens ſpottend, welches den klagenden Grundton angab, regierte die Taſten, daß ſie ſolche Me⸗ lodieen ausſtrömten, welche, vom Schmerz geboren, zu predigen ſchienen:„Vergeßt! Vergeßt und genießet den Augenblick!“ 9* — 12— Und Walter fühlte ſich unwiderſtehlich hingeriſſen. Und durch die rothen Sammtmöbeln und die Steintiſche und die ſchönen, bezaubernden Geſchöpfe, und den nar⸗ kotiſchen Duft von Parfüm und Latakiah arbeitete er ſich fort, bis er an der Tribüne ſtand und den Flügel erblickte und vor demſelben, ihm halb mit dem Rücken zugekehrt, einen Mann, klein ſo viel er von dort aus beurtheilen konnte, mit krauſem, ſchwarzem Haar und ſchäbigem ſchwarzem Tuchrock... und eine Ahnung ergriff ſein Herz, und er meinte die Klänge wieder zu erkennen, die er einſt in der Heimath, unter den dunklen Eſchen am Brunnen gehört und ſie gewannen einen Ausdruck, wie da⸗ mals, wo ſie flehten:„O Seligkeit! O nimm mich, nimm mich hin!“. und er trat heran an den Rand der Tribüne... und nun kein Zweifel mehr.. er erkannte das gelbe Geſicht unter dem ſchwarzen Haar wieder, wie lange er es auch nicht geſehen hatte.. dies Geſicht, welches gleichgültig zu ſein ſchien gegen die Freuden der Welt, die es reichlich genoſſen, dieſe Augen, welche nur noch mitleidig lächelten, nachdem ſie die Nich⸗ tigkeit aller Anblicke erfahren,— dieſen ganzen Men⸗ ſchen, klein und dunkel, welcher befangen war in der niedrigſten Atmoſphäre des menſchlichen Daſeins, obgleich er einen Funken aus ihrer höchſten in ſich trug, welcher von der groben Sinnlichkeit deſſelben ſich nicht mehr loszumachen die Mühe gab, weil er Fi feinſten Freu⸗ den gleichmäßig verachtete. Es war Franz Michel, der Muſikmeiſter, deſſen lockendes Bild immer und immer wieder vor Walter's Seele erſchienen war, und der nun ein vornehmer *——, Mann geworden in der großen und berühmten Stadt London. Das waren ſeine Nächte voll rauſchender Feſtlich⸗ keiten! und das, die Damen von Leiceſter⸗Square, die Fürſtinnen und Prinzeſſinnen, welche zuhörten, wenn er ſpiete Und im nächſten Augenblick lag Walter Grün in den Armen Franz Michel's, des Muſikmeiſters von London! Siebentes Capitel. walter ſucht den Schluß des Tiedes und findet ihn. Es war ſehr ſpät in jener Nacht, als Franz Kichel und Walter Grün nach Haus(d. h. in die Wohnung des Erſteren) gingen, und ſehr ſpät am andern Morgen, als ſie erwachten. Walter Grün war in ſeinem Leben noch nicht ſo ſpät erwacht. Aber es dünkte ihn ganz außerordentlich angenehm, ſo ſpät zu Bett zu gehen und ſo ſpät zu erwachen. Er meinte, die Welt ſähe ganz anders aus, wenn man ſie gleich ſo in vollem Trabe und bei klarem Sonnenlicht vorfände, anſtatt ihr müh⸗ ſelig Erwachen zu beobachten. Es war ein eigener Ge⸗ nuß in dieſer ungewohnten Empfindung; Etwas, was ihn mit Einemmal über den ganzen Schwarm der Men⸗ ſchen erhob, welche an einem Tag arbeiten, wie am andern, und heut ihrem Geſchäft nachgehen, wie morgen⸗ für die es keine Unterbrechung giebt, und welchen die Nacht zum Schlafen, nicht aber zum Feiern und Schwär⸗ men geſchenkt iſt. So dachte Walter, als er erwachte und die ge⸗ dämpfte Sonnenhelle ſah, welche durch trübe Scheiben und zerriſſene Seidengardinen in die Wohnung Franz Michel's fiel; als er die Muſik einer großen Drehorgel vernahm, welche unter dem Fenſter die beliebte Aria aus Verdi's„Traviata“ ſpielte. O, wie dies Erwachen am hellen, goldigen Tage und bei Muſik ſeine Seele mit einer Art von Wolluſt erfüllte, als ob er nun ſchon von der höchſten Wonne des Daſeins gewiegt werde! Armer Junge, wie viel haſt Du noch zu lernen und zu leiden, ehe Du die Nichtigkeit all' dieſer Wonnen be⸗ griffen haben wirſt! Die Wohnung des Muſikmeiſters war von keinem beſonderen Glanz und Lurxus, wenigſtens von keiner be⸗ ſonderen Reinlichkeit, wie man bereits aus den trüben Scheiben und den zerriſſenen Gardinen wahrgenommen haben wird. Sie beſtand aus einer Kammer, in welcher ein Bett, ein Sopha(mit herabhängenden Sammetfetzen), ein Stuhl(mit verſchoſſenem Dammaſt gepolſtert) und ein Bücherbrett ſtand. Dieſes Bücherbrett war zugleich ſeine Garderobe, voll von Stiefeln, Hemden, leeren Weinflaſchen und Schachteln in den oberen Fächern. In den unteren erblickte man Haarwickeln, ein Stück von einem Frauenſchleier, Notenblätter, Schneiderrech⸗ nungen, Briefpaquete, kleine Bücher aus Holywell⸗ ſtreet, eine Bouteille, halb voll mit Rum, eine Schaale mit Wichſe, eine franzöſiſche Grammatik und einen Schuh. Walter hatte ſchon lange am Fenſter geſtanden und hinaus auf die Straße geſehen, während Franz Michel noch immer beſchäftigt war, aufzuſtehen und ſich anzu⸗ kleiden. Was Walter ſah, war nicht ſehr der Mühe werth. Franz Michels Bettkammer befand ſich im vritten Stocke eines der ſchäbigſten Häuſer in Sherrard⸗ ſtreet, und Sherrard⸗ſtreet iſt eine der ſchäbigſten Stra⸗ ßen des Weſtends von London, eine kleine, ſchmale Seitengaſſe von Regent⸗ſtreet⸗ welche hinter den Arkaden des Quadrant in die nicht zum Allerbeſten berufenen Quartiere von Golden⸗Square führt. Einſt war das eine andere Sache. Einſt wohnte Mylord Bolingbroke, der ſchönſte, geiſtvollſte und nichtswürdigſte von allen Miniſtern Ihrer Majeſtät der Königin Anna, in Gol⸗ den⸗Square; und Mrs. Robinſon, die große Schau⸗ ſpielerin, wohnte daſelbſt, und Mylord Peterborough, der ariſtokratiſche Abenteurer, der ſie liebte, hat gewiß mehr als einmal ſeinen Weg zu ihrem Hauſe durch Sherrard⸗ſtreet genommen. Aber jetzt iſt von der alten Herrlichkeit nichts mehr zu ſehen; und die Häuſer von Sherrard⸗ſtreet werden heutzutage nur noch von Haar⸗ kräuslern, Schnupftabakshändlern und Latwergeverkäu⸗ fern bewohnt. In dem Untergeſchoß des Hauſes, in deſſen drittem ſich die beſagte Kammer Franz Michels befand, hatte ſich ein flüchtiger Barbier aus Wien niedergelaſſen, dem es nebſt Weib und Kind nicht übel erging in Sherrard⸗ſtreet, zumal er neben ſeinem Haupt⸗ geſchäft noch ein Nebengeſchäft in Cigarren betrieb, der aber ſein Wien nicht vergeſſen konnte, wohin er nie mehr zurückkehren konnte, wegen hochverrätheriſcher Betheili⸗ gung an der Oktoberrevolution. Was Walter alſo vom Fenſter des Muſikmeiſters aus ſah, war nicht von beſonderem Intereſſe. Ein Haus gegenüber, baufällig, ſtaubig und düſter, ein paar dicke Weiber in Unterröcken in dem offnen Hausflur neben einem Mehlſacke, die große Orgel vor der Thür, ein ſchwarzhaariger Italiener mit gelbem Geſicht und grüner Sammtjacke, der ſie drehte, und ein paar kleine Mädchen aus der Nachbarſchaft, die dazu ſangen und tanzten. Aber dennoch regte es ihn in ſeiner Neuheit, ſeiner Luſtigkeit und dem Charakter gänzlicher Sorgloſigkeit, den es trug, mächtig an, und ſeine Seele floß über von Verlangen, Theil zu nehmen, an den neuen Freuden, und dem Drange, ſich mitzutheilen.— „Du haſt mich noch gar nicht gefragt, Franz,“ re⸗ dete er ſeinen Freund, den Muſikmeiſter an, der um dieſe Zeit in ſeiner Toilette ſo weit gekommen war, ſich die Stiefel zu putzen(denn leider mußte er ſich dieſen Dienſt jeden Morgen ſelber leiſten, weil die Frau des Wiener Barbiers, bei welchem er wohnte, ihr vierzehn⸗ jähriges Dienſtmädchen dazu nicht hergeben wollte, ob⸗ gleich ſie es anfänglich verſprochen)—„Du haſt mich noch gar nicht gefragt, wie es unſern Leuten in Mar⸗ burg geht, Franz?“ „Wie es unſern Leuten in Marburg geht?“ erwi⸗ derte Franz höchſt phlegmatiſch, indem er den einen blanken Stiefel auf's Bett ſetzte,„je nun, wie wird es ihnen gehen? Wie geht es Menſchen überhaupt? Es geht dem einen Menſchen, wie es dem andern Menſchen geht. Sie leben und zuletzt ſterben ſie. Was iſt da viel zu fragen?“— — 13 „Hätteſt Du denn gar keine Sehnſucht, dies Mar⸗ burg wieder zu ſehen, wo Du doch ſo lange geweſen? Dieſen Wald über dem Schloßberg, dieſes Lahnthal mit ſeinen rothen Felſen, dieſe dunklen Bäume am Brunnen, wo Du ehemals gefiedelt?“ „Sehnſucht, mein Junge?“ wiederholte Franz Michel, indem er ſein von vieler Freude und vielem Weh ge⸗ zeichnetes, etwas vor der Zeit alterndes Geſicht in dem zweiten Stiefel beſpiegelte, welcher ſchon anfing, blank zu werden.„Sehnſucht iſt eine Jugendkrankheit, und ich bin nicht mehr ſo jung, wie Du, mein Sohn,“ ſagte der Muſikmeiſter und that die letzten Striche über den Stie⸗ fel, worauf er ſich niederſetzte und ihn anzog. „Und warum biſt Du nach London gegangen, Franz?“ fragte Walter weiter. „Warum ich nach London gegangen bin?“ ſprach der Muſikmeiſter zögernd, wobei er heftig auf den Boden ſtieß, denn der eine Stiefel war ſehr eng und wollte nicht recht angehen.„Loß ſehen“— fuhr er fort— weil.. weil... nun zum Teufel, warum geht man nach London? Als ob es nicht einerlei wäre in dieſem Trödelmarkt des Lebens, wo man ſich aufhält? Sag' doch, Junge, warum biſt Du zum Beiſpiel nach London gegangen?“ Walters Auge flammte auf, als er erwiderte:„Weil mich eine unwiderſtehliche Sehnſucht zog, an welcher Du Schuld biſt, Franz, und dies Band Schuld iſt, und dies Bild Schuld iſt, und eine Melodie Schuld iſt, von der ich den Schluß ſuche und nicht finden kann.“ — 138— Bei dieſen Worten hatte er das rothe Band heraus⸗ gezogen, welches er in dem Gartenhauſe vor dem Bar⸗ füßerthor in Marburg gefunden und ſeit jenem Tage unveränderlich auf dem Herzen getragen hatte, ſowie das Miniaturbildchen, in deſſen Beſitz er geſtern auf ſo räthſelhafte Weiſe gekommen war. Der Muſikmeiſter lächelte. Dies Lächeln war etwas mehr, als er bisher gethan hatte. Wie ein matter Sonnenſchein der Vergangenheit ging es über ſeine wel⸗ ken Züge. Er ſah das Band und hierauf das Bild an. Er betrachtete das ſchöne, feine, leidende Antlitz, und dann ſich an Walter wendend, fragte er dieſen: „Liebſt Du ſie?“ Dieſe Frage ſchlug wie ein Blitz in die Seele des Zünglings. In der That, er hatte ſich noch niemals gefragt, welch' eine wunderbare Gewalt ihn an dies geheimnißvolle Weſen band. Es war ihm noch nicht eingefallen, darüber nachzudenken, warum ihr entfernter Anblick, ihr abgebrochenes Lied ihn ſo entſetzlich aufge⸗ regt, daß er keine Ruhe mehr finden konnte und aus⸗ ziehen mußte, ſie zu ſuchen. Jetzt aber ſchien plötzlich eine neue Welt ſich vor ihm aufzuthun; eine feurige Glut ſchoß ihm in die Wangen und unter Thränen warf er ſich an die Bruſt des Muſikmeiſters.„Ich weiß nicht, wer ſie iſt— ich weiß nicht, wie ſie heißt — ich weiß nicht, wo ſie lebt.— Aber ich muß ſie finden— und Du.. o, hilf ſie mir ſuchen!“ Das Lächeln auf den Zügen des Muſikmeiſters war verſchwunden.„Komm mit hinunter,“ ſagte er,„wir wollen frühſtücken.“— — 139— — Walter verbarg ſeine beiden Kleinodien, das Bild und das Band, in ſeine Bruſttaſche und folgte ſeinem Freunde. Sie ſtiegen drei ſehr dunkle und ſchmutzige Treppen hinunter und begaben ſich in ein ſehr dunkles und ſchmutziges Hinterzimmer, in welchem trotz des warmen, ſonnigen Sommermorgens ein Feuer brannte, wegen des Barbierkeſſels, der darüber hing. Auch war eine Gasflamme in dem Zimmer, zum Heißmachen der Haareiſen oder zum Anzünden der Cigarre, wenn einer von den Kunden rauchen wollte. Von der Sonne des Tages war nicht viel, oder eigentlich gar Nichts zu bemerken. Vor dem Zimmer, in welchem ſich unſer Freund auf⸗ hielt und welches das Familienzimmer vorſtellte, befand ſich die Barbierſtube, ein fünfeckiges, höchſt wunderliches Gemach mit hohen Fenſtern voll Pomadenbüchſen, Ci⸗ garrenſchachteln und Perrückenköpfen, und langen ſtaubi⸗ gen rothen Gardinen davor, durch welche das bischen Sonne, welches draußen in der engen Gaſſe Platz hatte, nicht hindurchſcheinen konnte. Der Gehilfe des Bar⸗ biers, gleichfalls ein Hochverräther und Flüchtling, aber aus der Pfalz, und viel jünger als ſein Meiſter, mit ſtets ſehr zierlich gekräuſeltem ſchwarzem Haar, war be⸗ ſchäftigt, einen Herren zu friſiren, einen Deutſchen, wel⸗ cher einen Handſchuhladen an der Ecke der Arkaden hatte. An den Wänden der Barbierſtube erblickte man Schiller's Portrait in einem ſehr ſchlechten Holzſchnitt, die Anzeige einer deutſchen Leihbibliothek, die Ankündi⸗ gung eines deutſchen Rhetors aus Berlin, welcher den Wilhelm Tell vorleſen wollte, eine Empfehlung des franzöſiſchen Hötels in Brewer⸗ſtreet und die Bilder des — 140— Kaiſers Napoleon und der Kaiſerin Eugenie. Das Hin⸗ terzimmer war in den Hof gebaut, dunkel, wie geſagt, und ſchmutzig, mit Holzwänden, welche dünn mit Papier beklebt waren, und einem Glasdach, ſo voll Staub und Ruß, daß man den Himmel darüber nur wie einen grauen Flor ſah. In der Mitte ſtand ein runder Tiſch mit Taſſen und Theetopf, etwas Brod lag da⸗ neben und ein Teller mit halb zerfloſſener Butter. Denn eine dichte Schwüle herrſchte in dem Gemache, vermiſcht mit dem Geruche von Pomade und den Aus⸗ dünſtungen des Waſſerkeſſels und der Brennzange. Der Muſikmeiſter, nachdem er eine halbe Taſſe Thee ge⸗ ſchlürft, ſetzte ſich an das Clavier, welches dem Camin gegenüber unter der brennenden Gasflamme ſtand, und fuhr über die Taſten. Eine eigenthümlich ſüße Muſik des Leichtſinns und der Weltvergeſſenheit erfüllte die ſeltſamen Räume, während der flüchtige Hochverräther aus der Pfalz dem deutſchen Handſchuhhändler vom Quadrant die Haare kräuſelte und Walter ſich an den runden Tiſch ſetzte, um einen Brief an Gertrud zu ſchreiben. Er hatte ſich's in der Nacht, als er Abſchied von Gertrud am Brunnen genommen und ſein Herz noch weich und voll war von ihr, heilig gelobt, daß das Erſte für ihn, wenn er London je glücklich erreichen werde, ein Brief der Dankbarkeit an ſie, voll von der Hoffnung dereinſtigen Wiederſehens ſein ſolle. Aber wie ganz anders ward dieſer Brief unter den ſtürmiſchen Einflüſſen, die jetzt ſein Inneres beherrſchten! Unter den Klängen jener Muſik, welche ihn in ſchwere, dem Berauſchtſein ähnliche Träume lullten und unter dem — 141— ganzen abenteuerlichen Apparat, welcher ihn umgab. Seine Feder, obwol er ſonſt im Gebrauch derſelben nicht ſehr geübt war, folgte den raſchen Wallungen ſei⸗ nes Blutes mit fliegender Haſt. Seine Buchſtaben hatten ein Anſehen der Trunkenheit und ſeine Zeilen floſſen über von Kühnheit und Erwartung. Von Dank⸗ barkeit und Wiederſehen war in dem Briefe kein Wort zu leſen; die Vergangenheit ſchien darin gänzlich ver⸗ geſſen zu ſein und es klang mehr wie Barmherzigkeit, wenn es am Schluſſe hieß, Gertrud möge ihre Ant⸗ wort und alles Folgende für ihn„an den Muſikmeiſter Franz Michel, Sherrard⸗ſtreet, Golden⸗Square, London“ addreſſiren.— Gertrud hat auf dieſen Bref nie geantwortet.— Der Muſikmeiſter brach in ſeinem Spiel ab, erhob ſich vom Klavier, ließ ſich friſiren, zündete eine Cigarre an, und wandte ſich alsdann an Walter mit den Wor⸗ ten:„Nun komm, Junge, wir wollen hinaus und das Mädchen ſuchen, welchem die rothe Schleife gehört!“ Es lag eine Jronie in dieſen Worten des Muſik⸗ meiſters, welche Walter nicht ſogleich verſtand. Wie hätte er auch, deſſen Seele nur von ſchönen Viſionen lebte, die Wirklichkeit in Anſchlag bringen ſollen, welche ſie zuweilen in Nichts auflöſt, zuweilen— gleich Feen bei Tageslicht geſehen— ihres phantaſtiſchen Auf⸗ putzes entkleidet und als häßliche Mißgeburten zurück⸗ läßt Es war Nachmittags, gegen zwei Uhr. Um dieſe Zeit ſchwillt der Strom, welcher ſich aus den verſchie⸗ denen Abzweigungen des Weſtends und der übrigen Stadttheile und Vorſtädte in die Hauptkanäle der Cith ergießt, zu einer fabelhaften Höhe und Breite an. Das Getöſe wächſt unaufhörlich— es raſſelt und rollt und donnert und tobt von allen Seiten, oben und unten, fern und nah und alle Straßen verwandeln ſich in ein rauſchendes Meer von Köpfen— Menſchenköpfen und Pferdeköpfen— und in eine betäubende Maſſe von Rädern. Alles trabt, Alles eilt. Das Leben von Lon⸗ don geht im Galopp. Kreuz und Quer ſchiebt ſichs durch einander mit ſeinen hunderttauſenden von Beinen. Unabſehbar lange Wagenketten rechts, unabſehbar lange Wagenketten links— Alles im Wirbel und Fluge,— Holborn Hill hinunter— einen ſteilen Abhang, als ſollte ſogleich am Fuße deſſelben Alles zerſchmettern, was ſich auf den Rädern und zwiſchen den Rädern bewegt,— aber ſtraff an hält der Kutſcher ſeine Pferde, die Schraube des Hemmſchuhs knarrt— und von der Gewalt der Senkung getrieben, ſchleift die ganze Maſſe ſchon wieder die entgegengeſetzte Steigung von Snow Hill hinan. Um dieſe Zeit wimmeln die Fahrſtraßen des Waſſers und diejenigen des Landes— und wo ihre Perſonen⸗ und Güterladungen ſich treffen, in Cheapſide und Poultry, in der Nähe von Bank, Börſe und London⸗bridge, be⸗ gegnen ſich täglich, auf einem Raum von kaum einer Drittelmeile und in einér Zeitdauer von kaum zwölf Stunden viermalhunderttauſend Menſchen und mehr als zwanzigtauſend Fuhrwerke. Und welch' ein wunderlicher Zug iſt es, der ſich zwiſchen dieſen hohen, bunten, bis Oben hinauf bemalten und beſchilderten Häuſern, mit ihren ſchimmernd ausſtaffirten Fenſtern bewegt— welch' — 143— ein Zug, reich an Ernſt für den Geiſt des Forſchers, und reich an komiſchen Gegenſätzen für die Betrachtung des Humoriſten, welch' ein raſtloſes Vorüberſchreiten menſchlicher Größe und menſchlicher Nichtigkeit, und welch' ein wahnſinntolles Stimmengebraus in ſeiner Be⸗ gleitung! Betäubt kehrte ſpät am Nachmittage Walter mit ſeinem Freunde heim. Und der Zug und das Getöſe wiederholten ſich, von Tag zu Tag, ſo daß kein Ende deſſelben zu ſein ſchien. Und was ihn zuerſt betäubt hatte, ließ zuletzt einen Stachel in der Bruſt Walters zurück. Der Strom, der ihn erhoben und getragen, da er lebensfriſch ſich hineingeſtürzt hatte, brach nun über ihm zuſammen und drohte ihn zu erdrücken, da die Kraft des Einzelnen ſich erſchöpfen kann, aber die Kraft des Ganzen ſich niemals erſchöpft. Wir wollen nicht von Nerven reden, als unſchicklich für den Helden eines Ro⸗ mans. Aber es iſt ſchon vielen andern ſo gegangen, wie es ihm erging, und für die Erſchlaffung, welche der übermäßigen Anſpannung der Lebenskräfte bei Jedem folgt, iſt London ein ſchlechter Ort. So lange man friſch und in voller Kraft, füllt ſein ruheloſes Getöſe die Seele wie Rauſchen des Meeres, wie Donner in mächtigen Gebirgen; aber wenn ſie zu kranken beginnt, ſchärft ſich ihre Empfindlichkeit für die ſchreienden Miß⸗ klänge, aus welchen jenes Getöſe beſteht. Die Unend⸗ lichkeit des Raumes wird zu einem Gefängniß für uns, aus welchem wir nicht zu entfliehen vermögen; und die Eintönigkeit des Lebens, welches ſich in ſeinen ungeheuren Formen doch täglich nur wiederholt, giebt ihm in unſern * — 144— Augen einen melancholiſchen Anſchein, welchen man durch grelle Farben bei Tage und bunte, große Lampen bei Nacht nur kümmerlich decorirt. Keine Stadt.. eine Welt! jammert die Seele, welche wandert und wandert, ohne das Ende zu erreichen, und die Zeit ſchwindet für ſie dahin, wie man ſich die Ewigkeit denkt. Sie hinter⸗ läßt keine Spur. Und ſo ſchwand die Zeit für Walter dahin. Er war vier Wochen in London geweſen. Er hatte von keiner Stunde, von keinem Tage eine klare Erinnerung., Aber er fühlte ſich ſo viel älter! Zetzt auch begriff er“ die Jronie, mit welcher der Muſikmeiſter am erſten Tage geſagt hatte, ſie wollten das Mädchen ſuchen, dem die rothe Schleife gehöre! In dem endloſen Wechſel von Geſichtern war ſein Auge, in dem unaufhörlichen Ge⸗ wirr ſein Ohr unermüdlich thätig geweſen. Aber um⸗ ſonſt— natürlich umſonſt. Ein Geſicht in Londons Straßengewühl, einen Ton in Londons Straßenge⸗ braus ſuchen, heißt einen Tropfen im rollenden Meere, ein Körnlein im knirſchenden Wüſtenfande ſuchen. Wal⸗ ter fühlte das bald ſelber und hätte ſich verſpotten mögen über die Gutgläubigkeit, mit der er gekommen, wie der Muſikmeiſter es am erſten Morgen gethan. Er gab den Gedanken zuletzt ganz auf und wurde immer trauriger. Er fühlte ſich einſamer, als je, mitten in dieſer Stadt von Millionen, und das Bild ward der Schatten, zu dem er floh und mit dem er ſich unterhielt. „Ich habe gefühlt, wie Du jetzt fühlſt,“ fagte der Muſikmeiſter, wenn er den armen Walter ſo ſitzen ſah, über dem Bilde, welches er heimlich betrachtete, oben in ihrer einſamen Kammer.„Ich hatte Niemanden in die⸗ ſer wüſten, weiten Stadt. Ich war ganz allein und ver⸗ laſſen. Kein Menſch kümmerte ſich um mich. Es war damals tief im Herbſt und nebelig. Ich hätte mich er⸗ hängen mögen.“ „Und wie kameſt Du auf andere Gedanken?“ fragte Walter. „Dadurch, daß ich eines Tages, mitten in meiner Verzweiflung, anfing zu lachen. Ich lochte mich ſelber aus. Ich lachte meine Schmerzen aus. Das iſt das beſte Mittel, ſie los zu werden. Ich war damals ein Straßenmuſikant, der des Abends vor den Häuſern ſeine Fiedel ſtrich. Die paar Pence, die man mir zu Füßen warf, nährten mich kümmerlich. Mein Geſicht ſah ſo traurig aus, daß die Leute Mitleid mit mir hatten. Aber vom Mitleid der Leute zu leben iſt ein erbärmlich Ding. Von jener Stunde an, wo ich gelacht hatte, nahm mein Schickſal eine andere Wendung. Ich ging mit meiner Fiedel an die Ecke von Mary⸗le⸗Bone⸗ſtreet, wo die Laterne brennt und fing an zu ſpielen. Eine Schaar von Menſchen verſammelte ſich, um mich zu hören. Maryh Pedgraft, die damals in Maryle⸗Bone⸗ſtreet wohnte, ging vorüber. Mary Pedgraft blieb ſtehen. Mary Pedgraft ver⸗ liebte ſich in den armen, braunen Fiedeljungen. Gott ſegne Mary Pedgraft für Alles, was ſie Gutes an mir ge⸗ than. Gott ſegne ſie für ihre Liebe und für ihre Treue, welche ein ganzes Jahr lang dauerte. Pl bötzlich war ie verſchwunden. Ich rief Mary Pedgraft, ich ſuchte Mary Pedgraft, ich weinte um Mary Pedgraft. Ich ſah Mary Pedgraft nie wieder. Sie iſt mit einem vorneh⸗ Straßenſängerin II. 10 — 146— men Herrn zu Schiff gegangen und über's Meer gereiſt. Plötzlich in meinem Kummer faßte ich mir ein Herz und— lachte. Und ſieh, das half mir wieder! Wie ehedem in meiner Einſamkeit, ſo half es mir jetzt, da ich geliebt hatte und geliebt worden war. Seitdem habe ich mir vorgenommen, immer zu lachen, wenn mich ein Leid überkommen will, in dieſer elenden Welt, die es nicht werth iſt, daß ein redlicher Menſch ſich um ſie grämt. Aber glaube es mir, Walter, ich habe noch viel⸗ mal gelacht, ehe ich ſoweit gekommen bin, daß ich keinen Schmerz mehr fühlen kann, und darum auch nicht mehr zu lachen brauche!“ Walter ſah ſeinen Freund mit einem Blicke, halb fragend, halb ungläubig an. Dieſer aber ergriff die Hand des Sinnenden und ihn raſch emporziehend ſagte er: „Nun aber laß die Gedanken, Junge, und gieb es auf, Phantomen zu folgen, die Dich anekeln werden, wenn Du ſie gefunden haben wirſt. Wozu ſuchen? Komm mit mir in's Café chantant. Dort, unter dem Auswurf der Geſellſchaft, iſt unſere Stelle. Junge! dort iſt noch eine Stätte der Ehrlichkeit, und man heu⸗ chelt nicht. Man weiß dort, daß Alles Trödel ſei, und wenn man ihn bunt herausputzt, ſo weiß man warum. Jeder trägt ſeine Waare dort offen auf den Markt, und es iſt ehrlicher Handel daſelbſt. Dunkle Augen, ſchöne Lippen, kleine Hände, zierliche Füße— duftige Toiletten — fröhliche Lieder— wilde Muſikanten, luſtige Remi⸗ niscenzen alter Schmerzen— Alles für einen Sixpence! Ha, ha, ha. ich muß wieder lachen. Walter, laß uns gehen. Ich will mir das Lachen abgewöhnen!“ — — 147— Sie gingen. Sie gingen in das Cafe chantant vom Leiceſter⸗Square und nahmen ihre Plätze auf der Muſi⸗ kantentribüne ein. Walter war vom Eigenthümer des Etabliſſements engagirt worden. Und die Schauſpiele, die ihn am erſten Abend ſo ſehr entzückt hatten, wieder⸗ holten ſich an jedem folgenden. Er ſah, daß die leben⸗ den Bilder, welche er damals für Göttinnen gehalten, von Damen ausgeführt wurden, welche zu Hauſe halb verhungerten, und für ein Glas Bier und ein paar Kupfermünzen ihren entblößten Leib den Blicken von lachenden, rauchenden und trinkenden Männern Preis gaben. Abend für Abend dieſelbe Verſammlung von ausländiſchen Nacht⸗ und Straßenſchwärmern, welche ſich laut in unverſtändlichen Sprachen unterhielten, und von Frauenzimmern in Atlasroben, welche um eine Cigarette oder ein Glas Grog bettelten. Er ſah, daß die Für⸗ ſtinnen und Prinzeſſinnen, von denen er geträumt, arme beklagenswerthe Geſchöpfe von der Straße ſeien, und daß die Herrlichkeit des Muſikmeiſters, von welcher man ſich in der Heimath unterhalten, dem Schimmer ähnele, welcher zuweilen über faulen Sümpfen tanzt. Abend für Abend dieſelben Sprünge und Verzerrungen des „Sängers komiſcher Lieder“, welcher eine weiße Binde mit ſchmutzigen Rändern und einen ſchwarzen Frack mit einem Loch am Ellenbogen trug. Abend für Abend Leonie, welche mit kläglichem Geſicht und vielen Runzeln über der Stirn aufforderte„der Jugend und der Liebe“ zu trinken, und ſobald ſie mit ihrem„chanson“ fertig war, in einem Mantel gehüllt, davon eilte, um von einer Tribüne der Nachbarſchaft herunter dieſelbe Aufforde⸗ 10* — 148— rung zu widerholen. Und immer daſſelbe— bis es Walter'n unmöglich ward, es ferner anzuſehen und an⸗ zuhören. Eines Abends verließ er das Café früher als ge⸗ wöhnlich. Der Muſikmeiſter hatte den Yankee⸗Doodle noch nicht geſpielt, welcher in jeder Nacht den Beſchluß zu machen pflegte. O, wie ſchauerten jedesmal die Sai⸗ ten unter den raſenden Fingern des Muſikmeiſters, wel⸗ cher um dieſe Stunde der Mitternacht von Grog und Hitze glühte, und welch' wunderſame Weiſen des Rau⸗ ſches wußte er aus der trivialen Melodie derſelben zu bilden, wenn die Töne durch Moll und Dur ſich hetzten in diaboliſcher Verzückung! Und wie ſchnitt es jedesmal durch die Seele, wenn in der Sonnabendnacht, mit dem letzten Glockenſchlag von Zwölf dieſe Melodie mit der ſchrillſten Diſſonanz abriß, und— indem die Lichter auf Einmal verlöſchten— wie ein ſchauriger Weheruf in das Grabesdunkel und das Todesſchweigen des Londoner Sonntags hineingellte!— Es war ein dunkler Regenabend im October. Der Himmel war trübe und finſter, und nur an ſeinen Rän⸗ dern flammend, von dem aufſteigenden Lichterdunſt der Straßen. Die Steine waren blank von der Näſſe und die fallenden Tropfen klatſchten gegen die Häuſerwände. Die Laternen, welche die feuchte Maſſe der umgebenden Luft in einen röthlichen Nebel verwandelte, ſpiegelten ſich in dem abfließenden Waſſer, den triefenden Regen⸗ ſchirmen und den ſchwarzen, glänzenden Dächern der Cabs und Omnibuſſe. Walter ging, unbekümmert um den Regen, die Stra⸗ — 149— ßen entlang. Der Lärm derſelben umtobte ihn, wie ſonſt. Die Wagen rollten, die Menſchen gingen, die Lichter brannten. Es machte keinen Unterſchied in ihrem Treiben, und verurſachte keinen Stillſtand in ihrer Bewegung, daß der Himmel ſo finſter und die Nacht ſo feucht war. Nur eine fantaſtiſchere Erſcheinung verlieh dieſe Dunkelheit oben, dieſer Glanz und Lichternebel unten der Straße, und das ſtete Niederrauſchen des Regens klang wie eine dumpfe Mu⸗ ſit zu dem übrigen Getöſe, das ſie erfüllte. Zetzt bog er aus einer Seitengaſſe in die weite Oeffnung des Strandes, und einen märchenhafteren An⸗ blick giebt es nicht, als den Strand zu ſehen des Abends bei Regenwetter, wenn weit hinunter bis zur Kirche St. Mary⸗le⸗Strand, welche mit ihrem weißen, ſchlanken Thurme wie ein Geſpenſt in Weiß aus dem röthlichen Schleier von Licht und Nebel emporſteigt, Alles in einer flimmernden Dunſtmaſſe zu ſchweben ſcheint: die großen Gebäude zu beiden Seiten, oben dunkel und ſchwarz, unten lodern in bunten Flammenringen— die Cabs mit ihren gelben Lichtern an der Stirn, wie Cyelopen⸗ augen, die durchs Dunkel vorwärtsdringen, die Omni⸗ buſſe mit ihren rothen Laternen, welche ſich begegnen, ſich kreuzen, ſich zu verſchlingen ſcheinen, die Menſchen, welche unter ihren ſchwarzen Regenſchirmen, wie eine große Schaar von Schatten hin⸗ und herhuſchen und über dieſem ganzen Anblick die regenſchwere Nacht⸗ atmoſphäre, wie eine tief herabhängende Decke, unbeweg⸗ lich dunkel in der Mitte und wallend, webend, phospho⸗ riſch rauchend an ihren Enden. ⸗ Walter war den Illuſionen des Leiceſter⸗Square ent⸗ flohen. Sie waren für ihn keine Illuſionen mehr. Bei Tage ſahen die großen Häuſer deſſelben, welche bei Nacht ſo ſchimmerten, wüſt, ſchmutzig und unheimlich aus; und in den vielen Wochen, wo er jeden Abend daſſelbe Schauſpiel von Reizen gehabt, die nicht ſtark genug ſind, den nächſten Augenblick zu überleben, hatte er gelernt, daß man das klopfende Herz mit durchſchwärmten Näch⸗ ten wol betäuben könne, aber nicht befriedigen. Sein einziger Troſt in dieſer Wüſtenei von luſtigen Stimmen, welche das Weh in der eignen Bruſt mühſam verhöhn⸗ ten, und von Schönheit, welche mit gebrochenem Herzen jubelte, war der Muſikmeiſter, welcher immer gut und freundlich gegen ihn blieb, ſo weit es ſeine ſtumpf ge⸗ wordene Natur erlaubte. Aber doch war es ihm ſchreck⸗ lich zu denken, wie dieſer Menſch lebte! Wie zwecklos er ſeine Tage vergeudete, und wie er gleichgültig Theil nahm an den Freuden der Nacht, deren flüchtigen Rauſch zu empfinden, ihn lange ſchon Ueberdruß verhinderte. Wie es für ihn Nichts mehr gab auf der Welt, was ihn freuen oder betrüben mochte, wie er frei geſtand, daß Alles im Grunde ſo werthlos, daß es ſich nicht der Mühe verlohne, die Hand oder den Fuß darum zu rüh⸗ ren,— ſchrecklich, wie dieſer Menſch lachte, wo ein an⸗ derer Menſch geweint haben würde. Plötzlich— mitten in ſeinen Gedanken— blieb Walter ſtehen. Es war vor einem modrigen, feuchten Eingang mit vermorſchten Balken, ganz von bunten Zetteln beklebt, der, Gott wußte wohin, in eine abſchüß⸗ ſige Tiefe führte. Ihm war es, als habe er einen 15 Klang vernommen. In der unheimlichen Finſterniß brannte ganz fern eine Laterne, wie ein dunkelrother Punkt in der aufſteigenden Näſſe, welche ſie dicht um⸗ gab. Hatte er den Klang nur im Traume gehört? Gewiß, er hatte geträumt, und es war eine Täu⸗ ſchung geweſen, was er zu hören vermeinte. Aber nein — da klang es ja noch! In dumpfen Tönen klang es aus der Tiefe heraus... wie es mitten hinein in ſeinen Gedanken geklungen hatte! Das war kein Traum mehr— jetzt erwachte er— jetzt hörte er es ganz deutlich... O Gott, das war ja das Lied, welches ihn aus ſeinem heimathlichen Frieden aufgeregt hatte! Welch' ein Wiederfinden! Hier, unter dem ſchwarzen, ge⸗ heimnißvollen Eingang... und ein Rauſchen dazu aus der Ferne, wie er es nie vernommen... Horch! da begann es wieder... das war der Anfang, den er ſo gut kannte, den er tauſendmal wiederholt, ſeitdem er ihn zuerſt vernommen in jener unſeligen Herbſtnacht. und nun ging es weiter.. richtig, das war die Me⸗ lodie, die ihn ſo lange gefoltert... und das,— himm⸗ liſcher Vater— das war der Schluß... Ja, das war der Schluß des Liedes, welchen er geſucht hatte... Die Thränen kamen ihm in die Augen. Wie eine Stimme der Vergangenheit klang ihm das eine, wie eine Stimme der Zukunft das andere.. „Das iſt es!“ rief er—„Ich habe das Lied g. funden, welches ich ſuchte und ich fange wieder an zu glauben, daß meine Wonderſchaft einen Zweck und ein Ziel habe, und daß ich es erreichen werde.. Sollte er dem Klange des Liedes folgen? Horch! 6 klang von Neuem... Wohin wird dieſer Eingang führen?.. Walter fragte nicht, Walter ging. Schmutzige, ſchlüpf⸗ rige Stufen herab— welch ein fremder, ungewohnter Weg das war— kein Menſch zu ſehen... immer tiefer hinunter... eine finſtre, niedre Decke, halb ein⸗ geſunken, oben— tropfend von zäher Feuchtigkeit, glän⸗ zend von Ruß und Schmutz— dazu einen ſchlechten Geruch, wie von eingetretener Fäulniß und das ſtete, dumpfe Rauſchen, wie von vorüberziehendem Waſſer. Zetzt hatte die Decke ein Ende und er trat unter den offenen Himmel hinaus. Aber hohe, dunkle, ſchräg von Alter und Baufälligkeit überhängende Häuſerwände be⸗ ſchränlten ſeinen engen Weg. Immer noch neue Stu⸗ fen, welche niederführten. Er mußte ſie im Dunkeln tappen, indem er ſich mit den Händen an den naſſen, kalten Seitenmauern hielt, um nicht auszugleiten. Im⸗ mer weiter zurück blieb der Lärm der Straße; immer näher klang das Lied und das dumpfe Rauſchen dahinter. Jetzt hatte er die Laterne erreicht, welche ihm oben wie ein rother Punkt vorgekommen war. Bei ihrem Scheine ſah er, daß er ſich auf einem glatten Lehmboden befinde. Zu ſeiner Linken erblickte er ein niedriges, halb verfal⸗ lenes Haus. Die ihm zunächſt liegende Seite war dunkel, die andere ſpärlich erhellt. Die Thür ſtand halb auf. Er ſah im Innern eine Barre, einige Zinntöpfe darauf und ein paar Leute in Kitteln und Jacken. Es war ein Bierhaus; ein Bierhaus der allerſchlechteſten Sorte. Es ſchien im Waſſer zu ſtehen. Walter hörte das An⸗ und Abklatſchen deſſelben gegen die Grund⸗ mauern. Das breite, dunkle Waſſer, deſſen Rauſchen er ſchon oben am Eingange vernommen, mit einzeln irrenden Lichtern, hier und dort, lag vor ihm. Es war die Themſe. Ein morſches Plankenwerk, von Schlamm überſpühlt, führte hinein. Es waren die uralten Trüm⸗ mer und Reſte der Jvy⸗Bridge, welche ſchon vor zwei⸗ hundert Jahren, zu Strype's Zeiten, ſo ſchlecht war, daß man ſie nicht mehr benutzen konnte, und an deren letzten Stümpfen jetzt einige Pennydampfer anlegen. Rechts öffnete ſich ein unabſehbar tiefes, kellerartiges Gewölbe, aus welchem eine kalte Katakombenluft blies. Es wa⸗ ren die ſchwarzen Bögen von Adelphi. Beim unſichern Scheine eines offenen Gaslichtes, welches aus einer krummen Röhre ſtrömte, ſah Walter eine Menſchen⸗ gruppe, um einen umgeſtürzten Wagen gelagert. Auf dem Wagen ſaß ein Leierkaſtenmann. Er hatte das Lied geſpielt, durch welches Walter hinuntergezogen worden. Es war ein Lied, welches damals ſchon aus der Mode gekommen war in dem großen Concerte der Lon⸗ doner Straßenmuſik; nur noch auf einigen alten Dreh⸗ orgeln, gleich dieſer, welche ſich in den entlegenſten Höfen und unterirdiſchen Verſammlungsplätzen des haus⸗ loſen Geſindels herumtrieben, hatte es ſich erhalten. Aber es war das Lied, welches Walter geſucht, und nunmehr an dieſem dunklen regneriſchen Octoberabend und unter den ſchwarzen Bögen von Adelphi gefun⸗ den hatte. — 154— Achtes Capitel. Die ſchwarzen Bögen von Idelphi. Es iſt eine ſchlecht berufene Gegend in London, dieſe Gegend der ſchwarzen Bögen von Adelphi; berüchtigt in den Polizei⸗Annalen und ein beliebter Schauplatz für die Melodramen der Volkstheater. Wir ſelber haben die ſchwarzen Bögen von Adelphi mehrfach gemalt geſehen; zuletzt auf einem Bilde, welches in der Royal⸗Academy ausgeſtellt war, und welches die Ge⸗ ſchichte einer vornehmen und ſchönen Frau behandelte, die ſich gegen ihren Mann vergangen und von demſelben verſtoßen, immer tiefer und tiefer ſinkt, bis ſie ſich zu⸗ letzt in einer ſtürmiſchen Nacht, Schutz ſuchend, wieder⸗ findet unter dieſen Bögen. Sie zu beſuchen iſt nicht Sitte in London und ſelbſt am hellen Tage meidet man ſie, ob man an ihnen gleich hundertmal vorbeigeht. Auch wir würden uns zu ihrem Beſuch ſchwerlich entſchloſſen haben, hätten wir nicht an Walter gedacht, der— hülf⸗ loſer als wir— ſich in ihnen verlieren ſollte.— Die ſchwarzen Bögen von Adelphi erheben ſich an der Stelle, wo ehemals die Stadtreſidenz der Biſchöfe von Durham ſtand. Der Strand von London war noch bis in die Zeiten der Stuarts der Wohnſitz der engli⸗ ſchen Großen, wo ſie in der Nähe der ichen Burg Whitehall und des Parlamentes von Weſtminſter Hof hielten, wenn ſie Staatsgeſchäfte oder Privathändel in der Stadt hatten. Neuerdings aber iſt das faſhionable Leben mehr weſtwärts gewandert. Die Königsburg von — 155— Whitehall brannte aus, und die Regentenreihe von der Königin Anna bis zur Königin Victoria reſidirten in St. James's, welches von da ab der Mittelpunkt der eleganten Quartiere von May⸗fair, Piccadilly und Jer⸗ myn⸗ſtreet ward, obgleich nunmehr, ſeitdem der königliche Thron in Buckingham⸗Palace aufgeſchlagen iſt, auch der Glanz des Weſtends mit ihm gezogen iſt, und über den vornehmen, ſtillen Straßen und Plätzen von Belgravia bis Kenſington ruht. Durham⸗Houſe zerfiel; der biſchöfliche Palaſt ward eine maleriſche Ruine, mitten in einer Straße, welche heut zu den gewaltigſten der Rieſenſtadt gehört, damals von Eulen und Fledermäuſen bewohnt: während die biſchöflichen Stallungen, welche bis an die Niederungen der Themſe reichten, von den Kaufleuten der City zu ihrer— Börſe eingerichtet wurde! Viele Jahre lang hielt dieſe ehrenwerthe Zunft ihre Verſammlungen und Zuſammenkünfte in den Pferdeſtällen der weiland Biſchöfe von Durham, während welcher der Palaſt immer mehr zerfiel, und der Themſeſchlamm immer dicker und breiter um die„Neue Börſe“ herum in die Straßen von Lon⸗ don ſchwemmte, bis es zuletzt ein großes Aergerniß ward in den Augen aller Wolgeſinnten, welche Reinlichkeit und Ordnung liebten. Worauf König Georg III. den ganzen Platz llen Trümmern, dachloſen Häuſern, wändeloſen R, Kohlenlöchern und Miſthaufen zum großen Verdruß der wackern Cithleute, welche dieſerhalb ſich beſchwerend an das Parlament wandten, an die Brüder Robert und John Adam, die großen Bauunter⸗ nehmer jener Tage verkaufte. Die wackeren Cithleute * — 156— führten bittre(und gerechte) Klage darüber, daß Seine Majeſtät ſich in Dinge miſche, welche Seine Majeſtät Nichts angingen, und Höchſt⸗Sich an Privilegien ver⸗ greife, welche dem Lord Mahor als Conſervator des Stromes zuſtänden, wurden aber abgewieſen; und unter der Patronage des Königs, begannen die Brüder ihr Werk. Sie ſchlugen eine Reihe maſſiver Steinbögen über die ganze Themſeniederung, durch welche ſie den Strand mit dem Strom verbanden, und über dieſen coloſſalen Wölbungen errichteten ſie eine Reihe wohl⸗ gebauter Straßen, eine prächtige Terraſſe, welche den Strom überſchant und ein ſtolzes Gebäude für die da⸗ mals eben begründete Geſellſchaft der Künſte. Und ſo befindet ſich denn nun, hinter dem tumultuöſen Gewühl des Strandes eine Anzahl kleiner, zierlicher und ruhiger Straßen mit kleinen, hübſchen Häuſern, welche die Aus⸗ ſicht auf's Waſſer haben, und welche zum Andenken an ihren Begründer, den Namen der„Brüder“— Adelphi iſt griechiſch und der Londoner liebt einen vollen und mehr majeſtätiſchen Klang— trägt und Jahrhunderte lang noch tragen wird. Es ſind ruhige und anſtändige Leute, welche in dieſen ruhigen und anſtändigen Häuſern wohnen. In dem Mittelhaus der Teraſſe, Nr. 5, hat der große Schauſpieler Garrick gele nachdem er Madame Violante, die allerliebſte tänzerin des Theaters von Edinburgh geheirathet! Ballettänze⸗ rinnen können auch ruhig und anſtändig werden; aber man muß ſie heirathen.— So ſieht es über den Bögen von Adelphi aus; unter denſelben iſt der Anblick ein anderer. Hierher 6 dringt kein Tageslicht; hier iſt es ewig dunkel, weshalb ſie auch die„ſchwarzen“ Bögen genannt werden. Gegen die Grundmauern derſelben ſtaut ſich der zähe Themſe⸗ koth, und die faule Luft des Waſſers, in deſſen Bett ſich der Unrath und Abfluß des unterirdiſchen Londons ſammelt, weht durch ihre Oeffnungen ein und aus. Altes Gerümpel, über welches man bei jedem Schritt ſtolpert, Topfſcherben, Pfannenſtile und Flaſchenhälſe liegen auf dem feuchten, hügeligen Lehmboden herum; Fäſſer ohne Boden werden hineingerollt, abgenagte Knochen aus den großen Küchen der Strand⸗Speiſehäuſer und Lumpen, zu ſchlecht für die Ankäufer von Houndsditch, thürmen ſich hier zu modernden Haufen, indem ſie Tag für Tag ordnungslos hineingeſchleudert werden. Eiſen⸗ bänder, zu roſtig, um die Gier des letzten„Ragman“ zu reizen, und Bretter, ſo vermorſcht, daß man ihre einſtige Beſtimmung nicht mehr errathen könnte, gänzlich durchlöcherte Sackfetzen und abgeriſſene Stücke von Stroh⸗ matten, ohne Werth ſelbſt in der übervölkerten Stadt, in welcher der Straßendreck verwerthet wird, bilden überall gefährliche Barriéren und Fallſtricke für den fremden Gaſt in dieſer Unterwelt, welche bei Tage das Anſehen hat, als ob ſie die gewaltige Rumpelkammer von London ſei In der Nacht aber verwandelt ſich ihr Anblick. Als⸗ dann, wenn die ſpärlichen Gasflämmchen brennen, hier und da— ſchwere trübe Lichter mit irrwiſchähnlichem Sumpfſchimmer in der feuchten Kelleratmoſphäre der ſchwarzen Bögen— dann verſammelt ſich hier, was hauslos iſt in London, und Schutz ſucht vor der Kälte und der Näſſe der Straßen. Der Dieb, welcher kein Glück hatte in ſeinem unſichern Gewerbe, oder den Er⸗ trag deſſelben vertrunken hat; der Bettler, deſſen Almo⸗ ſen nicht hinreichen, um ihm ein Strohlager in den elendeſten Logirhäuſern von St. Giles's zu ſichern; die Proſtituirte, welche, vergeblich auf Beute wartend, am Kreuzweg ſtand: hier nehmen ſie ihre Zuflucht für eine Nacht, um auf den faulen, weichen Unrathhaufen ihr müdes Haupt und ihre froſtgeſchüttelten Glieder auszu⸗ ruhen. Die Bevölkerung dieſes Schlupfwinkels— wie in der That diejenige jedes andern Schlupfwinkels in London— hat einen veränderlichen und nomadiſchen Character. Es ſind nicht heute Nacht dieſelben, welche geſtern Nacht hier zugebracht haben. Das Vagabonden⸗ thum von London, in ſeinem Leichtſinn dem Vagabonden⸗ thum aller andern Hauptſtädte gleich, ſchwelgt heut, wenn es die Mittel dazu hat, in jedem Genuß von Speiſe, Trank, Spiel und Tanz; und fügt ſich morgen, wenn ihm die Mittel fehlen, in jede Entbehrung des Hungers und der Obdachloſigkeit mit demſelben Gleich⸗ muth. Es ſteckt ein verzweifelter Humor im Vagabon⸗ denthum, und die zufällige Verſammlung deſſelben, in ihrer grotesken Miſchung beider Geſchlechter und ſämmt⸗ licher Lebensalter, vom Kinde zum Greiſe, hat hier— unter den mächtigen, weithallenden Wölbungen, an denen die Schatten der umhergelagerten Figuren in großen und verzerrten Formen tanzen,— den Charakter einer wüſten WMitternachtsorgie. Als Walter, welcher bei ſeinem Zug für das Aben⸗ teuerliche, wenig Gefühl für Furcht hatte, endlich merkte, 5 in welch' unterirdiſches Verließ und zu welch' unheimli⸗ cher Geſellſchaft darin er gerathen war, da ſah er ſich vergeblich nach einen Ausweg um. Denn labyrinthartig ſchlingen ſich dieſe Gewölbe, das eine in das andere; ein Bogen wirft, bei dem ohnmächtigen Scheine der aus der Decke züngelnden Gasflämmchen ſeinen Schatten in den Schatten eines andern, und wo er eine Oeffnung gefunden glaubte, da war es nur eine Niſche, mit muf⸗ figem Stroh ausgefüllt, auf welchem alte Mütterchen, das kalte ſchwarze Gipspfeifchen noch im Munde, greiſe Vagabonden, träge Burſchen, die ſich im Schlafe reckten, und Kinder in ſchweren Frieslumpen zuſammengekauert lagen. Furcht kam dem Verirrten nicht an; aber ein eiſiger Schauer durchrieſelte ihn, wie wenn er ſich in einer Verſammlung von Todten oder in einem Grab⸗ gewölbe befinde, deſſen Thor man verriegelt. Niemand kümmerte ſich um ihn; Niemand nahm ſeiner wahr. Als er bei dem Leierkaſtenmann, welcher auf einem um⸗ geſtürzten Wagen ſaß, und der buntſcheckigen Gruppe vorbeikam, welche auf Kehrichthaufen und zwiſchen Bret⸗ tern lagen, da blieb er einen Augenblick ſtehen. Aber ſie beachteten ihn nicht; nur einmal wandte ein ſchmutziges Geſchöpf, ein Mädchen, welches in einer Tonne ohne Boden lag, ſeinen Kopf nach ihm um, zog ſich aber bald wieder zurück, indeſſen der Leiermann weiter ſpielte. Die Melodie verfolgte ihn, wohin er ging. Die Töne, wel⸗ chen er einſt ſehnſuchtsvoll gelauſcht, welche ihm Boten einer beſſern Welt geſchienen, ihn über's Meer und heut n dieſe ſchauerliche Nacht geführt, wurden ihm uner⸗ träglich in ihrer ewigen Wiederholung, der er zu ent⸗ * — 160— gehen nicht mehr vermochte. Ueberall, wohin er ſich wandte, klangen ſie ihm entgegen. Zetzt unter dieſem neuen, dunklen, tiefen Bogen ſchienen ſie ſich zu ver⸗ lieren. Er ſchöpfte friſchen Athem; er glaubte, er ſei gerettet. Aber es war nur eine Vertiefung der Wand mit neuen Schläfern darin, welche unwillig, geſtört wor⸗ den zu ſein, ſich halb emporrichteten. Denn die armen Wanderer, wenn ſie nach tagelanger Straßenrunde hier erſchöpft zuſammengebrochen, betrachten dieſe Schlaf⸗ ſtätte der Ausgeſtoßenen als ihr eigenes Reich. Hier denken ſie nicht an Gewinn. Was hierher kommt in den ſpäten Stunden der Nacht, iſt todtmüde und haus⸗ und pfenniglos, wie ſie ſelber; und während ſie mit den Geſetzen der Welt, in welcher ſie Fremde ſind und die Nichts für ſie hat, als den Polizeihof und das Gefäng⸗ niß, in ewigem Aufruhr leben, reſpectiren ſie das Geſetz des gemeinſamen Elends, das ſie hier unten in ihrer nächtlichen Heimath verbindet. Und indem Walter ſich entfernte, vernahm er ſogleich wieder jene Melodie. Er verwünſchte ſie. Er wünſchte ſie in ſeinem Leben nicht gehört zu haben, ſo gräßlich und abſcheulich klang ſie ihm. Sie wurde ihm ganz und gar verhaßt, da ſie ihm immer wieder begegnete. Sie ſchien die Muſik dieſes moderdumpfigen Gemäuers zu ſein, welches ſich gleich einem Gefängniß um ihn zuſammengeſchloſſen; und der ſchwere Athem der Schla⸗ fenden auf faulem Stroh oder morſchen Brettern, die Grabesluft, die trüben Lichterkreiſe, welche zuletzt nur noch den Punkt, in welchen ſie brannten, erleuchteten, ſo dick ward die Atmoſphäre, der Modergeruch und von — — 161— Außen der träge Anſchlag des bewegten Themſeſchlam⸗ mes miſchten ſich mit den Akkorden des einſt ſo gelieb⸗ ten Liedes. Seht, ſo geht eine Täuſchung nach der andern da⸗ hin, und ſo wahr iſt es, daß unſer eigenes Innere, und nicht die Welt uns enttäuſcht, indem wir durch das Leben gehen. Die Melodie war dieſelbe, welche ihn einſt ſo entzückt hatte; aber an der Stelle jener liebli⸗ chen Geſtalten, welche ſeine Einbildungskraft mit ihr in Verbindung geſetzt hatte, erſchienen jetzt die elendeſten Geſchöpfe in Schmutz und in Lumpen. Bleibt nicht auch das Weſen Derjenigen daſſelbe, welche wir liebten, ſo lange wir ſie mit Tugenden aus unſrem eignen Vor⸗ rath ſchmückten, und die uns gleichgültig zu werden an⸗ fing, indem wir allmälig bemerkten, daß ſie dieſe Tu⸗ genden in der That nicht beſaß? Die Schuld iſt nicht ihre; die Schuld iſt unſre. Wir ſind die Schöpfer un⸗ ſerer Illuſionen. Wir können die Welt dafür nicht ver⸗ antwortlich machen, wenn wir zuletzt einſehen, daß ſie Nichts geweſen, als Illuſionen. Walter hatte ſich verirrt. Es iſt ein ſchreckliches Gefühl, ſich verirrt zu haben; ſchrecklicher nirgends, als in London, wo die Entfernungen ungeheuer, und die Mittel, ſich wieder zurechtzufinden, ſo zweifelhaft ſind für einen Fremden, der die Richtungen zu unterſcheiden noch nicht gelernt hat, und der engliſchen Sprache kaum inſoweit mächtig iſt, um eine Frage zu thun, vielweni⸗ ger, eine Antwort zu verſtehen. Denn die Sprache, welche vom gemeinen Volk und in den Straßen von London geredet wird, hat wenig Aehnlichkeit mit jener Straßenſängerin M. 11 Sprache, welche in unſern Grammatiken und in den Schulen gelehrt wird. Das Volk, haſtig und ewig be⸗ ſchäftigt, kürzt ſich auch ſeine Worte ab, zieht das eine in das andre, und bedient ſich für gewiſſe Gegenſtände, die ihm durch täglichen Verkehr näher ſtehen, gewiſſer Ausdrücke, die es ſelbſt erfunden. Jedes Gewerbe in London hat ſeine eigene Sprache, ſo zu ſagen; und wenn ein Angehöriger deſſelben ſie redet, ſo kommt Vie⸗ les darin vor, welches kaum der Angehörige eines an⸗ dern Gewerbes verſteht, geſchweige denn ein Ausländer. Am Unverſtändlichſten von Allen aber iſt die Gauner⸗ ſprache, das ſogenannte„cant“ der Vagabonden von London, ein kauderwelſches Gemiſch von verdorbenem Engliſch, ſelbſtgemachten Benennungen und mancherlei Ueberreſten der alten Zigeunerſprache; und unter Leu⸗ ten ſolchen Schlages war es, wo Walter ſich jetzt befand. Es iſt ein ſchreckliches Gefühl, ſich in London ver⸗ irrt zu haben, wenn man ſich in ſeinen entlegenſten Gaſſen herumtreibt, an deren Ecken man ſchwarze Eiſen⸗ ſchilder mit weißen Namensinſchriften erblickt, die man nie zuvor geleſen; in denen Häuſer ſtehen, die man nie zuvor geſehen, Menſchen gehen, die man nicht anreden kann und Wagen fahren, deren Richtung man nicht an⸗ zugeben weiß. Nun aber laßt es Nacht ſein— Mitter⸗ nacht— und denkt Euch, Ihr ſtändet irgendwo in London, mit der ganzen Unheimlichkeit des Dunkels, des Schweigens, des endloſen Raumes, der unabſehbaren Häuſermaſſe, der überall ſich kreuzenden Straßen um Euch, rathlos, wohin ihr Euch wenden ſollt, und unge⸗ — 163— wiß, ob Ihr je Eure Straße und Euer Haus wieder⸗ finden werdet.. Und dann denkt Euch das Gefühl des armen Wal⸗ ters, zwiſchen den Schutthaufen, den Tonnen, den Bal⸗ ken, den finſtern Mauern und den mitternächtigen Schläfern unter den ſchwarzen Bögen von Adelphi! Mitten in ſeiner Seelenangſt war ihm, als ſähe er unter dem matten Roth eines entfernten Lichtes eine dunkle Geſtalt daherſchreiten Sein Herz begann zu klopfen, vor Bangigkeit und Hoffnung. Er war feſt entſchloſſen, dieſe Geſtalt anzureden, wenn ſie ſich ihm nähern ſollte. Sie ging wie ein Schatten daher. Er glaubte einmal, ſie ſei gar nicht da. Es ſei ihm blos ſo vorgekommen, als ob ſie da ſei. Man konnte ihren Schritt nicht hören, ſo weich war der Boden. ZJetzt aber ſtieß ſie gegen einen eiſernen Reifen, der im Wege lag, und das Gewölbe gab den Ton zurück. Walter bebte zuſammen. Er hatte ſich ſchon halb überredet, daß die dunkle Geſtalt nur ein Gebilde ſeiner Angſt ſei; und nun war es doch ein menſchliches Weſen. Es nahte ſich. Es ging tief verſchleiert, in Schwarz. Es war ein weibliches Weſen. ZJetzt kreuzte es den Gang, in welchem Walter ſtand. Der Gang war ganz finſter. Walter, mit dem Muthe der Verzweiflung und entſchloſ⸗ ſen, ſeine Lage ſei es zum Schlimmen, ſei es zum Gu⸗ ten, zu verändern, trat vor, und die paar engliſchen Worte, deren er ſich entſinnen konnte, mühſam zuſam⸗ menbringend, fragte er die Nahende, ob ſie ihm den Weg auf die Straße weiſen wolle? Das Weib in Schwarz ſchien zuſammenzuſchrecken bei — 164— der unerwarteten und fremdartigen Anrede, mitten in dem lichtloſen und vollſtändig dunklen Raume. Es ent⸗ ſtand eine Pauſe. Das Weib in Schwarz blieb ſtehen. Dann, mit etwas ſeltſam klingender Ausſprache, aber doch recht gut verſtändlich, fragte ſie ihn zu Deutſch, ob er ein Deutſcher ſei? Man muß ſelbſt einmal in den Zuſtand gänzlicher Verlaſſenheit und Verzweiflung in einer durchaus frem⸗ den Welt geweſen ſein, um begreifen zu können, wie dieſe Laute der Mutterſprache an das Ohr und in die Seele Walters klangen! War ihm doch, als ob nicht Stunden, ſondern Jahre verfloſſen, ſeitdem er von ſeiner gewohnten Umgebung entfernt, in dieſen Gängen des unterirdiſchen Londons geirrt habe! Wie Worte des Segens kamen ihm daher die Worte vor, welche die Fremde an ihn richtete; und ſie ſelber verwandelte ſich für ihn in einen Engel der Rettung, abgeſandt, um ihn aus der Finſterniß in das Licht zurückzuführen. „Ja“, erwiderte Walter, leiſe, als fürchte er ſich, ſie in Duft und Nebel verrinnen zu ſehen, wenn er lauter ſpreche,„ich bin ein Deutſcher, und Gott ſei Dank, daß Ihr mich verſteht! Ich habe mich hier un⸗ ten verirrt, und bitte Euch von ganzer Seele, mir den Weg zu zeigen!“ „So folgt mir“, ſagte die räthſelhafte Erſcheinung, und ſchwand mit dem Schwarz ihres Gewandes in das Schwarz der dunklen Gewölbe dahin, ſo daß Walter Mühe hatte, ihrer Spur nachzugehen. Endlich erreichten ſie einen Bogen, unter welchem eine Gasflamme brannte, heller und bewegter, als die 65 andern geweſen, welche ihnen bisher geleuchtet, und ein halbrundes Fenſter darüber mit blinden Scheiben, in welchen ein matter Abglanz derſelben zitterte. Ein An⸗ hauch, wie von friſcher Luft, wehte ſie an; es war Luft von der Straße. Es war die reinere Atmoſphäre offener Räume, in welcher die Flamme brannte und der Zug des hin⸗ und herſtrömenden Nachtwindes, in welcher ſie ſich bewegte. Walter ſog die neue Lebensluft mit frohem Behagen; und er grüßte die Freiheit der Straße, als ob er nach Jahren der Gefangenſchaft aus einem Kerker heraufſteige. Da war ein abſchüſſiger Lehmhügel, den ſie hinangingen,— da, zur Rechten, ſtand ein Haus, ein ſchlechtes, halb eingeſtürztes Haus zwar, mit einer Reihe von wackligen Stufen davor und traurigen Fenſtern, zum Theil mit Lumpen ausgeſtopft— dann kamen einige Häuſer, die etwas beſſer waren, dann kam eine Gaslaterne, dann eine Oeffnung— dann Wagen⸗ rollen, Menſchenſtimmen. Dann wieder, was er ſeit Jahren nicht mehr geſehen zu haben glaubte, obgleich er es noch vor wenigen Stunden geſehen; breite Steine, in deren abfließendem Regenwaſſer ſich tauſend bunte Lichter ſpiegelten, Regenſchirme, hohe Häuſer, Cabs mit gelben Lichtern, Omnibuſſe mit rothen Lichtern, Menſchen. Walter war wieder auf den Strand von London, und es regnete noch immer. Von den Thürmen der Nachbarſchaft ſchlug es Mitternacht. „Seid Ihr auch eine Deutſche?“ fragte er ſeine Begleiterin, welche unter dem dichten Regen, in ihrem ſchwarzen Schleier und ihrem ſchwarzen Mantel verhüllt, raſch vor ihm dahinſchritt. — 166— „Keine Deutſche“, erwiderte die Fremde,„aber ich bin in Deutſchland geweſen.“ „Aus welcher Gegend von Deutſchland ſeid Ihr denn?“ begann ſie nach einer Weile wieder, während welcher ſie immer vor ihm hergeſchritten war. „O, Ihr werdet die Gegend nicht kennen“, erwiderte Walter;„und den Ort auch nicht. Er iſt ſo klein. Ich bin aus Marburg an der Lahn, im Heſſenland.“ Da blieb das Weib in Schwarz einen Augenblick ſtehn. Walter ſah nicht, wie ein plötzliches Zittern ſie ergriff; denn ſie befanden ſich weit von der La⸗ terne und es war dunkel um ſie. Dann ſetzte ſie ihren Weg fort; aber langſamer als zuvor; und mit zaghafter Stimme wiederholte ſie:„Aus Marburg, ſagt Ihr?“ „Aus Marburg, an der Lahn, im Heſſenland“, ant⸗ wortete Walter.„Iſt Euch der Name bekannt?“ „Nein Etwas nicht viel ber ſagt doch“, unterbrach ſie ſich ſelber mit faſt ſtockendem Athem,„wohin wollt Ihr denn eigentlich in dieſer ſpä⸗ ten Stunde, in dieſer fürchterlichen Regennacht und dieſer todten, ſtillen, großen Stadt?“ „Ach ja...“ beſann ſich Walter,„ich war ſo außer mir vor Freude, aus jener grauenhaften Höhle befreit zu ſein, daß ich gar nicht daran dachte, daß es regne und daß meine Straße.. laßt doch ſehen... Himmel! ich kann mich auf den Namen nicht beſinnen. Ich fühle mich ſo zerſtreut... ich bin heut ein ganz Andrer, als ſonſt... Wie war's doch. Nein, ich kann den Namen nicht finden. Aber ich wil E Euch nicht 167 länger in dieſem ſtarken Regen aufhalten. Wenn es Tag wird, werde ich mich ſchon zurechtfinden; und die Nacht wird nicht allzulange mehr dauern. Habt Dank, daß Ihr mich aus jenem unterirdiſchen Verließ erlöſtet; hier auf der Straße bin ich unter andern Menſchen und werde es wol aushalten, bis der Morgen kommt. Noch einmal habt Dank und lebt wol!“ Er wollte gehen. Er war ſchon gegangen. Aber das Weib in Schwarz rief ihn zurück. „Nein“, ſagte ſie,„ich laſſe Euch nicht gehen. Ihr wißt nicht wohin Ihr gerathet. Die Nacht iſt noch lang und die Stadt iſt ſo groß. Kommt mit mir. Wir ſind bald zu Haus. Ich wohne zwar ſchlecht und kümmerlich. Aber Ihr ſeid doch geſchützt. Ich habe ein kleines Vor⸗ zimmer, in welchem Ihr den Tag erwarten könnt. Habt Ihr ſo viel Vertrauen zu mir, um mir zu folgen?“ Schon von Anfang an hatte der Ton ihrer Stimme eine eigenthümliche Saite in Walters Innern angeſchla⸗ gen, als ob er ſie in ſeinem Leben ſchon einmal ver⸗ nommen. Aber er konnte ſich nicht beſinnen, wo er ſie vernommen hätte und wie? Es lag ſo viel Güte und ſo viel Traurigkeit darin. „Ja“, ſagte er,„wenn Ihr mich mitnehmen wollt; Euch würde ich ohne Beſorgniß folgen, wohin Ihr mich auch brächtet.“ „So kommt denn“, ſagte die Fremde, und Beide gingen in der vorigen Richtung weiter, den Strand hinab. Stiller ward es auf ihrem Wege; immer mehr ver⸗ loren ſich Wagen und Menſchen. Nur der Regen ſtrömte weiter und die einſamen von Wind und Näſſe gequälten — 168— Straßenlichter brannten dazwiſchen. Schauerlich iſt die Nacht in London, wenn man ſie von dieſer Seite kennen lernt; unheimlich, ungaſtlich. Geſpenſtiſch in die trübe Luft ragen die hohen Feuerleitern, und zu ihrem Fuße, in einem hölzernen Häuschen kauert der Wächter. Hier iſt die weiße Kirche, welche wir ſchon vom obern Strand in jener ſchwebenden Maſſe von Lichterdunſt und hineinſchlagenden Regenſchichten erblickten. Es iſt die Kirche von St. Marh⸗le⸗Strand, mitihrem bleichen Thurme. Auf der nackten Steinſchwelle, unter den regenfluthgewa⸗ ſchenen Eiſengittern in der kalten Mitternacht ſchläft ein Bettler, der den ſchwarzen Hut tief über's Geſicht gezo⸗ gen und ihm zur Seite, ganz in ihren zerlumpten Mantel gehüllt, ein weibliches Weſen— vielleicht ſeine Tochter. Hinter der Kirche iſt die Straße geſperrt. Die Steine ſind aufgeriſſen. Dicke Gaslohe, in ewigem Kampfe mit dem ſtrömenden Regen, aber doch zu ſtark, um von ihm verlöſcht zu werden, ſchlägt breit aus dem aufgewühlten, ſchlammigen Boden, und überflackert die vom Regen geſchwärzten Häuſer auf beiden Seiten bis hoch in den Giebel hinauf mit grellem Phosphorglanz. — Es iſt der Eingang von Holywell⸗ſtreet, welche neu gepflaſtert werden ſoll. Ein paar ſchmutzige Menſchen mit eingedrückten Hüten liegen auf den übereinandergewor⸗ fenen Steinen und wärmen ſich an dem Strome des Gaſes. „Wir ſind zu Hauſe“, ſagte Walters Führerin, in⸗ dem ſie aus dem langen, ſchmalen Straßenfaden von Holhwell mit ſeinen überhängenden Dächern zur Inn bog und ihren ſpäten Gaſt einige breite, unſichere Stu⸗ fen emporführte, welche ſich in einen über die Straße 6 und den Strand erhabenen Hof öffneten, Star⸗Chamber⸗ Alleh genannt. Dieſe„Courts“ und„Allehs“, welche die Sackgaſ⸗ ſen und Seitenwinkel aller großen Straßen im alten London bilden, ſind die traurigſten Wohnſtätten für Menſchen, die man finden kann. Sie haben nur einen Ausgang... Sie ſind ſo eng, daß kein Wagen darin fahren kann. Sie ſind ſchlecht verſehen mit den Be⸗ quemlichkeiten der übrigen Theile von London; das Re⸗ genwaſſer fließt in ihren ungepflaſterten Rinnen wie an der Seite von Hügeln nieder, und der ſtehenbleibende Reſt ſammelt ſich zu Pfützen, welche von den wärmſten Sommertagen nicht ganz ausgetrocknet werden. Haufen von Kindern, welche das Elend geboren und Verwahrlo⸗ ſung frühzeitig gereift, liegen täglich in dieſen Straßen⸗ moräſten; und Hemden, zum Trocknen ausgehängt— obgleich man nicht glauben ſollte, daß ſie dieſen Zweck jemals erreichten,— flattern ewig an ausgeſpannten Seilen, der ſeltnen Sonne und dem Himmel von Lon⸗ don jeden Einblick verwehrend. „Ich habe Euch geſagt“, nahm das Mädchen wieder das Wort, indem ſie vor einem der letzten Häuſer in Star⸗Chamber⸗Alley ſtehen blieb, und einen Schlüſſel hervorlangte, um zu öffnen,„daß ich ſchlecht wohne. Wenn Yhr damit vorlieb nehmen wollt, ſo tretet ein.“ Allerdings hatte Walter bisher von London's Herr⸗ lichkeiten nur wenig, und von dieſem Wenigen auch nur die düſtren Außenſeiten geſehen; ſeine Schauplätze lagen in kümmerlichen Quartieren, die bei Nacht wol von einem erborgten Schimmer glänzten, bei Tage jedoch in ihren — 170— wahren Zuſtand der Schäbigkeit zurückfielen. Walter war noch nicht verwöhnt durch den wahren Luxus der Weltſtadt; er hatte noch gar keine Ahnung davon. Dieſes Haus jedoch, vor welchem ſie jetzt ſtehen blieben, um einzutreten, war das ſchrecklichſte, was er je geſehen. Es war hoch und düſter; baufällig; der untere Theil ſchien unbewohnbar und unbewohnt. Die untern Wände waren zerbröckelt. Die erdigen Stufen waren vom Regen gewaſchen, und ein ſchmutziger Strom deſſelben ergoß ſich über ſie dem Abhang der Straße zu. Die Thüre beſtand aus morſchem Holz. Man hätte ſie zuſammentreten können. Walter wäre lieber in den Regen zurückgekehrt, als in dieſes Haus getreten. Allein die Stimme des Mäd⸗ chens zwang ihn zum Bleiben. Es war Etwas in der Stimme, was ihm faſt gegen ſeinen Willen fortzog. Sie traten ein. In ſolchen Häuſern weht eine Luft, ähnlich derjenigen von Krankenſtuben, welche man wochenlang nicht geöffnet. Die Atmoſphäre der Ar⸗ muth und des Elends hat eine Beimiſchung, welche an ſich ſchon hinreicht, die Freude am Leben zu erſticken. Sie ſtiegen eine Treppe hinan, die lebensgefährlich geweſen ſein würde, ohne das feuchte und gleichfalls lückenhafte Geländer, an welchen ſich Walter hielt. Jetzt öffnete ſich eine Thüre, welche ſchlecht in den Angeln hing; und ſie befanden ſich in einem kleinen geſchloſ⸗ ſenen Raume, durch deſſen trübe Scheiben ein matter Schimmer von der Straße ſchien. Das Mädchen ſagte, Walter ſolle hier einen Augen⸗ blick warten. Sie wolle in die anſtoßende Kammer gehen, ihren naſſen Mantel und Hut abwerfen und Licht machen. Walter wartete. Er war allein in dem ärmlichen Raume, welchem es— ſo weit er bei dem Dämmerlicht von Außen unterſchied— an jeder Bequemlichkeit fehlte. Er ſah Nichts, als einen Stuhl und einen Tiſch. Jetzt einen Lichtſtrahl durch die Spalten der Kam⸗ merthür, der plötzlich verſchwand und nach einer Weile eben ſo plötzlich wieder da war. Jetzt Schritte und bald darauf das Mädchen auf der Thürſchwelle, in einem ſchlichten ſchwarzen Kleide, mit einem Lichte in der Hand, welches ihren entblößten Kopf voll beleuchtete. Und jetzt einen Schrei— Walter war ihr zu Füßen geſtürzt und umklammerte ihre Knie. „Du biſt es“, rief er unter Thränen, während das arme Mädchen heftig zu zittern begann mit ihrem Lichte, welches ſie in der Hand hielt.„Du biſt es, die ich in Marburg geſehen, die das Lied geſungen, die mich bezaubert hat, die verſchwunden war, die mich übers Meer gelockt mit ihrem Zauber und ihrem Liede, die ich lange geſucht und endlich gefunden habe— Du biſt es!“ Und dann ſprang er auf und rieß die rothe Buſen⸗ ſchleife aus ſeinem Rocke ſammt dem Bilde, welches er ſtets bei ſich getragen, und zeigte es ihr. Das Zittern des Mädchens ward immer heftiger, das Licht fiel ihr aus der Hand und verlöſchte am Boden. Dunkelheit herrſchte wieder in dem ärmlichen Gemache. Sie ſank auf den Stuhl. „Wer biſt Du?“ ſagte ſie endlich, indem ſiemit der letzten Kraft den Unbekannten von ſich ſtieß, welcher ſie mit dem Wahnſinn der Leidenſchaft umſchlungen hatte. 8— „Ich bin ein armer Wanderer“, rief er,„den Du bethört, den Du raſend gemacht haſt vor Liebe und vor Verlangen. Ich bin ein verlorenes Menſchenkind, wel⸗ ches umkam vor Sehnſucht nach Dir, und welches jetzt ſterben möchte vor Seligkeit, da es Dich gefunden. Stoß mich nicht zurück— Du wirſt mich in den Tod ſtoßen, wenn Du dieſe Hand nicht entfernſt, mit wel⸗ cher Du mich— umſonſt!— von Dir zu drängen verſuchſt!“ „Verwegener!“ rief das Mädchen, welches ſich all⸗ mälig wieder ermannte, je mehr Walter ſich der Raſe⸗ rei ſeines Innern hingab,„glaubſt Du mit Gewalt eine Scheidewand entfernen zu können, welche ewig zwiſchen uns ſtehen wird, ewig, ewig, ewig?“ Wie die Stimme des Donners rollten dieſe Worte durch die Seele des Jünglings. Er trat zurück. Ein heftiges Schluchzen ward in dem Gemache gehört, und mit dem Ausruf:„O Gott, was ſoll nun aus mir werden?“ warf ſich Walter auf den Boden. Das Mädchen zündete das verlöſchte Licht wieder an und ſetzte es brennend auf den Tiſch. Dann, mit po⸗ chendem Herzen, beugte ſie ſich zu Walter nieder. „Um Gotteswillen!“ ſagte ſie in flehendem Tone, „ſteh auf! Was habe ich Dir gethan? Was iſt mein Verbrechen geweſen, daß die Kette meiner Leiden noch nicht zu Ende iſt und dieſes neue Gewitter heraufſteigt? Was iſt meine Schuld geweſen, Vater im Himmel, daß Haß und Liebe mir gleichmäßig zum Fluch werden, daß meine Nähe Gefahr bringt, und mein Daſein zum dü⸗ ſtern Verhängniß wird für Alle, die mir nahen?.. Steh auf, um Gotteswillen! ſteh auf““ redete ſie den noch immer bewußtlos am Boden Liegenden aufs Neue an—„ich bitte Dich ſtehe auf— ich beſchwöre Dich, ſteh auf— wenn.... wenn.. wenn Du mich je geliebt, ſteh auf!“ Walter erwachte. Walter erhob ſich und langſam ſtand er auf. „Ja“, ſagte er mit ſchwacher Stimme,„ich habe Dich geliebt, wie ein Menſch nur lieben kann! Mit aller Glut meiner Seele, mit aller Gewalt meiner Lei⸗ denſchaft— mit meinem ganzen Leben habe ich Dich geliebt. So habe ich Dich geliebt, daß meine ganze Vergangenheit zu Nichts wurde vor meiner Liebe zu Dir; daß ich Alles fortwarf, daß ich Alles zerbrach, daß es Nichts mehr für mich gab, als den Gedanken an Dich und die Ferne, in welcher Du wohnteſt... daß ich fortzog aus der Heimath und mein Vaterland verließ — daß ich über's Meer ging, um Dich zu ſuchen— daß ich mich in den Strom dieſer entſetzlichen Stadt warf, damit er mich zu Dir trage, doß ich keine Ruhe hatte in den Nächten und mitten im Regen irrte und in Höhlen der Verworfenheit gerieth, aus Verzweiflung, Dich zu finden— daß ich mein Daſein verwünſchte, und mein Leben verfluchte.. ſo habe ich Dich geliebt!“ Und aufs Neue warf er ſich zu Boden und verbarg ſein verweintes Angeſicht in dem Schooße des ſchaudern⸗ den Mädchens. „Und haſt Du gar nicht an meine Vergangenheit gedacht?“ ſagte das Mädchen, nach * „Ich habe nur an Dein bleiches Geſicht, an Deine dunklen Augen und an Deine ſchwarzen Haare gedacht“, erwiderte ſchluchzend Walter. „Und haſt Du gewußt, wer ich ſei? Haſt Du meinen Namen gekannt? Haſt Du mein Schickſal ge⸗ ahnt? Warſt Du gewiß, mich wieder zu finden, und wenn Du mich gefunden hätteſt, überzeugt, daß ich Deine Liebe erwidern könnte?“ „Ich habe nicht gewußt, wer Du ſeiſt; ich habe Deinen Namen nicht gekannt,— ich habe Dich geſehen, und das war genug, um mich unglücklich zu machen für den Reſt meines Lebens.“ „Und die Schleife— und das Bild“, ſetzte das Mädchen mit hörbarem Widerſtreben hinzu. „Das Bild habe ich von einem Trödler, dem Du es verkauft haſt; und es gab mir die Gewißheit, daß Du Dich im Elend befändeſt und ſpornte mich um ſo heftiger an, Dich zu ſuchen, um Dir ein Troſt zu wer⸗ den in Deinem Unglück. Die Schleife fand ich in dem Haus, welches Du in Marburg bewohnt haſt; in dem Haus, an deſſen Fenſtern ich Dich zuerſt geſehen, an deſſen Fenſtern Du das Lied geſungen, welches mich zu⸗ erſt berückt hat. Kennſt Du das Lied? Es iſt ein ſchauerlicher Geſang, ein entſetzlicher Geſang— ich glaube, daß ihn die Hölle erfunden hat!“ Und mit bittrem Gelächter begann er die erſten Tacte deſſelben zu ſingen.— Aber ein eigenthümlicher Anflug von Röthe und zu⸗ rückkehrender Jugend flog über die abgelebten, abgehärm⸗ ten Wangen des Mädchens; ein neuer Glanz beſeelte ihre matten, kranken Augen, und träumeriſch— als wenn ſie von einer ſeligen Vergangenheit leiſe geküßt würden— bewegten ſich ihre Lippen, indem ſie mit gedämpfter Stimme ſang: Maxwelton Wald iſt wonnig, Und wonnig iſt die Au; Und ſchön iſt Annie Laurie, Des Morgens früh im Thau. Des Morgens früh im Thau, Im erſten Morgenroth— Da ſchwur ich Annie Laurie, Tren' Liebe bis zum Tod... „Das iſt das Lied der Seligkeit, daß Lied des Ver⸗ derbens für Annie Laurie“, ſagte das Mädchen, indem das roſige Lächeln ihrer Wange und der ſchöne Glanz ihrem Auge entſchwebte, langſam, wie er gekommen. „Auch für mich“, ſagte Walter, und ſetzte ſich zu den Füßen des Mädchens nieder, welche das Lied ge⸗ ſungen. Und das Licht verlöſchte zuletzt und der Morgen kam, und Walter Grün ſaß noch immer zu den Füßen Annie Laurie's, ſchweigend, und mit geſenktem Haupte.— 4 Neuntes Kapitel. Annie Laurie ſchreibt an den Jonourable George Meadoms. Am andern Morgen, als Walter Grün nach Sherard⸗ ſtreet und in die Behauſung des Muſikmeiſters zurück⸗ . —— kehrte, da ſtand dieſer in großem Zorne auf dem ober⸗ ſten Flur, drei Stockwerke hoch, und damit beſchäftigt, Stühle die Treppe hinunterzuwerfen. Zorn war eine ungewöhnliche Leidenſchaft im Lebenslauf des Muſik⸗ meiſters. Er hatte in der That gar keine Leidenſchaft mehr; er hatte ſie alle verbraucht. Das einzige Weſen auf der Welt, welches ihn noch zum Zorne reizen konnte, war die Frau des Barbiers. Dieſe Frau ließ nämlich jedesmal, wenn das Haus gewaſchen wurde, alle Stühle hinauf in die Kammer des Muſikmeiſters ſchaf⸗ fen; und das war es, was er nicht vertragen konnte. „Gebt Ihr mir ſonſt nicht mehr, als einen Stuhl“ pflegte er bei dergleichen Gelegenheiten zu ſagen,„ſo will ich auch jetzt nicht mehr haben!“ Dann warf er die Stühle die Treppe hinunter, gab ihnen zum Abſchied einen Tritt mit dem Fuße, und hätte gern— wenn er ſie auf halbem Wege poltern hörte— ſeine Heldenthat ungeſchehen oder ſich unſichtbar gemacht, wenn es ange⸗ gangen wäre. Denn alsdann ließ ſich gewöhnlich die Stimme der Frau vernehmen, welche ſich erkundigte, was das da oben für ein Lärm ſei; und Reue ergriff ihn jedesmal, wenn er dieſe Stimme hörte. Er zog ſich dann in ſeine Kammer zurück, ſchob von Innen einen Riegel vor und legte ſein Ohr an die Thüre, um zu lauſchen, wie das Unwetter verlaufen werde. In dieſer Stellung war es, daß Walter Grün ſei⸗ nen Freund vorfand. Denn dieſer, als er den Tritt des heimkehrenden Jünglings vernahm, glaubte, daß es die Frau ſei, und nahm ſeine gewöhnliche Zuflucht hin⸗ ter Schloß und Riegel ſeiner Kammer. Erſt nach vor⸗ — 177— ſichtiger Prüfung und Capitulation öffnete er dieſe und ließ den jungen Muſikanten herein. Walters Bett, welches ſeit ſeinem Einzuge in des Muſikmeiſters Kammer aufgeſchlagen worden war, ſtand unberührt. Der Muſikmeiſter war viel zu ſehr mit den Folgen ſeiner letzten Heldenthat beſchäftigt, um Waltern nach dem Grund ſeines Ausbleibens zu fragen, als er ſo ſpät am lichten Morgen heimkehrte; auch war er nicht neugierig. Aber Walters Seele war zum Ueberſtrömen voll. Er fühlte, wie einen Zwang, das Bedürfniß ſich mitzutheilen. Er war bis vor einer Stunde bei Annie Laurie ge⸗ blieben. Annie Laurie war zuletzt ſo gut, ſo lieb gegen ihn geworden, ſo mild, wie eine überlegene Freundin. Sie hatte ihn zu tröſten verſucht. Sie hatte ihn dar⸗ über belehrt, daß die Wünſche der Menſchen und ihre ſchönſten Hoffnungen gleich Seifenblaſen ſeien, die einen Augenblick wunderbar in der Sonne glänzen, dann zer⸗ ſpringen und Nichts zurücklaſſen, als ein wenig hin⸗ ſchmelzenden Schaumes. Sie hatte ſo trüb dabei ge⸗ lächelt, als ſie ihm dies geſagt. Sie hatte geſagt, das Glück des Menſchen ſei eine kurze Täuſchung; und es räche ſich lebenslang, wenn man an ſeine Dauer glaube. Sie hatte ihm noch Vieles geſagt, was ihn ſehr traurig gemacht. Von ihrer Vergangenheit jedoch hatte ſie nicht mit ihm geſprochen; und er, aus Furcht, immer mehr von Dem ſchwinden und ſcheiden zu ſehen, was ſo lange ſein Hoffen und Sehnen geweſen, hatte ſie auch nicht danach gefragt. Er wurde immer mehr ſchen, Dinge zu berühren, die ihm heilig waren. Er ſah, wie eins Straßenſängerin I. 12 — 178— nach dem andern zerfiel von ſeinen Heiligthümern, ſobald der ſtarke Hauch des Lebens und der Wirklichkeit da⸗ gegen blies. Er fing an, die Wirklichkeit wie ſeinen Feind zu betrachten und bedachte nicht, daß Alles, was wirklich heilig, wirklich ſchön und geſund iſt, Nichts von ihr zu befürchten habe; daß es nur die Mumien ſind, welche alſo zerfallen. Das bedachte er nicht; aber er ſollte es noch lernen.— Dann hatte ſie ſich zum Aufbruch gerüſtet. Walter hatte dem Mädchen die ungefähre Lage ſeiner Straße beſchrieben, und dieſe hatte darauf geſagt, daß ſie in die⸗ ſelbe Gegend der Stadt gehen müſſe. Sie lebte von dem Erwerb ihrer Nadel; ſie war in einer der großen Putzfabriken von Regent⸗ſtreet beſchäftigt. So waren ſie zuſammen den Strand hinauf gegangen; Walter fand ſich beim Tageslicht leicht zurecht, als er die gewohnten Quartiere wieder erkannte und verabſchiedete ſich von Annie Laurie vor dem Eingang eines jener großen Häu⸗ ſer, nicht weit von den Arkaden des Regent⸗Quadrant, nachdem er die Erlaubniß von ihr erhalten, ſie zu be⸗ ſuchen, ſo oft er wolle.— „Alſo, Du haſt ſie gefunden?“ fragte der Muſik⸗ meiſter bereits zum zweiten Male— denn er war ſehr zerſtreut, wegen der Stühle— nachdem Walter ihm ſein Nachtabenteuer erzählt hatte. „Ja,“ erwiderte Walter—„und nun wünſche ich, ich hätte ſie nicht gefunden. Ich hätte mir dann unge⸗ hindert ein Glück ausmalen dürfen, welches mir jetzt zerſtört iſt, für alle Ewigkeit.“ „Ha, die Jugend, die Jugend!“ ſagte der Muſik⸗ † meiſter, indem er ſich, etwas beruhigter, auf dem einzi⸗ gen Stuhle niederließ, welcher ſeiner Kammer erb⸗ und eigenthümlich angehörte.„Junge Menſchen ſind thörichte Menſchen. Ihre Thorheiten nennen ſie ihr Glück, und ſie halten ſich für unglücklich, ſobald ſie anfangen ver⸗ nünftig zu werden. Sei doch luſtig, Junge! Wer wird ſich um ein Frauenzimmer grämen! Es giebt ſo viele Frauenzimmer auf der Welt; und im Grunde genommen, iſt ein Frauenzimmer ſo viel werth, als das andere. Sie taugen alle Nichts!“ „Franz,“ ſagte Walter ſanft,„Du weißt nicht, wie ich dieſes Weſen geliebt habe— wie ich es noch liebe!“ „Nun, und wenn Du ſie liebſt, was kümmert's Dich, daß ſie vorher einen Andern geliebt hat? Thörichte Menſchen, dieſe jungen Menſchen! Als ob man jemals ein Frauenzimmer fände, welches zum erſtenmale liebt! Stell' Dich an die Mädchenſchule, und wart' bis die Backfiſche herauskommen und nimm Dir eine davon und bilde Dir ein, daß dieſes Halbkind Dich zum erſtenmale liebe... Pah, da Niemand anders in der Penſion war, den ſie lieben konnte, ſo hat ſie den Zeichenmeiſter oder den Singlehrer geliebt. Ein Frauenzimmer, das noch nicht geliebt hat!— Sie haben alle ſchon geliebt. Sie taugen alle Nichts!“ „Aber Annie Laurie iſt dem Schatten Desjenigen treu, was ſie ihre Vergangenheit nennt. Sie hat nicht davon geſprochen; aber ich habe geſehen, daß ſie um die⸗ ſen Schatten trauert und daß die Thränen, die ſie weint, ihm gehören!“— 12* „Schatten! Vergangenheit!“ entgegnete der Muſik⸗ meiſter, welcher jetzt, da ſeine beſſere Laune wieder zu⸗ rückkehrte, die kleine Tabackstaſche von dem Bücherbrett genommen, und anfing, ſich eine Cigarette zu verferti⸗ gen.—„Schatten! Vergangenheit! und Weibertreue!— das ſind drei liebliche Begriffe, und Gott verzeih' dem Thor, der daran glaubt.“ „Ich ſchwöre auf die Treue dieſes Mädchens!“ ſagte Walter mit glühenden Wangen. „Dann freilich haſt Du das Spiel verloren,“ war des Muſikmeiſters nur halb vernehmliche Antwort; denn er war eifrig davon in Anſpruch genommen, die Papier⸗ cigarre mit der Lippe anzufeuchten.„Wenn Du auf die Treue derjenigen ſchwörſt, welche Du— was man ſo nennt: unglücklich— liebſt, ſo hat Deine Liebe keine Zukunft. An einen glücklichen Erfolg zweifeln, heißt die Sache aufgeben. Mach' es umgekehrt, und Du wirſt triumphiren. Loch' ihre Treue aus, anſtatt an ſie zu glauben,— ſei verwegen und ſpotte ſie fort. Weiber⸗ treue!— ha, ha, ha.. die Weiber ſind alle treulos. Sie taugen alle Nichts!“— Zetzt brannte die Cigarre, und— da Alles im Hauſe und auf der Treppe wieder ſtill geworden— ſo hatte der Muſikmeiſter den nöthigen Muth wieder ge⸗ wonnen, um an das Frühſtück zu denken, und ſeinen jungen Freund, dem er ſo vortreffliche Lehren gegeben, einzuladen, an demſelben Theil zu nehmen. Wochen vergingen. Es war tiefer Herbſt geworden. Die Tage waren gelb und traurig. Der Nebel lagerte in den Straßen. Der Himmel war eine einzige dichte Wolkenmaſſe. Die Häuſerdächer glänzten weißlich vom unabläſſigen Regen. Alles war feucht und unbehaglich und nirgends ein Antrieb zur Freude. Die Wagen rumpelten durcheinander, die Pferde dampften, die Kut⸗ ſcher waren bis über die Ohren in Kautſchuk gewickelt. Die Omnibuſſe ſchleppten ihre ſchweren Laſten durch den weichgewordenen Straßendreck, triefende Paſſagiere huſchten hinein, huſchten heraus, und wenn die Gas⸗ laternen am frühen Abend in den dumpfen, dichten, nie⸗ drigen Dunſtkreis ihre langen, regenbogenfarbige Strah⸗ len warfen und ſich auf überrieſelten Steinen und ſchwarzen ſpiegelblanken Kutſchendächern brachen, ſo war das ein Anblick, fremd, bunt und blendend, und eine Scene, deren Lärm, Licht und Leben traurig mit dem greifbaren Nebel und der mauerdicken Atmoſphäre con⸗ traſtirte, die Alles umfangen und umſpannt hielten.— An einem ſolchen Abend, ehe ihn ſeine Pflicht auf die Muſiktribüne des Café chantant rief, machte ſich Walter wieder einmal auf den Weg nach Star⸗Chamber⸗ Alley, wo Annie wohnte. In ſeinem Verhältniß zu dem Mädchen hatte ſich in den Wochen, die ſeit ihrem erſten Begegnen verfloſſen, wenig geändert. Ihre Worte, ihr Benehmen war immer herzlich und gut ge⸗ blieben; es war ein Troſt für ihn, in ihrer Nähe zu ſein und mit ihr zu ſprechen, und doch eine Qual, zu ſehen und zu empfinden, daß ſie ſeine Liebe nicht er⸗ widre. Seine Liebe zu ihr hatte ihr anfängliches Un⸗ geſtüm, ihre gewaltige Leidenſchaft verloren. Der Kum⸗ mer des Mädchens und die Trauer, welche gleichmäßig 55 über ihr ganzes Weſen ausgebreitet waren, flößten ihm Ehrfurcht ein. Seine Liebe zu ihr war in einen ſtillen, unaufhörlich nagenden Schmerz übergegangen. Warum hatte er ſich das nicht vorhergeſagt? Er hatte ſie ja ſchon in Marburg an der Seite eines An⸗ dern erblickt, und in Wahrheit war ihr Bild doch immer mit jener Geſtalt verbunden, die nun auf räthſelhafte Art verſchwunden war, und deren Namen er nie von ihr hatte nennen hören. Aber damals, in Marburg, hatte er ſich ja noch keine Rechenſchaft über die Be⸗ ſchaffenheit jenes Gefühls gegeben, das ihn an Annie Laurie feſſelte. Hätte er es gethan! Wie vielen Kummer hätte er ſich erſpart! Hätte er darüber nachgedacht, welches der Grund ſei, daß ihn jenes Lied ſo tief er⸗ griffen, daß der Anblick des Mädchens ihn ſo wunderbar bethört— und welches das Ziel ſeiner Sehnſucht ge⸗ weſen, es würde vielleicht Alles ganz anders gekommen ſein, und dieſer Roman hätte ungeſchrieben bleiben können. Aber Walters Natur war eine fühlende, keine denkende. Seine Empfindung riß ihn hin. Er ſcheute ſich vor der wahren Geſtalt der Dinge, und machte ſich dieſelben erſt klar, wenn ſie bereits geſchehen waren. Er war keine handelnde Natur. Er ließ ſich treiben von der ungeprüften Stimme ſeines Innern, von dem Drang einer plötzlich erwachten Leidenſchaft, von ſeinen Träumen, von der Fluth, von dem Winde. Es hätte einer ruhigen, leidenſchaftslos waltenden Hand bedurft, um Ordnung in ſein Leben zu bringen. Den Weg zu Annie Laurie, den er an dieſem Abend machte, hatte er ſchon an vielen Abenden vorher gemacht. — In der letztern Zeit mehrfach vergebens. Mehrmals hatte er an die halbmorſche Thür des verfallenen Hauſes in Star⸗Chamber⸗Alley geklopft, und von den Leuten, welche außer Annie Laurie in demſelben wohnten, die Nachricht erhalten, daß ſie ausgegangen ſei. Wohin? konnten ſie ihm nicht ſagen. Wohin konnte Annie Laurie gegangen ſein? Sie hatte keine Freunde in der Stadt, ſo viel Walter wußte. Es war Niemand da, ſo viel er ſich auch beſann, den ſie hätte beſuchen können, wenn das Tagwerk gethan und ſie zurückgekehrt war aus dem großen Gebäude in Regent⸗ſtreet, in welchem ſie arbeitete. Walter hatte viel darüber nachgedacht; zuerſt ruhig, hernach— je öfter ſich ihre Abweſenheit wiederholte, immer unruhiger und aufgeregter. Welches Recht hatte er, aufgeregt zu ſein über das, was Annie Laurie that? Er hatte kein Recht an Annie Laurie. Aber er liebte ſie ja noch immer— und ach! die Liebe frägt nach keinem Recht. Sie hatte ihm kein Recht einge⸗ räumt, weder zur Liebe noch zur Eiferſucht— aber er, armer Junge, konnte der einen nicht wehren, da er die andere empfand. Es giebt keine Liebe ohne Eiferſucht. Selbſtſüchtige Menſchen machen eine Tugend daraus, frei zu ſein von Eiferſucht. Selbſtſüchtige Menſchen aber kennen auch die Liebe nicht. Sie mögen die Leidenſchaft kennen; aber ſie kennen die Liebe nicht, dieſes vollſtändige Hinopfern der eignen Perſönlichkeit, dieſes gänzliche Hinſchmelzen, von Allem, was„Selbſt“ heißt, dieſes unbedingte Sich⸗ Hingeben an ein fremdes, geliebtes Weſen, welches tau⸗ ſend Mittel beſitzt, uns zu kränken und zum Tode zu — 184— verwunden durch„Kleinigkeiten.“ Die Seele, welche liebt, befindet ſich gleichſam in einem Zuſtande der Krankheit, in welchem ihre Empfindlichkeit geſteigert, ihr Gefühl unendlich verfeinert iſt. Geneſung iſt nur zu hoffen durch Vereinigung oder durch jenes andere, viel⸗ leicht noch probatere Mittel, welches von den Medici⸗ nern in manchen Krankheitsfällen angeordnet wird: daß man den Nerv tödte und dieſes ſchlagende, jagende Herz, dieſen rebelliſchen Sitz der Affection gewalt⸗ ſam zum Schweigen bringe. Selbſtfüchtige Menſchen ſind zu dieſer Krankheitsform des Herzens weniger disponirt, und glücklicherweiſe für den Frieden der Menſchheit giebt es mehr Selbſtſucht als Liebe auf die⸗ ſer Welt.— An dem geſchilderten Abend, als Walter eben die Treppen hinaufſtieg, welche hinter Holhwell⸗ſtreet nach Star⸗Chamber Alleyh emporführen, ſah er beim Schein der Laterne, wie die Thür in dem bewußten Haus ſich öffnete, und eine weibliche Geſtalt heraustrat, mit ſchwar⸗ zem Schleier und ſchwarzem Mantel. Er hegte keinen Zweifel, daß es Annie ſei. Ihre Erſcheinung war die⸗ ſelbe, wie er ſie an jenem erſten Abend unter den ſchwarzen Bögen von Adelphi geſehen hatte. Er be⸗ ſchloß ihr zu folgen. Sie ging denſelben Weg, den ſie damals gegangen war. Durch Holh⸗well⸗ſtreet, an der Kirche von St. Marh⸗le⸗Strand vorbei, bis zu Jvyh⸗bridge⸗lane, jenem dunklen und engen Gäßchen, welches halb zwiſchen und halb unter Häuſern hin zu den ſchwarzen Bögen von Adelphi und zum Waſſer führt. Es war das Gäſchen, welches Walter damals gegangen war, als er das Lied hörte, ſich verirrte und Annie fand. Annie wandte ſich nicht rechts, in die Bögen, ſon⸗ dern trat links in das kleine Bierhaus ein, welches da⸗ ſelbſt am Waſſer liegt. Walter blieb ſtehen, rathlos, ob er ihr folgen oder umkehren ſolle. Ueber ein Kurzes, ſo erhellte ſich die Stube, welche dem Waſſer abgewendet und ſonſt immer dunkel geweſen war. Walter konnte Alles ſehen, was darin vorging; er nahte ſich dem Fen⸗ ſter auf einige Schritte, und blickte hinein.— Außer Annie Laurie war ein Mann in der Stube, welcher ihm den Rücken zukehrte. Er hatte von dem Geſicht des Mannes nichts geſehen. Die Geſtalt deſſel⸗ ben war hoch und mußte einſt ſtattlich geweſen ſein; aber ſie war nun gebeugt, vom Alter wahrſcheinlich, denn der Kopf des Mannes war mit ſilberweißem Haar bedeckt. Walter ſtand nicht nah genug, um zu hören, was ſie ſprachen. Er ſah nur, wie der alte Mann das Mädchen feſt an ſeine Bruſt drückte, nachdem es einge⸗ treten, und wie der Kopf des Mädchens lang an der Bruſt des alten Mannes ruhte. Dann deutete der alte Mann auf eine Thüre, welche an der beſchatteten Hinter⸗ wand des kleinen, höchſt ärmlichen Zimmers zu ſehen war. Das Mädchen, deſſen Geſicht dem Fenſter halb zugewandt war, nickte mit dem Kopfe. Dann nahte ſich der alte Mann der Thüre und pochte daran. Eine mo⸗ mentane Röthe färbte das Geſicht des Mädchens; ihre Züge nahmen den plötzlichen Ausdruck einer freudigen Erwartung an. Die Thüre ward von Innen geöffnet. Eine alte Frau trat heraus, welche vor ſich auf den Ar⸗ — 186— men Etwas trug, deſſen Formen in der, den Hintergrund beherrſchenden Dämmerung ſchwer zu unterſcheiden wa⸗ ren. Aber Annie flog der Eintretenden entgegen und mit einem Schrei, den Walter draußen vernahm, ſchlang ſie ihre Arme um Dasjenige, was die Alte hereinge⸗ bracht und trug es in den lichten Vordergrund, und ſetzte ſich mit ihm auf ein kleines Schemelchen, und beugte ſich über es und küßte es und weinte und lachte, als ſich zwei kleine, kleine Händchen ihr entgegenſtreckten und zwei kleine, kleine Aeuglein ſich öffneten, um ſie anzuſchauen.— Der Schrei, welchen Walter draußen vernommen, war, als ob er ihm hätte das Herz zerreißen ſollen. Dieſer Schrei machte den Hoffnungen, welche er auf Annie Laurie geſetzt, für Immer ein Ende. Es war der Schrei jener Liebe, welche die heiligſte iſt auf Erden. Es war der Schrei der Mutter, die ihr Kind wiederſieht. Annie Laurie war Mutter, und das Kind, über wel⸗ ches ſie gebeugt, weinend und lachend zugleich, dort auf dem Schemelchen in der ärmlichen Stube ſaß, war ihr Kind. Kein Gedanke des Zornes oder des Zweifels wan⸗ delte Walter'n an, als er draußen ſtand, vor dem Fen⸗ ſter des Bierhauſes am Waſſer, dicht bei den ſchwarzen Bögen von Adelphi, und ſie— die er mit einer Art von heiliger Schwärmerei geliebt hatte— mit einem Kinde auf dem Schvoße ſah, welches ſie nur aufzuſuchen wagte im Dunkel und im Schweigen der Nacht. Jetzt ward ihm klar, wie es gekommen, daß er ſie in jener Nacht hier unter den ſchwarzen Bögen gefunden. Zetzt 18 ward ihm Alles klar; ihre Trauer, ihr Schweigen, ihr ſchmerzliches Lächeln, wenn er von ſeiner Liebe und jenem Zuge ſprach, der ihn getrieben hatte, ſie zu ſuchen. Aber er grollte ihr nicht. Sie nahm jetzt eine heiligere Form der Erſcheinung an für ihn. Er ſah ſie fortan nur, wie er ſie in dieſem Augenblicke ſah: eine Mutter mit ihrem Kinde auf dem Schooße. So ſtand ſie fortan vor ihm— lächelnd, weinend, ein Bild der Liebe, welche ſich reinigt, indem ſie duldet. Er fühlte, daß er an dieſes Weib keinen Anſpruch mehr habe. Sie trat ihm fern, immer ferner; und indem ſich ſein Auge mit Thränen füllte, entſchwebte ſie ihm, wie jene Raphaeliſche Jungfrau, die auf Wolken gen Himmel ſteigt. Er ging.— Wir aber, die mit andern Augen ſehen, bleiben. Vielleicht wäre es auch uns lieber, den Blick ſenken zu dürfen, nachdem er eine Mutter geſchaut, welche, ausgeſtoßen von der Welt, einſam und elend in dieſer Wüſtenei des Lebens, verſtohlen durch die Nacht irrt und heimlich ihr Kind aufſucht, um über dem ge⸗ liebten kleinen, kleinen Ding zu lächeln und zu weinen. — Aber der Romanſchriftſteller hat einen Beruf, wel⸗ cher nicht unähnlich iſt demjenigen des Arztes. Sie Beide müſſen am Kranken⸗ und Leidenslager derjenigen ausharren, welche ihrer Sorge anvertraut ſind, bis Ge⸗ neſung erfolgt oder Tod, in was immer für ſchrecklichen Formen, Erlöſung bringt. Es iſt möglich, daß die Praxis und öftere Wiederholung Beide an die Anblicke von hoffnungsloſen Leiden gewöhnt. Aber wir haben dennoch von Aerzten gehört, welche jedesmal weinten, wenn einer von ihren Patienten ſtarb.— 188— Walter war nicht lange gegangen, unbemerkt von denen, welche er beobachtet, als ſich die Thüre vom Flur her öffnete, und in das Zimmer, in welchem ſich Annie mit ihrem Kinde, der alte Mann und die alte Frau befanden, ein neuer Gaſt trat, der den Hut ſchief im Nacken ſitzen hatte, und die Daumen ſeiner beiden Hände unter dem ausgeſpreizten Rock in den Weſtenärmeln trug. Wäre Walter geblieben, ſo würde er dieſen Dandy er⸗ kannt haben, welcher ein langes, gelbliches Geſicht, eine ſtarke, gebogene Naſe und einen ſpitzen Bart hatte. Es war der Obergehülfe des ehrenwerthen Captain Iſrael Moſſ von Petthevat⸗lane, den wir einige Monate früher auf der Bank im Hauſe des Letzteren liegen ſahen, nach⸗ dem er ein mit Diamanten geſchmücktes Medaillon von einem Mädchen„was iſt verlaſſen von ſeinen Geliebten,“ in dem kleinen Bierhauſe am Waſſer„für zehn Schil⸗ ling ſechs“ gekauft hatte. Nun, das Mädchen war keine andre, als Annie Laurie und das Bierhaus am Waſſer, dasjenige, in welchem wir ſie jetzt wiederſehen Der Gentleman von Pettycvat⸗lane, weniger zartfühlend in dieſem Punkte, als ſein Herr, hatte mehrfach ſeit jenem erſten Handel ſeine Aufwartung in dem kleinen Bier⸗ hanſe erneuert; er war in der That ſo oft darin er⸗ ſchienen, als ihm dieß ſeine anderweitigen Funktionen geſtatteten, die— wie wir wiſſen— darin beſtanden, als Seemann gekleidet, die Provinzen mit altmodigen Stoffen für Dienſtmädchen und Köchinnen zu durchwan⸗ dern. Hier war er immer als Civiliſt erſchienen, und nicht als Seemann, hatte jedesmal gute Geſchäfte ge⸗ macht und nach und nach dem armen Mädchen alle Werthſachen, die es noch aus einer frühern und glück⸗ lichern Zeit beſaß, abgekauft. Jetzt hatte ſie nichts mehr, als einen Ring, den ſie am Finger trug— einen Ring mit einer Kapſel, die ſich öffnen ließ, und einer kleinen Platte mit Inſchrift darin. Auf dieſen Ring hatte der Gentleman von Pettycvat⸗lane ſein Auge ge⸗ worfen und des Ringes wegen war er auch an dieſem Abend in dem kleinen Bierhaus am Waſſer erſchienen. Aber von dieſem Ring konnte ſich Annie Laurie nicht trennen. Es war das einzige, das letzte Andenken wel⸗ ches ſie von ihrer Mutter beſaß. Dieſen Ring hatte ſie getragen, treulich in allem Weh und aller Freude, an welchen ihr kurzes Leben ſchon ſo reich geweſen, und ſich von dieſem Ring zu trennen war für ſie ein unerträg⸗ licher Gedanke— etwa ſo, als ob ſie hätte ſich von ihrem Kinde trennen ſollen. Sie hatte Alles fortgegeben, was ſie ehedem beſaß—— alle Kleider und Shawls, alle Ketten, Uhren, Bracelets und Ringe.... aber dieſen Ring fortgeben: das konnte ſie nicht! Vergebens ſteigerte darum der Gentleman mit dem Hut im Nacken(den er nicht abſetzte, trotzdem er vor Annie ſtand) ſein Gebot von einer halben zu einer ganzen Krone, und trotzdem er mehr als einmal ſchwur, daß der Ring nicht mehr werth ſei, als ſieben Schilling ſechs, wollte er ihr zuletzt doch zehn Schilling dafür geben. Umſonſt— das Mädchen ſagte:„ich kann den Ring nicht verkaufen, und wenn Ihr mir auch eine Million dafür ae worauf der Gentleman ſagte: „Verkauft ihn nicht! Was iſt gelegen daran mir?“ hinausging zu der Barre, einen Becher mit Stont leerte, — 190 den er daſelbſt noch ſtehen hatte, und dann, nachdem er noch einmal mit ſeinem Hut in die Stube geguckt hatte um zu fragen, ob ſie ihm den Ring geben wolle für zehn Schilling, das Haus verließ und ſich pfeifend auf den Treppen verlor, die zum Strand hinaufführen. „Armes Mädchen,“ ſagte der alte Mann, indem er ſeine Hand auf die Schulter Annie Laurie's legte, welche ihr Haupt langſam auf das in ihrem Schooß entſchlum⸗ merte Kind niederſenkte.„Nun haſt Du Nichts mehr zu verkaufen!“ „Ich habe Nichts mehr,“ entgegnete Annie Laurie dumpf.„Nichts mehr, als dieſe Hände, welche wund ſind von Arbeit, und dieſes Herz, welches nicht mehr weiter ſchlagen würde, wäre es nicht um dieſes Kind, über das ſich Gott im Himmel erbarmen möge!“ „Armes Mädchen,“ ſagte der alte Mann, und ſetzte ſich auf einen hölzernen Seſſel, dem Mädchen gegenüber. Und nun iſt es Zeit, daß wir auch in dem alten Manne eine Bekanntſchaft aus beſſern Tagen erneuern. Als wir ihn zuletzt ſahen, da war er noch kein Greis, wie er jetzt iſt. Da trug er noch die Livree mit dem Löwenkopf und dem Haſelzweig, und eine rothe Kniehoſe dazu und Schuhe mit Schnallen. Alter Bill— guter treuer Freund des Hazlewood⸗Houſe, wie iſt Alles ſo ganz anders geworden ſeit jener Nacht, wo Du Deinen jungen Herrn im Mondenſcheine erwarteteſt! O, wol hatteſt Du Recht, als Du auf die Stufen des Palaſtes trateſt, und Deine Arme ausbreiteteſt, um das Haus zu ſchützen vor dem Eintritt der Bettlerin, mit welcher für — 191— Euch Alle das Elend eingezogen iſt! Und doch— wie lieb iſt Dir jetzt dieſe Bettlerin geworden, und wie innig hat das gemeinſame Unglück Dich mit Derjenigen verbunden, welche Du verabſcheut haſt, als noch die Sonne von Belgravia über Euch ſchien! „So geht denn Alles zu Ende,“ begann Annie Laurie dumpf nach einer Pauſe, in welcher ſich die alte Frau— Bill's Schweſter aus dem waliſiſchen Heimath⸗ dorf— entfernt hatte, und beide mit dem Kinde allein waren.„Ich ſehe die Zeit kommen, wo der Erwerb meiner Hände nicht mehr ausreicht, um mein Kind und mich zu unterhalten— und dann... o Bill, was ſoll dann werden?“ „Denkſt Du denn gar nicht mehr an ihn— und daß er kommen wird, ja, daß er kommen muß, um Dich aus Deinem Elend zu befreien?“ ſagte der alte Bill ſchüchtern, als fürchte er ſich, eine kranke Stelle zu be⸗ rühren. Aber wild und furiös fuhr Annie Laurie auf. „Sprich nicht mehr von ihm,“ rief ſie.„Mit ihm iſt meine Rechnung geſchloſſen. Ich will Nichts von ihm mehr hören!“ „Aber haſt Du denn nicht zuweilen den Gedanken,“ fuhr der alte Bill fort, ſchüchtern und zaghaft wie er begonnen,„daß er dennoch unſchuldig ſein könne? Daß er vielleicht in einer Täuſchung befangen ſei, angezettelt von jenen Beiden, die ihn vernichten wollen und Dich dazu, armes Mädchen?“ „Eine Täuſchung iſt nicht möglich,“ rief Annie Laurie, mit flammendem Geſichte.„Liebe läßt ſich nicht täuſchen. Treue läßt ſich nicht täuſchen. Liebe hat ein ſcharfes Auge und Treue glaubt!“ „Und doch kann ich es nicht glauben,“ ſagte der alte Bill,„daß er treulos geworden. Ich habe ihn zu lieb gehabt. Er war zu gut, ſein Lebelang. Nein, George Meadows iſt nicht trenlos geworden,“ ſchloß der alte Diener, indem er aufſtand, bei dem feierlichen Ausruf. Die Treue und der Glauben des alten Dienſtmanns waren niemals erſchüttert worden und hatten zu keiner Stunde gewankt. Als ſie plötzlich vom Continent zurück⸗ berufen und der Familie das unerwünſchte Geheimniß George Meadows verrathen worden, da war er auf der Seite ſeines jungen Herrn feſt geblieben, wie er es für ſeine Pflicht hielt, und ohne Anklage, und ohne Vor⸗ wurf gegen denſelben hatte er das Haus und den Dienſt derjenigen verlaſſen, an welche ihn die lange Gewohn⸗ heit ſeines Lebens und die Ueberlieferung ſeiner beſchei⸗ denen Familie gekettet hatten. George Meadows ward an das Sterbebette ſeines mütterlichen Oheims, des Earl of Erkisdale, nach Schottland gerufen. Bill zwei⸗ felte nicht daran, daß er des um ſeinetwillen Verſtoße⸗ nen gedenken werde, wenn er heimkehre. Aber er blieb aus und das Gerücht verbreitete ſich, daß der Honou⸗ rable George Meadows, Sohn und Erbe der Hazlewvods von Trevhnyr ſich vermählen werde mit der hinterblie⸗ benen Tochter des Earl of Erkisdale. Bill glaubte dem Gerücht nicht und war entſchloſſen, wenn er denn nicht mehr in dem Hauſe der Hazlewoods leben ſolle, vor dem⸗ ſelben in der kleinen Hütte zu leben, in welcher er ge⸗ — 193— boren worden, und dereinſt mit dem Anblick von Haſel⸗ zweig und Löwenkopf auf dem Steinwappen des Portals von Trevynyr⸗Hall zu ſterben. Aber auch dieſes letzte Glück ward ihm verwehrt. Er bekam— wie er feſt glaubte auf Betreiben von Lady Jane— die Weiſung, die Hütte zu verlaſſen, welche zu den Hazlewood'ſchen Beſitzungen gehörte. Er habe den Lord zu tief ge⸗ kränkt durch jenes ſündhafte Einverſtändniß mit ſeinem Sohne, hieß es; der Lord könne ſeinen Anblick nicht länger ertragen. Da begab ſich Bill in Begleitung ſei⸗ ner alten Schweſter, der einzigen Blutsverwandten, die ihm noch lebte, nach London und miethete mit der klei⸗ nen Summe ſeiner Erſparniſſe jenes Bierhans am Waſſer, aus deſſen kümmerlichen Ertrag er ſich und ſeine Schweſter ernährte und auf deſſen Schild er als Zeichen das Wappen der Familie, die ihn verſtoßen hatte, malen ließ mit der Umſchrift:„The Hazlewood of Trevynyr Arms.“ Hier in London fand er Annie wieder, in einer prächtigen Wohnung in der Gegend von Piccadilly, welche George ihr bis zu ſeiner Rückkunft von Schottland gemiethet. Aber George blieb aus, und das Ereigniß trat ein, welches dem Kinde auf Annies Schooße das Daſein gegeben, und die prächtige Woh⸗ nung mußte verlaſſen werden, und die ärmliche in Star⸗ Chamber⸗Alley ward bezogen. Und Niemand wußte von ihr und wie ſie arbeitete, um ihr erbärmliches Leben zu friſten, als Bill allein, welcher das Kind Annie's zu ſich genommen. Und Bill allein glaubte noch an die Unſchuld ſeines Herrn, welcher ſie beide ins Elend ge⸗ ſtürzt; und die Treue des Dieners vertheidigte ihn noch Straßenſängerin II. 13 — 194— ſtandhaft, als die Leidenſchaft der Liebe ihn ſchon lange aufgegeben. „Du ſollſt ſehen, Annie,“ ſagte der treue Dienſt⸗ mann der Hazlewvods von Trevhnyr,„Du ſollſt ſehen, es kommt Alles noch ganz anders, als es jetzt den An⸗ ſchein hat. Gedenke an das Ende!— das war das Wort meiner guten, gnädigen, lange verſtorbenen Lady Hazlewood; und gedenke an das Ende ſoll auch mein Wort ſein, Annie! Ich ſehe wol, daß Alles gegen meinen jungen Lord zeugt; aber ich ſage Dir, Annie, er iſt unſchuldig. Unſchuldig— und wenn eine Schuld in dieſer Sache iſt, beim heiligen David von Wales! ſo trifft ſie die Häupter jener Beiden, jenes böſen, ſtolzen Weibes, welches die Schweſter meines jungen Lord iſt, und jenes abenteuernden Soldaten, welcher um ihren Reichthum buhlt. Aber mein Lord iſt unſchuldig, ſo wahr jenes Kind, welchen ſein Kind iſt, auf Deinem Schooße liegt!“— „Wohlan denn,“ erwiederte Annie Laarie mit raſchem Entſchluß,„ſo will ich denn heute thun, was Du ſchon lange von mir verlangt haſt, und was ich ſtets bisher verworfen habe, als Einer unwürdig, die geliebt wor⸗ den und ſich verlaſſen wähnt. Gut; ich will es thun. Ich will es thun— nicht um meinetwillen. Mein Urtheil iſt geſprochen. Aber ich will es thun um. um dieſes Kindes willen,“ fügte ſie mit Zittern hinzu, „welches ſein Kind iſt. Ich will mich zu dem Letzten entſchließen, was ich thun kann, um den Beweis ſeiner Unſchuld zu erlangen, wenn er ſchuldlos iſt, und ihn zur Erfüllung ſeiner Pflicht zurückrufen, wenn er im „ . — 195— Begriff war, ſie zu vergeſſen. Ich will an ihn ſchrei⸗ ben. Bill, gieb mir Feder und Papier!“ Und Bill, mit Freudenthränen in den Augen, daß ſie den Rath befolgen wolle, welchen er ihr ſchon ſeit Monaten gegeben, und welcher, nach ſeiner Meinung, allem Elend mit einemmal ein Ende machen mußte, brachte ihr Feder und Papier und über dem ſchlafenden Kinde in ihrem Schooße ſchrieb Annie Laurie einen Brief an den„Honourable Grorge Meadows von Hable- wood auf Trevynyr.“ Zehntes Capitel. Zarques Patürot bringt die Antwort. Es dämmerte. Annie Laurie ſaß in ihrer kümmer⸗ lichen Stube auf dem hölzernen Schemel. Sie hatte den Kopf in beide Hände geſtützt. Ihr ſchwarzes Haar quoll auf beiden Seiten hervor und umgab ſie wie ein Schleier. Es war an einem Sonnabend Nachmittag, tief im Herbſte. Annie Laurie war betrübt und müde und elend zum Sterben. Sie hatte die ganze Woche gear⸗ beitet; ſie hatte ſich keine Erholung gegönnt von Früh bis Spät. Ihr brannten die Augen von allen Thränen, die heimlich gefloſſen; der Kopf ſchmerzte ſie von der Anſtrengung der Arbeit, die nicht im Stande war, ihr das Nothdürftige zu liefern, und von dem immer — 196— wiederkehrenden Gedanken, was denn nun endlich wer⸗ den ſolle? O, ihr Loos war bejammernswerth! Bejammerns⸗ werther jetzt, als es je geweſen. Sie hatte den Kampf mit einem Feinde begonnen, welcher der furchtbarſte iſt in dieſer gewaltigen Hauptſtadt, welcher unerbittlich iſt und kein Erbarmen kennt, bis er ſeine hülfloſen Opfer zertreten— mit dem Hunger, mit der Noth! Er führt ſie, die kranken, bleichen Geſchöpfe, in die Werkſtätten von London und heißt ſie arbeiten. Sie arbeiten, unter dem betäubenden Sauſen der Maſchine, oder gebückt auf das mühſamere Werk des Nähtiſches und des Strick⸗ rahmens— der Feind drängt und ſie arbeiten, ohne genügende Nahrung, ohne hinreichende Rühe aber die Arbeit will gethan ſein, und ſie thun ſie, bis ſie eines Tages todt neben ihr hinſinken Und wenn ſie ſo hingeſunken wäre, was hätte das ihr ausgemacht? Für ſie wäre der Tod eine Erlöſung geweſen, an welche ſie ſchon oftmals gedacht in ihrem kurzen, aber ſchmerzensreichen Daſein. Was ſie jetzt aber auf's Neue und feſter als je, an's Leben feſſelte, das war ihr Kind, welches ihr als die traurige Erinne⸗ rung des kurzen ſchönen Traumes ihrer Liebe und ihres Glückes geblieben, und welches, indem es heranwuchs, ihr eignes Elend durch das ſeine vermehren mußte, und wenn ſie nicht mehr wäre, Niemanden mehr haben würde auf dieſer weiten Welt, die ſo entſetzlich iſt für alle Armen, Betrübten und Verlaſſenen.— Arme Träumerin! welch' eine Reihe von Bildern, welch' eine wechſelvolle Kette von Schickſalen und Ereig⸗ . niſſen zog an ihrem Auge vorüber, indem ſie ſo daſaß, in der Dämmerung des Herbſtabends und auf dem höl⸗ zernen Schemelchen in dem kümmerlichen, kalten Ge⸗ mach von Star⸗Chamber⸗Alleh! Wo war die alte Frau geblieben, die ſchwarze Sarah,— die Mutter ihrer Mutter, die Quälerin und Vergifterin ihrer eigenen frühen Tage? Ein Schauer durchrieſelte ſie, wenn ſie an dieſe alte Frau dachte. Wenn ſie ſich der Höhlen erinnerte, in welche ſie durch dieſelbe gezerrt wurde, wennn ſie ſich die Flüche zurückrief, welche ſie ausge⸗ ſtoßen und ſich die geballten Fäuſte und zornfunkelnden Augen vorſtellte, mit welcher ſie zu ſchwören pflegte, daß ſie Rache nehmen wolle an dem erſten Zerſtörer ihres häuslichen Friedens und an dem Urheber alles Unglücks, welches ihre Familie betroffen. Und doch— bei allem Schauder, den ihr dieſe Erinnerungen verur⸗ ſachten: jetzt zuerſt begriff ſie den raſenden Schmerz, den die alte Frau gefühlt und jenen Wahnſinn der Ohnmacht und Empörung, welcher ſie zu einer Furie gemacht. Jetzt verſtand ſie Etwas von dem unheimli⸗ chen Gefühl der Rache, welches der Reſt iſt in zertrete⸗ nen Menſchenſeelen, die urſprünglich edel waren; und jetzt zuweilen empfand ſie eine kurze Sehnſucht nach jener wilden Frauennatur, deren Mutterliebe auf ſo ſchreckliche Weiſe in den furchtbarſten Haß verwandelt worden. Und unter dem unbewußten Einfluß dieſer Sehnſucht hatte ſie oft, auf ihren Heimwegen von dem Bierhaus des alten Bill und nach dem ſtundenlangen Anblick ihres armen, armen Kindes, die Richtung nach den ſchwarzen Bögen von Adelphi eingeſchlagen, mit der 8 dunklen Erinnerung, daß ſie hier ehedem mit der alten Frau oftmals übernachtet. Aber keine Spur von ihr war zu entdecken, weder hier noch ſonſt wo; ſie hatte Nichts von derſelben weder geſehen noch gehört ſeit je⸗ ner Nacht, wo George Meadows ſie fand, zwiſchen Mondenlicht und Morgengrauen, an der Ecke vom Lower John Street, unter den Säulen. George Meadows— wilder pochten ihre Pulſe, dunkler flammte das von Thränen halb erloſchene Feuer ihrer Augen, wenn ſie an George Meadows gedachte. Wann hätte ſie ſeiner nicht gedacht? Jeder Stein in London erinnerte ſie an ihn. Das hülfloſe Wimmern ihres Kindes erinnerte ſie an ihn. Jeder Tag, jede Stunde, wo ſie liebte und entbehrte, erinnerte ſie an ihn. Sie hatte keine Thränen, wenn ſie an ihn dachte; ihr Ange ward plötzlich trocken, wenn ſein Bild vor demſelben erſchien. Warum hatte er ſie aus der dumpfen Nacht und dem ſelbſtvergeſſenen Schlaf ihres Elends geweckt? Warum hatte er ihr die vorüberſchwebenden Bilder eines Glückes gezeigt, welches nun zum doppelten Fluch für ſie ge⸗ worden? Warum hatte er ſie aus dem tiefen Abgrunde befreit, um ſie, nach kurzer Zeit, in einen viel tieferen hinabzuſtoßen? Warum hatte er ſie geliebt und verlaſſen; warum ihr Treue geſchworen, und nicht gehalten? Das war der Gedanke, der ſie am tiefſten kränkte und für Immer beſchäftigte. Dann vergaß ſie der wichtigſten Dinge, die ſie umgaben; ihres Kindes, das Niemanden auf der Welt hatte, als ſie, ihres hoffnungsloſen Zu⸗ ſtandes, ihrer Noth; und mit dem Zorne einer ſtolzen Seele, welche betrogen worden, dachte ſie an die Liebe, die er verrathen, und an die Treue, welche er gebrochen hatte! Sie rief ſich noch einmal zurück, wie ſie damals, nach dem ſchönen und kurzen Traum in dem fernen Deutſchland, an dieſer Küſte wieder gelandet war, an einem düſteren und kalten Frühlingsmorgen, welcher die kurze Täuſchung der Vergangenheit mit einemmale zu zerſtören ſchien. Wie plötzlich ein ſchreckliches Vorgefühl ſie überkommen habe, als ſei nun Alles zu Ende; und wie ſie ſchreiend zu ſeinen Füßen niedergeſtürzt, und unter heißen Thränen, die ſeine Hand benetzten, gefleht habe, er möge ſie und noch ein Weſen nicht verlaſſen, deſſen Ankunft ſie täglich erwarte. Wie er ſie dann auf⸗ gehoben und an ſeine Bruſt geſchloſſen und ihr auf's Neue geſchworen habe, ſie wären ſein eigen für Immer und Cwig, ihr Schickſal ſei an das ſeine gebunden und er wolle zurückkehren, ſobald die Familienangelegenheit, die ihn ſo unerwartet heimgerufen, beendet ſei. Dann ging er und kam nicht wieder. Es nahte ſich nun ſchon der achte Mond, ſeitdem ſie Nichts mehr von ihm ver⸗ nommen. Aber der alte Bill, der einzige Vertraute ihres vormaligen Glückes, ward vertrieben aus dem Hauſe, deſſen künftiger Herr George Meadows war, und aus der Hütte, in welcher eine lange Reihe ſeiner Urväter redlich und unbeſcholten gelebt. Und Bill, der Alte, brachte die Nachricht mit, daß George noch immer nicht zurückgekehrt ſei von den Beſitzungen ſeiner mütter⸗ lichen Anverwandten in Schottland; und daß das Ge⸗ rücht verbreitet ſei, er werde ſich mit der jungen Gräfin — 200— von Erkisdale vermählen. Warum hatte er dem armen Mädchen dieſen Namen genannt und dieſe Geſchichte er⸗ zählt? Der alte Bill ſchüttelte zwar ſeinen grauen Kopf mit traurigem Lächeln. Er glaubte es nicht; er kenne ſeinen jungen Herrn beſſer als Alle, ſagte er. Aber Annie Laurie glaubte es. Was glaubt ein Mädchen nicht, welches geliebt hat, wie Annie Laurie, und geliebt war wie Annie Laurie? Sie glaubte mehr noch, als das Gerücht ihr hinterbracht; ſie malte ſich jedes Wort deſſelben zu qualvollen Vorſtellungen aus. Sie ſah den Treuloſen an der Seite der ſtolzen Gräfin. Sie ſah ſie vor dem Altar ſtehen. Sie ſah ſie in prächtigen Caroſſen mit neuen Dienſtleuten. Sie ſah ſie in ſtrahlenden Sälen beim feſtlichen Mahle. Die junge Gräfin von Erkisdale mit ihren Juwelen und rauſchenden Gewändern ward zum Phantom des Haſſes und der tödtlichen Eiferſucht für das arme, verlaſſene Mädchen von Star⸗Chamber⸗Alleh. Was aber verlangte ſie denn von George Meadows, dem einzigen Sohn, Erben und Stammhalter des alten und berühmten Hauſes der Hazlewoods von Trevhnyr? Doch nicht, daß er ſie heirathen ſolle— ſie das Bettel⸗ kind von der Straße, das nicht einmal ſeinen Vater kannte? O nein— das verlangte Annie Laurie nicht. Daran hatte ſie nicht gedacht. Sie hatte überhaupt nicht an die Zukunft gedacht, als ſie in der Ueberfülle ihrer Liebe und Dankbarkeit ſich Demjenigen hingegeben, welcher ihr als ein vom Himmel geſandter Bote er⸗ ſchienen war. Das Einzige, was ſie dachte und woran ſie glaubte, war ſeine Liebe geweſen; nicht ſeine Reich⸗ . thümer, nicht ſeinen Glanz wollte ſie theilen— nur ſein Herz wollte ſie beſitzen, dieſes Herz, welches ſie ſo leidenſchaftlich geliebt, und um welches ſie nun ſo Un⸗ ſägliches zu leiden hatte. Aber dieſes Herz hatte ſich von ihr gewandt, und ein Schatten ſtand immerfort vor ihr, ein Geſpenſt, mit Juwelen und rauſchenden Ge⸗ wändern— und ſie ſprang auf von ihrem hölzernen Schemelchen, als ſie dieſes Geſpenſt wieder ſah in der kalten Herbſtdämmerung ihres kümmerlichen Kämmer⸗ leins, und wild flogen die zerſtreuten ſchwarzen Haare um ihren Kopf und krampfhaft ballten ſich ihre Hände und unheimlich glühten ihre Augen und eine dunkle Ahnung von entſetzlichen Entſchlüſſen, zu welchen die empörte Leidenſchaft ſie hinreißen könne, wogte durch ihr krankes Gemüth. Da ward an ihrer Stubenthür gepocht. Noch ehe ſie Zeit hatte ſich zu ſammeln oder auch nur zu be⸗ denken, ob es eine Täuſchung ihrer aufgeregten Phantaſie oder ein wirkliches Pochen geweſen, was ſie vernommen, öffnete ſich die Thür ein wenig und der Hut eines Mannes ward ſichtbar. Zuerſt glaubte Annie, es ſei jener Trödler aus Petthevat⸗Lane, welcher ſie in letzterer Zeit, ſo lange ſie noch Werthſachen zu verkaufen gehabt, verfolgt hatte. Aber er war es nicht. Es war ein fremder Mann, den ſie nicht kannte und zuvor nie ge⸗ ſehen hatte. Es war ein Mann in einem ſehr feinen und mo⸗ diſchen Anzug. Er ſah ganz aus wie ein vornehmer Herr; bis auf ſein Geſicht, welches einen gemiſchten Ausdruck von natürlicher Schlauheit und angeborener — 202— Unterwürfigkeit hinter einer hochmüthigen Miene nur ſchlecht maskirt hatte. Indeß that er das Seinige, den Vornehmen und Eleganten zu ſpielen, coquettirte mit ſeinen gelben Handſchuhen, klemmte das Lorgnon in das Auge, lüftete ſeinen Hut ein wenig beim Eintreten, ſetzte ihn aber ſogleich wieder auf, indem er fragte: „Wohnt hier Miß Annie Laurie?“ „Ja,“ ſagte das Mädchen, welches ſchön und trotzig von der letzten Steigerung ſeiner Seelenqual zu dem Fremden emporſah.„Was iſt Euer Wunſch? Was führt Euch zu mir?“ fügte ſie ungeduldig hinzu. Der Fremde lüftete den Hut aufs Neue, indem er dem Mädchen näher trat und ſie durch ſein Glas mit ſichtbarem Intereſſe betrachtete. „Ah, Ihr ſeid Miß Annie,“ ſagte er in einem ge⸗ brochenen Engliſch mit fremdem Accent.„Sieh da, ſieh da. Ihr ſeid es! O, das iſt mir recht ange⸗ nehm... Welch' ein ſchönes Mädchen Ihr ſeid, Miß Annie! In der That, Ihr ſeid ein reizendes Mädchen, Miß Annie!“ Der Fremde hatte ſeine Hand ein wenig ausgeſtreckt, als ob er die ihrige ergreifen wolle. Aber mit einer verächtlichen Abwendung ihres Kopfes und einem Seiten⸗ blicke des Zornes, vor welchem der Fremde unwillkürlich einige Schritte zurückwich, ſagte das Mädchen: „Wer gab Euch die Erlaubniß meine Wohnung zu betreten? Wer ſeid Ihr? Was wollt Ihr? Waos iſt der Zweck Eures Beſuches?“ Der Fremde gewann in gleichem Grade, als das Mädchen ſich ereiferte, ſeine kühle Ruhe und jenes un⸗ erträgliche Lächeln wieder, welches gewiſſen unſympathi⸗ ſchen Geſichtern eigen zu ſein pflegt. „Oho,“ ſagte er,„mein Täubchen, warum denn gleich ſo heftig? Warum denn ſo aufgebracht, mein klei⸗ ner Engel? Tauben müſſen hübſch fromm und Engel hübſch fügſam ſein, beſonders wenn es gefallene Engel ſind, mein Kind!— Aber nur nicht wieder ſo aufbrau⸗ ſen, Miß Annie.— Zwar es ſteht Euch gut, wenn Eure Wangen glühn und Eure Augen funkeln; aber Ihr wolltet wiſſen, was der Zweck meines Beſuches ſei. Nun, Miß Annie, ich komme mit einem Auf⸗ trage von dem Honourable George Meadows, Sohn und Erbe ſeiner Herrlichkeit, Mylord Hazlewood's von Trevynyr. Mit den immer heftiger werdenden Empfindungen der Entrüſtung und Hülfsloſigkeit, hatte das Mädchen bisher dem fremden Menſchen gegenübergeſtanden, un⸗ fähig ſelbſt, vor innerem Aufruhr, den Fortgang ſeiner beleidigenden Rede zu unterbrechen. Da aber, bei dem Worte, welches von ſeinem Auftrag handelte, rang ſich ein furchtbarer Schrei aus ihrem Buſen los— ſo furchtbar in der That, daß ſelbſt der Fremde für einen Augenblick betroffen ward; und mit dem herzbrechen⸗ den Ausruf:„George Meadows!“ ſtürzte das Mädchen auf den Boden. Der Fremde gab ſich keine Mühe, ſie wieder aufzu⸗ heben. Mit wollüſtigem Blicke betrachtete er ſein armes Opfer, wie es wehrlos auf dem Boden lag, dahinge⸗ ſtreckt, die nackten Arme vom ſchwarzen Haar halb ver⸗ deckt, über dem Haupte zuſammengeſchloſſen, und in — ſeinen ſchönen und verführeriſchen Formen überall zuckend von einem heftigen Krampfe. Lange gab das Mädchen kein Zeichen des Lebens. Der Todeskampf ſelber hätte ſich nicht lautloſer vollenden können. Dem Fremden ward zuletzt etwas bange. Vielleicht war es auch der Reiz der Bewußtloſen, welcher ihn anzog, ſich über ſie niederzubeugen, um den durch die Heftigkeit des Sturzes entblößten Nacken des gequälten Geſchöpfes zu berühren. Aber die Berührung ſeiner Hand wirkte gleich einem elektriſchen Funken auf die Ohnmächtige. Plötzlich und mit erſchreckender Gewalt kehrte ihr Leben und ihr Schmerz zurück, und machte ſich in einem Strom von Thränen, in lautem Schluchzen und erſchütternden Wehe⸗ rufen Luft. „Ihr habt einen Brief an den Honourable George Meadows geſchrieben,“ ſagte der Fremde, dem die ſinkende Dämmerung, die Einſamkeit des traurigen Zim⸗ mers und die Heiligkeit, welche der wahre Schmerz ſtets in ſich trägt, unheimlich zu werden begann,„und ich bringe Euch die Antwort von dem Honourable George Meadows.“ „Wenn Ihr der Träger jener Antwort ſeid, ſo kenn' ich ihren Inhalt,“ ſchluchzte das Mädchen, indem ſie vom Boden aufſprang, und ihr ſchwarzes Haar in wilder Verzweiflung zerraufte. Der Fremde indeſſen hatte ein Papier aus ſeiner Brieftaſche herausgeholt, und hielt es, nachdem er es geöffnet, gegen das Licht, welches gelb und ſpärlich durch die düſtern Fenſter drang. „Dieſes iſt Euer Brief,“ ſagte der Fremde.„Ihr nennt darin den Honourable George Meadows mit Na⸗ men, welchen er ſich, in Anbetracht des hohen Ranges, welchen er jetzt einnimmt und des noch höheren, welchen er in ſpäterer Zeit einzunehmen berufen iſt, entſchieden verbitten muß. Daß er Euch zur Erheiterung ſeines continentalen Aufenthalts, welchen ein jeder engliſche Edelmann zu ſeiner Ausbildung ertragen muß, mit auf die Reiſe genommen, iſt eine Sache von großer Alltäg⸗ lichkeit in England. Ich handle daher in ſeinem Auf⸗ trag, wenn ich Euch hiermit eine Rolle von einhundert Guineen übergebe, mit welchem er alle und jede An⸗ ſprüche an ſich für jetzt und immer als beſeitigt anzu⸗ ſehen wünſcht. Er erſucht Euch, weiterhin keine Schritte, weder brieflich noch mündlich mehr zu thun, die ihn be— läſtigen könnten, um ſo mehr, als er in dieſem Augen⸗ blicke in Begriff ſteht, ſich mit Ihrer Erlaucht, der Gräfin von Erkisdale zu vermählen! Hier iſt Euer Brief und hier iſt Euer Geld,“ ſchloß der Fremde, in⸗ dem er Beides auf den Tiſch legte,„und hier iſt mein Auftrag zu Ende.“ Aber ein Sturm der wildeſten Empörung hatte das Herz dieſes armen Mädchens ergriffen! Da war das Geſpenſt wieder— das Geſpenſt mit den Inwelen und den rauſchenden Gewändern— und diesmal war es wirklich da! Keine Einbildung mehr, kein Geſchöpf ihrer Angſt und Eiferſucht; nein, eine unerbittliche Erſchei⸗ nung, welche dahinging und mit jedem ihrer grauſamen Schritte, dieſes wunde, lebensmüde Herz mehr zertrat, wie man eine Flamme zertritt, welche man an den Boden geſchleudert. Und in der Raſerei des Schmerzes, — 206— welche in ihr tobte, vergaß ſie der Noth ihres Kindes und der eigenen, des Hungers, den ſie gelitten, der Ent⸗ behrungen, die ſie geduldet— und ſtolz, wie eine Kö⸗ nigin, der man die Krone geraubt, nahm ſie die Rolle mit Geld und warf ſie vor die Thür. Sie ſagte Nichts dabei, als ſie dieſes that. Sie ſchwieg und kehrte dem fremden Menſchen, welcher der Ueberbringer dieſer Botſchaft geweſen den Rücken.— Dieſer aber, entflammt von der Gelegenheit, nahte ſich der Abgewandten und ſagte: „Sei nicht wahnſinnig, Mädchen! Wirf nicht eine Gabe fort, mit welcher Du koſtbare Kleider kaufen, prächtige Zimmer miethen und eine neue Zukunft voll Glanz und Freude beginnen kannſt. Biſt Du nicht ſchön, Mädchen? Biſt Du nicht jung, Mädchen? Hier, Mädchen iſt meine Hand— ich will für Dich ſorgen! Folg' mir, und Du ſollſt ſehen, welch' einen treuen Freund Du an mir haben wirſt!“ Annie war viel zu ſehr von der ungeheuren Schmach erdrückt, welche der treuloſe Mann, den ſie ſo unaus⸗ ſprechlich geliebt, ihr angethan, als daß ſie auf die Worte des Menſchen hätte achten können, der als ſein Bote erſchienen war. Nun aber, da ſie ſich aufs Neue von ihm berührt fühlte, kehrte ſie ſich wüthend um, und „Fort“ ſchrie ſie,„fort Bedientenſeele, wenn Du nicht willſt, daß ich Gewalt gebrauchen ſoll!“ Die Drohung erſchreckte den Fremden nicht. Die erhöhte Gluth und Schönheit, welche der Zorn auf die bleiche Wangen des Mädchens verbreitet hatte, reizten ihn vielmehr. „Du biſt ſo ſchön, Mädchen,“ rief er,„daß ich Dich nicht laſſen kann. Du ſollſt mein ſein,— ſollſt, und wenn Du auch nicht willſt!“ Und heftiger hatte er ſie umſchlungen, und heißer ward der Athem, der die Schläfe des Mädchens ſtreifte. Dieſes aber von dem Ungeſtüm ſeiner Leidenſchaft an den Tiſch gedrängt, hatte ein Meſſer ergriffen, welches auf demſelben lag; und indem ſie es gegen ihn zuckte, rief ſie mit entſchloſſener Stimme:„gib mich frei, oder Du bezahlſt es mit Deinem Leben!“ Langſam vor dem ſtoßbereiten Meſſer wich der Elende zurück, und höhniſch, indem er ſich der Thüre näherte, rief er:„Das heiß ich gut geſpielt! Bravo! Man kann Unſchuld und Ehre nicht beſſer vertheidigen — ha, ha, ha,.... Unſchuld und Ehre! Ha, ha, ha, Aber das Lachen gehört nicht zu meinem Auftrage. Mein Auftrag war ſehr ernſthaft, und ich habe ihn beſorgt. Lebt wol, Unſchuld und Ehre— lebt wol, lebt wol! Ha, ha, ha!“— Er ging; und im Gehen hörte Annie wie er die Rolle wieder zu ſich ſteckte, welche ſie vor die Thür ge⸗ worfen. Bald darauf verließ auch ſie das Haus und durch die einbrechende Nacht und die erſten Abendlichter ſchlug ſie den bekannten Weg nach Jvy⸗Bridge, zu Bill und ihrem Kinde ein. „Wo iſt mein Kind?“ rief ſie, als ſie in das Zim⸗ mer zur Rechten in jenem Hauſe trat. Es war dunkel darin, als ſie eintrat. „Was iſt Dir,“ fragte der alte Bill, den der Ton 208 ihrer Stimme erſchreckte. Dann machte er Licht.„Beim heiligen David von Wales! wie ſiehſt Du aus!“ fuhr er fort, indem er ganz beſtürzt vor ihr zurücktrat. Er hatte ſie ſchon oft in Kummer und Verzweiflung ge⸗ ſehen— ach! faſt immer ſeit George ſie verlaſſen— aber ſo bleich, ſo geiſterhaft und ſo ernſt dabei hatte er ſie noch nie geſehen. Keine Spur von Wildheit oder Leidenſchaft; nur tiefe ſtumme Qual und Entſchloſ⸗ ſenheit. Sie nahm das Kind, welches dicht am Kamin in einer Wiege ſchlummerte, in ihre Arme. Sie erweckte es mit ihrem Kuſſe. Sie preßte es feſt an ſich, ſie drückte ihren Kopf feſt in ſeinen Schooß, und die Zärt⸗ lichkeit der Mutter beſiegte für einen Augenblick den ſtummen und verzweifelten Schmerz des Weibes. „Du haſt keinen Vater mehr, armes Kind,“ ſagte ſie,„Dein Vater hat ſich von Dir losgekauft, und mir die Liebe und das Vertrauen, welche Dir das Daſein gegeben, bezahlen wollen, armes Kind! Du haſt keinen Vater mehr, keinen Vater mehr....“ Thränen erſtick⸗ ten die Worte der Unglücklichen. „Um Gotteswillen, was haſt Du damit ſagen wol⸗ len?“ rief der alte Bill, welcher dieſer Scene der Alles, ſelbſt die Schmach und die Beſchimpfung beſiegenden Mutterliebe, ſo erſchütternd und beſeligend zugleich, aus ehrerbietiger Entfernung angeſehen hatte. „Ich habe damit ſagen wollen,“ ſagte Annie,„daß George mir eine Rolle mit Geld durch ſeinen Bedienten geſchickt hat, und daß ich ihm dieſe Rolle mit Geld vor die Füße geworfen habe. Daß er mir hat verkünden laſſen, ich ſolle ihn nicht weiter durch Bitten und An⸗ träge beläſtigen, weil er im Begriffe ſei, ſich mit der Gräfin von Erkisdale zu vermählen. Das habe ich da⸗ mit ſagen wollen, und das, alter Bill, iſt die Antwort auf meinen Brief!“ „Es iſt nicht möglich!“ rief der alte Bill.„Und wenn Du tauſendmal ſagſt, daß es wirklich ſo ſei, ſo ſage ich dagegen: es iſt nicht möglich! Ich habe erfah⸗ ren, daß ſeine Schweſter noch in der Stadt, und daß jener verruchte Soldat ihr täglicher Begleiter ſei. Mäd⸗ chen! es iſt nicht möglich, daß dies von George Meadows gekommen— was man Dir gethan, das hat Dir Mhylady Caſtlemere gethan! Beim heiligen David von Wales!— ich fühle es— und ich will mein Haupt zum Pfande ſetzen: George Meadows weiß von alle Dem Nichts, George Meadows iſt unſchuldig!“ Annie Laurie hörte nicht auf die Worte Bills.„Du haſt keinen Vater mehr,“ ſagte ſie, indem ſie das ſchreiende Kind feſter an ihren Buſen drückte,„und Dei⸗ ner armen, verlaſſenen Mutter bleibt nun keine Wahl, als zwiſchen dem Waſſer oder der Straße. Aber nein, ich kann Dich nicht verlaſſen; ich kann nicht von Dir gehen... Nein meiu Kind, ſo lange Gott der Herr ſie gnädig vor Wahnſinn behütet, ſo lange wird Deine Mutter nicht in's Waſſer gehen!“ Straßenſängerin II. 14 — 5 Eilftes Capitel. Wiss Sophia Swytz und die BZwytzes. Immer ſtiller wird der Weg, wenn man die ſtatt⸗ lichen Bazare von Picadilly, die ſchweren pallaſtartigen Bauten von Park Lane nnd den Triumphbogen Welling⸗ ton's hinter ſich läßt. Eine breite Heerſtraße führt hier am Südrand von Hhdepark und Kenſingtons Garden dahin. Der brauſende Lärm der Hauptſtadt wird im⸗ mer ſchwächer, indem man dieſe Straße geht. Nur wenige Wagen, die nach Acton oder Richmond oder zu den Edelſitzen auf dem Lande fahren, rollen vorüber. Der ländliche Charakter nimmt zu, je weiter man ſchreitet. Ruhige, verſchloſſene Landhäuſer ſtehen zu beiden Seiten; einige hinter Mauern, dem Parke zuge⸗ kehrt, andere mit kleinen, ſüßduftenden Blumengärten vor der Thür und mit weißgewaſchenen Stufen. In einem von jenen Gebäuden, welche durch die breit her⸗ vortretenden Baumgruppen des Parks verdeckt ſind, dem hochberühmten Holland⸗Houſe, lebte Addiſon, nachdem er die Gräfin von Warwick geheirathet und hier war es, wo er den Sohn derſelben, der ehedem ſein Schüler gewe⸗ ſen und nun ein ausgezeichneter Taugenichts geworden war, in ſeiner letzten Stunde an ſein Bett rufen ließ, damit er ſehe,„wie ein Chriſt ſterbe!“ Ein ſanftes Herbſtgefühl überkommt uns, wenn wir an den Park von Holland⸗Houſe und an Kenſington gedenken. Reſedagerüche erfüllen die weiche Luft. Ein gedämpfter Sonnenſchein ſtreift den Weg und von den hohen Bäumen darüber taumelt dann und wann ein großes, gelbes Blatt. Hier und da, zwiſchen den fortlaufenden Terraſſen mit ihren ſtillen Wohnungen, ihren rauſchenden Bäumen und reſedaduftigen Gärten, ſteht eine Reihe kleinerer ein⸗ ſtöckiger Häuſer, mit Schildern von Grün und Gold, mit dickbäuchigen Phiolen oder bunten Bücherdeckeln vor den Fenſtern und allerlei Karren und Pferden vor der Thüre. In dieſen Häuschen wohnen die Bäcker und Fleiſcher und Krämer und Zeitungsmänner dieſer ſtillen, abgeſchiedenen Quartiere. Zuletzt aber, wenn man vielleicht eine Stunde ge⸗ gangen iſt, ſcheint die Stadt ganz aufzuhören und die Straße verläuft ſich in's Feld. Da kann man eine Reihe von Häuſern mit neuen, weißen Steinwänden ſehen, welche plötzlich in einem Krautgarten abbricht. Oder ganze Strecken, wo weit und breit gar Nichts zu ſehen iſt, ſo daß man meint, hier ſei Alles zu Ende. Bis auf Einmal, ganz unerwartet, doch wieder ein präch⸗ tiges Wohnhaus mit Säulen und Balconen auftaucht. Die Wahrheit iſt, daß Kenſington vor hundert Jahren Nichts war als ein Dorf, berühmt wegen ſeiner Treib⸗ häuſer und Gemüſegärten, und daß es heute eine der geſuchteſten Vorſtädte von London iſt. Sie iſt längſt mit der Stadt verwachſen, und ſo im Zunehmen begrif⸗ fen, daß ſie in hundert Jahren wahrſcheinlich alle Kraut⸗ felder und grünen Strecken rings umher mit ihren Bauten bedeckt haben wird. Wo dieſer wunderliche Kampf zwiſchen Feld und Stadt am Eigenthümlichſten hervortritt, da iſt die Ge⸗ 14* — 212— gend von Edwardes⸗Square. Da ſteht ein kleiner Stein am Wege mit den Worten darin eingehauen:„Drei Meilen von Charing Croſſ.“ An einem Bretterzaune, über welchem ſchwere Bäume niederhängen, führt ein ungepflaſterter Lehmweg zu einer Reihe von kleinen Häuſern, welche ſich große Mühe geben, freundlich aus⸗ zuſehen, mit Gärten und grünen Gittern davor. Nur der Bäckerjunge, mit einem großen leeren Korbe auf dem Rücken iſt hier zu ſehen, oder ein Hausmädchen, in einem Kleid von Lila und einem Strohhut mit ſchwar⸗ zen Bändern, welches auf der weißen Treppe kniet, um ſie zu waſchen. Dieſes iſt die eine Seite von Edwardes⸗ Square. Dann kommen Holzſchuppen und Pferdeſtälle und Bäume und Gott weiß was für Gerümpel⸗ und Aſchenhaufen und umgeſtürzte Karren; und fünf Minu⸗ ten weiter, nachdem man wieder einen Lehmweg an einem Bretterzaun hinuntergegangen, ſteht die andere Seite von Edwardes⸗Square. Am äußerſten Ende von Edwardes⸗ Suare, nachdem man wieder im Felde zu ſein glaubt, befindet ſich ein Haus mit einer großen, viereckigen Mauer ringsum, einem roſtigen Klingelzug in der Mauer und einer ro⸗ ſtigen Meſſingplatte neben dem Klingelzug an der Thür, welche von Ruß und Roſt geſchwärzt, die Inſchrift führt:„Elm⸗Tree⸗Cottage,“ das heißt:„die Ulm⸗ baum⸗Hütte.“— Elm⸗Tree⸗Cottage iſt das älteſte Haus in dieſer Gegend. Es ſtand ſchon, als noch kein Gedanke an Edwardes⸗Square und Kenfington war, noch berühmter durch ſeine Gemüſegärten als durch ſeine Wohnhäuſer. * — 213 Elm⸗Tree⸗Cottage hat ein düſteres Ausſehen, wie wenn ein Flor über ſeine Außenmauern gebreitet wäre. Ein Schein, wie von feſtgewachſenem Mooſe, läuft über ſeine Steinwände. Die Fenſter ſind lang und ſchmal. Eins ſieht ſo aus wie das andere. Sie ſind alle mit dunkel⸗ braunen Gardinen verhängt, welche bis auf den Boden reichen und vor jedem iſt ein kleiner eiſerner Balcon, auf welchem aber kein Menſch ſtehen kann. Die Haus⸗ thür iſt von dunkelbrauner Farbe, wie die Gardinen und die Wangen des Dienſtmädchens, welches ſie öffnet, nachdem man geklingelt und die gehörige Zeit(ſieben Minuten wenigſtens) gewartet hat. Das ganze Haus macht einen dunkelbraunen Eindruck. In dem Grund⸗ flur kann man niemals Etwas ſehen. Es iſt daſelbſt ſtets dunkel. Hat man ſich aber ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt, ſo unterſcheidet man zuletzt, daß die Thür des Frontparlours rechts, ſowie die Treppengeländer braun ſind. Eine ungewöhnliche Luft weht in dieſem Hauſe. Sie riecht, als ob ſie hundert Jahr alt wäre. Man hat das Gefühl, als ob ſie gar nicht wehte, wie andere Luft, ſondern greiſenhaft hier herumhocke und auf den Treppenſtufen, auf den Tiſchen, auf den Stühlen ſäße. In dieſem Hauſe wohnt Miß Sophia Swytz, mit ihren ſechs Schweſtern, den älteren Miſſes Swytz und ihrer Mutter, der alten Mißtreß Swytz. Die Swytzes ſind eine ehrbare Familie, und wohnen in dieſem Hanſe ſo lange Menſchen denken können. Ueber Mr. Swytz hat man keine genauen Nachrichten. Es iſt gewiß, daß ein Mr. Swytz einmal exiſtirt habe; aber man weiß nicht, was ſein Geſchäft geweſen und wann er geſtorben — 214— ſei. Er iſt todt. Er iſt ſchon ſehr lange todt. Es giebt keinen Menſchen in der Nachbarſchaft, welcher ſich noch daran erinnern könnte, daß er gelebt habe. Aber gelebt hat er; das iſt ganz gewiß. Mrs. Swytz iſt eine alte Dame von achtzig Jahren. Sie hat lange, weiße Locken, trägt ein hellgraues Kleid und macht jedes Jahr ſieben Gedichte, welche ſich hinten reimen und vorn die Anfangsbuchſtaben von den Namen ihrer Töchter enthalten. Dieſes geſchieht regelmäßig zu den Geburtstagen ihrer Töchter und ein guter Vorrath ſolcher Gedichte muß ſich in dem Hauſe befinden, dafür möchten wir bürgen. Mrs. Swytz wird gewöhnlich, na⸗ türlich von Leuten, die noch weniger bekannt ſind mit der Familie, für eine Schweſter ihrer älteren Töchter gehalten. Denn die ſechs älteren Miſſes Swytz haben gleichfalls lange, weiße Locken und tragen hellgraue Klei⸗ der, wie ſie. Der Verzug der Familie iſt Miß Sophia. Sie iſt das Baby, das Kind. Sie iſt erſt 47 Jahre alt, hat dunkelbraune Locken, dunkelbraune Augen und kleidet ſich nie anders, als in ſchwarze Seide, außer an ihrem Geburtstage, im Mai. An dieſem Tage geht ſie ganz weiß, um ihre Unſchuld anzudeuten. Denn die Unſchuld iſt ihre Göttin. Einmal zwar war ſie in Ge⸗ fahr; aber nur einmal. Damals war ſie auch noch zehn Jahre jünger, und es war grad' an ihrem Ge⸗ burtstag, wo ſie Weiß trug. Da machte ſie die Be⸗ kanntſchaft eines jungen deutſchen Herrn, welcher nach London gekommen war, um die engliſche Sprache zu er⸗ lernen. Dieſer Herr benutzte jede Gelegenheit, um ſeinen Zweck zu erreichen; und da ſie eben in einem Garten luſtwandelten, brach er eine Blume ab, und fragte Miß Sophia um den Namen derſelben. Miß Sophia ſagte Etwas wie„wild Germander“; worauf der junge Herr, allerdings mit dem gewiſſenloſen Blicke dieſer jungen Herrn, bemerkte, man nenne dieſe Blume in ſeinem Lande„Vergiß⸗mein⸗nicht,“ und ſie der Erröthenden reichte. Dieſes Vergißmeinnicht liegt eingeſchlagen in das müt⸗ terliche Geburtstagsgedicht des betreffenden Jahres; aber der junge deutſche Herr hat ſich nicht wieder ſehen laſſen. Seit jener Zeit iſt kein Angriff auf ihre Unſchuld mehr gemacht worden. Von den älteren Swytzes iſt in dieſer Beziehung nicht mehr die Rede. Sie ſind zu alt dazu. Aber in ihrer Ingend, vor einigen vierzig bis funfzig Jahren haben ſie ihre Liebhaber und Verſuchungen ſo gut ge⸗ habt, wie die andern Mädchen auch. Aber ſie zeichne⸗ ten ſich immer durch die große Strenge ihrer Sitten und ihr exemplariſches Betragen aus. Die älteſte ver⸗ lor ihren Verlobten damals, noch bei Lebzeiten ihres Vaters, bei Gelegenheit eines Kuſſes, deg ſie ihm höchſt ärgerlich mit den Worten abſchlug, ſie könne unter kei⸗ ner Bedingung geſtatten, daß er irgend Etwas mehr von ihr verlange, als ihr Herz; und die fünf übrigen ver⸗ loren die ihrigen bei Gelegenheit einer Landpartie in ein benachbartes Dorf, wo ſie unter keiner Bedingung, als die fünf Männer anfingen hungrig zu werden, mit ihnen in ein Wirthshaus gehen wollten. Das einzige Zuge⸗ ſtändniß, welches ſie denſelben machten, war der Orgel⸗ boden in der Dorfkirche; wohin ſich dieſe fünf Unglück⸗ lichen Porter und kaltes Roaſtbeef bringen ließen. — 216— Je älter die Miſſes Swytz wurden, je mehr wurde ihnen klar, daß es für anſtändige Frauenzimmer auf der ganzen Welt nichts Unanſtändigeres geben könne, als das eheliche Zuſammenleben mit einem Manne, weswegen ſie ſich entſchloſſen, niemals zu heirathen und eine Pen⸗ ſion für kleine Mädchen zu begründen, welche unter der Patronage mehrerer Familien vom hohen Adel einen er⸗ freulichen Aufſchwung nahm. Die älteſte Miß Swytz beſorgte die Küche. Sie hatte eine ſpitze Naſe und fing, wenn ſie ſprach, immer wieder mit demſelben Worte an, mit welchem ſie vorher geſchloſſen. Die fünf übrigen Miſſes Swytz, diejenigen, welche einſt mit ihren Liebhabern in dem Orgelboden einer Dorfkirche ſoupirt hatten, theilten ihre Sorgfalt zwiſchen der wöchentlichen Wäſche, den Näharbeiten und Markteinkäufen und ſprachen gar nicht. Miß Sophia, der Verzug des Hauſes, war auch der Chef deſſelben. Miß Sophia war die Seele der Mädchenpenſion; ſchal⸗ tete als obere Herrin unumſchränkt im Inneren derſel⸗ ben und war ihre Repräſentantin nach Außen. Sie führte die Correſpondenz von Elm⸗Tree⸗Cottage und machte die ſtandesmäßigen Beſuche; verwandt wie ſie durch ihre Jugend den troſtloſen Bürgerinnen dieſes kleinen Mädchenſtaats war, machte ſie auch die Ver⸗ traute derſelben, ſchlug ihnen mit einer Ruthe die Knö⸗ chel der Hand, wenn ſie ſich dieſes Vertrauens unwürdig bewieſen, präſidirte bei ihren Mahlzeiten, theilte ihnen ihre Portionen zu, mehr nach den Grundſätzen einer vernunftgemäßen Erziehung, als nach dem Hunger der kleinen Mädchen. — 217— Bei dieſen Mahlzeiten war es, wo Miß Sophia zu ihrem größten Vortheil geſehen werden konnte; weshalb wir auch eine ſolche Gelegenheit benutzen, um unſere Leſer in die Gegenwart dieſer Dame einzuführen. Es iſt dunkel, und es wird durch die dunkelbraunen Gardinen noch dunkler in dem Hinterzimmer zur rechten Hand, welches als Speiſezimmer benutzt wird. Der Herbſtnachmittag iſt weit vorgeſchritten und man dinirt in Elm⸗Tree⸗Cottage nicht vor fünf Uhr Nachmittag. Licht iſt außer Frage. Man brennt in Elm⸗Tree⸗Cottage niemals Gas vor dem Thee. Was man daher in dem dunkelbraunen Hinterzim⸗ mer zu dieſer Stunde der Dämmerung noch erkennt, ſind nur Umriſſe und Fragmente. Man erkennt einen langen Tiſch mit dem Umriß eines dunklen Kopfes am oberen Ende und die Spitzen von dunklen Locken, welche auf eine Schüſſel niederhängen. Ferner erkennt man zur Rechten deſſelben die Umriſſe von vier, und zur Linken die Umriſſe von drei weißen Köpfen, welchen ſich die fragmentariſchen Geſtalten von ſechs kleineren Mädchen anſchließen, die Runde des Tiſches ausfüllend.— Wir würden in Bezug auf Beſchreibung und Namen dieſer kleinen Mädchen in Verlegenheit ſein, wenn wir uns nicht durch frühere Nachrichten von dieſem Etabliſ⸗ ſement, in den Stand geſetzt ſähen, uns auch im Dunk⸗ len einigermaßen zu finden. Denn es giebt nichts Hei⸗ ligeres in Elm⸗Tree⸗Cottage, als die hergebrachte Ord⸗ nung: obenan Miß Sophia, ihr zur Rechten die Mutter und die drei älteſten Miſſes Swytz, ihr zur Linken die drei folgenden Miſſes Swytz, alsdann Ellen und Maryh, — 218— die Töchter der Honourable Mrs. Edgewood, Theodoſia, Tochter der Right Honourable der Counteß von Mark⸗ town, Frances, Tochter der verſtorbenen Lady Crackfield, welche von ihrer Stiefmutter hierhergeſchickt ward, Se mima, Tochter der verwittweten Lady Caſtlemere und zuletzt Anne, Tochter jener Lady Threadneedle, welche ſich mit der vorbenannten edlen Dame verfeindet hatte wegen eines Murillo, wie dies an gehöriger Stelle in einem früheren Capitel mitgetheilt worden iſt. Es iſt nicht Sitte in Elm⸗Tree-Cottage viel zu ſprechen. Die Swytzes ſind ſchweigſame Geſchöpfe. Die älteſte Miß Swytz, die Geſprächige, ſpricht nur, wenn ſie angeredet wird; ſonſt nicht. Die Einzige, welche zuweilen ein Geſpräch eröffnet, iſt Miß Sophia. Doch thut ſie dies nur, wenn es zur Sache gehört, in ihrer Eigenſchaft als Präſidentin bei Tiſch oder als Vor⸗ ſteherin des Inſtituts. „Miß Jemima!“ ruft dieſe Dame am oberen Ende der Tafel, indem ſich die Spitzen ihrer Locken ein wenig bewegen. „Miß Sophia!“ erwidert die Angeredete, in welcher wir eine alte und traurige Bekanntſchaft von Belgrave⸗ Square erneuern würden, wenn es hell genug wäre um Geſichter zu unterſcheiden. Der ſinkende Tag breitet ſeinen Schleier um den gebeugten Kopf und die ver⸗ weinten Augen dieſes Kindes. Man ſieht nur die Um⸗ riſſe deſſelben, wenig unterſchieden von denjenigen ſeiner kleineren Nachbarn, welche vielleicht auch nicht viel glück⸗ licher waren, als Jemima ſelber. „Miß Jemima!“ fuhr Miß Sophia Swhtz in ihrem ſtattlichen Tone fort,„ich ſehe zu meinem Bedauern und Verdruß, daß Sie wieder Ihr trauriges Geſicht haben. Werden Sie niemals lernen, Miß Zemima, daß es ſich für ein wolerzogenes Kind nicht ſchickt, ein trau⸗ riges Geſicht zu haben?“ Wir haben vorhin von den Augen Miß Sophia's nur geſagt, daß ſie dunkelbraun ſeien; wir würden hier hinzufügen müſſen, daß ſie auch die Eigenſchaften einer Katze oder einer Eule beſäßen, nämlich, im Dunkeln ſehn zu können, wenn wir nicht wüßten, daß an jedem Tage um dieſe Zeit bei Tiſche Miß Sophia die kleine Jemima wegen ihres Geſichts zu tadeln pflegte. Das ließ ſich allenfalls auch ohne Licht thun.— „Miß Sophia,“ ſagte die kleine Jemina,„ich bitte Sie um Verzeihung. Aber ich kann mein Geſicht doch nicht anders machen, als es iſt, liebe Miß Sophia!“ „Nicht?“ entgegnete Miß Sophia.„Wirklich nicht? Das ſagen Sie mir nun ſchon dies ganze Jahr lang, und ich ſage Ihnen ebenſo lang das Gegentheil. Können Sie ſich denn gar nicht überzeugen, daß es für Ihre Um⸗ gebung nichts Unangenehmeres giebt, als immer und ewig dieſes Geſicht zu ſehen?“ „Wohin denn ſoll ich es verbergen, damit Sie es nicht ſehen?“ fragte das Kind, welches zu ſchluchzen begann. „Da— da habt Ihr's!“ rief Miß Sophia.„Nun weint ſie wieder! Nicht den geringſten Tadel kann dieſes Mädchen vertragen! O!— Myladh, Ihre Mama kannte noch nicht den zehnten, noch nicht den zwarzigſten Theil — 220— Ihres Trotzes und Ihrer Halsſtarrigkeit, Sie böſes Kind, als ſie mich bat, Ihre Erziehung zu überneh⸗ men.— Auf der Stelle ſagen Sie mir, warum Sie ſtets dieſes traurige Geſicht haben, welches ich nun ſchon ein ganzes Jahr lang tadle?“ „Weil ich traurig bin, Miß Sophia,“ erwiderte das Kind, ſeine Thränen unterdrückend. „Und warum ſind Sie traurig, Miß Jemima?“ forſchte ve tugendhafte Vorſteherin von Elm⸗Tree⸗ Cottage weiter, während die ſieben ſilbernen Häupter ringsum allerlei unheimliche Zeichen in der Dunkelheit von ſich gaben. „Weil... weil....“ ſtotterte das Kind. „weil ich es nicht mehr aushalten kann vor Heimweh, meine Mama wiederzuſehen, um ſie zu bitten, daß ſie mich aus dieſem Hauſe jwii wo ich ja gar, gar nicht länger ſein mag...“ Ein erneuter Thränenſtrom erſtickte ihre Worte. Eine Pauſe trat ein. Eine Pauſe des größten Er⸗ ſtaunens, in welchem die ſieben ſilbernen Häupter ſich zu einander bogen und das dunkelbraune am oberen Ende ſich betroffen in die Höhe richtete. Dieſe Wendung des oft gepflogenen Tiſchgeſprächs war ihr neu.— Endlich hatte Miß Sophia ſich wieder inſoweit ge⸗ ſammelt, daß ſie ſagte:„Miß Jemima, Sie haben Dinge geäußert, welche Ihnen ungeſtraft hingehen zu laſſen meine Pflicht mir verbietet. Miß Jemima kommen Sie ſogleich hierher an meinen Stuhl.“ Das Kind kam zögernden Schrittes. „Mrs. Swytz“ wandte ſich hierauf Miß Sophia an ihre Mutter,„reichen Sie mir gefälligſt die Ruthe von dem Geſimſe des Camins.“ Bei dieſen Worten warf ſich das Kind mit einem furchtbaren Aufſchrei, welcher wie ein Proteſt klang gegen die Barbarei, welche die gute Miß Sophia aus⸗ zuüben in Begriff ſtand, zu den Füßen derſelben nieder, und die Knie derſelben in einer Art von plötzlicher Ra⸗ ſerei umſchlingend, rief ſie: „O, Miß Sophia, Verzeihung! O, Miß Sophia, Gnade— o, Miß Sophia, Erbarmen!...“ Aber ſchon hatte Miß Sophia die Ruthe ergriffen, welche die achtzigjährige Greiſin ihr mit zitternder Hand gereicht, und indem ſie das ängſtlich flehende Kind vom Boden emporriß, machte ſie Gebrauch von dem genann⸗ ten Strafwerkzeuge, ganz ſo, wie das Herkommen in Elm⸗Tree⸗Cottage ihn für Widerſetzlichkeiten von ſo ganz außerordentlicher Natur vorſchreibt. „Und nun Miß Jemima,“ ſagte Miß Sophia, in⸗ dem ſie die Ruthe wieder in die Hände der greiſen Mutter gab,„nun gehen Sie auf Ihre Kammer und verlaſſen Sie dieſelbe nicht früher, als ich Sie rufen laſſe!“ Unter wildem Geſchrei, daß man ſie ſo grauſam, ſo ungerecht und ſo ſchimpflich behandle, hatte das Kind ſeine unverdiente und entehrende Strafe erduldet. Heu⸗ lend faſt und aufgeregt bis zum Höchſten— in der That hatte Miß Sophia das Kind noch nie ſo aufge⸗ regt geſehen und glaubte auch nicht, daß dieſes ſcheinbar ſo in ſich gekehrte Weſen jemals ſo furiös aus ſich her⸗ austreten könne— mit verwildertem Haar und geſchwol⸗ — 222— lenen Augen verließ Jemima das Zimmer. Aber ſie ging nicht auf ihre Kammer.— Vor allen Dingen, die es in der Welt gab, war ihre Kammer ihr am verhaßteſten. Dieſe Kammer, welche nur ein Fenſter auf den Hof und darüber hinaus auf große Felder und Gräben dazwiſchen hatte, war ihr zu einem Gefängniß geworden, in welchem ſie die unglücklichſten Stunden ihres Lebens einſam verbracht hatte. 6 Glaubt nicht, daß Kinder unfähig jener Gefühle ſeien, welche man mit dem Namen von Sehnſucht und Verlangen bezeichnet und für ein reiferes Alter voraus⸗ zuſetzen pflegt. Die Gegenſtände dieſer Gefühle, nicht dieſe Gefühle ſelbſt wechſeln. Sie ſind dem Menſchen angeboren und entfalten ſich mit ſeiner eignen Entwick⸗ lung. Kinder haben dieſe Gefühle, nur wiſſen ſie ihnen noch keinen beſtimmten Namen zu geben; aber vielleicht um ſo tiefer iſt der Eindruck, den ſie von ihnen em⸗ pfinden. Manches geht in einer Kinderbruſt vor, wo⸗ von wir Erwachſene keine Ahnung haben, und die in⸗ nern Schmerzen der Kinder ſind darum nicht kleiner, weil ihnen die Worte fehlen, ſich über ſie zu äußern. Hätten wir klare Erinnerungen aus unſerer eigenen Kinderzeit, wir würden uns manch' peinlichen Vorfalls entſinnen, irgend einer großen Angſt oder einer unge⸗ heuren Furcht, welche uns damals ſchreien machte, ohne daß wir recht wußten, warum. Wer von uns z. B. hätte nicht in früher Jugend einmal in einer fremden Stadt oder unbekannten Straße ſeine Mutter für einen Moment aus dem Auge verloren und ſich nun als ver⸗ . 223 laſſen erachtet in dem ungewohnten Gedränge? Giebt es etwas Schrecklicheres, in dem ganzen ſpäteren Leben, als dieſer einzige Augenblick der kindiſchen Angſt? Wer von uns hätte ſich nicht wirklich einmal in ſeinen Kin⸗ derjahren auf einem Gange verirrt, und wäre nun ſtun⸗ denlang, ohne Hoffnung je wieder nach Haus zu kom⸗ men, umhergewandert, bis irgend ein guter Mann den weinenden Knaben an die Hand genommen und zu Mutter und Vater und Geſchwiſtern zurückbrachte? Kein Kummer, kein Gram der reiferen Jahre gleicht an innerer Stärke Demjenigen, was der Knabe damals in einer Stunde geduldet und gelitten hat. Seid deſſen gewiß, das Kinderleben iſt nicht ganz jene Reihe golde⸗ ner Tage geweſen, wie die ſpätere Erinnerung und die Bilderfibel ſie malt. Kinder ſind Menſchen, wie Ihr; Kinder fühlen Schmerzen, wie Ihr. Denn es giebt doch wahrlich mehr Dinge auf dieſer Welt, um uns un⸗ glücklich zu machen, als getäuſchte Hoffnungen oder ge⸗ brochene Liebesſchwüre.— Jemima ging nicht in ihre Kammer. Jetzt, in der ſtürmiſchen Empörung ihrer kleinen Seele war ihr Ge⸗ fängniß ihr mehr verhaßt, als je. Sie ging in den Hof.— Es war beinahe finſter. Die Steine waren feucht, wie ſie es in dieſer Jahreszeit des Nebels in London gewöhnlich ſind. Obendrein ſtäubte ein feiner Regen nieder. Die Mauern ſchienen ſchwach zu dampfen. Die Mauern waren nicht ſehr hoch. Ein Mann hätte, wenn er hier oder dort in eine der zahlreichen Lücken getreten wäre, ſich mit einem Satze wol hinüberſchwingen mögen. Das Kind blieb vor der Mauer ſtehen. Es war ſtill geworden, es hatte ſich Gewalt angethan mitten in ſeinem Schluchzen und Weinen, damit man in der Stube nicht hören möge, daß es unfolgſam gewe⸗ ſen und in den Hof gegangen ſei, anſtatt hinauf in ſeine Kammer. Da kam ihr ein Entſchluß. Nur dieſe Mauern trennten ſie von der Welt. Einerlei was dahinter läge. Sie war dann doch wenigſtens frei, und Niemand konnte ſie mehr zwingen, in dieſe verhaßte Kammer zu⸗ rückukehren. Was hinderte ſie dieſe Mauern zu über⸗ klettern? Sie ſah ſich um— ſie war allein. Niemand war im Hofe... Plötzlich— ein furchtbarer Schrei, welcher das ganze Haus durchgellte. „Was war das?“ rief Miß Sophia, welche ſoeben beſchäftigt war, die Lampen für den Theetiſch anzuzün⸗ den, und dem Hausmädchen mit den dunkelbraunen Wangen den Befehl gegeben hatte, das Gas in dem Flur anzubrennen. Dann war Alles wieder ruhig wie vorher. „Mich dünkt es ſei vom Hofe gekommen,“ ſagte Mrs. Swytz, die achtzigjährige Greiſin.„Loß Peggy doch einmal mit dem Lichte gehen, und ſehn, was es geweſen.“ Das Mädchen mit den dunkelbraunen Wangen ging. Ein neuer Schrei beunruhigte die in der Stube Zurück⸗ gebliebenen. Diesmal hatte Peggh geſchrien. Langſam und von geheimer Furcht befallen, verließ Sophia die Stube. Ihre ſechs Schweſtern, die älteren . — 225— Miſſes Swytzes mit den ſilbernen Locken, dann die alte Mrs. Swytz, zuletzt die fünf kleinen Mädchen folgten ihr. Als ſie in dem Hof angekommen waren, ſahen ſie Peggy mit der Lampe, deren vom niederrieſelnden Regen⸗ ſtaub gebrochene Strahlen die Mauern ſtreiften, und zu ihren Füßen ſahen ſie Jemima, welche ganz von Blut überſtrömt, auf den nackten Steinen lag. Sie hatte bei ihrem Verſuch, die Mauer zu überklettern einen Fehltritt gethan, war von der ganzen Höhe derſelben in den Hof rücklings niedergeſchlagen und hatte ſich bei dem heftigen Falle den Hinterkopf zerſchmettert. Sie hatte ſich die Schuhe ausgezogen, damit man ihre Tritte in der Stube nicht hören möge. Die Eindrücke ihrer kleinen nackten Füße waren auf dem feuchten Steinpflaſter noch zu unterſcheiden. Sie gab auf keine Frage mehr Antwort. Sie er⸗ widerte keinen der ängſtlichen Rufe, die an ſie gerichtet wurden. Sie wimmerte nur noch leis und ſchmerzlich, indem man ſie in das Haus zurücktrug, um einen Arzt rufen zu laſſen.— Dieſes war ein bedauerlicher Vorfall, welcher den Frieden und wir fürchten auch das Renomée ein wenig ſtörte, deſſen ſich Elm⸗Tree⸗Cottage unter der Patronage mehrerer Familien von hohem Adel ſo lange und ſo gerechterweiſe zu erfrenen gehabt hatte.— Straßenſängerin II. 15 Zwölftes Capitel. Uachrichten von Velgrave-Smuare. Es iſt ſo ſpät im Jahre, daß wir uns faſt ſchämen, noch in der Stadt zu ſein. Es wird nicht für guten Ton gehalten, um dieſe Zeit des Jahres noch in der Stadt zu ſein. Keine Familie von Stande, keine Per⸗ ſon von Auszeichnung iſt in der Stadt anzutreffen. Es iſt Zeit, daß auch wir uns zurückziehen, wie es dem Schreiber und den Leſern eines faſhionablen Romans geziemt. Bevor wir jedoch Abſchied nehmen, laßt uns einen Beſuch in Belgrave⸗Square machen. Wir werden da⸗ ſelbſt Bekannte treffen. Belgrave⸗Square, wenn die Seaſon todt iſt, ſieht anders aus als in den luſtigen Frühlingswochen, wenn ſeine Bäume rauſchen, ſeine Marquiſen leuchten, ſeine Equipagen rollen, ſeine Toiletten glänzen. Das ganze Weſtend, der Sitz der Moden, der Schönheit und des Reichthums ſieht anders aus. Es giebt nichts Trauri⸗ geres, nach unſerm Dafürhalten, als einen Ballſaal, wenn das Feſt vorüber, wenn das graue Morgenlicht durch die Fenſter dringt und auf ausgebrannte Kronleuchter, welke Kränze und zertretene Bouquets ſcheint. Ein bleiches Geſpenſt folgt dem rauſchenden Zuge der Freude, und es ſetzt ſich auf die goldenen Stühle, von welchen die holden Geſtalten der Jugend und des Genuſſes ſich erhoben.. Belgrave⸗Square in der todten Jahreszeit iſt ſelber — 227— todt. Seine hohen Paläſte ſind geſchloſſen. Die Fen⸗ ſter ſind verhängt. Alles ſcheint ausgeſtorben. Eine lautloſe Stille herrſcht. Das trockne Lauh von den Bäumen in der Mitte liegt auf den breiten Steinplat⸗ ten des Trottvirs, und Niemand, außer dem Wind iſt da, um es außzuſtören. Traurig hinter den weiten Eiſengittern ſtehen die hohen Bäume in der Mitte. Traurig ringsum ſtehen die ſchweigenden Paläſte und traurig darüber liegt der graue, einförmige Himmel. So traurig wird es, wenn der bunte Gaukelzug des Lebens auszieht, und die Einſamkeit, das Schweigen und das Nachdenken hinter ihm einziehn.— Eines von den vornehmen Häuſern dieſes ariſtokra⸗ tiſchen Quartiers jedoch iſt zu dieſer ungewöhnlichen Jahreszeit noch bewohnt. Dieſem Hauſe wollen wir unſern Beſuch abſtatten. Hazlewvod⸗Hauſe iſt es nicht. Dieſes Haus, deſſen weiße Säulen uns einſt in der Sommermondnacht ge⸗ glänzt, über deſſen weiche Teppiche wir damals geſchrit⸗ ten und in deſſen duftig⸗trautem Gemach wir damals das Erwachen des Morgens und der jungen Liebe be⸗ lauſcht— dieſes Haus ſteht todt da und öde und ver⸗ laſſen, wie die übrigen. Die Gemälde an den Wänden, um welche damals der Mondſchein und ſpäter die Mor⸗ genſonne ſo lieblich geſpielt, ſind in weiße Leinwand dicht verhüllt. Der Kronleuchter an der Decke, in deſ⸗ ſen Cryſtallglocken ſich das fröhliche Licht von Draußen ſo funkelnd gebrochen, iſt in gelben Flor aufgebun⸗ den. Liebe, Stolz, Treue, Furcht— alle die wechſeln⸗ den und ſtreitenden Gefühle, welche in dieſem Hauſe 157 226 gewohnt, ſind gegangen— einige davon, um nie wie⸗ derzukehren. Das bewohnte Gebäude, von welchem wir reden, liegt gegenüber— von Ulmen verdeckt, welche jetzt laub⸗ los und entblättert ſind, von Jasminſtauden umgeben, an denen noch einige trockene Beeren hängen, von Epheu umſponnen, welcher jetzt Nichts iſt, als ein Geflecht von dürrem, braunem Holz.— Es iſt Lady Caſtlemere's Stadtreſidenz, von welcher wir reden.— Der Landſitz Ihrer Herrlichkeit lag in Cumberland, im Norden von Eugland, nicht ſehr ent⸗ fernt von der ſchottiſchen Grenze und in der Nachbar⸗ ſchaft des wegen ſeiner maleriſchen Schönheit hochbe⸗ rühmten See's von Windermere. Hier lagen die großen Beſitzungen der Familie Caſtlemere, welche dermalen, nach hergebrachtem und durch die letztwillige Verfügung des verſtorbenen Lord beſtätigtem Recht, die Wittwe im In⸗ tereſſe und zum Vortheil ihrer einzigen Tochter Jemima, der Erbin von Caſtlemere, verwaltete. Einen ſchöneren und prachtvolleren Landſitz, als der⸗ jenige war, welchen Ihre Herrlichkeit am See von Win⸗ dermere beſaß, konnte man unter allen Schlöſſern des Adels von England nicht finden. Die Familie derer von Caſtlemere hatte für dieſen ihren Stammſitz ſeit alten Zeiten in verſchwenderiſcher Weiſe geſorgt. Das jetzige Palais ſtammt aus der Zeit der guten Königin Anna. Sir John Vanbrugh, der ſich zu jener Zeit einen großen Namen gemacht als Verfaſſer von Luſt⸗ ſpielen, als Theaterdirektor und Architekt und eben ſehr in Mode gekommen war durch den Bau des Schloſſes von Blenheim für Seine Gnaden, den Herzog von Marlborongh, hatte auch den Plan zu dem Neubau des Caſtlemere'ſchen Schloſſes entworfen. Der damalige Lord Caſtlemere, welcher mit einer diplomatiſchen Miſ⸗ ſion ſeiner Souveränin betraut, nach Wien gegangen war, correſpondirte ſehr eifrig wegen des Baues mit Sir John. Dieſe Briefe finden ſich noch im Archiv von Caſtlemere⸗Schloß; und aus einigen derſelben erhellt, daß Seine Herrlichkeit ſich mit Sir John auch wegen ſchöner Sängerinnen unterhalten und demnächſt nach der ruhmvollen Beendigung ſeiner Miſſion, wirklich eine Dame von der italieniſchen Oper zu Wien mit nach London gebracht habe, welche unter großem Applaus auf dem Hahmarket⸗Theater erſchien. So ſchön nun auch das Schloß Caſtlemere und ſo ruhmreich ſeine Vergangenheit war: ſo wenig Geſchmack hatte doch in den letzteren Jahren Ihre Herrlichkeit an der Einſamkeit deſſelben gefunden. Die Stadt hatte neuerdings einen Reiz für ſie gewonnen, mit welchem unſere Leſer nicht unbekannt ſein werden, wenn wir ihnen den Namen des Majors Fitzroy nennen.— Der tapfere Mann dieſes Namens war ſeit den erſten Zuſammenkünften mit Lady Caſtlemere, welche wir in den vorangehenden Capiteln unſres Romans ge⸗ ſchildert, immer höher in der Gunſt derſelben geſtiegen. Dieſe Beiden waren ſich auf dem etwas verzweifelten Wege ihres Lebens begegnet und ſtillſchweigend hatten ſie ihren Bund geſchloſſen. Das Ziel war für Beide das gleiche, und indem ſie es beharrlich verfolgten, ver⸗ webten ſich ihre Intereſſen immer unauflöslicher. Es 20 giebt viele Verhältniſſe— und wir ſind der Anſicht, daß es nicht immer die ſchlechteſten ſind, obwohl ſie den Schein gegen ſich haben,— deren Zweck die Liebe und deren Averſion die Ehe iſt. Das Verhältniß jedoch, mit welchem wir es hier zu thun haben, war von der entgegengeſetzten Natur. Es hatte den Charakter des Compromiſſes, und ſtand viel mehr unter der Berechnung des Verſtandes, als unter der Herrſchaft des Herzens. Lady Caſtlemere wünſchte die Verbindung mit dem Major, weil er ein Mann der Welt, fehr ſchön, ſehr berühmt und ganz das war, was ſie von einem Manne wünſchte, um an ſei⸗ ner Seite ein glänzendes und beneidetes Leben zu führen. Der Major wünſchte die Verbindung mit Lady Caſtle⸗ mere, weil ſie die reiche Frau war, deren er bedurfte, um ſeine Rolle in der Geſellſchaft nicht nur mit dem Anſtand, ſondern auch mit den ſolideren Vortheilen des Ranges zu ſpielen. An eine übereilte Ehe, wie ſie zu⸗ weilen der Ungeſtüm der Leidenſchaft und zuweilen die Verblendung der Liebe dictirt, war daher in dieſem Falle nicht zu denken. Sie wußten Beide zu gut, daß eine Verbindung jetzt noch alles das zerſtören und für Immer aufheben mußte, was für Beide doch der Zweck derſelben war. Das große Vermögen, deren Verwalte⸗ rin Ihre Herrlichkeit war, würde in demſelben Augen⸗ blick, wo ſie dem Major ihre Hand reichte, in den unmittelbaren Beſitz ihrer Tochter, der Erbin von Caſt⸗ lemere übergegangen ſein; und von ihrem Vater hatte ſie gleichfalls Nichts oder nur ſehr wenig zu hoffen, da nach dem Hausgeſetz des engliſchen Adels— welches ſich noch ſtrenger in den Grundſätzen des alten Sachſen⸗ . 2 rechts erhalten hat, als bei uns auf dem Continent— die Tochter an ſich zwar nicht, weder vom Grundbeſitz noch von der Pairie ausgeſchloſſen iſt, aber doch in dem Falle, wo ein Sohn vorhanden iſt, welcher den natür⸗ lichen Vorzug vor ihr hat. Abwarten alſo war nach beiden Seiten hin die von der Klugheit gebotene Taktik dieſes Paares. Und ihr Geſchichtſchreiber muß es ihnen zu ihrem Lobe nachſagen, daß ſie dieſen ſchwierigeren Theil ihres Feldzuges mit ebenſo viel Würde als anſcheinender Geduld beſtanden. Wobei ſie freilich, wie alle großen Geiſter, an den Zu⸗ fall glaubten. Denn das Eingreifen des Zufalls in unſere Unternehmungen geſchieht häufiger und wirkt entſchiedener, als Manche glauben möchten. Ohne den Zufall wird keine Schlacht gewonnen, kein Erfolg errun⸗ gen,— mögen wir ihn nun Glück nennen, wenn er für uns, oder Unglück, wenn er gegen uns plaidirt. Thöricht darum iſt es, wenn die Unternehmer von gro⸗ ßen Spekulationen, ſei es im Leben, ſei es im Roman, ihre Rechnungen im Voraus fertig machen bis ans Ende. Es bleibt immer eine Lücke, welche ſich nicht von An⸗ fang an überſehen ließ, eine Unterbrechung, ein Zwi⸗ ſchenraum, in welchen zur entſcheidenden Stunde eine Macht einſpringt, welche außer unſerer Berechnung lag. Zuletzt iſt Alles doch ein Spiel, und der Zufall ſitzt am Rade. Der Zufall— das Glück— wie Ihr wollt; das Glück, welches dem Kühnen hold iſt. So ungefähr dachten unſere beiden Abenteurer; und da es ganz weiſe war, ſo zu denken, ſo ließen ſie den Dingen ihren natürlichen Verlauf, griffen nur hier oder da fördernd, nachhelfend, beſchleunigend ein, zuwei⸗ len nicht ohne Gewalt, immer aber ohne Geräuſch,— hatten ihren Vortheil feſt im Auge, benutzten klug die Schwächen ihrer Gegner, benutzten vor allen Dingen jede Chance, welche ihnen der Zufall bot, und ſpielten ſo, Alles in Allem, ein ſehr vernünftiges, aber— unter uns ſei es geſagt— auch ein ſehr ſchändliches Spiel. Daß ſich die beiden ſchönen und bewunderungswür⸗ digen Leute, von welchen wir hier zu reden die Ehre haben, auf dieſe Weiſe nach und nach unentbehrlich ge⸗ worden, folgt aus der Natur ihres Verhältniſſes zu einander; und es läßt ſich daraus erklären, was wir zu Anfang dieſes Capitels mittheilten, daß es Ihrer Herr⸗ lichkeit nicht ſehr gefiel in der Einſamkeit ihres Fami⸗ lienſchloſſes an den Ufern des See's, ſo ſtattlich es auch war. Denn dort hätte ſie der Nähe und der Unter⸗ halt ung ihres ritterlichen Verbündeten entſagen müſſen. Es giebt Perſonen, welchen die ſtrengen Regeln und hergebrachten Vorſchriften ihres Standes ſo ſehr ins Blut gegangen ſind, daß eine Verletzung derſelben bei ihnen ſo wenig denkbar iſt, als etwa ein Stillſtehen des Pulſes, ſo lange ſie leben, oder ein Einhalt des Athems. Dieſes aber ſind ſehr beſchränkte Leute, die es ehrlich meinen, mit Dem, was ſie für heilig erachten; und Lady Caſtlemere gehört nicht zu der Claſſe derſelben. Sie hätte in ihrem Innern wol gar gelacht über Dasjenige, was die Andern mit ſo großer Ehrfurcht behandelten; aber andrerſeits würde ſie, bei ihrer vorherrſchenden Klugheit, es nicht blos für eine gefahrvolle Ungeſchick⸗ lichkeit, ſondern für eine unverzeihliche Sünde gehalten haben, wenn ſie ſich in dieſem Punkte jemals verrathen könnte. Sie wußte, daß man auf dieſer Welt eigentlich Alles thun darf, ſoweit die Geſellſchaft in Frage kommt, wenn man es nur mit der erforderlichen Rückſicht auf dieſe thut; daß Verbote und Schranken nur für die Köpfe der niedrigeren Ordnung aufgerichtet ſind, und daß man dieſen hinlänglich genügt, wenn man nur ihren Vorurtheilen ſchmeichelt. Es gab daher keine heftigere Fanatikerin in ganz Großbritannien für das, was man die Sitte des Standes und die Ehre des Hauſes nennt, als Mylady war.— Sie würde es daher unter keiner Bedingung zuge⸗ geben haben, daß Major Fitzroh ſich in der Nähe des einſamen Schloſſes am See von Cumberland aufgehal⸗ ten hätte; und als ſie zu dieſer auffallenden Zeit des Jahres nach London kam, da erſchien ſie, wie es einer züchtigen Wittwe geziemt, in Begleitung einer ſchottiſchen Verwandtin, der jungen Gräfin von Erkisdale, deren Vater kürzlich verſtorben, und von der— ob mit Recht oder Unrecht wiſſen wir nicht— das Gerücht ging, ſie ſei von der Familie beſtimmt, die Gattin des Honourable George Meadows, des Erben von Trevynhr zu werden.— Mit dieſer jungen Dame lebte ſie ſeit einiger Zeit in dem uns wolbekannten Palais von Belgrave⸗Square, während alle andren ringsum von ihren vornehmen Be⸗ wohnern verlaſſen waren und das rothe Laub um die Stufen derſelben raſchelte. Sie hatte Rechtsgeſchäfte in der Stadt. Sie fuhr zuweilen zu ihrem Anwalt in Chancerh⸗lane. Sie wollte nur noch kurze Zeit bleiben und darauf ihren Vater in Treohnhr⸗Hall beſuchen. Ihr Leben verlief einförmig, wie es der Jahreszeit angemeſſen war. Die einzige Abwechſelung in der That waren die Beſuche des Majors. Sie hatte den Major ihrer Couſine, der Gräfin von Erkisdale, als einen Freund des Hauſes vorgeſtellt. Er war ein Freund des Hauſes. Kurz nach der erneuten Bekanntſchaft mit Mylady, war er von ihrem Vater, Mhlord Hazlewood, mit einer Einladung beehrt worden. Der alte Herr hatte mehrere von den guten Späßen behalten, welche ihm damals, vor achtzehn Jahren, wie unſere Leſer wiſſen, der junge Offizier in Trevynyr⸗Hall erzählte. Einige davon waren wirklich vortrefflich. Er hatte ſie ſpäter zuweilen mit großem Erfolge nacherzählt, und Mhlord mußte noch jetzt, nach ſo vielen Jahren, darüber lachen. Mylord lachte gerne; war überhaupt ein Freund von aufgeräumter Geſellſchaft und liebte es ſeine Flaſche Claret nach dem Mittagseſſen mit einem luſti⸗ gen Gaſte oder zweien zu trinken. Seit jenem Tage, an welchem Mylord ſeinen jungen Freund von Anno 38 wiedergeſehen, ward dieſer ein häufiger Mittagsgaſt im Hozlewvod⸗Hauſe. Der junge Freund war inzwiſchen etwas älter geworden, wie wir alle werden; aber er hatte auch viel erlebt, was einen guten Stoff zu Er⸗ zählungen nach Tiſch giebt, wenn man Mandeln auf⸗ knackt und Rothwein dazu trinkt. Tigerjagden, Streif⸗ züge gegen die Eingeborenen, Verhandlungen mit den Fürſten von Hindoſtan, die ruhmreichen Thaten der engliſchen Armee im letzten Krieg gegen die Ruſſen wa⸗ ren die Dinge, welche Mylord zu hören nicht müde ward, bis die Seaſon zu Ende; dann verließ Seine . — 235— Herrlichkeit Belgrave⸗Square, um ſich in das Schloß ſeiner Väter nach Wales zu begeben, nicht ohne vorher den Major zu einem Beſuche in Trevynhr⸗Hall aufzu⸗ fordern. Der Major folgte dieſer Einladung im Herbſte nach der Seaſon von*56, ſchoß einige Schnepfen in der Nachbarſchaft des gaſtlichen Schloſſes, erzählte dem jovialen Beſitzer deſſelben wiederum mehrere gute Geſchichten und ſchied zuletzt in der vollkommenſten Freundſchaft von ihm.— Der folgende Sommer, von ¹57, war kein beſonders erfreulicher für die Familie geweſen. Durch den ge⸗ meldeten Todesfall des Earl Erkisdale war ſie plötzlich in Trauer verſetzt und ebenſo plötzlich und unerwartet war der Erbe von Trevhnhr, der Honourable George Meadows in eine Krankheit verfallen, welche die Aerzte in hohem Grade bedenklich fanden. Es war eine eigen⸗ thümliche Krankheit, eine Art von Lähmung, welche den ganzen inneren Menſchen und— man fürchtete— auch das Gehirn in zerſtörender Weiſe ergriffen hatte. Man ſchrieb dieſe Krankheit einem Sturze vom Pferde zu, welchen der junge Edelmann, kurz nach der Beerdigung ſeines erlauchten Oheims im ſchottiſchen Hochlande ge⸗ than. Er hatte ſich ſcheinbar davon erholt, als— während einer unmittelbar darauf erfolgenden Reiſe nach London— die Shmptome ſich erneuten, und ein Rückfall eintrat, den die Aerzte für gefährlicher erklär⸗ ten, als die urſprüngliche Form geweſen. Ausbrüche momentanen Irrſinns, die ſich immer häufiger wieder⸗ holten, traten hinzu. Sie vermutheten eine ungeheure Erſchütterung der Seele, welche ſich mit den noch nicht vollſtändig beſeitigten Wirkungen jener erſten durch den — 236— Sturz herbeigeführten Körpererſchütterung verbunden habe. Sie ſagten, die Organiſation des jungen Herrn ſei eine ſo ungemein zarte; ſie gingen ſogar weiter und deuteten— natürlich mit all jener Rückſicht und Scho⸗ nung, die man einem Patienten von ſo hohem Range ſchuldig war— auf die Reiſe deſſelben nach dem Con⸗ tinent und ſeinen Aufenthalt daſelbſt, als ob irgend eine Urſache, deren ſie nur achſelzuckend gedenken wollten, die Schuld dieſer beklagenswerthen Affection ſei. Dem⸗ nach, obwol der junge Herr nun ſchon Monate lang an zunehmender Schwäche gelitten, welche ihn unfähig machte, öffentlich zu erſcheinen, und an jenen plötzlichen Ausbrüchen des Irrſinns, welche ſeinen Angehörigen die Pflicht auferlegte, ihn ängſtlich bewachen zu laſſen, ga⸗ ben ſie, wie gute Aerzte und gute Advokaten in ver⸗ zweifelten Fällen thun, die Hoffnung nicht ganz auf. Einmal ſogar hatten ſie gewagt, ein Mittel in Vorſchlag zu bringen, von welchem ſie ſich im beſten Fall eine Radicalkur verſprachen. Der Kranke ſprach nämlich häufig in ſeinen Anfällen einen Namen aus, den Na⸗ men eines Mädchens— ſo häufig und mit ſolcher Lei⸗ denſchaft in der That, daß die Aerzte daraus folgerten, eine Perſon dieſes Namens müſſe wirklich exiſtiren und in irgend welcher Weiſe mit der Vergangenheit und dem gegenwärtigen Zuſtande des Leidenden in Verbindung ſtehend, könne ihr plötzliches Erſcheinen einen unberechen⸗ baren Eindruck auf das verfinſterte Gemüth deſſelben machen. Aber dieſes Mittel war von Lady Caſtlemere, als durchaus unverträglich mit der hohen Stellung des Hauſes, welchem der Honourable George Meadows an⸗ . gehöre, verworfen worden. Die Heilung deſſelben ſei wol auch auf eine minder gewaltſame und gefährliche Art zu bewirken. Man erwartete viel von der wieder⸗ eintretenden beſſeren Jahreszeit, dachte an eine Reiſe nach Italien und glaubte, daß der Wunſch einer Ver⸗ bindung George Meadows's mit der Gräfin Erkisdale, welchen der Earl, ihr Vater, auf ſeinem Sterbebette ausgeſprochen, demnächſt noch in Erfüllung gehen werde. Dieſes waren die Vorfälle geweſen, welche das Fa⸗ milienleben unſerer Bekannten von Belgrave⸗Saquare eini⸗ germaßen geſtört hatten. Mylord Hazlewood war in der letzten Seaſon von 57 nur kurze Zeit in London geweſen, und hatte nur den erſten Sitzungen des Ober⸗ hauſes beigewohnt. Dann hatte er ſich nach dem Schloß Erkisdale begeben, wo die ganze Familie damals um das Sterbelager ihres erlauchten Verwandten verſammelt geweſen, und war nicht mehr nach London zurückgekehrk, ſondern nach Trevynyr-Hall gereiſt, welches er ſeit der beginnenden Krankheit George Meadows nicht wieder verlaſſen hatte. Lady Caſtlemere, welche die ſeltſame Eigenſchaft hatte, eine viel beſſere Tochter, als Schweſter und Mut⸗ ter zu ſein— dieſe bewunderungswürdige Dame konnte Alles ſein, wovon ſie ſich Vortheil verſprach— hatte beſchloſſen, nur noch dieſen Monat in der Stadt zu bleiben, im folgenden den beabſichtigten Beſuch in Tre⸗ vynyr⸗Hall abzuſtatten, und dann erſt zur nächſten Seaſon wieder nach London zurückzukehren. Zwiſchen ihr und ihrem Vater herrſchte eine große Offenheit, bis zu einem gewiſſen Punkte, verſteht ſich, und ein gegenſeitiges Ver⸗ — 238— trauen, inſoweit es die Verhältniſſe Dritter betraf. So hatte er ihr, unter Anderm, die Briefe einer ge⸗ wiſſen Bettlerin und verworfenen Perſon zugeſchickt, welche an den Honourable George Meadows gerichtet geweſen. Man hatte ſchon früher von dieſem Frauen⸗ zimmer gehört. Es mußte wol das Frauenzimmer ſein, deſſen Name der Kranke ſo häufig in die Phantaſien ſeines Irrſinns miſchte. Man hatte in Erfahrung ge⸗ bracht, daß der junge Herr kurz vor ſeiner Reiſe nach dem Continente in einer von jenen Anwandlungen des Herzens, welche ihm als Kind ſchon zuweilen die ironi⸗ ſchen Bemerkungen der Familie zugezogen, ein ſchmutzi⸗ ges Mädchen von der Straße aufgegriffen und daſſelbe in der männlichen Verkleidung eines Dieners mit ſich nach Deutſchland genommen, wo er mit ihr an einem kleinen Orte im Gebirge längere Zeit verborgen gelebt habe. Das keuſche Blut Mylady's hatte ſich empört bei dem Gedanken an dieſe Täuſchung, welche geeignet war, Unehre auf das ganze Haus der Hezlewvods zu bringen.„Man muß Acht geben auf dieſen jungen Herrn,“ hatte ſie geäußert,„daß er nicht das reine Wappen der Familie mit einem Flecken behafte, welchen Nichts mehr hinwegzuwaſchen im Stande ſein würde!“ Dies leuchtete Seiner Herrlichkeit, dem edlen Lord wol ein. Er ſtimmte mit ſeiner Tochter darin überein, daß man energiſch verfahren und die widerwärtige Sache ſogleich im Keime erſticken müſſe. Weswegen er ihr auch die unbeſchränkte Vollmacht gegeben, in dieſer An⸗ gelegenheit unerbittlich nach eigenem Ermeſſen zu ver⸗ fahren. O, wie die feinen Wangen dieſer Dame ſich färbten, wenn ſie die Folgen erwog, welche dieſer unver⸗ antwortliche Schritt ihres Bruders für ſie Alle hätte haben können, wäre die Familie nicht durch einen Zu⸗ fall in ſein Geheimniß eingeweiht worden; wie ſie ſo⸗ gleich darauf drang, daß der ſchuldige Mitwiſſer deſſelben, der alte Bill, welcher ihr ſeit Jahren ein Gegenſtand der Abneigung und des Verdachts geweſen, aus der Umgebung und Nähe George's entfernt werde; und wie ihr Unwille den höchſten Grad erreichte, als ſie jenen Brief las, welchen das niedrige Geſchöpf dem Erben von Trevhnyr geſchrieben, und in welchem ſie ſich zu ſagen erdreiſtete, ſie habe ihm ihr Leben und ihre Liebe geopfert, und ſtehe nun, ſeit er ſie verlaſſen, mit ihrem Kinde am Rande der Verzweiflung. Ihr Leben und ihre Liebe? Ha, ha, ha— und wie nun mit dem Gefühle der Entrüſtung, welches ſo ſehr zur Ehre dieſer tugendhaften Dame gereichte, ganz heimlich ſich ein Gefühl der Befriedigung miſchte, wenn ſie an jene Beſchimpfung dachte, welche ihr einſt in Ge⸗ genwart des Majors von ihrem Bruder bereitet wor⸗ den, und welche ſie ihm nie vergeſſen hatte und nie vergeben.— Dieſe Angelegenheit, in welcher der getreue Jacques Patürot, deſſen Kenntniſſe in der engliſchen Sprache ſich inzwiſchen hinreichend vermehrt hatten, ihr Vertrau⸗ ter war, nahm ſie zu der geſchilderten Zeit gänzlich in Anſpruch, und bildete auch ein beliebtes Thema der Unterhaltung zwiſchen ihr und dem Major, welcher täg⸗ lich zwiſchen eins und zwei ſeinen Beſuch zu machen pflegte. Die Gräfin Erkisdale, ein ſcheues, ſchüchternes ———— — 240— Weſen, zu tief noch trauernd um den Tod ihres Vaters, um an der Geſellſchaft Theil nehmen zu können, zog ſich dann ſchweigend auf ihr Zimmer zurück, und ließ die Beiden allein. „Denken Sie ſich, Major, was dieſe Bettlerin ge⸗ than,“ ſagte Lady Caſtlemere an jenem Tage, an wel⸗ chem wir als unſichtbare Beſucher das Haus Ihrer Herrlichkeit mit ihm betreten haben. Es war ein kühler ſonniger Herbſttag. Das weh⸗ müthige Abſchiedslächeln der Sonne hing an den Wän⸗ den des Gemachs. Ihr goldner Schimmer, nur matter als ehedem, ſtreifte die Göttinnen, welche auf hohen, grünumrankten Poſtamenten ſtanden, mit der kalten Schönheit und unveränderlichen Jugend, welche nur dieſen Göttinnen von Stein eigen iſt. Der Herbſt⸗ wind ſpielte mit dem dürren Laub der Ulmen vor dem Fenſter, löſte hier ein Blatt und dort eins, welches taumelnd zu Boden ſank, lautlos ſcheidend und unge⸗ hört dahin ziehend mit dem weichen Zuge der Luft. Mylady ſaß, wegen des Ablebens ihres Oheims, in hal⸗ ber Trauer, in einem lila Tuchgewande, welches bis hoch hinauf ſchloß. Ihre Erſcheinung hatte etwas Ma⸗ ieſtätiſches in dieſer knappen, dunklen Tracht, welche ſich den ſtolzen üppigen Formen ihres Leibes ebenmäßig an⸗ paßte. Wie ſie daſaß, in dem Seſſel von gelbem Da⸗ maſt, dem Major gegenüber, ſtolz, ſchön und prächtig, hätte man ſie für eine Herrſcherin halten können und den Sonnenſtrahl für ein Diadem, welches an ihrem junoniſchen Haupte funkelte.— „Und was hat ſie gethan, Mylady?“ fragte der 241— Major, deſſen Augen und Sinne ſchwelgten in dem rei⸗ fen Anblick ihrer Schönheit.— „Sie hat meinem Diener Jacques Patürot die Geldſumme, welche ich ihr im Namen meines Bruders ſandte— denn mein Name ſoll nicht genannt werden in Gegenwart dieſer Dirne, Gott behüte!— ſie hat dieſe Geldſumme meinem Diener vor die Füße geworfen, Major!“ „Nicht möglich!“ ſagte der Major.„Vor die Füße .. Unbegreiflich für mich, woher dieſe Geſchöpfe, de⸗ ren Anfang und Ende die Straße iſt, einen ſolchen Bettelſtolz nehmen....“ „Bettelhochmuth wollten Sie ſagen, Major....“ „Wollt' ich ſagen, Mhlady....“ „Bettelfrechheit, Major 4 „Bettelfrechheit, Mhlady..., mir fehlt das Wort für ein ſolches Betragen. Es iſt ein unerhörter Fall, Mylady; und ich kann nicht ohne Schaudern an die. Verwirrung denken, welche ſeine Folgen hätten herbei⸗ führen können, wären Sie nicht mit Jhrer gewohnten Umſicht eingeſchritten, Mylady. Stellen Sie ſich doch vor, Mhlady, welche vortreffliche Rolle Sie geſpielt ha⸗ ben würden, wenn dieſe Tochter der Nacht und des Nebels, Lady Hazlewood geworden wäre!“ „Halten Sie ein, Major!“ rief Mylady, indem ſie in gerechtem Unwillen beide Augen mit ihrer ſchönen, weichen, weißen Hand bedeckte. „Stellen Sie ſich doch vor, Mhlady, welch' eine Scene das geweſen wäre,“ fuhr der Major fort, der an dem Humor der Sache immer mehr Geſchmack zu finden Straßenſängerin I. 16 —.— — 242— ſchien,„wenn die herrſchaftlichen Thore von Trevynyr ſich dieſem Geſchöpf in Lumpen geöffnet hätten, deſſen Mutter irgendwo auf dem Kehricht vermodert ſein wird, und deſſen Vater „Deſſen Vater— nun Major, warum halten Sie plötzlich inne? Warum fahren Sie nicht fort?“ Der Major erhob ſich. Ihm war, als habe er draußen Lärm gehört. Er hatte ſich nicht geirrt.— Ein heftiges Pochen an der Thüre und ein darauf erfolgender ungewöhnlicher Wortwechſel auf dem Grund⸗ flur des Hauſes, nachdem die Thüre geöffnet worden, ließ ſich jetzt deutlich vernehmen. Es war ſchrecklich zu ſagen, aber nicht mehr ungeſchehen zu machen!— Es war das Geſchöpf in Lumpen, von welchem ſie eben ge⸗ ſprochen, welches durch die Thüre gedrungen und nun mit der ganzen Kraft der Leidenſchaft und der Ver⸗ zweiflung Jacques Patürot bei Seite ſtoßend, der großen Treppe zueilte, welche in das Drawing Room führte. Es war Annie Laurie. Die Ungewißheit ihres Schickſals war ihr zuletzt un⸗ erträglicher geworden ſelbſt als Hunger und Elend. Halb glaubte ſie an George's Unſchuld, halb glaubte ſie nicht daran. Ach! die Liebe iſt ja ſo mißtrauiſch; nicht blos gegen Andre, ſondern auch gegen ſich ſelber. Sie wollte der Qual ein Ende machen. Der Verdacht, welchen der alte Bill gegen die Schweſter George's aus⸗ geſprochen, wühlte tief in ihrem Innern und brachte einen neuen Zwieſpalt in ihre Seele. Gegen wen ſollte ſie ſich wenden? Wohin ſie blickte— überall Verrath, überall Untreue, überall der kalte Hohn, der ſi⸗ urſchmies. * — Der Aufruhr in ihr ſtieg auf's Höchſte; ſie ſah keinen Aus⸗ weg mehr, und der blinde Drang eines gewaltſamen und entſcheidenden Entſchluſſes führte ſie nach Belgrave⸗Square. Da war ſie. Mit wild gelöſten Hagren, mit zer⸗ riſſenen Kleidern und dämoniſch funkelnden Augen war ſie hereingeſtürmt und hatte den Diener, welcher ihr verächtlich den Weg vertreten wollte, mit einem Stoße bei Seite geſchleudert. „Du biſt es, elende Bedientenſeele?“ rief ſie— „Ich erkenne Dich wieder! Aber wage es nicht, mich zum zweitenmal zu berühren,— heute führ' ich meine Waffen bei mir!“ Und dabei zog ſie einen ſcharfen Dolch aus ihrem Gewande, warf die Scheide weit von ſich auf den Bo⸗ den und ſtürzte, während Jacques Patürot zurückblieb, niedergeſchmettert von der faſt übermenſchlichen Kraft ihrer Wildheit, in das Gemach, in welchem die Beiden, Lady Caſtlemere und Major Fitzroy, unter den ſtum⸗ men Göttinnen und im ſanften Scheine der Abſchied nehmenden Sonne ſaßen. Mit ihrem blitzenden Meſſer und der unheimlichen Wildheit ihres Erſcheinens hatte ſie auf den erſten Blick etwas Furchtbares für Beide. „Sie iſt wahnſinnig!“ rief Lady Caſtlemere, welche ſich erſchreckt von ihrem Damaſtſeſſel erhob. „Noch nicht!“ entgegnete das Mädchen mit dem tri⸗ umphirenden Lächeln der Rache.„Wäre ich's, ſo lebte ich nicht mehr. Aber ich bin es nicht, und ſo bin ich gekommen, um von Euch zu fordern, Caſtlemere, Rechenſchaft. 16* 6 — 244— „Um Gotteswillen, Major, retten Sie mich!“ rief Ladh Caſtlemere, immer mehr erbangend vor dem Mäd⸗ chen, welches ſie nicht kannte und in ſeiner wilden Furchtbarkeit, wie es mit funkelnden Angen und funkeln⸗ dem Meſſer auf der Schwelle des Gemaches ſtand, für eine Entſprungene aus Bedlam hielt. Eine Angſt, von der ſie ſich keine Rechenſchaft zu geben wußte, ergriff ſie bei dem Anblick. Es war nicht der Dolch, den ſie fürchtete. Lady Caſtlemere kannte keine Furcht. Es wa⸗ ren die Angen des Mädchens, welche ſie zittern machten. „Um Gotteswillen, Major,“ fuhr ſie fort,„wer iſt dieſes Mädchen?.... Was will dieſes Mädchen..2 „Ich bin Annie Laurie,“ rief das Mädchen,„und ich bin gekommen, um Rechenſchaft von Euch zu verlangen für Euren Bruder, den Ihr mir, Ihr und Niemand anders, mir geraubt habt. Das unglücklichſte Geſchöpf der Welt bin ich, und Ihr ſeid es, die mich dazu ge⸗ macht; Ihr, von der ich jetzt Rechenſchaft fordre— jetzt, auf dieſem Platz und in dieſer Stunde. Wo iſt Euer Bruder? Wo? Ihr haltet ihn vor mir verbor⸗ gen,— Ihr ſteht zwiſchen mir und ihm— Ihr habt ihn zum Treubruch an mir und meinem Kinde verleitet — Aber hier bin ich, hier und rufe: gebt mir Euren Bruder, gebt mir meinen George, gebt mir den Vater meines Kindes wieder— ich will nicht von dieſer Stelle weichen, bis Ihr mir meinen George wieder gege⸗ ben habt!“ 5 Lady Caſtlemere, welche hinter ihrem großen Seſſel ſtand, konnte ſich kaum noiz an demſelben aufrecht halten. Mit jener Anwandlung heftigen und unerklär⸗ 3 lichen Bangens miſchten ſich die dunkeln Regungen de Wuth, die ſich machtlos fühlt, und des Zornes, e* vergeblich nach einem Ausdruck ringt. „Elendes Geſchöpf“ brachte ſie zuletzt mit dem Auf⸗ wand ihrer ſchwindenden Kraft hervor,„wer biſt Du, daß Du es wagen darfſt, den Namen meines erlauchten Bruders auf Deine Lippen zu nehmen— hier in meinen Räu⸗ men und unter meinem Dache? Läutet die Glocke, Major, ruft meine Dienerſchaft, daß ſie mich von die⸗ ſem unerträglichen Anblick befreie!“ Aber mit verzweifeltem Entſchluß ſtürzte Annie Laurie an den Seſſel, auf welchen Lady Caſtlemere ſich ſtützte, und indem ſie mit der einen Hand den zuckenden Arm derſelben ergriff und mit der andern den Dolch erhob, rief ſie:„Nicht von dieſer Stelle, bis Ihr mir meinen George wiedergegeben habt!“ Der Major, den Keiner unſerer Leſer in dem Ver⸗ dacht der Schwachherzigkeit haben wird, hatte bisher ſchweigend, rath⸗ und regungslos dieſer unheimlichen Scene zugeſehen. Der tapfere Mann, deſſen Nerven ſich in den vielfachen Kämpfen ſeines abenteuerlichen Lebens geſtählt, fühlte ſich wie gelähmt, als das Fun⸗ keln dieſer Augen ihn getroffen hatte. Eine Gewalt preßte und umſtrickte ſeine Seele, wie ein Alpdruck, den wir mit vollem Bewußtſein, ohne die Fähigkeit uns ge⸗ gen ihn zu wehren, ertragen müſſen. Eine dämoniſch bindende Kraft lag in dieſen Augen, die ehedem, ehe die Leidenſchaft und das höchſte Maß der Verzweiflung ſie entfeſſelt, ſo gut und ſchön geweſen. Es war die angeborene Wildheit, welche aus ihnen mit jenem düſtren, * — 246— dem Thier in ſeiner urſprünglichen Furchtbarkeit eigen⸗ thümlichen Feuer glühte. Es war jener ſchlangenhaft ſtechende Blick, welcher ihn mit einem Mal wieder an die grauenhafteſte Nacht ſeines Lebens und an die ſchreck⸗ lichen Viſionen erinnerte, welche er damals gehabt. Das war daſſelbe Auge, welches in jener Nacht magi⸗ ſche Lichtſtrahlen, aus den Farben des Blitzes gemiſcht, von der Decke des Zimmers auf ihn herabſchoß— feu⸗ rige Strahlen, in welchem ſonderbare Funkenatome tanz⸗ ten— tödtliche Strahlen, welche ſein Herz in tauſend glühende Fäden ſpannen, und ſein Auge mit dem Schreck⸗ bild tauſend wilder Geſtalten folterten. Da war ſie wieder, die fürchterliche Geſtalt.... da war die Mut⸗ ter mit ihrem Kinde, welche um Erbarmen flehte, welche ihm das bleiche, ſterbende Weſen auf hageren Armen entgegenſtreckte... welche lächelte; traurig, o ſo trau⸗ rig, als wolle ſie Abſchied von ihm nehmen.... welche... O Gott, er kannte ſie.... da ſtand ſie... ſie wollte nicht weichen. Nach achtzehn Jahren war ſie aus dem Grabe geſtiegen, und da ſtand ſie vor ihm die er geliebt, die er betrogen, die er verlaſſen, die er gemordet.... Es war Flory Well⸗ mann, das arme, unglückliche Mädchen von Portſea Aber nein! ſie war es nicht. Es war das furcht⸗ bare Auge, das Schlangenauge, welches von der Decke des Zimmers herab auf ihm ruhte, höhniſch, rachetrun⸗ ken, ſchwelgend in der Wolluſt der Rache ach ein Auge, wie das ſtechende Licht des jüngſten Gerichts.. Aber nein! es war nicht das Auge. Er ſtand ja in Lady Caſtlemere's Drawing Room, neben dem ſchönſten — 247— und herrlichſten Weibe, welches ihm jemals auf ſeinem Lebenswege begegnet.. dicht am Ziele ſeiner kühnſten Hoffnungen, ſeiner höchſten Wünſche... und vor ihm ſtand nur dies arme Bettelkind, mit den Augen, welche anfingen, ſich mit Thränen zu füllen, mit dem Dolche, welcher in ſeinen Händen zitterte Der Major war aufgeſtanden und ſah dem Mädchen ſcharf in's Geſicht. Er hatte ſeine Geiſtesgegenwart wieder gewonnen, und die Trugbilder ſeiner Einbildungs⸗ kraft zerfloſſen. Eine wunderbare Veränderung ging in dem Geſicht des Mädchens vor. Eine Erinnerung, wie aus ferner, ferner Zeit, ging durch ihre Seele. Und ihr war— ſie wußte nicht warum—als ob ſie Glocken läuten hörte, die ſie lange vorher, in ihrer Kindheit vernommen, als ob ſie grüne Bäume ſähe und ein kleines trauliches Haus und eine Straße und einen offnen Platz und eine graue, alte Kirche mit bun⸗ ten Fenſtern. Und ihr war, indem ſie in das Geſicht des Mannes ſah, als ſähe ſie in eine Ferne, die ihr vertraut und heimiſch und lange bekannt ſei... und ihr war, als ob ſie das Grab ihrer Mutter ſähe, mit dem kleinen Kreuze darauf— und eine unwiderſtehliche Macht zog ſie nieder und bitterlich ſchluchzend ſank ſie zu den Füßen des Mannes hin und ihr war, als läge ſie auf dem Grabe ihrer Mutter, als ſie zu ſeinen Füßen lag.. Als ſie erwachte, ſah ſie Lady Caſtlemere, welche ſich von einer Ohnmacht mühſam erholend, in dem Seſſel von gelbem Damaſt ſaß, bleich geiſterhaft und verwirrt, und neben ihr ſtand der Major mit Eau⸗de⸗ — — 248— Cologne. Langſam erhob ſich Annie Laurie; langſam ent⸗ fernte ſie ſich; langſam verhallte ihr Tritt auf der Treppe, indem ſie ging und die Thür des Palaſtes ſich hinter ihr ſchloß. Der Dolch lag am Boden, an der Stelle, wo ſie zu den Füßen des Majors ſo bitterlich geweint hatte. Sie ging nicht weit. Ihre Kraft verſagte ihr, und auf einem Steine am Gitter, welcher Hazlewood⸗Houſe gegenüberſteht, ſank ſie nieder und ihre thränenerfüllten Augen ruhten auf den weißen Säulen, welche im Scheine der untergehenden Herbſtſonne ſtanden, auf dem Portale, durch welches ſie einſt zu der kurzen Wonne ihres Le⸗ bens eingegangen, auf den drei Fenſtern des oberſten Stockwerkes, wo ſie zuerſt in den Armen George Mea⸗ dow's gelegen. Inzwiſchen aber hatte ſich die Scene im Drawing⸗ Room Ihrer Herrlichkeit, der Lady Caſtlemere, noch einmal geändert. Ein Brief mit ſchwarzen Rändern und ſchwarzem Siegel war von Elm⸗Tree⸗Cottage angekommen. Lady Caſtlemere riß das Couvert haſtig herunter und las. Dann ließ ſie den Brief zu Boden fallen und be⸗ gann plötzlich zu weinen. Für Diejenigen von unſren Leſern, welchen es un⸗ glaublich erſcheint, daß eine Dame, wie Lady Caſtlemere, weinen ſollte, müſſen wir hinzufügen, daß Ihrer Herr⸗ lichkeit dieſe Kunſt nicht unbekannt war, und daß ſie in ihrer frühen Jugend einen großen Ruf dafür beſaß, wirk⸗ liche Thränen weinen zu können, wenn ſie zum Amüſe⸗ ment ihrer kleinen Geſellſchaft dazu aufgefordert wurde. „Was iſt Ihnen, Mylady?“ fragte der Major, wel⸗ cher ſeine edle Freundin noch niemals hatte weinen ſehn. „Miß Sophia Swytz ſchreibt mir.... Meine Tochter Jemima iſt...“ Sie konnte nicht mehr ſagen. Ihr Schluchzen verhinderte ſie zu ſprechen. „Was iſt Jemima?“ rief der Major, welchem die Ahnung des unerwarteten Ereigniſſes, welches mit einem Mal die letzten Schranken zwiſchen ihm und ihr zerbre⸗ chen würde, wie ein elektriſcher Funken durch die Seele lief.„Was iſt Jemima?“ „Todt!“ ſchrie Lady Caſtlemere, indem ſie das ſchöne Geſicht in ihr feines, parfümirtes Spitzentaſchen⸗ tuch vergrub. „Todt!“ wiederholte der Major mit dumpfer Stimme; zum zweitenmal im Laufe dieſes Tages und auf noch entſetzlichere Weiſe, als er den Brief geleſen, welcher die Details von dem Tods Jemimas enthielt, an jene Nacht der Schrecken erinnert und an die Worte ſeines Dienſt⸗ manns in dem kleinen engen Hofe des Geſpenſterhauſes, als er auf den moderfeuchten Boden deutend, plötzlich rief:„Seht Ihr nicht hier und hier und hier?. O ſeht, Herr! es iſt wie der nackte Fuß eines Kindes.“ Und eine lange, lange Stille trat ein in dem Ge⸗ mache, durch Nichts mehr unterbrochen als das Schluch⸗ zen Ihrer Herrlichkeit, der Lady Caſtlemere, welche durch den Tod ihres Kindes in den Beſitz ſeines unge⸗ heuren Vermögens gekommen, mit der Macht, über dies Vermögen und ihre Hand nun frei und als unum⸗ ſchränkte Herrin verfügen zu dürfen.— Ende des zweiten Buches. Berlin, Druck von W. Pormetter, Neue Grünſtr. 30. So eben erſchien bei Oswald Seehagen in Berlin in dritter, ſtark vermehrter und verbeſſerter Auflage, und iſt in allen Buchhandlungen zu haben: Tag und Uucht in London. Skizzen und Rilder von Julius Rodenberg. Mit Zeichnungen nach der Natur von William MConnell. Elegant gebunden in Buntdruck⸗Carton. Preis 1 Thlr. 10 Sgr. Die Vortrefflichkeit dieſes intereſſanten Buches charakte⸗ riſirt am beſten die einfache Thatſache, daß von demſelben in vier Wochen drei ſtarke Auflagen nothwendig waren. 5„Das iſt ein ſehr zeitgemäßes Buch“, ſchreibt Robert Prutz im„Deutſchen Muſeum“ Nr. 22.„Durch mehrmaligen längern Aufenthalt in London mit allen Licht⸗ und Schattenſeiten dieſer Weltſtadt aufs Innigſte vertraut, ſogar vertrauter als man⸗ cher Eingeborene, dabei unterſtützt von einer raſchen und glücklichen Beobachtungsgabe und einem anmuthigen Darſtellungs⸗Talent, war der Verfaſſer in der That vor Vielen berufen, ſeinen Landsleuten ein Buch über London in die Hand zu geben. Das Buch nimmt ſowohl durch die Mannigfaltigkeit ſeines Inhalts wie durch die pi⸗ kante und feſſelnde Darſtellung eine hervorragende Stelle in unſerer Touriſten⸗Literatur ein. Mit großer Geſchicklichkeit hat der Verfaſſer verſtanden, in den engen Rahmen der 24 Stunden, welche den bürgerlichen Tag bilden, Alles zuſammen zu drängen, was London Merkwürdiges und Wiſſenswerthes darbietet. Und zwar hat er ſich dabei nicht blos auf die Aeußerlichkeiten der Stadt, auf Straßen, Plätze ꝛc. beſchränkt, ſondern auch das Leben der Welt⸗ ſtadt, das häusliche ſowohl wie das öffenliche, mit ſeinen Sitten und Gewohnheiten, ſeiner Pracht und ſeinem Elend, ſeinen Tugen⸗ den und Laſtern, werden uns hier in einer Reihe ſcharf gezeichneter und glänzend kolorirter Bilder vorgeführt; es ſind allerdings nur Skizzen, aber Skizzen, welche aeu die ſinhiiſe Kenntniß des Gegenſtandes verrathen“ ꝛc. 2c. Das„Illuſtrirte Familienbuch des öſterreichiſ S8 Loyd“ ſagt im 11. Hefte des XII. Jahrgangs:„Wir können dies Werk an⸗ gelegentlichſt empfehlen. Der Verfaſſer hat ſich aus London ein Studium gemacht, wie es wenige Schriftſteller,⸗ die us bisher Sitten und Menſchen der großen Metropolis zeichneten, won ſich rühmen können. Er hat es durchſchweift nach öllen Richtungen, geſehen zu allen Tageszeiten, er redet ſeine Sprache, er kennt ſeinen Jargon von A bis Z faſt zu gut und genau.— Manchem, der London nicht kennt, wird hier zu viel geboten, es wird ihm unver⸗ ſtändlich bleiben, aber er wird es ſich ſagen, daß dies ſo detaillirt ausgeführte Bild ſprechend ähnlich iſt— wie man das ja auch von guten Porträts ſagen kann, ohne das Original zu kennen. Am beſten aber hat der Verfaſſer die Seite des Londoner Lebels, welche dem Fremden zuerſt ſich aufdrängt, ihn faſt betäubt, wieder gege⸗ ben, und zwar das Ungeheuerliche und Rieſenmäßige, welches alle Dinge hier annehmen; er hat es ſchon durch den Ton, durch die ganze Haltung ſeines Buches getroffen— wenn man das Puch durchleſen hat, fühlt man ſich im Wirbel, wie wenn man an einem ſchönen Tage durch Regent⸗Street, Oxford⸗Street oder an den Strand geht, und man ſagt ſich dann ganz daſſelbe, was man ſich inmitten aller dieſer londoner Lebenserſcheinungen ſagt, daß das genus Homo, wenn man drei Millionen Exemplare davon auf einen Fleck etwas Dämoniſches wird.“ „Tag und Nacht in London“, meint die„H Hamburger Preſſe“ in Nr. 52,„bietet ſich in bunter Ausſtattung, mit mei⸗ ſterhaften von William M. Connell durchmiſcht. Rodenberg, deſſen pvetiſche, überaus farbenreiche Erzählungsweiſe bereits eine allgemeine Anerkennung gefunden, weiß nicht nur ſpan⸗ nend zu plaudern, er feſſelt und belehrt und giebt auch in dieſem Buch einen reichen Schatz von Erfahrungen zum Beſten, die er während ſeiner Londoner Studien geſammelt. Aus der Lektüre nimmt man ſo lebendige Bilder des Londoner Straßenlebens mit fort, daß der Leſer käum mehr überraſcht ſein dürfte, wenn er ſich am Strand, am Manſionhouſe oder in Regentſtreet befände. Um ſo leichter wird es dieſe Novitit auf das Wärmſte zu empfehlen.“ 2 — 5 ſſ 8 9 10 11 12 — ſ bn 13 14 15 n 6 17 18