.— S — Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, ſ. 2 † 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Seiß und Keſebedingungen. 4 „1. Oflensein der Bibliotheu. Die Bibliothek ſteht zur pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Mor 2 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen ſ 2. Lesepreis. Bei Rückg eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 5 den angenommen. 3. Qäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennah: hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mi.— Pf. 3. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe „ ſ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung e der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. ₰ 6 Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene unv 2 defecte Vücher(namentkich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der( 7 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 2 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen. I der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ₰ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. B„ i — Neue Erzaͤhlu n g en Friedrich Rochlitz. n Leipzig und Zuͤllichau, in der Darnmannſchen Buchhandlung. 1 3 1 6. * Inhalt des zweyten Bandes. 1. Muſikaliſche Reiſe. 2 Seite 1 II. Joachim von Sandrart..— 47 III. Die Verſorgten zu W.„.— 179 IW. Tage der Gefahr...— 149 Nachſchrift.„. 5— 367 „* S. * —* 2 2 „ 6 2 2 5. — 1. Muſitaliſche Reiſe. —.—— A II. Band. Wuſitaliſche Reiſe von Großmiezchen nach Lämmel. Es iſt ein Ungluͤck fuͤr Conſtitutionen mei⸗ ner Art, die viel Maſſe gemacht haben, und deren taͤglich mehr abſetzen, daß der Krieg das Reiſen ſo unſicher und beſchwerlich macht. Zwey Jahre hatt' ich daruͤber ge⸗ klagt, und ſaß noch immer feſt, als meine Schweſter mich mit einem genialen Einfall uͤberraſchte— 1 Bruder, ſagte ſie, wie weit gingſt du denn des Tags, deine Hypochondrie los zu A2 werden, wenn ſich's naͤmlich thun ließ, und ohne daß dir's zu ſauer wuͤrde?* Kind, wenn du, antwortete ich, von dem aus der Luft gegriffenen Irrthum, ich leide an jenem Uebel, laſſen willſt, ſo ſag' ich dir unter einem Paar Meilen thaͤt· ichs 6 nicht. Nun ſieh, fuhr ſie fort; da duͤrfteſt du ja nur taͤglich von hier aus die halbe Stunde nach Lammel gehn, aber vietmal hin uhb viermal her: ſo kaͤm's auch heraus, daͤcht' ich. Wahr krief ich aus/ leicht uͤberzeugt; und ůberdacht⸗ ihn weiter, den Fall. Bieders Deutſche thun nclich nicht leicht etwas ohne ſichern Zweck und nichts kieher/ als wodurch ſie mehre ſichere Zwecke zugleich erſtreben, am allerliebſten aber, wö ſich mit beſondern, irdiſchen, allgemeine, 8 geiſtige vereinigen laſſen. So ich. Gehen, —— —,—— — 5— 6. um zu gehen; mag der Italiener; gehen, daneben uöch ein literariſch urtiſtiſches Ziek fuͤr meine Reiſe ausmitteln. Muſikaliſche Bemerkungen zu machen, war das ärtiſti⸗ ſche, ſie drucken zu laſſen, das literatiſche Ziel: und jch ſchmeichle mir„beydes iſt er⸗ reicht, indem der Keſer— liefet.— ð um zu berdauen, der Hollaͤnder: ich mußte Vielleicht duͤrft' ich uͤbergohen) daß at folgenden Morgen die Sonne ſchien, daß ich mit Vertrauen Hut und Stock nahm, daß meine Schweſter beyin Abſchied ungewoͤhn⸗ lich viel Liebe und Ruhrung betvieth— ich hatte mich ja ihrer Idee gefuͤgt: unerwaͤhnt darf aber nicht bleiben, daß es einer jener heitern Vorfruͤhlingstage war, die uns Deut⸗ ſchen ſtatt der ſchoͤnen Maytage gegeben wer⸗ den, weil wir dieſe gewoͤhnlich nut Schwarz auf Weiß, in Verſen und Proſa, zu genießen — 6— bekommen; einer jener Tage, wo alle Trau⸗ rige hoffen, alle Lerchen ſteigen, alle Tau⸗ ben bruͤten, und alle Buben kreiſeln. Das war von Einfluß auf mein literariſch⁊ artiſti⸗ ſches Ziel: ſchaffte mir's doch ſchon vor dem Hauſe meines Nachbars Stoff zu einer guten Reflerion!— Schnauzmanns Gottlieb ſaß an der Thůr im Sande, und hatte, von der Mutter beauftragt, die einjaͤhrige Schweſter in ſeiner Verwahrungsanſtalt— zwiſchen den Knieen naͤmlich. Der Junge phantaſirte muſikaliſch, und frey genug, indem er mit gewaltiger Stimme Tone ausſtieß, die, ſtei⸗ gend und fallend, unverkennbar darlegten, was die leuchtende Außenwelt auf ſeine Phantaſie und ſein Gefuͤhl wirkte, und zwar, ohne daß er's wußte, auch ohne daß er etwas damit wollte, außer eben ſeinem angeregten Innern Luft machen. Das Maͤdchen, ihrer weiblichen Natur getren, lallte, ohne ei⸗ gene nur ſeine s 6 mentariſch nach. Hat jener gelehrte Recenſent im vorigen Decennio der jenaer Literatur; Zeitung*), und haben ſeine Schuͤler Recht, ſagte ich, in dem, was ſie, ausfuͤhrlich genug und ſchwer zu faſſen, von der wahren und aͤchten, mithin der einzigen Poeſie und Kunſt lehren welche im Fortſchritt der Zeit und Cultur zwar erweitert und ausgebildet, nie aber anders geleitet werden konne, ohne bey hoh⸗ lem Reflexions⸗ und nichtigem Verſtandes⸗ Werk, folglich bey Unpoeſie und Unkunſt an⸗ *) Ich bezeichne weder dieſen verdienten Mann, noch den beruͤhmten Dichter, uͤber deſſen Werk er ſich dort ausſprach, naͤher, blos aus Lebensklugheit. Beyde haben naͤmlich ſpäterhin ihre Geiſter, wie der gute Reiter snkonunent haben jene Maͤnner Recht: ſo uͤbt der Junge da die Tonkunſt in einer Rein⸗ heit und Wahrheit, wie irgend Einer; und es koͤnnte einem Mozart oder Beethoven nichts, das ich wußte, ſo erſprießlich ſeyn, als daß er ſich endlich einmal hier auf dieſen Ecſtein in Gottliebs Schule niederließ.— Dieſen Gedanken weiter verfolgend, wat ich an das Ende des Dorfs gekommen„da⸗ wo der Schmutz aufhoͤrt, und wo jetzt Luft und Sonne den noch unbegruͤnten Anger ſchoͤn getrocknet hatten. Hier fand ich einen Theil unſter hoffnungvollen Schuljugend welcher unter lautem Jubel Nonne ſpielte. ſein Pferd, wenn's durchzugehen beginnt, plotzlich herumgeriſſen, nach ganz entgegen⸗ geſetzter Richtung, und da moͤchten ſie es uͤbelnehmen, erinnerte ich ſie an ihre fruͤhere Unfehlbarkeit und vormals ewigen Satzungen. — 9— Leſer bon Bildunz fur MWuſik kennen dies Spiel mnſtreitig noch naͤher, als andere Leute, da es gewiſſermaßen ein muſikaliſches iſt; ſie wiſſen mithin, es ſey eine Art Kreiſeln, wo aber, ſtatt des gewoͤhnlichen Werkzeugs, eine hohle, holzerne Kugel, mit einem Loche verſehen, vom Faden lvögelaffen wird, welche dann, Ronne genannt, ſich aufs ſchnellſte um ſich ſelbſt bewegt und graͤulich heulet—= was nun eben den Spaß macht: ſie ſauſet und ſchnaubet aber, die Nonne, je nachdem ſie mehr Kraft zum Tanz hat, im Grund⸗ ton mit der großen Lerz in der zweyten DOotabe, oder, bey weniget Kraft, in je⸗ nem mit der Quinte- Hatte Gottlieb mich in den melodiſchen Theil der Tonkunſt geleitet, ſo zogen mich die Nonnen ſehr nätuͤrlich in den harmoni⸗ ſchen. Wir haben uns, begann ich, durch die politiſchen, kriegeriſchen und financiellen Operationen der letzten Jahre göwiß zu leicht von der großen Aufgabe abtreiben laſſen, fuͤr alles, was in der geiſtigen Welt geſchiehet) einen Architypus in der materiellen aufzufin⸗ den, und ſo das Ich, ſelbſt in ſeinen freye⸗ ſten Thaͤtigkeiten, nur als mannichfach ge⸗ ſtalteten Refler des Nicht⸗Ichs darzuſtellen⸗ Was die Tonkunſt anlangt, erinnere ich mich aus den letzten Jahren keiner neuen Entdek⸗ kung dieſer Art, die abgerechnet welche Herr Naͤgeli in Zuͤrich gewiß eben ſo ſcharfſinnig als uͤberraſchend gemacht, indem er den Rhythmus der Muſik in der Natur nachwei⸗ ſet am— Wachtelſchlag, als welcher den beſtimmteſten aller Rhythmen, den der Trom⸗ mel, darſtelle; woraus ſich hernach offenbar die uͤbrigen rhythmiſchen Verhaͤltniſſe nach und nach eben ſo natuͤrlich entwickeln, wie alle 5— 71— Weltverhaͤltniſſe eben jetzt auch an der Trom⸗ mel entwickelt werden.— Was nun den harmoniſchen Theil der Kunſt betrifft, ſo lieſet man ſeit einem halben Jahrhundert doch auch gar nichts Neues von Belangn je⸗ der Lehrer lehrt die Lehre Tartini's, von der leiſen Vervollſtaͤndigung eines Tons der Saite zu einem Dreyklang in der Luft, zum hundertſten Male„und damit gut. Sollte hier nicht unſere Nonne, die viel lauter, auch wahrlich eindringlicher, als Lartini's Saite, den Dreyklang vernehmen laͤßt, brauchbare Dienſte thun?— In dieſen Betrachtungen ſtorte mich eine Stimme, die mir freundlich zurief: e, hoch⸗ edler Herr Gevatter Amts„Rents„Verwal⸗ ter: gehorſamſt ſchoͤnen guten Hab' ich denn auch einmal das Vergnuͤgen, Sie.. Es war der wackere Schulmeiſter von Lamniel⸗ deſſen eilftes Kind ich vor kurzem in der Taufe gehalten hatte. Der redliche Mann, aus deſſen Miene ſiets eine unvera wuͤſtliche, innere Zufriedenheit laͤchelt, und der nur die kleine Sonderbärkeit hat, daß er ſprechend den Schluß faſt jedes Satzes fuͤr ſich behaͤlt— etwa zu einem neuen: er ſchauete mir, das Muͤtzchen in der Hand und die Haare mit veptheilten Fingern be⸗ haglich durchſtreichend, aus den redlichen Augen ſo treuherzig klar ins Geſicht, daß ich nicht anders konnte, als ſeine Bl licke herzlich erwidern. Daͤ bin ich denn ein bshen wuus fuhr er fort. Die Aepfel da ſind mein. (Er meynte den einzelnen Apfelbaum auf dem Felde, der freylich noch nicht einmal Knospen hatte.) Und da hab' ich, wenn Sie erlauben, gleichſam wie ein Blauſpecht, — 18— „ die verwuͤnſchten Raupenneſter ger man hat ſo ſeine Gedanten dabey, und thut vielleicht Manches, was man unſer Einem nicht Mit der Zeit bringt's denn wöl ſeine S wenn's 2 Wille iſt.— Dabey ſahe er noch viel Siruugtenns und haͤtte ſogar ¶das Lamm)) gern liſtig aus⸗ geſehen, wenn ſich das glatte Geſicht in die hierzu ndthigen Beugungen ziehen laſſen— Ich will düm Manne aber in der Folge die abgobiſſenen Redeſchwaͤnzchen lieber anſetzenz es wird ſonſt dem Leſer zu vielos Denken zu⸗ gemuthet. Und wos fuͤhrt deim den Herrn Gebatter ſchon ſo fruͤh hieher? fragte er. Ich bin eben in einer geiſt begriffen ic n — 14— Wie 2 Ja? Nein; ſehn Sie mir um's Himmels willen! nicht moͤglich! Doch, Gevatter Schulmeiſter! und nehm' Er ſich in Acht, daß er nicht mit hinein⸗ koͤmmt, denn ich laß' es drucken— O Spaß! Ich? ordentlich, was man drucken nennt? ſo gewiſſermaßen zum Leſen, meyn' ich? 3 FJa wol! zum Leſen fuͤr die ganze Welt!— Das erſchuͤtterte den Mann tief. Er faßte meine Hand, eine ungewohnte Ruͤhrung er⸗ griff und erweichte ihn; er ſagte mit from⸗ mer Feyerlichkeit: Hert Gevatter, waͤre das Ernſt, und moͤglich: Herr Gevatter, Sie konnten da einen Schritt thun, der O lieber Gott! Ich habe Sie ſchon lange um etwas befragen wollen: aber man getraut ſich's nicht. Nun, auf Himmelfahrt wird's drey Jahre: da fing ich was an„„ Se⸗ — hen Sie, mir iſt's wahrlich nicht um die Ehre— ich weiß, was Philipper am zwey⸗ ten⸗ Vers dritte, ſteht! und den Vortheil — ich konnt' ihn brauchen mit meinen eilf Wuͤrmchen: aber ich wollt' ihn doch den barmherzigen Bruͤdern in Wien zuwenden 3 von denen mir einmal ein wandernder Horn⸗ ſchneidergeſelle erzaͤhlt hat, wie ſie ihn ſo ſchoͤn verpflegt haͤtten, als er„ohne einer Chriſtenſeele bekannt zu ſeyn, dort krank ge⸗ worden„ 3 Komm' Er zur She Gevatter: Am Durfe muß ich umkehren. Ich aucht bis es ſieben ſchlaͤgt. Nein, daß ich Sie eben heute treffen mußte, und daß ich eben heute ſo das Herz habe: ſehen Sie, ſo was kommt nicht von ungefaͤhr! So ſchweifte der gute Mann vor Freu⸗ den immer weiter ab, je näher er berzu — 16— wollte. Endlich errieth ich mehr, als ich erz fuhr: er galt unter den Nachbaru fuͤr den be⸗ ſten Organiſten, und war beſonders ſeiner Zwi⸗ ſchenſpiele wegen angeſehen. Daraüf bauete er vor faſt drey Jahren den Plan, ein Chotäl⸗ buch mit Zwiſchenſpielen herauszugeben, und arbeitete ſeitdem in ſoinen ſeltenen Freyſtun⸗ den, wie heute beym Raupem, daran. Es iſt mein einziges bischen Freude, ſagte erz wenn ich ſo ſinne, und ſinne, und hernach eins habe, ſo ein Zwiſchenſpielchen meynk ich, und es videntlich auſſchreibe, wie ſich's gehoͤrt! Freylich, wemi's mun dinmal heb⸗ aus iſt, das Buch, und ich komine aufs Fi⸗ lial, oder noch weiter, ſo hor' ich keine àn⸗ dern Zwiſchenſpiele, als meine! Doch auch da wirſt du mich ja vor Uebermuth bemah⸗ ren, du lieber, frommer Gott; es geſchieht ja, weiß Gott, nur zu deiner Ehre und in —— — 17— guter Abſicht. Und ſieben und dreyßig Cho⸗ raͤle hab' ich ſchon fir und fertig, und bis Himmelfahrt krieg' ich wol die vierzig voll. Nun rechn' ich ſo: haſt du in drey Jahren vierzig, ſo biſt du in ſechzehn durch: denn wir haben zweyhundert vierzehn Melodieen nach dem alten Geſangbuche; und ſo könnte im Sommer 1831 der Druck anfangen un⸗ beſchwert. Unterdeſſen haben ſie das neue 5 ſchoͤne Deutſchland fertig gemacht: alles bluͤht, die Kirche und der Handel; und wenn nun das muſikaliſche Publicum durch den Herrn Gevatter immer im voraus darauf aufmerkſam gemacht wuͤrde„ Aber wol⸗ len Sie erlauben, wie ſie ausſehen, meine Chorale?— So! du lieber Goit! Er zog eilig„und vor kauter Freude in Aerger, daß es nicht noch viel eiliger ging, die Kapſel eines Geſangbuchs heraus„in n. Band. B welcher ſauber liniirte Blaͤtter, groß nume⸗ rirt ſtacken. Auf den erſten ſieben und drey⸗ ßig ſtanden denn die ſchon abgeſchriebenen Choraͤle, an der Ecke eines jeden das Da⸗ tum der Vollendung, und unten ganz klein mit Rabenfeder: Deo juvante, Weishuh- nius, L. M. Das Werk war recht gut, beſonders in ſo weit es Note fuͤr Note das Hillerſche Choralbuch abgeſchrieben enthielt: in der Zuthat von des Gevatters Hand aber hatte die Phantaſie freylich keinen hoͤhern Schwung gewonnen, als etwa bey einem tyroler Dudeldum. Doch— o wie woͤr es mir moͤglich geweſen, dir, reblicher Weiß⸗ huhn, dieſes dein muͤh⸗ſeel ig angepflanz⸗ tes Paradiesgaͤrtlein mit der kritiſchen Sonde zu durchſtochern, oder gar mit dem Eiswaſ⸗ ſer des Spottes zu begießen! Nur fleißig ſo fort, redlicher Gevatter, ſagte ich, in⸗ ———— — 19— dem ich die Blaͤtter ſaͤuberlich in die Kapſel zuruͤckſchob: etwas kommt immer dabey heraus, das Freude und Nutzen gewaͤhrt, wem es auch ſey! Meynen Sie? meynen Sie wirklich? unterbrach er mich, und ſeine Augen funkel⸗ ten. Da ſchlug ſeine Thurmuhr. Tauſend! rief er zuſammenſchreckend; haͤtt' ich ſie doch den Morgen ein halb Stuͤndchen zuruckge⸗ ſtellt! Aber ſo— die Pflicht ruft, und morgen iſt auch ein Tag, ſagen die Leute. Aber,'s wird gehen? Freude und Nutzen? lieber Gott! Ach, es iſt doch ſchoͤn auf der Welt! Nun, Gott behuͤte Sie, Herr Ge⸗ vatter!— Damit lief er hin, und ſeine Schritte wurden, wie ſeine Freude, immer großer. Lauf nur immer, du Glucklicher, zu dei⸗ nem Beruf, der dir ſauer wird, aber dich B 2 darum deines Gluͤcks nur um ſo fähiger macht! Wie unendlich beneidenswerth biſt du, wenn ich dich vergleiche mit den aus⸗ getrockneten, truͤb' und důſter glimmenden Seelen, in deren Lebenslaͤmpchen keine Idee, kein in Liebe uͤber das Alltaͤgliche ſtrebender Wunſch, friſches Oel nachgießt; oder mit den Ueberſuͤttigten, die deſſen zu viel haben, ſo daß es die Flamme erſtickt— denen „Labung zu Gift ward.“ Die Freude, fruͤh ein neues Zwiſchenſpiel erſonnen zu haben, reicht weit hinuͤber in deine Muͤhen, und malt dir die Buchſtaben der Kinderfibel ſo bunt, daß du ſie ſelbſt zum hunderttauſendſten Male gern anſiehſt, und den rothboͤcki en Fibelſchuͤtzen obendrein; und wollenſ Farben vor der SUnd ʒerienglocẽ ʒ èjn erblaſſen, ſo ſchimnert ſirs die Hoffnung, ſobald die Jugend hinausge⸗ brauſet, am lahmen Spinett wol wieder ein Zwiſchenſpiel zu erfinden, dir entgegen!— Und, ehrlicher Weißhuhn, was iſt dieſe deine Himmelsbraut, deine Lieblingsidee, eben fuͤr eine! Ha, wahrlich, gerade eine ſolche, wie ſie den Erdgebornen zum Goͤt⸗ terkinde macht! Warte, ich will dir's aus⸗ legen: was verſtehſt du ſonſt davon! ich aber bin vielleicht der Mann dazu! Sieh, Schulmeiſter, dieſe deine Idee giebt zugleich, ja giebt ſelbſt in gleichem Grade, deinem Verſtande, deinem Herzen und deiner Phan⸗ taſie Anregung, Stoff und Leitung. Him⸗ mel, was will ſchon das ſagen! Hoͤre wei⸗ ter: die Auspraͤgung deiner Idee in der Wirklichkeit iſt ganz und allein in deine Hände gegeben; ja, du ſiehſt ſie unbeſtreit⸗ bar jeden Tag ein Stuͤckchen fortrůͤcken. Was ſagſt du dazu, Gevatter? Endlich — 22— ſo iſt deine Geliebte ſo kindlichunſchuldig, dein Bemuͤhen fuͤr ſie kann nur dir wohl, keinem wehe thun, kann dich nur beſſer, nur liebevoller und treuer gegen Gott und Men⸗ ſchen machen; ja ſelbſt, indem ſie verſtohlen dein bischen Eitelkeit ſtreichelt, kann ſie dich weder aufblaſen, noch aus deiner Sphaͤre ruͤk⸗ ken: ſie ſetzt dich vielmehr in derſelben erſt recht gemuͤthlich und bequem zurecht HO das— das zuſammengenommen, iſt etwas, warum dich noch ganz andere, als ich, benei⸗ den wuͤrden, wenn ſie dich kennen zu lernen fuͤr der Muͤhe werth hielten!—— und o, wie wird dir's nun erſt ſeyn, ehrlicher Ge⸗ vatter, wenn du das Hundert deiner Choraͤle voll haſt, dann hundert ſieben, als die Haͤlfte, dann bald das zweyte Hundert, jetzt dies ganz, und, Himmel! wenn du nun an den zweyhundert⸗vierzehnten geheſt!— § — 23— Hier griff jedoch plotzlich eine eiſerne Hand kalt und preſſend in mein Inneres: Aber was denn hernach— guter Weißhuhn, was hernach, wenn dich nicht fruͤher dein Gott in Liebe abgerufen? Da iſt ja dein bethlehemitiſcher Leitſtern laͤngſt zum Pol deines Lebens geworden; die Welt aber rei⸗ ßet dir ihn nun mit Lachen und Spott herab! Der Verleger druckt dich nicht und zuckt uͤber dein Dutzend collegialiſche Subſcribenten mitleidig die Achſeln der von ihm befragte Rritiker giebt's ſchriftlich,(und ach, mit Grund und erwieſen!) du habeſt nur thoͤ⸗ richt Zeug gemacht; jener, ſeine Weigerung hoͤflichſt zu entſchuldigen, legt dir das zer⸗ malmende Billet vor: du aber biſt von Jah⸗ ren dann viel zu eingeſchrumpft und muͤrbe, als daß du eine mit dir zuſammengewachſene Idee gelaſſen aufgeben, oder wol gar mu⸗ — 24— thig eine neue faſſen, wie viel weniger, dich, laͤchelnd uͤber dich ſelbſt, an den ehemaligen Freuden jener ſpielend ergotzen und ohne Schmerzen ſingen konnteſt: „Ich beſaß es doch einmal— Guter, armer Mann, was dann, ſag' ich — was dann? Haͤtte der Blitz in dein Haus geſchlagen und es entzuͤndet: du waͤ⸗ reſt weniger beklagenswerth. Deine Kapſel hatteſt du retten konnen„ und Haͤuſer er⸗ bauet man wieder: aber„„ „Je Bruder, Bruder: was iſt dir den? du rennſt mich faſt uͤber'n Haufen und ſiehſt mich nicht einmal; und ſprichſt und ſichtſt, wie auf dem Theater: was haſt du denn?“ So rief meine Schweſter mir zu, die mit dem Strickſtrumpf mir bis vor unſer Dorf entgegengegangen war. Mit großen Augen ₰ 25—. — ſtand ich vor ihr und wußte nichts zu ſagen, als, etwas verdruͤßlich: Da ſiehſt du, das koͤmmt von den Rei⸗ ſen, wo man jeden Baum kennt, wie ſeine Nachtmuͤtze, und wo Einen mithin nichts mehr anzieht: da verliert man ſich in ſeine Gedanken„ Ach, von der leidigen Hy⸗ pochondrie koͤmmt's! fiel ſie empfindlich ein, und machte mich auch empfindlich. Da ſchritten wir denn ſtill neben einander nach Hauſe. Wie ich ſie nun aber, wiewol mit verſchloßner Miene, ſo beſchaͤftigt ſah, mei⸗ ner Erſchoͤpfung aufzuhelfen, mir allerley kleine Handreichungen zu leiſten: da ging mir auch das Herz wieder auf. Ich bot ihr ſtill die Hand; und kaum hatte ſie dieſe ge⸗ faßt, als ſie mir mit herzlicher Theilnahme um den Hals fiel.— Ich erzaͤhlte ihr nun, was ich hier erzaͤhlt, und hoffte, ihre Ruͤh⸗ nen: denn fort mußt' ich. Und renne mir rung zu ſteigern, damit wieder die meine, und ſo eine gute Scene voll Gefuͤhl zu be⸗ werkſtelligen: aber hier, wie vorhin, ihrer weiblich⸗praktiſchen Natur getren, unter⸗ brach ſie mich: Ich weiß ſchon: Gevatter Weißhuhn iſt ein ehrlicher Narr; aber ein Narr iſt er doch. Und du ſiehſt nur in die Leute manchmal, wer weiß was, hinein, Gutes oder Boͤſes— wobon das Letzte frey⸗ lich am oͤfterſten an deine Schweſter koͤmmt. Du biſt aber gut, lieber Bruder, und deine Art ubrigens recht ſchoͤn. Aber ſag': meynſt du wol, daß das Wetter heute haͤlt? Ich moͤchte gern meine Kraͤgelchen und Fraiſen aufhaͤngen! Und ich mich! haͤtt' ich bald geſagt; er⸗ ſtickte es aber freylich, und ſtand nur auf, die zweyte Station meiner Reiſe zu begin⸗ nicht wieder ſo! rief ſie mir nach, und bring' auch ein freundlicher Geſicht zuruͤck!— Geſpenſtiſch gingen allerley Gedanken in mir um, von den wunderbaren Verknuͤpfun⸗ gen des Gemeinen mit dem Nuͤtzlichſten, des Verworrenen mit dem Wirkſamſten, der Haͤrte mit der Liebe, der Kaͤlte mit der Treue, der Gedankenloſigkeit mit der Zu⸗ friedenheit— Verknuͤpfungen, durch die, wie es faſt ſcheint, das Menſchenleben erſt zuſammengehalten wird, die es aber eben nicht von der glaͤnzendſten Seite darſtellen, vielmehr zu aͤcht⸗ſalomoniſchen oder ſopho⸗ kleiſchen Anſichten leiten könnten: da ſtörte mich, und freundlich genug, die Frage: Mein Herr, das iſt doch die Landſtraße, die endlich nach Leipzig fuͤhrt? Ich will naͤm⸗ lich zur Oſtermeſſe! Die Frage kam aus einem feingeformten Munde, ward mit wohlklingender Stimme gethan, und, wie ich mir die Sache weiter beſahe, gehoͤrten Mund und Stimme einem niedlichen, wenn auch nicht eben blühenden Maͤdchen, deſſen unbefangen keckes Weſen die heiterſte Unſchuld und zugleich jene ſorg⸗ loſe Zutraulichkeit zu verrathen ſchien, wel⸗ che mir an jenem Geſchlecht immer ein we⸗ nig gefaͤhrlich geweſen. Ehe ich die Antwort fertig hatte, muſterte ich die Aeußerlichkei⸗ ten meiner kaum achtzehnjaͤhrigen Gefaͤhr⸗ tin. Ein aͤußerſt leichtes Cattunkleidchen, deſſen Farben(und nicht durch Waſchen) et⸗ was zweifelhaft waren, ein großes Umſchla⸗ getuch, das mit Roth und Gelb deſto heller leuchtete, kurzgeſchnittenes, durcheinander laufendes Haar, ein wohlgeformter, aber maͤnnlicher Filzhut: das haͤtte wol auf eine wandernde Kunſtgenoſſin rathen laſſen, wenn nicht die Floͤte in der Hand allem Rathen zuvorgekommen waͤre. Allerdings fuͤhrt Sie dieſe Straße zur Meſſe; antwortete ich endlich. Aber, liebes Kind, wollen Sie denn ſo allein dahin? Und warum nicht? ſagte ſie ſchnell. Ich hab' aber einen Bruder. Er ſitzt in der Schenke und trinkt. Ich mochte nicht in der Stube bleiben; es roch ſo uͤbel. Da ſchlendr' ich denn voraus. Wenn ich ihn aber auch nicht haͤtte: warum ſollt ich denn nicht zur Meſſe gehen? Warum? Ey mein Gott: ein junges Weſen, wie Sie, erfaͤhrt da doch wol vie⸗ les, was beſſer ihm ewig verborgen blieb! Und unter Weges, in den gemeinen Gaſt⸗ hoͤfen und ihren noch gemeinern Si ſchaften— Ach, man wird viel gewohnt, und was Einem wirklich zuwider iſt, das haͤlt man 3 ſich auch ſicher vom Leibe. Ja, wenn Einem nun aber manches all⸗ maͤhlich zuwider zu ſeyn aufhoͤrt, das es doch immer ſeyn ſollte? Das geſchieht wol nicht! ſagte das hind in nſt eigener Naivetät, und ſahe mich dabey ſo pifant an, daß es mir tief in die Seele ging. Koͤnnteſt du durch ein eindringendes Wort den reinen Funken, der noch in ihrer Seele glimmt, zur Flamme blaſen! dacht' ich. Verſuch' es wenigſtens! lt Beſuchen Sie denn mit Ihrer Flöte, ſetzte ich an, auch Herren? und auch allein? und Herren, die wieder allein ſind? Wenn's nicht anders ſeyn will: o ja! Das traͤgt am meiſten ein. Junge Herren zahlen immer am freygebigſten, gewiſſe alte zutaͤppiſche abgerechnet, die ich aber nicht S — — 31— leiden kann.— Soll ich Ihnen ſpielen? Sie wohnen wol dort im Dorfe? Ich ſing' auch. Ich wohne nicht in jenem Dorfe, ſagt' ich, vielleicht erſeufzend. Aber, gutes Kind, glauben Sie denn, daß dieſe Lebensart— wenn ich auch noch gar nichts weiter davon ſagen will— lange dauern kann? Jetzt ſind Sie noch jung, noch huͤbſch und artig; aber wie bald wird das voruͤber ſeyn! Und was dann? Und, mein Herr, erwiderte ſie ſchnell, wer ſteht Ihnen denn dafuͤr, daß Ihre Le⸗ bensart laͤnger, als meine, dauern wird? ja, daß nicht einer der tauſend Zufaͤlle in Kriegs⸗ zeit Sie ſchon morgen herauswirft? Und wer wird denn da beſſer wegkommen; ich, der Un⸗ ruhe und Unſtetigkeit gewohnt, oder Sie, der Sie gewiß erſtaunlich ordintlich ſind?— Das war eine ſo uͤberraſchende Inſtanz, daß ich, ihren Eindruck mir nicht abmer⸗ ken zu laſſen, beyſeits eine Priſe nehmen mußte. Ey, was haben Sie fuͤr eine huͤbſche Doſe! fuhr das Maͤdchen fort.(Die Doſe war ein goldenes pretium aßfectionis eines gewiſſen Leihjuden, dem ich einmal, noch als Advocat, aus einer boͤſen Hiſtorie ge⸗ holfen.) Zeigen Sie doch— ich bitte! Was ſtellt denn das Gemaͤlde da vor? Wie kindlich, aber auch wie kindiſch! dacht' ich. Doch, wer nuͤtzen will, muß die Menſchen nehmen, wie ſie ſind, nicht, wie ſie ſeyn ſollten! Ich erklaͤrte denn das Email, und gedachte eben wieder eine Wen⸗ dung anzuknuͤpfen, als wir eine ſeltſame Art heulenden Geſanges aus nicht großer Ferne vernahmen. X Was iſt das? rief meine Gefaͤhrtin. Wahrſcheinlich der Trupp Baſchkiren, der in der Nachbarſchaft bivouakirt hat und dieſen Morgen abziehet. Laſſen Sie uns hier verweilen, auf offenem Felde.(Wir wa⸗ ren naͤmlich dem Buͤſchchen zwiſchen Miez⸗ chen und Laͤmmel nahe.) Da! weg mit der Doſe! ſagte ſie ge⸗ ſchwind, und ich verbarg dieſe tief in meine Rocktaſche, das Schnupftuch darauf.— Mir war nicht ganz wohl zu Muthe, als der Zug herankam. Ein junges Offizierchen fuͤhrte ihn an, muntere Koſaken umgaben ihn, als Waͤchter guter Sitten. Mamſell nickte dem Offizier ſehr freundlich zu: dieſer ſtutzte erſt ein wenig, blieb dann bey ihr halten, und unterredete ſich ſcherzhaft mit ihr, in einer Sprache, die ſie ſo wenig ver⸗ ſtand, als er die ihre— was ſich komiſch 1. Pand. C genug ausnahm, aber zugleich den bedeu⸗ tenden Vortheil gewaͤhrte, daß die Herren Baſchkiren, von denen mancher gar ſeltſame Blicke auf mich heruͤberſchoß, ohne uns im Geringſten anzufechten, voruͤberſtreiften. Dann kniff der Offizier meine Mamſell in die Backen, und jagte frohlich nach. Sehen Sie, ſagte dieſe, daß unſer Eins ſich leicht findet, und im aͤußerſten Fall beſ⸗ ſer wegkommen wuͤrde, als andre Leute, wenn wir nicht nebenbey fuͤr ſie mit ſorgten? Sie ſagte das ſo herzig, und doch auch ſo ſchelmiſch, daß ich wirklich— wir traten eben in den ſanft dunkelnden Birkenbuſch— mit Dank, mit Mitleid, und vielleicht ſelbſt mit einer kleinen Anwandlung von beſonde⸗ rer Neigung, ihre Hand druͤcken mußte. Da blieb ſie plotzlich ſtehen, legte ihre Linke traulich auf meine Schulter, ſagte leiſe: —— S— — 35— Sie ſind gewiß recht gut! und ſahe dabey nit den hellen, ſchwarzen Augen, die Wange faſt an meine Bruſt gelegt, ſtracks und lieb⸗ lich zu mir herauf. Meine Blicke wurden vielleicht, in reiner, inniger Bewegung des Herzens, feucht. Indem erſchallete hinter uns im gemeinſten Ton und Dialekt: He, Lore, nimm mich doch mit! Mein Bruder koͤmmt, ſagte ſie zuruͤck⸗ kretend; ich muß fort. Leben Sie wohl! Mir ſchnitt ein wehmuͤthiges Gefuͤhl durch die Seele, als ich das gute Kind der Obhut eines Kerls vertrauen mußte, der, als er nun herzukam, in verwogener Hal⸗ tung die branntweinrothe Naſe mir frech ent⸗ gegenreckte, den verſchabten Rundhut kaum ruͤckte, und ohne alles Weitere mit dem folg⸗ ſamen Kinde fortwanderte. Dieſem hatte ich jedoch, ehe der Unhold uns nahe kam, C 2 noch zugefluͤſtert: Liebes Midchen„wenn Sie, aber bald, dies Herumſchwůrmen verlaſſen und ein ſittlich haͤusliches Leben anfangen wollen: laſſen Sie mich's wiſſen. Vielleicht kann ich helfen.(Ich nannte hier meinen Namen und Wohnort.) Vergeſſen Sie mich und dieſe Viertelſtunde nicht! Gewiß nicht! ſagte ſie noch ſchnell. Ich nehme ein ſchoͤnes Andenken an Sie mit hinweg!— Jene kleine Epiſode der Vaſchkiren lege ich der muſikaliſchen Welt nur vor, um hier noch etwas beyzubringen. Die Herren ſan⸗ gen, wie ſchon geſagt. Sch hoffe keinen un⸗ bedeutenden Beytrag zur Nationalmuſit und reinen Natur⸗Kunſt zu liefern, indem ich ſage: ihr Geſang hatte, in melodiſcher Hin⸗ ſicht, ſich nicht nur ganz rein bey der Natur erhalten, ſondern auch in der Kunſt gewiſ⸗ ——— — 37— ſermaßen das Hochſte erreicht; daſſelbe naͤm⸗ lich„was J. J. Rouſſeau, thevretiſch, und in dem bekannten Liedchen ſelbſt praktiſch„ ſo vortrefflich darſtellete, und deſſen Schil⸗ derung er mit der Vorſchrift fuͤr die Compo⸗ niſten beſchloß: Laßt nicht ab, bis ihr das Schoͤnſte, was ihr habt, und das Eindring⸗ lichſte, was ihr konnt, in nicht mehr, als drey Noten auszuſprechen vermoͤgt! Sollte ich irren, wenn ich behaupte: die Baſchki⸗ ren ſprachen ihr Schoͤnſtes, und(ſo urtheilte wenigſtens mein klopfendes Herz) ihr Ein⸗ dringlichſtes, ſingend aus? Aber ihr Ge⸗ ſang ſchwebte wirklich in nicht mehr Toͤnen auf und nieder, als eben Rouſſeau verſtat⸗ tet; ja, ſie brauchten noch einen halben Ton weniger, als er: nur 6, 4, B. Gern verzeichnete ich auch das Melos ſelbſt: es war aber zu freye Phantaſie, als daß es ſich in das funfſtaͤbige Gitterwerk unſrer Noten⸗ linien haͤtte einfangen laſſen; auch blieb es zu vft zweifelhaft, ob das G nicht A, das A nicht B ſey, und dergl.— Wir kehren zuruͤck in den Birkenbuſch! Es war mir nicht moglich, dem Paare nach⸗ zuziehn und ſo mein verirrtes Laͤmmchen im⸗ mer vor Augen zu haben; ſondern, da ohne⸗ hin bis zum Dorfe, dem Wendekreiſe mei⸗ ner Sonnenbahn, nur noch einige hundert Schritte waren, ſo beſchloß ich, zu declini⸗ ren, und kehrte ſchon jetzt um. Eine truͤbe Wolke, die mir nachgezogen, und der ich iebt erſt anſichtig ward, machte nich ſtutig, uͤber ſich und mich. Was haſt du denn ei⸗ gentlich gethan, jene Verirrete zu retten? ſagte ich. Nichts, gar nichts, als was Seelen, die ſich ſo gern als„ weichgeſchaf⸗ fene“ anſingen laſſen, zu thun pflegen: — 39— Eins und das Andere empfunden; Eins und das Andere geſprochen! Ha, warum griffſt du nicht zu? warum nahmſt du die Arme nicht gleich mit? Hatteſt du nicht Brot fuͤr ſie? oder fuͤrchteteſt du die Geſichter deiner Schweſter und die Zungen der Nachbarn? Biſt du ein Mann? und iſt das der Sinn, iſt das die Weiſe, deren es bedarf, beſon⸗ ders in dieſer Zeit des Durchgreifens und Pandelns?—„Sie waͤre nicht mitgegan⸗ gen!“ Ja, heuchle und ſchmeichle dir nur! Sie wollt' es ja, wenn auch in beſondrer Ab⸗ ſicht und nur fuͤr den Moment. Warum be⸗ wieſeſt du denn keinen Glauben an die Macht des Guten, das ſie bey dir ſehen, horen, erfahren konnte? Und war nicht ihr ſanftes: Sie ſind gewiß recht gut! ſelbſt vielleicht ein ſchuͤchterner Verſuch, dich zu gewinnen, ihr Retter zu werden? Vertrauen, und keine Erwiderung! O Gott, giebt es denn eine ſchmerzlichere, und auch eine gefaͤhrlichere Erfahrung, als die du ihr damit gegeben? Sag': kannſt du dich freyſprechen von Schuld, wenn nun dies das letzte ſchoͤne Aufflackern ihres Glaubens an Tugend und an gute Menſchen war? wenn ſie nun, ver⸗ zweifelnd an wahrer Theilnahme und thaͤti⸗ ger Liebe, von Stufe zu Stufe ſinkt, un⸗ aufhaltſam ſinkt, bis in den Schlamm der Gewöhnung an das Laſter?— Ich bin laͤngſt gewohnt, wenn mein in⸗ nerer Menſch heftig bewegt iſt, auch, ohne daß ich's weiß, alle Glieder des aͤußern hef⸗ tig zu bewegen: die Fuͤße muͤſſen laufen, die Arme fechten, Haͤnde und Finger etwas zu greifen und zu bearbeiten haben. Me⸗ chaniſch hatte ich ſchon laͤngſt nach dem ge⸗ ſucht, was fuͤr die letztern den gewohnlichen ———— Stoff hergiebt— nach meiner ſchoͤnen Doſe: aber ſie war ſo wenig zu finden, als das Tuch, das ich darauf geſtopft. Jetzt end⸗ lich kam mir dies plotzlich zum Bewußtſeyn; ich blieb befremdet ſtehen, ich ſuchte beſon⸗ nen: die Taſche war und blieb leer. Mit Eins ſtand es nun vor mir„wie eine hohn⸗ lachende Satanslarbe: Eben an dieſe Seite draͤngte ſich ja Lorchen bey jenen ruͤhrenden Worten! eben da blickte ſie mir ſo ſtarr ins Auge, um dies an ihres zu heften! eben an dieſer Seite legte ſie den Arm feſt auf meine Schulter, um jede andere, leiſere Beruͤh⸗ rung unmerklich zu machen! Ha! und ihr ſchnelles Abtrollen! und auf meine wahrhaft fromme Bitte ihre letzten Worte: Ich nehme ein ſchoͤnes Andenken an Sie mit hinweg Hier brach mein Ingrimm in lautes Ge⸗ laͤchter aus, und ich erſchrak vor dieſem, wie — Odvardo vor dem ſeinen. Gott! Gott! rief ich dann: ſo ſind deine Menſchen! Entwe⸗ der Weichlinge, die in bitterſuͤßen Gefuͤhlen ſich ſchmelzen, in unnuͤtzen Floskeln ſich er⸗ gießen, und damit für Forſchung und That ſich verdummen oder Lauerer, die ſcharf⸗ ſichtig jeden ſchnell durchblicken, jeden un⸗ vermerkt nach ihrem Zweck leiten— nach ihrem Zweck, unentdeckt zu lgen, unge⸗ ſtraft zu ſtehlen, und hinterher ihrer Klug⸗ heit und unſter Einfalt zu lachen! Opfuy, pfuy dieſes Geſchlechts von Schooßhuͤndchen und Fuͤchſen!— Wie drohend umzieht ſich der Himmel! Ja, Sonne, verhuͤlle dich nur! umgieb mich nur, du drohende Wet⸗ terwolke! und du, naßkalter Zugwind, durch⸗ ſchaudere mich nur recht! ihr vollendet erſt das ergreifend wahre Bild vom Höllen⸗ Breughel!—— Ha, wird das Platzre⸗ — 43— gen oder Donnerwetter? Gleichbiel! es iſt da nur zweifelhaft, ob mich von Erkaͤltung der Schlag, oder, bey meinem Laufen, der nachgezogene Blitz darnieder ſchmettern ſoll! Ach, waͤr' es doch nur erſt dahin!— Aber was wird dann aus meiner armen, unver⸗ ſorgten Schweſter? Poſſen! was aus Mil⸗ lionen wird, denen jetzt Krieg, Hunger und Seuchen die Vaͤter und Verſorger todten!— Nur zu! nur zu!— Gott, wie durchſchuͤt⸗ ternd, wie das innerſte Mark angreifend er auf mich herabſtuͤrzt, der eiskalte Regen⸗ guß! Und der Fluß war ohnehin dem Aus⸗ treten nahe! Was iſt das? das rauſcht ja! das brauſt! das ſtromt! er iſt ſchon uͤberge⸗ treten! Die Wogen treiben heruͤber! wei⸗ ter, weiter heruͤber! O verſchlemmet nicht die Saat, die ſchoͤne, hold gruͤnende Saat! laßt, ihr Wellen, laßt nicht verſchmachten — 44— das ausgeſogene, hungernde Volk!— Im⸗ mer zu! immer zu! Wahrlich, ſie rauſchen ſchon hinter mir, die Wogen! Nun, ſo faßt mich doch nur, werft mich doch nur zu Bo⸗ den, daß ein Ende werde! Ich bin ja be⸗ reit; ich ſuche, ich hoffe ja nichts mehr! Und warum laͤufſt du denn, Feiger? hetzeſt dich ab, Schwaͤchling? Du wollteſt es nicht mehr ſehen, dies elende Gaukelſpiel des Lebens? Du wollteſt lachen uͤber die Welt? Dich lache aus: Dich! Armſeli⸗ ger Spaßvogel: Du willſt, willſt immer, und haſt nicht Kraft zu wollen! Teufel! ich hab' ſie doch! ich will's beweiſen, daß ich ſie habe!— Hier ſchoß ich in meinen Hof. Bello, mein treuer Pudel, kam, draͤngte ſich an mich, und leckte mir die kalten, erſtorben herabgeſunkenen Haͤnde. Ich ſah' endlich, ¹ ¹ wo ich war— wie ich war. Wie aus tie⸗ fem Traum' erwachend, erkannte ich, ich habe mich geirret. Nur wenig Regen war herabgefallen, die Sonne trat wieder het⸗ vor, und— ach, die Doſe fand ich in mei⸗ ner Weſtentaſche, das Tuch aber trug ich ſogar in der Hand!— Ich ſchlich leiſe in mein Arbeitſtubchen, warf mich auf's So⸗ pha, und druckte den treuen Bello feſt, feſt an mich. Ach, etwas mußt' ich doch ha⸗ ben, das theilnahm an mir, ohne mich zu beſchaͤmen!— Die Reiſe wurde nicht fortgeſetzt.— II. Joachim von Sandrart. —.—— Vorerinnerung. Je habe mir ſeit einigen Jahren, ermuntert durch Neigung und begünſtigt durch Verhaͤltniſſe, vorgeſetzt, vom Leben und Thun mehrer der vor⸗ zuglichſten, alten, deutſchen Maler, bis auf den Mann, den die Ueberſchrift nennt, zu ſchreiben. (Warum eben bis auf ihn: das weiß der Kunſt⸗ kenner; dem Andern wird's an ſeinem Orte nach⸗ gewieſen.) und zwar behandle ich meinen er⸗ freulichen Gegenſtand gaͤnzlich aus den Quellen und nach ihnen; dies aber nicht blos im Ge⸗ 1I. Band. D — 5— ſchichtlichen, ſondern, wie weit ich's vermag, auch in den Anſichten, Geſinnungen und der Darſtellung. Die folgenden Blaͤtter ſind ein Theil des bis jetzt Vorhandenen. Mogen Leſer, welchen ſie an und für ſich nicht ſonderlich zu⸗ ſagen, ihnen in jener Hinſicht einige Gunſt ſchen⸗ ken. Nur um dieſe Bitte anzubringen, mache ich hier von einem Vorhaben eher Redens, als es ganz ins Werk geſetzt iſt. 1 Des ornehmen Kunſthelden, 2 Herrn Joachims von Sandrart, Leben und Thu n„ au 6 deſſen Geſprächen und eigener Erfahrung vorgeſtelt von ſeinen Vettern und Kunſtſchülern. —— Weil ſichs jetzt viele unterwunden haben, frevelhaft in Rede zu ſtellen, wie Gott der Herr in dieſen Zeiten des Krieges und der Verwuͤſtung, unſer deutſches Volk ohne Licht und ohne Freude laſſen wolle, und daher, D 2 ſo wie die Sonne der Wiſſenſchaften, alſo auch das Siebengeſtirn der Kuͤnſte gleichſam verlo⸗ ſchet habe— als womit ſolche Glaubensloſe die truͤben Gemuͤther nur noch mehr verdunkeln, und die freudearmen Herzen nur noch mehr zu beſchweren pflegen: ſo ſind wir eins worden, dergleichen bekuͤmmerndem Fuͤrgeben nach unſern ſchwachen Kraͤften entgegenzütreten, nicht mit gelehrten Diſputationen, noch mit pvetiſchen Erfindungen, welche nicht in un⸗ ſerer Natur und Weiſe ſind, ſondern, als einfaͤltige Kunſtgenoſſen und Maler, durch wahrhaftige Darſtellung eines Mannes, mit dem wir gedacht, gelebt und gewirket, und der allein ſchon als lebendiger Zeuge und un⸗ widerleglicher Widerſpruch gegen jene fre⸗ velnden Anklagen oder troſtloſen Meynungen vollwichtig gelten kann und muß. Wir re⸗ den aber von dem wohledlen und geſtrengen S Herrn, Jvaͤchim von Sandrart, auf Stockau, hochfurſtlich pfalz⸗neuburgiſchem Rath, wel⸗ cher durch das angeſtammte Licht ſeines Gei⸗ ſtes, Kraft ſeines Gemuͤths und erprobte Kunſt ſeiner Hand, nicht nur im geſammten deutſchen Vaterlande, ſondern auch bey fremt⸗ den Nationen, herrlich aufgegangen und ho⸗ her Ehren werth gehalten worden. Es war aber unſer Herr Jvachim gebo⸗ ren in der vornehmen Reichs⸗ und kaiſerli⸗ chen Wahlſtadt Frankfurt am Mayn, den zwolften Tag des frohen Bluͤthenmonats May, im Jahr 1606; und wie er ſein gan⸗ zes Leben hindurch Niemandem Schmerz, aber Vielen Frende gebracht, hat er es auch gleich bey ſeiner Ankunft mit der Gebärerin und den werthen Seinigen alſo gehalten. Und iſt hierbey noch das zu bemerken, daß wenige Wochen zuvor ſein großer, evleuch⸗ teter Landsmann, Juſtus Lipſius, zu Nie⸗ derland das Zeitliche geſegnet, als woraus unſere Aſtrologen und Nativitatſteller fur den Neugebornen vielerley Abſonderlichs ha⸗ ben ſchließen wollen; was wir jedoch, ſol⸗ cher Dinge nicht kundig, billig Wa ſeyn laſſen. n Seine Aeltern waren fromme, vornehme Leute, ſtammend aus Niederland; und ſein Urahnherr, hohen Verſtandes und beruͤhm⸗ ter Tapferkeit wegen, vom Papſt Alexander dem ſechſten nach Rom berufen, zum erſten Hatſchirhauptmann gemacht, und in den Adelſtand erhoben. Beyde werthe Aeltern hatten vor dieſem Sohne, Joachim, ſchon vier Kinder erzeugt, und dann, wegen nie⸗ derlaͤndiſcher Kriegunruhen, ſich 6 Frank⸗ furt gewendet. Schon in fruͤhen Kinderjahren un⸗ ſer Jachim einen lebhaften, wach⸗ und merk⸗ ſamen Geiſt, auch immerwaͤhrende Geſchaͤf⸗ tigkeit, ſo daß er alles begreifen und lernen wollte, und bey ſorgfaͤltiger Auferziehung und Lehre auch wirklich unterſchiedliche Sprachen, uͤberaus fruͤhe aber die Schreib⸗ kunſt erlernete, durch welches Letzte die Natur auf ſeine beſondern Anlagen zur edlen Malerkunſt nicht undeutlich hingewieſen zu haben ſcheint. Noch vernehmlicher that ſich aber dieſe Naturſtimme daraus hervor, daß er nicht lange darauf, und noch in der Schule, ohne alle Anleitung und Vergunſt, Kupferſtiche und Holzſchnitte mit der Feder ganz correct und ſo ſauber nachzeichnete, daß ſelbſt Maͤnner, wie der kunſtreiche Matthaͤus Merian, ſeine Handriſſe, bis auf genaue Unterſuchung, fuͤr Originale und gedruckte Holz⸗ oder Kupferſtuͤcke anſähen. = Solche ſchoͤne Gabe wurde von den wach⸗ ſamen Aeltern nicht unbeachtet gelaſſen; viel⸗ mehr gaben ſie ihn zu geſchickten Maͤnnern in die Lehre, wo er denn„ſowol im Zeich⸗ nen, als im Kupferradiren, nach eigener Erfindung und Anderer Vorbildern, gar bald großes Lob erlangte, er nun immer weiter fortkuͤnſtelte, und ihn endlich der Muth, Größeres zu Sbehn„ Wn nicht mehr raſten ließ. n Es lebte aber damals zu ving der be⸗ ruͤhmte Egidius Sadler, und ließ ſeine gro⸗ ßen, herrlichen Kupferwerke,„worin er alle Meiſter ſeiner Zeit uͤbertraf, eines nach dem andern in die vewundernde Welt treten. Dieſe entzuͤndeten nun unſern, kaum funf⸗ zehnjaͤhrigen Jvachim ſo ſehr, daß er, die Mappe voll eigener Arbeiten unter dem Arm, ſich auf und nach Prag machte, allwo er dem genannten Meiſter ſeine Verſuche be⸗ ſcheidentlich vorwies und ſich ihm zum Lehr⸗ ling anbot. Als nun Egidius, der ein auf⸗ richtiger, redlicher Mann, auch großen Ver⸗ ſtandes und Urtheils war, dieſe Sachen mit Geduld und Fyeundlichkeit durchſchauet, ließ er ſich alſo vernehmen; Wollte Gott, mein Joachim, du waͤreſt mein eigen Kind! Aber wenn du das auch waͤreſt, oder ich dich, wie mir's die Liebe heißet, dazu annehmen wollte: ſo könnte ich dir doch nicht anders rathen, als ich nun thue: Fuͤr einen Geiſt, wie ich den deinigen verſpuͤre, iſt das muͤhſame Ku⸗ pferſtechen nicht; wende dich alſo von ihm und zu der edlen Malerey, wo du dich freyer und friſcher ergehen, auch, ſo Gott will„ und du das Deine redlich thuſt, eine hohe Stufe, zu ſeiner Ehre, der Welt Freude, und deinem Nutzen, erreichen kannſt. 5 Nachdem nun Joachim noch piel Liebes und Gutes, auch herrliche Kunſtgeſchenke von dieſem edlen Manne empfangen hatte, reiſete er, geſtaͤrkt im Geiſt und frohen Mu⸗ thes zuruͤck zu ſeinen lieben Aeltern, erzaͤh⸗ lete ihnen des Sadlers Rath, und zog bald darauf, mit deren Einwilligung„nach Ut⸗ recht, allwo er ſich zu dem beruͤhmten Ger⸗ hard von Hondhorſt in die Lehre begab, und gar bald die geſchickteſten ſeiner Mitſchuͤler erreichte, hernach aber ſie alle weit uͤbertraf⸗ Dieſes beſtaͤtigte der kunſtreiche Hond⸗ horſt ſelbſt, auch dadurch, daß, als er vom 3 König Karl Stuart zur Ausfuhrung vieler* großer Werke nach England berufen wurde, ihm unſer Joachim allein tuchtig genng ſchien, vor den Koͤnig zu treten, und die beſtellten Werke ausfuͤhren zu helfen. Das gelang denn auch ſo wohl, daß Koͤnig Karl/ — 59— als er nach vollbrachten Werken den Meiſter reich belohnt zuruͤckgehen ließ, er unſern Juͤngling liebreich bey ſich behielt; welcher denn nun, nach den Kunſtſchaͤtzen der koͤnig⸗ lichen Schloͤſſer, und Sammlungen underer Großen des Reichs ſo fleißig ſtudirte, aus dem Erlerneten eine ſo anmuthige, eigene Weiſe ſich bildete, und in ſolcher ſo erfreu⸗ liche Dinge hervorbrachte, daß Koͤnig Karl nur durch ſtetiges Anhalten unſers Ivachim/ als welcher die Welt weiter ſehen und Groͤße⸗ res erlernen wollte, bewogen werden konnte, ihn endlich, wiewol nicht ohne Unmuth, von ſich zu entlaſſen. Solchen Unmuth würde aber Joachim gewiß nicht erreget, ſondern lieber ſeine edlen Triebe nach Groͤßerem un⸗ terdruͤckt haben, waͤren nicht ſchon damals (1627) die hernach ſo fuͤrchterlichen Unru⸗ hen im Innern des engliſchen Reichs mit — 60— Haß und Mord ausgebrochen, ſo daß, wie bekannt zwanzig Jahte ſpater ſelbſt jener König aufs Blutgerůͤſt gebracht wurde. Vor ſolchen Unbilden konnte aber ſchon in der Zeit, von welcher wir hier ſprechen, kein Fremder, am wenigſten der, wie unſer Juͤng⸗ ling, vom König und ſeinem Hauſe begun⸗ ſtiget war, des Lebens ſicher ſeyn. Getroſten Herzens, reich an Kenntniſſen und Geſchicklichkeiten, wovon ſchon die Tau⸗ ſende eigener Abzeichnungen faſt aller Anti⸗ ken und vorzuͤglichen Gemälde in England, den Beweis liefern konnten, machte ſich un⸗ ſer Jvachim auf; wollte jedoch ſein Auge nicht eher nach den Kunſtſitzen Italiens wen⸗ den, bis er zuvor ſeine lieben Aeltern wie⸗ dergeſehen, ſich durch ihre Liebe erquickt, und ihren Segen eingeholet haͤtte. Zu dem Ende ſchiffte er ſich nach Holland ein, und reiſete dann nach Frankfurt, wo ihn Veltern und Geſchwiſter mit vielfaͤltigen Freuden und Preis Gottes empfingen. Waͤhrend ſei⸗ nes Aufenthalts malete er alle die Seinigen, ſo wie ſeine beſten Freunde, theils um ihnen ein werthes Angedenken an ſich zuruͤckzulaſ⸗ ſen, theils auch ſich ſelbſt ihre Bildungen und Geſichtszuge deſto tiefer in die Seele zu druͤcken, und ſo auch in der Ferne gleichſam von ihnen umgeben zu ſeyn. Dann ging er uͤber Augsburg, durch Tyrol, in das geſeg⸗ nete Italien, und kam zuerſt an in der welt⸗ beruͤhmten Waſſerſtadt, Venedig. Hier konnte er nicht ſatt werden„in Be⸗ gleitung verſchiedener Kunſtverwandten„die ihn liebreich aufgenommen hatten, die vie⸗ len, uͤberaus trefflichen Kirchen, Palaͤſte, Saͤle und Schulen, mit allen den uͤber⸗ ſchwenglichen Kunſtſchaͤtzen, zu betrachten⸗ Am meiſten riſſen ſeinen Geiſt an ſich die Werke des großen Tizian, und vor allen deſ⸗ ſen Maͤrthrertod des heiligen Petrus, wel⸗ ches unvergleichliche Werk er auch mit innie ger Liebe und größtem Fleiß aufs treueſte copirte. Naͤchſt dieſem bewunderte er am meiſten die reichen und kuͤhnen Werke des Paul Veroneſe; und unter dieſen am aller⸗ meiſten die Salbung Chriſti durch Maria Magvalena, welches kofliche Stuck im Klo⸗ ſter der Serviten aufgeſtellet war. Im All⸗ gemeinen war aber ſein Urtheil von den gro⸗ ßen Venedigern: es laſſe ſich von ihnen eine große und ſchoͤne Praktik, vornaͤmlich in der Erfindung, und noch mehr in der Anord⸗ nung und Colorirung, erlernen bey wei⸗ tem aber nicht ſo viel in der Zeichnung und in den Umriſſen. Dieſem ſeinem Urtheil ge⸗ maͤß, ahmte er auch dieſe Meiſter, vor al⸗ —— * — 63— lem in jenen Vorzuͤgen nach„und hielt ſich in dem Uebrigen an die Natur und an die Antike, ſo daß ſeine Arbeiten aus dieſer Zeit lebendiger und eindringlicher wurden, ohne darum vermeſſen und uͤbertrieben zu werden. Je mehr er aber bemerkte, worin die Meiſter Venedigs unvollkommen erſcheinen, deſto mehr ſtrebte er nun nach Rom, allwo er auch, was dieſen abgehe, vollkommen zu erblicken und ſeinen eigenen Maͤngeln weiter abzuhelfen verhoffete. Er machte ſich alſo auf den Weg, und zwar mit ſeinem Vet⸗ ter, und mit dem Kupferſtecher le Blbn. Die Reiſe ging durch Ferrara und Bo⸗ logua, welche Staͤdte mit köſtlichen Kunſt⸗ gemaͤlden damals ganz erfuͤllet waren. Am letzten Orte beſuchte er den beruͤhmten Guido Reni, und wurde von ihm hochſtfreundlich — 6— empfangen; wie dieſer Kunſtler denn uͤber⸗ haupt ein munterer, zuthaͤtiger und lebens⸗ froher Mann war. Er zeigte unſerm Deut⸗ ſchen alles vor, was er machte, und Herr Sandrart erſtaunte frohlich, als er in ſeinen Werken den Bund bemerkte, welchen Ver⸗ ſtand, Lebendigkeit und Anmuth hier ge⸗ ſchloſſen zu haben ſchienen. Dann gingen beyde zu Franzesco Albano, welcher viel ſinnreiche Stucke von ſchoͤner Erfindung und ungemeiner Zierlichkeit verfertigt hatte.— Von alle dem, was unſer Reiſender in Kir⸗ chen, Palaͤſten, Galerien und andern vor⸗ nehmen Gebaͤuden dieſer Stadt betrachtete„ und was in ſeiner Herrlichkeit kaum zu zaͤh⸗ len, mag nur angefuͤhrt werden, was vor allem ſeinen Geiſt entzuͤndete, und ſein Ge⸗ muͤth freudenteich ausfullete. Dies war im Domſtift eine heilige Cäcilia, nebſt andern —„ beyſtehenden Heiligen, von Raphael Urbino, mit gottlichem Verſtande dargeſtellt, und uͤberaus meiſterhaft gezeichnet; dann zwey herrliche Tafeln mit der Kreuzigung Chriſti von oben genanntem Guido„voll Natur und ſchoͤner Affecten; und eine ganze Galerie von dem Leben des heiligen Benediet, durch Lud⸗ wig und Hannibal Caracci mit hoher Weis⸗ heit und trefflicher Kuuſt gemalt: was denn alles unſer Sandrart fleißig nachmalete und ſich zu Nutz machte. Von hier ging er weiter nach Florenz, und kam unterwegs zu dem ſchoͤnen Luſt⸗ ſchloß, Fiorenzola, allwo man die ſchoͤne Stadt, bey heiterem, glaͤnzend blauem Him⸗ mel, nicht ohne erguickliche Entzuͤckung konnte hervorſpielen ſehen. Seine Ankunft bey dieſem Schloß fiel eben an einem Feyer⸗ tag/ da denn, nach alter Gewohnheit, die 1I. Band. E — 66— Buͤrger mit ihren Frauen und Kindern auf der hier befindlichen ſchoͤnen Wieſe ſich mit Tanz und andern Fröhlichkeiten erluſtigten: er aber, Herr Sandrart, mit ſeinen Gefaͤhr⸗ ten, ſich von den Pferden begaben und naͤ⸗ her herzutraten, um heitern Muthes den Reihen naͤher zu beobachten. Doch waͤre durch des Gluͤckes Neid ihm dieſer Tanz faſt eben ſo bekommen, als das Tanzen der He⸗ rodias Johanni, dem Taͤufer. Denn kaum war er herzugetreten, als ihm, nach des Orts Gewohnheit, eine der ſchonſten Jung⸗ frauen zugebracht ward, um dieſelbe zum Tanze mitzufuͤhren. Seine hofliche Ent⸗ ſchuldigung wollte ihn deſſen nicht entheben, und ſo verrichtete er den Reihen nach beſtem Vermoͤgen und in guter Manier. Hier be⸗ gab ſich's aber, daß das fliegende Kleid die⸗ ſer Jungfrau vom Winde in ſeine Sporen — 67— verwickelt, und, weil er eben eine freye Wendung machte, merklich erhoben wurde. Dies empfanden nun ihre anweſenden bey⸗ den Bruͤder, als heiße Italiener, alſobald aufs heſtigſte, und fuͤr einen ſonderlichen Schimpf; weswegen ſie denn mit entbloͤß⸗ ten Degen wild und augenblicklich auf ihn losrannten. Er, wie dem Deutſchen zuſte⸗ het, auch nicht zaghaft, riß ſeine Piſtolen hervor„ und ſtellte ſich in F̃aſſung„ ſeine Unſchuld und gerechte Sache wacker zu ver⸗ fechten. Indem traten aber verſtaͤndige Maͤnner dazwiſchen„ die ſeine Unſchuld be⸗ zeugten und die wilden Bruͤder zur Ruhe verwieſen welche ſich denn auch endlich da⸗ mit begnuͤgten. Nicht aber ſo unſer Herr Sandrart: dieſer verlangte fuͤr offenen An⸗ griff offene Entſchuldigung, und dies gefiel den redlichen Maͤnnern dermaßen, daß jene E2 — 65 Bruder nicht nur um Nachlaß des vorgelau⸗ fenen Irrthums baten, ſondern ihm auch ihre Schweſter von neuem zum Tanz in al⸗ len Ehren zubrachten. Mit hoͤflichen Ge⸗ berden und Worten nahm unſer Deutſcher dies auf, und machte, nachdem er die Jung⸗ frau nochmals zierlich im Reigen gefuͤhret, durch angenehmes Glůſeleinwechſeln mit ih⸗ nen allen luſtige Geſellſchaft, ſo daß er end⸗ lich mit allgemeinem Fviva Rufen, als welches die Italiener bey vieler Freude und Liebe anzuwenden pflegen„entlaſſen ward. In der herrlichen Stadt Florenz, die billig eine der Geburtſtaͤtten und Reſiden⸗ zen aller Kuͤnſte genannt werden mag, fand er die vortrefflichſten Werke des Michel An⸗ gelo, Leonardo da Vinci, Andrea del Sarto, und anderer Kunſthelden: weil aber die Hitze herzunahete, eilete er mit le Blon uͤber das — 6 aͤpenniniſche Gebirge, durch Siena, bey Viterbo vorbey, auf der herrlichen Straße, Flaminia, nach Rom. Hier befliß er ſich nun ungeſaͤumt, mit allen, die jn der Maler- und Bildhauer⸗ kunſt vortrefflich waren, eine recht trauliche Kundſchaft zu machen, um dadurch zu ſei⸗ nem vorgeſetzten Zweck deſto beſſer zu gelan⸗ gen. Hierzu war ihm beforderlich„die da⸗ ſelbſt, auf niederlaͤndiſche Weiſe uͤbliche Willkommensmahlzeit, wozu er alle vor⸗ nehme Juͤnſtler, deren Anzahl ſich damals auf vierzig erſtreckte, in Perſon ſelbſt einlud, auch mit vernuͤnftigen Reden jeden in ſeiner eigenen Sprache, italieniſch oder deutſch, niederlaͤndiſch oder franzoſiſch, unterhielt. Wie nun dieſe wahrhaft ruhmvolle Ge⸗ ſellſchaft eine Weile beyſammen geweſen war, entzogen ſich verſchiedene der Pornehmſten — 70— ſtilſchweigend in einen großen Saal des Hauſes: nach einiger Zeit aber kamen ihrer Etliche zuruͤck, und fuͤhrten die Neuange⸗ kommenen ebenfalls dahin, welchen nun die Andern ſimmtlich gleichfalls folgeten. Mit nicht geringer ueberraſchung ſahen unſere Reiſenden hier ein herrliches Ehrengerüſt ih⸗ nen errichtet, das um ſo froͤhlicher ſich aus⸗ nahm, da man das Zimmer finſter gemacht, und durch piele, verſteckte Lichten das Werk alſo beleuchtet hatte, daß der volle nur auf die Hauptbilder herab fiel. ſtellte aber das Geruͤſt(wozu man vom Wirth allerley Mobilien geliehen, und ſel⸗ bige mit paſſend gemalten Tapeten uͤberklei⸗ det hatte) den Berg Parnaſſum vor. Auf der Hohe deſſelben ſaß Apollo mit den Mu⸗ ſen; zur Seite, etwas niedriger, ſtanden die Poeſie, Sculptur und Malerey, welche — 71— — nicht ohne freundliche Gedanken— als Fremdlinge gekleidet waren, und vom Mer⸗ curio, als Boten, ihrem thronenden Schutz⸗ gott anempfohlen und zugefuͤhrt wurden. Zwiſchen dieſen und andern froͤhlichen Dar⸗ ſiellungen brannte der oben genannte Albano, der auch nach Rom kommen war, luſtige Schwaͤrmer und Feuerkugeln los, und die andern riefen mit freudigem Jubel: Viva, t Fan le Blon!— Von dieſem Alt, der weit ſchöner anzuſehen war, als man ſich nach unſern einfaͤltigen Worten vor⸗ ſtellen mag, ging man zur Mahlzeit, wo denn unſere Fremdlinge mit lorbeergekronten Haͤnptern ſich zu oberſt an die Tafel ſetzen mußten, und alſo die geſammten Stunden der ganzen Nacht, wie es jungen Kuͤnſtlern wol zuſtehet, mit freyer Luſtbarkeit und gut⸗ verſtaͤndigen Geſpraͤchen hingebracht wurden. Unſer Reiſender wurde nachmals von die⸗ ſen ſeinen Kunſtgenvſſen erſtlich in der Stadt Braͤuchen und Lebensweiſe unterrichtet, und dann mit alle den tauſend preis⸗ und ruhm⸗ wuͤrdigen Schaͤtzen, welche in ihr, anzutref⸗ fen, bekannt, auch ihm Gelegenheit ge⸗ macht, das Herrlichſte nach ſelbſteigenem Gefallen zu ſtudiren, abzuzeichnen, oder zu copiren. Da er ſich nun taͤglich, ja ſtuͤnd⸗ lich, großten Fleißes hiermit beſchaͤftigte, und faſt nirgends zu erblicken war, außer vor alten Statuen, in Akademien, oder ſonſt vor herrlichen Kunſtwerken: ſo erhob und kraͤftigte ſich davon nicht nur ſein Geiſt derge⸗ ſtalt, ſondern er erwarb ſich auch eine ſo große Kunſtfertigkeit und eigenthuͤmliche Manier, daß er nun von Jedermann unter die vor⸗ nehmſten Meiſter jener Zeit gerechnet ward — was wir zu behaupten uns nicht unter⸗ fangen wuͤrden, konnten und wollten wir außer dem Zeugniß der Mitanweſenden, nicht auch ſogleich einen ſchoͤnen Beweis davon in folgender Geſchichte hieher ſetzen. Der damalige Koͤnig von Spanien ließ durch ſeinen Geſandten in Rom die zwolf trefflichſten Maler ausſuchen, und beſtellte bey jedem ein reiches Gemaͤlde mit lebens⸗ großen Geſtalten, alle Tafeln von einerley Umfang: und unſer Deutſcher wurde ein⸗ muͤthiglich zu einem jener zwoͤlfe erwaͤhlt. Da malete denn erſtlich der feurige, gedan⸗ ken⸗ und kunſtreiche Guido Reni den Paris, wie er die ſchöne Helena zu ſeinem Reiſe⸗ ſchiff entfuͤhrt; welches mit vielen Figuren ſo trefflich angeordnet und ausgedruͤckt war, daß Natur, Kunſt und Anmuth darin mit ein⸗ ander wetteiferten. Der ſtarke„kunſtmaͤch⸗ tige Guerecino da Cento ſtellete die Königin Dido vor, wie ſie, nach der Flucht des Aeneas, ſich ſelbſt den Tod giebt; ebenfalls mit vielen Figuren, uͤberaus natuͤrlich und ausdrucksvoll, auch großartig, und doch fleißig ausgefuͤhrt. Das dritte Gemaͤlde, von dem Spanier Joſeph dArpinas, das vierte, von dem Neapolitaner de Maſſime, und das fuͤnfte, von dem Florentiner Hrazio Gentileschi, wurden nicht zur beſtimmten Zeit fertig, weshalb wir ſie hier uͤbergehen. Pietro di Cortona ſtellete, in einer Ueber⸗ zahl maͤnnlicher und weiblicher Perſonen, den Raub der Sabinerinnen, mit ſo gewal⸗ tigem Ansdruck und ſo vielfaͤltig lebendiger, ia ſchreckhaft gewaltſamer Handlung vor, daß unſer Sandrart nie und keines Orts ein koſtlicheres Werk dieſes Meiſters geſehen hat. Das ſiebente Werk war eines Franzoſen 6 Valentin, und ſtellete vor, die fuͤnf Sinne 1 5— als Perſonen, jede in angemeſſener Beſchaͤf⸗ tigung. Dies Stuͤck ſchien unſerm Deut⸗ ſchen weit weniger ruͤhmenswerth wegen Er⸗ findung und Zeichnung, als weil es ſo uͤber⸗ aus kraͤftiglich coloriret und uͤberhaupt ſehr wohl gemalet war. Umgekehrt ſchien ihm an dem achten die Liefſinnigkeit und Zeich⸗ nung weit trefflicher, als Colorit und Aus⸗ druck. Es gehoͤrte dem Andrea Sacchi zu 3 und ſtellte vor, die gottliche Fuͤrſehung, um⸗ geben mit allen chriſtlichen Tugenden. Im neunten hatte der lebensvolle Lanfranco Dia⸗ nen mit ihren Nymphen badend vorgeſtellt, wie ſie eben die Verirrung der Calliſto ent⸗ deckt, und die Vermeſſenheit Actaͤons be⸗ ſtraft; welches herrlich zu einem Ganzen verbunden und durchgehends ſo natuͤrlich vor⸗ geſtellt war, als wenn es lebendig vor Ei⸗ nem ſtuͤnde. Zum zehnten hatte der ſinn⸗ und kunſtreiche Dominichino dieſelbe Göttin mit vielen ihrer Nymphen gemalet, wie manche ſich im Schießen uͤben, andere von der Jagd zuruͤckkehren und das Erbeutete ih⸗ rer Herrin zu Fuͤßen legen, noch andere ſich in friſcher Quelle kuͤhlen, und dergleichen er⸗ freuliche, liebreizende Dinge mehr; und war dies ein Werk an Vernunft, Zartſinnigkeit, Zeichnung und Colorit, ſo durchaus vortreff⸗ lich, daß es wol nicht vnbillig allen andern vorgezogen worden waͤre. Eilftens hatte der beruͤhmte, kunſtverſtaͤndige Franzos, Nicolas ouſſin, etwas Neues aus dem alten Teſtamente hervorzuholen geſucht, in⸗ dem er dargeſtellt, wie Gott das Volk der Juden durch Peſt und graͤulichen Maͤuſefraß heimſuchet, ſo daß hier Perſonen zu ſehen waren in allen Graden des Leidens, vom erſten Anfang des Erkrankens, bis zum völ⸗ . „ 3 ligen Erſtarren im Tode; ſo wie auch viele, welche auf die mannichfachſte Art Huͤlfe lei⸗ ſteten oder trauerten: welches alles mit gro⸗ ßem Verſtand, natuͤrlichen Affecten und ſehr richtig und fleißig ausgefuͤhret worden war. Endlich und zwoͤlftens hatte unſer Herr Sandrart den Tod des Seneca, und zwar als ein Nachtſtuck, vorgeſtellt. Dieſer große Weltweiſe ſaß halb entkleidet im lauen Bade, nachdem ihm, auf Nero's Befehl, die Adern geoffnet, und ſein Leib zwar ſchon faſt er⸗ blichen; aber der Geiſt unerſchrocken und freundlich ſich zeigte. Er ſprach ſeiner trau⸗ renden Paulinaͤ und andern umſtehenden Freunden troſtlich zu, und ſeine Schuͤler, Philo und Demetrius, zeichneten dieſe ſeine —letzten Reden auf. Der kaiſerliche Haupt⸗ mann mit ſeinen Reiſigen, der die Handlung bewachte, ſtand achtſam und verwundert da⸗ „ bey; und einer ſeiner Leute hielt eine große, hell leuchtende Fackel, von welcher allein al⸗ les Licht ausging, und nicht nur auf die Hauptperſonen, ſondern auch, in Wider⸗ ſcheinen, auf den Kleidern, Harniſchen und Waffen der Umſtehenden, ſchoͤn und natuͤr⸗ lich ſpielete. Es wurde aber an dieſem Werke ſowol Erfindung, Zeichnung und Affect, als auch Austheilung und Coldrit, von Jeder⸗ mamn hoͤchlich geprieſen; ſo daß unſer Kuͤnſt⸗ ler durch daſſelbe gleich auf einnal im gan⸗ zen Rom hochgeſchaͤtzt und beruͤhmt ward. Unter denen, welche dies Werk hochhiel⸗ ten, war auch der vielgeehrte Kunſtkenner, Marcheſe Vincenzo Giuſtiniani, welcher un⸗ ſern uͤnſtler ſogar in ſeinen Palaſt aufnahm, und von da an, bis zu ſeinem Abſcheiden aus Rom, ihn daſelbſt behielt. Fuͤr dieſen Prinzen arbeitete er vornaͤmlich Bildniſſe, von welchen wir nur das beruͤhmteſte anfuͤh⸗ ren wollen, das den Cavaliere„Raggio von Genna, auf einem ſchoͤnen, hochtrabenden, weißen Pferde in Lebensgröße vorſtellete, und namentlich dem Papſt Urban dem ach⸗ ten ſo wohl gefiel, daß er ebenfalls dem Kuͤnſtler mehrerley Auftraͤge gab, und fuͤr deren Ausrichtung ihn reichlich belohnete. Wie denn aber in der Welt die Gabe der Verſtaͤndigkeit eben ſo verſchiedentlich aus⸗ getheilet iſt, als die Gabe der Schoͤnheit oder des Reichthums: ſo wurden unſerm Kuͤnſtler, neben ſolchen wuͤrdigen Vorſtellun⸗ gen, auch manche thoͤrichte zugemuthet, wel⸗ chen er ſich jedoch niemals fuͤgen moͤgen. So kam einſtmals ein gewiſſer fremder Ca⸗ valier zu ihm, und bat ihn, ſein Bildniß zu machen, wie er ſtolz und ſittſamlich vor dem Hauſe einer gewiſſen ſchonen Dame voruͤber⸗ gehe, welche am Fenſter ſtehe, und da ſie ihn aus der Ferne gewahre, ſich beſcheident⸗ lich zuruͤckziehe, doch ſogleich, als er nun voruͤber, wieder an das Fenſter eile, ſeinen Gang zu beobachten, was denn er, aus der Ferne zuruckſchauend, gar wohl bemerke, durch ſtattlichen Gruß verdanke, und nun dieſe Hoflichkeit von der Dame mit ſchoͤnem Neigen vergolten bekomme. Als unſer Kuͤnſt⸗ ler den Herrn hatte ausreden laſſen, entgeg⸗ nete er: Zu ſo etwas ſey er nicht geſchickt: er moͤge aber nur zum van der Laar, ge⸗ nannt Bamboccio, gehen; der werde ihn ſicher beſtens bedienen. Es war aber die⸗ ſer Bamboccio unſers Sandrarts guter Freund, und ein luſtiger Geſell, der in⸗ ſonderheit ſeine Freude daran hatte, Ge⸗ ſindel, wie Zigeuner, und andere Art be⸗ ſtialiſcher Menſchen, in ihren Graͤueln ( — 81— aufs treffendſte und voltonnenſe darzu⸗ ſtellen.— Nach dieſem verließ Herr Joachim auf geraume Zeit das Bildnißmalen und ver⸗ blieb bey großen Hiſtorien„von welchen wir nur das Altarblatt der Maria mit dem Chriſt⸗ kindlein„ umgeben von den zwolf Geheim⸗ niſſen und vielen holdſeligen Engeln, anfuͤh⸗ ren wollen, indem ſolches hernach vorzuglich berüͤhmt, und von dem franzdſiſchen Cardi⸗ nal Richelieu um 400 Kronen in ſeine Cœ pelle nach Paris erkauft worden, wo es dem Koͤnige von Frankreich alſo wohl gefallen, daß er unſern Fuͤnſtler, neben dem Bild⸗ hauer Francesco du Quesnoy und dem be⸗ ruͤhmten Nicolas Pouſſin, zu ſich berufen hat. Es ſind aber ſolchem ehrenvollen Ruf nur jene zwey Künſtler gefolgt„nicht unſer Herr Sandrart, als welcher zu den Fran⸗ II. Vand. F zoſen kein recht Gemuͤth gehabt, und ſich lieber in dem gluͤcklichen Italien in ſeiner Kunſt noch weiter vervollkommnen wollen; iſt auch von jenen beyden der Pouſſin bald wieder nach Rom zuruͤckgekehrt, weil er mit dem eitlen, verkehrten Kunſttreiben der mei⸗ ſten Franzoſen, und dem luͤgenhaften Thun der Hofleute oder ihrer prahlenden Guͤnſt⸗ linge, nicht hat auskommen können. Was nun die hiſtoriſchen Werke unſers Meiſters aus dieſer Zeit anlangt, ſo erwies er ſich in denſelben als einen bedacht⸗ und ſittſamen Deutſchen; weshalb auch dieſel⸗ ben, weil eben damals die verwegene, in die Augen reißende Manier viel empor ge⸗ kommen, von Mehrern fuͤr allzumodeſt, ru⸗ hig und ſittig in Erfindung und Gruppirung, auch in Gedanken nicht ſeltſam und fremd genug erklaͤret worden ſind; was jedoch nicht hinderte, daß nicht alle zugeſtanden haͤtten, ſie ſeyen voll nachdenklichen Verſtandes„fe⸗ ſter Zeichnung, und kraͤftiger, guter Farbe, auch alles, ſelbſt das Beywerk, als Klei⸗ dungen, Waffen und dergl., mit großem Bedacht und vielem Fleiß ausgefuͤhrt. Obengenannter Marcheſe Giuſtiniani 5 mit welchem unſer Kuͤnſtler taͤglich lebte, und der mehre hundert, zum Theil über⸗ aus herrliche, antike Bildwerke beſaß, kam nun auf den Gedanken, von ihnen gllen ein großes, vollſtaͤndiges Buch in Kupfer ferti⸗ gen zu laſſen, und uͤbertrug die Ausfuͤhrung dabon unſerm Herrn von Sandrart. Da aber jener ſieben ind ſiebenzigjaͤhrige Herr dies gewaltige Werk noch bey Lebzeiten fer⸗ tig ſehen wollte: ſo berief unſer Kuͤnſtler nicht nur die beruͤhmteſten Kupferſtecher, die damals in Italien lebten, wie Melan F 2 8 ind Audran, ſondern auch die geſchickteſten Niederlaͤnder, den Blbemaert, Matham und andere, zu dieſen Arbeiten, welche treff⸗ liche Manner denn alle nach ſeinen Zeich⸗ nungen ſtachen. Weil aber dieſe Geſchaͤfte, eben ſeinen andern Malereyen, ſein ganzes Leben faſt Tag und Nacht hinnahmen: ſo waͤhlete er ſich einen geſchickten Gehuͤlfen in dem jungen Pietro Teſta, der in Rom ganz unbeachtet und huͤlflos herumging, und in welchem er, indem er ſeinen ſchwermuͤthigen Geiſt erheiterte, und ihm edle Arbeit, auch gute Verſorgung verſchaffte, der Welt einen geiſtreichen und wackern Kuͤnſtler herangezo⸗ gen hat. Nachdem er nun alſo in Ehre und uner⸗ muͤdlichem Fleiß mehrere Jahre in Rom ver⸗ lebet, wollte er auch das uͤbrige Italien ken⸗ nen lernen, und zugleich Muth und Blut . ——————— — 85— durch eine Reiſe neu anfriſchen. Er verband ſich daher mit guter Geſellſchaft, und zog zuerſt nach Neapel, dann uͤber Meer nach Sicilien, wo er, wie dort den feuerſpeyen⸗ den Veſuv, ſo hier den uͤbergewaltigen Aetna frohlichen Muthes beſtieg; dann, als er die vulkaniſchen Inſeln beſucht, ſegelte er nach Maltg, fuhr nun nach Apulien, und kehrte hernach durch dieſes Land wieder nach Rom zuruͤck. An allen dieſen Orten berweilte er ſo lange, bis er, einige große Oelbilder mit eingerechnet, treulich nachgezeichnet hatte, was ihm an guten Kunſtwerken vorkam: noch weit mehr und mit entzuͤckter Seele aber riß er die, in dieſem Paradies der Erde ſo reichen und uͤberſchwenglichen Wunder der Natur ab. Viele von dieſen letztern Zeichnungen ſind nachmals, wie bekannt, durch ſeinen Freund, Matthaͤus d— 86— Merian, der Welt in Kupfer vorgelegt worden. Als er wieder näch Rom zurckkam, wurde er von allen Meiſtern froͤhlich bewill⸗ kommnet, und hielt ſich wirder fleißig zur Akademie; und weil er immer gleiche Tu⸗ gend und ſtete Verbeſſerung ſeiner Kunſt be⸗ wies, trug ihm der Papſt, Urban der achte, auf, ſein Bildniß zu malen, welcher Ehre er ſich auch zu ſo allgemeiner Zufriedenheit unterzog, daß ihm von nun an vom Hofe vielerley hiſtoriſche oder poetiſche Vorſtellun⸗ gen aufgetragen wurden. Hierbey nahm er aber auch ſeine Zeit wohl wahr, und fuͤllete ganze große Buͤcher an mit Abriſſen der be⸗ ruͤhmteſten Gemaͤlde und antiken Statuen oder Buͤſten, damit ſolche kuͤnftig, bey Ab⸗ gang der Originalien, ſeinem Geiſte und 3 Gedaͤchtniß behuͤlflich ſeyn konnten. 2* — 87— Doch erfuhr auch er, wie jeder vom Gluͤck Beguͤnſtigte, die ſcharfen Stacheln des Neides und der Mißgunſt; und zwar hatte ihm vornaͤmlich jene paͤpſtliche Aus⸗ zeichnung Feinde und Gegner zugezogen. Daran dachten aber wol jene alle nicht, daß ſie eben mit ihrem Tadeln und Anfeinden ihm nicht nur das Leben nicht verbitterten, indem ſeine Zufriedenheit eine maͤßige, aber feſte deutſche, und nicht eine ausſchweifende, aber wandelbare italieniſche war; ſondern daß ſelbſt ihre Verkleinerungen und Schmaͤ⸗ hungen ihm großen Nutzen in ſeiner Kunſt bringen wuͤrden. Und doch war dem alſo. Es pflegt naͤmlich allen beruͤhmten Leuten zu geſchehen, daß ſie von den Ihren faſt nur uͤber das ſprechen hoͤren, was ſie Gutes ha⸗ ben und thun, woruͤber ſie denn, wenn auch nicht ſtolz und aufgeblaſen werden, doch — 68— mindeſtens ihrer Fehler vergeſſen, und in der Aut ihres Löblichen ſo ſteif verharren 9 daß es ihnen endlich nicht nur als das Beſte von allem, ſondern wol gar als alleinig gut vorkoͤmmt: was aber die Liebe gar ſehr er⸗ mattet, und den Sinn haͤrtet und verengert. So mochte es nun wol auch unſerm Herrn Joachim ergangen ſeyn, wenn ihm nicht jene Widerpart, in welcher uͤbrigens zum Theil tuͤchtige Kuͤnſtler waren, ein anderes Lied geſungen haͤtte. Alſo verſtand dies aber un⸗ ſer Fuͤnſtler, und nicht etwa nur in ſpaͤten, weiſeren Lebensjahren, ſondern ſchon da⸗ mals, im jugendlich friſchen Mannesalter. Er gab ſich alle Muͤhe, jeden Tadel der Gegner zu erfahren, ſtritt und eiferte nie mit einem daruͤber, ſondern pruͤfete alles in der Stille, benutzte, was er nicht ohne Grund fand, und lachte des Sutprn 3 Zur Vermehrung dieſes ſeines milden„ liebevollen Sinnes trug inſonderheit auch der innige Freundſchaftbund bey, den er mit ei⸗ nem jungen Kuͤnſtler geſchloſſen, der erſt kürzlich in Rom emporgekommen, und der aus einem verachteten, fur ungeſchicklich ge⸗ haltenen Paſtetenbaͤckerburſchen ſchon da⸗ mals zu einem leuchtenden Kunſtgeſtirn ge⸗ worden war, ſodann aber der Angelſtern aller Landſchaftmaler der Welt geworden iſt. Es war dies der Claude Gelée, genannt Lorrain. Dieſer junge Kuͤnſtler war ergrif⸗ fen von einer ungemeſſenen, inbruͤnſtiglichen Liebe zur Natur; als wohin ſich denn auch, wie bey einer, das Innere ganz erfuͤllenden Liebe zu geſchehen pflegt, alle ſeine ſchoͤnen Gedanken, ſein herziger Sinn, und ſein treuer, unablaͤſſiger Eifer, allein richteten, ſo daß er ſein ganzes Leben hindurch, um — 90 S alles, was ſonſt Menſchen erfteuet, als Geld und Gut, Frauen und ihre Liebe, Ehre und Lebensbequemlichkeit, nur allein die Freundſchaft ausgenommen, ſich nicht kuͤmmerte, gleichſam als finde dies alles in ſeinem Herzen nun gar nicht mehr Platz. Weil es aber dieſem wunderbaren Juͤngling an guter Anweiſung, wie ſeine Gedanken und Wahrnehmungen auf der Leinwand ver⸗ ſtaͤndig und anmuthig auszudrücken, gefeh⸗ let hatte, maßen er und ſeine, damals noch kleinen Bildlein, immer nicht mehr geach⸗ tet wurden, als ſey er noch der Paſteten⸗ baͤcker und ſeine Werke ſein Gebaͤck: ſo plagte er ſich bey Tag und Nacht, lag vom Morgen vor Sonnenaufgang in Feldern und Waͤldern, alle Scheine und Wirkungen der Lichter zu merken; wo er dann, hatte er Eins wohl gefaſſet, ſpornſtreichs, nicht ſel⸗ ten ſtundenweit und in ſtechender Sonnen⸗ gluth, nach Hauſe lief, es in ſeine Bilder zu bringen, wodurch dieſe aber, wiewol uͤber⸗ aus natuͤrlich und fleißig, doch auch aͤngſt⸗ lich und wenig erfreulich wurden, weshalh ſie denn eben Niemand, ſelbſt um das ge⸗ ringſte Geld nicht, kaufen moͤgen, was den jungen Kuͤnſtler noch tiefer in Trauer und Schwermuth, als in Mangel und Noth ſtuͤrzte. Als nun aber unſer Herr von San⸗ drart eines Tages eben in dem paradieſiſchen Tivoli, zwiſchen den wilden Felſen, am großen Waſſerfall ſaß, und dieſe reizenden Naturwunder gleich an Ort und Stelle im Großen nach dem Leben malete: da kam die⸗ ſer Claude zufaͤllig durchs Gebuͤſch, ſahe un⸗ ſers Kuͤnſtlers Verfahren, und war davon, als gehe ihm mit Eins die Thuͤr auf, die ihm bisher ſein Heiligthum verſperret, hoͤch⸗ S lich und freudig betroffen; fragete dann wei⸗ ter, verſuchte ſogleich, und fand ſolch Be⸗ ginnen dermaßen dienlich, daß er es von Stund' an zu dem ſeinigen machte, wodurch er denn hernach bey fortgeſetztem Studi⸗ ren und unablaͤſſigem Fleiß, ſeine entzuͤcken⸗ den Raturbildèr hervorgebracht hat. Da er nun aber auch, wiewol nicht von vieler Höf⸗ lichkeit und ſchoͤnen Worten, doch deſto mehr von frommem, beſcheidenem Sinn, und voll reger Dankbarkeit war; ſo hat er mit un⸗ ſerin Herrn von Sandrart/ ſeit jenem Tage, einen Herzensbund errichtet, der auch nie getrennet worden. Sie waren deshalb all⸗. taͤglich bey einander, zogen auch bald dar⸗ auf in Ein Haus 5 ſo daß man ſie immer mitſammen ſahe, bald ſpazierend in Tiboli, in Prinz Giuſtiniani's Garten, und auf an⸗ dern ſchoͤnen Plaͤtzen, wo ſie der Natur — „ — 93— gleichſom ihre ſchnſten Liebesblicke ablauſch⸗ ten, bald neben einander große Baͤume, Aus⸗ ſichten, Waſſerfalle und anderes dergl., an⸗ Ratt des Zeichnens, gleich nach dem Leben malend— welches der Claude hernach zu Landſchaften ſorglich ausfuͤhrete, unſer Kuͤnſtler aber nur im Ganzen zu ſeinen hi⸗ ſtoriſchen Bildern benutzte. Waren ſie zu Pauſe, ſo trugen ſie ihre Arbeiten zu ein⸗ ander, und ſaßen alſo ſtill beyſammen, in ihrem Fleiß und ihrer Liebe. Und iſt es, gaͤnzlich dabey verblieben, ſo lange unſer Herr von Sandrart in Rom ſich verwei⸗ lete; und da er endlich von dort ab⸗ ging, uͤberließ ihm Claude einige ſeiner allerſchonſten Gemͤlde, welche auch je⸗ ner bis an ſeinen Tod als Lieblinge auf⸗ bewahret, allen Kunſtverſtaͤndigen vielmals vorgezeiget, aber, großer Erbietungen un⸗ —— geachtet, niemals aus den Haͤnden gelaſ⸗ ſen hat. Nachdem naͤmlich unſer Kuͤnſtler ſieben Jahre in Rom, und neun in Italien uͤber⸗ haupt verlebt hatte, kehrte er 1635 uͤber Mayland wieder in ſein deutſches Vaterland zuruͤck. Dieſes war aber damals, und be⸗ ſonders in Elſaß, Franken und am Rhein⸗ ſtrom, durch die Furien, Krieg, Hunger und Peſt, aufs grauſamſte gepeiniget; da⸗ bey auch ſo unſicher, daß er nur mit groͤß⸗ ter Lebensgefahr nach Frankfurt gelangen konnte. Selbſt noch nahe an dieſer ſeiner Baterſtadt umfing ihn neue Lebensgefahr. Frankfurt war naͤmlich eben damals vom kaiſerlichen General, Grafen Gallas, mit einem Heer eingeſchloſſen, und unſer Rei⸗ ſender mußte(es war eben in der Pfingſt⸗ nacht) ſich zu Fuß durch das kroatiſche La⸗ 7 * * ger zu ſchleichen wagen: wer hat aber in jenen Zeiten nur irgend einen Haufen dieſes Volks kennen gelernt, ohne einzuſehen, wie viel dies ſagen wollte! Indeſſen, Gott, dem er ſein Leben befohlen, hatte beſchloſſen, es ihm zu bewahren; und ſo langte er mit An⸗ bruch des Tages wohl behalten, erſt zur Verwunderung der Wachen an dem Thore„ dann zu üͤbergroßer Freude der Seinigen in ihrem Hauſe an. Und da der Ruf ſeiner erlangten Kunſt vor ihm hergegangen, ließ man ihn auch nicht lange feyern, ſondern der geiſtgewaltige, vielgeliebte Held und Feldherr, Herzog Bernhard von Weimar beſtellete ſein lebensgroßes Bildniß; wor⸗ auf, da ſolches zu allgemeiner Zufrieden⸗ heit ausfiel, mehre Generale und Haupt⸗ leute ſeines Heeres ſich gleichfalls von un⸗ ſerm Kuͤnſtler gemalt ſehen wollten. Auch 96— ſollte ihm dieſer ſein erneuerter Aufenthalt in der Vaterſtadt durch die Liebe und eine junge Ehe verſuͤßt werden; und war die, jung welche ihn durch beydes zu begluͤcken Hoff⸗ nung gab, Jungfrau Johanng von Milkau des Edelherrn auf Stockau nachgelaſſene Tochter. Noch wuͤtheten aber die genannten Fu⸗ rien in jener Gegend zu grauſam, als daß ein Mann, den Friedenskuͤnſten ergeben, und ſein Beſtes in und mit ſich uͤberall hin zu tragen vermoͤgend, auch mit dieſem uͤber⸗ all willkommen— es an Ort und Stelle haͤtte abwarten ſollen, bis auch ihn die Gei⸗ Feln ſolcher Plaggöttinnen traͤfen. Vielmehr waͤhlete unſer Herr von Sandrart„ fuͤr ſich und die Seinigen„einen andern Aufenthalt, und zwar Amſterdam, allwo er nicht lange angekommen war, als er ſchon eine treff⸗ iche Kunſtſchule errichtete, aus welcher nicht nur wackere Schaͤler, ſondern auch mehre große Werke herborgegangen ſind; und wurde er theils hierdurch, theils we⸗ gen ſeiner großen Kunſtwiſſenſchaft, tugend⸗ lichen Wandels, hoflicher Sitten und an⸗ muthiger Unterhaltung von allen Vorneh⸗ men jener maͤchtigen, in alle Welt handeln⸗ den Stadt hochgeſchaͤtzt und geprieſen, ja dies um ſo viel meht, weil die Leute in Nie⸗ derland von ihren Kuͤnſtlern zwar uͤberaus große Geſchicklichkeit im Malen, aber ſonſt auch nichts, und am wenigſten Gefaͤlliges gewohnt waren. Doch auch hier ſollte ſeines Bleibens nicht lange ſeyn, und er, nach dem Willen der Vorſehung, wie er ſich auch ſtraͤube, die großen Unruhen und Noͤthen ſeiner deutſchen Landöleute bruͤderlich mit ihnen theilen. Es I. Band. 6 burgiſchen, erblich zugefallen, und die Zeit⸗ laͤufte verlangten durchaus, daß er dieſen ſeinen Adelſitz ſelbſt bewohnen und verwal⸗ ten mußte. Weil er nun vorausſah, daß dort er ſelbſt kaum, nicht aber ſein allmaͤh⸗ lich hochaufgehaufter Kunſtreichthum ſicher ſeyn könnte: ſo entſchloß er ſich, dieſe ſeine Schaͤtze durch oͤffentliche Verſteigerung den Liebhabern zu uͤberlaſſen; welche denn auch durch reiche Zahlungen bewieſen, wie weder Das Kriegsgetͤmmel der uͤbrigen Welt, noch — Sinn von wurdiger Funſtliebe hatte abwen⸗ den konnen: wie denn dies uberhaupt den großen Kaufherren niederlaͤndiſcher Nation vor gar manchen andern nachzuruͤhmen waͤre. Als nun Herr von Sandrart auf ſeinen war ihm naͤmlich jetzt das andſaſſengut, Stockau, bey Ingolſtadt, im Pfalz⸗Neu⸗ das taͤgliche Treiben des Handels ihren S neuen Wohnplatz ankam: hilf Gott, wie ſo ganz verderbt und betruͤbend fand er da alles! Seinen gepreßten und ausgeſogenen Unterthanen mußte er, ſtatt von ihnen zu empfangen, mit eigenen, baaren Mitteln wieder aufhelfen, alles von neuem im Bau auffuͤhren, oder doch gaͤnzlich wiederherſtel⸗ len, die Aecker wieder urbar machen, die verwuͤſteten Gaͤrten neu anpflanzen. Doch that er dies alles, da es nun einmal nicht anders ſeyn wollte, getroſt und gern, ver⸗ hoffend, es werde ihm ja doch dereinſt zu Gute kommen. Aber es war anders uͤber ihn beſchloſſen. Denn kaum„daß alles in guten Stand geſetzt und gleichſam wieder im erſten jungen Aufbluͤhen war: ſo zogen die rͤuberiſchen Franzoſen, die Neutralitaͤt des neuburgiſchen Gebietes, die ſie doch ſelbſt verbrieft hatten, verhoͤhnend,(647) durch — 100— das Land. und, ohne daß ſie irgend einen Grund, als in ihrem Uebermuth und ihrer Raubluſt gehabt haͤtten, verbrannten ſie das Schloß, nebſt der ganzen ſchoͤnen Hofmark, auch der Unterthanen Muͤhlwerke, und ſie⸗ benunbdreißig andere, gute Gebaͤude; und mußte alles das unſer Herr von Sandrart von einem Thurm in Ingolſtadt, wohin er ſich geflůͤchtet, nicht ohne herzbrechende Weh⸗ muth ſelbſt mit anſehen⸗ Doch endlich drang das tauſendfaͤltige Seufzen deutſcher Völker durch die brechen⸗ den Wolken, und der Herr ſandte ihnen im folgenden Jahre den laͤngſt erwuͤnſchten Frie⸗ densboten herab. Da faßte ſich denn auch unſer Kuͤnſtler wieder zuſammen, ſchopfte neuen Muth, ließ ackern und ſaen, pflan⸗ zen und bauen, ſo daß alles nun ſogar viel freundlicher und bequemer ward, denn es je — 101— zuvor geweſen. Weil er aber doch verſpuͤ⸗ rete, daß die treue Verwaltung ſolchen Be⸗ ſizthums„und auch die Abgeſchiedenheit von der Kunſtsliebenden und uͤbenden Welt, ihn von ſeinem eigentlichen Beruf und vorwal⸗ tender Neigung allzuweit abziehe: ſo ent⸗ ſchloß er ſich nach einiger Zeit, dieſes Gut mit allem Zubehoͤr einem Freunde kaͤuflich zu überlaſſen, und ſeinen Wohnplatz in der beruͤhmten freyen Reichsſtadt Augsburg neu aufzurichten. Doch iſt mit jenem nicht ge⸗ ſagt, daß er in der letzten Zeit, ſeiner Kunſt, über dem Bauen, Pflanzen und Oekvnomi⸗ ſiren, untreu geworden ſey: vielmehr bewei⸗ ſen nicht wenige große Werke verſchiedener Art, welche er in Stockau verfertiget, ge⸗ rade das Gegentheil und moͤgen von dieſen nur ſeine Gemaͤlde der zwölf Monate, ſammt Tag und Nacht, als Perſonen in Lebens⸗ — 102— groͤße vorgeſtelt„ und vom Kurfuͤrſten von Bayern zur Auszierung des großen Saals in Schleisheim gebraucht; ſo wie das kleine Altarblatt in der Schlößkapelle daſelbſt, die heilige Familie vorſtellend, Zeugniß geben, mehrer anderer zu geſchweigen. Als nun aber im Jahr 1649, nach wie⸗ der aufgegangener, lieber Friedensſonne, die Staͤnde des Reichs, ſammt den hohen Generalen und anderen Abgeordneten in⸗ und auslaͤndiſcher Kronen, ſich in Nuͤrnberg ver⸗ ſammleten, um den gefaßten Friedensſchluß wirklich zu vollziehen: da wurde auch unſer Kuͤnſtler von hoher Hand dahin berufen, um vielen der Anweſenden, beſonders durch Bildniſſe der Hauptzierden des Bundes, frohe Denkmale dieſes großen Ereigniſſes zu verſchaffen. Von dieſen ſeinen uͤberaus zahlreichen Arbeiten wollen wir nur anfuͤh⸗ ————————————— — 103— ren: das Bildniß des Pfalzgrafen Karl Gu⸗ ſtav, des Generaliſſimi und nachher erwaͤhl⸗ ten Koͤnigs der Schweden, deh er in Lebens⸗ große auf einem ſchulrecht anſpringenden Rap⸗ pen vorſtellte; das Bildniß des ſchwediſchen Feldmarſchalls Wrangel in ganzer Statur und vollem Harniſch, wie er mitten unter blitzendem Geſchutz unerſchrocken im Felde dem Feinde die Spitze bietet; und das Bild⸗ niß des kaiſerlichen Generallieutenants Octa⸗ vio Piccolomini in Lebensgroͤße, wie er eben bey Regensburg den Sturm commandirt. Mit welcher Emſigkeit und Anſtrengung un⸗ ſer Kuͤnſtler aber hier gearbeitet, mag ſchon daraus erhellen, daß er, allein fuͤr die Schweden, etwa achtzig, und zuweilen in einem Tage eines, wol auch zwey Bildniſſe malen muͤſſen; welches alles ihm aber auch, außer großem Lobe, reiche Belohnung er⸗ worben hat. Doch war ſein trefflichſtes und ausgearbeitetſtes Werk in jener Zeit die Vor⸗ ſtellung des in Nuͤrnberg auf dem großen Rathhausſaale gehaltenen herrlichen Frie⸗ densbankets, wobey er alle anweſende hohe Haͤupter und Abgeſandte, guch dieſer hoch⸗ löblichen Reichsſtadt edlen Magiſtrat, alle und jede nach dem Leben vorgeſtellt; wel⸗ ches große Gemaͤlde noch heutiges Tages auf demſelbigen Rathhauſe zu ſehen Waͤhrend gller dieſer Arbeiten wurde er durch. 3 obengemeldeten Pfalzgrafen, Karl Guſtav, nicht nur koſiftey gehalten und nach deren Beendigung aufs reichlichſte belohnet: ſon⸗ dern dieſer Herr hing ihm auch in eigener Perſon eine große Gnadenkette, reich und ſchwer an Golde, zur immerwaͤhrenden Aus⸗ zeichnung um ſeinen Hals. Als nun nach vollendetem Bundestage — 103— iene hohen Haͤupter ſich zuruͤck⸗, und jedes nach ſeiner Heimath begeben, hat faſt jedes, neben einem gemalten Denkmal von unſerm Fuͤnſtler, auch gleichſam einen Theil ſeines Ruhms mit ſich nach Hauſe gebracht, und iſt daher gar nicht zu verwundern„ daß er von dieſer Zeit an unaufhoͤrlich durch Be⸗ Fellungen in reicher Arbeit erhalten wurde. Es muͤßte aber zu weitlaͤuftig ſeyn und den Leſer ermuͤden, wollten wir alles, was durch ſeine kunſtgeuͤbte Hand hervorgekommen, auch nur kuͤrzlichſt namhaft machen. Es ſey daher nur ſummariſch berichtet, daß ihn Kaiſer Ferdinand der dritte ehrenvoll nach Wien berief, ihn ſelbſt und ſein ganzes ho⸗ hes Haus zu malen, dabey ihn mit Gnade und Auszeichnung uͤberhaͤufte, auch hernach ihn durch reiche Belohnung und eine guͤldene Kette mit ſeinem Bildniß in Ehren entließ. F 6— Fůr den Fůrſt⸗Biſchof von Eichſtaͤdt lieferte er ein uͤberaus großes Altarblatt nach St. Wahlburg; fuͤr den Praͤlaten Placidus in das Gotteshaus beym Floſter Lambach, ſies benreich zuſammengeſetzte Altarbilder, welche letztere abſonderlich durch hohen Verſtand, natuͤrlichen Ausdruck und reiche Verſchie⸗ denheit der Darſtellungen ſich beruͤhmt ge⸗ macht haben; nach Linz lieferte er drey Al⸗ tarbilder; in das Hochſtift Salzburg eben⸗ falls drey; nach Regensburg das hohe Al⸗ tarblatt bey St. Emmeran; nach Wien in mehre Kirchen und Kloͤſter mancherley große, geiſtliche Hiſtorien, worunter in den Dom bey St. Stephan, in Kaiſer Fried⸗ richs Kapelleé, eine Kreuzigung Jeſu, auf deren Ausfuͤhrung er ganz beſondern Fleiß verwendet: vieler anderer gar nicht zu ge⸗ denken. Doch mag dabey, mit des Leſers — 107— geneigter Vergunſt, noch Folgendes bemerkt werden. Mehre, beſonders der gleichfalls ſchnell arbeitenden Maler ſeiner Zeit in Ita⸗ lien warfen ihre Werke gleichſam nur hin, und brachten ſie in der Ausfuhrung nicht weiter, als daß ſie im Ganzen begriffen werden und wohlgefallen konnten: dieſes ahmte Herr von Sandrart nicht nach viel⸗ mehr ließ er, wo ihm nur irgend die no⸗ thige Zeit vergoͤnnet wurde, nicht ab„bis er jedes Werk, auch in Nebendingen, nach Einſicht und beſten Kraͤften vollendet und fertig gemacht hatte. So bemerkte man auch an den damaligen Italienern, noch mehr aber an den Franzoſen, daß ſie der Sonne in ſo fern glichen, als dieſe ſchon und glaͤnzend aufſteigt, aber nur kurze Weile ſich hoch erhaͤlt, und dann wieder ſinket und matt wird; auch in dieſem folgte unſer 5 * — 108— Kuͤnſtler ihnen nicht nach, als welcher hier⸗— bey vielmehr ſeine großen deutſchen Vorfah⸗ ren, wie den Albrecht Duͤrer, Hans Hol⸗ bein, Amberger und Elzheimer„ nachah⸗ mete, deren letzte Werke auch immer fuͤr ihre beſten erklaͤret wurden; wie dies bey ihm wirklich desgleichen der Fall ward. Denn was, wie zuvor gemeldet, jene Ita⸗ liener in Rom, vielleicht nicht ohne Grund, obwol uͤbertrieben, an ſeinen Hiſtorienbil⸗ dern getadelt hatten— daß ſie in den Ge⸗ danken nicht vornehm, fremd und abſonder⸗ lich, in der Aufſtellung nicht lebendig, friſch und reizend genug waͤren: das hat ſich bey ſeiuen ſpaͤtern Werken, durch Kraft und Be⸗ lebung ſeiner innern Natur, und friſches Dreingreifen in die Arbeit„ohne Kuͤmmer⸗ niß um Nachahmung des Alten oder Reuen wahrhaftig in ſo weit verloren, als ihm, .. ———————— ————— — 109— dies auszutreiben, uͤberhaupt vergoͤnnet war durch die Gnade Gottes, welcher ja gar nicht will, daß Einer alles allein, oder alles auf das Vollkommenſte hervorbringen ſoll; und haben eben darum ſelbſt die allergroßten Kunſthelden, wie Michel Angelo, da Vinci, und Raphael, auch ihre Schwaͤchen gehabt, wovon wol Mancherley zu ſagen waͤre, hielte man's nicht für beſſer, bey ihrem Herrli⸗ chen, ja wahrhaft Göttlichen zu verbleiben„ und den darin zu preiſen, der dies hat ſo glorreich durch ſie hinausfuͤhren, doch aber auch die andere Kunſtwelt nicht durch allei⸗ nige, allerhöchſte Vollkommenheit Einzler muthlos machen und gleichſam darnieder⸗ ſchlagen wollen.— Als im Jahr 1672 unſerm Herrn von Sandrart ſeine Eheliebſte nach langer Un⸗ paͤßlichkeit verſtorben„ hat er ſich im folgen⸗ — 110— den Jahre zum zweyten Mäle vermaͤhlt; und weil dieſe ſeine zweyte Gemalin die tu⸗ gendreiche Jungfrau Tochter des Herrn Blommart vom großen Rathe in Nuͤrnberg war, und ihm durch dieſe Verbindung viel alte, werthe Freunde ndher verwandt wur⸗ den: ſo hat er 1674 ſein Hausweſen noch⸗ malen veraͤndert, und daſſelbe von Augsburg nach Nuͤrnberg verlegt. Pier hat er denn nicht nur die freund⸗ lichſte Aufnahme und den Vorſitz in der Akademie der bildenden Kuͤnſte gefunden, ſondern auch in einer Reihe von Jahren ſtete Hochachtung und Theilnahme, wie nicht we⸗ niger Wohlſtand und vieles Lebensgluͤck ge⸗ noſſen. Außer dieſem wurde ihm von Gott noch die hohe Gnade, daß er bis in ſein ſpaͤ⸗ tes Alter bey vollkommner Geſundheit und Leibesſtaͤrke verblieb, auch in ſeiner Kunſt — 1II1— immerfort thaͤtig und nůtzlic ſeyn konnte. Nicht wenige junge Kuͤnſtler verdanken ihm ihre Anweiſung und Leitung; er ertheilte ſolche aber theils durch Beyſpiel, theils durch Lehre, ſo daß ſeine Schuͤler bey ihm, der ſo Vieles gedacht/ geſehen, gethan und erfahren, gleichſam als aus einem Bache ſchoͤpfen konnten, was ſie ſonſt nur aus vielfůligen„baid da, bald dort einzeln her⸗ vorrinnenden Quellen haͤtten holen muͤſſen. Sein verdienſtlichſtes Werk aus dieſer Zeit, das auch ſeinen Namen, ſo weit die deutſche Zunge reicht, auf alle Zeiten in Eh⸗ ren erhalten wird, iſt aber ſeine deutſche Akademie der edeln Bau⸗ Bild⸗ und Malerey⸗Kuͤnſte, welches er mit großer Anſtrengung zu Stande gebracht, und mit vielen Koſten, in zwey Foliobaͤn⸗ den, ſelbſt verlegt und herausgegeben hat. »— 112— In dieſes Werk, desgleichen in ſeiner Art bis dahin keine Nation, am allerwenigſten aber die deutſche anfzuweiſen gehabt, hat er, wie in ein großes, aufgeſpeichertes Ma⸗ gazin, alles zu gemeinem Nutz und aller Liebhaber Frende niedergelegt, was er uͤber benannte Kuͤnſte und deren vorzuglichſte Meiſter gedacht, geſehen und erfahren hat. Die vorzůglichen Kupferſtiche, womit darin alles, theils belegt und bewieſen, theils er⸗ lautert und geſchmuͤckt wird, und deren Zahl ſich auf mehre hundert belauft, hat er ſaͤmmtlich ſelbſt aufs ſorgſamſte gezeichnet und dann unter ſeiner Aufſicht und Leitung von geſchickten Maͤnnern ſtechen laſſen. Auch iſt dieſes große, reiche Werk von allen Kunſt⸗ verſtaͤndigen deutſcher Nation unter Hohen und Geringen, ſchon bald nach ſeinem Her⸗ 3 vortreten alſo geſchaͤtzt und hochgehalten wor⸗ — 173— X den, daß vielleicht kaum ein einziger, wohl⸗ geordnetet Buͤcherſaal in Deutſchland zu fin⸗ den ſehn moͤchte, allwo es nicht anzutreffen und zu Lehre und Freude der Kunſtliebenden ausgeſtellet waͤre. Zwar haben hin unb wie⸗ der die Zoili und Aristarchi in den Lehren die⸗ ſes Werks nicht Weniges unvollſtaͤndig, und in den Geſchichten deſſelben manche Irrun⸗ gen des Gedaͤchtniſſes oder andere Maͤngel finden wollen, und ſind auch deren Behaup⸗ tungen nicht ſchlechterdings, als grundlos, abzuweiſen: allein, wenn man— die Un⸗ vollkommenheit jedes Menſchenwerks noch unerwaͤhnt— bedenken will, welch ein faſt unuͤberſehbarer Umfang an Materie hier zu bearbeiten ſtand; wie wenig, und in gar vielen Foͤchern unch gat nichts, vorgearbeitet war„und wie mithin der Verfaſſer faſt alles aus ſich ſelbſt, ſeinen eigenen Gedanken 3 M. Band. H V „ Kenntniſſen, Erfahrungen und Nachforſchun⸗ gen, ſchoͤpfen muͤſſen; und endlich, wie er, wegen des langen Aufenthalts in fremden Landen und des vielfaͤltigen Gebrauchs frem⸗ der Sprachen, ſein ganzes Leben hindurch mit der deutſchen Mundart und Ausdrucks⸗ weiſe hat kaͤmpfen muͤſſen, ſo daß er zuwei⸗ Jen etwas zu ſagen geſchienen, was er ei⸗ gentlich nicht hat ſagen wollen: dann wird man billig nicht lange bey den Maͤngeln und. Gebrechen des Werks ſtehen bleiben, ſon⸗ dern lieber bald, mit Dank und Bewunde⸗ rung, wieder zu dem zuruͤckkehren, was hier wirklich Gutes, Schoͤnes und Rützli⸗ ches geleiſtet worden. Und iſt in ſolchem Anerkennen alles Guten und Verdienſtlichen, wo und mit welchen Maͤngeln vergeſellſchaf⸗ tet es ſich auch finde, niemand leichtlich ein beſſeres Muſter, als unſer Verfaſſer ſelbſt in dem genannten Werke, als welcher darin, unbefragend, ob etwas ſeinen beſondern Neigungen und Geſchmacke vorzoglich zu⸗ ſage oder nicht; ob diejenigen, welche etwas geleiſtet, ihm ſelbſt Gutes erwieſen vder Boͤſes, und ob das geleiſtete Gute und Herrliche von mehr oder weniger Unvollkom⸗ menheiten in Schatten geſtellt werde— immer nur möglichſt den Dingen ſelbſt auf den Grund gegangen, treulich berichtet, be⸗ ſcheidentlich geurtheilet, das Ruͤhmliche und Treffliche mit offenkundiger Freude und Be⸗ wunderung, das Mangelhafte aber ſo nach⸗ ſichtig und ſchonend vorgeſtellet hat, als es die Wahrheit, wie weit ſie ihm naͤmlich ein⸗ geleuchtet, nur irgend hat dulden wollen. Uueber ſo ruͤhmlichem Thun und Leben hatte ſich ihm unvermerkt das Alter genaͤ⸗ ₰ — * hert; und endlich nahete in gleicher Weiſe ſich ihm ein ſanfter Tod, dem er ſich in Ruhe und chriſtglaͤubigem Sinn willig er⸗ gab. Es erfolgte aber ſein Ende im Jahr 1688, im zwepundachtzigſten ſeines Le⸗ bens. Seine Schuͤler und vielen Freunde betrauerten ihn, wie einen Vater, und der edle Magiſtrat, ſammt Geiſtlichkeit und andern Honoratioren der beruͤhmten Reichs⸗ ſtadt, erwieſen ihm die letzte Ehre durch ein großes, fuͤrnehmherrliches Leichenbe⸗ gaͤngniß. So ſchoͤn aber dies, und ſo ruhmvoll fuͤr den Entſchlafenen es wart ſo. wird doch viel ruhmvoller fuͤr ihn auf alle Zeiten bleiben, was er, nach Gottes Gna⸗ de, in ſeinem langen Leben durch ſchone BGeiſtesgaben, frommen Sinn, tugendli⸗ chen Wandel und unermuͤdlichen Fleiß der Welt geleiſtet hat. Gebe Gott, daß die⸗ — 177— ſes, als guter, reich verſtreueter Saamen bekleibe, frohlich hervorſprieße und hun⸗ dertfaltige Frucht trage zu ſeiner Zeit: S doch dabey auch des guten, ſorgfaͤltigen Saͤemanns mit Achtung und Liebe immer gedacht werden moͤge. — III. ——— E — — — „ — — — — — — * 5 — *— G —— Der Dſertenr. Der Oberſt, Baron von Stz, ein wuͤr⸗ diger Mann und wackerer Officier, wurde vor einigen Jahren mit dem Staabe des Re⸗ giments nach W. in Cantonirungsquartiere verlegt. Der kleine Ort iſt ſeines großen Zucht⸗ und Verſorgungs⸗Hauſes wegen be⸗ kannt. Der Oberſt war nur wenige Tage in W., als er ſich dieſe wohlgeordnete An⸗ ſtalt beſahe. Jetzt hatte er noch die Gei⸗ ſtesirren„ deren hier eine betraͤchtliche An⸗ * X — 123— zahl in Verſorgung war, zu beſuchen. Der Hausverwalter, ein verſtaͤndiger, gebilde⸗ ter Mann, der ihn herumfuͤhrte, widerrieth dieſe traurigen Beſuche— Warum ſoll man ſich ſchmerzliche, wol auch ſchreckliche Bilder in die Phantaſie brin⸗ gen, wo es nicht Beruf iſt und man zu helfen vermag? ſagte er. Darum, antwortete der Oberſt, vaß man im Allgemeinen ſein Herz empfaͤnglich und theilnehmend fuͤr das Elend ſeiner Mit⸗ menſchen erhaͤlt, was um ſo nothiger iſt in einem Stande, der leicht hart und rauh werden laͤßt; und im Beſondern— o, ih denke, da giebt's gar viel in dieſer Geſell⸗ ſchaft zu lernen—— Der Hausverwalter führte ihn vorerſt in die Gemaͤcher der Ruhigſten, von denen mehre beyſammen in einem großen Zimmer, — 123— und, nach ihrer Weiſe, theils beſchaͤftigt und laut, theils ſchweigend in ſich ſelbſt ver⸗ ſunken waren. Der Oberſt war ſtill und aufmerkſam. Faſſen Sie ſich, einen ſehr ruͤhrenden Anblick zu ertragen— ſagte der Hausver⸗ walter, als er ein anderes, kleines Zim⸗ merchen aufſchließen ließ. Ein Frauenzim⸗ mer von kaum vierundzwanzig Jahren, von intereſſantem Wuchs, die Reſte ehemaliger Schonheit in dem bleichen Geſicht— ſaß auf dem Lager, nett gekleidet, den tiefen, ſtarren Blick auf eine Arbeit gerichtet, die ſie ſehr emſig und haſtig betrieb. Sie ſchlug die Augen nicht auf, und ſchien auf die Her⸗ eintretenden nicht im Geringſten zu achten. Dieſe traten jetzt naͤher, und ſahen, daß ſie aus einem PVorrath alten ſchwarzen Bandes ſorgſam die ſich gleichenden Stuckchen zu⸗ ſammenſuchte und Schleifen band. Hatte ſie die Eine fertig, ſo drehete ſie ſie von Hallen Seiten vor ſich herum, laͤchelte, hielt ſie ſich vor die Bruſt, als verſuchte ſie, wie die Schleife ſie kleiden wurde: dann auf ein⸗ mal uͤberzog eine Wolke des tiefſten Schmer⸗ zes ihr ausdruckvolles Geſicht, ſie ſeufzte gen Himmel, zog die Schleife wieder auf, und legte das Band zu dem uͤbrigen⸗ In einer Weile fing ſie dies wehmuͤthige, in's Herz ſchneidende wieder von neuem an. Reden Sie ſie an; aſigt der Oberſt zu S ſeinem Fuͤhrer. Das wuͤrde vergebens ſehn— qutwor⸗ tete dieſet. Schon anderthalb Jahr— ſo lange iſt ſie hier— hat ſie kein Wort ge⸗ ſprochen, nimmt von nichts um ſie her Kunde, bemerkt nichts, ſondern treibt nur zige Tochter des wohlhabenden Gaſtwirths — 12— 7 immerfort dies Spiel, oder ſitzt da, in WPhantaſien verſenkt—— „Warum gieht man ihr aber ſolches Band, das ja ihren Kummer immerfort un⸗ terhalten muß?“— „Weil ſie ſonſt wuͤthet. Wir haben al⸗ les Moͤgliche verſucht, ſie davon abzubrin⸗ gen; haben ihr anderes Band, erſt von gleichfalls dunkeln Farben, an die Stelle des ſchwarzen gelegt: ſie gerieth außer ſich, wir mußten ſie wieder mit ſchwarzem ver⸗ ſorgen, und dann war ſie ſogleich wieder ſin—— „Iſt ihre Geſchichte bekannt, und kann ich ſie wiſſen?“— „Faſt jedermann in W. weiß ſie. Ich kann ſie Ihnen ſogleich in der Kuͤrze erzah⸗ len. Sie hort uns nicht; Sie iſt die ein⸗ — 126— zum Schiff hier in W. Ihr Vater ſtarb vor drey Jahren, die Mutter war ſchon fruͤ⸗ her geſtorben. Der Gaſthof gehort ihr noch jetzt, und ſie wird vom Ertrage deſſelben beſſer gehalten, als die meiſten andern Ver⸗ ſorgten. Sie war ein ſehr lebhaftes, kern⸗ geſundes und ſchoͤnes Maͤdchen. Schon bey Lebzeiten des Vaters liebte ſie einen jungen Handwerker, der aber arm, und noch nicht einmal Meiſter war. Der Vater, der mit ſeiner hubſchen Tochter hoͤher hinaus wollte, widerſetzte ſich ihrer Liebe heftig und ſtreng, und nun trieben die jungen Leute ihre Ange⸗ legenheit heimlicher, aber auch deſto inni⸗ ger. Der Vater kam dennoch dahinter, und es wurde eingeleitet, daß der junge, huͤb⸗ ſche Mann bey der neuen Rekrutenaushe⸗ bung vom Jahr 1789 Soldat werden mußte. Nun ſtarb der Vater, und das treue Maͤd⸗ — 127— chen wollte ihren Geliebten Meiſter werden laſſen und heyrathen. Er hielt um Erlaub⸗ niß an, bekam ſie aber vor der Hand nicht. Man rieth ihm, nochmals anzuhalten, und beſonders die Wohlhabenheit ſeiner Braut vorzuſtellen: er that es, aber die Antwort blieb lange aus, wie denn bey uns glles et⸗ was langſam gehet; und unterdeſſen is⸗ neten ſich andere Vorfaͤlle Wie hieß der Menſch? fragte der Oberſt— Friedrich Wandt, aus F. geburtig, un⸗ ter Ew. Gnaden Regimente— Friedrich Wandt—! Wie iſt mir denn — ſagte der Oberſt; iſt das nicht der Bube, der in einem halben Jahre zweymal Regi⸗ mentsſtrafe bekam?— Derſelbe— 1— So hat der Schurke zu der Menge ſei⸗ — * — 128— uer Buͤbereyen auch noch die hinzugethan, das arme Kind unglucklich zu machen?— Erlauben der Herr Oberſt, daß ich wei⸗ ter erzaͤhle, ohne im geringſten Partey für oder wider zu nehmen. Neben dem Gaſt⸗ hofe zum Schiff wohnte der Herr Lieutenant von Bs, der jetzt in Eh. ſteht, der Sohn des Herrn geheimen Kriegsraths in der Re⸗ ſidenz. Der Lieutenant fand das Maͤdchen huͤbſch, tändelte um ſie herum, und Zab ſich Muͤhe um ſie. So viel iſt richtig und be⸗ kannt: doch kann es ſeyn; daß die Aengſt⸗ lichkeit des Maͤdchens und vornaͤmlich die Eiferſucht des Braͤutigams weit mehr Uebels ſahe, als wirklich da war. Dem ſey, wie ihm wolle— das Maͤdchen glaubte ſich vor den Nachſtellungen des Lieutenants nicht mehr ſicher; und der Liebhaber glaubte ſeine Braut auf jede Weiſe ſicher ſtellen zu muͤſ⸗ ——— ſen. Er beſchloß alſo, ſie eilig und ganz in der Stille zu ſeinen Aeltern nach F., zwoͤlf Meilen von hier im Sch— ſchen, zu brin⸗ gen. Da ſollte ſie, ohne daß Jemand ihren Aufenthalt wuͤßte„ſo lange bleiben, bis er die Erlaubniß zur Heyrath erhalten haͤtte. Er hielt um einige Wochen Urlaub an: da aber die jahrliche Exrercierzeit herannahete. erhielt er ihn nicht; wenigſtens glaube ich, daß dies die einzige Urſache war. Von Ei⸗ ferſucht betaͤubt, und gedraͤngt von dem ar⸗ men Maͤdchen, das ſich ſchwanger fuͤhlte, und die Schmach und Verachtung der Be⸗ kannten„ wenn dies ruchbar wuͤrde, mehr als den Tod fuͤrchtete— machte er den tol⸗ len Plan, ſich krank zu ſtellen, und einen ſeiner vertrauten Freunde, der ihm ſehr aͤhn⸗ lich ſahe und wirklich krank war, auf ſo lange Zeit, als er zur Reiſe brauchte, an II. PBand. S ſeiner Stelle unterzuſchieben. Er verließ ſich darauf, daß die Sache nicht entdeckt werden wurde, weil der Feldſcheer ihn gar nicht genau kannte, und er mit keinem ſei⸗ ner Kameraden Umgang hatte, mithin deren Beſuche verhindert werden koͤnnten. Mit dem feſten Vorſatz, ſobald als moͤglich, auch noch zur Exercierzeit zuruͤck zu kommen, rei⸗ ſete er in der Nacht mit ſeiner Geliebten ab. — Durch einen Zufall wurde der Betrug ſchon am zweyten Tage bekannt. Man nahm den Flůchtigen fur einen Deſerteur, vermuthete, daß er ſich zu ſeinen Aeltern gewendet, und traf die Liebenden kurz vor der Graͤnze. Dies letztere machte, daß man ſeine Betheu⸗ rungen, ſein Wille ſey geweſen, ſogleich zu⸗ ruͤck zu kehren, um ſo weniger glaubte. Ich glaube ſie feſt; ſchon um deswillen, weil der wahrlich nicht ſchlechtdenkende Menſch ſeinen Freund gewiß nicht ungluͤcklich ma⸗ chen, und weil ſein Maͤdchen ihn lieber als Soldaten, denn als Handwerker haben wollte.— Man brachte die beyden Leutchen zuruͤck. Das Maͤdchen haͤtte man wol zu ſeinen Aeltern gehen, oder ſonſt, wenn auch unter Aufſicht, ſich verbergen laſſen koͤnnen — daͤcht' ich; aber— nun, man brachte beyde zuruͤck, und der Braͤutigam bekam als Deſerteur Spießruthen. Das Maͤdchen graͤmte ſich halbtodt. Er litt die Strafe mit Muth, ja ſogar mit Freuden; denn er litt ſie fuͤr ſeine Geliebte. Ihre Schwan⸗ gerſchaft blieb noch verborgen. Der Herr Lieutenant, der ſich nicht einbilden konnte, das gute Kind werde nun noch ihrem oͤffent⸗ lich beſchimpften Liebhaber treu ſeyn, er⸗ neuerte ſeine Verſuche auf ihre Ehre und Tugend, benahm ſich aber behutſamer dabey, c 1½— weil er die Eiferſucht und ausſchweifende Hitze des Braͤutigams kannte. Ein ver⸗ ſchmitzter Bedienter mußte den Unterhaͤnd⸗ ler machen. Das Maͤdchen klagte ihre Noth dem Liebhaber. Er wuͤthete gegen den Be⸗ dienten. Sie trafen einander einsmals am dritten Orte in Geſellſchaft anderer junger Leute; der Bediente machte ihn laͤcherlich, die Andern hetzten den Ungluͤcklichen auf: er ſtuͤrzte auf den Bedienten mit dem Seiten⸗ gewehr los, verwundete ihn nicht ganz leicht, und wuͤrde ihn vielleicht umgebracht haben, haͤtten die Andern ihn nicht mit Gewalt zu⸗ zuckgehalten. Freylich hatten dieſe nicht geglaubt, daß der Zank ſo uͤbel ablaufen wuͤrde!— Friedrich Wandt ward nun von neuem feſtgeſetzt, bekam zum zweytenmale Spießruthen, bekam ſie weit ſtrenger, und ſtarb daran— wie Ew. Gnaden erinnerlich — ——— ſeyn wird.— Auf die Nachricht von ſeiner Verurtheilung verfiel das Maͤdchen in eine ſtille Melancholie, in welcher ihr aber ſo viel Bewußtſeyn blieb, daß ſie ihre Ge⸗ ſchaͤfte verrichtete, ſo daß man gar keine be⸗ ſondere Aufmerkſamkeit auf ſie richten zu müſſen glaubte. An ſeinem Todestage kam ſie mit einem unzeitigen Kinde nieder, mußte in der ſchweren Geburt unbeſchreiblich aus⸗ ſtehen, und litt dadurch auch ſehr an Ver⸗ ſtand und Bewußtſeyn. Nun wurde die alte Verwandte, welche die Gaſtwirthſchaft fuͤhrte, auf ihren Gemuͤthözuſtand aufmerk⸗ ſam; fragte, wie das nun ſolche Leute ma⸗ chen, keinen geſchickten Arzt, ſondern einen Quackſalber, behandelte ſie auf deſſen An⸗ rathen, und allerdings ohne boſe Meynung, hart, und brachte ſie dadurch in den Zu⸗ ſtand, in welchem ſie noch jetzt iſt. Wenn ſie ihre Leiden der Verwandten, der einzi⸗ gen Vertrauten, welche ihr noch treu geblie⸗ ben war, klagte, ſo ſchmaͤhete dieſe vornaͤm⸗ lich den Verſtorbenen, bis die Leidende ſchwieg, und endlich, wie wir ſie nun ſe⸗ hen, gar verſtummete. Sie wollte durch⸗ aus um den Mann, der ſich fuͤr ſie geopfert, trauern: man ließ es ihr nicht zu, weil man glaubte, ſie von allem entfernen zu muͤſſen, was ſie an ihn erinnerte. Da zerſchnitt ſie heimlich ein altes, ſchwarzſeidnes Schuͤrz⸗ chen zu Bandſtreifen, ſaß die Naͤchte, faßte ſich ein, ihr vorzuͤglich liebes, weißes Kleid⸗ chen ſchwarz ein, und verzierte es mit den aͤrmlichen Schleifen. Die Verwandte kam dahinter, nahm ihr das Band, und was ſie davon verfertigt hatte, mit Gewalt weg, und ſtuͤrzte ſie dadurch in Raſerey und Wuth. Nun mußte man ſie uns zur Verſorgung bringen. Ich erinnere mich kaum, ein Frauenzimmer in ſo ſchrecklichen umſtaͤnden gehabt zu haben. Nach einigen Wochen wollte meine Tochter ſie ſehen, und ich nahm ſie mit auf dies Zimmerchen. Zufaͤl⸗ liger Weiſe hatte meine Tochter ein ſchwar⸗ zes Band auf der Haube. Die Ungluͤckliche ſtutzte, ſobald ſie dies erblickte, und zeigte Reigung, es zu beſitzen. Meine Tochter knuͤpfte es ſogleich los und warf es ihr zu. Auf einmal ſchmolzen ihre wilden Zuͤge, ſelbſt bis zu einem wehmuͤthigen Laͤcheln. Sie ward ruhig, ſetzte ſich gelaſſen nieder, und fing mit dem Bande das Spiel an, was ſie nun noch immer wiederholt—— Der Oberſt, durch deſſen Inneres jetzt mancherley Gedanken und Gefuͤhle zogen, ſtand ſtill und ſahe auf den Boden. Unter⸗ . — 136— deſſen kam jemand, der dem Hausverwalter Etwas ins Ohr ſagte. Ew. Gnaden werden mir's zu Gute hal⸗ ten, ſagte dieſer; ein nothwendiges Geſchaͤft ruft mich ab. Es wird bald abgethan ſeyn. Befehlen Sie, daß ich Ihnen Jemand an⸗ ders ſchicke, der Sie weiter fuͤhrt, oder wollen Sie ſich ſo lange gedulden„ bis ich ſelbſt wieder hier ſeyn kann?— Das Letzte, lieber Mann— ſagte der Oberſt; ich will Sie hier erwarten, wenn ich Sie von nichts Wichtigerm abhalte—— 00 — Dieueberraſchung. Der Oberſt ſahe jetzt erſchuͤttert nach der unglůͤcklichen„ und dieſe zog eben ihre Schleife wieder auf, erhob die großen, ſee⸗ lenvollen Augen mit jenem herzdurchſchnei⸗ denden Blick gen Himmel„und zog den lan⸗ gen Seufzer tief aus der belaſteten Bruſt. Nach dem, was er ſo eben vernommen, ergriff dies den Oberſten noch inniger. Er winkte dem Schließer— einem Taubſtummen, der hier auch in Verſorgung war— zu offnen, und ſie gingen hinaus. Der Schließer fragte durch Mienen und Geſten, vb ſie weiter woll⸗ ten; und mehr aus Zerſtreuung, als Vor⸗ ſatz, winkte der Oberſt: ja!— Der Fuͤhrer ſchloß ein kleineres und ſchlechteres Zimmer, als das vorige, die⸗ ſem gegenuͤber, auf. Sie traten hinein. Eine lange, hagere Geſtalt trat ihnen, auch nicht mit dem mindeſten Schein von Ver⸗ wirrung, entgegen. Mit Hoͤflichkeit und gar nicht ohne Anſtand begann der hagere Mann: Sie wollen mir in meiner elenden Zelle Ihren Beſuch ſchenken? Das freut mich. Wie ich ſehe, ſind Sie Officier vom. ſchen Regimente. Wollen Sie mir nicht etwas Neues mittheilen von da her? Ich hoͤre ja, ens Compagnie iſt verlegt, und der Stab jetzt hier— Befremdet erzaͤhlte ihm der Oberſt einige Regimentsvorfaͤlle. Der Mann horchte i5 — 139— äußerſt aufmerkſam, und gab die vernuͤnf⸗ tigſten und beſcheidenſten Antworten. Hier⸗ durch immer mehr befremdet„konnte endlich der Oberſt die Frage nicht mehr bergen: Mein Lieber: ich weiß nicht, warum ich Sie hier finde2 O mein Herr— Nicht wahr, ich bin nicht raſend? Und doch— doch bin ich hier! antwortete der Mann wehmuͤthig laͤchelnd. Ich könnte Ihnen Dinge erzaͤhlen— Aber Hier legte er die Hand auf den Mund und ſahe gen Himmel. Der Oberſt fuhr fort: Ich will mich nicht in Ihre Angelegen⸗ heiten draͤngen; wenn Sie aber glauben, daß ich nicht außer Stande bin„Ihnen zu dienen: ſo theilen Sie mir wenigſtens das mit, was mir dazu nothig iſt. — 140— Der Menſch ſahe mit verſchraͤnkten Ar⸗ men eine Weile auf den Boden, dann ſprach er lebhafter, aber geheimnißvoll: Gut! ich will mich Ihnen vertrauen! Sie ſind ein wuͤrdiger Mann! Noch leiſer fuhr er fort: Haben Sie Marien Zr geſehen, die Wirths⸗ tochter aus dem Schiff?— Ja, ich komme eben von ihr!— Ich vermuthet' es. Hat man Ihnen ihre Geſchichte erzaͤhlt?— S— Auch von einem gewiſſen ungluͤcklichen Friedrich Wandt?— Ja— Der an der Regimentsſtrafe geſtorben iſt?— Ja ja— So hat man gelogen! fuhr der Mann heftig heraus. Seine Geſichtsfarbe ward — mit Eins gluͤhroth; die Adern ſchwollen ihm hoch, die Augen blitzten. 6 Der Oberſt rief, durch und durch er⸗ ſchaͤttert: Wie? gelogen? wiſſen Sie, was Sie ſagen? „Friedrich Wandt lebt“— „Nicht moͤglich— gar nicht moͤglich“— „Nicht moglich? Ich bin Friedrich Wandt, der Gemißhandelte, der Zertre⸗ tene!— Der Oberſt prallte erſchrocken zuruͤck. Mit großter Haſt fuhr jener fort: Ohnmaͤchtig ward ich vom Platz getra⸗ gen; halbtodt war ich, aber nicht ganz. Man machte indeſſen waͤhrend meiner Krank⸗ heit gewiſſe Entdeckungen—! Den vor⸗ nehmen Herren mußte freylich daran gele⸗ gen ſeyn, daß ſie nicht weiter bekannt wuͤr⸗ den! Und da hielt man fuͤr gut, mich fuͤr todt auszugeben, und hier einzuſperren, hier, hier, wo ich lebendig todt bin—— Der Oberſt konnte ſich noch nicht faſſen— Faſſen Sie ſich, mein Herr; faſſen Sie ſich— fuhr der Ungluͤckliche immer hefti⸗ ger fort, und ſeine Glieder bebten ſichtbar vor Zorn und Ingrimm. Haben Sie ein⸗ mal ſo viel gehoͤrt, ſo muͤſſen Sie Alles hoͤ⸗ ren! Meine Mutter war in Dienſten auf dem Gute eines ſehr vornehmen Mannes. Der Mann hielt ſich einen Sommer dort auf, fand meine Mutter huͤbſch, und wen⸗ dete alle Kuͤnſte an, die Arme zu beruͤcken. Endlich fiel ſie, und ich bin ſein Sohn. Sobald es bekannt wurde, ſie ſey ſchwan⸗ ger, verſtieß er ſie, jagte ſie aus dem Dienſt. Als Bettlerin kam ſie mit mir in einer elen⸗ den Bauerhuͤtte nieder. Man nahm mich in ein Waiſenhaus—— ——— —— ——— Aber man hat mir ja von Friedrich Wandt's Aeltern geſagt— fiel der Oberſt ein— Hab' ich's nicht geſagt? Man hat ge⸗ logen! unterbrach ihn der Mann„und ſeine Worte flogen, wie Pfeile. Geſagt! O was ſagen Menſchen nicht! Sie zweifeln? Nun ja: ich heiße ja wahnſinnig! Vielleicht bin ich auch ein Luͤgner, ein Betruͤger! Nein, mein Herr: aber Ihre Mienen, Ihre Worte zwingen mich, Ihnen meinen Vater zu nen⸗ nen. Mein Vater war der geheime Rath, Baron von St* Baron von Ste„2 rief der Oberſt und taumelte zuruͤck— „Und das Gut, wo meine Mutter diente, hieß N—m, zwey Stunden von F.“— Gott! Gott! Allmaͤchtiger! rief der Oberſt, und bedeckte ſich das Geſicht— — 244— So hab' ich meinen Bruder bis an den Tod geißeln laſſen! Ungluͤcklicher, ſo biſt du Indem trat der Hausbverwalter herein. Erſtaunt ſahe er die Bewegung, in welcher der Oberſt war. Der Gefangene ſprang zaghaft zuruͤck in einen Winkel: der Haus⸗ verwalter fuͤhrte den Oberſten aus der Zelle. Dieſer war betaͤubt, und bemerkte kaum, was mit ihm geſchahe. Ich konnte nicht vermuthen, daß Ew. Gnaden weiter gehen wuͤrden— da Sie mich dort erwarten wollten; begann der Hausverwalter. Ich wuͤrde Sie nicht hie⸗ her gebracht haben, ohne Sie zubor vor die⸗ ſem Manne zu warnen— O Sie wiſſen nicht ſagte der Oberſt — Der Hausverwalter fiel ein: Er hat Ihnen, wie ich ſehe, ſeine ein⸗ gebildete Lebensgeſchichte erzaͤhlt. Er dringt ſie allen Menſchen auf, deren er habhaft werden kann, ſobald er ſich eine Minute von uns unbewacht ſieht. Es iſt wahrlich faſt kein wahres Wort daran, obgleich der Menſch freylich ſo feſt davon uͤberzeugt iſt, als wir von der unfrigen. Eine Anlage zur Melan⸗ cholie, die er von ſeiner Mutter hat— faſt ſeine ganze Familie von muͤtterlicher Seite her, iſt in. Verſtandesverwirrung verfal⸗ len—; dieſe Anlage, heimliche Liebe, und Hochmuth haben ihn dahin gebracht. Seine Mutter diente wirklich auf dem Gute Ihres verſtorbenen Herrn Vaters. Sie war ein unordentliches Geſchoͤpf. Ihr Herr Vater hatte ihr lange gedrohet, ſie fortzujagen 3. wenn ſie ihre Lebensart nicht aͤnderte. End⸗ lich ward ſie ſchwanger von einein Bedien⸗ ten des Hauſes. Es iſt das ganz gewiß; 1. Band. K und ſie hatte den jungen Menſchen verfuͤhrt. Deswegen that ſie Ihr Herr Vater aus ſei⸗ nem Dienſt. Das Kind wurde im hieſigen Waiſenhauſe erzogen. In der Folge, als der Knabe erwachſen war, nahm ihn unſer Amtmann in Dienſt. Er wurde ein ver⸗ trauter Freund von Friedrich Wandt; denn er war ein ordentlicher Menſch, der viel Gutes hatte. Ungluͤcklicherweiſe verliebte er ſich heimlich in ſeines Freundes Verlobte; und von dieſer Zeit an mte man ſchon Sputen ſeiner Verſtandesverwirrung. Bey jener Eutfuhrungsgeſchichte, die ich Ew. Gnaden erzaͤhlt habe, uͤbernahm eben er Friedrich Wandt's Rolle, da er dieſem ſehr aͤhnlich ſahe. Nun dachte er ſich ſo ganz⸗ ſo lebhaft in ſeine Stelle. Dies, ſeines Freundes Ungluͤck, das er durch eine Un⸗ beſonnenheit verſchuldete, wodurch die Per⸗ ———— * ———————— 147— ſonenertauſchung herauskam; die harte Strafe, welche er dieſer Betruͤgerey wegen dulden mußte; ſein verſteckter, aber großer Hochmuth; das alles zuſammengenommen mit jener ererbten Anlage, zerruttete ſeinen Verſtand. Er legte die Wahrheit ſeiner Ge⸗ ſchichte zum Grunde, und gruͤbelte und bruͤ⸗ tete ſo lange daruͤber, bis er jenen Roman ausgeheckt hatte. Glauben Ew. Gnaden jedem Worte, das ich Ihnen hier ſage: auch kunn ich Ihnen die vollgältigſten Beweiſe jede Stunde vorlegen.—— Der Oberſt ging nicht weiter in dieſen Kammern des Elends. Er konnte ſich nicht mit der Erlaͤuterung des Hausberwalters be⸗ gnuͤgen, obgleich er bey ruhiger Ueberlegung Widerſpruch uͤber Widerſpruch in der Erzaͤh⸗ lung des Kranken bemerkte. Er forſchte ge⸗ K2 — 3 .—= ———— war ſis doch ſo leicht moglich=— 1 4 nau bey allen Perſonen, welche von dieſer Geſchichte wiſſen konnten, und alle beſtaͤtig⸗ ten ihm den dos verwalters. 6 6 Und dennoch— ſetzte der wuͤrdige Mann hinzu, als er mit einige Jahre nachher die⸗ ſen Vorfall erzaͤhlte— dennoch ziehet es mir die Bruſt zuſammen, ſo oft ich des Ungluͤck⸗ lichen und ſeiner Erzaͤhlung gedenke? denn — o mein Herr— den Hauptſachen nach 96 —— „ Vorbericht. Folgendes ungeſtalte Conglomerat eines Briefs ward wirklich in den angegebenen Tagen und Stunden zu Stande gebracht, und dem ßreunde, welchem allein es beſtimmt war, zugeſandt. Ohne mein Wiſſen fand es damals auch bey An⸗ dern Antheil: faſt ohne mein Wollen wird es nun einem weitern Kteiſe vorgelegt. Ich kenne naͤmlich das Bedenkliche ſpaͤterer Mittheilung ſolcher ruͤckſichtloſen Erzeugniſſe des Augenblics, ſelbſt an Freunde wie viel mehr an das Publi⸗ cum. Fur das Benerkte iſt ſpater der Ge⸗ — 152— ſichtskreis erweitert, vieles Dunkle erhellt, vie⸗ les irrig Aufgefaßte berichtigt, vieles Unvollſtaͤn⸗ dige ergänzt; für das Empfundene iſt das liebe Selbſt, das im Moment friſcher Anregung mit ſeinen kleinen Angelegenheiten ſo gern mit hervor⸗— ſchimmert oder wimmert, vom beſ⸗ ſern Ich in den gehoͤrigen Hintergrund gedraͤngt: und nun erſcheint doch, in ſeiner Beſchraͤnktheit ienes, in ſeiner Armuth dieſes, als feſtſtehend im Innern des Schreibers, und als ſein Beſtes. Gleichwol— und das haben auch wir Leipziger mit dem, was hier erzaͤhlt wird, ſchon jetzt reichlich erfahren— gleichwol ziehet mit der ſpäter gefundenen Wahrheit auch der ſpaͤter ge⸗ bildete Irrthum ein, und nimmt, findet er nicht Widerſpruch, Sitz und Stimme in der Geſchichte; hat uns die Zeit fuͤr das Ganze eines hiſtori⸗ ſchen Moments höher gehoben, ſo hat ſie zu⸗ gleich, eben damit, vieles in den Theilen dem Auge bis zum uUnkenntlichen verkleinert, und nicht ſelten iſt eben dies, wenn auch nicht der Wiſſenſchaft, doch dem Menſchenſinne, kaum das minder Wichtige; mit dem untergange des Ein⸗ zelnen und Perſonlichen gehet auch vieles an Warme und Anſchaulichkeit der Darſtellung un⸗ ter; eigentliche Chroniken ſchreibt man leider nicht mehr—; ſchon dies, zuſammengenommen, giebt dem Anſinnen, rückſichtloſe Ergießungen des Augenblicks, wie die meinigen, oͤffentlich mitzu⸗ theilen, ein Gewicht, dem man, faſt wider Wil⸗ len, weicht. Und da, was nun alſo ausgeſtellet wird, durchgehends und ganz bleiben muß, wie es im Augenblick entſtanden, nicht nur mit ſei⸗ nem Unvollſtändigen, Kleinlichen, Perſoͤnlichen ſondern ſelbſt mit ſeinen Fehlſchluͤſſen und Miß⸗ griffen:(das offenbar Irrige wird von der Ge⸗ ſchichte leicht berichtiget:) ſo giebt man dabey in ſo fern ſich ſelbſt auf laͤßt dahingeſtellt ſeyn, — was Leſer aus Einzelnem in Worten und Hand⸗ lungen über das Ganze und Bleibende im Ve⸗ ſen des, bald uberreizten, bald ermattenden Ve⸗ richterſtatters ſchließen wollen u. dergl. m. Und ſo, ganz ſo werfe ich dieſe Blaͤtter in den reißenden Strom unſrer Zeit—— ten, ziemlich ausfuͤhrlichen Brief, vor vier⸗ Leipzig, den 25ſten September 1813. Geſtern Nachmittag erhielt ich Ihr Blatt durch den Legationrath***. Meinen letz⸗ zehn Tagen abgeſandt, ſcheinen Sie nicht empfangen zu huben. Kein Wunder! An⸗ dre Leute werden ihn ſchon geleſen haben⸗ Es ſey: er enthielt gar nichts uͤber öffent⸗ liche Angelegenheiten; wie dies Blaͤttchen auch nichts dieſer Art enthalten ſoll. Das Unſchuldigſte kann jetzt gemißdeutet, das Einfachvernuͤnftigſte verpont werden; und wird es. Es ſind hier in dieſen Tagen wie⸗ der einige, nicht unangeſehene, und auch als beſonnen und wohlgeſinnt bekannte Maͤn⸗ — 156— ner eingekerkert worden; Niemand weiß noch recht, warum?„Nun: darum!“ ſagen eigenſinnige Kinder, die verwoͤhnt ſind, kein Geſetz, als ihren Willen zu erkennen; und wollen ihre Geſellen ſich damit nicht beru⸗ higen, ſo ſetzt es Schlaͤge.— General Bertrand, unſer Commandant, erweiſet ſich auch jetzt noch als den einſichtvollen, ge⸗ maͤßigten, humanen Mann, den er uns ſtets gezeigt: aber was kann, was darf er — ich will gar nicht ſagen, gegen, ſondern nur uͤber die mit eiſernem Griffel tief und ſcharf in Stein geriſſene Kreislinie des Sy⸗ Seit einigen Tagen erfreuen uns auch wieder durch ihre Anweſenheit der liebevolle Herzog von Padua, und der theuere Herr Bacher. Unſer neues Lazareth vor der Stadt, fuͤr — etwa 3ooo ſolcher Krauken erbauet, die An⸗ ſteckung verbreiten könnten— Siẽ erinnern ſich es wurde auf Subſeription mit größter Anſtrengung; und ſchneller, als wol jemals hier ein Gemeindebau, ertichtet— dies Lann nicht gebraucht werden: die geſperrte Straße nach Bohmen laͤßt keine Fenſtet ai⸗ kommen. So ſind die Gelder gegangen, die Kranken geblieben. An Verwundeten und andern Kranken haben wir jetzt nahe an 9o0o; das heißt, auf vier Einwohner, Wei⸗ ber und Kinder mitgerechnet, ziemlich Einen. Das moͤchte noch ſeyn; waͤren wir nut jene Ruhr⸗ und enetnee wo deren an 1500 ſind. i naG Die neue Zwangsanleihe des Magiſtrats, der nun kein Unterpfand mehr zuzuſichetn hat, als ſein Wort— muß ſehr ſchnell und eifrig eingetrieben werden: denn woher ſollte — er ſonſt alles jetzt Nothige nehmen? Bey dem großen Mangel an baarein Gelde faͤllt aber guch mancher der beſten Wirthe in große Verlegenheit/ oder in die Haͤnde rei⸗ cher Wucherer und ihrer Helfershelfer. Nach dem/ was ich zahlen muſſen/ iſt dns Ber⸗ haͤltniß im Durchſchnitt etwa auf 3 pro Cent berechnet. Aber wie viel werde ich denn von dem alſo Beſtenerten behalten? ja, wie viel beſitze ich denn wirklich ietzt? Ich weiß es nicht; und keiner weiß es zuverlſſig. In⸗ deſſen werden meiner Einquartierten, in der Stadt und in meinem Landhauſe, immer mehr; wie das auch nicht anders ſeyn kann⸗ Dort iſt, ſeit einiger Zeit, meine Mittel⸗ zahl uͤber 30 Mann; beym jetzigen Preis der Lebensmittel zahle ich fuͤr jeden taͤglich 20 Groſchen. Nur allein das Haus meiner Frau koſtet die noch nicht vollen neun Mo⸗ . nate dieſes Jahres, außer dem ganzen Er⸗ trage, uͤber 3000 Thaler baar; und, allem Anſehn nach, muß das bald noch um vieles höher ſteigen. Und lebte hier ein Göthe, ſchrieb mit Kotzebue's ſtroͤmendem Dinten⸗ fluß Tag und Nacht, und ein Cotta ſtuͤnde dabey, in Eins fort druckend und zahlend der Goͤttliche erſchriebe nicht genug, die an ihm nagenden Soldaten zu ſaͤttigen. Man hat ſo vft/ im Ernſt und Scherz, das Gluͤck der Dichter geprieſen, die nichts beſitzen, als ſich und ein gemiethetes Dachſtuͤbchen, daß, wenn's Einer nochmals wollte, er um eine neue Wendung verlegen ſeyn muͤßte: da hat er eine, und die fin aſi und Scherz taugt.— 0i In Dresden, hor'ich, nil man nmiſin, alle unſte Kirchen waͤren zu militairiſchen Beduͤrfniſſen weggenommen. Nein doch — 460— wi haben noch— Eine! zum Gluͤck iſt das unſte ſchdne Nirlaskirche. Ueberhaupt ſoll es in Dresden— ich meyne, in der Stadt, auf den Straßen— uvch viel ſchlimmer aus⸗ ſehen, als bey uns. Iideß, wer weiß, was uns noch zufömmt! Es geſchieht aber auch wahrlich hier von Seiten der Polizey alles, was irgend moͤglich iſt; und, ſo un⸗ gern ihr Herren dran gehet, an uns Leipzi⸗ gern etwas zu ruͤhmen, das ihr nicht ſelbſt im Ueberfluß beſitzt: ihr wuͤrdet, ſaͤhet ihr aus euren Seſſionſtuben bis hieher, die hie⸗ ſige, wahrhaft ausgezeichnete Regſamkeit, Geſchaͤftgewundheit„faſt unermuͤdliche Ar⸗ beitſamkeit, wo es naͤmlich gilt— nicht nur, wie ihr immer ſolltet, mit Achtung anerkennen, ſondern, da ſie jetzt nicht auf Maͤkeln und den Saͤckel des Einzelnen ge⸗ richtet, vielmehr unter zweckmaͤßiger und — 161— kraͤftiger Leitung uͤber das Allgemeine und ſein Wohl verbreitet iſt, ſie laut ruͤhmen preiſen und nachahmen—— 5 Den Iſten October. Ich wurde neulich geſtort. Da ich jetzt uͤberleſe, was ich geſchrieben, fuͤhle ich mich ſehr geneigt— wozu ich ſchon oben ange⸗ ſetzt— den Seegen der Gewohnung an's Schriftſtellen zu preiſen. Wie hatte ich, uͤber dem Allgemeinen und Entlegenern, was mir, auß Veranlaſſung der Feder, durch den Kopf ging, das verwuͤnſcht Beſondere und Nahgelegene, ws indeß vorging und auch auf mir laſtete, vergeſſen, und, da ich's nicht wenden konnte, walten laſſen! Ich ſage nichts davon: die Poſt giebt keine Si⸗ cherheit mehr; auch waͤre ja, was ich Neues meldete, bey dem unaufhoͤrlichen, urplotz⸗ 1I. Band. L — 162— lichen Wechſel der Dinge, ſchon veraltet, ehe es zu Ihnen kaͤme— kaͤm' es naͤmlich Ich wollte wieber hinweg davon: aber ich kann nicht. Wende ich mich auch mit Gewalt ab von dem, was rohe Uebermacht im Ganzen und Großen uͤbt: ſo ringe ich doch vergebens mit mir, den Eindruck los zu werden, den einzelne Scenen, den Sin⸗ nen aufgedrungen, auf mich machen; z. B. erſt vorhin ein einziger, kurzer Gang uͤber die Straße. igttt Mein Weg fuͤhrte mich zum Markt. Ich fand ihn voll Getuͤmmel des Volks, der Sol⸗ daten, des Fuhrweſens: dieſem auszuwei⸗ chen, ſchlich ich an der Seite hin, und brauchte nicht zu fragen, was es gebe. Von fruͤh an hatten neue Zuͤge Kranker und Verwundeter— zum Theil noch nicht ver⸗ bunden— die ſchon angefuͤllte Stadt uͤber⸗ ſchwemmt; noch um 10 Uhr Vormittags war es unmoͤglich, ſie alle nur ins Trockene zu bringen, und doch ſtroͤmte der kalte Re⸗ gen immerfort vom Himmel herab. An den Haͤuſern, unter den kleinen Wetterdaͤchern, die uͤber den Gewölben der Kaufleute hervor⸗ ragen, lagen ihrer noch reihenweis. Welche, von Jammer und Schmerz, oder Erbitte⸗ rung und Haß zerriſſene Geſtalten!— In der grimmaiſchen Gaſſe, durch die ein neuer Zug langſam vorruͤckte, mußte ich einige Minuten auf den Moment warten, wo ich zwiſchen den Wagen durchſchluͤpfen konnte drey verwundete Pferde, deren Reiter wahr⸗ ſcheinlich auf dem Wagen lagen„mit ver⸗ rücktem Sattel, hangendem Zeug, hinkend und blutend, aber in Reih und Glied ge⸗ ſchloſſen, fielen mir da zunachſt ins Auge, und eben ſank das eine, das mittlere, zu⸗ L2 ſammen— ſtill, ohne Laut.(Es hat fuͤr mich immer etwas ſo Ruͤhrendes gehabt, daß das edle Pferd nur in Freude und Luſigefühl laut wird, nicht im Schmerz, nicht im Ster⸗ ben!) Die andern zwey ſahen auf den Ge⸗ faͤhrten herab: da ruͤckte der Zug ein wenig vorwaͤrts, und, um den Sterbenden behut⸗ ſam ſchreitend, ſchloſſen ſie ſich nun an ein⸗ ander und hinkten in Reih' und Glied weiter. Ich kann's nicht ſagen, auf wie ganz eigene Art dieſer Anblick mich ruͤhrte.— Wenig Schritte weiter, da, wo die grimmaiſche Gaſſe nach dem alten Markte fuͤhrt, hielten ſechs vder ſieben franzoͤſiſche Gardiſten, ab⸗ geſeſſen, ihre Pferde an der Hand. Unter dem kleinen Wetterdach am Fuͤrſtenhauſe la⸗ gen vier, gleichfalls franzoͤſiſche Kranke, die auch noch nicht hatten untergebracht werden konnen. Ich kam eben dazu, als jene, durch — 165— langes Liegen in Blutquellen verſteinten Menſchen, um ihre Pferde trocken zu ſtel⸗ len, ihre Landsleute und Kameraden, an Fuͤßen und Schultern ſie faſſend, unter dem Dache weg, gleichguͤltig in den Regen zu tragen begannen. Das lebhafte Einreden mehrer Umſtehenden ſtorte ſie ſo wenig, als das Jammern jener ungluͤcklichen„oder meine und eines andern Mannes Vorbitte. Mit Eins brach aber das Menſchengefuͤhl bey den Herzulaufenden kraͤftig hindurch; man ſchrie auf die Gardiſten, die eben den dritten Kameraden ergreifen wollten, ein; man ſchimpfte, man drohete, man wollte ihnen zu Leibe: mit trockenem Hohn und mit emporenden(zum Gluͤck franzoſiſchen) Schimpfreden, zogen ſie ſich, geſchloſſen, nach der Mauer, und faßten die Säbel. Im Augenblick ſchien der Tumult ernſthaft — 166— zu werden: aber man ſchaffte Auskunft, und brachte die Leidenden in das naͤchſte, kleine Haus, wo ſie mit Labung und Staͤrkung uͤberhaͤuft wurden. Vor Freude daruͤber und Mitleid zog alles nach, und Niemand dachte mehr an jene Unmenſchen, die den Kampf⸗ platz behaupteten. Ah) gut Mann, Sachs! rief Einer der Franken der Hökerfrau zu, die, aus ihrem ärmlichen Handkorb jedem (weiter beſaß ſie nichts) einige Aepfel auf die Bruſt legte, die er freylich nicht brau⸗ chen konnte. Ja, erwiderte die Frau im Eifer:; aber Seine Kameraden, Musjeh, das ſind ja Luͤmmel! Na, ſey Er nur ſtille; (der Mann war's aber ſchon—) ſey Er nur ſtille: der Teufel kriegt die zeitig genug — will's Gott!—— So mehrt ſich von Tag zu Tag, ſelbſt fuͤr mich Einſamen, der Anblick, nicht nur — 167— des tauſendgeſtaltigen Ktiegselends, ſondern auch deſſen, was empoͤrt, ſelbſt das Volk, ja den Poͤbel. Franzoſen von Einſicht und Bildung„ſpricht man mit ihnen daruͤber und uͤber deſſen moͤgliche Folgen, zucken die Ach⸗ ſeln, und laͤcheln mit jener Artigkeit, die beſchraͤnkten, aber gutgemeynten Urtheilen nicht wegwerfend entgegentreten, ihnen ſo⸗ gar ein gewiſſes unterordnendes Anerkennt⸗ niß ſchenken will, aber doch zugleich nicht ganz verbergen kann und ſoll, die Urtheile ſeyen ſchwach und nichtig. Gleichwol— ſollten dieſe Maͤnner ſich, eben beym Volke, eben beym deutſchen Volke, nicht irren? Wie wir nun hier umgeben und eingerammt ſind, darf man nicht wagen, gewiſſe Ideen ſchreibend zu verfolgen: an eine Mittheilung ohne ganz beſtimmte, irdiſche und verdach⸗ tige Zwecke glaubt keine franzoſiſche Behoͤrde. Spinne ich aber fuͤr mich aus, was ſich nicht mehr abweiſen laſſen will: ſo durch⸗ ſchauert mich ein Gefuͤhl, das ich wahrlich nicht Furcht nennen kann, wenn es auch nicht ganz ohne ſie iſt. Ja, ſelbſt dieſe Miſchung iſt wol nur einer der Momente, aus denen mir einzuleuchten anfaͤngt, ich ſey in etwa zwey Jahren vielleicht um zehn aͤlter geworden. Leider, leider! Aber zu ver⸗ wundern iſt's nicht: der Menſch wird uͤber⸗ haupt ſchnell alt bey vielem Neuen, ſo wie ſtill bey vielem Lärmen.—— Was eigentlich ber unſer Weichbild hin⸗ aus neuerdings geſchehen iſt, erfahren wir nicht. Geruͤchte aller Art verbreiten ſich zwar, durchkreuzen aber, ja widerſprechen ſich ſo ſehr, haben auch ſo oft getaͤuſcht, daß ſie keinen Glauben finden. Wiſſen wir doch nicht einmal, woher denn eigentlich die großen Zuͤge Verwundeter kommen; und der ge⸗ meine Franzos, ja oftmals ſelbſt der fuͤr ge⸗ ſellſchaftliche Verhaͤltniſſe gebildete, bey ſei⸗ ner gaͤnzlichen Unwiſſenheit in allem, was uͤber jenes ſein Urtheil begruͤnden koͤnnte, bey ſeinem feſteſten Vertrauen auf das, was ihm, dies zu begruͤnden, geſagt, oder gar ſchwarz auf weiß gegeben wird— er weiß es auch nicht. Vornehmere ſprechen wenig, und von großen, aber ſchwer errungenen Vortheilen doch ohne Uebereinſtimmung und Klarheit. Vielleicht muß man eben hieraus auf Bedenkliches ſchließen. Und das geſchieht denn auch, ſelbſt vom Volk, und unverholen. Es iſt ein dumpfes Treiben und Wogen, ein Zuſammenlaufen und Aeng⸗ ſten auf den Straßen und allen geraͤumigen Plaͤtzen, ein unbeſtimmtes Hoffen, Fuͤrch⸗ ten, Klagen, Drohen— faſt wie es Sal⸗ — 170— luſt ſo trefflich ſchildert, wo er von Rom nach Catilina's Auszug ſpricht.— Am asſten Abends traf der Herzog von Raguſa ein. Das thomé'ſche Haus am Markte ward fuͤr Napoleon eingerichtet und ſeine Ankunft verkuͤndigt; bis jetzt iſt er aber noch nicht hier. Daß ſich Heere der Verbuͤndeten faſt von allen Seiten gegen uns her bewegen, und ſchwediſche Reiterey ſchon bis nach Halle geſtreift ſey, iſt das einzige Sichere, was wir wiſſen. Den zten Octhr. Der Poſtenlauf iſt nun faſt nach allen Seiten hin, auch fuͤr ſaͤchſiſche Orte, ge⸗ hemmt. So laſſe ich denn dieſe Blaͤtter lie⸗ gen, und ſchreibe daran in den einzelnen, freyen Stunden, eben ſo, wie ich, wohnten wir an Einem Orte, einen Sprung zu Ihnen laufen wuͤrde, nicht, um etwas Bedeuten⸗ des durchzuſprechen, ſondern Sie zu grůͤßen, irgend einen Vorfall Ihnen mitzutheilen, und wegzugehen. Die Noth um die erſten Beduͤrfniſſe, noch mehr der Pferde, als der Menſchen, faͤngt an ſchrecklich zu werden; und ſchließen uns die Verbuͤndeten enger ein, ſo daß die etwas entferntern Zufuhren aufhoͤren, ſo helfe uns Gott. In meinem lieben Conne⸗ witz iſt ſchon ſeit voriger Woche kein Hafer⸗ korn, kein Strohhalm mehr; und ſo faſt in allen nahe umliegenden Doͤrfern. Die Stadt muß ſie verſorgen. Da unter den Truppen alle Zucht und Ordnung, außer im eigent⸗ lichen Dienſt, aufgehoͤrt hat, nimmt jeder, was irgend aufgefunden werden kann, und denkt beym Gebrauch nur an ſich und ſein augenblickliches Beduͤrfniß. Die Tauſende, die Tag und Nacht im Freyen liegen, waͤh⸗ rend rauhe Zugwinde daherſtreifen und der Regen den kalten Boden aufweicht, muͤſſen ſich allerdings zuerſt gegen dieſe Unbilden der Natur ſchuͤtzen. Das geſchieht in der Regel, indem ſie in den Doͤrfern Thuͤren, Fenſter, Dielen u. ſ. w. losbrechen, daraus, ſo gut es gehen will, Huͤtten bauen, und den Boden, wie das Dach, mit Stroh— bedecken wuͤrden, wenn das vorhanden wäre, ſo aber, ſtatt deſſen, unausgedroſchene Gar⸗ ben gebrauchen, die auch den Pferden vor⸗ und untergeſtreuet werden. Ruͤckt nun eine Horde weiter— und wie oft geſchieht das! — ſo thut ſie ſich zuvor die Guͤte, den Bau onzubrennen, um ſich an ſeinem Lodern ein⸗ mal recht durchzuwaͤrmen, denn die bis da⸗ hin, von Bretwaͤnden der Gaͤrten, Stacke⸗ ten, Tiſchen, Baͤnken, oder, war das ſchon — 133— aufgebraucht, von friſch gefaͤllten Baͤumen erhaltenen Wachfeuer leiſteten das nicht ge⸗ nug, zumal da dieſe oft vom Regen verldſcht wurden, oder in ihrer dumpffeuchten Glut einen unertraͤglichen Qualm verbreiteten, der gaͤnzliche Annaͤherung unmoͤglich machte. (Ich hatte vorgeſtern die ſchoͤnſte Gelegen⸗ heit, das zu beobachten, als ich mein un⸗ gluͤckſeeliges Tuſculanum einmal zu ſehen verſuchen wollte, aber, von allen gewarnt, nicht weiter kam, als bis zum Bivouak vor dem Dorfe. Die Soldaten lagen, ſchrien, ſangen wild durch einander, und ſahen, von jenem Qualm geſchwaͤrzt, wie die Teufel aus— zu ihrem eigenen Spaß, doch wahr⸗ lich nicht zu meinem. Jeder von den Gaͤr⸗ ten her neu herzugeſchleppte Baum ſchien mir einer meiner Lieblinge; und Sie kennen meine Freude und Liebe fuͤr ſchoͤne Baͤume! — ½— Von meinem Wohnhauſe ſahe ich nur das Dach; vom Garten nur, was uͤber die Mauer hinausgruͤnet: an dieſer Mauer ſelbſt aber mit Schrecken, daß der Ausgang in's freye Feld nun auch ohne Thuͤr, mithin ein freyer und bequemer Durchzug nach dem La⸗ ger hin ſey; und mein kleiner, ſchoͤner Bir⸗ kenhain, wo ich in den letzten Jahren das Beſte, was ich gearbeitet, erſonnen, das Schoͤnſte, was mir zu Theil worden, ge⸗ noſſen hatte— dieſer ſchien mir mit den ſchlanken Wipfeln ſeiner Baͤume zuzunicken und ſchon ziemlich duͤnn geworden zu ſeyn. Aus den Gedanken und Gefuͤhlen, die ſich dabey meiner bemaͤchtigten, weckten mich mehre der Herren Teufel, die achtſamer auf mich wurden, und von denen der Eine, naͤ⸗ her tretend, mit beſonderer Zuneigung, die Brauchbarkeit meines Mantels und meiner — Stiefeln zu erwaͤgen ſchien. Da faßte ich mich zuſammen, kehrete um, und ſang mir ſelbſt vor, Goͤthe's:„Ich beſaß es doch ein⸗ mal“—) In der Stadt faͤngt ein neues Uebel an ſehr merkbar zu werden. Man hat kein Holz zum Heizen, und kaum, wer ſich bey Zei⸗ ten verſehen koͤnnen, einiges zum Kochen. Da naͤmlich unſere bekannten Holzquellen ſchon laͤngſt, entweder abgeſchnitten, oder anders verwendet ſind, kein Holzbauer auch ſeiner Pferde maͤchtig iſt oder wird, falls er deren noch hat, das wenige Floßholz aber, das dies Jahr geſendet worden, kaum fuͤr den dringendſten Bedarf gereicht hat: ſo iſt der Mangel nicht zu vermeiden geweſen, wie lange auch die Behoͤrden ſich ſchon voraus bemuͤhet haben, ihm zu begegnen. Unter die, welche faſt gar kein hartes Holz beſitzen, gehort Ihr Freund; und wird nicht irgend woher Luft gemacht, ſo kann er in vier bis ſechs Wochen auch nicht mehr kochen. Der heutge Tag hatte uͤbrigens viel Aeng⸗ ſtendes fuͤr uns insgeſammt. Es waren Reiterhaufen der Verbuͤndeten(Preußen und Schweden, ſo viel ich weiß,) von der duͤbe⸗ ner und halleſchen Straße bis gegen die na⸗ hen Doͤrfer vorgedrungen;(ſelbſt hinter Gohlis iſt gefochten worden;) und wie un⸗ bedeutend man auch dergleichen Anlaͤufe und Verſuche darſtellt: die mannichfaltigen, ſtrengen, beeilten Gegenanſtalten lehren an⸗ ders.— Die Thore blieben geſperrt. Ein⸗ ander widerſprechende Geruͤchte, eines uͤber das andere, wurden verbreitet; auch ward, ſelbſt auf den Straßen, das Wort lauter und freyer. Kanonendonner vernahm man von Halle her faſt immerfort. Ein Victna⸗ — 177— lienhoͤker, der mit ſeinem Krame die Stadt zu erlangen verſucht hatte, kam ohne dieſen im Thore an, und berichtete: aus dem hin⸗ tern Gehoͤlz des Roſenthals, gegen Schoͤnau, ſey ein Trupp Koſaken hervorgeſchwaͤrmt, habe ihm ſeine Waaren freundlichſt abge⸗ nommen, und der Anfuͤhrer, der etwas Deutſch gekonnt, ihm dafuͤr, aus großer Geldkatze, den blanken Dukaten gegeben: aber er muͤſſe nun auch, habe er ihm anbe⸗ fohlen, nach der Stadt gehen, und ſagen: „ Hurrah, Koſaki: Franzos caput!“ dar⸗ auf habe er ihn Bruder geheißen und ihm einen gewaltigen Kuß gegeben. Man be⸗ ſchwichtigte freylich den Mann nachdrůck⸗ lichſt: aber ohngeachtet nur ein Paar Leut⸗ chen ſeinen Bericht mit vernommen, und ohngeachtet ein einziges ausgeſprochenes Hurrah Arreſt und Stockpruͤgel bringt, lief n. Band. M — 178— das Geſchichtchen pfeilſchnell durch die Stra⸗ ßen, bis wieder ein anderes es verdraͤngte. — Die Hoffnung, man werde, ruͤckten nun die Armeen der Verbuͤndeten ernſtlich heran, Leipzig verlaſſen, da es ganz offen, da ſeine ganze naͤhere Umgebung von kleinen Fluͤß⸗ chen und Baͤchen vielfach durchſchnitten, mit zerſtreuetem Gehölz reichlich beſetzt iſt, und zum größten Theile aus Wieſen beſteht, die jetzt, von langanhaltenden Regenguͤſſen, mehr oder weniger verſumpft liegen— dieſe Hoffnung ſcheint jetzt grundlos. Und rückten nun die verbuͤndeten Heere wirklich in all ihrer Kraft heran, und Napoleon zoͤge die Seinigen in unſter Naͤhe zuſammen, und wir ſelbſt dieneten ſo, wegen der nach allen Sei⸗ ten hin laufenden Heerſtraßen beyden Par⸗ teyen gewiſſermaßen zum Mittelpunkt: was wůrde da nit uns/ was überhaupt werden 7 Das weiß Niemand, als Einer; aber zum Gluͤck, eben der, von welchem es dort heißt: Die Koͤnige im Lande lehnen ſich auf, aber Er lachet ihrer! Und weiter— weiter muß doch nun einmal, was ſeit fuͤnfund⸗ zwanzig, oder eigentlich ſeit faſt vierzig Jah⸗ ren, die Voͤlker ergriffen, und alles, was von irdiſcher Weisheit feſt ſtand, in ſeinen Grundpfeilern erſchuͤttert hat. Auf welchen Wegen, durch welche Mittel? Auf den ſicherſten, durch die wuͤrkſamſten! Zu wel⸗ chem Ziele? Zum herrlichſten! Welche ſind nun aber jene; welches iſt dies? Das weiß eben Er; und weiß es allein. Und weil wir nun von Ihm wiſſen— nicht nur jenez „Lachet ihrer,“ ſondern auch: Kann wol ein Weib ſeines Kindleins vergeſſen? und ob es ſein dennoch vergaͤße, will ich ſein nicht vergeſſen: ſo wird's ja wol am beſten ſeyn M 2 — 180— und bleiben, in ihm zu ruhen, wenn ſonſt nirgends Ruhe iſt; und der innern Stimme zu folgen, bey dem, was man thut, wenn keine aͤußere ſicher und weiſe ſeyn kann. So war dieſen Abend* bey uns. Sehen Sie, ſagte er, daß es gut geweſen waͤre, vor drey Wochen der freundlichen Einladung nach Prag zu folgen? Nun iſt's zu ſpaͤt. Er mag Recht haben mit ſeinem Tadel: aber ich kann mir auch nicht Unrecht geben. Die Meinen haͤtte ich damals wirklich gern ge⸗ fluͤchtet: aber ſie wollten mich ſchlechterdings nicht verlaſſen, und ich konnte mir nun ein⸗ mal nicht verſtatten, den Ort im Ungluͤck zu meiden, an dem ich mein Daſeyn und Gluͤck gefunden. Wer kann denn wiſſen, ob in entſcheidenden Momenten nicht ſelbſt durch des Einzelnen ſchwache Kraft etwas Nam⸗ haftes geleiſtet werden kann? Ja ſelbſt das N — 181— Gefuͤhl: du haſt treulich und freywillig aus⸗ gehalten— ſelbſt dies Gefuͤhl hat, wie auch die Klugheit widerſpreche, Etwas, das ich nicht von mir weiſen mochte, und auch jetzt gaͤb' es noch eine Wahl, nicht von mir wei⸗ ſen wuͤrde—— Es iſt ſpãt in der gacht, mir aber noch gar nicht, wie ſchlafen. Doch muß ich's wol verſuchen; wer weiß, was morgen ge⸗ ſchieht, und eine durch Ruhe geſtaͤrkte Kraft verlangt. Gute Nacht denn!—— Den 11ten October. Vie len und zum Theil aͤußerſt merk⸗ wuͤrdigen Stoff mir die letztverfloſſenen Tage darboten: ich habe nicht ſchreiben konnen, weniger verhindert durch aͤußere Verhaͤlt⸗ niſſe, als durch innere Stimmung. Dies ſtetige Bedraͤngniß von allen Seiten und von N — 182— aller Art; wöhin man den Blick wirft— dort, ungezugelte Rohheit, kalte Gewaltthat, und wäs ſich au das Eine oder das Andere zu haͤngen pflegt, offen, uͤbermuͤthig, nicht ſelten mit empdrendem Hohn dargelegt: hier, Noth und Elend in den vielfaͤltigſten, oder Schaͤnblichkeit, ſich ihnen zu entreißen, in den ekelhafteſten Geſtalten; dabey kein lichter, das Auge erfrenender, das Herz be⸗ lebender, den Muth anfachender Punkt und Halt, außer in dem Allgemeinſten, was aber beym gewaltſamen Andraͤngen des Ein⸗ zelnen, haͤlt es auch im Geiſte Stand, das Herz nicht fuͤllt und den Sinn preisgiebt: dies zuſammengenommen, macht endlich we⸗ nigſtens in ſo weit muͤrbe, daß man, ſtets vom Augenblick beſchaͤftigt, nicht mehr zu⸗ ſammenſetzen und uͤberſchauen, wie viel we⸗ niger dem Andern darſtellen mag, was man — 183,— geſehen, was man erfahren hat. Fetzt tan ich mir das, in der Geſchichte ſo oft geſchil⸗ derte, graͤuelvolle Leben blos fuͤr den Mo⸗ ment in aufgegebenen Staͤdten— bey Hun⸗ gersnoth, Peſt u. dergl.— erſt in ſeinem Zuſammenhange, und ſeinen innern und aͤu⸗ ßern Quellen denken.— Hingegen, die Ordnung und Praͤciſion der franzoſiſchen Heereshaufen im eigentlichen Dienſt⸗ bey all dem Wogen und Strudeln, iſt und bleibt bewundernswerth. Wallenſteins: „Das Wort iſt frey, die That iſt ſtumm, der Gehorſam blind“—„Was nicht ver⸗ boten iſt, iſt erlaubt“— das konnte man wol in dieſes eiſernen Revolutionairs eige⸗ nem„Reich von Soldaten“ kaum ſo in all ſeinem Umfange vollfuͤhrt ſehen, wie hier. Der Commiſſaire⸗Ordonnateur, den man mir nun auch noch in meine Wohnung, ſie mit mir zu theilen, geſchickt hat, und dem ich Einiges des Empoͤrendſten mittheilte, horte mich(er iſt keiner der ſchlimmſten) ziemlich hoͤflich an, und ſagte nichts, als einigemal, gerade mit dem Ton, als habe ein Kind ein Glas fallen laſſen: C'est dom- mage! Dann aber erhob er die Stimme mit Einem: Mais, Monsieur— und ent⸗ faltete nun das„Rechtliche des Syſtems.“ Es kam darauf hinaus: Jedes Land, mit alle dem, was darin und darauf iſt, gehoͤrt denn doch dem Fuͤrſten.(Bon! rief er ſich ſelbſt zu.) Mithin Sachſen, mithin Leip⸗ zig, mithin auch Sie, mein Herr, mit dem, was Sie das Ihre nennen, Ihrem Koͤnig. „Bon!“ Mit dem, was mein gehoͤrt, verfahre ich denn doch rechtlicher Weiſe, wie ich will, und wie es mir in jedem Moment als das Noͤthigſte und Kluͤgſte einleuchtet. „Bon!“; Nun iſt Ihr Konig mit unſerm Kaiſer„d'accord:“ mithin u. ſ. w. Sie haben einige Beſchwerden fuͤr den Augen⸗ blick; dae iſt wahr— fuhr er fort: aber dafuͤr wird Napoleon der Große Shren Ko⸗ nig und ſein Land ſchutzen; Ihr Koͤnig wird mit ihm triumphiren; Sie werden Theil ha⸗ ben an unſerm Ruhm, Sie werden mit uns glcklich ſeyn. Alſo, Geduld, mein, eine kleine Sni S 1 it Den réten October. Die iiſer fuͤr Einp Geſtaltung ſheinn zu liegen? unſer Loos wird wol ne⸗ Lenbey ſich von ſelbſt finden— wie des Fro ſches i im Sumpf, wo Eber kaͤmpfen. Wie hat man die letzten Jahre in Deutſchland ge⸗ ſchrien„doch große, nur recht große Maaß⸗ ſtaͤbe an alles zu legen; an die Staaten nicht weniger, als an die Ppeſie: nun, da hat man ſie hoffentlich groß genug, die Maaßſtaͤbe! Scheint's doch ſelbſt ſchon et⸗ was, daß, wenn nun geſchieht, was ſich hier bereitet, in einem Kreiſe von wenig Meilen vielleicht eine halbe Million Kaͤmpfer drangeſetzt wird, von denen, weil ſie recht eigentlich um Tod und Leben ringen muͤſ⸗ ſen, anzunehmen,(beſonders beym Hoͤchſt⸗ unguͤnſtigen des Terrains u. dergl.) daß die Haͤlfte faͤllt, und— trifft die Rechnung ienes geiſtreichen politiſchen Rechenmeiſters Italiens zu, nach welcher Ein fallender Krie⸗ ger wenigſtens vier friedliche Buͤrger mit hinabreißt— eine Million von dieſen opfert! Auf einem Umkreiſe von wenig Meilen, meynt' ich, ſchiene das ſchon etwas!— Wer da glaubte, Napoleon beſitze nur noch wenig Kerntruppen und faſt gar keine tuͤchtige Caballerieyder machte vor drey Ta⸗ gen, als Augetean's Corps von Naumburg her einruͤckte, große Augen, beſonders bey der ältern, aus Spanien gezogenen Reite⸗ rey. Großentheils ſind das Maͤnner, bey denen Einem die unter Alba in Byrüſſel ein⸗ geruckten Spanier, wie ſie Goͤthe im Eg⸗ mont aus den Erwaͤgungen der armen Teu⸗ fel von Buͤrgern vor's Auge zu ſtellen weiß, als ſtuͤnden ſie da aus Eiſen gegoſſen— dieſe, ſag' ich, mußten Einem einfallen. Auch das am 6ten eingeruͤckte Corps Jufan⸗ terie, etwa 16 bis 18000 Mann ſtark, konnte ſchon ſtutzig machen. Zwiſchen die⸗ ſen beyden Haufen, und jetzt noch immer⸗ fort, draͤngten ſich nun aber kleinere her⸗ bey die ausſehen, als waͤren ſie von allen Kerkern und Raubhoͤhlen Frankreichs aus⸗ geſpien.— n — 188— In der Stadt und naͤhern Umgegend iſt alle das Holzwerk, das zu Palliſaden taug⸗ lich, genommen worden; und, da deſſen nicht genug vorhanden war, hat man Baͤu⸗ me, nicht nur in den nahen Geholzen, ſon⸗ dern auch(doch mit Wahl) in einem Theile unſter ſchonen Anlagen um die Stadt, zu jenem Behuf gefallt. Die Thore die nicht zu Hauptſtraßen fuͤhren ſind ganz geſperrt und nun verpalliſadirtt die Hauptthore ſind dies auch, bis auf Oeffnungen fuͤr die no⸗ thigſten Eingaͤnge, welche zu verrammeln ſpaniſche Reiter bereit ſtehen. An Schutz oder Abivehr kann mit alle dem wol nicht ernſtlich gedacht ſeyn; mithin nur an Auf⸗ halten Heranſtuͤrmender, und damit an Ge⸗ legenheit, den Tod deſto mörderiſcher unter ſie zu ſenden— was aber freylich auch ihre Erbitterung gegen die Stadt nur ſteigern, ————— — 189— die Wuth reizen, die gewaltſamſten Gegen⸗ mittel herbeyfuͤhren muß. Die Mauern der Gaͤrten, welche faſt ringsum die Stadt um⸗ geben, ſind fur Schuͤtzen, Mann an Mann, durchloͤchert— offenbar nur in derſelben Abſicht, und leider zu demſelben Erfolg.— Ueber Mangel an den nöthigſten Nah⸗ rungsmitteln, vornaͤmlich an Brot, konnte bisher in der Stadt noch nicht mit Grund geklagt werden. Die Thaͤtigkeit unſrer, ver⸗ bunden mit der Geuͤbtheit und Conſequenz der franzoſiſchen Behoͤrden, hatte noch im⸗ mer Rath geſchafft. Selbſt jetzt macht ſie das Nothigſte noch moͤglich: aber das Schwierige der Sache kann nicht mehr ver⸗ borge werden, und ſo fuͤrchtet jeder nahen Mangel, will ſich vorſehen, und fuͤhrt ihn herbey. Die Baͤcker der Stadt koͤnnen nicht viel uͤber das liefern, was fuͤr die Heere vorausgenommen wird; die Landbaͤcker kbn⸗ nen nur bon den naͤchſten Orten herein, da die entferntern von Streifcorps der Verbůn⸗ deten weggefangen werden. Der Anblick, wie das Volk um jeden ankommenden Brot⸗ wagen ſich ſchreyend draͤngt, jeder ſein Geld hoch empor haͤlt, den Verkaͤufer zu bewegen, nur ihn zu verſorgen, Einer den Andern wegſtoßt,(die Weiber ſchonen auch hier ein⸗ ander weniger, als die Maͤnner,) Geſindel zu erringen weiß, was rechtlichen Leuten oft nicht gelingt, und nun auf der Stelle mit Jubel das Erhaſchte verthenert verkauft, um ſogleich ſein Glůͤck von neuem zu ſuchen— dieſer Anblick, obgleich nur eine ganz kleine Nebengruppe in dem reichen, großen Gemaͤl⸗ de, hatte füͤr mich etwas aͤußerſt Widriges. Die Polizey hilft freylich auch da nach, ſo viel ſie kann? aber wie wenig kann ſie!— — 191— Was, wir über die Stellung der Heete Sicheres erfahren, laͤßt nicht mehr zweifeln, es wird erfullet, was ich neulich als unſte Veſorgniß anfuͤhrte. Die ganze Mulde, bis zu ihrem Einfluß in die Elbe, iſt in franzd⸗ ſiſcher Macht; Cauch Deſſauz) um ſie her bilden die Verbuͤndeten einen großen, wenn auch noch nicht uͤberall geſchloſſenen Bogen, und dieſer verengert und ſchließt ſich, nach allen Seiten— ohngefaͤhr in gleichem Ver⸗ haͤltniß— langſam und bedaͤchtig, mehr und immer mehr. Ein ungeheurer, kühner, und, ſelbſt bey der allergroͤßten Maſſe Volks, die er vorausſetzt, doch wol gefahrenvoller Plan! Was Napoleon will— ob ſich ein⸗ keilen laſſen, und dann, wie ein entzuͤnde⸗ ter Pulverthurm, nach allen Seiten mit Eins uͤbergewaltig losbrechen; Caber was konnte er da erreichen, als hochſtens große — 192— Verwirrung fuͤr den Moment2) ob, vor gaͤnzlicher Verengerung und Verdichtung des 3 weiten Kreiſes, an Einem Punkte mit dem Kern ſeiner Heere, Bleich dem umgarnten Eber ſich durchreißen, den Gegnern, waͤh⸗ rend ſie von den Zuruͤckgelaſſenen vorn ange⸗ griffen wuͤrden, in den Ruͤcken fallen,(aber muͤßte er dann nicht zwiſchen zwey Ar⸗ meen fechten„ und zwar ihm an Kraͤften weit uͤberlegenen 2) oder was er ſonſt will: das weiß wol er allein, und wem er ſelbſt es offenbaret. Was in jedem dieſer Faͤlle fuͤr uns zu furchten ermißt ſich leichter.. Man hatte, bey ſeiner bekannten Tag⸗ waͤhlerey, etwas Entſcheidendes am Jah⸗ „ restag der Schlacht bey Jena erwartet, zu⸗ mal da unſer, von ihm nun umſchlungener Konig und er ſelbſt eintraf; es entzuͤndete ſich auch ſeit Nachmittags zwey Uhr, nach — 193— gewaltiger Kanonade„ein hitziges Gefecht meiſt der Cavallerie, bey Libertwolkwitz, und dauerte bis ſpaͤt am Abend: aber ent⸗ ſcheidend war es nicht; die Franzoſen be⸗ haupteten ihre guͤnſtige Stellung, die Ver⸗ buͤndeten, ſo weit ſie auf jenem Punkte her⸗ an waren,(meiſt Ruſſen und Oeſterreicher) zogen ſich zuruͤck: der geſtrige Tag war ru⸗ hig.(Ruhig, ſag' ich? Ach Gott— 1) Was der heutge bringen wird, muß ſich bald zeigen. Ich ſchreibe naͤmlich in der Fruͤhe. Der Einzug unſers Koͤnigs, ſonſt ein herzerhebendes, freudenvolles Feſt fuͤr die Bewohner der Stadt und Umgegend—(ha⸗ ben ſie doch gar manches Mal drey, vier Stunden im Platzregen und Ungewitter ſei⸗ ner geharret!) dieſer Einzug„wie uͤberaus traurig war er diesmal! Eine dumpfe Stille in den Straßen, durch die er kam; der m. Band. N großte Theil achtbarer Bürger ſi ſi ch⸗ wie vor ihm verbergend; der Pöbel— Pobel 2 Sein Aufenthalt in Prag, eben in Prag⸗ im Schutz des maͤchtigen, redlichen, uns wohlwollenden Franz, und dabey nahe ge⸗ nug unſern Graͤnzen— war der lichteſte Punkt fuͤr die Hoffnungen des Volks!— Ich ging in das Haus meiner Frau, die Schloſſer unſerer Gemaͤldeſammlung zu re⸗ vidiren. Der Konig war eben herein: ich hatte ihn nicht geſehen. Drey Buͤrger ſtan⸗ den am Eingang jenes Hauſes und klagten laut, daß ſie ihn jetzt, und ſo haͤtten kx men ſehen muͤſſen. Es ſchienen wackere Männert ich trat zu ihnen. Sie ließen ſich nicht ſtoren. Meine Herren, ſagte ich nach einer Weile— vergeſſen Sie auch nicht, daß wir ohne ihn ganz als Feinde wuͤrden behan⸗ delt werden.„So? und konnt' es uns denn da ſchlimmer gehen, als jetzt?“—„Den⸗ ken Sie doch nur an Eins: an offene Pluͤn⸗ derung!“—„Das ließen ſie wol bleiben: ſie wiſſen ſchon ſelbſt, daß ſie hernach ver⸗ hungern muͤßten, wie eingeſperrte Ratten.“ So ſagte Einer, der Andre fuhr haſtig fort: „Dumm ſind ſie nicht; und da wiſſen ſie: waͤr's zum Handgemenge gekommen, ſo ſollte gar Maucher“„„Still davon!“ un⸗ terbrach ihn ſein Nebenmann.(Sie kann⸗ ten mich nicht.)—„Aber muͤſſen Sie nicht wenigſtens mit Dant erkennen, daß unſer Koͤnig mit uns aushalten mit uns leiden will— wie Sie mit Ihren Weibern und Kindern?“ ſagte ich. Sie ſchwiegen ein Weilchen, wie es ſchien, nicht ohne Ruͤh⸗ rung. Dann begann der Wohlbeleibteſte und Rauheſte, wiewol mit unſicherm Sprach⸗ ton, etwas Unziemliches in Fortſetzung mei⸗ N3 — 196— nes Vergleichs: ſchnell unterbrachen ihn die Andern— nicht, als ſcheueten ſie mich, ſondern offenbar in jener Verehrung und recht eigentlichen Alhaͤnglichkeit an den Kö⸗ nig, die ſeit ſo langen Jahren in den Her⸗ zen der Sachſen heimiſch iſt; und womit ſich“ wol eine Oppoſition im Kopfe„auch, auf ſolche Veranlaſſung, ein unzufriedenes Wort, nicht aber etwas Gehaͤſſiges oder auch nur Ehrfurchtwidriges vertraͤgt. Jene alſo un⸗ terbrachen ihn ſchnell; und er ließ ſich ſo⸗ gleich bedeuten: gegen mich ſelbſt aber rich⸗ tete er den kleinen Reſt der ihm nun einmal aufgeregten Galle, indem er, als ich(frey⸗ lich unnothig) ſein Wort widerlegen wollte, einfiel:„Na, der hochedle Rath(er hielt mich fuͤr ein Mitglied deſſelben)— der hoch⸗ edle Rath mag uͤber die Sachen denken, wie er will; wir wollen's ihm nicht veruͤbeln: aber er mag uns auch bey unſerm Unber⸗ ſtande laſſen. Gut iſt's wol, wenn Alle, oben und unten, einerley meynen: es geht aber vielleicht nicht immer an. Wir werden ja am Ende alle ſehen, wer Recht gehabt hat. Ich empfehle mich“— Er winkte den Andern und ging; dieſe folgten.— Sie ſehen daran beſſer, als an allgemeinen Schil⸗ derungen, die Stimmung der Menge. Es verſtehet ſich, daß ſie nur vom unmittelba⸗ ren Eindruck ausgehet; daß ſie uͤber den ei⸗ gentlichen Zuſammenhang der Dinge gar nicht unterrichtet iſt. Wir Andern ſind das aber auch nicht; und der einzige Unterſchied: wir wiſſen, daß wir nichts wiſſen.— Napoleon war in der Stadt gar nicht verweilt, ſondern ſogleich hinaus, zu den Seinen geritten. Kaum eine Viertelſtunde weit zum grimmaiſchen Thore hinaus, mit⸗ hin Wolkwitz als Hauptpunkt im Auge waͤhlete er ſeinen Standpunkt auf offenem Felde und nahe an der Straße. Hieher ward ein kleiner Tiſch aus einem Landhauſe geſtellt; ein Stuhl dahinter, ein loderndes Wachfeuer daneben. Eine Charte, die man — es war rauhes, ſtuͤrmiſches Wetter— auf den Tiſch genagelt, ein kleiner Tubus, meiſt in ſeiner Hand: das war Napoleons ganzer Apparat. Niemand war behindert, nach Gefallen ſo nahe zu treten, daß man nur nicht gerade ihm im Wege war. Als er hinausritt, ſahe er finſter, verſchloſſen, gewiſſermaßen ſtarr aus: da nur aber erſt die Kanonen maͤchtiger donnerten, öͤffnete ſich gleichſam das verſchloſſene Geſicht: er ward geſpraͤchig, beweglich; ſeine Miene blieb nur herriſchernſt, nicht muͤrriſch, und aͤnderte ſich nun, auch im Laufe des lebhaf⸗ — 199— ten Geſpraͤchs, faſt ſo wenig, als die Miene einer Maske. Dies Feſiſtehende, ich mochte ſagen, Gefrorne, zuſammen mit dem Unru⸗ higen, Haſtigen, etwas Eckigen ſeiner Be⸗ wegungen, hatte etwas— ſoll ich's Ueber⸗ oder Unmenſchliches nennen? kurz, etwas⸗ daß Einem ganz unheimlich, faſt grauenvoll dabey ward; und kann ich nicht beſtimmen, in wie weit dieſe Empfindung unmittelbare Folge des Eindrucks, oder in wie weit dieſer erſt von eigener Phantaſie zugekocht ſeyn mochte. Napoleon ſaß— auch wenn er die Charte befragte uͤber einen Punkt, worauf er den Finger legte, ſprach, ſchrieb u. ſ. w. — nie laͤnger, als etwa zwey Minuten; dann richtete er ſich haſtig wieder empor, und ging auf und nieder. Alexander Berthier war immer an ſeiner Seite. Mit kälteſtem Stolz und erdruͤckender Gleichguͤltigkeit be⸗ handelte er mehre der vornehmen Herren, die ſonſt, und oft weit unertraͤglicher, als er, uns deſpotiſirten, und die nun in gaͤnz⸗ lich reſignirender Ehrfurcht etwas dumm da⸗ ſtanden. Adjutanten, und auch andere Of⸗ fiziere, ohne deren Abzeichen, flogen von allen Seiten unaufhoͤrlich herbey: alle wur⸗ den direct an ihn verwieſen. Er nahm ihre Papiere, lief ſie blitzſchnell durch, ſchrieb, oder gab muͤndlich im Augenblick Antwort; die letzte meiſt gegen Berthier hin, der dann, wie es ſchien, ſeine kurze Entſcheidung den Maͤnnern weiter aus einander ſetzte; zuwei⸗ len winkte er auch dieſe nahe zu ſich, fragte, fertigte ohne Zwiſchenredner ab u. ſ. w. Sein Gang traf einigemal ſo, daß er Trupps Verwundeter, die, zum Theil in jaͤmmer⸗ lichem Zuſtande, auf der Straße nach der Stadt gebracht wurden, ganz ſicher erken⸗ ————— nen mußte: er wendete weder den Schritt, noch den Blick um; die Sache war ihm vol⸗ lig gleichguͤltig.— Dies alles, und noch Tauſenderley, zuſammengenommen, was ſich nicht wohl in Worte faſſen laͤßt, ohne, wie bey einer im Einzelnen geſchilderten, rei⸗ chen Landſchaft„das Geſammtbild, worauf allein es ankömmt, viel eher zu zerſthren, als zu vollenden: dies, ſag ich, bringt Ei⸗ nem das Zauberiſche, Geiſterbannende ſeiner perſonlichen Naͤhe in den Sinn, und erklaͤrt ſo durchs Gefuͤhl, wenn gleich nicht durch den Begriff, wie z. B. Maͤnner, ſelbſt wie Johannes Muͤller, der Herzog**, und Andere, dadurch, und nicht blos fuͤr den Moment, gleichſam erlagen; wie ſelbſt ei⸗ ſernen Kernmenſchen(denken Sie an** in Rom, an** in Schleſien,) die Hand mit dem Gewehr gelähmt niederſank, als nun er, dem ſie den Tod geſchworen, ganz⸗ wie ſie erſehnt, kam, und ihnen blosſtand.— Alſo, meine Herren und werthen Freunde: wollt ihr dieſen Gewaltigen zum Teufel ma⸗ chen— es werden freylich Wenige etwas dagegen haben, und vielleicht Manche, die ihm nahe ſtehen, am wenigſten— ſo macht ihn nur nicht zu ſo einem armſeeligen, po⸗ panzigen Satanas, wie ihn eine duͤrftige/ zage Phantaſie ausmalt; zu einem Dinge, das am Ende nur aus Regationen zuſam⸗ mengeflickt iſt: ſondern erkennet ihn, mit dem Evangelio zu ſprechen, als den„Teu⸗ feloberſten,“ den keines„eurer Kinder“ austreibt, ſondern einzig„Gottes Fin⸗ ger——. In der Nacht haben die franzoſiſchen Heere in jener Gegend ſchrecklich gehauſet. Entſetzliches Wetter, rauhe Stuͤrme, un⸗ auf horlicher Regen u. ſ. w. zwangen ſie wol zu vielem. Von Wolkwitz ging ein Theil in Feuer auf. Auch weiter hin war der Him⸗ mel am Abend gluͤhroth, hoffentlich aber nur von Wochfeuern. Von meiner zweyten Heimath im lieben, ſchoͤnen Connewitz, hab' ich noch keine ſichere Kunde. Boten hinaus ſind fuͤr kein Geld zu haben; Boten herein giebt's nicht mehr, weil es uͤberhaupt drau⸗ ßen faſt Niemand mehr giebt, außer Sol⸗ daten. Alles iſt in den Wald oder in die Stadt gefluͤchtet: ich ſelbſt kann mich nicht ausſetzen, da ich nichts damit erreichte, was ſolch eines Wagſtucks werth waͤre—— So weit war ich,(Morgens gegen acht Uhr,) da kam der erwachſene Sohn meines Nachbars in Connewitz herein, Botſchaft zu bringen. Mein ehrlicher Gaͤrtner will drau⸗ ßen bleiben„ wie es ihm auch gehe; ſeine Frau und Kinder ſind herein. Graͤulich ißt es draußen ergangen. An eine Ordnung iſt gar nicht mehr zu denken; man lacht jeden Verſuchs zum Zureden, und mißhandelt bey jedem Widerſtreben. Ich habe gegeben, al⸗ les, was ich hatte, und ſo lange ich etwas ſchaffen konnte: Hunderte, von Ungemach, Hunger, Todesfurcht, Tdestrotz„ und oft vom Trunke wüthiger Menſchen zu befriedi⸗ gen, ward endlich geradezu unmoͤglich. Zetzt nahm man in Rache, oder, was ich lieber glauben will, in allgemeinem, innerm In⸗ grimm, was man auch gar nicht brauchen konnte, oder zerſtoͤrte es, ohne irgend einen Zweck, als, dieſen ſeinen Ingrimm anszu⸗ laſſen. Darunter gehoͤrten leider auch ganze Reihen meiner ſehr ausgewaͤhlten Buͤcher, die ich draußen hatte und ſchlechterdings nicht hereinſchaffen konnte. Daß man im ——— — 205— gedielten Saale des Pabillons im Gar⸗ ten ein Feuer machte, das nach allen Fen⸗ ſtern hinausſchlug, und das ganze Gebaͤude verzehrt haͤtte, waͤre nicht eben dieſer Trußp abgerufen, nnd ſo die Gluth vom Gaͤrtner noch gedaͤmpft worden— will ich lieber der dummen Rohheit zuſchreiben, die beym Drange des Beduͤrfniſſes an gar nichts denkt, als, wie dies aufs ſchnellſte und be⸗ quemſte geſtillt werden kann. Dies alles geſchahe nun aber unter den Augen des Oberſten, der, mit ſeinen Leuten, vorn das Wohnhaus innen hat. Dieſer iſt kein Fran⸗ zos, wie jene Feuerſuͤnder keine Franzoſen ſind„ſondern Polen.„Der Sklav, wenn er die Kette bricht!“ WMeinen ehrlichen Gaͤrtner, weil er wenigſtens loͤſcht und der⸗ gleichen thut, haben ſie nicht mehr anders⸗ wo, als mit Lachen im Keller geduldet; da — 206— muß er ſelbſt die Nacht zubringen. Hun⸗ dert und funfzig Pferde ſtehen im Garten, oder vielmehr auf dem, faſt ganz verwuͤſte⸗ ten Platz, der mein Garten war. Das Wohnhaus wird indeß von den Offizieren leidlich erhalten.— Neulich wollt' ich klug thun, und verſchaffte mir mit Muͤh' und Koſten eine Sauve garde: aber die meiſten, die den Dienſt thaten„ ſtahlen mit. Nun ſagte ich ſie ab: das half aber nicht; ich muß ſie behalten, damit man die Bezah⸗ lung ziehet. Ja, man hat dieſe Wache, ohne mein Wiſſen und Wollen, von zwey auf ſieben Mann erhoͤhet.— Eine Art Wahlſpruch dieſer Menſchen, den die, welche deutſch ſprechen, immerfort wiederholen, iſt: Wir muͤſſen ſterben, aber ihr ſollt mit! Noch einmal:„ Der Sklav„ wenn er die Kette bricht“—— Außer dieſen Ein⸗ —————— — quartierten, denen ich nun freylich nichts mehr geben kann, habe ich im Hauſe mei⸗ ner Frau ſtets zwiſchen 40 und 60 Mann zu verſorgen, und in meiner Wohnung noch einen Kriegscommiſſair mit ſeiner Bedie⸗ nung. Geſtern bezahlte ich fuͤr die Einquar⸗ tierten, allein jenes Hauſes, fuͤr den einzi⸗ gen Monat September, 618 Thaler—— Ich bin qusgegangen, etwas uͤber die Lage der Stadt zu erfahren. Der Brot⸗ mangel nimmt uͤberhand. 13000 Kranke und Verwundete ſind zu verſorgen; Napo⸗ leon ſelbſt hat befohlen, man muͤſſe noch fuͤr 15000 Raum ſchaffen. Kommen dieſe: ſo ſteigt ihre Zahl faſt zur Zahl ſaͤmmtlicher Einwohner. Mir ſelbſt und den Meinen fehlt es, Dank ſey der Fuͤrſorge meiner Frau, nicht an Nahrungsmitteln: aber Brot wuͤrde ich ſchon geſtern nicht mehr — 203— haben, haͤtten uns nicht Freunde unter⸗ ſtuͤtzt—— Doch genug! genug! Acht' ich doch wahrlich dergleichen Dinge, die viele An⸗ cre weit haͤrter betroffen, bey weitem nicht fuͤr eigentliches Unheil, das mehr, als Ver⸗ druß und Sorge, das Herzeleid erregen duͤrfte. Bleibt mir und den Meinen das Leben, ſo wird uns auch bleiben, was dies' wahrhaftig bedarf; und meine Frau beſitzt Geiſt und Charakter genug, ſich, mit mir, muß es ſeyn, auf ſolchen Bedarf einzu⸗ ſchraͤnken, ohne darum eben ungluͤcklich zu ſeyn: aber ſo vieles, was ich ſonſt ſehe und erfahre— große Maſſen Menſchen in ſo tiefer Verworfenheit; dann, was gewiſſe Andere an uns gethan oder zugelaſſen, mit denen ich, mit denen noch mehr meine Frau das Brot brach; was manche der Maͤnner ———— ſchaffen, die nicht nur als reich und ange⸗ ſehen„ſondern auch als geiſtig gebildet und von Einfluß bekannt ſind— wie ſie, die ſonſt vor Großthun und Prahlen ſich kaum zu laſſen wußten, nun plotzlich zum Erbar⸗ men kleinthun und winſeln, um nur ſich und ihre Seckel zu retten, die Laſten, ſo weit als irgend moͤglich, und durch alle Mit⸗ tel und Wege, Andern zuzuwaͤlzen: dies, mein Freund, und vielfaͤltiges Verwandte, hat mich unerſetzlicher und ſchmerzlicher be⸗ raubt„ als jenes Geſindel; denn es hat mir das Herz gebrochen, hat das allgemeine Wohlwollen, die allgemeine, ruͤckſichtloſe Liebe, die allgemeine, reinmenſchliche Ach⸗ tung— und weiß ich denn, ob nicht auf immer?— in meiner Seele erſtickt! Und waͤre das auf immer: was kann denn da in einem Herzen, das in Kaͤlte, Haͤrte, Egois⸗ II. Band. O 210— mus, Stolz, Eigennutz, und wie die Ge⸗ genſatze der Liebe weiter heißen, nicht leben rann— was kann in ihm die ſchwarz auf⸗ klaffende Luͤcke, die Eis aushauchende Leere ausfullen? Wird dies mein Loos: warum bin ich nicht vor dieſem Verluſt geſtorben? Die ſer Klagen ſchaͤme ich mich nicht, wenn auch jener, die freylich die Schwaͤche ein⸗ giebt. Ich ſchreibe ſie nieder, da ich ſie los ſeyn muß, die Meinen damit nicht beu⸗ gen darf, von Andern nicht verſtanden, oder fuͤr uͤberſpannt, thoricht und phantaſtiſch ge⸗ halten werden wuͤrde„ Da bricht die Sonne hindurch, und ſtrahlt heiter und glaͤnzend in meine ſchoͤne Wohnung. Reines Sonnenlicht: heute ſie⸗ heſt du wol noch kein neuvergoßnes Men⸗ * ſchenblut, wenn auch unzaͤhliche Thraͤnen! Scheine, ſcheine; und ſtrahle in jedes Herz, —— — das noch dafuͤr empfaͤnglich iſt, Troſt und Hoffnung! Du, maͤchtige Fuͤhrerin des Tags, geheſt ruhig und unverruͤckt deine Bahn: ja, du biſt weit entfernt von dieſer blutgeduͤngten, ſchmerz⸗ und laſtervollen Erde! Wir aber wandeln auf dieſer, und koͤnnen jetzt nur die Augen, nicht die See⸗ len zu dir erheben! Du biſt groß: du wirſt bleiben; wir ſind klein: wir werden verge⸗ hen; und was unter uns groß ſeyn mag, will es jetzt nur ſeyn im Schrecken, zum Verderben! O ſo laß wenigſtens, bey Ver⸗ zichten auf Erdengroͤße, einen reinen Sinn und Willen nicht erſterben, damit es nicht gebreche, wird dereinſt auch wieder die freye, edle That verſtattet!— Lch, flammende Sonne: da hat ſich ja doch die Seele und nicht blos das Auge zu dir erhoben!. Herr Gott, was beginnet—!— HO 2 Abends. Es war gegen neun Uhr, als ich mit Eins durch einen graͤßlichen Kanonendonner von mehren Seiten, beſonders, dem Klange nach, von der ſuͤdlichen, und durch ein Ge⸗ ſchrey auf der Straße aufgeſchreckt ward, das Folge aͤhnlichen Schreckens bey Andern wär. Von der Geſchichte dieſes qualvollen, hochſtblutigen Tages will ich Ihnen nur das Wenige, und auch dies nur in fluchtigen Umriſſen, hinzeichnen, was mir ſelbſt, aus unmittelbarer Beobachtung, z. B. des Halls des Geſchuͤtzes, des Zuges der uns naͤchſten Theile der Heere u. dergl. zugekommen iſt. Noch verlautet nichts uͤber den Zuſammenhang und Erfolg im Ganzen. Ehe Sie dies empfangen, werden Sie frey⸗ lich laͤngſt umfaſſendere, beſtimmtere, aber auch luͤgenhafte Berichte geleſen haben. Be⸗ —— — 2713— trachten Sie den meinigen wenigſtens als Beweis meines Andenkens auch in dieſem Drange. Zur Erklaͤrung des Oertlichen die⸗ net Ihnen iede Specialcharte. Die Kanonade begann zuerſt wieder hef⸗ tig von den Anhoͤhen bey Wolkwitz,(Lie⸗ bertwolkwitz,) und krachte ſo ſchrecklich her⸗ ein, als ſey ſie unmittelbar vor den Tho⸗ ren, weil eben einiger Luftzug von dorther kam; wol auch, weil, wegen der Stille die⸗ ſes Morgens 3 unſre Gehoͤrwerkzeuge noch nicht einen ungewbhnlichen Grad der Span⸗ nung erhalten hatten.(Als dies in der Folge der Fall ward, waren ſelbſt nahe, große Batterien recht wohl zu ertragen; und das Feuer des kleinen Gewehrs klang faſt, als machten's Knaben mit Schluͤſſelbuͤchſen. Die Bemerkung iſt die alltaͤglichſte von der Welt: und dennoch, wie viel laͤßt ſich aus ihrer Anwendung ſchließen auf Effecte ver⸗ mittelſt aͤußerer Sinne— auch in den Kuͤn⸗ ſten!) Vom Boden des hohen**ſchen Hauſes konnte ich die Stellungen und Be⸗ wegungen der Heere dorthinaus ſehr gut be⸗ obachten. Die Franzoſen hatten die Anhoͤ⸗ hen um Wolkwitz und gegen Wachau hin, offenbar die vortheilhafteſte Poſition von die⸗ ſer Seite, noch ganz innen. Sie von da zu vertreiben, war vielleicht neulich in dem gro⸗ ßen Gefecht der Hauptzweck der Verbuͤnde⸗ ten: ſie zu behanpten, der der Franzoſen. Die Kanonade nicht nur, ſondern auch die Bewegungen der Heerhaufen verblieben da, und bildeten ſich nur weiter aus, nach Meis⸗ dorf, Probſtheyde, Wachau, bis gegen Con⸗ newitz. Infanterie ſchien noch wenig zum Angriff zu kommen: deſto haͤufiger und ge⸗ waltſamer waren die Anlaͤufe der Cavallerie. 8 Muͤrat fuͤhrte ſie an in Perſon; man vermu⸗ thete aber auch den Kaiſer dort. Ohngeach⸗ tet der wogenden Bewegungen einzelner Haufen, ſtand das Ganze beyder Parteyen feſt, bis nach zehn Uhr: da dehnte ſich die Linie, direct an der bornaiſchen Straße, wei⸗ ter, allmaͤhlich immer weiter zuruͤck—: wie bebte mir das Herz hinter meinem gu⸗ ten Fernrohr! Und jetzt, jetzt zeigt ſich ſo⸗ gar eine, von franzoſiſcher Cavallerie durch⸗ brochene Lucke, deren beyde zuruͤckgedraͤngte Enden bedeutendes Getummel verrathen! Ein vornehmer franzöſiſcher Offizier am Ne⸗ 5 benfenſter ſtoßt einen Freudenruf aus, und eilt fort, die Treppe hinab; ein badenſcher Oberſtlieutenant meiner Bekanntſchaft, ne⸗ ben mir, blickt mich bedeutend an, und will in den Zuruͤckweichenden und Getrennten Ruſſen erkennen„ich weiß jetzt nicht mehr, — 216— ob durch ſein bewaffnetes Auge, oder aus ſeiner Kenntniß der Stellungen. Mehre Anweſende, Herren und Frauen, hielten ſich nicht, und brachen in laute Klagen aus; einige der Erſten aber auch in Bemerkungen, woruͤber ich ihnen gern zu Leibe gegangen waͤre:„Na, hab' ichs nicht geſagt? es wird wieder das alte Lied!“ Sie ließen ſich gefallen, ferner in dem Folterbett lang⸗ ſam ausgerenkt zu werden, wenn dieſem nur die eleganten, blutrothſeidenen Vorhaͤnge nicht fehlen, und oben der in Feuer vergol⸗ dete Adler, der mit ſeinen Faͤngen dieſe zu⸗ ſammenhaͤlt!— Jetzt ſahen wir in Bogen einen gedraͤngten Reitertrupp pfeilſchnell an⸗ geflogen kommen und jene durchbrechenden Franzvſen faſſen. Das ſind Preußen! zi⸗ ſchelte mein Oberſtlientenant; wahrſchein⸗ lich Kleiſt! Das Gemenge dauerte nicht —— — lange; die Franzoſen zogen in Ordnung und geſchloſſen auf ihre Linie: das Gemetzel C(nun auch der Infanterie) ward, vornaͤm⸗ lich um Wachau, ſo heftig und gedraͤngt, daß man nichts mehr erkennen konnte: jene Laͤcke füllte ſich wieder aus; ich eilte zu den Meinen—— Indeß war naͤmlich von entgegengeſetz⸗ ter Seite, mithin in der Gegend, wohin die Zimmer unſrer Wohnung(nach der Prome⸗ nade) ſehen, um Leutſch, Schoͤnau bis ge⸗ gen Schocher, und in dieſer Breite weiter hinaus, die Kanonade fuͤrchterlich losgebro⸗ chen; ſo daß ich kein unzerſplittertes Fenſter in meinen hintern Zimmern zu finden hoffte, und den geaͤngſteten Lieben mich nicht laͤn⸗ ger entziehen zu duͤrfen glaubte. Der Hall ſchien zu verrathen, die Verbundeten be⸗ ſaͤßen hier mehr, und auch grdberes Ge⸗ — 218— ſchuͤtz, als die Franzoſen. Es kaͤmpften aber hier vornaͤmlich Heſterreicher; ſpaͤter zugleich Preußen— ſo viel ich naͤmlich bis jetzt habe abnehmen koͤnnen. Indem die Ka⸗ nonade auf mehren feſten Punkten fort⸗ dauerte entwickelte ſich, und mehr in die Breite, gegen eilf Uhr, auch das Klein⸗ Gewehr⸗Feuer. Jene ließ nun freylich hin und wieder nach, als dies weiter um ſich griff, und zwar— die Linie von meinen Fenſtern aus gedacht— nach Links zu, in der Richtung uͤber Lindenau hinaus, und dann heruͤber bis gegen das ſchocherſche und connewitzer Geholz, in welchem, auf der durchfuͤhrenden Straße, an den abgeworfe⸗ nen Bruͤcken,(wie der Reſt der Lanbleute, die hereinflohen, berichtete,) auch oſterrei⸗ chiſche Infanterie ſtritt, und ruſſiſche Koſa⸗ ken ſchwaͤrmten. Der Hauptpunkt ſchien — 210— aber doch gegen Wachau hin zu ſey. Ohne. einen Augenblick Unterbrechung hallete das Geſchutz aller Art heruͤber, und in derſelben Richtung. Doch ſchien es Napoleon, we⸗ nigſtens nach der Staͤrke und Beſchaffenheit der dorthinaus ziehenden Truppen, heute vor allem auf den Punkt bey Wachau abge⸗ ſehen zu haben. Um die Mittagsſtunde wen⸗ dete ſich langſam das Hauptfeuer mehr ge⸗ gen Goſſa hin, und zugleich, gegen Moͤkern, naͤher der Stadt zu. Hier ſchienen alſo die Franzoſen offenbar zu weichen, und unſte Hoffnung hob die Schwingen. Indem ſehen wir Napoleon mit großem, glaͤnzendem Ge⸗ folge, Muͤrat und Poniatowski unmittelbar an ſeinen Seiten— Er, in den unſchein⸗ barſten Ueberrock eingeknopft, den verbrauch⸗ ten Hut vom Regen der letzten Tage uͤbel genug entformt, Muͤrat„ in glaͤnzendem 7 Schmuck, Poniatowski ſchoͤn ritterlich ge⸗ kleidet— vor unſern Fenſtern nach dem Petersthor ſprengen. Wo er bisher gewe⸗ ſen, hatte ich nicht erfahren konnen: daß er den Weichenden von jener Seite her zueile, mußte Einem ſogleich einfallen. Noch um ein Kleines war das Feuer in jener Rich⸗ „tung gewichen: kaum aber konnte er bey den Seinen dort eingetroffen ſeyn, ſo tobete das Geſchuͤtz aller Art aͤrger, als je vorhin. Wie er ſo ſchnell, mithin ſo ungehindert und direct dorthin gelangen koͤnnen; ob die Ver⸗ bindung zwiſchen jenem, und dem Haupt⸗ corps, das die Gegend, zum Petersthor hin⸗ aus, inne hatte, des, freylich hoͤchſt un⸗ guͤnſtigen Terrains wegen,(kleine Gehoͤlze und Gewaͤſſer, verſumpfte Wieſen u. ſ. w.) nicht eng genug geſchloſſen, oder zu ſchwach war, oder was ſonſt: das moͤgen Andere — 221— wiſſen.— Mit gleicher Hitze und Gewalt dauerte das Feuer auf dieſem Punkte— ohne daß es darum auf irgend einem ande⸗ ren ſchwieg— etwa eine Stunde fort: da lenkte ſich der Hauptpunkt ſehr langſam wie⸗ der zurück, und dehnte ſich zugleich weit mehr in die Breite, weiter hinaus. Wie auch alles Gefuͤhl ſich dagegen ſtraͤubte: ich mußte mir ſagen: Hier wendet ſich's zum Vortheil eurer Unterdruͤcker!— Von gegen zwey Uhr an ſahe ich vor meinen Fenſtern an der Promenade hin fuͤnf oder ſechs Re⸗ gimenter friſcher Truppen im Eilmarſch und vollkommener Ordnung voruͤber, nach dem ranſtaͤdter Thore zu, und dann auf der linde⸗ nauer Chauſſee hin marſchiren. Dieſe ſollten wol die langſam zuruͤckweichenden Alliirten, entweder durchbrechen, oder von der Seite und im Rücken faſſen waͤhrend Napoleon N — 222— unaufhoͤrlich von entgegengeſetzter Seite auf ſie draͤngte. Gegen drey Uhr mochten dieſe zum Gefecht gekommen ſeyn— man konnte ſie auf der Zinne meines Wohnhauſes ziem⸗ lich genau verfolgen; aber auch ein großes Corps friſcher— ich weiß nicht welcher, verbuͤndeten Truppen ſchien von Luͤtzen her angeruͤckt zu ſeyn, und zwar mit viel Rei⸗ terey, und auch— das gab der Klang— mit gewaltiger Artillerie. Nun ward das Feuer graͤßlich. Da indeß das Centrum, vielleicht durchbrochen, vielleicht ſonſt in Un⸗ ordnung gebracht, ſicher wenigſtens zuruͤck⸗ gedraͤngt war: ſo flogen Adjutanten und Eilboten aller Art herein nach der Stadt, ſchrien unaufhoͤrlich die Siegespoſt aus, mit dem Lebehoch ihres Kaiſers, eilten zu allen Behoͤrden— der Eine mit gewiſ⸗ ſem Glanze zu unſerm Koͤnig; alles, was Franzos war oder ſchien, ſchrie ſie nach, dieſe Siegespoſt, und dies Lebehoch; von allen Kirchthuͤrmen mußten die Glocken er⸗ toͤnen; was nicht Franzos iſt oder ſcheinen wollte, ſtuͤrzte von den Straßen weg, die Thuͤren zuwerfend, um ſeine Gefühle un⸗ belauert ausſtroͤmen zu laſſen; fuͤr die, auf dem Markte zuſammentretenden Solda⸗ ten ward Wein herbeygeſchafft, ihr Siegs⸗ und Huldigungsgeſchrey hallete durchdrin⸗ gender 0. Dieſer Moment war nicht nur, unter allen in den letzten Monaten erlebten, der ſchrecklichſte für mich, ſondern ſelbſt in ſel⸗ ner Gattung eine, fuͤr mich, an mir ſelbſt *) Einige, in jenen Snne allerdings ſchauerlich wuͤrkende, und das Ganze des Bildes traurig vollendende Zuͤge ſtreiche ich jetzt weg, um lieber hier etwas Mangelhaf⸗ — 224— —— gemachte neue Erfahrung. Die Exaltation und gewaltſame„auf Einen Punkt gerichtete Spannung aller Geiſteskraͤfte konnte viel⸗ leicht allein mich dazu faͤhig machen; und wenn es dem Menſchen verliehen iſt, ein Gluͤck eben ſo zu empfinden„ wie ich jetzt das Ungluͤck empfand: ſo giebt es fuͤr ihn eine Seeligkeit, die ich noch gar nicht kenne. — Seit die Verbuͤndeten zu weichen ſchie⸗ nen, war es, als ob alle meine Lebensgei⸗ ſter, wie durch Erdbeben von unten aufge⸗ wuͤhlte Stroͤme, uͤber ihre Ufer hinaus ſtie⸗ gen— nicht in Furcht, nicht in Zorn, nicht in Erbitterung, ſondern, in einem neuen, noch unbenannten geiſtigen Erzeugniß aus tes, als etwas zu geben, das fuͤr einen aufgedrungenen, laͤngſt vorubergegangenen Irthum unſeeliger Stunde eine erneuete, mißwollende Nachwurkung aufregen koͤnnte. 4 — dieſen Beſtandtheilen, das beym höchſtge⸗ ſteigerten Affect vollkommen klares Bewußt⸗ ſeyn frey walten ließ. Ich blieb in meiner Wohnſtube; mit geſpannteſter Aufmerkſam⸗ keit folgte ich erſt dem Halle des Feuerns: da aber das Weichen uͤberhandnahm und ſchneller ging, preßte ich den Kopf an den Fenſterſtock, und die Aufmerkſamkeit auf das Einzelne jener Erſcheinungen verlor ſich in ein Anſtaunen des Bildes vom ietzigen Moment, und zugleich von allem, woran ich dabey zu denken Stoff hatte. Vor mir lag, in ſcharfen Umriſſen, zuſammengedraͤngt, und in einer Klarheit und Praͤciſion, wie niemals, was das deutſche Vaterland in ſei⸗ ner zeitherigen Entwuͤrdigung gelitten, was es jetzt gehofft, gethan, geopfert hatte, was es, wenn nun dies, das Letzte, umſonſt ſey, mit Wahrſcheinlichkeit leiden, was es wer⸗ n. Vand. P — — 226— den muͤſſe— wobey mir am graͤulichſten er⸗ ſchien, was der Anblick des uͤberall ſiegen⸗ den Boͤſen wuͤrken werde; und indem mein Herz davon durchdrungen ward, daß ich kaum Athem ſchoͤpfen konnte, trat es, wie geſagt, zugleich vor meine Phantaſie, woͤrt⸗ lich genommen, in ſo beſtimmten Geſtalten und Scenen, daß ich haͤtte glauben muͤſſen, es als Erſcheinung vor meinem leiblichen Auge zu haben, waͤre mir nicht dabey das lichteſte Bewußtſeyn geblieben.— Indeß waren Frau und Kinder mit Fernroͤhren auf dem oberſten Boden des Hauſes verweilt: ſie wollten die Ueberzeugung erzwingen, man irre ſich. Und eben jetzt, wo ich in jene Bilder gaͤnzlich verloren ſtehe, drohnt das Vive l'Empereur! auch zu ihnen hinauf, die Glocken fangen den Siegeston an: da flie⸗ gen ſie die Treppe herab, zu mir, und, laut weinend, mich krampfhaft umklammernd, ruft meine Henriette: So iſt auch das, und alles vorbey! Ein Gefuͤhl innern Grimmes, das meinen ganzen Koͤrper durchſchuͤttelte und mir Thraͤnen auspreßte, ſiemmte mich, daß ich ſie, die Sinkende, feſt hielt; reiste mich aber auch zu dem ſchonungloſen Aus⸗ ruf— den ich freylich erſt hernach von ihr ſelbſt erfuhr: Laß uns ſte.ben! ein Leben, wie es uns nun erwartet, iſt ohne Werth, und kann auch uns nur verſchlechtern!— Da traten die Kinder, Georg laut weinend, Wilhelmine verſtoͤhrt und wie erſtarrend, an uns heran: wir zogen ſie in unſre Umar⸗ mung. Was nun geſprochen ward, was wir empfanden und thaten, das— auf eine feine Weile wiſſen wir's nun alle nicht mehr. Ueberhaupt fanden wir erſt nachher uns gleichſam ſelbſt wieder, und dann wenigſtens P2 — 228— — 228 ſo weit in Liebe erleichtert, daß wir von neuem, wenn guch nicht an uns doch an den weiteren Gang der Ereigniſſe denken konnten; und als nur erſt die heute ſo ſchreck⸗ lichen Glocken ef erreichten wir auch unſre Faſſung wieder.— Auf dem Punkt uͤber ggo Rechts, und nach Moͤkern hin, hatte ſich indeß das Gefecht viel heftiger entſponnen, und dauer⸗ te, mit immer gleicher Heftigkeit, auch ohne im mindeſten vor⸗ oder ruͤckwaͤrts, oder auch nur zur Seite und in die Breite hinaus zu weichen, ununterbrochen fort, ſelbſt als der Abend ſchon angebrochen war. Als das Dunkel ſich verbreitete, minderte ſich zwar die Kanonade, aber das Kleingewehrfeuer hallete noch gegen ſieben Uhr heruͤber. Die⸗ ſer Punkt war alſo feſt behauptet von den Verbuͤndeten; ob die Stellung nach entge⸗ ₰ gengeſetzter Gegend,(bey Wolkwitz„Wa⸗ chau u. ſ. w.) wiedererrungen war, das wiſ⸗ ſen wir nicht.. Was endlich in der Gegend vor dem hal⸗ leſchen Thor geſchehen,(von Halle heruͤber bis gegen Duͤben u. ſ. w.) davon weiß ich gar nichts, da es außer meinem Geſichts⸗ und Gehoͤrs-Kreiſe liegt, und ich an ge⸗ naues Erkundigen nicht habe kommen kon⸗ nen. Nur das hoͤre ich: es iſt auch da den ganzen Tag gefochten worden, und mit be⸗ deutendem Gluck fuͤr die Verbuͤndeten, von denen Streifcorps ſelbſt bis nahe gegen die Stadt gedrungen ſeyn ſollen. Dort ſtehen vornaͤmlich Preußen; und zwar— ſo ſagte mir wenigſtens jener Oberſtlieutenant— be⸗ fehligt ſie Bluͤcher, an den ſich der Kron⸗ prinz von Schweden anſchließe. Selbſt mein Herr Kriegscommiſſair meynte, dorthinaus — 230— und bey Moͤkern habe man noch nicht ſo ent⸗ ſchieden geſiegt, als nach Wachau hin; aber morgen werde ſein großer Kaiſer auch dort ſein Gluͤck forciren, und dann ſeinen Schutz ringsum uͤber uns verbreiten. Schlafen Sie ruhig, ſetzte er hinzu; noch einige Tage Beſchwerden, und die glaͤnzendſte Zu⸗ kunft thut ſich vor Ihnen auf— vous assuTe.— Und ſo bietet das Ganze— ſo weit naͤm⸗ lich meine bloͤden Augen reichen— noch kein Reſultat, außer der Beſtaͤtigung, daß es mit den Verbuͤndeten wahrlich nicht mehr „das alte Lied“ iſt; daß aber auch von der Gegenpartey, beſonders wo Napoleon ſelbſt iſt, alle, alle Kraͤfte fuͤr ihn aufgeboten wer⸗ den: daß aber, um auch nur irgend eine Entſcheidung zu erreichen, noch viel mehr, und auf allen Punkten rund um die Stadt, ö — 231— — gekaͤmpft werden, noch das Blut vieler Tau⸗ ſende fließen muß.— 1. Gegen Abend brachte man den S Latvur⸗Maubourg herein: ein Fuß war ihm, vom Schenkel an, weggeriſſen. Mehre⸗ ebenfalls bedeutende Generale wurden auch ſchwer verwundet hereingetragen. Jetzt, 17 Uhr zur Nacht, ſehe ich aus meinen Fen⸗ ſtern, ſo weit das Auge in die Umgegend traͤgt, Ketten hochlodernder Wachfener; und von der Chauſſée heruͤber raſſeln dumpf langſamfahrende Wagen, die in ununter⸗ brochener Reihe Verwundete nach der Stadt fuͤhren. S6 Den 17ten. Vormittags, 9 uhr. Ich habe faſt keine Stunde geſchlafen. Jene Fuhren danerten„ und dauern noch, ununterbrochen frit Zwiſchen ihrem dum⸗ — 232— pfen Rollen hallete oft von der Straße her⸗ uͤber das Geſchrey der Wagenfuͤhrer, der Huͤlfe Suchenden u. dergl. m., das in der uͤbrigens ſtillen Nacht um ſo ſchauerlicher wuͤrkte.— In der ganzen Stadt iſt jetzt um keinen Preis Brot zu kaufen. Alle Baͤk⸗ ker haben verdoppelte Wachen, damit auch nicht ein Stuͤck, ſo wie es heiß aus dem Ofen koͤmmt, den Behoͤrden entgehe.— 8 Man hat ſeit geſtern Abend unaufhoͤrlich mit Verbinden und Unterbringen der Verwunde⸗ ten ſich abgearbeitet„und noch immer liegen nicht wenige am Markte und in den angraͤn⸗ zenden Straßen unverſorgt auf den Steinen, ſo daß an mehren Stellen man, ganz woͤrt⸗ lich genommen, durch Blut ſchreitet. Wer die ungeheuere Kluft zwiſchen dem franzoͤſi⸗ ſchen Charakter, wie er theils von Haus aus, theils durch Gewoͤhnung ſeit der Revolution iſt, und ʒwiſchen deutſchem, nicht ſchon kennete und kennen lernen wollte: der konnte gewiſſermaßen dazu kommen, wenn er auch nur die Aerzte und Chirurgen beyder Natio⸗ nen in der Thaͤtigkeit beobachtete, wozu ſie jetzt aufgerufen ſind. Selbſt die Ungluͤckli⸗ chen, die eben um Beyſtand wimmerten, verſtummgen zitternd, und verhehlen nicht ſelten ihre brennenden Wunden, koͤmmt einer ihrer Landsleute in ihre Naͤhe, bis ein Deut⸗ ſcher nahet, den ſie anflehen koͤnnen. Die groͤblichſte und doch hoffaͤrthige Unwiſſenheit, die kalte Haͤrte, das leere Prahlen, Laͤrmen, Herumfahren und Schwatzen, die ruckſicht⸗ loſe Behandlung aller uͤber einen, und den allergemeinſten Leiſten, bey nicht leicht ver⸗ geſſenen Ruͤckſichten auf hoͤchſteigene Per⸗ ſonlichkeit, bis auf die nicht zu beſchmuzende Kleidung u. dergl. unter vier Fuͤnftheilen von —— jenen; und dagegen der ſichere Blick und das paſſende, zweckmaͤßige Verfahren fuͤr den einzelnen Mann, den einzelnen Fall, die ruhige Faſſung, das Wohlwollende, moͤg⸗ lichſt Schonende, Freundliche gegen den Lei⸗ denden, wer er auch ſey, die unermuͤdliche, an alles Perſoͤnliche nicht einen Augenblick denkende Thaͤtigkeit, bey unſern ausgezeich⸗ netern Aerzten und Chirurgen; ſo wie das Nacheifern der vielen jungen Maͤnner, die ſich an dieſe ſchließen, von ihnen geleitet werden, und nun wieder den gemeinern Ge⸗ huͤlfen als Vorbilder und Anfuͤhrer dienen—: ich leugne nicht: dies unmittelbar neben ein⸗ ander und zugleich wuͤrkſam zu ſehen, macht es ſchwer, dort keine gehaͤſſigen, hier keine ſtolzen Regungen uͤberquellen, und den geſammten Eindruck in der Ueberzeugung ſich aufloſen zu laſſen: es iſt nicht moͤg⸗ ³ ———— — 235— lich, daß jene Nation fortwaͤhrend die Be⸗ herrſcherin, Lenkerin„und Verderberin die⸗ ſer bleiben kann; ein moraliſcher Weltenre⸗ gierer kann das nicht wollen—— Unter den Verwundeten bemerkt man ungewöhnlich viele, und, zum Beweis ihrer Tapferkeit, ſchwer getroffene Offiziere; im Ganzen aber,(freylich verhaͤltnißmuͤßig) weit mehr Deutſche, als Franzoſen: wor⸗ aus denn hervorgeht, daß dieſe jenen, nach ihrer Weiſe, wahrlich nichts geſchenkt ha⸗ ben. Der Verluſt an Todten und Verwun⸗ deten ſoll ohngefaͤhr 20000 Mann betragen: bey den Miirten aber ungleich groͤßer ſeyn. So ſagen naͤmlich Franzoſen; von andern Nachrichten wird kein Wort hereingelaſſen. Gleichwol verlautet auch nichts Oeffentliches uber den geſtern ſo feyerlich verkuͤndigten Sieg; die eifrige Leſewelt an den Straßen⸗ ecken ſucht vergebens nach einem Anſchlag, an welchem man es doch ſonſt beym gering⸗ ſten, ganz oder halb oder zum Viertheil ge⸗ gruͤndeten Anlaß, nicht fehlen laͤßt. Von Gefangenen ſind nur einige kleine Trupps von 50 bis 60 Mann eingebracht worden. Mein Herr Commiſſair verſichert zwar, es ſeyen deren unendlich viele eingebracht— „Wohin?“„Nicht in die Stadt; aus Fuͤrſorge unſter Verwaltung, um ſie nicht ernaͤhren zu muͤſſen.“„Auf den nahen Dorfern iſt aber gar nichts mehr, ſelbſt fuͤr die Ihrigen?“„Ph biens ſie ſind ge⸗ bracht— anderswohin. Seyn Sie ganz unbeſorgt!“—— Bis jetzt horte ich, außer Plaͤnkereyen der Vorpoſten von fruͤh 6 Uhr an, kein Feuern. Alle weitern Nachrichten ſind nur Geruͤchte. Die Verbuͤndeten ſollen in der — 237— mir vor Augen liegenden Gegend,(gegen Lindenau, Schdnau, Schocher u. ſ. w., mit⸗ hin meiſtens Heſterreicher,) in der Nacht vom Schlachtfeld zuruͤckgegangen ſeyn, und einige Stunden weiter hinaus eine Poſition genommen haben u. ſ. w.— In Lindenan, in Cennewitz u. ſ. w. ging mehrmäls Feuer auf, obgleich im letzten Dorfe ſelbſt nicht eigentlich gefochten ward. Da Niemand zum Loͤſchen da war, und, fanden ſich auch noch einzelne Menſchen, durchaus keine Pferde oder anderes Zugvieh: ſo kann leicht durch bloße Laͤſſigkeit nach Nahrung ſuchen⸗ der, oder durch die Unbeholfenheit trunkener Soldaten, bedeutendes Ungluͤck entſtanden ſeyn. Freylich ſpricht alles von vorſaͤtzli⸗ chem guͤnden aus Erbitterung, aus Haß u. dergl.: ich kann und will daran aber nicht glanben, bis ich muß.—— Eben erfuht — 238— ich: auf dem Gute des Herrn Dr. Hillig, deſſen Garten von dem meinen nur um einige Schritte getrennt iſt, ſind einige Nebenge⸗ baͤude niedergebrannt, und mein und des Nachbars Haus war dadurch erhalten wor⸗ den, daß die Luft ſtill war und die Flamme gerad'auf ſtieg. Das ſchoͤne, und auch das groͤßte Gut in Connewitz, das die Wittwe Carl beſitzt—(es iſt dies der ehemals, und wol noch zu Ihrer Zeit in Leipzig, be⸗ ruͤhmte wenzelſche Landſitz, dem geſellſchaft⸗ lichen Vergnuͤgen der feinſten damaligen leip⸗ ziger Welt gewidmet)— dies iſt leider mit allen Wirthſchaft⸗ und andern Gebaͤuden bis auf die Grundmauern aus- und nieder⸗ gebrannt. Vbends. Der Zuſtand der Stadt iſt ſchrecklich. Seit die geſtrige Schlacht— wo nicht ent⸗ weniger Schaden angerichtet haben. Von — 239— ſchieden, doch beendet war, weiß Niemand, die ausgenommen, die ks wiſſen ſollen, wo der Kaiſer iſt. Der Graͤuel auf den Straßen überſteigt faſt allen Begriff; und die Var⸗ barey, womit die Elenden, die noch umher liegen, von ihren franzoſiſchen Kameraden behandelt werden, noch jenen Graͤuel. Ich habe Scenen geſehen, fur die ich ſonſt jeden, der ſie erzaͤhlt haͤtte, aus Monſchengefuͤhl der Taͤuſchung oder Taͤnſcherey ins Geſicht haͤtte bezuchtigen muͤſſen. Ueber die Stadt ſelbſt iſt, bis morgen Mittag 12 Uhr, eine Convention geſchloſſen worden. Wenigſtens ſagt man dies; und die Preußen und Koſa⸗ ken, die vor dem halleſchen Thore bis an Pfaffendorf plaͤnkern, dringen nicht ein. Es ſind aber doch etwa zwölf Granaten her⸗ eingeworfen worden, die alle, mehr oder ſchwerem Geſchutz ſind auch einzelne Kugeln hereingeflogen; wobey man freylich nicht be⸗ greift, wie Plaͤnker zu ſo ſchwerem Geſchuͤtz kommen.— Jede Familie, arm oder reich, hat, bey angedroheter haͤrteſter Strafe, ſchnell abliefern muͤſſen, was eine Armee brauchen kann, und jedermann nur fuͤr den Augenblick zu entbehren vermag: Betten, Kuͤchengeraͤthe, Mundvorrath, Aexte, Spa⸗ ten u. dergl. Alles, was dazu faͤhig iſt, muß hinaus, um zu ſchanzen. Die Thore und Straßen der Vorſtaͤdte, ſelbſt mehre ein⸗ zelne Haͤuſer der letztern, werden gewiſſer⸗ maßen befeſtigt und vom Militair allein be⸗ ſetzt. Sie ſollen bis zum letzten Mann ver⸗ theidigt werden. Die Noth, die Angſt und das Jammern vieler, beſonders armer Vor⸗ ſtaͤdter, die ihr Eigenthum preisgeben muͤſ⸗ ſen, und mit ſich und ihrer tragbaren Habe ſiegt. Haufenweiſe liegen weit und breit — 241— oft nicht wiſſen, wo unterkommen, iſt herz⸗ zerreißend—— Die verbuͤndeten Corps* in der Gegend von Wolkwitz behaupten ihre 6 Stellung; die uͤber Lindenau, Schonau u. ſ. w. haben wirklich eine neue Poſition in derſelben Gegend, wie geſtern, nur etwa zwey Stunden entfernter, genommen.— Indeſſen war gegen 11 Uhr Vormittags ein großes franzoſiſches Corps den Verbuͤndeten — hier vornämlich Ruſſen— nach, gegen Grimma hin gezogen. Man hörte unauf⸗ yorlich, doch ziemlich entfernt, das Geſchͤtz. Mein Herr Commiſſair hatte auch dahin ge⸗ mußt. Jetzt, Abends ſpaͤt, kömmt er zu⸗ ruͤck, und ſagt:„Wir haben dort einen großen und harten Kampf gehabt, aber ge⸗ Todte und Verwundete umher. Morgen ein frohes Ende.“ Unſer Konig, der vom Kron⸗ u. Band. Q — 242— prinzen von Schweden einen Parlementair erhalten, hat ihm die Stadt zu moglichſter Verſchonung empfohlen, aber auch beſchloſ⸗ ſen, ſie ſchlechterdings nicht zu verlaſſen. Soll und muß nun einmal bleiben, was iſt — und wie koͤnnte das bis jetzt auch anders: ſo ſeegne ihn Gott fuͤr dieſen Entſchluß.— Rapoleon ſoll dieſen Vormittag von den verbuͤndeten Fuͤrſten— zunaͤchſt vom Kai⸗ ſer Franz— freyen Abzug ſeines Heeres verlangt haben, und dieſer ihm auch zuge⸗ ſtanden worden ſeyn, wenn er zuvor Wit⸗ tenberg und Törgan raͤumte u. ſ. w. Das habe er nicht gewollt, und ſo ſey die Unter⸗ handlung abgebrochen. Welch ein Tag wird uns morgen bevorſtehn!— Ich ſehne mich nach Schlaf, und brauch' ihn wahrlich! Ein gutes Mittel, den, bey ermattetem Korper lebendig angeregten Geiſt zu beſchwichtigen — 243— ſind allgemeine Bemerkungen. Ich Will mich an einigen, zu denen mich der heutge Tag fuͤhrete, in den— zu verſuchen. 6 1 Wie wunderbar miſcht ſich in vielen te deutenden Frauen matte Reſignation und t⸗ cherliche Zagheit bey kleinen Uufaͤllen, mit edler Faſſung und ſelbſt hewiſch ruhiger That bey großen! Der Vorfall, der zu⸗ naͤchſt und von neucm mir dies vor's Auge fuͤhrte— was freylich andern Leuten auch unzaͤhlichemal geſchehen ſeyn mag— läßt ſich nicht gut erzaͤhlen, weil er zu vielerley Nebendinge beruͤhret: ſtatt deſſen, einige verwandte aus dieſen Tagen, die ſich enger abrunden! Eine junge Frau, die ich kenne — zart organiſirt, fein, zierlich und ſcheu in ihrem ganzen Weſen„hoͤrt, wie alle Be⸗ wohner ihres Hauſes, eine der hereingewor⸗ 9 2 — — 244— fenen Granaten an dieſem Morgen durch das Dach brechen: aber dann iſt's ſtill. Die Granate iſt nicht geſprungen, ſagt ſie und ſagt jeder; wer wagt's, hinaufzugehen, und ungluͤck abzuwenden? Niemand wagt's, ſendern man bringt Geſchichten, daß die Teufelsdinger oft erſt nach langer Weile ſich auf ihre Bosheit beſaͤnnen u. ſ. w. Der Mann iſt in Geſchaͤften abweſend: augen⸗ blicklich rafft ſie eine wollene Decke auf, taucht ſie in Waſſer, eilt hinauf, ohne daß ein Menſch ihr folgt, breitet ſie vielfach um die Granate, kommt herunter und ſagt ru⸗ hig: Jetzt haben wir das Unſte gethan, nun wird Gott das Seine thun.(Die Granate ſprang nicht.)— Eine andere, vorzuͤglich ausgebildete, nicht mehr junge, aber noch ſehr hubſche Frau, die vor einer Raupe bebt, vor einer Maus alle Faſſung verliert, und, fällt ein Kind aufs Näschen, Nervenübel bekoͤmmt, hat einen General im Quartier, der als einer der uͤbermuͤthigſten Quäler ſchon vorher üͤbelberuͤchtigt, und, weil er nirgends befriedigt werden und viel ſchaden konnte, in fünf Tagen dreymal anders un⸗ tergebracht worden war. Sie weiß das, die Behoͤrde bittet ſie, alles Moͤgliche zu thun? ſie thut's, der General findet dennoch alles ſchlecht, und immerfort wachſen ſeine For⸗ derungen. Er bedient ſich bey ſeinem Quä⸗ len meiſt eines Adjutanten, als eines Voll⸗ ſtreckers: denn er ſelbſt iſt zu ſtolz, ſeinen Wirthen das Wort zu gönnen. Dieſer, ein junger Menſch, copirt ſeinen Gebieter, co⸗ pirt ihn in der aͤrgſten uebertreibung, und, da ihm deſſen innerer Gehalt und aͤußere Sitte abgeht, aufs unausſtehlichſte. Je mehr geſchieht, je mehr ſoll geſchehen; Por⸗ ſtellungen werden mit Spott, Weigerungen mit Drohungen und nenerſonnenen Necke⸗ reyen erwidertz endlich koͤmmt der junge Herr mit einer nenen, geradezu tollen For⸗ derung, wird bey vernuͤnftigem Widerſtre⸗ ben aͤußerſt impertinent, unb Madam, blitz⸗ ſchnell, giebt ihm eine tuͤchtige Ohrfeige. Mit einem Schrey der Wuth greift der Herr nach dem Saͤbel: Thun Sie, was Sie wol⸗ len, ſpricht Madam; aber das ſchwoͤr' ich Ihnen heilig: Sind Sie ſtill und kuͤnftig be⸗ ſcheiden, ſo erfaͤhrt kein Menſch, ſelbſt mein Mann nicht, was hier vorgefallen, ſo lange Sie hier ſind und es Ihnen ſchaden koͤnnte: ſonſt aber ruf' ich allen zu: dieſer Offizier hat Ohrfeigen von einem Weibe verdient und bekommen; dann ſehen Sie zu, wie Sie mit Ihrer Ehre und im Dienſt auskommen!— Drohend eilte er fort, ward aber ſtill, ward . = 4— beſcheiden; die Frau hielt zwey Tage Vor — ſelbſt ihr Mann bekam keine Ahnung vom Pyrgefnlenent dann růͤckte General und Ad⸗ jutant gus; nun erſt veitraute ſie ſich ihrem Manne, und der konnte nicht laſſen, zumal da der verſprochene Termin erfuͤllet war, die Freude uͤber ſeine, ſonſt ſo ſanfte, nachgiebige Gattin einigen Andern mitzu⸗ theilen—— Zweytens; Hie geiſlußgei ine 6 und die Herzloſigkeit vieler weltfeinen Leute zeigt ſich kaum je ſtaͤrker⸗ als wenn ſie Lei⸗ dende mit Troſtworten antreten. Hierzu will ich mir und Ihnen die Belege erſparen. Drittens; Einen Seegen gewohnter Arbeitſamkeit ſollten wir mehr beachten und hoher halten, als wir zu thun pflegen: bey dem Fuͤrchten, Sorgen,„Treiben, Eifern* Neen Leiden in mir und um mich finde ich ſchlechterdings nichts, wodurch ich mich von Zeit zu Zeit zuſammenſetzen, in Ord⸗ nung und Ruhe bringen, ſtaͤrken und erhei⸗ tern kann, als zuweilen eine Stunde Arbei⸗ ten— recht eigentliches Arbeiten— und zwar, wie eben ich es nun gewohnt bin, ein ſolches, wo man alles aus ſich und einer ein⸗ gebildeten Welt ſchoͤpft, im Geiſte ausbil⸗ det, und, nach Kraͤften, es rund und fer⸗ tig hinſtellt. Nach dem Schmerzensgange dieſen Vormittag z. B., wo ich mich tuͤchtig zuſammengeworfen fuhlte, hab⸗ ich, unter fernem Kanonenhall, und manchem unab⸗ wendbaren, widrig ſtoͤrenden Ueberlaufen, einen, Gott gebe, prophetiſchen, und, ſo viel ich weiß, nicht eben verwerflichen „Traum,“ und an ihm mich ſelbſt hei⸗ ter, gefaßt und ruhig geſchrieben*). Uns, *) Er wurde einige Monate ſpaͤter gedruckt, — — 245— mein Freund„gewoͤhnten in fruhen Jahren Armuth und Zwang an Arbeitſamkeit: laſſen Sie uns unſte Kinder, die nicht in ſolchem Twing ſtecken, eben ſo unausweichbar durch andere Motive gewoͤhnen; damit ſie, alles Andere unerwaͤhnt, dereinſt auch dieſes See⸗ gens faͤhig und theilhaftig werden—— Doch ich ſehe wol, mein narkotiſches Mittel will nicht anſchlagen: ſo muß ich ein alltaͤgliches verſuchen. Gute Nacht!— Den 18ten. Vormittags, nach 11 Uhr. Die ganze Nacht hindurch zogen Ge⸗ ſchoͤtz, Wagen und Regimenter vor unſern Fenſtern an der Promenade voruͤber, und zwar nach der Gegend des ranſtaͤdter Tho⸗ res hin. Da ließ ſich's freylich nicht ſchla⸗ und faͤngt den 16ten Jahrgang der allgem- muſikal. Zeitung an. — 250— fen. Mit Tagesanbruch horte man die Ka⸗ nonade, welche jene Zuge zu decken oder zu hindern ſchien. Dann begann ſie von der Gegend des halleſchen Thores her, naͤher, und ſtaͤrker, immer ſtaͤrker, endlich fuͤrch⸗ terlich ſtark. und nun erhob ſie ſich in aͤhn⸗ licher Weiſe nach allen Seiten hin, rund um die Stadt. Ney und Marmont ſind vorge⸗ ſtern— ſelbſt Franzoſen widerſprechen nicht geradehin— von Duͤben her, vornaͤmlich durch Preußen und Schweden geſchlagen. Napoleon ſoll das geſtrige Gefecht ſelbſt ge⸗ liefert haben, um die Hoͤhen bey Grimma zu gewinnen. Das ſoll ihm gelungen ſeyn⸗ Im Grunde ſind wir, im Mittelpunkte der Dinge ſelbſt, unwiſſend, und werden abge⸗ fertigt, wie Kinder. Ich nun vollends, der von Kriegswiſſenſchaft ohngefaͤhr ſo viel ver⸗ ſteht, als von Heraldik oder vom Arabiſchen — ich meyne: gar nichts— ich kann, nach allem, was ich ſehe und ſchließe, uͤber den Staud des Ganzen nichts herausbringen⸗ als Folgendes. Umgeben iſt Napoleon von allen Seiten, und mit gaͤnzlicher Ueberein⸗ ſtimmung, Conſequenz/ und ungeheurer Hee⸗ reskraft. Dies laͤßt ihm die Wahl— wie⸗ fern da eine ſtatthäben kann— entweder ſich gegen Luͤtzen hin(mithin nach Erfurt u ſ. we) durchzuſchlagen: was ihm wol aber, da es das Natuͤrlichſte, und alſo das am meiſten Erwartete iſt, ſchwer genng werden wuͤrde; oder die Hauptcorps ſeiner Armee ſo zu ſtellen, daß ſie die Verbuͤndeten in al⸗ len Richtungen beſchaͤftigen, mit einem er⸗ wählten Heer aber jene errungenen Hoͤhen zu behaupten, Chat er ſie wirklich innen,) bis die um Leipzig verſammleten Armeen ſich großtentheils ebenfalls dorthin richten und ihn da angreifen: wo er dann, nicht zum erſtenmale, alles auf Einen kuͤhnen Wurf ſetzend, eine entſcheidende Schlacht liefern mußte/ wo aber auch die Verbuͤndeten, was er dazu an ſich zöge, in den Rucken zu faſ⸗ ſen bekommen koͤnnten, ſo, daß er, wie ein⸗ mal in Oberitalien, zwiſchen zwey Heeren kämpfen muͤßte. Das Letzte, gelaͤnge es ihm oder nicht, ſturzte uus in neues, un⸗ abſehbares Elend; das Erſte wuͤrde wahr⸗ ſcheinlich im Augenblick ſchrecklich fuͤr uns, ſchaffte dann aber Luft und große Hoffnun⸗ gen: ſo wollen wir an dies glauben!—— Indeß nahet die Stunde, wo die Con⸗ vention uͤber die Stadt zu Ende geht. Feuers wegen iſt von mir in den Morgen⸗ ſtunden Einiges von Werth gepackt und in den Keller geſchafft. Anderes, was leicht ſich bewegen läßt, habe ich in das einzige — 253— Zimmer nach der Straße, das man mir ge⸗ laſſen, und die Meinigen dazuquartiert.— Der Koͤnig, der bisher gefaßt in ſeiner Woh⸗ nung am Markte blieb, hat ſich eben ins Schloß begeben.— Vor den Thoren, und vornaͤmlich vor dem ranſtaͤdter„ wohin der ungeheuerſte Andrang geweſen, und das eben das engſte iſt— haben die Zuͤge einander ſelbſt die Wege verſperrt: mit Toben und Wuͤrhen ſtuͤrzt alles Straße auf, Straße ab, ſammlet ſich, zerſtreuet ſich wieder— — Von Schlafloſigkeit, körperlicher An⸗ ſtrengung und innerer Bewegung⸗ fuͤhle ich mich wie gelaͤhmt: aber es muß doch vor⸗ waͤrts, und es wird auch Da ſchlaͤgts zwolf Uhr! Gott, welch ein Krachen des größten Geſchuͤtzes, viel⸗ leicht zur Bezeichnung der Stunde! Auch das Feuer des kleinen Gewehrs— dem Halle — 85— nach, gar nicht fern voß den aͤußern Thö⸗ ren— beginnt ne— es doch wahr⸗ S ais vh ti ingutits⸗ 5 z⸗ Das war eine arge Unterbrechung! Vom halleſchen Thore her warf man— man ſagt mir, nur acht— Granaten in die Stadt, und gleich eine der erſten flog in das Haus, wo ich wohne. Sie ſchlug durch den Schorn⸗ ſtein, zerſprang, im dritten Stockwerk, in der Kuͤche;(Sie erinnern ſich: ich wohne im zweyten;) die Stücke zertruͤmmerten was ſie erreichten, mehre flogen durch die Fenſter und mit dieſen in den Hof; Dampf und Pulbergeruch verbreitete ſich durch's ganze Haus. Das Unerwartete; die ganz eigene, mir neue Art des Krachens, Schmet⸗ terns, Klirrens; das gewaltſam ausgeſto⸗ — ßene Angſtgeſchrey meiner weiblichen Bienſi⸗ boten, die laut kreiſchend und bewußtlos in das Zimmer ſtuͤrzten, wo ich mit den Mei⸗ nen verſammlet war— dies laͤhmte auf ei⸗ nige Augenblicke uns alle im Schrecken: dann die Furcht vor Wiederholungen, vor Brand auf dem Boden,(ein wunderlicher Zufall fuͤhrte eben da, wo die Fugel einge⸗ ſchlagen hatte, ein einzelnes dunkelgraues Wolkchen am reinen Himmel herauf, das ganz wie Dampf ausſahe, der aus dem Dache ſtieg—) das zagende Weinen der Zuſammentaufenden—: es war bas alles freylich nur ein Tropfen im Meer des allge⸗ meinen Ungemachs: aber eben fuͤr uns war der Tropfen Gift, deſſen Wirkungen wir ſchwerlich ſo bald verwinden werden. Nachdem ich mit einigen Hausgenoſſen die obern Gemaͤcher und Voͤden unterſucht — 256— und keine Feuerſpur gefunden hatte⸗ uͤber⸗ lief mich eine korperliche und geiſtige Kaͤlte — die eine ſo wenig, als die andere, mein PVerdienſt! In dieſer vermochte ich's, ruhig Vetanſtaltungen zu treffen. Ich bewog alle pie Meinen, auch ſoͤmmtliche Dienſtboten⸗ ſich hinunter in das bombenfeſte Gewolbe zu begeben, blieb ganz allein oben, das Wei⸗ tere abwartend, und faſt gemaͤchlich erwaͤ⸗ gend, was, bey fortgeſetztem Bombarde⸗ ment, bey Eroberung durch Sturm, bey pländerung, Fenersnoth u. ſ. w. zunaͤchſt, und, waͤre das geſchehn, was dann zu thun ſey. Ich machte mir das alles ganz klar, und ſchrieb die Hauptpunkte nummernweiſe auf, das Blatt ſo legend, daß es den Mei⸗ nen ſogleich in die Angen fallen mußte, wenn mir— wie der Tell ſagt—'was Menſch⸗ liches begegnete. In alle dem ſtorte mich — 257— weder die furchtbare und nahe Kanonade, noch ſelbſt das Geſchrey auf der Straße, als in meiner Nachbarſchaft eine zweyte Gra⸗ nate einſchlug und mehre Kanonenkugeln nie⸗ derfielen.— So viel ich bis jetzt erfahren, haben nur einige der Granaten gezuͤndet, nicht in mei⸗ ner Naͤhe: das Feuer iſt aber, ehe es um ſich griff, gedaͤmpft worden. Wenig Per⸗ ſonen ſind verwundet. Durch den Erker des Hauſes meiner Frau in der Catharinenſtraße hat eine ſechspfuͤndige Kanonenkugel geſchlas gen und ihn uͤbel zugerichtet. Unmittelbar daruͤber ſtehet mein Antheil an der winkler⸗ ſchen Gemaͤldeſammlung aufgeſtellt; eben nahe an den Fenſtern der große, herrliche Rembrand, und manches andere der ſchön⸗ ſten Stuͤcke: aber die gute, werthe Bewoh⸗ nerin des verletzten Zimmers iſt mit dem 1I. Band. R — 258— Schrecken davongekommen; das iſt mir ge⸗ nug, und, da Kugeln in allen Richtungen eindringen, mithin Gegenſtaͤnde, wie, zum Theil große Gemaͤlde, an einem Orte ohn⸗ gefaͤhr eben ſo ſicher und eben ſo unſicher ſind, als am andern, aufgehangen aber nur einzeln verletzt werden können, waͤhrend ſie, partienweiſe zuſammengeſtellt, auch partien⸗ weiſe zu Grunde gehen wuͤrden; ich demnach nichts dafuͤt zu thun weiß: ſo will ich auch nichts davon wiſſen, bis ein Ende herbey⸗ gefuͤhrt iſt.— Jetzt iſt, ſeit gegen vier Uhr, die Kanv⸗ nade allmaͤhlich verſtummt; auch das Klein⸗ gewehrfeuer iſt ſchwach geworden, hat ſich weiter entfernt, und ſeit halb fuͤnf Uhr hort es faſt ganz auf. Der Weg fuͤr die flůch⸗ tenden Franzoſen(denn fuͤr Fluͤchtende muß man ſie doch wol nun nehmen ²) zum ran⸗ — 259— ſtaͤdter Thore hinaus, gegen Luͤtzen u. ſ. w. war wieder offen; die großen Zuge gingen langſam, unter Toben und Geſchrey der An⸗ treibenden, vorwaͤrts.— In das Stock unter mir brachte man noch einen General mit ſeinem Adjutanten, beyde ſchwer ver⸗ wundet. Sie wollen ſich nicht nennen.— Da ich die Meinen zu verlaſſen, mir nicht mehr verſtatte, folglich faſt Niemand ſpreche, erfahre ich auch nichts uͤber den Zuſammen⸗ hang des eben ſo unerwartet abgebroche⸗ nen Sturms, als des vorhin beginnenden. Wahrſcheinlich erfuͤhre ich auch nichts, als leere Vermuthungen, wenn ich ausginge⸗ Wer den Zuſammenhang weiß, muß ihn auch unentdeckt wuͤnſchen: und die Meiſter⸗ ſchaft im Verbergen und Irreleiten, wird Niemand den Franzoſen abſprechen. Hat man alſo abgebrochen, was man bey ſinken⸗ R 2 — 260— dem Toge nicht mehr zu vollenden glaubte; oder ziehet ſich Napoleon gegen Erfurt zu⸗ ruck, vielleicht nach Vertrag mit den Ver⸗ buͤndeten,(was aber bey deren ganz offen⸗ baren, entſchiedenen Vortheilen unglaublich ſcheint;) ruͤckt er gegen Grimma hin, und die Andern ſammlen ſich erſt, ihm zu fol⸗ gen; oder was ſonſt: wir wiſſen's nicht, ſon⸗ dern nur, daß wir morgen neuem Schrecken, neuer Noth entgegengehen. Da braucht's Kraft und Faſſung. Hierzu mir und den Meinen behulflich zu ſeyn,(meine Frau iſt ſeit jenem Schrecken am Morgen körperlich ganz erſchoͤpft, geiſtig aufs heftigſte geſpan⸗ net,) habe ich veranſtaltet: wir wollen, was auch zu ſioren verſuche, die Abendſtun⸗ den in beſtimmter, bindender, aber heiterer Uunterhaltung, gemeinſchaftlich, wie ſonſt in den freyeſten und erwuͤnſchteſten Tagen, zu⸗ 261 bringen; wir wollen uns dazu erſt zwingen; der Zwang wird ſich dann ſchon allmaͤhlich auflöͤſen, und der Gegenſtand g winnen—— 5 Seit es dunkel geworden, ſiehet man in mehren Doͤrfern und Vorwerken Feuer. Gott helfe den Ungluͤcklichen: wir koͤnnen's nicht. Unter den naͤchſten Orten erkenne ich Pfaffendorf, und, nach dem Widerſchein am Himmel, Schoͤnfeld. In Pfaffendorf war ein Hauptlazareth, voller Franzoſen. Soll⸗ ten dieſe, wie ſo viele, abgezogen ſeyn und angezuͤndet haben, was ſie geſchuͤtzt und beym Leben erhalten, damit es ihren Feind nicht auch ſchuͤtze und ſeine Leidenden er⸗ halte?—— Rund um die Stadt, in den Promena⸗ den, ſo weit ich ſehen kann, lagert ſich nun Mann an Mann, truppweiſe, um hochauf⸗ — 262— lodernde Wachfeuer. Die, unmittelbar mei⸗ nen Fenſtern gegenuͤber, werfen dunkelrothe Gluth an die Wande meiner Zimmer. Die maͤchtig geſchwungenen Aerte gegen Bar⸗ rieren und Vaͤume; das Knickern und Knak⸗ kern beym Losbrechen jener, das Krachen beym Fallen dieſer, hallen heruͤber; der An⸗ blick der gelagerten Gruppen, die kochen, trinken u. ſ. w., das Geſicht und die vordere Seite, gegen das Feuer gerichtet, gluͤhroth⸗ die andere, durch Schatten ſcharf abgeſchnit⸗ ten, brandſchwarz; dann, bey einem Stoße des Abendwindes, auf einen Augenblick al⸗ les in Dampf verhuͤllt—: das zuſammen giebt hoͤchſtintereſſante Bilder, und lehrt mich, wie wahr und treffend van der Poel, Caſanova, Loutherbourg, und einige An⸗ dere, dergleichen Scenen dargeſtellt haben. — Aber die anberaumte Erholungſtunde nahet; der Hausvater muß mit dem Beyſpiel vorangehen: ich verhuͤlle die Fenſter—— Den 19ten, fruͤh, um 6 Uhr. Da bin ich wieder, und, zu meiner Verwunderung, durch fuͤnfſtuͤndigen, feſten Schlaf geſtaͤrkt. Deſto getroſter will ich dem entgegengehn, was uns heute erwartet. PVor meinen Fenſtern, laͤngs der Promenade hin,(und ſo wird's rund um die Stadt ſeyn,) brennen noch die Wachfeuer: aber die ruppen ſind in Bewegung. So viel ich erkenne, und nach dem, was das Rollen der Wagen lehrt, draͤngt ſich noch immer alles zum ranſtaͤdter Thore hinaus— alſo auf der luͤtzner Straße hin. Da nun, wie geſtern Abend ſelbſt mein Herr Commiſſair eingeſtand, die Verbuͤndeten alle Haußtſtra⸗ ßen rund um die Stadt innen haben, oder doch beherrſchen, und da, wie es ſcheint, dieſer Abzug nicht geſtoͤrt wird: ſoll man da an einen Vertrag denken? Gleichwol iſt die Ueberlegenheit der verbundenen Heere ſo uͤbergroß; und warum ſollte dann die Stadt bis auf den letzten Mann vertheidigt, warum durch einen Sturm aufgeopfert werden? So wird man zu der Meynung zuruͤckgefuhrt, es ſey Abſicht, die Franzoſen nach jener Richtung bis auf einen gewiſſen Punkt zie⸗ hen zu laſſen, um ſie dann deſto ſicherer zu faſſen; was dann Napolevn dadurch wen⸗ den, oder doch den Seinen weniger verderb⸗ lich werden laſſen wollte, daß er in der Stadt ſelbſt einen Gegenpunkt behauptete. Wie wuͤrde es aber dann dieſer ergehen!— Doch was firire ich leere Sorgen und Meynungen auf dem Papiere! Lieber ge⸗ ſchehe das mit einigen kleinen Zuͤgen, die, wenn auch einzelne Funken im allgemeinen Brand, doch nicht unbeachtet verloͤſchen Der General, der geſtern mit ſeinem Ad⸗ jutanten, beyde ſchwer verwundet, in das Stock unter meiner Wohnung gebracht wur⸗ de, verharret dabey, ſeinen Namen nicht zu nennen,„damit ſeine Soldaten, die ihn lieben, durch ſein Geſchick im Kampfe nicht geſtoͤrt werden;“ und zu einem der Aerzte ſagte er geſtern Abend: Mein Herr, ich werde ſterben, ich weiß es: aber vermag Ihre Kunſt mir das Leben zu erhalten, bis ich meinen Kaiſer aus dieſer Verlegenheit (embarras) geriſſen hoͤre, ſo wenden Sie ſie ſorgſam an. Es wird nur kurze Zeit dauern, ſeyn Sie verſichert: dann brauchen Sie ſich nicht mehr viel zu bemuͤhen; ich werde gern ſterben.— und machte dieſer Heldenſin⸗ — 266— und dieſe Anhaͤnglichkeit, daß ich heute noch unter den Truͤmmern dieſer unſter gemein⸗ ſchaftlichen Wohnung begraben wuͤrde; und ich wuͤßte es: ich könnte doch nicht laſſen, das Große und Herrliche hierin anzuerkennen und zu preiſen. Eine mit Recht vorzuglich geachtete Fa⸗ milie iſt geſtern, waͤhrend der ſchrecklichen Kanonade verſammlet— der Vater, die Mut⸗ ter, die Kinder. Eines von dieſen, ein etwa zweyjaͤhriges Maͤdchen, wird von der Mutter auf dem Schooße gehalten. Da faͤllt eine Granate in's Haus, in's Zimmer. Sie zer⸗ ſpringt: ein Stuͤck reißt der Kleinen an der Mutterbruſt ein Aermchen ab. Die Mutter ſchreyet und jammert uͤberlaut: Gute Mut⸗ ter, ſagt der kleine Engel, weine nicht, es waͤchſt mir ein andres; nicht wahr, Va⸗ ter?— Hat je ein Dichter ſo mit Einem — 267— leiſen Griff alle innerſten Saiten der Men⸗ ſchenſeele erbeben gemacht?——*) Vormittags, um 8 Uhr. So eben vertheilte meine Frau ihren tetz⸗ ten Reſt an Brot unter die Hausgenoſſen. Da fuͤr Geld allerdings nichts zu haben iſt, und ich, bey Freunden anzuklopfen, die Meinen eben ſo wenig verlaſſen, als den Dienſtboten zumuthen kann: ſo muͤſſen wir's heute ohne dies Nahrungmittel verſuchen. Mangel leiden wir darum noch nicht. Seit ich Obiges fruͤh ſchrieb, ging der Zug, meiſt Cavallerie und Munition, in moglichſter Eil, und mit franzoſiſchem To⸗ ben, vor meinen Fenſtern voruͤber nach dem ranſtaͤdter Thore. Und ſo iſt's noch jetzt. *) Gott rief bald darauf den holden da⸗ hin ab, wohin er gehoͤrte. — 268— Wir hoͤren zwar Schuͤſſe fallen: aber nur einzelne.— Es gab mir einen herrlichen Genuß, dieſe zwey Stunden, nachdem ich erfahren, auch die Meinen waren durch fe⸗ ſten Schlaf erquickt, am gewohnten Schreib⸗ tiſch zuzubringen. Ich werde ihn aber doch ſchließen und mich in die vordern Zimmer be⸗ geben muͤſſen: in der Richtung von Lindenau oder ſeiner Chauſſée her konnte mich eine tuͤchtige Kugel hier gar zu bequem treffen. Den Aufenthalt vorn erſchwert uns, wie allen Bewohnern nicht eben breiter und mit hohen Haͤuſern beſetzter Straßen, der faſt unausſtehliche, betaͤubende Geruch der Faͤul⸗ niß von moderndem Stroh, Unrath der Pferde u. ſ. w. Zuvor aber will ich von den obern Vorrathskammern, was von Werth iſt und leicht Feuer finge, herunter ſchaffen. Da ich der Dienſtboten nur we⸗ nige habe und fuͤr Bezahlung kein Beyſtand zu erreichen iſt, werde ich derb anpacken muͤſſen. Nun, ich habe ja einmal wieder geſchlafen! Friſch dran alſo!—— Abends, 7 Uhr. Dieſe Stunden— o dieſe Stunden, loh⸗ nend fur tauſend Drangſale, beſchreibe, wer es kann! Wo ſollte ich anfangen auch nur mit dem, was ich ſelbſt geſehn, ſelbſt er⸗ fahren; wo enden? Indeß, was ſich in mir eben jetzt, nachdem der erſte Sturm der Gefuͤhle voruͤber, und ich im gewohnten Stuͤbchen Gott gedankt, daß er mich den furchtbargroßen Tag erleben laſſen— was ſich da vornaͤmlich hervordraͤngt, das ſollen Sie bekommen, ſo gut oder ſo ſchlecht die fliegende Feder es hinzeichnen will. Vieles des Herrlichſten und Glorreichſten, was un⸗ ſere Stadt ſahe, bleibt ganz unerwaͤhnt, weil ich nicht dabey war; an viel Anziehen⸗ des, wobey ich war, werde ich doch auch nicht kommen. Indeß— wir wollen ſehn, was wird!— Vom Schreibtiſch, wo ich Vorſtehendes vollendet, ging ich an das angefuͤhrte Tag⸗ lohnergeſchaͤft. Was vermag man, wenn man muß! Ich habe gehoben und getragen, was ich nun kaum ruͤcken kann.— Das Geſchaͤft war erſt begonnen, als, faſt in Einem Moment, die Kanonade vor allen Thoren zugleich, und ſchrecklicher donnerte, als je. Herr**s, der auf einige Minu⸗ ten vom Rathhauſe zu den Seinigen eilte, brachte die Botſchaft: unſer Koͤnig habe nochmals die Stadt den verbuͤndeten Mon⸗ archen zur Schonung empfohlen, und es ſey Antwort gekommen, man werde ſchonen, ſo weit es die Operationen irgend zuließen; nur mochte man ſorgen, daß die abziehenden Fran⸗ zoſen nicht anzuͤndeten oder ſonſt verwůſteten. (Sie haben geſtern wirklich die Lazarethe, nachdem ſie ſie ausgepluͤndert, wobey auch die koſtbaren Sammlungen chirurgiſcher und anderer Inſtrumente verloren gegangen, und die meiſten der nicht mehr transportabeln Franzoſen umgekommen ſind— in Brand geſteckt. So iſt Pfaffendorf in Feuer auf⸗ gegangen; ſo waͤre es dem Place de repos u. ſ. w. ohne ſchleunige Huͤlfe ergangen.)— Kaum hatte ich dieſen halben oder Viertels⸗ Troſt vernommen, als ich in der Kloſter⸗ gaſſe Napoleon mit großer Begleitung ſeiner Garde voruͤberreiten ſah. Er war im ſchlech⸗ ten, kothbeſprutzten Ueberrock; ſein Geſicht (ich ſtand ganz nahe, um es zu erkennen) war weder verlegen, noch verwegen, noch — 272— auch ſonſt beunruhigt, ſondern in der ſtat⸗ ren, ſcheue Ehrerbietung erzeugenden Kaͤlte, die oft an ihm vor entſcheidenden Momen⸗ ten, eben wenn's in ihm kocht und ſprudelt, bemerkt worden iſt. Muͤrat und Ponia⸗ towski waren glaͤnzend geſchmuͤckt; die an⸗ dern ſchimmernden Herren zu erkennen war nicht Zeit. Nur der deſpotiſche Weichling, der uns ſo vielfach gequaͤlt, fiel mir noch in die Angen. Er ſah' bleich aus, und flach, und ohngefaͤhr wie nichts. Sie ritten nach mehren Thoren, zunaͤchſt nach dem Peters⸗ thor und deſſen Pforte am Floßgraben. Wollte Napoleon die Anſtalten nochmals uͤberblicken? oder der Seinen Muth neu ent⸗ flammen? oder uͤber den Punkt, auf wel⸗ chem zu entkommen, ſicherer werden? oder — da er dies wol war— uͤber denſelben irre leiten? oder alles das zugleich? Jeder Poſten ſeiner Soldaten empfing ihn mit Ju⸗ belgeſchrey: in den Straßen ward kein Laut gehoͤrt.(Man will ihn noch nach 17 Uhr in der Stadt geſehen haben; ich weiß das nicht: aber nach 10 Uhr ſahe ich ihn ſelbſt nochmals.) Hierauf ſaß er am Markte, vor unſers Koͤnigs Hauſe, ab, und ging mit Muͤrat hinauf. Sein Beſuch dauerte viel⸗ leicht eine halbe Stunde. Aus der Nachbar⸗ ſchaft konnte man ihn bemerken, wie er, in⸗ deß ſich Muͤrat mit der Konigin auf dem Sopha beſprach, mit dem Konig im Erker redete. Die Bewegungen ſeiner Haͤnde wa⸗ ren haſtig und bezeichnend: ſeine Miene und uͤbrige Haltung gefaßt und anſtaͤndig. Er ſprach viel, und faſt immerfort. Der Ko⸗ nig ſtand in ſeiner gewohnten, ſtillen Wurde; er ſchien wenig und nur Bedeutendes zu ſa⸗ gen: dies glaubte man aus Napoleons Acht⸗ n. Ban. S 1. ſamkeit und Miene leſen zu können.— Von dem, wie er hernach entkommen, erfahren wir noch nichts Sicheres, als daß man ihn durch die jetzt verſumpften Wieſen gegen Lin⸗ denau ſetzen geſehn; aber auch in Richters Garten*) ſoll er mit einem Trupp ſeiner Verttautern geweſen ſeyn. Gewiß iſt, daß Poniatowöki und Macdonald, die ſeinen Ruͤckzug zu decken gehabt, dort, als ſie ihre Pflicht erfuͤllt, durch die Elſter geſetzt ha⸗ ben, ſo hoch und ſteil auch eben da ihre Ufer ſind. Poniatowski ſoll bey dieſem Wagſtuͤck ertrunken ſeyn. Das alles wird ſich bald aufklaͤren und berichtigen. Nur das hab' ich von einem Manne, der unmittelbar dabey thaͤtig ſeyn mußte: Gegen die Mittags⸗ ſtunde, eben als das dſterreichiſche Heer auf *) Jetzt dem Vunquier, Herrn Reichenbach⸗ zugehoͤrig. — 275— der dortigen Landſtraße in die Stadt drang, kam Napoleon mit den Seinen nach Linde⸗ nau, hielt an der Muͤhle, die hart an der Straße ſtehet, verweilete mehre Minuten, und aß, waͤhrend im Dorfe von Franzoſen — die Leute ſagen„ zun Pluͤndern“— ge⸗ trommelt ward. Es war wol aber Sturm⸗ ſchlag, den, der Oeſterreicher nachzuahmen, und ſie, die eifrigſt Vordringenden, hinter ihrem Ruͤcken zu taͤuſchen, als ruͤckten neue Haufen der Ihrigen ihnen nach. Zum Pluͤn⸗ dern brauchte auch nicht erſt aufgefordert zu werden: das geſchahe ohnehin; nur daß man wenig mehr fand. Wie Napoleon weiter fort⸗ gekommen, weiß jetzt noch Niemand. Manche meynen: da alle Zugaͤnge zur Stadt ſo gaͤnz⸗ lich in der Gewalt der Verbuͤndeten geweſen, ſey ihm abſichtlich jener Ausweg offengelaſ⸗ ſen worden, aus noch unbekannten urſachen, S 2 — 276— zu noch unbekannten Abſichten. So viel ich erfahren, commandirte eben dort, eben da, der Feldzeugmeiſter Giulay.— Doch ich greife mir ſelbſt vor; wir laſſen alle Mey⸗ nungen auf ſich beruhen, und halten an dem zweytauſendjaͤhrigen Spruch: Wer, ein kuͤhner Frevler, Geſetzlos Recht und Unrecht vermiſcht, Wird gewaltſam ſcheitern, Wenn an zerſchmettertem Maſte Wetter ſeine Segel ergreift. Er ruft: Gott horet ihn nicht; Sieht ihn im wirbelnden Strudel, Lacht des Vermeßnen, Nicht mehr Trotzenden, Unaufloͤsbar Verſtrickten, Welcher nicht fuͤrder entrinnt, Seit er ſein voriges Gluͤck Selber zerſchellt am Fels der Vergeltung*)—— *) Aeſchylus, in den Enumeniden. — 277— Ehe noch Napoleon in Lindenau ſeyn konnte, hoͤrten wir— und ich vornaͤmlich, nach der Lage meiner Wohnung— einen einzelnen, von allem andern Feuern unter⸗ ſchiedenen, entſetzlichen Krach. Sie haben eine ganze Batterie gegen das verrammelte Thor gerichtet! ſchrien mir einige Untenſte⸗ hende herauf: aber es war die alte, ſehr ſtark erbauete Elſterbruͤcke geweſen, welche geſprengt und mit Eins ganz in den Fluß zuſammengeſtuͤrzt war.— Jetzt ging nun der Tumult franzoͤſiſcher Fůͤchtlinge„Kanonen, Pulverwagen und andern Fuhrweſens an den Promenaden hin uͤber allen Begriff. Schon ſeit einigen Stunden war er ungeheuer: denn der Zug hatte ſich verfahren und konnte ſelten nur um einige Schritte vorwaͤrts. Jetzt war nun die Bruͤcke des einzigen Aus⸗ gangs weg, und nun wuͤthete jeder Ein⸗ — 278— zelne; was denn, mit dem tauſendfaͤltigen Hall des Geſchoͤtzes, ein Ganzes von Teu⸗ felslaͤrm gab, wie es ſich kein Menſch den⸗ ken kann, der's nicht gehoͤrt hat. Hier ſchien ein kleiner Trupp ſich durchgehauen zu haben— denn ſie hieben hellweg auf einander ein: er ruͤckte ein klein Stückchen — alles draͤngte nach— er ward zuruͤck⸗ geworfen oder ſtockte ſonſt, und alles hetzte und tobte, wie zuvor. Indem das vor meinen Augen vorging, brachen wieder einige Granaten in die Nach⸗ barſchaft herein, und mehre andere Kugeln pfiffen umher, einige fielen auch in den Hof. Da gab ich denn dem Eindringen der Mei⸗ nigen nach, und ging ebenfalls hinunter in das geraͤumige, feſte Gewoͤlbe.— Dort gab's gauz andere Scenen; und haͤtte ich eben Zeit, und waͤre ſonſt der Mann dazu: wahrhaftig, ich ſchrieb' an Sie, wie einſt Rabener an Ferber. Einige kleine Zuge muß ich hinpinſeln! 3 Ein junges, fremdes, mir mnbekamte Paar, das nur durch Gefaͤlligkeit aufgenom⸗ men war, ſtand, von allen Uebrigen geſon⸗ dert, ſchweigend, faſt ohne Regung da; eine Linke hatte eine Rechte gefaßt; man blickte einander blos zuweilen in's Auge, und ſchien nun, ohne auf alle Umgebung zu ach⸗ ten, vertrauend Eins dem Andern, der Liebe und unſerm Herrgott, es ruhig drauf ankommen zu laſſen, was denn weiter wer⸗ den moge.— Ein, mir ebenfalls unbe⸗ kannter, ſehr huͤbſcher junger Mann, heftig angeregt und voll enthuſiaſtiſchen Patrio⸗ tismus, hatte unaufhorlich zu thun„ ſich ſelbſt Luft zu machen. Er flog immer ab und zu, brachte ſtets eine neue Siegespoſt, erzaͤhlte ſie haſtig allen, die ſie hoͤren oder nicht hoͤren wollten, unbekuͤmmert, daß eine der andern widerſprach, indem die neue die aͤltere in ihm ſchon wieder verloſcht hatte, jauchzte auf, wenn eine Batterie darein⸗ krachte, und ſchoß wieder fort, um neue Be⸗ weiſe zu holen, die Franzoſen waͤren bald alle todt. Die kecken, vriginellen Einfaͤlle, welche, ihm unbewußt, die Begeiſterung, und die drolligen Sprachwendungen, welche die Haſt ihm abzwang, wuͤrzten ſeine Be⸗ richte ungemein.— Einige, eben in an⸗ muthigem Aufbluͤhen ſtehende Maͤdchen, in deren Naͤhe die treuen Muͤtter fuͤr ſie, nicht fuͤr ſich zitterten, waren von dieſen in die allerdunkelſte Partie des Gemachs geſchoben, und durch eine zweyte, ihnen vorgeſetzte Reihe Stuͤhle vor irgend einem erſten An⸗ lauf, frehlich leicht genug, geſchuͤtzt. Die — 281— — guten, jungen Seelen waren, die Aengſten der Muͤtter theilend, Thraͤnen in den Au⸗ gen, herabgekommen: der Schmerz löſete ſich aber bald in das druͤckende Gefuͤhl der Langweile auf, indem die ewigen Klagen oder Mordgeſchichten ſie nicht mehr intereſſir⸗ ten, und ſelbſt das Aufſchrecken bey dem Knall einer Batterie bald den Reiz der Neu⸗ heit verlor. Sobald aber junge Maͤdchen Langweile fuhlen, iſt ihnen jede Kurzweile willkommen; und ſo nahmen ſie denn die Aufmerkſamkeiten und die Dienſigefliſſenheit geachteter Maͤnner gar nicht ohne Genuß recht freundlich und zierlich auf, ſchienen ſich ganz wohl zu befinden, und laͤchelten zufrieden vor ſich hin, bis etwa ihr Blick auf eine der geaͤngſteten Mütter fiel, und nun ſchnell in ſanfter Trauer niederſank, bis wieder ein Troſter oder eine Erfriſchung na⸗ hete.— Bey drey ruͤſtigen, lebensfrohen Knaben ſchlug der Jammer noch weniger an. Nachdem ſie auf kurze Zeit verſucht, neben den Aeltern dem Ernſt ſein Recht anzuthun, auch manche kriegeriſche Vorkehrungen ge⸗ macht hatten,(der eine, indem er den Saͤ⸗ bel umſchnallte, verſicherte der Mutter hei⸗ lig, er werde jeden, der ihr'was thun wolle, durch den Bauch ſtechen—) wußten ſie ſich unvermerkt zuſammen zu thun, freueten ſich nun halbverſtohlen des praͤchtigen Schießens, und trieben bald ihr gewohntes Weſen ſo friſchweg, daß ein gewiſſer Herr, damit ſie den Bekuͤmmerten nicht zu großes Aergerniß gaͤ⸗ ben, mit ſcharfen Worten dreinzufahren fuͤr nothig erachtete; was denn auch, zu ſeiner Genugthuung, ſo wuͤrkſam war, daß man die Knaben lange nicht mehr ſahe. Die Sache war aber: ſie hatten im Gewoͤlbe ein hohes Faß mit Mandeln ausgegattert, geſchickt einander hinauf und hinein geholfen, und ſchmauſeten da in ſtillem Behagen mit ſchoͤn⸗ ſtem Appetit. 6 Doch womit verbring“ ich mein Stuͤnd⸗ chen Zeit! Ich laſſe die weitern kleinen Randberzierungen des großen Schlachtge⸗ maͤldes unfortgeſetzt, und rufe nur noch aus: Wie intereſſant mußten doch alle Menſchen, wie reich und mannichfaltig das Leben un⸗ ter ihnen ſeyn, waͤren ſie nur immer, wie in ſolchen Momenten, bis dahin angeregt und gehoben, daß ſie ſich gäben, wie ſie eben wirklich ſind!—— unter denen, die in der Stickluft des Gewolbes mit uns ſchwer aufathmeten, war auch der badenſche Oberſtlieutenant von Schoͤmlin, Generalzahlmeiſter ſeines Corps, ein feiner, ſehr gebildeter Mann, der, wie — 284— klug er auch allerdings uͤber Verhaͤltniſſe ſchwieg, welche die Seinen naͤher angingen, mir doch uͤber den Zuſammenhang deſſen, waß eben vorgehe, mauche naͤhere Notizen gab. Ich habe nicht noͤthig, etwas davon anzufuͤhren, denn indem ich dies ſchreibe, hat ſich ſeine Anſicht ſchon durch den Erfolg bewaͤhrt, und ehe Sie dies leſen, wiſſen Sie dieſen Erfolg. Seine Situation— eben in dieſem Moment einer großen Kriegscaſſe vor⸗ geſetzt u. ſ. w.— war wol kritiſch genug: das hinderte ihn keinen Angenblick, als ganz ru⸗ higer, ja galanter, nur auf die kleinen Inter⸗ eſſen unſers Cirkels achtender Mann zu er⸗ ſcheinen, bis dann der rechte Angenblick kam und er— weg war, wie verſtoben.*)— *) Durch rechtlichen Sinn, Muth und Gewand⸗ heit hatte er alſo ſeinem Fuͤrſten und der ge⸗ meinen Sache alles gerettet, was zu retten war. — 285— Indeſſen dauerten Kanonade und Klein⸗ gewehrfeuer aufs hitzigſte, ganz in der Naͤhe der aͤußern Thore, rund um die Stadt, fort. Dieſe Thore waren moͤglichſt verſchanzt, ver⸗ palliſadirt; die Mauern der Gaͤrten Loch an Loch durchbrochen, um unaufhoͤrlich hinaus⸗ zuſchießen und gegen Schuß geſichert zu ſtehn. Viele Kugeln flogen in die Stadt und ſtifteten gar manches Unheil, doch, in Hinſicht ihrer Zahl, fuͤr die zum Ver⸗ wundern wenig, die das Verhaͤltniß zwi⸗ ſchen Schießen und Treffen nicht kennen. In den Vorſtaͤdten pluͤnderten Franzoſen. Man ließ nach Pulver ſuchen, uͤberall, wo irgend etwas davon, wenn auch noch ſo we⸗ nig, zu vermuthen war. Das war Troſt! Wir erfuhren, die geſammte Beſatzung habe heute nur halbe Portionen Munition bekom⸗ men konnen. So war's auch! Im Bruͤhl⸗ ziemlich nahe am Hauſe meiner Frau,(ach, an meinen Gemaͤlden!) ging Feuer auf: es ward bald gedaͤmpft. An einigen andern Orten auch: es gelang desgleichen. Ich ging aus dem, von zuſammengepreßter Menſchenmenge mit erhitzter Stickluft ange⸗ fuͤllten Gewoͤlbe mehrmals hinauf in meine Zimmer, die in's Freye ſehen: aber am Fen⸗ ſter pfifen mir einige Kugeln doch zu nahe vor der Naſe vorbey, als daß ich mich nicht, zumal da noch nichts zu entdecken war, als wildes, tolles Getuͤmmel, bald wieder haͤtte abfuͤhren ſollen. Endlich, endlich— es war etwa drey Viertel auf Ein Uhr— erhebt ſich auf der Straße, nahe bey uns, ein graͤßliches Zetergeſchrey. Wir erſchrecken — wir wiſſen nicht, was es iſt; konnen's auch nicht erfahren. Ein wildes Geſchrey anderer Art folgt; eilende Pferde und eilende — 287— Menſchen hoͤren wir daherſtuͤrmen: alles dringt voruͤber, Anderes folgt nach: Gott, es war errungen! es war errungen! Jenes erſte Geſchrey kam von einem Trupp Fran⸗ zoſen und Deutſchen, die ſich verſchoſſen, die Waffen von ſich geworfen hatten, und auf welche die erſten eindringenden Sieger, im Siegesrauſche, einhauen wollten: das zweyte war Freudenjubel, Jubel der Verei⸗ nigung mit denen, die ſich vereinigen woll⸗ ten. Das erſte Corps Preußen, meiſt In⸗ fanterie, mit einem Trupp Koſaken, drang jauchzend die Straße herauf. Nun ich hinauf! Ich kam eben zu den Moment, wo, unmittelbar vor meinen Fen⸗ ſtern, vor meinen Augen, die barfuͤßer Pforte geſprengt war, und nun Tauſende der Siegenden, durch die Gaͤrten, uͤber die Wieſen brechend, doch, zum Erſtaunen ſchnell wieder geordnet, in die Stadt draͤu⸗ geten. Nahe am ranſtaͤdter Thore hatten die Franzoſen noch zwey ſtarke Batterien von gewaltiger Kraft: ein ſtarkes Corps Sieger bricht von der Straße am ſogenann⸗ ten Kuhthurm, und nun durch den Sumpf der Wieſen, durch die Graͤben der Gaͤrten, mit Jubel heruͤber, gerade heruͤber auf die Stadt. Was dagegen ſich ordnen, was ſich entgegenſtemmen will— und deſſen war viel— das wird geworfen, und entweder in die Pleiße, in den Stadtgraben gejagt, oder ballt ſich— z. B. an Reichels Garten— zu Haufen, und ſchreyet, daß Einem das Herz haͤtte zerſpringen moͤgen, in dem uͤber⸗ geſchnappthohen Ton Raſender, um Pardon. In demſelben Angenblick toͤnet von der an⸗ dern Seite, und zum erſtenmal wieder, in meine Ohren der fruͤher tauſendmal vernom⸗ mene, frohliche Marſch der hellen Jagdhor⸗ ner preußiſcher Freywilliger— derſelben, unter denen die befreundeten, jugendlichen Krieger, Theodor Koͤrner, Georg Göſchen u. A. die Waffen trugen. Freund, wie ſelt⸗ ſam ſpielen unſte Sinne mit uns, ſelbſt in Momenten hohen Ernſtes, hoͤchſter Span⸗ nung! Ich wußte, was geſchah; ich hatt' es ja ſchon geſehen: und doch— dieſe wohlbekannten Toͤne, die es nur ver⸗ kuͤndigten— nein, kein Wort bezeich⸗ net den Eindruck, den ſie auf mich machten! Meine Thraͤnen ſtuͤrzten hervor; ich rief uͤberlaut den Meinen zu, herbeyzukommen und gleichfalls zu hoͤren, ob ſie mich gleich nicht vernehmen konnten; von meiner Bruſt war mit Eins alles Beengende verflogen; ich riß die Fenſter auf, und ließ die Kugeln pfeifen, wie ſie wollten; ich wehete mit 1I. Band. T dem weißen Tuche hinuͤber: dann eilte ich hinab, allen/ die mich hören wollten, was ich geſehen, was ich gehoͤrt, zuzurufen. v unten hat die gute, alte Beſitzerin des Hau⸗ ſes, gichtgelaͤhmt an beyden Fuͤßen, mit ihrem Lehnſtuhl in eine, durch ſtarke Pfei⸗ ler geſicherte Ecke ſich tragen laſſen/ und zit⸗ tert nun der Entſcheidung entgegen. An ſie, vie bis zum Sterben Geaͤngſtete, wende ich mich zunaͤchſt, beuge, ihr Troſt und Frende einſprechend„ mich zu ihr, komme dadurch an das Fenſter zu ſtehen: eine vierpfuͤndige Kanonenkagel fliegt in den Hof, ſchlaͤgt mit ſolcher Gewalt an die Mauer unter eben dies Fenſter, daß ſie, abſpringend auf die ent⸗ gegengeſetzte Seite, noch da hart an eine eiſerne Thuͤr kracht— Kam ſie eine halbe Elle hoher an, ſo drang ſie mir durchs Ruͤck⸗ grad, und alles war aus fuͤr mich. Ich — 291— hatte nicht Zeit, nicht Ruhe, dem lieben Gott zu danken: er wird wol aber das Ganze meines Innern in dieſem Momente fuͤr Dank genommen haben. Mich lehrte der Fall zugleich, wie leicht es in der Schlacht iſt, wahre Begeiſterung voraus⸗ geſetzt, den Tod um ſich her fliegen zu ſehen. Ich ließ alſo dieſe Epiſode auf ſich beru⸗ hen und eilte wieder hinauf, die Fortſetzung der Hauptſcenen zu ſehen. Voör meinen Au⸗ gen war kein eigentlicher Widerſtand mehr. Die Sieger zogen in ſcharfgedraͤngten Rei⸗ hen eilig herein. Neben dieſen Reihen, wo ſich irgend ein Raͤumchen fand, draͤngten Ungeduldige jauchzend noch ſchneller ſich vor⸗ waͤrts. Zwey große preußiſche Jaͤger, die alſo mit verſchlungenen Armen voraufeilten, kamen mir eben zufaͤllig vor das Glas: da e — 2 — 292— ſchießt einer der im Garten vor meinen Fen⸗ ſtern verſteckten Franzoſen einen dieſer wahr⸗ haft ſchoͤnen Juͤnglinge in den Leib, und ſo, daß er ſogleich zuſammenſinkt. Sein Freund will ihn halten: er vermag's nicht; ziehet ihn an eine Linde, lehnt ihn halbaufgerich⸗ tet an ſie, knieet an ſeiner Seite nieder, und iſt liebevoll un ihn beſchaftigt. Es war das kaum zu erwaͤhnen; nur durch die zufaͤllige Richtung eines Glaſes von irgend einem Menſchen bemerkt; ein kleiner Funke zur großen, hochauflodernden Flamme, nur ſo weit dieſe ſelbſt meinen Blicken ſich dar⸗ ſtellete: und doch— wir armen Menſchen konnen ja nur Einzelnes ganz durch⸗ und mitfuͤhlen— dieſer Anblick riß mir tiefer in die Seele, als das tauſendfaͤltig Aehn⸗ liche, was ich nur in Maſſe gewahret hatte. Ich warf mich aufs Sopha; die frohe Be⸗ . — 293— geiſterung war, wenigſtens auf einige Mi⸗ nuten, ganz dahin; und das Lvos des Men⸗ ſchen, Großes nur durch Leiden, Frohes durch Schmerz, Leben durch Tod erringen zu ſollen, trat, wie ein Bild mit Feuer auf Nachtgrund gemalt/ plotzlich vor meine Seele—— Die Rachwuth und Todesverachtung vie⸗ ler verſprengter Franzoſen war herviſch, aber graͤßlich. Im Garten unter meinen Fen⸗ ſtern lauerten nicht wenige hinter Baͤumen, und ſchoſſen immerfort blind unter die ein⸗ ziehenden Sieger, obſchon ſie wußten, es ſey fur ihre Sache umſonſt„und fuͤr ſie der Tod. Selbſt in dem kleinen Pabillon am Hauſe ſtacken deren vier; und als wir ihnen freundlich zuriefen, ſich zu retten, legten ſie auf uns an, und ſchworen dem den Tod⸗ der ihnen naͤher kaͤme. Wir ließen ſie denn ſchalten*). Im Stadtgraben an der bar⸗ fuͤßer Pforte ſtanden viele bis unter die Arme im Waſſer, hielten die Gewehre, und was für dieſe nöthig, empor, luden und ſchoſſen immepfort; und wenn dann Einer won den voruͤberziehenden Siegern, wie ein verſpreng⸗ tes Wild auf der Luſtjagd vom Jaͤger, ge⸗ faßt wurde, und, getroffen, unter die Waſ⸗ ſerflaͤche ſank: ſo ſchrien die Andern, als waͤren ſie die Jäger, uͤber den Gewinn.— Selbſt in dieſer Stunde plaͤnkern von den ²) Zwey davon mochten ſpaͤter entkommen ſeynz ein Dritter lag todt und nackt mehre Tage im Zwinger unter meinen Fenſtern; ein Vier⸗ ter wurde den dritten Tag in einer Laube, dem Verſcheiden nahe„ gefunden: er war nicht verwundet, noch ſonſt krank, ſondern, unn ſich nicht ergeben zu müſſen, wollte er verhungern.— . — 295— Wieſen, aus Geboͤſchen, aus den Gaͤrten, immerfott einzelne Schöſſe ohngenſhtet e6 guncht, ales längſin eutſchiepenn u ſulch einem Erbitterten/ wird er ir od gewiß iſt. m ſnn nndna 14 Gleich nachdem die Preußen in die Stapt waren, quvllen auch Schweden) Ruſſen, Heſterreicher u. ſ. wzu allen Tho⸗ ren herein. Mehre Guaͤrten„beſonderß am grimmaiſchen und Petersthore,“ ja wohre Gartenhaͤuſer, hatten einzeln wie mit Sturm, genommen werden muͤſſen, weil Franzoſen ſich da nach Moͤglichkeit verram⸗ melt, nach Moͤglichkeit gewehrt hatten. Bis in viele Wohnzimmer war gefochten, war geſchoſſen, und gar Mancher erlegt worden. — Das Corps Badner ſtreckte am Markte⸗ unſer ſaͤchſiſches in der grimmgiſchen Gaſſe⸗ das Gewehr; auf Befehl des Kronprinzen — 3956— von Schweden nahmen ſie es ſogleich zuruͤck; und auf den Anruf der Sieger: Bruͤder, mit uns! ſtuͤrzten ganze Haufen einander in die Arme. Dies) ſo wie das Zuſammentreffen der Monarchen auf dem Markte, nahe an der Wohnung unſers Königs, wo ſie eben⸗ falls ſich umarmten und einige Minuten ver⸗ weileten; dazu den Jubel der Wonne, des Preiſes Gottes, von den Herren und allem Volk— dies nicht ſelbſt geſehen, nicht un⸗ mittelbar mitempfunden zu haben, werde ich ſtets fuͤr einen der groͤßten Verluſte meines Lebens achten. So uͤberſtroͤmend, ſo trun⸗ ken die Freude war, ſo doch nicht die geringſte Ausſchweifung vor: kein Menſch, auch nicht Einer wurde beleidigt; alles ſprach nur mit oder ohne Worte aus: „Wir wollen einig ſeyn: ein einzig Volk von Bruͤdern; — 297— „In keiner Noth uns fuͤrchten; noch Gefahr!“ Alle Haͤuſer waren gebffnet; Niemand dachte nur an Gefahr fuͤr ſich oder ſeine Habe. Wer noch Lebensmittel hatte, trug ſie her⸗ aus: ſelbſt dabey ſahe man kein gewaltſames Herandraͤngen u. dergl., wie ausgehungert auch viele der Soldaten waren. Unter mei⸗ nen Fenſtern in der Kloſtergaſſe, wo, wie ich ſchon geſagt, nach mehren Trupps Preu⸗ ßen, ein großes dſterreichiſches Heer,(vom ranſtaͤdter Thore herauf,) den edlen Kaiſer Franz, hochſt einfach, mit mildem Ernſt, an der Spitze— nicht ſowol im Eilmarſch, als in vollem, doch ſtets geordnetem Lauf, dahinzog, war alles, alles nur Freude, bruͤ⸗ derliche Eintracht, Preis Gottes. Dem Hauſe, wo ich wohne, ſollte die Aufnahme und Bewirthung des Koönigs von Preußen zu Theil werden; und ich brauche nicht erſt — 298— zu erwaͤhnen/ wie freudig ich mit Weib und Kind mich in irgend ein Hinterſtuͤbchen einge⸗ ſchachtelt haͤttet aber leider fand man dann, es ſey wenigſtens Ein groͤßeres Zimmer ud⸗ thig, als wir beſitzen—— „Willſt du dich denn nicht hni mit uns freuen 2“ Du haſt Recht, liebes Weib! Ich komme ſogleich. Gott befoh⸗ len alſo, alter Freund!— Mein ſchönes, liebes Connewitz ſoll recht eigentlich verwů⸗ ſtet ſeyn. Vielleicht iſt's uͤbertrieben; aber wenn auch nicht, und kann ich's auch nie wieder aufbaun: ich klage nicht mehr; gehoͤre ich doch unter die, von denen es heißt: Was auch das Schickſal ihm geraubt, Ein ſuͤßer Troſt iſt ihm geblieben: Er zaͤhlt die Häupter ſeiner Lieben, Und ſieh, es fehlt kein theures Haupt— Und ſo: Gelobt ſey Gott!— Damit, gute Nacht, Freund! n u ou n Denoſten Fruͤh. „Genießen Sie die Freude der Rettung der Stadt, und des Siegs der gemeinſamen, guten Sache: aber ſetzen Sie ſich auch in Faſſung, noch einige Zeit die Laſten gern zu tragen, die ſelbſt aus dieſer erwuͤnſchten Wendung der Dinge fuͤr Sie entſpringen muͤſſen, und die auch der beſte Wille nicht von Ihnen nehmen kann.“ Das ohngefaͤhr ſagte Kaiſer Alexahder der Familie, die ihn zu beherbergen die Ehre genoß, und die er ſogleich, vom Erſten bis zum Letzten, an ſeine Tafel zog, mit ſichtbarer Anſtrengung ſie Deutſch unterhaltend, bis er bemerkte, man verſtehe Franzöſiſch.— Schon dieſen Morgen hatten wir Gelegenheit genng, die huldvolle Weiſung gegruͤndet zu finden. Mit den Abſcheulichkeiten„womit viele abziehen⸗ den Franzoſen, zum Theil wahren Mord⸗ brennern gleich, ſich und das Jahrzehend gebrandmarkt, will ich das Papier nicht be⸗ flecken. Bloße Rohheit, und auch heftige Erbitterung, vermag wol kaum, außer etwa in den erſten leidenſchaftlichen Momenten, was hier offenbar mit reifem Bedacht, mit Raffinement— ich freue mich, dafuͤr kein deutſches Wort zu wiſſen— gethan war. Das koͤnnen gewiß nur Menſchen, die ſchon als Kinder an Raub, Zerſtdrung und Un⸗ orduung aller Art gewoͤhnt, dann aus einem Gemetzel in das andere getrieben wurden. Ich kenne freylich die Graͤuel des Kriegs in der Vorzeit; ſie waren allerdings zum Theil noch viel ſchlimmer: aber, wollte man auch den Unterſchied des Verfahrens gegen 1 — 301— Freund oder Feind, wie nun jetzt die Dinge ſtanden, wenig geltend machen„ ſo tragen ſie doch, dieſe Graͤuel, das Geprage grober Unwiſſenheit, roher Gedankenloſigkeit, thie⸗ riſcher Triebe, wilder, blinder Wuth; und wer wollte ſich nun damit nicht eher ausſöh⸗ nen, als mit jenem kalten Ueberdenken und Auskluͤgeln, mit jener geſchickten Betrieb⸗ ſamkeit und Berechnung— kurz, mit je⸗ nem Raffinement?— Die Stadt, ohngeachtet ſie von Solda⸗ ten ſo vollgeſtopft war, daß nicht nur in al⸗ len Straßen, auf allen Plaͤtzen, ſondern auch in den Hoͤfen großer Haͤuſer, nament⸗ lich dem meinigen, Mann an Mann ſtand, (oder gar Pferd an Pferd, und der Mann drunter,) und nur Offiziere in Zimmer auſ⸗ genommen werden konnten; ohngeachtet deſ⸗ ſen, ſag' ich, weiß man nicht das Geringſte — 302— von Exceſſen. Die Stadt war ruhig, bis ſie— unruhig ward, vor neuem Schrecken nůmlich. nh Sch fuͤhlte das Mißverhaͤltniß zwiſchen einem uͤberreizten Geiſt und erſchoͤpften Koͤr⸗ per zu peinlich, um feſt ſchlafen oder hell wachen zu koͤnnen, bis ich endlich doch nach Mitternacht in einen, jedes Mißverhaͤltniß aufloͤſenden Schlummer verſank. Nun ſioßt mein Schlafzimmer unmittelbar an das, der Familie des Rathsbaumeiſters, Herrn Vs. Ohngefaͤhr zwey Stunden mocht' ich geſchla⸗ fen haben, ſo hoͤr' ich ſtark und wirderholt an meine Wand pochen. Ich fahre auf, und tufe, noch in Betaͤubung: Was giebt's denn?„Sehen Sie nur an's Fenſter!“ Ich ſpringe hin: da ſchlaͤgt, gerade vor mei⸗ nen Augen, eine maͤchtige Flamme hell und praſſelnd gen Himmel auf. Die Betaͤnbung, — 303— aus der ich nicht kam, die ſich vielmehr nur anders wendete, ließ mich die gewohnliche Taͤuſchung uͤber die Eurfernung nächtlicher Feuersbrünſte; oder vielmehr⸗ ließ mich al⸗ 3 les vergeſſen, außer daß ich dorthin muͤſſe. In einigen Minuten war ich vor dem Hauſe, mitten unter ſchlafenden Pferden und Men⸗ ſchen, in ſo rabenſchwarzer Nacht, daß auch kein Schritt zu ſehen war.(Die gewoͤhn⸗ lichen Laternen anzuzunden hatte man weder Zeit, noch Raum gefunden.)“ Ich tappte denn und ſtolperte, ſo gut ich konnte, vor⸗ waͤvtse kein Wachender begegnete mir. So kam ich ins innere ranſtãͤdter Thor, wo ich zu⸗ erſt wieder die Flamme erblickte, und zugleich von der Wache erfuhr/ die aͤußerſten Haͤuſer des Steinweges waͤren in Brand gerathen. „Warum wird denn nicht geſtuͤrmt?“— Es iſt verboten.“— So komme ich durchs Thor— hilf Hinmel, in welch einen Graͤuel der Verwuͤſtung! Behm matten Schein der ausbrennenden/ verlöſchenden Wachfeuer bi⸗ vouakirender Haufen, die, vor Erſchoͤpfung, in unbezwinglichen Schlaf verſunken waren, ſehe ich halb und halb, wie eben hier, am engſten Eingang zur Stadt, und wo am hartnaͤckigſten gefochten, der fliehende Feind am maͤchtigſten ergriffen, ſein Fuhrweſen gaͤnzlich zerſtort war, der Boden uͤberall be⸗ deckt lag von einem Gemenge ſterbender und geſtorbener Menſchen und Pferde, Kanonen, Pulberkarren, Wagen, Kriegsgerathſchaf⸗ ten u. dergl., ſo daß, beſonders ohne Licht, außer jenen truͤben, fernen Feuern, ſchlech⸗ terdings nicht anders fortzukommen war, als gerade druͤberhin. Der gewaltſam exal⸗ tirte Zuſtand, in dem ich war, ließ mich an gar keine Gefahr— an nichts denken, als daß ich helfen muͤſſe;(ich— mit nichts, als zwey verwohnten Haͤnden!) und ſo drang ich denn vor, und vor, bis ich dem Feuer nahe war, aber dieſſeits dem Muͤhlengra⸗ ben, da jenes jenſeits war. Druͤben war ein dumpfes Laͤrmen und haſtiges Widerein⸗ anderlaufen: jedermann hatte, nach der er⸗ ſchopfenden Unruhe der letzten Tage, im fe⸗ ſteſten Schlafe gelegen„ und war urplotzlich aufgeſchreckt worden. Ich will hinuͤber, und ſuche und ſuche nach den Bruͤcken: die wa⸗ ren ja aber von den fliehenden Franzoſen ſůmmtlich zerſtoͤrt! Da ſtand ich denn— das etwas alberne Bild ungeſchickten, men⸗ ſchenliebigen Enthuſiasmus— und gaffte, und ſtampfte; indeß, zum Gluͤck, mein be⸗ ſonnener Wandnachbar und mehre andere fuͤr unſre Loſchanſtalten verpflichtete Maͤnner, viel kläͤger und gewandter, als ich, einen m. Vand. U — 306— Weg, hinten vom Lazareth her gefunden, durch die Gärten gedrungen, und mit, eben⸗ falls auf dieſem Wege herbeygefuͤhrten Spruͤtzen ſchon in poller Thaͤtigkeit waren. Aber es fehlte noch an Arbeitern und Waſ⸗ ſer; ich hoͤrte das Geſchrey nach beyden. So ſtolperte ich, wie ſchnell irgend moͤglich, zuruͤck, Laͤrmen in der Stadt machen zu hel⸗ fen.(Ich— mit meinem Stuben⸗Bari⸗ tono!) Im innern Thor komme ich eben dazu, als fuͤnf oder ſechs Reuter hinaus wollen, deren erſter der Wache in recht gu⸗ tem Deutſch zuruft, er ſey der Platzcom⸗ mandant.„Mein Herr: nur Licht und Raum, und die Sturmglocke: da weiß hier jedermann, was er zu thun hat!“ So rief ich ihm zu: er aber, mit ganz anderer Stimme, ſchnauzte mich an:„Glaubſt du denn, daß ich's zum Spaß verboten habe?“ — 307— —„Nein; aber damit die Herrſchaften nicht erſchreckt werden!“—„Den Teufel! mein Kaiſer waͤr' der Erſte dabey! Aber dann rennt die ganze Armee herzu, und alles ver⸗ ſtopft ſich, und die ganze Paſtete brennt zu⸗ ſammen!“— Danit fort; ich aber ſtans zum zweytenmal verbluͤfft, und aus demſel⸗ ben Grunde, ut supra. Wie wahr aber der dickbaͤrtige Mann geſprochen hatte, zeigte ſich bald, indem, ſelbſt ohne Sturmglocke, die Herren Ruſſen, haufenweis an einander gedraͤngt, mit Pferden und Piken herbeyka⸗ men, die ganze Paſſage verſperrten, ſo daß keiner auch nur einen Schritt weiter konnte, und nun ſie, gelaſſen genug verweilend, mit gelindem Fluchen wechſelsweiſe auf die Flamme und auf die Verwirrung blickten. Als nun auch, nach langer Weile„einiger Raum geſchafft ward, und wenigſtens ein — 308— Theil von ihnen in Bewegung, doch darum noch nicht eben in Thaͤtigkeit geſetzt ward, zeigte ſich zwar ihr herzlich guter Wille, aber verbunden mit hoͤchſtunerfahrner, ungeſchickter Handfeſtigkeit, mithin viel weniger nützlich, als komiſch, ſo daß man's lachend haͤtte genie⸗ ßen konnen, waͤre man vor Mitleid und Sorge dazugekommen. Mehre faßten mich um den Arm(das Kuͤſſen haben ſie ſich ſeit der Schlacht bey Lutzen abgewohnt, ſo wie viele einiges Deutſch erlernet,) indem ſie in mich hinein⸗ ſchrieen:„Siehes Franzos? Conjon, Fran⸗ zos! Aber caput Franzos! Hurrah!“ An⸗ dere, die nicht ſo gelehrt waren, wußten wenig⸗ ſtens zu ſagen:„Bruder! aͤh, Bruder!“— Nach fuͤnf Uhr kehrte ich zuruͤck, die Meinen zu beruhigen: dem Feuer waren die Krufte gebrochen; die Loſch⸗ und Huͤlf⸗An⸗ ſtalten in geordneter Thaͤtigkeit. Rur drey Haͤuſer ſind niedergebrannt; das vierte iſt ſehr beſchaͤdigt. Der Haß ruft: abziehende Franzoſen haben es angelegt. Ich weiß es nicht: aber verdammen kann man ſeine Be⸗ ſchuldigung wenigſtens darum nicht, weil man wirklich in mehren Staͤllen, auf Bo⸗ den u. ſ. w., gleich nach ihrem Abzug, Brenn⸗ materialien gefunden hat, und an verſchie⸗ denen Sprutzen, die, waͤhrend des Sturms auf die Stadt, hervorgefahren waren⸗ Roͤh⸗ ren und Eiſenwerk losgebrochen und wegge⸗ nommen war— was man erſt eutdeckte, als man dieſe Spruͤtzen mit großter Muͤhe zum Feuer geſchleppt hatte und nun nicht brauchen konnte. Mag jenen Raub Tuͤcke oder Habſucht veruͤbt haben: er bleibt eine um ſo graulichere Schaͤndlichkeit, je mehr er Bedachtſamkeit vorausſetzte, und je mehr Muͤhe und Fleiß er ndthig machte.— — 310— Nachmittags. Das Innere der Stadt faͤngt an, ſich ſo weit zu ordnen, als es bey ſolcher Enge und Menge moͤglich ſeyn mag: das Aeußere, die Vorſtaͤdte und Alléen, ſelbſt nur von Leich⸗ namen der Menſchen und Thiere zu reini⸗ gen— daran iſt noch kaum zu denken; und moͤchte es nur erſt moͤglich werden, allen, die verſtuͤmmelt und huͤlflos unter Leichen liegen und kriechen, Obdach und Huͤlfe zu ſchaffen!— Von den Straßen dampft ein ſcharfer, verpeſtender Qualm der Excremente von Menſchen und Pferden herauf in die Zimmer, der um ſo ekelhafter und verderb⸗ licher werden muß, da unſre Haͤuſer ſo hoch, unſre Gaſſen ſo eng, der freyen Plaͤtze ſo wenige ſind.— Aus Gaͤrten, und der wei⸗ tern Umgebung uͤberhaupt, hoͤre ich noch im⸗ „ mer einzelne Schuſſe von verſteckten Feinden fallen.— Die ſiegreichen Monarchen gehen, mit wenig Begleitung, zu Fuß umher, um auf⸗ zumuntern, Ordnung zu erhalten u. ſ. w. Ich begann gegen Mittag meine Runde bey Verwandten und Freunden, um zu ſehen, ob und wie ſie leben. Ich fand alles ſo wohlbehalten, als unter dieſen Umſtaͤnden irgend zu hoffen; auch alles voll guten Muths und getroſt in Hoffnung. Bey mei⸗ nem wackern Schwager, R**, wohnt der Generallieutenant von Thielmann. Er kam einige Minuten heruͤber, und ſahe die Reſte des Fruhſtuͤcks ſtehen. Was? ſagte er ſcher⸗ zend zur Frau vom Hauſe; Sie haben Kaffee mit Sahne getrunken? So ſind Sie reicher, als der Kronprinz von Schweden, bey dem ich vorhin war, und dem man dieſe nicht — 312— ſchaffen konnte.— Nach einer Weile ſahe ich aus R**s Wohnung(am Markte) den Kaiſer Alerander, nur von ſechs bis acht Herren begleitet, durch die dichten Reihen ſeiner Krieger auf- und abwandeln. Man kann ſich mit heiterm Wohlwollen wol nicht mehr Haltung und Wuͤrde vereinigt— man kann ſich uͤberhaupt wol kein einnehmenderes Fuͤrſten⸗Weſen denken, als er zeigt.(Seit er zu jener leidigen Verſammlung in Erfurt reiſete, hatte ich ihn nicht geſehen: er iſt be⸗ traͤchtlich ſtaͤrker und viel ernſter geworden.) Unbeſchreiblich ſind die originellen, hochſt⸗ lebendigen, unverkennbaren und tauſendfaͤl⸗ tigen Zeichen herzinniger Ergebenheit und vertrauensvoller Huldigung ſeiner Krieger ge⸗ gen ihn. Wo ihr Jubel laut werden wollte, wendete er es freundlich ab; vielleicht aus Schonung gegen unſern Koͤnig und die Sei⸗ — nen, der— Gott weiß, wie uns, die wir alle ihn verehren und lieben, dies ſchmerzt — am Markte einſam und verlaſſen wohnt. Aleranders Blicke waren nach allen Seiten den Seinigen huldvoll zugewendet, mehren Offizieren nickte er beſonders freundlich zu; ein alter Anfuͤhrer, der Kleidung nach, der Koſaken, fiel ihm in der gedraͤngten Reihe der Soldaten, eben in unſrer Naͤhe, ins Auge: auf dieſen eilte er einige Schritte zu, redete ihn laͤchelnd an, und da dieſer, wie es mir wenigſtens ſchien, von Frende be⸗ zwungen, niederfallen wollte, faßte er ihn ſchnell bey beyden Haͤnden und ſchuͤttelte ſie ihm derb und kraͤftig; da ließ denn der Ju⸗ pel der Umſtehenden ſich nicht mehr zaͤh⸗ men—— Freund, wie wenig bedarf ein Fuͤrſt, um das Volk zum froheſten Enthu⸗ ſiasmus in Verehrung und Liebe zu entflam⸗ 8 . — 31— men, wenn er— dieſes behdes ſchon be⸗ ſitzt! Aber beydes zu erlangen: das mag fuͤr den, der nicht dazu geboren, in dieſer Zeit wol auch ſchwerer ſeyn, als wir Andern zu glauben pflegen. Vorzuͤge des Geiſtes und Charakters, ſelbſt Thaten, thun's, beym Volke, wie bey Weibern, wahrlich nicht al⸗ lein; vielleicht nicht einmal zunaͤchſt. Alexan⸗ der ſcheint geboren, und auch erzogen, die Herzen des Volks zu gewinnen: und ſo mag das ihm eben ſo leicht und natuͤrlich ſeyn, als manchem Andern ſchwer oder unmoglich. Man hat ſo viel vom Gluck oder Ungluck auf Thronen gedichtet, gekluͤgelt, gefaſelt: hier, eben hier moͤchte wol der Mittelpunkt liegen— Seelig, welchen die Goͤtter, die gnaͤdigen, vot der Geburt ſchon Liebten, welchen als Kind Venus im Arme gewiegt, Velchem Phoͤbus die Augen, die Lippen Hermes geloͤſet, Und das Siegel der Macht Zeus auf die Stirne gedruͤckt! Ein erhabenes Loos, ein gottliches, iſt ihm ge⸗ fallen: Schon vor des Kampfes Beginn ſind ihm die Schlaͤfe bekraͤnzt. Ihm iſt, eh er es lebte, das volle Leben gerechnet, Eh er die Muͤhe beſtand, hat er die Charis erlangt. Groß zwar nenn' ich den Mann, der, ſein eigner Bildner und Schoͤpfer, Durch der Tugend Gewalt ſelber die Parce bezwingt: Aber nicht erzwingt er das Gluͤck, und was ihm die Charis Reidiſch geweigert, erringt nimmer der ſtre⸗ bende Muth—— — 316— Uebrigens kounte unſer Einem, aus ſeiner tiefen Ferne, bey jenem Anblick wol einfal⸗ len, es moͤge das Gefuͤhl, alſo Sieger zu ſeyn, und alſo als Sieger gefeyert zu wer⸗ den, etwas faſt Uebermenſchliches— koͤnne aber eben darum auch etwas Gefaͤhrliches haben, wo nicht fuͤr den Gefeyerten, doch fuͤr die Welt.— Konig Friedrich Wilhelm ging wenig aus; zunaͤchſt aber in die Niclaskirche. Hier verſprach er, wie ſehr auch die Umſtaͤnde draͤngeten— dieſe ſchone, jetzt unſre einzige Kirche, ſolle uns unverſehrt bleiben.— Den Kronprinzen von Schweden ſahe ich eben⸗ falls, umgeben von nicht wenigen vorneh⸗ men Offizieren, ſehr lebendig, heiter, fen⸗ rig. Dieſe ganze Bildung, Geſtalt und Haltung, dies geſammte Benehmen, und beſonders dies ſchnell bewegliche, geiſtvoll — 317— umherleuchtende Auge— welch eine, von jenen beyden ganz verſchiedene, techt, aber im ſchonſten Sinn, franzbſiſche Individua⸗ lität!— Der ritterliche, herviſche Ponia⸗ towski iſt wirklich, wie es geſtern das Ge⸗ ruͤcht verbreitete, in der Elſter am reichen⸗ bachſchen Garten, mit mehren ſeiner kuͤhnen Polen, ertrunken. Man hat ſeinen Leich⸗ nam gefunden, und ziehet uͤberhaupt noch immer viele Verungluckte aus unſern Ge⸗ waͤſſern—— Die Hungersnoth kann uns noch Schrek⸗ kensſcenen bereiten, wird ihr nicht bald ab⸗ geholfen. Wie ſoll man dies aber? Mehre Meilen rund um die Stadt iſt alles, theils auſgezehrt, theils verwuͤſtet oder fortge⸗ ſchleppt. Feldmarſchall Bluͤcher hat auf⸗ fordern laſſen, die Soldaten ſatt zu machen — womit es auch ſey; ſie muͤßten und wuͤr⸗ den vorlieb nehmen: aber ſatt werden muͤß⸗ ten ſie auch; ſonſt ſey er genoͤthigt, zu ver⸗ ſtatten, daß ſie uͤberall ſelbſt nach Lebens⸗ mitteln ſuchten. Das iſt gewiß eben ſo ge⸗ recht, als gemaͤßigt; und wahr iſt es, nicht nur der gemeine Mann, auch die Vorneh⸗ mern ſind mit allem zufrieden, was nur den dringendſten Beduͤrfniſſen abhilft: gleichwol, man muß ja doch haben, um zu geben! Und wuͤrde jenes Angedrohete erfuͤllt: wer könnte ſchaffen, daß die Suchenden dem Reize nach gar manchem Andern widerſtuͤnden, oder, faͤnden ſie gar nichts, den Unmuth nicht hin⸗ durchbrechen ließen? Doch, wir thun, was moͤglich: da wird ja Gott helfen!— Und eben kam ein Freund mit der Nach⸗ richt zu mir,(es iſt§ Uhr) es gehen große Zuͤge des Heeres fort, den Franzoſen nach. Das iſt ja ſchon einige Huͤlfe!—— — 379— Daß ſich Geruͤchte uͤber Geruͤchte haͤu⸗ fen, weil nun freylich die Leute auch begrei⸗ fen wollen, was ſie erfahren; das denken Sie ſich ohne meine Verſicherung. Es ſey genug, eines anzufuͤhren, das, iſt es wirk⸗ lich erſt in das Factum hineinexegiſirt, kei⸗ nen uͤblen Hermeneutiker verraͤth. Die ver⸗ buͤndeten Fuͤrſten und ihre Heerfuͤhrer, ſagt dies Geruͤcht, haben durchaus nicht gewußt, daß Napoleon geſtern Vormittags noch in der Stadt war; ſie ſind vielmehr durch fal⸗ ſche Nachrichten, die man franzbſiſcherſeits ausgeſandt, damit ſie aufgefangen wuͤrden, getaͤuſcht und der ueberzeugung worden, er fuhre ein Corps bey Borna u. ſ. w. hinüber. Dieſer Taͤuſchung verdanke er ſeine Rettung, wie die Stadt die ihrige: denn, ihn zu fan⸗ gen wuͤrde man ſonſt alles drangeſetzt haben⸗ wie er, ſich nicht fangen zu laſſen— was dann beydes uns haͤtte zu Grunde richten muͤſſen. Jetzt will man wiſſen, er denke ſich zur Vereinigung mit Davvuſt durchzu⸗ ſchlagen, der zwiſchen 40 und 60,000 Mann herbeyfuͤhre: aber wenig Franzoſen, ſondern Hollaͤnder, Weſtphalen und andere Deut⸗ ſche— die denn hoffentlich druͤben auch nicht laͤnger ſtehen werden, als bis ſie heruber⸗ koͤnnen.— Unſere ſchoͤnen Spaziergönge um die in⸗ nere Stadt ſehen aus— wenigſtens ſo weit ich ſie noch betrachten können, naͤmlich vom Schloß⸗ bis zum ranſtaͤdter Thore— wie ein Schlachtfeld. Nur große, ſtarke Baͤume, an denen die eilige Art verzweifelte, ſtehen noch. An ein Saͤubern kann man noch nicht kommen: nur die Eingaͤnge der Thore hat man frey gemacht, und von den verwundet umherliegenden ſo viele untergebracht, als bis jetzt möglich. Aber leider liegen auch noch viele unher.„Wie? und Sie ſitzen ſtill, und ſchreiben?“ Ja, ich ſitze ſtill und ſchreibe, weil mein erſchoͤpfter Korper nicht mehr fort kann, und doch vom gewalt⸗ ſam bewegten Geiſt nicht zur Ruhe gelaſſen wuͤrde, ich nicht dieſem a dabey zu thun.— Gegen Mittag kam zu einer Scene, die ich leider wol nie aus meiner Phantaſie loswerde, und die auch mir, wie allen An⸗ wohnern der Thomaskirche, leicht verderb⸗ lich werden konnte. Dieſe Kirche iſt ſchon ſeit geraumer Zeit ein Hauptlazareth der Franzoſen„ beſonders ihrer Ruhr⸗ und Ner⸗ venkranken, und von dieſen geſtopft voll. Nun war in einer der großen Nebenkapellen eine Menge Torniſter, Lederwerk, Patro⸗ nen und dergl. aufgeſpeichert. Jetzt will 11. Vand. N — 322— ich eben aus dem Hauſe gehen⸗ als ich einen einzigen, ſehr ſtarken, doch mehr hohl, als hell— einen ganz eigen lautenden Krach vernehme. Ich eile hinaus; alles draͤngt nach dem Kirchhofe, aber Riemand weiß noch, was es gegeben. Ich werde vom Strome mit fortgetragen bis in die Naͤhe der Kirche: da zeigt ſich's. Gott weiß, durch welchen Zufall war in jene Kapelle Feuer gekommen; was Pulver enthielt, hatte ſich mit Eins entzundet: das Dach der Ka⸗ pelle und ein Theil der Seitenmauer war in die Luft geflogen. Da aber der Platz ganz frey iſt und die Kapelle leicht gebauet, ſo iſt weiter kein Ungluͤck erfolgt. Graͤßlich hingegen war der Anblick, wie die elenden, kanm Lebenden aͤhulichen Kranken, gleich Haufen von Gewuͤrme, Einer uͤber den An⸗ dern herauskrochen, weil ſie nicht wußten, ——— was vorgehe. Alles Erlaͤutern war umſonſih ſie mußten mit Gewalt zuruͤckgetrieben wer⸗ den: es war der graͤuelvolle Gedanke unter ſie gekommen, man wolle die Kirche mit ih⸗ nen in die Luft ſprengen, um ſie nicht laͤn⸗ ger ernaͤhren zu muͤſſen—— Unſer guter König, da er im Moment der erſten Vereinigung der Monarchen, nach Eroberung der Stadt„auf dem Markte ſich nicht zu ihnen geſellete, iſt kriegsgefangen erklaͤrt, ohngeachtet er, ſeit Napoleons Ab⸗ ſchied, kundthat, er werde keinen der Sei⸗ * nen hindern, wenn er zu den Verbundeten uͤbergehen wolle, und ohngeachtet er— das wollen wenigſtens Maͤnner wiſſen, die das allerdings wiſſen konnen— ſobald die Mon⸗ archen in ihren Wohnungen angekommen waren, ſie, und zuerſt den Kaiſer Alexan⸗ der, habe beſuchen wollen. Dieſer Beſuch 2 3 ſey aber abgelehnt worden. Spaͤter beſuchte indeß der Kaiſer Alexander die Koͤnigin. Man ſahe ſie, nachdem er ſich entfernet, wie in Thraͤnen aufgeloͤſet; und ein ſtarker Trupp ruſſiſcher Leibgarde ward am Koͤnigs⸗ hauſe zur Vewachung der hohen Perſonen aufgeſtellt, der denn auch, in der glatten, hoͤchſteleganten Uniform, einer dichten Mauer gleich, daſteht. Kein Beſonnener von uns wird ſich erlauben, uͤber den innern Zuſam⸗ menhang dieſer Anwendung des Volker⸗ oder Staats⸗ oder Kriegsrechts abzuurtheilen; wie konnten wir das auch, da uns noch alle nicht offenliegenden Gruͤnde und Motiven zu einem Urtheile fehlen: aber daß dieſe Strenge auf die Buͤrger einen Eindruck gemacht hat, wie er ſeyn mußte, ſchwerlich aber beabſich⸗ tigt war— das iſt nicht zu verkennen. Kei⸗ ner haͤlt, nicht nur ſein Mitleid, ſondern —— ſeine liebevolle Theilnahme uͤberhaupt mehr zuruͤck; dieſe iſt vielmehr vey vielen eben dadurch— ich will nicht ſagen, erſt wie⸗ der recht lebhaft erwacht, ſondern nur zum recht klaren Bewußtſeyn, oder, wie der Asket ſich ausdruͤckt, zum Durchbruch ge⸗ rommen. Selbſt bey denen, welche glau⸗ ben, wir werden nun um deswillen mehr und laͤnger leiden muͤſſen, iſt dies der Fall: ich bin aber keineswegs dieſes Glaubens, und keiner iſt es wol„ der die Charaktere der entſcheidenden Monarchen nur einigermaßen kennet, und weiß, auch in ſeinem eigenen Innern fuͤhlt, wie Ereigniſſe, wie Wun⸗ der, dergleichen wir und ſie jetzt erfahren, hoch uͤber alles, was Nebenruͤckſicht u. dergl. heißen mag, erheben—— Morgen, ſo iſt es verſprochen und mog⸗ lichſt vorbereitet, ſoll die Stadt und deren naͤchſte Umgebung wenigſtens von dem ge⸗ ſaͤubert werden, was Seuchen erzeugen můßte.— General Bertrand, unſer ehe⸗ maliger Commandant, dem wir fuͤr gar man⸗ ches Gute, und fuͤr die Abwendung noch viel mehrern uebels, ſehr dankbar ſeyn muͤſ⸗ ſen, hat ſich, mit andern geachteten fran⸗ zoſiſchen Generalen und Oberſten, kriegsge⸗ fangen ergeben. Sie werden ſehr anſtaͤndig behandelt. Auch Lauriſton und Regnier ſind gefangen.—— Den 2rſten, Vormittags. Preußiſches Fuhrweſen bringt einen nicht unbetraͤchtlichen Vorrath Fonrage, aber kein Brot, keinen Branntwein, und der Man⸗ gel bey den Einwohnern, wie die Ungeduld bey den Soldaten, nimmt aͤngſtigend uͤber⸗ hand.— Man hort ſeit fruͤh die Kanonade 1 — 322— von Naumburg her, iſt aber in der Stadt über den Erfolg ganz ruhig und ſicher. Geb' es Gott, daß man Grund genug dazu habe: denn kaͤme Napoleon, oder kaͤmen gar ein⸗ zelne Haufen ſeines Heeres, hieher zuruͤck; das Ungluͤck für uns waͤre nicht abzuſehn, wenn auch die allgemeine Sache Deutſch⸗ lands und der Verbuͤndeten dadurch kaum aufgehalten, aber nicht geſtort würde. Bey Erfurt ſtehet eine ſtarke Armee„ Napoleyn zu empfangen; und bey Frankfurt ſammlet ſich ſchon eine zweyte— wodurch denn auch die Verbindung mit Davvuſt ihm unmöglich gemacht werden wird: dies behauptet man wenigſtens als zuverlaſſig; und es findet um ſo leichter Glauben, da es mit Ruhe, ohne Uebermuth, ohne Verachtung oder Schmaͤ⸗ hung des Feindes und ſeiner Kraͤfte— kurz, auf eine Weiſe behauptet wird, die der fran⸗ zöſiſchen, uns Deutſchen ſo verhaßten, und doch aufgedrungenen Weiſe, geradezu entge⸗ gengeſetzt iſt.— Die uns Leipzigern ſo theuern Herren, der Herzog von Padua, und Herr Bacher— ſonſt berühmter„Buͤr⸗ ger, jetzt, ich weiß nicht gleich, was— dieſe ſollen ſich verſteckt noch hier aufhalten: bisher hat man aber vergebens nach ihnen geſucht, und es iſt wol auch kaum glaublich, daß eben ſie) wozu es nun ſey, haͤtten zu⸗ ruͤckzubleiben wagen ſollen.— Bey der Fortſetzung meiner Runde, mich perſoͤnlich vom Geſchick meiner Freunde zu unterrichten, kam ich vorhin auch zur*sſchen Familie. Eben war das bennigſenſche Corps Ruſſen fortgezogen, und ſein Stab hatte ſich bey dieſem vielgeehrten Feldherrn beurlaubt, indeß die vor dem Hauſe verſammlete Schaar wahrhaft ruͤhrende Nationallieder anſtimmte. — Der Feldherr folgte nun, und nahm einen außerſt verbindlichen Abſchied von dieſer wuͤrdigen Familie„ wobey er ſcherzend der Frau vom Hauſe das jetzt ſehr hoch zu ſchät⸗ zende Geſchenk eines feinen, weißen Brot⸗ chens, wie man es ſonſt hier etwa fuͤr einen Groſchen, jetzt aber um kein Gold„echaͤlt, machte. Meine Blick mochten vielleicht et⸗ was Sehnſuchtiges verrathen: das Brotchen ward getheilt, und ich bekam fuͤr meine Frau eine ſchoͤne Haͤlfte, die ich denn auch, aufs ſorgſamſte eingepackt, um den Neid nicht zu reizen, nicht ohne frohen Triumph nach Hauſe brachte.— Wie reich waͤre der Menſch, wenn er, es zu ſeyn, nicht ſo leicht gewohnt wuͤrde!— Die naive Ehrlichkeit der Koſaken, aller⸗ dings unterſtutzt durch gewiſſe eindringliche Huͤlfsmittel ihrer PVorgeſetzten, fuͤhrt, zu⸗ „ ſammengefloſſen mit ihrer uͤberaus innigen Liebe zu gar manchem, was andere Leute beſitzen, vriginelle, aͤußerſt komiſche Ge⸗ ſchichten und Situationen herbey. Vornaͤm⸗ lich in den Vorſtaͤdten dringen ſie, wie die Ruſſen uͤberhaupt, in kleinen Geſellſchaften, gern in die Haͤuſer, und beginnen mit großer Freundlichkeit meiſt in Verſicherungen:„Ko⸗ ſak, gut Mann! Bruder: Koſak nir neh⸗ men!“ Nun faͤllt ihnen aber alles auf; ihre Blicke haften bald auf dem, bald auf jenem: und unter Wiederholungen jener Verſiche⸗ rungen— ſchenken ſie ſich's.„Bruder: gieb Koſak das— gieb Koſak jenes“— und indem ſie die Bitte noch ausſprechen, iſt das Ding in ihrer Taſche. Doch fallen ſie nicht auf das Koſtbarere, um es zu verſchachern, ſondern kindlich auf das, was ſie zu brau⸗ chen denken, oder kindiſch auf das, was blos 5 — — 33— den aͤußern Sinn reizt, wovon ſie ſich dun⸗ kel ein Vergnuͤgen verſprechen, ohne es zu kennen u. dergl. m. Zu*** kommen ſeche bis acht Mann, da er eben mit den Seinen bey Tiſch ſitzt. Unter obigen, immerfort wiederholten Verſicherungen eignen ſie ſich, mit herzlichem Haͤndedrucken, nichts zu, als alle aufgelegten Beſtecke. Bey**, der eben ſeinen Saal vollends ausraumt, fallen Andern auf dem Billard die Baͤlle in die Au⸗ gen: ſcherzend, mit freundlichen Bitten dar⸗ um, flehen ſie zulangend um dieſe Kugeln, um nichts, als dieſe Kugeln— gewiß nicht, weil ſie denn doch ſchon von einigem Werth ſind, ſondern weil ſie rollen.— Auf der Straße ſind ſie noch beſcheidener, und da gilt auch eine Gegenvorſtellung. Als ich vorhin uͤber den Markt durch ihre Reihe gehe, taͤtſcht mich etwas von hinten ziemlich derb . auf die Schulter: ich ſehe mich ſchnell um: Aeh, ſagt einer von drey Ruſſen, die verei⸗ nigt ſtehen— Aeh, ſchoͤn' Rock! Bruder—! und nun eine leicht verſtaͤndliche Geſte.„Den brauch' ich ſelbſt, Bruder! und dir iſt er zu eng!“„Aeh gut gut“— und dies ſo freundlich geſprochen, als jenes.— So leben wir mit ihnen gewiſſermaßen im Na⸗ turſtande, der, wenn gleich ſein Verſchnu⸗ pfendes und Unbequemes, doch wirklich auch ſein Unſchuldiges und Ergotzliches hat. An⸗ ders, und weder unſchuldig, noch ergotzlich, fallen nicht ſelten, beſonders in den Vorſtaͤd⸗ ten, dentſche Landsleute ein und aus. ch will Bedeutenderes, das mir vorgekommen, mit dem Mantel chriſtlicher und vaterlaͤndi⸗ ſcher Liebe bedecken: eine charakteriſtiſche Bagatelle ſey auch hier genug! Zu dem gu⸗ ten*** poltert ein— ſcher Sergeant, oder ſo was, in ſeine einſame, nette Junggeſel⸗ lenwohnung.„Sackerment; hier muͤſſen Franzoſen verſteckt ſeyn! Geſtehn Sie's nur, und heraus damit!“„In meinen Zimmern iſt kein lebendiges Weſen, außer mir und dieſer meiner Koͤchin. Glauben Sie mir, oder ſuchen Sie ſelbſt.“„ Das will ich: bey meiner Seele, das will ich!“ Und nun faͤhrt er herum, ohne jedoch eben genau die Plaͤtze zu beobachten, wo allenfalls ein Menſch ſtecken konnte. Dann:„Hier, der Schrank— ſchließen Sie mir den Schrank auf!“„Recht gern; Sie finden aber nichts, als gebrauchte Kleider!“„Das wollen wir ſehen! geſchwind!“ Der Schrank wird geoͤffnet, der Held wirft einen Blick hinein, und da er freylich keinen Franzoſen findet, faͤhrt er im vorigen bramarbaſiren⸗ den Tone fort:„Na, Sockerment, ſo will * ich derweile— die Weſte mitnehmen!“— Damit ſteckt er ſie in ſeinen Buſen, und geht fluchend ab.— Da ich einmal in Anekdoten gerathen bin, ſiehe hier auch noch die, vom Abſchiede des franzoſiſchen Herrn Kriegscommiſſairs, der bey mir einquartiert war und deſſen fruher mehrmals gedacht worden. Den roten, etwa von 9 Uhr an, fing auch er an unru⸗ hig und eilig einzupacken, indeß ſeine Worte noch immer die alten, prahlenden blieben, und er namentlich auch meiner Frau, mit der er auf dem Vorſaale zuſammentraf, artig genug verſicherte: ſie moge ganz ruhig ſeyn; es werde alles gut gehen: ſein Kaiſer ſchutze die Stadt, und er das Haus. Seine Hab⸗ ſeeligkeiten fuͤlleten ein großes Felleiſen; eine elegante Uniform und ein uͤberfeiner, dunkel⸗ blauer Tuchmatin wurden uͤber den Stuhl — gehangen. Jetzt, ſagte er mir, muͤſſe er zu ſeiner Behörde; es konne geſchehen, daß er mit dieſer in ein anderes Standquartier beor⸗ dert werde: dann wolle er zuvor ſelbſt zu⸗ ruckkommen, ſeine Sachen abzuholen, oder dieſen ſeinen deutſchen Bedienten deshalb zu⸗ ruͤckſenden; Andern moge ich ſie ja nicht aushaͤndigen— bey Verantwortung und Erſatz. Damit ging er: es war zwiſchen 9 und 10 Uhr. Zwiſchen 10 und 11 Uhr kömmt dieſer ſein Bedienter, die Sachen ab⸗ zuholen, die ihm denn auch nicht vorenthal⸗ ten werden; zwiſchen 11 und 12 Uhr kömmt der Commiſſuir athkmlos zuruͤck:„Iſt mein Bedienter hier geweſen?“„Allerdings; er hat Ihre Sachen abgeholet“— Er ſtürzt verwuͤnſchend fort; und nach 1 Uhr— die Stadt war eben eingenommen und das Haus noch verriegelt— koͤmmt dieſer Bediente an gutem Beyſpiel, und einige heiter ſcherzend, vaſſelbe zutuck, begleitet einen vornehmen deutſchen Offizier, in deſſen Dienſt er ur⸗ plotzlich getreten z weiſet dieſen in's Haus, reitet eines der ſchoͤnen Pferde ſeines vori⸗ gen Herrn, hat den feinen Matin um ſich, nach der Phyſiognomie des Felleiſens zu ur⸗ theilen, auch dies in Sicherheit gebracht, und als meine Leute erſtaunet ihm naͤher tre⸗ ten, ruͤhmt er dem neuen Herrn uns Be⸗ wohner des Hauſes, und fluͤſtert jenen zu: Ja, im Kriege aͤndert ſich's ſchnell mit dem Menſchen!— Von der nicht genug zu preiſenden Ge⸗ nuͤgſamkeit eben der gebildetſten und vor⸗ nehmſten Offiziere der Alliirten— in wel⸗ cher ihnen freylich ihre Monarchen ſelbſt mit vorangehen— fuͤhre ich nur Einen Beweis aus meiner Naͤhe an. Zu einer ehrwuͤrdi⸗ 38— gen, bejahrten Matrone, kommt ein ruſſi⸗ ſcher Graf mit ſeinem Bedienten— gern nennete ich ihn, haͤtte die Dame nicht ſeinen Namen vergeſſen— und bittet um Quar⸗ tier und was ſonſt ihm hoͤchſtnoͤthig. Ich habe alle meine Einquartierung ſchon ange⸗ wieſen bekommen und außer meiner Woh⸗ nung verſorgt, ſagt ſie, der Wahrheit gemaͤß; ich bin hier mit Einem Dienſtboten allein; meine Nahrungsmittel ſind, bis auf einen kleinen Vorrath Erdaͤpfel, aufgezehrt— Ich glaube das alles gern, antwortet er: aber ſeit vier Tagen habe ich kein ordentli⸗ ches Unterkommen gefunden, bleibe hoͤch⸗ ſtens bis uͤbermorgen fruͤh, nehme mit al⸗ lem vorlieb: wollen Sie mir das verwei⸗ gern?„Da ſey Gott vor; aber nur Eine Stube und Ein Bett kann ich Ihnen geben u. ſ. w.“„Alles gut!“ Er richtet ſich ein, n. Baut. PM ſchont die Frau vom Hauſe auf alle erſinn⸗ liche Weiſe, der Bediente liegt vor ſeiner Thuͤr auf der Diele, beyde genießen den Abend, und folgenden Mittag und Abend, Erdaͤpfel und wieder Erdäpfel, nur in ver⸗ ſchiedenen Geſtalten, und ziehen dann, mit Dank und frohlich weiter.— Welch ein Contraſt gegen das, was wir ſonſt, ſelbſt vom geringſten franzoſiſchen Troßbuben er⸗ leiden mußten!— Im Hofe und im Vorhauſe des Gebaͤu⸗ des, wo ich wohne, liegen mit ihren Pfer⸗ den 42 Mann Schweden. Will ich mir das Herz laben, ſo ſehe ich dieſen Maͤnnern— faſt Rieſen der Geſtalt nach, und in der Ge⸗ ſichtsbildung beynah alle nach Einem Schnitt — in ihrem ſtillen, bedachtſamen, beſchei⸗ denen und bruͤderlichen Thun und Weſen, ein Weilchen zu. Als dieneten ſie unter Gu⸗ — 385 ſtav Adolph, ſo kommen ſie mir vor. Es fehlt ihnen faſt an allem: keine Klage, keine Beſchwerde, nichts Unfreundliches wird ge⸗ hort. Sie geben ſich, werden ſie nicht be⸗ ſonders aufgefordert, mit Niemand ab, ſon⸗ 3 dern ſind blos unter ſich; und auch das ohne alles Geraͤnſch, ja faſt ohne ein lautes Wort. Was man ihnen giebt, viel oder wenig, gut oder ſchlecht, das nehmen ſie mit ruhigem Dank an, und theilen es unter ſich, bekaͤme auch der, dem es doch zunaͤchſt gebracht worden, nun kaum einige Biſſen. Ehe Einer an ſich denkt, muß ſein Pferd verſorgt ſeyn. Mit dieſen Thieren ſtehen ſie in wahrhaft traulichem Verhaͤltniß, wie —— ——— —— 3 —— —— — dieſe mit ihnen; gerade ſo, wie das Freund Fouqus ſo anmuthig zu ſchildern pflegt. Kommen ihrer Einige, die nach Fourage ge⸗ ſandt, mit dem Wenigen zuruͤck, was ſie haben erhalten konnen: ſo treten ſie zuſam⸗ men, Einige machen gleiche, wenn auch noch ſo kleine Theile, und nun traͤgt jeder den ſeinigen dem lieben Thiere zu, mit gu⸗ ten Worten erſetzend, was an Nahrung ge⸗ bricht. Angeredet, geben ſie gelaſſen an⸗ ſtaͤndigen Beſcheid, ohne ſich aber in mehr, als dazu noͤthig, einzulaſſen. Am fruͤhen Morgen ſitzen die meiſten auf der Erde, auf den Treppen u. ſ. w. und leſen in ihren klei⸗ nen Pſalmbuͤchern. Sie halten ſich, wie ihre Pferde, ſehr reinlich, und verrichten das dazu Nothige ſtill und moglichſt verbor⸗ gen. Koͤmmt einer ihrer Offiziere zu ihnen, ſo giebt das kein Aufheben, ſo wenig Scheu, als Zudringlichkeit, ſo wenig Verſchloſſen⸗ heit, als Geſchwaͤtz: ruhig und anſtaͤndig ſpricht er zu ihnen, ruhig und anſtaͤndig ant⸗ worten ſie Ueber ihre vielen Gefallenen — 34— ſprechen ſie mit wenigen frommen Worten, und ohne alle Klage; ſelbſt uͤber die verwun⸗ deten Bruder ſagten mir, die ich befragte, kaum etwas mehr, als:„Gott wird fur ſie ſorgen;“ und uͤber ihren Kronprinzen:„Er hat uns gut gefuͤhrt, und das Volk iſt ihm lieb.“—— Ach, der armſeeligen Pinſe⸗ ler, die da glauben mit Schilderung duͤſte⸗ rer Burgen, eiſiger Flaͤchen, baͤrenſtarker Korper, und dergleichen Zubehor, zugleich den Sinn, das Weſen, das Thun nordiſcher Volker geſchildert zu haben; eben ſo, wie vor einigen Decennien mit den weiten Hum⸗ pen, ſchwarzen Waͤldern und Pfaffenteufe⸗ leyen, das deutſche Mittelalter!— Den zaſten. Fruͤh. Vor meinen Fenſtern ziehen, ſeit etwa einer halben Stunde, Regimenter, vornaͤm⸗ 3 lich ruſiſche„voruͤber, dem Heere nach, das geſtern bey Weißenfels ein ſehr gluͤckliches Gefecht geliefert hat, das auch eine Schlacht genannt wird, und worin beſonders viele Gefangene gemacht worden ſind. Napoleon ſoll ſich nun bey Dornburg uͤber der Saale feſtzuſetzen ſuchen; Alexander, der Kronprinz von Schweden, Schwarzenberg u. ſ. w. ſol⸗ len heute ihr Hauptquartier in Eiſenberg ha⸗ ben. Man erwartet eine wichtige, wahr⸗ ſcheinlich entſcheidende Schlacht. Ohngeach⸗ tet der großen Ueberlegenheit der Verbuͤnde⸗ ten wird ſie ſehr viel Blut koſten, da Na⸗ poleons Stellung, laͤßt man ſie ihn faſſen, vortheilhaft iſt, und was ihm treu geblie⸗ ben, nun fuͤr das Letzte kaͤmpft. Zum Ueber⸗ fluß hat er(ſchon vor der Schlacht bey Leip⸗ zig) unter ſeinem Heere verbreiten laſſen, alle Gefangene wuͤrden von den Barbaren „ 3 mit abgeſchnittenen Ohren und aufgeſchlit⸗ ten Naſen nach Sibirien geſchickt, wo noch viel mehr Hunger und Kaͤlte herrſchten, als von Moskau her: wer aber verwundet ge⸗ funden wuͤrde, dem riſſe man den Leib auf und ließe ihn ſo verſchmachten. Unwiſſend —in allem, was nicht franzoͤſiſch iſt, jedes Aeußerſte liebend, von Erbitterung gegen die Sieger, von blindem Glauben an den Kaiſer erfullt, wie der gemeine Fronzoſe iſt, war das allgemeine Meynung unter dem Heere; wahrſcheinlich war es auch wenigſtens Eine Haupturſache, warum ſelbſt vereinzelt die Beſiegten ſich faſt nirgends ergeben, und viele, wenn ſie ſich verſchoſſen, lieber ſchnell auf der Stelle umkommen wollten.(Mehre Bruͤderſchaften hatten unter einander ausge⸗ macht: fiele Einer ſchwer verwundet, ſo ſoll⸗ ten ihm die Andern ſogleich vollends den Reſt — 34— geben.)— Verderblich fuͤr Napoleon muͤßte nun wol auch der Mangel an grobem Ge⸗ ſchuͤtz und Munition ſeyn. Schon hier, wie ich neulich erwaͤhnt, fehlte es an dieſer; und wie viel von jenem hier und in der Umge⸗ gend gefunden worden, koͤnnte man nicht glauben, ſaͤhe man's nicht einbringen und in mehrfachen langen Reihen aufſtellen.— Es iſt ſchlechterdings nicht uͤbertrieben, viel⸗ mehr aufs genaueſte nachgewieſen und von allen Parteyen eingeſtanden, daß an jenen entſcheidenden Tagen in und um Leipzig eine halbe Million Krieger zum Whl⸗ ge⸗ kommen iſt—— Der nun erſchienene Armeebericht vom 19ten ſcheint mir muſterhaft in Wahrheit der Angaben, und in Einfachheit, Klarheit und Wuͤrde der Darſtellung. Eben ſo mußte er ſeyn, um den erwuͤnſchten Eindruck zu ma⸗ — 3 ½5 chen, den er nun, und bey Leſern aller Art, wirklich macht; eben ſo, nicht nur ohne fran⸗ zoſiſchen Haß, Trug und Uebermuth, fon⸗ dern auch dem Feinde Recht erweiſend, ei⸗ gene Nachtheile bekennend, und in der Dar⸗ ſtellung nicht am Einzelnen mit Hohn, Nek⸗ ken und Prahlen klebend, wie ſelbſt die beſ⸗ ſern Berichte der Franzoſen, ſondern nach ueberſicht des Ganzen, nur ins Große ge⸗ arbeitet. Aus dieſem Bogen, der Ihnen pald genug zukommen wird, moͤgen Sie nun auch manche, meiner fruͤher hier gegebenen Notizen berichtigen und naͤher beſtimmen; moͤgen mein Vereinzeltes zuſammenſtellen, mein hochſt unvollſtaͤndiges, beſonders uͤber den 18ten, eben den entſcheidendſten Tag, ergaͤnzen. Doch werden Sie finden, daß, wie weit mein Auge und Ohr reichte, ich beyde achtſam angewendet habe. Auf A. — 346— W. Schlegel, der in der Umgebung des Kron⸗ prinzen von Schweden hier war, hat der Geiſt der großen Zeit tief und groß gewuͤrkt. Seine, ſo wie Moriz Arndts, jetzige ſchrift⸗ ſtelleriſche Wuͤrkſamkeit ſcheint von vielem Einfluß: Schlegels aber weniger oͤffentlich und volksmaͤßig, als Arndts, deſſen popu⸗ laͤre Compoſitionen in gewaltigen Pfundno⸗ ten einfach und gewichtig einherſchreiten, von der Menge begierig gehort, leicht ge⸗ faßt, und wol auch bald nachgeſungen werden. Zuweilen wol ein Hieb uͤber die Schnur: doch das wird ſich ſchon ausgleichen!— Meine muſikaliſche Metapher fuͤhrt mich zu dem zuruͤck, womit ich heute anfing. Als naͤmlich vorhin die Heereszuͤge vor meinen Fenſtern voruͤbergingen, konnte ich auch, gewiſſermaßen in allgemeiner Ueberſicht, die neue Feldmuſik der Verbuͤndeten beobachten. 5 Wie ganz entgegengeſetzt unſter biöherigen beſonders der ſaͤchſiſchen Militairmuſik, von welcher die ältere im Ganzen ſchleppend und trivial, die neuere charakterlos und kuͤnſtelnd war! Jene neue, und zwar Geſang, Trom⸗ meln und Inſtrumentalmuſik— wie ſie die bezeichnendſte iſt, iſt auch die lebendigſte und wuͤrkſamſte. Eben ſo— im Weſent⸗ lichſten naͤmlich— hatten's und machten's auch die Alten; eben damit wuͤrkten ſie ſo, daß es in ihren Nachrichten faſt fabelhaft ſcheint. Die Commentatoren derſelben ver⸗ ſtanden aber meiſt keine Muſik, nicht einmal die alten Inſtrumente, ſondern konnten die Ton⸗ kunſt ihrer Tage nicht vergeſſen, legten den griechiſchen Kunſtausdruͤcken, die, wie Sie wiſſen, zwar in die neue Muſik, aber in ganz verſchiedener Bedeutung⸗ heruͤberge⸗ nommen worden ſind, den neuen Sinn un⸗ — 3— ter u. ſ. w.; die Muſiker aber, die daruͤber, yaͤtte man ſie geleitet, allenfalls wuͤrden Auskunft haben geben koͤnnen, konnten die Alten weder leſen, noch verſtehen, wurden auch nicht gefragt. Ich habe ſogleich die Melodien jener nationalen Kriegsmuſit— auch die Anwendung der verſchiedenen In⸗ ſtrumente, die Rhythmen der Trommeln n. ſ. w.— aufgezeichnet, und will etwas dar⸗ uͤber fuͤr die muſikaliſche Zeitung auf⸗ ſetzen; weshalb ich's hier nicht weiter aus⸗ fuͤhre, ſondern Sie darauf verweiſe*). Den a3ſten. Unſer Koͤnig iſt mit den Seinigen dieſen Morgen nach Berlin abgegangen, wo er— *) Der Aufſatz iſt einige Wochen ſpaͤter, in No. 44. jener Zeitung v. J. 1313, gedruckt worden. 3 ich weiß nicht, ob als Staats⸗, oder als Kriegsgefangener— im königlichen Schloſſe wohnen ſoll. Ein Buͤrger erzahlt blos das Factum dem andern⸗ einfach und ernſt. Ueberhaupt iſt die Haltung uͤber die Schick⸗ ſale unſers Koͤnigs ſeit der Einnahme der Stadt bey den Bürgern durchaus untadel⸗ haft: bey denen, die deſſen faͤhig ſind, ru⸗ higbeſonnen, in Betracht der noch nicht auf⸗ gehellten Gegenwart gefaßt, in Hoffnung und Zutrauen getroſt: vor allem aber in Liebe theilnehmend und getreu. Vielleicht haͤtte man ſich anderswo anders gezeigt: daß aber kein Anderes, welcher Art es auch ſeyn moͤgen, beſſer und wuͤrdiger geweſen waͤre, ſcheint mir nicht zweifelhaft.— Napoleon hat ſich nicht bey Dornburg feſtſetzen koͤnnen, ſondern zieht ſich uͤber Naumburg, Weimar u. ſ. w. zuruͤck. Mit Sorge und tauſend guten Wuͤnſchen denke ich an alle, die, wie Sie wiſſen, in Weimar meinem Geiſt' und Herzen mehr oder weni⸗ ger naheſtehen, und mich dem ihrigen mehr oder weniger naheſtehen laſſen.— Das Innere der Stadt wird endlich rei⸗ ner; noch aber werden's nicht die Vorſtdte„ viel weniger die Umgebungen, wo ſelbſt die modernden Leichname nur erſt zum kleinſten Theile mit Erde bedeckt werden konnten. An Verwundeten und Kranken zaͤhlt die Stadt uͤber 3o, ooo; mithin faſt ſo viel, als Einwohner. Fuͤr die aͤngſtenden Sorgen um Raum, Nahrungsmittel, fuͤr Furcht vor Seuchen ꝛc. konnte man keinen Troſt geben, als den, der mir Grauen erregte: Geduld; in zwey Wochen lebt die Haͤlfte nicht mehr!*) ₰ Der Troſt war allerdings grauenerregend, aber auch gegruͤndet. — — 351— Von den franzoſiſchen Gefangenen kann man ohngefaͤhr 6000 nicht weiter verwahren, viel weniger unterbringen, als auf dem Gottes⸗ acker, wo die Todtengruͤfte allein ihnen— oder vielmehr, einem kleinen Theile von ih⸗ nen— einigen Schutz gegen rauhe, naſſe Vitterung und Nachtfroſte gewaͤhren. In gllen Winkeln liegen dort Sterbende oder Geſtorbene; ihre Bruͤder ſitzen auf dieſen, gleiches Schickſal erwartend. Von den, dort nicht Eingeſchloſſenen ſchleichen die, welche ſich noch auf den Fuͤßen halten konnen⸗ auf den Straßen umher— Bilder des Entſet⸗ zens oder des Ekels. Wenige ſprechen um Almoſen an; lieber wuͤhlen ſie in Kehricht⸗ haufen nach ſchmuzigen Abgaͤngen aus Kuͤ⸗ chen u. dergl.; mehre hat man gefunden, wie ſie von den noch in den Umgebungen lie⸗ genden todten Pferden zehreten. Das Er⸗ — 35— barmen thut an ihnen, was möglich iſt: aber wie viel iſt denn möglich! und wie ſpat kömmt es an dieſe Unglücklichen! Da es noch immer ſo ſehr an Brot fehlt,(auch ich kann noch keines, und um keinen Preis, zu kaufen erlangen,) da auch andere Nahrung jn den nothigen großen Maſſen ſchlechter⸗ dings nicht herbeygeſchafft werden kann: ſo hat man jedem von ihnen taglich einen Gro⸗ ſchen zugeſtanden, womit er ſich helfen ſoll; einen Groſchen, bey dieſer Theurung! Ihr Elend beſiegt, ſelbſt beym Gemeinſten und Roheſten, alle Gefuhle gerechten Zorns, wie vielmehr des Haſſes und der Rache. Man erzaͤhlt einander zwar ihre letzten Schaͤnd⸗ lichkeiten, die ſich nun immer mehr entwik⸗ keln— wie z. Be ihr Pluͤndern, Zerſtören⸗ Anzuͤnden der Lazarethe, worin ihre eigenen kranken Bruͤder noch lagen: aber Unwille und Empdrung wenden ſich gegen die Maſſe — gegen die Geſammtheit; den Einzelnen, und wenn ſie auch ſchon wieder eine Maſſe und Geſammtheit bilden, beweiſet Jeder⸗ mann Mitleid, und, kann man's, Huͤlfe. So werden im Geiſt' und Gemuͤth jene gleichſam ein Abſtractum— wie auch der Bauer ſagt:„der Franzos;“ und gegen dieſen ſoll's auf Leben und Tod gehen: in⸗ deß er den armen, hungernden Franzo⸗ ſen, kommen ſie nur wie Menſch zu Men⸗ ſchen, gern beyſtehet und dienet.— Jene Ungluͤcklichen nun, die enge, uͤber⸗ fullete Stadt, der Mangel an geſunder Nah⸗ rung bey Vielen, und an Erquickung bey den Meiſten, waͤhrend ſo gewaltſamer, geiſtiger und koͤrperlicher Aufreizungen und Anſtren⸗ gungen bey Allen— dies zuſammengenom⸗ men iſt zunaͤchſt Schuld, daß Krankheiten, II. Band. 3 — — 354. vornaͤmlich ruhrartige und Nervenfieber, auch außerhalb der Lazarethe, furchtbar um ſich zu greifen anfangen—— Doch ich will mich nicht in ein Klagelied, das reich an Strophen und Gegenſtrophen werden konnte, verlieren, ſondern gleich mit der Epode ab⸗ brechen: Ach, daß das Große, Gewaltige, Herrliche im Leben, kaum iſt es aus der Idee in die Wirklichkeit getreten— wenn's nicht den Menſchen gluͤcklich zertruͤmmerte 3 ihn und ſich ſelbſt ins Winzige, Erlahmende, Jaͤmmerliche, gleichſam verſchleppt und ver⸗ ſchlappt! Wahrlich, wenn Einem das, ſo recht lebendig, handgreiflich, und fort⸗ waͤhrend, vor das aͤußere, wie vor das in⸗ nere Auge gefuͤhrt wuͤrde, und der Beſchauer, in ſeinem Innerſten eines maͤchtigen Gegen⸗ halts ermangelnd, ſich dem Eindruck, und was dieſer von ſelbſt erzeugte, hingaͤbe: er — 355— muͤßte— waͤr' er mehr Willenskraft— in einen moͤrderlichen Cynismus des Gefuͤhls; waͤr' er mehr Reflerion— in eine troſtlos reſignirende Weisheit verſinken; wo ihn dann— dort, wie den Fauſt, der Teufel im Sturm holete; hier, wie den Salomo, die Weiber in Ueppigkeit aufloͤſe⸗ ten. Nun, das wird ja der liebe Gott wol auch wiſſen, und uns armen Erdenwuͤrmern wenigſtens das entſcheidende„fortwaͤh⸗ rend“ nicht anmuthen!—— Den z6ſten. Vormittags. Allmaͤhlich kehrt die dffentliche Ordnung, der nothige Lebensbedarf, die buͤrgerliche Sicherheit zu uns zuruͤck. Vorhin war ich in dem großen, ſchoͤnen Garten der uns ſo theuern loͤhrſchen Familie.(Sie ſelbſt iſt, wie Sie wiſſen, ſchon ſeit ſie dies, ihr werthe⸗ ſtes Eigenthum dem Herzog von Padua zu ſei⸗ nen Sommervergnuͤgungen einraͤumen mußte, in das liebe Weimar gefloͤchtet.) Mein er⸗ ſter Beſuch neulich war nur fluͤchtig: heute unterſuchte ich alles genauer. Das ſchoͤne Vorderhaus hat wenig gelitten, ohngeachtet Kugeln ſelbſt durch den, von Oeſer gemal⸗ ten und ſo herrlich verzierten großen Saal geſchlagen hatten— aber, wie beſtellt, durch die hintern Fenſter herein, durch die vordern hinaus. Daß viele der herrlichen, mehr als mannſtarken Baͤume ganz oder halbzerſchmettert umherlagen, daß ganze Partien ausgeſuchter Pflanzungen niederge⸗ treten ſind, daß das Mittelgebaͤude uͤbel weggekommen, daß ſelbſt die getodteten Pferde noch nicht alle unter die Erde ge⸗ bracht ſind, u. dergl. m.— das denken Sie ſich ſchon ſelbſt. Aber wie es in den hin⸗ — 5 tern Partien, am Fluß, ausſahe: das kon⸗ nen Sie ſich nicht denken. Hier hatte ein ſtarkes Corps Polen hitzig, beharrlich und methodiſch gegen den Uebergang der Preu⸗ ßen gekaͤmpft; Batterien fuͤr Kanonen wa⸗ ren da aufgeworfen, ja man hatte einige kleinere Stucke ſogar in das zierliche hintere Gebaͤude eine Treppe hinaufgeſchleppt und damit aus den Fenſtern der Zimmer geſchoſ⸗ ſen. Dorthin war denn natuͤrlich auch das Geſchuͤtz der Herandraͤngenden vornaͤmlich gerichtet geweſen: da bildet denn dies vorher ſo freundliche Gebaͤude in den obern Stock⸗ werken eine traurige Ruine; der untere Saal iſt mit Menſchenblut geſprengt; was von den alten, herrlichen Baͤumen noch ſtehet, iſt ſchwer verwundet u. ſ. w. Wie dieſer Anblick eben auf mich wuͤrkte, der ich ſo oft, gerade hier, mit dem geiſtreichen, ſanft⸗ — maͤnnlichen, wahrhaft edlen Löhr, meinem bis zum Tode getreuen, vertrauteſten Freun⸗ de, ſo ungemein gluͤcklich war: das kann und mag ich nicht ſchildern. Ich weiß frey⸗ lich, daß Baͤume wieder wachſen, Pflan⸗ zungen wieder angelegt, Haͤuſer wieder er⸗ bauet werden koͤnnen; ich weiß auch, daß, wer ſich im Garten des Lebens vor allen Dornenritzen verwahren wollte, auch keine— Roſen ſich anſchaffen muͤßte: gleichwol Doch genug fuͤr heute!— Abends ſpaͤt. Und dennoch komm' ich wieder! Ich kann noch nicht ſchlafen; und dies angewach⸗ ſene Briefpaket muß doch einmal zum Ende und zur Poſt! Ich war dieſen Nachmittag bis Abend zum erſtenmale ſelbſt wieder in Connewitz. Ach, wie entlegen iſt unſer Wiſſen von un⸗ ſerm Empfinden! faſt ſo entlegen, als unſer Empfinden von unſerm Thun! Ich wußte vollſtaͤndig, was ich, im ganzen Dorfe und in meinem Freudenſitz, finden würde; und fand ich einiges Wenige ſchlimmer, als ich gedacht, ſo fand ich dagegen weit Mehres viel weniger ſchlimm. Gleichwol— wie fuͤhlte ich mich, erſt uͤberraſcht, und dann tief in der Seele betruͤbt! Jaja— warum ſollt' ich's leugnen? recht eigentliche Be⸗ truͤbniß erinnere ich mich kaum einigemal in meinem ganzen Leben ſo empfunden zu haben. Das Bild deſſen, was ſich mir dar⸗ bot, zu zeichnen, vermeide ich: Ihnen will ich, es kennen zu lernen, erſparen; und mir wird es leider tief genug in der Seele bleiben, dies Bild, nicht etwa nur des Rau⸗ bes und Verwuͤſtens, ſondern des Muth⸗ willigen, des Höhnenden dabey; das Bild jenes Gefliſſentlichen dem Zerſtdrer ganz Zweck⸗ und Nutzloſen, zugleich ͤußerſt Mähſamen, Schwierigen⸗ Beſchimpfenden — mithin des ſhakſpeare'ſchen: „Luſt an Unluſt, das iſt Luſt!“— Was mir geſchehen, wird ſich, fuͤr Anblick, urtheil und Genuß Anderer⸗ allmaͤhlich wie⸗ der herſtellen laſſen: fuͤr mich ſelbſt aber wird Mehres, und eben von dem, was mir vorzuͤglich lieb war, der Natur der Sache nach, nie wiederkommen/ ſchon weil ich die Zeit, wo dies moglich wuͤrde, nicht zu er⸗ leben hoffen kann: mache ich es aber an⸗ ders, und ſelbſt eben ſo huͤbſch⸗ ſo wird mich doch die Erinnerung an das mir mehr Zu⸗ ſagende, und was ſich hieran aus fruͤhern, gluͤcklichern Tagen im Gefuͤhl gekettet ſchwerlich jemals wieder zum ungeſtorten Genuß kommen laſſen.— Eigentlichen Schmerz hat mir der Verluſt an Habe (was man nun ſo nennt) auch hier keinen Augenblick verurſacht, und ſoll es nicht: wol aber haben es manche kleine Einzeln⸗ heiten, die mir an's Herz gewachſen wa⸗ ren, und bey denen, fuͤhre ich etliche an, Sie meinetwegen laͤcheln moͤgen; muß ich jetzt es doch ſelbſt! Zum Beyſpiel alſo: das ſehr gute Marmorbild des ehrwuͤrdigen Kunſtfreundes Winkler im Garten— des Mannes, dem ich faſt alles verdanke, was ich an Werken bildender Kunſt beſitze, daran gelernet, daran genoſſen habe, und lebens⸗ lang zu lernen und zu genießen hoffe— dies Bild iſt fort; ſelbſt ſein großes, ſchwe⸗ res Steinpoſtament(bey Mangel an Werk⸗ zeugen, mir kaum begreiflich) tief aus dem Grunde herausgewuhlt, umgeſtuͤrzt und in — — 362— Stuͤcke zerſchlagen*). In der kleinen Grotte, wo ich, an der Seite meiner Hen⸗ riette— damals nur meiner Freundin— zum erſtenmale zu bemerken geglaubt, ich konne ihr mehr werden, als irgend ein an⸗ derer Freund: da hatte ich, als ſie eben meine Gattin geworden, eine Tafel mit die⸗ ſen, wenigſtens aus voller Seele gedichteten Worten aufgeſtellt: So ſchon iſts nirgends, wie am heim'ſchen Heerde, Wo mit den Seinen mgn vertranlich lacht; Wo, frey von Kummer, lächelnd der Be⸗ ſchwerde, Des Lebens Bluͤthenmond man zugebracht. ) Die Buͤſte fand ſich ſpaͤter in dichtem Ge⸗ äräuch, wohin man ſie erſt geworfen, und das, hernach liebend ſie verbergend, ſie dem Anden⸗ ken der Zerſtdrer entzogen hatte. D miſſe gern die laute, bunte Erde um ſolches plitzchens ſtille Schattennacht: Was du dir ſuchſt in tauſend Labyrinthen— Dort wirſt dus endlich, oder nirgends finden. Ich hatte die Tafel— weil ich in Liebe⸗ taͤndeley durchaus wollte, ſie ſollte Beſitzer ſpaͤter Generationen, wo nicht an uns, doch jeden an ſich ſelbſt erinnern— mit eiſernen Klammern tief in den Stein, und uͤberhaupt nach aller Moglichkeit befeſtigen laſſen: ſie war dennoch, mit groͤßter Anſtrengung und Beharrlichkeit herausgearbeitet, und dann der Platz mit Unrath ekelhaft verſchimpft. Sie ſoll nie wieder aufgeſtellt werden, dieſe Tafel: denn das thaten nicht durch Wider⸗ ſtand erhitzte Feinde, ſondern Menſchen, die ſich Freunde und Bundesgenoſſen nannten, fuͤr die Land und Fuͤrſt, Stadt und Dorf, * fuͤr die jeder Einzelne, und auch ich, ales gethan, was irgend moͤglich war, und die wußten, es ſey dies alles, was moͤglich— — Mein Herz zog ſich krampfhaft zuſam⸗ men. Ach, moͤge es ſich, in anderm Sinne, nie zuſammenziehen— in Bitterkeit naͤm⸗ lich und Verachtung, da kaltgleichgultige Ge⸗ rechtigkeit nun einmal ſo wenig, als Talent und Neigung fur ſtrenggemeſſenes Herrſchen, in meiner Natur liegt! Ich kann einmal das Ganze nur im Einzelnen faſſen, nicht das Einzelne im Ganzen: ſo erhalte denn — Gott, der du mich kennſt— da ich des Einzelnen, das widrig würken muß⸗ ſo vieles ſehn und erfahren ſoll, auch ſol⸗ ches, das ich recht von Herzen, und im⸗ merdar, achten und lieben kann, damit mein Inneres ausgeſohnt, gemildert, belebt, er⸗ hoͤhet werde, nicht um des Genuſſes⸗ ſon⸗ 365— dern um des Wuͤrdigen und Guten willen! ſonſt nimm lieber noch in dieſer Nacht den Geiſt von mir, den ich ſo eben dir und dem Schlafe empfehle!—— tI. Band. A 6 .— ——— 4 — 3 3 Mehre Stücke des erſten Bandes, und das erſte des zweyten, die fruͤher in Zeit⸗ ſchriften erſchienen, ſind hier verbeſſert. Das dritte des erſten und das dritte des zweyten ſollten nicht neu, ſondern erneuet heißen: ſie ſtehen in einigen meiner fruͤ⸗ heſten Buͤcher, und ſind nur ganz um⸗ gearbeitet. Mißfallen ſie nicht, ſo wird man wol ihnen, wie Menſchen, welche nicht mißfallen, einen Titel vergeben, der nicht ganz fuͤr ſie paßt. Uebrigens erlaube ich mir keinen Wunſch fur alle dieſe Kleinigkeiten, als daß es ihnen, wie denen ergehe, die im Walde, unter ſchönen Eichen und noͤthi⸗ S auf ſie gar nicht. — 370— gem Nußholz, bluhen: mancher Spa⸗ ziergaͤnger pfluͤckt ſie mit einiger Nei⸗ gung, der Wandersmann ſiehet neben⸗ bey kuf ſie nicht ungern hernieder, der Maher laͤßt ſie ſtehen, weil ſie zugleich einiges Futter abgeben, der Holzſchläger und der Jäger von Profeſſion merken Der Verfaſſer. Gedruckt bey Friedrich Driemet in Lubben. Nachricht fuͤr Rechtsgelehrte. Es haben mehrere praktiſche Juriſten den Wunſch geaͤnßert, daß der als Schriftſteller ruͤhmlichſt bekannte Criminalrath und Profeſſor, Herr Dr⸗ Meiſter zu Breslau, eine Compendiariſche Vergleichung des Sachſiſchen Rechtes mit dem Preußiſchen ausarbeiten moͤchte; und dieſer wuͤr⸗ dige Mann hat ſich auf meinen desfalſigen An⸗ trag entſchloſſen, die, wenn gleich nicht eigent⸗ lich gelehrte, doch gemeinnuͤtzige, muͤhſame Ar⸗ beit zu uͤbernehmen. Mit dieſer, gewiß jedem Rechtsgelehrten will⸗ kommenen Anzeige verbinde ich zugleich die Nach⸗ richt, daß das nützliche Handbuch noch im Laufe dieſes Jahres erſcheinen wird, und daß man Be⸗ ſtellungen darauf ſowohl bey mir ſelbſt, als auch in allen uͤbrigen deutſchen Buchhandlungen machen kann, welche prompt zu ihrer Zeit beſorgt wer⸗ den ſollen. . Zuͤllichau, am rſten July 1816. Darnmaunſche Buchhandlung. ſſi ſiſſſſ . 8 9 10 11 12 13 14 15 16 18 19