—=] F S. 3 Leihlibtivchet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur v 3 on 6duard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und geſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe beſie entſprechende Summe hinterkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des eſe verpflichtet. f 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 S feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, da der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Biejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. das Weiterverleihen —2 4 — —— — — ₰ Neue Erzählungen Friedrich Rochlitz. F n 3 w ———————— Erſter Band. U —————————— Leipzig und Zuͤllichan, in der Darnmannſchen Buchhanblung⸗ S— 5 1. Abraham Blechſchmidt.. II. Reime.... 5 Lucie.§ 3. IW. Der Gang zur Thalmuͤhle.„ V 5 almitten. . . VI. Erinnerungen.„ 6 . VII. Dora und Alonzo.„* Anhang⸗ Inhalt des erſten Bandes. — Seite 1 „ . „ X Abraham Blechſchmidt. ——— Band⸗ I. 4 — ——— Schreiben des alten Abraham Blechſchmidt, an die Redaction der muſtkaliſchen geitung von ſeinem Sterbebette geſandt. —— So habe ich denn alle mein Irdiſches be⸗ ſorgt, bis auf die Angelegenheit, in welcher ich mich hier an Ew. Wohlgeb. wende. Mei⸗ ner ſeligen Frauen Stiefſchweſter⸗Tochter⸗ kind, die gute Marie, bleibt aus der Ar⸗ menſchule zu Hauſe, um mich nicht allein zu laſſen, und ſchreibt auf, was ich ihr ſage. Und das iſt eben an Sie gerichtet. Hernach bin ich fertig, und bitte blos noch den lieben Gott, daß er kömmt. Sie aber A 3 — 4— bitte ich, daß Sie hernach etwas aus meinem Schreiben nehmen, und es in die muſikali⸗ ſche Zeitung rucken, die ich nun ſeit ſechzehn Jahren alle Wochen bey den Herren vom Orcheſter herumgetragen habe, und damit wol das Meine auch fuͤr Sie gethan. Sein Plaͤtzchen in der Zeitung verdient aber der alte Blechſchmidt, daͤcht' ich, wirklich: hat er doch ſeit bald vollen dreyundvierzig Jah⸗ ren blos in der lieben Muſik gearbeitet! Ja, damals war ich ein tuchtiger, flin⸗ ker Burſche! Pier und ein Vierteljahr war ich auf der Wanderſchaft geweſen, und hatte faſt ganz Thuͤringen geſehn. Da war mir's, als muͤßt' ich wieder heim, und als waͤr“ es da doch am allerſchoͤnſten, ob ich gleich Nie⸗ manden dort hatte; denn Vater und Mutter und alle waren lange todt. So wanderte ich denn zuruͤck, und je weiter ich kam, je . 1 . — 5— mehr lachte mir das Herz im Leibe, und ich hatte nicht Ruhe, nicht Raſt. Wie ich aber vollends die Thurmſpitzen blinkern ſah, da mußt' ich laut jauchzen; daß mich auch ein Herr aus der Stadt, der ſpazieren ging, an⸗ redete: Was fehlt Ihm denn? Nichts, ſagt' ich, lieber Herr: ich komme nur heim! Da lacht' er mich aus, und ging weiter. Er verſtand's eben nicht. Nun waren meine Gedanken ſo! Zum Meiſter mocht' ich nicht wieder: ich wollte mein eigner Herr werden. Ein Thaͤlerchen Geld hatt' ich mir erſpart, mein blauer Oberrock war noch nicht gewandt, und ein Paar Stiefeln hatt ich mir erſt gemacht: da braucht' ich denn nur das Bißchen Brot, und das wollt' ich mit Flicken verdienen, bis ich's dahin gebracht haͤtte, mich zum Mei⸗ ſterſtuͤck angeben zu können.— Ja, der Menſch denkt; Gott lenkt! Es ging mir eine Weile nur gar zu gut. Ich kriegte Kunden genng aus der Nachbarſchaft, und lebte ſeelenbergnügt. Des Sonntags trank ich ſchon meinen Krug Bier, und trug, wenn ich zur Kirche ging, ein braun und gelb ge⸗ wůrfeltes Halstuch von Seide, auch ſchwarze Mancheſterhoſen. Aber eben darum waͤr'ich wol uͤbermuͤthig geworden, und haͤtte, wie es dort heißt, gefragt: wer iſt der Herr? Da dachte der liebe Gott: Nein, links um, Abraham! du mußt den Stab S ko⸗ ſten!— Schief uͤber wohnten zwey dain eu⸗ denten: die ließen auchybey mir arbeiten. Es trugen aber alle jungen Herten damals große Kurierſtiefeln von gebranntem Rinds⸗ leder, und mußte unſer Einer maͤchtig zu⸗ ſtechen, wenn er ſie zu repariren hatte und S —— vie Sache ſich doch auch hůbſch ausnehmen ſollte. Nun hatte Herr Flautſch, ſo hieß der Eine, ſeinen linken Stiefel einmal mit dem großen Sporenrade einen böſen Schlitz beygebracht. Indem ich nun die Pfrieme derb anſetze, faͤhrt ſie mir ab, und, weil ich eben mit der Rechten halte und mit der Linken zuſtoße, in meine rechte Hand, und wahrhaftig durch und durch. Mit aller Kraft konnt' ich ſie kaum wieder herauszie⸗ hen, und nun ſchoß das rothe Blut ſtrom⸗ weis nach, und zuſehens ſchwoll die Hand auf, faſt wie ein Groſchenbrot.„Ich lief zum alten Corpagniefeldſcher, Heyrn Mehl⸗ horn. Der ſchlug die Haͤnde uͤber'm Kopf zuſammen, nahm mich aber doch in die Cur, und um ein Billiges. Ja, was half das alles? Aus den graͤulichen Schmerzen, wenn er dran'rum ſchnitt oder mit Hollen⸗ , ſtein beitzte, will ich gar nichts machens aber drey Vierteljahre in der Cur, ohne arz beiten zu können— das thut noch ganz an⸗ ders wehe! Da ging ein Stuckchen nach dem andern zum Trödeljuden; ich aber lernte wieder huͤbſch unterducken, und beten, gar manche liebe Nacht hindurch. So wie ich das erſt wieder recht konnte, wurde es auch mit meiner Hand beſſer„wenn gleich Herr Mehlhorn die Geduld verloreh hatte und mir nichts mehr gab. Aber freylich war und blieb ſie lahm an allen fuͤnf Fingern, ſo daß ſich keine Gabel damit fuͤhren konnte, wie viel weniger eine Pfrieme. Was nun thun, wenn ich nicht ſtehlen und mit Ehren durch die Welt wollte? Ich wußt' es nicht, und waͤre bald vergangen in meinem Herzeleid. So kam der letzte Auguſt heran— mein großer Tag, an dem ich nun gewiß hoffe, —— ——— ler iſt uͤbermotgen,) der liebe Gott ſoll mich auch mein letztes Großes vollfuͤhren laſſen. — Es war ein Sonntag; gerade, wie das⸗ mal auch. Ich nahm fruͤh meinen letzten Biſſen Brot zu mir) und da ich eben heute gar zu traurig war, auch wol vprausſahe, daß der Magen um Mittag laut bellen wuͤr⸗ de, ſo wollte ich mich zerſtreuen, und ging ins Freye.— Wie ich an's zweyte Dorf komme, lauten ſie eben zur Kirche. Ich gehe denn mit hinein, und bleibe mit mei⸗ nen Sorgen ganzn hinten in der Ecke ſtehn. Aber wie wurde mir erſt, als ſie nach dem: 5 Allein das ſchoͤne Lied: Ich ſinge dir mit Herz und Mund— anſtimmten„ und ich daraus abnahm, ich feyere da hungernd das reiche Aerndtefeſt mit. Ich hatte das nicht gewußt, wie es denn uns Großſtaͤd⸗ tern mit dem Aerndtefeſte geht. Das Herz — 10— wollte mir zerſpringens und da nun die Kirchkinder noch heller 8„ als 6. an den Vers kamen: n— Du nuhreſt uns von Faht zu Jahr, n Bleibſt immer fromm und treu da konnt' ich nicht mit, und der Feind blies mir einen ſchrecklichen Gedanken ein, gegen den ich mich aber mit allen Kraͤften ſtemmte. — Wie ich nun noch ſo mit mir kaͤmpfe, tritt der Hert Pfarrer auf— ein bejahrter, wohlanſehnlicher Hern: Golt gebe ihm noch heute einen guten Tag im Himmel, wo er nun ſchon lange iſt. Der legte das von„den jungen Raben, die Ihn anrufen,“ ſo herr⸗ lich aus, daß ich mich ſatt— aber ganz geſtarkt ward. Die Gemeinde ging denn endlich, und nun auch der Herr Pfarrer, nahe bey mir vorbey. Ich buͤckte mich tief, wie ſichs — 11— gehoͤrt; auch hatte ich den frommen Herrn recht lieb gewonnen. Da blieb er ſtehen, ſahe mich ſcharf an, und ſagte dann freund⸗ lich: Wer biſt du, mein Sohn?— Ich ſagt's ihm denn; und wie er weiter fragte⸗ erzaͤhlt' ich ihm alles. Als ich zu Ende war, ſahe er mich wieder ſcharf an, und ſagte: Gieb mir deine Hand, daß du die Wahrheit geſagt haſt! Da reicht' ich ſie ihm, und nun glaubte er mir, und hieß mich mit ihm gehn. e Wir kamen ins Haus, und er ließ mir ein Tiſchchen bereiten in der Unterſtube, und hieß mich getroſt ſeyn und mich laben. Jetzt, ſagte er, kann ich nicht weiter mit dir ſpre⸗ chen: mich erwarten oben meine Gaͤſte aus der Stadt und Nachbarſchaft. Sind dieſe aber vergnuͤgt bey Tiſch, ſo bewege ich ſie leicht zu einer Sammlung fuͤr dich; und — 12— dann ſollſt du gerufen werden, und wir wol⸗ len weiter ſehn.— Da war ich denn erſt ganz außer mir vor Freuden: hernach aber, als ich mich geſtarkt hatte, und in der Ein⸗ ſamkeit weiter nachdachte„auch die Gaͤſte oben ſo laut lachen horte, da wollt es mir gar nicht ein, daß ich mit meinem Kummer vor ſie treten ſollte. Auch ſchien mir's, wie Betteln: betteln aber konnt' und wollt' ich nicht. Ich ſchrieb alſo meinen Dank auf den Liſch, verſprach wiederzukommen, wenn Gott mir nicht eine andere Thuͤr aufthaͤt, und wanderte ſo nach der Stadt, getroſt und voll Zuverſicht, der heute ſo wunderbarlich geholfen, werde es ſchon auch weiter, ohne daß ich Andern zur Laſt fiele. Und ſo ward's auch„faſt auf der Stelle!, Als ich naͤmlich ins Thor kam— es war etwa fuͤnf Uhr Nachmittags— da ſahe ich . —— ————— einen alten Mann, der, ganz krumm zu⸗ ſammengebuͤckt, eine große Baßgeige auf dem Ruͤcken trug. Indem er ein wenig ver⸗ ſchnaufte, ſagt' ich— vergnügt, wie ich nun wieder war, ſeit ich gute Gedanken und gutes Eſſen gehabt hatte— Vater, ſagt' ich, der alte Brummbaͤr reitet euch zu ſcharf in die Hitze: laßt mich ihm unterkriechen; ich bin ihm mehr gewachſen.— Ernſt oder Spaß? rief er, und ſchaute an mich herauf. Da ſehet's ſelbſt! ſagt' ich, und lud das Ding mit dem Riemen mir auf die Schul⸗ ter. Wohin ſoll's? fragt' ich nun.„In's Theater!“— Das weiß ich nicht.“— „Ich gehe mit!“— 6 So gingen wir denn, und dann noch zweymal zuruͤck in den Concertſaal und wie⸗ der ins Theater mit neuen Ladungen. Mir machte das Glück zu arbeiten, das ich ſo „ lange entbehrt hatte, und das freundliche . Reden des Alten viel Vergnuͤgen; ja, ich hatte ſogar meine Luſt an mir ſelbſt, als ich ſo tragend mitteninnen ſtund zwiſchen Gei⸗ gen⸗ und andern Kaſten.(Ich verſtand's naͤmlich damals noch nicht, und eine Gei⸗ gen ⸗Schachtel war mir nicht viel mehr, als eine andere.) 1. Hoͤrt, begann hernach mein Alter; eine Lieb' iſt der andern werth! Kommt mit zu mir: ihr ſollt einmal trinken. Eure Art hat ohnehin mancherley Gedanken in mir ge⸗ weckt, uͤber die ich vielleicht weiter reden werde.— Und wir gingen. Aber was fuͤr Augen macht' ich, als wir in die große, ſchone Stube traten! Saftgruͤne Waͤnde, hinaufgebundene Vorhaͤnge, ſchoͤnes, blankes Zinn auf dem Geſimſe, Polſterſtuͤhle, eine braune Nußbaum⸗ Commode auf ſchwarzen Fugeln, und eine ulte Mutter in ſchneewei⸗ ßem Haͤubchen mit einer Spitze: das alles fiel mir auf einmal in's Geſicht. Die Mut⸗ ter hatte in der Bibel geleſen, nahm er die Brille ab, als wir eintraten, und ging dem Manne freundlich entgegen. Dieſer hieß mich ſetzen, ſtellte einen blanken, vollen Krug vor mich hin, und nahm nun ſeine Frau mit in die Kammer, wo ſie eine feine Weile zuſammen ſprachen. Als ſie zuruͤck⸗ kamen, ſahe die gute Frau mich immer mehr und immer freundlicher an. Ich mußte meine Geſchichte erzaͤhlen; dann nahm der Alte das Wort, wie er ſeit langen Jahren der Mann ſey, vhne den hieſigen Orts nichts von Muſik gehoͤrt werde, in der Kirche, im* Concert und in der Oper. Von allen dreyen, ſagt' er, hab' ich meinen ordentlichen Jahr⸗ gehalt, ſo gut wie der Herr Kapellmeiſter; und zu Weihnacht giebt mir obendrein jeder der Herren vom Orcheſter ein Chriſtgeſchenk — die fremden Virtuoſen noch unerwaͤhnt. Da lůßt ſichs denn jteylich warm ſtzen und des Lebens froh werden. Nur leider werden mir nach gerade der Geſchaͤfte zu viele, be⸗ ſonders ſeit einigen Jahren, wo, ſagt' er, alle Augenblicke der boͤſe Feind einen Vir⸗ tuoſen herfuͤhrt. 2i6 1itun So kamen wir denn immer tiefer in den Tert, bis der gute Mann enblich mit der Frage herausruͤckte, ob ich mich ihm ſubſti⸗ tuiren wolle— unter hewiſſen Bedingungen naͤmlich. Wer war glůcklicher/ als ich! und die alte Mutter, die hier das Wort nahm, um die Bedingungen feſtzuſetzen, haͤtte ſie weit ſchwieriger angeben koͤnnen, ich haͤtte ſie doch mit Dank und Freude angenommen. So aber verlangie ſie weiter nichts als daß 4 — 47— ich die Arbeit verrichten und ſie die Ein⸗ nahme behalten ſollte, bis auf die Weih⸗ nachtpraͤſente und die fremden Virtuoſen⸗ die mir ganz zufielen: uͤbrigens aber, und das war die Hauptſache/ ſollte ich alle Mit⸗ tage mit ihnen eſſen⸗ Wir gaben einander die Haͤnde darauf und die Sache war richtig. Mit welcher Freuve ich nun aber den Abend nach Hauſe ging und meinem Gott dankte für eine ſo ſchoͤne Verſorgung: davon will ich gar nichts ſagen.— Den andern Tag fuͤhrte mich mein Gönner und Wohlthater zu alle den Herren, mit denen ich ins Kuͤnftige zu thun hatte: und wahrhaftig, ſie waren alle mit mir armen Schlucker zufrieden, wenn ich ihnen nur ihre Inſtrumente recht in Acht naͤhme und ohne ihr werk rein hielt. Und ſo blieb es denn ins dreyundvierzigſte I. Vand. B ——— — 18— Jahr, bis auch ich miry num bor zwey Mo⸗ naten, in dem ehrlichen Hans Schnupp⸗ haaſe gleichfalls einen Subſtituten geſetzt habe, und am Ziel meiner irdiſchen Wall⸗ fahrt ſtehe. Aus dieſer ganzen Reihe von Jahren weiß ich uur breyerley von wahrer Wichtigkeit zu berichten. n i Nach ſieben Jahren ſtarb naͤmlich meine Principalin, und drey Wochen hernach mein guter Principal auch. Eine alte Muhme von ihnen erbte alles, wie es ſtand und lag. Die Muhme hatte eine Tochter; und die kam mir gar zu gut und gar zu huͤbſch vor, als ſie eintrat im ſchwarzen Kreppmutzchen und um den lieben Herrn Vetter klaͤglich that. Ich ſann hin und ſann her; enblich dacht' ich: der heilge Eheſtand iſt doch nun einmal im Paradieſe eingeſetzt; warum ſoll⸗ teſt du denn jetzt nicht daran denken? du haſt nhle Rach den vier Wochen— es iſt mir noch, als wenn's heute geſchaͤh 1da wollte Lieschen gerade einen ſchweren, zinner⸗ nen Suppennapf vom Geſimſe nehmen, um ihn, wie alles, zur Mutter zu ſchaffen: da faßte ich mir ein Herz und ſagte: Das Ding wird ihr zu ſchwer werden, Jungfer! Beſ⸗ ſer waͤr's wol, ſie ließ alles in der ſchoͤnen Ordnung, wie's iſt!— Wie denn ſo? ſgte ſie, und ſahe gar lieb und freundlich zu mir herunter. Sie ſtand naͤmlich auf dem Schemel, um das Zinn erreichen zu konnen. Ich meyne, verſetzte ich, weil ich doch nun das ganze Amt habe, ſo nehm' ich auch hier das große Logis, und habe ſchon mit dem Wirthe geredet. Und da waͤr' es denn gar zu huͤbſch, wenn alles hier bliebe, und das liebe Lieschen dazu! 6— Und wie ich das heraus hatte, wurde ſie blutroth im Geſicht B 2 — 90— and ſahe aufs Buſentuch: mir vber ging's durchs ganze Leben, und ich hob ſie herunter vom Schemel; und wie wir nun ſo nahe an einander ſtanden, ganz maͤuschenſtill: da ſchlug ſie endlich ihre Augen auf, nach mei⸗ nen; die ſtanden mir nun freylich voll Waſ⸗ ſer; und da ſagte ſier Ja, wenn Er mit der Mutter reden wöllte!— Das war ein Wort! Ich gab ihr den erſten⸗Kuß, und lief nun, als wenn mir der Kopf brennte⸗ zur Mutter. Die— nun, die ſagte„Faz nur můͤßten wir erſt die Trauer abwarten, daß wir nicht in der Leute Maͤuler kaͤmen. — Das waren wir denn zufrieden, und da eben der Sommer anging, wartkten wir noch bis zu dem Tnge, wo ſich mein Gluck nach der Aerndtepredigt angefangen hatte⸗ und ließen uns in der naͤmlichen Stunde trauen, und von dem naͤmlichen Herrn Pa⸗ ſurjde dernmir damals Leib und Suele ſo — geſtuͤrkt hatte. 16b 6 Das Ziwehte, was ich Mhat trug ſich fuͤnf Jahre ſpaͤter zu. Es war naͤmlich unſer hochſeliger Landesherr geſtor⸗ ben, und der neue ließ ſich huldigenu“ Das war nun wol fuͤr Jedermanniteinſſchoͤner, glorreicher Tag: aber mich aüch ein gur ſaurer. Denn von fru ſpaͤt in die Nacht gab's Muſik von allen Thůrmen) und in allen Kirchemj und in allen Saͤlen;wo ich denn graͤulich zu ſchleppen hatte/ und kaunt herum kommen konnte. Ich haͤtt' es aber doch durchgeſotzt, und vhne Schaden, wrnm nicht die Herren Studenten geweſen waͤren⸗ Die brachten abet dem neuen Ländesväter in der ſpaͤten Nucht noch ein Vvat mit Fackelm und Muſik, und ich hatte die Ehre) dabey⸗ in ordentlicher Uniform, die ſie mir liehen⸗ — tragen. Das — 22— und in Buge, als wenn ich dazungehoͤrte) die großen— dem Ruͤcken zu var nun wol vecht ſchoͤn: aber als wir auszogen, war ich ſchon wie ge⸗ kocht, und nun die ſchweren Muken, und die důnne Uniform, die mir ſo eng war, daß ich, pfen konnte, wie arg auch nitt— da mocht'“ 3 2— 6 ich mich wol“ erkaͤltet—„ und wurde ſehr kran. ong Nun, was in h Krankheit mein gies⸗ chen bey Tag und Nacht an mir gethan hat, das kann ich gar nicht ausreden: aber eben darum jammerte es mich um ſo mehr, daß ich ſie wahrſcheinlich bald allein auf der wei⸗ ten Welt laſſen muͤßte. Und wie ich nun in einer ſchlaf n Nacht mich daruͤber recht hruͤnſtiglich 0 lieben Gott wendete: ſo fiel mir die Geſchichte vom frommen Konig Da⸗ * rid ein, wie der guch in tiefer Roth ſaß⸗ und dem Herrn ein Geluͤbde that, wenn er ihn erloſen wollte— worauf bey ihm bald zum Beſſern kehrte. Da⸗ wr ich denn auch ein Geluͤbde; naͤmlich wenn mir ge⸗ holfen wuͤde, ſo wollte ich lebenslang an keinem Sonntage mehr Inſtrumente tragen⸗ außer zur Kirche. u inc nis jun Uonn Ach Gott, ich hatte mit fryich nicht. üͤberlegt, was alles darans entſtehen konne! Es beſſerte ſich mit mir, wie mit dem Kö⸗ nig David, zuſehens, ſo daß ich ſchon in zwey Wochen wieder ausging. Mein erſter: Gang war freylich zu den Herren Muſikern⸗ Sch theilte ihnen mein Geluͤbde mit, und⸗ bat ſie; an den Sonntagen ſich einen jungen! Menſchen, den Sohn meines Wandnach⸗ bars, gefallen zu laſſen. Die meiſten wa⸗ ren zwar datuͤber unzufrieden Einige ſchal⸗ — 24— ten mich einen Simpel, Anere lachten mich gar aus: doch trug ich das alles gern, um des Gewiſſens willen, und endlich ließen ſie mir's doch allenfulls hingehen. c Aber der junge Menſch war ein Leichtfuß: ſchon am zweyten Spinitage ſchmeißt er mit dem Ka⸗ ſten des etſten Herrn Violvncelliſten der«⸗ maßen auf die Steine nieder, daß zugls der Herr aufſchließt, er das Inſtrument faſt ganz in Stuͤcken findet. Alle waren ſchon beyſammen/ alle ſahen das Uigluͤck: war es denn ein Wunder, daß ſie den Faſelhans mit Puͤffen fortjngten auf ewig⸗ unb mich abʒudauken drohoten wenn ich nicht, nach wie vor, auch des Sonntags trůͤge 2 Ich⸗ baty ich ſchuug binen andern Sulſtituten vor, und nuch einen andernt umnſonſt!— Was nun anfangen ¶ Ich ſanh gagꝛiih⸗ Nachtz ich aß nicht“ ſchlief nicht, fiel ſichtlich ab; Lieschen weintez ſie ging ſogar heimlich zu unſerm Herrn Beichtbater/ und frägts, Vb ich denn nicht loskommen könnte, ohne mich am lieben Gott zu verſuͤndigen? ¶Wie die guten Weiber nun ſind: ſie lernen freylich nimm̃ermehr daß ein Mann Wort halten muß, werde auch daraus, was da will¹) 6 Lieschen kam ſaber ohne Troſt bom Herrn nmz 0 nun— So blieb es, bis der naͤchſte ginnten anbrach. Ich kam mir mehr todt, als le⸗ bendig wor. Lieschen ging ſtill zu Markte mit verweinten Angen; ich konnt“ ihr nichts ſagen. Aber nach einer Stunde kam ſie ha⸗ ſtig zuruͤck, putzte ſich/ wie ein Dockchen) eilte davvn, und wieß mich zwrück, ich möchte fragen) wie ich wollte. Drey volle Stunden war ich ie im Traume/ und — 6— konnte mir gar nichts denken. Endlich, es war bald zwoͤlf Uhr Mittags, kömmt Lies⸗ chen wieder, roth, wie ein Roͤschen, mit funkeluden Augen, und ſo vergnuͤgt, wie ich ſie kaum jemals geſehen hatte. Maͤnn⸗ chen, komm! ruft ſie, und deckt den Tiſch⸗ Da ſetze dich, iß, trink, ſey guten Muths: deine Sache iſt in Ordnung!— Was? ſchrey ichz und ohne daß mich mein Gewiſ⸗ ſen beißen kann?— Freylich! ſagt ſie, und erzaͤhlt. Ja ja, die Kinder dieſer Welt ſind kluͤger, wie die Kinder des Lichts⸗ nach dem Evangelio! Wiri hatten naͤmlich bey der Oper eine Saͤngerin, Mamſell Nippe, ein gutes, aber leichtfertiges Weibs⸗ ſtuͤckchen. Die begegnet meiner Frau und fragt ſis, was ihr fehle. Lieschen erzaͤhlt denn.— Nichts weiter?: ſagt die. So ein flikes Welbchen ſollte nicht einmal ein —— Drcheſter herumkriegen konnen? Geh' ſie nach Hauſe, Frau Blechſchmidt; mache ſie ſich huͤbſch; ſehe ſie freundlich und getroſt aus: und ſo gehe ſie von Einem der Herren zum Andern, und bringe ſie ihre Worte an⸗ Es ſchlaͤgt's ihr keiner abꝛ ich ſteh dafur.= Geſagt, gethan! Lieschen ging, hrachte ihr Woͤrtchen an, und keiner ſchlug's ab, nur unter der kleinen Bedingung, daß kein Fremder ſondern ſie ſelbſt an den Sonnta⸗ gen die Inſtrumente bey einem jeden uͤber⸗ naͤhme. Und das will ich herzlich gern, ſagte ſie; iſt es doch fuͤr dich, du guter, frommer Abraham!— Auch hat ſie es reblich erfuͤllet, und iſt es dabey fuͤr immern verblieben, nur daß die Herren, wie's zum Treffen kam, dieigroßen Inſtrumente iht nicht einmal gaben, ſondern ſie durch Mon⸗ ſieur Quauch, den Stiefelwichſer, ſand⸗ — 28— ten; Lischen mußte ich jederzeit dabey — 10 6.% 2 hnt eber das Dritte will ich wenig Worte Nachdem ich mit meiner Frau nun fuͤnf unð dreyßig Jahre— wie ich wöl wor Manchem ſagen kann alles getragen hatte⸗ da rief ſie der liebe Gott, am 25ſten Mah dieſes Jahres, in ſein himmliſches Freuden⸗ reich.— Seit dieſem Tage gefuͤllt mir nichts mehr auf der Erdez ich ſehue mich yinauf⸗„und habe mit zufriedner Steeleamich taͤglich ſchwaͤcher werden ſehn. Mein t⸗ ſtament hab ich gemachta Schreiherin die⸗ ſes, die gute Marie kriegt alles, wenn ſie mir die Augen zugedrůckt hat; mein Sub⸗ ſtitut trägt die Inſtrinnente mit Behutſam⸗ keit und zur güfriehenheit der Herren; ge⸗ ſtern hab' ich meine letzte Communion gehal⸗ ten ſo haß ich den nichts mehr zu wůn⸗ ſchen, als daß die nun auswaͤrtigen Her⸗ ren, die ich ehemals zu bedienen die Ehre gehabt, meinen Hinſchied erfahren, und daß dieſer uͤbermorgen, als den letzten Auguſt, ſtatt habe, weil das nun einmal mein Gluͤckstag iſt. (Dieſer Wunſch des guten Betters iſt erfuͤllt worden. Als die Sonne an dieſem Tage aufging, mußte ich den Vorhang oͤff⸗ nen, daß er ſie noch einmal ſaͤhe, hernach ſeine Haͤnde in einander falten und einen Dankpſalm leſen. Unter dieſem verſchied er. Marie.) II. — 5 * ——— 1. Der Koͤnig und ſein Roß. 8 Der junge Koͤnig liebt ſein ſchoͤnes Roß. So oft er ſich erhebt aus glanzerfulltem Schloß, Darf ihn kein luftverbaunder Wagen— Sein Roß muß hehr und frey ihn tragen. Schwer fuhlt' er heut, wie unter goldnem Throne, Was Herzen gnuͤgt, nur ſelten wohne: Sich neu zu ſtaͤrken will er jetzt hinaus, Aus engem Stein in Gottes weites Haus. „Mein Roß herbey!“ Die Diener fliegen. Er eilt hinab die Marmorſtiegen; Ihm folgt der Fuͤhrer ſeiner Ingend, Sein treuer Freund und jeder Tugend. I. Band. C — 8 Ein aufgeſchmuͤckter Zelter wartet hier. „Was bringſt du den, und nicht mein Lieblings⸗ thier?“ „Herr!“ ruft der Knecht, und wirft ſich ihm zu Fuͤßen— „Das Thier iſt todt! und ich— ich muß es buͤßen: Es ſtarb durch mein Vergehn!— Die Hand des Koͤnigs fliegt zum Schwerte. „Laß ihn, o Herr, eh' er gezuͤchtigt werde“— Verſetzt der Freund—„die Fuͤlle ſeiner That erſt ſehn!“— Der König winkt ein Ja? er ehrt das Recht. „Du haſt,“ beginnt der Andre,„niedrer Knecht,— Verwahrloſſt, was dein Furſt vertrauend dir gebot: Das fordert Tod. Allein du biſt auch Schuld, Daß er, ſonſt Gnade nur und Hulb, um einen Gaul, den doch nun nichts erweckt, Sein edles Schwert mit Menſchenblut befleckt. Das fordert zehnfach Tod, und zwanzigfach: — Denn blutge Thaten hallen ewig ach; Sie ſchreibt in Buͤcher, die auch Fuͤrſten richten, Die Welt— in Bucher der Geſchichten: und ſo verminderſt du bey tauſend, tauſend Zungen Den hohen Ruhm„den ſich dein Hert errungen“— „Drum,“ ſpricht der Koͤnig,„iſt mein Wille: Geh', Sklay; und— fuhl' es in der Stille.— „ 2. Für ſoraenvolte Aertern. 1 ————— Als Salomo den Tempel Gottes baute, Und, ſeinen Ring der Kraft und Weisheit an der Hand, Den Willen Vieler an ſein frommes Wirken band-— Vemerkt' er, daß ſein Haar ergraute, Als noch der Bau kaum halb vollendet ſtand. &„ Da fleht' in ſtiller Mitternacht Er ſorgenvoll; Laß, Gott der Macht, Mich fruͤher nicht zu meinen Vätern gehen, * Bis dies mein Aug vollfuhrt geſehen, Was, Herr, du ſelbſt mir anvertraut; Danit nicht, mas ich dir erbaut, PVom wandelvollen Geiſt der Erde Entweiht, entſtellt, vertämmert werde! k ———— — 37— Und ihm ward Antwort:„Deine Jahre. Sie ſind gezaͤhlt, gezeichnet in mein Buch; Und ohne mich faͤllt keines deiner Haare: Dies, Sohn des Staubs, ſey dir genug.“— Da netzten Thraͤnen ſeine Wangen: Doch ſchweigend lag er da vor Gott. Hervor war jetzt das Morgenroth gegangen, Von reinem Glanze ward ſein Haupt umfangen: Da milderte ſich ſeines Herzens Bangen; Und jetzt— jetzt rief ihn ſanft der Tod. Doch, Wunder! was der Lebende gedacht, Wird vom Entſchlafnen nun vollbracht. Denn wie ſie ihn, in heißem Flehen, Umglaͤnzt vom Morgenroth, geſehen— Den Blick voll Liebe, Ernſt, Vertraun, Die Hand, zum Schaffen, Ordnen, Sorgen, Geſtuͤtzt auf ſeinen Stab— ſo jeden Morgen Und jeden Abend ihn die Seinen ſchaun; Wenn ſie ſich muͤhn, ſich freun, und ruhn, Spricht jeder: Seht, er merkt auf unſer Thun!— So wechſelt mancher Mond. Doch nun Zernagt ein Wurm den irdſchen Stab: Der Schatten ſinkt und ſchwindet in ſein Grab; Die Lebenden, dem Leben zugewendet, Sie ſtellen kaum ſein Bild ſich her: Allein, der Tempel Gottes war voll⸗ pondet; Man brauchte keines Wächters mehr!— ————— — 3 Die Niremn. Wo koͤmmt der ſchone Juͤngling her? Sag' an! Wo reitet er hin? Er kommt von Koͤnig Ludwigs Schlacht, Er hat die Siegeskunde gebracht 4 Der jungen Koͤnigin.„ ſneh Nun eilet er uͤber Feld und Moor Zu ſeiner Ahnherrn Schloß; Zum grauen Vater, zur holden Braut, Die taͤglich weinend nach ihm ſchaut, Jagt er voraus dem Troß. Er reitet wol in den dunkeln Wald, Er koͤmmt zum Erlen⸗See; amn Da ſtutzt der Rapp, trotzt Sporn 8 Ruf, Wirft wild die Maͤhn', wirft wild den Huf, Steigt brauſend in die Hoh. 2 — 40— Drey Jungfraun hold, drey Jungfraun ſchön Entſteigen dem Erlen⸗See. Sie ſchweben daher im Ringelreihn, Durch Nebelduft, im Mondenſchein; Der Jungling fuͤhlt ein Weh. Drauf eine der Jungfraut ließlich ſptichti „Bleib, ſchoͤner Knabe, bleib hier! 1 Bleib hier; gieb uns dein junges Herz! Wir wollen dich laben mit Kuß und Schei 15, Im gruͤnen Waſſerrevier!“ 6 „ Nich treibt's hinweg ins Biiast Da muß ich heute noch ſeyn! 3 Mich treibt's hinweg zur holden Braut, Die taͤglich weinend nach mir ſchaut; Ihr bleibt mein Herz allein.“ „Sollſt wohnen mit uns in ſicten Von Demant und Saphir; In Königbkrow, im Silbergewand, Regieren das flimmernde Waſſerland: Bleib, ſchoͤner Knabe, bleib hier!“ — 41— „„Muß wohnen in meiner Väter Und unter den Ahnherrn mein; Und wenn der Feind ins Land mir bricht, Darf Vater und Braut ich laſſen n Muß ihr Veſchützer ſeyn. Smj 5: „Wir wallen mit dir im blinkenden Thau Der Sommernacht, ſternig und warm; Sollſt tanzen mit uns den luftgen Reihn; Und bricht der rothe Morgen herein, Ausruhn in unſerm Arm.“ „„Zum heilgen Altar fuͤhr' ich bald, Die ſich mein Herz erſehnz Der Aeltern Stegen eroffnet den Reihn, Eroffnet das Hochzeitkaͤmmerlein: So ruht ſichs fromm und ſchoͤn.“ „Dein junges Herz, das laſſen wir nicht, Bleibt unſer fur unb fuͤr; Und giebſt du's nicht, bethoͤrter Mann, So nehmen wir's, und weiden uns dran Im gruͤnen Waſſerrevier.“— 4, Es harrt der Vater, es weint die Braut; Das Herz vor Ahnung ihr bricht. Sie finden den Juͤngling vom Blute roth; Im Walde beym Erlenteich lag er todt: Sein Herz, das fanden ſie nicht. 112 u III. e. „ Wo biſt du wieder umhergeſchweift, Kind? fragte die Baronin, und verſuchte vergebens, ihren freundlichen Ton in einen ſtrafenden umzuſtimmen. Du biſt erhitzt.— Es iſt mir zwar lieb, daß es dir auf dem Lande wohlgefaͤllt: aber du biſt kein Kind mehr... Wenn man von ſiebzehn Jahren ſechs in dem langweiligen Fraͤuleinſtift eingeſchloſſen geweſen iſt— fiel Lucie ein— hat man da nicht viel Streiche nachzuholen? Lucie— ſagte die Mutter ernſthafter und erhob den gekruͤmmten Zeigefinger. Lu⸗ cie flog an ihre Bruſt: Sey gut, Muͤtterchen! ich will ſchon vernuͤnftiger werden, mit der Zeit.— Aber wollen wir nicht draußen die Sonne unter⸗ gehen ſehen? Lieber hier, auf dem Pavillon.— Was kommt dir denn wieder laͤcherlich vor? Du vergiſſeſt uͤber deiner Landluſt alles Andere. So geht mir's bey jeder Luſt. Ich ver⸗ geſſe alles, außer, was mich gerade jetzt luſtig macht. Auch das, was ſich ſo angenehm damit verbaͤnde2 Auch! Faͤhrt mir ja ſo Etwas ni den Sinn: ſo iſt's doch gleich wieder weg. So iſt auch das wieder weg, was ich dir in meinen letzten ins Stift ſchrieb? So ziemlich. Verſteh' mich recht, tiebe Mutter! Ich weiß es wol recht gut —1— 2 i——— 3 — 47— weiß ich's: aber es faͤllt mir nicht ein. Was ich hier habe, liegt mir naͤher. Das iſt Leichtſinn. Ich hatte wirklich gehofft, du wuͤrdeſt die Sache reiflicher uͤberlegen— 4 O Muͤtterchen, ich habe ſie auch uͤber⸗ legt— recht reiftich: du hatteſt es ja ſo feyerlich gemacht! Unter Weges, als ich hierher fuhr, da hab' ich viel geſonnen; es regnete, und ich hatte Zeit dazu. Hier aber iſt's weg— 3 Lucie, auch deine Dankbarkeit? ſagte die Mutter nachdruͤcklich. Nein, nein. Ich will dir recht um⸗ ſtaͤndlich ſagen, wie es damit zuging. Du ſchriebſt mir im erſten Briefe vom alten Ba⸗ ron S*. Er iſt der beſte Freund deines Vaters geweſen, ſchriebſt du; er hat ſich ſehr verdient um ihn gemacht. Nun, da „ hat er wohl gethan, dacht ich, und damit war's aus. Er hat meine Verbindung mit deinem Vater geſtiftet, ſchriebſt du weiter; er hat den Haß beyder Familien auf ſich ge⸗ laden, und darum recht viel ausgeſtanden. Nun, da hat er wieder wohl gethan, dacht' ich; und damit war's wieder aus. Wie dein Vater ſo plotzlich ſtarb, ſchriebſt du hernach, und ſeine Verwandten uns faſt um alles bringen wollten, fuͤhrte er unſre Sache mit großer Aufopferung, und ließ nicht gb, bis er uns den Beſitz dieſes ſchonen Guts geſichert hatte. Nun, das iſt wieder gut, dacht' ich, und damit„ Nein, Můt⸗ terchen, damit war's doch nicht aus, ſon⸗ dern ich habe den alten Herrn noch heute recht herzlich lieb darum, und wol auch um jene erſten Punkte. Laß ihn nur kom⸗ men; ich will's ihm ſelbſt ſagen, und ihHm — 49— die Pantoffeln nachtragen und den Schlaf⸗ rock; zur guten Nacht ſoll er einen Kuß haben„ k 5 Aber was ich dir kurz vor deiner Ahneiſ⸗ zu mir ſchrieb—2 Fſut Das weiß ich auch noch recht gut. Willſt du mir's nicht auch wiederholen? Du willſt mich necken; nur zu! Der alte Baron hat einen einzigen Sohn, ſchriebſt du. Der Sohn iſt„kurz, ganz charmant. Die beyden Vaͤter haben ſeit langer Zeit ge⸗ meynt, wir Kinder muͤßten einander einmal heprathen. Das waͤre nun auch d ein Lieh⸗ ingswunſch, ſchriehſt du. Deswegen haͤt⸗ teſt du mich eben in den Jungfernzwinger geſchickt; damit ich mich nicht anderswo— verplaͤmperte, oder wie du's ausdruckteſt. Hier wurde uns nun der junge Herr recht bald beſuchen— 1. Band. D — 5— e denn daʒu? Daß die Säche gar icht uͤbel ausgeſon⸗ nen ſey. Indeſſen nun„ wir wbllens abwten, vücht' ich?* Zuſehnen ſcheinſt du dich eben nicht nach — neuen Bekanntſchaft. Sthnen? nicht im Geringſten! Es iſt Vol auch ein langweiliʒ Ding um dis S ien; nicht? 83* Und du fraueſt dich zůch nicht auf den Befich 5 Auch nicht, fo viel ich weiß. Ich laſſe de Sache eben hingehen: ich werde ja ſehen 4 Mau tief beyde zu n Abendeſſen. Wir ſind nicht allein bey Liſch, ſagte Frau von 5 U Aber nach dem Eſſen wir weitet— meinem— befangen, als ſonſt. Das war der Müt⸗ 6 — 57. ter ieb. Sie ſagte ihr beym Aufſtehen: Erwarte mich auf meinem Zimmer; ich habe erſt noch mit dem Pachter zu ſprechen. Lurie ging, doch nicht auf das Zimmer, ſondern in den Garten. Sobald ſie aber Licht bey der Mutter ſahe, kam ſie. Du biſt wieder in der kuͤhlen Abendluft umhergeſtrichen— begann die Mutter. Es iſt mir nicht kuhl vorgekommen, ſagte Lucie. 3 Sie war aber auch nicht allein im Gar⸗ ten geweſen. Was bringſt d denn da herauf? Du wirſt mich wieder auslachen: eine Menge Johanniskaͤfer! die ganze Spitzen⸗ ſchachtel voll! Sie hatte ſie aber auch nicht allein ge⸗ ſucht. Wenn du doch nur die Kindereyen laſ⸗ D 2 — 52— ſen wollteſt! ſagte die Mutter etwas un⸗ willig. Laß mir doch zu, gute Mutter, zwiß ich mich uͤber die kleinen, netten Dinger freue, wenn ſie umherſchwirren, und leuchten, wie Brillanten. Sie ſollen mir mein Zimmer illuminiren: dazu will ich mir ſie halten. Da wirſt du dich ſehr betruͤgen: ſie leuch⸗ ten nur kurze Zeit— ſagte die Mutter, um eine Wendung zu nehmen. Nur kurze Zeit? Waͤhrend der Zeit ihrer iehe. Lucie oͤffnete die Schachtel behutſam: Und jetzt leuchten ſe gar nicht! ſagte ſie ernſthaft. Weil ſie eingeſperrt ind— Eingeſperrt leuchten ſie gar nicht? Alſo nur in freyer Liebe? ſigte Lucie etwas haſtig. —— Die Mutter wurde aufmerkſamer. Ja, antwortete ſie, nur in freyer Liebe: denn ſie ſind Thiere. Thiere koͤnnen wol nur glucklich ſeyn, indem ſie jeder aufgeregten Neigung uneingeſchraͤnkt folgen. Sie duͤr⸗ fen, ſie ſollen das auch—— Lucie kehrte ſich erſchrocken um, trat zum Fenſter, und entließ die Kaͤfer ſtill und ſinnend. Nach einer feinen Weile trat die Baro⸗ nin zu ihr: Mein Kind, du ſeint mir nicht auf⸗ gelegt, das vorhin abgebrochne Geſpraͤch fortzuſetzen. Ach ja— ſagte Lucie, etwas und beunruhigt. Ich habe dieſen Brief an dich abzuge⸗ ben— Einen Brief? von wem? Vom jungen Baron Six. i So2 ſagte Lucie, und h den einſtecken. Er war in einen Brief ſeines Vaters an mich eingeſchloſſen. Dieſer ſchreibt mir, ſein Sohn werde ganz gewiß noch dieſen Won hier ankommen. So? Nun gut! ſagte Lucie, in Ge⸗ danken verloren. Willſt du deinen Brief nicht teſen? Jetzt? Wenn du es wuͤnſcheſt—— Sie trat zum Lichte, las ſtill, und legte dann den Brief ſaͤuberlich wieder zuſammen. Was ſchreibt er dir? Viel Huͤbſches; wie er ſich freue, mich zu ſehen, wie er ſo viel Gutes von mir ge⸗ hoͤrt habe, und dergleichen— und das macht dir keine Freude? Ach ja, es iſt mir lieb! ſagte Lucie leichthin. Nur Eins laß dir ſagen, mein Kind! Meine Verhaͤltniſſe— du weißt es— lei⸗ den es nicht anders; wir muͤſſen den Herbſt zur Stadt zuruͤckkehren. Wir koͤnnen da nicht einſam leben. Wir brauchen einen Freund, brauchen ſogar einen Schutz— Eigentlich iſt das abſcheulich, daß zwey Frauenzimmer, wie wir, nicht eben ſo gut allein in der Welt durchkommen! Du wirſt es nicht aͤndern, und ich auch nicht.— Du biſt jung, biſt hbſch, biſt unerfahren: Lucie, ich bin beſorgt um dich, wenn dein Herz dann nicht glucklich entſchie⸗ den, wenn du dir nicht wenigſtens einen geachteten, redlichen, treuen Freund erwor⸗ ben haben ſollteſt—— Indem hoͤrten ſie einige arpeggirte Mo⸗ dulationen auf der Guitarre. Die Toͤne ſchienen von der Straße, von dem Sitze — 56— unter Luciens Schlafzimmer herzukommen. Lucie zog eilig die Mutter zum Fenſter. Der Mond blickte freundlich zwiſchen die ſanftbewegten Pappeln vor dem Hauſe— Hore doch„o hoͤre, gute Mutter! Wir koͤnnen ja hernach weiter ſßrechen. Woher kommt denn die unerwartete Muſik? Von dort! Von dort! ſagte Lucie leiſe, und wieß nach der Gegend hin. Haſt du ſie denn geſtern nicht gehoͤrt? und vorgeſtern nicht? Nein! Wer ſpielt denn hier auf dem Lande Guitarre? Weißt du's? Ja; aber hore nur jetzt: hernach will ich alles ſagen.— Der Spieler war in die Melodie eines Liedes uͤbergegangen. Fetzt ſang er leiſe mit weichem, ſchmeichelndem Tenor: Holde Nacht, Komm ſacht! komm ſacht! Schließ der Mißgunſt Augen zu, Bring' die Sorgen ſanft zur Ruh, Daß, o Nacht, Holde Nacht, Nur noch ſchüchterne Liebe wacht! Sternenchor, Hervor! hervor! Heb' zu feſter Treue Muth, Mildem Troſt, vereinter Gluth, Sternenchor, Sternenchor, Jedes liebende Herz empor! Stille Luft: Mit Roſenduft Frag' den ſchuchternen Geſang, — 58—. Trag' der leiſen Laute Klang⸗ Stille Luft, m Stille Luft, Ihr hin, die meine Sehnſucht ruft!— Aufmerkſam hatte die Baronin zugehoͤrt, aber erbaut ſchien ſie eben nicht. Du kennſt alſo dieſe hochgeſtimmte Seele, die ihre Heiligthuͤmer an den Gaſſenecken der verſchwiegenen Luft anvertrant? fragte ſie. Was meynſt du, liebe Mutter? Ich verſtehe dich nicht: du druͤckſt dich ja ſon⸗ derbar aus!— VAber ſiehſt u dort im Mondenſchein gehet er! Siehſt du? Er ſcheint ſich nach dem Pfarrhauſe zu wenden— Er geht auch hinein, Mutterchen. Du weißt alſo— 2 Es iſt der Vetter des Herrn Paſtors. So!— Du haſt ihn auch ſonſt Ja! Oft? Nein, das eben nicht; aber— doch verſchiedene Male. ui Und haſt ihn auch Kichen Mue ge⸗ ſprochen? Nun ja; aber nichts echts— wie man nun ſpricht— 6 Ich wuͤnſchte doch, du weilteſt mir Ct⸗ was aus euren Geſpraͤchen mit— Recht gern, liebe Mutter. Vorhin„ Doch, das war nichts! Aber neulich„ Das iſt ja wunderbar! Kann ich mich doch taum beſinnen„„ Die Mutter ſahe Lucien ſehr enſthaft an, und beſorgte einen Ruͤckhalt. Nan Ich kann wahrhaftig nichts davor, fuhr dieſe fort. Iſt mir's doch in meinem Leben 5 — i— nicht ſo ergangen Ich weiß wol, was wir geplaudert haben„ich weiß es recht gut— ſo im Ganzen: aber, wenn ich dir's nun erzaͤhlen will, wollen die Worte nicht finden— Sie werden ſich gewiß finden laſſen!— Vorhin, wie wir die Johanniswuͤrmchen ſuchten Nein, Mutterchen, das iſt wunderlich: wenn ich's wiederholen will, ſo klingt's wie lauter Kinderey, und doch kam mir's recht bedeutend vor. Muthe mir's nicht zu; ich dir nicht wie⸗ derholen. Die Mutter ſchwieg eine Weile, dann fuhr ſie fort: Es iſt doch ſonderbar, daß du den— Zitterſchlaͤger in den wenigen Tagen ſo oft geſehen haſt, und ich gar nicht. macht ihm keine Ehre, dich gefliſſentlich auf⸗ zuſuchen und mich gefliſſentlich zu vermeiden. qis Woher willſt du denmwiſſen, daß endich vermeide, gute Mutter? Du biſt ja die Tage her immer mit deiner Eintichtung ſo beſchaͤftigt geweſen. Und geſehen— be⸗ ſinne dich nur: geſehen haſt du ihn— Wann? Wo? 15 me WVorgeſtern Nachmittags, im Ich war hinten. Ich hatte mich auf die verſteckte Raſenbank geſetzt, und— wollte was leſen. Da kam er den Bogengang her⸗ auf. Er ſah mich nicht. Ich ſah ihm aber recht gut. Er ging hin und herund ſchien Jemand zu ſuchen. Ich bildete mircein, er ſuche mich; ich weiß aber nicht, ob ich Recht hatte. Erſt wollt' ich aufſtehen, und ihm — du verſtehſt mich ſchon— ſo von ohnge⸗ faͤhr, begegnen: aber dann fuͤhlti ich das ſolle nicht ſeyn. Da blieb ich denn, und du kamſt mit dem Gaͤrtner den Akaziengang herauf. Ernging dir entgegen, grůßte dich und ſo ehrerbietig! Du wareſt aber tief im Geſpraͤch und dankteſt recht Zleichgultig! Num redete er dichhuch an: du ſagteſt ihm aber nür ein Paar Wortey und gingſt mit dem Gaͤrtner weiter. Da mußt er ja wol S du Ja ja. Und wenn ich u recht e — die Mutter nach rinet Fr— iſt er ein S Wn— — ſehr huͤbſch! 8 Undrartig, bſimet doch nicht gc. nni eher mit einet gowiſſen Würde. Alerdings, liebe Mutter; ſehr artig, ſehr zuvotkommend! und/ ganz recht: mit einer gewiſſen Würde! Das iſt's ebent Sieh, dü haſt doch beſ auf ihn Achtunz egeben/ als ich dachte,— — 6— Nach einet etwas langen Pauſo ſagte die Mutter: Als du vör vierzehn Tagen zu mir kamſt, liebe Lücieh da warſt du nsch faſt ein Kind. Di biſt nun ſchnell ʒur Jungfrau vufgeſchoſſen) und ju dem Bewüßtſehn ge⸗ kommen, du habeſt ein Herz. ch därf dir Mann hat lebhaften Eindriick auf vich ge⸗ mcht. Aintetbrich mich micht· Ichilt dih joenicht veſchütkem/öch weniger dir Vor⸗ Würfe machenabeß ich wuͤrve ſie wit und nit nachen muſſen, Wenn du micht von der Stünde an) da ich dich hierauf aufmerkſam gumacht habe dieſen erſten Eindtuck idir⸗ ſtideſt. Er hatleine, wenunuch lbendige, doch flůchtige Aüfwullung erteht, und muß vn nn aj fichtloſen. Vus wird et denn auch, wens Snnur ſolbſt willſt. T ege vich ſchlafen/ meine liebe Tochter! Ich habe das Zutrauen zu dir/ du wirſt dich zuſam⸗ menfaſſen, und dich nicht wiſſentlich, oder gar muthwillig, in Thorheiten und Ungluͤck ſtuͤrzen. Sute Nacht, meine Lucie! Ver⸗ giß auch den Brief nicht⸗ den ich dir gege⸗ Sie ging. Lucie ſahe ihr noch lange nach: daun ſchlich ſie leiſe guf ihr Zimmer. Die Abendluft wehete ihr zu kuͤhl zu den offenen Fenſtern herein; und als ſie ver⸗ ſchloſſen waren, wurde eine unertraͤgliche Hitze im Zimmer⸗ Die ſonſt recht gewandte Liſette war in ihrem Leben nicht ſo unge⸗ ſchickt geweſen, als heute beym Auskleiden. Man konnte lange nicht ſchlafen. Man ſchlef endlich vor unmuth eim und erwachte ſpaͤt und etwas truͤbe. Man hatte ſich ſeit einigen Tagen erlaubt, noch wachend ein Weilchen angenehm fortzutrzumen: das ge⸗ . —————— — ſchah aber heute nicht, und man kleidete ſich langſam an, wobey man viel zu uͤberlegen hatte, ohne recht zu wiſſen, was.— Der Morgen war ſchoͤn. Sollte man in den Gar⸗ ten gehn, wie gewoͤhnlich? Man wuͤnſchte es, und wuͤnſchte es nicht. Es konnte Je⸗ mand unten ſeyn, wie geſtern und vorge⸗ ſtern: man wuͤnſchte auch das, und wuͤnſchte es nicht. Man wog lange ab; das haͤtte man ſich erſparen konnen, denn eben trat. gegen die Gewohnheit„die Mutter ſchon herein. Sie fragte recht freundlich, ob Lucie mit ihr in der Laube fruͤhſtucken wolle. Da war Lucie gleich entſchloſſen, und hatte keine Luſt in den Gapten zu gehen. So werde ich das Fruͤhſtuͤck zu dir bringen laſ⸗ ſen, mein Kind, ſagte die Mutter; es iſt ohnehin kuͤhl dieſen Morgen. Mit dieſen Worten ſetzte ſie ſich ganz geruhig neben 1. Band. E Lucien an das Fenſter. Sie ſchwatzten Al⸗ lerley, und Lucie wurde allmaͤhlich geſpraͤ⸗ chiger und heiterer. Endlich begann die Mutter: Da wir nun mit unfrer haͤuslichen Ein⸗ richtung zu Stande ſind, muͤſſen wir anfan⸗ gen, unſre Nachbarſchaft zu beſuchen, da⸗ mit wir doch nicht ganz ohne Umgang vleiben. Nun ja— meynte Lucie gleichguͤltig. Vorerſt muͤſſen wir denen den Gegen⸗ beſuch machen, die uns zuerſt hier begruͤßt haben— Wer haͤtte denn das gethan? Weißt du nicht mehr? unſer guter Pfar⸗ rer und ſeine Gattin. Ach ja! ſagte Lucie erroͤthend. Du wirſt doch mit hinubergehen? Nein, liebe Mutter: laß mich lieber zu Hauſe. Ich bin verdrußlich heute, und— Wie du willſt, meine Tochter!— Die Mutter machte ihren Beſuchz dann kam ſie zuruͤck: Sie gruͤßen dich herzlich, die guten, muntern Alten, ſagte ſie. Wir haben uns recht froh der vergangenen Zeit erinnert. Hernach kam der Herr Vetter auch— Lucie ſahe unverwandt auf ihre Arbeit und ſagte kein Wort, aber das Athmen ſchien ihr ſchwer zu werden. Du haſt Recht, liebe Tochter, er iſt ein huͤbſcher und angenehmer Mann— be⸗ gann die Baronin, und hielt eine Pauſe, wie ſie ſie vor deſt⸗ Aeußerung gehalten hatte. Lucie ſollte einfullen: aber Lucie fiel nicht in. Sie ſtickte emſig weiter und ſagte E2 3 — 68— kein Wort, aber eine Thraͤne ſtahl ſich in ihr Auge. Wir ſprachen eben von dir, da er her⸗ eintrat— Ein ſtiller Seufzer hob Luciens Bruſt und die Thraͤne tropfte nieder auf die ge⸗ ſchaͤftige Hand. Die Mutter haͤtte gern ab⸗ gebrochen; aber ſie glaubte ſorifahren zu muͤſſen: Auch von dem Beſuche, den wir erwar⸗ ten, habe ich den guten Alten ein Wort geſigt— ueber und uͤber roth, ſohe Lucie hier ha⸗ ſtig von der Arbeit auf und der Mutter ſtarr ins Geſicht. Du darfſt daruͤber nicht im mindeſten verlegen ſeyn, fuhr dieſe fort. Paſtors ſind die zuverlaͤſſigſten, treueſten Seelen s und ſeit langen Jahren, wie theilnehmend an 2 allem, was uns betroffen hat! So inniger, bewaͤhrter Freundſchaft ſoll man nichts un⸗ terſchlagen. Und eben hier durfte ich's wol um ſo weniger: der gute Paſtor iſt auch ein alter Freund des Barons und ſeines Hauſes. Wenn dieſer deinen Vater hier beſuchte, war er allezeit der dritte Mann, und kein Ge⸗ heimniß zwiſchen ihnen dreyen. Du haͤtteſt nur jetzt ſehen ſollen, mit welcher innigen und frommen Freude er meinen Wink auf⸗ nahm„ 3 Da guoll das volle, bedraͤngte Herz plotzlich uͤber: aber Lucie konnte eben hier 7 eben jetzt den Strom erleichternder Thraͤnen nicht an dem Herzen der— ſonſt ſo liebe⸗ vollen, heute ſo kalten, ſo grauſamen Mut⸗ ter vergießen, ſondern eilte hinaus und flohe in ihr geheimſtes Zimmer. Nachdem ſie ſich hier ausgeweint, und durch den Fenſtervorhang geſehen hatte, wie die Mutter einſam und traurig im Garten dahinſchlich, vermochte ſie der Sehnſucht nach einem getreuen Herzen, und dem Drange, das getreueſte zu beruhigen, nicht laͤnger zu widerſtehen. Sie ging hinab, ſie drůͤckte die Mutter ſchweigend an ſich; und dieſe nahm ſie mit zaͤrtlichſter Schonung auf⸗ verwundete ſie auch nicht weiter durch ein einziges Wort. Lange gingen Beyde, Arm in Arm, mit einander; Eines verſtand das Andere, und wußte, es werde vom Andern verſtanden, ohne daß ein Laut dies verra⸗ then haͤtte. Deſſen bedurfte es auch nicht, und die Herzen wurden doch erleichtert und ſuͤß geſtillt. Dann wurde man zu kleinen, haͤuslichen Verrichtungen abgerufen; das Gewohnte bewies ſeine unwillkommene Kraft und unerkannte Wohlthaͤtigkeit: nach weni⸗ 3 gen Stunden ſchien alles wieder in gutem, altem Geleiſe.— Schon fruͤh hatte ich uns in Gruͤnheim bey dem Herrn von F* und ſeiner Fami⸗ lie fur den Nachmittag anmelden laſſen, ſagte die Baronin. Jetzt thut mir's leid: doch können wir's nicht mehr aͤndern. Laß uns gute Miene dazu machen. Es wird mehr Geſellſchaft aus der Nachbarſchaft da ſeyn. Alle wollen dich gern kennen lernen. Du wirſt dich ſchon zuſammennehmen muͤſſen, . damit der erſte Eindruck, den du nachſe⸗ nicht unerwuͤnſcht ſey. Der Beſuch war Lucien freylich zuwi⸗ der; auch lag ihr jetzt weder an einem er⸗ ſten„noch letzten Eindruck: doch konnte ſie der guten Mutter ihre Forderung nicht ver⸗ weigern. Und als ſie nur erſt unter ſo vie⸗ lerley Menſchen war, fand ſich gar Man⸗ ches zu ihrem und der Geſellſchaft Gunſten, was ſie weder ſich, noch ihr zugetrauet haͤtte, ſo daß ihr die Stunden angenehm verſtoſſen. Als ſie dann aber nach Hanſe kam, und der kleine Rauſch geſelliger Be⸗ lebung verflogen war, fuͤhlte ſie ſich deſto matter, und ihr Muth ſank tiefer herab. Sie wollte ſich eben ſchlafen legen, ohne auf Schlaf zu hoffen: da erklang die Guitarte unter ihrem Fenſter, und ſie vernahm dies Lied: Dauer der Freude hoffſt dn im Lehen? Ruhigen Sieg nach wechſelndem Streit? Viſt du nicht dahingegeben Dem Geſchick, Das ein Gluͤck, Was es kaum geſandt, bereut? 73— Drohet die Sonne, die Morgens ergluͤhte, Nicht für den Abend Wettergeſtuͤrm? Kruͤmmt ſich um die Roſenbluthe, In der Nacht Kaum erwacht, Fruͤh nicht nagendes Gewuͤrm? Haſt du das Schoͤnſte kaum dir gefunden, Iſt's in die Ferne weithin geeilt. Jedes Gluͤck erliegt den Stunden: Lern' es ſehn, und geſtehn, Nur vergebne Sehnſucht weilt. Das drang tief in Luciens Herz. Sie konnte nicht unterlaſſen, das Fenſter leiſe zu oͤffnen, und dem ſchwermuͤthigen Saͤn⸗ ger ein Wort zuzufluͤſtern, das ihn beruhi⸗ gen ſollte, ohne ihm Hoffnung zu geben. — 74— Er ſchien aber auch dieſe daraus zu faſſen: er riß einige heftige und frohe Accorde aus den Saiten, blickte nach dem Fenſter, brei⸗ tete einen Augenblick die Arme aus, und eilte dann hinweg.— Lucie hatte wenig geruhet. Der ſchoͤne Morgen freuete ſie nicht, da ſie erwachte. Sie wollte aufſtehen, aber eine ſeltſame Traͤgheit, eine dehnende Schwere im Kör⸗ per hieß ſie verweilen auf dem Lager. Die Baronin erſchrak, als ſie ſie ſo fand. Die Beſorgniſſe der Mutter, als ſey ſie krank, zu zerſtreuen, ſtand Lucie auf. Die Mut⸗ ter ſuchte ſie in allerley Geſpraͤche zu ver⸗ wickeln, und es fing an, ihr zu gelin⸗ gen, als Liſette mit einem Briefe an das Fraͤulein hereintrat. Mehr zur Unzeit fuͤr den Baron konnte ſein Brief ſchwerlich an⸗ kommen. Lucie offnete ihn nur auf nach⸗ druͤckliches Eindringen der Mutter. Sie las: en „Dieſe Reiſe, ſo klein und doch ſo ent⸗ „ſcheidend fuͤr mein ganzes Leben— ich „kann ſie nicht antreten, ohne Ihnen ein „Herz zu erkennen zu geben, das mit den „ſuͤßeſten Wuͤnſchen erfullt iſt, und mit „Hoffnungen ſich ſchmeichelt, die in Ihrem „eigenen Werthe Entſchuldigung dafuͤr ha⸗ „ben, daß ich mich ihnen zu fruh uberlaſſe. „Ich werde Sie ſehen, Sie kennen lernen: „ſollte ſich nicht ſchon damit dies unruhige „Herz jetzt ſtillen laſſen? Und dennoch „dringt es weiter, und vermißt ſich, ſich »an der Ausſicht zu ergotzen, daß die viel⸗ „leicht uͤbereilten Wuͤnſche unſter Aeltern, „ja auch meine zu vorlauten, Sie nicht be⸗ „truͤben, vielmehr bey Ihnen ein offenes „und freyes Herz finden werden. Mehr— 76. „nein, Lucie, mehr wage ich nicht laut zu „wuͤnſchen: ja, es ſoll dies auch das ein⸗ „zige Mal ſeyn, daß ich meinen Hoffnun⸗ „gen verſtatte, laut zu werden, wenn ich „nicht ſo gluͤcklich bin, deren Beſtaͤtigung „von Ihnen ſelbſt zu erfahren. Glauben „Sie, daß ich jede Freyheit des Andern, „wie viel mehr die Ihrige, zu achten und „zu ſchonen weiß, ſelbſt dann, wenn ſie „mir ſchmerzlich wehe thut. Goͤnnen Sie „mir Zutrauen, zeigen Sie ſich mir, ganz „wie Sie ſind: das iſt, was ich bitte, was „ich mit Vertrauen erwarte. Ich werde „aus Ihren Blicken abnehmen, ob ich Ih⸗ „nen mehr ſagen, ob ich einige Zeit bey „Ihnen verweilen, ob ich mich dem ſchoͤnen „Hange, der mich zu Ihnen fuͤhrt, weiter „uͤberlaſſen darf. Ich ſende Ihnen dieſen „Brief durch einen Expreſſen, damit ich ——— „ihn nicht etwa ſelbſt uͤberhole: denn uͤber⸗ „motgen werde ich abreiſen, und dann habe „ich nur zwey Tage und eine Nacht zu eilen, „um bey Ihner zu ſeyn, u. ſ. w.“ Lucie ſahe noch lange, ohne zu leſen, in den Brief und ſchwieg. Die Mutter ſchwieg auch, nachdem ſie geleſen. Endlich begann dieſe ernſthaft; Ich habe zu viel Vertrauen zu meiner Tochter, als daß ich einen Augenblick zwei⸗ feln ſollte, ob ſie das Wuͤrdige und Scho⸗ nende in dieſem Briefe fuͤhle— Lucie wendete ſich traurig ab. Die Mut⸗ ter drang nicht weiter in ſie.— Lucie hatte heute einen unuͤberwindlichen Hang, allein zu ſeyn: aber die Mutter ſchien gerade heute einen eben ſo unuͤberwindlichen Hang zum Gegentheil zu haben. Wollte Lucie ins Freye, ſo hatte die Mutter noch mehr Luſt dazu, als die Tochter ſelbſt; meynte dieſe, es muͤſſe ſchon ſeyn im kuhlen Bosket, ſo wußte jene es noch beſſer auszulegen, wie ſchoͤn es da ſeyn muͤſſe: ſie blieb ſogar am ſpaͤten Abend noch einige Stunden auf Lu⸗. ciens Zimmer, konnte ſich heute gar nicht ausſchwatzen, und die Guitarre war nicht zu hoͤren. Kaum war Lucie allein, ſo uͤberlas ſie den Brief des Varons noch ein⸗, noch zwey⸗, dreymal. Sie wollte durchaus etwas an ihm auszuſetzen haben. Mit dem Inhalt gelang es ihr nicht: qber die Form— Es iſt gar nicht, als ob es vom Herzen „kaͤme, ſagte ſie; ſo kalt, ſo abgecirkelt, ſo unnatuͤrlich. O ich kenne Einen⸗ der ganz anders geſchrieben haͤtte! Gleichwol konnte ſie nicht umhin, den Geſinnungen des Barons Gerechtigkeit wie⸗ —— —— 5 derfahren zu laſſen. Aber eben das machte ſie noch aͤngſtlicher. Was haͤtte ſie in dieſer Stunde nicht drum gegeben, waͤre des Ba⸗ rons Brief ſchaal und abgeſchmackt geweſen! Sie lehnte das ſinnende Köpfchen an den Fenſterſtock, und ſahe lange hinaus in die ſtille, vom Mondlicht daͤmmernde Nacht. Im ganzen Dorfe war kein Leben und kein Licht mehr zu entdecken: nur ein Eckfenſter des Pfarrhauſes war noch matt erleuchtet. Lucie konnte es ſich nicht verſagen: ſie ver⸗ barg ſich möglichſt hinter den Vorhang, legte das Fernrohr an, und ſah hinuͤber. Da ent⸗ deckte ſie, wie dort auch Eins ſtand, und, gleich ihr ſelbſt, dem Monde viel zu klagen zu haben ſchien. Alles ruhet, ſagte Lucie, denn alles iſt gluͤcklich, bis auf zwey, die doch nichts dafuͤr können, daß ſie es nicht ſind und nicht Ruhe finden.— Da ſtieg ————— ein gewiſſer Gedanke in ihr auf, und goß augenblicklich ein begeiſterndes Feuer in ihr Blut: aber Lucie wagte nicht, ihm nachzu⸗ hangen„ſo oft und in ſo ſchimmerndem Ge⸗ wande et auch wiederkam, der kecke Ge⸗ danke—— Den Morgen trat die Mutter mit der hoͤchſt unwillkommenen Nachricht ein, es haͤttẽn ſich die Familie Es, und die Fraͤu⸗ lein Yan, und die Herren von 3** fuͤr dieſen Mittag melden laſſen. Der Wohl⸗ ſtand will, daß wir ſie anſtaͤndig bewirthen, ſogte ſie; du wirſt mir treulich dabey zur Hand gehen muͤſſen, liebe Tochter! Man iſt hier ſo wenig in ſeiner Ordnung. Lucie verrichtete ſeufzend, was ihr auf⸗ getragen ward, und fuͤrchtete ſich ſehr vor der langweiligen, unbequemen Geſellſchaft. Aber wie viel hatte auch heute die Mutter 3 aufzutragen! Mußte es denn eben ein form⸗ liches Gaſtmal ſehn? Man war ja auf dem Lande! Und die Lucie ſollte ja faſt alles thun! Wozu hatte man denn Dienſtboten? Hernach wurde Liſette auf die Pfarrwoh⸗ nung geſchickt; Bitte ſie den Herrn Paſtor und die Frau Paſtorin, Geſellſchaft zu lei⸗ ſten. Sonſt hieß es doch noch, unbeſtimmt hin:„Paſtors;“ aber diesmal, jedem Miß⸗ verſtaͤndniß vorzubeugen:„den Herrn und die Frau.“ Lucie wurde von alle dem endlich verdruͤßlich: aber die Mutter ſah das nicht. Endlich begann dieſe: Nun waͤren wir ja mit dem Noͤthigſten zu Stande! Jetzt brauch' ich dich nicht mehr. Mache deine Loilette. Fleide dich recht huͤbſch, mir zu Gefallen!— Nie war es Lucien ſo herbe angekommen, ſich angenehm zu kleiden. Sie konnte es der liebenden Mutter nicht verſa⸗ 1. Pand. F gen, ſich ſehr gut, aber auch ſich ſelbſt nicht, ſich hoͤchſt einfach darzuſtellen: durchaus keine bunte Farbe, auch nicht einmal an ei⸗ nem Bande; nur ein halb traurendes Weiß! Die Barönin kam bald zu ihr: Da, mein ſchneeweißes Taͤubchen, bring' ich dir einen Kranz von Granatenbluͤthen. Er ſoll recht gut ſtehen zum weißen Gewande und im braunem Haar 6 Da Lucie ſich ein wenig mhh„ ſetr ihn die Mutter ihr ſelbſt auf den Kopf; und das Maͤdchen ſtand nun da, wie eine rei⸗ zende, aber trauernde Braut. Die Mutter ließ das Auge mit innigem Wohlgefallen auf ihr ruhen, und ſah nur die reizende Braut? die Tochter vor dem nur die trauernde.. Nun haben wir die e Lafel in Ord⸗ nung zu bringen, fuhr jene freundlich und — 83— Zeſchaͤftig fort. Willſt du mit hinunter kom⸗ men in den Speiſeſaal und mir rathen? Lucie verbat es; die Mutter ließ ſich's gefallen, und ging. Da die Tochter allein war, holte ſie recht tief Athem, und es hob ſich die jugendliche Bruſt wie unter Zent⸗ nerlaſt. Es trieb ſie in den Garten; dort muͤſſe ſie freyer athmen und ſich faſſen ler⸗ nen, der fremden, untheilnehmenden Ge⸗ ſichter wegen— meynte ſie. Nur ein Vier⸗ telſtuͤndchen in der Lieblingslaube, dort am Wehr, hinter der großen Linde, gedachte ſie, ſich zu erholen. Sie eilte leiſe hinab, und ſchwebte wie eine Elfe uͤber den großen Grasplatz. Die Sonne ſtand ſchon hoch, die heiße Luft wurde durch kein Luͤftchen ge⸗ kuͤhlt. In ſtille, aber wohlthunde Ermat⸗ tung ſchienen die Blumen verſenkt und beug⸗ ten ſanft die Haͤupter. Die bruͤtende Waͤrme F 2 erſchlafft die Glieder des Menſchen, aber reizt zugleich ſein Gefuͤhl. Lucie erfuhr das⸗ Schwermuͤthigem Sehnen hingegeben, trat ſie in die Laube, und ſtand— vor dem Vetter. Er hatte ein Buch vor ſich liegen 3 aber er mußte ſeine Phantaſieen noch lieber haben, als ſeinen Autor. Das g war nicht aufgeſchlagen. Lncie trat erſchrocken nuie,„und v wite voruͤbergehen: der Vetter ſtand aber ſchon neben ihr, und fuͤhrte ſie zum Sitz in der Laube, indem er ſie kaum mit den Finger⸗ ſpitzen zu beruͤhren wagte. Sie haben hier ruhen wollen, ſagte er: ich darf Sie nicht ſtoren. Lucie ſetzte ſich nicht. Er ſchien gehen zu wollen, zoͤgerte aber. Lucie ſagte ſchuͤch⸗ tern und unbedachtſam: Ich habe vielmehr Ihre Ruhe unterbrochen. Er ſahe ſie ſchwei⸗ gend an mit einem Blicke, der deutlich zeigte, er gebe ihr Recht, aber in einem weitern Sinn der Worte. Lucie verſtand dyn Blick, und ihre Augen ſenkten ſich an den Boden. Schweigend ſtand er neben ihr, und ließ das trunkene Auge auf der ſchoͤnen Geſtalt des Maͤdchens ruhen. Endlich unterbrach er das Schweigen: i n Fraulein, ſp.(„ſchöme wagte er nicht auszuſprechen: doch ward's vernom⸗ men—) ſo hab' ich Sie noch nie geſehn. Wenden Sie mir nun auch noch einmal den freundlichen Blick zu, den Sie mir zuweilen gonnten! Dann will ich dies Bild auf ewig in der Seele halten, und damit fort, fort wieder in eine Welt, die fremd und kalt. Wie fiel Lucie ſchnell ein. Sie wollen fort von hier? Von hier— wohin ich fuͤr meine Ruhe nie haͤtte kommen muͤſſen! — 36— Nein, nein: Sie bleiben*60 3* bitte, bheiben Sie— Vergeben Sie mein vegehn„ daß ich ietzt erſt an das denke, woran ich immer hätte denken ſollen! Ich Unbeſonnener: mein Auge bis zu Ihnen zu erheben! Sie werden geraͤcht; und ich fuͤr meine Vermeſ⸗ ſenheit hart genug beſtraft. Ich darf mich nicht beſchweren, darf auch nicht klagen. Was gab mir ein Recht, was gab mir ei⸗ nen Grund, in dieſen Augen ſogar Spuren von Theilnahme zu leſen? Es iſt gerecht, daß mir fuͤr ſolche eitle Unbeſonnenheit der Dorn in der Bruſt bleibt. Mein Freund— ſagte Lucie, nun ganz erweicht, und mild vorbittend. Lucie! rief er, und zog ſie umſchlingend— —— leiſe an ſich⸗ Sie widerſtrebte nur wenigz ihre Beſinnung war hin, ihr Auge truͤbe, ſie erkannte ſich und dieſe Erde nicht mehr, Aber eine neue, herrliche Welt war in ih⸗ rem Innern aufgegangen⸗ und ihr ſanft be⸗ wegter Geiſt ſchwebte in dem himmliſchen Aether dieſer unbekannten Welt nicht fremd, ſondern wie in ſeiner Heimath, in ſeinem Eigenthum. Der gluͤckliche Guͤnſte ling druͤckte den erſten Kuß der Liebe auf Luciens weiße Stirn: Lucie konnte nur laͤe cheln und gluͤcklich ſeyn.— O du freund⸗ liches Licht der Sonne, rief er; haſt du je einem Gluͤcklichern geſchimmert? Ich halte ſie in meinem Arm; jetzt, jetzt iſt ſie mein; ach daß ich ſtuͤrbe in dieſer Stunde, wenn ſie nicht die meine bliebe!— at Aus Luciens Augen brachen Thraͤnen. In dieſem Augenblick hoͤrten ſie Fußtritte ˙ im Sande/ und die Tritte mußten ſchon ſehr nahe ſeyn) da ſie ſie horten. Lucie tiat zut růck: da ſtand die Bäronin im Eingang det Laube. Lucie War halb kodt/ ver Herr Vet⸗ ter aͤußerſt verlegen; die Baronin ertothete vor Ueberraſchung und Unwillen. Sie faßte ſich aber ſogleich. Mit dem Schein von Gleichgůltigkeit, und ohne den armen Lieb⸗ haber eines Blicks zu wundigen, ſagte ſie zur Tochter? Kofm mit mir, mein Kindz ich erwarte die Geſellſchaft jeden Augenblick Es wuͤrde beleidigen, wenn man dich nicht fände.— Meine gnädge Frau— ſchon neulich hoffte ich das Gluͤck zu haben 3 ſtockte der Vetter: aber die gnaͤdge Frau mochte von dem Gluͤcke, das er zu haben hoffte, nichts wiſſen. Sie hatte den Arm der Tochter genommen, und wär in ihrer Eil mit dieſer ſchon ein Stuͤck dem Hauſe 6 v* zugewandelt, ehe dies Fragment einer un⸗ i— dut ee vr Munnniſt die belaſtetſte Sönderin nach dem Beicht⸗ ſtuhl. Sie erwartete bittere Vorwurfet dieſe kamen nicht. Es wurde kein Wort geſprochen, bis ſie beyde auf Luciens gim⸗ mer waren. Da ſagte die Mutter mit er⸗ zwungener Ruhe: Faſſe dich, meine Toch⸗ ter; die Geſellſchaft— leider, S hier ſeyn. r 43 Und du zuͤrneſt mir nicht, du engelgute Mutter? under ahſt mir keine Vorwuͤrfe2 d ſo verachteſt du mich wol gar? Ich beklage dich, meine Tochter. Die Jahre meiner Iugend gehen an mir vor⸗ uber—: ich beklage dich ſehr! Damit wollte ſie gehen, aber dieſe Gute hatte Luciens Herz gebrochen. Sie um⸗ ſchlang die Mutter mit aller Kraft; ſie preßte ſich geaͤngſtet an ihre Bruſt: die Mutter ließ ſie da eine Weile ruhen und trocknete ihr ſanft die Augemn. Dann wurde ſie Seie n 65 Kaum war Lucie allein, als ſ ie ſi 6 in itnei chbann zwiſchen dunkler, aber ſuͤßer Neigung, und klarem aber unliebli⸗ chem Pflichtgebot— v ſo klein und unwuͤr⸗ dig fuͤhlte. Hocherrothend ſtand ſie auf. Da trat der Gedanke, den ſie geſtern ſchuͤchtern unterdrückt hatte, von neuem und lebhafter vor ihre Seele. Jetzt fuͤhlte ſie auch keine geheimen Vorwuͤrfe dabey, wie geſtern: im Gegentheil, ihr inneres Gefuhl billigte ihn. Da rollte ſchon ein Wagen in den Hof. Das trieb ſie noch mehr zur ſchnellen Aus⸗ fuͤbrung. Sie ſetzte ſich, und ſchrieb haſtig: int e In der ſchrecklichſten Beaͤngſtigung „wende ich mich an Sie. Ich will Ihnen „das Vertrauen beweiſen, das Sie mit „Recht von mir fordern. Aber ich werde „Sie kraͤnken; und das zerreißt mir das 5Herz. Ich kenns unſrer Aeltern und Ihre „Geſinnungen gegen mich. Ich fuͤhle mich „geehrt dadurch. Ich wuͤrde glucklich ſeyn vin dieſem Gefuͤhl, wenn ich ſeiner wuͤrdig „waͤre. Ich bin es nicht. Sie alle erwar⸗ „ten von mir ein freyes Herz: mein Herz „iſt nicht mehr frey, Ich liebe und bin ge⸗ „liebt. 3ch weiß es, ich werde nie beſitzen, „was ich liebe. Ich werde leiden und entſa „gen, doch nimmer taͤuſchen lernen. Und „koͤnnte ichs: ich will es nicht. Zuͤrnen Sie „mir, ich will mich nicht beklagen; nur for⸗ „dern Sie nicht, was ich ſelbſt nicht mehr be⸗ „ſitze. O mein Herr, Sie ſcheinen ſoledel⸗ „muͤthig, ſo gut: wenden Sie den Kum⸗ vmet von meiner guten Mutter, den ich üͤber „ſie gebracht habe. Sie konnen es. Sehn „Sie Vermittler zwiſchen mir und unſern „Veltern. Sie konnen es. Muß es ſchi, „ich wiederhole es: ich will vergeſſen) daß „der May mieines Kebens mich zu Frenden „berechtigte, wenn ich nur weiß) daß meine „Mutter nicht durch mich leidet, Ihr Vater „mich nicht fůr undankbar halt, und Sie mir „verzeihen. Sie können, Sie muͤſſen dies valles bewirken. Wo dieſer Brief Sie auch „trifft— kehren Sie um: ich bitte, ich be⸗ vſchwdre Sie! Jetzt muͤßte ich vor Ihnen nür zittern. Vermitteln Sie und kommen „Sie dann; mit Thraͤnen herzinnigen Dankes „ſoll Sie hernach Ihre Freundin empfangen.“ Ein zweyter Wagen rollte in den Hof⸗ Lucie konnte nicht uͤberleſen, was ſie ge⸗ ſchrieben hatte. Sie ſiegelte ſchnell, und eilte hinab, den alten, treuen Pfarrer auf⸗ zuſuchen. Er wußte ja ſo viel, daß er nun alles wiſſen durfte. Eben war er angekon⸗ men, und eben zerſtreueten ſich die kleinen Gruppen der Gaͤſte in den Garten. Lucie draͤngte ſich an den Pfarrer, zog ihn von den Andern ab, bekannte alles, und ſchloß, er ſolle, er muͤſſe helfen. Genannt hatte ſie den Geliebten nicht, um nicht auch ihm wehe zu thun. Der gute Alte war auch be⸗ ſcheiden genug, nicht naͤher nach ihm zu fragen. Das war wol gut: aber er ſollte doch auch ein wenig außer ſich kommen, meynte Lucie. Das geſchahe aber gar nicht. Zwar hoͤrte er Lucien mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit zu, zwar druckte er ihr ſo ₰ X — freundlich und theilnehmend die Hand, und ſchob ſein:„Wie, Fraͤulein Pathchen?“ „Eyey, Fraͤulein Pathchen!“ oͤfters ein; aber das war der ee lange S genug. 50 Und was ſoll denn ich hierbey thun? fragte er nachſinnend, als Lucie ge⸗ ſchloſſen hatte. WPor allem: dieſen Brief ihm en ſeuden! 16 Dieſen Brief? Erlauben Sie, ʒit⸗ lein Pathchen: was enthaͤlt er?— Lucie ge⸗ ſtand es. Er nahm den Brief an: Unter dieſen Umſtaͤnden:— ja, ich will ihn ſogleich befoördern. Eilig, eilig— Ja, ja; mein alter Michel ſu den Fi⸗ lalſchimmel nehmen! Das Thier greift noch immer gut genug aus. Aber— es fuͤllt mir eben ein: er wird dem Herrn Baron gar nicht mehr weit von hier begegnen— Wie? nicht mehr weit von hier? WVorhin fluͤſterte mir die gnaͤdge Mama zu, noch heute erwarte ſie ihn— Noch heute? rief Lucie erblaſſend. Sie wollte ja die Nachricht von Ihnen, aus ſeinem letzten Briefe an Sie haben— Ach Gott— ja, ich erinnere mich! ich habe mir das nicht ſo O eilen Sie um deſto mehr— Ich gehe ſogleich. Wenn man mich ver⸗ mißt:— ich habe etwas zu Hauſo zu beſtel⸗ len vergeſſen, und bin gleich wieder hier!— Er ging. Lucien trieb es auf ihr Zim⸗ mer, wo ſie dem treuen Alten nachſehen konute. Sie ſah ihn eilen, ſah Micheln den ehrlichen, duͤnnbeſchweiften Schimmel muͤhſam aus dem Stalle ziehen, ſah den Pfarrer ntn Sie eilte ihm dan⸗ „ kend entgegen. id a ziennchin Stille, ſtille! er.— en Sie ſch, Fraͤulein Pathchen! Man wird ſonſt auf⸗ merkſam auf uns. Und„„nicht wahr? ſobald die Geſellſchaft weg iſt, gehen wir zur guten Mutter, und bekennen beyde, was wir gethan haben? tni Sd Ja, ja koͤnnte ich nur— an re Bruſt fliegen! in enz nit dnd Nun, das gehet nicht an niets 66 Sie huͤbſch munter, und behalten Sie guten Muth! Es wird alles gut werden! i z1 9313 Da mnd zur Lnfel herſen uce zwang ſich wirklich, munter zu ſcheinen, und ſchwatzte vor Angſt recht viel— was? das mochte der Himmel wiſſen: ſie wußte es nicht. Die Mutter bemerkte es recht — 3 ——— gut, und ſchöpfte angenehme Hoffnung ſchon daraus daß Luciet min erſt munter ſcheinen wollte 5 Man ſaß lange bey dem frohen Mahle; tann vertheilte ſich die Geſellſchuft in den Garten, in das Spietzimmer u. ſiw. Lucie ſehnte ſich ſo innig, daß man auf⸗ brechen moͤchte: ſie konnté die Laſt des Ge⸗ heimniſſes auf ihrer Binſt nicht mehr tra⸗ gen; ſie mußte ſie mit der geliebten Mutter theilen. Aber alle Verſuche waten vergeb⸗ ich. Wund dauter frohliche Geſichter umher! und kein einziges theilnehmendes Weſen! Selbſt der alte Vertraute in der heiterſten Luune von der Welt! O/ ſie wat doch höchſt 5 dieſe ullgemeine Fröhlichkeit! Die Sonne neigte ſich; noch immer dachte Niemand an das Aufbrechen. Lu⸗ cien trieb es von einer Stelle zur andern. Eben war ſie allein im weiten Speiſeſaale, 1. Pand. G da trat die Mutter herein. Fucie eilte an ihre Bruſt, konnte nicht ſprechen— Sch danke dir, mein gutes Kind, ſagte die Mutter, daß du dich beſiegen willſ.— Da kam auch der Pfarrer. Ach meine Mutter, du weißt noch nicht— begann Lucie, und der Alte trat herzu, ſie zu un⸗ terſtutzen. Da fuhr in laͤrmender Eil ein Wagen vor. Was iſt das? rief die Mutter und eilte zum Fenſter- Die andern folgten ſchnell. Ein junger, glaͤnzender Offizier ſprang heraus und war im Nu im Hauſe.— Lucie ſchwankte erblaſſend zurnc. Da ſtand ſchon der Vediente: Der Bgron von S** bittet um die Ehre— Lucien vergingen die— Sie ſu in das Nebenzimmer. Sie hörte den leb⸗ haften Gang des Kommenden, ſielhörte das Aufreißen der Thuͤre: ſie floh weiter in das — — „ hinterſte Kabinet, und weinte bitterlich. Nach einer feinen Weile trat die Mutter herein: Mein Kind— mein gutes, mein gluckliches Kind! rief ſie, und Thraͤnen der Freude rannen ihre Wangen herab. Die Tochter ſtand betaͤubt. Da ertonten durch die offenen Thuͤren die ſanften Saiten der Guitarre, und eine ſchoöne, befreundete Stimme begann das wohlbekannte Lied: „Holde Nacht, „Komm ſacht! komm ſacht!“ Lucie erblaßte. Ahneſt du noch nicht dein Gluͤck? ſagte die Mutter. Ohne zu wiſſen, was ſie that, flog Lucie an der Hand der Mutter zum Saale: da fuͤhrte der alte Pfarrer ihnen den gefuͤrchteten Baron und geliebten Vetter in einer und derſelben Perſon entgegen. Mit einem Ausruf won⸗ nevollen Schreckens verbarg Lucie ihr glä⸗ 6 2 . — 1006— „ hendes Geſicht am Buſen der Mutter. Der Baron umſchlang beyde: Meine geliebte Braut, meine theure Mutter— werden Sie mit die Stunden der Unruhe verzeihen, die ich Ihnen gemacht habe? Lucie hoͤrte nur wie im Traume, was der Pfarrer zur gehbrigen Auseinanderſetzung der Sache des Breitern hererzaͤhlte. Es lief darauf hin⸗ aus: Der junge Baron, der die Abſichten beyder Familien kannte, liebte ſeinen Vater zu herzlich, als daß er ſich ſeinen Wuͤnſchen haͤtte entgegenſetzen; empfand aber auch zu maͤnnlich, als daß er ſeine heiligſten Gefuͤhle einer, wenn auch noch ſo gut gemeynten Convention haͤtte vpfern moͤgen; auch dachte er zu redlich, als daß er ein gutes Maͤdchen zu ſolchem Opfer haͤtte veranlaſſen ſollen. „Ich muß lieben und geliebt ſeyn,“ hatte er dem Pfarter geſchrieben;„anders darf ich in den Plan meines Vaters nicht einſtim⸗ men. Ich muß Lucien, ſie muß mich ken⸗ nen lernen, ohne Ruͤckſicht auf jenen Plan⸗ Glaube ich, ſie gluͤcklich machen, 6 durch ſie glucklich werden zu konnen: ſo bewerbe ich mich um ihre Liebe. Gelingt mir dies nicht, ſo erfaͤhrt Niemand, außer Ihnen, wer ich war; ich trete zuruͤck, und weder Luciens Gluͤck, noch meine Ehre ſind ge⸗ faͤhrdet. Gelingt es mir, ſo iſis dann Zeit zur Entwickelung. Damit Lucie ganz frey waͤhle, ganz frey ſich aͤußere, darf guch we⸗ der ihre Mutter, noch mein Vater etwas von meinem Porſatz wiſſen. Das iſt nun folgender; und Sie, unſer aller treuer Freund, muͤſſen ihn ausfuͤhren helfen. Nun ie der Plan, wie er hernach ausgeführt worden.— Und Ihre Briefe? fiel die Mutter dem Pfarrer ins Wort. Sind alle in meinem Studirſtuͤbchen ge⸗ ſchrieben, und von Micheln aufs naͤchſte Poſtamt getragen worden; von wannen ſie ſodann anhero kommen. Ihr Brief aber von heute Vormittag, Fraͤulein Pathchen, hat der Sache gleichſam den letzten Gnaden⸗ ſtoß gegeben. Ich habe ihn ſogleich eigen⸗ haͤndig der Behoͤrde zugefoͤrdert, und mein Michel iſt mit den Reſultaten aller hieſigen Angelegenheiten ein feines Stuck weiter ge⸗ ritten, als zur naͤchſten Poſtſtation. Zum alten Herrn Baron naͤmlich. Heute ha ben wir Sonntag Rogate: Himmelfahrt kann er hier ſeyn. Und dann die lieben Pfingſttage— gnaͤdge Frau, wie waͤr' es den 7 Die neue Maͤhr erſcholl nun unter die — — 103— Geſellſchaft. Die Frau von K*n, die Speculationen fuͤr ihren Neffen gemacht hatte, bekam ihren alten Schwindel, und der Kammerjunker Y**, deſſen oft ver⸗ wundetem Herzen hier wieder ein arger Treff beygebracht wurde, verlor im Quadrille ein Solo mit fuͤnf Matadoren. 1v. S — — 8 — e² — * 8 8 = Ich ſtieg nicht ohne Beſchwerde zwiſchen hervorragenden Granitbloͤcken und dickem Geſtripp hinunter ins Thal. Mitten durch dies hin rauſcht das Fluͤßchen, und an die⸗ ſem liegt, von alten Linden halb verſteckt, die ſchoͤne Muͤhle. Kein lebendiges Weſen erblickte ich; der Weg zieht ſich oben auf dem Berge hin, und war hier unten ver⸗ deckt. Ich ſetzte mich auf einen Baumſturz. Gelehnt an ein ſchroff herabhangendes Fel⸗ ſenſtuͤck, da, wo der abgeleitete Muͤhlbach pfeilſchnell und ſchaͤumend in den Fluß zu⸗ rückſtuͤrzt, uͤberließ ich mich den Empfin⸗ — 108— dungen, welche die ſchauerliche Umgebung in mir erregte. Endlich knuͤpften ſich aber Betrachtungen an, die mich tiefer beugten, als ich wuͤnſchte. Da richtete ich mich auf, zuruck ins Schloß zu gehn; und indem ich meinen Ruheplatz naͤher betrachte, entdeck“ 3 ich ein halbverwittertes Bild, roh in das Felſenſtuͤck gehauen. Eine Hand reichte aus Wolken und hielt ein geflammtes Schwert, darunter ſtand die Zahl 1473. Die Stimmung, worin ich war, ver⸗ mehrte meine Theilnahme. Ich ging in die Muͤhle, den Muͤller uͤber das Denkmal zu 5 fragen. Ich kenn' es wohl, ſagte der Mann; aber wir wiſſen nichts weiter da⸗ von, als daß einmal da ein vornehmer Heyr umgekommen ſeyn ſoll. Habt ihr euch nicht 3 weiter darnach erkundigt? fragte ich. Un⸗ ſer eins hat den ganzen Tag zu thun, ant⸗ 3 — 109— wortete er, und kaum des Nachts ſeine Ruhe. Und was Einem ſo nahe vor Augen liegt, das wird man gewohnt, und bekuͤm⸗ mert ſich weiter nicht drum.— Ich kehrte in das Schloß zuruͤck. Seine uralte, kloſtermaͤßige Bauart, ſeine Abge⸗ legenheit, die Oede in ſeinem weiten Ge⸗ hoͤfe: alles das machte jetzt einen weit tie⸗ fern Eindruck auf mich, als vorhin. Ich theilte dem alten, verſtaͤndigen Pachter mein kleines Abenteuer mit. Ja, ja, ich kenne das, ſagte er; draußen an der Seite des Schloſſes nach jener Gegend hin iſt das Bild vollſtaͤndiger zu ſehn. Ich ging hin. Dort ſtand, halberho⸗ ben in eine große Steinplatte gearbeitet, außer jener Hand mit dem Rachſchwert, ein Eber, der, das Fangeiſen tief in der Bruſt, fliehend dargeſtellt war; unten lag — 110— ein Ritter, ausgeſtreckt und, wie es ſchien, todt am Boden.* Ich fragte, ob man die Bedeutung die⸗ ſes Denkmals nicht wiſſe. O ja, ſagte der Pachter; ſie war im Archiv aufgezeichnet, und die vorige Herrſchaft hat die alten Pa⸗ piere zuſammenbinden laſſen. Ich will ſie Ihnen bringen. Ich mag die Geſchichte den Leuten hier nicht erzaͤhlen; ſie furchten ſich ohnehin vor dem Platze, und thaͤten's S noch mehr. Sch bekam, ich las die npte gol⸗ gendes iſt, was ich daraus, theils in be⸗ ſtimmten Angaben, theils in dunkeln An⸗ deutungen erfuhr. Iſt die Geſchichte auch nicht ausgezeichnet„ſo beſchaͤftigt ſie doch, irt ich nicht, den Leſer einige nicht unwuͤrdig. ——— — T— Ludolf von Weſterburg und Hein⸗ rich von der Nahe hatten am Hofe des Herzogs als Edelknaben gedient, und da⸗ ſelbſt einen ſo engen Bund der Freundſchaft geſchloſſen, daß man ſie heut zu Tage Oreſt und Pylades genannt haben wuͤrde, und da⸗ mals David und Ionathan nannte. Das⸗ ſelbe dunkel unter ſich brennende Feuer der Leidenſchaftlichkeit, derſelbe Edelmuth, und auch dieſelbe treue Liebe, wie im Oreſt, ver⸗ einigten ſich in Ludolf; derſelbe friſche Sinn, dieſelbe lebensluſtige Gemůthlichkeit, ge⸗ wandte Weltklugheit und unbefangene Gut⸗ herzigkeit, doch nicht ohne regſame Eigen⸗ liebe, beſtimmte, wie des Pylades, den Charakter Heinrichs. So waren ſie geraume Zeit die Lieblinge ihres Herrn und die nene ſeines ganzen Hofes. Als ſie hernach in den— — 143— ben wurden, machtem ſie ſich auf, die Welt zu ſehn. Zwey bis drey Jahre ſcheinen ſie vereint dahingezogen und in den gewbhnli⸗ chen Kreiſen des Weltlebens mit umgetrie⸗ ben worden zu ſeyn. Das Weltleben pflegt nun die Charaktere zwar nicht zu vetwan⸗ deln; wol aber ihre Grundzuͤge gleichſam zu vererden, zu verknoͤchern. Und ſo finden wir auch die Freunde wieder am Hofe ihres vorigen Gebieters. Der farbige Duft des fruͤhern Juͤnglingslebens hat ſich in helle Lo⸗ calfarben verdichtet; ſtatt des unbeſtimmten idealen Strebens, ſind ſichete reale Punkte, als Ziele, in das Leben aufgenommen. Lu dolf waͤhlt den Krieg, Heinrich den Hof, beyde ihren Anlagen und Neigungen gemaͤß. Doch war Ludolf npch durch ein beſonderes Ereigniß fruͤher und n Pfad gedraͤngt worden. Ludolf beſaß naͤmlich eine anſehnliche Herrſchaft, zu welcher das Gut gehoͤrte, wo ich mich ſo eben befand. Er war lange nicht dorthin gekommen; Grenzſtreitigkei⸗ ten vermochten ihn jetzt dazu. Er verweilte geraume Zeit, und lernte bey ſeinem Nach⸗ bar und Gegner das erſte weibliche Weſen kennen, das ihn tief fuͤhlen lehrte, er habe nicht nur Phantaſie und Sinne, ſondern auch ein Herz. Adelheid, die Tochter jenes Nachbars, war dies Weſen. Noch in ſehr jungen Jahren, aber herrlich empor⸗ bluͤhend— von nicht tiefen, aber ſehr lel⸗ haften Empfindungen— das ſchimmernde Bild unbeſorgter Heiterkeit und leichtfertiger Laune— war ſie der Liebling ihres Vaters und der ganzen Gegend umher. Sie bemerkte bald ihre Gewalt üͤber Lu⸗ dolf: das gefiel ihr; ſie bemerkte auch, daß 1. Band. ₰H 6— 114— ſeine Naͤhe reizende Gefůhle bey ihr erwecke, die ſie bis dahin nicht gekannt: das gefiel ihr noch mehr. So uͤberließen ſich beyde frohlich und geheim ihren Neigungen, bis endlich Ludolf, durch dieſe aufgefordert, ihr ſeine Hand antrug, welche denn auch von der lebhaft aufgeregten, eine Veraͤnderung ihres einfoͤrmigen Lebens wuͤnſchenden Jung⸗ frau frendig angenommen wurde. 5 Jetzt ſprach Ludolf mit dem Vater. Je⸗ ner Streit zwiſchen beyden war beendigt; der Vater hatte Unrecht gehabt und Untecht behalten. Aber der ſiolze Mann vergab nur dem Andern empfangenes Unrecht gern und leicht, nicht ſich, dem Andern angethanes. Ludolf bekam die entſchiedenſte Verweige⸗ rung, und alle Verguͤnſtigungen, welche er in der Haſtigkeit eines Verliebten dem rauhen. Alten bot, mußten dieſen nur mehr erbittern. — 115— Nun glaubte Ludolf ich berechtigt, das Ziel ſeiner Wuͤnſche mit Gewalt an ſich zu reißen. Er drang in Adelheid, mit ihm bey naͤchtlicher Weile zu entfliehen; und leicht⸗ ſinnig, nach Neuem begierig, wie ſie war, gab ſie ſeinem Eindringen bald nach. Sie entflohen, aber nicht weit: da uͤberfiel ſie der Vater mit einem Trupp ſeiner Leute, zerſttkute die ihrigen, und nahm die Lieben⸗ den gefangen. Die Maßregeln waren ſo ſicher genommen, daß es wahrſcheinlich iſt, der Vater war genau unterrichtet, und ließ die Flucht abſichtlich zu, um dann deſto haͤr⸗ ter verfahren zu koͤnnen. Ludolf ward in Gewahrſam behalten, bis Adelheid ſeiner entſagt hatte und weggebracht war; dann mußte er ſich ſchwer loskaufen; die Fehde, welche er nun begann, wurde von den Kreis⸗ richtern fuͤr ungerecht erklart, und ihm ge⸗ H 2 — 116— boten, falls ſie nicht alle gegen ihn, als einen Ruheſtoͤrer, auftreten ſollten, drey Jahre lang dieſe Gegend zu meiden. Ludolf gehorchte, da Widerſetzlichkeit fruchtlos, und uͤberdies Niemand unterrich⸗ tet war, was aus Adelheid geworden. So kam er wieder an den Hof zuruͤck, wo er bey ſeinem Freunde Theilnahme und manche Erleichterung ſeines Schmerzes fand. Eben hatte Kaiſer Friedrich der Dritte ſeinen Zug nach Italien begonnen; die erſten Unternehmungen dieſes raſchen, aber wan⸗ kelmuͤthigen Monarchen waren verungluͤckt; und er bot nun alle Mittel der Macht und der Gnade auf, reiche Unterſtuͤtzung von den Fuͤrſten Deutſchlands zu erhalten. Der Her⸗ zog folgte der Aufforderung, und Ludolf dem Herzog. Im Gewühl des Kriegs hoffte Lu⸗ dolf Vergeſſenheit ſeines Kummers zu fin⸗ den: doch trug er dem zuruͤckbleibenden Freunde die ſorgfaͤltigſte Wachſamkeit uͤber Adelheid und ihr Schickſal auf. Heinrich erfuhr im erſten Jahre nichts von Adelheid, im zweyten aber den plötz⸗ lichen Tod ihres Vaters und ihre Ruͤckkehr ins Schloß. Nun machte er ſich auf zu ihr, die Angelegenheit ſeines Freundes, wenn er das Fraͤulein deſſen wuͤrdig faͤnde, zu betreiben. Er kam an, und erſtaunte, in Adelheid eine Jungfrau zu finden, welcher er vor al⸗ len Schoͤnheiten des Hofs die Palme reichen mußte. Adelheid hatte zeither in kloſterli⸗ cher Abgeſchiedenheit gelebt. Einſamkeit vertieft und feſtiget große Seelen; kleine reizt ſie nur auf, und verfluchtiget ſie gleich⸗ ſam. Das Fraͤulein fand gleich Anfangs an Heinrich einen willkommnen Freund und ge⸗ wandten Geſellſchafter; bald verbarg ſie ſich auch nicht mehr, er ſey ein ſchoner, er ſey ein liebenswuͤrdiger Mann. Ihre Theil⸗ nahme an Ludolf, die nur durch die Naͤhe ſeiner Perſon geweckt und erhalten worden war, hatte ſich ſeit ſeiner Entfernung ge⸗ mindert; ſie hatte ſeiner laͤngſt entſagen muͤſſen: jetzt gedachte ſie der Zeit ihrer er⸗ ſten Liebe nicht viel anders, als der Zeit ihrer Kinderſpiele„die allerdings angenehm geweſen, aber nun doch ein⸗ fuͤr allemal voruͤber waͤren. Heinrichen entging weder dies, noch auch der Eindruck, den er auf die reizende, und nun auch reiche Adelheid gemacht hatte. Seine Sinne und ſeine Phantaſie waren vom erſten Anblick an gewonnen; ſein Verſtand trat mit dieſen in den Bund, und trieb, das gebotene Gluͤck zu verfolgen; ſein Herz aber 1 widerſtrebte mit ſo vieler Kraft der Redlich⸗ keit und Freundſchaft, als in ihm war, und er bewahren konnte. Dieſer Kampf mußte auch aͤußerlich ſichtbar werden: Adelheid be⸗ merkte ihn mit Vergnuͤgen, und erklaͤrte ihn ihren Wuͤnſchen gemaͤß. So glaubte ſie dem Freunde immer naͤher entgegengehen zu duͤr⸗ fen; ſo mußte ſie dem Wankenden immer gefaͤhrlicher werden. Einmal noch raffte er ſich ernſtlich auf und ſprach in gelegener Stunde uͤber Ludolf und die eigentliche Abſicht ſeiner Anweſen⸗ heit. So ſeyd Ihr da, ſprach Adelheid, den Fruͤhling zuruͤckzulocken, jetzt, da es hoher Sommer iſt? iſt's nur moͤglich, daß ſolch Beſtreben gelinge?— Er ſchilderte die Vorzuge ſeines Freundes und ſeine fort⸗ waͤhrende Neigung zu ihr: ſie ſetzte zu den geruͤhmten Vorzügen Ludolfs noch manche hinzu, geſtand, daß ſie ſeiner auch ewig mit Kann und ſoll man jedem ſein ganzes Weſen hingeben, den man hochachtet und werth hält?— Der Erinnerung an ihre fruͤhen Zuſagen ſetzte ſie entgegen, daß ſie eben zu fruͤh geweſen, und fuͤr ein jugendlich uͤber⸗ eiltes Wort ein ganzes Leben doch ein gar zu unverhaͤltnißmaͤßiges Opfer ſey; gegen die Behauptung, daß Ludolf doch noch auf ſie hoffe, erwiderte ſie, daß ſie ihm entſagt habe, er dies wiſſe, er ſich durch weite Entfernung ſelbſt getrennt, und was etwa noch in ihm fur ſie ſpreche, der allgemeinen Vermittlerin, der Zeit, uͤbergeben habe. Jetzt glaubte Heinrich, es nur mit ſich ſelbſt zu thun zu haben. Er wollte ſich ſeine Obliegenheiten aufs ſchaͤrfſte aus einander ſetzen, und maß und wog mit aͤngſtlicher Theilnahme gedenken werde; beſchloß aber: — 121— Genauigkeit. Wer aber lange uͤber ſeine Pflichten gruͤbelt, wird, wenn ſie ſeinen Neigungen widerſprechen, wahrſcheinlich her⸗ ausbringen, was dieſe heiſchen; oder er wird wenigſtens im Unterſuchen die Kraft aufwenden, welche zum Ausfuͤhren nothig war, und ſo aus Ermattung geſchehen laſ⸗ ſen, was ihn in Begeiſterung empoͤrt haben wuͤrde. Wie befriedigend oder nicht befriedigend Adelheids Erwiederungen ſeyn moͤgen, be⸗ ſchloß Heinrich ſeine Eroͤrterungen; ſo viel iſt doch ſicher, ſie iſt fuͤr Ludolf verloren. Rechtlich frey war ſie, ſeit ſie ihm entſagte; menſchlich frey, ſeit ihre Liebe ſich von ihm wendete: frey, gehoͤrt ſie einem jeden an, der ſie zu gewinnen weiß; warum nun dir nicht, der du ſie gewonnen haſt? Könnte nicht keicht der ſchlechtere Mann ihr nahen — 122— und ſie zu ſich herabziehn? muͤßte eine Tren⸗ nung von dir, jetzt, da ſie ihr Inneres dir entfaltet, ſie nicht erniedrigen und zu raͤchen⸗ den uebereilungen an ſich und dir reizen? wird nicht ſelbſt dein Freund, was fuͤr ihn dahin, doch von ihm als der köſtlichſte Schatz erkannt iſt, am liebſten in deinem Beſitz, und an deiner Seite im Schimmer des Glucks ſehen wollen? Heinrich und Adelheid uͤberließen ſich nun dem Zuge ihrer Empfindungen, und dieſer leitete ſie bald zum glaͤnzendſten Hoch⸗ zeitfeſt. Was ſich gegen jene Anſichten zu⸗ weilen in Heinrichs Seele geregt das war durch die Reize der liebenden Braut bezwun⸗ gen worden. Doch wie der kuͤnſtlich ver⸗ mau⸗rte Quell mit vervielfachter Kraft zu ſeiner Zeit deſto gewaltſamer hervorbricht, ſo uͤberfiel ihn die zuruͤckgedraͤngte Macht — 123— ſeiner beſſern Seele deſto unwiderſtehlicher, und eben da, als in ihm— dem zuerſt voll⸗ kommen begluͤckten Gemahl— das ſchwin⸗ delnde Entzuͤcken in beſeeligende Ruhe ſich haͤtte aufloſen muͤſſen. Da ward es plotz⸗ lich Nacht in ſeinem Innern; wie eine öde Wildniß, von ſtechender Sonnengluth aus⸗ gebrannt, erſchien ihm ſeine nuͤchſte Ver⸗ gangenheit. Schaudernd ſah er durch die Nacht den Schatten des Freundes aufſtei⸗ gen und zuruͤckfordern das Kleinod, das er mit der Unbeſorgtheit des noch nicht ge⸗ taͤuſchten Kindes ihm anvertrauet hatte: und, wie durch den Einfluß ſchadenfroher Daͤmonen, verwandelte ſich in ſeinen Armen die liebeathmende Gattin in eine uͤppige Verfuͤhrerin, verwandelte er ſich ſelbſt in den veraͤchtlichſten Sklaven ſinnlicher Begies und niedrigen Verrathẽ. — 124— Adelheid bemerkte mit Schrecken die Veraͤnderung ihres Gemahls. Kann es fuͤr ein liebendes Weib etwas Zerknirſchenderes geben, als ſich in der Stunde gaͤnzlichen Hingebens geflohen zu ſehen? Geflohen fuͤhlte ſie ſich aber; doch nur auf kurze Zeit. Ihr Stolz zwang ſie, zu ſchweigen und an⸗ ders zu deuten: und ſo ſchloß ſie auf verbor⸗ gene Kaͤlte im innern Weſen des Gemahls uͤberhaupt, und ein aͤngſtender Verdacht ſchlich ſich in ihr Herz. Heinrich, den Ver⸗ dacht zu zerſtreuen, und die innere Stimme, die ja nun vergebens in ihn eindringe, zu betaͤuben, ſtuͤrzte ſich aus Genuß in Genuß; Adelheid, die nagende Beſchaͤmung los zu werden und das Widerſtrebende vielleicht zu beſiegen, that ein Gleiches. Wie ihre Em⸗ pfindungen einander widerſprachen, wider⸗ ſprach ſich auch ihr beyderſeitiges Leben; nur in einem Entſchluß trafen ſie zuſammen: man wollte nicht an den Hof, ſondern hier des Daſeyns froh zu werden verſuchen. Adel⸗ heid beſtand hierauf aus Mißtrauen; Hein⸗ rich aus Furcht vor dem Freunde.. So verfloſſen einige Jahre. Man war nichts weniger, als gluͤcklich; deſto aͤngſt⸗ licher verhehlte man einander, daß man's nicht ſey; Eins verſtand das Andere, und war nur deſto ſorgfaͤltiger bemuͤhet, daß es das Andere verſtehe, zu verbergen.— Kaiſer Friedrich hatte indeſſen den Ver⸗ gleich zu Mailand geſchloſſen, und was von ſeinem Heere nicht durch Schwert und Seu⸗ chen aufgezehret war, zog heim, des Frie⸗ dens und der Erinnerung tapferer Thaten zu genießen. An einem ſchonen, warmen Herbſttage ſaß die alte Waͤrterin mit Heinrichs und — 16— Adelheids einzigem Soͤhnchen unter jenem ſchroff herabhangenden Felſenſtuͤck„da, ww der abgeleitete Muͤhlbach in den Fluß zuruͤck⸗ ſtuͤrzt„ und jetzt das halbverwitterte Bild zu ſehen iſt. Da kam ein Pilger langſam das Ufer herauf und geſellte ſich zu ihr. Wo koͤmmſt du her, frommer Pilger, redete die neugierige Waͤrterin ihn an, und wohin willſt du? Du haſt dich verirret; der Weg laͤuft oben an den Bergen hin. Weit, weit her fuͤhrt mich meine Straße, verſetzte der Pilger; doch verirrt bin ich nicht. Ich ſtieg herab, der Anmuth und Fuͤhle dieſes Thals zu genießen. Laß mich neben dir ruhen, gute Alte! Weß iſt das Kind, begann er hernach, das zu deinen Fuͤßen ſpielt? Es iſt meines Herrn, des Edlen von der 6. Nahe, und Adelheids, ſeiner ſchonen Ge⸗ — — 127— mahlin, antwortete die Alte. Willſt du einkehren bey uns, ſo wird dir's an keiner Pflege gebrechen. Nicht weit hinter dem Berge liegt unſer Schloß. „Iſt dein Herr zu Hauſe?“ „Noch fuͤhrt er die Jagd dort druͤben in dem Gehege, hinter den Tannen; aber mit dem Abendroth kehrt er heim. Du magſt ihm und meiner Gebieterin mit Erzaͤhlen von deiner Wanderſchaft den Abend kuͤrzen.“ „Weiter muß ich und immer weiterz mag keiner Herberge mich erfreuen. Laß mich den Knaben kuͤſſen und Zukunft ſegnen.“ Und er nahm den Knaben an ſeine Bruſt und kuͤſſete ihn innig, und legte dann drey⸗ mal die Hand auf ſein Haupt mit den Wor⸗ ten: Wochſe empor, werde tapfer, und he⸗ wahle dein Herz vor Heuchelſchein. Dein — 128— Gott laſſe nie des Weibes Wankelmuth, des Freundes Treubruch dein Leben vergiften. Lieber ſtirb fruͤh— o ja, lieber ſtirb fruͤh, du moͤchteſt ſonſt Boͤſes raͤchen muͤſſen, das du nicht hindern konnteſt e Hier war die Stimme des fremden Man⸗ nes heftiger geworden. Das Kind wendete ſich ab, breitete die Arme nach der Waͤrte⸗ rin, und rief: Anna, nimm du mich! ich furcht' mich ſehr!— Der Pilger ließ es ſanft an den Boden, und ſagte gelaſſener: Mein Segen war gut, und du wendeſt ihn von dir? Du haſt nicht Schuld: das Blut, das in deinen fließt, widerſtrebt mei⸗ nem Segen.— Weib, ſi er det ſnhe d nach Hauſe. Die Sonne will untergehen, und die Unſchuld muß nur im Lichte wan⸗ deln. Ich will meine Arbeit erſt vollenden, er⸗ widerte die Waͤrterin. Die Sonne ſcheidet noch nicht: ſie iſt nur hinter den Berg ge⸗ treten; druͤben leuchtet ſie uns noch bey der Heimkehr. Gehe, Weib, geh', fuhr er dringender fort; ein verſprengtes Wild koͤnnte hieher ſich wenden und dem Kinde Gefahr bringen. Bewahre ſeine Jugend vor feindlich gereiz⸗ ter Begier! Fremdling, ihr macht mir bang, erwi⸗ derte die Alte; und Gutes ſpricht wahrlich nicht aus euren duͤſtern Blicken. Ich gehe; folgt uns nicht— auch mit den Augen nicht! und moͤge Gott uns beyſtehen und euch! Amen! ſagte der Pilger, und die Waͤr⸗ terin ging eilig mit dem Knaben davon.— Die Sonne ging unter, der blutigrothe 1. Band. J — 130— Abendſchein verbreitete ſich weit am weſili⸗ chen Himmel; Heinrich kehrte nicht heim. Adelheid ſandte Boten aus; einige Jaͤger kamen mit dieſen zuruck, aber Heinrich nicht. Die Jäger erzaͤhlten, ein großer, nicht ganz gluͤcklich abgefangener Eber habe das Garn durchbrochen, und ſey nach der Thalmuͤhle zu geflohen; den Herrn haͤtten ſie ſchon ſeit einer feinen Weile vermißt und vergeblich geſucht; vielleicht waͤre er dem Thiere durch's Geſtripp gefolgt und Wnh ſo aus den Au⸗ gen gekommen. Jetzt kam die Waͤrterin geängſtet her⸗ bey, und erzaͤhlte, was ihr begegnet ſey. Adelheid ſank mit Entſetzen darnieder, und rief: Zur Muͤhle! fort, fort, zur 3 Muͤhle!— Alles ſtuͤrzte nun nach dieſer Gegend hin. Ehe ſie dahin gelangten, fanden ſie S ———— — 131— den Eber todt am Voden„ das Fangeiſen tief in der Bruſt. An dem Platze aber„wo vor einigen Stunden der Pilger das Kind geſegnet hatte, lag Heinrich in ſeinem Blute.. Man brachte ihn ins Schloß. Noch war N Leben in ihm, auch die Beſinnung kehrte zuruͤck: da winkte er, daß alle ſich entfern⸗ ten, bis auf ſeine Gemahlin. Mit dieſer blieb er einſam eine Stunde lang; dann ſtarb er in ihren Armen. Adelheid verbarg den Leichnam vor Je⸗ dermann; es hieß, der Eber habe Heinri⸗ chen das Leben geraubt, ſo wenig ſeine Wunden dies zu beſtaͤtigen ſchienen. Aber jene Bilder mußten, nach Adelheids be⸗ ſtimmter Angabe, gefertiget werden, wie ſie noch zu ſehen ſind. Von Ludolf erfuhr man nie etwas. Adel⸗ heid uͤbergab das Kind und die Beſitzung ꝙ ₰ 3 — 132— des Gemahls einem Verwandten; ſie ſelbſt wendete ſich in das nahe Kloſter, wo ſie ſchon fruͤher verborgen worden war, und dieſem ſchenkte ſie ihre Guͤter, welche nun, nach Aufhebung der Kloͤſter, landesherrlie cher Beſitz geworden und geblieben ſind. ———— . „ — . — t i Calam Wunderſame Calamitaͤten eines Recenſenten der allgemeinen muſikaliſchen X Zeitung. An die Redaction der allgemeinen muſikaliſchen geitung⸗ B. den 1ten Julius 1313. En.—— ich hierdurch um ſchleu⸗ nigſte Zurůckſendung meines letzten Brief⸗ chens, nebſt der ihm beygelegten Recenſion. Und zwar ſenden Sie beydes— ja, ſollte die Recenſion ſchon abgedruckt ſeyn, auch den Druck— nicht an mich, ſondern un⸗ — 136— mittelbar an die hieſige, höchſte Polizeybe⸗ hoͤrde; wobey Sie aber ja nicht unterlaſſen werden, die Handſchrift dieſes Blatts mit der, jener Recenſion, gerichtlich vergleichen und vidimiren zu laſſen. Sie koͤnnen alles dies nicht ſtreng genug faſſen und nicht ſchleunig genug foͤrdern. Der ich u. ſ. w. An die hoͤchſte S zu B. den 19ten Fulius 1813. Einer—— wir hierbey„ auf Anweiſung des Herrn in B., deſ⸗ ſen letztes und vorletztes Schreiben„ nebſt der, dieſem beygelegten Recenſion„welche fur unſere Zeitung beſtimmt war. Abge⸗ druckt iſt ſie noch nicht. Der Forderung, alles aufs genaueſte beglaubigen zu laſſen, ſind wir, wie die Unterzeichnungen bewei⸗ ſen, vollſtaͤndig nachgekommen, ſo wenig uns auch nur ein ferner Schein von Grund oder Abſicht dabey einleuchtet. Die wir ꝛc. An die Redaction u. ſ. w. B. den aaſten November 1813. Das Ungewitter mit ſeiner Schwuͤle iſt voruͤber, und der Sturm, der beydes ver⸗ jagte, ebenfalls. Jetzt gilt es, Muth und Hoffnung zu faſſen, und, um beyde zu er⸗ reichen, die alte Heiterkeit, ſo weit das thunlich, zuruͤckzurufen. Zu letzterm ſoll mir heute die Erzaͤhlung der Calamitaͤt die⸗ nen, in welche ich durch jene ungluͤckſelige Recenſion gerathen war. Sie kennen unſte Verhaͤltniſſe unter der, — 135— endlich ihrer Wege gewieſenen, franzoſiſchen Regierung; Sie wiſſen wol auch, daß dieſer damals, als jene wunderliche Forderung an Sie erging, ungeachtet die Preußen todt, die Oeſtreicher nichts nuͤtze, die Ruſſen zer⸗ ſtreut ſeyn ſollten, doch etwas unheimlich und ſchwuͤl zu Muthe war. Da bediente ſie ſich denn freylich aller Mittel, die ihr zu Panden kamen, um ſich Licht und Luft zu verſchaffen. So kam der 10te Julius 1813 heran. Ich hatte eben einige Proben officiellen Zei⸗ tungswitzes uͤber die Verfaſſung der alliirten Heere in der Hand: da polterte es herauf in mein Stuͤbchen, und vor mir ſtand ein Fiscal, zwiſchen zwey Mann Wache. „Sind Sie 2„—„Ja!“—„So folgen Sie uns.“— Kein Wort, ſelbſt kein Rock ward mir verſtattet, als in den ich eben gekndpft war. Noch kam mir der Vorgang faſt nur wie ein abgeſchmackter Spaß vot: er er⸗ hielt aber ein verzweifelt ernſthaftes An⸗ ſehn, als man mich vor die volle Sitzung des hohen Polizeygerichts ſtellete. Man fragte mich erſt nach dem, was man ſo gut wußte, als icht ob ich ſo und ſo hieße, der und der ſey, und dergl., dann ruͤckte man der Sache naͤher: „Correſpondiren Sie ins Ausland?“ „Nicht im Geringſten; ich ſchreibe nicht einmal eine einzige Sprache, außer der deutſchen.“ „Verſtecken Sie ſich nicht hinter Worte! keinen boͤſen Willen!“. Bey dieſem Ausdruck fuhr mir ein Stich, wie vom Podagra, durch die Beinroͤhren: — 140— denn ich wußte, was aus der uͤberall vor⸗ ausgeſetzten mauvaise volonts, durch deren Voransſetzung man aufs klaͤrlichſte darthat, man ſey jelbſt von ihr beſeſſen, ſich fuͤr Teu⸗ feleyen uͤber gar manchen ehrlichen Mann zuſammengezogen hatten. Man ſetzte hinzu: „Die Frage iſt: Correſpondiren Sie uͤber die Graͤnze dieſes weſtphaͤli⸗ ſchen Koͤnigreichs hinaus?“ „Wenig und ſelten.“ Ich nannte meinen Schwager, den Salzre⸗ viſor in E., meinen alten Freund, den Ham⸗ mermeiſter in M.; ſonſt konnte ich mich auf Niemand beſinnen. Bey Letzterm ſchien mir jedoch das Geſicht meines Examinators et⸗ was Bezuͤgliches zu verrathen, und die Fe⸗ der des Actuars ſchaͤrfer zu kritzeln.— Nach nochmaliger Verwarnung und eini⸗ gen Zwiſchenfragen hieß es: — „Senden Sie zuweilen vwnie in offentliche Blaͤtter?“ „Keineswegs.“ „Schreiben Sie nicht wenigſtens zuwei⸗ len an Redactionen derſelben?“ „Eben ſo wenig.“ „ Wenn nicht direct, wenigſtens indi⸗ rect? durch weitere Beſorgung Anderer?“ „In meinem Leben nicht!“— Wie es nun langſamen Koͤpfen, dem mei⸗ nigen gleich, zu gehen pflegt: was ſie in ſich halten, liegt gleichſam in abgeſonder⸗ ten Schubfaͤchern, und iſt das eine Fach aufgezogen, ſo gelangt man um ſo weni⸗ ger zu dem, was im zweyten bewahret wird. Hier, wo das, fuͤr Polizey, offen ſtand, fiel mir gar nicht bey, es gebe auch eins fuͤr Muſik: ſo dachte ich denn nicht im Geringſten an Sie und Ihr Inſtitut, — 142— und meine Antwrt war ni ge meynt. Die Miene der Ingquiſitors voywůͤſterte ſich immer mehr; eine neue, furchtbarere Verwarnung; dieſelbe Frage, dieſelbe Ant⸗ wort, jene immer naͤher beſtimmt, dieſe immer feſter wiederholt. Jetzt langte man aus wohlverwahrtem Portefeuille ein ſchmales, langes Blatt hervor, ſchlug den obern und untern Theil um, und hielt mir ein Stuͤck aus der Mitte und ohne Zuſammenhang mit ei Frage vor: „Iſt das Ihre Hand?“ Die Beſtuͤrzung, in der ich war, und auch die genaue Aufmerkſamkeit auf die Handſchrift, machten, daß ich nichts las, ſondern nur die Ueberzeugung gewann, es ſey das allerdings meine Hand, welches ich — 143— denn auch ehrlich„und, meines Thurs ge⸗ wiß, ohne alle Beſorgniß, ausſagte. „Leſen Sie!“ ſagte der Vorſitzende zum Inquirirenden.— Meine Herren: denken Sie ſch„wenn Sie koͤnnen, mein Entſetzen, als dieſer mir mit weitaushallender Stimme Folgendes vorlas, was ich nun, das Original bey der Hand, diplomatiſch genau abſchreibe. In die allgemeine Zeitung. Anzeige. Deutſche, hundert an der Zahl, ausgewählt und aufgeſtellt füͤr Verſammlungen wahrhaft deutſch Geſinuter. Endlich, endlich iſt die geit gekommen, wo deutſche Maͤnner von Kopf und Herz zu⸗ ſammen zu treten, und mit Wort und That dem eifrig zu widerſtreben wagen müſſen, was eine matte, einſeitig gebildete Zeit nach — 144— und nach entſtellend eingeſchwaͤrzt— alte Freyheit, Kraft und Wuͤrde aufgeloͤſet hat. Wir glauben daher allen, die dies leſen, etwas ſehr Willkommenes, etwas Eingrei⸗ fendes, in dem hier genannten, wuͤrdigen Unternehmen anzukuͤndigen; muͤſſen daſſelbe laut preiſen, und zum Beytritt in die, lei⸗ der jetzt noch unſichtbare Kirche alle dieje⸗ nigen můglichſt ermuntern, welche es noch gut meynen, den jetzigen Moment weislich erkennen, und ihn benutzen wollen, unmit⸗ telbar, ohne vieles Fragen, das ja nur muͤßiges Kluͤgeln, oder Aermlichkeiten, wie ſie am Tage liegen, zu erzeugen pflegt. Etwas Weiteres uͤber den Zweck des Unter⸗ nehmens zu ſagen, iſt offenbar hier nicht der Ort; es ſcheint dies aber auch gar nicht noͤthig. Maͤnner, die kraͤftig und wahrhaft deutſch fuhlen, den neuen Sauerteig, der nun alt geworden, ausfegen, dem Alten, das ſich erneuet, Bahn brechen wollen: ſolche wackere Maͤnner werden auch dies Mittel zum Beſſern ergreifen, und hoffent⸗ lich ſelbſt Veranlaſſung geben, daß noch manches, dieſem aͤhnliche Hundert zuſam⸗ mengebracht, gleich brauchbar aufgeſtellt, und dann zur allgemeinen deutſchen Revolu⸗ tion weſentlich und kraͤftig mitwirken werde. — Der Druck iſt hart, und iſt uͤbergroß 5 das muß anders und beſſer werden Ein gewiſſes Krieſeln verrieth mir, mein Haar gehe empor; meine Gedanken konnte ich nur noch mit vieler Anſtrengung in Ord⸗ nung halten. Meiner Unſchuld mir bewußt, verſuchte ich, mich zu keckem Trotz aufzu⸗ ſpannen: aber die Ueberraſchung hatte meine Kraft gebrochen, der Verſuch gelang nicht, 1. Pand. K — 6— und ließ mich wahrſcheinlich nur noch w als armen Suͤnder erſcheinen.— Ihre Hand haben Sie anerkannt, fuhr der Sprecher des Gerichts fort; damit er⸗ kannten Sie auch den Aufſatz ſelbſt und ſeie nen Inhalt an. „Da ſey Gott vor! Meine Hand iſt es: aber Haͤnde koͤnnen nachgemalt werden. Das Verleſene hab' ich nicht geſchrieben; kann ich nicht geſchrieben haben.“ Verſchlimmern Sie Ihre ohnehin ſchlim⸗ me Sache nicht noch durch fruchtloſe Um⸗ ſchweife und fortgeſetzten boſen Will en. (So unterbrach mich der Vorſitzende ſelbſi.) Es liegt der allerhöchſten Behoͤrde an einem ſchnellen, ganz vollſtaͤndigen Bekenntniß, und an Angabe aller Complicen: nur da⸗ durch koͤnnen Sie Ihr Schickſal erleichtern; und ich verſpreche Ihnen dieſe Erleichterung, — 147— ſo weit die Geſetze ſie irgend zulaſſen, wenn Sie jene Forderungen veich auf der Stelle erfuͤllen.—— Ich erlaſſe Ihnen, meine Herren, was man mir keineswegs erließ: das kuͤnſtlich gewandte, verfaͤngliche, endlich alle meine Kraͤfte erſchoͤpfende Inquiriren. Es konnte indeß zu nichts fuͤhren, und ſo fuͤhrete man mich ſelbſt, nachdem manche furchtbare Dro⸗ hung und ſelbſt ein Wort vom Füſiliren ge⸗ fallen war, in die ſtrengſte Haft. Hier ſchien alles darauf angelegt, mich durch Furcht bis zur Uebertaͤubung meines Bewußtſeyns zu erſchuͤttern. Es haͤtte je⸗ ner Mittel nicht bedurft: die Abſicht war ſchon erreicht; wenigſtens war ſie es da noch, als, nach einigen Stunden, ein Actuar des Gerichts bey mir eintrat, um zu forſchen, ob ich noch bey meinen vorigen K2 — 148— Ausſagen blieb. Freylich mußte ich das: ich konnte ja nicht anders. Als der Mann weg war, kam mir end⸗ lich der gettoſte Muth wieder, der mir gar nicht haͤtte entfallen ſollen. Es muͤßte ja mit dem böſen Feinde zugehen, ſagte ich, wenn ſich das tolle Mißverſtaͤndniß nicht an irgend einem, jetzt noch verſteckten Knoten zu deiner Ehre löſen ſollte. Und ging' es dann wirklich mit jenem unhold zu, und es löſete ſich nicht: ſo waͤr' es freylich mit dir aus, aber es wuͤrde ruchtbar genug werden. Wer dich nun kennt, der glaubt an deine Unſchuld; er wird's bezengen; nach Art ge⸗ woͤhnlicher Menſchen„ ſich fuͤr den Leiden⸗ den zu erklaͤren, wenn's ihm nichts mehr hilft, glauben's und bezengen's nun die An⸗ dern mit: da darfſt du dich ja als einen der Rechtlichen betrachten, die vor der Erloſung eines jeden unterdruͤckten Volks, weniger als Suͤhnopfer fuͤr ſeine Schuld, denn als Brandopfer zu ſeiner Ermuthigung, fallen muͤſſen.— Wie nun der feſtgehaltene Gedanke an ein edles Gefuhl dies ſelbſt ſchon in uns erzeugt: ſo belebte und erhob mich auch dieſer Martyrerſtolz gar herrlich. Ich entſchlug mich alles Gruͤbelns uͤber meine Geſchichte: dies waͤre auch um ſo thoͤrichter geweſen„da ich die Data nicht einmal be⸗ griff, wie viel weniger alſo ihren Zuſam⸗ menhang haͤtte aufſpuͤren koͤnnen. Um mich immer mehr von allem Nieder⸗ ſchlagenden abzuleiten und meinem Geiſte in fremden Regionen Beſchaͤftigung zu geben, componirte ich— freylich nur im Kopfe, da man mir glle Mittel zum Schreiben ver⸗ ſagt hatte— ein Te Deum auf die, bald oder ſpaͤt, zu verhoffende Befreyung Deutſch⸗ N — 150— lands. Dies arbeitete ich abſichtlich ſo ins Breite und Kuͤnſtliche, daß der Abend heran kam, ehe ich zur Fuge: In te, Domine, speravi— gelangen konnte. Dabey fand ich, wie ſchon oft, beſtaͤtiget: die Kunſt iſt ein Maͤdchen wer bey ihr blos Genuß und Freude ſucht, der muß Heiterkeit, oder we⸗ nigſtens Unbefangenheit mitbringen; wem ſie hingegen in Sorg' und Leiden aufhelfen ſoll, der muß ſie ſich antrauen laſſen— we⸗ nigſtens an die linke Hand. Dann, eine Gattin, macht ſie zwar Muͤhe, auch zu⸗ weilen manche Noth: aber ſie haͤlt auch da⸗ fuͤr erleichternd, ſtaͤrkend, begluͤckend, aus, auf Leben und Sterben. So fuͤhlte ich mich N 5 nun, und in Dankbarkeit dafuͤr entſchlief ich, ward auch bis zum Morgen mit leich⸗ ten Traͤumen lieblich unterhalten.— Fruͤh Morgens war ich geſammlet ge⸗ — — — 151— nug, meine Angelegenheit ruhig durchzuden⸗ ken. Die erſte und gemeinſte Erklaͤrung, es habe ein boshafter Gegner meine Hand nachgeahmt, um mich ins Verderben zu bringen, ward gar bald verworfen: ich habe keinen Gegner, am wenigſten einen, dem ich ſolche Bosheit zutrauen koͤnnte. Eine zweyte, nicht viel beſſere Aufloͤſung, es habe ein unbeſonnener Bekannter jenen Fleiß auf⸗ gewendet, um einen, mißgebornen, abge⸗ ſchmackten Spaß mit mir zu treiben, und dieſer ſey dann, ohne Wiſſen des Erfinders, ſo ungluͤcklich abgelaufen— wollte nicht tiefer verfangen. Da draͤngte ſich mir ein Drittes auf, welchem ſeinen tiefen, ver⸗ wirrenden Eindruck zuzutrauen, man viel⸗ leicht von der Natur gleich in den erſten An⸗ lagen mir aͤhnlich gemiſcht ſeyn muß. Mir wird Smi zuweilen— je nachdem es fallt, unbeſchreiblich angenehmer Genuß, oder unſaglich ſchmerzende Quaal, durch eine gewiſſe Art der Traͤume, deren Scene keineswegs in die phantaſtiſche Welt verlegt iſt, und die ſich dann nicht wie ein buntes, dramatiſirtes Maͤhrchen, ſondern wie ein regelmaͤßiges Familienſtuͤck abſpielt, mich ſelbſt, als Hauptperſon, ganz konſequent 3 und ſelbſt den Verhaͤltniſſen angemeſſen han⸗ deln laßt, und uͤberhaupt ſich an mein Den⸗ ken, Empfinden und Thun, wie dies alles eben in dem Moment ſtehet, ſo eng und paſſend anſchließt„daß ich nicht ſelten feſt uͤberzeugt geweſen bin, etwas wirklich aus⸗ gefuͤhrt— einen wichtigen Brief geſchrie⸗ ben, ein liebes Geheimniß entdeckt, ein ſchweres Geſchaͤft vollendet zu haben, was ich zwar im Sinne getragen, aber keines⸗ wegs zu Stande gebracht; ja, daß ich, wenn nun der Erfolg mir die Taͤuſchung auf⸗ deckt, ſchwer genug mich dazu verſtehen kann, meinen eigenen Augen zu trauen. Wie denn nun, ſagte ich, indem mir dies jetzt lebhaft beyfiel— wie denn nun, wenn ſich das zuweilen ſo modificirte, daß du et⸗ was, wovon du möchteſt, es geſchaͤhe, im Traume wirklich thaͤteſt, aber dann wachend nichts davon wuͤßteſt? Die Hauptſachen und ihr Grund blieben ja dieſelben: nur die An⸗ wendung waͤre anders. Biſt du denn nicht ehedem oftmals, beſonders in fruͤhen Juͤng⸗ lingsjahren, als deine Phantaſie und Em⸗ pfindung hoch geſpannet war, aber noch nicht Gegenſtaͤnde zu ſuchen wagte, welche ſie befriedigen konnten— biſt du damals nicht oͤfters traͤumend aufgeſtanden, haſt vielerley geſprochen und gethan, und zwar zuſammenhaͤngend und ordentlich, was du — 154— wachend geſagt und gethan haben wurdeſt, haͤtteſt du gewagt, dein Innerſtes laut wer⸗ den zu laſſen? Und kannſt du nicht eben in der jetzigen gewaltſamen Spannuig auf den Wendepunkt der neueſten Weltgeſchichte ein⸗ mal in denſelben Zuſtand verſetzt worden ſeyn und das unſeelige Papier wirklich be⸗ ſchrieben haben, das dann durch deinen Diener oder ſonſt Jemand, vielleicht un⸗ ſchuldiger Weiſe, in die Haͤnde eines der Lauerer gebracht worden, von denen wir uns jetzt alle umſchlichen wiſſen? Mußt du dir nicht ſogar geſtehen, daß jener Auf⸗ ſatz, außerdem, daß er deine Hand zeigt, und ausſpricht, was du von jedem gethan wunſcheſt, auch in manchen Wendungen dir bekannt, nur uͤber Gewohnheit unge⸗ ſchickt, ſteif und holperich ausgedruckt er⸗ ſchien— welches Letztere gar wohl dem traͤumenden Zuſtande n werden koͤnnte?— Dieſe en konnte iz Troͤſt⸗ liches fuͤr mich haben, indem ich voraus⸗ ſahe, man werde mich bald dem allzeitfer⸗ tigen Militairgericht uͤbergeben, welches jene Erklaͤrung, fuͤr die ſich ja kein zwin⸗ gender Beweis fuͤhren ließ, kaum werth ach⸗ ten konne, nur zu Protokoll genommen zu werden. Deſto erwuͤnſchter kam mir die Storung durch den Eintritt unſers wuͤrdigen Hof⸗ raths 3. Er war Aſſeſſor des Polizeyge⸗ richts, und mir laͤngſt eben ſo nahe betamt⸗ als ich ihm. Der Hofrath ſprach mit der ihm eige⸗ nen, ſchoͤnen Miſchung von Ernſt und Wohl⸗ wollen zu mir, und geſtand, er komme, wie geſtern der Actuarius, auf Befehl des Praͤ — 156— ſidenten. Dann vertrauete er mir, mehrere Mitglieder des Gerichts, denen ich nicht un⸗ bekannt, waͤren, ſo wie er, ͤberzeugt, was ich in jenem Blatt als geſchehen verkuͤndige, 3 ſey keineswegs geſchehen, und am allerwe⸗ nigſten von mir: man muͤſſe aber doch darin eine offenbare Aufforderung finden, daß es geſchehen moͤchte; und dies allein, eben im jetzigen Moment, ſey mehr als hinreichend, einen Mann, wenigſtens buͤrgerlich, ganz zu vernichten; man wuͤrde auch nicht einmal ſo faͤuberlich, wie bisher, mit mir verfah⸗ ren ſeyn, wenn man nicht heimlich Verbuͤn⸗ dete von mehr Bedeutung vorausſetzte, und dieſe durch mich kennen zu lernen hoffte.— Meine Proteſtation horte der werthe Mann mit jener Ruhe, und meine traͤumeriſche Auskunft mit jener Geduld an, welche mehr Verguͤnſtigung, als Einganz verrathen; — 137— dann meynte er, es duͤrfe doch wol nöthig ſeyn, in naͤherer Erwaͤgung der Umſtände vielleicht eine uͤberzeugendere Auskunft zu finden. Dazu erklaͤrte ich mich denn vpllkommen bereit. Nach manchen Kreuz⸗ und n tat mich mein Freund, doch ganz gengu al⸗ ler Briefe mich zu erinnern, die ich, etwa in letzter Woche, von hier habe abgehen laſ⸗ ſen. Seyn Sie gegen mich ganz aufrich⸗ tig, ſagte er; ich weiß den Freund vom Richter zu unterſcheiden, wie ich ſie, wo es ſeyn darf, zu vereinen weiß. Vielleicht war Ihnen unbekannt, daß leider jetzt alle Briefe eroͤffnet werden? Ich ſchwore Ihnen zu, war meine Ant⸗ wort, daß ich eben in dieſer Woche keinen einzigen Brief abgeſandt habe, als einen, blos in Familienangelegenheiten„an den 7 Hammermeiſter U. in M., und„ Ach, mein Gott, da faͤllt mir etwas ein, das ich geſtern im Verhoͤr wahrlich vergeſſen hatte! Zwar gehoͤrt es gar nicht hieher: doch bitte ich, es zur Vervollſtaͤndigung mei⸗ ner Ausſage nachzutragen. Ich habe eine kleine, durchaus unbedeutende Recenſion ei⸗ nes muſi kaliſchen Werks, mit einigen, blos darauf bezogenen Zeilen„an die Redaction der muſikaliſchen Zeitung nach S 2 ſandt. Indem aber dieſe letzten Worte ber meine Lippen floſſen, ſtand die Auftöſung der ganzen verwuͤnſchten Hiſtorie vor mir, wie Minerva nach jenem einzigen luciani⸗ ſchen Hiebe auf Jupiters Schaͤdel vor die⸗ ſem, durch Glanz und Herrlichkeit ſelbſt den Vater erſchreckend, der ſie eben geboren. „Wann kann ich wieder Porſtand haben? 59— wann mein revolutionaires Papier wieder⸗ ſehen, und die Herren auch, deren Geſich⸗ ter ich, bey meinem Leben! zu ungewohnter Laͤnge ausdehnen will? Nur bald! nur bald!“ So etwa rief ich uͤberlaut, be⸗ ſchwor meinen Freund, nicht nachzufragen, um ſich ſelbſt den Spaß nicht zu verderben; und zog, nachdem ich empfunden, daß zwey Stunden frohen Wartens langer dauern, als zweymal ſo viele banger Furcht, triumphi⸗ rend dem Rathhauſe zu. Auf der Treppe beſann ich mich aber, lieber, wie ein er⸗ fahrner Schauſpieler, um mehr zu effectui⸗ ren, erſt ganz gelaſſen aufzutreten, und mich ſelbſt zu ſparen, bis ich endlich mit der entſcheidenden Schlagſcene uͤberwaͤlti⸗ gend uͤber das Auditorium herfallen könnte. — Und ſo geſchah' es auch, zu meiner voll⸗ kommenen Genugthuung. Das ganze Ver⸗ : fahren aber kann ich unmoͤglich wiederholen: die Sache ſelbſt ſey Ihnen. genug! Leider muß ich jedoch dieſe mit einem Suͤndenbe⸗ kenntuiß anfangen. Ein gewiſſer, Ihnen, indem Sie dies leſen, vielleicht nicht unbekannter Autor ſchreibt einmal:„Jeder Menſch, wie er uͤber irgend etwas eitel iſt, iſt auch mit ir⸗ gend etwas geizig, und ſollte jenes oder dies ein noch ſo wunderliches Etwas ſeyn. So giebt es z. B. freygebige Frauenzimmer, die blos mit Zwirnfaden oder Naͤhnadeln, verſchwenderiſche Maͤnner, die blos mit Sie⸗ gellack oder geſchnittenen Federn geizen.“ Mein Geiz haftet nun— ſelbſt dieſe Blaͤt⸗ ter zeigen es— am Papier. Wer mich verwunden will, der verlange nur einen Briefbogen; und das weiße Papier hinten an Briefen oder andern Schriften, und — 161— waͤr' es ein Stteifchen zwey Finger breit, kann ich nimmermehr dulden: es muß ab⸗ geſchnitten und gelegentlich weiter verbraucht werden. Nun hatte ich neulich einen Bericht aus einem hieſigen Collegio erhalten, der, nach⸗ dem ich ihn geleſen, nichts mehr nuͤtzte, deshalb zerriſſen, von ihm aber vorher wohl⸗ bedaͤchtig der leere halbe Foliobogen am Ende abgeloͤſet wurde. Da kam Ihre Mah⸗ nung, wegen der laͤngſt verſprorhenen Re⸗ cenſionen. Ich wollte wenigſtens die eine ſogleich ſenden, und machte mich an die leich⸗ teſte; an die, der bewußten Geſaͤnge. 2 Recenſion, oder vielmehr die kurze Anzeig wurde auf jenen halben Bogen, der eben zur Hand lag, geſchrieben, und zwar, je⸗ ner meiner Schwaͤche gemaͤß, ohne Ruͤck⸗ ſicht auf den Bruch in der Mitte, queer uͤber 1. Band. L die ganze Breite des Papiers. Nun hatte ich aber uͤber das Werk, indem es blos Sammlung laͤngſt bekannter Stuͤcke iſt, ei⸗ gentlich nichts zu ſagen, als, es ſey da, und es verdiene da zu ſeyn: ſo ein Wort, in ſeiner KFuͤrze, wird aber von gewöhnli⸗ chen Leſern kaum beachtet; und gleichwol mußte ich wuͤnſchen, daß das Werk nicht uͤberſehen wuͤrde. Um jedoch einen kleinen Satz, der kaum etwas ausſagt, ſo aus⸗ ſpinnen*. können, daß er wie etwas Be⸗ deutendes, und doch auch leicht und gefaͤllig ſich ausnehme: dazu hab' ich nicht genug unter vornehmen Leuten gelebt. Laͤnger und breiter wurde mein Sprſchlein zwar, aber auch ſchwerfaͤllig, geſtopft und ſtrotzend. Das fuͤhlte ich⸗ als ich es einſiegeln wollte und nochmals durchlief. Verdruͤßlich, reiße ich das Blat mitten durch, und der Bruch * — 163— des Canzelliſten ließ, natuͤrlicher Weiſe, den Riß ſchnurgerade herabgehen. Ich verſuche, daſſelbe noch einmal zu ſagen, aber leſerli⸗ cher: jedoch, verdrußlich und eilig, wie ich war, gelang es nun noch weniger, und, die Poſt nicht unbenutzt zu laſſen, entſchließe ich mich, jenes erſte Manuſcript doch noch zu ſenden, und ſchreibe es ab, wie Sie es dann erhalten, und hernach, auf mein Er⸗ ſuchen, wieder hieher an die Polizeybehoͤrde geſandt haben. Jene beyden ſchoͤnen, lan⸗ gen Papierſtreifen nun aber zu vernichten, (ſie waren ja nur auf einer Seite beſchrie⸗ ben) das ging uͤber meine Kraͤfte. Sie wurden in den Schubkaſten der Couverte ge⸗ worfen; und als ich nach einigen Tagen je⸗ nem ehrlichen Hammermeiſter ſchrieb„ward der eine dieſer Streifen als Umſchlag um das Blatt gebraucht. S L2 — 164— Nun wird dieſer Brief, wie damals je⸗ der, auf dem Graͤnzpoſtamte erdffnet. Man findet in ihm ſelbſt nichts Verfaͤngliches: aber der Umſchlag„. Denken Sie ſich den wunderlichſten aller Zufaͤlle, der Ihnen unglaublich ſcheinen muͤßte, wenn Sie nicht das Gonb delicti, ganz in natura hier bey⸗ geſchloſſen, vor Augen bekaͤmen: der Um⸗ ſchlag giebt einen Sinn fuͤr ſich, ohne auch nur die Ahnung eines andern zu veranlaſ⸗ ſen! So wird das Blatt mehr als verfaͤng⸗ lich; es iſt, Sylbe fuͤr Sylbe, ſelbſt In⸗ terpunction fuͤr Interpunction, daſſelbe, was man mir im Verhor vorgeleſen, daſſelbe, was ich oben abgeſchrieben hatte. Zn meiner Rechtfertigung ließ ich nun die zweyte Halfte des Blatts aus meinem Schreibtiſch herbeyholen, ſetzte auf der Stelle iene Zeilen an Sie auf, um die Abſchrift des Ganzen zuruͤck zu erhalten„und ein an⸗ deres Schreiben an die Redaction der allge⸗ meinen Zeitung, welche darauf bezeugte, daß ſie von mir nie einen Beytrag erhalten habe, ja von meiner Exiſtenz gar nichts wiſſe.— Damit war's aus; denn was von einigen Uebe'wollenden doch noch bedenklich gefunden ward, das wurde hernach mit dem Feinde ſelbſt, zu Boden geſchlagen.—— (Wir laſſen beyde Blaͤtter, wie ſie nun vor uns liegen, aufs genaueſte, und ſo abdrucken, daß die gefahrvolle Spal⸗ tung durch den weißen Rand der Sei⸗ ten bemerklich werde: es iſt aber von der einen heruͤber auf der andern wei⸗ ter zu leſen.) 3 In die allgemeine Zeitung. Anzeige. Deutſche hundert an der Zahl, ausgewaͤhlt und aufgeſtellt 6* fuͤr Verſammlungen wahrhaft dentſch Geſinneter X Endlich, endlich iſt die Zeit gekommen, wo deutſche Manner von Kopf und Herz zuſammen zu treten, und mit Wort und That dem eifrig zu widerſtreben wagen müſſen, was eine matte, einſeitig gebildete Zeit nach und nach entſtellend eingeſchwaͤrzt— alte Freyheit, Kraft und Würde aufgelſet hat. Wir glauben daher allen, die dies leſen, etwas Willkommenes, etwas Eingreifendes, in dem genannten, verdienſtlichen Unternehmen — 167— leipziger muſikaliſche. Kurze Choraͤle und Lieder, vierſtimmig mit Orgel, aus den aͤlteſten Liederbuͤchern in Kirchen und Schulen „die Religion und Tonkunſt lieben. und wahrlich ſpaͤt genug, dichten wir unmaßgeblich, „ wie ſie der Herausgeber auf dem Titel bezeichnet, in dieſer Zeitung, und dann jeder in ſeinem Beruf, (da ſelbſt mehrere Behoͤrden es jetzt beguͤnſtigen) in die Dichtung unb Muſik unſerer Kirchenlieder was durch modernes Streben dieſer frommen Werke und ihren wahrhaft heiligen Charakter entſtellet und die den edlern Kirchengeſang der Vaͤter lieben, (etwas Seltenes und wahrhaft Lehrreiches ohnehin) eines unbekannten, aber echten Muſikkenners anzukundigen, muͤſſen daſſelbe laut preiſen, und zum Beytritt in die leider noch unſichtbare Kirche ane diejenigen moͤglichſt ermuntern, welche es noch gut meynen, den jetzigen Moment weislich erkennen, und ihn benutzen wolen, unmittelbar, ohne vieles Fragen, das ja nur muͤßiges Klugeln, oder Aermlichkeiten, wie ſie leider am Tage liegen, zu erzeugen pflegt. Etwas Weitetes vom Zweck des unternehmens zu ſagen, iſt offenbar hier nichtbdeb Ort, es ſcheint dies aber auch gar nicht nothig. Ninner dis frifti und nihrhaſt deutſy fihlen, den neuen Sauerteig, der nun alt geworden, ausfegen, dem Alten, das ſich erneuet, Bahn brechen wollen: ſolche wackere Manner werden zuch dies Mittel zum Beſſern ergreifen, und hoffentlich ſelbſt Veranlaſſung geben, daß noch manches, dieſem ahnliche Hundert zuſammengebracht, gleich brauchbar aufgeſtellt, — 169— „nach Prufung, unſter vollen ueberzeugung gemaͤß, religioſer Kunſtfreunde alten, gottgetreuen Sinnes mit Kirche, mit Schule, und hauslicher Erbauung „wo die Aufmerkſainkeit ſchon darauf gelenkt iſt; ſey das mittelbar durch ihre Behoͤrden, oder in dieſem, wie in gar manchem ähnlichen Falle, in mehrern neuen Geſang⸗ und Choralbuͤchern Man vergl. hieruber des Herausgebers Vorrede.) „außer, in wiefern er ſchon von ſelbſt einleuchtet, indem mehr fuͤr den Lext, als die Muſik gethan; Guter, alter Wein bedarf keines Austufers. den Glauben, die Liebe der frommen Vaͤter ehren, auch aus religioſen Dichtungen und Melodieen anch in dieſer gewiß nicht unbedeutenden Hinſicht, „ beſonders auch in hoͤhern geiſtlichen Stellen, dem ſleißigen, ſorgſamen Herausgeber Dank wiſſen, „wie derſelbe, bey guter Unterſtuͤtzung, verſpricht, uralter Lieder und Relodiren unſter Votfahren Cweil viele die alten Noten nicht mehr verſtehen,) — 170— und dann zur allgemeinen dentſchen Revolution weſentlich und kraͤftig mitwirken werde. Der Druck iſt yart, und iſt uͤbergroß; dies muß anders und beſſer werden! — 771— im Kitchenweſen, wie wir ſie wol erwarten důͤrfen, — Das Zeußere des Werks könnte beſſer ſeyn. das Papier grau, und auch nicht haltbar genug: rinnerungen. Aus einem Reiſejournal. X— —— * — — 1 3 1. Unſer weißes Schiſſchen war den ganzen Vormittag leicht und bequem, wie ein Schwan, auf den blaͤulichen Rhein hinab⸗ geglitten. Verloren im Anſchaun und Ge⸗ nuß der tauſendfaͤltig herrlichen Erſcheinun⸗ gen um uns her, und von meiſt nahen Ber⸗ gen eng eingeſchloſſen im reizenden Thal⸗ grund, waren von uns die Gewitterwolken nicht bemerkt, die ſchon lange ſich am Ho⸗ rizont hinter uns aufgethuͤrmet hatten. Un⸗ ſer Schiffer machte uns endlich aufmerkſam auf ſie, gab die Stunde an, in welcher ſie uns erreichen konnten, und ſetzte hinzu, ſie wuͤrden uns nicht verſtatten, an das Ziel zu gelangen, das wir uns fur heute geſteckt hatten.— Der Mann kannte den Him⸗ mel, wie ſein Fahrwaſſer: zur geſetzten Stunde erwachte der Sturm, trieb die Wet⸗ terwolken vor ſich her, und wir mußten froh ſeyn, daß ſich uns in der Naͤhe ein Lan⸗ dungsplaͤtzchen zeigte. Indem der Schiffer uns auf dies aufmerkſum machte, fuhr er fort:„Es iſt freylich kein Dorf da: Sie machen aber wol gern den kleinen Weg zu Fuß bis nach dem neuen Landhauſe dort, wo Sie das Wetter abwarten können.“— Iſt das ein Gaſthaus? fragten wir.„Be⸗ wahre! es hat ſichs ein fremder Herr von Grund aus neu hingebaut. Auch den Gar⸗ ten, der ſich hinten die Anhoͤhe hinaufzieht, hat er angelegt.“—„Kennt Er ihn?“— „Nein; aber er wird Sie ja wol aufneh⸗ men! Inm ganzen Strich, woher wir tom⸗ men, ſind die Leute noch nach alter Art zu⸗ traulich und gaſtfreundlich, wenn auch nicht mehr in dem Maaße, wie ſnſt, vor der Franzoſen⸗ Zeit!“— Jetzt beugte der Schiffer nach jener An⸗ fuhrt hinuͤber, und wir konnten das Haus und die ganze Anlage genauer betrachten. Es war kaum moglich, einen ſchoͤnern Wohn⸗ platz auszuwaͤhlen; kaum moglich, ihn ſorg⸗ ſamer und zugleich anmuthiger zu benutzen. Ohne alle Anſpruche, doch nach wohl uͤber⸗ legtem Plan, lag die ganze Beſitzung in ihrer gruͤnen umzuͤunung vor uns, wie eine ſchoͤne Zeichnung von Geßner oder Bach. Wer ſo waͤhlen und ſo ordnen kann, ſagte. ich, der muß die Welt geſehen haben und lieben: doch aber nicht mehr viel mit ihr zu thun haben wollen. I. Band. M Indem wir ans Land ſtiegen, ethob ſich der Sturm heftiger, und große Regentro⸗ pfen fielen herab, welche ſich eben zu einem tuͤchtigen Guß vereinigten, als wir uns dem Hauſe naheten. Das Ungewitter war wol Schuld, daß wir kein lebendiges Weſen ent⸗ deckten— auch da noch nicht, als wir durch die aͤußere Pforte in das Gehoͤfe getreten waren und nun die Thuͤr des Hauſes offne⸗ ten. Deſto angenehmer uͤberraſchte uns der liebliche Anblick, der ſich uns nun darbot. In einem Zimmer des Erdgeſchoſſes, deſſen Thür offen ſtand, ſaß eine junge, wohlge⸗ bildete Frau, ein zierliches Geſchirr auf dem Schooße, worin ſie Zuckerſchoten zum Abend⸗ eſſen vorbereitete, indeß ein Maͤdchen von etwa drey Jahren zu ihren pihen ſaß, und Blumen, von denen ſie faſt uͤberdeckt war, in ein Koͤrbchen ordnete, und ein etwa ſechs⸗ — 179— jaͤhriger Knabe an der Seite der jugendli⸗ chen Mutter ſtand, ſein Buch auf ihr Knie gelegt hatte, mit dem Finger hineinwies und eben das Wort Ruhe laut buchſta⸗ bierte, das nun die Mutter wohllautender nachſagte. Wir theilten ihr unſere Bitte um ein Obdach während des Gewitters mit; ſie nahm ſie mit freundlichen Mienen und eini⸗ gen gefaͤlligen Worten auf, und ſagte dann zum Knaben:„Julius, geh' und rufe den Großvater!“— Nach einer kleinen Weile kam dieſer, den Kleinen an der Hand, der ihm zurief:„Da ſind die fremden Maͤnner, Großvater!“— i Der alte Herr, ein ruͤhriger Sechziger 5 trat in einer Haltung auf, die innere Ge⸗ diegenheit und aͤußere Bildung ankuͤndigte; ſeine Geſtalt war eine von denen, die jedem — 180— gleich beym erſten Anblick Achtung und Zu⸗ trauen einfloßen. Er nahm uns mit An⸗ ſtand und Freunblichkeit auf, ließ ſich bey uns nieder/ knuͤpfte bald mit Leichtigkeit ein nicht unintereſſantes Geſpraͤch an, waͤhrend die Tochter einige Erfriſchungen auftrug; und wir waren kaum eine halbe Stunde bey⸗ ſammen, als er, ohne daß wir es merkten, und ohne daß er es zu beabſichtigen ſchien, von uns und unſern Angelegenheiten alles wußte, was er zu wiſſen begehrte. Er erwiderte unſere unfreywilligen Ge⸗ ſtaͤndniſſe mit dem freywilligen: er ſey bis vor zwoͤlf Jahren in Dienſten eines ſehr ehr⸗ wuͤrdigen deutſchen Fuͤrſten aus dieſer Ge⸗ gend geweſen, welcher durch die Staats⸗ und Kriegs⸗Verhaͤltniſſe zu her Lage und zu einem Syſtem genbthigt worden ſey, wo er Diener ſeiner Art und Geſinnung nicht — 181— mehr habe brauchen koͤnnen: ſo ſey denn er, unſer Wirth, zuruckgetreten⸗ habe mit ſei⸗ ner einzigen Tochter ſich einen neuen Wohn⸗ platz geſucht⸗ endlich dieſen gefunden, ihn von den Reſten ſeines Vermoͤgens eingerich⸗ tet, und hoffe nun hier zu leben und zu ſter⸗ ben.— Aber ſo einſam? fragten win⸗ „Das ſind wir nicht, da wir innig vereint leben.—„Und ſo vielen Gefahren aus⸗ geſetzt indieſen kriegeriſchen Zeiten— „Auch das nicht, da wit weder ſo viel be⸗ ſitzen, um Raͤuber anzulocken, noch ſo we⸗ nig, um das Andern nicht leiſten zu koͤn⸗ nen, was ſie verlangen duͤrfen. Auch— ſetzte er mit unverhaͤltenem Selbſtgefuͤhl hinzu— auch wiſſen wir endlich recht wohl, was Andern zu verlangen gebuͤhrlich, und wie Ungebuͤhrliches abzuweiſen iſt. Darum vornaͤmlich wird Ihnen auch unter dem — 182— Volke dieſer Gegenden weniger Unwille ge⸗ gen die fremden Nachbarn bemerklich wor⸗ den ſeyn, als Sie, aus dem noͤrdlichen u— ben.“ Das— e es in ni und an dieſem Orte anders ſeyn können 2. ward bald politiſch⸗ Der alte Herr zeigte da eine Umſicht, Klarheit und Faſſung, die wir ehren mußten/ ſelbſt wo ſie uns geheim beſchaͤmte. Was bleibt alſo dem Einzel⸗ nen in ſolchen Zeiten uͤbrig, beſchloß er ſeine Darlegung der gegenwaͤrtigen Weltver⸗ haͤltniſſe—„was bleibt ihm uͤbrig, als ſich ſelbſt wacker zuſammen zu halten„das Naͤchſte zu thun, doch treu und bedaͤchtig, das Ferne zu laſſen, und zu— warten? Freylich, warten muß man konnen, je mehr die Zeit eilt; wie der Wanderer unter — 183— ſchuͤtzendem Dach, wenn draußen das Wet⸗ ter ſtuͤrmt.“ Das Letzte ſetzte er laͤchelnd hinzu, als eben der herabſtroͤmende Regen derb an die Fenſter ſchlug, und ein heftiger Donner uns alle aufſchreckte. Indem trat ein junger Mann in die Thuͤr. Die Frau und die Kinder eilten ihm entgegen, umhaben ihn liebevoll, und rie⸗ fen durch einander:„Nun, koͤmmſt du denn endlich? wie ſind wir in Sorgen geweſen! biſt du muͤde? ach, und wie durchnaͤßt! komm geſchwind, genieße etwas“—— „Ich wollte mich euch nur erſt zeigen, ſagte der junge Mann; unn laßt mich die naſſen Kleider abwerfen: dann komme ich gleich wieder.“— Hier machte er uns eine leichte Verbeugung, druckte dem alten Herrn die Hand und ging. Dieſer, der auf ſei⸗ nem Sitz verblieben war, ſahe wohlgefaͤllig — 184— zu ihm hinauf, und ſagte leichthin zu uns; „Mein Schwiegerſohn!“— 6 Selten hat eine Bildung duf mich einen ſo beſondern Eindtuck gemacht Der junge Mann war eine lang aufgeſchoſſene Geſtalt von ſchoͤnem Ebenmaaß, nur etwas hager. Sein Geſicht verrieth weder den Deutſchen, noch den Franzoſen, ſondern ſchien eine Mi⸗ ſchung von beyden; die Umriſſe deſſelben waren ſcharf, bedeutend und edel; die Farbe bleich und braͤunlich; brandſchwarzes Haar kraͤuſelte ſich kunſtlos auf ſeinem Kopf; ſeine etwas tiefliegenden, großen, ſchwarzen Augen blickten ſicher und faſt ſtechend, bey viel Beweglichkeit, umher; ſein Nacken war ein wenig geſenkt, als ruhe ſchon die Laſt ſchwerer Erfahrungen auf ihm; ſein ganzes Weſen ſchien Verſchloſſenheit und Strenge gegen Fremde, aber unbegraͤnzte Vertraulichkeit und Hingebung gegen die n1 anzukuͤndigen. Da er ſich entfernt hatte, ich dem alten Herrn den wunderbaren Eindruck nicht„ den dieſe Erſcheinung auf mich ge⸗ macht hatte. Sie ſind nicht der Erſte⸗ der mir das ſagt, Lerwiderte dieſer; und Sie haben ſein inneres Weſen ziemlich richtig er⸗ kannt. Doch das iſt auch nicht ſchwer: er kann und will ſich Niemand anders zeigen, als er iſt.—„Nein gewiß, gewiß nicht!“ rief hier die junge Frau mit Innigkeit aus, da ſie vorher zu unſerm Seie. ganz geſchwiegen hatte. 1 Es iſt mir, verſetzt ich 15 einigen Zwiſchenreden, als muͤßte ich Ihren Herrn Sohn ſchon ſonſt wo geſehen haben.— Haben Sie ſich ſchon in dieſen Gegenden aufgehalten? fragte der alte Herr.„Nein; — 186— ich ſehe ſie zum erſtenmal.“— Dann taͤu⸗ ſchen Sie ſich doch wol; erwiderte er, und ſetzte das vorhin abgebrochene Geſprach fort. Ich konits ihi aber nicht mehr unzerſtreut folgen, und auch von dem Gedanken nicht laſſen/ jene Bildung Küſſe m ſchon ſonſt wo vorgekommen ſeyn. Ich fing noch ein⸗ mal an: Wie lange lebt Ihr Sohn hier bey Ihnen?— Anderthalb Jahr laͤnger, als dieſer Knabe alt iſt, erwiderte der Mann, und zeigte auf den kleinen Julius. Endlich war das Wetter voruͤbergezo⸗ gen, der Regen hatte aufgehoͤrt, die Sonne trat mit verſtaͤrktem Glanze hervor und ſchimmerte in tauſend Farben auf den er⸗ guickten Pflanzen. Jetzt iſt es Zeit, zu ſcheiden, damit wir Ihre Guͤte nicht miß⸗ brauchen, verſetzte ich; nehmen Sie, mit meinem Dank, das Geſtaͤndniß, daß mir 1 der Abſchied ſchwer wird.— So bleiben Sie, bleiben Sie noch, ſagte der Alte; ich habe Ihnén zwar geſagt⸗ daß wir Fremde nicht brauchen: Laber das ſchließt ja nicht aus, daß wit uns ihrer nicht fteueten.— So ward der Eutſchluß bald gefaßt, den Abend und die Nacht hier zuzubringen. Nach einer Weile war der junge Mann wieder zu uns gekommen, indem wir uns eben zu einem Spaziergang nach den Rui⸗ nen vereinigt hatten. Er, der uͤberhaupt, wie nun ſein Weſen war, eben ſo wenig Annaͤherung gegen uns bewies, als uns zu derſelben gegen ihn einlud— er allein ent⸗ ſchuldigte ſich und blieb zurůck. Wir wanderten den kleinen Huͤgel, auf welchem das Landhaus lag, hinab, und gingen eine Strecke am Ufer des Rheins hin, mit einem Genuſſe, welchen zu ſchil⸗ dern ich auch S einmal nrßiche dann ſtiegen wir auf den betr ͤchtlichen Berg⸗ von welchem aus ſich unſern Blicen die Ausſicht weit aufthat, und auf deſſen gro⸗ ßem, felſigem Vorſprung diet brandigen Ruinen eines, wie es ſchien nichti a lange erſtdrten Schloſſes lagen. Wirſetzten uns auf einige— Steine; wir waren alle wunderbar angeregt und bewegt; wir konnten eine Weile nicht zuſammenhaͤngend ſprechen: der Contraſt der ewig neugebaͤrenden Natur in ihrer Schoͤn⸗ heit, und der wild verheerenden Menſchen⸗ kraft in ihrer Roheit, hier ſo pahe zuſam⸗ mengeruͤckt, füͤete unſere Seelen und ver⸗ ſchloß unſere Lippen. Daß die Zerſtorung dieſes herrlichen Gebaͤudes eines der tauſend Denkmale der wuͤthenden Barbarey des vor⸗ letten Jahrzehends ſey, war das Erſte, was wir von unſerm alten Freunde erfuh⸗ ren. Ich, dem das Bild des Sohnes noch immer nicht aus den Gedanken wollte, mußte beklagen, daß ſich dieſer eben hier von uns entfernet habe. Er wird wol ſeine Urſachen gehabt haben, verſetzte der Vater; ſonſt liebt er dieſe Ruinen nur allzuſehr. Hier habe ich ihn auch zuerſt gefunden— eingefan⸗ gen, moͤchte ich ſagen. Es war wunderbar genug damit.— Wir baten ihn, uns mehr davon zu ſagen, wenn es mittheilbar ſey, und er fuhr alſo fort: Sie erinnern ſich wol noch, daß im An⸗ fange der Revolution dieſe Gegenden ſehr lebhaft an den Angelegenheiten des franzd⸗ ſiſchen Volks Theil nahmen, die nun wol faſt jeder damals fuͤr Angelegenheiten des ganzen Menſchengeſchlechts hielt— wie ſie es, in gewiſſem Sinn, denn freylich auch 3 X 3— 190— ſind. Sie wiſſen ferner, daß man dies Laͤndchen freywillig den damgligen franzd⸗ ſiſchen Machthabern uͤbergab, und daß dieſe unter andern plötzlichen Veraͤnderungen auch die Verfaſſung der damaligen Municipalita⸗ ten hier einfuͤhrten. Der Sitz dieſer wun⸗ derlich organiſirten Gerichtsbarkeit fuͤr un⸗ ſere Umgebungen war in dem Doͤrfchen, das Sie dort liegen ſehen. Ein ehrſamer Huf⸗ ſchmidt, als der uͤbermuͤthigſte Schreyer und wildeſte Demokrat, war zum Maire er⸗ nannt, und handhabte nun mit den Seini⸗ gen eine Herrſchaft, die hochſt poſſirlich ge⸗ weſen ſeyn wuͤrde, wenn ſie nicht aͤußerſt gefaͤhrlich geweſen wäre. Einige gar zu tolle Streiche, welche die Herren gemacht hatten, brachten ſie endlich doch dahin, daß ſie in ſtreitigen Faͤllen mich um Rath frag⸗ ten. So geſchahe es denn auch eines Ta⸗ — — 191— ges, daß der ſaubere Maire mit mehrern ſei⸗ ner Zugeordneten in mein Haus ſtuͤrmte und mir die Nachricht brachte, ſie haben eben jetzt einen gewiß aͤußerſt gefahrlichen Men⸗ ſchen, dem ſie ſchon mehrere Tage nachge⸗ ſtrebt, und der wenigſtens ein Spion und Royaliſt waͤre, feſtgenommen; ich moͤchte ihnen nun angeben, wie ſie ihn geſchwind zum Geſtaͤndniß bringen koͤnnten— denn er laͤugne alles und ſehe ſehr trotzig aus. Ich will Sie, erzaͤhlte unſer Alter wei⸗ ter, mit dem Unſinn dieſer Machthaber nicht lange aufhalten. Alles, was ſie gegen den Gefangenen aufbrachten, war: er habe keine Sicherheitkarte von dieſem Maire ge⸗ loſet, ſey ſchon mehrere Tage ganz einſam und allein um die Ruinen herumgeſtrichen, die letzte Nacht in einem Zimmerchen auf jenem Fluͤgel dort, das ſich zufaͤllig erhal⸗ — 192—. ten, geblieben, und nun von ihnen darin gefunden worden, wie er am Boden geſeſ⸗ ſen, mit ſtarren Blicken zu ihnen aufgeſe⸗ hen, und ein geladenes Piſtol neben ſich lie⸗ gen gehabt. Ich ſuchte ſie zu beruhigen, nahm ihr Wort, daß ſie mir die weitere Unterſuchung der Sache uͤberlaſſen wollten, und ging nun mit ihnen nach dem Orte hin, wo ihre Kameraden den jungen Mann ge⸗ fangen hielten. 5 Dieſer trat mir mit Muth und Anſtand entgegen, und redete mich auf Franzoſiſch — was ſeine Huͤter nicht verſtanden— alſo an:„Ihnen will ich mich entdecken; ret⸗ ten Sie mich nur vor den Erniedrigungen dieſes Pobels! Finden Sie die geringſte Schuld an mir, ſo erzeigen Sie mir die einzige Wohlthat, mich direct dem naͤch⸗ ſten Revolutiongericht zu uͤberliefern, da⸗ — mit mein—— 3 nur u geendet werde. Dieſe Worte, der Aublick und das ganze Benehmen des jungen Mannes erſchuͤtterten und uͤberzeugten mich, daß er kein Verbre⸗ cher ſeyn könne, und ſo wagte ich's, der Municipalitaͤt mein Haus als Gewahrſam ihres Gefangenen bis nach weiterer Unter⸗ ſuchung anzubieten. Man ließ es ſich g fallen, nachdem ich fuͤr ſeine Feſthaltung mich verbuͤrgt, und verſprochen hatte, de⸗ nen, welche ihn eigentlich bewachen ſollten die Diaͤten, um welcher willen ihnen der Fremde mihtig n war, Tag fuͤr— zu S Jhi vi al Sus ⸗ Was mir mein Gefangener„ der ſeht bald meine Achtung, mein Mitleid, meine Liebe etworben hatte, in den erſten Stun⸗ den unſers einſamen Behſammenſehns ge⸗ 1. Band. N — 494— ſtand, war ohngefaͤhr Folgendes:„Ich bin aus dem Elſaß gebuͤrtig, ſagte er, und von gutem Hauſe, doch nicht von Adel. Mein Vater war ein hochverdienter und beruͤhm⸗ ter Mann; wile Mutter habe ich fruͤhzei⸗ tig verloren. Mein Onkel hat mich als Kind angenommen und auf deutſchem Boden erzogen. Beyde haben ſchuldlos ihr edles Leben in Paris unter der Guillotine verblu⸗ tet. Ich bin nach vielfaͤltigen Erfahrungen bis hierher gekommen: weiter wollte ich nicht. Das Gewehr, das man bey mir fand, ſollte mir den Weg zu den Meinen in jener Welt bahnen. Beleidigt habe ich keinen Menſchen, und ſelbſt kein Geſetz der blntigen Machthgber.“ Sie muͤßten, meine Herren, fuhr un⸗ ſer Erzähler fortz Sie muͤßten in jenen ſchrecklichen Zeiten in Frankreich, oder we⸗ nigſtens in dieſen Gegenden, gelebt haben, und ich muͤßte auch im Stande ſeyn, Ihnen das ganze Weſen meines Sohnes, wie es ſich bey dieſen Geſtaͤndniſſen darlegte, vor Augen zu ſtellen, wenn Sie ſich denken ſoll⸗ ten, welchen Eindruck dieſe Worte auf mein Herz machten. Ich fuͤhrte ihm zu Gemu⸗ the, daß ich und mein Kind verloren ſey, wenn er mich in ſeinem Bericht taͤuſche, oder auch, wenn er ſeine Ausſage noͤthigen Faus nicht beweiſen könne. Sieht ein Be⸗ truger ſo aus? ſagte er mit einem ſeelen⸗ ſchmelzenden Blick; auch verſicherte er hei⸗ lig, daß er jene Beweiſe vollſtaͤndig fuͤhren wuͤrde, wenn es nothig ſey und man ihm die Sicherheit einiger Briefe nach Paris ver⸗ ſchaffen könne. Jetzt nahm ich von ihm das Ehrenwort, daß er bis auf weiteres ſich von mir nicht entfernen, und vor allem jene N2 Eingebung der Muthloſigkeit„dem Geſchick durch freywilligen Tod zu weichen, maͤnn⸗ lich aus ſeiner Seele verbannen wolle. Das Erſte verſprach er mit uͤberraſchender Ha⸗ ſtigkeit; zur Zuſage des Letzten brachte ich ihn erſt ſpoͤt und mit vieler Muͤhe.— Nun wohnte er bey mir als Gaſt, und weilrich leicht bemerkte, daß jede beſtimmte Eriune⸗ rung an die Vergangenheit ihn ſo tief er⸗ ſchuͤtterte, daß ich fuͤr ſeine ohnehin ge⸗ ſchwaͤchte Geſundheit beſorgt ſeyn mußte; da ſich uͤberdies durch den Sturz Robes⸗ pierre's einigs Ordnung und Menſchlichkeit in Frankreich wieder einfuͤhrte, und ſich mit⸗ hin fuͤr dergleichen Schlachtvpfer Sicherheit, wenigſtens im Vergeſſen, hoffen ließs ſo drang ich nicht nur nicht weiter in ihn, ſon⸗ dern vermied auch ſorgfaͤltig alles, was ſeine fruͤhere Geſchichte lebhaft hatte vor ſeine Seele zuruͤckrufen muͤſſen.— Aus unſerm Gaſt ward bald unſer Freund; er lernte ſich nach und nach an uns gewoͤhnen, beſchaͤf⸗ tigte ſich mit Studiren und Gartenbau„ und ſeine Verſchloſſenheit, ſo wie ſeine Weiſe, faſt immer einſam fuͤr ſich zu ſeyn, wenn nicht eine beſondere Veranlaſſung ihn in un⸗ ſern Kreis fuͤhrte, ſchoneten wir und wur⸗ den ſie allmaͤhlig gewohnt. Auch das Eine, was uns anfaͤnglich auffiel, und was wir erſt fuͤr geſuchte Nahrung ſeiner ſtillen Schwermuth nahmen, was aber hernach, als ſich dieſe immer mehr minderte, noch auf etwas Beſonderes hinzudeuten ſchien: ſeine entſchiedene Vorliebe fuͤr den Aufent⸗ halt in dieſen Ruinen, beachteten wir kaum noch; und nur Eines machte mich beſorgt und auch wol aͤngſtlich— eine leiſe aufkei⸗ mende Neigung zu ihm in dem Herzen mei⸗ ner Tochter. Doch auch dieſe, ſetzte der alte Herr abbrechend hinzu, hat Gott zum Beſten gewendet; jetzt aber laſſen Sie uns von etwas Anderm ſprechen, denn dort koͤmmt mein Sohn.— Unſere Blicke, die bisher an den Lippen des Erzaͤhlers gehangen hatten, richteten ſich jetzt vorwaͤrts, und wir ſahen den jungen Mann mit freundlichem Zuwinken gegen Gattin und Kinder den Berg heraufſteigen. Die Kinder ſprangen ihm entgegen; er nahm das kleine auf den Arm, das groͤßere an die Hand, und kam ſo zu uns. Sie vergeſſen, guter Vater. ſagte er, daß die Sonne ſchon hinunter iſt, und der dichte Thau im Thal Ihnen ſchaden konnte: ich komme, Sie ab⸗ zurufen.— Du haſt Recht, erwiderte die⸗ ſer. So laſſen Sie uns gehen!— Wir waren kaum nach Hauſe, als die 1* —-—— —— — 199— zertheilten Gewitter anfingen ſich in Regen aufzuldſen. Der alte Herr verſicherte uns 5 wir wuͤrden morgen wahrſcheinlich noch daſ⸗ ſelbe unguͤnſtige Wetter behalten, und ſo vielleicht den ſchonſten Theil unſter Reiſe kaum halb genießen. Bleiben Sie bey uns⸗ ſagte er, bis ſich der Himmel wieder guf⸗ heitert. Wenn Sie nicht verlangen, daß wir unſte gewohnte Lebensweiſe aͤndern ſol⸗ len, ſo ſind Sie uns willkommen, ſo lange es Ihnen hier gefaͤllt.— Es lag uns aller⸗ dings daran, die herrliche Fahrt vollkommen zu genießen; das Anerbieten war vffenbar zu herzlich gemeynt, und ſaͤmmtliche Mitglieder der Familie beſtatigten es, wenigſtens mit wohlwollenden Blicken zu ſehr, als daß wir es nicht haͤtten annehmen ſollen, wenn auch das Intereſſe, das ich an dem jungen Manne genommen, mich nicht beſtimmt haͤtte. — 200— Wir blieben alſo. Nach einer ſehr ein⸗ fachen Abendmahlzeit wies man uns ein an⸗ genehm gelegenes Zimmer an, wo wir ſchla⸗ fen ſollten. Ich fand in demſelben auch ei⸗ nen kleinen Buͤcherſchrank, machte mich mit dem, was er enthielt, vorlaͤufig bekannt, und hatte eben Bailly's Geſchichte der Aſtronomie zur Hand genommen und die Augen auf den Titel des Buchs geworfen, vor dem das Bildniß des Ver⸗ faſſers ſteht: als jener junge Mann in das Zimmer trat und fragte, ob wir auch glles gefunden haͤtten, wns uns nothig waͤre?— Der erſte Blick von jenem Titelkupfer in ſein Geſicht uͤberraſchte mich bis zum Erſchrek⸗ ken er ſelbſt ſchien hier abgebildet, aber ſo, wie er etwa in fuͤnf und zwanzig Jah⸗ ren ausſehen mußte. Wie gern waͤre ich ihm mit dieſer Entdeckung entgegengeeilt, ⸗ — 201— haͤtte er es nicht aufnehmen muͤſſen, als wolle ich mich in ſein Vertrauen draͤngen. Ich hielt alſo an mich, und er verließ uns hald wieder. 1 mön Ich konnte nur wenig ſchlafen, war aber doch am Morgen nicht fruͤher da, als der gute Alte, den ich aus meinem Fenſter in einer Laube ſeines Gartens ſitzen ſahe. Da er mir unbeſchaͤftigt ſchien, ging ich zu ihm hinunter. Das Erſte, was ich ihm mittheilte, war meine geſtrige Entdeckung. Wunderbar ge⸗ nug, rief er; gerade daſſelbe Buch, gerade daſſelbe Kupfer, hat auch mich meinen Schwiegerſohn kennen gelehrt! Er hatte naͤmlich auf die Weiſe, wie ich Ihnen ge⸗ ſtern erzaͤhlte, einige Monate bey uns ge⸗ lebt: da gehe ich einmal ohne alle beſondere Abſicht nach den Ruinen ſpazieren, ſteige 1 uͤber die Steine, die vormals den linken Flugel des Schloſſes ausmachten, hinweg, und komme ſo in den rechten, wo, wie Sie geſtern geſehen haben, im untern Geſchoß ein kleines Zimmerchen ſich noch ziemlich er⸗ halten hat. Hier ſinde ich zu meinem Er⸗ ſtaunen meinen Gaſt auf den Boden hinge⸗ worfen; jenes Buch lag, beym Titel auf⸗ geſchlagen, vor ihm; er hatte die Haͤnde uͤber daſſelbe gefaltet, ſeine Thraͤnen ſiroͤm⸗ ten hernieder, er bemerkte mich nicht. Als ich endlich zu ihm trat, auf jenes Bild und ihn zugleich herabſahe, erſchreckte mich, wie Sie, die große Acénlichkeit, und, faſt ohne mir deſſen bewußt zu ſeyn, rief ich aus: Uungluͤcklicher, das biſt du ja!— Mit großen Augen, in welchen die Thraͤnen ſtock⸗ ten, ſahe er mich eine Weile ſtarr und miß⸗ trauiſch an; wie von ſelbſt oͤffneten ſich — — 203— meine Arme: da ſprang er auf, ſiel an meine Bruſt, und rief in groͤßter Heftig⸗ keit: Ja, ja, Bailly war mein Vater! aber verſtoßen Sie mich nicht auch, wie die Andern, weil ich einen ſo großen, edlen Mann zum Vater habe!— Sie koͤnnen denken, fuhr der gute Alte fort, was ich dabey empfand. Ich zog den Beklagenswerthen enger an mein Herz⸗ meine Thraͤnen floſſen mit den ſeinigen, ich ſuchte ihn zu beruhigen, ich ſchwur ihm zu, daß ich eher mein Leben, als ihn verlaſſen wolle; und er war von dieſer Stunde an gegen mich wie umgeſchaffen, war ganz Er⸗ gebenheit, Liebe und Vertrauen.— Dieſe Rede des guten Alten mußte wol meine Theilnahme an ſeinem Sohne ſteigern. Zugleich war mir auch das Raͤthſel gelöſet⸗ warum ich dieſen ſchon fruͤher geſehen zu haben glaubte: ich hatte naͤmlich dies Buch ſchon ſonſt in Haͤnden gehabt. Der alte Herr, dem ich meine Theilnahme nicht ver⸗ bergen mochte, that meinen Wuͤnſchen wil⸗ lig Genuͤge, und erzaͤhlte mir ausfuͤhrlich, was ich hier in der Juͤrze wiederhole, mit der Hoffnung, es werde— ſo traurig es iſt, ſo wenig auffallend es auch in einem Zeit⸗ alter befunden werden wird, wo das Auf⸗ fallendſte zum Gewohnlichen geworden— doch manches Leſers Theilnahme erwecken, als ein Ruͤckblick in das, was wir erlebt, und, von immer neuen Wundern gedraͤngt, ſchon wieder faſt vergeſſen haben. Baillo, dieſer große, verdienſtvolle Ge⸗ lehrte, dieſer wuͤrdige, grundredliche Mann, hatte fruͤh ſeine Gattin verloren und beſaß dieſen einzigen Sohn. Da er ſich nicht wie⸗ der vermählen wollte, und uͤberhaupt abge⸗ ſchieden, ganz fuͤr ſeine Wiſſenſchaft lebte, hatte der Bruder ſeiner verſtorbenen Frau, der ſeine Geſchaͤfte in Straßbutg aufgege⸗ ben und die Beſitzung ain Rhein erkauft hatte, welche eben jetzt in Ruinen vor uns lag— den Knaben zu ſich genommen, um ihn zu erziehen. Bailly's Bruder und deſ⸗ ſen Gattin beſaßen keine Kinder: der Knabe ward ganz ihr Sohn, und hing auch, da er ſo fruͤhzeirig von ſeinem Vater entfernt war, ganʒ an ihnen, als waͤren ſie ſeine Aeltern. Der Knabe ward die Frende aller, die ihn kannten, und wuchs eben zum Jüngling heran, als die Revolution ausbräͤch. Be⸗ kanntlich nahm Bailly, zum Repraͤſentanten des Volks berufen, an derſelben den naͤm⸗ lichen Antheil, den damals— thaͤtig oder im Geiſte— ſo viele Wohlgeſinnete nah⸗ men, welche die Menſchheit liebten, ohne — 5 . — 206— die Menſchen zu kennenz er, wie jeder ſolche, hoffte, die Zeit nahe heran, wo das Groͤßte, Edelſte und Herrlichſte, woruͤber die Aus⸗ erwaͤhlten aller Zeitalter und aller Voͤlker einig geweſen, in Frieden und fuͤr immer — in die Welt, in das Leben eingefuhrt wer⸗ den koͤnnte. Der Ruf ſeiner Kenntniſſe, die Reinheit ſeiner Geſinnungen und Abſichten, der Adel und die Wuͤrde ſeines ganzen Le⸗ bens machten, daß Bailly zu immer bedeu⸗ tendern Geſchaͤften erhoben wurde; und als er nun durch maͤchtig hervorbrechende Leiden⸗ ſchaften und niedrige Raͤnke vieler ſeiner Ge⸗ huͤlfen, ja zum Theil eben der geiſtreichſten, aus ſeinen ſchoͤnen Traͤumen geweckt ward: da konnte er nicht mehr zuruͤck, und beſchloß — vermoͤge er das Weiſe und Gute nicht mehr durchzuſetzen, doch fur daſſelbe zu kaͤm⸗ pfen, und, muͤſſe es ſeyn, mit ihm zu fallen. * — 207— Das Letztere ſollte ihm werden. Die Anarchie erhob ihr Haupt, die Bergpartey ward ihr furchterliches Organ: Bailly wurde geſtuͤrzt, wurde gefangen. Sobald die erſte Nachricht davon ſei⸗ nem treuen Bruder zukam, raffte dieſer von ſeinem großen Vermoͤgen zuſammen, was nur moͤglich war, und eilte nach Paris, den Ungluͤcklichen wenigſtens durch Befrie⸗ digung der Habſucht ſeiner Verfolgernzu retten. Seine Gattin konnte ſo wenig, als der Juͤngling, bewogen werden, zuruͤck zu bleiben. Fi 19 iu. So kamen ſie nach Paris; und wie ſehr ſie auch ihre Reſſe beſchleunigt hat⸗ ten— Bailly's Todesurtheil war ſchon ge⸗ ſprochen, und ihre Bemuͤhungen um ihn wirkten nichts„ als daß man ihnen ab⸗ nahm, womit ſie zu helfen gedachten, und ² — als ſie variber Klage Rhrren⸗ 5— ſich bemaͤchtigte. Ich gehe uͤber die folgenden Greuel ſo ſchnell als moͤglich hinwegs Bailly und ſein Buder erbluteten ihe Leben an Einem Morgen unter der Gtüllötine; die Gatrin und deb S waren gezwungem, ihren Syfertod mit unzuſehn, und nachdem man un auch den Reſt ihrer Habe gensimon hatte, hieß man ſie aus beſonderer Gnade ehen wohin ſie wöllten. t Der Juͤngling hatte die blutige Scens mit ſtartem Entſetzen wirklich ausgehaltelt es wät abet, als ob von dieſem Möihent an alles, was er jemals geſehen, jömals erfahten hatte, aus ſeinem Gedaͤchtniß weg⸗ gewiſcht worden; was er auch horen mochte, er vernahm nichts„ als die letzten Worte ſeines Vaters:„Mein Freund„ich zittere —— — 209— nur vor Froſt!“*)— Die ungluckliche Fran war bey jener letzten Umarmung ohn⸗ maͤchtig zu Boden geſunken. Ein Soldat der umſtehenden Wache zog ſie ſo weit an ſich, daß ihr todt herabhaͤngendes Haupt an ſeinen Fuͤßen ruhen konnte: dies war das einzige Zeichen der Wenſchlichkeit⸗ das ihr erwieſen ward.—— Als ſie wieder zu ſich kam, ſchien ſie die Sprache gänzlich verloren zu haben. *) Bailly wurde langſam auf das Marsfeld ge⸗ ſchleppt, wo das Werkzeng des Todes ſeiner wartete. Der pariſer Pobel erſchöpfte auf dieſem langen Wege ſeine Wuth an ihm: man ließ jeden ſchalten und das Schlachtopfer nach Velieben martern. Ein kalter Regen, der herabſtroͤmte, vermehrte Bailly's Pein. Endlich kam er auf dem Todesfelde an. Man zwang ihn, erſt ganz um daſſelbe„die Promenade zu machen,“ wie der Ausdr war. Dann kam einem der Anweſenden der 1. Pand. 2 — 310— Ohne irgend einen Laut, wanderte ſie zu Fuß, an der Hand des Sohnes, nach ihrer Heimath zurůck. Da ſie nun aber in das große, weite, leere Haus eintrat, wo ſie ſo lange im groͤßten Wohlſtande, im er⸗ wuͤnſchteſten Gluͤck gelebt hatte, wo von allen Dienſtboten Niemand treu zuruͤckge⸗ blieben war, als eine alte blodſinnige Magd, und wo ihr jedes Zimmer, jeder Ruheſitz, Einfall, der Tod eben dieſes Vertheidigers ſeines Koͤnigs muͤſſe ſich an der Seine beſ⸗ ſer ausnehmen. Man machte Anſtalt. Er mußte ſelbſt einen Theil des Mordgeraͤthes dorthin tragen, und ſank unter der Laſt ſinn⸗ los zu Voden. Man brachte ihn wieder zu ſich, verfolgte den Weg, und kam an. Hier rief ihm der Scharfrichter, indem er ihm die Fuͤße band, hoͤhnend zu: Du hatteſt jg ſonſt Muth: zitterſt du nun?— Die oben ange⸗ fuͤhrten Worte waren Bailly's Antwort, und die letzten, die er ſprach. 2— jedes Geraͤth ihre letzten, ſchrecklichen Er⸗ fahrungen zuzurufen ſchien: da brach ihr Schmerz mit ſolcher Macht hervor, daß er ihr alle Beſinnung raubte, und in der Nacht in unbewachter Stunde lief ſie laut jam⸗ mernd durch alle Gemaͤcher, und zuͤndete ſelbſt das Haus an fuͤnf Orten an. Die Flamme loderte empor, ehe Huͤlfe moglich war; man fand die Ungluͤckliche auf ihrem Bett ausgeſtreckt liegen; ſie mußte mit Gewalt der Wuth des Feuers entriſſen werden. Abet man hatte einen Leichnam gerettet— ſie war und blieb todt. Der junge Menſch vergoß keine Thraͤne, gab kein Zeichen des Schmerzes mehr von ſich: er ergriff ſeinen Wanderſtab, und ging ſchweigend davon.— Mit Ingrimm und Hohn gegen ſich ſelbſt, bemerkte er endlich, daß eben die gemein⸗ O 2 ſien menſchlichen Bedürfuiſſe ihn nicht nur zum klaren Bewußtſeyn weckten, ſondern ſo⸗ gar unwiderſtehlich zwangen, das Leben fer⸗ ner zu friſten und ſich wieder an Weſen ſei⸗. ner Art zu wenden. Er ſprach in einigen Doͤrfern an: man verweigerte ihm nicht, was nothdurftig das Leben hinhalt. Mit der Ruͤckkehr des klarern Bewußtſeyns und kaͤrglich geſtaͤrkten Kraͤften, kehrte auch, er mochte ſich ſtraͤuben, wie er wollte, der Trieb, menſchlich unter Menſchen zu leben, allmaͤhlich in ſeine Seele zuruͤck; und als er, ohne es zu ſuchen, zum erſtenmal wie der eine Stadt vor ſich ausgebreitet ſahe: ſo gab der Eindruck ſolches Denkmals von geordnet thaͤtigem, geſellſchaftlichem Bey⸗ ſammenſehn, jenem Triebe eine Macht, welcher er nicht widerſtehen konnte. Zwey luſtwandelnde Staͤdter, die mit —————————— — LT2— 213 ihren Weibern und Kindern aus den Wein⸗ bergen gegen Abend zuruͤckkehrten, und die er einholete, mußte er— er kounte nicht anders— mit einer Neigung und Sehn⸗ ſucht ſo lange anblicken, bis Thraͤnen ſeinen Blick verdunkelten. Einer der Spaziergaͤn⸗ ger hatte das bemerkt; er redete ihn freund⸗ lich an; fragte, ob er fremd ſey? ob man ihm dienen konne? Eben wollte Vailly ant⸗ worten, was Liebe und Dankbarkeit ihm eingaben, als der Andere furchtſam fragte: Sie kommen doch nicht uͤber den Rhein her? Der junge Mann mußte freylich mit tiefen Schmerzen: ja, antworten; da zuckten die Maͤnner die Achſein, ſprachen von den Ge⸗ fahren, welchen ſie ſich ausſetzen wuͤrden, wenn ſie etwas fuͤr ihn thaͤten, druͤckten ihm ein kleines Geſchenk in die Hand, und ent⸗ fernten ſich ſchnell und ſchuͤchtern. Eine der — 214— jungen Frauen, die ihn mit Ruͤhrung be⸗ trachtet hatte und im Gehen ein wenig zu⸗ rüͤckblieb, ſchickte ihm iloch durch ihr Kind verſtohlen ihr feines Taſchentuch; weiter hatte ſie nichts zur Hand, das ſie miſſen konnte. 6 Auf aͤhnliche Weiſe ging es ihm noch einigemal, bis er endlich abnahm, was der Name Emigrant damals in Deutſchland wirkte; und er, wiewol nicht einmal eigent⸗ licher franzoſiſcher Emigrant, enthielt ſich nun ſorgſam der Aeußerungen, aus denen man ihn fuͤr einen ſolchen nahm. Er nannte ſich nach dem urſpruͤnglich deutſchen Namen ſeiner Mutter, und hoffte nun Aufnahme und Thaͤtigkeit zu finden. Er hatte eine ſorgfaͤltige, wiſſenſchaft⸗ liche Bildung erhalten. Er kam in eine kleine Reſidenz, wo die vornehme Welt viel —— — 215— Franzoſiſch ſprach. Er erbot ſich zum Sprachunterricht; aber das Truͤbe und Ernſte ſeines Weſens verſcheuchte die Reſi⸗ denzer von ihm, die muntere Unterhaltung und Artigkeit verlangten.— Er kam in eine Handelsſtadt. Er trug ſich zum Cor⸗ teſpondenten in mehrern Sprachen oder zum Rechnungfuͤhrer an, und erbot ſich zu allen Proben. Man geſtand ihm ohne ſie jede Geſchicklichkeit höflichſt zu, verlangte aber vor allem Empfehlungen von„guten Haͤu⸗ ſern.“— Auf ähnliche Weiſe erging es ihm, wohin er ſich auch wendete, wozu er ſich auch antrug. So uͤberzeugte er ſich: was du vermagſt, wollen die Menſchen nicht; was ſie wollen, vermagſt du nicht⸗ Und als endlich auch der Oberſte eines deut⸗ ſchen Regiments, in dem er Dienſte ſuchte, ihm dieſe verweigerte um der Kraftloſigkeit „ willen, die er an ihm zu bemerken glaubte: ſo ergriff ihn nagender Menſchenhaß von neuem, und um ſo entſchiedener, da er nicht, wie nach jenen Greuelſcenen, Wirkung des voruͤbergehenden Affects, und einzelner, ſich ſelbſt ſchwaͤchender Bilder war. Du ſollſt nicht leben, ſagte er zu ſich ſelbſt: ſo willſt du es denn auch nicht. Pon der einen Haͤlfte ſeiner kleinen Baarſchaft kaufte er ſich ein Piſtol, mit der andern hielt er ſich hin, bis auf den Platz, wo er ſeine Jngend ſo gluͤcklich verlebt hatte: denn hier, eben hier wollte er ſterben. et So kam er in dieſe Gegend zuruͤck, w⸗ das Haus ſeines Onkels in Truͤmmern lag. Aber ſtatt daß dieſer Anblick, wie er ſelbſt wuͤnſchte, ſeinen Schmerz bis zum aͤußer⸗ ſten ſchaͤrfen ſollte, löſete er ihn vielmehr in eine Wehmuth auf, die ſeine Kraft, und — 277— mit ihr ſeinen Haß und ſeinen Vorſatz ſchwaͤchte. Er ſchlich mehrere Tage umher in den Ruinen ſeiner fruͤhern Heimath— wo ihn nun oben jene Municipalitaͤt belauſchte; er entdeckte endlich das kleine Zimmerchen, das auf dem rechten Fluͤgel ſich noch ziem⸗ lich erhalten hatte, und ach— es war ſein ehemaliges Spiel⸗ und Schlafzimmer. Er trat hinein, er warf ſich auf der Stelle nie⸗ der, wo ehedem ſein Bett geſtanden und er ſich tauſendmal ſo ſeelig getraͤumt hatte; er kußte den Boden, benetzte ihn mit ſeinen Thraͤnen; alles, was er in den zwey letz⸗ ten, verhaͤngnißvollen Jahren erlebt hatte, draͤngte ſich in großen Gruppen vor ſeine Phantaſie; ſein Blut ſtockte und bedraͤngte das Herz bis zu unertraͤglichen Schmerzen? wild griff er nach dem Mordgewehr— da lahmte ein Schlag auf die Hand die Seh⸗ ——————————— — 218— nen derſelben; jener Maire hatte ſich unbe⸗ merkt hereingeſchlichen, ward ſein Retter, indem er ihn verderben wollte— und nun ereignete ſich nach und was ſcw , worden— * * 1* . 42 „ k p 1i 5 16 „ . —— 5 —— Wir verließen Amiens, als der heitere Herbſtmorgen nur erſt daͤmmerte. Mein neuer Reiſegefaͤhrte gab mir einen Be⸗ leg zu meiner alten Bemerkung: der Fran⸗ zos faͤngt meiſtens erſt dann an liebenswuͤr⸗ dig zu werden, wenn der Deutſche es zu ſeyn aufhoͤrt— in mittlern maͤnnlichen Jah⸗ ren. Eine angenehme Bluthe dieſes ſeines Rachſommers iſt ſein geſpraͤchiges, eingaͤng⸗ liches, uͤber alles ſich mittheilendes Weſen, das ihm von ſeiner Jugend bleibt, aber nicht mehr durch deren Oberflaͤchlichkeit, Anmaßung, Unruhe und Voreiligkeit ent⸗ ſtellt und laͤſtig wird. Die Gegend uͤber Amiens iſt aber eben ſo, wie ſie ſeyn muß⸗ ¹ wenn uns ein geſpraͤchiger Geſellſchafter doppelt erwuͤnſcht kommen ſoll: weder ſo bedeutend und reich, daß man ſich gern ih⸗ ren Eindruͤcken ganz hingaͤbe, noch ſo ein⸗ tonig und oͤde, daß man ſich lieber in ſich ſelbſt verldre. Wir mochten eine gute eßuhes ſeyn, als die Sonne in heiterer Pracht her⸗ vortrat, die dichten Nebel niederſchlug, und ihre erſten hellen Strahlen auf ein ziem⸗ lich weitlaͤufiges, hoch und ſchoͤn gelegenes Schloß warf, das mir dadurch erſt bemerk⸗ bar ward, ohngeachtet mein Gefaͤhrte ſchon langſt mit einer gewiſſen Unruhe und mit ſichtbarem Bemuͤhn, dort etwas zu entdek⸗ ken, nach der Gegend geblickt und ſo auch meine Augen dahin geleitet hatte. Als die Zinnen der Burg nun ſchimmernd hervortra⸗ ten, nahm ſeine Unruhe zu, und ſein Aeuße⸗ — 22— res druͤckte unverkennbar jene Stimmung aus, die, ohne Worte, beym Deutſchen verlangt: ſchone mich ſchweigend! beym Franzoſen: loſe mich fragend! Was iſt das fuͤr eine Beſitzung dort? begann ich deshalb. ib164 O mein Herr— antwortete mein Ge⸗ faͤhrte mit ernſtem Blick und feyerlichem Ton— Sie veranlaſſen mich durch dieſe Frage, Ihnen eine der ſchmerzlichſten Er⸗ innerungen meines Lebens mitzutheilen. Hier habe ich Tage velebt— nur wenige, aber ſolche Tage, die mich um eben ſo viele Jahre aͤlter gemacht; die einen unausloͤſch⸗ lichen Eindruck auf mein ganzes Denken und Thun gehabt haben. Ich wollte mich entſchuldigen; er unter⸗ brach nich: Nein, mein Herr, der Schmerz dieſer Erinnerung iſt wohlthaͤtig: er ruft zu⸗ 432— Zleich ein Bild ſiller Menſchengroße und reinen Seelenadels in mir hervor. Und uͤberhaupt: wir Zeitgenoſſen alle haben bey weitem zu vieles, und zu viel einander Wi⸗ derſprechendes erlebt, als daß nicht jeder noͤthig haben ſollte, eben das, was Ihm zunachſt wichtig geworden, oft und leben⸗ dig ſich vorzuhalten. Wie wollen wir es ſonſt verhindern, daß wir nicht, entweder im Strome des immer Neuen ſinnlos fort⸗ taumeln und untergehen, oder in ſtarre Ver⸗ ſchloſſenheit gegen alles, was nicht unmit⸗ telbar unſte Perſonen betrifft, verſinken, oder auch in dumpfer Reſignation, abge⸗ triebenen Laſtthieren leich„alles uͤber uns ergehen laſſen? Er verbreitete ſich nicht chin Heftigkeit uͤber dieſe Punkte weiter, und behauptete, eben ſie ſpraͤchen die Eindrucke aus, welche die Revolution auf die groͤbere Maſſe ſeiner Nation gemacht und ihr zuruͤckgelaſſen haͤtte. Dann trat er im Wagen auf, jenes Schloß bis zum Augenblicke, wo es unſern Augen entſchwand, zu ſehen, und ſeegnete die Schatten ſeiner letzten Beſitzerin und ihrer Getreuen. Nun theilte er mir mit, was ich hier wiederhole, aber nur kurz und ein⸗ fach, da ich ja doch vergeblich verſuchen wuͤrde, der ſchriftlichen Rede das Leben und Eigenthůͤmliche ſeiner ninichen zu. geben.——„ Jenes Schloß war eine Leſi itzung des vormals viel bekannten Biron, Marſchalls von Frankreich, Hierher hatte ſich nach ſei⸗ nem Tode ſeine Wittwe zurückgezogen; hier fuͤhrte ſie ſeit zwanzig Jahren, und jetzt in hohem Alter, außer aller Verbindung mit der fernen, aber in deſto innigerer mit der — 224— ſie zunaͤchſt umgebenden Welt, das Leben einer Heiligen. Religiöſe Uebungen, Ver⸗ ſorgung der Ihrigen, die meiſtens mit ihr alt und ſchwach geworden waren, theilneh⸗ mende Guͤte gegen ihre Unterthanen und be⸗ nachbarte Landleute, die ſie wie den Schutz⸗ geiſt der Gegend verehrten, und die Erzie⸗ hung mehrer verlaßner oder ſonſt huͤlfloſer Kinder— dies fuͤllete ihre Neigungen, ja ihr ganzes Daſeyn aus. Ein Tag glich dem andern, ein Jahr dem andern vollkommen. Und dies ſelbſt da noch, als der Ausbruch der Revolution faſt ganz Frntreich zu em⸗ poren angefangen hatte. Die Gefahr wuchs fur ſie, wie fuͤr alle Adeliche, mit jedem Tage; man draͤngte ſich zu ihr, man ſuchte ſie zu bewegen, mit den Andern uͤber den Rhein zu fluͤchten: ſie vlieb bey der Behauptung; Ich weiß von — 225— nichts, und will von nichts wiſſen, was außerhalb des kleinen Kreiſes liegt, worin zu wuͤrken ich mich berufen achte. Ich thue recht, ich mache keine Anſpruͤche, ich belei⸗ dige keinen Menſchen: ſo wird man von der ganzen Welt geduldet und von Gott geſchutzt. Werde ich dennoch dahingegeben: ſo iſt es des Hochſten Rath und Wille; dem kann ich nirgends entgehen, der verhaͤngt aber auch nichts, als was meinem unſterblichen Theil noththut und Heil bringt.— Zwey ihrer vornehmen Nachbarn, deren einer ihr Verwandter war„zogen ſie den⸗ noch, und faſt mit offenbarer Gewalt, mit ſich nach Coblenz. Hier wurde ſie mit vie⸗ ler Auszeichnung empfangen: aber die Ge⸗ ſinnungen der dort verſammleten Haͤupter, der Uebermuth, die Sittenloſigkeit des Adels, und die Annaͤherung fremder Heere, welche 1. Band. P — — 226— gegen die Nation zogen, der ſie mit Stolz und Liebe zugehorte, empoͤrten ihr Innres ſo, daß ſie ſchon nach drey Wochen, aller Gegenvorſtellungen ungeachtet, zuruͤckkehrte und auf ihrem Schloß anlangte*). Mit lautem Jubel, den nur der Anblick ihrer ehrwuͤrdigen Perſon daͤmpfte, wurde ſie von ihren Unterthanen empfangen. Alle ſchworen— doch nur unter ſich: denn in ihrer Gegenwart duldete ſie ſelbſt das nicht — fuͤr ſie, ſollte es nothig ſeyn, Gut und Blut dranzuſetzen.— So fuͤhrte ſie denn das nur auf wenig Wochen unterbrochene, fromme, wohlthaͤtige Leben, mitten unter Scenen des Schreckens und Blutvergießens, wie im Schooße kloͤſterlicher Ruhe weiter, bis endlich das lauernde Auge Robespierre's auch auf ihren Namen in ſeinen Liſten ſtieß. ¹) Im Fruͤhling 1790. — 227— Eben befand ſich der Volksrepraſentant, Dumont, in Geſchaͤften der damaligen Republik zu Amiens. Dieſer erhielt den Befehl des Ausſchuſſes, von Robespierre ſelbſt unterzeichnet, nebſt mehrern Andern auch die jetzt vierundachtzigjaͤhrige Wittwe Biron zu verhaften„und ſie, bis auf Wei⸗ teres, in Amiens einzukerkern. Daͤmont vermochte das nicht uͤber ſein Gefuͤhl. Er berichtete, in dem Tone, den man damals, wollte man Eingang finden, anſtimmen mußte: Es iſt nicht der Muͤhe werth, dieſes alten Weibes wegen wackere Republikaner zu bemuͤhen; uͤberdies wuͤrde dieſe Verhaftung, ohne alle Angabe einer urſache, eben bey dieſer gebrechlichen Au⸗ tomate, in welcher der Poͤbel eine Heilige ehrt, zu hellem Aufſtand reizen.— Robespierre, der nie eine Einwendung Pa — 228— ertrug, fuͤhlte ſich beleidigt, brachte den Vorfall vor den Convent, und Dümont er⸗ hielt nun, außer einem ſtrengen Verweis„ geſchaͤrftern Befehl, die Wittwe Biron ſo⸗ gleich verhaftet nach Amiens zu ſchaffen. Jetzt durfte Duͤmont— gingen ihm naͤmlich eigene Sicherheit und eigener Vor⸗ theil uͤber alles— nicht mehr widerſtreben. um jedoch den Befehl ſo ſchonend, als mog⸗ lich, auszufuͤhren, ſchrieb er ſelbſt der guten Matrone, und bat ſie, ſich zu ihm nach der Stadt zu begeben; ſandte ihr auch ſeinen Secretair, der ſich ihrer annehmen, ſie ge⸗ leiten, ſie verſorgen, und ihr zuſichern ſollte, ihre Haft werde die gelindeſte ſeyn und keine Bequemlichkeit ihr entzogen werden.(Der Mann, welcher damals dieſen Poſten bey Duͤmont verſahe, war eben jetzt mein Rei⸗ ſegefaͤhrte.) N k — 229— Die wuͤrdige Frau erwiderte dem Secre⸗ tair kein Wort, als: Ich bin in Gottes Hand. Sie ließ nichts, als die noͤthigſte Waſche und Kleidung einpacken, und war bereit zu folgen. Aber durch ihre jammern⸗ den Dienſtboten war das Dorf unterrichtet worden. Alle Bauern draͤngten ſich herzu? man warf ſich vor ihre Fße, daß ſie nicht fortſchreiten konnte; man drohte dem Secre⸗ tair, ihn zu zerreißen, wenn er Gewalt brauchen wolle; und alle Zuredungen der er⸗ gebenen Alten waren umſonſt. Der Secre⸗ tair konnte den Anblick nicht ertragen; er ſchlug ſich ins Mittel. Ich will ohne Sie zuruͤck, ſagte er; geben Sie mir die Hand, daß Sie ſich bis auf Weiteres nicht von hier entfernen wollen. Mit ſanftein Laͤcheln deu⸗ tete die Matrone auf ihre zitternden Knie, und reichte die Hand hin. Dümont wagte nochmals, dem Convent zu ihren Gunſten zu ſchreiben, und ſchlug vor, ſie auf ihrem Gute bewachen zu laſſen er verbuͤrgte ſogar ſich ſelbſt fuͤr ihre Un⸗ ſchaͤdlichkeit. Die Antwort, die ihm eiligſt zugefertigt wurde, lautete: Sogleich bringſt du die Biron duͤrch ein Commando, und, iſtes nothig, mit Gewalt nach Amiens.— Duͤmont ſandte nun einen Sergeanten mit ſechs Gensd'armes auf das Schloß, und bat Frau von Biron ſchriftlich, nicht zu wi⸗ derſtreben: er ſtehe ihr mit ſeinem Leben fuͤr das ihrige.— Sie folgte: aber die Bauern widerſetzten ſich mit Gewalt. Weder die Bitten der Matrone, noch die Streiche der einhauenden Gensd'armes erreichten ihre Ab⸗ ſicht. Das Commando ward zuruͤckgeſchla⸗ gen, und die Bauern beſetzten nun alle Zu⸗ ginge des Schloſſes. Důmont ſchickte ſeinen Bericht eiligſt an den Convent, und fuͤgte bey: Es iſt ganz zweckwidrig, wo nicht laͤcherlich, einer al⸗ ten, laͤngſt vergeſſenen Frau wegen einen kleinen Buͤrgerkrieg anzufangen.— Als der Bericht verleſen ward, rief Robespierre: Conſequenz iſt der Grundpfeiler der Macht. Die hochſte Macht iſt das Reſultat des Wil⸗ lens der geſammten Nation: ſie kann nie fehlen. Eher falle alles, als eines ihrer Worte.— Hierauf erhielt General Lau⸗ badern, Commandant der Truppen von Amiens, Befehl, die Biron, und alle, die ſich jenem erſten Commando widerſetzt, nach Amiens in Verhaft zu fuͤhren— bey Ver⸗ luſt ſeines Kopfs. Der General uͤbernahm, an der Spitze von dreyhundert Mann, die ſogar durch zwey Kanonen unterſtuͤtzt wurden, den Zug . pfend Stand. Dieſe bat— mit Thraͤnen in eigner Perſon. Das Dorf ward beſetzt, auf alles, was widerſtrebte, eingehauen, und was man erreichte, gefangen; aber die von Bauern ſtark beſetzten Poſten vor den Zimmern der geliebten Alten hielten kͤm⸗ bat ſie, ihre Vertheidiger moͤchten ſich zu⸗ ruͤckziehen: Nein, riefen dieſe, ſie wollen Euch umbringen, aber erſt wollen wir fuͤr Euch ſterben, und alle, die Euch angrei⸗ fen, ſollen mit!— Hier trat die Matrone mit Wuͤrde unter ſie: Seyd ihr Franzoſen? rief ſie; ſeyd ihr Chriſten? ſind das nicht eure Landsleute und Glaubensgenoſſen? Tretet zuruͤck, und macht mir Platz!— Die Maͤnner theilten ſich, unwillig, aber ſchweigend, zu beyden Seiten: ſie ging hin⸗ durch, und gab dem General den Arm. Bringen Sie mich, wohin Sie ſollen, ſagte ſie; ch fuͤrchte den Tod nicht: aber ſchonen Sie dieſe meine Freunde, deren einziges Vergehen iſt, daß ſie mich lieben. Hier brachen ihre Kraͤfte. Der General ergriff ſie rauh und drohend, zog ſie die Treppe hinunter, und ließ alle, die er im Schloſſe fand, verhaften. Die unglůckliche, halb ohnmaͤchtige Matrone ließ er an der Stpitze der andern Verhafteten, in der ſte⸗ chenden Sonnenhitze, zu S Amiens gehen*. mftü Duͤmont hatte indeß der Frau vun Biron ein ſo bequemes Zimmer im Gefaͤngniß be⸗ reiten laſſen, als die Umſtaͤnde zuließen. Er ſelbſt empfing und erquickte ſie, als ſie vor geiſtiger und koͤrperlicher Erſchoͤpfung halb todt ankam. Dreyundzwanzig ihrer Diener und Unterthanen, die Haͤnde auf „ den 28ſten Junius, 1794. — 234— dem Rucken, und je zwey und zwey an ein⸗ ander gefeſſelt, waren ihr gefolgt, und wur⸗ den neben ihr eingeſperrt. Sie warfen ſich auf die Knie und baten um Mitleid, nicht mit ſich, nur mit ihrer guten Mutter. Sie wurden zwölf Stunden ſpaͤter nach Arras geſchleppt, und ſiebzehn von ihnen guillo⸗ tinirt. z Den fuͤnften Tag kam Robespierre's Befehl, die Biron ſogleich nach Paris zun ſchaffen. Duͤmont wußte, daß hier der Tod ihrer warte, und ſchrieb: Die alte Frau kann die Reiſe nicht mehr machen. Sehet ihr nur einige Wochen nach: ſo erſpart ihr Tod dem Gericht die unnoͤthige Unterſu⸗ chung, und dem Scharfrichter die Zeit, die ihm jetzt ohnehin nicht zureichen will.— Hierauf ward ihm ſelbſt befohlen, vor den Convent zu kommen, um ſich zu vertheidi⸗ —— — — digen; ſtatt ſeiner aber dem Maite der Stadt, bey Verluſt des Kopfs, auferlegt, die Biron in der Nacht unter ſicherer S deckung nach Paris zu ſenden. Dies geſchah. Bald nach ihrer Ankunft in Paris wurde Frau von Biron vor das Revolutionstribunal gebracht, wo man ihr eine Menge Fragen vorlegte, die ſie nicht einmal verſtand. Glaubte doch ſie, die nur des alteleganten Hoffranzoſiſch„ und allen⸗ falls der Provinzialismen ihrer Unterthanen gewohnt war, in der neugeſchaffenen Kraft⸗ ſprache und deren raffinirten Kunſtausdruͤk⸗ ken eine ganz fremde Zunge zu hoͤren! Sie konnte der Wahrheit gemaͤß nichts antwor⸗ ten, als: Ich verſtehe Sie nicht! ich weiß von dem allen nichts!— So war denn gar kein eigentliches Ver⸗ fahren gegen ſie moͤglich; auch konnte man — 236— nicht einen einzigen Zeugen finden, der et⸗ was, das einer Anklage aͤhnlich geſehen, vorgebracht haͤtte. Da fiel ſie denn dem furchterlichen Fouq uier, der ſich ſelbſt, als Ehrennamen„ den, eines allgemei⸗ nen Anklaͤgers beygelegt hatte, zu und dieſer ermangelte auch nicht, in einer langen Rede, voll dunkler, hochtönender Phraſen, und epigrammatiſcher, oft fuͤr's Laͤcherliche zugeſpitzter Sentenzen, gegen die arme Alte aufzutreten; worauf dieſer, die faſt kein Wort verſtanden hatte, zuge⸗ rufen ward, ſie ſolle ſich dagegen vertheidi⸗ gen. Sie antwortete wieder nichts, als: Ich verſtehe das alles nicht; und es thut mir leid, daß man ſich meinetwegen ſo viel Muͤhe giebt. Iſt es mir beſtimmt, ſo bin ich bereit, zu ſterben. 8 Das bewegte einen Theil des anweſen⸗ ——— — den Volks, und mehrere Stimmen ſidhneten laut vor Ingrimm. Der Praͤſident fand darum fuͤr gut, die Unterſuchung abzubre⸗ chen, der Wittwe Biron einen Auwald zu verſprechen, und ſie in die Conelergerie zu der Menge anderer Gefangenen zu ſenden. Von dieſen, die gleichſam einen kleinen, meiſt wohlgeordneten Staat unter ſich bil⸗ deten, wurde unſre Matrone mit ausgezeich⸗ neter Ehrfurcht empfangen. Es war eben Mittag. Zwey der angeſehenſten und gebil⸗ detſten Maͤnner fuhrten ſie zur gemeinſchaft⸗ lichen Mahlzeit, und erboten ſich, ſie als Nachbarn zu bebienen. Mit alle dem ruhig⸗ muͤtterlichen Anſtand, und dem ausgeſuch⸗ ten, etwas weitlaͤufigen Ceremoniel, wel⸗ ches ihr von alter Zeit her eigen war, nahm ſie dieſe Hoͤflichkeiten, ſo wie die Aufmerk⸗ ſamkeit Anderer, auf, als wuͤrde ihr das alles in der Freyheit auf ihrem Schloß er⸗ wieſen, und beſtrebte ſich ihrerſeits, die Unterhaltung fortzufuͤhren, und durch Anek⸗ doten oder Bemerkungen vom Hofe Ludwigs des funfzehnten zu beleben.— Sie betrach⸗ tete ſich uͤbrigens als eine Sterbende, wie man ihr auch einreden mochte, es konne ge⸗ gen ſie nicht ſo grauſam verfahren werden, zumal da kein einziger Zeuge, kein einziger beſtimmter Klagepunkt wider ſie aufzubrin⸗ gen ſey: doch hatte ſie den feſten Vorſatz, ihren Hingang zur andern Welt nicht nur in frommem Glauben, ſondern auch mit vollkommener Faſſung und wuͤrdigem An⸗ ſtand zu vollenden— weshalb ſie ſich denn, fuͤr das Erſte, nach geiſtlichem Zu⸗ ſpruch umſah, fuͤr das Zweyte, nach al⸗ len Umſtaͤnden des gewoͤhnlichen Verfah⸗ tens mit den Schlachtopfern der Regie⸗ 6. rung ausfuͤhrlich und bedaͤchtig erkun⸗ digte.— 3 Zu ihrer großen Freude, doch auch zu ihrem großen Schmerz, hatte ſie unter den Ungluͤcksgefaͤhrten in Madame Delazare eine werthe Bekannte aus fruͤhern Zeiten ge⸗ funden. An dieſe ſchloß ſie ſich, und beyde Freundinnen unterhielten ſich uͤber verfloſſene Jahre und entſchwundene Verhaͤltniſſe ſo leicht, und ſelbſt ſo heiter, als traͤfen ſie ſich, nach langer Trennung, unverſehens auf einer angenehmen Reiſe. Gegen Abend trat, wie es Gebrauch war, der Kerkermeiſter mit einem Depu⸗ tirten des Tribunals unter die Gefangenen und rief die Ramen derer aus, denen der folgende Morgen ihr letzter werden ſollte. Der Name Biron war nicht darunter: aber der Name Delazare! Einige Minuten uͤbere waͤltigte der Schmerz, von der neugefunde⸗ nen Freundin zuruckgeriſſen und der Einſam⸗ keit blos unter Fremden dahingegeben zu werden, unſte edle Alte: dann aber gebot ſie ihren Thraͤnen, ſich ſelbſt ihretwegen ſtrafend; dankte Gott, daß er ihr auf ihrem Wege zum Tode erſt noch den Genuß treuer Freundſchaft geſchenkt, und bat nur um Kraft, der ſcheidenden Geliebten in ihren letzten Stunden noch nuͤtzlich werden zu koͤnnen. Ihr Gebet ward erhoͤrt: gteiſe u und geiſtigen Anſtrengung ungeachtet, vermochte ſie, ihrer Freundin die ganze Nacht Geſell⸗ ſchaft zu leiſten, ihr Muth einzuſprechen, mit ihr zu beten, und ihr ſelbſt allerley kleine ͤußere Dienſte, weiblich ſorgſam, zu gewaͤhren. Nur mit Anbruch des Tages er⸗ ſchöpften ſich ihre Kraͤfte. Auf Bitten der — 241— Freundin, welche ihr zugleich den Schmerz des letzten Abſchieds erſparen wollte, legte ſie ſich zur. und ſchlief Stunden ſanft und feſt. Indeſſen waren die eilf, fuͤr den heutgen Morgen erleſenen Opfer verſammlet worden und hatten den Karren beſtiegen. Aber die⸗ ſer fuhr nicht ah. Der Sergeant der Gens⸗ d'armerie, der ihn zu geleiten hatte, zaͤhlte, ſah da ſeine Liſte, zaͤhlte wieder, ſtritt ſich mit dem Kerkermeiſter, der Streit ward leb⸗ hafter, Niemand verſtand beyde: endlich mußte die beruͤchtigte Schreckensglocke an⸗ gezogen werden, die ſtets alle im 3 verſammlete. Sie kamen zitternd; nur Frau von Bi⸗ ron blieb zuruͤck, da ſie vom Geraͤuſch eben erſt erwachte und mit jenem Gebrauch noch nicht bekannt war. Der Sergeant durch⸗ 7. Pand. Q — 242— lief die Reihen muſternd— Nun, da ſiehſt . du ja, daß die Alte nicht da iſt! ſagte der 5 Kerkermeiſter.— Iſt eine alte Biron hier im Hauſe? rief nun der Sergeant laut. Eine einzige Stimme antwortete: Ja.— Der Sergeant eilte durch die Gemaͤcher und fand die Matrone, ruhig, mit gefalteten Haͤnden auf ihrem Bett ſitzend. Er befahl ihr, ihm zu folgen: ſie vermocht' es nicht. Zwey ſeiner Leute ergriffen ſie und trugen ſie auf den Karren. Sie erbat ſich den Platz neben ihrer Freundin; und kaum hatte man ihr dieſen uͤberlaſſen, als der Geiſt der Kraft, des Glaubens und der Liebe ſie ſicht⸗. bar durchdrang. Wie eine Seherin ſprach ſie, groß und ſtreng, von dem Eiteln und Kuͤmmerlichen des Lebens, das ſie verließen, mild und ſehnſuͤchtig von der Ruhe des Gra⸗ bes, muthig und getroſt von den Freuden „ — 243— der Ewigkeit. Selbſt an den Rohen oder Verzweifelnden unter ihren Gefaͤhrten be⸗ waͤhrte ſich die ſtille Gewalt wahren See⸗ lenadels und treuer Gottergebenheit: alle Verwuͤnſchungen, ja alle Klagen verſtum⸗ meten. So langte man auf dem Richtplatz an. Der Eifer ihrer Verfolger, die vom Anblick ihrer Perſon einen unerwuͤnſchten Eindruck auf das Vvlk fuͤrchteten, hatte ihr das Gluͤck bereitet, den andern im Tode voranzugehen: ihr Name war naͤmlich auf der Liſte des Scharfrichters nachgetragen, und, jener Urſache wegen, obenan geſetzt worden. Sie konnte die Stufen der Blutbuͤhne nicht er⸗ ſteigen: der Scharfrichter mußte ſie unter⸗ ſtutzen; wofuͤr ſie ihm ſogar— ſo gewohnt war ſie jedes in der Geſellſchaft Schickli⸗ chen— mit einer ſanften Neigung des Q 2 Hauptes dankte. Dann, ls ſie ſeinen Arm entlaſſen, trat ſie mit ſpollkommener Faſ⸗ ſung und ſo edlem Anſtand herzu, daß ſelbſt die verwilderten Blutdiener nicht anders konnten, als ihr mit achtſamer, ſtiller Schs⸗ nung begegnen. Da weder ſie, noch ſonſt Jemand vermuthet hatte, ſie werde ſchon heute ihr Ende finden, war ſie nicht, wie die Andern, auf dieſe Todesart bereitet. Man band ihr darum die Haͤnde auf den Ruͤcken, und ſchnitt ihr, was ſonſt ſchon im Gefaͤngniß geſchahe„jetzt erſt das Haar ab. Es war ſilberweiß. Ein gemeiner, wachhabender Soldat bat den Scharfrichter um eine Locke won dieſem Haar, wie um ein Heiligthum, und litt, ohne ein Wort Erwiderung, die Spotterehen einiger Ka⸗ meraden. Ohne einen Laut empfing die Matrone den Todesſtreich. Wenige Tage 5 darauf folgten ihr zu Arras alle ihre maͤnn⸗ lichen und weiblichen Bedienten in die an⸗ dere Welt.—— nt Hier ſchwieg mein Gefaͤhrte, und rich⸗ tete, nach tiefem Erſeufzen, die Blicke in die Wolken. Ich war tief erſchuͤttert und konnte mich nicht enthalten, gegen die aus⸗ zubrechen, welche dies, und noch unzaͤh⸗ liches eben ſo Schaͤndliche und noch Schreck⸗ lichere ſahen, und gelaſſen ihren Weg fort⸗ gingen. Halten Sie ein, rief mein Ge⸗ fahrte— halten Sie ein, und verdammen Sie nicht, was Sie bemitleiden ſollten! Haben wir die grauenvollen Experimente zum Auffinden und Erringen deſſen, was Eurdpa bedarf, uur fuͤr uns gemacht, und nicht fuͤr alle Voͤlker und alle Zeiten? Sie werden dereinſt gleich uns Früchte ſammlen, — 246— ohne gleich uns gelitten zu haben!— Doch ich habe uͤberdies wenigſtens noch einige Worte zu jener Geſchichte hinzuzuſetzen. Das Schloß der Wittwe Biron ward, gleich nach ihrem Tode, wie es Gebrauch war, gepluͤndert, und ihr Gut, als Eigenthum der Nation, offentlich zum Verkauf ausge⸗ geboten. Kein Menſch, ſelbſt keiner der gierigen Speculanten, die ſich damals durch ſolche Geſchaͤfte ſo ſchnell emporbrachten, wollte ſich an dieſe, durch eine edle, fromme Seele geheiligte Staͤtte wagen— auch nicht fuͤr den Spottpreis, um wel⸗ chen ſie losgeſchlagen werden ſollte. Funf⸗ zehn Monate lang hatte ſich ein Kaͤufer nicht einmal gemeldet. Endlich kamen ei⸗ nige aus der Ferne: kaum waren ſie aber von den Umſtaͤnden unterrichtet, als ſie zuruͤcktraten. Und noch jetzt iſt es, als ob — —— — ſich Jedermann ſchenete, den Boden zu be⸗ treten an dem das Blut eines wahrhaft guten Menſchen haftet.—— VII. — — — — * — * — 8 — S ———— 71 Zur Zeit des ſpaniſchen Suceeſſionskrieges kannte ganz Madrit den ehrſamen und nam⸗ haften Don Pandolfo di Plampino— nicht als ob er eine betraͤchtliche Perſon ge⸗ weſen waͤre, ſondern weil er betraͤchtliche Geſchaͤfte machte, und eine ſchone Tochter veſaß. Pandolfo war eigentlich ein Rechts⸗ gelehrter, hatte ſich aber ſein Lebelang we⸗ der mit dem Recht, noch mit den Rechten mehr abgegeben, als landuͤblich; ſeine Sache war die Fuͤhrung einer Art von Induſtrie⸗ comptoir, worin jungen, hoffnungvollen Et⸗ ben Gelder gegen ein Genuͤgliches verſchafft 7 wurden. Jetzt brach der Krieg aus und der Feind ein. Wenn auch ſonſt nichts, ſo glaubt man mir in Deutſchland jetzt doch das: Koͤmmt der Feind, ſo geht das Geld; Geſchaͤfte ruhn, Parteyſucht wacht; die Zeit welkt, die Zeitungen bluͤhn. Unſer Alter wußte von allem zu xrofi⸗ ren. Er machte das Geldbuͤreau zu und ein Zeitungbuͤreau auf. In dieſem redigirte, ſchrieb, recenſirte, pries und verkaufte er ſein Tagblatt: das Kanonenrecht. Das Blatt ging eine Weile trefflich. Er liebte weder die vermittelnde Kritik, der ales recht iſt, noch den yoflichen Zeitungſtyl, der allem huldigt, was ehen vhenauf ſchwimmt? er ergriff keck und derb Partey, und zwar die Parteh der alten, bſioreichiſchen Regie⸗ rung. Nach und nach ſchrieb er ſich auch wirklich dermaßen in ſeinen Gegenſtand hin⸗ ein, daß er gar nicht mehr heraus konnte, und beym bloßen Namen Konig Philipps des fuͤnften Fieberſchauer bekam. Im Kriege ſind Weiber beſchwerlicht Don Pandolfo beſchloß daher, ſeine ſchoͤne Tochter, Dora, zu verheyrathen. Ein jun⸗ ger Freymuthiger etablirte ein, ſeinem aͤhn⸗ iches, aber noch derberes Blatt— Ket⸗ tenkugeln betitelt— und ſchoß damit gegen Koͤnig Philipp und gegen Nachbar Pandolf. Wen man nicht zu beſiegen hofft, dem birtet mun Allianz: Don Diego(ſo hieß der ruͤſtige Eollege) hatte mehr Leben, hatte Witz obendrein— zu Hauſe ʒittette Pandolfo, in der Stadt ſchimpfte er, beh Diego ſtreckte er die Freundeshand hin. Die Herren, die bisher einander zerriſſen hat⸗ ten, beſſerten nun einander wieder aus: man pries, man ercerpirte ſich gegenſeitig, und vergaß nicht in Klammern heyzuſetzen: ſo lehrt das„ Kanonenrecht!“ den Beweis fuhren die„Kettenkugeln* und dergl., ſo daß das liebe Publikum nun gezwungen war, zwey zu kaufen, um eins zu beſitzen. Man wundert ſich dieſes Friedens? Man wundert ſich eines jeden, bis man die gehei⸗ men Tractaten erfaͤhrt. Diego hatte ſich in die ſchone Dora verliebt, und Papa hatte ſie ihm⸗ als zur Frau ver⸗ ſprochen. Die ſchoͤne Dora ahe rine euſt &ch ſiegelsweiſe brauchen zu laſſen; und ſeit der junge, verwundete Offizier, Don Alonzo, gerad' uͤber einquartirt worden war, fuͤhlte ſie ſich gar empoͤrt dagegen. Die Mädchen wußten ſich viel von ſeinem Heldenmuth zu erzaͤhlen; ſie ſahe den bluͤ⸗ henden Mann, den Arm in der intereſſan⸗ X teſten Binde, ſpazieren gehn; er wurde mit Lebensgefahr der Schutz der Nachbarſchaft bey einem Auflauf des Poͤbels; ſie fand nun in ihm den heiterſten, angenehmſten, lieb⸗ reichſten Geſellſchafter: ſo kam es bey ihr von Aufmerkſakeit zu Achtung, von Ach⸗ tung zu Dank, von Dank zu Liebe. Alon⸗ zo's Empfindungen hatten einen aͤhnlichen Gang genommen, wiewol auf andere Ver⸗ anlaſſungen: er liebte die Schoͤne mit aller Innigkeit, und der eben erhaltene Befehl, ſich wieder mit der Armee zu vereinigen, draͤngte bey Beyden das Geſtaͤndniß ihter Liebe und die Schwure ewiger Treue 36 die Lippen. Wie gluͤcklich waren ſie, die das keet beginnen mußte! Wann werden wir uns wiederſehn? fluͤſterte Dora unter Thraͤnen. Ich bin meinem Gebieter nicht — 256— unbekannt, erwiderte Alonzo; bin bon ihm geſchaͤtzt. Das Gluͤck wird ihm nicht immer den Ruͤcken zukehren: er wird ſtegen, er wird den goldenen Frieden ins Vaterland bringen! O— wird er, mein — edler Philipp! 2ce Philipp? Koͤnig n rief— zum Tode erſchrocken. Himmel! jetzt denk⸗ ich erſt daran, daß du ihm dienſt! Mein Vater haßt ihn und ſeine Anhaͤnger, wie die Holle! Nun, ach nun iſt alles aus! Alonzo begriff das ſelbſt, und miſchte ſeine Ausrufungen mit ihren Seufzern. Endlich wurden ſie durch 5 Eintritt geſtort. Wos bringſt du? redete— an. „Den Brief da, Herr!“ dde Der Brief wird aßfurhe ein eichtſtrhl durch die oͤde Nacht! Alonzo bekoͤmmt Be⸗ — fehl, in Madrit, gewiſſer ſtiller Geſchaͤfte wegen, zuruͤckzubleiben. Nun richtet er ſich ein: er verbirgt gegen Jedermann ſeine Anhaͤnglichkeit an Koͤnig Philipp, und um ſeine Treue nicht zu verletzen, ſpricht er durchaus gar nicht uͤber Oeffentliches. Er beſchließt, ſich dem alten Pandolfo von an⸗ derer Seite zu naͤhern, indem er, gruͤndlich genug, alſo folgert: der Mann hat viele Jahre immerfort blos Geld gezaͤhlt; das macht die Hand rauh und ſchmutzig— aber die Seele auch. Rauh iſt er: er wird auch geizig ſeyn. Ich habe Vermdͤgen: das muß ich geltend machen!— Er machte dem Alten den Beſuch; er⸗ zaͤhlte, wie er, als Soldat, vielleicht in wenig Wochen mehrere hundert Meilen ent⸗ 3 fernt hauſe, und deshalb, beſonders zu ſo bedraͤngter Zeit, Niemand nothiger habe, 1. Vand. R als einen ſoliden Mann, der mit Rechten und Geldern gleichgewandt umzugehen wiſſe, und dem er die Verwaltung ſeiner betraͤcht⸗ lichen Habe mit vollem Vertrauen uͤbertra⸗ gen könne. Dem Alten waͤſſerte der Mund, und ſein rechter Zeigefinger ſtrich, gleich⸗ ſam vorkoſtend, immerfort den Daumen ſchnell und gelind. Mit tauſend Buͤcklin⸗ gen folgte er Alonzo'n ſogleich in ſeine Woh⸗ nung, ſich durch eigne Anſicht der Doku⸗ mente mehr zu uͤberzeugen. Das geht gut! dachte Alonzo, als ſ. ankamen. Er ging in ein zweytes Zimmer, die Papiere zu holen: Pandolfo blieb im er⸗ ſten zuruͤck. Zeitungſchreiber haben mit Maͤdchen wenigſtens Eine Aehnlichkeit: Pandolfo ſtoberte umher und ſeine ſchiefen Blicke fielen endlich auf das offene Buͤreau. Hier lag ein Brief, deſſen Datum ihn ſo entzundete, daß er ſchon darnach griff, als Alonzo zuruͤckkam. Es ſtand naͤmlich oben: Feldlager Erzherzog Karls bey Salamanka. Don Alonzo lebt in ge⸗ heimen Geſchaͤften in Madrit, ſpricht nie uͤber Oeffentliches, am wenigſten gegen Oeſterreich, und nun dieſer Brief: eins er⸗ klaͤrt das andere— es kann nicht fehlen! dachte Pandolfo. Er buͤckte ſich nun noch einmal ſo tief, als Alonzo zuruͤckkam. Es iſt kein Wun⸗ der, begann er nach allerhand Wendungen, daß ein Herr, der ſolch ein ſchoͤnes Vermd⸗ gen beſitzt, auch Verbindungen benutzt, wo⸗ durch er bey Zeiten von den Planen der krie⸗ geriſchen Maͤchte unterrichtet wird. Da ihn hier Alonzo finſter anſahe, wendete er ſchnell die Fahne: Ich meyne: nicht etwa aus perſonlichen Ruͤckſichten— ach Gott, wel⸗ R — 260— cher Edle dachte jetzt daran! ſondern einzig, weil man oft dem theuren Vaterlande durch gewiſſe Verbindungen weit erklecklicher die⸗ net, als durch offene Fehde„ FJetzt verſtand ihn Alonzv erſt; ſeine heroiſche Treue gegen ſeinen Herrn quoll ſprudelnd hervor: er fuhr auf, er ſchmaͤlete— Was half's ihm? Je eiftiger er ſich bemuͤhete, ü ſcheinen, was er war, je ſicherer wurde Pandolfo, er ſey, was er ſchien. Laſſen Sie's doch gut ſeyn, ſchmunzelte der Alte. Sie bekommen oft Briefe aus dem Feldlager Erzherzog Karls, den Gott erhalte! Sie be⸗ komnen ihrer— v ich weiß! ich weiß es aus Quellen, die man mir gar nicht zutraut! Sie werden roth, theurer Goͤnner und Pa⸗ tron: warum denn? Die ganze Welt weiß: ein Zeitungſchreiber muß ſchweigen koͤnnen! Hand her, Edler! So! Und nun Ver⸗ trauen gegen Vertrauen! Sehen Sie— mein Blatt haͤlt ſich vornamlich durch die angehaͤngten Artikel geheimer Correſpondenz, aus allen Orten der Welt datirt. Unter uns: ich mache das alles ſelber! ueber etwanige Mißgriffe lieſet das Publikum hinweg; hat ſie vergeſſen, wenn ſie ſich aufklaͤren, oder lacht mich hochſtens mit meinen Neuigkeiten aus. Aber das ſchadet dem Blatte nicht! im Gegentheil! Nach gerade fange ich aber doch an zu fuͤhlen— wenn man geraume Zeit geheime Briefe hat drucken laſſen, ſo muß man doch wenigſtens zuweilen einen ha⸗ ben. Auch ein Brunnen ſchoͤpft ſich aus. Nun bekommen Sie oft Nachrichten aus dem oſterreichiſchen Lager: thun Sie ein Uebriges an Ihrem Knecht; vertrauen Sie mir manches im Geheim, daß ichs hernach den Leſern wieder vertraue!— 262 Mit Don Alonzo's Correſpondenz hing es aber alſo zuſammen: Sein Vater„der noch nicht lange todt war, hatte an einem Oberſten in Dienſten des Erzherzogs einen alten Freund; und der Oberſte in der Donna Elvir a eine junge Nichte. Die alten Her⸗ ren hatten die jungen Leute fuͤr einander be⸗ ſimmt: Elvira verliebte ſich in Alonzo, und di eſer machte ihr aus Gefaͤlligkeit den Hof, bis er ſeine Dora kennen lernte. Elvira und ihr Onkel ahneten dieſe Verbindung nicht; ſie waren gewiß, nur Anhaͤnglichkeit an Philipps Partey mache Alonzo'n kaͤlter. Der Oberſt ſchrieb mithin ſeiner Nichte oft uͤber oͤffentliche Angelegenheiten, weil ſich dieſe jetzt zum PVortheil Karls wendeten; und Elvira, bey welcher Alonzo des An⸗ ſtands wegen noch ans⸗ und einging, er⸗ mangelte nicht, ihm diefe Briefe mitzuthei⸗ len, um ihn durch Eigennutz fuͤr des On⸗ kels Partey und zugleich 5 ſich ſelbſt zu Mnnn So betruͤbt der treue Alonzo bey dieſen Nachrichten ward, wenn er an ſeinen Ge⸗ bieter dachte; ſo ſehr heiterte er ſich auf, wenn ihm dabey ſeine Gebieterin einfiel: denn die Mittheilung dieſer Correſpondenz machte den Alten weich, wie Wachs. Mit der erſten Nachricht von der beruͤhmten Schlacht bey Saragoſſa in der Hand hielt er um die ſchoͤne Dora an: und es war gar keine Frage, daß Pandolfo eher zehn Toͤch⸗ ter, als Einen ſolchen Brief entbehret haͤtte, Er gab mit Frenden ſein Wort. doch nicht ohne ein ſehr großes Aber. Don Diego, ſagte er, mein verdammter College, W meine Zuſage ſchon fruͤher— Sie haben gar manches Wort zuruͤckneh⸗ men muͤſſen: warum nicht dies auch? Ach wenn's weiter nichts waͤre! Aber dann i er ſeine Kettenkugeln ge⸗ gen mich— Mit ſolchem Kanonenfutter, wie ich hier in der Hand hahe, prallen ſie ab—„ Den Henker auch! Doch geben Sie nur 5 her!— Wenn der Menſch nur nicht ſo unberſchͤmten Witz und ſo handfeſte Ener⸗ gie beſaͤße!— Wiſſen Sie was? machen wir's ſo! Daß Dora dem Patron nicht eben großguͤnſtig iſt, weiß er: jetzt ſag' ich, ſie habe ſich erklaͤrt, ein gewiſſer frommer Trieb ſey daran Schuld. Sie wolle gar nicht hey⸗ rathen, ſondern eine Nonne werden— wo⸗ von ich ſie nicht abhalten duͤrfe. Ich gebe ſie eine Weile zu den Urſulinerinnen in Pen⸗ ſion— man weiß ja ohnedem nicht, wohin mit den Maͤdchen bey den vielen Durchmaͤr⸗ ſchen! Diego muß abziehn und meine Gruͤnde ehren; verliebter Natur iſt er: ehe ein Paar Monate ins Land gehen, hat er eine andere Liebſchaft, wir kommen leiſe aus dem Schlupfwinkel hervor, decken un⸗ ſerm Nonnchen den Schleyer wieder auf und Sie fuͤhren ſie zum Altar. Finden Sie's gut? Gelt, unſer Einer weiß uͤberall die Haut zu retten?— Alonzo und Dora waren entzuͤckt, Diego erbittert, aber ſtill, Pandolfo wußte ſeines Gluͤcks kein Ende. Dora kam im Kloſter an und befand ſich, in Hoffnung baldiger Erloͤſung, recht wohl darin. Nun war ſie zwar ein hoͤchſt liebens⸗ wurdiges Maͤdchen, aber wenigſtens zwey Schwaͤchen hatte ſie doch: ſie trauete den Maͤnnern nicht queer uͤber den Weg, und Schweigen war nicht ihre Sache. Unter die erſten Beduͤrfniſſe ihres Kloſterlebens ge⸗ hörte eine Vertraute, und ihre Herzensan⸗ gelegenheit war das dringendſte, was ſie dieſer mittheilen mußte. Unglucklicher Weiſe hatte aber dieſe neue Freundin auch mauche alte z und unter die⸗ ſen war Donna Elvira. Dahin gelangte denn Dora's Geheimniß bruͤhwarm. Elvira — man weiß ja, wie hitzig die Elviren ſind, wenigſtens aus dem Don Juan— El⸗ vira war außer ſich, und wollte— ach, was wollte ſie nicht alles, zumal da ihr die Nach⸗ rricht eben zu der Zeit gekommen war„als ſie Alonzo'n am ſicherſten zu ihren Fuͤßen erwartete, indem dieſer, der leidigen Briefe wegen, jetzt ſo oft zu ihr kam, und Kö⸗ nig Philipps Umſtaͤnde immer preßhafter wurden. 1 — 267— Die Elviren ſind aber nicht blos hitzig, ſie ſind auch ſpitzig. Sie begriff bald, daß mit Toben hier nichts auszurichten ſey, wol aber mit Liſt. Das Erſte, was ſie that, war, daß ſie vor Alonzo alles ſorgfaͤltig ver⸗ barg, was ſie erfahren hatte; das Zweyte, daß ſie jene Vertraute aufs zweckmaͤßigſte inſtruirte und ihr eine große Belohnung ver⸗ ſprach, wenn ſie die erhaltenen Inſtructiv⸗ nen treu und klug ausfuͤhrete. Dazu war das Nonnchen gerade die rechte Perſon. Man brachte heute wieder eine neue Koſtgaͤngerin ins Kloſter, die ſchon genug war, um ſogleich die Blicke aller Schweſtern auf ſich zu ziehen, und ſchwer⸗ muͤthig genug, um dieſe Blicke feſtzuhalten. Die gute Agatha iſt gewiß recht ungluͤck⸗ lich, ſagte Dora am Abend zu ihrer Ver⸗ trauten. Was mag ſie wol druͤcken? — 268— Davon wußte nun die Vertraute zwar kein Wort; ſie erwiderte aber doch: Was anders druͤckt das gute Kind, als das ge⸗ woͤhnliche Schickſal unſers Geſchlechts? Un⸗ gluͤckliche Liebe! du arme Agatha! unglůckliche Liebe! Schon bey dieſem Worte kömmt ein junges Maͤdchenherz in Fluß! Dora drang eifrig auf nahere Nach⸗ richten. Die Vertraute fuhr ſeufzend fort: Es gehet ihr, wie Tauſenden: Untrene eines Meineidigen Doch vergieb: die Ge⸗ ſchichte muß geheim bleiben!— Und ſo ſehr Dora in ſie drang, ſo verrieth ſie doch wei⸗ ter keine Sylbe— was nicht allzuſchwer iſt, wenn man keine weiß. Unter dem Vorwand von Muͤdigkeit eutfernte ſich das Noͤnnchen, damit die Funken, die ſie in Dora's Herzens⸗ zunder geworfen„huͤbſch weiter glimmten. Sie glimmten nur allzugut. Dora warf ſich im Bett von einer Seite zur andern; und als ſie endlich einſchlief, zogen vor ih⸗ ren erſtaunten Blicken— wie vor Mak⸗ beths der Chor Könige— ein Chor Treu⸗ loſer voruͤber, und wie jene alle Banko'n aͤhnlich ſahen, ſo ſahen dieſe alle Alonzo'n aͤhnlich. Aber es kam noch viel ſchlimmer! Am fruhen Morgen ſchon ſaß Elvira im Sprachzimmer und verlangte ihre Freundin zu ſehen. Dieſe kam und berichtete. Man war zufrieden und nahm neue Masßregeln⸗ — Dora hatte am Morgen ebenfalls nichts Dringenderes, als der Freundin ihr ſorgen⸗ volles Herz aufzuſchließen. Sie ſuchte ſie uͤberall, endlich auch im Sprachzimmer: ſchnell ging Elvira weg und die Vertraute ſtand verdruͤßlich auf. Ich habe dich geſtort, ſagte Dora; ach unwiderſtehlich zog michs zu dir! Lergich: ich ſehe, ich habe dich un⸗ willig gemacht. Nicht du, Theure, entgegnete die Ver⸗ traute— nicht du haſt das gethan, ſon⸗ dern die Freundin, die du weggehen ſaheſt. — So liebenswurdig, ſo geiſtreich, und doch„. ach, unſer armes Geſchlecht wird in gewiſſen Angelegenheiten nicht klug, bis es Kinder hat, die ſchon wieder gleiche Thor⸗ heiten begehen koͤnnen! Dieſe zarte Seele kömmt her, glůͤcklich wie im Paradieſe, mir zu vertrauen„ wie ſeit kurzem ein gewiſſer junger Mann. ein gewiſſer Offizier Ach, ſie ahnet das Ungewitter nicht, das ſie ſelbſt uͤber ihr ſchuldloſes Haupt herauf⸗ ziehet Je mehr die Vertraute ſtockte, je be⸗ gieriger wurde Dora. Es war vergebens. Meine Zunge iſt gebunden durch ein heiliges Wort, ſagte die Schweſter; und du haſt geſtern erſt einen Beweis erhalten, daß ich ſchweigen kann, wie das Grab.— Indeſ⸗ ſen warf ſie doch ſoviel hin, daß eben jener junge Mann, eben jener Offizier, ſich um 3 Elvira's Liebe beworben, ihr Herz geruͤhrt, ihr ewige Treue geſchworen habe— und ſie glaubt ihm, die Ungluͤckliche, fuhr ſie fort; ſie glaubt ihm, da ſie doch weiß, daß er vor gar nicht langer Zeit einer andern ge⸗ fuͤhlvollen Seele, die vielleicht noch immer vertrauend fuͤr ihn ſtuͤrbe, daſſelbe vorge⸗ ſpiegelt hat— Wer, wer iſt der Elende? unterbrach ſie Dora, von ſchrecklichen Ahnungen er⸗ griffen. Verlange nichts Pflichtwidriges, Liebe! Jedes Geheimniß iſt mir heilig.— Dora verging erſt faſt in ihrer Angſt„ dann bi⸗ „ — 272— gann ſie's kluͤger. Des Abends ſtellete ſie ſich heiter„ beſuchte das Schweſterchen. ſetzte ihm Tinto und Naſchwerk vor, leitete, wie zufaͤllig, das Geſpraͤch wieder dahin, wo es fruͤh abgebrochen worden war: die Verſchwiegene verwahrte ſich von neuem ge⸗ gen alle Anmuthungen, ſchilderte aber auch von neuem, daß das Original nicht zu ver⸗ fehlen war, und da ſie die Wirkung be⸗ merkte* entſchlůpfte ihr ſogar Alonzo's Name. Dora waͤre bald in Ohnmacht ge⸗ ſunken, und die Freundin ſagte ſchuld ⸗ und harmlos: Es fehlt dir doch nichts, Theure? Aber lege dich ſchlafen, ſußes Kind! Traurige Nacht! Am Morgen brachte man zwar ein Briefchen von Alonzo, ein liebevolles, muſterhaftes Briefchen: aber was half's? ¶Dora entſchied— wie leider andere Leute bey andern Gelegenheiten auch „ — aus augenblicklicher Stimmung gegen den Verfaſſer: da war denn das Gefaßte eiskalt, das Feine unnatuͤrlich, das Innige erkuͤnſtelt, das Heftige uͤbertrieben. Leporello, ſagte ſie zum Ueberbringer; wie gehet es ſonſt? Gott ſey Dank, recht gut! Du kennſt ja eine gewiſſe Donna Elvira— O ja; kennen Sie ſie auch? Ein wenig! ſie iſt jetzt krank— Krank? Bewahre! davon muͤßt' ich doch auch'was wiſſen Ja ja/ geſtern iſt ſie krank geworden— Wie die Leute nun reden! Das iſt rein aus den Fingern geſogen. Geſtern fruͤh hab' ich erſt einen Brief von ihr für meinen Herrn abgeholt, den Mittag hat er bey ihr geſpeiſet, und den Abend hab' ich wieder einen Brief hingetragen— 1. Band. S* 1 — 274— O freylich haben ſie. einander viel zu ſchreiben! Ja, das muß wol ſo ſeyn! Der Lrif, den ich holte, und der, den ich hintrug— ſie waren beyde hůbſch dick Und ſprechen ſich doch ſo oft—! Das muß noch nicht ausreichen! Das Geheimnißvolle in ihrem Beneh⸗ men nicht wahr? Das iſt's ja, was mich aͤrgert! Mein Herr iſt ſein Lebtage nicht ſo geweſen. Heute hab' ich die Stadt durchlaufen, alle Schul⸗ den meines Herrn zu bezahlen: das iſt im⸗ mer ein Zeichen ſeiner— aber ich nichts! Wie? was? ſeiner Abreiſe? Ja ja, und den großen Koffer hab' ich auch herunter ſchleppen muͤſſen, und er packt ſelber, und ſo geheim, daß ich toll werden mochte— So geht mir's nun auch druͤben bey der Donnn. Als ich vorhin erſt hinkam, da war ein Laufen und Rennen, und ein Putzen und Zuſchicken— nicht anders, als wenn ſie Hochzeit machen wollte. Ich frage und frage: umſonſt— ſie lachen mich noch obendrein aus!— Dora war in Verzweiflung: wie weit ent⸗ fernt war ſie, den Zuſammenhang einzuſe⸗ hen! Draußen, vor den Kloſtermauern, ging's naͤmlich noch viel tumultuariſcher her, als drinnen. Derſelbe Brief, den Leporello von Elviren geholt und den Abend zurͤckge⸗ bracht hatte, enthielt die Nachricht, Erz⸗ herzog Karl ruͤcke nach Madrit vor— eine Nachricht, die Pandolfo'n, Elviren und alle Alt⸗Spanier in das lebhafteſte Entzuͤcken; alle Lichtzieher und Weinhaͤndler in die großte Thaͤtigkeit; Alonzo'n in die aͤußerſte Verle⸗ . S 2 genheit verſetzte. Sein Koͤnig ſollte die Hauptſtadt verlieren! er ſelbſt eilig abrei⸗ ſen! ſeine Geliebte verlaſſen! und dem par⸗ teyſůͤchtigen„jetzt ͤberdies ſiegestrunkenen Papa konnte die Urſache ſeiner Flucht nun nicht laͤnger verborgen bleiben! Sie blieb es auch nicht! Jetzt, da alles Gluͤck ſich fuͤr Karln entſchieden zu haben ſchien, brannte den alten Herrn der Patrio⸗ tismus ſo auf die Naͤgel, daß er im Ka⸗ nonenrecht einen Aufruf an alle getreue Spanier ergehen ließ, oͤffentlich hervorzu⸗ treten in Reihe und Glied, die Gegner feſt⸗ zunehmen„und ſie zugleich mit den ſönrn Thor ſchluͤſſeln dem Triumphirenden zu Fuͤßen zu legen. Daruͤber ergrimmte Alonzo; die Herren trafen an einander— Alonzo ver⸗ rieth ſich— Pandolfo tobete. Herr, rief er ihr habt mir einen Groſchen Geld zu verdienen gegeben: hiermit vergelt' ich's euch: ſeyd frey! Aber hoͤrt: am Montage hat unſer allerunuͤberwindlichſter Gebieter euch neuntauſend Soldaten todtgeſchlagen— folglich ſeyd ihr mit eurer ſogenannten Treue ſeit Montag ein Rebell und Hochverraͤther — folglich außerhalb aller buͤrgerlichen Rechte und Verhaͤltniſſe— folglich, ſelbſt wenn ihr mit meiner Tochter getrauet waͤ⸗ ret, brauchte ich ſie euch nicht zu laſſen— folglich noch viel weniger, da zwiſchen uns alles uͤber dieſen Punkt nur guf Worten be⸗ ruhet— Alonzo ſturzte verzweifelnd davon und nach Hauſe. Leporello, rief er; packe vollends alles ein und beſtelle Pferde!„Wohin?“ „Um Mitternacht auf die Straße nach Por⸗ tugall.“ Dora wird, ſie muß mir folgen. — dachte er, und eilte nach dem Kloſter. — 278— Doch Zeitungſchreiber wittern in die Ferne. Pandolfo war noch ſchneller geeilt — und zwar erſt ebenfalls ins Kloſter. Hier verordnete er, daß, wenn etwa ein Offi⸗ zier, ſo und ſo* oder ein Bedienter, ſo und ſo ausſehend, kaͤme und nach ſeiner Tochter fragte, dieſer durchaus nichts gemeldet, viel weniger etwas Schriftliches von dem Herrn übergeben, oder wol gar ſie mit den Be⸗ zeichneten zum Sprechen gelaſſen wuͤrde. Die Aebtiſſin verſprach alle dem treulich nachzukommen. Nun eilte der Alte zu Don Diego. Er dachte ſo: Zieht Alonzo aus, ſo ziehn keine Nachrichten mehr ein, und iener Schlucker uͤberflugelt mich; das Maͤd⸗ chen aber ſchreyt mir die Ohren voll: bey⸗ dem wird abgeholfen durch eine Vermaͤlung zwiſchen den Blaͤttern und„ den jun⸗ gen Leuten. Theurer, begann er; Sie haben die Nachricht vom Einzug unſers⸗ Gebieters auch? Gott ſey Dank! der Frieg iſt nun aus und der Friede koͤmmt! Aber die No⸗ vitaͤten werden duͤnner geſaet werden! Daruͤber lach' ich: mir ſoll's nie feh⸗ len— entgegnete Diego trotzig. Wahrhaftig? Nun, was ich ſagen wollte, Freund! Der Friede bringt auch andre Fol⸗ gen; zum Exempel, die Maͤdchen kriechen nicht mehr ſo furchtſam in die Winkel! Es war bey meiner auch weiter nichts, was ſie ins Kloſter trieb; jetzt zeigt ſichs! Sie iſt ein gutes, ſchuͤchternes Taͤubchen; und, hoͤ⸗ ren Sie, das kann ich Ihnen ſagen, ob ich gleich ihr Vater bin: ſie bluht ſchoͤner, als jemals! Sie ſchmunzeln? In Gottes Namen! ich haͤtte nichts dagegen: aber freylich, freylich. Was wollt' ich ſa⸗ — 280— gen? Fa, um wieder auf unſer Geſchaͤft zu kommen! wir koͤnnten uns das ſehr et⸗ leichtern— durch Vereinigung, meyn' ich; ohne allen Schaden! Um unſte beyderſeiti⸗ gen Subſcribenten zu behalten, brauchten wir nur die Titel in einander zu gießen— etwa: Gekettetes Kanonenrecht, oder euglich es! Das erſte verſtaͤnd' kein Menſch, das zweyte machte lachen— zwey große Vortheile fuͤr das Blatt!— Indem hoͤrten ſie ypſiluns buſen, fuh⸗ ren zum Fenſter, ſahen einen ſtattlichen Herold zwiſchen den Blaͤſern, ſtuͤrzten er⸗ ſtaunt dem Zuge nach, ſahen„wie er vor dem Regierunghauſe hielt, und erfuhren— das bekannte, blutige Gefecht am Tajv. Himmel und Erde! ſchrie Pandolfo und ſchlua die Haͤnde uͤber dem Kopfe zuſammen. unſer Unuͤberwindlicher ſo ſchmaͤhlich uͤber⸗ * 5 fallen, von einer Hand voll Leute verſprengt, vernichtet, und jener Philipp an der Spitze ſeines Heers auf dem Wege nach der Stadt! O mein treues Herz! und, alle Wetter! mein patriotiſcher Aufruf! Ich bin ver⸗ loren! Ja, das ſeyd ihr, Herr! rief nun Diego, und ſtreckte ſich ſo lang, als moͤglich. Ihr ſchlugt mir eure Tochter ab— ich weiß ſehr wohl, warum? Ich ſchwieg, bis ich die rrechte Zeit erſahe: jetzt iſt ſie da! Meine Maaßregeln ſind genommen: ihr muͤßt nie⸗ der, muͤßt klein werden, wie ein Senfkorn, und dann zermalm' ich euch ſpielend!— Damit ging er hohnlachend ab.— Alonzo war indeſſen ans Kloſter gekom⸗ men und hatte dringend mit Dora zu ſpre⸗ chen gewuͤnſcht. Er war rund und ſtreng abgewieſen worden. Er war kein Neuling; — 282— er eilte nach Hauſe, ſchrieb ihr mit aller Gluth der Seele, was ſie erfahren mußte, nahm ein ſchones Beutelchen mit noch ſchd⸗ nern Dublonen zu ſich, und ſchellete nun nochmals am innern Kloſterthor. Als er die alte Pfortnerin klappern horte, zog er ſich n die Seite, hielt, ſanft klimpernd, das Beutelchen vor den aufgeſchobenen Laden, und nur erſt, als er am heitern Sprachton bemerkte, die Sache thue Effekt, trat er hervor aus Gitter. Seyd ihr's wieder, lie⸗ ber junger Herr? ſagte die Pfoͤrtnerin. Es ſchmerzt mich: aber die Aebtiſſin hat's aufs ſtrengſte verboten— ich darf euch wahrhaf⸗ tig der Schweſter Dora nicht melden. Ihr ſollt's auch nicht, erwiderte Alonzo. Hoͤrt ihr, wie heiſer es im Beutelchen klingt? So klingt nur Gold! Das alles iſt euer, wenn ihr den Brief da uͤbergebt. Lieber junger Herr, das iſt eben ſo ſtreng verboten: ich darf den Brief wahr⸗ haftig nicht uͤbergeben. Doch— wollt ihr erlauben?(Sie rieb unterſuchend das Beu⸗ telchen zwiſchen den Fingern.) Es wird doch nichts gegen Dora's Seetenheit w b Briefe verlangt? Nun, ſol was wagen! Sehet ſo: veſtir Dora hat eine Freundin, von der ſie unzertrenn⸗ lich iſt, und der ſie all ihr Bischen Geheim⸗ niß aufzuheben giebt: der muͤßt' ich den Brief geben— ſo bin ich doch der Aebtiſ⸗ ſin nicht ungehorſam! und die mag ihn dann weiter befoͤrdern— ſo iſt ſie's auch nicht, weil der nur an S Wer war glucklicher, als auit Er uͤbergab Brief und Beutel, und hoffte nichts . gewiſſer„als— warum er flehentlich ge⸗ beten— nach einigen Stunden durch denſel⸗ ben Kanal, fuͤr denſelben Preis, einige Zei⸗ len zuſtimmende Antwort zu erhalten. Der arme Briefſteller! Die Pfoͤrtnerin that zwar ihr Moglichſtes; ſie fußte erſt bey der bewußten Vertrauten, und gab ihr den Brief nicht eher„ bis ſie ſie ſehr geneigt zur Uebergobe fand. Es verſtehet ſich aber von ſelbſt, daß er von dieſer heimlich in tauſend Stuͤcken zerriſſen ward. B Abend kam; Alonzo hatte ſich in dieſen Winkel der Vorſtadt, wohin von jener gro ßen politiſchen Veraͤnderung noch keine Ah⸗ nung gekommen war, verborgen gehalten, theils Perräthern auszuweichen, theils der Antwort der Geliebten, und der Straße nach Portugall recht nahe zu ſeyn: er ging zum Kloſter— die Pfoͤrtnerin hatte keine Ant⸗ wort. Er ſchrieb noch dringender: der Brief hatte daſſelbe Schickſal, und der boshafte Unterſchleif der lieben Getreuen konnte um ſo leichter verſchwiegen bleiben, da Dora den Abend— wie ſich's gleich aufklaͤren wird— gar nicht mehr im Kloſter war. Verzweifelnd warf ſich Alonzo in den Wa⸗ gen, und flohe zu ſeinen Verwandten nach Burgos, bis er von ſeinem— wie et glaubte, unglůcklichen Koͤnig wieder S erhalten wuͤrde. Kann man ſich noch groößern Jammen denken? Pandolfo litt ihn! Der Pobel, der ſich allezeit dem zukehrt, der eben ſieg⸗ reich uͤber ſeinen Nacken hinſchreitet, zog bruͤllend durch die Straßen, drohete den Frennden der alten Regierung mit Laternen⸗ pfaͤhlen, und erwies den Segen der neuen mit Hebebaͤumen. Pandolfo lief zu allen Maͤnnern von Bedeutung und fragte, ob der Sieger einen Zeitungſchreiber ſeiner Art wol werde haͤngen laſſen? Man wies ihn an den Policeydirector. Seyn Sie doch ruhig! erwiderte dieſer wohlmeynend. Ich bin gewiß, kein Fuͤrſt der Welt hat von Ihnen und Ihren Blaͤttern die mindeſte Notiz genommen; keiner wird's auch kuͤnf⸗ Das gab dem Alten den Todesſtoß. Das Tröſtliche darin glaubte er nicht; für ſo un⸗ bedeutend erklaͤrt zu werden, das ertrug er nicht. Verzweifelnd ging er nach Hauſe und ſchloß ſich ein; da brachte man ihm, naß von der Preſſe, Diego's Blatt, das dem neuen Sieger erſt vielfaches Heil entgegen⸗ rief, dann die pomphaften Theaterreden ent⸗ hielt, die den Abend geſprochen, ſo wie eine Menge Inſcriptionen, die bey der Illumi⸗ nation ausgehangen werden ſollten: alles — 287— das mit Diego's Namen unterzeichnet und freylich erſt fur idie entgegengeſetzte Par⸗ tey verſifizirt— ja das endlich, unter der Aufſchrift: Wie wird er ſie finden? mit einer komiſchen Schilderung des Ein⸗ drucks beſchloß, den dieſes ſegenvolle Ereig⸗ niß auf die Hauptſtaͤdter von der Oppoſition machen wuͤrde— wobey denn allerhand lu⸗ ſtige und handgreifliche Sticheleyen auf un⸗ ſern Alten und ſeines Gleichen, ſich am ſcheſten ausnahmen. Das Blatt entfiel Pandolfo's zrnnen Haͤnden, er ſank zuruͤck aufs Sopha, der Schlag ruͤhrte ihn, und da die Natur gewohn⸗ lich die Glieder zunaͤchſt ſtraft, womit am mei⸗ ſten geſuͤndigt worden, ſo laͤhmte ſie ihm Zunge und rechte Hand. Die Nachbarn kamen, er konnte ſich nicht verſtaͤndlich machen; ſie hol⸗ ten alſo die Tochter aus dem Kloſter herbey. — — Die gute Dura vergaß ihr eignes Leiden, den armen Kranken treulich zu warten. Um⸗ ſonſt! Der Morgen brach an, auf den Stra⸗ ßen tonte Jubelgeſchrey: da kam der Anfall zuruͤck und traf die ganze rechte Seite. Als nun aber der Sieger einzog, vor Pandolfo's Hauſe vorbey, an welches man zufoͤllig e nen Trupp Muſikanten poſtirt hattez als dieſe auf Leben und Tod trompeteten und paukten, waͤhrend das Volk ſchriee: Hoch! hoch! da ſtarb der Mann, und keine Thraͤnen der guten Tochter konnten wieder erwecken.— 5 9. Der Sieger hatte die Manier, zberqu wohin er kam„zuerſt, naͤchſt den Caſſen, die Poſten in Veſchlag zu nehmen, damit von alle dem, was ihn betraf, nicht eher Notiz ins Publikum kaͤme, bis er ſelbſt ſie ihm gab, und es, was es ſelbſt geſehen, — — 25— wieder halb vergeſſen hatte. Das wendete er nun hier mit deſto groͤßerer Sorgſamkeit an, da, wie er wußte, die Caſſen und die Gegner in Madrit ſehr zahlreich waren. So geſchah' es denn, daß Alonzo einige Wochen in Burgos lebte, ehe er Nachricht uͤber den erfreulichen Gluͤckswechſel erhielt. Jetzt flog er zuruͤck, ſeinem Gebieter ſich zu Fuͤßen, und ſeinem Maͤdchen in die Arme zu werfen denn er zweifelte keinen Augenblick, nun koͤnne der alte Herr keine Schwierigkeiten mehr machen— was ſich freylich auch ſo befand. Er kam zum Kloſter: man gab ihm Nach⸗ richt von Pandolfo's Tode und Dora's Be⸗ ſitznahme des Hauſes; dorthin eilte er nun. Dora verſuchte eben mehrere tief trauernde Krepphuͤte vor dem Spiegel: da ſahe ſie Monzo'n z ihre Thraͤnen brachen hervor und 1. Band. T — 290— geflůͤgelte Vorwuͤrfe folgten. Der Lieöhaber verſtand kein Wort, und fing ſchon an zu be⸗ ſorgen, der Schmerz habe auf das Bewußt⸗ ſeyn ſeiner Freundin Einfluſſe gehabt— als ſie Elbiren nannte, er dieſen Namen als Faden faßte, und daran die ganze Hi⸗ ſtorie abſpann. Vie geruͤhrt waren jetzt beyde; wie ſchon verziehen ſie einander! wie bald, wie gluͤcklich kam ihre Verbindung zu Stande! Don Diego hatte unter allen das huͤbſcheſte Hochzeitgedicht geliefert, damit Alonzo ſeiner beym neuen Koͤnig in Anſehung der Redaction der privilegirten Hofzeitung beſtens gedenken moͤchte. Donna Elvira ahmte auch hier ihre Namensſchweſter im Don Juan nach: ſie ging in ein Kloſter, 1 und ſchmaͤlete auf die Welt.„ 6 ———— . 1 Anhang. Die Neuvermaͤhlten. Luſtſpiel in einem Akt. Perſonen: Waller. Julius, ſein Neffe. Chartotte, Wallers Mündel. Guſtav, Alinens Brudet. Ein Bedienter. Scene: ein großes Geſellſchaftzimmer, mit einer Mittelthur und zwey Seitenthuͤren, auf Wallers Landgute. Charlotte etmmt aus der · Sci tenthuͤr rechts. sim Nun wild's doch wol Zeit, Baß ich nach meinem jungen Ehepaar ſehe; denn das hoit nicht/ Und denkt an nichts.— Freylich iſt's noch fruͤh; ber auf dem Lande maͤcht auch die Sonne Tag. Und der Votmund iſt nich ein iep zů ftiſcher Jünsgeſel, als daß er uns nicht zuf den Finſen ſeyn ſolte che wir's uns berſehn.— 2n der Seitenthůr ints. Bſt! bſt!— Sag' ich's doch: das Whört nicht! Ey nun, drey Tage verheyrathet“ und zwey davon auf der Reiſe—: man muß durch die Finger ſehn! Kropft. Heraus! heraus, junger Herr! die Comodie geht an, — 294— und Sie ſind der erſte Liebhaber! Aline, ſchick' ihn fort! hoͤrſt du nicht?— Nun, da regt ſich's ja!— Jetzt ſpielt ſie das Maͤdchen, ich die Frau. Hm, ſie hat gut ſpielen. Mich— genirt's, und lange mag mir's nicht dauern.— Fulius⸗ von innen. Sn liebes ido 19 1r Charlotte an der ahar Unks. Nun? „niee Iſt der Weg tein? cn Charlotte. Ja doch S Julius. Die Saalthuͤr vſhlſen ſ S Das hat Ihr Onkel ge⸗ ſen Abend ſelbſt gethan. Nur heraus! Fulius kommt behutſun. Guten Mor⸗ gen, beſtes Lottchen! Charlotte. Guten Morgen! Julius. Ach, wie kann Ihnen verdanken 3 * — „ — 295— Charlotte. Schon gut! machen Sie nur, daß Sie fort kommen! Julius. Ey, es iſt ja noch greulich fruh! wir können noch Eins plaudern; kon⸗ nen uns einſtudiren, liebe, treue Seele! crßt ſie) Charlotte. Nun wahrhaftig, mein Herr, Sie ſtudiren ſich ein. Aline ömmt aus der Thuͤr unks. Sehen Sie nur, da kömmt Jemand, der gegen dergleichen Studien viel einzuwenden haben wird. Aline. Ihr ſeyd ſo heiter, ſo getroſt, und ich bin ſo bang'— 5 JFulius. Dafuͤr biſt du auch eine na⸗ gelneue Frau, mein ſuͤßes Kind! Charlotte. Und zwar von dem ſau⸗ bern Herrn da! Julius. Sie ſpricht von mir, wie der Blinde von der Farbe— 1 Charlotte. Ja, wie jener Blinde von der Scharlachfarbe,„die er mit einer Trom⸗ pete verglich!— Aber bſt! ging da nicht was? Alte horchen Bpenen Nein, es war nichts! Aline. Wie du mich erſchreckt haſt! Fulius. Sie macht blinden Laͤrm— Charlotte. Dankt mir's, denn ſonſt ſetzt ihr euch nimmer zurecht. Im Ernſt, ihr wißt, daß hier nicht wenig auf dem Spiele ſteht. Was ihr Beyde wagt, wenn wir den Onkel nicht mit Guͤte gewinnen,* brauch' ich euch nicht erſt zu ſagen; und ich— lieber Himmel! ich bin ihm nach dem hochweiſen Teſtamente der Tante ſo in die Hände gegeben, daß er meine ganze e dem Jungfernſpital kann 1 Julius. Einen Mugerlic Geduld! Ich will nur erſt mein angewieſenes Quar⸗ tier dort in Unordnung bringen. 0 line. Ach Julins, es doch nicht huͤbſch— Julius. Ich bin eu mitven Ab, in die Thuͤr rechts. Charlotte. Liebes Kind,„ bitte dich, raffe dich zuſammen; und vor allen Dingen ſey mir nicht ſo verliebt, denn ſonſt verliert der Menſch vollends allen Kopf. Aline. Ich will mir Mähe geben. Julius kömmt zuruͤck. Nun„da hab' ich gearbeitet, wie ein einquartierter Lieute⸗ nant vom Freycorps. Aline. Jetzt ernſtlich, liebes Maͤnn⸗ chen! und, hoͤrſt du? gehe ja mit mir um, wie„ Lch, es iſt doch hart. Charlotte. Wie? ihr werdet doch ein Paar Tage buͤßen koͤnnen? Verlaßt euch — 298— auf mich, nur ein Paar Tage! Denn ſeht, ich will im Hauſe ſo rumoren, will ſo alles beſſer wiſſen, ſo oft widerſprechen, ſolche Albernheiten angeben, daß der Vormund fuͤr ſich und ſeinen verhaͤtſchelten Neffen da zit⸗ tern und beben, daß er ſeinen alten Plan und ſeinen Vertrag mit meiner Tante hun⸗ dertmal verwuͤnſchen, daß er nichts als Jam⸗ mer und Herzeleid im Anzuge ſehen, und dem lieben Gott danken ſoll, wenn er am Ende die Segensbotſchaft erhaͤlt, wir ſind ungehorſam Seſ und du biſt ſein chen, nicht ich. Aline. Aber es iſt doch— Er iſt ſo ein lieber Mann— Charlotte. Wie? haͤtt' er gar keine Ahndung verdient, daß er mich und deinen⸗Mann ſo gequaͤlt hat? daß er uns beyde ſo, mir nichts dir nichts, wie Galee⸗ — renſtlaven, an einander hat ſchmieden wol⸗ len? Nein, nein; beſchwichtige du nur dein ſanftes Herzchen! Und, was ich ſchon geſagt habe— nach uͤberſtandner Angſt wird ja auch fuͤr ihn die Freude deſto groͤßer ſeyn. — Vergiß nur aber nicht, gegen den gu⸗ ten Herrn auch recht gefaͤllig, recht ergeben zu ſeyn— A it Ich will mein Mglichſtes thun. Es wird mir bey ihm ſehr keicht werden. Charlotte. Deſto beſſer.— Doch ſtil! wahrhaftig, das ging! Aue horchen⸗ Aline. Es iſt oben, gleich uͤber uns. Julius. Da iſt's der Onkel ſelbſt, ſo wahr ich lebe! Charlotte. Drum fort! ſeine Galun⸗ terie ſchenkt dem jungen Ehepagre den Mor⸗ genbeſuch gewiß nicht. Du, dort hinein! und Sie — 366— Aline. Adieu denn, liebes Maͤnnchen! Julius. nohl⸗ miein. i en Aline. Vergiß mich nicht! arg Julius. Denk' an mich— Charlotte. S ie ſoll S6n denn* Seit 2 8 Aline. Ja vch— Aber es iſt doch ſehr wunderlich: in dein Schlafzimmer! Charlotte. So? und denkſt nicht an deinen wackern Bruder, fuͤr den ich hier in Jammer verſchmuchte? den ich i Mi⸗ nite erwarte? B Aline. Es geht wieder! Julius. Es koͤmrit herunter! Nline. Leb' wohl! Julius. Leb' wohl! Charlotte; fingt leiſe„Ach, S 6 und Meiden bringt Weh!“— — 3— cline Thuͤr links; Julins ab, zur Thuͤr rechts.) Waller ſchtießt auf, und kömmt langſam durch die Mittelthur. Waller auein. Hier liegt noch alles in tiefer Ruh. Ich will nicht ſtoͤren.— Am Fenſter. Hm, die Sonne noch nicht ho⸗ her? Haͤtt' ich doch gedacht, es muͤßte ſchon ein feines Stuͤck in den Tag hinein ſeyn.— Ja, wenn man ſo ſchlecht ſchlaͤft, ſo ſchlecht zu ſchlafen nicht gewohnt iſt— — Freylich, die Unruhe, die das junge Volk in's Haus gebracht hat— In's Haus nur? hm!—— Das ſanfte Blauauge, das!— Still doch, ſtill doch! es iſt ja thoricht!—— Ich will nur wieder gehn; es iſt ja doch nicht wahr, daß ich hier nur die Morgenſonne und das junge Paar habe begruͤßen wollen. Schlaft ſanft, ihr Kin⸗ * 302 der! Seht; vleibt ſtehen. Und du, liebliches Geſchoͤpf. Sfchteicht an die Lhůr rinks. Noch regt ſich nichts. Deſto beſſer. So kann ich erſt dieſe albernen Gedanken weg⸗ ſchaffen. Sie fuͤhrten ja doch zu nichts. Geht wieter vor.—— Es iſt mir doch wun⸗ derlich. So lange gleichgultig gegen dies Geſchlecht, ſo lange ruhig, und nun mit Eins Ehrlicher Fabrice, du haſt Recht:„Es iſt eine Sache, woran man den Geſchmack ſein Lebetage nicht verliert!“*) — Fabrice! verwuͤnſcht! wie kömmt mir auch eben der Fabrice in den Kopf? der kriegte ja einen Korb. So? Und was wuͤr⸗ deſt denn du bekommen, wenn du den Ver⸗ ſuch wagen wollteſt— den gefaͤhrlichen Ver⸗ ſuch?— Gefaͤhrlich? bey ihr, dem guten, jungfraͤnlichen Weſen?— Geht wieber zur *) In Göthe's Geſchwiſtern. — 803— Lhur inrs. Sie iſe aufgeſtanden— Sie offnet das Fenſter— Sie koͤmmt— Nein, ſie unterbricht den Gang— So? auch ein wenig unruhig, liebe Kleine?— Sie ſeufzt — Mein Gott, was kann dem holden, lie⸗ ben Maͤdchen fehlen?—— Doch weg, weg! ich ſehe mir wirklich zu viel nach! vorn. Weiber und Schlachten zu gewinnen bedarf's Gluͤck; das Gluͤck aber folgt nur der verwegenen Jugend.. Gleichwol, iſt's denn nicht ein großes Gluͤck fuͤr mich, daß mein, im Grunde doch uͤbereiltes Pro⸗ jekt, meinen Neffen und Charlotten zuſam⸗ men zu bringen, ſo gut abgelaufen iſt? Iſt es etwa meine Klugheit, daß ſie ſich ſo wohl befinden? Gluͤck iſt's, Gluͤck! und Beweis genng, daß Fran Fortuna mich noch in geneigtem Andenken hat!—— Ha, da rumort's! Fatal! Dacht' ich's doch, daß N — 304— . der kleine Plagegeiſt zuerſt wieder auf den Beinen ſeyn wuͤrde!— 6h arlotte ebmmt. Charlotte. Guten Morgen, Onkel⸗ Sent Sieh, ſieh, ſchon auf dem Tapet? Waller. Daruͤber 2,. ich mich bey dir wundern. Charlotte. dich— ich bin— Waller. Sag's nur vollends heraus: und ich alt! i9 1 Charlotte. Nicht zuß at, doch in gewiſſen Jahren, wo man die Ruhe zu lieben anfaͤngt. S„wenn Sie das nicht gern hören Waller. Charlotte, ich muß dir ſu⸗ gen— wir ſind allein— ich muß dir ſa⸗ gen: huͤbſcher biſt du geworden in den drey Jahren, ſeit ich dich nicht geſehen habe; — 305— aber artiger— nimm mir's nicht uͤbel— artiger find' ich dich keineswegs. Charkotte. Das nehm' ich gar nicht uͤbel, denn, guter Onkel, das Artigſeyn iſt nicht mehr Mode, ſeit Sie ſich von der Welt zuruͤckgezogen haben. Jetzt nimmt ſich Niemand mehr die Muͤhe, ſeine beſte Seite herauszukehren; jetzt laͤßt man ſich gehen; gefaͤllt's: wol gut! gefaͤllt's nicht, iſt's eben ſo!. 9½ Waller. Ich hoffe, du ſcherzeſt. Charlotte. Wahrhaftig nicht. Ja ja, mein guter Onkel, es iſt alles anders geworden in der Welt, ſeit Sie meiner Mutter die Cour machten. Waller. Das, was di die Welt nen⸗ neſt, gehet mich nichts an: du aber geheſt mich an— Charlotte. Und ich bin auch anders— I. Band. u Walle r. Das find' 6 aber nicht zu deinem Vortheil— Charlotte. Mag ſeyn; man nun fort mit dem Zeitalter— Waller. Auch mit ſeinen Thorheiten 2 Charlotte. Doch wol! Man iſt ja ſelbſt ein Stuͤckchen Zeitalter! hilft's mit machen! Waller vey Seite. Armer Julius! Charlotte. Aber laſſen wir das Zeit⸗ alter und denken an den Zeitpunkt! Es iſt noch kein Fruͤhſtuͤck da! Onkelchen, Onkel⸗ chen, Sie haben Ihre Leute ſchlecht ge⸗ woͤhnt! Wie e“ nun geht in den n Jungge⸗ ſellenwirthſcften! Waller Es wird ſinſt icht Fh Laͤrm im Hauſe. Charlotte. Nun, ich will ſchon on⸗ nung machen; wenn ich nur erſ anfange! — — 307— Waller. Hm, ich daͤchte, du haͤtteſt mit dem erſten Schritt' ins Haus angefan⸗ gen! Nein, kebes Kind, auf die Laͤnge wollt' ich mir das doch„ Charlotte. Verbitten? Das iſi's ja eben! Wer ſich einmal zu gewiſſer Beſchraͤn⸗ kung gewoͤhnt hat, der muß zu freyerer Le⸗ bensweiſe gendͤthigt Waller. Charlotte—1 Charlotte. Nun, ſeyn Sie nur etich bos: ich meyn' es gut. Waller. Ach, das bloße guihn ſchafft vieh Uebels in der Welt! Charlotte. Sehr wahr: das bloße Gutmeynen ſchafft viel Uebels in der Welt — bey Heyrathſtiften, zum Sb—— und auch ſonſt. Waer ſeht ſie anſmerkſam und ernſthaft sn. Panſe. u2 — 308— 8 Charlotte teicht, wie borhin. Wo wer⸗ den wir fruͤhſtuͤcken? Waller. Wo ihr wollt. Charlotte. Ich— im Garten, dort in der Laube ven S bs 3 liebe. Waller, Vell es— mnn hin bie⸗ gen laͤßt! Charlotte⸗ es uͤberall wieder hervordringt, wo es mit Gewalt ge⸗ bogen worden.—— Wollen wir nicht die Andern fragen, wo ſie fruͤhſtuͤcken werden? Von einer Thuͤr zur andern. Heraus, Lang⸗ ſchlaͤfer! wir warten! Komm, liebe Aline! Fulius, Lrich zrauf Aline eominen aus ten ſe 2 Seitenthüven. Julius im Kommen. Ich hatte nicht geglanbt, daß es hier ſchon Tag wäre. Git⸗ ten Morgen, mein lieber Onkel! — 309— Walker uͤberhört es, judem Alinens Thuͤr ſich dffnet. Alinen entgegen Guten Morgen! Ach, liebſtes Kind, rechnen Sie mir's ja nicht zu, wenn Sie geſtoͤrt worden ſind. Unſte junge Frau da hat nicht Ruhe, noch Aline. Ich war ſchon laͤngſt munter und genoß den Morgen. Er war ſo ſchoͤn! Julius. Ja, das war er! Aline. Ich kann es gar nicht ſagen⸗ wie mild und innig mich ein ſchdner Morgen auf dem Lande bewegt! Waller. Gerade ſo gehet es mir. Julins vep Seite. Er hatt' es ja ge⸗ ſtern Abends erzaͤhlt. Aline. Ich beneide darum wol manch⸗ mal die Landbewohner. Wir Staͤdter ent⸗ behren ſo viele Freuden, die ſie— freylich⸗ Geiſt und Gefuͤhl vorausgeſetzt— ſo recht — 310—. aus erſter Hand hinnehmen, ſo recht unver⸗ kmmert genießen koͤnnen. Charlotte vey Seite zu Juius. Macht ſie's nicht ſchlimmet⸗ als ich? Stille Waſ⸗ ſ Julius. Sie iſt alerlichſt! Waller. Wie meynſt du? Julius. Ich— geb' ihr Recht. Waller. Ja, ich auch. Indeſſen, meine liebe, kleine Freundin, das Jahr hat nicht lauter ſchone Morgen, und beſonders oft verzweifelt ſchlimme Abende— auf dem Lande nämlich; beſonders füͤhlt man ſich da zuweilen recht einſam und wie ausgeſetzt. Aline. Ey man ſollte auch ein⸗ ſam bleiben. Waller. Ja— wenn das immer nur auf dem eignen Willen beruhete! Charkotte. Da ſtehen ſie und ſagen * emnander ſchoͤne Dinge, als wenn andere Leute gar nicht da waͤren— Waller vor ſih. S wird ſie ſtöͤren! Charlotte. Belieben Sie ſich zu be⸗ ſinnen; die Rede war von etwas recht ei⸗ gentlich Altaglichem: vom Frůͤhſtuͤck! Wo⸗ hin wollt ihr's haben? Waller. Mach' doch nicht ſo viel Fra⸗ gens uͤber Kleinigkeiten! ch daͤchte, wir blieben hier beyſammen. Charlotte. Ey, warum nicht gar! Ins Freye muͤſſen wir— Waller. Nun ſo geht ihr in Gottes Namen— Charlotte. Geniren Sie ſich aber nicht— Waller. Rein doch! Charlotte. Wenn die Morgenluft Sie beſchwert.. Waller. Beſchwert? beſchwert!—— Ich folg' euch gern. Aline vernitternd zu Valler. Ließen Sie mich wol hier bey Ihnen bleiben? Es iſt ein ſo freundliches Zimmer. Die heitere Ausſicht— und auch Sie ſo heiter! Waller. Wenn Sie denn bleiben wol⸗ len—! Ihr— nur fort! Junge Ehe⸗ leute— man weiß ja! Und wir ſind dis⸗ kret— nicht? ⸗ Aline verregen. O gewiß— Charlotte. Was dat wir bedurfen keiner Diskretion! Und du, am fruͤhen Mor⸗ gen„allein mit dieſem Herrn, der— 0 ich weiß— der den huͤbſchen Maͤdchen immer nur gar zu gut geweſen iſt: nein, das darf. nicht zugelaſſen werden! Warter wirft ihr einen verbrußlichen Blic zu, und geht vor. Arine ſteht verlegen. 5 —“ Julius reiſe. Sie machen's zu arg. Sie verſtimmen ihn gegen uns alle, und ſo verfehlen wir unſern Zweck am meiſten. Charlotte riſe. Nun iſt's einmal her⸗ aus; jetzt muß ich's durchſetzen. Waller. Du ſiehſt, Charlotte, daß du unſre Freundin durch deinen— vorlauten Humor in Verlegenheit bringſt. Aline. Vergeben Sie ihr: ſie iſt nun Waller. Nun ja! Aber Ihnen, be⸗ ſorg' ich wirklich, ſagt die Morgenluft nicht zu. Es gehoͤrt einige Gewohnheit dazu, wenn ſie nicht ermuͤden ſoll. artis Auch er⸗ innere ich mich, gehoͤrt zu haben, ſie mache blaͤſſer: und dabey verloren. Charlotte. Ach, ein wenig Blaͤſſe laͤßt ihr gut: und alſo— komm du nur, Liebchen! Nimmt Alinens Arm. „ — 314— Waller geht nochmals vor. vor ſih. Das geht denn doch zu weit. Julius niſe. Macht nur, daß fort kommt. Ich muß ihn zu beſaͤnftigen ſu⸗ chen. laut. geht denn, aber 2 bleibe hier. Charlotte. Das bin ich zufrieden.— — Onkelchen, Sie ſind doch nicht im Ernſt unwillig? Ich bin nun einmal von alter Zeit her Ihre Qual, und Sie haben mir gelegentlich auch nichts geſchenkt. Darum bin ich Ihnen doch— ſo herzlich gut! und daß Sie's nur wiſſen, auch verliebt bin ich in Sie— ſo ein Bischen! 1 . Aline nimnt ſeine Hant. Alſo nicht un⸗ willig? Waller. Nein, nein! Und auf Sie am allerwenigſten. Aline. Ja— 2 Waller eußt inens Hand. Gewiß, ge⸗ wiß, liebe, gute Seele! Chartorte mit Winen ab. Julius. Onkel, ich rufe nur den Be⸗ dienten, und bin gleich wieder hier. Waller. Gut. Julins at. Nein, das iſt Charlotte gar nicht mehr. O die Stadt! die Stadt! Ich bin ſo voller Sorgen! Ar⸗ mer Julius! Und er ſieht, er hoͤrt gar nicht, vor lauter Verliebtheit. So kann's nicht beſtehn. Ich muß ihn aufmerkſam machen. Doch ihm die Flitterwochen verderben? Beſſer, als wenn ihm das ganze Leben ver⸗ dorben wuͤrde!— Aber wird er jetzt be⸗ greifen, glauben, folgen? Nein; er mag erſt fuͤhlen lernen, daß es anders werden muß. Dann will ich hinzutreten, und ein⸗ halten, durchgreifen!— Hm, da ich ihn jetzt allein habe, ſo konnt' ich ja wol et⸗ — 316— was anderes PVerſinet in Rachdenken.— Julius koͤmmt zuruͤck mit einem Vedienten, der Fruͤhſtuͤck bringt, und gleich wieder abgeht. Waller. Nun, lieber Neffe, konnen wir ja endlich einmal ein Wort allein, im Vertrauen reden. Julius. Ich habe mich recht darnach geſehnt. en Waller: Ich wol auch. Sage mir doch vor allem— aber ganz ehrlich und zu⸗ traulich: biſt du wirklich glucklich? Julius, Ueber alle meine fruͤhern Be⸗ Waller. Schon. Ich hatte euch wirk⸗ lich ein wenig uͤbereilt, gedraͤngt— und hinterher wandelte mich wol zuweilen eine Beſorgniß an Fulius. Ich kann nicht mehr ſagen, als: meine Frau wird mir jede Stunde lie⸗ — 817— ber. Wie ich nun einmal bin, kann ich mir ſogar keine denken, die mich gluͤcklicher ma⸗ chen wuͤrde. 11— 1 Waller. Das thut mir ſehr wohl. Auf⸗ richtig— ich haͤtte nicht geglaubt, daß ſo manches, was ich jetzt erſt entdecke, dir ſo zuſagen wuͤrde; indeß— deſto beſſer— Julius. O, Sie verwechſeln bey meiner Frau noch den Schein mit der Wahrheit. Waller. Nun, laß das nur! laß das! Julius. Ich laſſe es auch, Onkel! Waller. Aber da ihr einander ſo voll⸗ kommen genuͤgt, ſo— wollen wir doch auf etwas anders kommen. Ich warf dir ge⸗ ſtern Abend— beſinneſt du dich? ein Wort⸗ chen hin— ein Wortchen— Es geſche nicht ohne Abſicht— Julius. Ganz recht: von ihrem Ver⸗ moͤgen! Vauer. Von 12 ja, von ihrem Vermoͤgen. n Fulius. Nun— das iſt alenfulls— recht gut. Waller. ee Du haſt wol die Papiere noch nicht ernſtlich durchgeſehn? Julius. Wie man nun ſo etwas an⸗ ſieht in den erſten Tagen des Eheſtandes! Ich werde ſchon hier mehr Zeit gewinnen. 5 Waller. Ganz recht; ſo laſſen wir's auf dieſe Zeit.— Auch war es dies eigent⸗ lich nicht, was ich ſagen wollte. Julins. Laſſen Sie mich aber das noch hinzuſetzen, beſter Onkel! Mir war es vor allem um ein Weib fuͤr mein Herz und mei⸗ nen Geſchmack zu thun: das hab' ich gefun⸗ den, und alles Uebrige, ſo wenig ich mit Gleichguͤltigkeit dagegen prahlen will, durfte doch nicht entſcheiden helfen; durfte es um 3 ſo weniger, da ich ja nicht arm bin, und nichts weniger geſonnen, als muͤßig nur 6 den Genuß zu leben. Waller. Das iſt ſchoͤn; das iſt ge⸗ dacht und geſprochen, wie ein Mann muß. Das freut mich; freut mich auch noch aus beſonderer Urſache. Ey, es fuͤhrt mich auch zu dem, was ich eigentlich mit dir beſpre⸗ chen wollte. Julius. Nun? Waller. Sieh— du haſt. wie ich nicht gradezu uͤbel deuten mag— du haſt dir denn doch wol einige Rechnung auf mein Vermogen gemacht. Julius. Wahrhaftig nicht! Leben Sie ſo lange, wie ich; genießen Sie das Ihrige bis zum Letzten: es ſoll mich vom Grund der Seele freuen! und es waͤre ja wirklich un⸗ verſchaͤmt von mir„ — 2 5 Waller. Du biſt ein guter Julius? Wahrlich, ich finde dich ſo veraͤn⸗ dert„ſo zu deinem Vortheil veraͤndert— 1 Julius. Wenn das ſo iſt, veidank⸗ ich's meiner Frau— Waller. Ach geh' doch! der Leichtfuß! Julius. Ich ſpreche ſehr ernſtlich, Onkel! Wenn Sie ſie nur erſt kennten— Waller. Du machſt mich lachen. S⸗ ben kann ich nimmermehr Fulins. Verlaſſen Sie ſich darauf, Sie werden bald hier noch gar manches glau⸗ ben, was Sie ſich jetzt noch nicht einbilden. Waller. Nun, laß nur jetzt! das bringt mich von der Hauptſache ab. Alſo noch⸗ mals: es freuet mich herzlich, daß du uͤber Vermoͤgen, und beſonders uͤber das meinige, ſo denkſt, wie du denkſt. Denn ſieh— Un⸗ glucksfaͤlle abgerechnet, an die man doch nie mehr denken mußte, als jetzt— ſo— koͤnn⸗ ten ja auch ſonſt Veraͤnderungen eintreten.. Julius. Wie ſo? n Waller. Sieh— Es kann im Grunde RNiemand uͤber Faͤlle fuͤr ſich ſtehen, worin er nicht ſchon geweſen iſt— Fulius. Mag ſeyn; aber was meynen Sie denn eigentlich, Onkel? Waller. Ich meyne— ich koͤnnte Je⸗ mand finden, der mir nahe kaͤme— ſehr nahe— Verſteh' mich nur recht! Julius. Ich verſtehe Sie gar nicht. Waller. Alſo— Jemand, der mir ſehr werth wuͤrde, will ich ſagen— dem⸗ wenigſtens den groͤßten Theil meiner Habe zuzuwenden, ich mich ſogar verpflichtet ſaͤhe— Fulius, Nun— unſre Verwandt⸗ ſchaft„ 1. Band. Waller ſchueu. Freylich: kann ſich er⸗ weitern! Das iſt ja eben, was ich ſage! Fulius. Jetzt merk ich erſtt Sie be⸗ kommen Luſt zu heyrathen! Waller. Nununn! w mit der Thuͤr ins Haus! n Fulius. Oder wie,. anders nehmen? Waller. Hm— ſo nimm es nur ein⸗ mal ſo! man ſetzt blos den Fall! Julius. Vortrefflich! herrlich! Waller. Ja? in der That?— Julius, du biſt doch ein recht guter Menſch! Aber deine Frau—! Die Weiber ſind uͤber gewiſſe Dinge verzweifelt krittlich und intolerant! Julius. Wahrlich, die meinige und empfindet, wie ich! . Waller. Schoͤn! ſehr ſchoͤn!— Steht lebhaft auf, geht mit ſtillem Vergnuͤgen umher. 3 8 Fukins. Lieber Onkel, Sie haben ſchon ꝰwas im Auge! Waller. Bewahre! bewahre! Julius. Doch, doch! leugnen Sie's nur nicht! 22 Waller. Still doch! ſtill! Ich ſage dir jn„ Nein, du mußt mich nicht un⸗ terbrechen. Julius. Ich will kein Wort mehr ſagen. Waler geht noh, wie vorhin, umnher. Pauſe, Dann bleibt er ſchnell vor Jutns ſtehen. Geh, geh! Du ſchweigſt, weil dir's einleuchtet, daß nichts Rechts draus werden koͤnnte. Julius. Warum denn nichts Rechts, Orkelchen? Waller. Ich— lieber Gott: ich bin zu alt— u Julius. Sie ſelbſt machen ſich alt, Sie allein— E — 324— Waller. Ich allein? ſo?— Nun, ich meyne auch nicht, zum Heyrathen uͤberhaupt zu alt; nur zu gewiſſen Heyrathen— Julius. Zu welchen? Waller. Zu— bald haͤtt' ich geſagt: zu ſolchen, die eben erſt'was Rechts ſind. Siehſt du? du haſt mich ſchon wieder un⸗ terbrochen! Julius. Ich halte mir den Mund zu. Waller. Pfuy doch! nichts lacherli⸗ ches! das— ſtoͤrt mich unangenehm. Julius. So bin ich ernſthaft. Waller. Gut.— Sieh, ich meyne ſo! Ein vernuͤnftiger Mann, und ein Mann, der denn doch noch Sinn und Geſchmack hat verſteh' mich: ein Mann, der das 3 Schöne noch erkennen, hochhalten, lieben, genießen kann; ein ſolcher Mann, meyn' ich, nimmt ſich doch keine Frau, die ihm— — 325— nun, die ihm eben nichts zu erkennen, hoch⸗ zuhalten, zu lieben und zu genießen mit⸗ braͤchte! Julius. Allerdings, liebſter Oukel! Waller. Es kommt dazu— Mein Gott, ich bin kein Geck; ich weiß recht wohl, daß ich nicht mehr jung genug bin, viel an meiner Lebensweiſe, oder gar an meiner Sinnesart aͤndern zu koͤnnen. Bey den Wei⸗ bern ſetzt ſich nun das noch fruͤher feſt und haͤlt dann noch zaͤher wider— Julius. Eben darum muͤßten Sie eine junge Gattin waͤhlen! eine ſchwanke Rebe um den ſturmfeſten Ulmbaum! Waller. Waͤhlen— du haſt güt re⸗ den! Das Waͤhlen ſteht mir allerdings frey, aber ihr auch! Rein, nein; du willſt mir Julius. Wahr haftig ni⸗ e beſter On⸗ kel! Ich ſetze voraus, Sie würden ſich kein Mäbchen ausſuchen, das W wollte— Waller. Gott bewahre! nf nJu lin su Sondern ein ſanftes) freund⸗ liches, wohlwollendes Geſchoͤpf Waller. Ojat ein ſanftes, freund⸗ liches, wohlwollendes Geſchoͤpf! Julius. Von haͤuslichem Sinn, von 6 Gcteumſinden— 6. Vurtieflich: von ůuelchen Sen ku vun moßigen Gluͤcksumſtaͤnden! Julius. Das mithin auch durch Dank⸗ barkeit an Sie gekettet wuͤrde— Walle r. Lieber Neffe— wie du das ſ huͤbſch aus einander ſetzeſt! Julius. Sie wuͤrden dann kein un⸗ freundlicher, ſh kein gar zu 3 Ehe⸗ mann ſeyn— —— Wäaller. Nein— wie?— nein 0 — wuͤrd' ich uicht ſeyn! JFulius. Und da ſaͤh' ich ſhlechter⸗ dings nicht, watum Sie nicht ein benei⸗ denswerthes Lehen fuͤhren koͤnnten. Pauſe, während welcher Waller wieder ver⸗ guuͤgt umher gehR n anit Waller. Ja, aber wo 1ſ was gleich finden?— ſhi 15UnE Julius. Dntel⸗ ich— mals: Sie haben's ſchon! haben's it im Sinn 1 3 Waller. Hm„ im Sunln nun jaß im Sinn! Ein ſolches Bild, ein hihe⸗ Muſter 8 ich freylich wol— Julius. Ja, ein lebendes Lirn,„ein leibhaftiges Muſter! Waller. Und wenn nun— 2 ei⸗ iſt freyuch wie ſagteſt du? ein ſanftes, 4, — 8— freundliches, wohlwollendes Geſchoͤpf, von haͤuslichem Sinn! auch von maͤßigen Glůͤcks⸗ umſtaͤnden— nicht wahr? Julius. Wer denn? wer denn? Waller. Nun, du weißt's ja! Julius. Ich? Waller. Aline! unſte Freundin Aline! Fulius. Aline? hn Waller. Du erſchrickſt—„ Julius. Ich bin nur ůberraſcht— Waller. Nein, verlegen biſt du! Julius. Nicht doch, lieber Onkel— Waller. Ja ja! offenbar!— Es iſt nichts! ich ſagt's ja gleich! 1 Julius. Ich meyne ja nur Wa er. Sie iſt nicht mehr frey? oder 2 Nein, ſag' W ſie nicht mehr frey iſt! Julius. Beſter Onkel— 1 — 329— Waller. Nur damit: jch ſeh' dir's ja an! Julius. Wär' ſie nicht mehr frey, ſo waͤr' es ja wol auch— wbſihelich verborgen worden Waller. Und du muͤßteſt ſnelgen Ganz recht. Ich verſteh'. Wir wollen nicht weiter davvn reden. Geht vor. Julius vor ſich. Welche vehpeiheie Wie gern entdeckt' ich's nun: aber jetzt muͤßt' es ihn um ſo mehr aufbringen! taut. Lieb⸗ ſter Onkel, ich ſage ja nicht Waller. Sag' du nur gar nichts! Es iſt gut. Laß mich nur—— Pauſe. Julius. Was iſt das? Ein Wagen rollt in den Hof. Waller. Daß dich—! Julins am Fenſter. Es iſt der upt⸗ mann, Alinens Bruder. Waller. Was will denn der Menſch? Julius. Ich bereitete Sie ja ſchon geſtern Abends auf ſeinen nu Waller. Ach was da— 3 Julius. Er liegt nur zwey Stunden von hier in Garniſon. Er hat ſeine Schwe⸗ ſter ſeit Jahr und Tag nicht Beſchenhn und will ſie doch gern ſprechen— Waller. Das mag er. Aber ich.. Fulius. Er bleibt nur einige Stun⸗ den. Er muß noch den Vormittag zuruͤck. Waller. Empfang ihn. Sag' ihm, ich Du wirſt ſchon eine Eutſchuldi⸗ gung finden. Sprechen kann ich ihn jetzt wirklich nicht. Ich gehe; und— höre, wir haben nichts geſprochen! 1 Julius. Doch, doch, liebſter diter Waller geht, kehrt um. Du muͤßteſt denn — verſteht ſich: ganz für dich! verſteht ſich: — 331— ganz von weitem! verſteht ſich: ganz pro⸗ blematiſch!— ſo muͤßteſt du etwa ein Wort fallen laſſen—— Oder beſſer: nein, gar nichts! Geyt, echrt um. Sollteſt du mir ja etwas zu ſagen bekommen: ich gehe S aus dem Hauſe. Wih ab. ulius. Lieber Onkel, bleiben Sie noch einen Augenblick. Der Hauptmann iſt ſchon herein und moͤchte Ihnen begegnen. tttn Waller. Geſchwind! halt' ihn unten eine Minute auf, daß ich erſt in mein Zim⸗ mer komme! Zutius ab. Waller auein. So waͤren wir denn wieder ohngefaͤhr ſo weit, als vorher. Hätt' ich ihm nur nichts verrathen; haͤtte lieber ſelbſt verſucht Ja, daß uns die Zeit den Muth nimmt, iſt ihr ſchlimmſter Poſſen!— Und koͤnnt' ich denn nicht noch wagen, womit ich haͤtte anfangen ſollen? — 332— Es iſt nicht alles, wie es ſeyn ſollte: das war an Julius nicht zu verkennen. Aber beſtimmt widerſprechen, ja nur beſtimmt abrathen, konnt' er doch auch nicht. Es war mehr Verlegenheit, als Mißbilligung, als Warnung—— Seltſam, aber doch Ha, was faͤllt mir ein! Ge⸗ ßern Abend warf er ihr zuweilen Blicke zu — Es ſiel mir gleich auf: aber jetzt be⸗ koͤmmt's erſt Sinn. Himmel, was kann ich da fuͤr Unheil geſtiftet haben! Aus Pflicht muͤßt' ich ihm dann entziehen, was ein unſeliges Intereſſe für ihn gẽwin⸗ nen köunte!—— Jetzt vor allem, ihn beobachten! ſcharf beobachten! nicht aus den Augen laſſen! Und gegen ſie— gegen ſie will ich redlich herausgehen mit der Sprache, ſobald ſich Gelegenheit zeigt—— Sie kommen! ſind ſchon im Vorſaal. Ich trete 333 in dies Zimmer, bis ſie herein ſind. Seht in Charlottens Zimmer. AVline, Charlotte, Julius und Guſtar kommen durch die Mittelthuͤr. Charlotte. Er muß ſich— verleugnen laſſen— Julius. Nicht doch, nicht doch! Guſtav. Ich war wol eines andern Empfangs gewaͤrtig. Die ganze Gegend ruͤhmt ſeine Gaſtfreundlichkeit. Sollte er euer wunderliches Spiel ahnen? Es beun⸗ ruhigt mich. Charlotte. Wie konnen Sie nur al⸗ les ſo ernſthaft nehmen! Guſtav. Sagen Sie ſelbſt: wenn Ihr Vormund den Zuſammenhang erraͤth; wenn er, wie faſt unvermeidlich, dadurch beleidigt iſt: wie ſtehe ich— eben ich, der Fremde, der ſeiner Gunſt bedarf, und ſie — 831— ſich erſt erwerben will— wie ſiche gegenuͤber? Julius. Nun denn— damit Sie ſich nur beruhigen, geſteh' ich Ihnen, es iſt wahr, der Onkel hat Sie geſehn, er iſt weg⸗ gegangen, er hat mir aufgetragen„Sie zu empfangen und ihn zu entſchuldigen, bis er Sie ſelbſt aufſuchen werde— Alles das iſt wahr: aber daß ihm ganz andere Dinge eben jetzt durch den Kopf gehen, als unfer Plan, das iſt eben ſo wahr! mein Eh⸗ renwort! ihn Charlotte. Nun ſo laſſen Sie S hoͤren: was hat er denn? Julius. Dir, liebe Aline, dir allein muß ich das vertraun— Charlotte. Aha, wir n — wie heißt's dort? „Wit wollen freundlich durch die Finger ſehn⸗ 8 1 — Julius. Ganz recht— „Dagegen wißt ihr, daß ich ſchonen kann“— Julius ab mit Alinen, in ihr Zimmer. Charlotte. Eyey, ſo findet ſich jn auch ein Tete⸗a⸗Tete fuͤr uns! Und nach einem vollen Lierteljahr das erſte—: die ſollen gefaͤhrlich ſeyn. Guſtav. Wer an den lieben Gegen⸗ theil ſchon alles verloren hat, wie ich— fuͤr den nicht mehr. Charlotte. Man hoͤre! Wer an. alles verloren... nicht mehr. Paſſirt! Guſtav. Sie ſpotten?— Charlotte. Nein, mein Herr, das thun Sie ſeibſt, indem Sie Ihre Artigkeiten mit ſo ernſter Miene ſagen.— O wenn Sie nur erſt dies ſauere Weſen los waͤren— Guſtav. Drum will ich— Suͤßes nehmen— umfaßt ſie leicht. — 336— Charlotte macht ſich w. So?7 mit Nehmen gut machen? Man ſieht nich nur, man hoͤrt auch, weſſen Uniform Sie tragen. Ernſthafter werdend. Und ſelbſt hier⸗ bey verlaͤßt Ihr heutger Ernſt Sie nicht ganz. Nun, ich will den Reſpert faſſen ler⸗ nen, den ihr Maͤnner dafuͤr verlangt; ich will auch zugeſtehn, daß es fuͤr ein Ge⸗ ſchöpf, wie mich, erſprießlich ſeyn mag, Jemand zu haben, vor dem es ſich ein wer nig fuͤrchten muß: aber ich muß nur auch überzeugt bleiben koͤnnen— feſt, feſt uͤber⸗ zeugt Gſtav. Wobon, liebſte Charlotte? Charlotte. Nun, eben davon, daß ich noch Ihre liebſte Charlotte ſey! Guſtav. Ja ja, das ſind Sie! das werden Sie bleiben! nimmer⸗, nimmermehr kann ſich das aͤndern! Charloltte an ihn hinauf lchend. Nun, ſo laſſe ich mir's gefallen! auch wenn Sie — faſt haͤtt'ich„brummen“ geſagt! Guſtav. Beſtes Lottchen, es mag ſeyn, daß ich heute ſehr ungeſchickt erſcheine: aber wahrlich„es iſt einzig mein uͤbles Ver⸗ haͤltniß zum Vormund Schuld. Einen wak⸗ Mann taͤuſchen helfen— das verwir⸗ ret, das verſtimmt mich. Charlotte. Aber taͤnſchen, nicht nur. zu unſer aller, ſondern auch zu ſeinem Beſten? Guſtav. Warum nur nicht uͤberall den geradeſten Weg? Charlotte. Weil er ſo zerfahren iſt! Drum hilft's nichts: will man vorwaͤrts„ muß man zuweilen in einen Seitenpfad ein⸗ beugen— verſteht ſich, in einen, der nicht verpoͤnt iſt! 1. Band. Y — Suſtav ſieht ſie lächernd und kopfſchütteind an. Indeſſen tritt Waller in die Mittelthuͤr. Man temerkt, daß er unzufrieden iſt, dieſe Perſonen zu finden. Er tritt zuruͤck, läßt ſich aber von Zeit zu Zeit, lebhaft theilnehmend, erblicken. Guſtav. Ich bleibe doch der Meynung, wenn wir Ihrem wackern Vormunde fruͤher alles entdeckt haͤtten; wenn wir bemuͤhet ge⸗ weſen waͤren, ihn auf rechtlichem Wege fuͤr unſre Liebe zu gewinnen Charlotte. So haͤtte er geſchwind ſeine alten Projekte verworfen— nicht wahr? haͤtte geſchwind zu unſrer Verbin⸗ dung ja geſagt— nicht wahr? Guſtav. Geſchwind oder nicht ge⸗ ſchwind: endlich doch wol! Charlotte. Wie wenig doch die Maͤnner ihr eignes Geſchlecht kennen Darum ſchreiben ſie auch immer nur uͤber uns, nicht uͤber ſich! Guſtav. Er iſt ein redlicher Mann: er wuͤrde auch in mir den redlichen Mann erkannt haben Charlotte geht unwillig vor. Guſtav folgt ihr nach einer Weile. Indeſſen: Waller reiſe. Auch ſie?— Gott ſey Dank, daß ſie noch in ſolche gefal⸗ len iſt!— Guſtav. Sie ſind unwillig, chanotte? Charlotte. Endlich muß man's wol werden. Sie ſind heute ſo kalt, ſo ſo uͤberdelikat— Guſtav. Sie thun mir umeght. Be⸗ denken Sie doch die Verhaͤltniſſe, in denen ich Sie hier treffe. und die 36 ja ſoll— Charlotte. Verhaͤltniſſe, und immer wieder Verhaͤltniſſe! Jetzt ſind wir allein, und gehen uns aler Welt Verhaͤltniſſe Y2 340— nichts an. etzt bin ich Ihre Lotte, und „ michts weiter— n Waller tritt heftig hervor, urinht aber ſeine Gnpfindungen- Waller. Ha!—— Mein Herr— mein Herr Hsuptmann— 1 1„n Guſidv. Ich hatte nnſwe, Ihnen aſitttien— Charlotte wor ſich Er 5 nichts nehoͤrt haben?„„101 Waller. Verzeihen Sie— geſchifte —— Ich hatte meinem Neffen aufgetra⸗ gen, Ihnen Geſellſchaft zu leiſten: ſollte er ſeine Schuldigkeit verabſaͤumt haben? 5 Guſtav. Er begleitete uns mit meiner Schweſter hieher— Charlotte nuernd. Und gab dann den Auftrag weiter an mich, lieber On⸗ „Waller⸗ S Sie ja, Hauptmann. Guſtav. O mein Her, wenn Sie mich ſo feyerlich aufnehmen! wie ſoll ich meinen Ueberfall entſchuldigen? Ich hatte ſo lange gewuͤnſcht, Ihre treffliche Einrich⸗ tung zu bewundern, von der die ganze Ge⸗ gend ſpricht— Waller. Sehr verbunden— Guſtav. Und da nun jetzt die Gegen⸗ wart meiner Schweſter, fuͤr welche ich um Ihre Gewogenheit bitte S Waller. O— das ein ſo nebes⸗ treffliches Maädchen„ daß— daß man ihr' nicht widerſtehen kann. Aber wo iſt denn mein Neffe? Charlotte. Er hatte Alinen etwas zu ſagen, womit er ſehr wichtig und geheim⸗ nißvoll that— Waller. Etwas So7— So! — Nun dann hab' ich die Ehre, Herr richtung kennen lernen wollen— Charlotte. Wollen Sie nicht mitnehmen? Waller. Mein Kind— der Herr iſt Offizier: er wird vorerſt meine Pferde ſehn wollen. Dabey haͤtteſt du Langweile.— Iſt's gefaͤllig? As mit Guſtab. Charlotte alein. Wie iſt mir denn? Sollte er wirklich etwas gehoͤrt haben? Faſt ſchien mir's ſo; und doch war mehr men, und gegen blieb er ſo zuvor⸗ kommend——. Julius kömmt aus Alinens Zimmer. Julius. Fort? zuruͤc. Aline! auine ebmmt⸗ Hauptmann, wenn Sie meine kleine Ein⸗ Verlegenheit, als Zorn in ſeinem Beneh⸗ — 343— Aline haſtig. Lottchen, liebes Lottchen, was hab ich ſo eben gehört— ihr Charlotte. Was denn? Julius. Der Onkel. Aline. Ja ja, der Onkel„„ Charlotte. Was hat er denn? Aline. Ach, er hat„ So ſag's doch, Julius! Julius. Kurz und gut: er hat ſich— Aline. Denke dir: er hat ſich„ Charlotte. Was denn? Julius. In ſie verliebt! Charlotte. Verliebt? in ſie? Aline. Ach, und wie! Julius. Er wirbt um ſie— Aline. Wirbt! wirbt ordentlich! Charlotte. Du Heidenbekehrerin! Julius. Wirbt durch mich! Aline. Denke: durch ihn! 3— Charlotte. Gut adreſſirt! Aline. Und du— ſo gleichguͤltig? Charlotte. Nun, ein Korb iſt ja keine große Sache! Aline. Pfuh, ſchaͤme dich— Charlotte. Er mag ſich ſchaͤmen, 6 daß er den Neffen ſo druckte, weil er ſich in 6 dich vergukt hatte, und es nun ſelbſt nicht beſſer macht. 4 Julius. Ja, Finder, nun iſt der Faden doppelt verſchlungen— Charlotte. Ich furchte gar dreyfach— Aline. Wie ſo? Charlotte. Er uͤberraſchte S mit Guſtav— 3 Aline. Himmel! 1 Charlotte. Naͤmlich im Geſpraͤch, 6 und im ziemlich kuͤhlen— Julius. Und was ſagt' er? Charlotte. Ohngefaͤhr nichts. Julius. Alſo nichts bemerkt? Charlotte. Ich fuͤrchte— 4 Aline. Nun? Charlotte. Er grollte und ſnote.— Aline. Und gegen Guſtav? Charlotte. Das macht mich eben zweifelhaft: gegen ihn blieb er, wer weiß wie artig und gefaͤllig!„„jetzt wird mir's klar— Aline. Wie denn? Charlotte. Nun, aus ſeinen Abſich⸗ ten auf dich! Gegen den kuͤnftigen Vertrau⸗ ten, gegen den, der, geliebt's dem Him⸗ mel, Vatersſtelle vertreten und die Segens⸗ hand ausſtrecken ſoll— gegen den mußte er ſich freylich zuſammennehmen. Julius. Da ſteht und erklaͤrt, ſtatt zu handeln— X — 346 Charlotte. Freylich, und bin nicht einmal ein Mann! Wißt ihr'was, ihr Herren? bisher habt ihr uns ſchlecht unter⸗ ſtuͤtzt: nun koͤnnt ihr anfangen! Ich mich in meine Unſchuld. Julius. Die wird nicht viel bedecken. Aber es mag ſeyn! machen Sie nur wieder gut, was Sie verdorben haben. Charlotte. Was hab' ich denn ver⸗ dorben? Julius. Sie uͤbertreiben alles: damit haben Sie den Onkel gegen uns alle gereizt. Schaffen Sie nur erſt, daß er wieder uͤber⸗ haupt freundlich wird! Charlotte. Wenn's weiter nchts iſt! Aline. Ja, thu' das! thu' das! Charlotte. Das mach' ich gleich! Armn Fenſter. Spricht zuruck. Sie laſſen ſich Pferde vorreiten. Heffnet. Spricht hinaus. O — praͤchtig! praͤchtig! Was haben Sie fur ei⸗ nen gottlichen Fuchs, Onkelchen! nein, wie der die Fuͤßchen wirft— die niedlichen Fuͤß⸗ chen! er tanzt ja ordentlich! Waller von außem. Ach, was verſtehſt du davon! Junus und Aine lachen. Charlotte zuruͤc. Geduld! kein Baum faͤllt auf den erſten Schlag! Hinaus. O, laſ⸗ ſen Sie ihn noch einmal dort herum kom⸗ men! bitte, bitte! Waller von außem, klatſcht in die Häͤnde⸗ Wie meynſt du denn? Charlotte. Ich meyne„ gurda. Ich weiß ſelbſt nicht was! Aber er ſieht ſchon freundlich. Hinaus. Rechts heruͤber! ſo! herrlich! Und nun recht anſpringen! o ja, beſter Onkel! Nein, man kann doch nichts Schoͤneres ſehen! Waller von außem, klatſcht wieder. Und 1 immer kurz! immer preſſirt, und doch tu⸗ Charlotte. Freylich! o da komm ich lieber hinunter! Schtießt vas Fenſter ſchnell. Zu⸗ tar. Hab' ich's nicht geſagt? Nun vollend' ich, und bedeute dann Guſtav'n! As. Julius. Wie das lebt in der Verwir⸗ rung und Intrigue! Waͤr' ihr Herz nicht ſo gut/ es waͤr' kein Auskommen mit ihr. wuͤßt' ich nicht, was ich drum gaͤbe, wenn alle dieſe kuͤnſtliche Spannung aufhoͤrte— Fulius. Auch mir wird's laͤſtig. Der Onkel fuͤhlt jetzt gewiß, daß Char⸗ lotte mich nur ungluͤcklich hätte machen konnen— fuͤhlt's vielleicht tief, wenn er's auch nicht geſtehen mag. Er billigt meine Geſinnungen uͤber die Wahl einer Gat⸗ tin, ſelbſt uͤber Vermoͤgen und andere Ver⸗ Aline. Gleichwol, kiebſter Mann, —— haͤltniſſe— er hat mich vorhin deshalb ſo⸗ gar ins Geſicht geruͤhmt— Aline. Ja, im Allgemeinen biigt man ſo etwas: wenn nun aber der Fall im Einzelnen wirklich eintritt, ſo ſagt man: nur hier iſt eine Ausnahme! Fulius. Im Anfang: doch findet ſich's, wenn man nur den erſten Eindruck recht vorbereiten, ſaͤuberlich mildern kann— Aline. Das will uns ja aber ge⸗ lingen— Inulius. Weil wir Winne uns ein⸗ gemengt haben. So'was muß man euch Weibern uͤberlaſſen: ihr macht das tauſend⸗ mal beſſer, als wirz und beſonders ihr ſanf⸗ ten Heimchen, wenn ihr ſo ganz aus der Ferne, leiſe, leiſe herangeſchlichen kommt, und dann plotzlich mit einer Wendung ſtill — — — — ſteht, daß wir erſchrocken nun erſt bemer⸗ ken, ihr habt uns ſo weit gelockt, daß wir nicht mehr mit Ehren zuruͤckkoͤunen! Aline. Maͤnnchen, Maͤnnchen: mache mich nicht ſelbſt auf unbewußte Talente aufr merkſam! JFulius. Immerhin! Ich vertraue dei⸗ nem Herzen! Aline innig. Und nie— nie, beſter Julius, ſollſt du dies Vertrauen bereuen! euͤßt ihn⸗ Julius. Du machſt mich irre, Lieb⸗ chen: das koͤnnen wir leider jetzt nicht brauchen— Aline, Ganz recht. Es war von einer guten Wendung die Rede Fulius. Die du erſinnen ſollteſt— Aline. Ja ja. Alſp Hm, du haſt mich auch irre gemacht. Da„ dorthin„ 8 dorthin tritt; und komm mir nicht naͤher, bis ich's habe! horſt du? Julius. Nun, da ſteh' ich!— Aline geht nachſinnend vor. Nach einer Weile ſetzt ſie ſich und ſtuͤtzt den Kopf. Indeſſen iſt Waller leiſe hereingetreten. Waller dep Seite. Jetzt kann ich ſelbſt beobachten, wie er meinen Auftrag aus⸗ richtet. Julius. Will ſich's noch nicht finden? Aline. Bſt! bſt!—— Julius eommt ein wenig näher. Wie, wenn man der Sache einen Anſtrich vom Ko⸗ miſchen gaͤbe? jedoch ohne den guten Mann zu verwunden! Waller wie oben. Was? Aline. Wenn nur nicht dann Char⸗ wite Julius kömmt wieder ein wenig nͤher. Ach N — 35— was Charlotte! Die laſſen wir aus dem Spiel! Sie mag ſich auch helfen, wie ſie kann! Und ſie thut's auch! S Waller wie oten. Wie ſou ich das ver⸗ ſtehen? 5 Julius geht nun langſam ganz zu Alinen, nimmt, verliebt uber ſie hingebeugt, ihre Hand. Wie allerliebſt ſie daſitzt! und das niedliche Kpſchen ſtuͤtzt!— Ach, ein junger Ehe⸗ S mann iſt doch ein ſchwaches Wertseng! Aline. Bſt! bſt! Julius tändelt mit ihrer Hand. Es i mir ſo wunderlich— Aline. Still„lieber Iulins! ſ u Julius. Das iſt leicht geſagt. Pauſe. Unterdeſſen: Waller wie oben. Nein, das heißt doch wahrlich nicht, eines Andern Sach betreiben! X Aline ſeht auf. Ich glaube, ich hab's! So oder ſo! gut! Aber mein armer Bru⸗ der Julius nach dem Fenſter blickend. Nun, ſo gar arm ſcheint er noch nicht. Dort ſteht er mit Charlotten, und das iſt eine Herr⸗ lichkeit—! Sie ſehen ganz darnach aus, als ſchloͤſſen ſie eben jetzt auch einen Frie⸗ densvertrag ab— Waller wie vuen. Wie? Lbſcheulich! Julius will Alinen umfaſſen, indem tritt Waller peftig hervor. Jene prallen aus einander. Waller. Wie? Neffe? pflichtvergeß⸗ ner Menſch! Nein, das iſt unerhoͤrt! Jukius. Sie waren hier, Onkel? Waller. So benutzeſt du mein Zutraun? auf ſolche Wege verlockſt du die Unſchuld? Vor drey Tagen verheyrathet, und nun„. Es iſt entſetzlich! 1. Band. 3 Julius. Nein, nein, beſter Onkel! das iſt's nicht! Hoͤren Sie nur Waller, Nichts will ich nichts! gar nichts! Julins. Nur einen ais— Wallet. Es iſt vorbey. Jetzt geh' nur! geh', ſag' ich! S Julius. Nur ein Wort— Waller. Durchaus nicht. Du n dich„ oder ich thu' es! JFulius. Nun, wenn Sie darauf be⸗ ſtehen—! Im Gehen, leiſe. Jetzt Aline—! d. Waller geht aufsebracht herum; Aline ſteht mit niedergeſchlagenen Angen, verfolgt ihn jedoch mit den ucen. Ert ſichet einigemat flüchtig nach ihrz ſe wartet, bis er das Auge etwas laͤnger auf ihr haf⸗ ten laͤßt. Aline. Guter, beſter, theuerſter. — — 3 Waller. Ach was—— Sie auch! Sie auch! O die heutge Welt! Aline. Was denn— was hab' ich denn gethan? Waller. Eine ſeltſame Frage! Aline. Ich weiß ſie nun einmal nicht beſſer. Haben Sie Geduld mit mir, und ge⸗ ben Sie mir eine deſto buͤndigere Antwott. Waller. Mein Gott.. Wenn ich nun auch vermuthe, wenn ich glaube, wenn ich vorausſetze ſogar, daß Sie dieſen Unbe⸗ ſonnenen nicht haben gewinnen wollen, daß Sie die Folgen nicht uͤberſehen„„ Nein, es bleibt doch unverzeihlich! Aline. Bey Ihnen? Nein, nein! Waller. Das wiſſen Sie ſo gewiß? Aline. Ja, das weiß ich oewiß. Waller. O Fraͤulein—! Sie ver⸗ trauen der Anmuth Ihres Weſens, der Un⸗ — 356— ſchuld Ihres Benehmens, dem milden Ton Ihrer Schmeichelrede— o, ich verſtehe! Aline. Ich vertraue der guten Sache. Waller. Der guten Sache? Aline. Und Ihrem Herzen— Waller. Ha, mein Herz— mein Herz—: von dem iſt gar die Rede nicht. Das weiß ich wol. Aine nimmt ſeine Hand und blickt ihn pittend an. Nun ja doch— Laſſen Sie mich nur— Aline. Ich bin ſehr betruͤbt— Waller. O das 1 Aline. Weil Sie zuͤrnen— Waller. Kleinigkeit für Sie! Pline. Und ich vielleicht mit dara Schuld bin— Waller. Sie werden ſich leicht zu er⸗ heitern wiſſen. Aline. Nein nein, nicht eher, gewiß nicht eher, bis Sie mich wieder— erſt nur ein wenig freundlich anblicken! Panſe. Waller. Und wenn ich's nun thue? Er vlickt ſie halb von der Seite an. Sie vna ſich vor in ſeinen Blick. Aline. Sieht eine Verbrecherin ſo aus? ja? er ſieht ſie jetzt etwas länger und freundlicher an; ſie kuͤßt ſchnell und frendig ſeine Hand⸗ Waller. O was thun Sie!—— Freylich iſt mir nicht entgangen, daß Sie die Zudringlichkeiten jenes Leichtſinnigen nur er⸗ trugen; wahrſcheinlich haben Sie daruͤber ni⸗ ernſtlich nachgedacht: aber der zarte Lakt jungfraͤulicher Seelen haͤtte Ihnen doch zei⸗ gen muͤſſen— ach, und hat Ihnen auch gezeigt— Aline. Was denn? was denn? Waller. Son ich's denn mit duͤrren . * Worten herausſagen? Daß Julins Sie liebt! Aline.— Das hat er freylich gefagt, dieſer Takt! Waller. Daß Julius Sie liebt? Aline. Schon laͤngſt geliebt hat. Waller. Wie? was? Aline. Hat es der gute Julius Ihnen doch ſelbſt ſo oft geſtanden— Waller. Mir? wann? wie? wo? Nimmermehr!— 5 Aline. Ich war das Maͤdchen, von dem er Ihnen ſo vieles ſchrieb, ſeit Sie ſo 8 ſtreng auf ſeine Verbindung mit Charlotten drangen. Waller. Sie? Sie waren das? Nun freylich—! Pauſe. Aber das iſt vorbey! mußte laͤngſt ganz vorbey ſeyn! Sagen Sie mir nichts; es iſt doch— verſtehn Sie 35 mich— es bleibt doch ganz ein ander Ding, ſolch eine jugendliche Zuneigung, wobey am Ende nur Phantaſie und Eigenſinn Rollen ſpielen, und eine Liebe— ſehen Sie, gute Aline— eine Liebe— kurz, eine Liebe, wie ſie ſeyn ſoll, um ein gutes Eheband zu knuͤpfen. Jene hatt' er fuͤr Sie: nun gut! gut! ich will es ſogar geſtehn, daß ich ihn darum nicht tadle— o nein, gar nicht tadle! aber jetzt— jetzt.. Aline. Und dieſe Liebe, wie ſie ſeyn ſollte, finden Sie zwiſchen ihm und Char⸗ lotten? Waller. Ich— glaube. Und was ja noch nicht iſt, das wird gewiß werden. Aline. Wirklich?— Erinnern Sie ſich, wie er Ihnen neulich erſt ſo dringend ſchrieb: Ich bin leichtſinnig, fluͤchtig und unbeſonnenz ich gebe mich viel zu ſehr an Andere hin— Waller. Das iſt wahr. Da hatte er Recht. Aline. Charlotte iſt gerade das auch, und iſt's noch mehr als ich, ſchrieb er— Waller. Man wird anders— Aline. Ihr Mann, ſchrieb er, muß ernſt, muß feſt ſeyn; meine Frau dagegen beobachtend, ſorgſam, nachſichtig, wenn wir beyde Waller. Man kann das nicht geradezu verwerfen: wozu aber dergleichen Dinge muͤhſam aufſuchen? Man findet freylich, wenn man beharrlich ſucht! o was faͤnde man da nicht! Laſſen Sie das gut ſeyn. Giebt's in ſolchen Verbindungen etwas— nicht ganz Paſſendes: es iſt einmal da, und die Nothwendigkeit gebietet, ſich zu fuͤgen. Das thut man denn auch— thut's anfaͤng⸗ lich, da vielleicht mit einigen Thraͤnen, dort mit Unwillen; aber— man thut's! und nach einiger Zeit verſiegen die Thraͤnen, ver⸗ ſchwindet der Unwille: man richtet ſich ein und hat ſich wohl. Nur, verſteht ſich, ge⸗ ſittete Menſchen vorausgeſetzt! und— ver⸗ geſſen Sie nicht— keine Stoͤrungen gewiſ⸗ ſer Art duͤrfen zugelaſſen werden! Aline. Und wenn nun Charlotte eben⸗ falls eine andere Neigung gefaßt haͤtte 2. Waller. Liebſte Freundin, ſo wäͤr es mit ihr offenbar daſſelbe, und gaͤlte folglich daſſelbe. Man muß denn doch auch derglei⸗ chen Dinge nicht allzuſchwer, nicht blos truͤb' und duͤſter nehmen! Aline vor ſich. Jetzt draͤngt er mich ſelbſt auf den andern Weg. Es ſey! Waller vor ſich. Das gute Kind iſt nur noch ein wenig wund. Eben das, denk' ich, iſt eine gute Zeit fuͤr andere Abſichten. Laut. Ja ja, meine liebenswuͤrdige Freun⸗ din, wir ſind da in ein faſt gar zu ernſthaf⸗ tes Zergliedern gerathen— Aline. Einmal mußte doch die Sache durchgeſprochen ſeyn— Waller. Richtig; jetzt iſt das geſche⸗ hen, und jetzt von etwas anderm!— Aline. Es wird nun das Beſte ſeyn, daß ich meinen Bruder dieſen Vormittag be⸗ gleite— Waller Wie? Sie wollten uns ver⸗ laſſen? ſo ſchnell verlaſſen? Ey bewahre—! Aline. Sie ſehen ſelbſt. Waller. Nichts, liebſtes Kind, gar nichts ſehe ich, als daß Ihr Bleiben, wenn wir uns nur erſt ſaͤmmtlich einander verſte⸗ hen, uns allen Freude, Ihr Weggehen uns allen Schmerz bringen wird. Und daß wir uns verſtehen: dafuͤr laſſen Sie mich ſorgen. — 363— Ich ſpreche nun mit allen, ſpreche ernſtlich, mit gehdriger Wuͤrde; ich fuͤhre alle in ihre Schranken zuruͤck alle werdens begreifen, alle werden mir Recht geben.— Aber ich fuͤrchte, es gefaͤllt Ihnen nicht bey uns— Fulins iſt bey den letzten Worten hereinge⸗ ſchlichen; Aline winkt ihm. Er läͤßt leiſe Char⸗ lotten und Guſtav herein. Alle drey bleiben im Hintergrunde. Aline. Mir gefülts 6 ſehr! ich vuebe ſo gern! Waller. Schmeichlerin! huͤten Sie ſich, daß ich's nicht glaube. Aline. Wie ſoll ich Sie ͤberzeugen? Waller. Aufs einfachſte: dadurch, daß Sie bleiben⸗ Aline. Vedenken Sie doch„ Waller. Was denn, Liebe? Aline. Bisher ließ ich mich in meiner Unbefangenheit gehen; ich wußte, daß ich nichts Unrechtes that— Waller. Nun ja doch machen Sie es nur wieder ſo— das einzige bewußte Ver⸗ haͤltniß abgerechnet! Pline. Ich bin nun aͤngſtlich— durch Sie! n Waller. Nur aufmerkſam ſollen Sie ſeyn! Aline. Doch iſt's nun ſo! Waller. Nun ſo vertrauen Sie ſich ganz mir an; laſſen Sie mich— oder noch weit ſchoͤner, laſſen Sie uns beyde gemein⸗ ſchaftlich vollends alles ausgleichen, alles leiten— zum beſten Ziele leiten! Aline. Ich wuͤnſchte wol— Waller. O wenn Sie wirklich wuͤn⸗ ſchen—! Erſchrecken Sie nur nicht! ich treibe, ich draͤnge ja nicht! Ich ſage nichts, — 365— als: zum beſten Ziele!— Nun, ſe⸗ hen Sie mich nur nicht ſo wunderlich an? ich ſchweige ja— ja ja, ich ſchweige—— Soll ich, muß ich ſchweigen? wirklich? Rur Zutraun! offenes, freudiges Zutraun! Zum beſten Ziele! Aline. Ja, jetzt ſag' ich's Ihnen zu, dies offene, freudige Zutraun! von Herzen! Waller. Wahrhaftig? die Hand drauf? Aline. Da, da! Waller. O Dank— Die liebe, ſchone Hand!— Und— weiter nichts? Zum beſten Ziele! Aline. Ey was denn weiter? Waller. Nicht einmal— einen einzi⸗ gen Freundſchaftkuß zum Siegel des freudi⸗ gen Zutrauns? Al ine plotzlich in heller Frende an ſeinem Hatſe. Hundert, hundert fuͤr einen! mein 1. Baud. Aa 16— Freund! mein Vertrauter! mein Vater! mein liebevoller Vater! Waller. Sie wollen damit ſagen„ Aline. Zum beſten Ziele! Ja ja, das will ich eben ſagen! Aber dies Ziel iſt ſchon freye Geſtaͤndniß iſt eben auch der erſte Be⸗ Waller. Sagen Sie mir nur„. Die Andern nohern ſich ihm behutſam. Er er⸗ wlicht ſe. niec e Waller. Wuͤnſcht ihr was? Aline. Ihren Segen wůͤnſchen ſie, nen Gemal! Fuͤhrt Julius vor auf die eine Seite. Ihren Segen fuͤr dies gute Maͤdchen und ihren Geliebten! Charlotte fuͤhrt at die andere⸗ erreicht! fuͤr uns glle erreicht! Und dies weis meines freudigen Zutrauens! 6 wuͤnſche ich— Ihren Segen hier fuͤr mei⸗ Waller. Wie—2 Ha, ſo!— 5 ihm naͤher. — 367— Alle vier durch einander. Ja ja! Ihre Naochſicht! Ihre Verzeihung! Ihren Segen! Waller iſt unterdeſſen ſehr verlegen ganz vorgegangen. PVor ſich. Sie haben mich uͤber⸗ liſtet. Die Welt iſt verderbt: nur Klug⸗ heit und Anſtand gerettet! Er vickt ernſt und ſeyerlich um ſich her. Die Andern kommen Alle vier, wie vrehin. O zurnen Sie nicht! Verzeihung! Verzeihung! Waller tritt mit pathetiſchem Anſtand zu⸗ ruͤck, zwiſchen behde Paare. So hab' ich euch endlich da, wo ich euch laͤngſt haben wollte! Erkennet ihr, fuͤhlt ihr endlich, wie ihr mir gleich haͤttet nahen muͤſſen? Jene vier ſehen einander erſchrocken und rathend an. Waller fixirt ſie, und fäͤhrt dann in noch hoͤherm Tone fort. Seyd ihr reuig durchdrungen von dem Un⸗ wuͤrdigen, und auch von dem Vergeblichen — 368— eurer Verſuche, ruhigen Verſtand und lange Welterfahrung taͤuſchen zu wollen? Sag', thoͤrichte Jugend, haſt du dir wirklich ein⸗ gebildet„du ſpielteſt mit mir, waͤhrend ich mit dir ſpielte? Alle vier, wie voryin. Wie? Onkel? Nicht moglich! Sie wußten—! Waller. Wer ſagte: nicht moͤglich? wer zweifelte, ob ich alles wußte? Da, leſet die Berichte meines Correſpondenten aus der Stadt ſelbſt— da!— Wo hab' ich ſie doch?— Nun, gleichviel! Charlotte reiſe zu den Andern. Kin⸗ der, habt Glauben, ich bitt' euch! Laut⸗ Nein„beſter Onkel, ſo muß noch Niemand abgefuͤhrt worden ſeyn, wie wir! Ich fuͤr mein Theil thue von nun an lebens⸗ lang auf Witz Verzicht, wenn es gegen Sie geht— — 365— Waller. Dann wirſt du ſehr wohl thun! ulius. Ich bin ſo verwirtet— Aline. Ich auch— Guſtav. Ich auch— Waller. Schon gut, ſag' ich! Gern ſchenk' ich einem jeden von euch, was er weit leichter erhalten haben wuͤrde, haͤt er gleich ſeine Schuldigkeit beobachtet. Daß ich gegen deine Liebe war, Neffe, ehe ich ihren Gegenſtand kannte; daß ich euch alle nach Vermoͤgen pruͤfen mußte, ver⸗ ſteht ſich. Doch wir wollen uns da nicht in lange Erorterungen einlaſſen. Ich ſage nichts weiter, als: ich ſchenke einem je⸗ den mit freyem Wohlwollen, was er mit unartiger Liſt erſchleichen wollte. Fuͤhlt's! beſſert euch! Alle vier, wie vorhin. Dank! Dank! Edler, großmuͤthiger— großmuͤthiger— großmuͤthiger Mann! 1 * Die Frauenzimmer faſſen und kuͤſſen ſeine Haͤnde, Er laͤßt ihnen dieſe, ohne ſie anzuſehen⸗ tritt ſo — möglichſt vor, und ſagt vor ſich hin: Waller reiſe. Großmuͤthig! ſo heißt jetzt alſo, wer dem Andern laͤßt, was er ihm nicht nehmen kann! v —— — Der Vorhang faͤllt⸗ Gedruckt bey Friedrich Driemel in Lubben⸗ Folgende Schriften des Hrn. Hofrath Roch⸗ litz ſind nach und nach im Verlage der Darnmannſchen Buchhandlung in Zuͤl⸗ lichau erſchienen: Charaktere intereſſanter Menſchen, in moraliſchen Erzaͤhlungen dargeſtellt. 4 Theile. s. 6 Thlr. Denkmale glücklicher Stunden. 2 Theile mit Ku⸗ pfern. 825 4 Thlr. 8 Gr. Erinnerungen zur Veförderung einer rechtmaͤßigen Lebensklugheit, in Erzaͤhlungen. 4 Theile. 8. 4 Thlr. 16 Gr. Glyeine. 2 Vaͤnde mit Kpfrn. 8. 3 Thlr. 8 Gr. Kleine Romane und Erzaͤhlungen. 3 Theile. 3. 4 Thlr. 12 Gr. Das Blumenmaͤdchen. Operette in einem Akt. 8. 5 Gr. Es iſt die Rechte nicht. Luſtſpiel in 2 Akten. 3. 10 Gt Jedem das Seine. Luſtſpiel in einem Akt. svo. 7 Gr. Liebhabereyen, oder: die neue Zauberflöte. Luſt⸗ ſpiel in 4 Akten. 8. Revenche. Luſtſpiel in 2 Akten. 8. 7 Gr. M n ſ ſi ſſiſin ſſſſſſſiſſſſiſſſſi 12 7 8 9 10 11 13 14 15 16 17 18 n