deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur S. von. 6duard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und weſebedingungen. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von edem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe i welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:„ für nehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 W.— TN „„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ſeügeſezt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 * „ e Auswanderer. i D Zweiter Theil. —— 1—————————½—— ——— Die Auswanderer. Eine Erzaͤhlung von Talvij. „ Zweiter Theil. 5 —— Leipzig: F. A. Brockhaus. 1852. Inhalt. . Seite Erſtes Capitel. Der Vulkan bricht aus. 1 Zweites Capitel. Sie c 39 Drittes Capitel. Neuengländiſche Bilder. 62 Viertes Capitel. 93 Fünftes Capitel. Se 123 Sechstes Capitel. Das Ende der Erzählung und noch zwei Briefe... 148 . Siebentes Capitel. „ Der Haſen. 178 „ Achtes Capitel. Reiſeſcenen. 201 Neuntes Capitel. Erstes Capitel. Der Vulkan bricht aus. In der Fmilie Caſtleton erregte die Nachricht von der Verhaftung des jungen Deutſchen ſehr verſchieden⸗ artige Empfindungen. Während die beiden Männer — laut ihre Zufriedenheit ausſprachen, daß doch wenig⸗ ſtens einer der Anſtifter dieſes ſchmählichen Men⸗. ſchendiebſtahls— denn ſo allein ſahen ſie es an— 3 zur Rechenſchaft gezogen werden könne, ergriff Klo⸗ 3 tilden lebhaftere Angſt und Beſorgniß, Sarah aber hörte zum erſten Mal in dieſer Angelegenheit den Namen„Bergedorf“ ausſprechen und fing an, um Virginiens willen, warmen Antheil an einer Sache zu nehmen, de ſie bisher wenig berührt hatte. Virginia aber— wer kann der armen Virginia Zuſtand ſhildern? Sie, die die ganze Schwere des Geſetzes hnnte, die es oft in ſeiner ganzen Schärfe mit Gleichgültigkeit hatte ausüben ſehen, ja mit Froh⸗ Die Ausnanderer. II. 1 Ai — 2 locken wol, ſie hörte nun mit Entden Donner über dem Haupte des Geliebten Welcher Wahnſinn, der ihn abgehalten hatfliehen, als es noch Zeit war! Aus falſchem uth ſich der Gefahr nicht entziehen zu wollen, ſoe der junge Unterſchiffer, der auf ſeine Veranla, durch ſei⸗ nen Einfluß gehandelt, noch darinſebte. Nun war es zu ſpät! Sie war eine kurit lang vor Entſetzen wie gelähmt. Sie ging nichtr des Mor⸗ gens aus. Sie ſchloß ſich in ihr zer ein; ſie verſchlang die Blätter mit den Augen, den Bericht über das Verhör enthielten, und wennVater oder Alonzo zu Hauſe kamen, lauſchte ſie kig, obwol mit verbiſſenem Ingrimm auf jedes iWorte, ob eines des Geliebten erwähne. Ihr ſtand war fürchterlich. Vater und Bräutigam fin beſorgt, ob ſie krank ſei; ſie gab etwas Fieber, und es mußte ihr zum willkommnen Vorwand die niemand, der nicht zur Familie gehörte, zu ſehen. Sarah, nachdem ſie Klotilden darülzu Rathe gezogen, entſchloß ſich, mit ihrem Vater ziden. Sie entdeckte ihm, daß ſowol ſie als ihre Cveſter den angeklagten Fremden kenne, daß er Virgns Lehrer geweſen, und ſie darum natürlich ein wneres In⸗ reſſe für ihn hege.„Wenn Sie, lie Papa“, — 3 ſagte ſie,„unſere arme Virginia nicht ſehr tief krän⸗ ken wollen— und ich weiß, das wollen Sie nicht— — ſo bitt' ich Sie dringend, brauchen Sie allen Ihren Einfluß, daß der unvorſichtige junge Mann für Nicht ſchuldig» erklärt werde, oder wenn das unmöglich iſt, daß man ihn entfliehen laſſe.“ Während Sarah ſprach, war die unwillkommene Wahrheit mit einer ſchneidenden Gewalt in ihres Vaters Gemüth eingedrungen. Jetzt verſtand er Alles: ihre leidenſchaftliche Vorliebe für die deut⸗ ſche Sprache, deutſche Muſik, ihre neuen Ideen von ₰ Freiheit, Gleichheit und Menſchenrechten, ihren plötzlich entſtandenen Widerwillen, ihren Vetter zu heirathen und ihre jetzige fieberhafte Unruhe. Ganz anders als die gute Sarah gehofft, war der Eindruck, den ihre Entdeckung auf ihren Vater machte. Er glaubte in der That Virginiens Herz beſſer zu verſtehen, als ihre Schweſter.„Dies leidenſchaftliche Gemüth gibt ſich ganz oder gar nicht“, dacht er. So lange dieſer Abenteurer frei iſt, bleibt ihr Hoffnung. Laß ſehen, ob er ihr noch gefallen wird, wenn er die Züchtlings⸗ b, jacke ein paar Jahre getragen hat und das Haar ihm abgeſchoren iſt. Die Schande muß ihr ihn verächtlich machen, oder ſie wäre meine Tochter nicht.“ 5 ——— 4 Eine ſtille Wuth kochte in ihm, während Sarah ſprach. Er ward bleich und mußte ſich ſetzen. „Ich ſehe, lieber Papa“, fuhr Sarah fort,„die Sache greift Sie ſehr an. Aber der Herr wird das Unglück von uns abwenden, wenn wir zu ihm beten. Auch glaub' ich, es iſt mehr Virginiens Phantaſie, die in dieſer Sache thätig iſt, als ihr Herz. Eine harte Behandlung dieſes Mannes aber würde ſie ſehr er⸗ bittern und ihr Gefühl für ihn nur verſtärken. Da⸗ her ſcheint es wirklich am rathſamſten, daß Sie ver⸗ ſuchen, ob man vielleicht den Aufſeher der Verhafte⸗ ten beſtimmen könnte, ihn entkommen zu laſſen, ehe ſeine Sache entſchieden iſt.“ Mr. Caſtleton bezwang ſeinen Zorn gewaltſam. „Du irrſt, Sarah“, ſagte er,„wenn du mir dieſen Einfluß zuſchreibſt; noch mehr aber, wenn du glaubſt, ich würde ihn gegen die Handhabung der Geſetze zu brauchen ſuchen. Die Sache mag ihren Lauf haben; ich hoffe übrigens, Virginia oder irgend eine meiner Töchter fühlt zu damenhaft, um ſelbſt ihre Phantaſie mit einem Abenteurer ſich beſchäftigen zu laſſen, der ſein Glück in einem fremden Lande durch Stunden geben zu machen hat.“ Und hiermit verließ er ſie, mit dem feſten bewuß⸗ ten Vorſatz, Alles, was in ſeiner Macht war, zu thun, 5 Bergedorf's Schuld zu Tage zu bringen, ja vielleicht auch mit dem unbewußten, dieſe Schuld möglichſt ſchwerer zu machen, theils um für die verabſcheuten Abolitioniſten ein Beiſpiel aufzuſtellen, theils um von ſeinem eigenen Hauſe die drohende Schmach abzu⸗ wehren. Virginia war nicht wenig entrüſtet, als ſie von ihrer Schweſter unglücklichem Verſuch hörte.„Ich wünſchte, Sarah“, ſagte ſie mit einer wegwerfend ſtolzen Miene, „du überließeſt meine Angelegenheiten mir ſelbſt. Es war thöricht, von meinem Vater in einer Sache Einſicht zu erwarten, wo er ſo ganz und gar Partei iſt. Und was ließe ſich von ihm auch außerdem hoffen? Er iſt Bergedorf's Feind. Ja, Klotilde, ja, Sarah, ſchaut mich nur verwundert an. Bergedorf hat mir es an⸗ vertraut, daß mein Vater ſein Feind iſt, ſein Feind ſein muß; daß er darum, darum ſein Haus nicht be⸗ treten konnte und durfte, daß er darum, darum an der Thür des Paradieſes ſtehen bleiben mußte, das meine Liebe ihm öffnete.“ „So haſt du ihn geſehen, Schweſter?“ fragte Sarah vorwurfsvoll. „Und wie, wenn ich es hätte? Soll auch ich ein Opfer der Convenienz werden, wie meine Mutter es ward? Denn wie hätte dieſes feurige Herz dieſen —— 6 kalten, eigenſüchtigen Tyrannen, meinen Vater, lieben können? Ja, Bergedorf hat Recht, nur Haß und Verfolgung hat er von ihm zu erwarten.“ „Und warum ſollte Papa ihn haſſen, gute Vir⸗ ginia? Deine Aufregung macht dich ungerecht gegen dein eigenes Blut.“ „Ein Schleier des Geheimniſſes ruht darüber! Ein myſtiſches Dunkel ruht über Bergedorf's ganzem Weſen, er iſt nicht, was er ſcheint! O, er wird in Herrlichkeit aus dieſem Dunkel heraustreten und ſeine Widerſacher beſchämen!“ Klotilden ergriff unendliche Angſt, als Virginia dieſe Worte ſprach. Sie fürchtete mehr als je, das ſchöne, ſtolze Mädchen, von ihrem Enthuſiasmus für alles Außergewöhnliche, Seltſame, Unerhörte fortge⸗ riſſen, ſei in die Hände eines Abenteurers gefallen. Sie erſah auch aus ihren Reden, daß ſie, ſeitdem Bergedorf in der Stadt war, mit ihm in geheimem Verſtändniſſe gelebt habe. Vielleicht wäre ihre Be⸗ ſorgniß noch größer geweſen, hätte ſie länger im Lande gelebt und gewußt, wie ſo manche ſchöne Amerikanerin aus ehrbarem Hauſe ſich ſchon durch den vornehmen Titel oder den hohen Rang eines Fremden— echt oder unecht— hat hinreißen laſſen, eine Liebeserklärung in gebrochenem Engliſch mit gün⸗ ſtigem Ohr zu vernehmen; hätte ſie gewußt, wie ſchnell in der That die Unbekanntſchaft der Republikaner mit europäiſchen Verhältniſſen jeden einigermaßen vornehm⸗ klingenden Namen mit dem Vornehmſten, d. h. mit Fürſten und Königen in Verbindung bringt. Unterdeſſen ſetzte Bergedorf's Proceß ganz Char⸗ lestown in Bewegung. Die edle Erſcheinung des Fremden, ſeine gebildete Sprache und die beſtechende Anmuth ſeiner Sitten waren geeignet, das Intereſſe des Publicums für ihn zu erwecken, und hätten vielleicht auch ſeine Richter günſtig für ihn geſtimmt, wenn nicht das Vergehen, deſſen man ihn beſchuldigte, näm⸗ lich die Sklaven ihren rechtmäßigen Herren abſpenſtig gemacht zu haben, im voraus eine gar zu gehäſſige Geſinnung gegen ihn geweckt hätte; beſonders da durch einen Einfluß, von dem niemand recht zu ſagen wußte, woher er komme, die Ueberzeugung herrſchend wurde, daß Milde in einem ſo eclatanten Falle unausbleib⸗ lich die Wiederholung von Vergehungen zur Folge haben müſſe, welche das ganze Gebäude der Staats⸗ einrichtungen des Südens zu zerſtören drohen, ja, daß dieſe Milde ſchon an ſich ſie untergrabe. Zwar ſtellte die Unterſuchung in der That ganz offenbar heraus, daß Bergedorf mit der ſogenannten Verführung der Sklaven gar nichts zu thun gehabt habe; daß er, bis zu dem Moment, als ſie an das Ufer gekommen, noch keinen von ihnen geſehen, ſondern erſt, als dem Atkinſon, nachdem die Unglücklichen durch vielfältig getäuſchte Hoffnung faſt bis zum Wahnſinn gereizt geweſen, die Mittel zum Fortſchaffen gefehlt, die Sache in die Hand genommen und mit ſeinem jungen Lands⸗ mann, dem Unterſchiffer, beſprochen habe; allein dies Eine war doch gewiß, theils daß er eines der eigent⸗ lichen Werkzeuge geweſen, durch welche ſie die Flucht zu Wege gebracht, theils daß der Unterſchiffer aus ſeiner Hand die Anweiſung empfangen, durch welche ſich der Capitain für die Paſſage bezahlt machen ſollte. Ueberdies ſprach er offen Geſinnungen aus, die in den Geſchwornen wie in den Richtern den lebhafteſten Unwillen erregten und die es ſeinem Advocaten un⸗ möglich machten, ſeine Vertheidigung, welche auf des Ausländers Unbekanntſchaft mit den Landesgeſetzen gegründet war, durchzuführen. Es waren die Geſin⸗ nungen eines Mannes, der die Freiheit nicht als ein Privilegium und Vorrecht einer gewiſſen Farbe, ſon⸗ dern für das ganze Menſchengeſchlecht in Anſpruch nimmt. Ein unmuthiges Gemurmel ging durch die Verſammlung und von den Galerien erſchallte es wiederholt: Ein Strick für den infamen Abolitioni⸗ 9 ſten!— und: Entkomme du nur; ein Theer⸗ und Federkleid wartet auf dich!— ſo daß der vorſitzende — Richter, wie ſehr dieſe Geſinnung auch mit der ſeinen übereinſtimmte, wiederholt drohte, die Galerien räu⸗ men zu laſſen. Auf Alonzo allein war der Eindruck der Perſon des Angeklagten ſo überwiegend, daß er ihm ſeine ketzeri⸗ ſchen Geſinnungen verzieh. „Ihres Landsmannes Anſichten ſind unrichtig“, ſagte er zu Klotilden;„ich weiß, ſie ſind auch die Ihren, aber ſie ſind auf Unkenntniß des Landes und der Verhältniſſe gegründet. Die Sklaverei mag in 4. gewiſſer Hinſicht ein Uebel ſein; aber ſie iſt kein Un⸗ 3 recht. Es wäre ſonſt auch ein Unrecht, einen König à erkennen, oder überhaupt einen Unterſchied der Stände Gott hat die Menſchen nicht gleich geſchaffen, wie Ihre oberflächlichen Philoſophen behaupten. Gibt es nicht kluge und dumme, ſchöne und häßliche Men⸗ ſchen? Finden Sie nicht in allen Ländern der Welt 3 arme und reiche? Warum nicht freie und unfreie? Bergedorf iſt ein Sophiſt, ein Phantaſt; aber er ſteht für ſeine ſchlechte Sache wie ein Held. Darum muß ich ihn bewundern. Ja, es geht mir ſeltſam mit ihm— oft iſt es mir, als ob ich den fremden Menſchen, Verletzer des Geſetzes, Untergraber der 3 öffentlichen Ruhe, wie er daſteht, lieben könnte. Ich wünſchte nur, die Geſchwornen ſähen ihn mit meinen Augen. Aber dazu iſt keine Hoffnung.“ Der furchtbare Tag der Entſcheidung kam heran. Der Capitain, ein alter Fuchs, der die Menſchen kannte und zu behandeln wußte, war, als mit dem Charakter und Stande ſeiner Paſſagiere unbekannt, von der Hauptſchuld freigeſprochen worden und mit ei⸗ ner Geldſtrafe von achthundert Dollars davongekommen. Dem Gehülfen diente bei ſeiner Jugend ſeine Unbe⸗ kanntſchaft mit den Landesgeſetzen zu einer Art von Entſchuldigung; auch er durfte ſein Vergehen mit einer mäßigen Geldſtrafe und der Weiſung büßen, ſich nie wieder im Staate Südearolina ſehen zu laſſen. Das Volk, das während der ganzen Dauer des Pro⸗ ceſſes die Thüren des Gerichtshofes umlagert und die Galerien faſt erdrückt hatte, murrte und warf den beiden Schiffern, als die Conſtabler ſie abführ⸗ ten, von der Galerie ein paar faule Eier und draußen einige Steine nach. Der ganze Schrecken des Gerichtes wendete ſich gegen den dritten Gefangenen. Die Jurh ſprach ein⸗ ſtimmig ihr grauenhaftes„ſchuldig“ aus und Berge⸗ dorf ward zu zehnjähriger Zuchthausſtrafe und Zwangs⸗ arbeit verurtheilt. Die gedrängte Menſchenmaſſe auf ₰ den Galerien brach in ein wildes Hurrah und Jubel⸗ geſchrei aus, das unter den aufgeregten Haufen, welche die Thüren umdrängten, in gellendem, grauſen⸗ haftem Echo wiedertönte. Der Gefangene legte wäh⸗ rend des rohen Geſchreies einen Augenblick die Hand vor die Augen; ein kalter Schweiß brach aus der edeln, bleichen Stirn. Aber es war, als hätte dieſer eine gräßliche Au⸗ genblick die Wuth ihrer Leidenſchaft plötzlich geſühnt. Während der Dauer des Proceſſes hatten kaum die Conſtabler vermocht, beim Hin⸗ und Herführen des Gefangenen, ihn vor den Steinwürfen und Stößen des Pöbels zu retten; jetzt ließen die Befriedigten den Unglücklichen, der mit einem unausſprechlich melancho⸗ liſchen Blick über ſie hinſtreifte, ruhig durch die gedräng⸗ ten Reihen gehen, als die Gerichtsboten ihn mit gefeſſel⸗ ten Händen der Kutſche zuführten, die ihn fürs Erſte nach dem Gefängniß zurückführen ſollte. Eine angſtvolle, gewitterſchwüle Stimmung herrſchte im Caſtletonſchen Hauſe, als die Nachricht dort, kaum unerwartet, aber dennoch wie ein ſchwerer Donnerkeil einſchlug. Der ältere Caſtleton ging, leiſe aber heftig pfeifend, mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder; Alonzo ſah beſtürzt aus; Sarah weinte und Klotilden war zu Muthe, als habe ſich das Ungewitter —— über ihrem eigenen Haupte entladen. Die unglück⸗ liche Virginia hatte ſich in ihr Zimmer eingeſchloſſen. Sie verweigerte Jedem den Eintritt.“ Wider Erwarten der Familie kam ſie einige Stun⸗ den darauf zu Tiſche. Sie ſchien weniger aufgeregt als früher, und ihr ganzes Benehmen war ſo gefaßt, daß ihr Vater, der innerlich ſehr unruhig war, Muth ſchöpfte. „Papa“, ſagte Virginia,„ich habe mich ent⸗ ſchloſſen, meine Tante in Neuyork auf einige Zeit zu beſuchen. Ich bedaure, daß das Dampſfſchiff nur zweimal in der Woche und beſonders, daß es gerade heute Abend geht. Ich warte ungern ganze drei Tage.“ Nichts hätte Mr. Caſtleton willkommner ſein kön⸗ nen. Er hatte mit einiger Furcht an die nächſten Wochen und Virginiens zorn⸗ und kummervolle Stim⸗ mung gedacht und an den finſtern Schatten, den dieſe auf ſein ganzes Haus zu werfen pflegte. In Neuyork hatte ſie die beſten Mittel ſich zu zerſtreuen. Bälle, Oper, Maskeraden und beſonders Stuarts und Becks und alle die andern glänzenden Läden Broadways. „Ich will es dem armen Mädchen nicht an Gelde zu den ſchönſten Sachen fehlen laſſen“, dachte er. Daß ſie die Zerſtreuung ſelber ſuchte, war ein gutes Zeichen. ₰ „Ich habe nichts dawider“, ſagte er.„Nur bleib nicht zu lange. Schade, daß du heute nicht fertig werden kannſt. Mr. und Mrs. Phillipps gehen heute. Da wärſt du doch guter Geſellſchaft gewiß.“ „Ich fürchte, ich werde nicht bis heute Abend fer⸗ tig werden können“ ſagte Virginia mit ſtudirter Nach⸗ läſſigkeit. Klotilde traute ihren Ohren kaum. Alonzo, der ſich verfärbt hatte, als Virginia vom Abreiſen ſprach, fragte ſie beim Aufſtehen:„Darf ich Sie nach Neu⸗ york begleiten, Couſine?“ „Lieber ſäh' ich es, Sie holten mich ab, Vetter. Ich denke nicht länger als bis Mitte Mai zu bleiben. Sie können ja eher kommen und eine Weile mit mir ſich dort amüſiren, ehe wir zuſammen zurückreiſen. Sie ſprachen ja auch neulich davon, daß Sie wieder einmal nach Tallahaſota müßten, und Ihre andern Pflanzungen in Louiſiana werden auch eben nicht ge⸗ deihen, wenn ſie das ganze Jahr herrenlos und den Aufſehern überlaſſen ſind.“ Es war etwas in dieſer Fürſorge, was Alonzo's Hoffnungen ſchmeichelte. Er zögerte—„Aber Sie kön⸗ nen nicht ganz allein reiſen“ ſagte er. „O“ erwiderte ſie,„bis nächſten Sonnabend hören wir wol von Bekannten, die nach dem Norden 5 3 14 reiſen. Findet ſich niemand, ſo müßte ich Sie freilich um Ihre Begleitung erſuchen.“ Er wollte, erfreut, ſie ſeiner Bereitwilligkeit ver⸗ ſichern; aber ſie drehte ſich gleichgültig von ihm und fragte Klotilden:„Haben Sie wol einen Augenblick Zeit für mich, Miß Oſten?“ Es war etwas ſeltſam Kaltes in Virginiens Art; ſie, die ganz Leben, ganz Anmuth war, geberdete ſich heute mit einiger Steifheit; es war, als wollte ſie die innere Haſt durch gezwungene Haltung, durch lang⸗ ſame Bewegungen zügeln. Ein unheimliches, verſteck⸗ tes Feuer glühte aus den gerade vor ſich hinſchauen⸗ den Augen. Klotilden kam plötzlich eine grauenhafte Ahnung, ob vielleicht ſie dem Wahnſinn nahe ſei? Sie folgte ihr mit Beklommenheit auf ihr Zimmer. Hier angelangt, ſchloß Virginia ſogleich die Thür hinter ihr ab und trat mit Entſchloſſenheit vor ſie hin. Ihr Auge leuchtete wieder in ſeinem natürlichen Glanze, nur daß ſeine lebhafte Glut bis zur Wildheit geſteigert war. „Was denken Sie von mir, Miß Oſten? Halten auch Sie mich für das elende Geſchöpf, wie die da unten? Für das hirnloſe Weſen, das ſich an dem Schellengeklingel der Welt ergötzen will, während die tyranniſche Uebermacht das Edelſte mit Füßen tritt, 5 — das Liebſte mit frevelhaftem Hohn und Schmach über⸗ ſchüttet? Sie, Sie, die behauptet, ſie habe geliebt, können Sie nicht ein Herz verſtehen, das mehr will, als um den Geliebten weinen? Sind Sie zu feige, durch Ihr Unglück zu eingeſchüchtert, um mir zu hel⸗ fen, meinen Geliebten von dieſer grenzenloſen Schmach zu retten?“ Klotilde ſah die Verzweifelnde mit tiefem Erbar⸗ men an.„Reden Sie, arme Virginia“, ſagte ſie und Thränen entſtürzten ihren Augen.„Was kann ich für Sie thun? Was für den Unglücklichen? Wäre es möglich, ihn zu retten?“ Virginia lag an ihrem Halſe. Heiße Thränen⸗ ſtröme erleichterten das arme Herz.„O Klotilde“, ſchluchzte ſie;„ſeien Sie meine Freundin! Sarah kann nur beten, Sarah kann nicht lieben, ſie verſteht dies heiße verlangende Herz nicht! O nehmen Sie ſich meiner an!“ „So reden Sie, Virginia, was kann ich für den armen Verurtheilten thun? Wiſſen Sie ein Mittel ihn zu befreien? Reden Sie, Sie ſehen mich zu Allem bereit! Es fehlt mir nicht an Muth.“ „Dank, Dank, meine Klotilde! Ja ich weiß, daß Sie ein feſtes Herz haben, ein edles. Sehen Sie“, ſagte ſie, einen Kaſten aufſchließend und ein Päckchen 16 herausnehmend,„ich bin nicht unvorbereitet, ich habe das Schreckliche geahnet— nein, nicht geahnet, aber für möglich gehalten, denn was iſt in dieſem Lande blutdürſtiger Willkür und Sklaverei nicht möglich!“ Sie öffnete das Päckchen; ein feiner Matroſen⸗ anzug lag darin, den Alonzo im vorjährigen Winter auf einem Maskenball getragen und in ſeines Oheims Hauſe gelaſſen hatte. Die blautuchne Jacke und wei⸗ ten Leinenhoſen lagen glatt zuſammengefaltet; der breite Hut war in eine regelmäßige Form vierfach zuſam⸗ mengedrückt, ſo daß durch einiges Glätten, Ziehen und Strecken die urſprüngliche Hutgeſtalt wieder herzuſtellen war. Eine ſeidene Strickleiter, Feile, Brecheiſen und Meſſer lagen dabei. Virginia hatte ſich während Bergedorfs Proceſſes dieſe Werkzeuge ſeiner Rettung nach und nach mit Liſt zu verſchaffen gewußt. „Mein Plan“, ſagte ſie gefaßter,„iſt dieſer: Sie ge⸗ hen mit dem Beginn der Dämmerung nach dem Gefäng⸗ niß, und beſtimmen den Wärter, der Sie nicht kennt, der Sie nie geſehen, Sie, ſeine Landsmännin, ſeine Ver⸗ wandte, ſeine Schweſter, können Sie vorgeben, den Gefangenen noch einmal ſprechen zu laſſen. Morgen ſchon wollen die Unmenſchen ihn abführen. Ich glaube nicht, daß der Wärter es Ihnen verweigern wird; gewiß wird er der Ueberredungskunſt einiger Banknoten nicht widerſtehen. Sie geben Bergedorf dieſe Kleider, dieſe Werkzeuge, dieſes Taſchenbuch und— dieſen Brief.“ Sie zog ein mit Banknoten dickgefülltes Ta⸗ ſchenbuch und einen verſiegelten Brief hervor.„O Klo⸗ tilde, daß meine eigene Hand ihm die Werkzeuge zu ſeiner Rettung reichen könnte! Aber der Gefängniß⸗ wärter würde mich erkennen, ich habe nicht den Vor⸗ wand der Landsmannſchaft, überdies bewacht mich mein Vater, ſeitdem Sarah's Vorwitz ihn auf die Spur geleitet.“ „Was aber ſoll aus ihm werden“, fragte Klo⸗ tilde,„wenn es ihm gelungen, aus dem Kerker zu entkommen? Ihr ganzer Staat iſt ein Gefängniß für ihn.“ „Sie haben Recht. Alle Sklavenſtaaten ſind es. Drum muß er fort, raſch fort. Er muß ſich nach dem Hafen ſchleichen. Das Wilmingtoner Dampf⸗ ſchiff geht jeden Morgen um fünf Uhr ab. Um dieſe Zeit iſt's noch finſter. Unter dem Schleier der Nacht kann er ſich auf das Schiff begeben. Das Schiff iſt unter Segel, wenn der Gefängnißwärter die Zellen öffnet und die Flucht entdeckt. In Wilmington nimmt er die Eiſenbahn, und dann weiter, immer weiter, bis auf freien Boden. Erſt in Philadelphia iſt er ſicher. In ſechzig bis ſiebzig Stunden kann er dieſen Hafen Die Auswanderer. II. 2 S erreichen. Gehen Sie, Klotilde, um Gottes willen gehen Sie! Dieſer Brief enthält Alles.“ „Wohlan, Virginia“, ſagte Klotilde entſchloſſen, „ich will und muß das Meinige thun, den Edlen dieſer furchtbaren, entehrenden Strafe zu entziehen. Aber wie wird es mir ergehen? Wird mich nicht Ih⸗ res Vaters Zorn treffen, die Rache des Gerichtes auch? Wird es verborgen bleiben, ß ich ihm die Mittel zur Flucht gebracht?“ „O Klotilde, fliehen Sie mit mir, reiſen Sie mit mir! Ich werde fort ſein, ehe ſeine Flucht entdeckt wird. Errathen Sie nicht? Mein Vorſatz, bis Sonn⸗ abend zu warten, iſt nur verſtellt; in ein paar Stun⸗ den ändere ich plötzlich meinen Entſchluß und erkläre, heute gehen zu wollen, um unter dem Schutz der Philipps reiſen zu können. Ich mache ſchnell einen Reiſeſack zurecht, befehle Phyllis, meine Koffer zu packen und ſie mir mit dem nächſten Dampfſchiff nach⸗ zuſchicken. O kommen Sie mit mir! Nach Philadel⸗ phia kommen Sie mit mir, wo die Arme der Liebe mich empfangen ſollen.“ „Wie, Virginia, verſteh' ich Sie recht—“ „Glauben auch Sie, ich will mich in Neuyork amüſiren? Das Dampfſchiff legt bei Norfolk an. Ich erkläre unter einem Vorwande, dort landen zu 19 wollen; eine Freundin, die zu beſuchen iſt, Verwandte, was weiß ich! Von dort fährt jeden Tag ein Dampf⸗ ſchiff die Cheſapeake hinauf und eine kurze Tagereiſe bringt mich nach Philadelphia. Noch einmal, dieſer Brief ſagt Alles.“ „So wollen Sie fliehen, Ihres Vaters Haus heimlich verlaſſen? Und Ihr Ruf, Virginia? Was wird die Welt ſagen, was Ihr Vater empfinden?“ „Mein Vater iſt ein Tyrann“, antwortete Virginia und ihre Augen blitzten aufs neue vor Zorn und Un⸗ geduld;„er will mich unglücklich machen. Er weiß, daß ich Bergedorf anbete, und darum verfolgt er ihn; verfolgt ihn, der Mächtige den Schwachen, der Glück⸗ liche den Unglücklichen! O, es iſt entſetzlich! Und mein Ruf? Darum eben, Klotilde, kommen Sie mit mir, ſeien Sie mir Freundin und Ehrenwache! O, kommen Sie mit mir, gute Klotilde!“ „Kaum, daß ich es könnte“, erwiderte Klotilde, deren Inneres ſich dem Vorſchlage zuneigte, einen flüchtigen Blick auf die Uhr werfend.„Die Zeit drängt. Sie werden, wollen Sie wirklich noch heute fort, kaum noch hier ſein, wenn ich zurückkomme. Aber, theure Virginie, überlegen Sie wohl, wcks Sie thun!“ „Alles iſt überlegt, Alles beſchloſſen. Aber, noch 20 Eins, Klotilde! Fliehen Sie mit Bergedorf! Ja, das iſt das Beſte; fliehen Sie mit ihm! Zeigen Sie ihm den Weg, ſeien Sie ſeine Führerin! Er iſt un⸗ beſonnen, unerfahren; Sie ſind vorſichtig, weiſe! Er iſt viel, viel weniger der Entdeckung ausgeſetzt, wenn Sie mit ihm ſind. Erwarten Sie mich in Philadel⸗ phia, theure Freundin; ſtehen Sie mir in der wich⸗ tigſten Stunde des Lebens zur Seite! Aber es dun⸗ kelt; eilen Sie, Klotilde! Ich fürchte, am Abend läßt man Sie nicht ein. Retten Sie mein Lebensglück, theure Freundin! Cwig, ewig werd' ich's Ihnen danken!“ Klotilde, von mannichfachen, ängſtlichen Gefühlen durchbebt, ergriff die Kleidungsſtücke, hob ihr Gewand auf und befeſtigte ſie mit zitternden Händen eins nach dem andern unter demſelben; ſelbſt der Hut ward ſo untergebracht, was, zuſammen mit der Tuchjacke, ihrer ſchlanken Geſtalt das Anſehen einer wohlbeleibten, obwol nicht überdicken Perſon gab. Der Mantel barg Alles noch beſſer. Feile, Brecheiſen und Strick⸗ leiter füllten die weiten Taſchen der Matroſenkleider. Taſchenbuch und Brief auch ſteckte ſie nicht in die eigene Taſche, ſondern in einen kleinen Beutel, den ſie ſich ebenfalls unter den obern Gewändern um die Taille band. Virginia half ihr; in Wahrheit, ſie 21 mußte das Beſte thun, denn Klotilde war nicht we⸗ niger bewegt als ſie. In ihrem Kopfe wogte es furchtbar untereinander. Zu welch' einem Gange rü⸗ ſtete ſie ſich! Welchen Lagen, welchen Abenteuern ſetzte ſie ſich aus! Und wenn ſie den unglücklichen Lands⸗ mann rettete, half ſie nicht Virginien ins Verderben ſtürzen? Nun war ſie bereit. Da ergriff ſie noch einmal Virginia's Hand.„Virginia, ich will Ihren Freund retten! Aber ſelbſt fliehen mit ihm wie ein Dieb in der Nacht, das kann und werd' ich nicht. Ich muß die Folgen meiner Handlung tragen. Und Sie, beſte Virginia, warten Sie auf mich! Laſſen Sie uns zuſam⸗ men nächſten Sonnabend gehen!“ „Nein, nein! Dann wär' es zu ſpät für Sie. Eilen Sie! Seien Sie zurück, ehe ich gehe. Das Boot geht erſt um Sieben. Der Gott der Liebe ſchütze Sie!“ Klotilde eilte die Treppe hinunter und ſchlich leiſe zum Hauſe hinaus. Die Füße trugen ſie kaum, ſie zitterte an allen Gliedern, glaubte in jedem Blick eines Begegnenden den Forſcher zu leſen. Jetzt ſtand ſie vor dem Gefängniſſe. Es war keine Strafanſtalt, ein bloßes Verhaftshaus, wo die Uebelthäter während der Unterſuchungen gehalten wurden. Außer daß eiſerne Gitter vor den Fenſtern waren, ſicherten keine beſon⸗ ——— 22 dern Vorſichtsmaßregeln das Haus. Darauf hatte Virginia ihren Plan gegründet. Sie war oft daran vorbeigefahren und hatte wiederholt ihren Vater mit andern Männern von der Nothwendigkeit eines ſicherern Verhaftsgefängniſſes ſprechen und die Autoritäten tadeln hören. Das Haus ſtand im Hofe zurück, der mit einer ziemlich hohen Mauer umgeben warz; allein nur Abends ward die Thür dieſes letztern, die, wie die Hausthür mit einem Klopfer, mit einer Klingel verſehen war, zugeſchloſſen. Klotilde fand ſie noch offen. Mit za⸗ gendem Herzen ſchlug ſie den Klopfer an. Eine glückliche Schickung wollte, daß der Ober⸗ wächter ſelbſt an die Thür kam. Es war ein greiſer Mann, nicht ohne menſchliches Gefühl, das ihn lehrte, der Verhafteten Loos wenigſtens nicht härter zu ma⸗ chen, als es an ſich war. Er hörte Klotildens mit leiſer, bebender Stimme vorgetragene Bitte, von dem Gefangenen, der ihr Bruder ſei, Abſchied nehmen zu dürfen, mit Kopfſchütteln an. „Bringen Sie mir's ſchwarz auf weiß, Liebchen“, ſagte er,„bringen Sie mir die Erlaubniß vom Gou⸗ verneur, ſonſt kriegt Keiner den Gefangenen zu ſehen.“ Aber Klotilde fuhr fort zu bitten mit der ſüßen, ſchmeichelnden Stimme; ſie ſchlug den Schleier zurück, 23 und als das holde Geſicht ihn ſo flehend anblickte mit den großen, treuen, thränenvollen Augen, ward es ihm ſchwer, ihr zu widerſtehen. Erſt als ſie ihn gerührt ſah, zog ſie ihr kleines Taſchenbuch hervor und nahm zwei Zehn⸗Dollarnoten heraus, die ihr Virginia zu dieſem Zwecke gegeben hatte. Der Mann war Familienvater, ſchlecht beſoldet. „Wenn ich's thue“, ſagte er endlich,„ſo müſſen Sie mich vorher Ihre Taſchen unterſuchen laſſen, und ich muß dabei ſein, wenn Sie den Gefangenen ſprechen.“ Es war eine harte Bedingung, aber Klotilde dachte: Gott wird mir beiſtehen, wird mir ein Mittel eingeben, auch in des Hüters Gegenwart ihm die Rettungswerkzeuge zuſtellen zu können! Sie willigte in Alles. Er griff in ihre Taſche; nichts war darin als ein thränenfeuchtes Tuch und das eben für ihn faſt ausgeleerte Taſchenbuch. Er tappte an ihr herum, das Herz ſchlug ihr heftiger; aber ſo geſchickt hatte Virginia ſie drapirt, daß der Mann befriedigt die Hände zurückzog. Es war eine Würde, eine vornehme Haltung in ihrem Weſen, die ihn ſcheu machte, in ſeinen Unterſuchungen weiter zu gehen. Als er die Treppe vor ihr her hinaufging, dachte er lächelnd: Was doch das Weibsvolk ſich aufputzt mit ſteifen —— 24 Röcken und Fiſchbeinmaſchinen! Selbſt wenn ihnen der Kummer faſt das Herz abdrückt, wie der, denken ſie an Putz und Staat! Die Schweſter iſt's nicht, dazu iſt ſie zu furchtſam; es iſt ſein Schatz, das iſt gewiß! Er führte ſie einen langen, dunkeln Corridor hin⸗ unter; das ſchwere Schlüſſelbund klirrte bei jedem ſei⸗ ner langſamen, ſchlarfenden Tritte. Endlich ſtand er vor einer Thüre ſtill. Er ſchloß auf. Klotilde, nun da es galt, von Furcht befreit und entſchloſſen, trat hinter ihm ein. Es war ein ſchmutziges, dunkles Ge⸗ mach, noch finſterer gemacht durch die eintretende Dämmerung, die durch das vergitterte, hoch oben an der Wand angebrachte Fenſter nur ſpärliches Licht zuließ. Ein hölzerner Seſſel und ein ärmliches Feld⸗ bett waren ſeine einzigen Möbel. Auf dem Bette ſaß der Gefangene, die Ellbogen auf die Kniee geſtützt, das Geſicht in beide Hände verborgen. Er ſah nicht auf, als die Thür geöffnet ward, nicht einmal, als der Wächter zu ihm ſagte: „Es will Sie jemand ſprechen, Herr Bergedorf.“ Klotilde trat leiſe näher und endlich dicht vor ihn hin. Ein geheimnißvoller Schauder durchbebte ſie beim Anblicke der gramvollen Geſtalt.„Blicken Sie auf, unglücklicher Mann!“ flüſterte ſie. Da fuhr der Ge⸗ fangene entſetzt empor; da ſchaute er ihr, erſtarrt, ins 25 Angeſicht. Sie ſah ihn an, tief, lange, athemlos. „Geiſt meiner Klotilde!“ rief er mit hohler, brechender Stimme. Die Sinne verließen ſie. Er ſprang auf, ihr entgegen und— Hubert's Arme fingen die Sinkende auf, Hubert's Bruſt diente der Ohnmächtigen zur Stütze. Der Wächter war an der Thür ſtehen geblieben. Er ſah nicht ohne einige Rührung die tiefe Erſchüt⸗ terung der Liebenden und, wie von einer gewiſſen Be⸗ ſchämung über das ihm wenig natürliche Gefühl er⸗ griffen, trat er hinaus vor die Thür auf den Corridor zurück. Das Zufallen der Thür, das Klirren der Schlüſſel rief Klotilden zu ſich ſelbſt zurück. „Hubert“, flüſterte ſie, ſich emporrichtend,„du lebſt, ein Wunder Gottes hat dich gerettet, dich mir wiedergegeben! Keine Zeit iſt zu verlieren! Ich komme, dich zu befreien— dich, den Fremdling, den Lands⸗ mann.— Aber wie iſt mir denn!“ rief ſie, ſich an die Stirn greifend und raſch ſich aus ſeinen Armen reißend:„Du, du Hubert! Virginiens Geliebter!“ „O Klotilde, dein, dein Geliebter nur! Erwähne nicht der Unglücklichen! Du lebſt! O, mein Herz lag bei dir auf Meeresgrund! „Und doch— ſie glaubt ſich geliebt! Konnteſt du ſie täuſchen?“ ———— „Meine Klotilde, ich bin dein, dein allein! Hadre nicht mit mir in dieſem köſtlichen Augenblicke; Alles erkläre ich dir ſpäter, aber jetzt— Er drückte ſie noch einmal an ſein Herz. Aber ſie riß ſich von neuem los.„Du haſt recht“, ſagte ſie, „dieſer Augenblick gehört nur deiner Rettung.“ Und raſch entkleidete ſie ſich der verborgenen Gewande und Werkzeuge.„Kannſt du Mittel finden, dies hohe Fenſter zu erreichen?“ fragte ſie voll Angſt. „Doch, doch, ich ſtelle das Bett auf; gib her!“ „In der Nacht durchfeile ober zerbrich das Gitter. Die Strickleiter iſt länger, als du ſie brauchſt. Ich fliehe mit dir! Ja, Geliebter, ich kann dich nicht wie⸗ der laſſen! Kennſt du die große katholiſche Kirche am Ende der Hauptſtraße? Dort treff' ich dich um vier Uhr morgen früh. Wer eher kommt, hält ſich unter den breiten Steinſtufen verborgen, unter denen die Thür iſt, die in das Erdgeſchoß der Kirche führt. Faſſe Muth, Geliebter! Gott, der uns wieder zu ein⸗ ander führte, wird uns beiſtehen. Raſch nun, ich höre den Wächter!“ Und mit fliegender Hand die mitgebrachten Kleider im Bette verbergend und die Decke glatt ziehend, gab ſie keiner ihrer Empfindungen Raum, preßte gewait⸗ ſam die übermächtigen nieder, wie ſie ihr auch das 22 Herz zum Springen anſchwellten und zerreißend ihr durch das Gehirn zuckten. Dann noch ein langer, langer brünſtiger Kuß und der Wächter trat ein. „Es iſt ſechs Uhr, Miß“, ſagte er,„das Thor muß geſchloſſen werden.“ „Ich bin bereit“, erwiderte Klotilde. Sie folgte ihm mit bebenden Schritten. Mit fieberhaft brennen⸗ den Wangen, durch den eiligen Gang wie durch die Gemüthsbewegung gänzlich athemlos, erreichte ſie das ziemlich entfernte Caſtleton'ſche Haus. Der Wagen, der Virginia nach dem Dampfſchiff bringen ſollte, ſtand bereits vor der Thür. Virginia, im Reiſekleid, mit unruhig ſuchendem Blick, kam eben die Treppe herunter; hinter ihr Sarah. Am Fuße der Treppe ſtand der Vater und Alonzo, letzterer den Hut in der Hand, bereit, Virginien auf das Dampfſchiff zu begleiten. „Gut, daß Sie kommen“, ſagte er, als er Klo⸗ tolden ſah;„Virginia beſteht darauf, heute zu gehen, und wollte doch nicht gern fort, ohne von Ihnen Ab⸗ ſchied zu nehmen.“ Klotilde, mit übernatürlicher Kraft, eilte die Treppe hinauf; die Kniee brachen ihr faſt.„Ich habe etwas „ 28 vergeſſen“, rief Virginia und zog Klotilden in ihr Zimmer zurück. „Gott, wie lange ſind Sie geblieben!“ rief ſie; „welche Angſt hab' ich ausgeſtanden! Iſt Alles rich⸗ tig? Hat er die Sachen?“ „Er hat ſie, Virginia; er hofft ſich zu befreien. Aber Sie, theure Virginia, hören Sie mich noch ein⸗ mal! Gehen Sie nicht! Laſſen Sie mich— „Fort, fort!“ rief Virginia unmuthig.„Verlie⸗ ren Sie Ihre Worte nicht! Kommen Sie mit mir! Noch iſt's Zeit! Ihre Sachen werden Ihnen nach⸗ geſchickt!“ „Ich kann nicht mit Ihnen! Hören Sie mich, Virginia!“ „So fliehen Sie mit ihm! Sie ſind nicht ſicher.“ „Laſſen Sie mich nur Ein Wort Ihnen ſagen, beſte Virginia“— „Nichts, nichts! Ich will nichts hören. Ihr weiſer Rath kommt zu ſpät“— Da rief Mr. Caſtleton's befehlende Stimme:„Vir⸗ ginia, das Dampfſchiff wartet nicht, komm!“ Indem klopfte Alonzo an die Thür:„Verzeihen Sie, Virginia, wollen Sie einmal heute fort— es iſt der letzte Moment!“ „Ich komme“, rief Virginia und flog die Treppe herunter. Sie küßte Vater und Schweſter zu eilig und haſtig, um ein Gefühl des entſcheidenden Momentes aufkommen zu laſſen. Sie warf ſich in den Wagen, Alonzo ihr zur Seite. „Raſch nach dem Dampfſchiff!“ rief er, und die Kutſche flog davon. Mr. Caſtleton ging in das vordere Wohnzimmer und griff nach der Zeitung; aber wer ihn beobachtet und geſehen hätte, wie lange er an der erſten Seite las, hätte wol merken können, daß ſeine Gedanken mehr bei der Abreiſenden waren. Sarah ging mit Klotilden hinauf auf ihr gemein⸗ ſchaftliches Zimmer. „Mir iſt es halb und halb lieb“, ſagte ſie,„daß Virginie ſich zu der Reiſe entſchloß; es wird ſie we⸗ nigſtens zerſtreuen, wenn es ſie auch nicht beruhigen wird. Auch für ſie wird der Herr noch den rechten Weg finden, ſie nach dem Ziele zu leiten, das ſie beſſer beruhigen würde! Und wer weiß, ob nicht dieſe Prüfung ſchon der Anfang dazu iſt? Wie ſagt doch der weiſe König?„Wenn einer zu Grunde gehen ſoll, wird ſein Herz zuvor ſtolz; und ehe man zu Ehren kommt, muß man zuvor leidenv.“ „Auch Sie, liebe Klotilde“, fuhr ſie fort, ſich gegen dieſe wendend, die furchtbar aufgeregt, ein Bild des — —— innern Seelenkampfes, von Fenſter zu Fenſter, von Bett zu Thür ging und unter Sarah's frommer Weis⸗ heit faſt vor ſchmerzlicher Ungeduld zuſammenzuckte, „auch Sie, liebe Klotilde, ſcheinen ſehr zu leiden! Das Schickſal Ihres Landsmannes geht Ihnen nahe, und wie ſollte es nicht? Er hat gegen ein irdiſches Geſetz gefehlt; aber vielleicht glaubte er nach des Herrn Ge⸗ bot zu handeln. Nun ſo wird ihm doch der innere Troſt ſein, daß, wer dem Gottloſen Recht ſpricht und den Gerechten verdammt, beide dem Herrn ein Greuel ſind. Allein jetzt muß ich hinunter, für Papa Thee zu machen. Soll ich Ihnen eine Taſſe heraufſchicken? Sie bedürfen vor Allem der Sammlung.“ „Thun Sie's, gute Sarah!“ hauchte Klotilde. Sie fühlte ſich etwas erleichtert, als die Thür hinter Sarah zuging. Dieſe hatte Recht; ſie bedurfte nach den ſchmerzlichen Bewegungen des Tages, nach der entſetzlichen Erſchütterung des Abends vor Allem der Sammlung. Jetzt endlich war ſie allein. Sie hatte ihn wieder! Er lebte! Sie kniete nieder. Sie wollte beten, wollte dem Gott danken, der ihn ihr wieder⸗ gegeben, der ihn ihr gerettet hatte. Aber in ihrem Gehirn wogte es wie ein Glutmeer hin und her, die Gedanken ſtürzten wild übereinander, das Herz, in fieberiſchen, zuckenden Pulsſchlägen, drohte zu ſpringen. 31 Sie ſtand auf. Sie konnte ſich nicht genug ſam⸗ meln, um beten zu können. Sie hatte ihn wieder, aber wie? einer ſchimpflichen Strafe verfallen! Wird ſeine Rettung gelingen? Und wenn nicht, wenn man ihn bei dem Unternehmen überraſcht—, welche neue entſetzlichere Trennung ſteht ihnen bevor! Und Vir⸗ ginia— der Gedanke an Virginia träufelte vollends ein freſſendes Gift in ihre Wunden.„Er hielt mich für todt“, ſagte ſie, in melancholiſchem Grübeln vor ſich hinſtarrend:„es bot ſich ihm ein neues Lebens⸗ glück dar— und ſollte ich ihm darum zürnen? Er iſt ein Mann!“ und eine unſägliche Bitterkeit kam über ihr zweifelndes, argwöhnendes Herz. „Vielleicht“ dachte ſie,„war es nur Dankbarkeit, nicht Liebe, nicht die eigentliche Liebe, die ihn je an dich band; und haſt du dich ihm nicht angeboten? Virginia iſt ſo ſchön! O wie könnt' ich mich mit ihr meſſen? Aber nein, nein! er liebt mich, er liebt mich allein! So blickt nur das Auge der Liebe. Wie ſagte er doch? Ich ſollte nicht mit ihm hadern; und ich will's auch nicht in unwürdiger Eiferſucht. Er iſt mein, mein; auch die Schönſte ſoll ihn mir nicht nehmen!“ „Arme Virginie! und ſoll ich dich ſo hintergehen? Du ſollſt den Geliebten und die Freundin auf einmal 32 verlieren? Und du vertrauteſt mir! Nein, ich kann, ich darf dich nicht betrügen! Hubert mag allein fliehen. Nicht eher will ich mich ihm vereinigen, bis du, armes getäuſchtes Herz, Alles weißt, bis deine Großmuth in unſer Glück willigt.“ „Aber wie! ſollt' ich Hubert ſich ſelbſt überlaſſen? ihn getäuſcht, wartend den Augenblick zur ſichern Flucht verſäumen laſſen? Wo ſollt' ich ihn wiederfinden? Und wie, wenn er zu Virginien—“ Sie ſchämte ſich des Gedankens. Sie zürnte ſich ſelbſt, daß ſie ihn denken konnte. Dennoch wollen wir nicht dafür ſtehen, ob er nicht dazu beitrug, ihren Entſchluß zur Reife zu bringen. Auf einmal fiel ihr ein, daß ſie ja im Drange des Augenblicks vergeſſen hatte, ihm Virginiens Brief und Taſchenbuch zu geben. Er hatte kein Reiſegeld; er konnte nicht fort. Sie mußte mit ihm fliehen. Dies entſchied Alles. Sie fühlte ſich etwas erleichtert, als ſie zu dieſem Ent⸗ ſchluſſe gekommen war. Es war ſpät geworden und ſi hatte noch ihre Vorbereitungen zu machen. Zum Glück war Sarah heute in einem Abendgottesdienſt, den Elias Flemming hielt, um die Theilnahme des Publicums für die Hei⸗ denmiſſion in Oſtindien zu erwecken, wohin er in kurzem zurückugehen beabſichtigte. Klotilde packte ihre wenigen Sachen raſch zuſammen und ſoviel da⸗ von in ein Reiſeſäckchen, als ſie ſelbſt zu tragen im Stande war. Dann ſetzte ſie ſich nieder und ſchrieb an Alonzo folgenden Brief: „Ihnen, Alonzo, meinem Retter und Erhalter, bin ich vor Allem Rechenſchaft ſchuldig von dem unerhör⸗ ten Schritt, den ich thue, dieſes Haus, das mir Gaſt⸗ freundſchaft, Schutz und Unterhalt bot, heimlich zu verlaſſen. Ein beſonderer Umſtand, den es kaum nöthig iſt hier zu beſchreiben, in dem ich aber deutlich Gottes gütige, liebende Hand erkenne, ließ mich in dem Gefangenen Bergedorf— meinen verlobten Gatten Franz Hubert entdecken. Ihn, den ich unter den Wel⸗ len begraben wähnte, hatte ein Wunder mir gerettet; und er ſollte ein Opfer Ihrer grauſamen Juſtiz werden? Alonzo, ich glaube, hätte ich ihn erkannt, ehe das furchtbare Urtheil geſprochen war, ich hätte mich Ihnen anvertraut, Ihr Edelmuth hätte ihn ge⸗ rettet! So wie es iſt, bleibt mir nichts übrig, als ſelbſt ihm den Weg zur Flucht zu zeigen, ſelbſt mit ihm zu fliehen. Sie, Alonzo, werden mich nicht ver⸗ dammen. Suchen Sie auch Ihren Oheim gütig für mich zu ſtimmen, daß er mich nicht haſſe, mich nicht verachte. Sarah, die ganz Güte iſt, wird es nicht. An die theure Virginia ſchreib' ich ſelbſt. Die Auswanderer. II. 3 4 ———— „Ich habe eine Summe Geldes in Händen, die mir Virginia zu anderm Zwecke anvertraut, die ich aber nun zu meiner und Hubert's Flucht benutzen muß. Bitten Sie ſie, ſich aus meinem Gehalt, den ich Herrn Caſtleton mir aufzuheben gebeten, bezahlt zu machen. Ihre Schuldnerin, edler Alonzo, muß ich noch immer bleiben. Für alle Ihre Güte, Ihre Zartheit, Ihre Theilnahme werd' ich's doch ewig blei⸗ ben müſſen. O möge Gott Sie noch beglücken! So⸗ bald ich einen ſichern Zufluchtsort erreicht— ſicher vor Ihren verfolgenden Geſetzen, Alonzo— ſchreib' ich Ihnen wieder und bitte Sie, mir meinen Koffer zu ſchicken. Gott ſei mit Ihnen Allen! Klotilde Oſten.“ Sie legte ſich nieder, ehe Sarah zu Hauſe kam. Sie ſehnte ſich, nach einem Tage, der alle ihre Kräfte in Anſpruch genommen, ſich durch einen kurzen Schlum⸗ mer zu ſtärken. Aber kein Schlaf kam über ihren Geiſt. Als Sarah leiſe eintrat, ſchloß ſie die Augen; ſie wünſchte jedes Geſpräch zu vermeiden. Sarah trat an das Bett und betrachtete ſie theilnehmend, ent⸗ kleidete ſich, las ihr Capitel und trat dann noch ein⸗ mal dicht an ſie heran. Sie kniete nicht an ihrer eigenen Bettſeite, ſie kniete bei Klotilden nieder. Unter den Tönen, die ihren flüſternden Lippen entquollen, hörte Klotilde deutlich ihren Namen; Sarah betete für ſie. Wie unbeſchreiblich rührte ſie das! Sie richtete ſich empor, ſchlang ihren Arm um Sarah's Hals und weinte ſanft. „Selig ſind die Leidtragenden“, ſagte Sarah, „denn Er wird ſie tröſten. O Klotilde, jetzt, jetzt geben Sie Ihr widerſpenſtiges Herz dem Heilande, wenden Sie es endlich von dem Geſchöpf dem Schö⸗ pfer zu!“ „Ich hoffe zu Gott, meine Sarah“, erwiderte Klotilde,„daß ich es nie ganz von ihm abgewendet habe, daß ich in dem Geſchöpfe den Schöpfer liebe. Aber Sie haben Recht, ich bin nicht ergeben, ich bin nicht dankbar geng!“ Und ſie kniete ihr zur Seite und beide Mädchen beteten lange, mit heißer Inbrunſt. Verſchieden klan⸗ gen die Töne, die ſie zum Himmel ſandten, in ver⸗ ſchiedener Geſtaltung auch ſtieg der Gott geweihte Gedanke zu ihm empor, aber Er verſtand, Er wür⸗ digte ſie beide. Sarah ſchlief, wie gewöhnlich, bald und feſt. Das deutſche Volkswort„ein ruhiges Gewiſſen iſt das weichſte Ruhekiſſen“ ſchien eigens für ſie erfunden zu ſein. Klotilde ſtand auf, als ſie ſie im feſten Schlafe wußte; noch einmal betete ſie. Dann legte ſie, ſich 2 36 zur Reiſe bereitend, friſche Wäſche und Kleider an, verſchloß ihren Koffer und ſiegelte den Brief an Alonzo. Sie ſah nach der Uhr; es war über Drei. Sie nahm Hut und Mantel, hing den Reiſeſack an den Arm, warf einen letzten ſegnenden Blick auf die ſchlafende Sarah und ſchritt in die dunkle Nacht hinaus. Bebend, an den Häuſern hinſchleichend, ſuchte ſie ihren Weg nach der Hauptſtraße, an deren Ende die katholiſche Kirche ſtand. Und mußte ſie, Klotilde Oſten, der Mittelpunkt eines angeſehenen Kreiſes einſt, der Stolz ihrer Eltern und Freunde, wie eine Miſſethäterin in der Finſterniß mit klopfendem Herzen dahinwandeln, vor jedem hiſen Geräuſch erbebend, tief ſich der aufgezwungenen Heimlichkeit ſchämend und vor Entdeckung zitternd, als drückte eine ſchwere Schuld ihr Gewiſſen? Mußte ſie ſo das Haus ver⸗ laſſen, das ſie gaſtlich aufgenommen? Das Bild des Landraths ſtand vor ihren Augen, mit dem ſtolzen, vornehmen Blick; die Bilder ihrer cheuern Eltern auch, die ſtets die Hände der Liebe über ſie ausgebreitet. Aber vorwärts, vorwärts! Die Städte der Vereinigten Staaten ſind nicht überfüllt mit nächtlichen Wächtern. Sie begegnete nur einem, der ſie mit den Augen maß, aber die würdevolle Geſtalt mit ihrem ehrbar ſtillen Schritt vorbeigehen ließ, ohne ſie anzuhalten. Wahrſcheinlich hielt er ſie für ein Dienſtmädchen, das ſich bei einer Luſtbarkeit verſpätet und ſich nun vor Tagesanbruch, ehe die Brotherrin es merkt, zu Hauſe ſchleicht. Endlich hatte ſie die Kirche erreicht. Unter der Treppe bewegte es ſich. Sie trat heran und lag in Hubert's Armen. Er war frei! „Nun komm, Geliebter, komm!“ ſagte ſie, und beide gingen Arm in Arm raſch, lautlos dem Hafen zu. Das Dock, von dem das Wilmingtoner Dampf⸗ ſchiff abging, war nicht ſehr fern. Als ſie anlangten, regte es ſich ſchon auf dem Boote, die Abfahrt vor⸗ zubereiten, und man ließ ſie auf das Verdeck treten, als Klotilde, die unter dem Vorwande, Hubert ſei ein fremder Matroſe, der nicht Engliſch verſtehe, die Sprecherin machte, vorgab, ſie habe die Stunde der Abfahrt nicht gewußt und gefürchtet, ſie zu verſäu⸗ men. Unter dem Untereinanderlaufen der beſchäftig⸗ ten Schiffsleute, des Schaffners, des Kajütenmädchens fanden ſie einen ſtillen Winkel, wo ſie, eng aneinander gepreßt, ſitzen konnten, zufrieden, einander tief ins Auge zu ſchauen, die Hände zu drücken und Liebes⸗ worte zuzuflüſtern. Zum erſten Male ſeit faſt einem 38 Jahre brach wieder ein Lichtſtrahl in Klotildens 3 3 armes Herz. Unterdeſſen füllte ſich das Dampfſchiff; die Stunde der Abfahrt ſchlug. Zum dritten Mal tönte die ein⸗ ladende Glocke und das Boot ſtieß ab. Zweites Capitel. Die Flucht. Die Furcht, daß einer der Mitreiſenden Hubert vor Gericht, wohin ſeine Sache eine große Menſchenmenge geführt, geſehen haben konnte, nöthigte auch während der zwölf⸗ bis vierzehnſtündigen Seereiſe unſere Flücht⸗ linge zu der äußerſten Vorſicht. Als Matroſe geklei⸗ det, hätte überdies Hubert ſich nicht unter die Rei⸗ ſenden der erſten Kajüte miſchen können, ohne einiges Aufſehen zu erregen. Er ſetzte ſich darum, den Blick in das Meer hinausgerichtet, auf einen der Koffer, die auf dem Vorderdeck aufgehäuft waren, und erhob ſich kaum während der ganzen Fahrt. Die breite Hutkrämpe und ein ſchwarzes Band, das Klotilde ihm, als wäre es verletzt, um das linke Auge ge⸗ bunden, eine Hand voll Kohlenſtaub, die er auf ihren Rath ſich über das Geſicht rieb und die ſeiner von Na⸗ tur blühenden Hautfarbe ein fahles, unſchönes Anſehen 40 ſ gab, verſtellten ihn genugſam. Wurde er angeredet, . was übrigens ſelten genug geſchah, ſo wußte Klo⸗ 3 tilde, welche dicht neben ihm ſaß, indem ſie vorgab, ſ ihr Bruder ſei eben angekommen und verſtehe die eng⸗ 3 liſche Sprache noch nicht, für ihn zu antworten. Ein ſo feingekleidetes Frauenzimmer, deren jede Bewegung, obwol ein dichtergrüner Reiſeſchleier ihr Geſicht verhüllte, eine edle Bildung zu bezeugen ſchien, in Gemeinſchaft mit einem gewöhnlichen Matroſen zu ſehen, würde in jedem andern Lande auffallend genug geweſen ſein; in den Vereinigten Staaten aber, wo auch die gemeinſte Arbeiterin ſich auf Reiſen gern als Dame fühlt und in Manieren wie in Kleidung als ſolche zu gelten ſich beſtrebt, konnte darin höchſtens für einen genauen Beobachter etwas Beſonderes lie⸗ gen. Das Dampfſchiff war übervoll, und das Ge⸗ dränge um die Liebenden her ließ ſie nicht dazu kom⸗ men, einander von ihrer Geſchichte mehr als die all⸗ gemeinen Hauptzüge mitzutheilen. Sie hatten ein⸗ ander wieder. War das nicht genug?„Iſt es kein Traum?“ fragte Hubert oft mit flüſternd dringender Stimme.—„Du lebſt!“ hauchte Klotilde;„du biſt 4 mir vom Tode erſtanden! Wo warſt du ſo lange?“— 1„So laß mich ſelbſt fragen!“ erwiderte er ebenſo leiſe. „Hat keine meiner Anzeigen dich je erreicht?“—„Iſt — 41 tein Aufruf in meinem Namen je an dich gelangt?“— „Mich hatte mein Schickſal in den höchſten Norden geſchleudert, Geliebte!“—„Mich tief in den Süden; auch war ich lange, lange krank.“—„Das war auch ich; ich lag im Spital, hülflos, freundlos!“—„Armer, armer Hubert!“ So flüſterten ſie einander in viel⸗ fältig unterbrochenem Geſpräch zu. Als ſie in Wilmington ankamen, wartete ihrer ſchon der Eiſenbahnzug. Tag und Nacht raſtlos weiter und weiter, flogen ſie durch Nordearolina, Virginien und einen Theil Marylands. Bei Baltimore zweigt ſich von der großen Eiſenbahnſtraße, die nach Philadelphia geht, eine nach Weſten ab, die nach Harrisburg führt: ſie wählten die letztere, weil ſie zuerſt ſie auf den Boden eines freien Staates brachte; vielleicht auch ſchlug Klotilde dieſe Richtung vor, weil Virginia ſchon in Philadelphia angelangt ſein konnte. Sie fühlte, daß für den Augenblick ein Wiederſehen un⸗ möglich war. In einem ſchönen, großen Dorfe Penſylvaniens endlich machten ſie zum erſten Mal einen kurzen Halt. Der Ort war von deutſchen Coloniſten im ſiebzehnten Jahrhundert angelegt. Unter Denen, die ihnen durch das deutſche Blut noch verwandt ſchienen, glaubten ſie ſich ſicher fühlen zu dürfen. Ein freundlich helles, ländliches Wirthshaus lud die Todtmüden zur end⸗ lichen Ruhe ein. Eine körperliche Anſtrengung, wie ſie eine mehr⸗ tägige Reiſe, ſelbſt wenn ſie auf einer Eiſenbahn zurückgelegt wird, erfodert, konnte nur zur wohlthä⸗ tigen Milderung der geiſtigen Aufregung dienen, in welche ihr unverhofftes Wiederfinden und die drohende Gefahr ſie verſetzt hatte. Beide Liebenden fingen an, ſich vergleichungsweiſe einem gewiſſen Gefühl der Sicher⸗ heit zu überlaſſen. Aber die plötzliche Wendung ihres Geſchicks hatte ſie in eine Art Schwindel verſetzt, der ſie nicht zu vollkommen klarem Bewußtſein kommen ließ. Dennoch hätte vielleicht Hubert vollkommen glücklich genannt werden dürfen. Er ſaß an der Seite der Heißgeliebten, als todt Beweinten er drückte ih⸗ ren Arm; ſeine Hand hielt die ihre umſchlungen; er hing an ihren Augen, fing mit unnennbarer Wonne die füßen Liebeslaute auf, die ſie ihm zuflüſterte, und ſchlang mit der ganzen Gewalt der ihm eigenen Na⸗ turgabe von neuem das duftige goldene Zaubernetz der Rede um das liebende, gerührte, gern ſich hingebende Herz des Mädchens. Wie lieblich klang das ſo lange nicht vernommene reine, tonvolle Deutſch aus dem Munde des Gelieb⸗ ten in ihr lauſchendes Ohr! Sorglos wie immer, beunruhigte ihn keine Angſt vor Verfolgung; vielleicht hätte er ſelbſt die nöthigſten Vorſichtsmaßregeln ver⸗ nachläſſigt, wenn nicht Klotilde in ihn gedrungen hätte. Die Nächte verſchlief er meiſt, und zwar in ſo feſtem, erquickendem Schlaf, wie Klotilde bisher gedacht, daß nur der ganz vor allen Gefahren Geborgene im ſchwel⸗ lenden Bette ihn genießen könne. Am Tage ergötzten ſeine Phantaſie wachende Träume und halfen ihm die einförmige Reiſe ertragen: Träume eines neu zu er⸗ blühenden paradieſiſchen Glückes an der wiedergefun⸗ denen Geliebten Seite in irgend einem ſtillen Thale des unermeßlichen Weſtens, die er in einzelnen, ſtiz⸗ zenhaften, reizenden Bildern der theuern Gefährtin vorführte. Klotilde hörte ihm gerührt zu. Aber ihr Inneres war von mannichfachen, ſich kreuzenden Empfindungen bewegt. Auch ſie überließ ſich wol in momentaner Vergeſſenheit dem ſeligen Gefühle, wieder mit ihm vereinigt zu ſein, nicht mehr allein, verlaſſen in der weiten, öden, fremden Welt zu ſtehen; aber dazwi⸗ ſchen drängte ſich unabläſſig Virginiens ſchönes Bild, der betrogenen, getäuſchten Virginia! Sie ſehnte ſich, ihr zu ſchreiben, ſich vor ihr zu rechtfertigen. Ach! Konnte auch Hubert ſich wol rechtfertigen? Vielleicht hatte ſich Virginia, die Sieggewohnte, getäuſcht; 44 vielleicht glaubte ſie Liebe zu ſehen, wo nur Bewun⸗ derung, nur Dankbarkeit war. Vielleicht auch— er hielt ſie für todt— durfte ſie fodern—2 Nein! Er wähnte ſich frei; er hatte ſie beweint und vergeſſen. Nein, nein! Es konnte nicht ſein! Er liebte ſie noch, liebte nur ſie! Jeder ſeiner Blicke ſprach es ihr aus. Sie verwies ſich ſelbſt ihren Argwohn; und dennoch— wenn Hubert in einem ſolchen Augenblicke ihre Hand ergriff, brauchte ſie gern einen Vorwand, um dieſelbe zurückzuziehen. Und dann— wie erſchreckte ſie jedes Flüſtern hinter ihr, wie ängſtigte ſie jeder auf Hubert gerichtete Blick! Wie demüthigend war ihr auch ſelbſt der Gedanke ih⸗ rer nächtlichen Flucht aus dem Caſtleton'ſchen Hauſe! Wie beſchämend, dort, wo ihr ſo viel Güte und Gaſt⸗ lichkeit geworden, das Bild einer Abenteurerin hinter⸗ laſſen zu haben! Auch an Sarah wollte ſie ſchreiben, ſobald ſie zur Ruhe kam, ihr Alles erzählen, ihr Alles erklären. Und ihre Freunde in Deutſchland— o hätte ſie lieber nicht an den Landrath geſchrieben, welchen vergeb⸗ lichen Schmerz hatte ſie ihm bereitet! Vielleicht— welche vergebliche Hoffnungen— Sie mochte den Ge⸗ danken nicht ausdenken. Eine ſtattliche backſteinerne Kirche ſtand über den 45 mit jungen Bäumen bepflanzten, ſonnenhellen Platz hin, dem Gaſthauſe gegenüber. Klotilde fühlte, daß, nach⸗ dem ſie beide dem Körper durch erquickenden Schlaf die nöthige Erholung gegeben, dorthin der erſte Gang ſein ſollte, daß eine Flucht durch das Land nur an der Seite eines Gatten ihr zieme.„Sind's nicht Mann und Weib?“ hatte der deutſche Wirth gefragt, als Klotilde an der Thür der großen, friſchgeweißten und möbelbaaren Kammer mit Einem rieſenhaften Bette, die er den Reiſenden aufſchloß, verlegen ſtehen blieb und um noch ein Zimmer bat.„Will ſie ein einſpän⸗ nig Bett haben?“ Ein mehrſtündiger Schlaf hatte ſie ſehr erquickt. Hubert, deſſen wunderbar elaſtiſche Natur nur einer kurzen Erholung bedurfte, hatte unterdeſſen die Zeit benutzt, ſich einige Kleidungsſtücke zu verſchaffen, die ihn zu einem ſchicklichern Gefährten für ſie machten. Die weiten Schifferhoſen von Alonzo's Maskenanzug hatte er leicht über die ſeinen ſtreifen können; aber die feine blaue Tuchjacke, die für dieſen gemacht war, hatte ihm nur knapp gepaßt und er hatte ſeinen Rock dafür zurücklaſſen müſſen. Ein großer Kaufladen, der die Dorfbewohner, die, wie andere amerikaniſche Land⸗ leute, an Sonn⸗ und Feſttagen wie Städter gekleidet waren, mit allen Artikeln ihrer verſchiedenartigen leib⸗ lichen wie geiſtigen Bedürfniſſe verſah— mit Zucker, Kaffee und Salzfiſchen ſo gut wie mit Bibeln, Schau⸗ kelſtühlen und Schnittwaaren— hatte auch für Hubert jetzt einen erträglich paſſenden Rock, einen Hut und einen vollſtändigen Wechſel an Wäſche geliefert. Als er zu Klotilden eintrat, erſchien er ihr wieder unwill⸗ kürlich vertrauter, als während der Reiſe in dem fremd⸗ artigen Coſtüme und der entſtellenden Augenbinde. Sie ſtreckte ihm mit lieblich bewillkommnenden Lä⸗ cheln die Hand entgegen; er drückte ſie an ſeine Lippen. Mit entzückten Augen ſchaute er die Angebetete tief an, in deren liebenden Blicken er volle Gewährung las. Er umſchlang ſie und hielt ſie einen Moment ſprach⸗ los an ſich gepreßt. „Endlich“, rief er,„endlich nenn' ich dich mein! Keine Macht ſoll dich mir wieder entreißen! Ganz mein, auf ewig!“ „Von ganzem, vollem Herzen, Geliebter!“ flüſterte Klotilde und ſetzte, einen Blick durch das Fenſter nach der Kirche werfend, hinzu:„Laß uns nun aber kei⸗ nen Augenblick länger ſäumen, den Schritt zu thun, der auch vor der Welt unſer Zuſammenleben heili⸗ gen ſoll.“ Hubert ſah ſie fragend an. Er zögerte.„Warum“, ſagte er endlich mit halbem Lächeln,„warum, Geliebte, die Kette verjährter Vorurtheile mit in die Wildniß ſchleppen? Der unausgeſprochene Schwur, den mein Herz dir ſchon vor ſieben Jahren in jedem ſeiner Puls⸗ ſchläge that, bedarf nicht der Weihe eines Prieſters, um vor dem Ewigen zu gelten.“ „Seele meines Lebens!“ ſetzte er hinzu, als Klo⸗ tilde, die ſich während ſeiner Worte entfärbt, ſich raſch aus ſeinen Armen wand,„könnteſt du mich misver⸗ ſtehen? Du biſt zu rein dazu. Willſt du ein äußeres Band, denkſt du ſo klein von mir, es für nöthig zu 3 halten, ſo laß uns zum Friedensrichter gehen. Nur ſ ſein Band gilt in dieſem Lande; die bloße kirchliche Ceremonie iſt gleichgültig.“ Klotilde, der ein unſäglich bitteres, ſchmerzliches Gefühl das Herz zuſammenzog, ſammelte ſich mit aller Gewalt ihrer Seele. „Sie iſt es nicht mir“, ſagte ſie mit erzwungener „Was deine Philoſophie dich lehrt, eine bloße Ceremonie zu nennen, iſt mir ein heiliger Act von der höchſten Wichtigkeit. Wünſcheſt du noch, mich zu beſitzen, Hubert, ſo kannſt du es nur durch Gelaſſenheit. dieſen Act.“ „Und ſo ſei er mir willkommen!“ erwiderte Hubert raſch.„Iſt es möglich, Theuerſte, daß ich dich durch einen Ausdruck gekränkt? Verwünſcht denn dieſer Aus⸗ 48 druck! Du ſelbſt, geliebte Klotilde, ſprachſt von einer Heiligung vor der Welt. Dies machte mich einen Augenblick glauben, daß auch du— Aber komm, komm, angebetetes Mädchen! Laß uns keinen Augen⸗ blick verſäumen! Alles, was du willſt, wie du es willſt!“ Er ſelbſt warf ihr den Shawl um, ſetzte ihr den Hut auf und zeigte ſeinen Eifer mit liebevollem Drin⸗ gen. Aber der Tropfen Gift, den er unbedacht ihr ins Innere geträufelt, brannte und zehrte ihr im Herzen. Als ſie an ſeiner Seite durch das Dorf ging, nach dem Hauſe des Predigers, der in einiger Entfernung wohnte, ſchwebte ihr unwillkürlich des Landraths Bild vor, und ſeine warnende Stimme tönte die Frage in ihr Ohr: Glaubſt du, daß dieſer Mann dir der rechte Führer durch das Leben werden könne? Das Haus des lutheriſchen Predigers, eines ein⸗ geborenen Deutſchen, hatte man ihnen als am andern Ende des Dorfes liegend beſchrieben, zu weit von der Kirche ab, um für ihn bequem zu ſein, wenn er per⸗ manent angeſtellt geweſen wäre. Aber die Gemeinde hatte ihn nach Landesbrauch nur für ein Jahr„ge⸗ miethet“, um erſt zu ſehen, wie er ihr gefiele, und der Prediger hatte darum ſeine kleine Farm nicht ver⸗ laſſen wollen. Hubert und Klotilde gingen die lange, breite Dorfhauptſtraße entlang, bei mehren Gebäuden vor⸗ über, die, obwol nicht weſentlich von ihnen unter⸗ ſchieden, doch geräumiger als die gewöhnlichen Wohn⸗ häuſer waren. Sie hatten keine Höfe, die meiſten einen dreifachen Eingang, und dieſes und jenes war mit einem hölzernen Porticus verſehen. Es waren die Gotteshäuſer der Presbyterianer, Methodiſten, Bapti⸗ ſten, Dunker, Quäker und Chriſtianer, die hier in ge⸗ ringer Entfernung voneinander ſtanden, in nicht fried⸗ licherer Eintracht, als die Andächtigen, die ſie jeden Sonntag füllten, nebeneinander lebten. Die biſchöf⸗ liche Kirche nur ſah etwas vornehmer und anmaßender aus; ſie war mit einem kleinen Glockenthurm verſehen, und die hohen ſpitzen Bogenfenſter gaben ihr in den Augen der deutſchen Fremdlinge ein mehr kirchliches Anſehen, als den übrigen Gotteshäuſern die zwei kleinen Fenſterreihen mit grünen Blenden und die kahlen Dächer gewährten. Endlich bogen ſie in einen Seitenweg ein, der ſie in das offene, reich mit Mais bebaute Feld führte. Hier ſahen ſie bald ein ſtattliches Gehöft mit treffli⸗ chen Scheuern und Ställen vor ſich liegen, an die ſich ein kleines Häuschen anſchloß, das im Sommer aus ungeheuern Kohlſtauden und bunten Blumen her⸗ Die Auswanderer. H. 4 —— —. vorſchaute, jetzt aber, da es baumlos war, ziemlich kahl ſich dem Auge darbot. Es war nach der Beſchreibung, die man ihnen davon gemacht, die Wohnung des deut⸗ ſchen lutheriſchen Predigers. Se. Ehrwürden waren eben im Stalle, ſeine Kühe zu füttern, denn da ſein Predigeramt ſo precär war, durfte er die Wirthſchaft um ſo weniger ver⸗ nachläſſigen. Ein weißköpfiger Junge mit einer roth⸗ wollenen Schlafmütze ſtand, die Hände in den Hoſen⸗ taſchen, vor der Thür und glotzte Hubert, der ſich ihm abwechſelnd deutſch und engliſch verſtändlich zu machen ſuchte, mit großen waſſerblauen Augen an. Endlich ging er, den„Boß“ zu rufen. Hubert und Klotilde traten in ein offenſtehendes Hinterzimmer, das anſtändig⸗einfach möblirt und mit zwei Tiſchen verſehen war, auf deren einem eine offene Bibel lag. Bald ſahen ſie aus dem Fenſter, das in den Hof ging, mit dem weißköpfigen Jungen einen langen hagern Mann in Hemdärmeln und mit einer Pfeife im Munde aus dem Stalle treten und ſich am Ziehbrunnen waſchen. Ein paar Augenblicke darauf trat der Erwartete herein. Er ſah verdrießlich aus und hatte ſich offenbar nicht gern unterbrechen laſſen. Doch erheiterte ſich ſein Geſicht einigermaßen beim Anblick des edlen Paares. 51 „Wollt ihr copulirt ſein?“ fragte er und ſchob, als Hubert bejahte, einen der Seitentiſche in die Mitte der Stube; denn er hatte Eile. Er öffnete einen Wand⸗ ſchrank, langte einen ſchwarzen Talar und eine weiße Halsbinde heraus und ſtand als Prieſter vor ihnen. Während er ſich ankleidete, hatte er ſich erkundigt, ob ſie Ringe bei ſich hätten, und, als es ihnen daran fehlte, aus einer kleinen Schublade, aus der er, indeß er in den einen Aermel fuhr, mit der andern Hand ein Papier nahm, ſie mit zwei meſſingenen Ringen verſehen. Darauf trat er hinter den Tiſch, winkte dem Brautpaar, ſich ihm gegenüberzuſtellen, und las trocken und haſtig die Trauformel ab. Bleich, eiskalt, wie im Innerſten erſtarrt, ſtand die Braut vor ihm; mit einer Empfindung verächtlicher Gleichgültigkeit der Bräutigam. Sie waren getraut. Der Geiſtliche hatte ſie, in⸗ dem er ſie zuſammengab, unwiſſend, wie ſie hießen, nicht beim Namen genannt. Irgend ein Paar, das vor der Thür oder unter dem Fenſter geſtanden, hätte ſich die Ceremonie aneignen und die Vermählungsworte auf ſich beziehen können. Der Prediger ſetzte ſich darauf an den andern Tiſch, auf dem ein Schreibzeug ſtand, nahm ein Buch aus der Schublade und fing an die vollzogene Trauung einzutragen. Jetzt erſt fragte 4* er nach den Namen.„Wollt ihr einen Schein ha⸗ ben?“ ſetzte er hinzu;„es koſtet euch nichts ertra.“ Hubert ſah Klotilden an.„Es iſt nicht nöthig“, ſagte er, als dieſe leiſe den Kopf ſchüttelte. Er legte darauf ſtillſchweigend eine Zehn⸗Dollarnote in die offenliegende Bibel, bot Klotilden den Arm und em⸗ pfahl ſich. Der Geiſtliche aber, der abgewendet ge⸗ ſtanden, rief:„Heda! Ich kriege einen halben Thaler.“ Hubert wies ſtillſchweigend auf die Banknote.„Ja ſo!“ rief jener entſchuldigend, und ein Strahl der Freude überglänzte plötzlich ſein Geſicht, als er den Betrag derſelben wahrnahm;„bedanke mich ſchönſtens! Nehmt's nicht für ungut; es ſchlüpft mir ſo Mancher durch. Dies iſt ein freies Land und Jeder folgt ſei⸗ nem eigenen Willen.“ Schweigend, mit beklommenem Herzen, Hubert Klotildens Arm an den ſeinen drückend und ihre Hand, deren Eiskälte er durch den Handſchuh fühlte, in der ſeinen haltend, gingen die Liebenden dahin. Die Frage ſchwebte ihm auf den Lippen: Biſt du nunmehr mein? Bin ich nunmehr dein? Allein er ſchonte ihr verletztes Gefühl, das er verſtand, und ſchaute ſie nur mit ver⸗ doppelter Liebe und einem unendlichen zärtlichen Mit⸗ leid an.— Arme Klotilde! Mit welchen rohen Händen griff die gemeinſte Wirklichkeit in dein verwundetes Innere und riß noch die letzten Kränze vom Altar deiner jugendlichen Träume! Auch ſie hatte ein Mäd⸗ chenherz! Auch ſie hatte einſt mit ſcheuem, ahnungs⸗ vollem Beben aus dem heitern Spiegel ihrer Jugend⸗ phantaſie ihr Bild zurückgeſtrahlt erblickt, den Braut⸗ tranz in den Locken, von erröthenden Geſpielinnen umringt, die liebende Mutter ſegnend ihr zur Seite, die Glocken feierlich tönend, feierlicher noch die heili⸗ gen Worte der prieſterlichen Weihe zu einem neuen, verdoppelten Leben. In einem ſtillen Winkel des Her⸗ zens ruhten ſie noch immer die nebelhaften Bilder, kaum erkennbar, aber noch unverlöſcht, lebendig er⸗ halten durch den ppetiſchen Athem ihres Innern. Und nun ſo auf einmal in die platteſte, nackteſte Realität geriſſen, eingeführt in das Allerheiligſte, mit roher, entheiligender Hand!— Arme Klotilde! Du biſt weiſe, biſt erfahren; du glaubſt das Leben zu kennen und träumſt noch von einer Harmonie deines Innern mit der Außenwelt! Du glaubſt den Dichter zu verſtehen, der vom„Looſe des Schönen auf der Erde“ ſingt, und haſt es doch noch nicht faſſen lernen, wie das Gemeine in jeder Stunde des Tages es roh und ſcho⸗ nungslos„unter den Hufſchlag ſeiner Pferde“ wirft! Aber nicht lange konnte dieſe Verſtimmung ihrer Seele anhalten. Hubert, der geliebte Hubert ſaß, — 54— einen Himmel der Liebe und des Glücks im Auge, ihr zu Füßen; das war Poeſie genug, um die gemeinſte Proſa zu verklären. Zehnmal fing Hubert ſeine Er⸗ zählung an, zehnmal Klotilde die ihre; Thränen, Küſſe, Dank gegen Gott, die Gewalt der Erinnerung, Um⸗ armungen unterbrachen ſie ſo oft, als ſie begannen. Endlich ſagte Klotilde:„Es drückt mir das Herz ab, ich muß an Virginia ſchreiben. Ich kann ſo viel Se⸗ ligkeit nicht genießen ohne ihre Vergebung. Ich muß an Sarah ſchreiben; ich kann nicht ganz glücklich ſein ohne den Segen des frommen, heiligen Herzens. Morgen, Geliebter, du weißt es, müſſen wir in aller Frühe weiter nach Harrisburg. Dann etzähle du mir, dann ich dir. Was braucht's auch? Gott hat uns einander wieder geſchenkt! Das wiſſen wir, das Eine iſt genug!“ Und Hubert beſiegelte mit entzücktem Kuß und Druck ihren Ausſpruch. Er konnte wol warten. Ihn ahnete nicht, daß Klotilde, ohne ſich ſelbſt es recht bewußt zu ſein, ſich gern dem Anhören ſeiner Ge⸗ ſchichte noch entziehen mochte, aus geheimer Furcht, ihn weniger ſchuldlos zu finden, als ſie hoffte. Als ſie ſich niederließ, an Virginien zu ſchreiben, ſaß ſie lange mit der Feder in der Hand, ohne zu wiſſen, wie zu beginnen, und, als ſie begonnen, ohne 55 zu wiſſen, wie fortzufahren. Ihre eigene Delicateſſe ſagte ihr, daß ſie Virginiens Liebe ſo wenig als mög⸗ lich berühren müſſe; aber wie konnte ſie vermeiden, davon zu ſprechen? Leicht ſchien es, ihr eigenes erſtes Anrecht an Hubert geltend zu machen; allein durfte ſie ihr ſagen, was ſie aus Hubert's hingeworfenen Worten abnehmen mußte, was ihr Herz ſich ſo innig zu glauben ſehnte: daß nur ihre eigene Leidenſchaft ſie getäuſcht, daß Bergedorf ihre Schönheit bewundert habe, von ihrer Theilnahme gerührt worden ſei, aber nie ſie geliebt? Klotilde war großmüthig; ſie wußte, daß eine ſolche Ueberzeugung Virginiens ſtolzes Herz zerſchmettern müſſe. Sie ſchrieb:„Ich war todt für ihn. Das Leben war ihm durch ein Wunder Gottes wieder ge⸗ ſchenkt; ſollte er der Gabe nicht froh werden? Sollte er, in dumpfem Hinbrüten um die Verlorene, den Blick zur Erde gerichtet durch das wiedergeſchenkte Leben gehen, oder, das Auge nach oben, nach der Welt allein gewendet, von deren Rand des Himmels Hand ihn ebenſo wunderbar zurückgeführt? Ich verzeihe ihm, daß er ein Menſch— daß er ein Mann war. Aber Sie, theure Virginia, verzeihen Sie ihm auch, daß ſein Herz zurückkehrte zu der Wiedererſtandenen, für ihn aus dem Grabe Gerufenen; zu der, die ihm Alles * v 56 geopfert, was das Leben ſchmückt und ziert! Sie wären nie glücklich an Hubert's Seite geworden. Des Vaters Segen hätte Ihrer Ehe ewig gefehlt. Sie hätten Ihren Vater, der Sie anbetet, unglücklich ge⸗ macht, noch unglücklicher Alonzo, deſſen treues Herz Ihnen ganz gehört. O kehren Sie zu ihm zurück! Machen Sie ihn glücklich, ſeien Sie glücklich durch ihn! Keiner ahnet, warum Sie das väterliche Haus ver⸗ ließen; es hängt nur von Ihnen ab, daß es nie Jemand erfahre. „Verzeihen Sie auch mir, meine Virginia! weiß, ich habe Sie nicht ne wollen! Ich drang in Sie, mir nur einen Augenblick Gehör zu geben; aber Sie drängten mich zurück. Ich war gezwungen, zu ſchweigen, wenn ich nicht mein Geheimniß Denen preisgeben wollte, deren Mitwiſſenſchaft Hubert die dringendſte Gefahr drohte. Dennoch erflehe ich Ihre Verzeihung für das Herzeleid, das ich, ohne zu wollen, Ihnen bereitet. Schreiben Sie mir, geliebte Freundin! Sagen Sie mir, daß Ihr großmüthiges Herz Ihrer armen Klotilde nicht zürnt!“ Gott Der Brief an Sarah war leichter. Zwei ſo ein⸗ fache Herzen, die beide ſich nur Das, was Gott wohl⸗ gefällig iſt, zum höchſten Ziele geſetzt, wenn ſie es auch auf verſchiedene Weiſe zu erreichen ſuchten, ver⸗ ſtanden ſich nur in der vollkommenen Wahrheit. Die⸗ ſer gemäß gab jetzt Klotilde auch Sarah einen kurzen, aber vollſtändigen Bericht; nur den einen Umſtand ließ ſie aus, daß ſie nur als Botin Virginiens in das Gefängniß gegangen. Denn ſie wollte dieſe auf keine Weiſe bloßſtellen, und ihr die Rückkehr ſo leicht als möglich machen. Ohne eine Unwahrheit zu ſagen, wußte ſie mit geſchickter Hand den Vorgang ſo dar⸗ zuſtellen, als wäre die Befreiung des Landsmannes von ihr ſelbſt ausgegangen; ſie ließ unentſchieden, ob ſie vorhergewußt, wer dieſer ſei, ob nicht. Auch Sarah bat ſie dringend um baldige Antwort, um baldige Zuſicherung ihrer Verzeihung. Unwiſſend über ihren künftigen Wohnort, wies ſie ihr ein deutſches Kaufmannshaus in Neuyork zur Beſorgung ihrer Briefe an, welches ihr Hubert genannt. Es war daſ⸗ ſelbe, an welches ſeine ihm nachgeſchickten Sachen adreſſirt geweſen waren. Alles war nebſt dem ver⸗ geſſenen Koffer mit dem Reiſegelde glücklich angekommen. Die Verzögerung der Gerichte und ſeine Nachläſſigkeit ſchienen ihnen jetzt zum Glück auszuſchlagen. Denn Hubert's kleines Vermögen war das einzige Eigenthum, was ihnen, für jetzt wenigſtens, gerettet war, und un⸗ bedeutend, wie es war, ſchien es doch genug, um ihnen eine beſcheidene und unabhängige Exiſtenz zu ſichern. 53 Die Frage war nun, wohin das Schreiben an Virginia zu ſenden? Klotilde gab Hubert mit nieder⸗ geſchlagenen Augen den Brief, welchen die Liebende ihr„an Bergedorf“ mitgegeben.„Hieraus“ ſagte ſie, „können wir es erfahren.“ „Oeffne, lies du ihn, Liebſte“, ſagte Hubert lächelnd;„dein Gatte hat kein Recht mehr darauf.“ „Er iſt für dich, nicht für mich geſchrieben.“ „Für Bergedorf iſt er, nicht für Hubert.“ Beide drangen in einander, endlich ſiegte Hubert. „Ich würde vorſchlagen“, ſagte Klotilde,„den Brief gar nicht zu öffnen, ſondern ihn der Getäuſchten un⸗ erbrochen wieder zuzuſchicken, wüßten wir ſie zu finden. Aber die Haſt unſrer Trennung war ſo dringend, daß ihr Plan mir völlig dunkel blieb, und daß kein ande⸗ res Mittel übrigbleibt, ſie zu erreichen.“ Sie zog ſich darauf in ihr Zimmer zurück, erbrach das Siegel und las, indem eine dunkle Glut ihr Ge⸗ ſicht überzog, den kurzen Brief, den Virginia mit zit⸗ ternder Hand und in der höchſten Aufregung des Her⸗ zens geſchrieben. „Unglücklicher, über Alles theurer Mann! Die Unmenſchen haben Ihnen Ihr Urtheil geſprochen; die Elenden denken Sie zu erniedrigen, und erniedrigen, entwürdigen nur ſich ſelbſt. Aber ich biete ihnen Trotz. . Ich will Sie befreien. Ja, die Liebe ſoll Sie retten. Hören Sie auf, mich mit ängſtlichen Rückſichten zu quälen, die eines Mannes, wie Sie, nicht würdig ſind. Hören Sie auf, von meinem Reichthum zu ſprechen, den ich verachte, von einer Geſellſchaftsſtel⸗ lung, die ich verſchmähe. Jetzt iſts nicht mehr Zeit dazu. Ich ſende Ihnen die Mittel zur Flucht vor der drohenden Schmach. Gehen Sie bis Philadelphia. Dort eilen Sie nach der Wohnung der franzöſiſchen Putzmacherin Avalon, 55 Straße. Fragen Sie dort nach Miß Browning von Rocheſter. Eine frühere Wohlthat hat mir dieſe Frau verbunden. Wie, Berge⸗ dorf, armer Flüchtling, wenn Sie dort eine Freundin wiederfänden?— Auch ich reiſe heute ab. Ich kann die Luft dieſes Hauſes nicht länger athmen. Faſſen Sie Muth! Auch ich bin dann eine Flüchtige, Ver⸗ laſſene, habe Niemand als Sie! Genügt das Ihrem Stolze, harter, übertugendhafter Mann? „Der Gott der Liebe ſei mit Ihnen, ſchütze Sie, rathe Ihnen! Bis in den Tod Ihre Virginia C.“ Als Klotilde den Namen Avalon las, ſtieg die Er⸗ innerung, daß ſie die Schweſtern wiederholt von die⸗ ſer Frau habe ſprechen hören, deutlich in ihr auf. Virginiens Reichthum und Großmuth hatte vor meh⸗ 60 ren Jahren die Witwe ihres franzöſiſchen Sprachleh⸗ rers, die mit einer Anzahl junger Kinder durch ihres Mannes Tod in großes Elend gerathen, befähigt, in Philadelphia, wo ſie Verwandte hatte, ein kleines Putzgeſchäft zu errichten, das durch die Thätigkeit und Geſchicklichkeit der Frau bald zu einem der blühendſten der Stadt geworden war. Je höher ihr Glück ſtieg, je wärmer ward die Dankbarkeit der lebhaft fühlenden Franzöſin gegen das ſchöne junge Weſen, das den Grund dazu gelegt. Sie ſchrieb an ſie, ſchickte ihr Proben ihrer Geſchicklichkeit, und pflegte gern mit ihrer Kundſchaft in Charlestown, der ſchönen Miß Caſtleton, zu prahlen. Virginia ſah mit Wohlgefallen ſich in dieſem erkenntlichen Herzen einen Tempel erbaut, er⸗ theilte Beſtellungen für ſich und ihre Bekannten und förderte ihre Clientin dadurch mehr und mehr. Auf die Dankbarkeit dieſer Frau glaubte ſich Virginia ver⸗ laſſen zu können. Unter einem Unſchlag an ſie ſchickte Klotilde nun ihren Brief ab. Virginiens Schreiben verbrannte ſie. Sie fühlte ſich ruhiger, als dieſes geſchehen, und konnte ſich nun einem innigen Geſpräch mit Hubert und einem frohen Blick in die Zukunft überlaſſen. Sie ſelbſt erzählte zuerſt, wie es ihr ergangen. Ihre Geſchichte war kurz und einfach. Hubert wollte Alles wiſſen. Er fragte nach jedem einzelnen Umſtande. Dies ängſtlich genaue Forſchen ſchien faſt außer ſei⸗ nem Charakter und fiel Klotilden ſeltſam auf. Als er Frage an Frage über Alonzo reihte und mit unter⸗ drückter Bewegung ſie ihre Bewunderung des edlen jungen Mannes ausſprechen hörte, dachte Klotilde mit Verwunderung bei ſich ſelbſt: Wie, könnte er Eifer⸗ ſucht fühlen? Sollte mir dieſer Zug ſeines Charakters entgangen ſein?— Aber auch von Joſephen wollte er jeden Zug, jede Einzelnheit wiſſen. Die Unglückliche! rief er wiederholt mit tiefem ſchmerzlichen Mitleid und einer Innigkeit der Theilnahme, die Klotilden nicht anders als befremden konnte. Endlich kam auch Hubert dazu, die Umſtände ſei⸗ ner Rettung umſtändlich zu erzählen. Er hob an: Drittes Capitel. Neuengländiſche Bilder. „Als ſie dich fortführten, meine Klotilde, als ſie mir den Eintritt in das rettende Boot verweigerten, ergriff mich Verzweifelung. Ich mußte dir nach, dies eine Gefühl nur war in mir. Du ſagſt, einer der Un⸗ menſchen zerſchmetterte mir die Hand, die des Bootes Rand ſchon ergriffen; ein Anderer oder derſelbe ver⸗ ſetzte mir einen Schlag auf den Kopf, der mich be⸗ täubte. Jetzt erſt erfahr' ich, was mir ſo lange Arm und Hand gelähmt— die Erinnerung an die Urſache war mir gänzlich entſchwunden. Aber ich mußte bis vor kurzem den linken Arm noch in der Binde tragen; die geheilten Finger, ſiehſt du, ſind noch jetzt ſteif und ungelenk. Ich glaubte, einer der gegen mich ſtrö⸗ menden Balken hätte die Hand zerbrochen. Die dumpfe Betäubung, in der ich nachher ſo lange ge⸗ legen, und die Gewalt des Fiebers, das für Monate 65 63 meine beſten Kräfte in ſich ſog, hatte mir auch das Gedächtniß geſchwächt und manche einzelne Umſtände ganz verlöſcht. „Nur Eins weiß ich, daß der grauſame Schlag mich nicht ganz überwältigte, daß ich lange halb beſinnungs⸗ los auf den Wellen herumtrieb, Leichen und Trümmer des brennenden Schiffes um mich her. An einen die⸗ ſer letztern klammerte ich mich feſt, als mich die Kraft zu verlaſſen drohte. Weiter und weiter von der un⸗ geheuern brennenden Feuermaſſe riß mich der Schrecken — ob ich mich dem Lande zu arbeitete, ob es mich weiter hinaus in das offne Weltmeer riß— ich war es mir nicht bewußt. Bis an den fernſten Horizont lag's wie ein glühender Spiegel um mich her. Von Zeit zu Zeit kam ein mächtiger Balken, durch die un⸗ geheuern Wogen vorwärts geſchleudert, hinter mir drein oder mir in die Seite, zerquetſchte mir die Glieder oder riß mich hinab in die Tiefe, während mich eine andere gigantiſche Woge wieder emporwarf. Erſt in den Fiebernächten nach meiner Rettung ward ich mir meiner grauſenhaften Lage recht bewußt, und ſchauderte davor. So lange es galt, um das Leben zu ringen, erſchreckte mich nichts umher. „Was iſt doch der Menſch, meine Klotilde! Um das Leben, das ich verabſcheute, das mir ein Greuel war, kämpfte ich inſtinktmäßig in verzweiflungsvoller Wuth. Eine mächtig große Tonne kam plötzlich mir zur Seite. Es mochte eine der großen ausgeleerten Waſſertonnen ſein, die des Schiffsverwalters Vorſicht wieder zugepicht hatte. Ich klammerte mich daran feſt. Endlich gelang es mir, mich darauf zu ſchwingen. Ich gewann einen Blick hinaus in das Meer. Ueberhaupt war es eine ſtille Nacht. Dies rettete mich.“ „O Hubert“, unterbrach ihn Klotilde, die athem⸗ los an ſeinen Lippen hing;„welchen Kampf haſt du kämpfen müſſen! Und doch, in deinem Ringen ſelbſt lag ein Troſt. Ich lag wie in Banden, regungslos. O es iſt eine entſetzliche Qual in ſolcher Ohnmacht! Aber weiter, weiter!“ „Wie lange mein gefährliches Fahrzeug hin⸗ und hergetrieben, weiß ich nicht; aber der Morgen graute ſchon, als ich von fern ein Boot zu ſehen glaubte und bald darauf ein lautes Rufen mich deſſen gewiß machte. Mit dem Schrei der Verzweiflung mag ich den Ruf beantwortet haben. Ein Schiff lag in eini⸗ ger Entfernung, aber durch die Nacht hatte die furcht⸗ bare Glut, in ungeheurem Umkreis leuchtend, unſer Schickſal verkündigt. Gegen Morgen, als ſie der Gegend, wo das Unglück geſchehen ſein mußte, näher kamen, ſchickten ſie ein Boot aus, zu ſehen, ob hier 65 und da vielleicht noch ein armer Schiffbrüchiger zu retten ſei. Ich war der Einzige, den ſie fanden. Sie nahmen mich ein, brachten mich aufs Schiff, zogen mir trockene Kleider an, legten mich in eine ihrer dunkeln Kojen und pflegten mich mit rauher Barm⸗ herzigkeit. Es war eine Brigg aus Hallowel in Maine, die in Apalachicola Ladung eingenommen und eben auf dem Heimweg war. Welche unbegreifliche, unheilvolle Schickung, wenn du es ſo nennen willſt, war es, Klo⸗ tilde, die dich nach dem fernſten Süden dieſes Landes führte, während Well und Wind mich mitleidig dir nachziehen zu wollen ſchienen und mich, den wohlthä⸗ tigen Elementen zum Trotz, hinweg in ſeinen fernſten Norden riſſen! O die Natur mit ihren Kräften war ihrem Jünger hold! Nur die Menſchenhand, die mich in die Wellen ſtieß, und die, die mich aus ihnen herauszog, um mich von dir wegzureißen, waren mir feindſelig! „Deine Gottheit“, erwiderte Klotilde mit Ernſt, „wenn du wirklich die ſinnliche Natur darunter ver⸗ ſtehſt, hat ſich ſchlecht genug an uns bewährt, indem ihre blinden Kräfte es waren, die uns wiederholt Zer⸗ ſtörung drohten. Die väterliche Vorſehung aber, die uns durch ſo viele dringende Gefahren und durch die Die Auswanderer. II. 5 66 wunderbarſten Verſchlingungen der Umſtände wieder vereinigt— welch ein verſtocktes Herz müßteſt du haben, Hubert, wenn du ihr nicht mit mir danken, ſie nicht mit mir preiſen wollteſt!“ „Unſer Glück, meine Klotilde“, verſetzte Hubert mit Zärtlichkeit ſie umarmend,„wird deines und mei⸗ nes Gottes beſter Dank und Preis ſein.— Aber laß mich dich jetzt noch einmal in die Nacht meiner Ver⸗ gangenheit zurückführen“, ſetzte er abbrechend hinzu, ihren tiefen Seußer abſichtlich überhörend.„Ich lag lange betäubt, in dumpfem Weh, dann länger noch todtkrank, unfähig, die zerſchlagenen, zerquetſchten Glie⸗ der zu rühren. Der Bootsmann, der den Schiffsarzt machte, verband mir die Wunden an Arm und Füßen. Die Luft, die ich da unten in dem von faulen Dün⸗ ſten verpeſteten Zwiſchendeck athmete, konnte mich nur kränker machen. Manchmal, wenn die Sonne recht warm ſchien, nahmen mich von den rohen Burſchen, die mich umgaben, zwei mitleidige Seelen aus dem finſtern Behältniß heraus und trugen mich auf das Verdeck, legten mich platt nieder unter dem Maſtbaum auf ein ausgebreitetes Blanket und ließen die friſchen Winde mich umſpielen, die warmen Sonnenſtrahlen mich umkoſen. Sie waren meine beiden Wohlthäter. Wenn ich die rauhen Stimmen hörte, wenn ich die „— rieſigen Arme mich umfaſſen fühlte, fing an das Herz mir zu ſchlagen. Ich empfand wieder etwas wie Wohlſein; ich hätte die derben, rußigen Geſtalten lieben können.“ Klotilde weinte vor inniger Rührung.„Und wie lange, armer, armer Hubert, dauerte die Reiſe?“ „Wochen lang; vielleicht einen Monat. Die Rech⸗ nung fehlt mir. Denn als unſer Schiff endlich den Kennebec hinauffuhr und in Hallowel ankam, war ich ſo krank, daß der Capitain es gerathen fand, mich vom Bord in das Hospital tragen zu laſſen, das vom Staate im dortigen Hafen, beſonders für kranke See⸗ leute, errichtet iſt. Ich habe nur eine dunkle Erinne⸗ rung davon; doch hatte ich noch Bewußtſein genug, von meinen beiden Wohlthätern Abſchied zu nehmen, und dem einen meine Uhr, dem andern die Kette davon mit der wenig gefüllten Börſe zu geben. Der Capitain hatte dieſe Dinge für mich aufgehoben. Ich glaubte des Geldes und Geldeswerthen nicht mehr zu bedürfen. „Das Fieber brach nun erſt recht aus. Von den Greueln des Lazareths, von den Höllenqualen eines Krankenlagers in dieſen verpeſteten Höhlen der Ge⸗ meinheit und des Laſters laß mich ſchweigen! Es hieße dein Gefühl mishandeln, dir davon zu erzählen. 68 Zuletzt brach die Kraft meiner Jugend und meiner Conſtitution die Krankheit, nicht die Kunſt der er⸗ bärmlichen Stümper, die ſich Aerzte nannten. Der Juli war angebrochen, ehe ich das Hospital verlaſſen konnte. Ich hatte mir den Eigenthümer des Schiffes, das mich gerettet hatte, nennen laſſen, einen Kauf⸗ mann, dem es, wie ich meinte, auch an Verbindungen mit Neuyork nicht fehlen konnte. Ich fuhr in einem Fiſcherboote den Kennebec hinauf nach Hallowel und fragte nach Aaron Danforth's Haus. Man wies mich nach ſeinem Laden in dem compacten Theile des Dorfes, in dem das nicht unbedeutende Geſchäft Hal⸗ lowels ſich concentrirt. Die anmuthigen Flecken Neu⸗ Englands liegen oft über mehre deutſche Meilen Bo⸗ dens ausgeſtreut, aber nur ein Theil derſelben bildet ſtets den Kern, d. i. das eigentliche(villagen; hier findeſt du meiſt die Kirchen des Ortes zuſammen, das Gerichtshaus, den Gaſthof, die Bank, die ein bedeutendes Dorf nicht gern entbehrt; der Arzt wohnt hier; die Poſt darf nicht fehlen; beſonders aber ſind die hauptſächlichſten Läden hier zu fin⸗ den, die, wie unſere penſylvaniſchen, Alles, was der Menſch braucht, oft die heterogenſten Dinge in ſich vereinen. Auch Herr Aaron Danforth, der mehre Schiffe auf dem Meere und eine Farm von 69 vierhundert Morgen Landes hatte, hielt einen ſolchen Laden. „Die Bänke der Veranda des Hauſes waren wie gewöhnlich von den Zeitungsleſern des Dorfes beſetzt, die ſich zu dieſer Stunde, bald nach Ankunft der Poſt, hier einzufinden pflegten. Die Attitüden der Bequem⸗ lichkeit, in denen ſie auf hölzernen Bänken und herbei⸗ geſchobenen Stühlen, Tabak kauend oder Cigarren rauchend, hingegoſſen lagen, hatten eine frappante Man⸗ nichfaltigkeit, die mich amüſirt haben würden, wenn ich mich einer Art von falſcher Scham hätte erwehren können, in dem Aufzug, in dem ich war, unter eine Menge von wohlgekleideten Männern zu treten. Meine Kleider, von denen man mir, was noch allenfalls brauchbar war, aufgehoben und, grob geflickt, wieder ausgeliefert hatte, mochten wol nicht durch das Seebad gewonnen haben. Der Aufſeher hatte mir ein Paar alte Stiefeln geborgt, die mir an den Füßen hingen, und eine Mütze, die ich nur mit Ekel auf den Kopf ſetzte. Dazu mein bartverwachſenes, aſchgraues Ge⸗ ſicht— du lächelſt durch Thränen, ſüße Klotilde— aber glaube mir, ich ſah einem Vagabonden ähnlich genug, und in Europa würde jeder civiliſirte Menſch mir aus dem Wege gegangen ſein. „Als ich in kaum verſtändlicher engliſcher Aus⸗ S ſprache nach Herrn Danforth fragte, erhoben ſich plötzlich die Blicke aller der Leſer zu mir, um ſogleich auf ihre Blätter wieder zurückzufallen. Einer der Männer aber ſtand auf, bot mir einen höflichen«gu⸗ ten Morgen, Sir! und ging ohne Verzug mit mir in den Laden. „Dieſe wahrhafte, echte, menſchliche Höflichkeit, dieſe Achtung vor dem Unglück, dieſer Reſpect vor Menſchenrecht iſt der herrlichſte Charakterzug der Ame⸗ rikaner. Darum iſt mir auch noch nie ein kriechen⸗ des, in ſeinem äußern Weſen niederträchtiges Indi⸗ viduum dieſer Nation vorgekommen. Wir haben in Europa kaum einen Begriff von der negativen Würde eines als demokratiſcher Republikaner erzogenen Mannes. Denn Der, welcher ſich die unabhängige Stellung eines Republikaners erſt künſtlich aneignet, iſt in großer Gefahr, ſich ſtolz und übermüthig zu zeigen. Eine edle, vornehme Haltung, feine gewandte Sitten, wie nur die höhere Geſellſchaft ſie gibt, beſon⸗ ders aber eine gewiſſe Anmuth der Perſönlichkeit wirſt du vielleicht auch unter den gebildetſten Männern hier ſeltener finden, als unter irgend einem Volke der alten Welt; männliche Würde in Anſtand und Betragen aber dafür tauſendfach in allen Kreiſen der Ge⸗ ſellſchaft ſelbſt unter den Aermſten und Niedrigſten diejenige ruhige Faſſung, diejenige furchtloſe Haltung, die der Stempel des Gefühls der Menſchenwürde ſind, und des erhebenden Bewußtſeins, keine Macht über“ ſich zu wiſſen als das Geſetz.“ „Nur wäre oft zu wünſchen“, ſagte Klotilde,„daß wenigſtens das Bewußtſein dieſer Uebermacht in ihnen lebendiger wäre.“ „Du haſt Recht“, erwiderte Hubert.„Die Ach⸗ tung vor dem Geſetz ſollte, namentlich in den öſtlichen, civiliſirten Staaten um vieles lebendiger ſein. Aber daß in den primitiven Zuſtänden des Weſtens, wo große Entfernungen und die Mangelhaftigkeit anfäng⸗ licher Einrichtungen manchmal die regelmäßige Wirk⸗ ſamkeit der Geſetze hemmen, das natürliche Rechts⸗ gefühl des Menſchen oft überſchäumend ausbricht und das Gefäß ſprengt; daß unter Lebensbedingungen, die in einigen Gegenden in mancher Hinſicht mehr denen des europäiſchen Mittelalters als civiliſirten Zuſtänden gleichen, die Volksjuſtiz zuweilen in den Händen der wackerſten Männer einer noch kaum eingeſetzten geſetz⸗ lichen Gerichtsbarkeit vorgreift— dies ſollte nicht zu einſeitig ſtreng getadelt werden, beſonders aber ſollte man es nicht in unwiſſender, zur Anſchwärzung der Demokratie benutzter, willkürlicher Verwechſelung den ältern Staaten, die allein ſich mit denen 72 Europas vergleichen laſſen, in das Schuldbuch ſchreiben.“ „Du wirſt die Willkür und Selbſthülfe der weſtlichen Staaten nicht rechtfertigen wollen, Hubert! Wenn du dem Adel das Fauſtrecht nicht gönnſt, wäre die Vehme in den Händen des Bürgers nicht noch viel verwerflicher, die kein altes Herkommen, keine Sitte der Väter heiligt?“ „Rechtfertigen gewiß nicht, nur entſchuldigen und erklären als Selbſthülfe. Uebrigens habe ich dir ſchon zugegeben, daß auch in den ältern, civiliſirten Staaten Nordamerika's die Achtung vor dem Geſetz durchaus nicht durch Erziehung und Strenge ſo gepflegt wird, als ſie es ſollte. Und dies mag allerdings zum Theil Folge des allgemeinen Wahlſyſtems ſein, das faſt alle Aemter und Würden einſchließt. Denn die Beſorgniß, die Wähler zu beleidigen, hat leider nur ſchon zu oft die Ausführer der Geſetze zu einer ſo ſträflichen Milde und Nachſicht verführt, daß kaum die mächtige Lei⸗ denſchaft des politiſchen Ehrgeizes, der ſeine Popularität zu verlieren fürchtet, es erklären kann. Denn der tüchtige, geſunde Verſtand des amerikaniſchen Volkes läßt ihm im Grunde doch den rechten Weg erkennen, und wenn auch die Eitelkeit der Maſſen ſich durch die Anerkennung ihrer Macht geſchmeichelt fühlt, ihre 73 Achtung wird ſie dem Amtscandidaten, der um ihre Gunſt buhlt, nie erwerben.“ „Mit dieſer unzureichenden Achtung vor dem Ge⸗ ſetz“, ſagte Klotilde,„mag auch der entſchiedene Man⸗ gel an Pietät eng zuſammenhängen, der alle Verhält⸗ niſſe dieſes Landes ſo auffallend charakteriſirt. Und gerade die große und rührende Pietät der Alten war es, die dem ſtrengen Freiheitsſinn der römiſchen und ſpartaniſchen Jugend ein ſo ſchönes Gegengewicht hielt. Sie ehrten die Alten, die Erfahrnen; die Ge⸗ ſetze waren ihnen heilig, weil die Väter ſie gegeben. Es war die concentrirte Weisheit ihrer Vorzeit, der ſie ihre eigenen Jugendträume in ehrfurchtsvoller Scheu unterwarfen.“ Hubert lächelte.„Schon gut“, ſagte er,„fahre nur ſo fort, ſo wirſt du bald in den Reihen Derer ſtehen, die mich auf die Feſtung ſchickten. Jetzt laß mich nach Hallowel zurückkehren. Wo war ich?“ „Du trateſt eben in des Schiffsherrn Laden. Wie war es, theurer Hubert? War er nicht blos höflich? War er auch gütig? Nahm er ſich deiner an?“ „Er ſah ſo trocken und nüchtern aus, daß es vielleicht nicht gerathen geweſen wäre, ſich auf ſein bloßes Mitleiden zu verlaſſen, was ich zum Glück nicht bedurfte. Ein langer, hagerer Mann, kaum 7 ½ vierzig Jahre alt, mit einem wohlgebildeten Geſicht, über deſſen ſcharfe Form ſich eine welke, ſchlaffe Haut zog; aber die Stirn war denkend, die Augen forſchend, von dicken, ſchwarzen Brauen überſchattet; die Naſe fein; die Lippen ſehr dünn und die Zähne durch Tabak⸗ kauen verdorben. Ich hätte ihm wenigſtens funfzig Jahre gegeben. „Ich eröffnete ihm, daß ich der Fremde ſei, den ein glücklicher Zufall auf einem ſeiner Schiffe gerettet; daß ich natürlich gegenwärtig ohne alle Mittel ſei und ihn darum erſuchen möchte, mir hundert Dollars vorzuſtrecken, für die ich ihm durch eine Anweiſung an das Haus Schröder in Neuyork Sicherheit zu geben mich erbot, das meine Gelder und Sachen unterdeſſen empfangen haben müſſe. „Er hörte mit einiger Anſtrengung zu, denn mein Engliſch mochte kaum verſtändlich ſein; überdies ſieht man in dieſem Landestheile ſelten einen Fremden. Er ſtand, den Hut auf dem Kopfe, den Rock zurück⸗ geſchlagen, die beiden Daumen in den Armlöchern der Weſte. „Als ich aufhörte zu ſprechen, erfolgte eine be⸗ trächtliche Pauſe, während welcher er mich mit einem langen Blick von Kopf zu Fuß maß und dann mit forſchenden Augen an meinem Geſichte hängen blieb. 75 „Und wenn das Haus Schröder Ihre Anweiſung nicht anerkennt?* fragte er endlich trocken. Es wird, es muß ſie anerkennen. Es hat mehr als den hundertfachen Betrag der Summe in meinem Eigenthum in den Händen.» (Wer beweiſt mir das?“ fragte der Yankee mit der vollkommenſten Ruhe. Aber es war nichts Har⸗ tes, nichts Verletzendes in ſeiner Weiſe. „Ich fühlte nur zu ſehr, daß er Recht hatte.«„Es iſt außer meiner Machtv, ſagte ich nach kurzem Beſin⸗ nen und es mochte wol auf meinem Geſichte ſich ein Ausdruck tiefen Schmerzes zeigen. Denn ich hatte jetzt den einen dringenden Wunſch, bald nach Neuyork zu kommen, um durch Zeitungen, Schiffsnachrichten und auf jedem nur möglichen Wege zu verſuchen, Nachrichten von dir zu bekommen, wenn du noch am Leben warſt; ſowie dich wiſſen zu laſſen, daß ich ge⸗ rettet wäre. Der Aufſeher des Lazareths wie der Doctor hatten mir geſagt, daß in Hallowel dazu we⸗ nig Hoffnung ſei; daß außer den provinziellen höchſtens boſtoner Blätter hier gehalten würden, die über dentſche Schiffe wenig Nachricht gäben; daß ich nur in Neuyork die ältern Zeitungen finden würde, die vielleicht einen Aufruf an mich enthielten, daß ich überhaupt nur dort die nöthigen Nachrichten einſammeln könnte. — ⸗ (Wie lange dauert es», fragte ich endlich,«ehe Sie Antwort haben können?* (Fünf Tage, vielleicht kann eine Woche darüber hingehen.* „Laſſen Sie uns das Erſte hoffen! Schreiben Sie ohne Verzug! Fünf Tage mehr des Elendes werden ſich auch noch tragen laſſen!» „Der Mann ſchwieg eine Zeit lang. Er zog ein Ta⸗ ſchenmeſſer heraus und fing an, ſeine Nägel zu putzen. Endlich ſagte er:„Wiſſen Sie was, junger Herr, ich will Ihnen einen Vorſchlag machen. Ich will Sie mit anſtändigen Kleidern und Wäſche aus meinem Laden verſehen; denn ich ſehe Ihnen wol an, daß Sie beſſere Tage erlebt haben. Ich will Sie zu mir in mein Haus nehmen, bis die Antwort kommt, oder länger, wenn es Ihnen in Hallowel gefällt, und Sie können die Koſt und den Preis der Kleidungsſtücke dadurch gut machen, daß Sie meinen Kindern im Deutſchen Unterricht geben. Vielleicht verſtehen Sie auch Fran⸗ zöſiſch? Muſik gewiß, denn Sie ſind ja ein Deutſcher; wir haben hier in Maine große Noth an Lehrern in den neuern Sprachen und den ſchönen Künſten, ob⸗ wol unſere Schulen vortrefflich ſind.» „Ich traute meinen Ohren kaum.(Wie! rief ich,„Sie wollen mir nicht elende hundert Thaler 7 anvertrauen und ſind bereit mich in das Allerheiligſte Ihrer Familie einzuführen?» Das iſt meine eigene Sache. Als Geſchäfts⸗ mann bin ich vorſichtig; als Menſch vertrauungsvoll. Ihre Phyſiognomie gefällt mir; Ihr Fall aber ſcheint mir zweifelhaft.» (Was aber könnten Ihre Kinder in wenigen Ta⸗ gen von mir lernen?» Vielleicht gefällt es Ihnen bei uns und Sie bleiben länger. Uebrigens können wißbegierige Ge⸗ müther, und das ſind meine Kinder alle, beſonders die Mädchen, auch in wenigen Tagen einen guten Grund legen. Auf jeden Fall können ſie ſich die Ausſprache aneignen. Meine älteſte Tochter wird bald als Lehrerin in eine jungen Damen⸗Akademie eintreten. Sie iſt nur auf Latein, Mathematik, Phi⸗ loſophie und Franzöſiſch gemiethet; kann ſie aber noch eine deutſche Claſſe halten, ſo wird ihr das ſehr zu Gute kommen.» „Liebe Klotilde, melancholiſch, wie mir zu Muthe war, verzog ſich, glaub' ich, doch mein Mund zum Lächeln. „Und Sie glauben?, fragt' ich,«daß ich Ihrer Tochter in höchſtens einer Woche genug lehren kann, um ſie ſelbſt zum Lehren zu befähigen?» „Warum nicht? Was man wirklich gelernt hat, kann man auch lehren. Wer etwas hat, kann et⸗ was geben, das iſt eine Thatſache. Uebrigens haben wir vortreffliche Schulbücher, und wenn ſie nur erſt die Ausſprache inne hat, mit Hülfe einer guten Gram⸗ matik und des Wörterbuchs kann ſie ſich auch Andern nützlich machen. „Verwundert wie ich war, nahm ich gern den Vorſchlag an. Denn was Anderes blieb mir übrig? Er ſuchte mir nun ſelbſt die nöthigen Kleidungsſtücke aus und ich metamorphoſirte mich im Hinterzimmer des Ladens, wie ich es geſtern im Dorfe gethan, das unſer erſter Hafen war. Nachdem wir die nöthigen Briefe geſchrieben und ich dem Barbier einen Beſuch gemacht, führte mich Herr Danforth in ſeine Fa⸗ milie ein. „Hallowel iſt, wie du es in Neu⸗England beſonders häufig finden wirſt, halb Stadt halb Dorf. Es ver⸗ einigt manche Vortheile der erſtern mit allen des letztern; d. h. die Bequemlichkeiten der Civiliſation, Schulen, Läden, Märkte, Geſellſchaft mit friſcher Luft, Raum zur Bewegung und Zwangloſigkeit des Um⸗ gangs. Der europäiſche Einfluß, der bei dem An⸗ drang der Einwanderung ſelbſt die kleinern Orte der öſtlichen und Mittelſtaaten ſchon einigermaßen ent⸗ 79 nationaliſirt hat, war noch nicht hierher gedrungen. Höchſtens war von Canada eine Wirkung fühlbar. „Aaron Danforth's Wohnhaus lag gar anmuthig auf einer Anhöhe, ſchneeweiß mit grünen Blenden und einem Porticus verſehen; wenig Schatten umher, wie ihn der Norden auch nicht bedarf und der Ame⸗ rikaner, da er das gemüthliche Sitzen, Arbeiten, Eſſen, Leben im Freien auch in den Sommertagen nicht kennt und übt, nicht braucht. Ein Blumengarten lag dahinter, den die Töchter pflegten, und die bunten Georginen ſtanden in vollſter Pracht. Die Familie Danforth war, wie ich erſt ſpäter recht inne ward, eine echt neuengländiſche Familie der beſten Art. Sie ſtanden, außer um ihres eigenen Werthes willen, als Abkömmlinge des alten Vicegouverneur Thomas Danforth, der in der Vorzeit Maines eine bedeutende Rolle geſpielt, in der Nachbarſchaft in einigem An⸗ ſehen; denn eine ehrenvolle Abkunft wird hier wie überall ſehr hochgeſchätzt. Aaron Danforth ſelbſt war ein echtes Yankeegemiſch von Großmuth und Klein⸗ lichkeit, von kühnem Entſchluß und genauer Berechnung; abwechſelnd liberal und geizig, für gewiſſe Zwecke die größten Opfer nicht ſcheuend, aber den kleinſten Ge⸗ winn nicht verſchmähend. Er konnte auf dem Markt um ein paar Cents feilſchen und handeln; aber wenn einer ſeiner Leute mehr Arbeit that als ausbedungen war, ſo erhöhte er den Lohn freiwillig und konnte auf das genaueſte den Geldwerth, den jeder ſeiner Dienſtboten oder Arbeiter für ihn hatte, beſtimmen, den jenem nicht zu erſtatten er für ebenſo unredlich gehalten haben würde, als wenn er ihn im Handel betrogen hätte. Das engliſche„what is he worth?“ das ſich blos auf das Vermögen bezieht, findet in dieſem Lande der Arbeit und des Schaffens eine an⸗ dere Anwendung. Jeder iſt ſo viel werth als er verdienen kann. „Aaron Danforth's Liberalität zeigte ſich auch in ſeinen reichlichen Beiträgen zu allen Anſtalten für gemeinnützige Zwecke, beſonders Kirchen⸗ und Schul⸗ verbeſſerungen, denn er und ſeine Gattin und vier oder fünf von den Kindern waren Kirchenmitglieder. Allein er hielt ſehr ſtreng darauf, daß Reichere, als er, auch im Verhältniß noch mehr zahlen mußten, und war im Stande ſeinen Namen von einer Subſcription zurückzuziehen, wenn ein reicher Nachbar nicht zahlen wollte und der Zweck derſelben doch jenem mit zu Gute kommen ſollte, blos um ihn auf ſchlaue Weiſe zu zwingen, mit ſeinen Schätzen herauszurücken. Bei allem Gemeinſinn war er wie billig doch beſonders auf der Seinigen Nutzen bedacht und ſtets fertig, wenn er es, ohne Andere zu beeinträchtigen, konnte, mit bewundernswürdigem charakteriſtiſchen Takt aus dem kleinſten Umſtand Vortheil zu ziehen. „Außer dem Geſchäft ging ihm die Familie über Alles, die er trotz dem nur wenig ſah. Denn er war einer der Magnaten des Ortes und außer durch ſeinen Laden und ſein Comptoirgeſchäft war er als Prä⸗ ſident der Bank, Director der Aſſecuranzgeſellſchaft, Schatzmeiſter der Sparcaſſe, Kirchenvorſteher und Com⸗ mitemitglied von, ich weiß nicht wie vielen Geſell⸗ ſchaften in Anſpruch genommen. Bei alle dem hatte er noch Morgens auf den Markt zu gehen, um den nöthigen Fleiſchbedarf einzukaufen— das Gemüſe, das im Garten gezogen ward, und die Puddings und Pies, von denen der Tiſch täglich ſtrotzte, waren den Frauen überlaſſen— und ſo manche Nacht den ſchreienden Säugling umherzutragen, um nur der armen erſchöpften Mutter Ruhe zu geben, da dem dreizehnjährigen Mädchen, die, wie es hier auf dem Lande ſelbſt in wohlhabenden Familien Brauch iſt, die Wärterin machte, der kleine koſtbare Liebling Nachts nicht anvertraut werden konnte. „Hatte Aaron Danforth aber einmal einen unbe⸗ ſetzten Abend und blieb nach dem Thee im Familien⸗ kreiſe, ſo war er ſicher, dafür zehnfach in Anſpruch Die Auswanderer. H. 6 genommen zu werden. Hier war ein Schloß zer⸗ brochen, das er ausbeſſern ſollte, hier ein Kaſten ſo verquollen, daß die vereinigten weiblichen Kräfte des Hauſes nicht hinreichten ihn zu öffnen, ohne daß et⸗ was abgehobelt werden mußte. Sogar die Mädchen kamen und fragten Mr. Danforth um Rath, ob die Kaffemühle nicht feſter geſchraubt werden könne; oder baten ihn, die alte Uhr zu reguliren. Nichts hätte ihn bewegen können, die nöthigen Handwerker zu den fleinen häuslichen Reparaturen kommen zu laſſen, deren die Wirthſchaftswerkzeuge jedes Haushalts von Zeit zu Zeit bedürfen. Die paar Dollars, die er jähr⸗ lich durch ſeine häusliche Thätigkeit erſparte, waren ſein Stolz und machten ihm mehr Freude, als die Tauſende, die er im Handel gewann. „Die Hausmutter, eine Frau von kaum achtund⸗ dreißig Jahren, aber durch Sorgen und Kindbetten ohne Ende vorzeitig verblüht und verwelkt, zeigte noch Spuren großer Schönheit; beſonders wenn ſie Sonntags zur Kirche ging, im ſeidenen Kleide mit Spitzenkragen und Manſchetten, eine Uhr an goldener Kette tragend, mit modiſchem Shawl und Hut ge⸗ ſchmückt, hätte ſie an Würde und Anſtand mit der vornehmſten Dame wetteifern können. Aber ſie war zum Beſten ihrer herangewachſenen Töchter längſt von der Bühne getreten. Ich ſah ſie wenig, früh war ſie in der Küche oder in der Kinderſtube; am Nachmittag buk ſie, oder wuſch den jungen Mädchen, die es noch nicht recht gelernt hätten und nur Alles verderben wür⸗ den, wie ſie ſagte, die Spitzen und geſtickten Kragen; oder ſie war wieder in der Kinderſtube. Obwol meine Wohlthäterin, hörte ſie doch nie auf, ſehr zurückhal⸗ tend und blöde gegen mich zu ſein. Denn den Ame⸗ rikanerinnen geht mit dem Bewußtſein der Schönheit und Jugend auch die Sicherheit des Betragens ver⸗ loren. Sie fühlen, daß ihnen Das fehlt, was ihnen hauptſächlich— um nicht zu ſagen allein— Geltung in der Geſellſchaft gibt, wie ſie ſich in dieſem jungen Lande gebildet hat. Jugendliche Amerikanerinnen, be⸗ ſonders amerikaniſche Mädchen, ſind im Allgemeinen dreiſt, laut, gefallſüchtig, im Bewußtſein ihrer Reize oft übermüthig; ältere meiſt ernſt, zurückhaltend, er⸗ mattet, von geiſtigen Intereſſen beſonders den kirch⸗ lichen ergeben. Dieſe Bemerkungen mögen mehr auf das Dorf und die Landſtädte paſſen, als auf die grö⸗ ßern Städte, namentlich die Seeſtädte, wo die Natio⸗ nalitat ſich weniger rein erhalten hat, aber im Ganzen wirſt du ſie überall beſtätigt finden. „Die Ehe dieſes trefflichen Paares war mit drei⸗ zehn lebenden Kindern geſegnet. In ihren Namen 84 ſchien der alte Bund wieder lebendig geworden zu ſein. Da war ein Ichabod, ein Joſua, ein Moſes, ein Kaleb; eine Sarah, eine Rebecca. Dazwiſchen die Würze einiger angelſächſiſcher Namen, wie Edith und Edward. Zwei der kleinen Mädchen waren nach Landesbrauch auf den Namen von Verwandten und Hausfreunden getauft und wurden auch im gewöhn⸗ lichen Geſpräch Elizu Hardiman und Mary Jane Diron genannt; nur daß der Name der letztern, den ſie von Mrs. Danforth's Vater hatte, für den häus⸗ lichen Gebrauch doch etwas zu lang befunden ward, weshalb man das allerliebſte kleine Ding in der Familie Diry und in der Schule Diry Danforth nannte. Das kleinſte, obwol ſchon acht Monate alt, war noch gar nicht getauft; es war unter keinem andern Namen als„das Baby“ bekannt, der in allen Familien Neu⸗ Englands dem Jüngſten gebührt und in Scherz und Ernſt oft in ſpäte Jahre ſich hinüberzieht. „Die drei älteſten Söhne, alle wackere Burſchen, waren ſchon vom Hauſe fort; der mittelſte, der Stolz der Mutter, ſtudirte in Yale⸗College und ſollte im nächſten Herbſt das Seminarium in Bangor beſuchen, um ſich zum Prediger auszubilden. Die Ausſicht, den Liebling bald in der Nähe zu haben, und die Hoff⸗ nung der Gemeinde, gelegentlich das Wort Gottes 85 von den geliebten Lippen verkünden zu hören, erfüllte die halberloſchenen Augen der Mutter mit Glanz und warf, wenn ſie davon ſprach, über ihr ganzes gemeſ⸗ ſenes, nur aus Blödigkeit kaltes Weſen einen Strahl von Liebes⸗ und Lebenswärme. Von den beiden an⸗ dern großen Söhnen bewirthſchaftete einer die Farm; der andere war in einem Ladengeſchäft in Boſton un⸗ tergebracht. Es war weniger von ihnen die Rede. „Des Hauſes eigentliche Zierde aber war der noch unter ſeinem Schutz weilende Haufen Kinder, von der älteſten Tochter von neunzehn Jahren an bis zu dem namenloſen vergötterten„Baby“ herab; alle wohl⸗ gebaut, blühend und mehr oder weniger geſcheidt; die kleinen Mädchen, fünf an der Zahl, klug und durch⸗ weg von einer gewiſſen wilden Anmuth beſeelt, ſchon übermüthig im Vorgefühl einſtiger Eroberungen; die Knaben kalt, entſchloſſen, praktiſch gewandt, Männer im Kleinen. Es war ergötzlich zu hören, wenn Joſua und Kaleb, von denen der Aeltere kaum das zwölfte Jahr hinter ſich hatte, beide aber ſchon eifrige Zeitungs⸗ leſer, ihre politiſchen Meinungen austauſchten, und der Aeltere für«Old Hiccoryv, der populäre Name Ge⸗ neral Jackſon's, der Jüngere für die Bank und Nico⸗ laus Biddle argumentirte, den ſein Gegner mit dem Volkswitz«Old Nic bezeichnete; ohne alle Leidenſchaft, 86 wie es ſchien, und mit einer in Jungen ihres Alters überraſchend ſcharfen Logik, bis auf einmal einer oder der andere mit geiſtigen Waffen nicht weiter konnte und dem Gegner einen Schlag verſetzte, worauf dann der Kampf in einer gewöhnlichen Jungenbalgerei endigte. Uebrigens wurden die Knaben ſchon frühzeitig zur Höflichkeit und Rückſicht gegen die Schweſtern angehalten. Wenn in Deutſchland in heranwachſen⸗ den Familien in bürgerlichen Verhältniſſen nur zu häufig die Schweſtern die Brüder bedienen, bei Tiſche aufwarten und ſich hin und her ſchicken laſſen müſſen, ſo war es hier vielmehr der umgekehrte Fall. Die Knaben wurden zu kleinen Botſchaften nach der Küche gebraucht; einer derſelben mußte die Waſſergläſer füllen und ein anderer das Brot herumgeben; traf unvermuthet ein Gaſt ein, ſo daß der Tiſch überfüllt ſchien, ſo wurden ein paar Knaben an ein Neben⸗ tiſchchen verwieſen, während die kleinen Mädchen ihre Plätze behaupteten. Dies Verhältniß geht in den Vereinigten Staaten durch alle Claſſen der Geſellſchaft; die Mädchen wachſen in dem Bewußtſein heran, in der Höflichkeit und rückſichtsvollen Behandlung der Männer eine ſichere und willige Stütze ihrer Schwäche zu finden; ohne Zweifel iſt es zum Theil dies Be⸗ wußtſein, was ſchon früh ihnen das Linkiſche, Verlegene, . Ungefügige abſtreift, was häufig die jungen Mädchen anderer Nationen, beſonders unter den arbeitenden Claſſen verunziert. Gibt doch nichts auf der Welt uns ein ſichereres, freieres Auftreten, als die Ueberzeu⸗ gung, der Hochachtung unſerer Umgebungen gewiß zu ſein. „Europäiſche Reiſende haben häufig ſchon An⸗ ſtoß an der übertriebenen Artigkeit der Amerikaner gegen ihre Frauenzimmer, beſonders aber an der Anmaßung genommen, mit welcher ſie von dieſen letztern als ihr Recht gefodert wird. Mag ſein, daß einige davon ſich wie verzogene Kinder betragen. Ich ſelbſt habe ſie gewiſſe Höflichkeiten, die kein beſonderes Opfer er⸗ heiſchen, ohne Dank, als ihr Gebühr annehmen und ſogar ſolche, die mit einer kleinen Aufopferung verbun⸗ den waren, wie z. B. das Abtreten eines guten Platzes, nur mit einem gnädigen Kopfnicken belohnen ſehen. In Neuyork ſaß ich einmal an einem heißen Tage mit mehren Männern im Omnibus, als zwei ge⸗ putzte Damen von mittlerm Alter einſtiegen, die, ſtatt ſich ſogleich auf die leergelaſſene Bank zu ſetzen, die mit Sonne bedeckt war, am Eintritt ſtehen blieben und mit langen Blicken die Reihe Herren maßen, welche im Schatten ſaßen. Eine zufällige Unachtſamkeit wollte, daß keiner davon ſich rührte und ſeinen Platz anbot. 88 Die Damen mußten ſich, naſerümpfend und einander Blicke zuwerfend, in die Sonne ſetzen und trugen Sorge, indem die eine der andern Rücken mit verdop⸗ pelten Shawls und Taſchentüchern bedeckte, das rohe Geſchlecht gegenüber auf ſeine Unterlaſſungsſünden aufmerkſam zu machen.“ „Vielleicht“, ſagte Klotilde,„waren es eben die Anſprüche, welche ſie ſo zur Schau trugen, welche die Männer beſtimmten, diesmal nicht die gewöhnliche Galanterie zu üben.“ „Mag ſein“, erwiderte Hubert;„wenigſtens weiß ich, daß ihr Betragen mich meinen Platz ungeſtört behaupten ließ. Die Amerikaner aber ſind gewohnt, ſelbſt die übertriebenen Anmaßungen der Frauen mit lächelnder Nachſicht zu betrachten. Die öffentlichen weiblichen Emancipationsverſuche z. B., die, außer un⸗ ter einigen verdrehten Köpfen, unter den Männern Europas mit Widerwillen und Unmuth aufgenommen wurden, haben in Amerika nie andere Empfindungen als gutmüthigen Spott erregt. Uebrigens brauchteſt du ein Wort, was nicht ganz ſtatthaft ſcheint, liebſte Klotilde. Die Verehrung, welche der Amerikaner dem * weiblichen Geſchlecht beweiſt, ſollte nicht Galanterie genannt werden. Ihr liegt vielmehr die ſchützende Schonung des Stärkern für den Schwächern zu Grunde; ſie hat, bei aller Höflichkeit, etwas von Herablaſſung. An der bloßen Art und Weiſe, wie der Amerikaner einer Dame ſeinen Arm bietet, mag eine Frau fühlen, daß er ſich nicht eine Gunſt erbittet, ſondern ihr vielmehr eine Stütze, einen Schutz anbie⸗ tet. Eben weil die Hochachtung, die er den Frauen zeigt, nicht Galanterie iſt, breitet ſie ſich nicht allein über alle Alter, ſondern auch über alle Claſſen der Geſellſchaft aus. Der ariſtokratiſchſte Dandy behan⸗ delt ſeine Wäſcherin, ſein Dienſtmädchen mit ſchonen⸗ der Höflichkeit und würde zur Hülfe bereit ſein, im Fall er ſie z. B. einen Tiſch, einen Koffer, oder ir⸗ gend etwas tragen ſähe, was er ihren Kräften nicht angemeſſen hielt. Galanterie iſt eine Blüte der ver⸗ feinernden Cultur; aber du findeſt unter den ameri⸗ kaniſchen Ackerbauern und Holzhauern verhältniß⸗ mäßig die nämliche Höflichkeit und rückſichtsvolle Schonung gegen das weibliche Geſchlecht, welche die raffinirteſten Kreiſe der Seeſtädte ziert. Das Grund⸗ princip dieſer Achtung iſt, daß ihnen, als den Schwä⸗ chern, Zartern, Alles erſpart wird, was körperlich be⸗ ſchwerlich, roh, ſchmutzig iſt, was ſie den öffentlichen Blicken ausſetzt, kurz Alles, was ſie herabzieht, was ihnen den Reiz des Geſchlechts, die zartere Weiblich⸗ keit raubt. Der reiſende Amerikaner erſchrickt vor den 90 bvotziehenden Weibern Europas, vor dem rohen Ge⸗ ſchrei Waaren feilbietender Mädchen, vor den ſcheuß⸗ lichen Geſtalten der greiſen Kohlenträgerinnen. Unter den Hökerfrauen, die in den Seeſtädten auf offener Gaſſe mit Obſt und Honigkuchen feil ſitzen, findeſt du keine Amerikanerinnen. Nie erſcheint eine Ameri⸗ kanerin, ſei ſie auch noch ſo arm, auf der Straße, ohne den ſchützenden Hut. Feldarbeiten werden nie von Frauen verrichtet; Alles, was mit Laſtentragen verwandt iſt, bleibt ihnen erſpart; die mahagonibrau⸗ nen Backen, die herausgedrängten, breiten Schulter⸗ knochen unſerer Bauerweiber wirſt du umſonſt hier ſuchen. In häuslicher Thätigkeit ſtehen die Amerika⸗ nerinnen der Dörfer und Landſtädte den Frauen an⸗ derer Nationen, wenn ich höchſtens die deutſchen aus⸗ nehme, nicht nach. Waſchen, kochen, backen, nähen, fegen und beſonders die Pflege und der frühe Unter⸗ richt der Kinder beiderlei Geſchlechts iſt ihr Beruf; aber alle nach außen gerichtete Thätigkeit, Alles, was Kör⸗ perkraft, was ein trotzbietendes Reiben mit der rohen Welt erfodert, gehört dem Manne an. „Ich hege kaum einen Zweifel, daß dieſe edle, großmüthige Schonung des Weibes, in der die Ame⸗ rikaner dem Engländer, welcher ſchon dem Deutſchen darin zum Beiſpiel dienen könnte, ſo weit voran ge⸗ gangen, ihren Urſprung in den frühern Coloniſten⸗ verhältniſſen hat. Das ganze ſiebzehnte Jahrhundert mußte vorübergehen, ehe die äußerlichen Geſchäfte, wie Feldarbeiten, Marktreiſen, Bauten und dergl. auf⸗ hörten, ohne einige Gefahr vor den Angriffen der Indianer verrichtet werden zu können. Die Hänſer ſtanden vereinzelt; ſelbſt die Aecker der nächſten Nach⸗ barn waren oft viele Meilen von einander getrennt. Die Frauen blieben natürlich im Innern und bedurf⸗ ten, wenn ſie irgend eine äußerliche Thätigkeit über⸗ nahmen, immer des männlichen Schutzes. Die Abhängigkeit, in welcher das weibliche Geſchlecht dadurch erhalten ward, war freilich ſeiner rechtlichen Stellung ſehr ungünſtig, denn wahrſcheinlich lag dieſelbe Urſache dem Umſtande zu Grunde, daß die alten eng⸗ liſchen Geſetze, welche die natürlichen Menſchenrechte des weiblichen Geſchlechtes beſchränken, indem ſie die Ehe⸗ gattin faſt für beſitz⸗ und erwerbsunfähig erklären, ſich noch immer in den meiſten Staaten erhalten haben. Aber der Einfluß auf ſeine geſellſchaftliche Stellung war deſto günſtiger. Das Weib, mit je größerer Sorg⸗ falt es gehütet, vor Gefahren geſchützt werden mußte, ward deſtomehr ein Gegenſtand der Verehrung; und da auch die Würde der äußern Haltung durch eine wür⸗ dige Behandlung nur gefördert werden kann, ſo mußte — die natürliche Schönheit angloamerikaniſcher Frauen eben dadurch an ſittlicher Grazie noch gewinnen und demnach ſie in ihrer ehrenvollen Stellung befeſtigen.“ „Wie gern hör' ich dir zu!“ ſagte Klotilde.„Wie fein und ſcharf ſind deine Bemerkungen!— Dennoch, mich drängt es, mehr von dir ſelbſt, von deinem eigenen Ergehen zu erfahren. Jetzt erzähle mir vor Allem von dir wieder!“ Und vielleicht hat der Leſer, wenigſtens die Leſerin ſchon ein ähnliches Verlangen getragen; vielleicht hat ſie ſchon Hubert's Sichverlieren in allgemeinen Betrach⸗ tungen in einem der erſten Geſpräche mit ſeiner ver⸗ lorenen Geliebten„unnatürlich“ geſcholten. Darum wollen wir bemerken, daß wir die obigen Andeutun⸗ gen keineswegs für den Inhalt eines einzigen Ge⸗ ſpräches, ſondern vielmehr für die Reſultate ſeiner Beobachtungen geben wollen, wie er ſie in mehren Unterredungen während ihres anfänglichen Zuſammen⸗ ſeins der Gattin mittheilte. Hubert, mit einer ſcharfen Beobachtungsgabe ausgeſtattet, war übrigens zu phi⸗ loſophiſch⸗dilatoriſchen Erklärungen geneigt, die ihn oft von ſeinem Gegenſtande ablenkten, und Klotilde, obwol ſie ihm mit innerm Wohlgefallen zuhörte, mußte ihn oft erinnern, zu ſeinem Hauptgegenſtand zurückzukommen. viertes Capitel. Fortſetzung. „Meine beiden Schülerinnen im Hauſe Aaron Dan⸗ forth's“, fuhr Hubert fort,„waren ſeine beiden älteſten Töchter, zwei reizende Mädchen im Knospenalter des Lebens. Die älteſte, Ellen, die„Lehrerin“, bleich und angegriffen vom Ueberſtudiren, mit großen ſchwar⸗ zen, forſchenden Augen; die kleine, ſechzehnjährige, eine hohe, aufgeſchoſſene Geſtalt, mit dem zarteſten, lieblichſten Geſichtchen, von braunen Locken umflattert, und ſchon ſtark die Rivalin der Schweſter. Auch ihnen fehlte es nicht an häuslicher Thätigkeit; denn den reichſten Familien auf dem Lande mangelt hier oft die Bedienung, beſonders in Landestheilen, in welche noch wenig Einwanderer gedrungen, da unter den amerikaniſchen Farmerstöchtern nicht Arbeiten, wol aber Dienen für erniedrigend gilt, und ſie lieber, weil ihnen die Stellung mehr cladyliken vorkommt, 94 ſich ſcharenweiſe nach Lowell oder in andere Fabriken begeben, wo ſie für beſtimmten Lohn eine ſtreng zu⸗ gemeſſene, oft ſehr ſaure Arbeit zu verrichten haben, ſonſt aber vollkommen unabhängig ſind, als ſich zum häuslichen Dienſt in irgend einer reichern, ſich vor⸗ nehmer haltenden Familie verdingen. Des Morgens fegten und bürſteten meine beiden Schönen die Zim⸗ mer; machten, was keine Kleinigkeit war, in ſämmt⸗ lichen Kammern die Betten und wuſchen das Früh⸗ ſtücksgeſchirr. Dann kleideten ſie ſich an und waren, ein Buch, oder eine feine Nätherei in der Hand, die vollkommenſten Dämchen, mit allen Airs, allen Capricen der Stadtſchönen, kaum durch etwas Anderes, als die röthern Wangen von ihnen zu unterſcheiden. „Der Nachmittag war zum Stundengeben feſt⸗ geſetzt. Beide meiner reizenden Schülerinnen zeigten großen Eifer und eine nichtzuſättigende Wißbegierde. Meine kurze Gegenwart ſollte gründlich benutzt, der kenntnißreiche Deutſche tüchtig ausgebeutet werden. Rebecca, die Jüngſte, ſpielte Lite let us cherish**) und(6God save the King“ auf dem Clavier und wünſchte ſich nun in der Muſik zu vervollkommnen. *) Das deutſche„Freut Euch des Lebens“. Ein Lied, das in den Vereinigten Staaten kaum weniger populär iſt, als in ſeinem Vaterlande. 95 Wahrſcheinlich hatte der Vater plötzlich die Idee gefaßt, daß ich ſie in aller Geſchwindigkeit zur Muſiklehrerin ausbilden ſollte. Wenigſtens fragte er alle Abend, was Becky gelernt? wie's mit der Muſik ſtehe? und ob ſie nun noch ein Stückchen ſpielen könne?— Er war reich; aber ſein Vermögen zerfiel in dreizehn, ja vielleicht, denn er war noch rüſtig genug, in zwan⸗ zig Theile. Daher war er weiſe genug, an die Ver⸗ ſorgung ſeiner Töchter zu denken, und wünſchte jede von ihnen zu einem Lebenserwerb befähigt zu ſehen. Doch ging der Plan der Benutzung nur von ihm aus. Die Töchter waren harmlos und zu jung um zu berechnen. Allein ſie betrachteten, nach amerikani⸗ ſcher Mädchenweiſe, jeden jungen Mann, der im Hauſe eingeführt ward, als ihr natürliches Eigenthum. Die guten Kinder nahmen daher auch die hauptſächlichſte Pflicht der Gaſtfreundſchaft über ſich und überſchütte⸗ ten mich bald mit Güte, bald mit Anfoderungen.“ „Deine Lage war gefährlich“, ſagte Klotilde, die lächelnd zugehört hatte.„Wie wurdeſt du aber mit zwei auf einmal fertig?“ „Es hätte ein ſchwieriger Punkt werden können, wenn ich mich, eine tiefe Melancholie und dein Bild im Herzen, nicht vollkommen paſſiv verhalten hätte. Ich konnte mir das zuvorkommende Weſen der lieben — Mädchen gern gefallen laſſen, da ich deutlich ſah, daß ihr Herz nichts damit zu thun hatte; theils intereſſirte ſie der Fremde, der Unglückliche, theils wollten ſie gegen die Gefährtinnen gern ein wenig mit mir prah⸗ len. Die Mutter hatte mir ein nettes Oberſtübchen angewieſen, in das ich mich gern nach den Stunden zurückog. Allein kaum hatte ich die Thür zugemacht, als ſchon eins der kleinen Mädchen davorſtand und mit hellem Stimmchen rief: Mr. Hubert, Schweſter Becky wünſcht Sie ſpazieren zu fahren, um Ihnen die Gegend zu zeigen; oder: Schweſter Ellen hat die Pferde ſatteln laſſen, um mit Ihnen einen Ritt nach Pa's Farm zu machen.— Nur Abends hatte ich einige Ruhe. Dann kamen die(Beaun d. h. die jungen Herren aus dem Dorfe, die jungen Damen zu beſuchen; die Mutter, nach der nicht einmal an der Thür gefragt worden war, zog ſich dänn beſcheiden zurück. Bald war das Kokettiren, Lachen und Necken in vollem Gange und ich konnte umſomehr dann un⸗ vermerkt aus dem Zimmer ſchleichen, als das Beſuch⸗ zimmer, wie es bei amerikaniſchen Familien auf dem Lande, zumal im Sommer Sitte iſt, ſtets im Halb⸗ dunkel gehalten ward.“ „Aber ſag' nur, lieber Sittenmaler“, unterbrach ihn Klotilde,„wie du in ſo kurzer Zeit ſo viel und 97 genau haſt beobachten können? Dauerte denn dein Aufenthalt in Hallowel ſo lange?“ „Eine volle Woche. Ich kann kaum den Verdacht unterdrücken, daß Mr. Danforth die Antwort aus Neuyork künſtlich verzögerte, um mich etwas länger benutzen zu können. Auch dachte er wol, daß es mir nirgends wohler gehen könne, als in ſeinem Hauſe, und freute ſich aufrichtig, ſowie ſeine Gattin, meiner ſichtlichen Erholung und Geneſung während dieſer Woche. Ich hatte während derſelben an den bremi⸗ ſchen Conſul in Neuyork ſowie an den Miteigenthü⸗ mer des Schwanes in Neu⸗Orleans geſchrieben, verließ aber Hallowel, ehe ich eine Antwort erhalten konnte. Was übrigens meine Bemerkungen anbelangt, ſo mußt du bedenken, daß ich nun über ein Jahr im Lande bin und die frühern Beobachtungen habe completiren können. Der Eindruck, den ich gleich von vorn herein von der Geſellſchaft empfangen, wie ſie ſich charakte⸗ riſtiſch in dieſem jugendlichen Lande geſtaltet, iſt im Weſentlichen derſelbe geblieben. Sie hat etwas Fri⸗ ſches, Energiſches, wie das ganze Leben hier, ſie iſt unblaſirt. Die Intereſſen ſind, wenn auch nicht tief, aber wahr und lebendig, und das Neue, Abſon⸗ derliche, Aufregende trägt ungeprüft immer die Palme davon; denn die Kritik fehlt noch in dieſem jungen Die Auswanderer. M. Volke und hat ſeine Empfänglichkeit weder verfeinert, noch ertödtet. „Es iſt ein großer Irrthum der Europäer, das fri⸗ ſche Gemüth des Amerikaners für unempfänglich für die Poeſie und die ſchönen Künſte zu halten. Wir haben uns an die von unſern Vorfahren ererbte Idee gewöhnt, die Amerikaner der Vereinigten Staaten für eine rührige, unternehmende, aber ausſchließlich für materielle Intereſſen bewegte Nation zu erklären. Kein Urtheil kann ungerechter und einſeitiger ſein. Es iſt unbedingt wahr, daß die materiellen In⸗ tereſſen vorherrſchen und, wo es ſich um das Aufblü⸗ hen und den Wohlſtand einer Nation handelt, auch vorherrſchen müſſen. Aber nur eine gänzliche Unbe⸗ kanntſchaft mit dem wahren Stand der Dinge kann ſie für die einzigen eines Staates halten, der ſo weſentlich nicht allein auf politiſcher, ſondern auch auf religiöſer Freiheit baſirt iſt. Mit wenigen Ausnahmen ſind alle großartige Wohlthätigkeitsanſtalten, alle hö⸗ here Bildungsanſtalten, Univerſitäten, Bibliotheken, Sammlungen u. ſ. w. aus Privatmitteln gegründet; an den ausgedehnten chriſtlichen Miſſionen, an der Thätigkeit der Bibelgeſellſchaften u. ſ. w. hat die Re⸗ gierung keines einzigen der ſiebenundzwanzig Staaten Nordamerikas den geringſten Antheil. Alles iſt durch Privatgelder und aus der allgemeinen Theilnahme der Geſellſchaft an dieſen Dingen hervorgegangen. Kann man wol mit Recht die geiſtigen Intereſſen ausge⸗ ſchloſſen wähnen, wo ſolche Reſultate ſo unwiderleglich ſprechen? „Es iſt wahr, daß im Geiſte des Amerikaners ſich die Idee des Schönen und Großen vorzugsweiſe gern mit der irgend einer Anwendbarkeit, oder in andern Worten irgend eines praktiſchen Nutzens verbindet. Schon der Engländer, ſein Stiefbruder, hat, im Ver⸗ gleich mit dem Deutſchen, eine utilitariſche Richtung. Sehr natürlich läßt ihn der Amerikaner, der noch im⸗ mer als Nation im Ringen begriffen iſt und ſolche ungeheure Stoffe zu bewältigen hat, noch hinter ſich. Ich habe auf den Geſichtern geiſtvoller Amerikaner eine faſt an Abſcheu grenzende Empörung geſehen, wenn ich ihnen neckend Tieck's barockklingende Sentenz citirte„Wann hat ſich das Große und Schöne je ſo tief erniedrigt, um zu nützen?“ Die ſpeculative Philoſophie wird in dieſem Lande nie beſonders tief Wurzel ſchlagen. Zwar hat ſich in der boſtoner Schule der Transſcendentaliſten ſeit einer Anzahl Jahre auch hier dieſe Blüte gezeigt, gleichſam um zu be⸗ weiſen, daß dieſer Boden univerſell und für alle Er⸗ zeugniſſe empfänglich iſt. Aber national werden 7* 100 dieſe Ween nie werden, ja es iſt ergötzlich zu beob⸗ achten, in wie wenig Individuen ſie ſich rein erhalten, ohne nach irgend einer Seite hin eine praktiſche, oder gar utilitariſche Richtung zu nehmen. Aber darf dieſe entſchieden praktiſche Tendenz der Ge⸗ müther als durchaus materiell und das Geiſtige zurück⸗ drängend betrachtet werden? Stiftete Franke das Wai⸗ ſenhaus zu Halle aus materiellen Gründen, weil daſſelbe nach allen Weltgegenden hin unberechenbaren prak⸗ tiſchen Nutzen getragen? Beruht die Anlegung einer Akademie der Wiſſenſchaften oder der ſchönen Künſte auf materiellen Intereſſen, weil dieſe Inſtitute den dabei angeſtellten Lehrern Brot geben und Drucker und Handwerker aller Art in Thätigkeit ſetzen? Iſt ein Gemälde darum weniger geiſtig erzeugt, wenn der Künſtler es auf Beſtellung und für einen beſtimm⸗ ten Ort malt, und bei der Ausführung ſich daran erfreut, daß bei deſſen Anblick ſich nicht allein Tau⸗ ſende daran ergötzen, ſondern auch heiligen werden? Denn ſicherlich dürfen die ſittlichen Wirkungen eines Kunſtwerkes nicht von dem praktiſchen Nutzen, den es für die Welt hat, ausgeſchloſſen werden. „Es liegt in der Natur der Sache, daß eine de⸗ mokratiſche Republik in ſich ſelbſt keine beſondere För⸗ dererin der ſchönen Künſte und Wiſſenſchaft ſein kann, und wo eine möglichſt gleichmäßige Vertheilung der Glücksgüter wenigſtens erſtrebt wird, die Mäcene nicht häufig ſein können; aber dies wird den wahren Ge⸗ nius nicht hindern ſich ſeinen Weg zu bahnen. Was der Entwickelung der reinen Kunſt und der edlern Literatur in Amerika viel mehr entgegenſteht, iſt theils die nationale Eigenliebe, die ſich überall unge⸗ duldig hervordrängt und ſich in die erſten Reihen ſtel⸗ len möchte und daher das Mittelmäßige für etwas Großes ausgibt, um Andere zu beſtimmen, es für et⸗ was Großes zu halten; theils iſt es eben die gänz⸗ liche Kritikloſigkeit, von der ich vorhin ſprach und die, wenn ſie als Kritelei glücklicherweiſe die Empfänglich⸗ keit noch nicht ertödtet hat, auch noch keinen echten Kunſtſinn hat aufkommen laſſen. Für die bildenden Künſte ſind ſchon entſchiedene Talente unter den Ame⸗ rikanern hervorgetreten; die ſtrahlende Reinheit der Atmoſphäre, die alle Formen der Natur mit beſonderer Klarheit und Schärfe hervortreten läßt, mag dieſen Sinn geweckt haben. Wie viele amerikaniſche Namen glänzen in der Galarie des Bildhauerkreiſes zu Rom! Und wie mancher wackere Landſchaftsmaler würde in Europa verdienten Ruhm erlangen! Allein die Kriti fehlt hier wie überall. Die mittelmäßigſten und die ſchönſten Gemälde werden mit gleichem Enthuſiasmus bewundert. „Und iſt es nicht ebenſo in ihrer jungen Literatur? Auf dem Felde der Wiſſenſchaft und Forſchung ſind zwar erſt einzelne Stellen mit bedeutendem Erfolg von amerikaniſchen Händen bearbeitet worden. Allein was die Poeſie anbetrifft, ſo kann nur die Unbekanntſchaft mit deren poetiſchen Erzeugniſſen die Europäer an deren Befähigung zweifeln laſſen. Bryant, Longfellow, Whittier, Hawthorne ſind Namen, die in jeder Lite⸗ ratur als bedeutend anerkannt werden würden*). Aber auch hier, wie in den wiſſenſchaftlichen Beſtrebungen, drängt ſich dieſelbe Anmaßung und die nämliche Kri⸗ tikloſigkeit mit ihrer lauten, durch tauſend Tagesblät⸗ ter ſchreienden Stimme dazwiſchen, ſtellt dreiſt mit dem wahren Genius den bloßen glücklichen Tagesſchrift⸗ ſteller in eine Reihe, den Arbeiter mit dem Forſcher, den Verſemacher mit dem Dichter und ſtößt mit gleich vollen Backen für beide in die Poſaune des Ruhms. Solches übermäßiges Preiſen allein flößt dem Aus⸗ länder ein gerechtes Mistrauen ein.“ „Du mußt nicht vergeſſen“, bemerkte Klotilde,„daß dies ein charakteriſtiſches Kennzeichen der literariſchen Entwickelungsperiode aller Nationen iſt, die andere Völker, mit denen ſie ſich ſonſt vergleichen dürfen, in *) Er hätte noch andere Namen nennen könnenz aber es mag an den obigen genug ſein. der Literatur vorausgeeilt ſehen. Denke nur daran, wie ungeduldig die Deutſchen waren, endlich auch einen Parnaß zu haben! Wie ſich einander die Schriftſteller der Periode, die Goethe die„des Hebens und Tragens“ nennt, übermäßig prieſen! Wie ward der„deutſche Anakreon“ überſchätzt! Und wie geneigt waren er und ſeine Genoſſen, Eichen⸗ und Lorberkränze für jedes Haupt zu winden, das ſich um ſie bewarb!“ „Am auffallendſten“, erwiderte Hubert,„zeigt ſich dieſer Mangel an Kritik in dem Geſchmack für Muſik, der ſich ohne Zweifel bei gänzlicher Pro⸗ ductionsloſigkeit— denn einzelne Talente können nicht in Anſchlag gebracht werden— in der Nation ver⸗ breitet findet. Von den großen Seeſtädten kann hier nicht die Rede ſein; dort iſt der ausländiſche Einfluß überwiegend, und die Gegenwart einer bedeutenden Anzahl tüchtiger europäiſcher Künſtler kann nicht ohne Wirkung geblieben ſein. Indeſſen hat auch dort die tiefere, namentlich deutſche Muſik einen ſchweren Stand und kann in der faſhionabeln Welt nicht gegen die ſeichteſten italieniſchen Fanfaronaden aufkommen, unter den Maſſen aber noch viel weniger gegen einen nicht minder flachen, aber mehr ins Ohr fallenden Sing⸗ ſang, voller Reminiscenzen und ohne Seele und Cha⸗ rakter. Aber vollends die Muſik, die du im Innern 104 zu hören bekommſt! Ich kann kaum ohne Lachen daran denken, an welcher Bärenmuſik ich manchmal ganze Geſellſchaften wahrhaft gebildeter Perſonen habe ſich ergötzen ſehen! Daß die Amerikaner keine Volkslieder haben, kann uns nicht überraſchen; als engliſches Geſchlecht gehören ihnen die alten, vor dem ſiebzehn⸗ ten Jahrhundert gedichteten Balladen ſo gut als die⸗ ſen anz als ſelbſtändige Nation, ja ſelbſt als Coloniſten wurzelt ihre Vorzeit in einer Periode, die der Volks⸗ poeſie bereits entwachſen war, allein ſie haben auch keinen Volks geſang. Der Arbeiter ſingt nicht bei ſeinem Tagwerk, der Schiffer nicht*) beim Rudern, der Soldat nicht auf dem Marſche, ſelbſt die Kinderwärterin ſingt nicht immer; ich habe in mehren Fällen Kinder ſummend und ſchaukelnd in den Schlaf lullen ſehen, weil ein abſolutes Unvermögen des Geſanges ſtattfand.“ „Aus dieſer gänzlichen Abweſenheit des Muſik⸗ ſinnes“, ſagte Klotilde,„iſt auch wol die ſeltſame Anwendung zu erklären, die ſie in ihren Kirchen von unſern Melodien machen. Bei allem religiöſen Ge⸗ fühl ſcheint ihnen das Organ der Unterſcheidung zu fehlen, in welchen Tönen allein die Seele ſich zu Gott erhebt. Ich habe eine Muſikſammlung ge⸗ *) Die Schiffer auf den Strömen Canadas, voyageurs genannt, die ſchöne Lieder haben, ſind franzöſiſcher Abkunft. ſehen, in welcher unſern beliebteſten Melodien und ältern Opernarien, wie z. B.:«„Bei Männern, welche Liebe fühlen?,»Mich fliehen alle Freuden»,«Im Felde ſchleich' ich ſtill und wild» und dergleichen geiſtliche Terte untergelegt und Hymnen genannt waren. So durften ſie auch von der ſtrengſten Chriſtin am Sab⸗ bath geſungen werden. In den Kirchen hörſt du ganze fromme Gemeinden ſich an ähnlichen Melodien erbauen, und es iſt wörtlich wahr, daß ich einſt beim Heraus⸗ gehen aus der Kirche nach beendigtem Gottesdienſt den Organiſten den kaum geſprochenen Segen, mit dem die Gemeinde entlaſſen ward, mit dem bekannten: (Steh' nur auf, ſteh' nur auf, du Schweizerbub!» be⸗ kräftigen hörte!“ „Vortrefflich“, rief Hubert lachend.„Aber jetzt möchte ich, wie du vorhin mir, dir zu bedenken ge⸗ ben, daß ſowol bei der erſten Einführung des Chri⸗ ſtenthums, als ſpäter im Zeitalter der Reformation auch viele unſerer herrlichſten Kirchenlieder auf ähn⸗ liche Weiſe entſtanden ſind. „Doch bleiben unſere Bemerkungen darum nicht weniger wahr. In Amerika ſind nur die vollſtändig europäiſirten Individuen muſikaliſch; daher dem gebil⸗ deten Reiſenden, der nur die höhere Geſellſchaft ken⸗ nen lernt, auch dieſer Mangel nicht beſonders auffallen wird. Dieſer Geſellſchaft verleihen die Frauen immer eine gewiſſe Anmuth. In keinem Lande der Welt findet man mehr Schönheit unter der weiblichen Ju⸗ gend, die freilich nur zu raſch, mit dem zarten Blü⸗ tenalter dahinwelkt, dann aber auch dafür— wenig⸗ ſtens im Innern des Landes— ſich ausſchließlich dem häuslichen Kreis widmet, der Kinderſtube, der Küche, dem Nähtiſch und als geiſtiges Lebenselement — der Kirche. „Den amerikaniſchen Frauen im allgemeinen fehlt es nicht an Takt und Geſchick und ſie eignen ſich ohne Mühe einen gewiſſen, leichten, bequemen Ton an. Wo aber Männer mit im Spiele ſind, wird eine gewiſſe eckige Steifheit nicht leicht zu vermeiden, eine gewiſſe Abſichtlichkeit nicht leicht zu verkennen ſein. Der Amerikaner beſucht nicht ohne Eifer und Pflicht⸗ treue die Verſammlungen gewiſſer, um beſtimmter Zwecke willen geſchloſſener Geſellſchaften; oder er be⸗ ſucht ſie, weil er eigens eingeladen iſt; oder weil er nicht unhöflich erſcheinen möchte; oder, wenn er jung iſt und vielleicht ans Heirathen denkt, um hübſche Mäd⸗ chen zu ſehen. Aber er beſucht ſeine Freunde nicht leicht, wie der Deutſche, blos um ſich mit Freunden behaglich zu fühlen. Dazu hat er zu viel zu thun. Die vom Geſchäft erübrigte Zeit gehört wie billig der eigenen Familie. Und als Hausvater iſt der Ameri⸗ kaner unendlich ſchätzenswerth. Clubs, Reſſourcen, Caſinos, dieſe Ableiter der edlern häuslichen Geſellig⸗ keit, ſind im Innern des Landes gänzlich unbekannt, und wo dergleichen Geſellſchaften in den Seeſtädten ſich finden, ſind ſie nur Hülfsmittel für junge, unver⸗ heirathete Männer, die des Familienlebens entbehren müſſen, oder der verhältnißmäßig nur geringen An⸗ zahl alter Hageſtolzen. Um ſeiner häuslichen Tugen⸗ den willen werden wir den Amerikaner hochachten, werden wir ihn lieben müſſen. „Die Unbehülflichkeit des Amerikaners in der Geſell⸗ ſchaft, bei ſeiner ausgezeichneten Gewandtheit in Allem, was Geſchäft iſt, gereicht jener natürlich nicht zum Vor⸗ theil. Die Einführung einer gewiſſen Etikette— eine Pflanze von engliſchem Samen und Aufwuchs— iſt ihm daher von großer Hülfe. Die Geſellſchaft iſt in dieſem jungen Lande bei weitem ſtrengern Regeln un⸗ terworfen, als bei uns, wo ſelbſt vornehme Kreiſe ſich gern einen gemüthlichen, bequemen Anſtrich geben mögen. Der Amfrikaner, wenn er zur guten Geſell⸗ ſchaft gerechnet werden will, unterwirft ſich einem ge⸗ wiſſen Coder, der ihm genau ſagt, wann er im Frack und weißer Weſte erſcheinen muß, wann er einer Dame den Arm zu bieten hat, wie bald er eine Viſite erwidern muß und dergleichen äußerliche Dinge mehr. Aber dies wird dem geſelligen Leben zwar einen ge⸗ wiſſen Anſtand, aber ſicherlich ihm weder Intereſſe, noch Behaglichkeit geben. Von der Langweiligkeit, Nüchternheit und Trockenheit der Alltagsunterhaltungen in dieſem Lande kann ſich weder der lebhafte Franzoſe, noch der mittheilſame Deutſche, der ſo geneigt iſt ſein individuelles Innere herauszukehren, einen rechten Be⸗ griff machen. Nur der Engländer vermag es vielleicht. „Wenn dies beſonders den Männern zum Vor⸗ wurf gereicht, ſo bezieht ſich dagegen ein anderer cha⸗ rakteriſtiſcher Hauptzug der Geſellſchaft in den Ver⸗ einigten Staaten in gleichem Maße auf beide Ge⸗ ſchlechter. Und hier wirſt du ganz mit mir über⸗ einſtimmen. Ich meine den entſchiedenen Mangel an Pietät, der ſich in allen Verhältniſſen zeigt; in Nicht⸗ achtung der Autoritäten nicht weniger als in der des Alters. „Die reißenden Fortſchritte des Jahrhunderts an Bildung, Aufklärung und Schulw sheit haben die Ju⸗ gend in manchen Stücken dem„ter weit voraus⸗ geführt. Dieſe Vorzüge ſind das treben und der Stolz der liebenden Eltern, die ſie oft nit den ſchwer⸗ ſten Opfern erkaufen. Ihren Kindern ine Erziehung zu geben?, wie es genannt wird, und dadurch zu befähigen, ſich dem Höchſten gleich zu ſtellen, iſt beſon⸗ ders der Ehrgeiz jeder neuengliſchen Mutter. Der Vortheil einer regelmäßigen Schulbildung wird in allen Claſſen der Geſellſchaft ſo lebhaft empfunden, daß die Fälle ſehr häufig vorkommen, daß herangewachſene Mädchen, deren Unterricht in der Jugend der Armuth der Eltern wegen vernachläſſigt worden, einige Jahre lang ſich zum häuslichen Dienſt entſchließen, oder noch häufiger, daß ſie eine Zeit lang in einer Fabrik arbei⸗ ten, um ſich eine kleine Summe Geldes zu erwerben, die Koſten eines ein⸗ oder zweijährigen Beſuches eines Voung Ladies Academy oder«young Ladies Se- minaryv zu decken und ſo eines höhern Unterrichts theilhaftig zu werden. „Die ſo erlangten Vorzüge ſind übrigens oft ge⸗ nug nur ſcheinbar. Denn der Verſtand der Eltern iſt meiſt nicht weniger tüchtig entwickelt, der Charakter nicht weniger ſelbſtändig ausgebildet, wenn ſchon die Schul⸗ kenntniſſe mangeln und die Manieren der heutigen Ge⸗ neration gewandter und glätter geworden. Ich zweifle aber, ob die Jugend dies immer richtig erkennt. Ich habe ein artiges Beiſpiel eines ſolchen Verhältniſſes erlebt, das du immerhin als charakteriſtiſch annehmen magſt. „Ein reizendes Mädchen in Neuyork, deren Schwe⸗ ſter mit einem dort lebenden Deutſchen verheirathet iſt, war mir dort im Hauſe ein oder zwei Mal begegnet. Als ich, wie dies die Sitte will, ſie eines Abends zu Hauſe bringe, fodert ſie mich auf ſie zu beſuchen. Ich gehe nach einigen Tagen hin, treffe ſie allein und ſitze und plaudere mit ihr ein Weilchen, ohne daß die Mutter zum Vorſchein kommt. Darin ſieht hier nie⸗ mand etwas Beſonderes, und die ſtrengſte Sitte wird ſo pünktlich beobachtet, als ſäßen zehn Mütter als Ehrenwachen dabei. Bald darauf folgt eine Einla⸗ dung zu einer Abendgeſellſchaft, in einem eigenhändi⸗ gen, zierlichen Billet der Schönen und blos in ihrem Namen ausgeſtellt. Diesmal iſt die Mutter gegen⸗ wärtig, vermuthlich um die Erfriſchungen zu beſorgen. Ich wende mich natürlich zuerſt an ſie. Ich erhalte ziemlich einſylbige Antworten, wenig über ein«Ves, Sirv und(No, Sir hinaus. Aber ihre Trockenheit iſt mit einem durchaus würdigen Anſtand gepaart. Bald darauf aber tritt die Tochter heran.„Entſchul⸗ digen Sie meine Mutter», ſagt ſie mit vollkommener Unbefangenheit; ſie iſt wenig an Geſellſchaft gewöhnt, und beſonders fühlt ſie ſich mit einem Ausländer verlegenv.“ „Das iſt ein ſtarkes Beiſpiel“, verſetzte Klotilde mit entſchiedenem Misfallen. „Ich glaube gern, daß du den Zug nicht oft ſo ſtark aufgetragen findeſt. Dennoch bleibt es wahr: Amerika iſt das Land der Jugend, weil es das der Zukunft, das Land der Hoffnung iſt. Das Alter iſt hier abgeſetzt. Der einzige Zug, daß z. B. im Staate Neuyork ein Richter, wenn er ſechzig Jahr alt wird, ſein Amt niederlegen muß, ſpricht dies deutlich aus. Es hat ſich getroffen, daß ein Mann, der als Rechts⸗ kundiger zu den Leitſternen des ganzen Landes gehörte und ein halbes Leben durch mit dem höchſten Ruhm die Ehrenſtelle eines Kanzlers des Staates Neuyork bekleidet hatte, anerkannt im vollſten Beſitz ſeiner Gei⸗ ſtes⸗ und Körperkräfte das ſechzigſte Jahr erreichte. Aber das Geſetz ſprach gebieteriſch, er mußte ſeine Stelle aufgeben und einem Jüngern Platz machen. „Aber nun laß mich zu meiner eigenen Geſchichte zurückkehren.* „Als endlich der Brief von Neuyork in Hallowel ankam, war große Beſtürzung im Hauſe und auch ich konnte nicht ohne Wehmuth von der trefflichen Familie ſcheiden, die dem armen Schiffbrüchigen ſolche Gaftfreundſchaft bewieſen, wenn ſie auch einen echt nationalen Charakter angenommen hatte. Beſonders fühlte ich mich gegen die gute Mrs. Danforth dank⸗ bar, deren gütiger, anſpruchloſer Pflege und Fürſorge ich die Wiederherſtellung meiner Geſundheit verdankte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich für erhaltene Koſt und Sachen jetzt doppelt zahlte, aber Mr. Dan⸗ forth nahm nur Entſchädigung für die Kleidungs⸗ ſtücke; die Koſt, behauptete er, ſei durch den Unterricht dreifach bezahlt worden. Er drang mir die zwölf Dollars wieder auf, worauf ich in einen Goldſchmied⸗ laden ging und dafür ein hübſches Armband für Ellen und eine Tuchnadel für die Kleine kaufte, die freudig angenommen wurden.“ „Fahre nur fort“, ſagte Klotilde lächelnd;„bis jetzt bin ich noch nicht eiferſüchtig; aber nimm dich in Acht, daß du dich aus den kommenden Erxeigniſſen auch ſo rein zieheſt.“ „Ich eilte nun wie auf den Flügeln des Windes nach Neuyork. Hier erfuhr ich von dem Conſul von Bremen, daß ihm ganz vor kurzem die erſte Kunde von dem Schickſal des Schwanes geworden. Ein einziger Matroſe, ein mächtiger Schwimmer, habe ſich aus dem langen Boot gerettet, indem er nach langem Umhertreiben auf den Wellen von Fiſchern eines Ei⸗ landes an der Küſte von Georgien aufgenommen worden ſei. Nachdem er ſich hinreichend erholt, hatte er einem bremer Haus in Savannah einen Bericht des Unfalls gemacht, das die Nachricht dem Conſul, ſowie dem Miteigenthümer des verunglückten Schiffes in Neu⸗Orleans ſogleich mitgetheilt habe. Der geret⸗ tete Matroſe hatte keinen Zweifel gehabt, daß er der einzige Ueberlebende ſei. Als das lange Boot ſank und er in das Waſſer ſtürzte, koſtete es ihm einige Zeit, ſich von den Unglücklichen los zu machen, die ſich im Vertrauen auf ſeine Kräfte und Kunſt an ihn an⸗ zuhängen verſuchten. Kaum hatte er ſich befreit, als er ſich nach dem andern Boote retten wollte, das gleich nach ihnen abgeſtoßen; aber es war keine Spur mehr von ihm zu ſehen. Auch dieſe Unglücklichen waren, er war deſſen gewiß, im Meere begraben. „Der Conſul zweifelte nicht daran. Von deinen Gefährten, meine Klotilde, hat, wie ich ſeitdem aus Neu⸗Orleans erfahren, nie einer etwas von ſich hören laſſen; die meiſten waren Auswanderer, die wol im Süden irgendwo zurückgeblieben ſind und ſich ein neues Schickſal gebildet haben. Der Steuermann und die übrigen wenigen Seeleute, die auf eurem Boote waren, ſind ohne Zweifel in St. Auguſtin, oder in einer ſon⸗ ſtigen ſüdlichen Hafenſtadt bald wieder angeworben worden und halten es für zeitig genug, darüber Bericht zu geben, wenn ſie von einer neuen Seereiſe glücklich zurückgekehrt ſind. „Der Schlag war zerſchmetternd. Meine Hoff⸗ nung, daß du gerettet ſeieſt, hatte nie geſchwankt. Die Auswanderer. II. 8 Ich war lange wie betäubt und noch immer nicht hoffnungslos. Nicht allein ſandte ich durch die gele⸗ ſenſten Blätter der Union einen Aufruf an dich in den Worten:«F. H. lebt. Wo iſt K. O? mit einer Adreſſe an das Haus Schröter in Neuyork. Halbe Tage lang auch ſaß ich über Bergen von Zeitungen aus den Frühlingsmonaten, ſah ſie mit einer Geduld durch, die ſonſt mir wenig natürlich iſt, nach einem Wort, nach einer Nachricht ſpähend, die mir auf die Spur hälfe, dich wiederzufinden. Daß du mich für todt halten würdeſt, wußt' ich, denn ich war vor deinen Augen verſunken. Nur ein Wunder hatte mir über⸗ natürliche Kräfte gegeben. Aber du konnteſt gerettet ſein. Ein Irrthum des von Angſt verwirrten See⸗ mannes war möglich. Wo wir eigentlich Schiffbruch gelitten, weiß ich nicht zu ſagen. Er hat die Breite von Charlestown, alſo ungefähr den dreiunddreißigſten Grad angegeben, wahrſcheinlich um das Wunder zu erhöhen, daß er ſich durch Schwimmen bis an die georgiſche Küſte gerettet hat. Ich bin überzeugt, daß wir bei weitem ſüdlicher von unſerm Unglück heimgeſucht worden. Nur nach Florida wähnt' ich dich nicht ver⸗ ſchlagen. Was meine Freunde von charlestowner oder Savannah⸗Blättern nur immer auftreiben konnten, ſah ich gewiſſenhaft durch. Auch ſchrieben dieſe Freunde nach jenen beiden Orten, obwol, wie ich ſah, mit ge⸗ ringer Hoffnung des Erfolgs und nur um mich zu beruhigen. Zum Unglück war mir der Name des Hauſes, auf das deine Wechſel lauteten, gänzlich ent⸗ fallen. Du ſagſt, es war zuſammengebrochen; aber dennoch hätte mir dies vielleicht einen Weg eröff⸗ net, von Alonzo's Anfrage deinetwegen zu erfahren. Von Zeit zu Zeit erneut' ich meinen Aufruf. Daß er ſtets ungehört blieb, gab mir endlich die zerreißende Gewißheit deines Todes.“ „Deine Anzeigen, armer Hubert“, ſagte Klotilde, „fielen in eine Zeit, wo ich ſelbſt in tiefſter Abgeſchloſ⸗ ſenheit lebte; Alonzo war mit den drohenden Semi⸗ nolenanfällen beſchäftigt und las wol die neuyorker Blätter nur unregelmäßig oder flüchtig. Sein Aufruf an dich aber ward unmittelbar nach unſerer Trennung wahrſcheinlich in die St. Auguſtiner oder andere ſüd⸗ liche Blätter gerückt; denn, warſt du gerettet, ſo muß⸗ teſt du, aller menſchlichen Berechnung nach, in der Nähe ſein. Daß die Vorſehung dich nach Maine verſchlagen, war mehr, als Menſchenweisheit ahnen konnte! Dieſe Provinzialblätter aber ſind wol nie nach Neuyork gekommen!“ „Ich war ſchon zwei Wochen im Beſitz meiner mir aus Deutſchland geſandten Papiere; aber jene 8* 116 Nachforſchungen hatten mich ſo ausſchließlich beſchäf⸗ tigt, daß ich mir noch nicht die Zeit genommen hatte, ſie durchzuſehen, oder nur einmal auszupacken. An einem melancholiſchen Nachmittag endlich eröffne ich das Kiſtchen. Ich überſehe flüchtig und nicht ohne tiefe Rührung einige Briefe meines Vaters, einige ſtrategiſche Aufſätze von ſeiner Hand und dergleichen. Auf einmal liegt ein dünnes Päckchen in Briefformat vor mir, darauf die Adreſſe: An meinen Sohn, im Fall er nach Amerika gehen ſollte; nur dort zu er⸗ öffnen. „Ich ſtutze. Was kann dies bedeuten? Nicht ohne einen geheimen Schauer erbrech' ich das Sie⸗ gel. Ich ahnete dunkel, daß mir ein neuer Schmerz bevorſtand. Dennoch zögert' ich nicht. Mir war ſo unbeſchreiblich traurig zu Muthe, daß ich mich faſt ſehnte, den Kelch auszuleeren. Nur auf dieſen Schmerz war ich nicht vorbereitet.“ „Was iſt dir, geliebter Hubert, du entfärbſt dich! Was war des Briefes Inhalt, mein theurer Freund?“ „Du ſollſt es erfahren, liebe Klotilde“, erwiderte Hubert.„Jetzt laß mich weiter gehen, bis der rechte Zeitpunkt kommt, dir den Brief ſelbſt mitzutheilen. Sier iſt er“, fuhr er fort, ihn aus ſeinem Taſchen⸗ buch nehmend, das mehre Briefe enthielt, und ihn auf den Tiſch vor ſich hinlegend. „Ich war bleich und elend und die ſteigende Hitze des Sommers warf mich vollends ganz darnieder. Unter den Deutſchen in Neuyork, die ſich an mich angeſchloſſen, war ein Arzt, der wahrhaften Antheil an mir nahm. Dieſer drang in mich, in eins der benachbarten Seebäder zu gehen, von denen er Stär⸗ kung für mich hoffte. Aber mich ekelte vor der faſhio⸗ nabeln Menge, die jetzt dahinſtrömte. Da ſchlug mir ein Pole, mit dem ich oft zuſammengetroffen, ein Menſch von entſchiedenem Werth, vor, mit ihm zu einem Farmer in Rockaway am Südſtrande von Long Island zu gehen, wo er ſchon den vorigen Sommer etträglich und mit geringen Koſten zugebracht hatte. Ich nahm den Vorſchlag an. Hier, liebe Klotilde, lernt' ich Virginien kennen.“ Klotilde hatte Hubert's Erzählung mit ſeelenvoller Aufmerkſamkeit angehört. Jetzt aber überflog ein ſanf⸗ tes Roth ihr Geſicht, und ein gewiſſer geſpannter Blick ſchien anzudeuten, daß ihr Herz bei dem Gegen⸗ ſtand mehr als gewöhnlich intereſſirt war. „Es war eine Art von melancholiſchem Vergnü⸗ gen, Tage lang am Strande auf der feſten, weißen Sandbahn zu wandeln, die ſich zwiſchen dem knöchel⸗ 118 tiefen, loſen Sandmeere der Inſel und dem offenen Ocean wie eine glänzende Brücke hinſtreckt; eine Art von reizender Selbſtqual am Ufer zu liegen, bis die andringenden Wogen mich weiter und weiter ins Land trieben, und in den Aufruhr des Elements hinauszu⸗ ſchauen, das ganze Entſetzen wieder und wieder im Geiſte durchzuleben und— in Schmerz zu vergehen! Wenn's draußen tobte und wüthete und der unbändige Sturm die Luft durchpeitſchte, ward mir wohl, und ich konnte zum Weltmeer ſagen: Ich verachte deine Wuth. Nicht deine Leidenſchaft, dein Toben hat ſie mir geraubt. Glatt und heimtückiſch nahmſt du ſie auf und ver⸗ ſchlangſt die köſtliche Perle. Die Laſt war dir zu ſchwer zu tragen; gleichgültig ließeſt du ſie fallen. „Auch mein Freund hatte tief gelitten. Er war ver⸗ bannt wie ich und hatte Alles verloren. Oft ſaßen wir zuſammen auf einem der Balken, die hier und da das Meer ausgeſpieen, Trümmer eines Wrackes, an welche ſich vielleicht die Hand eines Schiffbrüchigen lange verzweifelnd feſtgehalten hatte, bis ſeine Kraft brach— wir ſaßen und ſchauten in die unendliche Flut hinaus, ſaßen in ſtundenlangem, tagelangem Schweigen. Dann kam wol von Zeit zu Zeit ein Haufen Herren und Damen aus dem Pavillon vor⸗ bei, dem eigentlichen Sitz der Modewelt in Rockaway; 119 ſie ſpazierten lachend, ſchäkernd den Strand auf und ab. Oſicki*), der in ſeinen Tagen des Glanzes viel in der großen Welt geweſen, bemerkte zuerſt, wie die Schönen mit uns kokettirten. Sie fingen dicht hinter uns an, franzöſiſch zu ſprechen, daß wir verſtehen ſollten, was ſie ſprachen; drückten Entzücken über das Meer, den Sonnenuntergang aus und dergleichen Al⸗ bernheiten mehr. Mir war es läſtig. Den Grafen beluſtigte das Ding; er knüpfte wirklich eine Bekannt⸗ ſchaft an, doch vermied er im Pavillon zu erſcheinen, weil ſeine Kleidung nicht zu der dortigen Eleganz paßte. Denn er war in den drückendſten Umſtänden. „Eines Tages ſaß ich einſam am Meere, als ein Trupp lauter, faſhionabler Schönen ſich es beikommen ließ, in meiner unmittelbaren Nähe Muſcheln und flache, bunte Steinchen zu ſammeln, wie ſie das Meer hier mitunter auswirft. Ich ſtand auf und wollte mich eben wegbegeben, als eine von ihnen, eine ſchlanke, ſtolze Geſtalt, die mir, ihrer großen Schönheit und ihrer prächtigen, herausfodernden Augen wegen, ſchon beim Begegnen aufgefallen, auf mich zuſchritt und mich mit ſieggewohntem Lächeln anredete. Was wir ſprachen, iſt mir gänzlich entfallen; ich glaube nicht, *) Sprich Oſitzki. ————————— ——— ————— —— 120 daß ich mich auf das beſte aus der Sache zog. Ich bin von Natur etwas blöde mit Frauen, und das dreiſte zuvorkommende Weſen dieſes reizenden und offenbar vornehmen Mädchens brachte mich vollends außer aller Faſſung. Sie war nicht zudringlich. Sie be⸗ nahm ſich wie eine Königin, die gewiß iſt, daß die Gunſtbezeigungen, zu denen ſie ſich herabläßt, Ent⸗ zücken erregen. Ich hielt mich ſoviel als möglich zurück und ward dem frühverwöhnten und ſtolzen Herzen des ſchönen Mädchens ohne Zweifel nur in⸗ tereſſanter. „Das ging eine Weile ſo fort. Nun hatte unſer Farmer außer uns noch andere Koſtgänger. Ein junger Menſch aus Neuhork putzte ſich Abends be⸗ ſtens heraus und beſuchte ſeine reichern Bekanntinnen im Pavillon.„Warum kommen Sie nicht zuweilen mit mir nach dem Pavillon? fragte mich einſt der flache Stutzer, mit dem ich nie vorher ein Wort ge⸗ ſprochen.(Die ſchöne Miß Caſtleton hat ſchon ein paar Mal angelegentlich nach Ihnen gefragt.» „Caſtleton! Der Name traf mich wie ein Don⸗ nerſchlag! Warum, wird dieſer Brief dir ſagen. „Wer iſt ſie?5 fragte ich gezwungen.„Ich kenne ſie nicht.» Was!» rief jener.„Sie wollen die Belle von , Rockaway nicht kennen! Die reizende Miß Caſtleton von Südcarolina, mit der Sie am Strand lange Ge⸗ ſpräche gehabt? Es gibt noch eine kleinere Miß Caſtleton, Miß Sarah, aber die tanzt nicht und iſt nicht halb ſo ſchön. Sie gehört zu den Frommen. Ich glaube, es iſt eine Couſine. Warum kommen Sie nicht dahin? Ich bin bereit, Sie den Damen vorzu⸗ ſtellen.» „Ich nahm mich zuſammen.«Ich gehe nicht in Geſellſchaften», ſagte ich; eich bin nicht wohl genug dazu.v „Den andern Morgen redete mich der Narr über den Frühſtückstiſch an:«O, Herr Bergedorf!?— dieſer Brief wird dir auch ſagen, warum ich einen falſchen Namen angenommen—„Sie haben alle Urſache zu bedauern, daß Sie geſtern nicht mit mir gingen. Miß Caſtleton ſchickte eigen einen ihrer Ver⸗ ehrer zu mir, mich zu fragen, ob ich ihr vorgeſtellt zu ſein wünſchte? Ich hatte die Ehre, mit ihr zu tanzen. Sie iſt ein reizendes Geſchöpf. Sie fragte nach Ihnen. Die Damen hielten Sie auch für einen polniſchen Grafen. Sie heißen im Pavillon nur: die beiden polniſchen Grafen. Ich ſagte ihnen aber, daß Sie ein deutſcher Baron wären. Als die Damen hörten, daß ich die Ehre hätte, Ihr Freund zu ſein, beauftragten ſie mich, Sie beide im Pavillon ein⸗ zuführen.* „Oſicki lachte. Ich hätte mir gern die Freund⸗ ſchaft verboten. Am nämlichen Tage noch erhielt ich ein Billet von Virginien, das mich ſeltſam ergriff. Jetzt lies dieſen Brief!“ Hubert ſtand auf und ließ Klotilde allein. Fünktes Capitel. Der Brief. Klotilde, in der äußerſten Spannung, ſchlug das Pa⸗ pier auseinander und las: WMein theurer Sohn! In der letzten, traurigen Unterredung, die ich mit dir hatte, ſagteſt dn, daß du feſt entſchloſſen ſeieſt, wenn deine Strafzeit vorüber, oder du durch eine ſo⸗ genannte Begnadigung eher entlaſſen würdeſt, nach Amerika zu gehen. Ich konnte dieſen Entſchluß nur billigen und bin noch jetzt derſelben Geſinnung. Denn Deutſchland iſt das Land der Knechtſchaft; Jahre wer⸗ den vergehen, ehe es anders wird. Eure unreifen Verſchwörungen, euer jugendliches Aufbrauſen, eure Gährungen, heute hier, morgen dort, machen das Uebel nur noch ärger. Nur wenn das ganze, einige Deutſchland aufſteht, wird der Umſchwung gelingen. — 2 124 Aber ein halbes Jahrhundert kann hingehen, ehe die Frucht reif iſt und, ohne unzeitiges, ungeduldiges Schütteln des Baumes, von ſelbſt abfällt. Bis dahin ſei das freie Amerika die Zuflucht der nach Freiheit Sehnſüchtigen. Indeſſen macht mir dieſer Plan eine Eröffnung zur ſchweren Pflicht, die ich dir bisher vorenthalten zu dürfen glaubte. Die Furcht, daß eine ſtrafende Nemeſis aus der üblen Saat noch üblere Frucht her⸗ vorlocken könnte, öffnet mir jetzt die Lippen. Ja, ich fühle ſchon den Anfang ihres raſtloſen Wirkens. Die Strafe iſt ſtreng, die den Vater zwingt, die eigene Blöße dem Sohne aufzudecken, der zu dem Reingewähnten verehrend hinaufſah. Verüble es mir darum nicht, daß ich auf dem Umſchlag dieſes Briefes deinem Namen die Worte zufüge:„nur in Amerika zu eröffnen“; daß ich mir das nicht nothwendige Uebel hier unten um ſo lieber erſpare, je dringender ich ſchon ſeit Jahren fühle, daß ich dort oben, mag's mir auf Erden gegangen ſein, wie es wolle, eine genaue Rechenſchaft meiner Handlungen werde ab⸗ legen müſſen. Du weißt, mein Sohn, daß ich, als des corſiſchen Zwingherrn Gebot die deutſche Jugend mit nach Ruß⸗* land ſchleppte, die Heimat, die zu ſeines elenden Bru⸗ 125 ders zuſammengepfuſchtem Königreich gehörte, heimlich verließ und nach England entfloh. Deine Mutter för⸗ derte meine Flucht. Der bloße Gedanke, daß ich mit den Franzoſen, daß ich gegen meine eigene Ueber⸗ zeugung fechten ſollte, empörte ihre reine Seele. Ich war noch nicht volle drei Jahre mit ihr vermählt ge⸗ weſen, ich liebte, ehrte, bewunderte ſie, und dennoch fing der Zwang der Ehe, die Beſchränkung des häus⸗ lichen Lebens mich ſchon unerträglich an zu drücken. Ich war unter Kriegsabenteuern, unter den blutigen Reibungen Siciliens, in den Stürmen des Guerilla⸗ krieges vom Jüngling zum Manne gereift. Bei Co⸗ runna ward ich am rechten Arme verwundet und, für einige Zeit wenigſtens, kriegsunfähig gemacht. Ich be⸗ ſchloß die Gelegenheit wahrzunehmen, meine greiſen Eltern in Deutſchland noch einmal zu ſehen, die ſich umſonſt nach dem Sohne, dem geliebten und ver⸗ zogenen Spätling einer langjährigen Ehe, ſehnten. Eben war der Friede mit Oeſtreich geſchloſſen und durch die ſchamloſe Vermählung der Marie Louiſe be⸗ ſtätigt. Deutſchland war äußerlich ruhig. Unter fal⸗ ſchem Namen, mit dem erborgten Paß eines Kauf⸗ mannes gelangte ich glücklich zu meinen Eltern, die mich ſchon als todt betrauert hatten. Die Freude der guten Alten rührte mich. Auf 126 einem benachbarten Gute wohnte der Vater deiner Mutter; ich lernte ſie gleich nach meiner Ankunft ken⸗ nen, denn es ward für den verlorenen Sohn mehr als ein gemäſtetes Kalb geſchlachtet. Ich war der Mittelpunkt ihrer ländlichen Feſte, die ohne die Be⸗ ſchäftigung meines Herzens, die die blonde, ernſte Schönheit deiner Mutter mir gab, mir bald unerträg⸗ lich ſeicht vorgekommen ſein würden. Ich war nicht vierundzwanzig Jahre alt geworden, ohne die Freuden der Liebe genoſſen zu haben; unter feurigen Sicilianerin⸗ nen, unter leidenſchaftlichen Spanierinnen war der leichtſinnige Jüngling durch manches Abenteuer, durch manche Schule gegangen. Die reine, ſtille, vollkom⸗ men deutſche Schönheit deiner Mutter war mir neu. Ich ſah ihr anmuthiges, raſtloſes Wirken, ihre häus⸗ liche Thätigkeit— ihre Mutter war todt, ſie ſtand dem großen Haushalte vor—, es war eine Klugheit, eine Umſicht in Allem, was ſie that, die in der Zwan⸗ zigjährigen mir als wahrhaft groß erſchien. Sie hätte eine Fürſtin ſein ſollen. Und dabei ſo mäd⸗ chenhaft, ſo beſcheiden! Wenn ſie ſprach, färbten ſich die Roſen ihrer Wangen höher. Aus den blauen Augen blickte eine ſo heilige, ruhige, jungfräuliche Unſchuld. Bisher hatt' ich allein die ſchwarzen Augen bewundert, dieſe blauen aber ſchienen dem X Manne ihrer Wahl einen Himmel von Liebe zu öffnen. Ein gewöhnlicher Liebeshandel, das ſah ich bald, ließ ſich hier nicht anknüpfen. Und wirklich machte ich auch keinen Verſuch zu einem ſolchen; ſie war zu hehr, zu gut dazu. Ich ging ganz ohne Abſicht, ganz ohne Plan zu Werke, als ich einſt ihr gegenüber, von ihrer Anmuth hingeriſſen, in eine feurige Liebeserklä⸗ rung ausbrach. Sie erröthete.„Sprechen Sie mit meinem Vater!“ ſagte ſie mit niedergeſchlagenen Au⸗ gen. Und die Macht ihrer ſittlichen Würde war ſo groß, daß ich nicht den Muth gehabt hätte, ſie wieder zu ſehen, ohne vorher mit ihrem Vater geſprochen zu haben. Ich war Bräutigam, ehe ich's mir verſah. Und ich bereut' es nicht. Ich ward ein glücklicher Ehemann, doppelt glücklich in der überſchwenglichen Seligkeit meiner Eltern. Ich war in den Hafen gelangt. Deine Mutter war ganz die Frau, das Haus lieb, das Familienleben reizend zu machen. Ruhig, ſorglich, vollkommen geſund, gleich⸗ müthig, anmuthig, bereitete ſie mir das ſchönſte, be⸗ haglichſte Stillleben. Deine Geburt erhöhte den Reiz deſſelben bedeutend; ſie gab unſern Tagen einen Duft von Poeſie— idylliſcher Poeſie in der That, und un⸗ gleich den feurigen Dithyramben einiger meiner frühern Liebesabentener, ungleich den Romanzen meines Krie⸗ gerlebens— aber doch Poeſie, die eine Weile die Nüch⸗ ternheit meines ſonſtigen Lebens verſchleierte. Allmälig nur kam eine Art Ueberdruß über mich, eine gewiſſe geiſtige Langeweile, die bei dem Contraſt meiner jetzigen Lage mit der Abwechſelung, in der ich mich die vorhergehenden fünf bis ſechs Jahre meines Lebens befunden, ſicherlich nicht unnatürlich war. Die ſtille Einförmigkeit, in der meine Tage dahinſchlichen, paßte nicht für mein jugendliches Alter. Beſonders war Etwas in der großen Regelmäßigkeit, in der un⸗ gemeinen Ordnungsliebe deiner Mutter, was mich drückte. Sie war nicht pedantiſch; aber ſie meinte, nur die größte Regelmäßigkeit könnte die häusliche Ordnung aufrechthalten, und wußte die Dienſtboten zur genaueſten Pünktlichkeit zu erziehen. Du wurdeſt nur zu beſtimmten Stunden genährt; jedes Geſchäft, jeder Genuß war an gewiſſe Tage, an gewiſſe Stun⸗ den gebunden. Der ſchönſte Mondſchein konnte ſie Samſtag Abends vergebens zum Spaziergange locken, wenn ſie die Wochenrechnung abſchloß; bei geſelligen Freuden war ſie eine beſondere Freundin von Kränz⸗ chen, von ſolchen Zuſammenkünften, die in regelmäßi⸗ ger Reihe herumgingen; ihr ſchönes reiches Haar trug ſie unabänderlich auf Eine Weiſe und wechſelte über⸗ haupt in Farben und Kleidung wenig. Sie liebte es, Abends nach Tiſch, wenn alle Geſchäfte ruhten, mei⸗ nen Erzählungen zuzuhören. Wie ſeelenvoll war dann ihr herrliches Auge auf mich gerichtet, wie belebt wurden ihre lieblichen Züge, indem ſie mit Herz und Gedanken jedem meiner Worte folgte! Setzt' ich mich aber nach dem Frühſtück zu ihr, wollt' ich ihr vor⸗ leſen, ihr erzählen, ehe ſie das Haus beſtellt, das Kind beſorgt hatte, ſo war eine gewiſſe ängſtliche Unruhe in ihr leicht zu erkennen, obwol ſie zu liebevoll, viel⸗ leicht auch zu klug war, um mich zurückzuweiſen. Es war an kein Hingeben, an kein Vergeſſen zu denken, bis die rechte Stunde geſchlagen. Es lag in dieſem Leben für mich etwas Erſtar⸗ rendes, Ertödtendes. Ich konnte ihre Morgenſtunden in Anſpruch nehmen, in bloßem Aerger. Ich konnte ſie halbe Stunden mit der Mahlzeit warten laſſen, blos weil es mich verdroß, daß über zwei Jahre lang jeden Tag genau zwei Minuten vor zwei Uhr der Be⸗ diente mit der Meldung vor mir ſtand, daß das Eſſen auf dem Tiſche ſei. Ich ſchlug kleine Reiſen vor, um nur etwas Abwechſelung in unſer ewiges Einerlei zu bringen. Sie entſchloß ſich nicht gern dazu; indeſſen reiſte ſie ein paar Mal aus Gefälligkeit mit mir, bis ſie von neuem in eine Lage kam, die es ihr unbequem Die Auswanderer. M. 9 machte. Allein gaben mir die kleinen Ausflüge, auf enen ich ſtets die mir zwar liebgewordene, aber doch immer fühlbare Kette mitzuſchleppen hatte, wenig Be⸗ friedigung. Ich weiß nicht, was am Ende daraus geworden wäre, wenn nicht einige außer aller Berechnung ſte⸗ hende Umſtände mir unverhofft fortgeholfen. Die weſtphäliſche Armee ward auf den Kriegsfuß geſetzt, um Bonaparte Rußland erobern zu helfen. Man hatte ausgefunden, daß ich engliſcher Officier geweſen. Man wollte wiſſen, daß ich noch immer mit England in Verbindung ſtehe. Um den Verdacht abzuwenden, ſchlug man mir vor, ſolle ich in weſtphäliſche Dienſte gehen. Man wollte mich als Major anſtellen. Man ward dringend; ich ſah, der ausgeſprochene Verdacht diente nur als Vorwand, mich zu beſtimmen. Zuletzt blieb mir nur die Wahl zwiſchen dem verhaßten Kriegs⸗ dienſt, der Feſtung oder— der Flucht. Mit deiner Mutter Bewilligung wählt' ich das Letzte. Es that mir weh, ſie in einer ſolchen Lage zu verlaſſen. Aber ſie war heldenmüthig bei aller Weib⸗ lichkeit des Gefühls. Frauen dieſer Art, von ſelbſt⸗ ſtändigem Geiſte, ohne Leidenſchaft, ohne Sinnlichkeit, an praktiſche Thätigkeit gewöhnt, werden am beſten ohne Männer fertig. Ihre Liebe findet Nahrung in den Kindern, ihre Activität in der Beſorgung des Haushalts und in der Vermögensverwaltung. Ich ging nach England, das damals durch das verrufene Con⸗ tinentalſyſtem wie abgeſperrt war. Wir konnten uns nur ſelten ſchreiben; bald führte mich das Schickſal noch weiter von ihr fort. Ich hatte gleich nach meiner Ankunft wieder Dienſte genommen; denn der Krieg zwiſchen England und den Vereinigten Staaten war ſoeben erklärt und Amerika mit ſeinem friſchen, kräftigen Leben war längſt das Ziel meiner Wünſche geweſen. Aber das Regi⸗ ment, bei welchem ich Capitain geworden, ward ganz unerwarteterweiſe ſtatt nach Amerika nach Oſtindien commandirt. Ich ließ es mir gefallen. Zwei Jahre des wildeſten Lebens flogen dahin. Von meinen Abenteuern dort habe ich oft den begierig lauſchenden Knaben unterhalten; ſie gehören nicht hierher. Als die Kunde des deutſchen Freiheitskrieges zu mir drang, erwachte lebhaft die Sehnſucht nach dem Vaterlande. Ich nahm den Abſchied; aber bei meiner Ankunft in England war eben der Pariſer Friede geſchloſſen; ungefähr gleichzeitig der von Gent, der, wenigſtens für den Augenblick, dem Kriege in Amerika ein Ende machte, wie jener dem in Europa. Jetzt erſt, mein Sohn, beginnt meine Schuld. 9* 132 Meine Pflicht, ich war es mir bewußt, rief mich zu meinem Weibe, zu meinen Kindern zurück. Aber das iſt die Gefahr einer herumſchweifenden, ereignißvollen, unbändigen Lebensart, daß ſie den Sinn für die edlern Freuden der Seele tödtet. Dem Menſchen erſcheinen lebhaft gefühlte Uebel beim Rückblick auf dieſelben gewöhnlich viel geringer, als er ſie in der Gegenwart empfunden. Ich aber war mir der Schwere meiner Ketten erſt ganz bewußt geworden, ſeitdem ich ſie ab⸗ geſchüttelt; denn der Liebreiz deiner Mutter, ihre Güte, ihre hohe ſittliche Würde ließ ſie mir, ſo lange ich gefangen war, oft nur als Roſenketten erſcheinen. Sollte ich ſie mir nun freiwillig wieder anlegen laſ⸗ ſen, freiwillig, noch in der Fülle der Jugendkraft, wieder in das mit Blumen ausgehängte Gefängniß zurückkehren? Ich vermochte es nicht; wenigſtens nicht, bis der Wunſch meiner Jugend erfüllt, bis ich Amerika geſehen. Noch ſtanden britiſche Truppen in Amerika. Es gelang mir, als Courier und Ueberbringer von Staf⸗ fetten an General Drummond geſchickt zu werden. Unterdeſſen ward im Februar 1815 der Friede ratifi⸗ eirt; die Truppen kehrten zurück; ich blieb auf Urlaub in den Vereinigten Staaten und befriedigte meine Neugierde, war als britiſcher Officier dort wohl an⸗ geſchrieben und als Deutſcher ein vorurtheilsloſer Beob⸗ achter. Doch kannten nur Wenige meinen Urſprung. Ich hatte, als ich zuerſt in Sicilien diente, mir die Verwandlung meines Namens Hubert in Uberto ge⸗ fallen laſſen. Dieſer Name hatte im ſpaniſchen Kriege im Heere einen guten Klang bekommen und ich hatte ihn darum, als ich zum zweiten Mal der engliſchen Fahne folgte, von neuem angenommen. Man hieß mich Major Uberto. Unterdeſſen hatten die heroiſchen Indianerſtämme in Florida wieder angefangen, ſich feindlich zu regen. General Jackſon ward beordert, Truppen gegen ſie zuſammenzuziehen, und mir kam die Luſt an, mich unter dem Helden von Neuorleans zu verſuchen. Ich ſchloß mich als Volontair ſeinem kleinen Heere an. Die Miliz von Georgien ward aufgerufen und die wilden Seminolen zogen ſich vor den Maſſen in ihre Sumpfwälder zurück. So war fürs Erſte nicht viel zu thun. Es war mir daher ganz recht, als ich beordert ward, mit meinem Bataillon die Amelieninſel in Be⸗ ſitz zu nehmen. Dies Eiland, in der Mündung des St. Marienfluſſes, nahe der ſüdlichen Grenze Georgiens, war nämlich von einem Haufen Abenteurer im Namen einer der losgeriſſenen ſpaniſchen Colonien beſetzt und G die Fahne von Neu⸗Granada und Venezuela dort aufgepflanzt worden. Die Vereinigten Staaten aber, die eben mit der ſpaniſchen Regierung über die Ab⸗ F 1 tretung von Florida in Unterhandlung ſtanden, durf⸗ ten keine Zeit verſäumen, ihren Anſpruch an dieſe 4 Inſel, die von jeher zu den Floridas gehört, geltend 3 zu machen. Es gelang uns leicht, das Raubgeſindel zu zer⸗ ſtreuen. Aber nicht ſo leicht war es, den Haß der Einwohner zu beſiegen. Es hatte ſich eine ſtolze, königliche Frau auf der Inſel niedergelaſſen, von ſpa⸗ niſcher Abkunft, die, obwol einem Anglo⸗Amerikaner vermählt, die Nation ihres Gatten verabſcheute. 7 Donna Lucia Loſada Caſtleton— dies war ihr Name — haßte uns als Feinde und verachtete uns als Ketzer; in ohnmächtiger Wuth konnte ſie nichts thun, uns zu ſchaden, als unſere Langeweile mehren, indem ſie uns ihr Haus, das einzige vornehme in Fernandina, dem Hauptorte der Inſel, hartnäckig verſchloß, und nichts thun uns zu kränken, als, wenn ſie uns beim Spazieren⸗ reiten am Strande begegnete, giftige Blicke auf uns 1 zu ſchleudern. Der alten Dame Wuth beluſtigte die Jüngern unter uns. Wir ſuchten ſie auf, um ſie durch unſere Zudringlichkeit zu ärgern. Mehr aber 3 noch wünſchten wir ihr zu begegnen, weil ein wunder⸗ — 135 liebliches Kind ſie täglich begleitete, eine nur eben er⸗ ſchloſſene Knospe voll Glut und Duft, ihre junge Tochter, die vor kurzem aus dem Kloſter heimgekehrt war und den Freuden der Welt mit verwunderten, er⸗ wartungsvollen Blicken entgegenſchaute. Auch in der Kirche ſah ich das reizende Weſen täglich in der Mor⸗ genmeſſe und außerdem wiederholt an den unzähligen Feiertagen des Landes. Sie wußte geſchickt den Schleier für einen Augenblick zu heben und in dem einen glühenden, halb fragenden, halb antwortenden Blicke mehr zu ſagen, als Andere bei ſtundenlangem An⸗ ſchauen. Aber nicht lange ſollte es beim bloßen Sehen bleiben. Des Gärtners Frau, die mit ihrer Familie am hintern Ende des Gartens wohnte, war die Amme Joſephens geweſen. Es war eine ſchlanke, noch ziem⸗ lich junge Meſtizin mit ſchmachtendem, verlangendem Blick, die die Freuden der Liebe zu gründlich durch⸗ gekoſtet hatte, um nicht auch ihrem Lieblinge einen kleinen Vorſchmack davon zu gönnen. Ich machte beim Nachhauſegehen aus der Kirche am Vorabende eines großen Feſtes mit ihr Bekanntſchaft und em⸗ pfahl mich ihr durch das Geſchenk eines Armbandes von bunten Steinen, das ich ſie am morgenden Feier⸗ tage zu tragen bat; dies gewann mir ihr Herz auf 136 einmal. Denn die Putzſucht der Südländerinnen, be⸗ ſonders aber der farbigen und gemiſchten Racen, über⸗ ſchreitet alle Grenzen, und die Befriedigung dieſer Lei⸗ denſchaft iſt das ſicherſte Mittel, ſie zu gewinnen. Sie ladete mich, ohne daß eine weitere Verſtändigung nöthig geweſen, auf morgen früh zu ſich ein;„um mir Blumen zum Strauß zu holen“, ſagte ſie. Das Gärtnerhäuschen hatte einen Ausgang auf eine hintere Gaſſe, die von dem Wohnhaus der Donna Lucia nicht überſehen werden konnte, da daſſelbe nach zweck⸗ mäßiger ſüdlicher Bauweiſe auf der Sonnenſeite ganz ohne Fenſter war. Ich fand mich auf dem mir an⸗ gewieſenen hintern Wege zu rechter Zeit ein. Das ſchönſte Bild bot ſich mir dar. Die Gärtnerburſchen hatten eben die friſch abgeſchnittenen Blumen herein⸗ gebracht und die mächtigen Körbe auf der Veranda ausgeleert. In den bunteſten Farben und glänzend im Morgenthau breitete ſich der duftige Teppich zu den Füßen der reizenden Joſephe aus, die in leichtem weißen Morgenkleide auf einem niedern Seſſel, den Schvos bedeckt mit Blumen, mitten darunter ſaß. Es war ein bezaubernder Anblick. Zum erſten Male ſah ich ſie ganz ohne Schleier. Sie war gekommen, um ſich ſelbſt die ſchönſten Blumen auszuſuchen und der Heiligen, deren Feſt ſie heute feierten, einen Strauß —— — darzubringen. Ich blieb entzückt ſtehen, im Anſchauen verloren, die Reize des lieblichen Bildes in mich trinkend. Sie erſchrak, als ſie mich ſah. Die kluge Amme hatte ſie nicht vorbereitet. Das Spaniſche war mir vertraut wie meine Mutterſprache, aber ich brauchte keine geringe Beredtſamkeit, um ſie zum Sprechen zu bewegen. Denn ihre Lippen waren viel ſchüchterner als ihre Augen. Ueberhaupt war eine wunderbare Miſchung in dieſem ſüßen jungen Geſchöpf von klö⸗ ſterlicher Scheu und Lüſternheit nach den Früchten des Lebens; die volle, zehrende Glut der Spanierin und die ſchmachtende, wollüſtige, hingebende Weichheit der Creolin. Dies war die erſte einer Reihe von Zuſam⸗ menkünften; zuerſt nur ſparſam, denn die Stunden mußten abgepaßt werden, in welchen der alte Gärtner im entfernteſten Theile des Gartens beſchäftigt war, und nur auf Augenblicke, denn ſo lange der Tag dauerte, war Gefahr der Entdeckung da. Vielleicht war es mein böſer Genius oder gewiß der Joſephens, welcher Donna Lucia, die inzwiſchen immerfort Intriguen gegen uns ſchmiedete, den Ein⸗ fall eingab, den alten Gärtner, zu dem ſie beſonderes Zutrauen hatte, zu einer Botſchaft an den Gouverneur von St. Auguſtin zu gebrauchen. Dies gab uns die 138 Abende frei. So braute ſich dieſe Giftmiſcherin ſelbſt ihr Verderben. Joſephe mußte ſich ſtets auf der Mutter Befehl zeitig niederlegen; dieſe ſelbſt kam gewöhnlich noch am Abend herein in ihre Kammer, nachdem die Tochter ſich ſchon mit einem Handkuß beurlaubt, eraminirte ſie, ob ſie ihre Gebete gehörig verrichtet, und blies, nach⸗ dem ſich jene zu Bett gelegt, das Licht aus. Dann zog ſie ſich in ihr eigenes Zimmer zurück, das ſie ſelten vor dem Morgen wieder verließ. Dies war für das ganze Haus das Signal zur vollkommenen Stille. Nun erhob ſich Joſephe, warf die ſchwarzſeidene Mantille über das Nachtkleid und ſchlich ſich auf den Zehen hinaus in den Garten. Noch ſeh' ich ſie, wie ſie im warmen Helldunkel ſüdlicher Nächte, bebend zwiſchen Scheu und Verlangen, unter den Orangen⸗ bäumen daher geſchwebt kam, von Blütenduft umweht, dem umbüſchten Sommerhauſe zu, wo die ſehnſüchti⸗ gen Arme der Liebe ſie empfingen. Arme Joſephe! Du erräthſt das Uebrige. Joſephe war in Ver⸗ zweiflung. Sie zu beruhigen, ließ ich durch einen verlaufenen ſpaniſchen Prieſter, den die Abenteurer, die wir vertrieben, zurückgelaſſen, ſie mir antrauen. Ja, Franz, ich that es! Ich that den Schritt, der 139 mich vor der Welt, vor dem Geſetz zum Ehebrecher ſtempelt. Aber vor dem Richter da oben war ich es längſt ſchon geweſen, war ich es geworden, als ich deine tugendhafte Mutter verließ. Einige Zeit darauf bekam ich Befehl, mich von Amelia⸗Eiland nach Weſtflorida zu begeben. Jackſon hatte Penſacola beſetzt; die Coloniſten von ſpaniſchem Blut ſtanden mit den Seminolen in geheimem Bünd⸗ niß, und unſere Truppen kamen endlich wieder zu ei⸗ niger Thätigkeit. Ich ging mit ſchwerem Herzen und hätte mein halbes Leben darum gegeben, wenn ich die letzten fünf oder ſechs Monate hätte zurückrufen kön⸗ nen. Ich ließ einen Diener zurück, der mit der Amme in Verbindung blieb, um durch ſie Nachrichten von Joſephen zu erhalten. Bald meldete er mir, daß die Mutter den Zuſtand des armen Geſchöpfs entdeckt, daß die Furie in eine grenzenloſe Wuth gerathen, die Tochter bei Waſſer und Brot eingeſperrt halte und ſie körperlich mishandle. Ich mußte ſie retten. Nichts blieb übrig als eine Entführung, die durch Liſt gelang. Joſephe war durch die grauſame Behandlung ih⸗ rer Mutter in einen entſetzlichen Zuſtand gerathen, ihre an ſich ſchon geringen Geiſteskräfte waren da⸗ durch vollkommen verwirrt; ſie bedurfte zur Heilung der ganzen Fülle der Liebe, aber meine Liebe ward bald bloßes Mitleid. Sie lebte als meine Gemahlin beinahe zwei Jahre in Penſacola, gebar mir einen Sohn und noch nicht ein volles Jahr darauf eine Tochter, und hing mit einer ſich täglich erhöhenden, zehrenden, wahnſinnigen Leidenſchaft an mir. Sie bewachte meine Schritte, verfolgte mich mit eiferſüchtigem Mistrauen, überſchüttete mich mit vorwurfsvollen Klagen, kurz that Alles, ſich mir läſtig und das Leben mir zur Hölle zu machen. Was aber ganz insbeſondere dazu beitrug, mich zu guälen, war, daß ihr Gewiſſen ſich darüber zu regen anfing, daß ſie ſich einem Ketzer ergeben, und daß ſie, wie ihr wahrſcheinlich irgend ein ver⸗ wünſchter Pfaffe in den Kopf geſetzt, den Himmel durch meine Bekehrung zu verſöhnen hoffte. Sie ließ mir mit bigoten Verfolgungen Tag und Nacht keine Ruhez ſie bewachte in Todesangſt jeden Biſſen Fleiſch, den ich am Freitag aß, heftete mir heimlich ein Kreuz in die Kleidungsſtücke, und dergleichen Abſurditäten mehr. Aber ſie begnügte ſich nicht damit; ſie ſchickte mir auch einen Prieſter über den Hals, dem ſie mehr Ueberredungskunſt zutraute als ſich ſelbſt, und hätte es ohne Zweifel wiederholt, wenn ich ihn nicht das erſte Mal auf eine Weiſe aus meiner Thür geworfen hätte, die ihm die Luſt nahm, ſich wieder einzufinden. Am meiſten hoffte ſie jedoch von einem wunder⸗ thätigen Muttergottesbilde, aus Elfenbein geſchnitzt, das ſeit Jahrhunderten in der Familie ihrer Mutter geweſen und dieſelbe zu großer Heiligkeit gebracht hatte. Im Glauben, daß dieſe Heiligkeit mit dem Beſitz zuſam⸗ menhinge, drang ſie das kleine Kunſtwerk mir auf. Es war unter meinen Sachen, als ich ſie verließ; das einzige Andenken, das ich noch von ihr beſitze. Ja, ich war furchtbar geſtraft. Dieſe zwei Jahre waren die unglücklichſten meines Lebens. Wie ein Heiligenbild ſtand Tag und Nacht deiner Mutter Ge⸗ ſtalt vor meiner Seele, nicht vorwurfsvoll, aber ſtill, mitleidig, mit dem reinen ernſten Blick mich anſchauend und mir zuflüſternd: Armer, was haſt du gethan! Du haſt mit eigener, unvorſichtiger Hand dein Paradies zertrümmert!— Selbſt ihre kleinen Eigenheiten, die mich ſonſt in meiner blinden Unvernunft ungeduldig gemacht, lernt' ich jetzt bewundern und lieben, jetzt, wo meine Häuslichkeit durch die entgegengeſetzten Ei⸗ genſchaften, durch Unordnung, Verwüſtung, Plan⸗ loſigkeit, Saloperie die unbehaglichſte und widerlichſte ward. Wie ungeduldig ſehnt' ich mich bei Joſephens kindiſchem Geſchwätz, bei den unvernünftigen Aeuße⸗ rungen ihres ganz unentwickelten Geiſtes nach den 3 herzlichen, verſtändigen, theilnahmvollen Geſprächen 142 meiner deutſchen Gattin; wie brünſtig aus Joſephens glühenden Umarmungen nach ihrer ſelbſtverleugnen⸗ den, keuſchen, zärtlichen Liebe! Sie war gerächt: Ich war grenzenlos elend! Im Grunde hatte ich ſie immer in einem Winkel des Her⸗ zens mit mir getragen. Ich hatte ein Miniaturbild von ihr, das ſie als Braut darſtellte. Ich hatte es ſeiner leichtern Tragbarkeit wegen, ſtatt eines ſpätern größern Bildes mit mir genommen, und es war mir gelungen, es durch alle Kriegsſtürme und abenteuerliche Fahrten mir zu retten. Dies Bild entdeckte Joſephe einſt bei mir. Sie ſah in ihrem Mangel an Nachdenken es für das einer gleichzeitigen Nebenbuhlerin an, überhäufte mich mit Vorwürfen und erfüllte meine Bruſt mit kalter, bitterer Verachtung. Ich nahm das Bild aus ihrer Hand und ſagte ſchonungslos, indem ich ab⸗ wechſelnd den Blick auf die ſtillen, ruhigen Züge des⸗ ſelben und auf ihr eigenes zornglühendes Geſicht, in ihr wuthblitzendes Auge richtete:„Signora, Ihr bietet mir jetzt in der That einen ſo vollkommenen Contraſt, daß ich nur bedauern muß, daß ich kein Maler bin, der Himmel und Hölle malen darf. Hier“, fuhr ich mit grenzenloſer Bitterkeit fort, indem ich auf das Bild deutete, „wäre mir ein vollkommenes Vorbild für die Engel, die den Himmel bewohnen; wenn ich auf Euch blicke——“ Sie ließ mich nicht ausreden. In Verwünſchungen ſich ergießend, riß ſie mir das Bild aus der Hand, ſchleuderte es auf den Boden und zerſtampfte es in ſinnloſer Wuth. Dies nahm auch mir alle Faſſung. Ich war grauſam. Ich ſagte ihr, daß das Original des Bildes lebe und meine rechtmäßige Gattin ſei, daß ich nur ihr gehöre, ihr ſelbſt aber, Joſephen, unter einem falſchen Namen angetraut ſei. Ich entdeckte ihr, daß ich Hubert hieße, und daß Hubert's einzige, recht⸗ mäßige Gattin im fernen Europa wohne, ſie ſelbſt aber in verbrecheriſcher Bigamie an ein Scheinbild ver⸗ mählt ſei. Die Wirkung dieſer unſeligen Worte war fürch⸗ terlich. Sie ſtand wie vom Donner gerührt und war lange wie betäubt. Ich fürchtete ſie getödtet zu haben. Im Laufe der folgenden Tage, als nach dem Sturm eine Windſtille der Ermattung folgte und ich ſie mit Jammer in einem gänzlich troſtloſen Zuſtande ſah, ſucht' ich lange vergeblich die Härte meiner unvorſich⸗ tigen Worte zu mildern. Ich ſagte ihr, ich glaube, ich wiſſe, meine erſte Gattin ſei todt; ich zeigte ihr eine Liebe, die ich nicht empfand, nur um ſie zu be⸗ ruhigen. Endlich that ſie, als glaube ſie mir. Aber ſie blieb höchſt unglücklich. Und doch war ich noch unglücklicher. Dazu kam, daß ich ſeit geraumer Zeit dieſes grauſamen, reſultat⸗ loſen Seminolengemetzels überdrüſſig war, und mich dringend aus dieſem ungeſunden und mehr als halb⸗ barbariſchen Lande fortſehnte. Ich hätte den Zuſtand längſt nicht mehr ausgehalten. Aber was ſollte ich mit dem bedauerungswürdigen Weibe anfangen, wo ſie laſſen, ohne Schutz und Zuflucht? Sie war wie ein hilfloſes Kind! Ihrer Mutter ſie zu übergeben, wäre die größte Grauſamkeit geweſen. Ihr Vater aber, ein gütiger Mann, war ſchon ſeit mehren Jahren in Europa, ich glaube als Gefandter in Spanien. Auf einmal, als unſer jüngſtes Kind eben drei Monate alt war, las ich in den Zeitungen, daß Mr. William Caſtleton in Neuyork gelandet und nach Waſhington abgegangen ſei, um von da ſeine Lände⸗ reien in Florida zu beſuchen. Mein Entſchluß war gefaßt. Ich reichte heimlich meine Dimiſſion ein, ließ Joſer hen Alles von Geld und Geldeswerth, was ich möglicherweiſe entbehren konnte, und ging auf einem ſüdamerikaniſchen Handelsſchiffe, das eben in See ſtach, nach Veracruz, von dort nach Peru, wo ich unter dem edeln Bolivar Columbia noch vollends von der ſpaniſchen Mönchsherrſchaft befreien half. Von mei⸗ nem vertrauten Diener, der ſich bei Talahaſſe als Ackerbauer angeſiedelt, erfuhr ich ſpäter, daß Joſephe den Namen Caſtleton wieder angenommen und in ein Kloſter gegangen, meinen Kindern aber die ganze Für⸗ ſorge des liebenden Großvaters zu Theil würde. Ohne Zweifel ſind ſie, dieſelben von der Großmutter zu ent⸗ fernen, in der Familie des älteſten Bruders Joſephens, Richard Caſtleton, der nachher wiederholt Senator und Gouverneur von Südcarolina geweſen, erzogen worden und haben der beſten Pflege genoſſen. Wenigſtens wünſch' ich, dies mir ſo denken zu kön⸗ nen; denn erfahren habe ich nie wieder etwas über ſie. Mehre Briefe, an den Farmer von Talahaſſe gerichtet, ſind ohne Antwort geblieben; wahrſcheinlich iſt er todt oder nach dem fernen Weſten ausgewandert. Er war der Einzige, der um mein Geheimniß wußte. Unter allen den Kriegsſtürmen fand mein Herz keine Ruhe. Ich ſehnte mich nach dem Hafen und hatte den Muth, zu meinem verlaſſenen Weibe, zu mei⸗ nen verlaſſenen Kindern zurückzukehren. Ihre un⸗ beſchreibliche Güte häufte glühende Kohlen auf mein ſchuldiges Haupt. Kein Vorwurf kam über ihre Lip⸗ pen. Ich fühlte mich wie der Sünder, der vor dem Heiligenbilde kniet; er empfindet ſeine ganze Schuld, aber ohne die Beſchämung, die nur in Menſchen⸗ nähe ihn demüthigt. Ich lebte ſo glücklich unter euch, als nur ein Schuldiger ſein kann. Nach drei Jahren Die Auswanberer. II. 10 ſtarb ſie, ein verklärtes Lächeln auf den Lippen; ich war es mir heimlich bewußt, wenn auch kein Menſch ſonſt es ahnete, daß der Wurm des Grames ihre Ju⸗ gendblüte heimlich zernagt hatte. Die äußern Verhältniſſe des betrogenen, ewig ſtre⸗ benden, verlangenden, nie handelnden Deutſchlands ekelten mich an; nur die befriedigende Entwickelung mei⸗ ner Kinder gewährte mir Troſt. Deine Schweſter äh⸗ nelte ihrer gemeſſenen, praktiſchen Natur nach der Mut⸗ ter; aber wie dein eigenes innerliches Weſen, die feſſel⸗ loſe, poetiſche Tendenz deines Innern, ſich durch alle Schranken einer geregelten, ſtricten, planmäßigen Er⸗ ziehung brach, ſah ich oft mit ergebenem Lächeln. Der Mutter ſtrenger moraliſcher Sinn und des Va⸗ ters freier Geiſt kamen in dir zur wohlthätigen Ver⸗ einigung. Das harte Verdammungsurtheil, das gegen dich geſprochen ward, war der ſchwerſte Schlag, der mich hätte treffen können. Ich billige deinen Entſchluß, ſo⸗ bald es dir vergönnt iſt, nach Amerika auszuwandern; aber dieſer macht mir die Enthüllung meines Geheim⸗ niſſes zur Pflicht. Es iſt nicht gerade wahrſcheinlich, aber möglich, daß du dort mit deinem Bruder, deiner Schweſter zuſammentriffſt. Deines Bruders Name war Alonzo, der deiner Schweſter Vitginia; erſterer nach dem mütterlichen Großvater, letzterer nach der väter⸗ lichen Großmutter Joſephens angenommen. BVielleicht haben ſie nie den wahren Namen deines und ihres Va⸗ ters erfahren; möglich aber doch, daß er ihnen mitge⸗ theilt worden. Nenne dich daher lieber dort nach un⸗ ſerm Gute Bergedorf, d. i. Hubert von Bergedorf. Es mag dazu beitragen, den Schleier undurchdringlicher zu machen, der über der Vergangenheit ruht. Möge das Unheil, das ich geſäet, wenigſtens nicht in Früchten aufgehen, die meinen eigenen Kindern verderblich wer⸗ den könnten, während ich ſelbſt mein ſchuldiges Haupt mit Unterwerfung einem gerechten, aber auch gnädigen Richter entgegentrage. Sechstes Capitel. Das Ende der Erzählung und noch zwei Briefe. Nachdem Klotilde dieſen unheilvollen Brief geleſen, blieb ſie eine Zeit lang wie betäubt und ſtarrte auf die Schrift vor ſich hin. So ganz unerwartet kamen ihr die Aufſchlüſſe, die er ihr gab, daß ſie kaum glaubte ihren Augen trauen zu dürfen. Alonzo Hubert's Bru⸗ der! Jetzt ſtieg das Bild ihres erſten Erwachens aus tiefer Ohnmacht auf dieſem Continente vor ihrer Seele auf, als Alonzo, den Blick mitleidig auf ſie gerichtet, vor ihr ſtand, und ſie wähnte, Hubert, den Verlorenen, vor ſich zu ſehen! Wie oft auch nachher im Fieber⸗ wahnſinn hatten ſich ihr ſeine und Hubert's Züge ver⸗ ſchmolzen! Sie gedachte auch des Geheimniſſes, das, wie Alonzo ihr geſagt, über dem Tode ſeines Vaters ſchwebe, ſein ſchnelles Hinweggehen über die Umſtände ſeiner Geburt, die Melancholie, die ſich ſeiner bemäch⸗ tigte, wenn er von ſeinem Vater ſprach. Ohne Zweifel ahnete, vielleicht wußte er, welcher Makel an ſeiner Exiſtenz haftete. Er, der Stolze, wie furchtbar bitter mußte er ihn empfinden! Er glaubte ſich von engli⸗ ſcher Abkunft; Uberto, als engliſcher Officier, hatte für einen Engländer gegolten. Den rechten Namen deſſelben hatte er ohne Zweifel nie erfahren; der Name Deſſen, den ſie ſuchte und nach dem er zu ihrem Beſten vielfache Erkundigungen eingezogen, würde ihn ſonſt unangenehm berührt haben. Vielleicht hatte Joſephe ſelbſt dieſen Umſtand in ihrem furchtbaren Schrecken ganz überhört. Auch die lange Reue und Buße die⸗ ſer Unglücklichen ſchien nun beſſer erklärlich.„Wie wunderbar“, rief Klotilde,„wie unverſtändlich ſind die Fügungen der Vorſehung! O zeige mir den Weg, gütiger Gott, meinem theuern Gatten beizuſtehen, dieſe ſchwere Sünde ſeines Vaters abzubüßen!“ Hubert kam jetzt zurück mit trauriger Miene, wie er ſie verlaſſen.„Ja“, ſagte er,„meine Klotilde, was war der Schmerz über meines Vaters Tod gegen den beim Leſen dieſes Briefes! Hätte ich ihn nie er⸗ brochen! Hätte ich ſein reines Bild noch im Her⸗ zen! Ich würde es, dünkt mich, leichter tragen, wenn er noch lebte; aber an die Todten vor Allem müſſen wir wit reinem Gefühl denken können, um gern an ſie 150 zu denken!“ Beide erleichterten ſich die Herzen durch ausführlicheres Geſpräch über die einzelnen Umſtände dieſer Ereigniſſe und des wunderbaren Verhängniſſes, das Klotilden an die nämliche Stätte geführt, Wohl⸗ thaten zu empfangen, über welche der Vater ihres Geliebten in leichtfertiger Sinnlichkeit ſolchen Unſegen ausgeſtreut. Dann fuhr Hubert in ſeiner Erzäh⸗ lung fort: „Unter den Sachen, die meine Schweſter mir nachgeſchickt, befand ſich auch das elfenbeinerne Ma⸗ rienbild, von welchem der Brief ſpricht. Sie hatte am Sterbebette des Vaters geſtanden. Trotz der ſchweren Laſt, die er auf dem Herzen trug, hat er die Reiſe wie ein Held mit der vollkommenſten Faſ⸗ ſung angetreten, dem Unvermeidlichen mit einer Er⸗ gebung entgegengehend, die ihr Frommen ſonſt für euer ausſchließliches Vorrecht haltet. Bei den münd⸗ lichen Verfügungen, die er über ſeinen Nachlaß ge⸗ macht, hatte er auch dieſes Bildes gedacht und ſie an⸗ gewieſen, mir daſſelbe, als zu dem bewußten Briefe gehörig, zu überlaſſen. „Dies kleine Kunſtwerk iſt ein Familienſtück und eigens in Spanien für die Loſadas verfertigt. Das Familienwappen derſelben iſt wiederholt darauf ange⸗ gebracht, z. B. in einer kleinen Krone, welche das —————— 151 Haupt der Königin des Himmels ſchmückt, in einer Agraffe, die ihren Mantel zuſammenhält, und ihr zu Füßen auf dem Poſtamente, auf dem ſie ſteht. Auf der Rückſeite deſſelben befindet ſich eine ſpätere In⸗ ſchrift, nämlich daß Annunciata Loſada, die älteſte Großtante Joſephens, die ſpäter in ein Kloſter ging und in den Geruch vorzüglicher Heiligkeit gekommen, dieſer letztern daſſelbe als Pathengeſchenk verehrt habe. Dies ſcheint erſt eingetragen zu ſein, als die unglück⸗ liche Joſephe das ſchützende Kloſter verließ und den Gefahren der Welt preisgegeben ward. Ohne Zweifel verſprach ſich die Arme in ihrem frommen Wahne auf ihren Gatten mehr Wirkung als auf ſich ſelbſt. „Du weißt nun, warum ich mich Bergedorf nannte und warum ich vor dem Namen Eaſtleton erſchrak. Das Billet, das mir Virginia geſchrieben, war eine Auffoderung, ihr während ihres Aufenthaltes in Rocka⸗ way Unterricht in der deutſchen Sprache zu geben, die ſie unbeſchreiblich liebe und im Süden wenig Gelegen⸗ heit zu lernen habe. Ich war verwirrt. Aber der Vorſchlag machte beſonders darum einen heftigen Ein⸗ druck auf mich, als ich mir feſt einbildete, Virginia Caſtleton ſei— meine Schweſter.“ „Der Name täuſchte dich“, verſetzte Klotilde.„Deine und Alonzo's Schweſter, die, wie ich aus dem Briefe ſehe, wie ſie, den Familiennamen Virginia führte, ſtarb als ſehr junges Kind.“ „So erfuhr ich im Verlauf ſpäterer Geſpräche mit Virginien. Ihre gänzliche Verſchiedenheit von ihrer Schweſter Sarah in der äußern Erſcheinung ſowol, als in dem ganzen Weſen, hatte mich nur in der vorgefaßten Meinung beſtärkt, ſie ſeien nur Couſinen. Vielleicht mochte dieſer Umſtand meinem ganzen Weſen etwas Weiches, Gefühlverhaltenes geben, das Virginia nicht unnatürlich anders deutete. Vielleicht auch— mein Herz war unbeſchreiblich verwaiſt——“ „Sprich weiter“, ſagte Klotilde, die Augen auf den Boden geheftet. „Geliebte Klotilde, ich brauche nicht vor dir zu erröthen. Ich will dich nicht täuſchen, will nicht ſa⸗ gen, daß ich kalt und gefühllos das volle, heiße Herz zurückſtieß, das ein wunderſchönes Mädchen, ganz Glut, ganz Leben, mir mit einer Rückſichtsloſigkeit entgegentrug, die durch das Bewußtſein, welche reiche, unſchätzbare Gabe ſie gebe, das Unweibliche, das Un⸗ zurte verlor. Ich hätte mehr als ein Menſch ſein müſſen, mich nicht davon bewegt zu fühlen.“ „Sage mehr als ein Mann“, unterbrach ihn Klotilde mit einem Lächeln, aus dem ſie vergeblich alle Bitterkeit zu verbannen ſtrebte. — „Vielleicht aug das“, verſetzte er, indem er ſich bemühte ihre Hand zu faſſen, die ſie ihm unter einem Vorwande entzog.„Ich war in der gefährlichſten Lage. Allein mein Herz blieb dir treu, Klotilde. So lange ich bei Virginien war, ſo lange ich die Atmoſphäre ihrer Schönheit, ihrer— Liebe athmete, war ich, vielleicht darf ich es nicht leugnen, von einer Art Taumel ergriffen; aber wenn ich von ihr fort war, ſah ich nur dich, Klotilde, nur dein himmliſches, blei⸗ ches Geſicht, wie ich es zuletzt geſehen, in jener Nacht des Entſetzens!“ „Hubert“, ſagte Klotilde bewegt,„du konnteſt nur als an eine Todte an mich denken. Ja, ich war todt für dich. Ich verzeihe dir, wenn du, der Ueberlebende, dich der Lebendigen zuwendeteſt, wenn du mit einem verwaiſten, verwitweten Herzen— ſie liebteſt.“ „Klotilde“, entgegnete er,„das Herz des Menſchen iſt ein unergründlicher Abgrund. Dennoch glaub' ich ſa⸗ gen zu können;: Ich liebte nur dich, Klotilde. Ja, ich wähnte dich todt; aber ich war noch nicht ohne eine ſchwache Hoffnung, ein Wunder könne dich mir gerettet haben; erſt im Laufe der Zeit erſtarb ſie ganz in meinem Herzen. Und dann— ich wollte dir treu ſein! Ich entſetzte mich vor dem Gedanken, daß du— für mich— im kalten Waſſergrabe liegen — ſollteſt, während ich, für den du Engel dich geopfert, den Kelch des vollſten Lebens in mich ſchlürfte. Ich riß mich los. Ich verließ Rockaway und nahm in ein paar flüchtigen Zeilen von Virginien Abſchied.“ „Und als du ſie wiederſahſt, Hubert?“ „Ich geſtehe, ich war auf das äußerſte beſtürzt, als ſie auf dem Berge, von der Glut des Morgen⸗ roths umleuchtet und verklärt, plötzlich vor mir ſtand. Es war mir für ein paar Augenblicke, als ginge mir eine neue Lebensſonne auf, als hätte das Schickſal ſelbſt ſie mir wieder zugeführt. Wenn ich in meinem Herzen gegen dich geſündigt, Klotilde, ſo hab' ich es in dieſen Tagen! Sie hatte keinen Zweifel, daß ich ihr nachgefolgt; ſie war ſo glücklich, ſo ſiegesſicher, ſo— ſtrahlend von Selbſtgefühl und Wonne——“ „Warſt du ihr nachgereiſt?“ „Nichts konnte zufälliger ſein, als mein Zuſam⸗ mentreffen mit ihr. Die Seeluft hatte mich wenig gebeſſert. Mein mediciniſcher Freund ſchlug die Berg⸗ luft vor, und einer meiner deutſchen Bekannten in Neuyork trug ſich mir zum Führer und Begleiter an. Beim Abſchied verſprach ich ihr zu ſchreiben und ſie bald wieder zu ſehen. Kaum aber war ich wieder ihres dringenden, verführeriſchen Einfluſſes ledig, als ich entſchieden fühlte, daß, ſelbſt wenn mein Herz frei wäre, es von allen Frauen der Erde ſich am wenig⸗ ſten Virginien Caſtleton zuwenden dürfe. Hatte der Vater doch ſchon des Unſegens genug in dieſem Hauſe geſäet; ſollte auch der Sohn mit leichtſinniger Hand hier den giftigen Samen ausſtreuen? Ich ſchrieb ihr nicht, und der Winter verging, ohne daß ſie von mir hörte.“ „Aber du kamſt nach Charlestowm——“ ſagte Klotilde, leiſe erröthend. „Du beklagſt das doch wol nicht, beſtes Herz?“ fragte Hubert, lächelnd ihre Wange küſſend.„Ich kam, aber ohne den mindeſten Bezug auf Virginia. Ich erwartete nicht, ſie dort zu ſehen, die ſich in modi⸗ ſchen Kreiſen bewegte, während meine Wirkſamkeit ganz wo anders lag.— Ich blieb den Winter über in Neuyork. Ich ſtudirte die Geſchichte, die Verfaſſung dieſes Landes. Seine Inſtitutionen intereſſirten mich; mehr als eine der andern erweckte die Sklavenfrage meine Theilnahme. Ich billigte das Treiben der Abolitio⸗ niſten nicht; ihre Sache war die meine, ihr Verfahren misfiel mir. Es ſchien leicht, im ſichern Norden zu de⸗ clamiren und zu ſchimpfen, leicht, die armen Sklaven aufzuregen und ſie ihrem Schickſal zu überlaſſen. Ich erkannte, daß der einzige richtige Weg, die Unglücklichen zu befreien, ſei, auf ihre Herren zu wirken. * ——————— „Ich hatte mit Atkinſon Bekanntſchaft gemacht, der ſich überzuvorkommend an mich anſchloß. Ich ſym⸗ pathiſirte mehr mit ihm, als ich ihn, wie es ſchien, mitten in der Gefahr für ſich ſelbſt, thätig ſah, für einen Haufen Flüchtlinge den Weg in die Freiheit zu bahnen. Aber der Verdacht erwachte gegen ihn. Er glaubte ſich nicht mehr ſicher. Nachdem er künſtlich die Unglücklichen zum ganzen Bewußtſein ihrer Schmach gebracht, nachdem er ihnen die Thür der Hoffnung geöffnet, ſich ihrer Knechtſchaft zu entreißen; nachdem er ihren Durſt nach Freiheit bis zum Wahnſinn auf⸗ geregt, ließ er ſie plötzlich im Stich. Er floh oder verbarg ſich. Da erbarmte es mich der Armen. Das Uebrige weißt du.“ „Edles Herz!“ ſagte Klotilde mit einem Hände⸗ druck.„Und Virginia?“ „Ganz unerwartet erhielt ich einen Brief von ihr, der mich nach einem abgelegenen Orte der Vorſtadt beſtellte, wo wir vor Beobachtung ſicher waren. Hier ſah ich ſie wiederholt, in dichte Schleier gehüllt. Sie wollte, daß ich von meiner gefährlichen Wirkſamkeit abſtehen, daß ich ſie als ihr einſtiger Lehrer in ihrem Hauſe beſuchen ſolle. Sie ſagte mir, daß die Landes⸗ ſitte ihr erlaube, mich täglich zu empfangen, ohne daß ihr Vater etwas davon erfahre; werde er aber zufällig davon unterrichtet, ſo habe ſie ein unabhängi⸗ ges Vermögen; ſie ſei mündig und könne handeln, ohne ſeine Meinung zu fragen, wenn ſie es auch in andern Fällen immer vorziehen würde, ſeine Wünſche zu berückſichtigen. „Es war mir nicht entgangen, daß die väterliche Gewalt in dieſem Lande ſich nicht weit erſtreckt; darum ergriff ich das Letzte, indem ich ihr ſagte: „Wollen Sie das, Virginia, ſo dürfen Sie nicht mir Ihre Gunſt zuwenden. Ihr Vater iſt mein Feind, muß es ſein. Er kann mich nie in ſeinem Hauſe dulden. Ich kann Ihnen das nicht erklären; Sie müſſen mir das auf mein Wort glauben.“ Es war, als ob das myſtiſche Dunkel, das mich umhüllte, mich ihrem romantiſch überſpannten Sinne nur noch intereſſanter machte. Aber vielleicht thu' ich ihr Un⸗ recht. Es war das Ahnen meiner Gefahr, es war das Mitleid, das ſie, edel und großmüthig wie ſie ſich ſtets mir gezeigt, feſter an mich knüpfte. Sie hatte nur zu geben, zu opfern; ſie durfte frei ſprechen. Reich, verwöhnt, die angebetete Tochter des Hauſes, der Stern ihrer geſelligen Kreiſe, war ſie bereit, dem armen Verbannten, dem unglücklichen Flüchtling Alles darzubringen, was ſie hatte und war!“ Hubert war von der Erinnerung an das ſchöne, gefunden. liebende Mädchen lebhaft ergriffen. Er vergaß einen Augenblick lang Klotildens Gegenwart; er deckte die Augen mit der Hand, und ſeine junge Gattin war nicht herzlos, nicht ſelbſtiſch genug, um ihm zu zür⸗ nen, als ſie ſah, daß heiße Thränen durch die Finger drangen. Einige Augenblicke ſaßen ſie ſchweigend. Dann ſagte Klotilde leiſe, indem ſie ſeine andere Hand ergriff:„Hubert, auch ich habe dir Alles dargebracht, was ich habe und bin!“ Hubert ſammelte ſich ſchnell und drückte ſie an ſeine Bruſt.„Theuerſtes Weſen“, ſagte er,„und mögeſt du Alles, was ich bin und habe, dafür an⸗ nehmen!“ Eine innige Umarmung beſiegelte den Austauſch. Ob Klotilde ſich nach Hubert's Erzählung ganz beruhigt, ob ſie ſich durch dieſelbe ganz befriedigt fühlte? Wir wagen nicht, es zu entſcheiden; genug, daß ſie keine andere Empfindung gegen Hubert zeigte, als Liebe und Zärtlichkeit, und daß ſie, ob⸗ wol ſie viel an Virginien dachte und ſich darnach ſehnte, von ihr zu hören, doch ſorgfältig vermied, von ihr zu ſprechen. Die Liebenden blieben einige Wochen in Harris⸗ burg, wo ſie ein angenehmes und billiges Koſthaus Sie wünſchten ſich zu ſammeln und in Ruhe einen neuen Lebensplan zu machen. Auch hatte Hubert nach Neuyork nach den Briefen geſchrieben, die vielleicht unterdeſſen an ihn von Europa ange⸗ kommen ſeien, ſowie er auch Anweiſung gab, die an Klotilden dorthin geſendeten derſelben hierher nach— zuſchicken. Nach einigem vergeblichen Harren kam auch end⸗ lich ein Paquet Briefe von dort an, auf deren einem Klotilde Sarah's Hand erkannte. Es war ein dop⸗ pelter Brief. Die Einlage war von einer Jugend— freundin Klotildens aus Deutſchland, an welche ſie von Charlestown aus geſchrieben. Die Freundin drückte ihr mit zärtlicher Theilnahme ihr Mitleid aus wegen der großen erlittenen Verluſte, von denen ſie nicht ahnete, daß der eine, größte ihr bereits durch Gottes Güte wieder erſetzt war. Sie erklärte ihr auch das unbe⸗ greifliche Schweigen des Landraths. Er hatte wenige Monat enach Klotildens Abreiſe und, noch ehe er von ihr Nachricht erhalten, einen Geſandtſchaftspoſten in Stockholm angenommen, von dort aus aber ſich einer großen wiſſenſchaftlichen Reiſeerpedition angeſchloſſen, die unter den Auſpicien der ruſſiſchen Regierung den europäiſchen Oſten und die angrenzenden Länder Aſiens durchforſchte.„Je weiter fort, je beſſer!“ hatte er mit ſeltſamem Lächeln der Freundin geantwortet, als 160 dieſe ihr Bedauern ausdrückte, daß er ſo weit fort⸗ gehe. Noch war, als ſie ſchrieb, die Zeit ſeiner Zu⸗ rückkunft nicht beſtimmt; ja, man hatte gehört, daß er beabſichtige, bis nach Perſien zu gehen. Er habe einen geſchickten Geſchäftsträger hinterlaſſen, der Klo⸗ tildens Aufträge rückſichtlich des ſpärlichen Ueberreſtes ihres Vermögens beſorgen und auch ihre Anſprüche bei der Auseinanderſetzung mit dem faillirten Kauf⸗ mannshauſe vertreten werde. Der Brief endete mit zärtlichen Einladungen, zurück zu ihren Freunden zu kommen und dem Vaterlande wieder anzugehören. Klotilde nahm ſich vor, ohne Zögerung die theilneh⸗ mende Freundin durch einen Brief zu beruhigen. Nun griff ſie wieder nach Sarah's Brief, über den ſie, ehe ſie den andern las, blos einen flüchtigen, unruhigen Blick geworfen. Der Brief lautete wie folgt: Meine theure Klotilde! Die Wege des Herrn ſind ſo wunderbar und unbegreiflich, daß es zum Erſtaunen iſt, daß wir ſchwachen und blinden Geſchöpfe noch immer uns unterfangen zu wünſchen, Pläne zu machen und die Vorſehung meiſtern zu wollen. Während Sie jam⸗ merten und weinten, während Sie ein Recht zu haben wähnten, ſich als eine ſchwer Geprüfte zu betrachten, hatte Ihnen ſeine milde Vaterhand auf wunderſame Weiſe den Freund gerettet und führte ihn auf für uns arme blinde Erdenwürmer kaum mehr verſtändliche Weiſe Ihnen wieder zu! Sie ſagen, ich ſolle Ihnen verzeihen, gute Klotilde, daß Sie heimlich von mir gingen. Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen. Sie hätten nicht anders handeln können, ohne die Mög⸗ lichkeit der Rettung zu gefährden,—„Seid ſanft wie die Tauben, aber klug wie die Schlangen“, ſagt die Schrift;— ich danke Ihnen vielmehr, daß Sie mich nicht mit in das Geheimniß gezogen, da es mich ſehr beunruhigt haben würde. Als ich am Morgen Sie im Bette neben mir vermißte, wunderte ich mich, Sie nicht zu finden. Gleich darauf ſah ich den Brief an Alonzo auf dem Tiſche liegen. Ich eilte zu ihm; er erſchrak ſehr, er— klärte mir Alles und bat mich fürs Erſte, nichts von Ihrer Flucht gegen meinen Vater zu erwähnen, ſon⸗ dern der Zeit Alles zu überlaſſen. Mein Vater kam am Mittag ſehr aufgeregt nach Hauſe; er hatte in der Stadt von dem Entkommen des Gefangenen ge⸗ hört; erſt jetzt entdeckten wir ihm den Stand der Sachen. Ich fürchtete, er werde ſehr zornig werden; ſtatt deſſen ſah ich deutlich, wie ſeine Züge mehr und Die Auswanderer. IM. 11 mehr zufrieden wurden. Es ſchien ihm lieb zu ſein, daß die Sache dieſe Wendung genommen. Er ſagte, er freue ſich, daß Sie Ihren Freund wiedergefunden, und bedaure nur, daß Sie nicht eher geſprochen. Ich glaube indeſſen doch, daß Sie in dieſem Punkte den rechten Weg eingeſchlagen haben. Kurz darauf verließ uns Alonzo, um ſeine Mutter wieder zu ſehen. Er beabſichtigt, in wenigen Wochen wieder hier zu ſein, um Virginien abzuholen. Von dieſer haben wir ſeltſamerweiſe noch immer keinen Brief. O, welch einen falſchen Weg hat doch die Gute gewählt, ihr Herz zu beruhigen! In Neu⸗ york iſt gerade jetzt die Jahresperiode, wo der Satan geſchäftiger als je ſeine Netze und Fallſtricke der Welt⸗ luſt ausbreitet. Sie ſtürzt ſich in den Taumel einer eiteln, ſündigen Welt, um Wunden zu heilen, worauf nur ein brünſtiges Gebet zum Herrn und der Aus⸗ tauſch der Erfahrungen ſeiner Heiligen den rechten Balſam legen könnten! Ich denke nicht ſo ſchlimm von meiner Schweſter, daß ſie jetzt noch, nachdem ich ſie von der wahren Lage der Dinge unterrichtet, eine ſündliche Neigung zu dem Gatten einer Andern hegen könne, daß ſie, die Reiche, nach des Armen „einigem kleinen Schäflein“ trachten würde. Es iſt die Luſt der Welt, die ſie fortreißt; es ſind ihre Bälle, 163 ihre Opern, ihre Soireen und wie die Tänze um das goldene Kalb alle mit euphemiſtiſchen Namen genannt werden mögen! Ich habe zweimal an ſie geſchrieben und ſie dringend gebeten, uns doch Nachricht zu geben. Auf den zweiten Brief, den ich erſt vorgeſtern abge⸗ ſendet, werd' ich hoffentlich Antwort erhalten. Soll ich Ihnen nun auch von mir ſelbſt ein paar Worte ſagen? Ach, liebe Klotilde, ich glaube, Sie würden Ihre arme Sarah bedauern, wenn Sie ſie jetzt ſähen! Umſonſt verlängere ich mein Morgen⸗ und Abendgebet, jedes um eine halbe Stunde, und ſchließe mich oft ein in meinem ſtillen Kämmerlein und bringe dem Herrn Dankopfer dar, und ſuche mein re⸗ belliſches Herz zu dem Einen ausſchließlichen Gefühl herunterzuſtimmen, das, wie Sie immer mit Recht ſagten, die Eſſenz aller unſerer Gebete ſein ſollte: Herr, dein Wille geſchehe! Aber das Fleiſch iſt ſchwach! Sie wiſſen, daß es ſtets mein Wunſch und Gebet geweſen, daß der Allmächtige mich zu einem ſeiner Werkzeuge zur Verbreitung des Cvangeliums machen möchte und daß ich es für mich als den ſicherſten Weg zum Heile betrachte. Nun glaubt' ich, als ich Herrn Fleming kennen lernte, daß er mir ein Führer auf dieſem Wege werden könne; ich glaubte, daß an ſei⸗ 11* 164 ner Seite und von ſeinem gottgefälligen Wandel ge⸗ ſtärkt es mir leichter werden würde, die dornenvolle Bahn durch das Heidenthum ſelbſt zu betreten, um ſo mehr, als ſich mein eitles Herz ſchmeichelte, bei ihm ein gewiſſes perſönliches Wohlgefallen an Ihrer armen Freundin zu bemerken. Und Sie wiſſen ja, der Herr ſelbſt hat uns gelehrt, zu beten: Führe uns nicht in Verſuchung! Wir ſollen daher, wenn der Herr zwei gleich wichtige Pflichtwege vor uns öffnet, nicht wie die römiſchkatholiſchen Schwärmer und Hindu⸗Fanatiker uns nutzloſe Entſagungen und Kaſteiungen auflegen, in dem Wahne, dem Herrn dadurch wohlgefällig zu ſein, ſondern, eingedenk unſerer Schwachheit, den leich⸗ teſten wählen. Dies ſchien auch Herrn Fleming's Anſicht zu ſein, allein er wollte natürlich nicht einen ſo wichtigen Schritt ohne den Rath und die Zuſtimmung der Brü⸗ der thun. Dieſe ſind aber der Meinung, daß, da ſo⸗ wol ich als er reichlich vom Herrn mit Gütern geſegnet ſei, es beſſer gethan ſei, dieſe auf verſchiedenem Wege zum Beſten Gottes zu verwenden, und ſchlagen vor, daß, da ich ſtets viel Eifer für das umnachtete Ge⸗ ſchlecht der Neger gezeigt und, wie ſie gütig denken, dieſe gerade mit beſonderm Glück zu behandeln wiſſe, ich mich lieber der Miſſion, die eben nach Afrika geht, anſchließen ſolle. Sie ſchicken einen vortrefflichen Mann, Herrn Burton, der bisher unter den Indianern gear⸗ beitet, mit hinaus; er ſollte, wie ſie meinen, nicht ohne eine Gefährtin gehen, die Schulen für Mädchen, die bereits dort errichtet ſind, beſſer einzurichten und aus⸗ zudehnen. Er iſt der Sohn einer armen Witwe in Neuhampſfhire, die den Spätgeborenen, wie Hannah den Samuel, dem Herrn geweiht und ihn in der ſtrengſten Gottesfurcht erzogen hat. Er iſt noch neu in den Wegen der Welt und die chriſtliche Anmuth der Sitten fehlt ihm, die auch das Ihrige beiträgt, Herrn Fleming zu einem Schmuck der Kirche zu ma⸗ chen; denn ſelbſt die Eigenſchaften des Körpers mögen durch den Hauch Gottes geheiliget werden. Aber ſollte das Einfluß auf mich üben? Der Herr verhüte es! O, Klotilde, ich bewache angſtvoll mein fündiges widerſtrebendes Herz! Nach Liberien wünſchte ich, beabſichtigte ich zu gehen, und nun ſollte eine fleiſchliche Neigung mich nach Indien treiben? Nein, meine Klotilde, wie er auch ausfallen möge, ich bin entſchloſſen, mich dem Ausſpruch der Heiligen des Herrn zu unterwerfen, keinen Schritt ohne den Rath der Brüder und Schweſtern zu thun. Ich höre, daß Herr Fleming dagegen ankämpft, daß er in der neu⸗ lichen Verſammluno eine ſchöne Rede„von der ehe⸗ lichen Liebe“ gehalten, und wie geſchrieben ſtehe: „Jakob gewann die Rahel lieb“, ehe er ſie geehelicht, und wie der Herr dem Menſchen Herz und Verſtand gegeben, um für ſich ſelbſt handeln und unter Anderm auch ſich eine Lebensgefährtin, die ihm wohlgefalle, zu wählen, und wie zwei Inſtrumente beide voll⸗ kommen richtig geſtimmt und zum Preiſe Gottes gebraucht werden könnten, wenn aber die beiden Stücke nicht aus Einer Tonart geſpielt würden, gäbe es doch einen Misklang. Der Treffliche! Er iſt ſo klug, wie er gut iſt. Er ſprach aus meinem eigenen Herzen. Aber wie mein Loos auch falle, ich will mich ihm unterwerfen und, wo er mich hinführen möge, dem Herrn dienen! So wie ich von Virginien Nachricht bekomme, ſchreibe ich Ihnen wieder, liebe Klotilde. Vielleicht kann ich Ihnen dann auch melden, welchen Weg Gott mir angewieſen hat! Möge er Sie und Ihren Gatten ſegnen und Sie beide, nach ſolchen ſchweren Prüfungen, auf dornenloſem Pfade nach ſeinem Reiche führen! Charlestown, Ihre Sie herzlich liebende den pril 18 Sarah Caſtleton. Der verſprochene andere Brief kam zwar erſt nach mehren Wochen und fand Klotilden nicht mehr in Harrisburg; da er aber dem vorigen ſich genau an— ſchließt, ſo wollen wir, Unterbrechungen zu vermeiden, ihn hier ſogleich folgen laſſen. Sarah's zweiter Brief. Meine theure Klotilde! Die Pauſe zwiſchen meinem letzten und dieſem Brief iſt länger geworden, als ich hoffte. Mein Brief an Sie war kaum fort, als einer von Mrs. Tanner in Nenyork— der nämlichen Mutterſchweſter, zu der Vir⸗ ginia hatte reiſen wollen— ankam, der große Ver⸗ wunderung ausdrückte, daß zwei Briefe an dieſe ihrer Sorge empfohlen und mehre Kleiderkoffer, derſelben ihr zugeſchickt worden. Sie ſchließe daraus, chrieb ſie, daß ihre liebe Nichte ſie mit einem Beſuche erfreuen gedenke; dieſe ſei aber noch nicht bei ihr angekommen, noch habe ſie von ihr irgend gehört, ſo daß ſie nicht glauben könne, daß ſie vielleicht bei einer andern Freundin in Neuyork abgeſtiegen ſei. Dieſer Brief ſetzte meinen Vater und mich in keine geringe Beſtürzung. Erſterer ging ſogleich, um ſich bei dem Capitain des„Generals Houſton“, ſo heißt das Dampfſchiff, mit dem Virginia gereiſt, zu erkun⸗ digen, und erfuhr nun zu ſeiner höchſten Verwunde⸗ rung, daß dieſelbe plötzlich erklärt, ſie habe ihren Ent— — w—————— ſchluß geändert, ſie wolle nicht gleich nach Neuyork, ſondern vorher einen Beſuch bei einer Freundin in der Nähe von Hicksford machen und darum lieber ſchon auf Cap Henry, wo der Dampfer anzulegen pflegt, ans Land gehen. Ihre Sachen, die nach Neuyork adreſſirt waren, haben darum dort hervor⸗ geholt werden müſſen; er, der Capitain, habe ſie einem Herrn aus Richmond, der auch dort abgeſtiegen, em⸗ pfohlen und ſeitdem nichts wieder von ihr gehört. Dies konnte uns kei Aufklärung geben. Wir wußten von keiner Freundin Virginiens in der N von Hicksford; doch konnte leicht eine von Neu⸗ york, wo ſie viele Bekannte hatte, dort hingezogen ſein, ohne daß ſie es gegen uns erwähnt. Warum aber hatte ſie uns nicht geſchrieben? Mein Vater, nicht wenig beunruhigt beſchloß ſogleich mit dem wilmingtoner Dampfſchiff nach Hicksford zu reiſen. Er kam höchſt verſtimmt urich ohne von ihr gehört zu haben. Der Name des richmonder Herrn war dem Capitain entfallen. Da verſetzt mich plötzlich ein neuer Brief von unbekannter Hand in noch größere Beſtürzung. Er iſt von einer franzöſiſchen Putzmacherin aus Phila⸗ delphia, Namens Avalon, die wir früher hier ge⸗ kannt, und die namentlich mit Virginia, welche ſich ſehr gütig gegen ſie bezeigt, in Verbindung geblieben wa Sie meldet mir, daß Virginia vor einigen Wo⸗ chen zu ihr gekommen und ſie erſucht habe, ſie auf einige Tage zu beköſtigen, da ſie ein Geſchäft hier habe. Da ſie allein ſei, wolle ſie nicht in ein Gaſthaus; ſie wolle aber Miß Browning ſtatt Miß Caſtleton genannt ſein, weil ſonſt leicht einer ihrer Bekannten von ihrem Hierſein höten und ſie aufſuchen würde, was ſie zu vermeiden wünſche, weil ſie nur mit der allernothwendigſten Rei derobe verſehen ſei. Sie habe in der größten Zurück ogenheit, aber in un⸗ eie ausgegangen, habe nie Beſuch empfa nur einmal einen Arzt herbeihole, noch daß ſie a ſchreibe. Ganze Tage läge ſie, ſtu barer Gleichgültigkeit vor ſich h„auf dem Sopha; ſie verweigere, Nahrung zü ſich zu nehmen, und ſei überhaupt in einem Zuſtande, daß ſie es nicht länger auf ihr Gewiſſen nehmen könnte, gegen uns ferner zu ſchweigen, und lieber ihr Wort brechen wolle, als vielleicht die Unglückliche bei ſich ſterben zu ſehen. Den Eindruck dieſes Briefes können Sie ermeſſen. Es ging mir ein ſchwaches Licht auf Mit w gottloſen Eigenſinn hatte die Arme ſich einer 170 lichen, ehebrecheriſchen Leidenſchaft hingegeben Es war offenbar, daß Sie ihr dieſelbe entdeckt, daß Sie in Berge⸗ dorf Hubert gefundenz; ſie war on uns geflohen, um nicht in ihrem unchriſtlichen Plane, an einer unglück⸗ lichen Liebe zu ſterben, geſtört zu werden Das war die Frucht ihrer vertrau anntſchaft mit Ihren deutſchen Dichtern, egen deren falſche, ver⸗ führeriſche Lehren keir hum ſie ſtählte. Noch deutlich erinnere ich e ß ſie Gvethe, der den Selbſtmord und de vertheidigt, den größten Dichter nannte, un wir einmal Coleridge's Ueberſetzung ein geleſen, ſie mich klein und proſaiß ich fragte, was wol aus Thekla gen nöge. Man lebe nur, ſo lange eb inem eingefallen ſei, zu fragen, was au tigallen würde, wenn ſie nicht mehr ſän was dergleichen Unſinn mehr war, worüber ſie einige unſerer jungen Herren, die zugegen waren, förmlich anſtaunten. Natürlich machten wir uns ſogleich zu ihr auf den Weg. Mein Vater machte ſich Gedanken darüber, daß ſie vielleicht geflohen, weil ſie ſich gefürchtet, man möchte ſie beſchuldigen, ſie habe Bergedorf fortgeholfen. Wie wenig kennt er ſie doch! Virginia und Furcht! Als wir ankamen, wollte ſie uns durchaus nicht ſehen Nur Phhyllis, die wir von Neuyork hatten kommen laſſen, denn ſie war ihr dorthin mit ihren Sachen nachgereiſt, durfte zu ihr. Endlich ließ ſie mich vor ſich. Ach, Klotilde, wie war ſie doch verändert! Ich erſchrak vor der verborgenen Glut ihres Auges, dem verhaltenen, unterdrückten Zorn, der die ſchönen Züge unnatürlich verſtellte. Mit mir zu beten, hatte ich ſie nie beſtimmen können. Allein, jetzt wollte ſie mich auch nicht für ſich beten laſſen.„Laß das“, ſagte ſie mit einer Bitterkeit, die mir ſehr weh that.„Ich ver⸗ diene die Fürſprache der Heiligen nicht.“ Ach, es war eine traurige Zeit. Mir war auch anderer Dinge wegen, die ich Ihnen nachher erzählen werde, ſo ſchwer um das Herz. Aber wie unrecht wäre es zu klagen! Der liebevolle Schöpfer hat uns mit unzähligen Segnungen überhäuft. Wir verſtockten Herzen ſehen ſie, fühlen ſie nicht; wir empfinden nur die kleinen Leiden dieſes Erdenlebens, die Süßigkeiten ſind, wenn wir ſie mit denen unſeres Erlöſers ver⸗ gleichen, der für uns unter den Peinigungen ſeiner Wi⸗ derſacher am Krettze ſtarb! Wie bald werden wir dieſelben zugleich mit dieſer elenden Hülle abſtreifen, um in ewigdauernder Seligkeit mit ſeinen Engeln ihm ———— Hallelujah zu ſingen! Es iſt ja nur eine nne eit, meine Klotilde. Was grämen wir uns, wir undankbaren, ſündigen Geſchöpfe! Laſſen Sie ſie uns freudigen Sinnes und den Herrn preiſend, durchwan⸗ dern, bis ſie ſich uns öffnen, die Wohnungen der Gerechten! Nur mit der größten Mühe konnte ich Virginien bereden, mit uns nach Hauſe zu reiſen; den Vater zu ſehen, bewilligte ſie nur mit der Bedingung, daß er ihr nicht allein keinen Vorwurf mache, daß er au keine Frage an ſie richte. Und er verſprach O, meine Klotilde, Sie wollten es mir immer nicht zugeben, daß des Menſchen natürliche Triebe ſünd⸗ haft ſind! Und wäre eine ſolche Vaterliebe nicht ſündhaft? Seitdem wir nun zu Hauſe ſind, iſt Virginia ſehr düſter und zum Zorn gereizt; allein Fe iſt doch nach und na zu ihren alten Gewohnheiten zurück⸗ gekehrt. Sieeigt einige Ungeduld, Alonzo wieder⸗ zuſehen. Es iſt faſt, als hätte ſie etwas gegen ihn auf dem Herzen und wünſche ihm etwas mitzutheilen. Möge es zu ſeinem Glücke beitragen! Gegen Sie ſcheint ſie aufgeregt und kann ſt Ihren Namen nicht hören. Ich weiß, Sie verzeihen ihr dies; denn ſo lange ſie die ſündliche Leidenſchaft nicht überwunden 173 und ſtatt ihrer dem lieben Herrn Jeſus ihr Herz öffnet, kann man es nicht anders erwarten. Nun will ich Ihnen von meinen eigenen Ange⸗ legenheiten erzählen. So will ich Ihnen denn eröff⸗ nen, daß dieſer Brief ein Abſchiedsbrief iſt, und daß ich in acht Tagen Herrn Burton heirathen werde, um noch am nämlichen oder vielleicht am folgenden Tage mit ihm nach Liberien abzuſegeln. So iſt die Sache ent⸗ ſchieden worden. Er iſt ein treuer Diener des Hei⸗ landes, den er über Alles liebt, und dieſe Liebe, die die höchſte iſt, vereinigt unſere Herzen. Gott hat es ſo gefügt. Vielleicht hätte ich in ſündhafter Schwäche den Schöpfer über das Geſchöpf vergeſſen, vielleicht hätte ich undankbar der Gabe mich mehr um ihrer ſelbſt willen, als um des Gebers willen erfreut, wenn ich des Mannes Gattin geworden wäre, den ich allen Andern vorgezogen hätte. Er iſt ein eiferſüchtiger Gott! Viel⸗ leicht wäre ich hier auf Erden zu glücklich geweſen, hätte die große Wahrheit nicht immer vor Augen ge⸗ habt, ß es nur eine Erziehungsanſtalt iſt für jen⸗ ſeits. O, der Vater züchtigt, wen er liebt! An der unendlichen Wehmuth, die mein ganzes Weſen füllt, erkenne ich recht, wie ſelbſtwillig mein Herz noch iſt, das ich ergeben, das ich demüthig wähnte! Der gute Herr Fleming hat die andern frommen —————— ———— ——— K Männer nicht überzeugen können. Er nahm Abſchied von mir und ſprach bei dieſer Gelegenheit zum erſten Mal von ſeiner— Liebe. Wie viel ich ſelbſt dabei gelitten, ſchien er nicht zu ahnen.„Vielleicht“, ſagte er mit einer Stimme, die mir durch das Herz zitterte, „haben unſere Brüder den beſten Theil für uns ge⸗ wählt; vielleicht würde auch Ihre Geſundheit dem Klima unterliegen, deſſen Opfer meine Harriet und meine Kinder in ſo kurzer Zeit wurden. Die Wun⸗ den, mit denen mein Herz überdeckt iſt, bluten noch. Sie hatten ſich bereits für Liberien entſchieden. Hätte ich Sie nun beſtimmt, mit mir nach Oſtindien zu gehen und der Herr hätte Sie dort vielleicht bald ab⸗ gerufen, ſo hätte ich Ihr junges Leben, als ein mir, nicht ihm gebrachtes Opfer betrachten müſſen. Und hätte ich das ausgehalten? Lieber will ich eine Ge⸗ fährtin wählen, an die bloße Achtung und Freund⸗ ſchaft mich knüpft, die das Land kennt und bereits gegen ſeine Gefahren gewaffnet iſt.“— Er wird die Witwe eines ſeiner Mitmiſſionaire heir„ eine ältliche, aber höchſt liebenswürdige fcomme„deren Tochter ſchon jetzt ihre Hilfsarbeiterin iſt im Wein⸗ berg des Herrn. Ich drückte ihm die Hand und flehte des Heilan⸗ des Segen auf ihn herab. Allein ich ſagte es ihm 175 nicht, daß ich lieber nach kurzem Lieben und Wirken an ſeiner Hand in die Wohnungen des ewigen Frie⸗ dens eingegangen wäre, als durch die langen Kämpfe dieſes Lebens an anderer gehen. Aber des Herrn Willen geſchehe! Beten Sie für mich, ich will für Sie beten! Gern ſähe ich Sie noch, ehe ich ſcheide, theure Klo⸗ tilde! Gern freut' ich mich Ihres häuslichen Glückes, und hörte Sie Gott dafür preiſen, daß er Sie ſo glücklich gemacht durch den erwählten Mann! Aber es ſoll nicht ſein. Noch einmal: Sein Wille geſchehe! Möge Er, deſſen Rathſchluß unerforſchlich iſt, Sie in ſeinen allmächtigen Schutz nehmen und wir uns einſt jenſeits zu ſeiner Rechten wiederfinden! Charlestown, d... Mai 18... Mit inniger Liebe Ihre Sarah Caſtleton. „Arme, arme Sarah!“ ſagte Klotilde, mit tiefer Rührung, nachdem ſie den Brief geleſen.„Muß dies treffliche Geſchöpf ſo das Opfer einer falſchen kirch⸗ lichen Ergebenheit werden! Wie leid thut mir es um dies fromme, reine Herz, das im Wahne, Gott wohlgefällig zu ſein, ſeinen edelſten und natürlichſten Neigungen mistraut!“ Hubert hatte den Brief mit ganz andern Empfin⸗ dungen geleſen. Er haßte die Weiſe der Frommen, in Gott und der Welt, die ein Ausfluß Gottes iſt, einen ſchroffen Gegenſatz zu erblicken und zu wähnen, es ſeien von dem höchſten Weltenlenker dem Menſchen⸗ geſchlecht in ſeinen eigenen Sinnen und natürlichen Herzensneigungen Fallen geſtellt. „Nicht Sarah bedaure!“ ſagte er.„Nicht ſie iſt zu beklagen, die, wenn auch in gar trübſeliger und genußloſer Fahrt, mit ſo ſicherm Ruder geradesweges dem Hafen zuſteuert. Die ſogenannten Frommen können im Grunde ſo lange nicht unglücklich ſein, als ſie nichts perſönlich zu bereuen, als ſie außer der Laſt der Erbſünde, für die ſie ja erlöſt ſind, nicht noch eine beſondere Privatſünde auf dem Gewiſſen haben. An Anderer Glück und Unglück iſt ihre Theil⸗ nahme, wenn auch immer rege und thätig, doch nie tief genug, um ihrer eigenen Seele Glück zu zerſtören; denn, wie du ja ſelbſt gehört, die Furcht, über das Geſchöpf den Schöpfer zu vergeſſen, hält jedes etwa mächtigere Gefühl in Schranken und untergräbt es zuletzt. Ueber dem eigenen Unglück aber zuſammen⸗ zubrechen, wäre noch ſündhafter; denn dieſes Unglück iſt ihnen ja das ſicherſte Zeichen, daß der Herr ſie liebt.“ — 177 Klotilde lächelte.„Im Allgemeinen“, ſagte ſie, „magſt du nicht Unrecht haben, obwol ich behaupten möchte, daß der gemäßigte, gehaltene Ausdruck, den ſie allein dem Chriſten anſtändig glauben, oft ihr Gefühl mehr verſchleiert, als enthüllt. Dies iſt ſicher⸗ lich Sarah's Fall. Doch magſt du Recht haben— du ſiehſt, Geliebter, ich errathe deine Gedanken— daß Virginia vielleicht noch mehr zu bedauern iſt; ſie, die Verzogene, die von der Natur ſelbſt nur zum Glück, zum Genuß geſchaffen ſchien, vergrollt nun in bitterm Haß ihr junges Leben. Ihr fehlt der Troſt der Religion. Nur ein Leiden, das ſie tief bewegte, ohne ihren Stolz zu demüthigen, würde vermögen ſie Gott zuzuführen. Sarah verſteht ſie nicht und ver⸗ letzt ſie mehr durch ihre Theilnahme, als ſie ſie er⸗ quickt. Wenn ich dächte, die Tiefe ihrer Leidenſchaft käme der Heftigkeit derſelben gleich, ſo würde ich mich ihretwegen kaum beruhigen können.“ Ein ſchwerer Seufzer antwortete ihr. Beide ſchwiegen. Die Auswanderer. II. Siebentes Capitel. Der Hafen. Es iſt ein köſtlicher Landſtrich von Neu⸗England, durch den der lange, wellige, ſmaragdne Rücken des grünen Gebirges ſich ſtreckt. Wo er gegen Süden ſich allmälig abflacht und ſich in einzelne Höhen ver⸗ liert, hat die Cultur ſich ſchon ſeit faſt zweihundert Jahren einer heitern, wohlgebildeten, aber ſpröden Natur vermählt und ein blühendes, wohlhäbiges, tüchtiges, aber unromantiſches, mit Städtchen und Flecken überſäetes Land erzeugt, das im beſten Ein⸗ klange ſteht mit dem wackern und raſtlos fortſchrei⸗ tenden Geſchlecht ſeiner Bewohner. Aber in den nördlichen Gegenden, wo der Rücken ſich öſtlich in mannichfachen Verzweigungen nach dem engen Connecticutthale herabſenkt oder in grandioſen Formationen nach den erſten Gliedern der wunder⸗ baren Seekette des Weſtens abfällt, da ruht ein maleriſches Waldland noch in halbdurchforſchter, ge⸗ heimnißvoller Wildniß. Durch die Nacht des Laub⸗ dickichts rauſcht und flüſtert und glänzt es von kleinen, ſchlängelnden, plätſchernden, ſtürzenden Bächen und ſtrahlt aus dem heimlichen Dunkel von ſtillen, ſilber⸗ nen, leiſe athmenden Seen. So mancher jener rei⸗ zenden Gebirgsſtröme, deſſen Breite und Waſſerfülle ihn in einem althiſtoriſchen Lande keine geringe Be⸗ rühmtheit und Bedeutung geſichert haben würde, hat nun vielleicht ſeit einem Jahrtauſend ſein Leben na⸗ menlos dahingebrauſt, höchſtens nur von der nächſten Dorfjugend gekannt, die beim langen Schulweg durch die Waldung vielleicht ſchon oft von dem lieblichen Schwätzer auf Abwege gelockt worden; ſo mancher wunderſchöne, klare Waſſerſpiegel lächelt aus dem dun⸗ kelgrünen Laubwerkrahmen nun wol ſeit zahlloſen Generationen heraus, ohne daß je ein Menſchenant⸗ litz ſich darin abgeſtrahlt! Welche Fülle von unver⸗ ſtandener, geheimnißvoller Poeſie trägt dies reichbe⸗ gabte Land noch in ſeinem tiefſten Buſen verborgen! Aber auch die Stätten, die der Menſchenfuß geebnet, Menſchenkunſt und Fleiß wohnbar gemacht, haben ihren poetiſchen Hauch noch und werden ihn lange noch haben, wenn auch noch ſo manches liebliche Thal von unſchönen, backſteinernen Fabrikgebäuden verbaut 12* 180 wird, die mit ſo trockenen, rothgebrannten Caſernen⸗ geſichtern aus ihren hundert hohlen Augen in die rei⸗ zend friſche Natur hinausſchauen; wenn auch noch ſo manche ſilberne Bergcascade durch ihre raſtloſen Rä⸗ der zerſtört, noch ſo mancher reißende Gebirgsſtrom in ihren Keſſeln vertrocknet und verdampft wird— mit ſolcher verſchwenderiſchen Fülle hat Mutter Natur dies jugendkräftige Land ausgeſtattet, daß es durch unzählige Generationen noch Vorrath genug haben wird, den unerſättlichen Yankeegeiſt der Benutzung zu nähren, ohne ſelbſt zu verarmen. Der wildromantiſche Geiſt freilich, der einſt aus dem Ganzen der Natur Neu⸗Englands und dieſes Theils des Neuyorkſtaates geathmet haben mag, iſt ſchon längſt durch die Hand der Cuviliſation gezähmt worden, die mit unermüdlichem Fleiße ſeine Forſten gelichtet, weit und breit Thal und Höhen mit reinlichen, netten Wohnungen überſtreut, mit hellfenſtrigen Kirch⸗ lein und kleinen, in ernſthafter Einſamkeit ſtehenden Schulhäuſern verſehen und ſeine unermeßlichen Weide⸗ ſtrecken mit fetten Herden und zahmem Geflügel bedeckt hat. Was der Geiſt der Poeſie an phantaſtiſchem Reiz verloren, hat er an idylliſchem, behaglichem Wohlgefühl gewonnen. Hier und da aber, und oft in nicht gar zu großer Entfernung von einem blühenden, geſchäfts⸗ 181 vollen Dorfe, hat jener Geiſt in ſeiner ganzen alten, primitiven, ercentriſchen Wildheit in einer umwaldeten Bergſchlucht einen Zufluchtsort gefunden und hauſt noch dort ſo unumſchränkt, als wäre das ſiebzehnte Jahrhundert nur eben zu ſeiner Mitte gelangt, als wäre der weiße Mann noch im blutigen Kampfe begriffen mit dem rothen um deſſen Jagdreviere, um eine Wohn⸗ ſtätte für ſich und ſeine Lieben, um einen Tempel für Jehovah, den Gott Israels. Auf einer ſolchen Stelle war es, wo ſich eine Ge⸗ neration früher ein angeſehener Boſtoner angebaut hatte. Er war in ſeinen Handelsunternehmungen wie in ſeinem politiſchen Ehrgeiz vielfältig getäuſcht worden und hoffte, die Welt aufgebend, hier in voll⸗ kommener Einſamkeit den Frieden zu finden, den keine äußern Verhältniſſe geben können. Aber keiner ſeiner Söhne hatte das Leben beginnen wollen, wo der Vater es geendet; ſie wanderten weiter und weiter nach Weſten, und das uneinträgliche Beſitzthum, das nur wenige Morgen felſigen Landes umfaßte und deſſen Beſitz ſeiner abgelegenen, ſchwer zugänglichen Lage wegen für Den, der mit der Welt lebt, wenig er— wünſcht war, ging, im Preis bei jedem neuen Wechſel beträchtlich fallend, durch die Hände mehrer Käufer, bis es endlich für ein Geringes in die Hände desjenigen 182 Eigenthümers kam, den wir darin finden, und mit dem wir unſere Erzählung wieder aufnehmen. Das Haus, von Holz, aber in edlerm Styl ge⸗ baut, als es ſonſt wol in Vermont gewöhnlich iſt, lag auf einer Anhöhe, die ſich von der Landſtraße, an welcher das nächſte Dorf lag, ſanft erhob, gegen tauſend Schritte im Rücken deſſelben aber ſchroff abfiel und die Wand einer engen Felſenkluft bildete, durch die ſich, waldverwachſen, mit wildem Gebraus ein reißender Gießbach drängte. Ungefähr eine halbe Meile von dieſem Hauſe entfernt lief von der Fahr⸗ ſtraße ein Seitenweg ab, in die dickſte Laubwaldung hinein. Er war von dem erſten Beſitzer angelegt und bei ſeinen Lebzeiten in gutem Stand erhalten worden, jetzt aber glich er einem bloßen Holzweg und war nur für die kleinen, einſpännigen Wäglein des Landes zugänglich. Er wand ſich durch die Forſtung hindurch, die Anhöhe hinauf, und lief an dem Gehöfte aus, welches das Haus umſchloß. Auch in dieſem letztern war ein nicht unbedeutender Verfall merklich, doch verbarg das reiche grüne Gewind, das ſich um die Pfeiler der breiten Veranda hinaufrankte und üp⸗ pig Dach und Wände bedeckte, daß es vielleicht eines neuen Farbenkleides bedurft hätte. Die Stallungen und Wirthſchaftsgebäude unfern des Wohnhauſes zeigten ſchon mehr die zerſtörende Hand der Zeit. Im Rücken des letztern breitete ſich das kleine Bergplateau wieſenglatt und grün bis zum Waldabhang aus. Die Einhegung des Gehöftes lief rechts und links nur bis zu dieſem Abhang, über wel⸗ chen die Natur ſelbſt mit dickem Untergeſtrüpp ihre Mauer gezogen. Mittendurch war von dem erſten Beſitzer eine Oeffnung wie eine Thür eingebrochen, und ein ſchlängelnder Pfad, abwechſelnd mit in den Felſen gehauenen rohen Stufen, führte in die Schlucht hinab, der lockenden, melodiſch rauſchenden Muſik des wilden Gewäſſers zu, das raſtlos und ſtolpernd ſich über ſpitziges Steingerüll dahinſtürzte und in ſeinem ungeſtümen Bahnbruch eine unzählige Menge kleiner, reizender Cascaden und luſtiger Wellenwirbel bildete. Es hatte den jetzigen Eigenthümer manchen Tag Arbeit gekoſtet, den wildverwachſenen Pfad wieder zu lichten und für zarte Füßchen gangbar zu machen. Aber er begnügte ſich damit nicht. Er hatte an⸗ gefangen ein Weglein im Thale längs des Gießbachs hin zu bahnen und dachte es nach dem fernen Falle hin zu leiten, wo das Gewäſſer, nachdem es meilen⸗ weite Strecken flachen Landes gemſchlich durchſchlän⸗ gelt und ſich endlich, gleichſam we verirrt, in dichter, ungelichteter Waldung verlor, vlötzlich mehre Hundert Fuß hoch toſend in das Thalbett hinuntergeſtürzt kam, um ſich von da an auf klippenvoller Laufbahn mit Lärmen und Stöhnen weiter zu arbeiten. So man⸗ chen ſtillen Abend, beſonders wenn der Südwind die Muſik herübertrug, hatte das Rauſchen des fernen Waſſerfalles ihn und die Gattin in den Schlaf ge⸗ ſungen und die lebhafteſte Sehnſucht in ihnen ge⸗ weckt, den geheimnißvollen Wanderer auf ſeinem ſchwin⸗ delnden Sturze zu ſehen. Kein Auge des jetzigen Ge⸗ ſchlechts ſchien je ihn erblickt, kein Fuß je die Stelle da oben betreten zu haben; keine Landkarte bezeichnete ſie, keine topographiſche Beſchreibung gab davon Kunde. Eine dunkle indianiſche Sage nur von böſen, blutigen Thaten, die einſt dort in der Wildniß verübt, knüpfte den Schreckensnamen Mattalugas,„Ort der Miſſe⸗ that“, an dieſen Fleck. Noch vor einem halben Jahrhundert hatte ein ärmlicher, verkommener Ueberreſt eines mohiganiſchen Geſchlechts dort im Dickicht in ſchmutzigen Wigwams gehauſt. Die Großmütter der benachbarten Dörfer erinnerten ſich noch von Zeit zu Zeit von dort heraus dunkle, kaum zu unter⸗ ſcheidende Männer⸗ und Weibergeſtalten mit langen, ſtar⸗ ren, ſchwarzen Hatren und ſcheuem Blick vor ihre Thü⸗ ren kommen geſehen zu haben, die Körbe aus bunten Weiden geflochten und Löffel und Quirle aus Holz 4 4 die Luft durchzog, war die Wieſe hinter dem Hauſe 185 geſchnitzt mit Geberden und gebrochenen Lauten zum Verkauf anboten. Manchmal kam auch wol ein Kind, das Beeren geſammelt, ein verkümmertes, verſchmutztes Geſchöpf mit ſtumpfer Miene, welches gierig das Stück Brot und Käſe verſchlang, das die Hausfrau mitlei⸗ dig ihm reichte, aber nicht Rede ſtehen wollte und mit einer faſt thieriſchen Behendigkeit davonlief, ſobald die weißen Kinder ſich ihm nahten. Damals ſah man oft Rauch aufſteigen aus der Waldung und kam der Wind von dort, ſo hörten die im nächſten Dorfe von Zeit zu Zeit ein dumpfes Wehgeheul, das ſie, ſie wußten ſelbſt nicht warum, an Leichen mahnte. Sel⸗ tener und ſeltener kam einer heraus; endlich kam kei⸗ ner mehr. Sie waren alle geſtorben. In lautloſer Stille lag die Waldung; nur das Gekrächz von Raben tönte heraus und in melodiſcher Monotonie der melan⸗ choliſche Geſang des verborgenen Waſſerfalles. Welch ein unendlicher Zauber lag in dieſem Geheimniß! Und welcher in dem Beſtreben, es zu entſchleiern! Während nun der junge Mann, mit Hacke und Art bewaffnet, im Thale arbeitete, war die Gattin da oben auch nicht müßig. Am Abend, wenn die unter— gehende Sonne ihre langen Schatten über das glän⸗ zende Grün warf und der friſche Duft des Graſes beſonders reizend. Auch auf der Rückſeite des letztern war eine Veranda oder, wie man in Amerika mit dem ſpaniſchen Ausdruck ſagt, eine Piazza ausgebaut. Hier war eine junge Frau in einem einfachen, dun⸗ keln Kattunkleide, einen großen, weißen Sonnenhut auf dem Kopfe, beſchäftigt, ein Tiſchchen zu decken. Sie war ſoeben aus dem Walde zurückgekommen, wo ſie friſche Beeren, deren er eine Fülle bot, in einem Körb⸗ chen geſammelt, die ſie, nachdem ſie ſie am Ziehbrun⸗ nen ſorglich gewaſchen, nun in einem gläſernen Napfe auf den Tiſch ſetzte. Ein Negerknabe— der einzige Dienſtbote des Hauſes, der das Pferd und die Kuh beſorgte, den Backofen heizte, der Frau Waſſer vom Brunnen holte und ſonſt hier und da half— kam eben mit einer Kanne friſch gemolkener Milch für den Abendtiſch herbei. Die junge Frau ordnete die Ge⸗ räthſchaften auf das zierlichſte. Alles war einfach, aber Alles auch deutete auf Geſchmack und auf Wohl⸗ ſtand. Die friſche, ſelbſtgemachte Butter ſah gar ein⸗ ladend aus; nur das Brot betrachtete ſie mit einem ſtillen Seufzer. Das Backen wollte ihr nicht recht gelingen. Es fehlte ihr die ſtarke, arbeitgewohnte Hand. Die Zeit, dachte ſie, wird mir hoffentlich auch darin mehr Kunftfertigkeit geben; tauſend Mal beſſer wenigſtens, es noch ein paar Monate zu verſuchen, 187 als mich wieder in das Fegefeuer der Bedienung durch ein neuengliſches Mädchen zu ſtürzen, das mir Ge⸗ ſellſchafterin ſein will, während ich ſie als Arbei⸗ terin gemiethet. Seit den wenigen Wochen, daß ſie das Kochen und Backen ſelbſt unternommen, waren freilich ihre Hände ſchon rauh und hart genug gewor⸗ den, und auf der zarten, weißen Stirn zeigten ſich mehre Hitzblattern. Aber das ertrug ſich leicht. Wußte ſie doch, daß ihr Gatte eine höhere Schönheit in ihr liebte, als die ein Küchenfeuer verwüſtet. Nun war Alles fertig und Klotilde— denn der Leſer hat längſt errathen, daß ſie es war— trat hin⸗ aus auf die Wieſe und ſah ſich mit wohlgefälligem Blick in ihrem Beſitzthum um, das erſt von dem ho⸗ hen, dunkelblauen Gebirgskamm begrenzt ſchien, der ſich in einiger Ferne über der jenſeitigen Thalwand erhob. Zahlreiche Bergrücken in den herrlichſten Abſchattungen vom glänzenden Lichtgrün bis zum reichſten Ultramarin ſtuften dazwiſchen ſich amphitheatraliſch zu ihm auf. Es war ein köſtlicher Anblick. Aber ihr Auge kehrte verlangend immer wieder nach der Waldesöffnung zurück, die in das Thal hin⸗ abführte. Bald darauf trat auch Hubert heraus, einen großen Strohhut auf dem Kopfe, nach beendigtem Tagewerk Spaten und Art auf der Schulter tragend. —— — ————— — ———— 188 Wie freudig begrüßten ſich einander die Liebenden, die einander Alles, Alles waren! Wie heiter genoſſen ſie des kleinen, einfachen Mahles und wie war die Liebe die innigſte, hingebendſte, dankbarſte Liebe die Würze ihres Genuſſes, die Seele ihres Geſprächs! Wenige Monate erſt waren vergangen, ſeitdem ſie in dieſen Hafen eingelaufen, und auch im Hafen hatte geraume Zeit in unruhvollem, mühſamen Geſchäfts⸗ treiben vergehen müſſen, in kleinlichen Beſorgungen, die Anſprüche und Bedürfniſſe des Tages zu befriedi⸗ gen, ehe ſie ſich hatten auf den leiſen Wellen einer behaglichen Häuslichkeit wiegen können. Ueber die Anfänge eines Haushalts führen die Hände der Civi⸗ liſation leicht hinweg; wer aber mit den unwillkür⸗ lichen Anſprüchen, die raffinirte Culturzuſtände ihren Zöglingen aufdrängen, in eine noch halbwilde, ja nur in eine dünnbevölkerte, in ihrem ſocialen Charakter primitive Gegend tritt und ſich dort einen Herd bauen will, der wird erſt dann recht zum vollen Be⸗ wußtſein aller Vortheile kommen, welche ein vollkom⸗ men ausgebildeter Geſellſchaftszuſtand gewährt, in welchem einer den andern gleichſam erſetzt und jeder nur einen Theil des Ganzen bildet. Die Zeit hatte die äußerſten Schärfen dieſes Bewußtſeins einiger⸗ maßen abgeſchliffen; die Erfahrungen aber, welche un⸗ — ſere Liebenden auch nach ihrer Wiedervereinigung ge⸗ macht, ehe ſie in dieſen Hafen gelangten, hatten ſie mit einer Kenntniß des Landes und des Volkes bereichert, die ihnen nun in ihrer endlich errungenen Häuslichkeit höchlich zu ſtatten kommen ſollte. Wir verließen die jungen Eheleute in einem Koſthauſe zu Harrisburg. Hubert und Klotilde waren übereinge⸗ kommen hier ſo lange zu bleiben, bis ihre Gemüther ſich einigermaßen beruhigt und ſie im Stande wären, eine Art Plan für ihre Zukunft zu machen. Die verſchiedenen Koſtgänger des Hauſes, die meiſt aus jungen Ehepaaren beſtanden, kamen zu den gemeinſchaftlichen Mahlzeiten drei Mal am Tage in den untern Zimmern des Hau⸗ ſes zuſammen. Eine ſtattliche, reich mit Fleiſchſpeiſen beſetzte Tafel ſtand ſchon um acht Uhr zum Frühſtück bereit. Von da aus eilten die jungen Ehemänner nach ihrem Comptvir oder ſonſtigem Geſchäftslocal; die jun⸗ gen Frauen blieben wol noch ein Weilchen im anſto⸗ ßenden Salon zuſammen und beſprachen die Neuig⸗ keiten des geſtrigen Tages, oder redeten den Kindern zu— denn einige hatten bereits Familie— die un⸗ geduldig auf das Frühſtück zu warten hatten, bis der zweite Tiſch bereitet war, an dem ſie mit den Wär⸗ terinnen eſſen ſollten. Die Damen gingen dann auf ihre Zimmer— meiſtens nur Schlafzimmer; man muß ſchon ein gutes Einkommen haben, um außer dem gemeinſamen„drawing room“, dem Salon, noch ein„parlour“, Privat— oder Wohnzimmer, bezahlen zu können. Hier werden allerhand nothwendige kleine Geſchäfte vorgenommen, dann Toilette gemacht, Beſuch abgeſtattet oder empfangen oder in die Kaufläden ge⸗ gangen. Der Mittag, und ſpäter der abendliche Thee, der häufig die regelmäßige Abendmahlzeit bildet, führt die Herren zurück; die Zwiſchenzeit wird nicht viel anders zugebracht als der Morgen. Wo Kinder ſind, gibt es immer zu nähen und auszubeſſern, literariſche oder muſikaliſche Neigungen laſſen ſich leicht bei voll⸗ kommener Muße befriedigen. Sogenannte häusliche Pflichten gibt es für die ſchönen K Koſtgängerinnen nicht. Das Haus wird für ſie beſtellt, der Tiſch wird für ſie gedeckt, die Rechnung für ſie bezahlt. Die größere Anzahl Neuverheiratheter fängt ihre Ehe damit an„in die Koſt zu gehen“, oder wenn die Eltern eines Thei⸗ les der jungen Eheleute wohlhabend ſind, bleiben die jungen Leute, ohne mehr als ein Schlafzimmer für ſich ſelbſt zu haben, bei dieſen wohnen. So geht das erſte Jahr, ſo gehen oft die erſten vier bis fünf Jahre hin. Das erſte Kind ruft all⸗ gemeine Wonne hervor; beim zweiten wird von bei⸗ den Seiten, namentlich von den jungen Eltern, wol — 3 einige Unbehaglichkeit empfunden; mehrt ſich die Zahl, ſo wird ein eigener Hausſtand erſehnt. Aber es gibt auch Kinder, die in Koſthäuſern zu großen Leuten herangewachſen ſind, und ältere Ehepaare, deren Söhne alle verſorgt ſind und deren verheirathete Töchter ihnen das Haus verödet überlaſſen haben, kehren häufig in Koſthäuſer zurück, als zu der ſorgenloſeſten und zugleich billigſten Art, ihr Leben zu beſchließen. Dieſe Sitte iſt über alle Landestheile verbreitet, über Nord und Süd, über Stadt und Land. Ja, in den Wild⸗ niſſen des Weſtens gibt es Blockhäuſer, die Koſtgän⸗ ger aufnehmen und ſo die Anfänge der Anſiedelung erleichtern. Dem deutſchen Sinne widerſteht dieſe Sitte und ich zweifle, ob ſie viele junge amerikaniſche Ehemänner für mehr halten, als ein erträgliches Auskunftsmittel, wenn ſie auch das deutſche Sprichwort„eigener Herd iſt Goldes werth“ nicht in ſeinem ganzen Umfange fühlen. Was läßt ſich mit dem Wonnegefühl eines jungen Ehepaares vergleichen, das Beſitz von dem neuen Hausſtand nimmt? Sei er noch ſo beſchränkt, er iſt ſein; der junge Mann fühlt ſich zum erſten Male als Hausvater, die junge Anvermählte erſcheint ihm außer liebens würdig zum erſten Male auch ehr⸗ würdig als Hausfrau. Ein Duft, ein Zauber, eine 192 Art Heiligkeit ſchwebt über dieſem Tempel. Auch in ſpätern Jahren werden die Eheleute ſich an dem end⸗ lichen Anfang eines eigenen Hausſtandes erfreuen; aber um die Poeſie des Unternehmens iſt's geſchehen. Sie ſind ſchon mit den Mühſeligkeiten, die bei allen Vortheilen auch zur Ehe gehören, zu vertraut, um mit ſo ſanguiniſchen Hoffnungen ihre gemeinſchaftliche Wanderung zu beginnen, als hätten ſie geſtern erſt vor dem Altare geſtanden, oder als läge blos eine Flitterwochenreiſe zwiſchen jetzt und jenem entſcheiden⸗ den Augenblick. Die Saunſeligkeit der Handwerker, die Theuerung der Lebensmittel, der Verdruß mit den Dienſtboten— alle die ſchwarzen Wolken des Him⸗ mels eines eigenen Haushalts werden, während die junge Sonne der Hoffnung ſie für dieſe leicht ver⸗ ſcheucht, ſich in manchen Augenblicken über jene zu entladen drohen und— wenigſtens die Frau— wird in mancher ſtillen Stunde nach der Ruhe und Sorgloſigkeit des Koſthauſes ſeufzen. Unſere Liebenden dagegen ſeufzten noch nach einer eigenen Häuslichkeit und richteten die Augen überall hin, wo ſie ſich ihnen bieten konnte. Auf der andern Seite verkannten ſie nicht, welche Vortheile die Sitte des Koſthauslebens der Jugend bietet. Wie manche Roſe verwelkt am Stocke und fällt endlich entblättert 193 der Mutter Erde zu, deren Duft wohlthuend hätte durch häusliche Gemächer dringen können! Wie man⸗ ches gute Mädchenherz, zum Lieben und Beglücken ge⸗ ſchaffen, zerreibt und zerſplittert ſich aus bloßem dunkeln Liebes⸗ und Thätigkeitsbedürfniß in unberufener Theil⸗ nahme an fremden Angelegenheiten und wird in auf⸗ gezwungenem Müßigang und unvermeidlicher Herzens⸗ öde zur läſtigen Klatſchſchweſter! Wie manchen wackern jungen Mann hätte die Heiligkeit eines frühen häuslichen Verhältniſſes vor dem ſittlichen Untergang gerettet! In den friſchen Lebenszuſtänden der Vereinig⸗ ten Staaten findet ihr weder die lange Reihe der ſogenannten„alten Jungfern“, die in andern Län⸗ dern nur zu oft die beſten und edelſten einſchließt, noch den weiten Kreis der Hageſtolzen und alten Junggeſellen, welche im Wirthshausleben nach und nach austrocknen, oder denen als Hausfreunden nur ein ſpärliches Maß häuslichen Genuſſes zu Theil wird. Broterwerb iſt leicht; geht es hier nicht, ſo gelingt es dort. Ein Capital aber, ſei es noch ſo klein, das zur Einrichtung eines eigenen Hausſtandes unumgänglich nöthig iſt, wird ſchon bedeutend ſchwerer aufgebracht. Junge Eheleute im Koſthaus, können leicht, wenn im Oſten das Glück nicht günſtig ſcheint, im Weſten ihr Glück verſuchen. Sie ſind nicht unnütz mit Geräth Die Auswanderer U. 13 —— und Gütern beladen. Keine Kiſten und Truhen hem⸗ men ihre Schritte, die Ausſtattung der Braut enthal— tend, an Menge und Solidität berechnet noch von den Kindeskindern benutzt zu werden. Wie ſtolz war die arme Jettchen Stellmann geweſen, auf die vier Dutzend Bettbezüge und die zehn Dutzend Hemden ihrer Aus⸗ ſtener! Und die ſechsunddreißig Tiſchgedecke, einige mit zwölf, einige mit ſechs, ja zwei mit vierundzwan⸗ zig richtig nummerirten Servietten! Eine Damaſt⸗ ſerviette ging bei der Brautwäſche verloren; ſie weinte mehr darüber, als wäre ſie um einen Diamantring gekommen, blos weil nun das Dutzend nicht mehr vollzählig war! Armes Herz, das mitten aus dem engen Kreis anerzogener Trivialitäten mit ſo grauen⸗ hafter Gewalt in die Unermeßlichkeit geſchlendert ward! Solche Schätze helfen kaum den reichlichſten ameri⸗ kaniſchen Hausſtand gründen. Im Koſthaus vollends ſorgt die Wirthin für Tiſch⸗ und Bettwäſche. Klei⸗ dungsſtücke für mehr als die laufende Jahreszeit wür⸗ den aus der Mode kommen. Baumwollene Leibwäſche iſt billig und läßt ſich überall erneuern. Sie reißt im Liegen und darf nicht mehr als nothdürftig auf einmal angeſchafft werden. Ein Schmuckkäſtchen der Braut findet überall Platz. Bis die jungen Leute einen eigenen Hausſtand haben, ſind ſie gewiſſermaßen auf Reiſefuß. Ein paar Koffer, unter das Bett ge⸗ ſchoben, ſchließen alle ihre Habe ein. In Hubert und Klotilde aber, wie geſagt, war der deutſche Sinn viel zu lebendig, als daß ſie nicht nach einem lieben Beſitzthum und dem eigenen Herd ver⸗ langt hätten. Die Frage war nur, wo dieſen auf⸗ bauen? Klotilde, Saſſens Rath eingedenk, ſtimmte ſehr für eine der öſtlichen Seeſtädte, oder wenigſtens für die Nähe derſelben. Sie hoffte für Hubert in den verwandteren Elementen dort ein mehr bewegtes, anregenderes Leben, ſie hoffte auf Wirkſamkeit für ihn. „Du biſt zu jung“, ſagte ſie,„um ſchon auszuruhen. Wer noch ſchaffen, wirken, nützen kann, ſoll noch nicht geiſtig die Hände in den Schoos legen, ſoll ſein Licht nicht unter den Scheffel ſtellen.“ Für ſich ſelbſt ver⸗ langte ſie ſo viel als möglich an der europäiſchen Ci⸗ viliſation feſthalten zu können, deren Mangel die Würde und das Glück einer Frau mehr als eines Mannes gefährdet. Ein reines, an Erinnerungen über⸗ volles Daſein lag hinter ihr. Sie wünſchte ihr ame⸗ rikaniſches Leben nur eine Fortſetzung ihres europäi⸗ ſchen ſein zu laſſen. In Oſten ſtand ihnen ein un⸗ mittelbarer Verkehr mit Europa zu Gebote, dort waren Bücher, Kunſtgegenſtände als fördernde Bildungsmittel zur Hand. Dort nur durfte ſie hoffen, nach und nach 13* 196 in verwandten Verhältniſſen lebende, gleichgeſtimmte Freunde zu finden, gleichviel ob von engliſcher oder deutſcher Abſtammung; kurz dort nur ſchimmerte ihr eine Ausſicht, einen Hausſtand zu gründen, ſoviel als möglich einem europäiſchen gleich. Hubert dagegen zog es mächtig nach dem fernen Weſten. Er wollte an Klotildens Seite ein neues Leben beginnen. Zwar hatte ein jahrelanger Verkehr mit der Welt die idealiſtiſchen Träume ſeiner Jugend, welche die Einſamkeit des Gefängniſſes länger als billig genährt, ſehr in den Hintergrund gedrängt. Er hatte einſehen lernen, daß in uncultivirten Ländern die rohe Kraft nothwendig vorherrſchen, daß geiſtig wie phyſiſch die Art dem Pflug vorarbeiten müſſe, die Hand, welche ausreutet, der, welche Samen ſtreut. Er hatte fühlen lernen, daß der Einzelne nur als Glied eines Ganzen wirken könne, einer den andern erſetzen und in gewiſſem Sinne wenigſtens einer dem andern ſich anſchließen müſſe. Auch er hatte ſich, wie unendlich viele ſeiner Landsleute, lange mit der Idee eines deutſchen Staates, als eines der Vereinigten Staaten getragen, ausſchließlich oder wenigſtens hauptſächlich von Deut⸗ ſchen bevölkert und mit Erhaltung deutſcher Sitte, Sprache und Denkungsart alle Vortheile der Freiheit — 197 und Unabhängigkeit der Union genießend. Und ſicher⸗ lich liegt nichts Widerſinniges in dem Gedanken und die deutſche Bevölkerung, die über die Vereinigten Staaten zerſtreut ſich ausgebreitet, könnte, wenn ſie ſich zuſammenzöge, einen mächtigen Staat bilden. Aber von den Tauſenden, die dieſen ſchönen Gedanken mit über das Meer trugen, hat noch keiner ihn feſt gehalten. Hier, wie zu Hauſe, ſcheitert die Einheit an dem Mangel an Gemeinſinn der Deutſchen. In tauſend Parteiungen zerſpalten, ordnen ſie hier, wie zu Hauſe, lieber dem Fremden ſich unter, als die Ecken und Zacken des eigenen Sinnes in die des eigenen Bruders zu paſſen und ſo zum compacten Ganzen zu werden. Hubert ſah es mit einem tief beſchämenden, ſchmerzlichen Gefühl. Im ſchönſten Sinne des Wor⸗ tes ein echt deutſcher, nur in Deutſchland möglicher Charakter, wurzelte er mit allen Faſern ſeines geiſti⸗ gen Daſeins in Deutſchland. Verbannt, über die politiſchen Verhältniſſe des geliebten Vaterlandes unmu⸗ thig, aber nicht troſtlos, hoffte, ja wünſchte er nicht ein neues Vaterland zu finden, nur eine Heimat für ſich und die Geliebte, die fern vom Vaterlande ſeine Welt war. Wie wir oben aus ſeinen Geſprächen mit Klotil⸗ den geſehen haben, beurtheilte Hubert die Eigenthüm⸗ lichkeiten der Amerikaner mit freiem, hellem Blick, und eher günſtig als das Gegentheil. Er erkannte mit vollkommen objectiver Ruhe und ohne ſich von Ein⸗ zelnheiten ſtören zu laſſen, die Entwickelung des ame⸗ rikaniſchen Volkscharakters als vollkommen zeit⸗ und ortgemäß, ohne dieſen letztern darum für ſeine Indi⸗ vidualität anſprechend zu finden. Der raſtlos ſchaf⸗ fende, raſtlos forſchende Geiſt, der ſich auf tauſenderlei Weiſe in allen geſellſchaftlichen Verhältniſſen aus ſpricht; die wunderbare Elaſticität des Amerikaners, die ſich, ohne ſeinen Charakter zu verleugnen, und oft ohne das äußere trockne, harte Gewand abzuſtreifen, den heterogenſten Verhältniſſen anſchmiegt; die unendliche nationale Selbſtgefälligkeit und Eigenliebe, endlich der entſchiedene Mangel an Tiefe bei aller Schärfe und Breite— Alles das gab ihm Misbehagen. Die politiſchen Fragen, die gegenwärtig das Land bewegten, ſchienen ihm nicht bedeutend genug, um ſein lebendigſtes Intereſſe in Anſpruch zu nehmen. Die Nulli⸗ ficationsfrage war beigelegt und gegen alle die übrigen ſtand der Felſen der Freiheit und Einheit feſt, mochten nun die Whigs oder Locofocos den Sieg davon tragen. Als Deutſcher in dieſem Lande bedeutenden Einfluß zu gewinnen, durfte er nie hoffen. Manchen ſeiner Lands⸗ leute ſah er geehrt und einflußreich; aber nur inſofern er aufgehört hatte Deutſcher zu ſein und Amerikaner ge⸗ „ 199 worden war. Zu einer ſolchen Entäußerung ſeiner ſelbſt war er weder willig, noch war er ihrer fähig. Auch das abſolut kirchliche Element, aus dem der Amerikaner ſeinen religiöſen Lebensathem zieht, widerſtand ihm. Der Amerikaner, wenn er nicht ent⸗ ſchieden ein Philoſoph iſt, kennt kein anderes religiöſes Leben, als ein auf eine Offenbarung, ſei es nun eine wahre oder wahrgeglaubte, gegründetes. Er iſt in ge⸗ wiſſem Sinne bewundernswürdig duldſam. Er inter⸗ eſſirt ſich für die Inden; er wird dem Mahomedaner eine Art von wahrer Frömmigkeit zugeſtehen. Er übt Toleranz gegen eine Unzahl von chriſtlichen pro⸗ teſtantiſchen Secten; ja ſogar— und dies iſt der ſchwierigſte Punkt— gegen die Katholiken zwingt er ſich Duldung ab. Aber dem Deiſten, und ſei er der wärmſte Gottesverehrer, mistraut er. Er iſt ihm ein Heide, ein„Infidel“. Nicht, daß es nicht viele Tauſende von Amerikanern, ohne den Glauben an eine Offenbarung gäbe. Aber gerade dieſe rechtfertigen durch Frivolität und Laſterhaftigkeit die nationale Anſichtsweiſe. Es iſt, als könne in dieſer Atmoſphäre ſich kein blos indi⸗ viduelles Religionsleben entfalten, als könne die Fröm⸗ migkeit nur in der Gemeinde Früchte tragen. Er hielt demnach, ohne den Vorſatz zu faſſen, ſich in dieſer geiſtigen Fremde einbürgern zu wollen, das Auge noch immer feſt auf Deutſchland gerichtet, wo er, nach ſeiner ſanguiniſchen Sinnesweiſe, einen end⸗ lichen Umſturz der Dinge für unausbleiblich hielt, und wohin er einſt, an ſeiner Klotilde Seite zurück⸗ zukehren hoffte. In der Abgeſchiedenheit des Weſtens, unberührt von den Einflüſſen der Geſellſchaft, im Genuß einer friſchen, großartigen Natur, wünſchte er dieſen Zeitpunkt abwarten zu können. Unterdeſſen beſtimmte ihn der Geliebten Wunſch leicht, dieſe Sache nicht zu übereilen, und ſie kamen überein, ehe ſie einen beſtimmten Entſchluß faßten, eine Reiſe nach den öſtlichen Staaten, namentlich nach Neuyork zu machen, theils um in unmittelbarem Verkehr mit der Handelswelt perſönlich zu erforſchen, wie viel wol von Klotildens Vermögen noch zu ret⸗ ten ſei; theils auch in der Hoffnung, dort Nachricht von der Familie Caſtleton zu bekommen, von Alonzo, von Sarah zu hören— denn Klotilde, wie wir ſchon oben bemerkt, erhielt Sarah's zweiten Brief erſt ſpä⸗ ter— und endlich dort auch von der armen Virginia Hand ein verzeihendes Wort zu empfangen. 8 Achtes Capitel. Reiſeſcenen. Eine Frühlingsreiſe durch ein maleriſches Land läßt ſich an Lieblichkeit und Poeſie mit nichts vergleichen; aber alles Liebliche, alles Anmuthige ſollte man mit einer ſolchen Frühlingsreiſe zweier Liebenden verglei⸗ chen. Die balſamiſch⸗berauſchende Luft, das junge, ſproſſende Grün, der duftige Blütenſchleier, der die Obſtgärten an der Wegſeite deckt— Alles das weckt ein ſinnliches Wohlgefühl, das ſelbſt das Gewühl der lauten Menge, ſelbſt das ſchwarze Rauchgewölk der Dampfmaſchine und das ohrenzerreißende Gellen der Eiſenbahnpfeife nicht betäuben kann. In wenig Tagen waren unſere Reiſenden in Neuyork. Als ſie am andern Ufer in Jerſey aus dem Wagen ſtiegen und über den Hudſon fuhren, bewältigte Klotilden, die des Anblicks zum erſten Male genoß, faſt ſeine wunderbare Größe und Schön⸗ — 202 heit: links den Blick den herrlichen Strom hinauf, in das aufblühende Land der Zukunft hinein; rechts auf den ewig belebten Hafen mit ſeinem unabſehba⸗ ren Maſtenwald und die breite Waſſerſtraße nach dem geliebten Europa. Aus den Fenſtern des palaſtähnlichen Aſtorhauſes hinab, eines gigantiſchen, nur eben fertig gewordenen Hotels, ſah ſie auf die raſtlos wogende Menge, die ſich zu Wagen und zu Fuß den breiten Weg auf⸗ und abtrieb. Gerade an dieſer Stelle iſts, wo die Ge⸗ ſchäftswelt in die Genuß⸗ und Geſellſchaftswelt über⸗ ſließt. Die kaum zweihundertjährige Stadt erſcheint auf dieſem Punkte gerade ungeheuer, an Geſchäfts⸗ verkehr wie an Eleganz, an gedrängter wie an ver⸗ 5 ſchiedenartiger Bevölkerung keiner andern Metropolis den Vorrang laſſend. Die große Maſſe der wohlha⸗ bendern Geſchäftsmänner in der That hat nicht Zeit zu Fuß zu gehen. Zahlloſe Omnibus jagen mit ihnen, je nach der Tageszeit, den breiten Weg hinauf oder hinunter. Die Menge der Frauenzimmer dage⸗ gen, die ſich auf dem breiten, granitnen Bürgerſteig von 12 Uhr Mittags an hin⸗ und herbewegt, iſt un⸗ verhältnißmäßig groß. Sie haben Waaren zu be⸗ ſichtigen, Einkäufe und insbeſondere— Viſiten zu machen. — 203 Zwiſchen den ſtattlichen und anmuthigen Frauen, in Sammet und Seide gekleidet, ſtreift mancher wilde, banditenhaft blickende Kerl, friſch von„Erins grünem Eiland“ hinweg. Auch unter den eingeborenen Ame⸗ rikanern gibt es genug der wilden Geſellen, die ſo frech, ja frecher blicken als er. Aber woran ſie ſich merklich unterſcheiden, das iſt die Kleidung; iſt ihr Betragen nicht anſtändig, jene wenigſtens iſt es. Dazwiſchen drängen ſich in ſtutzerhaft modiſchem An⸗ zug, Farbige aller Schattirungen, vom Rabenſchwarz zu einem fahlen Schmutzbraun herab: meiſt Be⸗ diente aus reichen Häuſern, die in Geſchäften aus⸗ geſchickt ſind. Iſt's erſt Nachmittag, wenn die Kö⸗ chinnen und Stubenmädchen Zeit zum Spazieren⸗ und Ladengehen haben, ſo ſieht wol auch aus manchem weißatlaſſenen Federhut, aus manchem roſenrothen oder himmelblauen Putzhut ein afrikaniſches Geſicht heraus, das dem Affengeſchlecht näher als dem Menſchengeſchlecht anzugehören ſcheint. An der Seite ſtehen, oder ſchlendern reihenweiſe einige fremdartig gekleidete Leute einher, die ſich, einige verdutzt und halb angſtvoll, andere neugierig und forſchend, mit großen blauen Augen nach allen Sei⸗ ten umſchauen. Es ſind deutſche, eben angekommene Einwanderer, großentheils Frauen und Mädchen, die 204 die Zeit, während der die Männer ſich um die Mittel zum Weiterkommen bemühen, mit Gaffen und Stau⸗ nen hinbringen. Sie ſind in ihre Provinzialtracht gekleidet; meiſt in die ſchlechteſten Stücke, welche die reichgefüllte Lade enthält, und auf der See vol⸗ lends abgetragen, denn das gute Zeug liegt einge⸗ packt und muß für den Sonntag und für die Enkel geſchont werden. Die ſonnenverbrannten Mädchen ſind ohne Hüte, die blonden Haare, die in reichen, künſtlichen Flechten herabhängen, höchſtens nur von einem Mützchen geſchützt. Es liegt in dieſem Aufzug Etwas, das das Anſtandsgefühl des Amerikaners ver⸗ letzt. Die ärmliche, oft genug nichts weniger als ſaubere Reiſekleidung der Einwanderer erweckt ihnen die Idee bitterer Noth und erregt das Mitleid der Wohlgeſinnten. Setzen ſie ſich vollends, vom langen Gaffen und Umhertreiben ermüdet, auf den Stein⸗ ſtufen irgend eines ſtattlichen Hauſes nieder, um ein Weilchen auszuruhen, ſo kann der Landesſitte nach nur das äußerſte Elend eine ſolche Erpoſition weib— licher Weſen erklären und manches Silber⸗ oder Kupferſtück der Vorübergehenden fliegt den Verwun⸗ derten in den Schoos, die jedoch meiſt ſich nicht lange beſinnen, ſondern dankend die freiwillige Gabe ein⸗ ſtecken. Wo nicht, ſo ſind zahlloſe Hände nahe, die ſich begierig danach ausſtrecken. Denn die Emigration der letzten zwanzig Jahre hat Neuyork mit dem Uebel der meiſten großen Städte Europas überſchwemmt, dem läſtigen Ungeziefer frecher Bettelkinder aller Na⸗ tionen, einem verworfenen Geſchlecht, in denen der denkende Amerikaner mit Schrecken den Fluch ſeines geſegneten Landes aufwachſen ſieht. Hätte Klotilde von den großen öſtlichen Seeſtädten zuerſt, ſtatt Neuyork, Boſton geſehen, ſo hätte ſie, wenn auch ein minder belebtes, doch reineres Bild amerikaniſcher Nationalität empfangen. Zwar hat auch auf Boſton die maſſenhafte irländiſche Einwan⸗ derung, als die eines durchaus rohen, unerzogenen und vom Nothdürftigſten entblößten Geſchlechts, einen bedeutenden entnationaliſirenden Einfluß geübt. Aber im Ganzen kann Boſton noch immer für den Typus einer echt nationalen, rein amerikaniſchen Großſtadt gelten. Von zwanzigen, die geſchäftig durch die ſau⸗ bergehaltenen, durchgängig wohlgebauten Straßen gehen, haben wenigſtens neunzehn die Haltung und die Kleidung anſtändiger Leute. Alles hat ein wohl⸗ häbiges, würdiges, thätiges Anſehen. Um die Stadt herum blüht die Landſchaft wie ein ſorglich und ge⸗ ſchmackvoll bebautes Gartenland; aber ſie ſelbſt, eine Siebenhügelſtadt des Weſtens, in pittoresker Mannich⸗ 206 faltigkeit auf Abhängen und Anhöhen von den ſtren⸗ gen Altvordern, den eiſernen Männern, die allen Schwierigkeiten trotzten, erbaut, behält ihr ernſtes, ehrwürdiges Ausſehen. Klotilde konnte übrigens zufrieden ſein, daß ſie nicht, ſtatt jetzt, vor einigen Jahren in ein neuyorker Gaſthaus erſten Ranges gekommen. Denn die letzten Jahre hatten auch in dieſer Hinſicht eine beträchtliche it hervorgebracht und Neuyork für die Bequem⸗ Hlichteit des Reiſenden erſt zu einer Haupt⸗ und Welt⸗ ſtadt geſtempelt. Vor ein paar Jahren hätte es ihr wol begegnen können, daß z. B. wenn ſie im Salon die Einrichtung ihres Gemaches abgewartet hätte, das Stubenmädchen, eine Schöne aus einem Dorfe der Nachbarſchaft, zu ihr gekommen wäre und ſich zutrau⸗ lich zu ihr auf das Sopha geſetzt hätte, um ihr mitzu⸗ theilen, ihr Zimmer ſei fertig; oder daß ſie, wenn ſie ſich vielleicht zehn Minuten auswärts verſpätet hätte und demnach zehn Minuten, nachdem die Tiſchglocke ge⸗ läutet, zur Tafel gekommen wäre, den Beſcheid bekom⸗ men hätte: der Tiſch ſei nun voll; ſie müſſe warten, bis abgegeſſen ſei und zum zweiten Male ſervirt werden könne. Daß für einen zweiten Tiſch genug übrig⸗ bleibt, verſteht ſich bei der Ueberfülle amerikaniſcher Mahlzeiten gewiſſermaßen von ſelbſt. Jetzt freilich „ 207 riskirte ſie das Alles nicht. Denn die große Fördererin amerikaniſcher Culturzuſtände, die Concurrenz, hat ſeit kurzem wie mit einem Zauberſchlage eine Menge bedeutender, ja rieſenhafter Hotels hervorgerufen, die ſich an Eleganz und Comfort dreiſt mit den beſten europäiſchen meſſen können, und der Reiſende iſt, wo er ſich immer hinwendet, geborgen. Unſerer jungen Gatten Beſuch in Neuyork war ausſchließlich Geſchäften gewidmet. Sie empfingen hier Sarah's zweiten Brief; aber weder Alonzo ant⸗ wortete, noch hörten ſie von Virginien ſelbſt. Dage⸗ gen erſchallte Klotilden aus Deutſchland her ſo man⸗ ches liebe, theilnehmende Wort, denn ihre Freunde hielten ſie alle für unbeſchreiblich unglücklich. Mit welchem dankbaren Herzen ſchrieb ſie ihnen, daß ſie glücklich ſei! Nur in Bezug auf den bedeutenden Verluſt ihres Vermögens, den ſie erlitten, lauteten die Nachrichten nicht gut. Eine geringe Summe— gering in Ver⸗ hältniß zu dem Verluſt— war zu retten. Dieſes zuſammen mit Hubert's kleinem Vermögen aber reichte hin, um ihnen ein ſorgenloſes, unabhängiges Da⸗ ſein zu ſichern, beſonders wenn ſie ein Leben auf dem Lande wählten. Kaum waren ſie über dieſe Angelegenheit im Klaren, als Klotilden eine Anzeige in den Zeitun⸗ gen auffiel, die ſie ſogleich Hubert mittheilte. Es war eine Ankündigung, daß ein kleines Gut in Ver⸗ mont, daſſelbe, welches wir im vorſtehenden Abſchnitt beſchrieben geſehen, verkauft werden ſollte. Die pit⸗ toreske Schönheit und die Abgeſchiedenheit ſeiner Lage, dazu ein äußerſt billiger Preis, erweckten Hubert's Intereſſe. Selbſt wenn das Unternehmen nicht ge⸗ lang, war der Verluſt nicht ſehr bedeutend. Klotilde entſagte vorläufig der Nähe der Stadt und Hubert vorläufig dem weiten Weſten. Beide einigten ſich leicht, ſelbſt dorthin zu reiſen, um das Grundſtück zu ſehen und, im Fall es ihnen gefiele, es zu kaufen. Ueberdies drohte die annahende Sommerhitze ſie bald von Neuyork verſcheuchen zu wollen. Vermont war damals mit der Küſtengegend nur in geringem Maße durch Eiſenbahnen verbunden; keine Gegend der öſtlichen Staaten aber iſt ſo abgelegen, daß ſie nicht mit der Umgegend durch regelmäßig laufende Landkutſchen in Verbindung wäre, die auf gewiſſen Stationen ihre Pferde wechſeln, und von denen einer, denn oft findet auch hier eine wohlthätige Concurrenz ſtatt, von der Regierung contractmäßig die Poſt anvertraut wird. Dieſe Landkutſchen waren vor Einführung der Eiſenbahnen, außer eignen Fuhr⸗ werken, die einzige Art zu reiſen. Denn andere Po⸗ ſten gab es und gibt es nicht und daher natürlich auch keine Extrapoſten. Lohnkutſcher aber ſind meiſt nur für den eigenen Wohnort und ſeine nähere Um⸗ gegend eingerichtet. Alle Excluſivität fällt bei einer Reiſeart, nach welcher platzweiſe bezahlt wird, von ſelbſt weg. Reiche, oder ſehr ausſchließliche Perſonen können ſich allenfalls eine Ertra⸗Landkutſche miethen, die meiſtentheils bereit iſt; allein da in dieſem Falle zum wenigſten neun Plätze zu bezahlen und an und für ſich die Fahrkoſten ziemlich bedeutend find, ſo wird dieſer Ausweg ſelten gewählt, wo nicht vielleicht eine Ge⸗ ſellſchaft zuſammentritt und ſich eine der Kutſchen aus⸗ ſchließlich zueignet. Der Name, den dieſe Landkutſchen in Amerika führen, iſt der nämliche, der in England gebräuchlich; d. i. stage-coach*), Stationskutſche. Eine wunderliche Eigenheit will aber, daß, während die Engländer ſich dafür des zweiten Theiles des Namens bedienen und vernünftigerweiſe von einer coach, d. i. Kutſche, ſprechen, die Amerikaner dagegen den erſten Theil feſtgehalten haben und kurzweg stage, d. i. Station, ſagen. Ueberall gewährt vielfältiges Umherreiſen im In⸗ *) Sprich städsch-Kotsch. Die Auswanderer. II. 14 nern des Landes einen guten Einblick in Sitten und Charakter der Nation. Nirgends aber wol mehr als in den transatlantiſchen Regionen, in denen unſere Scene liegt. Denn der Amerikaner, beſonders der Neu⸗Engländer, iſt im hohen Grade geſellig und mittheilſam auf Reiſen. Deutſche Reiſende haben oft über die Rohheit und Ungeſchliffenheit geklagt, die ihnen in den weſtlichen Gegenden, namentlich auf den Dampfſchiffen des Miſſiſſippi vorgekommen, während ſie ohne allen Zweifel ihre Mitreiſenden im Oſten, beſonders in Neu⸗England, im hohen Grade zuvor⸗ kommend gefunden haben müſſen. Und der pſycholo⸗ giſche Beobachter erklärt ſich dieſen anſcheinenden Wi⸗ derſpruch leicht, ſelbſt wenn er vergißt, daß an und für ſich von den primitiven Zuſtänden des Weſtens, den Zuſtänden nothgedrungener Selbſthülfe und Ver⸗ theidigung der eigenen Rechte gegen die zu befürchten⸗ den Eingriffe Anderer, die feinern Rückſichten, welche die Blüten einer höhern Geſellſchaftscultur ſind, nicht erwartet werden können. Der Bewohner des Weſtens iſt im höchſten Grade gaſtlich. Eröffnet ſein Haus dem Wanderer und heißt ihn an ſeinem Herd willkommen. Niemand wird ihn im eignen Hauſe unfreundlich und zurückſtoßend finden. Verläßt er aber den heimiſchen Herd, ſo glanbt er aus⸗ ſchließlich auf eignen Füßen ſtehen und trotzig gegen etwanige Beeinträchtigungen Anderer ſeine Rechte wahren zu müſſen. Er geht unbekümmert ſeiner Wege und möchte durch Worte und Mienen zeigen, daß er ein freier Mann iſt und Andere ihn nichts angehen. Der Neu⸗Engländer dagegen und der Bewohner der öſtlichen Staaten überhaupt richtet ſein Haus behaglich genug für ſich und ſeine Familie ein. Aber dem Fremden öffnet nur eine beſondere Einführung die Thür, dem Fremden verſchafft nur eine ausdrück⸗ liche Empfehlung einen Platz an ſeinem Tiſche. Er iſt im Allgemeinen nicht gaſtfreundlich zu nennen; aber er iſt nicht ungeſellig. Wo ihn ſein Weg mit Andern in Berührung bringt, tauſcht er gern Höf⸗ lichkeiten aus, theilt ſich gern mit und benutzt durch unabläſſiges Fragen eifrig die Gelegenheit, ſich man⸗ nichfache Kenntniſſe über die heterogenſten Gegenſtände zu erwerben. Ausländer haben oft mit Erſtaunen den zutraulichen Landkutſchen⸗ und Dampfſchiffunter⸗ haltungen einer Nation zugehört, die ſie eines gewiſſen trockenen Anſtandes wegen ohne Weiteres für kalt und zurückhaltend erklärt haben. So erging es jetzt auch unſern beiden deutſchen Reiſenden. Nachdem ſie ein ſchneller Dampfer durch den Sund nach Boſton geführt, ſaßen ſie mit ſieben . 14* 212 Gefährten, und einigen andern auf dem Bock und oben auf, in einer großen, mit Leder gefütterten vierſpänni⸗ gen Kutſche, die ſie nach Concord trug. Von da ging der Weg auf ähnliche Weiſe weiter nach Middlebury. Die drei Sitze der Kutſche haben jeder für Dreie Raum. Der im Hintergrund wird meiſt den Damen überlaſſen; wer ſich ercluſiv zu halten und ſich nicht in Geſpräche einzulaſſen wünſcht, wählt gern dieſen Sitz, denn er ſichert ſich wenigſtens vor jeder Berührung mit den Sechſen, welche einander gegenüber ſitzend die beiden andern Sitze innehaben. Klotilde ſaß in eine ſeiner Ecken gedrückt. In der andern eine junge Frau aus Jowa, die vor vier Monaten mit zwei kleinen Kindern den Weg von dreihundert Meilen allein gekommen war, ihre Eltern auf ihrer Farm bei Boſton zu beſuchen, und nun mit dreien zu ihrem Mann zurückreiſte. Sie hielt ihren Säugling auf dem Schooſe. Die beiden älteſten, zwei und drei Jahre alte Knaben, für die ſie nur Einen Platz zu bezahlen hatte, würde ſie zwiſchen ſich und Klotilde eingepreßt haben— eine gar unruhige Nachbarſchaft — wenn nicht die Freundlichkeit der Mitreiſenden, d. h. des männlichen Theiles unter ihnen, ihr ausgehol⸗ fen und bald dieſer bald jener ſich erboten hätte, einen der kleinen Hinterwäldler auf den Schoos zu nehmen. Die Hülfloſigkeit der zarten kaum zweiundzwan⸗ zigjährigen Mutter, verbunden mit dem Unterneh⸗ mungsgeiſt, den ſie gezeigt, erregte die allgemeinſte Theilnahme. Mit gleicher Bereitwilligkeit ſuchten da⸗ her die Herren ſie von ihren beiden großen Reiſekör⸗ ben zu befreien. Der eine ward unter den Knien des einen, der andere auf den Knien eines andern untergebracht. Sie waren überall im Wege und be⸗ läſtigten Alle, nur ſie ſelbſt nicht. Und doch durften ſie nicht zu dem übrigen Reiſegepäck geſchafft werden, denn der eine enthielt den Vorrath der nöthigen Kinder⸗ wäſche, der andere die Reiſezehrung. Die Farm in Jowa brachte Lebensmittel in Fülle, aber baares Geld, die Gaſthausrechnungen zu bezahlen, gar wenig. Die junge Mutter der kleinen hungrigen Hinterwäldler, die in ihren zwei⸗ und dreijährigen Körperchen die Mägen von neun⸗ oder zehnjährigen Knaben zu haben ſchie⸗ nen, enthielt ſich demnach aller Benutzung der öffent⸗ lichen Tiſche. In der Zeit, wo ihre Reiſegefährten ſich bei den für ſie bereit gehaltenen Mahlzeiten güt⸗ lich thaten, pflegte ſie mit ihrer Familie im Gaſt⸗ zimmer ſitzen zu bleiben und, während ſie ihren Säugling aus ſeinem natürlichen Born labte, die beiden ſtets eßluſtigen Aelteſten mit Ingwerkuchen, Pies und Aepfeln zu füttern, oder womit ſonſt 214 aus der Großmutter Speiſekammer der Korb ange⸗ füllt worden. Den Platz auf der Mittelbank, unmittelbar vor Klotilden, hatte ſich Hubert geſichert. Neben ihm ſaß ein freundlicher, geſprächiger Mann, der nur zum Beſten Anderer zu leben ſchien. Nachdem er die Körbe der kleinen Weſtländerin untergebracht, und zwar einen unter ſeinen Knien, da auf denſelben be⸗ reits der eine der Knaben ſaß, wollte er höflichſt auch Klotildens Sonnenſchirm und Reiſetaſche an ſich nehmen, um es ihr zu erleichtern. Er war es, der, wenn angehalten watd, die Damen fragte, ob ſie nicht etwa zu trinken wünſchten, und ihnen Waſſer zu holen ſtets bei der Hand war. Er mußte wol ſchon oft des Weges gekommen ſein; denn er war in jedem Gaſthof wie zu Hauſe, fragte nach der Ge⸗ ſundheit jedes Familienmitgliedes des Wirthes und ward überall mit einem vertraulichen:„Wie befinden Sie ſich, Major Tenney?“ begrüßt. Obwol Kauf⸗ mann, bekleidete er in der Miliz dieſen Rang, und hörte, wie andere ſeiner Landsleute, den militairiſchen Titel gern. Er ſelbſt nannte jeden der Kutſcher bei ſeinem Namen und nie ohne den Titel:„Herr“ da⸗ vorzuſetzen, als„Mr. Rice, Mr. Smith“ Saß aber, was von Zeit zu Zeit geſchah, ein Militairperſon auf dem Bocke, ſo verfehlte er nie, ſie nach ihrem Range zu tituliren, als Oberſt, Capitain u. ſ. w.*). Und in der That iſt ſolch ein amerikaniſcher „stage-driver“, wie er vom hohen Bocke herab mit ſicherer Hand vier oft ſechs Pferde lenkt, auf ſeinem Thron Wind und Wetter trotzt, den Poſtſack in ſichere Verwahrung nimmt, die Plätze ordnet und vor Allem den Damen ihr Recht verſchafft, ſchon ein Mann, der Reſpect einflößen kann! Finden ſich doch Beiſpiele, daß Männer von Erziehung, um ihre Geſundheit durch ein beſtändiges Leben im Freien zu ſtärken und ſich gegen alle Einflüſſe der Witterung abzuhärten, ſich dieſe Lebensart erwählt haben. Der Major unterhielt mit zweien der ihm gegen⸗ überſitzenden Herren das Geſpräch, das von Wetter und Kornpreiſen bald auf politiſche Dinge überging, wozu die eben ſtattfindenden Wahlen die beſte Gele⸗ genheit boten. Die Männer erkannten einander leicht als Whigs; fand ſich aber, daß bei dem häufigen Wechſel der Reiſenden, denn mehre fuhren nur einige Stationen mit, Männer von entgegengeſetzten *) Es bedarf wol kaum einer Erwähnung, daß hier nicht von Officieren des ſtehenden Heeres, ſondern von der Miliz die Rede iſt, ein Inſtitut, das in allen Staaten beſteht und eini⸗ germaßen mit der preußiſchen Landwehr verglichen werden kann. 216 Parteien zuſammen kamen, ſo ward das Geſpräch ſogleich auf andere Gegenſtände gelenkt, ohne daß man ſonſt weniger freundlich gegen einander geſinnt ſchien. Denn der Amerikaner öffnet im geſelligen Verkehr nur ſelten einer politiſchen Debatte die Thür. Er ſetzt, eben weil er entſchieden einer gewiſſen Partei angehört, die er durch individuelle Geſinnungen nur ſchwächen würde, ſeine Anſichten als bekannt voraus. Die öffentlichen Blätter ſind die Organe derſelben, und außerdem hat er die Repräſentanten, die ſie pflichtmäßig zu vertreten haben, ſelbſt mit erwählt. Hat er politiſchen Rednerberuf, ſo wird er in den „meetings“ ſeiner Partei, oder bei Tiſchfeſtlichkeiten und Toaſten ihn zu benutzen wiſſen, aber im geſelli⸗ gen Verkehr kaum zu gebrauchen wünſchen. Ein po⸗ litiſches Geſpräch, d. h. wie es zufällig im geſelligen Verkehr geführt werden kann, wird daher in dem Lande vollkommner Denk⸗ und Redefreiheit nur ſelten aus ſeinem nüchternen, hiſtoriographiſchen Charakter herausgehen und noch ſeltener durch einen lebendigen Austauſch entgegengeſetzter Anſichten eines und deſ⸗ ſelben Gegenſtandes den Zuhörer zum Selbſtdenken anregen. Neben dem gefälligen Reiſenden mit dem Rücken 217 gegen die junge Mutter ſaß ein langer, dünner Mann mit ernſten, faſt ſtrengen Zügen und bleicher Geſichts⸗ farbe. Seine weiße Cravatte, bei ſonſt ganz ſchwar⸗ zer, etwas abgetragener Kleidung deutete darauf hin, daß er ein Geiſtlicher war. Er nahm wenig Antheil an den politiſchen Geſprächen ſeiner Nachbarn; offen⸗ bar war ihm die Tariffrage gleichgiltig, und ob der Locofoco⸗ oder der Whigcandidat zur Präſidentſchaft den Sieg erringen werde, kümmerte ihn wenig, da ja weder der Eine noch der Andere„ein Chriſt“ d. h. Mitglied der orthodoren Kirche war. Die Intereſſen dieſer Kirche waren es allein, die ihn bewegten. Wenn er von Zeit zu Zeit ein ernſtes Wort in das Geſpräch gab, ſo war es einzig, um dieſe zu ver⸗ treten. Er benutzte aber eine Pauſe gern, um mit einer ihm gegenüberſitzenden ſchwarzgekleideten Dame, deren Bekanntſchaft er erſt im Wagen gemacht, eine andere Unterhaltung zu beginnen, durch welche er meinte, dem Herrn ſein Recht zu geben. Die alte Dame, eine Predigerwitwe aus Ver⸗ mont, die von einem Beſuche bei ihrer in Boſton verheiratheten Tochter zurückkehrte, ließ ſich bereitwil⸗ lig auf ein ſolches Geſpräch ein und brach in Klagen über die Verbreitung der unitariſchen Gemeinden durch 2¹8 ganz Maſſachuſetts aus, auf die ſie nicht vorbereitet geweſen war. Sie hoffte indeſſen auf den Einfluß ihrer Tochter auf ihren Schwiegerſohn, der ſich auch leider dahin neige und der ſogar manchmal die Uni⸗ verſaliſtenkirchen beſuche. Sie erzählte auf des Geiſt⸗ lichen Befragen dies und jenes vom Zuſtande der Kirchen in ihrem Dorfe und ſeiner Nachbarſchaft, und beide fingen an mit ſtiller Selbſtgefälligkeit ihre chriſtlichen Erfahrungen auszutauſchen. Beſonders wußte die Witwe manche wunderbare Bekehrungsgeſchichte zu erzählen und von Nachbarn, Freunden und Verwandten oft Tag und Stunde an⸗ zugeben, wann der Durchbruch der Gnade ſtattgefun⸗ den habe. Ihr Sohn, der mit ihr die Schweſter be⸗ ſucht hatte und oben auf dem Wagen ſaß, weil er inwendig keinen Platz gefunden, ſagte ſie, habe davon die erfreulichſten Beiſpiele erlebt. Denn er hatte als Colporteur den Weſten bereiſt und den Samen mit treuer Hand ausſtreuen helfen! Oft genug, klagte ſie, ſei Undank ſein Lohn geweſen, und er habe Schimpf und Schande unter den Baalskindern ertragen müſſen, und gern ertragen; aber dann habe ihm der Herr zum Lohne auch gezeigt, daß der Stein, den er mühſam zum Wiederaufbau Zions herbeigeſchleppt, die Feſte des Herrn wahrhaft wieder aufbauen helfe. 219 „Die ſchönſte Geſchichte“, fuhr ſie fort,„die er je erlebt, fiel in Wisconſin vor, und ich muß ſagen, ſie hat mich immer zu Thränen gerührt. Es war eine Familie von Boſton dahin gezogen; früher reiche, an⸗ geſehene Leute, aber der Vater hatte ſich verſpeculirt und ein paar Mal Bankerott gemacht und es blieb ihm nichts übrig als nach dem Weſten zu gehen; dort hatte die Frau noch ein Stück Land; ſie war reich von Haus aus; aber der Mann hatte Alles ins Geſchäft geſteckt. Das einzige Stück Land in Wis⸗ confin, weſtlich vom Fort Winebago, blieb ihm; da wollten ſie nun darauf leben als Farmer! Aber, Sir, da gehören andere Menſchen dazu! Die Töchter wa⸗ ren in faſhionabeln Koſiſchulen erzogen, weder ſie, noch die Mutter waren an Arbeit gewöhnt. Und ge⸗ lebt, Sir, hatten ſie wie die Heiden! Auf Bälle ge⸗ gangen, ins Theater, kein Hausaltar und am Sabbath höchſtens einmal in die Kirche und dann immer in die biſchöfliche, weil da am meiſten Staat iſt und vor den Kirchthüren die meiſten Kutſchen halten.“ „Leider“, ſagte der Geiſtliche,„nimmt in unſern Seeſtädten unter andern ruchloſen Sitten auch das Fahren am Sabbath mehr und mehr überhand. Auf dem Lande läßt es ſich bei der großen Entfernung der Kirchen nicht ändern; auch iſt dort faſt überall 220 für das Unterbringen der Pferde geſorgt, ſo daß keiner, um ſie zu hüten, das Brot des Lebens entbehren muß. Allein in der Stadt iſt es für Den, der Kräfte zum Gehen hat, ſündlich, zur Kirche zu fahren, weil er dadurch das Hinderniß wird, durch welches einer ſeiner Nebenmenſchen ſeine Pflicht gegen Gott ver⸗ ſäumt.“ „Sehr richtig bemerkt“, erwiderte die Witwe. „Und doch hätt' ich's nicht anſtößiger gefunden, wenn ſie gefahren wären, als daß ſie nach der Kirche in Beacon⸗Street auf und ab ſpazieren, wie das jetzt in Boſton Sitte wird. Meine Tochter ſagte mir, daß die Miſſes——“ „Bitte“, unterbrach ſie der Geiſtliche,„nennen Sie keine Namen!“ Die Witwe erröthete:„Nun ſie gehören auch nicht hierher. Ich wollte von der Familie in Wisconſin erzählen. Die lebten nun ein gar trauriges Leben und beſonders die armen Mädchen. Ich fürchte, ſie verſanken vollends im Heidenthum. Denn es gab weit und breit keine Kirche. Als mein Sohn hinkam, war ein einziges neues Teſtament im Hauſe und das lag ganz verſtäubt auf dem Kamin. Die Eltern zwar, die eigentlich fromm erzogen waren und ſich nur hatten ſo mit fortreißen laſſen— ſchwache, ſün⸗ dige Menſchen, wie wir alle ſind, in denen der Glaube nicht feſt war— die, ſag' ich, hätten's wol gern anders gewollt. Der Vater, ſo erzählten ſie nachher meinem Sohn, hatte ein paar Mal einen Verſuch gemacht, am Sabbath mindeſtens, da ſie nicht in die Kirche konnten, einen Familiengottesdienſt einzuführen. Aber die lange Verſäumniß hatte ihn ſcheu und un⸗ geſchickt gemacht. Als es nicht gleich ging, hatte er den Muth verloren, und nun lebten ſie ſeit ein paar Jahren wie die Heiden. Die Mädchen waren darüber alt geworden, vier⸗ oder fünfundzwanzig Jahre alt. Sie ſahen ſchon ganz verblüht aus, als mein Sohn . hinkam.“ „Und war Ihr Sohn im Stande Einfluß auf dieſe Familie zu gewinnen?“ fragte der Prediger. „Nicht er ſelbſt“, entgegnete jene,„er war nur ein demüthiges Inſtrument. Allein er ließ ihnen, als er weiter reiſte eine Bibel und eine Anzahl Tractat⸗ bücher, über die die beiden Mädchen mit förmlichem Heißhunger herfielen, denn ſie hatten wer weiß wie lange kein neues Buch geſehen und ihre Romane, die ſie mit von Boſton gebracht, waren ſchon ganz zer⸗ leſen. Darüber vergingen nun ein paar Wochen. Auf dem Rückweg nach Neuyork denkt mein Sohn, ich muß doch einmal ſehen, ob die Saat in Farming⸗ 222 hall, ſo hieß der Ort, aufgegangen iſt. Als er nun hinkommt, fällt es ihm gleich auf, daß Alles im Hauſe einen andern Anſtrich hat. Das Evangelium lag nicht mehr beſtäubt auf dem Kamin, und daneben lag die neue Bibel, die er ihnen zurückgelaſſen. Der Vater war verreiſt, aber die Mutter und die Töchter empfingen ihn freundlich und ſagten ihm wiederholt: 6 Sie haben uns ſehr wohlgethan; und: Die Bücher, die Sie uns hier ließen, waren Manna in der Wüſte. Beim Thee werden allerlei chriſtliche Geſpräche ge⸗ führt, und als er ihnen nachher vorſchlägt, mit ihnen zu beten, nehmen ſie's mit Dank an. Wie ſie nun alle hinknien und der Herr ihm Worte in den Mund gibt und Gedanken in den Geiſt— denn, weiß der Himmel, ich bin ſeine Mutter, aber ich muß es ſagen, von Natur hat er's nicht, er war niemals beſonders hell an Verſtand und Beredtſamkeit hatte er nun gar nie— da ruft auf einmal die älteſte Tochter: Mutter, ich habe Jeſus gefunden!— und die jüngſte fängt an zu weinen und ruft: Auch in mir dämmert ein Licht, der Herr ſei gelobt! Und da erzählt er, wie der Geiſt des Herrn auf einmal mächtig über ihn gekommen und wie die Worte aus ihm herausge⸗ ſtrömt ſeien wie mit Engelzungen, bis er die wanken⸗ den Seelen vollends erweicht und zerknirſcht hatte. 223 Indem ſie nun aufſtehen, und ſich weinend umarmen und einander begrüßen als Schweſtern in Chriſto, denn auch die Mutter ward mit fortgeriſſen, denn alle ihre Jugenderinnerungen kamen ihr zurück— ich ſagte Ihnen, ſie war von chriſtlichen Eltern und ge⸗ tauft, und wo der Samen einmal hingeworfen, wenn er auch noch ſo lange todt liegt, endlich kommt doch das rechte Stündchen, wo er aufgeht— wie ſie nun alle ſo vergnügt in dem Herrn ſind, da kommt eben der Vater von ſeiner Reiſe zurück. Dem liefen ſie nun gleich mit der frohen Nachricht entgegen, daß ſie endlich Jeſus gefunden; denn ſie wußten, der Vater hatte längſt ſehnlich gewünſcht, ſeine Töchter möchten Chriſtinnen werden. Das war nun eine Freude, ſagt mein Sohn, wie er im Leben nicht geſehen. Und noch am nämlichen Abend verſuchte der alte Mann noch einmal zu beten, und nun ging's auf einmal. Denn nun wußt' er, er war nicht allein in ſeinem Ringen; es erhoben ſich gläubige Herzen mit ihm zum Herrn. Es war der rührendſte Auftritt, den er je erlebt, ſagt mein Sohn.“ „Ein ſchönes neues Beiſpiel von der Macht des Gebetes“, ſagte der geiſtliche Herr, nach der Beendi⸗ gung der langen Erzählung, bei welcher der Major einige Mal gegähnt hatte und die Weſtländerin ſanft eingenickt war.„Möge Ihr Sohn, den die Vorſehung zum Werkzeug des Heils einer ganzen Familie ge⸗ macht, dies mit dem rechten Danke gegen Gott aner⸗ kennen. Dieſe raſchen Bekehrungen ſollten jedoch mit einem gewiſſen Grade von Mistrauen betrachtet wer⸗ den. Nicht daß ſie weniger aufrichtig wären; allein ſie ſind oft weniger dauernd. Der neue Menſch zieht ſich nicht mit einem Male an. Wenn ſchon jedes Adamskind über ſich mit Angſt und Gebet wachen muß, daß es nicht in des Böſen Schlingen falle, ſo haben es ſolche, die lange in der Sünde verharrt, doppelt noth. Laſſen Sie uns daher Ihres Sohnes Freunde jeden Abend und jeden Morgen in unſer Ge⸗ bet einſchließen, werthe Frau!“ Während dieſer Geſpräche war ein Frauenzimmer eingeſtiegen, der einer der Herren, da die Innſeite beſetzt war, ſogleich bereitwillig ſeinen Platz abgetre⸗ ten hatte, indem er ſich hinauf zum Kutſcher ſetzte. Sie war von mittlern Jahren und von angenehmer Geſichtsbildung; in ihrem ſaubern, höchſt einfachen Anzug war eine gewiſſe anticipirte Hinneigung zum Bloomerismus bemerklich, beſonders hatte ein großer runder Strohhut zu einer Zeit etwas Auffallendes, in welcher die Mode den Frauen anmuthig ſchützende Kiepenhüte erlaubte. Sie hatte lange der geiſtlichen Unterhaltung mit einem gewiſſen mitleidigen Lächeln zugehört. Endlich ſchien es ihr doch zu viel zu werden. Die Prediger⸗ witwe holte eben Athem zu einer neuen wunderbaren Bekehrungsgeſchichte, als ſie ihr ohne Weiteres das Wort abſchnitt, indem ſie, quer über ſie weg, Hubert fragte: „Sie ſind ein Deutſcher, Sir?“ „Ich bin es, Madame!“ erwiderte dieſer. „So ſind Sie aus dem Lande der Denker. Auf wie viele ſeltſame Dinge müſſen Sie in unſerm Lande geſtoßen ſein! Ich glaube nicht, daß es ein Land auf der Welt gibt, wo, trotz der geprieſenen politiſchen Freiheit und Gleichheit, die Extreme ſich ſo grell be⸗ rühren, als bei uns!“ „Ich verſtehe Ihre Bemerkung nicht ganz“, ent⸗ gegnete Hubert,„ich vermuthe, daß Sie in Bezug auf die Sklaverei ſprechen....“ „Allerdings“, erwiderte ſie,„würde ſie ebenſo gut auf den Spott paſſen, der bei uns mit dem Namen der Freiheit getrieben wird. Ich ſpielte aber auf eine Begebenheit an, die Ihnen Allen bekannt ſein muß, denn ſo viel ich weiß, kommen Sie aus Boſton. In unſerm Lande, deſſen bloße politiſche Eriſtenz ſchon zu den edlern Blüten der Humanität gehört, die Die Auswanderer. II. 15 — fortgeſetzte Barbarei legalen Mordes— dies bildet einen ebenſo ſchneidenden Contraſt wie Freiheit und Sklaverei.“ Hubert beſann ſich, daß geſtern in Boſton die Hinrichtung einer Brandſtifterin ſtattgefunden habe, deren überlegtes Verbrechen einer ganzen Familie den Untergang bereitet hatte. „Ich kenne den Fall nicht genau“, ſagte er,„aber nach Allem, was ich gehört, ward hier eins der ſchwärzeſten Verbrechen geſtraft.“ „Geſtraft. Sie ſagen es. Und würde es Ihnen einfallen, den unglücklichen Kranken tödten laſſen zu wollen, der im Fieberdelirium ſeinen Wärter verletzt?“ „Mich dünkt, der Fall iſt ſehr verſchieden. Wahr⸗ ſcheinlich verwerfen Sie aber die Todesſtrafe über⸗ haupt?“ „Die ſogenannte Todes ſtrafe iſt in meinen Augen nichts Anderes als ein geſetzlicher Mord und, eben weil ſie ein geſetzlicher iſt, gegen den keine Gegen⸗ wehr ſtattfinden kann, ein viel ſchwärzerer Mord als andere Mordthaten.“ „Madame“, ſagte der Geiſtliche mit ſtrengem Ton, „die Autorität der heiligen Schrift....“ Aber die Dame im runden Strohhut unterbrach ihn und fuhr gegen Hubert gewendet fort: „Noch mehr, mein Herr, ich fürchte, Sie werden mich parador nennen, wenn ich erkläre, ich verwerfe nicht allein die Todesſtrafe als verbrecheriſch, ich leugne überhaupt das Recht der Obrigkeit zu ſtrafen, wenn Strafe und nicht Beſſerung, das heißt Heilung, der Endzweck iſt.“ „Ihre Theorie iſt gefährlich“, bemerkte Hubert lächelnd. Die Dame im runden Strohhut, ſichtlich von der* allgemeinen Aufmerkſamkeit, die man ihr zuwendete, geſchmeichelt, fuhr fort. „Alle Verletzungen oder Krankheiten des Körpers können auf Urſachen zurückgeführt werden, welche mit denen, die Verletzungen oder Krankheiten des Ge⸗ hirns verurſachen, vollkommen analog ſind; z. B. ur⸗ ſprüngliche Misbildung, Sympathie mit andern kran⸗ ken Theilen des Syſtems, Anſteckung, zufällige Ver⸗ wundung u. ſ. w. Wenn wir nun von Perſonen ſprechen, die an irgend einem andern Organe leiden, als das Gehirn, ſo fällt es uns niemals ein, ſie für ihr Unglück ſtrafen zu wollen.“ „Das wäre unſinnig“, ſagte Major Tenney. „Das wäre es allerdings“, verſetzte die Rednerin. „Wir ſind vielmehr überzeugt, daß der Schmerz, den ſie leiden, und die Beſchränkung des Bett⸗ oder Zim⸗ 15 2 ——— —— — merhütens, der ſie ſich unterwerfen müſſen, eher unſer Mitleiden erregen muß als unſern Zorn. Wir drin⸗ gen vielmehr in ſie, den Beiſtand eines Arztes zu ſuchen. Warum denn ſollte ſich unſere Anſicht und unſer Verfahren ändern, wenn dasjenige Organ, das ſich in ungeſundem Zuſtande befindet, zufälligerweiſe das Gehirn iſt?“ „So glauben Sie denn“, fragte Hubert,„daß der Wille des Menſchen gar nichts mit ſeinen Hand⸗ lungen zu thun hat?“ „Sein Wille iſt's ja eben, der krank iſt“, erwi⸗ derte die Philoſophin, mitleidig lächelnd.„Ebenſo vernünftig, als es ſein würde, einen Menſchen mit des Peitſche zu züchtigen, weil er ſich hat vom Schar⸗ lachfieber anſtecken laſſen, ebenſo wernünftig, ſag' ich, iſt es, dies Verfahren gegen einen Menſchen zu beobachten, deſſen phyſiſche Conſtitution ihn zwingt, Das in Beſitz zu nehmen, was er ergreifen kann. Der Samen zur Krankheit lag in der Natur des Erſtern und in den meiſten Fällen hat er ſich der Gefahr der Anſteckung durch irgend eine Unvorſichtig⸗ keit ausgeſetzt. Gerade ſo lag die urſprüngliche Prä⸗ dispoſition zur Aneignung fremden Gutes im Ge⸗ müthe des moraliſchen Kranken, und ſein ganzes Un⸗ bteht darin, daß er der Verſuchung, ſeinem ——— men, künftig die Geſetze der Geſundheit ſo ſtreng angeborenen Hange nachzugeben, nicht zur rechten Zeit widerſtand.“ „Ich fürchte nur, entgegnete ein Herr, der neben ihr ſaß, etwas ſpöttiſch, wenn der Dieb ſich allen⸗ falls durch eine tüchtige Tracht Schläge von einer Wiederholung ſeines Vergehens würde abhalten laſſen, 3 daſſelbe Mittel würde den Scharlachkranken nicht hin⸗ dern, gelegentlich noch einmal das Fieber zu be⸗ kommen.“ 3 „Warum nicht?“ erwiderte Miß Burnet— denn ſo hieß die Dame im runden Strohhut.„Die Furcht vor den Schlägen wird ihn wenigſtens beſtim⸗ zu befolgen, daß ſeine dadurch geſtärkte Körperkraft 16 einer künftigen Gefahr der Anſteckung widerſtehen wird, A und mehr kann die Prügelſtrafe oder überhaupt irgend eine andere Strafe auch nicht in dem unglücklichen Uebertreter der Staatsgeſetze bewirken; ſie wird ihn höchſtens beſtimmen, ſich den bürgerlichen Geſetzen zu unterwerfen, aber keineswegs den moraliſchen.“ „Das iſt auch Alles, was ſie ſoll“, ſagte der Pre⸗ diger.„Auge für Auge, Zahn für Zahn, lehrt das Geſetz Moſis. Die Obrigkeit hat keine andere Mittel zur Beobachtung Deſſen zu nöthigen, was Sie die moraliſchen Geſetze nennen, als die Ver⸗ 230 breitung der Bibel. In einem chriſtlichen Lande ſoen Miß Burnet ſah ihn mit einem nichtachtenden Blicke an.„Das moſaiſche Geſetz, das Sie citirten, Sir, iſt ein Geſetz der Rache, nicht der Strafe. Das Chriſtenthum hat dieſen grauenhaften Coder aufgeho⸗ ben, indem es den wahren Socialismus in der Bru⸗ der⸗ und Nächſtenliebe lehrt. Sie müſſen, als ein Diener des Herrn, nothwendig wiſſen, was Jeſus, der größte Philantrop, an der Stelle jenes Blutrache⸗ geſetzes uns gelehrt: wenn Einer dir den Rock nimmt, ſo gib ihm auch den Mantel; wenn Einer dir einen Backenſtreich gibt, ſo reiche ihm auch die andere Wange hin!“ „Wollen Sie dies Geſetz der höchſten Liebe zur Grundlage eines bürgerlichen Geſetzbuchs machen“, ſagte Hubert ſcherzhaft, ſo müſſen Sie, um conſequent zu ſein, den Spitzbuben von Sing⸗Sing und Auburn, die trotz aller Prädispoſition zur Aneignung fremden Gutes» ſich bis jetzt doch noch mit einem Theile be⸗ gnügt, das Gauze übergeben.“ „Sie misverſtehen mich, Sir“, entgegnete die Philantropin mit gelaſſenem Lächeln.„Fern ſei es von mir zu wollen, daß dieſe unglücklichen Opfer ihrer dämoniſchen Begierden dem ungezügelten Hange ——— 231 derſelben überlaſſen werden ſollten. Wir würden ge⸗ rade ſo verbrecheriſch handeln, wie z. B. der Wund⸗ arzt handeln würde, der, die Hände in den Taſchen, über ein Schlachtfeld wandelt und, weil er aus Princip den Krieg verwirft, die Bandagen und In⸗ ſtrumente ungebraucht läßt, durch welche er die Leiden der Verwundeten, die um ihn umher liegen, erleich⸗ tern könnte. Vielmehr bin ich der Meinung, daß die Gebrechen der menſchlichen Geſellſchaft auf das drin⸗ gendſte Abhülfe fodern. Nur ſollte nicht von Zucht⸗ und Strafhäuſern die Rede ſein, ſondern allein von Reform- und Heilanſtalten. Derjenige, der die Geſetze der Geſundheit vernachläſſigt, z. B. durch einen plötzlichen, unvorſichtigen Wechſel der Atmoſphäre, und dadurch ein Lungenübel veranlaßt, hat ſich dem Zwange des Zimmer⸗ oder Betthütens zu unterwerfen, oder vielleicht einem temporären Exil in ein wärmeres Klima, um den ſchädlichen Wirkungen ſeines Unge⸗ horſams abzuhelfen. Derjenige, welcher ſich unbe⸗ dachtſam und ohne die nothwendigen Vorſichtsmaß⸗ regeln dem Einathmen einer unreinen Luft ausgeſetzt und ſich dadurch eine anſteckende Krankheit zugezogen hat, muß ebenfalls die Folgen vävon tragen. Er muß von der menſchlichen Geſellſchaft, der ſeine Nähe nur verderblich werden könnte, abgeſondert werden, 232 und thut er es nicht freiwillig, ſo iſt es die Pflicht dieſer Geſellſchaft, ſowol gegen ſich ſelbſt als gegen ihn, ihn zu dieſer Abſonderung zu zwingen, ihn in eine reinere Atmoſphäre zu verſetzen und ſowol die Mittheilung ſeines Uebels an Andere zu verhindern, als ihn zum Gebrauch der Heilmittel zu nöthigen. Ebenſo, wenn ein Menſch aus erblichem Hange und der Anſteckung des böſen Beiſpiels, oder aus irgend einer Urſache die Geſetze der Moralität verletzt. Es iſt Pflicht der Geſellſchaft, ihn von der Quelle der Infection zu entfernen und ihn der Mittel zu berau⸗ ben, das Uebel auf Andere zu übertragen; d. h. die ungeſunde Tendenz ſeiner Seele zurückzudrängen und ſeine krankhaften Organe zu heilen und zu kräftigen.“ „So ſollten nach Ihrer Anſicht, die Gefängniſſe nichts ſein als moraliſche Hospitäler?“ fragte Hubert, der ihr mit Aufmerkſamkeit zugehört hatte. „Durchaus nichts Anderes“, erwiderte Miß Bur⸗ net.„Ich ſelbſt, wie Sie mich hier ſehen, bin Auf⸗ ſeherin*) des ſogenannten Zuchthauſes von—“, ſie nannte eine der bekannteſten Anſtalten der Vereinigten Staaten,„und bin nur eben auf kurzem Urlaub be⸗ griffen, meine kranke Mutter zu beſuchen, die hier in *) Im Engliſchen Matron. 233 der Nachbarſchaft wohnt. Glauben Sie, keine menſch⸗ liche Macht hätte mich bewegen können eine ſolche Stelle anzunehmen, wenn ich die Anſtalt, die meiner Fürſorge übergeben iſt, als eine Straf⸗ und Züchti⸗ gungsmaſchine betrachtete. Vielmehr ſeh' ich mich ſelbſt als eine moraliſche Aerztin an, als eine Prieſterin des philantropiſchen Socialismus, durch den allein das Heil der Menſchheit erſtrebt werden ſollte, weil es allein durch ihn erreicht werden kann. Ich fühle, daß ich in den wenigen Jahren meiner Wirkſamkeit ſchon Bedeutendes erlangt habe. Indeſſen der Einzelne iſt nur ein Tropfen in dem ungeheuren Ocean des Verder⸗ bens. Wie es Arznei⸗ und Rechtsſchulen und theolo⸗ giſche Seminarien in unſerm Lande gibt, ſo ſollte es Lehranſtalten der ſocialen Philantropie geben, deren Lehrſtühle von dem ſo ſchmählich beeinträchtigten Ge⸗ ſchlecht der Frauen bekleidet werden ſollten.“ „Ihr Syſtem“, verſetzte Hubert,„hat einen ge⸗ wiſſen Grad der Wahrheit, wenn Sie es auf unent⸗ wickelte kindiſche Gemüther anwenden. Auch ich habe die Ueberzeugung, daß das Menſchengeſchlecht einer Reform bedarf, und daß dem Uebel nur durch eine verbeſſerte Volkserziehung abgeholfen werden kann. Das Geſchöpf kommt rein aus ſeines Schöpfers Hand; ſeine irregeleiteten Leidenſchaften und böſe Beiſpiele 234 verwirren ſein Inneres und führen ihn dem Laſter und dem Verderben zu.“ Der Geiſtliche ſah ihn mit einem Blicke an, der faſt noch mehr Misbilligung verrieth, als der, mit dem er ſchon lange die Dame betrachtet hatte. „Die erbfündliche, gänzliche Verdorbenheit des Menſchengeſchlechts“, ſagte er unmuthig,„kann nur durch Chriſti Blut abgewaſchen werden. Weder eure Philoſophie, noch eure Philantropie wird ausreichen. Die Gnade allein kann es. Lehret durch die heilige Schrift die Menſchen beten und glauben! Dies iſt Alles, was ſie brauchen.“ Miß Burnet ſchien von dem ehrwürdigen Mann ein für alle Mal keine Notiz nehmen zu wollen. Vielleicht fühlte ſie heimlich die Macht der„ſtreiten⸗ den Kirche“. Sie ſagte blos: „Sie irren beide, meine Herren!“ und fuhr gegen Hubert gerichtet fort: „Sie beſonders, Sir, indem Sie glauben, gewiſſe Krankheiten ſeien in Kindern eher heilbar als in er⸗ wachſenen Menſchen. Es kann Ihnen nicht unbekannt ſein, daß auch die Sterblichkeit unter Kindern unver⸗ hältnißmäßig groß iſt. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, je intellectueller begabt und entwickelt ein Menſch iſt, je mehr Hoffnung iſt zu ſeiner Heilung.“ 235 „Und welche Mittel gebrauchen Sie?“ fragte Hubert. „Ich habe“, entgegnete Miß Burnet, indem ſie ſich bequemer zur Erklärung zurecht ſetzte,„nichts in der Behandlung von Miſſethätern ermuthigender ge⸗ funden, als die vortreffliche Wirkung, die es hat, wenn ich ihnen die Kenntniß über die eigenthümliche Conſtitution ihrer Gemüther und ihres Gehirnes auf⸗ ſchließe. Sobald ich ſie vermittelſt der Phrenologie zu einem klaren Begriffe über die Quelle ihrer übeln Begierden gebracht habe, verſchwindet alles Geheim⸗ nißvolle, aller Zweifel, alle Ungewißheit. Ich zeige ihnen, daß die Stärke dieſer Begierden ſo gut von phyſiſchen Geſetzen regiert wird, als die Stärke eines Körpergliedes oder anderer körperlichen Organe, und daß, wenn ſie dieſer Macht nachgeben, ſie ſich be⸗ ſtändig vermehren wird. Ich beweiſe ihnen, daß es nur durch das Zügeln unſerer Neigungen vermittelſt unſerer moraliſchen Geſinnungen und unſers Verſtandes möglich iſt, daß ein ſicherer und heilſamer Fortſchritt auf der Bahn der moraliſchen Reform gemacht werden kann. Dies gibt ihnen eine klare, deutliche Idee von Dem, was ihre Pflicht iſt, und wie ſie ſie erfüllen können. Damit iſt ſchon viel gewonnen. „Ich ſuche ſodann ihnen einen Begriff von der Anwendung ihrer eigenen Conſtitution auf die der 236 äußern Natur zu geben, von den Bedingungen der menſchlichen Glückſeligkeit und der Unveränderlichkeit der Geſetze, von denen ſie abhängt, ſowie auch von dem Verhältniß, das zwiſchen ihnen und ihrem Schöpfer ſtattfindet.“ „Sind Sie auch ſicher immer verſtanden zu wer⸗ den?“ fragte Hubert lächelnd. „Selbſt unter den Einfältigſten“, erwiderte die Philantropin mit einiger Empfindlichkeit,„iſt auch nicht Einer, der durch eine deutliche und ener⸗ giſche Erklärung ſeiner Pflicht und Erkenntniß der Quellen und Bedingungen des Glückes nicht ſchon einigermaßen beſſer gemacht wäre. Wo aber Verſtand und Willenskraft iſt, da hat dieſer mein Unterricht ſchon die bedeutendſten Wirkungen hervorgebracht. Ja, ich bin überzeugt, daß ich die außerordentliche Verbeſſerung, die ſeit den acht Monaten, daß ich dem Gefängniſſe vorſtehe, ſtattgefunden hat, hauptſächlich der Phrenologie verdanke. Sehr viel Zeit bleibt frei⸗ lich dazu nicht übrig, da die auferlegten Arbeiten pünktlich erfüllt werden müſſen. Aber ſo groß iſt mein Vertrauen in dieſe Heilmethode, daß ich mich beſtrebt habe, unſere Gefängnißbibliothek außer mit einigen Exemplaren der heiligen Schrift, vorzugsweiſe mit phrenologiſchen Büchern und ſolchen verwandten ————————— —,————— Schriften zu verſehen, die durch eine Erklärung der phyſiſchen Verfaſſung des Menſchen einen Aufſchluß über die moraliſche geben. An der Spitze dieſer Werke ſteht das von Combe«über die Conſtitution des Menſchen*, eine der bewundernswürdigſten Schöpfun⸗ gen des menſchlichen Geiſtes, und beſonders ausge⸗ zeichnet durch lichtvolle Deutlichkeit und dringende Anwendbarkeit. Als eine beſondere Ermunterung geb' ich gern auch ein ſolches oder ähnliches Buch in die Hände unſerer verſtändigſten Patientinnen und— nie ohne Erfolg.“ Hier hielt der Wagen in der Nähe eines kleinen Farmhauſes an. Der Kutſcher ſprang ab und trat an den Schlag.„Miß Burnet“, ſagte er,„wir ſind hier nur ein Stündchen von Brookfield. Weiter kann ich Sie nicht bringen; Sie bekommen hier einen Jun⸗ gen, Ihnen Ihren Reiſeſack zu tragen.“ Die Rednerin ſchien nur ungern ſich unterbrechen zu laſſen. Allein es gab keine Wahl. Sie dankte, zahlte, empfahl ſich ihren Reiſegefährten und ſtieg aus. Ihr Sack ward abgeworfen und die Kutſche rollte davon. Eine Zeit lang ruhte, als ſie fort war, eine wohl⸗ thätige Stille auf der Geſellſchaft. Endlich ſagte der Major: 238 „Verſtand hat die Dame, das iſt ein Factum. Und ein ſeltenes Vertrauen auf ihr Syſtem hat ſie, das muß wahr ſein!“ „Es ſteht gefährlich um das Reich Gottes und unſer Land“, ſeufzte die Predigerwitwe, die während der ganzen Zeit ſtill geſchwiegen,„wenn ſolche Prin⸗ cipien Einfluß gewinnen! Was war das für ein Buch, das ſie nannte?“ „Ein Product des verwerflichſten Atheismus“, antwortete der Geiſtliche mit unverhehltem Abſcheu. „Wohl haben Sie recht, es ſteht ſchlecht um unſer Land, wenn die Obrigkeit ſolches Unweſen duldet! Hätte dies Weib den«Kurzen Katechismus in ihrem Gefängniß eingeführt und ſeine göttlichen Wahrheiten gelehrt, ſo würde über„Sektengeiſt? und(Puritanis⸗ mus»geſchrien worden ſein. Secretär Benton's Entſchei⸗ dung hat die Goldkörner der amerikaniſchen Tractaten⸗ geſellſchaft glücklich von den Schulbibliotheken ausge⸗ ſchloſſen, aber ungläubige Schriften wie Combe's Werk, Giftbüchſen wie Auſtin's, die werden geduldet, und in unſern öffentlichen Anſtalten eingeführt!“ „Wenn wir nur endlich einmal wieder fromme Männer ans Ruder bekämen!“ ſeufzte die Witwe. Aber weder ſie noch ihr geiſtlicher Freund hatten lange Zeit, ihre Klagen fortzuſetzen; einer nach dem 239 andern gelangte an ſein Reiſeziel, oder in die Nähe deſſelben und mußte die Landkutſche verlaſſen, um ſich auf andere Weiſe weiter zu helfen. Der Geiſtliche ſowol als die Witwe und ihr Sohn hatten andern Reiſenden Platz gemacht. Die Herren, welche die Reiſe oben auf der Kutſche begonnen, waren endlich ſo glücklich, ſie in derſelben fortſetzen zu können, ein Umſtand, zu dem ſie ſich gratuliren konnten, denn eben zog ein unge⸗ heures Unwetter herauf und ſchwarze Wolken hin⸗ gen bedrohlich am Himmel. Als endlich der Regen begann in großen ſchweren Tropfen niederzufallen, die Ströme verkündigend, die ihnen folgen ſollten, und der Kutſcher ſeinen gelben Wachstuchmantel umhing, kam die Geſellſchaft in der Kutſche mitleidig überein, auch noch den letzten der Draußenſitzenden hereinzunehmen. Der älteſte der klei⸗ nen Hinterwäldler ward auf einem der Männerſchooſe untergebracht und der dünnſte der Herren zwiſchen die beiden Damen hineingeſchoben, um Platz für den neunten oder vielmehr den zwölften Paſſagier zu machen. Kaum war dieſe Einrichtung getroffen, als die Wolken mit Macht borſten und der Regen in maſſen⸗ haften Güſſen das Erdreich überſchwemmte. Die Pferde zogen mit verdoppelter Kraft an und rannten 240 wie vom Regen gepeitſcht mit verdreifachtem Schritt. Sorglich wurden die Seitenleder zugeknöpft und ein Gefühl der Behaglichkeit kam über die Reiſenden in der wetterſichern Kutſche. Da hielt plötzlich der Wagen und man hörte den Kutſcher ſprechen und einer andern männlichen Stimme antworten, die dringend etwas zu verlangen ſchien. „Morgen iſt auch ein Tag, Miß“, hörte man deut⸗ lich ſagen,„ich nehme Sie morgen mit“, und auch eine weibliche Stimme ließ ſich vernehmen. Da hielt ſich die Neugierde der Herren nicht länger und das Leder nach der Seite hin, wo das Geſpräch geführt ward, wurde aufgeknöpft. Durch den dichten Schleier des ſtrömenden Regens ſah man ein junges Mädchen an der Wegſeite ſtehen, über die ein wohlgekleideter ältlicher Mann einen Re⸗ genſchirm hielt, ohne daß er vermögend geweſen wäre, mehr von ihrer Perſon nothdürftig zu ſchützen als ihren Strohhut, auf dem ein ganzes Gartenbeet bun⸗ ter Blumen blühte. Ihre ſchwarzſeidene Mantille ſchien wenig geeignet, ſie vor dem Sturme zu ſchützen, und aus den drei Falbalas ihres roſa Muslinkleid⸗ chens trauften ſolche Waſſerbäche um ſie herum her⸗ nieder, daß ſie, ſie mochte den Platz wechſeln ſo oft ſie wollte, ehe ſie ſich es verſah, wieder wie in einem — Teiche ſtand. Der Mann neben ihr— offenbar ihr Vater— hielt in der linken Hand den Regenſchirm, deſſen unvollkommnen Schutz er zum Theil ſeiner Tochter, zum Theil einer in ein Tuch geknüpften Pappſchachtel zuzuwenden ſuchte, welche er in der rechten Hand dicht an ſich gedrückt hielt. Die Beiden bildeten eine Gruppe, bei deren Anblick keiner der Reiſenden das Lachen unterdrücken konnte. Das hübſche Kind ſchleuderte einen ſtolzen, zornigen Blick mitten in die Geſellſchaft hinein. Ihr Vater war ein Farmer aus der unmittelbaren Nachbarſchaft, der recht gut hätte ſein kleines Wäg⸗ lein anſpannen können, um ſie nach der nächſten Sta⸗ tion, wo die Kutſche anhielt, zu bringen; nur daß das Haus nicht mehr als tauſend Schritte von der Landſtraße ablag, auf welcher die Kutſche daher ge⸗ fahren kommen mußte, und daß es bequemer ſchien, die tauſend Schritte zu machen und ſie hier abzuwar⸗ ten, als eine Stunde zu fahren und in dem offnen Landwagen das neue roſa Muslinkleid dem Staube oder gar dem ausbrechenden Gewitter auszuſetzen. Die Landkutſche blieb etwas länger aus, als ſie er⸗ wartet hatten, denn der vielfältige Wechſel der Rei⸗ ſenden hatte ſie verſpätet. Der Ausbruch des Un⸗ wetters war ſo plötzlich und heftig, daß keine Hoff⸗ Die Auswanderer. II. 16 242 nung war, das Farmhaus zu erreichen, während da⸗ gegen die Kutſche jeden Augenblick kommen mußte. Als Vater und Tochter fortfuhren, in„Capitain Hill“ zu dringen, der ſchönen Reiſenden einen Platz in der Kutſche zu verſchaffen; während die in der⸗ ſelben Sitzenden ſtill zuhörten und abwarteten, was aus der Sache werden würde, ſprang jener endlich ab und trat unter Donner und Blitz an die Wa⸗ genthür. „Meine Herren, wäre da drinnen nicht noch ein Plätzchen für eine junge Dame?“ 2 „Unmöglich!“ rief ein Herr, deſſen Körper ihn eigentlich befugt hätte, den Platz von Dreien zu füllen;„wir ſind neun Perſonen und drei Kinder.“ „So entſchließt ſich vielleicht einer der Herren draußen Platz zu nehmen?“ „Was, in dieſem Regen, Capitain?“ „Die Sonne wird bald wieder ſcheinen“, erwiderte dieſer entſchuldigend. „Iſt denn die Reiſe der jungen Dame ſo noth⸗ wendig?“ fragte Major Tenney den Farmer. Der Vater ſchämte ſich zu antworten, daß ſeine Tochter blos eine gute Freundin in der Nähe von Middlebury zu beſuchen beabſichtigte, und war zu redlich„ja“ zu antworten. Man hatte ihn ſchon — * — * 243 während der Unterhandlung der Tochter zuflüſtern hören:„Du kannſt in dem Kleide doch nicht mit nach dem Picknick; gib es lieber auf, Letty.“ Aber die Tochter entgegnete ebenfalls flüſternd:„Ich kann das weiße in der Schachtel tragen, Papa!“— Er er⸗ widerte demnach blos:„Die junge Dame hat ver⸗ ſprochen zu kommen und wird erwartet.“ „Könnte ſie nicht morgen den Beſuch machen?“ fragte der Major wieder. „Nein, Sir, ich muß heute gehen“, erwiderte die Schöne etwas ſpitz,„und werde gehen, wenn es noch Höflichkeit gegen Damen in dieſem Lande gibt.“ Jetzt nahm der Capitain einen ſtrengern Ton an. „Meine Herren“ ſagte er,„bedenken Sie, es iſt eine Dame!“— und ein ungeheurer Donner bekräf⸗ tigte ſeine Rede. „Es iſt wahr“, ſagte einer der Reiſenden,„es ſcheint eine wahre Grauſamkeit, ein weibliches Weſen ſo in der Näſſe ſtehen zu laſſen.“ „Wäre ſie beim Anfang des Regens nach Hauſe gegangen“, bemerkte Hubert, der in ſeinem Vaterlande hundertmal hatte Dienſtmädchen in ſchlimmerem Wet⸗ ter ausſchicken ſehen, ja wol gar Studentenaufwärte⸗ rinnen, wenn den jungen Herren das Unwetter ſelbſt zu arg war—„wenn ſie zu rechter Zeit nach Hauſe 16* 244 gegangen wäre, ſo hätte ſie jetzt längſt wieder trockne Kleider an.“ Ein ſtrafender Blick des Mädchens traf ihn. Stillſchweigend fing ſie an, ihre Falbalas auszurin⸗ gen und ſich zum Einſteigen bereit zu machen. „Laſſen Sie es nicht geſagt ſein“, fuhr der Capi⸗ tain in ſeinen Vorſtellungen fort,„daß amerikaniſche Gentlemen es an Galanterie fehlen ließen.“ „Wenn Ihre Kutſche nur etwas weiter wäre!“ ſeufzte der beleibte Herr;„wenn nicht einer weicht, iſt's unmöglich, das iſt ein Factum.“ „So muß man ſich ſchon entſchließen!“ ſagte der Major lächelnd;„Capitain, haben Sie nicht eine Buffjacke für mich? Ich bin ohne Oberrock.“ Er trug einen bloßen Sommerrock. „Zu Ihren Dienſten, Major“, rief der Capitain erfreut.„Sie, Sie, Major, ſind der wahrhafte ame⸗ rikaniſche Gentleman!“ Auch die Schöne warf ihm einen gnädigen Blick zu. Der Major ſprang heraus, die junge Dame ſtieg ein und überſchwemmte, trotz der vorhin ange⸗ deuteten Vorſichtsmaßregeln, den Boden der Kutſche mit einer ſolchen Flut, daß die beiden Frauen auf dem Rückſitz ihre Füße ſchwebend halten mußten. Die Schachtel ward glücklich untergebracht, die beiden 245 Milizofficiere ſchwangen ſich auf und die Kutſche rollte mit Sturmesſchnelle davon. Unter ſolchen wechſelnden Scenen erreichten unſere Liebenden glücklich ihr Reiſeziel. Im Ganzen fanden ſie ſich höchlich durch ſie unterhalten, um ſo mehr, da, wenn auch die Perſonen, mit denen ſie der Zu⸗ fall zuſammenführte, eben nicht individuell intereſſant waren, ſie doch die charakteriſtiſche Nationalität der meiſten derſelben nicht verkennen konnten. In Redfield, einer Landſtadt ſüdweſtlich von Middlebury, wohnte der Rechtskundige, der ihnen über das Gütchen in Woodhill*), das ſie zu kaufen gedachten, nähere Auskunft geben ſollte. Die Bedin⸗ gungen waren höchſt mäßig und überdies bequem. Das Gütchen ſelbſt, wohin ſie einen Ausflug machten, entſprach ihren Wünſchen. In wenigen Tagen war das Geſchäft abgeſchloſſen; einige andere Tage wur⸗ den zu Einkäufen für die nothwendige häusliche Ein⸗ richtung benutzt und eine Woche nach der Ankunft des deutſchen Ehepaares in Redfield finden wir daſſelbe glücklich anſäſſig auf ſeinem Gütchen zu Woodhill. 6 Weder Redfield noch Woodhill wird der Leſer auf der Karte finden. Die Ortsnamen mögen vielleicht abſichtlich um⸗ geändert ſein. Ueuntes Capitel. Häusliches. So war denn das Ziel erreicht, und die Liebenden hatten wieder eine Heimat! Hubert war zum erſten Mal Hausherr, Klotilde wiederum Hausfrau gewor⸗ den. Hand in Hand ſtanden ſie vor der Thür, gin⸗ gen ſie umher und zeigten einander mit freudeſtrah⸗ lenden Augen jeden lieblichen Einblick in das dichte Gebüſch, jede maleriſche Baumgruppe der Wieſe. Alles gehörte ja ihnen, ihnen gemeinſchaftlich! Es war als wäre der heitere blaue Himmel ſelbſt, der ſich über ihnen wölbte, und die herrliche Sonne, die ihnen Alles im ſchönſten Lichte beleuchtete, ihr Eigenthum geworden. Klotilde ging von Zimmer zu Zimmer und zog freudig jede Schublade der reinlichen Wandſchränke auf, die ihr ſo viel häusliche Bequemlichkeit verſpra⸗ chen. Hubert maß die Wände, um die Breite der zu beſtellenden Bücherſchränke zu beſtimmen, deren Inhalt 247 ihnen den langen Winter kurz machen ſollte. Wie glücklich, mein Hubert, wollen wir hier ſein! rief Klo⸗ tilde. Wie ſelig bin ich jetzt ſchon, erwiderte er, an deiner Seite, meine Klotilde!— Und eine lange Um⸗ armung beſiegelte ihre Worte. Aber nun war an die häusliche Einrichtung zu denken. Mit Möbeln war das Haus nothdürftig ver⸗ ſehen; alt und altmodiſch, viereckige Tiſche von Kirſch⸗ baumholz, in jeder Stube wenigſtens ein Schaukel⸗ ſtuhl mit Rohr⸗ oder Holzſitz; in einem der Zimmer ſtand ſogar ein Schaukelcanapee, ſodaß ſich vier bis fünf Perſonen auf einmal das nationale Vergnügen des Schaukelns hätten machen können. Klotilde ließ es ſogleich in den Holzſtall tragen. Dagegen waren ſchon ein paar einfache Sophas und ein runder Thee⸗ tiſch aus Boſton verſchrieben und wurden täglich mit dem neuen Fortepiano von Chickering erwartet. Mit Betten, mit der nöthigen Hauswäſche, wie mit den unentbehrlichſten Geräthſchaften hatte ſich Klotilde ſchon in Middlebury und Redfield, ehe ſie einzog, verſehen. Nun legte und ſtellte ſie Alles zurecht; es war lieb⸗ lich zu ſehen, wie ſie in geſchäftiger Thätigkeit wal⸗ tete und ordnete, wie Hubert ihr half und ſie durch tauſend Liebkoſungen ſtörte, und wie er ſich auslachen laſſen mußte, daß er ſo ungeſchickt war und ein 248 Päckchen Tiſchwäſche trug, als ſei es ein Koffer, und die Bettdecke verkehrt ausgebreitet hatte. Stunden flogen dahin in herzlicher, harmloſer Glückſeligkeit. Das Haus war ihnen von dem vorigen Beſitzer ziemlich verfallen, aber gründlich gereinigt übergeben worden. Im Garten auch waren die nothwendigſten Frühlingsarbeiten gethan, kurz Alles war geſchehen, um es in einer Gegend, wo Jeder für ſeinen Haus⸗ bedarf an Gemüſen und Feldfrüchten ſelbſt ſorgen muß, für den Käufer nicht unbewohnbar zu machen. Aber auch nur das. Hubert ſah bald, daß der neue Wohnſitz der helfenden Hand noch überall bedurfte. Das Dach des Stalles hatte ſich geſenkt und drohte nächſten Winter, von Schnee erdrückt, ganz einzufallen. Das Gras ſtand drei Fuß hoch auf der Wieſe und das Gebüſch umher war zur dicken Wand ver⸗ wachſen. Mit großer Mühe gelang es Hubert, für den höchſten Lohn zwei rüſtige Tagesarbeiter zu bekom⸗ men, denn die junge Mannſchaft Neu⸗Englands ſtrömt unaufhaltſam nach Weſten, und was von beſitzloſen Männern übrig war, ward von den größern Farmern beſchäftigt. Der Tag, an dem es Hubert gelungen, endlich zwei zu finden— zwei Brüder, die auch nach Oregon wollten, ſich aber erſt ein kleines Capital zu 249 erwerben gedachten— die ihm ein paar Wochen lang, für zwei Dollars täglich, ſeine äußere Arbeit zu thun, . ſich willig fanden, war, nach ſo langem vergeblichen Suchen, ein Freudentag für unſer Ehepaar. Sie dach⸗ ten mit Wehmuth an die Tauſenden im geliebten Va⸗ terlande, die ſich begierig, und ach wie oft umſonſt! nach den paar Groſchen Tageslohn drängten. Mit einer Art von Dankgefühl dachten ſie an Bryant's ſchönes Lied an ſein Vaterland,„an deſſen Pforten die Freiheit ſitzt“, und das ſo viel unglücklich Ver⸗ ſchlagenen einen Hafen öffnet, das„dem gehetzten Flüchtling ein Aſyl gibt, und dem verhungernden Tagelöhner Arbeit und Brot““*) Hubert kam im Ganzen gut mit ſeinen Arbeitern aus; er war mit tüchtigem, fleißigem Tagewerk zu⸗ frieden, ohne zu verlangen, daß ſie ſich übermenſchlich anſtrengen ſollten, bezahlte ſie pünktlich und behan⸗ delte ſie mit Höflichkeit. Er ſelbſt arbeitete wacker mit, denn bei ſeiner beſtändigen Geiſtesthätigkeit war ihm ein gewiſſer Grad von körperlicher Thätigkeit, die er blos nach ſeinem eigenen Gutdünken zu regeln hatte, eine Luſt. War die Tagesarbeit vorüber, ſo *) Das ſchöne ſtolze Lied, beginnend:„O mother of aà migthy race,“ verdiente eine gute deutſche Ueberſetzung. 13 250 hatte er nichts mehr mit ihnen zu thun. Eine Ne⸗ gerfamilie, die am Abhange des Hügels, auf dem ſein Haus ſtand, wohnte— ſeine einzigen Nach⸗ barn, hatte ſich verpflichtet, ihnen Koſt und Schlaf⸗ ſtellen zu geben. Bei weitem ſchwieriger noch waren Hände für die häusliche Arbeit zu finden. Eine wackere Farmerfrau hatte übernommen, den jungen, fremden Eheleuten, auf deren Unerfahrenheit ſie mit einer Art von Mit⸗ leid blickte, den Hausſtand einzurichten. Sie buk Brot für eine Woche, verſah die Speiſekammer mit Schinken, Salzfleiſch und getrockneten Fiſchen, ſorgte für den Hühnerſtall, melkte die neue Kuh und machte die Butter. Mrs. Norton war eine reinliche, thätige Landwirthin, die natürlich ſich vollſtändig als Klotil⸗ den ebenbürtig betrachtete und ſo von ihr behandelt ward. Obwol reichlich und vertragmäßig bezahlt, gab ſie es ihr doch alle Tage zu hören, daß ſie nur aus Gefälligkeit und Mitleiden zu ihr gekommen, daß Mann und Kinder, ſowie die eigene Wirthſchaft ſie aber nicht lange mehr entbehren könne. So zog ſie denn auch nach Verlauf einer Woche wieder ab, zufrieden mit dem Dank des jungen Ehe⸗ paares und den drei Dollars, für die ſie ihrer jüng⸗ ſten Tochter einen neuen Strohhut„für den Sabbath“ —— kaufen wollte; denn die neue Putzmacherin, die kürz⸗ lich von Burlington nach Redfield gezogen, wollte ſich nicht auf Bezahlung von Eiern oder Kartoffeln einlaſſen, weil bereits andere Farmer ihr Eßwaaren, mehr als ſie mit ihrer ganzen Familie verzehren könne, geliefert. Für Klotilden war nun die Aufgabe, ein Mädchen zu finden, die länger bei ihr bliebe und ihr wenig⸗ ſtens die gröbere Arbeit abnähme. Wo aber eine fin⸗ den, in einem Lande, in dem es durchaus keine die⸗ nende Claſſe gibt? Die wohlhabendern Farmer brau⸗ chen die Töchter ſelbſt in der Wirthſchaft und müſſen, wenn ſie deren nicht mehre haben oder es dieſen in den Kopf kommt lieber in einer Fabrik Geld verdie⸗ nen zu wollen, den Verluſt ſelbſt durch ein gemiethe⸗ tes Mädchen erſetzen. Auch die ärmern Farmer ha⸗ ben meiſt für ihre Kinder Brot. Nur wo in einem ſolchen Hanſe die unverheiratheten Töchter ſehr zahl⸗ reich ſind, wird gewünſcht, daß eine oder die andere bei fremden Leuten ſich etwas zu verdienen ſuche, oder, wie man es nennt,„auslebe“(to live out). Klotil⸗ dens Wirthin in Redfield und deren Freundinnen hat⸗ ten ſich ſchon vergebens bemüht ihr„Hülfe“ Gelp, denn von einer„Dienerin“(a servant) durfte nicht die Rede ſein, zu verſchaffen. Jetzt gab man ihr den 252 Rath, ſelbſt mit ihrem Gatten bei den Farmern der Nachbarſchaft umherzufahren, und zu fragen, ob die⸗ ſer oder jener ein tüchtiges Mädchen wüßte, die ſich entſchließen könnte, für Geld und gute Worte ihre Arbeit zu thun? An einem ſchönen Nachmittage machten demnach die Beiden ſich in einem leichten zweirädrigen Wägel⸗ chen auf die abenteuerliche Fahrt. Hubert hatte Wa⸗ gen und Pferd, welches letztere er mit Eli's des Ne⸗ gerknaben Hülfe ſelbſt beſorgte, vor kurzem gekauft; ein eigenes Fuhrwerk war bei der abgelegenen Lage ſeines Hauſes unentbehrlich, und wird überhaupt in einem Lande, wo Keiner zu Fuß geht, der auf irgend eine Weiſe fahren kann, mehr für ein Bedürfniß als für Lurus gehalten. Nicht einmal, vier- oder fünfmal mußten ſie ihre Irrfahrten antreten, ehe ſie ſo glücklich waren, zu fin⸗ den, was ſie ſuchten. Und ſie unternahmen ſie ohne Ungeduld, immer mit neuem Vergnügen. Denn ein reizendes welliges Land lag nach allen Seiten vor ihnen, von wenig bedeutenden Straßen, aber einer Fülle von ſchlängelnden Waldwegen durchfurcht, häufig ſo ſchmal und verwachſen, daß die Zweige über ihnen zuſammenſchlugen. Oft ging's halbe Stunden lang am plätſchernden Waldbach hin, dann wieder auf — 253 engem Felspfad, auf einer Seite die ſteile Wand, auf der andern die blühendſte Landſchaft. Hubert konnte ſich in die Beſchreibungen der Befragten nie recht finden oder hatte die Hälfte immer wieder vergeſſen, wenn er an den entſcheidenden Punkt kam und die Frage war, ob er rechts oder links lenken ſollte. Klo⸗ tilde half lachend nach, aber ſie genoß des Kreuz⸗ und Querfahrens, das ihr ſo viel vom Lande zeigte und ſie mit der Umgegend nach und nach vertraut machte. Freilich mußten ſie ihr Ziel im Auge behalten und das war ein ſchwieriger Punkt. Kamen ſie an einem Hauſe vorbei und ſahen etwa den Farmer vor der Thür ſtehen, ſo hielt Hubert an und fragte wol, nachdem er nach Landesſitte, ohne den Hut anzurüh⸗ ren,„Guten Tag, Sir!“ geboten:„Wißt Ihr viel⸗ leicht ein wackeres Mädchen, Sir, die geneigt wäre mit uns zu leben und unſere Arbeit zu thun?“ Die Frage ward dann, nach Yankeeart, mit einer andern Frage erwidert. Der Mann ſah dem Aus⸗ länder, den er ſogleich an ſeiner Sprache erkannt, nachdem er auf gleiche Weiſe den Gruß zurückgege⸗ ben, eine kleine Weile an. Dann hob er ein Stück⸗ chen Holz von der Erde auf, zog ein Taſchenmeſſer heraus und, indem er zu ſchnitzeln anfing, fragte er: „Iſt Eure Familie groß?“ 254 „Nur Mann und Frau“, erwiderte Hubert.„So wißt Ihr eine?“ „Haltet Ihr vielleicht Koſtgänger?“—„Was gebt Ihr für Lohn?— Kann's die junge Frau nicht ſelbſt verrichten?“— Durch das Fegefeuer dieſer und ähn⸗ licher Fragen mußten die Suchenden wol zehnmal gehen und oft, um zuletzt den Beſcheid zu hören: „Nein, ich weiß von keiner.“ Manchmal aber hieß es: „Ja, am Weſtende des Dorfes oder auch drüben über der Brücke, eine Meile von der Baptiſtenkirche, wenn Ihr rechts umbiegt, wohnt ein Gentleman, deſſen Töch⸗ ter manchmal»ausleben«. Ihr werdet's an der Werkſtatt erkennen. Es iſt ein Grobſchmidt. Die älteſte iſt in Boſton. Aber ich denke die zweite iſt gerade zu Hauſe. Sie bäckt gutes Brot und kann auch die Wäſche thun, denn ſie iſt ſtark. Vielleicht könnt Ihr die kriegen“, oder:„Je nun, Moſes Gold⸗ ſmith hat mehre Töchter; der kann wol eine ent⸗ behren, denn die alte Dame iſt auch noch friſch. Viel⸗ leicht entſchließt ſich eine von den jungen Damen und kommt auf ein paar Monate zu Euch, mit Euch zu leben.“ Und wirklich entſchloß ſich auch endlich ein hüb⸗ ſches, gewandtes, zweiundzwanzigjähriges Mädchen, nachdem ſie erſt lange gezögert, die Mutter angeſehen, Beſorgniß ausgedrückt, daß ſie es einer„ausländi⸗ ſchen“ Dame nicht recht machen würde, und verſpro⸗ chen hatte, die Sache in Ueberlegung zu nehmen. Percy Wheeler, ſo hieß ſie, war noch nie ſelbſt in fremden Häuſern geweſen; aber ihre beiden älteren Schweſtern waren, die eine Köchin, die andere Stu⸗ benmädchen, in Boſton. Als ſie das letzte Mal zum Beſuch zu Hauſe kamen, hatten ſie die ſchönſten Klei⸗ der getragen und die arme Percy in ihrem ſchil— lingskattunen Sabbathskleid ſo ganz im Schatten ge⸗ laſſen! Suſann, die Köchin, hatte ihr ein Kartenfut⸗ teral von Schildplatt gezeigt, mit Perlmutter ausge⸗ legt, das ſie in die Hand zu nehmen pflegte, wenn ſie ihren freien Nachmittag hatte und ausging, gerade wie die jungen Damen des Hauſes es bei ihren Morgenviſiten zu machen pflegten. Es hatte ihr blos den Lohn von zwei oder drei Wochen gekoſtet. Mary Ann, das Stubenmädchen, war Kirchenmitglied. Sie brachte ganze Packete des Missionary Herald und Tractatbücher zu Hauſe und ſparte ſich einen beträchtli⸗ chen Theil ihres Lohnes ab, um nach Kräften zur Förderung der Sache des Herrn und zur Verbreitung des göttlichen Wortes beizutragen. Die arme Perchy hatte weder Geld zum Kaufen noch zum Geben. Als daher ihr Klotilde freundlich zuredete und ihr wöchent⸗ 256 lich anderthalb Dollar, d. h. den vollen Stadtlohn, bot, widerſtand ſie nicht länger. Sie müſſe, ſagte ſie, ſich erſt ein wenig zurecht machen; der junge Mann da, fügte ſie, auf Hubert deutend, hinzu, könne ſie übermorgen mit dem Wagen holen. Klotilde erwiderte lächelnd, wenn ſie allein den Weg nicht finden und ihre Sachen nicht ſelbſt her⸗ ſchaffen könne, ſo wolle ſie übermorgen ihren Bur⸗ ſchen nach ihr ſchicken. Geſagt, gethan! Aber Klo⸗ tilde erſchrak faſt, als Eli, ſtatt mit einer Köchin, mit einer geputzten Dame angefahren kam. Es war Perch Wheeler in ihrem ſchönſten Sonntagsſtaat, die ſo einen beſſern Eindruck zu machen hoffte, als in dem Aſchenbrödelanzug, in dem das Ehepaar ſie neu⸗ lich überraſcht hatte. Sie trug ein weißes Kleid und blaue Glasperlen um den Hals, eine blauſeidene, mit gelbem Kattun gefütterte Mantille und um ihren Strohhut ſchlang ſich ein Kranz künſtlicher Roſen. Zum Glück hatte ſie ein Arbeitskleid in einer pappe⸗ nen Hutſchachtel mitgebracht, in dem ſie ſich denn auch bald bei Klotilden zur Arbeit fertig meldete. Klotilde ſah bald, daß die Mutter ſie dazu gut erzogen und daß ihr ein geſchicktes, raſches Mädchen ins Haus gezogen war. Sie hatte bald ein paar ſchmackhafte Schüſſeln bereitet.„Das Eſſen wird 257 gleich fertig ſein“, ſagte ſie zu Klotilden.„Sie kön⸗ nen immerhin den Tiſch decken. Oder ſoll vielleicht der farbige Knabe es thun?“ „Er hat den Stall zu beſorgen“, erwiderte Klo⸗ tilde;„ich brauch' ihn ungern zu Zimmerarbeiten. Viel⸗ mehr erwart' ich dies von Ihnen, Percy. Sie kön⸗ nen ja leicht das Eſſen etwas vom Feuer rücken, bis der Tiſch gedeckt iſt und wir bereit ſind“. „Meinetwegen“, erwiderte das Mädchen,„und ſetzte den Tiſch für Drei“. „Für Zwei nur“, ordnete Klotilde ahnungsvoll und darum nicht ganz ohne Verlegenheit. „Für Zwei nur? Ißt denn Herr Hubert nicht mit?“ „Wohl ißt er mit; er und ich ſind zwei.“ Das Mädchen machte ein langes Geſicht. Klo⸗ tilde, ſo peinlich ihr es war, dachte, es ſei am beſten die Sache gleich offen zur Sprache zu bringen. „Percy“ ſagte ſie freundlich,„wer kocht oder auf⸗ wartet, kann kaum irgendwo mit dem Herrn und der Dame an einem Tiſch eſſen. Das Aufſtehen und Niederſetzen wäre gegen allen Anſtand; und Küchen⸗ arbeit und Aſche können die Kleidung nicht ſo rein erhalten, als es für Perſonen wünſchenswerth iſt, die blos an feinere Arbeit gewöhnt ſind.“ Perch waren die Thränen in die Augen getreten. Die Auswanderer. II. Sie beſann ſich.„Mag's ſein“, ſagte ſie,„ich mach' mir im Grunde nichts daraus. Suſann und Mary Ann können's auch nicht. Ich dachte, auf dem Lande wären die Leute nicht ſo ſtolz.'s iſt aber auch wahr, man macht ſich Flecke und ſchwärzt ſich an, ehe man ſich es verſieht. Ich möchte mich nicht einmal ſo vor Herrn Hubert zeigen“, fügte ſie hinzu, indem ſie ſich beſah, vor den Spiegel trat und das Haar glatt ſtrich.„Nach Tiſche will ich mich ſchon anziehen.“ Und wirklich war ſie, nachdem ſie das Geſchirr gewaſchen und die Küche gereinigt, aus letzterer ver⸗ ſchwunden. Sie wird ſich anziehen, dachte Klotilde, und ich werde beim Thee, für den ſie nun genug ge⸗ ſchmückt zu ſein hofft, eine neue Lehre zu geben ha⸗ ben. Aber, was war ihre Verwunderung, als ſie in ihre eigene Kammer trat und das Mädchen, in vollem Gebrauch ihrer Kämme und Bürſten, vor ihrem Toi⸗ lettentiſch ſitzend fand! „Ich habe meinen Kamm nicht mitgebracht“, ſagte ſie entſchuldigend,„die Mutter brauchte ihn für die kleinen Schweſtern; und meine Bürſte iſt ganz abge⸗ nutzt. Sie haben ſo einen Vorrath, groß und klein! Und Herr Hubert“, fügte ſie hinzu, immer ohne ſich umzuſehen und in den Spiegel blickend, ſonſt wäre ihr wol Klotildens Miene aufgefallen,„Herr Hubert hat auch ſeine eigenen, ſeh' ich, gerade als lebte er in einem eigenen Hauſe und wäre nicht Ihr Mann! Vergeben Sie, ich habe mir auch etwas von Ihrem Haaröl genommen; mein Haar iſt etwas ſpröde. Wie ma⸗ chen Sie es nur, daß Ihres ſo glatt ſitzt? Suſann ſagie Aber Klotilde unterbrach hier ihre Zungenfertigkeit und diesmal wurde die Belehrung in einem etwas ſtrengeren Tone ertheilt. Perch war halb beleidigt, halb beſchämt, wuſch die gebrauchten Werkzeuge ſorg⸗ fältig und machte um ſo weniger fernere Anſprüche auf ihren Gebrauch, als ihre Herrin noch am nämli⸗ chen Abend Eli nach dem Dorfe ſchickte und ihr Kamm und Bürſte holen ließ. Aber ſie maulte den ganzen Abend und dankte kaum für das Geſchenk, das ſie als die Gabe eines ſündlichen Hochmuthes betrachtete. Durch ähnliche Kämpfe hatte ſich Klotilde täglich durchzukämpfen. Perch war arbeitſam, willig und geſchickt, aber ihre Familiaritäten fielen Klotilden nach und nach unerträglich, beſonders weil ſie ſich überzeugen mußte, daß ſie in der That weniger aus Anmaßung, die ſie hätte zurückweiſen können, als aus einer gänzlichen Unwiſſenheit und Unkenntniß der Welt⸗ verhältniſſe entſtand. Weder Perch noch ihre Mutter, die bei jedem Beſuch ſie in ihren Anſprüchen beſtärkte, 17* 260 hatten einen Begriff davon, daß zwiſchen ihnen und Klotilden ein anderer Unterſchied ſei, als der zufällige, daß letztere ein wenig reicher ſei als ſie und ein Mäd⸗ chen bezahlen könne. Um die unendliche Kluft zu ſehen, die Erziehung, Bildung, Delicateſſe des Ge⸗ fühls, Feinheit der Sitten zwiſchen ihnen gegraben, waren ſie ſelbſt nicht gebildet genug; daher ſah Mrs. Wheeler und ihre Tochter in Klotildens Zurechtwei⸗ ſungen nur den Hochmuth und die Anmaßung der Reichen, und hielten es für recht, ſoviel als möglich entgegenzuwirken und die Stolzen herabzuziehen. Mrs. Wheeler ſprach gern von der„Frau“, bei der ihre Tochter Suſann als Köchin lebe, und von der„jun⸗ gen Dame“, einer Freundin Suſann's, die im näm⸗ lichen Hauſe die Zimmerarbeit beſorge. Klotilde fühlte die Unmöglichkeit für den Einzel⸗ nen, in einem Lande, wo kein Unterſchied des Ran⸗ ges gilt, wo es geſetzlich nur einen Stand gibt, demjenigen Unterſchied in der Geſellſchaft allgemeine Anerkennung zu verſchaffen, ohne den keine wiſſen⸗ ſchaftliche Bildung erlangt, keine Kunſt bis zur Voll⸗ kommenheit ausgeübt werden kann, ohne den keine Grazie der Sitten beſtehen, keine Verfeinerung des Familienlebens ſtattfinden kann— den Unterſchied zwi⸗ ſchen Dienſtherren und Dienenden, zwiſchen Arbeitenden und Bezahlenden. Nur Herkommen und Gewohnheit kann dieſem Unterſchied Anerkennung ſchaffen, wie ſie z. B. in allen amerikaniſchen Städten gethan, und die feine Linie ziehen, über die er ſich nicht ausdehnen darf, ohne in Excluſivität und Kaſtengeiſt auszuarten. Das unangenehme Verhältniß kam endlich zum Bruch, als ſich eines Abends Percy für gar zu arg beleidigt hielt. Der Advocat, der den Verkauf des Hauſes beſorgt, hatte noch mit Hubert ein kleines Geſchäft abzumachen und kam eines Nachmittags an⸗ gefahren. Es war ein beredter, angenehmer Mann, den Klotilde höflich einlud zum Thee zu bleiben. Es war der erſte Gaſt, den ſie hier bewirthen ſollte. Perch kam zierlich angezogen herein und brachte das Theegeſchirr; ſie grüßte den Fremden und er erwi⸗ derte den Gruß. Hubert ſetzte das Geſpräch fort, und obwol ſich das Mädchen um den Theetiſch herum allerlei zu thun machte, ward keine Notiz von ihr genommen. Als aber Klotilde nach dem Thee in die Küche trat, fand ſie Perch in Thränen, Bündel und Band⸗ ſchachtel fertig gepackt, neben ihr.„Mrs. Hubert“, ſagte ſie mit beleidigter Würde,„ich gehe morgen früh fort. Sie müſſen Eli mich zu Hauſe fahren laſſen. 262 Meine Woche iſt gerade um. Ich kann eine ſolche Behandlung nicht länger ertragen.“ „Was iſt?“ fragte Klotilde verwundert.„Was iſt vorgefallen?“ „Mrs. Hubert, wo ich immer hingekommen, bin ich vorgeſtellt worden. Aber weder Sie noch Mr. Hubert halten es der Mühe werth mich vorzuſtellen. Wie kann Squire*) Powers wol wiſſen, wen er vor ſich hat, wenn Sie ihm mich nicht als Miß Wheeler vorſtellen? Wie kann er ein Wort mit mir ſprechen, wenn er nicht weiß, wie er mich anreden ſoll? Ich kenne ſeinen Sohn Nat; ich habe bei John Thom⸗ ſon's Quilting**) zweimal mit ihm getanzt. Was muß er nun von mir denken? Muß Nat nicht glauben, Sie verachten mich, wenn ihm ſein Vater erzählt, er habe mich bei Ihnen geſehen und Sie haben mich ihm nicht einmal vorgeſtellt?“ *) Der Gebrauch gibt den Advocaten der Dörfer und Landſtädte den Litel Squire. **) Die ländlichen Feſte knüpfen ſich bei dem fleißigen Volke von Neu⸗England häufig an dieſe oder jene häusliche Arbeit. Braucht eine neuengliſche Hausfrau Steppdecken(Quilts), ſo ladet ſie die ganze weibliche Nachbarſchaft zur Hülfe ein, und nachdem der Nachmittag der mit Schwatzen gewürzten Ar⸗ beit gewidmet worden, kommen gegen Abend die jungen Bur⸗ ſchen und eine reichliche Mahlzeit nebſt Tanz und Spiel be⸗ lohnt die fleißigen Schönen. Klotilde, der Sache längſt müde, ließ die belei⸗ digte Schöne gern ziehen. Sie machte noch einige Verſuche,„Hülfe“ zu finden; aber ſie liefen ſämmtlich noch ſchlimmer ab als der erſte. Denn Perch war wenigſtens gutmüthig, geſchickt und reinlich; andere aber waren faul, plump und ſchmutzig. Hier und da trieb ſich eine Irländerin umher; aber ſie ſchien aus der Hefe ihres Volks zu ſein und war vollkommen unbrauchbar. Oder eine amerikaniſche Vagabundin zog des Weges, gewandt und tüchtig; ſie aber wies ſich nach kurzer Probe als Trinkerin aus und mußte bald wieder entlaſſen werden. Farbige gab es wenige in dieſem Landestheile und meiſt nur Leute, die auf der niedrigſten Stufe ſtanden. Wir wollen nicht den Leſer mit den häuslichen Scenen langweilen, die einige Monate lang einiger⸗ maßen unſerer Freunde Glück trübten und vor deren Einfluß auf ihre Stimmung ſie keine Philoſophie ret⸗ ten konnte. Er hat zur Genüge vom amerikaniſchen Domeſtikenweſen oder vielmehr Unweſen in Mrs. Trol⸗ lope's berüchtigtem Reiſebuche leſen können, oder kann es noch dort nachſchlagen. Wenn er die Caricatur, die er dort findet, auf die Haupt⸗ und Grundzüge eines Portraits zu reduciren verſteht; wenn er fer⸗ ner, was dem Ganzen dort zugeſchrieben wird, auf 266 einzelne Landestheile anwendet, ſo iſt eine gewiſſe Aehnlichkeit unleugbar. Unſere Freunde waren nun eben in einen ſolchen Landestheil, deſſen Geſindenoth noch durch keine einſtrömende Einwanderung gelindert war, gerathen. Klotilde fing an zu begreifen, was ſo viele amerikaniſche Familien in das Koſthaus führt, und kam endlich zu dem Entſchluſſe, ſich ganz ohne weiblichen Dienſtboten zu behelfen. Zu dieſem Behuf mußte ſie freilich ihre Wirth⸗ ſchaft ſo viel als möglich vereinfachen. Eli's Mutter, die Negerfrau, übernahm die wöchentliche Wäſche des jungen Paares. Am nämlichen Morgen, da ſie die Sachen, auf's ſchönſte geplättet, zurückbrachte, nahm ſie eine gründliche Reinigung des ganzen Hauſes vor, in der Zwiſchenzeit ſorgte Klotilde ſelbſt für das nöthige Fegen und Abſtäuben der wenigen Zimmer, die ſie mit Hubert bewohnte. Sie kochte ſelbſt ein einziges, einfaches Gericht; Eli trug ihr Holz und Waſſer zu und melkte die Kuh. So hatte ſie zwar Arbeit ge⸗ nug, aber aller Verdruß blieb ihr fern. Alle vier Wochen fuhr ſie mit Hubert nach Redfield, die nöthi⸗ gen Einkäufe zu machen, und zwar war es ihr Grund⸗ ſatz, aus falſcher Oekonomie nichts ſelbſt zu machen, was ſie fertig kaufen oder durch bezahlte Hände ver⸗ richten laſſen konnte. Denn das amerikaniſche Sprüch⸗ wort„Zeit iſt Geld“ war ihr unter der verſchiedenen Form von„Zeitgewinn iſt der höchſte Gewinn“ ſchon längſt vertraut geweſen. So blieben ihr bei allem nothwendigen Fegen, Nähen, Kochen, Backen und Buttern auch wol noch ein paar Abendſtunden zum Leſen und Muſiciren übrig. Aber häusliche Perioden gab es freilich, wo es ihr nicht ſo gut ward; wo die neuen, aus Boſton verſchriebenen Noten tagelang unaufgeſchlagen auf dem Piano lagen und die Bücher unberührt blieben; wo ein wehmüthiger Blick auf das ganz ungeordnete Herbarium fiel, das ſie in dieſer fremdartigen, blumenreichen Wildniß auf Spaziergän⸗ gen geſammelt, als noch eine Köchin zu Hauſe für ſie kochte; Perioden, wo ein ſtiller Seufzer ſie in die civiliſirten Gegenden zurücktrug, für die ſie erzogen war, und wo ihr dieſe Arbeiten, die eine bezahlte Die⸗ nerin ſo gut und beſſer hätte verrichten können als ſie, erſpart waren. Und wie, fragen unſere Leſerinnen, war das Alles? Hatte Klotilde in ihrer ehelichen Häuslichkeit blos Arbeit, blos einigen Verdruß? Hatte ſie keine Lei⸗ den? Blieb Hubert für ſie, was er war, der zärtliche, rückſichtsvolle, verehrende Gatte? Ward er nicht ver⸗ drießlich, wenn ihrer ungeübten Hand das Eſſen nicht ge⸗ lungen war? Verſtimmte es ihn nicht, wenn ſie bei ihren 266 häuslichen Sorgen nicht unausgeſetzt ihm die auf⸗ heiternde Gefährtin ſein konnte, zu der der Mann in ſeinem Hochmuth das Weib beſtimmt? Wenn ſie weinte, glaubte er nicht ihre Thränen gegen ſich gerichtet, pfiff und that er nicht gleichgiltig? Wenn ſie Geld foderte, wunderte er ſich nicht, wie das Geld, das er ihr gegeben, ſchon ver⸗ braucht ſein könne? Und wenn ſie ihm von ihren Freunden ſprach, von ihren Jugenderinnerungen, von ihrem innerſten Leben, unterbrach er ſie nie in der Zerſtreuung mit einer gleichgiltigen Frage oder nahm die Uhr heraus, weil ihm einfiel, daß er vergeſſen hatte ſie aufzuziehen, und verletzte ſo unbewußt die zarteſte Seite ihres Weſens? Nein, Alles das that Hubert nicht. Denn er liebte und ehrte Klotilden nicht allein mit allen Kräften ſei⸗ ner Seele; er hatte auch bei einem männlichen Geiſte ein zartes, weiches Gefühl und war vielleicht ſo wenig Egoiſt, wie irgend ein Mann es ſein kann. Dennoch ſoll damit nicht geſagt ſein, daß Klo⸗ tilde nicht auch ihre kleinen ehelichen Prüfungen hatte. Die dilatoriſchen Gewohnheiten Hubert's mußten im Hausweſen nothwendig manche Störungen hervorbrin⸗ gen. So manche nothwendige Arbeit blieb ungethan. Nicht daß er ſie geſcheut hätte, er hatte ſie nur vergeſſen, bis der Zeitpunkt vorüber war, daß ſie hätte gethan werden müſſen. Oft wenn Klotilde mit Mühe und Sorgfalt für ihn ein ſchmackhaftes Eſſen bereitet— denn ſie ſelbſt hätte ſich lieber mit einem Stück Butterbrot begnügt, als ſelbſtgekochte Speiſe verzehrt— hatte er bei der Arbeit die Stunde gänz⸗ lich vergeſſen; oder er hatte wol wenige Minuten vorher, ohne die mindeſte Berückſichtigung der ſelbſt⸗ gewählten Mittagszeit, ein Buch genommen und ſich, tief in den Wald hinein ſchlendernd, unter einen Baum niedergelegt. So lag er, in ſein Buch ver⸗ tieft, bis der Hunger ihn mahnte, während die müh⸗ ſam bereitete Mahlzeit zu Hauſe am Feuer verbrannte oder zurückgeſtellt erkaltete. Er nannte ſich glücklich und war es in ſeiner vollkommenen Freiheit und in Klotildens Beſitz. Aber wie ſehr er hier außerhalb der Stelle war, auf die er gehörte, fühlte gerade dieſe lebhaft an ſeiner Statt. In der gebildeten Welt, ja in jeder ſtädtiſchen Gemeinſchaft würde er als Mann von Geiſt und umfaſſenden Kenntniſſen eine hohe Stelle in der Mei⸗ nung eingenommen haben. Die Farmer der Nachbar⸗ ſchaft hingegen dachten klein von ihm, denn er hielt ſich von aller Theilnahme an öffentlichen Angelegen⸗ heiten zurück und zeigte nur geringes Geſchick zum Er— werb oder zu anderer äußern Thätigkeit.„Ein Müßig⸗ gänger“, ſagten ſie achſelzuckend zu einander;„ein Träumer, ein deutſcher Bücherwurm! Schade um die ſchöne Frau, die weiß ſich zu helfen; er hätte Schul⸗ meiſter werden ſollen!“ Was aber beſonders das Mistrauen ſeiner Nach⸗ barn erregte, war, daß Hubert kein Kirchenbeſucher und alſo, nach ihrer Meinung, ein inſfidel, ein Un⸗ gläubiger war. Zwar erweckte dieſer Umſtand nicht etwa Zweifel in ſeine Ehrenhaftigkeit oder in ſeine Redlichkeit; denn auch der ungebildetſte Amerikaner weiß mit Scharfſinn den pſychiſchen und bürgerlichen Charakter eines Mannes zu unterſcheiden, und die fin⸗ ſterſten puritaniſchen Vorurtheile werden den letztern nie anſchwärzen. Aber es wäre genug geweſen, ihn zu meiden, ſelbſt wenn er ſich nicht ſelbſt von Allen zurückgezogen hätte. Klotilde dagegen war ſogleich mit den Frauen des Dorfes in einen gewiſſen nachbarlichen Verkehr ge⸗ treten. Sie handelte dabei nicht gerade aus Neigung, aber aus einer gewiſſen, geſunden Herzenspolitik. Wo ſie immer ſich zeigte, gewann ihr liebenswürdiges, edles Weſen ihr Freunde, wenn auch, wogegen ſie auch gar nichts hatte, eben letzteres und beſonders die ſtolze Scheu des Landvolkes vor der„Auslände⸗ rin“ alle Vertraulichkeit ausſchloß. Auch für ſie hatte die Congregationaliſtenkirche des 269 Dorfes faſt ſo wenig Anziehendes wie die noch ent⸗ ferntere Methodiſtenkirche, die meiſt von Schwarzen beſucht ward und wo der Landkutſchenführer, der ſie nach Woodhill gebracht, ſonntäglich dreimal predigte. Dagegen war der Prediger der Congregationali⸗ ſtenkirche ein gelehrter Mann, ein Claſſengenoſſe Mr. Spooner's. Seine Predigt, dürr, ſtreng und trocken wie er ſelbſt, dauerte meiſt anderhalb Stunden; die Erpoſition eine Viertelſtunde, die Argumente, ſtreng logiſch geordnet und mit erſtens, zweitens, drittens, oft bis zu neuntens und zehntens fortgeführt, nahmen eine reichliche Stunde ein, und die andächtigen Zu⸗ hörer konnten Gott danken, wenn die Schlußfolge und Anwendung in eine Viertelſtunde zuſammengedrängt war. Von den Gebeten dauerte das„kurze“ reichlich ſo lange als die Schlußfolge, das„lange“ aber ſchien Klotilden oft noch länger als die Predigt. Der Geiſt⸗ liche, ſtatt mit den Zuhörern, argumentirte in dem⸗ ſelben mit Gott. Bei dieſer Predigt, einem kalten, dog⸗ matiſchen Machwerk, glaubte Klotilde oft, ehe ſie ſich recht in den Gang des Gottesdienſtes gefunden, es habe eine neue, mit geſchloſſenen Augen geſprochene Predigt begonnen. Doch ſah ſie wol, daß Das, was ſie kalt ließ oder ihr misfällig war, Andere erbaute und die Gemeinde, die von dem kleinſten Anſtrich von Sentimentalität abgeſtoßen worden wäre, mit Andacht und Bewunderung erfüllte. Ebenſo wenig konnte der Geſang ſie anziehen, wenn ſchon Muſik ihr die natürlichſte Sprache ſchien, in welcher die Seele ſich zu Gott erhebt. Der ſtrenge, allen ſinnlichen Reiz abwehrende Geiſt der Puritaner hatte die Orgel, dieſen„Pfeifenkaſten“, für ein ſündi⸗ ges Teufelsſpielwerk erklärt und aus der Kirche ver⸗ bannt, die Zeit und der erwachende Kunſtſinn ſie aber in den Städten längſt wieder eingeführt. Von den Dörfern jedoch haben noch wenige die bedeutende Ausgabe erſchwingen können, oder wenigſtens iſt ſie nicht für wichtig genug erachtet worden. Dagegen wird in den größern Dorfgemeinden der Geſang von einem einigermaßen kunſtverſtändigen Chor geübt, das ſeinen beſtellten„Führer“(Leader) hat, und die Gemeinde ſelbſt nimmt keinen weitern Antheil daran. In den kleinern Dorfkirchen aber, wie ſolche, die Klotilde be⸗ ſuchte, wird der Kirchengeſang noch ziemlich republi⸗ kaniſch behandelt. Wegen Mangel an Geſangbüchern pflegt der Prediger wol zwei Zeilen eines bekannten geiſtlichen Liedes abzuleſen, indem er ſorglich eins wählt, deſſen Melodie bekannt iſt, und zugleich die vorgeſchriebene Tonart angibt. Iſt er ſelbſt Sänger, ſo ſtimmt er wol in eigener Perſon die Hymne an, 271 und darin liegt etwas Patriarchaliſch-Feierliches. Wenn nicht, ſo gibt ſich irgend einer aus der Gemeinde zum Vorſänger, manchmal auch ein Frauenzimmer zur Vorſängerin her, und nach einer kleinen Pauſe, die mit Räuspern ausgefüllt wird, ertönt aus irgend einem Kirchſtuhl eine einzelne Stimme, der dann bald, viel⸗ leicht aus dem fernſten Ende der Kirche, ſich eine andere anſchließt, bis allmälig ſich ein ſchwacher, dün⸗ ner Geſang erhebt. Mit den nächſten zwei Zeilen geht es ſchon beſſer, und den letzten Vers ſingt wol gar die halbe Gemeinde mit. Trotz dem, daß in Allem dem für Klotilden wenig Befriedigendes lag, fühlte ſie doch ein Bedürfniß, mit Frommen fromm zu ſein. In heiterm Wetter ging ſie gern früh in der Kühle des Morgens den Berg 3 hinunter, die Landſtraße entlang, nach dem Dorfe, 5 in deſſen Mitte die Kirche ſtand. Sie hatte über zwei Stunden zu gehen; Hubert ſollte ſie dann ab⸗ holen und um zwölf Uhr mit Roß und Wäglein vor der Kirchthür ſein. Denn Eli mußten ſie Sonn⸗ tags nach Hauſe zu ſeinen Eltern gehen laſſen, ſtreng frommen Leuten, mit denen er zwei Drittel des Ta⸗ ges in der Methodiſtenkirche zubrachte. Nun traf es ſich oft wol, daß Hubert ſie zur rechten Zeit abholte. Ebenſo oft aber auch, daß er zuvor einen neuen 272 Weg aufſuchen wollte und ſich im Walde verfuhr, oder ſich ſonſt verſpätete, denn er wußte, mit der un⸗ aufgezogenen Uhr in der Taſche, nie, was es an der Zeit war, und ſchien unfähig zu jeder Berechnung. Klotilde mußte ſich nun anſchicken, in der Mit⸗ tagshitze den weiten Weg auch zu Fuß wieder zurück⸗ S zulegen. Aber nur ſelten ließen es die Farmer, ihre Kirchengenoſſen, dazu kommen. Wenn man die ſchöne, junge Frau aus der Kirchthür treten und ſie ſich, während die andern Frauen, alle im beſten Sabbaths⸗ B ſtaat, in Gruppen ſtanden und einander viel zu ſagen S hatten, vergeblich nach ihrem Wäglein umſchauen ſah, fand ſich meiſt einer oder der andere von Denen zu ihr, die zu weit wohnten, um den Kirchweg, ſelbſt fahrend, zweimal mit Bequemlichkeit machen zu kön⸗ nen, und die mit ihren Familien daher lieber die an⸗ derthalb Stunden zwiſchen dem Vor- und Nachmittags⸗ gottesdienſt in der Kirche abwarteten, und bot ihr an, ſie auf den Berg zu bringen oder wenigſtens eine Strecke des Weges. Sie nahm es meiſt dankbar an, und während die Frauenzimmer des Farmers ſich in ihrem Kirchſtuhl niederſetzten und die mitgebrachten Aepfel, Honigkuchen oder ein anderes beſcheidenes Mittagsbrot verzehrten, war ſie bald durch lernbegie⸗ rige Fragen mit ihrem Führer in ein freundliches Ge⸗ ſpräch vertieft. Denn ſie wußte mit Gewandtheit ſo⸗ wol die zähe, mistrauiſche Sprödigkeit des neuengli⸗ ſchen Landmannes zu beſiegen, als ſeine neugierige Forſchluſt abzuwehren. So ſammelte ſie manche nütz⸗ liche Kenntniſſe über Ortsverhältniſſe und wirthſchaft⸗ liche Dinge ein und ſchied nie, ohne den günſtigſten Eindruck gemacht zu haben, und mit herzlich ausge⸗ drücktem Danke. Zu Hauſe war ſie dann immer noch die Erſte und hatte Zeit, indem ſie manchmal eine Thräne des Verdruſſes zerdrückte, die Mittagsmahlzeit zu bereiten; und wenn dann endlich Hubert ankam, mit Entſchul⸗ digungen zwar, aber doch mit einiger Verwunderung, daß ſie ſchon fort geweſen, und mit der Frage, warum ſie nicht auf ihn gewartet habe?— empfing ſie ihn wol manchmal mit einem erzwungenen Lächeln, aber ſelten nur— denn ſie wußte, der Menſch kann nicht aus ſich heraus— mit einem leiſen Vorwurf. Dies waren nur leichte Wölkchen an dem Himmel ihrer Liebe. Wohl konnte es mit Wahrheit geſagt werden: ſie waren glücklich; glücklich, nicht wie der arme Menſch nur in einem kurzen ſeligen Rauſche, nein, glücklich, wie er allein es dauernd ſein kann. Ja, ſie waren es mit jedem Tage mehr und durften einen heitern, hoffnungsvollen Blick in ihre Zukunft Die Auswanderer. II. 18 —— 274 richten. Für Hubert konnte in Klotilden wenig zu wünſchen übrigbleiben; Klotilde dagegen hatte in ihm das veredelte, verſittlichte Ebenbild ſeines Vaters er⸗ kannt und hatte das warnende Beiſpiel Adelgundens vor Augen, deren pedantiſche Tugenden einſt dem Un⸗ gezügelten das Haus verleidet. Mehr und mehr leb— ten die liebenden Gatten ſich gleichſam in einander hinein; die kleinen Eckchen, die mehr oder weniger jeder wahrhafte Charakter hat, ſchliffen ſich leiſe ab oder paßten ſich wunderbar in die Lücken des Andern ein, ſodaß dieſe Ehe auf dem ſchönſten Wege war, das edle, harmoniſche Ganze zu bilden, das allein des Schöpfers Idee von Mann und Weib verſinn⸗ lichen kann. Ein Umſtand trug insbeſondere dazu bei, ein an⸗ muthiges Licht über ihr häusliches Leben zu werfen: dies war die Uebereinſtimmung in ihren geiſtigen Nei⸗ gungen, die Harmonie in ihren innerlichen Intereſſen. Es iſt ſicherlich zum ehelichen Glücke nicht nöthig, daß zwei Weſen, die einander lieben, in ihren Cha⸗ rakteren ſich gleich ſeien, daß beide ſanftmüthig, oder entſchloſſen, oder thatkräftig, oder geduldig ſeien. Viel⸗ mehr ſoll einer des andern Mängel erſetzen, einer des andern Fehlen ſupplementiren und ſo ein voll⸗ ſtändiges Ganze entſtehen. Aber gleiche Neigungen, 275 übereinſtimmende Liebhabereien, beſonders wenn ſie zu gemeinſchaftlichen Beſchäftigungen Veranlaſſung ge⸗ ben, können das eheliche Band nur enger ziehen. Die Muſik iſt hier beſonders ein ſchönes Bindungs⸗ mittel; denn von allen Künſten iſt die Tonkunſt die geſelligſte. Aber auch die Poeſie und gemeinſchaftliche wiſſenſchaftliche Beſtrebungen ziehen die Seelen enger zuſammen. Glücklich die Frau, die ihres Gatten Ge⸗ hülfin in ihnen ſein kann! Glücklich der Mann, deſſen Geiſt ſich in dem ſeiner Gattin treu und gereinigt abſpiegeln kann! 3 Freilich werden in den meiſten Fällen auch Stun⸗ den kommen, wo dies Glück von Seiten des Mannes nicht volle Anerkennung findet. Der Scharfblick und die größere Erregſamkeit eines geiſtreichen Weibes wird auch bedeutenden Männern oft unbequem und läſtig. Es gibt tiefgelehrte, ja geiſtreiche Männer, die während ſie den größten Theil des Tages den Stu⸗ dien widmen, in dem Umgang mit ihren Gattinnen von ihren geiſtigen Anſtrengungen nur ausruhen wollen. Wenn ſie, gleichſam um ſich vom Denken zu erholen, auf ein halbes Stündchen in das Zimmer der Hausfrau kommen und, ſich auf das Sopha ſtrek⸗ kend, fragen:„was es Neues gibt?“ oder dergleichen, ſo iſt ihnen mit einigen heitern Geſchichtchen aus der 18* Nachbarſchaft oder mit einem freundlichen, wenn auch noch ſo ſeichtem Alltagsgeſpräch viel mehr gedient, als mit einem Ideenaustauſch oder ſonſtigen Mitthei⸗ lungen aus dem Reich der Seele. Was für viele, ſelbſt ausgezeichnete Männer, das regelmäßige abend⸗ liche Kartenſpiel iſt: eine Erholung durch vollſtändiges Ausruhen der geiſtigen Kräfte; eine Stärkung durch Einſchläferung der höhern Fähigkeiten, während eines mäßigen Gebrauchs der geringern— das iſt Andern das Geſpräch mit der Frau. Wie anders und um“ wie vieles edler war Hu⸗ bert's und Klotildens Verhältniß! Wenn ihr Tage⸗ werk vollendet war, wenn er ſeine Aufgabe erfüllt und ſie das Haus beſtellt hatte, wie freundlich ſaßen ſie da zu geiſtigen Mittheilungen und gemeinſchaft⸗ lichen Beſchäftigungen beiſammen! Dieſe letztern ho⸗ ben ſie beſonders für die langen Winterabende auf, denen ſie entgegenſahen. Sie hatten ſich vorgenom⸗ men, zuſammen das ihnen neue Gebiet der jungen amerikaniſchen Literatur zu ergründen. Schon ſtand eine lange Reihe zierlicher Bände bereit. Sie hatten den Plan entworfen, wenn ſie erſt ſelbſt ſich vollſtän⸗ dig darin eingebürgert, es auch ihren Landsleuten auf⸗ zuſchließen, und übten ſich jetzt ſchon beiher in Ueber⸗ ſetzungen von„Proben“. Es war ein gar anmuthi⸗ ger Wettſtreit, wenn beide, jedes für ſich, die Ueber⸗ ſetzung eines und deſſelben Gedichtes unternahmen und dann die kleinen Kunſtwerke mit einander verglichen und nicht ſelten ſie in eins verwoben. Beſonders ge⸗ langen, obwol Hubert ohne Zweifel mehr poetiſchen Geiſt hatte als ſie, Klotilden die Uebertragungen gut. Denn der mehr anſchmiegende Geiſt des Weibes ſcheint zu derjenigen Reproduction, die das eigentliche Weſen einer poetiſchen Ueberſetzung iſt, beſonders und mehr als die ſelbſtändigere Erzeugungskraft des Mannes befähigt. Zehntes Capitel. Der Beſuch. So ſahen die Beiden ohne Schrecken dem langen, kalten Winter entgegen, wie er nun bald in ihre Ein⸗ öde treten und ein undurchdringliches Schneegewand ihnen über Wald und Wieſe legen werde. Sahen doch die ungeheuer maſſiven Kamine in allen Gemd⸗ chern aus, als könne der Winter in ihrer Nähe eben nicht hart empfunden werden, und die beiden Arbeiter hatten, als ſie die Waldung umher gelichtet, ſolche unüberſehbare Maſſen von Holz aufgethürmt— das klein zu hauen, Hubert's tägliche Morgenbeſchäftigung war— daß Klotilde ſcherzend meinte, man könne ein kleines Eismeer damit aufſchmelzen. Aber damit war's noch Zeit. Das Laub fing eben an zu fallen; die Buche that den gelbgefleckten Mantel um, der Ahorn und die Bergeſche die köſtli⸗ chen violetten und purpurnen Gewänder, die mit ihren tauſend Schattirungen, wenn die Morgen⸗ oder Abend⸗ ſonne durchſchimmert, eine zauberhafte Glut über die ganze Gegend werfen, die im Widerſchein in unver⸗ gleichlicher Farbenpracht prangt. Sichtbarer in dem gelichteten Laub ſchlüpfte der goldbraune Robin von Zweig zu Zweig; der Finke, das liebe Herbſtvöglein, ſprang, die wilde Kirſche ſuchend, umher und miſchte ein klägliches Pfeifen mit dem freudigeren Gewirbel des Blauvogels. Im Obſtgarten, zur Seite des Hauſes, brachen die Zweige faſt vom ſtrotzenden Reich⸗ thum der roth und gelben Aepfel, und eine unüber⸗ ſehbare Fruchtmenge deckte den Grasboden umher. In glänzender, nie getrübter Helle wölbte ſich der Himmel über die heiter ernſte Landſchaft; fruchtdurch⸗ duftet, lebenskräftig wehte die Luft, mild ohne Weich⸗ lichkeit, friſch ohne Schärfe. Die ganze wunderſame Eigenthümlichkeit eines amerikaniſchen Herbſtes an Atmoſphäre und Färbung ließ unſere Liebenden zum erſten Mal ſeit langen Jahren zu einem vergnüglichen, geſunden Gefühl des Daſeins kommen. Eins beunruhigte Klotilden. Von der Familie Caſtleton hatten ſie ſeit Sarah's Abreiſe nie wieder gehört. Weder von Alonzo, noch von Virginien hatte ſie Antwort auf ihre Briefe bekommen. Die bedeu⸗ tenden Ausgaben, die ſie durch Ankauf und Einrich⸗ tung gehabt, hatten es bis vor kurzem ihr unmöglich gemacht, Alonzo ihre Schuld zu entrichten. Endlich aber war es ihr gelungen, eine gewiſſe Summe zu erübrigen. Sie hatte ſie ihm vor einiger Zeit geſchickt, begleitet von zarten, innigen Worten des Dankes und der dringenden Bitte, ihr zu ſchreiben; aber auch dar⸗ auf hatte er ihr noch nicht geantwortet, obgleich er nun wußte, wo ſie war und wo ſie eine Heimat ge⸗ funden. Täglich ſah ſie verlangend einem Briefe entgegen. Dagegen hatten ſie wiederholt von ihren deutſchen Freunden gehört, erſt deren inniges Mitleid erfahren und dann ihre freudige Theilnahme an ihrem wieder⸗ errungenen Glücke. Nur von ihrem einſtigen Vor— munde empfing Klotilde keine Zeile. Die früher er⸗ wähnte Freundin hatte ihr vor kurzem in Bezug auf dieſen gemeldet, er habe ſeine Reiſe weiter und weiter ausgedehnt und ſeinen Agenten beauftragt, alle an ihn ankommende Briefe nicht ihm auf ſeinen Kreuz⸗ und Querzügen nachzuſenden, ſondern nach England zu ſchicken, wohin er zu Waſſer, ſie wußte nicht recht von welchem aſiatiſchen Hafen, zu gehen gedächte.„Es ſcheint“, ſchrieb ſie,„erfallen mit dem Geiſte der Zeit, wie er iſt, und um die einzige Hoffnung für ſein Herz betrogen, möchte er Europa ein paar Jahre lang ganz 281 vergeſſen. Was meinſt du“, fügte ſie ſcherzend hinzu, „wie die Bekanntſchaft mit aſiatiſchen Zuſtänden auf ſein politiſches Syſtem wirken wird?. Vielleicht lernt er ſo am beſten einſehen, daß das ihm ſo verhaßte Syſtem des Fortſchrittes doch auch ſein Gutes hat.“ Eines heitern, ſonnigen Nachmittags, nachdem eine frühe Mahlzeit vorüber und die nöthige häusliche Ar⸗ beit verrichtet war, ging Klotilde hinab in das Dorf, ein paar kleine Einkäufe zu machen und ſich von der Wirthin des Gaſthofes, einer freundlichen, verſtän⸗ digen Frau, mit der ſie in der Kirche Bekanntſchaft gemacht, Raths zu erholen, wie ſie wol ſchon wieder⸗ holt gethan hatte. Aber diesmal war die Sache von beſonderer Wichtigkeit. Sie ging in ſtilles Sinnen verloren. Ein tiefes, dankbares, wehmüthiges Gefühl des Glückes war in ihrer Seele. Heute Morgen hatte ſie dem geliebten Mann ein ſüßes Geheimniß entdeckt, hatte ihn entzückt ſie anblicken geſehen und den innigen Druck verdoppelter Liebe gefühlt, als er ſie an ſeine Bruſt zog. Manche Einrichtung war zu machen, ehe der Winter näher kam. Sie hatte Eli, der noch beſchäftigt war, mit dem Wagen an den Fuß des Hügels beſtellt, ihr den Rückweg zu er⸗ leichtern. Mrs. Curtis, ſo hieß die Gaſtwirthin, gab über 22 Alles freundlich Beſcheid und war mit Rath und Beiſtand zu jeder Zeit bereit. Als die Geſchäfte ab⸗ gemacht waren, und Klotilde aufbrechen wollte, ſagte ſie:„Ich würde Sie recht ſehr bitten zum Abendbrot bei uns zu bleiben, allein ich glaube, Ihr guter Mann bekommt ſelber Beſuch, und da müſſen Sie doch wol zu Hauſe den Thee zubereiten.“ „Ich danke Ihnen“, erwiderte Klotilde,„aber ich muß allerdings zu Hauſe, um für meinen Mann zu ſorgen. Beſuch haben wir in unſerer Einſiedelei nicht.“ „Heute doch wol“, erwiderte die Frau.„Es ſind drei Herreg hier abgetreten, die nach Mr. Hubert ge⸗ fragt e wo er wohne und ob ſie einen Wagen bekommen könnten. Sie ſind heute Vormittag von Redfield angekommen.“ „6 mögen Bekannte von Hubert aus Neuyork ſein“, erwiderte Klotilde;„waren es Deutſche?“ „Ausländer waren es nicht. Sie ſprachen gut engliſch, wenn ſchon nicht ganz, wie wir hier ſprechen. Daß ich es Ihnen nur ſage“, fügte Mrs. Curtis hinzu,„da ich doch ſehe, daß es keine nahen Freunde ſind, Mrs. Hubert, die Herren gefielen mir gar nicht. Der Eine iſt gut genug, ein hübſcher, munterer Menſch; der iſt aber nicht mitgefahren, ſondern ſitzt oben und lieſt. Er ging mit an die Thür, als ſie in den Wagen ſtiegen, und ich hörte ihn ſelber ſagen:« Ihr wißt, ihr könnt auf mich rechnen, wenn es nöthig iſt, aber lieber hätte ich mit der Geſchichte nichts zu thun.* Ich glaube, es iſt ein Student aus Cam⸗ bridge, der eben graduirt hat.“ „Nun, und die beiden Andern?“ „Ich denke, das ſind ein paar wilde Geſellen“, antwortete Mrs. Curtis.„Ueber den Einen zwar kann ich nicht gerade klagen. Er ſpricht kein Wort, aber ſieht ſo düſter und melancholiſch aus und in ſeinen Augen brennt ſolch' ein unnatürliches, ſelt⸗ ſames Feuer; wenn ich mit dem leber e, ich könnte mich vor ihm fürchten. Wenn der m al ins Tollhaus kommt, ſo ſoll es mich nicht wundern. Aber erſt der Andere! Der bramarbaſirt! Und eine% peitſche trägt er in der Hand, die ſchwingt er ſchwört auf die gottloſeſte Weiſe! Ich ſchickte meine 3 5 Lizzy ins Zimmer, um den Herren beim Eſſen au zuwarten, wenn ſie was brauchten. Die hat es ganz deutlich gehört, wie er zu dem ſchweigſamen Melancholiſchen ſagte:(Vetter, wenn ich dir nicht mein Wort gegeben hätte, alle dieſe verdammten Yankees ſollten ihn nicht vor der verdienten Züch⸗ tigung ſchützen können».“ * „Von wem ſprach er denn?“ fragte Klotilde. „Das hat Lizzy nicht herausbringen können“, ant⸗ wortete Mrs. Curtis.„Das Kind ſaß ſtill in der Ecke und las die Zeitungen, das heißt, ſie that ſo, denn dazu habe ich meine Mädchen gewöhnt, daß ſie immer auf die Gäſte paſſen und Acht haben, ob's an etwas fehlt; denn das würde meinem Hauſe keine Ehre bringen, wenn die Gäſte nicht gut bedient würden, und Den will ich ſehen, der behauptet, meine Mädchen verſtänden das Aufwarten nicht ebenſo gut wie alle die ſchwatzen Lakeien in den Städten zuſammenge⸗ nommen Aber junge Damen können nicht daſtehn wie Bedizten, und ſo dachten denn wol die drei fremden Herren, als die Pies) hinein gebracht wa⸗ ren, ſie wäre in die Zeirung vertieft und höre und 4 nichts. Das war denn ein Moquiren und Spot⸗ 5 F über die Waſſercuranſtalt, wie ſie es nannten, in — die ſie hinein gerathen wären. Denn ſehen Sie, „ rs. Hubert, ſie hatten es übel genommen, daß ſie keinen Wein haben konnten, weil unſer Haus ein Mäßigkeitshaus iſt und, ſeitt. Mr. Curtis ein Chriſt geworden, das Schenkzimmer zugeſchloſſen iſt. Der *) Pie, ein meiſt mit Obſt gefülltes national engliſches, beſonders aber amerikaniſches Gebäck, der ſtehende Nachtiſch in ländlichen Herbergen. — ſtille Melancholiſche ſagte nichts, aber er ſah aus, als. verlange ihn vielmehr Blut zu trinken als Weinz aber die beiden Andern machten erſt eine Wirthſchaft, und wie ſie ſahen, daß es nichts half, fingen ſie an unter ſich auf die gute Sache zu ſticheln und machten ſich über die Mäßigkeitsgeſellſchaften luſtig.“ „Nun“, unterbrach Klotilde endlich den unauf⸗ haltſamen Redeſtrom,„und Sie denken, zu uns wol⸗ len dieſe unbequemen Gäſte?“ „Sie wollten Pferd und Wagen haben“, erwi⸗ derte die Wirthin,„der ſehen Sie, Mr C dem ſie nicht beſſer gefie s mir, ſagte zu! N Hetzpeitſche, er brauch den Wagen heute ich glaube, ſie haben We Walcker's Pferd u bekommen; denn währe wir daſaßen und ſprs ſah ich den Wagen vorbeifghren und Mr. Walck kleinen Jungen vorne auf. Ich müßte mich ſehr ren, oder die beiden Herren ſaßen darin.“ „So müſſen ein Geſchäft mit Hubert habe verſetzte Klotilde und empfahl ſich. Unterwegs ſann ſie nach, was es wol ſein könnte. Ein banges Ge⸗ fühl überſchlich ſie. Vicht ſind es Gläubiger des vorigen Beſitzers, dachte ſte, die noch Anſprüche auf unſer Grundſtück machen Vielleicht hat auch die Frau den Namen misverſtanden. Möglich auch, daß — 286 ſie flüchtige ſtädtiſche Bekannte Hubert's ſind, für welche die Gelegenheit zu einem Beſuch auf einer ländlichen Reiſe ſchon ein willkommenes Ereigniß iſt. Bald vergaß ſie die Sache ganz und erreichte, über andere Dinge ſinnend, den Fuß des Hügels, wo Eli mit dem Wagen ihrer harrte. Sie fragte, ob Gäſte zu Hauſe angekommen ſeien? oder ob er einer Chaiſe mit einem Paar Herren begegnet ſei? Er verneinte beides, meinte aber, als er bei ſeiner Mutter wingekehgt ſei einen Auftrag, den ihm Miſſus gegeben, hätten die Fremden leicht, ohne von ihm erden, vorbeifahren können. hatte im Garten gearbeitet, als Klotilde iß. Auch ſein Herz ſchlug freudiger als ge⸗ ich. Körperlich etwas ermüdet, ging er in das us zurück und ſetzte ſich im Schlafzimmer, das h der hintern Wieſe ging, ein Buch ergreifend, eder. Schon neigte ſich die Sonne und warf einen giſchen Glanz über Wald und Wieſe. Er war im Leſen vertieft und hörte nicht, daß ein Wagen in den Hof gefahren kam und zwei Männer in das offen ſtehende Haus traten. Erſt als die Thür des anſtoßenden Wohnzimmers ſich öffnete, ſah er auf und ging die Kommenden zu empfangen. Zwei junge Männer traten herein, beide groß, 287 ſchlank, durch die gelblichblaſſe Geſichtsfarbe die ſüdländiſche Abkunft verrathend. Anſtand und Klei⸗ dung bezeugten, daß ſie der höhern Geſellſchaft an⸗ gehörten. Beide trugen die Hüte auf den Köpfen. In Europa würde Hubert darin eine Beleidigung, wenigſtens eine Ungeſchliffenheit geſehen haben. Aber er hatte zu lange in Amerika gelebt, um nicht zu wiſſen, daß der im Zimmer aufbehaltene Hut hier ſo wenig auf eine Grobheit deutet, als der auf dem Kopfe eines Granden von Spanien, wenn ſchon dort, wie in Europa, die feinere Lebensart die franzöſiſche Sitte des Hutabnehmens längſt adoptirt h Aus dieſer Rückſicht fragte er auch ſoglei tretenden in höflichem Ton: „Darf ich fragen, meine Herren, welches Geſchäft Sie zu mir führt?“ Der eine der Angeredeten war von der Nai äußerlich nicht ungünſtig bedacht worden. Die Höhe ſeiner jugendlich dünnen Geſtalt war in der That bei einem noch nicht zwanzigjährigen Jüngling— denn er war kaum aus dem Knabenalter— faſt über⸗ natürlich zu nennen; auch ſein Geſicht wäre wohl⸗ gebildet genug geweſen, wenn es nicht in Ausdruck und Farbe die unverkennbarſten Spuren eines wüſten Lebens getragen hätte. Er blickte mehr frech als wild. Seinem matten Blick ſchien das Feuer zu letz⸗ terem zu fehlen. Der Andere dagegen, ein Jüngling mit edlen, har⸗ moniſchen Zügen, aber jetzt durch einen finſter dro⸗ henden Ausdruck entſtellt, ſchien durch und durch von Leidenſchaft bewegt. Er nahm das Wort und ſagte mit ſtrengem Ton: „Sie errathen richtig, Sir, daß es nicht ein Be⸗ ſuch des Vergnügens iſt, der uns herführt, ſondern ein Geſchäft. Und von welchem Charakter dies Ge⸗ ſchäft iſt, werden Sie wahrſcheinlich bald erra⸗ „wenn ich Ihnen ſage, daß mein Name t's Wange verfärbte ſich.„Caſtleton“, rief er,„Alonzo Caſtleton!“ „Dies iſt mein Name. Mein Geſchäft liegt in dieſem Namen“, erwiderte Alonzo finſter. 3„Ich verſtehe Sie nicht, Sir“, erwiderte Hubert, ihn aufmerkſam anſehend. Jetzt hielt ſich Alonzo's Gefährte nicht länger. „Ich wundere mich keineswegs“, ſagte er mit einer Miene, in die er ſich bemühte, den möglichſten Hohn zu legen, daß Ihnen das Verſtändniß etwas unbequem fällt, Sir, obwol ich geſchworen haben würde, das Ver⸗ ſtändniß wäre Ihnen ſchon da gekommen, als Sie bleich wurden wie ein Tuch. Vielleicht hilft es Ihrem Ge⸗ dächtniß etwas nach, wenn ich Ihnen ſage, mein Name iſt Dunning.“ Hubert hatte ſich während dieſer abſichtlich belei⸗ digenden Worte vollkommen geſammelt.„Ihr Name, Sir“, erwiderte er mit Nichtachtung,„gehört für mich noch zu den unbekannten Größen.“ Darauf ſich zu 1 Alonzo wendend:„aber der Name Caſtleton, Sir, iſt 3 mir ehrwürdig und wird mir ſtets theuer ſein. Ihr Name der Alonzo Caſtleton's, des Retters meines theuerſten Guts, des Wohlthäters meines Weibes!“ „Ein Zufall, kein Verdienſt von meiner Seite“, entgegnete Alonzo noch finſterer als früher,„machte mich dazu; aber Sie hätten dieſen Zufall ehren und nicht für den Labetrank Gift reichen ſollen. Aber laſſen wir ſie aus dem Spiel! Nicht mit ihr hab' ich's! Mit Ihnen allein! Zu Ihnen komm' ich, Sie zur Rechenſchaft zu ziehen, Sie wiſſen wofür.“ „Ich weiß wofür? Und weſſen klagen Sie mich an?“ Ein dunkles Roth ſchoß plötzlich in Alonzo's Ge⸗ ſicht; ſeine Augen ſprühten Feuer und ſeine Stimme ward heiſer und ſchreiend, als er ſagte:„Ich klage Sie an, ein Mädchenherz verführt, ein Mädchenherz vergiftet zu haben; ich klage Sie an, ſich unter fal⸗ Die Auswanderer. II. 19 290 ſchem Namen das Mitleid einer edlen Dame erbettelt, ſich als ein Abenteurer in ihre Phantaſie geſchlichen, ſie zur Flucht aus dem väterlichen Hauſe verführt und endlich ſie ſchmählich verlaſſen zu haben. Deſſen klag' ich Sie an!“ Hubert ſah ihn entſetzt an:„Alonzo!“ rief er, Sie ſind in einem fürchterlichen Irrthum!“ Aber dies Wort entflammte nur noch mehr ſeine Wuth.„Es iſt ſo!“ rief er leidenſchaftlich,„es iſt ſo! Sie ſind ein Verräther! Ich nehme keinen Wider⸗ ſpruch an.“ Ehe noch Hubert antworten konnte, rief Dunning, der, während Alonzo ſprach, ſich erſchöpft hatte, durch wegwerfende Mienen und Geberden Hubert ſeine Ver⸗ achtung zu bezeigen:„Und ich klage Sie an, Helfers⸗ helfer bei Menſchendiebſtahl und ein dem Zuchthaus Entlaufener zu ſein, dem dieſes— er ſchwang mit frechem Lachen die Hetzpeitſche— zugedacht war, wenn nicht mein Freund für dich gebeten hätte!“ Aber Hubert, mit entflammtem Blick, war zurück⸗ geſprungen und hatte raſch aus der Ecke einen dicken Knotenſtock geriſſen, den er ſelbſt ſich aus dem Walde gehauen und zugeſtutzt hatte.„Bube!“ rief er,„kommſt du in meine Wohnung, mich meuchelmörderiſch zu überfallen? Iſt das deine Cavaliersehre? Deine Schmähungen veracht' ich, aber eine Berührung— und du ſollſt unter dem Gewicht dieſes Stockes er⸗ liegen“ Aber Alonzo hatte ſich raſch zwiſchen die Beiden geworfen.„Dunning!“ rief er erzürnt,„hältſt du ſo dein Verſprechen? Dies iſt meine Sache, Bob! — Sei'n Sie ruhig, mein Herr! Meines Freundes Eifer führt ihn zu weit. Nicht Sie ehrlos zu über⸗ fallen kamen wir. Ich kam, Sie um Ihres Betra⸗ gens gegen eine Dame, die ich verehre und die meine nahe Verwandte iſt, zur Rechenſchaft zu ziehen, und wenn Sie wirklich ein Ehrenmann ſind, ſo werden Sie dem Beleidigten Genugthuung nicht verweigern.“ „Mr. Caſtleton“, entgegnete Hubert und ſein ganzes Weſen zeigte eine tiefe Erſchütterung,„dieſem Raufbold will ich ſtehn, wie er's verlangt, oder viel⸗ mehr, wonach er es macht; aber mit Ihnen, Alonzo — bei Gott! keine Ihrer Beſchuldigungen ſoll mich vermögen, mich mit Ihnen zu ſchlagen!“ Alonzo fuhr auf.„Feiger!“ rief er,„iſt dir dein bischen Leben ſo theuer?“ Hubert verfärbte ſich.„Knabe!“ rief er mit Lei⸗ denſchaft.„Aber nein! Sie halten mich nicht wahr⸗ haft für feige. Ich verwerfe den Zweikampf, den Ueberreſt eines barbariſchen Zeitalters. In dieſem 19* —— Lande, das beſſere Vorurtheile abgeſtreift, iſt dieſes ein doppelter Schandfleck. Gegen dieſen da, will ich's Ihnen beweiſen, ob ich als eine Memme Be⸗ ſchimpfungen ertrage. Aber gegen Sie, Alonzo, will ich nicht kämpfen! Bei Gott, ich will nicht!“ Alonzo war ſeltſam verwirrt und bewegt. Selbſt Bob Dunning ſah verblüfft aus.„Und warum ge⸗ gen mich nicht?“ fragte jener mit gerunzelter Stirn. „Ich ehre, ich— liebe Ihr Haus. Ich ehre Vir⸗ ginien. Nie betrog ich Virginien. Nie beredete ich ſie zu irgend einem unwürdigen Schritt. Ich habe Virginien nie, ich habe Sie nie beleidigt, Alonzo.“ Aber Virginiens Name war genug, die ganze Wuth der Leidenſchaft wieder in dem verblendeten Jüngling aufzuwecken. Es hätte des Dazwiſchenrufs Dunning's:„Das leideſt du, Caſtleton! Der Schuft darf deine Couſine noch nennen!“— nicht einmal bedurft, er brach von neuem in leidenſchaftliche Vor⸗ würfe aus, nannte von neuem Hubert eine Memme und durch ſeine abſichtlich anreizenden, kaum zuſam⸗ menhängenden Reden rief Dunning mit teufliſchem Lachen ſolche höhnende Worte, daß Hubert, ſich nicht länger haltend, von neuem den Knotenſtock hob, als — die Thüre ſich öffnete und Klotilde herein trat. Sie kam heftig erſchreckt, athemlos, denn draußen im Hofe ſchon hatten die zornigen Stimmen ihr ent⸗ gegengeſchallt. Jetzt ſtand ſie plötzlich unter den ſtrei⸗ tenden Männern, die, wie von einem elektriſchen Schlag berührt, bei ihrem Eintritt zurückfuhren. Hu⸗ bert's Arm ſank. Alonzo trat erbleichend zurück; ſelbſt Dunning's Rohheit widerſtand nicht der Nähe der weiblichen Würde und der anerzognen Ehrfurcht vor dem zartern Geſchlecht. Er murmelte ein paar un⸗ verſtändliche Worte, ſchlug die Arme übereinander und lehnte ſich an die Wand. „Laß uns einen Augenblick, liebes Weib“, ſagte endlich Hubert. Aber Klotilde faßte ſich ſchnell. Raſch trat ſie auf Alonzo zu.„Willkommen, theurer Freund! Will⸗ kommen im Hauſe Derer, die Sie ſo herzlich lieben und ehren.— Wie? Sie verweigern mir Ihre Hand? Welch' Misverſtändniß kann hier pbwalten?“ Unterdeß hatte ſich auch Alonzo mühſam geſam⸗ melt.„Ich bin nicht als Ihr Freund hier, Klotilde“, ſagte er mit gepreßter Stimme,„ich komme nicht auf Freundſchaftsbeſuch. Ich habe nur mit Hubert zu thun, nicht mit Ihnen.“ „O theurer Freund“, verſetzte Klotilde,„Hubert und ich ſind Eins Sie können Hubert nicht zürnen, ohne mir zu zürnen. Er liebt Sie. Ihnen allein 294 dankt er meine Erhaltung. O laſſen Sie ihn jetzt, laſſen Sie mich jetzt, wo mir mein Leben erſt wieder werth iſt, Ihnen danken.“ Alonzo hatte ſich finſter von ihr gewendet.„Hu⸗ bert iſt ein Verräther“, ſagte er. „Er iſt's nicht, theurer Freund“, entgegnete Klo⸗ tilde mit leiſer, bittender Stimme; ſie hatte ſich mit einer raſchen Bewegung ſeiner Hand bemächtigt. Sie fuhr fort, ihm mit Innigkeit zuzuſprechen; ſie redete von ihrem endlichen, nach ſo viel Leiden errungenen Glücke, und wie allein ſie es ihm verdanke. Sorglich vermied ſie Virginiens Namen. Während deſſen hatten Hubert und Dunning ſchnell einige leiſe, haſtige Worte gewechſelt. Beide ſchienen plötzlich leidenſchaftslos und entſchloſſen, und Dunning bediente ſich, während ſie raſch einige nöthige Ver⸗ abredungen trafen, ſogar höflicherer Redensarten als Hubert. Klotilde, während ſie ſprach und den alten Zauber auf die edlere Natur des beſtürzten Jünglings übte, ſtand mit jenen zugekehrtem Rücken und ge⸗ wahrte nicht die Verhandlung der Beiden. Da rief Dunning:„Genug der ſchönen Worte nun, Caſtleton! Unſer Geſchäft iſt abgemacht, wir müſſen fort!“ Alonzo riß ſich los.„Genug, Klotilde!“ rief auch 295 er, und beide, zum erſten Mal höflich grüßend, fuhren zur Thür, zum Hauſe hinaus. Ein Augenblick und ſie ſaßen in ihrem Wagen und jagten zum Hoſfthor hinaus.. „Mein Hubert!“ rief Klotilde in der höchſten Be⸗ ſtürzung,„was iſt es? Sage mir, was vorgefallen! † Sage mir Alles!“ „Nichts, theures Herz!“ entgegnete er, nichts von Belang. Beunruhige dich nicht!“— und damit das Geſpräch abſchneidend, der Einſamkeit bedürftig, nahm er ſeinen Hut und ging raſch zur Hinterthür des Hauſes hinaus, mit großen Schritten über die Wieſe nach dem Walde zuſchreitend. In welcher entſetzlichen Seelenſtimmung ließ er Klotilde zurück! Er wollte ſie nicht ſehen, nicht hören? Und Alonzo? Was konnte ſein Vorſatz ſein? Daß er 6 ihn nicht aufgegeben hatte, war ſicher, aber er war beſtürzt, erweicht, ſein Zorn begann der Vernunft, ſein Haß begann ſanfteren Gefühlen zu weichen, als jener böſe Geiſt ihn mit ſich fort riß. Sie mußte, ihn noch einmal ſehen; ſie mußte noch einen Verſuch machen; ſie mußte Alles daran ſetzen, dem Greuel eines— Bruderkampfes zu wehren. Sie eilte dem Stalle zu, vor dem noch der Wa⸗ gen halbangeſchirrt ſtand. Eben wollte Eli die . 296 Pferde losmachen, als ſeine Herrin herbeiflog und ſchnell rief:„Raſch, Eli, wir müſſen noch einmal fort. Wir müſſen dieſen Herren nach. Ich muß ſie noch einmal ſprechen.“ Und eilig mit Hand anlegend und Eli helfend, ſtand der Wagen in ein paar Augenblicken wieder fertig da. Klotilde warf ſich hinein.„Nun ſchnell vorwärts, mein Junge“, ſagte ſie,„und ich will dich belohnen, wenn du ſie unterwegs noch erreichſt.“ Für den Knaben war das ſonſt verbotene Bergab⸗ jagen eine Luſt. Aber der Vorſprung, den jene hat⸗ ten, war zu groß, als daß ſie ſie hätten erreichen können, wenn nicht ein durch das wüthende Fahren derſelben veranlaßter Unfall einen nothwendigen Aufenthalt veranlaßt hätte. Ein Rad war beſchä⸗ digt und man arbeitete ſich mühſam nach dem Hauſe, wo Eli's Eltern wohnten; dort ſollte es mit Stricken zuſammengebunden werden, um ſo nothdürftig nach Hauſe zu kommen. Die Herren waren ausgeſtiegen. Dunning ſtand fluchend beim Wagen; Alonzo ging auf dem Platze, der vor dem Häuschen ausgelichtet war, mit Sturmſchritten einher, als Klotilde ankam und raſch aus dem Wagen ſtieg. Sie ging entſchloſſen auf Alonzo zu, der ſie mit Beſtürzung betrachtete, faßte ihn unter den Arm und —— —— führte ihn nach dem entfernteſten Theil des kleinen Wieſenplatzes. „Mr. Caſtleton“, ſagte ſie gefaßt,„ich muß mit Ihnen reden. Keine falſche Delicateſſe ſoll mich hin⸗ dern, Ihnen zu folgen, bis Sie mir Rede geſtanden. Dies gräßliche Misverſtändniß, das Sie ſo ganz aus Ihrer edlen, großmüthigen Natur herausgehn läßt, muß ſich löſen.“ Auch Alonzo hatte ſich jetzt vollkommen geſam⸗ melt.„Kein Misverſtändniß, Madame“, ſagte er mit erzwungener Kälte.„Alle Discuſſionen darüber werden die Sache nicht ändern. Sie halten Herrn Hubert für unſchuldig, ich ihn für ſchuldig. Wir werden einander nicht anderer Meinung machen. Aber ſchuldig oder unſchuldig bin ich zu einer Hand⸗ lungsweiſe entſchloſſen, wie allein ſie einem Manne von Ehre ziemt und wie ſie keine Ihrer Bitten oder Vorſtellungen ändern wird.“ „Aber was wollen Sie, Alonzo? Was wollen Sie eigentlich an Hubert rächen? Wofür wollen Sie ihn beſtrafen?“ Alonzo blickte Klotilde mit einer Art von Mitleid an.„Ich könnte Ihnen antworten: dafür, daß er die Geſetze meines Vaterlandes mit Füßen trat und durch böſes Beiſpiel wie durch ſchlimme Lehren Auf⸗ ruhr und Empörung in eine friedliche Gemeinde ſäete. Allein ich will Ihnen lieber die volle Wahr⸗ heit ſagen. Strafen will ich ihn, Klotilde“, und im Sprechen kehrte die leidenſchaftliche Beweglichkeit ſei⸗ ner Züge verdoppelt zurück,„weil er treulos und ehr⸗ vergeſſen Sie, die Sie Ihr Leben um ihn vertrauer⸗ ten, vergaß und ſich verrätheriſch in Virginiens un⸗ bewachtes Herz ſchlich; weil er ihre Phantaſte mit Lügen umſpann und, als es ihm endlich, nachdem er ihr von Ort zu Ort gefolgt, gelungen, ſie in ihrer Großmuth zu einem falſchen Schritt zu beſtimmen, ſie zum Opfer einer neuerwachten Leidenſchaft machte.“ Seine Worte drangen wie Dolchſtiche in Klotil⸗ dens Herz. Aber: es iſt nicht wahr! rief es in ihrem Innern. Wie, aber wie ſollte ſie ihre Worte ſetzen, um den unglücklichen Jüngling— denn ſie fühlte, das war er— nicht noch mehr zu reizen. Sie durfte Hubert nicht ſchuldig geben, und wußte doch, daß er die Ueberzeugung von Virginiens Schuld nicht ertra⸗ gen würde. „O, Alonzo,“ rief ſie,„Virginia täuſchte erſt ſich ſelbſt, ehe ſie Sie täuſchte! Hat Hubert gegen mich, gegen mein Andenken irgend gefehlt, ich hab' es ihm längſt vergeben, er hat mir es längſt durch die reichſte Liebe vergolten. Aber glauben Sie mir, 299 Alonzo, er liebte Virginia nie. Er verehrte ſie. Er bewunderte ſie. Virginia glaubte ſich geliebt, glaubt ſich hintergangen Sie wird die flüchtige Phantaſie vergeſſen.“ Sie erſchrak vor der Wirkung ihrer Worte. Alonzo hatte ſie angeſtarrt, während ſie ſprach, und ſeine Züge verzerrten ſich ſo ſeltſam, daß Klotilden ſchauderte. Auf einmal deckte eine Feuerglut ſein ganzes Geſicht, ſeine Augen funkelten in Wuth, als er rief:„Klotilde, ich hab' es geſchworen! Ich hab' es ihr bei dem Leben meiner unglücklichen Mutter ge⸗ ſchworen, ihr Rächer zu ſein. Und ſoll ich ihr auf ewig entſagen? Soll ich den Preis eines ganzen Le⸗ bens verlieren? Soll ein Anderer die Perle davon⸗ tragen, die allein mir gehört? Ja, ich hab's ihr ge⸗ ſchworen! Ich will ſie rächen! Kein Anderer ſoll's! Blut muß fließen! Sein Blut ſoll fließen! Nur Blut kann ſie rächen!— Kein Wort, Klotilde! Ich hab' es geſchworen, und ehe ich mein Wort breche, ehe ich dieſem Preis entſage, um den ich ſo furchtbar gelitten, eher ſoll mich der Abgrund der Hölle verſchlingen!“ In entſetzlicher, mit jedem Worte ſteigender Lei⸗ denſchaft ſtand der Unglückliche vor ihr. Plötzlich wendete er ſich nach dem Wagen zu, der aus⸗ gebeſſert fertig ſtand, als flöhe er vor ihr. Dunning hatte unterdeſſen von ferne, ungeduldig ſtampfend und ſchwörend, die Unterredung beobachtet. Als aber bei Alonzo's letztem Ausbruch Klotilde erbleichte und, als jener ſich von ihr wandte, ohnmächtig zuſam⸗ menbrach, war er es, der zuſprang und die Halb⸗ bewußtloſe hielt, bis Eli's Mutter herbeigelaufen kam und ihr zum Beiſtand diente, während die beiden Ca⸗ valiere raſch davon fuhren. Elttes Capitel. Die Saat ſchießt auf. Nur einige wenige Augenblicke blieb Klotilde, von Schreck und Angſt gelähmt, in einem nur halb be⸗ wußten Zuſtand, während die gute Negerin ſich be⸗ mühte ſie in das Haus zu führen. „Iſt das ein Gentleman“, rief dieſe voll Zorn, der eine Dame ſo anfährt? Sind das Chriſten? Jagen den Berg herunter, als ſäße der Böſe ihnen im Nacken, fluchen und ſchwören ärger als die Hei⸗ den und ſprechen mit einer Dame, als wären ſie aus einer Tollhauszelle entlaufen! Kommen Sie nur, Liebchen, denken Sie nicht mehr dran! Kommen Sie herein, theure Madam, trinken Sie einen Schluck!“ Aber Klotilde raffte ſich ſchnell empor. Sie fühlte beſtimmt, daß ſie handeln mußte.„Ich will, ich muß ihm Alles entdecken“,— der Eine Gedanke fuhr durch ihren Sinn—„kein anderes Mittel gibt es, dieſes gräßliche Verbrechen zu hindern.“ Sie riß ſich, haſtig dankend, von der Frau los und eilte mit wankenden Füßen dem Wagen zu. „Wir müſſen ſogleich wieder hinauf, guter Eli“, rief ſie und ſpornte dem erſtaunten Knaben an, das Pferd anzutreiben. „Ich muß ihm die Wahrheit enthüllen, wie bitter ſie dem verletzten Stolze des Unglücklichen auch ſein mag— und Hubert darf es nicht wiſſen! Auch ſein Stolz könnte mir in den Weg treten! Er wird Alles thun, den Zweikampf zu vermeiden, deſſen bin ich gewiß. Er würde es thun, auch wenn Alonzo ihm ein Fremder wäre. Ich kenne ſeine Grundſätze. Allein gedrängt, vielleicht gar überfallen— wie viele Beiſpiele der Art hab' ich von dieſen leidenſchaftlichen Südländern gehört!— würde und müßte er zur Vertheidigung, zur Selbſthülfe ſchreiten. Sein Leben iſt in Gefahr und wider Willen könnte er zu der entſetzlichen Miſſethat verleitet werden, auf welcher der erſte Fluch ruht. Theurer Mann, ich muß dieſer Gefahr vorbeugen! „Ich muß es thun, ohne es Hubert mitzutheilen. Dieſe Männer können es einmal nicht ertragen, daß nur ein Schatten von Argwohn auf ſie falle, als 303 fürchteten ſie eine Gefahr. Er könnte gar darin Etwas finden, was wider ſeine Ehre wäre! Er mag den Schritt, den ich gethan, errathen und mir ihn ſpä⸗ terhin abfragen, aber ungefragt, will ich ihn ihm nicht entdecken. Iſt erſt Alles vorüber, ſo wird er mein Verfahren billigen.“ Unter ſolchen Gedanken war ſie zu Hauſe ange⸗ kommen. Es war ihr lieb, zu finden, daß Hubert noch nicht von ſeinem Spaziergang zurückgekommen war. Raſch öffnete ſie den Schreibtiſch. Wäre ſie weniger aufgeregt geweſen, ſo würde die Wahl der Worte ſie in peinliche Verlegenheit geſetzt haben, in welchen ſie dem unglücklichen Jüngling enthüllen ſollte, welcher unauslöſchliche Flecken auf ſeiner Ge⸗ burt hafte. Allein die Glut ihres Eifers gab ihr ſchnell Worte ein, ihr natürliches Zartgefühl die paßlichen. Sie eröffnete ihm, daß ſein Vater Uberto und Hubert, der Vater ihres Gatten, ein und derſelbe und letzterer ſein älterer Bruder ſei. Sie gab ihm in ſchnellen, mildernden und doch wahren Zügen die Geſchichte ſeines Vaters, theilte ihm deſſen Lebens⸗ umſtände und Todesjahr mit und ſchickte ihm zur Bekräftigung dieſer ſo abenteuerlich ſcheinenden Ent⸗ deckung das wunderkräftige Marienbild ſeiner Mutter. Dieſes, das unzubezweifelnde Zeichen ſeiner Authen⸗ 304 ticität an ſich trug, mußte ihn von der Wahrheit ihrer Ausſagen überzeugen, wie unwillkommen ſie ihm auch ſein mochte. Nachdem ſie Alles wohl verpackt und verſiegelt, rief ſie Eli zu ſich. Die Dämmerung war unterdeſſen eingebrochen. „Eli“, ſagte ſie,„ich lege heute dir Wichtiges auf die Schultern. Ich habe einen Auftrag für dich, den du mir heute noch beſorgen mußt.“ „Recht gern, Miſſus“, antwortete der Knabe be⸗ reitwillig;„ſoll ich ſchreiben? oder rechnen?“— denn Klotilde unterrichtete ihn in beidem. „Nicht doch! Du ſollſt dies Päckchen heute Abend noch ins Wirthshaus zu dem fremden Herrn tragen, der Mr. Caſtleton heißt.“ „Heute Abend noch?“ fragte der Burſche und ſtutzte.„Es wird Nacht ſein, eh' ich hinkomme. „Wenn du zuſchreiteſt, kannſt du das Dorf noch vor der vollſtändigen Dunkelheit erreichen. Fürchteſt du dich?“ „Fürchten? Bewahre! Aber— es iſt ſo dunkel im Walde bei Nacht— nicht daß ich mich fürchtete— aber——“ „Es iſt ja Vollmond, Eli, du kommſt im ſchönſten Mondlicht zurück.“ „Der Mond iſt grauſig im Walde, Miſſus!“ er⸗ 7. widerte Eli,„ich fürchte mich nicht, aber— „Schon gut, Eli, wie geſagt, die Sache iſt wichtig. Den Hinweg kannſt du, wenn du dich nur etwas an⸗ ſtrengſt, vor der Racht machen. Den Rückweg aber erlaß ich dir großentheils. Denn du kannſt bei deinen Eltern übernachten und morgen in der Frühe wiederkommen.“ Eli, obwol zaghaft von Natur, war gutherzig und die Ausſicht, den Abend mit ſeinen Geſchwiſtern zuzubringen, machte ihn vollends willfährig. Klotilde gab ihm ſein Abendbrot mit auf den Weg. Dann überreichte ſie ihm Brief und Päckchen mit der drin⸗ genden Ermahnung, beides, wenn er Herrn Caſtleton ſelbſt nicht ſehen könne, in Mrs. Curti's Hände zu geben und ihr Klotildens Bitte, es ſogleich zu beſor⸗ gen, ans Herz zu legen. Darauf empfahl ſie ihm noch einmal die dringendſte Eile und Genauigkeit in der Beſorgung und entließ ihn. Sie ſah ihn den Berg hinunterlaufen und blickte ihm nach, bis der ſich krüm⸗ mende Weg ihn ihren Augen entzog. Sie fühlte ſich leichter, als der Brief fort war.„Wo aber bleibt Hubert?“ fragte ſie und trat durch die Hinterthür auf die Wieſe hinaus. Es ward dunkel und dunkler.„Er muß ſich weit vergangen haben“, dachte ſie. Die Auswanderer. II. 20 Sie ging in die Küche, um den abendlichen Thee zu beſorgen. Hier ſah ſie, daß das Holz fehlte, wel⸗ ches Eli, durch das wiederholte Fahren gehindert, nicht bereit gelegt hatte. Sie ging nun ſelbſt nach dem Holzſtall, ſich einen Arm voll zu holen. Sie öffnete die Thür. Erſtaunt ſah ſie Hubert vor ſich, der in einer Ecke des Behältniſſes mit einem Gegenſtand be⸗ ſchäftigt war, den er bei ihrem unerwarteten Eintritt raſch verbarg. Aber etwas Blitzendes wie von Me⸗ tall hatte bereits ihr Auge getroffen. „Du hier, Theuerſter!“ rief ſie verwundert.„Ich wähnte dich noch nicht heimgekehrt. Biſt du ſchon lange zurück?“ Hubert antwortete ausweichend. Er ſchien ſie nicht vermißt zu haben und nichts von ihrer Abweſen⸗ heit zu wiſſen. Er folgte ihr nun in die Küche, half ihr bei ihren kleinen Vorbereitungen und begnügte ſich, als er nach Eli fragte, ſogleich mit ihrer Ant⸗ wort: ſie habe ihm etwas zu thun gegeben. Beide vermieden eine Zeit lang von dem Beſuche zu ſprechen, den Klotilde heute bei Hubert getroffen. Endlich ſchien Klotilden dieſe Zurückhaltung zu unna⸗ türlich; ſie bemerkte überdies eine gewiſſe erhöhte Zärt⸗ lichkeit in Hubert's ganzem Weſen, eine gewiſſe Weich⸗ heit, die ſie rührte, ohne ſie zu befremden. Denn 307 ſie ahnete, daß ſie dieſe geſteigerte Empfindung Hu⸗ bert's dem Vorgefühl einer nahenden Gefahr zuzuſchrei⸗ ben habe. Daß ſie dieſe Gefahr abgewendet zu haben hoffen durfte, ſtimmte ſie ſelbſt ruhiger, obwol nicht weniger zärtlich. „Theurer Mann“, ſagte ſie, ihn umfaſſend,„laß uns nicht in einer Zurückhaltung verharren, die uns ſo ganz aus unſerm Verhältniß gegen einander reißt. Wie ich heute Alonzo wiedergeſehen, hab' ich den edeln Jüngling kaum erkannt. Zu ſolcher Unnatur hat ihn eine unglückliche Leidenſchaft hingeriſſen!“ „Es ergriff mich mit Gewalt“, erwiderte Hubert, „als ſo plötzlich— der Bruder vor mir ſtand. Er kam voll Haß und Rachedurſt. Ich fühlte nichts als Liebe und Mitleid in mir. Keines ſeiner Schmäh⸗ worte konnte mich dauernd reizen. Und doch fühlt' ich entſchieden, daß eine Enthüllung unſeres Verhält⸗ niſſes zu einander ihn nur noch mehr gegen mich aufbringen würde.“ Klotilde erröthete leicht.„Es wäre eine Grau⸗ ſamkeit, es ihm ohne Noth zu entdecken“, ſagte ſie mit Nachdruck.„Aber warum, wenn in deiner Bruſt nur Liebe für den Bruder ſchlägt, ſollte Er weniger menſchlich fühlen, wenn er das Verhältniß inne würde? Ich kenne ihn nur als edel und gerecht.“ 20* 308 „Du fragſt warum?“ verſetzte Hubert.„Seine Geburt hat mir kein Unrecht gethan. Ich kann ihn ohne Großmuth lieben. Meine Erxiſtenz aber und die unleugbare Legalität derſelben drückt der ſeinen erſt recht den Stempel der Schande auf. Drum möge er es nie erfahren, wer mein Vater war!“ „Nie ohne Noth“, wiederholte Klotilde.„Aber du kennſt den edeln Jüngling nur halb. Du haſt ihn nur in einer unnatürlichen Ueberreizung geſehen, in die ſeine eigene und Virginiens unglückliche Leiden⸗ ſchaft ihn verſetzt. Kaum wag' ich zu entſcheiden, ob er ſich ſelbſt verblendet, oder durch Virginiens eifer⸗ ſüchtige Rachbegierde verblendet worden— faſt fürcht' ich das Letztere.“ Hubert legte die Hand über die Augen. Klotilde fuhr fort: „Er iſt dein Bruder, Geliebter; dennoch kann ich nur wünſchen und beten: möget ihr nie einander wiederſehn!“ „Sei es ſo, Geliebteſte“, erwiderte Hubert;„aber wenn wir uns wiederſehn, ſo ſei deſſen gewiß, daß ſich dieſe Hand nie gegen den Bruder erheben wird, und ſollte er durch tauſend Schmähungen mich dazu zu reizen ſuchen.“ „Der Himmel verhüte es“, verſetzte Klotilde. 309 „Aber ſage mir, Hubert— waren es nicht Waffen, die ich vorhin in deiner Hand ſah? Waren es nicht Piſtolen? Wäre es möglich? Sollteſt du daran den⸗ ken, in den Fall kommen zu können, ſie gebrauchen zu müſſen?“ Hubert lächelte etwas gezwungen.„Wie du mir aufpaßt!“ ſagte er mit einiger Verlegenheit.„Daß ich bei unſerer einſamen Lage mir ein paar Piſtolen fertig halte, haſt du, ſoviel ich weiß, nie auffallend gefunden. Ebenfalls kann es dich nicht überraſchen, daß, wenn eines ſchönen Nachmittags ganz plötzlich wie aus einer Wolke gefallen, ein paar Raufbolde nach ſüdländiſcher Cavalierſitte mir in das Haus brechen und mir Grobheiten ſagen, es mir einfällt, die etwanige Brauchbarkeit meiner Waffen zu unter⸗ ſuchen. Verlaß dich übrigens darauf, gegen Alonzo werde ich weder dieſe noch irgend andere Waffen je⸗ mals brauchen.“ Klotilde küßte ihn ſanft.„Theures edles Hers!“ ſagte ſie zärtlich und fühlte ſich mit Wonne an ſeine Bruſt gedrückt. Sie ward wunderbar durch ſeine Worte beruhigt. Die Arme wußte nichts von dem Antheil, den Dunning an dem unglücklichen Nach⸗ mittagsbeſuche gehabt. Die ganze Verhandlung mit dieſem war ihr durchaus fremd geblieben; ſie ward 310 durch ihren Eintritt unterbrochen und kam während ihrer Unterredung mit Alonzo hinter ihrem Rücken zum Schluß. Sie ahnete nicht, daß die Verabredung zu der unglücklichen Zuſammenkunft, welche ſie hinter⸗ trieben zu haben mit Gewißheit hoffen durfte, bereits getroffen war. Sie gab ſich demnach unbeſorgt andern Geſprächen mit dem geliebten Manne hin, die durch die geſtei⸗ gerte Innigkeit des letztern einen höhern Reiz gewan⸗ nen. Ein ſeliges Gefühl des befeſtigten Beſitzes be⸗ mächtigte ſich ihres armen Herzens. Es war ihr, als wären ſie beide plötzlich einer ungeheuern Gefahr entrückt und indem ſie Worte der Liebe gab und em⸗ pfing, erhob ſich ihr Herz im Dankgefühl gegen Gott. Sie traten in die herrliche Mondſcheinnacht hin⸗ aus. Mit glänzenden Sternen überſäet, wölbte ſich der Himmel über ſie, tief dunkelblau, und doch von ſo ſtrahlender Reinheit, wie Klotilde nur in Italien ihn geſehen. In welchem fühlenden Weſen ruft nicht des Mondes ſüßes Licht das innere Geiſtesleben wach! In welchem nicht die Erinnerung geliebter Todten! Auch unſere Liebenden gaben ſich jetzt ihrem Andenken hin. Sie ſprachen von Klotildens theuern Eltern, die auch 4 bert ſo unbeſchreiblich werth ge⸗ halten; von Hubert's unvergeßlicher Mutter und, mit 311 einem tiefen Seufzer, von ſeinem Vater, der Alles beſeſſen, was das Leben ſchmückt und ziert, und nun vor dem Richter ſtand, der ihn befragte, nach dem anvertrauten Pfunde! Sie ſprachen auch mit Thränen von den geliebten Freunden, von Stellmänn und Henrietten, den Armen, die mit ſolcher harmloſen Freudigkeit einem neuen Le⸗ ben entgegengegangen waren, um in einem Augenblick namenloſer Angſt hinab in die Ewigkeit geſchleudert zu werden. „Wenigſtens“, ſagte Klotilde,„ſtarben ſie zuſam⸗ men. Welcher Troſt liegt darin. Aber wir, Hubert, die wir auseinandergeriſſen und ſchwer geprüft uns durch des Höchſten Fügung wieder zuſammenfanden — könnten wir den Gedanken ertragen, uns jetzt von neuem trennen zu müſſen? Wäre es jetzt, wo wir ſo ganz in einander verſchlungen ſind, nicht noch tau⸗ ſendmal grauſamer, von einander ſcheiden zu müſſen, als damals— jetzt, wo wir einem neuen, verdreifach⸗ ten Daſein entgegengehen, wo außer einer füßen Gegenwart auch ſelige Hoffnungen uns beglücken? O wäre Saſſen hier! Könnte der theure Freund ſich überzeugen, daß ich wahrhaft glücklich an deiner Seite bin! Es würde dem Edeln mit meiner Aus⸗ wanderung und mit Dem, was er ſeinen Verluſt nennt, verſöhnen. Denn er hat ein ſtarkes, groß⸗ müthiges Herz!“ Hubert ſaß, in ſeiner Bruſt ein Zuſammenfließen von Seligkeit und Schmerz, ihr zur Seite. Er hatte den Arm um die Theure geſchlungen, den Kopf auf ihre Schulter gelehnt. Er, der Beredte, war heute ſchweigſam und trank mit ſchmerzlichem Entzücken die Töne in ſich, welche das geliebte Weib in ſeinen Armen in redſeliger Wonne ihm zuflüſterte. Das Herz war ihm gepreßt. Er fürchtete den Tod nicht. Auf ſeine Geſchicklichkeit bauend, glaubte er auch kaum an Gefahr. Aber die Möglichkeit war doch da. Er konnte das Auge nicht ganz davon abwenden. Und das Leben war ſo ſchön in ihren Armen! Sie waren bis ſpät in die Nacht aufgeblieben; Klo⸗ tilde erwachte am Morgen ſpäter als gewöhnlich von einem leiſen Kuſſe Hubert's. Er ſtand ganz angekleidet vor ihr. „Ich wollte dich nicht wecken, theures Herz“, ſagte er. Du ſchliefſt ſo feſt und ruhig. Ich muß heute zeitig an die Arbeit, um den Thalpfad zu för⸗ dern. Ich wollte ohne Frühſtück fort, um dich nicht zu wecken; aber du ſahſt ſo wunderlieblich aus. Ich widerſtand nicht.“ „Böſer Mann!“ ſagte Klotilde ſich raſch anklei⸗ dend,„wenn du ohne Frühſtück fortgegangen wäreſt, weil die träge Frau zu lange ſchlief! Gleich ſollſt du etwas haben. Ich bitte dich, geh' nicht fort, warte einen Augenblick.“ „Ich weiß nicht, wo der Burſche ſteckt“, eitene Hubert.„Ich habe ihn umſonſt gerufen.“ Klotilde wandte das Geſicht ab:„Ich hatte noch ſpät einen Auftrag für ihn und gab ihm die Erlaub⸗ niß, über Nacht bei ſeinen Eltern zu bleiben; aber er ſollte jetzt ſchon wieder hier ſein.“ Sie war geſchäftig in ihren Vorbereitungen; Hu⸗ bert ſah ihr träumeriſch zu, jeder ihrer Bewegungen folgend. Das Frühſtück war bald fertig und in eini⸗ ger Eile zu ſich genommen. Eli war noch immer nicht zurück. Als Hubert nach ſeinen Arbeitswerkzeugen griff, ſetze auch Klotilde ihren Sonnenhut auf, in den Garten zu gehen, eine kleine Arbeit dort zu verrich⸗ ten, ehe es zu heiß werde. Hubert umfaßte ſie und der Abſchiedskuß, den er auf ihre Lippen drückte, war von einer ſo ſchmerzhaft innigen Umarmung begleitet, daß ſie ſich lachend los⸗ machte und ſcherzend bat, ſie nicht zu zermalmen. Sie lief davon, als er die Umarmung wiederholen wollte, warf ihm Kußhände zu und verſchwand im Garten. Kaum war ſie fort, als er in ſeine Kammer zu⸗ rückging, Hacke und Art hinter der Thür verbarg, die Arbeitskleider abwarf und ſich vollſtändig anzog. Mit den geladenen Piſtolen in der Taſche verborgen, ging er mit raſchen Schritten zur Vorderthür hinaus über den Hof und den Hügel hinunter. Klotilde hatte ſich unterdeſſen mehre Male mit einiger Unruhe nach Eli umgeſehen. Endlich ge⸗ wahrte ſie ihn beim Vorbeigehen im Stalle mit dem Pferde beſchäftigt. „Wie, Eli“, rief ſie,„du hier! Du zu Hauſe! Warum meldeſt du dich nicht? Biſt du ſchon lange hier?“ „Schon lange, Miſſus“, erwiderte der Burſche und fuhr in ſeiner Arbeit fort. „Komm heraus, Eli“, rief ſie. Er kam zögernd hervor. „Nun ſag mir, wie haſt du deinen Auftrag aus⸗ gerichtet? Haſt du den Brief Herrn Caſtleton ſelbſt gegeben?“ „Ich hab' ihn Miſſus Curtis gegeben.“ „Warum nicht Mr. Caſtleton?“ „Er war nicht zu Hauſe.“ „Nicht zu Hauſe? So ſpät am Abend? Wo konnte er in dem Dorfe hingegangen ſein?“ „Ich weiß nicht, Miſſus, er war ſchon ausge⸗ gangen und die andern Herren auch.“ „Schon ausgegangen? Was ſprichſt du, Eli? Haſt du den Brief nicht geſtern Abend überbracht?“ „Ich meine“, erwiderte der Knabe,„er war noch nicht zu Hauſe gekommen. Sie können Miſſus Cur⸗ tis fragen, ich habe ihr wahrhaftig den Brief ge⸗ geben.“ „Wer zweifelt daran, Eli? Aber warum ſiehſt du mich nicht an, wenn du mit mir ſprichſt? Wie oft hab' ich dir die häßliche Gewohnheit verwieſen, zur Seite zu ſehen, wenn du hörſt oder ſprichſt!“ Eli ſah ihr ſteif ins Geſicht.„Es iſt gewiß wahr, Miſſus, ich habe den Brief und auch das Päckchen der Miſſus Curtis ſelber in die Hand gegeben, und ſie ſagte, ſie wollt' es dem Herrn gleich geben, wenn ſie zurückkämen, und wollte erſt fragen, wer von ihnen Caſtleton hieße. Sie ſagte, die Herren woll⸗ ten heute abreiſen. Sie fragte, es wäre wol ein alter Bekannter von Ihnen oder von Herrn Hubert? Er hat es richtig gekriegt, Miſſus.“ Der Knabe ſprach die Wahrheit, obwol nicht die ganze Wahrheit. Er hatte Brief und Päckchen rich⸗ tig abgeliefert, allein nicht geſtern Abend, wie Klo⸗ tilde ihm geboten, ſondern erſt dieſen Morgen. Denn —— ——— — — 316 ſchon in der wachſenden Dämmerung überfiel ihn im Walde die Furcht. Er mußte wenigſtens bei ſeiner Mutter einen Augenblick einkehren, ob nicht vielleicht einer ſeiner Brüder zur Geſellſchaft mitgehen könne, oder vielleicht gar der Vater. Dieſer aber war in der Nachbarſchaft auf der Arbeit, wo er über Nacht blei⸗ ben wollte, und hatte den älteſten Jungen mit, der auf Eli folgte. Ueber dem Schwatzen darüber war es ſpäter und ſpäter geworden. Eli meinte endlich, auf die Nacht könnte doch nicht viel ankommen, er wollte lieber früh aufſtehen und den Auftrag am hellen Morgen ausrichten. Die Mutter war bald zu gewinnen. Er blieb und ſpielte mit den Kindern bis zur Bettzeit. Alles dies verſchwieg er der Herrin ſorgfältig. Arglos kehrte Klotilde zu ihren häuslichen Arbeiten zurück. Sie ahnte nicht, daß das Ungewitter, wel⸗ ches ſie abgeleitet zu haben hoffte, bereits zum Ein⸗ ſchlagen reif über ihrem Haupte ſtand. In einiger Entfernung vom Dorfe, von der Land⸗ ſtraße fern und nur durch Fußpfade mit ihr verbun⸗ den, lag ein kleiner Hain: ſchlanke, kräftige Stämme, von keinem wuchernden Unterholz bedrängt, lichte grüne Plätzchen dazwiſchen, einer derſelben wol funf⸗ zig Schritte ins Gevierte. Auf dieſem Platze gingen mit ungeduldigen Schritten drei junge Männer hin und her. Zwei von ihnen kennen wir ſchon: Alonzo Caſtleton mit den dunkeln, blitzenden Augen, die gelbe Geſichtsfarbe durch fieberhafte Erregung dunkelfleckig, die Stirnadern geſchwollen. Es war ſichtlich, daß er, obwol es noch früh am Morgen war, ſich durch Getränke erhitzt, und in Ermangelung eines feurigen 3 Weines, der in dem Dorfe nicht zu finden war, ſich eines andern unedlern Gebräues aus Rum und an⸗ dern hitzigen Miſchungen zuſammengeſetzt, bedient hatte— verderbliche Gifttränke, wie ſie die wilde 3 Begierde in Amerika in großer Mannichfaltigkeit er⸗ funden. In der aufgeſchoſſenen Geſtalt des Andern wie in dem bleichen Geſichte mit durch ein frühes wildes Leben zerſtörten Zügen erkennen wir leicht Robert 8 Dunning. 7 Der Dritte war ein blühender junger Mann, eben⸗ 3 falls von Südcarolina und ein Jugendfreund Alon⸗ zo's. Er war Mediciner und vor kurzem in Boſton durch ein glänzendes Eramen gegangen. Eben rüſtete 4 er ſich zu einer Reiſe nach Europa, um ſich in Paris und Wien noch vollends zum praktiſchen Arzte aus⸗ zubilden und dann als ſolcher ſich in einem der ſüdlichen õ Staaten niederzulaſſen. Da kam Alonzo, ſein früherer 4 ———————— Jugendgeſpiele, auf ſeinem Wege nach Vermont— denn aus Klotildens Briefe und Schuldabzahlung hatte er endlich erfahren, wo der Verhaßte, der ihm einſt Virginiens Herz entzogen, zu finden ſei. Die Un⸗ glückliche, von Rache und Eiferſucht durchglüht, hatte auf die Beſtrafung des Verräthers den Preis ihrer Hand geſetzt. War es Liebe, war es Hartnäckigkeit, was den Verblendeten jetzt ſein Leben daran ſetzen machte, dieſen lang erſtrebten Preis zu gewinnen? Er kam nach Boſton, um Edward Lorimer, ſo hieß der junge Arzt, um den Freundſchaftsdienſt zu bitten, ihn nach Vermont zu begleiten und ihm als Secundant zu dienen. Aber Robert Dunning, der durch die Zeitungen und ſeiner Mutter Briefe unter⸗ richtet, an Hubert's Proceß lebhaften Antheil genom⸗ men und der überdies allen Abolitioniſten den Tod geſchworen hatte, drang ſich ihm zu dieſer Rolle in ſeinem blutigen Unternehmen auf. Vielmehr er er⸗ klärte, nun da er den Aufenthalt dieſes Vagabonden wiſſe, ſelbſt nach Vermont gehen zu wollen, um dem verdammten Menſchenſtehler mit der Hetzpeitſche eine Lection zu geben; und nur durch die Annahme ſeines Anerbietens, ihn als ſein Secundant zu begleiten, wo⸗ bei er ſein Müthchen noch auf andere Weiſe zu küh⸗ len hoffte, hatte Alonzo ihn endlich zu dem Verſprechen bewogen, ihm nicht durch einen Angriff des fremden Abenteurers vorzugreifen. Alonzo, in dem, trotz des Sturmes in ſeiner Bruſt, neben ſeinem ritterlichen Ehrgefühl auch eine Ahnung lebte, daß er es mit keinem gemeinen Aben⸗ teurer zu thun habe, erſuchte nun Lorimer ſich ihnen anzuſchließen, theils um ihnen im Nothfalle als Wund⸗ arzt zu dienen, theils und beſonders um den Fremden, der nach Klotildens Bericht von aller Geſellſchaft zu⸗ rückgezogen, unter gewöhnlichen Ackerwirthen lebte, nicht ohne Beiſtand zu laſſen. Lorimer, einige Jahre älter als die Beiden, hätte zwar gern nichts mit der Sache zu thun gehabt, weil ſeine europäiſche Reiſe feſt beſchloſſen und das Ueber⸗ fahrtsgeld ſchon bezahlt warz jedoch haßte auch er die Abolitioniſten, zu denen er jenen fremden Glücks⸗ jäger zählte, ſo gut wie irgend ein Südländer, und gönnte dem Eindringling eine tüchtige Züchtigung, wenn ſchon er nicht ſelbſt geneigt war, ſie ihm zuzutheilen. Dazu kam noch, daß er ſich eben durch ſeine eingeleitete Abreiſe auch um ſo leichter dem ſtrengen Strafgeſetze der neuengliſchen Staaten zu ent⸗ ziehen hoffen konnte, das den Duellanten als Mörder und den Secundanten als Helfershelfer des Mörders behandelt. Die Appellation Alonzo's an ſeinen Edel⸗ muth in Bezug auf die verlaſſene Lage des Fremd⸗ lings im Fall eines Zweikampfes that das Uebrige und er ließ ſich beſtimmen, die beiden Freunde zu begleiten. Als dieſe zu Hubert fuhren, hoffte er noch immer, es werde mit ein paar Streichen Dunning's— mit deren Beabſichtigung dieſer gegen ihn, wenn auch nicht gegen Alonzo, noch immer prahlte— abgemacht ſein und Alonzo den ſo vor ſeinen Augen entehrten Aben⸗ teurer der noblern Beſtrafung durch Cavaliershand nicht mehr würdig finden. Als aber jene zurückkamen, Alonzo, heftig erſchüttert durch Hubert's edles Betra⸗ gen und durch das Wiederſehen Klotildens, Robert voll abgezwungener Achtung gegen den Fremden, da fing auch er an die Sache aus einem andern Ge⸗ ſichtspunkte anzuſehen. Indeß war Alles verab⸗ redet und beſtimmt: Stunde, Ort und Waffen. Auch davon war Hubert unterrichtet, daß Lorimer ihm, in Ermangelung eines Freundes, als Secundant dienen wolle. Dieſer Letztere beſtellte nun einen Wagen an die⸗ jenige Stelle der Landſtraße, zu welcher der nächſte Pfad aus dem zum Kampfplatz erwählten Gehölz führte. Er ſollte, im Fall einer bedeutenden Ver⸗ wundung, den Gegner auf das ſchnellſte entweder auf den Poſtweg nach Albany bringen, um mit dem 321 Dampfſchiff nach Neuyork zu entfliehen; oder nach dem nähern Ticanderoga, von wo das Dampfſchiff ihn den See Champlaine hinauf nach Canada trug. Der Verwundete, meinte er, werde Zuflucht und Pflege in dem Gaſthofe der Curtis finden, deſſen hintere Obſtgärten gerade, nur durch die Landſtraße getrennt, dem Gehölz gegenüberlagen. Alonzo's glühende Ungeduld hatte die jungen Männer ſchon einige Zeit vor zehn Uhr, der verab⸗ redeten Stunde, auf den Kampſplatz geführt. Wäh⸗ rend er ſtieren Blickes, mühſam gefaßt, mit haſtigen Schritten auf⸗ und abging, hatten ſich die beiden Andern auf zwei Baumſtumpfen niedergelaſſen und Lorimer ſagte verdrießlich: „Du ſiehſt, er kommt nicht. Und wer kann es ihm im Grunde verdenken, Bob? Nach der Art und Weiſe, wie du ihm auf den Hals gerückt biſt, glaubt der arme Schlucker wol gar, er ſoll' es hier mit uns allen Dreien zu thun haben.“ „Ich ſage dir, Ned“, verſetzte jener,„der Deutſche ſah mir gar nicht ſo aus, als fürchte er ſich ſelber vor Dreien. Kommt er nicht, ſo iſt's ein bloßer Prahlhans. Den Weg zu ſeiner Thür wiſſen wir nun und Alonzo kann, wenn er ſich der Cavalierſitte entzieht, nichts mehr gegen die Hetzpeitſche einzuwenden haben.“ 21 Die Auswanderer. II. „Ich geſteh's“, erwiderte Lorimer bedenklich und mit geſenkter Stimme,„Alonzo Caſtleton's Motiv gefällt mir auch nicht recht. Ich bedaure den armen Jungen. Er iſt nicht mehr er ſelbſt. Ich möchte die ſchöne Furie nicht haben und beſäße ſie alle Schätze der Welt.“ „Sie ſagt“, verſetzte jener ebenfalls leiſe,„der Menſch hat ſie betrogen. Und Alonzo hat ſeinen Kopf einmal darauf geſetzt, er will ſie haben.“ „Unſere Damen laſſen ſich von dieſen auslän⸗ diſchen Abenteurern nur zu gern betrügen. Ein Gra⸗ fentitel, ein Ordensband, eine glänzende Uniform— und der ehrlichſte Junge, deſſen Herz von Freiheits⸗ gefühl überſchwellt und dem kein König etwas zu verbieten hat, wird unbedenklich geopfert. Die Galle ſteigt mir jedesmal auf, wenn ich nach Neuyork oder Philadelphia komme und in Broadway oder Cheſtnut⸗ ſtreet allen den bärtigen, geſchniegelten Stutzern be⸗ gegne, wie ſie ſo ſichtlich auf Abenteuer ausgehen und mit unſern Schönen liebäugeln und dieſe ihnen in die Falle laufen! Wie Mancher, der von Königen und Herzogen ſpricht, als wär' er unter ihnen groß geworden, hat nie einen Salon geſehen, als etwa wenn er die Limonade darin herum präſentirte, und nie eine Hofdame, als etwa wenn er ihr den Kopf friſirte.“ Im nämlichen Augenblick trat Hubert aus dem Gebüſch hervor. Er ſah nach der Uhr, als er die Drei bereits verſammelt erblickte. Es war einige Mi⸗ nuten über zehn. „Vergeben Sie, meine Herren“ ſagte er, daß ich ſpäter bin, als ich ſein wollte. Mein Weg lag außer meiner Berechnung.“ Lorimer, den ein einziger Blick überzeugt hatte, daß er einen Mann von Stande und edlen Sitten vor ſich hatte, war ſogleich aufgeſtanden und ihm entgegengegangen.„Stelle mich vor, Bob!“ ſagte er zu Dunning. „Mein Herr“, verſetzte dieſer,„ich habe die Ehre, Ihnen Mr. Lorimer vorzuſtellen, derſelbe edelmüthige Herr, deſſen ich geſtern gegen Sie er⸗ wähnte.“ „Mein Herr“, nahm Lorimer das Wort,„mein Freund Caſtleton hatte mir geſagt, daß Sie hier im Lande ganz freundlos ſeien, und unter einem Ge⸗ ſchlecht von Ackerwirthen lebten, die mit dem Geſetze der Ehre unbekannt ſind. Dies machte es unwahr⸗ ſcheinlich, daß Sie hier herum in dem vorhabenden Zweikampf einen Secundanten finden würden, und auf ſeine Aufforderung bin ich mit ihm gekommen, um mich Ihnen zu dieſem Dienſte zu erbieten.“ 21* „Das Gefühl, das Sie zu dieſem Schritte be⸗ ſtimmte, macht Ihnen und Mr. Caſtleton alle Ehre“, erwiderte Hubert.„Ich danke Ihnen, mein Herr. Ich habe indeſſen ſchon geſtern Mr. Caſtleton auf das entſchiedenſte erklärt, daß ich mich unter keiner Bedingung mit ihm ſchlagen würde.“ Alonzo fuhr auf.„Ruhig, Alonzo“, bat Lorimer. „Und warum ſind Sie denn hierher gekommen, mein Herr?“ „Ich bin auf die Auffoderung dieſes Herrn gekommen“, antwortete Hubert, auf Dunning zeigend. „Die Ungezogenheit, mit der er mich, ohne die min⸗ deſte Anreizung von meiner Seite, geſtern in meinem Hauſe mit Schimpfworten und Drohungen überfallen, macht mich geneigt, ihm einen kleinen Denkzettel über das Betragen zu geben, das kaum dem Knabenalter entwachſenen Jünglingen gegen Männer ziemt. Nur die Gegenwart meiner Gattin hinderte mich geſtern, es auf der Stelle zu thun.“ „Ich werde Ihnen nicht davonlaufen, mein Herr“, erwiderte Dunning höhniſch,„im Fall Sie nach einem zweiten Duell lüſtern ſind. Für den Augenblick bin ich, meinem Verſprechen gemäß, meines Vetters Se⸗ cundant.“ „Und doch bin ich nur auf Ihre Einladung und — als Ihr Gegner hier“, entgegnete Hubert mit ver⸗ ächtlichem Ton. Ich erkläre hiermit Ihnen allen Dreien, daß ich den Zweikampf durchaus misbillige, durchaus verdamme und dieſen Schritt nur thue, um mich und mein Haus vor ähnlichen Ueberfällen, wie dem geſtrigen, ſicher zu ſtellen. Und daß Sie ſich überzeugen, meine Herren, daß nicht Furchtſamkeit oder eine perſönliche Ungeſchicklichkeit in der Führung der Waffen, ſondern Grundſatz mich zum Feinde des Duells macht— ſehen Sie jenen Ahornbaum? ſehen Sie den kleinen dürren Zweig, der ſich zwiſchen den beiden belaubten, vom obern Aſte rechts, nach We⸗ ſten ſtreckt?— ſo gewiß mir dieſer kleine Aſt iſt, ſo gewiß iſt mir mein Gegner, wenn ich ihn treffen will.“ Die Blicke der drei Südländer waren mechaniſch ſeiner Weiſung gefolgt. Hubert legte an. Ein Augen⸗ blick und der bezeichnete Zweig lag zerſchmettert am Boden. Dunning erbleichte. Auch Alonzo ſtand einen Augenblick beſtürzt. Lorimer rief:„Das war ein Meiſterſtück!“ „Wollen Sie, mein junger Herr“, fuhr Hubert gelaſſen, ſich gegen Dunning wendend, fort,„mir jetzt erklären, daß Sie ſich geſtern wie ein ungezoge⸗ ner Schulknabe gegen mich betragen haben, und mir die zugedachte Beleidigung abbitten, ſo wollen wir hiermit abbrechen, und ich verlange keine andere 8 gen als dieſe beiden Herren.“ Ehe Dunning, von innerer Wuth halb eit und durch das Bild des ſichern Todes erſchüttert, antworten konnte, nahm Lorimer das Wort: „Vielleicht, mein Herr, würden Sie ſich willig finden, die Erklärung in einigermaßen andern Worten anzunehmen?“ Allein Dunning hatte ſich unterdeſſen ermannt und rief:„Eine unverſchämte Zumuthung! Werden Sie nur erſt mit Caſtleton fertig, mein Herr. Gegen mich werden Sie Ihren Rachedurſt nachher ſchon nach Herzensluſt befriedigen können.“ Alonzo, durch Alles, was um ihn her vorging, mehr und mehr erhitzt und verwirrt, trat nun raſch Hubert näher.„Und mir“, rief er mit unterdrück⸗ tem Ingrimm,„mir wollen Sie nicht Rechenſchaft geben?“ „Ja, Alonzo, ich will Ihnen Rechenſchaft geben, aber mit Worten, nicht mit Waffen. Sie ſind der Retter meines Weibes. Sie ſind Virginiens Freund. Nie werd' ich auf Sie ſchießen! Beim höchſten Gott, ich habe Virginien nie betrogen, ich habe die Un⸗ 327 glückliche nie geliebt!— Und wie, Alonzo, wie könnt' ich auf einen Zweikampf mit Ihnen mich einlaſſen! Ich habe nie Sie beleidigt, Sie mich nie! Aber wäre zwiſchen uns auch ein Abgrund von Haß und Belei⸗ digung— wie könnt' ich jetzt mich mit Ihnen ſchießen, Alonzo! Sie ſind nicht Sie ſelbſt! Ihre Hand zittert! Sehen Sie nicht, Mr. Lorimer, daß Mr. Caſtleton durchaus unfähig zum Zweikampf iſt?— Schnell, Mr. Dunning, greifen Sie zu den Waffen, wenn Sie es nicht anders wollen. Mit Mr. Caſtleton will ich nicht kämpfen.“ Unterdeſſen Lorimer in einiger Beſtürzung und Verwirrung zu den nöthigen Vorbereitungen ſchritt, flüſterte Dunning Alonzo zu:„Und das leideſt du, Vetter? Eine ſolche Verachtung leideſt du? Er hält es nicht der Mühe werth, ſich mit dir zu ſchießen, erklärt dich für unfähig!— Hörſt du, wie er Virginien ſchmäht?— Haſt du keine Ehre im Leibe?“ So teufliſch geſtachelt und angeſpornt, trat Alonzo, noch immer in verbiſſener Wuth, äußerlich gehalten, in regelmäßiger Schußweite Hubert gegenüber. „Schießen Sie!“ rief er.„Ich bin ein Mann von Ehre! Schießen Sie zuerſt. Sie ſind der Ge⸗ forderte!“ — „Alonzo, ich ſchieße nicht auf Sie“, erwiberte Hubert mit feſter Stimme. Und raſch entſchloſſen, feuerte er die zweite Piſtole in die Luft. Da ergriff den unglücklichen Jüngling eine ſinn⸗ loſe Wuth und, das geladene Gewehr in der Hand, lief er auf Hubert zu. Etwa ſechs Schritte vor ihm blieb er ſtehen:„Schieß“, rief er,„oder du biſt ver⸗ loren! Schieß, Bube! Ich ſage, du ſollſt den erſten Schuß haben!“ Hubert, mit bewundernswürdiger Geiſtesgegenwart, ſprang raſch zur Seite.„Unſinniger!“ rief er,„willſt du mich zum Mörder machen?— Bemächtigen Sie ſich des Raſenden, Mr. Lorimer! Bringen Sie ihn zu ſich, wenn Sie ſein Freund ſind!“ Lorimer ſprang zu und Alonzo von hinten bei bei⸗ den Armen greifend, rief er:„Mäßige dich, Alonzo, komm zu dir! So handelt kein Ehrenmann!“ Aber mit übernatürlicher Gewalt riß der Wüthende ſich los. „Verachteſt du mich, Verräther, weil du denkſt, du warſt es doch, der den Preis davongetragen“— rief er in furchtbarer Leidenſchaft—„ſo ſtirb, weil ſie es will!“ Und in raſcher Wendung einen Schritt vortretend drückte er die Piſtole ab. Hubert ſchwankte, brach mit einem Laute zuſammen, der den Dreien unver⸗ 329 ſtändlich blieb, und lag leblos am Boden. Es war das Werk Eines entſetzlichen Augenblicks. Dunning und Lorimer hatten ſich im nämlichen Moment, wo die Piſtole losging, des Unfinnigen be⸗ mächtigt. Es war zu ſpät. Beide und Alonzo ſelbſt ſtanden einen Augenblick wie erſtarrt. „Mörder!“ rief Lorimer, ließ ihn los und ſtürzte auf Hubert zu. Er war der Erſte, der ſich faßte. „Vielleicht iſt er noch zu retten“, ſagte er.„Fürch⸗ terlich, entſetzlich!— Sorge für den Wahnwitzigen, Bob, nur der Wahnſinn kann ſolche Unthat entſchul⸗ digen. Bring' ihn fort, aus Vermont heraus. Ich lann dieſen Unglücklichen nicht verlaſſen, der das Opfer ſeiner Großmuth ward. Fahrt am Wirthshaus vor und ſchickt mir ſchleunig zwei ſtarke Männer mit einer Tragbahre. Mein Gepäck laßt liegen; ich will bei dieſem Gemordeten bleiben!“ Von Dunning gewaltſam fortgeriſſen, eilte Alonzo, nur in halbem Bewußtſein durch das Gehölz dem Wagen zu. Der Burſche auf dem Bock, durch die Schüſſe und Alonzo's Anblick erſchreckt, ſah ſie mit ſtummem Entſetzen an. Aber Dunning, ſich mit jenem in den Wagen werfend, riß ihm ſchnell die Zügel aus der Hand und jagte um die nächſte Ecke herum vor das Wirthshaus. Die Wirthin hatte die fertigen Mantelſäcke der drei Herren ſchon herunter an die Thür bringen laſſen. Sie hatte gehört, daß ſie auch heute Mike Walker's Wagen gemiethet, und Lizzy hatte überdies ſie heute früh von der Abreiſe reden hören. So wünſchte ſie ihnen denn ein Zeichen zu geben, daß ſie ſie kei⸗ neswegs zu halten wünſchte. Sie ſtand ſelbſt vor der Thür, theils bei ihrer Zurückkunft von dem Spaziergang, auf dem ſie ſie wähnte, die Zeh⸗ rung zu empfangen, theils Klotildens Auftrag aus⸗ zurichten. Der Wind hatte den Schall der Schüſſe nach der entgegengeſetzten Seite getragen; doch war ihre Wie⸗ derholung einigen Nachbarn aufgefallen, und dieſer und jener, der gerade nichts zu thun hatte, war zu ihr getreten und hatte ſoeben ſeine Verwunderung, was das bedeuten möchte, ausgeſprochen, als der Wagen herangejagt kam. „Schnell unſere Rechnung!“ rief Dunning.„Das Gepäck auf! Herrn Lorimer's Gepäck laßt liegen! Er will noch bleiben! Was ſind wir ſchuldig?“ „Einen Dollar das Stück“, erwiderte Mrs. Curtie trocken, aber indem ihr Blick auf Caſtleton's leichen⸗ haftes Antlitz fiel, fragte ſie:„Was fehlt Ihnen, Herr, ſind Sie krank?“ 331 „Mr. Caſtleton iſt nicht wohl“, antwortete Dun⸗ ning, ihr die Banknote zuwerfend,„wir wollen gleich nach Redfield zum Doctor. Fort! Aber hören Sie, Mrs. Curtis———“ „Wenn das Mr. Caſtleton iſt“, unterbrach ihn die Wirthin, denn ſchon zogen die Pferde an, hier iſt ein Brief für ihn von Mrs. Hubert und ein Päckchen.“ Alonzo fuhr zurück, wie von einer Natter geſto⸗ chen.„Fort!“ rief er mit hohler Stimme. Dunning riß der Frau Brief und Päckchen aus der Hand. „Was iſt dem Herrn?“ fragte ſie mit argwöhni⸗ ſchem Blick. „Nichts, er iſt krank. Und nun ſchicken ſie ſo⸗ gleich zwei Männer mit einer Tragbahre und Betten in das Gehölz hinter Ihrem Garten. Es liegt ein verwundeter Mann dort, der Hilfe braucht.“ Der Wagen war bereits in Bewegung, als Dun⸗ ning ihr dieſe Worte mit lauter Stimme zurief. Ein Peitſchenhieb und er jagte davon. „Was iſt vorgefallen?“ riefen die Umſtehenden, die alle Dunning's Worte gehört.„Gebt Acht, es ſind ein paar Mörder, ſie haben den Dritten erſchoſſen; das bedeuteten die Schüſſe, die wir hörten!“ Aber die thätige Wirthin war raſch zur Hilfe 332 bereit. Durch die Hinterthür des Gartens war leicht in das Gehölz zu gelangen. Sie blieb an der Thür ſtehen, bis die Männer, die ſie ausgeſandt, mit der Trage zurücktamen. Sie erwartete des jungen Man⸗ nes Züge zu ſehen, der vorige Nacht ihr Gaſt ge⸗ weſen, und eine Thräne ſtand in ihrem Auge, als ſie an den ſchnellen Wechſel des Irdiſchen dachte und an den blutigen Tod des vor wenigen Stunden im vollſten Leben blühenden Jünglings. Als ſie aber in dem bleichen, blutigen Mann, der in krampfhaf⸗ ter Verzerrung auf der Bahre lag, den ach! noch vor wenigen Stunden ſo glücklichen Gatten ihrer jungen Freundin erkannte, da brach ſie in lauten herzlichen Jammer aus und konnte die Gedanken nicht von der Unglücklichen losreißen. Lorimer, von Schmerz und Schamgefühl über den verrätheriſchen Freund innerlich durchdrungen, ging an ſeiner Seite. Er hatte ſeine Wunde auf das ſorgſamſte verbunden. Aber er ſah bald, daß hier keine Rettung war. Dennoch blieb er bei ihm, bis der herbeigerufene Arzt aus Redfield ankam. „Ich kann die unglückliche Frau nicht ſehen!“ ſagte er.„Es iſt eine entſetzliche Geſchichte! Gut, daß ich bald fortkomme und dieſe Scene in kurzem ganz hinter mir habe!“ Damit miethete er ſich einen Wagen, denn die Landkutſche von Woodhill nach Redfield ging nur zweimal in der Woche, um damit nach Montpellier zu gelangen, von wo er mit der Poſtkutſche nach Boſton eilte, um im nächſten Dampſſchiff ſich nach Europa einzuſchiffen. Zwölttes Capitel. Schluß. Oben auf Woodhill im Vorhof ihrer Wohnung, im Schatten einer mächtigen Eiche, ſaß Klotilde. Ihre häuslichen Arbeiten waren alle vollendet. Das Eſſen ſtand am Feuer, das Tiſchchen auf der Veranda ge⸗ deckt. Sie trug ſich ein Körbchen mit weißem Näh⸗ zeug nach dem Lieblingsplätzchen unter die Eiche hin⸗ aus, um bei emſiger Beſchäftigung und ſtillem Sinnen des geliebten Mannes Zurückkunft abzuwar⸗ ten, deſſen Bild mehr als je ihre Seele erfüllte. Es lag eine heilige Ruhe um ſie her. Leiſe koſ'ten die Lüftchen durch die Zweige, lieblich zwitſcherte und ſummte es über ihr, neben ihr. Das anmuthige Concert der ländlichen Natur lullte ihre Seele in die ſüßeſten Träumereien ein. Sie fühlte ſich ſo beru⸗ higt, ſo heiter. Hatte ihr doch der Burſche aus dem Kaufladen, als er ihr vor einer Stunde die geſtern — beſtellten Waaren herauf gebracht hatte, erzählt, daß er auf dem Wege nach dem Hügel beinah überfahren worden ſei; daß Mike Walker's Chaiſe an ihm vorbei⸗ gejagt ſei, in der die fremden Herren geſeſſen hätten, die geſtern früh in der Stage von Redfield gekommen wären. Der Eine habe die Zügel ſelber geführt und ganz wüthend auf die Pferde losgepeitſcht, ſodaß er kaum aus dem Wege hätte laufen können. Sie ſind alſo fort! dachte Klotilde. Gott ſei ge⸗ lobt, die Gefahr iſt vorüber! Armer Alonzo! Wie be⸗ klage ich dich um der Entdeckung willen, die ich dir nicht erſparen konnte! Und doch— wie viel inniger beklag' ich dich noch, daß deine unglückliche, verblen⸗ dende Leidenſchaft dich zum Werkzeug der unſinnigen Rachſucht Virginiens macht! Verſtand ich wirklich recht? Sie hat das Verderben des einſt geliebten Mannes zur Bedingung der endlichen Erhörung ſei⸗ ner Liebe gemacht! Unglückliches, furchtbares Geſchöpf! Welch' neues ſchauderhaftes Beiſpiel von der Gewalt der Leidenſchaften, wenn keine wohlthätige Disciplin des Gemüthes ſie zügelt! Arme Virginia, ich bedaure dich! Aber deine Un⸗ gerechtigkeit ſoll mir mein ſtilles Glück nicht länger trüben! Weg, weg ihr Gedanken, an ihre unedle Liebe!— Sie fuhr ſich mit der zarten Hand über 336 die Stirn, gleichſam als wollte ſie damit Alles weg⸗ wiſchen, was ſie im Genuß ihrer lieblichen Hoffnun⸗ gen ſtörte. Lächelnd nahm ſie ein Stück des zuge⸗ ſchnittenen Weißzeuges nach dem andern aus dem Körbchen, breitete mit anmuthigem Wohlgefallen auf ihrem Schooſe die kleinen Hemdchen und Jüpchen aus, faltete Alles zierlich wieder zuſammen und über⸗ ließ ſich, fleißig nähend, dem Laufe ihrer ſüßwehmü⸗ thigen Gedanken. Armes, geliebtes Kleines! dachte ſie; du ſollſt nicht in dem theuren deutſchen Vaterlande das Licht der Welt erblicken! Du wirſt kein Deutſcher ſein, biſt du ein Knabe! Biſt du ein Mädchen, keine Deutſche ſein! Dein Herz wird dir nicht freudiger ſchlagen, wenn du an den herrlichen Rheinſtrom denkſt, oder an die Paläſte der Natur, die Alpen Salzburgs und Tyrols! Nicht ſtolzer, wenn du von den deutſchen Landsleuten hörſt, in welchen die Menſchheit ſich in ihrer höchſten geiſtigen Blüte entfaltete, an Luther, Leibnitz, Goethe, Beethoven, Humboldt! Deine Bruſt wird dir nicht zu ſpringen drohen vor Zorn und Liebe, wenn du dir einſt das zerriſſene, zerſtückte, blutende Deutſchland vergegenwärtigſt, über deſſen Loos ſeine Fürſten mit Fremden berathen, über deſſen Geſtal⸗ tung Fremde verfügen! O der Schmach! Aber du wirſt ein freies, ſtolzes, einiges Vater⸗ land haben, du geliebtes Weſen unter meinem Her⸗ zen! Ein Vaterland, das deinem verbannten Vater ein Aſyl gewährt, das deine Mutter ſich freiwillig, das ſie ſich aus Liebe erwählt! Und welche Pflichten warten ihrer nun, dich zum Bürger oder zur Bür⸗ gerin eines Freiſtaats zu erziehen! Nur in einem de⸗ mokratiſchen Freiſtaat kann ſich die reine Natur des Menſchen vollſtändig entwickeln. Wie vielfältig wer⸗ den meine angeerbten und anerzogenen Vorurtheile mich noch in deiner Erziehung ſtören! Wie werd' ich erſt mich noch ſelbſt zu erziehen haben, ehe ich mich zu deiner Erziehung ganz befähigt fühlen kann! Aber wo bleibt doch Hubert?— Welche Freuden warten deiner, geliebter Mann! Und wie ſich das Band unſerer Herzen immer feſter und feſter ziehen wird! Wie unſere Seelen in dem gemeinſamen Be⸗ ſtreben ſich immer harmoniſcher ſtimmen werden!— Ich könnte den einen Gegenſatz, der ſich zwiſchen uns findet, fürchten— ſie dachte an ihre verſchiedene Anſchauung des Verhältniſſes des Menſchen zu Gott — wenn du nicht Hubert wäreſt, wenn ich nicht Alles, was edel, großmüthig, freiſinnig wäre, in dir liebte. Verſchiedenheit der religiöſen Ueberzeugungen, ſo hab' ich meinen theuern Vater ſagen hören, kommt Die Auswanderer. H. 22 — —— 338 bei kinderloſen Ehen nur in geringen Betracht; aber wird die Erziehung geliebter Kinder eine der Auf⸗ gaben ihres Lebens und beide Theile ſind gewiſſen⸗ haft, ſo iſt das reine eheliche Glück in großer Gefahr, daran zu ſcheitern. Wie wahr und richtig bemerkt! fügte ſie nach⸗ denklich hinzu. Aber— ich erinnere mich noch deut⸗ lich der Gelegenheit. Mein Vater ſprach von dem Unterſchied des Katholicismus und Proteſtantismus. Es war von den gemiſchten Ehen die Rede. Der Unterſchied zwiſchen Hubert's und meiner Anſicht dreht ſich nicht um Doctrinen. Im Herzen des theuern Mannes lebt doch der Glaube, er mag ihn mit noch ſo viel Sophismen umkleiden, ſodaß man das Him⸗ melskind zu Zeiten nicht erkennt. Die Liebe iſt in ihm, die, wie der Apoſtel ſagt, noch höher iſt, als Glaube und Hoffnung. So zog die Liebende mit leiſer Hand einen Schleier über die kleinen Schatten, die ſie bei ſoviel Licht nicht ſehen wollte. Wo mag Hubert bleiben? fragte ſie noch einmal. Sie hatte ſo ſchon wiederholt gefragt. Sie fing an etwas unruhig zu werden. Sie ging nach der Küche, rückte das Eſſen vom Feuer, ſah aus der Hin⸗ terthür nach dem Walde und ging dann wieder an ihre Arbeit. Dies wiederholte ſich; ſie war unruhig, ohne ängſtlich zu ſein. Hatte doch Hubert ſie oft ſchon ſtundenlang warten laſſen! Eben hatte ſie ſich wieder niedergeſetzt, als ein Wäglein den Berg herauf und gleich darauf in den Hof gefahren kam. Sie erkannte Mrs. Curtis. Ein ſchwarzgekleideter Herr begleitete ſie. Es war Doctor Hopkins, der Prediger des Orts. Der Beſuch war etwas ſehr Ungewöhnliches. Klotilde, ohne Arges zu ahnen, ging ihnen freundlich entgegen. Selbſt die feierlich⸗ernſte Miene des Geiſt⸗ lichen fiel ihr nicht beſonders auf. Sie war habituell bei ihm. Auch Mrs. Curtis hatte, wie häufig neu⸗ engliſche Frauen, die zur Kirche gehören, ſelbſt wenn ſie heitern und milden Geiſtes ſind, in der Re⸗ gel eine ernſte, zurückhaltende Miene. Heute war eine ſchwermüthige Weichheit in ihrem Geſicht, die Klotilde fragen machte: „Was iſt Ihnen, liebe Mrs. Curtis? Iſt Ihnen etwas Betrübendes widerfahren?“ Sie ſchwieg. Der Geiſtliche aber hob mit feier⸗ licher Stimme an:„Keiner iſt unter uns, der ſich nicht bereit halten muß, aus des Herrn Hand Trübſal zu empfangen.“ Klotilde ſah ihn beſtürzt und fragend an. Der 22* Prediger wandte ſich dem Hauſe zu. Frau Curtis nahm Klotilden bei der Hand und wollte ſie hinein⸗ führen. Sie hatte Thränen in den Augen. „Was iſt geſchehen?“ rief Klotilde entſetzt, in der Thüre ſtehen bleibend. „Sie ſind eine Chriſtin“, ſagte der ehrwürdige Mann, ihre andere Hand ergreifend.„Der Herr, der gibt, kann auch nehmen!“ Jetzt drang ein dumpfer Lärm den Hügel herauf. Einige Leute traten in den Hof.„Kommen Sie, liebe Mrs. Hubert“, ſagten die Freunde wieder und wollten ſie von neuem in das Haus ziehen. Allein Klotilde, von grauenvollen Ahnungen durchzuckt, riß ſich gewaltſam los. Der Hof füllte ſich mit Men⸗ ſchen. Vier Männer trugen eine Bahre herein. Bet⸗ ten waren darauf ausgebreitet, ein Verwundeter lag darauf. Mit einem Schrei des Entſetzens ſtürzte die Unglückliche darauf zu und, als die Männer die Trage niederſetzten und ſie geiſterbleich einen Blick darauf ge⸗ worfen, ſtürzte ſie ohnmächtig zuſammen. Hubert war unter des Arztes Händen wieder zu einem ſchwachen Bewußtſein gekommen und hatte mit leiſer, dringender Stimme„zu ſeinem Weibe“ ver⸗ langt. Während des Herauftragens war er von neuem in eine todtenähnliche Ohnmacht geſunken. —— Stunden vergingen und unter Klotildens glühen⸗ den Thränen, in ihren Armen erwachte er noch einmal zum Leben. Er lächelte ſie ſchmerzlich an.„Die Saat iſt aufgeſchoſſen“ ſagte er leiſe.„O, vergib mir, Klo⸗ tilde! Nicht von Brudershand dacht' ich zu fallen. Unglücklicher Vater! Dein Gott iſt ſtreng, meine Klo⸗ tilde, aber er iſt gnädig; er nimmt des Sohnes Leben als Buße für des Vaters Sünde an!“ Er ſprach abgeriſſen, von Todesröcheln unterbro⸗ chen. Oft ſtöhnte er tief:„O, Klotilde, ſoll ich dich hier allein laſſen?— O, verzeihe mir, Geliebte!— Kehre nach Deutſchland zurück!— Und ſoll ich dich und mein Kind verlaſſen?— Soll ich euch allein und hilflos in der Fremde laſſen?“ Seine Stimme brach. Aber Klotilde, ein Troſtes⸗ engel, wie von einer himmliſchen Ahnung erfaßt, flüſterte ihm, über ihn gebeugt, die Worte zu:„Stirb ruhig, Geliebteſter, wir folgen dir bald nach! Ich habe dich zweimal verloren, ich weiß, ich könnt' es nicht zum dritten Mal!“ Er verſchied und ſie drückte mit leiſer, feſter Hand ihm die brechenden Augen zu. Zwei Herzen brachen, als er zum letzten Male athmete. Geiſterbleich, eiſig⸗ kalt, ruhiggefaßt, verklärten Blickes ſaß ſie bei der 342 Leiche des Gatten. Möge ein Schleier fallen über die herzzerreißenden Scenen der nächſten Stunden, der nächſten Tage! Haus und Hof waren längſt wieder leer gewor⸗ den. Auf der Wieſe hinter dem Hauſe lag er be⸗ graben, ſo hatte Klotilde, noch ehe ihre letzte Kraft brach und ſie bewußtlos zuſammenſank, es angeordnet. An der Stätte ihrer Liebe und ihres Glückes ſollte er ruhen. Eine gemiethete Wärterin ſaß an ihrem Bett. Aber ſie war nicht verlaſſen und freundlos. Mrs. Curtis und andere gute Frauen aus dem Dorfe gin⸗ gen ab und zu, löſten einander im Nachtwachen und in der Krankenpflege ab. Sie hätten es Jedem gethan, denn in den primitiven Verhältniſſen des vereinzelten neuengliſchen Landlebens haben ſich die Tugenden der Nächſtenliebe und einer gewiſſen patriarchaliſchen Familienſorge im hohen Grade erhalten. Wie viel mehr der Liebe und Sorgfalt noch ward Klotilden gewidmet, der frommen, engelgleichen, unglücklichen Frau, die ſich während der wenigen Monate ihrer Nachbarſchaft alle Herzen gewonnen! Eine ſtille und innige Trauer ging durch das Dorf, und die guten Frauen wetteiferten, der armen Verlaſſenen zu dienen und ihr in ihren Nöthen beizuſtehen. Im Nebenzimmer ſaß ein fremder Mann von S—— mittleren Jahren in Trauerkleidung, den Kopf mit allen Zeichen eines tiefen Grames auf die Hand ge⸗ ſtützt. Seine vornehme Haltung und ſein ungeläu⸗ figes Engliſch machten die einfachen Frauen ſcheu gegen ihn, aber der tiefe Schmerz, der aus ſeinem ganzen Weſen ſprach, rührte ſie. Er war an dem Tage angekommen, an dem Hubert in das Grab ge⸗ ſenkt ward. Da war es ergreifend zu ſehen, wie er mit aſchfarbenen Wangen an das offne Grab trat und mit einem Blick des tiefſten Schmerzes eine Handvoll Erde auf den eingeſenkten Sarg warf, und ſich wegwandte und, faſt übermannt, das Geſicht ver⸗ barg. Klotilde hatte ſeitdem ohne Bewußtſein ge⸗ legen. Er hatte oft an ihrem Bette geſtanden, ſie hatte oft den ſtarren, todten Blick auf den theuern Freund gerichtet, aber ohne ihn zu erkennen. Mit blutendem Herzen wandt' er ſich dann ab— dieſen Blick von Klotilden, die ganz Leben, ganz Seele war, ertrug er nicht— zog ſich in das Nebenzimmer zu⸗ rück und wartete mit gramvoller Ungeduld, daß ſie zu ſich komme. Jetzt kam der Arzt heraus.„Iſt ſie erwacht?“ fragte Saſſen, denn er war es.. „Sie iſt erwacht“, erwiderte jener bedenklich. „Aber ſie iſt ſehr ſchwach.“ „Ich muß ſie ſehen“, ſagte Saſſen entſchieden. „Es wird ſie ſtärken, zu wiſſen, daß ich in ihrer Nähe bin. Sagen Sie ihr, der Freund ihrer Ju⸗ gend, der Freund ihres Vaters, ihr einſtiger Vormund ſei angekommen und wolle und müſſe ſie ſehen.“ Der Arzt, nicht ohne Hoffnung, daß die Gegen⸗ wart des Freundes eine günſtige Wirkung auf die Kranke ausüben werde, ging hinein, ſie vorzubereiten. Der Landrath hatte in England, wohin er aus Singapore auf einem engliſchen Kriegsſchiff zurück⸗ kehrte, die Briefe ſeines Agenten gefunden, die ihm von Klotildens Schiffbruch, und die ſpätern aus Charlestown, die ihm von ihrem perſönlichen Ent⸗ kommen und ihrem Leben in der Familie Caſtleton Nachricht gaben. Die neuern aber, die von ihrem Wiederfinden des geliebten Bräutigams Kunde gaben, waren nach Marſeille geſendet worden, wo der Land⸗ rath, der noch den Orient zu bereiſen beabſichtigte, bei ſeiner endlichen Rücktehr nach Europa anfänglich zu landen dachte. Sie waren demnach noch nicht in ſeine Hände gekommen. Beim Empfang jener erſchütternden Nachricht ent⸗ ſchloß er ſich raſch, die geliebte Freundin in Char⸗ lestown aufzuſuchen, ihr Stab und Stütze zu ſein. Er unternahm die Reiſe ohne Anſprüche; ob aber ſich in ſeinen freundſchaftlichen Edelmuth nicht eine kühne Hoffnung miſchte, wollen wir unnnterſucht laſſen. Eben hatte die atlantiſche Dampfſchifffahrt begon⸗ nen. Zwei kurze Wochen brachten ihn in einen an⸗ dern Welttheil. In Neuyork erfuhr er von Hubert's Geſchäftsfreunden die veränderte Lage der Sachen. Sein Herz war ſtark. Er war edel genug, ſich des Glückes der Geliebten zu freuen. Er war edel genug, Zeuge dieſes Glückes ſein zu wollen, nun da er ein⸗ mal, die junge Freundin wiederzuſehen, die große Reiſe unternommen hatte. Er forſchte genau nach des lie⸗ benden Paares Wohnort, konnte aber nur Allgemeines darüber hören und reiſte nach Vermont ab, ſie auf⸗ zuſuchen. In einem Dorfe, einige Stationen hinter Concord, begegneten einander die beiden Landkutſchen, die von und nach jenem Orte führten. Der Tiſch ſtand für beide Theile der Reiſenden gedeckt. Saſſen kam neben einen angenehm ausſehenden jungen Mann zu ſitzen, aus deſſen Reden er ſchließen mußte, daß er geſtern Montpellier verlaſſen. „Erlauben Sie mir die Frage“, redete Saſſen ihn an,„ſind Sie in der Gegend im Weſten von Mont⸗ pellier bekannt?“ 346 „Nicht ſonderlich; ich habe mich kurze Zeit in der Nachbarſchaft aufgehalten.“ „Vielleicht können Sie mir ſagen, wann ich den Weg nach Montpellier verlaſſen muß, um nach Red⸗ field zu kommen?“ „Vielmehr müſſen Sie die Kutſche nach Middle⸗ bury nehmen“, erwiderte der junge Mann und gab ihm den Punkt an.„Sie ſind ein Fremder“, ſagte er höflich,„ſchwerlich iſt dieſes kleine Neſt Ihr Ziel, vielleicht kann ich Ihnen ferner dienen.“ „Sehr verbunden. Ich will nach Woodhill, einem Dorfe in der Nachbarſchaft von Redfield.“ Der junge Mann verfärbte ſich.„Sie ſind von Deutſchland?“ fragte er.„Wollen Sie Freunde dort beſuchen, Sir?“ „Sollten Sie vielleicht meine Freunde kennen, Sir?“ „Mr. Hubert, Ihr Freund!“ rief jener bewegt. „Was iſt mit ihm, Sir?“ fragte der Landrath beſtürzt.„Ich bin der genaueſte Freund von Mrs. Hu⸗ bert's Familie.“ Lorimer ſtand raſch auf.„Kommen Sie mein Herr!“ ſagte er, und Saſſen folgte ihm ſchweigend in ein anderes Zimmer. Denn die Aufmerkſamkeit der übrigen Reiſenden war auf ſie gerichtet. 347 „Sie ſind“, ſagte Lorimer entſchloſſen,„für ſich zur üblen Stunde gekommen, Sir, aber für die un⸗ glückliche junge Frau zur heilſamſten. Ihre Ver⸗ laſſenheit hat mich endlos gequält. Laſſen Sie mich in kurzen Worten ſagen, welch' Trauerſpiel ſpeben in Woodhill aufgeführt worden. Denn die Zeit drängt; ſchon ſeh' ich die Pferde vorführen. Ihr Landsmann Hubert hat mit oder ohne Schuld die Leidenſchaft eines ſchönen Mädchens aus einer unſerer erſten Fa⸗ milien in Südcarolina erweckt. Wir Südearoliner ſind Hitzköpfe. Ihr Vetter, ein alter Liebhaber und von wahnſinniger Leidenſchaft verblendet, hat ſie ge⸗ rächt. Er hat Hubert geſtern früh im Duell erſchoſſen. Er hat ihn ermordet, denn er handelte als ein Wahn⸗ witziger. Hubert war ein edler, großmüthiger Menſch. Das Herz blutet mir, wenn ich daran denke, wie er von einem meiner Landsleute, von einem meiner Freunde behandelt worden! Zehn Jahre von meinem Leben gäb' ich darum“, ſetzte er, ſich vor die Stirn ſchlagend, hinzu,„könnt' ich die gräßliche Geſchichte ungeſchehen machen. Aber ich will es beſchwören, mein Freund handelte im Wahnwitz, er war unzu⸗ rechnungsfähig. Gehen Sie, Sir, tröſten Sie die arme, junge Witwe! Das glücklichſte Paar, das je auf Erden lebte, ſagen die Leute. Und das arme 348 Geſchöpf ſoll drauf und dran ſein, Mutter zu werden. Ich muß fort. Leben Sie wohl!“ Der Landrath hatte durch und durch erſchüttert zugehört.„Noch einen Augenblick, Sir“, ſagte er äußerlich gefaßt.„Was iſt aus dem Mörder ge⸗ worden?“ „Weiß Gott! Der Unſelige, er wird die Früchte ſeiner Unthat nicht genießen können! Kommt er zu ſich, ſo muß er ſchwer bereuen, daß er Hubert nicht im Duell tödtete, daß er in ſinnloſer Wuth ihn mor⸗ dete! Aber ich muß fort.“ „Gibt es Geſetze in Ihrem Lande“, verſetzte der Landrath finſter,„ſo ſoll der Mörder der Strafe nicht entgehen. Wohin iſt er geflohen, Sir?“ Lorimer riß ſich von ihm los, denn jener, heftig bewegt, hatte ihn am Arm gefaßt.„Der Unglück⸗ liche iſt mein Freund“, ſagte er.„Ich ſage Ihnen, er war nicht zurechnungsfähig. Ich, Sir, ich kam, um Hubert's Secundant zu ſein, den ich freundlos wußte; aber ich bedaure den Mörder noch mehr als den Gemordeten. Gehen Sie, Sir, ſuchen Sie die Witwe zu tröſten! Ihr guter Stern führt Sie her!“ Dies ſagte er im Forteilen. Der Wagen ſtand angeſpannt und man wartete nur auf ihn. —— — Beſtürzt, rathlos, mit tiefem Schmerz erfüllt, blieb Saſſen zurück. Jetzt trat er zu der unglücklichen Freundin ein. Sie lag bleich, wie aller Lebenskraft beraubt, auf ihrem Lager. Kaum daß die ſchneeweißen Tücher und Kiſſen, die ſie einhüllten, weißer waren, als das liebe, blutloſe Geſicht, die zarten, in wenig Tagen gänzlich abgefallenen Hände. Sie war, aller Lebens⸗ fähigkeit ſelbſt bar und außer Stande, Leben zu ge⸗ ben, von einem todten Kindlein entbunden.„Legt das theure Pfand zu ſeinem Vater“, lispelte ſie,„ich komme bald nach!“ Wiederholt hatte ſie gebeten, das Grab nicht zu ſchließen. Sie ging mit ſtillem, gläu⸗ bigen Hoffen einer ſichern Auflöſung entgegen. Als der bewährte Freund eintrat, mühſam gefaßt, vor innerer Bewegung bebend, richtete ſie ihm einen matt lächelnden Blick entgegen.„Gott iſt gnädig“, ſagte ſie,„nicht allein ſoll ich ſterben! Er ſendet mir den Freund, mir die müden Augen zuzudrücken!“ So ſollte er ſie wieder ſehen, ſo zerknickt und verwelkt die Blüte ſeines Lebens! Er ertrug es kaum. Der ſtarke Mann brach faſt zuſammen unter dem un⸗ geheuern Schmerz. Aber mit gewohnter Herrſchaft über ſich ſelbſt, legte er die Hand auf die heldenmü⸗ thige Bruſt und drückte das ſchwellende, berſtende 350 Herz gewaltſam zurück. Die Sterbende ſah nur den ſtarken, milden Freund in ihm, ihn, der einſt ihr die Stütze des Lebens hatte ſein wollen, jetzt, von Gott geſandt, ihr eine Stütze im Tode zu ſein. Während zwei jammervoller Tage hinſterbenden Bewußtſeins wurden mühſelig einige helle Augenblicke benutzt, in denen der Landrath Klotildens letzte An⸗ ordnungen empfing und durch einen gerichtlichen Act von ihr zum unumſchränkten Adminiſtrator ihrer Hin⸗ terlaſſenſchaft ernannt ward. Er mußte ihr verſprechen, Alonzo nicht zur Strafe zu ziehen.„Der Unglückliche!“ ſagte ſie;„die Strafe ſitzt ihm im Herzen!“ Eli hatte ihr geſtanden, daß er den Brief zu ſpät abge⸗ geben. Doch wähnte ſie, der Geliebte ſei in dem aufgezwungenen Zweikampf gefallen. Dann riß ſie ihre Gedanken gänzlich von allem Irdiſchen los. An der Bruſt des Freundes hauchte ſie die todmüde, liebereiche Seele aus. Todt hielt er nun die Geliebte in ſeinen Armen, deren Beſit ſeit vielen Jahren die Sehnſucht ſeines Lebens geweſen war. Ein paar glühende Thränen tropften herab aus dem männlichen Auge auf die marmorglatte, marmor⸗ kalte Stirn der Entſchlafenen. An des Gatten, des Kindes Seite, wie ſie es gewollt, begrub er ſie; ſetzte den Wiedervereinigten ein einfaches ſteinernes Denkmal, pflanzte Cypreſſen herum und widmete die Stätte des Glückes der Lieben⸗ den ganz ihrem Andenken. Eine arme, redliche Familie ward in das Haus geſetzt, um die treue Beſorgung der Grabſtätte für die freie Nutznießung des Gartens und Hauſes zu übernehmen. Mit geſchäftlicher Vor⸗ ſicht legte er die Ueberwachung ihrer Pflichten in die Hände eines Ausſchuſſes, zu dem er den Prediger und einige andere wackere Männer des Ortes er⸗ . nannte. Er reiſte ab und zu, bis Alles vollendet und der ſtrenge Winter ſchon angebrochen war. Dann riß er ſich mit wundem Herzen los von der letzten Wohn⸗ ſtätte der ſo innig Geliebten. Die Natur ſelbſt hatte 4 eben, wie mitfühlend, ihr ſchneeweißes Leichenkleid über den einſamen Hügel gebreitet, und kein liebender Blick ſollte je ſich wieder darauf richten, nachdem der Freund, aus dem Wagen oft ſich zurücklehnend, den 3 ſeinen davon losgewunden! Vielleicht, daß von den vielen, heimatloſen deut⸗ ſchen Brüdern und Schweſtern, die der Drang der Zeiten über das Meer treibt, einer oder der andere einmal den Wanderſtab nach Vermont ſetzt, den Hügel erklimmt und auf dem marmornen Grabmal die deutſche neben der engliſchen Inſchrift lieſt: „Hier ruhet, während ihre Seelen in Gott ver⸗ einigt ſind, die irdiſche Hülle zweier liebenden Gatten, Franz und Klotilde Hubert's, und ihres Kindleins. An der Stätte, welche die Sonne ihres kurzen Glückes beſchien, ſchlafen ſie nun in ewigem Frieden.“ Dann, wenn die ſtillen Lüftchen durch die Cy⸗ preſſen flüſtern und der ferne Waſſerfall ſein endloſes elegiſches Lied murmelt, ergreift ein fühlendes Herz wol eine innige Wehmuth und es wird ſich der Ver⸗ gänglichkeit aller irdiſchen Dinge bewußt, und denkt mit einem tiefen Seufzer an das ferne, ferne Hei⸗ matsland und an die verlaſſenen Wohnſtätten aller der Lieben, die auf dem Friedhof ruhen. Und es fragt: wer mochten dieſe Liebenden ſein? und möchte gern mehr von ihnen wiſſen. Der Landrath benutzte den Winter zu einer Reiſe durch die Sklavenſtaaten. Obwol er den Zuſammen⸗ hang der Dinge nicht genau kannte, reiſte er dennoch durch Charlestziyn, ohne die Familie Caſtleton aufzuſu⸗ chen, denn er wolte nicht an den Verband, rühren, den er mit feſter Hand um ſeine Wunde gezogen. Im Frühling beſuchte er Neuyork und Boſton und verließ das Land, nach Europa zurückzukehren, zwar von einigen Vorurtheilen geheilt, aber doch im Gan⸗ zen pon einſeitigen Eindrücken befangen, und in ſeinen vorgefaßten Meinungen befeſtigt. Denn er hatte nicht mit den Augen eines Weltbürgers, er hatte blos mit denen eines Ariſtokraten geſehen. Ihm fehlte ein für alle Mal das Herz für ein Land, das ſtatt einer Vorzeit eine Zukunft hatte. Als aber nach einigen Jahren der Brand, der ſchon lange geglimmt, in Frankreich ausbrach, als ſeine hellen Flammen über Deutſchland hinwegfuhren und die längſt untergrabenen mittelal⸗ terlichen Inſtitutionen, mit denen ſeine Seele ver⸗ wachſen war, vollends hinwegzuſengen drohten, da dachte er, in grenzenloſer Bitterkeit mit der Zeit zer⸗ fallen, ernſthaft daran, Klotildens ſtille Wohnſtätte aufzuſuchen und da, wo in Liebe ihr Herz brach, in Gram und Verdruß ſein edles Leben zu vergrollen. Edward Lorimer wollte ſich ſoeben nach Europa einſchiffen, als Dunning, äußerſt verſtimmt und ſich und alle Welt verwünſchend, nach Boſton zurückkam. Er war entrüſtet gegen Caſtleton, den wetterwendi⸗ ſchen Melancholicus, wie er ihn nannte, den undank⸗ baren Hypochondriſten, der ſich von Weiberthränen weich machen laſſe, wie Brei, und nun, nachdem er Alles daran geſetzt und das halbe Land durchjagt habe, ſeinen Kopf durchzuſetzen, ſeine ſchöne Couſine ſitzen laſſen wolle. Denn er denke auf und davon zu gehen und mit dem nächſten Dampſfſchiff nach Europa zu Die Auswanderer. U. 23 —————— reiſen. Es ſei nicht auszuhalten mit ſo einem Tu⸗ gendhelden! Er ſehe aus wie ein Geſpenſt, faſele von Brudermord und Kainszeichen, weil er einen Vagabonden, einen Menſchenſtehler, dem er eine Züch⸗ tigung zugedacht, unverſehens niedergeſchoſſen; nenne ihn ſelbſt, der ihm wie ein Bruder geholfen, einen Teufel, eine Schlange. Kurz, es ſei nicht mehr mit ihm zu verkehren! Er ſei auf und davon gereiſt und habe ihn in Neuyork ſich ſelber überlaſſen. Alonzo's Erwachen aus dem entſetzlichen Sinnen⸗ und Geiſtesrauſche, in dem er ſich einige Zeit lang befunden, war furchtbar geweſen. Die Unthat war geſchehen, er wußte nicht wie. Seine Seele zog ſich vor ſich ſelber erſchreckend in krampfhafter Starrſucht zuſammen. Er hielt lange Klotildens Päckchen und Brief feſtgeklammert in der Hand. Er hatte nicht den Muth, das Siegel zu öffnen. Mit ſtillem Grauen ſteckte er beides endlich zu ſich. Auf dem Dampfſchiff, das ihn von Albany nach Neuyork hinuntertrug, ſaß er ſtumm und in ſich gekehrt, mit ſtierem Blick in den Hudſon hinabſchauend. Die Begrüßung von Bekannten vermied er. Dunning gab ihn für krank aus und man glaubte ihm gern. Erſt im Hotel zu Neuyork öffnete er Klotildens Brief. Vielleicht, dachte er, und das Herz ſchlug .——— 2 355 ihm ſtürmiſcher, hat die Unglückliche eine letzte Bitte an mich. Und koſtete es mein Leben, ich will ſie gewähren. Er ſchloß ſich in ſein Zimmer ein, den Brief zu leſen. Stunden vergingen, der Tag ging vorüber, und er öffnete nicht; die Nacht kam heran, die Die⸗ ner, Dunning, der Wirth klopften vergebens.„Ich will allein ſein!“ rief eine dumpfe Stimme heraus. „Ich brauche nichts; geht!“ Endlich, am folgenden Morgen, öffnete ſich die Thür. Aber ein anderer Mann trat heraus. Ver⸗ zweiflung ſaß auf dem leichenblaſſen Geſicht. Die dunkeln Augen glühten geſpenſterhaft aus tiefen Höhlen heraus.„Wie ſiehſt du aus!“ rief Dunning entſetzt. „Trag' ich das Kainszeichen auf der Stirn?“ erwi⸗ derte er in düſterer Gelaſſenheit. Er trug einen Brief in der Hand. Er hatte während der Nacht an Virginien geſchrieben. In veränderter Geſtalt ſtand ſie plötzlich vor ihm. Es graute ihm vor dem Ziel ſeines heißeſten langjährigen Lebenswunſches, es graute ihm vor ihrer Liebe. Er hatte ihr Alles enthüllt, hatte ihr und nur ihr allein entdeckt, daß ſie ihn zum Brudermörder gemacht. Er hatte ihr geſchrieben, wie ihm jetzt klar ſei, daß Hu⸗ bert nie ſie geliebt, daß er ſich zu ihr gezogen gefühlt 23* 356 habe, erſt weil er ſie für ſeine Schweſter, für die ver⸗ ſtorbene Virginie gehalten, und dann aus Mitleid, weil ſie ihm ihre Liebe entgegengetragen. Im Herzen ſei er immer Klodilden treu geblieben. „Grauenvoll, entſetzlich“, ſchrieb er,„ſind mir die Augen geöffnet. Du biſt wie die glänzende Schlange, die das Menſchengeſchlecht in das Verderben lockte und es um das Paradies betrog. Du biſt wie die hölliſche Flamme, die Schätze verſpricht und den un⸗ ſeligen Schatzgräber in den Untergang hineinleuchtet. Du ſtachelteſt mich zur Rache und ludeſt den älteſten Fluch auf mich. Ich kann dein Angeſicht nicht mehr ſehen. Mir graut es vor deiner Schönheit, an der meines Bruders Blut klebt. Du haſt meiner un⸗ glücklichen Mutter den einzigen Sohn geraubt, den Troſt ihrer Augen, denn ich muß landflüchtig wer⸗ den; das Kainszeichen ſitzt mir auf der Stirn, ich kann die Heimat nicht wiederſehen. Die Steine wür⸗ den gegen mich aufſtehen und Brudermörder ſchreien! Uebers Meer will ich, von Land zu Land will ich ſtreifen, ob ich dem Fluch entrinnen kann, den deine Rachbegierde, deine wahnſinnige Eiferſucht auf mich geladen!“ Das nächſte Dampfſchiff führte ihn nach England. Raſtlos durchzog er Europa, den Orient, halb Aſien. Mancher Landsmann iſt ſchon auf ſeinen Reiſen dem unglücklichen Jüngling begegnet, der ohne Ruhe, ohne Genuß, nur von einem Bedienten begleitet, von Hauptſtadt zu Hauptſtadt, von Land zu Land eilt, gewiſſenhaft, den Lohndiener zur Seite, die Liſte der Sehens⸗ und Merkwürdigkeiten abhaſpelt, aber nur mit dem Auge zu ſehen, nur mit dem Ohr zu hören ſcheint, während die leidende Seele im Finſtern brütet. Er ſchließt Keinem ſich an, Keiner ſich ihm; denn ſein geheimnißvoller, düſtrer Blick ſcheucht Alles zurück, und manches zartere Herz empfindet in ſeiner Nähe ein heimliches Grauen, und ſeufzt bei ſich:„Der Unglückliche! Er ſieht aus, als hätte er etwas be⸗ gangen!“ Wie viele ſeiner Landsleute benutzen jetzt den raſchen Verkehr durch Dampfer und Schraubenſchiff, das Land ihrer Väter zu ſehen und die große Tour durch Europa zu machen! Den Winter nach demje⸗ nigen, der ſeine Schneedecke über das Grab auf Woodhill gebreitet, glänzte eine reizende Amerikanerin in den vornehmſten Salons von Paris und in den modiſchſten Cirkeln wußte man viel von la belle Americaine und ihren geiſtreichen Sonderbarkeiten und liebenswürdigen Koketterien zu erzählen. Das ſüvdländiſche Feuer ihrer Augen entzündete alle Män⸗ 358 nerherzen, ihre pikanten Geſpräche unterhielten die Glut. Ihr liebender Gatte, der ſtets an ihren Blicken hing, war nur wie ihr Schatten, aber eben weil ſie ihn immer, wie ihren Schatten, bei ſich hatte und ihn, von einem Kreis von Verehrern umringt, mehr wie ihren Kammerdiener als wie ihren Gemahl be⸗ handelte, ſicherte ſie unter tauſend Koketterien, aber ohne alle Intriguen, ihren Ruf. Reich, ſchön, ge⸗ ſucht, umgeben von allen Verfeinerungen des Lurus und der Kunſt, angebetet von ihrem Gemahl— wer hätte nicht die reizende Amerikanerin für ein Schoos⸗ kind des Glückes erklärt? Und in der That kannte die Welt die bezaubernde Fremde nicht anders als lachend, freudeſpendend, genießend. Und doch wußte Phyllis, die ſchwarze Kammer⸗ frau, viel von den ſchlafloſen Nächten ihrer Gebiete⸗ rin zu etzählen, und wie ſie innerlich krank und zer⸗ riſſen ſei, und Stunden lang weine und die Hände ringe und ſich den Tod wünſche. Und der Gemahl? Wie ſorglich vermied er das Alleinſein mit der ſchönen Gattin! Wie ſuchte er ſie zu zerſtreuen und bei guter Laune zu erhalten und durch reiche Geſchenke und beſtändiges Nachgeben ſie nicht in die unglück⸗ liche Stimmung kommen zu laſſen, deren ſchuldloſes Opfer jedesmal er und er nur allein ward! 359 Einige Monate, nachdem Virginie ihres unglückli⸗ chen Vetters Brief empfangen, hatte ſie Herrn John Carroll, einem reichen flanzer von Teneſſee, ihre Hand gereicht. Ihr Vater, erzürnt über Alonzo's ihm ganz unbegreifliche Abreiſe nach Europa, hatte die Verbindung befördert, obwol ihm dadurch der Lieblingsplan ſeines Lebens zerſtört ward. John Car⸗ roll, ein wackerer, einfacher Mann, hatte ſich um den Geſandtſchaftspoſten in Neapel beworben; denn da er kränkelte, hoffte er, das dortige Klima werde ihm heilſam ſein. Er wußte nicht viel mehr von Neapel, als daß es ein Theil von Italien ſei und ein ſchönes Klima habe, auch daß Italien ein katho⸗ liſches Land ſei. Er ſprach weder franzöſiſch noch italieniſch— aber er hatte einen Secretär, der das erſte verſtand, wenn es nicht gar zu ſchnell geſprochen ward, und ſeine ſchöne Frau ſprach beides. Durch Freunde und Verbindungen war es ihm gelungen, die Stelle zu bekommen, und wie ein Glück zum andern kommt und Dem, der beſitzt, noch gegeben wird, ſo verdankte er eben dieſer Stelle die Hand der gefeierten Miß Caſtleton. Virginie achtete ihren Mann gering, denn er war klein von Geſtalt, kränklich, ohne geiſtige Vor⸗ züge und in Allem ihr gehorſamer Diener. Da ein —60 amerikaniſcher Geſandter in Neapel eben keine andern wichtigen Geſchäfte hat, als ſeine neuntauſend Dol⸗ lars jährlichen Gehaltes zu verzehren, ſo ward es ihr leicht, nachdem ſie ein paar Wochen in Neapel zugebracht und Rom, Florenz und Venedig beſucht hatte, ihren Gemahl zu beſtimmen, den größten Theil des Jahres in Paris zuzubringen. Denn die Geſellſchaft, in der ſie glänzte, war ihr tauſendmal intereſſanter und riß ſie mehr aus ihrem unglücklichen Selbſt her⸗ aus als alle Antiken und alle Gemälde der Welt. Mr. Carroll ſchlug eine Reiſe nach Deutſchland vor; aber dazu war ſie auf keine Weiſe zu bringen. Sie haßte die Deutſchen und hatte alle deutſche Bücher aus ihrer Bibliothek verbannt. In einem Wirbel von Zerſtreuungen hoffte die Unglückliche ihr Gewiſſen und ihr darbendes, liebedürſtendes Herz zu übertäuben. Mit einer Art von leidenſchaftlicher Sehnſucht gedachte ſie ihrer Schweſter Sarah, die ſie ihre Hei⸗ lige nannte. Wenn einer der ſeltnen Briefe eintraf von der Trefflichen, die fort und fort im fernen Afrika dem Herrn Seelen gewann, ſo war es ein Feſttag für Virginien. Ein ſolcher Brief ſteckte jedes⸗ mal ein kleines ſtilles Lichtchen in ihrem Herzen an, aber es ward von den tauſend flackernden Lichtern ihrer weltlichen Freuden weit überſtrahlt. Inzwiſchen ſprach ſie gern von ihrer frommen Schweſter gegen ihre freigeiſteriſchen Freunde und wußte die Religion gegen den ruſſiſchen Grafen Stroyef und gegen den griechiſchen Fürſten Cantacu⸗ zeno, die beiden glänzendſten ihrer Anbeter, mit ſol⸗ chem reizenden Eifer zu vertheidigen, daß ſie ſich bald den Beinamen der la pelle buritaine zuzog. Wer Virginien beſſer kannte, wußte indeſſen wol, daß es ſie, wenn zu irgend einer Kirche, mehr zur katholi⸗ ſchen zog. Gegen Phhllis wenigſtens wünſchte ſie oft, wenn ſie Abends aus einer ihrer glänzenden Ge⸗ ſellſchaften kam und ſich recht unglücklich fühlte, ſie wäre in einem katholiſchen Lande geboren und könne ihr Leben in einem Kloſter ausweinen. Wer weiß, was geſchieht, wenn einſt der Herbſt des Lebens die junge Roſe entblättert, und die Welt, nachdem ſie aufgehört ihr zu huldigen, ihren Glanz für ſie verloren! Vielleicht, daß ſie dann durch einen förm⸗ lichen Uebertritt ihr quälendes Gewiſſen beruhigt und ſomit den zürnenden Geiſt ihrer Großmutter verſöhnt, der ſtrengen Lucia Loſada, deren heißes Blut in ihren Adern glüht! Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. ſ 14 45 16 17 1