f 7 ühr bis Abends 6 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——*— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 6duard Oltmunn in Pießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Fh ſer Bücher jeden Tag von Morgens hr offen. 2. Desepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 6 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 350) hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ———— auf 4 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 M. Pf. „„— 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſc Erſatz des Ganzen verpflichtet. S 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Leihbibliothet 1 3 — Die Auswanderer. Erſter Theil. ————— ——— Die Answanderer. Eine Erzaählung 6 von Talvij. 5 Erster Theil. ——— ——— Leipzig: F. A. Brockhaus. 1552. Vorwort. Indem ich dieſe Blätter in die Welt ſchicke, möcht' ich mich vor Allem gegen die etwanige Vorausſetzung verwahren, als hätte ich in dem Hintergrunde, auf dem ihr Inhalt ſpielt, ein Bild von Nordamerika geben wollen. Als ſolches würde mein Buch im höchſten Grade unvoll⸗ kommen ſein. Nicht ein Bild von Amerika beabſichtige ich dem Leſer hier aufzurollen, ſon⸗ dern nur Bilder aus Amerika, wie ſie meiner vieljährigen Erfahrung erſchienen. Wenn ich dem Leſer nach und nach das Weltkind und die Gottesfürchtige, den Cavalier und den Farmer, die ſociale Philantropin und VIII die Phariſäerin und andere echt nationale Cha⸗ raktere vorführe; wenn ich in einzelnen Zügen die geſellſchaftlichen Verhältniſſe der verſchiede⸗ nen Lebensalter und Geſchlechter, und die Ein⸗ wirkungen des Methodismus des Oſtens auf die religiöſe Geiſtesöde des Weſtens ſchildere— ſo bin ich weit entfernt, damit andeuten zu wollen, daß dieſe Charaktere und Verhältniſſe die aus⸗ ſchließlichen Typen der Geſellſchaft ſeien, wie ſie ſich in den nordamerikaniſchen Freiſtaaten gebildet hat. Vielmehr ſind dieſelben in ſo un⸗ endlichen Abſchattungen vorhanden und in einem ſolchen Gemiſch von Farben, von denen eine in die andere unmerklich überfließt, daß das na⸗ tionale Gepräge ſich auch dort nicht ſelten ganz im Menſchlichen verliert. Die Bilder, die ich dem Leſer vorführe, ſind ſicherlich wahrz aber er möge nicht vergeſſen, daß viele andere, ebenſo wahre Bilder, die daſſelbe Recht hätten, ſich zu zeigen, wie jene, ungezeigt blieben. 4— MN Namentlich habe ich die Politik abſichtlich ganz aus dem Spiele gelaſſen, und ſie nur be⸗ rührt, wo es unvermeidlich war. Sollte mein Buch einen engliſchen Ueberſetzer und ſeinen Weg über das Meer finden, ſo möchte ich meine amerikaniſchen Leſer warnen, im Fall ſie die Geſtalten, die ihnen darin begegnen, nach dem Leben gezeichnet finden, und darin vielleicht hier und da einen Bekannten oder eine Bekannte zu erkennen meinen, mich nicht deshalb der Per⸗ ſönlichkeit zu zeihen. Individuelle Wahrheit iſt darum nicht immer perſönliche Wahrheit. Ich erkenne keinen der in den nachfolgenden Blät⸗ tern gezeichneten Charaktere als das Portrait einer beſtimmten Perſon, ſowie keine der darin geſchilderten Situationen als die Beſchreibung einer wirklich erlebten Scene an. In Auffaſſung und Darſtellung dieſer Charaktere und Scenen, inſofern ſie ein nationales Gepräge haben, wird das Auge und die Hand der Europäerin kaum X zu verkennen ſein; aber nur eine einſeitige Na⸗ tionaleitelkeit, nur eine beſchränkte Volkseigenliebe kann verhindern, auch das Herz in ihnen zu er⸗ kennen, das für das freie Vaterland des Theuer⸗ ſten, was es auf Erden beſitzt, und die frei⸗ willig adoptirte Heimat ſchlägt. Anmerkung. Der Leſer wird erſucht, durch das ganze vorliegende Buch ſtatt Charlestown„Charleſton“ zu leſen. Seite Erſtes Capitel. Vormund und Mündeh 1 Zweites Capitel. Sie Liſ 40⁰ Drittes Capitel. Die Anküft% 66 Viertes Capitel. Alöisc ünd die Seinen 93 Fünftes Capitel. Stitben 105 Sechstes Capitel. Eine neue Lebensbahn...... 126 Siebentes Capitel. milicnſcenen Seite 3 Neuntes Capitel. Sie Schteſtes 191 Zehntes Capitel. N ſcſ 217 Eiftes Capitet. 8 t 248 Zwölftes Capitel. Gähruggentim Vulkan. 4„ 263 ————— Erstes Capitel. Vormund und Mündel. Der Notar packte ſeine Papiere zuſammen, ſtand auf und wünſchte dem werthgeſchätzten Fräulein Klotilde Oſten mit ceremonieller Höflichkeit Glück zu ihrem Eintritt in eine neue Lebensperiode. Denn er hatte ſie ſo eben, beinahe zwei Jahre ſpäter als es eigent⸗ lich ihr Alter erheiſcht hätte, von Gerichts wegen für mündig erklärt. Dann ſprach er noch den Wunſch aus, daß ihr Vermögen bei ihrer eignen Verwaltung ebenſo gedeihen möge, als unter der ihres Herrn Vormundes— denn er hatte heute Gelegenheit ge⸗ habt, den anſehnlichen Betrag deſſelben mit dem be⸗ deutend geringern zu vergleichen, auf den es ſich belief, als vor drei Jahren ihr Vater ſtarb, den wohlgeord— neten Zuſtand ihres Beſitzes mit deſſen damaligem zerfloſſenen, unbeſtimmten Charakter. Darauf verbeugte er ſich und ging. Die Auswanderer. 1. 1 —— Klotilde, eine hohe, ſchlanke Geſtalt in blühender Jugendfülle, über deren ſeelenvollen Zügen eine Wolke ſtiller Trauer hing, und ihr einſtiger Vormund, der 5 Landrath von Saſſen, blieben noch lange, nachdem die Thür ſich hinter dem Geſchäftsmann geſchloſſen, in tiefes, gedankenvolles Schweigen verſenkt. Vor ihnen ſtand ein Tiſch, auf welchem Rollen von Goldſtücken ausgebreitet und werthvolle Staatspapiere und Do⸗ eumente, in Päckchen geordnet, aufgehäuft lagen. Aber man ſah es den Beiden wohl an, daß es nicht eben Geld und Geldeswerth war, was ihre Gemüther be⸗ ſchäftigte. Der Landrath war ein Mann von mittleren Jahren, eine anſehnliche, ja entſchieden vornehme Erſcheinung, 1 mit einer edeln, ſcharfausgeſprochenen Geſichtsbildung. Er brach das Schweigen zuerſt, und der Ton ſeiner ſonoren, männlichen Stimme war ungewöhnlich weich, indem er ſagte: „Klotilde, Sie haben nun Ihren Willen. Ihre 1 Grundſtücke ſind zu baarem Gelde gemacht; zwanzigtau⸗ ſend Thaler in Gold liegen hier vor Ihnen; dort noch einmal ſo viel in Wechſeln und Schuldſcheinen, die jeden Augenblick in Anweiſungen an ein Handelshaus verwandelt werden können, für das den Ort zu be⸗ ſtimmen Sie ſich vorbehalten haben. Sprechen Sie 3— nun! Verſagen Sie Ihrem vieljährigen Freunde, dem Freund, an den Ihr Vater ſelbſt Sie gewieſen, nicht länger Ihr Vertrauen!“ „Mein Vertrauen?“ erwiderte Klotilde;„wer beſäße, wer verdiente es mehr als Sie, theurer Freund? Und doch“, ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu,„in dieſem Einen Falle fürcht' ich Ihren Tadel und— fühle doch ſo ſicher, daß ich recht thue.“ „Erklären Sie ſich!“ verſetzte der Landrath drin⸗ gend. Es war etwas Gereiztes in dem Ton ſeiner Stimme, indem er fortfuhr:„Geſtehen Sie, daß ich ein Recht habe, eine Erklärung der anſcheinenden Widerſprüche Ihres Betragens zu fodern. Noch ſind nicht volle zwei Jahre vergangen, als Sie mich, an Ihrem einundzwanzigſten Geburtstage, bereit ſahen, das Amt, das mir mein trefflicher Freund vor nunmehr vier Jahren anvertraut, niederzulegen und Ihnen Rechenſchaft über die Verwaltung Ihres Vermögens zu geben. Aber Sie wollten nichts davon hören. Sie baten mich, als um einen Freundſchaftsdienſt, um die Fortführung der Ihnen unbekannten und läſtigen Geſchäfte. Und ich— Gott weiß, ob ich das Glück empfand, Ihnen noch dienen zu dürfen! „Ich war von da an Ihr Geſchäftsführer, Klotilde, Ihr treuer Verwalter, nicht länger Ihr Vormund. 1 Ich bin mir bewußt, Sie können mich keiner An⸗ maßung zeihen; ich habe Ihnen große, wie kleine Summen und noch vor drei Monaten, als Sie nach der Reſidenz gingen, die zweitauſend Thaler, die Sie foder⸗ ten, ausgeliefert, ohne eine Frage zu thun, wozu Sie ihrer bedürftig wären, wenn ich auch das eine Mal mir die Freiheit des ältern Freundes nahm und Sie dringend warnte, bei Handlungen der Barmherzigkeit Ihr weiches Herz nicht misbrauchen zu laſſen. Denn dazu glaubt' ich jene Summe oder wenigſtens einen großen Theil derſelben beſtimmt. Schließen Sie dem⸗ nach, Klotilde, ob ich erſtaunt, ob ich verletzt ſein mußte, als ich vor vier Wochen einen Brief aus der Reſidenz von Ihnen erhalte, in welchem Sie mich beauftragen, Ihr Haus— Ihr Vaterhaus, Klotilde! — ſowie die übrigen Grundſtücke, in welchen ich Ihr Vermögen vortheilhaft und ſicher angelegt hatte, ohne Verzögerung zu verſteigern und die ausgeliehenen Capitalien zu kündigen, um ſie in Anweiſungen zu verwandeln, über die Sie mich näher zu unterrichten verſprachen. Mein Brief voll Verwunderung, voller Bitten um Erklärung iſt unbeantwortet geblieben. Ich habe Ihren Auftrag vollzogen. Ihr Vermögen iſt ſo disponibel gemacht, als Sie es nur wünſchen können. Aber belohnen Sie wenigſtens dieſe Erge⸗ 5 benheit in Ihren Willen, in deren Ausdehnung ich faſt mein Gewiſſen verletzt, durch Zurückziehen dieſes ungerechten Mistrauens.“ Klotilde hatte den letzten Theil von ihres Vor⸗ munds langer Rede mit niedergeſchlagenen Augen an⸗ gehört.„Vielleicht“, ſagte ſie jetzt mit verlegenem Lächeln;„vielleicht, verehrter Freund, helfe ich Ihnen auf die Spur, wenn ich Sie bitte, mir ſtatt dieſer preußiſchen Staatspapiere Anweiſungen an ein oder das andere Handelshaus in Neuyork oder Philadelphia zu geben.“ Der fragende Blick des Landraths war ſo ſtreng und entmuthigend, daß Klotilde mit wachſender Ver⸗ wirrung fortfuhr: „Sie wiſſen, Doctor Stellmann, der mit meiner älteſten Jugendfreundin verheirathet iſt, denkt mit der eröffneten Schiffahrt nach Amerika auszuwandern. Es iſt eine liebenswürdige Familie. Ihnen beabſich⸗ tige ich mich anzuſchließen. Denn auch ich“, ſetzte ſie etwas gezwungen lächelnd hinzu,„bin auf meine Weiſe(Europamüden und denke, nachdem ich hier ein paar Jahre lang mit ſo hingewelkt bin, wie Alles hier zu Lande, dort drüben, in dem friſchen Boden, vom belebenden Athem der Freiheit angehaucht, ſelbſt zu einem friſchen Leben wieder aufzublühen.“ Schmerz und Zorn hatten ſich, während ſie ſprach, im Geſichte ihres Freundes gemalt.„Wäre es mög⸗ lich!“ rief er,„auch Sie angeſteckt von dem vergif⸗ tenden Fieber der Zeit! Auch Ihr Herz, Klotilde, das mir ſtets der Sitz der edelſten, beſcheidenſten, deutſchen Weiblichkeit war, auch Ihr klarer, gebildeter Geiſt durchdrungen von dem unſeligen Emancipations⸗ wahnſinn unſerer Tage?— Was wollen Sie in Wisconſin, von deſſen Urwäldern und ihrer ewigen Freiheit jener Phantaſt träumt? Wenn er in ſeinen Univerſitätsjahren, ſtatt unreife Staatsreformpläne aus⸗ zubrüten, ſich der Medicin befleißigt, oder ſonſt etwas Tüchtiges gelernt hätte, ſo würde es ihm auch hier an Brot nicht fehlen. Aber laſſen Sie ihn ziehen. Er mag und wird ſeine Bahn ſich brechen. Allein Sie, Klotilde? Wollen Sie ihm die Urwälder aus⸗ reuten helfen? Wollen Sie etwa mit Ihren Schätzen dort eine Colonie im Lande der Freiheit für politiſche Flüchtlinge ſtiften, die mit ihren blutigen Theorien die Felder düngen und auf das Fundament ihrer Prima⸗ nerweisheit einen neuen Staat gründen ſollen? Wiſſen Sie nicht, daß die Würde des Weibes, daß die Sitte einzig und allein in der Civiliſation wurzelt? Und wollen Sie dieſe etwa durch Vorleſungen in den Prairien verbreiten?“ 7 Dieſer bittere Ausbruch eines ungerechten Zornes zeigte Klotilden nur zu deutlich, wie ſehr ſie ihren verehrten Freund durch die Heimlichkeit ihrer Pläne beleidigt und verletzt. „So Abenteuerliches beabſichtige ich keinesweges“, erwiderte ſie gelaſſen.„Ich denke dort ſo gut Das zu erfüllen, was Ihr deutſchen Männer gern als un⸗ ſere einzige Beſtimmung betrachtet, nämlich als Haus⸗ frau zu ſchaffen und zu wirken— als ich es in mei⸗ nem Vaterlande gekonnt. Ja, wie die Umſtände ein⸗ mal ſich geſtaltet, beſſer, und allein dort. Denn— daß ich es Ihnen nur geſtehe, mein verehrter Freund, Doctor Stellmann und Henriette werden nicht meine einzigen Begleiter ſein— ich bin verlobt.“ Klotilde hielt die Augen feſt auf den Boden ge⸗ heftet, als ſie die letzten Worte ſprach. So ſah ſie es nicht, daß eine Leichenbläſſe des Freundes Antlitz plötzlich überzog, und daß von der ungeheuern An⸗ ſtrengung, den Schmerz, der ihn wie ein Dolchſtich durchfuhr, männlich niederzukämpfen, ein eiskalter Schweiß die edle Stirn bedeckte. Eine Todtenſtille lag ein paar Minuten. auf dem Zimmer. Endlich ſagte der Landrath mit tonloſer Stimme:„Sprechen Sie weiter!“ „Sie wiſſen, daß von den politiſchen Gefangenen, 8— die in Folge des ſogenannten Frankfurter Attentats auch in unſerm Staate zur Feſtungsſtrafe verdammt worden, zweien kürzlich durch die Gnade— ſagen Sie lieber, durch die Laune der Regierung die Strafzeit bedeutend verkürzt worden. Aber eine ſechs⸗ jährige Einkerkerung hatte, wie es ſchien, für das Va⸗ terland noch zu gefährlichen Stoff in ihnen gelaſſen. Es ward der Befreiung die Bedingung einer ſoge⸗ nannten freiwilligen Verbannung hinzugefügt. Einer von dieſen Beiden war Hubert, deſſen Sie ſich wohl erinnern mögen— er war meines ſeligen Va⸗ ters Lieblingsſchüler und nur eben durch ein unge⸗ wöhnlich glänzendes Eramen gegangen, als er eines Nachts verhaftet und fortgeführt ward. Mit ihm, mein verehrter Freund, bin ich verlobt, und als ſeine Gattin will ich mit ihm in die Verbannung, nach Amerika gehen.“ Der Landrath hatte ſich unterdeſſen mit Anſtren⸗ gung geſammelt.„Ich kannte Hubert“, ſagte er,„ein edler Jüngling, verführt mehr als Verführer. Aber ſeltſam, ſeltſam in der That“, ſetzte er hinzu, ſich, als wollte er ſich mühſam auf Etwas beſinnen, mit der Hand über Auge und Stirn fahrend;„ſeltſam, daß Ihr Vater mir nie Etwas davon entdeckt. Bei Gott! Ihr Vater hielt Sie für frei— er hätte nicht— 9 und doch Klotilde, müſſen Sie vor ſechs Jahren ſchon Sich mit ihm verſprochen haben, denn ſo lange iſt's, daß Hubert verhaftet und fortgeführt ward.“ „Ich will Ihnen Alles ſagen. Ich muß weit zurück⸗ gehen. Ich war ſechzehn Jahre alt, als ich Hubert kennen lernte, der eben im letzten Jahre ſeiner Stu⸗ dien war. Sie wiſſen, wir Profeſſorentöchter find verwöhnte Mädchen. Wir ſehen uns, wenn wir nur nicht ganz von der Natur vernachläſſigt ſind, von einem Haufen jugendlicher Anbeter umringt, denn es gibt gegen ein junges Frauenzimmer in unſern Krei⸗ ſen mehr als zehn raſche, rüſtige Jünglinge. Ich aber, die einzige Tochter liebender, zärtlicher Eltern, deren Vermögensumſtände es ihnen vergönnten, ihrer gaſt⸗ freundlichen Geſinnung nachzugeben und ein offenes Haus zu halten, war beſonders verzogen und an⸗ ſpruchsvoll, und es war meinem eiteln Herzen ſchon recht, daß ſich der ſtudirenden Jugend, die mich oft durch ungeſchickte und rohe Sitten verletzte, auch die jungen Officiere der Garniſon zugeſellten, deren fei⸗ neres Weſen wenigſtens mir gefiel. Indeſſen hatte ich früh Urtheil genug, um Hubert von der Menge zu unterſcheiden und mich durch ſeine Aufmerkſamkeit geſchmeichelt zu fühlen. Meine gute Mutter pries ihn oft als den beſcheidenſten und verſtändigſten unter —————— 10 unſern jungen Beſuchern und mein Vater glaubte ſtolz auf dieſen Schüler ſein zu dürfen und nannte den Staat glücklich, der ſolche Diener ſich zöge, ſo hohen Sinnes und ſo tief und gründlich gebildet.“ „Mein armer Freund!“ ſagte der Landrath, mit einem bittern Lächeln,„nur durch eine ſo ungewöhn⸗ liche Güte des Herzens konnte ein ſo ſcharfes Urtheil wie das ſeinige ſo arg getäuſcht werden!“ „Auch ich“, fuhr Klotilde fort, durch ſeine Unge⸗ rechtigkeit verletzt und zu entſchiedenerer Sprache er⸗ muthigt,„auch ich empfand Hubert's großen Werth und— daß ich's frei herausſage, noch nie hatte mir ein Mann ſolches Wohlgefallen eingeflößt. Aber ich war jung und eitel. Das, was mein ſpäteres, rei⸗ feres Gefühl als Zeichen einer wahren, tiefern Liebe erkannte, ſeine geringe Annäherung in Geſellſchaften, ſeine Zurückhaltung in dem gewöhnlichen galanten Verkehr der Jugend— erſchien mir Lauheit, Unent⸗ ſchiedenheit. Seine Aufmerkſamkeiten im häuslichen Kreiſe ſelbſt waren mir nicht ausſchließlich genug; es verdroß mein thörichtes Herz, daß ich ſie mit meiner ehrwürdigen Mutter zu theilen hatte, und daß Hubert, über ein gelehrtes Geſpräch mit meinem Vater oder gar in eine Betrachtung über den bedrückten Zuſtand des deutſchen Vaterlandes vertieft, manchmal meine Gegenwart ganz zu vergeſſen ſchien, reizte mich oft ſo, daß ich dem erſten beſten jungen Mann, der ins Zimmer kam, eine Freundlichkeit erwies, von der mein Herz nichts wußte, und ſo, ohne recht zu wiſſen was ich that, hier der Eitelkeit ſchmeichelte, dort vielleicht gar, in frevelhaftem Leichtſinn, eine ſchlummernde Empfindung weckte.“ „Sie verleumden ſich ſelbſt, Klotilde. Ich kannte Sie damals wie jetzt. Oft hab' ich mich, während Sie den faſt dreißigjährigen Mann wol ſchon unter (die Alten» rechneten, am Anblick der aufbrechenden Roſenknospe ergötzt, am Mutterſtocke voll Duft und Unſchuld blühend. Sie waren nie eine Kokette!“ „Eine Kokette? Nein, eine Kokette iſt kalt und herzlos. Aber— o das Herz iſt ein dunkler Ab⸗ grund! Meine Mittel, Hubert's Gefühl ſtärker zu erwecken, ſchienen um ſo harmloſer, als ſie nie fehl⸗ ſchlugen. Denn meine Aufmerkſamkeit für Andere verſetzte ihn ſtets in große Unruhe und führte bald eine volle, warme Erklärung von ſeiner Seite herbei, ſo voll, ſo warm, wie auch das verwöhnteſte Herz ſie ſich nur wünſchen konnte. Das meine erbebte in Wonne, doch machte mich eben das Bewußtſein, daß ich ſein Geſtändniß eigentlich ſelbſt hervorgerufen, zurückhaltender, als es im Grunde in meiner Natur 12 lag; ich ſagte ihm, ich ſei noch zu jung, um auf ſo wichtige Dinge mich einzulaſſen, und er— ſchien mit dieſer Antwort ſich begnügen zu wollen; er drang nicht in mich, und ich ſah klar, daß er wenigſtens ſeine Verbindung mit mir nicht zu beſchleunigen und daß er auf keine Weiſe mich zu binden wünſchte.“ Klotilde ſchwieg.„Fahren Sie fort“, ſagte der Landrath mit kaum verhaltener Ungeduld. „Ich würde Sie, werther Freund, gern mit dieſen Weitläuftigkeiten verſchonen, wenn ſie nicht zur Er⸗ klärung des Folgenden nothwendig wären. Zu dieſer Zeit regte ſich es wieder ſtark in Deutſchland, und die mistrauiſchen Augen der Regierung waren überall hingerichtet. Ich hörte öfters, daß mein Vater— wie Sie wiſſen, ein entſchieden Liberaler, Hubert vor unvorſichtigen Verbindungen warnte und ihm das Frevelhafte unreifer Unternehmungen vorſtellte, durch welche dem Vaterlande ſich Diejenigen zum nutzloſen Opfer bringen, die in der rechten Stunde ſeine Käm⸗ pfer ſein ſollten. Hubert ſchien ihm recht zu geben, aber ſeine Freundſchaft mit Einigen, auf die unſere Regierung ein beſonderes Augenmerk hatte, beunruhigte meinen Vater. So kam mein ſiebzehnter Geburtstag heran. Es war Ende April, als eben der Ausbruch in Frankfurt und die Verhaftungen aller Orten viel 13 zu ſprechen gaben. Mein Geburtstag ward ſonſt immer durch ein häusliches Feſt gefeiert. Da es ſich aber gerade traf, daß am Schluſſe des Winters der letzte unſerer Subſeriptionsbälle an dem Abend ſtattfinden ſollte, ſo wollte meine Mutter ihn durch eine andere Geſellſchaft nicht zerſtören, und ich fand mich willig, da ich leidenſchaftlich gern tanzte, den Ball als Feier anzunehmen. Früh kamen meine Freundinnen und viele junge Herren mit Sträußen und Kränzen. Nur Hu⸗ bert kam nicht. Jedesmal wenn die Thür ſich öffnete, hoffte ich ihn eintreten zu ſehen, und als die Beſuch⸗ zeit vorüber war und der Abend ſich näherte, war ich in einer Aufregung ohne Gleichen. Endlich, als wir uns eben zum Balle ankleiden wollten, zu einer Stunde, wo meine Mutter nie Beſuch annahm, da ſie die Mittags⸗ und ſpätern Abendſtunden zum Em⸗ pfang feſtgeſetzt hatte, ließ ſich Hubert melden. Möch⸗ teſt du ihn gern ſehen? fragte meine Mutter. Es wird wol Zeit bis heute Abend haben, was er mir zu ſagen hat, erwiderte ich voll Empfindlichkeit. Hätt' er Eile mit ſeinen Glückwünſchen gehabt, hätte er ſich wol früher herbemüht. Meine Mutter lächelte. Nun ſo ſag' ihm, befahl ſie dem Mädchen, daß wir uns bald anzukleiden gedächten, daß wir aber ihn auf dem Balle zu ſehen hofften. Dieſes ſpäte Nachholen ſ — des verſäumten Beſuchs erbitterte mich vollends; ich hatte mir ſein Wegbleiben durch Unwohlſein, Abwe⸗ ſenheit, Verwechſelung des Tages u. ſ. w. zu erklären geſucht. Warum kam er, einen Ceremoniebeſuch zu machen, zu einer Stunde, wo er wiſſen mußte, er würde mich nicht ſehen? „Ich trat im hohen Grade aufgeregt, und oben⸗ drein in dem eiteln Bewußtſein, in meinem neuen Anzuge auf das ſchönſte geſchmückt zu ſein, in den Saal. Er ſtand ſchon am Eingang. Ich ſah ihn nicht an, doch fühlte ich ſeinen ſuchenden, unruhigen Blick. Ich hatte, zu meinem Verdruſſe, ſchon am Morgen alle meine Tänze weggeben müſſen. Lange hatte ich für ihn, in der beſtändigen Hoffnung, ihn zu ſehen, durch geſchicktes Ausreden, dieſen und jenen Lieblingstanz aufgehoben, endlich aber, voll Aerger über ſein Ausbleiben, mich auch für dieſe verſagt. Bei unſerer tanzluſtigen Jugend knüpfte ſich raſch Walzer an Walzer, Cotillon an Quadrille u. ſ. w., nur wäh⸗ rend der Tänze oder zuletzt während des Abendbrotes fonnte an einiges Geſpräch gedacht werden. Hubert kam ſogleich, mich um den erſten Tanz zu bitten; als ich verſagt war, bat er um den zweiten. Er ſah verſtört aus— ich Thörin bildete mir ein, es ſei mein Unmuth, der ihn ſo bewege. Ich ſagte ihm — 15 ſpöttiſch, daß ich mich für den ganzen Abend verſagt habe. Er blickte mich beſtürzt an, wollte ſprechen, allein mein Partner, ein glänzender Lieutenant— ein fader Menſch, von dem ich wußte, daß Hubert ihn verachtete, kam eben herbei, und ich trat mit ihm in die Reihen. Als ich im Walzer an Hubert vorbeiflog, gewahrt' ich mit klopfendem Herzen, wie unruhig ſeine Augen mir folgten. Kaum ſtand ich wieder an mei⸗ nem Ort, als er herbeitrat und meinen Tänzer höflich erſuchte, eine Tour mit mir machen zu dürfen. Sie wiſſen vielleicht, daß die große Ueberzahl der Tänzer auf unſern Bällen dieſe Zwiſchentouren eingeführt, in welchen Diejenigen, denen es nicht gelungen, ſich mit regelmäßigen Partnern für den ganzen Tanz zu ver⸗ ſehen, die Tänzerin gleichſam für eine kurze Zeit borgen. Mein Tänzer verbeugte ſich, allein ich ſagte: Herr Hubert, meine Mutter hat mir dieſe Ertraton⸗ ren verboten, ſie fürchtet, ſie möchten mich zu ſehr anſtrengen. Er trat zurück und ſagte mit einem ſchmerzlich vorwurfsvollen Blick die haſtigen Worte: So gönnen Sie mir wenigſtens nach dem Tanze zwei Augenblicke. Gut, erwiderte ich lächelnd, wenn Zeit dazu iſt. Der Lieutenant führte mich nach dem Tanze zu meinem Sitze am andern Ende des Saales, ſtellte ſich breit vor mich hin und unterhielt mich mit platten Komplimenten. Ich ſaß wie auf Nadeln. Jetzt ſah ich Hubert auf mich zukommen; da hielt eine Dame ihn an; im Augenblick, wo er ſich von ihr losgemacht, erſchallte ſchon die Tanzmuſik von neuem und mein Partner kam herbei. Ich war ſchon aufgeſtanden, hatte ihm ſchon meine Hand gereicht, als Hubert eben zu mir trat. Es iſt zu ſpät, ſagte ich lachend und eilte davon. Noch einmal begegnete mir ſein ſchmerzlicher, leidenſchaftlicher Blick, noch ein⸗ mal! Es war Zorn, Kummer und Liebe, ja tiefe, innige Liebe in dieſem dringenden, zehrenden Blick, o ein Blick, der faſt ſechs lange Jahre durch mich wie im Wachen ſo im Traum verfolgt!— Als ich wäh⸗ rend des Tanzes mich wieder nach ihm umſah, war er verſchwunden. Ich habe ihn nicht wieder geſehen!“ Klotilde verbarg ihr Geſicht in beiden Händen. Der Landrath betrachtete ſie mit unruhigem Erſtaunen. „Löſen Sie mir dieſes Räthſel!“ ſagte er. „Als ich am folgenden Morgen zum Frühſtück kam“, fuhr Klotilde fort,„fiel mir ſogleich die be⸗ wegte Stimmung meiner Eltern auf. Denke dir nur einmal, ſagte meine Mutter, es haben dieſe Nacht mehre Verhaftungen ſtattfinden ſollen, die Meiſten ſind entflohen, ſie müſſen gewarnt worden ſein, aber unſer armer, junger Freund Hubert iſt gefangen, als er ſoeben, verkleidet, die Stadt hat verlaſſen wollen.“ „Unmöglich! rief ich in der größten Beſtürzung, er war ja noch geſtern auf dem Balle!“ „Das eben iſt's, was mich wundert, erwiderte meine Mutter; ſeine beiden Freunde Römer und Liſtau, du kennſt ſie ja, ſind ſchon geſtern um ſechs Uhr mit Ertrapoſt abgereiſt und haben, wie ich höre, auch ſein Gepäck mit fortgenommen. Sie ſind glücklich davon gekommen, ehe die hieſige Polizei Wind bekommen hat. Was aber hat nur in aller Welt ihn bewegen können zu warten, bis es zu ſpät zur Flucht war? Gewußt muß er doch von der Gefahr haben, da ſeine Freunde darum wußten?“ „Eine ſchreckliche Ahnung kam über mein Hetz. Vielleicht blieb er und ſetzte ſich der Gefahr aus, um mich noch zu ſehen! zu ſprechen! und ich!— kaum daß ich wagte den Gedanken auszudenken! Mein Vater ſah ſehr traurig aus. Hoffentlich wird der arme Junge nicht tief verwickelt ſein, ſeufzte er, ſonſt kann's ihm theuer koſten!— Gegen Mittag kam Henriette, die damals ſchon mit Stellmann verſprochen war. Dieſer hatte durch andere Studenten erfahren, daß Hubert geſtern Mittag durch den Brief eines Freun⸗ des die Warnung erhalten, daß in Frankfurt vor Die Auswanderer. 1. 2 18 Gericht gegen ihn, Liſtau und Römer ausgeſagt ſei und daß unſer Geſandte ſofort davon benachrichtigt worden, um ſeine Regierung davon zu unterrichten. Schleunige Flucht ward ſogleich beſchloſſen— ſie konnte kaum ein Beweis der Schuld ſein, denn die bloße Unterſuchungshaft dauert ja oft Jahre lang und ſtraft den Unſchuldigen mit gleicher Härte wie den Schuldigen. Hubert und einige helfende Freunde hat⸗ ten mühſelig Geld zur Flucht herbeigeſchafft und für entſtellende Kleider, Päſſe und Wagen geſorgt. Hubert war hier, wie in Allem, das Haupt des Unternehmens, die Stütze aller Mithandelnden. Als aber Alles be⸗ reit war, erklärte er, noch ein nothwendiges Geſchäft zu haben. Bald darauf kam er zurück, drang in die Freunde, die der Abfahrt mit angſtvoller Ungeduld entgegenſahen, keinen Augenblick länger zu warten. Er könne nicht mit. Aber er wolle ſich Abends um neun Uhr verkleidet aus der Stadt ſchleichen, um, auf einem vor das Thor beſtellten Pferde ihnen nacheilend, ſich ſpäter mit ihnen zu vereinigen. Keine Bitten der Freunde hatten den Unglücklichen erſchüttern können. Er blieb; ſie entkamen glücklich. „Kaum war Henriette fort, als mir von einem Knaben, dem Sohn von Hubert's Aufwärter, der ihm ſchon öfters zum Boten gedient, ein Blatt gebracht 19 wird, haſtig mit einer Oblate zugedrückt. Leſen Sie!“ fuhr Klotilde fort, indem ſie einen Brief aus ihrem Taſchenbuch nahm, deſſen flüchtige Schrift, faſt von Thränen verwiſcht, auf dem durch Länge der Zeit und häufiges Anfeuchten vergelbten Papiere ſtand. „Klotilde, Sie zürnen mir, Sie wollen mich nicht ſehen. Ich fühlte, ich konnte nicht fort, ohne mich noch einmal an Ihrem Anblick zu weiden!— Aber ich wollte nun, ich wäre mit den Freunden ent⸗ flohen, ſo könnte ich Ihr Lächeln als letzten Sonnen⸗ ſtrahl mitnehmen in die Nacht, die mein wartet! Vielleicht bin ich ein Verbannter auf immer. Vielleicht ſeh' ich Sie nie wieder. Sie wiſſen, ich wollte Sie nicht binden, ich wollte die Hütte Ihres Lebensglücks nicht auf einen Vulkan bauen. Sie ſind frei, Klotilde — aber ich, ich gehöre Dir auf ewig, geliebtes, ange⸗ betetes Mädchen! Denke manchmal des armen Ver⸗ wieſenen, der Dich tauſend und aber tauſend Mal mehr geliebt, als alle die bunten Gecken, die Dich mit Blumen bekränzen! Sagen Sie Ihrem Vater, er ſoll mir nicht zürnen! Er ſieht die Zeit an als ein alter Mann, ich als einer, der noch bauen kann und will. Ich gehe nach England und ſchreibe ihm bald. Seien Sie glücklich, Klotilde, ich kann es ohne Sie nie werden.“ Hubert. 2* ——————————— Der Landrath hatte die Zeilen nicht ohne Rührung geleſen.„Armer Hubert!“ ſagte er;„aber nun— er iſt belohnt.“ „Den Eindruck dieſes Briefes können keine Worte ſchildern! So lange die Unterſuchung dauerte— dieſe langen, peinlichen Durchwindungen durch die Folterkammern des Daſeins— ſo lange war ich voll Hoffnung; mein Vater ſchüttelte bedenklich den Kopf; hundert wohlbekannte Beiſpiele ſprachen von der ent⸗ ſetzlichen Härte der Strafen für politiſche Vergehen. Dennoch— die Jugend hofft, ſo lange die ſchreckliche Gewißheit ſie nicht angähnt, und darum iſt ſie glück⸗ lich. Zwanzig Monate vergingen während der Unter⸗ ſuchung, zwanzig Monate, beinahe zwei volle Jahre! Ein kurzer Zeitraum nur in Vergleich der fünf bis ſechs Jahre anderer Gerichte. Dann kam das Urtheil, es lautete für Hubert: zehn Jahre, zehn Jahre Fe⸗ ſtungsſtrafe. O Herr von Saſſen, wiſſen Ihre Regie⸗ rungen, was ſie thun? Zehn Jahre oder fürs Leben, iſt das nicht gleich? Was kann man mit den im ewigen feuchten Schatten der Kerkerluft abgeſtorbenen Bäumen anfangen? Kann man noch Früchte erwarten, wenn der Pflanze ſchon in der Blüte die belebenden Säfte des Erdreichs entzogen? Zehn Jahre! Ein achtzehnjähriges Mädchenherz faßt kaum die Länge des Zeitraums! „Wie ein Donnerſchlag traf mich das furchtbare Urtheil. Aber es überzeugte mich nicht von Hubert's Schuld; was er verbrochen, konnte nur das heimliche Gericht wiſſen, in deſſen geheimen Kammern die Acten lagen. Ich hatte meines Vaters unverwerfliche Bürg⸗ ſchaft: ſein Urtheil konnte gefehlt haben, aber ſeine Hand war rein. Und war es nicht um meinetwillen, daß er gefangen ſaß? um meinetwillen, daß er das goldne Licht der Freiheit entbehren ſollte? Ohne ſeine unglückliche Liebe war er frei und in England. O, dieſe Liebe, die ihn in den Kerker geſtürzt, ſollte auch die Nacht dieſes Kerkers ihm erhellen! „Sie wiſſen, die Unterſuchungen waren in der Reſidenz geführt worden. Ehe Hubert mit mehren Andern in die Feſtung gebracht ward, vergönnte man ihm die Anordnung ſeiner Geſchäfte. Er durfte eine Unterredung mit ſeinem Vater haben, bei der ein Regierungsbeamter gegenwärtig warz er durfte Briefe ſchreiben, einige empfangen, um die man ſich weniger bekümmerte. Während dieſer kurzen Periode gelang es mir, ein Blatt in ſeine Hände zu bringen, das ich auf die erſte Nachricht von ſeiner Verdammung ge⸗ ſchrieben, in welchem ich ihm ſagte— daß ich ihn liebe, daß ich ihn lange geliebt, nur mein Herz nicht recht verſtanden habe;— daß ich nie einem andern 22 Manne gehören, ſondern ihm treu bleiben und zehn Jahre auf ihn warten wolle. Dieſe Botſchaft erreichte ihn noch— dann ſchloſſen ſich die Kerkerthüren hinter ihm und vier lange, trübe Jahre ſind ſeitdem dahin⸗ geſchlichen. Nie drang eine Stimme zu mir aus dem Grabe ſeines Gefängniſſes!“ „Wußte Ihr Vater, was Sie thaten, Klotilde?“ „Meine Eltern wußten um Hubert's Brief; nicht um den meinen. Mein Entſchluß hätte ihnen Kum⸗ mer gemacht und ohne Nutzen. Sie würden gern ihre Tochter noch zehn Jahre behalten haben, allein im voraus zu wiſſen, daß es ſo kommen ſollte, würde ſie betrübt haben. Und konnten ſie, die Gütigen, die ſonſt in Allem eingingen in die Gefühle meines ju⸗ gendlichen Herzens, in dem einen Punkte mit mir ſympathiſiren, der mein Inneres zerriß? Konnten ſie meine Gewiſſensbiſſe theilen?— Sie nannten das Zufall, Geſchick, Hubert's eigene Unvorſichtigkeit, was mir von ſeiner Seite die Fülle der Liebe war, von meiner eigenen— der Ausbruch einer kindiſchen, fre⸗ velhaften Eitelkeit. Denn ich hatte mein Herz erkannt! — Hätte ich ihn geſehen, als er ſo ſpät nach unſerm Hauſe kam, hätte ich auf dem Balle ſeiner Bitte Gehör gegeben— er hätte die Flucht nicht verſäumt, um mir noch zu ſchreiben. Er hätte ſich gerettet! welche der Großherzog von Heſſen denen von ſeinen 23 „Mein Vater beſtimmte die Facultät, ſich um Be⸗ gnadigung für Hubert bei dem König zu verwenden. Sie gab ihm die glänzendſten Zeugniſſe. Umſonſt! Er war ein um ſo gefährlicherer Feind. Meine Cltern betrachteten endlich ſeinen Fall als hoffnungs⸗ los und— vertrauten auf die Zeit, die ſein Bild in mir verlöſchen würde. Sie thaten Alles, mich zu er⸗ heitern, mich abzuziehen. Die theuern Eltern! Ich ſuchte glücklich zu ſein, um ſie glücklich zu machen! Da nahm mir der Tod erſt die Mutter, dann den Vater! Nun war ich ganz allein in dieſer Welt! Die eine Hälfte meines Herzens ruhte im Grabe, die andere war eingekerkert zwiſchen Gefängnißmauern. Sie ſind mir ein treuer, liebevoller Freund geweſen, während dieſer letzten vier Jahre, Herr von Saſſen! Sie wiſſen, wie ein ſchwarzer Trauerfaden ſich durch dieſe ganze Periode meines Lebens ſchlang. Sie wiſſen auch, wie ich, fern davon meinen Gram zu hätſcheln und liebzukoſen, bald nach dieſem, bald nach jenem der ſchönen Güter des Lebens griff, mich zu zerſtreuen. Reiſen, Kunſt, Literatur, Thätigkeit in wohlthätigen Vereinen— Alles bentete ich gleichſam aus, aber der Wurm ſaß in meinem Herzen. „Vor einigen Monaten weckte die Begnadigung, 24 Landesgerichten Verurtheilten hatte angedeihen laſſen, zum erſten Male den Gedanken in mir, ob nicht an unſerm Hofe ſich vielleicht eine ähnliche Gnaden⸗ bezeigung erwirken ließe? Der Einfluß eines ge⸗ wiſſen Miniſters war allbekannt, mit ſeiner Gemahlin war ich im Bade zuſammengetroffen— vielleicht ließ ſich durch dieſe— ſie ſpielte und war oft in Geld⸗ verlegenheiten.— Dunkle Gedanken wogten in mir her und hin, aber ich war zum Handeln entſchloſſen. Ich ging zum Beſuch zu einer Bekannten nach der Reſidenz. Ich erbat mir von Ihnen eine bedeutende Summe. Mit Ekel griff ich zu Mitteln, durch welche ich den niedrigſten Leidenſchaften fröhnte, allein es waren die einzigen, welche die Gewalt mir in den Händen gelaſſen. Ich bin auf dem Punkte, mein Vaterland zu verlaſſen; ich könnte ohne Gefahr das Gewebe aufdecken, durch welches es gelang, dem Für⸗ ſten an ſeinem Geburtstage die Gnade zu entlocken, die Strafzeit Hubert's— und damit nichts darin auffallen ſollte, die eines ſeiner Mitgefangenen— um ſechs Jahre abzukürzen. Aber— ich habe mein Wort gegeben, zu ſchweigen. Und was hülfe es auch? Würden, könnten die Fürſten blind ſein, wenn ſie ſich nicht willig die Binde vor die Augen legen ließen? „So war denn das Ziel des innigſten, heißeſten Wunſches meines Lebens erreicht.— Hubert war frei! Und Gott hatte mir die Gnade erzeigt, daß ich, die ich das Mittel ſeiner Gefangenſchaft geweſen, auch das ſeiner Befreiung werden ſollte. Aber eine harte Bedingung, die der Auswanderung nach Amerika, war der Begnadigung hinzugefügt;(Auswanderung mit dem erſten Schiffe, das von Bremen nach einem der Häfen der Vereinigten Staaten abſegle? Die Ge⸗ fangenen wurden befragt, ob ſie Eltern hätten, von denen ſie Abſchied zu nehmen wünſchten? Als ſie es verneinten, wurden ſie unter militäriſcher Bedeckung nach Bremen gebracht, dort aber bis zur Abſegelung des Schiffes unter polizeiliche Aufſicht geſtellt. Kein anderes Wiederſehen ihrer Freunde ward ihnen ver⸗ gönnt, als im Beiſein eines Polizeibeamten. Es ward ihnen die Wahl gelaſſen, da es ſich traf, daß ſo früh im Jahre nur eben ein Schiff nach Neu⸗Orleans ging, das nächſte abzuwarten, das für einen nördlichen Hafen beſtimmt war. Hubert's Gefährte wählte das Letztere; ihm ſelbſt aber war dieſe fortgeſetzte Gefan⸗ genſchaft ſo unerträglich, daß er die Landung in Neu⸗Orleans vorzog. In drei Tagen ſegelt das Schiff.“ „Klotilde, noch verſteh' ich Sie nicht. Sie ſagten mir nicht Alles. Sie nannten ſich Hubert's Braut.“ ————— 26 „Ich bin es. Der Nachricht, daß Hubert frei ſei, ſchickte ich in unmittelbarer Folge einen Brief nach. Ich erinnerte ihn in dieſem Briefe an jenen, in dem ich ihm früher geſchrieben, daß ich zehn Jahre auf ihn warten wolle. Ich fragte ihn auf ſein Gewiſſen, ob ihm mein Beſitz noch ebenſo wünſchenswerth ſei, als vor ſechs Jahren, ehe ihm vielleicht die lange Ein⸗ ſamkeit eine tiefere Einſicht in ſich ſelbſt gewährt und er ſein Inneres beſſer hätte verſtehen gelernt. Vor ihm liege ein neues Leben; er könne ihm vollkommen frei und ungefeſſelt entgegengehen; ſeine einzige Verpflich⸗ tung gegen mich ſei vollkommene Aufrichtigkeit. Liebe er mich aber noch wie ſonſt, glaube er noch ſein Glück von einer Verbindung mit mir abhängig, ſo ſei ich ſeine Braut; und da es ihm nicht vergönnt ſei, mich heimzuholen, wolle ich mich in Bremen mit ihm vereinigen.“ Saſſen hörte athemlos zu. Eine dunkle Hoffnung ſtieg unbewußt in ihm auf. „Als dieſer Brief fort war“, ſprach Klotilde weiter, „als ich nun Alles gethan hatte, was in meiner Macht ſtand, den Racheengel zu ſühnen— o welche himmliſche Ruhe kam über mich! Ich brachte ein paar Tage in dem ſeligen Zuſtande eines ſtillen innern Friedens zu. Ohne Ungeduld wartete ich ſeiner 27 Antwort; ich wußte, er würde mir die Wahrheit ſagen, er konnte nicht anders. Mein Brief machte eine Ge⸗ wiſſensfrage daraus und wenn er mich nicht mehr liebte, ſo war eine Aeußerung der Großmuth, daß er mich meinem Vaterland nicht entziehen, daß er mir die Hand eines Flüchtlings nicht bieten wolle, daß mein Opfer zu groß ſei oder dergleichen, genug mich davon zu überzeugen.“ „Klotilde“, unterbrach Saſſen das Mädchen,„Sie lieben Hubert nicht!“ „Wie“, fragte Klotilde erſtaunt;„was macht Sie daran zweifeln?“ „Wie hätten Sie die Entſcheidung einer ſolchen Frage ruhig abwarten können, wenn Sie ihn liebten?“ „Und iſt nicht der Wunſch, den Geliebten zu be⸗ glücken, das wahre Weſen der Liebe?“ „Und iſt nicht das Verlangen des Beſitzes es nicht weniger?“ fragte der Landrath. „Wohl“, erwiderte Klotilde;„aber hätten alle die ungeheuern Opfer, die ich ihm willig brachte, ihn be⸗ glücken können, wenn mein Beſitz ihm nicht mehr wünſchenswerth war? Ich verblendete mich nicht über dieſe Opfer; ich wußte, daß die Pflanze, nachdem ſie einen gewiſſen Punkt der Reife und Entwickelung er⸗ langt, nicht mehr verſetzt werden kann, ohne einige — ½ 2 der zarten Lebensfaſern zu verletzen, mit denen ſie in den Mutterboden verwachſen iſt, aus dem ſie Saft und Nahrung ſog, wußte, daß ſie im fremden Erd⸗ reich nicht mehr Wurzel ſchlagen kann. Aber war das die Frage? Konnte das die Frage ſein, wo die Pflicht ſo deutlich ſprach? „Die Antwort, die ich mit umgehender Poſt erhielt, konnte mir keinen Zweifel laſſen, und wird auch Sie überzeugen. Vielleicht, nein gewiß waren einige Him⸗ melslaute der Liebe, die dieſer Brief enthält, nur für mein eigenes Ohr beſtimmt; allein ich fühle zu tief, daß ich Ihnen, verehrter Freund, eine Rechtfertigung des außerordentlichen Schrittes, zu welchem Sie mich entſchloſſen ſehen, ſchuldig bin, als daß ich aus einer falſchen Delicateſſe anſtehen könnte, Ihnen Hubert's“ Brief zu zeigen.“ Der Landrath entfaltete ſchweigend und mit einer nervöſen, dem gehaltenen Manne unnatürlichen Bewe⸗ gung, das Blatt, welches das Fräulein ihm reichte. Er las: „Klotilde, daß Sie mich fragen, ob Ihr Bild, Ihr heiliges, leuchtendes Bild noch in meinem Herzen lebt, daß Sie mich fragen fönnen, ob ich zu dem neuen Leben erblühen könne ohne Sie, ohne Ihren Beſitz, das iſt das Einzige, was einen Schatten wirft 29 über den jungen, ſonnenhellen Tag, der jetzt anbricht für den aus dem Grabe Erſtandenen. O Klotilde, aus dem Strahl, den Du mir nachſendeteſt in die dunkle Nacht, hab' ich Lebenslicht, Lebenswärme ge⸗ ſogen bis jetzt! Was wäre aus mir geworden, ohne Dich! Und jetzt— das Geſchenk der Freiheit ſelbſt wäre mir verhaßt aus des Despoten Hand, ahnete ich nicht, daß Du es biſt, der ich es verdanke! Ohne Dich wäre Verbannung, was mit Dir das Einfahren iſt in den erſehnten Hafen der irdiſchen Seligkeit. „Ich weiß es, welche Opfer Du meiner Liebe bringſt, meine Klotilde! Die Freunde, die Dich kennen und lieben, die Welt, in der Du glänzeſt, das Vaterland, das einem Weibe auch in der Sklaverei noch theuer iſt. Aber ich zögere nicht, dieſe Opfer anzunehmen und tauſend mehr, denn meine Liebe ſoll Dir Freunde und Welt und Vaterland ſein. An meiner Hand ſollſt auch Du ein neues Leben beginnen im Lande der Freiheit, ſollſt auch Du in das jungfräuliche Erdreich, das kräftig empfangende, wiedergebärende, den Samen einer edlern Humanität ſtreuen, den der verfaulte Boden Europas nicht mehr empfangen kann, ohne ihn durch ſeine verpeſtenden Dünſte zu vergiften. Was hier noch Jahre lang ein bloßer Traum bleiben müßte, kann und ſoll dort zum friſchen Leben erwachen; das ———— 30 Ideal, hier als ein Hirngeſpinnſt verlacht, darf dort Realität und Geſtaltung gewinnen. Er ahnet nicht, der Tyrann, der mich ſo willkürlich in den Kerker warf, als er mich willkürlich wieder herausſchickt, daß er mir durch Das, was er als eine neue Strafe betrachtet, die Pforte zum wahren Tempel der Freiheit, durch Deinen Beſitz aber die zum Himmelreich öffnet. Auch außerhalb der Mauern der Zwingfeſte, in der er mich vier Jahre gefeſſelt hielt, iſt Deutſchland nur ein großes Gefängniß mit achtunddreißig Zellen, groß und klein. Seit meinen früheſten Kinderjahren war Amerika das Ziel meiner Sehnſucht, meiner Träume. Mein Vater floh, ſich der Zwingherrſchaft des Corſen zu entziehen. Spanien, Oſtindien, Amerika in Nord und Süd ward der Schauplatz ſeiner kriegeriſchen Thaten; aber als er nach zehn Jahren endlich heimkehrte zum heimiſchen Herde, zu der verlaſſenen Gattin, zu den anwachſenden Kindern, da war es unter den Erzählungen von den mannichfachen Abenteuern, die er erkebt, von den fremden Zonen, die er durchſtreift, vor Allem der Bericht von dem Lande, wo jedweder ſich ein König fühlt, worauf der Knabe mit gierigem Ohr lauſchte, der ſeine Seele mit Sehnſucht füllte nach dem Boden der Freiheit. „Dahin, meine Klotilde, laß uns ziehen! Nicht 31 in den Städten des Oſtens laß uns weilen, den ge⸗ ſchäftigen Märkten unerſättlicher Habgier, den halb⸗ civiliſirten Sitzen politiſcher Ränke, den wilden Tum⸗ melplätzen des aus der alten Welt exilirten Laſters, wo der Menſch keinen andern Werth hat, als einen Zahlwerth; wo der Heißhunger nach Erwerb zugleich mit dem edeln Metall die edlere Natur des Menſchen verſchlingt;— nicht dort laß uns den Herd unſeres heimiſchen Glückes errichten. Auch in dem Sklaven⸗ lande, wohin uns das rettende Schiff führt, laß uns nicht bleiben. Möge der Zeitpunkt nicht fern ſein, daß die Humanität dieſe ſchmuzigen Schandflecke auf dem lichten Mantel der Freiheit auswaſchen darf! Nein, meine Klotilde, in den heiligen Urwäldern des fernen Weſtens, auf dem Teppich der Natur, der blumenreichen Prairie laß uns Hütten bauen! Du ſollſt meine, ich will Deine Welt ſein. „Mein Vater iſt im erſten Jahre meiner Einkerkerung eßurten Die Unmenſchen haben ihn nicht den Sohn am Sterbebette ſegnen laſſen. Nicht einmal die mir von ihm hinterlaſſenen Papiere ſind mir eingehändigt worden. Sie liegen verſiegelt auf dem Gericht in meiner Vaterſtadt. Aber das kleine Vermögen, das er hinter⸗ laſſen, reicht hin zum Ankauf eines Stück Landes, zum Anbau und ſorgloſen Leben in einer Gegend, die keinen andern Lurus kennt als das Athmen einer freien Luft. Ich habe davon mir eine Summe auszahlen laſſen, groß genug, uns ſicher an das Ziel zu bringen; das Uebrige, das erſt eine Freundeshand ordnen muß, wird mit meinen Papieren eins der nächſten Schiffe mir nach Neuyork bringen. „Die Zeit drängt, meine Klotilde! Iſt es möglich — iſt es kein Traum— daß ein kurzer Monat— ein Monat, an deſſen Nachſpiel von Gefangenſchaft, an deſſen Hohn von Freiheit ich faſt ſchwerer ſchleppe, als an meinen ſechsjährigen Ketten— Dich in meine Arme führen ſoll, Geliebte meiner Seele? Und um auf ewig mein zu ſein!“ Saſſen hatte mit trüber Sammlung geleſen. Ei⸗ nige Stellen überſah er von neuem; dann ſagte er, den Brief zurückgebend in ſchmerzlich bitterm Ton: „Armer Hubert, ja es war grauſam, dich in die Einſamkeit des Kerkers zu ſtoßen! Eine ſechsjährige Lebensſchule hätte einen wackern Staatsbürger aus dem noch bildſamen Jüngling erzogen; ein ſechsjähri⸗ ges Brüten im Dunkeln über unreifen Phantaſien hat einen anmaßenden Schwärmer aus ihm gemacht. Glauben Sie, daß dieſer Mann Ihnen ein ſicherer Führer durchs Leben werden könne, Klotilde?“ Die Gefragte ſchwieg eine Weile. Es war leicht zu ſehen, daß ſie verletzt war. Allein ſie ſagte ſanft⸗ müthig:„Sie ſehen zu ſchwarz, mein Freund! Wir Beide haben noch viel zu lernen. Hubert wird mich, ich ihn erziehen helfen. Wie dem aber auch ſei“, fügte ſie mit feſter Stimme hinzu,„ich bin Hubert's Braut. Ich will ihm eine treue Gefährtin durchs Leben wer⸗ den. Im Nebenzimmer dort ſtehen meine Koffer ge⸗ packt. Morgen mit dem früheſten reiſe ich, um mich in wenigen Tagen für immer mit ihm zu vereinigen.“ „Sie haben Recht“, verſetzte der Landrath ent⸗ ſchloſſen.„Es iſt zu ſpät. Es war ſchon vor Jah⸗ ren zu ſpät!“ Er ſtand auf. Auch ſie erhob ſich. Die hohe, edle Geſtalt ſtand dicht vor dem bewegten Mädchen. Das Blut ſchoß ihr plötzlich ans Herz; dann trat es eben ſo plötzlich wieder zurück; ſie erblaßte und bebte, denn ſie fühlte, ſie wußte kaum wie, daß der Freund ihr noch etwas zu ſagen hatte. „Klotilde“, hob er an,„Sie haben mir unbe⸗ ſchreiblich weh gethan; dennoch danke ich Ihnen, daß Sie mir endlich vergönnten einen Blick in den reinen Himmel Ihres Herzens zu thun. Ihre Güte, Ihr Edelmuth, Ihre Selbſtaufopferung kann Sie mir nur mehr und mehr zum Gegenſtand einer— Verehrung machen, wie ich ſie nie gegen ein menſchliches Weſen Die Auswanderer. I. 3 34 gehegt. Ja, Klotilde— wahrſcheinlich ſeh' ich Sie — zum letzten Mal in dieſem Leben— darum laſſen Sie auch mich— auch mich einmal ganz aufrichtig mit Ihnen ſprechen, damit Sie es auch jenſeits des Weltmeers empfinden mögen, daß Sie hier einen— Freund zurückließen, in Noth und Tod!“ Das Stocken, das Beben der Stimme des ſtarken Mannes überwältigte ſie faſt. Sie ſah ihn mit einem einzigen Blicke an; eine Thräne glänzte in ſeinem Auge. Zum erſten Male verſtand ſie ihn. Ein Flor zog ſich vor ihr Geſicht. Sie mußte ſich ſetzen. Er fuhr fort: „Als Sie noch ein liebliches Kind waren, Klotilde, ich ſchon ein Mann, ergötzte mich Ihr Anblick, wie uns die Schönheit des goldenen Morgenroths, wie uns der Duft der Roſe ergötzt. Wenn ich den ganzen Tag über gearbeitet hatte, wenn ich ermüdet war von der Geſchäfte Laſt und Beſchwerden und voll Verdruß und Ekel über das wahnſinnige, ruchloſe Treiben der Nerzeit, die mit frevelhaften Händen an allem Heili⸗ gen, allem Ehrwürdigen rüttelt— dann pflegt' ich wol Abends gern Ihren Vater zu beſuchen, der in ſeine gelehrten Forſchungen der Vorzeit ſich hinein gelebt, wie in eine andere Welt. Seine gemüthliche, 35 ehrwürdige Kindlichkeit hatte etwas Erquickendes für meinen raſtlos arbeitenden Geiſt. Erfriſchender aber noch ward mir bald der balſamiſche Hauch Ihres ganzen Weſens, Klotilde; ſo heiter, ſo liebreich, ſo unſchuldsvoll! Es war mir ſtets, als fühlte ich mich geſtärkt durch Ihre Gegenwart, als hätt' ich, wenn ich Sie geſehen, wieder Kräfte geſammelt zum Ar⸗ beiten und Kämpfen. „Als aber der trübe Ernſt in Ihr junges Leben brach und Ihren Blick auf Höheres richtete, als das Spiel der Welt; als Sie mir, dem Freunde und Ge⸗ ſellſchafter Ihrer Eltern, ſelbſt mehr Freundin und Gefährtin wurden, da lernte ich fühlen, daß der Mann, dem es gelänge Ihr Herz, Ihre Hand zu gewinnen, der glücklichſte Sterbliche ſei. „Die zwölf Jahre, die ich vor Ihnen voraus hatte, machten mich ſcheu. Und wenn ich auch ein⸗ mal glaubte, Ihnen die Art und Weiſe meines Ge⸗ fühles deutlich genug zu erkennen gegeben zu haben— Sie verſtanden mich nicht. Sie hatten ſich daran gewöhnt, mich als einen der Alten anzuſehen, als eine Reſpectsperſon, als einen Mentor wol gar. Sie dachten wol nicht einmal an die Möglichkeit, daß ich Sie— lieben könnte. Alles dies entmuthigte mich. Endlich entdeckte ich mich Ihrem Vater. Es 38 — 36 war kein volles Jahr vor ſeinem Tode. Er war gerührt— erfreut. Ja, Klotilde, ich darf es jetzt mit Stolz ſagen, der Treffliche war erfreut. Er ſagte mir nichts von der Geſchichte Ihres Herzens. Er wollte Ihnen nicht vorgreifen. Suchen Sie Klotildens Nei⸗ gung zu gewinnen, ſagte er. Kurz darauf ſetzte mich ſein Vertrauen zu Ihrem Vormund ein. „Nur zu bald hatte ich dies Amt anzutreten. Vielleicht entfremdete mich dieſes— väterliche Amt Ihnen mehr, als daß es mich Ihnen näher brachte. Für mich ſollte es eine neue Schranke ſein. Denn als ich mich mit Ihren Angelegenheiten vertraut machte, er⸗ ſchrak ich faſt vor dem bedeutenden Vermögen, das Sie beſaßen, faſt ohne es ſelbſt zu ahnen, beſaßen; denn der verwirrte Zuſtand, in dem daſſelbe ſich unter Ihres Vaters eigener Verwaltung befunden— er war Alles, nur kein Geſchäftsmann— hatte Ihnen nur ein geringes Einkommen gewährt und die Welt hielt Sie längſt nicht mehr für reich. Jetzt wieſen Sie ſich als eine reiche Erbin aus— ich war ſchwach genug— ich geſtehe, mein Stolz konnte den Gedan⸗ ken nicht ertragen, die Welt, die mich als eins der Häupter der verhaßten Adelspartei kannte, könne arg⸗ wöhnen, ich opfre meine ariſtokratiſchen Grundſätze Ihrem Reichthum auf. Ihrem Reichthum, Klotilde, der Armuth war im Vergleich mit den Schätzen Ihres Innern! „Dies ſchloß mir von neuem den Mund. Ich war ein Thor! Aber was thut's? Es wäre doch zu ſpät geweſen! Ihr Edelmuth hatte Sie längſt ge⸗ bunden. Sie gehen! Nicht einmal ſehen ſollen meine Augen Sie mehr. Ich bin nicht jung genug; ich bin nicht unmännlich genug, um an einem gebrochenen Herzen zu ſterben. Aber die Blumen aus meinem Leben, die Hoffnung, daß auch mir einmal ſich über die gemeine Alltäglichkeit der Dinge der goldne Duft eines beſeligenden ehelichen Verhältniſſes ziehen würde— das Alles nehmen Sie auf ewig mit ſich fort, Klotilde!“ Sie ſaß ſchweigend, bebend, den Kopf in die Hand geſtützt; die heißweinenden Augen in ihr Tuch ver⸗ borgen. „Es iſt vorbei“, fuhr er geſammelter fort.„Zie⸗ hen Sie mit Gott! Ich weiß es, er wird ſtets Ihr erkorner Führer ſein. Gilt Ihnen der Rath eines er⸗ fahrenen Freundes noch etwas, ſo ſuchen Sie Hubert zu beſtimmen, ſich in einem der größern Städte der öſtlichen Staaten niederzulaſſen. Sie, an die feinern Genüſſe der Cultur gewöhnt, werden dort beide viel entbehren, aber einander auch doppelt viel ſein können. Im fernen Weſten, unter den Pionieren der Wildniß, unter den Ausreutern des Dickichts, wo mehr oder weniger die rohe Kraft das Geſetz noch vertritt, ſind weder Sie am Platz noch er. Laſſen Sie ſich nicht von einer krankhaft urtheilsloſen Romantik beſtechen, der Sie zum Opfer fallen würden. Suchen Sie Hubert auch zu irgend einer nützlichen Thätigkeit zu beſtimmen. Ein Träumer wird Sie nie be⸗ glücken. „Dieſe Papiere werd' ich beſorgen“, ſetzte er hinzu, indem er das Nöthige mit einer Geſchäfts⸗ ruhe zuſammenpackte, in welcher nur eine gewiſſe Haſt der Bewegung den Zuſtand ſeines Innern verrieth. Auch Klotilde hatte ſich gefaßt und erhoben. Er ergriff ihre Hand.—„Leben Sie wohl!“ ſagte er leiſe, die zarte Hand mit einer ſchmerzhaften Gewalt zwiſchen den ſeinen preſſend. Sie ſah mit ſeelenvollem Blick zu ihm empor. Sie erwartete, daß er den letzten Freundeskuß auf ihre Lippen drücken würde. Aber er traute dem Gefühle nicht, das, mit Manneskraft niedergehalten, deſto ſtürmi⸗ ſcher ſeine Bruſt durchtobte. Athemlos ſtand er dicht vor ihr. Aber er küßte ſie nicht. Er hielt ſchweigend einen langen, tiefen Blick auf ſie geheftet. „Brauchen Sie Ihren Freund“, ſagte er endlich mit bebender Stimme,„ſo rufen Sie ihn. Auch über das Meer will ich Ihnen folgen. Und nun— der Allmächtige ſei mit Ihnen!“ Er ließ ihre Hand fahren und entfernte ſich raſch. 1 Zweites Capitel. Die Reiſe. Klotilde ſaß lange betäubt, verwirrt, ſprachlos da. Dunkle Gefühle durchwogten ihre Bruſt. Es war ihr zu Muthe, als hätte ſie ſoeben einen ungeheuern Verluſt erlitten, ohne daß ſie ſich recht bewußt war, was ſie verloren. Nach und nach geſtaltete es ſich klarer vor den Augen ihrer Seele. Das ideale Bild eines chriſtlichen Haushalts ſtieg vor ihr auf; der Gatte— er trug Saſſen's Züge— das edle Haupt deſſelben, ein ſicherer Führer zu allem Guten und Rechten; die geliebte, verehrte Gattin, das Licht des Hauſes, das für ihn und die Seinen das heilige Feuer nährt auf dem heimiſchen Herd, von dem alle Lebenswärme ausjließt; geſegnet an Gütern, in ruhig gemächlichem Beſitz, und auch dadurch befähigt, als gemeinſchaftliche Werkzeuge den Segen des Herrn auszubreiten über leidende Schweſtern und Brüder; umgeben von den Grazien des Daſeins, der Kunſt, dem Wiſſen, dem ſüßen Ueberfluſſe, der auch der All⸗ tagsmiene des Lebens eine gewiſſe Anmuth verleiht— dieſes Bild ſtieg leiſe, duftig, lockend vor ihr auf. und ihm gegenüber die Wildniß des Weſtens und das weite Grab aller ihrer Erinnerungen, aller ihrer Jugendbande, das Verſinken ihrer ganzen Ver⸗ gangenheit. Ein neues Leben ſollte ſie beginnen, für ein neues Leben ſollte ſie ſich erziehen und mit ſcho⸗ nungsloſer Hand den Stamm ihres Daſeins an der Wurzel abſchneiden. Durch eine fremde Welt ſollte ſie wandern, ihr doppelt fremd durch den Aus⸗ druck ihres Daſeins vermittelſt einer fremden Sprache — einer Sprache, die ſie liebte und gründlich erlernt hatte, aber immer doch eine fremde, eine Sprache, in der ſie nicht betete. Wandern ſollte ſie durch dieſe fremde Welt, an der Hand eines fremden— ja eines fremden Mannes. Denn konnte ſie ſich es leugnen? Während Saſſen ihr durch vieljährigen Umgang vertraut, jede Schat⸗ tirung ſeiner Denkungsart, ſein Temperament, ſeine Liebhabereien, ſeine Neigungen ihr bekannt geworden waren, war ihr nicht Hubert beinahe ein Fremder ge⸗ worden? Es iſt wahr, vor ſechs oder ſieben Jahren hatte ſie ihn oft geſehen, oft geſprochen. Aber— wie ——————— 8 3 ₰ 6 12 verſchieden ſind die Eindrücke, die ein ſechzehnjähriges Mädchen von einem Manne empfängt, von denen einer dreiundzwanzigjährigen Jungfrau! Wie verſchieden ſind ihre Anſprüche, ihre Bedürfniſſe! Kaum daß ſie je mit Hubert von etwas Anderm geſprochen, als von einem Tanz, einer Ausfahrt, von dem Befinden oder der Verlobung einer gemeinſchaftlichen Bekannten! Und er? Was anders hatte er eigentlich in ihr geliebt als ihr roſiges Geſichtchen? ihre ſchlanke Geſtalt? wenn es hoch kam, ihren Geſang am Clavier? Er kannte ihre eigenſte Natur ſo wenig als ſie die ſeine. Die Friſche und Anmuth der Jugend gibt auch dem Ge⸗ wöhnlichſten eine gewiſſe Bedeutung. Wer den ge⸗ bräuchlichen Geſellſchaftsgeſprächen ſehr junger Per⸗ ſonen von verſchiedenen Geſchlechtern lauſcht, wer ihren Verkehr bei Tanz und Spiel beobachtet, wer forſcht, warum ſie lachen und weinen, warum ſie vorziehen und nachſetzen, auszeichnen und vernachläſſigen, darf damit nicht hoffen in die unerſchloſſene, ihnen ſelbſt noch unverſtändliche Tiefe ihrer Gemüther einzudrin⸗ gen. Gar lieblich ſproſſen die grünen Knospen am Stock; hier und da bricht ein roſiges Streifchen durch den grünen Blätterkelch hervor, wie eine jungfräuliche Seele aus der Kindesnatur. Aber nur die erblühende Roſe ſendet den balſamiſchen Duft aus, der doch ihr eigentliches Weſen ausmacht, ohne welchen die Roſe gar keine rechte Roſe ſein würde. Wie im Pflanzen⸗, ſo im Menſchenleben. In welchen Abgrund dunkler Gedanken ſtürzten ſie dieſe Betrachtungen! Sie riß ſich gewaltſam her⸗ aus. Tauſend kleine Geſchäfte waren noch zu ver⸗ richten. Sie durfte, wenn ſie ſich aufrecht erhalten wollte, der Wehmuth nicht einen Augenblick Raum geben, die ſie bei der Vorſtellung ergriff, daß ſie Alles, was ſie liebte: die Freunde ihrer Jugend, die Plätze ihrer Freuden und Schmerzen, die Kreiſe ihres Wir⸗ tens— daß ſie Alles dies morgen vielleicht auf ewig verlaſſen ſollte. Keiner ihrer Freunde wußte um ihren Plan, außer Doctor Stellmann und ſeine Frau, ihre Reiſegefährten, die Wagen, Päſſe und was ſonſt noch nöthig war, beſorgt hatten. Sie hatte den geſtrigen und vorgeſtrigen Tag damit zugebracht, Abſchiedsbriefe zu ſchreiben, in denen ſie Einigen ihren Entſchluß kurz mittheilte, Andern umſtändlicher auseinanderſetzte, wieder Andern blos einige herzliche Worte des Lebewohls zurief. Sie ſollten ihnen überliefert werden, wenn ſie fort wäre. Ihre Dienſtboten wußten, daß ſie eine weite Reiſe beabſichtige; jetzt rief ſie ſie herein, ſagte ihnen, daß ſie nicht wiederzukehren dächte— und entließ die —————————— —— beſtürzten, weinenden Mädchen mit reichlichen Ge⸗ ſchenken. Gern hätte ſie eine derſelben mit in das fremde Land hinübergenommen; allein die eine hatte eine Mutter, deren Alter ſie ſie nicht entziehen wollte; der andern Schwatzhaftigkeit hatte ſie gefürchtet, denn es lag ihr Alles daran, ihren Plan mit dem ſtrengſten Geheimniß auszuführen. Sie ſcheute nicht die tobende See, nicht die öde Fremde, nicht die tauſendfachen Entbehrungen, die ihrer harrten. Aber die flache Neugierde der Menge, die weitaufgeriſſenen Augen, die beleidigende Verwunderung der Blicke, die ver⸗ traulichen Fragen, die wohlgemeinten Rathſchläge— Das war es, was ſie ſcheute, was ſie fürchtete. Sie hatte demnach beſchloſſen, erſt in der Hafenſtadt, wo Stellmann wohl bekannt war, eine treue Seele zu ſuchen und in ihrem Dienſt mit über das Meer zu nehmen. Nun war Alles bereit. Nach einer Nacht, in Thränen und Gebeten durchwacht, ſaß ſie am andern Morgen im Reiſewagen, neben Henrietten, die auch das naſſe Tuch vor das Geſicht drückte. Aber der friſche Morgenwind trocknete bald ihre Thränen. Der Mann ihrer langjährigen Liebe ſaß ihr gegenüber, voll frohen Muthes und ſanguiniſcher Hoffnungen der Zukunft entgegengehend. Erſt vor einem halben Jahre hatten ſie ſich getraut ſich zu vermählen; denn die langwierigen mediciniſchen Studien und Eramen, durch welche Stellmann gehen mußte, ehe er als praktiſcher Arzt ſich niederlaſſen durfte, hatten ſelbſt ſeinen Muth zu oft gedämpft, um Henriettens Eltern ſehr dringend anzugehen, ſie ihm zur Frau zu geben, ehe er durch das Doctorexamen gegangen. Aber auch nachdem er glücklich durch dieſe Pforte geſchlüpft und Eingang gefunden in das Allerheiligſte, wartete ſeiner am Altare nicht Brot. In der Stadt mußte er die Armen, Zahlungsunfähigen curiren, um ſich bekannt zu machen. Von den Eiern und Schinken, mit denen die Landleute zahlten, ließ ſich allenfalls leben, aber weder Miethzins, noch anſtändige Kleidung beſtreiten. Die Auswanderung nach Amerika, die längſt des Dor⸗ tors Lieblingstraum geweſen— denn er hatte ſchon als Primaner unter die« Europamüden? gehört, die Tyrannen gehaßt und jeden für einen Feind der Frei⸗ heit erklärt, der nicht mit dem Meſſer, das er eben einem Fürſten ins Herz geſtoßen, ſich ruhig ein Stück Brot abſchneiden könne— trat ihm von neuem nahe vor die Seele; Henriette war bereitwillig— ein ſie⸗ benjähriges Warten hätte ſie willig gemacht, mit dem Geliebten ihrer Seele nach Irkutsk zu gehen, wenn es hätte ſein müſſen, und ſein Muth, ſein freudiges ——— — ————— Anticipationsvermögen, das ihm den Himmel der transatlantiſchen Ferne voll glänzender Sonnen ent⸗ gegenſtrahlen machte, war genug, auch in ihr die froh⸗ ſten Erwartungen zu erregen. Sie beſchloſſen daher, die erſte Schiffahrt zur Auswanderung zu benutzen; Neu⸗Orleans war dem Doctor ſchon recht, er konnte vorausſetzen, daß dort kein Ueberfluß von deutſchen Aerzten war; und ging es dort nicht, ſo war es ja doch der Port zum Lande der Freiheit, wo jede Ort⸗ ſchaft Dem, der ſich rühren will— und niemand war dazu williger als er— reichlichen Erwerb bietet. Ein ſiebenjähriger Brautſtand hatte weder Stell⸗ mann's noch Henriettens Liebe gemindert— im Ge⸗ gentheil vielleicht geſtärkt, gerade aus demſelben Grunde, aus dem alte Eheleute einander mehr lieben als junge; aber das langjährige, beſtändige Zuſammen⸗ ſein— Stellmann's Armuth hatte ihm nicht erlaubt, auch andere Univerſitäten zu beſuchen— das doch weder die erziehenden Pflichten, der Ehe, noch ihre gehei⸗ ligten Rechte mit ſich brächte, hatte ihrem Verhältniß den Duft, die Zartheit, die Weihe genommen, die dem Zuſtande eines verlobten, aber nicht vermählten Paares einen ſo eigenthümlichen Zauber verleiht. Henriette, ſehr ordentlich und pünktlich erzogen und häufig von Stellmann's Leichtſinn und geringer Zuverläſſigkeit — verletzt, hatte ſich einen gewiſſen, hofmeiſternden Ton angewöhnt, den dieſer von der Braut ſchon nicht gern ertragen, der ihm aber bei ſeiner Frau viel mehr mis⸗ fiel als bei ſeiner Geliebten, und von dem er hoffte ſie curiren zu können, indem er ſuchte ſie auf ihre eigenen Unvollkommenheiten aufmerkſam zu machen, die er in der That nicht halb ſo übel empfand, als man aus dem ſtarken Ausdruck ſeines Tadels hätte ſchließen ſollen. Seine Abſicht war nur, ſie zu dem Bewußt⸗ ſein zu bringen, daß, wer ſelbſt nicht ohne Fehler ſei, nicht den Stein aufheben ſolle. Er pflegte demnach gern die kleinen Vorwürfe, die ſie ihm gelegentlich machte, geradezu umzukehren und die Spitze des Pfeiles gegen den angreifenden Theil zu richten. „Lieber Stellmann“, ſagte Henriette, nachdem ſie wiederholt ihre Füße zu retten geſucht,„ich bitte dich, ſetze deine ſchweren Stiefeln nicht immer auf mein Kleid.“—„Setzteſt du dich doch geſtern gar auf meine Reiſemütze, und man kann den Sitz beſſer ſehen als den Boden.“—„Ich fürchte, dein Mantel, der immer, vom Rückſitze, Klotilden auf die Füße gleitet, iſt ihr ſehr im Wege, du ſollteſt ihn zuſammenfalten, oder dich darauf ſetzen.“—„Ich beſorge, dein un⸗ geheurer Korb da zwiſchen dir und ihr iſt es noch mehr. Er nimmt wenigſtens den dritten Theil des 48 Sitzes ein.“—„Wie konnteſt du nur aber den Reiſeführer, den wir ſo nöthig unterwegs brauchen, mit den andern Büchern in den Koffer packen, lieber Stellmann?“—„Ueber die Lüneburger Haide brauchſt du nicht viel Belehrung, Jettchen. Und hatteſt du nicht gar das Nachtzeug unten in den Reiſeſack ge⸗ packt, ſo daß wir gleich auf der erſten Station die ganze Geſchichte umſchütten mußten?“ So ſchien Stellmann, ſtatt durch ihre Verſehen gewarnt, ähnliche zu begehen, ſie als die vollkommenſte Rechtfertigung der ſeinigen zu betrachten. Klotilde mußte unwillkürlich an den trotzigen dreijährigen Knaben denken, der gewohnt, nichts auf ſich ſitzen zu laſſen, einem ältern Freund, welcher ſeiner ewigen Fragluſt nach dem Warum der Dinge zu begegnen, einſt zu ihm ſagte:„Ich ſehe, du biſt ein Philoſoph!“ entſchloſſen erwiderte:„Du biſt auch einer.“ Das kleine Gezänk und Gezauſter zwiſchen den liebenden Eheleuten fand auch noch andere Anknüpf⸗ punkte. Jettchen war von rundem üppigen Körperbau; ſie konnte nicht viel Hitze vertragen und wollte mit Gewalt alle Fenſter des Wagens offen haben; Stell⸗ mann, obwol nicht weichlich, war mager und froſtig; er erklärte als Arzt die rauhen Märzwinde für äußerſt gefährlich, und wollte es nicht Wort haben, wenn S — 49 Henriette neckend verſicherte, daß er darin nur ſeine eigene Neigung zu Rathe zöge, gerade wie er ja auch ſeine Lieblingsſpeiſen ſämmtlich als heilſam anpreiſe und ſeinen Patienten verbiete zu eſſen, was er nicht möge. Die Augenblicke, wenn eins der Eheleute ſich in die Wagenecke zum Schlaf zurückog und die Au⸗ gen ſchloß, wurden von dem andern Theile eiligſt zum Oeffnen oder Schließen der Fenſter benutzt, je nachdem die wache Hälfte hitziger oder fröſtelnder Natur war, nicht ohne nachher ſich von der erwachenden andern einige Vorwürfe zuzuziehen. Oder ſie konnten ſich über die Stunde des Auf⸗ bruchs am folgenden Morgen nicht einigen. Stellmann fand es thöricht, ſich durch Aufſtehen vor Tagesanfang die Nacht zu verderben, da ſie ja doch mit den Mieth⸗ pferden nur eine gewiſſe Anzahl Meilen zurücklegen könnten. Henriette behauptete, man müſſe auf die Möglichkeit eines unvorhergeſehenen Auſenthalts bedacht ſein. Oder Stellmann wollte in einem Gaſthof ab⸗ treten, von dem er gehört, die Mahlzeiten ſeien trefflich, die Preiſe billig. Henriette zog einen andern vor, wo ihre Tante einſt geherbergt und die herrlichen Betten und das feine Leinenzeug gerühmt hatte. Immer ſollte Klotilde entſcheiden, eine Sache aber, worauf ſich unſere Freundin nur ſelten einließ. Die Auswanderer. I. 4 Oft auch überkamen die arme junge Frau die Er⸗ innerungen an Eltern und Heimat und ſie fing ſtill an zu weinen. Stellmann ſah es mit herzlicher Theilnahme. Aber er ließ ſich nichts davon merken; ſtatt ihr von der Mutter zu ſprechen, von ihren Ge⸗ ſpielinnen, ihrem Vaterhauſe, und ſie ſich recht aus⸗ weinen zu laſſen, bis ihr das Herz erleichtert war, that er, als ſeh' er ihre Thränen nicht, fing an Bur⸗ ſchenlieder zu ſingen, Anekdoten zu erzählen und mit den beiher laufenden Kindern Poſſen zu treiben, bis ſie ſich zerſtreute und, mit Thränen in den Augen, in Lachen ausbrach. Dann fingen ſie wol an ge⸗ meinſchaftlich zu ſingen oder mit einander ihre Zukunft auszumalen. Ein paar Stunden vergingen in harm⸗ loſer Glückſeligkeit, bis vielleicht eine neue Differenz, etwa ob das zu erbauende Haus am Ohio liegen ſolle oder am Miſſiſſippi, ob es zweiſtöckig ſein ſolle oder einſtöckig und dergleichen, wieder ein Wölkchen an dieſen Himmel lockte. Klotilden zog das Bild dieſer— glücklichen Che faſt das Herz zuſammen. Sie hatte Henrietten, eine ihrer liebſten Jugendfreundinnen, nie als tief unter ſich betrachtet, wenn ſie auch wußte, daß ihre Ver⸗ hältniſſe ihr ſelbſt eine gründlichere Ausbildung ver⸗ gönnt. Stellmann hatte ſo gut als Hubert auf der Univerſität immer für einen vorzüglichen Kopf gegol⸗ ten; ſeine Sitten waren gut, ſeine Redlichkeit war unbeſcholten, ſeine politiſchen Geſinnungen waren die⸗ ſelben, die an Hubert bekannt waren. Was alſo hob dieſen über jenen? Aber ſie konnte nur vor dem Wiederſehen ſo fra⸗ gen. Als ſie Hubert wiedergeſehen, als er zu ihren Füßen gelegen, ihre Hände mit heißen Thränen, mit heißern Küſſen bedeckt hatte, als jedes ſeiner Worte, jeder ſeiner Blicke die innigſte, zarteſte Liebe und Ver⸗ ehrung ausdrückte, da glaubte ſie's zu wiſſen, was ihn hoch über jenen hob; es war ſeine edlere Natur. Die Gefühle der Stunden der Wiedervereinigung der beiden Liebenden können keine Worte ſchildern. Eine Seligkeit des Gebens, des Empfangens zog in Klo⸗ tildens Herz ein, wie ſie noch nie Aehnliches empfunden. Zwar Hubert ſah bleich und welk aus; die lange Gefan⸗ genſchaft ſchien ſeine Jugendkraft halb gebrochen zu ha⸗ ben. Aber das unendliche, hinſchmelzende, wehmuthvolle Mitleid war es eben, was ihre Empfindung für ihn ſo unüberſchwenglich erhöhte. Auch ſie hatte an blü⸗ hender Schönheit verloren. Allein die Seele ſah klarer aus ihrem blauen Auge heraus, als ehe ſie ſo tief, ſo ſchmerzlich gelitten. Und Jedes konnte für den Andern ein Wiederaufblühen, ein Wiedererſtarken hoffen, 4* in dem neuen Leben, dem ſie nun beide voll Hoffnun⸗ gen Hand in Hand entgegen gingen. Henriette hatte übrigens guten Grund zur Eile ge⸗ habt. Denn der Schwan, ſo hieß das Schiff, das ſie nach Amerika führen ſollte, lag ſchon draußen, außerhalb des Hafens, und ſtatt, wie Klotilde gehofft, einen Tag zu den letzten Vorbereitungen übrig zu haben, verurſachte der plötzlich günſtig werdende Wind eine Beſchleunigung der Abfahrt und die Auswanderer wurden gemahnt, ſich ſogleich auf das Dampfſchiff zu begeben, das ſie nach dem ſchon in See geſtochenen Schiffe bringen ſollte. Die Beſtürzung war groß. Hubert wünſchte dringend, nur als Klotildens Gatte Europa zu verlaſſen. Klotilde ſelbſt hatte ſicher dar⸗ auf gerechnet; ihre Reiſe nach einem fremden Welt⸗ theile war zuläſſiger an der Seite eines Gemahls. Aber der Augenblick drängte. Sollte ſie durch die hei⸗ lige Ceremonie eilen, wie man, wenn der Reiſewagen ſchon vor der Thür ſteht, wol durch eine Mahlzeit, oder durch ein anderes Alltagsgeſchäft eilt?— Nichts widerſprach ihrem Zartgefühl mehr! Vielleicht daß ſie einen Geiſtlichen am Bord fanden! Kurz der Au⸗ genblick flog vorüber, der Wagen, der ſie nach dem Dampfſchiff bringen ſollte, wartete. Sie fanden keinen Geiſtlichen am Bord. Ihre Geſellſchaft und drei bis vier Kaufleute, Geſchäfts⸗ männer der gewöhnlichſten Art, waren die einzigen Kajütenreiſenden. Man richtete ſich ein. Stellmann trat ſeinen Platz in der Zelle Henriettens Klotilden ab und zog mit Hubert zuſammen. Die Liebenden kamen überein, unmittelbar nach ihrer glücklichen Landung ihre Vermählung zu vollziehen. Unterdeſſen ſollte ein beſtändiges enges Zuſammenſein von Morgen bis Abend, ein inniger Austauſch ihrer Gefühle und Ge⸗ danken in ſolchem täglichen Verkehr, ſie darauf vor⸗ bereiten. 3 Wer je in der raſtlos ſchaukelnden Wiege eines Segel⸗ ſchiffs auf dem Meere geſchwebt, weiß zur Genüge, welche Schrecken, welche Leiden, welche gänzliche Entäußerung unſerer ſelbſt dieſer Zuſtand mit ſich bringt, bis auch dieſe Unnatur durch Gewöhnung eine zweite Natur geworden. Nachdem unſere Freunde glücklich ſich durch dieſe Prü⸗ fungszeit durchgearbeitet hatten und das heitere Wetter mit der Richtung nach Süden und der vorrückenden Jah⸗ reszeit milder und milder ward, machte ſich jeder Ein⸗ zelne gleichſam einen Schiffslebenplan für die Dauer der Reiſe. Henriette, die vom Anfang an mehr als die Uebrigen gelitten, glaubte flach auf dem Rücken im Bette liegend die Bewegung am beſten ertragen zu können. Stellmann, der äußerſt lebhaft war, ſuchte 54 ſich durch raſtloſe Thätigkeit zu zerſtreuen. Gern theilte er die leichteren Arbeiten der Matroſen; wenn es aber nichts zu thun gab, ſpazierte er im Sturmſchritt auf dem Verdeck auf und nieder. Klotilde konnte nur in der freien Luft ausdauern. Sie war ſchon vor dem Frühſtück auf dem Verdeck und machte ſich nach und nach ſo heimiſch, daß ihr manche kleine Handarbeit gelang, während Hubert, der nicht im mindeſten von der Bewegung litt und ſeiner innerſten Natur nach den Mangel an einer beſtimmten Beſchäftigung am beſten ertrug, auf einem umgeſtürzten Faß zu ihren Füßen ſaß und ſie ſich in mannichfachen Geſprächen vertieften. Wie viel hatten ſie einander zu ſcgen! Beſonders war Hubert unerſchöpflich.— Er hatte bei einem dichteriſchen Gemüth eine gewiſſe Zaubermacht der Rede, begünſtigt von einem weichen, vollen, männ⸗ lichen Organ; Klotilde trank lächelnd, lauſchend die ſüßen Töne in ſich und begnügte ſich ſelbſt mit Be⸗ antwortung ſeiner Fragen. Und doch— was hatte er im Grunde zu erzählen? In trauriger Einförmigkeit hatte er die ſechs Jahre ihrer Trennung zugebracht! Statt ſie handelnd zu durchleben, hatte er ſie nur durchträumen dürfen! Aber durch die Nacht ſeiner Phantaſien hatte ſich leuchtend der goldene Faden 55 ſeiner Liebe geſchlungen. Vor dem Blatte, das ſie ihm nachſandte, dem Brief des himmliſchen Troſtes, hatte er gekniet früh und ſpät, wie zur Morgen⸗ und Abendandacht; das Bild einer verſöhnenden Zukunft hatte ihn aus ihren Schriftzügen angelächelt. Wenn er ihr mit der ganzen Gewalt ſeiner Beredtſamkeit, mit tönender Stimme, mit zu ihr aufgerichteten, lie⸗ benden, leuchtendbraunen Augen in tauſendfachen Wie⸗ derholungen und doch immer wieder neuen, blühenden, hinreißenden Worten von ſeiner Liebe ſprach, wie ihr Bild ihm aus der Nacht ſeines Daſeins geſtrahlt hatte wie ein Stern; wenn das Meer rings umher melo⸗ diſch rauſchte, jetzt in majeſtätiſchen Wogen hoch auf⸗ ſteigend, dann leiſe, lieblich, in tiefer, grüner Heim⸗ lichkeit Well' auf Welle drängend, den weiten unend⸗ lichen Himmel abſpiegelnd mit ſeiner Fülle von duf⸗ tigen Farben und Gebilden; wenn ſie ſo vor ihm ſaß, Hand in Hand, Aug' in Auge— dann war es ihr, als ſei ſie in ein Gedicht hineinverzaubert, hinein in die lebendige Poeſie des Schönen, heraus aus ihrer kleinen Welt voll nackter Wirklichkeit, voll nützlicher Thätigkeit, voll harmloſer, nüchterner Genüſſe, pro⸗ ſaiſcher Sorgen und lauen Freundesverkehr. Ja, ſie war glücklich; glücklich, wie das Menſchenherz nur Einmal, nur Eine kurze Stunde lang ſein kann! 56 Oder der Abend kam heran und der Mond brei⸗ tete ſeinen magiſchen Glanz über das heilige, ſtille Meer aus. Stellmann holte Henrietten mit halber Gewalt herauf, die am Ende ihm ſelbſt dafür dankte. Alle vier ſetzten ſich ſtill dicht an die Bruſtlehne des Schiffes dem zauberhaften Waſſerſpiegel ſo nahe wie möglich, ſchweigend, ſinnend, oder in halbleiſen Ge⸗ ſprächen über ihre Zukunft, über die verlaſſenen Freunde, über die wunderſame Schönheit des Abends; oder ſie ſangen ſüße, vierſtimmige Lieder von Hauptmann oder Mendelsſohn, und der Schwan, der ſie trug, durch⸗ ſchnitt taktmäßig die Fluten und die aufgeſcheuchten Gewäſſer rauſchten die Begleitung. Ja, es waren Momente einer innigen, ahnungsvollen, überſchweng⸗ lichen Seligkeit!„ Klotilde wünſchte mehr über Hubert's Verhältniſſe, über ſeinen Vater, ſeine Mutter zu hören. Hubert erzählte gern von ſeiner Kindheit und gedachte beſon⸗ ders der Mutter mit Innigkeit. Sein Vater hatte früh in engliſchen Dienſten in Spanien gekämpft. Die Sehnſucht nach dem Vaterlande trieb ihn heim⸗ wärts; nur auf kurze Zeit glaubte er zu kommen, denn er haßte die Zwingherrſchaft der Franzoſen. Die Liebe feſſelte ihn. Er vermählte ſich mit Hubert's Mutter. Hubert war noch nicht zwei Jahre alt, als 57 der Feldzug gegen Rußland, den ſein Vater in weſt⸗ phäliſchen Dienſten mitmachen ſollte, letztern beſtimmte, ſich dieſer verhaßten Foderung durch die Flucht nach England zu entziehen, wo er von neuem Dienſte nahm und nach Oſtindien beordert wurde. Beim Ausbruch des Befreiungskrieges war er fern. Hubert's Mutter lernte mit fromm ergebenem Herzen ſich faſt als Wittwe zu betrachten. Selten nur kam Nachricht von dem Gatten aus dem fremden Welttheil, endlich blieb ſie ganz aus. Jahre vergingen; das befreite Deutſch⸗ land ging neuen Hoffnungen, neuen Täuſchungen ent⸗ gegen, und der Gatte kam nicht zurück. Die Ver⸗ laſſene, eine ſtarke, heldenmüthige Seele, war dem Kna⸗ ben und dem zarten Mädchen, das nach des Gemahls Abreiſe geboren war, Vater und Mutter. Als Hubert beinahe zwölf Jahre alt war, kam plötzlich ſein Vater zurück. Er hatte in allen vier Welttheilen gekämpft, mannichfache Abenteuer beſtanden, lange an ſeinen Wunden darnieder gelegen; ſeine Briefe waren ver⸗ loren gegangen. Hubert's Mutter forſchte nicht, fragte kaum; ſie war willig, ſie war entſchloſſen Alles zu glauben, was er, der geliebte Herumſtreifer, zu ſeiner Entſchuldigung zu ſagen wußte. Er pries ſich glück⸗ lich, wieder in der Heimat, wieder in ihren Armen zu ſein. Er war der zärtlichſte Gatte, der liebevollſte 58 Vater. Nach dre Jahren ſtarb ſie. Der ältere Hu— bert war in Verzweiflung und der jüngere alt genug, um den unerſetzlichen Verluſt zu fühlen. Sein Vater that ihn nun auf die hohe Schule; er ſelbſt lebte auf einem kleinen Landgute, das die Gattin angekauft und mit kluger Hand bewirthſchaftet hatte. Die Tochter heirathete jung, als der Sohn im zweiten Jahre ſeines Univerſitätslebens war. Der Vater ſtarb, noch kräftig an Jahren, aber in Folge einer Wunde häufig leidend, während jener im Gefängniß ſchmachtete. Dies wa⸗ ren die Hauptzüge von Hubert's Lebensbeſchreibung. Klotildens Auge hatte ſich frühe durch Beobachtung geſchärft. Sie liebte, ſie bewunderte Hubert's ſchöne, poetiſche Natur, aber ſie erkannte mit richtigem Takt ſeinen gänzlichen Mangel an praktiſchem Sinn, erkannte, daß ihm gerade Das fehlte, was er in dem Lande, das ſein Vaterland werden ſollte, am nöthigſten brauchte. Bald nach der Abfahrt entdeckte er, daß er im Gaſt⸗ hof zu Bremen ſeinen Koffer vergeſſen hatte, der mit neuen Kleidern und einem Vorrath von Wäſche ge⸗ füllt war. Nachdem der temporäre ſeines Reiſeſackes verbraucht war, mußte Henriette ihre Kiſten öffnen, um von den überreichlichen Schätzen an Leibwäſche, die ſie, wohl bedenkend, daß ſie in ein theueres Land gingen— für ihren Mann mitgenommen, auszuhelfen. Stellmann, der gern ſeiner Gattin Ueberſorglichkeit zum Gegenſtand ſeiner Scherze machte, hielt ihm da⸗ für im Namen ſeiner einſtigen Urenkel eine feierliche Dankrede, daß er, indem er dieſe Kleidungsſtücke ab⸗ tragen helfe, ihnen die Laſt der Pflicht erleichtere, im nächſten Jahrhundert die vergelbten Hemden und alt⸗ fränkiſchen Kragen des Ahnherrn aufzutragen. Aber nicht allein ſeine Kleidungsſtücke, auch ſein — Reiſegeld war in dem Koffer, d. h. das, was ihn von Neu⸗Orleans nach Neuyork oder nach dem We⸗ ſten tragen ſollte; denn für die Seereiſe ward im voraus bezahlt. Zum Glück war Klotilde im Beſitz ihrer Schätze. Sie hatte ſorglich ihr Gold, ihren Schmuck, ſowie ihre wichtigſten Papiere, in ein leder⸗ nes Säckchen gepackt, das ſie, leicht und bequem fort⸗ zutragen wie es war, Nachts über ihr Kopfkiſſen hing. Hubert hatte über die gewöhnlichen Dinge des Lebens eine unglaubliche Unwiſſenheit; trotzdem, daß eine Reiſe nach Amerika ſchon unter ſeine Jugend⸗ träume gehört, hatte er doch ſehr wenig über dies wunderbar aufwachſende Land geleſen. Er hatte den idealen Begriff, den er ſich davon in früher Jugend gemacht, feſtgehalten: ein freier Staat, Gleichheit der Rechte, vollkommene Gewiſſensfreiheit, erhabene, ur⸗ ſprüngliche Naturzüge in gigantiſchen Strömen, maje⸗ ſtätiſchen Gebirgsketten und undurchdringlichen Wäl⸗ dern. Aber ſeine hiſtoriſchen Studien hatte er nur ganz im Allgemeinen über die Vereinigten Staaten aus⸗ gedehnt, und kaum je daran gedacht, durch die Erzäh⸗ lungen neuer Reiſenden ſich darüber zu unterrichten, auf welche Weiſe der Heldenknabe, deſſen Erwachen einſt Europa freudig begrüßt, ſich zum Mann ent⸗ faltet. Man war nicht grauſam genug geweſen, ihm und ſolchen ſeiner Mitgefangenen, die dafür hatten bezah⸗ len können, Bücher zu verweigern, die jedoch von einem Beamten bei der Ankunft wie bei der Zurück⸗ ſendung auf das ſorgfältigſte unterſucht und durch⸗ blättert wurden. Allein er hatte die Erlaubniß, ſich Bücher kommen zu laſſen, nur zu hiſtoriſchen, vor Allem zu philoſophiſchen Schriften benutzt, in denen er eine ausgezeichnete Beleſenheit hatte. Er kannte die engliſche Literatur und ſchwärmte für Shakeſpeare, den er im Original ohne Schwierigkeit las. Allein nie war es ihm eingefallen, ſich um die Ausſprache oder um die Converſationsausdrücke der engliſchen Sprache zu bemühen, die dem Reiſenden ſo unerläß⸗ lich ſind. Er hatte ſich im Gefängniſſe daran gewöhnt, wäh⸗ rend des Tages zu ſchlafen und die Nächte zu durch⸗ 61 wachen, und würde vielleicht dies verkehrte Leben auf dem Schiffe fortgeſetzt haben, wäre nicht Klotilde gewe⸗ ſen. Aufſtehen und Zubettegehen, ſowie gewiſſe Mahl⸗ zeiten an beſtimmte Stunden zu knüpfen, ſchien ihm eine wahre Abſurdität, eins von den Perrücken⸗ auswüchſen, den Schlendriansangewöhnungen des Menſchengeſchlechts. Gewiſſe zögernde Gewohnheiten waren mit ihm aufgewachſen: fuhr er in einem öffentlichen Wagen und ließ, wenn er ſein Ziel er⸗ reicht, anhalten, um auszuſteigen, ſo hatte er das Geld nicht bereit, ſondern zog die Börſe erſt heraus, wenn die Kutſche anhielt, ohne die verdrießlichen Ge— ſichter der verzögerten Mitfahrenden zu bemerken. Oder er vergaß wol im Geſpräch den Anhaltpunkt ganz— und mußte eine halbe Meile oder mehr zu Fuß zurück⸗ gehen, ohne jedoch darüber im mindeſten verdrießlich zu werden. Befand er ſich veranlaßt, ſich in irgend ein Gedränge zu begeben, ſo begegnete es ihm häufig, daß ihm Taſchenbuch oder Sacktuch oder gar die Uhr geſtohlen ward. Oft glaubte er auch nur beſtohlen zu ſein, bis ſich fand, daß er den fehlenden Artikel zu Hauſe vergeſſen, oder beim Ausruhen auf einem vorher unternommenen, längſt vergeſſenen Spaziergang im Graſe verloren hatte. Auf ſeinen Ferienreiſen hatte er ſich nie in die ———————— verſchiedenen Geldſorten finden können; und da die daraus entſtehenden Verlegenheiten jedesmal ſeinem Lieblingsgedanken— und wie ſollte es nicht der jedes treuen deutſchen Herzens ſein!— zum Anknüpfpunkt dienten, nämlich, daß Deutſchland Eine Münze haben ſolle, weil es Eins ſein ſolle und müſſe, ſo ging ge⸗ wöhnlich die Zeit, in welcher er ſich über das beſte⸗ hende Uebel praktiſch hätte unterrichten können, mit Disputiren über die Nothwendigkeit es wegzuſchaffen, vorüber. Auf ſolchen Reiſen ſah er auch kaum eine der Merkwürdigkeiten, die ſonſt die Neugierde der Men⸗ ſchen erregen. Während die Gefährten ſich auf Schlöſſern und Galerien herumführen ließen und die Empfehlungsbriefe abgaben, ſchweifte er in der Um⸗ gegend umher; lag träumend am Waldbache oder er⸗ klomm ohne Führer die höchſte Spitze der Berge. Einen eigentlichen Plan aber zur Reiſe zu machen war er durchaus unfähig, denn es war ihm unmög⸗ lich, die Entfernungen und Meilenzahlen im Kopfe zu behalten; er blieb, wo es ihm gefiel, und eilte weg, wo er ſich unbehaglich fühlte— ſowie es ſich auch wol manchmal traf, daß er als Student die ihm vierteljährlich von ſeinem Vater gewährte Summe in ein paar Wochen verbraucht hatte, während er ſie ein anderes Mal bis ans Ende des nächſten Quartals hinübernahm. Bei einem offenen, edelmüthigen Herzen und dem natürlichen Hange eines träumeriſch-dichteriſchen Ge⸗ müths zur Einſamkeit konnte während ſeines Univer⸗ ſitätslebens faſt in Bezug auf ihn der anſcheinende Widerſpruch gelten, daß er mehr Freunde hatte als Bekannte. Und zwar hatte er— denn ſein Beutel war nicht minder offen als ſein Herz— ſehr theure Freunde. Er war ein großmüthiger Gläubiger ohne, bei geringen Bedürfniſſen und einem hohen Grade der Humanität, ein leichtſinniger Schuldner zu ſein. Wirklich war die Abtragung ſeiner kleinen Schulden bei Handwerkern, Arbeitern der einzige Punkt, in wel⸗ chem er ſich genau und ordentlich zeigte, ein Zug, der nicht wenig dazu beitrug, ihm die allgemeinſte Liebe und Hochachtung zu ſichern. Klotilde durchſchaute den geliebten Freund bald, jetzt mit Wohlgefallen und dann mit Nachſicht. Nur Ein Punkt war es, der ihr ein ſchmerzliches Gefühl gab. Hubert's geiſtiges Weſen hatte ſich in einer ge⸗ wiſſen neuern philoſophiſchen Schule entwickelt, deren ſophiſtiſches Syſtem ſo wenig zu der einfachen, chriſt⸗ lichen Moral Klotildens paßte als deſſen Phraſeologie. Sie ſah bald, daß es ihren Freund zu einer Art von 66. Pantheismus geführt habe, der ſie verwirrte. Es war in der That nicht ganz der kalte, begriffliche, ver⸗ fnöchernde Pantheismus unſerer Tage, den Hubert ſich angeeignet; ſeine poetiſche Natur, die den Keim des lebendigen Gottbewußtſeins tief in ſein Inneres geſenkt, hatte die vernichtende Lehre, wenn ſein Ver⸗ ſtand ſie auch aufgenommen, nicht in ſein Herz dringen laſſen. In der That, nur die Bigoterie hätte ſagen können, Hubert ſei ohne Religion. Er glaubte an Gott als die bildende, Alles urſprünglich bedingende Na⸗ turkraft; mit einem gewiſſen, heiligen Schauder glaubte er an ihn, und die Göttlichkeit, die er allen aus Gott ſtammenden Dingen beilegte, war der Halt ſeiner Sittlich⸗ keit und durfte nicht mit dem philoſophiſchen Materialis⸗ mus verwechſelt werden, der Gott und Welt vollſtändig identificirt, die ſittliche Freiheit aufhebt und mit Con⸗ ſequenz nur in einem grauenhaften Fatalismus enden fann. Aber Klotilde ſah ihn mit Angſt auf dem Wege dazu. Sie verſtand ihn kaum. Sie liebte Gott als Vater, fürchtete ihn als Richter, verehrte ihn als den Allweiſen, Allſehenden, Allmächtigen; ſie hörte ſeine Stimme in der heiligen Schrift, ſie betete ſeine unendliche Liebe an in dem wunderbaren, hei⸗ ligen Geheimniß, in welchem er dem ſündigen Men⸗ ſchengeſchlecht ſeine Barmherzigkeit offenbart. Sie fühlte ſeinen Odem, ſah ſeinen Finger überall. Ihr war dies Leben nur eine Vorſchule für das Jenſeits. Und hier im innerſten Kern ihrer tiefſten Seele ſollte tein Wiederklang aus der des erwählten Gatten ihr wiedertönen? Unwillkürlich vermied ſie mit Hubert über Das zu ſprechen, was ihr das Heiligſte warz ſie ſcheute ſich wahrzunehmen, daß ſein Gott nur das Reſultat einer philoſophiſchen Schlußfolge war.„Die Liebe“, ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„die Liebe, welche die Eſſenz ſeines ganzes Weſens iſt, wird alle Irrthümer ſeines Geiſtes ausgleichen. Die Liebe wird ihn Gott in der Wahrheit erkennen lehren, die Liebe, die höher iſt denn alle Vernunft.“ Und ſo zog ſie mit leiſer Hand einen hüllenden Schleier über Das, was ſie als den Schatten ſeines innern Weſens erkannte, und war glücklich im Lichte— ihrer Liebe. Die Auswanderer. 1. Drittes Capitel. Die Ankunft. Der Morgen eines ſchwülen Tages brach anz und ein tiefblauer Himmel wölbte ſich über den atlantiſchen Ocean, als die Wellen ſanften Zuges ein Boot Schiffbrüchiger der Küſte von Florida zuführten. Zwei lange, angſtvolle age und drei entſetzliche Nächte hatten ſie nahrungslos, obdachlos, rathlos auf dem weiten Weltmeer getrieben, als endlich der auftauchende WMorgenſtrahl den Unglücklichen in der Ferne den glän⸗ zend weißen Kreideſtrand zeigte, und ein friſcher Oſt⸗ wind ſie raſch in eine der kleinen Buchten trieb, in die Floridas zahlreiche Ströme, durch Schilf und Moor ſich windend, ehe ſie endlich ſich dem großen Waſſer vereinen, ſich ausmünden. Es waren dreißig Lebende in dem Boote, Männer und Weiber; außerdem eine kleine, abgewelkte Kindesleiche, von den mütterlichen Armen krampfhaft umklammert, auf dem Schvoſe einer wildblickenden Frau mit aſchfarbenen Wangen und Zügen von Verzweiflung verzerrt; denn mehre Genoſſen, die unterwegs der Angſt und dem Hunger erlagen, waren ſogleich in das Meer geſenkt worden, das überfüllte Boot zu erleichtern; nur ihr konnte keine Gewalt die letzten Ueberreſte des verſchmachteten Säuglings entreißen. Geiſterbleich und verwirrt ſchaute Alles umher, als der dritte Tag graute; aber der Anblick des un⸗ fernen Landes blies auch die letzten Lebensfunken, welche die Hoffnung glimmend erhalten, raſch zur auflodernden Flamme an. Eine unbeſchreibliche, zit⸗ ternde Bewegung ergriff plötzlich die ſämmtliche, un⸗ glückliche Mannſchaft. Mit erneuter Kraft packten die Rüſtigſten die Ruder; einige ſchrien laut voll ent⸗ zückten Schmerzes; andere beteten, nicht mit Worten, aber im dumpfen, durchdringenden Gefühl der Allmacht Gottes; mühſelig riß ſich nach und nach ein Haufen einſt tüchtiger Männer vom Boden empor, die bis zum Tode erſchöpft, lautlos, regungslos, dort ſeit ge⸗ ſtern Morgen gelegen. Einem jungen, ruchloſen, fre⸗ chen Geſellen, der verzweiflungsvoll Gott und Men⸗ ſchen verflucht und durch endloſe, entſetzliche Schwüre die Gefährten ſchaudern gemacht hatte, entſtürzte plötz⸗ lich eine heiße Thränenflut und zum erſten Male in 5* 68 ſeinem wüſten, verworfenen Leben durchzuckte ein Ge⸗ fühl des Dankes gegen Gott ſein verwahrloſtes Herz. Als nun endlich das Boot dem Ufer nahe genug war, einen Sprung zu wagen, oder durch den Moor watend den feſten Boden erreichen zu können, da war Keiner, dem nicht das Entzücken eine augenblick⸗ liche Kraft gab. Alles drängte und ſtürzte aus dem Boote hinaus. Mehre fielen gänzlich erſchöpft in das ſeichte Waſſer hinein und wurden von den ſtärkern Gefährten an das Land gezogen. Nur eine junge, todtenbleiche Frau, in einen durchnäßten, ſchwarzen Seidenmantel gehüllt und von langem, blondem, herab⸗ wallendem Haar wie von einem Schleier umfloſſen, nur ſie rührte kein Glied, keine Miene, und wie ſie zuſammengehockt da ſaß, in der wilden Bewegung der Gefährten ſtumm und ſeelenlos vor ſich hinſtar⸗ rend, war ſie ein gar ſchmerzliches Bild ſtiller Ver⸗ zweiflung. Ihr Anblick ergriff einen wackern, alten Seemann, einen der Tüchtigen, deſſen Kraft und Beſonnenheit die Rathloſen ihre Rettung verdankten. „Arme Seele“, ſagte er mitleidig,„ mit dir iſt's wohl aus!“ Und da ſie nicht antwortete, als er ſie ſchüt⸗ telte und ſie ihn nur dumpf und gleichgültig anſtarrte, als er ihr zurief,„wir ſind am Lande, kommt heraus, 69 Madame!“— da ſagte er noch einmal:„Arme Seele!“ und nahm ſie auf, warf die Erſchlaffte über die Schulter, wie man wol ein Kleiderbündel fortſchafft, und trug ſie ans Ufer. Hier legte er ſie an einer trockenen Stelle nieder, zog ihr einen Theil ihres Mantels über die zarten, nackten Füße und ging dann zu den Ge⸗ fährten, um mit den Beſonnenſten zu berathen, was weiter zu thun ſei. Es war, Gott ſei Dank! keine unwirthbare Küſte, an die ſie gerathen waren. Nördlich von der kleinen Bucht, in welche ſie eingefahren, ſtreckte ſich ein weiter Landſtrich längs dem Ocean hin, deſſen äußerſter breiter Rand, von den Wellen rein und hart gewaſchen, ſchneeweiß im Morgenlichte glänzte. Einige hundert Schritte vom Strande erhob ſich das Land ſchroff, aber in ſehr mäßiger Höhe; dichte Waldung deckte die obere Fläche. Dort war kein Ausweg. Aber am Strande ſelbſt glaubten ſie noch ſchwache Spuren von Roſſeshufen zu gewahren; an der Bucht lagen Bret⸗ ter umher und ein in den feſten Boden gebohrter Haken und die halb verfaulten Ueberbleibſel von Netz⸗ werk, die ſie nicht weit davon fanden, bezeugten deut⸗ lich, daß Fiſcher hier angelegt hatten und in nicht gar zu großer Ferne Menſchen wohnen mußten. Wäh⸗ rend Einige, von nagendem Hunger getrieben, nach der Anhöhe ſich fortſchleppten, um einen Verſuch zu machen ſie zu erklimmen, in dem Walde nach Beeren oder Kräutern zu ſuchen, Andere aus einem kleinen Pfuhl, den der neuliche Regen in einer Vertiefung gelaſſen, den brennenden Durſt ſtillten, beriethen ſich die Uebrigen, ob ſie den Fluß vollends hinauffahren oder ſich, erſchöpft wie ſie waren, dem nördlichen Strand entlang weiter hinauf ſchleppen ſollten. Che ſie noch darüber einig waren, ſandte Gott den armen Entkräfteten Hülfe, indem er zwei farbige Männer des Weges führte, welche, die Flinten auf den Schultern und mit reichlichem Mundvorrath ver⸗ ſehen, von der nächſten Pflanzung am frühen Morgen an dieſen Strand kamen, Seevögel zu ſchießen. Ein lautes Geſchrei, aus Jammer⸗ und Jubeltönen gemiſcht, begrüßte die Kommenden, als ſie in weiter Ferne er⸗ blickt wurden. Die Nahenden wurden umringt und ſo viele abgefallene Hände ſtreckten ſich verlangend nach den beiden Proviantbeuteln der Schwarzen aus, ſo viele eingeſunkene Augen richteten ſich bittend auf ſie, daß Brot und Fleiſch bald in wohlthätig kleinen Biſſen und die Branntwein in heilſam ſtärkenden Tropfen unter der Menge vertheilt war. Einige der Seeleute konnten engliſch mit den Schwarzen ſprechen und das Kauderwelſch verſtehen, in welchem dieſe die armen einem Jubelgeſchrei der armen Ausgehungerten beglei⸗ 7 Verlaſſenen zu tröſten ſuchten, indem ſie ihnen verſicher⸗ ten, daß Maſſa ein großer und gütiger Herr ſei, der ſich ihrer annehmen und ſie ſpeiſen und kleiden werde. Nachdem der Proviant vertheilt und die erſte Neu⸗ gierde der Schwarzen geſtillt war, entſchloß ſich der Jüngere von ihnen, ſich ſogleich nach der Pflanzung zurückzubegeben, um Wagen und Pferde für die gänz⸗ lich Erſchöpften, und was ſie ſonſt für den Augenblick bedürften, herbeizuholen. Alles, was ſich noch auf den Füßen halten konnte, wollte ſogleich ihn begleiten; als ihnen aber deutlich gemacht ward, daß Maſſa's Haus und Stallungen einige Wegeſtunden vom Meere ab liege, und die Quartiere ſeiner Sklaven und Be⸗ amten noch tiefer im Lande, ſo ſtanden die meiſten, ſich ihrer Entkräftung nur zu deutlich bewußt, davon ab. Nur einige der Heroiſchſten folgten; allein es war kläglich zu ſehen, wie einer nach dem andern erſchöpft am Wege niederſank, und endlich, als er den rüſtig vorausſchreitenden Jäger ganz aus dem Geſichte ver⸗ loren, traurig wieder zu den Gefährten zurückkroch. Für dieſe hatte unterdeſſen der alte Neger, der bei ihnen zurückgeblieben, einige fremdartige Kibitze und Möven geſchoſſen, die unfern des Strandes über die Wellen ſtrichen. Jeder glückliche Schuß ward von tet; zehn auf einmal ſtürzten herbei, oder wadeten tief in das Waſſer, den fallenden Vogel herbeizuholen, ihn zu rupfen und ihm mit ihren Taſchenmeſſern die Eingeweide auszunehmen. Unterdeſſen hatten Andere aus den umherliegenden Brettern mühſelig ein Feuer angezündet und ein paar rohe Bratſpieße gezimmert; und wer den Haufen der elenden Schiffbrüchigen bald darauf um die praſſelnde Flamme herum hätte ſitzen ſehen, mit Gier die verſchmachteten Magen füllend und ſich der Rettung und der guten Ausſichten mit lauter Stimme und rohem Jubel freuend, der hätte kaum noch die in vergangener Nacht faſt Verzweifeln⸗ den in ihnen erkannt. Der Schwarze, der ſich als ein Wohlthäter ange⸗ nehm fühlte, ſaß wie ein König mitten unter ihnen. Er zeigte, gutmüthig grinzend, unter einer drei Zoll breiten Naſe zwiſchen wie blutig angeſchwollenen Lip⸗ pen ein Paar Reihen ſo ungeheurer blendendweißer Zähne, daß, unter andern Umſtänden, die Weiber ſich ſicherlich vor ihm gefürchtet haben würden. Er theilte ihnen mit, daß ſie, wie einige Seekundige unter ihnen ſchon vermuthet hatten, in Florida waren, und zwar nicht auf einer der zahlloſen langgedehnten Inſeln, die, einſt ohne Zweifel mit dem Continent zuſammen⸗ er hängend, gegenwärtig daſſelbe gleichſam wie eine — — Vormauer vor dem Andrang der Wellen ſchützen, ſondern daß ſie an einen der wenigen Küſtenſtriche des Feſtlandes gerathen, welche das Weltmeer ſelbſt in aller ſeiner Herrlichkeit anſpült, und ſich in Tallahaſota, vierzig bis fünfzig engliſche Meilen ſüdlich von St. Auguſtin befänden. Zugleich wußte er von ſeinem Herrn, der Caſtleton hieße, aber gemeiniglich Don Alonzo, oder auch Maſſa Alonzo genannt werde, viel zu ſagen und zu rühmen. Unterdeſſen hatte Klotilde— denn ſie war die bleiche, unglückliche, junge Frau, in todesähnliche Ohnmacht verſenkt, bewußtlos gelegen. Dieſer und Jener trat wol zu ihr heran, ihr Speiſe anzubieten, aber alle entfernten ſich wieder; einige weil ſie ſie für todt hielten, andere wol weil ſie dunkel fühlten, daß dieſe Bewußtloſigkeit ein Segen für die arme Ver⸗ witwete ſei. Mehre Stunden lang mußte ſie auf dem heißen Sandbette in dieſer Betäubung gelegen haben, als ſie ſich von warmen Händen angefaßt, von einem kräftigen Arm, der ihr den Rücken ſtützte, aufgehoben fühlte. Langſam, die bleierne Schwere der Lider mit Anſtrengung hebend, ſchlug ſie die Augen auf. Da ſah ſie ein edles, männliches Antlitz, lieb⸗ und erbarmungsvoll ſie betrachtend, dicht über ſich gebeugt. Es waren Hubert's Züge, es war Hubert's Blick! ——————— — 4 Eine kurze Weile ſah ſie ihm tief, tief in das Auge und ein holdes Erſtaunen röthete ſchwach die todt⸗ bleichen Wangen der Erwachten. „Du biſt's!“ flüſterte ſie endlich.„Es war wirk⸗ lich ein Traum, ich habe dich wieder!“— Krampf⸗ haft die Arme um des Mannes Hals ſchlingend zog ſie ihn zu ſich nieder und eine brennende Thräne be⸗ feuchtete ſein Geſicht. Nit weichem, tröſtendem Ton ſprach er, ſich ſanft den umkettenden Armen entwindend: „Kommen Sie zu ſich, Madame, erwachen Sie, ſammeln Sie ſich!“ Faſt war es Hubert's ſchöne, männlich klangvolle Stimme, nur milder, jugendlich weicher, und die Stimme ſprach nicht das vertraute Deutſch, ſie ſprach in engliſcher Sprache zu ihr. Lautlos und mit unna⸗ türlichem Lächeln ſtarrte ſie ihn an. Ihre Sinne verwirrten ſich. Ihr Kopf drohte zu ſpringen. „Madame“, fuhr der Fremde liebreich fort;„Sie lagen lange in tiefer Ohnmacht. Ein paar Worte werden Sie zu ſich ſelbſt bringen!— Ich beſchwöre Sie— nicht dieſe Blicke, nicht dieſes Lächeln! Klagen Sie, weinen Sie, beſinnen Sie ſich! Sie wurden ſchiffbrüchig, getrennt von Ihrem Verlobten“— und als ſie ſchaudernd zuſammenzuckte—„aber Ihr Freund 75 lebt vielleicht, lebt gewiß— kann Er nicht ſo gut wie Sie gerettet ſein?— Faſſen Sie ſich an! Ihre feuchten Kleider— ſehen Sie umher! Sie ſind in den Vereinigten Staaten, ſind in Florida. Ich bin ein Pflanzer dieſes Staates, zu Ihrem und Ihrer Ge⸗ fährten Beiſtand bereit.“ Klotilde hatte, während der Fremde ſprach, mecha⸗ niſch ſeine Aufforderungen befolgt und war durch Anfühlen und Umherſchauen ſich ihrer Lage bewußt geworden. Mehr aber als Alles hatte der verlängerte Anblick des Mannes ſelbſt ſie zur Beſinnung gebracht. Nein, das war nicht Hubert, ſeine Geſtalt war noch höher, noch ſchlanker. Die große Weichheit ſeiner Züge deutete auf eine Jugend, die noch kaum zur männlichen Reife gediehen war. Sein Auge blitzte nicht hell und freudigſtolz wie Hubert's, tief und um⸗ ſchattet lag es unter den buſchigen Brauen; nur von dem herzlichen Ausdruck des Momentes war ſein zeh⸗ rendes Feuer zur ſanften Melancholie gemildert. Das gelbliche Braun des Südländers deckte Stirn und Wangen, während, ehe noch die Kerkerluft die Farbe des kräftigen, deutſchen Jünglings gebleicht, eine roſige Purpurglut von der Geſundheit des Leibes wie der Stele zeugte. Jede Spur von Aehnlichkeit war verſchwunden; nur im Wahnſinn hatte ſie ſich ſo täuſchen können! —— 5 gegen einen hervorragenden Felsſtein. 76 Da ergriff ſie die furchtbare Wirklichkeit mit ihrer ganzen entſetzlichen Gewalt. Wild fuhr ſie empor; ihre beiden Hände rauften convulſiviſch das ſchöne Haar; ſtöhnend warf ſie ſich auf den Boden zurück, wendete das Geſicht ab und ſtieß die zarte Stirn hart Ihre dunkle Abſicht, ſich von neuem zu betäuben, gelang. In tiefe Ohnmacht verſenkt, verlieh ihr wiederum gänzliche Bewußtloſigkeit eine mehrſtündige Ruhe. Der junge Pflanzer, von tiefem Erbarmen ergrif⸗ fen, benutzte dieſen Augenblick. Er hieß einige ſeiner Diener die junge Dame in den bereitſtehenden Wagen tragen, in welchen er dann auch den übrigen drei Frauenzimmern zu ſteigen befahl, die ſich unter den Schiffbrüchigen befanden. Die kleine Leiche ließ er in eine Decke einſchlagen und verſprach der jammern⸗ den Mutter, deren wilde Verzweiflung jetzt ſanften Thränen gewichen war, ſie in ſeinem Gottesacker bei⸗ ſetzen zu laſſen. Die Männer wurden ſämmtlich auf ein paar große Leiterwagen gepackt, die er zu dieſem Behuf hierher beordert; er ſelbſt und einige ſeiner Diener eilten dem melanch oliſchen Zuge zu Pferde voran. Ungefähr eine deutſche Meile vom Seeufer unfern eines Stroms, der aus dem Georgenſee kam und an dem jetzt der Weg hinweg durch den Wald führte, 77 ſtand in einem Haine von Orangen, Palm- und Mag⸗ noliabäumen, das gaſtliche Haus, das des Zuges Ziel war: ein ausgedehntes, niedriges Gebäude, von einer breiten Veranda umgeben, an deren Säulen ſich in üppiger Fülle die Multaflora⸗Roſe mit ihren Millio⸗ nen Knospen hinaufwand. Der Hain ſelbſt bildete mit ſeinem friſchen Laube und ſeinen duftenden Blüten eine Daſis in dem ſandigen Boden eines ungeheuern Fichten⸗ und Tannenwaldes. Aber Klotilde war un⸗ fähig, die Schönheit der Natur zu empfinden, die ſie 3 umgab. Sie ward einer Schar von farbigen Die⸗ 3 nerinnen übergeben; für Alle ward liebevoll geſorgt, 3 aber die ſchöne Fremde, deren ganzes Weſen von höherem Rang und einer feinern Erziehung zeugte, als das ihrer Gefährten, ward von dem jungen Ge⸗ bieter mit ſo entſchiedenen Worten und mit ſo warmer Theilnahme der Pflege der Verſtändigſten und Wür⸗ digſten unter der Dienerſchaft empfohlen, daß willig alle die zarten Aufmerkſamkeiten über ſie gehäuft wurden, die nur weibliche Herzen und Hände geben können. Auf elaſtiſchen Polſtern, zwiſchen ſchneeigen Linnen, unter weichen Decken ruhend, von Labetränken er⸗ quickt und kräftigen Speiſen geſtärkt, hätte ihr Körper ſich bald zu einem gewiſſen Behagen wieder erholt, und ihr Geiſt hätte demnach die ganze ungeheure 78 Laſt ihres Grames tragen müſſen, wenn nicht eine wohlthätige Natur ihr namenloſes Leid hätte in einem hitzigen Fieber ausbrechen laſſen, das ihr eine geraume Zeit lang alle Klarheit des Bewußtſeins raubte. Ge⸗ ſtalten einer unbekannten Zone bewegten ſich um ſie her, fremdartig in Farbe und Zügen, die Häupter phantaſtiſch in bunte Stoffe, in weiße Schleiergewinde gehüllt; eine Sprache, die ihr bisher meiſt aus dem Reiche der Poeſie zugetönt, die ihr noch nie ſich mit den Alltagsſcenen des Lebens verbunden, umflüſterte ſie mit leiſen, melodiſchen Stimmen; ein ältlicher Mann ſtand oft an ihrem Lager, der ihre Hand nahm, ihre Stirn fühlte und ihr tief in das jetzt todte, jetzt fieberglühende Auge blickte; an ſeiner Seite ſtand eine vertrautere, junge Geſtalt und blickte mit tiefem Erbarmen ſie an. Dazwiſchen drängten ſich mit gleicher, greifbarer Realität die Bilder ihrer Ver⸗ gangenheit. Nicht ihre farbige Wärterin war es, es war ihre Mutter, die ſie zudeckte, ihr das Kopfkiſſen glättete; es war ihr Vater, der mit Hubert an ihrem Bette ſtand und ihren Puls befühlte. Dann auf einmal ſchlugen die Flammen über Hubert's Haupt zuſammen; ſie hörte Stellmann's und Henriettens Stimme um Hülfe ſchreien, ſie hörte das Waſſer rauſchen; da ſah ſie Hubert in das Meer ſpringen, ſie ſah ihn in den 79 Wellen verſinken; ſie ſchrie laut auf; da trat der Landrath dicht vor ſie hin; da erhob er ſeine War⸗ nungsſtimme von neuem. Plötzlich trat eine hohe, ſchöne, ſchwarzgekleidete Frau auf ſie zu. Sie bog ſich über ſie; ſie bewegte die Hände über ſie in wun⸗ derbaren Zeichen; ſie küßte ihre Stirn; ſie verſchwand und ein kleines Bild des Gekreuzigten lag in ihrer Hand; dann tauchte Hubert aus den Wellen empor und es rauſchte um ſie her, aber es war nicht Waſſer, was ſie umwogte, es war Feuer, und Hubert riß ſie mit hinein und der Landrath kämpfte mit ihm und wollte ſie retten, bis ſie auch ihn in das Flammenmeer hinabzog. So tobte Fieberwahnſinn ihr wochenlang glühend durch das Gehirn und beinahe zwei Monate mußten vergehen, ehe die Kraft der Krankheit gebrochen und von Klotildens guter Natur und der treuen Pflege, die ihr zu Theil ward, beſiegt war. Nun erſt ward ſie ſich nach und nach ihrer verlaſſenen Lage ganz bewußt, nun erſt lernte ſie ihr Elend ganz empfinden; aber ihr Schmerz war ſanfter geworden, und je heller das Licht der Vernunft in ihr zu glimmen anfing, je mächtiger und durchdringender fühlte ſie es, daß es Gottes Hand ſei, die dieſe Laſt, welche faſt zu ſchwer für ihre Schultern ſchien, ihr auferlegt habe und daß Er ſie ihr tragen helfen werde. — In der Nocht nach einem jener ſtillen, ſeligen Abende war es, als ſie plötzlich von wildem, entſetz⸗ lichem Angſtgeſchrei aus dem Schlaf aufgeſchreckt ward. Feuer, Feuer! rief es draußen und das ganze Schiff erbebte vom Durcheinandertoben, Schreien und Toſen. Sie ſprang aus dem Bette und warf ſchnell ihren Reiſe⸗ mantel über das lange Nachtkleid. Da hörte ſie ſchon Hubert's Stimme dicht vor der Thür:„Oeffne Klotilde!“ Sie öffnete. Er ſah bleich aus, aber er war faſt voll⸗ ſtändig angekleidet.„Auf, Geliebte!“ rief er,„noch iſt es Zeit, uns zu retten.“ Ein dicker Qualm füllte ſchon die Räume. Er nahm die Zitternde auf und trug ſie aus der Damencajüte die Treppe hinauf, wo bereits die Freunde und Gefährten in dünnen Nacht⸗ kleidern kopflos über einander ſtürzten. Das Verdeck ſtand in Flammen. Im Bauche des Fahrzeugs mußte es lange ſchon heimlich, verrätheriſch geglimmt haben; jetzt brach es an drei, vier Orten auf einmal in gräßlichen, unaufhaltſamen Flammen aus. Eben erreichten ſie das Bramſegel und die un⸗ geheure Feuermaſſe warf einen glutrothen Schein auf die Menſchenmenge, die ſich ſinnlos und ſchreiend auf dem Hinterdeck zuſammendrängte. Es war eine grauenhafte Scene. Alles ſtürzte durch einander. Helft! rettet! die Boote! Waſſer! ſchrie es von allen Seiten —— — — —— 81 und dazwiſchen donnerte des Capitains befehlende Stimme. Aus dem Zwiſchendeck, deſſen Treppe ſchon brannte, tönte ein herzzerreißendes Gekreiſch herauf; kaum daß für die Unglücklichen noch Rettung möglich ſchien. Jetzt ſtürzte der Vordermaſt, deſſen Fuß die Flam⸗ men verzehrt; ein neues durchdringendes Jammer⸗ geſchrei erſchallte, als er im Fallen den Capitain und ein oder zwei Matroſen niederwarf, aufs gräßlichſte hier ein paar Glieder zerquetſchend, dort zum Tode zermalmend. Das Schiff, durch und durch erſchüttert, fiel plötzlich auf die Windſeite; mit entſetzlichem Kra⸗ chen borſt das Gebälk aus einander, es war, als wäre es der Höllenſchlund, der ſich öffnete. Alles war ver⸗ loren. Längſt ſchon waren die Boote niedergelaſſen; das lange Boot, das am Hintertheil des Schiffes befeſtigt war, war von Menſchen überfüllt; Stellmann und Henriette warfen ſich noch glücklich hinein, aber ſolche Maſſen drängten ſich zwiſchen ſie und Hubert und Klo⸗ tilden, daß er ſich raſch mit ihr nach dem andern Boote wendete, in welches, weil es dem Brande näher war, noch Wenige ſich gerettet, in welches aber der Steuer⸗ mann ſpeben einen Brotkorb warf und ohne Zöge⸗ rung nachſprang. Er nahm Klotilden aus Hubert's Die Auswanderer. I. 6 —— Armen in Empfang. Sie war gerettet. Er war im Begriff nachzuſpringen, da rief er auf einmal:„Dein Eigenthum, Klotilde, ich rette es dir!“ und nicht auf ihr ſchmerzliches Rufen:„Komm, o komm!“ hörend, ſprang er nach der Damencajüte zurück, die noch die Flamme nicht erreicht, obwol ein dicker, ſchwarzer Rauch ſie umhüllte. Klotilde rang die Hände in der entſetzlichſten Angſt; in ein paar Augenblicken war er wieder da, aber ſie waren hinreichend geweſen, das mäßige Boot bis zum Uebermaße zu füllen. Schon längſt hatten die erſten Eingeſtiegenen gerufen:„Stoßt ab! Hinweg vomSchiffe! Wir ſind verloren!“ und das lange Boot durchſchritt ſchon, furchtbar überladen, in einiger Ferne in tiefen Furchen die glühendrothen Wogen.„Nehmt Keinen mehr!“ riefen Einige.„Das Boot iſt zu voll!“ ſchrie der Steuermann.„Nehmt Dieſen nur noch!“ rief ein An⸗ derer, den Klotildens Jammer ergriff. Im Augenblicke, wo ſich Hubert zum Springen anſchickte, umklammer⸗ ten zwei flehende Arme ſein Knie; ein Knabe war's, dem ein fallender Balken das Bein zerquetſcht; er hatte ſich wimmernd bis an den Rand des Schiffes gewälzt, um ſich im Boote zu retten. Voll raſchen Erbarmens ergriff Hubert den Unglücklichen und ließ ihn in das Boot unter die Maſſe herabgleiten. Aber im Augenblicke, in dem er nachſprang, ſtieß plötzlich das Fahrzeug ab. Hubert ſtürzte in das Waſſer. Der Kahn trieb mit der gewaltigſten Schnelle aus der verderblichen Nähe des brennenden Ungeheuers hin⸗ weg. Hubert, ein vortrefflicher Schwimmer, ſchwamm nach. Das Boot iſt zu voll! rief Alles und riß die verzweiflungsvolle Klotilde hinweg.„Trennt mich nicht von meinem Weibe!“ rief Hubert mit dringendem Flehen. Aber:„Schwimmt nach dem andern Boote!“ rief Einer;„Ihr verderbt uns alle!“ ein Anderer. Aber Hubert folgte indeß dem Boot mit ungeheurer Anſtren⸗ gung der Kräfte. Schon hatte er es erreicht, ſchon packte ſeine Hand den Rand des Kahnes. Da ſchlug ihn einer der Ruderer voll Wuth auf die Finger, gebrochen ſanken ſie herab; der Unglückliche ſelber ſank. Jetzt tauchte er wieder hervor.„Ich muß hinein!“ ſchrie er;„nehmt ihn auf!“ riefen Einige—„er ſtürzt uns alle ins Verderben!“ der Steuermann. Da traf ihn einer der Männer in verzweiflungsvoller Wuth mit furchtbarer Gewalt mit dem ſchweren Ruder auf den Kopf. Die Wellen ſchlugen über des kühnen Schwimmers Haupte zuſammen— ſeine Stimme brach in einem herzzer⸗ reißenden Schrei. Da ſchloſſen ſich Klotildens Augen; ſie ſank, einen dumpfen Wehruf ausſtoßend, beſinnungs⸗ 6* los danieder. Ein ungeheures Gekreiſch und ein grau⸗ ſenhaftes Stöhnen aus naher Ferne, ein Schreckens⸗ geſchrei um ſie her rief ſie für einen Augenblick zum halben Bewußtſein zurück— das lange Boot, unfähig, ſeine ungeheure Laſt länger zu tragen, war geſunken. Im Glutſcheine des fernen Brandſchiffes ſahen ſie bald die Leichen der Ertrunkenen, die Kämpfe der Schwimmer. Da ergriff eine unnennbare Angſt Klotildens Ge⸗ fährten; in lautloſer, athemloſer Flucht ruderten ſie mit der ungeheuerſten Anſtrengung ihrer Kräfte von den Schwimmern hinweg— bald war jeder menſch⸗ liche Laut um ſie her verhallt, bald jede Spur ihrer Leidensgefährten verſchwunden; aber von der gewal⸗ tigen Feuermaſſe des Schiffes glänzte das Meer mei⸗ lenweit in glutrothem Schimmer und erſt als die Sonne ſchon hoch am Himmel ſtand, verlor ſich der Wiederſchein. Ein mäßiger Wind kam von Norden her. Sie waren fortdauernd nach Südweſt gerudert, wo die Kundigen unter ihnen wußten, daß ſie Land finden müßten. Ihr Proviant hielt kaum einen Tag vor. Schreck, Angſt, Hunger lichteten bald ihre Reihen. In der Verzweiflung eines namenloſen Schmerzes flehte Klotilde Gott tauſendmal um den Tod und ſie hatte während dieſer entſetzlichen Irrfahrt Augenblicke, wo ſie, phyſiſch und geiſtig bis zur Täuſchung einer nahen Auflöſung entkräftet, ſich bereits am Ziele wähnte. Aber ihre jugendliche Natur kämpfte ſich durch jene Schreckniſſe durch, wie ſie jetzt die Wuth des Nervenfiebers beſiegte. Lange noch, nachdem die eigentliche Krankheit ge⸗ brochen, mußte ſie ſich in völliger Entkräftung, im verdunkelten Zimmer, in vollkommener Stille im Bette halten; den Sklavinnen, die ſie flüſternd und auf den Zehen gehend, bedienten, war von dem jungen Gebie⸗ ter verboten, ſie durch Fragen oder Erzählungen auf⸗ zuregen. So war ſie noch in vollſtändiger Unwiſſenheit über ihre Lage und Umgebung, als ſie endlich, beinahe drei Monate nach jener entſetzlichen Kataſtrophe, im Lehnſtuhl ſitzend, durch Kiſſen und Polſter geſtützt, ihren jungen Wirth bei ſich empfangen konnte, um ihm für ſeine edle Gaſtlichkeit zu danken. Als Alonzo Caſtleton zu ihr in das Zimmer trat, ward er von dem ſtillen Leiden ihrer Züge, dem ver⸗ klärten Blick, der himmliſchen Geiſtigkeit ihres ganzen Weſens tief ergriffen. Er hatte bereits von ihren Gefährten ſoviel von ihrer Geſchichte erfahren, als ſie ſelbſt wußten. Dieſe waren, auf ihren Wunſch, ſchon längſt von ihm nach St. Auguſtin befördert worden, woſelbſt er auch einen Theil der Zeit während Klotildens Krankheit zugebracht hatte. Nachdem ſie ihm jetzt mit einfachen, rührenden Worten für die edle Menſchlichkeit, die er an ihr ausgeübt, gedankt, legte ſie ihm die Bitte ans Herz, ein paar Zeilen, welche ſie mit zitternder Hand aufgeſetzt hatte, in allen nam⸗ haften Blättern der nordamerikaniſchen Küſtenſtädte abdrucken zu laſſen. Es war dies ein Aufruf an F. H., wenn Gott ihn aus dem Schiffbruch des Schwans gerettet habe, ſowie an Die, welche von ihm wiſſen möchten, ohne Verzug der K. O. unter einer Adreſſe, welche ſie Alonzo anzugeben bat, Nachricht zukommen zu laſſen. Alonzo ſchlug die Augen nieder; dann blickte er ſie mitleidig an.„Dieſen Schritt, arme Miß Oſten, hab' ich bereits vor drei Monaten gethan, ohne Sie um Erlaubniß zu fragen. Faſſen Sie ſich in Ge⸗ duld. Keine Antwort iſt erfolgt. Ihr Freund iſt nicht mehr.“ Klotilde hatte kaum leiſe zu hoffen gewagt; hatte ſie nicht ſelbſt die Wogen den geliebten Mann verſchlingen ſehen und das einzige mögliche Ret⸗ tungswerkzeug, das Boot? Dennoch, als ſie Alonzo's Worte hörte, war es ihr, als hätte ſie ihn von neuem verloren. Sie ſchlug die Hände vot die 65 Augen und ſaß lange ſtumm und verhüllten Ge⸗ ſichts, bis die heißen Thränen zwiſchen den ſchnee⸗ weißen, zarten, dünnen Fingern durchdrangen. „Wenn unſere Theilnahme Ihnen einigen Troſt gewähren kann“, ſagte Alonzo endlich,„Sie haben ſie in vollem Maße. Auch meine Mutter, eine Dame, die unendlich geliebt und gelitten hat, kam von St. Auguſtin, wo ſie ſich aufhält, herbei, in der Hoffnung, Ihnen etwas ſein zu können. Erinnern Sie ſich nicht, ſie an Ihrem Bette geſehen zu haben, Miß Oſten?“ „Ihre Mutter? Ich habe manche liebevolle Geſtalt mir erſcheinen ſehen, unfähig zu unterſcheiden, was Traum, was Wirklichkeit war. Einer ſchönen, hohen, ſchwermüthig blickenden Frau in ſchwarzer Trauerklei⸗ dung erinnere ich mich wohl. Wäre dieſes Ihre Mutter geweſen?. „So iſts! Ihr ganzes Weſen trägt das Gepräge des Schmerzes, den ſie mit durch das Leben trägt, das Leben, das ihr eine Laſt, eine Buße iſt, und deſſen reiche Gaben die theure, unglückliche Frau mit fana⸗ tiſcher Beharrlichkeit verſchmäht.“ „O“, rief Klotilde ſchmerzlich bewegt,„wo iſt ſie, die theure Leidende? Sie, ſie wird mich verſtehen. Un⸗ glückliche ſind auf gewiſſe Weiſe verſchwiſtert!“ „Eine verhaßte, ſelbſtauferlegte Pflicht rief ſie von Ihrem Krankenbette hinweg nach dem St. Lucienklo⸗ ſter. Denn die Periode brach an, in welcher ſie nun ſeit achtzehn Jahren, zufolge eines ſtrengen Gelübdes, ſich für eine eingebildete Sünde einer grauſamen Buße unterwirft.“ „Ich verſtehe Sie nicht“, ſagte Klotilde mit er⸗ wecktem Intereſſe. „Für die Sünde“, antwortete Alonzo mit bitterm Lächeln,„einſt einen Ketzer geliebt und geehlicht zu haben.“ „Iſt es möglich?“ rief jene;„ſo ſind Sie ka⸗ tholiſch?“ „Nicht doch“, erwiderte er,„ich gehöre zur Kirche von England, wie mein Vater und Großvater. Aber meine Mutter iſt von ſpaniſcher Abkunft; ihre Vor⸗ fahren gehörten zu den Eroberern dieſes Landes, das, wie Sie wiſſen werden, erſt im vorigen Jahrhundert auf kurze Zeit den Engländern anheimfiel und erſt in dieſem den Vereinigten Staaten. Die römiſche Kirche hatte ſtets in meiner Großmutter, einer leiden⸗ ſchaftlichen, herrſchſüchtigen Frau, eine ihrer eiftigſten Töchter, und auch meine arme Mutter ſcheint, je älter ſie wird, deſtomehr dieſe unglückliche Richtung zu nehmen, nachdem ſie aus dem kurzen Traum ihrer Liebe, der ſie gleichſam ſich ſelbſt entriſſen, mit einer allerdings höchſt grauſamen Hand aufgeſchreckt wor⸗ den. Nur daß bei ihrem ſanften Herzen die Religion eine andere Geſtalt annimmt, daß ſie, während ſie jene zum geiſtigen Stolze, zur Verfolgungsſucht und zu fanatiſchem Haſſe trieb, dieſe edle Seele bis ins Innerſte zerknirſcht hat.“ „Erzählen Sie mir Alles“, verſetzte Klotilde, als ihr Wirth innehielt.„Glauben Sie nicht, daß das Unglück mich ſo ſelbſtiſch gemacht hat, nur für mich empfinden zu können.“ „Im Gegentheil“, erwiderte Alonzo,„durch die Erzählung von meiner armen Mutter Unglück hoff ich Ihre Gedanken für einige Augenblicke von Ihrem eige⸗ nen abziehen zu können. Aber Sie müſſen erſt ſtär⸗ ker, erſt ruhiger werden. Ich hoffe von nun an Sie oft ſehen zu dürfen, und auch meine Mutter wird hierher zurückkehren, die Wirthin dieſes Hauſes, um daſſelbe Ihnen angenehmer zu machen.“ Alonzo beſuchte nun die Geneſende täglich. Wo⸗ chen vergingen, ehe die ſtrenge Bußzeit Donna Joſe⸗ pha's— ſo hieß ſeine Mutter— verſtrichen war; da aber Tallahaſota auf zwanzig bis dreißig Meilen im imkreis keine Nachbarſchaft hatte, ſo konnte das ein⸗ ſame Zuſammenleben eines jungen, feurigen Mannes —— 90 und einer ſchönen, jungen Frau kein Gegenſtand lieb⸗ loſer Bemerkungen werden. Der Zuſtand Klotildens während dieſer Zeit möchte ſchwer zu beſchreiben ſein; er war traumähnlich, dumpf, verwirrt. Ihre Sinne drohten zu ſpringen, wenn ſie ſich die nächſte Vergangenheit vergegenwärtigte; ihre Zukunft lag, eine dunkle, lange Nacht, vor ihr; ſo bemühte ſie ſich denn gewaltſam, gleichſam mechaniſch, blos für den Tag, den Augenblick zu leben. Die Nähe eines edlen Jünglings, deſſen Sittenanmuth ihr gefiel, deſſen Großmuth und frühreife männliche Hal⸗ tung ihr Achtung einflößte, konnte ihr keine Gefahr bringen. Ihr Herz lag im tiefen Meere verſenkt. Leben, athmen war für ſie eine Pflicht. Sie hatte keinen Wunſch mehr, glücklich zu ſein. Bedenklicher war Alonzo's Lage. Der tägliche, abgeſchiedene Verkehr mit einem ſo lieblichen Geſchöpfe, deſſen ungewöhnliche Reize Krankheit und Melancholie nur rührender, nur intereſſanter machten, ſo voller Ergebung in Gott und Dankbarkeit gegen ihn, Gottes Werkzeug, für eine Gabe, die ihr nur noch eine Laſt ſein konnte; ſo voller ſittlichen Würde, die jede Ver⸗ traulichkeit von ſelbſt ausſchloß— hätte kaum fehlen können, die Gefühle des leidenſchaftlich erregſamen Südländers zu erwecken; aber Alonzo war ſchon ſeit früher Kindheit mit ſeiner ſchönen Couſine Virginia Caſtleton verlobt, deren Reize und wechſelnde Launen ihn theils in einem Zauberkreiſe gefangen hielten, aus dem ſich loszureißen er vergebens bemüht geweſen ſein würde, wenn auch die Pietät ſeines Weſens— eine Eigenſchaft, die er dem ſpaniſchen Blute, das in ſeinen Adern floß, verdankte— es ihm nicht verboten hätte. Ihr Umgang blieb demnach durchaus in den Schranken der Freundſchaft. Klotilde theilte ihrem Wirthe ihre frühere Geſchichte nur in den allgemein⸗ ſten Umriſſen mit. Seine vollſtändige Unwiſſenheit deutſcher Verhältniſſe hätte weitläuftige Erklärung nö⸗ thig gemacht, die ihr zu ſchmerzlich geweſen ſein wür⸗ den zu geben. Sie ſagte ihm daher nur, daß ſie aus Deutſchland ſei, daß ſie mit einer befreundeten Familie habe auswandern wollen, durch Beſchleuni⸗ gung der Abfahrt aber verhindert worden ſei, ſich mit dem ſeit Jahren mit ihr Verlobten trauen zu laſſen, und daß ſie in dem Schiffbruch zugleich ihr ganzes Vermögen verloren habe. Alonzo ſah darin nichts Außerordentliches; er wußte, daß täglich Tauſende von deutſchen Einwanderern in den Häfen der Vereinigten Staaten landen. Es fiel ihm nicht ein, nach ihren Motiven zu fragen, ſowie es denn nicht leicht einen 92 Amerikaner gibt, der die vorausgeſetzte Anerkenntniß, daß ſein Land beſſer ſei als jedes andere, und den Wunſch, in einem freien Lande zu leben, nicht für hinreichende Motive erklärte. Nur als Klotilde, nach⸗ dem die Zeit ſie etwas ruhiger gemacht, ihn einſt bat, ihr einen Brief an das Haus in Neuyork zu beſorgen, an welches ihre Anweiſungen gerichtet geweſen waren, und mit der Bitte um ſeinen Rath, wie ſie darin zu verfahren habe, ihm die bedeutenden Summen nannte, auf welche jene gelautet, ſtutzte er merklich und nahm ſich des Geſchäftes ſogleich mit Eifer an. Bei ſeinem Zuſammenſein mit der ſchönen Fremden war der junge Mann meiſt der Erzähler, und die Fa⸗ miliengeſchichte, die er Klotilden nach und nach mit⸗ theilte, konnte kaum anderes als die wohlthätige Wir⸗ kung haben, die er ſich davon verſprach, nämlich ſie von ſich ſelbſt und ihrem Unglück abzuziehen. Wir drängen ſie hier in wenige Worte zuſammen. viertes Capitel. Alonzo und die Seinen. Alonzo's mütterliche Vorfahren waren im Jahre 1565 mit Don Pedro Melendez nach Florida gekommen, hatten mit ihm die unglücklichen Hugenotten, die ſich hier friedlich niedergelaſſen, überfallen und grauſam vertilgt, und wie er ſich im bigotten Wahnſinn ge⸗ rühmt:„Nicht den Franzoſen, den Lutheranern geſchah dieſes.“ Als einige Jahre darauf der tapfere gas⸗ cogneſche Ritter Dominique de Gourgas eigen nach Florida zog, um ſeine Landsleute zu rächen, entgingen die beiden Loſadas, ſo hießen Alonzo's Vorfahren, der 4 blutigen Wiedervergeltung, denn ſie hatten bereits neue Abenteuer aufgeſucht und halfen ihrem Oheim Diego in Venezuela St. Jago de Leon de Caracas gründen. Indeſſen kehrte der eine, der ebenfalls Don Diego hieß, nach Florida zurück, nahm die großen Ländereien in Beſitz, die dem Melendez und ſeinem ———— g* 94 Gefolge für ihre Unternehmung vom Könige von Spanien zugeſagt waren, und wenn auch zwei Jahr⸗ hunderte lang die Söhne des Hauſes erſt nach Alt⸗ ſpanien, dann nach den Hauptſtädten der ſpaniſchen Colonien zur Erziehung geſchickt wurden, Luiſiana und das weſtliche Florida blieb ſeitdem der Hauptſitz dieſes Zweiges der Familien und die Stelle, des General⸗ capitains, oder ſonſtiger hoher königlichen Beamten wurden größtentheils mit den Loſadas oder ihren na⸗ hen Angehörigen beſetzt. An friedlichen Beſitz konnte bei der beſondern Kriegsrüſtigkeit der Indianerſtämme der Halbinſel freilich nicht gedacht werden; zum erſten Mal aber machten ſie es ſich zum ernſten Geſchäft, ſich dieſe durch Verträge und Bündniſſe zu befreunden, als im zweiten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts die Eng⸗ länder ſich in Georgien niederließen und ſie in dieſen die gefährlicheren Feinde erkannten. Die kriegeriſchen Coloniſten von Florida und Georgien warteten den bald darauf ausbrechenden Krieg zwiſchen den Mutter⸗ ländern nicht ab; blutige Fehden, zwiſchen den beiden Provinzen geführt, der wildeſten Zeiten des Mittel⸗ alters würdig, gingen ihm voraus und hörten mit dem endlichen Friedensſchluß nicht auf. Als aber der Zeitgeiſt nach und nach ſogar auf die ſpaniſchen Co⸗ 95 lonien einen gewiſſen Einfluß gewann; als die Flo⸗ ridier, im Pariſer Frieden an Großbritannien abge⸗ treten, erſt, wenn auch nur auf kurze zwanzig Jahre, die Wohlthat einer thätigen und aufgeklärten Regie⸗ rung gefühlt hatten; als ſie endlich gegen das Ende des Jahrhunderts, die Nachbarſtaaten, die ſich frei gekämpft, in Handel und Wohlſtand aufblühen ſahen und den eigenen Zuſtand damit verglichen— da gab es auch unter den wenigen einflußreichſten Pflanzern des ſpaniſchen Florida einen oder den andern, die, der langen Nacht müde, des jungen Tages der Freiheit mitzugenießen wünſchten. 3 Die Loſadas gehörten zu den wenigen angeſehenern Familien, die während der engliſchen Herrſchaft im Lande geblieben waren. Don Alonzo Loſada, der Beſitzer ungeheurer Ländereien, ausgedehnt genug, ein Fürſtenthum zu bilden, war durch Reiſen und einen langen Aufenthalt in England und den Ver⸗ einigten Staaten zu einem aufgeklärten Mann er⸗ zogen worden. Er war der letzte ſeiner Familie, in dem alle Reichthümer derſelben ſich vereinigten, eine einzige Tochter ſeine Erbin. Es gab keinen andern reichen Mann im Lande; denn die Bewoh⸗ ner der beiden Floridas waren im Allgemeinen arm und ohne Erwerbsmittel; daher genoß er fürft⸗ 96 liches Anſehen. Von fern und nah fanden ſich Freier ein, die als Spanier und als Katholiken die beſten Anſprüche zu haben ſchienen; aber allen verweigerte Don Alonzo ſein Kind und wählte ſich unter den jungen Pflanzern des Nachbarlandes Georgien einen Schwiegerſohn aus. Dieſer hieß William Caſtleton und ſtammte, wie Alonzo Klotilden verſicherte, aus einer der älteſten adeligen Familien Englands, deren jün⸗ gerer Sohn ſich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts dort niedergelaſſen. Ueberhaupt bemerkte die Deutſche nicht ohne ge⸗ heimes Lächeln, welchen ungebührlichen Werth dieſer Sohn einer demokratiſchen Republik auf ein adeliges Herkommen und vornehme Familienverwandtſchaft legte. Ein längerer Aufenthalt in den Vereinigten Staaten ſollte ſie lehren, daß in keinem Lande der Welt eine vornehme Geburt und anſehnliche und modiſche Ver⸗ bindungen mehr geſchätzt werden, als in dem demo⸗ kratiſchen Amerika. Lucia Loſada, die Tochter Don Alonzo's, war noch jung, als ihr Vater, nach ſpaniſcher Sitte, ohne die Neigung der Braut zu befragen, ſie verheirathete. Ihren Einwurf, von allen Zeichen des Abſcheues be⸗ gleitet,„daß Caſtleton ein Ketzer ſei“, beantwortete er mit der Ermahnung, ihn zu bekehren. Aber die 97 herrſchſüchtige, leidenſchaftliche, ſtrengbigotte Lucia war nicht dazu geeignet, in die alleinſeligmachende Kirche hinüberzulocken. Bald mußte ſich der arme Caſtleton ſogar überzeugen, daß ſie nicht nur den Ketzer in ihm verabſcheute und den engliſchen Coloniſten in ihm verach⸗ tete, ſondern daß ſie auch leidenſchaftlich einem gewiſſen ſpaniſchen Officier, deſſen Anſprüche er in einem blu⸗ tigen Zweikampf zurückgewieſen, ergeben war. Keine Ueberredung, kein Befehl konnte ſie beſtimmen, Florida und ihre väterlichen Beſitzungen, auf denen ſie ihren Gemahl als einen Eindringlilg betrachtete, zu verlaſſen. Hier herrſchte ſie mit eiſernem Scepter. Auf den Sohn, der zufolge des Heirathscontractes zu des Va⸗ ters Kirche erzogen ward, warf ſie einen unmütter⸗ lichen Haß. Er wuchs auf einer der Bildungsanſtal⸗ ten der Vereinigten Staaten auf, heirathete in Süd⸗ carolina eine ſchöne Pflanzerstochter und widmete ſich vorzugsweiſe dieſem Staate. Die Tochter, Donna Joſepha, die ſpäterhin Alonzo's, Klotildens Freundes, Mutter ward, konnte ihr nicht entzogen werden. Sie ward früh nach einem Kloſter in St. Auguſtin gebracht, wo die ſtrenge Mutter, zu der ſie zitternd aufblickte, ſie oft, der liebevolle, ſie be⸗ mitleidende Vater, welcher, wenn nicht in Waſhington, in Georgien wohnte, ſelten beſuchte. Sechzehn Jahre Die Auswanderer. I. 7 98 alt, einer erblühenden Roſe gleich, kehrte ſie in das Haus der Mutter zurück, gerade als dieſe durch die Ausſicht, Florida an die Vereinigten Staaten abge⸗ treten zu ſehen und ſo ganz den Ketzern anheimzu⸗ fallen, in der allergrimmigſten Stimmung war. Seit⸗ dem die übrigen amerikaniſchen Colonien ſich vom Mutterlande losgeriſſen, hatte eine vollkommene Anar⸗ chie in Florida geherrſcht, und jeder Freund des Va⸗ terlandes mußte ſich nach einer geordneten Regierung ſehnen. Aber Donna Lucia erklärte, daß ſelbſt ein Zuſtand des Aufruhrs einem Ketzerregiment vorzuzie⸗ hen ſei. Gleich als von Waſhington aus die erſten nur halbofficiellen Schritte zur Beſitznahme Floridas gemacht wurden, als die wilden Seminolen aufſtanden und der Schwäche der Spanier eine Stütze wurden, war ſie nach St. Anguſtin gezogen, um mit dem Gou⸗ verneur Eſtrada gemeinſchaftliche Sache zu machen. Ihr Zorn gegen ihren Gemahl, den ſie für den An⸗ ſtifter des Projectes hielt, erreichte eine unnatürliche Höhe. Sie duldete nicht, daß in ihrer Nähe ein Wort Engliſch geſprochen ward, entfernte von ſich die Neger⸗ ſtlaven, die meiſt aus dem angloamerikaniſchen Geor⸗ gien eingeführt waren, und umgab ſich mit dem Miſchgeſchlecht, das allen ſpaniſchen Colonien eigen⸗ thümlich iſt, in deſſen Adern zu faſt gleichen Thei⸗ * len indianiſches, europäiſches und afrikaniſches Blut fließt. Vier bis fünf Jahre ſpäter, als Joſepha aus dem Kloſter kam, fand ſie ihre Mutter auf einer ihrer blü⸗ hendſten und reizendſten Pflanzungen auf der Amelia⸗ inſel, in der Mündung des St. Marienfluſſes. Sie hatte ſich erſt vor kurzem dahin begeben, und da be⸗ reits ein Gerücht von Neu⸗Granada herübergedrun⸗ gen, daß dort eine Expedition„zur Befreiung der beiden Floridas“ ausgerüſtet werde, die Inſeln aber, welche die Küſten dieſes Landſtrichs wie ein Damm ſchützen, dieſen Ueberfällen hauptſächlich ausgeſetzt waren, ſo erregte der Schritt Donna Lucia's einiges Aufſehen und ſtarken Verdacht. Die Inſel ward auch wirklich bald darauf von einem Trupp Abenteurer beſetzt, von denen nie ganz offenbar geworden, auf welche Auto⸗ rität ſie handelten. Sie erklärten, im Auftrag„der Oberregierung von Merico und Südamerika“ zu ver⸗ fahren, und nahmen die Inſel im Namen der„Ver⸗ einigten Provinzen von Neu⸗Granada und Venezuela“ in Beſitz. Donna Lucia hieß ſie willkommen, lud die Officiere in ihr Haus in Fernandina ein und äußerte laut, da ihr rechtmäßiger König ſie aufgegeben, minde⸗ ſtens mit Denen Freundſchaft halten zu wollen, in deren Adern, wie in den ihren, eaſtiliſches Blut flöſſe. 7. Joſepha ſah mit Schaudern die rohen, wilden Ge⸗ ſellen. Sie fragte ihre Mutter furchtſam, ob alle Soldaten ſo ausſähen, wie ſie ſich immer die Ban⸗ diten vorgeſtellt habe? Hatte Donna Lucia in ihrer Leidenſchaftlichkeit, wie man ſie allgemein verdächtigte, ihre Hand bei der Unternehmung im Spiele gehabt, ſo ſollte ſie hart genug dafür geſtraft werden. Denn dieſe unautoriſirte Beſitznahme trieb die Ver⸗ einigten Staaten, die ſchon längſt mit Spanien in Unterhandlungen wegen Ankauf von Florida ſtanden, zum raſchen Handeln. Ein Kriegsſchiff landete plötz⸗ lich in Fernandina, die Truppen der Vereinigten Staa⸗ ten verbreiteten ſich über die Inſel, verdrängten ohne Schwertſtreich die geringere Zahl der früheren Beſitz⸗ nehmer und pflanzten die amerikaniſche Flagge in An⸗ geſicht des Hauſes der Donna Lucia auf. Bei dieſen Truppen befand ſich ein junger Eng⸗ länder als Freiwilliger, der beim Friedensſchluß zwi⸗ ſchen Amerika und Großbritannien in die Dienſte der erſtern Macht übergegangen war und den blutigen Krieg gegen die Seminolen unter Jackſon mitgemacht hatte. Die Sitten der amerikaniſchen Officiere, be⸗ ſonders aber die Erſcheinung dieſes glänzenden Man⸗ nes, mußten der jungen Joſepha einen ganz andern Begriff von wahren Soldaten geben. Donna Lucia ſtieß alle ihre Höflichkeiten verächtlich zurück; die Thür ihres Hauſes blieb ihnen verſchloſſen, und wenn ſie mit ihrer Tochter am Strande ſpazieren ritt und den Officieren begegnete, die ehrerbietig grüßten, drehte ſie den Kopf weg. Aber dieſe Spazierritte, die Kirchgänge, die eben eintretenden Feierlichkeiten des Chriſtfeſtes ga⸗ ben Gelegenheiten zum Sehen, zum Winken, zum Sprechen und endlich zum Verſtändniß. Die Liebe geht im Süden einen⸗raſchen Schritt. Geheimniß und Hinderniß machen den Weg lockend, ſtatt davon abzuſchrecken. Alonzo Caſtleton ging ziem⸗ lich ſchnell über dieſe Stelle ſeiner Geſchichte hinweg, * als er ſie Klotilden erzählte.„Mein Vater“, ſagte er,„war von edler Geburt— er hätte ſonſt nicht engliſcher Officier geweſen ſein können; aber er hing zu gleicher Zeit an ſeiner Kirche. Er konnte daher nie auf die Einwilligung Donna Lucia's hoffen. Mein Großvater aber war ſeit mehren Jahren Geſandter der Vereinigten Staaten in Spanien. Der Zorn meiner Großmutter, als ſie das Liebesverhältniß ihrer Tochter entdeckte, ſteigerte die Leidenſchaft derſelben zu . einer ſolchen Höhe, daß dieſe ſich zu einer heimlichen Vermählung entſchloß, von Monat zu Monat auf ihres Vaters Zurückkunft hoffend. Aber der Himmel ſegnet kein Bündniß, auf welchem der Fluch einer Mutter ruht. Die Annäherung meiner Geburt zwang meine Eltern, den Schleier des Geheimniſſes eher zu lüften. Um meine arme Mutter vor der Wuth der Donna Lucia zu ſchützen, die ſich bis zu körperlichen Mishandlungen vergaß, entführte mein Vater ſie und 3. brachte ſie nach Penſacola, wo General Jackſon ſtand; eine Reiſe, die damals der im Innern hauſenden Se⸗ minolen wegen nur zu Schiffe gemacht werden konnte. Ich war wenig über ein Jahr alt, als mein Groß⸗ vater zurückkam und, faſt zur nämlichen Zeit, mein Vater ſtarb. Sein Tod ſcheint mit höchſt unglück⸗ lichen Umſtänden verknüpft geweſen zu ſein. Meine ſcheue Hand wagt nicht den Schleier dieſes Geheim⸗ niſſes zu lüften. Meine Mutter ergab ſich eine Zeit lang der entſetz⸗ lichſten Verzweiflung. Eine Tochter, die ſie nur wenige Wochen, ehe ſie die unſelige Nachricht erhalten, zur Welt gebracht, ward das Opfer davon. Sie ſtarb einige Monate alt, und ihr eigenes Leben gehörte von dieſem Zeitpunkte einem unbezwinglichen Grame, der Reue und der Buße an. Denn meine Großmutter hatte durch ihren Beichtvater ſo auf ſie zu wirken ge⸗ wußt, daß ſie ſelbſt anfing auf ihre Verbindung mit einem Ketzer, die auch Gott deutlich durch eine frühe Auflöſung geſtraft, als ein Vergehen zu ſchauen. Mein Großvater kam bald darauf nach Florida. Er er⸗ barmte ſich der unglücklichen Tochter, und wollte, um ſie ganz von der grauſamen Mutter zu entfernen, ſie mit nach Georgien nehmen. Aber die Arme, von den Vorurtheilen ihrer Kirche befangen, wollte nicht unter die Ketzer. Sie zog vor, in einem Kloſter in St. Augu⸗ ſtin ihren Wohnſitz aufzuſchlagen, wo ich, ein Ge⸗ genſtand der Zärtlichkeit der guten Nonnen, die erſten Jahre meiner Kindheit glücklich verlebte und ſogar meine Großmutter manchmal ſehen durfte. Als dieſe bald darauf ſtarb, ſchenkte mein Großvater meiner Mutter die Pflanzung, auf der wir uns befinden, und ſie brachte hier einige Monate jedes Jahres zu. Mich ſelbſt nahm er mit ſich, ließ mich in Philadelphia in einer berühmten Koſtſchule und dann auf dem Colle⸗ gium zu Cambridge erziehen und theilte, als er ſtarb, ſein Vermögen zu gleichen Theilen zwiſchen meiner Mutter und ſeinem Sohn, der damals Gouverneur von Südcarolina war. Mit dieſem war er ſchon früher übereingekommen, daß— daſſelbe durch eine Heirath ſeines Enkels mit einer ſeiner Enkelinnen wie⸗ der vereinigt werden ſollte. Jede Erinnerung an meiner armen Mutter Unglück zu tilgen, ward ich mit Bewilligung meines Oheims, nach dem Familien⸗ namen meiner Mutter, Alonzo Caſtleton genannt. „Und haben Sie nie gewünſcht“, fragte Klotilde, „Ihres Vaters Verwandte aufzuſuchen? Hat Ihr Herz Sie nie nach England getrieben, mehr von ihm zu hören?“ „Ich war zu jung, als er ſtarb, um ihn lieben ge⸗ lernt zu haben. Jede Frage nach ihm macht die Wunde meiner Mutter von neuem bluten. Vielleicht wenn einſt die kühle Erde ihren heißen Schmerz deckt, werd' ich nach England gehen und ſuchen, ob dort vielleicht noch ein großväterliches oder großmütterliches Herz für den verarmten Kreolen ſchlägt.“* Ein melancholiſches Lächeln begleitete dieſe Worte Alonzo's. Er brach ab und ſprach nie wieder von ſeinem Vater. Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß auch Klotilde von ihm ſchwieg. Fünttes Capitel. Stillleben. Unter ſolchen Geſprächen verſtrich traurig die Zeit. Nachdem die Krankheit einmal gebrochen, erholte ſich die geſunde, jugendliche Natur Klotildens wunderbar ſchnell. Bald konnte ſie den ganzen Tag über auf⸗ bleiben und auf der Veranda auf und nieder gehen; endlich auf dem hohen Belvedere des Hauſes die kühlere, balſamiſche Luft einſaugen. Noch tobte der blutige Seminolenkrieg im Süden der floridiſchen Halb⸗ inſel. Zwar ſchienen die nordöſtlichen Küſten und in der That die ganze Gegend zwiſchen dem Meere und dem Georgenſee, wo Tallahaſota lag, geſichert; den⸗ noch hatte man Beiſpiele, daß mitten in den Hütten der anſcheinend freundlichen Indianer Verrath lauerte. Die Miliz war daher aufgeboten, die Pflanzungen gegen etwanige Ueberfälle dieſer Stämme zu ſchützen. Alonzo, jung wie er war, bekleidete die Stelle eines ₰ Oberſten bei derſelben, ſowie er, als Friedensrichter, auch zu den Magiſtratsperſonen des Ortes gehörte. Die nöthigen Anordnungen für die Beköſtigung und richtige Vertheilung der Truppen hielt ihn oft über Nacht vom Hauſe fort. Unmittelbar hinter den Quar⸗ tieren ſeiner Sklaven, einer anmuthig unter Palm⸗ und Magnoliabäumen gelegenen Hüttenreihe, dehnte ſich ſüdweſtlich eine ungeheure, üppige Savannah aus, deren äußerſte, mit dicker Waldung umgebene Grenzen immer von Wachtpoſten geſchützt werden mußten. Alonzo Caſtleton ritt ab und zu; er hatte Zuſammen⸗ künfte mit den benachbarten Pflanzern— und die Nachbarſchaft in Florida iſt oft über bedeutende Lan⸗ desſtrecken verbreitet; oder er ritt nach Voluſia, um bei dem General der Truppen, die dort ſtanden, Nach⸗ richten einzuziehen. Klotilden flößte er Achtung in ſeiner Thätig⸗ keit ein. Sie hatte längſt eine edle Natur in ihm erkannt, und in dem zwanzigjährigen Jüngling männ⸗ liche Reife. Eine tiefe Leidenſchaftlichkeit ſchien wun⸗ derſam in ihm mit einer gewiſſen Schlaffheit zu contraſtiren. Sein Aeußeres trug das nämliche Ge⸗ präge. Eine dunkle Glut brannte in ſeinem Auge, die Formen waren edel, die Stirn gedankenvoll; aber die gelbe Geſichtsfarbe, der dunkle Schatten unter den — 107 Augen, der ſchlaffe Gang und die Magerkeit der wohl⸗ gebildeten Glieder ließen die Friſche und Kraft eines nordiſchen Jünglings vermiſſen. Es bedurfte eines äußern Anſtoßes, ihn zur Thätigkeit anzuregen. Klotilde lebte unterdeſſen in der vollkommenſten Einſamkeit, in welcher mit ihrem Körper auch ihre Seele langſam zur Heilung erſtarkte. Sie fühlte wol, daß ſie zu einem Entſchluß kommen, daß ſie irgend einen Schritt thun müſſe, daß ſie nicht den ganzen Reſt ihres gebrochenen Daſeins der Gaſt dieſes jun⸗ gen Mannes ſein könne. So arm, ſo verwaiſt in ihr Vaterland zurückzukehren, das ſie, wie ſie beſtimmt wußte, unter Misbilligung aller ihrer Freunde verlaſſen, nach der letzten Unterredung mit ihrem Vormund ihm wieder ſo ſchmerzlich verwitwet gegenüberzutreten— ſie fühlte, es war unmöglich! Nicht einmal ſchreiben mochte ſie, ſo ganz ausſchließlich war ihr Gefühl auf den Einen, den Verlorenen gerichtet!„Mögen ſie mich als todt beweinen, die Guten!“ ſagte ſie,„bin ich doch auch todt für die Welt, für das Leben!“ Sie beſchloß endlich, ehe ſie einen Plan für ihre Zukunft ausdenke, abzuwarten, welche Antwort ihr endlich von dem Handelshauſe in Neuyork kommen werde. Sie wußte, ſie konnte Alonzo nicht bezahlen, aber ſie konnte ihm ſeine Auslagen für den Arzt, die —— 1 08 Medicin, die Stoffe erſtatten, die er zu ihrer nothwen⸗ digen Garderobe aus St. Auguſtin hatte kommen laſſen. Sie mußte die guten Dienerinnen belohnen, die ſie gepflegt und ihr ihre Kleidungsſtücke genäht. Sie war nicht ungeduldig auf die Antwort. Sie, die im⸗ mer Thätige, Zeitgeizige, verbrachte jetzt in dumpfem Hinbrüten ihr trauriges Daſein, von nichts als von einer dunkeln Furcht geſtört, durch irgend eine Nach⸗ richt, durch irgend einen Vorfall darin unterbrochen und zum Handeln gezwungen zu werden. Das Gewühl der Welt, der Drang der Geſchäfte, die Anſprüche der Geſellſchaft können den Schmerz nur betäuben, nicht heilen; allein auch die Einſamkeit iſt nur für den Zufriedenen erſprießlich, dem ſie Muße zu einem beſchaulichen Daſein gewährt; oder für den Verworrenen, den ſie lehrt ſich zu ſammeln, ſich zu verſtehen. Dem Herzen, das ein unabänderliches Misgeſchick, einen unerſetzlichen Verluſt beweint, gibt ſie keinen Troſt. Für verlorene Liebe kann nur Liebe tröſten, Freundestheilnahme, Freundesmitleid, das wohl⸗ thätig das unſelige Brüten über das unrettbar Ver⸗ lorene hemmt und mit ſanft abwehrender Hand den Leidenden hindert, den lindernden Verband der Zeit von dem blutenden Herzen zu reißen. Klotilde hatte in ihrer Einſamkeit nur Einen Tröſter— den beſten Tröſter— Gott. Ihm, deſſen Hand ſie, wie ſie mit ſchmerzlichſter Ergebung fühlte, ſicherlich zu ihrem wahren Beſten ſo ſchwer getroffen, Ihm gab ſie ihre Seele ganz. Aber der Troſt, den wir in Gott finden, kann uns nur näher zu Ihm ziehen; er kann uns die Welt, er kann uns das Leben nicht wieder lieb machen. So löſte denn auch Klotildens Seele ſich mehr und mehr von dem thätigen Zuſammenhang mit dem Leben los. Halbe Tage lang ſaß ſie oben auf der Warte des Hauſes und ſah auf das reiche, duftige Land hinaus, und auf das weite, unendliche Meer, das ſo ſtill und heilig in majeſtätiſchen Wogen rollte und doch das Grab ihres Geliebten war. Und wie lockend breitete doch die Natur die üppigen Reize der Erde vor ihr aus! Das Haus von Tallahaſota lag auf einer jener reizenden Anhöhen, die in Florida unter dem Namen Uplands, Oberland, bekannt ſind, einer Anſchwellung von reicher, fruchtbarer Lehmerde, die mit dem ſchönſten Laubholz und den edelſten Frucht⸗ bäumen bedeckt war, wie ſchon oben bemerkt, vaſis⸗ gleich, aus ſandigen, ſich meilenweit ausdehnenden Tannenhaiden hervorragend. Die Magnolia grandi⸗ flora mit ihrer majeſtätiſchen Höhe und ihren köſtli⸗ chen, rieſenhaften Blumen, gleichſam aus einer giganti⸗ ſchen Vorzeit in die kleine Gegenwart hinübergewachſen, ſowie die ſchlanke Palme mit ihrem ausgebreiteten Schirmdach, die friſche, kräftiggrüne, ſie heimiſch grü⸗ ßende Eiche, die dunkle, melancholiſche Cypreſſe be⸗ ſchatteten und ſchützten das Haus; nur der wohlthä⸗ tige Seewind durfte durch die Fülle der niedrigern Drangen⸗ und Myrthenbäume ſtreichen, die den Ab⸗ hang nach Oſten deckten und den balſamiſchen Duft durch die ganze Gegend trugen. Nördlich„am Fuß der Anhöhe, ſchimmerte durch die dunklere Waldung der Strom, an dem ſich in der Abendſtille wol in kleinen Gruppen die aſchgrauen Kraniche ſammelten und, wie ſie pflegen, ein wunder⸗ ſames, rufähnliches Geſchrei, zum Zeichen für die Ge⸗ fährten, durch die Luft ſchickten. Zahlreiches Wild und Herden von Truthühnern ſchweiften durch das fernere Dickicht; in der Nähe des Hauſes aber um die Gipfel der erhabenen Cypreſſen herum flatterten in Scharen die glänzend bunten kleinen Peroketten und um die bal⸗ ſamiſchen Blüten der Büſche hier und dort der noch glänzendere, noch buntere Kolibri. Die Savannah, wo ſie ſich an die Pflanzung anſchloß, ſtrotzte von üppigem Graſe und einer unermeßlichen Blumenfülle, unüber⸗ ſehbaren Herden von fettem Rindvieh zur Nahrung. Alles umher ſprach ſinnliches Wohlgefühl, heitern Genuß aus; kein Funke der wilden Kriegesflammen, — die ſeit Jahren das Innere des Landes durchloderten, war noch hierher geſchleudert. Lachend, ſchwelgend im üppigen Behagen ihrer Schönheit und Ruhe lag die Natur vor Klotilden. Der aber kennt das jugendliche Herz ſchlecht, der da wähnt, daß die arme Verlaſſene in dieſem Anblick hätte Troſt finden können! Je mehr die magiſche Kraft der Natur umher ihr Herz durchdrang, je ſchnei⸗ dender riß ein unendliches Weh durch ihre Bruſt. Ja, ſo iſt es! Nichts ſteigert den Schmerz um das Verlorene mehr, als die aufgedrungene Empfindung der Schönheit der Erde; nichts ſchärft ihn ſchneiden⸗ der, als der entſetzliche Contraſt, den die harmoniſche Natur mit unſern zerriſſenen Sinnen, mit unſern zer⸗ trümmerten Herzen bildet. Wie treten dann in furcht⸗ barer Deutlichkeit alle die Schatten unſerer in den Staub getretenen Hoffnungen uns vor die Seele, unſerer vereitelten Anſprüche an Menſchenglück, die Schatten der Tage unſerer abgeſtorbenen Zu⸗ kunft, in langer, bleicher, grauenhafter Reihe! Wer einen Unglücklichen tröſten will— wir mei⸗ nen einen recht Unglücklichen, und zwar einen, der noch nicht alt genug iſt, um mit dem Leben ohnehin fertig zu ſein—, wer ſein verwaiſtes, zerdrücktes Ge⸗ müth auftichten will, führe ihn nicht hinaus in das 1. ——————— 112 Freie, in den heitern Sonnenblick des erwachenden Jah⸗ res; zeige ihm nicht die Welt in ihrer Schöne! Laßt nicht die reiche Erde mit ihren tauſend Stimmen ihm zu⸗ rufen: Sieh' Alles blüht und duftet, nur du biſt ver⸗ welkt und erſtorben! Sieh', Alles iſt herrlich um dich her, aber du empfindeſt das Herrliche nicht, weil das Herrlichſte dir fehlt! Alles ſtimmt im lieblichſten Einklang, nur du drängſt dich diſſonirend zwiſchen ein! Schlingt nicht neue Bande um das im Kampf ſchon zerſpaltene, blutende Herz! Gönnt es der Welt, der ſeine Leiden es eigneten und näherten. Vielleicht, daß in nebeligen, naßkalten Tagen, in ſtürmiſchen Herbſtnächten, wenn Erde und Himmel erbarmungs⸗ voll mit ihm zu trauern ſcheinen, ihm in der Har⸗ monie mit der Außenwelt eine momentane ſchwermü⸗ thige Ruhe zu Theil wird. Nicht die Ketten feſſeln uns wahrhaft, die den Leib an die Erde binden, während die Seele ſich aufſchwingt zum Ziele der ewigen Sehnſucht. Die Zeit wird kommen, die ſie ſprengt, und ein raſcher Entſchluß kann ihr zuvor⸗ kommen. Schwerer zu löſende Ketten tragen wir in unſerem Innern, in unſern edelſten, wie in unſern ſinnlichen Neigungen. Wäre die Welt nur eine Prü⸗ fungsanſtalt voll Dornen und Klippen, wie die Fröm⸗ men es ſagen— ein geduldiger Muth wůrbns Leben überſtehen, gleich einer langwierigen Kur, die zur end⸗ lichen Geneſung führt. Nein, das eben, daß ſie ein herrlicher, gottentſproſſener Garten iſt, üppig prangend mit den Blumen und Früchten der Künſte, des Wiſ⸗ ſens, der Liebe, der edelſten Freuden, der uns zum Genuß ladet, während das Verhängniß dem Pilgernden raſtlos entgegentritt und ihm den Weg mit ſchwarzen Trauerflören verſchleiert— das iſt das eigentliche Un⸗ glück des ſehnenden, dürſtenden, vielfältig getäuſchten Menſchenherzens! So fingen denn auch der armen Klotilde friſche Wunden beim Anblick der köſtlichen Natur um ſie herum heftiger an zu bluten; ihre Gefühle waren ihr nicht klar, ſie wußte ſelbſt kaum, warum das einzige Wort zerreißend durch ihre Nerven zuckte:„Ich hab' ihn verloren!“ Es iſt wahr, ſie hatte Hubert eigent⸗ lich erſt während der vier kurzen Wochen ihrer See⸗ reiſe lieben gelernt; aber mit dem Gedanken an ihn war ihre ganze ſiebenjährige Vergangenheit ver⸗ wachſen, während der alle ihre Lieben heimgegangen waren. Alles, was ſie im Leben verloren, verſchmolz ſich in ihrer Seele mit dem Verluſt ſeiner. In andern Augenblicken wieder glanbte ſie der Natur eine Art Sympathie anzufühlen. Wenn ſie in der Abenddämmerung hinaufſchlich auf die Warte, die Die Auswanderer. l. 8 die ganze Gegend überſchaute, und, in einen leichten Shawl gehüllt, in athemloſer Stille daſaß, den tau⸗ ſendfachen, wunderbaren Tönen der abendlichen Schö⸗ pfung zu lauſchen, ſchlug ſo mancher klagende Ton an ihr Ohr. Wie wehmüthig klang das Geſchrei der vielartigen Fröſche aus dem fernen Moore herüber, dazwiſchen die kleine Schelle des Glockenfroſches, ge⸗ rade als gingen auf dem Lande zu Hauſe die Herden zur Abendruhe; oder das ſpitze, gellende Geſchrei der kleinen Schreieule drang durch die nächtliche Stille, oder der ſcharfe Wehruf eines Reisvogels, dem ein Habicht in das Neſt fährt. Ihr Herz konnte ſchneller ſchlagen in ſympathetiſcher Angſt, wenn ſie den Ton hörte. Beſonders gern ſuchte ihr Auge den einſamen Holzpelikan auf, wenn er im abendlichen Zwielicht ſo trüb und melancholiſch auf dem Gipfel einer Ceder ſitzt, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, die mächtigen Flügel herabhängend, mit den ſchwermüthig blickenden Augen hinaus nach der See ſchauend und doch ſtets von der See ſich in gewiſſer, ängſtlicher Ferne haltend. Auch ſie ſchaute unaufhörlich hinaus, das Land der Deutſchen mit der Seele ſuchend. Dieſe gefährlichen Träumereien unterbrach endlich ein Beſuch Donna Joſepha's, deren Bußzeit für die⸗ ſen Sommer überſtanden war. Alonzo kündigte ihn Klotilden freudig an. Er kannte das menſchliche Herz ſo wenig, daß er nicht zweifelte, daß ſie, weil ſie beide gut und unglücklich waren, einander Freundinnen und tröſtende Gefährtinnen werden müßten. Aber Klotilde fühlte Joſephen bald an, daß dieſe ihr nichts geben und kaum etwas von ihr empfangen könne. Doch ward ihr dies Verhältniß in einer Hinſicht förderlich. Das Unrecht, ſich gänzlich und ohne Widerſtand einem maßloſen Grame hinzugeben, ward ihr an der armen Joſepha deutlich. Sie war kaum achtunddreißig Jahr alt, aber gebeugt, vergrämt und von beſtändigem Weinen faſt verblindet, hätte man ſie für funfzig hal⸗ ten ſollen. Auf ihrem verwelkten Geſichte waren noch Spuren großer Schönheit zu ſehen. Aber ſie verachtete dieſe Schönheit; ja, ſie haßte ſie, weil ſie, wie ſie ſagte, ſie zum Sündigen verführt. Sie begrüßte Klotilden liebevoll und ſprach ihr mit tiefem Gefühl ihr Mitleiden aus. Aber es war ſichtlich, daß ſie nur gekommen war, ſie zu überzeugen, daß ſie allein im Schooße der Kirche Ruhe finden könne— und zwar, wie ſich von ſelbſt verſteht, nur in der römiſchkatholiſchen Kirche. Die Geſpräche, die immer wieder zu dieſem Punkt zu⸗ rückkehrten, fingen bald an, der armen Klotilde ihr Aſyl unheimlich zu machen. 8* Zu dieſer Zeit erhielt Alonzo endlich Antwort von ſeinem Geſchäftsfreund aus Neuyork. Es war eine traurige Nachricht. Das hamburger Haus, das Klotilden einen Creditbrief und Wechſel für zwanzig⸗ tauſend Thaler gegeben, war vor zwei Monaten zu⸗ ſammengebrochen, hatte viele andere mit ſich in den Untergang gezogen und auch dem Hauſe in Neuyork, an welches die Anweiſungen gelautet, bedeutende Ver⸗ luſte bereitet. Es erklärte, ſelbſt wenn die Papiere vorgezeigt werden könnten, nicht zum Zahlen verpflich⸗ tet zu ſein. Klotilde lächelte ſchmerzlich, als ſie den Brief las. „Und darf mich das noch kränken, nachdem ich ſo viel Edleres verloren?“ fragte ſie ſich. Dennoch ſchlug die Nachricht ſie von neuem tief nieder. Sie war nun ganz arm. Sie, die in Wohlſtand und Ueber⸗ fluß aufgewachſen, ſie, die gewohnt war mit vollen Händen auszutheilen, die großmüthige Unterſtützerin alles Guten, Schönen, die Wohlthäterin der Armen — mußte nun ſelbſt Schuldnerin bleiben und es ſich gefallen laſſen, Monate lang von der Barmherzigkeit eines Fremden und ſeiner Leute gelebt zu haben. „Hinunter, ſtolzes Herz!“ ſagte ſie, die Hand feſt auf ihr armes Herz drückend und die bittere Thräne müh⸗ ſam zurückzwingend. 117 Die Hiobspoſt war ihr in ſofern heilſam geweſen, als ſie die ſchlummernde Energie ihres Weſens geweckt hatte. Schon am folgenden Tage war ihr Entſchluß zur Reife gekommen. Sie erſuchte Alonzo, nachdem ſie ihm ihre Dankbarkeit noch einmal ausgeſpro⸗ chen, ſowie ihre Betrübniß, daß ſie, wie ſie ſich ewig für ſeine Güte als ſeine Schuldnerin fühlen würde, es ihm für jetzt auch für ſeine Auslagen bleiben müſſe, ihr die Stelle einer Lehrerin an einer Schule oder als Erzieherin in einem Privathauſe zu verſchaffen. Alonzo wollte nichts davon hören. Sowol er als ſeine Mutter drangen in ſie, das Haus in Talla⸗ haſota als ihre Heimat zu betrachten; allein ſie blieb feſt und Alonzo gab ihrer Vorſtellung endlich Gehör, daß ein thätigeres Leben ihr gut thun und ſie am beſten gegen ihren Gram waffnen werde. Er ver⸗ ſprach demnach eine Anzeige, in welcher ſie ſich um eine Stelle bewarb, in die Zeitungen von St. Auguſtin und der Nachbarſtaaten einrücken zu laſſen und ihr die Blätter zu verſchaffen, in welcher ſie ein Geſuch, das ihr nützlich ſein dürfte, finden könne.„Vielleicht“, ſagte er nachdenklich,„kann ich etwas Beſſeres für Sie finden.“ Einige Wochen vergingen, während welcher ſich in der That ein paar Vorſchläge fanden, auf die Klotilde einzugehen bereit war. Allein ihr junger Freund, den ſie, um der Großmuth willen, die er an ihr geübt, als ihren Rathgeber annehmen mußte, verwarf Alles. Eines Tages kam er mit erheitertem Blick zu ihr. „Ich hoffe“, ſagte er,„Ihnen einen annehmbaren Vor⸗ ſchlag machen zu können. Sie haben mich meines Oheims, eines ausgezeichneten Rechtskundigen in Charlestown, erwähnen hören. Er bietet Ihnen ſein Haus an. Er hat zwei Töchter, ungefähr in Ihrem eigenen Alter, Miß Oſten, die ſich in der Muſik zu vervollkommnen wünſchen. Sie mit Ihrem ſchönen Talent und Ihrer gründlichen Kenntniß können Beiden unendlich nützlich ſein. Außerdem hat die älteſte, Virginie, in ihrer en⸗ thufiaſtiſchen Weiſe ſeit kurzem eine Leidenſchaſt für Ihre Sprache gefaßt und ſie möchte ſie gern voll⸗ kommner lernen. Mein Oheim wird der Lehrerin ſeiner Töchter gern einen Jahrgehalt von fünfhundert Dollars zahlen. Sie werden meiner Couſinen Freundin werden, gute Miß Oſten, denn beide ſind liebenswür⸗ dige Mädchen. Willigen Sie ein, ſo will ich ſelbſt Sie nach Charlestown bringen.“ Klotilde war ſogleich bereit und dankte ihm mit Wärme. Die Zeit, in welcher Donna Joſepha nach St. Auguſtin zurückzukehren wünſchte, war überdies 119 unterdeſſen herbeigekommen; ſo ſchien ſie ihr nichts zu rauben, wenn ſie ihren Sohn zu der Reiſe veranlaßte. Auch konnte ſie wol ſehen, daß er die Gelegenheit gern ergriff, für den Winter nach Charlestown zu gehen, und die Röthe, die ſein Geſicht überflog, als er Vir⸗ giniens Namen nannte, ließ ſie ahnen, daß dies die ihm verlobte Braut ſei. Klotilde hatte, als einzige Habe aus dem Schiff⸗ bruch, einen kleinen, aber werthvollen Brillantring ge⸗ rettet, ein Andenken ihrer Mutter, den einzigen, den ſie auf der Seereiſe trug und den ſie, da er ihr etwas eng war, auch des Nachts nicht vom Finger zog. Als Madame Caſtleton abreiſte, trug Klotilde ihrer Kam⸗ merfrau, einer verſtändigen und vertrauenswürdigen Meſtizin, auf, dies Kleinod an einen Goldſchmidt in St. Auguſtin zu verkaufen, indem ſie ihr als deſſen Preis dreißig Dollars, etwa das Drittel ſeines Wer⸗ thes, beſtimmte. Es that ihr wehe, ſich von dieſem letzten Andenken an ihre Vergangenheit zu trennen, aber Tallahaſota verlaſſen zu müſſen, ohne ſich we⸗ nigſtens den Dienſtboten erkenntlich zu zeigen, wäre ihr noch ſchmerzlicher geweſen. Aus ihrem Gehalt hoffte ſie dann im Verlauf des Jahres ihre übrigen Schulden bezahlen zu können. Nach einer Woche bekam ſie zu ihrer Ueberraſchung von der Dienerin — hundert Dollars als den Erlös überſandt. Sie errieth leicht, daß Donna Joſepha's Großmuth hier dazwiſchen getreten, und, da ſie wußte, daß jene nie Schmuck trug, mußte ſie es, nicht ohne Erröthen, nicht ohne einen tiefen Seufzer, als ein Geſchenk annehmen. Hatte doch die Gunſt ihrer Verhältniſſe ihr bis jetz jede Demüthigung erſpart! Sie konnte nun freigebig austheilen und noch ein Bedeutendes erübrigen, um ſich aus St. Auguſtin einen einfachen Hut und Shawl und einige Trauerſtoffe für die Reiſe kommen zu laſſen, ſich bei der heranna⸗ henden kühlern Jahreszeit mit wärmeren Kleidern zu verſehen und ihre dürftige Garderobe ſonſt noch eini⸗ germaßen zu vervollſtändigen. Alles ward mit der pünktlichſten Sparſamkeit eingerichtet; ſte ſelbſt ſchnitt Alles zu und nähte mit Hülfe der Mädchen. So ſuchte ſie ſich ſelbſt durch raſtloſe Thätigkeit zu be⸗ täuben und nun, wie ſie einmal entſchloſſen war, ihrem neuen Schickſal mit feſtem Muth entgegenzu⸗ gehen. Unterdeſſen kam die Mitte des Octobers heran, die Zeit, in welcher die Familie Caſtleton, die den Sommer gewöhnlich in einem der nördlichen Staaten oder in irgend einem Seebade zubrachte, wieder in ihrem Hauſe zu Charlestown einheimiſch war. Der Tag der Abreiſe ward daher beſtimmt und der Reiſe⸗ plan gemacht. Bis nach St. Auguſtin ſollten Alonzo's rüſtige Pferde ſie tragen. Von dort aus ging wö⸗ chentlich zweimal ein Packetboot nach Savannah und Charlestown. Schon früher, kurz nachdem ſie ihren Entſchluß gefaßt, eine neue Lebensbahn zu betreten, hatte ſie über ſich gewonnen, an den Landrath zu ſchreib Sie hatte noch ein kleines Grundſtück, das in der Ei nicht hatte verkauft werden können, noch einige unbedeu⸗ tende Capitalien ausſtehen, die eine längere Kündi⸗ gungszeit erfodert hatten. Sie meldete ihm mit kur⸗ zen, gepreßten Worten ihr Unglück, deſſen äußerliche Züge, wie ſie bemerkte, ihm vielleicht ſchon aus den öffentlichen Blättern bekannt geworden ſeien. Sie bat ihn, das Geld, das ſie noch beſitze— es konnten höchſtens einige hundert Thaler ſein— ihr nach Char⸗ lestown unter der Adreſſe des Herrn Richard Caſtleton zu ſchicken, und verſprach ihm, von dort von neuem zu ſchreiben.„Zürnen Sie mir, theurer Freund“, ſchrieb ſie,„dieſes kalten Tones wegen nicht, in dem Sie Ihre Klotilde nicht wieder erkennen. Ich bin dieſelbe nicht mehr. Vier Monate ſind's erſt, daß ich die Wel⸗ len über Hubert's theurem Haupte zuſammenſchlagen ſah, als er meinetwegen, mein Eigenthum zu er⸗ halten, den Augenblick der Rettung verſäumte; und ich lebe noch! Ich eſſe, trinke, ſchlafe noch; ja ich leſe, nähe, ſchreibe wieder! Erkennen Sie in dieſer zähen, ſtumpfen Natur Ihre Freundin Klotilde, deren Gefühl ſtets rege war, wie das der Mimoſa? Nein, ich bin dieſelbe nicht mehr! Kein Glück kann mehr von mir ausgehen, keins mich mehr empfänglich finden! Nur in Einem bin ich noch die Alte. Ich weiß, daß ich die Laſt tragen muß, die der Allmäch⸗ tige mir auf die ſchwachen Schultern gelegt; ich weiß auch, daß es ein Irrthum iſt, der uns Frauen die Liebe als Lebenszweck erſcheinen läßt— mich hat mein hartes Schickſal darüber belehrt, daß nur die Pflicht es iſt!“ Auf ihrer Durchreiſe verweilten ſie einige Tage lang in St. Anguſtin. Klotilde hatte hier zum erſten Male Gelegenheit, die Tüchtigkeit des angloamerikani⸗ ſchen Elementes zu bewundern, das im Laufe von kaum zwanzig Jahren ſchon dieſer altſpaniſchen Citadelle ein ſo entſchieden nationell⸗amerikaniſches Gepräge aufgedrückt hat. Wie hatte die kleine Stadt, mit ihren Klöſtern und Kirchen, drittehalb Jahrhunderte lang gleichſam in trägem Behagen in ihrem Orangenbette geruht und ſich, über die niedrige Vormauer der flachen Anaſtaſia⸗Inſel hinweg, von lieblich friſchen Winden anfächeln laſſen, ohne viel darnach zu fragen, für wie 123 viel ſie die goldenen Früchte auf den nordiſchen Markt bringen könne, oder ob der Oſtwind, der ſie ſo erfriſcht, auch wol die Segel des Schiffes, das die reiche Waare dahin trägt, zur günſtigen Fahrt ſchwelle; und nun in dieſen kurzen zwanzig Jahren, wie hat ſie ſich geſchäftig und kaufmänniſch geberden gelernt und doch noch ſich, mit ihrer bunten Bevölkerung von Spaniern und Franzoſen, Mulatten und Meſtizen, Griechen und Minorkanern zur einen Hälfte, gegen den proſaiſch nüchternen, vertrocknenden Einfluß der andern Hälfte, der raſtloſen, ſchaffenden, erwerbenden, ſpeculirenden Neu⸗Engländer, zu wehren gewußt! Klotilde überſchaute die bunte Scene mit einem flüchtigen Intereſſe. Sie ging am Arme Alonzo's, der ihr den Reichthum ſeines Landes zu zeigen wünſchte, über den Marktplatz, wo köſtliche Früchte und Blumen aufgehäuft lagen. Sie blieben bei einem Wagen ſtehen, der ſich beſonders durch ſeine balſamiſch duf⸗ tende Laſt auszeichnete: ein Reichthum von lieblichen und prächtigen Blumen, wie Klotilde ihn noch nie ge⸗ ſehen. Sie ſollten eben nach der St. Lucienkirche gebracht werden, um dies Gotteshaus für ein nahes Feſt zu ſchmücken. Der Führer des Wagens ſah Alonzo an und grüßte ehrerbietig, dann traf ſein Blick Klo⸗ tilden; aber ſchnell, die Farbe wechſelnd, wendete er 124 ſein Geſicht weg. Auch Klotilde hatte ihn erkannt. Es war derſelbe entſetzliche Menſch, der Hubert mit dem Ruder in die Tiefe geſtoßen, es war Hubert's Mörder. Er war in St. Auguſtin hängen geblieben und bei einem Gärtner in Dienſt gegangen. Jetzt ſah er nicht teufliſch wild aus wie damals. Die Ver⸗ zweiflung, die Angſt hatte ihn zum Barbaren gemacht. Schmerz zuckte über ſein Geſicht, als er die bleiche, rührende Geſtalt in tiefen Trauerkleidern ſah. Klotildens Wangen überzog Leichenbläſſe; ein hef⸗ tiges Zittern befiel ſie.„Ich tauge noch nicht in die Welt“, ſagte ſie bitter zu ſich ſelbſt, und Alonzo konnte ſie nicht wieder überreden, mit ihm auszugehen. Nur die Kirche beſuchte ſie mit Joſephen.„Sollte mich nicht an der heiligen Stätte Ruhe anwehen“, fragte ſie ſich.„Es iſt nicht meine Kirche, aber was thut's? Es iſt doch ein Ort, von dem Tauſende von Herzen zum Herrn rufen!“. Ein Gefühl heiliger Stille kam einen Augenblick über ihr Gemüth, als ſie in den erhabenen, gothiſch alten Dom trat. Sie folgte Joſephen und als dieſe vor ihrer Schutzheiligen, der ſie ihren Namen ver⸗ dankte, einer Figur in Lebensgröße, die in einer Niſche ſtand, niederkniete, kniete ſie neben ihr. Die Statue war mit koſtbarem Schmuck überladen; auch ihren Diamantring ſah ſie an dem wächſernen Fin⸗ ger der Heiligen. Das Herz zog ſich ihr zuſam⸗ men; ſie ſtand auf und beſuchte auch die Kirche nicht wieder. Sechstes Capitel. Eine neue Lebensbahn. Der Wagen, der die Reiſenden aus dem Hafen in die Stadt Charlestown brachte, hielt endlich vor einem backſteinernen Hauſe ſtill, das ſich ſchmal, hoch, ſtatt⸗ lich, mit hellen Spiegelſcheiben, grünen Blenden und marmornen Treppenſtufen verſehen, auf keine Weiſe von den langen Reihen von Häuſern auf beiden Seiten unterſchied. Klotilde hätte es lieber geſehen, die Fa⸗ milie Caſtleton hätte in einem der angenehmen, land⸗ hausähnlichen, einzeln ſtehenden Gebäuden gewohnt, durch deren Reihen ſie gefahren, die aber weniger faſhionable ſein mochten, als dieſe, wie ſie hörte, im Neuyorker Styl erbauten Häuſer. Alonzo ſtieg aus. Aber ehe er noch klingeln konnte, öffnete ſich die Haus⸗ thür und ein junges Frauenzimmer trat heraus, eine kleine Geſtalt in einfacher, ſchwatzer Kleidung, mit Hut und Shawl verſehen, ſichtlich zum Ausgehen, nicht zum Entgegenkommen bereit. Aber ſie rief ſo⸗ gleich:„Willkommen, Vetter Alonzo! Ich hoffe, Sie haben Ihre Reiſegefährtin nicht dahinten gelaſſen?“ Als nun auch Klotilde ausſtieg, begrüßte ſie dieſe liebreich, und ein Paar offne, gute, blaue Augen ſahen die Fremde, nicht forſchend, ſondern Vertrauen er⸗ weckend, an. Sie klingelte den Dienſtboten, und wäh⸗ rend Alonzo das Abpacken anordnete und den Kutſcher ablohnte, führte ſie Klotilden die Marmorſtufen hinauf, durch das ſchmale, mit ſchönbemaltem Wachstuch be⸗ legte Vorhaus in eins der prächtigen Wohnzimmer. Die köſtlichſten Möbeln, ſchwere, damaſtene Vor⸗ hänge, ein ſchwellender, an Farbenglanz unvergleich⸗ licher türkiſcher Teppich, Wände, mit Oelbildern in Prachtrahmen bedeckt, und ein marmornes Kamin von der kunſtvollſten Sculptur zeugten hier von dem Reich⸗ thum des Beſitzers. Alonzo folgte ſogleich. Obgleich er vorausſetzen konnte, daß ſeine Couſine wiſſen müſſe, wer die Fremde ſei, hätte er geglaubt, es an Höflichkeit gegen dieſelbe fehlen zu laſſen, wenn er ſie nicht förmlich vorgeſtellt hätte.„Couſine Sarah“, ſagte er,„erlauben Sie mir Ihnen Miß Oſten vorzuſtellen. Miß Oſten, Miß Sarah Caſtleton.“ Beide verneigten ſich.„Ich wollte ſoeben nach. 12 1 10 8 der Betverſammlung“, ſagte Sarah,„aber nun bleib' ich zu Hauſe, denn Virginia iſt mit Mr.) Dorn ins Concert und wird wol nicht vor Zehn zu Hauſe kom⸗ men. Wir ſind jetzt ſehr glücklich hier, Vetter“, fuhr ſie gegen Alonzo gerichtet fort,„wir haben mehr Gna⸗ denmittel als je. Doctor Church aus Boſton leitet den Gottesdienſt heute Abend. Sie glauben gar nicht, wie beredtſam ſeine Gebete ſind! Der Geiſt des Herrn iſt in ihm. Ich hoffe, Sie werden ihn hören, Vetter! Er iſt ein guter Mann.“ „Iſt das derſelbe Church, Couſine Sarah, der in Portland wegen der Mäßigkeitsgeſchichte ſi worden?“ „Derſelbe. Es war eine ſchmähliche Geſchichte. Ich glaube, die Unitarier misbilligten dieſe frevelhafte Handlung eben ſo wie die Chriſten, Vetter Alonzo.“ „Mag ſein“, verſetzte Alonzo,„hoffentlich wird er ſich aber hier nicht in Dinge miſchen, die ihn nichts angehen.“ „Die Mätßigkeitsſache geht jeden Chriſten an, Vetter!“ „Die Mäßigkeitsleute“, erwiderte Alonzo,„ſollten ihre gute Sache nicht verderben durch das Zuſammen⸗ *) Mr., Abbreviatur von Maſter, Herr, das aber vor dem Namen nicht Maſter, ſondern Miſter ausgeſprochen wird. — ſtecken mit den Abolitioniſten. Die Gemeinſchaft mit dieſem Geſindel ſchadet ihnen gewaltig bei uns.“ „Auch bei uns“, ſagte Sarah;„und doch ſollte keiner das Waſſer des Lebens verſchmähen, weil den⸗ ſelben Becher, in welchem es ihm gereicht wird, auch ein Gifttrank füllen könnte. Aber“, fuhr ſie, zu Klo⸗ tilden gewendet, fort,„vielleicht ziehen Sie vor, auf Ihr Zimmer zu gehen, bis der Thee wieder bereitet iſt. Er war eben vorüber, als Sie kamen.“ Klotilde bejahte, und Sarah, eine der ſilberplat⸗ tirten Lampen und ihren Reiſekorb vor ihr her tra⸗ gend, führte ſie zwei hohe, mit prächtigen Teppichen belegte Treppen hinauf.„Verlieren Sie nicht den Athem“, ſagte ſie freundlich;„Papa und Schweſter Virginia haben die Zimmer im zweiten Stockwerk inne.“ Sie traten nun in ein ſchönes, ſehr geräumiges Ge⸗ mach, in welchem ein mächtig großes Bett mit ſchnee⸗ weißen Decken, aber ohne Vorhänge ſtand; ein Cabi⸗ net daneben, mit Spiegel und Waſchtiſch verſehen, ſchien zum Ankleiden zu dienen. Auf dem Kamin von einfach weißem Marmor lag als Mittelſtück eine ungeheuer große Bibel, in Sammet und Gold gebun⸗ den und in ihrem Gewande gleichſam die ganze Pracht, die im Zimmer ſonſt ſorglich vermieden war, concen⸗ trirend; ihr zu beiden Seiten ſtanden in zierlichen und Die Auswanderer. I. 9 S regelmäßigen Gruppen einige kleinere Bücher, meiſt Lebensbeſchreibungen frommer Miſſionarien, Dod⸗ dridge's„Entſtehung und Fortſchritt der Religion in der Seele“, Hannah Movre's„praktiſche Frömmigkeit“, Melville's„Bibelgedanken“ und noch einige Bücher der Art. Auf dem Toilettentiſch lag eine andere Bibel in kleinerm Format und beſcheidnerem Gewande. Man ſah, ſie war zum Leſen beſtimmt, die größere nur zum Verehren; Watt's Hymnen lagen daneben. „Hoffentlich, liebe Miß Oſten“, ſagte Sarah, indem ſie Hut und Shawl in einen Wandſchrank hing, denn ſie war äußerſt ordentlich,„hoffentlich iſt es Ihnen nicht zuwider, Ihr Bett mit mir zu theilen? Auf dem Lande haben wir ein ſehr großes Haus, wir könnten Ihnen dort zwei oder drei Zimmer geben; aber in der Stadt ſind wir beſchränkt im Raum. Für unſere Privatandacht gibt indeſſen das Ankleidezimmer gute Gelegenheit. Ich brauche Ihnen nicht läſtig zu ſein, wenn Sie bei Ihren Andachtsübungen vielleicht lieber allein ſind. Ich weiß, es gibt Chriſten, die dies vorziehen. Wir können leicht ein Uebereinkommen treffen. Wie viel Stunden beten Sie täglich, liebe Miß Oſten?“ Klotilde war in der höchſten Verlegenheit und, nicht wenig überraſcht, ſich von dem lieblichen Geſchöpfe S gleich in der erſten Unterredung ſo katechiſirt zu ſehen, antwortete ſie mit geſenkten Augen, daß ſie keine Regel darin zu beobachten pflege. „Schon gut“, erwiderte Sarah, ſie mit milden Augen anblickend;„entſchuldigen Sie meine Zudring⸗ lichkeit, liebe Miß Oſten! Ich würde nicht ſogleich ſolche Herzensfragen thun, wenn ich Sie als eine Fremde betrachtete. Aber ich möchte, daß Sie hier eine Heimat fänden, daß Sie dies demüthige Zimmer als den Hafen anſehen, in den der Herr Sie geführt, ſeinen allmächtigen Namen auch für die Stürme preiſen zu lernen, mit denen er das Schifflein Ihres irdiſchen Glückes zerſchlagen. Kann ich Ihnen darin mit meinen ſchwachen Kräften beiſtehen, ſo werd' ich meinem Heiland dafür danken, der ſich meiner als ſeines geringen Werkzeuges hat bedienen wollen.“— Damit küßte ſie ſie und ging hinunter. Klotilde blieb unter den gemiſchteſten Eindrücken zurück. In dieſem Hauſe der Pracht und der Mode nicht einmal eine Kammer für ſich haben zu ſollen, war ihr höchſt peinlich überraſchend; beſonders wider⸗ ſprach es ihrem deutſchen Gefühl, ihr Bett theilen zu müſſen, ſelbſt mit dieſem liebenswürdigen Mädchen. Aber:„herunter ſtolzes Herz!“ ſagte ſie wiederum und diesmal nicht ohne n Bitterkeit zu ſich 9* ſelbſt,„vergiß nicht, daß du hier im Hauſe des Rei⸗ chen nur eine bezahlte Dienerin biſt! Und wie gut und fromm dieſes Mädchen iſt! Sie geht einen an⸗ dern Weg als den meinen; aber warum ſollte es nicht ein ebenſo ſicherer Weg ſein? Ich fürchte nur, ſie hält ihn für den einzigen richtigen! Und wie, wenn er es wäre? Hat er ſie wirklich zu Dem geführt, was ſie von mir verlangt? Hat auch ſie gelitten? Hat ſie den Kelch geleert und überwunden?— Wie ſtill, wie beruhigend ſieht Alles mich rings umher an! Ein Duft des Friedens umhaucht mich an dieſer chriſtlichen Stätte! Vielleicht daß ſie mir hier, hier wird, die himmliſche Ruhe, nach der mein Herz ver⸗ gebens ſich ſehnt!— Wie ſagte ſie doch? Für mein Unglück, mein entſetzliches Unglück ſoll ich Gott prei⸗ ſen! O mein himmliſcher Vater! Haſt du uns wirklich dieſe vollſtändige Verleugnung des Weſens, das du uns gabſt, auferlegt? Bin ich eine Sünderin, wenn ich nur trotz meines Unglückes dich preiſe? Iſt es nicht genug, daß ich ſtillhalte unter deiner züchti⸗ genden Hand— muß ich ſie küſſen, die Ruthe, mit der du mich ſchlägſt, um dir wohlgefällig zu ſein?“ Sie ſammelte ſich mühſam, als der Bediente kam und ſie zum Thee herunterrief. Sarah, die am Thee⸗ tiſch präſidirte, empfing ſie liebreich. Auch ihr Vater 133 war jetzt gegenwärtig: ein ſtattlicher Mann, aus deſſen feurig ſchwarzem Auge das ſpaniſche Blut hervor⸗ leuchtete, während ſeine ſtarken Gliedmaßen und ſeine förmliche Haltung die engliſche Abkunft bezeug⸗ ten, die dunkelgelbe Geſichtsfarbe aber und die Cava⸗ liersmiene den ſüdcaroliniſchen Pflanzer charakteri⸗ ſirten. Er begrüßte die junge Fremde leutſelig und that mit einer eigenthümlich kalten, ſteifen, echtnationalen Höflichkeit einige herrkömmliche, trockne Fragen an ſie. Nachdem er ſich nach ihrem Befinden erkundigt, und ſie gefragt hatte,„wie ihr Amerika gefiele?“ wollte er wiſſen, aus welchem Theile von Deutſchland ſie ge⸗ bürtig ſei; als er aber ihre Antwort gehört, belehrte er ſie, daß in ihrer Gegend das beſte Deutſch geſpro⸗ chen werde. Einer ſeiner Freunde, ein Herr, der aus einer der erſten Familien dieſes Landes abſtamme und in Deutſchland gereiſt ſei, habe ihm dies ver⸗ ſichert. Seine Tochter Virginia ſei eine große Enthu⸗ ſiaſtin für die deutſche Literatur. Schade nur, daß dieſe letztere ſo nebelig ſei und der Unglaube ſo darin vorherrſche. Uebrigens müſſe ſie nicht etwa glauben, daß er ein Vorurtheil gegen die Deutſchen habe; er halte ſie im Gegentheil für ein ſehr achtbares Volk. Er habe nie fleißigere Leute geſehen. Und die Muſik ſei unter ihnen zu Hauſe. Sicherlich ſei Miß Oſten auch ſehr muſikaliſch? Seine Schwägerin in Neuyork ſage ihm auch, daß man dort vorzugsweiſe deutſche Dienſtboten nehme; denn die Amerikaner wären zu ſtolz, um zu dienen; ſie wären ſehr ſchwer zu ha⸗ ben und hätten ein gewiſſes ihnen innewohnendes Bewußtſein, daß ſie zu etwas Beſſerem geſchaffen ſeien. Mr. Caſtleton hatte dieſe lange Rede nicht in ei⸗ nem Athem gehalten, vielmehr ſie wiederholt mit höf⸗ lichen Fragen nach Miß Oſten's Meinung darüber und mit Anerbietungen von Toaſt und Kuchen unter⸗ brochen. Ihre einſylbigen Antworten auf erſtere waren keineswegs berechnet, ihn in ſeinem nationellen Selbſtbewußtſein zu ſtören.„Ich hoffe, es wird Ih⸗ nen bei uns gefallen, Miß Oſten“, ſagte er endlich, zog eine der Lampen näher an ſich und begann die Zeitungen zu leſen. Alonzo, der, während Klotilde oben war, ſeinen Onkel gebeten, ihr leicht bewegliches Gemüth nicht durch Fragen nach ihrem Schiffbruch und Verluſt zu verwunden, hatte während dieſes Geſpräches wie auf Nadeln geſeſſen. Endlich unterbrach er die ängſtliche Pauſe, die gleich hinterher entſtand, durch die an Sarah gerichtete, verzweiflungsvolle Frage: „Haben Sie hier nicht vor kurzem eine Viertags⸗ verſammlung*) gehabt?“ „Ja wol, Vetter Alonzo, und zwar, der Herr ſei geprieſen, eine mit reicher Frucht geſegnete! Zweihun⸗ dertſiebenunddreißig Seelen ſind hoffnungsvoll bekehrt worden und haben ſich der Herde des Herrn ange⸗ ſchloſſen. Bei dreiundzwanzig andern, welche die be⸗ ſten Hoffnungen gaben, täglich auf der Angſtbank ſaßen, im Kampfe noch zwiſchen Welt und Gott, hat der Durchbruch der Gnade noch nicht ſtattgefunden! Noch liegen ſie in Banden, und wir können ſie daher nicht geradezu einſchließen, wenn wir mit dankbarem Herzen für den Segen Gottes den Ertrag der dies⸗ jährigen Erweckung berechnen.“ „Iſt nicht Aaron Fiſcher ein Chriſt geworden?“ fragte Alonzo;„mich dünkt, ich hörte unterwegs davon ſprechen, daß der reiche Geizhals ſich auch noch be⸗ kehrte. Das wäre ein Glücksfall für Ihre Kirche, Sarah, die Geld braucht!“ „Des Herren Wort“, erwiderte Sarah einfach, „tönt zu dem Reichen wie zu dem Armen. Wohl Dem, der dem Rufe folgt, ehe es zu ſpät iſt. Mr. Fiſcher iſt unter den Dreiundzwanzigen. Noch geben wir ſie *) A four days meeting. nicht auf. Ein Diener Gottes aus Connecticut, ein eifriger Arbeiter im Weinberge des Herrn, verweilt noch hier und hat ſie zum beſondern Gegenſtand ſei⸗ ner Bemühuugen gemacht, dieſe lauen Herzen, die wie Felir ſagen:«Komme wieder, wenn ich mehr Zeit haben, und wie Agrippa:„Faſt beredeſt du mich ein Chriſt zu ſein?. Täglich beſucht er Mr. Fiſcher und viele der Andern, Jung und Alt; er betet mit ihnen und ringt für ſie zu Hauſe in ſeinem ſtillen Kämmerlein ſtundenlang mit dem Geiſte des Herrn. Möchten ſeine Arbeiten geſegnet ſein!“ „Ihr Bericht darüber“, ſagte Alonzo,„wird Ihrer Tante Mrs.*) Gardiner große Freude machen, Cou⸗ ſine Sarah!“ „Es brauchte des Berichtes von meiner Seite nicht“, erwiderte Sarah mit leuchtenden Augen.„Sie iſt in der Nähe. Sie kam eigen darum aus Maſſa⸗ chuſetts nach Charlestown, um ſich an der Wieder⸗ erweckung zu freuen.“ Mr. Caſtleton ſah über ſein Zeitungsblatt weg. „Darum?“ fragte er.„Ich dachte, ſie wäre gekom⸗ men, um ihre Leute beſſer unterzubringen? Du weißt, Alonzo, ſie klagte immer, die Leute brächten ihr ſo *) Sprich Mistriß, der allgemeine Titel verheiratheter Frauen in Amerika, der vornehmſten wie der geringſten. wenig, und hoffte ſie ſelber vortheilhafter vermiethen zu können, als ihr Geſchäftsmann, wenn ſie ſie nicht verkaufen könnte.“ „Das Geſchäft, Papa, thut ſie nur nebenbei; jetzt iſt ſie in das Inland gereiſt, wo die Geiſtlichen von Neu⸗England eine Viertagsverſammlung zu Stande zu bringen hoffen. Denn es wäre dem Evangelium geradezu entgegen, das Brot des Lebens nur den Reichen der Hauptſtadt zu bieten, während die Uebri⸗ gen vielleicht nach den Gnadenmitteln dürſten, die wir hier in Fülle genießen.“ „Fehlt es Ihren eigenen Predigern ſo ſehr an Eifer, Couſine“, fragte Alonzo lächelnd,„daß Sie die näſelnden Yankees brauchen, Ihre Sünder zu bearbei⸗ ten?— Bitte um Entſchuldigung, gute Sarah, ſind Sie doch ſelbſt ein kleines Yankeemädchen!“ „Wol“, erwiderte ſie ebenfalls lächelnd,„betracht' ich die Miſchung in mir als einen beſondern Segen Gottes. Denn wie wackere Arbeiter wir auch hier haben, die Energie, die eindringende Entſchloſſenheit, die gottbeſeelte Rückſichtsloſigkeit gegen ſogenannte De⸗ licateſſe und ſonſtige Weltformen, welche die neueng⸗ ländiſchen Geiſtlichen auszeichnet, beſitzen unſere Pre⸗ diger doch nicht. Was aber jene ſo beſonders ſiegreich macht, iſt, daß ſie die Hülfe ſo vieler einzelner Ge⸗ meindeglieder haben. Welchen Einfluß übt zum Beiſpiel meine Tante Gardiner! Sie und Mrs. Roley, die ebenfalls von Neu⸗England iſt, ſind die Lichter der Kirche, obwol ſie als Frauen nur ſchwache Gefäße des Herrn ſein können. Es iſt wahrhaft erbaulich, Vorbilder wie ſie zu haben auf dem Gange zum Heil.“ „Ich bitte Sie, Couſine Sarah“, verſetzte Alonzo, ſcherzend,„nehmen Sie Mrs. Roley in ihrem Gange nicht zum Vorbild. Sie tritt auf wie ein Elephant.“ „Und Tante Gardiner nicht in ihrer Zungenfer⸗ tigkeit“, fügte Richard Caſtleton lachend hinzu;„denn die paar Tage, die ſie hier war, hat ſie mich faſt zum Hauſe hinausgepredigt.“ Alle dieſe und ähnliche Neckereien prallten an Sarah's freundlichem Gleichmuth machtlos ab.„Schon lange“, ſagte ſie zu Klotilden,„hab' ich mir gewünſcht, Deutſch zu lernen. Sie haben ſolche köſtliche Hymnen in Ihrer Sprache! Und was für gute, fromme Män⸗ ner haben Sie, die doppelt hervorleuchten aus der Umgebung von Ungläubigen. Ich habe einmal in der Ueberſetzung Auszüge aus dem Leben eines vortrefflichen Mannes geleſen, der Young Stilling hieß. Dies iſt ein Buch, das ich ſehr gern vollſtändig leſen möchte. Wie lange wird es wol dauern, bis ich es verſtehen kann, Miß Oſten?“ 139 „Es hängt davon ab, wie viel Zeit Sie auf Er⸗ lernung der Sprache wenden und welche Fähigkeiten Sie dazu mitbringen.“ „Meine Fähigkeiten ſind freilich nicht groß und meine Zeit iſt auch ziemlich beſchränkt. Meinen Sie wol, wenn ich ein Quartal Stunden genommen, drei Stunden die Woche und außerdem eine halbe Stunde täglich zum Schreiben der Erxercitien, daß ich es ver⸗ ſtehen könnte?“ „Wenn Sie eine beſondere Vorliebe für dies Buch haben, ſo können wir es ja gleich von vorn herein zu Ihrem Leſebuch machen und die Uebungen daran knüpfen.“ „Ich würde lieber mit der Bibel anfangen“, er⸗ widerte Sarah.„Luther's Ueberſetzung ſoll ſo ſchön ſein.“ „Sie iſt's; aber die Sprache iſt zu ſehr veraltet, und gerade weil der Sinn Sie zu ſehr beſchäftigen würde, würde es Ihnen zum Lernen der Ausdrucks⸗ formen nicht taugen.“ „Aber die Hymnen? Wie viel Zeit werd' ich brauchen, deutſche Hymnen zu leſen? Die ſollen ja leicht ſein. Sechs Wochen? Acht Wochen?“ Flotilde lächelte.„Mit mathematiſcher Genauig⸗ keit“, ſagte ſie,„läßt ſich die Zeit nicht beſtimmen. Wenn Sie erſt die Sprache ſelbſt verſtehen, werden Sie Alles darin leſen können. Uebrigens ſind unſere geiſtlichen Lieder ſehr einfach, dies liegt aber mehr in den Gedanken als in der Sprache.“ Während ſich die beiden Mädchen ſo unterhielten, hatte Alonzo auf mannichfache Art ſeine Ungeduld bezeigt und auf jeden anfahrenden Wagen gelauſcht. Auch der Vater hatte ein paar Mal nach der Uhr geſehen und Bemerkungen, wie:„Das Concert dauert lange“; oder„Virginia bleibt ſpät aus“, bezeugten auch ſeine Ungeduld. Jetzt hielt eine Kutſche vor dem Hauſe ſtill und ſogleich kündigte ein lautes Klingeln und lebhaft durch einander ſprechende Stimmen die Heimkehrende an. Die Thür flog auf und eine hohe, herrliche Geſtalt, deren Schönheit Klotilden mit Einem Male als außer⸗ ordentlich auffiel, trat, von zwei jungen Herren gefolgt, in das Zimmer. Sie trug über einem ſchillernden Seidenkleide einen kurzen ſchwarzen Sammetmantel, der, wie es eben die Mode mit ſich brachte, mit einem Capuchon von roſafarbenem Atlas verſehen war. Vir⸗ ginia hatte dieſen, der wechſelsweiſe dem Mantel zum Schmuck und dem Kopf zur Bedeckung diente, ſchon aus dem Wagen ſteigend, zurückgeworfen und zeigte das lieblichſte Lockenhaupt, das je auf anmuthig 141 abfallenden Schultern und einem feinen, ſchlanken Halſe geſeſſen. Eine Fülle von glänzenden, kaſtanienbraunen Locken hing an beiden Seiten des vollkommen regel⸗ mäßig gebildeten Geſichtchens herab, während eine kunſtvolle Flechte, von einem goldenen Pfeil gehalten, auf dem ſchöngeformten Hinterkopf neſtartig befeſtigt war. Eine hohe, blendend weiße Stirn, eine feine, gerade Naſe, ein Mund, um den die Liebes ten, und ein Paar großer, geiſt⸗ und— brauner Augen— Alles war in vollkommenem Ein⸗ klang mit der lieblichen Geſichtsform und läßt ſich allenfalls durch eine Beſchreibung darſtellen. Allein die wunderbare Zartheit und die eigenthümliche Be⸗ weglichkeit der Züge, die das Ganze charakterifirte, läßt ſich mit der Feder nicht malen. Was der Ein⸗ tretenden daran fehlte, eine vollkommene Schönheit zu ſein, nämlich die blühende Friſche der Haut und die Fülle des Buſens, wie überhaupt die Rundung der Formen, verbarg theils die Aufregung des Abends, theils der ſchützende Mantel und, als dieſer abge⸗ worfen ward, die im hohen Maße modiſche, reiche. Kleidung. Ihr ganzes Auftreten war im höchſten Grade, was nur die engliſche Sprache mit einem charakteri⸗ ſtiſchen Worte bezeichnen kann— dashing 6 h — geräuſchvoll, modiſch⸗glänzend, durch Keckheit und Rückſichtsloſigkeit verwirrend. Charakteriſtiſch nannten wir das Wort, weil nur diejenigen Nationen, welche die engliſche Sprache ſprechen, die volle Wirkung ſei⸗ nes Begriffes vollkommen anerkennen. Nur in einer Geſellſchaft, in welcher, wie in Nordamerika, Schön⸗ heit und Mode oder, wie in England, Rang und Mode eine allgemein imponirende Kraft haben, kann jenes Adjectiv ſeinen vollen Gehalt behaupten; nur dort kann ſich eine Modeſchönheit, oder„belle“, d. h. eine Schöne, die oft gar nicht ſchön, ſondern nur modiſch iſt, vollkommen ſicher, vollkommen ihrer Tri⸗ umphe gewiß fühlen. Virginien ſah man es an, daß ſie der Siege ge⸗ wohnt war. Sie trat in lebhaftem Geſpräch mit ihren Verehrern, von denen der Eine, der ſich heute Abend für den Begünſtigten halten durfte, ihren Fächer und das Spitzentaſchentuch trug, herein und rief ihrem Vater zu, ohne die Gäſte zu bemerken: „Papa, die Caſtelli ſang göttlich! Und denken Sie nur, der Schmeichler, Mr. Seaton, behauptet, meine Stimme ſei ſchöner, und hält mich wirklich für ſo einfältig zu glauben, er könnte mich deſſen über⸗ reden!— Was! Himmel! Vetter Alonzo!“ rief ſie plötzlich, ihren Vetter gewahrend, als er ihr näher trat. — „Und dieſe junge Dame?“ fuhr ſie fort, indem ihr Blick über ihn hinſtrich und auf Klotilden fiel. „Schweſter“, ſagte jetzt Sarah,„ich habe das Vergnügen dir Miß Oſten vorzuſtellen. Miß Oſten, meine Schweſter, Miß Caſtleton.“ Die beiden ſo lieblichen und doch von Grund aus ſo verſchiedenen Mädchen verneigten ſich gegen ein⸗ ander. Virginie ſah Klotilden mit einem tiefen, inni⸗ gen Blick an, der ihr mit Eins das Herz der letztern gewann. „Wie ſehr, wie ſehr hab' ich gewünſcht Sie kennen zu lernen, meine theure Miß Oſten! Wie beklage ich, daß ich nicht zu Hauſe war, als Sie ankamen!“— Sie that einige Fragen nach Befinden, Reiſe u. ſ. w., an ſich gleichgültig, allein mit der holdſeligſten Anmuth in Blick und Weſen ausgeſprochen! Aber ſie wollte doch auch ihre Verehrer noch nicht gleich fahren laſſen, von denen der Eine, der heute ſich ein wenig verſäumt zu fühlen ſchien, die fremde Schöne mit unverkenn⸗ barem Wohlgefallen anblickte. Sie lies demnach Klo⸗ tildens Hand, die ſie in der ihren behalten, mit einem Druck los und wendete ſich an dieſen. „Mr. Dorn“, ſagte ſie mit reizender Schalkhaftig⸗ feit,„wer war doch die Dame, die Ihnen heute Abend beim Herausgehen ſo viel Schönes ſagte?“— und ohne die Antwort abzuwarten, fuhr ſie gegen den Andern gewendet fort.„Ich behaupte, Mr. Seaton, Mr. Dorn hat eine Eroberung an dieſer Dame ge⸗ macht! Was für Vorwürfe machte ſie ihm! Er be⸗ ſuche ſie nicht mehr! Er gebe ſie auf! Es war rührend anzuhören! War nicht auch von Briefen die Rede? Waren es Liebesbriefe?“ „Nicht doch, Miß Caſtleton. Nicht halb ſo in⸗ tereſſante. Von meiner Schweſter Briefe.“ „Aha! Gehen die durch Sie?“ „Nicht ſo ſpöttiſch“, lachte Dorn. Die Dame iſt verheirathet.“ „Eine reizende Witwe?“ „Reizend? Sie ſahen ſie im Spiegel Ihrer eige⸗ nen ſchönen Augen, Miß Virginia! Es war Mrs. Chambers, eine alte Bekannte aus Savannah, die ich ſchmählich vernachläſſigt habe.“ „Still, ſtill! Sie ſah nicht aus, als ließe ſie ſich in irgend einem Sinne gern alt nennen.— Vetter Alonzo! Sie ſind müde von der Reiſe! Sie träu⸗ men ſchon! Haben Sie uns diesmal einen längern Beſuch zugedacht? Wollen wir wieder zuſammen rziten?“ „Ich ſtehe immer zu Ihrem Befehl, Couſine“, ant⸗ wortete dieſer, deſſen Augen, weit entfernt, müde zu ſein, unterdeſſen unabläſſig an ihr gehangen hatten. Sie aber wandte ſich raſch zu dem dritten ihrer An⸗ beter. „Mr. Seaton, vergeſſen Sie nicht mir morgen den franzöſiſchen Roman wiederzubringen, den ich Ihnen geliehen habe. Iſt er nicht einzig? Wie himmliſch dieſe Dudevant die Liebe ſchildert! Aber denken Sie wol, dieſer Raymond iſt ein natürlicher Charakter? Es iſt ein Ungeheuer. Und Ralph? Hat man je ſo einen langweiligen Menſchen geſehen? Kein Wun⸗ der, daß Indiana ihn erſt am Ende des Buchs lieben lernt. Wie gut, Vetter Alonzo, daß nicht alle Couſins ſo langweilig ſind!“ Endlich fragte Sarah, die an dem Geſpräche kei⸗ nen weitern Antheil genommen hatte, Klotilden, ob ſie nicht müde von der Reiſe ſei und der Ruhe be⸗ dürfe? Dies gab das Signal zum Aufbruch.„Ich hoffe Sie bald näher kennen zu lernen!“ ſagte Vir⸗ ginia zu Klotilden mit einem Händedruck und einem ihrer ſprechenden Blicke.„Ein ſeltſames Mädchen!“ dachte dieſe.„Wie kann man ſich in ſolchem ſeichtem Geſchwätz gefallen, wenn man ſo innig fühlt?“ Als ſie mit Sarah oben auf ihrem Zimmer an⸗ gekommen war, ſagte dieſe ſeufzend:„Virginie iſt gut; aber ſie iſt von dieſer Welt! Wie ſagt doch der Apo⸗ Die Auswanderer. 1. 10 8 ſtel?„Die, ſo in Luſt lebet, ſolche iſt lebendig todt!“ Möge der Herr in ſeiner himmliſchen Weisheit ſie noch auf den ſchmalen Pfad der Gerechtigkeit führen von dem breiten Wege des Verderbens!“ „Mir ſind“, fuhr ſie fort, indem ſie anfing ſich zu entkleiden,„dieſe ſpäten Abendbeſuche recht von Her⸗ zen zuwider; denn ſie hindern Papa das Abendgebet zu halten, und doch hat er meiner ſeligen Mutter auf dem Todtenbette verſprechen müſſen, dieſe Pflicht eines chriſtlichen Haushalters nicht zu verſäumen. Freilich“, ſetzte ſie hinzu, indem ſie die Nadeln auf das Nadel⸗ kißchen ſteckte,„thut er jetzt nur nach der Weiſe der Biſchöflichen, die auf halbem Wege ſtehen geblieben und, wie die Papiſten, die Gebete ableſen; allein es iſt doch beſſer, als gar kein chriſtlicher Hausaltar.“ „Indeſſen“, fuhr ſie fort und warf ihr Nachtkleid über, das ſie ſorglich zuknüpfte,„er ſollte ſich an die jungen Herren nicht kehren; denn wir ſollen uns unſeres Heilandes, der für uns geblutet, nicht ſchämen. Wie, wenn Er ſich unſerer ſchämte am Throne der Gnade, unſerer, deren Gerechtigkeit nur um uns hängt wie ſchmuzige Lumpen? Wenn der Herr nicht meine Mutter ſo zeitig heimgerufen, wäre Manches anders!“ „Haben Sie Ihre Mutter ſehr jung verloren, arme Sarah?“ fragte Klotilde. ———— 147 „Meine Mutter verließ uns“, erwiderte Sarah, indem ſie ſich, vor den Spiegel tretend, aber nur einen flüchtigen Blick hineinwerfend, die Haare unter die Nachtmütze zurückglättete,„als ich kaum zwölf Jahre alt war. Uebermorgen ſind es gerade ſechs Jahre. Für mich war es eine ſchwere Prüfung und auch für meinen armen Vater, der ſchon vorher eine Gattin, Virginiens Mutter, begraben hatte. Aber wäre es nicht unrecht zu klagen, da ſie Gewinnerin iſt, wäh⸗ rend nur wir die Verlierenden ſind? Sie hatte ihre Miſſion erfüllt. Ja, ſie war in der Gnade!“ Sie zerdrückte eine Thräne, indem ſie dies ſagte und dabei ihre eben abgelegten Kleidungsſtücke auf⸗ hing und faltete. Dann ſetzte ſie ſich an ihren Toi⸗ lettentiſch, las ein Capitel in der Bibel, kniete ſofort an ihrem Bette nieder und betete mit geſchloſſenen Augen und leiſe flüſternden Lippen. Ihr Gebet mochte etwa zehn Minuten lang dauern. Dann legte ſie ſich nieder mit der Bemerkung,„es ſei ſchon ſpät, ſie habe darum heute nicht ſo lange gebetet als ſonſt“, jedoch ohne ſich weiter durch vieles Sprechen zu zerſtreuen; und nachdem ſie Klotilden gute Nacht geboten und ſie ermahnt hatte, nicht zu lange aufzubleiben, war ſie in wenigen Minuten ſanft und feſt entſchlafen. Klotilde hatte, während Sarah las und betete, 10* ſtill ihre Sachen ausgepackt und ihre Kleider— ſie hatte nur die allernothwendigſte Garderobe— in einen kleinen Wandſchrank, den ihr Sarah hatte ausräumen laſſen, aufgehängt. Auch ein Kaſten in Sarah's Commode war für ſie ausgeleert, und ſie mußte, von Jugend auf wenig an eine Beſchränkung des Raums gewöhnt, die ſelbſt reiche Amerikanerinnen ſich oft gefallen laſſen, faſt ſich glücklich preiſen, daß auch der Vorrath ihrer Wäſche und übrigen Sachen in ähn⸗ lichem Verhältniß gering war, weil ſie ſonſt hätte ihren Koffer in beſtändigem Gebrauch haben müſſen, gerade als wäre ſie auf Reiſen, ein charakteriſtiſch unbehag⸗ licher Zuſtand, der in dem Lande der Bewegung, in das ihr Schickſal ſie geführt, ein nicht ſeltener, obwol ein kaum empfundener iſt. Sie hatte abſichtlich, ſo lange Sarah wach war, dieſe mechaniſche Arbeit vorgenommen. Mehr über⸗ reizt als müde, bedurfte ſie der Stille, des Alleinſeins, um ſich zu ſammeln, ſich zu beruhigen und ihr Herz zu Dem zu erheben, der allein ihm den rechten Troſt einhauchen kann. Warum fühlte ſie ſich von Sarah's methodiſcher, nüchterner Frömmigkeit, die doch aus dem innerſten Herzen kam und ihr den köſtlichſten Schatz des Daſeins, ein ruhiges Gewiſſen, ſicherte, faſt noch mehr abgeſtoßen, als durch Virginiens Welt⸗ lichkeit und Gefallſucht? Sie fürchtete ſich, der guten Sarah Unrecht zu thun. Noch nie hatte ſie die Andacht in dieſer trockenen, phantaſieloſen Geſtalt geſehen, ſo recht das Gegentheil von der ſchwärme⸗ riſchen Erhebung, der aſcetiſchen Inbrunſt Donna Joſepha's! Sie blickte auf das ſchlafende Mädchen; wie ſtill, wie ruhig athmete ſie! Wie ſah, ein Bild des voll⸗ kommenſten Seelenfriedens, das jugendlich blühende Geſicht ſo lieblich aus dem weißen Nachthäubchen heraus! O, war ſie nicht zu beneiden? Klotilde trat an Sarah's Tiſch und ſchlug deren Bibel bei dem gelegten Zeichen auf. Sie wünſchte zu ſehen, welche Stelle in der heiligen Schrift eine ſo wunderbare Kraft der Beruhigung auf ſie geübt, nach⸗ dem ſie das Herz unmittelbar vorher durch Geſpräche über den gefährlichen Weg der Schweſter, über die Lauheit des Vaters, über den frühen Hintritt der Mutter betrübt. Mit Erſtaunen ſah ſie, daß Sarah dieſen Abend das zwölfte Capitel des Buches Joſua mit dem Siegesprotokoll des Feldherrn dieſes Namens geleſen, welches eine topographiſche Beſchreibung des eroberten Landes und die Namen der einunddreißig beſiegten Könige enthält! Und doch hatte ſie beim Leſen ſo andächtig ausgeſehen, als leſe ſie die Berg⸗ predigt oder eine der übrigen unmittelbaren Ausſtrö— mungen des heiligen Geiſtes! Klotilde wußte nicht, daß Sarah es ſich zum Grundſatz gemacht, Abends und Morgens die Bücher der heiligen Schrift nach der Reihe vom Anfang bis zum Ende zu leſen und ſich nur in der Zwiſchenzeit den Herzenslurus des Inſichſaugens von beſondern Lieblingsſtellen erlaubte. Gibt es doch unter ihren Kirchengenoſſen genug der achtbarſten Familien, in denen die Geſchlechtsregiſter und die Berichte über die blutigſten Greuelthaten des entarteten Volkes Gottes ſo gut zur Einleitung in die tägliche Hausandacht dienen müſſen, als andere Bibelſtücke, weil ein Ueber⸗ ſchlagen dieſer und gewiſſer anderer Stellen, bei deren Ableſen wenigſtens die Hausfrauen lieber die Töchter und jungen Dienerinnen entfernt ſähen, für eine ſünd⸗ liche Verſchmähung des heiligen Wortes gelten könnte. Auch Klotilde hatte ſich frühe gewöhnt, ihren täg⸗ lichen Verkehr mit Gott theils in gewiſſe Formen zu faſſen, theils an gewiſſe Stunden zu knüpfen. Es war bei ihr nicht die Folge einer durch Erziehung be⸗ dingten Gewohnheit. Ihre Eltern, obwol ſie in einem gewiſſen Sinne redliche, praktiſche Chriſten genannt werden konnten und fromme, inſofern als ſie in Bezug auf Gott lebten und handelten, waren ſtark von dem 1 Rationalismus der Zeit befangen geweſen, der auf jene Formen, jene Termine geringen Werth legte, eben weil ſie bei ſo Vielen bloße Formen, bloße Pflichtzeiten geworden. Klotilde war, während ihrer Entwickelungsjahre, von dem geringen Aufſchwung der Frömmigkeit ihrer geehrten und geliebten Eltern unbefriedigt, mit ſich ſelbſt in Zwieſpalt geweſen. Es hatte ihr eine Zeit lang genügt, ihren Tag mit tugend⸗ haften Vorſätzen zu beginnen und ihn mit einer Selbſt⸗ prüfung und dem Beſtreben zu beenden, ihr Inneres in jenes allgemeine Gefühl der Liebe zu ſtimmen, das Coleridge ſo ſchön beſchreibt: jene heilige, ehrfurchts⸗ volle Stille und Selbſtverleugnung, in der kein Wunſch erwacht, kein Gedanke laut wird und die Seele gleich⸗ ſam nur in dem Geiſt des Gebetes ſich verliert, in dem einen Bewußtſein der eigenen Schwachheit, des eigenen Nichts, aber der göttlichen Macht, Weisheit und Liebe. Aber dann fühlte ſie wieder, wie geneigt eben um ſeiner Schwäche willen das menſchliche Herz ſei, ſich durch die Eindrücke der Außenwelt und die Anſprüche des Alltagslebens von der Sammlung der Seele zu dieſem formloſen, unbewußten Gebet abhal⸗ ten, ſich in ihrer Erhebung ſtören zu laſſen, wenn nicht eine feſte Form den Gedanken Halt und Be⸗ ſchränkung gibt und eine gewiſſe Mahnzeit gleichſam 152 über die herumſchweifenden Ideen eine warnende Ge⸗ walt übt. Sie hatte demnach die allgemeinen Wünſche, Dankanerkennungen und Gnadehoffnungen ihrer Seele in gewiſſe, einfache Worte gefaßt, die ſie täglich wieder⸗ holte— manchmal, wir geſtehen es, denn es war nur menſchlich, faſt mechaniſch und mit ſchlecht be⸗ kämpfter Zerſtreuung; meiſt aber mit herzlicher Wärme und indem ſie dem Gott, der ihr Vater, ihr Tröſter, ihr Freund war, die beſondern Wünſche vertrauensvoll vortrug, die ſich auf die Erlebniſſe des Tages bezogen. Vor Allem aber ſtrebte ſie mit Inbrunſt ſich den Geiſt des einen, einzigen wahren Gebets anzueignen und alle ihre Gedanken, alle ihre Worte von dem einen durchdringen zu laſſen: Herr, Dein Wille ge⸗ ſchehe! Auch heute legte ſie ſich endlich, ſpät und nach langem Kampfe, mit ergebungsvollem Sinne an S Seite zur Ruhe. Siebentes Capitel. Familienſcenen. Die Aufregung der neuen Scenen hatte Klotilden trotz der endlichen Sammlung ihres Innern den größ⸗ ten Theil der Nacht wach erhalten; ihr Morgenſchlaf ſenkte ſich daher mit einer ſolchen Schwere auf ihr Bewußtſein, daß ſie erſt von einer leiſen Berührung Sarah's erwachte, die im einfachen Morgenanzuge, aber vollkommen angekleidet, vor ihr ſtand. Sie fuhr erſchrocken empor.„Sie arme Miß Oſten“, ſagte Sarah mitleidig,„Sie haben eine trau⸗ rige Nacht gehabt! Aber die Frühſtücksklingel wird bald klingeln und ich dachte mir, Sie würden wün⸗ ſchen fertig zu ſein. Ich laſſe Sie jetzt allein, um einige kleine Haushaltspflichten zu verſehen. Möge der Gott, der genommen hat, was er gegeben, Ihnen ſeinen Troſt ſchicken!“ Sie küßte ſie und ging. Klotilde kleidete ſich raſch an und war nur eben fertig, als eine mächtige Klingel erſchallte, die ſie an ein öffentliches Inſtitut mahnte. Sie ging ſogleich drei Treppen hinunter in das Erd⸗ geſchoß, wo ihr Sarah geſagt, daß das Eßzimmer ſei, in welchem die Familie ſich zum Frühſtück und Mit⸗ tagsmahl zu verſammeln pflegte. Soeben ſprengte eine kühne Reiterin vor— es war Virginia von Alonzo begleitet, denn er hatte ſie ſogleich beim Worte ge⸗ nommen und einen kurzen Spazierritt vor dem Früh⸗ ſtück von ihr erlangt. Sie ſah wunderſchön in ihrer Amazonentracht aus— ein grünes, enganliegendes Tuchkleid, mit goldenen Knöpfen mannichfach verziert, und ein kleiner, kecker, ſchwarzer Federhut gaben ihr das Anſehen einer Jägerin; die ſcharfe Morgenluft hatte ihre Farbe bis zur lieblichſten Glut erhöht. Alonzo's Blicke hingen mit Entzücken an ihr und auch der ernſte Vater betrachtete ſie mit ſichtlichem Wohlgefallen. Sie bezeigte auch, munter geſtimmt wie ſie war, gar keine beſondere Neigung, ihren beiden Anbetern dieſen unſchuldigen Genuß zu verkürzen, indem ſie ſich in einen, weniger kleidenden Morgenoberrock geworfen hätte; vielmehr behauptete ſie, übermenſchlich hungrig zu ſein, ſetzte ſich an den Frühſtückstiſch und rief mit komiſchübertriebenem Verlangen nach Trank und Speiſe, 155 während ſie ihren Vetter mit ſcherzhaften Vorwürfen überſchüttete, ſie zu ſo weitem Ritt verführt zu haben, und ihn durch kleine Neckereien, Blicke und Anſpie⸗ lungen zu dem glücklichſten Menſchen machte. Nach dem Frühſtück griff Mr. Caſtleton abermals nach der großen Klingel, um die Leute zum Morgen⸗ gebet zuſammenzuklingeln, das in dieſem Hauſe in der Regel gehalten ward, wenn die Magen der Herrſchaft gefüllt waren, während die der viel früher aufgeſtan⸗ denen Dienſtboten ſich noch nach dem Frühſtück ſehnten. Aber Virginia erklärte nun, es vor Hitze nicht mehr aus⸗ halten zu können und erſt ſich umkleiden zu müſſen. „Sei nur bald wieder hier!“ ſagte der Vater;„wie viel Zeit brauchſt du?“„Nicht fünf Minuten, Papa!“ — Aber fünf, zehn, funfzehn vergingen und Virginia kam nicht. Die Familie und die aufwartenden Be⸗ dienten, die ſich ſchon an den Wänden des Zimmers ent⸗ lang, bereitgeſetzt hatten, warteten mit ſtiller Ungeduld. Die beiden Männer hatten nach den Zeitungen ge⸗ griffen. Endlich trat Phyllis, das Mädchen Virginiens herein; es war eine Negerſchönheit von den üppigſten Formen, im Geſicht mehr grau als ſchwarz, mit brau⸗ nen Mondſcheinsaugen und zwei Reihen von Zähnen, die durch die dunkelſte Nacht geleuchtet haben würden. Sie tam, ihre Gebieterin zu entſchuldigen:„ſie ſei zu ——————— müde, wieder herunterzukommen, und habe ſich ein wenig niedergelegt“. „Nun denn!“ ſagte Mr. Caſtleton verdrießlich, klin⸗ gelte mit einer Energie, die ſeine Stimmung verrieth, und griff mit gleicher Haſt nach dem Gebetbuch. Aus der Küche nebenan kamen nun ohne Zögerung mehre ſchwarze Sklavinnen herbei, einige mit bunten Tüchern, turbanartig um den Kopf geſteckt, andere von ihrem ſchwarzwollenen Haar wie von einer Mütze bekleidet. Alles ſaß in ſchweigendem Harren, Mr. Caſtleton das ſammetbedeckte Gebetbuch in der Hand, als dieſer plötzlich nach ſeiner Uhr ſah und ſogleich aufſtand. „Ich habe eine Verabredung auf präcis halb neun Uhr gemacht. Es thut mir leid, Sarah! Aber ich muß nach meiner Offiz. Noch einmal, es thut mir leid, aber— die Sache iſt wichtig.“ Die Leute erhoben ſich, auseinanderzugehen, allein Sarah, auf deren jungem Geſicht ein heiliger Ernſt glühte, ſagte entſchloſſen: „Bleibet ſitzen, meine Freunde!— Gehen Sie, Papa, wenn Sie gehen müſſen. Ich will Ihr Amt an Ihrem Hausaltare unterdeſſen zu verſehen ſuchen. Ich weiß zwar, es ſteht geſchrieben:„Ein Weib lerne in der Stille und einem Weibe geſtatte ich nicht, daß ſie lehre?— allein beſſer, daß Dieſe, deren Seelen der Herr ſelber in unſere Hand gelegt, das Brot des Lebens aus meinen ſchwachen Händen empfangen, als gar nicht.“ Mr. Caſtleton ſah verlegen aus, murmelte etwas von zwanzigtauſend Thalern, die auf dem Spiel ſtän⸗ den, und ging ſeines Weges. Sarah aber legte das Gebetbuch weg, griff nach der Bibel— die auf dem Kamin lag— wie in der That auf ihre Veranſtal⸗ tung eine in jedem Zimmer des Hauſes zu finden war— und las mit klarer Stimme und einfachem Vortrag die letztere Hälfte des vierzehnten Capitels des Evangeliſten Lucä. Es kümmerte ſie nicht, daß ſie in der Geſchichte der zum Gaſtmahl Geladenen den aus nichtigen Gründen ausbleibenden Vater und Schweſter bloßſtellte; ſie fühlte richtig, daß gerade in einem ſol⸗ chen Augenblick die Parabel mehr Eindruck als je auf die ihr anvertrauten Seelen machen müſſe, und dies war ihr wichtiger als die Foderungen einer künſtlichen Delicateſſe. Dann kniete ſie an ihrem Stuhle nieder und Alle folgten ihrem Beiſpiele. Sie ſprach, mit vollkommen natürlicher Stimme und einem von keiner. falſchen Scham gehemmten Wortfluß ein langes, freies Gebet, in dem Klotilde jedoch leicht aus ſeinem gänz⸗ lichen Mangel an Individualität und aus ſeiner vollkommen logiſchen Ordnung erkennen konnte, daß es kein augenblicklicher Erguß des Herzens, ſondern eine aus der reichen Phraſeologie der heiligen Schrift zuſammengeſetzte Gedankenreihe ſei, die mit einiger Fertigkeit, zu ordnen, der fleißige Beſucher der kirch⸗ lichen Betſtunden bald erlernt. Einige Stunden ſpäter ließ Virginia Klotilden auf ihr Zimmer bitten. Die Gemächer Virginiens ſahen ganz anders aus als die Sarah's; der äſthetiſche Sinn der Bewohnerin verrieth ſich in Allem, während die ein⸗ fache Möblirung von Sarah's Zimmer ihre einfache Geſinnung bezeugte. Prächtige Wiltoner Teppiche, ſo weich und elaſtiſch, als wären ſie mit Daun ausgefüt⸗ ert, ein paar Ottomanen mit violettem Sammet be⸗ deckt, ein franzöſiſches Bett mit Thronhimmel und reichen Vorhängen verſehen, marmorne Platten und Spiegel, wo immer ſie ſich anbringen ließen, und end⸗ lich der echtamerikaniſche Luxus einiger mit Sammet bedeckten Schaukel- und Nähſtühle, klein und groß, ließen Virginiens Zimmer zugleich glänzend und wohn⸗ lich erſcheinen. Im offenſtehenden Boudoir daneben, über das die rothſeidenen Gardinen ein ſchmelzendes roſiges Licht warfen, waren auf der köſtlichen Toilette, wie an dem marmornen Badeapparate alle neuen Erfindungen des raffinirteſten pariſer Lurus ange⸗ bracht. Mehr aber als von dieſen ward Klotildens Aufmerkſamkeit von einer wunderſchönen Marmorbüſte angezogen, die auf einem dazu verfertigten Geſtell in einer Ecke des Zimmers ſtand. Es war ein weibli⸗ cher Kopf von der vollkommenſten Schönheit, von einem italieniſchen Künſtler erſten Ranges mit Meiſter⸗ hand verfertigt. Klotilde hielt es für eine Agrippina oder für das ideale Bild einer Semiramis; aber ſie hörte, daß es die wohlgetroffene Büſte von Virginiens Mutter war, für welche ſie dem Künſtler ſelbſt ge⸗ ſeſſen, als ſie in Italien reiſte. Die Tochter, die ſie kaum gekannt, trieb eine Art Abgötterei mit dem ſchö⸗ nen Bilde. Sie bekränzte es mit Blumen. Sie hielt ihre Gebetbücher auf dem breiten Rand des Geſtelles. Wenn ihr, was ſelten geſchah, ein Wunſch verſagt ward und ſie ſich unglücklich fühlte, pflegte ſie vor dem Standbild der Mutter niederzuknien und die neue Heilige— die eine Frau von leidenſchaftlichem, herrſch⸗ ſüchtigem Geiſte geweſen war— ſchluchzend anzuflehen, ſich ihres Kindes zu erbarmen und die verlaſſene, von Keinem geliebte Tochter an ihr Mutterherz zu nehmen. Sie hielt das ſchöne Bild ſorglich unter einem ſchützen⸗ den Schleier und Phyllis ward oft dringend ermahnt, beim Abſtäuben vorſichtig zu verfahren und es nicht durch Anfaſſen zu beſchädigen. Als Klotilde jetzt zu Virginien eintrat, fand ſie 160 dieſe in einem prächtigen Seidenkleide und reichen Spitzenkragen, mit Ketten, Armbändern und Ringen geziert, ein Spitzentaſchentuch in der Hand, das den wollüſtigſten Roſenduft über das ganze Zimmer ver⸗ breitete. Sie glaubte, ſie wolle ausfahren, aber auch für dieſen Fall ſchien ihrem europäiſchen Urtheil ihr Anzug für eine Morgentvilette nicht paſſend. Sie hörte aber, daß Virginia wie in der That alle reichen amerikaniſchen Modedamen— wenigſtens in Neuyork, von wo Miß Caſtleton dieſe Sitte mitgebracht— von zwölf oder ein Uhr an, von welcher Stunde bis zum Mittagseſſen ſie ſich bereit hielt, Morgenbeſuche zu empfangen, immer ſo gekleidet war. Heute hatte ſie ſich etwas zeitiger angezogen, um Klotilden noch zu ſprechen, ehe ihre zahlreichen Freundinnen und Ver⸗ ehrer ſich einfanden. „Miß Oſten“, ſagte ſie, die Eintretende mit ihren feurigen Augen liebevoll begrüßend,„Sie ahnen nicht, daß ich mich wahrhaft darnach geſehnt habe, Sie kennen zu lernen, von Ihnen in Ihrer reichen Sprache unterrichtet zu werden, in die Tempel Ihrer unvergleichlichen Literatur eingeführt zu werden! O, wie ungeduldig bin ich, Goethe zu leſen, und Schil⸗ ler, und beſonders auch Ihre philoſophiſchen Schrift⸗ ſteller!“ 4 — „Ich glaube aus Ihren Wünſchen zu erkennen, daß Sie meine Sprache ſchon länger ſtudirt und ſich mit dem grammatiſchen Theile bereits vertraut ge⸗ macht haben.“ „Höchſt unvollkommen, Miß Oſten. In Neuyork hab' ich in der Koſtſchule Deutſch getrieben, aber es fing nur eben damals an Mode zu werden, ich machte mir noch nichts daraus. Ueberhaupt haſſe ich das ge⸗ meine Handwerksmäßige beim Sprachenlernen; bei allem Lernen haſſ' ich den techniſchen Theil. Nur den Geiſt will ich und der haucht mich ſympathetiſch aus Ihren Schriften an. Sie kennen Carlisle? Iſt er nicht göttlich? Gerade ſo ſtell' ich mir die deutſchen Denker vor. Und Ihre Dichter! Wir haben keinen, den ich ihnen vergleichen könnte!“ Klotilde lächelte.„Laſſen Sie ſich von Ihrem Enthuſiasmus nicht zu weit führen, Miß Caſtleton“, ſagte ſie.„Wer hat dieſen Funken in Ihnen erweckt? Oder vielmehr, denn der Funke mag in Ihrer Natur liegen: Wer hat dieſen Funken in Ihnen ſo zur Flamme geblaſen?“ Virginia ſah ſie erſt überraſcht, dann tief und im⸗ mer tiefer an.„Miß Oſten“, ſagte ſie mit gedämpf⸗ ter Stimme;„Sie durchſchauen dies Herz. Sie ver⸗ ſtehen mich. O, die Vorſehung ſelbſt hat Sie dieſem Die Auswanderer. 1. 11 162 verlaſſenen Herzen zugeführt. Bald ſollen Sie Alles wiſſen. Ja, ich liebe Ihre Sprache erſt— ſeit vori⸗ gem Sommer. Im vorigen Sommer hab' ich die er⸗ ſten Stunden darin genommen. Denn die in der Koſtſchule ſind kaum zu rechnen. Vier kurze Wochen lang; die vier glücklichſten Wochen meines Lebens. Aber nun möchte ich ſie erſt noch recht von Ihnen lernen. Wann wollen wir anfangen? Morgen?“ „Heute, wenn es Ihnen recht iſt. Und auch in der Muſik wünſch' ich Ihnen ſo nützlich zu ſein, als es in meinen Kräften ſteht.“ „Ach ja, die Muſik! O, wie ſehr lieb' ich die deutſche Muſik! Seitdem ich mich ſo recht in ihre unendliche Tiefe hineingeſenkt, kann ich den oberfläch⸗ lichen italieniſchen Singſang gar nicht hören! Und unſer engliſches Singen beſonders; das iſt vollkom⸗ men lächerlich! Ich fürchte nur, liebe Miß Oſten, die Muſik wird Sie zu wehmüthig machen. Sie ha⸗ ben ſo viel verloren, und ſo kürzlich!“ „Fürchten Sie nichts, Miß Virginia“, verſetzte die Deutſche, von dieſem Zug zarter Theilnahme, wo ſie ihn am wenigſten erwartete, unwillkürlich gerührt. „Ich bin nach Charlestown und in Ihr Haus gekom⸗ men, Sie und Ihre Schweſter in der Muſik und in der deutſchen Sprache zu unterrichten, und es iſt mein Wunſch und Vorſatz, ſo bald als möglich zu beginnen. Laſſen Sie uns mit Eins die Stunden feſtſetzen, die Ihnen die bequemſten ſind, da die meinen alle Ihnen zu Dienſte ſtehen.“ Sie kamen mit Sarah, die dazugekommen, überein, daß die Stunden gleich nach dem Frühſtück anfangen ſollten, täglich zuerſt in der deutſchen Sprache beiden Schweſtern gemeinſchaftlich, dann abwechſelnd für jede einzelne eine Muſikſtunde. Da ſowol Sarah als Vir⸗ ginia erklärte, zu mehr Stunden nicht Zeit zu haben, ſo ſah Klotilde den ganzen übrigen Tag zu ihrer eige⸗ nen Dispoſition geſtellt. Wie ſehr hätte ſie früher dies zu ſchätzen gewußt! Aber für Den, dem das Daſein eine Laſt geworden, für Den, der keinen Genuß mehr davon hofft, liegt in einem gewiſſen regelmäßi⸗ gen, durch Pflichten bezeichneten Umdrehen des Rades der Zeit, in einem Abwinden des Fadens nach be⸗ ſtimmten, feſtgeſetzten Aufgaben, ſo und ſo viel Ellen eine jede Stunde— eine gewiſſe Beruhigung. Sie bedauerte darum faſt, daß ſie ſich entſchloſſen, dies Haus zu betreten und nicht lieber ſich als Lehrerin in einer. der vielen Koſtſchulen verdungen habe, deren Anzeigen ſie in den Zeitungen geſehen, wo gewöhnlich von einer und derſelben Perſon die Kenntniß der franzöſiſchen, deutſchen, italieniſchen und ſpaniſchen Sprache, eine 11* gründliche Bekanntſchaft mit der Muſik und Unterricht im Zeichnen und Oelmalen verlangt wird. Dies würde ihr wenigſtens vortreffliche Gelegenheit gegeben haben, ſich durch anhaltende erzwungene Beſchäftigung zu betäuben. Schon längſt war Beſuch angeſagt worden, aber Virginia ging nicht eher hinunter, als bis Klotilde ſie wiederholt daran erinnert hatte, daß man auf ſie warte. „Was thuts?“ ſagte ſie;„es ſind nur ein paar langweilige, alte Damen; die Tochter könnte meine Mutter ſein! Ich weiß doch nicht, was ich mit ihnen ſprechen ſoll.“ Indem kam der Bediente wieder an die Thür und kündigte Mr. Seaton an. „Wenn du nun ſogleich hinuntergehſt“, ſagte Sarah,„werden ſie denken, du kamſt nur ſeinet⸗ wegen.“ „Was iſt daran gelegen? Unſere Damen hier zu Lande haben vollauf Zeit, aber unſere jungen Herren viel weniger. Sie ſind immer überbeſchäftigt in die⸗ ſem Handels⸗ und Geſchäftslande!“ Der Bediente ging hinunter, indem er noch hinter⸗ ließ, auch Mr. Alonzo ſäße unten im Salon und hätte ſchon wiederholt nach Miß Virginia gefragt. „Mag er doch!“ ſagte ſie wegwerfend.„Er hat ſeine Gabe ſchon heute dahin! Ich muß mich hüten 165 ihn nicht zu verwöhnen! Er ergreift gern die Hand, wenn ich ihm den Finger reiche!“ Während ſie ſprach, hatte ſie ſich vor dem Spiegel das Vorderhaar von neuem gebürſtet und ging mit der Bemerkung:„Der Seaton iſt noch einer der Be⸗ ſten“, hinunter in die Empfangszimmer. „Warum gehen Sie nicht hinunter zu den Damen, Miß Sarah?“ fragte Klotilde. „Ich bin nicht mit ihnen bekannt. Ich gehe mit wenig andern Perſonen um, als die zu unſerer Kirche gehören. Nicht, daß ich aus Wahl ſo ausſchließlich wäre. Es gibt gewiß in jeder chriſtlichen Kirche viele gute, würdige Menſchen. Allein, theils hab' ich wirklich nicht Zeit zu vielen Beſuchen, theils find' ich auch, daß die Geſpräche des gewöhnlichen Weltlebens unſer Gemüth gar zu ſehr zerſtreuen, um uns mit Sicherheit in dieſes Gewirr hineinwagen zu können. Meine Tante Gardiner, die, wie die Schrift ſagt«fromm iſt wie die Tauben und klug wie die Schlangen?, hat mich oft vor dem Geſellſchaftsleben gewarnt, beſonders vor den muntern Kreiſen, in denen Vir⸗ ginia mit Recht ſo hervorglänzt. Denn ſie iſt ſo ſchön und talentvoll! Ich würde auch viel mehr an meine Kleidung denken müſſen, wenn ich mehr in der Welt lebte, und Alles das würde mir Zeit und Geld koſten, während ich beides nützlicher an⸗ wenden kann.“ Klotilde ſah die achtzehnjährige Sarah mit einiger Bewunderung an, als ſie dieſe Worte mit vollkomme⸗ ner Einfachheit ſprach. Freilich war ſie nicht zur Hälfte ſo ſchön als Virginia, ihr kleine Geſtalt war etwas unterſetzt, ihr Hals kurz und ſelbſt ihr Geſicht hatte außer einer beſonders reinen, jungfräulichen Stirn und einem Paar großer, klarer, ausdrucksvoller Augen wenig Bemerkenswerthes; nur in Hinſicht der blühenden, weiß und rothen Hautfarbe, das Erbtheil ihrer neuengländiſchen Mutter, hatte ſie einen entſchie⸗ denen Vortheil vor ihrer Schweſter. Im Ganzen durfte man ſie wol ein hübſches Mädchen nennen und bei ihres Vaters Reichthum und Stellung in der Geſellſchaft konnte man vorausſetzen, daß es nur von ihr abhänge, ihren Platz darin zu behaupten. Aber es koſtete ihr kein Opfer ihn außugeben. Sie hatte einen guten Verſtand und ein empfängliches Herz, aber keine Spur von Phantaſie, dieſer gefährlichen Malerin, die mit zauberiſchen Farben der jugend⸗ lichen Erwartung die Welt ſoviel ſchöner malt, als ſie iſt. Sie gerieth alſo nur in geringe Gefahr von dem Pfade gelockt zu werden, auf welchen die Hand einer liebenden, ernſten Mutter jung ſie 167 geführt und auf welchem Beiſpiel und Ermahnung ihrer neuengländiſchen Verwandten, unter deren Aufſicht ſie erzogen war, ſtill und treu wandelnd, erhalten hatten. Achtes Capitel. Vater und Töchter. Klotilde war noch nicht vier Wochen in dieſem Hauſe, als ſie, zwar beide Schweſtern lieben gelernt, aber auch längſt die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß ſie ſich nie unter dieſen Menſchen heimiſch fühlen könne. Die Foderungen an ſie waren ſehr gering und nirgends hätte man ſie ihre Abhängigkeit weniger kön⸗ nen fühlen laſſen, was ſie dankbar anerkannte. Allein ein Umſtand, den ſie ſehr ſchmerzlich empfand, war der Mangel eines eigenen, wenn auch noch ſo kleinen Zimmers. Und doch ſah ſie ſelbſt ein, daß ſie in dieſem großen, prächtigen, in dem vornehmſten Ver⸗ hältniß und dem neueſten Neuyorker Styl erbauten Hauſe auch nicht ein Kämmerchen für ſich allein in Beſchlag nehmen durfte, ohne entweder entſchieden in die häusliche Einrichtung einzugreifen, oder ſich ſelbſt den Platz unter den Dienſtboten anzuweiſen. Das S Erdgeſchoß war von der Küche, den Vorraths- und Waſchkammern und dem Speiſezimmer der Familie eingenommen. Im erſten Stock, das wenig über der Straße erhöht war, nahmen das ſchmale, lange Vor⸗ haus und zwei große, durch breite Flügelthüren ver⸗ bundene Empfang- und Familienzimmer nebſt einem kleinen Buffet den ganzen Raum des Hauptgebäudes ein; hinten ſchloß ſich eine breite Veranda an, die durch Glasfenſter und grüne Blenden zu einem drit⸗ ten Zimmer eingerichtet war und vermittelſt der köſt⸗ lichen Orangerie, die in ihrer heißen Atmoſphäre ge⸗ zogen ward, eine Art Gewächshaus bildete. An dem Buffetzimmer war ein ſchmaler Ausbau angebracht, worin ein zierliches„Theezimmer“ der Familie diente, ſich zum abendlichen Thee zu verſammeln. Denn dieſer ward mit geringerm Ceremoniell eingenommen, als die andern Mahlzeiten, weil die Farmerſitte eines reichlich mit Fleiſchſpeiſen beſetzten Theetiſches längſt aufgehört hat modiſch und„genteel“ zu ſein. Im zweiten Stock waren vorn heraus Virginiens ſchon beſchriebene Gemächer; das große Zimmer hinten heraus war Mr. Caſtleton's Schlafzimmer. Ueber dem Theezimmer war ein allerliebſter, kleiner Salon angebracht, der ringsumher mit Glasſchränken von dem koſtbarſten Roſenholz verziert war, in denen zwei⸗ —— 170 bis dreihundert auf das prächtigſte eingebundene Bücher ſtanden, die meiſt Virginien gehörten. Dies Zimmer führte den Ehrennamen der„Bibliothek“; es hatte den Miſſes Caſtleton, ſeitdem ſie aus ihren re⸗ ſpectiven Koſtſchulen in das väterliche Haus zurück⸗ gekehrt waren, zum Unterricht in einigen einzelnen Zweigen gedient und ward noch jetzt von einem Jeden im Hauſe zum Briefſchreiben benutzt. Einige höchſt bequeme Schaukel- und Großvaterſtühle ladeten zum Genuſſe der ringsaufgeſtellten Schätze und zum fried⸗ lichen Schlummer zu gleicher Zeit ein, woher das an⸗ muthige Gemach denn unmittelbar nach Tiſch am häufigſten beſucht ward. Im dritten Stockwerk haben wir ſchon Sarah's Zimmer beſchrieben, in welche ſie Klotilden ſo gaſt⸗ freundlich aufgenommen. Die große Einfachheit der Einrichtung paßte zu ihrem ganzen Weſen. Kein Kupferſtich zierte die weißen Wände; keine dunkeln Gardinen milderten, wenn nicht gerade die Sonne darauf lag, die durch die grünen Blenden abgehalten ward, das Licht zum ſanften Dämmerſchein; kein Sopha lud mit ſchwellenden Kiſſen zum Behagen ein. Bett, Commode, Toiletten- und Waſchtiſche, wie die ſechs hohen Rohrſtühle waren zierlich mit weißer Oel⸗ farbe angemalt; doch waren ein paar niedrige Näh⸗ — —— oder Kinderſtubenſtühle mit Rohrſitzen zur Bequem⸗ lichkeit hingeſtellt, deren beſtändiges Wiegen Klotilden unwohl machte, ſo daß ſie an die Hinterbeine ihres eige⸗ nen ein paar Klötzchen band und oft Sarah, welche ſich in Neu⸗England ein beſtändiges, unbewußtes Schau⸗ keln angewöhnt, bitten mußte einzuhalten. Sie hatten die Hinterzimmer des dritten Stockes inne, zu dem der Ausbau nicht hinaufreichte. Die beiden Zimmer des vordern Theiles ſtanden als Gaſtzimmer immer bereit, Beſuch aufzunehmen, eine Pflicht der Gaſt⸗ freundſchaft, die durch die ganzen Vereinigten Staaten geht, wo nicht leicht ein Haus ſo klein iſt, daß es nicht ein„Spare Room“ oder Gaſtbewirthungszimmer enthielte. Bei Caſtletons waren ſie beſtändig beſetzt und jetzt eben von Alonzo und Tante Gardiner ein⸗ genommen, welche letztere nur temporär abweſend war. Die Manſardenzimmer endlich dienten den ſieben Sklaven, welche die Familie, außer dem Kutſcher jeden Herbſt mit in die Stadt brachte, zu Schlafkammern. Wo hätte in dieſem Hauſe die arme Klotilde einen Winkel für ſich finden ſollen? Indeſſen blieb ihr Sarah's Zimmer den größten Theil des Tages allein überlaſſen, da die raſtloſe Thätigkeit dieſer letztern ſie während mehr als zwei Drittel deſſelben außer Hauſe hielt. Die religiöſe 2 — 17 Geſchäftigkeit Sarah's ging durch die ganze Woche. Zwei Abende waren regelmäßig den kirchlichen Ver⸗ ſammlungen ihrer eigenen Gemeinde gewidmet, Dienſtag Abend der Betverſammlung, Donnerstag Abend der„Lec⸗ ture“, d. h. einer Art von Lehrpredigt. Außerdem gab es ſo viele ſogenannte Barmherzigkeitspredigten(Charity Sermons) d. h. für einen gewiſſen wohlthätigen Zweck gehaltene Predigten zu beſuchen, oder es war irgend ein berühmter durchreiſender Geiſtlicher in einer andern Kirche zu hören; oder es ward ein Miſſionarius ein⸗ geführt— ſo daß man auf dieſe außerordentlichen Veranlaſſungen wiederum zwei bis drei Abende rech⸗ nen mußte. Am Samſtag Abend aber widmete ſich die gute Sarah faſt ausſchließlich dem religiöſen Un⸗ terricht ihrer Leute, beſonders des weiblichen Theiles derſelben, indem ſie ihnen Aufgaben für die Woche ſetzte, ſie eraminirte und mit ihnen erklärend die Bibel las. Die meiſten der Mädchen hatten von ihr auf dem Lande, wo ſie mehr Zeit hatte, leſen und rechnen gelernt. Nur ſchreiben lehrte ſie ſie nicht, ſo wie ſie es auch gefliſſentlich unterließ, ſie über den Zuſtand der Welt und über die Fortſchritte des Menſchengeſchlechts im Allgemeinen zu unterrichten. Denn Sarah hielt ſtreng auf Gehorſam gegen die Obrigkeit; ſie glaubte aber doch auf dieſe Weiſe dem harten Geſetze, das die Sklaven zu unterrichten verbot, dem Geiſte nach, wie ſie ſagte, zu genügen, ohne das höhere Geſetz zu verletzen, ihnen das Waſſer des Lebens nicht zu ent⸗ ziehen und ohne ſie für das praktiſche Leben untaug⸗ lich zu machen. Wie ſehr ihr die Erziehung ihrer Sklaven am Herzen lag, bewies ſie unter Anderm da⸗ durch, daß ſie alle Jahr zu ihrem perſönlichen Dienſt ſich ein anderes Mädchen auswählte, meiſt ein ganz junges von ſechzehn oder ſiebzehn Jahren, das ſie im Herbſt mit in die Stadt nahm und mit dem ſie ſich in beſtän⸗ digen Verkehr ſetzte, um ſo einen perſönlichen Einfluß auf viele dieſer vernachläſſigten Geſchöpfe zu gewinnen, wobei ſie freilich einer geſchickten, eingeübten Dienerin immer entbehren und eine unerſchöpfliche Geduld üben mußte. Sarah's Morgen und Nachmittage waren nicht weniger als ihre Abende beſetzt. Denn ſie war Mit⸗ glied zweier Nähgeſellſchaften, d. h. der Dorcasgeſell⸗ ſchaft, die jeden Mittwoch Vormittag für die Armen der Kirche Kleidung verfertigte; und dann der„Jungen Damen⸗Nähgeſellſchaft“, die für die Miſſionarien ar⸗ beitete und ebenfalls ſich allwöchentlich an den groben Hemden der frommen Männer die zarten Finger zer⸗ ſtach, während eine gemiethete Nätherin zu Hauſe ihre eigenen, feineren nähte; hier war ſie noch dazu Secretärin, und hatte genug mit unendlichen Schreibe⸗ reien zu thun, wenn Sendungen nach Tamul oder den Sandwich-Inſeln oder Liberien mit Briefen begleitet werden mußten. War vollends eben ein junger Miſ⸗ ſionarius auszuſtatten, der freilich nicht ſo ganz ohne Ausſteuer in die arge Welt hinaus geſchickt werden konnte, ſo ward die Thätigkeit verdoppelt und ein mehrſtündiges Zuſammenſitzen mit Nadel und Fingerhut zwei, drei Tage hintereinander ward dem Gottesboten und den kleinen Andenken an die Heimat, die man ihm mitgeben wollte, gewidmet. Außerdem war Sarah noch eins der thätigſten Mitglieder eines Sonntagsſchulvereins, der es ſich zur Aufgabe gemacht, arme, irreligiöſe Familien aufzu⸗ ſuchen, um ſie zu bereden, wenn die Eltern ſelbſt keine Kirche beſuchten, wenigſtens die Kinder in die Sonn⸗ tagsſchule zu ſchicken, und dieſe Kinder zu kleiden über⸗ nahm; ein mühſeliges Geſchäft, dem ſie regelmäßig in jeder Woche einen ganzen Morgen widmete. Dann gab es noch Verſammlungen der Sonntagsſchullehrer, Gebetverſammlungen der Kirchenmitglieder und außer dieſen gewöhnlichen Verſammlungen noch ſo viele außergewöhnliche, daß Klotilde wohl einſah, Sarah's Zeit war vollſtändig beſetzt. Fügen wir nun noch hinzu, daß Sarah auch dem Haushalt vorſtand— 175 d. h. ſoweit in einem amerikaniſchen Haushalt, in dem ſieben Domeſtiken und einer davon Stewart oder Haus⸗ verwalter iſt, eine Dame etwas mit der Wirthſchaft zu thun hat— ſo werden wir gern zugeben, daß die deutſche Sprache nachſtehen mußte und während der ſechs Wochentage an eine Entwickelung in der Muſik nicht zu denken war. Am Sonntag aber— oder wie wir, um Sarah's Gedächtniß nicht zu beleidigen, ſagen müſſen, am Sab⸗ bath— denn nichts war ihr empfindlicher als jene heidniſche Benennung und ſie hatte in Boſton gelernt, vom letzten Schöpfungstage nie anders als vom„Sab⸗ bath“ oder vom„Tag des Herrn“ zu ſprechen— grenzte vollends ihre fromme Thätigkeit an das Un⸗ glaubliche. Obwol in Mr. Caſtleton's Hauſe, wie in den meiſten amerikaniſchen Familien, an dieſem Tage ſpäter als gewöhnlich gefrühſtückt ward, erlaubte ſie ſich doch nie einen längern Morgenſchlaf; ſondern be⸗ nutzte die Friſt nur zu einer ausgedehnteren Privat⸗ andacht und zu einer vollſtändigen Tagestvilette ſchon vor dem Frühſtück. Und bei dieſer Gelegenheit ſah Klotilde ſie allerdings mit einiger Verwunderung ſolche ſchwere ſeidene Kleider und Hals- und Handkragen von ſo koſtbaren Spitzen anlegen und dieſen Schmuck mit ſolchen koſtbaren Nadeln befeſtigen, daß ſie meinte, nur der allgemeine, ungeheure Kleiderlurus unter den amerikaniſchen Frauen könne dies bei einer derſelben erklären und entſchuldigen, die ſo entſchieden den Ei⸗ telkeiten der Welt entſagt. Nach dem Frühſtück konnte Sarah Sonntags die ſo läſſig geführte Hausandacht nur ſelten abwarten. Meiſt ſtand ſie ſchon vom Tiſche auf, ehe die Familie es beendigt hatte, um in die Sonn⸗ tagsſchule zu gehen, zu deren treueſten Lehrerinnen ſie gehörte*). Nach der Vormittagskirche, welche ſich an dieſelbe knüpfte, ward das in allen amerikaniſchen Familien am Sonntag früh gehaltene Mittagseſſen raſch und mit der größten Mäßigkeit abgemacht; denn ſchon wartete die Sonntagsſchule von neuem, aufwelche der Nachmittagsgottesdienſt unmittelbar folgte. Aus dieſem ging Sarah, ohne ſich durch Zuhauſekommen aufzuhalten, in eine Bibelclaſſe, die ſie ſelbſt in Ver⸗ ein mit einigen andern jungen Chriſtinnen zum Beſten einiger, ohne Religionsunterricht herangewachſener Mädchen geſtiftet, die zu alt ſchienen, ſich unter die Kinder der Sonntagsſchule zu miſchen. Vom Ende *) Die amerikaniſchen Sonntagsſchulen ſind nicht wie die in Deutſchland für Diejenigen beſtimmt, denen die Arbeit der Woche nicht Zeit läßt, die gewöhnlichen Schulen zu beſuchen, ſondern ausſchließlich dem Religionsunterricht gewidmet, der aus den Wochenſchulen ausgeſchloſſen iſt. dieſer Bibelſtunde bis zu dem frühen Sonntagsthee blieb ihr noch genau eine halbe Stunde, welche ſie manchmal zu Hauſe beim Leſen eines religiöſen Buchs zubrachte; oft aber war um dieſe Zeit in ihrer Kirche eine Privatgebetverſammlung der Mitglieder feſtgeſetz, die ſie nie verſäumte. Häufig ſaß ſie noch am Thee⸗ tiſch, deſſen am Sonntag beſonders reichliche Beſetzung Mr. Caſtleton gern zu einer längern Mahlzeit benutzte, denn er war geſchäftsfrei und hatte für heute mit zwei Beſuchen das Kirchengehen abgethan— wenn die Glocken ſie ſchon zum Abendgottesdienſt riefen. Wenn ſie endlich nach neun Uhr nach Hauſe kam, fühlte ſie ſich wol etwas erſchöpft von der fortgeſetzten geiſtigen Arbeit und hätte ſich gern ſogleich niedergelegt; allein ſie hielt ſich noch eine Weile in der Familie auf, um das Ihrige nach Kräften zu thun, zu verhindern, daß das Geſpräch eine frivole oder überhaupt weltliche Richtung nehme, was, da erbauliche Bemerkungen hier nie recht Wurzel ſchlagen wollten, gewöhnlich auf ein langweiliges Hinſchleppen von Alltagsphraſen hin⸗ auslief— daß am Sabbath keine Beſuche angenom⸗ men wurden, hatte Sarah, trotz Virginiens viel grö⸗ ßerem Einfluß, von ihrem Vater erlangt— bis Mr. Caſtleton nach wiederholtem Gähnen frühzeitig auf⸗ brach und Alles zu Bette ging. Wenn Sarah gegen Die Auswanderer. l. 12 178 zehn Uhr in ihr Zimmer kam, hielt ſie es für recht, am Tage des Herrn ſtatt eines, zwei Capitel ſeines Wortes zu leſen und ihr Gebet in eben dem Verhältniß auszudehnen. Wie müde mußte die Gute endlich auf ihr Lager ſinken! Aber wie bald und ruhig und mit welchem ſüßen Bewußtſein, im Dienſte ihres Heilandes keine Anſtrengung ihrer beſten Kräfte geſcheut zu haben, entſchlief ſie! Daß Virginie Mr. Caſtleton's Lieblingstochter war, konnte man leicht wahrnehmen. Aber auch für Sarah hatte er ein Vaterherz und ihr Einfluß auf ihn war nichts weniger als unbedeutend. Sie war ihm die Heilige der Familie, die gleichſam für Alle fromm war; wenn auch ihr Wirken und Weſen ihm oft läſtig ward, hegte er doch eine Hochachtung für ſie, die ihn ſtets auf ihre Anſichten Rückſicht nehmen ließ! Wenn er Virginien liebte, verzog und pflegte, wie ſein eige⸗ nes, körperliches Selbſt, wie ſein eigenes, egviſtiſches Temperament, ſo ſcheute er dagegen Sarah, wie— ſein Gewiſſen. Richard Caſtleton war ein Ehrenmann. Er hatte, als Mitglied des Congreſſes wiederholt und fürzlich im Senat die Augen der Nation auf ſich gelenkt; war zweimal Gouverneur ſeines eigenen Staates geweſen und als Rechtsconſulent war ſeine Praris ſo groß, daß ſie ihn zum reichen Mann gemacht haben würde, auch wenn er nicht von Haus aus reich geweſen wäre. Er war großmüthig in Geldſachen; bei allen Sammlungen für gemeinnützige Zwecke ſtand ſein Name obenan und bei allen Unternehmungen, welche die materiellen Verbeſſerungen ſeines Staates oder ſeiner Provinz bezweckten, konnten ſeine Mitbürger auf ſeine Thätigkeit zählen. Dabei beſaß er it en hohen Grad von nordamerikaniſchem und beſonders ſüdcaroliniſchem Patriotismus, d. h. er zweifelte nicht, daß die Vereinigten Staaten der Sitz der höchſten Intelligenz wären und daß das wahre Chriſtenthum nur dort zu finden ſei. Daß der Culturzuſtand aber den von Europa weit hinter ſich zurücklaſſe und die Wiſſenſchaften und ſchönen Künſte inſofern ſich daſelbſt in einem veredelten Zuſtande befänden, als ſie zum erſten Mal einen praktiſchen Nutzen bekommen hätten, worauf doch allein Alles ankomme— das war ihm außer aller Frage. Südrarolina aber hielt er für den eigentlichen Kern, für das Herz der Vereinigten Staa⸗ ten. Als die berüchtigte Rullificationsfrage aufkam, war er einer der lauteſten ihrer Vertheidiger geweſen und hatte eine Auflöſung der Union auch dem kleinſten Opfer Deſſen vorgezogen, was er für das Recht oder den Vortheil ſeines eigenen Staates hielt. Sonſt war 12* er entſchieden conſervativ, aber hauptſächlich nur, wenn es jenes echte, ritterliche Herz„Uncle Sam's“*), d. h. ſeinen eigenen Staat und deſſen Inſtitutionen galt. Trotzdem, daß er es als politiſcher Parteimann mit Maſſachuſetts und den Whigs hielt, haßte er Neu⸗ England und es war und blieb ein Geheimniß, was ihn beſtimmt hatte, ſich von dort ſeine zweite Gattin zu holh, Er haßte Maſſachuſetts ſchon als Neſt und Wiege der Abolitioniſten mit tödtlichem Haſſe. Denn unter den Eigenthümlichkeiten des Südens, die er ver⸗ theidigte, konnte er vorzüglich keinen Angriff auf„das heimatliche Inſtitut der Sklaverei“**) vertragen, bei dem er aufgewachſen war. Nicht, daß er die Sklaverei aus Herzenshärte ge⸗ liebt hätte— er war kein überſtrenger Herr— aber theils hegte er die Ueberzeugung, der Wohlſtand der ſüdlichen Staaten könne ohne eine gewiſſe Claſſe von menſchlichen Laſtthieren nicht beſtehen; theils glaubte er, die Liebe zur Freiheit würde in den Freien durch nichts ſo ſehr erhöht, als durch den Contraſt, und *)„Uncle Sam“, d. h. Oheim Samuel, iſt der populäre Repräſentant der Vereinigten Staaten von den Anfangs⸗ buchſtaben U. S.(United States). **) The domestic institution of Slavery— der Lieblings⸗ ausdruck der ſüdlichen Pflanzer. Sklaven ſeien daher als Erziehungsmittel zur Er⸗ weckung der Freiheitsliebe in der weißen, amerikani⸗ ſchen Jugend weſentlich nothwendig— wie ja auch die Spartaner, um ihre Jugend von der Verworfen⸗ heit der Trunkenheit zu überzeugen, ihnen das Beiſpiel der künſtlich trunken gemachten Heloten gaben. Be⸗ ſonders aber war er durch die unvorſichtigen und rückſichtsloſen Bemühungen der Abolitioniſtengeſellſchaf⸗ ten erbittert und in ſeinen ſelbſtiſchen Anſichten beſtärkt und der eifrigſte Vertheidiger der Sklaverei geworden. Ja er war in dieſem Punkte ſo leidenſchaftlich erregbar, daß ſelbſt ſeine Tochter Virginia, die ſich ſonſt Alles erlauben durfte und über dieſen Gegenſtand ſeit kur⸗ zem die Anſichten ihrer Kaſte mit denen eines groß⸗ müthigen Herzens vertauſcht hatte, lieber vermied, die Sache in ſeiner Gegenwart zu beſprechen. Richard Caſtleton war übrigens nichts weniger als ein Haustyrann; im Gegentheil hatten ſeine beiden Gattinnen einen bedeutenden Einfluß auf ihn geübt, hauptſächlich Virginiens Mutter, die eine Frau von glänzender Schönheit und unbegrenzter Herrſchbegierde geweſen. Die beſondere Vorliebe, welche er für ihr Ebenbild, Virginia, hatte, zeigte ſich weniger in den Gaben und Geſchenken, die er ihr vor Sarah voraus gab— beide Schweſtern bedurften ihrer im Grunde nicht, denn ſie hatten ein reichliches Einkommen aus dem Erbe ihrer Mütter— als durch ein gewiſſes liebhabermäßiges Nachgeben gegen ihre Launen und ein höchſt unväterliches Huldigen ihrer Schönheit. Nur äußerlich durfte ſich ſein Gefühl ſo wenig als möglich zeigen. Der kalte, ſelbſtiſche Mann konnte heimlich unruhig werden, wenn er ſein ſchönes Töch⸗ terchen traurig ſah, er konnte einen langgehegten Plan in ſeiner Häuslichkeit aufgeben, wenn er aus ihrem mürriſchen Weſen oder aus ihren ungeduldigen Aeu⸗ ßerungen ſah, daß er ihr läſtig oder unbequem war. Aber ſie bei der Hand nehmen, ihr mit väterlicher Theilnahme ins Auge ſehen und ſie liebevoll fragen: Virginia, was weinſt du? Vertraue dich dem Vater⸗ herzen! das konnte er nicht. Denn er beſaß jene un⸗ ſelige, echt nationale Verſchämtheit des Gefühls, die ihn zu einer beſtändigen ängſtlichen und doch wie Stolz ausſehenden Zurückhaltung beſtimmte. Wenn er noch ſo wohlwollende Geſinnungen hegte, ſagen konnte er kein herzliches Wort. Beide Mal hatte er ſeine Heirathsanträge ſchriftlich gemacht; er hätte eher die geliebteſte Frau verloren, ehe er ſich zu einer münd⸗ lichen Liebeserklärung entſchloſſen hätte. Die Gegen⸗ ſtände ſeiner Liebe mußten demnach immer in einem ſolchen Liebhaber etwas Weſentliches vermiſſen, durf⸗ 183 ten nie hoffen eine vollkommene Befriedigung zu finden. Denn das weibliche Herz verlangt nicht blos nach Liebe, auch der Ausdruck der Liebe iſt ihm Bedürfniß. Virginia ſchien ſich an ihres Vaters Weiſe voll⸗ kommen gewöhnt zu haben; ſie betrachtete ſich als Herrin des Hauſes und die Rückſichten, die ſie etwa auf die übrigen Mitglieder nahm, trugen entſchieden den Charakter der Herablaſſung. Sie war zwei Jahre alt, als ihre Mutter ſtarb, und nicht viel über drei, als ihr Vater wieder heirathete. Aber ſchon erklärte ſie ſich gegen die neue Hausfrau mit einer leidenſchaft⸗ lichen Wuth und das durch die mütterlichen Großeltern bereits gänzlich verzogene Kind ſetzte den ſanften, nicht immer ganz vorurtheilsfreien Bemühungen der from⸗ men Stiefmutter eine ſolche Widerſpenſtigkeit entgegen, daß die Arme ihr ganzes Leben dadurch verbittert ſah und Mr. Caſtleton, nachdem ſeine Gattin zwei Jahre lang gekämpft und es nicht einmal dahin hatte brin⸗ gen können, daß das Kind ihr Abendgebet, ſtatt vor der ſchwarzen Wärterin, vor ihr herſagte, es am Ende gerathen fand, die Kleine gänzlich den Großeltern zu übergeben, wo ſie blieb, bis ſie nach Neuyork in die Penſion kam. Die Vernunft mäßigte Virginiens Leidenſchaftlich⸗ keit für die gewöhnlichen Fälle des Lebens, als ſie 4 heranwuchs, oder vielmehr, ſie zügelte ſie. Während der Beſuche, die ſie im Vaterhauſe machte, geſtaltete ſich ihr Verhältniß zu ihrer Stiefmutter auf das anſtändigſte und das Stiefſchweſterchen, die kleine blonde, verſtändige Sarah ward ſogar der Gegenſtand ihrer beſondern Zärtlichkeit. Als ſie ſechzehn Jahre alt war, ſtarb ihre Stiefmutter; ein Jahr darauf kehrte ſie in das Haus ihres Vaters zurück. Sarah war nach Boſton in die Schule gebracht. Erſt ſeit zwei Jahren lebten ſie hier unter einem Dache, und es war nicht zu verkennen, daß ſie einander lieb hatten. Sarah liebte Virginien, weil es ihre Pflicht war, ihre Schweſter zu lieben; Virginia liebte Sarah, weil ihr Herz ein gewiſſes Liebesbedürfniß hatte, weil Sarah ſo gut, dabei aber nicht halb ſo ſchön war als ſie, und end⸗ lich, weil ſie auf keine Weiſe ihr in den Weg kam. Sie war ihr ſogar ehrwürdig in ihrem frommen, raſt⸗ loſen Treiben. Wenn ſie auch ihre Anſichten für ſehr beſchränkt hielt, ſo ſpottete ſie ihrer doch nie; nur gegen einige von Sarah's Verwandten, beſonders gegen die Tante Gardiner konnte und mochte ſie ihre Pfeile nicht zurückhalten. Virginia hatte, ſeitdem ſie aus der Penſion war — und in der That ſchon in der Penſion— im Voll⸗ genuß des amerikaniſchen Mädchenglücks geſchwelgt, 183 d. h. ſie hatte ſich unabläſſig von einem Heere von Anbetern umringt geſehen, war in Charlestown wie in Neuyork, wo ſie im Hauſe ihrer Mutterſchweſter, die dort verheirathet war, oft Monate lang zubrachte, in den glänzendſten Cirkeln als eine„Belle“ anerkannt worden. Sie hatte zwei⸗, dreimal für Braut gegolten — und welches, in der Geſellſchaft lebende, amerika⸗ niſche Mädchen könnte das ſolide Alter von zwei⸗ undzwanzig Jahren erreichen, ohne daß das Publikum ungeduldig wäre, ſie verheirathet zu ſehen?— und war zwei oder drei andere Mal wirklich nahe daran geweſen, es zu ſein, aber immer hatte ſie eigenmächtig das Verhältniß abgebrochen, entweder durch eine Reiſe ins Bad oder aufs Land, oder durch Anknüpfung eines neuen. Sie war in dieſem Punkte weniger ungeduldig als ihre ſchönen Landsmänninnen; ſie fühlte wol, daß ſie durch eine Heirath einen großen Theil ihrer Unabhängigkeit und der ſonſtigen Privilegien ihres Geſchlechts aufgab. Sie wußte, daß bei den ſittlich ſtrengen Begriffen, die in ihrem Vaterlande herrſchen, ein unverheirathetes Frauenzimmer von Blume zu Blume flattern, ſich ungeſtört dem Wunſch zu gefallen überlaſſen und der Huldigungen der Män⸗ ner genießen darf, während eine vermählte Frau ſtreng auf das Haus und die Kinder angewieſen wird und, wenn ſie die Achtung der Welt behaupten will, mit dem einen Anbeter, ihrem angetrauten Mann, ſich begnügen muß, von dem ſie freilich dafür auch zehn⸗ fache Aufmerkſamkeiten erwartet. Virginia war ent⸗ ſchloſſen, dieſe Opfer nur für einen ganz außerordent⸗ lichen Fall aufzuheben. Ihre Phantaſie war von jeher poetiſch beſchäftigt geweſen und durch Romanenlecture genährt worden. Ein gewöhnlicher amerikaniſcher Freier, der ihr eine Schwiegermutter, Schwägerinnen und Tanten und dergl. anheirathete, einer wie es Tau⸗ ſende gab, genügte ihr nicht; es mußte ein vornehmer Ausländer ſein, wo möglich ein verfolgter politiſcher Flüchtling, der„draußen“*) die erſte Geſellſchaft fre⸗ quentirt hatte, etwa ein abgeſetzter Prinz; oder wenn ein Landsmann, ſo mußte es ein Seeofficier ſein. Sie hatte eine beſondere Liebe für den Titel Commo⸗ dore. Sie lachte über ſich ſelbſt, wenn ſie darüber ſprach; und im Grunde mochten ihre eraltirten Be⸗ griffe ihr heilſam geweſen ſein, denn ſie hatten ſie bisher bewogen, keinen der unzählichen kleinen Romane, mit denen ihr Mädchenleben durchwirkt war, weiter als bis zu einem gewiſſen Punkte zu ſpielen; und das )„Abroad“, die gewöhnliche Bezeichnung Europas in den Vereinigten Staaten. Publikum erklärte ſie, indem es einen gewiſſen Grad von Gefallſucht jedem Mädchen als ihr angeborenes Privilegium zugeſtand, weniger für eine Kokette, als für Das, was man im Engliſchen mit dem unüberſetz⸗ baren Wort„Flirt“ bezeichnet. 5 Es kamen jedoch auch Zeiten, wo es Virginien, die bei all ihrem ſüdländiſchen Feuer auch eine gute Portion ſüdländiſcher Schlaffheit hatte und Tage lang im weißen, fliegenden Morgengewand, auf den Divan geſtreckt, bei einem neuen Roman zubringen konnte, eine höchſt läſtige Anſtrengung war, den Thron der Schönheit zu behaupten, den ſie in der Geſellſchaft eingenommen. Wie hoch die Stellung auch iſt, welche der Amerikaner im Gefühl ſeiner männlichen Stärke und Großmuth dem ſchwachen Weibe angewieſen— beſonders aber der Jugend und der Schönheit— er iſt zu beſchäftigt, zu ſehr ein Mann des Fortſchritts, um viel Zeit an ſie wenden zu können. Sprödethun, Sichkoſtbarmachen iſt daher durchaus nicht am Orte mit ihm, und zum Theil daher mag es auch wol 1 kommen, daß die jungen Amerikanerinnen ihm ſeine Huldigungen ſo außerordentlich erleichtern und durch ſ ihr zuvorkommendes Weſen dem Ausländer, ehe er das Verhältniß recht begriffen, oft ſo anſtößig gewor⸗ 4 den. Fodern nicht auch die jungen Prinzeſſinnen Die⸗ 188 jenigen, welche ſie ehren wollen, zum Tanz auf? Eine Artigkeit, welche bei andern Mädchen für Unbeſchei⸗ denheit gelten würde. Virginiens Natur trieb ſie mehr zu einer ſtolzen Annahme von Huldigungen als zu einer freundlichen, durch Einladungen, Theilnahms⸗ zeichen und auffodernde Blicke bekundeten Bewerbung um dieſelben. Aber ſollte ſie ſich von ihren Freun⸗ dinnen, von denen ſich doch die meiſten nicht mit ihr an Reizen und Talenten meſſen konnten, den Vorrang ablaufen laſſen? Wer dieſe Bahn einmal betreten, wird ſich bald überzeugen, daß wer in dem Weltlauf nur einmal ſtehen bleibt, nicht mehr hoffen darf an das Ziel zu gelangen. In ſolchen Stunden der Ermüdung war es, daß ſie ſich mit dem Gedanken verſöhnte, ihres Vetters Gattin zu werden. Dann war Alles aus. Dann hatte ſie Ruhe, konnte ſich gehen laſſen im Behagen eines ſchlaffen, müßigen Daſeins und war eines huldigenden, gefälligen und beſonders reichen An⸗ beters gewiß. Es war demnach von Wichtigkeit, ihn nicht ganz zurückzuſtoßen und die Wünſche der Familie nicht mit einem Male niederzuſchlagen. Ob ſie dieſelben am Ende erfüllen wollte, ſollte der Zeit überlaſſen bleiben. Klotilde konnte keine rechte Sympathie mit Vir⸗ ginien haben. Sie verglich ſie mit ſich ſelbſt, als ſie noch an der Welt und ihren Freuden hing. Aber wie verſchieden war doch die unſchuldige Ver⸗ gnügungsluſt einer jungen, durch Liebe und Zärt⸗ lichkeit von allen Seiten etwas verwöhnten Mäd⸗ chenſeele, wie verſchieden das natürliche Wohlgefallen an den Wirkungen ſeiner Reize, wie ganz und gar verſchieden die jugendliche Anmaßung eines lieben⸗ den Herzens, für welche Klotilde ſo ſchwer gebüßt, von dem blaſirten Zuſtande des Herzens Virgi⸗ niens! Klotilde ſah bald, daß dieſer ihr Geſellſchafts⸗ leben nicht viel mehr Zeit zum ernſten Studium der deutſchen Sprache und der Muſik ließ, als ihrer Schweſter Das, was ſie ihre Chriſtenpflichten nannte. Zwar warf ſie ſich mit ſo glühendem Eifer beſonders über erſtere her, daß Klotilde, auch wenn Sarah ſie nicht auf die Spur gelei⸗ tet, leicht hätte den Schluß machen können, es müſſe ein Liebhaber dabei im Spiel ſein. Virginia ließ ſie auch nicht lange im Zweifel, ſondern ent⸗ deckte ihr bald Alles. Ja, ſie ſprach von ihrer Leidenſchaft mit einer ſolchen Glut des Ausdrucks, daß die Deutſche unwillkürlich die Augen nieder⸗ ſchlug. 190 „Geben Sie mir nichts Anderes zu leſen als Lieder der Liebe, Klotilde!“ ſagte ſie.„Gvethe's, Chamiſſo's und wie Ihre großen Dichter alle heißen. Und beſonders— Heine's. Ja, von Heine habe ich einmal aus geliebtem Munde ein göttliches Lied herſagen hören. Sie ſehen mich verwundert an? Wolan, ich will Ihnen Alles ſagen. In einer traulichen Stunde will ich Ihnen geſtehen, warum ich eigentlich die deutſche Sprache zu lernen wünſche.“ Ueuntes Capitel. Die Schweſtern. Virginia war am andern Morgen ungeduldig, die deutſche Stunde, die ſie noch immer gleich nach dem Frühſtück mit Sarah gemeinſchaftlich hatte, obgleich ſie beide aus ganz verſchiedenen Leſebüchern überſetzten, beendigt zu ſehen. Sarah zog ſich gewöhnlich zurück, nachdem ſie eine Seite aus Stilling's Leben überſetzt und Klotilde ihre ſchriftlichen Uebungen durchgeſehen hatte. Sie lernte nicht leicht, aber mit demſelben red⸗ lichen Pflichtgefühl, mit dem ſie Alles that, was ſie einmal unternommen. Sie hatte geendigt, legte ihre Bücher auf ein Seitentiſchchen, ſchob das Virginiens vor Klotilden hin und verließ das Zimmer. „Endlich iſt ſie fort“, rief Virginie.„Sally iſt eine Heilige. Sie verſteht nicht dies glühende Herz. Sie, Klotilde, ſind fromm wie ſie, aber nicht beſchränkt wie ſie. Werden Sie mich verſtehen? Ja, Sie, Sie 192 ſind mir von Gott ſelbſt zugeſandt, denn— Sie haben geliebt!“ Sie erzählte ihr darauf, was Klotilde ſchon aus den allgemeinen Geſprächen wußte, daß ſie vorigen Sommer mit Sarah im Seebade zu Rockaway gewe⸗ ſen wäre. Hier hätten zwei junge Männer von höchſt intereſſanter Geſtalt, die man für polniſche Exilirte gehalten und nur„die polniſchen Grafen“ genannt, die Aufmerkſamkeit der jungen Damen auf ſich gezo⸗ gen. Vergebens aber hätte man ſich bemüht, ſie der Einſamkeit, die ſie auf faſt abſtoßende Weiſe geſucht, zu entziehen. Nie hätten ſie im Pavillon ſich ein⸗ gefunden, wo Abends ſich die ſchöne Welt auch wol aus andern Koſthäuſern zu Tanz und Spiel verſam⸗ melt habe; nie ſich mit den übrigen jungen Herren, von denen einer den andern durch kokette phantaſtiſche Tracht zu überbieten geſucht, unter die badenden Damen gemiſcht. Der Eine, mit ſchwarzem Haar und Schnurr⸗ bart, mit wildem, funkelndem Auge und einer kühnen Adlernaſe ſei beſonders der Held des Tages geweſen. Auch ihre Aufmerkſamkeit ſei durch ihn zuerſt gefeſſelt worden. Aber der dreiſte, ja freche Blick, mit dem ez ſie, und nicht allein ſie, ſtets betrachtet, wenn er den ₰ Damen, was täglich geſchehen, auf den Spaz gängen am Strande begegnet ſei, habe ihr ihn bal 193 zuwider gemacht. Ihr ganzes Intereſſe habe ſich bald dem Jüngern der beiden Freunde zugewendet, einem ſchlanken Mann mit braunen Haaren und einer klei⸗ nen zierlichen Mouſtache, mit bleichen Wangen und Lippen, aber unendlich ſchönen, treuen, melancholiſchen Augen. Was ihm aber unter den jungen Damen beſondere Theilnahme zugezogen, war, daß er in der Schlacht verwundet worden ſein müſſe, oder wenig⸗ ſtens im Zweikampf, denn er trug den linken Arm in der Binde. Kränklichkeit gefällt dem Mädchenauge nicht an einem Mann; eine ſchwache Conſtitution macht ihn mehr zum Gegenſtand ihres Mitleids als ihrer Bewunderung, aber eine Bleſſur thut Wunder. Für Virginia hatte, ihrer innerſten Natur nach, Alles, was wie Heldenthum ausſah, einen vorzüglichen Reiz. Ebenſo zog ſie ſeine Melancholie an, die auf etwas Geheimnißvolles deutete. Immer ſah ſie ihn, fern von den modiſchen Häuſern, am Seeufer ſitzen, ſtun⸗ denlang in Schwermuth verſenkt, den Blick hinaus in das unendliche Meer, nach dem fernen Vaterland ge⸗ richtet. Die Spaziergänger gingen dicht hinter ihm weg, er ſchaute ſich nicht um, er wich den Begegnen⸗ den aus, nur ein oder zwei Mal war, als Virginiens „ ſtrahlendes Auge ihn getroffen, ſein Blick bewundernd an ihr hängen geblieben. Die Auswanderer. I. 13 S 194 Endlich widerſtand ſie nicht länger. Als ſie einſt mit Sarah und einigen andern jungen Damen, wäh⸗ rend der Badezeit der Herren, an einem andern Theil des Strandes ſpazieren ging, ſahen ſie ihn wiederum einſam auf zwei über einander gelegten Balken ſitzen; die anſchwellenden Wogen berührten faſt ſeine Fuß⸗ ſpitzen. Sie begann, erſt ihm im Rücken, dann ſich unmerklich dem Waſſer nähernd, die kleinen, zierlichen Muſcheln aufzuſuchen, welche die Flut hier an den Strand treibt und verſchmähend liegen läßt. Jetzt ſtand ſie dicht neben ihm, ſah ihn an mit einem ihrer ſiegenden, unwiderſtehlichen Blicke und fragte in fran⸗ zöſiſcher Sprache: „Haben Sie an unſerm Ufer ſchon manche ſchöne Muſchel gefunden?“ „Er ſah mich überraſcht an“, fuhr Virginie fort —„und, was mich ermuthigte, unverkennbar voll Bewunderung. Dann erwiderte er, indem er aufſtand, daß er ſich noch nicht darum bemüht hätte. „Ich hatte ſoeben ein paar hübſche, kleine Mu⸗ ſcheln in der Hand, die ich ihm gab und ihm zum Andenken an Rockaway behalten hieß, wenn er einſt wiederum in ſeinem befreiten Vaterlande ſei. Sie wiſſen, ich hielt ihn für einen Polen. „Er ſah mir in freudiger Beſtürzung ins Auge. 195 Er hielt die Muſcheln eine Zeit lang in der Hand, ohne zu ſprechen, dann ſah er die kleinen, bunten Dinger bewundernd an und dankte mir nicht ohne Verwirrung. „Ich fragte ihn, warum er ſo einſam mit ſeinem Freunde lebe, warum er nicht manchmal in unſern Salon käme? Ich hatte längſt ausgekundſchaftet, daß er bei einem Landmann in der Nachbarſchaft wohnte. Er war offenbar nicht reich; aber das machte ihn mir nur intereſſanter. Wie haſſ' ich die Goldgier dieſes geldſtolzen Landes! „Er antwortete mir, daß ſeine Stimmung ihn zu keinem paſſenden Geſellſchafter von Glücklichen mache. Wie mich das rührte, Klotilde! Ich glaube, die Thrä⸗ nen ſtanden mir in den Augen, als ich ihn fragte: Woher wiſſen Sie, daß Sie lauter Glückliche finden werden? „Da ſah er mich tief, tief an. O Klotilde, der Blick drang mir in das innerſte Herz! In dieſem Blick verſtanden wir uns.— Meine Gefährtinnen, die unterdeſſen zerſtreut Muſcheln geſucht, kamen nun heran. Ich hoffte, er würde mit uns gehen, uns be⸗ gleiten, aber er grüßte blos ehrfurchtsvoll und blieb einſam am Ufer ſtehen. Wie melancholiſch, wie ma⸗ leriſch ſtand er da, in die weite See hinausſchauend, 13* 196 als ich mich wiederholt nach ihm umſah! Ohne Zweifel fürchtete er das Geſchwätz meiner Gefährtinnen. Ein paar Abende erwartete ich ihn im Salon umſonſt. Er kam nicht. Ich ſah ihn nur ein paar Mal, wenn ich ſpazieren ritt, und welcher Triumph war es für mein Herz, die bewundernden, entzückten Blicke zu ſehen, als ich, von meinen Rittern und Knappen umringt, am Strande an ihm vorbeiflog! „Endlich hatten meine Nachforſchungen heraus⸗ gebracht, daß er kein Pole, ſondern ein deutſcher Baron ſei. Es hieß, er ſei preußiſcher Officier geweſen, aber er habe fliehen müſſen wegen einer entdeckten Ver⸗ ſchwörung. Dies entſchied mich auf einmal. Da man im Seebade immer ſo viele müßige Stunden hat, ſo ließ ich ihn durch meinen Vetter Charles aus Neuyork, einen Knaben von funfzehn Jahren, bitten, mir während unſers hieſigen Aufenthalts deutſchen Unterricht zu geben. Daraus entſtund nun eine große Neckerei und die Mädchen alle beneideten mich um den deutſchen Baron, wie ſie ihn nun nannten, da wir ſeinen Namen erſt nicht recht ausfindig machen konnten. Aber was ging mich das an! Ich hatte eine köſtliche Zeit.“ „So kam er?“ fragte Klotilde. „Hätte er nicht kommen ſollen? Ja, meine theure Klotilde, vier Wochen, vier kurze Wochen lebte ich in einer unendlichen Seligkeit. Wir konnten den gewöhn⸗ lichen, breit und flach getretenen Gang des Sprachen⸗ lernens natürlich nicht gehen; wir hatten keine Bücher, kein Lexikon, keine Grammatik; nur einige Gedicht⸗ ſammlungen ließ ich von Neuyork kommen, er mußte mir wörtlich die ſchönſten davon überſetzen. Wie dich⸗ teriſch, wie herrlich waren ſeine Ueberſetzungen in ge⸗ brochenem Engliſch; ſelbſt in dieſem Mangel, Klotilde“ lag ein gewiſſer Reiz für mein Ohr! Für mein Herz, ſollt' ich ſagen. Aber nun lehrte ich ihn. Ich brachte ſeine Ueberſetzungen in engliſche Verſe, ich ſchrieb ſie nieder, wir laſen ſie zuſammen. Aber er blieb ſchüch⸗ tern, beſcheiden. Ich ſah deutlich, daß er die reiche Erbin in mir ſcheute. Und hätte ich ihn nicht dop⸗ pelt darum lieben ſollen? O wie verachtete ich das Gold, das mich von ihm trennte!“ „Ich ſehe“, ſagte Klotilde,„mein Landsmann war ein Ehrenmann. O Virginia, möchten Sie ihm ſeine Enthaltſamkeit nicht allzuſchwer gemacht haben!“ „Auf einmal war er fort. Eines Morgens em⸗ pfang' ich einen Brief von ihm, in dem er mir ſchreibt, daß eine Pflicht, die er nicht genauer angibt, ihn zwinge Rockaway zu verlaſſen; daß ein Geheimniß, das er mir nicht enthüllen dürfe, ihm verbiete, mir ſein Herz darzulegen, daß er mir danke, mir alles Liebe und Schöne wünſche und was dergleichen mehr iſt. Ich wußte nicht— ſollte ich zürnen? Aber nein! Ich konnte nur weinen. Was mochte ſein Geheimniß ſein? Er wurde mir nur theurer, nur intereſſanter durch dieſes myſtiſche Dunkel. Ich war auch des Badens längſt überdrüſſig. Es iſt das lang⸗ weiligſte Ding von der Welt. Ich wünſchte mich durch eine Gebirgsreiſe zu zerſtrenen. Ich brachte unter unſern jüngern Freunden leicht eine Partie nach dem weißen Gebirge in Neuhampſhire zuſammen, deſſen Schönheit ſo berühmt iſt. Wir kamen dort an. Einen Tag liegen wir ſtill, von der Reiſe angegriffen und, ich geſtehe es, der Beſchwerden herzlich müde. Spät am Abend kamen ein paar andere Reiſende an, die wir nicht ſahen. Am Morgen miethen wir Alles, was wir von elenden Gebirgspferden auftreiben können und laſſen uns auf den Waſhington hinauf⸗ tragen. Es ſind ſchon heute Morgen ein paar Her⸗ ren zu Fuß hinaufgegangen, ſagt unſer Führer. Oben auf dem Gipfel bin ich eben abgeſtiegen; ich ſchaue hinab in das Thal, durch den Nebel, durch den eben ein Sonnenſtrahl eine köſtliche Durchſicht bricht — da bewegt ſich's dicht neben mir. Ich blicke mich um und— in ſein Auge, in ſein liebendes, entzücktes, * 1* S bewunderndes Auge fällt mein Blick. O Klotilde! Ich kannte mich nicht mehr. Bergedorf, rief ich, Sie hier! Sie ſind mir nachgefolgt!— Virginia, ſagte er, mit einem ſeltſamen Lächeln, iſt es mein Geſchick, das Sie mir wieder zuführt?— Hoffentlich zürnen Sie Ihrem Geſchick dafür nicht, Bergedorf? fragte ich, auch lächelnd. Er küßte meine Hand, die ich in ſeine gelegt. Das war freilich eine große Dreiſtigkeit und ich ſah mich etwas erſchrocken um, ob es auch nie⸗ mand geſehen, aber ſie ſtanden Alle nach der Ausſicht zugekehrt und Bergedorf ſah ſo unſchuldig aus, als hätte er mir blos eine Verbeugung gemacht.— Ich will Sie damit verſchonen, Ihnen Wort für Wort wieder zu erzählen, was er geſagt und was ich geſagt. Zwei kurze Tage verſchwanden uns wie eine Idylle. Er war zutraulicher, anſchmiegender als in Rockaway— an ſeiner Liebe konnte ich nicht länger zweifeln. Und er an der meinen nicht. Er ſeufzte oft, ſah mich an und ſeufzte wieder. Als wir ſchie⸗ den, verſprach er mir, mich bald wieder zu ſehen, mich bald von ſich hören zu laſſen und jetzt— erwart' ich ihn alle Tage.“ „Haben Sie ſeitdem von ihm gehört?“ „Nein, eben darum erwarte ich ihn ſo feſt. O ich ſehne mich nach ihm. Er hat mein Herz und kein Anderer! Früher konnt' ich daran denken, Alonzo zu heirathen, weil es mein Vater wünſcht, der die großen Ländereien meines Großvaters wieder zuſam⸗ menbringen möchte. Aber jetzt iſt der Gedanke mir zuwider, obwol ſich mein Vetter noch immer dazu Hoff⸗ nung macht. Ich möchte überhaupt keinen Sklaven⸗ beſitzer heirathen. Bergedorf haßt die Sklaverei und hat ſie mich haſſen gelehrt. Er haßt alle Unter⸗ drückung.“ Alonzo blieb den ganzen Winter über in Charles⸗ town und es war leicht zu ſehen, daß Virginia Recht hatte, d. h. daß er ſich die Hoffnung machte, durch Liebe und Standhaftigkeit die Hand ſeiner ſchönen Couſine noch endlich davon zu tragen. Klotilde hatte ſich daran gewöhnt, Alonzo als ihren Freund zu be⸗ trachten, den die Vorſehung ſelbſt ihr als Retter zu⸗ geführt und der mit ſo edelmüthiger Zartheit ihrer Schmerzen geſchont. Es iſt wahr, er erſchien ihr hier unter Virginiens und ſeines Onkels Einfluß faſt ein Anderer. Mit Letzterm ſtimmte er in allen ſeinen beſchränkten politiſchen Anſichten überein, nur daß bei ſeiner Lebhaftigkeit und Jugend Alles ihn mehr ergriff und aufregte und daß er die ſchiefen und ungerechten Behauptungen, die der Onkel einſeitig, kalt und ſchnei⸗ dend aufſtellte, mit Hitze und Bitterkeit vertheidigte und Andersdenkenden auf Cavalierparole aufvringen wollte. Virginiens Einfluß wirkte noch mächtiger und Klotilde mußte die Kunſt bewundern, mit der dieſe die Leidenſchaftlichkeit des Jünglings zu beſchwichtigen wußte und ſich in dem Verhältniß einer— Couſtne zu erhalten verſtand, die ſich des Vorrangs bewußt iſt, den ihr theils das eine Jahr, welches ſie vor ihm voraus hatte, theils ihr Geſchlecht, theils ihre Schön⸗ heit gab; indem ſie ſich zwar ſelbſt allerlei Freiheiten gegen ihn herausnahm, die den armen Verliebten mehr und mehr verſtrickten, aber dagegen ihn ſtets in den Schranken der Ehrfurcht hielt und die kleinſte An⸗ maßung mit einem hochmüthigen Zurückziehen rügte. In ſeinem Verhältniß als Pflanzer, als Herr einer weitläufigen Beſitzung, deren Verwaltung einen ge⸗ wiſſen Grad von Thätigkeit foderte, in der Mitte einer ungebildeten Nachbarſchaft, aus der der feinere, gebildetere Jüngling leuchtend hervorragte und oft mit Rath und That beizuſtehen hatte, in ſeinem Eifer für die Landesbewaffnung und endlich als der aufgeklär⸗ tere Sohn einer leidenſchaftlich bigotten Mutter, deren Schwächen er mit Geduld und mit einer kindlichen Ehrfurcht trug, die er in dieſem Lande der Jugendherr⸗ ſchaft mehr aus ſeinem Naturell als aus dem Beiſpiel ſeiner Landsleute gelernt haben konnte— war er Klotilden viel achtungswerther und wohlgefälliger ge⸗ weſen, als in dem ſtädtiſchen Treiben im Hauſe ſeines Onkels. Hier brachte er ſeine Zeit damit zu, mit dieſem letztern auf die Abolitioniſten zu ſchimpfen und die Tariffrage aus einſeitig provinziellem Geiſte zu discu⸗ tiren; mit den andern jungen Pflanzern, welche wie er, ein paar müßige Wintermonate in der Stadt zu⸗ brachten, über die Verdienſte von Pferden und Hun⸗ den Wetten anzuſtellen, oder Virginien bald als Page, bald als Werkzeug einer allgemeinen Gefallſucht zu dienen. Das Handelsgeſchäft, welches die Tante Gardiner, von der Klotilde wiederholt ſprechen hörte, abweſend hielt, zog ſich in die Länge. Es beſtand im Verkauf von einer Anzahl Sklaven, die ſie von ihrem Manne, der Prediger in Südearolina geweſen war, geerbt hatte, deren Beſitz ihr aber von nicht wenigen ihrer kirchlichen Freunde von Maſſachuſetts zum Vorwurf gemacht ward. Klotilde konnte freilich den Verkauf derſelben noch weniger mit einer echt chriſtlichen Ge⸗ ſinnung einigen; indeſſen war ſie lange genug in die⸗ ſem Lande der Freiheit geweſen, um inne gewor⸗ den zu ſein, daß ein Fremder, ohne das Natio⸗ nalgefühl der Amerikaner auf das empfindlichſte zu verwunden und ohne ſich dem Vorwurf, ſich als Ausländer anmaßend in ihre heimiſchen Angelegenhei⸗ ten zu miſchen, auszuſetzen, ſeinen Abſcheu gegen die Negerſklaverei der ſüdlichen Staaten und ſeine Mis⸗ billigung der Lauheit der nördlichen nicht ausſprechen kann. Sie hatte, als ſie mit Alonzo auf dem Dampf⸗ ſchiff reiſte, Geſpräche mit angehört, in denen ſie chriſt⸗ liche Prediger die Sklaverei mit Gründen der Bibel vertheidigen hörte; ſie war täglich Zeugin der Ent⸗ rüſtung, mit der die beiden Caſtleton, Oheim und Neffe, als Repräſentanten des geſammten Pflanzergeſchlechts, die Verſuche der Abolitioniſten aufnahmen, an der verjährten„Inſtitution der Sklaverei“ zu rütteln; was ſie aber beſonders ſchmerzlich berührte, waren die häu⸗ figen Streitigkeiten der beiden Schweſtern über dieſen Gegenſtand, in denen die Chriſtin als Vertheidigerin deſſelben auftrat, während das Weltkind, großmüthigen Herzens, ſeine ganze Unnatur und Gottloſigkeit zu erkennen ſchien. Nicht, daß die gute Sarah ſo weit wie ihr Vater gegangen wäre und mit ihm die Sklaverei der ver⸗ achteten Race für eins der wirkſamſten Erziehungs⸗ mittel zur Freiheit für das bevorzugte Geſchlecht der Weißen erklärt hätte. Vielmehr erkannte ſie mit einem tiefen Seußzer ſie als ein großes Uebel, als ein dem fündigen weißen Geſchlecht aufgebundenes Joch zur Strafe für den Abfall der Väter, das die Nachkom⸗ menſchaft mit Unterwerfung zu tragen habe. Allein ein Unrecht konnte ſie um ſo weniger darin ſehen, als der Herr dieſes Mittel ergriffen habe, die um⸗ nachteten Geſchlechter Afrikas dem Evangelium zuzu⸗ führen, für das die ihm anvertrauten Seelen zu ge⸗ winnen, ſie darum auch für die erſte Pflicht jedes chriſtlichen Sklavenbeſitzers hielt. Sie war daher auch dem Coloniſationsſyſtem beſonders günſtig und es war eine ihrer Lieblingsideen, der ſie mehr nachhing, als man von ihrem ſonſt ſo praktiſchen Sinne hätte erwarten ſollen, einſt von Liberien aus die Apoſtel der göttlichen Lehre über ganz Afrika ausgehen zu ſehen. „Wenn es nur nicht zu Hauſe noch ſo viel zu thun gäbe!“ ſagte Virginia.„Hier iſt es, wo wir die Miſſionarien brauchen. Und zwar für die Reichen! Ueberlege nur ſelbſt, Sarah, wie viel Laſter es hier in unſerer unmittelbaren Nähe gibt; und mitunter in unſerer nächſten Bekanntſchaft. Denke nur an Mr. Marlow, der durch notoriſche Unredlichkeiten als Ad⸗ vocat in zwei Jahren ſo überreich geworden; an Mrs. Norman, die ihre eigenen Verwandten faſt ver⸗ hunßern iß an „Virginia“, unterbrach ſie Sarah's ſanfte Stimme, 05 „richtet nicht, ſo werdet ihr nicht gerichtet werden! Nenne keine Namen, Schweſter! Wer kann ſagen: Ich bin rein in meinem Herzen und lauter von meinen Sünden?“ „Gut; aber ſo lange wir noch ſo viel an uns ſelbſt zu erziehen haben, ſollen wir uns um Andere nicht zu viel bekümmern. Das iſt's, was der Herr mit dem Splitter im Auge des Nächſten und dem Balken im eigenen meint; nimm mir es nicht übel, Schweſter, daß ich dir in das Handwerk pfuſche. Aber ſo lange wir noch Menſchen, blos weil ſie ſchwarz ſind, verkaufen, wie das Vieh, glaub' ich, wir brauchen ebenſo nothwendig die Gottesboten, uns das Evangelium recht auszulegen, als die Völker Afrikas, die es noch gar nicht kennen.“ „Sicherlich, Schweſter“, verſetzte Sarah ſanftmüthig, „iſt es ſündlich, Menſchen zu verkaufen, wie das Vieh, aber du weißt, man verkauft nicht blos Vieh, auch Silber⸗ und Goldgefäße und die köſtlichſten Edel⸗ ſteine werden verkauft.“ „Allerdings, um Geld zu gewinnen; das iſt das Yankeeblut in ihr, Klotilde! Ich zweifle nicht, daß deine Tante Gardiner im Augenblicke wünſcht, ihre Leute wären aus Gold und Silber gegoſſen und mit Edelſteinen verziert.“ 206 „Tante Gardiner“, erwiderte Sarah, nicht ohne einige Verlegenheit,„wird ohne Zweifel dafür ſorgen, daß ihre Leute an einen andern chriſtlichen Herrn kommen, der hier in ihrer unmittelbarer Nähe viel beſſer für ihr Seelenheil ſorgen kann, als ſie im fer⸗ nen Maſſachuſetts.“ „Konnte ſie ſie nicht freigeben?“ fragte Klotilde. „Unſere Geſetze verbieten es, Sklaven, die im Lande bleiben, freizugeben“, erwiderte Sarah. „Konnte ſie ſie nicht nach Maſſachuſetts nehmen und ſie dort freigeben, oder wenn ſie nicht reich genug zu ſolcher Großmuth war, ſie ihre Freiheit ſelbſt ab⸗ verdienen laſſen?“ fragte Virginia. „Schweſter“, antwortete Sarah,„wir ſind nicht die Richter der Handlungen Anderer. Auch im Skla⸗ venſtand gibt es eine chriſtliche Freiheit. Herr und Knecht ſind Brüder im Herrn.“ „Etwas ſtiefbrüderlich“, verſetzte Virginia ſpöttiſch, „iſt das Verhältniß denn doch. Ich bekenne auch, zu Brüdern und Schweſtern möcht' ich unſern feiſten Kutſcher Scipio und unſere Wäſcherin, die einäugige Diana, nicht haben. Haben Sie ſie je geſehen, Klo⸗ tilde? Ein wahres Schreckbild! Zähne wie ein Rhinoceros und ein Mund von Ohr zu Ohr! Aber all' ihre Häßlichkeit macht ſie nicht ſchlechter vor Gott, und nicht allein ihre Seelen, auch ihre Leiber ſind ſo köſtlich vor ſeinen Augen als unſere, und es iſt ruch⸗ los, ſie in Banden zu halten.“ „Wenn die Sklaverei nicht ſo gut eine von Gott eingeſetzte Ordnung wäre, als andere Unterſchiede un⸗ ter den Menſchen“, erwiderte Sarah,„warum hätte uns unſer Heiland nicht darüber belehrt?“ „Spricht der Geiſt ſeiner Lehre nicht deutlich genug?“ „Warum hätte der Apoſtel Paulus den entlaufe⸗ nen Oneſimus dem Philemon zurückgeſchickt, wenn er ihn nicht für ſeinen rechtmäßigen Herrn gehalten hätte?“ „Du weißt, ſo gut als ich, daß dieſer Brief auch anders zu verſtehen und daß es noch gar nicht erwie⸗ ſen iſt, ob Oneſimus ein gekaufter Sklave war. In⸗ deſſen wollen wir darüber nicht ſtreiten. Ich ſage dir, Sarah“, fuhr Virginia mit Heftigkeit fort,„es iſt ruchlos und thöricht, die Bibel zu Gunſten der Sklaverei zu citiren. Das Evangelium ſoll uns zur Richtſchnur in religiöſen und moraliſchen Dingen die⸗ nen, aber es kommt nichts dabei heraus, es zu einem Compendium von bürgerlichen und politiſchen Geſetzen machen zu wollen. Unſere eigene republikaniſche Frei⸗ heit würde darüber zuſammenſtürzen.“ 208 „Da höre ich deinen freigeiſtigen, deutſchen Freund aus dir ſprechen“, erwiderte Sarah mit einem Seufzer. „Hätteſt du ihn nie geſehen!“ „Ein höchſt liebloſer Wunſch! Denn es ſcheint mir, als lebt' ich erſt recht, ſeit ich ihn ſah! Ich ge⸗ ſtehe es, ſeit ich in die Tiefe ſeines Geſpräches ge⸗ taucht, erſcheint mir alles andere Raiſonnement flach. Ja, ich leugne es nicht, er hat mich von dem gräulichen Unrecht, das wir begehen, wenn wir unſere Nebenmen⸗ ſchen in Banden halten, erſt recht überzeugt. Nicht, daß ich ganz ſo weit ginge als er“, fuhr ſie gemäßigter fort,„daß ich wollte, ſie ſollten gleich Alle auf ein⸗ mal frei ſein— es wäre ein Unglück für ſie ſelbſt, denn ſie wiſſen ſich nicht zu helfen und— wo ſollten wir gleich Dienſtboten hernehmen? Es würde eine ſchreckliche Verwirrung geben. Davon hab' ich auch Bergedorf zu überzeugen geſucht. Allein ich will, die Legislatur ſoll einen Zeitpunkt feſtſetzen, von dem alle von Sklaveneltern Geborene frei ſein ſollen. Und es muß noch dazu kommen. Leider iſt mit unſerm Vater darüber gar nicht zu ſprechen! Aber Alonzo hat es ſchon oft hören müſſen! Ich bin feſt entſchloſſen, keinem Mann meine Hand zu geben, der mir nicht ge⸗ lobt, alle ſeine Sklaven frei zu geben— nach einem ge⸗ wiſſen Zeitpunkt wenigſtens— nach ſeinem Tode oder ſo.“ —— Virginia ſah wunderſchön aus, wenn ſie ſo eifrig fprach, wenn ein ſo reines Feuer aus ihren Augen glühte. Freilich ſah Klotilde wol, daß ihr die Ideen der Freiheit und der Gleichheit der Menſchenrechte noch immer in der Theorie vertrauter waren, als in der Praris. Im täglichen Leben fiel es ihr nicht ein, ihre Sklaven als etwas Anderes zu betrachten, wie als Mittel zu ihrer eigenen Bequemlichkeit. Sie ſcheute ſich nicht ihren Kutſcher in dem böſeſten Regenwetter ſammt ſeinen Pferden vor der Thür warten zu laſſen, wenn es ihr gefiel in einer Geſellſchaft länger zu verweilen, und behauptete, wenn Sarah darüber Vor⸗ ſtellungen machte,„daß ſolche Geſchöpfe dies gewohnt ſeien“. Die Wäſcherin hatte böſe Zeit, wenn ſie beim Bügeln deren Spitzen zerriß, und Phyllis, die verzogene, verwöhnte Phhyllis, die ſich unendlich viel mehr her⸗ ausnehmen durfte, als Klotilde je von einer Dienerin gelitten haben würde, die über ihrer Gebieterin Gar⸗ derobe ſchalten und walten durfte und ſich oft Dinge daraus zueignete, die jene noch nicht abzulegen dachte, indem ſie ſie beredete, ſie ſeien nicht mehr gut ge⸗ nug für ſie— ſogar ſie mußte bei den reichen Ge⸗ ſchenken und vielen traulichen Worten, die ſie erhielt, von Zeit zu Zeit ein paar Ohrfeigen mit in den Kauf nehmen. Aber Klotilde konnte dieſe Inconſequenz Die Auswanderer. I. 14 210 leicht durch die frühe Gewöhnung an unumſchränkte Willkür, die ja nach und nach zur andern Natur wird, erklären und entſchuldigen und freute ſich um ſo mehr, daß ihr Landsmann den Samen zu einer edlern Saat in Virginiens Herz gelegt, aus der ſie hoffte, einſt die Freiheit der Unglücklichen, die Gott in deren Hand gegeben, hervorwachſen zu ſehen. Klotilde hatte es mit Mühe von den Schwrſhn erlangt, daß ſie ſich, wenn Geſellſchaft da war, zurück⸗ ziehen durfte. Virginia verſtand ſie in dieſem Punkte faſt beſſer als Sarah. Sie fühlte, daß Klotilde mit dem Geliebten Alles verloren habe, und meinte nur bei ſich ſelbſt, wenn ſie deren äußere Haltung und Ruhe ſah, Klotildens Liebe könne nicht den zehnten Theil ſo ſtark geweſen ſein, als die ihre. Sarah aber, während ſie ſie lobte, daß ſie dem Verkehr mit den Weltlichgeſinnten entſagt, hätte ſehr gewünſcht, ſie entzöge ſich dem chriſtlichen Zuſpruch ihrer Freunde nicht, und zweifelte nicht, daß ein Austauſch ihrer gegenſeitigen chriſtlichen Erfahrungen wohlthätig auf die Trauernde wirken würde. Doch ſiegten Klotil⸗ dens Bitten endlich auch über ſie. Klotilde brachte demnach den größten Theil ihrer Tage für ſich allein zu. Sie ſah die Familie meiſt nur bei den Mahlzeiten oder die jungen Damen in 211 den Lehrſtunden. Wenn Abends Alles aus war, pflegte ſie auf dem Piano zu ſpielen und manchmal zu ſingen, wenn ſie ſich ſtark genug fühlte. Sonſt las ſie viel, vervollkommnete ſich in der engliſchen Sprache, machte kleine Putzarbeiten für Virginien und ſuchte hier und da Beſchäftigung. Vor dem Frühſtück pflegte ſie einen einſamen, kurzen Spaziergang zu machen, um Luft zu ſchöpfen. Oder ſie fuhr am Nachmittag mit Virginien ſpazieren. Bekanntſchaften vermied ſie ſorgfältig. Am Sonntage war es ein Gegenſtand einiger Eiferſucht zwiſchen den beiden Schweſtern, ob ſie mit Virginia die biſchöfliche oder mit Sarah die pres⸗ byterianiſche Kirche beſuchen ſollte. Sie ging daher vor⸗ zugsweiſe in ihre eigene, d. h. deutſchlutheriſche Kirche, obwol ihr das undeutſche Weſen, welches das Luther⸗ thum unter den Coloniſtengenerationen von Charles⸗ town erhalten hatte, nicht zuſagte. So vergingen Monate. Nachdem Klotilde ſich über den Verluſt ihres verlobten Gatten nicht getröſtet — o nein! lange nicht getröſtet, aber gefaßt hatte, war ihre Vergangenheit ihr nach und nach wieder theuer geworden. Sie ſehnte ſich von ihren Freunden zu hören. Sie begriff nicht, warum der Landrath ihren Brief nicht beantwortete, der ſchon längſt in, ſeinen Händen ſein mußte. Ein unbeſchreibliches Gefühl des Alleinſeins, der Verlaſſenheit lag auf ihr. Oft kam es ihr vor, als ſei ſie einſamer hier, unter dieſen wackern, aber ihrer innerſten Natur fremden Menſchen, als auf Alonzo's nachbarloſer Pflanzung in der öden Wildniß. Wenn Sarah Abends in ihr Zimmer kam, fand ſie ſie oft in Thränen. Sie bemitleidete ſie, theils weil ſie ſo viel verloren, theils weil ſie die Ueberzeu⸗ gung hegte, Klotilde verkenne die rechten Mittel, Troſt zu finden.„Sie weinen wieder, arme Klotilde?“ fragte ſie.„Ja, weinen Sie nur! Es iſt uns ver⸗ ſtattet zu weinen; denn auch unſerm Herrn und Hei⸗ land gingen die Augen über um den todten Freund. Aber“ ſetzte ſie hinzu und ergriff liebevoll ihre Hand, „ſind auch Ihre Thränen nicht ſelbſtiſch? Sie denken nur an Ihren Verluſt; wollen Sie nicht auch ſeinen Gewinn bedenken? Möchten Sie ihn zurückwünſchen, wenn es in Ihre Macht gegeben wäre?“ „Ob ich es möchte?— Welche Frage, Sarah!“ „Möchten Sie ihn zurückrufen aus den Wohnun⸗ gen der ewigen Seligkeit in dieſe Welt des Jammers und der Prüfungen? Ich ſetze voraus, Ihr Freund war ein Chriſt, denn wie hätten Sie ihn ſonſt ſo lieben, wie ihm das Glück Ihres Lebens anvertrauen können?“ „Sarah“, ſagte Klotilde, hoch erröthend,„er ſteht vor ſeinem Richter. Nur ihm hat er Rechenſchaft zu geben von Dem, was er glaubte, wähnte, irrte. Ich hege das Vertrauen in ſeine unerſchöpfliche Gnade, daß er ihm ein erbarmungsvoller Richter geweſen, wie er mir es ſein wird.“ „Und wollen Sie den noch ungeſchliffenen Stein nicht freudig dem Goldſchmied überlaſſen, der ihm mit geſchickter Hand erſt ſeinen rechten Glanz geben wird durch Schnitt und Schliff, wo es Noth thut? Wie herrlich wird er einſt Sie anſtrahlen, wenn des Va⸗ ters Ruf auch Sie vor ſeinen Thron ruft!“ „Sarah! Möchten Sie nicht, daß Gott Ihnen Ihre Mutter am Leben erhalten hätte?“ „Wenn es ſein Wille geweſen wäre“, erwiderte ſie und ſah ſie mit ihren vollkommen klaren Augen ernſt an,„ſo hätte er ſie mir erhalten. Aber da ſein Wille ſie zu ſich rief, wäre es vermeſſen, ſie zu dieſen Scenen des Leidens und Kämpfens zurückzu⸗ wünſchen!“ „So dürften wir nichts wünſchen? So wären uns unſere Gefühle der Liebe, der Sehnſucht, des Verlangens umſonſt gegeben?“ „Wohl dürfen wir wünſchen; ja wir ſollen wün⸗ ſchen und beten, nach unſerer beſchränkten, menſchlichen Einſicht täglich den Herrn anflehen um ſeine Gaben und Segnungen. Aber wenn er ſo deutlich zu uns geſprochen, wie zu mir und zu Ihnen, dann ſollen wir unter ſeinen Willen uns beugen und ſelbſt keine rebelliſchen Wünſche mehr hegen. Geht uns nicht David, der treue Diener des Herrn, mit ſeinem Bei⸗ ſpiel voran? Als ſein Kind todtkrank lag, da faſtete er und lag im Staube vor dem Herrn und flehte um des Knäbleins Erhaltung. Als aber Gott das Kind zu ſich nahm, trotz ſeines Flehens und Jammerns, da ſtand David von der Erde auf und wuſch ſich und ſalbte ſich und ging in das Haus des Herrn und betete an. Und als er wieder heimkam, ließ er ſich Brot auftragen und aß. Und da die Diener ſich wunderten, da ſagte er: um das Kind faſtete und weinte ich, da es lebte; denn ich gedachte, wer weiß ob mir der Herr gnädig wird, daß das Kind lebendig bleibe. Nun es aber todt iſt, was ſoll ich faſten? Kann ich es auch wieder holen? Ich werde wol zu ihm fahren, er aber kommt nicht mehr zu mir.“ Klotilde hatte ſie mit ſeltſam ſich durchkreuzen⸗ den Gefühlen angehört. Sie wußte kaum, ob ihr die methodiſche, kalte und doch ſo unbezweifelt echte Fröm⸗ migkeit der jungen Sarah mehr Bewunderung oder Erſtaunen einflößte. Nur eins fühlte ſie beſtimmt, 215 daß ihr dieſe Art der Gottesverehrung ewig fremd bleiben werde. „Unſere Gefühle über dieſen Punkt“, ſagte ſie nach einer Pauſe,„werden ſich ſchwerlich je ganz vereinigen, liebe Sarah; darum dient es wenig, dar⸗ über zu ſprechen. Genug, daß wir beide, jede auf ihre Weiſe, den Frieden Gottes zu erringen ſuchen. Auch mir, liebe Sarah, iſt es, obwol nach ſchweren Kämpfen, gelungen, meine Gefühle in das Eine, ein⸗ zige Gebet zuſammenzudrängen: Herr, dein Wille ge⸗ ſchehe! Aber dies hindert mich nicht zu fühlen, daß auch der Schmerz, den er mir ſchickte, göttlichen Ur⸗ ſprungs iſt und daß er es war, der mir dieſe Fähig⸗ keit gab zu leiden und zu lieben. Sein Wille war es, daß ich trauern ſollte. Sie ſagen, es iſt erlaubt zu weinen, denn auch Jeſus weinte. Nein, Sarah, nicht darum! Bedürfen Sie für jede menſchliche Re⸗ gung, für die Befriedigung jeder menſchlichen Neigung eines Gebotes, eines Geſetzes, einer bibliſchen Autori⸗ tät? Meinen Sie, wenn ein unglückliches Ohngefähr dieſe Worte aus den heiligen Blättern des Evange⸗ liums geriſſen hätte, das Menſchengeſchlecht ſolle des köſt⸗ lichen Vorrechtes beraubt ſein, ſeinen Schmerz um Abge⸗ ſchiedene in Thränen zu ergießen? Nein, nicht darum dürfen wir unſere Todten beweinen, weil Jeſus' Augen einſt übergingen beim Tode eines Freundes; vielmehr darum weinte er um ihn, weil ſeiner göttlichen Seele nichts echt Menſchliches, nichts wahrhaft Naturgemäßes fremd war. Sie ſagen, gute Sarah, wir ſollen Nichts wünſchen, was Gottes Wille nicht iſt. Wohl! Wenn aber das geſchehe, was wir wünſchen, nun dann wäre es Gottes Wille, weil ohne ſeinen Willen nichts ge⸗ ſchehen kann. Ein Factum entſcheidet hier nichts, gar nichts. Dieſe Augen haben die Wellen über dem theuern Haupte zuſammenſchlagen ſehen— o, darf ich nicht noch wünſchen, daß ein Wunder, eines der tauſend und aber tauſend Wunder, die ſein Wille täg⸗ lich geſchehen läßt, ihn dennoch gerettet haben möchte? Und ſollte ein ſolcher Wunſch ſolange ſündlich ſein, bis Hubert plötzlich, wirklich lebend, vor mir ſtände, und dadurch offenbar würde, daß es wirklich Gottes Wille war, ihn zu retten?“ Sarah, von Klotildens ſchärferer Logik etwas ver⸗ wirrt und ihre Gefühlsweiſe nicht recht verſtehend, hörte endlich ſelbſt auf, ſolche Unterredungen zu ſuchen, und verließ ſich auf Tante Gardiner, die täglich er⸗ wartet wurde.§ —————— ———— Zehntes Capitel. Neue Bekanntſchaften. Auch Virginia hatte Etwas, was ſie quälte, was heimlich an ihr nagte. Das war an ihrem verſtimm⸗ ten Weſen deutlich zu erkennen; an ihrem Auffahren über Kleinigkeiten; beſonders aber an ihrer übeln Laune gegen Alonzo, der gewöhnlich Alles ausbaden mußte, was Andere verſahen. Klotilde vermuthete mit Recht, daß die Unruhe über Bergedorf's unbegreifliches Stillſchweigen ſie peinige. Auch hielt ſich Virginia, die wenig gewohnt war, ihren Gefühlen den gering⸗ ſten Zwang aufzulegen, nicht lange gegen ſie zurück. „Warum kommt er nicht?“ rief ſie.„Warum ſchreibt er nicht? Sollte er mich nicht mehr lieben? Sollte er nach ſeinem Vaterlande zurückgekehrt ſein? Welch' Geheimniß iſt es, das über ihm ruht? Wa⸗ rum iſt er nicht aufrichtig, warum ſo zurückhaltend gegen mich?“ 218 So drängte eine Frage die andere, ohne daß Klo⸗ tilde eine einzige beantworten konnte. Nur das er⸗ kannte ſie klar, daß Virginiens Liebe kein bloßes Spiel einer durch Romane erhitzten Phantaſie ſei, wie ſie anfänglich geglaubt, ſondern daß eine heiße, ungezü⸗ gelte, mächtige Leidenſchaft ihr Herz erfülle. Ihre Unruhe und Sehnſucht ſteigerte ſich in kurzem zu einer krankhaften Reizbarkeit, die ſie für ihre Haus⸗ genoſſen unerträglich machte; in den geſellſchaftlichen Kreiſen aber, die ſie fortwährend beſuchte, ſchien der Zauber ihrer Gegenwart faſt durch einen gewiſſen ſchwärmeriſchen Blick ihres Auges erhöht, und wäh⸗ rend ihr Herz darbte, ſuchte und fand ihre Eitelkeit reichliche Nahrung. Klotilde ſuchte umſonſt auf ihre Vernunft zu wir⸗ ken.„Aus Bergdorf's Wegbleiben ſelbſt“, ſagte ſie, „möcht' ich den Schluß machen, daß er ein redlicher Mann iſt. Er iſt arm, ohne Ausſicht, ein Ausländer. Welche Hoffnungen dürfte er ſich machen, Sie zu beſitzen?“ „Ich bin reich genug für ihn und mich“, erwi⸗ derte Virginia. In dieſem freien Lande hat Jeder Ausſichten, der Verdienſte hat. Sein Geiſt wird ihm bald eine Laufbahn eröffnen.“ „Vielleicht bezweifelt er, daß Ihr Vater ſo denken wird?“ — „Was geht ihn meines Vaters Denkungsart an, wenn er meiner gewiß iſt? Ich habe ihm nicht ver⸗ ſchwiegen, daß ich ein unabhängiges Vermögen habe.“ „Sie würden keine Verbindung ohne Ihres Vaters Zuſtimmung eingehen wollen, Virginia.“ „Warum nicht, wenn mein Vater mein wahres Glück verkennt?“ „Sie würden keines wahren Glückes ohne Ihres Vaters Segen genießen können. „Ich ſehe, Sie haben davon noch Ihre europätiſchen, ſtlaviſchen Begriffe, die Kinder auch noch nach ihrer Volljährigkeit zu Unterthanen ihrer Eltern machen. Ich liebe und ehre meinen Vater gewiß, aber in meine Heirath darf er ſich nicht miſchen, denn dabei iſt von meinem Lebensglück die Rede, nicht von ſeinem. Und am wenigſten werd' ich mich jetzt entſchließen, 1 Vetter Alonzo zu heirathen; ich mag keinen Mann, † der ſich Alles von mir gefallen läßt.“ „Ihr Vetter iſt ſonſt Mannes genug, liebe Vir⸗ ginia. Seine Unterwürfigkeit unter Ihre Launen, die ich ſelbſt weit entfernt bin zu billigen, müſſen Sie ſeiner unbegrenzten Leidenſchaft zuſchreiben. Sind Sie entſchloſſen, dieſe nicht zu erhören, ſo ſollten Sie ſie nicht zu nähren, ſondern zu unterdrücken ſuchen.“ Virginia lachte etwas verächtlich.„Ich thue 8 „ 3 — weder das Eine, noch das Andere; es wäre zu viel Mühe. Sein Herz iſt ja von Haus aus ſein Eigen⸗ thum; er mag darüber disponiren, wie er will.“ Aber nur von Anderer Liebe ſprach ſie ſo leicht⸗ ſinnig. Ihre eigene erſchien ihr als die wichtigſte Sache von der Welt und da ſie damit ſo wenig An⸗ klang bei Klotilden fand, als bei ihrer Schweſter, und Phyllis ſie durch ein paar gemeine, platte Bemer⸗ kungen empörte, als ſie einſt, in einem Augenblicke des Ueberfließens ihres Herzens, gegen ſie darauf hin⸗ deutete, nahm ſie von neuem Zuflucht zu dem Bild⸗ niß ihrer Mutter und es war ihr leichter, wenn ſie ſich, vor der Büſte kniend, recht ausgeweint hatte. Unterdeſſen war auch Mrs. Gardiner zurückgekehrt. Klotilde, die ſich aus Allem, was ſie von ihr gehört, ein Bild zuſammengeſetzt, das ihr eben nicht günſtig war, fürchtete ſich faſt, zum erſten Male mit ihr zu⸗ ſammenzukommen, denn ſie vermied ſorglich jedes Be⸗ taſten ihrer tiefen Wunde, die ſie bei fortgeſetztem heimlichen Schmerz doch durch Ergebung und Ver⸗ nunft wohl verbunden im Herzen trug, die aber jede Berührung unaufhaltſam bluten machte. Aber Mrs. Gardiner, eine Dame von wohlwol⸗ lender Geſinnung und würdigem Anſtand, ſonſt eine lange, knöcherne Geſtalt mit ſpitzer Naſe und ſcharfen, 8 ———————— 221 grauen Augen, hatte zu viel von der nationellen Zu⸗ rückhaltung neuengländiſcher Frauen, um ſie anders zu begrüßen, als mit den gewöhnlichen Fragen nach ihrer Geſundheit, wie lange ſie im Lande ſei, wie ihr Amerika gefiele und ob die deutſche Sprache ſchwerer zu erlernen ſei, oder die engliſche. Nur flüchtig erwähnte ſie, daß ſie gehört habe, welche ſchwere Prüfung ihr auferlegt worden, daß ſie aber hoffe, Gott ſei ſo barm⸗ herzig geweſen, ſie zu ihrer Heiligung dienen zu laſſen. Sie über ihre religiöſe Geſinnung zu katechiſiren be⸗ hielt ſie ſich ſchonend auf ein andermal vor. Mrs. Gardiner war die Urenkelin des berühmten Doctors Cotton Mather und außerdem mit manchen Gottesgelehrten verwandt, auf welche ihr Vaterland mit Stolz blickt. Der Geiſt ihres Urgroßvaters und ihres Ururgroßvaters ruhte auf ihr und man konnte ihr nichts Schmeichelhafteres ſagen, als daß man zwiſchen den erhaltenen Bildern derſelben und ihr ſelbſt Aehnlichkeit finde. Sie war überdies die Witwe eines angeſehenen Geiſtlichen; ihre Söhlund Schwiegerſöhne hatten theils einflußreiche Kanzeln, theils theologiſche Lehrſtühle inne. Alles dies trug nicht wenig dazu bei, ihrer eigenen, ſtrengen Kirchlichkeit Einfluß und Würde zu geben. Beſonders hielt ſie ihre Schwiegertöchter ſehr zur richtigen Kinderzucht an, 222 und ſie ſowol als ihre Töchter mußten ihre Kinder, ſobald ſie ſechs Wochen alt waren, zum Familiengebet bringen und ſtill halten— welches Letztere indeſſen oft nur unvollkommen gelang— um ſie bei Zeiten an die heilige Handlung zu gewöhnen. Fing das kleine Volk an, ſich ſelbſtſtändig zu regen, ſo war ihr das Herumwälzen auf dem Boden, an welchem die kleinen Naturmenſchen ſich ergötzten, beſonders anſtößig und ſie pflegte, hauptſächlich wenn die Kleinen dem zweiten Geſchlecht angehörten, den Kinderwärterinnen ſtrenge Verweiſe zu geben, daß ſie dieſe Unanſtändigkeit litten und ſo ſchon früh den Keim zur Beſcheidenheit und Zucht erſtickten, die der Apoſtel dem weiblichen Ge⸗ ſchlecht für unerläßlich hält. Als ſich heute Abend die Familie Caſtleton zum Thee ſetzte, lenkte ſie mit einer Würde, welche ihr eigen war, ſogleich das Geſpräch von den gewöhn⸗ lichen Dingen des Tages ab und fragte Klotilden, ohne die mindeſte Einführung,„ob ſie glaube, daß die Mophezeiungen des Jeſaias inſoweit erfüllt und die Juden jemals wieder in Jeruſalem einziehen würden?“ Dies war ihr Lieblingsgegenſtand und niemand, der ihr vorgeſtellt ward, durfte hoffen, dieſer Frage zu entgehen. Klotilde hätte ſich um ſo weniger dar⸗ — auf Rechnung machen können, als Mrs. Gardiner von ihr, als von einer Deutſchen, einige Gelehrſam⸗ keit erwartete. Als ſie ihr mit einiger Verlegenheit antwortete, daß ſie über dieſen Gegenſtand noch nie nachgedacht habe, legte Tante Gardiner die nämliche Frage dem jungen Caſtleton vor. Allein dies brachte Virginien ſo ins Lachen, daß ihm darüber die Antwort erſpart wurde und die Sache ſich zu einem Scherz drehte, ohne daß Mrs. Gardiner darüber Empfindlich⸗ keit zeigte, wie ſie denn überhaupt nur ſehr ſelten über irgend ein Ablehnen oder Abſtoßen ihres Weſens Em⸗ pfindlichkeit wahrnehmen ließ. „Welche Sprache, Miß Oſten“, fing ſie von neuem an,„meinen Sie wol, daß zuerſt in der Welt geſprochen worden iſt? Glauben ſie nicht, daß Adam und Eva hebräiſch geſprochen haben? Oder glauben Sie, das Aſſyriſche oder Chaldäiſche ſei älter? Ich bin begierig auf Ihre Meinung darüber.“ 8 „Ich habe keine Meinung darüber, Mrs. Gardi⸗ ner“, erwiderte Klotilde lächelnd;„ſolche gehhrte Unterſuchungen überlaſſen wir deutſchen Frauen gern unſern philologiſchen Forſchern.“ „Was war Ihres Vaters Meinung darüber? Sagten Sie nicht, er wäre Profeſſor der Geſchichte geweſen?“ „Allerdings.“ „Wohl, was lehrte er darüber ſeinen Schülern? Ich hoffe, er gründete ſeinen Vortrag auf die Bibel. War Ihr Vater ein Chriſt?“ „So viel ich weiß, iſt es nie in Zweifel gezogen.“ „Entſchuldigen Sie, Miß Oſten. Ich wünſchte nicht Ihre Gefühle zu verletzen. Aber leider gibt es unter den großen deutſchen Gelehrten ſo viele Ungläu⸗ bige und Atheiſten. Selbſt unter den frömmſten Deutſchen ſind gewiſſe gefährliche Irrthümer verbreitet. Hat nicht noch neulich einer unſerer Gottesgelehrten uns benachrichtigt, daß ſelbſt der gottesfürchtige Tholuk in gewiſſem Sinne ein Univerſaliſt genannt werden muß? Dieſer Zuſtand der Dinge thut mir um ſo weher, als das Deutſche die erſte Sprache geweſen iſt, vermittelſt welcher dem römiſchen Greuel Einhalt gethan und in der gegen den Antichriſt gepredigt worden.“ Hier erhob die Familie ſich vom Theetiſch und Klotilde ſchlüpfte aus der Thür auf ihr Zimmer. Mch Gardiner fürchtete, ſie habe ſie durch ihre ge⸗ lehrten Geſpräche verſcheucht, und begann demnach beim Frühſtück am folgenden Morgen von häuslichen Angelegenheiten zu ſprechen. „Haben Sie gute Dienſtboten in Deutſchland, Miß Oſten? fragte ſie. Neu⸗England iſt das geſegnetſte 225 Land in der Welt, der Sitz der wahren Aufklärung und Freiheit und unſer Heiland hat mehr Bekenner dort, als in manchen Ländern von zehnfach größerer Volkszahl. Es iſt entſchieden das Land der Erwähl⸗ ten des Herrn; man braucht nur an ſeinen Urſprung und an unſere Pilgerväter zu denken. Allein in Be⸗ treff der Schwierigkeit,«Hülfe?(Help)*) zu bekom⸗ men, iſt viel Urſache zur Klage! Unſere Frauen ſind zu ſtolz, ſie gehen alle lieber in die Fabriken, weil ſie denken, das ſei damenhafter. Und die Irländerinnen ſind ſo roh. Und wer hätte gern Katholiken in ſei⸗ nem Hauſe? Das arme, verblendete Volk! Unter den deutſchen Mädchen ſoll es ſehr gute geben. Nicht wahr, Miß Oſten?“ „Es gibt ſchlechte und gute; am meiſten mittel⸗ mäßige.“ „Welchen Weg pflegte Ihre Mutter einzuſchlagen, wenn ſie ein Mädchen brauchte? Oder Sie ſelbſt, als Sie Ihrem Vater die Wirthſchaft führten?“ „Wir mietheten ſie“, erwiderte Klotilde lächelnd. „Verſteht ſich“, verſetzte Mrs. Gardiner;„aber ich meine, um eine recht gute, brauchbare zu bekommen. *) Mit dieſem euphemiſtiſchen Namen werden die Dienſt⸗ boten in Neu⸗England bezeichnet, da der Name„Servants“ ſie beleidigt. Die Auswanderer. I. 15 226 Haben Sie jemals um ein recht gutes Dienſtmädchen gebetet, Miß Oſten?“ Klotilde erſchrak faſt. Dann ſagte ſie, ſeit lange zum erſten Male lachend:„Nicht doch, ich würde mich nicht unterſtanden haben, Gott mit ſolchen Angelegen⸗ heiten zu behelligen.“ „Ich theile Ihre Anſicht“, verſetzte Mrs. Gardi⸗ ner;„wir ſollten dieſe Einzelnheiten ſeinem göttlichen Willen überlaſſen. Und die Erfahrung hat mich auch darüber belehrt, daß ſolche unſtatthafte Gebete nur dem Beter zum Schaden erhört werden. Eine meiner Nach⸗ barinnen hatte immer große Noth mit ihrer„Hülfe“; da betete ſie einmal, als ſie gerade ganz verlaſſen war, um ein recht gutes Mädchen. Und ſieh da, ſchon am folgenden Morgen ſchickte ihr auch wirklich der Herr ein außerordentlich tüchtiges Mädchen aus Neu⸗ Hampſhire zu, die mit einer verheiratheten Schweſter in die Nachbarſchaft gekommen war und ſich erſt ein paar Thaler Geld verdienen wollte, ehe ſie zu Hauſe reiſte, Denn ihre Eltern waren arm und ſie hatte es noch nicht zu einem ſeidenen Kleid für den Sab⸗ bath bringen können. Dieſes Mädchen war nun ein wahrer Segen im Haus und obwol ihr Mrs. Weller, meine Nachbarin, nur einen und einen Viertel Thaler die Woche gab, that ſie ihr doch alle ihre Arbeit; ſie —— kochte, buk ganz vortreffliches Brot, wuſch und plät⸗ tete, half die Kinder waſchen und anziehen und nahm zwei davon mit in die Kirche, denn Mrs. Weller hat vier, das älteſte noch nicht acht Jahre alt. Nur die Betten mußte Mrs. Weller ſelber machen, beim Fegen und Scheuern aber half das Mädchen ihr immer, wenn ſie nur Zeit hatte. Darüber verwöhnte ſich denn nun die arme Mrs. Weller ſo, daß ſie, als ſie das Mädchen verlor, ſich gar nicht mehr zu helfen wußte und ſich ganz elend fühlte, und ſo wies es ſich zuletzt aus, daß thörichte Gebete uns zum Unſegen erhört werden.“ „Wie verlor ſie denn das Mädchen, Mrs. Gar⸗ diner?“ fragte Virginia mit einem ſchlauen Blick. „Das Mädchen“, erwiderte Mrs. Gardiner, und ein kaum merklicher Anflug von Verlegenheit in ihrer Miene entging Klotilden nicht,„zog vor, bei mir zu leben und meine Arbeit zu thun, da ich gerade damals auch niemand ſinden konnte. Ich gab ihr auch einen Viertel Dollar mehr die Woche.“ „Wie war das doch, Mrs. Gardiner“, fuhr Vir⸗ ginia mit einer unſchuldigen Miene fort,„gingen Sie nicht einmal in Mrs. Weller's Küche, als ſie gerade nach Boſton gereiſt war, und boten dem vortrefflichen Mädchen einen Viertel Dollar mehr, wenn zu Ihnen iehen wollte?“ 15* „Nicht doch, Miß Caſtleton, das wäre ſehr un⸗ damenhaft geweſen. Ich begegnete ihr auf der Straße und ſagte ihr blos beiher, daß, wenn ſie je⸗ mals von Mrs. Weller wegzöge, ſie bei mir einen guten Platz finden würde, und daß ich anderthalb Dollar gäbe, wenn ſchon bei mir eben die Arbeit nicht ſchwer ſei, da ich gewöhnlich zwei hielte. Wir haben gegen die arbeitende Claſſe ebenſogut unſere Pflichten zu erfüllen, Miß Caſtleton, als gegen Da⸗ men von vornehmerer Familie. Ein Mädchen für fünf Viertel Dollar ſo viel Arbeit thun zu laſſen, als man für anderthalb zu fodern hat, war kaum zu billigen!“ Aber Virginia ſchien ſchon kaum mehr zuzuhören, denn ſie flüſterte mit ihrem Nachbar Alonzo mit ge⸗ dämpfter und doch ſehr vernehmbarer Stimme: „Ich fürchte, Vetter“, ſagte ſie,„Sie verwildern in Florida ganz und vergeſſen Ihren Katechismus. Sie waren mir nie recht bibelfeſt, Alonzo. Nun ſa⸗ gen Sie einmal auf, wie heißt das zehnte Gebot?“ Alonzo ſah ſie mit verbiſſenem Lachen an. Dann fing er mit verſtellter Unſchuldsmiene an:„Du ſollſt nicht begehren deines Nächſten Weib, Haus, Knecht, „Genug für heute“, unterbrach ihn Virginia la⸗ chend und ſtand auf.„Ich ſehe, Sie ſind ein beſſerer —— 229 Schüler, als ich dachte.“ Die beiden Caſtletons folg⸗ ten ihr, ebenfalls lachend. Sarah hatte längſt be⸗ ſchämt die Augen niedergeſchlagen. Mrs. Gardiner aber, obwol etwas roth im Geſicht, ſah ſo unbefangen aus, als ginge die Sache ſie nichts an. Außer der Frage über die Rückkehr der Jsraeliten hatte Mrs. Gardiner ein anderes Lieblingsthema, das ſie gern zur Sprache brachte und darüber die verſchie⸗ denen Meinungen einholte. Dies war nämlich, was wol aus den verlorenen zehn Stämmen Israel ge⸗ worden ſein mochte? Mrs. Weller, mit der ſie den Gegenſtand oft abzuhandeln pflegte, blieb ſteif und feſt bei der alten Anſicht, daß ſie in den Indianern zu finden ſeien. Aber für Mrs. Gardiner, die pon ihrem Ahnherrn, dem berühmten Doctor Cotton Ma⸗ ther, einen unbezwinglichen Widerwillen gegen das ſchmutzige, ſtarrköpfige Geſchlecht der Indianer ererbt und gleichſam im Blute hatte, war dieſer Urſprung viel zu gut; und obwol ſie es nicht eingeſtand, war ſie innerlich doch viel mehr geneigt, der alten Theorie Glauben beizumeſſen, die der Geſchichtsſchreiber Hub⸗ bard als eine der möglichen erwähnt, daß nämlich dieſe Brut von dem Satanas ſelbſt erzeugt ſei, als er in ſeine Verbannung ſich zur Geſellſchaft ein paar Heren mitgenommen. Die verlorenen zehn Stämme glaubte ſie dagegen mit andern gelehrten Leuten mitten in Perſien unter den Neſtorianern wiedergefunden zu haben, oder vielmehr unter den alten Chaldäern; denn ſie blieb ſteif und feſt dabei, daß dieſe Völkerſchaften ein und dieſelben ſeien, und konnte ſich einiger Zweifel über das orthodore Chriſtenthum derjenigen Gelehrten nicht enthalten, die dieſe willkürliche Annahme ver⸗ warfen. Dies gab nun Gelegenheit zu manchem har⸗ ten Kampfe mit der Nachbarin, ohne daß dies gerade ihre Freundſchaft beeinträchtigt hätte. Ein anderer Punkt aber, in dem die Nachbarinnen verſchiedener Anſicht waren, ſchien oft mit ſchlimmern Folgen zu drohen. Dies war nämlich die Frage, ob der Sab⸗ bath am Sonntag mit Sonnenaufgang, oder ſchon am Sonnabend mit Sonnenuntergang beginne? Mrs. Weller, die aus Connecticut gebürtig war, hing der letztern Meinung an. Die wöchentliche Hausarbeit mußte mit dem Untergange der Sonne am Sonnabend beendet ſein— was ihr im Winter bei ihren vier Kindern und ihrem häufigen Mangel an„Hülfe“ oft ſchwer genug ward— die Geſichter wurden in ernſte Falten gelegt und das älteſte Töch⸗ terlein war verpflichtet, der Kinder Spielzeug herbei⸗ zubringen, um bis Montag früh in den großen Wand⸗ 231 ſchrank gepackt zu werden, während die Kleinen mit ehrfurchtsvoll kläglichen Geſichtern darumſtanden, und ſogar das zweijährige„Baby“ nicht zu murren wagte, wenn ihm die Klapper aus dem Händchen genommen und ihm dafür ein Bilderbuch mit ſchönen heiligen Geſchichten verſprochen ward. Dafür nahm es denn die Mutter auch am Sonntag Abend nicht ſo genau. Nach Sonnenuntergang durften im Som⸗ mer die Kinder in den Garten laufen und die Blumen beſehen; im Winter wol gar, wenn die ganze Familie um den praſſelnden Herd herumſaß, vas Kleinſte auf der Mutter Schoos, das Vorjüngſte auf des Vaters Knie, ſich an der Eltern Erzählungen aus den eigenen Kinderjahren ergötzen und ſie mit harmloſem Geplauder und Gekicher unterbrechen. Umſonſt ſuchte Mrs. Gardiner die Familie Weller von ihrem Irrthum zu überführen, indem ſie den Sonnabend Abend, als den Schluß der Woche, noch dem geräuſchvollſten Theil des Reinigens und Putzens widmete und jedesmal, damit die Nachbarin es ja nicht überſehe, dazu Faß oder Bürſte borgen ließ; oder, als dies nicht helfen wollte, ſie und mehre Freunde am Sonnabend zum Thee einlud. Am Sonntag aber wußte ſie die abendliche Familienſcene oft ſo geſchickt zu unterbrechen, indem ſie mit Hut und Mantel plötzlich ins Zimmer trat, um, wie ſie ſagte, Mrs. Weller zur Abendkirche abzuholen, daß dieſe, obwol ſchon von dem doppelten Kirchgang etwas erſchöpft, in der Ver⸗ legenheit auch nach ihren Sachen griff und die ſchmerz⸗ lich getäuſchten Kleinen zu Bette ſchickte. In der Lebens- und Denkweiſe der Familie in Charlestown mußte nun für Mrs. Gardiner gar Man⸗ ches verletzend ſein. Wenn ſie von der Rückkehr der Israeliten oder den zehn Stämmen anfing, griff ihr Schwager jedesmal nach der Zeitung, Virginia ging ans Klavier, Klotilde ſchlüpfte zum Zimmer hinaus und ſelbſt Sarah, obwol ſie ihrer Tante ehrfurchtsvoll zuhörte, war nicht leicht zu einer Antwort zu bringen; wenigſtens führte ſie nur an, was dieſer oder jener Gottesgelehrte darüber denke, ohne je eine eigne Mei⸗ nung auszuſprechen. Es mußte daher für Mrs. Gar⸗ diner ſehr willkommen ſein, daß ſich gerade ein junger Geiſtlicher aus Neu⸗England, mit dem ſie genau be⸗ freundet und ſelbſt, wie auch Sarah, einigermaßen verwandt war, in Charlestown befand, mit dem ſie bei Tiſche die Unterhaltung führen konnte; denn ihre Gegenwart, die Vetterſchaft mit Sarah und Richard Caſtleton's großmüthige Gaftfreundſchaft gab ihm Ge⸗ legenheit, während ſeines Aufenthalts in Charlestown ſich häufig zur Mittagsmahlzeit einzufinden. Der ehrwürdige Herr Spooner— ſo hieß er, ehr⸗ würdig als Geiſtlicher, denn er war kaum dreiund⸗ zwanzig Jahre alt, war ſeiner geſchwächten Geſundheit wegen nach dem Süden gekommen, von deſſen milderem Klima er ihre Wiederherſtellung hoffte. Auch er ſchien an Mrs. Gardiner's docirender Weisheit kein beſon⸗ deres Wohlgefallen zu finden; denn wie ſehr auch der Amerikaner die Frauen ehrt, ſo hält er doch im Ganzen auf des Apoſtels„mulier taceat in ecclesia!“ — Aber er betrachtete es als ſeine Pflicht, der Fa⸗ milie Caſtleton von Zeit zu Zeit das Beiſpiel einer gottſeligen oder exegetiſchen Unterhaltung zu geben und ſeine theologiſche Gelehrſamkeit, beſonders gegen Sarah, die er ſehr verehrte, ins beſte Licht zu ſtellen. Denn Mr. Spooner war von dem regſten Pflicht⸗ gefühl beſeelt. Er handelte, athmete, lernte, ſchlief, aß und trank, weil es ſeine Pflicht war. Demnach war er auch auf die Wiederherſtellung ſeiner Geſund⸗ heit— denn es war ſeine Pflicht, in ſich den Die⸗ ner des Herrn zu erhalten— durch Befolgung der ſtrengſten diätetiſchen Lebensregeln bedacht, worin er auf das pünktlichſte den Vorſchriften ſeines neueng⸗ ländiſchen Arztes folgte. Mit bewundernswürdiger Enthaltſamkeit ließ er die köſtlichſten Schüſſeln, die ſeltenſten Weine an Mr. Caſtleton's reichbeſetztem Tiſche 234 an ſich vorübergehen und bat ſich, während die auf⸗ wartenden Schwarzen grinzten, nur in Waſſer gekoch⸗ ten Reis und Syrop, darüber zu gießen, aus, von welcher einfachen Speiſe er ganze Ladungen hinunter ſchlang, während er mit Mrs. Gardiner vom Zuſtande ſeiner Verdauung ſprach oder Klotilden fragte, ob die deutſchen Gelehrten auch ſo an Verdauungsmangel litten, wie die amerikaniſchen? Ueberhaupt hielt Mr. Spooner es für ſeine Pflicht, jede Gelegenheit, ſich zu unterrichten, zu benutzen, zu welchem Behuf er ſtets ein ganzes Bataillon Fragen bereit hatte, das er nach und nach aufmarſchiren ließ. Wenigſtens mußte Klotilde daraus, daß die nächſte Frage oft gar keinen Bezug auf die eben gegebene Antwort hatte, den Schluß machen, ſie ſei ſchon längſt im Kopfe fertig geweſen und ſpringe nur jetzt erſt, vollſtändig gerüſtet, wie Minerva, aus dem gedanken⸗ ſchweren Haupte des Fragers. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Mr. Spooner es für ſeine Pflicht hielt, die Gegenwart einer deutſchen Profeſſorentochter, die von der Vorſehung, als ſei es eigens zur Befriedigung ſei⸗ ner Wißbegierde geſchehen, mitten aus dem Focus der deutſchen Gelehrſamkeit nach den Küſten von Amerika geſchleudert war, nicht zu verſäumen. Er war daher unerſättlich in Fragen, beſonders nach den berühmten 235 deutſchen Gelehrten, deren Werke erſtudirt hatte und die er, trotzdem daß der Rationalismus Einiger ihn ſehr betrübte, ihres gründlichen Wiſſens wegen ungemein verehrte. Er wollte durchaus von Klotilden erfahren, was Geſenius' und Ewald's eigentliche Herzensmei⸗ nungen ſeien? Ob Neander wirklich am Sabbath Gäſte einlade? Wie viele Stunden ein deutſcher Gelehrter täglich arbeite? Wie viele er ſpazieren gehe oder Holz ſäge, um ſich Bewegung zu machen? Und wie groß, da, wie er mit Dank gegen den Herrn gehört, das Evangelium in Deutſchland im Fortſchreiten ſei, im Durchſchnitt ſeit den letzten drei Jahren die jährliche Anzahl der bekehrten Seelen ſei? Vergebens verſicherte Klotilde, dieſe Fragen nicht beantworten zu können; Mr. Spooner's Forſchungen hörten erſt mit der Mahlzeit auf. Nach dem Eſſen warteten ſeiner andere Pflichten, Er warf ſich be⸗ haglich in einen der großen, ſammetnen Schaukel⸗ ſtühle und fing an aus Leibeskräften zu wiegen. Klotilden ward vom bloßen Anblick faſt ſchwindelig; Virginia aber fragte, indem ſie einen ihrer eigen⸗ thümlichen Blicke auf ihn warf, in dem ſich Belu⸗ ſtigung, Ekel und Spott auf eine unbeſchreibliche Weiſe miſchten: „Sie ſcheinen ja das Schaukeln trotz einem See⸗ 236 fahrer zu lieben, Mr. Spooner? Oder— trotz einem Wiegenkinde? „Keinesweges, Miß Caſtleton“, antwortete er, mit Eifer fortfahrend.„Es iſt mir zuwider; ich thue es nur aus Pflichtgefühl. Eine kurze Bewegung nach dem Eſſen wird als beſonders heilſam empfohlen. Es iſt meine Pflicht, mir am Tage dreimal Motion zu machen; nach dem Eſſen aber eine ohne Anſtren⸗ gung.“ Einmal bemerkte Sarah, als ſie von dem theolo⸗ giſchen Seminarium ſprach, auf dem Mr. Spyoner erzogen war,„der Ort ſei ihr immer etwas düſter vorgekommen.“ „Allerdings, Miß Sarah“, erwiderte er,„aller⸗ dings. Wie oft hab' ich gegen dieſen düſtern Geiſt geſprochen! Brüder, pflegt' ich zu ſagen, ſeid fröhlich! Es iſt unſere Chriſtenpflicht, fröhlich zu ſein! Heißt's nicht im Römerbrief: Seid fröhlich in Hoffnung! Freut euch mit den Fröhlichen und weinet mit den Wei⸗ nenden?“ Mit dieſem Liebhaber pflegte Virginia ihre Schwe⸗ ſter gern aufzuziehen, wenn ſie ſich bei guter Laune befand, was freilich jetzt ſelten genug der Fall war. Die vollkommene Gleichmüthigkeit, mit welcher Sarah dies, wie alles Andere ertrug, ließ ſie durch den Contraſt mit Virginiens launiſchem, leidenſchaftlichem Weſen für Klotilden im günſtigſten Lichte erſcheinen. Daß Mr. Spooner's Perſon ihr nicht recht zuſagte, konnte der Beobachter ihr leicht anfühlen. Aber ſie ehrte und liebte in ihm den Micchriſten, den kirchlichen Bruder, mit dem ſie in allen chriſtlichen Wahrheiten übereinſtimmte. Nur als Kirchennachbar ſuchte ſie ihn unwillkürlich zu vermeiden. Sarah nämlich war von der Natur mit einem feinen Ohr und mit einer ſüßen, weichen Stimme verſehen worden; ſie pflegte daher gern mit in die einfachen Hymnen des Gottesdienſtes einzuſtimmen, obwol in den presbyterianiſchen Kirchen nur ein dazu beſtellter Chor den Geſang übernimmt, dem ſie ſich förmlich anzuſchließen nicht Kunſtfertigkeit genug beſaß. Mehre einzelne Glieder der Gemeine thaten wie ſie. Beſonders lebte Mr. Spooner der Ueberzeugung, daß Singen ſo gut eine Chriſtenpflicht ſei als Beten.„Iſt es nicht unſere Pflicht, dem Herrn mit allen unſern Sinnen zu dienen?“ fragte er.„Hat nicht der Heiland mit ſeinen Jüngern eine Hymne geſungen? Und müſſen wir ihm nicht in allen Dingen nachahmen?“ Er erklärte demnach, indem er ſich auf den großen Theologen, den Präſidenten Edwards ſtützte, es für eine ebenſo große Unterlaſſungsſünde, nicht zum Preiſe des Herrn, der uns das Organ gegeben, zu ſingen, als nicht zu ihm zu beten, und erhob aus purem Pflichtgefühl ſeine Stimme mit ganzer Kraft. Sarah widerſprach ihm nicht. Da aber es ſich unglücklicherweiſe traf, daß ſeine Stimme mehr dem Knarren eines ungeſchmierten Wagenrades glich, als einer„hellen Poſaune“, und da der Inhaber dieſer Stimme zufällig immer ein paar Töne zu tief oder zu hoch traf, ſo ſtörte ſeine unmittelbare Nachbarſchaft ſie einigermaßen und ſie ſuchte ſich ihr daher gern zu entziehen, wenn ſie es konnte, ohne ihn zu beleidigen. Es gab indeſſen auch einige Neckereien, welche die gute Sarah zwar mit eben derſelben Gelaſſenheit er⸗ trug, aber nicht, ohne daß ein ſanftes Roth das liebe Geſicht überzog, das wol gelegentlich ſich zur Glut verdunkelte, wenn Virginiens ſchonungsloſe, ſcharfe Zunge ſich über den Gegenſtand deſſelben in Spott ergoß. Vor kurzem war einer der Gottesboten, an deren frommen Beſtrebungen Sarah den innigſten Antheil nahm, aus dem fernen Indien heimgekommen und eben bei ſeinen Eltern, die während ſeiner Abweſen⸗ heit von Virginien nach Charlestown gezogen waren, zum Beſuch. Noch in den beſten Mannesjahren hatte Elias Fleming, ſo hieß er, dennoch beinahe zehn Jahre 239 lang in dem Felde rüſtig gearbeitet, das er ſeinen Kräften am angemeſſenſten hielt, nämlich als Heiden⸗ bekehrer im Orient. Kenntniß des Landes, der Spra⸗ chen, der Sitten jener umnachteten Völker waren ſei⸗ nem jugendlichen Enthuſiasmus zu Hülfe gekommen; ein richtiger Verſtand, eine heitere Mäßigung, Würde der äußern Erſcheinung, vor Allem aber ein von Liebe überſtrömendes Herz, machten ihn zum auserkornen Werkzeug der Kirche Gottes. Seine Bemühungen hatten den ausgezeichnetſten Erfolg gehabt, er brachte als lebendige Zeugen mehre Hinduknaben mit, die, in den dort von ihm gegründeten Schulen ſchon vor⸗ gebildet, auf den höhern Anſtalten ſeines Vaterlandes nun vollends zu chriſtlichen Lehrern ausgebildet wer⸗ den ſollten, um nach einigen Jahren ihm wieder nach Indien zu folgen und dort ſeine Mitarbeiter im Wein⸗ berge des Herrn zu werden, ſeine Gehülfen im großen Bekehrungswerke. Denn er ſelbſt war nur zum Be⸗ ſuch wieder in ſeinem Vaterlande, theils ſeine greiſen Eltern im Leben noch einmal zu ſehen und ihren Segen zu empfangen, theils ſeine durch raſtloſe Mühe und mannichfache Beſchwerden geſchwächte Geſundheit herzuſtellen. Er hatte noch eine andere Abſicht bei ſeiner Reiſe, die vielleicht ſogar im Vordergrunde ſtand, nämlich ſich eine neue Lebensgefährtin und Mitarbeiterin unter ſeinen Landsmänninnen zu ſuchen. Denn er hatte außer drei zarten Kindern, die er mit ergebenem Herzen, als die Saat des Herrn, die dort oben aufgehen wird, in den fremden Boden ver⸗ ſenkte, auch die Gattin ſeiner Jugend dort begraben, mit ebenſo ergebenem Herzen zwar, aber doch mit dem tiefen Gefühl, daß die Hand des Herrn ſchwer auf ſeinem Diener liege. Harriet Clayton war zu jung geweſen, als Elias Fleming ſein Vaterland verließ, um ihm als Gattin zu folgen. Als Kinder benachbarter Pflanzer hatten ſie einander ſchon von Jugend auf gekannt und geliebt. Harriet war in Lurus und ſeichter Oberflächlichkeit aufgewachſen; ſie war in Richmond in einer faſhio⸗ nabeln Koſtſchule erzogen, unter den austrocknenden Einflüſſen einer ſteifen, dogmatiſchen Kirchlichkeit. Aber durch die Atmoſphäre weltlicher Eitelkeit, doctri⸗ neller Formen und ſelbſtiſchen Müßiggangs, in welcher die große Maſſe amerikaniſcher Mädchen aus wohl⸗ habenden Häuſern aufwächſt, haucht ein warmer Athem ächter, chriſtlicher Frömmigkeit, den tauſenderlei tägliche Anregungen von außen lebendig erhalten, die Gewohn⸗ heit des Kirchengehens, religiöſe Zeitſchriften, Sonn⸗ tagsſchulen, Beiſpiel von Bekannten, ja jeder Beſuch 241 im Buchladen mit ſeinen Reihen von Andachtsbüchern in Prachteinbänden und preiſenden Lebensbeſchreibun⸗ gen frommer Männer und Frauen mit Sammetdeckel und Goldſchnitt. Mehr als Alles aber tragen die ſogenannten Anniverſarien oder feierlichen Jahresfeſte religiöſer Vereine dazu bei, das erweckte Gefühl bis zur Flamme des Enthuſiasmus anzufachen, die mit ihrer impoſanten Oeffentlichkeit und mit ihren ſtatiſti⸗ ſchen Daten die Chriſtenwelt von fern und nah zu⸗ ſammenlocken und von deren Berichten die Zeitungen des ganzen Landes förmlich überſtrömen. Die jüng⸗ ſten Kinder ſchon werden zu Geſellſchaften vereinigt, die Verbreitung des Wortes des Herrn, ſo viel an ihnen iſt, zu fördern, indem ſie durch von den Eltern erbetene Gaben oder mittels ihres Taſchengeldes zu den anſehnlichen Summen beitragen, welche die chriſt⸗ lichen Gemeinen der Vereinigten Staaten dieſem gro⸗ ßen Zwecke jährlich widmen. Schade nur, daß die Verehrung für das heilige Buch oft faſt zum Götzendienſt wird— die Augen, welche die Hand leiten, die dieſe Zeilen ſchreibt, haben einſt von einer frommen, zärtlichen Mutter ein Kind ſchlagen ſehen, weil unter den Büchern, die es in ſeinem ungeſtümen Unge⸗ horſam auf den Boden warf, die Bibel war. Schade nur, daß auf dem breiten, geräuſchvollen Wege, auf dem Die Auswanderer. I. 16 — 242 die kirchliche, thätige Frömmigkeit einhergeht, an gar mancher Stelle auch noch die eitelſte Weltlichkeit, die kleinlichſte Selbſtſucht, die engherzigſte Unduldſamkeit Platz behalten hat! Schade nur, daß das geſpreizte, kalte, hochmüthige Phariſäerthum ſich auch den Mantel des Chriſtenthums umgeworfen hat, daß das Geſetz oft waltet ſtatt der Liebe, das Wort ſtatt des Geiſtes! — Aber ihr, ihr wahrhaft frommen Seelen! Sarah Caſtleton, Elias Fleming und ihr zahlloſen andern Trefflichen, in denen der mächtige, treue, chriſtliche Eifer alle jene wuchernden und verderblichen Unkraut⸗ pflanzen des natürlichen Herzensbodens— nicht ſchon ausgereutet, denn das wäre übermenſchlich, aber ſorg⸗ lich im Keime erſtickt, o ſeid mir geſegnet, ihr wahr⸗ haft Heiligen! Und möge eure methodiſche Strenge, eure fremdartige, ſpielende Phraſeologie, euer Erſtor⸗ benſein für die Gewalt der Kunſt und der ſinnlichen Natur mich niemals ſtören in der verehrenden An⸗ erkennung eurer Gott geweihten Herzen! Auch in Harriet Clayton's Innern ward der gött⸗ liche Hauch der Religion früh ſchon zum beſeelenden Lebensathem. Ihre Tagebücher, in zarter Jugend ge⸗ führt und ausſchließlich zur eigenen Erbauung und Aufklärung geſchrieben, wurden nach ihrem Tode der Biographie beigegeben, die ihren Namen in der chriſt⸗ 9 243 lichen Welt verewigen ſollte. Sie bezeugten, mit wel⸗ cher raſtloſen Treue ſie ſich ſittlich gebildet, aber auch wie in der amerikaniſchen Chriſtenheit die Welt, ſelbſt mit ihren unſchuldigſten Freuden, der Religion im⸗ mer als Feindin gegenüberſteht; und wie Alles, was nicht zur unmittelbaren Förderung des Chriſten im Menſchen dient, als gefährliches Hemmniß zum Wege des Heils verworfen wird, wie Alles, was nicht geradesweges zu Gott führt, als möglicherweiſe zu Satan führend gemieden wird. Harriet war noch nicht ſiebzehn Jahre alt, als ſie ihren Eltern mit Entſchiedenheit erklärte, daß auch ſie ſich dem heiligen Miſſionswerke widmen wollte. Ihre Eltern waren ebenfalls der presbyterianiſchen Kirche mit großem Eifer zugethan, allein ſie hätten doch gern die Tochter in der Nähe behalten. Eltern in Amerika aber haben wenig Einfluß auf erwachſene Kinder, am wenigſten in Fällen, in denen die Kirche auf ihrer Seite ſteht. Harriet ſchloß ſich einem ältlichen Miſſionarius an, der mit ſeinem Weibe nach Ceylon ging, um an einer dort errichteten chriſtlichen Schule als Lehrerin zu wirken. Dort war ſie dem geliebten Freunde ihrer Kindheit näher, der ſich bald mit ihr vereinigte und ſie als Gattin heimführte. Aber Harriet's ſchwacher Körper, noch verzärtelt 16 durch eine Erziehung, die ſie an alle Verfeinerungen des Lurus gewöhnt und durch keine Art von Arbeit geſtählt, konnte der ſchützenden Mutterhand nicht ent⸗ behren, noch dem zehrenden Klima Trotz bieten. Nach⸗ dem ſie ihrem Gatten in vier Jahren drei Kinder ge⸗ boren— was ſie allein zu ihrem ſchweren Beruf vollkommen unfähig machte— und ſie alle ins Grab gelegt hatte, ging auch ſte mit gebrochenem Körper, aber ſtarker, gläubiger Seele daheim. Die Liebe eines chriſtlichen Frommen von der Denkweiſe des Elias Fleming hat im Grunde wenig Perſönliches. Die Furcht, über das Geſchöpf den Schöpfer zu vergeſſen, hält die ausſchließliche, individuelle Liebe, die Liebe nicht zu den Tugenden und den Trefflichkeiten, ſondern zu den Eigenthümlichkeiten— und wäre es auch zu den Schwachheiten und Gebrechlichkeiten eines Weſens — gewaltig im Zaum. Auch Fleming hatte geglaubt hauptſächlich die Chriſtin in Harriet zu lieben; als er aber ſie auf immer verloren, da fühlte er tief, daß es ihre unbeſchreiblich liebreiche Perſönlichkeit war, die ihn beglückt, daß es namentlich ihre zarte Schwäch⸗ lichkeit geweſen, die ſeiner beſtändigen Pflege und Sorgfalt bedurft und die für die ſtarke, muthige Seele ein ſo himmliſch durchſichtiges Gewand war, was ihn ſo innig mit ihr verknüpft und nun ſie ihm ſo 245 unentbehrlich machte. Es dauerte demnach drei ganze Jahre, bevor er ſich entſchloß ihren Platz zu erſetzen; und, da ihn eben ſeine eigene zerſtörte Geſundheit und der Wunſch ſeiner Eltern nach Amerika zurück⸗ führte, nahm er ſich vor, eine neue Lebensgefährtin mit hinauszuführen, bei deren Wahl theils die Chriſt⸗ lichkeit der Geſinnungen, theils ein feſter, geſunder Körperbau ihn leiten ſollten, weil allein eine Gattin, welche dieſe beiden Eigenſchaften beſitze, ihm eine nützliche Mitarbeiterin auf dem erkorenen Felde wer⸗ den könne. Mr. Fleming hatte die Familie Caſtleton früher gekannt, ja er war eine Zeit lang, als ſeine Eltern eine Pflanzung unfern von der von Virginiens Groß⸗ eltern bewohnten, der häufige Spielgefährte und kleine Liebhaber des ſchönen Kindes geweſen. Aber der hofmeiſternde, zurechtweiſende Ton, den der ältere und überdies frühreife, ernſte Knabe gegen die kleine Uebermüthige annahm, hatten nur zu bald Unfrieden zwiſchen den beiden Kindern geſäet, der zuletzt von Elias' Seite in ſtille Verachtung, von Virginiens in leidenſchaftlichen Haß ausartete. Als ſie von ſei⸗ ner Zurückkunft hörte, und der Preis und Ruhm, der ſeinen Namen begleitete, auch in ihrem, ſonſt ſolchen Intereſſen gänzlich fremden Kreiſe erſcholl, 246 erwachte in ihr ein flüchtiges Intereſſe für den Ju⸗ gendgeſpielen und ſie ließ ihn durch einen Dritten auffodern, ſie zu beſuchen. Sarah war gegenwärtig, als er eines Morgens ſich einſtellte, mit Herzlichkeit die frühere Geſpielin begrüßend und ſichtlich von ihrer Schönheit frappirt. In den Ge⸗ 5 ſprächen, die der erſten Bewillkommnung folgten, gewann aber Sarah, mit ihrer wahren, treuen, verſtändigen Theilnahme an Allem, was er zu ſagen hatte, ſo bald und entſchieden die Oberhand über das flüchtige, herab⸗ laſſende Intereſſe, mit dem er auf Virginiens etwas koket⸗ tirende Neckereien eingegangen, daß letztere ſich verletzt fühlte und e Mal im Leben mit Sarah zu rivaliſiren begann. Im Grunde freilich war ihr an der Eroberung eines bloßen Miſſionarius wenig ge⸗ nug gelegen, gllein ſie war zu ſehr gewöhnt in jedem Kampfe Sie gerin zu ſein, um denſelben ſogleich auf⸗ zugeben. Als ſie aber nach einigen wenigen Beſuchen des jungen Miſſionarius fand, daß alle ihre Pfeile an der mit chriſtlicher Gelaſſenheit geharniſchten Bruſt ab⸗ prallten, gab ſie den Angriff von ſelbſt auf, als der Fortſetzung nicht werth, richtete aber dafür den Stachel eines rachſüchtigen Spottes gegen ihn, der freilich die gute Sarah mehr als Fleming ſelbſt verwundete. Ein Mann, der in höhern Dingen lebt, bietet dem ſcharfen Mäd⸗ 247 chenauge, das ſich hauptſächlich auf Aeußerliches richtet, tauſend Blößen. Bald behauptete ſie, mit anſcheinen⸗ dem Ernſt, Elias Fleming trage die Garderobe, die er vor zehn Jahren bei ſeinen Eltern zurückgelaſſen, jetzt noch auf; bald glaubte ſie aus der hölzernen Art, mit welcher er ſich, als ihr Vater ihn einſt zu Tiſch ein⸗ lud, der Meſſer und Gabeln bediente, ſchließen zu müſſen, er habe im Orient wie ein Orientale gelebt und mit den Fingern gegeſſen; bald machte ſeine geſetzte, be⸗ denkliche Art, zu ſprechen, ihr Langeweile; bald ahmte ſie die mangelhafte Ausſprache einiger von ihm ge⸗ brauchten franzöſiſchen Worte ſpottend nach und fügte den Wunſch bei, daß er die orientaliſchen Sprachen, in denen er gepredigt, weniger verpfuſcht haben möge. Fleming aber gab ihr zu dergleichen liebloſen Bemer⸗ kungen nur ſelten Gelegenheit. Ihr und den beiden Caſtletons gegenüber fühlte er ſich alsein Fremder; Sarah ſah er von Zeit zu Zeit am dritten Orte und widmete ihr eine ſtille Aufmerkſamkeit.. Elttes Capitel. Es ſtürmt. Kein Zweifel, daß Virginia ſelbſt viel zu verſtändig war, um in einem Manne, den ſie achtete, auf die Dinge, die ſie an Fleming verſpottete, bedeutenden Werth zu legen. Aber theils kannte ihr leidenſchaft⸗ liches Herz kein ruhiges, unbefangenes Urtheil; theils war in dieſem Falle ihr Stolz, ihre mächtigſte Leiden⸗ ſchaft, verletzt; einmal verletzt aber war ſie reizbarer und darum ſchärfer als je. In ihrem ganzen Weſen zeigte ein fieberhafter Wechſel, daß es in ihrem In⸗ nern unnatürlich gährte. Klotilde verſuchte ſie zur verdoppelten Beſchäftigung anzuregen, eine ihr ſelbſt vertraute Heilart, die erſt eine Art Betäubung, dann durch Gewöhnung einen gewiſſen Grad von Beruhigung gewährt. Allein die Beſchäftigung mit der deutſchen Sprache machte das Uebel nur ärger; für die Poeſie hatte Virginia ein wahrhaftes, leicht zu erweckendes ————— 249 Gefühl; die deutſchen Dichter, die ſie las, und wir wiſſen, ſie wollte keine andern als Liebesdichter— regten ſie nur mehr und mehr auf. Muſik aber war ihr nie mehr als eine Geſellſchaftskunſt geweſen. Von einem Verſuch zur Löſung der Schwierigkeiten bedeutender neuer Compoſitionen hielt ſie eine gewiſſe Indolenz ihres Weſens zurück. Sie hätte, bei einem nicht unbedeutenden Talent, eine treffliche Spielerin werden können, wenn ſie in irgend einer andern ge— feierten Schönen der eleganten Welt eine gefährliche Rivalin gehabt hätte; Eiferſucht würde die durch Man⸗ gel an Selbſterziehung eingeſchlummerten Kräfte ge⸗ weckt und ſie leicht durch Ausdauer und Fleiß die größten Schwierigkeiten beſiegt haben, wenn es ge⸗ golten hätte, zugleich eine Nebenbuhlerin zu beſiegen. Aber es gab ihr keine der Schönen Charlestowns dieſe Gelegenheit, ihren Ehrgeiz auf ſolche Weiſe ins Werk zu ſetzen. Sie ſpielte fertig genug, um in ihren faſhionabeln Geſellſchaften durch den Vortrag von einigen Herz'ſchen Variationen zu glänzen, ſang mit einer klangreichen Stimme kunſtreich genug, um ſich in ein paar deutſchen oder ſpaniſchen Liedern, die ſie mit einem leidenſchaftlichen, aber oft keineswegs rich⸗ tigen Vortrag zum beſten gab, bewundern zu laſſen. Dies genügte für jetzt. Gegen Klotilden, von der fie in 250 Spiel und Geſang unendlich weit übertroffen wurde, die aber blos ſpielte und ſang, wenn ſie allein war, fühlte ſie keinen Neid. Sie konnte im Gegentheil mit einer auftichtigen Bewunderung, ja mit einer Art Andacht ihr zuhören, wenn ſie die Freundin dabei einmal überraſchte. Ueberhaupt flößte ihr Klotilde ein Gefühl ein, das der Ehrfurcht glich. Doch nur zu Zeiten. Oft beſchuldigte ſie ſie im Herzen der Kälte, des Stumpfſinnes, und die ſtille Harmonie, zu welcher Klotilde nach ſolchen herzzerreißenden Schickſalen ihr Weſen in duldender Ergebung geſtimmt zu haben ſchien, war ihr durchaus unverſtändlich. Bald ſollte ein zufälliges Ereigniß den Zuſtand ihres eigenen dis⸗ harmoniſchen Innern auf gar verletzende Weiſe bloß⸗ ſtellen. Eines Morgens, als Phyllis ihre Gebieterin durch täppiſche Anmaßung beleidigt und ſich dadurch einen ſcharfen Verweis zugezogen hatte, ſtachelte ein böſes Gelüſt das beleidigte Mädchen, auf ihre Weiſe eine ſchlaue Rache an der aufgebrachten Herrin zu nehmen. Als demnach Virginia ſich zur Tagestoilette vor ihrem Spiegel niederließ und die Zofe die ſchönen Haare aufflocht und mit dem Kamme durchfurchte, nahm ſie geſchickt Gelegenheit, vom Seebade zu reden, indem ſie meinte,„das Salzwaſſer habe dem wunderſchönen Glanze ihrer Haare doch nichts geſchadet, wie die Farmersfrau, bei der der deutſche Baron gewohnt, immer behauptet, daß es thue. „Wie kamſt du zu der Bekanntſchaft?“ fragte Virginia, begierig die Gelegenheit ergreifend, von jemand zu ſprechen, der in einigem Bezug auf den Ge⸗ liebten ſtand. „Es war noch der einzige Spaziergang, den man in der Wüſte am Sonntag machen konnte; Cato führte mich eines Nachmittags hin. Und als der deutſche Baron immer zu Miſſus kam, wollte unſer eins doch auch gern etwas mehr von ihm hören.“ „Von der Farmersfrau wirſt du wol ſchwerlich viel von ihm haben hören können“, ſagte Virginia mit klopfendem Herzen. „Ich glaub' es auch gar nicht, was ſie Alles von ihm und dem polniſchen Grafen erzählte“, antwortete Phyllis.—„Nein, was für prächtiges Haar Miſſus haben!“ „Was erzählte denn die Frau von ihnen?“ fragte Virginia erzwungen gleichgültig. „Ach, das hatte nicht viel zu bedeuten! Sie glaubte, der polniſche Graf ſei eigentlich in ſeinem Lande ein Prinz geweſen. Aber er habe ſo einen Kalmückenfürſten im Zweikampf erſchlagen und fliehen 252 müſſen. Sie ſagte, er müſſe recht arm ſein, er hätte kein ganzes Hemde, Alles voll Löcher; und er könnte ſo viele Sprachen ſprechen, viel mehr noch als der andere! Und ſie fragte mich, warum Miſſus nicht lieber den zum Lehrer genommen, weil der doch noch ledig ſei und ſo viel munterer als der andere! Ihre Kinder wollten gar nicht von ihm weg, ſagte ſie. Er verwöhne die Mädchen ordentlich; und die Jungen, ſagte ſie—“ Virginien tönte mitten aus dem Wortſchwall nur eine beiläufige Bemerkung in den Ohren. Sie mußte falſch verſtanden haben. „Warum“, ſagte ſie endlich,„hätte ich einen an⸗ dern Lehrer nehmen ſollen?“ „Ach“, erwiderte Phyllis,„das glaub' ich nun gar nicht. Man ſieht an den Haaren, daß man nicht auf Alles ſchwören kann, was ſie ſagt, wie aufs Cvangelium. Und was thät's denn am Ende auch? Ein verheiratheter Mann kann am Ende doch ebenſo gut Stunden geben, als ein lediger.“ Phyllis ſah im Spiegel, daß ihr Stich den wun⸗ den Fleck getroffen; denn Virginiens Geſicht war mit tödlicher Bläſſe überzogen. Ihr Zweck war erreicht; ſie wollte ihr nur ein wenig weh thun, denn ſie war im Grunde gutmüthig und überdies daran gewöhnt, das Ihrige zu thun, ihre Gebieterin in guter Stim⸗ mung zu erhalten. Sie eilte demnach, Balſam auf die Wunde zu legen, die ſie ihr ſo heimlich verſetzt. Als Virginia mit einer Stimme, deren Beben ſie un⸗ fähig war zu verhindern, fragte: „Sagte die Farmersfrau, Bergedorf ſei verheira⸗ thet?“ antwortete ſie raſch: „Wie kann ſie denn das wol wiſſen? Sie dachte nur ſo, weil er ein kleines Bild bei ſich hatte; ich glaube, das hat er ſelbſt gemalt gehabt, und das hat er immer geküßt und gedrückt, wenn er allein geweſen iſt, und hat zu ihm geſprochen in ſeiner komiſchen Sprache, gerade als wäre er verrückt. Und dann hat er's wieder geküßt und hat darauf geweint.— Aber ſei'n Sie doch nur ruhig, liebes Fräulein, wer weiß, ob es nicht Ihr eigenes Bild geweſen iſt?“ „Unverſchämte!“ rief Virginia aufſpringend und mit zornglühenden Augen die Erſchrockene niederſchmet⸗ eernd.„Deine Keckheit überſchreitet alle Grenzen! Geh! Ich will meine Haare ſelbſt aufſtecken. Aber, daß du nicht denkſt, daß deine Frechheit dir ſo unge⸗ ſtraft hingehen werde. Das rothe Kleid, das du dir neulich wünſchteſt, war ſchon gekauft— ſieh, hier iſt es!“ ſetzte ſie hinzu und zog heftig eine Schublade auf, aus der Phyllis' lüſternen Augen ein Stück feuer⸗ rothes Zeug entgegenſtrahlte.—„Aber nun“— den Kaſten zuſchiebend—„nun ſoll es Diana haben. Dies ſei deine Strafe. Geh!“ Darauf, ihren Anzug ſchnell vollendend, befahl ſie mit einem würdevollen Stolze, der ihrer Geſtalt etwas Fürſtliches gab, aber den Dorn im Herzen, dem beſtürzten Mädchen, während ſie bei Miß Oſten in der Bibliothek Stunde nehme, die Reinigung ihres Zimmers vorzunehmen, ſich aber dabei zu ſputen, und ging mit erzwungener Kälte zu Klotilden, die ſie er⸗ wartete. Dieſe bemerkte leicht, daß etwas mit ihr vorge⸗ gangen; ihre Aufmerkſamkeit war kaum heute zu feſſeln, obwol ſie es nicht Wort haben wollte. Kaum aber waren ſie eine Viertelſtunde lang über den deut⸗ ſchen Büchern, als ein ungeheures Gepolter, das aus Virginiens Zimmer herausſchallte, die beiden Mädchen erſchreckte. Sie eilten dorthin. Welch' ein Anblick! Da lag das köſtliche Marmorbild in Trümmern auf dem Fuß⸗ boden, daneben ſtand Phyllis am ganzen Leibe zitternd, mit aſchfarbenen Lippen und die ſchwarze Haut zu einem ſeltſamen Schmutzgrau verfärbt, die lange Be⸗ ſeneule noch in der bebenden Hand. Sie hatte, von Verdruß und erzwungener Eile ungeſchickt gemacht, 255 beim Abfegen der Wände der Büſte den unglücklichen Stoß verſetzt. Klotilde blickte auf Virginien. Jede Spur von Farbe war auf dem ſchönen Antlitz gewichen. Aber unter der geiſterbleichen Stirn ſprühten ein Paar wuth⸗ funkelnde Augen zwei Flammen aus, die das arme, ſchluchzende Geſchöpf zu ihren Füßen niederſchmetterten. „Vergebung, Vergebung, Miſſus!“ ſchrie ſie, in⸗ dem ſie verſuchte ihre Knie zu umfaſſen. Aber Virginia, noch keines Wortes mächtig, ſtieß ſie mit einer ſo unnatürlichen Gewalt von ſich, daß die Unglückliche der Länge nach auf den Boden fil. Unterdeſſen war auch Sarah herbeigekommen. Ihr folgte, durch das Geräuſch und Phyllis lautes Geſchrei aufgeſcheucht, nach und nach alles Hausgeſinde, darunter Cato, der Hausmeiſter oder Steward, ein abgewie⸗ ſener Liebhaber von Phyllis, ein boshafter, rachſüch⸗ tiger Menſch. Das Zutrauen ſeines Herrn hatte ihn zu einer Art von Aufſeher der übrigen Dienerſchaft gemacht. „Es war eine große Unvorſichtigkeit“, ſagte Sarah endlich,„die du beweinen und verzeihen wirſt, arme Virginia.“ Alles blickte auf Virginia, die noch immer ſchwei⸗ gend daſtand. Wie entſetzlich entſtellte die verhaltene 256 Wuth den ſchönen Mund, deſſen Winkel ſich krampf⸗ haft hinunterzogen! Wie grauenhaft leuchteten die ſchwarzen, funkelnden Augen, dieſe Spiegel ihrer furcht⸗ bar erſchütterten Seele! „Willſt du mich in beide Ferſen beißen, elender Wurm?“ ſagte ſie endlich und ihre Stimme klang unnatürlich heiſer.„War ein Biß der Natter nicht genug? Aber wahrhaftig, du ſollſt meine Macht füh⸗ len! Nicht ungeſtraft ſollſt du mir Alles zerträmmern, was ich liebe. Steward! Euer Herr hat Euch ſein Strafamt anvertraut. Nehmt dies erbärmliche Ge⸗ ſchöpf, das dieſe ſchändliche Art gewählt hat, um ſich an ſeiner Gebieterin zu rächen, die es durch Güte ver⸗ dorben, und zählt ihrem zarten Rücken ſogleich dreißig Streiche auf!“ Phyllis lautes Geſchrei übertäubte faſt Klotildens und Sarah's Worte, die beide mit Eifer und Wärme Virginien zuſprachen. „Virginia“, rief erſtere,„Sie werden eine bloße Unvorſichtigkeit nicht ſo grauſam ſtrafen!“ „Ich bitte, meine Angelegenheiten mir ſelbſt zu überlaſſen, Miß Oſten!“ „Schweſter, wie ſagt doch die Schrift: Sei nicht ſchnellen Gemüthes zu zürnen, denn Zorn ruhet im Herzen eines Thoren! Und heißt es nicht: Der Barm⸗ herzige thut ſeinem Leibe Gutes, aber der Unbarm⸗ herzige betrübt ſein Fleiſch und Blut?“ „Ich glaube es dir gern, Sarah, auch ohne daß du die ganze Bibel citirſt“, erwiderte Virginia mit Hohn,„daß du es leicht verzeihſt, wenn meine Mutter im Grabe mishandelt wird!“— und indem ſie ſich wegwendete, das Zimmer zu verlaſſen:„Steward, thut Eure Pflicht!“ Der furchtbare Menſch hatte ſchon längſt mit ſcha⸗ denfroher Tücke Phyllis am Arm gefaßt und wollte die ſich Sträubende mit ſich fortziehen; aber ein uen⸗ ger Blick Sarah's hielt ihn zurück. Das liebe, klare Geſicht ſah unausſprechlich un⸗ glücklich aus.„Schweſter“ ſagte ſie,„du thuſt mir wahrhaftig unrecht, aber darauf kommt es jetzt nicht an. Das wird dir ſelber leid thun; aber hüte dich Etwas zu thun, das die Reue nicht gut machen kann. Virginia, ſelig ſind die Sanſtmüthigen!“ „Sie hatte die Schweſter umfaßt. Aber dieſe, ſich raſch von ihr losmachend, ſagte kalt:„Spare deine Worte!— Cato, auf deine eigene Verantwortung biſt du mir ungehorſam!“— Dann ſchritt ſie, ohne einen Blick an die jammernde Phyllis zu verlieren, zur Thür hinaus und ſchloß ſich in die Bibliothek ein. Cato ſchleppte das Mädchen hinunter. Die Uebrigen folgten. Die Auswanderer. J. 17 258 Klotilde war wie betäubt. Die ganze Scene hatte kaum zehn Minuten gedauert.„Wenden Sie ſich an Ihren Vater, Sarah“ ſagte ſie; er wird nicht dulden, daß Virginia's Leidenſchaftlichkeit ſeine Gewalt mis⸗ braucht.“ „Ich fürchte“, ſagte Sarah mit ſchmerzlichem Lä⸗ cheln und zuckte die Achſeln.„Das Mädchen gehört Virginien, ſie hat ſie ſammt ihrer ganzen Familie von ihrer Mutter geerbt. Ueberdies iſt mein Vater nicht zu Hauſe.“ Indem hörte man die Hausthür gehen und Mr. Caſtleton's Schritte im Vorhaus ſchallen. Sarah eilte hinunter und trug ihm mit Wärme die Sache vor, indem ſie anführte, daß eine bloße Unvorſichtig⸗ keit nur durch einen Verweis, aber nicht durch Schläge geſtraft werden ſollte. Aber ihr Vater runzelte die Stirn und rief:„Was! Weißt du, daß die Büſte mir dreitauſend Dollars ge⸗ koſtet? Es iſt unverantwortlich! Sollte, wer ſolchen Verluſt veranlaßt, nicht beſtraft werden?“ „Aber dreißig Hiebe! Und ein junges feingebau⸗ tes Mädchen, Vater! Es iſt eine Grauſamkeit!“ Mr. Caſtleton machte ein äußerſt finſteres Geſicht. „Vielleicht iſt's etwas zu viel. Zwanzig wären geng. Ich will mit Virginien ſprechen.“— Er wollte — 2⁵ die Treppe hinauf, blieb aber an der erſten Stufe ſtehen. „Du weißt, Sarah“, ſagte er,„ich miſche mich ungern in Virginiens Angelegenheiten; ſie iſt gar zu heftig! Das Ebenbild ihrer Mutter. Das Mädchen gehört ihr.— Ich will mit ihr ſprechen, wenn ſie ruhiger iſt.“ „Im Augenblick drang das Geſchrei des mishan⸗ delten Mädchens aus dem Erdgeſchoß herauf. Ein ſcharfer, ſpitzer Schrei nach dem andern erfolgte und Klotilden ſchien es, als hörte ſie den Schlag der Peitſche dazwiſchen. Ein Schauer überlief ſie. Auch Sarah erblaßte. Mr. Caſtleton's Geſicht ward noch finſterer. „Es wird der Trulle weiter nichts ſchaden“, ſagte er in barſchem Ton.„Die Büſte war fünf Mal ſo viel werth als ſie.“ Aber er ging doch hinunter ins Erdgeſchoß; man hörte darauf ſeine donnernde Stimme erſchallen, bald nachher aber Alles ſtill werden. „Sarah“, fragte Klotilde erſchüttert,„und einen ſolchen Zuſtand der Dinge, einen Zuſtand, der ſelbſt gute Menſchen zu ſolchen Vergehungen verführen kann, einen ſolchen Zuſtand kann Ihr gutes Herz billigen?“ „O Klotilde“, rief Sarah in Thränen ausbrechend, „gibt es nicht auch Väter, die ihre Gewalt misbrauchen? Gibt es nicht auch grauſame Mütter? Und wollen Sie die elterliche Autorität vernichten, weil ſie gemis⸗ braucht werden kann?“ 5 „Geben Sie nur den Sklavenherren wenigſtens die elterliche Liebe“, antwortete Klotilde. Allein ſie fühlte, daß es zum Argumentiren nicht der rechte Zeitpunkt war. Ihr Herz war ſchmerzlich bewegt; ſie ſehnte ſich fort aus dieſem Hauſe, aus dieſem Lande der Tyrannei, zurück nach ihrem lieben Deutſchland, wo wenigſtens dieſe Greuel nie hätten ihr Auge treffen können. Virginia kam den ganzen Tag über nicht zum Vorſchein. Als die Familie ſich zum Mittagseſſen verſammelte, war Sarah zwar noch etwas bewegt, ſonſt aber war von der ſtürmiſchen Morgenſcene keine Spur mehr zu ſehen und Klotilde konnte leicht wahr⸗ nehmen, daß ſie den übrigen Hausgenoſſen viel weni⸗ ger neu und unerhört erſchien, als ihr. Am folgenden Morgen, als Virginia auch nicht zum Frühſtück kam, entſchloß Klotilde ſich mit Widerwillen, ſie fragen zu laſſen, ob ſie ihre Stunde nehmen wolle. Die Antwort war,„Miß Caſtleton erſuche Miß Oſten, ſie auf ihrem Zimmer zu beſuchen.“ Virginia lag mit verhülltem Geſichte auf dem Sopha, als Klotilde — mit kalter, ernſter Miene in ihr Gemach trat. Sie ſetzte ſich ſtill an das Fenſter auf der andern Seite des Zimmers und wartete, ob Virginia ſprechen werde. Endlich fragte ſie ſie:„Wollen Sie nicht mit mir leſen, Virginia?“ Virginie fuhr auf; ihr ſchönes Geſicht ſchwamm in Thränen.„Klotilde“, rief ſie,„ich weiß, Sie ver⸗ achten, Sie haſſen mich! Auch er muß mich haſſen, muß mich verabſcheuen! O— wozu hat dieſe un⸗ glückliche Liebe mich gemacht!“ „Ich bedaure Sie, arme Virginia“ verſetzte Klo⸗ tilde mit weicher Stimme.„Die unglückliche Gewohn⸗ heit der Gewalt hat Ihr beſſeres Urtheil gefangen genommen. Sie ſind Ihrer eigenen edlern Natur untreu, wenn Sie ſich dieſer unglücklichen Leidenſchaft⸗ lichkeit überlaſſen!“ IJetzt öffnete ſich die Thür; Phyllis, das feuer⸗ rothe Zeug über den Arm hängend, trat mit freude⸗ ſtrahlenden Augen herein. Sie trug ein Kleid, das noch vor wenigen Tagen den Leib ihrer ſchönen Ge⸗ bieterin geziert und die eitle Miene, der kokette Gang und die ſchmeichelnden Dankſagungen, womit ſie ihre Gebieterin überhäufte, welche ihr das erſehnte Ge⸗ wand hatte auf das Bett legen laſſen, überzeugten ————— — Klotilden nur zu deutlich, daß Phyllis weit entfernt geweſen war, die Sache ſo hoch zu nehmen, als ſie und Sarah. Klotildens und Virginiens Blick trafen ſich. Letz⸗ terer ſchien zu ſagen:„Sie ſehen wenigſtens, daß ich meine Leute kenne und daß ich nach Allem nicht ſo ſchuldig bin, als ich ſcheine. Klotilde ſeufzte tief. Erſt jetzt ward es ihr vollſtändig klar, welcher unge⸗ heure Fluch der Menſchheit der Zuſtand der Skla⸗ verei iſt. Mishandlung des Körpers, Beeinträchtigung der freien Bewegung, Anhäufung der Arbeit— was iſt dies Alles gegen dieſe Entwürdigung des ſittlichen Gefühls, gegen dieſe Erniedrigung des Selbſtbewußt⸗ ſeins, welche das Unrecht, das ihm geſchieht, gar nicht einmal mehr empfindet! Sie hatte es oft von Alonzo als Argument für die Sklaverei der ſüdlichen Staaten ausſprechen hören, daß der Sklave ſich durchaus nicht unglücklich fühlt, daß er nicht einmal wünſcht frei zu ſein, und immer empfunden, daß dies Argument eigent⸗ lich das ſtärkſte ſei, das man gegen ſie anführen könne. Jetzt ergriff ſie die lebendige Beſtätigung mit tiefem Schmerz. Sie ſagte nichts, nahm ein Buch auf, Virginia fing an zu leſen und bald war Alles wie zuvor. — Zwölttes Capitel. Gährungen im Vulkan. Endlich war Mrs. Gardiner in ihre Heimat zurück⸗ gereiſt; Mr. Spooner's Beſuche mußten ſich darauf beſchränken, Sarah zu den verſchiedennamigen Kir⸗ chenverſammlungen der Woche, Gebetübungen, Vor⸗ leſungen, Monatsconcerten der Heiligen und wie ſie ſonſt alle heißen mögen, abzuholen und Abends zu Hauſe zu bringen. Selbſt Alonzo ſchien zu fühlen, er ſei lange genug der Gaſt ſeines Oheims geweſen; aber es war, als könne er nicht fort. Er war wie verzaubert. Vielleicht war es die angeborene Hart⸗ näckigkeit ſeines Weſens, die das ſchwer zu erreichende Ziel ihm reizender machte. Durch Ausdauer, durch Geduld, durch unausgeſetzte Huldigungen hoffte er endlich des ſchönen, leidenſchaftlichen Mädchens Herz zu gewinnen. Die glänzende Jahreszeit war herangekommen, Ball 264 folgte auf Ball; Virginia war faſt jeden Abend aus und Alonzo ihr ſteter Begleiter. Sarah ging nie, Mr. Caſtleton nicht gern mit; er hatte die junge Kö⸗ nigin aller Aſſembleen eigen unter ihres Vetters Schutz gegeben. Alonzo ward als ſeiner Couſine wahrſchein⸗ licher dereinſtiger Gemahl betrachtet; aber wäre dem auch nicht ſo geweſen, in einer Geſellſchaft, die, wie es in Amerika der Gebrauch iſt, meiſt von der Jugend gebildet wird, lag in dem ſelbſtſtändigen Auftreten ei⸗ ner jungen Dame von Virginiens Alter durchaus nichts Auffallendes. Die ſtrengſte Sittlichkeit und die geehrte Stellung des weiblichen Geſchlechts hat dieſer Geſell⸗ ſchaft, bei aller Gehaltloſigkeit und Leerheit, ein ge⸗ wiſſes, würdiges Gepräge aufgedrückt. Jede einge⸗ ladene Dame, wenn ihr kein Vater, Ehemann oder Bruder zur Seite ſteht, iſt ermächtigt, einen Begleiter als Schutz und gehorſamen Diener mitzubringen. Kein Vorrecht knüpft ſich an dieſe Stellung. Alonzo mußte ſeine ſchöne Couſine mit Andern ſcherzen, lachen, tanzen, ihm ſelbſt den Rücken wenden ſehen, während ſein Inneres brannte; aber ihr den Mantel um die ſchönen Schultern werfen, ſie in den Wagen heben und nächtlich mit ihr in der dunkeln Kutſche zu Hauſe fahren— das durfte kein Anderer, das war ſchon ein gewiſſes, wenn auch ſpärliches Glück. Es iſt wahr, meiſt warf ſie ſich, von der Anſtren⸗ gung, mit einem Herzen voll Sehnſucht und Qual, glänzend, witzig und heiter zu ſein, erſchöpft, mürriſch in die Wagenecke und ſeine Fragen:„Sind Sie müde, Couſine?“ oder„Iſt Ihnen nicht wohl?“ erhielten keine andere Antwort als eine unmuthige Bewegung. Hatte ſie jedoch ihn den Abend gar zu ſehr vernach⸗ läſſigt, beſonders aber hatte ſie mit einem Einzelnen aus dem Heere ihrer Anbeter gar zu ſchön gethan, und er ſelbſt ſaß ſchweigſam, in gereizter, finſterer Stimmung ihr zur Seite; dann pflegte ſie ſelbſt wol einzulenken, denn der Vetter, der ſtete Begleiter und Diener und ſo ganz Cavalier in Sitten und Den⸗ kungsart ließ ſich nicht gut entbehren. „Vetter“, rief ſie lachend,„Sie ſind der amüſanteſte Menſch, den ich je geſehen; ich könnte die Worte zählen, die Sie heute geſprochen“; oder ſie machte ihm gar Vorwürfe, daß er ſie in den Geſellſchaften immer Andern überlaſſe. Wenn aber Alles nichts half und er ſtumm und ſpröde blieb, rief ſie ſchelmiſch:„Wie langweilig im Dun⸗ keln ſo ganz allein nach Hauſe zu fahren! Ich glaubte, Alonzo ſei neben mir, aber ich ſehe und höre nichts. Ob ich wol etwas fühlen kann?“— und ſie fing an mit den kleinen Händen ihm Schultern und Geſicht zu betappen, bis er, ſie von ſeiner Gegenwart zu überzeugen, ihr ganz nahe rückte und, ermuthigt den Arm um ſie ſchlingend, der ſich lachend Sträubenden einen Kuß abrang. So ſüße, wenn auch ſparſame Nahrung echielt die Liebe in Alonzo's Buſen am Leben. Aber glück⸗ lich, das erkannte Klotilde deutlich, war der edle Jüngling nicht. Die heiße Glut lag mächtig unter der deckenden Aſche; es bedurfte vielleicht nur eines Hauches, ſie zu einer Flamme ausbrechen zu ſehen, die in ihrem unaufhaltſamen Umſichgreifen auch Andern verderblich werden mußte. Auch Mr. Caſtleton, dem von Natur ſchon alle Heiterkeit fehlte, war ſeit einiger Zeit finſter und ver⸗ ſtimmt. Er war in einen Abolitioniſtenkrieg verwickelt worden, der ihn erbitterte, obwol er nur mit der Feder in öffentlichen Blättern oder durch Reden in öffentlichen Verſammlungen geführt ward. Gern hätte Mr. Caſt⸗ leton auf Cavaliersweiſe mit der Hetzpeitſche oder mit einem Paar Piſtolen ſeine Sache geführt, wenn die Gegner nur zur Stelle geweſen wären. Aber die edle „heimatliche Inſtitution der Sklaverei“, auf der das wahre Gefühl der Cavaliersfreiheit ſeine feſteſte Grund⸗ lage hatte, aus der ſichern Ferne in Boſton und Neu⸗ hork mit Gift beſprützen zu ſehen, verſetzte ihn oft in eine Art von ſtiller Wuth. So war denn Sarah die Einzige in der Familie, die mit vollkommen heiterem Gleichmuth und gütig gegen Jeden ihren ſtillen Weg fortging. Weder die Misſtimmung des einſylbigen Vaters, noch die üble Laune der Schweſter, weder die raſtloſe Unruhe Alonzo's, noch der ſtille Gram Klotildens konnte ſtörend auf ſie einwirken. Eines Morgens kamen ſchon ganz früh mehre Herren zu Mr. Caſtleton. Es war ein Gehen und Kommen, ein heftiges Flüſtern im Vorſaal, als Klo⸗ tilde mit Sarah zum Frühſtück hinunterging und ſie am Fuß der Haupttreppe den Hausherrn von mehren Fremden umringt ſtehen ſahen. Er ließ lange auf ſich warten. Endlich kam er, äußerſt gereizt und ſo bewegt, wie Klotilde den ernſten, trockenen Mann noch niemals geſehen. Sobald er leidlich entbehrt werden konnte, ſchickte er den aufwartenden Bedienten fort.„Denke dir nur, Alonzo“, ſagte er,„es ſind heut' Nacht wie⸗ der aus drei oder vier uns befreundeten Familien gegen zwanzig Leute fort. Mr. Preſton's Kutſcher mit Frau und Kindern fehlt; bei den beiden Familien Dunning ſind fünf oder ſechs davongelaufen und Mrs. Benton vermißt eine capitale Köchin, eine ge⸗ ſchickte Paſtetenbäckerin, für die ihr noch vor ein paar Tagen zweitauſend Dollars geboten worden, die ſie aber nicht unter zweitauſendfünfhundert weggeben wollte. Nun wünſcht ſie freilich, ſie hätte ſie dafür losge⸗ ſchlagen.“ „Das muß von dem ſchurkiſchen Abolitionsherold, dem Atkinſon herrühren“, bemerkte Alonzo.„Sagt' ich Ihnen nicht neulich, Onkel, daß ich gehört, er ſei unter falſchem Namen hier in der Stadt?“ „Es iſt nur zu gewiß“, erwiderte der ältere Caſt⸗ leton,„daß er damit zuſammenhängt und das ganze Pack. Couſine Cutter hat neulich bei ihren Kindern eine Menge kleiner Bücher gefunden,„The Slave's Friend“ betitelt, eine Production, ſo zwerghaft an Geiſt wie an Geſtalt. Sie ſagen, ein Mann habe ihnen den Schund auf der Straße gegeben, als ſie aus der Schule kamen.“ „Findet man nicht wieder dieſe ſchändlichen Brand⸗ ſtiftungsblätter, wo man ſteht und geht?“ verſetzte Alonzo.„Mitten unter den Theater⸗ und Concert⸗ annoncen ſah ich neulich einen ſolchen Brandbrief angeſchlagen; kein Menſch wollte wiſſen, wo er het⸗ gekommen.“ „Was war es?“ fragte Virginia. „Wie gewöhnlich, Anklagen der weißen Herren, die nicht all' ihr Eigenthum opfern und ſich an den Bettelſtab bringen wollen, blos weil es Atkinſon und Conſorten für gut finden. Eine lamentable Geſchichte obendrein, wie Moſes Patton, der berüchtigte Aboli⸗ tioniſt in Boſton, beim Frühſtück ſitzt und einen Brief erhält, der aus Alabama kommt und für den er drei⸗ faches Porto bezahlen muß; und wie er ſich mit Wun⸗ der was für Geſchenken ſchmeichelt und Frau und Kinder rathen läßt und— ein abgeſchnittenes Neger⸗ ohr darin findet. Und dergleichen Zeug mehr.“ Die Frauenzimmer ſchauderten; aber Mr. Caſtleton lachte laut auf.„Ein abgeſchmackter Spaß des Corre⸗ ſpondenten; aber dem Einmiſchling, dem Mordbrenner ſchon recht. Er hat ſich das Frühſtück ſelbſt einge⸗ brockt. Es kann ihm nicht ſchaden, daß ihm einmal der Appetit verdorben worden!“ „Und wie hinterliſtig dies Antiſklaverei⸗Geſindel verfährt“, fuhr Alonzo fort.„Neulich ſchickt mir mein Schneider neue Kleider; jedes Stück ſorgfältig in Papier eingeſchlagen. Das fällt mir auf. Ich ſehe die Blätter näher an; richtig, es waren die neueſten Bo⸗ gen des Schandblattes, des Liberator. Der Menſch behauptet, die Zeitung nicht angeſehen zu habenz; ſie ſei ihm unter andern Blättern von Boſton zugeſchickt. Er iſt von dort. Nun, er hat zum letzten Mal für mich gearbeitet.“ „Seine Frau iſt ein Mitglied von Doctor Miller's Kirche“, ſagte Sarah.„Aber allerdings ſcheint ſie gefährliche Verwandtſchaft zu haben. Ihr Mädchen⸗ name iſt Atkinſon. Sie iſt ſonſt eine fromme Chriſtin.“ „Ein ſchönes Chriſtenthum“, ſagte Mr. Caſtleton höhniſch,„wenn es ſie nicht abhält, andern Leuten ihr Eigenthum rauben zu wollen.“ „Hat nicht ein beſonderer Vorfall Veranlaſſung zu der Flucht der Sklaven gegeben?“ fragte Virginia. „Nichts von der mindeſten Bedeutung“, erwiderte ihr Vater.„Es ſcheint ſchon ſeit einiger Zeit et⸗ was von einem Complott dageweſen zu ſein. Mrs. Dunning hat neulich zwei Weiber nach Alabamg ver⸗ kauft, die durchaus nicht fortgewollt haben, weil die Dunnings den Mann der einen, der ſeit Jahren ihr Kutſcher iſt, nicht auch haben entbehren können. Die andere hat einen Haufen Kinder hier laſſen müſſen und hat überdies noch eine Art von Liebſchaft gehabt. Da iſt's nun neulich ein gewaltiges Geheul und Ge⸗ ſchrei bei Dunnings geweſen, daß die ganze Nachbar⸗ ſchaft zuſammengelaufen iſt.“ „Es iſt unverantwortlich, Papa“, ſagte Sarah, „Familien auf dieſe Weiſe zu trennen.“ „Ich bitte dich, Sarah“, erwiderte ihr Vater mit einiger Strenge;„was ſollte Mrs. Dunning thun? Der älteſte Junge iſt in Cambridge; ſchon ſeit ſeinem ſech⸗ zehnten Jahre ſpielt er wie ein alter Bankhalter in Spaa. Es macht der armen würdigen Mutter Kummer genug. Er reiſt neulich in den Ferien nach Saratoga und verſpielt fünftanſend Dollars auf einem Fleck und hat keinen Heller zu zahlen; da ergreift ihn die Angſt, er möchte vom Collegium fortgeſchickt werden, wenn es herauskäme, und ſchreibt ſeiner Mutter und fleht ſie an, ſie möchte ihm die fünftauſend Dollars ſchik⸗ ken; wenn nicht, ſo ſchöſſe er ſich eine Kugel vor 3 den Kopf. Der Junge iſt ungeheuer ehrgeizig. Die 3 arme Mutter erſchrickt, und da es ihr gerade an baarem Gelde fehlt und eben ein Agent aus Alabama§ hier iſt, verkauft ſie ihr eigenes Kammermädchen, ein höchſt geſchicktes Weibsbild, die friſiren konnte und Hüte machen und für die ſie auch glücklich zweitauſend Dollars eingeſtrichen. Es war kein kleines Opfer. 3 Die Andere taugte nicht viel; ſie war froh, ſie los zu werden. Auch den ſchönen Spiegel, den ſie eben für das hintere Beſuchzimmer ſich angeſchafft, hat die arme Frau verkaufen müſſen, um den Jungen zu be⸗ friedigen; die andern prächtigen Möbeln, die ſie eben von Neuyork hat kommen laſſen, hat ſie zum Glück gerettet. Nach ſolchem Verluſt ſind vier Ausreißer kein Spaß. 5 — S Klotilde traute ſich nicht, während Herrn Caſtleton's Erzählung Sarah anzublicken, deren junges Geſicht eine heilige Glut überflog. „Möge Mrs. Dunning die große Langmuth un⸗ ſeres Herrn erkennen, Papa“, ſagte dieſe mit ernſtem Ton,„daß er ſie durch den Verluſt ihres Eigenthums für den Leichtſinn, mit dem ſie das ihr anvertraute Gut verwaltet, ſo unendlich milde ſtraft. Ich fürchte, ſeine Gerechtigkeit wird ihr in ihrem verwahrloſten Sohn, dem ſie ſchon als Kind das ſündliche Spielzeug der Karten in die Hände gab, eine härtere Strafe bereiten!“ Ihr Vater runzelte die Stirn. Er wollte verdrieß⸗ lich antworten, als Virginia ihm das Wort abſchnitt, indem ſie etwas ſpöttiſch fragte: „Und was werden nun die beraubten Familien thun, um ihr Eigenthum wiederzuerhalten? Sind ſie auf der Spur?“ „Allerdings; der Bahnhof iſt mit Conſtablern be⸗ ſetzt und alle Schiffe im Hafen werden eben unterſucht. Auch hoffen wir, den Schurken, den Atkinſon in ſeiner Verkleidung zu erkennen. Er hat auch ſeit kurzem einen Gehülfen hier, einen deutſchen Abenteurer, in deſſen Philoſophie voll Nebel und Dünſte der Schrecken der Sklaverei nicht paſſen will. Der verſammelt die hieſigen Deutſchen Abend für Abend und hält lange, dunkle Reden von Menſchenrechten und der wahren Freiheit und Gleichheit und, daß ſie dem deutſchen Namen den Ruhm erwerben ſollen, die Feſſeln der geknechteten ſchwarzen Brüder zuerſt abzuſtreifen, und was des Unſinns mehr iſt. Eine wahre Fanfaronnade! Aus einem Lande zu kommen, wo ſie dreißig bis vier⸗ zig Tyrannen haben und hier im demokratiſchen Ame⸗ rika Freiheit zu predigen! Sonſt ſoll der Menſch gut ſprechen und darum iſt er deſto gefährlicher. Aber wir wollen ihm das Handwerk ſchon legen.“ Virginia horchte auf.„Wie heißt denn dieſer deutſche Freiheitsprediger, Papa?“ fragte ſie herzklopfend. „Ich habe den Namen vergeſſen. Es iſt einer von euren ausländiſchen, unausſprechbaren Namen. Entſchuldigen Sie, Miß Oſten! Aber es gibt Tauge⸗ nichtſe unter allen Nationen. George Calhoun hat ihn geſtern auf der Auction geſehen, wie er da geſtan⸗ den hat, mit zuſammengebiſſenen Lippen und die Au⸗ gen um ſich werfend, wie Dolche. George hat in Heidelberg oder ſonſt darum wo ſtudirt und ſpricht deutſch wie ein Deutſcher. Er hat ganz deutlich gehört, wie er gegen einen andern Deutſchen auf die aller⸗ frechſte Abolitioniſtenmanier gegen unſere Inſtitutionen losgezogen iſt.“ Die Auswanderer. I. 18 „Ich wollte, Onkel“, verſetzte Alonzo finſter, indem er Klotildens Blicke vermied,„dieſe Auctionen könnten aufhören; es iſt eine höchſt unwürdige Weiſe, ſich ſei⸗ nes Eigenthumes zu entledigen.“ „Das iſt ein ſpaniſches Vorurtheil“, erwiderte Ri⸗ chard Caſtleton etwas gereizt.„Du kannſt dich übri⸗ gens darauf verlaſſen, daß nie ein recht brauchbarer Neger auf dieſe Weiſe losgeſchlagen wird; es müßte denn wegen der Theilung einer Erbſchaft durchaus nöthig ſein. Sonſt ſind's meiſtens nur untaugliche Leute, die auf den Markt gebracht werden. Geſchickte verkaufen ſich beſſer aus der Hand. Außerdem geht die Sache wahrhaftig die Fremden nichts an. Es iſt vollkommen abſurd, dieſe Königsknechte ſoviel von Freiheit und Gleichheit und Menſchenrechten ſchwatzen zu hören! Was die Begriffe über Freiheit anbelangt, ſo müſſen die Europäer bei uns in die Schule gehen, wenn wir vielleicht auch ſonſt noch dies und jenes von ihnen lernen fönnen.“ „Wo hält denn der Deutſche ſeine Verſammlungen, Papa?“ fragte Virginia gezwungen gleichgültig. „In dem neuen Saal, den ſie ſich kürzlich erbaut haben, wo ſie des Abends zuſammenkommen und rauchen. Sie haben ihn Hermannhall genannt, nach einem ihrer berühmten Generale im dreißigjäh⸗ rigen Kriege— oder“— als ein leiſes Lächeln um Klotildens Mund zuckte—„war es im ſiebenjährigen, Miß Oſten? Sie ſehen, ich bin nicht gar zu feſt in der Geſchichte; beſonders in der neuern. In der alten Geſchichte, hauptſächlich in der römiſchen, hab' ich in der Schule immer für einen Kenner gegolten.“ „Hieß der Mann nicht Becker, Papa?“ fragte Virginia, indem ſie ihre Serviette aufhob, die ihr vom Schooſe geglitten.„Mich dünkt, ich habe einmal von einem Abolitioniſtenprediger Becker gehört.“ „Ja, ja, ſo ähnlich; nicht Becker, Beckhof, Berg⸗ hof oder ſo ähnlich. Aber wir wollen den ſfaubern Patron ſchon fangen. Bis jetzt hat er nichts Eigent⸗ liches gethan, was ungeſetzlich wäre, daß man ihn hätte feſtnehmen können, aber er iſt auf gutem Wege.“ „Mr. Caſtleton“, ſagte Klotilde gelaſſen,„wenn mein Landsmann nichts wider das Geſetz gethan, wenn er ſeine deutſchen Brüder blos auffodert, ihre Sklaven frei zu geben, nicht die Sklaven, ſich ge⸗ waltſam loszureißen— wofür wünſchen Sie ihn zu ſtrafen?“ „Wofür, Miß Oſten? Für ſeine mörderiſchen Abſichten. Erlauben Sie mir die Frage“, fuhr er fort, indem er ſich im Sprechen merklich erbitterte, 18* 276 „wenn Sie einen Mann um Ihr Haus herumſchlei⸗ chen ſehen mit Schwefelhölzern und Spänen in der einen Hand und einem Fäßchen Pulver in der andern, und Sie ſehen ihn dieſe unſchuldigen Spielſachen un⸗ ter die Kinder vertheilen, die in der Straße vor Ihrem Fenſter ſpielen, und hören ihn ſagen: Wie hell würde es auf einmal werden, wenn ihr das Haus in Brand ſetztet, und wie ſchön warm!— würden Sie es für ganz vernünftig halten, zu warten, bis die Kinder das Erperiment verſuchten?— Entſchuldigen Sie mich, theure Miß Oſten, allen Reſpect vor Ihrer Gelehrſamkeit, vor Ihrem großen Verſtande, aber über dieſe Frage können Ausländer ein für allemal nicht urtheilen, nicht einmal Amerikaner des Nordens kön⸗ nen es, wir Südländer allein können es; denn es iſt unſre Angelegenheit und uns allein geht ſie an. Kein anderer Menſch hat das Recht mitzuſprechen.“ Hier rückte Sarah den Stuhl. Kaum daß ſie je ihren Vater ſo gereizt geſehen hatte. Alles erhob ſich und ging hinauf. Nach wenigen Augenblicken hörte Klotilde, die am Fenſter ſtand, die Hausthür leiſe gehen. Sie blickte hinaus und ſah eine ſchlanke Geſtalt in ihrem eigenen Hut und Mantel, den ſchwarzen Schleier vor dem Geſicht, aus dem Hauſe ſchlüpfen und raſch die Straße hinuntergehen. Sie konnte leicht errathen, daß es Virginia ſei, die ausgehe, Kundſchaft einzu⸗ ziehen, und nicht erkannt ſein wollte. Auch ihr Ge⸗ müth war ſehr bewegt.„O möchten die unglücklichen Sklaven ſicher entkommen!“ ſeufzte ſie,„und möchte der arme Bergedorf— wenn er es iſt— die Gefahr ſeiner Miſſion erkennen! Er ſcheint ein edler Mann zu ſein. Seine Beſcheidenheit, ſeine Enthaltſamkeit bei Virginiens feurigem Weſen! Gewiß ich muß über das arme Herz wachen! Ich muß durch Warnung ihr zeigen, daß ich ihre Freundin bin.“ Nach weniger als einer Stunde kehrte Virginia zurück. Sie ward als Miß Oſten von dem Bedienten eingelaſſen und ſchlüpfte als ſolche in die Bibliothek, wo ſie Hut und Mantel abwarf. Dann ging ſie in ihr Zimmer und ſchickte Phyllis nach Klotilden. Als Klotilde eintrat, gab Virginia Phyllis eben ein Kleid mit dem Auftrag, es ſogleich für ſie in der Küche aufzuplätten. Sie verriegelte hinter dem Mäd⸗ ſchen die Thür und ſah, ob auch die ihres Cabinets verſchloſſen war. Dann warf ſie ſich der Freundin an den Hals. Ihre ſchönen Augen funkelten, ihre Wangen glühten. „Er iſt es!“ flüſterte ſie;„es iſt Bergedorf, er, deſſen Bild ewig in mir lebt.“ „Haben Sie ihn geſehen?“ —————— „Nicht geſehen; aber ich habe den Wirth von Hermannhall geſprochen. Name, Perſon, Alter, Alles trifft zu. Ich gab mich für die Witwe eines ſeiner früher hier lebenden Verwanbten aus, die Nachricht von ihm zu haben wünſchte. Ich hatte den Schleier vor dem Geſicht.“ „Warnen Sie ihn, liebe Virginia! Er ſcheint auf gefährlichem Wege. Aber hüten Sie ſich ja vor jedem nähern Umgang mit ihm. Sie würden Ihren Vater unendlich dadurch reizen!“ „So wollen Sie, Klotilde, daß ich darum unge⸗ recht ſein ſoll, weil mein Vater es iſt?“ fragte ſie mit blitzenden Augen. „Ich verlange keine Ungerechtigkeit von Ihnen. Aber ich bitte Sie, um Ihrer ſelbſt willen, hängen Sie dieſer Schwärmerei, deren Unſtatthaftigkeit Berge⸗ dorf ſelbſt zu fühlen ſcheint, nicht mit ſolchem Eigen⸗ ſinn nach. Denn warum hielt er ſich ſonſt von Ihnen zurück? Er muß ſeit längerer Zeit hier ſein und hat Ihnen noch kein Zeichen ſeiner Nähe gegeben.“ Ein ſtechender Schmerz zuckte um Virginiens ſchö⸗ nen Mund.„Meinen Sie“ ſagte ſie langſam,„daß ich das als ein Zeichen anſehen ſoll, daß er— mich nicht liebt?“ „Können Sie ſich nicht denken, daß er Ihre 279 Schönheit bewundert, Ihren Werth fühlt, durch Ihre Liebenswürdigkeit, Ihr reiches, volles Herz ſich lebhaft angezogen fühlt, zugleich aber die Unwürdigkeit eines Fremdlings fühlt, der ſich in das Haus eines reichen Mannes ſchleicht und hinter ſeinem Rücken ſich ſeines beſten Schatzes bemächtigt? Wenn ich mich nicht ganz irre, ſo iſt dies Bergedorf's Herzenslage; und ſie ſpricht für ſeinen Werth.“ „Und ſoll ich— ich muß meine Frage mit gerin⸗ ger Variation wiederholen— ſoll ich darum unedel ſein, weil er edel iſt? O Klotilde, Sie ſprechen gegen Ihr eigene, beſſere Ueberzeugung! Sie, die Sie den Reichthum verachten, ſprechen von meinem Reichthum, von ſeiner Armuth! Aber ſein Sie ruhig; ich habe ihn noch nicht geſprochen, noch nicht einmal geſehen. Ja, ſelbſt ſeine Wohnung habe ich nicht erfahren tönnen. Der Wirth wußte nichts davon; ein phleg⸗ matiſcher, dickköpfiger Deutſcher, der die Pfeife nicht ausgehen ließ, während ich mit ihm ſprach und er mich mit den großen blauen Augen anglotzte. Wie haſſ' ich dies apathiſche Geſchlecht!“ „Es muß ein Weſtphale oder ein Pommer ſein“, der Klotilde lächeld.„Und konnte er Ihnen ſonſt etwas über Bergedorf ſagen“ „Nichts als daß er heute Abend wieder dort ſein 6 x——— Zt wird. Es iſt eine Verſammlung angeſetzt. Ich will an ihn ſchreiben. Ich will ihn warnen. Auch Sie können dagegen nichts ſagen.“ „Gewiß nicht, Virginia, wenn Sie im Namen der Menſchlichkeit handeln. Bergedorf iſt fremd hier; vielleicht kennt er das fürchterliche Geſetz Ihres Staa⸗ tes nicht, das Jeden, der den Sklaven von Freiheit ſpricht, zum Zuchthaus verdammt. Aber laſſen Sie es auch ein bloßer Warnungsbrief ſein.“ „Mein Einfluß ſoll ihn nicht hindern, recht zu thun“, erwiderte Virginia mit einigem Stolz;„aber ich will ihm empfehlen, vorſichtig zu ſein und ihn mit dem Geſetz bekannt machen. Warum hat er ſich doch mit dieſem Atkinſon eingelaſſen, der mit ſchonungsloſer Frechheit durch ſein unaufhörliches Aufruhrgeſchrei un⸗ ſere beſtgeſinnten Männer erbittert!“ Sie ſetzte ſich darauf zum Schreiben nieder, und wer ſie beobachtete, wie ſie mit raſchen, flüchtigen Zügen, ohne aufzuſehen, die Wangen bis zur Glut geröthet, mehr als einen halben Briefbogen füllte, konnte wol ſehen, daß ihre ganze Seele bei dem Ge⸗ ſchäft war, Sie ſiegelte und überſchrieb: Mr. Berge⸗ dorf, Herrmannhall. „Und nun“, rief ſie aufſtehend und Klotilden lie⸗ bevoll anblickend,„darf ich auf Ihre Freundſchaft rechnen? Wollen Sie für einen Landsmann etwas thun? Ich fürchte, der Mann war nahe daran, mich zu erkennen. Er wird irre werden, wenn Sie den Brief bringen, die Sie ſo ganz von meiner Größe und Geſtalt ſind und doch nicht dieſelbe. Auch geht mir Alonzo überall zur Seite. Einem Andern aber als Ihnen möcht' ich den Brief nicht anvertrauen.“ Klotilde zögerte.„So geben Sie“, ſagte ſie end⸗ lich.„Ich geſtehe, ich miſche mich ungern in dieſe Sache. Mich dünkt, für die Gaftfreundlichkeit, mit der mich Ihr Vater in ſein Haus aufgenommen, bin ich ihm vollkommene Offenheit ſchuldig. Zwar werd' ich den Schritt nicht verleugnen, aber ich thue ihn doch hinter ſeinem Rücken und mit dem Wunſche, daß er ihn nicht erfahren möge, und das iſt ſchon eine Art von Hintergehen. Nur das Eine laſſen Sie mich noch ſagen“, ſetzte ſie mit Nachdruck, aber Vir⸗ giniens Hand liebevoll ergreifend hinzu:„Wenn es ein Liebesbrief wäre, würden mich alle Ihre Bitten nicht beſtimmen ihn zu tragen.“ „Es iſt kein Liebesbrief“, erwiderte Virginia mit ſtolzer Empfindlichkeit die Hand ihr entziehend.„Klo⸗ ulde, was laſen Sie doch einmal für eine Stelle in Goethe's Taſſo mit mir, die ich mir abſchrieb, weil ſie mir ſo wahr ſchien:(Von allen Tyranneien ſcheint . — mir die der Freundſchaft die unerträglichſte. Du denkſt nur anders und du glaubſt darum ſchon recht zu denfen».“ Klotilde griff gelaſſen nach Mantel und Hut, in⸗ nerlich den Vorſatz erneuernd, nicht die Vertraute in einem Verſtändniß ſein zu wollen, das ſie misbilligte und in dem von Virginiens heftiger und trotziger Natur Alles zu fürchten war. Hermannhall war an dem entgegengeſetzten Ende der Stadt; noch hatte ſie es nicht zur Hälfte erreicht, als ihr Alonzo begegnete, der höchſt verwundert war, ſie auf der Straße zu finden, da ſie faſt nie ausging. Er bot ihr ſeine Begleitung an und, ihre Erlaubniß ſtillſchweigend vorausſetzend, kehrte er mit ihr um. Sie fühlte ſich verwirrt. Hätte ſie ſelbſt den Brief geſchrieben, der ihren Landsmann warnen ſollte, ſo würde ſie nicht angeſtanden haben, es Alonzo zu ent⸗ decken, den ſie als edelmüthig kannte. Virginien durfte ſie nicht bloßſtellen. Sie trat alſo, von Alonzo beglei⸗ tet, in den erſten beſten Laden und fragte nach ſchwar⸗ zen Handſchuhen. Alonzo belehrte ſie, daß ſie dieſe viel näher an ihrem Hauſe hätte bekommen können. Es blieb ihr nichts übrig, als geradesweges mit ihm zu Hauſe zu gehen. Virginia ſah ſie beſtürzt ſo bald zurückkommen.„Der unſelige Menſch!“ rief ſie, als 283 Klotilde ihr die Sache erklärte;„er iſt mir in Allem im Wege.“ Sie war bei Tiſche unfreundlicher als je gegen Alonzo; Mr. Caſtleton auch war einſylbiger als je. Ueberhaupt waren die Mittags⸗Mahlzeiten in dieſem Hauſe unbeſchreiblich langweilig; ſelten nur, daß das Tiſchgeſpräch ſich über gewiſſe allgemeine Höflichkeiten, oder gegenſeitige Anerbietungen der Speiſen erſtreckte; als: Iſt dir etwas Huhn gefällig, Virginia? Miß Oſten, wollen Sie mir die Ehre erzeigen, ein Glas Wein mit mir zu trinken?— oder: Darf ich Ihnen von dieſen Erbſen vorlegen, Papa? Ich werde Ihnen für die Butter danken, Alonzo; u. ſ. w. Oder es wur⸗ den Bemerkungen über das Wetter gemacht: Es fühlt ſich, als würde es regnen. Scheint es dir nicht, als ob der Winter dies Jahr ſehr früh eintrete, Sarah? In Boſton iſt vorige Woche das Thermometer zehn un⸗ ter Null geweſen, Papa; u. ſ. w. Dies waren die gewöhnlichen Unterhaltungen beim Mittagsmahl von vier Perſonen, von denen keine ohne Geiſt war, denen aber, mit Ausnahme von Virginien, gänzlich das, unter den amerikaniſchen Männern na⸗ mentlich, ſo ſeltene Converſationstalent fehlte. Am Frühſtückstiſch, wo die Morgenzeitungen ganz friſchen Stoff gaben, war das Geſpräch etwas weniges be⸗ ——— lebter. Da gab es Feuersbrünſte, Diebſtähle, Schiff⸗ brüche zu beſprechen. Beſonders aber war die Zeit der Congreßſitzungen ergiebig. Heute, wo Jedem das Herz ſo ſchwer war, fielen ſelbſt die Wetterbemerkungen weg. Auch Sarah war ſorgenvoll, denn ſie hatte ihrer Schweſter Aufregung dieſen Morgen bemerkt. Nach Tiſche, als ſchon die Dämmerung nahe war, ſchlich Klotilde ſich noch einmal fort und erreichte glücklich Hermannhall, wo ſie den Brief einem deut⸗ ſchen Aufwärter gab, mit der dringenden Empfehlung, ihn Herrn Bergedorf ſogleich zu geben. Sie trat darauf mit raſchen Schritten den Rückweg an. Kaum war ſie einige Minuten lang gegangen, als ſie einen Zug Leute die Straße heraufkommen ſah und bald Alles um ſie herum ſich mit Lärm und Menſchen füllte. Jauchzen, Schreien, Heulen ſchallte durch die Straße. Der Zug bewegte ſich vom Hafen her. Es waren die unglücklichen Sklaven, die man im Raume einer Schaluppe von Neu⸗Bedford in Neu⸗England, die bereits clarirt hatte, verborgen gefunden, und nun, die Weiber mit auf den Rücken gebundenen Händen, die Männer mit Eiſen an Händen und Füßen zurück nach der Stadt brachte. Schmerz und Wuth ſaß auf dem Geſichte einiger; andere ſchluchzten und jammerten; 285 —½ wieder andere ſahen ſtumpf vor ſich hin. Das Froh⸗ locken der rohen Straßenjugend begleitete ſie, mit Mühe konnte die Polizei ſie abwehren, ſo anmaßend 3 geberdeten ſich die jungen Burſchen im Vollgefühl ihrer Wichtigkeit als Erben der Volksſouverainetät. Auch von den Aelteren ſahen viele ſchadenfroh aus, die mei⸗ ſten gleichgültig, einige wenige blickten die Unglücklichen mitleidig an. Klotilde war, dem Gedränge aus dem Wege zu gehen, in die Thür eines Ladens getreten, der um einige Stufen über die Straße erhöht war. Die Laden⸗ frau und ihre Gehülfin ſtanden neugierig vor der Thür. „Das iſt Mrs. Benton's Köchin“ ſagte die Erſtere, „die mit dem rothen Turban, die ſo weint und ſchluchzt. Es iſt das undankbarſte Geſchöpf von der Welt; ſie hatte gute Tage und kriegte Geſchenke über Geſchenke. Aber der Geldgeiz iſt in das Volk gefahren; da hat ſie von dem hohen Lohn in Neuyork gehört und dar⸗ über vergißt ſie alle Treue und Pflichten.“ „Sehen Sie, wie gleichgültig und trotzig die da an der Seite ausſieht“, erwiderte das Ladenmädchen, ein hübſches, überputztes Ding, das die großen, verlan⸗ genden Augen bald die Straße hinauf, bald hinunter ſchickt, irgend einen Bekannten zu erſpähen.„Dieſe Leute haben doch ein ganz ſtumpfes Gefühl!“ —— 286 „Und lieber Himmel, die Kinder! Sieh die klei⸗ nen Picaninnis! Vier Kinder mitzuſchleppen! Hat 4 je Einer ſo etwas geſehen! Vier Kinder zu ernähren iſt voch auch keine Kleinigkeit! Aber das bedenkt das dumme Volk nicht. Wenn nur ihr Herr den Verluſt hat, dann ſind ſie ſchon zufrieden!“ Klotilde ſah die rührende Gruppe mit tiefem Er⸗ barmen. Vier ſchwarze kleine, halbnackte Geſchöpfe von drei bis acht Jahren gingen, ſich an Schütze und Rock haängend, der gebundenen Mutter zur Seite, einer edlen Figur mit melancholiſchen Augen, die in ſtiller Verzweiflung daherſchritt, ohne zu wa⸗ gen, einen Blick auf die armen Kleinen zu werfen, die ſie umſonſt geſucht hatte in die Freiheit zu führen. Indem kam ein wohlgekleideter junger Mann aus dem Gewühl die Stufen herauf. Er hatte beide 3 Daumen in die Armlöcher ſeiner Weſte geſteckt und j8. grüßte, ohne den Hut anzurühren. „Guten Abend, Miß Blagden. Wie befinden Sie ſich, Mrs. Coock?“ „Sehr wohl! Wie befinden Sie ſich, Mr. Taylor? Sind Sie mit im Hafen geweſen?“ „Ja wol, es hat Lärm genug gegeben. Es war ein Hauptſpaß! Es ſcheint, die ſchwarzen Wolken woll⸗ ren, lieber ins Waſſer zu ſpringen, als ſich fangen 237 ten den Himmel meiner Heimat überziehen; aber es war nichts für diesmal.“ „Wirklich, wurden ſie auf einem boſtoner Schiffe gefunden?“ fragte Miß Blagden. „Nicht eigentlich. Sie ſtaken im Kohlenraum einer neubedforder Schaluppe. Sie kommt von Phi⸗ ladelphia und hat ſchon vor ein paar Monaten hier ausgeladen. Ein ſchmutziger Verſteck, Miß Blagden; zum Glück waren ſie nicht ſo weiß wie Sie, und konnten nicht ſchwärzer werden, als ſie ſchon find.“ Beide Frauenzimmer belachten den Witz. Der Boſtoner fuhr fort:„Dort der Königin von Saba mit dem bunten Turban war das Aſyl nicht gentil genng geweſen, ſie ſtak in einem durchlöcherten Brannt⸗ weinfaſe; einer der Helfershelfer hatte ſeine Buffjacke derüber geworfen. Aber Conſtabler Hicks roch den Waten. Er ſtieß den Deckel von der Büchſe; Sie rögen ſich vorſtellen, was da für ein Parfum her⸗ zuskam!“ Miß Blagden fand den jungen Ladendiener zu witzig und kam nicht aus dem Laächen. Aber Mrs. Coock fragte wieder: „Und haben ſie Alle gekriegt?“ „Alle bis auf vier oder fünf, die ſo unſinnig wa⸗ 288 zu laſſen. Ein Paar wurden glücklich aufgefiſcht, die Andern ertranken. Ich wollte nur, ſie hätten auch den Spitzbuben, den Atkinſon, denn der hat doch ſicher wieder die Hände im Spiel. Der Schiffsmeiſter iſt arretirt und der Schiffsgehülfe iſt auch feſtgenommen. Er iſt ein Deutſcher. Die werden's ausbaden müſſen.“ „Wenn der Schiffsmeiſter ein Yankee iſt“, ver⸗ ſetzte Mrs. Cvock,„ſo wird er ſich ſchon herausreden. Aber es wär' ihnen ſchon recht, wenn ihnen das Hand⸗ werk gelegt würde. Ich wollte, ſie ſtatuirten einmal ein Erempel. Die Frechheit der nördlichen Staaten geht gar zu weit. Was gehen ſie unſere Angelegen⸗ heiten an? Dafür können ſie uns ſelber ſorgen laſſen. Unſer Jupiter iſt ein treuer Kerl und Luch ſcheint die Kinder wirklich recht lieb zu haben, aber mein Mann ſagt immer, ſeitdem dies Abolitionsgeſindel ſein Eift überall herumſprützt, iſt keiner ſeines Eigenthums mehr ſicher.“ Das Menſchengewühl hatte ſich verlaufen, un Klotilde von Dem, was ſie geſehen und gehört, tief be⸗ trübt und verletzt, eilte nach Hauſe. Beim Thee war Mr. Caſtleton ungewöhnlich heiter; er hatte mit Alonzo die Sache des Einfangens der Sklaven ſchon früher beſprochen; und da die Damen den Gegenſtand eher vermieden als ſuchten, ſo wäre vielleicht nicht wieder 3 289 die Rede davon geweſen, wenn nicht jeder Beſuchende, der vorkam, ſowol dieſen Abend, als die folgenden Tage von der Angelegenheit geſprochen hätte, die alle Zeitungen füllte, nämlich von den Reſultaten des Eramens der eingefangenen Flüchtlinge und dem Proceſſe des Schiffscapitains und ſeines Gehülfen. Unterdeſſen brachte Virginia ihre Zeit in einer fieberhaften Aufregung zu; ihre Augen leuchteten von einem übernatürlichen Glanze, ſie berührte die Speiſen kaum, wenn ſie ſich zur Mahlzeit ſetzte, eine gewiſſe Zerſtreuung machte ſie im Geſpräch während der Morgenbeſuche ihrer Anbeter einſylbig und verwirrt. Gegen Phhllis war ſie ungewöhnlich gütig; das Mädchen prangte in Sammet und Seide, und man ſah ihren eiteln Blicken an, daß ſie ſich viel wußte, von ihrer Gebieterin ſo begünſtigt zu werden. Klotilde erfuhr nicht, ob Virginia auf ihren Brief je eine Antwort erhalten. Sie hatte eine entſchiedene Misbilligung ihrer Liebe ausgeſprochen und Virginia war zu ſtolz, um ihr ihr Vertrauen aufzuzwingen, oder ihren Rath annehmen zu wollen. Am Morgen, nach⸗ dem ſie den Brief geſchrieben, ging Virginia wieder allein aus, was ganz gegen ihre Gewohnheit war. Dies wiederholte ſie die beiden folgenden Tage. Die beiden Caſtletons pflegten um dieſe Stunde regel⸗ Die Auswanderer. I. 19 mäßig auf die Gerichtsſitzung zu gehen, um den Un⸗ terſuchungen beizuwohnen. Sarah, der ihrer Schwe⸗ ſter leidenſchaftliche Bewegung und ihr ſeltſames Be⸗ tragen nicht entgangen ſein würden, hatte um dieſe Zeit gerade einigen fortgeſetzten Gebetverſammlungen beizuwohnen, die ihre Kirche für ihre Mitglieder als außerordentliche Gnadenmittel alljährlich anzuſetzen pflegte; ſie waren mit verdoppelten häuslichen An⸗ dachtsübungen, wozu auch das Faſten gehörte, verknüpft. So kam Sarah oft nicht einmal zu Tiſch; denn ſie begnügte ſich an ähnlichen Tagen meiſt, um alle fleiſchliche und ſinnliche Aufregungen zu vermeiden, eine Taſſe Thee und ein hartes Biscuit auf ihrem einſamen Zimmer zu ſich zu nehmen. Uebrigens war ſie an Virginiens Launen und Reizbarkeit gewöhnt; was ihr darin jetzt etwa auffiel, durfte ſie nicht zu dem Schluß berechtigen, daß etwas Außerordentliches vorfiel. Drei peinliche Tage waren auf dieſe Weiſe dahin⸗ geſchlichen, als Klotilde einſt Alonzo, der ausgegangen geweſen war, zu ſein?m Oheim ſagen hörte:„Der Vogel iſt glücklich eingefangen.“ „Was? Atkinſon?“ „Nein, leider nicht der, aber der deutſche Abenteurer, der den Unterſchiffer verführt hat. Beſſer einer als keiner.“ —— — „Schon recht. Der Fall muß möglichſt gravirt werden. Die Schurken treiben's zu arg. Laſſen wir's auch diesmal wieder ſo hingehen, ſo haben wir in vier Wochen die Wiederholung der ganzen Geſchichte. Wenn ſtatt Zuchthaus Hängen auf dieſem Menſchen⸗ raub ſtünde, ich wette, dieſen nördlichen Piraten wäre ſchon längſt das Handwerk gelegt.“ So war es. Bergedorf war verhaftet und ward, als der Verführung von Sklaven, ihre rechtmäßigen Herren zu verlaſſen, angeklagt, vor Gericht geſtellt. Bald erfuhr Klotilde, die noch nie ſeit ihrem Unglück ſo aus ſich ſelbſt herausgeriſſen worden war, alle einzelne Umſtände dieſes peinlichen Vorfalles. Aus der Ausſage der Sklaven, ihnen durch liſtige Kreuz⸗ und Querfragen entlockt, ging hervor, daß ſeit einiger Zeit ein wohlgekleideter Mann, der ſich Smith genannt und aus Boſton ſei, wie ſie glaubten, oft mit einem und dem andern von ihnen ſich eingelaſſen. So ſei er z. B. zu Pompejus, dem Kutſcher der Mrs. Dunning in den Stall gekommen, während dieſer die Pferde geſtriegelt, und habe mit ihm von ſeinem Weibe geſprochen, das nach Alabama verkauft ſei, und ihn aufgefodert, ihm ſeine ſonſtigen Beſchwerden mit⸗ zutheilen. Derſelbe Herr habe auch mit Eſther, einer Wäſcherin, als ſie ihm ſeine Sachen auf die Stube gebracht, ſich unterredet; er habe beide aufgefodert, diejenigen ihrer Freunde, die, wie ſie, ihres elenden Lebens überdrüſſig wären und freie Bürger von Ame⸗ rika werden wollten, heimlich zuſammenzubringen. Wenn ſie bereit wären, verſpräche er ihnen eine ſichere Ge⸗ legenheit zu verſchaffen, nach den freien Staaten zu entfliehen. Nach wiederholtem Hinhalten, Zögern und Fehlſchlagen ihrer Hoffnung ſei endlich die Nacht zum vierten März zur Flucht angeſetzt worden; ſie ſeien einzeln, oder wie es ſich hätte machen wollen, nach dem Hafen geſchlichen und von zwei verſchiedenen Orten, nach denen jener Befreier ſie beſchieden, in auf ſie wartenden Böten nach der Schaluppe geführt wor⸗ den, die bereits draußen im Meere gelegen habe und den nämlichen Tag habe abſegeln wollen. Ein Ge⸗ ſchäft, deſſen Natur ſie nicht kannten, habe den Capi⸗ tain noch einmal nach der Stadt zurückgeführt; ſtatt ſeiner ſeien am Nachmittage die Conſtabler gekommen, die Schaluppe zu unterſuchen. Die Abweſenheit des Schiffsmeiſters habe den Unterſchiffer, den ſie, als ſie die bewaffnete Macht kommen ſahen, fußfällig gebe⸗ ten, unter Segel zu gehen, gezwungen, ſtille zu liegen. Er habe ſich begnügt, ſie in den Kohlen⸗ raum und die ausgeleerten Tonnen zu verſtecken, wo er ſie vielleicht glücklich verborgen gehalten haben „ 8 F 2 würde, wenn nicht einer der Matroſen ſie verra⸗ then hätte. Die Beſchreibung, die ſie von dem Mann gaben, der das Unternehmen geleitet, beſtätigte die Vermu⸗ thung, daß es Atkinſon geweſen ſei. Derſelbe war aber in der Nacht zum vierten März nicht zum Vor⸗ ſchein gekommen. Der Unterſchiffer ſelber habe ſie nebſt einem der Matroſen nach dem Schiffe hinaus gerudert. Ein anderer gütiger Herr habe ſie mit ihm am Ufer empfangen, mit dem er eine fremde Sprache geredet habe; dieſer habe liebreich die Kinder ins Boot heben helfen und, als er geſehen, wie eine junge Frau, die nicht Zeit gehabt habe bei ihrer Flucht an die eigene wärmere Bekleidung zu denken, in ihrem dünnen Hausgewande in der Nachtkälte zitterte und bebte, habe er den eigenen Oberrock abgezogen und ihn ihr um die Schultern geworfen. Es ward ſogleich nach dem Schiffe geſchickt, um den Oberrock aufzufinden, den die Frau, um ihren Retter nicht zu verrathen, dort gelaſſen hatte. Der Capitain, ein kleiner unterſetzter Mann mit einem verſchrumpften, ärgerlichen Geſichte, der durch die ihm drohende Gefahr nicht im mindeſten aus der Faſſung geſetzt ſchien, ſagte aus, daß er Kohlen aus Philadelphia gebracht und ſo lange vergebens auf 294 Rückfahrt gewartet hätte, deren Mangel, in Folge ſei⸗ nes Vertrags mit ſeinem Schiffsherrn, ihm ſelbſt den empfindlichſten Verluſt zuzöge, daß er endlich, des Wartens müde, ohne Ladung hätte zurückſegeln wollen, als vor ein paar Tagen ſein Gehülfe ihm den Vor⸗ ſchlag gemacht, eine Anzahl Paſſagiere mitzunehmen, für die ein gutes Reiſegeld ihm verſprochen ſei und die er ſich anheiſchig gemacht, ſelber nach dem Schiffe zu bringen, ohne daß er, der Capitain, das Mindeſte ſonſt damit zu thun habe, als das Paſſagegeld für ſie zu empfangen. Er habe nicht nach ihrem Namen und Herkommen gefragt, und ſich nicht darum bekümmert, ob ſie ſchwarz oder weiß ſeien; er ſei noch einmal ans Land gegangen, um ſich des Reiſegeldes im vor⸗ aus zu verſichern, das ihm in einer Anweiſung auf ein Haus in Neu⸗England zugeſtellt worden ſei, das er aber lieber baar hatte haben wollen. Da er Reiſe⸗ geld für ſie empfangen, habe es ihm nicht beikommen können, daß ſeine Paſſagiere entlaufene Sklaven ſeien; er habe vielmehr ſicher geglaubt, es ſeien von einigen Herren freigelaſſene, untaugliche Subjekte, die jene aus dem Lande ſchaffen ließen, weil ihnen das Geſetz verbiete, ſie im heimatlichen Staate zu emancipiren. Der Unterſchiffer, oder Mate, wie er im Engliſchen genannt wird, war ein hübſcher, blonder, leichtſinniger 295 junger Mann, der durch ſeine Beſtürzung und heftige Bewegung das Intereſſe der Zuhörer in Anſpruch . nahm. Mit den Geſetzen Südcarolinas unbekannt, hatte er kaum gewußt, was er that, als er, einem menſchlichen Gefühle Gehör gebend, ſich auf das Abenteuer einließ. Die armen Neger, ſagte er in gebrochenem Engliſch, hätten ihn immer gedauert, ſo lange er im Lande ſei, die Freien ſeien ſchon übel genug daran, die Sklaven aber würden nur ange⸗ ſehen wie Laſtthiere; wer könnte es ihnen alſo ver⸗ denken Hier ward er von dem Richter bedeutet, den Mund zu halten. 15 Der redliche Menſch war vergebens bemüht, in ſeinen Ausſagen niemand, der nicht ſchon vor Ge⸗ richt war, zu verwickeln. Die Geſchicklichkeit des Advokaten aber, der ihn examinirte, hatte es bald heraus, daß, wenn er ſeine Anſichten von Sklaverei nicht in Hermannhall bekommen hatte, ſie ihm doch dort klar gemacht waren, und daß der Gedanke, zur Flucht der Sklaven(unter denen ſich Einer befand, der bereits. 1 nach Louiſiana, von Frau und Kindern hinweg, verkauft 1 war, und ein Mädchen, das von ihrer eiferſüchtigen Herrin täglich eigenhändig gepeitſcht ward) behülflich zu ſein, von dem Redner in Hermannhall ausgegangen war. 296 Als vollends der obenerwähnte Oberrock ankam und in einer der Taſchen ein übrigens gleichgültiges Billet gefunden ward, das an„Mr. Bergedorf“ adreſſirt war, ward ſogleich ein Conſtabler abgeſchick, denſelben feſt zu nehmen. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. —— —— ——