Pliüten dentſcher Dichter nebſt Poetik und Literaturgeſchichte. Zum Schulgebrauch bearbeitet von Pr. J. Schenckel, Conrector und derzeitigem Dirigent des cvangel. Schullehrer⸗Seminars zu Uſingen. * Und wer der Dichtkunſt Stimme nicht vernimmt, Iſt ein Barbar, er ſei auch wer er ſei. Goethe im Taſſo. Zweite ſehr ſtark vermehrte und verbeſſerte Auflage. S0e e— Mainz Verlag von F. H. Evler. (G. Faber'ſche Buchhandlung.) 18 5 3. 5 e Vorwort zur erſten Auflage. —— Wen man ſchon von jedem einzelnen Reiſenden verlangt, daß er ſich legitimire, ſo wird man dieſe Fordrung um ſo mehr an eine ganze wandernde Geſellſchaft ſtellen. Dies bedenkend, habe ich auch nicht unterlaſſen, den Dichterkindern, welche ich in die Welt ſende, eine Legitimation vorauszuſchicken, damit ſie fremden Orts nicht verkannt werden und man ihnen innerhalb der Grenzen unſeres deutſchen Vater⸗ landes die gehörige Achtung und den nöthigen Schutz nicht verſage. Empfehlungsbriefe will ich denſelben keine mitgeben, weil ja doch die meiſten ſchon ziemlich bekannt ſind, wenn man ſie auch in dieſer Ge⸗ ſellſchaft noch nicht geſehen hat. Den vielen Fragen über den Zweck ihrer gemeinſchaftlichen Reiſe, mit welchen ſie leicht beſtürmt werden könnten, zu begegnen, will ich die Antwort ſchon vor den Fragen geben. Der erſte Blick auf die bunte Schar zeigt, daß Klein und Groß, Jung und Alt, mit heiterer und ernſter Miene in Milde und Stärke ſich hier zuſammen findet, und um freundliche Aufnahme bei der lebens⸗ frohen, aber doch gemüthvollen, deutſchen Jugend anſpricht. Dieſe Aufnahme wird der jungen Geſellſchaft um ſo eher zu Theil werden, als darunter Kinder aus guter Familie, ja ſogar von hohem Dichter⸗ adel ſind, die ſich bereits die Liebe eines tüchtigen, edeln und gaſt⸗ freundlichen Publikums in hohem Maße erworben haben. Die We⸗ nigen von ihnen, welche nicht mit declamatoriſchem Pathos beim Actus auf dem Katheder der Gymnaſien ꝛc. auftreten können, ſind aber ge⸗ wiß ſo herzenswarme, poetiſche Geſchöpfchen, daß man ſie mit ihren größeren Genoſſen nicht anders als liebevoll bewillkommnen kann und ihnen gerne einen friedlichen Aufenthalt gönnt. Durch tauſendfach gemachte Erfahrung iſt die Wahrheit, daß ſich Gleichgeſinnte am beſten mit einander vertragen, über allen Zweifel erhoben; deßhalb ziehen auch hier diejenigen, welche von einerlei Ge⸗ danken beſeelt ſind, oder doch wenigſtens gleiche Behandlung verlangen, in geordneten Gruppen auf, was ſicherlich nur ein ſchnelleres Bekannt⸗ werden des Einzelnen zur Folge haben kann, der ſonſt vielleicht in der bunten Menge unbemerkt bliebe. Den Zug eröffnen die blumen⸗ geſchmückten, heiteren Verehrer des holden, wonnigen Frühlings und den Schluß bilden die ernſten Helden. Manchem Freunde dieſes Zuges dürfte es aber von Intereſſe ſein, auch etwas über den Vater ſo lieber Kinder zu hören, deſſen Lebensverhältniſſe und Charakter näher zu kennen und zu wiſſen, was er auf die Ausbildung ſeiner Lieblinge verwendet hat und wie dieſel⸗ ben ſeine Mühe lohnten. Solches vorausſehend, habe ich mit weni⸗ gen kräftigen Strichen die Portraits der betreffenden Perſonen zu zeich⸗ nen verſucht, und bin zufrieden, wenn ſie nur einigermaßen gelungen ſind. Darmſtadt. Dr. Fchenckel. Vorwort zur zweiten Auflage. — Zrr Bevorwortung dieſer Auflage glaube ich bemerken zu müßen: 1) Daß die Gedichteſammlung eine um mehr als das Doppelte vermehrte iſt— die l. Auflage enthielt 161, dieſe hat 326 Nummern. Manche Gedichte ſind weggefallen, andre in die II. Auf⸗ lage der„Blüten deutſcher Dichter für Kinder von 7— 10 Jahren⸗ (in gleichem Verlag) aufgenommen worden, an ihre Stelle ſind an⸗ dere getreten. Dabei fanden die neueſten Dichter: J. Hammer, C. F. Scherenberg, O. Roquette, Th. Storm ꝛc. entſprechende Be⸗ rückſichtigung. Von Klopſtock, Bürger und Anderen wurden mehr Stücke ausgewählt, auch einige von Spee im alten Text, wie auch mehrere alte Kirchen- und neuere geiſtliche Lieder beigefügt. Die neu hinzugekommenen allemanniſchen Gedichte von Hebel werden gerne ge⸗ ſehen werden. Die Gruppirungen: l. Zeiten— Frühling, Sommer, Herbſt, Winter, Feſt⸗ und Tageszeiten; II. Naturbilder; III. Bilder aus dem Menſchenleben; IV. Balladen, Romanzen, Rhapſodien ꝛc. ſind beibehalten und ſehr bereichert; dazu iſt aber noch eine V. Gruppe: Vermiſchte Dichtungen gekommen, die außer manchen ſchönen Gedichten, die ſich nicht gut anderswo einreihen ließen, vorzugsweiſe epiſche Dichtungen bringt. Die Aufnahme der Letzteren iſt wohl ſchon durch die Klaſſik derſelben gerechtfertigt, außerdem war aber be⸗ ſonders Das beſtimmend, daß ſie vorzugsweiſe zu Deklamationen ſich eignen.„Das Epiſche iſt nicht nur die reinſte Schule der Deklamation, ſondern auch ihr geeigneſter Stoff. v Man hört ein Lied lieber ſingen und ſieht ein Drama lieber darſtellen, aber wenn ein Einzelner vor uns tritt, um etwas zu ſagen, ſo wün⸗ ſchen wir am liebſten, daß es Etwas Erzählendes ſein möchte.— ſagt in dieſer Beziehung mit vieler Wahrheit Platen. 2) Die Poetik iſt vollſtändig umgearbeitet, bedeutend erweitert und durch eine Menge Beiſpiele aus unſeren namhafteſten Dichtern belegt. 3) Aus dem Abriß der poetiſchen Literatur der Gegenwart in der I. Auflage, der mehr biographiſch⸗ literariſche Einzelbilder enthielt, iſt eine zuſammenhängende Geſchichte unſerer geſammten pvetiſchen Nationalliteratur von den älteſten Zeiten bis auf die Gegenwart herab geworden, die— ich glaube es ſagen zu dürfen — ein weiteres derartiges Bnch für den Schüler entbehrlich machen wird. Ich habe mich dabei bemüht, in friſcher, lebendiger Dar⸗ ſtellung ein anziehendes, treues Gemälde derſelben zu entrollen, das auch dem Lehrer willkommen ſein dürfte. Indem ich Dem noch beifüge, daß auch das Buch äußerlich viel gewonnen hat, indem die neue Verlagshandlung keine Koſten ge⸗ ſpart hat, um dasſelbe möglichſt vortheilhaft auszuſtatten, lebe ich der Hoffnung, daß dieſe zweite Auflage ebenfalls eine recht günſtige Aufnahme finden werde. Uſingen. Dr. Schenckel. I. Die Zeiten. Und Gott ſprach: Es werden Lichter an der Veſte des Himmels, die da ſcheiben Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre. 1. B. Moſ. 1, 14. So lange die Erde ſteht ſoll nicht aufhören Samen und Ernte, Froſt und Hitze, Sommer und Winter, Dag und Nacht. 1. B. Moſ. 8, 22. „VFe a) Frühling. Denn ſiehe, der Winteriſt vergangen, der Regen iſt weg und dahin. Die Blumen ſind hervorgekommen im Lande, der Lenz iſt herbeigekommen und die Turteltaube lößt ſich hören in unſerem Lande. Der Feigenbaum hat Knoten gewonnen, die Weinſtöcke haben Augen gewonnen und geben ihren Geruch. Das hohe Lied Salomos 2, 11— 13. 1. Mirznacht. Horch! wie brauſet der Sturm und der ſchwellende Strom in der Nacht hin! Schaurig ſüßes Gefühl! Lieblicher Frühling, du nahſt! Ludw. Uhland. 2. Frühlingslied. Leiſe zieht durch mein Gemüth Kling hinaus bis an das Haus, Liebliches Geläute. Wo die Blumen ſprießen. Klinge, kleines Frühlingslied, Wenn du eine Roſe ſchauſt, Kling hinaus ins Weite. Sag, ich laß ſie grüßen. Heinrich Heine. 3. Er iſts. Frühling läßt ſein blaues Band Veilchen träumen ſchon, Wieder flattern durch die Lüfte, Wollen balde kommen. Süße, wohlbekannte Düfte— Horch, von fern ein leiſer Harfenton! Streifen ahnungsvoll das Land. Frühling, ja du biſts! Dich hab ich vernommen! Eduard Mörike. Schenckel's Bläten, 2r Theil. 1 O ſanfter, ſüßer Hauch! Schon weckeſt du wieder 4. Frühlingsahnung. Bald blühen die Veilchen auch. Mir Frühlingslieder, Ludw. Uhlanb. 5. Frühlingsglanbe. Die linden Lüfte ſind erwacht, Sie ſäuſeln und weben Dag und Nacht, Sie ſchaffen an allen Enden. O friſcher Duft, o neuer Klang, Nun, armes Herze, ſei nicht bang! Nun muß ſich Alles, Alles wenden! Die Welt wird ſchöner mit jedem Tag, Man weiß nicht, was noch werden mag Das Blühen will nicht enden. Es blüht das fernſte, tiefſte Thal: Nun, armes Herz, vergiß der Qual! Nun muß ſich Alles, Alles wenden. Ludw. Uhland. 6. Frühlingsruhe. O legt mich nicht ins dunkle Grab, Nicht unter die grüne Erd hinab! Soll ich begraben ſein, Lieg ich ins tiefe Gras hinein. In Gras und Blumen lieg ich gern, Wenn eine Flöte tönt von fern, Und wenn hoch obenhin Die hellen Frühlingswolken ziehn. Ludw Uhland. 7. Frühlingsfeier. Süßer, goldner Frühlingstag! Inniges Entzücken! Wenn mir je ein Lied gelang, Sollt' es heut nicht glücken? Doch warum in dieſer Zeit An die Arbeit treten? Frühling iſt ein hohes Feſt: Laßt mich ruhn und beten! Ludw. Uhland. 8. Lob des Frühlings. Saatengrün, Veilchenduft, Lerchenwirbel, Amſelſchlag,⸗ Sonnenregen, linde Luft! Wenn ich ſolche Worte ſinge, Braucht es dann noch großer Dinge, Dich zu preiſen, Frühlingstag? 3 Ludw. Uhland. 9. Künftiger Frühling. Wohl blühet jedem Jahre Sein Frühling, mild und licht, Auch jener große, klare— Getroſt! er fehlt dir nicht; Er iſt dir noch beſchieden Am Ziele deiner Bahn, Du ahneſt ihn hienieden, Und droben bricht er an. Ludw. uUhland 10. Frühling. —— Frühling, ſüßes, liebes Wort!“ Blauer Himmel, ſonnig Wetter! Frühling hier und Frühling dort! Feßle deine Zunge Mund, Blumen, Nachtigallen, Blätter, Frühling gibt ſich ſelber kund. Aug. Hch. Hoffmann von Fallersleben. Die Erde ſagt es den Lerchen an, Die Wieſenblumen und Quellen, Daß der Frühling gekommen ſei. Und endlich hörts die ganze Welt, Da ſchwingen ſie ſich himmelan Auch der Menſch in ſeinen Zellen. Und ſingen es laut und frei; Der Menſch hört es zuletzt und ſieht Es hörts der Wald, es hörts das Feld, Nur wie der Frühling ihm entflieht.— Aug. Hch. Hoffmann von Fallersleben. 12. Frühlingsahnung. Wenn es wieder Frühling will werden, Da fallen die Blumen herab auf Erden, Die Berge knien am Himmelsſaum; Die Thäler klingen, die Quellen ſchlagen, Kein Schmerz hat Thränen in dieſen Tagen, Kein Herz zu trübem Sinnen Raum; Gott Vater geht durch die Schöpfung ſtill, Wenn wieder Frühling werden will. Und ſoll dir Frühling im Herzen blühen, So mußt du wandern, ſo mußt du ziehen, Mit jungen Liedern im Morgenſchein; Und fühlſt dus regen und fühlſt es dringen, Mit ſeligen Armen dich umſchlingen Und Erd und Himmel und Alles dein, Und Gottes Wandeln durch dein Gemüth,— Dann, Herz, erjauchze: dein Frühling blüht!— Gg. Scheurlin. N 13. Liebesfeier. An ihren bunten Liedern klettert Da ſind, ſo weit die Blicke gleiten, Die Lerche ſelig in die Luft, Altäre feſtlich aufgebaut, Ein Jubelchor von Sängern ſchmettert Und all die tauſend Herzen läuten Im Walde, voller Blüt und Duft. Zur Liebesfeier dringend laut. Der Lenz hat Roſen angezündet An Leuchtern von Smaragd im Dom; Und jede Seele ſchwillt und mündet Hinüber in den Opferſtrom. . Rikol. Lenau 1* Tage der Wonne Kommt ihr ſo bald? Schenkt mir die Sonne Hügel und Wald? Reichlicher fließen Bächlein zumal. Sind es die Wieſen? Iſt es das Thal? Blauliche Friſche! Himmel und Höh! Goldene Fiſche Wimmeln im See. 14. Frühzeitiger Frühling. Buntes Gefieder Rauſchet im Hain, Himmliſche Lieder Schallen darein. Unter des Grünen Blühender Kraft Naſchen die Bienen Summend am Saft. Leiſe Bewegung Bebt in der Luft, Reizende Regung, Schläfernder Duft. Mächtiger rühret Bald ſich ein Hauch, Doch er verlieret Gleich ſich im Strauch. Aber zum Buſen Kehrt er zurück, Helfet, ihr Muſen, Tragen das Glück! Saget ſeit geſtern Wie mir geſchah? Liebliche Schweſtern, Liebchen iſt da! Joh. Wolfg. v. Gvethe. 15. Der Lenz. Da kommt der Lenz, der ſchöne Junge, Den Alles lieben muß, Herein mit einem Freudenſprunge Und lächelt ſeinen Gruß. Und ſchickt ſich gleich mit frohem Necken Zu all den Streichen an, Die er auch ſonſt dem alten Recken, Dem Winter angethan. Er gibt ſie frei, die Bächlein alle, Wie auch der Alte ſchilt, Die der in ſeiner Eiſesfalle So ſtreng gefangen hielt. Schon ziehn die Wellen flink von dannen Mit Tänzen und Geſchwätz, Und ſpötteln über des Tyrannen Zerronnenes Geſetz Den Jüngling freut es, wie die Raſchen Hinlärmen durchs Gefild, Und wie ſie ſcherzend ſich erhaſchen Sein aufgeblühtes Bild. Froh lächelt ſeine Mutter Erde Nach ihrem langen Harm; Sie ſchlingt mit jubelnder Geberde Das Söhnlein in den Arm. In ihr Gewand greift raſch der Loſe Und zieht ihr ſchmeichelnd keck Das ſanfte Veilchen und die Roſe Hervor aus dem Verſteck. Und ſein geſchmeidiges Geſinde Schickt er zu Berg und Thal: „Sagt, daß ich da bin, meine Winde, Den Freunden allzumal!“ Er zieht das Herz an Liebesketten Raſch über manche Kluft, Und ſchleudert ſeine Singraketen, Die Lerchen, in die Luft. Nik. Lenau. 16. Der Lenz iſt da. Sieh dort! Wie ſich das Vöglein putzet, Das Köpfchen tragend ſtolz und frei! Jetzt lockt ein Ruf.— Wie's zierlich ſtutzet, Ob das die Lenzesbraut wohl ſei! Und hin und her die Beiden locken, Sie ſind ſich neckend fern und nah Im Klee und in des Schlehdorns Flocken, Und rufens laut!„Der Lenz iſt da!“ ——— 5 Da iſts in Rösleins Herz gedrungen, Das ſchüchtern aus der Knospe ſah: „Hat Vöglein nicht vom Lenz geſungen? Wach auf! Der Lenz iſt wieder da!“ Und wie das Licht ſein Aug umfangen, Weiß Röslein kaum, wie ihm geſchah. Die Lüfte ſtreicheln ihm die Wangen: „Weißt ſchon? Der Lenz iſt wieder da!“ Oskar v. Redwitz. 17. Frühlingslied. Tief im grünen Frühlingshag Durch die alten Rüſtern Wandelt leis am ſchönſten Tag Wunderſames Flüſtern. Jedes Länblein ſpricht:„Gott grüß!“ Zu dem Laub daneben, Alles athmet tief und ſüß Heilges Friedensleben. Und wie Blüt und Blatt am Strauch Still ſich wiegt im Glanze, Wiegt ſich meine Seel im Hauch, Der durchſtrömt das Ganze. Gmanuel Geibel. 18. Frühlingsblicke. Durch den Wald, den dunkeln, geht Holde Frühlingsmorgenſtunde, Durch den Wald vom Himmel weht Eine leiſe Liebeskunde. Selig lauſcht der grüne Baum, Und er taucht mit allen Zweigen In den ſchönen Frühlingstraum, In den vollen Lebensreigen. Blüht ein Blümlein irgendwo, . Wirds von hellem Thau getränket, Das einſame zittert froh, Daß der Himmel ſein gedenket.—— Nik. Lenau. 19. Frühlingsfeier. Wälder knospen, Wieſen grünen, Neues Leben dringt hervor; Auch das Gräschen auf den Dünen Streckt ſein Händlein froh empor. An den Bächen, an den Quellen Tanzen Mücken hier und dort, Fiſche hüpfen auf den Wellen, Schwalben ſegeln drüber fort. Alles webet, ſchwebet, ringt Freut ſich, ſchwingt ſich, jauchzt und ſingt Auf gen Himmel, auf gen Himmel. Sollen wir denn jetzt noch trauern Wie der Winter ernſt und kalt? Wir in unſern alten Mauern Ohne Himmel, Feld und Wald? Nein, wir wandeln draußen wieder! Freude gibt uns ihr Geleit, Liebe lehrt uns neue Lieder, Schenkt uns neue Seligkeit. Unſre Seele ringt und ſtrebt, Singt und ſchwingt ſich, webt und ſchwebt Auf gen Himmel, auf gen Himmel. Auf gen Himmel alles Leben! Denn vom Himmel kams herab; Drum, ſo laßt uns wieder geben, Was er uns ſo gnädig gab. Ja, jetzt ſind wir froh und ſingen Auf des Frühlings Freudenau, Thun, als wollten wir gleich ſpringen In des Himmels ewges Blau. Alle Sorg und Traurigkeit, Jeder Gram und jedes Leid Bleibt der Erde, nur der Erde! Aug. Hch. Hoffmann v. Fallersleben. 20. Gen Maien. Gen Maien blüht der Tag herein Mit Liedergruß und Freudenſchein, Die Erde feiert„hohe Zeit“ In Kränzen Duft und Thaugeſchmeid; In Lüften jauchzt der Sänger Heer Dem Unerforſchten Preis und Ehr; Voll grüner Noten hängt der Strauch, Der Sänger iſt der Frühlingshauch; In Feld und Wald, auf Berg und See Kein Räumlein, das nochtrüb und weh!— Wie nun ſo wunderlicht, ſo gut, Du, liebe Seele, ſteht dein Muth! Was du geſorgt noch im April, Du weißt es nimmer,— Alles ſtill! So leiſe wie das Abendroth, So leis entſchlief die alte Noth; So ſelig wie der Morgenhauch, So friſch erſtand dein Sinnen auch, Und unbegriffen, unbewußt Iſts wieder Lenz in deiner Bruſt. Das iſt kein arges Sorgenkraut, Was dir im Herzen grünt und thaut,— Das Blümlein, was da ſproßt und blüht, Es iſt der Glauben im Gemüth, Das will hinaus auf grünen Plan Und Gott den Vater beten an, Der ſeiner Liebe ewgen Bund Mit Sternen ſchrieb auf Himmelsgrund— Sein heilges Wort, den lichten Brief, Voll tauſend Bildern hehr und tief. Die Wunder drängen ſich zu Hauf;— Wo fang ich an,— wo hör ich auf?— Ein Blättlein buchſtabir ich laut: „Die Erde iſt des Himmels Braut!“— Und dorthin ſchrieb ſein Finger lind: „Du, Menſch, biſt ewger Liebe Kind!“— Mir wachſen Schwingen an das Herz; Ihr Lerchen auf und himmelwärts, Bis wo die Englein wohnen ſchier, Dort ſtimmt mit mir in heller Zier: „Herr, unſer Gott, dich loben wir!“— G g. Scheurlin. 21. Frühlingsbrauſen. Nun knospt im Sonnenſchein Das erſte Grün der Halde; Nun laſſet ganz allein Dahin mich gehn im Walde Ich will am frühen Duft Der Veilchen mich berauſchen, Dem Brauſen in der Luft, Dem heilgen, will ich lauſchen. ————— 7 O Laut, in welchem ſich Zuerſt der Lenz enthüllet, Und der, wie keiner, mich Mit ſüßen Schauern füllet! Mir iſts, als ſchlief in dir Der Einklang aller Stimmen, Die ſpäter durchs Revier Drin einſt zu Pfingſten kam Des Mais geſondert ſchwimmen; Der Geiſt des Herrn hernieder. Verſtummend muß ich dir Mein Haupt in Andacht bengen: O komm, zu ruhn in mir, Und heilge Kraft zu zeugen! Als ſprächſt du aus geſammt Die tauſend Schöpfungstriebe, Damit die Welt durchflammt Der Rathſchluß ewger Liebe. Du mahneſt wunderſam Mich an das Sauſen wieder, Emanuel Geibet. 22. Im Frühling. Der Frühling kam, der Frühling rief Da öffneten ſich allzumal Vom Berg ins Thal hinunter: Die Särge der Winterſchläfer; „Wär euer Schlaf auch noch ſo tief, Da ſpielten in der Sonne Strahl Ihr Schläfer, werdet munter!“ Die Mücken und die Käfer. Da wurden auch die Veilchen wach, Die tief im Graſe wohnen, Und bunte Primeln folgten nach Und weiße Anemonen. Da fing mein Herz zu klopfen an, So ſchmerzlich und ſo bange; Da regten tauſend Keime ſich Und wurden ſtark und ſtärker, Und dehnten ſich und ſtreckten ſich Und ſprengten ihre Kerker. Da traten Blätter zart und weich Aus kleinen braunen Wiegen, Um ſchüchtern an den ſchlanken Zweig Sich innig anzuſchmiegen. Da ſprang Schneeglöckchen pfeilgeſchwind Aus ſeinem grünen Bette; Es glaubte ſchon das ſchöne Kind, Daß es verſchlafen hätte. Ein Strom von bittern Thränen rann Heiß über meine Wange. Der Lieben hab ich ſtill gedacht, Die grüne Hügel decken, Und die der Lenz mit ſeiner Macht Nicht kann vom Schlaf erwecken. Julius Sturm. 23. Frühling.(Aus Goethes Fauſt.) Vom Eiſe befreit ſind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden belebenden Blick; Im Thale grünet Hoffnungsglück: Der alte Winter, in ſeiner Schwäche, Zog ſich in rauhe Berge zurück. Von dorther ſendet er, fliehend, nur Ohnmächtige Schauer körnigen Eiſes In Streifen über die grünende Flur; Aber die Sonne duldet kein Weißes, Ueberall regt ſich Bildung und Streben, Alles will ſie mit Farben beleben; Doch an Blumen fehlts im Revier, Sie nimmt geputzte Menſchen dafür. Kehre dich um von dieſen Höhen Nach der Stadt zurück zu ſehen. Aus dem hohlen finſtern Thor Dringt ein buntes Gewimmel hervor. Jeder ſonnt ſich heute ſo gern. Sie feiern die Auferſtehung des Herrn, Denn ſie find ſelber auferſtanden, Aus niedriger Häuſer dumpfen Gemächern, Aus Handwerks⸗ und Gewerbes⸗Banden, Aus dem Druck von Giebeln und Dächern, Aus der Straßen quetſchender Enge, Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht Sind ſie alle ans Licht gebracht. Sieh nur, ſieh! wie behend ſich die Menge Durch die Gärten und Felder zerſchlägt, Wie der Fluß in Breit und Länge, So manchen luſtigen Nachen bewegt, Und, bis zum Sinken überladen, Entfernt ſich dieſer letzte Kahn. Selbſt von des Berges fernen Pfaden Blinken uns farbige Kleider an. Ich höre ſchon des Dorfs Getümmel, Hier iſt des Volkes wahrer Himmel, Zufrieden jauchzet Groß und Klein: Hier bin ich Menſch, hier darf ichs ſein. Job. Wolfg. v. Goethe. 24. Der Frühlingsſaal. Nun iſt ein großer Wunderſaal geöffnet, Der Frühlingsſaal! ſo groß, daß See und Inſeln, Die Hügel Trojas und dein Vaterland Wie kleine Kindergärtchen drinnen liegen! So alt, daß Abel ihn erkennen würde; So neu, daß ihn der Silbergreis beſtaunt, Der achtzigmal durch ſeine Pracht gewandelt; So warm, daß Bathſeba noch einmal gern Umweht von ſeinen Düften badete; So reich, daß Salomo nur ſchauen möchte 9 Den Weinſtock Augen und die Feigen Blätter Gewinnen! und der Saal ſo licht, daß droben Die Lerche ſelbſt, die graue Lerche, ſieht, Die unter ihrem wolkenhohen Liede In grüner Saat, in ſtillem Neſte brütet; So bald verſchloſſen, daß die Hyacinthe Hervorzubrechen eilt und abzublühn; Daß jede Welle unaufhaltſam fließt, Als habe ſie nicht auf ein Wörtchen Zeit! So ſchön, daß auch Homer mit blinden Augen Noch einmal weinen würde! Und ſo lieb, Die Todten Priamus und Helena, Und Karl der Große und Napoleon, Sie möchten im Gefängniß ihrer Gruft, Ein kleines, kleines Fenſterchen nur haben, Um einen Blick hinaus zu thun zum Himmel Nur groß genug, das Ohr daran zu legen, Ein Viertelſtündchen lang das Bienenſurren Und das Geruf der Vögel anzuhören, Zu weinen und, nach langem Schlaf geſtärkt, Sich wieder hin zu langem Schlaf zu legen, Dem ſchweren Schlaf der Todten!— Doch du lebſt In dieſer Werkſtatt zarter Wunderwerke, In der kein Hammerſchlag erklaug, kein Pinſel Wo übrig ſteht— kein Meiſter ſichtbar ſchuf— Und doch iſt Alles fertig! Wunderſam! Nur Wolken fliegen weg, die Waſſer trugen! Nur Waſſer rauſchten fort, die Wieſen netzten! Und lächelnd ſtill, als ob ſie Nichts gethan, Steht hell die Sonn am Himmel, doch noch ſichtbar Den Menſchen, aber der, der Alles thut, Der Meiſter iſt nicht einmal ſichtbar, lächelt Selbſt nicht einmal— der Frühling iſt ſein Lächeln. Leopold Schefer. 25. Frühlingslied. Der Frühling lacht von grünen Höhn, Wann Abendroth den Purpur webt, Es ſteht vor ihm die Welt ſo ſchön, Darin die Sonne ſich begräbt, Als ſeien eines Dichters Träume Schließt ſich befriedigt jede Blüte Getreten ſichtbar in die Räume. Und Sehnſucht ſchlummert im Gemüthe. Wann ſchöpferiſch aus Morgenduft Vom Morgen bis zur Nacht entlang Der Sonne Strahl die Weſen ruft, Iſt all ein Kampf der Sonne Gang; Kehrt jedes Herz ſich, jede Blume, Ein Kampf die Schöpfung zu geſtalten, Empor zum lichten Heiligthume. Durch Licht zur Schönheit zu entfalten. 10 Die Sonn iſt Gottes ewger Held, Nun lebt, berührt vom Liebeshauch, Mit goldner Wehr im blauen Feld, Das Leben neu und Todtes auch; Und zu dem lichten Heldenwerke Der ſtarre Fels vor Sehnſucht bebet, Erneut der Frühling ihr die Stärke. Bis auch ein Epheu ihn umwebet. Die Sonn am Tag, der Mond bei Nacht, O Frühlingsodem, Liebesluſt, Sie ringen all mit Wechſelmacht, O Glück der felſentreuen Bruſt, Die Sonne, Roſen roth zu ſtrahlen, Die ein Geliebtes an ſich drücket, Und Lilien weiß der Mond zu malen. Das dankbar ſie mit Kränzen ſchmücket. Der Himmel ein ſaphirnes Dach In dieſer Stille der Natur, Der Flur ſmaragdnem Brautgemach, Wo Liebe ſpricht und Friede nur, 3 3 Wo ſich, im Spiegel von Kryſtallen Sei fern den ſchweigenden Gedanken Schaut Roſe Braut mit Wohlgefallen. Des Menſchenlebens kautes Zanken. Die Morgenröthe wirkt ihr Kleid, Wie ſie die Sinne ſich verwirrt, Der Morgenthau reicht ihr Geſchmeid, Und wie in Wüſten ſich verirrt, Der Morgenwind, ihr kecker Freier; Wie ſie die Freude ſich verkümmert, Küßt ſie erröthend unterm Schleier. Und wie das Daſein ſich zertrümmert. Der Frühling gibt im Garten Tanz, Und wie die Welt, ſo iſt ihr Lohn Und alle Blumen nahn im Glanz, Es reut mich jeder Liedeston, Wo Mädchen vorzuſtellen haben Der aufs verworrene Getriebe Die Roſen, und Jasmine Knaben. Der Zeit ſich wandt', und nicht auf Liebe. Das Veilchen birgt in Duft ſich ſtill, Die Liebe iſt der Dichtung Stern, Weil aufgeſucht es werden will; Die Liebe iſt des Lebens Kern; Die Roſe glühend zeigt ſich offen, Und wer die Lieb hat ausgeſungen, Wie könnte ſie Verbergung hoffen? Der hat die Ewigkeit errungen. Des Paradieſes Pforten ſind Weg Thorentand und Flitterpracht! Nun aufgethan im Morgenwind, Im Himmel gilt nicht irdſche Macht. Und auf die Erde ſtrömt vom Oſten Erobrer, Helden, Weltvernichter, Der Duft, den ſonſt die Sel'gen koſten. Geht, ſucht euch einen andern Dichter. Die Lauben Edens werden leer, Du, Freimund, laß den eiteln Schwall, Zur Erd hernieder zog ihr Heer, Sing Lieb als wie die Nachtigall, Wo nun die Engel ſchöner wohnen O trachte ſtill in deinen Tönen In Roſenzelt und Lilienkronen. Dein eignes Daſein zu verſöhnen. Friedr. Rückert. —— 26. Die Frühlingsfeier. Nicht in den Ozean der Welten alle Vill ich mich ftürzen, ſchweben nicht, Wo die erſten Erſchaffnen, die Jubelchöre der Söhne des Lichts, Anbeten, tief anbeten und in Entzückung vergehn! Nur um den Tropfen am Eimer, Um die Erde nur, will ich ſchweben und anbeten! Halleluja! Halleluja! Der Tropfen am Eimer Kam aus der Hand des Allmächtigen auch! Da der Hand des Allmächtigen Die größeren Erden entquollen, Die Ströme des Lichts rauſchten, und Siebengeſtirne wurden: Da entranneſt du, Tropfen, der Hand des Allmächtigen! Da ein Strom des Lichts ranſcht', und unſre Sonne wurde, Ein Wogenſturz ſich ſtürzte, wie vom Felſen Der Wolk' herab, und den Orion gürtete: Da entranneſt du, Tropfen, der Hand des Allmächtigen! Wer ſind die tauſendmal Tauſend, wer die Myriaden alle, Welche den Tropfen bewohnen und bewohnten? und wer bin ich? Halleluja dem Schaffenden! mehr, wie die Erden, die quollen, Mehr, wie die Siebengeſtirne, die aus Strahlen zuſammenſtrömten! Aber du, Frühlingswürmchen, Das grünlichgolden neben mir ſpielt, Du lebſt, und biſt vielleicht, Ach, nicht unſterblich! Ich bin herausgegangen, anzubeten, Und ich weine? Vergib, vergib Auch dieſe Thräne dem Endlichen, O du, der ſein wird! Du wirſt die Zweifel alle mir enthüllen, O du, der mich durch das dunkle Thal Des Todes führen wird! Ich lerne dann, Ob eine Seele das goldne Würmchen hatte. Biſt du nur gebildeter Staub, Sohn des Mais, ſo werde denn Wieder verfliegender Staub, Oder was ſonſt der Ewige will! Ergeuß von Neuem du, mein Auge, Freudenthränen! Du, meine Harfe, Preiſe den Herrn! Umwunden wieder, mit Palmen Iſt meine Harf umwunden! Ich ſinge dem Herrn! Hier ſteh ich. Rund um mich Iſt alles Allmacht, und Wunder alles! Mit tiefer Ehrfurcht ſchan ich die Schöpfung an; Denn du, Namenloſer, du Schufeſt ſie! Lüfte, die um mich wehn und ſanfte Kühlung Auf mein glühendes Angeſicht hauchen, Euch, wunderbare Lüfte, Sandte der Herr, der Unendliche! Aber jetzt werden ſie ſtill, kaum athmen ſie. Die Morgenſonne wird ſchwül, Wolken ſtrömen herauf, Sichtbar iſt, der kommt, der Ewige! Nun ſchweben ſie, rauſchen ſie, wirbeln die Winde! Wie beugt ſich der Wald! wie hebt ſich der Strom! Sichtbar, wie du es Sterblichen ſein kannſt, Ja, das biſt du ſichtbar, Unendlicher! Der Wald neigt ſich, der Strom fliehet, und ich Falle nicht auf mein Angeſicht? Herr! Herr! Gott! barmherzig und gnädig!„ Du Naher, erbarme dich meiner! Zürneſt du, Herr, Weil Nacht dein Gewand iſt? Dieſe Nacht iſt Segen der Erde. Vater, du zürneſt nicht! Sie kommt, Erfriſchung auszuſchütten Ueber den ſtärkenden Halm, Ueber die herzerfreuende Traube! Vater, du zürneſt nicht! Alles iſt ſtill vor dir, du Naher! Rings umher iſt Alles ſtill! Auch das Würmchen, mit Gold bedeckt, merkt auf! Iſt es vielleicht nicht ſeelenlos? iſt es unſterblich? Ach, vermöcht ich dich, Herr, wie ich dürſte, zu preiſen! Immer herrlicher offenbareſt du dich! Immer dunkler wird die Nacht um dich, Und voller von Segen! Seht ihr den Zeugen des Nahen, den zückenden Strahl? Hört ihr Jehovas Donner? Hört ihr ihn? hört ihr ihn, Den erſchütternden Donner des Herrn? Herr! Herr! Gott! Barmherzig und gnädig! Angebetet, geprieſen Sei dein herrlicher Name! Und die Gewitterwinde? ſie tragen den Donner! Wie ſie rauſchen! wie ſie mit lauter Woge den Wald durchſtrömen! Und nun ſchweigen ſie. Langſam wandelt Die ſchwarze Wolke. Seht ihr den neuen Zeugen des Nahen, den fliegenden Strahl? Höret ihr hoch in der Wolke den Donner des Herrn? Er ruft: Jehova! ZJehova! Und der geſchmetterte Wald dampft; 13 Aber nicht unſre Hütte! Unſer Vater gebot Seinem Verderber Vor unſrer Hütte vorüberzugehn! Ach, ſchon rauſcht, ſchon rauſcht Himmel und Erde vom gnädigen Regen! Nun iſt, wie dürſtete ſie! die Erd erquickt, Und der Himmel der Segensfüll entlaſtet! Siehe, nun kommt Jehova nicht mehr im Wetter, Im ſtillen, ſanften Säuſeln Kommt Jehova, Und unter ihm neigt ſich der Bogen des Friedens! ⸗ Friedr. Gottlieb Klopſtoc. ——— b) Sommer. Du ſucheſt das Land heim und wäſſerſt es und machſt es ſehr reich. Gottes Brünnlein hat Waſſer die Fülle. Du läſſeſt ihr Getreide wohl gerathen, denn alſo baueſt du das Land Du tränkeſt ſeine Furchen, und feuchteſt ſein Ge⸗ pflügtes: mit Regen machſt du esweich und ſegneſt ſeine Gewächſe. Du kröneſt das Jahr mit deinem Gut und deine Fußſtapfen triefen von Fett. Die Wohnungen in der Wüſte ſind auch ſett, daß ſie triefen und die Hügel ſind umher luſtig. Die Anger ſind voll Schafe und die Auen ſtehen dick mit Korn, daß man jauchzet und ſinget. Pſalm 65, 10— 14. 27. Im Anfang der Sommerzeit.(649.) Der trübe winter iſt fürbey, Sie mit gedreng Die Kranich wiederkehren; Wie pfeil von Felſen ziehlen; Nun reget ſich der Vogel ſchrey, Bald rauſchens her, Die Neſter ſich vermehren: Nit ohn gepleer, Laub mit gemach Vnd mit den ſteinlein ſpielen. Nun ſchleicht an tag; Die jägerin Diana ſtoltz, Die blümlein ſich nun melden. Auch wald- und waſſer⸗Nymphen, Wie Schlänglein krumb Nun wieder friſch in grünem holtz Gehn lächelnd vmb Gahn ſpielen, ſchertz⸗ vnd ſchimpffen. Die bächlein kühl in Wälden. Die reine Sonn Die brünnlein klar, vnd guellen rein Schmuckt ihre Cron, Viel hie, viel dort erſcheinen, Den kocher füllt mit pfeilen: All ſilber⸗weiſſe töchterlein Ihr beſte roß, Der holen Berg, vnd Steinen: Läſt lauffen loß, In groſſer meng Auff marmer glatten meilen. Mit jhr die kühle Sommer⸗wind All jüngling ſtill von ſitten, Im lufft zu ſpielen ſeind geſinnt, Auff wolcken leicht beritten. Die bäum vnd näſt Auch thun das beſt, Bereichen ſich mit ſchatten; Da ſich verhalt Das Wild im waldt, Wans pflegt von Hitz ermatten. Die meng der Vöglein hören laſt Ihr Schyr- vnd Tyre⸗Lyre; Da ſauſet auch ſo mancher naſt, Sampt er mit muſicire. Die Zweiglein ſchwank Zum vogelſang Sich auff, ſich nider neigen; Auch höret man Im grünen gahn Spatziren Laut⸗ vnd Geigen.—— Friedrich Spee. 28. Lob Gottes auß Beſchreibung der fröhlichen Sommerzeit. a60) Jetzt wicklet ſich der himmel auff, Jetzt bewegen ſich die räder, Der Frühling rüſtet ſich zum lauff Vmbgürt mit roſen⸗feder. O wie ſo ſchön, wie friſch und krauß! Wie glantzendt Elementen! Nit mügens genugſam ſtreichen auß Noch Redner, noch Scribenten. O Gott, ich ſing von hertzen mein, Gelobet muß der Schöpffer ſein. Du ſchnelle poſt, O ſchöne Sonn! O gülden Roß, vnd Wagen! O reines Rad auff reinem bronn Mit zartem glantz beſchlagen! Jetz ſchöpfeſt vns den beſten ſchein, So winters war verlohren, Da Rad, vnd Eymer⸗ſchienen ſein Von kält gar angefroren. O Gott ꝛc.. O reines jahr! O ſchöner tag! O ſpiegel⸗klare zeiten! Zur ſommer⸗luſt nach winter⸗klag Der Frühling vns wird leiten. Im lufft ich hör die muſik ſchon, Wie ſichs mit ernſt bereite, Daß vns empfang mit ſüſſem thon, Vnd lieblich hin begleite. O Eott ꝛc. Den Sommer laut begrüſſet, Ihr ſtimmlein vber berg ond thal Den gantzen lufft verfüſſet. Die vöglein zart in groſſer meng Buſch, heck vnd feldt durchſtreiffen, Die neſter ſchon ſeind ihn zu eng, Der Lufft klingt voller pfeiffen. O Gott ꝛc. Wer legt nun jhn den thon in mund, Dan laut, vnd dan ſo leiſe? Wer circklet ihn ſo rein vnd rund, So mannigfältig weiſe? Wer meſſet jhn den athem zu, Daß mögens vollenführen Den gantzen tag faſt ohne ruh So frewdigs tute⸗lüren? O Gott ꝛc. Jetzt lauffen wider ſtarck vnd veſt, So winterszeit geſtanden All flüß, vnd wäſſer in arreſt, Beſtrickt mit eyßes banden: Jetzt kalter lufft vnd ſtawre wind, Vns wider ſeynd verſöhnet, Der taw mit weiſſen perlen lind Die felder lieblich erönet. O Gott ꝛc. Für vns die ſchöne Nachtigal 15 Jetzt öffnet ſich der Erdenſchooß, Die brünnlein frölich ſpringen; Jetz laub vnd graß ſich geben blos, Die pfläntzlein anher dringen. Wer wird die kräuter mannichfalt In zahl ond ziffer zwingen, Welch vns der Sommer mit gewalt Ans liecht wird ſtündlich bringen? O Gott ꝛc. Die Blümlein, ſchaw, wie trettens an, Vnd wunderſchön ſich arten! Violen, roſen, tulipan, All kleinod ſtoltz in garten, Jacynthen vnd Gamanderlein, Dan ſaffran ond Lauendel; Auch ſchwertlein, gilgen, nägelein, Narciß vnd ſonnenwendel. O Gott ꝛc. Ey da, du gülden Keyſers Cron, Auß vilen außerkohren, Auch tauſent⸗ſchon vnd widerton, Naſturtz ond ritterſporen, Je lenger lieber, ſonnentaw, Baſilien, Brunellen, Agleyen auch vnd Bärenklaw, Dan Monſam, glock ond ſchellen. O Gott ꝛe. Mein, ſaget an, ihr Blümlein zart, Vnd laßt michs ja doch wiſſen, Weil ihr an euch kein farb geſpart, Wer hat euch vorgeriſſen? Wo nahmet jhr das muſter her, Davon jbr euch copeyet? Das fürbild wolt ich ſchawen ger, Welchs jhr hatt conterfeyet. O Gott ꝛc. Wer mag nun je gebohren ſein, So reich von ſcharffen ſinnen, Der auch daß gringſte pfläntzelein Nur ſchlechtlich dörfft beginnen? Die wahrheit ſag ich rund vnd glatt, Dann würd all ſinn zerrinnen, Wer nur auch dächt ein eintzig blat, Anß menſchen kunſt erſpinnen. O Gott ꝛc. Daß feld vnd wieſen feucht vnd feiſt Mit bächlein vil zerſpalten, Die Sonn wann ſie vorüber reiſt, Mit jhrer ſchön auffhalten: Nun wundert ſich der Himmel ſelb Wie zierlich vnderſtralet Mit gras, vnd früchten, grün, vnd gelb Daß erdreich ſich gemahlet. O Gott ꝛc. Wer treibet auß getreid, vnd gras, Wer lockets an die Sonnen? Weils in der erd verwirret ſaß, Wer hats hinauß geſponnen? Wer ſcherfft den ähren jhre ſpitz? Wer thut die kernle zählen? Wo nemmens doch die kunſt vnd witz, Daß nie der art verfehlen? O Gott ꝛc. Die ſtoltze Bäum in wälden wildt, Seind zierlich außgebreitet, O nur auß erd geſchnitzte bildt! Ohn werck vnd zeug bereitet! Wer that in lufft euch richten auff? Wer gab daß grün den zweigen? Wo war ſo viel der farb zu kauff? Für wunder muß ich ſchweigen. O Gott ꝛc. Bald auch die zahm, vnd fruchtbar bäum Sich frewdig werden zieren Mit weichem obs, mit kinder träum, Nuß, äpffel, kirſch⸗ vnd biren. Die biren gelb, die äpffel roth, Wie purpur die Granaten, Die pferſich bleich wie falber todt, Die kirſchen ſchwarz gerathen. O Gott ꝛ. Daß obs ich ſchier ohn zahl erblick, Vnd thut ſichs jmmer mehren, Citronen, quitten, pflaumen dick, Faſt alle näſt beſchweren. Pomrantzen gülden von geſtalt, Seind viel in warmen landen, Da leucht mit gold wol mancher waldt, Als newlich hab verſtanden. O Gott ꝛc. ——————— Der Rebenſtock voll trauben ſchwär An pfählen lieblich ſcheinet, Alß gleich ein wohl gewaffnet heer, An ſpieſſen angeleinet. Da ſamblet ſich das reben blut, Zu ſüſſen trauben zähren; Die machen vnß den friſchen mut, Waß will man mehr begehren! O Gott ꝛc. Die reine flüß Cryſtallen klar, Verbremt mit grünen weiden, Von ſchatten ſchier bedecket gar, Die Sonnenhitz vermeiden. Sich üben dort mit ſchwimmen viel, In ſchneegefärbten Schwanen. Dort haltens jhre frewden⸗ſpiel, Auff glatten waſſer⸗planen. O Gott ꝛc. Die thier auff grünen Felden breit, Sich friſch ond frewdig zeigen. Daß wildt in dunkel wälden weit, Dem Jäger zeigt die feigen: Die vögel auch in freyem zug: In lufften frewdig ſpielen, Mit hin vnd her gewendtem flug Zum ehren⸗Cräntzlein zielen. O Gott ꝛc. Wo nur daß aug man wendet hin, Mit lüſten wirds ergetzet; Ergetzet wird faſt jeder ſinn, Pnd alles wunder ſchetzet; Ohn maß iſt alle welt geſchmückt, Wer künſtler möchts erdencken? Wers recht bedenckt, wird gar verzückt, Das haupt thut niederſencken. O Gott ꝛc. Drumb lobet jhn, jhr menſchenkind, Bey nun ſo ſchönen zeiten: All trawrigkeit nur ſchütt in wind, Spannt auff die beſte ſeyten: Auff harpff vnd Lauten taſtet frey, Schneid an die ſüſſe Geigen, Mit reiner ſtimm, vnd Orgelſchrey, Thut jhm all ehr erzeigen. O Gott ich ſing von hertzen mein, Gelobet muß der Schöpffer ſein. Friedbrich Spee. 29. Sommergeſang. a6505 Geh aus, mein Herz, und ſuche Freud In dieſer lieben Sommerzeit An deines Gottes Gaben; Schau an der ſchönen Gärten Zier, Und ſiehe, wie ſie mir und dir Sich ausgeſchmücket haben.. Die Bäume ſtehen voller Laub, Das Erdreich decket ſeinen Staub Mit einem grünen Kleide. Narziſſus und die Tulipan, Die ziehen ſich viel ſchöner an Als Salomonis Seide. Die Lerche ſchwingt ſich in die Luft, Das Täublein flengt aus ſeiner Kluft Und macht ſich in die Wälder, Die hochbegabte Nachtigall Ergötzt und füllt mit ihrem Schall Berg, Hügel, Thal und Felder. Die Glucke führt ihr Völklein aus, Der Storch baut und bewohnt ſein Haus, Das Schwälblein ſpeiſt ihr' Jungen Der ſchnelle Hirſch, das leichte Reh Iſt froh, und kommt aus ſeiner Höh Ins tiefe Gras geſprungen. 17 Die Bächlein rauſchen in dem Sand Und malen ſich und ihren Rand Mit ſchattenreichen Myrten, Die Wieſen liegen hart dabei Und klingen ganz von Luſtgeſchrei Der Schaf und ihrer Hirten. Die unverdroßne Bienenſchar Zeucht hin und her, ſucht hier und dar Ihr edle Honigſpeiſe; Des ſüßen Weinſtocks ſtarker Saft Kriegt täglich neue Stärk und Kraft In ſeinem ſchwachen Reiſe. Der Weizen wächſet mit Gewalt, Darüber jauchzet Jung und Alt, Und rühmt die große Güte Deß, der ſo überflüſſig labt, Und mit ſo manchem Gut begabt Das menſchliche Gemüthe. Ich ſelbſten kann und mag nicht ruhn, Des großen Gottes großes Thun Erweckt mir alle Sinnen: Ich ſinge mit, wenn Alles ſingt, Und laſſe, was dem Höchſten klingt, Aus meinem Herzen rinnen. Ach, denk ich, biſt du hie ſo ſchön, Und läßt dus uns ſo lieblich gehn Auf dieſer armen Erden; Was will doch wohl nach dieſer Welt Dort in dem reichen Himmelszelt Und güldnen Schloſſe werden? Welch hohe Luſt, welch heller Schein Wird wohl in Chriſti Garten ſein? Wie muß es da wohl klingen, Da ſo viel tauſend Seraphim Mit eingeſtimmtem Mund und Stimm Ihr Alleluja fingen? O wär ich da! O ſtünd ich ſchon, Ach, ſüßer Gott! vor deinem Thron, Und trüge meine Palmen! So wollt ich nach der Engelweiſ⸗ Erhöhen deines Namens Preis Mit tanſend ſchönen Pfalmen. Doch will ich gleichwohl, weil ich noch Hier trage dieſes Leibes Joch, Auch nicht gar ſtille ſchweigen; Mein Herze ſoll ſich fort und fort An dieſem und an allem Ort Zu deinem Lobe neigen. Hilf nur und ſegne meinen Geiſt Mit Segen, der vom Himmel flenßt, Daß ich dir ſtetig blühe! Gib, daß der Sommer deiner Gnad In meiner Seelen früh und ſpat Viel Glaubensfrücht' erziehe. Mach in mir deinem Geiſte Raum, Daß ich dir werd ein guter Baum, Und laß mich wohl bekleiben: Verleihe, daß zu deinem Ruhm Ich deines Gartens ſchöne Blum Und Pflanze möge bleiben. Erwähle mich zum Paradeis Und laß mich bis zur letzten Reiſ An Leib und Seele grünen: So will ich dir und deiner Ehr Allein, und ſonſten Keinem mehr, Hier und dort ewig dienen. Paul Gerhardt. 30. Sommerſtille. 686) Die Sonne brennt,— des Himmels Blau Erglänzt ſo hell dort oben! Voll goldner Saaten glänzt die Au Mit Wieſengrün durchwoben. Schenckel's Blüten, 2r Theil. So feierlich darüber geht Geheimnißvolles Wallen! Es rauſcht kein Blatt, kein Lüftchen weht, Kein Vogellied will ſchallen! 2 18 So weit, ſo weit das Auge reicht Und wogen ſtill und feierlich Herrſcht ſtiller Gottesfrieden, Voll Andacht hin und wieder! Und Alles ruht und Alles ſchweigt O, hohe, heilge Himmelsruh! Als wandelt Gott hienieden. Geheimnißvolles Wallen! Wie zum Gebete neigen ſich Ich muß vor dir, du Vater, du, Die goldnen Halme nieder, Anbetend niederfallen! Gg. Ch. Diefſenhach. 31. Es regt auf dem reifenden Korngefild ꝛc.(655 Es regt auf dem reifenden Korngefild Hier wohnet ſie in Demuth ſtill, Sich kaum ein Lüftchen leis und mild; Doch, wenn ſie zum Schöpfer reden will, Wie fromme Beter, ſtill beglückt, Schwingt ſie ſich auf und ſingt ihr Lied, Im Gotteshauſe ſtehn gebückt: Wo ſie nur Gottes Auge ſieht, So ſcheinen, von ihrem Segen trunken, Und wer ſie höret ihr Hochamt halten, Die Aehren im Gebet verſunken. Den drängt es, betend die Hände zu falten. Und zwiſchen ihnen dort und hier Dein Segen, Herr, wie reich und Der blauen Blümchen ſüße Zier, hold, Als ob ein jedes hold und hehr Wie lacht und glänzt der Aehren Gold! Ein Liebesblick des Himmels wär; O, gib den Armen ihr täglich Brot, Drum mag die Lerche mit frommem Und lindre ihre Sorg und Noth, . Vertrauen Daß froh, wie Lerchenſänge ſchweben, Bei ihnen gern ihr Neſtlein bauen. Sich Aller Seelen zu dir erheben! Julius Hammer. 32. Im Sommer. Durch des Kornes enge Gaſſen Und der blaue Himmel webet Langſam zieh ich wohl einher, Sich herunter licht und warm, Wenn die Aehren all erblaſſen Und die ganze Erde ſchwebet Von verborgnem Segen ſchwer; Bräutlich ſtill in ſeinem Arm; Und ſo wandl ich hin und ſinne, Ach, inbrünſtig füßes Neigen, Und weiß nicht, was ich beginne. Innig Sehnen, glühend Schweigen! Julius Moſen. 33. Der Sommerabend. O, lueg) doch, wie iſch d'Sunn ſo müed, S iſch wohr, ſie het au übel Zit*), Lueg, wie ſie d'Heimeth abezieht! Im Summer gar, der Weg iſch wit, O lueg, wie Stral um Stral verglimmt, Und Arbet findt ſie überal Und wie ſie's Fazenetli) nimmt, In Hus*) und Feld, in Berg und Thal. E Wülkli, blau mit roth vermüſcht, S will Alles Liecht und Wärmi ha, Und wie ſie an der Stirne wüſcht. Und ſpricht ſie um e Segen a. 1) ſieh.— 2) Sacktuch.— 3) Zeit.— 4) Haus. 3 9 Meng ¹) Blüemli het ſie usſtaffiert, Und mit ſcharmante Farbe ziert, Und mengem Immli z'trinke ge, Drum iſch ſie jez ſo ſölli) müed, Und bruucht zum Schlof kei Obelied; KeWunder, wenn ſie ſchnuuft und ſchwitzt. Und gſeit*): Heſch gnueg und witt nomeh? Lueg, wie ſie dört ufs Bergli ſitzt! Und's Chäferli het hinteno Doch au ſi Tröpfli übercho). Meng Somechöpfli het ſie gſprengt, Und*s zitig Sömli uſe glengt ³). Hen*) dVögel nit bis z'allerletzt EBettles gha*), und d'Schnäbelg'wetzt? Und keis goht hungerig ins Bett, Wo nit ſi Theil im Chröpfli het. Und wo am Baum e Chrieſi“) lacht, Se het ſie'm rothi Bäckli gmacht; Und wo im Feld en Aehri ſchwankt, Und wo am Pfohl e Rebe rankt,„ Se het ſie eben abe glengt, Und hets mit Laub und Blueſt ²) umhängt. Und uf der Bleichi het ſie gſchafft Hüt je und je us aller Chraft. Der Bleicher het ſi ſelber gfreut, Doch hätt er nit:„vergelts Gott“! gſeit. Und het e Frau ne Wöſchli?) gha, Se het ſie trochnet druf und dra. S iſch weger ¹0) wohr, und überal, Wo d'Sägeſen ¹) im ganze Thal Dur Gras und Halme gangen iſch, Se het ſie gheuet froh und friſch. Es iſch e Sach, bi miner Treu, Am Motge Gras und 3*Obe) Heu! Der laute Tag iſt fortgezogen, Es kommt die ſtille Nacht-herauf, Und an dem weiten Himmelsbogen, Da gehen tauſend Sterne auf, Und wo ſich Erd und Himmel einen In einem lichten Nebelband, Beginnt der helle Mond zu ſcheinen Mit mildem Glanz ins dunkle Land. Jez lächlet ſie zum letzte Mol; Zez ſeit ſie:„Schlofet alli wohl!“ Und d'unten iſch ſie! Bhüet di Gott! Der Guhl'³), wouffem Chilchthurn ²) ſtoht, Het no nit gnueg, er bſchaut ſie no. Du Wundervitz, was gafſch denn ſo? Was gilts, ſie thuet der bald derfür, Und zieht e rothen Umhang für! Sie duuret ein, die gueti Frau, Sie het ihr redli Huschrüz au. Sie lebt gwiß mittem Ma) nit guet, Und chunnt ſie heim, nimmt er ſi Huet; Und was i ſag, jez chunnt er bald, Dört ſitzt er ſcho im Föhrewald. Er macht ſo lang, was tribt er echt?*) Me meint ſchier gar, er trau nit recht. Chumm numme), ſie iſch nümme do, S wird alles ſy, ſe ſchloft ſie ſcho. Jez ſtoht er uf, und luegt ins Thal, Und's Möhnli*) grüeßt en überal. Denkwohl, mer göhn jez au ins Bett, Und wer kei Dorn im Gwiſſe het, Der bruucht zum Schlofen au kei Lied; Me wird vom Schaffe ſelber müed: Und öbbe hemmer Schöchli?0) gmacht, Drum gebis ²¹) Gott e gneti Nacht! Joh. Peter Hebel. 34. Sommernacht. Da geht durch alle Welt ein Grüßen, Und ſchwebet hin von Land zu Land; Das iſt ein leiſes Liebesküſſen, Das Herz dem Herzen zugeſandt, Das im Gebete aufwärts ſteiget, Wie gute Engel leicht beſchwingt, Das ſich zum fernen Liebſten neiget, Und ſüße Schlummerlieder ſingt. 10) Manch.— 2 geſagt.— 3) überkommen, bekemmien.— 00 herausgelangt.— 5) Haben.— 0 gebabt.— 5 Kirſche.— 8) Blüte.— 9) Wäſche— 10) wahrlich.— 10) Senſe.— 12) zu Abend.— 13) ſehr.— 14) Hahn.— 15) Kirchthurm.— 16) Mann.— 17) etwa, doch.— 18) Komm nur.— 19) Maifröſchchen.— 20) haben wir kleine Heuhaufen auf den Wieſen. 21) gib uns. 20 Und wie es durch die Lande dringet, O Nacht, wo ſolche Geiſter wallen, Da möchte Alles Bote ſein; Im Mondenſchein, auf lauer Luft; Ein Vogel es dem andern finget, O Nacht, wo ſolche Stimmen ſchallen Und alle Bäume rauſchen drein; Durch lauter reinen Blütenduft; Und durch den Himmel geht ein Winken O Sommernacht, ſo reich an Frieden, Und auf der Erde nah und fern, So reich an ſtiller Himmelsruh: Die Ströme heben an zu blinken, Wie weit zwei Herzen auch geſchieden, Und Stern verkündet es dem Stern. Du führeſt ſie einander zu! Robert Reinick. 35. Sommerlied. Blaue Berge! Weiße Wölklein ſteigen auf, Von den Bergen ſtrömt das Leben, Ziehn dahin im ſtillen Lauf, Reine Luft für Menſch und Vieh; Gottes Schäflein gehn zur Weide. Waſſerbrünnlein ſpät und früh Herzensfrieden, Müſſen uns die Berge geben. Woll ihn Gott uns Allen geben! Friſche Matten! O dann iſt die Erde ſchön! Grüner Klee und Dolden ſchießen, In den Gründen, auf den Höhn, An dem Grashalm ſchlank und fein Wacht und fingt ein frohes Leben. Glänzt der Thau wie Edelſtein, Schwarze Wetter Und die klaren Bächlein fließen. Ueberziehn den Himmelsbogen, Schlanke Bäume! Und der Vogel ſingt nicht mehr; Muntrer Vögel Melodeien 8 beinen e Und die wilden Waſſer wogen. Singen laut des Schöpfers Preis; Rothe Blitze Kirſche, Birn und Pflaum gedeihen. Zucken hin und zucken wieder, Leuchten über Wald und Flur. Grüne Saaten! Bange harrt die Creatur; Aus dem zarten Blatt enthüllt ſich Donnerſchläge ſtürzen nieder. Halm und Aehre, ſchwanket ſchön, Gut Gewiſſen Wenn die milden Lüfte wehn, Wer es hat it e Und das Körnlein wächſt und füllt ſich. In den Blitz dem Belericht An dem Himmel Schaut er, und erbebet nicht, Strahlt die Sonn im Brautgeſchmeide, Wenn der Grund der Erde krachet. Joh. Peter Hebel. 36. Das Gewitter. Noch immer lag ein tiefes Schweigen Der Himmel donnert ſeinen Hader; Rings auf den Höhn; doch plötzlich fuhr Auf ſeiner dunklen Stirne glüht Der Wind nun auf zum wilden Reigen, Der Blitz hervor, die Zornesader, Die ſauſende Gewitterſpur. Die Schrecken auf die Erde ſprüht. Am Himmel eilt mit dumpfem Klange Der Regen ſtürzt in lauten Güſſen. Herauf der finſtre Wolkenzug. Mit Väumen, die der Sturm zerbrach, So nimmt der Zorn im heißen Drange Erbrauſt der Strom zu meinen Füßen;— Den nächtlichen Gedankenflug.— Doch ſchweigt der Donner allgemach. 21 Der Sturm läßt ſeine Flügel ſinken, Der Regen ſäuſelt milde Ruh: Da ſah ich froh ein Hüttlein winken, Und eilte ſeiner Pforte zu. Nik. Lenau. 37. Das Gewitter. Wer weiß, wie nahe mir mein Enbe? Es kann vor Nacht leicht anders werden, Als es am frühen Morgen war. Urahne, Großmutter, Mutter und Kind In dumpfer Stube beiſammen ſind; Es ſpielet das Kind, die Mutter ſich ſchmückt, Großmutter ſpinnet, Urahne gebückt Sitzt hinter dem Ofen im Pfühl— Wie wehen die Lüfte ſo ſchwül! Das Kind ſpricht:„Morgen iſts Feiertag, Wie will ich ſpielen im grünen Hag, Wie will ich ſpringen durch Thal und Höhn, Wie will ich pflücken viel Blumen ſchön; Dem Anger, dem bin ich hold!“— Hört ihrs, wie der Donner grollt? Die Mutter ſpricht:„Morgen iſts Feiertag, Da halten wir Alle fröhlich Gelag, Ich ſelber, ich rüſte mein Feierkleid; Das Leben, es hat auch Luſt nach Leid, Dann ſcheint die Sonne wie Gold!“— Hört ihrs, wie der Donner grollt? Großmutter ſpricht:„Morgen iſts Feiertag, Großmutter hat keinen Feiertag, Sie kochet das Mahl, ſie ſpinnet das Kleid: Das Leben iſt Sorg und viel Arbeit. Wohl dem, der that, was er ſollt!“— Hört ihrs, wie der Donner grollt? Urahne ſpricht:„Morgen iſts Feiertag, Am liebſten morgen ich ſterben mag: Ich kann nicht fingen und ſcherzen mehr, Ich kann nicht ſorgen und ſchaffen ſchwer, Was thu ich noch auf der Welt?“— Seht ihr, wie der Blitz dort fällt?— Sie hörens nicht, ſie ſehens nicht, Es flammet die Stube wie lauter Licht: 22 Urahne, Großmutter, Mutter und Kind Vom Strahl miteinander getroffen ſind; Vier Leben endet Ein Schlag— Und morgen iſts— Feiertag. Guſſt av Schwab. 38. Das Gewitter. Der Vogel ſchwankt ſo tief und ſtill, O, ſiehſch die helle Streife dört? Er weiß nit, woner ane ¹) will. O los! heſch nit das Raßle ghört? Es chunnt) ſo ſchwarz u. chunnt ſo ſchwer, Es chunnt. Gott wellis ³) gnädig ſy! Und in de Lüfte hangt e Meer Göhnt weidli ¹), hänket d'Läden i! Voll Dunſt u. Wetter. Los 9), wie's ſchallt S iſch wieder akurat wie vern ³0). Am Blauen*), und wie's wiederhallt! Guet Nacht, du ſchöni Weizen⸗Ern. In große Wirble fliegt der Staub Es ſchettert uffem Chilchedach*⁵); Zum Himmel uf, mit Halm und Laub, Und vorem Hus, wie gäutſchts im Bach Und lueg*) mer dört ſel Wülkli a! Und loßt nit no— das Gott erbarm; J ha ke große G'falle dra; Jez ſimmer*²) wieder alli arm.— Lueg, wie mers uſenander rupft, Zwor hemmer*⁵) au ſcho gmeint,'s ſeig ſo, Wie üſereis“), wenns Wulle zupft. Und doch iſchs wieder beſſer cho ²). Se helfis*) Gott und b'hüetis Gott! Lueg,'s Büebli ſchloft no allewil, Wie zuckts durs G'wülch*) ſo füürigroth, Und us dem Hagle machts nit viel! Und's chracht und tost, es iſch e Grus, Es denkt:„Vom Briegge**) loßts nit no, Aß d'Fenſter zitteren und's Hus! Er wird mi Theil ſcho übrig lo*¹).“ Lueg's Büebli in der Waglen) a! He jo,'s het au, ſo lang i's ha, Es ſchloft und nimmt ſi nit drum a. Zu rechter Zit*) ſi Sächli gha ²). Sie lüte) z'Schlienge druf und druf, O gebis*³) Gott e Chinderſinn! Je, und's hört ebe doch nit uf. S iſch große Troſt und Sege drinn. Sel bruncht me gar, wenns dundere ſoll, Sie ſchlofe wohl und traue Gott, Und's lütet eim no d'Ohre voll.— Wenns Spieß und Nägel regne wott*), O, helfis Gott!— Es iſch e Schlag! Und er macht au ſi Sprüchli wohr Dört, ſiehſt im Baum am Gartehag? Mit ſinen Englen in der G'fohr.— Lueg,'s Büebli ſchloft no alliwil ¹²) Wo iſch das Wetter ane cho? Und us dem Dundere machts nit viel. D' Sunn ſtoht am heitre Himmel do. Es denkt:„Das ficht mi wenig a, Siſch ſchier garz'ſpot, doch grüeß di Gott! Er wird jo d'Auge bynem ha.“„He,“ ſeit ſi,„nei,'s iſch no nit z'ſpot, Es ſchnüfelet, es dreiht ſi hott ¹²) Es ſtoht no menge*⁵) Halm im Bah ²*) Ufs ander Oehrli. Gunn*) ders Gott! Und menge Baum, und Oepfel dra.“— U wo er hin.— 2) kommt.— 3) Horch.— 4) Der Blauen iſt ein 3600 hoher Berg im Schwarz⸗ wald.— 5) ſieh.— 6) unſereins.— 70 hilf uns.— 8) Gewölk.— 9) Wiege.— 10) läuten.— 11) immer fort.— 12) es dreht ſich rechts.— 13) Gönn.— 14) woll uns.— 15) Geht ſchnell.— 16) früher, voriges Jahr.— 170 Kirchendach.— 18) ſind wir.— 19) haben wir.— 20) gekommen.— 21) Weinen.— 22) laſſen.— 23) Zeit.— 24) gehabt.— 25) gib uns.— 26) wollte.— 27) mancher. — 28) Bann, Gemarkung. 3 23 Potz tauſig,'s Chind iſch au verwacht; Lueg, was es für e Schnüfli macht! Es lächlet, es weiß nüt dervo. Siehſch, Friederli, wie's usſieht do?— Der Schelm het no ſi Gfalle dra. Gang ¹), richt em eis ſi Päppli) a! Joh. Peter Hebel. c) Herbſt. Du feuchteſt die Berge von oben her; du machſt das Land voll Früchte, die du ſchaffeſt. Du läſſeſt Gras wachſen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menſchen, daß du Brot aus der Erde bringeſt und daß der Wein erfreue bes Menſchen Herz und ſeine Geſtalt ſchön werde vom HOele und das Brot des Menſchen Herz ſtärke. Pſalm 104, 13— 15. 39. Septembermorgen. In Nebel ruhet noch die Welt, Noch träumen Wald und Wieſen: Bald ſiehſt du, wenn der Schleier fällt, Den blauen Himmel unverſtellt, Herbſtkräftig die gedämpfte Welt In warmem Golde fließen. Eduard Mörike. 40. Herbſtgefühl. Fetter grüne, du Laub, Des holden Himmels Am Rebengeländer Fruchtende Fülle; Hier mein Fenſter herauf! Euch kühlet des Mondes Gedrängter quellet Freundlicher Zauberhauch, Zwillingsbeeren und reifet Und— euch bethauen, ach Schneller und glänzend voller! Aus dieſen Augen Euch brütet der Mutter Sonne Der ewig belebenden Liebe Scheideblick, euch umſäuſelt Vollſchwellende Thränen. Joh. Wolfg. v. Gvethe. 41. Herbſtlied. Ach in dieſen blauen Tagen, Leichter Schlaf und klarer Die ſo licht und ſonnig fließen, Morgen Welch ein inniges Genießen, Wiſſen Nichts von bangen Sorgen, Welche ſtillverklärte Ruh! Und die Seele ſchweift beflügelt Heiter iſt das Blut gezügelt, ZJeder lieben Stelle zu.— 1) Geh.— 20 Brei. 24 Ach in dieſen blauen Tagen, Die wie Wellen ſo gelinde Mich ins Leben weiter tragen, Muß ich hoffen, muß ich fragen, Ob ich nie dich wiederfinde Liebling meiner Seele du! Emanuel Geibel. 42. Herbſtlich ſonnige Tage. Herbſtlich ſonnige Tage Mir beſchieden zur Luſt, Euch mit leiſerem Schlage Grüßt die athmende Bruſt. O, wie waltet die Stunde Nun in ſeliger Ruh! Jede ſchmerzende Wunde Schließet leiſe ſich zu. Nur zu raſten, zu lieben, Still an ſich ſelber zu baun Fühlt ſich die Seele getrieben, Und mit Liebe zu ſchaun. Und ſo ſchreit ich im Thale, In den Bergen, am Bach, Jedem ſegnenden Strahle, Jedem verzehrenden nach. Zedem leiſen Verfärben Lauſch ich mit ſtillem Bemühn, Jedem Wachſen und Sterben, Jedem Welken und Blühn. Selig lern ich es ſpüren, Wie die Schöpfung entlang Geiſt und Welt ſich berühren Zu harmoniſchem Klang. Was da webet im Ringe, Was da blüht auf der Flur, Sinnbild ewiger Dinge Iſts dem Schauenden nur. Jede ſproſſende Pflanze, Die mit Düften ſich füllt, Trägt im Kelche das ganze Weltgeheimniß verhüllt. Schweigend blickts aus der Klippe, Spricht im Quellengebraus; Doch mit heiliger Lippe Deutet die Muſ' es aus. Emanuel Geibel. 43. Mir gefällt der Herbſt, der klare, Weil er iſt die Zeit im Jahre, Die im Lebenskreiſe biſt Alter, du, und ich gewahre, Daß an dir mein Jahr nun iſt. Mir gefällt der Herbſt, der klare, Weil er ſpät vom frühen Jahre Bringt den milden Widerglanz, Wie ich flecht in greiſe Haare Einen Jugendliederkranz. Der klare Herbſt. Mir gefällt der Herbſt, der klare, Weil er feierlich die Bahre Der erblichnen Freuden ſchmückt, Und ich an mir ſelbſt erfahre, Daß die Wehmuth mich beglückt. Mir gefällt der Herbſt, der klare, Weil er bringt zu Markt, als Waare Frucht, die flüchtge Blüte war; Wie ich meinem Winter ſpare, Was mein Sommer heiß gebar. Mir gefällt der Herbſt, der klare, Der das beſte Korn vom Jahre Ausſtreut für die künftge Zeit, Wie ich Keim in mir bewahre, Reifend zur Unſterblichkeit. Friedr. Rückert. 25 44. Herbſtlied. ds5t.) Still verborgen unterm Laube Das iſt echtes Jugendfeuer, Hat die Rebe abgeblüht, Das iſt echte Frühlingsluſt, Bald nun ſchwillt die Purpur⸗ Wenn der Herbſt zu ewig neuer traube, Wonne dehnt und hebt die Bruſt. Tief vom Sommertag durchglüht. Wenn mit Rebenlaub gekrönet, Athmend lauſcht ſie durchs Geranke, Rings uns winkt der Feuerſaft, Ahnungswonnevoll durchbebt, Nachtigallen übertönet Wie zum Liede der Gedanke Goldner Lieder freie Kraft! In des Dichters Bruſt ſich webt. Sprüht der Herbſt in tauſend Farben, Friſches Leben würzt die Luft, Ob auch Frühlingsblüten ſtarben, Doch noch Blumen, doch noch Duft! Wohl der Mai hat ſeine Wonne, Stiller Knospen Seligkeit, Doch der Herbſt iſt meine Sonne, Wie die Ufer blitzend triefen, Und der Herbſt iſt meine Zeit! Wie von flüſſigem Kryſtall! Ha, Kryſtall, von echtem Fluſſe, Lauter, wie der Berge Gold, Angeglüht vom Sonnenkuſſe, Gruß und Sang ſei dir gezollt! Schlürft ihn, Brüder! Schaum und Neige! Daß aus friſch lebendgem Trunk Uns in goldnen Bildern ſteige Zukunft und Erinnerung! Greif zum leichten Wanderſtabe, Geh entlang den ſchönen Rhein: 5 Schönſter Berge ſchönſte Gabe Goldne Laſt iſts, goldner Wein; Schau die Höhen, ſchau die Tiefen, Wie es glühet überall, Otto Roquette. 45. Herbſtlied. uns2) Bunt ſind ſchon die Wälder, Dort, mit leichten Schritten, Gelb die Stoppelfelder, Jene goldne Quitten Und der Herbſt beginnt. In den Landhof trägt! Rothe Blätter fallen, Flinke Träger ſpringen, Graue Nebel wallen, Kühler weht der Wind. Wie die volle Traube, Aus dem Rebenlaube, Purpurfarbig ſtrahlt! Am Geländer reifen Pfirſiche mit Streifen Roth und weiß bemalt. Sieh! Wie hier die Dirne Emſig Pflaum und Birne In ihr Körbchen legt; Und die Mädchen ſingen, Alles jubelt froh! Bunte Bänder ſchweben, Zwiſchen hohen Reben, Auf dem Hut von Stroh! Geige tönt und Flöte Bei der Abendröthe, Und im Mondenglanz Junge Winzerinnen Winken und beginnen Deutſchen Ringeltanz. Joh. Gaudbenz v. Salis⸗Seewis. 26 46. Es iſt nun der Herbſt gekommen, Hat das ſchöne Sommerkleid Von den Feldern weggenommen Und die Blätter ausgeſtreut; Vor dem böſen Winterwinde Deckt er warm und ſachte zu Mit dem bunten Laub die Gründe, Die ſchon müde gehn zur Ruh. Durch die Felder ſieht man fahren Eine wunderſchöne Frau; Und von ihren langen Haaren Goldne Fäden auf der Au Herbſt. Spinnet ſie*) und ſingt im Gehen Eya meine Blümelein, Nicht nach Andern immer ſehen, Eya ſchlafet, ſchlafet ein. Und die Vöglein hoch in Lüften Ueber blaue Berg' und Seen Ziehn zur Ferne nach den Klüften, Wo die hohen Cedern ſtehn, Wo mit ihren goldnen Schwingen Auf des Benedeiten Gruft Engel Hoſianna ſingen Nächtens durch die ſtille Luft. Joſ. Frhrr. v. Eichendorff. 47. Herbſt. as65 Die Sonne ſinkt,— die Nebel wallen,— Wie wird ſo plötzlich kühl die Luft! Aus düſterm Thal herüberklinget Manch Abendglöcklein durch den Duft. Und mit des Feldes letztem Segen Das muntre Völklein heimwärts zieht, Und in der Heerden helles Läuten Miſcht ſich ein fröhlich Abendlied. Schon flimmert durch den duftgen Nebel Ein Lichtlein aus dem Dorf hervor, Und gaſtlich aus den ſtillen Hütten Zum Himmel ſteigt der Rauch empor. Bald wird es rings ſo ſtill und düſter, Die Bäume rauſchen klagend nur Und leiſe fallen ihre Thränen, Die gelben Blätter, auf die Flur. Doch in der Hütte engem Raume Iſt ſtille Heiterkeit erblüht, Die Lampe ſtrahlet freundlich helle, Der alte Ofen wärmt und glüht. *) Im Frühjahr, ganz beſonders aber im Spätjahr ſind alle Hecken, Wieſen und Stoppeln ſo mit „fliegenden Sommerfäden“ bedeckt, daß man bei jedem Schritt an und auf ſolchen Plätzen Füße und Kleider voll weißer Fäden bekommt. Eine glänzend ſchwarzbraune Spinne, nicht größer als ein Stecknadelkvpf, macht im September und Oktober auf den Stoppelfelbern die Gewebe. Sie überwintert, kommt bei ſonnigem Wetter im März wieder hervor und zieht ihre Fäden, die namentlich im Thau wie der feinſte Flor erſcheinen. Wind und Wettet reißen einzelne. Fäden los, die dann in der Luft herumfliegen. Der Landmann ſagt im Frühling:„Der Sommer kommt an“, im Herbſte aber, wo ſie häufiger ſind:„Der Sommerfliegtweg“ Des Herbſtes Segen auf dem Tiſche, Und Freud und Frieden in der Bruſt,— Die Lieben all in engem Raume,— O Glück! o ſelig ſtille Luſt! All die Gedanken, die zur Ferne Sonſt wild geſchweift hinaus, hinaus,— Sie kehren froh und friedlich wieder In meines Herzens ſtilles Haus; Drin wird es warm und klar und helle, Kein Sehnen ſtört die milde Ruh; Des Herbſtes Frieden in dem Herzen, So eil ich froh dem Dörflein zu. Gg. Ch. Dieffenbach. 48. Herbſt. Trübe Wolken, Herbſtesluft, Todeskühl der Winter naht; Einſam wandl ich meine Straßen, Wo ſind, Wälder, eure Wonnen? Welkes Laub, kein Vogel ruft— Fluren, eurer vollen Saat Ach, wie ſtille! wie verlaſſen! Goldne Wellen ſind verronnen! Es iſt worden kühl und ſpät, Nebel auf der Wieſe weidet, Durch die öden Haine weht Heimweh;— Alles flieht und ſcheidet.——— Nikol. Lenau. 49. Herbſtlied. Es ſchleicht um Buſch und Halde Du brachſt am Lebensſteige Der Sonnenſtrahl ſo matt, Die Früchte, die er bot, Im herbſtlich ſtillen Walde Der Jugend Roſenzweige, Fällt langſam Blatt um Blatt. Der Minne Himmelsbrot. Die Welt verſinkt in Todesruh, Doch endlich wird des Windes Raub Was iſts denn mehr? Auch du, auch du, Die letzte Lieb, das letzte Laub. Mein Herz, du findeſt balde So neige dich, o neige Die rechte Lagerſtatt. Dich lächelnd in den Tod. Emanuel Geibel. 50. Nachruf. Zu meinen Füßen ſinkt ein Blatt, O wie vergänglich iſt ein Laub, Der Sonne müd, des Regens ſatt; Des Frühlings Kind, des Herbſtes Als dieſes Blatt war grün und neu, Raub! Hatt' ich noch Eltern lieb und treu. Doch hat dies Laub, das niederbebt, Mir ſo viel Liebes überlebt. Ludw. Uhland. =— 28 d) Winter. Der Herr gibt Schnee wie Wolle, er ſtreuet Reif wie Aſche. Er ſpricht, ſo zerſchmilzt es; er läſſet ſeinen Wind wehen, ſo thauet es auf. * Pſalm 147, V. 16 u. 18. 51. Im Winter. Der Winter ſteigt, ein Rieſenſchwan, hernieder, Die weite Welt bedeckt ſein Schneegefieder. Er ſingt kein Lied, ſo ſterbensmatt er liegt, Und brütend auf die todte Saat ſich ſchmiegt; Der junge Lenz doch ſchläft in ſeinem Schvoß, Und ſaugt an ſeinex kalten Bruſt ſich groß, Und blühet einſt in tauſend Blumen auf, Und jubelt einſt in tauſend Liedern auf. So ſteigt, ein bleicher Schwan, der Tod hernieder, Senkt auf die Saat der Gräber ſein Gefieder, Und breitet weithin über ſtilles Land, Selbſt ſtill und ſtumm, das ſtarre Eisgewand; Manch friſchen Hügel, manch verweht Gebein, Wohl theure Saaten hüllt ſein Buſen ein;— Wir aber ſtehn und blicken harrend hin, Ob bald die Frühlingskeime anferblühn?—— Anaſtaſius Grün. 52. Winterlied. Das Feld iſt weiß, ſo blank und rein, Vergoldet von der Sonne Schein, Die blaue Luft iſt ſtille; Hell, wie Kryſtall, Blinkt überall Der Fluren Silberhülle. Der Lichtſtrahl ſpaltet ſich im Eis, Er flimmert blau und roth und weiß Und wechſelt ſeine Farbe. Aus Schnee heraus Ragt nackt und kraus Des Dorngebüſches Garbe. Von Reif und Duft befiedert ſind Die Zweige rings, die ſanfte Wind Im Sonnenſtrahl bewegen. Dort ſtäubt vom Baum Der Flocken Flaum Wie leichter Blütenregen. Tief ſinkt der braune Tannenaſt Und drohet mit des Schnees Laſt Den Wandrer zu beſchütten; Vom Froſt der Nacht Gehärtet, kracht Der Weg von ſeinen Tritten. Das Bächlein ſchleicht, von Eis geengt; Voll lauter blauer Zacken hängt Das Dach; es ſtockt die Quelle; Im Sturze harrt, Zu Glas erſtarrt, Des Waſſerfalles Welle. Die blaue Meiſe piepet laut; Der muntre Sperling pickt vertraut Die Körner vor der Scheune. Der Zeiſig hüpft Vergnügt und ſchlüpft Durch blätterloſe Haine. 29 Wohlan! auf feſtgediegner Bahn Klimm ich den Hügel ſchnell hinan Und blicke froh ins Weite; Und preiſe den, Der rings ſo ſchön Die Silberflocken ſtreute. Joh. Gaudenz v. Salis⸗Seewis. 53. Wintermorgen. Wie der kalte, blaue, klare Himmel ſo erquicklich lacht! Gleich als trüg er ſeine wahre, Höchſte Sonntags⸗Morgen⸗Tracht. Gibt, die Herzen zu erfriſchen, Er dem Volk heut einen Schmaus? Breitet deshalb auf den Tiſchen Er die weißen Tücher aus? Bringt er edle Magenweine In geſchliffenem Kryſtall? Leckerein, candirte, feine, In dem Körbchen von Metall? Wenig wohl bekommt zu naſchen, Iſt auch ſchön der Tiſch gedeckt, Wer nicht etwa ſelbſt die Taſchen Sich mit Vorrath vollgeſteckt. Aber dieſer klare Morgen, Er erhöht mir Kraft und Muth; Ohne Arbeit, ohne Sorgen Kreiſt ſo raſch das leichte Blut. Wenn der Wein gefriert von außen, Wird er innen doppelt ſtark; Luſtig muß im Froſte brauſen Innerer Geſundheit Mark. Guſtav Pfizer. 54. Der Winter. Iſch echt*) do obe Bauwele*) feil? Sie ſchütten eim e redli Theil In de Gärten aben und ufs Hus; Es ſchneit doch au, es iſch e Gruus; Und's hangt no menge Wage voll Am Himmel obe, merki wohl. Und wo ne Ma*) vo witem lauft, So het er vo der Bauwele gchauft; Er treit*) ſie uf der Achsle no, Und uffem Huet, und lauft dervo. Was laufſch denn ſo, du närrſche Ma? De wirſch ſie doch nit gſtohle ha? Und Gärten ab und Gärten uf Hen alle Scheie*) Chäpli uf. Sie ſtöhn wie großi Here do; Sie meine,'s heigs ſuſt niemes ſo. Der Nußbaum het doch au ſi) Sach Und's Here Hus un's Chilchedach). Undwo meluegt'*), iſch Schnee u. Schnee, Me ſieht ke Stroß und Fußweg meh. Meng Somechörnli, chlei*) und zart, Lit unterm Bode wohl verwahrt, Und ſchneis ſo lang es ſchneie mag, Es wartet uf ſi Oſtertag. Meng Summervögli ſchöner Art Lit unterm Bode wohl verwahrt; Es het kei Chummer und kei Chlag, Und wartet uf ſi Oſtertag; Und gangs au lang, er chunnt emol Und ſider ¹) ſchlofts und's iſch em wohl. Dochwenn im Früehlig's Schwälmliſingt Und de Sunne⸗wärmi abedringt, Potz tauſig, wachts in jedem Grab, Und ſtreift ſi Todtehemdli ab. Wo nummen*¹) au ne Löchli iſch Schlieft ¹²)'s Leben uſe jung und friſch.— 1etwa, wohl.— 2) Baumwolle.— 3) Mann.— 4) trägt.— 5) Palliſaden um die Gärten.— 6) ſeine. 12) ſchlüpft. — 7) Kirchendach.— 8) ſchaut, ſieht.— 9) klein.— 10) ſeit, unterdeſſen.— 11) nur.— . 30 Do fliegt e hungrig Spätzli her! Do heſch! Loß andern au dervo! E Brösli Brot wär ſi Begehr. Biſch hungerig, chaſch ¹) wieder cho²³)!— Es luegt ein ſo erbärmli a;'s mueß wohr ſy, wie'se Sprüchli git: *s het ſider nächti nüt meh gha.„Sie ſeihe ³) nit und ernde nit; Gell, Bürſtli, ſell iſch andri Zit, Sie hen kei Pflueg und hen kei Joch, Wenns Chorn in alle Fure lit? Und Gott im Himmel nährt ſie doch ²)“. Joh. Peter Hebel. 55. Beim friſchgefallnen Schnee. Eingeſchneit iſt Weg und Steg, Treulich gräbt ſich ein die Sput, Ueber Straß und Feld hinweg Wenn im Fluge Vöglein nur Liegt der Teppich ausgeſpreitet, Mit den Schwingen drüber ſtreichen. Und im weichen, weißen Grund Heilge Wahrheit, wann wird ſich Gibt durch tiefe Spur ſich kund Um die Seele feierlich Alles, was darüber gleitet. Dein lichtweißer Teppich legen, Jeder flüchtge Menſchentritt, Daß darauf ſich präge klar, Der nur leis vorüberſchritt, Wie im Herzen unſichtbar Drückt hinein der Füße Zeichen; Die Gedanken ſich bewegen? Abolf Stöber. 56. Winternacht. Verſchneit liegt rings die ganze Welt, Der Wind nur geht bei ſtiller Nacht ch hab Nichts, was mich freuet, Und rüttelt an dem Baume, Verlaſſen ſteht der Baum im Feld, Da rührt er ſeinen Wipfel ſacht Hat längſt ſein Laub verſtreuet. Und redet, wie im Traume. Er träumt von künftger Frühlingszeit, Von Grün und Quellenrauſchen, Wo er im neuen Blütenkleid Zu Gottes Lob wird rauſchen. Joſ. Frhrr. v. Eichendorff. 57. Der Jenner. Im Aetti*) ſetzt der Oeldampf zue. Er ſeit:„J bi ne b'liebte Ma), Mer chönnte's Aempeli uſe thue²), Der Stern am Himmel lacht mi a, Und d'Läden uf. Der Morgeſchii ¹) Er glitzeret vor Luſt und Freud, Blickt ſcho zum runde Naſtloch i.— Und mueß er furt, ſen iſchs em Leid; O lueget*) doch, wie chalt und roth Er luegt mia, und cha's nit lo ¹), Der Jenner uf de Berge ſtoht! Und würd bizite*¹) wieder cho ¹2). 1) kannſt.— 2) kommen.— 3) ſäen.— 4) Sehet die Vögel unter dem Himmel an; ſie ſäen nicht, ſie ernten nicht, ſie ſammeln nicht in die Scheuern und euer himmliſcher Vater nähret ſie doch. Matth. 6, V. 26. Luc. 12, 24. 5) Vater.— 6) das Licht auslöſchen.— 7) Morgenſchein.— 8) ſehet.— 9) Mann.— 10) kanns nicht 3 laſſen.— 11) beizeiten.— 12) kommen. 6 31 Und unterher in Berg und Thal, Wie flimmerets nit überal! An alle Ende Schnee und Schnee: S iſch Alles mir zu Ehre gſcheh, Und woni gang*) im wite Feld, Sin Stroße bahnt und Brucke gſtellt“. Er ſeit:„J bi ne friſche Ma! J ha ne luftig Tſchöpli) a Und rothi Backe bis ans Ohr, E heiter Aug und Duft im Hoor«), Ke Wintergfriſt, ke Gliederweh, Und woni gang, ſe chracht der Schnee“. Er ſeit*):„J bine geſchickte Ma, Lueg, wieni*) überzuckere cha! Ichuuch“), und an de Hürſte) hangts, Und an de zarte Birche ſchwankts. Der Zuckerbeck mit geſchickter Hand, Mit Geld und Guet wärs nit im Stand“. Jez lueg au dini Schiben a), Und wieni Helgli) chritzle cha)! Do heſch e Blüemli, wenns der gfallt, Do heſch e ganze Tannewald! Der Früehlig chönnts nit halber ſo, S iſch mit der Farb nit Alles tho ¹)“. Er ſeit:„J bi ne ſtarchens) Ma, Und zwing mi näumer**), wenn ercha! Der Forſter gſtablet*) uf der Jacht, Der Brunntrog ſpringt, der Eichbaum chracht. DFrau Sunne, mittem Gſichtli rund, Het's Herz nit, aß ſie füre chunnt.“ S'iſch wohr, me weiß nit, was ſie tribt, Und wo ſie alli Morge blibt. Wie länger Nacht, wie ſpöter Tag, Wie beſſer aß ſie ſchlofe mag; Und blieb es bis um Zehni Nacht, Se chäm ſie erſt, wenns Oelfi ſchlacht. Nei, het ſie's ghört? Dörtchunnt) ſie jo! Me meint,'s brenn Alles lichterloh!— Sie ſtoht im chalte Morgeluft, Sie ſchwimmt im rothe Nebelduft. Zeig, chuuch e wenig d'Schiben a, 8 S iſch, aß me beſſer luege cha! Der Nebel woget uf und ab, Und d'Sunne chämpft, ſie loßt nit ab. Jez het ſie's gunne ¹6). Wit und breit Strahlt ihre Pracht und Herrlichkeit. O lueg, wie's über d'Dächer wahlt*), Am Chilchefenſter**), lueg, wie's ſtrahlt. Der Jenner ſetzt ſi Arm in d' Huft, Er ruckt am Huet und ſchnellt in d'Luft. Der Jenner ſeit:„J förcht di nit. Chumm, wenn de mit mer baſchge witt ¹)! Was gilts, de würſch bizite goh, Und rüehmſch di'm Büebli nüt dervo!“ Je,'s wär wohl hübſch und liebli ſo, Im warme Stübli gefallts eim ſcho. Doch mengi Frau, daß Gott erbarm, Sie nimmt ihr nackig Chind in d'Arm; Sie het em nüt um dGliedli z'thue, Und wicklets mit em Fürtuech ²) zue. Sie het kei Holz und het kei Brot, Sie ſitzt und chlagts im liebe Gott. Gfriert Stei und Bei, wohl thaut der Schmerz No Thränen uf im Muetterherz. Der Zenner iſt e runche¹) Ma, Er nimmt ſi nüt um d'Armeth a. Gang**), bring der arme Fiſcher⸗Lis E Säckli Mehl, e Hemdli wiiß; Nimm au ne Welle oder zwo Und ſag, ſie ſoll au zuenis cho2); Und Weihe*) hole, wenn i bach*), Und decket jez der Tiſch alsgmach. Joh. Peter Hebel. ¹) wo ich geh.— 2) Kamiſülchen.— 3) Haar.— 4) ſagt.— 5) wie ich.— 6) Ich hauch.— 7) Sträuchen, Gebüſchen.— 8) deine Scheiben an.— 9) Heilige.— 10) kann.— 11) gethan.— 1²) ſtarker.— 13) Jemand.— 14) wird ſteif.— 15) kommt.— 16) gewonnen.— 17) wogt.— 18) Kirchenfenſter.— 19) ringen oder kämpfen willſt.— uns kommen.— 24) Speckkuchen— 25) backe. 20) Schürze.— 21) rauher.— 22) Geh.— 23) zu 32 58. Hoffnung. Und dräut der Winter noch ſo ſehr Und lacht in den ſonnigen Himmel hinauf Mit trotzigen Geberden, Und ſtreut er Eis und Schnee umher, Es muß doch Frühling werden. Und möchte vor Luſt vergehen. Sie flicht ſich blühende Kränze ins Haar, Und ſchmückt ſich mit Roſen und Aehren, Und drängen die Nebel noch ſo dicht Und läßt die Brünnlein rieſeln klar, Sich vor den Blick der Sonne, Sie wecket doch mit ihrem Licht Einmal die Welt zur Wonne. Als wären es Frendenzähren. Drum ſtill! Und wie es frieren mag, O Herz, gib dich zufrieden; Blaſt nur ihr Stürme, blaſt mit Macht, Es iſt ein großer Maientag Mir ſoll darob nicht bangen, Auf leiſen Sohlen über Nacht Kommt doch der Lenz gegangen. Da wacht die Erde grünend auf, Weiß nicht wie ihr geſchehen, Der ganzen Welt beſchieden. Und wenn diroft auch bangt und graut, Als ſei die Höll auf Erden, Nur unverzagt und Gott vertraut, Es muß doch Frühling werden! Emanuel Geibel. e) Feſt⸗ und Tageszeiten. 59. Weihnachtsfeſt. Der Winter iſt gekommen Und hat hinweggenommen Der Erde grünes Kleid; Schnee liegt auf Blütenkeimen, Kein Blatt iſt an den Bäumen, Erſtarrt die Flüſſe weit und breit. Da ſchallen plötzlich Klänge Und frohe Feſtgeſänge Hell durch die Winternacht. In Hütten und Paläſten Iſt rings in grünen Aeſten Ein bunter Frühling aufgewacht. Wie gern doch ſeh ich glänzen Mit all den reichen Kränzen Den grünen Weihnachtsbaum, Dazu der Kindlein Mienen, Von Licht und Luſt beſchienen! Wohl ſchönre Freude gibt es kaum! Da denk ich jener Stunde, Als in des Feldes Runde Die Hirten ſind erwacht; Geweckt von Glanzgefunkel, Das durch der Bäume Dunkel Ein Engel mir herabgebracht. Und wie ſie da nach oben Den Blick erſchrocken hoben Und ſahn den Engel ſtehn, Da ſtaunten ſie wohl Alle, Wie wenn zum erſten Male Die Kindlein einen Chriſtbaum ſehn. Doch was iſt all Entzücken Der Kindlein, die erblicken, Was ihnen ward beſcheert, Gedenk ich wie die Kunde Des Heils von Engelsmunde Die frommen Hirten angehört! Und rings ob allen Bäumen Sang in den Himmelsräumen Der frohen Engel Schar: „Gott in der Höh ſoll werden Der Ruhm und Fried auf Erden Und Wohlgefallen immerdar!“— Drum pflanzet grüne Aeſte Und ſchmücket ſie aufs Beſte Mit frommer Liebe Hand, Daß ſie ein Abbild werden Der Liebe, die zur Erden Solch großes Heil uns hat geſandt. 0 33 Ja, laßt die Glocken klingen,„Gott in der Höh ſoll werden Daß, wie der Englein Singen, Der Ruhm und Fried auf Erden Sie rufen lant und klar: Und Wohlgefallen immerdar!“ Robert Reinick. 60. Weihnachtslied. su Brich an du ſchönes Morgenlicht! Wohlauf! du frohe Chriſtenheit, Das iſt der alte Morgen nicht, Daß Jeder ſich nach langem Streit Der täglich wiederkehret. Im Friedenswerke übe. Es iſt ein Lenchten aus der Fern, Ein ewig feſtes Liebesband Es iſt ein Schimmer, iſt ein Stern, Hält jedes Haus und jedes Land Von dem ich längſt gehöret. Und alle Welt umfangen; Nun wird ein König aller Welt, Wir Alle ſind ein heilger Stamm, Von Ewigkeit zum Heil beſtellt, Der Löwe ſpielet mit dem Lamm, Ein zartes Kind geboren. Das Kind am Neſt der Schlangen. Der Teufel hat ſein altes Recht Wer iſt noch, welcher ſorgt und ſinnt, Am ganzen menſchlichen Geſchlecht Hier in der Krippe liegt ein Kind Verſpielt ſchon und verloren. Mit lächelnder Geberde. Der Himmel iſt jetzt nimmer weit, Wir grüßen dich, du Sternenheld, Es naht die ſelge Gotteszeit Willkommen, Heiland aller Welt, Der Freiheit und der Liebe. Willkommen auf der Erde! Ferd. Gottfried Mar v. Schenkendorf. 61. Zum neuen Jahr. Wie heimlicher Weiſe In Ihm ſeis begonnen, Ein Engelein leiſe Der Monde und Sonnen Mit roſigen Füßen An blauen Gezelten Die Erde betritt: Des Himmels bewegt. So nahte der Morgen. Du Vater, du rathe! Jauchzt ihm, ihr Frommen, Lenke du und wende! Ein heilig Willkommen, Herr, dir in die Hände Ein heilig Willkommen! Sei Anfang und Ende, Herz, jauchze du mit! Sei Alles gelegt! Eduard Mörike. 62. Der Geiſt in der Nenjahrsmitternacht. Tochter, ſuech e Strumpf, und ſtopfen do hinte ins Fenſter, Wo hütt¹)'s Büebli mittem Stecke d'Scheibe verheit*) het. Gſchicht ich im neue Johr kei größer Unglück, aß das iſch, Chönneter z'friede ſy. Doch weihts) mer ſo froſtig in Aecke*), Und i bi die letzti Nacht e wengeli z'jung gſi“) 1) heute.— W zerſchlagen.— 3) wehts.— 4) Nacken.— 5) geweſen. Schendel's Blüten, 2r Lheil. 3 34 Für mi Alter, doch mit Zucht, und eimol iſch keimol. Will mer Geiſter erblicke, und heilige Sachen erfahre, Mueß me, wenns Zwölfi ſchlacht, nicht in de Federe liege. Nu mer hen is¹) verſpötet mit allerhand fründlige Gſpräche Z'Heiterſche an der Stros, und Uhr und Zeiger iſch gſtande; D' Uhr het im alte Johr no welle ne wengeli Friſt geh, Oder hani's*) verhört.—„Guet Nacht, ihr Nochbere“, ſagi, „Mi Weg wird am wilitſchte ſy go) Chrotzige“, ſagi, „Gebis ²) Gott e glücklich Johr und frendige Sinne!“— „Das geb Gott der Her“, ſo ſage die Anderen,„und ſchick di, Suſt trapiert“) di der Geiſt no näumen“), eb de deheim biſch, Wo mit ſim Chind im Arm am letzte Dezember an d'Stros ſtoht. DPoſtchnecht wiſſe's alli, und rite lieber e Feldweg“.— S iſch ſo cho, und zmitts im Dorf, und woni ums Eck gang, Nebe's Laveris Huus, bim Blueſt“), do ſtoht er am Brunne, Gros bis faſt ans Dach und inneme duftige Mantel, Gwoben us Wulken und Liecht, und mitteme Bändel im Chnopfloch, Und het in den Armen und halber im Mantel verborge Wünderſchön e Büebli gha mit fründligen Auge, Chüßts und lächlets a us ſinen ernſtlige Mine, Wie us nächtligem Gwülch der Vollmond lieblig in d Welt luegt. Siehſch mi nit, ſo thueſch mer nüt— ſo denki und weih mi Mit em heilige Chrütz, und ſtell mi hinter de Brunnſtock, Und will loſes), was er ſeit“), und wienerem*) zueſpricht. Wenig hani ¹) z'erſt verſtande;'s Waſſer het brunſchet Us de Röhre in Trog und us em Brunntrog ins Gräbli. „Chilchhof“— hani verſtande und—„Nüt*) darf ewige Bſtand ha“— Und—„Zetz gohſch*³) in d'Welt mit dine Schmerzen und Freude. Theil ſie verſtändig us, und was i nimme cha ſchlichte Bring zum gueten End. Si hen e frendige Herbſt gha. Trinkt ein z'viel, und ſitzt er lang im nächtlige Wirthshuus, Gang*), und bietem heim, und führen, daß er kei Bei bricht! Nimm di der Armueth a, und ſorg mer für Wittwe und Waiſe, Mach mer die Chranke gſund.— Die brave Soldate han ich no Mit Trumpet' und Pauken und Ehrechränzen ins Land gefüehrt. Loß du Freuden und Tanz und Aepfelchüechli nit fehle, Wenn ſie im Urlaub ſin deheim bi Vater und Muetter. Seig kei Fabelhans, und denk nit, wil e Kometſtern Duftig am Himmel hangt, ſo müeßiſch Feldzug und Schlachte, Hungersnoth und Sterbet bringe, Zetter und Elend. S iſch mi Ehreſtern. Siehſch nit mi Bändel im Chnopfloch? Roſeroth iſch Freud, und Grüen iſch liebligi Hoffnig. Gang, verdien der au ſo ein mit dine Merite, 1) wir haben uns.— 2) habe ichs.— 3) weiteſten ſein gen.— 4) Geb uns.— 5) ſonſt ertappt dich.— 6) irgendwo.— 7) Ein Ausdruck der Verwunderung.— 8) horchen.— 9) ſagt.— 10) wie er ihm.— 11) habe ich.— 12) NRichts.— 13) gehſt.— 14) Geh. Und ſchmück Jung und Alt mit frumme Sitten und Thate!“ Drüber ſchnurrts im Thurn in alli Räder am Schlagwerk, Und wie's Zwölfi ſchlacht, ſo ſtellt er's Blüebli an Bode, Wie der Engel ſo ſchön, und wie der Morge ſo lieblig, Und ſeit:„Das walt Gott! Jez gang uf eigene Füeße! Gib mer frei wohl Acht zum güetige Fürſten in Karlsrueh, Zue de Friburger Here, und zue de Landen im Brisgau, Aß ſie kei Leid erfahre, und bringene Freuden und Gſundheit!“ Süeß, wie Sunneblick, het's Büebli glächlet und Jo! gſeit'). Aber mittem letzte Schlag im luftige Chilchthurm Goht er in große Schritte's Dorf us, und gegenem Rhi') zue, Alliwil“) gſchwinder und größer, und alliwil bleicher und dünner, Wiene Nebelduft am Feldberg oder am Belche. Und wie nootno*) in der Mitternacht dGlocke verbrummt het, het ſi der Duft verzoge, und iſch vergangen und weg gſi.— Chunnſch*) bald mitem Strumpf?'s zieht alliwil ſchärfer und chüeler. Wenn i lang verzehl, ſtohſché) lang do ummen*) und gohſch nit. Joh. Peter Hebel. 63. Des neuen Jahres Morgengruß. Der Morge will und will nit cho“), Es rüehrt ſi nüt. Sie ſchlofe no.— Und woni los“), ſchloft Alles no; Nei, lueg, es ſitzt e Spätzli do; J weck ſie nit, ſo lang ich cha), Du arme Tropf biſch übel dra, F lueg e wengeli d'Gegnig an). Was gilts, er het e Wibli g'ha), Zeig, Wülkli, mach jez keini Streich! Und druf iſch Noth und Mangel cho ¹*), Der Mond ſchiint ohni das ſo bleich. Sie hen ſie müeße ſcheide lo N Kei Blüemli roth, kei Blüemli wiiß! Zez het er e bitrüebti Sach, An alle Bäume nüt als Ris, Kei Frau, kei Brot, kei Dach und Fach, Umalli Brunntrög Strau*) und Strau, Und ſtoht er uf, ſo ſpot er mag, Vor Chellerthür und Stallthür au. Se ſeit em niemes*⁵) guete Tag; Mi Vetter hets drum ſölli³) g'macht, Und niemes ſchnidt em d'Suppen i. Und lauft jez furt in dunkler Nacht. Wart, Bürſtli), dir mueß g'hulfe ſy. Das Ding das muß mer anderſt cho! Es rüehrt ſi nüt. Sie ſchlofe no— bi der Ma“), und's blibt nit ſo. Ne gattig Chilchli hen**) ſie do, Die Gärte müen mer g'ſüfert ſis), So ſufer*³), wie in menger Stadt. Aurikeli und Zinkli dri, S iſch Sechſi uffem Zifferblatt. Und neui Blüeten alli Tag, Der Morge chunnt. By miner Treu, Was Hurſt und Naſt ²) vertrage mag. Es friert ein bis in Mark und Bei. 1) geſagt.— 2) Rhein.— 3) immer.— 4) nach und nach.— 5) Kommſt.— 6) ſtehſt.— 7) herum. — 8) kommen.— 9) wo ich lauſche(horche).— 10) kann.— 11) Ich ſeh ein wenig die Gegend an.— 12) Stroh.— 13) arg.— 14) Mann.— 15) müſſen wir geſäubert ſein.— 46) Strauch und Aſt— 17) Weibchen gehabt.— 18) gekommen.— 19) laſſen.„Nach Verſicherung der Naturforſcher zieht das Weibchen des gemeinen Finken, beſonders aus den nörblichen Gegenden, gleich andern Zugvögeln in ein milderes Klima, und nur die Männchen bleiben zurück. Daher die naturhiſtvriſche Benennung Fringilla caelebs.“(Hebel.)— 20) Riemand.— 21) Birſchlein.— 22) Ein paſſendes(ſchöngebautes) Kirchlein haben.— 23) ſauber. 3* 36 Die Todte g'ſpüre nüt dervo; Ne rüeihig Lebe hen ſie do.„ Sie ſchlofe wohl, und's friert ſi nit: Der Chilchhof macht vo allem guitt. Sin echt ¹) no leeri Plätzli do? S cha ſy, me bruucht e paar dervo. Ne Chindli, wo ke Muetter het, Denkwol, i mach em do ſi Bett. En alte Ma, en alti Frau, Denkwol, i bring di Stündli au. Heſch mengi?) Stund in Schmerz verwacht, Do ſchlof, und heſch e ſtilli Nacht. Jez brennt emol e ichtli a, Und dört en anders nebe dra, Und d'Läde ſchettere druf und druf, Do goht, bi'm Blueſt), e Husthür uf! „Grüeß Gott, ihr Lüt, und i bi do, bi ſcho z'Nacht um Zwölfi cho*). Mi Vetter het ſi Bündel g'macht, Und furt by Nebel und by Nacht. Wär i nit uf d'Minute cho, S hätt weger*) chönne g'föhrli goh. Wie gfall ich in mim Sunntiggwand? Sſchunnt*) fadeneu us Schniders Hand. E Rübelirock“), er ſtoht mer wohl Zum rothe Scharlach⸗Kamiſol, Und Plüſchihoſe hanis) a, E Zitli“) drin, e Bendeli dra, Ne gchrüslet Hoor ¹⁵), e neue Huet, E heiter Aug, e frohe Mueth.“ Es luegt do ein mi Schnappſack a, Und's nimmt en Wunder, was i ha. Ihr liebe Lüt, das ſagi nit, Wenns chunnt, ſo nimm verlieb dermit! S ſin Rösli drin und Dorne dra, Me cha nit jedes b'ſunder ha. Und Wagleſchnür und Wickelband, E Fingerring ans Brütli's Hand, En Ehrechranz ins lockig Hoor, E Schlüſſel au zum Chilchhofthor. Gent Achtig, was i bitt und ſag, S cha jede treffen alli Tag. E ſtille Sinn in Freud und Noth, E rüeihig Gwiſſe gebich Gott! Und wers nit redli meint und guet, Und wer ſi Sach nit ordli thuet, Dem bring i au kei Sege mit, Und wenn i wott, ſe chönnti nit. ez göhnt und leget d'Chinder a, Und was i gſeit ha*), denket dra, Und wenn der au in d'Chilche went, Se ſchaffet, was der z'ſchaffe hent*). Der Tag iſch do, der Mond vergoht, Und d'Sunne luegt ins Morgeroth“. Joh. Peter Hebel. 64. Mildes, warmes Frühlingswetter, Weh mich an, du laue Luft, Allen Bäumen wachſen Blätter, Veilchen ſenden ſüßen Duft. Zu des alten Domes Hallen, Hell und menſchenreich der Pfad, Frohe Botſchaft hör ich ſchallen, Daß der Liebeskönig naht. Palmſonntag.(6160) Eilet, geht ihm doch entgegen, Wandelt mit ihm Schritt vor Schritt Auf den blutbeſprengten Wegen In dem Garten, wo er litt. Habt ihr auch die Mär vernommen, Wie der Frühling mit ihm zieht, Und im Herzen aller Frommen Süßes Wunder ſchnell erblüht? 1) doch.— 2) manche.— 3) Ein Ausdruck der Verwunderung.— 4) gekommen.— 5) wahrlich.— 6) könnt.— 7) Ein Rock von Halbſammt.— 8) habe ich.— 9) Taſchenuhrchen.— 10) gekräuſelt Haar. 1¹) geſagt habe.— 12) habet. 37 Kindlein ſtehn mit grünen Zweigen Um den heiligen Altar, Und die Engel Gottes neigen Sich herab zur Kindesſchar. 65. Die Lerche ſtieg am Oſtermorgen Empor ins klarſte Luftgebiet, Und ſchmettert' hoch im Blau verborgen Ein freudig Auferſtehungslied. Und wie ſie ſchmetterte, da klangen Es tauſend Stimmen nach im Feld: Wach auf, das Alte iſt vergangen, Wach auf, du froh verjüngte Welt! Wachtauf, und rauſcht durchs Thal, ihr Bronnen, Und lobt den Herrn mit frohem Schall! Wacht auf, im Frühlingsglanz der Sonnen, Ihr grünen Halm und Blätter all! Ihr Veilchen in den Waldesgründen, Ihr Primeln weiß, ihr Blüten roth, Ihr ſollt es Alle mitverkünden: —Die Lieb iſt ſtärker, als der Tod! Wacht auf, ihr trägen Menſchen⸗ herzen, Die ihr im Winterſchlafe ſäumt, Blüht empor, ihr Himmelsmaien, Palmen, blüht aus meiner Bruſt, Chriſti Wege zu beſtreuen, Der euch hegt in Lieb und Luſt. Ferd. Gottfried Max v. Schenkenborf. Oſtermorgen. Die Kraft des Herrn weht durch die Lande, Wie Jugendhauch, o laßt ſie ein! Zerreißt, wie Simſon, eure Bande Und wie die Adler ſollt ihr ſein! Wacht auf, ihr Geiſter, deren Sehnen Gebrochen an den Gräbern ſteht, Ihr trüben Augen, die vor Thränen Ihr nicht des Frühlings Blüten ſeht; Ihr Grübler, die ihr fern verloren Traumwandelnd irrt auf trüber Bahn— Wacht auf, die Welt iſt neuge⸗ boren; Hier iſt ein Wunder, nehmt es an! Ihr ſollt euch All des Heiles freuen, Das über euch ergoſſen ward, Es iſt ein inniges Erneuen Im Bild des Frühlings offenbart. Was dürr war, grünt im Wehn der Lüfte, Jung wird das Alte fern und nah, In dumpfen Lüſten, dumpfen Schmerzen Der Odem Gottes ſprengt die Grüfte— Gebannt ein welkes Daſein träumt; 66. Oſtern rufet: Oſtern rufet: Auferſtehe Aus dem Winterſchlaf, Natur! Holder Frühling! Komm und gehe, Geh ans Werk in Hain und Flur! Laß die Welt nach finſtern Tagen, Wo die Luſt des Lebens ſchwieg, Laß ſie wieder freudig ſagen: Starrer Tod, wo iſt dein Sieg? Wacht auf! Der Oſtertag iſt da! Emanuel Geibel. Auferſtehe ꝛc.(8510 Auferſtehe, auferſtehe! Dich auch mahnt der Oſterruf; Auferſteh von deinem Wehe, Das den Tag zur Nacht dir ſchuf; Auferſteh zu heitrer Klarheit, Liebe ſpricht: Lebendig ſei! Ich bin Leben, ich bin Wahrheit, Und die Wahrheit macht dich frei! 38 Lieb iſt nicht im Grab gebunden, Die voll Mühſal und beladen Schloß ein Fels auch ihre Gruft; Bang geharret auf das Heil— Frei und heil von Todeswunden, Auferſteht zu neuen Gnaden, Athmet ſie des Lebens Luft; Nehmt am Siegesfeſte Theil! Zwingt des Zweiflers Herz zum Glauben, Ach der Menſchheit banges Sehnen Und die Blinden ſehen ſie, Harrt ſchon eine lange Nacht, Und es hören froh die Tauben Lächelnd unter bittern Thränen, Ihrer Stimme Harmonie. Bis das Heil der Welt erwacht! Auferſtehe, banger Träumer! Komm, erſehneter Befreier, Schon erwacht die junge Welt; Löſe, was in Dämmrung lag, Auferſtehe, träger Säumer! Tag der Lieb und Lebensfeier, Denn beſtellt ſein will dein Feld. Großer Auferſtehungstag! Julius Hammer. 67. Des Oſterfeſtes erſte Feierſtunde. (Glockenklang und Chorgeſang.) Chor der Engel. Chor der Jünger. Chriſt iſt erſtanden*)! Hat der Begrabene Freude dem Sterblichen, Schon ſich nach oben, Den die verderblichen Lebend Erhabene, Schleichenden, erblichen Herrlich erhoben; Mängel umwanden. Iſt er in Werdeluſt Schaffende Freude nah. Ach! an der Erde Bruſt, h S Sind wir zum Leide da. Mit Spezereien Ließ er die Seinen Hatten wir ihn gepflegt, Schmachtend uns hier zurück; Wir ſeine Treuen Ach! wir beweinen Hatten ihn hingelegt; Meiſter dein Glück! Tücher und Binden Chor der Engel. Reinlich umwanden wir, Chriſt iſt erſtanden Ach! und wir finden Aus der Verweſung Schooß. Chriſt nicht mehr hier. Reißet von Banden Freudig euch los. Chor der Engel. Thätig ihn preiſenden Liebe beweiſenden, Chriſt iſt erſtanden! Brüderlich ſpeiſenden, Selig der Liebende, Predigend reiſenden, Der die betrübende Wonne verheißenden, Heilſam und übende Euch iſt der Meiſter nah, Prüfung beſtanden. Euch iſt er da! Joh. Wolfg. v. Gvethe. * Nach dem uralten beutſchen Oſterlied„Chriſt iſt erſtanden“, das im 13. Jahrhundert allerwärts im geiſtlichen Volksgeſang lebte, und obwohl damals nur lateiniſche Lieder in den Kirchen ertönten, ſo wurde doch dieſes Lied deutſch geſungen. Luther ſagt:„Aller Lieber ſingt man ſich mit ber Zeit . . 39 6 68. Wetterleuchten in der Ffingſtnacht. (1831.) Und als der Tag der Pfingſten erfüllet war, waren ſie alle ein⸗ müthiglich bei einander. Und es geſchah ſchnell ein Brauſen vom Himmel als eines gewaltigen Windes und erfüllete das ganze Haus, darin ſie ſaßen. Und man ſahe an ihnen die Zungen zertheilt als wären ſie feurig. Und er ſetzte ſich auf einen Jeglichen unter ihnen. Und wurden Alle voll des heiligen Geiſtes und fingen an zu predigen mit andern Zungen, nachdem der Geiſt ihnen gab auszuſprechen. Will Er in lichten Flammenbränden Von ſeiner Himmelsburg herab Aufs Neue ſeinen Geiſt uns ſenden, Wie Er ihn Chriſti Jüngern gab? Woher die Glut, die flüchtge, grelle, Die jener Wolke Schwarz umfliegt, Wie ſich ein Mantel weiß und helle Um eines Mohren Glieder ſchmiegt?— Das ſind des Himmels offne Thüren; Das iſt die Glut, die ihm entquillt! Sein Leuchten will die Erde zieren, Wie Glorienglanz ein Heilgenbild. 69. Die O du fröhliche, O du ſelige Gnadenbringende Weihnachtszeit! Welt iſt verloren, Chriſt iſt geboren: Freue dich, freue dich, o Chriſtenheit! O du fröhliche, O du ſelige Gnadenbringende Oſterzeit! Apoſt. Geſch. 2, 1—4. Die Thäler all, der Berge Spitzen, Will heut des Geiſtes Flammenſpur, Die ganze Welt will ſie umblitzen; Wie einſt das Haupt der Zwölfe nur. Denn morgen ſoll die heilge Feier Des ausgegoſſnen Geiſtes ſein! Und dazu weiht der hehre Weiher Die Welt mit ſeinen Flammen ein. Wie jener Wetter falbe Kerzen Am Horizonte lodernd ſprühn, So ſoll in allen Chriſtenherzen Ein heilig Geiſtesfeier glühn! Ferd. Freiligrath. drei Feſte. Welt lag in Banden, Chriſt iſt erſtanden: Freue dich, freue dich, o Chriſtenheit! O du fröhliche, O du ſelige Gnadenbringende Pfingſtenzeit! Chriſt unſer Meiſter Heiligt die Geiſter: Freue dich, freue dich, o Chriſtenheit! Job. Daniel Falk. 70. Schäfers Sonntagslied. Das iſt der Tag des Herrn! Ich bin allein auf weiter Flur, Dieß iſt der Tag, den der Herr macht. Pſalm 118, 24. Noch eine Morgenglocke nur; Nun Stille nah und fern! müde, aber das Chriſt iſt erſtanden muß man alle Jahre wieder ſingen“. Und Gvethe:„Laßt ſies nur immer ſingen, wird bald verklingen. Dauert nicht ſo lang in den Landen als das: Chriſt iſt erſtanden“. 40 Anbetend kuie ich hier. Der Himmel, nah und fern, O ſüßes Graun! geheimes Wehn! Er iſt ſo klar und feierlich, Als knieten Viele ungeſehn So ganz, als wollt er öffnen ſich, Und beteten mit mir. Das iſt der Tag des Herrn! Ludw. Uhland. 71. Sonntagsfrühe. Aus den Thälern hör ich ſchallen Gehn dem Vater ſie entgegen, Glockentöne, Feſtgeſänge, Der auf goldner Saaten Wogen Helle Sonnenblicke fallen Segnend kommt durchs Land gezogen. Durch die dunkeln Buchengänge, Wie ſo ſtill die Bäche gleiten, Himmel iſt von Glanz umfloſſen, Wie ſo licht die Blumen blinken! Heilger Friede rings ergoſſen. Und aus längſt entſchwundnen Zeiten Durch die Felder ſtill beglücket Zieht ein Grüßen her, ein Winken,— Wallen Menſchen allerwegen; Wie ein Kindlein muß ich fühlen, Frohen Kindern gleich geſchmücket Wie ein Kindlein möcht ich ſpielen! Robert Reinick. 72. Sonntagsfrühe. Der Samſtig het zum Sunntig gſeit: Und wemmen ¹*) endli au verwacht, „Jez hani alli ſchlofe gleit; Und gſchlofe het die ganze Nacht, Sie ſin vom Schaffe her und hi Se ſtoht er do im Sunneſchii, Gar ſölli ²) müed und ſchlöfrig gſi²), Und luegt eim zu de Fenſtern i, Und's goht mer ſchier gar ſelber ſo, Mit ſinen Auge mild und guet Iſcha faſt uf kei Bei meh ſtoh“. Und mittem Meyen ¹) uffem Huet. So ſeit*) er, und wo's Zwölfi ſchlacht, Drum meint ers treu, und was i ſag, Se ſinkt er aben in d' Mitternacht. Es freut en, wemme ſchlofe mag, Der Sunntig ſeit:„Jez iſchs an mir!“ Und meint es ſeig ¹) no dunkel Nacht, Gar ſtill und heimli b'ſchließt er d'Thür. Wenn de Sunn am heitre Himmel lacht; Er düſelet*) hinter de Sterne no, Drum iſch er au ſo lisle cho, Und cha ſchier gar nit obſi*) cho. Drum ſtoht er au ſo liebli do. Doch endli ribt er d' Augen us, Wie glitzert**) uf Gras und Laub Er chunnt der Sunn an Thür und Hus; Vom Morgenthau der Silberſtaub! Sie ſchloft im ſtille Chämmerli, Wie weiht*) e friſchi Mayeluft, Er pöpperlet) am Lädemli*); Voll Chrieſiblueſt*⁵) und Schleecheduft! Er rüeft der Sunne: d' Zit*) iſch do! Und d' Immli0) ſammleflink und friſch, Sie ſeit:„₰ chumm enanderno*). Sie wüſſe nit, aß's Sunntig iſch. Und lisle) uf de Zeeche*³) goht, Wie pranget net im Garteland Und heiter uf de Berge ſtoht Der Chrieſibaum im Mayegewand, Der Sunntig, und's ſchloft Alles no; Gel⸗Veieli und Tulipa Es ſieht und hört en niemes**) goh. Und Sterneblueme nebe dra, Er chunnt ins Dorf mit ſtillem Tritt Und gfüllti Zinkli ¹) blau und wiiß, Und winkt im Guhl ¹³):„Verrothminit!“ Me meint, me lueg ins Paredis! 1) ſehr.— 2) geweſen.— 3) ſagt.— 4) ſchlummert.— 5) aufwärts, über ſich.— 6) klopft ſchwach.— 7) kleines Fenſter.— 8) Zeit.— 9) geſchwind, einander nach.— 10) leiſe.— 11) Zehen.— 12) Rie⸗ mand.— 13) Hahn.— 14) wenn man.— 15) Blumenſtrauß.— 16) ſei.— 15 glänzt, ſchimmert.— 18) weht.— 19) Blüte kleiner Walbkirſchen.— 20) Bienen.— 21) Hyazinthen. 41 Und's iſch ſo ſtill und heimli do, Man iſch ſo rüeihig und ſo froh! E„Guete Tag“ u.„Dank der Gott“, Und's„git gottlobe ſchöne Tag“, Iſch Alles, was me höre mag. Und's Vögli ſeit:„Frili³) jo! „Potz tauſig, jo, do iſch er ſcho! „Er trinkt jo i ſi'm Himmelsglaſt*) 73. Des Sonntags in der Morgenſtund Wie wanderts ſich ſo ſchön Am Rhein, wenn rings in weiter Rund Die Morgenglocken gehn! Ein Schifflein zieht auf blauer Flut, Da ſingts und jubelts drein; Du Schifflein, gelt, das fährt ſich gut In all die Luſt hinein? Vom Dorfe hallet Orgelton, Es tönt ein frommes Lied, Andächtig dort die Prozeſſion Aus der Kapelle zieht. „Dur Blueſt u. Laub in Hurſt*) u. Naſt!“ Und's Diſtelzwigli²) vorne dra Het's Sunutigröckli au ſcho a. Sie lüte*) wegers ²) Zeiche ſcho, Der Pfarrer ſchint's well zitli cho. Gang*) brech mer eis Aurikli ab, Verwüſchet mer der Staub net d'rab; Und Chüngeli*⁰), leg di weidli) a, De mueſch derno ne Meye ha! Joh. Peter Hebel. Sonntags am Rhein. Und ernſt in all die Herrlichkeit Die Burg hernieder ſchaut, Und ſpricht von alter, guter Zeit, Die auf den Fels gebaut. Das Alles beut der prächtge Rhein An ſeinem Rebenſtrand Und ſpiegelt recht im hellſten Schein Das ganze Vaterland. Das fromme, treue Vaterland In ſeiner vollen Pracht, Mit Luſt und Liedern allerhand Vom lieben Gott bedacht. Robert Reinid. 74. Sonntagsſtille. Laß ſinken mich in dein Erbarmen, O Herr, ſo mild noch im Gericht! Verſtießeſt du doch uns, die Armen, Ganz aus dem Paradieſe nicht. Wohl galts, die Jugendheimat meiden Und ſich mit Knechtesarbeit mühn, Doch ließeſt du in bangen Leiden Am Sabbath uns noch Eden blühn. Wie in des erſten Tages Glanze, Geboren aus dem Schvoß des Nichts, Die Erde hold im Jugendkranze Sich ſonnte in dem Strahl des Lichts: Wie ſie dein Auge da beglückte Und Alles war vollkommen gut, So ſchön, daß es dich ſelbſt entzückte— So haftete von jener Wonne Ein Abglanz noch auf dieſem Tag: Stillfriedlich in der Abendſonne Liegt noch die Flur, wie dort ſie lag. Der Berge altergrauer Rücken Borgt von dem Abendſonnengold Ein trunken Roth, um ſich zu ſchmücken Mit Jugendblüte friſch und hold. Der Friede Gottes waltet! Heute Hörſt du den Schmerzlaut nicht des Thiers, Nicht flieht das bange Wild die Meute, Es fiel das Joch vom Hals des Stiers. Die Vöglein leis und feiernd ſchlagen, So ſeltſam ſpielt der Abendwind, Als wollt er ein Geheimniß ſagen Denn ach, noch floß nicht Abels Blut: Von ewger Huld dem Gotteskind. 1) u. 29 links und rechts, Zuruf an Zugpferde.— 3) freilich.— 4) Glanz.— 5) Strauch.— 6) Diſtel⸗ — 70 läuten.— 8) wahrlich.— 9) geh.— 10) Kunigundchen.— 11) hurtig, geſchwind. fink. 42 Und wie Natur in frommer Feier Geſchloſſnen Auges betend ſteht, So von dem Erdenſtaube freier Ruht auch die Seele im Gebet. Ein Frieden iſt in ſie ergoſſen, Sie fühlt von Schuld und Gram ſich rein; Die Zukunft iſt ihr weit erſchloſſen Und liegt in morgenrothem Schein. Ich weiß, noch wird ein Sabbath kommen, Nach dem des Glaubens Sehnſucht ringt, Nach dem in Demuth ſchaun die Frommen, Der ganz uns Eden wiederbringt. 15 O wunderbares, tiefes Schweigen, Wie einſam iſts noch auf der Welt! Die Wälder nur ſich leiſe neigen, Als ging der Herr durchs ſtille Feld. Ich fühl mich recht wie neu geſchaffen, Wo iſt die Sorge nun und Noth? Was mich noch geſtern wollt erſchlaffen, Ich ſchäm mich deß im Morgenroth. Wenn erſt der letzte aller Heiden Als Bruder an das Herz uns fällt, Wenn wir die letzte Garbe ſchneiden, Dann iſt vollbracht das Werk der Welt. Noch Eine Ruhe ſoll dir werden, O Volk des Herrn! Sie iſt nicht fern, Denn ſchon erglänzt auf weiter Erden Das Krenz als ewger Morgenſtern. Getroſt, getroſt! bald iſt verronnen Der Weltenwoche Sturmeslauf! Im Oſten graut mit hellern Sonnen Der Weltenſabbath ſchon herauf! Gottfried Kinkel. Morgengebet. Die Welt mit ihrem Gram und Glücke Will ich, ein Pilger, frohbereit Betreten nur, wie eine Brücke, Zu dir, Herr, überm Strom der Zeit. Und buhlt mein Lied, auf Weltgunſt lauernd, Um ſchnöden Sold der Eitelkeit: Zerſchlag mein Saitenſpiel, und ſchauernd Schweig ich vor dir in Ewigkeit. Joſ. Frhrr. v. Eichendorff. 76. Morgenlied. Verſchwunden iſt die finſtre Nacht, Die Lerche ſchlägt, der Tag erwacht, Die Sonne kommt mit Prangen Am Himmel aufgegangen. Sie ſcheint in Königs Prunkgemach, Sie ſcheinet durch des Bettlers Dach, Und, was in Nacht verborgen war, Das macht ſie kund und offenbar. Lob ſei dem Herrn und Dank gebracht, Der über dieſem Haus gewacht, Mit ſeinen heilgen Scharen Uns gnädig wollt bewahren. Wohl Mancher ſchloß die Augen ſchwer Und öffnet ſie dem Licht nicht mehr: Drum freue ſich, wer neu belebt, Den friſchen Blick zur Sonn erhebt! Fr. v. Schiller(in ſeiner Ueberſetzung des Macbeth.) 77. Morgenlied. Es taget in dem Oſten, Es taget überall. Erwacht iſt ſchon die Lerche, Ewacht die Nachtigall. Wie ſich die Wolken röthen Am jungen Sonnenſtrahl! Hell wird des Waldes Wipfel Und licht das grane Thal. 43 Die Blumen richten wieder Schau hoffend auf gen Himmel, Empor ihr Angeſicht; Wie's heut die Blume thut! Mit Thränen auf den Wangen Und Frieden kehret wieder Schaun ſie ins Sonnenlicht. Zu dir in Freud und Luſt, Und könnt ein herbes Leiden Und wie's auf Erden taget, Je trüben deinen Muth: So tagts in deiner Bruſt. Aug. Hch. Hoffmann v. Fallersleben. 78. Spruch am Morgen. Die Morgenſoune tritt hervor Ein Danklied an dem Herrn der Welt, Aus goldumſäumter Wolke, Der Engelwachen ausgeſtellt, Auf, Seele! ſchwinge dich empor Im Schlaf dich zu bewahren Und ſtimm mit allem Volke Vor Sünden und Gefahren. Julius Sturm. 79. Früh Morgens.(Monolog des Fauſt.) Des Lebens Pulſe ſchlagen friſch lebendig, Aetheriſche Dämmrung milde zu begrüßen; Du Erde warſt auch dieſe Nacht beſtändig, Und athmeſt neu erquickt zu meinen Füßen, Beginneſt ſchon mit Luſt mich zu umgeben, Du regſt und rührſt ein kräftiges Beſchließen, Zum höchſten Daſein immerfort zu ſtreben.— In Dämmerſchein liegt ſchon die Welt erſchloſſen, Der Wald ertönt von tauſendſtimmigem Leben, Thal aus, Thal ein iſt Nebelſtreif ergoſſen; Doch ſenkt ſich Himmelsklarheit in die Tiefen Und Zweig und Aeſte friſch erquickt, entſproſſen Dem duftgen Abgrund, wo verſenkt ſie ſchliefen; Auch Farb an Farbe klärt ſich los vom Grunde, Wo Blum und Blatt von Zitterperle triefen, Ein Paradies wird um mich her die Runde. Hinaufgeſchaut!— Der Berge Gipfelrieſen Verkünden ſchon die feierlichſte Stunde, Sie dürfen froh des ewigen Lichts genießen, Das ſpäter ſich zu uns hernieder wendet. Jetzt zu der Alpe grün geſenkten Wieſen Wird neuer Glanz und Deutlichkeit geſpendet, Und ſtufenweis herab iſt es gelungen; Sie tritt hervor!— und leider ſchon geblendet, Kehr ich mich weg, vom Augenſchmerz durchdrungen.— Job. Wolfg. v Goethe.(Fauſt 2r Tbeil.) 44 80. Reiters Morgengeſang. Morgenroth, Leuchteſt mir zum frühen Tod? Bald wird die Trompete blaſen, Dann muß ich mein Leben laſſen, Ich und mancher Kamerad. Kaum gedacht, War der Luſt ein End gemacht. Geſtern noch auf ſtolzen Roſſen, Heute durch die Bruſt geſchoſſen, Morgen in das kühle Grab! Ach, wie bald, Schwindet Schönheit und Geſtalt! Thuſt du ſtolz mit deinen Wangen, Die wie Milch und Purpur prangen? Ach! die Roſen welken all! Darum ſtill, Füg ich mich, wie Gott es will. Nun, ſo will ich wacker ſtreiten, Und ſollt ich den Tod erleiden, Stirbt ein braver Reitersmann. Wilh. Hauff. 81. Morgenwanderung. Wer recht in Freuden wandern will, Der geh der Sonn entgegen; Da iſt der Wald ſo kirchenſtill, Kein Lüftchen mag ſich regen; Noch ſind nicht die Lerchen wach, Nur im hohen Gras der Bach Singt leiſe den Morgenſegen. Die ganze Welt iſt wie ein Buch, Darin uns aufgeſchrieben In bunten Zeilen manch ein Spruch, Wie Gott uns treu geblieben; Wald und Blumen nah und fern Und der helle Morgenſtern Sind Zeugen von ſeinem Lieben. Da zieht die Andacht wie ein Hauch Durch alle Sinnen leiſe, Da pocht ans Herz die Liebe auch In ihrer ſtillen Weiſe, Pocht und pocht bis ſichs erſchließt Und die Lippe überfließt Von lautem jubelndem Preiſe. Und plötzlich läßt die Nachtigall Im Buſch ihr Lied erklingen, In Berg und Thal erwacht der Schall Und will ſich aufwärts ſchwingen, Und der Morgenröthe Schein Stimmt in lichter Glut mit ein: Laßt uns dem Herrn lobſingen!— Emanuel Geibel. 82. Abendfeier. Wie iſt der Abend ſo traulich, Wie lächelnd der Tag verſchied; Wie ſingen ſo herzlich erbaulich, Die Vögel ihr Abendlied! Die Blumen müſſen wohl ſchweigen, Kein Ton iſt Blumen beſcheert, Doch, ſtille Beter, neigen Sie alle das Haupt zur Erd. Wohin ich geh und ſchaue Iſt Abendandacht. Im Strom Spiegelt ſich auch der blaue, Prächtige Himmelsdom. Und Alles betet lebendig, Um eine ſelige Ruh, Und Alles mahnt mich inſtändig: O Menſchenkind, bete auch du! Kar! Pbil. Spitta. 83. Abendfeier in Venedig. Ave Maria! Meer und Himmel ruhn, Von allen Thürmen hallt der Glocken Ton; Ave Maria! Laßt vom irdſchen Thun! Zur Jungfrau betet, zu der Jungfrau Sohn! Des Himmels Scharen ſelber knieen nun Mit Lilienſtäben vor des Vaters Thron, Und durch die Roſenwolken wehn die Lieder Der ſelgen Geiſter feierlich hernieder. O heilge Andacht, welche jedes Herz Mit leiſen Schanern wunderbar durchdringt! O ſelger Glaube, der ſich himmelwärts Auf des Gebetes weißem Fittig ſchwingt!— In milde Thränen löst ſich da der Schmerz, Indeß der Freude Jubel ſanfter klingt.— Ave Maria! Wenn die Gbocke tönet, So lächeln Erd und Himmel mild verſöhnet. Emanuel Geibel. 84. Der Abend. Dämmrung ſenket ſich von oben, Nun am öſtlichen Bereiche Schon iſt alle Nähe fern; Ahn ich Mondenglanz und Glut, Doch zuerſt emporgehoben Schlanker Weiden Haargezweige Holden Lichts der Abendſtern! Scherzen auf der nächſten Flut. Alles ſchwankt ins Ungewiſſe,. Durch bewegter Schatten Spiele Nebel ſchleichen in die Höh; Zittert Lunas Zauberſchein, Schwarzvertiefte Finſterniſſe Und durchs Auge ſchleicht die Kühle Widerſpiegelnd ruht der See. Sänftigend ins Herz hinein. Joh. Wolfg. v. Goethe. 85. Abendlied. Ich ſtand auf Berges Halde, Die Blumen alle ſchließen Als heim die Sonne ging Die Augen allgemach, Und ſah wie überm Walde Und alle Wellen fließen Des Abends Goldnetz hing. Beſänftiget im Bach. Des Himmels Wolken thauten Nun hat der müde Sylphe Der Erde Frieden zu. Sich unters Blatt geſetzt, Bei Abendglockenlauten Und die Libell am Schilfe Ging die Natur zur Ruh. Entſchlummert thaubenetzt. Ich ſprach: O Herz, empfinde Es ward dem goldnen Käfer Der Schöpfung Stille nun Zur Wieg ein Roſenblatt; Und ſchick mit jedem Kinde Die Heerde mit dem Schäfer Der Flur dich auch, zu ruhn. Sucht ihre Lagerſtatt. 46 Die Lerche ſucht aus Lüften Ihr feuchtes Neſt im Klee, Und in des Waldes Schlüften Ihr Lager Hirſch und Reh. Wer ſein ein Hüttchen nennet, Ruht nun darin ſich aus; Und wen die Fremde trennet, Den trägt ein Traum nach Haus. Mich faſſet ein Verlangen, Daß ich zu dieſer Friſt Hinauf nicht kann gelangen, Wo meine Heimat iſt. Friedr. Rückert. 86. Abendſtille. Nun hat am klaren Frühlingstage Das Leben reich ſich ausgeblüht; Gleich einer ausgeklungnen Sage Im Weſt das Abendroth verglüht. Des Vogels Haupt ruht unterm Flügel, Kein Rauſchen tönt, kein Klangund Wort; Der Landmann führt das Roß am Zügel, Und Alles ruht an ſeinem Ort. Nur fern im Strome noch Bewegung, Der weit durchs Thal die Fluten rollt: Es quillt vom Grunde leiſe Regung, Und Silber ſäumt ſein flüſſig Gold. Dort auf dem Strom noch ziehen leiſe Die Schiffe zum bekannten Port, Geführt vom Fluß im ſichern Gleiſe— Sie kommen auch an ihren Ort! Hoch oben aber eine Wolke Von Wandervögeln rauſcht dahin; Ein Führer ſtreicht voran dem Volke Mit Kraft und landeskundgem Sinn. Sie kehren aus dem ſchönen Süden Mit junger Luſt zum heimſchen Nord, Nichts mag den ſichern Flug ermüden— Sie kommen auch an ihren Ort! Und du, mein Herz! In Abendſtille Dem Kahn biſt du, dem Vogel gleich, Es treibt auch dich ein ſtarker Wille, An Sehnſuchtsſchmerzen biſt du reich. Seis mit des Kahnes ſtillem Zuge, Zum Ziel doch geht es immer fort; Seis mit des Kranichs raſchem Fluge— Auch du, Herz, kommſt an deinen Ort! Gottfried Kinkel. 87. Es iſt ſo ſtill geworden, Verrauſcht des Abends Wehn, Nun hört man aller Orten Der Engel Füße gehn. Rings in die Thale ſenket Sich Finſterniß mit Macht— Wirf ab, Herz, was dich kränket Und was dir bange macht! Es ruht die Welt im Schweigen, Ihr Toſen iſt vorbei, Stumm ihrer Freude Reigen Und ſtumm ihr Schmerzensſchrei. Hat Roſen ſie geſchenket, Hat Dornen ſie gebracht— Wirf ab, Herz, was dich kränket Und was dir bange macht. Ein geiſtlich Abendlied. a805 Und haſt du heut gefehlet, O ſchaue nicht zurück; Empfinde dich beſeelet, Von freier Gnade Glück. Auch des Verirrten denket Der Hirt auf hoher Wacht— Wirf ab, Herz, was dich kränket Und was dir bange macht. Nun ſtehn im Himmelskreiſe Die Stern in Majeſtät; In gleichem feſtem Gleiſe Der goldne Wagen geht. Und gleich den Sternen lenket Er deinen Weg durch Nacht— Wirf ab, Herz, was dich kränket Und was dir bange macht. Gottfried Kinkel. —————— ——— 47 88. Abendlied. Der Tag neigt ſich zu Ende, Es kommt die ſtille Nacht; Nun ruht, ihr müden Hände, Das Tagwerk iſt vollbracht. Du aber, Seele, ringe, Dich von der Erde los 2 Und werde leicht und ſchwinge Dich auf in Gottes Schvoß. Hinauf mit Glaubensflügeln, Die Liebe fliegt voran, Wo über dunkeln Hügeln Der Himmel aufgethan. Julius Sturm. 89. Abendſtille vor der Schlacht bei Ligny. Der Abend ſinkt, die Thürme ſchweigen rings, Und keine Vesper läutet ein den Frieden, Nur je zuweilen vollt ein ſchwer Geläut Der heißen Glocken durch die ſtille Runde. In alter Feier aber deckt der Herr Der Heeresſcharen ſeine Müden mit Dem Liebesmantel ſeiner Abendruh. Im feuchten Golde ſchwimmt das heilge Meer Der Saaten, und im Purpur ſeine Hoch⸗ Geſtade Fleurus, drüben Ligny und Das abendliche St. Amand Der Schatten kommt— die lauten Lager ſchweigen, Dumpf wirbelts zum Gebet, der Ruheſchuß Verhallt— und Frieden hat das wilde Herz. Nur ſtill noch wacht, verſenkt in ſeine Plane, Im Hauptquartier zu Chalervi und Sombref, Der Geiſt der Franken⸗ und der Preußenſchlacht. Chriſtian Friedr. Scherenberg. 90. Nachts.(6460 Die Nacht hat ihre Flügel ausgebreitet Rings über Stdt und Wald und Flur.— Wie ragen düſter dieſe Häuſerreihen, Von Leben, Schaffen keine Spur! Ich gehe einſam durch die öden Straßen, Mich ſtört kein fremder, wilder Klang, Nur meine Tritte tönen dumpf, geſpenſtiſch Die hohlen Gaſſen noch entlang. *) Bei Ligny, einem belgiſchen Dorfe, 4 M. von der Veſte Charleroy und 3 M. von Namür ſchlugen ſich die Prenßen mit den Franzoſen am 16. Juni 1815, zwei Tage vor der Schlcht bei Waterloo die das Schickſal Napoleons und Europas entſchied. St. Amand, Sombref und Fleurus ſind ebenfalls belgiſche Dörfer. 48 Nur hier und da mit trügeriſchem Scheine Schwankt noch ein matt Laternenlicht,— Ich blicke ſehnend auf zum Sternenhimmel,— Die Lichter droben ſchwanken nicht! Nur hier und da noch einer Lampe Schimmer So matt, ſo traurig niederwinkt, Der matte Schein, er ſtrahlt wohl einem Auge, Drin eine Schmerzensthräne blinkt. Mir wird ſo weh, ſo einſam,— jetzt verlöſchet Auch noch das letzte kleine Licht;— Ich blicke ſehnend auf zum Sternenhimmel,— Die Lichter dort verlöſchen nicht! Gg. Ch. Dieffenbach. Ein Silberſchifflein gleitet, Der Mond, ſo hell und klar, Durch Fluten ausgebreitet So ſtill und wunderbar. Viel Meeresroſen blühen Wohl in der blauen Flut, Die leuchten und ſtrahlen und glühen, Wie Gold und Feuersglut. Wenn der Sonne Glanz geſchieden, Das Schifflein. c8460) Ich ſehe das Schifflein gleiten Durch blaue Fluten dahin; Wer mag es wohl ſteuern und leiten? Wer fährt wohl ſo ſtille darin? Mich erfaſſet ein eigenes Sehnen, Ich weiß nicht, was das ſoll! Was wollen im Auge die Thränen † Was iſt mir das Herz ſo voll! ℳ Zu welchem Strand willſt du ziehen, O Silberſchifflein klar? Beginnt das Schifflein den Lauf; Wenn Dunkel herrſchet und Frieden, Dann blühen die Blumen auf. Wie muß es da duften und blühen, Und klingen ſo wunderbar! Gg. Ch. Dieffenhach. 92. Wanderers Nachtlied,“ Der du von dem Himmel biſt, Alles Leid und Schmerzen ſtilleſt, Den, der doppelt elend iſt, Doppelt mit Erquickung fülleſt: Ach, ich bin des Treibens müde! Was ſoll all der Schmerz und Luſt? Süßer Friede, Komm, ach komm in meine Bruſt! Joh. Wolfg v. Gvethe. 93. Ein gleiches. Ueber allen Gipfeln Iſt Ruh, In allen Wipſeln Spüreſt' du Kaum einen Hauch; Die Vöglein ſchweigen im Walde. Warte nur, balde Ruheſt du auch. Joh. Wolfg. v. Gvethe. 49 94. Gute Nacht. Schon fängt es an zu dämmern, Der Mond, als Hirt, erwacht, Und ſingt den Wolkenlämmern Ein Lied zur guten Nacht; Und wie er ſingt ſo leiſe, Da dringt vom Sternenkreiſe Der Schall ins Ohr mir ſacht. Schlafet in Ruh, ſchlafet in Ruh! Vorüber der Tag und ſein Schall, Die Liebe Gottes deckt euch zu Allüberall. Nun ſuchen in den Zweigen Ihr Neſt die Vögelein, Die Halm und Blumen neigen Das Haupt im Mondenſchein, Und ſelbſt des Mühlrads Wellen Laſſen das wilde Schwellen Und ſchlummern murmelnd ein. Schlafet in Ruh ꝛc. Von Thür zu Thüre wallet, Der Traum, ein lieber Gaſt, Das Harfenſpiel verhallet Im ſchimmernden Palaſt. Im Nachen ſchläft der Ferge, Die Hirten auf dem Berge Halten ums Feuer Raſt. Schlafet in Ruh ꝛc. Und wie nun alle Kerzen Verlöſchen durch die Nacht, Da ſchweigen auch die Schmerzen, Die Sonn und Tag gebracht; Lind ſäuſeln die Cypreſſen, Ein ſeliges Vergeſſen Durchweht die Lüfte ſacht. Schlafet in Ruh ꝛe. . Und wo von heißen Thränen Ein ſchmachtend Auge blüht, Und wo in bangem Sehnen Ein liebend Herz verglüht: Der Traum kommt leis und linde Und ſingt dem kranken Kinde Ein tröſtend Hoffnungslied. Schlafet in Ruh ꝛe. Gute Nacht denn all ihr Müden, Ihr Lieben nah und fern, Nun ruh auch ich in Frieden, Bis glänzt der Morgenſtern. Die Nachtigall alleine Singt noch im Mondenſcheine Und lobet Gott den Herrn. Schlafet in Ruh ꝛc. Emanuel Geiben. 95. Ringsum auf allen Plätzen Schläft unbewegt die Nacht, Am blauen Himmel ſtehet Der Mond in voller Pracht. So todtenſtill ſind beide, Das alt und neue Rom, Und ſelbſt ihr Rieſenwächter Nickt ein, St. Peters Dom. Schenckel's Blüten 2r Theil. Nacht in Rom. Nur wunderſam noch rauſchen Die Brunnen nah und fern, Die halten wach die Seele, Die ſelbſt entſchliefe gern. Die ſpülen aus dem Herzen Leiſe das alte Leid; Im blauen Mondlicht dämmert Weit fort die alte Zeit. Gottfried Kinkel. 50 96. Nacht. Im Windsgeräuſch, in ſtiller Nacht, Da klingt es plötzlich um ihn her, Geht dort ein Wandersmann; Und heller wird die Nacht, Er ſeufßt und weint und ſchleicht ſo ſacht Schon fühlt er nicht ſein Herz ſo ſchwer, Und ruft die Sterne an: Eeer dünkt ſich neu erwacht: Mein Buſen pocht, mein Herz iſt ſchwer; O Menſch, du biſt uns fern und nah, In ſtiller Einſamkeit Doch einſam biſt du nicht; Mir unbekannt, wohin, woher, Vertrau uns nur, dein Auge ſah Durchwandl ich Freud und Leid. Oft unſer ſtilles Licht. Ihr kleinen, goldnen Sterne, Wir kleinen, goldnen Sterne Ihr bleibt mir ewig ferne, Sind dir nicht ewig ferne; Ferne, ferne, Gerne, gerne Und ach! ich vertraut euch ſo gerne! Gedenken ja deiner die Sterne. Ludwig Tiec. 97. Troſt der Nacht. Es heilt die Nacht des Tages Wunden, So legt die Nacht mit Muttergüte Wenn mit der Sterne buntem Schein Sich um die Seele ſchmerzenvoll; Das königliche Haupt umwunden Es läutert ſtill ſich im Gemüthe Sie ſtill und mächtig tritt herein. Zur Wehmuth jeder bittre Groll. Die milden, leiſen Hauche kommen, Die Thränen, die vergeſſen ſchliefen, Der Farben grelle Pracht erblaßt; Nun ſtrömen ſie in mächtgem Laut: In weicher Linie ruht verſchwommen Es ſteigt aus wunden Herzenstiefen Des ſcharfen Zackenfelſen Pracht: Ein rettungsahnend Beten auf. Gottfried Kinkel. 98. Wenn ſich lau die Lüfte füllen ꝛc. Wenn ſich lau die Lüfte füllen Nacht iſt ſchon herein geſunken, Um den grünumſchränkten Plan, Schließt ſich heilig Stern an Stern; Süße Düfte, Nebelhüllen Große Lichter, kleine Funken, Senkt die Dämmerung heran; Glitzern nah und glänzen fern; Lispelt leiſe ſüßen Frieden, Glitzern hier im See ſich ſpiegelnd, Wiegt das Herz in Kindesruh, Glänzen droben klarer Nacht; Und den Angen dieſes Müden Tieſſten Ruhens Glück beſiegelnd Schließt des Tages Pforte zu. Herrſcht des Mondes volle Pracht. Joh. Wolfg. v. Goethe. =— 51 II. Uaturbilder. 95. Der Kreuzſchnabel. Wenn die Blumen längſt verſtarben Vor der weißen Winternacht, Hat ein Vöglein auf der Fichte Erſt ſein kleines Neſt gemacht. Ach ein blutig rothes Vöglein Brütet in der Wildniß Graus Unter den beeiſten Zweigen Still und heiß die Jungen aus! Kreuzesſchnabel, Wundervogel! Gar zu oft fällſt du mir ein, Schau ich in die ſtarre Wildniß, In die öde Welt hinein. Als der Heiland litt am Kreuze, Himmelwärts den Blick gewandt, Fühlt er heimlich ſanftes Zucken An der ſtahldurchbohrten Hand. Hier, von Allen ganz verlaſſen, Sieht er eifrig mit Bemühn An dem einen ſtarken Nagel Ein barmherzig Vöglein ziehn. Blutbeträuft und ohne Raſten, Mit dem Schnabel zart und klein Möcht den Heiland es vom Kreuze, Seines Schöpfers Sohn, befrein. Und der Heiland ſpricht in Milde: „Sei geſegnet für und für! Trag das Zeichen dieſer Stunde, Ewig Blut und Kreuzeszier.“ Kreuzesſchnabel heißt das Vöglein; Ganz bedeckt mit Blut ſo klar Singt es tief im Fichtenwalde Märchenhaft und wunderbar. Julius Moſen. 100. Unter den Palmen. Mähnen flattern durch die Büſche; tief im Walde tobt der Kampf. Hörſt du aus dem Palmendickicht das Gebrüll und das Geſtampf? Steige mit mir auf den Teekbaum! Leiſe! daß des Köchers Klingen Sie nicht aufſchreckt! Sieh den Tiger mit dem Leoparden ringen Um den Leichnam eines Weißen, den der Tiger überfiel, Als er ſchlief auf dieſes Abhangs ſcharlachfarbnem Blumenpfühl; Um den Fremden, ſeit drei Monden unſrer Zelte ſtillen Bürger, Der nach Pflanzen ging und Käfern, ſtreiten die geſchäckten Würger. Weh, kein Pfeil mehr kann ihn retten! Schon geſchloſſen iſt ſein Aug! Roth ſein Schlaf, gleichwie die Blume auf dem Fackeldiſtelſtrauch! Die Vertiefung anf dem Hügel „drin er liegt, gleicht einer Schale, Voll von Blut, und ſeine Wange trägt des Tigers Klauenmale. Wehe, wie wird deine Mutter um dich klagen, weißer Mann!— Geifernd fliegt der Leoparde den gereizten Tiger an; Aber deſſen linke Tatze ruht auf des Erwürgten Leibe, Und die rechte hebt er drohend, daß den Gegner er vertreibe. Siehe, welch ein Sprung!— der Springer hat des Todten Arm gefaßt. Zerrend flieht er, doch der Andre läßt nicht von der blutgen Laſt. Ringend, ungeſtüm ſich packend, ſtehn ſie auf den Hinterpranken, Aufrecht zwiſchen ſich den ſtarren, mit emporgerafften Blanken. 4* 52 Da— o ſieh, was über ihnen ſich herabläßt aus dem Baum, Grünlich ſchillernd, offnen Rachens, an den Zähnen giftgen Schaum!— Rieſenſchlange*), keinen Einzgen läſſeſt du den Raub zerreißen! Du umſtrickſt ſie, du zermalmſt 101. Ein Adlersjüngling hob die Flügel Nach Raub aus; Ihn traf des Jägers Pfeil und ſchnitt Der rechten Schwinge Sennkraft ab. Er ſtürzt hinab in einen Myrtenhain, Fraß ſeinen Schmerz drei Tage lang, Und zuckt an Qual Drei lange, lange Nächte lang; Zuletzt heilt ihn Allgegenwärtger Balſam Allheilender Natur.. Er ſchleicht aus dem Gebüſch hervor Und reckt die Flügel— ach! Die Schwingkraft weggeſchnitten— Hebt ſich mühſam kaum Am Boden weg Unwürdgem Raubbedürfniß nach, Und ruht tieftrauernd Auf dem niedern Fels am Bach; Er blickt zur Eich hinauf, Hinauf zum Himmel, Und eine Thräne füllt ſein hohes Aug. Da kommt muthwillig durch die Myrtenäſte Daher gerauſcht ein Taubenpaar, Läßt ſich herab und wandelt nickend Ueber goldnen Sand am Bach, Und ruckt einander an; ſie,— Tiger, Leoparden, Weißen! Ferd. Freiligrath. Adler und Taube. Ihr röthlich Auge ſieht umher, Erblickt den Innigtrauernden. Der Tauber ſchwingt neugiergeſellig ſich Zum nahen Buſch und blickt Mit Selbſtgefälligkeit ihn freundlich an: Du trauerſt, redet er, Sei guten Muthes, Freund! Haſt du zur ruhigen Glückſeligkeit Nicht Alles hier? Kannſt du dich nicht des goldnen Zweiges freun, Der vor des Tages Glut dich ſchützt? Kannſt du der Abendſonne Schein Auf weichem Moos am Bache nicht Die Bruſt entgegenheben? Du wandelſt durch der Blumen friſchen Thau, Pflückſt aus dem Ueberfluß Des Waldgebüſches dir Gelegne Speiſe, letzeſt 1 Den leichten Durſt am Silberquell,— O Freund, das wahre Glück Iſt die Genügſamkeit, Und die Genügſamkeit Hat überall genug. O Weiſe! ſprach der Adler, tiefernſt Verſinkt er tiefer in ſich ſelbſt, O Weisheit! du redeſt wie eine Taube! Job. Wolfg. v. Gvethe. —— 102. Die Forelle. In der hellen Felſenwelle Schwimmt die muntere Forelle, Und in wildem Uebermuth Guckt ſie aus der kühlen Flut, *) Die Rieſenſchlange iſt nicht giftig. Tiger und Leopard haben auch keine Mähnen. Sucht, gelockt von lichten Scheinen, Nach den weißen Kieſelſteinen, Die das ſeichte Bächlein kaum Ueberſpritzt mit Staub und Schaum. ——— Sieh doch, ſieh, wie kann ſie büpfen Weiß in wähligem Behagen Und ſo unverlegen ſchlüpfen Nicht, ob ſie es ſoll ertragen, Durch den höchſten Klippenſteg, Oder vor der fremden Glut Grad als wäre das ihr Weg! Retten ſich in ihre Flut. Und ſchon will ſie nicht mehr eilen, Kleine, muntere Forelle, Will ein wenig ſich verweilen Weile noch an dieſer Stelle Zu erproben, wie es thut Und ſei meine Lehrerin: Sich zu ſonnen aus der Flut. Lehre mich den leichten Sinn Ueber einem blanken Steine Ueber Klippen wegzuhüpfen, Wälzt ſie ſich im Sonnenſcheine, Durch des Lebens Drang zu ſchlüpfen Und die Strahlen kitzeln ſie Und zu gehn, obs kühlt, obs brennt, In der Haut, ſie weiß nicht wie; Friſch in jedes Element. Wilhelm Müller. 103. Die Lerche. Gegrüßet ſeiſt du, du Himmelsſchwinge, Des Frühlings Bote, du Liederfreundin; Sei mir gegrüßet, geliebte Lerche, Die beides lehrt, Geſang und Leben. Der Morgenröthe, des Fleißes Freundin, Erweckſt du Felder, belebſt du Hirten; Sie reiben munter den Schlaf vom Auge: Denn ihnen ſinget die frohe Lerche. Du ſtärkſt dem Landmann die Hand am Pfluge Und gibſt den Ton ihm zum Morgenliede: „Wach auf und ſinge, mein Herz voll Freude! Wach auf und ſinge, mein Herz voll Dankes!“ Und alle Schöpfung, die Braut der Sonne, Erwacht verjünget vom langen Schlafe; Die ſtarren Bäume, ſie hören wundernd Geſang von oben und grünen wieder. Die Zweige ſprieſen, die Blätter keimen, Das Laub entſchlüpfet und horcht dem Liede. Die Vögel girren im jungen Neſte, Sie üben zweifelnd die alten Stimmen. Denn du ermunterſt ſie, kühne Lerche, Beim erſten Blicke des jungen Frühlings, Hoch über Beifall und Neid erhoben, Dem Aug entflogen, doch ſtets im Ohre. Inbrünſtig ſchwingſt du dich auf zum Himmel Und ſchlüpfſt beſcheiden zur Erde nieder; Demüthig niſteſt du tief am Boden Und ſteigſt frohlockend zum Himmel wieder. 54 Drum gab, o fromme beſcheidene Lerche, Du über Beifall und Stolz erhoben,. Du muntre Freundin des frühen Fleißes, Drum gab der Himmel dir zum Lohne Die unermüdlich beherzte Stimme, Den Ton der Freude, den langen Frühling. Selbſt Philomele, die Liedergöttin, Muß deinem langen Geſange weichen. Denn ach! der Liebe, der Sehnſucht Klagen In Philomelens Geſang erſterben: Das Lied der Andacht, der Ton der Freude, Das Lied des Fleißes hat langen Frühling. Joh Gottfr. Herder. 104. Der Storch. Mach dem Frieden.) Willkumm, Her Storch! biſch au ſchodo, Mer wüſſe leider au dervo, Und ſchmekſch im Weiher dFröſche ſcho? Und mengi) Wunde bluetet no, Und meinſch, de Winter heig ſi¹) Sach, Und's druckt no menge Chummer ſchwer, Und s beſſer Wetter chömm) alsgemach? Und menge ſchöne Trog*) iſch leer. He jo, der Schnee gieng überal; Und witer an den Alpe hi Me meint, es werd ſcho grüen im Thal. Iſchs, Gott erbarms, no ärger gſi**), Der Himmel iſch ſo rein und blau, Und Weh und Ach het uſem Wald Und's weiht*) ein aſo mild und lau. Und us de Berge wiederhallt. Nei loſet, wiener*) welſche cha! An's Wilhelm Telle Freiheitshuet Verſtoht men au ne Wörtli dra? Hangt menge Tropfe Schwizerbluet. Drum chunnt*) er über Strom und Meer Wie hets nit ummen blitzt und g'chracht,. Us wiite, fremde Ländere her. Und dundret in der Wetternacht! Was bringſch denn Neu's us Afrika? Doch öbben in der Wetternacht Sie hen gwis au ſo Umſtänd ghas), Het Gottis Engel an no g'wacht. Und d'Büchſe gſpannt, und d'Säbel gwetzt,„Jo frili ¹6),“ ſeit er,„Chlip und Chlap!“ Und Freiheitsbäum vor d'Chilche) gſetzt? Und ſchwenkt der Schnabel uf und ab. De heſch ſo rothi Strümpfli a. Gang, Muetter, und heiß's Büebli cho! Iſch öbbe ²) Bluet vom Schlachtfeld Lueg, Chind, di Storch iſch wieder do! dra? Sag: Grüeß di Gott! Was bringſch mer Wo heſch die ſchwarze Fegge g˙no ³)* mit? Biſch öbbez'mooch) an d'Flamme cho ¹)2 5 glaub, bi'm Blueſt**), er chennt di nit. Um das hättſch über Land und Meer s machts, weil d'ſo groß und ſufer biſch), Nit reiſe dörfe hi und her, Und's Löckli chrüſer*⁵) worden iſch. Vom Rhiſtrom bis in Afrika; Vern heſch ²²) no ſo ne Jüppli gha De hättſchs jo in der Nööchi gha. Jez heſch ſcho gſtreifti Hösli a. 1) hätt ſein.— 20 käme.— 3) weht.— 40 horchet, wie er.— 5) kommt.— 6) gehabt.— 7 Kirche.— 8) etwa.— 9) Flügel genommen.— 10) zu nah.— 11) gekommen.— 12) Nähe gehabt. — 13) manche.— 14) Kiſte.— 15) geweſen.— 16) Ja freilich.— 17) Ein Ausruf der Verwunderung. — 18) ſauber biſt.— 19) krauſer.— 20) Voriges Jahr haſt.— 21) Kinderröckchen gehabt. 55 Er pepperet no alliwil¹), Und's ſchiint, er wiß no ſölli?) viel. Es goht em au wie mengem Ma), Er het ſi Gfalle ſelber dra. Siſch gnug, Her Storch! Mer wüſſe's ſcho, Und was de ſeiſch“), mer glaube's jo! Es freut di au, aß's Dorf no ſtoht, Und Alles gſund iſch— Dank der Gott! He jo,'s mag wieder ziemli go“), Und's Feldpiket iſch nümme²) do; Wo Lager gſi) ſin Zelt an Zelt, Goht jez der Pflug im Ackerfeld. Und de, wo d' Storche heißet cho*), Und d'Rabe nährt, iſch au no do; Er ſchafft den Arme Brot ins Hus, Und heilt die alten Preſten*) us. Und wo me luegt und luege cha, Se lächlet ein der Frieden a, Wie Morgeliecht, wenn d' Nacht ver⸗ goht, Und d' Sunne hinter de Tanne ſtoht. Gang, lueg e wenig d' Gegnig*) al J glaub, de wirſch e Gfalle ha. Mi Matten iſch der wohl bikannt, Am Brunnen abe linker Hand. Und triffſch am Bach e Fröſchli a, Sen iſchs der gunnt ¹). Verſtick nit dra! Und, was i bitt, loß d' Imme goh! Mi Große ſeit, ſie fliege ſcho. Joh. Peter Hebel. 105. Das Spinnlein. Nei, lueget doch das Spinnli a, Wie's zarti Fäde zwirne cha! Es ſpinnt und wandlet uf und ab, Potz tauſig, im Galopp und Trab!— Bas Gvatter, meinſch, chaſchs ¹) au neſo? Jetzt gohts ringsum, was heſch, De wirſch mers, traui, blibe lo*¹) Es machts ſo ſubtil und ſo nett J wott ¹*) nit, aßi's z'hasple hätt. Wo hets die fini Riſte gno*8), By wellem Meiſter hechle lo? Meinſch, wemme'swüßt, wohl mengi*) Frau, Sie wär ſo geſcheit und holti au! Jez lueg mer, wie's ſi Füeßli ſetzt, Und d'Ermel ſtreift und d' Finger netzt. Es zieht e lange Faden us, Es ſpinnt e Brück ans Nochbers Hus, Es baut e Landſtroß in der Luft, Morn**) hangt ſie ſcho voll Morgeduft Es baut e Fueßweg nebe dra, S iſch, aß es ehne ¹*) dure*) cha. was giſch! Siehſch wie ne Ringli worden iſch! Jez ſchießt es zarti Fäden i; Wird's öbbe*⁵) ſölle gwobe ſy? Es iſch verſtuunt**), es haltet ſtill, Es weiß nicht recht, wo's anne ²*) will. S goht weger*⁵) z'ruck! i ſieh's em a; Ss mueß näumis**) rechts vergeſſe ha. Zwor denkt es, ſell preſſirt jo nit, J halt mi nummen*) uf dermit. Es ſpinnt und webt und het kei Raſt, So gliichlich**), me verluegt ſi faſt. Und's Pfarrers Chriſtoph het no gſeit, ;s ſeig*) jede Fade zſemme gleit*). Es mueß ein gueti Auge ha, Wers zehlen und erchenne cha. 1) klappert noch immer fort.— 2) ſehr.— 3) Mann.— 4) ſagſt.— 5) gehen.— 6) nicht mehr.— * S 2 7) geweſen.— 8) lommen.— 9) Gebrechen.— 10) Gegend.— 1¹) gegönnt.— 120 könnteſt.— 13) laſſen— 14) wollte.— 15) genommen.— 16) manche.— 17) Morgen.— 18) drüben.— 19) bin⸗ durch.— 20) etwa— 214) erſtaunt.— 220 hin.— 23) wabrlich.— 24) etwas.— 25) nur.— 26) durch⸗ gehends gleich.— 27) ſei.— 28) gelegt. 56 Jez putzt es ſini Händli ab, Wer het di au die Sache glehrt? Es ſtoht und haut der Faden ab. Denkwohl, der, wonis ²) alli nährt; Jez ſitzt es in ſi Summerhus Mit milde Händen alle git, Und luegt die lange Stroßen us. Bis z'frieden! Er vergißt di nit. Es ſeit:„Me baut ſi halber z'todt Da chunnt*) e Fliege, nei wie dumm! Doch freuts ein au, wenns Hüsli') ſtoht.“ üie Sie rennt em ſchier gars Hüsli um. In freie Lüfte wogt und ſchwankts, Sie ſchreit und winflet Weh und Ach! Und an der liebe Sunne hangts; Du arme Chetzer heſch die Sach! Sie ſchint em frei dur d' Beinli dur, Heſch keini Auge by*) der gha? und s iſch em wohl. In Feld und Was göhn di üſi Sache a? Flur Siehts Mückli tanze jung und feiß; S denkt bynem ſelber:„Hätti eis!“ Lueg,'s Spinnli merkts enanderno, Es zuckt und ſpringt und het ſie ſcho. Es denkt:„₰J ha viel Arbet gha, O Thierli, wie heſch mi verzückt! Jez mueßi au ne Brotis*) ha!“ Wie biſt ſo chlei, und doch ſo ſags jo, der wo alle git g'ſchickt! Wenn's Zit iſch, er vergißt ein nit). Joh. Peter Hebel. 106. Löwenritt. Wüſtenkönig iſt der Löwe; will er ſein Gebiet durchfliegen, Wandelt er nach der Lagune, in dem hohen Schilf zu liegen. Wo Gazellen und Giraffen trinken, kauert er im Rohre; Zitternd über dem Gewaltgen rauſcht das Laub der Sycomore). Abends, wenn die hellen Feuer glühn im Hottentottenkrale*), Wenn des jähen Tafelberges bunte, wechſelnde Signale Nicht mehr glänzen, wenn der Kaffer einſam ſchweift durch die Karvo), Wenn im Buſch die Antilope ſchlummert, und am Strom das Euu:. Sieh, dann ſchreitet majeſtätiſch durch die Wüſte die Giraffe, Daß mit der Lagune trüben Fluten, ſie die heiße, ſchlaffe Zunge kühle; lechzend eilt ſie durch der Wüſte nackte Strecken, — Knieend ſchlürft ſie langen Halſes aus dem ſchlammgefüllten Becken. Plötzlich regt es ſich im Rohre; mit Gebrüll auf ihren Nacken Springt der Löwe; welch ein Reitpferd! ſah man reichere Schabracken) In den Marſtallkammern einer königlichen Hofburg liegen, Als das bunte Fell des Renners, den der Thiere Fürſt beſtiegen? In die Muskeln des Genickes ſchlägt er gierig ſeine Zähne; Um den Bug des Rieſenpferdes weht des Reiters gelbe Mähne. Mit dem dumpfen Schrei des Schmerzes ſpringt es auf und flieht gepeinigt; Sieh, wie Schnelle des Kameeles es mit Pardelhaut vereinigt. 1) Häuslein.— 2) welcher uns.— 3) kommt.— 4) bei.— 5) Braten.— 6) Aller Augen warten auf dich, du gibſt ihnen ihre Speiſe zu ſeiner Zeit. Pſalm 145, V. 15.— 7) Wilder ägyptiſcher Feigenbaum.— 8) Hottentottendorf. 9) Afrikaniſche Wüſten, lies Karu.— 10) Zierliche Pferdedecken. Sieh, die mondbeſtrahlte Fläche ſchlägt es mit den leichten Füßen! Starr aus ihrer Höhlung treten ſeine Augen; rieſelnd fließen An dem buntgefleckten Halſe nieder ſchwarzen Blutes Tropfen, Und das Herz des flüchtgen Thieres hört die ſtille Wüſte klopfen. Gleich der Wolke, deren Leuchten Iſrael im Lande Yemen Führte, wie ein Geiſt der Wüſte, wie ein fahler, luftger Schemen, Eine ſandgeformte Trombe in der Wüſte ſandgem Meer, Wirbelnd eine gelbe Säule Sandes hinter ihnen her. Ihrem Zuge folgt der Geier; krächzend ſchwirrt er durch die Lüfte; Ihrer Spur folgt die Hyäne, die Entweiherin der Grüfte; Folgt der Panther, der des Kaplands Hürden räuberiſch verheerte; Blut und Schweiß bezeichnen ihres Königs grauſenvolle Fährte. Zagend auf lebendgem Throne ſehn ſie den Gebieter ſitzen, Und mit ſcharfer Klane ſeines Sitzes bunte Polſter ritzen. Raſtlos, bis die Kraft ihr ſchwindet, muß ihn die Giraffe tragen; Gegen einen ſolchen Reiter hilft kein Bäumen und kein Schlagen. Taumelnd an der Wüſte Saume ſtürzt ſie hin und röchelt leiſe. Todt, bedeckt mit Staub und Schaume, wird das Roß des Reiters Speiſe. Ueber Madagaskar, fern im Oſten, ſieht man Frühlicht glänzen;— So durchſprengt der Thiere König nächtlich ſeines Reiches Grenzen. Ferd. Freiligrath. 107. Der blühende Apfelbaum. O Apfelbaum! Was iſt es wohl mit dir? Wo willſt du noch mit allen Blüten hin? Sprich, Apfelbaum, wo ſtehet hin dein Sinn? Willſt du dich denn in dieſen roſ'gen Gluten Mit einem Male ganz und gar verbluten? In Blütenwogen brauſt ein Bienenſchwarm, Der Engel Chorgeſang in meiner Bruſt; Es ſteht der Baum und ſinnt in ſtiller Luſt, Als hätt er wieder in ſo ſelgen Stunden Sein Heimatland, das Paradies gefunden. Julius Moſen⸗ 108. Der Eichwald. Ich trat in einen heilig düſtern Als wollt er mir was anvertrauen, Eichwald, da hört ich leis und lind Das noch mein Herz nicht wiſſen ſoll; Ein Bächlein unter Blumen flüſtern, Als möcht er heimlich mir entdecken, Wie das Gebet von einem Kind; Was Gottes Liebe ſinnt und will? Und mich ergriff ein ſüßes Grauen, Doch ſchien er plötzlich zu erſchrecken Es rauſcht der Wald geheimnißvoll, Vor Gottes Näh— und wurde ſtill. Nilk. Lenau. 109. Ritornell. Blüte der Mandeln! Du fliegſt dem Lenz voraus, und ſtreuſt im Winde Dich auf die Pfade, wo ſein Fuß ſoll wandeln. Zierliches Glöckchen! Vom Schnee, der von den Fluren weggegangen, Biſt du zurückgeblieben als ein Flöckchen. Beſcheidnes Veilchen! Du ſageſt:„Wann ich gehe, kommt die Roſe.“ Schön, daß ſie kommt; doch weile noch ein Weilchen. Glänzende Lilie! Die Blumen halten Gottesdienſt im Garten; Du biſt der Prieſter unter der Familie. Lilienſtengel! Zu einem Strauß biſt du nicht geſchaffen, Dich tragen nur in Händen Gottes Engel. Friedr. Rückert. 110. Blumenandacht. Kommt der Morgen nicht gegangen Mild, wie Weihrauch anzuſehen, Mit den rothgeſchlafnen Wangen? Steigt er nach den rothen Höhen Und ihr, Blümlein, ſchlummert noch? Und erfüllt die ganze Luft. Oeffnet eure Augen wieder Habt ihr i S hr im Gebet gelegen . S Für den friſchen Gottesſegen,. rüßt den holden Morgen doch! Daß ihr ſo in Thränen ſteht? Und es hebt ſich von den Wieſen, Wann die Zunge Wonne bindet, Wo die bunten Kinder ſprießen, Und ſie keine Worte findet Wunderbarer, weißer Duft; Sind auch Thränen ein Gebet. J. Ch. Blum. 444. Preis der Tanne. Jüngſthin hört ich, wie die Rebe Und im Herbſte,— welche Wonne Mit der Tanne ſprach und ſchalt: Bring ich in des Menſchen Haus! „Stolze! himmelwärts dich hebe, Schaff ihm eine neue Sonne, Dennoch bleibſt du ſtarr und kalt! Wann die alte löſchet aus“. Spend auch ich nur kargen Schatten So ſich brüſtend ſprach die Rebe; Wegemüden, gleich wie du, Doch die Tanne blieb nicht ſtumm, Führet doch mein Saft die Matten, Säuſelnd ſprach ſie:„gerne gebe O wie leicht! der Heimat zu. Ich dir, Rebe, Preis und Ruhm. Eines doch iſt Mehr zu laben, Lebensmüde; Schließen meine mir beſchieden: als dein Wein, — welchen Frieden Bretter ein! Ob die Rebe ſich gefangen Gab der Tanne, weiß ich nicht; Doch ſie ſchwieg— und Thränen hangen, Sah ich ihr am Auge licht. Juſt. Andreas Kerner. 112. Die Tanne. Auf des Berges höchſter Spitze Steht die Tanne ſchlank und grün, Durch der Felswand tiefſte Ritze Läßt ſie ihre Wurzeln ziehn; Nach den höchſten Wolkenbällen, Läßt ſie ihre Wipfel ſchweifen, Als ob ſie die vogelſchnellen Mit den Armen wollte greifen. Ja der Wolken vielgeſtaltge Streifen flatternd und zerriſſen, Sind der Edeltann gewaltge, Regenſchwangre Nadelkiſſen. Tief in ihren Wurzelknollen, In den faſerigen, brannen, Winzig klein und reich an tollen Launen, wohnen die Alraunen, Die des Berges Grund befahren, Ohne Eimer, ohne Leitern, Und in ſeinen wunderbaren Schachten die Metalle läutern. Wirr läßt ſie hinunterhangen Ihre Wurzeln ins Gewölbe. Diamanten ſieht ſie prangen, Und des Goldes Glut, die gelbe. Aber oben mit den dunkeln Aeſten ſieht ſie ſchönres Leben; Sieht durch Laub die Sonne funkeln, Und belauſcht des Geiſtes Weben, Inmitten der Fregatte Hebt ſich der ſtarke Maſt, Mit Segel, Flagg und Matte; Ihn bengt der Jahre Laſt. Der in dieſen ſtillen Bergen Regiment und Ordnung hält, Und mit ſeinen klugen Zwergen Alles leitet und beſtellt; Oft zur Zeit der Sonnenwenden Nächtlich ihr vorüberſauſt, Eine Wildſchur um die Lenden, Eine Kiefer in der Fauſt. Sie vernimmt mit leiſen Ohren, Wie die Vögel ſich beſprechen; Keine Silbe geht verloren Des Gemurmels in den Bächen. Offen liegt vor ihr der ſtille Haushalt da der wilden Thiere. Welcher Friede, welche Fülle In dem ſchattigen Reviere. Menſchen fern;— nur Rothwildſtapfen Auf dem moosbewachſnen Boden!— O wohl magſt du deine Zapfen Frendig ſchütteln in die Loden! O wohl magſt du gelben Harzes Duftge Tropfen niederſprengen, Und dein ſtraffes, grünlich ſchwarzes Haar mit Morgenthan behängen! O wohl magſt du lieblich wehen! O wohl magſt du trotzig rauſchen! Einſam auf des Berges Höhen Stark und immer grün zu ſtehen.— Tanne, könnt ich mit dir tauſchen! l. Der ſchaumbedeckten Welle Klagt zürnend er ſein Leid: „Was hilft mir nun das helle, Das weiße Segelkleid! 60 Was helfen mir die Fahnen, Isländiſch Moos im Norden Die ſchwanken Leiterſtricke? Grüßt ich auf Felſenſpalten; Ein ſtarkes, inneres Mahnen Mit Palmen auf füdlichen Borden Zieht mich zum Forſt zurücke. Hab Zwieſprach ich gehalten. In meinen jungen Jahren Doch nach dem Heimatberge Hat man mich umgehauen. Zieht mich ein ſtarker Zug, Das Meer ſollt ich befahren Wo ich ins Reich der Zwerge Und fremde Länder ſchauen. Die haarigen Wurzeln ſchlug. Ich habe die See befahren; O ſtilles Leben im Walde! Meerkön'ge ſah ich thronen; O grüne Einſamkeit! Mit ſchwarzen und blonden Haaren O blumenreiche Halde! Sah ich die Nationen. Wie weit ſeid ihr, wie weit!“ Ferd. Freiligrath. 113. Das Habermuß. S' Habermueß wär fertig, ſe chömmet, ihr Chinder, und eſſet! Betet:„Aller Augen“— und gent mer Achtig Aß nit eim am rueßige Tüpfi's Ermeli ſchwarz wird. Eſſet denn und ſegnichs Gott, und wachſet und trüeihet*)! D' Haberchörnli het der Aetti*) zwiſche de Fuhre Gſeiht mit flißiger Hand und abeg'eget im Früeihjohr. Aß es gwachſen iſch und zitig worde, für ſel cha Euen Aetti nüt*), ſel thuet der Vater im Himmel. Denket numme ³), Chinder, es ſchloft im mehlige Chörnli Chlei und zart e Chiimlis), das Chiimli thuetich ke Schnüfli, Nei, es ſchloft, und ſeit“) kei Wort, und ißt nit und trinkt nit, Bis es in d' Fuhre lit'), im luckere Bode. Aber in de Fuhren und in der füechtige Wärmi Wacht es heimli uf us ſim verſchwiegene Schlöfli, Streckt die zarte Gliedli, und ſuget*) am ſaftige Chörnli, Wie ne Muetterchind, s iſch alles, aß es nit brigget*). Siderie*) wirds größer, und heimli ſchöner und ſtärcher, Und ſchlieft us de Windlen, es ſtreckt e Würzeli abe, Tiefer aben in Grund, und ſucht ſi Nahrig und find't ſie. Jo und's ſtichts der Wundervitz ¹),'s möcht nummen au wiſſe, Wie's denn witer oben iſch. Gar heimlich und furchtſem 6 Güggelet's*) zum Boden us.— Potz tauſig, wie gfallts em! Uiſe lieber Hergott, er ſchickt en Engeli abe: „Bringem e Tröpfli Thau, und ſagem fründli Gottwilche“! Und es trinkt, und's ſchmecktem wohl, und's ſtreckt ſi gar ſölli*). Sider*) ſtrehlt ¹*) ſi d' Sunnen, und wenn ſie gewäſchen und gſtrehlt iſch, 1) werdet ſtark, nehmet zu, gedeihet.— 2) Vater.— 3) nichts.— 4) nur.— 5) Keimchen.— 6) ſagt.— 7) liegt.— 8) ſauget.— 90 weint.— 10) ſeither.— 11) Neugierde.— 12) ſchauet.— 13) ſehr. — 14) unterbeſſen.— 15) kämmt. Chunnt') ſi mit d' Strickete*) füre hinter de Berge, Wandlet ihre Weg hoch an der himmliſche Landſtroß, Strickt und lueget*) aben, als wie ne fründligi Muetter no de Chindlene luegt. Sie lächlet gegenem Chiimli, und es thuet em wohl, bis tief in de Würzeli abe. „So ne tolli Frau, und doch ſo güetig und fründli!“ Aber was ſie ſtrickt? He, Gwülch*) us himmliſche Düfte! S tröpflet ſcho, ne Sprützerli chunnt, druf regnets gar ſölli. S Chiimli trinkt bis genueg; druf weiht e Lüftli und trochnets, Und es ſeit:„Jez gangi nümmen*) untere Bode, Um ke Pris! Do blibi, was no us mer will werde!“ Eſſet, Chindli, geſegn' es Gott, und wachſet und trüeihet! S wartet herbi Zit ufs Chiimli. Wulken an Wulke Stöhn am Himmel Tag und Nacht, und d' Sunne verbirgt fi. Uuf de Berge ſchneits, und witer niede hurniglets. Schocheli ſchoch“), wie ſchnatteret jez und briegget mi Chiimli, Und der Boden iſch zu, und's het gar chündigi ²) Nahrig. „Iſch denn d' Sunne gſtorbe“, ſeit es,„aß ſie nit cho*) will? Oder förcht ſie au, es frier ſie? Wäri doch blibe, Woni gſi*) bi, ſtill und chlei im mehlige Chörnli, Und deheim im Boden und in der füechtige Wärmi.“ Lueget, Chinder, ſo goht's ¹¹)! Der werdet au no ſo ſage, Wenn der uſe chömmet, und unter fremde Lüte ¹¹) Schaffe müent und reblen ¹³), und Brod und Plunder ¹) verdiene: „Wäri doch deheim bi'm Müetterli, hinterem Ofe!“ Tröſtich Gott!'s nimmt au en End, und öbbe wirds beſſer, Wies im Chiimli gangen iſch. Am heitere Maitag Weihts ſo lau, und d' Sunne ſtigt ſo chräftig vom Berg uf, Und ſie luegt, was's Chiimli macht, und gitem e Schmützli, Und jez iſch em wohl, und's weiß nit z'blibe vor Freude. Nootno ¹) prangt d' Matte ¹²) mit Gras und farbige Blueme; Nootno duftet's Chrieſiblueſt**) und grüenet der Pflumbaum; Nootno wird der Rogge buſchig, Weizen und Gerſte, Und mi Häberli ſeit:„Do blibi o nit dehinte!“ Nei, es ſpreitet d' Blättli us, wer het em ſie g'wobe? Und jez ſchießt der Halm— wer tribt in Röhren an Röhre S Waſſer us de Wurzle bis in die ſaftige Spitze? Endli ſchlieft en Aehri us, und ſchwankt in de Lüfte— Sag mer au ne Menſch, wer het an ſideni ¹³) Fäde Do ne Chnöspli ghenkt und dört mit chünſtlige Hände? 1) kommt.— 2) Strickzeug.— 30 ſchauet.— 4) Gewölk.— 5) nicht mehr.— 6) hagelt es.— 7) Ausdruck des Gefühls der Kälte beim Schauern.— 8) ärmliche.— 9) kommen.— 10) geweſen— 100 gehts.— 12) Leute.— 13) kraftlos hin und her bewegen.— 14) Kleidung.— 15) nach und nach.— 16) Wieſe— 17) Kirſchenblüte.— 18) ſeibne. D' Engeli, wer dann ſuſt? Sie wandle zwiſche de Fuhren uf und ab vo Halm zu Halm und ſchaffe ſölli. Jez hangt Blueſt ¹) an Blueſt am zarte ſchwankigen Aehri, Und mi Haber ſtoht, as wie ne Brüütli?) im Chilchſtuhl. Jez ſin zarti Chörnli drin, und wachſen im Stille, Und mi Haber merkt afange, was es will werde. D' Chäferli chömme und d' Fliege, ſie chömme z' Stubete*) zue'nem, Luege, was er macht, und ſingen: Eye Popeye! Und's Schiiwürmli“) chunnt, potz tauſig, mittem Laternli, 3' Nacht um Nüni z' Liecht ³), wenn d' Fliegen und d' Chäferli ſchlofe. Eſſet, Chinder, geſegn' es Gott, und wachſet und trüeihet! Sider het me gheuet, und Chrieſi“) gunne no Pfingſte; Sider het me Pflümli gunne hinterm Garte; Sider hen ſie Rocke gſchnitte, Weizen und Gerſte, Und die arme Chinder hen barfis zwiſche de Stupfle Gefalleni Aehri geleſen, und's Mütüsli hetene gehulfe. Druf het au der Haber bleicht. Voll mehligi Chörner Het er gſchwankt und gſeit:„Jez iſchs mer afange verleidet, Und i merk, mi Zit iſch us; was thueni ellei do, Zwiſche de Stupfelrüeben und zwiſche de Grumbireſtude?“ Druf iſch d' Muetter uſen und's Eferſinli und's Plunni“), S het ein ſcho an d' Finger gfrore 3' Morgen und z' Oben*). Endli hemmer en brocht, und in der ſtaubige Schüre Hei ſie'n dröſcht vo Früeih um Zwei bis z' Oben um BVieri. Druf iſch's Müllers Eſel cho, und hetten in d' Mühli Gholt, und wieder brocht, in chleini Chörnli vermahle; Und mit feiſter Milch vom junge, fleckige Chüeihli ¹¹) Hetten's Muetterli g'chocht im Töpfi— Geltet,'s iſch guet gſi? Wüſchet d' Löffel ab, und bet eis:„Danket dem Heren“— Und jetzt göhnt in d' Schul, dört hangt der Oſer*²) am Simſe! Fall mer keis, gent achtig, und lehret, was menich ufgit ¹²)! Wenn der wieder chömmet, ſe chömmetder Zibbärtli über ¹*). Joh. Peter Hebel. — 114. Lob des Flachſes. Wohl hat der Sommer ſich zum Kranze Blauen Himmel ausgeſtrenet WManche Blüte zart gewoben; Haſt du über dunkle Auen, Aber, Flachs, dich mildſte Pflanze Deine milde Schönheit freuet Muß ich doch vor allen loben. Die gleich zart⸗geſchaffnen Frauen. 1) Blüte.— 2) Braut.— 3) Kirchſtuhl.— 4) auf Beſuch.— 5) Leuchtkäferchen, Johanneswürmchen. — 6) auf Nachtbeſuch.— 7) kleine Waldkirſchen.— 8) Mäuschen.— 9) Appolonia.— 10) am Abend. — 11) Kühlein.— 12) Bücherſack.— 13) man euch aufgibt.— 14) getrocknete weiße Pflaumen. 63 Weiches Grün den Stengel zieret, Blüte trägt des Himmels Helle, Leis vom Weſthauch angerühret, Wogt ſie ſanft in blauer Welle. Iſt die Blüte dir entfallen, Zieht man dich aus dunkler Erden, Darfſt nicht mehr im Weſthauch wallen, Mußt durch Feur zu Silber werden. Und die Hand geſchäftger Frauen Rührt dich unter muntern Scherzen, Klar, wie Mondſchein, anzuſchauen Biſt du theuer ihrem Herzen. In dem blanken Mädchenzimmer, Leis berührt von zartem Munde, Schön verklärt von Sternenſchimmer, Wird dir manche liebe Stunde. 115. Der Sämann ſtreut aus voller Hand Den Samen auf das weiche Land, Und wunderſam was er geſät, Das Körnlein wieder auferſteht. Die Erde nimmt es in den Schoß, Und wickelt es im Stillen los; Ein zartes Keimlein kommt hervor Und hebt ſein röthlich Haupt empor. Es ſteht und frieret, nackt und klein, Und fleht um Thau und Sonnenſchein; Die Sonne ſchaut von hoher Bahn Der Erde Kindlein freundlich an. Bald aber nahet Froſt und Sturm, Und ſchon verbirgtſich Menſch und Wurm; Das Körnlein kann ihm nicht entgehn Und muß in Wind und Wetter ſtehn. Doch ſchadet ihm kein Leid noch Weh; Der Himmel deckt mit weißem Schnee Nächtlich in des Landmanns Hütte, Wo ein flammend Holz die Kerze, In viel muntrer Mägdlein Mitte, Biſt du bei Geſang und Scherze. Drauſen brauſen Sturm, Geſpenſter; Wandrer wird der Sorg entladen, Sieht er hinter hellem Fenſter Heimiſch deinen goldnen Faden. Zarten Leib in dich gekleidet, Tritt das Mägdlein zum Altare; Liegſt, ein ſegnend Kreuz, gebreitet Schimmernd über dunkler Bahre. Biſt des Säuglings erſte Hülle, Spieleſt lind um ſeine Glieder, Bleich, in dich gehüllt, und ſtille Kehrt der Menſch zur Erde wieder. Juſt. Andreas Kerner. Das Lied vom Samenkorn. Voll Lieb der Erde Kindlein zu; Dann ſchlummert es in ſtiller Ruh. Bald fleucht des Winters trübe Nacht; Die Lerche ſingt, das Korn erwacht; Der Lenz heißt Bäum' und Wieſen blühn Und ſchmückt das Thal mit friſchem Grün. Voll krauſer Aehren ſchlank und ſchön Muß nun die Halmenſaat erſtehn, Und wie ein grünes, ſtilles Meer Im Winde wogt ſie hin und her. Dann ſchaut vom hohen Himmelszelt Die Sonne auf das Aehrenfeld; Die Erde ruht in ſtillem Glanz, Geſchmückt mit goldnem Erntekranz. Die Ernte naht, die Sichel klingt, Die Garbe rauſcht, gen Himmel dringt Der Freude lauter Jubelſang, Des Herzens ſtiller Preis und Dank. Krummacher. 116. Die hohle Weide. Der Morgenthau verſtreut im Thale Sein blitzendes Geſchmeide; Da richtet ſich im erſten Strahle Empor am Bach die Weide. Im Nachtthau ließ ſie niederhangen Ihr grünendes Gefieder, Und hebt mit Hoffnung und Verlangen Es nun im Frühroth wieder. 64 Die Weide hat ſeit alten Tagen Die Zweig einander zu, und tauſchen So manchem Sturm getrutzet, Noch Grüße wie Geſchwiſter; Iſt immer wieder ausgeſchlagen, Und wölben überm hohlen Kerne So oft man ſie geſtutzet. Wohl gegen Sturmes Wüthen Es hat ſich in getrennte Glieder Ein Obdach, unter welchem gerne Ihr hohler Stamm zerklüftet, Des Liedes Tauben brüten. Und jedes Stämmchen hat ſich wieder Soll ich, o Weide, dich beklagen, Mit eigner Bork umrüftet. Daß du den Kern vermiſſeſt, Sie weichen auseinander immer, Da jeden Frühling auszuſchlagen Und wer ſie ſieht, der ſchwöret: Du dennoch nie vergiſſeſt? Es haben dieſe Stämme nimmer Du gleicheſt meinem Vaterlande, Zu Einem Stamm gehöret. Dem tief in ſich geſpaltnen, Doch wie die Lüfte drüber rauſchen, Von einem tiefern Lebensbande So neigen mit Geflüſter Zuſammen doch gehaltnen. Friedr. Rückert. 117. Die Baumpredigt. Um Mitternacht, wenn Schweigen rings, Draufſeußztd. reiche Pflaumenbaum: Beginnts durch Waldesräume,„Ach meine Füll erdrückt mich! Und wo ſonſt Büſch und Bäume ſtehn, Nehmt doch die Laſt vom Rücken mein! Zu flüſtern, raſcheln und zu wehn; Nicht trag ich ſie für mich allein; Denn Zwieſprach halten die Bäume. Was ihr mir raubt, erquickt mich! Der Roſenbaum loht luſtig auf, Es ſpricht die Tanne guten Muths: Duft raucht aus ſeinen Gluten:„Ob auch an Blüten ich darbe, „Ein Roſenleben reicht nicht weit! Mein Reichthum iſt Beſtändigkeit; Drum ſolls, je kürzer ſeine Zeit, Ob Sonne ſcheint, obs ſtürmt und ſchneit, So voller, heller verbluten!“ Nie ändr ich meine Farbe!“ Die Eſche ſpricht:„Geſunkner Tag, Der hohe, ſtolze Eichbaum ſpricht: Mich täuſcht nicht Glanz und Flittern!„Ich zittre vor Gottes Blitzen! Dein Sonnenſtrahl iſt Todesſtahl, Kein Sturm iſt, mich zu beugen, ſtark, Gezückt aufs Roſenherz zumal, Kraft iſt mein Stamm u. Kraft mein Mark, Und bangend muß ich zittern!“ Ihr Schwächern, euch will ich ſchützen!“ Die ſchlanke Pappel ſpricht und hält Die Epheuranke thät an ihn Zum Himmel die Arm' erhoben: Sich inniger nun fügen: „Dort ſtrömt ein lichter Segensquell,„Wer für ſich ſelbſt zu ſchwach und klein, Der rauſcht ſo ſüß und glänzt ſo hell, Und wer nicht gerne ſteht allein, Drum wall ich ſehnend nach oben!“! Mag an den Freund ſich ſchmiegen!“ Die Weide blickt zur Erd und ſpricht: Drauf ſprachen ſie ſo Manches noch, „O, daß mein Arm dich umwinde! Ich hab es halb vergeſſen; Mein wallend Haar neig ich zu dir, Noch flüſterte manch heimlich Wort, Drein flechte deine Blumen mir, Es ſchwiegen nur am Grabe dort Wie Mütterlein dem Kinde“. Die trauernden Cypreſſen. 65 O, daß die leiſen Sprüchlein all Ein Menſchenherz doch trafen! Was Wunder, wenn ſies trafen nicht? Die Bäume predgen beim Sternenlicht, Da müſſen wir ja ſchlafen. Anaſtaſius Grün. 118. Der Blumen Rache.— Auf des Lagers weichem Kiſſen Ruht die Jungfrau, ſchlafbefangen, Tiefgeſenkt die braune Wimper, Purpur auf den heißen Wangen. Schimmernd auf dem Binſenſtuhle Steht der Kelch, der reichgeſchmückte, Und im Kelche prangen Blumen, Duftge, bunte, friſchgepflückte. Brütend hat ſich dumpfe Schwüle Durch das Kämmerlein ergoſſen, Denn der Sommer ſcheucht die Kühle, Und die Fenſter ſind verſchloſſen. Stille rings und tiefes Schweigen! Plötzlich, horch! ein leiſes Flüſtern! In den Blumen, in den Zweigen Lispelt es und rauſcht es lüſtern. Aus den Blütenkelchen ſchweben Geiſtergleiche Duftgebilde; Ihre Kleider zarte Nebel, Kronen tragen ſie und Schilde. Aus dem Purpurſchooß der Roſe Hebt ſich eine ſchlanke Frau; Ihre Locken flattern loſe, Perlen blitzen drin, wie Thau. Aus dem Helm des Eiſenhutes Mit dem dunkelgrünen Lanbe Tritt ein Ritter kecken Muthes; Schwert erglänzt und Pickelhaube. Auf der Haube nickt die Feder Von dem ſilbergrauen Reiher. Aus der Lilie ſchwankt ein Mädchen; Dünn, wie Spinnweb, iſt ihr Schleier. Aus dem Kelch des Türkenbundes Kommt ein Neger ſtolz gezogen; Licht auf ſeinem grünen Turban Glüht des Halbmonds goldner Bogen. Schenckel's Blüten, 2r Theil. Prangend aus der Kaiſerkrone Schreitet kühn ein Scepterträger; Aus der blauen Iris folgen Schwertbewaffnet ſeine Jäger. Aus den Blättern der Narziſſe Schwebt ein Knab mit düſtern Blicken, Tritt ans Bett, um heiße Küſſe Auf des Mädchens Mund zu drücken. Doch ums Lager drehn und ſchwingen Sich die Geiſter wild im Kreiſe; Drehn und ſchwingen ſich und ſingen Der Entſchlafnen dieſe Weiſe: „Mädchen, Mädchen! von der Erde Haſt du grauſam uns geriſſen, Daß wir in der bunten Scherbe Schmachten, welken, ſterben müſſen! O, wie ruhten wir ſo ſelig An der Erde Mutterbrüſten, Wo, durch grüne Wipfel brechend, Sonnenſtrahlen heiß uns küßten; Wo uns Lenzeslüfte kühlten, Unſre ſchwanken Stengel beugend; Wo wir Nachts als Elfen ſpielten, Unſerm Blätterhaus entſteigend. Hell umfloß uns Thau und Regen; Jetzt umgibt uns trübe Lache; Wir verblühn, doch eh wir ſterben, Mädchen! trifft dich unſre Rache!“ Der Geſang verſtummt; ſie neigen Sich zu der Entſchlafnen nieder. Mit dem alten, dumpfen Schweigen Kehrt das leiſe Flüſtern wieder. Welch ein Rauſchen, welch ein Raunen! Wie des Mädchens Wangen glühen! Wie die Geiſter es anhauchen! Wie die Düfte wallend ziehen! 5 Da begrüßt der Sonne Funkeln Das Gemach; die Schemen weichen. Auf des Lagers Kiſſen ſchlummert Kalt die Lieblichſte der Leichen. 56 Orgeltöne brauſen Durch der Tannen Haar, Und mit ſtillem Grauſen Knie ich am Altar, Den in Waldeshallen Mir der Frühling baut, Und des Herzens Wallen Wird im Liede laut. 120. O Thäler weit, o Höhen, O ſchöner, grüner Wald, Du meiner Luſt und Wehen Andächtger Aufenthalt. Da draußen, ſtets betrogen Saust die geſchäftge Welt; Schlag noch einmal die Bogen Um mich, du grünes Zelt. Wenn es beginnt zu tagen, Die Erde dampft und blinkt, Die Vögel luſtig ſchlagen, Daß dir dein Herz erklingt: Da mag vergehn, verwehen Das trübe Erdenleid, Da ſollſt du auferſtehen In junger Herrlichkeit! 66 Eine welke Blume ſelber, Noch die Wänge ſanft geröthet, Ruht ſie bei den welken Schweſtern,— Blumenduft hat ſie getödtet! Ferdinand Freiligratb. Waldandacht. Seinen Sabbath feiert, Schöpfung, der dich ſchuf, Und die Seel umſchleiert Seines Friedens Ruf. Wenn du Vaterſtrafen, Kind, nicht fürchten mußt, Kannſt du ruhig ſchlafen An der Mutter Bruſt. Friedrich Rückert. Im Walde. Da ſteht im Wald geſchrieben Ein ſtilles, ernſtes Wort Von rechtem Thun und Lieben Und was des Menſchen Hort. Ich habe treu geleſen Die Worte ſchlicht und wahr, Und durch mein ganzes Weſen Wards unausſprechlich klar. Bald werd ich dich verlaſſen, Fremd in der Fremde gehn, Auf buntbewegten Gaſſen Des Lebens Schauſpiel ſehn; Und mitten in dem Leben Wird deines Ernſts Gewalt Mich Einſamen erheben; So wird mein Herz nicht alt. Joſ. Frhrr. v. Eichendoyff. 121. Der Himmel. Der Himmel iſt, in Gottes Hand gehalten, Ein großer Brief von azurblauem Grunde, Der ſeine Farben hielt bis dieſe Stunde Und bis an der Welt Ende ſie wird halten. In dieſem großen Briefe iſt enthalten Geheimnißvolle Schrift aus Gottes Munde; Allein die Sonne iſt darauf das runde Glanzſiegel, das den Brief nicht läßt entfalten. —— 67 Wenn nun die Nacht das Siegel nimmt vom Briefe, Dann lieſt das Auge drin in tauſend Zügen Nichts als nur eine große Hieroglyphe: „Gott iſt die Lieb, und Liebe kann nicht lügen!“ Nichts als dieß Wort, doch das von ſolcher Tiefe, Daß Niemand es auslegen kann zur G'nügen. Friedrich Rückert. 122. Die Wolke am Sternenhimmel. Welch eine Saat von goldnen Aehren Wenn ſchüchtern dann mein Blick Durchwandl ich dunkle Nachtgeſtalt, ſich hebet, Die ſchaudernd ihre Häupter kehren So fahren Flammen wild heraus, Vor meinem Athem, rauh und kalt? Und will ich ſprechen, ſo erbebet Ich bin ſo fremd anf dieſen Auen, Vor meinem Ton das fremde Hans. Und wohl aus einem andern Land, Wo bin ich Arme denn geboren, Und möchte da mich helle ſchauen, Wo wird man liebend mich empfahn? Doch bleib ich mir ſo unbekannt. Ich blick, in ihr Gebiet verloren, Fremd dieſe hohe Schönheit an.— Doch winkt aus wunderbarer Tiefe Mir nicht ein mild Erbarmen zu, Als ob mir eine Mutter riefe, 3 Mich lüd an ihre Bruſt zur Ruh? Ich darf nicht frei und ſicher gehen, Wie iſt mir? Wehmuth löst in Thränen Bald führt mich eine leiſe Hand, Hell meine graue Nachtgeſtalt Bald reißt es mich mit Sturmeswehen Hinab hinab zieht all mein Seh Und faßt mein flatterndes Gewand. Verſöhnend heilige Gewalt.— Und mir begegnen dunkle Brüder, Und liebend rauſchts der Erd entgegen, Stumm, grau und willenlos wie ich, Der Morgen kommt mit neuer Luſt: Sie ſchlagen fremd die Wimpern nieder, Blau iſt die Luft, ein ſüßer Regen Und ziehen hin, als flöhn ſie mich. Liegt an der Mutter Erde Bruſt. Gu ſt av Schwab.. Trüb glänzt von meinem grauen Kleide Der Saum in dieſer Flämmlein Schein; Sie feiern ruhig ewge Freude, Da zieh ich ſtörend mitten ein. 123. Das Dörfchen.(m) Ich rühme mir Hier Felſenwand, So nenn ich meine Mein Dörfchen hier! Dort Aehrenfelder Geliebte, kleine Denn ſchönre Auen, Und Wieſengrün, Einſiedelei, Als rings umher Dem blaue Wälder Worin ich lebe, Die Blicke ſchauen, Die Grenze ziehn! Zur Luſt verſteckt, Blühn nirgends mehr. An jener Höhe Die ein Gewebe Welch ein Gefilde Die Schäferei, Von Ulm und Rebe Zum ſchönſten Bilde Und in der Nähe Grün überdeckt. Für Dietrichs Hand! Mein Sorgenfrei! 5* 68 Dort kränzen Schlehen Fließt unter Zweigen, Und alle Fiſchchen Die braune Kluft, Die über ihn Im Grunde ſehn. Und Pappeln wehen Sich wölbend neigen, Da gleiten Schmerlen In blauer Luft. Bald ſchüchtern hin; Und blaſen Perlen; Mit ſanftem Rieſeln Läßt bald im Spiegel Ihr ſchneller Lauf Schleicht hier gemach Den grünen Hügel, Geht bald hienieder, Auf Silberkieſeln Wo Lämmer gehn, Und bald herauf Ein heller Bach; Des uſ Büſchchen Zur Fläche wieder.— Gottfried Auguſt Bürger. 124. Auf eine holländiſche Landſchaft. Müde ſchleichen hier die Bäche, Lenz und Sommer ſind verflogen; Nicht ein Lüftchen hörſt du wallen, Dort das Hüttlein, ob es trutze, Die entfärbten Blätter fallen Blickt nicht aus, die Strohkaputze Still zu Grund vor Altersſchwäche. Tief ins Aug herabgezogen. Krähen, kaum die Schwingen regend, Schlummernd, oder träge ſinnend, Streichen langſam; dort am Hügel Ruht der Hirt bei ſeinen Schafen. Läßt die Windmühl ruhn die Flügel. Die Natur, Herbſtnebel ſpinnend, Ach wie ſchläfrig iſt die Gegend! Scheint am Rocken eingeſchlafen. Nikolaus Lenau. 125. Abſeits.(8510 Es iſt ſo ſtill, die Haide liegt Ein halbverfallen Schindelhaus Im warmen Mittagsſonnenſtrahle, Steht einſam hier und ſonnbeſchienen; Ein roſenrother Schimmer fliegt Der Käthner lehnt zur Thür hinaus, Um ihre alten Gräbermale; Behaglich blinzelnd nach den Bienen; Die Kräuter blühn; der Haideduft Sein Junge auf dem Stein davor Steigt in die blaue Sommerluft. Schnitzt Pfeifen ſich aus Kälberrohr. Lauftäfer haſten durchs Geſträuch Kaum zittert durch die Mittagsruh In ihren goldnen Panzerröckchen, Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten; Die Bienen hängen Zweig um Zweig Dem Alten fällt die Wimper zu, Sich an der Edelhaide Glöckchen; Er träumt von ſeinen Honigernten. Die Vögel ſchwirren aus dem Kraut—— Kein Klang der aufgeregten Zeit Die Luft iſt voller Lerchenlaut. Drang noch in dieſe Einſamkeit. Theodor Storm. 126. Meeresſtille*). Tiefe Stille herrſcht im Waſſer, Und bekümmert ſieht der Schiffer Ohne Regung ruht das Meer, Glatte Fläche rings umher. *) Dieſes kleine Gedicht iſt ein treffliches Naturbild, das nur Gvethes Meiſterhand mit ſo wenigen Strichen vollenden konnte. Fürchterliche Todesſtille herrſcht auf der unenblichen See und das peinigendſte Vorgefühl eines nahen, ſchrecklichen Untergangs bemächtigt ſich ſelbſt der beherzteſten Schiffer, weshalb ſich die freudige Rührigkeit der„ glücklichen Fahrt“ wohl begreifen läßt.— Die — ————— ——— 69 Keine Luft von keiner Seite! Tobesſtille fürchterlich! In der ungeheuren Weite Reget keine Welle ſich. Glückliche Fahrt. Die Nebel zerreißen, Der Himmel iſt helle, Und Aeolus*) löſet Das ängſtliche Band. Es ſäuſeln die Winde, Es rührt ſich der Schiffer. Geſchwinde! Geſchwinde! Es theilt ſich die Welle, Es naht ſich die Ferne; Schon ſeh ich das Land! Joh. Wolfg. v. Goethe. 127. Das Meer. Der Wind zieht ſeine Hoſen an, Die weißen Waſſerhoſen! Er peitſcht die Wellen, ſo ſtark er kann, Die heulen und brauſen und toſen. Aus dunkler Höh, mit wilder Macht, Die Regengüſſe träufen; Es iſt als wollt die alte Nacht Das alte Meer erſäufen. An den Maſtbaum klammert die Möve ſich Mit heißerem Schrillen und Schreien; Sie flattert und will gar ängſtiglich Ein Unglück prophezeihen. Der Sturm ſpielt auf zum Tanze, Er pfeift und ſauſt und brüllt. Heiſa! wie ſpringt das Schifflein! Die Nacht iſt luſtig und wild. Ein lebendes Waſſergebirge Bildet die toſende See; Hier gähnt ein ſchwarzer Abgrund, Dort thürmt es ſich weiß in die Höh. Ein Fluchen, Erbrechen und Beten Schallt aus der Kajüte heraus; Ich halte mich feſt an den Maſt⸗ baum, Und wünſche: wär ich zu Haus! Heinrich Heine. 128. Frieden. Hoch am Himmel ſtand die Sonne, Von weißen Wolken umwogt, Das Meer war ſtill, Und ſinnend lag ich am Steuer des Schiffes, wochenlang anhaltende Windſtille— namentlich in der ſogenannten„Windſtillenſee“ zwiſchen Afrika und Amerika in der Nähe des Aequators— iſt für den Schiffer weit gefährlicher, als der Sturm. Der Hauch des Windes bläht die Segel nicht mehr, das Schiff ſteht ſtill. Vergebens ſucht der Schiffer mit emporgehobenem naſſen Finger den Zug des Winbes zu erforſchen. Richt ber leiſeſte Hauch rührt ſich. Das ſchwimmende Haus ſteht wie feſtgemauert. Tage, Wochen und Monate vergehen und die Angſt und der unglückliche Zuſtand der Seefahrer ſteigern ſich mit jedem Tage. Die Luſt iſt ſchwül und verpeſtet durch die fauligen Ausbünſtungen des Meeres. In der Cajüte und auf dem Verdecke iſt es nicht mehr auszuhalten, ſo verdorben iſt die Luft. Fleiſch, Waſſer, Brot ꝛc. ſind durch die Verweſung gänzlich ungenießbar geworden, das Faulfieber ſtellt ſich ein, bie Mannſchaft ſtirbt unter fürchterlichen Qualen und das Schiff, deſſen weiter Bau hunderte von hoffnungsreichen, frohen Menſchen trug, iſt— ausgeſtorben.(Vgl. Zimmermann:„Das Meer und ſeine Bewohner.) *) Der Gott der Winde. 70 Träumeriſch ſinnend,— und halb im Wachen Und halb im Schlummer, ſchaute ich Chriſtus, Den Heiland der Welt. Im wallend weißen Gewande Wandelt er rieſengroß Ueber Land und Meer; Es ragte ſein Haupt in den Himmel, Die Hände ſtreckte er ſegnend Ueber Land und Meer; Und als ein Herz in der Bruſt Trug er die Sonne, Die rothe, flammende Sonne, Und das rothe, flammende Sonnenherz Goß ſeine Gnadenſtrahlen Und ſein holdes, liebſeliges Licht, Erleuchtend und wärmend, Ueber Land und Meer. Glockenklänge zogen feierlich Hin und her, zogen, wie Schwäne, An Roſenbändern das gleitende Schiff, Und zogen es ſpielend ans grüne Ufer, Wo Menſchen wohnen in hochgethürmter, Ragender Stadt. O Friedenswunder! Wie ſtill iſt die Stadt! Es ruhte das dumpfe Geräuſch Der ſchwatzenden, ſchwülen Gewerbe, Und durch die reinen, hallenden Straßen Wandelten Menſchen, weißgekleidete, Palmzweigtragende; Und wo ſich Zwei begegneten, Sahn ſie ſich an, verſtändnißinnig, Und ſchauernd, in Liebe und ſüßer Entſagung, Küßten ſie ſich auf die Stirne, Und ſchauten hinauf Nach des Heilands Sonnenherzen, 8 Das freudig verſöhnend ſein rothes Blut Hinunterſtrahlte, Und dreimal-ſelig ſprachen ſie: „Gelobt ſei Jeſu Chriſt!“ 3 Heinrich Heine. 129. Seemorgen. Der Morgen friſch, die Winde gut, Die Wogen ſtürzen ſich heran; Die Sonne glüht ſo helle; Doch wie ſie auch ſich bäumen, Und brauſend geht es durch die Flut. Dem Schiff ſich werfend in die Bahn, Wie wandern wir ſo ſchnelle! In toller Mühe ſchäumen: —— 71 Das Schiff, voll froher Wanderluſt, Zieht fort unaufgehalten, Und mächtig wird von ſeiner Bruſt Der Wogendrang geſpalten. Gewirkt von goldner Strahlenhand, Aus dem Geſprüh der Wogen Kommt ihm zur Seit ein Irisband Hellflatternd nachgeflogen. So weit nach Land mein Auge ſchweift, Seh ich die Flut ſich dehnen, Die uferloſe; mich ergreift Ein ungeduldig Sehnen. Daß ich ſo lang euch meiden muß, Berg, Wieſe, Laub und Blüte!— Da lächelt ſeinen Morgengruß Ein Kind aus der Kajüte. Wo fremd die Luft, das Himmelslicht, Im kalten Wogenlärme; Wie wohl thut Menſchenangeſicht Mit ſeiner ſtillen Wärme. Nikolaus Lenau. 130. Am Strande. Auf hochgeſtapelte Ballen blickt Der Kaufherr mit Ergötzen; Ein armer Fiſcher daneben flickt Betrübt an zerriſſnen Netzen. Manch rüſtig ſtolz bewimpelt Schiff! Manch morſches Wrack im Sande! Der Hafen hier und dort das Riff, Jetzt Flut, jetzt Ebb am Strande. Hier Sonnenblick, Sturmwolken dort; Hier Schweigen, dorten Lieder, Die Andre, mit dem Kranz in der Hand, Wirft Roſen in die Fluten. Die Eine, trüber Wehmuth Bild, Stöhnt mit geheimem Beben: „O Meer, o Meer, ſo trüb und wild, Wie gleichſt du ſo ganz dem Leben!“ Die Andre, lichter Freude Bild, Jauchzt ſelig lächelnd daneben: „O Meer, o Meer, ſo licht und mild, Wie gleichſt du ſo ganz dem Leben!“ Und Heimkehr hier, dort Abſchiedswort; Fortbrauſt das Meer und überktingt Die Segel auf und nieder! Zwei Jungfraun ſitzen am Meeres⸗ ſtrand; Die Eine weint in die Fluten, Das Jauchzen wie das Stöhnen; Fortwogt das Meer und, ach! ver⸗ ſchlingt Die Roſen wie die Thränen. Anaſtaſius Grün. 131. Begrüßung des Meeres. Unermeßlich und unendlich, Glänzend, ruhig, ahnungsſchwer, Liegſt du vor mir ausgebreitet Altes, heilges, ewges Meer! Soll ich dich mit Thränen grüßen, Wie die Wehmuth ſie vergießt, Wenn ſie trauernd auf dem Friedhof Manch ein theures Grab begrüßt? Denn ein großer ſtiller Friedhof, Eine weite Gruft biſt du, Manches Leben, manche Hoffnung, Deckſt du kalt und fühllos zu; Keinen Grabſtein wahrſt du ihnen, Nicht ein Kreuzlein, ſchlicht und ſchmal, Nur am Strande wandelt weinend Manch ein lebend Trauermal.— Soll ich dich mit Jubel grüßen, Jubel, wie ihn Freude zollt, Wenn ein weiter, reicher Garten Ihrem Blick ſich aufgerollt? Denn ein unermeßner Garten, Eine reiche Flur biſt du, Edle Keime deckt und Schätze Dein kriſtallner Buſen zu. Wie des Gartens üppge Wieſen, Iſt dein Plan auch glatt und grün, Perlen und Korallenhaine Sind die Blumen, die dir blühn. Wie im Garten ſtille Wandler, Ziehn die Schiffe durch das Meer, Schätze fordernd, Schätze bringend, Grüßend, hoffend, hin und her.— Sollen Thränen, ſoll mein Jubel Dich begrüßen, Ocean? Thalatta! Thalatta! Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer! Sei mir gegrüßt zehntauſendmal, Aus jauchzendem Herzen, Wie einſt dich begrüßten Zehntauſend Griechenherzen, Unglückbekämpfende, heimatverlangende, Weltberühmte Griechenherzen. Es wogten die Fluten, Sie wogten und brausten, Die Sonne goß eilig herunter Die ſpielenden Roſenlichter, Die aufgeſcheuchten Mövenzüge Flatterten fort, lautſchreiend; Es ſtampften die Roſſe, es klirrten die Schilde, Und weithin erſcholl es, wie Siegesruf: Thalatta! Thalatta! Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer! Wie Sprache der Heimat rauſcht mir dein Waſſer, Wie Träume der Kindheit ſeh ich es flimmern Auf deinem wogenden Wellengebiet, Und alte Erinnrung erzählt mir aufs Neue 1 72 Nichtger Zweifel, eitle Frage, Da ich doch nicht wählen kann! Da doch auch der ſchönſte Jubel Mir vom Aug als Thräne rollt, So wie Abendſchein und Frühroth Stets nur Thau den Bäumen zollt. Zu dem Herrn empor mit Thränen War mein Aug im Dom gewandt, Und mit Thränen grüßt ich wieder Jüngſt mein ſchönes Vaterland.— Anaſtaſius Grün. Morgengruß. Von all dem lieben, herrlichen Spiel⸗ zeug, Von all den blinkenden Weihnachtsgaben, Von all den rothen Korallenbäumen, Goldfiſchchen, Perlen und bunten Muſcheln, Die du geheimnißvoll bewahrſt Dort unten im klaren Kryſtallhaus. O! wie hab ich geſchmachtet in öder Fremde! Gleich einer welken Blume In des Botanikers blecherner Kapſel, Lag mir das Herz in der Bruſt. Mir iſt, als ſaß ich winterlange, Ein Kranker, in dunkler Krankenſtube Und nun verlaß ich ſie plötzlich, Und blendend ſtrahlt mir entgegen Der ſmaragdene Frühling, der ſonnen⸗ geweckte, Und es rauſchen die weißen Blütenbäume, Und die jungen Blumen ſchauen mich an Mit bunten, duftenden Augen, Und es duftet und ſummt, und athmet und lacht, Und im blauen Himmel ſingen die Vög⸗ lein— Thalatta! Thalatta! Heinrich Heine. 7 73 133. Auf dem See. Und friſche Nahrung, neues Blut Saug ich aus freier Welt; Wie iſt Natur ſo hold und gut, Die mich am Buſen hält! Die Welle wieget unſern Kahn Im Rudertact hinauf, Und Berge, wolkig himmelan, Begegnen unſerm Lauf.— Auf der Welle blinken Tauſend ſchwebende Sterne; Weiche Nebel trinken Rings die thürmende Ferne, Morgenwind unflügelt Die beſchattete Bucht Und im See beſpiegelt Sich die reifende Frucht. Joh. Wolfg. v. Goethe. 134. Auf dem See. d8520) Die Ruder hab ich eingezogen, Da treib ich hin auf freier Bahn. In langen Pauſen weiche Wogen Sie ſchlagen tönend an den Kahn. Der wiegt ſich fort in ſeinem Gleiſe, Bis ihn der Abendwind berührt Und unſichtbare Strömung leiſe Tief in des Schilfes Bucht entführt. O ſchönes, ſeliges Verſinken!— Der enge Raum ſo grün erhellt! Ich ſchau hinab, die Wellen blinken Wie Lichter einer fremden Welt; Ich horche— welch ein heimlich Rauſchen! Die ſchlanken Halme neigen ſich, Als fragten ſie:„Kommſt du zu lauſchen? Was treibt in dieſe Räume dich?“ Doch laſſen ſie mich ſtill gewähren, Sie kennen mich, ſie rauſchen fort, Sie flüſtern ihre Wundermären, Sie ſprechen manch geheimes Wort; Und drüber ſchwebt in weiten Kreiſen Ein Reiher ſtummen Fluges hin; Wird er gebannt von ihren Weiſen? Verſteht er ſolcher Worte Sinn? — Da tönt vom Ufer her die Welle!— Ein Reh! Es netzt den müden Fuß, Die frommen Augen blicken helle, Als brächten ſie mir Waldesgruß;— Und mir zu Häupten thürmen golden Sich Wolken auf in ſtiller Pracht, Es leuchtet durch die Blütendolden Ihr Glanz in meine grüne Nacht. Da lieg ich in dem engen Raume— Die laute Welt ſo weit entrückt Gleich einem wirren böſen Traume, Der lange, lange mich umſtrickt! Was denk ich ſolcher Zeit! Ich liege Jetzt an der Mutter Bruſt, ein Kind, Die Wellen ſind die Silberwiege, Ihr Schlummerlied der Abendwind. Ich bin ein Kind, wer will mich ſtören In meiner duftgen Zauberwelt! Ich bin ein Kind, o laßt mich hören, Was Schilf und Welle ſich erzählt!— Horch! welch ein Grollen in den Wogen!— Ein Blitz! Wild brauſt der Sturm heran.— O Kindestraum, wie bald verflogen!— Willkommen Sturm, ich bin ein Mann! Robert Reinick. 135. Der Weiher. Er liegt ſo ſtill im Morgenlicht, Libellen zittern über ihn, So friedlich, wie ein fromm Gewiſſen; Blaugoldne Stäbchen und Carmin, — Wann Weſte ſeinen Spiegel küſſen, „ Des Ufers Blume fühlt es nicht; Und auf des Sonnenbildes Glanz Die Waſſerſpinne führt den Tanz; 74 Schwertlilienkranz am Ufer ſteht Ein leichtes Säuſeln kommt und geht, Und horcht des Schilfes Schlummerliede; Als flüſtr es: Friede! Friede! Friede!— (Das Schilf.) Stille, er ſchläft, ſtille, ſtille! Wieget der Vogel ſeine Flügel, Libelle, reg die Schwingen ſacht, Und wie ein ſchlüpfend Fiſchlein zieht Daß nicht das Goldgewebe ſchrille, Sein Schatten durch des Teiches Spiegel. Und Ufergrün hab gute Wacht, Stille, ſtille! Er hat ſich geregt, Kein Kieſelchen laß niederfallen.. Ein fallend Reis hat ihn bewegt, Er ſchläft auf ſeinem Wolkenflaum, Das grad zum Neſt der Hänfling trug; Und über ihn läßt ſäuſelnd wallen Su, ſu! Breit Aſt dein grünes Tuch— Das Laubgewölk der alte Baum; Su, ſu! Nun ſchläft er feſt genug. Hoch oben, wo die Sonne glüht, Annette Freiin von Droſte⸗Hülshof. 136. Mein Fluß. D Fluß, mein Fluß, im Morgenſtrahl! Der Himmel blau und kinderrein, Empfange nun, empfange Worin die Wellen ſingen, Den ſehnſuchtsvollen Leib einmal, Der Himmel iſt die Seele dein; Und küſſe Bruſt und Wange! O laß mich ihn durchdringen! Er kühlt mir ſchon herauf die Bruſt, Ich tauche mich mit Geiſt und Sinn Er kühlt mit Liebesſchauerluſt Durch die vertiefte Bläue hin, Und jauchzendem Geſange. Und kann ſie nicht erſchwingen. Es ſchlüpft der goldne Sonnenſchein Was iſt ſo tief, ſo tief, wie ſie? In Tropfen an mir nieder; Die Liebe nur alleine, Die Woge wieget aus und ein Sie wird nicht ſatt und ſättigt nie Die hingegebnen Glieder; Mit ihrem Wechſelſcheine. Die Arme hab ich ausgeſpannt; O ſchwill, mein Fluß, und hebe dich! Sie kommt auf mich herzugerannt, Mit Grauſen übergieße mich! Sie faßt und läßt mich wieder. Mein Leben um das deine! Du murmelſt ſo, mein Fluß, warum? Du weiſeſt ſchmeichelnd mich zurück Du trägſt ſeit Jahr und Tagen Zu deiner Blumenſchwelle. Ein uralt Märchen mit dir um So trage denn allein dein Glück Und mühſt dich, es zu ſagen; Und wieg auf deiner Welle Du eilſt ſo ſehr und läufſt ſo ſehr, Der Sonne Pracht, des Mondes Ruh; Als wollteſt du im Land umher, Die lieben Sterne führe du Man weiß nicht wen drum fragen. Zu ihrer Mutterquelle! Eduard Mörike. „ 137. Der gefeſſelte Strom. Was ſchläfſt und träumſt du, Jüngling! gehüllt in dich Und ſäumſt am kalten Ufer, Geduldiger, Und achteſt nicht des Urſprungs, du, des Oceans Sohn, des Titanenfreundes Die Liebesboten, Schon tönt, ſchon tönt es ihm in der Bruſt! es 75 welche der Vater ſchickt, Kennſt du die lebenathmenden Lüfte nicht? Und trifft das Wort dich nicht, das hell von Oben der wachende Gott dir ſendet? quillt, Wie da er noch im Schooße der Felſen ſpielt, Ihm auf; und nun gedenkt er ſeiner Kraft, der Gewaltige, nun eilt er. Der Zauberer, er ſpottet der Feſſeln nun, Und nimmt und bricht und wirft die zerbrochenen Im Zorne, ſpielend, da und dort zum Schallenden Ufer; und von der Stimme Des Götterſohns erwachen die Berge rings, Es regen ſich die Wälder, es hört die Kluft Den Herold fern und ſchaudernd regt im Buſen der Erde ſich Freude wieder. Der neue Frühling dämmert, es blüht um ihn; Er aber wandelt hin zu Unſterblichen; Denn nirgend darf er bleiben, als wo Ihn in die Arme der Vater aufnimmt. Joh. Chriſt. Friedr. Hölderlin. 138. Geſang der Geiſter über den Waſſern. Des Menſchen Seele Gleicht dem Waſſer: Vom Himmel kommt es, Zum Himmel ſteigt es, Und wieder nieder Zur Erde muß es, Ewig wechſelnd. Strömt von der hohen Steilen Felswand Der reine Strahl, Dann ſtäubt er lieblich In Wolkenwellen Zum glatten Fels. Und leicht empfangen, Wallt er verſchleiernd, Leisrauſchend, Zur Tiefe nieder. Ragen Klippen Dem Sturz entgegen, Schäumt er unmuthig Stufenweiſe Zum Abgrund. Im flachen Bette Schleicht er das Wieſenthal hin, Und in dem glatten See Weiden ihr Antlitz Alle Geſtirne. Wind iſt der Welle Lieblicher Buhler, Wind miſcht vom Grund aus Schäumende Wogen. Seele des Menſchen, Wie gleichſt du dem Waſſer! Schickſal des Menſchen, Wie gleichſt du dem Wind! Joh. Wolfg. v. Gvethe⸗ 76 8 139. Der Strom.(Mabomets Geſang.) Seht den Felſenquell, Bruder, nimm die Brüder mit, Freudehell, Mit zu deinem alten Vater, Wie ein Sternenblick; Zu dem ewgen Ocean, Ueber Wolken Der mit ausgeſpannten Armen Nährten ſeine Jugend Unſer wartet, Gute Geiſter Die ſich ach! vergebens öffnen, Zwiſchen Klippen im Gebüſch. Seine Sehnenden zu faſſen; Denn uns frißt in öder Wüſte Gierger Sand; die Sonne droben Saugt an unſerm Blut, ein Hügel Hemmet uns zum Teiche! Bruder, Nimm die Brüder von der Ebne, Jünglingfriſch Tanzt er aus der Wolke Auf die Marmorfelſen nieder, Jauchzet wieder nach dem Himmel. Durch die Gipfelgänge Nimm die Brüder von den Bergen, Jagt er bunten Kieſeln nach, Mit, zu deinem Vater mit!“ Und mit frühem Führertritte„„Kommt ihr Alle!““— Reißt er ſeine Bruderquellen Und nun ſchwillt er Mit ſich fort. Herrlicher ein ganz Geſchlechte Trägt den Fürſten hoch empor! Und im rollenden Triumphe Gibt er Ländern Namen, Städte Werden unter ſeinem Fuß. Drunten werden in dem Thal Unter ſeinem Fußtritt Blumen, Und die Wieſe lebt von ſeinem Hauch. Doch ihn hält kein Schattenthal, Unaufhaltſam rauſcht er weiter, Keine Blumen, Läßt der Thürme Flammengipfel, Die ihm ſeine Knie umſchlingen, Marmorhäuſer, eine Schöpfung Ihm mit Liebesaugen ſchmeicheln: Seiner Fülle, hinter ſich. Ruch der Ebne dringt ſein Cedern⸗Häuſer trägt der Atlas Schlangenwandelnd. Auf den Rieſenſchultern; ſauſend Bäche ſchmiegen Wehen über ſeinem Haupte Sich geſellig an. Nun tritt er Tauſend Flaggen durch die Lüfte, In die Ebne ſilberprangend, Zeugen ſeiner Herrlichkeit. Und die Ebne prangt mit ihm, Und ſo trägt er ſeine Brüder, Und die Flüſſe von der Ebne, Seine Schätze, ſeine Kinder, Und die Bäche von den S Dem erwartenden Erzenger Jauchzen ihm und rufen:„Bruder! Freudebrauſend an das Herz. Joh. Wolfg. v. Gvethe. 140. Warnung vor dem Rhein. An den Rhein, an den Rhein, zieh nicht an den Ae Mein Sohn, ich rathe dir gut: Da geht dir das Leben zu lieblich ein, Da blüht dir zu frendig der Muth. 77 Siehſt die Mädchen ſo frank und die Männer ſo frei, Als wär es ein adlig Geſchlecht; Gleich biſt du mit glühender Seele dabei, So dünkt es dich billig und recht. Und zu Schiffe, wie grüßen die Burgen ſo ſchön Und die Stadt mit dem ewigen Dom; In den Bergen, wie klimmſt du zu ſchwindelnden Höhn Und blickſt hinab in den Strom. Und im Strome, da tauchet die Nix aus dem Grund, Und haſt du ihr Lächeln geſehn, Und ſang dir die Lurlei mit bleichem Mund, Mein Sohn, ſo iſt es geſchehn. Dich bezaubert der Laut, dich bethört der Schein, Entzücken faßt dich und Graus. Nun ſingſt du nur immer:„Am Rhein, am Rhein!“ Und kehreſt nicht wieder nach Haus.“ Karl Simrock. 141. Das Lied vom Rhein. Es klingt ein heller Klang, Was ſang der alte Held? Ein ſchönes deutſches Wort Ein furchtbar dräuend Lied: In jedem Hochgeſang„O weh dir, ſchnöde Welt! Der deutſchen Männer fort: Wo keine Freiheit blüht; Ein alter König hochgeboren, Von Treuen los, und bar von Ehren! Dem jedes deutſche Herz geſchworen. Und willſt du nimmer wiederkehren, Wie oft ſein Name wiederkehrt, Mein, ach! geſtorbenes Geſchlecht, Man hat ihn nie genug gehört. Und mein gebrochnes deutſches Recht? Das iſt der heilge Rhein, O meine hohe Zeit! Ein Herrſcher, reich begabt, Mein goldner Lenzestag Deß Name ſchon wie Wein Als noch in Herrlichkeit Die treue Seele labt. Mein Deutſchland vor mir lag, Es regen ſich in allen Herzen Und auf und ab am Ufer wallten Viel vaterländſche Luſt und Schmerzen, Die ſtolzen adligen Geſtalten, Wenn man das deutſche Lied beginnt Die Helden, weit und breit geehrt Vom Rhein, dem hohen Felſenkind. Durch ihre Tugend und ihr Schwert. Sie hatten ihm geraubt Es war ein frommes Blut Der alten Würden Glanz, In ferner Rieſenzeit, Von ſeinem Königshaupt Voll kühnem Leuenmuth, Den grünen Rebenkranz. Und mild als eine Maid. In Feſſeln lag der Held geſchlagen: Man ſingt es noch in ſpäten Tagen, Sein Zürnen und ſein ſtolzes Klagen, Wie den erſchlug der arge Hagen. Wir habens manche Nacht belanſcht, Was ihn zu ſolcher That gelenkt, Von Geiſterſchauern hehr umrauſcht. In meinem Bette liegts verſenkt. 78 5 Du Sünder, wüthe fort! Erfüllt iſt jenes Wort: Bald iſt dein Becher voll; Der König iſt nun frei, Der Nibelungen Hort Der Nibelungen Hort Erſteht wohl, wann er ſoll. Erſteht und glänzet neu. Es wird in dir die Seele grauſen, Es ſind die alten dentſchen Ehren, Wann meine Schrecken dich umbrauſen. Die wieder ihren Schein bewähren: Ich habe wohl und treu bewahrt Der Väter Zucht und Muth und Ruhm, Den Schatz der alten Kraft und Art.“— Das heilge deutſche Kaiſerthum! Wir huldgen unſerm Herrn, Wir trinken ſeinen Wein. Die Freiheit ſei der Stern! Die Loſung ſei der Rhein! Wir wollen ihm aufs Neue ſchwören; Wir müſſen ihm, er uns gehören. Vom Felſen kommt er frei und hehr: Er fließe frei in Gottes Meer! Ferd. Gottfried Mar v. Schenkendorf. 142. Der Neckar. In deinen Thälern wachte mein Herz mir auf Zum Leben, deine Wellen umſpielten mich, Und all der holden Hügel, die dich, Wanderer! kennen, iſt keiner fremd mir. Auf ihren Gipfeln löste des Himmels Luft Mir oft der Knechtſchaft Schmerzen; und aus dem Thal, Wie Leben aus dem Frendebecher, Glänzte die bläuliche Silberwelle. Der Berge Quellen eilten hinab zu dir, Mit ihnen auch mein Herz, und du nahmſt uns mit Zum ſtill erhabnen Rhein, zu ſeinen Städten hinunter und luſtgen Inſeln. Noch dünkt die Welt mir ſchön, und das Aug entflieht Verlangend nach den Reizen der Erde mir, Zum goldnen Paktol, zu Smyrnas Ufer, zu Jlions Wald. Auch möcht ich Bei Sunium oft landen, den ſtummen Pfad Nach deinen Säulen fragen, Olympion! Noch eh der Sturmwind und das Alter 1 Hin in den Schutt der Athenertempel Und ihrer Gottesbilder auch dich begräbt; Denn lang ſchon einſam ſtehſt du, o Stolz der Welt, Die nicht mehr iſt. Und o, ihr ſchönen Inſeln Joniens! wo die Meerluft Die heißen Ufer kühlt und den Lorbeerwald Durchſäuſelt, wenn die Sonne den Weinſtock wärmt. Ach! wo ein goldner Herbſt dem armen Volk in Geſänge die Seufzer wandelt, Wenn ſein Granatbaum reift, Die Pomeranze blinkt, und der Maſtirbaum Vom Harze träuft, und Pauk und Cymbel Zum labyrinthiſchen Tanze klingen. wenn aus grüner Nacht Zu euch, ihr Inſeln! bringt mich vielleicht, zu euch Mein Schutzgott einſt; doch weicht mir aus treuem Sinn Auch da mein Neckar nicht mit ſeinen Lieblichen Wieſen und Uferweiden. Joh. Chriſt. Friedr. Hölderlin. 143. Die Weſer. Ich kenne einen deutſchen Strom, Der iſt mir werth und lieb vor allen, Umwölbt von ernſter Eichen Dom, Umgrünt von kühlen Buchenhallen; Den hat nicht, wie den großen Rhein, Der Alpe dunkler Geiſt beſchworen: Er ward aus friedlichem Verein Verwandter Ströme ſtill geboren. So taucht die Weſer kindlich auf, Von Hügeln traulich eingeſchloſſen, Und kommt in träumeriſchem Lauf, Durch Reben nicht, durch Korn gefloſſen. So windet ſie mit treuem Fuß Zum deutſchen Meere ſich hernieder Und ſpiegelt mit geſchwätzigem Gruß Der Ufer fanften Frieden wieder. Doch hat ſie in der Zeiten Flug Auch manche große Mär erfahren, Und die beſcheidne Woge trug Viel Herrliches zu fernen Jahren: Sie ſah in ihrer Wälder Schvoß Des Adlers Siegerflügel wanken, Und vor urdeutſcher Arme Stoß Der ewigen Roma Säulen ſchwanken. Und als mit feſter Eiſenhand Held Karl den deutſchen Seepter führte, Da war es, wo im Weſerland Sich manche Stimme mächtig rührte: Da hörte man des Kreuzes Ruf Mit hellem Klang an den Geſtaden, Und ſah der Frankenroſſe Huf Sich in den nordſchen Wellen baden. So meldet ſie dir manchen Traum Aus ihrer Vorzeit grauen Tagen, Und ſieht dabei des Lebens Baum Stets friſch an ihren Ufern ragen. Es glänzen in der lichten Flut Der Klöſter, Schlöſſer, Burgen Trümmer, Des Mondes und der Sonne Glut, Der Thürme und der Segel Schimmer. Und meerwärts durch ihr Felſenthor, Durch immer wechſelnde Gefilde, Strömt ſie die Wellen leicht hervor, Wie dichteriſche Traumgebilde. In ihren Tiefen klar und rein Hörſt du es ſeltſam wehn und rauſchen Und kannſt bei ſtillem Abendſchein Der Nixe Wanderlied belauſchen. Franz Dingelſtedt. Laßt uns die deutſchen Ströme ſingen Im dentſchen, feſtlichen Verein, Und zwiſchendurch die Gläſer klingen,— Denn ſie beſchenken uns mit Wein; Auf ihre Töne laßt uns lauſchen, Die alle jetzt herüberwehn, Und bald der Wellen lautes Rauſchen, Bald ihren leiſern Gruß verſtehn. Zuerſt gedenkt des alten Rheines, Der flutend durch die Ufer ſchwillt, Und ſeines goldnen Labeweines, Der aus der Traube luſtig quillt; Denkt ſeiner ſchön bekränzten Höhen Und ſeiner Burgen im Geſang, Die ſtolz auf jene Fluren ſehen, Die jüngſt das deutſche Volk bezwang. Tief in des Fichtelberges Klüften, Mit grauen Nebeln angethan, Umweht von nordiſch kalten Lüften, Beginnt der Main die Heldenbahn. Er kämpft in muthigem Gefechte Sich hin bis zu dem Vater Rhein, Und drängt, bekränzt mit Weingeflechte, In ſeine Ufer ſich hinein. Im Land der Schwaben auferzogen, Eilt raſch und leicht der Neckar hin; Wenn auch nicht mit gewölbten Bogen Gewaltge Brücken drüber ziehn, Doch ſpiegeln, gleich den ſchönſten Kränzen, Sich Dörfer in der klaren Flut, Und dunkelblau, mit ſanftem Glänzen, Der Himmel, der darüber ruht. Geſtiegen aus verborgnen Quellen, Im grünen, luſtigen Gewand, Um welches tauſend Falten ſchwellen, Strömt weit die Donau durch das Land; 80 144. Das Lied von den deutſchen Strömen. Die Städte, die ſich drin erblicken, Erzählen von vergangner Zeit, Und fragen dann mit ſtillem Nicken: Wann wird die alte Pracht erneut? Durch alle Gaun der freien Sachſen Ergeht ſich ſtolz das Rieſenkind; 3 Es ſieht, wie ſonſt, die Eichen wachſen, Doch ſucht es ſeinen Wittekind; Und denkt es der geſunknen Helden, Dann zögert es im raſchen Lauf, Und wünſcht, was alte Sagen melden, Herauf, aus ſeiner Flut herauf. So nah dem hochbeglückten Lande, Wo Zwingherrnblut die Erde trank, Und nach gelöſtem Sklavenbande Das Römerjoch zu Boden ſank, Vernimm, o Weſer, unſre Grüße, Sie ſollen jubelnd zu dir ziehn; Voll Ernſt und ſtiller Würde fließe, Du Freiheitsſtrom, zum Weltmeer hin! Es ſei der Oder jetzt geſungen Der letzte, ſchallende Geſang; Einſt hat ja laut um ſie geklungen Das deutſche Volk im Waffenklang. Als es ſich ſtill und ſtark erhoben In ſeiner ganzen Rieſenmacht, Da half der Helfer ihm von oben, Geſchlagen ward die Völkerſchlacht. So rauſcht, ihr Ströme, denn zuſammen In ein gewaltig Heldenlied; Zum Himmel ſchlagt, ihr hellen Flammen, Die ihr im tiefſten Herzen glüht! Eins wollen wir uns treu bewahren, Doch Eins erwerben auch zugleich; Du Herr, beſchütz es vor Gefahren, Und zu uns komm dein freies Reich! Karl Buchner. 145. Der Veſuv im Dezember 1830. Schön und glanzreich iſt des bewegten Meeres Wellenſchlag, wann tobenden Lärms es anbrauſt; Doch dem Feu'r iſt kein Element vergleichbar, Weder an Allmacht, 81 Noch an Reiz fürs Auge. Bezeug es ZJeder, Der zum Rand oabſchüſſiger Kratertiefe, Während Nacht einhüllt die Natur, mit Vorwitz Staunend emporklimmt, Wo im Sturmſchritt mächtiger Donner machtvoll Aus dem anwuchsdrohenden, ſteilen Kegel Fort und fort auffahren in goldner Unzahl Flammige Steine, Deren Wucht, durch Gluten und Dampf geſchlendert, Bald umher auf aſchige Höhn Rubine Reichlich ſät, bald auch von des Kraters ſchroffen Wänden hinabrollt: Während ſtill aus nächtlichem Grund die Lava Quillt.— Des Rauchs tiefſchattige Wolk umdüſtert, Holder Mond, dein ruhiges, friedenreiches, Silbernes Antlitz. Auguſt Graf v. Platen. 146. Pompeji und Herkulanum.(6) Welches Wunder begibt ſich? Wir flehten um trinkbare Quellen, Erde, dich an, und was ſendet dein Schvoß uns herauf! Lebt es im Abgrund auch? Wohnt unter der Lava verborgen Noch ein neues Geſchlecht? Kehrt das entflohne zurück? Griechen, Römer, o kommt! o ſeht, das alte Pompeji'*) Findet ſich wieder, aufs neu bauet ſich Herkules Stadt. Giebel an Giebel ſteigt, der räumige Porticus*) öffnet Seine Hallen: o eilt, ihn zu beleben, herbei! 1) Der Veſuv, ein feuerſpeiender Berg öſtlich von Neapel, erhob lange Zeit friedlich ſein Haupt, bis unter der kurzen Regierung des edeln römiſchen Kaiſers Titus, am 23. Auguſt 79 n. Chr. ein furcht⸗ barer Ausbruch entſtand, rieſige Flammenſäulen ſich erhoben und glühende Lavaſtröme nach der Ebene ſtürzten. Dieſe, wie der ungeheure, dichte Aſchenregen übergoſſen und verſchütteten die 3 Städte Herkulanum, Pompeji und Stabiä. Der römiſhe Schriftſteller, Plinius der Jüngere, war Augenzeuge und bat in ſeiner 6ten Epiſtel den traurigen Untergang dieſer Städte beſchrieben. Ueber 1600 Jahre lang waren die 3 alten Römerſtädte im Schvoße der Erde verborgen. Jetzt iſt ein großer Theil durch Aufgraben der ſteinharten Lava bloßgelegt und man kann bei Fackelſchein die Straßen der lebendig begrabnen Städte durchwandern. Das Wiederauffinden der rieſigen Gräberwelt hat ſchon große Früchte für Kunſt, Wiſſenſchaft und Geſchichte getragen und ſchönere ſind noch zu hoffen. Die neue Stadt Portici ſteht über dem alten Herkulanum und man kann aus den Häuſern der erſtern in die Straßen der letztern hinab⸗ ſteigen. Auf Stabiä ſteht Caſtellamare(Schloß am Meere). Man fand den Jupitertempel mit Bildſäulen, ein faſt ganz erhaltenes Theater, die metallenen Statuen von mehr als 100 Göttern unb Göttinnen (Venus, Diana, Merkurius ꝛc.), viele keſtbare Geräthe und gegen 2000 werthvolle Handſchriften auf Papyrusrollen, d. i. altegyptiſchem Papier, das aus einem ſchilfähnlichen Gewächs, der Papyrusſtaude, bereitet wurde.— 2) Eine Halle, ein Säulengang, gewölbter oder bedeckter Gang zu Spaziergängen, Zuſammenkünften. Schenckel's Blüten, 2r Theil. Ilte ſ. verm. Aufl. 6 Aufgethan iſt das weite Theater, es ſtürze durch ſeine Sieben Mündungen ſich flutend die Menge herein! Mimen), wo bleibt ihr? Hervor! Das bereitete Opfer vollende Atreus ²) Sohn, dem Oreſt) folge der grauſende Chor! Wohin führet der Bogen des Siegs? Erkennt ihr das Forum ²)? Was für Geſtalten ſind das auf dem curuliſchen Stuhl)2 Traget, Liktoren“), die Beile voran! Den Seſſel beſteige Richtend der Prätor“), der Zeuge trete, der Kläger vor ihn. Reinliche Gaſſen breiten ſich, mit erhöhtem Pflaſter Ziehet der ſchmälere Weg neben den Häuſern ſich hin. Schützend ſpringen die Dächer hervor, die zierlichen Zinnen Reihen um den einſamen Hof heimlich und traulich ſich her. Oeffnet die Läden geſchwind und die lange verſchütteten Thüren, In die ſchaudrige Nacht falle der luſtige Tag! Siehe wie rings um den Rand die netten Bänke ſich dehnen, Wie vom bunten Geſtein ſchimmernd das Eſtrich ſich hebt. Friſch noch erglänzt die Wand von heiter brennenden Farben. Wo iſt der Künſtler? Er warf eben den Pinſel hinweg. Schwellender Früchte voll und lieblich geordneter Blumen Faſſet der muntre Feſton) reizende Bildungen ein. Mit beladenem Korb ſchlüpft hier ein Amor vorüber, Emſige Genien dort keltern den purpurnen Wein; Hoch auf ſpringt die Bacchantin im Tanz, dort ruhet ſie ſchlummernd, Und der lauſchende Faun hat ſich nicht ſatt noch geſehen. Flüchtig tummelt ſie hier den raſchen Centauren 5), auf einem Knie nur ſchwebend, und treibt friſch mit dem Thyrſus ¹) ihn an. Knaben! was ſänmt ihr? Herbei! Da ſtehn noch die ſchönen Geſchirre. Friſch, ihr Mädchen, und ſchöpft in den etruriſchen Krug! Steht nicht der Dreifuß hier auf ſchön geflügelten Sphinxen? Schüret das Feuer! Geſchwind, Sklaven, beſtellet den Herd! Kauft, hier geb ich euch Münzen, vom mächtigen Titus gepräget, Auch noch die Wage liegt hier, ſehet, es fehlt kein Gewicht. Stecket das brennende Licht auf den zierlich gebildeten Leuchter, Und mit glänzendem Oel fülle die Lampe ſich an! Was verwahret dies Käſtchen? O ſeht, was, der Bräutigam ſendet, Mädchen! Spangen von Gold, glänzende Paſten ¹) zum Schmuck. Führet die Braut in das duftende Bad, hier ſtehn noch die Salben, 1) Mimen nannten die Griechen und Römer kleine Dramen mit komiſchen Scenen, die bei Gaſt⸗ mählern aufgeführt wurden. Mimen hießen auch die Schauſpieler, Geberdenſpieler.— 2) Thyeſtes, der königliche Bruder des Atreus, hatte den Sohn des Letztern bei ſich erzogen und aus Rache ſandte er ihn ab den Atreus zu tödten. Atreus aber töbtete ſeinen eignen Sohn, ohne ihn zu kennen.— 3) Oreſtes, wegen ſeiner Freundſchaft mit dem Königsſohn Pilädes gefeiert, er mordete ſeine Mutter Klytämneſtra und Aegäſthus, den Mörder ſeines Vaters Agamemnon. Als Muttermörber verfolgten ihn die Rache⸗ und Strafgöttinnen zc.— 40 Den Gerichtshof.— 5) Thron oder Ehrenſitz der altrömiſchen Könige, Conſuln 1c.— 60 Altrömiſche Gerichtsdiener, Scharfrichter.— 7) Oberrichter.— 8) Fruchtgehänge, Laub⸗ oder Blumen⸗ gewinde.— 9) Fabelhafte Ungehener, halb Pferd, halb Menſch, Roßmenſch.— 10) Weinlaub⸗ oder Ranken⸗ ſtab.— 11) Teigſteine, Abbrücke alter geſchnittener Steine aus einem Teig von Siegellack, Gops ꝛc. 83 Schminke find ich noch hier in dem gehöhlten Kryſtall. Aber wo bleiben die Männer? Die Alten? Im ernſten Muſeum Liegt noch ein köſtlicher Schatz ſeltener Rollen gehäuft. Griffel findet ihr hier zum Schreiben, wächſerne Tafeln; Nichts iſt verloren, getren hat es die Erde bewahrt. Auch die Penaten*), ſie ſtellen ſich ein, es finden ſich alle Götter wieder; warum bleiben die Prieſter nur aus? Den Caduckus*) ſchwingt der zierlich geſchenkelte Hermes*), Und die Victoria fliegt leicht Die Altäre, ſie ſtehen noch da, aus der haltenden Hand. o kommet, o zündet— Lang ſchon entbehrte der Gott— zündet die Opfer ihm an! IHI. Friedrich v. Schiller. ——— Bilder aus dem Menſchenleben. Kommt her und ſehet an die Werke Gottes, der ſo wunderlich iſt mit ſeinem Thun unter den Menſchenkindern. Pſalm 60, 5. 147. Das Kind der Sorge. Einſt ſaß am murmelnden Strome Die Sorge nieder, und ſann: Da bildet im Traum der Gedanken Ihr Finger ein thönernes Bild. „Was haſt du, ſinnende Göttin?“ Spricht Zeus*), der eben ihr naht. „Ein Bild, von Thone gebildet: Belebs, ich bitte dich, Gott!“— „Wohlan denn! lebe!“— Es lebet:— „Und mein ſei dieſes Geſchöpf!“ Dagegen redet die Sorge: „Nein, laß es, laß es mir, Herr! Mein Finger hat gebildet.“— „Und ich gab Leben dem Thon,“— Sprach Jupiter. Als ſie ſo ſprachen, Da trat auch Dellus*) heran. „Mein iſts; ſie hat mir genommen Aus meinem Schooße das Kind.“ 1) Hausgötzen, Schutzgötter der alten Römer.— 3) Der griechiſche Name für Merkur, Götterbote, „Wohlan!“ ſprach Jupiter,„wartet! Dort kommt ein Entſcheider, Saturn! ³) Saturn ſprach:„Habet es Alle! So wills das hohe Geſchick. Du, der das Leben ihm ſchenkte, Nimm, wenn es ſtirbet, den Geiſt; Du, Tellus, ſeine Gebeine: Denn mehr gehöret dir nicht. Dir, ſeiner Mutter, o Sorge, Wird es im Leben geſchenkt. Du wirſt, ſo lang es nur athmet, Es nie verlaſſen, dein Kind: Dir ähnlich wird es von Tage Zu Tage ſich mühen ins Grab.“— Des Schickſals Spruch iſt erfüllet, Und Men ſch heißt dieſes Geſchöpf. Im Leben gehört es der Sorge, Der Erd im Sterben und Gott. Gottfried v. Herder. 2) Friedensſtab, Merkurs geflügelter Schlangenſtab.— Handelsgott, Sinnbild des Friedens, der Berebtſam⸗ keit c.— 4) Der Zeus der Griechen(Jupiter der Römer) war der mächtigſte Gott, gewaltige Weltbe⸗ berrſcher, der Vater der Götter und Menſchen.— 5) Die Erde, Erdgöttin wurde als eine allnährende Mutter in Tempeln und durch Feſte verehrt.— 6) Zeitgott, Gott und Bild der Alles verſchlingenden Zeit. 2 ℳ 6 148. Fühlt ſeines Bündels Drücken Der müde Wandersmann, Schnallt er die Laſt vom Rücken, Sucht, wo er ruhen kann. Den Rock zieht er herunter, Däucht er ihm allzuſchwer, Und gehet noch ſo munter Im leichten Hemd einher. Herzenslaſt. Ablegen doch kann nimmer Der Müde eine Laſt, Die trägt er fühlend immer Durch Berg und Thal ohn Raſt; Die ſchlägt oft wie ein Hammer An ſeine Bruſt mit Schmerz: Das iſt in enger Kammer Das volle Menſchenherz. Juſtinus Kerner. 149. Der Die Sterne überm Thale ſtehn, Das Mühlrad nur man höret. Zum kranken Müller muß ich gehn, Er hat den Freund begehret. Ich ſteig hinab den Felſenſtein, Es donnert dumpf die Mühle Und eine Glocke tönt darein: „Die Arbeit iſt am Ziele!“ todte Müller. In Müllers Kammer tret ich nun: Starr liegt des Greiſen Hülle, Es ſtockt ſein Herz, die Pulſe ruhn— Und draußen auch wirds ſtille. Die treuen Lieben weinen ſehr, Still bleibt ſein Herz und kühle; Die Waſſer fließen wohl daher, Still aber ſteht die Mühle. Juſtinus Kerner. 150. Die alte Waſchfrau*). Du ſiehſt geſchäftig bei den Linnen Die Alte dort in weißem Haar, Die rüſtigſte der Wäſcherinnen Im ſechsundſiebenzigſten Jahr. So hat ſie ſtets mit ſaurem Schweiß Ihr Brot in Ehr und Zucht gegeſſen, Und ausgefüllt mit treuem Fleiß Den Kreis, den Gott ihr zugemeſſen. Sie hat in ihren jungen Tagen Geliebt, gehofft und ſich vermählt; Sie hat des Weibes Loos getragen, Die Sorgen haben nicht gefehlt; Sie hat den kranken Mann gepflegt; Sie hat drei Kinder ihm geboren; Sie hat ihn in das Grab gelegt: Und Glaub und Hoffnung nicht verloren. Da galts die Kinder zu ernähren; Sie griff es an mit heiterm Muth, Sie zog ſie auf in Zucht und Ehren, Der Fkeiß, die Ordnung ſind ihr Gut. Zu ſuchen ihren Unterhalt, Entließ ſie ſegnend ihre Lieben, So ſtand ſie nun allein und alt, Ihr war ihr heitrer Muth geblieben. Sie hat geſpart und hat geſonnen Und Flachs gekauft und Nachts gewacht Den Flachs zu feinem Garn geſponnen Das Garn dem Weber hingebracht; Der hats gewebt zu Leinewand; Die Scheere brauchte ſie, die Nadel, Und nähte ſich mit eigner Hand Ihr Sterbehemde ſonder Tadel. *) Dieſe ſo raſtlos thätige, gottergebne, glaubensvolle Frau war auch Chamiſſos Waſchfrau, der ihr Andenken ſo ſchön zu ehren ſuchte und ihr auch eine Unterſtützung bei wohlthätigen Menſchen vermittelte. Ihr Hemd, ihr Sterbehemd, ſie ſchätzt es, Verwahrts im Schrein am Ehrenplatz; Es iſt ihr Erſtes und ihr Letztes, Ihr Kleinod, ihr erſparter Schatz. Sie legt es an, des Herren Wort Am Sonntag früh ſich einzuprägen, Dann legt ſies wohlgefällig fort, Bis ſie darin zur Ruh ſie legen. Und ich, an meinem Abend, wollte, Ich hätte, dieſem Weibe gleich, Erfüllt, was ich erfüllen ſollte, In meinen Grenzen und Bereich; Ich wollt, ich hätte ſo gewußt Am Kelch des Lebens mich zu laben, Und könnt am Ende gleiche Luſt An meinem Sterbehemde haben. Abalbert v. Chamiſſo. 151. Aus dem ſchleſiſchen Gebirge. „Nunwerden grün die Brombeerhecken; So bin ich froh denn hergelaufen Hier ſchon ein Veilchen— welch ein Feſt! Die Amſel ſucht ſich dürre Stecken, Und auch der Buchfink baut ſein Neſt. Der Schnee iſt überall gewichen, Die Koppe nur ſieht weiß ins Thal; Ich habe mich von Haus geſchlichen, Hier iſt der Ort— ich wags ein Mal: Rübezahl! Hört ers? Ich ſeh ihm dreiſt entgegen! Er iſt nicht bös! Auf dieſen Block Will ich mein Leinwandpäckchen legen— Es iſt ein richtges volles Schock! Und fein! Ja dafür kann ich ſtehen! Kein beſſres wird gewebt im Thal— Er läßt ſich immer noch nicht ſehen! Drum friſchen Muthes noch ein Mal: Rübezahl! Kein Laut!— Ich bin ins Holz gegangen, Daß er uns hilft in unſrer Noth! O, meiner Mutter blaſſe Wangen— Im ganzen Haus kein Stückchen Brot! DerVaterſchrittzum Markt mit Fluchen— Fänd er auch Käufer nur einmal! Ich wills mit Rübezahl verſuchen— Wo bleibt er nur? Zum dritten Mal: Rübezahl! Er half ſo Vielen ſchon vor Zeiten— Großmutter hat mirs oft erzählt! Ja, er iſt gut den armen Leuten, Die unverſchuldet Elend guält! Mit meiner richtgen Ellenzahl! Ich will nicht betteln, will verkaufen! O, daß er käme! Rübezahl! Rübezahl! Wenn dieſes Päckchen ihm gefiele, Vielleicht gar bät er mehr ſich aus! Das wär mir recht! Ach gar zu viele Gleich ſchöne liegen noch zu Haus! Die nähm er alle bis zum letzten! Ach, fiel auf dies noch ſeine Wahl! Da löst ich ein ſelbſt die verſetzten— Das wär ein Inbel! Rübezahl! Rübezahl! Dann trät ich froh ins kleine Zimmer Und riefe: Vater, Geld genug! Dann flucht er nicht, dann ſagter nimmer: Ich web euch nur ein Hungertuch! Dann lächelte die Mutter wieder Und tiſcht uns auf ein reichlich Mahl; Dann jauchzten meine kleinen Brüder— O käm, o käm er! Rübezahl! Rübezahl!“— So rief der dreizehnjährge Knabe; So ſtand und rief er matt und bleich. Umſonſt! Nur dann und wann ein Rabe Flog durch des Gnomen altes Reich. So ſtand und paßt er Stund auf Stunde, Bis daß es dunkel ward im Thal, Und er halblaut mit zuckendem Munde, Ausrief durch Thränen noch ein Mal: Rübezahl! 86 Dann ließ er ſtill das buſchige Fleckchen, Und zitterte und lallte: Hu! Und ſchritt mit ſeinem Leinwandpäckchen Dem Jammer ſeiner Heimat zu. Oft ruht er aus auf mooſgen Steinen, Matt von der Bürde, die er trug. Ich glaub, ſein Vater webt dem Kleinen Zum Hunger⸗ bald das Leichentuch!— — Rübezahl! Ferd. Freiligrath.— 152. Bergmannslied. Gunſeht 18400 Der Bergmann fährt zu Schacht, Glück auf! Das helle Gold ſchafft er herauf, Den Fäuſtel ſchwingt er ruhelos. Es klingt in tiefen Schachtes Schooß, So wie er bricht das ſtarre Erz, Als ſchlüg ſo dumpf der Erde Herz. Und oben kreiſet das Metall Zum Wohl und Weh der Menſchen all, Und Keiner fragt: wer ſchafft es her?— Der Knappe ſtirbt, der Schacht wird leer, Der Bauherr und der Bau zerfällt: Das iſt ſo in dem Lauf der Welt. Ein ſolcher Schacht iſt auch das Herz Und die Gedanken ſind das Erz, Das Leben hämmert Schlag auf Schlag Und fördert Alle ſie zu Tag; Iſts Herz einſt leer, hörts Pochen auf, Der Bergmann fährt zu Tag,— Glück auf! N. Adler. 153. Bergmannslied. Der iſt der Herr der Erde, Wer ihre Tiefen mißt, Und jeglicher Beſchwerde In ihrem Schvoß vergißt. Wer ihrer Felſenglieder Geheimen Ban verſteht, Und unverdroſſen nieder Zu ihrer Werkſtatt geht. Er iſt mit ihr verbündet Und inniglich vertraut, Und wird von ihr entzündet, Als wär ſie ſeine Braut. Er ſieht ihr alle Tage Mit neuer Liebe zu, Und ſcheut nicht Fleiß und Plage; Sie läßt ihm keine Ruh. Die mächtigen Geſchichten Der längſt verfloſſnen Zeit Iſt ſie ihm zu berichten Mit Freundlichkeit bereit. Der Vorwelt heilge Lüfte Umwehn ſein Angeſicht, Und in der Nacht der Klüfte Strahlt ihm ein ewges Licht. Er trifft auf allen Wegen Ein wohlbekanntes Land, Und gern kommt ſie entgegen Den Werken ſeiner Hand. Ihm folgen die Gewäſſer Hilfreich den Berg hinauf; Und alle Felſenſchlöſſer Thun ihre Schätz ihm auf. Er führt des Goldes Ströme In ſeines Königs Haus, Und ſchmückt die Diademe Mit edeln Steinen aus. Zwar reicht er treu dem König Den glückbegabten Arm, Doch fragt er nach ihm wenig Und bleibt mit Freuden arm. Sie mögen ſich erwürgen Am Fuß um Gut und Geld, Er bleibt auf den Gebirgen Der frohe Herr der Welt. Friedr. Novalis(v. Hardenberg.) 154. Der Poſtillon. Lieblich war die Maiennacht, Silberwölkchen flogen, Ob der holden Frühlingspracht Freudig hingezogen. Schlummernd lagen Wieſ' und Hain, Jeder Pfad verlaſſen; Niemand, als der Mondenſchein, Wachte auf der Straßen. Leiſe nur das Lüftchen ſprach, Und es zog gelinder Durch das ſtille Schlafgemach All der Frühlingskinder. Heimlich nur das Bächlein ſchlich, Denn der Blüten Träume Dufteten gar wonniglich Durch die ſtillen Räume. Rauher war mein Poſtillon, Ließ die Geißel knallen, Ueber Berg und Thal davon Friſch ſein Horn erſchallen. Und von flinken Roſſen vier Scholl der Hufe Schlagen, Die durchs blühende Revier Trabten mit Behagen. Wald und Flur im ſchnellen Flug Kaum gegrüßt— gemieden; Und vorbei, wie Traumesflug, Schwand der Dörfer Frieden. Mitten in dem Maienglück Lag ein Kirchhof innen, Der den raſchen Wanderblick Hielt zu ernſtem Sinnen. 155. Die im Sonnenſtrahle prangen, Durch die grünen Wälder ſtreifen, Iſt dein Herz von Gram befangen; Laß von Quellen, laß von Bächen Ueber dich den Segen ſprechen! Hingelehnt an Bergesrand War die bleiche Mauer, Und das Kreuzbild Gottes ſtand Hoch, in ſtummer Trauer. Schwager ritt auf ſeiner Bahn Stiller jetzt und trüber; Und die Roſſe hielt er an Sah zum Kreuz hinüber: „Halten muß hier Roß und Rad, Mags euch nicht gefährden: Drüben liegt mein Kamerad In der kühlen Erden! Ein gar herzlieber Geſell! Herr's iſt ewig Schade! Keiner blies das Horn ſo hell, Wie mein Kamerade. Hier ich innen halten muß, Dem dort unterm Raſen Zum getreuen Brudergruß Sein Leiblied zu blaſen!“ Und dem Kirchhof ſandt er zu Frohe Wanderſänge, Daß es in die Grabesruh Seinem Bruder dränge. Und des Hornes heller Ton Klang vom Berge wieder. Ob der todte Poſtillon Stimmt in ſeine Lieder?— Weiter gings durch Feld und Hag Mit verhängtem Zügel; Lang mir noch im Ohre lag Jener Klang vom Hügel. Nikolaus Lenau. Durch die Felder mußt du ſchweifen ꝛc. 6851 Durch die Felder mußt du ſchweifen, Nicht in deiner dumpfen Klauſe Sitze mit des Schmerzens Geiſtern, Herren werden ſie im Hauſe, Draußen wirſt du ſie bemeiſtern; Draußen vor dem freien Glücke Fliehn ſie ſchen und klein zurücke! In der Lüfte Wellen tauche Deine Bruſt, die kummerſchwüle, In des Himmels reinem Hauche Deine heiße Stirne kühle; Schau, allüberall liegt offen, Wie gediegnes Gold, das Hoffen! 88 Wieder lerhſt du frohe Lieder, Und mit menſchlich ſchönem Triebe Lerneſt du die Liebe wieder, Ach, die längſt vergeſſne Liebe; Quellen, Bäume, Blumenkerzen Reden dir von Menſchenherzen! Julius Hammer. 156. Wanderlied. Dem Wandersmann gehört die Welt In allen ihren Weiten, Weil er kann über Thal und Feld So wohlgemuth hinſchreiten. Die Felder ſind wohlangebaut Für Andre und von Andern; Ihm aber, der ſie ſich beſchaut, Gehören ſie beim Wandern. Durch Wieſen ſchlängelt ſich ein Pfad, Wie zwiſchen Blumenbeeten; Ich weiß nicht, weſſen Fuß ihn trat; Er iſt für mich getreten. Und neben in das Gras hinein, Wo ſie wohl Futter holen; Das Grün iſt auch beim Wandern mein, Ein Teppich für meine Sohlen. Der Baum, der hier am Wege ſteht, Wem mag er Frucht erſtatten? Doch, weil mein Weg vorüber geht, So gibt er mir den Schatten. Sie haben ihn hieher geſetzt Wo nicht zu meinem Frommen; Ich aber glaube, daß er jetzt Sei eigens für mich gekommen. Der Bach, der mir entgegen rauſcht, Kommt her mich zu begrüßen, Durch Reden, die er mit mir tauſcht, Den Gang mir zu verſüßen. Und wenn ich ſeiner müde bin, Er wartet auf mein Winken, Gleich wendet er ſich zur Rechten hin, Und ich zieh fort zur Linken. Die Lüfte ſind mir dienſtbar auch, Die mir im Rücken wehen, Sie wollen doch mit ihrem Hauch Mich fördern nur im Gehen. Und die ius Angeſicht mich küßt, Sie will mir auch nicht ſchaden: Es iſt die Ferne, die mich grüßt, Zu ſich mich einzuladen. Der Regen und der Sonnenſchein Sind meine zwei Geſellen, Die, Einer hinterm Andern drein, Abwechſelnd ein ſich ſtellen. Der Regen löſcht der Straße Staub, Die Sonne macht ſie trocken; Daneben wollen Gras und Laub Sie aus dem Boden locken. Und ſpannt in ihrem Wechſelſpiel Sich aus ein Regenbogen; Komm ich, entgegen meinem Ziel, Darunter hergezogen. Der Bogen iſt für mich geſpannt, Weil ich darunter walle; Zu Trägern ſind die Berg ernannt, Daß er auf mich nicht falle. Und wo ein Dorf entgegen tritt, Da hör ich Glocken läuten. Sie meinen ſelber mich damit, Was könnt es ſonſt bedeuten? Sie läuten etwa einer Braut, Vielleicht auch einem Todten; Ich aber deut auf mich den Laut; Ein Gruß wird mir geboten. So zieh ich im Triumphgeſang Wie Eines hinter mir entweicht, Entlang die lange Straße; So kommt gleich her das Andre; Und nie wird mir um etwas bang, Und nie hab ich das End erreicht Das ich im Rücken laſſe. Der Welt, ſo weit ich wandre. Friedrich Rückert. 157. Der wandernde Muſikant. Durch Feld und Buchenhallen, O Luſt, vom Berg zu ſchauen, Bald ſingend, bald fröhlich ſtill, Weit über Wald und Strom, Recht luſtig ſei vor allen Hoch über ſich den blauen, Wers Reiſen wählen will! Den klaren Himmelsdom! Wenns kaum im Oſten glühte, Vom Berge Vöglein fliegen Die Welt noch ſtill und weit: Und Wolken ſo geſchwind, Da weht recht durchs Gemüthe Gedanken überfliegen Die ſchöne Blütenzeit! Die Vögel und den Wind. Die Lerch, als Morgenbote, Die Wolken ziehn hernieder, Sich in die Lüfte ſchwingt, Das Vöglein ſenkt ſich gleich, Eine friſche Reiſenote Gedanken gehn und Lieder Durch Wald und Herz erklingt. Fort bis ins Himmelreich. Joſ. Frhrr. v. Eichendorff. 158. Der wandernde Student.(6510 F Ihr Wandervögel in der Luft, Dem blanken und dem friſchen gar, Im Aetherglanz, im Sonnenduft, Dem gönn ich gern die Wanderjahr, In blauen Himmelswellen, Das muß mit all dem andern Euch grüß ich als Geſellen! Gleich wieder weiter wandern. Ein Wandervogel bin ich auch, Wo mir ein voller Becher blinkt— Mich trägt ein freier Lebenshauch, Den möcht ich ſehen, der mich zwingt, Und meines Sanges Gabe, Daß ich das Gottgeſchenke Iſt meine liebſte Habe. Nicht voller Freuden tränke! Im Beutel roſtet mir kein Geld, Beim Schopfe nimm den Augenblick, Das rennt, wie ich, in alle Welt; Das iſt mein Spruch, das iſt mein Schick; Die ganze Welt durchfliegen Ich haſſe, was da ſtaubig, Iſt beſſer als verliegen. Nur an das Friſche glaub ich! l. Berg um Berg, und Thal inmitten, Klarer Tag aus goldner Truhe Lied der Luſt geſellt, Gibt mir heitern Sold, So mit rüſtgen Wanderſchritten Und umbuſcht von Schattenruhe Schau ich mir die Welt. Bleibt die Nacht mir hold. Abgeſchafft ſind alle Sorgen, Wanderſchaft, du ewge Quelle Sollens ewig ſein, Reinſter Lebensluſt, Morgen kommt ja erſt das Morgen, Läutere mir mit klarer Welle Doch das Heut iſt mein! Lange noch die Bruſt! Dampf der Städte laß ich liegen, Und ſo lang noch Lebenstriebe Straßen dumpf und toll, Froh ſich mir geſellt, In den blauen Himmel fliegen Will ich lieben dieſe liebe, Möcht ich jubelvoll! Wunderſchöne Welt. Alles winkt willkommnem Gaſte, Wollt ihr goldne Schätze heben, Quell und Felſenwand; Zeig ich ſie euch echt, Wo ich wandre, wo ich raſte, Denn die Jugend und das Leben Bin ich gleich bekannt. Und der Tag hat recht! Otto Roquette. 159. Zwei Wanderer. Zwei Wanderer zogen hinaus zum Thor, Zur herrlichen Alpenwelt empor. Der Eine ging, weils Mode juſt, Den Andern trieb der Drang der Bruſt. Und als daheim nun wieder die Zwei, Da rückt die ganze Sippſchaft herbei, Da wirbelts von Fragen ohne Zahl: „Was habt ihr geſehn? Erzählt einmal!“ Der Eine drauf mit Gähnen ſpricht: „Was wir geſehn? viel Rares nicht! Ach, Bäume, Wieſen, Bach und Hain, Und blauen Himmel und Sonnenſchein.“ Der Andre lächelnd daſſelbe ſpricht, Doch leuchtenden Blicks, mit verklärtem Geſicht: „Ei Bäume, Wieſen, Bach und Hain, Und blauen Himmel und Sonnenſchein!“ Anaſtaſius Grün. 160. Der treue Geführte. Ich hatt einſt einen Genoſſen tren, Wo ich war, war er auch dabei; Blieb ich daheim, ging er auch nicht aus, Und ging ich fort, blieb er nicht zu Haus. Er trank aus Einem Glas mit mir, Er ſchlief in Einem Bett mit mir, Wir trugen die Kleider nach Einem Schnitt, Ja ſelbſt zum Liebchen nahm ich ihn mit. Und als michs jüngſt zu den Bergen zog, Und Stab und Bündel im Arm ich wog, Da ſprach der treue Geſelle gleich: „Mit Gunſten, Freund, ich geh mit euch!“ 91 Wir wallen ſtill hinaus zum Thor, Die Bäume ſtreben friſch empor, Die Lüfte bringen uns warmen Gruß: Da ſchüttelt der Freund den Kopf mit Verdruß. Im Aether jauchzt ein Lerchenchor, Da hält er zugepreßt ſein Ohr; Süß duftet dort das Roſengeſträuch, Da wird er ſchwindlig und todtenbleich. Und als wir ſtiegen den Berg hinan, Verlor den Athem der arme Mann. Ich wallt empor mit leuchtendem Blick; Doch er blieb keuchend unten zurück. Ich aber ſtand jauchzend ganz allein, Am Bergesgipfel im Sonnenſchein! Rings grüne Triften und Blumenduft! Rings wirbelnde Lerchen und Bergesluft! Und als ich wieder zu Thal gewallt, Da ſtieß ich auf eine Leiche bald: O weh, er iſts! Todt liegt er hier, Der einſt der treuſte Gefährte mir! Da ließ ich graben ein tiefes Grab, Und ſenkte die Leiche ſtill hinab, Drauf ſetzt ich einen Leichenſtein Und grub die Wort als Inſchrift drein: „Hier ruht mein treuſter Genoß im Land, Herr Hypochonder zubenannt; Er ſtarb an friſcher Bergesluft, An Lerchenſchlag und Roſenduft! Sonſt wünſch ich ihm alles Glück und Heil, Die ewige Ruh werd ihm zu Theil, Nur wahr mich Gott vorm Wiederſehn Und ſeinem fröhlichen Auferſtehn!“ Anaſtaſius Grün. 161. Die Auswanderer. Ich kann den Blick nicht von euch wenden; Ich muß euch anſchaun immerdar; Wie reicht ihr mit geſchäftgen Händen Dem Schiffer eure Habe dar! Ihr Männer, die ihr von dem Nacken Die Körbe langt, mit Brot beſchwert, Das ihr aus deutſchem Korn gebacken, Geröſtet habt auf deutſchem Herd; 92 Und ihr, im Schmuck der langen Zöpfe, Ihr Schwarzwaldmädchen, braun und ſchlank, Wie ſorgſam ſtellt ihr Krüg und Töpfe Auf der Schaluppe grüne Bank! Das ſind dieſelben Töpf und Krüge, Oft an der Heimat Born gefüllt; Wenn am Miſſouri Alles ſchwiege, Sie malten euch der Heimat Bild; Des Dorfes ſteingefaßte Quelle, Zu der ihr ſchöpfend euch gebückt, Des Herdes traute Feuerſtelle, Das Wandgeſims, das ſie geſchmückt. Bald zieren ſie im fernen Weſten Des leichten Bretterhauſes Wand; Bald reicht ſie müden, braunen Gäſten, Voll friſchen Trunkes, eure Hand. Es trinkt daraus der Tſcherokeſe, Ermattet, von der Jagd beſtaubt; Nicht mehr von deutſcher Rebenleſe Tragt ihr ſie heim mit Grün belaubt. O ſprecht! warum zogt ihr von dannen? Das Neckarthal hat Wein und Korn, Der Schwarzwald ſteht voll finſtrer Tannen, Im Speſſart klingt des Aelplers Horn. Wie wird es in den fremden Wäldern Euch nach der Heimatberge Grün, Nach Deutſchlands gelben Weizenfeldern, Nach ſeinen Rebenhügeln ziehn! Wie wird das Bild der alten Tage Durch eure Träume glänzend wehn! Gleich einer ſtillen, frommen Sage Wird es euch vor der Seele ſtehn. Der Bootsmann winkt!— Zieht hin in Frieden! Gott ſchütz euch, Mann und Weib und Greis! Sei Freude eurer Bruſt beſchieden Und euern Feldern Mais und Reis! Ferdinand Freiligrath. 162. Der Tod des Führers. „Von den Segeln tropft der Nebel, Todtenwetter!— Zieht die Hüte! Auf den Buchten zieht der Duft. Mit den Kindern kommt und Fraun! Zündet die Latern am Maſte! Betet!— Denn in der Cajüte Grau das Waſſer, gran die Luft! Sollt ihr einen Todten ſchaun!“ 98 Und die deutſchen Ackersleute Schreiten dem aus Boſton nach, Treten mit geſenktem Haupte In das niedre Schiffsgemach. Die nach einer neuen Heimat Ferne ſteuern übers Meer, Sehn im Todtenhemd den Alten, Der ſie führte bis hieher; Der aus leichten Tannenbrettern Zimmerte den Hüttenkahn, Der vom Neckar ſie zum Rheine Trug, vom Rhein zum Ocean; Der, ein Greis, ſich ſchweren Herzens Losriß vom ererbten Grund; Der da ſagte:„Laßt uns ziehen! Laßt uns ſchließen einen Bund!“ Der da ſprach:„Brecht auf nach Abend! Abendwärts glüht Morgenroth! Dorten laßt uns Hütten bauen, Wo die Freiheit hält das Loth! Dort laßt unſern Schweiß uns ſäen, Wo kein todtes Korn, er liegt! Dort laßt uns die Scholle wenden, Wo die Garben holt, wer pflügt. Laſſet unſern Herd uns tragen In die Wälder tief hinein! Laſſet mich in den Savannen Euren Patriarchen ſein! Laßt uns leben, wie die Hirten In dem alten Teſtament! Unſres Weges Feuerſäule Sei das Licht, das ewig brennt! Dieſes Lichtes Schein vertrau ich, Seine Führung führt uns recht! Selig in den Enkeln ſchau ich Ein erſtandenes Geſchlecht! Sie— ach dieſen Gliedern gönnte Noch die Heimat wohl ein Grab! Um der Kinder willen greif ich Hoffend noch zu Gurt und Stab. Auf darum und folgt aus Goſen Der Vorangegangnen Spur!“— Ach, er ſchauete gleich Moſen, Kanaan von ferne nur. Auf dem Meer iſt er geſtorben, Er und ſeine Wünſche ruhn; Der Erfüllung und der Täuſchung Iſt er gleich enthoben nun! Rathlos die verlaſſne Schar jetzt, Die den Greis beſtatten will. Scheu verbergen ſich die Kinder, Ihre Mütter weinen ſtill. Und die Männer ſchaun beklommen Nach den fernen Uferhöhn, Wo ſie fürder dieſen Frommen Nicht mehr bei ſich wandeln ſehn. „Von den Segeln tropft der Nebel, Auf den Buchten zieht der Duft! Betet!— Laßt die Seile fahren! Gebt ihn ſeiner naſſen Gruft!“ Thränen fließen, Wellen rauſchen, Grellen Schreis die Möve fliegt; In der See ruht, der die Erde Fünfzig Jahre lang gepflügt. Ferdinand Freiligrath. 163. Der ausgewanderte Dichter. (Bruchſtücke eines unvollendrten Cyklus.) Die Tanne fäll ich, drauf die Adler horſten; Sie kracht zu Boden, Schnee vom Haupte ſchüttelnd. Ich wohne fürder einſam in den Forſten, Die Menſchen fliehend und die Föhren rüttelnd. Ich habe nicht, da ich mein Haupt hinlege: Von keinem Herde bin ich dort geſchieden. Mein erſtes Haus mit Hammer und mit Säge, Bau ich mir ſelber bei den Atlantiden, 94 Kunſtlos und rauh;— vom Felſen reiß ich Farren Und ander Kraut, daß ich die Fugen ſtopfe; Die moosge Rinde laß ich an den Sparren; Dumpf durch die Kluft dröhnt meiner Axt Geklopfe. Ein leiſes Wehn ſpielt mit den dürren Blättern— Geiſt dieſer Wälder, ſei mit meiner Hütte, Daß ſie Orkan und Blitze nicht zerſchmettern, Daß ſie der Schnee des Berges nicht verſchütte! Daß ihr Gebälk kein feindlich Beil zerhaue, Daß lange Zeit die Sonn ihr Dach vergülde, Daß ſie nicht gleich ſei dieſer Spur der Klaue Des Elennthieres auf dem Schneegefilde. In einer ſolchen Werkſtatt iſt gut zimmern. Die Waldung funkelt in des Morgens Glanze, Die Büſche blitzen und die Zweige ſchimmern, Und jede Tann iſt eine ſtarre Lanze. Mit rieſgem Nacken an den Himmel ſtemmen Die Berge ſich; ſtill, doch belebt die Auen. Am Strome drüben, auf den ſchneegen Dämmen, Seh ich den Biber ſeine Hütten bauen. Fern aus dem Dickicht ragts gleich Renngeweihen; Der Biſon bückt ſich, daß den Schnee er lecke; Das Birkhuhn ſchwirrt und von der Hinde ſcheuen Fußtritten knarrt des Bodens Flockendecke. Der bunte Luchs tritt dreiſt aus ſeiner Höhle, Der Trab des Elenns donnert durch die Föhren.— Ein neues Lied geht auf in meiner Seele: Ich dicht es hämmernd— doch wer wird es hören?— Oft wandl ich Abends auf den ſteilen Höhen, Einſam mit meiner Lieb und meinem Grimme, Zu meinen Füßen die gewaltgen Seen— Und dann erheb ich meine tiefe Stimme. Die werthen Lieder aus den alten Tagen, Die ich mit Freunden hundertmal geſungen, In dieſe Wälder hab ich ſie getragen, Drin nie zuvor ein deutſches Lied geklungen. Wie zitterte, darauf ich lag, der Gipfel, Wie gab mir jener froh mein Singen wieder, Wie flüſterten der alten Bäume Wipfel, Als ſie vernahmen Ludwig Uhlands Lieder! 95 Wie ſtutzeten und hoben ihre Hörner Die Hirſch im Thal, als auf den Bergen oben, Ich Lieder drauf von Kerner und von Körner, Von Schwab und Arndt und Schenkendorf erhoben! O, ſchmerzlich wohl klang manches mir, dem Wandrer! Hier Heimatlieder!— Dennoch, als ſie klangen, Stand ich, ein Orpheus— mit den Liedern Andrer! Zwar Steine nicht, doch tanzten wilde Schlangen. Allein, allein!— und ſo will ich geneſen? Allein, allein! und das der Wildniß Segen? Allein, allein!— o Gott ein einzig Weſen, Um dieſes Haupt an ſeine Bruſt zu legen! In meinem Dünkel hab ich mich vermeſſen: „Ich will ſie meiden, die mein Treiben ſchelten. Mir ſelbſt genug, will ich dies Volk vergeſſen; Fahr hin, o Welt— im Herzen trag ich Welten!“— Ein einzig Jahr hat meinen Stolz gebrochen; Mein Herz iſt einſam und mein Aug iſt trübe. Es reuet mich, was frevelnd ich geſprochen; Dem Haß entfloh ich, aber auch der Liebe. Allein, allein!— und ſo will ich geneſen? Allein, allein!— und das der Wildniß Segen? Allein, allein!— o Gott, ein einzig Weſen, Um dieſes Haupt an ſeine Bruſt zu legen! Die Indianer ſitzen um die Flamme Und ſchüren düſter ſie, ſchweigſame Schürer. Da plötzlich— wohl der Aelteſte vom Stamme— Spricht zu den Andern alſo Einer ihrer: „In Frieden ruh er, den wir heut begruben Dort, wo den Urwald ſäumet die Savannah! Nie einem Weißen, dieſem gleich, erhuben Ein Mal vom Lorenz wir zum Susquehannah! Er war nicht, wie die Andern ſeiner Farbe; Drum zu den Rothen hat er ſich geſchlagen, In unſern dunkeln Reihn glich er der Garbe Des Maiskorns, die zu Tannen man getragen. Was mocht ihm ſein?— mit ſeinen Jagdgeräthen Stand oft er ſinnend unter einem Baume, Und hört er rufend in das Holz uns treten, So fuhr er auf, und folgt uns wie im Traume. 96 Auch ſtand er einſam wohl am Strome dorten; Oft durch die Büſche ſahn ihn die Genoſſen. Dann war es, daß in fremder Sprache Worten Ihm lange Reden von den Lippen floſſen. Der Worte keines haben wir verſtanden, Doch hörten gerne wir der Worte Schallen. Es war ein Takt drin, wie wenn Kriegerbanden Mit gleichem Schritt auf hartem Schneefeld wallen. Verſtanden haben wir der Worte keines, Doch hat uns ſtets zu hören ſie verlanget. Es war ein Klang drin, gleich den Tönen eines Schilds, der im Wind den Aſt ſchlägt, dran er hanget. Und um ſich ſchaut er, war er nun zu Ende, Und ſah er jetzt, daß Keiner ihn vernommen, Dann drückt er ſtumm ſein Antlitz in die Hände, Und iſt zum Wigwam ſtill zurückgekommen. In Frieden ruh er, den wir nicht mehr ſehen! Laßt eine Hütt auf ſeinem Grab uns bauen. Sein Haupt liegt weſtwärts, denn ſein letztes Flehen War:„Krieger, o nach Morgen laßt mich ſchauen!“ Ferdinand Freiligrath. 164. Einem Knaben. Was trauerſt du, mein ſchöner Junge? Gib acht, gib acht, o lieber Knabe, Du Armer, ſprich, was weinſt du ſo? Daß du nicht daſtehſt trauernd einſt, Daß treulos dir im raſchen Schwunge Und um die beſte, ſchönſte Habe Dein liebes Vögelein entfloh? Des Menſchenlebens bitter weinſt! Du blickeſt bald in deiner Trauer Daß du die Hand, die ſturmerprobte, Hinüber dort nach jenem Baum, Nicht legſt, ein Mann, an deine Bruſt, Bald wieder nach dem leeren Bauer Darin ſo mancher Schmerz dir tobte, Blickſt du in deinem Kindestraum. Dir ſäuſelte ſo manche Luſt; 5 Du legſt ſo ſchlaff die bleinen Hände Daß du die Hand mit wildem Krampfe An deines Lieblings ödes Haus, Nicht drückeſt deinem Buſen ein, Und prüfeſt rings die Sproſſenwände Aus dem die Unſchuld dir im Kampfe Und fragſt:„wie kam er nur hinaus?“ Entflohn, das ſchene Vögelein. An jedem Baume hörſt du ſingen Dann hörſt du flüſtern ihre leiſen Den Fernen, den dein Herz verlor, Geſänge aus der Ferne her; Und unaufhaltſam weiter dringen Neigſt hin dich nach den ſüßen Weiſen,— Die heißen Thränen dir hervor. Das Vöglein aber kehrt nicht mehr!— Nikolaus Lenau. 165. Ein Schifflein ziehet leiſe Den Strom hin ſeine Gleiſe. Es ſchweigen, die drin wandern, Denn Keiner kennt den Andern. Was zieht hier aus dem Felle Der braune Waidgeſelle? Ein Horn, das ſauft erſchallet; Das Ufer wiederhallet. Von ſeinem Wanderſtabe Schraubt Jener Stift und Habe, Und miſcht mit Flötentönen Sich in des Hornes Dröhnen. 97 Dus Schiflein. Das Mädchen ſaß ſo blöde, Als fehlt ihr gar die Rede, Jetzt ſtimmt ſie mit Geſange Zu Horn und Flötenklange. Die Rudrer auch ſich regen Mit tactgemäßen Schlägen; Das Schiff hinunter flieget, Von Melodie gewieget. Hart ſtößt es auf am Strande, Man trennt ſich in die Lande. „Wann treffen wir uns, Brüder! Auf Einem Schifflein wieder?“ Ludwig Uhland. 166. Des Schiffers Traum. Es heult der Sturm, die Woge ſchäumt, Und durch die Wolken fahren Blitze; Der alte Schiffer nickt— und träumt Gar ruhig auf dem naſſen Sitze: Wie wild um ihn die Woge ſchlägt, Wie auf und ab das Schifflein ſchaukelt,— Ein Traum, der ſüße Bilder trägt, Umſpielt ſeine Haupt und ſcherzt und gaukelt. Ein Eiland hebt er hell und ſchön Mit reichen Fluren aus den Wogen,. Ein wundervolles Lenzgetön Aus Blütenhainen kommts geflogen.— Der Alte ruft:„Hier legt ans Land, Hier in die Bucht, den ſtillen Hafen! O kommſt du endlich, Friedensſtrand! Wie ſüß will ich nach Stürmen ſchlafen!“— Da ſchießt aus ſchwarzer Nacht ein Strahl, Ein glühender Gottespfeil von oben;— Der Schiffer und das Schiff zumal Mit Mann und Maus ſind ſie zerſtoben.— Die wilde Woge treibt zum Strand, Treibt Trümmer und Leichen treu zum Hafen.— Glückſelger Träumer! du haſt Land: Nun kannſt du ſüß nach Stürmen ſchlafen. Ernſt Moritz Arndt. Schenckel's Blüten, 2r Theil. Mte ſ. verm. Aufl. 7 Ließ mich von den Wogen wiegen Aus der Hütte engen Wänden Tragt mich in den Kahn hinaus! Auf dem Meere will ich enden, Nicht im dumpfen Erdenhaus. Meine bange Fieberhitze Kühl der friſche Hauch der See, Und die weiße Woge ſpritze Mir ins Angeſicht den Schnee! Oftmals mit der Flut gerungen Hab ich in dem Segelkahn, Hab mit lautem Ton geſungen In dem brauſenden Orkan. Oftmals blieb ich drinnen liegen In der hellen Mondennacht, Sah empor zur Sternenpracht. Solche Nacht iſt unvergeßlich! Schöner als am hellſten Tag, Glatter Meerflut unermeßlich Grüner Spiegel vor mir lag. 98 167. Der ſterbende Schiffer. Oft dann wünſcht ich mir die Ruhe In der freien Wogen Gruft, Nicht in enger Kirchhofstruhe Eingeſenkt in Moderduft. Nicht vom Trauerzug geleitet Und der Glocken dumpfem Schall Nein, den Himmel ausgebreitet Ueber freiem Wogenſchwall. Nicht von Brettern eingeſchloſſen Und gedeckt mit Erde ſchwer— Nein, von Hügeln licht umfloſſen, Wie ſie ſpielend wölbt das Meer! Meine Stunde hat geſchlagen! Kahn, ſpann deine Segel aus! Sollſt als offner Sarg mich tragen In mein herrlich Grab hinaus. Löst die Seele ſich vom Leibe, Dann vom Ufer löst den Kahn, Daß er mit dem Todten treibe In den Weltenveean! Louiſe v. Plönnies. 168. Sonett. Ich kann oft ſtundenlang am Strome ſtehen, Wenn ich entflohen aus der Menſchen Bann; Er plaudert hier, wie ein erfahrner Mann, Der in der Welt ſich tüchtig umgeſehen. Da ſchildert er mir ſeiner Zugeuß W ehen, Wie er den Weg durch Klippen erſt gewann, Ermattet drauf im Sande ſchier verrann, Und jedes Wort fühl ich zum Herzen gehen. Wie wallt er⸗ doch ſo ſicher ſeine Bahn; Bei allem Plänkeln, Hin⸗ und Wiederſtreifen Vergißt er nie:„Ich muß zum Ocean!“ Du, Seele, nur willſt in der Irre ſchweifen? O tritt, ein Kind, doch zur Natur heran Und lern die Weisheit aus den Waſſern greifen! Georg Herwegh. 99 169. Lieder(us: Withelm Lell“. 1. Außzug, I. Scene.) Fiſcherknabe, ſingt im Kahn. (Melodie des Kuhreihens.) Es lächelt der See, er ladet zum Bade, Der Knabe ſchlief ein am grünen Geſtade, Da hört er ein Klingen, Wie Flöten ſo ſüß, Wie Stimmen der Engel Im Paradies. Und wie er erwachet in ſeliger Luſt, Da ſpülen die Waſſer ihm um die Bruſt. Und es ruft aus den Tiefen: Lieb Knabe biſt mein! Ich locke den Schäfer, Ich zieh ihn herein. Hirte, auf dem Berge. (Variation des Kuhreihens.) Ihr Matten, lebt wohl, Ihr ſonnigen Weiden! Der Senne muß ſcheiden, Der Sommer iſt hin. Wir fahren zu Berg, wir kommen wieder, Wenn der Kukuk ruft, wenn erwachen die Lieder, Wenn mit Blumen die Erde ſich kleidet neu, Wenn die Brünnlein fließen im lieblichen Mai. Ihr Matten, lebt wohl, Ihr ſonnigen Weiden! Der Senne muß ſcheiden, Der Sommer iſt hin. Alpenjäger, gegenüber auf der Höhe des Felſen. (Zweite Variation.) Es donnern die Höhen, es zittert der Steg, Nicht grauet dem Schützen auf ſchwindlichtem Weg, Er ſchreitet verwegen Auf Feldern von Eis, Da pranget kein Frühling, Da grünet kein Reis; Und unter den Füßen ein neblichtes Meer, Erkennt er die Städte und Menſchen nicht mehr, Durch den Riß nur der Wolken Erblickt er die Welt, Tief unter den Waſſern Das grünende Feld. 7* 100 170. Der Alpenjäger. ds4) Die hohen Berge ſind der Gemſen Zuflucht. Pſalm 104, 18. Willſt du nicht das Lämmlein hüten? Auf der Felſen nackte Rippen Lämmlein iſt ſo fromm und ſanft, Klettert ſie mit leichtem Schwung, Nährt ſich von des Graſes Blüten, Durch den Riß geborſtner Klippen Spielend an des Baches Ranft. Trägt ſie der gewagte Sprung; „Mutter, Mutter laß mich gehen, Aber hinter ihr verwogen Jagen nach des Berges Höhen!“ Folgt er mit dem Todesbogen. Willſt du nicht die Heerde locken Jetzo auf den ſchroffen Zinken Mit des Hornes muntrem Klang? Hängt ſie auf dem höchſten Grat, Lieblich tönt der Schall der Glocken Wo die Felſen jäh verfinken, In des Waldes Luſtgeſang. Und verſchwunden iſt der Pfad. „Mutter, Mutter, laß mich gehen, Unter ſich die ſteile Höhe, Schweifen auf den wilden Höhen!“ Hinter ſich des Feindes Nähe. Willſt du nicht der Blümlein warten, Mit des Jammers ſtummen Blicken Die im Beete freundlich ſtehn? Fleht ſie zu dem harten Mann, Draußen ladet dich kein Garten, Fleht umſonſt, denn loszudrücken, Wild iſts auf den wilden Höhn! Legt er ſchon den Bogen an; „Laß die Blümlein, laß ſie blühen! Plötzlich aus der Felſen Spalte Mutter, Mutter, laß mich ziehen!“ Tritt der Geiſt, der Bergesalte. Und der Knabe ging zu jagen, Und mit ſeinen Götterhänden Und es treibt und reißt ihn fort, Schützt er das gequälte Thier. Raſtlos fort mit blindem Wagen„Mußt du Tod und Jammer ſenden,“ An des Berges finſtern Ort: Ruft er,„bis herauf zu mir? Vor ihm her mit Blitzesſchnelle Raum für Alle hat die Erde; Flieht die zitternde Gezelle. Was verfolgſt du meine Heerde?“ Friedrich v. Schiller. 171. Thurmwächterlied. Am gewaltigen Meer, Dringe durch, dringe durch In der Mitternacht, Recht freudenvoll Wo der Wogen Heer Mein Lied von der Burg An die Felſen kracht, In das Sturmgeroll, Da ſchau ich vom Thurm hinaus. Verkünd es weit durch die Nacht, Ich erheb einen Sang Wo ſchwanket ein Schiff Und miſche den Klang Durch die Flut entlang, In die wilde Luſt, Wo ſchwindelt am Riff In die Nacht, in den Sturm, in den Des Wanderers Gang, Graus. Daß oben ein Menſch hier wacht: — Ein kräftiger Mann, Recht friſch bereit, Wo er helfen kann Zu wenden das Leid Mit Ruf, mit Leuchte, mit Hand. Iſt zu ſchwarz die Nacht, Iſt zu fern der Ort, Da ſchickt er mit Macht Seine Stimme fort, Mit Troſt über See und Land. Wer auf Wogen ſchwebt, Sehr leck ſein Kahn, Wer im Walde bebt, Wo ſich Räuber nahn, Der denke: Gott hilft wohl gleich. Wen das wilde Meer Schon hinunterſchlingt, Wem des Räubers Speer In die Hüfte dringt, Der denk an das Himmelreich! Friedrich Baron de la Motte Fouqus. 172. Der Bauernſtand. ctst3) O Bauernſtand, o Bauernſtand, Du liebſter mir von allen! Zum Erbtheil iſt ein freies Land Dir herrlich zugefallen. Die Hoffart zehrt, ein böſer Wurm, Ein Roſt an Ritterſchilden; Zerfallen ſind im Zeitenſturm Die reichen Bürgergilden. Du aber bauſt ein feſtes Haus, Die ſchöne, grüne Erde, Und ſtreueſt goldnen Samen aus Ohn Argwohn und Gefährde; Haſt Gottesluft und Gottesſtrahl, Um eilig zu geneſen, Wenn ſich in deine Hürd einmal Geſchlichen fremdes Weſen. Was unſre blöde Welt nicht kennt Mit ihrem eitlen Treiben, Wovon im alten Teſtament Die heilgen Männer ſchreiben: Das ſoll noch oft wie Morgenwind Um meinen Buſen wehen; Das hab ich wohl an manchem Kind Im ſtillen Thal geſehen. Die Demuth und die Dienſtbarkeit Der Schönheit und der Stärke, Die Einfalt, die ſich kindlich freut An jedem Gotteswerke. Des Jünglings frühe Tüchtigkeit In würdigen Geſchäften, Der alten Männer Trefflichkeit, Beſcheiden in den Kräften. Wohl manches Zeichen, mauchen Wink Kann man da draußen ſehen, Wovon wir in dem Mauernring Die Hälfte nicht verſtehen. Vom Bauernſtand, von unten aus Soll ſich das neue Leben In Adels Schloß und Bürgers Haus, Ein friſcher Quell, erheben. Doch Eines, lieber ältſter Stand, Kann größres Lob dir ſchaffen: Nie müßig hängen an der Wand Laß deine Bauernwaffen! Der ſcharfe Speer, das gute Schwert, Muß öfter dich begleiten, Um fröhlich für Geſetz und Herd Und für das Heil zu ſtreiten. Zieh fröhlich, wenn erſchallt das Horn, Ein Sturm auf allen Wegen, Und wirf ein heißes, blaues Korn Dem Räuber kühn entgegen. Die Siegesſaat, die Freiheitſaat, Wie herrlich wird ſie ſprießen! Du, Bauer, ſollſt für ſolche That Die Ernten ſelbſt genießen. 102 Du frommer, freier Bauernſtand, Du liebſter mir von allen! Dein Erbtheil iſt im deutſchen Land Gar lieblich dir gefallen. Ferd. Gottfried Max v. Schenkenborf. Der Arm, der harte Erde gräbt Und Stiere weiß zu zwingen, Kann wohl, von Heldengeiſt belebt, Mit jedem Feinde ringen. 173. Das Fiſchergewerbe Gibt rüſtigen Muth! Wir haben zum Erbe Die Güter der Flut. Wir graben nicht Schätze, Wir pflügen kein Feld; Wir ernten im Netze, Wir angeln uns Geld.— Wir heben die Reuſen Den Schilfbach entlang, Und ruhn bei den Schleußen, Zu ſondern den Fang. Goldweiden beſchatten Das mooſige Dach; Wir ſchlummern auf Matten Im kühlen Gemach. Mit rothen Korallen Prangt Spiegel und Wand, Den Eſtrich der Hallen Deckt ſilberner Sand. Das Gärtchen daneben Grünt ländlich umzäunt Von kreuzenden Stäben Mit Baſte vereint. Im Antlitz der Buben Lacht muthiger Sinn, Sie meiden die Stuben Bei Tagesbeginn; Sie tauchen und ſchwimmen Im eiſigen See; Und barfuß erktimmen Sie Klippen voll Schnee. Fiſcherlied. Die Töchter ergötzen Sich Abends bei Licht, Wann Alles an Netzen Und Maſchenwerk flicht. Oft wird mit Gelächter Durchmuſtert das Dorf; Die Mutter, als Wächter, Schürt nickend den Torf. Oft rudern wir ferne Im wiegenden Kahn; Dann blinken die Sterne So freundlich uns an; Der Mond aus den Höhen, Der Mond aus dem Bach, So ſchnell wir entflöhen, Sie gleiten uns nach. Wir trotzen dem Wetter, Das finſter uns droht, Wenn ſchöpfende Bretter Kaum hemmen den Tod. Wir trotzen auch Wogen Auf krachendem Schiff, In Tiefen gezogen, Geſchleudert ans Riff! Der Herr, der in Stürmen Der Mitternacht blitzt, Vermag uns zu ſchirmen, Und kennt was uns nützt. Gleich unter dem Flügel Des Ewigen ruht Der Roſengruft Hügel, Das Grab in der Flut. Joh. Gaudenz v. Salis⸗Seewis. 103 174. Fiſcherlied. Wer gleichet uns freudigen Fiſchern im Kahn? Wir wiſſen die ſchmeidigen Fiſche zu fahn. Wir ſitzen und ſchweben Geflügelten Lauf: Wir tanzen und heben Die Füße nicht auf. Bald hauchen uns ſäumende Lüftchen ins Ohr; Bald heben uns ſchäumende Wogen empor; Dann brüllts an den Klippen Und Felſen hinan; Dann ſchüttern die Rippen Den taumelnden Kahn. Doch lacht nur des ſauſenden Sturms unſer Muth Und erntet der brauſenden Tiefe Tribut. Wir freun uns des Meeres, So wild es auch ſcheint, Und traun ihm, als wär es Mit Planken umzäunt. Wir fahren mit ſinkendem Vollmond hinaus Und kehren mit blinkendem Kahne nach Haus. Uns geben die Netze, Früh Morgens geſtellt, Lebendige Schätze Und Abends ſchon Geld. Wohl bergen uns ſchützende Hütten die Nacht, Bis wieder das blitzende Sternchen erwacht. So geht es, und nimmer Gehts anders, als gut, Ein Fiſcher hat immer Gar fröhlichen Muth. Chriſtian Adolf Overbeck. 175. Zigennerleben. Im Schatten des Waldes im Buchengezweig, Da regt ſichs und raſchelts und flüſterts zugleich; Es flackern die Flammen, es gaukelt der Schein, Um bunte Geſtalten, um Laub und Geſtein. Das iſt der Zigeuner bewegliche Schar, Mit blitzendem Aug und mit wallendem Haar, Geſäugt an des Niles geheiligter Flut, Gebräunt von Hispaniens ſüdlicher Glut. Ums lodernde Feuer im ſchwellenden Grün, Da lagern die Männer verwildert und kühn, Da kauern die Weiber und rüſten das Mahl Und füllen geſchäftig den alten Pokal. Und Sagen und Lieder ertönen im Rund, Wie Spaniens Gärten ſo blühend und bunt, Und magiſche Sprüche für Noth und Gefahr Verkündet die Alte der horchenden Schar. Schwarzäugige Mädchen beginnen den Tanz, Da ſprühen die Fackeln in röthlichem Glanz. Heiß lockt die Guitarre, die Cymbel erklingt, Wie wilder und wilder der Reigen ſich ſchlingt. 104 — Dann ruhn ſie ermüdet vom nächtlichen Reihn, Es rauſchen die Buchen in Schlummer ſie ein, Und die aus der glücklichen Heimat verbannt, Sie ſchauen im Traume das ſüdliche Land. Doch wie nun im Oſten der Morgen erwacht, Verlöſchen die ſchönen Gebilde der Nacht; Laut ſcharret das Maulthier beim Tagesbeginn, Fort ziehn die Geſtalten.— Wer ſagt dir, wohin? Emanuel Geibel. 176. Die drei Zigenner. Zigeuner fand ich einmal Liegen an einer Weide, Als mein Fuhrwerk mit müder Qual Schlich durch ſandige Haide. Hielt der Eine für ſich allein In den Händen die Fiedel, Spielte, umglüht vom Abendſchein, Sich ein feuriges Liedel. Hielt der Zweite die Pfeif im Mund, Blickte nach ſeinem Rauche, Froh, als ob er vom Erdenrund Nichts zum Glücke mehr brauche. Und der Dritte behaglich ſchlief, Und ſein Cymbal am Baum hing, Ueber die Saiten der Windhauch lief, Ueber ſein Herz ein Traum ging. An den Kleidern trugen die Drei Löcher und bunte Flicken, Aber ſie boten trotzig frei Spott den Erdengeſchicken. Dreifach haben ſie mir gezeigt, Wenn das Leben uns nachtet, Wie mans verraucht, verſchläft, vergeigt, Und es drei Mal verachtet. Nach den Zigeunern lang noch ſchaun Mußt ich im Weiterfahren, Nach den Geſichtern dunkelbraun, Den ſchwarzlockigen Haaren. Nikolaus Lenau. 177. Der Beduine. Ich leb im heißen Sonnenbrand, Die Wüſte iſt mein Vaterland, Die Heimat, wo mein Zelt erbaut, Und wo ein grüner Weidplatz ſchaut. Und wo ein dürftig Quellchen rinnt, Ein Dattelbaum ſein Mark gewinnt; Wo müde das Kameel ſich ſtreckt, Dort wird mein Lager ausgeſteckt. Ich hab ein Roß, das wie ein Pfeil Vom Bogen fliegt mit Windeseil; Es geht zur Weide zügelfrei Und kommt auf meinen Ruf herbei. Und auf der Haut vom Panther wild, Hängt Bogen, Köcher, Schwertu. Schild, Und hinter meines Zeltes Thor Mein ſicher treffend Feuerrohr. Mei Habe hält kein Zaun umfaßt, Ich bin mein Wirth und eigner Gaſt; Mein nächſter Nachbar neben mir Wohnt hundert Meilen wohl von hier! Ich bin von Welt und Menſchen fern, Hab keinen König, keinen Herrn; Bin Fürſt, wohin mein Wurfſpieß reicht, Bin Fürſt, wohin mein Bolzen flengt. Frei, wie der Sand der Wüſte weht, Frei, wie die Antilope geht, Zieh ich auf dem durchglühten Sand, So weit die Ebne ausgeſpannt.— Joſ. Chriſt. Frhrr. v. Zedlitz. 105 178. Die drei Indianer. Mächtig zürnt der Himmel im Gewitter, Schmettert manche Rieſeneich in Splitter, Uebertönt des Niagara¹) Stimme, Und mit ſeiner Blitze Flammenruthen Peitſcht er ſchneller die beſchäumten Fluten, Daß ſie ſtürzen mit empörtem Grimme. Indianer ſtehn am lauten Strande, Lauſchen nach dem wilden Wogenbrande, Nach des Waldes bangem Sterbgeſtöhne; Greis der Eine, mit ergrautem Haare, Aufrecht überragend ſeine Jahre, Die zwei Andern ſeine ſtarken Söhne. Seine Söhne jetzt der Greis betrachtet, Und ſein Blick ſich dunkler jetzt umnachtet, Als die Wolken, die den Himmel ſchwärzen, Und ſein Aug verſendet wildre Blitze, Als das Wetter durch die Wolkenritze, Und er ſpricht aus tief empörtem Herzen: „Fluch den Weißen! ihren letzten Spuren! Jeder Welle Fluch, worauf ſie fuhren, Die, einſt Bettler, unſern Strand erkkettert! Fluch dem Windhauch, dienſtbar ihrem Schiffe! Hundert Flüche jedem Felſenriffe, Der ſie nicht hat in den Grund geſchmettert! Täglich übers Meer in wilder Eile Fliegen ihre Schiffe, giftge Pfeile, Treffen unſre Küſte mit Verderben. Nichts hat uns die Räuberbrut gelaſſen, Als im Herzen tödtlich bittres Haſſen: Kommt, ihr Kinder, kommt, wir wollen ſterben!“— Alſo ſprach der Alte, und ſie ſchneiden Ihren Nachen von des Ufers Weiden, Drauf ſie nach des Stromes Mitte ringen; Und nun werfen ſie weithin die Ruder, Armverſchlungen, Vater, Sohn und Bruder Stimmen an, ihr Sterbelied zu ſingen!— Laut ununterbrochne Donner krachen, Blitze flattern um den Todesnachen, Ihn umtaumeln Möven, ſturmesmunter;— Und die Männer kommen, feſt entſchloſſen, Singend ſchon dem Falle zugeſchoſſen, Stürzen jetzt den Katarakte) hinunter. Nikolaus Lenau. 1) Der Waſſerfall des Lorenzoſtroms in Nordamerika.— 2) Waſſerfall, Stromſturz. 106 17 9. Die Werbung. Rings im Kreiſe lauſcht die Menge Bärtger Magyaren ¹) froh, Aus dem Kreiſe rauſchen Klänge: Was ergreifen die mich ſo?— Tiefgebrännt vom Sonnenbrande, Rothgeglüht von Weinesglut, Spielt da die Zigeunerbande Und empört das Heldenblut. „Laß die Geige wilder ſingen! Wilder ſchlag das Cymbal*) du!“ Ruft der Werber und es klingen Seine Sporen hell dazu. Der Zigeuner hörts, und voller Wölkt ſein Mund dex Pfeife Dampf, Lauter immer, immer toller Brauſt der Inſtrumente Kampf, Brauſt die alte Heldenweiſe, Die vor Zeiten wohl mit Macht Friſche Knaben, welke Greiſe, Hinzog in die Türkenſchlacht. Wie des Werbers Augen glühn! Und wie alle Säbelnarben, Ehrenröslein purpurfarben, Ihm auf Wang und Stirne blühn! Klirrend glänzt das Schwert in Funken, Das ſich oft im Blute wuſch; Auf dem Czako freudetrunken Taumelt ihm der Federbuſch.— Aus der bunten Menge ragen Einen Jüngling ſtark und hoch Sieht der Werber mit Behagen; „Wäreſt du ein Reiter doch!“ Ruft er aus mit lichten Augen, „Solcher Wuchs und ſolche Kraft Würden dem Huſaren taugen; Komm und trinke Brüderſchaft!“ Und es ſchwingt der Frendigraſche Jenem zu die volle Flaſche. Doch der Jüngling hört es ſchweigend, In die Schatten der Gedanken, Die ihn bang und ſüß umranken, Still ſein ſchönes Antlitz neigend. Ihn bewegt das edle Sehnen, Wie der Ahn ein Held zu ſein; Doch berieſeln warme Thränen Seiner Wangen Roſenſchein. Außer denen, die da rauſchen In Muſik, in Werberswort, Scheint er Klängen noch zu lauſchen, Hergeweht aus fernem Ort. „Komm zurück in meine Arme!“ Fleht ſein Mütterlein ſo bang; Und die Braut in ihrem Harme Fleht:„O ſäume nimmer lang!“ Und er ſieht das Hüttchen trauern, Das ihn hegte mit den Seinen; Hört davor die Linde ſchauern Und den Bach vorüber weinen.— Pochſt du lauter nach den Bahnen Kühner Thaten, junges Herz? Oder zieht das ſüße Mahnen Dich der Liebe heimatwärts? Alſo ſteht er unentſchloſſen, Während dort Geworbne ſchon Ziehn ins Feld auf flinken Roſſen Luſtig mit Trommetenton. „Komm in unſre Reiterſcharen!“ Fällt der Werber jubelnd ein, „Schönes Leben des Huſaren, Das iſt Leben, das allein!“— Jünglings Augen flammen heller, Seine Pulſe jagen ſchneller.—— Plötzlich zeigt ſich jetzt im Kreiſe Eine finſtere Geſtalt, Tiefen Ernſtes, ſchreitet leiſe, Und beim Werber macht ſie Halt. Und ſie flüſtert ihm ſo dringend Ein geheimes Wort ins Ohr, Daß er, hoch den Säbel ſchwingend, Wie begeiſtert loht empor. Und der Dämon ſchwebt zur Bande, Facht den Eifer der Muſik Mächtig an zum ſtärkſten Brande Mit Geraun und Geiſterblick. 1) Madſcharen(Ungarn). Schellenſpiel, ein Hackebrett. Aus des Baſſes Sturmgewittern, Mit unendlich ſüßem Sehnen, Mit der Stimme weichem Zittern Singen Geigen, Grabſirenen). Und der Finſtre ſchwebt enteilend Durch der Lauſcher dichte Reihe, Nur am Jüngling noch verweilend Wie mit einem Blick der Weihe.— Bald im ungeſtümen Werben Wird der Liebe Klagelaut, Wird das Bild der Heimat ſterben; Arme Mutter! arine Braut!— In des Jünglings letztes Wanken Bricht des Werbers rauhes Zanken, Lacht des Werbers bittrer Hohn: „Biſt wohl auch kein Heldenſohn! 107 Biſt kein echter Ungarjunge! Feiges Herz! ſo fahre hin!“ Seht er ſtürzt mit raſchem Sprunge— Zorn und Scham der Wange glühn— Hin zum Werber, von der Rechten Schallt der Handſchlag in den Lüften, Und er gürtet, kühn zum Fechten, Schnell das Schwert ſich um die Hüften.— Wie beim Sonnenuntergange Hier und dort vom Saatgefild Still waldeinwärts ſchleicht das Wild: Alſo von der Ungarn Wange Flüchtet in den Bart herab Still die ſcheue Männerzähre. Ahnen ſie des Jünglings Ehre? Ahnen ſie ſein frühes Grab? Nikolaus Lenau. 180. Der kleine Hydriot). Ich war ein kleiner Knabe, ſtand feſt kaum auf dem Bein, Da nahm mich ſchon mein Vater mit in das Meer hinein, Und lehrte leicht mich ſchwimmen an ſeiner ſichern Hand, Und in die Fluten tauchen bis nieder auf den Sand. Ein Silberſtückchen warf er dreimal ins Meer hinab, Und dreimal mußt ichs holen, eh ers zum Lohn mir gab. Dann reicht er mir ein Ruder, hieß in ein Boot mich gehn, Er ſelber blieb zur Seite mir unverdroſſen ſtehn, Wies mir, wie man die Wogen mit ſcharfem Schlage bricht, Wie man die Wirbel meidet und mit der Brandung ficht.— Und von dem kleinen Kahne gings flugs ins große Schiff; Es trieben uns die Stürme um manches Felſenriff. Ich ſaß auf hohem Maſte, ſchaut über Meer und Land, Es ſchwebten Berg und Thürme vorüber mit dem Strand. Der Vater hieß mich merken auf jedes Vogels Flug,— Auf aller Winde Wehen, auf aller Wolken Zug; Und bogen daun die Stürme den Maſt bis in die Flut, Und ſpritzten dann die Wogen hoch über meinen Hut, Da ſah der Vater prüfend mir in das Angeſicht,— Ich ſaß in meinem Korbe und rüttelte mich nicht.— Da ſprach er, und die Wange ward ihm wie Blut ſo roth: „Glück zu auf deinem Maſte, dn kleiner Hydriot!“— 1) Bezaubernde, verführeriſche Sängerinnen.— 2) Hodra iſt ein bevölkertes Inſelchen an der griech. (argvliſchen) Küſte. Seine Bewohner, die Hydrioten, ſind im Beſitze von einigen 100 Schiffen. Sie treiben lebhaften Handel und ſind als tüchtige Seeleute berühmt. 108 Und hente gab der Vater ein Schwert mir in die Hand, Und weihte mich zum Kämpfer für Gott und Vaterland. Er maß mich mit den Blicken vom Kopf bis zu den Zehn, Mir wars, als thät ſein Auge hinab ins Herz mir ſehn. Ich hielt mein Schwert gen Himmel und ſchaut ihn ſicher an Und däuchte mich zur Stunde nicht ſchlechter als ein Mann. Da ſprach er, und die Wange ward ihm wie Blut ſo roth, „Glück zu mit deinem Schwerte, du kleiner Hydriot!“ Wilhelm Müller. 181. Troſt in mancherlei Thränen. Warum ſind der Thränen Unterm Mond ſo viel? Und ſo manches Sehnen, Das nicht laut ſein will? Nicht doch, lieben Brüder! Iſt dies unſer Muth? Schlagt den Kummer nieder! Es wird Alles gut. Aufgeſchaut mit Freuden, Himmelauf zum Herrn! Seiner Kinder Leiden Sieht er gar nicht gern. Er will gern erfreuen, Und erfreut ſo ſehr! Seine Hände ſtreuen Segens gnug umher. Nur dies ſchwach Gemüthe Trägt nicht jedes Glück, Stößt die reine Güte Selbſt von ſich zurück. 182. Die Wies nun iſt auf Erden, Alſo ſollts nicht ſein. Laßt uns beſſer werden, Gleich wirds beſſer ſein. Der iſt bis zum Grabe Wohlberathen hie, Welchem Gott die Gabe Des Vertrauns verlieh. Den macht das Getümmel Dieſer Welt nicht heiß, Wer getroſt zum Himmel Außzuſchauen weiß. Sind wir nicht vom Schlummer Immer noch erwacht? Leben und ſein Kummer Daurt nur Eine Nacht. Dieſe Nacht entfliehet, Und der Tag bricht an, Eh man ſichs verſiehet:— Dann iſts wohlgethan. Chriſtian Adolf Overbeck. Waldkapelle. Der dunkle Wald umrauſcht den Wieſengrund, Gar düſter liegt der graue Berg dahinter; Das dürre Laub, der Windhauch gibt es kund, Geſchritten kommt allmählich ſchon der Winter. Die Sonne ging, umhüllt von Wolken dicht, Unfreundlich, ohne Scheideblick von hinnen, Und die Natur verſtummt im Dämmerlicht, Schwermüthig ihrem Tode nachzuſinnen. 109 Dort, wo die Eiche rauſcht am Bergesfuß, Wo bang vorüberklagt des Baches Welle, Dort winket, wie aus alter Zeit ein Gruß, Die längſt verlaſſne, ſtille Waldkapelle. Wo ſind ſie, — deren Lied aus deinem Schooß, O Kirchlein einſt zu Gott emporgeflogen, Vergeſſend all ihr trübes Erdenloos?— Wo ſind ſie?— ihrem Liede nachgezogen! Nikolaus Lenan. 183. Die Wurmlinger Kapelle*). Luftig, wie ein leichter Kahn, Auf des Hügels grüner Welle, Schwebt ſie lächelnd himmelan, Dort die friedliche Kapelle. Einſt bei Sonnenuntergang Schritt ich durch die öden Räume, Prieſterwort und Feſtgeſang Säuſelten um mich wie Träume. Und Marias ſchönes Bild Schien vom Altar ſich zu ſenken, Schien in Trauer, heilig mild, Alter Tage zu gedenken. Röthlich kommt der Morgenſchein, Und es kommt der Abendſchimmer Traulich bei dem Bilde ein; Doch die Menſchen kommen nimmer. Leiſe werd ich hier umweht Von geheimen, frohen Schauern, Gleich als hätt ein fromm Gebet Sich verſpätet in den Mauern. Schielend grüßet hell und klar Noch die Sonn in die Kapelle, Und der Gräber ſtille Schar Liegt ſo traulich vor der Schwelle. Freundlich ſchmiegt des Herbſtes Ruh Sich an die verlaſſnen Grüfte; Dort dem fernen Süden zu, Wandern Vögel durch die Lüfte. Alles ſchlummert, Alles ſchweigt, Mancher Hügel iſt verſunken, Und die Kreuze ſtehn geneigt Auf den Gräbern, ſchlafestrunken. Und der Baum im Abendwind Läßt ſein Laub zu Boden wallen, Wie ein ſchlafergriffnes Kind Läßt ſein buntes Spielzeug fallen. Hier iſt alles Erdenleid Wie ein trüber Duft zerfloſſen; Süße Todesmüdigkeit Hält die Seele hier umſchloſſen. Nikvlaus Lenau. 184. Der Liebe Daner. O lieb, ſo lang du lieben kannſt, O lieb, ſo lang du lieben magſt, Und wer dir ſeine Bruſt erſchließt, O thu ihm, was du kannſt zu lieb, Die Stunde kommt, die Stunde kommt, Und mach ihm jede Stunde froh Wo du an Gräbern ſtehſt und klagſt. Und ſorge, daß dein Herze glüht Und Liebe hegt und Liebe trägt, So lang ihm noch ein andres Herz In Liebe warm entgegen ſchlägt. *) Ja Würtemberg bei Tübingen. Und mach ihm keine Stunde trüb. Und hüte deine Zunge wohl, Bald iſt ein böſes Wort geſagt; O Gott, es war nicht bös gemeint, Der Andre aber geht und klagt. 11⁰ O lieb, ſo lang du lieben kannſt, Er aber ſieht und hört dich nicht, O lieb, ſo lang du lieben magſt, Kommt nicht, daß du ihn froh empfängſt, Die Stunde kommt, die Stunde kommt, Der Mund, der oft dich küßte, ſpricht Wo du an Gräbern ſtehſt und klagſt. Nie wieder:„Ich vergab dir längſt!“ Dann knieſt du nieder an der Gruft Er thats, vergab dir lange ſchon, Und birgſt die Augen, trüb und naß,— Doch manche heiße Thräne fiel Sie ſehn den Andern nimmermehr,— Um dich und um dein herbes Wort; Ins lange, feuchte Kirchhofgras, Doch ſtill— er ruht und iſt am Ziel. Und ſprichſt:„O ſchau auf mich herab, O lieb, ſo lang du lieben kannſt, Der hier an deinem Grabe weint; O lieb, ſo lang du lieben magſt, Vergib, daß ich gekränkt dich hab, Die Stunde kommt, die Stunde kommt, O Gott, es war nicht bös gemeint!“ Wo du an Gräbern ſtehſt und klagſt. 5 Ferdinand Freiligrath. 185. Verſchiedene Trauer. Ein Mädchen kniet an einem Leichenſtein Und pflanzt daneben eine Pappel ein: „Streb auf zum Aecher, ſchlanker Baum, Auch Er flog auf zum Sternenraum; Wie meine Hände zum Gebet, Sei aufwärts jeder Zweig gedreht; Wie meine Augen ſternwärts ſpähen, Soll jedes Blatt nach oben ſehen. Zu ihm, zu ihm! Empor, empor! Rauſch es aus deinem Laub hervor! So, Pappel, auf des Grabes Höhen Sollſt, meiner Trauer Bild, du ſtehen.“ Ein Jüngling kniet an einem Leichenſtein Und pflanzt daneben eine Weide ein: „Streb erdenwärts, du Thränenbaum, Auch Sie ſank in der Erde Raum; Wie meine Zähren auf dieß Grab, So ſchüttle deinen Thau herab; Wie meine Arme abwärts ringen Und gern den kalten Sarg umfingen, Ihr Zweige, ſo umſchlingt dieß Grab. Zu ihr, zu ihr! Hinab, hinab! So, Weide, auf des Grabes Höhen Sollſt, meiner Trauer Bild, du ſtehen.“ Anaſtaſius Grün. 186. Das Ständchen. Was wecken aus dem Schlummer mich O Mutter, ſieh! wer mag es ſein Für ſüße Klänge doch? In ſpäter Stunde noch? 111 „Ich höre nichts, ich ſehe nichts, O ſchlummre fort ſo lind! Man bringt dir keine Ständchen jetzt, Du armes, krankes Kind!“ Es iſt nicht irdiſche Muſik, Was mich ſo frendig macht; Mich rufen Engel mit Geſang;— O Mutter, gute Nacht! Lubwig Uhland. 187. Der Wandrer in der Sägemühle. Dort unten in der Mühle Saß ich in ſüßer Ruh, Und ſah dem Räderſpiele, Und ſah den Waſſern zu. Sah zu der blanken Säge,„ Es war mir, wie ein Traum, Die bahnte lange Wege In einen Tannenbaum. Die Tanne war wie lebend; In Trauermelodie, Durch alle Faſern bebend, Sang dieſe Worte ſie: „Du kehrſt zur rechten Stunde, O Wanderer, hier ein; Du biſts, für den die Wunde Mir dringt ins Herz hinein; Du biſts, für den wird werden, Wenn kurz gewandert du, Dies Holz im Schooß der Erden Ein Schrein zur langen Ruh.“ Vier Bretter ſah ich fallen, Mir wards ums Herze ſchwer; Ein Wörtlein wollt ich lallen, Da ging das Rad nicht mehr. Juſt. Andreas Kerner. 188. Der Schlaf. Ein Greis trat lächelnd mir entgegen, Bot mir die Hand gedankenvoll, Und hob ſie dann empor zum Segen, Der ſanft vom Himmel niederquoll; Und ich empfand es tief im Herzen, Daß Zorn der Donner Gottes nicht; Daß aus der Weſte leichten Scherzen, Wie aus Gewittern Liebe ſpricht. Und einen Labebecher trank ich, Und ſchlich, wohin die Ruh mich rief, Hinaus zur Scheune; müde ſank ich Hier in des Heues Duft und ſchlief. Was mich erfreut auf meinen Wegen, Das träumt ich nun im Schlafe nach; Und träumend hört ich, wie der Regen Sanft niederträufelt auf das Dach. Süß träumt es ſich in einer Scheune, Wenn drauf der Regen leiſe klopft; So mag ſichs ruhn im Todtenſchreine, Auf den die Freundeszähre tropft. Nikolaus Lenau. 189. Schlaf ein, mein Herz. Schlaf ein, mein Herz, in Frieden! Den müden Augenlieden Der Blumen, hat gebracht Erquickungsthau die Nacht. Schlaf ein, mein Herz, in Frieden! Das Leben ſchläft hienieden, Der Mond in ſtiller Pracht, Ein Auge Gottes, wacht. Schlaf ein, mein Herz, in Frieden, Von Furcht und Gram geſchieden! Der Welten hat bedacht, Nimmt auch ein Herz in Acht. Schlaf ein, mein Herz, in Frieden, Von böſem Traum gemieden, Geſtärkt von Glaubensmacht, Von Hoffnung angelacht. 112 Schlaf ein, mein Herz, in Frieden! Der Tod hier in der Nacht, Und wenn dir iſt beſchieden So biſt du dort erwacht. Friedrich Rückert. 190. Ein Friedhofsbeſuch. Beim Todtengräber pocht es an: „Mach auf, mach auf, du greiſer Mann! Thu auf die Thür und nimm den Stab, Mußt zeigen mir ein theures Grab.“. Ein Fremder ſprichts, mit ſtruppgem Bart, Verbrannt und rauh nach Kriegerart. „„Wie heißt der Theure, der euch ſtarb Und ſich ein Pfühl bei mir erwarb?““ „Die Mutter iſt es, kennt ihr nicht Der Martha Sohn mehr am Geſicht?“ „Hilf Gott, wie groß, wie braun gebrannt! Hätt nun und nimmer euch erkannt. Doch kommt und ſeht, hier iſt der Ort, Nach dem gefragt mich euer Wort. Hier wohnt, verhüllt von Erd und Stein, Nun euer todtes Mütterlein.““ Da ſteht der Krieger lang und ſchweigt, Das Haupt hinab zur Bruſt geneigt. Er ſteht und ſtarrt zum theuren Grab Mit thränenfeuchtem Blick hinab. Dann ſchüttelt er ſein Haupt und ſpricht: „Ihr irrt, hier wohnt die Todte nicht. Wie ſchlöß ein Raum ſo eng und klein Die Liebe einer Mutter ein?“ Joh. Nep. Vogl. 191. Das Grab. cns3.) Das Grab iſt tief und ſtille, Der Waiſe Klagen dringen Und ſchauderhaft ſein Rand; Nicht in der Tiefe Grund. Es deckt mit ſchwarzer Hülle Doch ſonſt an keinem Orte Ein unbekannzes Land. Wohnt die erſehnte Ruh; Das Nachtigallen Nur durch die dunkle Pforte Tönt nicht in ſeinem Schooß; Geht man der Heimat zu. Der Freundſchaft Roſen fallen Das arme Herz, hienieden Wrr auf des Hügels Moos. Von manchem Sturm bewegt, Verlaſſne Bräute ringen Erlangt den wahren Frieden 3 Umſonſt die Hände wund; Erſt wo es nicht mehr ſchlägt. Joh. Gaudenz v. Salis⸗Seewis. 192. Cita mors ruit. Der ſchnellſte Reiter iſt der Und läßt von Wein und Buhle; Dod, Er tritt zum luſtgen Hochzeitsſchmaus; Er überreitet das Morgenroth, Ein Windſtoß löſcht die Kerzen aus, Des Wetters raſches Blitzen; Bleich lehnt die Braut im Stuhle. Stets fliegt ſein Rapp in gleicher Eil, Dem Schöffen blickt er ins Geſicht, Die Sehne ſchwirrt, es klingt der Pfeil Der juſt das weiße Stäblein bricht, Und muß im Herzen ſitzen. Da ſinkts ihm aus den Händen; Durch Stadt und Dorf, über Berg und Ein Mägdlein windet Blüt und Klee, Thal, Er tritt heran— ihr wird ſo weh— Im Morgenroth, im Abendſtrahl, Wer mag den Strauß vollenden! Gehts fort mit wildem Jagen, Drum ſei nicht ſtolz, o Menſchenkind! Und wo er floh mit Ungeſtüm, Du biſt dem Tod wie Spreu im Wind, Da ſchallen die Glocken hinter ihm, Und magſt du Kronen tragen. Und Grabeslieder klagen. Der Sand verrinnt, die Stunde ſchlägt, Er tritt herein in den Prunkpalaſt, Und eh ein Hauch dies Blatt bewegt, Da wird ſo blaß der ſtolze Gaſt, Kann auch die deine ſchlagen. Emanuel Geibel. 193. Die ſtille Stadt. Nenne mir die ſtille Stadt, Drunten in den Hallen traurig Die den ewgen Frieden hat, Sieht er da die Bürger ruhn, Deren düſtere Gemächer Alle liegen ſtumm und ſchaurig, Sanft ſich bauen grüne Dächer: Mögen keinen Gruß ihm thun. Ueber ihrer Häuſer Zinne Die geſchloſſne Pforte kündet Wandelt ernſt der Fremdling hin, Ihm ſein ewig Bürgerrecht, Ziehet fort und hält nicht inne, Und der arme Wandrer findet Grauen faſſet ihm den Sinn. Bald ein Bettlein recht und ſchlecht; Aber endlich tritt er wieder Iſt des Prunkens müde worden, Zitternd auf das morſche Dach, Schickt ſich in den ſtillen Orden, Und die Wölbung ſinket nieder, Legt ſich nieder in der Stadt, Daß er ſtürzt in das Gemach. Die den ewgen Frieden hat. Guſt av Schwab. 194. Auferſtehung. Wenn Einer ſtarb, den du geliebt hienieden, So trag hinaus zur Einſamkeit dein Wehe, Daß ernſt und ſtill es ſich mit dir ergehe Im Wald, am Meer, auf Steigen längſt gemieden. Da fühlſt du bald, daß Jener, der geſchieden, Lebendig dir im Herzen auferſtehe, In Luft und Schatten ſpürſt du ſeine Nähe, Und aus den Thränen blüht ein tiefer Frieden. Schenckel's Blüten, 2 Theil. Mte ſ. verm. Aufl. 8 114 B. Ja, ſchöner muß der Todte dich begleiten, 33 Ums Haupt der Schmerzverklärung lichten Schein, Und treuer,— denn du haſt ihn alle Zeiten. Das Herz hat auch ſein Oſtern, wo der Stein Vom Grabe ſpringt, dem wir den Staub nur weihten; Und was du ewig liebſt, iſt ewig dein. Emanuel Geibel. 195. Auferſtehn. Auferſtehn, ja auferſtehn wirſt du Mein Staub nach kurzer Ruh; Unſterblich Leben Wird, der dich ſchuf, dir geben! Halleluja! Wieder außublühn, werd ich geſät. Der Herr der Ernte geht, Und ſammelt Garben Uns ein, uns ein, die ſtarben. Halleluja! Tag des Danks, der Freudenthränen Tag, Du meines Gottes Tag! Wann ich im Grabe Genng geſchlummert habe, Erweckſt du mich. Wie den Träumenden wirds daun mir ſein. Mit Jeſu geh ich ein Zu ſeinen Freuden. Der müden Pilger Leiden Sind dann nicht mehr. Ach, ins Allerheiligſte führt mich Mein Mittler dann, lebt ich Im Heiligthume Zu ſeines Namens Ruhme: Halleluja! Friedrich Gottlieb Klopſtoc. 196. Das Lied von der Glocke oder „Das Lied vom Leben“. Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango*). Feſt gemauert in der Erden Von der Stirne heiß Steht die Form aus Lehm gebrannt. Rinnen muß der Schweiß, Heute muß die Glocke werden! Soll das Werk den Meiſter loben; Friſch, Geſellen, ſeid zur Hand! Doch der Segen kommt von oben. *) Lebende rufe ich, Todte beklage ich und breche die Blitze. 115 Zum Werke, das wir ernſt bereiten, Geziemt ſich wohl ein ernſtes Wort; Wenn gute Reden ſie begleiten, Dann fließt die Arbeit munter fort. So laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten, Was durch die ſchwache Kraft entſpringt; Den ſchlechten Mann muß man verachten, Der nie bedacht, was er vollbringt. Das iſts ja, was den Menſchen zieret, Und dazu ward ihm der Verſtand, Daß er im innern Herzen ſpüret, Was er erſchafft mit ſeiner Hand. Nehmet Holz vom Fichtenſtamme, Doch recht trocken laßt es ſein, Daß die eingepreßte Flamme Schlage zu dem Schwalch hinein! Kocht des Kupfers Brei: Schnell das Zinn herbei! Daß die zähe Glockenſpeiſe Fließe nach der rechten Weiſe. Was in des Dammes tiefer Grube Die Hand mit Feuers Hilfe baut, Hoch auf des Thurmes Glockenſtube, Da wird es von uns zeugen laut. Noch dauern wirds in ſpäten Tagen Und rühren vieler Menſchen Ohr, Und wird mit dem Betrübten klagen Und ſtimmen zu der Andacht Chor. Was unten tief dem Erdenſohne Das wechſelnde Verhängniß bringt, Das ſchlägt an die metallne Krone, Die es erbaulich weiter klingt. Weiße Blaſen ſeh ich ſpringen: Wohl! die Maſſen ſind im Fluß. Laßts mit Aſchenſalz durchdringen, Das befördert ſchnell den Guß. Auch vom Schaume rein Muß die Miſchung ſein, Daß vom reinlichen Metalle Rein und voll die Stimme ſchalle. Denn mit der Freude Feierklange Begrüßt ſie das geliebte Kind Auf ſeines Lebens erſtem Gange, Den es in Schlafes Arm beginnt; Ihm ruhen noch im Zeitenſchooße„ Die ſchwarzen und die heitern Looſe; Der Mutterliebe zarte Sorgen Bewachen ſeinen goldnen Morgen— Die Jahre fliehen pfeilgeſchwind. Vom Mädchen reißt ſich ſtolz der Knabe, Er ſtürmt ins Leben wild hinaus, Durchmißt die Welt am Wanderſtabe, Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus; Und herrlich, in der Jugend Prangen, Wie ein Gebild aus Himmelshöhn, Mit züchtigen, verſchämten Wangen Sieht er die Jungfrau vor ſich ſtehn. Da faßt ein namenloſes Sehnen Des ZJünglings Herz, er irrt allein, Aus ſeinen Augen brechen Thränen, Er flieht der Brüder wilden Reihn; Erröthend folgt er ihren Spuren Und iſt von ihrem Gruß beglückt, Das Schönſte ſucht er auf den Fluren, Womit er ſeine Liebe ſchmückt. O zarte Sehnſucht, ſüßes Hoffen, Der erſten Liebe goldne Zeit, Das Auge ſieht den Himmel offen, Es ſchwelgt das Herz in Seligkeit— O, daß ſie ewig grünen bliebe, Die ſchöne Zeit der jungen Liebe! Wie ſich ſchon die Pfeifen bräunen! Dieſes Stäbchen tauch ich ein, Sehn wirs überglast erſcheinen, Wirds zum Guſſe zeitig ſein. Jetzt, Geſellen, friſch! Prüft mir das Gemiſch, Ob das Spröde mit dem Weichen Sich vereint zum guten Zeichen. Denn, wo das Strenge mit dem Zarten, Wo Starkes ſich und Mildes paarten, Da gibt es einen guten Klang. Drum prüfe, wer ſich ewig bindet, Ob ſich das Herz zum Herzen findet! Der Wahn iſt kurz, die Reu iſt lang. Lieblich in der Bräute Locken„ Spielt der jungfräuliche Kranz, Wenn die hellen Kirchenglocken Laden zu des Feſtes Glanz. Ach! des Lebens ſchönſte Feier Endigt auch den Lebensmai. Mit dem Gürtel, mit dem Schleier Reißt der ſchöne Wahn entzwei. Die Leidenſchaft flieht, Die Liebe muß bleiben; Die Blume verblüht, Die Frucht muß treiben; Der Maun muß hinaus Ins feindliche Leben, Muß wirken und ſtreben Und pflanzen und ſchaffen, Erliſten, erraffen, Muß wetten und wagen, Das Glück zu erjagen. Da ſtrömet herbei die unendliche Gabe, Es füllt ſich der Speicher mit köſtlicher Habe, Die Räume wachſen, es dehnt ſich das Haus;— Und drinnen waltet Die züchtige Hausfrau, Die Mutter der Kinder, Und herrſchet weiſe Im häuslichen Kreiſe, Und lehret die Mädchen Und wehret den Knaben, Und reget ohn Ende Die fleißigen Hände, Und mehrt den Gewinn Mit ordnendem Sinn, Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden, Und dreht um die ſchnurrende Spindel den Faden, Und ſammelt im reinlich geglätteten Schrein Die ſchimmernde Wolle, den ſchneeigen Lein, Und füget zum Guten den Glanz und . den Schimmer, Und ruhet nimmer.— Und der Vater, mit frohem Blick, Von des Hauſes weitſchauendem Giebel Ueberzählet ſein blühend Glück, Siehet der Pfoſten ragende Bäume Und der Scheunen gefüllte Räume, Und die Speicher, vom Segen gebogen, Und des Kornes bewegte Wogen; Rühmt ſich mit ſtolzem Mund: Feſt, wie der Erde Grund, Gegen des Unglücks Macht Steht mir des Hauſes Pracht! Doch mit des Geſchickes Mächten Iſt kein ewger Bund zu flechten, Und das Unglück ſchreitet ſchnell. Wohl! nun kann der Guß beginnen, Schön gezacket iſt der Bruch; Doch, bevor wirs laſſen rinnen, Betet einen frommen Spruch! Stoßt den Zapfen aus! Gott bewahr das Haus! Rauchend in des Henkels Bogen Schießts mit feuerbraunen Wogen. Wohlthätig iſt des Feuers Macht, Wenn ſie der Menſch bezähmt, bewacht Und, was er bildet, was er ſchafft, Das dankt er dieſer Himmelskraft; Doch furchtbar wird die Himmelskraft, Wenn ſie der Feſſel ſich entrafft, Einhertritt auf der eignen Spur, Die freie Tochter der Natur. Wehe, wenn ſie losgelaſſen, Wachſend, ohne Widerſtand, Durch die volkbelebten Gaſſen Wälzt den ungeheuren Brand! Denn die Elemente haſſen Das Gebild der Menſchenhand. Aus der Wolke Quillt der Segen, Strömt der Regen; Aus der Wolke, ohne Wahl, Zuckt der Strahl. Hört ihrs wimmern hoch vom Thurm? Das iſt Sturm! „ 117 Roth, wie Blut, Iſt der Himmel, Das iſt nicht des Tages Glut! Welch Getümmel, Straßen auf! Dampf wallt auf! Flackernd ſteigt die Feuerſäule, Durch der Straße lange Zeile Wächst es fort mit Windeseile. Kochend, wie aus Ofens Rachen, Glühn die Lüfte, Balken krachen, Pfoſten ſtürzen, Fenſter klirren, Kinder jammern, Mütter irren, Thiere wimmern Unter Trümmern; Alles rennet, rettet, flüchtet, Taghell iſt die Nacht gelichtet. Durch der Hände lange Kette Um die Wette Fliegt der Eimer, hoch im Bogen Spritzen Quellen Waſſerwogen. Heulend kommt der Sturm geflogen, Der die Flamme brauſend ſucht. Praſſelnd in die dürre Frucht Fällt ſie in des Speichers Räume, In der Sparren dürre Bäume, Und, als wollte ſie im Wehen Mit ſich fort der Erde Wucht Reißen in gewaltger Flucht, Wächst ſie in des Himmels Höhen— Rieſengroß. Hoffnungslos Weicht der Menſch der Götterſtärke, Müßig ſieht er ſeine Werke Und bewundernd untergehen. Leergebrannt Iſt die Stätte, Wilder Stürme rauhes Bette. In den öden Fenſterhöhlen Wohnt das Grauen, Und des Himmels Wolken ſchauen Hoch hinein. Einen Blick Nach dem Grabe Seiner Habe Sendet noch der Menſch zurück— Greift fröhlich dann zum Wanderſtabe: Was Feuers Wuth ihm auch geraubt, Ein ſüßer Troſt iſt ihm geblieben, Er zählt die Häupter ſeiner Lieben, Und ſieh! ihm fehlt kein theures Haupt. In die Erd iſts aufgenommen, Glücklich iſt die Form gefüllt; Wirds auch ſchön zu Tage kommen, Daß es Fleiß und Kunſt vergilt? Wenn der Guß mißlang! Wenn die Form zerſprang! Ach, vielleicht, indem wir hoffen, Hat uns Unheil ſchon getroffen. Dem dunkeln Schooß der heilgen Erde Vertrauen wir der Hände That, Vertraut der Sämann ſeine Saat Und hofft, daß ſie entkeimen werde Zum Segen nach des Himmels Rath. Doch köſtlicheren Samen bergen Wir trauernd in der Erde Schooß Und hoffen, daß er aus den Särgen Erblühen ſoll zu ſchönerm Loos.— Von dem Dome, Schwer und bang, Tönt die Glocke Grabgeſang. Ernſt begleiten ihre Trauerſchläge Einen Wandrer auf dem letzten Wege. Ach! die Gattin iſts, die theure, Ach! es iſt die treue Mutter, Die der ſchwarze Fürſt der Schatten Wegführt aus dem Arm des Gatten, Aus der zarten Kinder Schar, Die ſie blühend ihm gebar, Die ſie an der treuen Bruſt Wachſen ſah mit Mutterluſt— 118 Ach! des Hauſes zarte Bande Heilge Ordnung, ſegensreiche Sind gelöſt auf immerdar: Himmelstochter, die das Gleiche Denn ſie wohnt im Schattenlande, Frei und leicht und freudig bindet, Die des Hauſes Mutter war; Die der Städte Bau gegründet, Denn es fehlt ihr treues Walten, Die herein von den Gefilden Ihre Sorge wacht nicht mehr; Rief den ungeſellgen Wilden, An verwaister Stätte ſchalten Eintrat in der Menſchen Hütten, Wird die Fremde, liebeleer. Sie gewöhnt zu ſanften Sitten Und das theuerſte der Bande ri 1 Bis die Glocke ſich verkühlet, Wob, den Trieb zum Vaterlande! Laßt die ſtrenge Arbeit ruhn. Wie im Laub der Vogel ſpielet, leißge Hänbertegen⸗ Helſen ſich in munterm Bund, Mag ſich Jeder gütlich thun. . Und in feurigem Bewegen Winkt der Sterne Licht,. Werden alle Kräfte kund. Ledig aller Pflicht, 5 Meiſter rührt ſich und Geſelle Hört der Burſch die Vesper ſchlagen;„ Meiſter muß ſich immer plagen eie gen. Jeder freut ſich ſeiner Stelle Bietet dem Verächter Trutz. Munter fördert ſeine Schritte Arbeit iſt des Bürgers Zierde, Fern im wilden Forſt der Wandrer Segen iſt der Mühe Preis; Nach der lieben Heimat Hütte. Ehrt den König ſeine Würde: Blöckend ziehen heim die Schafe, Ehret uns der Hände Fleiß. Und der Rinder 3 Breitgeſtirnte, glatte Scharen Holder Friede, Kommen brüllend, Süße Eintracht, Die gewohnten Ställe füllend. Weilet, weilet Schwer herein Freundlich über dieſer Stadt! Schwankt der Wagen, Möge nie der Tag erſcheinen, Kornbeladen; Wo des rauhen Krieges Horden Bunt von Farben, Dieſes ſtille Thal durchtoben, Auf den Garben Wo der Himmel, Liegt der Kranz, Den des Abends ſanfte Röthe Und das junge Volk der Schnitter Lieblich malt, ˙ Fliegt zum Tanz. Von der Dörfer, von der Städte Markt und Straße werden ſtiller; Wildem Brande ſchrecklich ſtrahlt! Um des Lichts geſellge Flamme Sammeln ſich die Hausbewohner Nun zerbrecht mir das Gebäude, Und das Stadtthor ſchließt ſich knarrend. Seine Abſicht hats erfüllt, Schwarz bedecket Daß ſich Herz und Auge weide Sich die Erde; An dem wohlgelungnen Bild. Doch den ſichern Bürger ſchrecket Schwingt den Hammer, ſchwingt, Nicht die Nacht, Bis der Mantel ſpringt! Die den Böſen gräßlich wecket: Wenn die Glock ſoll auferſtehen, Denn das Ange des Geſetzes wacht. Muß die Form in Stücke gehen. 119 Der Meiſter kann die Form zerbrechen Mit weiſer Hand, zur rechten Zeit; Doch wehe, wenn in Flammenbächen Das glühnde Erz ſich ſelbſt befreit! Blindwüthend, mit des Donners Krachen, Zerſprengt es das geborſtne Haus, Und wie aus offnem Höllenrachen Speit es Verderben zündend aus. Wo rohe Kräfte ſinnlos walten, Da kann ſich kein Gebild geſtalten; Wenn ſich die Völker ſelbſt befrein, Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn. Weh, wenn ſich in dem Schooß der Städte Der Feuerzunder ſtill gehäuft, Das Volk, zerreißend ſeine Kette, Zur Eigenhilfe ſchrecklich greift! Da zerret an der Glocke Strängen Der Aufruhr, daß ſie heulend ſchallt, Und, nur geweiht zu Friedens⸗ klängen, Die Loſung anſtimmt zur Gewalt. Freiheit und Gleichheit! hört man ſchallen; Der ruhge Bürger greift zur Wehr. Die Straßen füllen ſich, die Hallen, Und Würgerbanden ziehn umher. Da werden Weiber zu Hyänen Und treiben mit Entſetzen Scherz: Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen, Zerreißen ſie des Feindes Herz. Nichts Heiliges iſt mehr, es löſen Sich alle Bande frommer Schen; Der Gute räumt den Platz dem Böſen, Und alle Laſter walten frei. Gefährlich iſts, den Leu zu wecken, Verderblich iſt des Tigers Zahn; Jedoch der ſchrecklichſte der Schrecken, Das iſt der Menſch in ſeinem Wahn. Weh denen, die dem Ewigblinden Des Lichtes Himmelsfackel leihn! Sie ſtrahlt ihm nicht, ſie kann nur zünden Und äſchert Städt und Länder ein. Freude hat mir Gott gegeben! Sehet, wie ein goldner Stern, Aus der Hülſe blank und eben, Schält ſich der metallne Kern. Von dem Helm zum Kranz Spielts wie Sonnenglanz; Auch des Wappens nette Schilder Loben den erfahrnen Bilder. Herein, herein, Geſellen alle! ſchließt den Reihen, Daß wir die Glocke taufend weihen, Concordia ſoll ihr Name ſein. Zur Eintracht, zu herzinnigem Vereine Verſammle ſie die liebende Gemeine. Und dies ſei fortan ihr Beruf, Wozu der Meiſter ſie erſchuf: Hoch überm niedern Erdenleben Soll ſie im blauen Himmelszelt, Die Nachbarin des Donners, ſchweben Und grenzen an die Sternenwelt; Soll eine Stimme ſein von Oben, Wie der Geſtirne helle Schar, Die ihren Schöpfer wandelnd loben Und führen das bekränzte Jahr. Nur ewigen und ernſten Dingen Sei ihr metallner Mund geweiht, Und ſtündlich mit den ſchnellen Schwingen Berühr im Fluge ſie die Zeit. Dem Schickſal leihe ſie die Zunge; Selbſt herzlos, ohne Mitgefühl, Begleite ſie mit ihrem Schwunge Des Lebens wechſelvolles Spiel. Und wie der Klang im Ohr vergehet, Der, mächtig tönend, ihr entſchallt, So lehre ſie, daß Nichts beſtehet, Das alles Irdiſche verhallt. Jetzo mit der Kraft des Stranges Wiegt die Glock mir aus der Gruft, Daß ſie in das Reich des Klanges Steige, in die Himmelsluft! Ziehet, ziehet, hebt! Sie bewegt ſich, ſchwebt! Freude dieſer Stadt bedeute, Friede ſei ihr erſt Geläute. Friedrich v. Schiller. — 6— 120 IV. Balladen, Romanzen, Rhapſodien etr. 197. Der Bandit. Wie bänglich und ſchwül! mit verhaltnem Grollen Durch Arno's Berge die Donner rollen. Schwer zieht es herauf. Zu der gaſtlichen Hütte Lenkt raſcher der Wandrer die müden Schritte. Es erhebt ſich der Sturm. WMit verhängtem Zügel Heim jagen die Reiter im tockeren Bügel. Nun wettert und leuchtets, in grauſiger Schnelle Folgt Dunkel der Nacht ſich und Tageshelle. Laut rauſchend in Strömen ergießt ſich der Regen. — Wer tritt dort hervor aus der Höhle, verwegen? „Wenn zittert der Fels, wenn die Feigen ſich hüten, Schlägt frei und am freiſten das Herz des Banditen. Hervor mein Stilet! ſo gefällig netzen Den Stein mir die Tropfen; hervor, dich zu wetzen! Wie ſcharf nun und blank! Ha, matt nur und dunkel Hier gegen mein Eiſen iſt, Blitz dein Gefunkel!“ Hoch hebt er den Stahl.— Hui, flammts dran hernieder; Stumm iſt der Bandit und er redet nie wieder! Hermann Beſſer. 198. Der König auf dem Thurme. Da liegen ſie alle, die grauen Höhn, Die dunkeln Thäler, in milder Ruh; Der Schlummer waltet, die Lüfte wehn Keinen Laut der Klage mir zu. Für Alle hab ich geſorgt und geſtrebt, Mit Sorgen trank ich den funkelnden Wein; Die Nacht iſt gekommen, der Himmel belebt, Meine Seele will ich erfreun. O du goldne Schrift durch den Sternenraum! Zu dir ja ſchau ich liebend empor! Ihr Wunderklänge, vernommen kaum, Wie beſäuſelt ihr ſehnlich mein Ohr! Mein Haar iſt ergraut, mein Auge getrübt, Die Siegeswaffen hängen im Saal, Habe Recht geſprochen und Recht geübt, Wann darf ich raſten einmal? 121 O ſelige Raſt, wie verlang ich dein! O herrliche Nacht, wie ſäumſt du ſo lang, Da ich ſchaue der Sterne lichteren Schein Und höre volleren Klang! Ludwig uhland. 199. Die Vätergruft. Es ging wohl über die Heide Eure Reihe ſoll ich ſchließen, Zur alten Kapell empor Heil mir! ich bin es werth.“ Ein Greis im Waffengeſchmeide, Es ſtand an kühler Stätte Und trat in den dunkeln Chor. Ein Sarg noch ungefüllt, Die Särge ſeiner Ahnen Den nahm er zum Ruhebette, Standen die Hall entlang, Zum Pfühle nahm er den Schild. Aus der Tiefe thät ihn mahnen Die Hände thät er falten Ein wunderbarer Geſang. Aufs Schwert und ſchlummert ein. „Wohl hab ich euer Grüßen, Die Geiſterlaute verhallten; Ihr Heldengeiſter! gehört. Da mocht es gar ſtille ſein. Ludwig Uhland. 200. Die Ablöſung. c8520 In Schnee und Eis in kalter Nacht Ein Grenadier ſteht auf der Wacht; Scharf geht der Wind, ſein Stand iſt hart, Sein Herzblut ſtockt, ſein Puls erſtarrt. Fern Glockenſchlag!— Erſt halb vorbei! Da knarrts im Schnee, es kommt herbei,— „Wer da? Parole?“—„„Morgenroth!““— Der ihn ablöſt, es war— der Tod. Robert Reinick. 201. Hans Euler. „Horch, Marthe, draußen pocht es; geh laß den Mann herein, Es wird ein armer Pilger, der ſich verirrte, ſein!— Grüß Gott, du ſchmucker Krieger! nimm Platz an unſerm Tiſch; Das Brot iſt weiß und locker, der Trank iſt hell und friſch!“— „„ Es iſt nicht Trank, nicht Speiſe, wonach es Noth mir thut, Doch ſo ihr ſeid Hans Enler, ſo will ich euer Blut! Wißt ihr, vor Monden hab ich euch noch als Feind bedroht: Dort hatt ich einen Bruder, den Bruder ſchlugt ihr todt. Und als er rang am Boden, da ſchwor ich es ihm gleich, Daß ich ihn wolle rächen, früh oder ſpät an euch!““— „Und hab ich ihn erſchlagen, ſo wars im rechten Streit, Und kommt ihr ihn zu rächen— wohlan! ich bin bereit! 122 Doch nicht im Hauſe kämpf ich, nicht zwiſchen Thür und Wand; Im Angeſichte deſſen, wofür ich ſtritt und ſtand. Den Säbel— Marthe, weißt du, womit ich ihn erſchlug: Und ſoll ich nimmer kommen:— Tyrol iſt groß genug!“ Sie gehen mit einander den nahen Fels hinan; Sein gülden Thor hat eben der Morgen aufgethan;— Der Hans voran, der Fremde recht rüſtig hinterdrein, Und höher ſtets mit beiden der liebe Sonnenſchein. Nun ſtehn ſie an der Spitze,— da liegt die Alpenwelt, Die wunderbare, große, vor ihnen aufgehellt; Geſunkne Nebel zeigen der Thäler reiche Luſt Mit Hütten in den Armen, mit Heerden an der Bruſt. Dazwiſchen Rieſenbäche, darunter Kluft an Kluft, Daneben Wälderkronen, darüber freie Luft; Und ſichtbar nicht, doch fühlbar, von Gottes Ruh umkreist, In Hütten und in Herzen der alten Treue Geiſt. Das ſehn die Beiden droben,— dem Fremden ſinkt die Hand, Hans aber zeigt hinunter aufs liebe Vaterland: „Für das hab ich gefochten, dein Bruder hats bedroht, Für das hab ich geſtritten, für das ſchlug ich ihn todt.“— Der Fremde ſieht hinunter, ſieht Hanſen ins Geſicht, Er will den Arm erheben, den Arm erhebt er nicht: „„Und haſt du ihn erſchlagen, ſo wars im rechten Streit, Und willſt du mir verzeihen, komm, Hans, ich bin bereit!““— Joh. Gabriel Seidl. 202. Der Handſchuh. cnn) Vor ſeinem Löwengarten, Und der König winkt wieder— Das Kampfſpiel zu erwarten, Da öffnet ſich behend Saß König Franz, Ein zweites Thor, Und um ihn die Großen der Krone, Daraus rennt Und rings auf hohem Balkone Mit wildem Sprunge Die Damen in ſchönem Kranz. Ein Tiger hervor. Wie der den Löwen erſchaut, Und, wie er winkt mit dem Finger, Brüllt er laut, Auf thut ſich der weite Zwinger, Schlägt mit dem Schweif Und hinein mit bedächtigem Schritt Einen furchtbaren Reif Ein Löwe tritt, Und recket die Zunge, Und ſieht ſich ſtumm Und im Kreiſe ſchen Rings um Umgeht er den Leu, Mit langem Gähnen Grimmig ſchnurrend; Und ſchüttelt die Mähnen, Drauf ſtreckt er ſich murrend Und ſtreckt die Glieder Zur Seite nieder. Und— legt ſich nieder. 123 Und der König winkt wieder— Und der Ritter, in ſchnellem Lauf, Da ſpeit das doppelt geöffnete Haus Steigt hinab in den furchtbarn Zwinger Zwei Leoparden auf Einmal aus. Mit feſtem Schritte, Die ſtürzen mit muthiger Kampfbegier Und aus der Ungeheuer Mitte Auf das Tigerthier; Nimmt er den Handſchuh mit keckem Das packt ſie mit ſeinen grimmigen Tatzen, Finger. Und der Leu mit Gebrüll Richtet ſich auf, da wirds— ſtill; Und herum im Kreis, Von Mordſucht heiß, Lagern ſich die gräulichen Katzen. Und mit Erſtauuen und mit Grauen Sehens die Ritter und Edelfrauen, Und gelaſſen bringt er den Handſchuh zurück. Da fällt von des Altans Rand Da ſchallt ihm ſein Lob aus jedem Munde, Ein Handſchuh von ſchöner Hand Aber mit zärtlichem Liebesblick— Zwiſchen den Tiger und den Leun Er verheißt ihm ſein nahes Glück— Mitten hinein. Empfängt ihn Fräulein Kunigunde. Und zu Ritter Delorges, ſpottender Weiſ, Und er wirft ihr den Handſchuh ins Wendet ſich Fräulein Kunigund: Geſicht: „Herr Ritter, iſt eure Lieb ſo heiß,„Den Dank, Dame, begehr ich nicht!“ Wie ihr mirs ſchwört zu jeder Stund, Und verläßt ſie zur ſelben Stunde. Ei, ſo hebt mir den Handſchuh auf!“ . Friedrich v. Schiller. 203. Das Glück von Edenhall. Von Edenhall der junge Lord Läßt ſchmettern Feſttrommetenſchall, Er hebt ſich an des Tiſches Bord Und ruft in dunkler Gäſte Schwall: „Nun her mit dem Glück von Edenhall!“ Der Schenk vernimmt ungern den Spruch, Des Hauſes älteſter Vaſall, Nimmt zögernd aus dem ſeidnen Tuch Das hohe Trinkglas von Kryſtall, Sie nennens: Das Glück von Edenhall. Darauf der Lord:„Dem Glas zum Preis Schenk Rothen ein aus Portugall!“ Mit Händezittern gießt der Greis, Und purpurn Licht wird überall, Es ſtrahlt aus dem Glücke von Edenhall. Da ſpricht der Lord und ſchwingts dabei: „Dies Glas von leuchtendem Kryſtall Gab meinem Ahn am Quell die Fey*), Drein ſchrieb ſie: kommt dies Glas zu Fall, Fahr wohl dann, o Glück von Edenhall. *) Ein altdeutſches Wort für Fee, d. i. die Weisſagerin, Zauberin, 124 Ein Kelchglas ward zum Loos mit Fug Dem freudgen Stamm von Edenhall. Wir ſchlürfen gern in vollem Zug, Wir läuten gern mit lautem Schall, Stoßt an mit dem Glücke von Edenhall!“ Erſt klingt es milde, tief und voll, Gleich dem Geſang der Nachtigall, Dann wie des Waldſtroms laut Geroll, Zuletzt erdröhnt wie Donnerhall Das herrliche Glück von Edenhall. „Zum Horte nimmt ein kühn Geſchlecht Sich den zerbrechlichen Kryſtall; Es dauert länger ſchon, als recht, Stoßt an! mit dieſem kräftgen Prall Verſuch ich das Glück von Edenhall.“ Und als das Trinkglas gellend ſpringt, Springt das Gewölb mit jähem Knall, Und aus dem Riß die Flamme dringt; Die Gäſte ſind zerſtoben all Mit dem brechenden Glück von Edenhall. Einſtürmt der Feind mit Brand und Mord, Der in der Nacht erſtieg den Wall, Vom Schwerte fällt der junge Lord, Hält in der Hand noch den Kryſtall, Das zerſprungene Glück von Edenhall. Am Morgen irrt der Schenk allein, Der Greis, in der zerſtörten Hall, 5 Er ſucht des Herrn verbrannt Gebein, Er ſucht im grauſen Trümmerfall Die Scherben des Glücks von Edenhall. „Die Steinwand— ſpricht er— ſpringt zu Stück, Die hohe Säule muß zu Fall, Glas iſt der Erde Stolz und Glück, In Splitter fällt der Erdenball Einſt gleich dem Glück von Edenhall.“ Ludwig Uhland. 204. Die traurige Krönung. Es war ein König Mileſint, Die Krönung ward mit Prangen Von dem will ich euch ſagen: Auf Liffey⸗Schloß begangen. Der meuchelte ſein Bruders⸗Kind, O Irland! Irland! wareſt du ſo Wollte ſelbſt die Krone tragen. blind? 125 Der König ſitzt um Mitternacht Im öden Marmorſaale, Sieht irr in all die neue Pracht, Wie trunken von dem Mahle; Und aus der ſchwarzen Menge blickt Ein Kind mit friſcher Wunde, Es lächelt ſterbensweh und nickt, Es macht im Saal die Runde, Er ſpricht zu ſeinem Sohne: „Noch einmal bring die Krone! Doch ſchan, wer hat die Pforten auf⸗ gemacht?“ Da kommt ein ſeltſam Todtenſpiel, Ein Zug mit leiſen Tritten, Vermummte Gäſte groß und viel, Eine Krone ſchwankt in Mitten; Es drängt ſich durch die Pforte Mit Flüſtern ohne Worte; Dem Könige, dem wird ſo geiſter⸗ ſchwül. Es trippelt zu dem Throne, Es reichet eine Krone Dem Könige, deß Herze tief er⸗ ſchrickt. Darauf der Zug von dannen ſtrich, Von Morgenluft berauſchet; Die Kerzen flackern wunderlich, Der Mond am Fenſter lauſchet; Der Sohn mit Angſt und Schweigen Zum Vater thät ſich neigen,— Er neiget über eine Leiche ſich. Eduard Mörike. 205. Der Mönch von Heiſterbach. Ein junger Mönch im Kloſter Heiſterbach Luſtwandelt an des Gartens fernſtem Ort; Der Ewigkeit ſinnt ſtill und tief er nach, Und forſcht dabei in Gottes heilgem Wort. Er liest, was Petrus, der Apoſtel, ſprach: „Dem Herren iſt Ein Tag, wie tauſend Jahr, Und tanſend Jahre ſind ihm wie Ein Tag“.— Doch wie er ſinnt, es wird ihm nimmer klar. Und er verliert ſich zweifelnd in den Wald; Was um ihn vorgeht, hört und ſieht er nicht;— Erſt wie die fromme Vesperglocke ſchallt, Gemahnt es ihn der ernſten Kloſterpflicht. Im Lauf erreichet er den Garten ſchnell; Ein Unbekannter öffnet ihm das Thor. Er ſtutzt,— doch ſieh ſchon glänzt die Kirche hell; Und draus ertönt der Brüder heilger Chor. Nach ſeinem Stuhle eilend tritt er ein,— Doch wunderbar— ein Andrer ſitzet dort; Er überblickt der Mönche lange Reihn, Nur Unbekannte findet er am Ort. Der Staunende wird angeſtaunt ringsum, Man fragt nach Namen, fragt nach dem Begehr; Er ſagts— dann murmelt man durchs Heiligthum: „Dreihundert Jahre hieß ſo Niemand mehr“. 126 Der letzte dieſes Namens, tönt es dann, Er war ein Zweifler und verſchwand im Wald; Man gab den Namen keinem mehr fortan! Er hört das Wort, es überläuft ihn kalt. Er nennet nun den Abt und nennt das Jahr; Man nimmt das alte Kloſterbuch zur Hand; Da wird ein großes Gotteswunder klar: Er iſts, der drei Jahrhunderte verſchwand. Ha, welche Löſung! Plötzlich graut ſein Haar, Er ſinkt dahin und iſt dem Tod geweiht, Und ſterbend mahnt er ſeiner Brüder Schar: „Gott iſt erhaben über Ort und Zeit. Was er verhüllt, macht nur ein Wunder klar! Drum grübelt nicht, denkt meinem Schickſal nach! Ich weiß: ihm iſt Ein Tag wie tauſend Jahr, Und tauſend Jahre ſind ihm wie Ein Tag!“ Wolfg. Müller. 206. Erlkönig. Wer reitet ſo ſpät durch Nacht und Wind? Es iſt der Vater mit ſeinem Kind; Er hat den Knaben wohl in dem Arm, Er faßt ihn ſicher, er hält ihn warm. Mein Sohn, was birgſt du ſo bang dein Geſicht?— Siehſt, Vater, du den Erlkönig nicht? Den Erlenkönig mit Kron und Schweif?— Mein Sohn, es iſt ein Nebelſtreif. „Du liebes Kind, komm geh mit mir! Gar ſchöne Spiele ſpiel ich mit dir; Manch bunte Blumen ſind an dem Strand, Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“— Mein Vater, mein Vater und höreſt du nicht, Was Erlenkönig mir leiſe verſpricht?— Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind; In dürren Blättern ſänſelt der Wind.— „Willſt feiner Knabe, du mit mir gehn? Meine Töchter ſollen dich warten ſchön; Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn Und wiegen und tanzen und ſingen dich ein.“— Mein Vater, mein Vater und ſiehſt du nicht dort Erlkönigs Töchter am düſtern Ort?— Mein Sohn, mein Sohn, ich ſeh es genau, Es ſcheinen die alten Weiden ſo grau.— — 127 „Ich liebe dich, mich reizt deine ſchöne Geſtalt; Und biſt du nicht willig, ſo brauch ich Gewalt.“— Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an! Erlkönig hat mir ein— Leids gethan!— Dem Vater grauſets, er reitet geſchwind, Er hält in den Armen das ächzende Kind, Erreicht den Hof mit Mühe und Noth; In ſeinen Armen das Kind war— todt. Joh. Wolfg. v. Goethe. 207. Der Fiſcher. Das Waſſer ranſcht, das Waſſer ſchwoll, Ein Fiſcher ſaß daran, Sah nach dem Angel ruhevoll, Kühl bis ans Herz hinan. Und wie er ſitzt und wie er lauſcht, Theilt ſich die Flut empor; Aus dem bewegten Waſſer rauſcht Ein feuchtes Weib hervor. Sie ſang zu ihm, ſie ſprach zu ihm: Was lockſt du meine Brut. Mit Menſchenwitz und Menſchenliſt Hinauf in Todesglut? Ach wüßteſt du, wie's Fiſchlein iſt So wohlig auf dem Grund, Du ſtiegſt herunter, wie du biſt, Und würdeſt erſt geſund. 208. Der Reiter und der Bodenſee. Labt ſich die liebe Sonne nicht, Der Mond ſich nicht im Meer? Kehrt wellenathmend ihr Geſicht Nicht doppelt ſchöner her? Lockt dich der tiefe Himmel nicht, Das feucht⸗verklärte Blau? Lockt dich dein eigen Angeſicht Nicht her in ewgen Thau? Das Waſſer rauſcht, das Waſſer ſchwoll, Netzt ihm den nackten Fuß; Sein Herz wuchs ihm ſo ſehnſuchtsvoll Wie bei der Liebſten Gruß. Sie ſprach zu ihm, ſie ſang zu ihm; Da wars um ihn geſchehn; Halb zog ſie ihn, halb ſank er hin, Und ward nicht mehr geſehn. Joh. Wolfg. v. Goethe. (Mündlich.) Der Reiter reitet durchs helle Thal, Auf Schneefeld ſchimmert der Sonne Strahl. Er trabet im Schweiß durch den kalten Schnee, Er will noch heut an den Bodenſee; Noch heut mit dem Pferd in den ſichern Kahn, Will drüben landen vor Nacht noch an. Auf ſchlimmem Weg, über Dorn und Stein, Er brauſt auf rüſtigem Roß feldein. Aus den Bergen heraus ins ebene Land, Da ſieht man den Schnee ſich dehnen, wie Sand. Weit hinter ihm ſchwinden Dorf und Stadt, Der Weg wird eben, die Bahn wird glatt. 128 In weiter Fläche kein Bühl, kein Haus, Die Bäume gingen, die Felſen aus; So flieget er hin eine Meil, und zwei, Er hört in den Lüften der Schneegans Schrei; Es flattert das Waſſerhuhn empor, Nicht anderen Lant vernimmt ſein Ohr; Kein'n Wandersmann ſein Auge ſchaut, Der ihm den rechten Pfad vertraut. Fort gehts, wie auf Sammt, auf dem weichen Schnee, Wann ranſcht das Waſſer, wann glänzt der See? Da bricht der Abend, der frühe, herein; Von Lichtern blinket ein ferner Schein. Es hebt aus dem Nebel ſich Baum an Baum, Und Hügel ſchließen den weiten Raum. Er ſpürt auf dem Boden Stein und Dorn, Dem Roſſe gibt er den ſcharfen Sporn. Und Hunde bellen empor am Pferd, Und es winkt im Dorf ihm der warme Herd. „Willkommen am Fenſter, Mägdelein, An den See, an den See, wie weit mags ſein?“ Die Maid, ſie ſtaunet den Reiter an: „„Der See liegt hinter dir und der Kahn. Und deckt ihn die Rinde von Eis nicht zu, Ich ſpräch, aus dem Nachen ſtiegeſt du““. Der Fremde ſchaudert, er athmet ſchwer: „Dort hinten die Ebne, die ritt ich her!“ Da recket die Magd die Arm in die Höh: „„Herr Gott! ſo ritteſt du über den See! An den Schlund, an die Tiefe bodenlos, Hat gepocht des raſenden Hufes Stoß! Und unter dir zürnten die Waſſer nicht? Nicht krachte hinunter die Rinde dicht? Und du wardſt nicht die Speiſe der ſtummen Brut? Der hungrigen Hecht in der kalten Flut!““ Sie rufet das Dorf herbei zu der Mär, Es ſtellen die Knaben ſich um ihn her; Die Mütter, die Greiſe, ſie ſammeln ſich: „Glückſeliger Mann, ja, ſegne du dich! Herein zum Ofen, zum dampfenden Tiſch, Brich mit uns das Brot und iß von dem Fiſch!“ Der Reiter erſtarret auf ſeinem Pferd, Er hat nur das erſte Wort gehört. Es ſtocket ſein Herz, es ſträubt ſich ſein Haar, Dicht hinter ihm grinzt noch die grauſe Gefahr. Es ſiehet ſein Blick nur den gräßlichen Schlund, Sein Geiſt verſinkt in den ſchwarzen Grund. Im Ohr ihm donnerts, wie krachend Eis, Wie die Well umrieſelt ihn kalter Schweiß. Da ſeufzt er, da ſinkt er vom Roß herab, Da ward ihm am Ufer ein trocken Grab. 209 Am Rhein, am grünen Rheine, Da iſt ſo mild die Nacht, Die Rebenhügel liegen In goldner Mondenpracht. . Und an den Hügeln wandelt Ein hoher Schatten her Mit Schwert und Purpurmantel, Die Krone von Golde ſchwer. Das iſt der Karl, der Kaiſer, Der mit gewaltger Hand Vor vielen hundert Jahren Geherrſcht im deutſchen Land. Er iſt heraufgeſtiegen Zu Aachen aus der Gruft, Und ſegnet ſeine Reben, Und athmet Traubenduft. 210. Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten, Daß ich ſo traurig bin; Ein Märchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn. Die Luft iſt kühl, und es dunkelt, Und ruhig fließt der Rhein; Der Gipfel des Berges funkelt Im Abendſonnenſchein. Guſtav Schwab. Rheinſage. Bei Rüdesheim da funkelt Der Mond ins Waſſer hinein Und baut eine goldue Brücke Wohl über den grünen Rhein. Der Kaiſer geht hinüber Und ſchreitet langſam fort, Und ſegnet längs dem Strome Die Reben an jedem Ort. Dann kehrt er heim nach Aachen Und ſchläft in ſeiner Gruft, Bis ihn im neuen Jahre Erweckt der Traubenduft. Wir aber füllen die Römer Und trinken, im goldnen Saft, Uns deutſches Heldenfeuer Und deutſche Heldenkraft. Emanuel Geibel. Lorelei. Die ſchönſte Jungfrau ſitzet Dort oben wunderbar, Ihr goldnes Geſchmeide blitzet, Sie kämmt ihr goldnes Haar. Sie kämmt es mit goldnem Kamme, Und ſingt ein Lied dabei; Das hat eine wunderſame, Gewaltige Melodei. Schenckel's Blüten, 2r Theil. IIte ſ. verm. Aufl. 9 130 Den Schiffer im kleinen Schiffe Ich glaube die Wellen verſchlingen Ergreift es mit wildem Weh; Am Ende Schiffer und Kahn; Er ſchaut nicht die Felſenriffe, Und das hat mit ihrem Singen Er ſchaut nur hinauf in die Höh. Die Lorelei gethan. Heinrich Heine. 211. Das Mädchen aus der Fremde.(m60 In einem Thal bei armen Hirten Sie brachte Blumen mit und Früchte, Erſchien mit jedem jungen Jahr, Gereift auf einer andern Flur, Sobald die erſten Lerchen ſchwirrten, In einem andern Sonnenlichte Ein Mädchen, ſchön und wunderbar. In einer glücklichern Natur. Sie war nicht in dem Thal geboren, Und theilte Jedem eine Gabe, Man wußte nicht, woher ſie kam; Dem Früchte, Jenem Blumen aus; Doch ſchnell war ihre Spur verloren, Der Jüngling und der Greis am Stabe, Sobald das Mädchen Abſchied nahm. Ein Jeder ging beſchenkt nach Haus. Beſeligend war ihre Nähe Willkommen waren alle Gäſte; Und alle Herzen wurden weit; Doch nahte ſich ein liebend Paar, Doch eine Würde, eine Höhe Dem reichte ſie der Gaben beſte, Entfernte die Vertraulichkeit. Der Blumen allerſchönſte dar. Friedrich v. Schiller. 212. Romanze vom Feuerreiter. Sehet ihr am Fenſterlein Der ſo oft den rothen Hahn Dort die rothe Mütze wieder? Meilenweit von fern gerochen, Nicht geheuer muß es ſein, Mit des heilgen Kreuzes Spahn Denn er geht ſchon auf und nieder. Freventlich die Glut beſprochen,— Und was für ein toll Gewühle Weh! dir grinst vom Dachgeſtühle Plötzlich in den Gaſſen ſchwillt! Dort der Feind im Höllenſchein! Horch! das Feuerglöcklein grillt: Gnade Gott der Seele dein— Hinterm Berg, Hinterm Berg, Hinterm Berg Hinterm Berg Brennt es in der Mühle! Rast er in der Mühle! Schaut! da ſprengt er wüthend ſchier Keine Stunde hielt es an, Durch das Thor, der Feuerreiter, Bis die Mühle barſt in Trümmer, Auf dem rippendürren Thier, Doch den wilden Reitersmann Als auf einer Feuerleiter! Sah man von der Stunde nimmer. Durch den Qualm und durch die Schwüle Volk und Wagen im Gewühle Rennt er ſchon wie Windesbraut! Kehren heim von all dem Graus; Aus der Stadt da ruft es laut: Auch das Glöcklein klinget aus: Hinterm Berg, Hinterm Berg, Hinterm Berg Hinterm Berg Brennt es in der Mühle! Brennts!— — 131 Nach der Zeit ein Müller fand Reiteſt du in deinem Grab! Ein Gerippe ſammt der Mützen Huſch! da fällts in Aſche ab. Aufrecht an der Kellerwand Seele, du Auf der beinern Mähre ſitzen: Biſt zur Ruh! Feuerreiter, wie ſo kühle Droben rauſcht die Mühle. Ebuard Mörike. 213. Die Kuh.(1) Frau Magdalis weint auf ihr letztes Stück Brot; Sie konnt es vor Kummer nicht eſſen. Ach, Wittwen bekümmert oft größere Noth, Als glückliche Menſchen ermeſſen. „Wie tief ich auf immer geſchlagen nun bin! Was hab ich, biſt du erſt verzehret?“— Denn, Jammer! ihr Eins und ihr Alles war hin, Die Kuh, die bisher ſie ernähret.— Heim kamen mit lieblichem Schellengetön Die Andern, geſättigt in Fülle. Vor Magdalis Pforte blieb keine mehr ſtehn, Und rief ihr mit ſanftem Gebrülle. Wie Kindlein, welche der nährenden Bruſt Der Mutter ſich ſollen entwöhnen, So klagte ſie Abend und Nacht den Verluſt, Und löſchte ihr Lämpchen mit Thränen. Sie ſank auf ihr ärmliches Lager dahin, In hoffnungsloſem Verzagen, Verwirrt und zerrüttet an jeglichem Sinn, An jeglichem Gliede zerſchlagen. Doch ſtärkte kein Schlaf ſie von Abend bis früh. Schwer abgemüdet im Schwalle Von ängſtlichen Träumen erſchütterten ſie Die Schläge der Glockenuhr alle. Früh that ihr des Hirtenhornes Getön Ihr Elend von neuem zu wiſſen. „O weh! Nun hab ich Nichts aufzuſtehn!“— So ſchluchzte ſie nieder ins Kiſſen. Sonſt weckte des Hornes Geſchmetter ihr Herz, Den Vater der Güte zu preiſen. Jetzt zürnet und hadert entgegen ihr Schmerz Dem Pfleger der Wittwen und Waiſen. Und horch! Auf Ohr und auf Herz, wie ein Stein Fiels ihr mit dröhnendem Schalle. Ihr rieſelt ein Schauer durch Mark und Gebein: Es dünkt ihr wie Brüllen im Stalle. 9 X 132 „O Himmel! Verzeihe mir jegliche Schuld, Und ahnde nicht meine Verbrechen!“ Sie wähnt, es hübe ſich Geiſtertumult, Ihr ſträfliches Zagen zu rächen. Kaum aber hatte vom ſchrecklichen Ton Sich mählig der Nachhall verloren, So drang ihr noch lauter und deutlicher ſchon Das Brüllen vom Stalle zu Ohren. „Barmherziger Himmel, erbarme dich mein, Und halte den Böſen in Banden!“ Tief barg ſie das Haupt in die Kiſſen hinein, Daß Hören und Sehen ihr ſchwanden. Hier ſchlug ihr, indem ſie im Schweiße zerquoll, Das bebende Herz wie ein Hammer;. Und drittes, noch lauteres, Brüllen erſcholl, Als wärs vor dem Bett in der Kammer. Nun ſprang ſie mit wildem Entſetzen heraus; Stieß auf die Laden der Zelle; Schon ſtrahlte der Morgen, der Dämmerung Graus Wich ſeiner erfreulichen Helle. Und als ſie mit heiligem Kreuz ſich verſehn: „Gott helfe mir gnädiglich, Amen!“ Da wagte ſies zitternd, zum Stalle zu gehn, In Gottes allmächtigem Namen. O Wunder! Hier kehrte die herrlichſte Kuh, So glatt und ſo blank, wie ein Spiegel,. Die Stirne mit ſilbernem Sternchen ihr zu; Vor Staunen entſank ihr der Riegel. Dort füllte die Krippe friſch duftender Klee, Und Hen den Stall, ſie zu nähren: Hier leuchtet ein Eimerchen, weiß wie der Schnee, Die ſtrotzenden Euter zu leeren. Sie trug ein zierlich beſchriebenes Blatt, Um Stirn und Hörner gewunden: „Zum Troſte der guten Frau Magdaris hat N. N. hierher mich gebunden.“— Gott hatt es ihm gnädig verliehen, die Noth Der Armen ſo wohl zu ermeſſen. Gott hatt ihm verliehen ein Stücklein Brot, Das konnt er allein nicht eſſen. Mir däucht, ich wäre von Gott erſehn, Was gut und was ſchön iſt, zu preiſen; Daher beſing ich, was gut iſt, und ſchön, In ſchlicht einfältigen Weiſen. „So“, ſchwur mir ein Maurer,„ſo iſt es geſchehn!“ Allein er verbot mir den Namen. Gott laß es dem Edeln doch wohlergehn! Das bet ich herzinniglich, Amen! ₰ Gottfried Auguſt Bürger. 214. Der wilde Jäger. as5) Der Wild⸗ und Rheingraf ſtieß ins Horn: „Halloh, halloh zu Fuß und Roß!“ Sein Hengſt erhob ſich wiehernd vorn; Laut raſſelnd ſtürzt ihm nach der Troß; Laut klifft und klafft es, frei vom Koppel, Durch Korn und Dorn, durch Heid und Stoppel. Vom Strahl der Sonntagsfrühe war Des hohen Domes Kuppel blank. Zum Hochamt rufte dumpf und klar Der Glocken ernſter Feierklang. Fern tönten lieblich die Geſänge Der andachtsvollen Chriſtenmenge. Riſchraſch quer übern Kreuzweg gings, Mit Horidoh und Huſſaſa. Sieh da! ſieh da, kam rechts und links Ein Reiter hier, ein Reiter da! Des Rechten Roß war Silbersblinken, Ein Feuerfarbner trug den Linken. Wer waren Reiter links und rechts? Ich ahn es wohl, doch weiß ichs nicht; Lichthehr erſchien der Reiter rechts, Mit mildem Frühlingsangeſicht. Graß, dunkelgelb der linke Ritter Schoß Blitz vom Aug wie Ungewitter. „Willkommen hier, zu rechter Friſt, Willkommen zu der edeln Jagd! Auf Erden und im Himmel iſt Kein Spiel, das lieblicher behagt.“— Er riefs, ſchlug laut ſich an die Hüfte, Und ſchwang den Hut hoch in die Lüfte. „Schlecht ſtimmet deines Hornes Klang, Sprach der zur Rechten, ſanften Muths, Zu Feierglock und Chorgeſang. Kehr um! erjagſt dir heut nichts Guts. Laß dich den guten Engel warnen, „Jagt zu, jagt zu, mein edler Herr!“ Fiel raſch der linke Ritter drein. „Was Glockenklang? Was Chorgeplärr? Die Jagdluſt muß euch baß erfreun! Laßt mich, was fürſtlich iſt, euch lehren Und euch von Jenem nicht bethören!“— „Ha! Wohl geſprochen, linker Mann! Du biſt ein Held nach meinem Sinn. Wer nicht des Waidwerks pflegen kann, Der ſcher ans Paternoſter hin! Mags, frommer Narr, dich baß verdrießen, So will ich meine Luſt doch büßen!“— Und hurre, hurre vorwärts gings, Feld ein und aus, Berg ab und an. Stets ritten Reiter rechts und links Zu beiden Seiten neben an. Auf ſprang ein weißer Hirſch von ferne, Mit ſechszehnzackigem Gehörne. Und lauter ſtieß der Graf ins Horn; Und raſcher flogs zu Fuß und Roß; Und ſieh! bald hinten und bald vorn Stürzt Einer todt dahin vom Troß. „Laß ſtürzen! laß zur Hölle ſtürzen! Das darf nicht Fürſtenluſt verwürzen“. Das Wild duckt ſich ins Aehrenfeld, Und hofft da ſichern Aufenthalt. Sieh da! ein armer Landmann ſtellt Sich dar in kläglicher Geſtalt. „Erbarmen, lieber Herr, Erbarmen! Verſchont den ſauren Schweiß der Armen!“ Der rechte Ritter ſprengt heran, Und warnt den Grafen ſanft und gut. Doch baß hetzt ihn der linke Mann Zu ſchadenfrohem Frevelmuth. Der Graf verſchmäht des Rechten Warnen, Und nichtvom Böſen dich umgarnen!“ Und läßt vom Linken ſich umgarnen. 134 „Hinweg, du Hund, ſchnaubt fürchterlich Der Graf den armen Pflüger an. „Sonſt hetz ich ſelbſt beim Teufel! dich.— Halloh, Geſellen, drauf und dran! Zum Zeichen, daß ich wahr geſchworen, Knallt ihm die Peitſche um die Ohren!“ Geſagt, gethan! der Wildfang ſchwang Sich übern Hagen raſch voran, Und hinterher bei Knall und Klang, Der Troß mit Hund und Roß und Mann Und Hund und Mann und Roß zerſtampfte Die Halmen, daß der Acker dampfte. Vom nahen Lärm emporgeſcheucht, Feld ein und aus, Berg ab und an Geſprengt, verfolgt, doch unerreicht, Ereilt das Wild des Angers Plan; Und miſcht ſich, da verſchont zu werden, Schlau mitten zwiſchen zahme Heerden. Doch hin und her, durch Flur und Wald, Und her und hin, durch Wald und Flur, Verfolgen und erwittern bald Die raſchen Hunde ſeine Spur. Der Hirt, voll Angſt für ſeine Heerde, Wirft vor dem Grafen ſich zur Erde. „Erbarmen, Herr, Erbarmen! laßt Mein armes ſtilles Vieh in Ruh! Bedenket, lieber Herr, hier grast So mancher armen Wittwe Kuh; Ihr Eins und Alles ſpart der Armen! Erbarmen, lieber Herr! Erbarmen! Der rechte Ritter ſprengt heran, Und warnt den Grafen ſanft und gut. Doch baß hetzt ihn der linke Mann Zu ſchadenfrohem Frevelmuth. Der Grafverſchmäht des Rechten Warnen, Und läßt vom Linken ſich umgarnen. „Verwegner Hund, der du mir wehrſt! Ha, daß du deiner beſten Kuh Selbſt um⸗ und angewachſen wärſt, Und jede Vettel noch dazu! So ſollt es baß mein Herz ergötzen, Euch ſtracks ins Himmelreich zu hetzen. Halloh, Geſellen, drauf und dran! Jo! Doho! Huſſaſaſa!“— Und jeder Hund fiel wüthend an, Was er zunächſt vor ſich erſah. Bluttriefend fiel der Hirt zur Erde, Bluttriefend Stück für Stück die Heerde. Dem Mordgewühl entrafft ſich kaum Das Wild mit immer ſchwächerm Lauf. Mit Blut beſprengt, bedeckt mit Schaum, Nimmt jetzt des Waldes Nacht es auf. Tief birgt ſichs in des Waldes Mitte, In eines Klausners Gotteshütte. Riſch ohne Raſt mit Peitſchenknall, Mit Horidoh und Huſſaſa, Und Kliff und Klaff und Hörnerſchall, Verfolgts der wilde Schwarm auch da. Entgegen tritt mit ſanfter Bitte Der fromme Klausner vor die Hütte. „Laß ab, laß ab von dieſer Spur! Entweihe Gottes Freiſtatt nicht! Zum Himmel ächzt die Kreatur Und heiſcht von Gott dein Strafgericht. Zum letztenmale laß dich warnen, Sonſt wird Verderben dich umgarnen!“ Der Rechte ſprengt beſorgt heran, Und warnt den Grafen ſanft und gut. Doch baß hetzt ihn der linke Mann Zu ſchadenfrohem Frevelmuth. Und wehe! Trotz des Rechten Warnen, Läßt er vom Linken ſich umgarnen! „Verderben hin, Verderben her! Das“, ruft er,„macht mir wenig Graus. Und wenns im dritten Himmel wär, So acht ichs keine Fledermaus. Mags Gott und dich, du Narr, verdrießen, So will ich meine Luſt doch büßen!“ Er ſchwingt die Peitſche, ſtößt ins Horn; „Halloh, Geſellen, drauf und dran!“ Hui, ſchwinden Mann und Hütte vorn, Und hinten ſchwinden Roß und Mann; Und Knall und Schall und Jagdgebrülle Verſchlingt auf einmal Todtenſtille. 135 Erſchrocken blickt der Graf umher; Er ſtößt ins Horn, es tönet nicht; Er ruft, und hört ſich ſelbſt nicht mehr; Der Schwung der Peitſche ſauſet nicht; Er ſpornt ſein Roß in beide Seiten, Das Grauſen weht, das Wetter ſauſt, Und aus der Erd empor, huhn! Fährt eine ſchwarze Rieſenfauſt; Sie ſpannt ſich auf, ſie krallt ſich zu; Hui! will ſie ihn beim Wirbel packen! Und kann nicht vor⸗ noch rückwärts reiten. Hui! ſteht ſein Angeſicht im Nacken. Drauf wird es düſter um ihn her, Und immer düſtrer, wie ein Grab. Es flimmt und flammt rund um ihn her, Mit grüner, blauer, rother Glut: Dumpf rauſcht es, wie ein fernes Meer. Es wallt um ihn ein Feuermeer, Hoch über ſeinem Haupt herab Ruft furchtbar, mit Gewittergrimme, Dieß Urthel eine Donnerſtimme: „Du Wüthrich, teufliſcher Natur, Darinnen wimmelt Höllenbrut. Jach fahren tauſend Höllenhunde, Laut angehetzt, empor vom Schlunde. Er rafft ſich auf durch Wald und Feld, Frech gegen Gott und Menſch und Thier! Und flieht, laut heulend Weh und Ach; Das Ach und Weh der Kreatur Und deine Miſſethat an ihr Doch durch die ganze weite Welt Rauſcht bellend ihm die Hölle nach, Hat laut dich vor Gericht gefodert, Bei Tag tief durch der Erde Klüfte, Wo hoch der Rache Fackel lodert. Um Mitternacht hoch durch die Lüfte. Fleuch, Unhold, fleuch, und werde jetzt, Im Nacken bleibt ſein Antlitz ſtehn, Von nun an, bis in Ewigkeit, Von Höll und Teufel ſelbſt gehetzt! Zum Schreck der Fürſten jeder Zeit, Die, um verruchter Luſt zu frohnen, Nicht Schöpfer noch Geſchöpf ver⸗ ſchonen!“— Ein ſchwefelgelber Wetterſchein Umzieht hierauf des Waldes Laub. So raſch die Flucht ihn vorwärts reißt. Er muß die Ungehener ſehn, Laut angehetzt vom böſen Geiſt, Muß ſehn das Knirſchen und das Jappen Der Rachen, welche nach ihm ſchnap⸗ pen.— Das iſt des wilden Heeres Jagd, Die bis zum jüngſten Tage währt, Angſt rieſelt ihm durch Mark und Bein! Und oft dem Wüſtling noch bei Nacht Ihm wird ſo ſchwül, ſo dumpf und taub; Zu Schreck und Graus vorüber fährt. Entgegen weht ihm kaltes Grauſen, Dem Nacken folgt Gewitterſauſen. 215. Der Todtentanz. Der Thürmer, der Hinab auf die Gräber Das könnte, müßt er ſonſt nicht ſchweigen, Wohl manches Jägers Mund bezeugen. Gottfried Auguſt Bürger. ſchaut zu Mitten der Nacht in Lage; Der Mond, der hat alles ins Helle gebracht; Der Kirchhof, er liegt Da regt ſich ein Grab wie am Tage. und ein anderes dann: Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann In weißen und ſchleppenden Hemden. 136 Das reckt nun, und will ſich ergötzen ſogleich, Die Knöchel zur Runde, zum Tanze, So arm und ſo jung, und ſo alt und ſo reich; Doch hindern die Schleppen am Tanze, Und weil hier die Scham nun nicht weiter gebeut, So ſchütteln ſich Alle, da liegen zerſtreut Die Hemdelein über den Hügeln. Nun hebt ſich der Schenkel, nun wackelt das Bein, Gebärden da gibt es vertrackte; Dann klipperts und klapperts mitunter hinein, Als ſchlüg man die Hölzlein zum Takte. Das kommt nun dem Thürmer ſo lächerlich vor; Da raunt ihm der Schalk, der Verſucher, ins Ohr: Geh! hole dir einen der Laken. Gethan wie gedacht! und er flüchtet ſich ſchnell Nun hinter geheiligte Thüren. Der Mond und noch immer er ſcheinet ſo hell Zum Tanz, den ſie ſchauerlich führen. Doch endlich verlieret ſich Dieſer und Der, Schleicht Eins nach dem Andern gekleidet einher, Und huſch— iſt es unter dem Raſen. Nur Einer der trippelt und ſtolpert zuletzt Und tappet und grapst an den Grüften; Doch hat kein Geſelle ſo ſchwer ihn verletzt; Er wittert das Tuch in den Lüften. Er rüttelt die Thurmthür, ſie ſchlägt ihn zurück, Geziert und geſegnet, dem Thürmer zum Glück, Sie blinkt von metallnen Kreuzen. Das Hemd muß er haben, da raſtet er nicht, Da gilt auch kein langes Beſinnen: Den gothiſchen Zierat ergreift nun der Wicht Und klettert von Zinne zu Zinnen. Nun iſts um den Armen, den Thürmer gethan! Es ruckt ſich von Schnörkel zu Schnörkel hinan, Langbeinigen Spinnen vergleichbar. Der Thürmer erbleichet, der Thürmer erbebt, Gern gäb er ihn wieder, den Laken. Da häkelt— jetzt hat er am längſten gelebt— Den Zipfel ein eiſerner Zacken. Schon trübet der Mond ſich verſchwindenden Scheins Die Glocke ſie donnert ein mächtiges Eins, Und unten zerſchellt das Gerippe. Joh. Wolfg. v. Gyethe. —— 137 216. Lenore.(m Winter 1773.) Lenore fuhr ums Morgenroth Empor aus ſchweren Träumen: „Biſt untreu, Wilhelm, oder todt? Wie lange willſt du ſäumen?“— Er war mit König Friedrichs Macht Gezogen in die Prager Schlacht, Und hatte nicht geſchrieben, Ob er geſund geblieben. Der König und die Kaiſerin, Des langen Haders müde, Erweichten ihren harten Sinn, Und machten endlich Friede; Und jedes Heer mit Sing und Sang, Mit Paukenſchlag und Kling und Klang, Geſchmückt mit grünen Reiſern, Zog heim zu ſeinen Häuſern. Und überall, all überall, Auf Wegen und auf Stegen, Zog Alt und Jung dem Jubelſchall Der Kommenden entgegen. Gottlob! rief Kind und Gattin laut, Willkommen! manche frohe Braut. Ach! aber für Lenoren War Gruß und Kuß verloren. Sie frug den Zug wohl auf und ab, Und frug nach allen Namen; Doch Keiner war, der Kundſchaft gab, Von Allen, ſo da kamen. Als nun das Heer vorüber war, Zerraufte ſie ihr Rabenhaar, Und warf ſich hin zur Erde Mit wüthiger Geberde. Die Mutter lief wohl hin zu ihr:— „„Ach, daß ſich Gott erbarme!— Du trautes Kind, was iſt mit dir?““ Und ſchloß ſie in die Arme. „O Mutter, Mutter! hin iſt hin! Nun fahre Welt und Alles hin! Bei Gott iſt kein Erbarmen. O weh, o weh mir Armen!“— „„Hilf Gott, hilf! Sieh uns gnädig an, Kind, bet ein Vaterunſer! Was Gott thut, das iſt wohlgethan. Gott, Gott erbarmt ſich unſer!““— „O Mutter, Mutter! Eitler Wahn! Gott hat an mir nicht wohlgethan! Was half, was half mein Beten? Nun iſts nicht mehr vonnöthen.“ „„Hilf Gott, hilf! Wer den Vater kennt, Der weiß, er hilft den Kindern. Das hochgelobte Sacrament Wird deinen Jammer lindern.““ „O Mutter, Mutter! was mich brennt, Das lindert mir kein Sacrament! Kein Sacrament mag Leben Dem Todten wieder geben.“ „„Hör, Kind! wie, wenn derfalſche Mann Im fernen Ungerlande Sich ſeines Glaubens abgethan, Zum neuen Ehebande? Laß fahren, Kind, ſein Herz dahin! Er hat es nimmermehr Gewinn! Wann Seel und Leib ſich trennen, Wird ihn ſein Meineid brennen.““— „O Mutter, Mutter! Hin iſt hin! Verloren iſt verloren! Der Tod, der Tod iſt mein Gewinn! O wär ich nie geboren! Liſch aus, mein Licht, auf ewig aus! Stirb hin, ſtirb hin in Nacht und Graus! Bei Gott iſt kein Erbarmen. O weh, o weh mir Armen!“— „„Hilf Gott! hilf! Geh nicht ins Gericht Mit deinem armen Kinde! Sie weiß nicht, was die Zunge ſpricht. Behalt ihr nicht die Sünde! Ach, Kind, vergiß dein irdiſch Leid, Und denk an Gott und Seligkeit! So wird doch deiner Seelen Der Bräutigam nicht fehlen.“— 138 „O Mutter! was iſt Seligkeit? O Mutter! was iſt Hölle? Bei ihm, bei ihm iſt Seligkeit, Und ohne Wilhelm Hölle!— Liſch aus, mein Licht, auf ewig aus! Stirb hin, ſtirb hin in Nacht und Graus! Ohn ihn mag ich auf Erden, Mag dort nicht ſelig werden“.— So wüthete Verzweifelung Ihr in Gehirn und Adern. Sie fuhr mit Gottes Vorſehung Vermeſſen fort zu hadern; Zerſchlug den Buſen und zerrang Die Hand bis Sonnenuntergang, Bis auf am Himmelsbogen Die goldnen Sterne zogen. Und außen, horch! gings trap trap trap, Als wie von Roſſeshufen; Und klirrend ſtieg ein Reiter ab, An des Geländers Stufen; Und horch! und horch! den Pforten⸗ ring Ganz loſe, leiſe, klinglingling! Dann kamen durch die Pforte Vernehmlich dieſe Worte: „„Holla, holla! Thu auf, mein Kind, Schläfſt Liebchen, oder wachſt du? Wie biſt du gegen mich geſinnt? Und weineſt oder lachſt du?““ „Ach, Wilhelm, du?.. So ſpät bei Nacht? Geweinet hab ich und gewacht; Ach, großes Leid erlitten! Wo kommſt du her geritten?“— „„Wir ſatteln nur um Mitternacht. Weit ritt ich her von Böhmen. Ich habe ſpät mich aufgemacht, Und will dich mit mir nehmen.““ „Ach, Wilhelm, erſt herein geſchwind! Den Hagedorn durchſauſt der Wind, Herein, in meinen Armen, Herzliebſter, zu erwarmen!“— „„Laß ſauſen durch den Hagedorn, Laß ſauſen, Kind, laß ſauſen! Der Rappe ſcharrt; es klirrt der Sporn, Ich darf allhier nicht hauſen. Komm, ſchürze, ſpring und ſchwinge dich Auf meinen Rappen hinter mich! Muß heut noch hundert Meilen Mit dir ins Brautbett eilen.“— „Ach, wollteſt hundert Meilen noch Mich heut ins Brautbett tragen? Und horch! es brummt die Glocke noch, Die elf ſchon angeſchlagen.“— „„Sieh hin, ſieh her! Der Mondſcheint hell, Wir und die Todten reiten ſchnell. Ich bringe dich, zur Wette, Noch heut ins Hochzeitbette““.— „Sag an, wo iſt dein Kämmerlein? Wo? wie dein Hochzeitbettchen?“— „„Weit, weit von hier!... Still, kühl und klein: Sechs Bretter und zwei Brettchen!““— „Hats Raum für mich?“—„Für dich und mich, Komm, ſchürze, ſpring und ſchwinge dich! Die Hochzeitgäſte hoffen; Die Kammer ſteht uns offen““.— Schön Liebchen ſchürzte, ſprang und ſchwang Sich auf das Roß behende; Wohl um den trauten Reiter ſchlang Sie ihre Lilienhände: Und hurre hurre, hop hop hop! Gings fort im ſauſenden Galopp, Daß Roß und Reiter ſchnoben Und Kies und Funken ſtoben. Zur rechten und zur linken Hand, Vorbei vor ihren Blicken, Wie flogen Anger, Haid und Land! Wie donnerten die Brücken!— „„Graut Liebchen auch?...— Der Mond ſcheint hell! Hurrah! die Todten reiten ſchnell! Graut Liebchen auch vor Todten?““— „Ach nein!... Doch laß die Todten!“— 139 Wasklang dort für Geſang und Klang? Was flatterten die Raben?... Horch Glockenklang! horch Todtenſang: „Laßt uns den Leib begraben!“ Und näher zog ein Leichenzug, Der Sarg und Todtenbahre trug. Das Lied war zu vergleichen Dem Unkenxuf in Teichen. „Nach Mitternacht begrabt den Leib, Mit Klang und Sang und Klage! Zetzt führ ich heim mein junges Weib, Mit, mit zum Brautgelage! Komm, Küſter, hier! Komm mit dem Chor, Und gurgle mir das Brautlied vor! Komm, Pfaff, und ſprich den Segen, Eh wir zu Bett uns legen!““ Still Klang und Sang... Die Bahre ſchwand Gehorſam ſeinem Rufen, Kams hurre hurre! nachgerannt, Hart hinters Rappen Hufen. Und immer weiter, hop hop hop! Gings fort im ſauſenden Galopp, Daß Roß und Reiter ſchnoben, Und Kies und Funken ſtoben. Wie flogen rechts, wie flogen links Gebirge, Bäum und Hecken! Wie flogen links, und rechts, und links Die Dörfer, Städt und Flecken! „„Graut Liebchen auch?.. Der Mond ſcheint hell! Hurrah! die Todten reiten ſchnell! Graut Liebchen auch vor Todten?““ „Ach! Laß ſie ruhn, die Todten“.— Sieh da! ſieh da! Am Hochgericht Tanzt um des Rades Spindel, Halb ſichtbarlich bei Mondeslicht, Ein luftiges Geſindel.— „„Saſa! Geſindel, hier! Komm hier! Geſindel, komm und folge mir! Tanz uns den Hochzeitreigen, Wann wir zu Bette ſteigen!““— Und das Geſindel, huſch huſch huſch! Kam hinten nachgepraſſelt, Wie Wirbelwind am Haſelbuſch Durch dürre Blätter raſſelt. Und weiter, weiter, hop hop hop! Gings fort im ſauſenden Galopp, Daß Roß und Reiter ſchnoben! Und Kies und Funken ſtoben. Wie flog, was rund der Mond beſchien, Wie flog es in die Ferne! Wie flogen oben über hin Der Himmel und die Sterne!— „„Graut Liebchen auch?.. Der Mond ſcheint hell, Hurrah! die Todten reiten ſchnell! Grant Liebchen auch vor Todten?““— „O weh! Laß ruhn die Todten!“—— „Rapp! Rapp! Mich dünkt der Hahn ſchon ruft.. Bald wird der Sand verrinnen.. Rapp! Rapp! Ich wittre Morgen⸗ luft. Rapp! Tummle dich von hinnen!— Vollbracht, vollbracht iſt unſer Lauf! Das Hochzeitbette thut ſich auf. Die Todten reiten ſchnelle! Wir ſind, wir ſind zur Stelle““.—— Raſch auf ein eiſern Gitterthor Gings mit verhängtem Zügel. Mit ſchwanker Gert ein Schlag davor Zerſprengte Schloß und Riegel. Die Flügel flogen klirrend auf, Und über Gräber ging der Lauf. Es blinkten Leichenſteine Rund um im Mondenſcheine. Ha ſieh! Ha ſieh! im Augenblick, Huhu, ein gräßlich Wunder! Des Reiters Koller, Stück für Stück, Fiel ab, wie mürber Zunder. Zum Schädel ohne Zopf und Schopf, Zum nackten Schädel ward ſein Kopf; Sein Körper zum Gerippe, Mit Stundenglas und Hippe. Und ſprühte Feuerfunken; Verſchwunden und verſunken. Gehenl! Geheul aus hoher Luft, Gewinſel kam aus tiefer Gruft. Lenorens Herz mit Beben Rang zwiſchen Tod und Leben. Auf ferner, fremder Aue, Da liegt ein todter Soldat, Ein Ungezählter, Vergeßner, Wie brav er gekämpft auch hat. Es reiten viel Generale Mit Kreuzen an ihm vorbei, Denkt Keiner, daß der da lieget Auch werth eines Kreuzleins ſei. Es iſt um manchen Gefallenen Viel Frag und Jammer dort; Doch für den armen Soldaten Doch ferne, wo er zu Hauſe, Da ſitzt, beim Abendroth, Ein Vater voll banger Ahnung Und ſagt:„Gewiß, er iſt todt!“ Und ſchluchzet laut:„Gott helf! Ausgetrocknet zu Gerippen, Vier;— von ihren bleichen Lippen Gehet keine Rede aus, Sitzen ſtarr ſich gegenüber, Blicken immer hohler, trüber. Hoch bäumte ſich, wild ſchnob der Rapp, Und huſch! wars unter ihm hinab Gibts weder Thräne noch Wort.— Da ſitzt eine weinende Mutter Sitzen in des Wahnſinns Haus 140 — Nun tanzten wohl bei Mondenglanz, Rund um herum im Kreiſe, Die Geiſter einen Kettentanz, Und heulten dieſe Weiſe: „Geduld Geduld! Wenns Herz auch bricht! Mit Gott im Himmel hadre nicht! Des Leibes biſt du ledig; Gott ſei der Seele gnädig!“ Gottfried Auguſt Bürger. 217. Der todte Soldat. The most precious tears are those, with which Heaven bedews the unhuried head of a soldier 1). O. Goldamith. Es hat ſich angemeldet: Die Uhr blieb ſtehn um Elf!“ Da ſtarrt ein blaſſes Mädchen Hinaus ins Dämmerlicht: „Und iſt er dahin und geſtorben, Meinem Herzen ſtirbt er nicht!“— Drei Augenpaare ſchicken, So heiß es ein Herz nur kann, Für den armen, todten Soldaten Ihre Thränen zum Himmel hinan. Und der Himmel nimmt die Thränen In einem Wölkchen auf, Und trägt es zur fernen Aue Hinüber im raſchen Lauf; Und gießt aus der Wolke die Thränen Aufs Haupt des Todten als Than, Daß er unbeweint nicht liege Auf ferner, fremder Au. Joh. Gabriel Seitl. 218. Die vier wahnſinnigen Brüder. Doch ſchlägt Mitternacht die Stunde, Sträubet ſich ihr Haar empor, Und dann tönt aus ihrem Munde Jedesmal in dumpfem Chor: Dies irae dies illa Solvet secla in favillach. 1) Die koſtbarſten Thränen ſind diejenigen, mit welchen der Himmel das unbegrabene Haupt eines Kriegers bethaut.— 2) Der Tag bes Zorns, jener Tag wird Jahrhunderte in Aſche auflöſen. 141 Waren einſt vier ſchlimmen Brüder, Aus dem nahen Gotteshaus. Hatten nur gezecht, gelärmt, Laſſet euer Bell'n ihr Hunde!“ Beim Geſang verbuhlter Lieder Schreien ſie aus Satans Munde. Durch die heilge Nacht geſchwärmt; Stürzen die verruchten Wichte Keines freundlichen Berathers Brüllend durch das heilge Thor; Warnung half, kein Wort des Vaters. Aber wie zum Weltgerichte Noch im Sterben ſprach der Alte Tönet hier der ernſte Chor: Zu den ſchlimmen Söhnen vier: Dies irae dies illa Warnt euch nicht der Tod, der kalte? Solvet secla in favilla. Alles führt er fort von hier: Und ihr Mund— weit ſteht er offen, Dies irae dies illa Doch kein Wörtlein aus ihm geht; Solvet secla in favilla. Gottes Zorn hat ſie getroffen, Und er ſprachs und war verſchieden, Jeder wie ein Steinbild ſteht, Jene aber rührt es nicht; Grau die Haare, bleich die Wangen, Doch er ging zum ewgen Frieden, Wahnſinn hat ihr Haupt befangen. Jene, wie zum Hochgericht, Ausgetrocknet zu Gerippen, Treibt es in der Welt Getümmel, Sitzen in des Wahnſinns Haus Nah der Hölle, fern dem Himmel. Nun die Vier,— von ihren Lippen Und gebuhlet und geſchwärmet Gehet keine Rede aus, Ward es wieder lange Jahr, Sitzen ſtarr ſich gegenüber, Andrer Noth ſie nie gehärmet, Blickend immer hohler, trüber. Keinem greiſer ward das Haar. Doch ſchlägt Mitternacht die Stunde, Luſtge Brüder! habt nicht Zweifel: Sträubet ſich ihr Haar empor, Eine Mär iſt Gott und Teufel. Und dann tönt aus ihrem Munde Einſt, als Mitternacht gekommen, Jedesmal in dumpfem Chor: Kehrten taumelnd ſie vom Schmaus; Dies irae dies illa Horch! da tönt Geſang der Frommen Solvet seela in favilla. Juſtinus Kerner. 219. Der Ring des Polykrates*).(n Er ſtand auf ſeines Daches Zinnen,„„Du haſt der Götter Gunſt erfahren! Er ſchaute mit vergnügten Sinnen Die vormals deines Gleichen waren, Auf das beherrſchte Samos hin. Sie zwingt jetzt deines Scepters Macht. „Dies Alles iſt mir unterthänig,“ Doch Einer lebt noch ſie zu rächen: Begann er zu Egyptens König, Dich kann mein Mundnicht glücklich ſprechen, „Geſtehe, daß ich glücklich bin.“— So lang des Feindes Auge wacht.““ *) Den Stoff zu dieſer Romanze hat Schiller aus Herodot entnommen. Polykrates, Beherrſcher der fruchtbaren Inſel Samos(Gietzt Suſam Adaſſi) von 540— 523 v. Chr. war ebenfalls, wie ſein Freund,„Egoptens König“ Amalſis, auf revolutionärem Weg zum Thron gelangt. Wobin er ſeine Waffen trug, da ſiegte erz Freund und Feind plünderte und beraubte er ohne Unterſchied. Amalſis, bekümmert um das Glück des Polykrates, ſchrieb an dieſen:„Wohl iſt es lieblich zu erfahren, daß es einem Freunde und Gaſtverwandten wohl ergehe; doch gefallen mir deine hohen Glücksſtände nicht, nach meiner Kenntniß der Gottheit, wie mißgünſtig ſie iſt. Und ich wünſche für mich und die mir am Herzen liegen, Glück in einem Theil, im andern Anſtoß zu finden, und ſo die ganze Lebenszeit im Wechſel zu ſein, lieber als in Allem Glück zu haben; denn noch von Keinem habe 142 Und, eh der König noch geendet, Das hört der Gaſtfreund mit Entſetzen. Da ſtellt ſich, von Milet geſendet,„„Fürwahr ich muß dich glücklich ſchätzen! Ein Bote dem Tyrannen dar: Doch,““ ſpricht er,„zittr ich für dein Heil: „Laß, Herr, des Opfers Düfte ſteigen, Mir grauet vor der Götter Neide; Und mit des Lorbeers muntern Zweigen Des Lebens ungemiſchte Freude Bekränze dir dein göttlich Haar! Ward keinem Irdiſchen zu Theil. Getroffen ſank dein Feind vom Speere; Auch mir iſt Alles wohlgerathen; Mich ſendet mit der frohen Märe Bei allen meinen Herrſcherthaten Dein treuer Feldherr Polydor“— Begleitet mich des Himmels Huld; Und nimmt aus einem ſchwarzen Becken Doch hatt ich einen theuren Erben, Noch blutig, zu der Beiden Schrecken, Den nahm mir Gott, ich ſah ihn ſterben, Ein wohlbekanntes Haupt hervor. Dem Glück bezahlt ich meine Schuld. Der König tritt zurück mit Grauen. Drum, willſt du dich vor Leid bewahren, „„Doch warn ich dich, d. Glückzu trauen,““ So flehe zu den Unſichtbaren, Verſetzt er mit beſorgtem Blick. Daß ſie zum Glück den Schmerz verleihn. „„Bedenk, auf ungetreuen Wellen— YNoch Keinen ſah ich fröhlich enden, Wie leicht kann ſie der Sturmzerſchellen— Auf den mit immer vollen Händen Schwimmtdeiner Flotte zweifelnd Glück.“ Die Götter ihre Gaben ſtreun. Und, eh er noch das Wort geſprochen, Und wenns die Götter nicht gewähren, Hat ihn der Jubel unterbrochen, So acht auf eines Freundes Lehren Der von der Rhede jauchzend ſchallt. Und rufe ſelbſt das Unglück her, Mit fremden Schätzen, reich beladen, Und, was von allen deinen Schätzen Kehrt zu den heimiſchen Geſtaden Dein Herz am Höchſten mag ergötzen, Der Schiffe maſtenreicher Wald. Das nimm und wirfs in dieſes Meer!““ Der königliche Gaſt erſtaunet: Und Jener ſpricht von Furcht beweget: „„Dein Glück iſt heute gut gelaunet,„Von Allem, was die Inſel heget, Doch fürchte ſeinen Unbeſtand. Iſt dieſer Ring mein höchſtes Gut. Der Kreter waffenkundge Scharen Ihn will ich den Erinnen weihen, Bedräuen dich mit Kriegsgefahren; Ob ſie mein Glück mir dann verzeihen,“ Schon nahe ſind ſie dieſem Strand.“ Und wirft das Kleinod in die Flut. Und, eh ihm noch das Wort entfallen, Und, bei des nächſten Morgens Lichte— Da ſieht mans von den Schiffen wallen, Da tritt mit fröhlichem Geſichte Und tauſend Stimmen rufen:„Sieg! Ein Fiſcher vor den Fürſten hin: Von Feindesnoth ſind wir befreiet,„Herr, dieſen Fiſch hab ich gefangen, Die Kreter hat der Sturm zerſtreuet, Wie keiner noch ins Netz gegangen; Vorbei, geendet iſt der Krieg!“ Dir zum Geſchenke bring ich ihn.“ ich gehört, der nicht zuletzt ein ganz und gar ſchlechtes Ende genommen, wenn er in Allem Glück hatte. Willſt du nun mir folgen, ſo thue alſo gegen dein vieles Glück: Beſinne dich, und was du für dein theuerſtes Gut hältſt, deſſen Verluſt vir am meiſten in der Seele wehe thue, das wirf ſo von dir, daß es nie mehr in Menſchenhände kommen kann. Und wenn von da an dein Glück noch nicht mit Leiden abwechſelt, ſo hilf auf die von mir angegebene Weiſe nach!— Polokrates befahl auf die hohe See zu fahren, dort warf er, fern der Inſel, ſeinen koſtbaren Siegelring ins Meer, den er einige Tage darnach, in der Weiſe, wie der Dichter es mittheilt, wieder erhielt. Ueber dieſes neue Glück ſchrieb er an Amalſis. Dieſer ließ ihm aber durch einen Boten die Gaſtfreundſchaft aufſagen, weil,„wenn ein arges, gewaltiges Geſchick über Polokrates komme, dieſes auch ihm in der Seele weh thue, als um einen Gaſtfreund.“ 143 Und, als der Koch den Fiſch zertheilet, Hier wendet ſich der Gaſt mit Grauſen: Kommt er beſtürzt herbei geeilet„So kann ich ferner hier nicht hanſen, Und ruft mit hocherſtauntem Blick: Mein Freund kannſt du nicht weiter ſein. „Sieh, Herr, den Ring, den du getragen, Die Götter wollen dein Verderben. Ihn fand ich in des Fiſches Magen; Fort eil ich, nicht mit dir zu ſterben““. O, ohne Grenzen iſt dein Glück!“ Und ſprachs und ſchiffte ſchnell ſich ein. Friedrich v. Schiller. 220. Der Taucher*).(7) Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp, Zu tauchen in dieſen Schlund? Einen goldnen Becher werf ich hinab, Verſchlungen ſchon hat ihn der ſchwarze Mund. Wer mir den Becher kann wieder zeigen, Er mag ihn behalten, er iſt ſein eigen“. Der König ſpricht es und wirft von der Höh Der Klippe, die ſchroff und ſteil Hinaushängt in die unendliche See, Den Becher in der Charybde Geherl. „Wer iſt der Beherzte, ich frage wieder, Zu tauchen in dieſe Tiefe nieder?“ *) Der gelehrte Jeſuit Athanaſius Kircher(F zu Rom 1680) erzählt eine Geſchichte, die ihren Haupt⸗ zügen nach wieder in einer Novelle behandelt wurde. Woher Schiller ſeinen Stoff zum„Taucher“ genommen, iſt nicht mit Beſtimmtheit bekannt, obgleich Manche die Kircher'ſche Erzählung für Schiller's Quelle halten. Der umſtändlichern Mittheilung Kircher's entnehmen wir Folgendes; Zur Zeit des König Friedrich(II. 2) von Sicilien lebte ein ſehr berühmter Taucher, Namens Nikolaus, den man wegen ſeiner Gewandtheit im Schwimmen Pesce Cola, d. h. Nikolaus der Fiſch, nannte. Er ſuchte Auſtern und Korallen und verſchaffte ſich durch das daſür erhaltene Geld ſeinen Unterhalt. 4— 5 Tage bintereinander brachte er oft im Meere zu, wo er ſich von rohen Fiſchen nährte. Oeſters ſoll er bis zu den Liparen geſchwommen ſein. Ruderſchiffer fanden ihn manchmal auf der brauſenden See bei Calabrien. Als er in deren Schiff eine gute Mahlzeit genoſſen hatte überließ er ſich wieder den Wellen. Seine Finger ſollen mit einer Schwimmhaut verwachſen geweſen ſein. Der König von Sicilien kam nach Meſſina, wo ihm der merkwürdige Taucher vorgeführt wurde, nachdem man ihn lange auf dem Lande und Waſſer geſucht hatte. Durch ihn wollte der König die Charvbdis(ein von den Alten ſehr gefürchteter Meerſtrudel zwiſchen Calabrien und Sicilien) erforſchen laſſen. Der König befahl ihm hinabzutauchen, und als Nikvlaus die nur ihm allein bekannten Gefohren vorſchützte, da warf der König, ihn zum Wagniß zu ermuthigen, einen goldnen Becher hinab mit dem Verſprechen, er ſolle ihm gehören, wenn er ihn wieder heraufbrächte. Durch das Gold gereiszt, ſtürzte ſich Cola in den Strudel. Drei Viertel⸗ ſtunden harrte der König und die ihn umſtehende Volkemenge. Der Taucher erſchien wieder auf der Oberfläche des Waſſers, hielt im Triumph die Schale in der Hand und ward in den Palaſt des Königs geführt, wo er dieſem die Kunde brachte von all dem Schrecklichen, das er geſehen und wie er die Schale wieder gefunden Das Meer ſei ſo tief, daß es für die Augen eine faſt eimmeriſche Finſterniß darbiete.„Auf die Frage, ob er Muth genug habe, noch einmal den Grund der Charybdis zu unterſuchen, erwiederte er: Rein. Doch überwältigte ihn auch diesmal wieder ein Beutel voll Gold nebſt einer in den Strudel geworfenen koſtbaren Schale. Von Habgier verloct, ſtürzt er ſich zum zweitenmale hinein, kam aber nicht mehr zum Vorſchein. Vielleicht verſchlugen ihn die mächtigen Strömungen in die Felſenlabyrinthe, oder er ward eine Beute der Fiſche, die er ſo ſehr gefürchtet hatte.“ 144 Und die Ritter, die Knappen um ihn her Vernehmens und ſchweigen ſtill, Sehen hinab in das wilde Meer, Und Keiner den Becher gewinnen will. Und der König zum drittenmal wieder fraget: „Iſt Keiner, der ſich hinunter waget?“ Doch Alles noch ſtumm bleibt wie zuvor— Und ein Edelknecht, ſanft und keck, Tritt aus der Knappen zagendem Chor, Und den Gürtel wirft er, den Mantel weg, Und alle die Männer umher und Frauen Auf den herrlichen Jüngling verwundert ſchauen. Und, wie er tritt an des Felſen Hang Und blickt in den Schlund hinab, Die Waſſer, die ſie hinunter ſchlang, Die Charybde jetzt brüllend wiedergab, Und, wie mit des fernen Donners Getoſe, Entſtürzen ſie ſchäumend dem finſtern Schooße. Und es wallet und ſiedet und brauſet und ziſcht, Wie wenn Waſſer mit Feuer ſich mengt, Bis zum Himmel ſpritzet der dampfende Giſcht, Und Flut auf Flut ſich ohn Ende drängt, Und will ſich nimmer erſchöpfen und leeren, Als wollte das Meer noch ein Meer gebären. Doch endlich, da legt ſich die wilde Gewalt, Und ſchwarz aus dem weißen Schaum Klafft hinunter ein gähnender Spalt, Grundlos, als gings in den Höllenraum, Und reißend ſieht man die brandenden Wogen Hinab in den ſtrudelnden Trichter gezogen. Jetzt ſchnell, eh die Brandung wiederkehrt, Der Jüngling ſich Gott befiehlt, Und— ein Schrei des Entſetzens wird rings gehört, Und ſchon hat ihn der Wirbel hinweggeſpült, Und geheimnißvoll über dem kühnen Schwimmer Schließt ſich der Rachen, er zeigt ſich nimmer. Und ſtille wirds über dem Waſſerſchlund, In der Tiefe nur brauſet es hohl, Uud bebend hört man von Mund zu Mund: „Hochherziger Jüngling, fahre wohl!“ Und hohler und hohler hört mans heulen, Und es harrt noch mit bangem, mit ſchrecklichem Weilen. 145 und, wärfſt du die Krone ſelber hinein Und ſprächſt: Wer mir bringet die Kron, Er ſoll ſie tragen und König ſein! Mich gelüſtete nicht nach dem theuren Lohn. Was die heulende Tiefe da unten verhehle, Das erzählt keine lebende glückliche Seele. Wohl manches Fahrzeug, vom Strudel gefaßt, Schoß jäh in die Tiefe hinab; Doch zerſchmettert nur rangen ſich Kiel und Maſt Hervor aus dem Alles verſchlingenden Grab— Und heller und heller, wie Sturmes Sauſen, Hört mans näher und immer näher brauſen. Und es wallet und ſiedet und brauſet und ziſcht, Wie wenn Waſſer mit Feuer ſich mengt, Bis zum Himmel ſpritzet der dampfende Giſcht, und Well auf Well ſich ohn Ende drängt, Und, wie mit des fernen Donners Getoſe, Entſtürzt es brüllend dem finſtern Schooße. Und, ſieh! aus dem finſter flutenden Schooß, Da hebet ſichs ſchwanenweiß, Und ein Arm und ein glänzender Nacken wird bloß Und es rudert mit Kraft und mit emſigem Fleiß, Und er iſts und hoch in ſeiner Linken Schwingt er den Becher mit freudigem Winken— Und athmete lang und athmete tief Und begrüßte das himmliſche Licht. Mit Frohlocken es Einer dem Andern rief: „Er lebt! er iſt da! es behielt ihn nicht! Aus dem Grab, aus der ſtrudelnden Waſſerhöhle Hat der Brave gerettet die lebende Seele“. Und er kommt, es umringt ihn die jubelnde Schar; Zu des Königs Füßen er ſinkt, Den Becher reicht er ihm knieend dar, Und der König der lieblichen Tochter winkt, Die füllt ihn mit funkelndem Wein bis zum Rande; Und der Jüngling ſich alſo zum König wandte: „Lang lebe der König! Es freue ſich, Wer da athmet im roſigen Licht! Da unten aber iſts fürchterlich, Und der Menſch verſuche die Götter nicht und begehre nimmer und nimmer zu ſchauen, Was ſie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen! Schenckel's Blüten, 2r Theil. Mte ſ. verm. Aufl. 10 146 Es riß mich hinunter blitzesſchnell: Da ſtürzt mir aus felſigem Schacht Wildflutend entgegen ein reißender Quell; Mich packte des Doppelſtroms wüthende Macht, Und wie einen Kreiſel, mit ſchwindelndem Drehen Trieb michs um, ich konnte nicht widerſtehen. Da zeigte mir Gott, zu dem ich rief, In der höchſten, ſchrecklichen Noth, Aus der Tiefe ragend ein Felſenriff, Das erfaßt ich behend und entrann dem Tod. Und da hing auch der Becher an ſpitzen Korallen, Sonſt wär er ins Bodenloſe gefallen. Denn unter mir lags noch bergetief In purpurner Finſterniß da, Und, obs hier dem Ohre gleich ewig ſchlief, Das Auge mit Schaudern hinunter ſah, Wie's von Salamandern und Molchen und Drachen Sich regt in dem furchtbaren Höllenrachen. Schwarz wimmelten da, in grauſem Gemiſch, Zu ſcheuslichen Klumpen geballt, Der ſtachlichte Roche, der Klippenfiſch, Des Hammers gräuliche Ungeſtalt, Und dräuend wies mir die grimmigen Zähne Der entſetzliche Hay, des Meeres Hyäne. Und da hing ich und wars mir mit Grauſen bewußt, Von der menſchlichen Hilfe ſo weit, Unter Larven die einzige fühlende Bruſt, Allein in der gräßlichen Einſamkeit, Tief unter dem Schall der menſchlichen Rede Bei den Ungeheuern der traurigen Oede. Und ſchaudernd dacht ichs, da krochs heran, Regte hundert Gelenke zugleich, Will ſchnappen nach mir; in des Schreckens Wahn Laß ich los der Koralle umklammerten Zweig, Gleich faßt mich der Strudel mit raſendem Toben; Doch es war mir zum Heil, er riß mich nach oben“. Der König darob ſich verwundert ſchier Und ſpricht:„Der Becher iſt dein, Und dieſen Ring noch beſtimm ich dir Geſchmückt mit dem köſtlichſten Edelgeſtein, Verſuchſt dus noch einmal und bringſt mir Kunde, Was du ſahſt auf des Meeres tiefunterſtem Grunde“. 147 Das hörte die Tochter mit weichem Gefühl, Und mit ſchmeichelndem Munde ſie fleht: „Laßt, Vater, genug ſein das grauſame Spiel! Er hat euch beſtanden, was Keiner beſteht, Und, könnt ihr des Herzens Gelüſte nicht zähmen, So mögen die Ritter den Knappen beſchämen“. Drauf der König greift nach dem Becher ſchnell, In den Strudel ihn ſchleudert hinein: „Und ſchaffſt du den Becher mir wieder zur Stell, So ſollſt du der trefflichſte Ritter mir ſein, Und ſollſt ſie als Ehgemahl heut noch umarmen, Die jetzt für dich bittet mit zartem Erbarmen“. Da ergreifts ihm die Seele mit Himmelsgewalt, Und es blitzt aus den Augen ihm kühn, und er ſiehet erröthen die ſchöne Geſtalt Und ſieht ſie erbleichen und ſinken hin— Da treibts ihn den köſtlichen Preis zu erwerben, Und ſtürzt hinunter auf Leben und Sterben.— Wohl hört man die Brandung, wohl kehrt ſie zurück, Sie verkündigt der donnernde Schall, Da bückt ſichs hinunter mit liebendem Blick— Es kommen, es kommen die Waſſer all, Sie rauſchen herauf, ſie rauſchen nieder— Den Jüngling bringt keines wieder. Friedrich v. Schiller. 225 Bürgſchaft. u7080 Zu Dionys, dem Tyrannen, ſchlich Möros, den Dolch im Gewande; Ihn ſchlugen die Häſcher in Bande. „Was wollteſt du mit dem Dolche, ſprich!“ Entgegnet ihm finſter der Wütherich.— „„Die Stadt vom Tyrannen befreien!““ „Das ſollſt du am Kreuze bereuen“.— „„Ich bin,““ ſpricht Jener,„„zu ſterben bereit Und bitte nicht um mein Leben, Doch, willſt du Gnade mir geben— Ich flehe dich um drei Tage Zeit, Bis ich die Schweſter dem Gatten gefreit— Ich laſſe den Freund dir als Bürgen, Ihn magſt du, entrinn ich, erwürgen““. 10 148 Da lächelt der König mit arger Liſt Und ſpricht nach kurzem Bedenken: „Drei Tage will ich dir ſchenken; Doch, wiſſe! wenn ſie verſtrichen, die Friſt, Eh du zurück mir gegeben biſt, So muß er ſtatt deiner erblaſſen, Doch dir iſt die Strafe erlaſſen“. Und er kommt zum Freunde:„Der König gebeut, Daß ich am Kreuz mit dem Leben Bezahle das frevelnde Streben; Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit, Bis ich die Schweſter dem Gatten gefreit. So bleib du dem König zum Pfande, Bis ich komme, zu löſen die Bande““. Und ſchweigend umarmt ihn der treue Freund Und liefert ſich aus dem Tyrannen; Der Andere ziehet von dannen. Und, ehe das dritte Morgenroth ſcheint, Hat er ſchnell mit dem Gatten die Schweſter vereint, Eilt heim mit ſorgender Seele, Damit er die Friſt nicht verfehle. Da gießt unendlicher Regen herab, Von den Bergen ſtürzen die Quellen, Und die Bäche, die Ströme ſchwellen, Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab— Da reißet die Brücke der Strudel hinab, Und donnernd ſprengen die Wogen Des Gewölbes krachenden Bogen. Und troſtlos irrt er an Ufers Rand: Wie weit er auch ſpähet und blicket Und die Stimme, die rufende, ſchicket, Da ſtößet kein Nachen vom ſichern Strand, Der ihn ſetzet an das gewünſchte Land, Kein Schiffer lenket die Fähre, Und der wilde Strom wird zum Meere. Da ſinkt er ans Uufer und weinet und fleht, Die Hände zum Zeus erhoben: „„O, hemme des Stromes Toben! Es eilen die Stunden, im Mittag ſteht Die Sonne, und, wenn ſie niedergeht, Und ich kann die Stadt nicht erreichen, So muß der Freund mir erbleichen““. 149 Doch wachſend erneut ſich des Stromes Wuth, Und Welle auf Welle zerrinnet, Und Stunde an Stunde entrinnet, Da treibt ihn die Angſt, da faßt er ſich Muth Und wirft ſich hinein in die brauſende Flut Und theilt mit gewaltigen Armen Den Strom— und ein Gott hat Erbarmen— Und gewinnt das Ufer und eilet fort Und danket dem rettenden Gotte; Da ſtürzet die raubende Rotte Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort, Den Pfad ihm ſperrend, und ſchnaubet Mord Uund hemmet des Wanderers Eile Mit drohend geſchwungener Keule. „„Was wollt ihr?““ ruft er, vor Schrecken bleich, „Ich habe Nichts als mein Leben, Das muß ich dem Könige geben!““ Und entreißt die Keule dem Nächſten gleich: „Um des Freundes Willen erbarmet euch!““ Und drei, mit gewaltigen Streichen, Erlegt er, die Andern entweichen. Und die Sonne verſendet glühenden Brand, Und von der unendlichen Mühe Ermattet ſinken die Knie— „O, haſt du mich gnädig aus Räubershand, Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land, Und ſoll hier verſchmachtend verderben, Und der Freund mir, der liebende, ſterben!““ Und, horch! da ſprudelt es ſilberhell, Ganz nahe, wie rieſelndes Rauſchen, Und ſtille hält er, zu lauſchen, Und ſieh, aus dem Felſen geſchwätzig, ſchnell, Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell, Und freudig bückt er ſich nieder Und erfriſchet die brennenden Glieder. Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün Und malt auf den glänzenden Matten Der Bäume gigantiſche Schatten; Und zwei Wanderer ſieht er die Straße ziehn, Will eilenden Laufes vorüberfliehn, Da hört er die Worte ſie ſagen: „Jetzt wird er ans Kreuz geſchlagen“. 150 Und die Angſt beflügelt den eilenden Fuß, Ihn jagen der Sorge Qualen, Da ſchimmern in Abendroths Strahlen Von ferne die Zinnen von Shrakus Und entgegen kommt ihm Philoſtratus, Des Hauſes redlicher Hüter, Und erkennet entſetzt den Gebieter: „Zurück! du retteſt den Freund nicht mehr, So rette das eigene Leben! Den Tod erleidet er eben. Von Stunde zu Stunde gewartet er Mit hoffender Seele der Wiederkehr, Ihm konnte den muthigen Glauben Der Hohn des Tyrannen nicht rauben“.— „„Und iſt es zu ſpät, und kann ich ihm nicht Als Retter willkommen erſcheinen, So ſoll mich der Tod ihm vereinen. Deß rühme der blutge Tyrann ſich nicht, Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht, Er ſchlachte der Opfer zweie Und glaube an Liebe und Treue!““ Und die Sonne geht unter— da ſteht er am Thor Und ſieht das Kreuz ſchon erhöhet, Das die Menge gaffend umſtehet; An dem Seile ſchon zieht man den Freund empor, Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor: „„Mich, Henker!““ ruft er,„„erwürget! Da bin ich, für den er gebürget!““ Und Erſtaunen ergreift das Volk umher, In den Armen liegen ſich Beide Und weinen vor Schmerzen und Frende. Da ſieht man kein Auge thränenleer, Und zum Könige bringt man die Wundermär; Der fühlt ein menſchliches Rühren, Läßt ſchnell vor den Thron ſie führen.— Und blicket ſie lange verwundert an. Drauf ſpricht er:„Es iſt euch gelungen, Ihr habt das Herz mir bezwungen, Und die Treue, ſie iſt doch kein leerer Wahn, So nehmet auch mich zum Genoſſen an: Ich ſei,— gewährt mir die Bitte, In eurem Bunde der Dritte!“ Friedrich v. Schiller. 151 222. Der getrene Eckart. O wären wir weiter, o wär ich zu Haus! Sie kommen. Da kommt ſchon der nächtliche Graus. Sie ſinds, die unholdigen Schweſtern. Sie ſtreifen heran und ſie finden uns hier, Sie trinken das mühſam geholte, das Bier, Und laſſen nur leer uns die Krüge. So ſprechen die Kinder und drücken ſich ſchnell; Da zeigt ſich vor ihnen ein alter Geſell: „Nur ſtille, Kind! Kinderlein, ſtille! Die Hulden, ſie kommen von durſtiger Jagd, Und laßt ihr ſie trinken, wie's Jeder behagt, Dann ſind ſie euch hold, die Unholden.“ Geſagt ſo geſchehn; und da naht ſich der Graus, Und ſiehet ſo grau und ſo ſchattenhaft aus, Doch ſchlürft es und ſchlampft es aufs Beſte. Das Bier iſt verſchwunden, die Krüge ſind leer; Nun ſauſt es und brauſt es, das wüthige Heer, Ins weite Gethal und Gebirge. Die Kinberlein ängſtlich gen Hanſe ſo ſchnell, Geſellt ſich zu ihnen der fromme Geſell: „Ihr Püppchen, nur ſeid mir nicht traurig!“— „Wir kriegen nun Schelten und Streich bis aufs Bl t.““— „Nein keineswegs, Alles geht herrlich und gut, Nur ſchweiget und horchet wie Mäuslein. Und der es euch anräth, und der es befiehlt, Er iſt es, der gern mit den Kinderlein ſpielt, Der alte Getreue, der Eckart. Vom Wundermann hat man euch immer erzählt; Nur hat die Beſtätigung jedem gefehlt, Die habt ihr nun köſtlich in Händen.“ Sie kommen nach Hauſe, ſie ſetzen den Krug Ein jedes den Eltern beſcheiden genug, Und harren der Schläg und der Schelten. Doch ſiehe! man koſtet: ein herrliches Bier! Man trinkt in die Runde ſchon dreimal und vier, Und noch nimmt der Krug nicht ein Ende. Das Wunder, es dauert zum morgenden Tag! Doch fraget, wer immer zu fragen vermag: Wie iſts mit den Krügen ergangen? Die Mäuslein, ſie lächeln, im Stillen ergötzt; Sie ſtammeln und ſtottern und ſchwatzen zuletzt, Und gleich ſind vertrocknet die Krüge. 152 Und wenn euch, ihr Kinder, mit treuem Geſicht Ein Vater, ein Lehrer, ein Aldermann ſpricht, So horchet und folget ihm pünktlich! Und liegt auch das Zünglein in peinlicher Hut, Verplaudern iſt ſchädlich, verſchweigen iſt gut: Dann füllt ſich das Bier in den Krügen.. Joh. Wolfg. v. Goethe. 223. Das Rieſenſpielzeng. Burg Niedeck iſt im Elſaß der Sage wohlbekannt, Die Höhe, wo vor Zeiten die Burg der Rieſen ſtand; Sie ſelbſt iſt nun verfallen, die Stätte wüſt und leer, Du frageſt nach den Rieſen, du findeſt ſie nicht mehr. Einſt kam das Rieſenfräulein aus jener Burg hervor, Erging ſich ſonder Wartung und ſpielend vor dem Thor, Und ſtieg hinab den Abhang bis in das Thal hinein, Neugierig zu erkunden, wie's unten möchte ſein. Mit wen'gen raſchen Schritten durchkreuzte ſie den Wald, Erreichte gegen Haslach das Land der Menſchen bald, Und Städte dort und Dörfer und das beſtellte Feld Erſchienen ihren Augen gar eine fremde Welt. Wie jetzt zu ihren Füßen ſie ſpähend niederſchaut, Bemerkt ſie einen Bauer, der ſeinen Acker baut; Es kriecht das kleine Weſen einher ſo ſonderbar, Es glitzert in der Sonne der Pflug ſo blank und klar. „Ei! artig Spielzeng!“ ruft ſie,„das nehm ich mit nach Haus“. Sie knieet nieder, ſpreitet behend ihr Tüchlein aus, Und feget mit den Händen, was da ſich alles regt, Zu Haufen in das Tüchlein, das ſie zuſammen ſchlägt; Und eilt mit freudgen Sprüngen, man weiß, wie Kinder ſind, Zur Burg hinan und ſuchet den Vater auf geſchwind: „Ei, Vater, lieber Vater, ein Spielding wunderſchön! So Allerliebſtes ſah ich noch nie auf unſern Höhn“. Der Alte ſaß am Tiſche und trank den kühlen Wein, Er ſchaut ſie an behaglich, er fragt das Töchterlein: „Was Zappeliches bringſt du in deinem Tuch herbei? Du hüpfeſt ja vor Freuden; laß ſehen, was es ſei.“ Sie ſpreitet aus das Tüchlein und fängt behutſam an Den Bauer aufzuſtellen, den Pflug und das Geſpann; Wie alles auf dem Tiſche ſie zierlich aufgebaut, So klatſcht ſie in die Hände und ſpringt und jubelt laut. — 153 Der Alte wird gar ernſthaft und wiegt ſein Haupt und ſpricht: Was haſt du angerichtet? Das iſt kein Spielzeug nicht; Wo du es hergenommen, da trag es wieder hin, Der Bauer iſt kein Spielzeug, was kommt dir in den Sinn! Sollſt gleich und ohne Murren erfüllen mein Gebot; Denn wäre nicht der Bauer, ſo hätteſt du kein Brot; Es ſprießt der Stamm der Rieſen aus Bauernmark hervor, Der Baueriſt kein Spielzeug, da ſei uns Gott davor!“ Burg Niedeck iſt im Elſaß der Sage wohlbekannt, Die Höhe, wo vor Zeiten die Burg der Rieſen ſtand; Sie ſelbſt iſt nun verfallen, die Stätte wüſt und leer, Und fragſt du nach den Rieſen, du findeſt ſie nicht mehr. Adalbert v. Chamiſſo. 224. Der Schreinergeſell. Mi¹) Hamberch) hätti glernt, ſo ſo, la la; Doch ſtoht mers Trinke gar viel beſſer a, As*s Schaffe, ſell bikenni) frei und frank, Der Rucke bricht mer ſchier am Hobelbank! Drum het mer d' Muetter mengmol prophezeiht: „Du chunnſch ²) ke Meiſter über wit und breit!“ Z'letzt hani's) ſelber glaubt und denkt: Iſchs ſo, Wie wird mer echterſt) in der Fremde go* ¹) S Wie iſch mers gange? Numme 5) z'guet! J ha 8 In wenig Wuche ſiebe Meiſter gha). O Müetterli, wie falſch heſch prophezeiht, I chömm kei Meiſter über heſch mer g'ſeit). Joh. Peter Hebel. — 225. Die Woche eines Fleißigen. Des Sonntags, ſchon Kapitel Moſes ſprichts, Ruh aus und thu um Gotteswillen Nichts; Gott, der die ganze Welt geſchaffen hat, Am Sonntag doch nicht einen Strich mehr that; Drum wird ein Menſch, der gar NRichts hat gethan, Doch wohl kein größer Recht nicht wollen han. O nein, mit Gott fang ich die Woche an, Und thue Nichts, ſo viel ich möglichſt kann. 1) Mein.— 2) Se 3) bekenn ich.— 4) bekommſt.— 5) hab ichs.— 50 wohl.— 7 gehen.— 8) nur.— 9) gehabt.— 10 geſagt. 154 Seitdem wir Montag im Kalender leſen, Iſt auch ein blauer Montag Brauch geweſen, Und da ich mal ein deutſches Weſen bin, So geb ich mich auch dieſer Mode hin. Ich will doch lieber leiden als verſchulden, Und gute Chriſten können ſehr viel dulden,— Ein Deutſcher kanns auch ohne Chriſtenthum,— Drum, guter, blauer Montag, ſei mein Ruhm. Der Dienſtag thut die Arbeit in ſich tragen, Sein Name thuts, wozu ſoll ich mich plagen? Der Nam iſt da, wozu die Sache auch? Das wäre wiederum kein deutſcher Brauch.— S iſt juſt, als wenn ein Rath noch rathen muß. Nein, allzuviel wird immer Ueberfluß. Und ſelbſt zu vieler Fleiß iſt Uebermuth: Bewahr mich, lieber Gott, vor Arbeitswuth! Der Mittwoch gibt, Gott Lob Gelegenheit Zu einer wahrhaft deutſchen Thätigkeit: An dieſem Mittwoch überleg ich ſtill, Was ich gethan hab und noch thuen will; Und wenn betrachtungsvoll ich dann ſo weit Mit meiner Zukunft und Vergangenheit, Mit dieſem Geſtern, jenem Morgen bin Iſt— hoff ich— gegenwärtger Mittwoch hin. Der Donnerſtag muß wohl, das ſeh ich ein, Dem Fleiße ungemein gefährlich ſein! Selbſt die Natur ſträubt ſich dawider klärlich: An Tagen, wo es donnert, iſts gefährlich,— So wills die Lehre von den Donnerſchlägen— Sich je zu ſtellen, ſetzen, noch bewegen: Drum, möglicher Naturerſcheinung wegen, Werd ich mich Morgens gleich zu Bette legen. Und wenn der Freitag kommt und ſchreit: frei heiß ich! So ſchrei ich ihm zur Antwort: ſchön, das weiß ich; Drum bin ich auch ſo frei, gar Nichts zu thun, Die freien Deutſchen liebten auch zu ruhn. Wer ſo, wie ich, die ganze Woche fleißig, Dem fällt auch ſicher ohne das: frei heiß ich! Schon ſo etwas auf eignen Antrieb ein: Deutſchland zu Ehren muß ich faul heut ſein. Und wer die ganze Woche Nichts gethan, Will auch Sonnabend ſeine Ruhe han, Und wenn auch dieſer ſich den Kehrtag nennt, Iſt Liegenlaſſen doch ein deutſch Talent. 155 Ich hätte dieſen Tag ſehr viel gethan, Allein er fängt ja ſchon mit Ab end an; Da ſeh ich nicht, wie ich mich anders rette, Als daß ich auf den Sonntag wart im Bette. Nutzanwendung: Man ſieht hieraus: da Iſt lauter Müh und Plag s Erdenleben 7 Wann wirds hienieden endlich geben Mal einen Ruhetag?!— Chriſtian Friedr. Scherenberg. 226. Wächter und Bürgermeiſter. In einer Stadt ein Wächter war, Wo? hab ich nicht gefunden, Der blies da ſchon manch liebes Jahr Des Nachts und rief die Stunden, Und zwar war das ſein Methodus: Er that das Horn ans Maul und blus, Und dann pflegt er zu ſagen: „Das Glock hat Zehn geſchlagen“. Einmal nun, eh er ſichs verſah, War Wipp, der Rathhausdiener, dat „Gleich marſch zum Bürgermeiſter!“ „Was ruft er denn ſo falſch unddumm? Der Glock heißts, Bärenhäuter! Denn Glock iſt genris masculum, Drum ruf er alſo weiter.““ „Ihr Excellenz und Hochgeborn Han in der Stadt zu ſchalten, Sonſt hätt ich faſt ein Wort verlorn: Der Glock reimt nicht zu meinem Horn, Drum will ich Das Glock halten.“ „Was7 Er will noch bei ſolcher That Gar wider den hochweiſen Rath Ein Wort und Obſtat wagen? Nun gehts ihm an den Kragen! Das Genus hat er uns verhunzt, All unſre Ehr zerreißt Er, Und bringt mich da in ſolche Brunſt?““ „Der Glock, Herr Bürgermeiſter!“ Matthias Claudius. 227. Hans Theuerlich. Mich dünkt es war ganz neuerlich Ein Wirth, der hieß Hans Theuerlich. Sein Braten war nicht käuerlich; Sein Wein war etwas ſäuerlich. Drei Wandrer traten da herein, Die riefen:„Wirth, nun ſchenk uns ein! Wir wurden müd im Sonnenſchein; Drum gib uns echten, guten Wein!“ Hans Theuerlich lief ſchlau und fein Zum Keller mit dem Krug von Stein. Dort ſtand ein Faß mit ſaurem Wein, Und neben floß der tiefe Rhein. Bedachtſam wie in eine Nuß Zapft er vom Weine mit Verdruß, Läßt dann herein in vollem Schuß Den hochberühmten klaren Fluß. Er bringt den Wein den Gäſten dar Und ſchwört bei ſeiner Ehr fürwahr, Daß Wein ſo rein, ſo hell, ſo klar, Noch nie in einem Faſſe war. Die durſtgen Drei, ſie freuen ſich; Sie danken erſt Hans Theuerlich, Und trinken drauf ganz feierlich Den Wein, ſo matt und ſäuerlich. 156 Wohl warfen ſie die Becher fort; Die drehen gar behendiglich Doch ſchwört der Wirth bei ſeinem Wort: Im Becher dort inwendig ſich; Der Wein ſei von der beſten Sort, Es ward darum elendiglich Ein wahrer echter Niblungshort, Der Wirth verlacht beſtändiglich. Und ſchenket dann noch einmal ein Sie zahlten ihm den Wein nicht ſchlecht, Den Gäſten von dem klaren Wein. Auf daß er ſtets der Fiſch gedächt. Doch ſieh! Drei Fiſchlein, nett und klein, Er thats nicht mehr; doch hör ich recht, Die hüpfen aus dem Krug herein. So iſt gar groß des Wirths Geſchlecht. Pocci 228. Der Schneiderjunge von Krippſtedt. In Krippſtedt wies ein Schneiderjunge Dem Bürgermeiſter einſt die Zunge: Es war im Jahr Eintauſend ſiebenhundert. Der Bürgermeiſter ſehr ſich wundert Und findt es wider den Reſpect, Weshalb er in den Thurm ihn ſteckt. Es war nach der Nachmittagpredigt, Die Kirche noch nicht ganz erledigt, Am heilgen Trinitatis⸗Tag: Da geſchah auf einmal ein großer Schlag! Es ſchlug, mit Gedonner, im Wetterſturm Der Blitz in denſelben Sankt Niclasthurm. Der Schreck durchfährt die ganze Stadt,. Die kaum ſich vom Brand erhoben hat. Was innen iſt im Gotteshaus, Das dringt mit aller Gewalt heraus: Was außen iſt, das will hinein!— Da ſieht man auf einmal Flammenſchein Von außen an des Thurmes Spitze: Da rief man:„Feuer! Waſſer! Wo iſt die Spritze?“— — Die Spritze, ja, die iſt dicht dabei; Doch Kaſten und Röhren ſind entzwei!— Wie ſaure Milch läuft Alles zuſammen: Man ſchreit und blickt auf die Feuerflammen. Dazwiſchen,— es war ein böſer Tag,— Hallt mancher Donner⸗ und Wetterſchlag!— Nun ſammelt ſich der Magiſtrat, 3 Und Jeder weiß etwas, nur Keiner weiß Rath! 6 Der Bürgermeiſter, ein weiſer Mann, Sieht ſich das Ding bedenklich an Und ſpricht: Hört mich, wir zwingens nicht! Der Thurm brennt nieder, wie ein Licht. Es kommt, wer hätte das gedacht ſich, Wie Anno ſechzehnhundertachtzig! 157 Erſt brennt der Thurm, die Kirche, die Stadt ſodann; Drum iſt mein Rath: rett Jeder, was er kann!— Da laufen die Bürger; mit aller Kraft Ein Jeder das Seine zuſammenrafft. Das iſt ein Gerenn, wie fliegen die Zöpfe, Wie ſtoßen zuſammen die Puderköpfe! Auf einmal— was krappelt dort aus dem Loch Am Thurm?— Der Junge!— Nein!— und doch! Er iſts, er klettert zu Thurmes Spitze— Der Schlingel!— Er nimmt vom Kopf die Mütze, Er ſchlägt auf das Feuer und— daß dich der Daus! Er löſcht es mit ſeiner Mütze aus! Er tupft am ganzen Thurm umher, Man ſieht nicht eine Flamme mehr! Und während Alle jubelnd ſchrein, Schlüpft er von neuem ins Loch hinein. Er ſcheut des Magiſtrates Weſen Und ſitzt, als wär gar Nichts geweſen.— Das mehrt den Jubel, die Bürger alle Rufen ihm„Vivat!“ mit großem Schalle; Der Bürgermeiſter aber ſpricht, Indem ſein großer Zorn ſich bricht: Holt ihn heraus, ich erzeig ihm Ehr, Und thu für ihn zeitlebens mehr!— .„Da kommt er ganz rußig, der Knirps, der Zwerg! Hoch lebe der kleine Liewenberg!“— Der Bürgermeiſter ſprach:„komm Junge, Streck noch einmal heraus die Zunge! Ich leg dir lauter Dukaten drauf! So, ſperr den Mund recht angelweit auf! Nur immer mehr heraus gereckt!— Wir haben Alle vor dir Reſpect, Und morgen wird, daß Nichts manquirt, Die große Spritze hier probirt Und, was entzwei iſt, reparirt!“— Anguſt Kopiſch. † 229. Der rechte Barbier. „Und ſoll ich nach Philiſterart Holla! Herr Wirth, mein Pferd! macht fort! Mir Kinn und Wange putzen, Ihm wird der Hafer frommen. So will ich meinen langen Bart Habt ihr Barbierer hier im Ort? Den letzten Tag noch nutzen. Laßt gleich den rechten kommen! Ja, ärgerlich, wie ich nun bin, Waldaus, waldein,— verfluchtes Land!— Vor meinem Groll, vor meinem Kinn Ich ritt die Kreuz und Quer und fand Soll Mancher noch erzittern.“— Doch nirgends noch den rechten.— Tritt her, Bartputzer! aufgeſchaut! Du ſollſt den Bart mir kratzen; Doch kitzlich ſehr iſt meine Haut; Ich biete hundert Batzen; Nur, machſt du nicht die Sache gut, Und fließt ein einzig Tröpflein Blut,— Fährt dir mein Dolch ins Herze“.— Das ſpitze, kalte Eiſen ſah Man auf dem Tiſche blitzen Und dem verwünſchten Ding gar nah Auf ſeinem Schemel ſitzen Den grimmgen, ſchwarzbehaarten Mann Im ſchwarzen, kurzen Wamms, woran Noch ſchwärzre Troddeln hingen. Dem Meiſter wirds zu grauſig faſt: Er will das Meſſer wetzen, Er ſieht den Dolch, er ſieht den Gaſt, Es packt ihn das Entſetzen; Er zittert wie das Espenlaub, Er macht ſich plötzlich aus dem Staub Und ſendet den Geſellen. „Ein hundert Batzen mein Gebot, Falls du die Kunſt beſitzeſt; Doch merk es dir: dich ſtech ich todt, So du die Haut mir ritzeſt“. Und der Geſell:„„Den Teufel auch! Das iſt des Landes nicht der Brauch““. Er läuft und ſchickt den Jungen. „Biſt du der rechte, kleiner Molch? Friſch auf! fang an zu ſchaben! Hier iſt das Geld,— hier iſt der Dolch: Das Beides iſt zu haben; 158 Und ſchneideſt,— ritzeſt du mich bloß, So geb ich dir den Gnadenſtoß; Du wäreſt nicht der Erſte“. Der Junge denkt der Batzen, druckſt Nicht lang, und ruft verwegen: „„Nur ſtill geſeſſen! nicht gemuckſt! Gott geb euch ſeinen Segen!““ Er ſeift ihn ein ganz unverdutzt, Er wetzt, er ſtutzt, er kratzt, er putzt.— „„Gottlob! nun ſeid ihr fertig!““— „Nimm, kleiner Knirps, dein Geld nur hin; Du biſt ein wahrer Teufel! Kein Andrer mochte den Gewinn, Du hegteſt keinen Zweifel; Es kam dir nicht das Zittern an, Und wenn ein Tröpflein Blutes rann, So ſtach ich dich doch nieder!“ „„Ei! guter Herr, ſo ſtand es nicht; Ich hielt Euch an der Kehle: Verzucktet ihr nur das Geſicht, Und ging der Schnitt mir fehle, So ließ ich Euch dazu nicht Zeit. Entſchloſſen war ich und bereit, Die Kehl Euch abzuſchneiden.““ „So, ſo! Ein ganz verwünſchter Spaß!“— Dem Herrn wards unbehäglich; Er wurd auf einmal leichenblaß Und zitterte nachträglich. „So, ſo! das hatt ich nicht bedacht; Doch hat es Gott noch gut gemacht; Ich will mirs aber merken“. Adalbert v. Chamiſſv. 230. Schwübiſche Kunde. Als Kaiſer Rothbart lobeſam Zum heilgen Land gezogen kam, Da mußt er mit dem frommen Heer Durch ein Gebirge wüſt und leer. Daſelbſt erhub ſich große Noth, Viel Steine gabs und wenig Brot, Und mancher deutſche Reitersmann Hat dort den Trunk ſich abgethan, Den Pferden wars ſo ſchwach im Magen, Faſt mußt' der Reiter die Mähre tragen. Nun war ein Herr aus Schwabenland, Von hohem Wuchs und ſtarker Hand, Deß Rößlein war ſo krank und ſchwach, Er zog es nur am Zaume nach, Er hätt es nimmer aufgegeben Und koſtets ihn das eigne Leben. —.—————————— So blieb er bald ein gutes Stück Hinter dem Heereszug zurück, Da ſprengten plötzlich in die QOuer Fünfzig türkiſche Reiter daher, Die huben an, auf ihn zu ſchießen, Nach ihm zu werfen mit den Spießen. Der wackre Schwabe forcht ſich nit, Ging ſeines Weges Schritt vor Schritt, Ließ ſich den Schild mit Pfeilen ſpicken Und thät nur ſpöttiſch um ſich blicken, Bis Einer, dem die Zeit zu lang, Auf ihn den krummen Säbel ſchwang. Da wallt dem Deutſchen auch ſein Blut, Er trifft des Türken Pferd ſo gut, Er haut ihm ab mit Einem Streich Die beiden Vorderfüß zugleich. Als er das Thier zu Fall gebracht, Da faßt er erſt ſein Schwert mit Macht, Er ſchwingt es auf des Reiters Kopf, Haut durch bis auf den Sattelknopf, 159 Haut auch den Sattel noch in Stücken Und tief noch in des Pferdes Rücken; Zur Rechten ſieht man, wie zur Linken, Einen halben Türken herunterſinken. Da packt die Andern kalter Graus, Sie fliehen in alle Welt hinaus, Und Jedem iſts, als würd ihm mitten Durch Kopf und Leib hindurchgeſchnitten. Drauf kam des Wegs'ne Chriſtenſchar, Die auch zurückgeblieben war, Die ſahen nun mit gutem Bedacht, Was Arbeit unſer Held gemacht. Von denen hats der Kaiſer vernommen, Der ließ den Schwaben vor ſich kommen, Er ſprach:„Sag an mein Ritter werth! Wer hat dich ſolche Streich gelehrt?“ Der Held bedacht ſich nicht zu lang: „„Die Streiche ſind bei uns im Schwang, Sie ſind bekannt im ganzen Reiche, Man nennt ſie halt nur Schwaben⸗ ſtreiche““. Ludwig Uhland. 231. Der Zauberlehrling. Hat der alte Hexenmeiſter Sich doch einmal wegbegeben! Und nun ſollen ſeine Geiſter Auch nach meinem Willen leben. Seine Wort und Werke Merkt ich und den Brauch, Und mit Geiſtesſtärke Thu ich Wunder auch. Walle, walle Manche Strecke, Daß zum Zwecke Waſſer fließe Und mit reichem vollem Schwalle Zu dem Bade ſich ergieße. Und nun komm, du alter Beſen! Nimm die ſchlechten Lumpenhüllen; Biſt ſchon lange Knecht geweſen; Nun erfülle meinen Willen: Auf zwei Beinen ſtehe, Oben ſei ein Kopf, Eile nun und gehe Mit dem Waſſertopf! Walle, walle Manche Strecke, Daß zum Zwecke Waſſer fließe Und mit reichem vollem Schwalle Zu dem Bade ſich ergieße. Seht, er läuft zum Ufer nieder, Wahrlich! iſt ſchon an dem Fluſſe, Und mit Blitzesſchnelle wieder Iſt er hier mit raſchem Guſſe. Schon zum zweiten Male! Wie das Becken ſchwillt! Wie ſich jede Schale Voll mit Waſſer füllt! 160 Stehe! ſtehe! Denn wir haben Deiner Gaben Vollgemeſſen!— Ach ich merk es! Wehe! wehe! Hab ich doch das Wort vergeſſen! Ach das Wort, worauf am Ende Er das wird, was er geweſen. Ach, er läuft und bringt behende! Wärſt du doch der alte Beſen! Immer neue Güſſe Bringt er ſchnell herein, Ach! und hundert Flüſſe Stürzen auf mich ein. Nein, nicht länger Kann ichs laſſen, Will ihn faſſen! Das iſt Tücke! Ach! nun wird mir immer bänger! Welche Miene, welche Blicke! O, du Ausgeburt der Hölle! Soll das ganze Haus erſaufen? Seh ich über jede Schwelle Doch ſchon Waſſerſtröme laufen. Ein verruchter Beſen, Der nicht hören will! Stock, der du geweſen, Steh doch wieder ſtill! Willſts am Ende Gar nicht laſſen? Will dich faſſen, Will dich halten, Und das alte Holz behende Mit dem ſcharfen Beile ſpalten. Seht, da kommt er ſchleppend wieder! Wie ich mich nur auf dich werfe, Gleich, o Kobold, liegſt du nieder; Krachend trifft die glatte Schärfe. Wahrlich, brav getroffen! Seht, er iſt entzwei! Und nun kann ich hoffen, Und ich athme frei.— Wehe! wehe! Beide Theile Stehn in Eile Schon als Knechte Völlig fertig in die Höhe. Helft mir, ach, ihr hohen Mächte! Und ſie laufen! Naß und näſſer Wirds im Saal und auf den Stufen. Welch entſetzliches Gewäſſer! Herr und Meiſter, hör mich rufen!— Ach, da kommt der Meiſter! Herr, die Noth iſt groß: Die ich rief, die Geiſter Werd ich nun nicht los.— „In die Ecke, Beſen! Beſen! Seids geweſen. Denn als Geiſter Ruft euch nur zu ſeinem Zwecke Erſt hervor der alte Meiſter.“ Joh. Wolfg. v. Gvethe. 232. Die Macht des Geſanges. Ein Regenſtrom aus Felſenriſſen— Er kommt mit Donners Ungeſtüm, Bergtrümmer folgen ſeinen Güſſen, Und Eichen ſtürzen unter ihm; Er ſtaunt, mit wolluſtvollem Grauſen Hört ihn der Wanderer und lauſcht, Er hört die Flut vom Felſen brauſen; Doch weiß er nicht, woher ſie rauſcht: So ſtrömen des Geſanges Wellen Hervor aus nie entdeckten Quellen. — — 161 Verbündet mit den furchtbarn Weſen, Die ſtill des Lebens Faden drehn*), Wer kann des Sängers Zauber löſen, Wer ſeinen Tönen widerſtehn? Wie mit dem Stab des Götterboten Beherrſcht er das bewegte Herz; Er taucht es in das Reich der Todten, Er hebt es ſtaunend himmelwärts Und wiegt es zwiſchen Ernſt und Spiele Auf ſchwanker Leiter der Gefühle. Wie wenn auf Einmal in die Kreiſe Der Freude mit Gigantenſchritt Geheimnißvoll nach Geiſter Weiſe Ein ungeheures Schickſal tritt: Da beugt ſich jede Erdengröße Dem Fremdling aus der andern Welt, Des Jubels nichtiges Getöſe Verſtummt, und jede Larve fällt, Und vor der Wahrheit mächtgem Siege Verſchwindet jedes Werk der Lüge. 233. Friſch geſungen. Hab oft im Kreiſe der Lieben Im duftigen Graſe geruht, So rafft von jeder eiteln Bürde, Wenn des Geſanges Ruf erſchallt, Der Menſch ſich auf zur Geiſterwürde Und tritt in heilige Gewalt; Den hohen Göttern iſt er eigen, Ihm darf nichts Irdiſches ſich nahn, Und jede andre Macht muß ſchweigen, Und kein Verhängniß fällt ihn an; Es ſchwinden jedes Kummers Falten, So lang des Liedes Zauber walten. Und wie nach hoffnungsloſem Sehnen, Nach langer Trennung bitterm Schmerz, Ein Kind mit heißen Reuethränen Sich ſtürzt an ſeiner Mutter Herz: So führt zu ſeiner Jugend Hütten, Zu ſeiner Unſchuld reinem Glück, Vom fernen Ausland fremder Sitten Den Flüchtling der Geſang zurück, In der Natur getreuen Armen Von kalten Regeln zu erwarmen. Friedrich v. Schiller. Und mir mein Liedlein geſungen, Und Alles war hübſch und gut. Hab einſam auch mich gehärmet In bangem, düſterm Muth, Und habe wieder geſungen, Und Alles war wieder gut. Und Manches, was ich erfahren, Verkocht ich in ſtiller Wuth, Und kam ich wieder zu ſingen, War Alles auch wieder gut. Sollſt nicht uns lange klagen, Was Alles dir wehe thut, Nur friſch, nur friſch geſungen! und Alles wird wieder gut. Adalbert v. Chamiſſo. *) Parzen oder Mören, 3 fabethaſte Lebensgöttinnen, Verhängniß⸗ oder Schickſalsſpinnerinnen, die als Jupiters Dienerinnen dem menſchlichen Leben unter dem Bilde eines Fadens vorſtehen. 3 hält den Faden und knüpft ihn an, Lach eſis ſpinnt ihn fort und Atropos ſchneidet Schenckel's Blüten, 2r Theil. Ute ſ. verm. Aufl. 11 Der Dichter ſteht mit dem Zauberſtab Auf wolkigem Bergesthrone, Und ſchaut auf Land und Meer hinab Und blickt in jede Zone. Für ſeine Lieder nah und fern Sucht er den Schmuck, den beſten, Mit ihren Schätzen dienen ihm gern Der Oſten und der Weſten. An goldnen Quellen läßt er kühn Arabiens Palmen rauſchen, Läßt unter duftgem Lindengrün Die deutſchen Veilchen lauſchen. Er winkt, da öffnet die Roſ in Glut Des Kelches Heiligthume, Und ſchimmernd grüßt aus blauer Flut Den Mond die Lotosblume. 234. König Dichter. Er ſteigt hinab in den ſchwarzen Schacht, Taucht in des Oceans Wellen, Und ſucht der rothen Rubinen Pracht Und bricht die Perlen, die hellen. Er gibt dem Schwane Wort und Klang, Er heißt die Nachtigall flöten, Und prächtig weben in ſeinen Geſang Sich Morgen⸗ und Abendröthen. Er läßt das weite unendliche Meer In ſeine Lieder wogen, Ja Sonne, Mond und Sternenheer Ruft er vom Himmelsbogen. Und Alles fügt ſich ihm ſogleich, Will ihn als König grüßen; Er aber legt ſein ganzes Reich Dem ſchönſten Kind zu Füßen. Emanuel Geibel. 235. Der letzte Dichter. „Wann werdet ihr Poeten Des Dichtens einmal müd? Wann wird einſt ausgeſungen Das alte, ewge Lied? Iſt nicht ſchon längſt geleeret Des Ueberfluſſes Horn? Gepflückt nicht jede Blume, Erſchöpft nicht jeder Born?“—— So lang der Sonnenwagen Im Azurgleis noch zieht, Und nur ein Menſchenantlitz Zu ihm empor noch ſieht; So lang der Himmel Stürme Und Donnerkeile hegt, Und bang vor ihrem Grimme Ein Herz noch zitternd ſchlägt; So lang nach Ungewittern Ein Regenbogen ſprüht, Ein Buſen nach dem Frieden Und der Verſöhnung glüht; So lang der Mond noch leuchtet, Ein Herz noch ſehnt und fühlt; So lang der Wald noch rauſchet Und einen Müden kühlt; So lang noch Lenze grünen Und Roſenlauben blühn, So lang noch Wangen lächeln Und Augen Freude ſprühn; So lang noch Gräber trauern Mit den Cypreſſen dran, So lang Ein Aug noch weinen, Ein Herz noch brechen kann: So lange wallt auf Erden Die Göttin Poeſie, Und mit ihr wandelt jubelnd Wem ſie die Weihe lieh. Und ſingend einſt und jubelnd Durchs alte Erdenhaus Zieht als der letzte Dichter Der letzte Menſch hinaus.—— Noch hält der Herr die Schöpfung In ſeiner Hand fortan, Wie eine friſche Blume, Und blickt ſie lächelnd an. Wenn dieſe Rieſenblume Dereinſtens abgeblüht Und Erden, Sonnenbälle, Als Blütenſtaub verſprüht; — ———————————————————————— Erſt dann fragt, wenn zu fragen Die Luſt euch noch nicht mied, Im Föhrenwalde ging der Sturm, Mitternacht war die Stunde, Da trat in des alten Sängers Thurm Der Knab mit trüber Kunde: „Hört auf mit Leſen nun, Herr Skiold, Schaut auf von eurem Buche! Der alte Swerker lieb und hold, Der liegt im Leichentuche“. Da ſeufzte der Sänger tief empor: „„Sei Friede mit dem Biedern, Doch weh! Mir ſtarb das letzte Ohr, Das horchte meinen Liedern. Wohlfechten die Andern tagaus, tagein, Doch ſind ſie des Skalden vergeſſen, Und werden einſt ſelber vergeſſen ſein, So kühn ſie des Ruhms ſich vermeſſen. Ich aber habe zur Neige nun Des Lebens Kelch geleeret, Wohl mag der Sänger gehn und ruhn, Wo Niemand ſein begehret. Auf, Knabe! Schwinge die Fackel ſtolz Empor zur Balkendecke, 237. „Was hör ich draußen vor dem Thor, Was auf der Brücke ſchallen? Laß den Geſang vor unſerm Ohr Im Saale wiederhallen!“ Der König ſprachs, der Page liefz Der Kuabe kam, der König rief: „Laßt mir herein den Alten!“ „„Gegrüßet ſeid mir, edle Herrn, Gegrüßt ihr, ſchöne Damen! Welch reicher Himmel! Stern bei Stern! Wer kennet ihre Namen? Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit Schließt, Augen, euch; hier iſt nicht Zeit, Sich ſtaunend zu ergötzen““. 163 236. Der letzte Stalde*). Ob endlich ausgeſungen Das alte, ewge Lied? Anaſtaſius Grün. Daß praſſelnd von dem dürren Holz Die volle Flamme lecke! Dann eil hinaus zum Walde frei, Nimm mit, was du erworben, Und ſage den Leuten rings, es ſei Der letzte Skalde geſtorben““.— Und als der Knabe floh, da ſtand Schon auf den Zinnen der Hohe, Und wie ein königlich Gewand Schlug um ihn her die Lohe. Die Harfe hielt er goldesſchwer, Und ſang vom Thurmesgipfel, Da neigten die Föhren ringsumher Ihre gerötheten Wipfel. Doch als gemach das Lied verſcholl, Verloſchen auch die Flammen, Es ſtürzte dampfend mit Geroll, Der alte Thurm zuſammen. Da lag nun unter Schutt und Brand Begraben der letzte Skalde, Und Niemand ſang im ganzen Land, Als nur die Vögel im Walde. Emanuel Geibel. Der Sänger. Der Sänger drückt die Augen ein, Und ſchlug in vollen Tönen; Die Ritter ſchauten muthig drein, Und in den Schooß die Schönen. Der König, dem das Lied gefiel, Ließ ihm, zum Lohne für ſein Spiel, Eine goldne Kette bringen. „„Die goldne Kette gib mir nicht; Die Kette gib den Rittern, Vor deren kühnem Angeſicht Der Feinde Lanzen ſplittern; Gib ſie dem Kanzler, den du haſt, Und laß ihn noch die goldne Laſt Zu andern Laſten tragen. *) Skalde iſt ein Dichter oder Sänger der alten nordiſchen Völker(Skandinavier). Die Skalden beſangen die Thaten ihrer Fürſten, feuerten im Kriege die Kämpfenden zur Tapferkeit an und führten eine blühende, bilderreiche Sprache. 1 1 N 164 Ich ſinge, wie der Vogel ſingt, Er ſetzt ihn an, er trank ihn aus: Der in den Zweigen wohnet;„O, Trank voll füßer Labe! 2 Das Lied, das aus der Kehle O, wohl dem hochbeglückten Haus, dringt, Wo das iſt kleine Gabe! Fſt Lohn, der reichlich lohnet. Ergehts ench wohl, ſo denkt an mich, Doch, darf ich bitten, bitt ich Eins: Und danket Gott, ſo warm, als ich Laßt mir den beſten Becher Weins Für dieſen Trunk euch danke In purem Golde reichen““. Joh. Wolfg. v. Goethe. 238. Der Graf von Habsburg. Zwar herrlich iſt die liedeswerthe That⸗ Doch ſchön iſts auch der Thaten ſtärſte Fülle Durch würdge Lieder auf die Nachwelt bringen. Goethe. Zu Aachen, in ſeiner Kaiſerpracht, Im alterthümlichen Saale, Saß König Rudolfs heilige Macht Beim feſtlichen Krönungsmahle. Die Speiſen trug der Pfalzgraf des Rheins, Es ſchenkte der Böhme*) des perlenden Weins, Und alle die Wähler, die Sieben, Wie der Sterne Chor um die Sonne ſich ſtellt, umſtanden geſchäftig den Herrſcher der Welt, Die Würde des Amtes zu üben. Und rings erfüllte den hohen Balkon Das Volk in freudgem Gedränge; Laut miſchte ſich in der Poſaunen Ton Das jauchzende Rufen der Menge: *)„Für die, welche die Geſchichte jener Zeit kennen, bemerke ich, daß ich recht gut weiß, daß Böhmen ſein Erzamt bei Rudolfs Kaiſerkrönung nicht ausübte.“(Schiller.)—„Tſchudi, der uns dieſe Aneldote überliefert hat, erzählt auch, daß der Prieſter, dem dieſes mit dem Grafen Habsburg begegnet, nachher Kaplan bei dem Kurfürſten von Mainz geworden und nicht wenig dazu beige⸗ tragen habe bei der nächſten Kaiſerwahl, die auf das große Interregnum folgte, die Gedanken des Kurfürſten auf den Grafen von Habsburg zu richten.“(Schiller.)— In Aachen wurden von Ludwig dem Frommen(813) an bis Ferdinand 1.(1531) 37 deutſche Könige und Kaiſer gekrönt. Die Scene zu Aachen, das Auftreten des Sängers(welcher kein andrer als der Prieſter ſelbſt iſt) iſt Erfindung Schillers, der dadurch in die Ereigniſſe von 2 von einander fernliegenden Zeiten „ſeeniſche Einheit und Rundung“ gebracht hat. Die 7 Wähler waren 3 geiſtliche und 4 weltliche. Jeder hatte ſpäter ſein ſtehendes Hofamt⸗ Der Erzbiſchof von Mainz war des Reiches Erzkanzler, der von Trier aber Kanzler von Burgund, der von Köln Kanzler von Italien, der Pfalzgraf am Rhein war des Reiches Truchſeß(der beim Krönungszug den Reichsapfel trug und beim Mahl die Schüſſeln vorſetzte), der Herzog von Sachſen⸗Wittenberg des Reiches Marſchall(trug das Schwert und beſorgte den Stall), der Markgraf von Brandenburg des Reiches Kämmerer(trug das Scepter vor und beſorgte das Hausweſen) und der König von Böhmen endlich des Reiches Schenk(trug den Becher auf). 165 Denn geendigt nach langem verderblichem Streit War die kaiſerloſe, die ſchreckliche Zeit, Und ein Richter war wieder auf Erden. Nicht blind mehr waltet der eiſerne Speer, Nicht fürchtet der Schwache, der Friedliche mehr, Des Mächtigen Beute zu werden. Und der Kaiſer ergreift den goldnen Pokal Und ſpricht mit zufriedenen Blicken: „Wehl glänzet das Feſt, wohl pranget das Mahl, Mein königlich Herz zu entzücken; Doch den Sänger vermiß ich, den Bringer der Luſt, Der mit ſüßem Klang mir bewege die Bruſt Und mit göttlich erhabenen Lehren. So hab ichs gehalten von Jugend an, Und was ich als Ritter gepflegt und gethan, Nicht will ichs als Kaiſer entbehren“. Und, ſieh! in der Fürſten umgebenden Kreis Trat der Sänger im langen Talare Ihm glänzte die Locke ſilberweiß, Gebleicht von der Fülle der Jahre. „Süßer Wohllant ſchläft in der Saiten Gold, Der Sänger ſingt von der Minne Sold, Er preiſet das Höchſte, das Beſte, Was das Herz ſich wünſcht, was der Sinn begehrt; Doch, ſage, was iſt des Kaiſers werth An ſeinem herrlichen Feſte?““— „Nicht gebieten werd ich dem Sänger“, ſpricht Der Herrſcher mit lächelndem Munde, „Er ſteht in des größern Herren Pflicht, Er gehorcht der gebietenden Stunde. Wie in den Lüften der Sturmwind ſauſt, Man weiß nicht von wannener kommt und brauſt, Wie der Quell aus verborgenen Tiefen: So des Sängers Lied aus dem Innern ſchallt Und wecket der dunkeln Gefühle Gewalt, Die im Herzen wunderbar ſchliefen“. Und der Sänger raſch in die Saiten fällt Und beginnt ſie mächtig zu ſchlagen: Aufs Waidwerk hinaus ritt ein edler Held, Den flüchtigen Gemsbock zu jagen. *) Ein langes Feierkleid, Schleppkleid. 166 Ihm folgte der Knapp mit dem Jägergeſchoß, Und, als er auf ſeinem ſtattlichen Roß In eine Au kommt geritten, Ein Glöcklein hört er erklingen fern— Ein Prieſter wars mit dem Leib des Herrn; Voran kam der Meßner geſchritten. N Und der Graf zur Erde ſich neiget hin, Das Haupt mit Demuth entblößet, Zu verehren mit gläubigem Chriſtenſinn, Was alle Menſchen erlöſet. Ein Bächlein aber rauſchte durchs Feld, Von des Gießbachs reißenden Fluten geſchwellt, Das hemmte der Wanderer Tritte, Und beiſeit legt Jener das Sakrament, Von den Füßen zieht er die Schuhe behend, Damit er das Bächlein durchſchritte. Was ſchaffſt du? redet der Graf ihn an, Der ihn verwundert betrachtet.— Herr, ich walle zu einem ſterbenden Mann, Der nach der Himmelskoſt ſchmachtet. Und da ich mich nahe des Baches Steg, Da hat ihn der ſtrömende Gießbach hinweg Im Strudel der Wellen geriſſen. Drum, daß dem Lechzenden werde ſein Heil, So will ich das Wäſſerlein jetzt in Eil Durchwaten mit nackenden Füßen. Da ſetzt ihn der Graf auf ſein ritterlich Pferd Und reicht ihm die prächtigen Zäume, Daß er labe den Kranken, der ſein begehrt, Und die heilige Pflicht nicht verſäume. Und er ſelber auf ſeines Knappen Thier Vergnüget noch weiter des Jagens Begier; Der Andre die Reiſe vollführet, Und am nächſten Morgen mit dankendem Blick, Da bringt er dem Grafen ſein Roß zurück, Beſcheiden am Zügel geführet. Nicht wolle das Gott, rief mit Demuthſinn Der Graf, daß zum Streiten und Jagen Das Roß ich beſchritte fürderhin, Das meinen Schöpfer getragen! Und magſt dus nicht haben zu eignem Gewinnſt So bleibt es gewidmet dem göttlichen Dienſt: — Denn ich hab es Dem ja gegeben, Von dem ich Ehre und irdiſches Gut Zu Lehen trage und Leib und Blut Und Seele und Athem und Leben. So mög auch Gott, der allmächtige Hort, Der das Flehen der Schwachen erhöret, Zu Ehren Euch bringen hier und dort, So wie ihr jetzt ihn geehret! Ihr ſeid ein mächtiger Graf, bekannt Durch ritterlich Walten im Schweizerland; Euch blühen ſechs liebliche Töchter*). So mögen ſie, rief er begeiſtert aus, Sechs Kronen Euch bringen in Euer Haus, Und glänzen die ſpätſten Geſchlechter!““ Und mit ſinnendem Haupt ſaß der Kaiſer da, Als dächt er vergangener Zeiten; Jetzt, da er dem Sänger ins Auge ſah, Da ergreift ihn der Worte Bedeuten. Die Züge des Prieſters erkennt er ſchnell Und verbirgt der Thränen ſtürzenden Quell In des Mantels purpurne Falten.„ Und Alles blickte den Kaiſer an Und erkannte den Grafen, der Das gethan, Und verehrte das göttliche Walten. Friedrich v. Schiller. 239. Der Sänger im Palaſt. Ein Sänger tritt, die Harf im Arme, Der Höfling, wie der Edelknabe, Durch das Gewühl des Volks hervor Mißt ſcheel die klägliche Geſtalt, Und drängt ſich aus dem lauten Schwarme Die, wie ein Geiſt, entrückt dem Grabe, In des Palaſtes Säulenthor. Durch die geſchmückten Gänge wallt. Gehöhlt und bleich ſind ſeine Wangen, Der Schalksnarr ruft mit kindſcher Sein Haar durchſchlingt ein grüner Kranz, Poſſe: Sein grau Gewand mit ſchwarzen„Ei ſeht, da kommt Gevatter Tod! Spangen, Kein Herz ſchlägt morgen in dem Schloſſe Paßt ſeltſam auf des Hauſes Glanz. Und keine Wang iſt morgen roth!“ *) Rudolf hatte wirklich ſechs Töchter. Das prophetiſche Wort ging in Erfüllung. Die 6 Kronen waren zur Hälfte Fürſten⸗, zur Hälfte Königskronen. Nach Fuggers Spiegel der Ehren nennt Schmidt die 6 Töchter alſe: 1. Mechtild(Gemahlin Ludwigs des Strengen, Pfalzgraf des Rheins und Herzog in Bavern), 2. Agnes(Gemahlin Herzogs Albrechts II. von Sachſen⸗ Wittenberg), 3. Hedwig(vermählt mit dem Markgrafen Otto in Brandenburg), 4. Katharina (vermählt mit Otto dem Bayernherzog, nachher König von Ungarn), 5. Gutta(Gemahlin bes Böhmenkönigs Wenzeslaus). 6. Cleme ntina(vermählt mit Karl Martell, Erbprinz von Sicilien und ſpäter erwähltem König in Ungarn) 168 Den Sänger macht der Spott nichtwirre, Er lächelt nur ein einzig Mal Und ſchreitet fort und wird nicht irre, Die Treppen aufwärts in den Saal. Dort ſitzt der König ernſt im Throne, In dunkel purpurnem Gewand, Auf ſtolzem Haupt die goldne Krone, Das blanke Schlachtſchwert in der Hand. Vor ihm gebückt in ſchweren Banden, Ein Mann, dem Qual im Antlitz liegt, Einſt Herrſcher von gewaltgen Landen, Jetzt von des Königs Arm beſiegt. Und rings umher im weiten Kreiſe Der Räth und Richter hohe Schar, Der Hofmann, Ritter und der Weiſe In Goldwamms, Panzer und Talar. Da tritt, mit ſichrem, muthgen Gange Der ſchlichte Sänger vor den Thron! „Herr, wolleſt horchen meinem Sange Und meiner guten Harfe Ton. Der König drauf mit finſterm Blicke, Der flammend ſchießt nach ſeinem Feind: „Ja, ſinge mir von Falſch und Tücke, Von Allem, was das Herz verſteint. Denn eben will ich ſchwer mich rächen An dem, der mir mein Land zerſtört, Ein hartes Urtheil will ich ſprechen, So hart, wies nie die Welt gehört“. Der Sänger zu dem König wieder: „Herr, gern erräng ich deine Gunſt, Doch kenn ich keine harten Lieder, Der Sang iſt eine milde Kunſt. Anch ſing ich nicht vor dieſer Menge, Mein Lied gehört für dich allein; Entfliehen laß uns dem Gedränge, Dann mag ich gern dir willig ſein“. Da hebt der König ſich vom Throne, Er öffnet leis ein ſtill Gemach, Er winkt dem ſchlichten Liederſohne, Der folgt ihm raſch und frendig nach. Und ehrt des Liedes Hochgewalt. „Was gönnt der Herr ſo hohe Rechte Dem überkecken Liedermann, Der nie das Schwert hob im Gefechte, Der nie im ernſten Rathe ſann? Gilt mehr ein Lied, als ein Gerichte, Der Harfner mehr ihm als der Rath; Nun dann, ſo wähl er ſolche Wichte Und bleibe ohne Rath und That“. So murrts die Reihen auf und nieder, Der Saal erdröhnt von dem Gebraus; Da öffnet ſich die Thüre wieder, Der König tritt bewegt heraus. Zu ſeinem Feind mit naſſen Blicken Tritt er in ſtiller Heiterkeit, Er löst die Hände ihm vom Rücken, Die von den Feſſeln er befreit. „Zieh heim!“ ſo ruft er,„zieh in Frieden, Und denk an dieſes Mannes Sang! Und gehts dir einſt noch wohl hienieden, So denk an dieſer Harfe Klang“. Dann bricht er aus der goldnen Krone Die größte Perle flugs heraus: „Nimm hin, o Sänger, dies zum Lohne, Und kehr einſt wieder in mein Haus. Die Perle ſei ein Bild der Thräne, Der Thräne, die mir heut entfloß, Als ſich der Wohllaut deiner Töne So lindernd mir ins Herz ergoß“. Und zu des milden Königs Füßen Stürzt dankend der befreite Feind, Der Sänger neigt mit freudgen Grüßen Sich vor dem König, geht und weint. Und ſtaunend ſehn ihn Alle ſcheiden Und blicken ihm voll Ehrfurcht nach, Der Höfling ſelbſt muß den beneiden, Der ſo den Sinn des Königs brach. Der Schalksnarr kann nun nimmer ſcherzen, Er beugt ſich vor der Gramgeſtalt, Er ſteht mit reuerfülltem Herzen 16 Der Sänger aber eilt von hinnen, Mit ſeiner Perl und froh von Sinnen, Schon ſteht er wieder vor dem Haus, Zieht er ins weite Land hinaus. Karl Egon Ebert. 240. Des Sängers Fluch. Es ſtand vor alten Zeiten ein Schloß, ſo hoch und hehr, Weit glänzt es über die Lande bis an das blaue Meer, Und rings von duftgen Gärten ein blütenreicher Kranz, Drin ſprangen friſche Brunnen in Regenbogenglanz. Dort ſaß ein ſtolzer König, an Land und Siegen reich, Er ſaß auf ſeinem Throne ſo finſter und ſo bleich, Denn was er ſinnt, iſt Schrecken, und was er blickt, iſt Wuth, Und was er ſpricht, iſt Geißel, und was er ſchreibt, iſt Blut. Einſt zog nach dieſem Schloſſe ein edles Sängerpaar, Der Ein in goldnen Locken, der Andre grau von Haar; Der Alte mit der Harfe, der ſaß auf ſchmuckem Roß, Es ſchritt ihm friſch zur Seite der blühende Genoß. Der Alte ſprach zum Jungen:„Nun ſei bereit, mein Sohn! Denk unſrer tiefſten Lieder, ſtimm an den vollſten Ton, Nimm alle Kraft zuſammen, die Luſt und auch den Schmerz! Es gilt uns heut, zu rühren des Königs ſteinern Herz“. Schon ſtehn die beiden Sänger im hohen Säulenſaal, Und auf dem Throne ſitzen der König und ſein Gemahl; Der König, furchtbar prächtig, wie blutger Nordlichtſchein, Die Königin, ſüß und milde, als blickte Vollmond drein. Da ſchlug der Greis die Saiten, er ſchlug ſie wundervoll, Daß reicher, immer reicher der Klang zum Ohre ſchwoll, Dann ſtrömte himmliſch helle des Jünglings Stimme vor, Des Alten Sang dazwiſchen, wie dumpfer Geiſterchor. Sie ſingen von Lenz und Liebe, von ſelger, goldner Zeit, Von Freiheit, Männerwürde, von Treu und Heiligkeit; Sie ſingen von allem Süßen, was Menſchenbruſt durchbebt, Sie ſingen von allem Hohen, was Menſchenherz erhebt. Die Höflingsſchar im Kreiſe verlernet jeden Spott, Des Königs trotzge Krieger, ſie beugen ſich vor Gott, Die Königin, zerfloſſen in Wehmuth und in Luſt, Sie wirft den Sängern nieder die Roſe von ihrer Bruſt. „Ihr habt mein Volk verführet, verlockt ihr nun mein Weib?“ Der König ſchreit es wüthend, er bebt am ganzen Leib, Er wirft ſein Schwert, das blitzend des Jünglings Bruſt durchdringt, Draus, ſtatt der goldnen Lieder, ein Blutſtrahl hoch aufſpringt. 170 Und wie vom Sturm zerſtoben iſt all der Hörer Schwarm, Der Jüngling hat verröchelt in ſeines Meiſters Arm, Der ſchlägt um ihn den Mautel und ſetzt ihn auf das Roß, Er bind't ihn aufrecht feſte, verläßt mit ihm das Schloß. Doch vor dem hohen Thore, da hält der Sängergreis, Da faßt er ſeine Harfe, ſie aller Harfen Preis, An einer Marmorſänle, da hat er ſie zerſchellt, Dann ruft er, daß es ſchaurig durch Schloß und Gärten gellt: „Weh euch, ihr ſtolzen Hallen! nie töne ſüßer Klang Durch eure Räume wieder, nie Saite noch Geſang, Nein! Seufzer nur und Stöhnen, und ſcheuer Sklavenſchritt, Bis euch zu Schutt und Moder der Rachegeiſt zertritt! Weh euch, ihr duftgen Gärten im holden Maienlicht! Euch zeig ich dieſes Todten entſtelltes Angeſicht, Daß ihr darob verdorret, daß jeder Quell verſiegt, Daß ihr in künftgen Tagen verſteint, verödet liegt. 6 Weh dir, verruchter Mörder! Du Fluch des Sängerthums! Umſonſt ſei all dein Ringen nach Kränzen blutgen Ruhms, Dein Name ſei vergeſſen, in ewge Nacht getaucht, „ Sei, wie ein letztes Röcheln, in leere Luft verhaucht!“ Der Alte hats gerufen, der Himmel hats gehört, Die Mauern liegen nieder, die Hallen ſind zerſtört, Noch Eine hohe Säule zeigt von verſchwundner Pracht, Auch dieſe, ſchon geborſten, kann ſtürzen über Nacht. Und rings, ſtatt duftger Gärten, ein ödes Haideland, Kein Baum verſtreuet Schatten, kein Quell durchdringt den Sand, Des Königs Namen meldet kein Lied, kein Heldenbuch; Verſunken und vergeſſen! Das iſt des Sängers Fluch. Ludwig uhland. 241. Die Kraniche des Ibykus.(7) Zum Kampf der Wagen und Geſänge, Ihm ſchenkte des Geſanges Gabe, Der auf Korinthus Landesenge Der Lieder ſüßen Mund Apoll— Der Griechen Stämme froh vereint, So wandert er am leichten Stabe, Zog Ibykus*), der Götter Aus Rhegium, des Gottes voll. Freund— *) Ibokus, ein griechiſcher Lhriker, gebürtig aus Rhegium in Unteritalien, kam um die Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. an den damals ſo glänzenden Hof des Königs Polhkrates(Vater des Tyrannen), nach Samos, kehrte aber nach mehreren Reiſen in ſeine Vaterſtadt zurück, wo er ſtarb.. Von ſeinen 7 Büchern lyriſcher Gedichte in doriſch⸗äoliſcher Mundart ſind noch Bruchſtücke vorhanden. Eine ſchon im Alterthum verbreitete Sage läßt den Ibhkus auf einer ſeiner Reiſen von Räubern überfallen und ermorden. Im ſchrecklichen Augenblicke ſagte er zu ſeinen Mördern, daß die Kraniche, welche während der ruchloſen That in der Luft vorbeizogen, ihn einſt rächen würden. Das Ver⸗ brechen wurde ſpäterhin in der Stadt Korinth enthüllt. Als ſich dort ein Zug Kraniche ſehen ließ, 171 Schon winkt von hohem Bergesrücken Akrokorinth des Wandrers Blicken, Und in Poſeidons Fichtenhain Tritt er mit frommem Schauder ein. Nichts regt ſich um ihn her, nur Schwärme Von Kranichen begleiten ihn, Die fernhin nach des Südens Wärme In gräulichem Geſchwader ziehn. Seid mir begrüßt, befreundte Scharen, Die mir zur See Begleiter waren! Zum guten Zeichen nehm ich euch— Mein Loos, es iſt dem euren gleich: Von fern her kommen wir gezogen Und flehen um ein wirthlich Dach— Sei uns der Gaſtliche gewogen, Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!“ Und munter fördert er die Schritte Und ſieht ſich in des Waldes Mitte; Da ſperren, auf gedrangem Steg, Zwei Mörder plötzlich ſeinen Weg. Zum Kampfe muß er ſich bereiten; Doch bald ermattet ſinkt die Hand; Sie hat der Leier zarte Saiten, Doch nie des Bogens Kraft geſpannt. Er ruft die Menſchen an, die Götter, Sein Flehen dringt zu keinem Retter; Wie weit er auch die Stimme ſchickt, Nichts Lebendes wird hier erblickt. „So muß ich hier verlaſſen ſterben, Auf fremdem Boden, unbeweint, Durch böſer Buben Hand verderben, Wo auch kein Rächer mir erſcheint!“ Und ſchwer getroffen ſinkt er nieder. Da rauſcht der Kraniche Gefieder; Er hört— ſchon kann er nicht mehr ſehn— Die nahen Stimmen ſurchtbar krähn. „Von euch, ihr Kraniche dort oben, Wenn keine andre Stimme ſpricht, Sei meines Mordes Klag erhoben!“ Er ruft es und ſein Auge bricht. Der nackte Leichnam wird gefunden, Und bald, obgleich entſtellt von Wunden, Erkennt der Gaſtfreund in Korinth Die Züge, die ihm theuer ſind. „Und muß ich ſo dich wiederfinden Und hoffte, mit der Fichte Kranz Des Sängers Schläfe zu umwinden, Beſtrahlt von ſeines Ruhmes Glanz!“ Und jammernd hörens alle Gäſte, Verſammelt bei Poſeidons Feſte; Ganz Griechenland ergreift der Schmerz: Verloren hat ihn jedes Herz. Und ſtürmend drängt ſich zum Prytanen 3 Das Volk, es fordert ſeine Wuth, Zu rächen des Erſchlagnen Manen, Zu ſühnen mit des Mörders Blut. Doch wo die Spur, die aus der Meng⸗ Der Völker flutendem Gedränge, Gelocket von der Spiele Pracht, Den ſchwarzen Thäter kenntlich macht? Sinds Räuber, die ihn feig erſchlagen? Thats neidiſch ein verborgner Feind? Nur Helios vermags zu ſagen, Der alles Irdiſche beſcheint. ſagte einer der Räuber zum andern:„Sieh da, die Rächer des Ibykos!“ Einer der umſtehenden hörte dieß, zeigte es der Obrigkeit an und die Mörder wurden hingerichtet.— Aehnlich dieſer Erzählung iſt die von den Raben des heiligen Meinrad und die von einem Juden und ſeinem Mörder, einem königl. Schenken, der den Juden als Geleitsmann durch den Wald begleiten ſollte, ihn aber erſchlug und ſpäter durch Rebhühner verrathen wird. So hat der Volksglaube noch manche Sage, daß ſelbſt der im Verborgenſten verübte Mord ans Tageslicht komme, 3. B. Chamiſſo's Gedicht:„Die Sonne bringt es an den Tag“ 1c.— Die olympiſchen, pothiſchen⸗ iſthmiſchen und nemäiſchen Wettſpiele vereinigten die Stämme der Griechen zu einem allgemeinen nationalen Feſte. Auf dem ſchmalſten Theil der Landenge(Iſthmus) von Korinth, in der Nähe des dem Poſeidon(griech. Name für Neptun, Meergott) geweihten Fichtenhaine wurden die iſthmiſchen Spiele geſeiert. Die großen Wettſpiele beſtanden in Wettlauf, Wagenrennen(„Kampf der Wagen“) ꝛc., aber auch in Geiſtes⸗ und Kunſtwettkämpfen, in Gedichten,„Geſängen“ ꝛe. *) Die Prytanen, die höchſten obrigkeitlichen Gerichtsperſonen. 172 Er geht vielleicht mit frechem Schritte Jetzt eben durch der Griechen Mitte, Und, während ihn die Rache ſucht, Genießt er ſeines Frevels Frucht. Auf ihres eignen Tempels Schwelle Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt Sich dreiſt in jene Menſchenwelle, Die dort ſich zum Theater drängt. Denn Bankan Bank gedränget ſitzen— Es brechen faſt der Bühne Stützen— Herbeigeſtrömt von fern und nah, Der Griechen Völker wartend da, Dumpf brauſend wie des Meeres Wogen; Von Menſchen wimmelnd wächst der Bau In weiten ſtets geſchweiften Bogen Hinauf bis in des Himmels Blau. Wer zählt die Völker, nennt die Namen, Die gaſtlich hier zuſammen kamen! Von Theſeus Stadt, von Aulis Strand, Von Phocis, vom Spartanerland, Von Aſiens entlegner Küſte, Von allen Inſeln kamen ſie Und horchen von dem Schaugerüſte Des Chores grauſer Melodie, Der ſtreng und ernſt, nach alter Sitte, Mit langſam abgemeſſnem Schritte, Hervortritt aus dem Hintergrund, Umwandelnd des Theaters Rund. So ſchreiten keine irdſchen Weiber! Sie zeugete kein ſterblich Haus! Es ſteigt das Rieſenmaß der Leiber Hoch über Menſchliches hinaus. Ein ſchwarzer Mantel ſchlägt die Lenden; Sie ſchwingen in entfleiſchten Händen Der Fackel düſterrothe Glut; In ihren Wangen fließt kein Blut, Und wo die Haare lieblich flattern, Um Menſchenſtirnen freundlich wehn, Da ſieht man Schlangen hier und Nattern Die giftgeſchwollnen Bäuche blähn. Und ſchauerlich, gedreht im Kreiſe, Beginnen ſie des Hymnus Weiſe, Der durch das Herz zerreißend dringt, Die Bande um den Sünder ſchlingt. Beſinnungranbend, herzbethörend Schallt der Erinnyen**) Geſang, Er ſchallt, des Hörers Mark verzehrend, Und duldet nicht der Leier Klang: „Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle Bewahrt die kindlich reine Seele! Ihm dürfen wir nicht rächend nahn; Er wandelt frei des Lebens Bahn. Doch wehe, wehe, wer verſtohlen Des Mordes ſchwere That vollbracht! Wir heften uns an ſeine Sohlen, Das furchtbare Geſchlecht der Nacht. Und, glaubt er fliehend zu entſpringen, Geflügelt ſind wir da, die Schlingen Ihm werfend um den flüchtgen Fuß, Daß er zu Boden fallen muß. So jagen wir ihn, ohn Ermatten— Verſöhnen kann uns keine Reu— Ihn fort und fort bis zu den Schatten Und geben ihn auch dort nicht frei“. So ſingend, tanzen ſie den Reigen, Und Stille, wie des Todes Schweigen, Liegt überm ganzen Hauſe ſchwer, Als ob die Gottheit nahe wär. Und feierlich, nach alter Sitte, Umwandelnd des Theaters Rund, Mit langſam abgemeſſnem Schritte, Verſchwinden ſie im Hintergrund. Undzwiſchen Trug und Wahrheit ſchwebet Noch zweifelnd jede Bruſt und bebet Und huldiget der furchtbarn Macht, Die richtend im Verborgnen wacht, Die, unerforſchlich, unergründet, Des Schickſals dunkeln Knäuel flicht, Dem tiefen Herzen ſich verkündet, Doch fliehet vor dem Sonnenlicht. *) Die Erinnyen(Furien) oder ECumeniden mit„ſcheußlichen Geſichtern und Schlangenhaaren“ waren die Rache⸗ oder Strafgöttinnen, durch welche die Böſen in der Unterwelt gezüchtigt wurden. Sie hießen: Tiſiphone, Megäre und Alékto. 173 Da hört man auf den höchſten Stufen Und lauter immer wird die Frage, Auf Einmal eine Stimme rufen: Und ahnend fliegts mit Blitzesſchlage „Sieh da, ſieh da, Thimotheus, Durch alle Herzen:„Gebet Acht, Die Kraniche des Ibykus“.— Das iſt der Eumeniden Macht! Und finſter plötzlich wird der Himmel, Der fromme Dichter wird gerochen, Und über dem Theater hin Der Mörder bietet ſelbſt ſich dar— Sieht man in ſchwärzlichem Gewimmel Ergreift ihn, der das Wort geſprochen, Ein Kranichheer vorüberziehn. und ihn, an dens gerichtet war!“ „Des Ibykus!“— Der theure Name Doch dem war kaum das Wort entfahren, Rührt jede Bruſt mit neuem Grame, Möcht ers im Buſen gern bewahren; Und, wie im Meere Well auf Well, Umſonſt! der ſchreckenbleiche Mund So läufts von Mund zu Munde ſchnell: Macht ſchnell die Schuldbewußten kund. „Des Ibykus? den wir beweinen? Man reißt und ſchleppt ſie vor den Richter, Den eine Mörderhand erſchlug? Die Scene wird zum Tribunal, Was iſts mit Dem? was kann er meinen? Und es geſtehn die Böſewichter, Was iſts mit dieſem Kranichzug?“— Getroffen von der Rache Strahl. Friedrich v. Schiller. 242. Des Sängers Wiederkehr. Dort liegt der Sänger auf der Bahre, Wohl Monden, Jahre ſind verſchwunden, Deß bleicher Mund kein Lied beginnt, Cypreſſen wuchſen um ſein Grab; Es kränzen Daphnes falbe Haare Die ſeinen Tod ſo herb empfunden, Die Stirne, die nichts mehr erſinnt. Sie ſanken alle ſelbſt hinab. Man legt zu ihm in ſchmucken Rollen Doch wie der Frühling wiederkehret Die letzten Lieder, die er ſang; Mit friſcher Kraft und Regſamkeit, Die Leier, die ſo hell erſchollen, So wandelt jetzt verjüngt, verkläret Liegt ihm in Armen, ſonder Klang. Der Sänger in der neuen Zeit. So ſchlummerter den tiefen Schlummer, Er iſt den Lebenden vereinet, Sein Lied umweht noch jedes Ohr, Vom Hauch des Grabes keine Spur, Doch nährt es ſtets den herben Kummer, Die Vorwelt, die ihn todt gemeinet, Daß man den Herrlichen verlor. Lebt ſelbſt in ſeinem Liede nur. Ludwig Uhland. 243. Zwei Särge. 3 Zwei Särge einſam ſtehen Man noch in ſeinen Händen In des alten Domes Hut, Die fromme Harfe ſchaut. König Ottmar liegt in dem einen, Die Burgen rings zerfallen cx 1 6 In dem andern der Sänger ruht. Schlachtruf tönt durch das Land, Der König ſaß einſt mächtig Das Schwert, das regt ſich nimmer Hoch auf der Väter Thron, Da in des Königs Hand. Ihm liegt das Schwert in der Rechten, Blüten und milde Lüfte Und auf dem Haupte die Kron. Wehen das Thal entlang— Doch neben dem ſtolzen König, Des Sängers Harfe tönet Da liegt der Sänger traut, In ewigem Geſang. Juſtinus Andreas Kerner. —— S Und wandelnd ſingt ihr hohes Lied die Sonne. Dort oben in dem Königsſaal, 174 244. Saul und David. Der König ſitzt auf ſeinem Throne bang, Er winkt, den Sohn des Iſai zu rufen: Komm, Knabe, komm mit deinem Harfenklang! Und Jener läßt ſich nieder auf den Stufen. „Der Herriſt groß!“ beginnt er feierlich, „Geſchöpfe ſpiegeln ihres Schöpfers Wonne; Der Morgen graut, die Wolken theilen ſich, Die ſchwere Krone löſe dir vom Haupt, Und tritt hinaus in reine Gotteslüfte! Die Lilie prangt, der Buſch iſt neubelaubt, Die Reben blühen und verſchwenden Düfte. Zwar bin ich nur ein ſchlichter. Hirtenſohn, Doch fühl ich bis zum Himmel mich erhoben: Was mußt du fühlen, König, auf dem Thron, Wie muß dein Herz den Gott der Väter loben! Doch deine Wimper neigſt du thränenſchwer, Daß ſie des Auges ſchönen Glanz verhehle— Wie groß iſt Jehovah! o blick umher! Und welche Ruhe füllt die ganze Seele! So laß dein Herz an Gott, ſo laß dein Ohr An meiner Töne Harmonie ſich laben!“ Allein der König ſpringt in Wuth empor, Und wirft den Spieß nach dem erſchrocknen Knaben. Auguſt Graf v. Platen⸗Hallermünde. 245. Belſazar*). Die Mitternacht zog näher ſchon; In ſtummer Ruh lag Babylon.* Nur oben in des Königs Schloß Da flackerts, da lärmt des Königs Troß. Belſazar hielt ſein Königsmahl. Die Knechte ſaßen in ſchimmernden Reihn, Und leerten die Becher mit funkelndem Wein. Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knecht; So klang es dem thörichten König recht.* Des Königs Wangen leuchten Glut; Im Wein erwuchs ihm kecker Muth. *) Vergl. Proph. Daniel, Kap. 5. 175 Und blindlings reißt der Muth ihn fort; Und er läſtert die Gottheit mit ſündigem Wort. Und er brüſtet ſich frech, und läſtert wild;. Die Knechtenſchar ihm Beifall brüllt. Der König rief mit ſtolzem Blick; Der Diener eilt und kehrt zurück. Er trug viel gülden Geräth auf dem Haupt, Das war aus dem Tempel Jehovas geraubt. Und der König ergriff mit frevelnder Hand Einen heiligen Becher, gefüllt bis an Rand! Und er leert ihn haſtig bis auf den Grund, Und rufet laut mit ſchäumendem Mund: Jehova! dir künd ich auf ewig Hohn,— Ich bin der König von Babylon! Doch kaum das grauſe Wort verklang, Dem König wards heimlich im Buſen bang. Das gellende Lachen verſtummte zumal; Es wurde leichenſtill im Saal. Und ſieh! und ſieh! an weißer Wand Da kams hervor wie Menſchenhand; und ſchrieb, und ſchrieb an weißer Wand Buchſtaben von Feuer, und ſchrieb und ſchwand. Der König ſtieren Blicks da ſaß, Mit ſchlotternden Knieen und todtenblaß. Die Knechtenſchar ſaß kalt durchgraut, Und ſaß gar ſtill, gab keinen Laut. Die Magier kamen, doch keiner verſtand Zu deuten die Flammenſchrift*) an der Wand. Belſazar ward aber in ſelbiger Nacht Von ſeinen Knechten umgebracht. Heinrich Heine. 246. Scipiv. Schau dort den Mann! Er kommt ge⸗ Dem ſich Karthago gab verloren, gangen, Vor dem vor Roms geborſtnen Die Toga**) läſſig umgehangen: Thoren Das iſt der große Seipio, Des Barkas grauſer Enkel floh. 4 *) Das iſt aber die Schrift allda verzeichnet: Mene, mene, tekel, upharſin. Mene, d. i. Gott hat dein Königreich gezählet und vollendet. Tekel, d. i. man hat dich in einer Wage gewogen und zu leicht gefunden. Daniel 5, 25— 27. *) Die Toga, ein altrömiſches weißwollenes Oberkleid für Männer, eine Art Mantel, nur in Friedenszeiten und ſo getragen, daß der rechte Arm frei blieb. Es iſt der Weg zum Kapitole Den er mit ruhmbeſchwingter Sohle Als Triumphator einſt erſtieg. Er geht mit ernſter Römerſitte Auch heut hinauf in feſtem Schritte, Als führt er eine Schar zum Sieg. Und deunoch dürft er heute zagen! Mag jedes Haupt er überragen, Die Mißgunſt haßt ſein großes Thun. Er iſt verklagt als Landverräther, Und vor dem Hof der greiſen Väter Erhebt die Klage der Tribun: „Wir haben Geld dir reich geſendet; Es ward auf dieſen Krieg verſchwendet Des Volkes Schweiß und letzte Kraft. Dir haben wir uns überlaſſen, Du haſt verſtreut des Silbers Maſſen! Wohlan, ſo gib uns Rechenſchaft! Stolz gibſt du reiche Pracht zu ſchauen; Rings an den Bergen, auf den Auen Wird Oel und Korn und Wein dir reif. Wer mag dem Zweifel dä gebieten? Und drum im Namen der Quiriten Verklag ich dich auf Unterſchleif!“ Da hebt ſich Scipio vom Sitze, Es bleiben ſeines Auges Blitze Mitleidig auf dem Kläger ruhn. 176 Aufſchlägt er eine Bücherrolle, Und mild, als wüßt er nichts von Grolle, Beginnt er ſeine Rede nun: „Leicht wärs, ihr Väter, mir zu rechten! Ich ſchrieb im Feld in heißen Nächten Dieß Rechnungsbuch mit eigner Hand. Von meinem Quäſtor unterſiegelt, Deß Lippe jetzt der Tod verriegelt, Iſts meiner Ehre gültig Pfand. Und weil mich die Erinnrung freute, So hielt ichs aufbewahrt bis heute: Nun aber, dünkt michs, iſts genug. Zu fragen nach Beweis und Pfande, Es wäre mir und euch zur Schande— Dieß meine Antwort: kommtz. Spruch!““ Er ſchweigt und reißt das Buch in Fetzen Und wirft es zu des Hofs Entſetzen Aufs Kohlenbecken Stück für Stück. Dann ſchürt bedachtſam er die Flammen, Bis es zu Aſche fiel zuſammen, Und geht zu ſeinem Sitz zurück. Still wirds— dann jauchzt es in der Runde. „Frei, frei von Schuld!“ aus jedem Munde; „Der Kläger bebt in banger Scham. Doch in dem wilden Beifallrufen Neigt ſich der Held und geht die Stufen Hinab ſo ruhig wie er kam. Gottfried Kinkel. 247. Harmoſan.(80) Schon war geſunken in den Staub der Saſſaniden ¹) alter Thron, Es plündert Mosleminenhand*) das ſchätzereiche Kteſiphon! Schon langt am Orus ³) Omar an nach manchem durchgekämpften Tag, Wo Chorus Enkel, Jesdegerd“), auf Leichen eine Leiche lag. Und als die Beute muſtern ging Medinas Fürſt) auf weitem Plan, Ward ein Satrap“) vor ihn geführt, er hieß mit Namen Harmoſan; 1) Die Saſſaniden waren eine Reihe perſiſcher Könige(226— 637), welche von dem Khalifen (eiſtlichen und weltlichen Stellvertreter des Propheten Mahomed) Omar entthront wurden. Ihre Haupt⸗ ſtadt war Kteſiphon.— 2) Mosleminen oder Muſelmänner ſind die Bekenner des Islam oder der muhamedaniſchen Religion.— 3) Der Oxus der Alten iſt ein Fluß, der vor Zeiten ſeine Mündung ins Kaspiſche Meer hatte, jetzt Gihon und im Unterlaufe Amu darja heißt und in den Aralſee fließt.— 4) Jesdegerd war der letzte der Saſſaniden— 5) Medinas Fürſt iſt Omar; denn Medina war die Reſidenz der arabiſchen Khalifen.— 6) Satrap, d. i. ein Statthalter. — — — 177 Der letzte, Doch ach, die ſonſt ſo tapfre Hand trug eine ſchwere Kette jetzt! der im Hochgebirg dem kühnen Feind ſich widerſetzt; Und Omar blickt ihn finſter an und ſpricht:„Erkennſt du nun wie ſehr Vergeblich iſt vor unſerm Gott der Götzendiener Gegenwehr?“ Und Harmoſan erwiedert ihm:„„In deinen Händen iſt die Macht: Wer einem Sieger widerſpricht, der widerſpricht mit Unbedacht. Nur eine Bitte wag ich noch, abwägend dein Geſchick und meins: Drei Tage focht ich ohne Trunk, laß reichen einen Becher Weins.““ Und auf des Feldherrn leiſen Wink ſteht ihm ſogleich ein Trunk bereit; Doch Harmoſan befürchtet Gift und zaudert eine kleine Zeit. „Was zagſt du?“ ruft der Saracen,„nie täuſcht ein Moslem ſeinen Gaſt, Nicht eher ſollſt du ſterben, Freund, als bis du dieß getrunken haſt!“ — Da greift der Perſer nach dem Glas, und ſtatt zu trinken, ſchlendert Zu Boden ers auf einen Stein mit raſcher Geiſtesgegenwart. Und Omars Mannen ſtörzen ſchon mit blankem Schwert auf ihn heran, Zu ſtrafen ob der Hinterliſt den allzuſchlauen Harmoſan; Doch wehrt der Feldherr ihnen ab und ſpricht ſedann:„Er lebe fort! Wenn was auf Erden heilig iſt, ſo iſt es eines Helden Wort.“ Auguſt Graf v. Platen⸗Hallermünde. — 248. Der Maure von Tetuan. Auf dem weichen Purpurdiwan Liegt am Tode Boabdil, Er in Tetuan der Reichſte; Um ihn ſtehn der Sklaven viel. Und zu ſeinen Füßen ſtürzen Haſt dies Haus mit ſeiner Zier, Sammt den Sklaven und Kameelen; Allah mehr es reichlich dir! Schenckel's Blüten, 2r Theil. Aber dir, mein Erſtgeborner, Wird der herrlichſte Gewinn, Nimm mein Köſtlichſtes und Beſtes, Nimm, o Ferhad, es dahin; Denn mein Roß und meinen Säbel Weinend ſeine Kinder hin; Sammt der Waffen goldner Zier Doch er wehret ihrem Schmerze, Und noch dieſen roſtgen Schlüſſel Spricht mit ruhig klarem Sinn: Laß ich als dem Liebſten dir. „Groß iſt Allah! Ihm verdank ich Dieß der Schlüſſel deines Erbtheils, Freuden überreich und viel; Wenn du einſt den Feind bezwingſt; 3 Sollt ich murren, da dem Wohlthun Reicher biſt du als der Bruder, Er nun endlich ſetzt ein Ziel? Wenn dus tapfer dir erringſt. Hört denn meinen letzten Willen: Denn im Wunderlande liegt es, Fatme, du mein jüngſtes Kind, In Granada ſüß und mild, Nimm, ſo viel mir reiche Ballen Wo Kenil die hellen Wogen In Gewölb und Bazar ſind. Wälzt durchs ſonnige Gefild.— Du, mein zweiter Sohn, Almanſor, Chriſten haben uns vertrieben Aus dem himmliſchen Beſitz, Und du ſollſt ihn neu gewinnen Mit des Damaszeners Blitz. Ite ſ. verm. Aufl. 12 3 1 178 Schon erglänzt in jenen Landen Ruht nicht, bis die Chriſtenhunde Uns ein rothes Hoffnungslicht; Liegen euch zu Fuß geſchmiegt! Grimmig morden ſich die Franken, Hoch Granada!“— und der Alte Und ihr blutger Thron zerbricht. Richtet auf vom Lager ſich, Drum erhebe dich, Ferhadi, Und es wallt der weiße Bart ihm, Und mein Segen folge dir! Augen rollt er fürchterlich. Mögen Tauſend zu dir ſchwören, Und begann mit Macht zu ſingen Wenn du aufwirfſt dieß Panier! Ein uraltes Schlachtenlied: Schwingt die Klingen, tönt Fanfaren! So inmitten Siegesjubels Ueber blaue Welle fliegt, Sank zurück er und verſchied. Gottfried Kinkel. 249. Alexander YPpſilanti auf Munkacs*). Alexander Ypſilanti ſaß in Munkacs hohem Thurm, An den morſchen Fenſtergittern rüttelte der wilde Sturm, Schwarze Wolkenzüge flogen über Mond und Sterne hin— Und der Griechenfürſt erſeufzte:„Ach, daß ich gefangen bin!“ An des Mittags Horizonte hing ſein Auge unverwandt: „Läg ich doch in deiner Erde, mein geliebtes Vaterland!“ Und er öffnete das Fenſter, ſah ins öde Land hinein; Krähen ſchwärmten in den Gründen, Adler um das Felsgeſtein. Wieder fing er an zu ſeufßen:„Bringt mir Keiner Botſchaft her Aus dem Lande meiner Väter?“— Und die Wimper ward ihm ſchwer— Wars von Thränen? wars von Schlummer? und ſein Haupt ſank in die Hand. Seht, ſein Antlitz wird ſo helle— träumt er von dem Vaterland? Alſo ſaß er, und zum Schläfer trat ein ſchlichter Heldenmann, Sah mit freudig ernſtem Blicke lange den Betrübten an: „„Alexander Ypſilanti, ſei gegrüßt und faſſe Muth! In dem engen Felſenpaſſe, wo gefloſſen iſt mein Blut, Wo in Einem Grab die Aſche von dreihundert Spartern liegt, Haben über die Barbaren freie Griechen heut geſiegt. Dieſe Botſchaft dir zu bringen ward mein Geiſt herabgeſandt.. Alexander Ypſilanti, frei wird Hellas heilges Land!““ Da erwacht der Fürſt vom Schlummer, ruft entzückt:„Leonidas!“ Und er fühlt, von Freudenthränen ſind ihm Aug und Wange naß. Horch, es rauſcht ob ſeinem Haupte, und ein Königsadler fliegt Aus dem Fenſter, und die Schwingen in dem Mondenſtrahl er wiegt. Wilhelm Müller. *) Alexander Ypſilanti war der alten, reichen Phanariotenfamilie Ppſilantis entſtammt und wollte als Anführer der Griechen dieſelben vom türkiſchen Joche befreien. Nach der verlorenen Schlacht bei Dragaſchan(1821) mußte er auf perſönliche Sicherheit bedacht ſein. Er flüchtete ſich auf veſtreichiſches Gebiet, erhielt die Erlaubniß zum lebertritt, ward aber dennoch als Gefangner behandelt und nach der ungariſchen Veſte(Munkacs) ins Staatsgefängniß gebracht. Auf Rußlands Vermiltlung gab ihm Oeſtreich im November 1827 die Freiheit und ſchon am 31. Januar 1828 ſtarb er auf der Reiſe zu Wien. 179 250. Die linke Hand. Ein Räubertrupp, berauſcht von Blut, Tritt in des Landmanns Hütten, Und fangen an im Uebermuth Den Haushalt zu zerrütten. Sie nehmen, was zu nehmen iſt, Und laſſen Nichts am Platze, Die Kuh im Stall, den Hahn vom Miſt, Und unterm Tiſch die Katze. Geduldig ſiehts der alte Ruſſ, Von ſeinem Platz nicht ruckend, Und ſeinen ſchweigenden Verdruß Im dichten Bart verſchluckend; Da tritt ihn ſelber Einer an, Läßt eine Hand ſich reichen, Und malt, als er ſie hingethan, Ihm drein ein rothes Zeichen. Aufthut der Ruſſe ſeinen Mund, Und fragt, was es bedeute? Da thut es ein Polack ihm kund, Der mit war von der Meute: „Das iſt des Kaiſers Namenszug, Der uns die Macht gegeben; Und wer einmal dieß Zeichen trug, Iſt eigen ihm fürs Leben. Durch dieſes Zeichen biſt du nun Geworden auch ſein eigen.“ Der Ruſſe läßt die Blicke ruhn Auf ſeiner Hand mit Schweigen; Dann legt er hin ſie auf den Tiſch, Die Hand, es war die linke, Und aus dem Gürtel ziehet friſch Das Beil die rechte flinke; Er führt den Streich, und trifft ſo gut, Daß hoch das Blut aufſpritzet: „„Da nehmt die Hand, bedeckt mit Blut, Und ſeht, was ſie euch nützet! Nehmt hin, was eures Kaiſers iſt, Und was da trägt ſein Zeichen! Ihr werdet mit Gewalt und Liſt Nicht euren Zweck erreichen. Ich geb euch nur die linke Hand, So bleibt noch mein die rechte, Mit der ich für mein Vaterland, Für meinen Kaiſer fechte. Und nehmt ihr auch die rechte hier, So werd ich nicht verzagen: Die Rechte Gottes über mir In Wolken wird euch ſchlagen.“ Da hob er hoch als wie zum Schwur Des Armes blutgen Stümmel, Und die es ſahn, ein Schreck durchfuhr, Sie fliehen mit Getümmel; Es war als ſähn ſie aus dem Blut Den Geiſt ſchon ſteigen rauchend, Deß rechter Arm ſie ſchlug mit Much, Die linke Hand nicht brauchend. Friedrich Rückert. 251. Der Polenflüchtling. Im quellenarmen Wüſtenland Arabiſcher Nomaden Irrt, ohne Ziel und Vaterland Auf windverwehten Pfaden, Ein Polenheld und grollet ſtill, Daß noch ſein Herz nicht brechen will. Die Sonn auf ihn herunter ſprüht Die heißen Mittagsbrände, Von ihrem Flammenkuſſe glüht Das Schwert an ſeiner Lende; Will wecken ihm den tapfern Stahl Zur Racheglut der Sonnenſtrahl? Sein Leib neigt ſich dem Boden zu Mit dürſtendem Ermatten; Der ſänke gern zu kühler Ruh In ſeinen eignen Schatten; Der tränke gern vor dürrer Glut Schier ſeine eigne Thränenflut. Doch ſolche Qual ſein Herz nicht merkt, Weils trägt ein tiefres Kränken. Er ſchreitet fort, vom Schmerz geſtärkt, Vom Schlachtenangedenken. 180 Sie lagern um den Fremden ſtumm, Ihn aufzuwecken bange: Sie ſehn der Narben Heiligthum Auf blaſſer Stirn und Wange; Manchmalſein Mund:„Kosciuszko!“*) Dem Wüſtenſohn zu Herzen geht ruft, Und träumend haut er in die Luft. Als nun der Abend Kühlung bringt, Steht er an grüner Stelle; Ein ſüßes Lied des Mitleids ſingt Entgegen ihm die Quelle, Und ſänſelnd weht das Gras ihn an: „O ſchlummre hier, du armer Mann!“ Er ſinkt, er ſchläft— der fremde Baum Einflüſtert ihn gelinde In einen ſchönen Heldentraum; Die Wellen und die Winde Umrauſchen ihn wie Schlachtengang, Umrauſchen ihn wie Siegsgeſang. Schon kommt im Oſten voll und klar Herauf des Mondes Schimmern; Von einer Beduinenſchar Die blanken Säbel flimmern Weithin im öden Mondrevier, Der Wildniß nächtlich helle Zier. Stets lauter tönt der Hufentanz Von windverwandten Fliehern, Die, heißgejagt, im Mondenglanz Dem OQuell entgegenwiehern. Die Reiter rufen in die Nacht; Doch nicht der Folenheld erwacht. Sie laſſen, friſch und froh gelaunt, Die Roſſ im Quelle trinken, Und plötzlich ſchauen ſie erſtaunt Ein Schwert im Graſe blinken, Und zitternd ſpielt das kühle Licht Auf einem bleichen Angeſicht. Des Unglücks ſtille Majeſtät. Dem ſchlafverſunknen Helden naht, Mit Schritten, gaſtlich leiſe, Ein alter, finſterer Nomad, Und Labetrunk und Speiſe, Das Beſte, was er ihm erlas, Stellt er ihm heimlich vor ins Gras. Nimmt wieder ſeine Stelle dann.— Noch ſtarrt die ſtumme Runde Den Bleichen an, ob auch verrann Der Nacht ſchon manche Stunde; Bis aus dem Schlummer fährt empor Der Mann, ders Vaterland verlor. Da grüßen ſie den Fremden mild, Und ſingen ihm zur Ehre Geſänge tief und ſchlachtenwild Hinaus zur Wüſtenleere. Blutrache nach der Väter Brauch, Iſt ihres Liedes heißer Hauch. Wie faßt und ſchwingt ſein Schwert der Held, Der noch vom Traum berückte! — Er ſteht auf Oſtrolenkas Feld;— Wie lauſchet der Entzückte, Vom ſtürmiſchen Geſang umweht! Wie heiß ſein Blick nach Feinden ſpäht! Doch nun der Pole ſchärfer lauſcht, Sinds fremde, fremde Töne, Was ihn im Waffenglanz umrauſcht, Arabiens freie Söhne, Auf die der Mond der Wüſte ſcheint: Da wirft er ſich zur Erd— und weint. Nikolaus Lenau. *) Als im Jahr 1793 Preußen und Rußland die zweite Theilung Polens vorgenommen hatten, da erhob ſich das Volk in Verzweiflung und heißem Zorn, um die Freiheit wieder zu gewinnen. Cs ſcharte ſich um den Helden Kosciuszko, erlag aber im Kampfe gegen die Uebermacht der Ruſſen, Oeſtreicher und Preußen und mußte ſich 1795 die dritte Theilung des Reiches gefallen laſſen. Bei Maciejowice(1794) ward Kosciuszko verwundet und gefangen; er ſank vom Pferde und rief: „Finis Poloniae 1“ Kaiſer Paul I. gab ihn frei und reichte ihm ſein Schwert wieder, das er aber ablehnte mit den Worten:„Ich bedarf nicht mehr des Er fuhr nach Amerika, lebte ſpäter auf einem Landgut in Frankreich, ſtarb 1817 in der babe.“ Schwertes, da ich kein Vaterland mebr Schweiz und ſein Leichnam wurde 1818 auf Koſten des Kaiſers Alexander in Solothurn abgeholt und im Dom zu Krakau beigeſetzt. 181 252. Die letzten Zehn vom 4. Regiment. In Warſchau ſchwuren Tauſend auf den Knieen: Kein Schuß im heilgen Kampfe ſei gethan! Tambour, ſchlag an! Zum Blachfeld laß uns ziehen! Wir greifen nur mit Bajonetten an! Und ewig kennt das Vaterland und nennt Mit ſtillem Schmerz ſein 4tes Regiment! Und als wir dort bei Praga blutig rangen, Kein Kamerad hat einen Schuß gethan, Und als wir dort den argen Todfeind zwangen, Mit Bajonetten ging es drauf und dran! Fragt Praga, das die treuen Polen kennt! Wir waren dort das 4te Regiment! Drang auch der Feind mit tauſend Feuerſchlünden Bei Oſtrolenka grimmig auf uns an; Doch wußten wir ſein tückiſch Herz zu finden, Mit Bajonetten brachen wir uns Bahn! Fragt Oſtrolenka, das uns blutend nennt! Wir waren dort das 4te Regiment! Und ob viel wackre Männerherzen brachen, Doch griffen wir mit Bajonetten an, Und ob wir auch dem Schickſal unterlagen, Doch hatte Keiner einen Schuß gethan! Wo blutigroth zum Meer die Weichſel rennt, Dort blutete das 4te Regiment! O weh! das heilge Vaterland verloren! Ach fraget nicht: wer uns dies Leid gethan? Weh Allen, die in Polenland geboren! Die Wunden fangen friſch zu bluten an;— Doch fragt ihr, wo die tiefſte Wunde brennt? Ach, Polen kennt ſein 4tes Regiment! Ade, ihr Brüder, die zu Tod getroffen An unſerer Seite dort wir ſtürzen ſahn! Wir leben noch, die Wunden ſtehen offen, und um die Heimat ewig iſts gethan; Herr Gott im Himmel ſchenk ein gnädig End Uns Letzten noch vom 4ten Regiment!— Von Polen her im Nebelgrauen rücken Zehn Grenadiere in das Preußenland Mit düſtrem Schweigen, gramumwölkten Blicken; Ein:„Wer da?“ ſchallt; ſie ſtehen feſtgebannt, und Einer ſpricht:„Vom Vaterland getrennt Die letzten Zehn vom 4. Regiment! Julius Moſen. —— 253. Die Grenadiere. Nach Frankreich zogen zwei Grenadier, Die waren in Rußlaud gefangen. Und als ſie kamen ins deutſche 8 Quartier, Sie ließen die Köpfe hangen. Da hören ſie beide die traurige Mär: Daß Frankreich verloren gegangen, Beſiegt und zerſchlagen das große Heer,— Und der Kaiſer, der Kaiſer gefangen! Da weinten zuſammen die Grenadier Wohl ob der kläglichen Kunde. Der Eine ſprach:„Wie weh wird mir, Wie brennt meine alte Wunde!“ Der Andre ſprach:„„das Lied iſt aus, Auch ich möcht mit dir ſterben, Doch hab ich Weib und Kind zu Haus, Die ohne mich verderben.““ „Was ſcheert mich Weib, was ſcheert mich Kind! Ich trage weit beſſres Verlangen; Laß ſie betteln gehn, wenn ſie hungrig ſind,— Mein Kaiſer, mein Kaiſer gefangen! Gewähr mir, Bruder, eine Bitt: Wenn ich jetzt ſterben werde, So nimm meine Leiche nach Frankreich mit, Begrab mich in Frankreichs Erde. Das Ehrenkreuz am rothen Band Sollſt du aufs Herz mir legen; Die Flinte gib mir in die Hand, Und gürt mir um den Degen. So will ich liegen und horchen ſtill, Wie eine Schildwach, im Grabe, Bis einſt ich höre Kanonengebrüll Und wiehernder Roſſe Getrabe. Dann reitet der Kaiſer wohl über mein Grab, Viel Schwerter klirren und blitzen; Dann ſteig ich gewaffnet hervor aus dem Grab,— Den Kaiſer, den Kaiſer zu ſchützen.“ Heinrich Heine. 183 254. Der Grenadier der alten Garde. Mein Kaiſer, mein Kaiſer gefangen! H. Heine. Ohnfern des Gitterfenſters ſteht an Bicétre's ¹²) Wand Ein Veteran, gezieret mit rothem Ehrenband, Starrt auf die dumpfge Mauer, das Herz iſt ihm ſo ſchwer, Und wiegt das Haupt wie ſchmerzlich verneinend hin und her. Ergraunde krauſe Locke die hohe Stirn umſpielt, Wo tiefe Narbe kündet, wie ſcharf der Feind gezielt; Wo tiefe Narbe deutet, wie einſt dem Schlachtentod Er keck ins Auge ſchaute, keck ihm die Stirne bot. Auf Mont⸗Saint⸗Jeans*) Gefilden die Schar der Helden ſpricht: „Es ſtirbt die alte Garde, doch ſie ergibt ſich nicht!“ Er riefs, da traf die Kugel der Bärenmütze Rand, Mit Blut das Wort beſiegelnd, ſank hin er in den Sand. Aus glühnden Fieberträumen nach Mondenfriſt erwacht Der Greis in düſterm Kerker, in düſtrer Seelennacht. Verworrne Schatten treiben am Geiſt vorüber wild,— Klar aus des Irrſinns Wolken taucht nur des Kaiſers Bild. Jetzt faßt er eine Kohle mit hiebgelähmter Hand, Und zieht vom Hut des Kaiſers den Umriß an die Wand, Vom wohlbekannten Hute, mit den drei Farben dran, Die auf den Siegesbahnen gezogen ſtets voran. Die ernſte, freie Stirne entwirft er mit Geſchick, Und müht ſich nachzubilden des Feldherrn Adlerblick, Die Sonne, deren Strahlen der Greis ſein Lebenlang Gefolgt, bis ihre Glorie bei Waterloo ²) verſank. So malt der alte Krieger mit hiebgelähmter Hand Das Bild des großen Kaiſers roh an Bicétre's Wand. Er zeichnet ernſt und ſchweigend, und mit dem letzten Strich Läßt er die Arme ſinken und weinet bitterlich. * Franz Frhrr. v. Gaudv. 255. Napolevn. „Unmöglich“ ſtand nicht in dem Wörterbuch Des großen Kaiſers, der mit ſtarker Hand Ein kühner Held die halbe Welt umſpannt Und ſie in ſeines Willens Ketten ſchlug. 1) Bicstre iſt ein Schloß in der Nähe von Paris und dient als Hospital für alte, kranke Männer, die das 70. Jahr erreicht haben Daſelbſt iſt auch ein Gebäude für unheilbare Wahnſinnige.— 2) Ein Dorf eine halbe Stunde von Waterlvv.— 3) Am 18. Inni 1815 wurde in der Rieſenſchlacht bei Waterloo Napoleon gänzlich geſchlagen. 184 Die Völker häuften auf ihn Fluch und Fluch, Doch der Gewaltge kam mit Schwert und Brand, Sie beugten ſich, es half kein Widerſtand, Bis er am ſtolzeſten den Nacken trug. Da ſprach der Herr:„Mein iſt der Rache Tag!“ Und traf den Uebermüthgen Schlag auf Schlag, Des Todes Beute dreimal ward ſein Heer. Und er, für den es kein„Unmöglich“ gab? Ihm blieb von allen Reichen nur ein Grab Dort auf Sanct Helena umwogt vom Meer. Julius Sturm. 256. Die letzte Stunde des Hauſes Napolevn. Im Garten zu Schönbronnen Da liegt der König von Rom, Sieht nicht das Licht der Sonnen, Sieht nicht des Himmels Dom. Am fernen Inſelſtrande, Da liegt Napoleon, Liegt da zu Englands Schande, Liegt da zu Englands Hohn. Im Garten zu Schönbronnen, Da liegt der König von Rom, Sein Blut iſt ihm geronnen, Es ſtockt ſein Lebensſtrom. Am fernen Inſelſtrande, Da liegt Napoleon, Liegt nicht in ſeinem Lande, Liegt nicht bei ſeinem Sohn. Liegt nicht bei ſeinen Kriegern, Bei den Marſchällen nicht, Liegt nicht bei ſeinen Siegern, Liegt in Europa nicht. Liegt hart und tief gebettet, Im fernen Meereskreis Am Felſen angekettet, Ein todter Prometheus. Wo Baum und Blatt und Reiſer Verſengt vom Sonnenſtrahl, Da liegt der große Karſer, Der kleine Korporal. An ſeinem Grabe fehlen Cypreß und Blumenſtab, Am Tage Aller⸗Seelen Beſucht kein Menſch ſein Grab. So liegt er lange Jahre, In öder Einſamkeit, Da klopft es an die Bahre Um mitternächtge Zeit. Es klopft und rufet leiſe: „Wach auf, du todter Held, Es kömmt nach langer Reiſe Ein Gaſt aus jener Welt.“ Es klopft zum zweitenmale: „Mach, großer Kaiſer, auf, Es kommt vom Erdenthale Ein Bote dir herauf.“ Es klopft zum drittenmale: „Mach, Vater, auf geſchwind, Es kömmt im Geiſterſtrahle Zu dir dein einzig Kind.“ Da weichen Erd und Steine, Es thut ſich auf der Sarg, Der lange die Gebeine Des größten Helden barg. 185 Da ſtreckt des Kaiſers Leiche Die Knochenarme aus, Und zieht das Kind, das bleiche, Hinab ins Bretterhaus. Und ziehet es hernieder: „So ſeh ich, theurer Sohn, Seh ich dich endlich wieder, Mein Kind Napoleon.““ Und rücket an die Seite, Und rücket an die Wand: „Mein Kind, das iſt die Breite Von meinem ganzen Land““. Da ſchlingen die Gerippe Die Knochen ineinand, Und liegen Lipp an Lippe, Und liegen Hand in Hand. Und zu derſelben Stunde Schließt auch das Grab ſich ſchon, Das war die letzte Stunde Vom Haus Napoleon. M. G. Saphir. 257. Die nächtliche Heerſchau. Nachts um die zwölfte Stunde Verläßt der Tambour ſein Grab, Macht mit der Trommel die Runde, Geht emſig auf und ab. Mit ſeinen entfleiſchten Armen Rührt er die Schlägel zugleich, Schlägt mauchen guten Wirbel, Reveill und Zapfenſtreich. Die Trommel klinget ſeltſam, Hat gar einen ſtarken Ton, Die alten todten Soldaten Erwachen im Grab davon. Und die im tiefen Norden Erſtarrt in Schnee und Eis, Und die in Wälſchland liegen, Wo ihnen die Erde zu heiß; Und die der Nilſchlamm decket Und der arabiſche Sand: Sie ſteigen aus ihren Gräbern Und nehmens Gewehr zur Hand. + Und um die zwölfte Stunde Verläßt der Trompeter ſein Grab, Und ſchmettert in die Trompete, Und reitet auf und ab. Da kommen auf luftigen Pferden Die todten Reiter herbei, Die alten, blutgen Schwadronen In Waffen mancherlei. Es grinſen die weißen Schädel Wohl unter dem Helm hervor, Es halten die Knochenhände Die langen Schwerter empor. * * Und um die zwölfte Stunde Verläßt der Feldherr ſein Grab, Kommt langſam hergeritten, Umgeben von ſeinem Stab. Er trägt ein kleines Hütchen, Er trägt ein einfach Kleid, Und einen kleinen Degen Trägt er an ſeiner Seit. Der Mond mit gelbem Lichte Erhellt den weiten Plan: Der Mann im kleinen Hütchen Sieht ſich die Truppen an. Die Reihen präſentiren Und ſchultern das Gewehr, Dann zieht mit klingendem Spiele Vorüber das ganze Heer. Die Marſchäll und Generale Schließen um ihn einen Kreis: Der Feldherr ſagt dem Nächſten Ins Ohr ein Wörtchen leis. Das Wort geht in die Runde, Klingt wieder fern und nah: „Frankreich“ iſt die Parole, Die Loſung:„Sankt Helena!“ ——— — 186 Dies iſt die große Parade Die um die zwölfte Stunde Im elyſäiſchen Feld, Der todte Cäſar hält. Joſ. Chriſt. Frhrr. v. Zedlitz. 258. Lätitin). Nie büßte eine Mutter ſo viel ein! Richard 1M. An des Capitoles Schwelle ragt vereinzelt in die Luft Eine Marmorſänle, träumend ſchweigſam auf der Trümmergruft. Staub beſtreut die andern alle, ſie allein erhebt, umlaubt Von des Epheus Wittwenſchleier, ihr vom Blitz verſchontes Haupt. An des Capitoles Schwelle ſteht ein hoher Lorberbaum: In dem höchſten Wipfel regt ſich zögernd noch ein Lebenstraum; An der Felſen Rippe klammert ſich der Wurzeln zähe Kraft; Doch die welken Arme ſtarren weithin, leblos, geiſterhaft. Stolzer ſtrebte keine Krone zu des Himmels Dom empor; Ueberſchattend ſieben Reiche), glich ihr keine je zuvor; Keine haben die Orkane, Blatt für Blatt gleich ihr entlaubt, Haben keiner, langſam mordend, Sproß für Sproß gleich ihr geraubt. Auf des Capitoles Schwelle thront ein Weib, das Haar gebleicht, Deren Größe, deren Leiden noch kein andres Weib erreicht, Deren Wonne, deren Jammer keiner Mutter Buſen kennt, Deren Hoheit, deren Elend keines Volkes Sage nennt. Ragend ſo vor allen Frauen, wie vor Männern ragt ihr Sohn, Thronet ſie der Mütter erſte, Mutter von Napoleon, Sie, der jeden Kelch zu leeren ward das unerhörte Loos, Sie, die lebende Ruine, auf Ruinen hehr und groß. Alle Kränze, die das Fatum eines Weibes Scheitel weiht, Jugend, holde Leibesſchöne, Kinder, Macht und Herrlichkeit, Alle waren ihr verliehen, alle nahm ihr das Geſchick: Nur grauſamer Spott des Namens blieb ihr und die Thrän im Blick. Eines halben Welttheils Throne nahmen ihre Kinder ein, Leuchten ſah von Jedes Stirne ſie des Diademes Schein), Sah wie gleich des Traums Gebilden, jedes Goldreifs Glanz erblich,— Tiefer ſenkte ihre Krone nur, die Märtyrkrone, ſich. 1) Maria Lätitia war Napoleons Mutter. Ihr Mann ſtarb früh(1783) und die junge Wittwe war ganz vermögenslos; ſie flüchtete 1793 mit ihren Töchtern vor den Engländern nach Marſeille, tam 99 nach Paris, wo ihr ſpäter als Kaiſerin Mutter gehuldigt wurde. Seit 1814, dem Sturze Napoleons, lebte ſie in Rom, war mehrere Jahre blind und bettlägerig, wufte ſich aber mit ſeltener Ergebung in ihr Schickſal zu finden und ſtarb zu Rom am 2. Februar 1836.— 2) Frankreich, Spanien, Neapel⸗Sicilien, Holland, Weſtphalen, Lucca, Guaſtalla.— 3) Rapolion(Napoleon), Kaiſer der Franzoſen; Gin ſepp (Joſeph), König von Neapel⸗Sicilien und ſpäter(1808) von Spanien; Girolamv(Hieronymus, Jerome), König von Weſtphalen; Luigi(Ludwig), König von Holland; Annunziata(Karoline), Gemahlin des Königs Mürat von Neapel; Carletta(Marie, Pauline), Herzogin von Guaſtalla; Maria Anna(Eliſe), Fürſtin von Luceca, Großherzogin von Toscana, die Semiramis von Lucea genannt. 187 Alle: Vater, Mutter, Gatten, riß der Tod von ihrer Bruſt, Knickte Knospen, die des Schwellens, des Entfaltens kaum bewußt, Ließ den Rieſenſohn ¹) verſchmachten auf dem meerumrollten Stein, Mordete den Sohn des Sohnes ²),— ſie verſchmäht er, ſie allein. Neiden darfſt du das Gewebe, ja nur du, Lätitia, Das die finſtern Schickſalsſchweſtern flochten einſt für Hekuba Aller Kinder Leichen thürmten ſich zum Hügel um ſie her, Und dann öffnete die Arme der Verzweifelnden das Meer. Früher trockneten die Thränen welche Niobe*) vergoß, Als die blühnden Sproſſen grauſam traf des Götterpaars Geſchoß. Auf die Todten fiel ein todtes Ange früh zu Stein erſtarrt, Während deins noch auf den zährenſtillnden Todesſchleier harrt. Fallen ſoll des Weltendramas Vorhang: Omnes execunt!*) Spricht des großen Trauerſpieles Schöpfer jetzt mit ernſtem Mund. Dem Verhängniß hingeopfert ſanken Fürſten, ſank der Chov Und nun trete du, du Letzte, als der Epilog hervor. Frage, Bild der ewgen Roma, von der Rieſin Gruft herab, Frage: Ob es einen Helden, deinem Sohne gleichen, gab? Frage jede deiner Schweſtern: Ob ſie mehr als du beweint?— Deine Frage wird von Jeder mit verhülltem Haupt verneint. Franz Frhrr. v. Gaudv. 259. Der Scheik am Sinai). (Im Spätjahr 1830.) „Tragt mich vors Zelt hinaus ſammt meiner Ottomane, Ich will ihn ſelber ſehn! Heut kam die Karavane Aus Afrika, ſagt ihr, und mit ihr das Gerücht? Tragt mich vors Zelt hinaus, wie an den Waſſerbächen Sich die Gazelle letzt, will ich an ſeinem Sprechen Mich letzen, wenn er Wahrheit ſpricht.“ Der Scheik ſaß vor dem Zelt, und alſo ſprach der Mohre: „Auf Algiers Thürmen weht, o Greis, die Tricolore, Auf ſeinen Zinnen rauſcht die Seide von Lyon, Durch ſeine Gaſſen dröhnt früh Morgens die Reveille, Das Roß geht nach dem Takt des Liedes von Marſeille; Die Franken kamen von Toulon. 1) Napolevn am 5. Mai 1821 auf Skt. Helena.— 2) Herzog von Reichsſtädt † 22. Juli 1832 zu Schönbronn.— 3) Hekuba(Hekabe), zweite Gemahlin des Trojer Königs Priamus, Mutter des Hektor, Paris ward nach Trojas Zerſtörung griechiſche Stlavin und ſtürzte ſich aus Verzweiflung ins Meer.— Niobe, Lochter des lydiſchen Königs Tantalus und Gemahlin des älteſten griechiſchen Tonkünſtlers Amphion, hatte 6 Söhne und 6 Töchter, die ihr von den Pfeilen der Artemis getödtet wurden, weil ſie das Volk an der Verehrung beider Gottheiten hinderte. Wer ſich den Todten in den 9 erſten Tagen näherte, wurde von Zeus in Stein verwandelt und fühlte noch als Stein das ihr zugeſügte Leid.— 50 Alle gehen hinaus(ſterben).— 6) Der Scheich, Schöik(ſpr. Schseik) oder Scheih iſt ein Unterbefehlshaber(Aelteſter, Vorſteher) einer arabiſchen Horde. 188 Gen Süden rückt das Heer in blitzender Kolonne; Auf ihre Waffen flammt der Barbaresken Sonne, Tuneſer Sand umweht der Pferde Mähnenhaar. Mit ihren Weibern fliehn die knirſchenden Kabylen ¹); Der Atlas nimmt ſie auf, und mit dem Fuß voll Schwielen Klimmt durchs Gebirg der Dromedar. Die Mauren ſtellen ſich. Vom Streit gleich einer Eſſe Glüht ſchwül das Deſls ²), Dampf wirbelt durch die Päſſe; Der Leu verläßt den Reſt des halbzerriſſnen Rehs. Er muß ſich für die Nacht ein ander Wild erjagen.— Allah! ³)— Feu! En avant! ³)— Keck bis zum Gipfel ſchlagen Sich durch die Aventuriers*). Der Berg trägt eine Kron von blanken Bajonetten, Zu ihren Füßen liegt das Land mit ſeinen Städten Vom Atlas bis ans Meer, von Tunis bis nach Fez. Die Reiter ſitzen ab, ihr Arm ruht auf den Croupen*); Ihr Auge ſchweift umher; aus grünen Myrtengruppen Schaun dünn und ſchlank die Minarets 5). Die Mandel blüht im Thal; mit ſpitzen dunkeln Blättern Trotzt auf dem kahlen Fels die Aloe den Wettern. Geſegnet iſt das Land des Beys ²) von Tittery)). Dort glänzt das Meer; dorthin liegt Frankreich. Mit den bunten Kriegsfahnen buhlt der Wind. Am Zündloch glühn die Lunten; Die Salve kracht— ſo grüßen ſie!““ „Sie ſind es!“ ruft der Scheik—„ich focht an ihrer Seite! O Pyramidenſchlacht! o Tag des Ruhms, der Beute! Roth, wie dein Turban, war im Nile jede Furt.— Allein— ihr Sultan? ſprich!“ er faßt des Mohren Rechte; „Sein Wuchs, ſein Gang, ſein Aug? ſahſt du ihn im Gefechte? Sein Kleid?“— der Mohr greift in den Gurt. „„Ihr Sultan blieb daheim in ſeinen Burggemächern; Ein Feldherr trotzt für ihn den Kugeln und den Köchern; Ein Aga ¹) ſprengt für ihn des Atlas Eiſenthür. Doch ihres Sultans Haupt ſiehſt du auf dieſem blanken Goldſtück von zwanzig Francs. Ein Reiter von den Franken Gab es beim Pferdehandel mir!““ Der Emir nimmt das Gold, und blickt auf das Gepräge, Ob dies der Sultan ſei, dem er die Wüſtenwege Vor langen Jahren wies; allein er ſeufzt und ſpricht: 1) Die auf dem kleinen Atlas, beſonders im Algieriſchen anſäßigen Berber.— 20 Ein Paß, Eng⸗ oder Hohlweg.— 3) Lürkiſcher Gott.— 4) Feuer! Vorwärts!— 5) Die Abenteuerer, Waghälſe— 6) Sprich Krupen, Croupe-, Kreuz, Hinterrücken des Pferdes.— 7) Die Thürme an den türkiſchen Bethäuſern (Moſcheen), von denen die Ausrufer täglich fünfmal zum Gebete rufen.— 8) Bey oder Dey Eigentlich däi, d. i. Beſchützer), Beherrſcher von Algier, Tripolis und Tunis.— 9) Litterg, eine der vier früheren algieriſchen Provinzen.— 10) Anführer, Befehlshaber. 189 „Das iſt ſein Auge nicht, das iſt nicht ſeine Stirne! Den Mann hier kenn ich nicht! ſein Haupt gleicht einer Birne; Der, den ich meine, iſt es nicht!“ Ferdinand Freiligrath. 260. Das Grab im Buſentv.(620) Nächtlich am Buſento lispeln bei Coſenza dumpfe Lieder: Ans den Waſſern ſchallt es Antwort, und in Wirbeln klingt es wieder, Und den Fluß hinauf, hinunter ziehn die Schatten tapfrer Gothen, Die den Alarich) beweinen, ihres Volkes beſten Todten. Allzufrüh und fern der Heimat mußten hier ſie ihn begraben, Während noch die Jugendlocken ſeine Schultern blond umgaben. Und am Ufer des Buſento reihten ſie ſich um die Wette; Um die Strömung abzuleiten, gruben ſie ein friſches Bette. In der wogenleeren Höhlung wühlten ſie empor die Erde, Senkten tief hinein den Leichnam, mit der Rüſtung, auf dem Pferde; Deckten daun mit Erde wieder ihn und ſeine ſtolze Habe, Daß die hohen Stromgewächſe wüchſen aus dem Heldengrabe. Abgelenkt zum zweiten Male, ward der Fluß herbeigezogen: Mächtig in ihr altes Bette ſchäumten die Buſentowogen. Und es ſang ein Chor von Männern:„Schlaf in deinen Heldenehren. Keines Römers ſchnöde Habſucht ſoll dir je das Grab verſehren!“ Sangens—, und die Lobgeſ änge tönten fort im Gothenheere: Wälze ſie, Buſentowelle, wälze ſie von Meer zu Meere! Auguſt Graf v. Platen⸗Hallermünde. 261. Frau Berta ſaß in der Felſen⸗ kluft, Sie klagt ihr bittres Loos; Klein Roland ſpielt in freier Luft; Deß Klage war nicht groß. „O König Karl, mein Bruder hehr! O daß ich floh von dir! Um Liebe ließ ich Pracht und Ehr, Nun zürnſt du ſchrecklich mir. O Milon, mein Gemahl ſo ſüß! Die Flut verſchlang mir dich. Die ich um Liebe Alles ließ, Nun läßt die Liebe mich. 1) Alarich, der Weſtgothenkönig, drang in J Klein Roland. Klein Roland, du mein theures Kind, Nun Ehr und Liebe mir! Klein Roland, komm herein geſchwind! Mein Troſt kommt all von dir. Klein Roland, geh zur Stadt hinab, Zu bitten um Speis und Trank; Und wer dir gibt eine kleine Gab, Dem wünſche Gottes Dank!“ Der König Karl zur Tafel ſaß Im goldnen Ritterſaal; Die Diener liefen ohn Unterlaß Mit Schüſſel und Pokal. talien ein, eroberte Rom(410) und gedachte auch Afrika zu erobern, ſtarb aber auf ſeinem Zuge durch Unteritalien bei Coſenza und ſeine Gothen begruben ihn in das Flußbett des Buſentv. 190 Von Flöten, Saitenſpiel, Ge⸗ ſang Ward jedes Herz erfreut, Doch reichte nicht der helle Klang Zu Bertas Einſamkeit. Und draußen in des Hofes Kreis, Da ſaßen der Bettler viel: Die labten ſich an Trank und Speis Mehr als am Saitenſpiel. Der König ſchaut in ihr Gedräng Wohl durch die offne Thür:„ Da drückt ſich durch die dichte Meng Ein feiner Knab herfür. Des Knaben Kleid iſt wunderbar Vierfarb zuſammengeſtrickt: Doch weilt er nicht bei der Bettlerſchar, Herauf zum Saal er blickt. Herein zum Saal klein Roland tritt, Als wärs ſein eigen Haus: Er hebt eine Schüſſel von Tiſches Mitt Und trägt ſie ſtumm hinaus. Der König denkt:„Was muß ich ſehn? Das iſt ein ſondrer Brauch!“ Doch weil ers ruhig läßt geſchehn, So laſſens die Andern auch. Es ſtund nur an eine kleine Weil, Klein Roland kehrt in den Saal: Er tritt zum König hin mit Eil Und faßt ſeinen Goldpokal. „Heida! halt an, du kecker Wicht!“ Der König ruft es laut. Klein Roland läßt den Becher nicht, Zum König auf er ſchaut. Der König erſt gar finſter ſah, Doch lachen mußt er bald: „Du trittſt in die goldne Halle da Wie in den grünen Wald. Du nimmſt die Schüſſel von Königs Tiſch, Wie man Aepfel bricht vom Baum; Du holſt wie aus dem Brunnen friſch Meines rothen Weines Schaum.“ „„Die Bäurin ſchöpft aus dem Brunnen Die bricht die Aepfel vom Baum: Meiner Mutter ziemet Wildpret und Fiſch, Ihr rothen Weines Schaum.““ „Iſt deine Mutter ſo edle Dam, Wie du berühmſt, mein Kind, So hat ſie wohl ein Schloß luſtſam Und ſtattlich Hofgeſind? Sag an, wer iſt denn ihr Truchſeß? Sag an, wer iſt ihr Schenk?“ „„Meine rechte Hand iſt ihr Truchſeß, Meine linke die iſt ihr Schenk.““ „Sag an, wer ſind die Wächter treu?“ „„Meine Augen blau all Stund.““ „Sag an, wer iſt ihr Sänger frei?“ „„Der iſt mein rother Mund.““ „Die Dam hat wackre Diener, traun! Doch liebt ſie ſondre Livrei, Wie Regenbogen anzuſchaun, Mit Farben mancherlei.“ „„Ich hab bezwungen der Knaben acht Von jedem Viertel der Stadt: Die haben mir als Zins gebracht Vierfältig Tuch zur Wat.““ „Die Dame hat nach meinem Sinn Den beſten Diener der Welt. Sie iſt wohl Bettlerkönigin, Die offne Tafel hält. So edle Dame darf nicht fern Von meinem Hofe ſein. Wohl auf, drei Damen! auf, drei Herrn! Führt ſie zu mir herein!“ Klein Roland trägt den Becher flink Hinaus zum Prunkgemach; Drei Damen auf des Königs Wink, Drei Ritter folgen nach. Es ſtund nur an eine kleine Weil, Der König ſchaut in die Fern: Da kehren ſchon zurück mit Eil Die Damen und die Herrn. Der König ruft mit einem Mal: „Hilf Himmel! ſeh ich recht? Ich hab verſpottet im offnen Saal Mein eigenes Geſchlecht! Hilf Himmel! Schweſter Berta, bleich, Im grauen Pilgergewand! Hilf Himmel! in meinem Prunkſaal reich, Den Bettelſtab in der Hand!“ FrallBerta fällt zu Füßen ihm, Das bleiche Frauenbild. Da regt ſich plötzlich der alte Grimm, Er blickt ſie an ſo wild. Frau Berta ſenkt die Augen ſchnell, Kein Wort zu reden ſich traut. Klein Roland hebt die Augen hell, Den Oehm begrüßt er laut. 191 Da ſpricht der König mit mildem Ton: „Steh auf, du Schweſter mein! Um dieſen deinen lieben Sohn Soll dir verziehen ſein.“ Frau Berta hebt ſich freudenvoll: „Lieb Bruder mein! wohlan! Klein Roland dir vergelten ſoll, Was du mir Guts gethan. Soll werden, ſeinem König gleich, Ein hohes Heldenbild; Soll führen die Farb von manchem Reich In ſeinem Banner und Schild. Soll greifen in manches Königs Tiſch Mit ſeiner freien Hand; Soll bringen zu Heil und Ehre friſch Sein ſeufzend Mutterland.““ Ludwig Uhland. 262. Roland Schildträger. Der König Karl ſaß einſt zu Tiſch Zu Aachen mit den Fürſten. Man ſtellte Wildpret auf und Fiſch, Und ließ auch Keinen dürſten. Viel Goidgeſchirr voll klarem Schein, Manch rothen, grünen Edelſtein Sah man im Saale leuchten. Da ſprach Herr Karl, der ſtarke Held: „Was ſoll der eitle Schimmer? Das beſte Kleinod dieſer Welt, Das fehlet uns noch immer. Dieß Kleinod, hell wie Sonnenſchein, Ein Rieſe trägts im Schilde ſein Tief im Ardenner Walde“. Graf Richard, Erzbiſchof Tur⸗ pin, Herr Haimon, Naims von Bayern, Milon von Anglant, Graf Garin, Die wollten da nicht feiern. Sie haben Stahlgewand begehrt, Und hießen ſatteln ihre Pferd, Zu reiten nach dem Rieſen. Jung Roland, Sohn des Milon, ſprach: „Lieb Vater! hört, ich bitte, Vermeint ihr mich zu jung und ſchwach, Daß ich mit Rieſen ſtritte; Doch bin ich nicht zu winzig mehr, Euch nachzutragen euren Speer Sammt eurem guten Schilde.“ Die ſechs Genoſſen ritten bald Vereint nach den Ardennen. Doch als ſie kamen in den Wald, Da thäten ſie ſich trennen. Roland ritt hinterm Vater her: Wie wohl ihm war, des Helden Speer, Des Helden Schild zu tragen! Bei Sonnenſchein und Mondenlicht Streiften die kühnen Degen, Doch fanden ſie den Rieſen nicht In Felſen und Gehegen. Zur Mittagsſtund am vierten Tag Der Herzog Milon ſchlafen lag In einer Eiche Schatten. Roland ſah in der Ferne bald Ein Blitzen und ein Leuchten, Davon die Strahlen in dem Wald Die Hirſch und Reh aufſcheuchten; Er ſah, es kam von einem Schild, Den trug ein Rieſe groß und wild, Vom Berge niederſteigend. Roland gedacht im Herzen ſein: „Was iſt das für ein Schrecken! Soll ich den lieben Vater mein Im beſten Schlaf erwecken? Es wachet ja ſein gutes Pferd, Es wacht ſein Speer, ſein Schild und Schwert, Es wacht Roland, der junge.“ Roland das Schwert zur Seite band, Herrn Milons ſtarkes Waffen; Die Lanze nahm er in die Hand Und thät den Schild aufraffen; Herrn Milons Roß beſtieg er dann Und ritt ganz ſachte durch den Tann, Den Vater nicht zu wecken. Und als er kam zur Felſenwand, Da ſprach der Ries mit Lachen: „Was will doch dieſer kleine Fant Auf ſolchem Roſſe machen? Sein Schwert iſt zwier ſo lang als er, Vom Roſſe zieht ihn ſchier der Speer, Der Schild will ihn erdrücken.“ Jung Roland rief:„Wohlauf zum Streit! Dich reuet noch dein Necken. Hab ich die Tartſche lang und breit, Kann ſie mich beſſer decken; Ein kleiner Mann, ein großes Pferd, Ein kurzer Arm, ein langes Schwert, Muß eins dem andern helfen.“ Der Rieſe mit der Stange ſchlug, Auslangend in die Weite, Jung Roland ſchwenkte ſchnell genug Sein Roß noch auf die Seite. Die Lanz er auf den Rieſen ſchwang, Doch von dem Wunderſchilde ſprang Auf Roland ſie zurücke. Jung Roland nahm in großer Haſt Das Schwert in beide Hände; Der Rieſe nach dem ſeinen faßt, Er war zu unbehende, Mit flinkem Hiebe ſchlug Roland Ihm unterm Schild die linke Hand, Daß Hand und Schild entrollten. Dem Rieſen ſchwand der Muth dahin, Wie ihm der Schild entriſſen, Das Kleinod, das ihm Kraft v Mußt er mit Schmerzen miſſen. Zwar lief er gleich dem Schilde nach, Doch Roland in das Knie ihn ſtach, Daß er zu Boden ſtürzte. 3 Roland ihn bei den Haaren griff, Hieb ihm das Haupt herunter; Ein großer Strom von Blute lief Ins tiefe Thal hinunter; Und aus des Todten Schild hernach Roland das lichte Kleinod brach, Und freute ſich am Glanze. Dann barg ers unterm Kleide gut Und ging zu einem Quelle, Da wuſch er ſich von Staub und Blut Gewand und Waffen helle. Zurücke ritt der jung Roland Dahin, wo er den Vater fand Noch ſchlafend bei der Eiche. Er legt ſich an des Vaters Seit, Vom Schlafe ſelbſt hezwungen, Bis in der kühlen Abendzeit Herr Milon aufgeſprungen: „Wach auf, wach auf, mein Sohn Roland! Nimm Schild und Lanze ſchnell zur Hand, Daß wir den Rieſen ſuchen!“ iehn, Sie ſtiegen auf und eilten ſehr, Zu ſchweifen in der Wilde. Roland ritt hinterm Vater her Mit deſſen Schwert und Schilde. Sie kamen bald zu jener Stätt, Wo Roland jüngſt geſtritten hätt; Der Rieſe lag im Blute. Roland kaum ſeinen Augen glanbt, Als nicht mehr war zu ſchauen Die linke Hand, dazu das Haupt, So er ihm abgehauen; Nicht mehr des Rieſen Schwert u. Speer, Auch nicht ſein Schild u. Harniſch mehr, Nur Rumpf und blutge Glieder. Milon beſah den großen Rumpf: „Was iſt das für'ne Leiche? Man ſieht noch am zerhaunen Stumpf, Wie mächtig war die Eiche. Das iſt der Rieſe, frag ich mehr? Verſchlafen hab ich Sieg und Ehr, Drum muß ich ewig trauern.“ Zu Aachen vor dem Schloſſe ſtund Der König Karl gar bange: „Sind meine Helden wohl geſund? Sie weilen allzu lange. Doch ſeh ich recht, auf Königswort, So reitet Herzog Haimon dort, Des Rieſen Haupt am Speere.“ Herr Haimon ritt in trübem Muth, Und mit geſenktem Spieße Legt er das Haupt, beſprengt mit Blut, Dem König vor die Füße: „Ich fand den Kopf im wilden Hag, Und fünfzig Schritte weiter lag Des Rieſen Rumpf am Boden.“ Bald auch der Erzbiſchof Turpin Den Rieſenhandſchuh brachte, Die ungefüge Hand noch drin; Er zog ſie aus und lachte: „Das iſt ein ſchön Reliquienſtück! Ich bring es aus dem Wald zurück; Fand es ſchon zugehauen.“ Der Herzog Naims von Bayerland Kam mit des Rieſen Stange: „Schaut an, was ich im Walde fand! Ein Waffen ſtark und lange. Wohl ſchwitz ich von dem ſchweren Druck, Hei, bairiſch Bier, ein guter Schluck, Soll mir gar köſtlich munden“. Schenckel's Blüten, 2r Theil. Ite ſ. verm. Aufl. 193 Graf Richard kam zu Fuß daher, Ging neben ſeinem Pferde; Das trug des Rieſen ſchwere Wehr, Den Harniſch ſammt dem Schwerte: „Wer ſuchen will im wilden Tann, Manch Waffenſtück noch finden kann, Iſt mir zu viel geweſen“. Der Graf Garin thät ferne ſchon Den Schild des Rieſen ſchwingen. „Der hat den Schild, deß iſt die Kron, Der wird das Kleinod bringen!“ „Den Schild hab ich, ihr lieben Herrn! Das Kleinod hätt ich gar zu gern, Doch das iſt ausgebrochen.“ Zuletzt thät man Herrn Milon ſehn, Der nach dem Schloſſe lenkte; Er ließ das Rößlein langſam gehn, Das Haupt er traurig ſenkte. Roland ritt hinterm Vater her Und trug ihm ſeinen ſtarken Speer Zuſammt dem feſten Schilde. Doch wie ſie kamen vor das Schloß Und zu den Herrn geritten, Macht er von Vaters Schilde los Den Zierrat in der Mitten; Das Rieſenkleinod ſetzt er ein, Das gab ſo wunderklaren Schein Als wie die liebe Sonne. Und als nun dieſe helle Glut Im Schilde Milons brannte, Da rief der König frohgemuth: „Heil, Milon von Anglante! Der hat den Rieſen übermannt, Ihm abgeſchlagen Haupt und Hand, Das Kleinod ihm entriſſen.“ Herr Milon hatte ſich gewandt, Sah ſtaunend all die Helle: „Roland, ſag an, du junger Fant! Wer gab dir das, Geſelle?“ „Um Gott, Herr Vater, zürnt mir nicht, Daß ich erſchlug den groben Wicht, Derweil ihr eben ſchliefet!“ Ludwig Uhland. 13 194 263. König Karls Meerfahrt. Der König Karl fuhr über Meer Mit ſeinen zwölf Genoſſen, Zum heilgen Lande ſteuert er, Und ward vom Sturm verſtoßen. Da ſprach der kühne Held Roland: „Ich kann wohl fechten und ſchirmen, Doch hält mir dieſe Kunſt nicht Stand Vor Wellen und vor Stürmen.“ Dann ſprach Herr Holger aus Dänemark: „Ich kann die Harfe ſchlagen; Was hilft mir das, wenn alſo ſtark Die Wind und Wellen jagen?“ Herr Oliver war auch nicht froh, Er ſah auf ſeine Wehre: „Es iſt mir um mich ſelbſt nicht ſo, Wie um die Altekläre ¹). Dann ſprach der ſchlimme Ganelon, Er ſprach es nur verſtohlen: „Wär ich mit guter Art davon, Möcht euch der Teufel holen!“ Erzbiſchof Turpin ſeufzte ſehr: „Wir ſind die Gottesſtreiter: Komm, liebſter Heiland, über das Meer Und führ uns gnädig weiter!“ Graf Richard Ohnefurcht hub an: „Ihr Geiſter aus der Hölle! Ich hab ench manchen Dienſt gethan, Jetzt helft mir von der Stelle!“ 264. Klaglied Kaiſer O Erde, nimm den Müden*), Den Lebensmüden auf, Der hier im fernen Süden Beſchließt den Pilgerlauf! 1) Altekläre(Alteelere), der Name von Olivers Schwert. Herr Naimis dieſen Ausſpruch that: „Schon Vielen rieth ich heuer, Doch ſüßes Waſſer und guter Rath Sind oft zu Schiffe theuer.“ Da ſprach der graue Herr Riol: „Ich bin ein alter Degen, Und möchte meinen Leichnam wohl Dereinſt ins Trockne legen!“ Es war Herr Gui, ein Ritter fein, Der fing wohl an zu ſingen: „Ich wollt, ich wär ein Fe Wollt mich zum Liebchen ſchwingen.“ Da ſprach der edle Graf Garein „Gott helf uns aus der Schwere! Ich trink viel lieber den rothen Wein, Als Waſſer aus dem Meere.“ Herr Lambert ſprach, ein Jüngling friſch: „Gott woll uns nicht vergeſſen! Eß lieber ſelbſt'nen guten Fiſch, Als daß mich Fiſche freſſen.“ Da ſprach Herr Gottfried lobeſan: „Ich laſſ mirs halt gefallen, Man richtet mir nicht anders an, Als meinen Brüdern allen“. Der König Karl am Steuer ſaß, Der hat kein Wort geſprochen, Er lenkt das Schiff mitfeſtem Maß, Bis ſich der Sturm gebrochen. Ludwig Uhland. Otto des Dritten.(833) Schon ſteh ich an der Grenze, Die Leib und Seele theilt, Und meine zwanzig Lenze Sind raſch dahin geeilt. Rolands Schwert hieß Durandarte.— 2) Otto 111., römiſch⸗deutſcher Kaiſer, wargrſt 3 Jahre alt, als ſein Vater ſturb. Er hatte eine gelehrte Bildung und während ſeiner Minderjährigkeit leitete ſeine Mutter Theophania in Verbindung mit der Großmutter Abelheid, der Tante Mathilde und dem würdigen Erzbiſchof Willegis von Mainz die Regierung des Reichs. In ſeinem 16. Jahre ergriff Otto ſelbſt die Zügel der Regierung. Er zog zweimal über die Alpen und machte dem Unweſen des Empörers Crescentius, der zu Rom faſt völlig wie ein unumſchränkter Voll unerfüllter Träume, Verwaist, in Gram verſenkt, Entfallen mir die Zäume, Die dieſes Reich gelenkt. Ein Andrer mag es zügeln Mit Händen minder ſchlaff, Von dieſen ſieben Hügeln Bis zu des Nordens Haff! Doch ſelbſt im Seelenreiche Harrt meiner noch die Schmach, Es folgt der blaſſen Leiche Begangner Frevel nach: Vergebens mit Gebeten Beſchwör ich dieſen Baun, Und mir entgegen treten Creſcentius und Johann.„ Doch nein! Die Stolzen beugte Mein reuemüthig Flehn; Ihn, welcher mich erzeugte, Ihn werd ich wiederſehn! Nach welchem ich als Knabe So oft vergebens frug: An ſeinem frühen Grabe Hab ich geweint genug. Des deutſchen Volks Berather Umwandeln Gottes Thron. Mir winkt der Aeltervater Mit ſeinem großen Sohn. Und während voll von Milde Die frommen Hände legt Mir auf das Haupt Mathilde, Steht Heinrich tiefbewegt. 195 Nun fühl ich erſt, wie eitel Des Glücks Geſchenke ſind, Wiewohl ich auf dem Scheitel Schon Kronen trug als Kind! Was je mir ſchien gewichtig, Zerſtiebt wie ein Atom: O Welt, du biſt ſo nichtig, Du biſt ſo klein, o Rom! O Rom, wo meine Blüten Verwelkt wie dürres Laub; Dir ziemt es nicht zu hüten Den kaiſerlichen Staub! Die mir die Treue brachen, Zerbrächen mein Gebein; Beim großen Karl in Aachen Will ich beſtattet ſein. Die echten Palmen wehen Nur dort um ſein Panier: Ihn hab ich liegen ſehen In ſeiner Kaiſerzier. Was durfte mich verführen Zu öffnen ſeinen Sarg? Den Lorbeer anzurühren, Der ſeine Schläfe barg? O Freunde, laßt das Klagen, Mir aber gebt Eutſatz, Und macht dem Leichenwagen Mit euren Waffen Platz. Bedeckt das Grab mit Roſen, Das ich ſo früh gewann, Und legt den thatenloſen Zum thaten reichſten Mann. Auguſt Graf v. Platen⸗Hallermünde. Herr regierte, ein Ende. Mit Crescentius hatte ſich der Pabſt Johann XVI. verbunden. Otto II., der Vater Ottos III, iſt in der Peterskirche zu Rom begraben. Schrecken und Angſt ergriff die gläubigen Gemüther, als ein Einſiedler prophezeite, der letzte Tag des Jahres 999 ſei auch der letzte Tag der Welt. Der junge Kaiſer ließ ſich übrigens das italiſche Leben behagen. Nach Deutſchland zurückgekehrt ließ er ſich zu Aachen die Gruft Karls des Großen öffnen, um ſich durch den Anblick des großen Kaiſers zu begeiſtern. 1001 kam Otto wieder nach Rom. Die Römer empörten ſich und wollten den Kaiſer im Palaſt ermorden. . Otto hielt eine rührende Rede an das empörte Volk und wurde nur mit Mühe von ſeinem Verwandten, dem Bayernherzug und nachmaligen Kaiſer Heinrich II., auf geheimen Pfaden gerettet. So ſchlecht vergalten ihm die Römer ſeine große Vorliebe für Italien, daß ſelbſt, als Otto im 22. Jahre ſeines Lebenè in Paterno, unweit Rom, geſtorben war, ſie noch Rache an der Leiche nehmen wollten und die Deutſchen, welche die Leiche nach Aachen brachten, hatten bis Verona mit großen Gefahren zu lämpfen. 196 8 265. Erwacht iſt im Kyffhäuſer Im dunkeln Bergeshaus Rothbart*), der alte Kaiſer, Wiſcht ſich die Augen aus. Dann ruft er ſeinem Zwerge, Dem treuen Diener ſein: „Geh! horch, ob noch am Berge Die Unglücksraben ſchrein“. Der geht und kehrt zur Stunde Mit ſchnellem Schritt zurück. „Du bringſt mir frohe Kunde, Ich ſehs am frohen Blick.“ „„Ja, Glück und Heil, mein Kaiſer! Die Raben ſchrein nicht mehr; Es kreist um den Kyffhäuſer Ein Aar in Lüften hehr. Und eine Krone funkelt Auf ſeinem Haupt ſo rein, Daß ſie mit Glanz verdunkelt Der Morgenſonne Schein. Auch hält er in der Klaue Ein blankgeſchliffen Schwert, Von dem es durch die Gaue Wie Wetterleuchten fährt. Und rings um den Kyffhäuſer Erſchallt dem Donner gleich Der Ruf:„Hoch unſer Kaiſer Und hoch das deutſche Reich“! Da ſprühet Freudenblitze Herrn Rothbarts Heldenblick, Er ſpringt von ſeinem Sitze, Er wirft das Haupt zurück. Barbaroſſa. „Dank für die frohe Kunde Und lebe wohl, mein Zwerg! Es ſchlägt die Scheideſtunde, Es treibt mich aus dem Berg. Aufwärts gehn meine Bahnen, Das wird ein Jubel ſein, Kehrt endlich bei den Ahnen Der Barbaroſſa ein.“ Er drückt die Hand dem Zwerge, Er ſchreitet aus der Gruft; Schon ſteht er vor dem Berge In freier Gottesluft. Und ſpäht und ſpricht voll Kummer: „Den Adler ſeh ich nicht; Es trübte wohl der Schlummer Der alten Augen Licht. Keine Krone ſeh ich funkeln, Seh auch kein blankes Schwert, Ich ſeh nur, wie dem dunkeln Gewölk ein Blitz entfährt“. Er lauſcht, doch am Kyffhäuſer Erſchallt dem Donner gleich Kein Ruf:„Hoch unſer Kaiſer Und hoch das deutſche Reich!“ Da thät ſein Haupt er neigen: „Gern hielt ich mich für taub, Hört ich nicht von den Eichen Fallen das dürre Laub.“ Doch will er weiter ſchreiten, Ob ihm das Herz auch ſchwer, Da braust von allen Seiten Um ihn ein Rabenheer. 1) Kaiſer Friedrich 1.(Barbaroſſa, Rothbart), ein Hohenſtaufe, ward 1152 zu Frankfurt a. M. gekrönt und war in politiſcher und ſittlicher Hinſicht der kräftigſte und tüchtigſte Fürſt ſeiner Zeit. Auf einem Kreuzzug, den er als Greis unternahm, fand er in Syrien, im Fluſſe Seleph ſeinen Tod(1190). Sein Herz ward in Antiochia, die Leiche aber in Tyrus beſtattet. Das deutſche Volk konnte die Trauernachricht nicht glauben und meinte:„er iſt in den Verg Koffhäuſer eingegangen, der in der güldenen Aue ſteht und hält Hof drinnen im Berg mit ſeiner holdſeligen Tochter und ſeinen Helden; an einem Marmortiſch ſitzt er, durch welchen ſein rother Bart gewachſen iſt und harret der Stunde, wann die Raben nicht mehr um den Berg fliegen. Dann wird er aueziehen mit ſeinen Getreuen und ſeines Schildes Laſt hängen auf des Birnbaums dürren Aſt und wird das deutſche Volk wieder groß machen vor allen Völkern der Erde.“— 197 Sie fliegen dem alten Kaiſer Der Zwerg mit düſtern Mienen Am Haupte dicht vorbei, Spricht dumpf, vernehmlich kaum: Und rings um den Kyffhäuſer„Wenn mir ein Traum erſchienen, Erſchallt ihr wüſt Geſchrei. Wars nicht mein eigner Traum.““ Da flüchtet er zurücke Und kauert ſtumm ſich nieder In ſeinen ſtillen Berg Im dunkeln Zauberberg. Und ſpricht mit finſterm Blicke: So ſchlafen Beide wieder, „Du haſtgeträumt, mein Zwerg!“ Der Kaiſer und ſein Zwerg. Und ſetzt ſich traurig wieder„Wie lange? Gott mags wiſſen, An ſeinen Tiſch von Stein; Es ſteht in ſeiner Hand; Es ſinkt das Haupt ihm nieder, Er ſchütz dich, mein, zerriſſen, Der Kaiſer ſchlummert ein. Zerſpalten Vaterland! Julius Sturm. 266. Kaiſer Rudolfs Ritt zum Grabe). Auf der Burg zu Germersheim Und er ſpricht:„Ihr guten Meiſter: Stark am Geiſt, am Leibe ſchwach, Aerzte! ſagt mir ohne Zagen, Sitzt der greiſe Kaiſer Rudolf, Wann aus dem zerbrochnen Leib Spielend das gewohnte Schach. Wird der Geiſt zu Gott getragen?“ 1) Kaiſer Rudolf von Habsburg(1273— 91, uraltem, fürſtenmäßigem Adel entſtammt, hatte ſein Stammſchloß Habsburg(Habichtsburg) in der Schweiz. Es war ein kluger, deutſcher Biedermann von einfachen, ſchlichten Sitten, ein unerſchrockſer Held, warmer Freund des Volkes, mächtiger, gewiſſenhafter Beſchützer des guten Rechts, frommer, gläubiger Chriſt und ein demüthiger Diener der Kirche. Am 31. Okt. 1273 wurde er zu Aachen gekrönt. Die kaiſerloſe, ſchreckliche Zeit war geendet und ein Richter war wieder auf Erden.(Vergl Schiller's unſterbliches Gedicht:„Rudolf von Habsburg“) Als das Scepter ſehlte, belehnte er die Reichefürſten mit dem Erucifir und ſprach:„In dieſem Zeichen iſt die ganze Welt erlöſet worden, das iſt das beſte Stepter.“ Rudolf ſuchte Ordnung, Friebe und Recht im Reiche herzuſtellen und zu üben, er brach die Raubburgen ab, geſtattete jedem ſeiner Unterthanen freien Zutritt, reiste im Lande umher und ſchlichtete verſönlich die Streitigkeiten zwiſchen Fürſten und Völkern, weßhalb er auch das „lebendige Geſetz“ genannt wurde Sein Wunſch, bei ſeinen Lebzeiten ſeinen, ihm in Allem unähn⸗ lichen Sohn zum Nachfolger im Reiche ernannt zu ſehen, ward 1291 von den in Frankſurt zufammenge⸗ kommenen Churfürſten zurückgewieſen. Der greiſe Kaiſer füblte ſich krank und reiste tiefbetrübt von Frank⸗ furt in den Elſaß und nach Straßburg, wo er noch einmal ſeine Familie um ſich verſammelte. Obgleich kränker geworden, entſchloß er ſich doch den Rhein herab nach Speier zu fahren, wo die Kaiſerbe⸗ grabenlagen, ward aber bei Germersheim auf dem Fluſſe ſelbſt vom Tode überraſcht(15. Juli 1291). Das ſchöne Gedicht Kerners weicht alſo etwas von der Geſchichte ab. Im Dom zu Speier liegt Rudolf be⸗ graben. Der König Ludwig von Bayern ließ ihm daſelbſt 1843 ein prachtvolles Denkmal ſetzen, das ein Werk des großen Meiſters Schwanthaler iſt. Seſſel und Figur des Kaiſers ſind aus einem Block weißen Marmors gearbeitet, der Säulenſtuhl beſteht aus grauem Marmor. Die ſitzende, ehrfurchtgebietende Geſtalt des Kaiſers wendet ihr Angeſicht, umſtrahlt von Herrſcherwürde, dem Hochaltare zu. Der Reichsapfel ruht ſeiner Hand, Schild und Helm ſtehen hinter dem alterthümlichen Seſſel und ein reicher Mantel unfließt in künſtleriſch vollendetem Faltenwurfe die kräftige Geſtalt. 198 Und die Meiſter ſprechen:„Herr! Wohl noch heut erſcheint die Stunde“. Freundlich lächelnd ſpricht der Greis: „Meiſter! Dank für dieſe Kunde! Auf nach Speier! Aufnach Speier!“ Ruft er, als das Spiel geendet, „Wo ſo mancher deutſche Held Blast die Hörner! Bringt das Roß, Das mich oft zur Schlacht getragen!“ Zaudernd ſtehn die Diener all,— Doch er ruft:„Folgt ohne Zagen!“ Und das Schlachtroß wird gebracht. „Nicht zum Kampf, zum ewgen Frieden,“ Spricht er,„trage, treuer Freund! Jetzt den Herrn, den Lebensmüden!“ Weinend ſteht der Diener Schar, Als der Greis auf hohem Roſſe, Rechts und links ein Kapellan, Zieht, halb Leich, aus ſeinem Schloſſe. Trauernd neigt des Schloſſes Lind Vor ihm ihre Aeſte nieder, Vögel, die in ihrer Hut, Singen wehmuthsvolle Lieder. Mancher eilt des Wegs daher, Der gehört die bange Sage, Sieht des Helden ſterbend Bild Und bricht aus in laute Klage. Aber nur von Himmelsluſt Spricht der Greis mit jenen Zweien; Lächelnd blickt ſein Angeſicht, Als ritt er zur Luſt im Maien. Von dem hohen Dom zu Speier Hört man dumpfe Glocken ſchallen. —Ritter; Bürger, zarte Frauen Liegt begraben, ſeis vollendet!. Weinend ihm entgegen wallen. In den hohen Kaiſerſaal Iſt er raſch noch eingetreten, Sitzend dort auf goldnem Stuhl Hört man für ſein Volk ihn beten. „Reichet mir den heilgen Leib!“ Spricht er nun mit bleichem Munde; Drauf verjüngt ſich ſein Geſicht Um die mitternächtge Stunde. Da auf einmal wird der Saal Hell von überirdſchem Lichte Und entſchlummert ſitzt der Held, Himmelsruh im Angeſichte. Glocken dürfens nicht verkünden, Boten nicht zur Leiche bieten, Alle Herzen längs des Rheins Fühlen, daß der Held verſchieden. Nach dem Dome ſtrömt das Volk, Schwarz, unzähligen Gewimmels; Der empfing des Helden Leib, Seinen Geiſt der Dom des Himmels. Juſt. Andreas Kerner. 267. Graf Eberhard der Rauſchebart. Iſt denn im Schwabenlande verſchollen aller Sang, Wo einſt ſo hell vom Staufen die Ritterharfe klang? „Und wenn er nicht verſchollen, warum vergißt er ganz „Der tapfern Väter Thaten, der alten Waffen Glanz? „Man lispelt leichte Liedchen, man ſpitzt manch Sinngedicht, Man höhnt die holden Frauen, des alten Liedes Licht; 199 Wo rüſtig Heldenleben längſt auf Beſchwörung lauſcht, Da trippelt man vorüber und ſchauert, wenn es rauſcht. Brich denn aus deinem Sarge, ſteig aus dem düſtern Chor Mit deinem Heldenſohne, du Rauſchebart ¹), hervor! Du ſchlugſt dich unverwüſtlich noch greiſe Jahr entlang, Brich auch durch unſre Zeiten mit hellem Schwerterklang! 1 Der ueberfall im Wildbad. In ſchönen Sommertagen, wenn lau die Lüfte wehn, Die Wälder lüſtig grünen, die Gärten blühend ſtehn, Da ritt aus Stuttgarts Thoren ein Held von ſtolzer Art, Graf Eberhard der Greiner, der alte Rauſchebart-. Mit wenig Edelknechten zieht er ins Land hinaus, Er trägt nicht Helm noch Panzer, nicht gehts auf blutgen Strauß, Ins Wildbad will er reiten, wo heiß ein Quell entſpringt, Der Sieche heilt und kräftigt, der Greiſe wieder jüngt. Zu Hirſau bei dem Abte, da kehrt der Ritter ein Und trinkt bei Orgelſchalle den kühlen Kloſterwein. Dann gehts durch Tannenwälder ins grüne Thal geſprengt, Wo durch ihr Felſenbette die Enz ſich rauſchend drängt. Zu Wildbad an dem Markte, da ſteht ein ſtattlich Haus, Es hängt daran zum Zeichen ein blanker Spieß heraus. Dort ſteigt der Graf vom Roſſe, dort hält er gute Raſt, Den Quell beſucht er täglich, der ritterliche Gaſt. 1) Der würtembergiſche Graf Eberhard, mit dem Beinamen„der Greiner“ oder„Rauſchebart“ regierte von 1343— 92 und iſt nicht mit Eberhard im Bart zu verwechſeln. Er war ein kriegsluſtiger Fürſt und machte dem Kaiſer, dem Reichsadel und dem ſchwäbiſchen Städtebund viel zu ſchaffen. Sein Heldenſohn utrich wurde 1377 in der Schlacht bei Reutlingen von den Städtern beſiegt. Gegen Eberhard, wie gegen die ſteigende Macht der Städte bildete ſich der Adelsbund:„die Schlegler“ an deſſen Spitze der trutzige Ritter Wolf von Wunnenſtein ſtand, der wegen ſeiner glänzenden Rüſtung der pleißende Wolf genannt wurde. Dann die Adelsbünde„vum Schwert“ und„von der Krone“. Eiferſüchtig auf die Macht der Städte verſtärkte ſich auch die Ritterſchaft. Am ganzen Rheinſtrom breitete ſich der mächtige„Löwenbund“ aus. Der ſchwäbiſche, fränkiſche und cheiniſche Städtebund ergriffen gleichzeitig die Waffen gegen ihre Fürſten. Die fränkiſchen Städke erlagen einzeln ohne entſcheidende Schlacht den Waffen des Burggrafen von Rürnberg und des Biſchofs von Würzburg, und der rheiniſche Bund, welcher die Pfalz verheerte, erlitt eine furchtbare Niederlage bei Worms durch Pfalzgraf Ruprecht 1. So erlagen die Städter allenthalben der Macht der Fürſten und Ritter. Eberhard bekam ein Hilfsheer von dem Pfalzgrafen Ruprecht, dem . Markgrafen von Baden ꝛc., auch Wolf von Wunnenſtein ſtieß im entſcheidenden Augenblick zu ihm. Ulrich wollte ſeine Niederlage bei Reutlingen rächen und löste ſeine Ritterehre durch den Heldentod bei Döffingen (Auguſt 1388). Die Städter belagerten den befeſtigten Friedhof von Döffingen, wohin ſich das unglückliche Landvolk mit ſeiner Habe geflüchtet hatte. Eberhard, Ulrich und ihre Verbündeten eilten zur Rettung und Rache herbei und warfen mit Einem Schlage die Städter nieder. Eberhard der Greiner ſtarb 1392, er und ſein Heldenſohn Ulrich ſind im Chor der Stiftekirche zu Stuttgart beigeſetzt. 200 Wann er ſich dann entkleidet und wenig ausgeruht, Und ſein Gebet geſprochen, ſo ſteigt er in die Flut; Er ſetzt ſich ſtets zur Stelle, wo aus dem Felſenſpalt Am heißeſten und vollſten der edle Sprudel wallt. Ein angeſchoſſner Eber, der ſich die Wunde wuſch, Verrieth voreinſt den Jägern den Quell in Kluft und Buſch, Nun iſts dem alten Recken ein lieber Zeitvertreib, Zu waſchen und zu ſtrecken den narbenvollen Leib. Da kommt einsmals geſprungen ſein jüngſter Edelknab: „Herr Graf! es zieht ein Haufe das obere Thal herab. Sie tragen ſchwere Kolben, der Hauptmann führt im Schild Ein Röslein roth von Golde und einen Eber wild.“ „„Mein Sohn! das ſind die Schlegler, die ſchlagen kräftig drein, Gib mir den Leibrock, Junge!— das iſt der Eberſtein. Ich kenne wohl den Eber, er hat ſo grimmen Zorn, Ich kenne wohl die Roſe, ſie führt ſo ſcharfen Dorn.““ Da kommt ein armer Hirte in athemloſem Lauf: „Herr Graf! es zieht ne Rotte das untre Thal herauf; Der Hauptmann führt drei Beile, ſein Rüſtzeng glänzt und gleißt, Daß mirs, wie Wetterleuchten noch in den Augen beißt“. „„Das iſt der Wunnenſteiner, der gleißend Wolf genannt,— Gib mir den Mantel, Knabe!— der Glanz iſt mir bekannt, Er bringt mir wenig Wonne, die Beile hauen gut,— Bind mir das Schwert zur Seite!— der Wolf der lechzt nach Blut. Ein Mägdlein mag man ſchrecken, das ſich im Bade ſchmiegt, Das iſt ein luſtig Necken, das Niemand Schaden fügt, Wird aber überfallen ein alter Kriegesheld, Dann gilts, wenn nicht ſein Leben, doch ſchweres Löſegeld.““ Da ſpricht der arme Hirte:„Deß mag noch werden Rath, Ich weiß geheime Wege, die noch kein Menſch betrat, Kein Roß mag ſie erſteigen, nur Geißen klettern dort, Wollt ihr ſogleich mir folgen, ich bring euch ſicher fort.“ Sie klimmen durch das Dickicht den ſteilſten Berg hinan, Mit ſeinem guten Schwerte haut oft der Graf ſich Bahn. Wie herb das Fliehen ſchmecke, noch hat ers nie vermerkt, Viel lieber möcht er fechten, das Bad hat ihn geſtärkt. In heißer Mittagsſtunde bergunter und bergauf! Schon muß der Graf ſich lehnen auf ſeines Schwertes Knauf. Darob erbarmts den Hirten des alten, hohen Herrn, Er nimmt ihn auf den Rücken:„Ich thus von Herzen gern.“ — 201 Da denkt der alte Greiner:„„Es thut doch wahrlich gut, So ſäunftlich ſein getragen von einem treuen Blut. In Fährden und in Nöthen zeigt erſt das Volk ſich echt, Drum ſoll man nie zertreten ſein altes, gutes Recht““. Als drauf der Greis gerettet zu Stuttgart ſitzt im Saal, Heißt er'ne Münze prägen als ein Gedächtnißmal; Er gibt dem treuen Hirten manch blankes Stück davon, Auch manchem Herrn vom Schlegel verehrt er eins zum Hohn. Dann ſchickt er tüchtge Maurer ins Wildbad alſofort, Die ſollen Mauern führen rings um den offnen Ort, Damit in künftgen Sommern ſich jeder greiſe Maun, Von Feinden ungefährdet, im Bade jüngen kann. . Die drei Könige zu Heimſen. Drei Könige zu Heimſen, wer hätt es je gedacht! Mit Rittern und mit Roſſen, in Herrlichkeit und Pracht! Es ſind die hohen Häupter der Schlegelbrüderſchaft; Sich Könige zu nennen, das gibt der Sache Kraft. Da thronen ſie beiſammen und halten eifrig Rath, Bedenken und beſprechen gewaltge Waffenthat: Wie man den ſtolzen Greiner mit Kriegsheer überfällt Und, beſſer als im Bade, ihm jeden Schlich verſtellt. Wie man ihn dann verwahret und ſeine Burgen bricht, Bis er von allem Zwange die Edeln ledig ſpricht. Dann fahre wohl, Landfriede! dann, Lehndienſt, gute Nacht! Dann iſts der freie Ritter, der alle Welt verlacht. Schon ſank die Nacht hernieder, die Könge ſind zur Ruh, Schon krähen jetzt die Hähne dem nahen Morgen zu, Da ſchallt mit ſcharfem Stoße das Wächterhorn vom Thurm, Wohlauf, wohlauf, ihr Schläfer! das Horn verkündet Sturm. In Nacht und Nebel draußen, da wogt es wie ein Meer Und zieht von allen Seiten ſich um das Städtlein her; Verhaltne Männerſtimmen, verworrner Gang und Drang, Hufſchlag und Roſſesſchnauben und dumpfer Waffenklang! Und als das Frühroth leuchtet und als der Nebel ſinkt, Hei! wie es da von Speeren, von Morgenſternen blinkt! Des ganzen Gaues Bauern ſtehn um den Ort geſchart, Und mitten hält zu Roſſe der alte Rauſchebart. Die Schlegler möchten ſchirmen das Städtlein und das Schloß, Sie werfen von den Thürmen mit Steinen und Geſchoß. „Nur ſachte““!— ruft der Greiner—„„euch wird das Bad geheizt, Anfdampfen ſolls und qualmen, daß euchs die Augen beizt!““ 202 ₰ Rings um die alten Mauern iſt Holz und Stroh gehäunft, In dunkler Nacht geſchichtet und wohl mit Theer beträuft, Drein ſchießt man glühnde Pfeile, wie raſchelts da im Stroh! Drein wirft man feurge Kränze, wie flatterts lichterloh! Und noch von allen Enden wird Vorrath zugeführt, Von all den rüſtgen Bauern wird emſig nachgeſchürt, Bis höher, immer höher die Flamme leckt und ſchweift, Und ſchon mit luſtgem Praſſeln der Thürme Dach ergreift. Ein Thor iſt frei gelaſſen, ſo hats der Graf beliebt, Dort hört man wie der Riegel ſich leiſe loſe ſchiebt. Dort ſtürzten wohl, verzweifelnd, die Schlegler jetzt heraus? Nein friedlich ziehts herüber, als wie ins Gotteshaus. Voran drei Schlegelkönge, zu Fuß, demüthiglich, Mit unbedecktem Haupte, die Augen unter ſich; Dann viele Herrn und Knechte, gemachſam, Mann für Mann, Daß man ſie alle zählen und wohl betrachten kann. „Willkomm!““— ſo ruft der Greiner—„willkomm in meiner Haft! Ich traf euch gut beiſammen, geehrte Brüderſchaft! So konnt ich wieder dienen für den Beſuch im Bad; Nur Einen miſſ ich, Freunde! den Wunnenſtein,'s iſt Schad!““ Ein Bäuerlein, das treulich am Feuer mitgefacht, Lehnt dort an ſeinem Spieße, nimmt Alles wohl in Acht: „Drei Könige zu Heimſen,— ſo ſchmollt es— das iſt viel! Erwiſcht man noch den vierten, ſo iſts ein Kartenſpiel“. III. Die Schlacht bei Reutlingen. Zu Achalm auf dem Felſen, da haust manch kühner Aar, Graf Ulrich, Sohn des Greiners, mit ſeiner Ritterſchar; Wild rauſchen ihre Flügel um Reutlingen die Stadt, Bald ſcheint ſie zu erliegen, vom heißen Drange matt. Doch plötzlich einſt erheben die Städter ſich zur Nacht, Ins Urachthal hinüber ſind ſie mit großer Macht, Bald ſteigt von Dorf und Mühle die Flamme blutig roth, Die Heerden weggetrieben, die Hirten liegen todt. Herr Ulrich hats vernommen, er ruft im grimmen Zorn: „In eure Stadt ſoll kommen kein Huf und auch kein Horn!“ Da ſputen ſich die Ritter, ſie wappnen ſich in Stahl, Sie heiſchen ihre Roſſe, ſie reiten ſtracks zu Thal. Ein Kirchlein ſtehet drunten, Sankt Leonhard geweiht, Dabei ein grüner Anger, der ſcheint bequem zum Streit. Sie ſpringen von den Pferden, ſie ziehen ſtolze Reihn, Die langen Spieße ſtarren, wohlauf! wer wagt ſich drein? Schon ziehn vom Urachthale die Städter fern herbei, Man hört der Männer Jauchzen, der Heerden wild Geſchrei, Man ſieht ſie fürder ſchreiten, ein wohlgerüſtet Heer;„ Wie flattern ſtolz die Banner! wie blitzen Schwert und Speer! Nun ſchließ dich feſt zuſammen, du ritterliche Schar! Wohl haſt du nicht geahnet ſo dräuende Gefahr. Die übermächtgen Rotten, ſte ſtürmen an mit Schwall, Die Ritter ſtehn und ſtarren wie Fels und Mauerwall. Zu Reutlingen am Zwinger, da iſt ein altes Thor, Längſt wob mit dichten Ranken der Epheu ſich davor, Man hat es ſchier vergeſſen, nun krachts mit einmal auf, Und aus dem Zwinger ſtürzet gedrängt ein Bürgerhauf! Den Rittern in den Rücken füllt er mit grauſer Wuth, Heut will der Städter baden im heißen Ritterblut. Wie haben da die Gerber ſo meiſterlich gegerbt! Wie haben da die Färber ſo purpurroth gefärbt! Heut nimmt man nicht gefangen, heut geht es auf den Tod, Heut ſpritzt das Blut wie Regen, der Anger blümt ſich voth. Stets drängender umſchloſſen und wüthender beſtürmt Iſt rings von Bruderleichen die Ritterſchar umthürmt. Das Fähnlein iſt verloren, Herr Ulrich blutet ſtark, Die noch am Leben blieben, ſind müde bis ins Mark. Da haſchen ſie nach Roſſen und ſchwingen ſich darauf, Sie hauen durch, ſie kommen zur feſten Burg hinauf. „Ach Alm!“— ſtöhnt einſt ein Ritter, ihn traf des Mörders Stoß— Allmächtger wollt er rufen— man hieß davon das Schloß. Herr Ulrich finkt vom Sattel, halbtodt, voll Blut und Qualm, Hätt nicht das Schloß den Namen, man hieß es jetzt: Achalm. Wohl kommt am andern Morgen zu Reutlingen ans Thor Manch trauervoller Knappe, der ſeinen Herrn Herlor. Dort auf dem Rathhaus liegen die Todten all gereiht, Man führt dahin die Knechte mit ſicherem Geleit. Dort liegen mehr denn ſechzig, ſo blutig und ſo bleich, Nicht jeder Knapp erkennet den todten Herrn ſogleich. Dann wird ein jeder Leichnam von treuen Dieners Hand Gewaſchen und gekleidet in weißes Grabgewand. Auf Bahren und auf Wagen getragen und geführt, Mit Eichenlaub bekränzet, wie's Helden wohl gebührt, So geht es nach dem Thore, die alte Stadt entlang, Dumpf tönet von den Thürmen der Todtenglocken Klang. Götz Weiſſenheim eröffnet⸗ den langen Leichenzug, Er war es, der im Streite des Grafen Banner trug, Er hatt es nicht gelaſſen, bis er erſchlagen war, Drum mag er würdig führen auch noch die todte Schar. Drei edle Grafen folgen, bewährt im Schildesamt, Von Tübingen, von Zollern, von Schwarzenberg entſtammt. O Zollern! deine Leiche umſchwebt ein lichter Kranz: Sahſt du vielleicht noch ſterbend dein Haus im künftgen Glanz? Von Sachſenheim zween Ritter, der Vater und der Sohn, Die liegen ſtill beiſammen in Lilien und in Mohn, Auf ihrer Stammburg wandelt von Alters her ein Geiſt, Der längſt mit Klaggeberden auf ſchweres Unheil weist. Einſt war ein Herr von Luſtnau vom Scheintod auferwacht, Er kehrt im Leichentuche zu ſeiner Frau bei Nacht, Davon man ſein Geſchlechte die Todten hieß im Scherz, Hier bringt man ihrer Einen, den traf der Tod ins Herz. Das Lied, es folgt nicht weiter, des Jammers iſt genug, Will jemand Alle wiſſen, die man von dannen trug: Dort auf den Rathhausfenſtern, in Farben bunt und klar, Stellt jeden Ritters Name und Wappenſchild ſich dar. Als nun von ſeinen Wunden Graf Ulrich ausgeheilt, Da reitet er nach Stuttgart, er hat nicht ſehr geeilt; Er trifft den alten Vater allein am Mittagsmahl; Ein froſtiger Willkommen! kein Wort ertönt im Saal. Dem Vater gegenüber ſitzt Ulrich an dem Tiſch, Er ſchlägt die Angen nieder, man bringt ihm Wein und Fiſch; Da faßt der Greis ein Meſſer, und ſpricht kein Wort dabei, Und ſchneidet zwiſchen Beiden das Tafeltuch entzwei. IV. Die Döffinger Schlacht. Am Ruheplatz der Todten, da pflegt es ſtill zu ſein, Man hört nur leiſes Beten bei Kreuz und Leichenſtein; Zu Döffingen wars anders, dort ſcholl den ganzen Tag Der feſte Kirchhof wider von Kampfruf, Stoß und Schlag. Die Städter ſind gekommen, der Bauer hat ſein Gut Zum feſten Ort geflüchtet und hälts in tapfrer Hut; Mit Spieß und Karſt und Senſe treibt er den Angriff ab, Wer todt zu Boden ſinket, hat hier nicht weit ins Grab. Graf Eberhard der Greiner vernahm der Seinen Noth, Schon kommt er angezogen mit ſtarkem Aufgebot, Schon iſt um ihn verſammelt der beſten Ritter Kern, Vom edeln Löwenbunde die Grafen und die Herrn. — 205 Da kommt ein reiſger Bote vom Wolf von Wunnenſtein! „Mein Herr mit ſeinem Banner will Euch zu Dienſte ſein.“ Der ſtolze Graf entgegnet:„„Ich hab ſein nicht begehrt, Er hat umſonſt die Münze, die ich ihm einſt verehrt.““ Bald ſieht Herr Ulrich drüben der Städter Scharen ſtehn, Von Reutlingen, von Augsburg, von Ulm die Banner wehn, Da brennt ihn ſeine Narbe, da gährt der alte Groll. „Ich weiß, ihr Uebermüthgen ¹), wovon der Kamm euch ſchwoll.“ Er ſprengt zu ſeinem Vater:„Heut zahl ich alte Schuld, Wills Gott, erwerb ich wieder die väterliche Huld! Nicht darf ich mit dir ſpeiſen auf einem Tuch, du Held, Doch darf ich mit dir ſchlagen auf einem blutgen Feld.“ Sie ſteigen von den Gaulen, die Herrn vom Löwenbund, Sie ſtürzen auf die Feinde, thun ſich als Löwen kund. Hei! wie der Löwe Ulrich ſo grimmig tobt und würgt! Er will die Schuld bezahlen, er hat ſein Wort verbürgt. Wen trägt man aus dem Kampfe, dort auf dem Eichenſtumpf? „Gott ſei mir Sünder gnädig!“— er ſtöhnts, er röchelts dumpf. O königliche Eiche, dich hat der Blitz zerſpällt! O ulrich, tapfrer Ritter, dich hat das Schwert gefällt! Da ruft der alte Recke, den nichts erſchüttern kann: „„Erſchreckt nicht! der gefallen, iſt wie ein andrer Mann. Schlagt drein! die Feinde fliehen!““— er rufts mit Donnerlaut; 4 Wie rauſcht ſein Bart im Winde! hei! wie der Eber hant! Die Städter han vernommen das ſeltſam liſtge Wort. „Wer flieht?“ ſo fragen Alle, ſchon wankt es hier und dort. Das Wort hat ſie ergriffen gleich einem Zauberlied, Der Graf und ſeine Ritter durchbrechen Glied auf Glied. Was gleißt und glänzt da oben, und zuckt wie Wetterſchein? Das iſt mit ſeinen Reitern der Wolf von Wunnenſtein. „ Er wirft ſich auf die Städter, er ſprengt ſich weite Bucht, Da iſt der Sieg entſchieden, der Feind in wilder Flucht. Im Erntemond geſchah es, bei Gott, ein heißer Tag! Was da der edeln Garben auf allen Feldern lag! Wie auch ſo mancher Schnitter die Arme ſinken läßt! Wohl halten dieſe Ritter ein blutig Sichelfeſt. (Noch lange traf der Bauer, der hinterm Pfluge ging Auf roſtge Degenklingen, Speereiſen, Panzerring, Und als man eine Linde zerſägt und niederſtreckt, Zeigt ſich darin ein Harniſch und ein Geripp verſteckt.) 1) Der Sieg bei Reutlingen(1377), das Glück der ſchweizeriſchen Eidgenvſſenſchaft bei Sempach(1386) und bei Räfels(1388) hob den Muth der Städter. Als nun die Schlacht geſchlagen und Sieg geblaſen war, Da reicht der alte Greiner dem Wolf die Rechte dar: „Hab Dank, du tapfrer Degen, und reit mit mir nach Haus! Daß wir uns gütlich pflegen nach dieſem harten Strauß.““ „Hei!— ſpricht der Wolf mit Lachen— gefiel euch dieſer Schwank? Ich ſtritt aus Haß der Städte und nicht um euren Dank, Gut Nacht und Glück zur Reiſe! Es ſteht im alten Recht.“ Er ſprichts und jagt von dannen mit Ritter und mit Knecht. Zu Döffingen im Dorfe, da hat der Graf die Nacht Bei ſeines Ulrichs Leiche, des einzgen Sohns, verbracht. Er kniet zur Bahre nieder, verhüllet ſein Geſicht, Ob er vielleicht im Stillen geweint, man weiß es nicht. Des Morgens mit dem Frühſten ſteigt Eberhard zu Roß, Gen Stuttgart fährt er wieder mit ſeinem reiſgen Troß, Da kommt des Wegs gelaufen der Zuffenhauſer Hirt; „„Dem Mann iſts trüb zu Muthe, was der uns bringen wird?““ „Ich bring euch böſe Kunde, nächt iſt in unſern Trieb Der gleißend Wolf gefallen, er nahm ſo viel ihm lieb.“ Da lacht der alte Greiner in ſeinen grauen Bart: „Das Wölflein holt ſich Kochfleiſch, das iſt des Wölfleins Art““. Sie reiten rüſtig fürder, ſie ſehn aus grünem Thal Das Schloß von Stuttgart ragen, es glänzt im Morgenſtrahl. Da kommt des Wegs geritten ein ſchmucker Edelknecht; Der Knab will mich bedünken, als ob er Gutes brächt.““ „Ich bring euch frohe Märe: Glück zum Urenkelein! Antonia¹) hat geboren ein Knäblein, hold und fein.“ Da hebt er hoch die Hände, der ritterliche Greis: Der Fink hat wieder Samen, dem Herrn ſei Dank und Preis!““ Ludwig Uhland. 268. Das Mahl zu Heidelberg 9. Von Würtemberg und Baden Sie zogen aus zu kriegen Die Herren zogen aus; Wohl in die Pfalz am Rhein; Von Metz des Biſchofs Gnaden Sie ſahen da ſie liegen Vergaß das Gotteshaus: Im Sommerſonnenſchein. 1) Antonia war die 2te Gemahlin des Grafen Eberhard des Milden und das Knäblein der nachher regierende Graf Eberhard W.— 2) Friedrich der Sieghafte in der Rheinpfalz, ein kluger, kriegs⸗ erfahrner Herr, den Künſten und Wiſſenſchaften hold, wurde von ſeinen Feinden nur der„böſe Fritz“ genannt. Seine Gegner: der Graf von Würtemberg, der Markgraf von Baden, die Biſchöfe von Speier raubten und mordeten in der geſegneten Pfalz, wurden aber bei Seckenheim(1462) von dem böſen Fritz in einer entſcheidenden Schlacht beſiegt und der Graf Ulrich von Würtemberg, der Markgraf von Baden, der Biſchof von Metz kamen in ſeine Gefangenſchaft. Nur durch große Summen Geldes konnten ſie ſich los⸗ kaufen. Bei dem Mahl, das Fritz ſeinen Gefangenen im Heivelberger Schloß zubereiten ließ, fehlte ab⸗ ſichtlich das Brot. Das Weitere erzählt das Gedicht ſelbſt. und Metz und der Erzbiſchof(Adolf von Naſſau) von Mainz überzogen ihn mit Krieg, ſengten und brannten, Umſonſt die Rebenblüte Sie tränkt mit mildem Duft, Umſonſt des Himmels Güte Aus Aehrenfeldern ruft: Sie brannten Hof und Scheuer, Daß heulte Groß und Klein; Da leuchtete vom Feuer Der Neckar und der Rhein. Mit Gram von ſeinem Schloſſe Sieht es der Pfälzer Fritz; Heißt ſpringen auf die Roſſe Zwei Mann auf Einen Sitz. Mit enggedrängtem Volke Sprengt er durch Feld und Wald, Doch ward die kleine Wolke Zum Wetterhimmel bald. Sie wollen ſeiner ſpotten, Da ſind ſie ſchon umringt, Und über ihre Rotten Sein Schwert der Sieger ſchwingt. Vom Hügel ſieht man prangen Das Heidelberger Schloß, Dorthin führt er gefangen Die Fürſten ſammt dem Troß. Zu hinterſt an der Mauer, Da ragt ein Thurm ſo feſt, Das iſt ein Sitz der Trauer, Der Schlang und Eule Neſt; Dort ſollen ſie ihm büßen Im Kerker trüb und kalt; Es gähnt zu ihren Füßen Ein Schlund und finſtrer Wald. Hier lernt vom Grimme raſten Der Würtemberger Utz; Der Biſchof hält ein Faſten, Der Markgraf läßt vom Trutz. Sie mochten ſchon in Sorgen Um Leib und Leben ſein: Da trat am andern Morgen Der ſtolze Pfälzer ein. „Herauf ihr Herrn geſtiegen In meinen hellen Saal, Ihr ſollt nicht fürder liegen In Finſterniß und Qual. Ein Mahl iſt euch gerüſtet, Die Tafel iſt gedeckt, Drum, wenn es euch gelüſtet, Verſucht, ob es euch ſchmeckt.“ Sie lauſchen mit Gefallen, Wie er ſo lächelnd ſpricht, Sie wandeln durch die Hallen Ans goldne Tageslicht. Und in dem Saale winket Ein herrliches Gelag, Es dampfet und es blinket, Was nur das Land vermag. Es ſatzten ſich die Fürſten; Doch mocht es ſeltſam ſein, Sie hungern und ſie dürſten Beim Braten und beim Wein! „Nun, wills euch nicht behagen? Es fehlt doch, däucht mir, Nichts; Worüber iſt zu klagen? An was, ihr Herrn, gebrichts? Es ſchickt zu meinem Tiſche Der Odenwald das Schwein, Der Neckar ſeine Fiſche, Den frommen Trank der Rhein. Ihr habt ja ſonſt erfahren, Was meine Pfalz beſcheert: Was wollt ihr heute ſparen, Wo Keiner es euch wehrt?“ Die Fürſten ſahn verlegen Den andern jeder an; Am Ende doch verwegen Der Ulrich da begann: „„Herr, fürſtlich iſt dein Biſſen, Doch Eines thut ihm Noth, Das mag kein Knecht vermiſſen: Wo ließeſt du das Brot?““ „Wo ich das Brot gelaſſen?“ Sprach da der Pfälzer Fritz. Er traf, die bei ihm ſaßen, Mit ſeiner Augen Blitz; Er that die Fenſterpforten Weit auf im hohen Saal, Da ſah man aller Orten Ins offne Neckarthal. Sie ſprangen von den Stühlen Und blickten in das Land, Da rauchten alle Mühlen Rings von des Krieges Brand; Kein Hof iſt da zu ſchauen, Wo nicht die Scheune dampft; Von Roſſes Huf und Klauen Iſt alles Feld zerſtampft. „Nun ſprecht, von weſſen Schulden Iſt ſo mein Mahl beſtellt* Ihr müßt euch wohl gedulden, Bis ihr beſät mein Feld, Bis in des Sommers Schwüle Mir reifet eure Saat, Und bis mir in der Mühle Sich wieder dreht ein Rad. Ihr ſeht, der Weſtwind fächelt In Stoppeln und Geſträuch; Ihr ſeht, die Sonne lächelt, Sie wartet nur auf euch. Drum ſendet flugs die Schlüſſel Und öffnet euren Schatz, So findet bei der Schüſſel Das Brot den rechten Platz.“ Guſtav Schwab⸗ 269. Die Martinswand.(Aus dem„letzten Ritter“) (Oſtermontag 1490.) Willkommen Tyrolerherzen, die ihr ſo bieder ſchlagt, Willkommen Tyrolergletſcher, die ihr den Himmel tragt, Ihr Wohnungen der Treue. ihr Thäler voller Duft, Willkommen Quellen und Triften, Freiheit und Bergesluft!— Wer iſt der kecke Schütze im grünen Jagdgewand, Den Gemsbart auf dem Hütlein, die Armbruſt in der Hand, Deß Aug ſo flammend glühet wie hoher Königsblick, Deß Herz ſo ſtill ſich freuet an kühnem Jägerglück? Das iſt der Max von Habsburg ¹) auf luſtger Gemſenjagd: Seht ihn auf Felſen ſchweben, wos kaum die Gemſe wagt! Der ſchwingt ſich auf und klettert in pfeilbeſchwingtem Lauf. Hei, wie das geht ſo luſtig durch Kluft und Wand hinauf! Jetzt über Steingerölle, jetzt über tiefe Gruft, Jetzt kriechend hart am Boden, jetzt fliegend durch die Luft! Und jetzt?— Halt ein, nicht weiter! jetzt iſt er feſtgebannt: Kluft vor ihm, Kluft zur Seite, und oben jähe Wand! Der Aar, der ſich ſchwingt zur Sonne, hält hier die erſte Raſt, Des Fittigs Kraft iſt gebrochen, und Schwindel hat ihn erfaßt. Wollt Einer von hier zum Thale hinab ein Stieglein baun, Müßt, traun, ganz Tyrol und Steyer die Steine dazu behaun. 1) Der deutſche Kaiſer Maximilian, der„letzte Ritter“ regierle von 1493— 1519, gründete den „ewigen Landfrieden“, das„Reichskammergericht“, führte ein„geordnetes Poſtweſen“ ein ꝛc. Er war ein tüchtiger, einſichtsvoller Regent, voll ritterlichen Muthes, entſchiedener Liebe zu Kunſt und Wiſſenſchaft, ſchlicht und lertſelig und hegte die redlichſten Abſichten für das wahre Wohl des deutſchen Volkes. In den letzten Jahren ſeines Lebens führte er auf allen Reiſen ſeinen Sarg immer mit ſich.(Vergl. das nachſteh. Gedicht.) ———— 209 Wohl hat die Amm einſt Maxen erzählt von der Martinswand, Daß ſchon beim leiſen Gedanken das Aug in Nebeln ſchwand. Jetzt kann er ſehn, ob dem Bilde ſie treue Farben geborgt; Daß ers nie weiter plaudre, dafür iſt ſchon geſorgt! Da ſteht der Kaiſerſproſſe, Fels iſt ſein Throngezelt, Sein Scepter Moosgeflechte, an das er ſchwindelnd ſich hält; Auch iſt eine Ausſicht droben, ſo ſchön und weit zu ſehn, Daß ihm vor lauter Schauen die Sinne faſt vergehn. Tief unten ein grüner Teppich, das ſchöne Thal des Inn; Wie Fäden durchs Gewebe ziehn Straß und Strom dahin. Die Bergkoloſſe liegen rings eingeſchrumpft zu Hauf Und ſchaun wie Friedhof-Hügel zu Marxen mahnend auf. Jetzt ſtößt er, Hilfe rufend, mit Macht hinein ins Horn, Daß es in Lüften gellet, als dröhnte Gewitterzorn; Ein Teufelchen das kichert im nahen Felſenſpalt: Es dringt ja nicht zu Thale des Hilferufs Gewalt. Ins Horn nun ſtößt er wieder, daß es faſt platzend bricht. Ho, ho, nicht ſo gelärmet! da hilft das Schreien nicht; Denn liebte ihn ſein Volk nicht, was er auch bieten mag, Herr Max, er bliebe ſitzen bis an den jüngſten Tag! was das Ohr nicht vernommen, das hat das Ang erkannt; Die unten ſahn ihn ſchweben auf pfadlos ſteiler Wand; Gebet und Glocken rufen für ihn zum Himmelsdom, Von Kirche zu Kirche wallfahrt der bange Menſchenſtrom. Jetzt an dem Fuß des Felſen erſcheint ein bunter Chor, Ein Prieſter inmitten weiſet das Sakrament empor. Mar ſieht nicht das bunte Wimmeln auf ferner Thalesflur, Er ſieht das blitzende Glänzen der Goldmonſtranze nur. „Fahr wohl nun, Welt und Leben! ſchwer fällt der Abſchied mir! O unerforſchlich Weſen, du winkſt, ich folge dir! Ich ſchien ein Baum voll Blüten,— dein Blitz hat ihn erſchlagen— Ach gerne hätt er früher noch ſüße Frucht getragen! Ich ſchien ein Bauherr, thürmend den Dom zu deinem Ruhm,— Nicht durft er ganz vollenden der Liebe Heiligthum; Ein Prieſter, plötzlich ſtürzend todt an des Altars Stufen, Er hätte gern erſt Segen noch übers Volk gerufen! So mag dies Herz denn brechen, von Lieb und Segen voll, So modre nun mein Buſen, der thaten ſchwoll; Verwelke Hand, denn nimmer krönt deine Müh Gedeihn! Nur Gottes beſter Engel kann hier mein Retter ſein!“ Schenckel's Blüten, 2r Theil. Ute ſ. verm. Aufl. 14 210 Er ſprichts und hebt zum Himmel nun Angeſicht und Arm, Und in die Kniee ſinkt er und betet ſtill und warm, Da klopfts auf ſeine Schulter, er fährt erſchreckt empor: „Komm heim, du biſt gerettet!“ ſo ruft es an ſein Ohr. Und einen Bergmann ſieht er frohlächelnd vor ſich ſtehn, Der faßt ihn feſt beim Arme und winkt ihm fürder zu gehn. Mit Leitern, Stahl und Säulen wird kühn ein Pfad gebahnt, Wo Maxens Fußtritt ſtrauchelt, ſtützt ihn des Retters Hand. Der lädt ihn auf den Rücken, wo Klüfte ſchwindelnd drohn: Wohl ſind der Treue Schultern des Fürſten ſchönſter Thron! Raſch gehts zu Thal, wo jauchzend Tyrol empfängt die Zwei, Kein Spötter kann belächeln die ſeltne Reiterei. Wohl kündet uns die Sage aus grauer Ahnenzeit Von einem Himmelsboten, der ſchützend ihn befreit. Ja, wohl ein Engel war es, ein Schutzgeiſt, ſtark und kühn, Des treuen Volkes Liebe, ſo nennt zu deutſch man ihn.— Ein Kreuz auf hohem Felſen blickt nieder in das Land Und zeigt den Ort, wo bebend einſt Habsburgs Sproſſe ſtand. Noch lebt die edle Kunde und jubelt himmelwärts Aus manchen Sängers Munde, durch aller Tyroler Herz! Anaſtaſius Grün. 270. Abfahrt nach Innsbruck.(us den: eten Fter“) Am Innſtrand harrt ein Schifflein beim erſten Frührothſchein, Da ſtieg, verhüllt im Mantel, der kranke Kaiſer ein, Die treue Eichentruhe lehnt düſter neben ihm, Fort ſchießt im raſchen Strome das Schiff mit Ungeſtüm. Am Strande murmelt fragend nun Innsbrucks Volk im Kreis: „Wohin ſo ſchnell und eilig, du düſtrer Kaiſergreis?“— Da ſchien von Maxens Lippen das Wort zurückzuwehn: „Lebt wohl, lebt wohl! nach Oeſtreich will ich nun ſterben gehn!“ Es lehnt am Eichenſarge ſein Haupt von Sorgen ſchwer, Zum Himmel blickt er düſter und düſter rings umher: „Du ſchönes Land, dich liebtich ſo treu und inniglich, O wüßtich nur, ob glücklich mein Volk auch ſei durch mich?!— Die Flut umrauſcht das Schifflein und ſchnell vor Maxens Blick Fliehn Thäler, Berg und Flächen, Gehöft und Städt zurück; Wohin er blickt, ſprießt Leben und Segen, Kraft und Fleiß, Wohin er horcht, klingt Freude und Jubelſang und Preis. Auf Wieſen klirrt die Senſe, in Wäldern knallt das Rohr, Gewaltge Hämmer ſtamurchs Thal im Donnerchor, Und aus dem Schlund der Schlöte qualmts rieſig, dicht und grau, Da ſchien auf ſchwarzen Säulen zu ruhn des Himmels Bau. 211 Und weiterhin dann Felder, die dicht voll Saaten ſtehn, Und Heerden, die fröhlich blökend auf grünen Alpen gehn, Uund Mühlen klappernd im Thale, von Fluten raſch getrieben, Die ſprühend an den Rädern als Sternenregen zerſtieben. Und rings auf allen Straßen lebendges, heitres Drängen! Da ſtäubts von flinken Reitern, die raſch zum Ziele ſprengen, Da knarrt des Fuhrmanns Achſe, von Fracht des Segens ſchwer, Und Wandrer wallen ſingend die ſichre Bahn einher. Mit luſtgem Ruderſchlage, mit flatternden Wimpeln ziehn, Im Strom viel rüſtge Schiffe wohl krenzend her und hin. Von Schätzen voll und Waaren, reich bis zum tiefſten Raum; Doch Maxens Schiffer grüßen, nun ſtolz, die Brüder kaum. Sieh dort vor dem Gehöfte, in friſcher Trift gelegen, Spricht heitern Blicks ein Landmann juſt über ſein Kind den Segen, Und lehrts in Drang und Nöthen ſein Herz zu Gott zu wenden Und beten für gute Fürſten mit aufgehobnen Händen. Und Städte ſtehn am Ufer mit Mauern ſchmuck und weiß, Glück wandelt durch die Straßen, in Häuſern rauſcht der Fleiß, Manch blühend, nickend Antlitz grüßt aus den Fenſtern hervor Und läutende Glocken tönen wie Dank an Maxens Ohr.— Noch lehnt am Eichenſarge ſein Haupt von Alter ſchwer, Doch ſelig blickt er aufwärts und ſelig rings umher; Wohl tief hat er verſtanden der Antwort ſtummen Ruf, Und fragt nicht mehr, ob glücklich ſein trenes Volk er ſchuf? Anaſtaſius Grün. 271. Schlacht von Pavia. „Das Fähnlein auf! die Spieße nieder! Das war kein Tag, wie alle Tage, Dem Kaiſer Sieg! dem Feinde Tod! Das war ein rother, heilger Tag, Das Leben iſt gar wohlfeil heuer, Als fern vom deutſchen Vaterlande Ihr Landsknecht, drum verkauft es Vor deutſchem Muth mit Schmach und theuer“— Schande So war des Frundsberg) erſt Gebot. Das fremde Heer im Kampf erlag. Da ſah man Spieß und Schwerter Nach Gott dem Frundsberg Lob und blitzen, Ehre! Wie Sternlein in der blauen Nacht. Denn er iſt aller Ehren werth. Die Kugeln in den Lüften flogen, Du haſt dein Völklein wohl geleitet, Es ſprang das Blut wie Regenbogen Du haſt den ſchönen Sieg bereitet! Wohl zu Pavia in der Schlacht. Da! Alter, nimm das Königsſchwert. Aug. Hch. Hoffmann v. Fallersleben. ¹) Georg v. Frundsberg(Fronsperg, en Feldhauptmann und ſtand ſeit 1512 an der Spitze der kaiſerlichen Truppen in Italien, wo der beſonders 1525 in der Schlacht bei Papia Kaiſer Karl V. den Sieg verſchaffte und den Gegner, König Franz l. von Frankreich, gefangen nahm. 14 212 272. Der Pilgrim vor Skt. Juſt ¹). as) Nacht iſts, und Stürme ſauſen für und für: Hiſpaniſche Mönche, ſchließt mir auf die Thür! Laßt hier mich ruhn, bis Glockenton mich weckt, Der zum Gebet euch in die Kirche ſchreckt. Bereitet mir, was euer Haus vermag, Ein Ordenskleid und einen Sarcophag. „ Gönnt mir die kleine Zelle, weiht mich ein: Mehr als die Hälfte dieſer Welt war mein. Das Haupt, das nun zur Scheere ſich bequemt, Mit mancher Krone wards bediademt. Die Schulter, die der Kutte nun ſich bückt, Hat kaiſerlicher Hermelin geſchmückt. Nun bin ich vor dem Tod den Todten gleich Und fall in Trümmer wie das alte Reich. Auguſt Graf v. Platen⸗Hallermünde. 273. Das A B C. Prinz Moritz von Oranien*), der jugendliche Held, Er hielt mit ſeinen Scharen Nimwegen hart umſtellt. Sein muß die Veſte werden, bevor des Winters Zeit Dem kühnen Jünglingsherzen den fernern Kampf verbent. „Nur hier noch, Streitgenoſſen, nur hier noch haltet aus! Dann ſei vergönnt euch Allen die Ruh nach langem Strauß!“ Da drängen ſich im Jubel um ihn der Krieger Reihn, Und einen Boten ſendet er flugs zur Stadt hinein. 1) Kaiſer Karl V. regierte während der Reformationszeit von 1519— 1556, da er freiwillig die Regierung ſeiner vielen Reiche niederlegte. In ſeierlicher Abſchiedsrede übergab er ſeinem Sohn Philipp in Brüſſel die Regierung der Niederlande, dann auch die von Spanien, Neapel und Weſtindien und zu Gunſten ſeines Bruders(Ferdinand I.) entſagte er auch der römiſch⸗beutſchen Kaiſerkrune. Alle ſeine hohen Entwürfe: die getrennten Religionsparteien wieber zu vereinigen, die päpſtliche Gewalt zu beſchränken, die alte Kaiſermacht herzuſtellen, dem ſpaniſch⸗habsburgiſchen Hauſe den deutſchen Thron zu ſichern, Frankreich zu demüthigen, die Türkenmacht zu brechen ꝛe. ſah er vereitelt, trotz ſeiner Klugheit und Geiſtesgröße. Er ſehnte ſich deßhalh nach klöſterlicher Büßung und ging in das Hieronhmitenkloſter St. Juſt in Eſtremadura, wo er noch 2 Jahre in ernſter Betrachtung über die Eitelkeit irdiſcher Größe verlebte. Vergebens wollte er dort zwei Uhren in einen Gang bringen und ſprach ernſt und bitter:„So vermag ich nicht einmal zwei Uhren in denſelben Gang zu bringen und vermaß mich doch einſt ſo viele tauſend Menſchen zu einem einzigen Glauben zu bringen“. Er verſchied am 21. September 1558, nachdem er wenige Wochen vorher bei lebendigem Leibe ſein eigenes Leichenbegängniß halten ließ und tieferſchüttert in der Kirche die feierlichen Todtengeſänge hörte, die am Trauergerüſte für ſein Seelenheil angeſtimmt wurden.— 2) Die niederländiſche Veſte Nimwegen wurde 1585 von den Spaniern belagert und erobert, kam aber 1590 in die Hände des jugendlichen Helden Prinz Moritz von Hranien, der am 14. November 1567 zu Dillenburg geboren wurde. Ausgerüſtet mit außerordentlichen Talenten übertraf er äls Feldherr bald alle Erwartungen. Er war ein Kriegsheld im echten Sinne des Wortes und ſein Heer galt für die erſte Schule der Kriegskunſt. Die Spanier ſchlug er in 3 Feldſchlachten und entriß ihnen gegen 40 Stäbte und mehrere Veſtungen. „Prinz Moriz von Oranien entbeut euch ſeinen Gruß! Noch heute zu vernehmen verlangt er enern Schluß. Ihr ſollt das Thor ihm öffnen, abwerfen Spaniens Joch! Wo nicht— die höchſte Mauer ſei ihm dann nicht zu hoch.“ Anſehn ſich bleich und ängſtlich die weiſen Herrn der Stadt Und wiſſen Nichts zu ſagen, dem Rathe fehlt der Rath. Von Außen droht Oranien mit ſeiner Heeresmacht Und in der Veſte ſelber hält ſcharf der Spanier Wacht. Sie ſchweigen noch, da ſchreitet der alte Commandant In ihre Mitt und redet zum Boten ſtolz gewandt: „Sag deinem Herrn, Nimwegen ſei eine hohe Braut, Die werde nicht ſo eilig dem Freier angetraut! Er müſſ es erſt bezeugen durch ritterlichen Muth, Wie es die Sitte heiſche, daß er aus edelm Blut! Auch wag ein Nebenbuhler mit ihm den ernſten Tanz, Der ſich ſeit zwanzig Jahren errungen manchen Kranz. Ich ſollte mich ergeben dem Knaben ohne Bart? Dem Ketzer, dem Rebellen? Das war nie Spaniens Art! Sag ihm, ich laſſ ihm rathen, daß er nach Hauſe geh, Und daß er erſt erlerne der Kriegskunſt A B C!“ Oranien mußte lächeln, als ihm die Kunde ward. „Du ſollſt ihn kennen lernen, den Knaben ohne Bart! Und ſollſt es ſelbſt geſtehen, eh ich nach Hauſe geh, Daß ich gar wohl erlernte der Kriegskunſt A B C!“ Nimwegens ſchwächſte Seite hat ſchnell der Prinz erkannt, Auf wirft er hier von Erde gegenüber eine Wand; Und länger wird und höher die Wand in jeder Nacht. Umſonſt, ſie zu zerſtören, müht ſich des Feindes Macht. Und wie man aus der Veſte am fünften Morgen ſah, Stand höher als die Mauer, der Wall von Erde da— Und fünfundzwanzig Thürme dahinter, wohl verſchanzt, Darauf ſind fünfundzwanzig Kanonen aufgepflanzt. Und ſchau, du ſtolzer Spanier, von jedem Thurm herab, Dein ſpottend, weht ein Fähnlein an einem langen Stab. Ein großer, ſchwarzer Buchſtab auf jedem Fähnlein ſteht; Es trägt ein A das erſte, das letzte trägt ein Z. Und auf der Thürme höchſtem, dort bei dem Fähnlein N, Inmitten der Kanonen, kannſt du Oranien ſehn! Kannſt hören, wie er mächtig die Seinen kommandirt Und A bis Z als Zeichen zum Schuß vorbuchſtabirt!— 214 Drei lange Tage ſchleudert das brüllende Geſchütz Hinüber und herüber den Donner und den Blitz; Drei Tage hält der Spanier dem Prinzen tapfer Stand, Es iſt vom Spott Oraniens ſein Muth zur Wuth entbrannt. Am vierten wird es anders. Schwach iſt die Gegenwehr, Die Kugeln fliegen ſeltner, die Mauern werden leer. Da ſteigt in Eil Oranien herab von ſeinem Thurm, Und fliegt zu ſeinen Kriegern und führt ſie raſch zum Sturm. Und wo die Feinde wichen, legt er die Leiter an Und klimmt mit ſeinen Tapfern empor auf ſchwanker Bahn; Und wie er hat gewonnen der Mauer ſteile Höh, Da winkt er nach den Thürmen, da ſchweigt ſein A B C. Es kommen, Gnade flehend, die weiſen Herrn der Stadt Und Spanien ſtreckt die Waffen, vom langen Kampfe matt. Auch naht mit düſterm Blicke der alte Kommandant,— Den nimmt der Prinz bei Seite und faßt des Greiſen Hand: „Zieht frei aus dieſer Veſte! doch eh Ihr Euch entfernt, Geſteht, es hat Oranien ſein A B C gelernt!— Und, alter Held, verzeihet dem Knaben ohne Bart, Der Spott mit Spott vergeltend, ein A B C⸗Schütz ward!“ Friedrich Günther. 274. Prinz Eugen, der edle Ritter. Zelte, Poſten, Werda⸗Rufer! Vor acht Tagen die Affaire Luſtge Nacht am Donauufer! Hab ich, zu Nutz dem ganzen Heere, Pferde ſtehn im Kreis umher In gehörgen Reim gebracht; Angebunden an den Pflöcken; Selber auch geſetzt die Noten, An den engen Sattelböcken Drum, ihr Weißen, und ihr Rothen! Hangen Karabiner ſchwer. Merket auf und gebet Acht!“ Und er ſingt die neue Weiſe Einmal, zweimal, dreimal leiſe Denen Reitersleuten vor; Und wie er zum letzten Male Endet, bricht mit einem Male Los der volle, kräftge Chor: „Prinz Eugen, der edle Ritter!“ Um das Feuer auf der Erde, Vor den Hufen ſeiner Pferde Liegt das öſtreichſche Piquet ¹). Auf dem Mantel liegt ein Jeder, Von den Tſchakos weht die Feder, Lientnant würfelt und Kornet. Neben ſeinem müden Schecken Hei, das klang wie Ungewitter Ruht auf einer wollnen Decken Weit ins Türkenlager hin. Der Trompeter ganz allein: Der Trompeter thät den Schnurrbart „Laßt die Knöchel, laßt die Karten! ſtreichen Kaiſerliche Feldſtandarten Und ſich auf die Seite ſchleichen Wird ein Reiterlied erfreun! Zu der Marketenderin. S Ferdinand Freiligratb. 1) Feldwache.— 2) Fahnenträger bei der Reiterei. 275. Der Choral von Leuthen). Geſiegt hat Friedrichs kleine Schar. Raſch über Berg und Thal Von dannen zog das Kaiſerheer im Abendſonnenſtrahl; Die Preußen ſtehn auf Leuthens Feld, das heiß noch von der Schlacht, Des Tages Schreckenswerke rings umſchleiert mild die Nacht. Doch dunkel iſts hier unten nur, am Himmel Licht an Licht, Die goldnen Sterne ziehn herauf wie Sand am Meer ſo dicht; Sie ſtrahlen ſo beſonders heut, ſo feſtlich hehr ihr Lauf, Es iſt als wollten ſagen ſie:„Ihr Sieger blicket auf!“ Und nicht umſonſt. Der Preuße fühlts: es war ein großer Tag. Drum ſtill im ganzen Lager iſts, nicht Jubel noch Gelag, So ſtill, ſo ernſt die Krieger all, kein Lachen und kein Spott— Auf einmal tönt es durch die Nacht:„Nun danket Alle Gott!“ Der Alte, dems mit Macht entguoll, ſingts fort, doch nicht allein, Kamraden um ihn her im Kreis, gleich ſtimmen ſie mit ein, Die Nachbarn treten zu, es wächſt lawinengleich der Chor, Und voller, immer voller ſteigt der Lobgeſang empor. Aus allen Zelten ſtrömts, es reiht ſich ſingend Schar an Schar, Einfallen jetzt die Jäger, einfällt dann der Huſar, Auch Muſica will feiern nicht, zu reiner Harmonie Lenkt Horn, Hobo und Klarinett die heilge Melodie. Und ſtärker noch und lauter noch, es ſchwillt der Strom zum Meer, Am Ende, wie aus einem Mund, ſingts rings das ganze Heer, Im Echo donnernd wiederhallts das aufgeweckte Thal, Wie hundert Orgeln braust hinan zum Himmel der Choral. Hermann Beſſer. 276. Am Abend nach der Schlacht bei Leuthen. (Aus„Leuthen“. Berlin. 1852.) Und das Lied von Leuthen über vffne Gräber geht, Wie's Halleluja, wenn der Todte auferſteht. Ehrend Heldenſchlummer, in ſeine Klüfte tritt Zurück der Geiſt der Schlachten, mit verhallendem Schritt; Wieder in ihre Rechte tritt die ſtille Nacht, Schlaf kommt über die Leiber, ſo müd der Tag gemacht, 1) Leuthen iſt ein niederſchleſiſches Dorf 4 St. von Breslau, berühmt durch den Sieg, welchen Friedrich d. Gr. daſelbſt am 5. Dezbr. 1757 über die Oeſtreicher errungen hat. Er ſtand mit 33000 Mann gegen mehr denn 90000 Oeſtreicher, die darum auch die kleine Preußenmacht ſpottweiſe die„Berliner Wachtparade“ genannt haben. Nach Zſtündiger Schlacht aber waren 2¹000 Oeſtreicher gefangen, weit über 100 Kanonen erbeutet, mehrere 1000 Wagen erobert und 59 Fahnen genommen. Von den Preußen, die ſo tapfer das Schlachtfeld behaupteten, fing ein Soldat an laut und langſam den Choral:„Nun danket Alle Gott“ zu ſingen. Ergriffen von denſelben Gefühlen ſangen Alle aus voller Seele das ſchöne Lied. Die Spielleute griſſen zu ihren Inſtrumenten und begleiteten den feierlichen Geſang des preußiſchen Heeres.— 216 — 4 Und über die Seele das Schweigen großer That— Da aus der tiefen Stille anſtimmet ein Soldat: „Nun danket Alle Gott!“ Und wie aus Schlaf erwacht Erhebt ein Heer die Seele aus tiefer Erdennacht Zum Herrn der Heeresſcharen, zwanzigtauſend und mehr Singen„mit Herzen, Mund und Händen“ das Lied zu Gottes Ehr. Und Alle, die da liegen auf Leuthens Ebne wund, In ihren blutgen Qualen auf ihre letzte Stund, Singen mit in der Runde den nächtigen Choral, Vergeſſen ihre Stunde, verſingen ihre Qual; Singen in ſchauerlichen Tönen aus dankbarem Gemüth Ihren letzten Odem wohl aus mit ihrem Lied. Lind ziehn auf Schwanenfittich aus der geſchlagnen Welt Dahin, dahin die Seligen, wo Niemand weiter fällt.— Chriſtian Friedrich Scherenberg. 277. Andreas Hofer).* Nicht Föhn noch Gletſcher kühlt die heiße Kugel, Die dem Paſſeyer Sandwirth korſentückiſch Ins Herz gerollt— der Schuß traf ganz Tyrol. C. F. Scherenberg. ent 5 S Die Hände auf dem Rücken Der treue Hofer war, Fr Soſeri In Mantua zum Tode 8 4 Führt ihn der Feinde Schar; Mit ruhig feſten Schritten, Es blutete der Brüder Herz, Ihm ſchien der Tod gering; Ganz Deutſchland, ach, in Schmach Der Tod, den er ſo manchesmal und Schmerz Vom Iſelberg geſchickt ins Thal Mit ihm das Land Tyrol. Im heilgen Land Tyrol. 2) Andreas Hofer, der Sandwirth im Thale der brauſenben Paſſeyer, war ein echter Mann aus dem Volke. Hohe Sittlichkeit, ſchlichter Sinn, fromme Einfalt, goldne Treue, feſter Glanbe, unüberwinbliche Zuverſicht, unbegrenzte Vaterlandsliebe gewannen ihm alle bledern Torolerherzen. Er ſtellte ſich 1809 mit Speckbacher an die Spitze des Aufruhrs und rief:„Vertraut auf Gott und wehrt euch tapfer. Und wie hat ihm das Heer gehorcht, wie hat es tapfer gefochten! Selbſt im Augenblick des höchſten Glanzes als Oberbefehlshaber und an der Spitze der Regierung im kaiſerlichen Palaſte zu Innsbruck blieb er der ſchlichte Landmann. Mit den Schildwachen vor ſeinem Palaſte betete er täglich, wie er es mit ſeinen Kindern ge⸗ than. Wer mit ihm aß, mußte auch mit ihm beten; denn:„habts mit geſſen, könnts mit beten!“ Am 14. Oktober wurde der Friede zu Wien geſchloſſen Erzberzog Johann forderte die Tyroler zur Unterwerfung auf, worauf ſich auch Hofer als unterwürfig erklärte. Durch erlogene Siegesnachrichten der Kaiſerlichen ge⸗ täuſcht, griff er aber wieder zu den Waffen, was den Franzoſen gar lieb war. Vor Aufvaſſern nirgends in der Heimat mehr ſicher, wollte er doch aus Anhänglichkeit an ſein liebes Land Tyrol nicht entfliehen, um ſich zu retten. Er barg ſich in einſamer Alpenhütte unter Eis und Schnee. Verſprechungen und Todesangſt brachten einen Tyroler dahin, daß er Hofers Aufenthalt verrieth und den Franzoſen den Weg zur Sennhütte zeigte. Die Häſcher pochten dreimal. Hofer trat hervor und fagte ſtolz und frei:„Ja ich bin Andree Hofer, den ihr ſucht; ſchont nur mein Weib und meine Kinder“. Sie nehmen ihn gefangen und bringen ihn gefeſſelt nach Mantua. Das franzöſiſche Kriegsgericht war der Mehrzahl nach nicht für die Todesſtrafe. aber der Virekönig von Italien gebot Hofers Tod binnen 24 Stunden, doch wurde Hofer erſt am 20. Februar 1810 zu Mantua erſchoſſen. Das Rähere darüber gibt das herrliche Gedicht. Kaiſer Franz adelte Hofers Familie und ließ Hofers Marmorſtatüe zu Innsbruck neben dem Grabmal Kaiſer Maimiltans 1. aufſtellen. Doch als aus Kerkergittern Dort ſoll er niederknieen; Im feſten Mantua Er ſprach:„Das thu ich nitt! Die treuen Waffenbrüder Will ſterben, wie ich ſtehe, Die Händ er ſtrecken ſah, Will ſterben, wie ich ſtritt, Da rief er laut:„Gott ſei mit euch, So wie ich ſteh auf dieſer Schanz; Mit dem verrathnen dentſchen Reich Es leb mein guter Kaiſer Franz, Und mit dem Land Tyrol!“ Mit ihm ſein Land Tyrol!“ Dem Tambour will der Wirbel Und von der Hand die Binde Nicht unterm Schlägel vor; Nimmt ihm der Korporal, Als nun Andreas Hofer Andreas Hofer betet Schritt durch das finſtere Thor. Allhier zum letztenmal; Andreas noch in Banden frei, Dann ruft er:„Nun ſo trefft mich recht! Dort ſtand er feſt auf der Baſtei, Gebt Feuer!—„Ach wie ſchießt ihr ſchlecht! Der Mann vom Land Tyrol. Ade,— mein Land— Tyrol!“ Julius Moſen. 278. Der Trompeter an der Katzbach. Von Wunden ganz bedecket Und die Trompete ſchmettert,— Der Trompeter ſterbend ruht, Feſt hält ſie ſeine Hand— An der Katzbach hingeſtrecket, Und wie ein Donner wettert Der Bruſt entſtrömt das Blut. Victoria in das Land. Brennt auch die Todeswunde, Victoria— ſo klang es, Doch ſterben kann er nicht, Victoria— überall, Bis neue Siegeskunde Victoria— ſo drang es Zu ſeinen Ohren bricht. Hervor mit Donnerſchall. Und wie er ſchmerzlich ringet Doch als es ausgeklungen, In Todesängſten bang, Die Trompete ſetzt er ab; Zu ihm herüberdringet Das Herz iſt ihm zerſprungen, Ein wohlbekannter Klang. Vom Roß ſtürzt er herab. Das hebt ihn von der Erde, Um ihn herum im Kreiſe Er ſtreckt ſich ſtarr und wild— Hielts ganze Regiment, Dort ſitzt er auf dem Pferde, Der Feldmarſchall ſprach leiſe: Als wie ein ſteinern Bild.„Das heißt ein ſelig End!“ Julius Moſen. 279. Die nächtliche Erſcheinung zu Speier. „Wach auf!“ erklingts in des Schiffers Traum, „Wach auf, du Wächter am Strome!“ Und über ihm rauſchet der Lindenbaum, und Zwölfe ſchlägt es vom Dome; Groß vor ihm ſteht Einer im dunkeln Gewand, Der Schiffer bringt ihn hinunter zum Strand, Halb ſchlafend, halb wachend, wie trunken. 218 Und während er träge löſet den Kahn, Beginnt es um ihn zu leben, Viel rieſige hohe Geſtalten nahn, Er ſieht ſie nicht ſchreiten, nur ſchweben; Es tönet kein Wort, es rauſchet kein Kleid, Wie Nebel durchziehn ſie die Dunkelheit: So ſteigen ſie all in den Nachen. Er ſieht ſie mit Staunen, mit Schrecken an, Stößt ſchweigend und fürchtend vom Lande, Kaum braucht er zu rudern, es flieget der Kahn, Bald ſind ſie am andern Strande. „Wir kommen zurück, da findſt du den Lohn!“ Gleich Wolken verſchwinden im Felde ſie ſchon, Fern ſcheinen ihm Waffen zu klirren. Er aber rudert ſinnend zurück Durch der Nacht ernſtfriedliche Feier, Wo ſich die Heimat hebet dem Blick, Das dunkelthürmige Speier, Sitzt wach bis zum Morgen am Lindenbaum, Und war es Wahrheit und war es ein Traum, Er hüllt es tief in den Buſen. Und ſieh, es ruft ihn die vierte Nacht Als Wächter wieder zum Strome, Wohl hält er ſchlaflos heute die Wacht, Da ſchlägt es Zwölfe vom Dome. „Hol über!“ ruft es vom andern Strand, „Hol über!“ Da ſtößt er den Kahn vom Land In ſtiller, banger Erwartung. Und wieder iſt es die düſtere Schar, Die ſchwebend den Nachen beſteiget, Der Kahn zieht wieder ſo wunderbar, Doch Jeder der Dunkeln ſchweiget. Und als ſie gelandet zu Speier am Strand, Gibt Jeder den Lohn ihm behend in die Hand; Er aber harret und ſtaunet. Denn unter den Mänteln blinken voll Schein Viel Schwerter und Panzer und Schilde, Goldkronen und funkelndes Edelgeſtein Und Seiden⸗ und Sammtgebilde, Dann aber umhüllt ſie wieder das Kleid, Wie Nebel durchfliehn ſie die Dunkelheit Und ſchwinden am mächtigen Dome. 219 Doch wachend bleibt er am Lindenbaum Mit ſinnendem, tiefem Gemüthe; Ja Wahrheit war es, es war kein Traum, Als blendend der Morgen erglühte: Er hält in den Händen das lohnende Geld, Drauf glühen aus alter Zeit und Welt Viel ſtolze Kaiſerbilder. Wohl ſah er manchen Tag ſie an In forſchenden, ſtillen Gedanken, Da riefen ſie drüben um ſeinen Kahn, Das waren die flüchtigen Franken: Geſchlagen war die Leipziger Schlacht, Das Vaterland frei von des Fremdlings Macht; Der Schiffer verſtand die Erſcheinung. Und löstet ihr Kaiſer die Grabesnacht Und die ewigen Todesbande Und halft in der wilden, dreitägigen Schlacht Dem geängſteten Vaterlande, Steigt oft noch auf und haltet es frei Von Sünden und Schmach und Tyrannei: Denn es thut noth des Wachens! Wolfgang Müller. 280. Der ſächſiſche Tambour. Erſchoſſen liegen zu Namur im Sand Wohl wackere Leut aus Sachſenland. Sie wollten nicht weichen vom Sachſenpanier, Erſchoſſen liegen die Braven hier. Und gingen die Andern ins himmliſche Haus, Der Eine ſteigt Nächtens vom Grab heraus. Er ſitzt auf dem Hügel in tiefem Schmerz, Durchlöchert von Kugeln das treue Herz. Er ſinget mit knöchernem Todtengeſicht: „Ich fürchtete eure Kugeln nicht! Dem Sachſenkönige galt mein Eid, Ihn hab ich gehalten zu aller Zeit. O Vaterland, daß du zerriſſen biſt! Wie könnt ich noch ſchlafen zu dieſer Friſt! Die Trommel ſchlug ich in mancher Schlacht, Dürft ich ſie rühren in ſolcher Nacht! 220 Mußte denn Alles brechen entzwei, Mit dem deutſchen Reiche die deutſche Treu?“ So ſinget Nächtens auf Namurs Sand Der todte Tambour vom Sachſenland. Julius Moſen. 281. Das Lied vom Feldmarſchall Blücher). Gst) Was blaſen die Trompeten?— Huſaren heraus! Es reitet der Feldmarſchall im fliegenden Saus; Er reitet ſo freudig ſein muthiges Pferd, Er ſchwinget ſo ſchneidig ſein blitzendes Schwert. O ſchauet, wie ihm leuchten die Augen ſo klar! O ſchauet, wie ihm wallet ſein ſchneeweißes Haar! So friſch blüht ſein Alter, wie greiſender Wein, Drum kann er Verwalter des Schlachtfeldes ſein. Der Mann iſt er geweſen, als Alles verſank, Der muthig auf gen Himmel den Degen noch ſchwang. Da ſchwur er beim Eiſen gar zornig und hart, Den Welſchen zu weiſen die preußiſche Art. Den Schwur hat er gehalten, als Kriegesruf erklang: Hei! wie der weiße Jüngling in'n Sattel ſich ſchwang! Da iſt ers geweſen, der Kehraus gemacht, Mit eiſernem Beſen das Land rein gemacht. Bei Lützen auf der Aue er hielt ſolchen Strauß, Daß vielen tauſend Welſchen der Athem ging aus, Viele Tauſende liefen dort haſigen Lauf, Zehntauſend entſchliefen, die nie wachen auf. Am Waſſer der Katzbach ers auch hat bewährt, Da hat er den Franzoſen das Schwimmen gelehrt; Fahrt wohl! Ihr Franzoſen zur Oſtſee hinab! Und nehmt, Ohnehoſen! den Wallfiſch zum Grab! 1) Blücher, geboren zu Roſtock am 16. Dez. 1742, iſt der greiſe Sieger bei Lützen(2. Mai 1813), an der Katzbach(26. Auguſt 1813), bei Wartburg(3. Oktober 1813) und bei Leipzig G6.— 18. Oktober 1813). Mit ſeinem Heer ging er in der Neujahrsnacht 1814 beim zwölften Glocken⸗ ſchlage über den Rhein, ſiegte dann in mehreren Schlachten auf franzöſiſchem Boden und half am 18. Juni 1815 die Entſcheidungsſchlacht bei Waterloo ſchlagen. Er war der Abgott ſeines Heeres, der Liebling ſeiner Nation und der bitterſte Feind Rapoleons. Der„Fürſt von Wahlſtadt“, der„Marſchall Vorwärts“ der Ruſſen und der„alte Huſarengeneral“, wie ibn Napoleon nannte, ſtarb(12. Sept. 1819) auf ſeinem Gute in Schleſien. Als ihn ſein König beſuchte und dem kranken Helden von Hoffnung auf Wiedergeneſung ſprach, erwiederte Blücher:„Ew. Majeſtät wiſſen wohl, mein Weg geht vorwärts; ich fühle, daß ich nicht weit mehr vom Ziele bin und umkehren, das war nie meine Sache.“ —— Bei Wartburg an der Elbe, wie fuhr er hindurch! Da ſchirmte die Franzoſen nicht Schanze noch Burg, Da mußten ſie ſpringen, wie Haſen übers Feld, Und hell ließ erklingen ſein Huſſa der Held. Bei Leipzig auf dem Plane, o herrliche Schlacht! Da brach er den Franzoſen das Glück und die Macht! Da lagen ſie ſicher nach blutigem Fall, Da ward der Herr Blücher ein Feldmarſchall. Drum blaſet ihr Trompeten! Huſaren herans! Du reite, Herr Feldmarſchall, wie Winde im Saus! Dem Siege entgegen, zum Rhein, übern Rhein! Du tapfrer Degen, in Frankreich hinein. Ernſt Moritz Arndt. 282. Der alte Blücher in England. Als nun im Jahre Vierzehn es hieß: Wir haben Fried! Der Krieg nach allen Himmeln wie Wetterwolken ſchied: Gen Süd ſchwamm Bonaparte an Elbas Felſenſtrand, Gen Nord ſchwamm Vater Blücher ins alte Nebelland. Deß Schwimmfahrt will ich ſingen, wie ſchlichter Sang vermag, Viel heitre Tage ſammeln in einen Sonnentag. An einem ſchönen Morgen im duftgen Roſenmond Trat, mehr vom guten Werke als guter Beut belohnt, Europas Tafelrunde ab vom Boulogne⸗Strand An Bord des lmpregnable, zu Gaſt nach Engeland. Das große Steuer führte Prinz Clarence, Admiral;— Ich würd die Helden zählen, wär nicht zu groß die Zahl. Hoch ſchwoll der Marmorbuſen dem großen Mars vorm Wind, Tief fügt ſo ſchwerem Kiele ſich jede Woge blind. Schon tanzt die weiße Küſte entgegen ihrem Gaſt— Da klirrt die Ankerkette, das Segel rollt vom Maſt; „Stopp!“ rufts vom Quarterdecke,„die Ebbe tritt vom Land, Leicht ſäßen all die Helden mit ihrem Ruhm auf Sand.“ Kaum legt die Argo donnernd ſich ankerfeſt in Sicht, Da macht ſichs Land lebendig, in hundert Böten licht. „Da kommt der alte Blücher!“ herweht in Luft und Lee Das Lied vom Mann im Volke zu Lande und zur See. Und hat auch Vater Blücher noch keinen Fuß am Strand, Er läuft auf Herzenswegen ſchon durch ganz Engeland. Einhüllen Majeſtäten ſich ins Incognito; probatum est, denkt Blücher, und macht es ebenſo, 222 Desgleichen auch die Helden der ganzen Heldeuſchar, Und auch wohl noch ſo Mancher, bei dems nicht nöthig war. Nur Einer denkt:„Auf Ehre! Wofür ſind Orden da? Sieh mich in meiner Galla, o Großbrittannia!“ „„Das iſt der alte Blücher!““ brüllt John Bull allzumal, Als ſich der Federhüter herabließ im Canal. Stracks ſchwimmt auf dieſen Blücher ein Seebär von Matros Und noch viel Blücherfreunde als gute Priſe los, Und wie der Ordensritter mit Arm und Bein auch ficht: „Verzeihn Sie, meine Herren, ich bin derjenge nicht!“ „„Er iſt derjenige!““— Und das Herz voll Ritterzorn, Die Hoſen voller Waſſer, mit Stiefel und mit Sporn, Sitzt er ſchon auf dem Rücken dem Seebär von Matros— Und was die Kerl mal haben, das laſſen ſie nicht los. „Ich hab den alten Blücher!“ ſchwimmt brüllend er durchs Meer „„Der hat den alten Blücher!““ ſchwimmt Alles hinterher. Derweile ſitzt der Alte am Land in voller Ruh, Sieht ſich das Blücherwetten und Blücherboxen zu; Doch kaum guckt er mitunter ſich auch mal blücherſch um, So hat der alte Volksmann auch ſchon ſein Publikum. „Ves!— ſagt ein Gentlemen und very well dazu, Langt vor ein Blücherbildniß mit comfortabler Ruh,— Ein Auge auf den Alten, ein Aug aufs Konterfei: „Sein Schnurrbart, ſeine Naſe,— das ganze Vorwärts da! Hier iſt der alte Blücher!“ Schreits Publikum:„Hurrah!“ „Da auch ein alter Blücher?“ tritt Waſſer der Matros; „Na, wenns nur Einer— Plumps!“— und ſeinen iſt er los. Nun aber gings dem Alten aus Freude auch betrübt: Auffrißt John Bull ſo gerne, was er von Herzen liebt— „Ihr liebt mich todt!“ ſchreit Blücher und läßt den Rock zurück; Daß Jeder ein Stück Blücher, muß der in tauſend Stück! Und hoch in ſeinem Sattel hebt ihn der Jubelſchwall, Vorm Liebesheere wieder zieht her der Feldmarſchall— Doch wie er juſt im Zuge den Schnellritt ſchon begann, Da kommt dem alten Reiter die alte Plage an. Darauf'nen Vers zu machen geht über die Licenz— Ich denk, ich habs nicht nöthig, wer Blücher kennt, der kennts.—— „Was blaſen die Trompeten?“ tritt Blücher wieder vor, Als führe mir ganz England in mein Kanonenohr.“ Das ſind die Poſtillone der alten Brittenſtadt, Die durch die ganze Welt hin wohl ihre Straßen hat. Und fort mit Roß und Wagen ſtürmt er die Siegesbahn, Rings brandet an die Räder der Menſchenocean; ——— ———— 223 Wie auch die Renner ſchäumen, die Liebe hält mit Schritt: Der klettert auf am Bocke, der hängt am Wagentritt, Die ſchleifen nach ſich hinten, die tanzen auf dem Deck, Und ſchwenken ihre Hüte und werfen hoch ſie weg; Und Einer ſitzt im Wagen, breit wie Alt⸗Engeland, Und drücket Vater Blüchern für Alle mal die Hand. Dem grauen Helden perlet die Thräne in den Bart: „Es ſchlägt ſo weich das Herze aus dieſer Hand ſo hart!“ Hin fliegt er vor St. James am Königs⸗Regiment, Ihm aufgeſtellt zu Ehren hat es der Prinzregent;— Sein Haupt entblößt der Marſchall, ſteht auf und ſieht es an Mit unverwandtem Auge bis auf den letzten Mann, Und Gruß am Gegengruße gibt Feuer wie Stein und Stahl: Die alten Reiter fühlen den Reitergeneral. Und ein zu Carlstonhouſe hell ſchmetterts durch das Thor, Stracks nieder die Trabanten wogt brittiſcher Humor, Was faſſen will der Burghof, ſteht Kopf an Kopf gedruckt, Hoch über Mauer und Gitter manch Pferdekopf noch guckt. Vortritt in hoher Halle ans Volk ſein Prinz heraus, Umarmt den Preußenhelden, bringt Englands Dank ihm aus. Als er zurück ſich hebet, da liegt am blauen Band Sein Bild auf Blüchers Herzen in ſtrahlendem Brillant. Und„Hurrah“ ehrt den Prinzen, der Volkes Liebe ehrt, und Blücher will was ſagen und Alles ſchreit:„Hört! hört!“ Bis daß kein Ohr mehr höret;—„ſchön!“ ſagt der Volkesmann, „Allmal das beſte Reden, wenn mans nicht ſagen kann.“— Und zu der Kön'gin weiter fort will der Renner Troß— „Halt, bis hierher, nicht weiter! Wir Volk ſind jetzt dein Roß!“ Vor ſeinen Liebeswagen das ſtolze Volk ſich ſpannt, Zu ſeiner Kön'gin jauchzend zieht ihn Alt⸗Engeland; Ein Vollſpann vor der Deichſel, ein Spann vor jedem Rad, Zieht ihn durch all die Städte vor ſeiner Wellenſtadt, Durch Schloß und Muſentempel mit donnerndem Applaus: „Tritt ab hent, Apollide! Old Blücher muß heraus!“ Zieht ihn durchs Pferderennen und Stecple chase geht auf, Dahinter Vater Blüchern in Menſchen⸗Vollblutlauf, Zieht ihn durch ſeine City, auf geht Soldatenſperr, Ob auch in dieſem Manne allein ein ganzes Heer; Dem Liebestriumphator ſtreut Roſen auf die Bahn Der Mann vom Pfund und feuchtet ſie mit Champagner an, Und dunkler noch mit Porter wird ihm ſein Pfad gerost, Als ihm die alte London auf Guildhall bringt den Toaſt.— 224 Goddam! ſchon hält auf Hydepark, auf ſeiner Heeresſchau, Er all den rothen Scharlach für Preußiſch Dunkelblan. Doch vorwärts, alter Blücher, auf deinem Ehrenſchub“ Durchs Seglerhaus und Withesklub mit Hurrah in den Pittsklub, Und in die Kreuz und Quere durch alle die Tavern.— „Stopp!“ ſchreit der alte Vorwärts,„ich kann nicht mehr, ihr Herrn. Ich muß mich mal verpuſten und ein paar Züge thun—“ „„Sitz du im Oberhauſe, da iſt der Platz zum Ruhn!““ Und Blücher hält mit Sitzung in ihrer Landesruh— „Nein, ehrenwerthe Jungens, ich hab kein Fleiſch dazu“— Ves ſagt lateiniſch Oxford, Alt⸗Englands großes Buch, Und die gelehrte Cambridge ſpricht griechiſch auch ſo klug; Die reicht ihm die Perrücke und die den Doktorhut. „Bon!“ ſagt Herr Dr. Blücher,„Herr Gneiſnau, ſei ſo gut Und ſei mein Apotheker, du haſts mit eingerührt, Wonach Madame Francia ſo mördriſch abgeführt; Doch nicht um einen Doktor gab auf ichs Parlament, Nein, um ne Pfeife Toback, mein deutſches Element.“ Kaum hat in ſeinem Toback er einen Zug gethan, Da ſetzt man Feuerleitern an ſeine Pfeife an, Und allerhand Geſtalten auf ihren Sproſſen ſtehn! „Der alte Blücher rauchet? Das wollen wir auch mal ſehn!“ „Was iſt daran zu ſehen? Die Kerl'n haben den Spleen,“ Wollt Blücher eben denken— da hört Trepp auf er ziehn Noch hinter ſeinen Wolken ein engliſch Damen⸗Corps— „Was Teufel?“ guckt der Alte durch ſein Gewölke vor— „„Mylord, mir eine Locke! ein gran Vergißmeinnicht!““ „„„Mir auch, mir auch!“““ und weiter, wer weiß, wie weits noch ſpricht. Zur Thür raus, Trepp hinnnter bis auf die Straße ſchon. Lord Blücher überſchauet die Monſtre⸗Petition— „Und Jeder eine Locke?“— Er ſtellt die Pfeife hin: „Das iſt ein ſtarker Toback, ſo wahr ich Blücher bin! Betrachten, meine Gnädgen, Sie dieſen armen Schopf, Ein einzig Haar nur Jeder, blieb keines auf dem Kopf.“ Sie zucken all die Achſeln— und, da's nicht Locken gab— So rupfen ſie die Federn vom Federhut ihm ab. „Hm,“ denkt er,„ſchlimme Gäſte,“ und ſtreicht ſich ſeinen Bart: „Wie bringſt du dieſe Schönen hinaus auf gute Art?— „Umarm die Erſte, Beſte, leg einen Kuß mit ein, Das wird das allerbeſte Vertreibungsmittel ſein.“ Und er umarmt die Eine—„nun reißen aus ſie All“— Ja Ves! nun wollen Alle in ſeine Arme mal. 225 Und es ergab ſich Blücher mit rührender Geduld: „Die jungen Officiere ſind an dem Ganzen ſchuld; Erſt geben ſie den Kindern, wos geht, ein Aergerniß, Und dann ſoll alter Mann ich, einſtehn vor den Riß! Nein, lieber noch'n Feldzug!“— „„Ves!““ brüllts am Fenſterbord, Einſteigen zwei Geſtalten, zwei Feuerleitrer dort, Und legen ganz verbindlich ſich aus zu einem Bor, Und ſchlagen ganz gemüthlich vorn Kopf ſich wie ein Ochs, Und trommeln auf fremd Bauchfell den Wirbelſchlag heraus, Und wiſchen roth die Naſen und blau die Augen aus. „Stopp!“ ſpricht der Alte höflich,„ſeid ihr verrückt, ihr Herrn?“ „„Ves e ſprachen beide Boxer,„„das thun wir dir zur Ehrn.““ —„Zu meiner Ehre prügeln und rippenbrechen drauf,“ Denkt Blücher,„auch nicht übel, da hört doch Alles auf: Die Liebe wird gefährlich,“ ſprach er und ging ade. Da lag im weißen Purpur die ſtolze Meeresfee, Die Königin der Flotten, im Abendrothe da, Das Erſte und das Letzte der Großbrittannia.— Wie's ihm erging am Abend von ſeiner Tage Tag— Weil ichs nicht kann beſingen, ichs auch nicht reimen mag. „Für alle Liebesworte,“ ruft er, nehmt ſelbſt mich hin! Gedenke Eurer, Jungens, ſo lang ich Blücher bin!“ Einſtimmt ſein Schiff, der Jaſon, mit lichtem Donnerwort, Fortſetzt die Heldenrede der alte Dowerport: „Ade!“— Es tanzt die Küſte, die Donner ſchweigen all, Nach ruft nur noch die Liebe, bis auch verweht ihr Hall.—— Stumm ſteht der alte Feldherr, als Laut und Land verſchwand: „Es gibt auf dieſer Erde doch nur ein Engeland!“ Und als vor Niederlanden die Ehrenkumpanei, Die Britten⸗Degen ſprachen:„Nun, Feldmarſchall, god boi!“«« Da ſpricht er:„Kameraden, grüßt Wellington mir ſchön! Wer weiß, in Jahr und Tage wir uns mal wiederſehn!“— Chriſtian Friedr. Scherenberg. 283. Vor Blüchers Statue. Hut ab, ihr Burſche! Habt Reſpect vor einem deutſchen Mann, Der alte Marſchall Vorwärts iſts, ſeht euch den Helden an, Und lernt von ihm, was deutſcher Sinn und deutſche Treue heißt, Und neigt das Haupt in Demuth tief vor ſeinem Heldengeiſt. Schenckel's Blüten, 2r Theil. Ute ſ. verm. Aufl. 15 226 Das war ein Mann voll Muth und Kraft, ein echter Mann der That, Feſt, ehrenhaft und treu wie Gold und jeder Zoll Soldat; Im Kampfe wie ein Löwe kühn ſo grimmig und ſo wild, Doch gegen den beſiegten Feind als wie ein Lamm ſo mild. Die Katzbach, Jungen, kennt ihr doch? Dort war ſein ſchönſter Tag, Da gab es Feinde übergnug, da traf wohl jeder Schlag; Dort tanzte er dem Heer voran, in luſtgem Siegeslauf. „Heut, Vater Blücher, geht es gut!“„'s kommt beſſer, paßt man auf““. Und beſſer kams.„Gewehre um! So ſpart ihr manchen Schuß“. Die Franzen hüpften dutzendweis gleich Fröſchen in den Fluß. An dreißigtauſend kamen um, da war die Jagd vorbei; Der Blücher wiſchte ab ſein Schwert, und Schleſien war frei. Und dann bei Leipzig! Jungen, ſeht den Alten näher an! Wer ihn und dieſen Tag vergißt, der iſt kein deutſcher Mann. Er war die Seele von dem Heer, er war das Herz der Schlacht, Der Schlacht, die unſre Ketten brach und Deutſchland frei gemacht. Dann vorwärts gings, fort nach Paris, wo man den Frieden ſchloß, Der, weil er gar zu zahm und mild, den Feldmarſchall verdroß; Er brummte zornig und er zog die Heldenſtirne kraus Und fand nur im Gedanken Troſt, daß noch das Ding nicht aus. Und kurze Zeit, da war geſchehn, was er ſich wohl gedacht, Da zog der greiſe Feldmarſchall noch einmal in die Schlacht, Bekämpfte mit dem Wellington den Feind bei Belle Alliance, Und tanzte dort mit Sieg gekrönt den letzten Ehrentanz. Und als er merkte, daß es bald mit ſeinem Leben aus, Da trieb es ihn nach Roſtock fort in ſeiner Eltern Haus, Und dort ſah man auch Abends ſpät ſtill auf dem Kirchhof ihn In fromm andächtigem Gebet an ihrem Grabe knien. Und als er ſterben ging, da ſprach der Held:„Nun ſterb ich gern, Ich bin nichts nutz mehr auf der Welt; geht, ſagt das meinem Herrn, Und ſagt ihm, daß mich treu für ihn und für mein Vaterland Wie ichs im Leben immer war, die Sterbeſtunde fand. Und ihr, die ihr von mir gelernt ſo Manches in der Schlacht, Lernt Eines noch zuletzt von mir, woran ihr nicht gedacht; Ich meine, wie man ruhig ſtirbt. Sargt ohne Prunk mich ein, Und dort, wo die drei Linden ſtehn, will ich begraben ſein“. Julius Sturm. 284. Blücher. (Glüchers Eingang zum Himmel.) „Bei Gott, ich muß mich zum Empfang Des alten Helden ſchicken, Den ich verfolgt hab oft und lang Von hier mit meinen Blicken. Ich hab geſehn in mancher Schlacht Wohl ſeine Blitzesſchnelle, Und jetzund, eh ich es gedacht, Iſt er auch hier zur Stelle. Weit drüben, dacht ich, ſei er noch, Dazwiſchen weite Klüfte, Er aber iſt hin drüber hoch Geſprungen durch die Lüfte. Als ob im Dampf er vor ſich hab Den Graben einer Schanze, Iſt er geſprungen übers Grab, Und iſt ſchon nah im Glanze.“ Im Himmel ſprachs der alte Fritz, Und hob des Blüchers wegen Sich von dem hohen Heldenſitz, Und ging ihm ſtracks entgegen. Der Blücher kam ihm doch zuvor, Eintrat er gleich dem Blitze, Und ſenkte, ſchreitend durch das Thor, Vor ihm des Degens Spitze. Vorbei ſchritt er dem alten Fritz, Und trat, ohn umzuſchauen Hin, wo er ſah auf ihrem Sitz Die Königin der Frauen. Da bracht er ſeinen erſten Gruß Der preußiſchen Luiſe, und beugte vor ihr ſeinen Fuß, Daß er ihr Ehr erwieſe. Worauf er den Bericht ihr gab Von Grüßen, die ihr Gatte, Sein König, für ſie übers Grab Ihm anbefohlen hatte. Sie dankt ihm mit Holdſeligkeit; Und ſo, nach abgethanen Geſchäften, trat er dienſtbereit Zu ſeines Königs Ahnen. Friedrich Rückert. 285. Die Gräber zu Ottenſen. Erſtes Grab. Zu Ottenſen ¹) auf der Wieſe Iſt eine gemeinſame Gruft; So traurig iſt keine wie dieſe Wohl unter des Himmels Luft. Darinnen liegt begraben Ein ganzes Volksgeſchlecht*), Väter, Mütter, Brüder, Töchter, Kinder, Knaben, Zuſammen Herr und Knecht. Die rufen Weh zum Himmel, Aus ihrer ſtummen Gruft, Und werdens rufen zum Himmel, Wenn die Trommet einſt ruft. „Wir haben gewohnt in Frieden Zu Hamburg in der Stadt, Bis uns daraus vertrieben Ein fremder Wüthrich hat. — — 1) Ottenſen iſt ein großes und ſchönes holſteiniſches Dorf nahe bei Altona. Auf dem Kirchhof zu Ottenſen befinden ſich die merkwürdigen Gräber.— 2) Am 30. Mai 1813 rückte Marſchall Davvuſt mit zahlreichen franzöſiſchen Truppen in Hamburg ein. Durch die härteſten Maßregeln, die er ſchonungslos ins Werk ſetzte, ſahen ſich mehr als dreißigtauſend Einwohner Hamburgs genöthigt, die Stadt zu verlaſſen und 1138(1200) pavon fanden in der Strenge des Winters ihr Grab in Ottenſen. Das Denkmal dieſer Un⸗ glücklichen befindet ſich jetzt vor dem Damthore zu Hamburg, wohin es 1841 nebſt den Gebeinen der darunter Ruhenden verſetzt wurde. Es iſt ein antiker Sarkophag von Sandſtein mit den bezüglichen Inſchriften. 132 228 Er hat uns ausgeſtoßen Wir konnten nicht weiter keuchen, Im Winter zur Stadt hinaus, Erſchöpft war unſere Kraft; Die Hungernden, Nackenden, Bloßen: Froſt, Hunger, Elend und Seuchen, Wo finden wir Dach und Haus? Sie haben uns hingerafft. Wo finden wir Koſt und Kleider, Ein ungeheuerer Knäuel, Wir zwanzigtauſend an Zahl? Zwölfhundert oder mehr: Die Andern ſchleppten ſich weiter, Es zieht ſich über den Gräuel Wir blieben hier zumal. Ein dünner Raſen her. Die Andern nahmen die Britten, Der deckt nun unſre Blöße, Und Andre die Dänen auf, Ein Obdach er uns gab, Wir brachten mit müden Schritten Man merkt des Jammers Größe Bis hieher unſern Lauf. Nicht an dem kleinen Grab“. Zweites Grab. Zu Ottenſen an der Mauer Umirrend mit den Scherben Der Kirch iſt noch ein Grab, Des Haupts von Land zu Land, Darin des Lebens Trauer Das, eh es konnte ſterben, Ein Held gelegt hat ab. Erſt allen Schmerz empfand; Geſchrieben iſt der Namen Das erſt noch mußte denken Nicht auf den Leichenſtein, Der Zukunft lange Noth, Doch er ſammt ſeinem Samen Eh es ſich durfte ſenken Wird nie vergeſſen ſein. Beſchwichtigt in den Tod. Von Braunſchweig iſts der Alte ²), Jetzt hat ſichs hier geſenket; Karl Wilhelm Ferdinand, Doch hebt ſichs, wie man glaubt, Der vor des Hirnes Spalte Noch aus der Gruft und denket, Hier Ruh im Grabe fand. Das alte Feldherrnhaupt. Der Lorbeerkranz entblättert, Da ſieht es die Befreiung Den auf dem Haupt er trug, Nun wohl auf deutſcher Flur, Die Stirn vom Schlag zerſchmettert, Doch auch von der Entweihung Der ihn bei Jena ſchlug. Die unvertilgte Spur. Nicht, wo er war geboren, Da ſieht es der Zwölfhundert Hat dürfen ſterben er, Grabſtätte ſich ſo nah Von ſeines Braunſchweigs Thoren Und ruft wohl aus verwundert: Kam irrend er hieher;„Ein Feldherr ward ich ja! 1) Der greiſe Herzog K. W. Ferdinand von Braunſchweig wurde in der unglücklichen Schlacht bei Jena⸗Auerſtädt(14. Oktober 1806) von einer Musketenkugel getroffen und ſeiner Augen beraubt. Beſinnungslos und mit bluttriefendem Antlitz wurde er aus dem Gewühl der Schlacht getragen und auf einer Bahre in ſein Erbland und ſeine Reſidenz Braunſchweig gebracht. Von dort ließ der blinde Held den Napolevn um Gnade für ſein Land und Volk bitten, der aber den unglücklichen Greis noch ſchmähte und antwortete:„Ich kenne keinen ſouveränen Herzog von Braunſchweig, ich kenne nur den preußiſchen General Braunſchweig“. Aus Beſorgniß, den Franzoſen als Kriegsgefangener in die Hände zu fallen, ließ ſich der Fürſt mit blutigem Haupt weiter tragen bis gen Ottenſen, wo er am 10. Nov. ſtarb und ſein Grab fand. Sein Sohn, der„Oels“, ſiel am 16. Juni 1815 bei Quatre⸗Bras im Kampf gegen Ney. 229 O Feldherrnamt, wie grauſend! um mich, den Feldherrn, her Gelagert ſind die Tauſend, Ein großes Schmerzenheer. Euch hat auf andern Pfaden Und doch aus gleichem Grund Der Tod hieher geladen, Ihr ſeid mit mir im Bund. Daß ohne Todtenhemde Ihr auf den Gräbern ſitzt, Das ſchmerzt mich, weil der Fremde Noch ſteht in Purpur itzt. Iſt Keiner mehr am Leben, Den Purpur auszuziehn Dem Fremden, und zu geben Euch nackten Todten ihn? Mit ſeinen dunkeln Schützen Der OHels, mein wackrer Sohn, Der könnte wohl euch nützen, Doch fiel auch der nun ſchon. Jetzt kann ich Keinen nennen, Da ihn der Tod geraubt, Und ſchmerzlich fühl ich brennen Die Spalt in meinem Haupt“. Drittes Grab. Zu Ottenſen, von Linden Beſchattet, auf dem Plan Iſt noch ein Grab zu finden: Dem ſoll, wer trauert, nahn. Dort in der Linden Schauer Soll leſen er am Stein Die Inſchrift, daß die Trauer Ihm mag gelindert ſein. Mit ſeiner Gattin lieget Und ihrem Sohne dort Ein Sänger, der beſieget Den Tod hat durch ein Wort. Es iſt der fromme Sänger, Der ſang des Heilands Sieg, Zu dem er, ein Empfänger Der Palm, im Tod entſtieg. Es iſt derſelbe Sänger, Der auch die Hermannsſchlacht Sang, eh vom neuen Dränger Geknickt ward Deutſchlands Macht. Ich hoffe, daß in Frieden Er ruht indeß in Gott, Nicht ſah bei uns hienieden Des Feinds Gewalt und Spott. Und ſo auch ruht im Grabe Sein unverſtört Gebein, Als ob geſchirmt es habe Ein Engel vorm Entweihn. Es ſind der Jahre zehen Voll Druck und Tyrannei, Voll ungeſtümer Wehen Gegangen dran vorbei. Sie haben nicht die Linden Gebrochen, die noch wehn, Und nicht gemacht erblinden Die Schrift, die noch zu ſehn. Wohl hat, als dumpfer Brodem Der Knechtſchaft uns umgab, Ein leiſer Freiheitsodem Geweht von dieſem Grab. Wohl iſt, als hier den Flügel Die Freiheit wieder ſchwang, O Klopſtock, deinem Hügel Enttönt ein Freudenklang. Und wenn ein ſinnger Waller Umher die Gräber jetzt Beſchaut, tret er nach aller Beſchaun an dies zuletzt. Wenn dort ein trübes Stöhnen Den Buſen hat geſchwellt, So iſt, als zum Verſöhnen, Dies Grab hieher geſtellt. Die Thränen der Vertriebnen, Des Feldherrn dumpfe Gruft Verſchwinden vorm beſchriebnen Stein unterm Lindenduft, Wo wie in goldnen Streifen Das Wort des Sängers ſteht: „Saat, von Gott geſät⸗ Dem Tag der Garben zu reifen“. Friedrich Rückert. 23 1 286. Die drei Geſellen. Es waren drei Geſellen, Er rief:„Deutſchland ſoll leben!“ ʒ Die ſtritten widern Feind, Da hörten es die Zwei, Und thaten ſtets ſich ſtellen Wie rechts und links daneben 6 In jedem Kampf vereint. Sie ſanken nah dabei; Der Ein ein Oeſterreicher, Da richteten im Sinken Der Andr ein Preuße hieß, Sich Beide nach ihm hin, Davon ſein Land mit gleicher Zur Rechten und zur Linken, Gewalt ein Zeder pries. Und lehnten ſich an ihn. Woher war denn der Dritte? Da rief der in der Mitten Nicht her von Oeſtreichs Flur, Noch einmal:„Deutſchland hoch!“ Auch nicht von Preußens Sitte, Und Beide mit dem Dritten Von Deutſchland war er nur. Riefens, und lauter noch. Und als die Drei eiuſt wieder Da ging ein Todesengel Standen im Kampf vereint, Im Kampfgewühl vorbei, Da warf in ihre Glieder Mit einem Palmenſtengel, Kartätſchenſaat der Feind. Und liegen ſah die Drei. Da fielen alle Dreie Er ſah auf ihrem Munde Auf einen Schlag zugleich; Die Spur des Wortes noch, Der Eine rief mit Schreie: Wie ſie im Todesbunde „Hoch lebe Oeſterreich!“ Gerufen:„Deutſchland hoch!“ Der Andre, ſich entfärbend, Da ſchlug er ſeine Flügel Rief:„Preußen lebe hoch!“ Um alle Drei zugleich, Der Dritte, ruhig ſterbend, Und trug zum höchſten Hügel Was rief der Dritte doch? Sie auf in Gottes Reich. Friedrich Rückert. 287. Die Straßburger Tanne. Bei Straßburg eine Tanne, Hat Einer wohl vernommen, Im Bergforſt, alt und groß, Was, als die Wurzel brach, Genannt bei Jedermanne Im Herzen tief beklommen Die„große Tanne“ bloß, Zuletzt die Tanne ſprach? Ein Reſt aus jenen Tagen Ein Widerhall vernahm es, Als dort noch Deutſchland lag; Der trug von Ziel zu Ziel Die ward nun abgeſchlagen Es weiter und ſo kam es An dieſem Pfingſtmontag. Hier in mein Saitenſpiel. Da kamen wir zum Feſte So ſprach die alte Tanne: Zuſammen fern und nah Ich ſtehe nun der Zeit In ganzen Scharen Gäſte, Hier eine lange Spanne Und ſahn das Schauſpiel da. In dieſer Einſamkeit, Sie jauchzeten mit Schalle, Von dieſes Berges Gipfel Als niederſank ihr Kranz, Mich ſtreckend in die Luft; Und hielten nach dem Falle Es webt um meinen Wipfel Im Forſthaus einen Tanz. Noch der Erinnrung Duft. Ich ſah in alten Zeiten Die Kaiſer und die Herrn Im Lande ziehn und reiten; Wie liegt das heut ſo fern! Da mocht ich wohl mit Rauſchen Sie grüßen in der Nacht, Und mit den Winden tauſchen Geſpräch von deutſcher Macht. Dann kam die Zeit der Irrung, Des Abfalls in das Land, Voll ſchmählicher Verwirrung, Da ich gar traurig ſtand, Es klirrten fremde Waffen, Es zuckte mir durchs Mark, Ich ſah die Zeit erſchlaffen, Und blieb kaum ſelber ſtark. Den Himmel ſah ich ſäumen Ein neues Morgenroth, Es ſcholl aus fernen Räumen Der Freiheit Aufgebot; Ich ſah auf alten Bahnen Die neuen Deutſchen gehn, Die langentwöhnten Fahnen Vom Rheinſtrom her mir wehn. Da ſchüttelten die Winde Mein altes Haupt im Sturm; Vor Schreck entſank der Rinde, Der ſie genagt, der Wurm: Nun werden deutſch die Gauen, Vom Wasgau bis zur Pfalz; Und wieder wird man bauen Hier eine Kaiſerpfalz. Doch als das große Wetter Eilfertig, ohne Spur, Wie Windeshauch durch Blätter, Dahier vorüberfuhr:— Mein Wipfel iſt geborſten, Es wird nicht mehr der Aar In dieſen Forſten horſten, Der meine Hoffnung war. Lebt, Adler, wohl und Falken! Ich fall in Schmach und Graus Und gebe keinen Balken Zu einem deutſchen Haus; Man wird hinab mich ſchleppen Und drunten aus mir nur Verſehn mit neuen Treppen Mairie und Präfektur. Doch, jüngre Waldgeſchwiſter, Ihr hauchet friſchbelaubt Theilnehmendes Gefliſter Um mein erſtorbnes Haupt; Euch alle ſterbend weih ich Zu ſchönrer Zukunft ein, Und alſo profezeih ich, Wie fern die Zeit mag ſein: Einſt Einer von euch Allen, Wenn er ſo altergrau Wird, wie ich falle, fallen, Gibt Stoff zu anderm Bau, Da wohnen wird und wachen Ein Fürſt auf deutſcher Flur; Dann wird mein Holz noch krachen Im Bau der Präfektur. Friedrich Rückert. — 0S— V. Permiſchte Dichtungen. 288. Das Nibelungenlied. „Uns ist in alten maeren wunders viel geseit Von helden lobebaeren, von grozer arebeit, Von vröuden und hochgeziten, von weinen und von chlagen, Von chuoner rechen striten muget ir nu wunder hoeren sagen.“ So beginnt das herrliche Volksepos im Urtert. Sein Inhalt iſt folgender: Zu Worms am Rhein, im Lande der Burgunder, wohnt König Gunther mit ſeiner Mutter Ute, ſeiner ſchönen Schweſter Kriemhild, ſeinen Brüdern Gernot und Giſelher und ſeinen Dienſtmannen, den kühnen Helden Hagen von Tronje, Volker(der Fiedler von Alzeie) und Dankwart. In den Niederlanden zu 232 Santen am Rhein erwächst der berrliche Held Siegfried, der Sohn des Königs Siegmund und der Sieglinde. Siegfried, in Begleitung von 12 Rittern, bricht gen Worms auf. In nie geſehenem berrlichem Schmucke der Rüſtungen und Roſſe reiten die Fremden, Rieſen gleich, in männlicher Jugendkraft, vor die burgundiſche Königsburg. Weder die Mannen, noch deren Führer, der Jüngling von königlicher Geſtalt, werden erkannt; nur Hagen, dem alle Lande weit und breit bekannt ſind, glaubt den jungen Helden aus den Niederlanden zu erkennen, obwohl er ihn zuvor nie geſehen und ſagt:„Es iſt Siegfried, der das Geſchlecht der Ribelungen beſiegte, der den unermeßlichen Schatz(den Nibelungenhort) an edelm Geſtein und rothem Golde dem finſtern Geſchlechte Schilbungs und Ribelungs abgewann und Land und Leute der Beſiegten in Beſitz nahm, der dem Zwerg Alberich die unſichtbar machende Tarnkappe(den Tarnmantel, der die Kraft von 12 Männern geben konnte) im heißen Kampfe entriß, derſelbe Siegfried, der auch einen Linddrachen ſchlug und in dem Blute ſich badete, daß ſeine Haut wie Horn unverwundbar wurde. Solchen Helden müſſen wir freundlich empfangen, daß wir nicht des ſchnellen Recken Haß auf uns laden mögen.“— Siegfried wird herrlich empfangen, köſtlich bewirthet, wirbt um Kriemhild, erhält ſie aber erſt, nachdem er mit Gunther, Hagen und Dankwart nach Iſenland hinab gefahren, um auf dem Iſenſtein dir gewaltige Wallyre(Kampfjungfrau) Brunhilde zu beſiegen und für Gunther zu gewinnen, der nur Scheinkämpfer ſein ſoll. Siegfried hüllt ſich in ſeinen unſichtbar machenden Ueberwurf, kämpft für Gunther und beſiegt die ſtreitbare Brunhild im Speerkampf, Steinwurf und Sprung. Sie wird hierauf Gunthers Frau und Sieg⸗ fried bändigt ſie nochmals am Hochzeitetage. Kriemhild und Brunhild gerathen über den Adel und Werth ihrer Männer in Streit und jene verräth unvorſichtig wie dieſe zweimal durch Siegfried beſiegt und ſo Gunthern zu Willen gezwungen worden ſei. Brunhild ſinnt auf Rache und führt ſie durch den grimmen Hagen aus. Das Schreckliche nicht ahnend bezeichnet Kriemhild ſelbſt dem Mörder durch ein rothes Kreuz die einzig verwundbare Stelle ihres Gatten, der auf der Jagd bei einem Brunnen meuchlings ermordet wird. Die trauernde Kriemhild verliert den Hort, der von Hagen in den Rhein geſenkt wird, und nun geht der Name der Nibelungen auf die Burgunder über. Die zweite Hälfte des Gedichtes beginnt mit der Werbung des Hunnenkönigs Etzel um Kriemhild, der beßhalb den treuen Rüdiger von Bechelarn abſandte. Kriemhild wird Königin der Hunnen und die Zeit ihrer Rache beginnt nun. Die Burgunder werden durch ſie zu einem Feſte auf die Etzelsburg eingeladen und treten, trotz Hagens Warnung und ſchlimmer Vorzeichen, die Reiſe an. Kriemhildens feindlicher Sinn wird bald erkannt. Hagen, mit Volker in Todesfreundſchaft verbunden, reizt die Unglückliche noch mehr und dieſe läßt die Knechte überfallen, während die Herren beim Mahle ſitzen. Hagen erfährt dieß und erſchlägt ihr Kind Ortlieb. Umſonſt ſtürmen die Scharen der Hunnen und Bundesgenoſſen gegen die verzweifelten Burgunder. Kriemhild läßt den Saal in Brand ſtecken, die eiſenfeſten Helden, ſelbſt der edle Rüdiger und alle Mannen des Dietrich von Bern, bis auf den alten Hildebrand, fallen im ſchrecklichſten Kampfe. Hagen und Gunther werden durch Dietrich beſiegt und gebunden und da Hagen den Ort des Schatzes nicht nennen will, ſo lange einer ſeiner Herren lebt, ſo läßt Kriemhild ihrem Bruder Gunther das Haupt abſchlagen. Auch darnach iſt Hagen nicht zum Geſtündniß zu bringen, wehhalb Kriemhild mit Siegfrieds Schwert Balmung) den Recken tödtet. Ueber die Verletzung des dem Dietrich gegebnen Wortes entrüſtet, wird Kriemhilde ſelbſt von dem alten Hildebrand erſchlagen, und „hie hat daz maer ein ende, ditze ist der Nibelunge not“. Wie Siegfried erſchlagen ward.(Xvl. Abenteuer.) ——— Da ſprach von Tronje Hagen:„Ihr edeln Ritter ſchnell, Ich weiß hier in der Nähe einen kühlen Quell, Daß ihr mir nicht zürnet, da rath ich hinzugehn.“ Der Rath war manchem Degen zu großer Sorge geſchehn. Siegfried den Recken zwang des Durſtes Noth; Den Tiſch er wegzurücken ſo zeitiger gebot. Er wollte vor die Berge zu dem Brunnen gehn. Da war der Rath aus Argliſt von den Recken geſchehn. Man hieß das Wild aufſäumen und führen in das Land, Das da verhauen hatte Siegfriedens Hand. Wer es auch ſehen mochte, ſprach Ehr und Ruhm ihm nach; Hagen ſeine Treue ſehr an Siegfrieden brach. 233 Als ſie von dannen wollten zu der Linde breit, Da ſprach von Tronje Hagen:„Ich hörte jederzeit, Es könne Niemand folgen Kriemhilds Gemahl, Wenn er rennen wolle: hei! ſchauten wir das einmal!“ Da ſprach von Niederlanden Siegfried der Degen kühn: „Das mögt ihr wohl verſuchen: wollt ihr zur Wette hin Mit mir an den Brunnen? Wenn der Lauf geſchieht, Soll der gewonnen haben, welchen man gewinnen ſieht.““ „Wohl laßt es uns verſuchen,“ ſprach Hagen der Degen. Da ſprach der ſtarke Siegfried:„„So will ich mich legen Hier zu euern Füßen nieder in das Gras.““ Als er das erhörte, wie lieb war König Gunthern das! Da ſprach der kühne Degen:„„Ich will euch mehr noch ſagen, All mein Geräthe will ich mit mir tragen, Den Speer ſammt dem Schilde, dazu mein Birſchgewand.““ Das Schwert und den Köcher er um die Glieder ſchnell ſich band. Abzogen ſie die Kleider von dem Leibe da; In zwei weißen Hemden man Beide ſtehen ſah. Wie zwei wilde Panther liefen ſie durch den Klee; Man ſah bei dem Brunnen den kühnen Siegfried doch eh. Den Preis in allen Dingen vor Manchem man ihm gab, Da löst er ſchnell die Waffe, den Köcher legt er ab, Den ſtarken Wurfſpieß lehnt er an den Lindenaſt, Bei des Brunnens Fluſſe ſtand der herrliche Gaſt. Siegfriedens Tugenden waren gut und groß. Den Schild legt er nieder, wo der Brunnen floß, Wie ſehr ihn auch dürſtete, der Held nicht eher trank, Bis der Wirth getrunken: dafür gewann er übeln Dank. Der Brunnen war lauter, kühl und auch gut; Da neigte ſich Gunther hernieder zu der Flut. Als er getrunken hatte, erhob er ſich hindann; Alſo hätt auch gerne der kühne Siegfried gethan. Da entgalt er ſeiner Tugend; den Bogen und das Schwert Trug Hagen beiſeite von dem Degen werth. Dann ſprang er ſchnell zurücke, wo er den Wurfſpieß fand Und ſah nach einem Zeichen an des Kühnen Gewand. Als Siegfried der Degen aus dem Brunnen trank Schoß er ihm durch das Kreuze, daß aus der Wunde ſprang Das Blut ſeines Herzens hoch an Hagens Staat. Kein Held begehet wieder alſo große Miſſethat. 234 Den Wurfſpieß im Herzen ließ er ihm ſtecken tief; Wie im Fliehen Hagen da ſo grimmig lief, So lief er wohl auf Erden nie vor einem Mann! Als ſich der ſtarke Siegfried der großen Wunde beſann, Der Held in wildem Toben von dem Brunnen ſprang; Ihm ragte von den Schultern eine Sperrſtange lang. Nun wähnt er da zu finden Bogen oder Schwert, So hätt er Lohn Herrn Hagen wohl nach Verdienſte gewährt. Als der Todwunde das Schwert nicht wiederfand, Da blieb ihm nichts weiter als der Schildesrand. Den hob er von dem Brunnen und rannte Hagen an, Da konnt ihm nicht entrinnen König Gunthers Unterthan. Wie wund er war zum Tode, ſo kräftig doch er ſchlug, Daß von dem Schilde nieder rieſelte genug Des edeln Geſteines; der Schild zerbrach auch faſt: So gern gerochen hätte ſich der herrliche Gaſt. Geſtrauchelt war da Hagen von ſeiner Hand zu Thal; Der Anger von den Schlägen erſcholl im Wiederhall. Hätt er ſein Schwert in Händen, ſo wär es Hagens Tod. Sehr zürnte der Wunde; es zwang ihn wahrhafte Noth. Seine Farbe war erblichen, er konnte nicht mehr ſtehn. Seines Leibes Stärke mußte ganz zergehn, Da er des Todes Zeichen in lichter Farbe trug. Er ward hernach beweinet von ſchönen Frauen genug. Da fiel in die Blumen der Kriemhilde Mann, Das Blut von ſeiner Wunde ſtromweis niederrann. Da begann er die zu ſchelten, ihn zwang die große Noth, Die da gerathen hatten mit Untreue ſeinen Tod. Da ſprach der Todwunde:„Weh, ihr böſen Zagen, Was helfen meine Dienſte, da ihr mich habt erſchlagen? Ich war euch ſtets gewogen und ſterbe nun daran, Ihr habt an euern Freunden leider übel gethan. Die ſind dadurch beſcholten, was ihrer auch geborn Wird nach dieſem Tage, ihr habt euern Zorn Allzuſehr gerochen an dem Leben mein. Mit Schanden ſollt geſchieden ihr von guten Recken ſein.““ Hinliefen all die Ritter, wo er erſchlagen lag, Es war ihrer Vielen ein freudeloſer Tag. Wer irgend Treue kannte, von dem ward er beklagt: Das hat auch wohl um Alle verdient der Degen unverzagt. Der König von Burgunden beklagt auch ſeinen Tod. Da ſprach der Todwunde:„„Das thut nimmer Noth, Daß der um Schaden weinet, durch den man ihn gewann, Er verdient groß Schelten, er hätt es beſſer nicht gethan.““ Da ſprach der grimme Hagen:„Ich weiß nicht, was euch reut, Nun hat zumal ein Ende unſer ſorglich Leid. Nun mags nicht Manchen geben, der uns darf beſtehn, Wohl mir, daß ſeiner Herrſchaft durch mich ein End iſt geſchehn.“ „Ihr mögt euch leichtlich rühmen,““ ſprach der von Niederland; „Hätt ich die mördriſche Weiſ an euch erkannt; Vor euch hätt ich behalten Leben wohl und Leib; Mich dauert Nichts auf Erden als Frau Kriemhilde, mein Weib. Anch mag es Gott erbarmen, daß ich gewann den Sohn, Der nun auf alle Zeiten beſcholten iſt davon, Daß ſeine Freunde Jemand meuchleriſch erſchlagen, Hätt ich Zeit und Weile, das müßt ich billig beklagen. Niemand je auf Erden größern Mord begann,““ Sprach er zu dem Könige,„„als ihr an mir gethan, Ich erhielt euch unbeſcholten in großer Angſt und Noth; Ihr habt mir ſchlimm vergolten, daß ich ſo wohl es euch Da ſprach im Jammer weiter der todtwunde Held: „Wollt ihr, edler König, je auf dieſer Welt An Jemand Gutes üben, ſo laßt befohlen ſein Auf Treue und auf Gnaden euch die liebe Traute mein. Laßt ſie des genießen, daß ſie eure Schweſter ſei, Bei aller Fürſten Tugend ſteht ihr mit Dreue bei! Mein mögen lange harren mein Vater und ſein Bann, Es ward am lieben Freunde nimmer übler gethan““. Er krümmte ſich in Schmerzen, wie ihm die Noth gebot, Und ſprach aus jammerndem Herzen:„„Mein mordlicher Tod Mag euch noch gereuen in der Zukunft Tagen, Glaubt mir in rechter Trene, daß ihr euch ſelber habt er⸗ ſchlagen““. Die Blumen allenthalben wurden vom Blute naß. Da rang er mit dem Tode, nicht lange that er das, Denn des Todes Waffe ſchnitt immer allzuſehr, Auch mußte bald erſterben dieſer Degen kühn und hehr. Von demſelben Brunnen, wo Siegfried ward erſchlagen, Sollt ihr die rechte Wahrheit von mir hören ſagen. Vor dem Odenwalde ein Dorf liegt Odenheim, Da fließet noch der Brunnen, es kann da kein Zweifel ſein. 236 Als die Herren ſahen, der Degen ſei todt, Sie legten ihn auf einen Schild, der war von Golde roth; Da gingen ſie zu Rathe, wie es ſollt ergehen, Daß es verhohlen bliebe, es ſei von Hagen geſchehn. Da ſprachen ihrer Viele:„Ein Unfall iſt geſchehn; Ihr ſollt es Alle hehlen und Einer Rede ſtehn: Als er allein ritt jagen, der Kriemhilde Mann, Da ſchlugen ihn die Schächer, als er fuhr durch den Tann.“ Da ſprach von Tronje Hagen:„Ich bring ihn in das Land, Mich ſoll es nicht kümmern, wird es ihr auch bekannt, Die ſo betrüben konnte Brunhildens hohen Muth; Ich werde wenig fragen wie ſie nun weinet und thut“. Da harrten ſie des Abends und fuhren überrhein, Es mochte nie von Helden ſo ſchlimm gejaget ſein. Ihr Beutewild beweinte noch manches edle Weib, Sein mußte bald entgelten viel guter Weigande*) Leib. Ueberſetzt von Karl Simrock. 289. Gudrun. Hagen, der Sohn des iriſchen Königs Siegeband, wird als Fjähriger Knabe während eines Feſtes durch einen Greifen auf ein wüſtes Eiland entführt, wo er den jungen Greifen zum Fraß bienen ſoll. Zufällig gerettet wächst er daſelbſt mit 3 ebenſo geraubten Königstöchtern auf und wird endlich mit ihnen durch ein Schiff wieder in die Heimat geführt. Dort vermählt er ſich mit Hilde von Indien, einer der 3 geretteten Jungfrauen.— Hagens wunderſchöne Tochter Hilde ſoll nur dem vermählt werden, der ihr an Stärke gleichkommt. Hettel, König der Hegelingen(Frieſen) wirbt um Hilde, obgleich jeder Freier bis jetzt getödtet worden. Er ſendet den gewaltigen breitbärtigen Helden Wate, den Sänger und Dänen⸗ könig Horand und Frute den Klugen, vorgeblich geächtete Kaufleute, um Hilde mit Liſt zu gewinnen. Der ſüße Geſang Horands gewinnt die königliche Hilde für Hettel. Sie ſtiehlt ſich weg, geht mit dem Sänger zu Schiff und wird Hettels Gattin. Nach blutiger Schlacht wird Sühne geſtiftet.— Hettels Kinder ſind der ſtarke Ortwein und die ihre Mutter an Schönheit übertreffende Gudrun. Um ſie wirbt Hartmuth, der Sohn des Normannenkönigs Ludwig, wird aber aus alter Feindſchaft zwiſchen den Geſchlechtern abgewieſen und nun erkämpft ſich Herwig, der Seelandskönig, die Liebe der ſchönen Gudrun und wird mit ihr verlobt. Hettel und Herwig machen einen Kriegszug in ein ſernes Land. In ihrer Abweſenheit überfällt Hartmuth das Hegelingenland und raubt Gudrun. Hettel und Herwig ſetzen mit ihren Helden den Feinden nach und ereilen ſie auf dem Wulpenſand, einer Nordſeeinſel. In blutiger Schlacht fällt Hettel durch Ludwig. Wate, grimmig über ſeines Königs Tod, zündet nach dem Abendroth, das am Himmel erloſchen, ein neues Abendroth auf den Helmen der Feinde an mit ſeinen geſchwinden Schwertſchlägen. In der Nacht entfliehen die Normannen mit ihrer Beute. Hartmuth wird ſtandhaft von Gudrun verſchmäht und dieſe wird darum von ſeiner böſen Mutter Gerlinde zu grauſamer Dienſtarbeit ge⸗ zwungen. Erſt nach 13 Jahren vermögen Bruder u. Bräutigam eine Heerfahrt zu rüſten, um Gudrun zu befreien. Sie finden ſie als Magd am Geſtade des Meeres Gewand und Linnen waſchend. Bald darnach ſtoßen die feindlichen Scharen aufeinander, Ludwig fällt durch Herwigs Schwert, die Normannenburg wird erſtürmt und Wate erſchlägt die von Gudrun vergeblich beſchützte arge Gerlind. Auf dieſen Sieg folgt die Heim⸗ fahrt und durch eine dreifache Vermählung wird alle Fehde beigelegt. Herwig vermählt ſich mit Gudrun, Ortwein mit Hartmuths ſanfter Schweſter Ortrun, und Hartmuth mit Hildburg, einer Leidensgefährtin der Gudrun. Wie ſüß Horand ſang.(VI. Abenteuer.) Es geſchah an einem Abend, daß ihnen ſo gelang, Daß vom Dänenlande der kühne Degen ſang Mit ſo lautrer Stimme, daß es wohlgefallen Mußte all den Leuten: davon geſchwieg der kleinen Vöglein Schallen. *) Weigand oder Wigand iſt ein veraltetes Wort für Kriegsmann. 237 Der König hört es gerne und die in ſeinem Bann; Horand der Däne ſich manchen Freund gewann. Auch ward die alte Königin ſeines Singens inne; Es erſcholl ihr durch das Fenſter, als ſie oben ſaßen an der Zinne. Da ſprach die ſchöne Hilde:„Was hab ich vernommen? Die allerſchönſte Weiſe iſt in mein Ohr gekommen, Die ich je auf Erden von Jemand hörte ſingen, Wollte Gott vom Himmel, daß ſie könnten meine Kämmerlinge“. Sie ließ ihn zu ſich bringen, der ſo herrlich ſang. Als ſie erſah den Recken, ſie ſagt ihm großen Dank, Daß ihr der Abend wäre mit Freuden hingegangen. Von Hildens Frauen allen ward der Held gar wohl empfangen. Da ſprach die Königstochter:„Hebt noch einmal an Die Weiſe, die heut Abend euer Mund begann, Und gebt mir das zur Gabe zu allen Abendſtunden, Daß ich euch höre ſingen, ſo wird euch wohl ein Lohn dafür gefunden“. „Frau, wenn ihr erlaubet, und wird mir euer Dank, Ich ſing euch alle Tage ſolchen guten Sang, Daß Jedem, der es höret, davon ſein Leid verſchwindet, Und alle Sorg ihn fliehet, der meiner Weiſen Süßigkeit befindet“. Er ſprach, er dien ihr gerne, ſo ſchied der Held hindann. So großen Lohn ſein Singen in Irland gewaun, Daß man ihm nie zu Hauſe ſolchen Sold ließ wägen, Alſo diente Hetteln von Dänemark der kühne Degen. Als die Nacht ein Ende nahm und es begann zu tagen, Horand hub an zu ſingen, daß ringsum in den Hagen Alle Vögel ſchwiegen von ſeinem ſüßen Sange. Die Leute die da ſchliefen lagen in den Betten nicht mehr lange. Die Stimme klang ihm voller und voller immerfort; Herr Hagen hört es ſelber bei ſeinem Weibe dort, Aus der Kemenate*) mußten ſie an die Zinne. Der Gaſt war wohl berathen, die junge Königin ward des Sanges inne. Des wilden Hagen Tochter und ihre Mägdelein Saßen da und lauſchten, wie ſelbſt die Vögelein Auf dem Königshofe vergaßen ihr Getöne; Wohl hörten auch die Helden, wie der von Dänenlande ſang ſo ſchöne. Da dankten ihm die Frauen und Männer insgemein. Frute ſprach, der Däne:„Mein Reffe laſſe ſein Die ungefügen Töne, die ich ihn höre ſingen, Wem mag er wohl ein Ständchen mit dieſer übeln Tageweiſe bringen?“ Da ſprachen Hagens Helden:„Herr, wir thun euch kund, Niemand kann ſo ſiechen, er würde bald geſund, Wenn man ihm ſein Singen anzuhören gönnte.“ „Wollte Gott vom Himmel,““ ſprach der König,„daß ichs ſelber könnte!““ *) Ein ſteinernes Gebäude, das nicht blos zur Wohnung dient. 238 Als er ſchon das dritte Lied zu Ende ſang, Allen die es hörten, währt es nicht zu lang; Es däuchte ſie in Wahrheit nur ſpannelange Weile, Wenn er immer ſänge, während Einer ritte tauſend Meilen. Als er geſungen hatte und von der Stelle ging, Die junge Königstochter wohl nie ſo froh empfing Die ihr die Kleider brachten, die ſie ſollte tragen. Das edle Mägdlein ſchickte ſie alsbald nach ihrem Vater Hagen. Der König ging zur Stelle, wo er die Tochter fand Wie bekümmert ſitzen. Da war des Mägdleins Hand An ihres Vaters Kinne, ſie wußt in ihn zu dringen. Sie ſprach:„Liebes Väterlein, heiß ihn uns noch andre Lieder ſingen.“ Er ſprach:„Liebe Tochter, wenn er zur Abendſtund Dir Lieder wollte ſingen, ich gäb ihm tauſend Pfund. Doch ſind ſo hochfärtig des fremden Landes Söhne, Daß uns hier am Hofe ſo leicht nicht mehr erklingen ſeine Töne“. Was ſie bitten mochte, der König blieb nicht mehr. Nun fliß ſich wieder Horand, daß er nie vorher So wunderſam geſungen: die Siechen und Geſunden Konnten nicht vom Platze, wo ſie wie feſtgezaubert ſtunden. Die Thier im Walde ließen ihre Weide ſtehn; Die Würme, die da ſollten in dem Graſe gehn, Die Fiſche, die da ſollten in dem Waſſer fließen, Die ließen ihre Fährte, wohl durft ihn ſeiner Künſte nicht verdrießen. Was er da ſingen mochte, das däuchte Niemand lang. Vergeſſen in den Chören war der Pfaffen Sang; Auch die Glocken klangen nicht mehr ſo wohl als eh, Allen, die ihn hörten, war nach Horanden weh.—— Ueberſetzt von Karl Simrock. 290. Harald. Aus Norden von dem Meere ſteigt ſchwarz herauf die Nacht. O Dänemark, nie ſahſt du ſo wilde blutge Schlacht! Das Ufer ſtarrt von Waffen, von Schild und Schwert und Speer: Todt liegt das Heer der Dänen und todt der Schweden Heer. Nur Einer harrt lebendig noch auf dem dunkeln Feld, Er ſteht aufs Schwert geſtützet, ein hoher, greiſer Held; Die edle Stirne decket der Helm mit goldnem Schein, Die prächtgen Glieder hüllet der Purpurmantel ein. Harald, der alte König, brennt eine Fackel an, Er ſuchet ſeine Todten und holt ſie Mann für Mann, Er trägt ſie zu dem Strande, wo er im Schiff ſie barg. Wer hat wohl je geſehen ſo großen edeln Sarg? 299 Drauf löst er ſelbſt die Anker und ſteigt am Kiel hinauf, Er ſtellt ſich an das Ruder und lenkt des Schiffes Lauf; Und wie es furcht die Woge, ein ſtolzer Segelſchwan, Da hebt beim Schein der Fackel der Held zu ſingen an: „Fahr wohl, du grüne Inſel, des heißen Kampfes Preis! Es läßt dich nun für immer des Nordlands Kriegergreis; Er hat dein Volk gebändigt, wie kühn es war und ſtark, Und läßt dich wieder fahren, beſiegtes Dänemark! Dank euch, ihr hehren Götter, hoch in Allvaters Saal! Ihr habt mir beigeſtanden auch heut das letzte Mal! Ich ſiegt in hundert Schlachten, auch dieſer Sieg iſt mein! Doch weh, ich muß der letzte von allen Helden ſein! Die zwölf Genoſſen fielen, der Skalde wie der Held! Zgerbrochen Schwert und Harfe, ſie decken rings das Feld, Ihr, meine Söhne, ſanket, du edles Zwillingspaar! Weh, ſchon im erſten Fluge ſinkt ſo der junge Aar! Und für zukünftiges Streben iſt nun mein Leben leer. Der Tod iſt meine Loſung, drum nimm mich auf, o Meer! Das Schiff war meine Wiege, das Schiff ſei meine Bahr, Es ſei mein Grab der Ocean, der meine Heimat war! Du gabſt mir Haß und Liebe und ewge Freiheitsluſt, Drum ſtürz ich mich in Wonne, o Meer, an deine Bruſt. Dort ruh ich mit den Helden, indeß die Geiſter fliehn Und zu den hehren Göttern im Aaſenſaale ziehn“. Die alten Augen glühen, es fliegt das graue Haar, Es ſchwingt der Held die Fackel, ſie brennt im Winde klar, Dann wirft er ſchnell ſie nieder, hell leuchtet auf die Glut; Das Schiff zieht mächtig brennend dahin auf klarer Flut. Und hohe Wellen faſſen das Fahrzeug wie es zieht, Und ſingen ein gar ſchaurig und ernſtes Grabeslied, Sie ſchaukeln wie die Wiege den Heldenſarg daher. Wie ſanft biſt dn als Mutter, du altes, blaues Meer! Und wo am Himmelsrande der Brand verglühet fern, Da taucht aus blaſſem Nebel herauf ein neuer Stern, Der vor den andern prächtig zum Aetherraume kreist: Mich will es ſchier bedünken, es iſt des Helden Geiſt. Wolfgang Müller. 291. König Sigurds Brautfahrt. Der Lenz kommt, der königliche Greis Sigurd geht zu Schiff und kommt mit Skald und Rittersmann gen Skiris⸗Sal. Da, wo ſie landen, wäſcht frohgemuth eine Schar Mägde Gewand und Linnen. Eine holdſelige Jungfrau, die goldne Spangen trägt, ſcheint aller Herrin zu ſein. Der König erkundigt ſich und hört, daß ſie Alfs des Weiſen vielhohe Tochter und wegen ihres ſonnig ſtrahlenden Goldhaars Alfſonne genannt ſei. Ihre beiden Brüder Alf Blondbart und Erek Hapfenſchall 240 pflegen ihre Jugend ſeit Alf mit Odin in Wallhall zecht. Sigurd bittet die Maid um einen Trunk, den ſie ihm bereitwillig reicht, als er aber einen Kuß verlangt, erzürnt Alfſonne, wirſt den Krug auf die Kieſel und entflieht. Sigurd eilt nun mit ſeinen Degen gen Alfheim. Alf Blondbart und Erek ziehen ihm entgegen. Alf bietet ihm ein Trinkhorn von Gold und Edelſtein, bis zum Rand mit dem allerbeſten Wein gefüllet; allein der S0jährige Sigurd will nicht eher trinken, bis ihm Alfſonne als Gemal gegeben worden ſei, was Alf kurz zurückweiet. Sigurd kommt nun mit Roſſen und Streitwagen und mehr denn hundert Schiffen. Er ſchwört den Eid, nicht aus dem Streite von Alfheim zurückzukehren, ohne Alſſonnen. Dieſe aber nimmt ein ſilbern Fläſchlein, worin ein blutigrother Saft war und gibt ſich den Tod. So weit die 3 erſten Geſänge. Die beiden letzten Geſänge folgen hier. Wie Alf und Erek erſchlagen wurden. In kühler Morgenſtunde, da der junge Tag, Mit roſenrothen Wangen noch auf den Bergen lag, Da war auf Alfheims Haide gewaltger Schall erwacht, Von Alfs und Sigurds Mannen begonnen wurde die Schlacht. Unter Roſſeshufen erzitterte der Grund, Die Helmbüſche wallten, die Fähnlein flogen bunt; Hei, wie die Splitter ſtoben, wie krachten Stang und Spieß, Wenn blank in Erz gerüſtet Geſchwader auf Geſchwader ſtieß! Hell auf Schild und Panzer der Schwerter Schlag erſcholl, Der Pfeilhagel klirrte, als wie aus Brünnlein quoll Das rothe Blut dazwiſchen. Sie rangen Mann an Mann, Daß hoch der Staub in Wolken daher zu ziehn begann. Auf ehernem Streitwagen König Sigurd ſtand In lichtem Stahlgeſchmeide. Er führte beiderhand Einen Flammenbergen, deß Klinge flammte gut; Es hatten ſie die Zwerge gehärtet einſt in Drachenblut. Er trug auf ſeinem Helme Geiers Haupt und Klaun Aus klarem Gold getrieben; hellblitzend anzuſchaun; Durch die Feldſchlacht führt ihn der windſchnelle Huf Seiner ſchwarzen Hengſte, die lenkt er mit dem Ruf. Dem Könige zur Seite da ritt ſein ſtarker Sohn Ragnar, der Vielgrimme. Bärtig war er ſchon, Und war noch faſt ein Knabe; das Fechten dünkt ihm Spiel, Er ſang darein und lachte, wenn ſchwer ſein Hammer niederfiel. Er ſang:„Wohl auf der Wahlſtatt ſteht ein Roſenhag, Da ein Mannesherze mit Wonne pflücken mag. Geöffnet ſind die Thüren zu Wallhalls Heldenruh; Wohlauf ihr Wallkyren, ich trink euch manchen Becher zu!“ Wo der Schlacht Getoſe am lauteſten erſcholl, Da ſuchten ſie die Pfade; es wurden Blutes voll Des Streitwagens Räder. So drangen ſie heran Auf die Alfheimsrecken, die Waffen ſchufen Bahn. 241 Da Herr Alf im Barte Sigurd Ring erſah Mit dem Goldhelme, zu Erek ſprach er da: „Den Geier ſeh ich fliegen, der ſolche Noth gebracht Auf unſer weißes Täublein; nun gilt es kühne Jagd!“ Mit gehobner Klinge den König lief er an; Hei, was es aus den Brünnen zu ſtäuben da begann Von feuerrothen Funken! Das ward ein harter Streit; Herr Alf gedachte zu rächen den Tod der ſüßen Maid. An Sigurds Panzerringen eine Lücke nahm er wahr, Hinein wollt er ſtoßen. Da traf ihm ſchnell Ragnar Mit dem Streithammer die Schläfe Zornes voll, Daß er raſſelnd ſtürzte. Sein blonder Bart von Blute guoll; Es brach ſein grollend Ange, der Odem ihm verging, Ueber ſeine Leiche hinweg fuhr König Ring; Den Streitwagen lenkt er auf Erek Harfenſchall, Der hatte wohl gewahret ſeines Bruders Fall. Er hob ſich in den Bügeln, die Lanze ſchwer und ſcharf Nach dem Geierhelme mit Rachewuth er warf. Da bog der König ſeitwärts, daß durch den Mantel nur Ueber ſeiner Schulter das Speereiſen fuhr. Ingrimmig auf den Schleuderer er trieb das Roßgeſpann, Bis er ihn konnt erreichen. Mit beiden Händen dann Schwang er ſein Gewaffen; das blitzt im Sonnenlicht Als wie ein gülden Feuer, doch ſeinen Mann erlegt er nicht. Des Flammbergs Schneide durch Ereks Zäume ſchoß In des Pferdes Nacken. Da bäumte ſich das Roß Vor übergroßem Schmerze und ſtieg mit ſteilem Bug, Daß hinterrücks der Reiter zu Boden niederſchlug. Sein Fuß blieb in dem Bügel. Uebers Schlachtgefild Ward er ſo geſchleifet von dem Hengſte wild, Sein lichtbraun Haar im Staube, der Züge Lieblichkeit Verſtellt vom jachen Tode. Das war zu mancher Jungfrau Leid. Da die Alfheimsmannen den Recken fallen ſahn: Zu weichen ſie begannen. Da ſtob es auf dem Plan Bald von Waffenloſen; es wälzte ſich die Flucht Hinauf zu den Bergen, hinab zur Meeresbucht. König Sigurd ſchaut es, da ſtieß er freudenvoll In ſein ſilbern Hüfthorn, daß über Feld es ſcholl; Zuhauf rief er die Kämpen; ſie kamen wohlgemuth, Wie war da mancher Panzer beſprengt mit rothem Blut! Mit frohen Angen grüßte der König Mann für Mann, Und hieß am Strand ſie lagern. Zum Sohne ſprach er dann: „Du führteſt gut das Eiſen, Ragnar, du junger Leu, Nun ſollſt du mir erweiſen in ſüßerm Dienſte deine Treu. Schenckel's Blüten, 2r Theil. Ute ſ. verm. Aufl. 16 242 Das Feld iſt gewonnen, der Feind iſt entflohn, Nun bringe mir Alfſonnen den ſchönen Siegeslohn. Hochzeit will ich halten noch heute mit der Maid; Wer achtzig Sommer ſchaute, der hat nicht Wartens Zeit!“ Wie Bönig Sigurd Hochzeit hielt. Bei der Sigurdsflotte nicht weit vom Feld der Schlacht, Lag ein Schiff gerüſtet mit wunderſamer Pracht, Die Maſten und die Stangen gebaut aus edlem Holz, Dran ſah man Wimpel prangen und Flaggen reich und ſtolz. Von ſchneeweißen Linnen das Segel war zur Fahrt, Man hatte an den Tauen der Seide nicht geſpart. Silbern ſchien der Anker; es war des Steuers Griff Aus blankem Erz getrieben. Das war das Hochzeitſchiff. Am Ufer bei dem Schiffe König Sigurd ſtand. Fröhlich war ſein Herze und purpurn ſein Gewand; Voll heißer Inbrunſt harrt er der holdſelgen Maid, Daß Ragnar ſie brächte. Doch oft wird Luſt verkehrt in Leid. Es kam des Wegs vom Schloſſe daher der junge Held; So hanget wohl ein Wetter düſter überm Feld, Eh es tobend ausbricht in Blitz und Donnerſchlag, Wie auf der Stirn des Knaben des Grames Wolke lag. Ihm folgten ſieben Degen in Helm und Panzerring, Sie trugen eine Bahre, darob ein Teppich hing. Langſam ſchritten Alle; mit Blicken trauervoll Grüßten ſie den König, daß bangend ihm die Seele ſchwoll. Da ſprach Ragnar der Junge:„Ich habe ſchlechten Gruß, Eitel Rabenbotſchaft iſt was ich künden muß. Wohl bring ich dir Alfſonnen, wie dein Spruch gebot, Doch wirſt du nie ſie minnen, geminnthat ſie der bleiche Tod.“ Er winkte den Genoſſen, daß ſie aus der Hand Die Bürde ſetzen möchten. Dann ſchlug er das Gewand Zurück von der Bahre, die faltig es bedeckt: Da lag die ſchöne Jungfrau todt dahingeſtreckt. Sie lag in Mohn und Lilien als wie ein ſchlafend Bild, Zugedrückt die Angen, verfärbt die Wangen mild, Im weißen Linnenkleide, jeden Schmuckes baar, Ihr einzig Goldgeſchmeide das ſonnig leuchtende Haar. Da ſie der König ſahe, die ſchneeblaſſe Maid, Ihm wars als führe plötzlich durch all ſein Eingeweid Ein zweiſchneidig Eiſen. Zum Himmel auf er ſchrie; Er hatte nimmer Minne getragen heiß wie die. 243 Keine Thräne weint er; ſtarr blieb er ſtehn Mit vorgeſunknem Antlitz. Wer ihn da geſehn, Er hätt ihn wohl gehalten für ein Bild von Stein. Da ward ein tiefes Schweigen durch aller Kämpen Reihn. Lange ſonder Regung gebeugt ſtand Sigurd Ring; Dann warf empor das Haupt er, von ſeinen Augen ging Ein freudevolles Funkeln, es zuckten ſeine Braun In kühnem Heldentrutze, gewaltig war er anzuſchaun. Er ſprach:„Es ſchuf die Norne mir ungefügen Gram, Da ſie mir im Zorne den Preis des Kampfes nahm; Daß ſie mich ſelbſt verſchonte weiß ich ihr nicht Dank. Was frommt es mir zu leben, wenn meine Sonne ſank!* Siebenzig Jahre trug ich mein Schwert bei Feſt und Krieg, Hundert Schlachten ſchlug ich und mein war der Sieg, Nun mag ich nicht verkümmern ſonder Klang und Stral, Ein elender Greiſe daheim im öden Saal. Auch hab ich mich verſchworen mit einem theuern Eid, Nimmer heimzukehren, denn mit der holden Maid; Ich müßte Schmach erwerben, bräch ichs ohne Noth; Nein, beſſer iſts zu ſterben einen königlichen Tod. Auf, ſchaffet von der Wahlſtatt die Erſchlagnen all, Und thürmt ſie aufeinander zu einem Leichenwall Auf dem Deck des Schiffes. Mir däucht, es ſind genug, Daß ich gen Wallhall fahre mit reiſigem Heereszug. Doch ans Steuerruder bei des Lootſen Stand Sollt ihr Alfſonnen legen, und einen Fichtenbrand Hoch daneben pflanzen in hellem Flammenſchein, Das ſoll bei meiner Feier die Hochzeitsfackel ſein. Fahr wohl, Ragnar, mein Knabe, dir geb ich Kron und Reich, Ihr auserleſnen Degen, ich grüß euch allzugleich; Fahrt wohl, und laſſet wallen die Banner hoch im Wind! Loßt die Pauken ſchallen, das Brautfeſt beginnt.“ Das Schiff war gerüſtet, hinein der König trat, Niemand durft ihm folgen auf dem ſchmalen Pfad. Das Ankertau zerhieb er; dann löst er ruhevoll Die Seile an den Linnen, daß friſch im Wind das Segel ſchwoll. Unter Skaldenliedern das Schiff zog die Bahn Hinaus zur blauen Weite. Es glitt als wie ein Schwan Der Abendſonn entgegen. Am Steuer Sigurd ſtand, Es ſchwang der alte Degen den glühnden Fichtenbrand. Da lief empor am Segel ein glutrother Schein, Geſchleudert war die Fackel ins dürre Holz hinein; Rauchgewölke zogen. Dann brach ein Flammenkranz Empor um Maſt und Stangen, es ſtand das Schiff in Feuer ganz. 16* 244 Die Lohen ſchlugen mächtig und ſpiegelten im Meer, Vom Ufer zog prächtig des Liedes Schall daher, Bis in der feuchten Tiefe Schiff und Glut verging. Da war der Held beſtattet. Das iſt das Lied von Sigurd Ring. 6 Emanuel Geibel. 292. Otto der Schütz. Der Stoff zu die em ſchönen Epos, das eine rheiniſche Geſchichte in 12 Abenteuern behandelt, iſt einer niederrheiniſchen Provinzialſage eninommen. Der Inhalt iſt kurz folgender: Landgraf Heinrich von Thüringen, der auf der Wartburg waltet, hat 2 Söhne, von denen der Aeltere, ſchwach und zaghaft wie ein Weib, das Reich erben, während Otto, der Jüngere, voll ritterlichen Muthes und früh geübt im ſichern Schuß auf der Armbruſt, nach des Vaters Machtſpruch Mönch werden ſoll. Dieſem Zwang entziebt ſich Otto dnrch die Flucht; er kommt glücklich zum Rheine, thut beim Schützenfeſt, das der Graf Dietrich von Cleve veranſtaltet, den Meiſterſchuß, begibt ſich ſeines hohen fürſtlichen Ranges, tritt unerkannt in Dietrichs Dienſte, um am Clever Hof weilen zu können und gewinnt ſich durch den Adel ſeiner Erſcheinung das Herz der ſchönen Elsbeth, der Tochter des Grafen. Er wirbt jedoch nicht offen um ſie, ſondern thut bloß im Liede ſein geheimſtes Sehnen kund, wird aber von dem neidiſchen, verläumdriſchen Ebbo, einem ſeiner Mitdiener, verrathen und darf nicht mehr allein in Elsbeths Rähe weilen. Auf einer Jagd wird Elsbeth von einem Auerochs verfolgt, ihr ſcheues Pferd wirft ſie in einen nahen Weiher. Otto ſpringt ſchnell nach und rettet ihr das Leben. Nun vertraut er dem gräflichen Förſter Hugo ſeine fürſtliche Abkunft und ſeine Flucht. Einige Monate darnach kommt der wackere Homberg, den Heinrich auf Kundſchaft ausgeſandt hatte, an den Clever Hof und Otto wird ſogleich von ihm erkannt. Nach kurzer Minneprobe und nachdem Homberg die Kunde gebracht hat, daß der ältere Bruder geſtorben ſei und Otto nun Landgraf zu Thüringen und Herr zu Heſſen werden ſoll, da wird Otto mit Elsbeth verlobt und kurz darauf vermählt. Durch dieſe Vermählung werden die deutſchen Lande vom Elbſtrom bis zum Rheine vereinigt. Wann und Züngling.(Zweites Abenteuer.) Früh aus den Wolken ſprang der Tag; Es zeugt das Roth des Wangenpaars Da kam durch thaugenäßten Hag Noch nicht vom Mühſal manchen Jahrs, Ein kräftig Mannsbild hergegangen Doch in des Bartes dunkle Locken Im knappen grünen Jagdhabit, Warf ſchon das Alter weiße Flocken. Das zottige Dachsfell umgehangen, Ein Mann an Leib und an Gemüthe, Den feſten läſſig ſichern Schritt An innerm Sinn und äußerm Kleid, Geſtützt auf ſeines Speeres Schaft. Wie ſie ſo recht mit Vatergüte Es war ein Mann in voller Kraft, Der Forſt erzieht in Einſamkeit. Ein Antlitz, wie aus Holz gehauen, Mit ihm ſein Hund, gleich ihm gedrungen Vertraut mit düſterm Wäldergrauen, An Bruſt und Gliedern, trotzig, kühn, Gebräunt vom nächtgen Wetterſchlage, Die Nüſtern weit, die Stirn geſchwungen, Lächelnd in jeder Müh und Plage, Mit Augen, die von Mordluſt glühn; Das von dem Kampf mit Bär und Ur Die breiten Ohren tief zerriſſen, In tiefen Narben trug die Spur; Vom Wolfszahn grimmig aufgeſchliſſen, Ein Aug, das mit dem glühnden Stern Nur halb verdeckt ſein weiß Gebiß— Die grimme Bache ſcheuchte fern; Kein Feind, den er nicht niederriß! Waidmänniſch keck ins Weite ſchauend, Der ſtand jetzt ſtill; der Jäger auch; In jeder Noth dem Arm vertrauend, Das Thier nach guten Spürers Brauch Der ſeinem Herrn mit Stoß und Hieb Packt eine Fährt und wedelt lüſtig. Nie ſeine Dienſte ſchuldig blieb. Den Spieß ergreift der Jäger rüſtig, 2 5 Raſch bricht er Bahn ſich durchs Gezweig, Das tauft mit Morgenthau ihn reich. Nun ſteht der Hund mit lautem Knurren, Als wollt er dem Gebieter murren, Vor deſſen Zorn er nur ſich ſcheute Gleich anzuſpringen ſeine Beute. Der Jäger ſchreitet nach: da ruht Auf offnem Platz in Waldes Hut, Vom Frühhauch weich umſpielt und mild, Geſchloſſnen Augs des Jünglings Bild; Die eine Hand ihm unterm Haupt, Drauf ſenkt ein Aſt ſich dichtbelaubt, Der hatte mit beſorgtem Walten Den Morgenſtrahl ihm abgehalten. Der Jagdſpeer liegt im andern Arm, Doch hat der Schlaf ihm weich und warm Des Fingers Sehnen abgeſpannt. Und breit und läſſig ruht die Hand. Der Jäger ſteht— da knackt ein Aſt, Der Knabe fährt empor in Haſt: Er ſchüttelt ab des Schlummers Stocken Und von dem Aug den Schwall der Locken. Wie von des jungen Weines Glut Aufſchäumt des Mannes rothes Blut, So zückt die Kraft ihm heiß durchs Mark; Auf ſpringt er, faßt die Lanze ſtark, Und ſo geſtellt ihn abzufangen, Harrt er des Gegners ohne Bangen. Gewaltig Bild! Du ſchauteſt hier Des Mannes vielerprobte Stärke, Dort in des Jugendtrotzes Zier Den Knaben, reif zum Männerwerke: Hier eine Eiche, markig, ſtändig, Die Fichte dort, gelenk, lebendig— Und hätten Beide ſich bekriegt, Wer möcht uns künden, welcher ſiegt? Doch nicht ſo feindlich wars gemeint! Wie wenn die Sonne freundlich ſcheint Auf zackigen Fels im Waldesthale, So hellte ſich mit einem Male Vor ſolcher Ingendſchönheit Licht Des Förſters düſter Angeſicht, Er pfeift dem Hund, der Glut im Blick, Schon lauert auf des Feinds Genick; Gehorchend, doch nicht allzu gern, Verkriecht er ſtumm ſich hinterm Herrn. Der aber ſprach: Nehmts nicht unwirſch, Lieber Geſell, daß auf der Birſch Ich euch für ein Gewild genommen, Und ihr ſo ſchlimm zu Schrecken kommen! Der Junge drauf: Es war der Schrecken Juſt nicht ſo groß, und mich zu wecken Wars Zeit in ſolchen Sommertagen, Deß muß ich billig Dank euch ſagen. Doch da ihr einmal im Gehege, So ruht ein Weilchen von dem Wege; Eur Wamms beſagt mir ſicherlich, Daß ihr ein Jäger ſeid wie ich. Kommt, hier iſt Wildbrät noch genng Zu raſchem Frühſtück für uns Beide: Nur fehlt uns Eines, mir zum Leide, Von gutem Wein ein tiefer Zug. Dafür laßt mich, ſpricht Jener, ſorgen! Und zieht aus ſeiner Waidmannstaſche, Vor Sonnenglut in Stroh verborgen, Die wohlgepfropfte volle Flaſche. Sie lagerten ſich Beide ſchnell Und ließen Flaſch und Meſſer wandern Der eine Jagdgenoß zum andern. Der Hund als dritter Tiſchgeſell An ihren Fuß ſich wedelnd ſchmiegt Und auf die Knochen lauernd liegt. Ihm warf ſein Herr mit mildem Sinn Auch manches Stück vom Braten hin. Denn wer da lebt in Waldesgrund, Einſam von Weib und Ingeſinde, Dem iſt auch lieb gleich einem Kinde Sein einzger Freund, der gute Hund. Und wie die Drei nun abgeſpeiſt, Da gabs nicht eben viel zu räumen, Weil Junggeſellen ja zumeiſt Nicht lang ſich mit der Ordnung ſäumen. Drauf ſpricht der Burſch: Imleichten Kahn Fuhr ich heut Nacht zu euerm Strande. Ein Fremdling bin ich hier; wohlan, Sagt mir vom Volke, von dem Lande! 8 Zur Antwort war der Mann bereit: Man merkts, daß ihr unkundig ſeid. Schaut dort durch dieſe Waldesdichte Den Thurm ſo blank im Morgenlichte, Darauf der Schwan ſich brüſtend ſteht Und flammendroth das Banner weht. Ringsum ein auserwähltes Gau, Mit Wäldern groß und weiter Au, Vielarmig rauſcht der Rhein hindurch. Das Schloß dort iſt die Schwanenburg, Und Cleve wird das Land genannt. Sein Herr iſt weit mit Ruhm bekannt, Das iſt der Grafe Dieterich — Und bei dem Namen neigt er ſich Und lüftete die Mütze ſacht, Wie er des edeln Herrn gedacht,— Schaut, ich bin einer ſeiner Lente, Es rief ſein Dienſt hierher mich heute. Das iſt ein waidlich rüſtiger Degen, Am meiſten heimiſch in Gehegen, Dem lieber iſt der kühle Wald, Von Thier⸗ und Vogelruf durchklungen, Als wenn im Dom die Orgel ſchallt Und Pfaffen ſingen matt von Lungen. Klaräugige Falken ſeine Luſt, Jagdhunde mit gewölbter Bruſt Und flüchtge Zelter, die den Hirſch Ermüden auf der muntern Birſch. So iſt er auch den Jägern hold, Sie werben Ehr und rothes Gold In ſeinem Dienſt, er hört ſich gern Beloben als den Schützenherrn. Wer wohl verſteht des Bogens Kunſt, Den lockt er her mit Sold und Gunſt; Drum ſind aus allen deutſchen Gauen Die beſten Schützen hier zu ſchauen. Auch probt er oft am Schützeufeſte, Weß Blick und Arm und Bolz der beſte; Als Ehrenkönig wird ernannt, Wer recht ins Schwarze hat gebrannt. Tiefathmend ſaß der Jüngling da, Als ſo der Waidgeſell geſprochen; Die Luſt ihm aus den Augen ſah Und wagend tönt des Buſens Pochen. Wohlan, ſpricht er, ſo bleib ich hier, 246 Und biete meinen Dienſt dem Grafen; Solch einen Herrn erwünſcht ich mir, Wohl mir, daß hier ich eingeſchlafen, Und daß juſt ihr mich mußtet wecken, Mir ſolche Hoffnung aufzudecken! Gern werd ich euer Dienſtgenoß Und meſſe mit euch mein Geſchoß. Nun wollt ich hättet ihr geſehn Des Förſters Blick bei ſolcher Rede! Er maß vom Wirbel zu den Zehn Den Jüngling, der ihm bot die Fehde: Ihm, der auch noch im halben Schlaf Ein aufgeſpanntes Härchen traf, Der nun ſchon längſt von Jahr zu Jahr Der Schützenkrone ſicher war, Der Beſte weit von Dietrichs Mannen, Wenns galt die Armbruſt ſtark zu ſpannen, Und aus den hochgeſchwungnen Händen Den raſchen Jagdſpeer zu entſenden. Nun ſah er hier den zarten Gegner, Der um ſo jünger, ſo verwegner; Sah an den ſchmiegſam ſchlanken Leib, Die Arme weiß, als wärs ein Weib, Sah dieſen weichgelockten Knaben, Erſtrebend Preis und Fürſtengaben. Es blickte ſtolz der ſtarke Mann Halb abgewandt den Burſchen an; Doch wie er ihm ins Auge ſchaut, Das trug den Blick ſo ſelbſtvertraut, Das blieb ſo fröhlich, kühnlebendig, Und doch ſo ruhig, ſtillverſtändig— Da ſtarb ihm, auf der Lippe ſchon, Das raſche Wort, der ſtolze Hohn. Gut denn, ſo ſprach er, junges Blut! Heut mögt ihr zeigen euern Muth. Hört ihr, wie ſchon zum Schützenfeſte Die Pauke ladet muntre Gäſte? Fürwahr das Schickſal beut euch Gunſt, Dafern nur euch nicht fehlt die Kunſt! Der Jüngling rafft ſich aus der Raſt, Er geht hinab zum Rhein in Haſt, Wo er des Nachens Kette löſt Und ſtarken Tritts vom Land ihn ſtößt. 247 Dich brauch ich nicht! ſo ruft er munter, Treib du mit Glück ins Meer hinunter! Der Förſter ſtaunend ihn beſchaut, Und Beide wandten ſich zu wandern. Hinfort ſprach Keiner zu dem Andern, Doch ihre Herzen klopften laut; Denn Beide fühltens wohl ſich an: Es fand hier Jeder ſeinen Mann! Der Meiſterſchuß.(Drittes Abenteuer.) Horch, ein Trompetenſtoß! Am Ziel Erſcheinen blanker Schützen viel, Auf guten Roſſen, wohlbewehrt, Des Grafen Mannen hochgeehrt, Sie reiten langſam durch die Bahn Und ſäubern ſie von Gaffervolke, Dann im Galopp zum Ziel heran, Daß ihnen folgt des Staubes Wolke. Sie ſpringen ab, und Jeder nimmt Den Platz, den ihm ſein Rang beſtimmt. Jetzt tritt der Graf aus ſeinem Zelt, Ein Lebehoch durchbraust das Feld. Der Edelknappe ſchenkt ihm ein In neuen goldnen Becher Wein. Den hebt er hoch und ſchauet mild Die Schützen an und ruft: es gilt Jedwedem Mann der Trunk, der brav Heut oder je ins Schwarze traf. Den Becher aber ſetz ich dran Als Preis dem Schützenfürſten heute, Er ſei nun einer meiner Leute, Er ſei ein fremd und freier Mann! Zum zweitenmal Trompetenſtoß. Die Schützen werfen raſch das Lvos, Das ihrer Schüſſe Ordnung mißt Und abwehrt Zank und Hinterliſt. Nun ſchweigt das Feld, die Schützen auch, Und ſtumm nach Sitten und Gebrauch Tritt zu dem Scheibenſtand heran Mit ſeiner Armbruſt jeder Mann. Du hörſt mit ſtarker Arme Kräften Die Sehnen in die Kerben heften. Und drauf der Bolze ſchneidend Pfeifen, Die wie ein Blitz die Luft durchſtreifen Und neckiſch bald ins Blaue irren, Bald krachend in die Scheibe ſchwirren. Dann nennt am Ziel des Herolds Stimme Der Ringe Zahl mit lautem Schrei; Doch blieb das ſchwarze Rund noch frei, Und nur mit ſchlecht verhohlnem Grimme Leis murrend bösgelauntem Glück, Kehrt jeder Schütz vom Stand zurück. Zuletzt nun tritt der Förſter vor. Da raunt das Volk ſich rings ins Ohr: Der hat ſo oft den Sieg gewonnen! Aus tiefem Waldgrund iſts der Starke, Erwachſen fern vom Blick der Sonnen Und aufgenährt mit Bärenmarke! Vor trat er feſt und keck und wild, Ein erzgegoſſen Mannesbild, Auch hier in der Entſcheidungsſtunde Verlaſſen nicht von ſeinem Hunde. Als wär es gleich ihm, obs ihm glückt, Faßt er ſein Schießzeug, zielt und drückt— Laut klappts! mit Klang und Eſelsohr Hüpft munter der Hanswurſt empor, Der künſtlich hinterm Ziel verſteckt Vom Bolze ward heraufgeſchreckt. Sieg ruft der Herold. Sieg! erſchallt Der laute Ruf von Jung und Alt. Der Schütz mit läſſig ſtillem Schritt Vor ſeines Fürſten Auge tritt: Ihm winkt der Kranz, Trompetenton Begrüßt den Schützenkönig ſchon. Doch halt! ſo rufts vom Scheibenſtand, Es ſteht ein ſchlanker Jüngling dort: Euch iſt der Jüngling wohlbekannt, Er kommt zu löſen nun ſein Wort. Er ſpricht: Geſtrenger Herr und Graf, Ihr botet Jedem euern Becher: Wohl hielt ſich euer Schütze brav, Doch miriſt Arm und Blicknicht ſchwächer. Geſtattet mir den Schuß zu proben: Ihr ſollt den beſſern Schützen loben. Es winkt der Herr: die Bahn wird leer; Rings ſteht das Volk, ein brauſend Meer; Durch Alle ſchwirrt ein leiſer Ton, Mitleid bei Fraun, bei Männern Hohn, Und nur dem Förſter bange pochte Das Herz, wie ers auch hehlen mochte. Der fremde Jüngling neigt ſich hold, Daß ihm der Locken ſonnig Gold Als Schleier vor den Augen weht; Dann ſteht er anfrecht feſt und ſtät, Wirft Haupt und Haar ſich ins Genick Und mißt die Bahn mit freiem Blick. Die Armbruſt faßt er nun mit Kraft, Es war von Ebenholz ihr Schaft, Darin von Elfenbeine weiß Viel Blumen eingelegt mit Fleiß. Am Kolben reich mit Silberglanz Von Jägerſpiel ein bunter Kranz: Ein Hirſch vom Hörnerton gehetzt, Ein Hund vom Eberzahn zerfetzt, Ein Fräulein mit dem Federſpiel, Auch Auerſtier und Bären viel, Des Waidwerks Pracht mit Luſt u. Grauen Gab ſchmuckes Bildniß hier zu ſchauen. Der Bügel, blau von Stahl und blank, Wie eine Glocke hell erklang. Mit Sorgfalt prüft der Schütz die Sehne, Ob ſie ſich leicht und fügſam dehne; Selbſt hatt er ſie in Winterſtunden Inmitten, wo die Sehne faßt Des Bolzes tödtlich ſchwere Laſt, 293. Hermann und Doroth Iſt doch die Stadt wie gekehrt! 248 Da ſchürzt, daß nicht im Schuß ſie ſpringe, Zum Knoten er die Doppelſchlinge. Und als die Spannung wohl vollbracht, Die Sehne ſchnellt er nun mit Macht; Laut, wie der Harfe höchſte Saite, Erklang der ſchneidge Ton ins Weite. Nun aus dem Köcher nimmt er Bolze, Geſchnitzt aus feſtem Eichenholze; Er wählt den glätteſten, der ſcharf Gekantet blanke Lichter warf. Und wie er Alles wohl erprobt, Mit Lächeln er das Schießzeug lobt. Er ſetzt den Bogen vor die Bruſt, Er ſpannt ihn leicht mit ſtolzer Luſt, Und ſtaunend ſahn die Schützen an Den ſtarken Arm bei zartem Mann. Wild blitzt ſein Aug aufs Ziel gewandt, Als wollt ers ſengen mit dem Brand; Doch bändigt er des Herzens Wellen, Die hoch in Siegeshoffnung ſchwellen, Er kühlt ſich den entflammten Sinn, Klar, feſt und ſtille ſchaut er hin; Er drückt— der Bügel mächtig klingt, Lautſchwirrend ſich die Sehne ſchwingt, Es ſaust der Bolz— er hat getroffen! Da ſtand mit weiter Spalte offen Des Förſters Bolz, ihn ſchnitt ins Mark Des Jünglings Schuß gerecht und ſtark. Der Herold tritt zum Scheibenhaus, Er zieht die Bolze beid heraus Und legt ſie in des Grafen Hand, Der ſtaunend ob dem Wunder ſtand. Des Förſters Bolz war ganz zerſchmettert, Gleich einer Roſe aufgeblättert, Es ſaß darin der zweite Bolz Aus wilden Marders Darm gewunden. Feſt eingekeilt ins harte Holz, Und war hinfort kein Zweifel dran, Wer hier den Meiſterſchuß gethan. Gottfried Kinkel. el. 0. Geſang. Schickſal und Antheil.) Hab ich den Markt und die Straßen doch nie ſo einſam geſehen! wie ausgeſtorben! Nicht fünfzig, — Däucht mir, blieben zurück von allen unſern Bewohnern. Was die Neugier nicht thut! So rennt und läuft nun ein Jeder, Um den traurigen Zug der armen Vertriebnen zu ſehen. Bis zum Dammweg, welchen ſie ziehn, iſts immer ein Stündchen, Und da läuft man hinab im heißen Staube des Mittags. Möcht ich mich doch nicht rühren vom Platz, um zu ſehen das Elend Guter fliehender Menſchen, die nun, mit geretteter Habe, Leider, das überrheiniſche Land, das ſchöne, verlaſſend, Zu uns herüber kommen und durch den glücklichen Winkel Dieſes fruchtbaren Thals und ſeiner Krümmungen wandern. Trefflich haſt du gehandelt, o Fran, daß du milde den Sohn fort Schickteſt, mit altem Linnen und etwas Eſſen und Trinken, Um es den Armen zu ſpenden; denn Geben iſt Sache des Reichen. Was der Junge doch fährt! und wie er bändigt die Hengſte! Sehr gut nimmt das Kütſchchen ſich aus, das neue; bequemlich Säßen Viere darin, und auf dem Bocke der Kutſcher. Dießmal fuhr er allein; wie rollt es leicht um die Ecke! So ſprach, unter dem Thore des Hauſes ſitzend am Markte, Wohlbehaglich, zur Frau der Wirth zum goldenen Löwen. Und es verſetzte darauf die kluge, verſtändige Hausfrau: Vater, nicht gerne verſchenk ich die abgetragene Leinwand; Denn ſie iſt zu manchem Gebrauch und für Geld nicht zu haben, Wenn man ihrer bedarf. Doch heute gab ich ſo gerne Manches beſſere Stück an Ueberzügen und Hemden; Denn ich hörte von Kindern und Alten, die nackend daher gehn. Wirſt du mir aber verzeihn? denn auch dein Schrank iſt geplündert. Und beſonders den Schlafrock mit indianiſchen Blumen, Von dem feinſten Cattun, mit feinem Flanelle gefüttert, Gab ich hin; er iſt dünn und alt und ganz aus der Mode. Aber es lächelte drauf der treffliche Hauswirth und ſagte: Ungern vermiſſ ich ihn doch, den alten cattunenen Schlafrock, Echt oſtindiſchen Stoffs; ſo etwas kriegt man nicht wieder. Wohl! ich trug ihn nicht mehr. Man will jetzt freilich, der Mann ſoll Immer gehen im Sürtout') und in der Pekeſche“) ſich zeigen, Immer geſtiefelt ſein; verbannt iſt Pantoffel und Mütze. Siehe! verſetzte die Frau, dort kommen ſchon Einige wieder, Die den Zug mit geſehngger muß doch wohl ſchon vorbei ſein. Seht, wie Allen die S ſo ſtaubig find! wie die Geſichter Glühen! und Jeglicher das Schnupftuch und wiſcht ſich den Schweiß ab. Möcht ich doch auch in der Hitze nach ſolchem Schauſpiel ſo weit nicht Laufen und leiden! Fürwahr, ich habe genug am Erzählten. 1) Ein langer, weiter Ueberrock.— 2) Ein polniſcher Ueberrock mit Schnären und Quaſten beſetzt. 250 Und es ſagte darauf der gute Vater mit Nachdruck: Solch ein Wetter iſt ſelten zu ſolcher Ernte gekommen, Und wir bringen die Frucht herein, wie das Heu ſchon herein iſt, Trocken; der Himmel iſt hell, es iſt kein Wölkchen zu ſehen, Und von Morgen wehet der Wind mit lieblicher Kühlung. Das iſt beſtändiges Wetter! und überreif iſt das Korn ſchon; Morgen fangen wir an zu ſchneiden die reichliche Ernte. Als er ſo ſprach, vermehrten ſich immer die Scharen der Männer Und der Weiber, die über den Markt ſich nach Hauſe begaben; Und ſo kam auch zurück mit ſeinen Töchtern gefahren Raſch, an die andere Seite des Markts, der begüterte Nachbar, An ſein erneuertes Haus, der erſte Kaufmann des Ortes, Im geöffneten Wagen,(er war in Landau verfertigt.) Lebhaft wurden die Gaſſen; denn wohl war bevölkert das Städtchen, Mancher Fabriken befliß man ſich da und manchen Gewerbes. Und ſo ſaß das trauliche Paar, ſich unter dem Thorweg, Ueber das wandernde Volk mit mancher Bemerkung ergötzend. Endlich aber begann die würdige Hausfrau und ſagte: Seht! dort kommt der Prediger her; es kommt auch der Nachbar Apotheker mit ihm: die ſollen uns Alles erzählen, Was ſie draußen geſehn und was zu ſchauen nicht froh macht. Freundlich kamen heran die Beiden und grüßten das Ehpaar, Setzten ſich auf die Bänke, die hölzernen, unter dem Thorweg, Staub von den Füßen ſchüttelnd und Luft mit dem Tuche ſich fächelnd. Da begann denn zuerſt, nach wechſelſeitigen Grüßen, Der Apotheker zu ſprechen und ſagte beinahe verdrießlich: So ſind die Menſchen fürwahr! und Einer iſt doch wie der Andre, Daß er zu gaffen ſich freut, wenn den Nächſten ein Unglück befället! Läuft doch Jeder, die Flamme zu ſehn, die verderblich emporſchlägt, Jeder den armen Verbrecher, der peinlich zum Tode geführt wird. Jeder ſpaziert nun hinaus, zu ſchauen der guten Vertriebnen Elend, und Niemand bedenkt, daß ihn das ähnliche Schickſal Auch, vielleicht zunächſt, betreffen kann, oder doch künftig. Unverzeihlich find ich den Leichtfinn; doch liegt er im Menſchen. Und es ſagte darauf der edle, verſtändige Pfarrherr, Er, die Zierde der Stadt, ein Jüngling näher dem Manne. Dieſer kannte das Leben und kannte derHörer Bedürfniß, War vom hohen Werthe der heiligen iften durchdrungen, Die uns der Menſchen Geſchick entht nd ihre Geſinnung; Und ſo kannt er auch wohl die beſten ichen Schriften. Dieſer ſprach: Ich tadle nicht gern, was immer dem Menſchen Für unſchädliche Triebe die gute Mutter Natur gab; Denn was oft Verſtand und Vernunft nicht immer vermögen, vermag oft Solch ein glücklicher Hang, der unwiderſtehlich uns leitet. 251 Lockte die Neugier nicht den Menſchen mit heftigen Reizen, Sagt! erführ er wohl je, wie ſchön ſich die weltlichen Dinge Gegen einander verhalten? Denn erſt verlangt er das Neue, Suchet das Nützliche dann mit unermüdetem Fleiße; Endlich begehrt er das Gute, das ihn erhebet und werth macht. In der Jugend iſt ihm ein froher Gefährte der Leichtſinn, Der die Gefahr ihm verbirgt und heilſam geſchwinde die Spuren Tilget des ſchmerzlichen Uebels, ſobald es nur irgend vorbeizog. Freilich iſt er zu preiſen, der Mann, dem in reiferen Jahren Sich der geſetzte Verſtand aus ſolchem Frohſinn entwickelt, Der im Glück wie im Unglück ſich eifrig und thätig beſtrebet; Denn das Gute bringt er hervor und erſetzet den Schaden. Freundlich begann ſogleich die ungeduldige Hausfrau: Saget uns, was ihr geſehn; denn das begehrt ich zu wiſſen. Schwerlich, verſetzte darauf der Apotheker mit Nachdruck, Werd ich ſo bald mich freun nach dem, was ich Alles erfahren. Und wer erzählet es wohl, das mannichfaltigſte Elend! Schon von ferne ſahn wir den Staub, noch eh wir die Wieſen Abwärts kamen; der Zug war ſchon von Hügel zu Hügel Unabſehbar dahin, man konnte wenig erkennen. Als wir nun aber den Weg, der quer durchs Thal geht, erreichten, War Gedräng und Getümmel noch groß der Wandrer und Wagen. Leider ſahen wir noch genug der Armen vorbeiziehn, Konnten einzeln erfahren, wie bitter die ſchmerzliche Flucht ſei Und wie froh das Gefühl des eilig geretteten Lebens. Traurig war es zu ſehn, die mannigfaltige Habe, Die ein Haus nur verbirgt, das wohlverſehne, und die ein Guter Wirth umher an die rechten Stellen geſetzt hat, Immer bereit zum Gebrauche, denn Alles iſt nöthig und nützlich, Nun zu ſehen das Alles, auf mancherlei Wagen und Karren Durch einander geladen, mit Uebereilung geflüchtet. Ueber dem Schranke lieget das Sieb und die wollene Decke; In dem Backtrog das Bett und das Leintuch über dem Spiegel. Ach! und es nimmt die Gefahr, wie wir beim Brande vor zwanzig Jahren auch wohl geſehn, dem Menſchen alle Beſinnung, Daß er das Unbedeutende faßt und das Theure zurückläßt. Alſo führten auch hier mit unbeſonnener Sorgfalt Schlechte Dinge ſie fort, die Ochſen und Pferde beſchwerend: Alte Bretter und Fäſſer, den Gänſeſtall und den Käfig. Auch ſo keuchten die Weiber und Kinder, mit Bündeln ſich ſchleppend, Unter Körben und Butten voll Sachen keines Gebrauches; Denn es verläßt der Menſch ſo ungern das Letzte der Habe. Und ſo zog auf dem ſtaubigen Weg der drängende Zug fort, Ordnungslos und verwirrt. Mit ſchwächeren Thieren der Eine Wünſchte langſam zu fahren, ein emſig zu eilen. 252 Da entſtand ein Geſchrei der gequetſchten Weiber und Kinder, Und ein Blöcken des Viehes, dazwiſchen der Hunde Gebelfer, Und ein Wehlaut der Alten und Kranken, die hoch auf dem ſchweren Uebergepackten Wagen auf Betten ſaßen und ſchwankten. Aber, aus dem Gleiſe gedrängt, nach dem Rande des Hochwegs Irrte das knarrende Rad; es ſtürzt in den Graben das Fuhrwerk, Umgeſchlagen, und weithin entſtürzten im Schwunge die Menſchen Mit entſetzlichem Schrein in das Feld hin, aber doch glücklich. Später ſtürzten die Kaſten und fielen näher dem Wagen. Wahrlich, wer im Fallen ſie ſah, der erwartete nun ſie Unter der Laſt der Kiſten und Schränke zerſchmettert zu ſchauen. Und ſo lag zerbrochen der Wagen und hilflos die Menſchen; Denn die übrigen gingen und zogen eilig vorüber, Nur ſich ſelber bedenkend und hingeriſſen vom Strome. Und wir eilten hinzu und fanden die Kranken und Alten, Die zu Haus und im Bett ſchon kaum ihr dauerndes Leiden Trügen, hier auf dem Boden, beſchädigt, ächzen und jammern, Von der Sonne verbrannt und erſtickt vom wogenden Staube. Und es ſagte darauf gerührt der menſchliche Hanswirth: Möge doch Hermann ſie treffen und ſie erquicken und kleiden. Ungern würd ich ſie ſehn; mich ſchmerzt der Anblick des Jammers. Schon von dem erſten Bericht ſo großer Leiden gerühret, Schickten wir eilend ein Scherflein von unſerm Ueberfluß, daß nur Einige würden geſtärkt, und ſchienen uns ſelber beruhigt. Aber laßt uns nicht mehr die traurigen Bilder erneuern; Denn es beſchleichet die Furcht gar bald die Herzen der Menſchen, Und die Sorge, die mehr als ſelbſt mir das Uebel verhaßt iſt. Tretet herein in den hinteren Raum, das kühlere Sälchen, Nie ſcheint Sonne dahin, nie dringet wärmere Luft dort Durch die ſtärkeren Mauern; und Mütterchen bringt uns ein Gläschen Dreiundachtziger her, damit wir die Grillen vertreiben. Hier iſt nicht freundlich zu trinken; die Fliegen umſummen die Gläſer. Und ſie gingen dahin und freuten ſich alle der Kühlung. Sorgſam brachte die Mutter des klaren, herrlichen Weines In geſchliffener Flaſche auf blankem zinnernem Runde, Mit den grünlichen Römern, den echten Bechern des Rheinweins.— Und ſo ſitzend umgaben die Drei den glänzend gebohnten, Runden, braunen Tiſch, er ſtand auf mächtigen Füßen. Heiter klangen ſogleich die Gläſer des Wirthes und Pfarrers; Doch unbeweglich hielt der Dritte denkend das ſeine, Und es fordert ihn auf der Wirth mit freundlichen Worten: Friſch, Herr Nachbar, getrunken! denn noch bewahrte vor Unglück Gott uns gnädig, und wird auch künftig uns alſo bewahren. Denn, wer erkennet es nicht, daß ſeit dem ſchrecklichen Brande, Da er ſo hart uns geſtraft, er uns nun beſtändig erfreut hat Und beſtändig beſchützt, ſo wie der Menſch ſich des Auges Köſtlichen Apfel bewahrt, der vor allen Gliedern ihm lieb iſt. Sollt er fernerhin nicht uns ſchützen und Hilfe bereiten? Denn man ſieht es erſt recht, wie viel er vermag, in Gefahren; Sollt er die blühende Stadt, die er erſt durch fleißige Bürger Neu aus der Aſche gebaut und dann ſie reichlich geſegnet, Jetzo wieder zerſtören und alle Bemühung vernichten? Heiter ſagte darauf der treffliche Pfarrer und milde: Haltet am Glauben feſt und feſt an dieſer Geſinnung; Denn ſie machet im Glücke verſtändig und ſicher, im Unglück Reicht ſie den ſchönſten Troſt und belebt die herrlichſte Hoffnung. Da verſetzte der Wirth mit männlichen, klugen,Gedanken: Wie begrüßt ich ſo oft mit Staunen die Fluten des Rheinſtroms, Wenn ich, reiſend nach meinem Geſchäft, ihm wieder mich nahte! Immer ſchien er mir groß und erhob mir Sinn und Gemüthe; Aber ich konnte nicht denken, daß bald ſein liebliches Ufer Sollte werden ein Wall, um abzuwehren den Franken, Und ſein verbreitetes Bett ein allverhinderter Graben. Seht, ſo ſchützt die Natur, ſo ſchützen die wackeren Deutſchen, Und ſo ſchützt uns der Herr; wer wollte thöricht verzagen? Müde ſchon ſind die Streiter und Alles deutet auf Frieden.—— Joh. Wolfg. v. Goethe. 294. Waterloo.(in vaterländiſches Gedicht. III. Auflage. Berlin 1851.) Euch Heldenſchmuck aus Deutſchlands größten Jahren, So lang es Deutſche gibt in Volk und Land; Euch Letzten jener lichtgewordnen Scharen Mit grauem Haar und dem verblichnen Band; Euch Allen, die noch ſind und die da waren, Euch Freiheitskämpfern überm— unterm Sand! Sing ich mein Lied, ſing Eure Luſt und Klage! Wie mahnend über Trümmern weht die Sage. Euch aber, unſern jungen Schwertgewalten,— Die ihr auf däniſch Leder ſchriebt: Hurrah! Wir ſind die Söhne noch von unſern Alten Trotz 33jährigem Capua!— Werf ich mein Lied in Eurer Fahne Falten, Die alte Treu in Jung⸗Germania; Nur„drauf!“ ob ſich der Oſt, ob Weſt erhebet— Cs geht!— So wahr ein Gott im Himmel lebet! „Jacta est alda!“) Entweder— oder!“ Spricht der gefangene fränkiſche Cäſar, Auf Elba, ſeinem gnadenreichen Kerker, Steht auf, ſchlägt um die Schulter ſeinen Purpur, *) Es iſt gewagt; der Würfel iſt geworfen. 254 Tritt über die geſchmeidge Wogenwand Hinweg an Bord der Inconſtantia, Vertrauend ihrem Segel ſeine Sterne, Durchſchifft den ſalzgen Rubikon und ſteuert In San Juan, den Port nach Wüſtenfahrt, Berühret Frankreich, ſeine alte Erde, Wächſt, ein Antäus*), Haupt um Haupt von Schritt Zu Schritt, ruft ſeinen horſtverwieſnen Adler, Wirft ihm den Purpur auf die roſtgen Schwingen. Und der, durchzuckt vom Strahl des alten Gottes, Trägt auf beſeeltem Fittig wolkenhoch Und wolkenſchnell vor ſeinem Donnerer, Ein Blitz, ſein flatternd Trikolor von Thurm Zu Thurm bis auf die Thürme Notre Dame. Gewaltges liebt der Menſch, und ſeine Schrecken, Willkommen heißt er ſie mit Glockenklang. Kanonendonner; alle Brücken fallen Und alle Thoren thun ſich auf der Städte, Der Herzen; Land und Volk ein offner Arm! Verjubelnd alt und neue Thränen tragen Sie über Gräber ihrer liebſten Leben, Auf ihren Händen den, der ſie begrub, Von Gau zu Gau bis in die Metropole— Ein Triumphzug vom Kerker auf den Thron! Ein Blick verſcheucht das große Pflegekind, Ein Tritt knickt ſeine bleiche Lilie, Ein Schlag zertrümmert den galanten Degen, Das wurmzerfreſſne Scepter der Bourbonen, Und wieder da ſteht er, Napoleon, Der Imperator!— Wieder da liegt Frankreich Vor ſeinem Kaiſer nieder— ein Fußfall.— Napoleon! wehts Süd, Nord, Weſt und Oſt— Napoleon? hallt kreiſend es zurück Aus jedem Winkel der Europa, wie Ein doppelzüngig Echo; Schreck und Hoffnung, Und an die Thore ſchlägts der alten Wien, Fährt durch die Burg, die Hallen, wo zu Rath Noch ſitzen Kaiſer, Könige und Fürſten Ob Theilung ſeiner Welt, ob Mein und Dein *) Antäus, ein gewaltiger, 60 Ellen langer Rieſe war der Sohn des Neptun und der Gäa(Erbe) wohnte in Lyhien in einer Höhle, nährte ſich von Löwen, zwang jeden ihm nahekommenden Fremden zum Kampfe und baute aus den Schädeln der Erſchlagenen dem Neptun ein Haus. Herkules, der den Zauber ſeiner Unüberwindlichkeit kannte(Gäa verſah ihn nämlich immer mit neuer Kraft, ſo lange er ſie berührte) hielt ihn ſchwebend in den Lüften und erſtickte ihn. 255 In unauflösbar ſchwerer Frage, ſpinnend In das verhexte diplomatſche Knäuel immer Mehr jener end⸗ und anfangsloſen Fäden, Je mehr der Hände da zur Löſung— ſchlägt Dazwiſchen ſeinen Schlag: Napoleon! Ein Alexanderhieb!— Gelöſt der Knoten, Erledigt jede Frage, klein, verſchwunden, In Liebe iſt verwandelt jeder Groll Vor dieſem Haßkoloß! Aufſtehen Alle Von ihrer grünen Tafelrunde, ſchließen Verkreuzend Hand und Herz den alten Bund: Alle für Einen, Alle wider Einen! Und in die Acht erklärt Europa ihn Den Weltfeind Bonaparte. Wieder geht Durch alle deutſche Gauen an ſein Volk Das Fürſtenwort, und wieder glaubt aufs Wort Das Volk, und liebt und hofft; und wieder wogt Das Leben ſich auf ſeine Höhen; ſchwellend, Durch alle Adern ſchlagend treiben wieder Die warmen Pulſe ihre Maienblüten, Und wieder blühen all die ſeltnen Blumen Der unbewußten, ſelbſt ſich opfernden Begeiſterung; in ſeine Himmel hell Rankt wieder auf und grünt voll Waldesduft Die heilge Hermanns⸗Eiche eines Deutſchlands, Und wieder weihen gläubig ihrem Schatten Sie Alle Gut und Blut, ihr beſtes, letztes: Das Alter ſeine Ruh, das Weib den Mann, Die Braut die Myrte, Mütter ihre Söhne; Pflug, Buch, Hammer und Webſchiff, Handel und Wandel, Lehr⸗ und Nährſtand wird wieder Wehrſtand; Waffen! Ruft Bauer, Bürger; und all ſeine Städte Rüſten, umgürten ſich mit Thurm und Wall, Dem ſteinernen Schild und donnernden Schwert— Ein Mann Das Volk und eine Burg das Land! Und in Vier Heeresſtrahlen ſchlendert ihren Bann Europa. Oben an iſt Marſchall Vorwärts, Der Zeit zu nichts ſich läßt, als alt und müde Zu werden:„Kinder, Bonaparte iſt Mal wieder da! Es fängt von Vorne an! Vorwärts! In nenen Krieg mit altem Muth!“ 256 Nun folgt die Schilderung der Rüſtung der verſchiedenen Völker Europas. Boruſſia ſpringt gerüſtet auf einen Schlag aus ihrem Arſenal wie Pallas aus des Donnerers Haupt, und Brittannia, die ſtolze Königin der Wikinger, ſchifft aus ihrem Nebelland auf 100 ſchwimmenden Paläſten und landet beim bluts⸗ verwandten Volk auf Europas Wieſe.„Auf ſteht das Volk der Kaiſer und der Minnen, der Hohenſtaufen, Welfen, Wittelsbacher, das Sänger⸗, Burgen⸗ und das Rebenland“. Das Volk der Sennen und der Gemſenjäger ſteigt von beſchneiter Alp zu Thal, heranſprenat das der Palatine und Woiwoden, der Sarmat, der königsſtolze Magyar und am Roßſchweif bängt das beuteluſtige fingerfertige Gemengſel der Panduren und Kroaten. Auffährt der Czeche und der ſangesreiche Böhme, und nach, gemüthlich hinter ſeinem Kaiſer, folgt Auſtria, das alte Kind. Herüber vom Brande der heiligen Moskau,„über die große Welſchenbleiche ziehen ſtumm in ſtarren Säulen Ruriks ſtarre Söhne, vorſchwärmt der Koſak und ſeine haarigen Brüder von der Steppe.“ Und all die Völkerſchaften, Der ganze Orient, verbrüdern ſich Mit Leib und Seel zum Kreuzzug in den Abend; All ihre Stämme eine Keule, all Die Glauben ein Gebet: Erlös uns Herr Von dieſem Uebel!— Und Napoleon, Der eine Mann, ſieht kommen über ſich Die Völkerwanderung der Rache im Gewaltmarſch, eine Million anrücken Her an den alten Haderſtrom, den Rhein, Zu allen ſeinen ſchwimmenden Brücken von Den Quellen bis zu ſeiner Mündung— ſpricht: „Beladen iſt mein Haupt und meine Hand, Die Frieden bot, verſchmäht.“ Er neigt ſein Haupt, Reckt ſeine Hand, hebt auf den Fehdehandſchuh Der angſtentrüſteten Europa:„Vive la France!“— Und„Vive'Empereur!“ antwortet In Stahl bis an die Zähne, überm Helm Den Aar, auf ihrem Marsfeld Gallia, Entgegen haltend dem vierſchneidgen Schwert Der alten Jungfrau ihren Schild mit ſeinem Verſteinernden Gorgonenhaupt“*), weit ſchattend Vom Alpenſaum bis zu den Pyrenäen, Vom Mittelmeere bis zum Ocean. Der Kaiſer rückt mit ſeinem Heer gen Flandern und nun wird das Schlachtfeld geſchildert. Wogend In ihres Segens götterreicher Fülle, Ein offner Tiſch des Herrn, liegt Flanderns Au. Davor, gefaltet ſeine Hände, ſteht, Ein Dankgebet, der fromme Sämann, ſingend, Schon räumt der heitre Schnitter ſeine Tennen.— Am Fuß der Ardennen bis vor die Thore Brüſſels liegt hart und ſchwer, gleich einer Eiſenſchiene, das Nordſchwert von Europas Acht, der Preuß und Britte.„Theile ſie und ſiege!“ ſpricht der Kaiſer zu ſeinem Abler. Der Schlachtendenker Gneiſenau zögert, aber Blücher denkt bei ſich: *) Die Gorgonen waren 3 Schweſtern: Thenv, Eurvale und Meduſa. Beſonders war es der Kopf der Meduſa, welcher Alles verſteinerte, was ihn berührte oder auch nur anſah. 257 „Vertheidigung, Ein träges Ding, angreifen wär mir lieber“. Und eben ſo auch denkt der Schlachtenmeiſter Napoleon, der ſeine Leute kennt: „Der Britte hat kalt Blut, der Alte kann Nicht warten. Ney, geh links auf Quatrebras Und amüſir den Lord, ich ſchlag derweil Den Alten— En avant!“— Und donnernd in Anſteigender Lavine rollt er Wall Auf Wall, thürmt einen Berg vor Lignys Höh. „Halt!“— ſchreit der Alte, daß die Berge dröhnen, „Du weißt, ich kann nicht rückwärts!“ Und Halt macht Napoleon— und gegenüber da Auf Lignys und auf Fleurus Höhe ſtehen Sich meſſend wieder mal die alten Rieſen, Titan der Eine und Gigant der Andre, Naturfeind ſich in jedem Tropfen Lebens, Wie die Dämonen Blutſchuld und Blutrache. In jedem Mann ein Heer, in Jedes Hand Ein Schlachtſchwert da von achtzigtauſend Degen. Der Preuß an Jahren jung, noch jünger an Erfahrung, aber feſt auf ſeine Drei: „Mit Gott, für König und Vaterland!“ Der Franke meiſt ergraut im Kriegshandwerk, Verwittert unter jedem Himmelsſtrich, Verwachſen ſchier mit ſeinem Eiſen, hart Geglüht, verhämmert unter hundert Schlachten, Steht auf ſich ſelber da und ſeinen Kaiſer. Nun tritt die Abendſtille vor der Schlacht bei Ligny(ſ. Nro. 89) ein und dann ziehn Fürſt und Kaiſer auf dem heißen Brett die ſcharfen Steine näher, gegenſeitig Schach zu ſtellen ſich und matt. Der blutigſte Kampf beginnt und als es an Pulver fehlt, da ſchlägt man noch mit Kolben ſtill ſich todt. Die Garde ſtürmt, der Himmel mit, und kalt, wie der hohe Firn dem wilden Föhn, ſteht vor zwiefachem Sturm die Preußenſtirn, aber endlich wird der Preußen Mitte durchbrochen und Ligny erobert. Blücher hoffte, getäuſcht durch das Volk von Ney, vergebene auf ſeine Britten. Ein Schuß trifft ſein ſchnelles Pferd, das den Leib des greiſen Helden deckt, während die Feinde vorüberſauſen. Graf Noſtiz ſteigt ab, tritt vor ſeinen Feld⸗ herrn, ein lebendiger Schild, und ſtebt als Wacht mit geſpanntem Piſtol, bis die Feinde vorüber ſind und Blücher gerettet iſt.„Geſchlagen Noſtiz, aber nicht bezwungen!“ ſagt Blücher, und Gneiſenau, des großen Stubes Haupt:„auf Wavre gehts!“— Napoleon verruht mit Götterruh die theure Nacht und ſagt mit Rieſenhochmuth:„der Preuß iſt abgefunden!“—„Ade, bei Waterloo ſehn wir uns wieder“, ſpricht Blücher zu dem Boten Wellingtons. Schwül wars am Tage vor der Action Und thränenſchwer der Himmel über Flandern, Da that er auf die Schleuſen, und die Erde Ward Sumpf. Der Britte kroch, der Franke nach, Schenckel's Blüten, 2r Theil. UUte ſ. verm. Aufl. 47 258 Zwei Sumpfpolypen von je ſiebenzig Mal tauſend Gliedern, jedes Glied ein Leben, Geſchwollen Gift das Herz, zum Berſten voll Und tödtlich jegliche Berührung. Dreimal Um ſeinen Berg herum wand ſich der kalte Lindwurm des heiligen Georg, den un⸗ geſchlachten Rücken wälzend an den Wald, Daß Zweig und Stamm erkracht, und brechen muß, Was ſich nicht biegen will. Ihm gegenüber Dumpf niederlaſtet ſich auf zween Berge Der galliſche Hydrarchos, reckend aus Sich übers Thal, bis an die Schatten des Vom Volk benannten Hochwalds von Paris, Nachſchleppend ſeinen Schweif im Sumpf. Ausſtreckt Er taſtend noch einmal nach ſeinem Feind Sein Poſtenfühlhorn, hohl anfletſchen ihn Ein halbes Hundert Feuerzähne, ſpeiend Aus ein paar tauſend Pfunde glühend Blut. Zufrieden zieht er ſeine Taſten ein, „Ich habe meinen Britten ganz vor mir“.— Noch einen gegenſeitigen Hiatus, Und donnernd wünſchen ſie ſich gute Nacht Auf Morgen. Und Nacht wirds. Verſchwommen liegen In ungewiſſen Maſſen Himmel, Erde Und ihre Schrecken. Alles ſchläft, nur er Schläft nicht; aufweckt der ſorgenwache Feldherr Den müden Kaiſer,— Bonaparte den Napoleon—: Steh auf! der Britte zieht Durch ſeinen Wald, verbindet ſich im Rücken Mit ſeinen Preußen, ſchaue nach, ob ſichs Im Lager drüben regt— Und wenn— dann drauf Und drüber her mit deinen ſchärfſten Waffen! Und ſtille Nachtſchau hält zu Fuß der Kaiſer Mit dem Geleitsmann ſeiner ſtillen Wege, Mit ſeinem Bertrand, Marſchall des Palaſtes. Die Nacht iſt rabenſchwarz und feuchtſchwer ihr Geſpinnſt; blutmüde flackt das Lagerlicht, Am Höhenrand die Wachtfener und Fanale. Behaglich um die Flamme ſpielt, wie ſie Auflodernd und verglimmend, Biwachtswort. Ins Feuer fallen Scherz und Ernſt. Zum Beſten Gibt Der ein Leid zum Lachen, Schnurren Jener *) Klaffen, Aufſperren des Mundes, Gähnen. 259 Zum Weinen, Abenteuer, Heldenthaten, Wahr oder gut— erzählt. Am tapferſten Lügt Furcht, am leichtſten glaubt der Tapferſte: So macht ſich Unterhaltung und Gemüthlichkeit Am heilgen Abend vor dem Todesfeſt, Gezählte Stunden haben Werth und Weihe. „Wer weiß, wie bald!“ ſpricht Groll und reicht die Hand, Kamradlich wird der ſchlimmſte Offizier, Manch Einer muß erſt fürchten, ſoll er lieben. Schwer denkt nach Haus manch Mutter Sohn, ließ all Die Sterne von ſich grüßen, wenn ſie— ſchienen! In Hand und Herzen Blei ſchreibt noch ein Burſch Am Kohlenfeuer überm Rücken des Verſchlafnen Kameraden an ſein Lieb Aufs leere Blatt von dem vertragnen Brief, Schreibt ſchwer wie Leid, ſchreibt groß wie ſeine Liebe, Hat keinen Platz mehr auf dem Blatt, und ſo Viel Liebes noch auf ſeinem Herzen!— Knappts Dir, Kamrad? Nimm meins, ich hab an Niemand mehr Zu ſchreiben— „Abgelöſt!“— Fort muß die Liebe— Nun hat ſie Platz und keine Zeit! Gemeſſen Wie Pendelgang in Schritt und Tritt ziehn auf Und ab die Poſten und die Runden, das „Qui vive 2„Werda?“„Who's there?“ eintönig fort. Und weiter regt ſich Nichts. Blücher wirft ſich auf ſeinen Ulanengaul, der ihn durch Todesnacht getragen, und ruft:„Vorwärts marſch! Wir ſiegen! denn wir müſſen!“ „Hurrah!“ donnerts. Elektriſch ſchlägt die Ahnung ihres Feldherrn Durch jedes Herz.„Sieg oder Tod!“ und vorwärts Auf vielen Straßen ſtürmt der Preußenmarſch Zu einem Ziel, nach Waterlov. Vorm Wald Von Brüſſel und Paris, um Waterloo Und Belle⸗Alliance auf den hohen Auen, Da wogts, da ſchwirrts vielfarbig und vielzungig, Ein bunter ſumm'nder Menſchenteppich; Volk Aus aller Herren Land, und alle Mann In Rührigkeit; das Keſſelregiment Regiert! Ins Feuer Jeder tapfer geht. Abkocht das Heer, die letzte Mahlzeit gilts. Erſt eſſen und dann ſchlagen, ſeinetwegen 2* 260 Auch ſterben, aber Alles nach der Ordnung: Todt kann er ſein, ſatt muß er ſein. Darin Sind Alle eins, auch Kaiſer ſich und Herzog, In dieſer Taktik. Eine Rieſenküche Und hundertfunfzigtauſend Köche kpchen, Doch ſchmeckt der Brei!— der große Küchenmeiſter, Der Hunger würzt. Maßloſe Ambition! Friſch Holz, alt Fleiſch und trockenes Kommißbrod, Drauf ſaftger Witz, grob Pulverſalz, mitunter Ein abgelöſtes Bauergut, und was Noch ſonſt vom Himmel in die Schüſſel fällt, Iſt Summa ſo der Küchenzettel für Die offne Tafel Waterloo. Fürs Uebrige Sorgt Lagergenius, der Marketender, Erhalter des esprit de corps, mit flüßgem Kommandoſtab, ſein Hauptquartier das Faß; Rekruten ſeine beſten Kunden:„Her Noch eins! Erſt dir, dann mir!“— Genießen will Jung Blut vorm Tod noch mal das ſüße Leben So recht aus Leibesluſt und Seelenangſt. Die Jungen zahlen beſſer, doch die Alten, Die trinken beſſer, ſonders Alt⸗Engeland, Auch Irland, item— überhaupt das ganze Triumvirat von Großbrittanien— Schwimmvolk! Voll heiligen Reſpects ſteht ſo Ein alter Fiſch vorm Faß wie vor dem Fatum, Fortſtoßend Einen nach dem Andern, ſchaudernd Vor ihm ſich wie vorm Stück vergebner Arbeit; Denn unvertilgbar iſt die ewge Schuld! Und trocken noch in einem Ocean Bleibt eine echte Brittenkehle—'s kommt Aus See viel Salz und Sturm! Sein Durſt ſein Schickſal! Nachdem die Feldherrn ihre Truppen durch die Erinnrung an große Tage begeiſtert, da tritt der Britte ins Gewehr und die große Pauſe vor der Schlacht tritt ein: Und ſtille— ſabbathſtill— Wirds unterm Volk der Erden, Freund und Feind— Eintritt die große Pauſe vor der Schlacht. Hernieder läutet ſchweigend von dem Dom Der Ewigkeit die große blaue Glocke Auf jedes ſterblich Haupt die letzte Stunde. Da ſtehn zwei Heere, Hand aufs Herz— ein Zöllner: „Gott ſei mir armen Sünder gnädig!“— Schwer Umgeht das Schlachtgebet, die ſtumme Beichte: Zuſammennimmt der Mann noch mal die Seele, Wird fromm auf ſeine Art und ſeinen Glauben, 261 Gibt Gott, was Gottes, eh der Herr es fordert; Greift ſcharf ſich ins Gewiſſen, bis da wach und rege wird, was lange ſchlief. Geſäubert Schnell werden alle die verborgnen Taſchen . Vom Satansknochen und von ſeinem Herzblatt, In Sand und Wind verſtohlen rollen, flattern Verſchliffne Würfel, abgegriffne Karten Und manches andre Blatt vom langen Sünd⸗ Regiſter.— Leichtern Herzens drob, vorkramen Sie aus den Trümmern ihrer Jugendzeit Ein Sprüchlein, ein Gebet— vergeſſen halb Und halb verloren— bauen ſich zurecht, Mit frommem Fluch anf ſchlecht Gedächtniß, mühſam Noch ein apartes Vaterunſer— oder Empfehlen ſich, marſchfertig allezeit Zur Groß⸗Armee, ohn ſonderlichen Salvo Dem Himmel und all ſeinen guten Sternen— Auch Mancher ſeinen böſen— Denn gar ungleich, Wie alle letzte Stunden iſt auch dieſe— Wellington ſchlägt ſich erſt allein mit Napolevn. Blücher vernimmt der Britten Notb, aber die Wege ſind grundlos vom Regen und hindern jede raſche Bewegung ſeines Heerkörpers.„Es geht nicht!“ keucht es aus dem Schlamm, ſtöhnts aus dem Hohlweg nach.„Es geht nicht!“ rauſcht es aus den Waſſern wieder; aber Blücher ſpricht: „Es geht nicht, heißt es wohl und muß doch gehn! Muß gehn! Ich, euer Vater Blücher, habs Verſprochen meinem Bruder Wellington! Wollt ihr, daß ich wortbrüchig werde?“— Und— Es ging! Der Kaiſer tritt dem Herzog faſt auf Kugelweite nah. Der Herzog aber tritt an ſeine Linke: „Euch Regimenter gilt der erſte Stoß, Steht feſt! Geſchlagen dürfen wir nicht werden, Was würde England dazn ſagen!—“ „„Drauf!““ Antworten ſeine Regimenter. Vorwärts, Metallſchwer ſchlägt ein Schritt den Stempel auf Ihr Wort. Anbrandet Frankreichs blaue Flut— Verblast— gefriert zur Scholle vor dem brittſchen Eisbrecher— kracht, und wendet hebend ſich Auf belgiſch Volk, und— Triebſand das— verſchwommen. Doch übern Sand hinweg mit donnerndem Geröll, als käm das Hochland, Block auf Block, Rollt Thomas Picton her und ſeine Schotten— Vorliegt ein Damm gewürfelter Granit. 262 Blaß ſpritzt zurück die Flut, mit aber reißt Ihr Opfer ſie— Sir Thomas Picton fällt, Und ſeine Grabſchrift drauf: Ihn hieß der Schotte: „Vater,“ das Heer:„des Feldherrn rechten Arm“. Mitfällt ein Tropfen Bluts von jedem Mann, Und in Bewegung, jene ſchauerliche Der kalten Seelen kommt der Britte. Aus⸗ legt ſich mit ganzem Leib, zu einem Schlag Ein Heer von Boxern“.— Ponſonbo, ein Winkelried des Nordens, ſtürzt ſich in die Lanzen Jaquinvts. Die Schlacht wogt hin und her. Der Brittenherzog ſieht die feindlichen Geſchwader anrücken und die letzten Seinen aus den ver⸗ lvrenen Schanzen kommen. Wie ein Leuchtthurm hoch gegenüber ſeiner Brandung ſetzt ſich der Feldherr nieder aufs Schlachtfeld:„Hier Soldaten, hier bleibe ich und weiche keinen Fuß breit!“ Der Soldat legt in ſcharſer Grenze hinter ſich ſein irdiſch Hab und Gut, ſeinen Torniſter. Wellington ruft„Quarré!“ Das Brittenheer erwartet, eine hohle Stadt von Eiſen, ſeine fränkiſchen Gäſte.— Da Sind ſie! Wie Hagelſchlag in Saat!— Und„Pferd Auf Pferd!“ ruft Wellington.„Vor meine Lords Vom Roß, Urbridge und Sommerſet!“ Und über Den Bergkamm und herauf an Berges Halde, Den Säbel überm Kopf, des Roſſes Bauch Faſt auf der Erde— herüber— vor, Entgegen durch die eiſernen Gaſſen ſchnanbend Zuſammenſchlägt die ſauſende Reiterſchlacht, Ein wirbelnder, raſender Föhn! Antreten zwanzig Mal Tauſend ihren ſchwirren Schwertertanz Und ſchlingen paarend ſich den furchtbarn Reigen, Trompeten ſchmettern, Nüſtern ſchnaufen den Chorus. Die ſtählernen Lüfte ſprühn, der Boden funkt, Vom trappelnden Tritt der Tanzplatz ſchwankt, und wenn Die wirbelnden Paare ſich faſſen, laſſen nicht los Sie wieder, halten ſie feſt, bis roth der Eine, Der Andre blaß, herunter von Leib und Leben— Als tanzte Tod und Teufel auf Mont St. Jean Den Bergtanz wieder mit hunderttauſend Füßen. Zertreten werden Bataillone, kalt Zuſammengehauen ganze Regimenter. Vorwärts, zurück, Flut— Ebbe— Flut ſchiebt hin Und her ſich die metallne See. Ein Mond Darüber ſtill und klar, ſteht Wellington.“ Wohin der Brittenfeldherr ſieht, fällt ihm ein ehrenwerther Mann. Dem wackern Delanch bricht ein Zwölſpfündner ſein altengliſch Herz. Oberſt Ompteda, Lord Sommerſet, Lord Canning, Prinz Oranien c. fallen in der Schlacht und als Wellington den Eolin Halkett fragt: Wo haſt du deine Regimenter, Mann? Da antwortet dieſer:„Auf ihrem Platz, mein Herzog!“ England ſieh, ſie liegen, wo ſie ſt anden.— Matter geht der Pulsſchlag ſeiner Schlacht. Da wirds ihm warm, dem kalten Mann!—„Ich wollt, es wäre Nacht oder— die Preußen kämen!“— und ſiehe, aus des Hochwalds Schatten tritt donnerleuchtend das Preußenwort hervor, eine grauſige Ueberraſchung für Napoleon, dieſelbe wie er ſie bei St. Amand durch 263 Neys Erſcheinung dem Blücher bereitete, der ſehnend nach den Britten ſich umſah. Aus des Bedrängten Auge aber quillt die helle Thräne und„For ever, Blücher“ ruft das ganze Heer. Ein feuchter Augenblick wird die heiße Schlacht und der alte Feldherr macht ſtill noch einmal ſeine Liebesrunde durch Alt⸗England. Der Franke ſieht endlos herniederſteigen auf ſeine Straße ſeinen Dämon, ſchnell beftet ſich der Rachegeiſt an ſeine Ferſen und unablösbar wie ſein Schatten. Die ſtille Runde macht auch Blücher durch das Kaiſer⸗ heer:„Die Saat iſt reif, der Schnitter kommt!“ Napolevn wirft entgegen dem Blücherſchatten ſeinen„allmächtigen Kaiſer“ und wendet ſich zu den Seinen mit den Worten: „Zählt ihr euren Feind? Ihr, meine Braven der Dreikaiſerſchlacht! Sonſt ſchlugt ihr euren Feind, und zähltet ihn An ſeinen Todten. Mann von Jena¹), warſt Ein Mann auf zwei, bei Montmirail) auf drei? Rede Geſchichte, redet ihr alten Tage!“ Und hin jagt er auf ſeinem weißen Renner Durch alle ſeine finſtern Legionen— Ein Heldenſang zu Roß! ſtrömt ſtrahlend er, Raketenprächtig in die matten Seelen Den ganzen Feuerregen ihres Lebens. Ein jeder Hufſchlag ſchlägt ein Schlachtfeld aus Dem Boden, jedes Wort ſingt einen Sieg!— Und jagt und lüftet ſeine Bruſt, und drückt Sein Herz, zieht ſeinen Hut, ſenkt ſeinen Degen Vor jedem Fetzen ihrer Fahnen, heißt Jed Regiment bei ſeinem liebſten Namen, Uebt alle ſeine alten Künſte wieder, Jetzt alle ab auf ſeinem matten Renner— Der heiſre— blaſſe Kaiſer— „Tout perdu! La belle Mliance, c'est la mort de la France!“ Singt ſchwanend nach ihm durch die hohlen Gaſſen Marie la Téte de Bois, die fränkiſche Kaſſandra, Die vielerfahrne Marketenderin, Noch aus der italienſchen Blütenzeit, Verſchüttend alle ihre flüſſigen Schätze. Heimkehrt auf Belle⸗Alliance der kaiſerliche Tyrtäus ³)— Alle ſeine goldnen Siege Hing er verzweifelnd an das eherne Gewicht der einen Stunde vor Saint Jean. Aus iſt ſein Lied— der Schatten blieb.— Und wie Auf das geätzte weiße Blatt vortritt Urplötzlich lesbar die verborgne Schrift, Herausgehetzt tritt die verhehlte Seele ¹) Am 1d. Oktober 1806.— 2) Am 11. Februar 1814.— 3) Ein berühmter atheniſcher Dichter, der durch ſeine begeiſternden Kriegsgeſänge den Spartanern den Sieg über die Meſſenier gewinnen half. 264 Ihm in das Angeſicht: Du biſt geweſen!— Du und dein Heer.— Der feuchten See entſtieg Nichts als ein flüchtig Meteor, getragen Nur noch von ſchwanker Säule günſtger Winde. Dein Stern, der alte Glaube iſt dahin In Feind und Freund, im Nächſten, in dir ſelbſt. Du biſt entgöttert, Gott; fühl deinen Menſchen! Schwer liegt die Hand des Unglücks auf dem Haupt Der gottgeträumten Erd⸗Gewaltigen. Entgöttert aber nicht entlaſtet ſeiner Sich aufgeladnen Welt ſteht er nun da— Ein Menſch mit einer Götterſchuld! Begonnen— Vollende! donnert heiß der rothe Morgen; Vollende! ſchattet bleich der kalte Abend; Vollende! brauſen aus der Nacht gefallner Despoten ſinnverwirrend alle die Heraufbeſchwornen Elemente— Meiſter Jetzt ihres Meiſters, um ſo wilder Herr, Je mehr ſie Sklav geweſen— ſchüttelnd ihm Heraus aus ſeinem bleichen Purpur all Die dunklen Falten.— Niederbannen ſie Kann er nicht mehr. Zu ſpät!— kann nicht zurück Und kann nicht vorwärts: ſchwindelnd ſteht auf ſeiner Von Oſt und Weſt geſchnellten Linie Der Cäſar zwiſchen ſeinen heißen Polen: Entweder— oder— Und von nun an ſchlägt Nicht mehr der Feldherr ſeine Schlacht, nur noch Der unverantwortliche Kaiſer, ſetzt, Was er noch hat, des Heeres letzten Mann, Den letzten und den beſten— ſeine Mauer, Mit der ſie Alle ſtehen oder fallen, Setzt Alles— Heer, Volk, Frankreich und ſich ſelbſt Auf einen einzgen Stoß der Degenſpitze: „Vor, meine alten Garden!“ Und,— wie der Vom Sturm gebrochne Segler noch einmal, Eh er hinunterſinkt ins feuchte Grab, Hoch übern Spiegel ſeines Oceans Emporhebt ſeine goldne Galione— Vorrauſchen ungebleicht ſie von dem Schatten, Im vollen Glanz der ſchönen Tage, legend An ihres Kaiſers Rechte ſich und Linke, Die alten goldnen Siegesflügel. 265 „Thalwärts, Nach Plauchenvit! Rette deine Jugend!“ Spricht er zum Rechten und zum Linken:„Stürm Die Britten, brich ihr Herz!— Dein Kaiſer folgt— Stürm, eh der alte Vorwärtsſtürmer ſtürmt!“ Und ſchnell, an ſeinem eignen Feuer ſchmiedet, Zuſammen ſich das edele Metall Zu einem Rieſenſturmkeil, einem Löwen⸗ Herzbrecher— „Das gilt uns!“ ſpricht Wellington. Und wie das Leben deckt ſein Heiligthum, Das Herz, mit Allem was ihm Schild ſein kann, Kommt hergeſchnellt der Todespfeil, anzieht Er ſeine Flügel, vor ſein letztes Treffen, Den aufgeſparten Heerſtamm, ſeine Garden; Legt zwiſchen Vor⸗ und Hinterwehr, platt auf Die Erde hin, viel zuverläſſig Volk, Daß auf es ſpringe, wenn die Vordern fallen, Wie Drachenſaat zwiefach aus ſeinen Todten: Ein tiefes Grab wird ſeine Bruſt für Jeden, Dem es gelüſtet nach dem Herzen drinnen. Und„En avant!“— Anrückt die große Linke, Zwölf Bataillon, zwölf Batterien mit; Der Braven Bravſter führt, Gewehr im Arm; Kein Schrecken ihr zu neu, keiner zu groß. Aufmacht ſich wieder wie am Tage Ligny, Am Himmel Waterloo der Abendſturm, Setzt ſich in Gang mit ihrem Marſch. Das Schlacht⸗ Bahrtuch zerreißt, die grauen Wolken ziehn, Zerfetzt und donnerſchwer wie ihre Fahne; Die Halde ſtäubt vom heißen Tritt, als höbe Sich eine Wüſte; rings, lebendig wird Die feindliche, verwüſtende Natur Ums alte Löwenvolk der Pyramiden. Den Pfeil vor ſeinem Ziel zu matten, wirft Entgegen Wellington ihm Trupp auf Trupp: Vorlegt ſichs ſtaffelweis, ſtämmt ſich gewaltig. Sie aber legen Trupp auf Trupp bei Seit Zur ewgen Ruh und„En avant“ fort auf Der warmen Treppe weiter— immer kühl Ans Herz hinan. Und„Halt! Nicht weiter!“ rufts— Sie ſehen keinen Mann— aus ihrer Erde 266 Gebieteriſch wie Grabesſtimmen— und Auffliegt die Menſchenmine, ſpritzt entgegen Sich friſch, wie Herzblut heiß und ſcharlachroth. Der greiſe Michel fällt, es fällt Friant— An ſeinen Wunden zählte der Soldat Die Schlachten alle, die ſein Kaiſer ſchlug. Die Säule dröhnt vor Schmerz. Ney ſtürzt, zuſammen⸗ geſchoſſen unterm Leib wird ihm ſein Pferd, Und„En avant!“ zu Fuße weiter, un⸗ aufhaltſam, und— durchbrochen iſt das Treffen! Dumpf auseinander rollt der Keil und— ſchroff Und wettergrau, wie ihre alten Küſten Das Weiß im Aug ſich ſehend, gegenüber Im ſtärkſten Sohn ſtehn Frankreich ſich und England— Ein hohler Blick des tauſendjährgen Haſſes Und— zwiſchen ihnen ſtrömt der Blutkanal. Zuſammenkracht, verkreuzend ſein Geäſt Der Heer⸗Urwald. Nacht wirds von ſeinem Schatten, Und licht von ſeinem Tod.— Sie ſehn ſich nicht, Sie fühlen ſich. Wo ihre Sonne lichtet Die Brittenwand, wo ihrem Mann zu heiß Wird das Gewehr, füllt wieder nach ihr Herzog, Reicht zu gekühltes Eiſen:— immer dicht Und kühl ſteht Engeland. Wohl ſieht auch Ney Sich um, wohl wirds auch heiß und licht; doch Nichts Für ſeine Garden hat ihr Kaiſer mehr Als„En avant!“ Und weiter fechten ſie, Die großen Zwölf im ungekühlten Feuer Auf heilger Erde, ihren todten Brüdern, Zwölf Märtyrer noch ihres alten Glaubens An ſich und ihren Kaiſer. Horch! da raſſelts An ihrem Flügel auf— Flatz macht der Britte— „Der Kaiſer kommt!“ gehts wie Verheißung auf Erlöſer durch die Gläubigen, und höher Weht ihre Oriflamme.— Fortſtößt aber Der Wind mit ſchadenfroher Geiſterhand Den Schleier, den der Schlachtengott noch ſeinen Ehrwürdgen Söhnen mitleidsvoll vors Aug Gewebt aus Pulverdampf, und ſeitwärts brickt Der Mann, und ſeinen Kaiſer ſieht er nicht, 267 Und was er ſieht, das fühlt er auch— Kartätſchen Die engliſche Erlöſung!— Niederreißen Sie ganze Reihen. Schnell zuſammenrückend Verſchließen ſie vor Feindes Aug die Wunden Und fechten weiter. Immer reicher ſtreut Der wilde Mohn den blaſſen Schlaf; nachknattern Die Schauer ſtrömender Raketen, ſengen Ein ins Mark das Brandmal menſchlicher Erfindungsehre. Weiter fechten ſie— Die Siegverwöhnten, halten neunundzwanzig Der Salven aus. Da ſchwingt die alte Hoffnung Von Neuem ihr Panier, ſo licht— ſo grün! Wie jener Taube Oelzweig:„Grouchy kommt! Der Kaiſer ſagts!“— Und ſeine Garden glauben— „Vive l'Empereur!“ Und„Hurrah!“ ſchlagen drein Die blauen Donnerwetter Sanct Lamberti— Und Nichts als Himmel da und Preußen!— O!— Da regt ſie ſich die menſchliche Natur— „Die alte Garde weicht!“— Ein bleicher Mann Geht durch das ganze kaiſerliche Heer. Blücher greift an.„Vorwärts Kinder, aufs rothe Dach der Belle⸗Allianee!“ Die Garde ſchließt Quarié und Napolevn mit ſeinem Degen in der Fauſt bringt ſich ſelbſt mit ſeinem letzten Bataillon; aber ſchon winkt die rothe Siegesbraut dem Preuß und Britten. Und vor, als ſchöben ſich die Berge, ſchwankt Mit ihrem Schwertritt der Kanonenſchläge Die Rieſenwand— birſt— platzt in hundert Säulen— Sturmflüſſig ſind die Maſſen!— jauchzend nieder— Ein Wettlauf in den Tod! mit klingend Spiel Und flatterndem Panier— worauf bald blau, Bald roth, verſchwimmend bald in alle Farben— Vorbrechen durch die Brittenlinien Die preußiſchen Geſchwader, durch die Preußen Die Britten und durch Beide wieder ſich Die ganze Bundesvölker Moſaik— Und Flut auf Flut, Sturz über Sturz, hoch drüber Ein wehnder Fahnenbogen, ſtürzt hinunter Sich auf das Frankenthal Europas Schwert— 268 Ein donnerſingender Waffenkatarakt!— Bis Alles, Berg und Thal, und Freund und Feind Verſchwommen— eine See von Feuer und Schwert! Bis überflutet, was des Kaiſers— bis Zerhauen und verſengt der Lebensnerv Der zuckenden, zerriſſnen Hydra:— bis Erobert iſt auf Adlershorſt die Braut La Belle⸗Alliance! Im Sterm zuſammenkommen die grohen Waffenbrüder Blücher und Wellington bei Waterlov zum erſten Wiederſehn und in ihrem Handſchlag grüßen zwei Heere ſich— zwei Siege— ganz Europa. Die alte Garde hält noch Planchenvit, wie Verzweiflung das letzte Rettungsmittel. Von den alten Häuptern fällt eines nach dem andern, aber ſchärſer zielt das feuchte Auge. Mit Sonnenuntergang muß unter auch die ganze kaiſerliche Gloria. Der Landwehrmann von der Katzbach kennt noch die Waffe, die Pulver ſpart und Pyramiden baut. Die Kugel ſchweigt— die Kolbe knackt und dumpf zuſammenpraſſelt das Gebein— mit allen ſeinen goldnen Siegen. Napoleons letztes Bollwerk iſt gefallen, ſeine Garden ſind todt. Der müde Britte ruht. Die Sonne ging unter und auch die müden Preußenregimenter umlagern ihren Blücher. Der aber ruft: Vorwärts Kinder! Ganz thun ſpart Müh und Blut, ſchafft Ruh und Frieden.— Paris Ruhetag und Erntefeſt! So ſtürmt der alte Sturmmarſchall Europas und nieder fährt das Volk der Schnitter in die Nachmahd. Die Heerestrümmer Napoleons ſind in raſender Flucht und Verwirrung. Mit Kanonen ſpricht Blücher:„Pardon der Garde!“ Die Garde aber ſtirbt und hoch rauſcht Von ihrer Adler ſchwarzumflortem Fittich Hernieder ein Akkord von hundert Schlachten, Die Melodei zu ihrem ewgen Lied. Zudeckt der Adler Fall den Heldenſchlaf Und ſtill iſts auf der Höh. Der Kaiſer iſt müde, doch Flandern hat kein Grab für ihn. Und her vor ſeinem Schrecken ruhelos, Vor ſeinen blaſſen Legionen, mit Dreifarbigem zerfetztem Purpur zieht Der vogelfreie Cäſar vom Entweder— Oder „Nichts!“ donnert hinter ihm der Marſchall Europas.„Abgefunden!“ Reißt ihm von Der Schulter ab ſein flatternd Trikolor, Stürzt über Flanderns ſiegverſchriebne Erde Ihm heim gen Frankreich heim ſeine geſchmolzne Welt Wie Lava aus dem Krater, bis ſie alle Die glühenden Schlacken todt— verkohlt— verwehen In alle Winde ſpurlos hin, wie Sand Der Wüſte—„Snuve qui peut!— Tout perdu!“— Begraben.— Und weg über ſeine Welt, Die rollenden Trümmer auf den Ferſen, ſtürzt Ihr Gott, weg aus Europa, losgeriſſen Von Allem, was ihm lebt dieſſeits der Sonne, Ins Jenſeits ihrer Bahn— an öden Fels 269 Der JIlium verwüſtenden Helena, Begrabend ſeiner Seele unlöſchbaren Brand in die Kühle eines Oceans, Allein mit ſeiner eigenen Geſchichte, Ein letzter Menſch noch überm Chaos ſeiner Geweſnen Welt.—— Und heilig iſt das Unglück! Wenn Götter ſtrafen, weine der Menſch und lerne. Nicht Fabel iſt es, nur— Vergangenheit, Und was geſchah, kann wiederum geſchehn.— Chriſtian Friedrich Scherenberg. 295. Frinzeſſin Rebenblüte. (Aue:„Waldmeiſters Brautfahrt.) Ein Rhein⸗, Wein⸗ und Wandermärchen. Stuttg. 1851.) Wo ſich der Rüdesheimer Berg erhebt, Vergoldet von der Morgenſonne Grüßen, Dort ſteht ein Tempel, Waldesrauſchen webt Um ſeine Stirn, er ſchauet weit hinaus, Belauſchend ſtill des Rheinſtroms Wogenbraus, Der breit und herrlich ſtrömt zu ſeinen Füßen. Als Kaiſer Karl vom Ingelheimer Schloſſe Betrachtend einſt hinausſah in das Thal, Da ſchon der März auf hellem Sonnenroſſe Die Berge küßte mit des Frühlings Strahl, Da ſah er, wie vom Rüdesheimer Berge Zuerſt der Schnee in wilden Bächen ſchmolz, Und, während rings noch lag des Winters Scherge, Sein Haupt der Gipfel hob befreit und ſtolz. Da, meint der Kaiſer, da im erſten Glühen Der Frühlingsſonne, wo ſie fort und fort Hinüberſtrömt, bis zu des Herbſt Verſprühen, Dort wär für Reben ein erwünſchter Ort. Da ließ er Reben pflanzen rings hinauf, Und als der Herbſt die goldne Ernte brachte— Ha, Kaiſer Karl, dir blühten Schätze auf, Die ich der kleinſten deines Ruhms nicht achte! Nun auf der Höh thront König Feuerwein Mit Rebenblüte, ſeinem Töchterlein. Schon wartet ſehnlich die geſchmückte Braut, Der Zögrung zürnend, unter Duftgewinden, Es ſtrömt aus Roſen, Geisblatt, blühnden Linden, Ein Meer von Wohlgeruch weit durch die Nacht. Denn noch ſchwebt nächtges Dunkel auf den Höhn, Des Mondlichts Woge ſpielt in Silberwipfeln, 270 Und lichte Wolken durch den Aether wehn. Doch wenn der erſte Morgenſtrahl erwacht, Und Morgenluft friſch athmet auf den Gipfeln, Wenn in den Lüften Lerchenton wird laut, Dann wird das ſchöne Elfenpaar getraut.— Verſammelt längſt ſchon ſind des Reichs Miniſter, Des Reiches Groß⸗ und Würdenträger all, Da ſtehet Riesling, als des Reichs Marſchall, Da ſtehen ſie, gebietriſch nicht, noch düſter, In heitrer Klarheit um den Thron vereint; Hier lebt nicht Eiferſucht, hier lebt kein Feind. Wie wenig will heut Muskateller ruhn, Wie viel hat Herr Traminer heut zu thun! Wie rüſtig iſt Gutedel! Er empfängt Deputationen, eh ſie vorgelaſſen; Er ordnet, daß die Menge nirgends drängt, Denn ringsum ſtrömt es zu in bunten Maſſen. Und um den Thron wie wirrt es durcheinander Von Rebenfürſten, Prinzen von Geblüt! Von Rüdesheim, von Geiſenheim ſelbander Die Zwillingsbrüder, herrlich golddurchglüht, Sie kamen her aus ihrem grünen Thal, Und Aßmannshäuſer, roth wie Morgenſtrahl, Und Ingelheimer, deß Rubinenglut Enttäuſchend hold in weicher Strömung ruht, Und hundert Andre aus dem mächtgen Staat, Selbſt Neckarwein, des Königs luſtger Rath. Vor Allen aber nahe ſtand am Thron,— Der König liebte ihn wie einen Sohn,— Johannisberger, aller Prinzen Blüte. Hei! wie er herrlich Geiſt und Leben ſprühte! An ſeiner Hand die ſchönſte Blum im Kranz, Von Worms die Herrin voller Duft und Glanz: — Wen hebts nicht höher bei dem holden Namen? Fürſtin Liebfrauenmilch mit ihren Damen. Und ſo nach Würdigkeit, nicht nach der Ahnen Gereihter Folge, war der Rang vertheilt, Der Größt und Kleinſte auch, in gleichen Bahnen, In gleicher Luſt ſich zu begrüßen eilt. Doch auch im Innern tief, in Felſenſpalten, In Bergesgrotten, welch ein reges Leben! Die Hülſenelfchen thaten Küferdienſte, Die Rankenelfchen waren ſo beſchäftigt! Die Wurzelelfchen, tief im Berg gekräftigt, Erwarben heut ſich herrliche Verdienſte, 271 Die mußten friſchen Saft und Waſſer tragen, Und Maienthau zu all den Luſtgelagen. Und all die Quellengeiſtlein aus dem Thal, Die kamen heut herbei in reicher Zahl Aus ihren friſchen Fels⸗ und Brunnenklauſen, Geſchäftig bei dem Dienertroß zu hauſen. Aus Sonnenſtäubchen trug man auf Confekt, An goldnen Früchten und an Purpurtrauben, An ſüßen Nüſſen gab es da zu klauben! In Lilienkelchen ward gebraut der Sekt, Die Glockenblumen ſorgten für die Becher, Und lebhaft waren all des Walds Gemächer, Verdienſte, tauſendfach, ſtehn noch im Schatten, Die Antheil an des Feſtes Glanze hatten. Doch horch! Faufarenklang! dreimal ertönet Der Ruf des ſchönen Herold Ehrenpreis, Es naht des Prinzen Zug. Anmuthverſchönet Ruft Rebenblüt den theuren Namen leis. Und rauſchend Antwort gibt ein voller Chor Von Nachtigallen, jauchzend hoch empor, Und ſelig fliegt, begrüßt vom ganzen Schwarme, Prinz Waldmeiſter in der Prinzeſſin Arme. Drauf nimmt Gutedel vor dem Thron das Wort: Es harrt, mein Fürſt, aus mancher werthen Landſchaft, Das hohe Paar zu grüßen, die Geſandtſchaft, Darf nun ihr Gruß ertönen hier am Ort? Der König winkt, Gutedel führet dar Der Moſelweine blonde Jünglingsſchar. Welch hold Geſchlecht, welch blühnder Jugendglanz! Geſchaffen wie zur Liebe, wie zum Tanz! So mild und ſchön, ſo friſchy, ſo hell und klar, So bringen ſie der Braut die Huldigung dar. Drauf wird aufs Neu Gutedels Stimme laut, Und rufend führet er die Traubenſöhne Des Ahrthals her in ihrer dunklen Schöne. In tiefem Purpur, faſt violendunkel Tritt her die Schar, durchſtrömt von Glut und Feuer, Aus ihrem Auge blitzt Rubingefunkel, Und ſtolz ſind ſie zu ſchaun, die ums Gemäuer Der Wolkenhöh von Altenahr ſich ſchlingen, Und rankend zu des Adlers Horſte dringen, Und die dort von Wallporzheims Felſenſtufen In ewger Fülle zum Genuſſe rufen. Von ſchwarzem Schieferfels herabgeſtiegen, 22 Gewöhnt an ewig glühnden Sonnenbrand, Gewöhnt an harter Felſenbruſt zu liegen, Ziehn hent ſie her ins gartengleiche Land Mit frohem Gruß für Bräutigam und Braut. Und wieder tönt Gutedels Stimme laut: Die Abgeordneten des Pfälzer Landes! Sie waren meiſtens bürgerlichen Standes. Es waren joviale runde Herrn Mit freundlichen, vergnügteſten Geſichtern, Sie lebten von der Welt ein wenig fern, Und Mancher drückte ſich ein wenig ſchüchtern. Doch waren alle da: der Deidesheimer, Der Rupertsburger und der Wachenheimer, Wer nennt ſie all, die guten Freudenbringer: Der Forſter auch, ſogar der Gimmeldinger! Und weiter, wo durch Heſſen ſtrömt der Rhein, Vom Scharlachberg und dort vom Nierenſtein Erſchienen ſie, die wackern Traubenſöhne. Und die die Nahe lieblich auferzog, Die Laubenheimer Tochter, freudig flog Zum Hochzeitstanz, daß ſie das Feſt verſchöne. Und gar vom Rheingau, kaum ſind ſie zu zählen Die goldnen Jünglinge, friſch und beherzt, Steinberger iſt ihr Führer, gerne wählen Sie ihn von ſeiner Burg, hoch ſchildumerzt. Und ſo erſchien aus allen Rebengauen, Von allen Bergen und von allen Auen Begrüßend eine Schar zum Freudenfeſte, Und Alle waren froh willkommne Gäſte. Das war ein Wirren und ein Zauberduft, Erathmend bebt und klingt die warme Luft Vom Sprühn und Glühen all der goldnen Weine, Die ſich begrüßen hier am ſchönen Rheine! Doch ſeht, was iſt dort plötzlich für Gedränge? Es drücken ſich aus bunter Volkesmenge Drei Weingeſtalten, handwerksburſchenmäßig, Mit Ellenbogen machen ſie ſich Platz, Sie ſchimpfen, ſtoßen, drängen unabläſſig, Und endlich ſpringen ſie mit wildem Satz Zum Thron. Die ſehr verdächtigen Geſtalten Sucht drauf Gutedel ſtreng entfernt zu halten; Schon aber ſteht das Kleeblatt vor den Stufen, Und ihrer Einer ſpricht mit lautem Rufen: 273 „Dieweil allhier man Hochzeit hält, Hochedle Majeſtäten, Und Sie ſich feſtlich hent geſellt Mit allen Herrn und Räthen, So hielten wirs daheim nicht aus Und thäten auf uns machen, Zu wünſchen Ihrem edeln Haus Die allerſchönſten Sachen. Aus Thüringen der Eine kommt, Der Andre kommt aus Sachſen, Und meint Ihr, daß es uns nicht frommt? O dort auch Reben wachſen! Der Dritte, ich, aus Schläſigen, Vom Grüneberger Steine, Zum Trotz all der hochnäſigen Hochedeln Herrn vom Rheine. Wir wiſſens wohl, man ſpricht uns Hohn, Und ſchilt uns eitel Eſſig, Das iſt, Herr König auf dem Thron, Recht neidiſch und gehäſſig! Vom Handwerk ſind wir doch ſo gut Als wie die andern Meiſter, Wir ſind erfüllt von Willensmuth, Wenn gleich nicht große Geiſter. Man treib mit uns, ſagt man uns nach, Die Kinder in die Schule; Wir zögen ein Loch im Strumpfe jach Zuſammen ohne Spule; Drei Männer hielten Einen kaum, Der uns im Leibe ſpüret— Wir ſetzen ſolchem Lug und Schaum Entgegen was gebühret. Herr König, das bedingen wir Uns aus, man ſoll uns achten, Und unſern Glückwunſch bringen wir Aus tiefſten Herzensſchachten: Von Naumburg der, von Grünberg ich, Der Meißner nicht vergeſſen, Und unſre Fraun empfehlen ſich Der gnädigſten Prinzeſſen. Der König lächelt, Alles blickt mit Lachen, Wie drauf die Drei den ſchönſten Kratzfuß machen, Doch Neckarwein, der luſtge Rath, ſpringt zu, Die Narrenkappe in drei Stücke reißt er, Schencel's Blüten, 2r Theil. Ute ſ. verm. Aufl. 18 274 Du, edles Kleeblatt, ſpricht er, wardſt mein Meiſter, Die Narrenkappe theile würdig du! Und wie noch Alle drüber ſich ergetzen, Steckt er als Orden ihnen an die Fetzen.— Zuletzt noch naht beſcheiden eine Schar, Sie ſcheinet unbekannt am reichen Ort, Man fragt umher: Wer ſind die Kinder dort? Sie ſtellen hold und anmuthsvoll ſich dar. Sie treten näher— doch mit zornigem Blick Gutedel weist die Schüchternen zurück. Doch ſchon hat die Prinzeſſin ſie erſchaut, Und ſteigt vom Throne und begrüßt ſie laut. Und ſieh, es ziehn in lieblich bunter Reih Die Feld⸗ und Wieſenblumen all herbei, Kornblum und Maienglöckchen im Verein, Vom Aehrenfeld, vom kühlen Uferrain; Und die erblühn dem ſchattig dunkeln Walde, Und die gebar die ſonnenreiche Halde, Vom Perlenglanz des Thaus umſpielet loſe, Geführt von Haidenelk und Waldesroſe. — Euch, meine Schweſtern, ſollt ich nicht empfangen? Ruft gütig aus die glückerfüllte Braut, Ach, an der Erde Mutterbrüſten hangen Wir Alle gleich, und ſeine Quellen thaut Der väterliche Himmel uns herab, Und beut uns ſeinen Strahl, dem wir erglühen! Uns beut die Erde ein gemeinſam Grab, Und neuen Frühling ſtets, neu zu erblühen. Ja, laßt uns Schweſtern bleiben immerdar! Und freudig küßt die Fürſtin aus der Schar Jedwede Blum und ſpricht: Und wer von allen, Den Prinzen, Rittern, mir will wohlgefallen, Der achte dieſe Farben gleich den meinen, Und Tanz und Spiel ſoll uns heut gleich vereinen. Verblühet bald iſt unter Spiel und Tanz Der blauen Sommernacht Violenkranz. Der Nachtigallen laute Jubeltöne Sie ſchwollen noch einmal in Zauberſchöne, Durch Buſch und Strauch und Berg und blühndes Thal, Geht Luſt und Jubelklang im Mondesſtrahl. Die Stunden ſchwinden, matter ziehn die Sterne, Ein Tagesſtreifen färbt die blaſſe Ferne. Gewaltger kommen ſchon die Windeswogen Durchs Meer der Luft von Oſten hergeflogen, N —.— —=— 275 Der Mond ſchickt ſeine Sterne all zur Ruh, Und ſchließt ermattet drauf die Augen zu. Die Sonne kommt! ſo ruft der König aus. Schnell füllet ſich des Tempels Säulenhaus, Der König ſteht mit aufgehobnen Händen, Und auf den Stufen kniet das ſchöne Paar, Empfängt des Königs heilge Segensſpenden, Und Sonnengold umleuchtet den Altar. Die Sonne kommt! Ein Roſenmeer umgießet Holdſelig ihre leuchtende Geſtalt, Und Purpurglut um Wolkenbilder fließet, Sie ſteigt empor mit Zauberallgewalt. Ein Rieſentempel iſt der mächtge Himmel Auf lichten Pfeilern übers Land gebaut, Von Wolkenſpiel und farbigem Gewimmel Als Kuppel hoch unendlich überſchaut. Stumm ſind die Nachtigalln, doch aus der Friſche Bethauter Thäler wirbelt Lerchenchor, Und Morgendampf, umwogend Wald und Büſche, Aus duftgen Wieſengründen ſteigt empor. Und horch! tief aus des Niederwaldes Schatten Vielſtimmig tönt ein voller Liederſtrom, In Lebenskraft will er ſich freudig gatten All dem lebendgen Klang im Himmelsdom. Wer ſind die Sänger von ſo vollem Ton? Wer iſt die junge Schar? Ihr kennt ſie ſchon, Sterbliche Jünglinge ſinds, die den Morgen Begrüßend, ſingen auf der Wanderſchaft. Hell tönt der Chor, die luftgen Geiſter horchen, Wie es ſo herrlich rauſcht in Jugendkraft: Die Sonn hat mich gewecket Mit ihrem erſten Strahl, Vom Nebel überdecket Liegt noch das weite Thal. Wachet auf, wachet auf! Frühling iſt draußen, In ſprudelndem Lauf Die Bäche brauſen! Hoiho! Hoiho! Und thürmten die Wolken ſich ohne Zahl, Der Nebel zerreißt vor der Sonne Strahl! Hoiho! Die ihr da unten träumet, Verſchlaft die Stunde nicht, 276 Die Welt ſteht ſchon umſäumet Vom freien Sonnenlicht! Nur des Morgens Glut Iſt freudiges Leben, In des Abends Hut Will die Kraft verſchweben! Hoiho! Hoiho! Wer das junge, das blühende Leben veracht, Vermodre im Dunkel der alten Nacht! Hoiho! Das Lied verhallt, und ſiehe aus dem Chor Der Schaunden Einer ſprechend tritt hervor: Seht, welch ein duftig blühnder Rebengarten Iſt rings des Rheines grünes Uferland! Die Burgen ſelbſt, der Vorwelt morſche Warten, Umflicht das ewig ſchöne Rebenband. Es pflanzet ihre blühenden Standarten Die Gegenwart mit vielgeſchäftger Hand, Und aus der rohen Urkraft jener Tage Erblüht Erinnerung als Märchenſage. O guellt und ſtrömt, ihr reinen Lebensmächte! Was man zu jeder Zeit mit echter Luſt Genießen kann, das iſt gewiß das Echte. Natur bleibt ewig jung, an ihrer Bruſt Gedeihet noch die Kraft, die ungeſchwächte, Und ringt ſich frei aus Moder, Staub und Wuſt. Selbſt um die Schranke, die ihr aufgedrungen, Hat ſegensreich ſich Laub und Frucht geſchlungen. Hier iſt das Land der Jugend und des Lebens, Der Jugend freiem Drang gehört die Welt. Geſegnet ſind die Tage jedes Strebens Das friſchen Sinns der Jugend ſich geſellt! Und habt ihr nach dem blühnden Ziel vergebens Gerungen, dumpf von Schranken rings umſtellt, Kommt her, und ſuchet, eure Kraft zu retten, Der freien Gotteswelt geweihte Stätten! Wenn in der Welt verworrnem Wechſelgange Euch Hoffnung hob, euch Irrthum niederſchlägt, Wenn längſt gebleichet iſt die blühnde Wange, Wenn morſch zerfällt, was ihr gebaut, gehegt— Wollt trauernd, feiernd ihr nun trüb und bange Beſeufzen, was ein Blitz in Schutt gelegt? Wer feiert fällt; das ewge Ruhnde modert, Aus friſcher That nur neues Leben lodert. 277* Seis Vaterlandes Glück, der Muſen Wonne, Seis eures eignen Lebens enger Kreis, Friſch, brechet in des Augenblickes Sonne Vom Lebensbaum das ewig grüne Reis! Dann neu erquickt, geſtärkt am Lebensbronne, Mit jungem Sinn, wenn auch an Jahren greis, Erbaut aufs Neu, die eben erſt zerfallen, Erbaut aufs Neu der Hoffnung Säulenhallen! Hier von der Höhe laßt die Blicke ſchweben: Rings, allumher im weiten blühnden Thal Seht ihr den Wein ſchon in den jungen Reben, Der euch durchglühet einſt mit Wonneſtrahl. Noch ſproßts, noch treibts in rankenden Geweben, Bald gährt der Moſt, bald glänzt in bunter Wahl Purpur und Gold! So quillt, wie aus den Reben, Aus neuer Jugend ſtets ein neues Leben. O Rheinſtrom, ſei gegrüßt, ans Herz geſchloſſen! Des ſchönen Schaffens ſei uns du ein Bild! So laßt auch uns gleich jenen Rebenſproſſen Nicht raſten, bis der Welt wir treuerfüllt Den Wein der Freiheit golden friſch erſchloſſen, Und froh den Durſt der ſchmachtenden geſtillt, Den Wein der Lieb, aus vollen reifen Trauben! Und unſre Lieder— ſolln ſie uns nicht rauben!— Ein Freudenruf! So gehts ins Thal hinab. Und König Feuerwein erhebt den Stab, Und ſegnet ſie und ſegnet ſeine Reben, Und ſegnet ſeiner Kinder holdes Paar, Und ſpricht: Erwachet all, erwacht zum Leben, Ihr Weine, gebt der Welt ein reiches Jahr! Gedeiht und blüht! Daß jedem freudgen Zecher Die goldne Welle blink im Labebecher, Daß nie ein Lied ihm fehle mir zum Preiſe, Und nie die Luſt im friſchen Jugendkreiſe!— Und ſieh, des Feſtes Feier iſt vollbracht, Auf alle Welt das ſchöne Pfingſten lacht, Und freudgen Herzens ziehn im Morgenſtrahle Die Muſenſöhne mit Geſang zu Thale: Noch iſt die blühende goldene Zeit, O du ſchöne Welt, wie biſt du ſo weit: Und ſo weit iſt mein Herz, und ſo blan wie der Tag, Wie die Lüfte, durchjubelt von Lerchenſchlag! Ihr Fröhlichen ſingt, weil das Leben noch mait: Noch iſt die ſchöne, die blühende Zeit, Noch ſind die Tage der Roſen!—— Otto Roquette. * 278 296. Johannes Kant. Den kategoriſchen Imperativus fand, Das weiß ein jedes Kind, Immanuel Kant. Dem kategoriſchen Imperativus treu, Zwang durch ihn wilde Seelen zu frommer Schen Lang vor Immanuel Herr Johannes Kant, Und Wenige wiſſens, wie die Sache bewandt. Derſelb ein Doktor Theologiä war, In ſchwarzer Kutte mit langem Bart und Het So ſaß er zu Krakau auf dem Lehrerſitz, So ging er einher gegürtet in Kält und Hitz, Ein rein Gemüth, ein immer gleicher Sinn, Dem Unrecht dulden, nicht thun, ſtets däuchte Gewinn. Im grauen Alter zog ein Sehnen den Kant Gen Schleſien in ſein altes Vaterland. Er ſchloß die Bücher in'n Schrein, beſtellt ſein Haus, Den Seckel nahm er und zog in die Fern hinaus. Gemächlich ritt in der ſchweren ſchwarzen Tracht Der Doktor durch der polniſchen Wälder Nacht; Doch in der Seele da wohnt ihm lichter Schein, Die goldnen Sprüche zogen aus und ein, Ins Herz ſchoß Strahlen ihm das göttliche Wort Voll innren Sonnenlichtes: ſo ritt er fort. Auch merkt er nicht, wie das Thier in finſtrer Schlucht Den Weg durch Abenddunkel und Dickicht ſucht, Er hört nicht vor und hinter ſich Tritt und Trott, Er iſt noch immer allein mit ſeinem Gott. Da wimmelts plötzlich um ihn zu Roß, zu Fuß, Da flucht ins Ohr ihm der Wegelagerer Gruß; Es ſtürmen auf den heiligen Mann ſie ein, Es blinken Meſſer und Schwert im Mondenſchein. Er weiß nicht, wie ihm geſchieht, er ſteigt vom Roß, Und eh ſie fordern, theilt er ſein Gut dem Troß. Den vollen Reiſebeutel ſtreckt er dar, Darin beim Groſchen manch blanker Thaler war; Vom Halſe löst er ab die güldene Kett, Er reißt die ſchmucken Borten vom Barett, Den Ring vom Finger, und aus der Taſche zieht Das Meßbuch er mit Silberbeſchläg und Niet; Daß ſie das Pferd abführen mit Sattel und Zaum, Der arm erſchrockne Mann, er ſieht es kaum; Erſt wie er alles Schmuckes und Gutes baar, Da fleht er um ſein Leben zu der Schar. Der bärtige Hauptmann faßt ihn an der Bruſt Und ſchüttelt ſie mit derber Räuberluſt. 279 „Gabſt du auch Alles?“ brüllts um ihn und murrt, „Trägſt Nichts verſteckt in Stiefel oder Gurt?“ Die Todesangſt ſchwört aus dem Doktor:„Nein!““ Und aber:„Nein!““ Es zittert ihm Fleiſch und Bein. Da ſtoßen ſie fort ihn in den ſchwarzen Wald, Er eilt, als wär er zu Roß noch, ohne Halt; Doch fährt die Hand im Gehen ihm, wie im Traum, Hinab an der langen Kutte vorderm Saum: Mit Angſt fühlt ſie herum an allem Wulſt, Und endlich findet ſie da die rechte Schwulſt, Wo eingenäht, geborgen und unentdeckt Der güldne Sparpfennig ſich verſteckt. Nun will dem Mann es werden recht ſanft und leicht, Mit all dem Gold er die Heimat wohl erreicht, Er mag mit Gottes Hilfe vom Schrecken ruhn, Mit Freunden und Vettern ſich recht gütlich thun. Da ſtand er plötzlich ſtill; denn in ihm rief Mit lauter Stimme der heilge Imprativ: „Leug nicht! leug nicht! Du haſt gelogen, Kant!“ Das einzige Wort ihm auf der Seele brannt: Vergeſſen war der Heimat fröhliche Luſt, Er war allein der Lüge ſich bewußt. Und ſchneller, als ihn getrieben der Freiheit Glück, Trieb ihn der Sünde Pein nun zurück, zurück. Schon winkt von ferne der unglückſelge Platz: Die Räuber theilen dort noch immer den Schatz, Am Mondlicht prüfen ſie ſich das Allerlei, Die Pferde weiden zwiſchen den Büſchen frei. Und wie ſie lagern im Gras und tauſchen, tritt In ihre Mitte der Kant mit haſtigem Schritt; Er ſtellt demüthig ſich vor die Räuber hin, Er ſprach:„„O wiſſet, daß ich ein Lügner bin! Doch log der Schrecken aus mir, darum verzeiht!““ Mit dieſem Worte riß er den Saum vom Kleid, In hohler Hand beut er ein Häuflein Gold, Darüber des Mondſcheins blinkende Welle rollt; Weil Keiner zugreift, bittet er ganz verſchämt: „„Das hab ich böslich vor euch verläugnet, nehmt!““ Den Räubern aber wirds wunderlich im Kopf: Sie möchten lachen und ſpotten ob dem Tropf; Und ihre Lippe findet doch keinen Laut, Und ihr vertrocknetes, ſtarres Auge thaut. Und in dem bleiernen Schlummer, den er ſchlief, Regt ſich in ihnen plötzlich der Imprativ, Der wunderbare, das heilge Gebot: Du ſollt— 280 Du ſollſt nicht ſtehlen! und vor der Hand voll Gold Aufſpringen ſie, dann werfen ſich All aufs Knie, Ein tiefes Schweigen waltet: denn Gott iſt hie. Jetzt aber regt ſich emſig die ganze Schar: Der reicht den Beutel und der die Kette dar, Ein Dritter bringt das Pferd, geſattelt, gerüſt't, Das Meßbuch reicht der Hauptmann— er hats geküßt. Dann helfen ſie ihm zu Roß mit willigem Dienſt, Nichts bleibt zurück vom neuen Räubergewinnſt; Ja, mußte Herr Kant nur ſein auf ſeiner Hut, Daß ſie ihm nicht auch ſchenkten geſtohlen Gut. Er ſcheidet, er theilet den Segen aus vom Pferd, Wünſcht ihnen gründliche Reu, die ſie bekehrt; Nur dacht er traurig, als um die Eck er bog: „„Ihr armen Schelme, ihr ſtehlet— und ich log.““ Doch als er kam zum finſtern Wald hinaus, Da war verſchwunden der Sünde ganzer Graus: Da ſtand der Morgenhimmel in rother Glut, Da ward dem frommen Wanderer froh zu Muth. „„Dein Wille geſcheh im Himmel und auf Erd!““ So betet der Kant und gibt die Sporen dem Pferd. Guſtav Schwab. 297. Wie ſchön leuchtet der Morgenſtern! (Des alten Dorfſchulmeiſters liebſtes Lied.) „Wie ſchön leuchtet der Morgenſtern!“ Da zog ich ſtill mein Käpplein ab, Hab doch kein anderes Lied ſo gern! Dem lieben Gott die Ehre gab. Mit Thränen füllt ſich jedes Mal Horch! plötzlich trabts ins Dorf herein, Mein Auge, ſpiel ich den Choral. Der Himmel woll uns gnädig ſein! 's war damals, als der alte Fritz Ein alter Schnauzbart jagt im Trab Noch ſtritt um Schleſiens Beſitz, Nach meinem Haus, dort ſteigt er ab; Hier in den Schluchten lag ſein Heer, Der Feind dort auf den Höhn umher. Da ſahs im Dorf gar übel aus, Die Scheuern leer, kein Brot im Haus, Im Stalle weder Pferd noch Kuh Und vor dem Feind die Furcht dazu. So hatt ich eben eine Nacht Mit Seufzen und Gebet durchwacht Und ſtieg beim erſten Morgengraun Den Thurm hinauf, um auszuſchaun Wie's draußen ſtünd;'s war ſtill umher Und ich ſah keine Feinde mehr. Kaum bin ich unten, ſchreit er:„Lauf, Schließ mir geſchwind die Kirche auf!“ Ich bat: Bedenkt,'s iſt Gottes Gut, Was man vertraut hat meiner Hut Und Kirchenraub beſtraft ſich ſchwer. Doch er ſchrie wild:„Was ſchwafelt er? Flink aufgeſchloſſen, ſonſt ſoll ihn!—“ Schon wollt er ſeinen Säbel ziehn, Da dacht ich bang an Weib und Kind Und öffnete die Kirch geſchwind Und trat denn zagend mit ihm ein; Mein Weib ſchlich weinend hinterdrein. 281 Er ging vorüber am Altar, Hinauf dann, wo die Orgel war; Da ſtand er ſtill;„Geſangbuch her! Hier den Choral da ſpielet er, Und daß ſie brav die Bälge tritt! Marſch! vorwärts jetzt und zögert nit!“ Ich fing mit einem Vorſpiel an, Wie ichs mein Lebetag gethan. Da fiel der Alte grimmig ein: „Was ſoll mir das Geklimper ſein? Hab ichs denn nicht geſagt dem Herrn: Wie ſchön leuchtet der Morgenſtern!“ „'s iſt nur das Vorſpiel!““„Dummes Zeug! Was ſpielt er den Choral nicht gleich?“ So ſpielt ich denn, weil ers befahl, Ganz ohne Vorſpiel den Choral, Der alte Schnauzbart ſang das Lied, Ich und mein Weib wir ſangen mit. Das Lied war aus, ſtill ſaß der Mann, Ein heißer Strom von Thränen rann Ihm übers braune Angeſicht, Die funkelten wie Demantlicht. Dann ſtand er auf und drückte mir Die Hand und ſprach:„Da, nehmt das hier“. Es war ein großes Thalerſtück, Ich wies das Geld beſchämt zurück, Er aber rief:„Was ſoll das, Mann? Bei Gott, es klebt kein Blut daran! Gebts an die Armen in dem Ort.“ Drauf gingen wir zuſammen fort. Und noch im Gehen ſprach er weich: „Kein Lied kommt dieſem Lied mir gleich, Es hat mich in vergangener Nacht Zum lieben Gott zurück gebracht. 's rief geſtern Abend der Major Vor unſrer Front:„Freiwillge vor! s ſoll ein verlorner Poſten ſtehn Dem Feinde nah, dort auf den Höhn; Hat Keiner Luſt, hat Keiner Muth?“ „Das trieb mir ins Geſicht das Blut: Da müßten wir nicht Preußen ſein! Ich riefs und trat raſch aus den Reihn; Drei meiner Söhne folgten mir:“ „„Gehſt du, ſo gehen wir mit dir!““ „So zogen wir nach jenen Höhn, Um dort die ganze Nacht zu ſtehn. Es blitzte hier, es krachte da, Es war der Feind uns oft ſo nah, Daß er uns ſicherlich entdeckt, Wenn uns nicht droben der verſteckt. Ja Mann, ich hab ſo manche Nacht Im Feld geſtanden auf der Wacht, Doch war mir nie das Herz ſo ſchwer,— 's kam nur von meinen Jungens her; Ihr habt ja Kinder,— nun da wißt Ihr ſelbſt, was Vaterliebe iſt. Drum hab ich auch emporgeblickt Und ein Gebet zu Gott geſchickt; Und wie ich noch ſo ſtill gefleht, Da war erhört ſchon mein Gebet, Denn leuchtend ging im Oſten fern Auf einmal auf— der Morgenſtern, Und mächtig mir im Herzen klang Der längſt vergeſſne fromme Sang, Hätt gern geſungen gleich das Lied, Doch ſchwieg ich, weils uns ſonſt verrieth⸗ Zugleich fiel mir auch Manches ein, Was anders hätte ſollen ſein, Vor Allem, daß ich dieſes Jahr Noch nicht im Gotteshauſe war. Das machte mir das Herz ſo ſchwer, Das wars, das trieb mich zu Euch her“. Der Alte ſprachs, beſtieg ſein Pferd Und machte munter Rechtsumkehrt. Seht! drum hab ich das Lied ſo gern: „Wie ſchön leuchtet der Morgenſtern“. Und ſpiel noch heute jedes Mal Ganz ohne Vorſpiel den Choral, Und wenn ich ſpiel, ſitzt immerdar Mir dicht zur Seite der Huſar, Ich höre ſeinen kräftgen Baß, Und da— wird mir das Auge naß. Julius Sturm. 282 298. Petrus. Domine quo vadis? Venio iterum eruci figi 1). „Weil verſtockt der Jude Simon Romas Götter hat geſchmähet, Weil verbotnen Bund ex ſtiftet, Zwietracht in die Geiſter ſäet, Weil er einen Miſſethäter aller Reiche König glaubt: Geb ich morgen preis dem Volke an dem Kreuz ſein frevelnd Haupt“. Kaiſer Nero*) hats geſprochen. Petrus kniet zu Nacht im Kerker; Betend wächſt des Greiſes Glaube, Himmelſehnſucht regt ſich ſtärker, Morgen wird das Wort erfüllet, das ſein Herr prophetiſch ſprach: „Fremde Hand wird einſt dich gürten, Simon, folge dann mir nach!“ Da— welch leis vorſichtig Klopfen? Durch die Riegel ächzt die Feile, Und die alte Pforte weichet vor dem eingeklemmten Beile— Wirds zu lange dem Tyrannen? ſendet er die Schlächter ſchon? Nein, es ſpricht ein kühnes Wagſtück ſeinem tollen Wüthen Hohn. Freunde ſinds! Die Chriſten lagen im Gebet an heilger Stätte, Daß den alten treuen Diener noch ein Mal der Herr errette. Doch, umſonſt Gebet und Zähre! Dießmal, ach, kein Engel naht ³)— Da beſchließen Drei der Kühnſten friſch auf eigne Hand die That. Stark wohl ſind die Römerkrieger, Wache haltend vor den Thüren, Stärker doch der Wein von Chios, den die Dreie mit ſich führen. Mächtig ſind des Kerkers Riegel, doch dem Eifer allzu ſchwach— Schau, mit ſtolzverklärten Blicken ſtehn die Drei ſchon im Gemach. Rettung, Rettung, alter Vater! Stärker als der Tod iſt Treue, Unſrer Lieb und Chriſti Kirche iſt dein Haupt geſchenkt aufs Neue! Hier nur droht der Tod dir; auf denn, gürte deine Lenden, flieh, Schiffe ſtets bereit zur Abfahrt triffſt du in Puteoli. Alter Jünger, kannſt du wanken— den der Herr den Felſen nannte, Der ſo eben in der Sehnſucht heilgen Liebesflammen brannte? Ja, er gibt ſich hin den Freunden, überraſcht und halb im Traum; Frei ſchon auf dem Forum ſteht er und er ſelber glaubt es kaum. Eilends zu der Pforte lenken ſchon die Vier die leiſen Schritte— Unterm Thore kurzer Abſchied, Bruderkuß nach Chriſtenſitte; Jene kehren zu den Ihren, Frohes kündend, ſchnell im Lauf, Dieſen nimmt die Nacht beſchirmend in den weiten Mantel auf. Auf der Gräberſtraße zieht er: wegeweiſend ſtehn die Sterne; Neros goldnes Haus verdämmert ſchon in nächtlich blauer Ferne— Aber hat die tiefe Mittnacht ſolcher leiſen Wandrer mehr? Ihm entgegen kommt ein Andrer auf dem ſchmalen Weg daher. 1) Herr, wo geheſt du hin?— Ich komme wiederum gekreuzigt zu werden.— 2) Nero war ein ruchloſer Tyrann und regierte von 54— 68 n. Chr. Um ſich das Schauſpiel einer brennenden Stadt zu verſchaffen ließ er im J. 64 Rom an mehreren Orten anzünden. Er bewunderte mit Wohlgefallen das Schauſpiel aus der Ferne und recitirte dabei Verſe, die Trojas Untergang ſchilderten. Der Brand wüthete 8 Tage und Nero gab dann vor dem Volk der römiſchen Chriſtengemeinde die Schuld, welche nun aufs Grauſamſte verfolgt wurde.— 3) Vergl. Apoſtel Geſch. Kap. 12, V. 3— 10. 283 Und es grauſt dem Alten: ſeitwärts biegt er aus mit ſchwankem Fuße, Schnell vorüber an dem Fremden ſchmiegt er ſich mit flüchtgem Gruße— Grüßend ſchaut ihm der ins Antlitz, daß der Sternglanz auf ihn fällt— Petrus, wie doch ſtarrſt du ſeltſam? ſprich, was deine Flucht verhält? Auf des Mannes hoher Stirne glänzen blutgen Schweißes Tropfen, Wohl nicht von des Weges Mühe mag ſo bang das Herz ihm klopfen; Bleich zum Tod das ſchöne Antlitz— Petrus, kennſt du die Geſtalt? Schon einmal vor deinen Augen iſt ſie alſo hingewallt. Grüßend neigt er ſich zum Jünger: ſeiner Augen helle Sonnen Sind von eines ſtillen Grames Regenwolken mild umronnen; Feſt nun ruhn ſie auf dem Flüchtling— Petrus, kennſt den Blick du nicht? Schon einmal rief er dich Schwachen wieder zur vergeßnen Fflicht. Ja das iſt der Herr! So ſtand er vor dem ungerechten Heiden, So blieb ſtill und klar ſein Antlitz mitten in den wilden Leiden. Und der Jünger ſinkt zur Erde, doch das Herz läßt ihm nicht Ruh, Und er ruft:„Mein Herr und Heiland, rede, wohin geheſt du?“ Und der Heiland ſpricht, das Auge unverwandt auf ihn gerichtet, Mit dem Blick, der an der Tage letztem Falſch und Wahrheit ſichtet: „Meine Kirche ſteht verödet, meine Treuen ſind verirrt— Zu der Stadtiſt meine Straße, wo man neu mich kreuzgen wird!“ Und der Herr verſchwand; doch eilger, als er erſt den Tod geflohen, Flieht der Jünger jetzt das Leben, dem des Meiſters Blicke drohen. Schnell den Lauf zurückgewendet! Ueber Hellas graut es ſchon; Neros goldnes Haus erglänzet bald als goldner Sonnenthron. Und die Sonne, die jetzt Freuden ausgießt über alle Landen, Trifft die Chriſten laut noch jubelnd, den Apoſtel doch in Banden. Lauter weinend ſah ſie Jene, als ſie wieder ſank zuthal, Doch ein ſeligſterbend Antlitz traf am Kreuz ihr letzter Strahl. Gottfried Kinkel. 299. Mutterflehen.(Gedicte. Mainz 1852) Auf grauer Felſenſchwelle vom Farrenkraut umwiegt, Ein finſterer Geſelle tief in der Wildniß liegt; Er ſinnt im düſtern Brüten, die Fauſt geballt im Schooß, Der Schlehdorn biegt die Blüten leiszitternd von ihm los. Ein Vöglein nach dem andern huſcht nach dem Walde bang, Das Reh beginnt zu wandern verſcheucht vom duftgen Hang; Und ſelbſt die finſtre Fichte, ſie ſchlich ſo gern bei Seit Vor dieſem Angeſichte voll Zorn und Haß und Streit. Da ſieht er halb geſunken ein Kreuz im grünen Plan, Da zünden zornge Funken den trüben Blick ihm an; Die ſchlaffen Sehnen ſpannen ſich ſtraff ums Bogenholz, Und gellend fliegt von dannen des Hohnes giftger Bolz: 284 „Auch hier im Waldesanger der alte Götterwitz? Auch hier der Lüge Pranger? wann fällt ihn einſt der Blitz? Wann wird er einſt zerſchmelzen das Erz auf jedem Thurm? Wann wird den Petrusfelſen zerbröckeln einſt der Sturm? Wann wird die Menſchheit feiern das Feſt der Menſchlichkeit, Aus Ketten und aus Schleiern erſtehn die neue Zeit? Darin als freier Bruder der Menſch zum Menſchen geht, Und an dem Weltenruder der Geiſt des Wiſſens ſteht? Ha, daß ich dürft zermalmen der Dome letzten Stein! Die Orgeln und die Pſalmen, ſie ſollten ſtille ſein! Und an des Weltrads Speiche ich keck den Glauben hing, Bis er als blutge Leiche beſtaubt in Stücke ging!“ Da packt der Wind ſein Fluchen und trägt es durch den Wald; Ein Beben faßt die Buchen, die Eichen ſchauerts kalt; Es ſenkt ſich jede Roſe, es zittert jeder Dorn, Es rückt der Stein vom Mooſe, erſchrocken rauſcht der Born. Und wie er ſo geſprochen, es wohl ihm ſelber graut; Es ſinkt ſein Haupt gebrochen mit dumpfem Seufzerlaut,— Und zu derſelben Stunde da geht mit müdem Leib Im nahen Waldesgrunde, zum Tod betrübt, ein Weib. Gar eine dunkle Märe zum fernen Herd ihr kam; Da trieb mit blutger Zähre ſie fort der Muttergram. Sie muß zu ihrem Kinde! Doch ach, wie wankt ihr Fuß! Da taucht aus Laubgewinde des Kirchleins Gottesgruß. Und drin vorm Kreuz ſie ringet um den verlornen Sohn: Ach Mutterflehen dringet ja bis zum Gottes⸗Thron.— Ihm werden ſchwer die Lider, er ſinkt in tiefen Traum; Es weint auf ihn hernieder der alte Fichtenbaum. Voll Mitleid hält umbogen ſein Haupt der weiße Schleh; Ein Vöglein kommt geflogen verzagt zum Blütenſchnee Und will vom Herrn ihm ſchlagen, ſo frendig es nur kann, Und kann nur immer klagen:„Du armer, armer Mann!“ Oskar v. Redwitz. 300. Parabel.(Leben und Tod.) Es ging ein Mann im Syrerland, Das Thier hört er im Rücken ſchnauben, Führt ein Kamel am Halfterband. Das mußt ihm die Beſinnung rauben. Das Thier mit grimmigen Geberden Er in den Schacht des Brunnens kroch, Urplötzlich anfing ſcheu zu werden, Er ſtürzte nicht, er ſchwebte noch. Und that ſo ganz entſetzlich ſchnaufen: Gewachſen war ein Brombeerſtrauch Der Führer vor ihm mußt entlaufen. Aus des geborſtnen Brunnens Bauch; Er lief und einen Brunnen ſah Daran der Mann ſich feſt that klammern Von ungefähr am Wege da. Und ſeinen Zuſtand drauf bejammern. Er blickte in die Höh, und ſah Das ihn wollt oben faſſen wieder. Wenn er hinunter fallen ſollte. Wo in die Mauerſpalte ging Da ſah er ſtill ein Mäuſepaar, Und wie ſie rieſelnd niederrann, Umſtellt, umlagert und umdroht, Und da er alſo um ſich blickte, Er ſah nicht des Kameles Wuth, Und nicht der Mäuſe Tückeſpiel, Als ihm die Beer ins Auge fiel. 285 Dort das Kameelhaupt furchtbar nah, Dann blickt er in den Brunnen nieder; Da ſah am Grund er einen Drachen Aufgähnen mit entſperrtem Rachen, Der drunten ihn verſchlingen wollte, So ſchwebend in der beiden Mitte Da ſah der Arme noch das Dritte. Des Sträuchleins Wurzel, dran er hing, Schwarz eine, weiß die andre war. Er ſah die ſchwarze mit der weißen Abwechſelnd an der Wurzel beißen. Sie nagten, zauſten, gruben, wühlten, Die Erd ab von der Wurzel ſpülten; Der Drach im Grund aufblickte dann, Zu ſehn, wie bald mit ſeiner Bürde Der Strauch entwurzelt fallen würde. Der Mann in Angſt und Furcht und Noth, Im Stand des jammerhaften Schwebens, Sah ſich nach Rettung um vergebens. Sah er ein Zweiglein, welches nickte Vom Brombeerſtrauch mit reifen Beeren: Da konnt er doch der Luſt nicht wehren. Und nicht den Drachen in der Flut, Er ließ das Thier von oben rauſchen, Und unter ſich den Drachen lauſchen, Und neben ſich die Mäuſe nagen, Griff nach dem Beerlein mit Behagen; Sie däuchten ihm zu eſſen gut, Aß Beer auf Beerlein wohlgemuth, Und durch die Süßigkeit im Eſſen War alle ſeine Furcht vergeſſen. Du fragſt:„Wer iſt der thöricht Mann, Der ſo die Furcht vergeſſen kann?“ So wiß, o Freund, der Mann biſt du; Vernimm die Deutung auch dazu. Es iſt der Drach im Brunnengrund Des Todes aufgeſperrter Schlund; Und das Kamel, das oben droht, Es iſt des Lebens Angſt und Noth. Du biſts, der zwiſchen Tod und Leben Am grünen Strauch der Welt muß ſchweben. Die beiden, ſo die Wurzel nagen, Dich ſammt den Zweigen, die dich tragen, Zu liefern in des Todes Macht, Die Mäuſe heißen Tag und Nacht. Es nagt die ſchwarze wohl verborgen Vom Abend heimlich bis zum Morgen, Es nagt vom Morgen bis zum Abend Die weiße, wurzeluntergrabend. Und zwiſchen dieſem Graus und Wuſt Lockt dich die Beere Sinnenluſt, Daß du Kamel die Lebensnoth, Daß du im Grund den Drachen Tod, Daß du die Mäuſe Tag und Nacht Vergiſſeſt, und auf nichts haſt Acht, Als daß du recht viel Beerlein haſcheſt, Aus Grabes Brunnenritzen naſcheſt. Friedrich Rückert. 301. Die Krenzſchau. Der Pilger, der die Höhen überſtiegen, Sah jenſeits ſchon das ausgeſpannte Thal In Abendglut vor ſeinen Füßen liegen. Auf duftges Gras, im milden Sonnenſtrahl Streckt er ermattet ſich zur Ruhe nieder, Indem er ſeinem Schöpfer ſich befahl. 286 Ihm fielen zu die matten Augenlieder, Doch ſeinen wachen Geiſt enthob ein Traum Der irdſchen Hülle ſeiner trägen Glieder. Der Schild der Sonne ward im Himmelsraum Zu Gottes Angeſicht, das Firmament Zu ſeinem Kleid, das Land zu deſſen Saum. „Du wirſt dem, deſſen Herz dich Vater nennt, Nicht, Herr, im Zorn entziehen deinen Frieden, Wenn ſeine Schwächen er vor dir bekennt. Daß, wen ein Weib gebar, ſein Kreuz hienieden Auch duldend tragen muß, ich weiß es lange; Doch ſind der Menſchen Laſt und Leid verſchieden. Mein Kreuziſt allzuſchwer; ſieh, ich verlange Die Laſt nur angemeſſen meiner Kraft; Ich unterliege, Herr, zu hartem Zwange“. Wie er ſo ſprach zum Höchſten kinderhaft, Kam brauſend her der Sturm, und es geſchah, Daß aufwärts er ſich fühlte hingerafft. Und wie er Boden faßte, fand er da Sich einſam in der Mitte räumger Hallen, Wo ringsum ſonder Zahl er Kreuze ſah. Und eine Stimme hört er dröhnend hallen: „„Hier aufgeſpeichert iſt das Leid; du haſt Zu wählen unter dieſen Kreuzen allen““. Verſuchend ging er da, unſchlüſſig faſt, Von einem Kreuz zum anderen umher, Sich auszuprüfen die bequemre Laſt. Dies Kreuz war ihm zu groß, und das zu ſchwer; So ſchwer und groß war jenes andre nicht, Doch ſcharf von Kanten, drückt es deſto mehr. Das dort, das warf wie Gold ein gleißend Licht, Das lockt ihn, unverſucht es nicht zu laſſen: Dem goldnen Glanz entſprach auch das Gewicht. Er mochte dieſes heben, jenes faſſen, Zu keinem neigte ſich noch ſeine Wahl. Es wollte keines, keines für ihn paſſen. Durchmuſtert hatt er ſchon die ganze Zahl— Verlorne Müh! vergebens wars geſchehen! Durchmuſtern mußt er ſie zum andern Mal. Und nun gewahrt er, früher überſehen, Ein Kreuz, das leidlicher ihm ſchien zu ſein. Und bei dem einen blieb er endlich ſtehen, 287 Ein ſchlichtes Marterholz, nicht leicht, allein Ihm paßlich und gerecht nach Kraft und Maß: „Herr, rief er, ſo du willſt,„dies Kreuz ſei mein!“ Und wie ers prüfend mit den Augen maß— Es war dasſelbe, das er ſonſt getragen, Wogegen er zu murren ſich vermaß. Er lud es auf und trugs nun ſonder Klagen. Adalbert v. Chamiſſo. 302. Gebet.(Gbaſer) Herr, den ich tief im Herzen trage, ſei du mit mir, Du Gnadenhort in Glück und Plage, ſei du mit mir; Im Brand des Sommers, der dem Mann die Wange bräunt, Wie in der Jugend Roſenhage, ſei du mit mir. Behüte mich am Born der Frende vor Uebermuth, Und wenn ich an mir ſelbſt verzage, ſei du mit mir, Gib deinen Geiſt zu meinem Liede, daß rein es ſei, Und daß kein Wort mich einſt verklage, ſei du mit mir. Dein Segen iſt wie Thau den Reben, Nichts kann ich ſelbſt; Doch daß ich kühn das Höchſte wage, ſei du mit mir, O du mein Troſt, du meine Stärke, mein Sonnenlicht, Bis an das Ende meiner Tage ſei du mit mir! Emanuel Geibel. 303. Sansſouci. Dies iſt der Königspark. Rings Bäume, Blumen, Raſen; Sieh, wie ins Muſchelhorn die Steintritonen blaſen, Die Nymphe ſpiegelt klar ſich in des Beckens Schooß; Sieh hier der Flora Bild in hoher Raſen Mitten, Die Laubengänge ſieh, ſo regelrecht geſchnitten, Als wärens Verſe Boileau's*). Vorbei am luftgen Haus voll fremder Vögelſtimmen Laß uns den Hang empor zu den Terraſſen klimmen, Die der Orange Wuchs umkränzt mit falbem Grün; Dort oben ragt, wo friſch ſich Tann und Buche miſchen, Das ſchmucklos heitre Schloß mit breiten Fenſterniſchen, Darin des Abends Feuer glühn. Dort lehnt ein Mann im Stuhlz; ſein Haupt iſt vorgeſunken, Sein blaues Auge ſinnt, und oft in hellen Funken Entzündet ſichs; ſo ſprüht aus dunkler Luft ein Blitz; Ein dreigeſpitzter Hut bedeckt der Schläfe Weichen, Sein Krückſtock irrt im Sand und ſchreibt verworrne Zeichen— Nicht irrſt dn, das iſt König Fritzz 0 Der franzöſiſche Dichter Boileau(geb. am 1. Nov. 1636 zu Ervsne bei Paris) erregte großes Auſſehen durch die Reinheit ſeines Styls und die Zierlichkeit ſeines Versbaus. 288 Er ſitzt und ſinnt und ſchreibt. Kannſt du ſein Brüten deuten? Denkt er an Kunersdorf, an Roß bach oder Leuthen, An Hochkirchs Nachte), durchglüht von Flammen hundertfach. Wie ſie ſo roth geglänzt am Lauf der Feldkanonen, Indeß die Reiterei mit raſſelnden Schwadronen Der Grenadiere Viereck brach. Schwebt ein Geſetz ihm vor, mit dem er weiſ und milde Sein ſchlachterſtarktes Volk zur ſchönen Menſchheit bilde, Ein Friedensgruß, wo jüngſt die Kriegespauke ſcholl. Erſinnt er einen Reim, der ſeinen Sieg verkläre, Oder ein Epigramm, mit dem bei Tiſch Voltaires), Der Schalk, gezüchtigt werden ſoll? Vielleicht auch treten ihm die Bilder nah, die alten, Da er im Mondenlicht in ſeines Schlafrocks Falten Die ſanfte Flöt ergriff, des Vaters Aergerniß; Des treuen Freundes Geiſt ³) will er heraufbeſchwören, Dem— ach, um ihn— das Blei aus ſieben Feuerröhren Die kühne Jünglingsbruſt zerriß. Träumt in die Zukunft er? Zeigt ihm den immer vollern, Den immer kühnern Flug des Aars von Hohenzollern, Der ſchon den Doppelaar gebändigt, ein Geſicht? Gedenkt er, wie dereinſt ganz Deutſchland hoffend lauſche Und bangend, wenn daher ſein ſchwarzer Fittich rauſche?— O nein, das Alles iſt es nicht. Er murrt:„O Schmerz, als Held geſandt ſein einem Volke, Dem nie der Muſe Bild erſchien auf goldner Wolke; Auguſt*) ſein auf dem Thron, wenn kein Horaz) ihm ſingt! 1) Am 12. Auguſt 1759 verlor Friedrich d. G. bei Kunersdorf die Schlacht gegen die veſtreichiſch⸗ ruſſiſche Armee; am 12. Oktober 1758 wurde er von Daun bei Hochkirch überfallen und erlitt eine fürchterliche Niederlage. Bei Roßbach erfocht Friedrich am 5. Nov. 1757 in 1 ½ Stunden einen glanz⸗ vollen Sieg über die Zfach überlegene Truppenmacht der Franzoſen unter Soubiſe und der Reichs⸗ erekutionsarmee unter dem Prinzen von Sachſen⸗Hildburghauſen; ebenſo bei Leuthen über die Oeſtreicher.(Siehe Anmerkung z. Nr. 275.)— 2) Voltaire, der berühmte franzöſiſche Schriftſteller(geb. 1694, † 1778), war ein Liebling des großen Friedrich, der ihn zu ſich berief auf ſein Luſtſchloß Sansſonci, ihn zum Kammerherrn und Ritter des Verdienſtordens erhob und in der Unterhaltung mit ihm ſich ſeines Ranges völlig begab. Als er aber Voltairs ſchmutziges und geiziges Weſen kennen lernte und ſah, daß demſelben bei ſo ſcharfem Verſtand das edle Gemüth ganz abging, da entfernte er ihn und ſchrieb voll Wehmuth an einen Freund:„Guter Gott, wie kann doch ſo viel Genie mit ſolcher Verdorbenheit des Gemüths verbunden ſein!“— 3) Lieutnant v. Katt, der vertrauteſte Freund des Prinzen Friedrich, wurde am 6. Nov. 1730 als Deſerteur zu Küſtrin vor dem Gefängniſſe des Kronprinzen hingerichtet,(der vom Gefängniß aus zuſehen mußte), weil er wußte, daß Friedrich vor ſeinem Vater(Friedrich Wilhelm 1.) nach England flüchten wollte und ihm zur Ausführung deſſelben behilflich war.— 4) Auguſtus(eigentl. Cajus Julius Cäſar Oktavianus) war der erſte römiſche Kaiſer und regierte von 31 v. Chr.— 14 n. Che. Sein erſter Rathgeber und Miniſter Mäcenas beförderte eifrig Künſte und Wiſſenſchaften, um dadurch der Regierung des Auguſtus Glanz zu verſchaffen; auch Auguſtus ſchätzte die Wiſſenſchaften ſehr hoch, und übte(wie hier Friedrich II.) die Dichtkunſt ſelbſt.— 5) Horaz wurde 65 v. Chr. zu Venuſa(Venoſa) in Unteritalien geboren und war mit Virgil der gefeiertſte römiſche Dichter. 289 Was hilfts, vom fremden Schwan die weißen Federn borgen! Und doch, was bleibt uns ſonſt?— Erſchein, erſchein, o Morgen, Der uns den Götterliebling bringt!“ Er ſprichts, und ahnet nicht, daß jene Morgenröthe Den Horizont ſchon küßt, daß ſchon der junge Gvethe Mit ſeiner Rechten faſt den vollen Kranz berührt, Er, der das ſcheue Kind, noch roth vom ſüßen Schrecken, Die deutſche Poeſie, aus welſchen Tarushecken Zum freien Dichterwalde führt. Emanuel Geibel. 304. Wachet auf! ruft uns die Stimme*). (Zu Ende des XVI. Jahrhunderts gedichtet.) Wachet auf! ruft uns die Stimme Zion hört die Wächter ſingen, Der Wächter ſehr hoch auf der Zinne; Das Herz thut ihr von Freuden ſpringen; Wach auf, du Stadt Jeruſalem! Sie wachet und ſteht eilend auf. Mitternacht heißt dieſe Stunde; Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig, Sie rufen uns mit hellem Munde: Von Gnaden ſtark, von Wahrheit mächtig, Wo ſeid ihr klugen Jungfrauen? Ihr Licht wird hell, ihr Stern geht auf. Wohlauf! der Bräutigam kömmt; Nun komm, du werthe Kron, Steht auf, die Lampen nehmt! Herr Jeſu, Gottes Sohn, Halleluja! Hoſianna! Macht euch bereit Wir folgen all Zu der Hochzeit; Zum Freudenſaal, Ihr müßet ihm entgegen gehn. Und halten mit das Abendmahl. Mäeenas ſchenkte ihm das ſabiniſche Landgut, deſſen Horaz in ſeinen Gedichten vft gebenkt. Durch keinerlei Verſprechungen aber ließ er ſich bewegen in die Dienſte des Augnuſtus zu treten und ein an denſelben ge⸗ richtetes Gedicht mußle ihm wahrhaft abgedrungen werden. *) Dieſem Liede, von dem Gvethe ſagt, daß es„recht grohmüthig und herzerhebend ſei, wenn man in den Sinn eindringe“, liegt das Gleichniß Matth. 25, 1— 13 zu Grunde, zu dem noch Bilder aus der Offen⸗ barung Johannis entnommen wurden. Durch Wolfram von Eſchenbach waren die„Tage⸗ oder Wächter⸗ lieder“ in Gebrauch gekommen. Im KVI. Jahrhundert wurden ſie ſchon als„geiſtliche Tageweiſen mit unterlegtem chriſtlichen Rufe des Wachens und Merkens auf das Wort Gottes oder zur Auferſtehung und zum Gericht am jüngſten Tage in die chriſtliche Kirche überzuführen geſucht“.(Koch 1I. S. 476) Geibel hat in ſeinem„Thürmerlied“ Ton und Weiſe glücklich aufgegriffen und einen religiös⸗politiſchen Wächterruf ertönen laſſen.— Ricolai dichtete ſein Lied zur Zeit als die Peſt in ſeinem Orle(Unna) wüthete. Seiner großen Vortrefflichkeit wegen fand es weite Verbreitung; es wurde in viel Sprachen, ſogar in die malabariſche überſeßt. Auch die Melodie iſt berrlich, weshalb Palmer den Geſang den„König der Choräle“ nannte. Wahrſcheinlich(²) rührt die Melodie auch von dem Dichter her, denn ſie ſteht in innigſter Harmonie zum Teyte.— Der Tert iſt in ſehr verſchiedener Lesart abgedruckt. Hier ſteht er im Original, nur mit geänderter Orthographie. Das„10 1o“ iſt ein lateiniſcher Freudenruf und„in dulei zubilo“ heißt mit ſüßem Freuden⸗ ſchall(Jubelgeſchrei).. Schenckel's Blüten, 2r Theil. Kte ſ. verm. Aufl. 19 290 Gloria ſei dir geſungen Mit Menſchen und engliſchen Zungen Mit Harfen und mit Cymbaln ſchön. Von zwölf Perlen ſind die Pforten An deiner Stadt; wir ſind Conſorten Der Engel hoch um deinen Thron. Kein Ang hat je geſpürt, Kein Ohr hat mehr gehört Solche Freude. Deß ſind wir froh, 10 lo! Ewig in dulei jubilo! Philippi Nicolai. 305. Troſtlied*). „Befiehl“ du deine Wege Und was dein Herze kränkt Der allertreuſten Pflege Deß, der den Himmel lenkt: Der Wolken, Luft und Winden Gibt Wege, Lauf und Bahn, Der wird auch Wege finden Da dein Fuß gehen kann. „Dem Herren“ mußt du trauen, Wenn dirs ſoll wohl ergehn; Auf ſein Werk mußt du ſchauen, Wenn dein Werk ſoll beſtehn. Mit Sorgen und mit Grämen Und mit ſelbſteigner Pein Läßt Gott ihm gar Nichts nehmen: Es muß erbeten ſein. Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wirds wohl machen. Pſalm 37, 5. „Dein“ ewge Treu und Gnade, O Vater, weiß und ſieht Was gut ſei oder ſchade Dem ſterblichen Geblüt; Und was du dann erleſen, Das treibſt du, ſtarker Held, Und bringſt zum Stand und Weſen, Was deinem Rath gefällt. „Weg! haſt du allerwegen, An Mitteln fehlt dirs nicht; Dein Thun iſt lauter Segen, Dein Gang iſt lauter Licht; Dein Werk kaun Niemand hindern, Dein Arbeit darf nicht ruhn, Wenn du, was deinen Kindern Erſprießlich iſt, willſt thun. *) Dieſes vortreffliche Lied, das man(gleich der Bergpredigt) ein Evangelium unter den Liedern nennen könnte, ſoll unter ſagenhaften Verhältniſſen gedichtet ſein, laut einer bekannten und ſchönen proteſtantiſchen Legende, die auch dem Dichter Schmidt von Lübeck Stoff zu deſſen Gedicht:„Paul Gerhardt“(ſ. meine Dichterhalle Bd. IMII.) gegeben hat. In Wahrheit verhält es ſich jedoch anders. Gerhardt wurde nie aus Berlin verwieſen, brauchte auch nicht zu fliehen, wohl aber wurde er 1666 vom großen Churfürſten ſeines Amtes entſetzt.— Seine Frau war ſchon geſtorben, als er von Berlin nach Lübben zog(1668), das Lied fand ſich aber ſchon 1659 C) in Müllers„Geiſtlicher Seelenmuſik“ abgedruckt. Das Versmaß iſt das herrſchende des epiſchen Volksliedes aus dem 15. und 16. Jahrhundert, nämlich der Hildebrandston, worin die aus 4 Langzeilen beſtehende Ribelungenſtrophe aufgelöst wurde in eine Strophe von 8 gleichen kurzen Zeilen. Stumpfe und klingende Reime wechſeln miteinander ab, alſo Reimſtellung ababeded. „Ich ſollt zu Land ausreiten, ſprach meiſter Hildeprant, das mir vor langen Zeiten die weg warn vnbekannt; ꝛc. Caspar von der Rön(i15. Jahrh.) Dieſer Hildebrandston hat ſich bis auf den heutigen Tag im Volk erhalten. Jeder, der nur auf die Markt⸗ ſänger und Drehorgelleute achtet, kann ſich von der Wahrheit leicht überzeugen. 291 „Und“ ob gleich alle Teufel Hie wollten widerſtehn, So wird doch ohne Zweifel Gott nicht zurücke gehn: Was er ihm vorgenommen, Und was er haben will, Das muß doch endlich kommen Zu ſeinem Zweck und Ziel. „Hoff“, o du arme Seele, Hoff und ſei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, Da dich der Kummer plagt, Mit großen Gnaden rücken; Erwarte nur die Zeit, So wirſt du ſchon erblicken Die Sonn der ſchönſten Freud. „Auf!“ auf! gib deinem Schmerze Und Sorgen gute Nacht; Laß fahren, was das Herze Betrübt und traurig macht; Biſt du doch nicht Regente, Der Alles führen ſoll: Gott ſitzt im Regimente Und führet Alles wohl. „Ihn“, ihn laß thun und walten! Er iſt ein weiſer Fürſt, Und wird ſich ſo verhalten, Daß du dich wundern wirſt, Wenn er wie ihm gebühret Mit wunderbarem Rath Die Sach hinaus geführet,* Die dich bekümmert hat. „Er“ wird zwar eine Weile Mit ſeinem Troſt verziehn, Und thun an ſeinem Theile Als hätt in ſeinem Sinn Er deiner ſich begeben, Und ſollſt du für und für In Angſt und Nöthen ſchweben, Und frag er Nichts nach dir. „Wirds“ aber ſich befinden, Daß du ihm treu verbleibſt, So wird er dich entbinden Da dus am wengſten gläubſt; Er wird dein Herze löſen Von der ſo ſchweren Laſt, Die du zu keinem Böſen Bisher getragen haſt. „Wohl“ dir, du Kind der Treue! Du haſt und trägſt davon Mit Ruhm und Dankgeſchreie Den Sieg und Ehrenkron; Gott gibt dir ſelbſt die Palmen In deine rechte Hand, Und du ſingſt Freudenpfalmen Dem, der dein Leid gewandt. „Mach“ End, o Herr, mach Ende An aller unſrer Noth! Stärk unſre Füß und Hände, Und laß bis in den Tod Uns allzeit deiner Pflege Und Treu empfohlen ſein: So gehen unſre Wege Gewiß zum Himmel ein. Pau! Gerhardt. 306.„Mir nach!“ ſpricht Chriſtus, unſer Held*)! c667) Will mir Jemand nachfolgen, der verleugne ſich ſelbſt „Mir nach!“ ſpricht Chriſtus, unſer Held, „Mir nach, ihr Chriſten alle; Verleugnet euch, verlaßt die Welt, und nehme ſein Kreuz auf ſich und folge mir; denn wer ſein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber ſein Leben verlieret um meinetwillen, der wird es finden. Matth. 16, V. 24 u. 25. Folgt meinem Ruf und Schalle; Nehmt euer Kreuz und Ungemach Auf euch, folgt meinem Wandel nach. *) Iit ſehr verändert in viele evangeliſche Geſangbücher übergegangen. S2 Ich bin das Licht, ich leucht euch für Mit heilgem Jugendleben; Wer zu mir kommt und folget mir, Darf nicht im Finſtern ſchweben; Ich bin der Weg, ich weiſe wohl Wie man wahrhaftig wandeln ſoll. Mein Herz iſt voll Demüthigkeit, Voll Liebe meine Seele; Mein Mund der fließt zu jeder Zeit Von ſüßem Sanftmuths⸗Oele; Mein Geiſt, Gemüthe, Kraft und Sinn Iſt Gott ergeben, ſchaut auf ihn. Ich zeig euch das, was ſchädlich iſt, Zu fliehen und zu meiden, Und euer Herz von arger Liſt Zu reingen und zu ſcheiden. Ich bin der Seelen Fels und Hort Und führ euch zu der Himmelspfort. Fällts euch zu ſchwer, ich geh voran, Ich ſteh euch an der Seite, Ich kämpfe ſelbſt, ich brech die Bahn, Bin Alles in dem Streite. Ein böſer Knecht, der ſtill darf ſtehn, Wenn er den Feldherrn ſieht vorgehn. Wer ſeine Seel zu finden meint, Wird ſie ohn mich verlieren; Wer ſie hier zu verlieren ſcheint, Wird ſie in Gott einführen; Wer nicht ſein Kreuz nimmt und folgt mir, Iſt mein nicht werth und meiner Zier.“ So laßt uns nun dem lieben Herrn Mit Leib und Seel nachgehen, Und wohlgemuth, getroſt und gern Bei ihm im Leiden ſtehen, Dennwer nicht kämpft, trägt auch die Kron Des ewgen Lebens nicht davon. Johann Angelus Sileſius.(Scheffler.) 307. Beruhigung. O mein Herz gib dich zufrieden! O verzage nicht ſo bald! Was dein Gott dir hat beſchieden, Nimmt dir keiner Welt Gewalt. Keiner hindert, was er will. Harre nur! Vertraue ſtill! Geh des Wegs, den er dich ſendet! Er begann und er vollendet. Hüllt er dich in Dunkelheiten, So lobſing ihm aus der Nacht; Sieh, er wird dir Licht bereiten, Wo dus nimmermehr gedacht. Häuft ſich Noth und Sorg umher, Wird die Laſt dir allzuſchwer, Faßt er plötzlich deine Hände Und führt ſelber dich ans Ende. Wäre alle Welt dir feindlich, Rottete ſich wider dich,— Dank ihm, o der Herr iſt freundlich, Seine Huld währt ewiglich. Sind auch Trauer, Angſt und Leid Seines Segens dunkles Kleid,— Dank ihm; er ſchickt ſeinen Segen Auf geheimnißvollen Wegen. Endlich wird dein Morgen grauen; Kennſt du nicht ſein Morgenroth? Darfſt du zagend rückwärts ſchauen, Wenn dich Glut und Sturm bedroht? Denn auch Feuerflamm und Wind Boten ſeines Willens ſind; Und kanns nur ein Wunder wenden, Auch ein Wunder kann er ſenden. O ſo laß denn alles Bangen! Wirke friſch, halt muthig aus! Was mit ihm du angefangen, Führet er mit dir hinaus. Und ob Alles widerſteht, In Vertraun und in Gebet Bleib am Werke deiner Hände, So führt ers zum ſchönſten Ende. Victor Friedrich v. Strauß. 293 308. Vertrauen auf Gottes Vorſehung*). n7) Auf Gott und nicht auf meinen Rath, Will ich mein Glücke bauen, Und dem, der mich erſchaffen hat, Mit ganzer Seele trauen. Er, der die Welt Allmächtig hält, Wird mich in meinen Tagen Als Gott und Vater tragen. Er ſah von aller Ewigkeit, Wie viel mir nützen würde; Beſtimmte meine Lebenszeit, Mein Glück und meine Bürde. Was zagt mein Herz? Iſt auch ein Schmerz, Der zu des Glaubens Ehre Nicht zu beſiegen wäre? Gott kennet, was mein Herz begehrt, Und hätte, was ich bitte, Mir gnädig, eh ichs bat, gewährt, Wenns ſeine Weisheit litte. Er ſorgt für mich Stets väterlich. Nicht, was ich mir erſehe, Sein Wille, der geſchehe! Iſt nicht ein ungeſtörtes Glück Weit ſchwerer oft zu tragen, Als ſelbſt das widrigſte Geſchick, Bei deſſen Laſt wir klagen? Die größte Noth Hebt doch der Tod; Und Ehre, Glück und Habe Verläßt mich doch im Grabe. An dem, was wahrhaft glücklich macht, Läßt Gott es Keinem fehlen; Geſundheit, Ehre, Glück und Pracht Sind nicht das Glück der Seelen. Wer Gottes Rath Vor Augen hat, Dem wird ein gut Gewiſſen Die Trübſal auch verſüßen. Was iſt des Lebens Herrlichkeit? Wie bald iſt ſie verſchwunden! Was iſt das Leiden dieſer Zeit? Wie bald iſts überwunden! Hofft auf den Herrn! Er hilft uns gern; Seid fröhlich, ihr Gerechten! Der Herr hilft ſeinen Knechten. Chriſtian Fürchtegott Gellert. 309. Vertrauen. Die Morgenſterne prieſen Im hohen Jubelton Den Schöpfer grüner Wieſen Viel tauſend Jahre ſchon; Es glänzten Berg und Fläche, Die Sonne kam und wich, Der Mond beſchien die Bäche; Noch aber nicht für mich. Es weckte mich kein Morgen, Es ſchien kein Erdentag Ins Dunkel, wo verborgen Der Ungeborne lag; Noch ſang der Vögel keiner Mir ſeinen Liebesruf— Doch Er gedachte meiner, Der Sonn und Mond erſchuf. Er winkte mir ins Leben, Er weihte mich zur Luſt, Zum erſten Wonnebeben An einer Mutter Bruſt; Es war an ihrem Herzen Mein Bettlein mir gemacht; Sie trug mit ſüßen Schmerzen Mich eine kurze Nacht. *) Dieß Lied bewegt ſich faſt in lauter Gegenſätzen, die überhaupt ein charakteriſtſcher Zug in Gellerts geiſtlichen Liedern ſind.— Friedrich d. Gr. neckte einmal den alten frommen Ziethen wegen ſeines feſten Glaubens, worauf ihm der tapfere General erwiederte:„Es hat den Kriegern Eurer Majeſtät noch nie Schaden gebracht, wenn ich an der Spitze meiner Reiter mit dem lautſchallenden Liede: Auf Gott und nicht auf meinen Rath ꝛc. in die Feinde meines Königs einhieb.“(Koch. 11) 294 Da grüßt ich ſie mit Weinen Und ſchwieg in ihrem Schooß, Sah Mond und Sonne ſcheinen, Und Treue zog mich groß. Mit Gottes Segen krönte Sich Anger, Buſch und Feld; Mein Lobgeſang ertönte Zum Vater dieſer Welt. Der Tag kann nun vergehen, Der Morgen wieder graun: Wo Gottes Lüfte wehen, Da will ich ſicher traun. Und wenn ich ſchlafen werde Die zweite kurze Nacht, Dann wird in ſeiner Erde Mein Bettlein mir gemacht. Dann opfert manche Blüte Mein Grab, o Vater, dir; Es preiſen deine Güte Die Vögel über mir. So wie am Mutterherzen Ein Sohn der Freude liegt, So lieg ich ſonder Schmerzen, Von Hoffnung eingewiegt. Im Sterben Hoffnung geben Mag Erdenweisheit nicht; Jedoch bei dir iſt Leben, Iſt Liebeskraft und Licht. Du ſiehſt der Schöpfung Enden, Und was dich Vater heißt, Das ruht in deinen Händen: Empfange meinen Geiſt! Joh. Georg Jacobi. 310. Adventlied. Dein König kommt in niedern Hüllen, Ihn trägt der laſtbarn Eſ'lin Füllen, Empfang ihn froh, Jernſalem! Trag ihm entgegen Friedenspalmen, Beſtreu den Pfad mit grünen Halmen! So iſts dem Herren angenehm. O mächtger Herrſcher ohne Heere, Gewaltger Kämpfer ohne Speere, O Friedensfürſt von großer Macht! Es wollen dir der Erde Herren Den Weg zu deinem Throne ſperren, Doch du gewinnſt ihn ohne Schlacht. Dein Reich iſt nicht von dieſer Erden, Doch alle Erden⸗Reiche werden Dem, das du gründeſt, unterthan. Bewaffnet mit des Glaubens Worten Zieht deine Schar nach den vier Orten Der Welt hinaus und macht dir Bahn. Und wo du kommeſt hergezogen, Da ebnen ſich des Meeres Wogen, Es ſchweigt der Sturm von dir bedroht. Du kömmſt auf den empörten Triften Des Lebens neuen Bund zu ſtiften, Und ſchlägſt in Feſſel Sünd und Tod. O Herr von großer Huld und Trenue, O komme du auch jetzt aufs Neue Zu uns, die wir ſind ſchwer verſtört. Noth iſt es, daß du ſelbſt hienieden Kommſt zu erneuen deinen Frieden, Dagegen ſich die Welt empört. O laß dein Licht auf Erden ſiegen, Die Macht der Finſterniß erliegen, Und löſch der Zwietracht Glimmen aus; Daß wir die Völker und die Thronen Vereint als Brüder wieder wohnen In deines großen Vaters Haus! Friedrich Rückert. 311. Beim Tode meiner Mutter Maria. Als deine freibeſchwingte Seele, Gelöst von allem Erdenfehle, Zuerſt betrat die Himmelsaun Ob ſie nicht vor dem Glanz verzagte? Ob gleich dein müdes Auge wagte Ins Lichtmeer unverwandt zu ſchaun? O nein! Noch hing ein Thränenſchleier Gewoben von des Scheidens Gram Vor deinem Blick, bevor er freier Den Flug zu Gottes Throne nahm. Da trat ein Engel dir entgegen, Der führte dich auf ſtillen Wegen Und löste dir den Schleier ab. Nun ſchwanden alle Erdenſorgen, Der Kinder Schmerz war dir verborgen, Die Welt verſank für dich ins Grab. Mit feſſelloſem Liebesdrange Triebs dich den Heiland zu umfahn, Doch ſtets noch wars der Demuth bange Dem Thron des Lichtes ſich zu nahn. Da ſchauteſt du ein himmliſch Weſen, Ein Bildniß hehr und auserleſen, Doch gleichend einem irdſchen Mann. Du ſankſt zu ſeinen Füßen nieder: O, wer du ſein magſt, ſag mirs wieder, Wo meinen Herrn ich finden kann. Noch hält er ſich vor mir verborgen, Noch ſtrahlt mir nicht ſein mildes Aug: O laß mich läuger nicht in Sorgen, O ſprich: wo weht ſein Gotteshauch? Da tönet aus dem holden Munde Als deiner Frage treue Kunde Das Eine Wort: Maria! bloß. Da ſchlägſt du auf die Augenlieder: Rabuni! rufſt du freudig wieder, Du ſinkſt in deines Heilands Schooß. Und er umfaßt mit treuem Sinne Gelöst von allem Schmerz und Harm Die ſelge Braut in heilger Minne Und trägt ſie in des Vaters Arm. Gottfried Kinkel. 312. Die Mutter im Sarge. asn) Eingeſargt zum letzten Schlummer, Blaß, im weißen Sterbekleid, Ohne Schmerzen, ohne Kummer, Seh ich dich mit ſtillem Leid Vielgetreue Mutter du! Jetzo trägt man dich zur Ruh! Schlummre ſüß im kühlen Grunde Bis zur Auferſtehungsſtunde! Auge, das mit Lieb und Sehnen Oft die Seinen angeblickt! Segnend, mit viel tauſend Thränen, Haben wir dich zugedrückt. Nie auf dieſer Erde mehr Blickſt du zärtlich auf uns her; Doch zu Wiederſehens⸗Grüßen Wirſt du heller dich erſchließen. Hand, die treulich uns geleitet, Die uns Nichts, als Liebe gab, Freud und Troſt um uns verbreitet, Ruhe nun im ſtillen Grab. Unermüdet war dein Fleiß, Und dein Tagewerk war heiß; Wenn die Todten auferſtehen, Wird in dir die Palme wehen! Edler Mund, zum Reinen, Großen, Und zu Lieb und mildem Wort Freundlich, lieblich aufgeſchloſſen,— Nimmer töneſt du hinfort; Aber was die Lippe ſprach, Tönt in unſern Herzen nach, Bis nach langer Grabesſtille Halleluja dir entquille. Herz, das ohne Falſch geſchlagen Für den Gatten, für das Kind, Das uns ſterbend noch getragen, O wie ruheſt du ſo lind! Weinend, dankend rufen wir: Ewger Segen folge dir! Wenn die Grüfte ſich bewegen, Schlage wieder uns entgegen! Dann wird froh die Thräne fließen, Wie ſie jetzt in Trauer fließt; Froh wird dich dein Kind begrüßen, Das dich heut in Thränen grüßt; Dann, dann wird der ſchwere Stein Weg von deinem Grabe ſein,— Jeſus war im Tod dein Leben, Ewig darfſt du vor ihm ſchweben! Albert Knapp. 296 313. Abſchied. Was macht ihr, daß ihr weinet Und brechet mir mein Herz? Im Herrn ſind wir vereinet Und bleibens allerwärts. Das Band, das uns verbindet, Löst weder Zeit noch Ort; Was in dem Herrn ſich findet, Das währt in ihm auch fort. Man reicht ſich wohl die Hände, Als ſollts geſchieden ſein, Und bleibt doch ohne Ende Im innigſten Verein. Man ſieht ſich an, als ſähe Man ſich zum letzten Mal, Und bleibt in gleicher Nähe Dem Herrn doch überall. Man ſpricht: ich hier, du dorten, Du zieheſt und ich bleib! Und iſt doch aller Orten Ein Glied an einem Leib. 314. Nimm Chriſtum in dein Lebensſchiff Mit gläubigem Vertrauen, Stoß ab vom Strand und laß vor Riff Und Klippe dir nicht grauen; Und flög auf wilder Wogenbahn Dein Schifflein auch hinab, hinan, Und ſchlügen ſelbſt die Wellen Ins Schiff hinein, Kannſt ruhig ſein, Er läßt es nicht zerſchellen. Und ſollt er bei des Sturmes Wuth Das Steuer nicht gleich faſſen, Nur Muth, nur Muth! Mußt ſeiner Hut Dich gläubig überlaſſen. Wie mächtig auch die Woge grollt, Lied. Man ſpricht vom Scheidewege, Und grüßt ſich einmal noch, Und geht auf einem Wege In gleicher Richtung doch. Was ſollen wir nun weinen Und gar ſo traurig ſehn, Wir kennen ja den Einen, Mit dem wir Alle gehn, In einer Hut und FPflege, Geführt von einer Hand, Auf einem ſichern Wege Ins eine Vaterland. So ſei denn dieſe Stunde Nicht ſchwerem Trennungsleid, Nein, einem neuen Bunde Mit unſerm Herrn geweiht. Wenn wir uns ihn erkoren Zu unſerm höchſten Gut, Sind wir uns nicht verloren, Wie weh auch Scheiden thut. Kar! Phil. Spitta. Die Blitze ſprühn, der Donner rollt, Dein Schifflein iſt geborgen; Trägts doch den Herrn, Dem treu und gern So Wind wie Meer gehorchen. Drum ſei nur wach und ſei bereit Und laß nicht ab zu beten, So wird der Herr zu ſeiner Zeit Gewiß ans Steuer treten; Dann ſchweigt der Sturm von ihm bedroht, Dann legen ſich auf ſein Gebot Die wildempörten Wogen, Und ausgeſpannt Von ſeiner Hand Wölbt ſich der Friedensbogen. Julius Sturm. 315. Vertraue dich dem Licht der Sterne. d851) Vertraue dich dem Licht der Sterne, Beſchleicht dein Herz ein bittres Weh, Sie ſind dir nah in weiter Ferne, Wenn Menſchen fern in nächſter Näh; Und haſt du Thränen noch, ſo weine, O weine ſatt dich ungeſehn, Doch vor dem Aug der Menſchen ſcheine, Als wär dir nie ein Leid geſchehn. 297 Verdammt die Welt dich in Verblendung, So ſuch auf ſtillem Waldespfad Dir neuen Muth für deine Sendung, Für ſtarke Treu und freie That; Um vor dir ſelber zu beſtehen, Trägſt du den Sieger in der Bruſt, Doch nicht die Menſchen laß es ſehen, Wie ſcweretf du kämpfen mußt. Iſt dir ein ſchönes Werk gelungen, So ſeis zu neuem dir ein Ruf, Haſt du ein treues Herz errungen, So denke, daß es Gott dir ſchuf; Wenn deine ſüß entzückte Seele Ganz voll von heilger Freude iſt, O nicht den Neid der Menſchen wähle Zum Zeugen, daß du glücklich biſt! — Verachte kühn der Selbſtſucht Streben, Wie oft ſie dir Verfolgung ſchwur; Vor keinem Throne ſteh mit Beben, Furcht hegt ein bös Gewiſſen nur. Demüthig wirf in nächtger Stille Vor deinem Gott dich auf die Knie Und bete:„Es geſcheh dein Wille!“ Doch vor den Menſchen beug dich nie. Und wenn dir Gottes Rathſchluß ſendet Der ſchwerſten Prüfung höchſte Pein, Dann haſt dus ganz ihm zugewendet, Mit ihm zu thun und dir allein; Davon laß nicht die Lippen ſprechen, Ob dir das Herz auch brechen will, Laß es in tauſend Stücke brechen, Doch vor den Menſchen ſchweige ſtill.— Julius Hammer. 316. Zwei Haidelieder.(Geictr. Mum 1852) Gute Ich lehn am dunkeln Waldesſaum, Ein altes Kreuz ſteht mir zur Seit; Seh über die Haide wie im Traum, Die liegt in duftgem Schleierkleid. Es lispelt feucht der Abendwind, Die alten Föhren rauſchen ſacht; Am Wald geht noch ein armes Kind, Sonſt leer und ſtumm— das iſt die Nacht! Nun ſchläft in Baum und Gras und Strauch Ein Vöglein nach dem andern ein. Mein Aug iſt müd, mich ſchläfert auch; Dürft ich nur auch ein Vöglein ſein! Die haben ja den ganzen Tag Allein nur an den Herrn gedacht, Gefeiert ihn mit Sang und Schlag— Ihr frommen Vöglein! gute Nacht! Nun harrt in Dorn und Haidekraut Jed Blümlein auf die Perlen ſein; Ach von des Himmels Quell bethaut, Wie ſchlafen ſie ſo ſelig ein! 6 Nacht. Sie haben ja zu ſeiner Ehr Getragen all die duftge Pracht. O wenn ichs ärmſte Blümlein wär! Ihr frommen Blumen, gute Nacht! Doch horch, es ruft des Aves Klang So troſtesſüß durchs Haideland! Ich knie zum alten Kreuz am Hang, Und ſchlinge bittend drum die Hand. Mein Ang wird trüb, doch droben ſteht Der Mond in ewig klarer Wacht— Und in mein Herz das Glöcklein weht: Wer betet, dem kömmt gute Nacht. O Herr, und, war ich nicht ſo fromm, Wie Vögelein und Blumen ſind, Gib doch, daß mir ihr Frieden komm! Und träufle Gnade auf dein Kind! Es ſei dir auch mein ganzes Herz Vorm Schlafengehn nun dargebracht! Send meinen Engel erdenwärts! O Herr, ich flehe: gute Nacht 298 II. Wie die Haide möcht ich ſein. Ich wandle ſtill durchs Haideland, Ob arm, ob reich, es iſt ihr gleich, Allein in mich verloren ganz. Es hütet Gott ſie, der ſie ſchuf, Der ernſten Berge blaue Wand Das weiß ſie treu, drum iſt ſie reich, Umſchleiert duftger Abendglanz. Und blüht und welkt auf ſeinen Ruf. Vom ſchwarzen Wald ſteigt weißer Rauch, Es läutet ſie beim Abendſtern Und fernes Läuten klingt darein— Des Aves ſelge BotſchAfn— Was fordr ich reiches Leben auch? O reiches Leben in dem Herrn! Nur wie die Haide ſollt es ſein! Ach wie die Haide ſollſt du ſein! Und iſt ſie arm auch anzuſehn, Und ach, ein Frieden auf ihr liegt, Manch Vöglein drin ſein Neſt ſich baut. Als wäre ſie ein träumend Kind, Viel hundert Blümlein auf ihr ſtehn, Darüber ſich ein Engel biegt, Die alle Nacht der Herr bethaut. Deß Flügel regt der Abendwind. Sie hat am Tag der Sonne Gold O Friede, den der Herr gewährt, Und Nachts den heilgen Sternenſchein; O du des Lebens Edelſtein, Ach, was ich auch vom Leben wollt— Deß Leuchten alle Nacht verklärt!— Nur wie die Haide ſollt es ſein! O dürft ich wie die Haide ſein! Oscar v. Redwitz. 317. Epigramme. Innere Reife. Im dämmernden Schatten des Laubes verſteckt, da reifen die Früchte der Reben: So muß, wer gedeihen im Innerſten will, ſich des äußeren Schimmers begeben. „ Lehre und Beiſpiel. Wenn des Weiſen gute Lehre eine Hand iſt, dich zu führen, In des Guten weiſem Beiſpiel wirſt du einen Flügel ſpüren. Der Schneeball. Der Schneeball und das böſe Wort, Sie wachſen wie ſie rollen fort: Eine Handvoll wirf zum Thor hinaus, Ein Berg wirds vor des Nachbars Haus. Reichthum und Rauch. Wie der Reichthum iſt ein Rauch kann dich mancher Schornſtein lehren: Gold und Silber flog hinauf, Ruß wird man herunterkehren. Tiefe und Klarheit. Wie hell und klar auch ſei der Himmel, Du kannſt doch ſeinen Grund nicht ſehn. Je tiefer das Gedicht ich ſchöpfe, Je lichter wird es vor dir ſtehn. 5 Werde Mann, Stößt du an ein leeres Faß, Iſt mit Wein es angefüllt, 299 Vaterlandsliebe. Es iſt das kleinſte Vaterland der größten Liebe nicht zu klein: Je enger es dich rings umſchließt, je näher wirds dem Herzen ſein. Leer lärmt am meiſten. 318. Sprüche. Tief zu denken und ſchön zu empfinden iſt Vielen gegeben, Dichter iſt nur, wer ſchön ſagt, was er dacht und empfand. Das Größeſte iſt das Alphabet,. Es ſtecket alle Weisheit drin; Doch nur der erkennt den Sinn, Ders recht zuſammenzuſetzen verſteht. Die ſchöne Form macht kein Gedicht, Der ſchöne Gedanke thuts auch noch nicht; Es kommt darauf an, daß Leib und Seele Zur guten Stunde ſich vermähle. Fließend Waſſer iſt der Gedanke, Aber durch die Kunſt gebannt, In der Form gediegne Schranke, Wird es blitzender Demant. Ich fühle mich nie ſo groß, ſo klein, Als wenn im Shakſpeare ich geleſen; Klein, weil ich denk an das was mein, Groß, weil er auch ein Menſch geweſen. Wenn ſie dich ſchmähten und wenn ſie dich ſchalten, Widerſprich nicht mit hitzigem Blut; Schweig und ſchaffe, was ſchön und gut, So wirſt du zuletzt doch recht behalten. dröhnend wälzt ſichs um und um; bleibt es liegen feſt und ſtumm. Wilhelm Müller. Emanuel Geibel. 319. Epigramme. Das Kind in der Wiege. und dir wird eng die unendliche Welt. Erwartung und Erfüllung. In den Ocean ſchifft mit tauſend Maſten der Jüngling; Still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis. Glücklicher Säugling! Dir iſt ein unendlicher Raum noch die Wiege. 300 Der Meiſter. Jeden andern Meiſter erkennt man an dem, was er ausſpricht; Was er weiſe verſchweigt, zeigt mir den Meiſter des Styls. Sprache. 4 Warum kann der lebendige Geiſt dem Geiſt nicht erſcheinen? Spricht die Seele, ſo ſpricht, ach! ſchon die Seele nicht mehr. Der Säemann. Siehe, voll Hoffnung vertrauſt du der Erde den goldnen Samen Und erwarteſt im Lenz fröhlich die keimende Saat. Nur in die Furche der Zeit bedenkſt du dich Thaten zu ſtreuen, Die, von der Weisheit geſät, ſtill für die Ewigkeit blühn? Friedrich v. Schiller. 320. Epigramme. Dem Ackermann. Flach bedecket und leicht den goldenen Samen die Furche, Guter! die tiefere deckt endlich dein ruhend Gebein. Fröhlich gepflügt und geſät! Hier keimt lebendige Nahrung, Und die Hoffnung entfernt ſelbſt von dem Grabe ſich nicht. Mein Erbtheil wie herrlich weit und breit, Die Zeit iſt mein Beſitz, mein Acker die Zeit. Habt ihr gelogen in Wort und Schrift, Andern iſt es und euch ein Gift. Joh. Wolfg. v. Gvethe. 321. Epigramme. Schonung und Nichtſchonung. Gut ſei jeglicher Menſch, nicht jeder ein Künſtler, und deßhalb Sei man im Kunſturtheil ſtreng und im ſittlichen mild. Menſchliche Schwäche verdient Nachſicht in der Sphäre des Handelns: Wer im Geſang ſchwach, ſchlage die Leier entzwei! Skizze. Oftmals zeichnet der Meiſter ein Bild durch wenige Striche, Was mit unendlichem Wuſt nie der Geſelle vermag. Aufmunterung. Schön iſts, Großes zu thun und Unſterbliches. Fühl es, o Jüngling! Früh von der Stirn mühvoll rinne der männliche Schweiß! Aber vergiß niemals, daß ſtets die geſchwätzige Trägheit, Werthlos, ohne Verdienſt, große Verdienſte beſchmutzt! Auguſt Graf v. Platen. 301 322. Angereihte Perlen. O blicke, wenn den Sinn die Welt dir will verwirren, Zum ewgen Himmel auf, wo nie die Sterne irren. Am Himmel weichen Soun und Mond ſich freundlich aus; Selbſt ihnen wäre ſonſt zu eng ihr weites Haus. Ein Vater ſoll zu Gott an jedem Tage beten: „Herr, lehre mich dein Amt beim Kinde recht vertreten!“ Wenn dir in Zornesglut dein ſterblich Herz will wallen, Sag ihm:„Weißt du, wie bald du wirſt in Staub zerfallen?“ Zum Feinde ſag:„Iſt Tod uns Beiden nicht gemein? Mein Todesbruder komm und laß uns Freunde ſein!“ Sei gut und laß von dir die Menſchen Böſes ſagen: Wer eigue Schuld nicht trägt, kann leichter fremde tragen. Wenn du Gott wollteſt Dank für jede Luſt erſt ſagen, Du fändeſt gar nicht Zeit noch über Weh zu klagen. Aus jedem Punkt im Kreis zur Mitte geht ein Steg, Vom fernſten Irrthum ſelbſt zu Gott zurück ein Weg. Und wenn ich auf der Welt das Gute nirgends fände, Ich glaubt ans Gute doch, weil ichs in mir empfände. Die Liebe, die zum Kranz am Himmel reiht Plejaden, Hält dieſe Perlen auch am unſichtbaren Faden. Friedrich Rückert. 323. Vierzeilen. Thu, was Jeder loben müßte, Wenn die ganze Welt es wüßte; Thu es, daß es Niemand weiß, Und gedoppelt iſt ſein Preis. Den Kohl, den du dir ſelber gebaut, Mußt du nicht nach dem Marktpreis ſchätzen; Du haſt ihn mit deinem Schweiß bethaut, Die Würze läßt ſich durch Nichts erſetzen. Was du Irdſches willſt beginnen, heb zuvor Deine Seele im Gebet zu Gott empor. Einen Prüſſtein wirſt du finden im Gebet, Ob dein Irdſches vor dem Göttlichen beſteht. Und wäre mir kein Freudenkranz erlaubt, So wollt ich mich, anſtatt des Kranzes, ſchmücken Mit dem Gefühl auf ein geliebtes Haupt Mit ſanfter Hand den Kranz des Glücks zu drücken. 302 Nicht der iſt auf der Welt verwaist, Deſſen Vater und Mutter geſtorben, Sondern der für Herz und Geiſt Keine Lieb und kein Wiſſen erworben. Schlage nur mit der Wünſchelruth An die Felſen der Herzen an; Ein Schatz in jedem Buſen ruht, Den ein Verſtändiger heben kann. Friedrich Rückert. 324. Aus der„Weisheit des Brahmanen“. Der Vater mit dem Sohn iſt über Feld gegangen; Sie können, nachtverirrt, die Heimat nicht erlangen; Nach jedem Felſen blickt der Sohn, nach jedem Baum, Wegweiſer ihm zu ſein im weglos dunkeln Raum. Der Vater aber blickt indeſſen nach den Sternen, Als ob der Erde Weg er woll am Himmel lernen. Die Felſen blieben ſtumm, die Bänme ſagten Nichts, Die Sterne deuteten mit einem Streifen Lichts. Zur Heimat deuten ſie, wohl dem der traut den Sternen! Den Weg der Erde kann man nur am Himmel lernen. Der Wahrheit Feierkleid, bekam es Lügenſtreifen, Nie wäſcheſt du es rein mit Laugen und mit Seifen. O brich den Faden nicht der Freundſchaft raſch entzwei! Wird er auch neu geknüpft, ein Knoten bleibt dabei. Laß deine Zunge gleich der Zunge ſein der Wage; Kind, wo ſie ſtille ſteht, iſt ihre beſte Lage. Was einem Menſchen du nicht frei ins Angeſicht Darfſt ſagen, ſag ihm das auch hinterm Rücken nicht. Schlimm ſind die Schlüſſel, die nur ſchließen auf, nicht zu; Mit ſolchem Schlüſſelbund im Haus verarmeſt du. Das Weib kann aus dem Haus mehr in der Schürze tragen, Als je einfahren kann der Mann im Erntewagen. Gewöhne nicht dein Kind an Böſes auch im Scherz. Lern von der Erde, die du baueſt, die Geduld, Der Pflug zerreißt ihr Herz, und ſie vergilts mit Huld. Die Rach iſt eine Luſt, die währt wohl einen Tag, Die Großmuth ein Gefühl, das ewig freuen mag. Woran du es gewöhnſt, das fordert bald dein Herz; 1 303 Kind, lerne zweierlei, ſo wirſt du nicht verderben; Zum erſten lerne was, um etwas zu erwerben. Zum andern lerne das, was Niemand dich kann lehren: Gern das, was du nicht kannſt erwerben, zu entbehren. In einer Stunde ſtreckt man einen Baum zur Erden, Der hundert Jahre hat gebraucht um groß zu werden. Friedrich Rückert. 325. Der Schlechten Feindſchaft. Qus:„Laienbrevier“) Wenn dus ſo weit bringſt, daß du Feinde haſt, Dann lob ich dich, weil Alle noch nicht gut ſind. Wenn du es auch verſchweigſt, doch ſchäme dich Nicht, daß du Feinde haſt; wer Feinde nicht Ertragen kann, iſt keines Freundes werth. Dir müſſen Feind ſein: die die Knechtſchaft wollen! Dir müſſen Feind ſein: die die Wahrheit fürchten! Dir müſſen Feind ſein: die das Recht verdrehen! Dir müſſen Feind ſein: die von Ehre weichen! Dir müſſen Feind ſein: die von Tugend fern ſind! Dir müſſen Feind ſein, die nicht Freunde haben, Nur Mitgenoſſen ihrer irren Frevel. Dir müſſen Feind ſein, die nicht Feinde haben, Weil, um für ſich Verzeihung zu gewinnen, Die Welt zu leicht verzeiht. Dir müſſen Feind ſein, Für welche du nicht Freund biſt. Starkertrage Der Schlechten Feindſchaft! Sie iſt ſchwach und nichtig. Und ſtehſt du als ein reiner, warmer Strahl Des Himmelsfeuers, dann erwärmeſt du Die Guten, und ſie ſchließen ſich an dich. Du aber ſei der Feinde wahrſter Freund Und laſſe nicht von ihnen ab mit Worten Und Blicken, Beiſpiel, ſelbſt mit langem Schweigen, Zurückgezogenheit, dir ſchwerem Tadel! Der Gute iſt des höchſten Lobes werth, Der Thoren zu gewinnen weiß zum Guten. Und ſieh— es bitten für die Unglückſelgen Ihr Vater— ihre Mutter aus der Gruft; Es bitten ihre Lieben, ihre Kinder; Es bittet dich ihr eigner ſcheuer Blick; Es bittet dich ein Gott in deiner Bruſt: „Laß nicht von deinen Brüdern ab, mein Kind!“ Leopold Schefer. 304 326. Sprüche des Confucins. . Dreifach iſt der Schritt der Zeit: Zögernd kommt die Zukunft hergezogen, Pfeilſchnell iſt das Jetzt entflogen, Ewig ſtill ſteht die Vergangenheit. Keine Ungeduld beflügelt Ihren Schritt, wenn ſie verweilt. Keine Furcht, kein Zweifeln zügelt Ihren Lauf, wenn ſie enteilt. Keine Ren, kein Zauberſegen Kann die Stehende bewegen. Möchteſt du beglückt und weiſe Endigen des Lebens Reiſe, Nimm die Zögernde zum Rath, Nicht zum Werkzeug deiner That! Wähle nicht die Fliehende zum Freund, Nicht die Bleibende zum Feind! Il. Dreifach iſt des Raumes Maß. Raſtlos fort ohn Unterlaß Strebt die Länge fort ins Weite; Endlos gießet ſich die Breite; Grundlos ſenkt die Tiefe ſich. Dir ein Bild ſind ſie gegeben: Raſtlos vorwärts mußt du ſtreben, Nie ermüdet ſtille ſtehn, Willſt du die Vollendung ſehn; Mußt ins Breite dich entfalten, Soll ſich dir die Welt geſtalten; In die Tiefe mußt du ſteigen, Soll ſich dir das Weſen zeigen. Nur Beharrung führt zum Ziel, Nur die Fülle führt zur Klarheit, Und im Abgrund wohnt die Wahrheit. Friedrich v. Schiller. Grundzüge der deutſchen Poetit. §. 1. Die Pvetik oder die Lehre von der Dichtkunſt iſt die Zu⸗ ſammenfaſſung und Darſtellung der Regeln und Geſetze, die über das innere Weſen, die Form und Eintheilung der Poeſie in voller Geltung ſind. §. 2. Die Poeſie iſt eine heilige Kunſt, eine ſittliche Macht. Wer ihr Prieſter und Pfleger ſein will, der muß rein ſein an Herz und Hand; er muß der gebietenden Stunde gehorchen, in welcher der Gott ihn anrührt, will er anders vom Geiſte deſſen einen Hauch verſpüren. Der Glückliche, dem das göttliche Kleinod der Poeſie als Geſchenk des Fi in die Bruſt geſenkt iſt, nur der iſt allein der echte Dichter: „Ihm gaben die Götter das reine Gemüth, Wo die Welt ſich, die ewige, ſpiegelt; Er hat Alles geſehn, was auf Erden geſchieht, Und was uns die Zukunft verſiegelt; Er ſaß in der Götter urälteſtem Rath Und behorchte der Dinge geheimſte Saat. Er breitet es luſtig und glänzend aus, Das zuſammengefaltete Leben; Zum Tempel ſchmückt er das irdiſche Haus, Ihm hat es die Muſe gegeben; Kein Dach iſt ſo niedrig, keine Hütte ſo klein, Er führt einen Himmel voll Götter hinein“.(Fr. v. Schiller.) Ueber die Macht der Dichter und ihrer erhabnen Kunſt vergl. weiter die Nr. 232— 243.„Der Dichter iſt,“ wie L. Börne ſagt,„der DTröſter der Menſchheit; er iſt es, wenn der Himmel ſelbſt ihn bevollmächtigt, wenn ihm Gott ſein Siegel auf die Stirne gedrückt und wenn er nicht um ſchnöden Boten⸗ lohn die himmliſche Botſchaft bringt.“ Er iſt Zeuge der ewigen Wahrheit, Opfer⸗ feuer iſt ſein Lied; berufen zur Tempelwacht iſt ſein Stand auf den Höhn, in freier Seele trägt er das Maß und die Gerechtigkeit, und iſt Hüter der heiligen Schätze, die fromm die Väter aufgehäuft haben. Iſt er das Alles, ſo wird ihm der Herr ſchon auf die Lippen legen, was er dem Volk verkünden ſoll. So macht Geibel den Dichtern ihre hohe Miſſion klar. Shendel's Blüten, 2r Theil. llte ſ. verm. Aufl. 20 306 §. 3. Der menſchliche Geiſt denkt, ſchafft ſich Gedanken, die er andern Menſchen durch die Sprache, die man gleichſam verkörperte Gedanken nennen könnte, mittheilt. Die Proſa iſt die Sprache des Verſtandes, der Wiſſenſchaft und des materiellen Bedürfniſſes und bei ihr iſt die Form dem Gedanken unter⸗ geordnet. In der Poeſie tritt auch die Phantaſie in ihr Recht, die den Inhalt des denkthätigen Geiſtes im Bilde, den Gedanken in beſtimmte Formen faßt, damit er in denſelben angeſchant werde. Das geiſtige Element, der ſchöne Gedanke oder die Idee, iſt auch in der Poeſie die Hauptſache, doch muß die Seele auch in einem ſchönen Leibe wohnen, das Gedicht in eine der Idee angemeſſene Sprache eingekleidet werden. Der Dichter muß goldne Aepfel in ſilbernen Schaalen bieten. Vergl. weiter Nr. 318, 1. 3. 4. In der Poeſie werden alſo ſchöne Gedanken in ſchöner Sprache ausgedrückt*), wie in der Kunſt überhaupt das Schöne und Tiefempfundene durch freie geiſtige Selbſtthätigkeit des Künſtlers Leben und Geſtaltung gewinnt. Weiter über das Weſen der Poeſie zu ſprechen, geht hier nicht an, da zum Verſtändniß desſelben ſchon eine gereiftere Bildung und genauere Kenntniß der beſten poetiſchen Kunſtwerke, wie der Kunſt überhaupt gehört. Hier handelts ſich alſo zunächſt um Form und Eintheilung der Poeſie, was ſich unter folgenden Abſchnitten kurz zuſammen⸗ ſtellen läßt: 1) Dichteriſche bildliche Redensarten oder poetiſche Figuren.— 2) Silbenmaß(Proſodie).— 3) Metrik. a) Versfüße. b) Reim. c) Versarten und Strophen.— 4) Arten der Poeſie. 1 Dichteriſche Redensarten oder petiſche Figuren. §. 4. Poeſie iſt eine höhere ideale Weltanſchauung; es muß ſich darum auch die Sprache, die ja nur das Gewand der poetiſchen Anſchauungsweiſe iſt, eigenthümlich darnach geſtalten. Der Dichter ſchaut in den Dingen und Ereig⸗ niſſen meiſt eine höhere Beziehung, eine Idee; ſie ſind ihm Bilder für höhre Gedanken. Die poetiſche Darſtellungs⸗ oder Ausdrucksweiſe wird deßhalb beſon⸗ ders eine bildliche oder figürliche. Unſere Sprache iſt wunderbar reich an Bildern— ein Zeugniß von der tiefen Poeſie des deutſchen Geiſtes— und wir gebrauchen täglich ſolche Ausdrücke, ohne daran zu denken, daß es pvetiſche Bilder ſind, z. B.„Die Sonne lacht ſo freundlich“,„Der Garten blüht und duftet“, „Die Tage fliegen nur ſo dahin“,„Die Natur iſt wieder erwacht“ ꝛc. Von dieſen Figuren kann hier füglich abgeſehen werden; denn, allgemein gebraucht, werden ſie auch allgemein verſtanden. Wir befaſſen uns hier alſo nur kurz mit Per⸗ ſonification, Metapher, Allegorie, Gleichniß(Parabel. §. 5. Die Perſonification(Proſopopöie bei den Griechen) iſt die Ein⸗ kleidung eines unperſönlichen Gegenſtandes, eines lebloſen Dinges oder abſtracten *) Die Porſie iſt aber nicht die einzige Kunſt, in der das Geiſtigſchöne in die ſinnliche Erſcheinung tritt; denn die Verſchiedenheit der Mittel, durch welche das Schöne dargeſtellt wird, erzeugt die verſchiedenen ſchönen oder freien Künſte, nämlich noch: Muſik, Malerei, Baukunſt(Architektur) und Bild⸗ hauerei(Seulptur). Sie ſind nur durch die Organe der beiden Idealſinne(Geſicht und Gehör) erfaßbar⸗ inſofern ſie bildende oder tönende Künſte ſind, während die Peſie mehr die Kunſt des innern Sinnes iſt Begriffes in lebende, ſelbſtbewußte, freidenkende und freihandelnde Weſen. 15. 110. 111 117 22 139 §. 6. Die Metapher iſt die Vertauſchung eines gewöhnlichen Ausdrucks mit einem bildlichen. Aus dem Bild wird die Bedeutung von ſelbſt klar und der Gedanke wird dadurch belebt und veranſchaulicht, z. B. Wunde für Verluſt, Schmerz, Kränkung.„Verſchwende nicht die Pfeile deiner Angen, deiner Zunge“ (Schiller). 13. 91 Str. 2. 119. 121. §. 7. Die Allegorie iſt eine weiter ausgeführte Metapher. So vergleicht z. B. Aſſaph im 80. Pſalm Iſrael ſo ſchön mit eiuem Weinſtock:„Du haſt einen Weinſtock aus Egypten geholt und haſt vertrieben die Heiden und denſelben ge⸗ pflanzet. Du haſt vor ihn die Bahn gemacht und ihn laſſen einwurzeln, daß er das Land erfüllt hat. Berge ſind mit ſeinem Schatten bedeckt und mit ſeinen Reben die Zedern Gottes. Du haſt ſein Gewächs ausgebreitet bis an das Meer und ſeine Zweige bis an das Waſſer“ ꝛc. Oft werden höhere Wahrheiten alle⸗ goriſch ausgedrückt und dann tritt die Allegorie als beſonderes Gedicht auf. 116. 147. §. 8. Das Gleichniß iſt eine Vergleichung, in der Bild und Gegenbild klar neben einander geſtellt werden. Um einen zu erläuternden Begriff anſchau⸗ licher zu machen, ſetzt es meiſt ein ſinnliches Bild daneben. 51. 148. 232. 237, Str. 5. 238, Str. 5. Reich an ſchönen Gleichniſſen iſt Homer; unter den deutſchen Dichtern faſt überreich Jean Paul. Das Gleichniß kann auch als beſondres Gedicht auftreten, und dient dann zur Veranſchaulichung einer höhern Wahrheit. In ſolchem Falle heißt es Para⸗ bel. Dieſe verhält ſich zum Gleichniß ungefähr ebenſo, wie die Allegorie zur Metapher. 116. 164. 300. Während die Allegorie meiſt ganz fingirte Perſonen und perſonificirte Begriffe(Tugend, Laſter, Weisheit ꝛc.) handelnd vorführt, greift die Parabel ihre Stoffe aus der Wirklichkeit, aus dem Leben. Die herr⸗ lichſten Parabeln finden ſich in der Bibel, namentlich im Neuen Teſtament, z. B. das Gleichniß„von den Arbeitern im Weinberg“,„vom verlornen Sohn“,„vom Säemann“,„vom reichen Mann und armen Lazarus“,„von dem barmherzigen Samariter“ ꝛc. §. 9. Schließlich wird noch bemerkt, daß die poetiſche Sprachweiſe(Dietion) ſich mancher ungewöhnlichen, beſonders alterthümlichen Wörter, ſowie mancher eigenthümlichen Wortſtellungen bedient, die in der Proſa nicht gebraucht werden dürfen. Solche Freiheiten im poetiſchen Ausdruck nennt man dichteriſche Frei⸗ heiten oder poetiſche Licenzen(lcemtia poötica). II. Silbenmeſſung oder Proſodik. §. 10. In jeder Sprache haben die verſchiedenen Silben ſowohl nach ihrem körperlichen, als auch geiſtigen Gehalte verſchiedene Geltung. Sie ſind lang, kurz und mittelzeitig, oder ſchwer(vollbetonth, leicht(tonlos) und mitteltonig. Durch die nach den Geſetzen des Wohlklangs geordnete Abwechs⸗ lung ſolcher Silben gibt es die poetiſche Bewegung der Sprache oder den *) Die angeführten Nummern weiſen ſtets auf die Gedichte der vorſtehenden Sammlung hin. 20* 308 Rhythmus. Dieſes abgezählte Zeitmaß nach der Bewegung iſt bemerkbar beim Pulſe fürs Gefühl, beim Tanz fürs Auge, bei Muſik und Sprache fürs Ohr, beim Pendel der Uhr für Ange und Ohr. §. 11. Die Griechen haben ihre Silben ganz ſtrenge nach ihren Buchſtaben gemeſſen, nach der natürlichen Länge der Vocale und nach der Poſition, d. i. der Zahl der mit einem kurzen Vocale verbundenen Conſonanten. Nach der Länge der Zeit, die man zur Ausſprache der Silben bedurfte, unterſchied man auch, wie oben erwähnt, lange, kurze und mittelzeitige Silben, welch letztere nach Umſtänden kurz oder lang ſein können. Zwei Kürzen gehen auf eine Länge. Das Maß der Kürze iſt Grundeinheit des Silbenmaßes und wird Zeit (mora) oder Zeittheilchen genannt. Das Zeichen für lang iſt ein Querſtrich — linea), für kurz ein nach oben geöffneter Halbkreis(— virgula), für mittel⸗ zeitig die Vereinigung beider Zeichen(S). Durch ſo feſtbeſtimmte Regeln ent⸗ ſtand jener ſichere, kunſtreiche, mannigfaltige Rhythmenſchwung, den wir an den griechiſchen Dichtungen bewundern. Die Römer folgten den Griechen nach. Da es bei den Römern und Griechen auf das Maß, die Quantität der Silben ankommt, ſo nennt man dieſe Sprachen und deren Rhythmus quantitirend. Nicht ſo iſt es in der deutſchen Sprache. Hier iſt es die innere Geltung, die Qualität, der Ton oder Accent, weßhalb ſie auch eine accentuirende Sprache mit accentuirendem Rhythmus iſt und man von accentuir⸗ ten(vollbetonten), accentloſen(unbetonten) und mitteltonigen(die nach umſtänden betont und tonlos ſein können) Silben ſpricht. Die Zeichen der Alten hat man im Deutſchen beibehalten. §. 12. 1) Lang Colltonig) ſind: a) Die einſilbigen Begriffswörter mit weniger Ausnahme, z. B. Hand, kalt, ſchläft, dein, fünf ꝛc. b) Die Stammſilben in mehrſilbigen Wörtern(auch wenn der Ton nicht auf ihnen ruht), z. B. Bruder, Tugend, bitter, lieben, goldgelb, Kriegsmacht, Vaterhaus, Flötenklänge, hochachten, unge⸗ mein, jemals ꝛc. c) Die Accentſilben, welche die Bedeutung eines Wortes weſentlich ändern, als: un, miß, z. B. U nheil, Un glück, Un recht, Mißgeſchick, Miß gunſt, Mißmuth. Ebenſo die Vorſilben: ant, ur, erz, all, vor, aus, z. B. Antwort, Antlitz, Urſprung, Urgebirg, Erz biſchof, Allmacht, Ausfall ꝛc. 4) Die Endſilben der Subſtantive ſind gewöhnlich lang, als: ſ chaft, thum, heit, keit, ling, lein, ſal, dann die der Adjective: los, bar, haft, ſam, ferner: mal, lings, fach. 2) Kurz(onlos) ſind: a) Alle Biegungsſilben der Begriffswörter, als: e, en, er, es, eſt, te, ſte ꝛc. b) Die meiſten Ableitungsſilben(Vor⸗ und Nachſilben), in denen e oder i die Voeale ſind, z. B. be, ge, er, ver, zer, ent, el, ig, ich, icht, iſch, lich, rich. 309 c) Die Artikel: der, die, das, dann das Pronomen es, zu vor dem Infinitiv, ſo, wenn es den Nachſatz beginnt, und endlich die Verhält⸗ nißwörter an, in, zu. Auch je, all und her in gewiſſen Zuſammen⸗ ſetzungen, z. B. jedoch, allhier, herbei ꝛc. 3) Mittelzeitig(mitteltonig) ſind die Fürwörter: ich, du, er, wir, ihr, ſie, man, ſich, wer, was; die Verhältnißwörter: mit, bei, vor, nach, von, um; ferner die einſilbigen Umſtands⸗ und Bindewörter: hier, da, ſehr, ſonſt, nun, bis, und, doch, auch, daß ꝛc. Verlangt es der Sinn, ſo können ſie auch als ſchwere Silben gelten. Die Mittel⸗ zeit verliert neben einer Länge und gewinnt zwiſchen zwei Kürzen an Kraft. III. Die Metrik oder die Lehre vom Versbau. a) Versfüße. 8. 13. Die Welt, ſei es die innere oder äußere, kann poetiſch erfaßt und geſchildert werden in ungebn ndner Rede oder Proſa. Das wahrhaft ſchöne oder äſthetiſche Gewand aber, in welches ein ſchöner gehaltvoller Stoff gekleidet wird, iſt die gebundne Rede, der Vers, die Sprache der Poeſie, die an beſtimmte rhythmiſche Formen gebunden iſt. Durch die wohlklingende Verbindung langer und kurzer, oder accentuirter und aeccentloſer Silben entſtehen poetiſche Tacte, Füße, Versfüße oder Versglieder. Man ſagt Füße, weil in der Poeſie, wie in der Muſik die Abſtände der Hebungen durch einen Schlag mit der Hand oder durch Auftreten mit dem Fuße angedeutet werden. Das Geſetz über die künſtliche Aufeinanderfolge der Füße heißt das Versmaß oder Metrum, das in der Metrik oder Versmaßkunde(Verslehre) gelehrt wird. Es ertheilt der ppetiſchen Rede eine in der Zeit geregelte fortſchreitende Bewegung, welche, tönend und klangvoll, Rhythmus heißt. Einzelne Versfüße, die zu einer Reihe verbunden werden, bilden einen Vers*) und mehrere Verſe oder Zeilen bilden ein Versgefüge oder eine Strophe, deren Bildung die Strophik lehrt. §. 14. Jeder Versfuß hat eine Hebung oder Arſis und eine Senkung oder Theſis des Tons. Die Arſis ſoll immer auf einer betonten Silbe ruhn, die Theſis kann auch auf mitteltonige und tonloſe Silben fallen. Dieſe wird gewöhnlich nicht bezeichnet, jene aber durch den ſcharfen Accent angedeutet, z. B. ₰ ₰ ſchwellende, Thäten, Geſäng. Die Versfüße können aus 2, 3 oder 4 Silben beſtehen. Es gibt ſo viele Versfüße, als ſich 2— 4 accentuirte und accentloſe(lange und kurze) Silben verbinden und wechſeln laſſen; alſo 4 zwei⸗, 8 drei⸗ und 16 vierſilbige. 8. 15. Die gebräuchlichſten Versfüße ſind: 1) Der Jambus(——); Beiſp.: von Kleiſt, Horaz, Virgil, Veſuv, Homer, Gewölk, die Nacht, bereift. *) Im Kirchenliede nennt man vſt Vers, was eine Strophe iſt, indem man ſagt: Liedervers, Geſangbuchvers; ſelbſt in der Proſa iſt das Wort gebräuchlich: Bibelverſe. . 310 2) Der Trochäus oder Ghoröns(——), der in Chören ge⸗ braucht wurde: Gvethe, Schiller, Hölty, Bürger, Rückert, Heine, Geibel, Tugend, Mutter, ſingen, beten, herzlich. 3) Der Spondöus(——), den die Griechen ſeiner Würde we⸗ gen vorzüglich bei der Opferweihe in Weihgeſängen anwandten. Deutſche Dichternamen: Hans Sachs, Gerhard, Klopſtock, Wie⸗ land, Leſſing, Uhland, Lenau; ferner: Humboldt, Waldſtrom, frohlockt, greift an. 4) Der Dactylus(———) hat ſeinen Namen Dactylus oder der Finger wohl deßhalb erhalten, weil beim Finger auch auf ein längeres Glied zwei kürzere Glieder folgen. Beiſp.: Dac⸗ tylus, Romulus, Oſſian, Mörike, liebliche. 5) Der Anapäſt(———) iſt gleichſam ein zurückſchlagender Dactylus: Amaranth, Anapäſt, Syrakus, in die Nacht. 6) Der Amphimäker(———) heißt auch Kretikus, weil nach dem Zeugniſſe des Quintilian die Kreter ſich ſeiner ſo häufig bedienten. Eſchenbach, Frauenlob, Schenkendorf, Eichen⸗ dorff, Immermann, Freiligrath, Blumenflor, angenehm. 7) Der Amphibrächys oder Skolius(———): von Haller, von Gvethe, von Schiller, Novalis, Gedanke, erhalten. 8) Der Choriambus(————) ein Choreus und Jambus: Reineke Fuchs, Waffengeklirr, wonneberauſcht, Minnegeſang. Anmerkung. Weitere Versfüße ſind: 9) der Pyrrhichins(——). Die deutſche Sprache, als eine accentuirende, hat keine pyrrhichiſchen Wörter. Der Fuß findet ſich darum nur in mehrſilbigen Wörtern: flüchtige, eilende. 10 Der Moloſſus(———), von den Moloſſern, einem epirotiſchen Volke ſehr geliebt,— Dampfſchifffahrt, Schauſpielhaus, Weihrauchfaß. 11) Der Tri⸗ brachys(———): herzlichere. 12) Der Bacchius(———) kam häufig in den dem Bacchus zu Ehren geſungenen Dithyramben vor: von Stolberg, das Schlachtfeld, Gebirgsluft. 13) Der Anti⸗ od. Palim⸗Bacchius(———: Blumauer, Meerwaſſer, Sturmwinde, anbeten. 14) Der Dijambus oder Doppeljambus(————): von Hagedorn, von Hardenberg, Gewitterluft, die Woge ſchäumt. 15) Der Ditrochäus(————): Ofterdingen, Koſegarten, Fallersleben, Haideſchenke, roſenfarben. 16) Diſpondeus(————). 17) Der Dipyrrhichius oder Proceleusmatikns(————)t freundſlicheres Geſſicht. 18) Der Antiſpäſtus(————) ein Jambus und Trochäus: Gewürzinſeln, Gewalthaber. 19) Der ſteigende Jonikus oder Jonicus à minöri(————): die Gefühlswelt, das Geſangbuch. 20) Der ſinkende Jonikus oder Jonicus a mzjöri(————): Dreifaltiger, Ehrwürdiger. Die beiden Joniker waren bei den Joniern ſehr beliebt. Außer dieſen ſind noch die 4 Päone(Tänzer) und die 4 Epitrite(Dreiſchlag). Dort ſind es 3 Kürzen und 1 Länge und die Versfüße werden nach dem Stand der Länge genannt; hier ſind es 3 Längen und 1 Kürze und die Füße werden nach dem Stand der Kürze benannt; alſo: 21) Der erſte Päon(————) Virgilius, Berlichingen. 22) Der zweite Päon(————): Heſekiel, Semiramis. 23) Der dritte 311 Päon(————): Zachariä, Samaria, Zedekias, Nehemias. 24) Der vierte Päon(————): Peloponnes, Sardanapal. 25) Der erſte Epitrit(————) ein Jambus⸗Spondeus: gegrüßt ſeiſt dn, der Weinſtock blüht. 26) Der zweite Epitrit(————), ein Trochäus⸗Spondeus: Droſte⸗Hülshof, Pückler⸗Muskau, Ehrenbreitſtein, Sonnenaufgang. 27) Der dritte Epitrit(————), ein Spondeus⸗Jambus, Friedrich von Spee, Rheingrafenſtein, laut heult der Sturm. 28) Der vierte Epitrit(————0, ein Spondeus⸗Trochäus: Epheuranke, Meerſchaumpfeife, Herbſtzeitloſe. h) Reim. §. 16. Der alten Poeſie der Griechen und Römer war der Reim fremd. Die älteſten Gedichte der Chineſen, Inder und Araber aber ſind gereimt. Da nun unſere deutſche Sprache(wie die Italiſche, Franzöſiſche u. A.) zu den accen⸗ tuirenden Sprachen gehört, ſo ruht auch unſer ganzer Versbau heute noch auf dem Accent,(der Betonung), dem man noch durch den Gleichklang oder Reim zu Hilfe kam, der zum innern Weſen unſerer Sprache gehört und nicht bloß etwas äußerlich Herbeigebrachtes iſt. Die Volksſprache neigt in vielen ſprichwört⸗ lichen Redensarten entſchieden zum Gleichklang hin, z. B. Gut und Blut, Sack und Pack, Rath und That, Stein und Bein, Knall und Fall, Sang und Klang, Lug und Trug, Saft und Kraft, Saus und Braus, Dach und Fach, weit und breit, ſchlecht und recht, ſchalten und walten, heute roth, morgen todt; mitge⸗ gangen, mitgehangen ꝛc. Klopſtock, der die Versarten der Alten nachbildete, ſuchte den Reim zu ver⸗ bannen, welcher bis dahin den deutſchen Dichtern, wie den übrigen europäiſchen Völkern unentbehrlich war*). Er haßte ihn als einen böſen Geiſt mit plumpem Wörtergepolter, ſchalt ihn einen ſchmetternden Trommelſchlag und gebrauchte ihn blos im geiſtlichen Liede. Dieſer Irrthum erklärt ſich durch die Zeit, die ge⸗ ſchmackloſe Reimereien für Poeſie gelten ließ. Goethe dagegen ſagt:„Laßt die Reime lieblich fließen“ und Claudins meint„bei dem Reimen würde es uns zu Muthe als ob wir im Waſſer gingen und die Wellen uns an die Lenden ſpülten.“ §. 17. In den älteſten Zeiten bildete der Deutſche den Vers durch die bedeutſamſten Wörter. Dieſe Träger des Verſes nannte man Liedſtäbe, die durch gleiche Anfangsbuchſtaben miteinander correſpondirten. Die Zeile ruhte auf 3 Liedſtäben, weshalb man dieſe Versform auch Alliteration oder Stabreim hieß. Es hat ſich dieſe älteſte, freilich unvollkommenſte Reimform oder Art des Gleichklangs bis ins 9te Jahrhundert erhalten. Da die regelmäßig als Anfangs⸗ buchſtaben mehrerer Wörter innerhalb der Verſe wiederkehrenden Laute meiſt gleiche oder gleichlautende Conſonanten(öfters aber auch Vocale**) ſind, ſo nennt man dieſen Reim auch conſonantiſchen Gleichklang. Es hat ſich derſelbe noch in vielen volksthümlichen Redensarten erhalten, z. B. Mann und Maus, *) Die Feinde des Reims nannten denſelben einen Wortkerker, ein Gedankengefängniß; die Freunde vesſelben aber erklärten ein reimloſes Gedicht als etwas Ungereimtes.— **) 85 manag uuislik uuord endi giuuit mikil— aftar an aldre? it if unc al ti lat—(Héliand). uueròs uuärun uuißes an nuahtu, d. j. die Männer waren auf der Wacht der Roſſe, hüteten die Pferde. rinvos thes rikien sätun an rönan, d. i. die Männer des Mächtigen(Königs) ſaßen zu Rathe. Vgl. Vilmar.) 342 Leib und Leben, Schutz und Schirm, Wohl und Wehe, Stock und Stein, Himmel und Hölle, Haut und Haar, Zittern und Zagen, Haus und Hof, Schimpf und Schande, Wind und Wetter, Stumpf und Stiel, Land und Leute, Kind und Kegel, Herz und Hand, gäng und gäbe, niet⸗ und nagelfeſt, frank und frei, bitter und böſe, ſammt und ſonders ꝛc. Auch neuere Dichter gebrauchen den Stabreim noch, um dem Verſe eine beſondere Färbung zu geben: Wohl ſchwellen die Waſſer, wohl hebet ſich Wind; Doch Winde verwehen und Waſſer verrinnt ꝛc.(Bürger.) Weit im Weinberg wohnen zwei Schweſtern: Kühn zwei Klingen zwiſchen Klippen ſtarren. Wenn die Schweſtern wohnen wirthlich an einem Herd, Wenn die Klingen klirren kräftig in einer Hand ꝛc.(Fouqué.) Wo Liebe lebt und labt iſt lieb das Leben.(Friedr. v. Schlegel.) All dieſes Lied, mein Leiden, und mein Lieben.(E. Schulze.) Manche Tugend mag er miſſen.(Bürger.) Und er floh und fluchte im Fliehen.(Klopſtock.) Roland der Rieſ, am Rathhaus zu Bremen, Steht er ein Standbild ſtandhaft und wacht, Roland der Rieſ, am Rathhaus zu Bremen, Kämpfer einſt Kaiſers Karl in der Schlacht. Roland der Rieſ, am Rathhaus zu Bremen, Männlich die Mark einſt hütend mit Macht ꝛc.(Friedr. Rückert.) §. 18. Näher dem eigentlichen Reim kommt ſchon der vocaliſche Gleich⸗ klang, auch Anklang, Stimmreim oder Aſſonanz genannt. Er beſteht in der Wiederholung und Hervorhebung übereinſtimmender Vocale in verſchiedenen Wörtern, in der Mitte, beſonders aber am Ende der Verſe. In dem Gedicht: „Barbaroſſa“ bedient ſich Rückert öfters der bloßen Aſſonanz, anſtatt des End⸗ reims, z. B. Flachſe⸗ gewachſen; geſtorben⸗ verborgen; Raben⸗ ſchlafen ꝛc. Uhland hat durch die ganze„Romanze vom kleinen Däumling“ als Reim nur das aſſonirende an, in poſaunt⸗ſtaunen, granſen⸗ſausten ꝛc. Wie meine Burg dort glänzend glorreich oben thront, Der Väter Denkmal ſonſt Alarcos Stolz; Die nun als Wohnſitz grauſen Unheils mich bedroht! ꝛc.—(F. v. Schlegel.) In Volksliedern vertritt der Stimmreim*) ſehr oft die Stelle des eigent⸗ lichen Reims. §. 19. Unter Reim in engerer Bedeutung verſteht man den Endreim, Vollreim oder die Conſonanz. Er vereiuigt die beiden vorher genannten Reimarten, indem er ein durch Vocale und Conſonanten bewirkter Gleichklang einer oder mehrerer Silben iſt**). Der Reim kann nur durch vollbetonte Silben *) Die vocalreiche ſpaniſche Sprache eignet ſich vorzüglich zur Aſſonanz, weil auch in den End⸗ ſilben die Vocale a o u rein und voll austönen, ſo in der Romanze von Don Triſtan das a, z. B. volada, oseva, asta, alma, sanalla, rezada ꝛt.— Auch in dem althochdeutſchen Lubwigsliede iſt ſie volltönend: lonot(ſohnet), dionot(bienet), vranconon(Franken), frono(Frohne) ꝛc.—*) Durch häufige An⸗ 313 gebildet werden, die darum auch reimbildende Silben heißen, z. B. Stein, Bein; Kamm, Lamm; leicht, ſchleicht; zählt, wählt ꝛc. Die tonloſen Silben find nur mitbildend und können allein nicht reimen, ſo e und es in Warte, Scharte; Landes, Bandes ꝛe. In Welle, Saale, Kleides, Randes reimen ſie nicht, obwohl ihnen reimbildende Silben voranſtehen. Die Silbe lich iſt in ſündlich, gründlich, ſtündlich ꝛc. mitbildend und leicht; iſt ſie aber reim bildend wie in jugendliche, abendliche ꝛc., dann iſt ſie volltonig. §. 20. Nach der Zahl der Silben, über welche ſich der Reim erſtreckt, gibt es ein⸗, zwei⸗ und dreiſilbige Reime. Der einſilbige oder ſtumpfe Reim darf nur auf ſchwere Silben fallen: Keim, Reim, Leim, Seim; Nacht, Wacht, Schlacht, Macht; harrt, ſtarrt, knarrt; entrann, begann, Geſang, erklang; weich, reich, Teich ꝛc. Da dieſer Reim beſonders kräftig iſt, ſo heißt er auch männlich. Die zweiſilbigen ſind entweder durch Trochäen gebildet und heißen dann klingende(trochäiſche) und wegen ihrer großen Weichheit auch weibliche, z. B. Bäume, Träume; beben, leben; neigen, zeigen ꝛc.; oder ſie ſind von Spondeen gebildet und heißen ſchwebende(ſpondöiſche), z. B. Lebr⸗ ſtand, Wehrſtand; Kriegslied, Siegslied; ehrlos, wehrlos; Wahrheit, Klarheit ꝛc. Dieſe kommen ſelten vor. Der dreiſilbige oder gleitende Reim iſt meiſt durch Dactylen gebildet und heißt darum auch wohl dactyliſcher Reim. Wie der ſtumpfe Reim der älteſte iſt, ſo iſt dieſer der jüngſte. Dactyliſche Reimwörter ſind: lebende, ſchwebende; fliegende, ſiegende, wiegende, ſchmiegende; weichliche, reichliche; witzige, ſpitzige; waltete, ſchaltete, faltete?c. In Nr. 67: Sterb⸗ lichen, erblichen, verderblichen; ſpeiſenden, preiſenden, reiſenden ꝛc. §. 21. Ein Haupterforderniß des Reims iſt die Reinheit oder der voll⸗ kommene Gleichklang desſelben, z. B. Loos, Moos; mild, wild; ſtarb, warb; Bitte, Sitte; Seide, Weide; ſingen, klingen; ſcheiden, meiden ꝛc. Unrein oder fehlerhaft iſt der Reim, wenn man reine und getrübte, gedehnte und geſchärfte Vocale, harte und weiche Conſonanten und Silben von verſchiedner Betonung aufeinander reimt, z. B. See, Höh; Reime, Bäume; reiten, läuten; Feind, Freund; hart, Bart; kann, Kahn; füllen, fühlen; Dank, Gang; keck, weg; Kranz, Gans; Seite, Leide; Dichter, ſpricht er; Treiber, treib er; Krieger, ſicher ꝛc. ꝛc. Fehlerhaft ſind auch die angehäuften harten Conſonanten, wie die harten Zuſam⸗ menziehungen: dampfſt, ſtampfſt; blitzts, ſchwitzts; Karrn, Narrn. §. 22. Im 13ten Jahrhundert kam faſt nirgends ein unreiner Reim vor; im 18ten und 19ten aber haben ſelbſt die größten Klaſſiker, Goethe und Schiller, ſehr oft gegen die Reinheit des Reims Verſtöße gemacht. Goethe ſagt: „Ein reiner Reim wird wohl begehrt, Doch den Gedanken rein zu haben, Die edelſte von allen Gaben: Das iſt mir alle Reime werth.“ Aber auch ſolche Auctoritäten, ſagt J. Grimm, dürfen ein feines Ohr nicht beſtechen. Es iſt vielmehr bezeichnend für die laxe metriſche Ausbildung ihrer Zeit, wendung mannichfacher Reime wurden Reimlerica(Zuſammenſtellungen aller im Nationalſprachſchatze ent⸗ haltenen Reimwörter) nöthig. Die Italier, Spanier, Franzoſen und Ungarn haben ihre Reimlexica. Das „Allgemeine deutſche Reimlerikon“ Geipzig 1826) verdrängte die früheren deutſchen Reimlerika. 314 daß ſie oft ſo fehlerhaft gereimt und ſcandirt haben. Platen, der in Bezug auf Reinheit und Schönheit der Sprache und des Rhythmus alle dentſchen Dichter übertrifft, war auch durch ſeine Reimkeuſchheit(vgl. Nr. 260. 264.) von außerordent⸗ lichem und nachhaltigem Einfluß auf die Poeſie der Gegenwart, wie eine Ver⸗ gleichung der vor und nach 1830 erſchienenen Gedichte augenfällig beweist. Er ſelbſt ſagt:„Man wird dem Dichter eine Freiheit, die er mäßig gebraucht, um ſo mehr geſtatten, wenn er in ſeinen Werken immer die ſtrengſte Reinheit des Reims beobachtet, weßhalb es auch künftig hin kein wirklicher Dichter mehr wagen wird, die verſchiedenſten Töne ä auf ö, i auf ün. dgl. zu reimen, eine Barbarei, wovon in den alten Helden⸗ und Minneliedern keine Spur iſt.— Da ſchon früher durch Rückert in ſeinen lyriſchen Werken Formen be⸗ handelt wurden, die einen kunſtvollen, vielfachen Reim erfordern: ſo fällt die bekannte Ausrede von der Reimarmuth der deutſchen Sprache ohnedem, wenig⸗ ſtens was den Reim betrifft, weg, und blos die Armuth bleibt als Prädikat für ungeſchickte Dichter übrig.“ §. 23. Die Reimworte ſtehen meiſt am Ende der Verſe und müſſen wo möglich auch von beſonderer Bedeutung für den Gedanken ſein; doch kommen auch Reime innerhalb der Verſe vor und heißen Ketten⸗ und Binnenreime. Sie bringen eine maleriſche Wirkung hervor. Beim Kettenreim findet das End⸗ wort eines Verſes ſeinen Reim in der Mitte des folgenden Verſes. Z. B. Wenn langſam Welle ſich an Welle ſchließet, Im breiten Bette fließet ſtill das Leben, Wird jeder Wunſch verſchweben in den einen: Nichts ſoll des Daſeins reinen Fluß dir ſtören: ꝛc. Fr. v. Schlegel.) Beim Binnenreim iſt gewöhnlich auch der Endreim, außerdem reimen aber auch noch die Wörter in der Mitte aufeinanderfolgender Verſe. Nr. 299. Bürger vereint in folgender Stelle ſeines„Hohen Liedes“ glücklich Alliterativn und Vollreim: „Wonne weht von Thal und Hügel, Weht von Flur und Wieſenplan, Weht vom glatten Waſſerſpiegel, Wonne weht mit weichem Flügel Des Piloten Wange an. ꝛc.“ In folgenden Gedichtſtellen ſind noch Binnen⸗ und Stimmreime zum Stab⸗ und Vollreim getreten: Da pfeift es und geigt es und klinget und klirrt, Da ringelts und ſchleift es und rauſchet und wirrt, Da piſperts und kniſterts und fliſterts und ſchwirrt zc.— Nun dappelts und rappelts und klapperts im Saal— Das toſet und koſet ſo lange ꝛc.— Trompeten und klingender, ſingender Schall, Und Wagen und Reiter und bräutlicher Schwall, Sie kommen und zeigen und neigen ſich all. ꝛc.(W. v. Gvethe.) Es ſauſet und branſet das Tambourin, Es raſſeln und praſſeln die Schellen darin. 315 Die Becken hell flimmern von tönenden Schimmern; Uum Sing und um Sang, um Kling und um Klang Schweifen die Pfeifen und greifen ans Herz e.(Cl. Brentano.) Fetzt kribbelts, krabbelts, wirrt und ſchwirrts, Jetzt kniſterts, raſchelts, piept es, girrts, Jetzt ſummts und brummts wie Mott und Unken.(Otto Roquette.) §. 24. Der Engländer hat faſt nur männliche Reime, der Italier und Spanier faſt nur weibliche; der Deutſche aber wendet den einen oder den andern ausſchließlich, oder was häufiger iſt, beide zugleich an, wie es der Charakter der Dichtung verlangt. Gedichte mit bloß männlichen Reimen ſind: das Nibelungen⸗ lied, dann die Nr. 20. 37. 50. 70. 73. 115. 1404 152. 159. 160. 171. 175. 177. 180. 184. 190. 198. 200. 201. 203. 205. 206. 207. 208. 223. 240. 245. 247. 249. 255. 258. 261, mit bloß weiblichen: 71. 79. 114. 116. 155. 163. 165. 178. 197. 260. Durch eine gehörige Abwechslung männlicher und weiblicher Reime wird der Wohllaut weſentlich gefördert: 5. 9. 10. 11. 12. 13. 1 5 16. 17. 18. 19. 21. 22. 23. 25. 29. 30. Reimloſe Verſe: 24. 26. 103. 128. 132. 137. 138. 139. 142. 145. 146. 147. 195. Reimverſe mit reimloſen wech⸗ ſelnd: 2. 90. 95. 118. 131. 162. 184. 186. 209. 215. 217. 222. 235. 237. 243. 248. 257. §. 25. Gewöhnlich ſind es 2 Endwörter, die reimen, doch können es auch 3 und mehr ſein. Die Reimfolge oder Reimſtellung bleibt dem Dichter überlaſſen; nur in den fremden Formen: im Sonett, der Oktave und Terzine ꝛc⸗ beſtehen ſtrenge Geſetze. Der deutſchen Sprache beſonders angemeſſen ſind un⸗ mittelbar aufeinander folgende Reime, die, wenn es je 2 ſind, gepaarte Reime oder Reimpaare heißen. Sie zeichnen ſich durch Faßlichkeit und Natürlichkeit aus und finden ſich beſonders im Nibelungenliede und in Nr. 100. 102. 106. 158(I.). 159. 160. 165. 177. 180. 189. 190. 201. 240. 247. 254. Man bezeichnet dieſe Reimſtellung durch zabb. Unterbrechen ſich die Reimverſe gegenſeitig, ſo entſteht die Reimverſchlingung. Die verſchlungenen Reime ſind wieder wechſelnd: abab, wie in 42. 58. 64. 73. 82. 85. 108. 111 2c. oder ſie ſind eingeſchloſſen: abba, wie in 124 und in den Quartetten des Sonetts: 168. 194 und in A. W. v. Schlegels Arion: „Er wandelt ſingend durch die Flur. Mit Lieb und Luſt geboren, Vergißt er, was verloren, Bleibt ihm der Freund, die Zither nur.“ Dichtungen, in denen mehrere Arten Reimſtellungen vorkommen, machen ganz beſonders wohlthuenden Eindruck, ſo Schlegels„Arion“, Schillers„Bürgſchaft“. §. 26. Endlich iſt noch die in manchen Gedichten am Schluſſe(oder auch Anfange und mitten in einer jeden Strophe) ſtehende Kehrzeile zu nennen, die auch Kehr⸗(Rund⸗reim oder Refrain heißt. Der Kehrreim iſt vor⸗ zugsweiſe den nordiſchen, ſcandinaviſchen Liedern eigen und findet ſich häufig in alten Volksliedern der Dänen und Schweden. Auch in deutſchen Gedichten be⸗ 316 gegnen wir öfters dem Kehrreim; ſo in Chamiſſos„Tragiſche Geſchichte“, wo er heißt:„Der Zopf der hängt ihm hinten“, in:„Die Sonne bringt es an den Tag“(Chamiſſo), in:„Lützows wilde Jagd“(Th. Körner). In Wilh. Müllers „Frühlingseinzug“ beginnt jede Strophe mit:„Die Fenſter auf, die Herzen auf!“ und ſchließt mit:„Geſchwinde, geſchwinde!“—„Hilf, Himmel, erbarme dich unſer!“ iſt der Refrain in:„Der alte Müller“(Chamiſſo). Ferner ſiehe Nr. 37 und 94 dieſes Buches. e) Versarten und Strophen. §. 27. Bei jedem Vers unterſcheidet man Form und Stoff. Die Form, die metriſche Beſtimmung des Rhythmus, nennt man Melodie oder Weiſe, die der Form untergelegten Worte aber Text. Wird von einem Verſe der Tert weggenommen, ſo bleibt die Form oder der Rhythmus in ſeiner metriſchen Be⸗ ſtimmung. Nach der Art ihrer Metra theilt man die Verſe ein in: jambiſche, trochäiſche, dactyliſche, anapäſtiſche, amphibrachiſche ꝛc. ſie geben dem Verſe einen eigenthümlichen Charakter und Namen. Sind die Füße gleich⸗ artig, ſo ſind die Verſe einfach, ſtnd ſie aber ungleichartig, dann ſind die Verſe gemiſcht. Nach der Zahl der Füße im Vers gibt es 2, 3⸗, 4⸗, 5⸗, 6⸗ vc. füßige jambiſche, trochäiſche ꝛc. Versmaße. §. 28. Sind alle Metra eines Verſes vollſtändig, ſo iſt es ein vollzähliger (akatalektiſcher); fehlen dem letzten Fuß 1 oder 2 Silben, ſo iſt er unvoll⸗ ſtändig(katalektiſch), hat er aber außer der vollen Zahl der Metra z. B. noch 1 Silbe mehr, ſo iſt er überzählig(hyperkatalektiſch) und die Silbe heißt eine überzählige oder überfließende.— Wird ein Vers unabhängig vom Ge⸗ dankenausdruck und Wort und Redeton nach ſeinen Versfüßen getheilt; ſo wird er ſcandirt. Nimmt man die Versfüße einzeln, ſo iſt die Scanſion ein⸗ füßig(monopodisch), ſchneidet man Doppelfüße ab, ſo iſt ſie zweifüßig (dipodisch).*) Dreiſilbige Füße werden meiſt einfüßig ſcandirt. Wortende und Ende des Versfußes können zuſammenfallen, es kann aber auch an gewiſſen Stellen das Wortende den Fuß ſchneiden, wodurch ein Einſchnitt, eine Cäſur (podiſche Cäſur) im Allgemeinen, entſteht, während man vorzugsweiſe und im gewöhnlichen Sinne unter rhythmiſcher Cäſur(Mittelruhe, Einſchnitt) die Pauſen verſteht, welche des Wortklangs wegen in längern Verſen eintreten. In Nr. 260 tritt ſie ein nach„lispeln“,„Antwort“ u. ſ. w. Folgt die Cäſur auf eine Lünge, dann iſt ſie männlich(ſiehe Nr. 247), auf eine Kürze, dann iſt ſie weiblich(ſiehe Nr. 299). 1) Der jambiſche Vers, welcher nebſt dem trochäiſchen im Deutſchen am häufigſten angewandt wird, weil faſt alle 2ſilbigen Wörter jambiſch oder trochäiſch ſind. Es gibt ſolche Vetſe von 1—8 Versfüßen, in denen auch Spondeen, Anapäſte und Dactylen mit Jamben abwechſeln können(23. 130. 253 26 i *) Im quantitirenden Rhothmus werden Jamben und Trochäen nach Doppelfüßen(Pipodien) ge⸗ meſſen, im accentuirenden nicht. 317 nachdem der poetiſch behandelte Gegenſtand ernſtere Haltung oder größere Leb⸗ haftigkeit verlangt*). Einfüßige Jamben ſind: Wie lebt, Wie bebt, Wie ſtrebt Das Herz in mir.(W. v. Gvethe.) Nr. 123 beſteht aus zweifüßigen, vollzähligen und überzähligen jambiſchen Verſen, deßgleichen„Gefunden“ von Gvethe, ebenſo beſteht Nr. 153 aus drei⸗ füßigen, Nr. 216, 230, 237, 241, 263 c. aus vierfüßigen. Der fünffüßige ungereimte jambiſche Vers(den Platen auch einen barbariſchen armſeligen Vers nennt, der hoffentlich bald aus unſerer Sprache verſchwinden werde) iſt durch Leſſing der herrſchende fürs deutſche Drama geworden**), z. B.: „Ans Vaterland, ans theure ſchließ dich an, Das halte, feſt mit deinem ganzen Herzen! Hier ſind die ſtarken Wurzeln deiner Kraft; Dort in der fremden Welt ſtehſt du allein, Ein ſchwankes Rohr, das jeder Sturm zerknickt.“(Fr. v. Schiller.) Ein eigener jambiſcher Vers iſt der Alexandriner, ein jambiſcher gereim⸗ ter Sechsfüßler, der in der Mitte(nach dem 3ten Fuße) eine ſtets an derſelben Stelle wiederkehrende Cäſur hat. Außer dem letzten Fuß können alle Jamben auch durch Spondeen vertreten ſein. Der vollzählige Alexandriner ſchließt mit einem ſtumpfen, der überzählige mit einem klingenden Reim. Dieſer Vers hat ſeinen Namen nach dem franzöſiſchen Dichter Alerander von Paris erhalten, der im 12. Jahrhundert in Verbindung mit einigen andern Dichtern ein erzäh⸗ lendes Gedicht:„Alexandre le Grand“(worunter der franzöſiſche König Philipp Auguſt gemeint ſein ſoll) in ſolchen Verſen abfaßte, durch welche im Epos der herviſche Hexameter und im Drama der Trimeter verdrängt wurde. Holland, Deutſchland und England ahmten bald den Franzoſen nach und es erlangte unter Opitz der Alexandriner faſt die unumſchränkte Herrſchaft in der deutſchen Kunſt⸗ poeſie, im Sonett, Epos, Drama ꝛc. Die Choräle:„O Gott, du frommer Gott, du Brunnguell aller Gaben“ c. und:„Nun danket Alle Gott, mit Herzen, Mund und Händen“ und vielen andern Kirchenliedern ſind ebenfalls Alexandriner. Klopſtock machte durch Einführung antiker Metra(des Hexameters) dem Reich des Alexandriners im Epos ein Ende, Leſſing ſetzte(wie das die Engländer ſchon vor ihm gethan) den fünffüßigen reimloſen Jambus an ſeine Stelle. Freiligrath *) Die Stellung des Spondeus iſt nach Platen nicht gleichgiltig: „Setzen ja die Jambenſchmierer, deren Vers den Vers zerſtört, Den Spondeus vft an Stellen, wo er gar nicht hingehört“. **) Der eigentliche dramatiſche Vers der Griechen und Römer war der ſechsfüßige jambiſche Vers, (Trimeter, Senär) den auch Gvethe, Schiller und Platen zuweilen anwandten: Montgomery(allein.) „Wo ſoll ich hinfliehn? Feinde rings umher und Tod! Hier der ergrimmte Feldherr, der mit drohndem Schwert Die Flucht verſperrend, uns dem Tod entgegen treibt.“ (Sthillers Jungfr. v. Orleans 11., 6.) 318 wollte dieſen ſteifen, klappernden Vers wieder zu Ehren bringen und wendete ihn häufig an(Nr. 259), ſchildert auch ſein Weſen in einem beſondern Gedicht; „Der Alexandriner“. Auch Rückert gebrauchte ihn in ſeiner„Evangelienharmonie“, in„Roſtem und Suhrab“, in der„Weisheit des Brahmanen“. Den achtfüßigen jambiſchen Vers behandelt Platen vortrefflich im„Harmoſan“(Nr. 247); auch. im rom. Oedipus, wo die Sphinx ſpricht: „So ſprang ich denn zu euch herab und kam ſo ziemlich gut davon; Doch wag ichs nicht euch anzuflehn, zu zollen mir ein Diſtichon! ꝛc.— 2) Der trochäiſche Vers kann 2— 8 Füße haben und gereimt oder reimlos, vollzählig oder unvollzählig, oder auch letztere untereinander wechſelnd ſein, z. B. zweifüßig: „Aus der Wolke Aus der Wolke Quillt der Segen, Ohne Wahl Strömt der Regen. Zuckt der Strahl.(Fr. v. Schiller.) In Nr. 213 kommen 2füßige Verſe mit mehrfüßigen verbunden vor. Nr. 181 beſteht aus dreifüßigen trochäiſchen Verſen, Nr. 64, 99, 118, 238, 266 ꝛc. aus vierfüßigen, Nr. 178 aus fünffüßigen, die ſechs- und ſiebenfüßigen ſind ſelten; achtfüßig ſind Nr. 100, 106, 249, 260, 298; auch„Der Renegat“ und „Bretagne“ v. Prutz. 3) Der Nibelungenvers hat ſeinen Namen von der großartigen echtdeutſchen Heldendichtung, dem Nibelungenlied(Nr. 288), das in dieſem Maße gedichtet iſt. Der Vers hat ſechs Hebungen(die Zahl der Senkungen war oft gleichgiltig) und wird durch die Cäſur halbirt. A. Grün charakteriſirt den reichen Wechſel der Rhythmen dieſes Verſes durch folgende Strophe: „Du Vers der Nibelungen, du biſt ein Meer, ein weites, Hier ruhts ſo glänzend, ſchweigend, dort brandend am Felſen aufſchreit es! Du biſt der Strom der Ebne, der breit ſich dehnt und reckt, Und biſt auch das Bächlein der Berge, das ſchäkernd mit Schaum⸗ diamanten uns neckt“. Dieſer ſchöne echtdeutſche Vers, welcher durch die reiche Mannigfaltigkeit ſeines Baues für den, der ihn zu leſen verſteht, die größte Harmonie hat, wird von den neuern und neueſten Dichtern fleißig angewandt. Platen ſchrieb nicht blos theoretiſch über den Rhythmus der Nibelungen, ſondern dichtete auch in dieſem Vers: „Euch künden will der Barde, vergnügt es euern Sinn, Das Lied von Hildegarde, der ſchönen Kaiſerin, Die König Karl, der hohe, zwar wider Wunſch verſtieß, Doch endlich ſie die Krone von Neuem tragen ließ“. ꝛc. Simrock führte zuerſt in ſeinem„Wieland der Schmied“ die alte Weiſe der Nibelungen durch: „Noch ſtand die Sonne niedrig, da fuhr zum grünen Wald Siegfried der junge; wie fröhlich ward er bald, 319 Als er im lichten Schleier die Bäume grünen ſah: Vor Freuden wollt er ſpringen, nicht wußt er, wie ihm geſchah. Er begann ein Lied zu ſingen: nach ſangs der Widerhall; Da ſchuf ein luſtig Ringen der ſtarken Stimme Schall. Bald freut ihn mehr zu lauſchen des Bächleins munterm Gang, Bald, wie ein wonnig Rauſchen durch alle Läuber ſich ſchwang. Von abertauſend Stimmen der Wald erfüllet war, Von Blüten ſummten Immen zu Blüten immerdar; Bald Adlersflügelſchläge, bald kleiner Vögel Lied, Bald Reh im Laube raſchelnd, bald Waſſervögel im Ried.“ ꝛc. Unſere Dichter behandeln den Nibelungenvers meiſt jambiſch; in älteren Dichtungen kommen auch Trochäen, Anapäſte und Dactylen vor. Vier Nibelungen⸗ verſe*) bilden die Helden⸗ oder Nibelungenſtrophe mit der Reimſtellung aabb. Die Reime ſind hauptſächlich männlich.(Nr. 201, 223, 240, 267, 269, 270, 273, 275, 281, 288, 290, 291.) In der Nibelungenſtrophe reimen ſich die Halbverſe zuweilen, wie Seite 231, oder wie: „Hab Dank, du tapſrer Degen und reit mit mir nach Haus, Daß wir uns gütlich pflegen nach dieſem harten Strauß“. „Wie auch ſo mancher Schnitter die Arme ſinken läßt, Wohl halten dieſe Ritter ein blutig Sichelfeſt“.(L. Uhland.) In Nr. 268 iſt die Nibelungenſtrophe in 8 Kurzzeilen aufgelöſt, die unter einander reimen. Die melodiſchen Maße der echten alten Volkslie⸗ der werden auch meiſt nur nach Hebungen gemeſſen: 4) Der dactyliſche Vers iſt in der deutſchen Sprache nicht ſo heimiſch wie der jambiſche und trochäiſche. Am häufigſten ſind der zweifüßige(Nr. 14 und 67) und der vierfüßige dactyliſche Vers: „Laſſet Gelehrte ſich zanken und ſtreiten, Streng und bedächtig die Lehrer auch ſein!“(W. v. Goethe.) „Seht wie die Tage ſich ſonnig verklären, Blau iſt der Himmel und grünend das Land.“(v. Salis.) „Ehret die Frauen, ſie flechten und weben Himmliſche Roſen ins irdiſche Leben“.(Fr. v. Schiller.) Fünffüßig iſt der Choral: „Lobet den Herren den mächtigen König der Ehren.“ Der Hexameter, herviſche oder epiſche Vers iſt ein dactyliſcher katalektiſcher Sechsfüßler, den die Alten ſo ſehr liebten, um die Thaten ihrer Helden zu beſingen, weßhalb man ein ſolches Gedicht auch ein heroiſches oder Hel⸗ dengedicht(Heldenepos) nannte. Zur Uebertragung gleichgemeſſener antiker *) Die zweite Hälfte des Aten Verſes hat 4 Hebungen, ausnahmsweiſe nur 3.— Die Gubrun⸗ ſtrophe folgt ganz denſelben Geſetzen, wie die Nibelungenſirvphe, nur reimen die 3. u. 4. Zeile klingend. 320 Gedichte iſt der Herameter der beſte Vers. Die Erzengniſſe deutſchen Geiſtes jedoch in dieſes Gewand zu kleiden, ſie über den Leiſten eines quantitirenden Versmaßes zu ſchlagen, das wird vielfach als ein Verkennen des rhythmiſchen Princips der deutſchen Sprache*) getadelt, andererſeits auch gelobt. Am meiſten wurde der Herameter im Deutſchen in epiſchen, idylliſchen und didactiſchen Dichtungen angewandt und immer ſich ſelber gleich: „Ob er zum Kampf des herviſchen Lieds unermüdlich ſich gürtet, Oder, der Weisheit voll, Lehrſprüche den Hörenden einprägt, Oder geſelliger Hirten Idyllien lieblich umflüſtert.“(A. W. v. Schlegel.) Die Grundform des Herameters beſteht aus 5 Dactylen(deren 4 erſte durch Spondeen vertreten werden können, indem der öte in der Regel ein Dactylus bleibt) und am Schluſſe aus einem Spondeus oder Trochäus. Zuweilen iſt der 5te Fuß ein Spondeus und der Hexameter iſt dann ein ſpondeiſcher. Statt der Spondeen ſetzen die Deutſchen öfters Trochäen, wodurch der Charakter des Herameters beeinträchtigt wird. Die Hauptcäſur fällt in den 3. Fuß, entweder nach der Länge, oder nach der erſten Kürze. Im 1. Fall iſt ſie männlich, im 2. weiblich. Das Schema des Hexameters iſt folgendes: „Zieht nicht] Roſen auch ihr, j friſch blühende! Flechten zu winden Um den eſtruriſchen! Kruglund die Scheitel der! Büſte von! Marmor. Habt nicht Tempel auch ihr!!, nicht ſchattige Gartenar kaden, Daß ihr uns dorthin ſpflanzt lhin die Nähe des ewigen Himmels, Jedem Be ſſchauer zur Luſt hl uns ſelbſt zur ſüßen Ge wohnheit?(v. Platen.) In Hexametern ſind gedichtet:„Hermann und Dorothea(Nr. 293), wovon Platen ſagt: „Holpricht iſt der Hexameter zwar; doch wird das Gedicht ſtets Bleiben der Stolz Deutſchlands, bleiben die Perle der Kunſt.“ Ferner„Reineke Fuchs“(v. Goethe),„Luiſe“(Voß),„Meſſias“(Klopſtoch, „Der Frühling“(v. Kleiſt),„Der 70. Geburtstag“(Voß) u. a. Ein anderes, ebenfalls antikes dactyliſches Versmaß iſt der Pentameter, der aus 2 Halb⸗ verſen von je 2 Dactylen und einer einzelnen Länge beſteht, nach welcher im erſten Halbverſe regelmäßig die Cäſur eintritt. Am Schluſſe des zweiten Halbverſes kann ſtatt der Länge auch eine Kürze ſtehn. Nur im erſten Halbvers dürfen die Dactylen mit Spondeen vertauſcht werden, im zweiten durchaus nicht. Das Schema iſt: „Fallſtaff! ſammt Shyllock, welch ein belwundertes! Paar“.(v. Platen.) „Ueber den blühenden Wein! ragen Cyſpreſſen em por“.(v. Platen.) *)„In majeſtätiſcher Ruhe, der Meerflut gleich, die Geſtirne des Himmels in ſich ſpiegelnd, wogt der guant. Heyameter bahin, aber trüb und unſtät wallend braust der accentuirte fort, unleidlich iſt ſein Rauſchen dem an reine Rhythmen gewöhnten Ohr.“(Schmitth.)— Platen erklärt ſich gegen den Gebrauch des Heyameters in Epen und will ihn bloß bei Gedichten geringern Umfangs angewandt wiſſen. Gervinus meint im Vorwort zu ſeiner Gudrun:„dies edle, dem Homer abgenommene Gewand ſei wie die koſtbarſte Beute im Tempel unſter Muſen aufgepflanzt worden“ 321 Allein kommt der Pentameter in Gedichten nicht vor. Meiſtens verbindet er ſich mit dem Hexameter zum elegiſchen Diſtichion. Nr. 1.) „Im Herameter ſteigt des Springquells flüſſige Säule; Im Pentameter drauf fällt ſie melodiſch herab.“(Schiller.) Das elegiſche Diſtichion findet in Epigrammen, Gnomen(Denkſprüchen) und in Elegien(Nr. 146) hauptfächlich ſeine Anwendung. Ein anderes antikes dac⸗ tyliſches Versmaß, das ins Deutſche übergegangen iſt, iſt der aus einem Dactylus und einem Trochäus gebildete adoniſche Vers—— 1—— alſo ein un⸗ vollzählig zweifüßiger, dactyliſcher Vers, z. B.: „Feiger Gedanken Aengſtliches Klagen Bängliches Schwanken, Wendet kein Elend, Weibiſches Zagen, Macht dich nicht frei“.(v. Gvethe.) „Liebliche Blume, Leiſer denn alle Biſt du ſo früh ſchon Blumen der Wieſe Wieder gekommen? Haſt du geſchlummert, Sei mir gegrüßet, Liebliche Blume, Primula veris! Primula veris! 2c.(Lenau.) 5) Der anapäſtiſche Vers kommt zwei⸗ bis achtfüßig vor. Längern Verſen darf die Cäſur nicht fehlen. Rein kommen anapäſtiſche Verſe ſelten vor; häufig ſind ſie mit Spondeen oder Jamben gemiſcht. Oft beginnen ſie auch mit einem Jambus, haben eine jambiſche Baſis. Platen hat die Anapäſte meiſterhaft behandelt.(Vergl. das einleitende Gedicht zur Literaturgeſchichte.) Er gebrauchte die Anapäſte namentlich im Dialog und in den Parabaſen ſeiner beiden Luſt⸗ ſpiele: der„verhängnißvollen Gabel“ und des„romantiſchen Oedipus“. Reine Anapäſte:% ₰—(Nr. 220.) „Und es wallſet und ſied let und brauſlet und ziſcht, Wie wenn Waſſſer mit Feuler ſich mengt.——“ „Und ein Arm und ein glänzſender Nacklen wird bloß, Und es rudſert mit Kraft! und mit emſligem Fleiß—“ „Da ergreifts lihm die Seelle mit Himmels gewalt, Und es blitzt! aus den Augſen ihm kühn ꝛc.(v. Schiller.) Anapäſte mit jambiſcher Baſis: „Der Thürmler der ſchaut!in Mittlen der Nacht ꝛc.(Nr. 215.) Achtfüßige Anapäſtverſe mit Spondeen untermengt: „Auf jelnem Gebirg, wo die Hoffinung wohnt! iſts ganz wie im Land der Schlarafflen Und der Bodſen wie Sammtſ und der Himſmel wie Glas und die Wolklen wie Flocklen von Purlpur.“— „Im Landle des Teut ſingt manchler Geſell ſſfrühreifſe Tragö dien äb] ſchon, Wenn müßſig der Stahl in dem Schacht noch ruht, l] der einſt! ſoll ſcheerlen den Flaum ihm.(v. Platen.) Schenckel's Blüten, 2r Tbeil. Mte ſ. verm. Aufl. 21 a) b) 322 6) Der amphibrachiſche Vers wird wenig mehr gebraucht(Nr. 126: „Glückliche Fahrt“); ferner: „Der Pächter, der ſtattlich begüterte hat es geſprochen, Marie wie fühlt ſie den liebenden Buſen ihr pochen! Ein neues, ein kräftiges Leben durchdringt ihr die Glieder, Wie ſchwingt ſie die Senſe, wie ſtreckt ſie die Mahden darnieder!“ (Die Mähderin v. Uhland.) „Ich will euch erzählen ein Märchen! gar ſchnurrig: Es war'mal ein Kaiſer, ſder Kaiſer war kurrig.(Bürger.) Oefters werden dieſe und ähnliche Verſe auch anapäſtiſch gemeſſen. 7) Die vorzüglichſten den Alten nachgebildeten Odenversmaße ſind: Der ſapphiſche Vers, welcher nach der berühmten Dichterin Sappho benannt iſt, die im 6. Jahrh. v. Chr. lebte, aus Mytilene auf der Inſel Lesbos gebürtig war und bei den Alten die„lesbiſche Schwalbe“ hieß. Der Vers iſt trochäiſchen Charakters; er beſteht aus 11 Silben, nämlich 2 trochäiſchen Doppelfüßen, die durch einen Daeciylüs geirennt ſind—— Die ſapphiſche Strophe iſt gebildet aus 3 ſapph. Verſen, an die ſich ein adoniſcher anſchließt. Der Trochäus des 4. Verſes, ſowie die 2. Hälfte eines jeden trochäiſchen Doppelfußes in den 3 übrigen Zei⸗ len kann mit einem Spondeus vertauſcht werden. Das Schema iſt: Zei d 4(Siehe Nr 145. Horaz hat viele Oden in ſapphiſchen Strophen gedichtet. Klopſtock gebrauchte das Maß nicht, wohl aber Ramler, Voß und namentlich Platen, z. B.:„Loos des Lyrikers“,„Einladung nach Sorrent“,„Der beſſere Theil“,„Die Wiege des Königs von Rom“ ꝛc. „Komm hierher, laß reinere Luft umwehen dich! Sieh, wie farbreich, doppeltes Grün vermiſchend, Hier vom Oelbaum rankt zum andern Oelbaum Schlingen der Weinſtock, Deſſen Frucht ſchon rebengeſenkt herabreift: Feige lockt, einhüllend in breitres Laub ſich, Ja bis tief, bergtief in der Schlucht gedeihſt du Schöne Zitrone“.(v. Platen.) Die alcäiſche Strophe wurde von Alkäos, einem der größten griechiſchen Lyriker(um 600 v. Chr.), gebürtig aus Mytilene auf Lesbos, ausgebildet und nach ihm benannt. Ihr Grundcharakter iſt jambiſch. Auch ſie iſt vierzeilig. Die beiden erſten Verſe ſind gleich und aus jambiſchen und dactyliſchen Füßen gebildet. Der dritte Vers 323 iſt eine 4füßige jambiſche Zeile und der vierte hat 2 Dactylen und 2 Trochäen. (Beiſpiel: Nr. 137 und 142.) Horaz war des Alkäos glücklichſter Nachahmer bei den Römern und 8 von den Deutſchen war es zuerſt Klopſtock in den Oden der„Erlöſer“, „Fanny“ u. a.— Hölderlin wandte ſie gern an, z. B. in:„Der Zeitgeiſt“,„Der Tod fürs Vaterland“,„Rückkehr in die Heimat“ ꝛc., auch Platen in:„Karl X.“,„Florenz“.— Die asklepiadiſche Strophe, benannt nach dem griechiſchen Dichter Asklepisdes aus Samos(um 300 v. Chr.) Die asklepiadiſchen Verſe beginnen mit einem Spondeus, ſchließen mit einem Jambus und haben 2 oder 3 Choriamben dazwiſchen. Mit 2 Choriamben iſt es der kleinere, mit 3 der größere asklep. Vers. Der dritte Vers iſt ein pherekratiſcher(nach dem griechiſchen Dichter Phere⸗ krates aus Athen um 430 v. Chr.); er beſteht aus 1 Spondeus (Trochäus) und 1 Choriambus mit überzähliger Silbe. Der vierte iſt der glykoniſche, beſtehend aus 1 Trochäus(Spondeus), 1 Dactylus und 1 Amphimaker(Dactylus). Das Schema iſt alſo: C — —— — F 1— S—— Wunderſeliger Mann, welcher der Stadt entfloh! Jedes Säuſeln des Baums, jedes Geräuſch des Bachs, * Jeder blinkende Kieſel Predigt Tugend und Weisheit ihm.(Hölty.) Ebenſo„Der Zürcher See“(Klopſtoch);„An die jungen Dichter“, „Die Launiſchen“,„Menſchenbeifall“,„Dichtermuth“,„Das Ahnen⸗ bild“(ſämmtlich von Hölderlin),„An die Gräfin Pieri in Siena“ (v. Platen). Klopſtock und Platen haben in ihren Oden ſich auch noch anderer Strophen bedient, als die 3 genannten ſind. 8) Einige ſtehende Formen der Reimpoeſie ſind ſüdeuropäiſche, namentlich italiſche, als: das Sonett und Ritornell, die Terzine, Stanze, Siciliane und(Canzone); andere find vrientaliſche, wie die perſiſche Vierzeile und das Ghaſel. 4) Das Sonett. Die erſten Sonette fallen ins 13te Jahrhundert; doch wurde dieſe Dichtungsform zuerſt von dem ital. Dichter Dante, namentlich aber von Petrarca(dem größten Sonettendichter) zur eigentlichen Kunſtform erhoben. Ebenſo brachte es der Portugieſe 21* 324 Camosns darin zur hohen Meiſterſchaft; auch Shakeſpears Sonette ſind von Bedeutung. In Deutſchland wurde das Sonett zuerſt durch Gg. Rudolf Weckherlin(† 1685 5) in die Literatur eingeführt, durch Opitz, Fleming, A. Gryphins u. A. gepflegt und jambiſch, dactyliſch und alexandriniſch gebaut. Nach längerer Pauſe griff Bürger die Sonettenform in ihrer Reimſtellung glücklich wieder auf 63. B.:„An das Herz“,„Auf die Morgenröthe“ ꝛc.); die Romantiker: Schlegel, Tieck ꝛc. dichteten zahlreiche Sonette; auch Goethe gab ſich mit Erfolg daran, trotz der Voßiſchen Abſchreckungsſonette. Schiller dichtete Nichts in dieſer Form. Jetzt wird faſt keine ſtrophiſche Dich⸗ tungsform ſo hänfig von Berufenen und Unberufenen angewandt als das Sonett, obwohl es die allerſchwierigſte unter den durch den Reim gebildeten ſtrophiſchen Formen iſt. Rückert, Platen, Uhland, Geibel ꝛc. haben ihre Meiſterſchaft darin bekundet; Andere aber auch ebenſo ihr poetiſches Unvermögen darin dargethan. Platen gibt in einem Sonett, das beginnt:„Sonette dichtete mit edelm Feur“ eine ſchöne und wahre Geſchichte des Sonetts, und A. W. v. Schlegel gibt in nachfolgendem einen deutlichen Begriff von Form und Weſen des Sonetts: Zwei Reime heiß ich viermal kehren wieder Und ſtelle ſie getheilt in gleiche Reihen, Daß hier und dort zwei eingefaßt von zweien Im Doppelchore ſchweben auf und nieder. Dann ſchlingt des Gleichlauts Kette durch zwei Glieder Sich freier wechſelnd, jegliches von dreien. In ſolcher Ordnung ſolcher Form gedeihen Die zarteſten und ſtolzeſten der Lieder. Den werd ich nie mit meinen Zeilen kränzen, Dem eitle Spielerei mein Weſen dünket, Und Eigenſinn die künſtlichen Geſetze. Doch, wem in mir geheimer Zauber winket, Dem leih ich Hoheit, Füll in engen Grenzen Und reines Ebenmaß der Gegenſätze. Das Sonett iſt alſo ein 1Beiliges Gedicht und jede Zeile iſt ein fünf⸗ füßiger jambiſcher Vers, der bei klingenden Reimen noch eine über⸗ fließende Silbe hat. Es zerfällt in 2 vierzeilige Strophen oder Quartetten und in 2 dreizeilige oder Terzetten. Jene dürfen nur 2 Reime(gewöhnlich weibliche, doch ſind auch männliche geſtatteth, dieſe können 2 oder 3 in mannigfacher Aufeinanderfolge enthalten. Die gewöhnliche Reimſtellung iſt: abba abba ll ode ede, ſtatt deren gilt auch: cde ſdece cdd ſedd. Weitere Beiſpiele ſiehe Nr. 121, 168, 194. 6) *) So wenig jede szeilige Strophe eine Terzine, ſo wenig iſt jede Bzeilige eine Octave. b) Das Ritornell, wahrſcheinlich die älteſte Form ital. Volkspoeſie, iſt eine Zzeilige jambiſche Strophe, deren erſte und dritte Zeile auf einander reimen, die mittlere aber iſt reimlos. Die beiden letzten Zeilen ſind Uſilbig, die erſte kann bloß 2 oder 3 Versfüße haben und iſt nicht an das jambiſche Maß gebunden. Häufig enthält ſie den Namen einer Blume, an die ſich in den folgenden Verſen ein paſſender Gedanke anknüpft, z. B. Nr. 109. Rückert, Wilh. Müller und Jul. Moſen bedienten ſich dieſer Form. Die Terzine. Dante iſt Erfinder und Meiſter der Terzine in ſeiner„divina commedia“. Es iſt eine epiſche Form, die aus 3 meiſt fünffüßigen Jambenzeilen beſteht, in der die 1te und 3te Zeile mit der Mittelzeile der vorhergehenden Strophe reimen, ſo daß jeder Reim 3mal vorkommt und alle Strophen durch dieſe Reimverſchlingung ver⸗ kettet ſind. Der Reim in der erſten Strophe kommt natürlich nur 2mal vor, weil keine Strophe vorausgeht. Der Harmonie wegen wird der letzten Strophe eine Zeile zugefügt, die mit der Mittelzeile reimt. Die letzte Strophe iſt alſo ein Quartett. Beſteht ein Gedicht aus mehreren Geſängen, ſo ſchließt jeder Geſang mit einem Quartett, z. B.„Edelſtein und Perle“(Rückert),„Salas y9 Gomez“(v. Cha⸗ miſſo). Die Reimſtellung iſt alſo: abalbebledeſdedlefelfggll. Nr. 301.) Chamiſſo dichtete viel in Terzinen. Die Siciliane, eine in Sicilien einheimiſche Form, beſteht aus 8 jambiſchen Zeilen, deren jede 5füßig iſt und eine überfließende Silbe hat. Sie hat nur 2 Reime, alſo jeden 4mal und zwar abwechſelnd. Der Reim iſt meiſt weiblich, kann auch mit mänulichen wechſeln oder bloß männlich ſein. Reimſtellung alſo: abababab. Der Schlummer ſinkt ans nachtgeſchwärzten Lüften, Und ſeinen Mohnſaft trinkt die Schöpfung nun. Selbſt Echo ſchlummernd ſchweigt in Bergesklüften, Und am Geſtad leisathmend ſchläft Neptun. Es ſchläft das Schwert, entſchnallt des Kriegers Hüften; Die FPflugſchar ruht und läßt den Pflüger ruhn. Wollt nun auch in der Welt voll Schlummerdüften, Zwei Augen, die ihr mein ſeid, zu euch thun!(Rückert.) Die Octave*) oder Stanze(olava rima) iſt der Siciliane metriſch ähnlich; nur die beiden letzten Zeilen verbindet ein dritter, neuer Reim; alſo abababec.(Nr. 83.) Die Reime ſind urſprünglich weiblich. Der Deutſche erlaubt ſich aber bezüglich derſelben viele Freiheiten. Die Octave wird meiſt in epiſchen, doch auch in lyriſchen Gedichten angewandt. Schiller charakteriſirt ſie: „Stanze! dich ſchuf die Liebe, die zärtlich ſchmachtende, dreimal Flieheſt du ſchamhaft und fliehſt dreimal verlangend zurück.“ 326 In Octaven ſind: Arioſts„raſender Roland“, Taſſos„befreites Jeru⸗ ſalem“, Wielands„Oberon“, Schulzes„bezauberte Roſe“, deſſen „Cäcilia“, dann„Zueignung“ und„Epilog zu Schillers Glocke“ von Goethe. Rückert hat viele Octaven, auch Platen in ſeinen beiden Luſtſpielen. ) Die Canzone, eine lyriſche Dichtart provenzaliſchen Urſprungs, 8 — wurde ſchon im 13ten Jahrhundert durch italiſche Dichter gepflegt und von Petrarca in beſtiminter regelmäßiger Form ausgebildet. In Deutſchland dichteten Schlegel, Brentano, Zedlitz(„Todtenkränze, Kreuz in Hellas, Ahasver“) u. A. in dieſer Form. Die Behandlung iſt mannigfach und hängt viel vom Dichter ab. Die Canzone hat meiſtens 13 jambiſche Zeilen und iſt durch den kürzern 7ten Vers(ein Zfüßiger klingreimiger Jambus) in Hälften getheilt, während die übrigen Verſe 5füßige(ſilbige) Jambenzeilen ſind. Ihr Charakter iſt meiſt elegiſch, die Reimſtellung hängt vom Dichter ab. Beiſp.: „Ein Kern des Lichts fließt aus in hundert Strahlen, Die gottentflammte Abkunft zu bewähren, Begeiſtrung iſt die Sonne, die das Leben Befruchtet, tränkt und reift in allen Sphären! In welchem Spiegel ſich ihr Bild mag malen, Mag ſie im Liede kühn die Flügel heben, Mag Herz zu Herz ſie ſtreben, Sie ſucht das Höchſte ſtets, wie ſies erkennt!— Längſt im Gemeinen wär die Welt zerfallen, Längſt wären ohne ſie zerſtäubt die Hallen Des Tempels, wo die Himmelsflamme brennt; Sie iſt der Born, der ewges Leben quillet, Vom Leben ſtammt, allein mit Leben füllet“.(v. Zedlitz.) Die Vierzeile und das Ghaſel(die Gaſele) ſind orientaliſche Formen. Die Vierzeile kann ein beliebiges Metrum haben, in der regelmäßigen Form aber iſt die Reimſtellung gegeben: aaba, z. B.: „Freund, wie viele Schmerzen peingen, die man, ach, vergebens trägt, Die man ſelbſt noch in der ſchönſten Zeit des irdſchen Strebens trägt; Mußt ich denn ſo ſpät erfahren, prüfend manches Labyrinth, Daß ſich nur an deinem Buſen das Gewicht des Lebens trägt. (v. Platen.) Rückert bildet die Vierzeile auch in der Reimſtellung freier. Nr. 323.) Aus der Erweiterung der Vierzeile ging das Ghaſel hervor. Jeder Ghaſelanfang iſt daher auch eine Vierzeile. Das Ghaſel läßt ſich in Verspaare oder Lzeilige Strophen(Diſtichen) zerlegen. Der Reim des erſten Verspaars wiederholt ſich durchgehends im 2ten Vers eines jeden 327 Diſtichons; alſo aa ba ca da en ꝛc. Auch kaun der Schluß des erſten Verſes jedesmal mit dem Reimwort wiederholt werden(Nr. 302) Platen gibt in folgenden Zeilen das Weſen des Ghaſels an: „Im Waſſer wogt die Lilie, die blanke hin und her, Doch irrſt du, Freund, ſobald du ſagſt, ſie ſchwanke hin und her! Es wurzelt ja ſo feſt ihr Fuß im tiefen Meeresgrund, Ihr Haupt nur wiegt ein lieblicher Gedanke hin und her! Rückert, Platen, Geibel, Reinick, Hoffmann v. Fallersleben u. A. haben Ghaſelen gedichtet. Anmerkung. Die franzöſiſchen Formen: das Triolett, Madrigal und Rondean ſind jetzt faſt ganz außer Curs. Ebenſo übergehen wir die ſpaniſchen: die Gloſſe, die Dezime, die Tenzone(ein lyriſches Streitgedicht). Platen kleidete ſeine:„Abaſſiden“ ins unſcheinbare Gewand der ſerbiſchen Volkslieder. Chamiſſo dichtete ſogar in malaiiſcher Form und Rückert führte die Makamen ins Deutſche ein, die eigentlich nur gereimte Proſa mit unter⸗ miſchten Ghaſelen ſind. Die engliſche Spencer⸗Stanze(nach Spencer † 1596) iſt eine verſchobene Octave mit angehängtem Alexandriner. Byron wandte ſie in„Harolds Pilgerfahrt“ an und Zedlitz in der Ueberſetzung derſelben. §. 29. Epiſche und dramatiſche Gedichte ſind meiſt durch das Aneinander⸗ reihen eines und desſelben Verſes gebildet, während die lyriſchen und lyriſch⸗ epiſchen Dichtungen gewöhnlich eine ſtrophiſche Bildung haben. Die Strophe kann nun eine und dieſelbe Versart, oder auch mehrere Versarten in ſich ent⸗ halten; doch gibt es auch Gedichte, denen der regelmäßig ſich wiederholende Vers⸗ und Strophenbau fehlt. So hat z. B. Heine in ſeinen„Nordſeebildern“(Vergl. Nr. 132) gar keine ſtrophiſche Gliederung. Es iſt darin weder eine Reimſtrophen⸗ noch eine metriſche Strophenbildung und das dunkle rhythmiſche Gefühl ſoll den fehlenden metriſchen Charakter erſetzen. §. 30. Nach der Zahl der ſtrophiſch verbundenen Verſe gibt es 2zeilige bis 14 zeilige Strophen. 2zeilig ſind: Nr. 190. 197. 208. 245. 260. 272. 280. 3zeilig: Nr. 301(„Tragiſche Geſchichte“ v. Chamiſſo ꝛc.) 4zeilig: Nr. 13— 18. 21 u. 22. 25 u. 26. 30. 36. 42. 47. 48 ꝛc. szeilig: Nr. 35. 43. 80. 107. 117. 203. 271. 6zeilig: Nr. 29. 31— 33. 37 u. 38. 45. 52. 54. 57. 59 u. 60 2c. 7zeilig: Nr. 81. 136. 215. 221. 237. 262. 277. 279. Szeilig: Nr. 65 u. 66. 74. 86 u. 87. 102. 120. 134. 141. 144. 150 20. gzeilig: Nr. 151.(Auch:„Die Weltweiſen“ v. Schiller,„Hochzeitlied“ v. Goethe,„Friſch auf, mein Volk!“ Th. Körner.) 10 zeilig: Nr. 212. 232. 238.(Dann v. Schiller:„Hero und Leander“, „Das Ideal und das Leben“. 328 ilzeilig: Nr. 19. 94.(Auch:„Ahnungsgrauend, todesmuthig“ ꝛc. Th. Körner.) 12 zeilig: Nr. 185. 286.(Auch Schillers„Kampf mit dem Drachen“, „Klage der Ceres“;„Kaiſer Max auf der Martinswand“ v. Collin.) 13 zeilig: Die Canzone. läzeilige ſind ſehr ſelten. 231.(Ferner:„Die Heinzelmännchen“ v. Kopiſch, ebenſo:„Des kleinen Volkes Ueberfahrt“ von demſelben.) Gedichte, deren Strophen verſchiedene Verszahl haben, ſind ungleich ſtrophiſch(202); auch:„Pegaſus im Joche“,„Die Künſtler“ u. a. v. Schiller. Unter ſich übereinſtimmende, bloß in Verszahl und Versmaß verſchiedene regel⸗ mäßig abwechſelnde Strophen bilden Nach⸗ und Gegenſtrophen. Nachſtrophen kommen in 231 vor, dann in:„Das Siegesfeſt“,„Des Mädchens Klage“ ꝛc. v. Schiller. In der Gegenſtrophe iſt ein Gedankengegenſatz zur vorhergehenden Strophe ausgeſprochen, z. B. in Schillers„Würde der Frauen“*). Im„Lied von der Glocke“ feiert die Freiheit der Form den höchſten Triumph. IW. Arten der Poeſie. §. 31. Der Dichter ſchafft ſein Kunſtwerk, wenn ihn ſein Genius dazu treibt; er erzählet von Liebe und Heldenmuth, ſchildert Himmel und Erde, greift auf der Lyra das Lied ſeiner Freude oder ſeines Schmerzes, oder führt uns mitten in einen Kreis lebensvoller Geſtalten, daß wir mit ihnen empfinden und handeln. Es erſcheint darum auch die Poeſie in dreifacher Geſtaltung, als Epos, Lyrik und Drama“*); nur entwickeln ſich dieſe Dichtungsarten nicht in jedem Volke gleichmäßig und zu gleicher Kunſthöhe. Glücklich die Nation, die es wie die griechiſche und deutſche, in den 3 Grundformen zur Klaſſik ge⸗ bracht hat. Das epiſche Zeitalter der deutſchen Poeſie iſt das älteſte, dann folgte das lyriſche und zuletzt das dramatiſche, das durch Schillers un⸗ ſterblichen Genius ſeine ſchönſten Kunſtwerke erhielt. Das Epos geht alſo voran und durch die Lyrik iſt der Uebergang zum Drama gegeben. Der Minneſang und das Volkslied folgten auf das Volks⸗ und Kunſtepos, gingen aber den vollendeten dramatiſchen Kunſtſchöpfungen voraus. Und wenn der Altmeiſter Goethe der Lyrik eine Tiefe, einen Umfang und einen muſikaliſchen Wohllaut zu geben wußte, wie nie ein Dichter vor ihm: ſo trat doch auch in ſeiner Dramatik die Lyrik bisweilen noch ſtärker hervor, als es ſich mit einem Drama echter Klaſſik verträgt, während Schiller ſich auf der dramatiſchen Höhe zu halten wußte. Betrachten wir nun die Hauptdichtgattungen und ihre Arten etwas näher. A. Die epiſche Poeſie. §. 32. Die epiſche Pvoeſie hat ihren Namen von dem griechiſchen Wort Epos, d. i. Sage, Erzählung. Es iſt demnach die ſagenhaft⸗erzählende *) Außerdem können die Strophen gleiche und ungleiche Verslängen haben. Eine Strophe kann gegen das Ende längere Verſe enthalten, dann iſt ſie ſteigend, oder kürzere, dann iſt ſie fallend.— **) Dieſen 3 Dichtgattungen wird oft noch eine 4te, die didactiſche zugefügt, deren Zweck die Be. lehrung iſt. Am Schluſſe der epiſchen Poeſie noch Einiges darüber. 329 Poeſie, die Poeſie des Sagens oder der Sage, 3. B. die Niblungen, Gudrun, Reineke Fuchs ꝛc. Der Epiker tritt ganz hinter ſeinen Stoff zurück*), er führt die äußere Welt des Geſchehens vor unſer geiſtiges Auge. In Begeben⸗ heiten und Handlungen läßt er uns das Menſchliche ſchauen. Es iſt darum die epiſche Poeſie die idealiſirte Darſtellung von Ereigniſſen des menſchlichen Lebens in möglichſt vollendeteräſthetiſcher Form. Sie umfaßt daher das menſchliche Leben mit allen ſeinen Verhältniſſen, ſofern dieſe für poetiſche Darſtellung geeignet ſind und allgemeines Intereſſe erwecken können. Edle poetiſche Auffaſſung, Lebendigkeit der ſinnlichen Anſchauung(damit die Handlungen auf Phantaſie und Gemüth lebhaft wirken), Einheit und leben⸗ diger Fortſchritt der Handlung ohne zweckloſe Zwiſchenerzählungen(Epiſoden) und Wahrheit der geſchilderten Charaktere find die weſentlichen Anforderungen, die man an eine epiſche Dichtung ſtellen muß**). Arten der epiſchen Poeſie ſind: 1) Die Epopöe, das Epos oder ernſte Heldengedicht. Vater und Muſter der epiſchen Dichtung iſt Homer(1000 v. Chr.), doch kann auch Deutſchland kühn ſeinen Lorbeer zeigen, errungen durch die alten Volks⸗ und Kunſtepen. Das Lied der Nibelungen könnte man die deutſche Flias und das der Gudrun die deutſche Odyſſee nennen. In den alten Epen war es weniger das willensfreie Individunm im Kampfe mit ſeines Gleichen, dem Schickſal und der Natur, als vielmehr das ganze reiche bewegte Volksleben, das in großartiger Handlung in die Erſcheinung trat, obwohl auch da einzelne außerordentliche Perſönlichkeiten, die Helden des Epos, durch ungemeine Cha⸗ rakterſtärke, Tucht der Geſinnung und Größe der Thaten, die das gewöhnliche Maß menſchlicher Kraft überſteigt, als die Träger des Ganzen im Vordergrunde ſtanden und würdevoll ſiegten oder untergingen und ſelbſt im Falle noch ihre Helden⸗Größe bewahrten. Nur der edeldenkende und edelhandelnde Menſch kann als Held in den Mittelpunkt der Epopöe geſtellt werden, um den ſich nachher mannigfaltige Charaktere gruppiren, die das Ganze um ſo mehr heben, je groß⸗ artiger und bedentungsvoller die dargeſtellten Begebenheiten und Handlungen ſind. Die feierlich ernſte Stimmung, welche Gemüth und Phantaſie des Dichters er⸗ greift, ſoll auch den Leſer in gleicher Weiſe ergreifen. Würde und ſinnliche Anſchauung der Darſtellung der handelnden Perſonen und deren Charaktere ſind in der Epopöe unerläßlich; ebenſo die gemeſſene ſich gleichbleibende Ruhe und Haltung***). Durch die Epopöe zieht ſich ein und dieſelbe Versart. Die Alten *) Im rvmantiſchen Epos bricht er jedoch oft mitten in der Erzählung mit ſeinem Ich hervor, ſchildert ſeine Perſon und ſeine Verhältniſſe, redet von ſeiner Gelehrſamkeit und ſeinem Gönner, dem zu lieb er das Werk unternommen, oder wie er in Beſitz der fremden Abenteur gekommen ſei, ergeht ſich auch wohl im behaglichen Selbſtgeſpräch zc.(Vergl. Echtermeyer.)—*2) Das Lebloſe, was nur im Raume neben⸗ einander angeſchaut wird, iſt zur epiſchen, wie pvetiſchen Darſtellung überhaupt nicht geeignet, weil ihm menſchliche Gefühle, Handlungen und Charaktere mangeln, der Menſch aber der Mittelpunkt aller echten Poeſie ſein muß. Anders iſt es freilich, wenn dieſe Naturdinge durch Handlungen belebt werden, wie in Platens„Bildern von Reapel“, oder, wenn ſie vom menſchlichen Geiſte beſeelt als ein Abdruck dieſes Geiſtes aufgefaßt und bargeſtellt werden. In ſolchen Fällen haben auch einzelne Beſchreibungen und Schilderungen der Außenwelt in der Ppeſie ihr Recht. Schiller wurde bis jetzt in der beſchreibenden(deſcriptiven) Poeſie Geuersbrunſt, Spaziergang 1.) nicht nur nicht übertroffen, ſondern gar nicht erreicht.—***) Der Dichter macht insbeſondere die Charaktere daburch anſchaulich, daß er alle Beſonderheiten der äußern Erſcheinung, 330 hatten dafür den Hexameter(Homer, Virgil), die Franzoſen den Alexandriner (Henriade); die Deutſchen ahmten Beides nach und vernachläſſigten den herrlichen Nibelungenvers. Simrock und Geibel griffen die alte Heldenſtrophe wieder auf in„Wieland der Schmied“ und„König Sigurds Brautfahrt“. Schulze gebrauchte in ſeiner„bezauberten Roſe“ und in„Cäcilie“ die Szeilige Stanze. In den letzten Jahren haben ſich noch Kinkel(„Otto der Schütz“) und Scherenberg(durch ſein in dramatiſcher Lebendigkeit gehaltenes vaterländiſches Epos„Waterloo“) einen guten Namen als Epiker erworben. Andere und zwar mißlungene Epen ſind entſtanden in einer Zeit, die, wie Platen ſagt, keinen Tropfen epiſches Blut in ſich hatte. Der ſehr ehrenwerthe Klopſtock, klaſſiſcher in der Lyrik als in der Epik, hat trotz der wahrhaft ſchönpvetiſchen Einzelpartieen doch ſeine„Meſſiade“ als Epos verfehlt, indem er ſich im Stoff vergriffen und auch ſtatt der handelnden Perſonen bloße Begriffe in den Mantel der Perſönlichkeit hüllte. Sein tiefreligiöſes Gefühl gewinnt ſehr leicht das Ueber⸗ gewicht über die Handlung. Eine beſondere Art Epos, das die eigenthümliche Anſchauungsweiſe des Ritterthums darſtellt oder ſeinen Stoff aus der mittel⸗ alterlichen Feen⸗ und Zauberwelt nimmt, iſt das romantiſch⸗phantaſtiſche Epos, in dem unter den Deutſchen Wieland durch ſeinen„Oberon“ den Preis davon getragen. Viele haben die leichte gefällige Darſtellung, die ſchönen Verſe und die Anmuth, die ſelbſt in der Satire noch zierlich bleibt, vergebens zu erſtreben geſucht. Gvethe ſchrieb daher auch an Lavater:„Oberon wird ſo lange Poeſie Poeſie, Gold Gold und Kryſtall Kryſtall bleiben wird, als ein Meiſterſtück pvetiſcher Kunſt geliebt und bewundert werden“. Anmerkung. Ins Deutſche überſetzt wurde Dante's religiöſes Epos: „Die göttliche Komödie“(Divina commedia, um 1300), Milton's„Ver⸗ lornes Paradies(The paradise lost, 1665) ebenfalls religiös, dann Taſſo's herviſch⸗romantiſche Epopöe:„Das befreite Jeruſalem“(Gerusalemme hiberata) und das romantiſch⸗phantaſtiſche Gedicht Arioſt's:„Der raſende Roland(Orlando furioso, 1516). 2) Das komiſche Heldengedicht iſt ein Gegenſtück, die Kehrſeite des ernſten, gleichſam nur eine Parodie desſelben, und wirkt ergötzlich. Das Komiſche liegt in dem Charakter des Helden und in der Art und Weiſe der Einkleidung und Darſtellung. Hierher gehören„Reineke Fuchs“ nen bearbeitet von Goethe, der„Froſchmäusler“ von Rollenhagen, die„Jobſiade“ von Kortüm,„Der Renommiſt“„Das Schnupftuch“,„Phaeton“ „Murner in der Hölle“ von Zachariä, endlich Virgils traveſtirte„Aensis“ vovn Blumanuer, die Jean Paul„ein tiefes Marſchland voll Schlamm, aber voll Salz“ nennt. 3) Die Idylle(griech. Eidillion, d. i. kleines Bild) iſt ein poetiſches Familiengemälde, welches das Leben der Familie in ſeiner natürlichen Einfachheit darſtellt, beſonders das der unverdorbenen Landleute, die Sitteneinfalt und Un⸗ in denen ſich der Charakter der handelnden Perſonen ausprägt— ihre Geſtalt, ihre Geſichtszüge, ihre Bewegungen, ihre Reben, ſelbſt ihre Kleidung und ihre alltäglichen Verrichtungen— in lebendiger Anſchau⸗ lichkeit darſtellt. Die homeriſchen Helden ſind in dieſer Weiſe, jeber nach den äußeren Erſcheinungen ſeines Charakters, ſo anſchaulich dargeſtellt, daß ſie in den Geiſt des griechiſchen Volkes in Bildern aufgenommen wurden, welche ſo beſtimmt waren, daß die griech. Künſtler von Jedem derſelben Bilder verfertigten, in denen ſie von Jedermann ſogleich wieder erkannt wurden“.(F. Becker.). ſchuld der Schäfer, Hirten, Fiſcher ꝛc. Die Sprache in der Idylle muß edel und die Haltung ernſt ſein. Der Dichter läßt die handelnden Perſonen die Gefühle, welche ihr Innres bewegen, ſelbſt ausſprechen, ſchildert die ſittlichen Motive ihrer Handlung und wählt oft die Form des Dialogs, wodurch drama⸗ tiſches Leben in die Dichtung kömmt. Geßner ließ in ſeinen Idyllen mehr das lyriſche Element hervortreten. Nimmt die Idylle mehr den Charakter des Epos an, ſo entſteht ein idylliſches Epos oder ein epiſches Idyll, wie Gvethe's „Hermann und Dorothea“, worin der Dichter, wie er ſelbſt ſagt,„das Rein⸗ menſchliche der Exiſtenz einer kleinen Stadt in dem epiſchen Tiegel von ſeinen Schlacken abzuſcheiden geſucht und zugleich die großen Bewegungen und Ver⸗ änderungen des Weltheaters aus einem kleinen Spiegel zurückzuwerfen getrachtet hat“. Namhafte deutſche Idyllen ſind noch:„Der 70. Geburtstag und„Luiſe“ von Hch. Voß,„Die Schafſchur“,„Das Nußkernen“ u. a. von Friedr. Müller(dem Maler),„Hannchen und die Küchlein“ von Eberhard, und„Fiſcher Martin und die Glockendiebe“ von Ed. Mörike. 4) Die pvetiſche Erzählung iſt mehr eine untergeordnete Dichtart, welche die Keime der Epik in ſich trägt. Sie bedarf nicht großartiger Charaktere, wunderbarer Thaten und Begebenheiten von welthiſtoriſcher Bedeutung, ſondern greift ihren Stoff aus dem wirklichen Leben, aus der Welt der Mythe und des Herventhums, oder aus der Phantaſie des Dichters ꝛc. und kann ſowohl ernſter Haltung ſein, wie„Salas y Gomez“ von Chamiſſo, oder komiſcher Art, wie die Schwänke von Langbein. Statt des Helden bildet hier die Handlung ſelbſt den Mittelpunkt. Auch hat die poetiſche Erzählung weder die äußere Ausdehnung noch den innern Gehalt wie das Epos. Die Darſtellung muß anſchaulich, leben⸗ dig, einfach und klar ſein und die Form dem Inhalte angemeſſen künſtleriſch ſchön. Obgleich die eigentliche Kunſtvollendung auch metriſche Einkleidung des Stoffs verlangt, ſo iſt dieſelbe doch nicht unbedingt nothwendig und kann auch durch das Gewand einer ſchönen Proſa vertreten werden*).(Beiſpiele von kleinern poetiſchen Erzählungen ſind; 150. 179. 226. 228. 229. 230. 296. 297. Dichter dieſer Gattung ſind: Hans Sachs, Hagedorn Gohann der muntre Seifenſieber), Gellert(Geſpenſt, Der arme Schiffer c,), Wieland, Langbein(Abenteuer des Pfarrers Schmolke und des Schulmeiſters Bakel v.), Bürger (Der Kaiſer und der Abt), Chamiſſo(Abdallab, Salas 9 Gomez 1e) pfeffel(Die Türkenpfeife ꝛc.) Seume(Der Wilde), Heine(Das Seegeſpenſt). 5) Die Legende iſt als eine Unterabtheilung der poetiſchen Erzählung an⸗ zuſehen und greift ihren Stoff aus alten Sagen, die der Wunderglaube des chriſtlichen Volkes ausgebildet hat. Ihr Gebiet iſt alſo die heilige Geſchichte der Vorzeit und die religisſen Sagenkreiſe. Sie ſtellt darum auch chriſtlich demüthige in Glaube und Liebe ſich aufopfernde Perſönlichkeiten dar, greift auch öfters heitere und ſcherzhafte Stoffe auf. Ihr Zweck iſt in ſchlichter, frommer und erhebender Weiſe auf Herz und Gemüth des Leſers zu wirken und religiöſes Leben und fromme Andacht in demſelben zu erwecken und zu fördern(298). Obwohl ſchon Hans Sachs Legenden(Skt. Petrus und die Geis) gedichtet hat, ſo hat doch Herber der Legende in der deutſchen Ppefie die rechte Geltung verſchafft. Von Herder haben wir:„Der gerettete Jüngling“, „Die wiedergefundenen Söhne“„Das Paradies in der Wüſte“ ꝛc. Andere Legendendichter ſind noch Koſe⸗ garten(Das Amen der Steine, Das Geſicht des Arſenius ꝛe.), Goethe(Als noch verkannt und ſehr gering ꝛc.), Rückert(Des fremden Kindes heiliger Chriſt), L. Schefer(Der Gaſt) u. A. *) Es kann Etwas Preſie ſein, ohne die pvetiſche Form zu haben. Man denke nur an die hochpvetiſche Kraſt der Pſalmen. Manche Gebichte unterſcheiden ſich aber auch nur von der Proſa burch harten Rhythmus und ſchlechten Reim. 332 6) Das Märchen, mit der Legende und poetiſchen Erzählung theilweiſe verwandt, wirkt vorzugsweiſe auf die Phantaſie. Es iſt gleichſam die Poeſie der Kindheit und hat auch ſeine wahre Heimat in der Kinderwelt und in kind⸗ lich fühlenden Herzen, die an die Wirklichkeit des Märchens glauben. In den alten Volksſagen hat ſich der Glaube an zauberiſche Mächte erhalten, die, aus⸗ gerüſtet mit übernatürlichen Kräften, eingreifen in der Menſchen Geſchicke und bald hilfreich und mitleidig, bald muthwillig und neckiſch, bald böswillig und ſchadenfroh ſind. Natürliches und Wunderbares, Wahres und Erdichtetes, Be⸗ greifliches und Unbegreifliches ꝛc. wird in kindlichnaiver, phantaſiereicher Auf⸗ faſſungsweiſe und im bunteſten Gemiſche dargeſtellt. Dadurch entfaltet ſich eine ganze Welt voll Abenteuer und Wunder, und Elfen und Feen, Rieſen und Zwerge, Kobolde und Gnomen, Zauberer und graue und ſchwarze Männchen, verzauberte Prinzen und Prinzeſſinnen ꝛc. treten auf und ſpielen eine Hauptrolle. Und dennoch: „Märchen, noch ſo wunderbar, Dichterkünſte machens wahr.(v. Goethe.) Wie alle Volkspoeſie, ſo entſtammt auch das Märchen jeder Nation dem Kindesalter derſelben, deren Glaube Erde, Luft und Waſſer mit freundlichen oder feindſeligen Geiſtern bevölkerte, unter deren Einfluß die Schickſale der Menſchen ſtanden. Perſien hat eine reiche Märchenpoeſie, in Indien gabs ſchon ſehr frühe Märchenerzähler, Arabien hat„1001 Nacht“ u. a. Märchenſammlungen und auch Deutſchland hat einen reichen Märchenſchatz, ſeien es nun Feen⸗, Kinder⸗, Haus⸗ oder Volksmärchen. Rückert ſchrieb Märchen in poetiſcher Form, nämlich:„Vom Bäumlein das andre Blätter hat gewollt“,„Vom Bäumlein, das ſpazieren ging“,„Vom Büblein, das überall mitgenommen hat ſein wollen“ u. a. Auch Redwitz kleidete ſein„Märchen vom Waldbächlein und Tannenbaum“ ins metriſche Gewand. Brentano dichtete;„Gockel, Hinkel und Gackeleia“, Chamiſſo den„Peter Schle⸗ mihl“, Gvethe das den„Unterhaltungen deutſcher Ausgewanderten“ angebängte„Märchen“(Ausg. in 40 Bdn., B. 19, S. 311 u. f.), das künſtleriſch vollendet iſt, Tieck„Volksmärchen“, Fongus die„Undine“ Gaſt in alle europäiſchen Sprachen überſetzt), Platen den„Roſenſohn“; Grimms„Kinder⸗ und Haus⸗ märchen“ ſind ein wahres deutſches Hausbuch geworden und die„Deutſchen Volksmärchen“ des Muſäus ſind ebenfalls ſehr bekannt. Die lieblichen Märchen des Dänen Anderſen wurden durch mehrfache Ueber⸗ ſetzungen auch bei uns heimiſch. Bechſtein gab vas„Dentſche Märchenbuch“ und Kletke den„Märchen⸗ ſaal' heraus, worin Märchen aller Völker enthalten ſind. 7) Der Roman iſt ein Epos in proſaiſcher Form, aber von größerem Umfange. Er hat jedoch keine welthiſtoriſche Bedeutung, ſondern ſtellt vorzugs⸗ weiſe Geſinnungen und Begebenheiten eines beſtimmt ausgeprägten Privatlebens in Form geſchichtlicher Erzählung, ſeltener in Briefform dar. Die Epopöe führt mitten in die Handlung ein, zeigt den Helden ſchon in voller Thatkraft, im Roman entwickelt ſich der Charakter allmählig; doch hängt die Entwicklung mehr vom Helden ſelbſt als von der Einwirkung höherer Mächte ab. Der Roman enthält alſo die Lebensgeſchichte des Romanhelden, iſt deſſen poetiſche Bio⸗ graphie. Deutſchland beſitzt ſchon eine überreiche Romanliteratur und täglich kommen neue Schöpfungen hinzu. Nicht zufrieden mit den Erzeugniſſen auf heimiſchem Boden ſind fortwährend viele Hände beſchäftigt, um die Leihbibliotheken mit Ueberſetzungen aus dem Franzöſiſchen und Engliſchen ꝛc. zu beglücken. Daß unter der Maſſe von Romanen wieder eine Maſſe ſich befindet, die ſich vor 333 Kunſt und Sittlichkeit nicht rechtfertigen kann, wird wohl ohne nähere Erörterungen geglaubt werden. Was cireculiren nur für Ritter⸗ und Räuber⸗, Geiſter⸗ und Zauberromane und andere unter dem niedern Volke, die die Siunlichkeit reizen, die Sittlichkeit in hohem Grade gefährden und das Gift mit Honig miſchen. Doch hat dieſe Dichtart auch Meiſterwerke aufzuweiſen, ebenſo wie die Novelle, welche gewiſſermaßen ein Roman in engerm Rahmen iſt, Lebensverhältniſſe in geringerem Umfange darſtellt und einen raſchern Gang der Handlung verfolgt, ſo daß die Enutwickelung faſt auf einen Punkt zuſammengedrängt iſt. Von der großen Zahl der Novelliſten und Romandichter nennen wir: Jung⸗Stilling, Jean Paul, Gvetbe⸗ Lichtenberg, Hippel, Benzel⸗Sternau, Tieck⸗ Steffens, Immermann, A. Stifter, L. Schefer, Thümmel, Hauff, Chamiſſo Spindler, Eichendorff, König, Moſen, Wil komm, Sealsfield(in der Literatur der große Unbekannte, iſt ein geborner Deutſcher, kam als Knabe nach Amerika, widmete ſich dort den juriſtiſchen Studien, vertauſchte ſeinen deutſchen Namen Siegelfeld mit jenem engliſchen und lebt ſeit langen Jahren wieder in Deutſchland), Hermann Kurz, Levin Schücking, Gutzkow, Wienbarg, Gaudy, Laube, Mörike, Dingelſtedt, Kinkel u. A. In die hiſtoriſche Novelliſtik reihen ſich die zum Theil trefflich geſchriebenen biographiſchen Romane, die durch Tieck, der im„Dichterleben“ den Shakesſpeare in anſprechender Wahrheit nach Perſönlichkeit, Charakter und Dichtung portraitirt, wie in„Des Dichters Tod“(Camosns) hervorgerufen wurden. Eduard Bvas ſchrieb:„Deutſche Dichter“, E. Willkomm:„Lord Byron“, H. König:„Williams Dichten und Trachten“, Otto Müller:„Bürger, ein deutſches Dichterleben“, C. A. Wildenhahn:„Spener“„Paul Ger⸗ hardt“,„Johannes Arndt“ u. A. In der neueſten Novelliſtik wird die Poeſie des Volkslebens geſchildert, namentlich in den Dorfgeſchichten. Die älteſten ſind: Peſtalozzis trefflicher Volksroman;„Lienhart und Gertrud“, Immermanns„Münchhauſen“(worin weſtphäliſches Dorfleben geſchildert wird). Auerbach geſellte ſich dazu mit ſeinen„Schwarzwälder Dorfgeſchichten“, ferner der Schweizer Jeremias Gotthelf (eigentlich Albert Bizius, Pfarrer in Lützelflühe) mit„Uli der Knecht“,„Uli der Pächter“„Bauernſpiegel“, und„Der Geldtag oder die Wirthſchaft nach der Mode“., Anton Weil„Sittengemälde aus dem elſäſſiſchen Volksleben“, Martell(v. Pochhammer)„Der lahme Hans“, W. O⸗ v. Horn(Superintendent Oertel in Sobernheim)„Friedel“ und„Rheiniſche Dorfgeſchichten“, Karl Stöber„Geſchichten und Er⸗ zählungen“, C. A. Wildenhahn„Erzgebirgiſche Dorfgeſchichten“. Im Gebiete der Volksſchriftſtellerei haben ſich u. A. auch O. Glaubrecht(Pfarrer Heſer in Lindheim in der Wetterau), Fr. Ahlfeld, W. Redenbacher bald mit mehr, bald mit weniger Glück verſucht. 8) Die Fabel und Parabel haben die epiſche Form(isweilen auch die lyriſche und dramatiſche), aber einen didaktiſchen Zweck, ſind alſo epiſch⸗didaktiſch. Sie entlehnen von der wahren Poeſie meiſt nur die Form, ſind aber, wie die reindidaktiſchen Produkte: Lehrgedicht, Satyre, Epigramm, Gnome, Räthſel ꝛc. mehr Erzeugniſſe des bloßen Verſtandes, als des tiefen, poetiſchen Gefühls. Alle echte Poeſie iſt ſich ſelbſt Zweck, entquillt der vollen, warmen Dichterbruſt, weil ſie in ſolchen Schranken nicht eingeſchloſſen bleiben kann; ſie belehrt, hat aber keineswegs den Zweck es zu thun. Die genannten Dichtarten liegen alſo auf der Grenze zwiſchen Poeſie und Proſa. Der angebliche Erfinder der Fabel iſt der Grieche Aeſopus, daher ſie auch äſopiſche Fabel genannt wird. Der Fabeldichter greift ſeinen Stoff gewöhnlich aus der Thierwelt(öfters dienen ihm auch Pflanzen, ja unorganiſche Körper, ſtatt der Thiere). Thieren werden menſchliche Freiheit, Handlungen und Zuſtände angedichtet, die der beſondern Natur und dem Inſtinkte des Thieres angemeſſen ſein müſſen, wie die Schlauheit und Liſt dem Fuchſe, die Tücke und Falſchheit der Katze, die Treue des Hundes und Pferdes„c. In der Handlung ſoll die Lehre begründet ſein oder un⸗ gezwungen aus derſelben hervortreten. Man will damit moraliſche Wahrheiten, praktiſche Klugheits⸗ und Lebensregeln anſchaulich machen. Die Parabel greift 334 dagegen höhere Wahrheiten im Gebiete des Geiſtes auf und wählt meiſtens Menſchen zu Trägern derſelben. Es erfordert die Parabel eine edlere Sprache, ernſtere Haltung und eine würdigere, ausführlichere Darſtellung als die Fabel. Die heilige Schrift bietet die herrlichſten Parabeln. Fabetvichter der ältern Zeit ſind: Boner, Burkard Waldis, Hans Sachs, der neuern: Hagedorn, Gellert, Gleim, Pfeffel, Lichtwer, Leſſing, Goethe, Krummacher, Fröhlich, Hey, Güll u. A.— Parabeldichter: Herder, Goethe, Krummacher, Rückert m. Anmerkung. Schließlich ſei noch kurz der didaktiſchen Dichtungen er⸗ wähnt. Das Lehrgedicht greift ſeinen Stoff aus dem Gebiete der Kunſt und Wiſſenſchaft. Lehrdichter ſind: Haller, Uz, Herder, Tiedge, Schiller (Künſtler ꝛc.) Rückert, L. Schefer ꝛc. Die Satire ſtraft und verſpottet menſchliche Thorheiten und Laſter, bald in ernſter, bald in ſcherzhafter Weiſe. Ebenſo geißelt ſie die großen Gebrechen der Zeit. Satiriker ſind: Seb. Brant(Narrenſchiff 1494), Thom. Murner(Narreubeſchwörung, Schelmen⸗ zunft, beide 1512), Joh. Fiſchart im 16ten Jahrhundert, Chriſt. Ludwig Liscow(Ueber die Vortrefflichkeit und Nothwendigkeit der elenden Scribenten. 1734), Gottl. Wilh. Rabener, Goethe ꝛe. Das Epigramm vod. Sinn⸗ gedicht war zuerſt eine Inſchrift auf Denkmälern, deren Bedeutung dadurch Allen in kurzen eindringlichen Worten eröffnet wurde. Jetzt drückt das Epigramm eine Thatſache, ein Gefühl in ſcharfausgeprägter gedrängter Sprache aus. Auch die„Lenien“ von Gvoethe und Schiller ſind epigrammatiſche Dichtarten. Das Epigramm liebt das Diſtichion, kann ernſt, komiſch, ironiſch ꝛc. ſein. Logau, Hagedorn, Käſtner, Leſſing, Goethe, Schiller, Haug, W. Müller, Platen, Geibel ꝛc. dichteten Epigramme.— Auch das Worträthſel, die Charade(Silbenräthſel), das Logogriph(Buchſtabenräthſel), das Ana⸗ gramm im weiteren Sinne(durch Verſetzung ſämmtlicher Buchſtaben entſtehen neue Wörter, die neue Räthſel bilden, z. B. Dame, Made) können hier erwähnt werden. Gibt ein Wort vor⸗ und rückwärts geleſen einen verſchiedenen Sinn, wie Rebe Eber, Regen Neger, Gras Sarg, Leben Nebel ꝛc. ſo entſteht ein Palindrom oder Anagramm im engern Sinn.— Die Parodie iſt ein Gegenbild, Gegengedicht, behält Form und Ton der urſprünglichen Dichtung bei, verändert aber Stoff und Sinn und wirkt dann beluſtigend oder auch ernſthaft belehrend. Schillers„Glocke“ iſt mehrfach parodirt in„Das Lied vom Rocke“,„Der Civilprozeß“ ꝛc. Unter den deutſchen Parodien iſt „Herodes vor Bethlehem“ von Mahlmann die beſte.— Die Draveſtie (Umkleidung) behält den Gegenſtand bei, wandelt aber die ernſte Form in eine komiſche um, legt ihm ein neues, komiſches Gewand an. In Frank⸗ reich ſind die Traveſtien geliebt. Die Italier traveſtirten Homers Jlias, der deutſche Blumauer die ſchon erwähnte Aenöis des Virgil. B. Die lyriſche Poeſie. §. 33. Die lyriſche Poeſie oder Lyrik hat ihren Namen von der Lyra oder Leier, dem Saiteninſtrumente, womit die Griechen ihre Geſänge und Lieder begleiteten. Es iſt alſo die muſikaliſche Poeſie, die Poeſie des Singens(Volkslieder, Goethe's Lieder ꝛc.) im Gegenſatz zur Sagenpoeſie. 335 Der Lyriker oder Sänger erzählt nicht wie der Epiker Sagen der Vorzeit oder Erlebniſſe anderer Perſonen, ſondern drückt im Geſange die Gefühle und Empfindungen ſeines eignen Herzens aus, malt uns ſeine eigne reiche Gemüths⸗ welt, ſelbſtändig und unmittelbar dem Innern entſprungen oder durch die Außen⸗ welt hervorgerufen. Selbſt im epiſch⸗lyriſchen Gedicht ſpricht der Lyriker noch ſeine Gefühle, ſeine Stimmung aus, während der Epiker ſtatt ſeiner die Sache reden und ſeine Perſönlichkeit ganz zurücktreten läßt. Alles, was das menſchliche Gemüth ergreift und erregt, bietet dem Lyriker reichen, unerſchöpflichen Stoff; er theilet in kunſtreicher Form ſein eigenes ſubjectives Gefühl mit, doch muß dasſelbe in das allgemein Menſchliche erhoben werden, damit die ver⸗ wandten Saiten auch in Anderer Buſen miterklingen. Geprieſen iſt der Sänger, von dem man ſagen kann:„Ihm ſchenkte des Geſanges Gabe, der Lieder ſüßen Mund Apoll“. Ein ſolcher ſingt ſeine Lieder, daß ſie wie Perlen von den Lippen gleiten, wie aus der Nachtigallenkehle im Silbertone hinperlend quillen und die Herzen allerHörer zwingen. Welche Macht der Sänger auf das gefühlvolle empfängliche Menſchenherz ausübt, davon zeigen auch Schillers ſchöne Verſe: „Wer kann des Sängers Zauber löſen, Wer ſeinen Tönen widerſtehn?— Wie mit dem Stab des Götterboten Beherrſcht er das bewegte Herz; Er taucht es in das Reich der Todten, Er hebt es ſtaunend himmelwärts, Und wiegt es zwiſchen Ernſt und Spiele Auf ſchwanker Leiter der Gefühle“. Die Form der Lyrik richtet ſich nach der Art, der Tiefe und Stärke der Gefühle und muß dem Inhalt vollkommen gemäß(adäquat) ſein, muß ſich nach dem lebendigen Wechſel der Gefühle und Gedanken, nach den verſchiedenen Seelenzuſtänden richten, iſt darum ſtrophiſch und weil urſprünglich zum Ge⸗ ſang beſtimmt, auch muſikaliſch, voll Wohllaut und Wohlklang, auf daß die Seele des Dichters in ſich hinein lauſcht und die Welle des eignen Wohllauts fluten hört. Vom Stoff und deſſen Behandlung hängt die Eintheilung lyriſcher Erzeugniſſe vorzugsweiſe ab, weniger von der äußern Form. Wir unterſcheiden darum die epiſche Lyrik, die eigentliche oder meliſche und die didaktiſche Lyrik. a) Die epiſche Lyrik. §. 34. Die epiſche Lyrik hat es noch mit einem„realen Stoff, einem äußern Geſchehen“ zu thun und bildet den Uebergang vom Epos zur Lyrik, weshalb ſie viele Schriftſteller auch zur epiſchen Poeſie zählen. Ihren Stoff greift ſie aus der Außenwelt, ſtellt auch das Menſchliche in äußern Begebenheiten und Handlungen dar, läßt aber auch zugleich die Stimmung des Dichters in höherm oder geringerem Grade in die Erſcheinung treten, ſo daß der Mittelpunkt 336 oft im Dichter ſelbſt liegt*). Durch Erſteres gehört ſie der Epik, durch Letzteres, wie durch den geringeren Umfang und die Form der meliſchen Lyrik aber zählt ſie zur lyriſchen Poeſie. Die Produkte dieſer Dichtgattung bezeichnet man mit: Rhapſodie, Ballade, Romanze. Die größte Verworrenheit der Begriffe von Ballade und Romanze herrſchte unter Dichtern und Schriftſtellern, bis end⸗ lich Echtermeyer in der Abhandlung:„Unſere Balladen⸗ und Romanzen⸗Poeſie“ Ordnung und Licht in das Chaos brachte. 1) Die Rhapſodie oder Märe ſteht dem herviſchen oder Helden⸗Epos am nächſten und theilt mit ihm Einfachheit der Sprache und des Versmaßes, hat aber nicht deſſen große Entfaltung und Ausdehnung. Der Rhapſode thut wohl den Stoff aus der Geſchichte ſeines eignen Volkes zu nehmen, um durch die Darſtellung der Thaten und Helden, die heimatliches Gepräge tragen, das Gemüth patriotiſch zu erregen und ans nationale Intereſſe anzuknüpfen. Im uebrigen findet er Stoff in der allgemeinen Geſchichte, in den großen, kühnen Thaten, den bedeutenden Charakteren ꝛc. und bringt ſo äußere Tapferkeit und biedere, kräftige Heldengeſinnung einzelner Perſönlichkeiten zur Darſtellung. Der reiche Stoff bedarf der idealen Anſchauung des Dichters nicht. Dieſer muß überall künſtleriſche Ruhe und hiſtoriſche Wahrheit walten laſſen, die That und deren Beweggründe auseinanderlegen, den klaren, ruhigen Fluß epiſcher Dar⸗ ſtellung zu ſchaffen und die Märe aus dem Bereich der unmittelbaren Wirklich⸗ keit in den Aether des heitern Scheins zu erheben wiſſen; denn auch wo die Rhapſodie„den Untergang darſtellt, iſt ſie hell und klar und gehört der Licht⸗ und Tagesſeite des Geiſtes an“. Die Rhapſodie verlangt ein überwiegend poetiſches Talent, das durch ſeinen innern Reichthum Alles erſetzt, was der Dichtung durch den Mangel an äußern Kunſtmitteln abgeht. Uhland beſitzt ein ſo ſeltenes und vortreffliches Talent und darum konnte er auch ſo herrliche Proben dieſer Dichtart ſchaffen, deren entſchiedenſter und größter Meiſter er iſt. Obenan ſteht„Eberhard der Rauſchebart“, 267, dann 240, 261, 262, 263, ferner noch„Taillefer“,„ Der Schenk von Limburg“ u. A. Auch Guſtav Schwab hat unter ſeinen Rhapſodien einige ſehr gelungene: 268, auch„Der Appenzeller Krieg“ ꝛc. J. Kerner 66). 2) Die Ballade. Die italiſche Ballata des 12ten Jahrhunderts war ein kleines, reinlyriſches Gedicht, ein Tanzlied. Balladen in der jetzigen Bedeutung finden ſich ſchon im 14ten Jahrhundert bei den Schotten und Britten, wo der Volksgeſang mit dem Namen ballad, das aus den germaniſchen Heldenliedern vererbte erzählende Lied bezeichnete. Auch unter den alten deutſchen Volksliedern finden ſich Balladen in dieſem Sinne, nämlich lyriſche Verarbeitungen eines epiſchen Stoffs, in den die Stimmung und das Gefühl des dichtenden Volkes hineingetragen wurde. Bürger, innig vertraut mit der ſchottiſchen und engliſchen Balladenpoeſie, führte in Deutſchland die nordiſche Ballade ein und brachte es durch dramatiſche Lebendigkeit in ſeiner„Leonore“(216) und in„Der wilde Jäger“(14) in der deutſchen Kunſtballade zu einer Meiſterſchaft wie nach *) Schilderungen von Perſonen und Sachen finden nur ſtatt, inſofern ſie die Wirkung der Begeben⸗ heit auf Phantaſie und Gemüth verſtärken, wie in Schillers Taucher die Beſchreibung der Charybde. 337 ihm nur Goethe und Uhland. Schiller hob die Romanze auf ihren klaſſiſchen Gipfelpunkt. Gvoethe hielt ſich viel an das alte Balladenlied, dem auch Uhland folgte, der überdieß noch die Meiſterwerke in der Rhapſodie geſchaf⸗ fen hat. Die Ballade wurzelt in der unmittelbaren Volksanſchauung, iſt das lyriſche Fortleben des Volksgemüths und Volksgeiſtes mit allem Glauben an das wunderbare, geheimnißvolle Walten dunkler, geiſterhafter Naturmächte (Nixen, Elfen ꝛc.), die durch Furcht, Schreck und Liebe den Menſchen ſo zu überwältigen wiſſen, daß Wille und Bewußtſein ihre Freiheit verlieren, er ſich nicht mehr aus den Umſtrickungen herauszuziehen vermag und dem unabwend⸗ baren Schickſal, den gewaltigen Kräften erliegen muß. Die Ballade hat alſo überwiegend die Natur⸗ oder Nachtſeite. des menſchlichen Lebens zum Inhalt und iſt mit der Natur⸗ und Volkspoeſie innig verwandt. Gvethe ſagt: „Der Ballade kommt eine myſteriöſe Behandlung zu, durch welche das Gemüth und die Phantaſie des Leſers in diejenige ahnungsvolle Stimmung verſetzt wird, wie ſie ſich, der Welt des Wunderbaren und den gewaltigen Naturkräften gegen⸗ über im ſchwächern Menſchen nothwendig entfalten muß.“ Die Form der Ballade iſt einfach, die Sprache volksthümlich und kernig und da die Ballade nur im Geſang und mit mußikaliſcher Begleitung erſt ihre volle Wirkung thut, ſo muß ſie auch in Reim und Strophe muſikaliſch⸗ſchöne Laut⸗ und Tonverhältniſſe haben. Echte Balladen ſind: 37. 203— 208. 214. 215. 216. 231. 252. 253. 256. 257. 260. 277— 280 2c. Von den vbenerwähnten klaſſiſchen Meiſern bat Schiller in der krſſchen Epik ausſchließlich nur Romanzen, Gvethe überwiegend Balladen gedichtet, obgleich Beide es mit der Bezeichnung ziemlich willkürlich genommen haben. Andere Balladendichter, die es in einzelnen Dichtungen ebenfalls zu hoher Meiſterſchaft gebracht haben, ſind: A. W. v. Schlegel, J. Kerner, Fr. Rückert, A. v. Platen, J. Moſen, G. Schwab, v. Zedlitz, H. Heine, Wolfgang Müller, Eduard Mörike u. v. A. 3) Die Romanze verherrlicht die im Innern waltende Macht der freien Sittlichkeit des gebildeten, ſelbſtbewußten Geiſtes. Wie die Ballade ſo zu ſagen auf dem heidniſchen Princip der dunkeln Schickſals⸗ und Zaubermächte beruht, ſo ſtützt ſich die Romanze auf die chriſtlichen Grundpfeiler der Humanität und der Menſch beherrſcht durch die Macht ſeines Geiſtes, ſeiner freien, ſittlichen Kraft die Natur und deren Rieſenkräfte. Ihr Inhalt ſind darum alle Tugen⸗ den(Liebe, Treue, Freundſchaft, Vaterlandsliebe, hohe Sittlichkeit, chriſtliche Demuth ꝛc.), die das wahre Weſen edler Menſchlichkeit ausmachen und aus dem ſich ſelbſtbewußten, freihandelnden Menſchengeiſte hervorgehen. Die Romanze gehört darum in das Reich der ideellen oder Kunſt-Poeſie; ſie zeigt die Tag⸗ oder Lichtſeite des menſchlichen Lebens, veranſchaulicht die freie Hand⸗ lung ſittlicher Macht und Größe und die im denkenden Selbſtbewußtſein des Dichters erkannte Idee der geiſtigen und ſittlichen Freiheit. Bildet in der Ballade die That gewiſſermaßen den Mittelpunkt, ſo iſt es in der Romanze die erhabne Idee, welche in eine ſo reiche äußere Welt hineinzubilden iſt, daß dieſe ſchon ein ſelbſtändiges Intereſſe zu erregen vermag, wodurch das an der Idee nur gehoben werden kann. Das metriſche Gewand muß darum kunſtreicher und wirkſamer, die Sprache ſchwungvoller und farbenreicher ſein, als in der Ballade, die„Lyrik muß über den dienenden epiſchen Stoff auch in der Form Schenckel's Blüten, 2r Theil. Ite ſ. verm. Aufl. 29 338 die Herrſchaft behaupten“. Der geniale Schiller iſt der unerreichte Meiſter in der Romanze, und hat uns dadurch„nicht eine Welt naiver Charaktere, ſon⸗ dern eine Idealwelt aufgethan“. Wie viele ſeiner Romanzen ſind lebendiges Eigenthum des deutſchen Volkes geworden! Beiſp.: 202. 219— 221. 238. 241. 237 vc. Romanzendichter ſind außer Schiller: Goethe, L. Uhland u. A. b) Die eigentliche(meliſche) Lyrik. §. 35. Was von der Lyrik im Allgemeinen geſagt wurde, das gilt im Weſentlichen auch für die eigentliche Lyrik. Ihr Inhalt iſt die innere Welt der Gefühle, wie ſie aus dem Dichtergemüthe entſpringen, mögen ſie nun ganz frei als Seelenſtimmungen hervortreten und das innere Leben ent⸗ falten, oder ſich mehr oder weniger an einen äußern Gegenſtand anknüpfen, durch den ſie angeregt wurden. In beiden Fällen erhalten ſie einen unmittel⸗ baren Ausdruck, werden gegenſtändlich, indem ſie ſich als Gedanken dar⸗ ſtellen. Die reine Lyrik kann aus einer heitern, aber auch aus einer ernſten Weltanſchauung gefloſſen ſein und die ganze Stufenleiter menſchlicher Gefühle und Empfindungen repräſentiren. Die Begeiſtrung gibt dem Dichter lyriſchen Schwung und trägt ihn hoch empor über die Mängel der gemeinen Wirklichkeit. Allein dieſe erhöhte Gemüthsbewegung läßt ſich nicht auf lange feſſeln, weßhalb die reinlyriſchen Gedichte von geringerem umfange und kurz im Gedankenaus⸗ drucke ſein müſſen, ſie dürfen, wie Goethes Lyrik, kein Wort zu viel und keins zu wenig haben, die lyriſche Kürze darf nicht mit epiſcher Breite wechſeln. Manche Gedichte haben einen ſo ſchönen Anfang, gegen den Schluß aber werden ſie matt, nüchtern, trocken ꝛc., das Dichterherz iſt erkaltet und die Begeiſtrung geſchwunden. Der rechte Künſtler weiß auch wenns Zeit iſt aufzuhören. Goethe ſteht in der Lyrik am größten da. Ihrem Juhalte nach zerfallen die lyriſchen Produkte in Lied, Ode, Hymne, Elegie. 1) Das Lied. Es hat unter den genannten Dichtarten das weiteſte Feld und iſt auch in Rückſicht auf Ton und Inhalt ſehr mannichfaltig. In den ver⸗ ſchiedenartigen Liedern ſpricht ſich nicht bloß der Charakter des Dichters, ſondern auch der eines Volkes, eines ganzen Zeitalters aus. Das echte Lied ſoll ſein, was es urſprünglich war, nämlich Geſang, man ſoll es ſingen können und es ſoll auch geſungen werden, darum ſagt Goethe:„nur nicht leſen, immer ſingen“. Die Form des Liedes muß alſo einfach und für Geſang und muſikaliſche Begleitung geeignet ſein. Unſer Volk iſt reich an den herrlichſten Liedern und es zeigt ſich darin die tiefe, innerliche Poeſie des deutſchen Geiſtes aufs Schönſte. Das Volkslied iſt wie die alten Epen aus dem Herzen und im Munde des Volkes entſtanden, ſpricht deſſen wahrſtes und innerſtes Weſen aus und zwar ſo einfach, abſichtslos und allgemein, daß Jeder die Empfindungen ſchon in gleicher Weiſe in ſich trägt, wie ſie im Liede dargeſtellt ſind. Spätere Dichter haben dieſe Naturpoeſie mit Glück zur Kunſtpoeſie erhoben, wie namentlich die Lyrik in und ſeit der zweiten klaſſiſchen Dichtperiode beweist. Dem Inhalte nach ſind die Lieder weltliche oder geiſtliche(religiöſe). Jene wer⸗ den durch die Vorgänge im gewöhnlichen Leben hervorgerufen, dieſe behandeln das Verhältniß des Menſchen zu Gott und dienen entweder zur häuslichen Er⸗ ———— 3³9 bauung, oder in der öffentlichen Gottesverehrung, wo ſie der Erguß frommer Gefühle und Herzensregungen einer ganzen chriſtlichen Gemeinde ſind und den Geiſt auf den Schwingen der Andacht emportragen. Dies ſind die rechten Kirchenlieder, urſprünglich gegründet auf das geiſtliche wie weltliche Volkslied. Der deutſche Liederſchatz begreift in ſich: Advents⸗, Weihnachts, Oſter⸗, Pfingſt⸗, Buß⸗, Haus⸗, Bitt⸗, Kreuz⸗, Troſt⸗ Dank⸗ und Sterbelieder; dann Frühlings⸗, Sommer⸗, Herbſt⸗ und Winterlieder; Geſellſchafts⸗, Trink⸗, Wein⸗, Abſchieds⸗ und Wander⸗ lieder; Vaterlands⸗, Soldaten⸗, Kriegs⸗ und Siegeslieder; Studenten, Fiſcher⸗, Schiffer⸗, Matroſen⸗, Hirten⸗, Müller⸗, Jäger⸗, Reiter⸗, Poſtillons⸗, Berg⸗ mannslieder und wie die Namen der einzelnen Stimmungslieder noch alle heißen. Hierher gehören auch die Lieder, welche der Ausdruck des Rationalgefühls ſind. Deutſchland hat keinen ſo gemeinſamen Nationalgeſang, obwohl es Arndts:„Was iſt des Deutſchen Vaterland?“ vor einigen Jahren zu werden ſchien. Die veſtreichiſche Nativnalhymne:„Gott erhalte unſern Kaiſer“, die preußiſche:„Ich bin ein Preuße“ ꝛc., das„Schleswig⸗Holſtein⸗Lied“ und das„Heil unſerm Bunde Heil“(das weniger in Deutſchland als in den einzelnen Staaten mit anders unterlegtem Text geſungen wird) ſind deutſche Nativnallieder. England hat das:„God save the king“(Gott erhalte unſern König), Frankreich die Marseillaise, Holland das„Oranienlied“ ꝛc.— Liederdichter ſind: Walther von der Vogelweide und andere Minneſänger, Luther, Nic. Deeius, Ph. Nicolai, Paulus Gerhardt, Paul Flemming, Joh. Riſt, Joh. Scheffler(Angelus Silesius), Friedr. v. Spee. Simon Dach, v. Hagedorn, J. E Schlegel, N. Götz, J. G. Jacobi, Bürger, Höltv, Claudius, Gellert, Miller, W. v. Goethe, Klopſtock, Herder, Fr. v. Schiller, Schubart, Salis⸗Seewis, v. Matthiſſon, Overbeck, A. W. u. Fr. v. Schlegel, L. Tieck, Novalis (v. Hardenberg), v. Arnim, Brentano, Fouqué, Hebel, v. Schenkenborf, Arndt, Th. Körner, Fr. Rückert, Wilh. Müller, Ubland, Juſt. Kerner, Guſt. Schwab, E. Mörike, Joſ. v. Eichendorff, v. Chamiſſo, H. Heine, Hoffmann(v. Fallersleben), Rob. Reinick, Joh. Nep. Vval, Joh. Gabr. Seidl, Nik. Lenau(v. Strehlenau), A. Grün(v. Auersperg), Kopiſch, Geibel, Spitta, Knapp, Kinkel, F. Freiligrath, Wolfg. Müller, J Sturm, Osc. v. Redwitz u. A. 2) Die Elegie war anfänglich bei den alten Griechen jede in Diſtichen abgefaßte Dichtung, ſpäter wurde ſie recht eigentlich zu einem Trauer⸗ und Klagelied. Manche Elegiker behielten das alte Versmaß bei; andere Gölty, Matthiſſon ꝛc.) wählten Trochäen und noch andere kleideten ſie ſogar in Odenmetra ein(Klopſtock, Goethe). Der elegiſche Dichter offenbart ſeine ſanften und milden Gefühle der Wehmuth über den Verluſt deſſen, was dem Herzen thener war (twa über den Tod eines treuen Freundes), klagt über Beſchränkung und Leiden des Meuſchen, über die ſchöne und große Vergangenheit im Vergleich mit der trüben, düſtern Gegenwart. Neuere Elegiker, und namentlich Gvethe, haben den Kreis der Elegie erweitert und ihr einen Inhalt gegeben, der aus ernſten Be⸗ trachtungen und Erinnerungen hervorging und eine Miſchung von Gefühlen der Wehmuth und Wonne war. Dadurch wird das Gemüth beſänftigt und die Seele kommt in eine ruhigere und mehr heitere Stimmung. Das elegiſche Gefühl iſt alſo durchaus kein leidenſchaftliches, wohl aber ein ſanftes, mildes und ſehnendes, gemiſcht aus Luſt und Leid, es iſt ein Gefühl, das uns Thränen ins Auge lockt, die unſer Herz drücken und doch verſöhnen. Schwächliche Empfindelei und weinerliche Unmännlichkeit ſind durchaus nicht elegiſch, dem Dichter jedoch gefährliche Klippen. Beiſpiele von Elegien: 146. 183. 272. 285. 311. 312. Elegiker ſind: Haller, Klopſtock(„Joh. Giſeke“,„An Bodmer“,„An Ebert“,„Selmar und Selma“ 2), Hölt9(„Elegie auf ein Landmäbchen“,„Elegie bei dem Grabe meines Vaters“ 1), Matthiſſon(Elegie auf das Heidelberger Schloß:„Schweigend in der Abenddämmrung Schleier“), Gvethe(20„röm. Elegien“,„Alexis und Dora“,„Epilog zu Schillers Glocke“), Schiller(„Klage der 226 340 Ceres“,„Das Glück“,„Der Genius“,„Der Speziergang“„Die Götter Griechenlands“ u. a.), A. W. v. Schlegel(„Die Kunſt der Griechen“), E. Schulze, Hölderlin, Eichendorff(„Auf den Tod meines Kindes“), Rückert, Lenau, A Grün ꝛe. 3) Die Ode iſt eigentlich nur eine höhere Gattung des Liedes. Ihr Grund⸗ charakter iſt die Erhabenheit. In ihr findet das durch die Betrachtung eines idealen Gegenſtands(Wahrheit, Tngend und Unſterblichkeit, Tapferkeit und Heldenmuth ꝛe.) zur Begeiſtrung, ja zur Leidenſchaft geſteigerte Gefühl den höch⸗ ſten lyriſchen Ausdruck. Der Stoff der Ode regt das Dichtergemüth in ſeiner innerſten Tiefe auf. Die Erhabenheit der Gedanken und Gefühle, wie die leb⸗ hafte Begeiſtrung verlangen auch in der Form einen erhabenern lyriſchen Schwung(den ſogen. Odenſchwung), neue und überraſchende, aber edele Bilder, vielſeitigere, kühnere Geſtaltung der Sprache, Würde, Kürze und Neuheit im Ausdruck. Beiſpiel: 137. 142. 145. 195. 232. Odendichter ſind: Klopſtock („Der Zürcher See“,„Der Eislauf“ ꝛc. ꝛc.), Herder, Hölty(„Das Landleben“ c.), Ramler, die beiden Stolberg, H. Voß, Gvethe, Schiller, Hölderlin, Platen. 4) Die Hymne iſt ein Lobgeſang zum Preiſe Gottes, eine Ode, worin die Gottheit ſelbſt gefeiert wird. Da die religiöſen Gefühle der Andacht und Anbetung tiefer auf das Gemüth des Menſchen wirken, als alle, welche das irdiſche Leben berühren, ſo wird die Phantaſie mit noch größerer Lebhaftigkeit ergriffen und der pvetiſche Schwung muß darum noch höher ſein als in der Ode, um die Seele des Dichters in eine ſolche Höhe zu tragen, daß ſie des Irdiſchen ganz vergißt und himmliſcher Ruhe genießt.— Die Pſalmen der hebräiſchen Poeſie ſind Hymnen zur Ehre Jehovas; es ſind heilige bibliſche Hochgeſänge.— Die chriſtlichen Hymnen werden gewöhnlich nur mit„figurirter Muſik ge⸗ ſungen, denn die langſame und gleichförmig fortſchreitende, oft auch im Singen gedehnte Melodie des Chorals hemmt den feurigen Flug des Hymnus.“ Beiſp.: 26. 128. 138. 139. Homnen dichteten: Klopſtock(26), E. v. Kleiſt, Gvethe(138. 139. Pro⸗ metheus“,„Grenzen der Menſchheit“,„Das Göttliche“ ꝛc.), Schiller(„Das eleuſiſche Feſt“), Novalis („Hymnen an die Nacht“), Platen(der in ſeinen„Feſtgeſängen“ den Kreis der Hymne erweiterte), Heine(128.„Sonnenuntergang“). c) Die didaktiſche Lyrik. §. 36. Wenn die meliſche Lyrik der unmittelbare Ausdruck der inneren Gefühlswelt iſt und dabei die Außenwelt nur inſoweit Geltung hat als ſie dieſe Gefühle hervorruft, ſo ſucht die didaktiſche Lyrik Gefühle darzuſtellen, die an ernſtere Betrachtungen eines paſſenden Gegenſtandes angeknüpft werden. Dieſe Lyrik enthält alſo Gedanken, die zum Theil belehren können, obwohl die Belehrung, ſoll anders das Gedicht noch lyriſch bleiben, nie die Hauptſache, nie entſchiedener Zweck werden darf, wie das in der früher erwähnten reindidaktiſchen Pveſie der Fall iſt. Gewiſſe Wahrheiten werden darum im Spiegel der poetiſchen Begeiſt⸗ rung aufgefaßt und lyriſch dargeſtellt; denn an die lehrreichen Betrachtungen im rhythmiſchen Gewande ſchließen ſich die lyriſchen Ergüſſe des Herzens an. Das Herrlichſte was die didaktiſche Lyrik aufzuweiſen hat iſt Schillers:„Lied von der Glocke“(196). Anch die hochklaſſiſche Elegie:„Der Spazier⸗ gang iſt lyriſch didaktiſch, dann 146. 285 und noch mehrere der oben erwähnten Elegien. 341 O. Die dramatiſche Poeſie. Zwar hat niemals des Kothurns Feſiſchritt der germaniſchen Muſe die Fluren Heroiſcher Zeit, wie die griechiſche that, durchwandelt in würdiger Hoheit, und es blieb fruchtlos manch eitler Verſuch, volksthümliche Dramen zu ſchafſen, Weil ſelten ein Volk, wenn epiſcher Sang nicht tief in das Leben geklungen und G ſtalten erwärmt mit trablichem Hauch, der Tragödie Preiſe davonträgt; Doch ſuchte Erſatz der Poet Deutſchlands in der Bewältigung menſchlicher Thaten Und brach muthvoll glorwürdige Bahn, nur ſchwand zu früh die Begeiſtrung. Ach, Deutſchland trug die vergoldete Laſt fremdländiſcher ſchmählicher Feßlung, Bis Gvethe genährt mit des Volks Wahrheit und der Heimat ebelſter Sproſſe, Nachhaltig geſtählt am Griechengeſang, hintritt vor die ſtrebende Heimat, Der erwachenden mild das Erhabene beut, die geſittete Kraft und die Anmuth; Bis Schiller erglüht im gewaltigen Drang nach Freiheit athmender Geiſter, Sein Volk hinreißt zur feurigſten Blut durch edelſter Thaten Entwicklung, Wo ſittliche Kraft mit Menſchengewalt daſteht im erſchütternden Kampfe. Da wanbelten ſtolz auf deutſchem Gerüſt großartige Heldengeſtalten, Von geſundeſtem Wuchs und reinſtem Gemüth⸗ wohl werth der helleniſchen Muſe, Nicht heimiſcher nur, auch fremder Geſang, voll weit nachhallender Inbrunſt Scholl mächtig herab dem verſammelten Volk vom Schauplatz menſchlicher Hoheit, Und das Herz ging mild dem belebenden Klang, dem erweckenden Rufe der Kunſt auf. K. Gödeke. §. 37. Das Höchſte, was der Dichter ſchaffen kann, iſt die Schöpfung eines dramatiſchen Kunſtwerks, in dem Epik und Lyrik ihre ſchönſte Vereinigung und innigſte Verſchmelzung finden. Die dramatiſche Poeſie iſt nach dem griechi⸗ ſchen Worte Drama, d. i. Handlung, benannt, iſt alſo eine Poeſie des Handelns und der Darſtellung. Der Dramendichter erzählt aber nicht Thaten und Handlungen, die der Vergangenbeit angehören, wie das der Epiker thut, auch beſingt er nicht, wie der Lyriker, Empfindungen über geſchehene Thatſachen, ſondern er läßt die Thaten der handelnden Perſonen vor unſerm geiſtigen und auf der Bühne auch vor unſerm leiblichen Ange geſchehen, ſtellt alſo Alles als gegenwärtig dar, damit wir auch lebendigen Antheil an Freud und Leid nehmen können. Zugleich entfalten ſich uns im Drama die innern Gemüthszuſtände der handelnden Perſonen, welche uns dieſe ſelbſt in Ge⸗ ſprächsform oder im dramatiſchen Dialog in die Erſcheinung treten laſſen, wodurch uns die Beweggründe der Handlungen zugleich klar werden und wir die Charaktere anſchauend verſtehen lernen. Die ganze Reihe von Vor⸗ gängen, welche als Urſache und Wirkung miteinander verkettet, unter ſich alſo in genauem Zuſammenhang ſtehen und zu einer Einheit verbunden ſind, nennt man die Fabel des Dramas. Weit wichtiger als die Einheit des Orts und der Zeit iſt im Drama die„Einheit der Handlung in der Richtung auf ein gegebnes Ziel“. Wie die Weltanſchauung eine ernſte oder tragiſche und eine heitere oder komiſche iſt, ſo gibt es auch Dramen ernſter und heiterer Art. Fällt der Held des Stücks im Kampfe um die höhern Güter des Lebens (Recht, Freiheit, Vaterland ꝛc.) als Opfer einer ſiegreichen Idee, ſo iſt das Drama eine Tragödie oder ein Trauerſpiel. Im entſchiedenen Gegenſatze dazu ſteht die Komödie oder das Luſtſpiel. Die moderne Poeſie hat noch ein beſonderes Drama geſchaffen, das zwiſchen dem feierlichen Ernſte der Tragödie und dem heitern Scherze der Komödie ſteht und Schauſpiel heißt. Auch die 322 Oper u. a. zur Geſangaufführung beſtimmten und geeigneten dramatiſchen Ge⸗ dichte verdienen beim Drama nähere Erwähnung. Nach der äußern Eintheilung zerfällt das Drama in Aete oder Aufzüge und dieſe ſind wieder in Scenen oder Auftritte eingetheilt. Die ganze dramatiſche Handlung muß innern und äußern Zuſammenhang haben, jeder Aet, der für ſich ein organiſches Ganzes bildet, ſteht auch wieder als Theil im nothwendigen Zuſammenhang des ganzen Stücks. Jede dramatiſche Handlung muß in ſich eine beſtimmte abgeſchloſſene Einheit, ein Ganzes, bilden, muß alſo Anfang, Mitte und Ende in ſich ſelbſt haben. Der Anfang(die Expoſition, Einleitung) macht uns mit dem In⸗ halt des Stücks mit den handelnden Perſonen und den zur Ausführung gewählten nöthigen Mitteln bekannt, in der Mitte ſchürzt ſich der Knoten, die Verwicklung beginnt, nimmt zu, die Handlung breitet ſich anus, das Intereſſe wird geſteigert, die Erwartung immer mehr geſpannt, bis gegen das Ende, wo der Knoten ge⸗ löst und das Intereſſe völlig befriedigt wird. Hieraus ergeben ſich alſo noth⸗ wendig fürs Drama drei Acte, von denen der mittlere ſich wieder zu 3 Acten erweitert, indem ſonſt die Ver⸗ und Entwicklung einer großen tragiſchen Hand⸗ lung zu kurz wäre. Dadurch werden die gebräuchlichen fünf Aete der Tragödie erhalten. Im Luſtſpiel hat die dramatiſche Handlung verhältnißmäßig geringern Umfang, darum gibt es auch drei⸗, zwei⸗ und einactige Luſtſpiele. Der vorhin erwähnte dramatiſche Dialog muß den Gang der Handlung entwickeln helfen, muß ſelbſt dramatiſch, möglichſt gedrungen und lebendig ſein; denn die Handlung, deren Träger er größtentheils iſt, fordert ein raſches, leben⸗ diges Fortſchreiten und will alle Weitſchweifigkeiten vermieden haben. Das Charakteriſtiſche der handelnden Perſonen liegt nicht bloß im Inhalte der Gedanken, ſondern auch in Art und Form der Ausdrücke, die ſich nach der Geiſtes⸗ und Gemüthsbildung, nach dem Stand, Alter und Geſchlecht zc. der activen Perſonen richten müſſen; denn der raſche, lebensluſtige Jüngling denkt, fühlt und ſpricht anders, als der bedächtige, lebensmüde Greis, der Gelehrte anders als der Handwerker, der weltkluge Staatsmann anders als der für eine hohe Idee begeiſterte Held ꝛc. 1) Die Tragödie ſtellt das Ringen und Kämpfen eines edeln, großartigen Geiſtes mit dem Geſchicke dar. In dieſem Kampfe gegen die in einer höhern Weltordnung waltende Nothwendigkeit erliegt zwar der Held, aber mit ſolcher Würde und geiſtigen Erhabenheit, daß der Eindruck der Tragödie doch ein wohlthuender, verſöhnender iſt. Das Beſondere geht alſo in der Zeit unter, wird dem Allgemeinen, dem Ewigen zum Opfer. Die Tragödie läßt uns das *) In der antiken Tragödie führt beſonders das unerbittliche Schickſal oder Fatum den Unter⸗ gang des Menſchen herbei, daher der Name:„Schickſalstragödie“. Müllner u. A. ſuchten ſie auch ins Deutſche überzuführen, freilich mit ſehr wenig Glück.— In der neuern, echtdeutſchen Tragödie ruft der Held mehr durch eine gewiſſe, großartige Einſeitigkeit in ſeinem Charakter ſeinen Untergang hervor, wie z. B. Wallenſtein durch ſtolzes Streben nach Macht, das ihn ſeine Ehre und Pflicht vergeſſen ließ. Dieß iſt die Charaktertragö die.— Das bürgerliche Trauerſpiel greiſt ſeinen Stoff mehr aus dem alltäglichen Leben und die Hemmniſſe, die den Untergang des Helden herbeiführen, liegen mehr in bürgerlichen oder Familienverhältniſſen. Der pvetiſche Werth iſt geringer, die Sprache iſt eine gebilbete Proſa.(Emilie Galotti v. Leſſing.) 343 geheimnißvolle Walten einer höhern Weltordnung, die zerſtörend und aufbauend in das menſchliche Leben eingreift, in lebendiger Gegenwart ſchauen“; ſie ergreift das Gemüth mit tiefer Wehmuth über den Untergang eines in der Erſcheinung großartigen, aber ſittlich doch nicht ganz vollkommenen Lebens; ſie erhebt und beruhigt aber auch wieder durch die Offenbarung einer höhern, ewigen Weltordnung. In dieſem Siege liegt zugleich die poetiſche Gerechtigkeit. Der tragiſche Hauptcharakter wird durch die tragiſche Behandlung erhöht, er wird idealiſirt, um der höhern Idee gegenüber Bedeutung genug zu erhalten und als einzige und ſtarke Perſönlichkeit im Mittelpunkt der Tragödie ſtehen zu können. Der Stoff oder die tragiſche Fabel kann biſtoriſch wahr oder erdichtet ſein, immer aber muß er dem Ernſt, der Würde und Erhabenheit der Tragödie ent⸗ ſprechen; ebenſo muß die ſprachliche Darſtellung dem Inhalte angemeſſen, edel und erhaben ſein, weil eine feierliche Gemüthsſtimmung am beſten auch in einem feierlichen Rhythmus der Rede veranſchaulicht werden kann. Wie jedes echte Drama, ſo muß auch die Tragödie auf der Bühne dar⸗ geſtellt werden können. Was die Bühne, was die Tragödie ſein ſoll, faßt Geibel ſchön zuſammen in folgenden Worten: „Es ſei die Bühne, was dereinſt ſie war, Ein Heiligthum; es ſei das Trauerſpiel Ein dunkler Spiegel, drin zum Bild gefaßt Das ewige Geſetz des Weltengangs Geſtaltenvoll dem Volk ſich offenbart. Drum wolle Keiner, der in Zeit und Vorzeit Des Gottes mächtges Schreiten nie vernahm, Und nicht die Sühnung kennt und nicht das Maß, Hier Prieſter ſein. Und wer zu opfern kommt, Sei reines Sinnes und nahe ſich in Ehrfurcht Der ernſten Muſe, der Gewaltigen, Die hochherwandelnd That und Miſſethat Des Sterblichen in erzner Schaale wägt“. Dragiker oder Tragöden ſind: Klinger(„Zwillinge“), Leiſewitz(„Julius von Tarent“), Leſſing(„Miß Sara Sampſon“,„Emilia Galotti“), Gvethe(„Egmont“,„Fauſt“,„Clavigo“ rc.), Schiller(„Don Carlos“, Die Trilogie„Wallenſtein“, die 3 Frauentragödien:„Maria Stuart“, „Jungfrau von Orleans“,„Braut von Meſſina!“.), Uhland(„Ernſt von Schwaben“,„Ludwig der Bayer“), Immermann, Oehlenſchläger, Grabbe, Müllner, v. Houwald, Grill⸗ varzer, Th. Körner, v. Auffenberg, J. Moſen, E. Geibel u. A. 2) Die ſcherzhafte Komödie oder das Luſtſpiel ſteht der ernſten Tragödie gegenüber. Im Luſtſpiel erreicht der Scherz ſeinen höchſten Gipfel. Es greift ſeinen Stoff aus dem alltäglichen Leben, aus dem Privatleben, ſchildert die Schwächen, Mängel und Thorheiten der Menſchen und ihrer Lebensverhält⸗ niſſe bald mit gemüthlicher Laune, bald mit verſpottender Ironie, aber immer auf heitere, ergötzliche Weiſe und zeigt dabei, daß Thorheit und Unvernunft weder ſiegen noch Beſtand haben. Das Komiſche beruht meiſt auf dem Gegen⸗ ſatz zwiſchen dem ernſten, bedächtigen, unendlich wichtig thuenden Handeln des Helden mit der Nichtigkeit und Einfältigkeit ſeines Zweckes, den er natürlich zu ſeinem Aerger und Staunen verfehlt, ohne daß es ihm ſonderlichen Schaden 344 bringt.— Glückliche Wahl des Stoffs, gute Gruppirung der Perſonen, lebens⸗ volle Handlung, feine Charakterzeichnung, intereſſante Verwicklungen(Intriguen) und ein gewandter Dialog, worin das Charakteriſtiſche der handelnden Perſonen in treffenden Zügen gezeichnet iſt*), ſind die Haupterforderniſſe einer guten Komödie. Die Form iſt ziemlich frei, meiſt Proſa, weil dieſelbe den geſchilderten gewöhnlichen Lebensverhältniſſen am angemeſſenſten iſt. Luſſpieldichter ſind: Leſſing(„Minna von Barnhelm“), H. v. Kleiſt(„Der zerbrochene Krug“), Iffland, Th. Kör⸗ ner, Conteſſa, v. Kotzebue, v. Platen(„Die verhängnißvolle Gabel“,„Der romantiſche Oedi⸗ pus“,„Der gläſerne Pantoffel“ c.), Raupach, v. Holtei, Gutzkow, Bauernfeld, Benedir, Caſtelli, F. Raimund, K. Töpfer u. A. 3) Das Schauſpiel iſt eine Schöpfung der neuern Zeit und ſteht in der Mitte zwiſchen Tragödie und Komödie, jedoch näher an jener, als an dieſer. Der Held, eine edle Perſönlichkeit, geht ſiegreich aus allen Verwicklungen und Kämpfen hervor, wie dieß namentlich im hiſtoriſchen Schauſpiel der Fall iſt. Der Stoff zum Schauſpiel kann aus dem häuslichen und bürgerlichen(dem Familienleben), aus dem höhern Hof⸗ und Staatsleben und aus der Geſchichte genommen werden. Was die Form betrifft, ſo iſt dieſelbe häufig Proſa, im höhern, dem Trauerſpiel ſich mehr anſchließenden Schauſpiele aber poetiſch. Schauſpieldichter ſind: Leſſing(„Nathan der Weiſe“), Gvethe(„Götz',„Iphigenie“,„Taſſo“), Schiller(„Tell“), H. v. Kleiſt(„Käthchen von Heilbronn“,„Prinz Friedrich von Homburg“), J. Moſen(„Heinrich der Finkler“), H. Laube(„Die Karlsſchüler“,„Gottſched und Gellert“,„Prinz Friedrich““) u. A. Anmerkung. Schließlich ſind noch die muſikaliſchen Dramen zu erwähnen, das ſind dramatiſche Gedichte, deren theatraliſche Aufführung mit mehr oder weniger Muſikbegleitung geſchieht. Das Liederſpiel oder Singſpiel im engern Sinne iſt ein Luſtſpiel mit eingelegtem Geſang. Hier bleibt die Poeſie noch die Hauptſache und die Muſik erſcheint nur als Zugabe. Die eingeſtreuten Lieder find entweder bekannte oder haben doch bekanute Melodien. Gvethe's Singſpiele ſind:„Jery und Bätely“,„Erwin und Elmire“,„Claudine von Villa Bella“,„Die Fiſcherin“,„Scherz, Luſt und Rache“.)— Die Oper vereinigt aufs Vollſtändigſte Ppeſie und Muſik(Vokal⸗ und Inſtrumentalmuſil) in dramatiſcher Form. Sie kann ernſter, halbernſter und komiſcher Art ſein; doch muß immer das dramatiſche Element mit dem mu⸗ ſikaliſchen eine harmoniſche Einheit bilden, es muß der Dramatiker muſikaliſch dichten und der Muſiker dramatiſch componiren. In der Regel erlangt aber die Muſik das Uebergewicht über die Poeſie, der Componiſt über den Dichter. Man leſe nur die Operntexte. Es gibt die große oder ernſte Oper(opera serio), die halbernſthafte(opera semiseria) und die komiſche(opera buſfa). In der Oper tritt beſonders das lyriſche Element in den Arien und Chören hervor. Die Arie vertritt als Solo den Monolog, als Duett, Terzett, Quar⸗ tett ꝛc. den Dialog. Die große theatraliſche Ausrüſtung, als Decoration, Coſtümirung, Maſchinerie ꝛc. kann hier ebenſo wenig wie beim Drama überhaupt beſprochen werden. Schon Opitz und Gryphius ſchrieben Opernterte, ſpäter auch Wieland(„Aleceſte“), Fr. Kind(„Freiſchütz), P. A. Wolf(„Precioſa“), *) Meiſterhaft iſt die charakteriſtiſche Darſtellung der Handwerker in Shakſpeare's Sommernachtstraum⸗ „H. v. Chézy(„Euryanthe“), Schikaneder(„Zauberflöte“) u. A. Die größten Operncomponiſten ſind: Chriſtoph Ritter v. Gluck, geb. 1714 zu Weidenwangen in der Oberpfalz, † 1787 zu Wien,„Orpheus“,„Alceſte“, „Iphigenie in Aulis“ und„in Tauris“,„Armida“ u A.), Wolfg. Amadäus Mozart, geb. 1756 zu Salzburg, † 1792 zu Wien(„Idomeneo“,„Entführung aus dem Serail“,„Figaro's Hochzeit“,„Don Juan“,„Zauberflöte“,„Titus“), Ludwig van Beethoven, geb. 1770 zu Bonn, † 1827 zu Wien,(„Fidelio“, auch die herrliche Muſik zu Goethe's Egmont), Ludwig Spohr, geb. 1784 zu Braunſchweig, lebt in Caſſel(„Fanſt“,„Jeſſonda“,„Zemire und Azor“), Carl Maria v. Weber, geb. 1786 zu Eutin, † zu London 1826(„Precioſa“, Freiſchütz“,„Euryanthe“,„Oberon“), Meyerbeer, geb. 1794 zu Berlin(„Robert der Teufel“,„Die Hugenotten“,„Der Prophet“). Das Oratorium iſt ein muſikaliſches Drama ernſten würdigen Inhalts, wohl für muſikaliſche Aufführung, aber nicht für theatraliſche Darſtellung beſtimmt. Sein Inhalt ſind geiſtliche Stoffe, bibliſche Handlungen und Geſchichten, doch wandte ſich Haydn auch zu⸗ gleich weltlichem Stoff und Tone zu. Auch die Cantate iſt in der Form dramaähnlich, ſchließt aber die eigentliche Handlung aus und iſt ihrem Weſen nach mehr lyriſch.(„Alexanderfeſt“ von Händel,„Der Tod Jeſu“ v. Graun mit Text von Ramler u. A.) Herrliche Oratorien beſitzen wir von Händel, geb. 1684 zu Halle, † 1759 zu London(„Meſſias“,„Samſon“,„Judas Makka⸗ bäus“), der den Chor mit aller Kraft und dramatiſchen Wirkſamkeit ausſtattete, . von Haydn, geb. 1732 zu Halle, † 1809 zu Wien(„Die Schöpfung“,„Die 3 Jahreszeiten“), von J. Chr. Fr. Schneider, geb. 1786 in der Lauſitz(„Welt⸗ gericht“,„Die Sündflut“,„Das verlorne Paradies“,„Chriſtus der Mittler“ ꝛc.), v. Bernh. Klein, geb. zu Köln, † 1832 zu Berlin Jephtä, „David“ ꝛc.), v. L. Spohr(„Das jüngſte Gericht“,„Die letzten Dinge ꝛc.), von Felix Mendelsſohn⸗Bartholdy, geb. 1809 zu Berlin, † 1847 zu Leipzig(„Paulus“,„Elias“). Grundriß der Geſchichte der poetiſchen Literatur der Deutſchen. Seit älteſter Zeit hat hier es getönt und ſo vft im erneuenden Umſchwung, In verjüngter Geſtalt aufſtrebte die Welt, klang auch ein germaniſches Lied nach⸗ Zwar lange verhalltiſt jener Geſang, den einſt Arminius Heerſchar Anſtimmend gejauchzt in des Siegs Feſtſchritt, auf römiſchen Gräbern getanst ihn; Doch blieb von der Zeit des gewaltigen Karl wohl noch ein gewaltiges Lied euch, Ein gewaltiges Lied von der mächtigen Fran, die erſt als zarteſte Jungfrau Daſteht, und verſchämt, voll ſchüchterner Huld, dem er habnen Helden die Hand reicht⸗ Bis dann ſie zuletzt, durchs Leben geſtäblt, durch glübende Rache gehärtet, Graunvoll auftritt, in den Händen ein Schwert und das Haupt des enthaupteten Bruders. Auch lispelt um euch der melodiſche Hauch aus ſpäteren Tagen des Ruhms noch, Als mächtigen Gangs zu des Heilands Gruft die gepanzerten Friedriche wallten; An den Höfen erſcholl der Geſang damals aus fürſtlichem Mund, und bder Kaiſer, Dem als Mitgift die Geſtade Homers darbrachte die Tochter des Normanns, Sang lieblichen Ton! Kaum aber erloſch ſein Stamm in dem herrlichen Knaben, Der, unter dem Beil hinſterbend, erlag capetingiſcher teufliſcher Unthat, Schwieg auch der Geſang und die göttliche Kunſt fiel unter die Meiſter des Handwerks. Spät wieder erhub ſich die heilige Kraft, als neue befruchtende Regung Weit über die Welt aus Deutſchlands Gauen der begeiſterte ſächſiſche Mönch trug; 2 Doch ſtrebte ſie nur langſamer empor⸗ weil blutiger Kriege Verderbniß Das entvölkerte Reich, Jahrhunderte lang, preisgab der unendlichen Rohheit: Weil Wechſel des Lauts erſt hemmte das Lied, da der bibelentfaltende Luther Durch männlichern Ton auf immer vertrieb die melodiſche rheiniſche Mundart. Doch ſollte das Wort um ſo reicher erblühn, und es lehrte zugleich es Melanchtbon Den gediegenen Klang, den einſt anſchlug die beglücktere Muſe von Hellas, Und ſo reifte heran die germaniſche Kunſt, um entgegen zu gehen der Vollendung! Lang ſchlich ſie dabin, lang ſchleppte ſie noch, nach ahmende Feſſel und ſeußzte, Bis Klopſtock naht und die Welt fortreißt in erhabener Odenbeflüglung, Und das Maß herſtellt, und die Sprache beſeelt und befreit von der galliſchen Knechtſchaft. Zwar ſtarr noch und herb und zuweilen verſteint, auch nicht Jedwedem genießbar, Doch ihm folgt bald das Gefällige nach und das Schöne mit Gvethe'ſcher Sanftheit. Manch großes Talent trat ſpäter hervor und entfaltete himmliſchen Reichthum; Doch Keiner erſchien in der Kunſt Fortſchritt dem unſterblichen Paare vergleichbar: Keuſch lehnt Klopſtock an dem Lilienſtab und um Gvethes erleuchtete Stirne „ Glühn Roſen im Kranz! Kühn wäre der Wunſch zu erſingen verwandte Belohnung! Aug. Graf von Platen⸗Hallermünde. §. 1. Die Erzeugniſſe der ganzen ſchriftſtelleriſchen Thätigkeit des denkenden und ſelbſtbewußten Menſchengeiſtes nennt man Literatur*)(Schriften⸗ *) Litera oder Littera, d. i. Buchſtabe. Literatur oder Buchſtabenſchrift, Schriftliches. Die Buch⸗ ſtaben ſind die äußere Form, in welcher der Gedanke als geiſtiges Weſen dem Auge erſcheint. weſen, Schriftthum). Von dieſer Geſammtliteratur kann hier allerdings nicht die Rede ſein. Wer wollte ſich auch unterwinden die Weltliteratur in der Spanne ſeines irdiſchen Seins zu durchdringen und zu erfaſſen? Wir müſſen darum den Geſichtskreis viel enger ziehen und nur die Literatur eines einzigen Volkes be⸗ trachten, wobei ſelbſt wieder alle die literariſchen Geiſtesprodukte außer Acht ge⸗ laſſen werden müſſen, die der Wiſſenſchaft angehören, bei der ſich auch andere eultivirte Völker mehr oder weniger betheiligt haben. Es handelt ſich alſo zu⸗ nächſt und hauptſächlich um diejenigen Schöpfungen in der Literatur, die in Stoff und Form eines Volkes eigenthümlichſtes Leben und Weſen, ſeinen Charakter, ſeine Sitten, ſeine Geſinnung, ſeine ſinnliche und religiöſe Anſchaunungs⸗, Gefühls⸗ und Gemüthsweiſe, kurz ſeine ganze Innerlichkeit am beſten darſtellen, wie dieß in der Nationalliteratur geſchieht. Das Alles iſt aber am entſchiedenſten und ſchärfſten in der Poeſie ausgeprägt, weßhalb auch für uns die poetiſche Nationallit. unſeres Volkes oder kurz die deutſche Nationallit. die wichtigſte iſt. Geht man auf den Urſprung einer Literatur zurück und faßt dann deren allmähligen und eigenthümlichen Entwickelungsgang, ſowie ihre Förderer und Pfleger näher ins Auge: ſo entſteht eine Literatur⸗ oder Literar⸗ Geſchichte*). Dieſe zeigt alſo nicht bloß was die ſchaffenden Geiſter in der Zeit hervorgebracht haben, ſondern ſie folgt auch dem menſchlichen Geiſte auf ſeinen ſtillen Wegen, in ſeinen geheimſten Gängen zur Wahrheit wie zum Irr⸗ thum, iſt alſo einer„allgemeinen Reiſebeſchreibung zu vergleichen, in der alle Entdeckungsverſuche, alle Verirrungen und Ausſchweifungen der Erkenntniß auf⸗ gezeichnet ſind“. Obwohl ſchon früher die Literaturgeſchichte ihre Bearbeiter fand, ſo wurde ſie jedoch erſt im Anfang des 18. Jahrh. zu tieferm Studium und zur Lieblingsbeſchäftigung einzelner Gelehrten gemacht, und ſeitdem iſt manches ge⸗ diegene und umfaſſende Werk darüber entſtanden. §. 2. Wie der einzelne Menſch durch mehr oder weniger leibliche und geiſtige Anfechtungen auf die Mittagshöhe ſeines Lebens gelangt: ſo auch das einzelne Volk. Die deutſche Nation kann ſich rühmen, wie keine andere, zwei⸗ mal die ſonnige Höhe der klaſſiſchen Literatur erreicht zu haben, nämlich in den deutſchen Volks⸗ und Kunſtepen und dem Minneſang des Mittelalters, und in Goethe⸗Schiller. Dort war es das innerliche Durchdringen des echtgermaniſchen Geiſtes vom Chriſtenthum, hier die innige Verſchmelzung des modern deutſchen Geiſtes mit dem antik klaſſiſchen der Griechen und Römer und dem unſerer Nachbarvölker. Unſere erſte klaſſiſche Dichtperiode ging der aller andern kultivirten Völker Europas(der Italier, Spanier, Engländer ꝛc.) voraus. Im weiteſten Sinne gehört alles Geſchriebene(Gedruckte) und wär es auch noch ſo unbedentend, zur Literatur, im engern und wiſſenſchaftlichen Sinne aber nur das, worin ſich das geiſtige Leben eines Volkes äußert und in bewußter Abſicht und mit freier Geiſtesthätigkeit das wahrhaft Schöne in der Kunſt zu erſtreben ſucht.—*) Außer der Literaturgeſchichte gibt es eine allgemeine, Welt⸗ oder U niver⸗ ſalgeſchichte, eine politiſche Geſchichte jedes einzelnen Volkes, alſo deutſche, engliſche, franzö⸗ ſiſche, ſpaniſche, römiſche, griechiſche, perſiſche ꝛe. Geſchichte, ferner eine Religions⸗ und Kunſtgeſchichte, die wieder nur Theile der Culturgeſchichte ſind. Biographien ſind Lebens⸗ geſchichten kinzelner berühmter Männer. 348 Wenn gleich die zweite kl. Literaturper. unn hinter uns liegt, ſo iſt darum die Poeſie noch im ganzen deutſchen Lande heimiſch und lebendig und Uhland konnte wohl ſingen: „Nicht an wenig ſtolze Namen Ausgeſtreuet iſt der Samen Iſt die Liederkunſt gebaunt; Ueber alles deutſche Land.“ Gerne glauben wir daher auch dem hoffnungsreichen, prophetiſchen Sänger Anaſt. Grün, daß das alte ewige Lied noch nicht ausgeſungen, ſondern daß es ſo lange dauert als die Schöpfung, als die Menſchheit ſelbſt; denn: „Singend einſt und jubelnd Zieht als der letzte Dichter Durchs alte Erdenhaus Der letzte Menſch hinaus“. §. 3. Die Geſchichte der deutſchen Nationalliteratur zerfällt in die drei Abſchnitte: älteſte Zeit, alte Zeit und neue Zeit. In jedem dieſer Abſchnitte laſſen ſich wieder verſchiedene Perioden unterſcheiden. A. Aelteſte Zeit.(Von X— 1150.) §. 4. Dieſer Zeitraum charakteriſirt ſich durch den Kampf des alten nationa⸗ len Heidenthums mit dem Chriſtenthum durch das Ringen des germaniſchen Geiſtes mit dem chriſtlichen Geiſte. §. 5. Schon Tacitus nennt die Deutſchen ein poetiſches Volk, das die Gabe des Geſanges beſeßen. Wohl werden auch die Germanen als eichel⸗ freßende Halbmenſchen geſchildert und der römiſche Kaiſer Julian verglich das Singen deutſcher Volkslieder am Rhein mit dem Gekrächze ſchreiender Raubvögel. Bei feſtlichen Gelagen ertönte ihr wildfreudiger Geſang, vor dem Beginn der Schlacht erklangen ihre Kampf⸗ und Siegeslieder, bei den Begräbniſſen ihrer Helden ſangen ſie Trauergeſänge und Klagelieder; auch feierten ſie ihre Götter, die Stammeshelden ihres Geſchlechts, ihre Siegeshelden und Volkskönige in Ge⸗ ſängen, der einzigen Art hiſtoriſcher Erinnerung. Nach Tacitus unverdächtigem Zeugniſſe haben ſie die Thaten des Arminius noch lange nach deſſen Tode be⸗ ſungen. Alle dieſe Lieder ſind untergegangen, ebenſo die ſpätern Heldenlieder der Gothen*)(über ihre alten Könige Berig und Filumer) und Longobarden, von denen die Hiſtoriker Jornandes und Paul Warnefried berichten. Die Geſänge waren Eigenthum des ganzen Volkes und der lebendige unge⸗ ſchriebene Geſang erfüllte und bewegte Herz und Mund des ganzen Volkes in gleicher Weiſe. Es war alſo die Sorge für den Volksgeſang keinem geachteten Barden⸗ oder Skaldenſtand wie bei den Kelten und Skandinaviern überlaſſen, der die poetiſchen Sagen wie ſein Eigenthum gepflegt hätte, ſondern es ſang Zeder, dem Geſang gegeben. Wandernde Sänger, Blinde und Boten trugen die Lieder umher und nach den älteſten Zeugniſſen ſangen Bauern die Lieder von Dietrich von Bern. BViele der alten Sänger waren ſelbſt Helden, ſo der Stomarnkönig Horand, der in Hagens Burg(ſiehe S. 236) ſeinen ſüßen, weit⸗ hin ſchallenden Geſang erhob, ſo im Nibelungenlied der Spielmann Volker,„mit *) Der alte gothiſche König Hermanarich muß vor Dietrich der große Mittelpunkt der deutſchen Sage geweſen ſein. Man pries ihn als andern Alerander und ſein Ruhm drang ſelbſt bis nach England. Durch die Völkerwanderung wurden auch die Angelſachſen mit der Hermanarichſage bekannt. 349 dem es an freudiger Tapferkeit kaum Einer, an lieblichem Geſang und Saiten⸗ ſpiel Niemand aufnehmen konnte“. Mit der Harfe, Zither oder Fiedel wurde der Geſang begleitet. An den Höfen der griechiſchen Könige ſangen die Sänger (Aöden) allein, alle Uebrigen hörten nur zu. Bei den Deutſchen ſang die Menge, ſangen Alle zuſammen, wenn ihnen der Inhalt des Geſangs bekannt war, oder ſtimmten doch wenigſtens bei den Haupiſtellen und den alliterirenden Wörtern ein und die Harfe ging dabei an den Königshöfen von Hand zu Hand. §. 6. Sind auch die erwähnten Geſänge verloren gegangen, ſo blieb doch reicher Sagenſtoff, den ſpätere Jahrhunderte verarbeiteten. So haben ſich zwei Liederſtoffe erhalten, die weit über der chriſtlichen Zeitrechnung in der tief heid⸗ niſchen Zeit ihren Urſprung haben und nach mehr als 2000 jährigem Alter nicht nur bekannt, ſondern poetiſch lebendig ſind, nämlich der Mythus von Sieg⸗ fried dem Drachentödter oder hörnernen Siegfried(der, ſeines ältern, heidniſch-mythiſchen Charakters entkleidet, einen Theil des Nibelungenliedes aus⸗ macht) und die Thierſage von Reinhart dem Fuchs und Iſegrim dem Wolfe, an welchem letztern Stoff ſich noch Goethes„Muſe in trüber Zeit erquickt und dichtend erprobt hat.“ §. 7. Die Völkerwanderung und die Einführung und Verbrei⸗ tung des Chriſtenthums übten einen mächtigen Einfluß auf das poetiſche Leben der Deutſchen. In der ungeheuern Völkerwanderung durchkrenzten ſich deutſche Volksſtämme auf ihren Zügen. Lied und Sage trennten ſich vom heimiſchen Boden ab, ſtammeigne Sagen vermiſchten ſich miteinander, oder wur⸗ den vertragen und verpflanzt. Zu dem Alten trat Neues aus dem reichen Schatz der Gegenwart und vor der poetiſchen Schöpferkraft des Volkes fiel die Schranke der Zeit und des Raums, und Geſchlechter und Helden wurden zuſammengerückt, die der Zeit nach ſehr weit auseinander waren. Dichtung und Wahrheit, Sage und Geſchichte traten mit⸗ und nebeueinander auf und ſpielten ſogar oft in⸗ einander über. Mit der Siegfriedſage verband ſich die burgundiſche von König Gunther, ſeinen Brüdern Gernot und Giſelher und ſeiner Schweſter Kriemhilde, ſeinen Helden Hagen und Volker, dann die oſtgothiſche von Theodorich d. Gr. oder Dietrich von Bern und dem alten Hildebrand und endlich die hunniſche von Etzel(Attila)„c. In der„Edda“(Samm⸗ lungen der wichtigſten Denkmäler für nordiſche Dichtung) finden ſich Spu⸗ ren alter Heldenlieder. Auf den Schauplatz der Sage und des Geſanges traten nun immer mehr gefeierte Helden. An den Höfen waren nicht bloß Hofdichter, ſondern auch wandernde Sänger ſtellten ſich daſelbſt ein und oft war der Fürſt ſelbſt des Geſanges kundig, wie der Vandalenkönig Gelimer ꝛc. Im 6.— 8. Jahrh. gingen kräftige, klangreiche Lieder von Mund zu Mund. Viele davon wurden in den Klöſtern niedergeſchrieben, viele blieben unaufgeſchrieben und gingen verloren. Karl d. Gr. ließ die alten Heldenſagen und die epiſchen Volkslieder der beid⸗ niſchen Germanen ſammeln und von den Mönchen aufſchreiben; unter Ludwig dem Frommen aber gaben die Geiſtlichen die heidniſchen Sagen und Dichtungen dem Untergange Preis. Im 9. Jahrhundert mußten alſo heidniſche Heldenlieder vor chriſtlicher Poeſie zurückweichen. So viel auch brittiſche Mönche, Karld. Gr. 350 u. A. für die Förderung des Chriſtenthums gethan haben, ſo konnte doch erſt in ſpätern Jahrhunderten die innigere Vermählung des germaniſchen Geiſtes mit dem chriſtlichen Geiſte vollzogen werden*). Die Zeit der ſächſiſchen und frän⸗ kiſchen Heinriche(Hch. l., II., III., lV., V.) und die der Ottone(Otto l., I., 111.) war der deutſchen Poeſie nicht günſtig. Durch die Studien altklaſſiſcher Literatur(Homer, Virgil ꝛc.) wurde die Volkspoeſie zurückgedrängt. Otfried ſagte ſchon:„Die Welt würde von den lateiniſchen Dichtern bewegt.“ Griechiſche Bildung war an den Höfen der Ottone, die gelehrteſten Männer hielten ſich dort auf, in den Schulen herrſchte klaſſiſche Gelehrſamkeit, die Mönche dichteten la⸗ teiniſch oder übertrugen auch ältere deutſche Gedichte ins Latein. Unter Otto l. dichtete die Gandersheimer Nonne Hroswitha geiſtliche Schauſpiele ꝛc. §. 8. Das älteſte deutſche Schrift⸗ und Sprachdenkmal iſt die Bibel⸗ überſetzung des weſtgothiſchen Biſchofs Ulfila(Wulßla⸗Wölflein), der ſeit 348 ſeine Gothen im Chriſtenthum unterwieſen hatte und 388 zu Konſtantinopel ſtarb. Das altgermaniſche Alphabet der Runen hat er durch Aufnahme griechiſcher Buchſtaben erweitert. Die 4 Bücher der Könige blieben weg, wahrſcheinlich um dadurch den ohnehin kriegeriſchen Sinn der Gothen nicht noch mehr zu reizen. In Upſäla finden ſich die Bruchſtücke dieſes Werkes unter dem Namen ſilberner Codex oder ſilberne Handſchrift(Coden argenleus). 1818 wurden im lombardiſchen Kloſter Bobbio pauliniſche Briefe in uffilaiſcher Ueberſetzung gefunden. Der Brief an die Römer ſoll in der Bibliothek zu Wolfenbüttel vorhanden ſein. Anmerkung. Bis ins 9te Jahrhundert war das Werk des Ulfila geliebt und verſtanden, dann war es 6 Jahrh. verſchollen. Arnold Merkator, ein Belgier, ſtand als Geometer in Dienſten des heſſ. Landgrafen Wilhelm 1V.; er hatte dunkle Kunde von einem in der weſtfäliſchen Abtei Werden vorhande⸗ nen Pergamentbuche, das eine uralte Ueberſetzung der 4 Evangelien enthalte. Später kam dieſe Handſchrift nach Prag und von da 1648 nach Upſäla in Schweden. Das Pergament iſt mit Purpur gefärbt, die Buchſtaben ſind in Silber eingezeichnet und das ganze Werk in maſſives Silber eingebunden. An dieſem koſtbaren Literaturſchatz hat ſich die deutſche Sprachwiſſenſchaft, die hiſtoriſche Grammatik, aufgebaut, wodurch zugleich das Verſtändniß der alt⸗ und mittelhochdeutſchen Dichtungen erſchloſſen wurde.„Es war“, ſagt Vilmar, „einer Auferſtehung der Todten vergleichbar, als die Werke nach einem mehr als 1000 jährigen Schlummer wieder erwachten, mit neuen wunderbaren Zun⸗ gen zu den ſpäten Enkeln redeten und dieſen erſt das eigentlichſte und innerſte Verſtändniß ihrer eignen Sprache eröffneten“. §. 9. Das Lied von Hildebrand und Hadubrand oder kurz das Hil⸗ debrandslied iſt der älteſte und einzige Reſt, der uns von der ſo reichen *) Der Heldengeſang, der Geſang von den alten Stammeshäuptern, von den Königen und Volks⸗ herzogen dauerte fort und vermiſchte ſich nun mit den Stimmen der Glänbigen, die Gott den Herrn lobten und den Gekreuzigten prieſen. Die alte Wildheit wich chriſtlicher Sitte und chriſtlicher Milde, und nur die Tapferkeit und die Treue, die Freigebigkeit und die Dankbarkeit, die Keuſchheit und die Fami⸗ lienliebe, die älteſten und echteſten Züge des deutſchen Charakters, ſie blieben nicht allein ungeſchmälert und ungebrochen, ſondern ſie wuchſen am Stamm des Kreuzes, dieſem lebendigen Holze nur kräftiger und herr⸗ licher heran.(Vilmar.) 351 Volksdichtung geblieben iſt*). Seine Entſtehung wird ins Ste Jahrhundert ge⸗ ſetzt, obwohl es leicht aus früberer heidniſcher Zeit herrühren dürfte. Mönche im Kloſter zu Fulda ſollen es aus dem Gedächtniſſe aufgeſchrieben haben. Es iſt in althochdeutſcher zum Niederdeutſchen neigenden Sprache abgefaßt, ohne Stro⸗ phentheilung und ohne Endreim in alliterirenden Verſen gedichtet. Durch den echtepiſchen Stoff, den es mit epiſcher Ruhe in einfachen, edeln Ausdrücken und kräftiger, kühner Sprache behandelt, war es möglich, daß dieſes alte Heldenlied, das wir nur als Bruchſtück kennen und das einen Theil der Dietrichſage ausmacht, alle Stürme der Zeit überdauerte. Im 15ten Jahrh. hat der Volks⸗ dichter Kaspar von der Rhön das Lied neu geſungen und auch den Aus⸗ gang— der Vater beſiegt nämlich den Sohn und dann kehren Beide zur ein⸗ ſamen Gattin und Mutter zurück— hinzugedichtet, der im alten Liede fehlt. Inhalt: Nach dreißigjähriger Abweſenheit mit Dietrich an Etzels Hof wollte Hildebrand in ſeine Heimat zurückkehren zu Wrib und Kind, die er um ſeines Herrn und Königs willen verlaſſen hatte. Hadu⸗ brand war als Grenzwächter aufgeſtellt und wollte ſeinen Vater, den er nicht kannte, nicht in die Heimat laſſen. Sie fragen ſich nach Ramen und Abſtammung. Der Vater gibt ſich dem Sohne zu erkennen, allein Hadubrand hält ihn für einen falſchen Hunnen und zwingt ihn zum Kampf, weil er gehört, daß ſein Vater Hildebrand ſchon lange nicht mehr lebe. Mitten im Kampfe bricht das Gedicht ab. §. 10. Die wichtigſten Erzeugniſſe geiſtlicher Poeſie aus dem 9. Jahrh. ſind der Heliand(herausgegeben von Schmeller 1830 mit Gloſſar, überſetzt von K. H. Kannegießer 1847) oder Heiland, eine altſächſiſche oder nie⸗ derdeutſche Evangelienharmonie, und der Kriſt,(hg. v. Graff 183 1) die oberdeutſche, gereimte oder die Evangelienharmonie des Otfried, jene iſt aus der erſten, dieſe aus der zweiten Hälfte des 9. Jahrh. Der Heliand ſchließt ſich in der Form dem alten Heldenliede an, iſt alliterirend und epiſch. Ein ſangeskundiger ſächſiſcher Bauer ſoll durch göttlichen Ruf und auf Veranlaſſung Ludwigs des Frommen zur Schöpfung dieſes vorzüglichen Werkes beſtimmt worden ſein. Heliand iſt eins der herrlichſten Gedichte,„das einzige wirklicheſchriſtliche Epos, das in deutſches Blut und Leben ver⸗ wandelte Chriſtenthum“. In der höchſten Glorie, die der Deutſche kannte, er⸗ ſcheint Chriſtus, der König des Himmels, als König aller Könige, als gewaltiger Völkerfürſt, der umgeben von ſeinen Getreuen zugleich als Lehrer den Scharen der Völker die reichen Gaben des ewigen Lebens austheilt. Es iſt als hörten wir„das ganze Sachſenvolk mit einer Stimme mächtigen Geſang erheben, von der Herrlichkeit Chriſti des alleinigen Völkerhirten“. Der alte Sachſenſänger hielt ſich mit trener Sorgfalt ans Evangelium und übte glücklich die Sprache der Volksdichtung. Da iſt Wahrheit und Leben, Ernſt und Würde, Einfachheit und Wärme, Treue und Kraft ꝛc. und ungeſucht legt ſich die poetiſche Form um den *) In angelſächſiſcher Sprache iſt das Heldengedicht Beowulf geſchrieben, das die Helden⸗ thaten des Zütenkönigs Beowulf ſchildert, beſonders den mörderiſchen Kampf mit dem Seeungeheuer Grendrl und deſſen Mutter, ſo wie mit einem Drachen, der ihn tödtet. Dieſe Heldendichtung, wie die nur in lateiniſcher Hexameterüberſetzung bekannte: W alther von Aquitanien“ liegen der eigentlich deutſchen Literatur zu fern, um näher darauf einzunehen. Das letzte Heldenlied tritt mit dem burgun⸗ diſchen Sagenkreiſe zuſammen. Walther kämpft am Waſichenſtein(im Engpaſſe der Vogeſen) gegen König Gunther und ſeine Genoſſen(die ihm ſeine aus dem Hunnenlande mitg brachten Schätze und ſeine Verlobte, die aus Attilas Geiſetſchaft entflohene Hildegunde, rauben wollten), und beſteht ſie ſiegreich.— Ein Gegen⸗ ſtuck zu Walther iſt Rudlieb, auch nur in Bruchſtücken einer lateiniſchen Ueberſetzung vorhanden. 352 einfachen, aber erhabenen Stoff.— Otfrieds Werk iſt poetiſch weit geringer als ver Heliand, als Sprachquelle jedoch unſchätzbar; es enthält die erſten Grundregeln der deutſchen Verslehre und ſetzt ſtatt des Stabreims den Endreim, iſt alſo die erſte und älteſte Reimpoeſie, die maßgebend wurde für alle folgenden Jahrhunderte. Otfried war wahrſcheinlich aus Franken gebür⸗ 3 tig, lebte als Benediktinermönch zu Weiſſenburg im Elſaß und nannte ſich ſelbſt einen Schüler des berühmten Rhabanus Maurus(Abt v. Fulda und Erzbiſchof von Mainz † 856) und des Conſtanzer Biſchofs Salomon. Er ſetzte ſein chriſt⸗ liches Epos dem weltlichen epiſchen Volksgeſange zur Seite, den er dadurch ver⸗ drängen wollte, weil heilige und fromme Leute an dem anſtößigen Volksgeſange Aergerniß genommen. Der Kriſt behandelt in 5 Büchern das Leben des Heilan⸗ des, beginnt mit der Geburt und ſchließt mit der Auferſtehung und Himmelfahrt. Bei den ſchönpoetiſchen Vorzügen, welche die Dichtung hat, wird ſie doch oft durch trocknen Predigerſtil ermüdend und langweilig, das volksthümliche Element mangelt, der gelehrte Dichter tritt zu oft mit ſeinem Ich hervor, weicht häufig vom Terxte der Evangelien ab und ſtrebt den lateiniſchen dichteriſchen Umſchrei⸗ bungen der Bibel und römiſchen Poeten nach. Wie ſchon erwähnt, ſo weist ſein Gedicht, das er etwa 865 gedichtet und Ludwig dem Deutſchen gewidmet, der Form nach in der Zeit vorwärts, während das Hildebrandslied und Heliand ihrer Form nach rückwärts weiſen. Anmerkung. Das Weſſobrunner Gebet, nach dem bairiſchen Kloſter Weſſobrunn(Weißenbrunn), wo es aufgefunden wurde, benannt, iſt das älteſte Denkmal chriſtlicher Poeſie in deutſcher Sprache. Es ſtammt aus dem 8. Jahrh. und iſt ſtabreimend. In gleicher Form iſt Muſpilli oder das jüngſte Ge⸗ richt, ein Gedicht über das Ende der Welt; es ſtammt aus der Zeit Ludwigs des Deutſchen. Es iſt bibliſch, aber noch mit Anſchauungen aus dem altgerma⸗ niſchen Heidenthum gemiſcht. Das Ludwigslied behandelt keinen chriſtlichen oder bibliſchen, ſondern einen der Tagesgeſchichte entnommenen Stoff. Es iſt ein Sang, der den Sieg des fränkiſchen Königs Ludwig über die Normannen(881) feiert. Hoffmann von Fallersleben fand 1837 zu Valenciennes die lange ver⸗ lorene Handſchrift wieder. Erfüllt von der alten echtdeutſchen Freude am Kampfe iſt das Gedicht poetiſch bedeutſam, metriſch iſt es nach dem des Otfried gebaut. B. Alte Zeit.(Von 1150— 1624.) §. 11. Wie ſchon erwähnt, ſo war die Regierungszeit der ſächſiſchen und ſaliſchen Kaiſer der deutſchen Poeſie nicht günſtig. Im 10. und 11. Jahrh. ſchien der Poeſie Auge und Herz gebrochen; ſie lag ſtumm in todesähnlichem Schlum⸗ mer, bis endlich das Volk, die höfiſchen Dichter und Minneſänger ſie aus ihrem Scheintode erweckten und ihr einen unſterblichen Odem einhauchten. Von mächtigſtem Einfluß auf die Dichtung waren die Kreuzzüge und die hohenſtaufiſchen Kaiſer. Schon vor dem 12ten Jahrhundert hatten jene Eroberungszüge und gewaffneten Wallfahrten nach Paläſtina und dem heiligen Grabe begonnen und im Auslande große Gährung hervorgerufen, bis endlich auch der Deutſche ſich dafür begeiſtern ließ. Dieſe Pilgerfahrten nach dem Mor⸗ genlande waren aber nicht mehr ein wirres Wogen und Drängen kampfluſtiger Völkermaſſen wie zur Zeit der großen Wanderung, ſondern ſie waren hervorge⸗ rufen durch die Glut religiöſer Begeiſtrung und die unendliche Sehnſucht nach dem heiligen Lande, welche mächtig alle Herzen ergriffen und in den großen oſt⸗ wärts brauſenden Völkerſtrom hineintrieben. Der Denutſche erſtaunte über die reiche, fremde Welt, über den Glanz und die niegeſehene Pracht des Orients. Alle deutſchen Stämme und Stände waren gleicherweiſe von dem ſtolzen Na⸗ tionalgefühl durchdrungen; alle beſeelte eine Idee, alle ſprachen eine Sprache, alle erweiterten ihren Geſichtskreis, ihre Völker⸗ und Länderkenntniß. Das Rit⸗ terthum entfaltete ſich in ſchönſter Blüte, der urkräftige germaniſche Heldengeiſt verſchmolz mit dem demüthig frommen Geiſte des Chriſtenthums und chriſtliche Tugenden wurden nun ebenſo gut des edeln Ritters Pflicht, wie Treue und Tapferkeit. Bald waren die Geiſtlichen nicht mehr die Pfleger der Poeſie, denn dieſe zog ein in die Burgen der Ritter und Adligen, in die Paläſte der Landgrafen, Herzöge, Könige und Kaiſer. Mit den Großen theilt aber auch das Volk ſeine Liebe zur Poeſie, wie das Nibelungenlied und die Gudrun beweiſen. Mit der Blüte des deutſchen Reichs unter der kräftigen Regierung der Staufen fällt auch der Glanzpunkt mittelalterlicher Poeſie zuſammen. Nicht bloß durch die Krenzzüge, ſondern auch durch die Züge nach Italien wurde dem Leben reicherer Stoff geboten und die Sprache gewann an Vielſeitigkeit. Alles war wohl kriegeriſch und kräftig, aber auch durch das tiefere Gemüthsleben mil⸗ der und poetiſcher geſtimmt, als früher; daher der große Reichthum unſerer Li⸗ teratur an epiſchen und lyriſchen Gedichten aus einer Zeit, in der die Proſa keinen Boden gewinnen konnte, weil Poeſie und Leben in innigſter Harmonie waren. In den Kreuzzügen, wie in ihren Kämpfen mit den Päbſten, bewieſen die hohenſtaufiſchen Kaiſer ihren feſten, ritterlichen Sinn. Kaiſer Heinrich vl., ſein Sohn Kaiſer Friedrich ll., deſſen Sohn Enzio(König von Sar⸗ dinien), dann König Wenzeslaus von Böhmen, Markgraf Otto mit dem Pfeile u. a. Herrſcher dichteten ſelbſt, oder verſammelten große Sänger an ihren Höfen. Auch in Letzterem gingen die ſchwäbiſchen Kaiſer(Heinrich VI., Philipp von Schwaben, Friedrich ll.) voran, die thüringiſchen Landgrafen(Her⸗ mann † 1216 und Ludwig) und die öſtreichiſchen Herzöge(Leopold † 1230) wie die Herren von Adel folgten nach. Die Fürſtenhöfe waren damals vorzugsweiſe der Sitz der feinern Bildung und Geſittung. In dieſer Zeit hat ſich die mittel⸗ bochdeutſche Sprache ausgebildet, die wohl nicht mehr die volltönenden Vocale und die Kraft des Althochdeutſchen, aber doch immer noch einen reichen Wortſchatz beſitzt, und ſich durch größere Feinheit und Belebtheit im Ausdruck vor ihrer ältern Schweſter auszeichnet. Der Vers⸗ und Strophenbau iſt ſehr kunſtvoll, der meiſt gepaarte Endreim rein und der Stabreim iſt ganz verdrängt. Als die Hohenſtaufen untergegangen waren, die Kreuzzüge ausgetobt hatten, das Ritterweſen in Verfall gerieth und die Kirche von innern Kämpfen zerriſſen war; da ging auch die Poeſie immer mehr ihrem Verfall entgegen. Die Burgen, in denen ſie vordem heimiſch war, drohten über ihr zuſammenzuſtürzen; ſie mußte darum ihre Zuflucht in den Städten und beim aufblühenden Bürgerſtand ſuchen, wo ſich dann eigne Sängerinnungen bildeten. Schenckel's Blüten, 2r Theil. Mte ſ. verm. Aufl. 23 §. 12. Den klaſſiſchen Werken unſerer mittelalterlichen Literatur gingen noch die Kaiſerchronik, das Annolied, die vielen Legendendichtungen, das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht und das Rolandslied des Pfaffen Konrad voraus. Die Kaiſerchronik(um 1160 von einem Geiſtlichen abgefaßt) iſt ein wunderliches Novellen⸗ und Legendenbuch, das an die Geſchichte der römiſchen und deutſchen Kaiſer bis Konrad 11I. anknüpft, mit Cäſar und ſeinen Kriegen in Deutſchland und mit Pompejus beginnt und Alles auf die confuſeſte Weiſe untereinanderwirft. Das Annolied iſt ein Lobgeſang auf den heiligen Hannv, Erzbiſchof von Cöln( 1075) und Heinrichs IV. ſtrenger Zuchtmeiſter. Es iſt von einem Geiſt⸗ lichen um 1183 gedichtet und miſcht ebenſo wie das vorige Perſonen, Zeiten und Räume höchſt wunderlich untercinander. Der Gedankengang des Dichters iſt folgender: Schöpfung der Welt, Sündenfall, Erlöſung des Menſchengeſchlechtes durch Chriſtus Ansbreitung der chriſtlichen Lehre; von den Märtyrern und Heiligen geht er auf Cöln und Hanno über, ſpringt von da auf die Gränder der erſten Städte, auf Ninus und Semiramis und auf Babylon, dann kommt Daniels Traum, und von den 4 Wettreichen Babvlon, Perſien, Macedonien und Rom geht er über zu Cäſar, Pompejus, Auguſtus, welch Letzterer ihn auf Chriſti Geburt und die Bekehrer der Franken bringt, woran er Hannvos Lob anreiht.— Das Leben der heilgen Jung⸗ frau Maria iſt eine geiſtliche Dichtung(1173) und rübrt vom Pfaffen Wernher von Tegernſee her Jetzt und auch noch ſpäter wurde Maris oft beſungen und es bildete ſich ein eigentlicher Marien⸗ kultus aus. Das Lied vom Herzog Ernſt behandelt mit vieler Entſtellung der Geſchichte die Sage des Herzogs Ernſt von Schwaben(† 103), Kaiſer Konrads II. Stiefſohn. Die älteſten Bruchſtücke wurden im 13. Jahrhundert umgedichtet. Ernſt unternimmt zur Sühnung eines Mordes einen Kreuzzug und beſteht glücklich die wunderlichſten Abenteuer, worauf ſein Ruhm in ganz Deutſchland erſchallt(Uhland berübrt dieſe Sage in ſeinem Trauerſpiel: Ernſt von Schwaben S. 73) und er endlich die Verzeihung des Kaiſers er⸗ hält. Das Aleranderlied(um 1170 ²) behandelt nach franzöſiſchem Muſter einen antiken Stoff und iſt nach Gervinus einer der ſchönſten Schätze der ganzen mittelalterlichen Preſie. Der erſte Tbeil hält ſich in den Grenzen geſchichtlicher Wahrſcheinlichkeit, der zweite iſt voll wunderbarer Märchen. Alexander zieht auf Erobrung aus, erſtürmt Tyrus, ſchlägt Darius ꝛc. und erzäblt in einem vorzüglichen Brief an ſeine Mutter Olympias und an ſeinen Lehrer Ariſtoteles die weitern Züge, beſchreibt den Zauberwald, wo die Mägdlein auf den grünen Triften mit den Blumen aufgehen und lieblich ſpielen und ſingen. Auch klopft er an den Pforten des Paradieſes an und verlangt von den Engeln Tribut, kehrt aber um, als ihn ein Greis belehrt, daß das Paradies nicht zu erfechten ſei. Dem Sagenkreiſe Karls d. Gr.(dem karolingi⸗ ſchen vder karlingiſchen) iſt der Stoff zum Rolandslied entnommen, das der Pfaffe Konrad im Dienſte Heinrichs des Löwen nach franzöſiſchem Muſter verfaßte(173— 1177). Ein Engel fordert Karl zum Kampf gegen die Saracenen auf und gibt ihm für den Reffen Roland das Horn Olivant und das Schwert Durendarte. Karl zieht mit ſeinen Helden gegen die Mauren, um ſie zur Annahme des Chriſtenthums zu zwingen. Der Heidenkönig Marſil ſendet Friebensboten. Ganelon wird auf Vorſchlag ſeines Stiefſohns Roland als Geſandter zu den Mauren geſchickt, wird aber nach des Kaiſers Abzug zum Verräther an den Seinen. Roland wird im Thale Ronceval von den räuberiſchen Basken überfallen. Er ſtößt in ſein Heer⸗ horn, Karl eilt herbei, aber Roland und die Helden waren ſchon erſchlagen, worauf der Kaiſer Rache nimmt an den Heiden und an Ganelon. Andere Dichtungen aus dieſer Zeit und aus dieſem Sagenkreiſe über⸗ gehen wir hier. §. 13. Die beiden klaſſiſchen Volksepen ſind das Nibelungenlied (. S. 231 u. f., 318 und 319) und das Gudrunlied(ſ. S. 236 ꝛc.). In jenem ſind 4 Sagenkreiſe vereinigt, nämlich a) der fränkiſche oder nieder⸗ rheiniſche, deſſen Mittelpunkt Siegfried der Drachentödter, b) der burgun⸗ diſche von König Gunther ꝛc., c) der o ſtgothiſche von Dietrich von Bern (Verona) und ſeinem Helden Hildebrand und d) der hunniſche od. heuniſche von König Etzel(Attila); dieſes beruht auf dem frieſiſchen Sagenkreis, wor⸗ nach Gudrun, die Tochter des Frieſenkönigs Hettel, von den Normannen geraubt und endlich durch ihren Bruder Ortwein, und ihren Bräutigam, den Seelands⸗ könig Herwig, wieder befreit wird. Manche Perſonen, wie Gunther, Dietrich und Etzel ꝛc. ſind hiſtoriſch, jedoch ſo in die Sage verwoben, daß in der Dich⸗ tung auch ungleichzeitige mit⸗ und nebeneinander auftreten. Das Nibelungen⸗ 355 lied iſt die deutſche Ilias. Es iſt nicht das Werk eines einzelnen Dichters, ſondern es iſt dem Volksgeiſte entwachſen, iſt im Munde des Volkes entſtanden, das die einzelnen Lieder lange mit ſich herumtrug und umdichtete, bis endlich um 1210 geſchickte Hände die ſchriftliche Abfaſſung dieſes Gedichts vornahmen. Im 16. u. 17. Jahrh. war es vergeſſen, jetzt lebt es wenigſtens in den höhern Schulen und unter den Gebildeten. Es iſt durchweg rein objectiv gehalten, keine Perſönlichkeit eines Dichters miſcht ſich drein. Die Helden treten auf in ihrer großartigen Kraft und Herrlichkeit, in der Stärke ihres ſittlichen Bewußtſeins und der Fülle und Tiefe ihres Gemüths, aber auch in ihrer urſprünglichen furchtbaren Wildheit und Kampfwuth. Wir begegnen darin edeln, großartigen und gewaltigen Charakteren, welche dem Ganzen das Gepräge urdeutſchen Weſens und tiefen Ernſtes geben. Die Unterthanen⸗ und Mannentreue leuchtet herrlich daraus hervor, bis der gewaltige Hagen zum Verräther und Meuchelmörder wird, dabei freilich ſeiner Pflicht als Vaſall getren bleibt. Der unüberwindliche Held Siegfried, deſſen treues, mildes Gemüth nicht Arges ahnt, fällt meu⸗ chelmörderiſch am Brunnen. Sein Weib Kriemhilde, die als Jungfrau einen ſo ſanften Charakter, ein ſo zartes und inniges Gemüth beſaß und als Gattin mit unendlicher Liebe an Siegfried hing, entbrennt nun in unverſöhnlichſtem Rachedurſt, dem ſie ihre Brüder und deren Helden und Gefolge opfert. Ihre Schwägerin Brunhilde wird durch beleidigende Reden zum fürchterlichſten Haß gegen ſie gereizt. Ein heiteres Bild iſt der friſche, mächtige Kriegsheld Volker, der kühne Fiedler, welcher im Hunnenlande ſelbſt in jener ſchrecklichen Nacht des Kampfes ſein Saitenſpiel ergriff, deſſen helle, füße Töne wie Todtengeſang durch die weiten Räume hallten. Alle, die an Trug und Verbrechen Theil genommen, fallen im Kampfe, denn die gerechte Weltregierung richtet und beſtraft die Schul⸗ digen; nur Dietrich ſteht zuletzt makellos und ohne Blutſchuld und erſcheint gleichſam„als machtvoller Vertreter der durch die Dichtung ſchreitenden Ge⸗ rechtigkeit“.— Gudrun, die deutſche Odyſſee, ſteht nach künſtlicher Geſtaltung würdig neben dem Nibelungenliede, mit dem es ohnehin den Urſprung aus den Ueberlieferungen der deutſchen Volksgeſänge gemein hat. Zuſammengeſtellt in dem 2. Viertel des 13. Jahrh. ſteht es durch feine Charakterzeichnung, durch Sprach⸗ und Gedankenreichthum, durch ſchönpoetiſche Ausdrücke, wie durch An- muth und lebendige Situation zwiſchen dem Volksepos und dem Kunſtepos der höfiſchen Dichter. Die Sage verſetzt uns in die Küſtenländer der Nord⸗ und Oſtſee und durchweht das ganze Gedicht wie mit erfriſchender kräftigender Meeres⸗ kühle. Das Meer iſt die zweite Heimat der Seekönige und ihrer Leute, die ihre Raubfahrten darauf halten, wenn die Waſſer bis in die Tiefe ruhig ſind, aber auch eben ſo ſicher ihre kleinen Schiffe lenken, wenn der wilde Sturm es auf⸗ wühlt. Vor den vielen herrlichen Charakteren zeichnet ſich aber doch die Gudrun noch rühmlichſt aus durch ihre unverbrüchliche Treue, ihr demüthiges Dulden und den„niemals entwürdigten Adel einer deutſchen Frauenſeele“, in der wir wohl auch den vollſten Zauber, aber nicht den vollſten Schrecken der Tiefe des weib⸗ lichen Gemüths(wie bei Kriemhilde) erblicken. Man könnte Gudrun„eine Iphigenie des Mittelalters“ nennen. 23 356 Anmerkung. Außer den beiden Hauptepen ſind noch viele Bruchſtücke und kleinere Heldengedichte in unſerer Literatur vorhanden, die theils aus dem Volk hervorgegangen, theils von höfiſchen Dichtern der Volksſage nachgedichtet worden ſind. So aus dem fränkiſchen Sagenkreiſe das„Lied vom hürnin Sieg⸗ fried“, aus dem oſtgothiſchen Sagenkreis„Ecken Ausfahrt“(ein wohlge⸗ lungenes Gedicht),„Der kleine Roſengarten“,„Die Rabenſchlacht“ (Schlacht bei Ravenna 493 zwiſchen Dietrich und Odvaker), aus dem fränkiſch⸗ burgundiſch-hunniſchen Sagenkreis„Der große Roſengarten“ und„Bi⸗ terolf“. Der lombardiſche Sagenkreis lieferte den Stoff zu„König Rother“, „König Otnit“ und„Hug⸗ und Wolfdietrich“. §. 14. Von der Volkspoeſie durchaus verſchieden in Stoff und Behandlung iſt die gleichzeitig entſtandene höfiſche Poeſie, die Ritter⸗ oder Kunſt⸗ ppeſie. Jene herrlichen Volksgeſänge waren zum Singen, die Kunſtdichtungen zum Sagen, zum Vortrag. Die Dichter bürgerlichen Standes hießen Meiſter, die vom Adel Herr. Manche hatten Hofdienſte, Andere lebten von der Milde der Fürſten, welche ſelbſt dichteten oder doch um einen reichen Sängerhof bemüht waren. Ihren Stoff ſuchten die höf. Dichter meiſt im Auslande und ließen, mit weniger Ausnahme, die edlern Schätze der Heimat unbeachtet; doch wußten ſie ſich den fremden Stoff zum Eigenthum zu machen, frei darüber zu ſchalten und zu walten, und ihn in echtdeutſchem Geiſte zu bearbeiten. Da iſt neben welt⸗ licher Kampfluſt die Liebe zum Gottes⸗ und Frauendienſt', neben Durſt nach Krieg und Abenteuern chriſtlich-religiöſe Demuth. Die Sprache iſt zierlicher, glanzvoller, die Form edler und regelmäßiger, als in den Volksdichtungen. Herr Heinrich von Veldecke, ein Norddeutſcher, lebte am Hof zu Cleve, ſpäter an dem des Landgrafen Hermann, ließ Volksgeſang und geiſtliche Dichtung un⸗ beachtet und führte durch Zierlichkeit der Sprache, durch Reinheit des Reims, durch Anmuth und Vorwalten der Minne zuerſt höfiſche Bildung in die Poeſie ein(12. Jahrh.), weßhalb ihm auch ſpätere Dichter, als dem erſten, eigentlich höfiſchen Sänger und Urheber des Minneſangs großes Lob ſpenden, obwohl ſeine nach franzöſiſchem Vorbild geſchaffene Dichtung„Eneit“(Aeneide) poetiſch nicht ſonderlich bedeutſam iſt. Mehr poetiſches Talent beſaß Herr Hartmann, Dienſtmann zu Aue in Schwaben gegen Ende des 12. Jahrh. Gottfried von Straßburg rühmt die Lauterkeit und Reinheit ſeiner kryſtallnen Wörtlein und erkennt ihm Kranz und Lorbeerzweig zu. Er nahm Theil am Kreuzzug Fried⸗ richs 1.„Jwein“, vor 1204 nach dem Franzöſiſchen verfaßt, iſt ſein Haupt⸗ werk höfiſcher Dichtung. Hier, wie in ſeiner Heiligen⸗Legende„Gregor auf dem Steine“ und mehr noch in der poetiſchen Erzählung„Der arme Heinrich“, worin eine ſchwäbiſche Volkslegende behandelt wird, zeigt der Dich⸗ ter ſeine innige Frömmigkeit, ſein reiches tiefes Gemüth, ſeine Anmuth und Liebenswürdigkeit und ſeine Gabe gewandter leichter Darſtellung. Die beiden größten Epiker in dieſer erſten klaſſiſchen Dichtperiode ſind Herr Wolfram von Eſchenbach und Meiſter Gottfried von Straßburg. Jener, ritterlichem Geſchlechte entſtammt und wahrſcheinlich in Eſchenbach bei Ansbach geboren, dichtete meiſt am glänzenden geränſchvollen Hofe des Thüringer Landgrafen Hermann, wo er 1205 mit Walther von der Vogelweide zuſammentraf und an 357 dem halbfabelhaften Sängerkrieg auf der Wartburg(1207) Theil nahm*). Wolframs Zeitgenoſſen ſchätzten ihn ſehr hoch, nannten ihn„den Weiſen“,„den Kunſtreichen“. In ſeinem großartigen, pſychologiſchen Epos„Parcival“(1210) vereint Wolfram mit gewaltig poetiſcher Kraft die Gral⸗ und Artusſage, verſchmilzt chriſtlichen Sinn, ritterliche Romantik, hohen ſittlichen Ernſt und Wärme und Tiefe des Gemüths aufs Innigſte und charakteriſirt das Ringen und Streben des innern ſittlichen Menſchen im Kampfe mit. der verfübreriſchen Welt⸗ Bei aller Hoheit der Feſinnung und Fülle der Gedanken iſt die Darſtellung oft dürftig und der Gedankengang dunkel. Die Sage vom heil. Gral iſt provencaliſch. Der Gral iſt die Schaale oder Schüſſel, welche aus dem Edelſtein bereitet wurde, der beim Sturz Lucifers in den Abgrund aus deſſen Krone fiel. Chriſtus genoß daraus mit ſeinen Jüngern das Oſterlamm(Abend⸗ mahl) und Joſeph von Arimathia fing damit das Blut auf, welches aus der Seitenwunde des Erlöſers floß⸗ Am ſtillen Freitag bringt jedesmal eine weiße Taube eine Hoſtie vom Himmel und legt ſie auf den Gral, deſſen wunderbare Kraft zu erneuen. Im Gral offenbart Gott ſeine Macht und Liebe. Wer dazu berufen iſt und ihn mit gläubigem Vertrauen, in Demuth und Frömmigkeit aufſucht, der findet ihn zu ſeinem zeit⸗ lichen und ewigen Heile, wenn er nach der geheimnißvollen Bedeutung der ſich ihm zeigenden Wunder fragt. Viele Ritter durchziehen nach ihm unter den wunderbarſten Abenteuern die Welt, ſind aber nicht makellos und irren ab. Lange Zeit hielten die Engel den Gral ſchwebend in der Luft, bis Titurel, ein franzöſiſcher Königsſohn, den Graltempel erbaute, wo das Heiligthum aufbewahrt wurde. Der Tempel ſtand in Spanien im düſtern Walde auf dem Berge Montſalvatſch(mons salvatoris, mont sauvage) und war von weithin ſtrahlender märchenhafter Pracht. Die ritterlichen Wächter, Hüter und Pfleger des Grals bießen Templeiſen und zeichneten ſich durch jegliche Tugend, beſonders aber durch die höchſte Frömmigkeit und Demuth aus. Titurel, Parcival, Lohengrin u. A. ſind die Helden dieſes Sagenkreiſes.— Die Sage von König Artus und der Tafelrunde iſt bretoniſch. Artus, als das Ideal eines Ritters verherrlicht, beſiegte die Angelſachſen, Schotten, Iren, Dänen ꝛ., und errichtete auf den Rath ſeines Freundes des Zauberers Merlin, eine große, runde, geglättete Marmortafel, die Tafelrunde, um welche die aus⸗ gezeichnetſten Ritter ſaßen, die der Welt als Vorbild lenchten ſollten. Auf den Sitzen ſtanden die Namen der Ritter und kein Unwürdiger durfte ſich darauf ſetzen. Ritter der Tafelrunde zu ſein war die höchſte Ehre. Zu ihnen gehörten wieder Parcival, Gawein, Iwein, Triſtan, Merlin c.— Der Inhalt von Wolframs„Parcival“ iſt kurz ſolgender: Parcivals Vater war Gamuret, König von Valvis und Anjou, und ſeine Mutter Herzeloide war Enkelin des Gralkönigs Titurel. Gamuret ſtarb früh, und Parcival wurde in der Einſamkeit des Waldes erzogen, damit er vor Kampfluſt bewahrt bleibe; aber bald treibt ihn die Thatenluſt hinaus. Er kommt an den Hof des Artus, befreit Conduiramur und vermählt ſich mit ihr. Wanderluſt und Thatenluſt drängen ihn wieder; er kommt auf ſeinen Zügen zur Gralb w König Anfortas krank liegt; er ſiebt all das Wunderbare, aber er weiß nicht, wo er iſt. Da er auch nicht fragt, ſo hat er das ihm beſchiedene Königthum verſcherzt. Die Gralbotin verflucht ihn ob ſeines Schweigens. Irrend kommt er wieder an Artus Hof und zieht verzweifelnd weiter. So irrt er mehrere Jahre trotzig und verzagt umher und während er nach dem höchſten ſtrebt, wird das weltliche Treiben des⸗Ritters Gawein er⸗ zählt. Sein Oheim, der Einſiedler Trevrizent belehrt ihn endlich, daß Zweifel und Hochmuth das hohe Königthum nicht gewinnen können, ſondern nur der Ritter, der die Welt überwunden habe und dem Höchſten diene. Parcival vollbringt nun ganz ſeine innere Reinigung, worauf ihn die Gralsbotin zur Herrſchaft des Grals beruft. Er fragt, Anfortas genest und Parcival findet ſeine Gattin wieder.— Wolframs„Titurel“ beſteht aus herrlichen, formvollendeten Bruchſtücken. Meiſter Gottfried von Straßburg war wirklich ein Meiſter des Ge⸗ ſangs. Sein epiſches Gedicht:„Triſtan und Iſolde“ blieb unvollendet, wie in unſerer Zeit die gleichnamige Arbeit Immermanus. An wahrhaft künſtleriſcher Darſtellung und klaſſiſcher Formvollendung, wie an lieblicher Anmuth und echter, *) Heinrich von Ofterdingen pries den Herzog Leopold von Oeſtreich als die Sonne deutſcher Lande, während die hohen Sänger am Hoſe Hermanns in Geſängen das Lob ihres Fürſten über das aller andern Fürſten erhoben und den Ofterdingen zum Wettkampf im Dichten und Singen herausforderten Ofterdingen wurde beſiegt, klagte aber, es ſei ihm Unrecht geſchehen und rief zur Entſcheidung den weiſen Meiſter Klingsohr ans dem fernen Ungarlande, der den Streit ſchlichtete. jedoch ſeltenſter Seelenmalerei läßt es den Parcival hinter ſich. Wie dieſes das großartigſte religiöſe Kunſtepos des Mittelalters iſt, ſo iſt jenes das vollendetſte weltliche. Nur iſt zu beklagen, daß mit den ſeltenſten Vorzügen des Gottfriedſchen Gedichts eine ſo verwerfliche unſittliche Tendenz vereinigt iſt. §. 15. Die Lyrik dieſes Zeitraums heißt der Minneſang und die Dichter ſind die Minneſänger, welche meiſt dem Ritter⸗, ſelten dem Bürgerſtande angehören und zum Theil auch noch fahrende Sänger ſind. Der Minneſang blühte vorzüglich in Süddeutſchland. Für den Geſang beſtimmt wurden die Minnelieder in Begleitung von Saiteninſtrumenten im Kreiſe edler Frauen und Jungfrauen geſungen. Der ganze Charakter dieſer Lyrik iſt ein milder, frauenhafter, obwohl es auch an Liedern voll Kraft und männlichen Ernſtes nicht fehlt. Das Weib verſchaffte ſich durch die Reinheit der Sitten, die Innigkeit des Gemüths, durch ſein frommes Weſen, ſein weiſes, häusliches Wirken, ſeine Liebe zur Poeſie ꝛc. die Achtung der Dichter und Ritter. Aber nicht bloß die Minne oder Liebe allein iſt der poetiſche Stoff der Minneſinger, ſondern ſie preiſen auch die Herrlichkeit und Schönheit der Natur, die Anmuth und Wonue des Frühlings, die ritterliche Ehre, Treue und Tapferkeit vaterländiſcher Fürſten und Helden; ſie ſingen Lieder der Freundſchaft, Marienlieder, Gottes⸗ und Vaterlandslieder. n Oeſtreich bildete ſich beſonders durch Nithart(1217) die höfiſche Dorf⸗ poeſie aus, während die andere Minnepoeſie ihrem Inhalte nach ſich in Got⸗ tes⸗, Herren⸗ und Frauendienſt ſcheiden läßt. Der Form nach gab es Lieder, Leiche und Sprüche. Die Sprüche beſtanden entweder nur aus einer Strophe oder die einzelnen Strophen hatten nur lockern Zuſammenhang. Ihr Inhalt war didaktiſch, geiſtlich oder politiſch. Das Lied war ſtrophiſch mit künſtlichen Reimverſchlingungen. Den Stollen oder dem Aufgeſang, d. i. den zwei gleichen Theilen der Strophe, folgte ein den beiden erſten ungleicher Theil als Abſchluß oder Abgeſang. Der Leich beſtand aus einfachen Reim⸗ paaren ohne Strophenbildung und hieß als kirchliche Form Sequenz. Dieſe geiſtliche Liedesform wurde ſpäter auch zu weltlichen Liedern, zum eigentlichen Minnegeſang verwendet.„Melodiſcher und klangreicher iſt vielleicht kaum jemals und kaum irgendwo gedichtet und geſungen worden,“ als auf dem Minneſänger⸗ ſaale der Wartburg, wo die ſüßen Lieder Heinrichs von Risbach und Heinrichs von Ofterdingen, Wolframs von Eſchenbach und Walthers von der Vogelweide ertönten. Es iſt dieſe Zeit der wonnige Frühling des deutſchen Geſangs, wie im Frühling alle Feld⸗ und Waldſänger, alle Lerchen und Nachtigallen ꝛc. ſich hören laſſen, ſo hören wir hier die mannichfachen und ſüßen Geſänge der Minnedichter. Von etwa 160 Minneſingern ſind uns Lieder erhalten. Heidelberg beſitzt eine Liederhandſchrift und auch Stuttgart die ehemals dem Kloſter Weingarten zuge⸗ hörige. Beide ſind in neueſter Zeit getreu abgedruckt worden, letztere ſogar mit Nachahmung ihres Bilderſchmuckes. Die Hauptſammlung der Minnelieder iſt jedoch der Maneſſiſche Codex. Rüdiger von Manaſſe, ein Zürcher Rathsherr(† nach 1304) hatte mit ſeinem Sohne die Lieder ge⸗ ſammelt und zuſammengeſchrieben. Im Handſchriftenſaal der großen Bibliothek zu Paris iſt die Maneſſiſche Liederhandſchrift mit ihren glänzenden Miniaturen, welche Bild und Wappen der einzelnen ritterlichen Sänger darſtellen, ein koſt⸗ —— — 359 barer Schatz. 1726 fand ihn daſelbſt v. Bartenſtein. Bodmer und Breitinger erhielten Nachricht von dieſem Fund, bekamen die Handſchrift und veranſtalteten erſt eine Auswahl(1748), ſpäter aber(1558 u. 59) einen vollſtändigen Abdruck. Eine neue Ausgabe beſorgte F. H. von der Hagen.— Heinrich von Veldecke iſt bedeutender im minniglichen Liede als im Epos. v. Kürenberg, Dietmar v. Eiſt u. A. ſingen noch in einſamen, mehr volksthümlichen Weiſen. Der Pfälzer Ritter Friedrich von Hauſen(† 1190 beim Kreuzheere Friedrichs I.), Heinrich von Morungen, Reimar der Alte(† um 1215) ſangen theilweiſe treffliche Minnelieder, namentlich F. v. Hauſen. Spervogel ragte durch ſeine geiſtlichen Lieder hervor. Hartmann von der Aue war nicht bloß erzählender Dichter, ſondern auch einer der vor⸗ züglichſten Minneſinger. Auch Wolfram von Eſchenbach zeichnete ſich durch ſeine„Tage⸗ oder Wächterlieder“ als Lyriker aus, ebenſo Gottfried von Straßburg durch wenige Minnelieder und durch ſeinen„Lobgeſang auf Maria“, der durch tiefe Glut und innige Hingebung unvergleichlich daſteht. Alle übertrifft aber durch Vielſeitigkeit und Klaſſik der Poeſie Walther von der Vogelweide, der größte Lyriker in der erſten Glanzperiode der deutſchen Nationalliteratur. Geburtsort und Geburtsjahr ſind nicht mit Beſtimmtheit ermittelt. Er zog gegen den Schluß des 12. und in den erſten Jahrzehnten des 13. Jahrh. an fürſtlichen Höfen umher. So verweilte er in Oeſtreich am Hofe Friedrichs, wo er ſingen und ſagen gelernt und wohin er nach wechſelndem Aufenthalt zu dem ſelbſtdichten⸗ den Leopold dem Glorreichen zurückkehrte. Ferner lebte er am Hofe des Kaiſers Philipp von Schwaben, dann Ottos IV. und Friedrichs IH., auch bei den thüringer Landgrafen Hermann und Ludwig. Wenn er der Verfaſſer von„Freidanks Beſcheidenheit“, einem Spruchgedicht in Reimpaaren, einer Sammlung volks⸗ thümlicher Lehren, Sprüchwörter und Denkſprüche iſt, ſo muß er den Kreuzzug unter Friedrich II. mitgemacht baben, da dieſes Werk, welches die weltliche Bibel genannt wurde, 1229 in Syrien auf dem Kreuzzug Friedrichs II. verfaßt ſein ſoll. Walther liegt zu Würzburg im Lorenzogarten des neuen Münſters unter einem Baum begraben, von dem die Nachtigallen auf ſein Grab herabſangen. „Seinem Namen zu lieb und den gefiederten Frühlingsſüngern, die er ſo oft im ſchönen Mai mit ſeinen Liedern begrüßt hatte, ſtiftete er ein Vermächtniß für die Nachtigallen: in ſeinen Leichenſtein ließ er 4 Löcher hanen und täglich Semmel⸗ krumen darein ſtreuen zur Weide für die Vöglein. Lange Zeit wurde das Vermächtniß des lieblichen Sängers geehrt und tagtäglich auf dem Grab des von der Vogelweide den Vöglein ihre Weide geſtrenet.“ Erſt in unſerer Zeit iſt der Grabſtein überſchüttet oder zertrümmert worden. Uhland ſchrieb 1822:„Walther von der Vogelweide, ein deutſcher Dichter“ und gab eine vortreffliche Schilderung der Poeſie Walthers. Simrock überſetzte die Lieder und W. Wackernagel gab treffliche Erläuterungen dazu. Seine zarten und innig empfundenen Minnelieder zeigen die ganze Anmuth, Jugendlichkeit und Friſche ſeines Geiſtes. In tiefen, ernſten Tönen ſang er auch das Lob des Herrn in einer Anzahl religiöſer Lieder. Er beſingt die Vergänglichkeit alles Irdiſchen, die Ehre des deutſchen Volkes, die Pflichten und Würden des Kaiſers, ſpricht aber auch mit größter Freimüthigkeit und feſter Männlichkeit im Kampfe zwiſchen Kaiſer und Papſt ſich gegen die E 360 Uebergriffe des Papſtes und gegen das Unrecht deſſelben gegen Kaiſer und Reich aus und will die Herrlichkeit der wahren Kirche, die nicht nach zeitlichem Gute trachtet. Den Uebergang von der Klaſſik zum Verfall der höfiſchen Poeſie finden wir in Konrad von. Wärzburg Ct 1287 zu Baſel) und einigen Andern. Konrads„trojaniſcher Krieg“ iſt ein zu ungeheuerem Umfang ausgedehntes, aber keineswegs muſtergiltig poetiſches Werk. Am vollendeteſten iſt„die goldne Schmiede“, ein Lobgeſang auf die Jungfrau Maria. Konrad ſtellt ſich in dem Gedicht ſelbſt als einen Schmied dar, der aus Gold und edelm Geſtein den herrlichen Schmuck der Himmelskaiſerin zuſammen⸗ fügt. Seine Figuren ſind zum Theil prachtvoll und hochpoetiſch. Er hat ſich wohl nach Gottfried von Straßburg gebildet und trieb die Eleganz der Sprache, den Wehlklang der Verſe, den Glanz und Reichthum der Bilder und Gleichniſſe, wie überhaupt die ganze poetiſche Dietion an vielen Stellen bis zum Gipfelpunkt. Sehr oft fehlt aber auch die Gediegenheit des Stoffs und die Originalität der Gedanken.— Ulrich von Lichtenſtein Ct 1175), genannt der Fröhliche, dichtete den„Frauenbienſt“, worin er ſein 4 eignes Leben, Lieben und Dichten ſchilderte. Es war ein phantaſtiſcher Minneritter, der die Kehrſeite des echten Minneſangs darſtellte, obwohl er die abnehmende Kunſt und Sitte zu erhalten ſuchte. Weitere Minne⸗ ſinger in den Zeiten des Verfalls ſind noch Reimar von Zweter, der Tanhauſer, der Stricker der Zürcher Hadlaub, Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob, der Schmied Barthel Regenbogen, der durch einfache ſchlichte Lieder vom ritterlichen Minneſang zum bürgerlichen Meiſterſang hinüberleitet. Dieſe Dichter klagen mehr oder weniger über ERartung des Frauendienſtes und Ritterthums, wie über den Verfall der Kunſt. Bedeutendes wird in dieſer Zeit nicht geſchaffen, alte Heldengeſänge werden durch Umdichtung verſchlechtert. Die didaktiſche Poeſie und die Proſa ſuchten ſich zu heben und geltend zu machen. Der Meiſter Heinrich von Mügeln, der Throler Graf Oswald von Wolkenſtein (t 1445) und Graf Hugo von Montfort( 1423) dichteten noch in der Weiſe der frühern Minnepoeſie, jedoch mit Hinneigung und Uebergängen zum Volkslied, während die bürgerlichen Dichter Muskatblüt Michel Beheim und Peter Suchenwirt in der Mitte zwiſchen Minne⸗ und Meiſtergeſang ſtehen. Der obenerwähnte H. Frauenlob ſtritt mit dem Meiſter Regenbogen, ob Weib(Gattin, Gemahl) oder Frau(Herrin, Herzensgebieterin im Sinne ſchwärmeriſcher Minnepoeſie) der ehrenvollere Name ſei. Er pries in ſeinen Gedichten die Herrlichkeit der Frauen, vor allen aber Maria, der Frauen Krone. Die dankbaren Frauen und Jungfrauen wehklagten und weinten, als er 1318 zu Mainz als Domherr ſtarb und trugen ſeine Leiche von des Meiſters Herberge bis in den Kreuzgang des Doms, wo ein Denkmal ſein Grab bezeichnet. Sie goſſen eine ſolche Fülle ſüßen Weins auf ſein Grab, daß er im Umgang der Kirche floß. Frauenlob hatte eine gar hohe Meinung von ſeiner Perſon und ſeinen Gedichten, klagte über Verkennung und Tadel der Mitwelt und ſuchte den Mangel an poetiſcher Zeugungekraft durch Auskramen großer Ge⸗ lehrſamkeit zu verdecken. §. 16. Mit dem Fall des hohenſtaufiſchen Kaiſerhanſes zerfiel das deutſche Reich, das deutſche Ritterweſen und die deutſche Poeſie. Das Ideale war zurück⸗ gedrängt, das Materielle wurde Hauptſache mit dem Ueberhandnehmen des Fauſt⸗ rechts, der wachſenden Fehde⸗ und Beuteluſt und den räuberiſchen Streifzügen der Ritter. Die mächtigen, gewerbreichen Städte mit ihrem Handel und Geld drängten ſich vor und in ihrem Schooße dichteten bürgerliche, dem Handwerks⸗ ſtand zugehörige Dichter, welche die Meiſterſänger hießen. Der früher ſo vollſtrömende Minneſang ging alſo über in den Meiſterſang, d. i. in eine dogmatiſche, moraliſche Lyrik von verkünſtelter Form, die nach feſten Regeln ſchulmäßig gelernt und ſchulmäßig geübt wurde. Als die Gründer ihrer Kunſt verehrten die Meiſterſänger zwölf alte Meiſter, zum Theil wirkliche Minne⸗ ſinger: Walther v. d. Vogelw., Wolfram v. Eſchenbach, Regenbogen und be⸗ ſonders Frauenlob, welcher die erſte Meiſterſängerſchule zu Mainz geſtiftet haben ſoll. Sagenhaft ſetzen die Meiſterſänger ihre Entſtehung ſogar ins 10. Jahrh. unter Otto I. Karl IV.(1347— 1378) gab ihnen einen Freiheitsbrief und das Recht ein eignes Wappen führen zu dürfen. In Mainz wurden die älteſten Urkunden und Inſignien aufbewahrt, namentlich auch die angeblich von Otto 1. 361 erhaltene goldene Krone. Die ehrbaren, ſtrengſittlichen, frommen, ſangesluſtigen und ſangeskundigen Meiſter des Handwerks(in Colmar die Schuſter, in Straß⸗ burg und Ulm die Weber, in andern Städten Männer von verſchiedenem Hand⸗ werk) traten zuſammen und bildeten eine Genoſſenſchaft, eine Sängergeſell⸗ ſchaft. Im 14. Jahrh. blühte der Meiſtergeſang zu Mainz, Straßburg, Col⸗ mar, Würzburg, Frankfurt a. M., Prag ꝛc., im 15. in Nürnberg— das zu Zeiten des Hans Sachs über 250 Meiſterſänger zählte— und Augsburg, im 16. zu Regensburg, Um, München, Görliz, Breslan, Danzig ꝛc., im 17. zu Memmingen, Baſel ꝛc. Zu Ulm hielt er ſich am längſten. Dort haben ihn 1839 vier alte Männer feierlich beſchloſſen und beſtattet mit Uebergabe aller ihrer Urkunden(Schultafel, Tabulatur, Sing⸗ und Liederbücher) an den Ulmer Lieder⸗ kranz. Die Meiſterſänger haben auf die Form die größte Sorgfalt verwendet, wenn gleich oft der poetiſche Gehalt darunter verſchwand. Sie hatten in ihrer Tabulatur eine ganze Maſſe von Regeln über Geſang und Verskunſt und dieſe mußten ſtreng befolgt werden. Lernbegierige Schüler wurden von den Meiſtern unentgeldlich und regelrecht darin unterrichtet und nach feierlicher Prü⸗ fung in die Schar der Meiſterſänger aufgenommen. Vilmar ſagt:„Wenn der Handwerksmeiſter ſein Webſchifflein in Ruhe geſtellt, Ahl und Pechdraht bei Seite gelegt, die Nadel aufgeſteckt und die Scheere an die Wand gehängt hatte, dann übte er ſich in der einſamen Stille ſeines Kämmerleins in der Nachbildung oder Erfindung künſtlicher Geſänge.“ Am Sonntag wurde die mit bunten Schildereien gezierte Schultafel ausgehängt, zum Zeichen, daß nach dem Nach⸗ mittagsgottesdienſt Schule geſungen werden ſolle, was in der Herberge, auf dem Rathhauſe, oder in der Kirche vor zahlreich verſammelten Zuhörern geſchah. (Auf Weihnachten, Pfingſten und Oſtern hatten ſie jedesmal große Feſtſchule.) Den Vorſitz führte der Vorſtand oder das Gemerk, d. i. der Büchſenmeiſter Gaſſierer), der Schlüſſelmeiſter(Verwalter), der Merkmeiſter und der Kronmeiſter. Die Merker(Kritiker oder Kunſtrichter) ſaßen auf einem mit Vorhängen umzogenen Gerüſte und merkten ſorgfältig alle Fehler auf, um am Schluſſe das Urtheil über den Sänger zu ſprechen. Der Eine merkte auf den Inhalt, ob er mit Bibel und chriſtlicher Geſinnung übereinſtimme, der Andere auf den Bau des Gedichtes, der Dritte auf Reim und Sprache und der Vierte auf die Melodie, den Ton oder die Weiſe. Der beſte Sänger wurde vom Kronmeiſter mit einem Kranze von ſeidnen Blumen gekrönt. Erhielt aber der Sänger den erſten Preis, ſo ward ihm eine Ehrenkette mit einer Denkmünze umgehängt, worauf der König David mit der Harfe abgebildet war. Die beſten Gedichte wurden zuſammen in ein großes Buch geſchrieben, das der Schlüſſel⸗ meiſter ſorgfältig aufbewahrte. Wer einen neuen Ton(Weiſe)*) erfand, konnte *) Wagenſeil führt 400 ſolcher Singweiſen an, deren Namen meiſt phantaſtiſch und abenteuerlich klingen, als: die hohe Firmamentweiſe, der ſchwarze Ton Klingsohrs, die abgeſchiedene Vielfraßweiſe Karl Foders, die Schwarztintenweiſe Metzgers, die kurze Affenweiſe Gg. Hagens, die geſtreift Saffranblümlein⸗ weiſe Hans Findeiſens, der Blutton, die Schneckem, ſpitzige Pfeil⸗ und verſchloſſene Helmweiſe, der Flugton, der kurze, graue, zarte und überzarte Ton, die Reb⸗, Rosmarin⸗, Fettdachs⸗, Gelblöwenhaut-, Gelbveielein⸗, Hageblüt-, Rothnußblüt⸗, geblümte Paradies⸗, ſcharf Meiſterwurz., eine warme Winter⸗ und eine engliſch Zinnweis ꝛc. 362 Meiſter*) werden. Der Geſang hieß Bar und beſtand aus mehreren Geſätzen ꝛc. Wagenſeil führt 32 Hanptfehler oder Strafregeln an, die beim Meiſtergeſang vorfallen können. An der Spitze ſtand:„Ein Fehler iſt, wann Etwas nicht nach der hohen Deutſchen Sprache getichtet und geſungen wird, wie ſolche in Dr. Martin Luthers TDeutſcher Ueberſetzung der Bibel befindlich und in der Fürſten und Herren Canzleien gebräuchlich iſt.“ Falſche Meinungen waren unchriſtliche, abergläubiſche und unzüchtige Worte und konnten die Weg⸗ weiſung von der Schule zur Folge haben. Milben hießen die des Reims wegen abgebrochnen Wörter.— Durch die Feſſeln ſtarrer Geſetze war jeder freie Flug der Phantaſie gehemmt und die Poeſie war faſt nur eine Reimkunſt nach ſtrengen, kalten Formen. Der Meiſterſang iſt darum auch für die Geſchichte der Poeſie weniger wichtig, als für eine Kultur- und Sittengeſchichte, indem er ſehr ver⸗ edelnd und ſegensreich auf den mittleren Bürgerſtand einwirkte und ihn vor dem Sittenverfall des höhern Bürgerſtandes und der andern Stände bewahrte. Zu den bekannteſten Meiſterſängern gehören Hans Roſenblüt, Hans Folz und ganz beſonders Hans Sachs, der jedoch ſeine beſten Dichtungen außer der Schule dichtete. Roſenblüt, genaunt der Schnepperer(Schwätzer), lebte in der Mitte des 15. Jahrh. zu Nürnberg, zog auch als Wappendichter an den Höfen umher. Er dichtete Faſtnachtsſpiele und manchen trefflichen Schwank. Folz war von Worms und lebte um 1480 als Barbier und Meiſterſänger zu Nürnberg. Seine Faſtnachtsſpiele empfehlen ſich nicht durch ihre Poeſie; zahlreich ſind ſeine Schwänke. Hans Sachs wurde, wie er uns ſelbſt er⸗ zählt, am 5. Nov. 1494 zu Nürnberg geboren. Sein Vater war Schneider und ſchickte den 7jährigen Hans in die lateiniſche Schule, den 15jährigen zu einem Schuſter in die Lehre, ließ ihn aber auch gleichzeitig von dem Leineweber und Meiſterſänger Lienhart Nunnenbeck in den Anfangsgründen des Meiſterſangs unterrichten. Der angehende Jüngling ging auf die Wanderſchaft, die ihn faſt durch alle deutſchen Lande und in die vornehmſten Städte führte. Dabei beſuchte er fleißig die Singſchulen der Meiſter und erlernte gründlich deren Kunſt. 1516 kehrte er heim nach Nürnberg und ward Bürger und Meiſter. Die Reformation begrüßte er mit hoher Freude und feierte ihren Stifter Luther in der allegoriſchen Dichtung:„Die Wittenbergiſch Nachtigal, die man jetzt höret überal.“ Hochge⸗ ehrt von ſeinen Mitbürgern, arbeitete und dichtete Hans ſehr fleißig. Die ihm eigene Heiterkeit und glückliche Gelaſſenheit behielt er bis zu ſeinem letzten Athemzuge. Im hohen Alter verließen ihn Geſicht und Gehör. Adam Puſch⸗ mann, ſein Schüler, entwirft uns in einem Meiſterſang ein rührendes Bild des hochbetagten Dichters.„Im Traum wird er in eine große, herrliche Stadt ver⸗ ſetzt, wo er mitten in einem wundervollen Garten in einem zierlichen Luſthäus⸗ lein an einem mit grüner Seide bedeckten Tiſche den alten Meiſter ſitzen ſieht, grau und weiß wie eine Taube, leſend in einem ſchönen, großen, goldbeſchlagenen Buche und umgeben von vielen andern Büchern, nach denen der alte Herr bis⸗ weilen hinblickte. Wer zu ihm eintrat und ihn aus der Ferne grüßte, den ſah *) Man unterſchied Schüler, welche die ganze Tabulatur noch nicht inne hatten, Schulfreunde⸗ die ſie auswendig kannten, Singer, die nur einige Weiſen vorſingen konnten, Dichter, die nach fremden Melodien ihre Lieder bichteten und Meiſter, die ſelbſt zu ihrer Dichtung die Weiſe erfanden. —— 363 er an, ſagte Nichts, ſondern neigte ſchweigend ſein ſchwaches Haupt. Er ſtarb am 24. Januar 1576, im Soſten Lebensjahre.“(Koberſtein.) Im ſeinem 20ſten Jahre dichtete Sachs zu München ſeinen erſten meiſterlichen Geſang, dem er in ſeinem langen Leben noch 6107 Produkte ſeiner Muſe folgen ließ, worunter 4200 Meiſterſchulgeſänge, 1700 Schwänke und 208 Komödien und Tragödien waren. Allen ſeinen Gedichten fügte er„Hans Sachs“ und gewiſſenhaft Tag und Jahr der Verfertigung bei. Nur die außer der Schule gedichteten, im Ton der Volkspoeſie und in der einfachen, ſchlichten Form der kurzen Reimpaare abge⸗ faßten ordnete er für den Druck und gab ſie in 5 Foliobänden heraus. Von ſeinen Schulgeſängen wollte er nicht, daß ein einziger gedruckt werden ſolle, eine Beſcheidenheit und Selbſtkenntniß, die man vielen Dichtern der Gegenwart wünſchen möchte. Sachs hatte eine ſeltene Vielſeitigkeit und erſtaunenswerthe poetiſche Fruchtbarkeit und ſteht weit über den bezopften Dichterlingen und hoch⸗ gelehrten Herren, die ſpäter hochmüthig anf den Nürnberger Schuſter herabſahen, während er bei gleichzeitigen Geiſtlichen und Gelehrten als eine moraliſche Auctorität galt. Goethe hat ihn wieder zur Anerkennung gebracht. Durch⸗ drungen von Liebe und Verehrung für den alten Meiſter dichtete er, in Form und Ton ihn nachahmend, die unvergleichliche„Erklärung eines alten Holzſchnittes, vorſtellend Hans Sachſens poetiſche Sendung“*), worin er den Nürnberger Meiſter in anſchaulichſter Lebendigkeit nach ſeiner ganzen Art und Weiſe der Nachwelt vergegenwärtigte. Gewiß ein glücklicher Gedanke *) In ſeiner Werkſtatt Sonntags früh Steht unſer theurer Meiſter hie, Sein ſchmutzig Schurzſell abgelegt, Einen ſaubern Feierwamms er trägt, Da tritt herein ein junges Weib——— Sie trägt einen Maßſtab in der Hand, Ihr Gürtel iſt ein gülden Band, Hätt auf dem Haupt einen Kornähr⸗Kranz, Läßt Pechdraht, Hammer und Kneipe raſten, Die Ahl ſteckt an dem Arbeitskaſten; Er ruht nun auch am ſiebenten Tag Von manchem Zug und manchem Schlag. Wie er die Frühlingsſonne ſpürt, Die Ruh ihm neue Arbeit gebiert: Er fühlt, daß er eine kleine Welt In ſeinem Gehirne brütend hält, Daß die fängt an zu wirken und zu leben, Daß er ſie gern möcht von ſich geben. Er hätt ein Auge treu und klug, Und wär auch liebevoll genug, Zu ſchauen Manches klar und rein Und wieder Alles zu machen fein; Hätt auch eine Zunge, die ſich ergoß, Und leicht und fein in Worte floß; Deß thäten die Muſen ſich erfreun, Wollten ihn zum Meiſterſänger weihn. Ihr Auge war lichten Tages Glanz, Man nennt ſie thätig Ehrbarkeit, Sonſt auch Großmutb, Rechtfertigkeit. Die tritt mit gutem Gruß herein; Er drob nicht mag verwundert ſein, Denn wie ſie iſt, ſo gut und ſchön, Meint er, er hätt ſie lang geſehn. Die ſpricht: Ich habe dich auserleſen Vor Vielen in dem Weltwirrweſen, Daß du ſollſt haben klare Sinnen, Nichts Ungeſchickichs magſt beginnen. Wenn Andre durcheinander rennen, Sollſt dus mit treuem Blick erkennen, Wenn Andre bärmlich ſich beklagen, Sollſt ſchwankweis deine Sach fürtragen; Sollſt halten über Ehr und Recht, In allem Ding ſein ſchlicht und ſchlecht, Frummkeit u. Tugend bieder preiſen, Das Böſe mit ſeinem Namen heißen.—— Ferner fordert ſie ihn auf mit derben, feſten, kecken Strichen die Welt zu ſchildern, wie ſie iſt, und wie Albrecht Dürer ſie geſehn. Der Natur Genins ſolle ihn an die Hand nehmen, ihn durch alle Land ſühren, damit er das Leben in ſeiner bunten Mannigfaltigkeit kennen lerne: das Alles ſoll er dann dem Menſchenvolk zu Lehr und Warnung aufſchreiben.— Nun kommt von der andern Seite ein altes Weiblein: „Man nennet ſie Hiſtoria, Motbologia, Fabula“, die bringt ibm Stoff aus der beiligen und Profangeſchichte, dann zu Fabeln, Schwänken, Märchen ꝛe. Der Meiſter iſt nun mit Allem ausgeſtattet, deſſen der Dichter 364 Goethes, das Gedicht zu Ehren des alten Meiſters in das Gewand zu kleiden, das dieſem ſo bequem geweſen war und das er faſt allen Gedichten angelegt hatte, die ihm die Unſterblichkeit ſichern ſollten. Es iſt der nralt deutſche Vers von 4 Hebungen, den auch Gvethe im Fanſt vorzugsweiſe gebraucht. War auch Sachs kein poetiſches Genie, ſo war er doch ein ungemein glücklich begabtes Talent, das von einer gewiſſen Höhe die öffentlichen Dinge überſah und in ſeinen Werken den ganzen Charakter der damaligen Zeit getren abſpiegelte. Er erreichte, was in der Zeit reiner Volksbildung dem Mann des Volkes nur er⸗ reichbar war und ſeine beſten Werke laſſen kaum etwas anders zu wünſchen übrig, als feinere Sprache und geregeltere Form. Da iſt ein reicher Schatz von Welt⸗ und Menſchenkenntniß, Schalkhaftigkeit und Humor, Biederkeit und ungetrübte Gleichmuth, geſundes Urtheil und geſunder Sinn, natürlicher treffender Ausdruck, ſichere ſchnelle Auffaſſung des Gegebenen, ungemeine Leichtigkeit des Schaffens, leichte und lebendige Darſtellung, Beherrſchung des Stoffs und ein für alles Gute und Edle empfängliches Herz. Vortrefflich und allerliebſt ſind die Schwänke und viele ſeiner Faſtnachtsſpiele nicht minder. Wie naiv und herzlich iſt z. B. nur„Skt. Peter mit der Geis“! Wie einfach und treffend das bekannte„Schlaraffenland“! Auch im Kirchenlied„Warum betrübſt du dich mein Herz“ hat Sachs ſeinen Namen der Nachwelt erhalten. §. 17. Wenn wir mit Hans Sachs der Zeit vorangeeilt ſind, ſo geſchah dieſes, um die Geſchichte des Meiſtergeſangs nicht zu unterbrechen. Ehe wir nun das Volks⸗ und Kirchenlied näher erwähnen, gilt es Einiges übers Drama zu ſagen. Das deutſche Drama entwickelte ſich aus dem religiöſen Kultus. Schon im 12. Jahrh. gabs Paſſions⸗ und Oſterſpiele, wie auch Weih⸗ nachtsſpiele. Die romaniſchen Völker nannten ſolche Spiele Mysterien. Um Oſtern wurde die Leidensgeſchichte Jeſu mit Geſang dargeſtellt; bald kamen Koſtüm, Action und Dialog hinzu. Geiſtliche waren die Leiter. Je nach dem Feſte, das gerade gefeiert wurde, ſtellte man ſpäter auch andre Begebenheiten aus der heiligen Geſchichte dar und das volksmäßige Element fand ſeine Vertretung in einer lächerlichen Perſon. Die Darſtellung eines Dramas(Holzwarts Saul 1571) erforderte oft mehrere hundert Schauſpieler und dauerte einige Tage. Im Thiergarten zu Eiſenach führten die Predigermönche 1322 die„klugen und thö⸗ richten Jungfrauen“ auf, was dem ſchauluſtigen Volk wohl gefiel. Als in den Dramen die lateiniſche Sprache der deutſchen weichen mußte und nicht mehr bloß kirchliche Perſonen verwandt wurden, da regte ſich die Volksnatur und brachte zur Faſtnachtzeit komiſche derbe Zwiſchenſpiele hinein, welchen die Kirche bebarf, um ſeinen Werken Gehalt zu geben und es fehlt ihm nur noch die Gabe des Geſtaltens. Die empfängt er von der Muſe, die auf der Wolke Saum herunterſteigt, heilig anzuſchaun, als ein Bild unſrer lieben Frauen. Sie umgibt ihn mit ihrer Klarheit und immer kräftig wirkender Wahrheiti ſie weiht ihn und gibt ihm Segen und Gedeihn. Wie er ſo heimlich glücklich lebt, Da droben in den Wolken ſchwebt, Ein Eichkranz, ewig jung belaubt, Den ſetzt die Nachwelt ihm aufs Haupt. In Froſapfuhl all das Volk verbannt, Das ſeinen Meiſter je verkannt! 365 entgegentrat. Den Stoff lieferten nun die Meiſterſänger und die Zünfte führten ihn auf. In der Karnevalszeit traten muthwillige, zur Komik geſtimmte Leute im Hauſe eines Bekannten zuſammen, ſpielten und ließen ſich bewirthen. Den geiſtlichen Spielen traten alſo bald die Faſtnachtſpiele als Komödie mit allen Luſtbarkeiten, Vermummungen, Poſſen und derben Späſſen ſelbſtändig entgegen. Hans Sachs behandelte das Drama als eine eigne Gattung der Dichtkunſt und bildete es als ein durchaus volksthümliches Erzeugniß weiter. Der Würtem⸗ berger Nicodemus Friſchlin(1547— 1590) verſtand es, die Charaktere ſcharf zu zeichnen und ſeine Stücke in geordneter und gedrungener Darſtellung abzu⸗ faſſen. Jakob Ayrer, der Nürnberger Notar, † um 1618, dichtete 36 Faſt⸗ nachtſpiele und 30 Tragödien und Komödien und hat wie Hans Sachs oft einen lebhaft anſprechenden Dialog und gelungene raſche Handlung, ſteht ihm aber ſonſt nach. Herzog Julius von Braunſchweig(564— 1613) wurde von alt⸗ engliſchen Schauſpielern angeregt und lieferte für ſeine Zeit bedeutende Komödien. 1553 trat zuerſt der Hanswurſt als„luſtige Perſon“ auf, wurde Lieblings⸗ figur des Volkes und hielt ſich bis ins 18. Jahrh. auf der Bühne. Bürger, Handwerker, Studenten ꝛc. ſpielten unter freiem Himmel auf dem Markte, oder auf dem Rathhauſe, in Schulen und Gaſthöfen ꝛc.*). Da iſt viel Blendwerk, äußeres Gepränge, laute Muſik und Spaß des Hanswurſts. Theater und Schauſpieler von Fach gabs damals noch nicht. Erſt von 1600 an finden ſich am Hofe zu Braunſchweig und anderwärts ſtehende Schauſpielertruppen. Das deutſche Drama eutwickelte ſich ſo recht aus dem Volke, konnte aber Jahrhunderte lang nicht über Anfang und Verſuch hinauskommen. §. 18. Neben den ſchulgerechten und gekünſtelten Liedern des Meiſterſangs blühte das weltliche Volkslied. Es entſtand im 14.**), wuchs im 15. und blühte im 16. Jahrh. Die echte Poeſie war alſo bei denen heimiſch, die weder leſen noch ſchreiben, wohl aber herrlich dichten und ſingen konnten. Text und Melodie war unzertrennlich, waren zu einem lebendigen, wohlgefälligen Ganzen verwachſen. Sie wirkten electriſch auf das Volk, das gleich freudig in den Geſang mit einſtimmte, weil es ſeine eignen Gefühle und Empfindungen ſo ſchön, wahr, einfach und ergreifend darin⸗ ausgeſprochen fand. Wie der Stoff der alten epiſchen Volksgeſänge Thaten waren, Thaten und wirkliche Erlebniſſe des ganzen Volkes, ſo waren es hier wirklich erlebte Zuſtände, Gefühle und Empfindungen, deren das Herz voll war, das dann im Liede überſtrömrte Wie das Herz im Augenblicke des Erlebens und Empfindens raſcher ſchlägt, 6 wurden die Empfindungen auch gleichſam ſtoßweiſe herausgeſungen, ohne Rückſicht auf den Zuſammenhang, daher, wie in den alten epiſchen Geſängen, ſcheinbare Sprünge und Lücken. Raſchen kräftigen Schrittes eilt das Lied vorwärts von *) Noch in unſerer Zeit kommen in einigen Gegenden Naſſaus die jungen Burſche am Faſtnachtdiens⸗ tage in Maske und Koſtüm und führen bei ihren öffentlichen Umzügen„Joſeph und ſeine Brüder“ auf. Aehnliches geſchieht in andern Gegenden Deutſchlands.—**) Die Limburger Chronit erzählt(mit Angabe der Liedanfänge), daß es im 14. Jahrh. Lieder gegeben habe, die allgemein auf allen Straßen und in allen Herbergen, von Rittern und Knechten zu Stadt und Land geſungen oder„gepfiffen“ worden ſeien. Auch berichtet ſie von einem ausſätzigen Baarfüßer⸗Mönch am Mainſtrom, der im 14. Jahrh. ein beliebter Volksdichter war:„Was er ſang, das ſangen alle Leute gern und alle Meiſter pfiffen und alle Spielleute führten den Geſang und das Gedicht“. 366 Moment zu Moment und reißt den Hörer mit ſich fort. Goethe bewunderte in dieſer vollen, reinen Naturwahrheit den„kecken Wurf“ des Volksliedes. Bei der Allgemeinheit des Singens nennt uns die Literaturgeſchichte der Volkspoeſie gewöhnlich nur die Geſänge, nicht die Verfaſſer. Alle ſangen, Alle hatten ihr Lied! Jedes Gefühl der Luſt und Wonne, der Wehmuth und des Schmerzes wurde zum Lied. Der Einzelne war das Organ der Menge, die Gleiches fühlte, er ſchlug den Ton an und das Echo antwortete ihm aus tauſend Stimmen. Reich und voll flutete der Strom der Volkspoeſie. Das Kind lallte die Melodie mit und der Greis ſtimmte ein mit innigem Wohlbehagen. Ganz Deutſchlaud war ein Land des Geſanges, der alle Straßen und Märkte, Städte und Dörfer, Felder und Wälder erfüllte. Die Studenten zogen als Bänkelſänger von Haus zu Haus, ſelbſt Luther ſang noch vor den Thüren ums liebe Brot, weithin erſchallte des Jägers Lied, mit dem ſich die Töne des Waldhorns miſchten, ja das Lied ahmte oft ſelbſt die Töne des Hornes nach, der Soldat ſang von Kampf und Sieg, die tapfern Landsknechte unter Georg Frundsberg ſangen im fröhlichen Siegesjubel ihre Lieder auf die Schlacht von Pavia(1525); Andere ſangen von der Liebe Luſt und Leid, von Treue und Untreue, vom Scheiden und Meiden, vom fröhlichen Wiederſehn nach langjährigem Wandern, oder von der Trauer, durch das Nimmerwiederſehn hervorgerufen*). Wenn die Minne⸗ poeſie ihrem Charakter nach eine Frauenpveſie genannt werden konnte, ſo iſt das mänulichkräftige, geſunde, mitunter kecke und derbe Volkslied, das aus dem Gemeinbewußtſein und Gemeingefühl eines tüchtigkräftigen Volksthums heraus⸗ gedichtet und componirt iſt, am beſten durch das Wort Männerpoeſie charakteriſirt. In der Reformationszeit wurden die Volkslieder ſehr verachtet und verfolgt, als wüſte, ſchändliche, üppige, teufliſche Lieder, die ſo viel Unheil ſtifteten. Der Grund der Verfolgung war aber keineswegs die Unſittlichkeit, weil die meiſten Lieder ſogar von der größten Reinheit ſind, ſondern der, weil ſie„weltlich, irdiſch, menſchlich gefühlt und geſungen waren.“ Herder er⸗ kannte bald, welch einen hochpoetiſchen Schatz die Volkslieder enthalten und wies zuerſt auf dieſe edeln Perlen unſerer Poeſie hin. Welch ungemein glücklichen Einftuß übten ſie auf Goethes Dichtergenius; auch Bürger, Uhland, Hoffmann von Fallersleben haben ſich am Volksliede gebildet. Selbſt unſere jüngſte Poeſie und Muſik iſt da am beſten, wo ſie den Einfluß des Volksliedes nicht verläugnen kann. i hiſtoriſchen Volksliede beſingt der Schweizer Halbſuter aus Luzern gegen Ende des 14. Jahrhunderts in einfachen Weiſen die Kämpfe der ſiegreichen Schweizer bei Näfels und Sempach. Veit Weber aus Freiburg beſingt in der 2. Hälfte des 15. Jahrh. die Großthaten der Schweizer in dem Burgunderkriege. Am beſten iſt ſein Geſang auf die Schlacht bei Murten(476), in der er *) In einzelnen Gegenden Deutſchlands, beſonders in waldigen und gebirgigen, die von den großen Heer⸗ und Verkehrsſtraßen fern liegen, iſt der Volksgeſang noch lebendig, im Sommer des Abends unter der Dorflinde und des Sonntags auf den Spaziergängen, im Winter namentlich in den Spinnſtuben. Wo aber die Volkeſitte und das Volksleben durch moderne Ver⸗ und Ueberbildung abhanden gekommen iſt, da iſt auch der Volksgeſang, das Volkslied, ausgeſtorben. Schullehrer⸗Seminare haben darum die Pflicht, die Volks⸗ poeſie zu pflegen, damit ſolche von den künftigen Volkslebrern im Volke ſelbſt wieder angeregt werde. 367 ſelbſt gegen Karl den Kühnen gefochten. Andere hiſtoriſche Volkslieder über⸗ gehen wir hier. Herrliche und vielbekannte Volkslieder ſind: Es ſtund eine Linde im tiefen Thal— Es ſtehen drei Sternlein am Himmel— Es ſteht ein Baum im Odenwald, der hat viel grüne Aeſt— So viel Stern am Himmel ſtehen, an dem blauen güldnen Zelt— Es iſt ein Schnitter der heißt Tod— Sterben iſt ein harte Buß— Es war einmal ein junger Knab— Der Sultan hatt ein Töchterlein— Es war ein Mark⸗ graf über dem Rhein— Wenn ich ein Vöglein wär— Muß i denn, muß i denn zum Städtele naus— Zu Straßburg auf der Schanz, da ging mein Trauern an— O Straßburg, v Straßburg, du wunder⸗ ſchöne Stadt— Es ritten drei Reiter zum Thor hinaus— Innsbruck ich muß dich laſſen— Morgen muß ich weg von hier und muß Abſchied nehmen—.—— Die beſten Sammlungen von Volksliedern ſind: Herder:„Volkslieder“ 1778 u. 79,„Des Knaben Wunderhorn“ von Arnim u. Brentano I.; 1808, 1819, 1846. II.: 1808. III.: 1819. Haben die Herausgeber auch willkürliche Aenderungen mit vielen Liedern vorgenommen, ſo iſt ihre Arbeit doch höchſt verdienſtvoll. Gvethe meint„das Buch ſollte in jedem Hauſe, wo friſche Menſchen wohnen, am Spiegel und ſonſt überall“ zu finden ſein.“ Ludwig Uhland; Alte hoch⸗ und niederdeutſche Volkslieder mit Abhandlung und Anmerkungen. II. Stuttg. u. Tübingen. 1845. Echte Teyle und vortreffliche Auswahl, überhaupt das vorzüglichſte Werk, weßhalb das Anführen andrer füglich unterbleiben kann. §. 19. Was die zahlreichen Univerſitäten, was die Männer der Wiſſenſchaft (Joh. Reuchlin aus Pforzheim † 1522, Ph. Melanchthon aus Bretten 1497— 1560, Nic. Kopernikus aus Thorn 1473— 1543 ꝛc.) und ihr For⸗ ſchungsgeiſt für eine geiſtige Umänderung in Deutſchland hervorgebracht haben, was ferner der kühne hochbegeiſterte Ulrich v. Hutten(geb. 1488, † 1523 auf der Inſel Ufnau im Zürcherſee) als Luthers ritterlicher Vorkämpfer und feuriger Gegner des Pabſtthums durch ſeine lateiniſchen und deutſchen Schriften gewirkt hat: das Alles kann in einer ſo kurz gefaßten poetiſchen Literaturge⸗ ſchichte nicht zur Sprache kommen. Ebenſo wollen wir auch weniger auf die Reformation ſelbſt, als auf das in dieſer Zeit entſtandenen evangeliſche Kirchenlied eingehen, was jedoch erſt geſchehen kann, wenn wir Einiges über Luther geſagt haben werden, der nicht bloß für die Kirche, ſondern auch für die deutſche Sprache und Literatur von der außerordentlichſten und nachhaltigſten Wirkſamkeit war. Dr. Martin Luther wurde am 10. Nov. 1483 zu Eis⸗ leben geboren, wohin ſeine Eltern, die in Möhra wohnten, auf den Jahrmarkt gekommen waren. Sein Vater Hans Luther war Bergmann und gab ihm eine ſtrenge häusliche Erziehung. In Magdeburg und Eiſenach machte Luther ſeine Vorſtudien zur Univerſität, die er 1501 in Erfurt bezog. Gewiſſens⸗ angſt trieb ihn 1505 ins Auguſtinerkloſter daſelbſt, wo er ein ſtrenges Büßer⸗ leben führte. 1508 erhielt er einen Ruf als Profeſſor an die Univerſität Witten⸗ berg. 1510 ſandte ihn ſein Convent nach Rom; dort ſah er das Verderbniß der Geiſtlichkeit. 1511(12*) wurde er Pr. theolog. und mußte geloben, die heil. Schrift männiglich zu vertheidigen. Die Reiſe nach Rom, das Gelübde und der Tetzelſche Ablaß drängten Luther zum Anſchlagen der 95 Theses(Streitſätze) an die Schloßkirche zu Wittenberg(31. Oktbr. 1517). Auf dem Reichstag zu Augsburg verlangte Cajetan ſeine Anslieferung nach Rom, die der Churfürſt von Sachſen verhinderte. Zum Widerruf gedrängt, appellirte Luther an den Papſt, der ihn nach Rom citirte. Darauf appellirte Luther an ein allgemeines freies chriſtliches Concil. Seine Disputation mit Pr. Eck, wie der durch den Papſt auf ihn geſchleuderte Bann, brachten ihn ebenſowenig zum Widerruf als der Reichstag zu Worms(1521):„Hier ſtehe ich, ich kaun nicht anders, Gott helfe 368 mir, Amen!“ 1520 hat er die päpſtliche Bannbulle verbrannt. Auf dem Wormſer Reichstag ward er in die Acht erklärt und von Friedrich dem Weiſen heimlich auf die Wartburg gebracht, wo er die Ueberſetzung der Bibel begann. 1522 Abendmahlsſtreit mit Karlſtadt(Andreas Bodenſtein) zu Wittenberg, im Herbſt erſchien ſchon das neue Deſtament deutſch, 1523 kamen die 5 Bücher Moſe, 1524 der Pſalter und 1534 die vollſtändige Bibel. 1524 gab er mit Hans Walther das erſte Geſangbuch heraus. Es enthielt 8 Lieder, die zweite Auflage 16, die dritte 40. Als Luther ſtarb, kannte man bereits 47 luth. Ge⸗ ſangbücher. 1525 vermählte er ſich mit Katharina von Bora und las am Weih⸗ nachtsfeſte die erſte deutſche Meſſe. Für ſein Reformationswerk wirkte er nun in Wittenberg durch Predigten, Streit⸗ und Flugſchriften, Katechismen und Kirchenlieder. Im Kreiſe ſeiner Familie genoß er viel frohe, aber auch trübe Stunden. Er ſtarb auf einer Reiſe in ſeiner Geburtsſtadt Eisleben am 18. Febr. 1546. Seine Leiche wurde von Eisleben über Halle nach Wittenberg gebracht und unterwegs mehrmals von ſeinen Liedern begrüßt. In der Schloßkirche der alten Reformationsſtadt iſt er beigeſetzt und auf dem Markte ſteht ſein Denkmal*). Luther war eine echtfromme, glaubensſtarke, energiſche, mitunter heftige Perſön⸗ lichkeit, und hatte eine glänzende, oft vernichtende Beredtſamkeit. In jedem ſeiner Worte ſpricht ſich ſein Gottvertrauen und ſeine männliche Biederkeit aus. Er predigte gewaltig, ſeine Sprache war markig und körnig, dabei auch oft voll Würde und Anmuth, voll herzengewinnender Liebenswürdigkeit und kindlicher Einfalt. Die Bibelſprache Luthers wurde bald die herrſchende hochdeutſche Schrift⸗ ſprache und blieb es bis zu dieſem Tage. Nach ihr haben ſich unſre größten Dichter(Klopſtock ꝛc.) gebildet. Aber es iſt nicht allein die hohe Vortrefflichkeit und Unvergänglichkeit ſeiner Sprache, welche der luth. Bibel die höchſten Vor⸗ züge gibt, ſondern es iſt auch die Kraft und Tiefe eines vom göttlichen Geiſte durchdrungenen Sinnes, eines Herzens voll der lebendigſten und innigſten Ge⸗ fühle, das des göttlichen Werths und Inhalts der heiligen Schrift ſich bewußt iſt. Vor Luther gab es ſchon einzelne deutſche Bibelüberſetzungen und nach ihm erſchienen bis jetzt eine Menge. Die lutherſche wurde jedoch in alle Sprachen der Welt überſetzt, blieb in unverändertem Anſehn und„hat glücklich allen Wech⸗ ſel der Sprachbildung und des Geſchmacks überſtanden.“ Treten wir das Wort einſtweilen an Marheineke ab, der über den religiöſen Werth der deutſchen Bibelüberſetzung Luthers geſchrieben:„In ihr iſt die Form und Sprache mit dem göttlichen Inhalt und Geiſte der heiligen Schrift auf eine geheimnißvolle Art geeinigt und verſchmolzen, ſo daß beide ſich nicht mehr trennen laſſen. Ueber dieſe Geſtalt der Bibel, aus wie viel verſchiedenen Theilen und Beiträgen ganz verſchiedener Verfaſſer ſie auch beſtehen, iſt doch von Anfang bis zu Ende ein gemeinſamer Charakter verbreitet und der eine nämliche Geiſt durch das Ganze ergoſſen, alſo daß es nach dieſer Ueberſetzung ſcheint, die ganze Bibel habe nur Einen Verfaſſer gehabt. Alle Individualität des perſönlichen Cha⸗ *) Johann Mattheſins(1504— 1565), ein tüchtiger Kanzelrebner, war als Student in Witten⸗ berg Luthers Tiſchgenoſſe und iſt deſſen trefflichſter Bivgraph. 369 rakters, alle Härte und Milde des eigenthümlichen Styls, wie er die heiligen Schriftſteller ſo ſehr von einander unterſcheidet, iſt von dem Feuer des ge⸗ meinſamen, göttlichen Geiſtes aufgezehrt, und Alle treten in dieſer Ueberſetzung zurück in ihrer Perſönlichkeit vor einer höhern Gewalt, der ſie dienen, und hervor bloß als das, wofür ſie ſelber ſich achten, als die Werkzeuge des einen und ewigen, des gemeinſamen und heiligen Geiſtes Gottes“*). Das alte, echte Kirchenlied iſt das wahrhafte, das heilige Volkslied. Abgeſehen von religiöſen Beweggründen und kirchlichen Bedürfniſſen ging es aus dem Volksliede hervor, mit dem es vielfach den ſtrophiſchen Bau, wie die Dar⸗ ſtellung und Melodie gemein hat. Wie das Volkslied, ſo ſpricht auch es in kurzen, kräftigen Ausdrücken und ſprungweiſe wirkliche Erlebniſſe und Erfahrungen aus, die Andre in gleicher Weiſe mit erlebt und erfahren haben. Auch bei ihm ſind Text und Melodie in Eins verwachſen, auch es thut erſt ſeine volle Wir⸗ kung, wenn es geſungen wird, von der gläubigen Gemeinde geſungen wird. Der gemeinſchaftliche Charakter der Kirchenlieder Luthers und ſeiner Zeitgenoſſen iſt das allgemeine evangeliſche Bekenntniß, der reine Glaube, die reine Lehre. Luther iſt der Gründer des dentſchen Kirchen⸗ liedes und des dentſchen Kirchengeſaugs**), wodurch er die lebendige Theilnahme des Volkes am Gottesdienſte bewirkte, den Volksgeſang * *) Die Bibelſprache Luthers iſt bekannt. Ich kann mich aber nicht enthalten, auch eine Stelle ſeiner anderweitigen Proſa hier anzuführen:„Die Worte, womſt der Engel Maria grüßt, haben ſie bisher dem lateiniſchen Buchſtaben nach verdeutſchet:„Gegrüßet ſeiſt du Maria voll Gnaden!“ Sage mir, wo redet der deutſche Mann alſo:„Du biſt voll Gnaden? Ich habe es verdeutſcht: Du Holdſelige, damit doch ein Dentſcher deſto eher hinzudenken könne, was der Engel meint mit ſeinem Gruße. Und hätte ich das beſte Deutſch hier ſollen nehmen, ſo würde ich beſſer LLerdeutſcht haben: Du liebe Maria; denn ſo viel will der Engel ſagen, und ſo würde er geredet haben, wenn er ſie hätte wollen deutſch grüßen. Wer deutſch kann, der weiß wohl, welch ein herzlich fein Wort iſt das: Der liebe Gott, der liebe Fürſt, der liebe Mann, die liebe Frau, das liebe Kind. Und ich weiß nicht, ob man das Wort lieb auch ſo herzlich und genugſam in lateiniſcher oder andern Sprachen reden möge, daß es alſo dringe und klinge in das Herz wie es thut in unſerer Sprache.“—**) Vor Luther gab es allerdings ſchon Kirchenlieder, die aber, meiſt lateiniſch, das Volk nicht ergrifſen.— Die Propheten und Könige im alten Teſtament haben mit Singen und Klingen, mit Dichten und allerlei Saitenſpiel Gott gelobet. Unter David und Salomo erreichte die Muſik der Hebräer ihren Höbepunkt und ein großer Theil des Gottesdienſtes beſtand im ſingenden, durch Begleitung der Inſtrumente gehobenen Vortrag feierlicher Pfalmen. Von den Juden, die ihre Pſalmen und beiligen Dicter hatten, ging alſo das Singen geiſtlicher Lieder auf die Chriſten über. Die Apoſtel ermahnten dem Herrn zu ſingen in geiſtlichen und lieblichen Liedern.(Eph. 5, 19; Kol. 3. 16). Lange blieben die Pſalmen im Gebrauch. In den apoſtoliſchen Verordnungen des dritten Jahrhunderts wird den Biſchöfen befohlen, das Volk zu gewinnen, daß es ſich Morgens und Abends in den Kirchen verſammle und früh den 62., Abends den 111. Pſalm ſingen ſollte. Schon in dem erſten Jahrh. wurden Hymnen geſungen, ſo: „Gloria in exceltis deo“(=„Allein Gott in der Höh ſei Ehr“) u. a. Die chriſtliche Kirche hatte alſo damals ſchon ibre Hymnendichter, denen Stoff und Form in dem hebräiſchen Pſalmbuch gegeben waren, dem der Geiſt der Tonkunſt ſo innig inwohnt.(Vergl. M. K. Lebrecht Kriebitzſch Geiſtliches Lied und Choralge⸗ ſang. Jena 1849). Karl d. Gr ließ, um den Kirchengeſang zu verbeſſern, Sänger aus Rom kommen, welche die Geiſtlichen im Kirchengeſang unterrichten ſollten. Am meiſten gewann die Hirchenmuſik durch die Orgeln, wovon die erſte unter Pipin von Konſtantinopel nach Frankreich kam. Vis zum 12. Jahrhundert war das Rufen der Worte:„Kyrie eleiſon“(„Chriſte eleiſon“, d. i Herr erbarme dich) der einzige Antheil, der dem deutſchen Volk am Kirchengeſang vergönnt ward. Die Chöre der Geiſtlichen ſangen la⸗ teiniſche Hymnen und Pſalmen, wurden aber vom Volke nicht verſtanden. Huß führte den Kirchengeſang zu gemeinſchaftlicher Anbetung und Erbauung ꝛc. unter den böhmiſchen Brüdern in böhmiſcher Sprache ein. Dieſe Geſänge, wie:„Der Tag vertreibt die finſtre Racht“(auch das ſchöne Vegräbnißlied: „Nun laßt uns den Leib begraben“, iſt eines der hervorragendſten der böhmiſchen Brüder) wurde zu Anfang des 16. Jahrhunderts von Michael Weiß ins Deutſche überſetzt. Schenckel's Blüten, 2r Theil. Ute ſ. verm. Aufl. 24 370 aus den Häuſern und von den Straßen veredelt in die Kirche einführte. Er fühlte, wie noth der armen verlaſſenen Heerde religiöſe Geſänge thäten, dachte ſich Eins mit dem Volke, ſang aus dem Volke heraus und im Namen des Volkes, das darum auch, von ſeinen Liedern hingeriſſen, ſich in Luthers Lehre hinein ſang*). So that das Kirchenlied erſtaunliche Wirkung. Kaum gedichtet, wurde es auch ſchon vor allen Thüren geſungen. Dichtgedrängte Volksmaſſen, heilsbegierige Herzen umſtanden den Sänger und ſtimmten lautſingend mit ein, noch ehe er geendet. So machte es raſch ſeinen Weg durchs ganze deutſche Land, drang in die Häuſer und Kirchen und gewann ganze Städte**) für den evang. Glauben. Walther meint:„Der heilige Geiſt ſei der Poet und Componiſt Dr. Luthers Lieder geweſen, denn die Melodien hätten Saft und Kraft.“ Luther bearbeitete theils Pſalmen und benutzte lateiniſche Hymnen für das deutſche Kirchenlied, theils nahm er auch alte geiſtliche Volkslieder, theils dichtete er auch ſelbſtſtändige Lieder, voll ſeines Geiſtes und Glaubens. Im Gamen dichtete Luther 37 Kirchenlieder, z. B.: Aus tiefer Noth ſchrei ich zu dir— Ach Gott vom Himmel ſieb darein— Vom Himmel hoch, da komm ich her— Vom Himmel kam der Engel Schar— Nun freut euch, liebe Chriſten gmein— Erhalt uns Herr bei deinem Wort— Wir glauben all an einen Golt— Herr Gott dich loben wir— Nun bitten wir den heilgen Geiſt— Ein veſte Burg iſt unſer Gott(Pſalm 46), u. a. Luther dichtete dieſes berübmte Lied weder auf der Reiſe nach Worms(1521), noch während ſeines Aufent⸗ halts auf der Veſte Coburg(1530), ſondern 1529 nach beendigtem Reichstag zu Speier. Es kommt zuerſt in Joſeph Klugs Geſangbuch vom Jahr 1529 vor. Luther ſangs während des Augsburger Reichstags(1530) täglich auf der Veſte Coburg mit der Laute am Fenſter ſtehend und gen Himmel blickend. Dieſes„Helden⸗ lied Luthers“ zeigt von echtlutherſcher Kraft, ſiegesgewiſſeſtem Glauben und poetiſcher Fülle. Es war das Lieblingslied des Fürſten Leopold von Deſſau, der es in ſeiner vriginell militäriſchen Sprache„unſers Herr⸗ gotts Dragonermarſch nannte. Im 16. Jahrh. war es der Hugenotten tägliches Stärkungslied. Meyerbeer hat die Melodie des Chorals auf die Bühne gebracht, indem er ſie in die Oper:„Die Hugenotten“ ver⸗ flochten. Vor der Schlacht bei Leipzig(17. Septbr. 63ieß Guſtav Adolf, Till gegenüber, ſein ganzes Heer das Lied anſtimmen. Die vertriebenen Salzburger ſangen es auf ihren Wanderungen, es war gleich⸗ ſam ihr Wanderpaß ꝛ. Andere Kirchenlieddichter des ſechzehnten Jahrhunderts ſind: Nicolans Decius, lebte zu— Luthers Zeit, war ein„Zeuge der Wahrheit bei angehender Reformation,“ früher Prior eines braunſchw. Kloſters, dann Prediger zu Stettin, wo er 1541 an Gift ſtarb. Meiſter im Harfenſpiel componirte er ſeine Lieder ſelbſt: O Lamm Gottes unſchuldig— Allein Gott in der Höh ſei Ehr.„Ein merkwürdiger Umſtand ereignete ſich mit dieſem Liede am Himmelfahrtstage 1842, beim großen Brande von Hamburg. Als der Skt. Petrithurm daſolbſt in Flammen ſtand nnd die Glocken vor Hitze in Bewegung geriethen, ließ das auf dem Thurme befindliche Glockenſpiel die Melodie dieſes Geſanges ertönen, und ſang ſo, mitten im Feuer⸗ in Jammer und Roth, des Herrn Ehre und Lb,— bis daß der Thurm zuſammenſtürzte. Es war ſein Schwanengeſang geweſen.“(Geſchichte und Erklärung der gangbarſten evangeliſch⸗deutſchen Kirchenlieder von C. Liere und W. Rindſfleiſch. Berlin 1851.— Ein empfehlenswerthes Buch.) Paul Speratus (1481— 1554) aus dem ſchwäbiſchen Geſchlechte der von Spretten, zuletzt preuß. Biſchof: Es iſt das Heil uns kommen her ꝛc. Nicolaus Hermann, ein guter Muſiker, Choral⸗ und Liederdichter, † 1561 als Cantor zu Joachimsthal in Böhmen. Sein bekanntes Sterbelied: Wann mein Stündlein fürhanden iſt— Lobt Gott ihr Chriſten allzugleich— c. Juſtus Jonas(1493— 1555) Prediger. Treffliches Lied; Wo Gott der Herr nicht bei uns hält. Burkard Waldis; Wann ich in Angſt und Nöthen bin ꝛc. Hans Sachs: Warum betrübſt du dich mein Herz c. Nicolaus Selneccer, geb. 1532 bei Nürn⸗ *) Der Jeſuit Adam Conzen ſchreibt:„Die Kirchenlieder Lutheri haben mehr Seelen getröſtet, als ſeine Schriften und Predigten.“—**)„Als der Bürgermeißer zu Lemgo ſeinen Rathsdiener in die Kirche geſchickt hatte, auf diejenigen Bürger zu achten, welche eine Liebe zu der neuen Religion würden blicken laſſen, damit ſie geſtraft werden könnten, und denſelben bei ſeiner Zurückkunft fragte: Welche denn die Lieder:„Erhalt uns Gott bei deinem Wort“ und„Ein feſte Burg iſt unſer Gott“ geſungen hätten?— und er zur Antwort gab: Herr, ſie ſungen alle!— da ſprach der Bürgermeiſter: Ei, Alles verloren!“— 4 371 berg, tüchtiger Theolog, mußte viel erdulden. 1592 zu Leipzig: Ach bleib bei uns Herr Jeſu Chriſt r. Martin Schalling, geb. 1532 zu Straßburg, † 1608 als Prediger zu Rürnberg: Herzlich lieb hab ich dich ꝛc. Ludwig Helmbold, geb. 1532 im thüring. Mülbauſen, 4 daſelbſt als Superintendent 1598; Von Gott will ich nicht laſen ⁊. Philipp Nicvlai, geb. 1556 zu Mengeringshauſen im Waldeckſchen, 16 8 als Paſtor zu Hamburg: Wie ſchön leuchtet der Morgenſtern— Wachet auf ruſt uns die Stimme! ꝛc.(Nr. 304.) Da wir gerade an der Geſchichte des evangeliſchen Kirchenliedes ſind, ſo wollen wir, beſſerer Geſammtüberſicht wegen, auch hier der Zeit vorgreifen und die Kirchenlieddichter des folgenden Jahrhunderts anreihen. Manchem derſelben werden wir noch auf anderm Gebiet begegnen. Das ſiebenzehnte Jahrhundert bietet noch einen reichen Schatz herrlicher Kirchenlieder, die meiſt noch in Form und Weiſe das Volksmäßige der alten Zeit, wie die alte innige Frömmigkeit und kindliche Einfalt des Ausdrucks beibehalten haben und vor dem kühlen, verſtän⸗ digen Ton der herrſchenden, gekünſtelten Gelehrtendichtung bewahrt blieben; denn das Kirchenlied iſt da am ergreifendſten und rührendſten, wo es ſeinen volks⸗ thümlichen Urſprung am wenigſten verläugnet. Im 17. Jahrhundert war es aber nicht mehr die Glaubensfreudigkeit, der Glaubensmuth, die Siegesgewißheit und das allgemeine evangeliſche Bewußtſein der Reformationszeit, welche den Inhalt der Lieder bildeten; es wurde vielmehr in den ſchweren Zeiten des 30jährigen Krieges ein Lied des beſondern evangeliſchen Bewußtſeins und ein Sterbe⸗, Kreuz⸗ und Troſtlied*). Wie Luther 100 Jahre früher alle—— ſeine Zeitgenoſſen überſtrahlte, ſo Paul Gerhardt nun die ſeinigen. Er ſang— ſo recht ſein innerſtes Glaubeusleben und gab dem Kirchengeſang in 120 Liedern, die er geſungen, eine einfache, klare und milde Vollendung, und viele ſeiner Lie⸗ der ſind nach Vilmar„für alle Jahrhunderte die köſtlichſten Perlen in dem Kranze der deutſchen Dichtung und die edelſten Kleinode der evangeliſchen Kirche“. 1606 zu Gräfenhainchen in Churſachſen geboren, wegen der unruhigen Zeit erſt 1651 Candidat, aber noch im nämlichen Jahre Probſt zu Mittenwalde, 1657 Diakonus zu Berlin, begann nun ſo recht die Zeit ſeines Ruhmes und bald auch ſeiner Leiden.(S. Anmerkung zu Nr. 305.) Zur Zeit der großen und vielen kirchlichen Streitigkeiten hielt er hartnäckig am ſtrengen Lutherthum feſt und als er das in Berlin gefährdet ſah, befahl er, nach ſeinem früher ſchon gedichteten Liede„dem Herrn ſeine Wege und wanderte ins Elend“. Noch im nämlichen Jahre aber berief der Herzog Chriſtian von Merſeburg den berühmten Sänger als Archidiakonus nach Lübben, wo er noch 7 Jahre wirkte und 1676 ſtarb mit der 8. Strophe ſeines Liedes:„Warum ſollt ich mich denn grämen.“ *) Im Lanf der Zeit wurden die alten, körnigen, kraft⸗ und ſaftvollen Kirchenlieder verändert, ſelten verbeſſert, gar oft aber verſchlimmert wieder abgedruckt. Häufig iſt das Originallied gar nicht mehr zu er⸗ kennen. Faſt jede größere oder mittlere Stadt hatte ihr eignes Geſa ngbuch. Es wäre ſehr gut, wenn die evangeliſche Kirche in ganz Deutſchland Ein gemeinſames Geſangbuch hätte, wie ſie ja auch nur Einen Gott und Einen Heiland hat. Alle alten Lieder unverändert abzu⸗ vrucken, iſt eben ſo wenig räthlich, als alle nur verändert aufzunehmen. Ein ſolches Geſangbuch zu redi⸗ ziren, iſt freilich eine ſchwere, ſchwere Aufgabe, wenn ſie nicht einſeitig, ſondern wahrhaft evangeliſch gelöst werden ſoll. Wie viele unkirchliche, nüchterne, gänzlich proſaiſchr Lieder finden ſich doch in manchen Geſangbüchern der Gegenwart. Und ſolche Lieder ſoll man ſingen in der Kirche, ſoll durch ſie Herz und Gemüth zur Andacht entflammen! 372 Unter ſeinem Bilde in der Kirche zu Lübben ſtehen einige lateiniſche Verſe, die deutſch alſo lauten: „Wie lebend ſiehſt du hier Paul Gerhardts theures Bild, Der ganz von Glaube, Lieb und Hoffnung war erfüllt. In Tönen voller Kraft, gleich Aſſaphs Harfenklängen, Erhob er Chriſti Lob in himmliſchen Geſängen. Sing ſeine Lieder oft, o Chriſt in ſelger Luſt, So dringet Gottes Geiſt durch ſie in deine Bruſt.“ Ven ſeinen herrlichen Liedern erwähnen wir: Beſiel du deine Wege(Rr. 305)— Wie ſoll ich dich empfangen— O Haupt voll Blut und Wunden(„das echte Charfreitaglied, das Alpha ſchöner Paſſionslieder“)— O Welt ſieh bier dein Leben— Auf, auf mein Herz mit Freuden(„ein in triumphirend freudigem Tone gedichtetes Oſterlied“)— Wach auf, mein Herz, und ſinge— Ich ſinge dir mit Herz und Mund— Geh aus mein Herz und ſuche Freud(Nr. 29)— Iſt Gott für mich, ſo trete— Nun ruhen alle Wälder ꝛc. Dieſes Abendlied iſt nach dem vielbekannten Volks⸗ und ſüddeutſchen Wanderliede:„Inns⸗ bruck ich muß dich laſſen“ gedichtet In Mittenwalde wurde jeden Abend die Melodie dieſes Volkslieds vom Thurme geblaſen. Sie gefiel Gerhardt ſo gut, daß er 1653 ſein Abendlied darnach dichtete, welches bald ſtatt des erſten geſungen und geblaſen wurde. Seb. Bach wollte für die Melodir ſein beſtes Werk hin⸗ geben und auch Mozart fand ſie ganz vorzüglich. Für den Text hegte Schiller große Vorliebe. Claudius dichtete danach das ſchöne Lied:„Der Mond iſt aufgegangen. Die bedentendſten Kirchenlieddichter außer Gerhardt ſind noch: Johann Heermann(1585— 1647) ein Schleſier, Pfarrer und fleißiger, guter Kirchenlieddichter: O Gott du frommer Gott— Jeſu deine tiefe Wunden— Herzliebſter Jeſu was haſt du verbrochen— Zion klagt mit Angſt und Schmerzen— So wahr ich lebe, ſpricht dein Gott(Heſek. 33, 11) u. a. Martin Rinckart(1585— 1649), geb. u. † zu Eilenburg: Nun danket Alle Gott ꝛc. Dieſes herrliche Danklied iſt ein wahres kirchliches Volkslied geworden. (Siehe Anmerkung zu Nr. 275. Auch in der Schlacht bei Möckern ſang es Yorks Heer.) E. Ch. Hom⸗ burg geb. 1605 zu Mühla bei Eiſenach gottesfürchtiger Juriſt, † zu Naumburg: Kömmſt du, lömmſt du Licht der Heiden— Jeſu meines Lebens Leben ꝛc. Heinrich Alberti(Albert), geb. 1604 zu Loben⸗ ſtein, † 1668 zu Königsberg: Gott des Himmels und der Erden c. Simon Dach, geb. 1605 zu Memel, 4 1659 zu Königsberg: O wie ſelig ſeid ihr doch ihr Frommen ꝛc.(Außer Kirchenliedern hat er auch das volksthümliche:„Aennchen von Tharau“ und das ſchöne Lied von der Freundſchaft;„Der Menſch hat nichts ſo eigen“ ꝛc. gedichtet.) Michael Schirmer, geb 1606 zu Leipzig, † daſ 1673, nennt ſich ſelbſt den„deutſchen Hiob“ Das Hauptpfingſtlied: O heilger Geiſt kehr bei uns ein ꝛc. Johann Riſt, geb. 1607 zu Ottenſen. von Ferdinand 111. als Dichter gekrönt und geadelt, hochgeehrt und berühmt im Leben, war mecklenburg. Kirchenrath, † im holſtein. Flecken Wedel. Schadet ſeinem Ruf durch übergroße Fruchtbarkeit(700 geiſtl. Lieder!!) Am beſten: Werde munter mein Gemüthe— O Ewigkeit du Donnerwort— O Traurigkeit⸗ o Herzeleid— Auf, auf, ihr Reichsgenoſſen! rc. Chriſtian Keymann, ein Böhme, geb. 1607, † 1652 als Rekter zu Zittau. Seine Gedichte hatten zum Theil ſolchen Beifall, daß er die kaiſerliche Dichterkrone erhielt. Der fromme Churfürſt Joh. Gg. von Sachſen bekannte ſterbend:„Meinen Jeſum laß ich nicht!“ Keyman dichtete darüber das ſchöne Lied. Jede Strophe endigt mit dem Thema. Die Anfangsworte der 5 erſten Strophen geben zuſammen wieder das Bekenntniß: Meinen— Zeſum— Laß— Ich— Richt. Die Anfangsbuchſtaben der 5 erſten Zeilen der 6. Strophe I— G— Ch.— 3— S— bedeuten Job. Georg Churf zu Sachſen. Paul Flemming: In allen meinen Thaten ꝛc. Joachim Neander, geb. 1610 zu Bremen, 4 daſ. als Prediger 1680; Komm, v komm, du Geiſt des Lebens— Wie fleucht vahin der Menſchen Zeit— Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren ꝛc.(Pſalm 98, 4— 60, Lieblingslied von Friedrich Wilbelm III und der Königin Louiſe. Das Glockenſpiel auf dem Thurme der Garniſonskirche zu Potsdam ſvielt allſtündlich mit Wiederholung das Lied,„zuerſt in einfacherer Weiſe⸗ varauf in volleren Tönen“. Andreas Gryphius: Die Herrlichkeit der Erden muß Rauch und Aſche werden ꝛc. Johann Frank(1618— 1677, ein Riederlauſitzer: Schmücke dich o liebe Seele(ſalbungs⸗ volles Abendmahlslied)— Herr ich habe mißgehandelt(Bußlied)— Jeſu meine Freude— Du, o ſchönes Weltgebäude ꝛc. Tobias Elausnitzer(1619— 1684), ein Sachſe, Geiſtlicher: Liebſter Jeſu, wir ſind hier ꝛc.(ein ſchönes Eingangslied zur Predigt). Georg Neumark, geb. 1621 zu Mühlhauſen, † 1681 zu Weimar. Er liebte das Singen geiſtlicher und lieblicher Lieder gar ſehr. In troſt⸗ und brotloſer Lage mußte er ſeine geliebte Kniegeige oder Gambe(Viola di gumpa) verſetzen, wurde aber durch den ſchwediſchen Geſandten in Hamburg aus ſeiner traurigen Lage geriſen, löste ſeine Geige ein und dichtete vor Freuden ¹ das ſchöne Troſtlied. Joh. Gg. Albinus(Weiß), geb. 1624 zu Weißenfels, 4 1679 als Paſtor zu Naumburg: Straf mich nicht in deinem Zorn— Welt, ade, ich bin dein müde— Alle Menſchen müſſen ſterben(ein Kernlied!) ꝛc. Siegmund Birken, geb. 1626 bei Eger: Laſſet uns mit Jeſu ziehen ꝛc. Luiſe Henriette, geb 1627 zu Haag, † 1667 zu Berlin, Tochter des Fürſten von Oranien, Gemahlin des großen Churfürſten. Das treffliche Oſterlied: Jeſus meine Zuverſicht ꝛc.— Ich will von meiner Miſſethat zum Herren mich bekehren— Emilie Juliane, Fürſtin zu Schwarzburg⸗Rudolſtadt, geboren 1637: Wer weiß, wie nahe mir mein Ende. Hier wird auch Pfefferkorn als Verfaſſer genannt. Samuel Rodigaſt, geb. 1649 bei Jena, † 1708 als Rektor in Berlin: Was Gott thut, das iſt wohl⸗ gethan. Wolfg. Ehr. Deßler, geb. 1660 zu Nürnberg, † daſ. 1772: Wie wohl iſt mir o Freund der Seelen. Johann Scheffler, 1624 zu Breslau von lutheriſchen Eltern geboren, ſtudirte Medicin, ward Leibarzt des Kaiſers Ferdinand III., fiel vom Lutherthum ab, ging zur katholiſchen Kirche über und ſtritt mit wilder Heftigkeit gegen die lutheriſche Kirche. In Breslau empfing er die Prieſterweihe und wurde biſchöfl. Rath, zog ſich zuletzt ins Jeſuitenkloſter St. Matthias zurück und ſtarb 1677. Als er zur katholiſchen Kirche übertrat, änderte er zuvor ſeinen Ramen, nannte ſich Johann Angelus, nach dem ſpaniſchen Moſtiker Johannes ab Angelis. Zur Bezeichnung ſeiner Heimat ſetzte er nach dem Angelus oft noch ein Silesius(d. i. der Schleſier). Seine vortrefflichen Lieder, von denen er die meiſten noch als Proteſtant gedichtet,(weßhalb er auch hier bei den evangeliſchen Kirchenlieddichtern genannt wird), ſind lieblich, tief und innig und„athmen die reinſte Sehnſucht nach dem Heilande“, doch hat er auch manche in allzu⸗ tändelnden, ſüßlichem Liebeston gedichtet, die nicht mehr kirchlich erbauen. Wir nennen als die vorzüglichſten: Mir nach ſpricht Chriſtus unſer Held(Nr. 306,„ein rechtes Kraft⸗ und Glaubenslied“)— Liebe, die du mich zum Bilde— O du Liebe meiner Liebe— Ich will dich lieben meine Stärke— Ach ſagt mir Nichts von Gold und Schätzen. ꝛc. Von ihm rühren auch die Sprüche des„cherubiniſchen Wandersmanns“. Inhaltlich ſpaniſchen ꝛc. Moſtikern entlehnt, zeugen ſie von einem tiefen, kräftig pvetiſchen Geiſt. Sie ſind eine köſtliche Reihe himmliſcher Weisheitsperlen; viele darunter ſind aber auch voll des heilloſeſten Pantheismus. Die zahlreichen Kirchenlieder des achtzehnten Jahrhunderts ſind im Vergleich mit denen aus den beiden vorhergehenden Jahrhunderten im Allgemeinen— einzelne, aber wenig ruhmvolle Aus⸗ nahmen gibts allerdings*)— viel zu unbedeutend, als daß ſie hier beſonders angeführt werden ſollten. Auch ſinds weniger eigentliche Kirchenlieder, als geiſtliche Lieder zur häuslichen Erbauung, Lehr⸗ und Leſe lieder. Bei den meiſten findet ſich keine Spur von der alten Glaubenswärme, Glaubensfreudig⸗ Gott⸗Innigkeit; ſie ſind verſtändig, nüchtern, poetiſch und kirchlich ſeicht. Wer nach Proben ſuchen will, der findet ſolche mehr oder weniger in jedem Geſangbuch.— §. 20. Neben dem Volks⸗ und Kirchenlied wurde im 15. u. 16. Jahrh. die Satire beſonders gepflegt, in den Zeiten der großen kirchlichen Bewegung der neuen Lehre bald zum Schutz, bald zum Trutz. Sebaſtian Brant, geb. 1458 zu Straßburg, ſtudirte und lehrte in Baſel die Rechte, wurde 1500 Rechts⸗ conſulent in ſeiner Vaterſtadt, dann kaiſerlicher Rath und Stadtſchreiber(Kanzler) daſelbſt und ſtarb 1521. Sein„Narrenſchiff“(1494) fand großen Beifall und wurde in viele Sprachen überſetzt, hat aber mehr ſittlichen, als poetiſchen Werth. Der berühmte Prediger Gailer von Kaiſersberg entnahm daraus Texte zu ſeinen Predigten. Brant verfaßte ſein Werk im elſäß. Dialect und zeigte Perſonen, kirchliche und öffentliche Zuſtände im wahren Lichte. In 113 Kapiteln geißelte er alle Thorheiten der Zeit mit ſcharfer Satire und führt ſelbſt als Büchernarr den Reihen derer, die er auf einem Schiff verſammelt. Thomas Murner, geb. 1475 zu Straßburg, war theologiſch und juriſtiſch gebildet. Er war ein *) ueber Gellerts und Klopſtocks religiöſe Lieder ſpäter. Chr. Fr. Neander, ein kurländ. Geiſtlicher, † 1802, wirkte ſehr ſegensreich in ſeiner Heimat und dichtete in Gellerts Weiſe: Noch läßt der Herr mich leben— Dich ſeh ich wieder Morgenlied— Benij. Schmolcke, der„ſchleſiſche Riſt“, † 1737, ſchadete ſich durch übergroße Fruchtbarkeit, denn er dichtete 1000 geiſtliche Lieber.(11) Zu nennen iſt auch Joh. Jak. Rambach, † 1735 als Prof. theol. zu Gießen. K. B. Garve iſt auch manches ſchöne Lied gelungen. 6 374 Parteigänger, hatte einen heftigen, biſſigen Charakter, führte ein unſtätes Leben und einen ſittenloſen Wandel. Max I. krönte ihn zum Dichter. In ſeinen erſten Werken:„Die Narrenbeſchwörung“ und„Die Schelmenzunft“ (1512) geißelte er mit beißender Schärfe die Zuchtloſigkeit und die Mißbräuche der Geiſtlichen und aller Stände, gebrauchte aber auch oft allzuniedrige und derbe Ausdrücke. Später wurde er ein Feind Luthers und als ſolcher von Heiurich VIII. nach England gerufen. 1522 erſchien ſein Werk:„Von dem großen luthe⸗ riſchen Narren, wie ihn Dr. Murner beſchworen hat“. Murner ſtarb etwa um 1536 zu Heidelberg.— Johann Fiſchart, genannt Menzer, geb. zwiſchen 1545 und 1550 zu Mainz kebte in Worms, Frankfurt a. M., Straß⸗ burg, Speier(als Advokat am Reichskammergericht), dann als Amtmann in Forpach, zuletzt wahrſcheinlich wieder in Straßburg und ſtarb vermuthlich 1589. Fiſchart war ein höchſt kräftiger, friſcher und origineller Geiſt, der die alte und neue Literatur kannte, die Volksliteratur achtete wie keiner ſeiner Zeitgenoſſen und überall einen ſtaunenswerthen Reichthum von Kenntniſſen verrieth. Wie Sachs in der erſten, ſo war Fiſchart in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts der fruchtbarſte Schriftſteller. Man ſtaunt über die ungeheure Menge ſeiner Werke, die ſeiner Zeit die raſchſte und weiteſte Verbreitung fanden und öfters konnten nicht ſo viel gedruckt werden, als gerade zum Leſen verlangt wurden. Fiſchart, dieſer größte Satiriker ſeines Jahrhunderts, wo nicht überhaupt der größte deutſche, ſtand auf der Höhe ſeiner Zeit und ſchaute mit klarem Auge in die Verhältniſſe. Er war ſtets kampfbereit, für Licht, Recht und Wahrheit in die Schranken zu treten. Der Proteſtantismus hatte an ihm einen muthigen Be⸗ ſchützer und Vertheidiger, das Jeſuiten⸗ und Mönchsweſen aber einen unbeſieg⸗ baren Feind. Scharf rügte er den Aberglauben und die Schwächen ſeines Volkes. In allen Dichtarten verſuchte er ſein Talent, nur nicht im Drama. Der Origi⸗ nalität ſeiner Gedanken gleicht die originelle Sprache; er bildet neue, ſchlagende, ungeheuerliche Wörter, zeigt die Sprache bald von ihrer glänzendſten Seite, bald thut er ihr auch die größte Gewalt an. Ein ſehr vortreffliches Gedicht iſt die Erzählung:„das glückhaft Schiff von Zürich“. 1576 ſchifft ſich die Zürcher Schützengeſellſchaft früh Morgens auf der Limmat ein und kommt ſchon Abends 9 Uhr in Straßburg an. Zum Zeugniß der ſchnellen Fahrt bringen ſie den zu Hauſe gekochten Hirſebrei noch warm zur Tafel. In 1 Tag legten ſie einen Weg von 4 Tagereiſen zurück, zum Zeichen, daß ſie in kürzeſter Friſt ihren Freunden in der Noth Hilfe bringen könnten. Die Schilderung iſt wahr und lebendig, die Sprache edel, körnig und gedrungen. Der Dichter zeigt damit, daß ein ſtarker Wille, Fleiß, Rührigkeit und ernſtes Streben des Mannes ſicherſte Stütze im Leben ſind und ihn des guten Erfolgs gewiß ſein laſſen. Ueber ſein Hauptwerk:„Affentheuerliche Naupengeheurliche Geſchichtsklit⸗ terung“ ſagt K. Gödeke, der Studien über dieſen merkwürdigen Geiſt gemacht hat:„Fiſchart drängte darin Alles zuſammen, was an Höhe und Tiefe, Witz, Humor, Scharfſinn, treuherziger Naivität, Gelehrſamkeit, ariſtophaniſcher Keckheit und keuſchem Ernſt in ihm lebte. Wer dieſe 10fache Ueberbietung des Rabelais (deſſen Roman er zu Grunde legte) nicht kennt und das tauſendfältige Lächeln und Lachen des proteiſchen Humors nicht verſteht, hat den reichſten und ſchönſten Theil der Literatur des 16. Jahrhunderts überſehen. Hier findet man die freieſte und gewandteſte Benutzung deſſen, was die geſammte deutſche Volksliteratur in Lied, Sage, Scherz und Ernſt darbietet, eine ſtaunenswerthe Fülle von Volksſitte und Volksgebrauch, Ortskenntniß wie ſie kanm der Einheimiſche haben mochte, eine Gelehrſamkeit nach allen Seiten hin, wie ſie nur der angeſtrengteſte Fleiß und die ſchärfſte Beobachtung gaben, dabei aber eine ſo leichte, kecke und unge⸗ zwungene Verwendung, wie ſie nur bei Fiſchart getroffen werden kann. Wenn Rabelais 180 Spiele zu nennen weiß, ſo hat Fiſchart faſt 700 in Bereitſchaft, wo der Franzoſe einen Narren in ein Wort ſperrt, ſperrt Fiſchart ein ganzes Narrenhaus in einen Satz, daß dem Leſer vor dieſem wirbelnden Wuſeln der Gedanken und Vorſtellungen ſchwindelt.“ Georg Rollenhagen(1542— 1609) dichtete den Froſchmänſler und gab ihn unter dem Namen: Marx Hupfins⸗ holz von Mäuſeloch heraus. Rollenhagen bearbeitete den alten Stoff vom Froſch⸗ und Mäuſekrieg, erzählt die Abenteuer und Geſpräche des Froſchkönigs Bausback und des Mäuſeprinzen Bröſeldieb, den traurigen Tod des Prinzen und den er⸗ folgenden Kampf. Der Dichter nahm ſich vor„mit Lachen die Wahrheit zu ſagen“. Wie die Fabeln des Erasmus Alberus und des Burkard Waldis dieſer Zeit angehören, ſo auch die deutſchen Volksbücher, welche freilich von den damaligen Gelehrten ebenſo verachtet wurden, wie das mündlich fortlebende Märchen und das Volkelied. Altes und Neues, theils umgedichtet, theils in Proſa aufgelöst, vereinigte ſich in dieſen richtig und großartig aufgefaßten, ſchlicht und treuherzig dargeſtellten Volksſchriften, die einen reichen Schatz poetiſchen Stoſſes in ſich bergen, was Goethe, Müller, Tieck u. A., welche ſich daran gekräftigt oder ſie gar pvetiſch bearbeitet haben, wohl heraus zu finden wußten. Wer kennt nicht die auf allen Jahrmärkten noch heute feilgebotenen kleinen Büchelchen von grauem Kalenderpapier und„Gedruckt in dieſem Jahr“? Wir nennen: Eulenſpiegel, Schwarzkünſtler Dr. Fauſt, der hörnerne Siegfried, Herzog Ernſt, die 4 Haimonskinder, Kaiſer Octavian, Fortunatus, die heilige Genofeva, die ſchöne Magelone, die ſchöne Meluſiner. Neue Zeit.(Von 1624 bis zur Gegenwart.) §. 21. Da wir vorhin ſchon das Kirchenlied des 17. Jahrhunderts behandelt haben, ſo iſt damit dieſer Zeit das poetiſche Herz ausgebrochen. Die Kaiſer pflegten die Dichtung ſchon lange nicht mehr, befleißigten ſich höchſtens der eitlen Ehre der Dichterkrönung. Wir ſind mit dieſem Abſchnitt in die Zeit des 30 jährigen Krieges getreten, in eine Zeit der Thränen und Noth, der troſtloſeſten unſerer ganzen deutſchen Völker⸗ und Literargeſchichte. Das Sittenverderbniß hatte ſeinen Höhepunkt erreicht und der Aberglaube war eine Macht geworden. Alles Nationalbewußtſein war verſchwunden und das Volk gefiel ſich leider noch in ſeiner Schwäche, Charakterloſigkeit und Unſelbſtſtändigkeit. Wie das Volk, ſo war auch ſeine Sprache, die ſich durch Luther ſo kräftig und herrlich erhoben hatte, gänzlich gemiſcht und verderbt. Durch die Kriegsheere der Schweden, Spanier, Italier, Kroaten ꝛc. die Jahrzehnte lang in Deutſchland hausten, war die Sprache ein ſchreckliches Gemengſel von ſpaniſchen, welſchen und namentlich franzöſiſchen Wörtern. Die franzöſiſche Sprache gelangte zu der unverdienten Ehre, Hofſprache und Sprache des Adels zu werden. So wurde auch der Bür⸗ gerſtand angeſteckt und man ſchämte ſich nicht, als Deutſchgeborner auf deutſchem Boden franzöſiſch zu ſprechen. Auch viele Gelehrte verachteten ihre Mutter⸗ ſprache und ſchrieben lateiniſch. Der deutſche Geiſt lag in Feſſeln und die deutſche 376 Literatur war gegen das Ende des Jahrhunderts im tiefſten Verfall. Es war „die Zeit der Perrücken, der Wichtigthuerei, der Ceremonien, der Etikette und der Heuchelei“. In beſter Abſicht traten vaterländiſch geſinnte Männer zuſammen und bildeten Sprachgeſellſchaften, welche die Mutterſprache von allem ausländiſchen Kram und Flitter reinigen und frei machen wollten, aber keinen durchgreifenden Einfluß gewinnen konnten*). Im 16. Jahrh. war wohl die Sprache neu geworden, aber in Stoff und Form waren die alten volksmäßigen Elemente lebendig geblieben. Mit Opitz mußten die alten Verſe von 4 Hebungen dem Alexandriner und andern ausländiſchen Formen weichen. Statt der alten Klaſſiker der Griechen und Römer las und ſtudirte man die Spätlateiner. Die Geziertheit der franzöſiſchen, die Plattheit der holländiſchen und der Schwulſt der italiſchen Schriftſteller galten bei unſern gelehrten Dichtern, die ſich vom Volke fern hielten, als klaſſiſch und nachahmungswürdig und ſo kam es, daß das Einheimiſche ein ganzes Jahrhundert unter der Herrſchaft des Ausländiſchen ſtand. Die einfachen, kräftigen Bibelausdrücke wurden durch gelehrte Wendungen verdrängt, ſtatt der Vorſtellungen, die im Volksbewußtſein lebten, brachte man die aus gelehrten Studien geſchöpften in die Dichtungen, welche mit mythologiſchen Bildern— auf die man ſich leider viel zu gut that— und Namen aus dem klaſſiſchen Alterthum geſchmückt wurden. Die Poeſien waren kalt und ließen kalt; auf„Reinheit und Lieblichkeit“ der Sprache wurde alle Sorgfalt verwendet und an der Form wurde gefeilt und gedrechſelt. Und wie lobten dieſe Phraſenhelden einander ihre inhaltleeren Verſe und bekomplimen⸗ tirten ſich! Da gabs deutſche Horaze Virgile, Tibulle ꝛc.(11) Wir wollen die eigentlichen Namen der Meiſten der wohlverdienten Vergeſſenheit überlaſſen und nur einzelne hervorragende Träger der Literatur nennen. §. 22. Im Uebergang von der alten zur neuen Zeit ſteht als der Wichtigſte Friedrich v. Spee, geb. 1592 zu Kaiſerswörth. Er war ein begeiſterter Jeſuit, lebte in Köln, Hildesheim und Trier. Sein ganzes Leben widmete er dem Troſt der Leidenden. Als Geiſtlicher mußte er eine große Zahl(200) vermeintlicher Hexen zum Tode vorbereiten und den letzten Gang zum Scheiter⸗ haufen mit ihnen thun. Ueberzengt von der„Unſchuld dieſer Schlachtopfer“, bekam er vor Entſetzen über den„ungeheuren gerichtlichen Mord“ und die„Ver⸗ blendung ſeiner Zeitgenoſſen“ ſchon in jungen Jahren eisgraue Haare. In einem lateiniſch geſchriebenen Buch„Cautio oriminalis“ bekämpfte er muthig und ſcharf die ſchrecklichen und unſinnigen Hexenprozeſſe. Schon 1635 ſtarb der edle Mann im Amt der Krankenpflege. Sein Charakter war ſanft und mild, voll chriſtlicher Liebe und göttlichen Vertrauens. In ſeinen geiſtlichen Liedern(Nr. 28), die faſt alle noch im alten Tone des geiſtlichen Liedes gedichtet ſind, kennt man ihn als *) Solche Sprachgeſellſchaften waren: a) die fruchtbringende G. oder der Palmenorden, 1617 von anhaltiſchen und weimariſchen Fürſten gegründet. Die Mitglieder trugen Pflanzen oder Pflanzen⸗ produkte zum Symbol. b) Die deutſchgeſinnte Genoſſenſchaft, geſtiftet 1643 durch Ph. v. Zeſen in Hamburg, machte ſich lächerlich dadurch, daß ſie die Fremdwörter auf unſinnige Weiſe verdeutſchte. e) Der pegneſiſche Gekrönte) Blumenorden, oder die Geſellſchaft der Pegnitzſchäfer, geſtiftet 1644 zu Nürnberg durch Klai und Harsdörfer. Die Mitglieder führten Hirtennamen. Ganz unbe⸗ dentend war die aufrichtige Tannengeſellſchaft, geſtiftet 1633 zu Straßburg und der Schwa⸗ nenorden an der Elbe(1656). echt dichteriſchen Geiſt voll kindlicher Naturluſt und inbrünſtiger Liebe zum Hei⸗ land, obgleich ſie in der Form bisweilen ſpielend und tändelnd ſind. So erinnert er an die alten Minneſinger und zugleich an die evangeliſchen Liederdichter. Seine Gedichte ſind in:„Trutznachtigall“(Cöln 1649) geſammelt. Er nennt das Büchlein„Trutz Nachtigal, weiln es allen Nachtigalen ſüß lieblich ſinget, und zwar aufrichtig Poetiſch“. 2 §. 23. Die erſte ſchleſiſche gierrſe wurde gegründet von Martin Opitz, geb. 1597 zu Bunzlau in Schleſien. Opitz ſtudirte das Recht und die ſchönen Wiſſenſchaften zu Beuthen und Frankfurt a. d. O. 1619 Haus⸗ lehrer in Heidelberg, flüchtete er 1620 von da vor dem Kriege nach Holland, kam nach Jütland, war Gymnaſialprofeſſor in Siebenbürgen, dann herzogl. Liegnitziſcher Rath. 1625 wurde er von Kaiſer Ferdinand II. als Dichter gekrönt und 1628 als M. Opitz von Boberfeld geadelt. Burggraf von Dohna*) zu Breslau, deſſen Secretär er war, ſandte ihn 1630 nach Paris. Er ſtarb 1639 als königl. polniſcher Secretär und Hiſtoriograph zu Danzig an der Peſt. Seine Zeitgenoſſen nannten ihn den deutſchen Pindar und Homer, Orpheus und Apoll. Alle Großen Europas(Kaiſer Ferdinand II., die ſchleſiſchen Herzoge, die däniſchen Prinzen, den König von Polen ꝛc.) hat er angeſungen und ſich ihre Gunſt er⸗ ſchmeichelt, obgleich er ſelbſt dichtet: „Ich bin kein Hofman, ich kan nicht Rauch verkauffen, Nicht küſſen frembde Knie, nicht vnterthänig lauffen Nach Gunſt, die gläſern iſt“. Seine Poeſie beſaß alle Fehler des Jahrhunderts. Sie war eine ſelaviſche Nachahmung der holländiſchen und franzöſiſchen, voll mythologiſcher Ausdrücke und einer Maſſe ſogenannter ſinnreicher(auch unſinniger!) Beiwörter. Ueberdieß war ſie gemacht, nicht geworden, ſie war unwahr, ſtand auf dem Papier, hatte aber vorher nie in ſeinem Herzen gelebt und darum hat ſie auch nie ein anderes Herz erhoben, ergriffen oder gerührt. In der„Reinlichkeit und Lieblich⸗ keit der deutſchen Sprache, Verſe und Reime“ ſuchte er die Stärke und das Weſen der Poeſie. Wenn Opitz Muſter und Vorbild in der Form der deutſchen Poeſie wurde und bis heute geblieben iſt, ſo iſt er darum noch nicht„der Vater der deutſchen Dichtkunſt“, da zur Form auch ein entſprechender Inhalt gehört. Sein eigentliches und größtes Verdienſt iſt, daß er die Grundſätze der Proſo⸗ die und Metrik**) geſchaffen, die bald allgemein giltig wurden. Mit dem *) Dohna war der entſchiedenſte Gegner der Proteſtanten in Schleſien und ließ Dragonaden gegen ſie aufführen. Der proteſtantiſche charakterloſe Opitz aber ſang während deſſen ſeinem Gönner die ſchmeichel⸗ hafteſten Lobgeſänge. Wir laſſen hier aus ſolchem Lobgeſang eine Stelle ſolgen: —„was Frankreich gutes hat Der Sitten Meiſterin(?1) was ſeine ſchöne Stadt Paris der Erden zier, die Mutteraller Tugend(?1) Vnd Klugheit weiß vnd kan, daß haſt dn deiner Jugend Gemein vnd recht gemacht. Franzöſiſch ſteht dir an Alß wie das Deutſche mir, dem ich die erſts bahn Zur Poeſie gezeigt, ſo nicht bald ein wird gehen.“ **) Georg Rudolf Weckherlin(geb. 1584) hat ſchon vor Opis die gelehrte Poeſie und eine ſtrengere Regelung der Verſe geübt, ohne damit durchzudringen. 378 Erſcheinen ſeines Büchleins:„Die deutſche Poeterei“(1624) begann die neue Zeit der Literatur. Die Silben ſollten nicht gezählt und gemeſſen werden, wie bei den Griechen und Römern, ſondern der Wechſel von Hebung und Senkung ſollte die alte Länge und Kürze erſetzen. So ſetzte ſich der neue Vers mit der neuen Sprache ins Gleichgewicht. Daß uns Opitz aber auch den Alexandriner als Muſtervers aufſtellte— wodurch er mit Recht die alten kurzen Reimpaare verbaunte— müſſen wir ihm ſchlecht danken, ebenſo daß er das hohle phraſeologiſche, handwerksmäßige Gelegenheitsgedicht geſchaffen, das noch nach ihm recht wucherte.— Paul Fleming, geb. 1609 zu Hartenſtein im Voigtlande, ſtudirte in Leipzig Medicin. 1633 ſchloß er ſich der Geſandtſchaft an, welche der Herzog von Holſtein nach Moskau ſchickte und 1636 unternahm er mit einer noch zahlreichern Geſandtſchaft die gefahrvolle Reiſe nach Perſien, von wo er erſt 1639 zurückkehrte. In Hamburg ließ er ſich als Arzt nieder, ſtarb aber ſchon 1640 im 31. Lebensjahr. Flemings Herz war voll heiligen Eifers für den evangeliſchen Glauben und voll feuriger Liebe zum Vaterland. Gervinus nennt ihn den„ſchönſten Charakter unter allen weltlichen Dichtern des Jahrhunderts“. Durch Abfaſſung des ſchönen Kirchenlieds:„In allen meinen Thaten“ hat er ſich zur langen, gefahrvollen Reiſe ernſt und würdig vorbereitet. Sind auch die meiſten der Lieder mit der Luſt der Welt vergangen, ſo iſt doch dieſe Opfergabe, die er auf den Altar des Herrn niedergelegt, im geſegneten Andenken des deutſchen Volkes geblieben. Obwohl er Opitz faſt vergötterte und ſich auch in opitziſchen Formen bewegte, ſo war er doch ſelbſtändig. Er hatte ein deutſches Herz und Gemüth und übertraf den Opitz weit an poetiſcher Macht und Fülle, an Wahr⸗ heit, Lebendigkeit, Wärme, Einfachheit und geſunder Natürlichkeit und durfte darum wohl in ſeiner, 3 Tage vor ſeinem Tode gedichteten, Grabſchrift ſingen: „Mein Schall floh überweit. Kein Landsmann ſang mir gleich.“ Manches ſeiner Sonette iſt vortrefflich, ſo das„An ſich“, welches ſchließt:„Wer ſein ſelbſt Mei⸗ ſter iſt und ſich beherrſchen kann, dem iſt die weite Welt und Alles unterthan.“ Andreas Gryphius, geboren im Todesjahre Shakeſpeares(1616) zu Glogau, woſelbſt 1664 auf dem Ständehauſe ein Schlagfluß ſein Leben endete. In ihm ſtarb zugleich das letzte Haupt der erſten ſchleſiſchen Schule. Sein ganzes Leben war voller Widerwärtigkeiten, Leiden und Trübſal. Frühe ſtarb ſein Vater an Gift, der Stiefvater verkürzte die Kinder um ihr Erbe. An einem Ort vertrieb den Jüngling die Peſt, am andern das Feuer, dazu kam der Tod ſeiner Mutter und Geſchwiſter und ſeine eigne tödliche Krankheit, ſo daß er klagt:„Ich red es offenbar, ſo lang als Titans Licht Vom Himmel ab beſtrahlt, mein bleiches An⸗ geſicht, Iſt mir noch nie ein Tag, der ganz ohn Angſt, beſcheeret“. Außer den todten Sprachen lernte er durch mündlichen Verkehr polniſch, ſchwediſch, hollän⸗ diſch, franzöſiſch, engliſch und ward hauptſächlich durch lange Reiſen in Holland, Frankreich und Italien gebildet. Der vielgeprüfte und raſtlos umher geſchleuderte Dulder erhielt die Dichterkrone und den Adel, wovon er aber keinen Gebrauch machte. In der Form ſteht er nicht ſo hoch als Opitz, übertrifft denſelben aber weit durch entſchieden männliche Geſinnung, durch Wahrheit der Empfindungen, durch Gedanken⸗ und Gemüthstiefe, durch Erhabenheit und Würde, Feuer und Schwung.„Was Opitz mit Trockenheit begonnen hatte, vollendete Gryphius 870 mit Schwung und echter Poeſie; ein Finger an ihm iſt poetiſcher als der ganze Opitz.“(Gervinus.) Durch ſeine Lebensſchickſale war ſeine Weltanſchauung eine ernſte, finſtre. Bei den Kirchenlieddichtern wurde er bereits erwähnt. In der Lyrik zeigte er überhaupt mehr poetiſche Begabung, als im Drama, das er reich⸗ lich gepflegt und in mancher Beziehung nicht ohne Glück. Die Luſtſpiele„Peter Squenz“ und„Horribilicribrifax“ ſind ſogar mit das Bedeutendſte des Jahrhunderts, an deſſen Dichterfehler er jedoch auch öfters krankte. Friedrich v. Logau, ein Schleſier, † 1655 oder 56 als Rath des Herzogs von Liegnitz. Er war das Gegentheil von Opitz, rang und ſang nicht nach Gunſt und um literariſchen Ruhm; denn er gab ſogar ſeine Epigramme, deren er 3553 ge⸗ dichtet, unter geändertem Namen(Salomon von Golau) heraus. Mit dem Ernſte männlicher Geſinnung und in ſchlagend kurzen Ausdrücken tadelt er das undeutſche Weſen, die Nachäffung fremder(franzöſiſcher) Mode und Sitte, den hohlen Adelſtolz ꝛc. und hat ſo die Welt, in der er lebte, aufs Getreneſte abgeſpiegelt. §. 24. Diezweite ſchleſiſche Dichterſchule. Durch ſie zeigt ſich die weltliche Dichtung im tiefſten moraliſchen Verfall. Eine tiefgreifende Sittenloſigkeit war an die Stelle früherer Rohbeiten getreten. Sie wirkte um ſo gefährlicher, je feiner, anmuthiger und darum verlockender man ſie einzukleiden ſich beſtrebte. Die„Lieblichkeit“ und„galante Schreibart“, deren ſich de Poeten rühmen und um derenwillen auch leider gerühmt werden, ſind nichts anders als der ſchamloſeſte Ausdruck tiefer ſittlicher Zerſtörung in allen Volkskreiſen, hohen und niedern. Mit großer Vorliebe ahmte man die ſchwulſtige, un⸗ reine Poeſie der Italier Marind und Quarini nach. Alle Poeſie war unwahr, verwäſſert, kraftlos, hohl, ſinnlich, zügellvs, mitunter bis ins Schmutzige gemein und trotz der galanten Schreibart vergiftet, oberflächlich, unnatürlich, ſchrecklich übertrieben, bis zum Ermüden phraſenreich und ſchwulſtig, mit den„durchdringenden löblichen Beiwörtern“(1) geſchmückt. Die ausgemalten Bilder waren mit Farben beklert und konnten eher für Weißbinderarbeiten, als für Malerei gehalten werden. Ch. Hofmann und Lohenſtein ſind die Häupter dieſer Schule und ſollen in ihrem perſönlichen Charakter ebrbar und ernſt geweſen ſein, obwohl ihre Poeſie das ſchwer glauben laſſen. Chriſtian Hofmann von Hofmannswalbau, geboren 1618 zu Breslau, bekannt mit Opitz, befreundet mit Gryphius, bereiſte mit dem Fürſten von Fremonville die Niederlande, England, Frankreich, Italien und ſtarb 1679 als Präſident des Breslauer Rothscollegiums. Begabter als Hofmann, war Daniel Kaspar von Lohenſtein, geb. 1635 zu Nimptſch in Schleſien. Er ſtudirte in Leipzig, machte Reiſen in Holland und Deutſchland, wurde kaiſerlicher Rath und ſtarb 1683 als Syndikus der Stadt Breslau und Lohenſtein, beſaß alle ſchlimmen Eigenſchaften in noch weit höherm Grad als Hofmann und „lohenſteiniſcher Schwulſt“ iſt heute noch ſprüchwörtlich.—— Auch bei den ſpäter Gebornen zeigt ſich noch oft die poetiſche Armuth der Zeit. Manche der bedeutendern Dichter traten den Lohenſteinern entgegen, ſo Ch. Wernick oder Warnecke(† 1720), der in beißenden Epigrammen den Geſchmack der zweiten ſchleſiſchen Schule tadelte; dann der Frhrr. v. Canitz(1654—99), der zur Sitte und Einfachheit zurück⸗ kehrte, ohne ppetiſch begabt zu ſein; ferner Barthold Hein rich Brockes(1680— 1747), der ſeine Gedichtſammlung:„Irdiſches Vergnügen in Gott“ nennt, den Sinn für die Schönheit der Natur weckte, hie und da echtppetiſchen Geiſt zeigte, aber auch öſters ins Kleinliche und Matte verfiel, endlich Joh. Chriſtian Günther(1695— 1723), ein Schleſier, den Goethe einen Poeten im vollen Sinne des Wortes nennt, war wirklich ein genialer aber unglücklicher Dichtergeiſt, der im Kampfe wilder Leidenſchaft mit ſeiner ſittlichen Natur unterging und erſt Reue fühlte, als es zu ſpät war. Zerfallen mit ſich und der Welt jagte ihn ein düſtres verzehrendes Feuer hin und her. Der Menſch und der Dichter gingen zu Grunde und Günther wird immer ein redender Zeuge ſein, wo es zu beweiſen gilt,„daß ein echtes Talent nicht ohne Charakter zur Reife gelangen kann“. Manchen reinen und vollen Ton hat er aus warmer Dichterbruſt geſungen. 8. 25. Aus der Zeit des tiefſten Verfalls unſerer Poeſie treten wir nun in die der Vorbereitung neuer Selbſtändigkeit, in die der Wiederbelebung unſerer Literatur durch das Alterthum. Dieſer Zeitraum beginnt etwa mit 1720 und ſchließt 1748, wo mit dem Erſcheinen der 3 erſten Geſänge der Klopſtockſchen 380 Meſſiade in den„Bremer Beiträgen“ das zweite klaſſiſche Blütenalter der deutſchen Poeſie anhebt, das mit Goethes Tod(1832) von Vielen als ge⸗ ſchloſſen betrachtet wird und von wo dann die jüngſte Literatur ihren Anfang nimmt. Schon im vorigen§. ſahen wir, daß Einzelne ſich beſtrebten, die leere Nüchternheit, den Wortſchwall, kurz die ganze poeſiearme Dichtung der Hoffmann⸗ Lohenſteiniſchen Schule zu verdrängen, der Poeſie wieder Inhalt, Wahrheit, poetiſchen Stoff, beſſere Vorbilder und gute Regeln zu geben. Auf dieſer Bahn ging man nun weiter, aber mit mehr poetiſcher Kraft und Einſicht. Von den Italiern ſagte man ſich völlig los und ſtellte einerſeits(Gottſched) die Regel⸗ mäßigkeit der beſſern franzöſiſchen Dichter(Corneille, Racine, Moliere und Boileau), andrerſeits(Bodmer) die ernſte Poeſie der Engländer, namentlich die Miltonſche Dichterkraft als Muſter auf, wies auch auf die klaſſiſchen Dichtungen des 13. Jahrhunderts hin und ging tiefer in das Studium der Griechen und Römer ein. So bricht allmählig der Schein jener Morgenröthe herein, die den ſonnenklaren herrlichen Tag verkündigt. Friedrich v. Hagedorn, geb. 1708 zu Hamburg, ſtudirte in Jena die Rechte, war einige Jahre in London Privat⸗ ſecretär bei dem däniſchen Geſandten und lebte dann von 1731 in ſeiner Vater⸗ ſtadt, wo er 1754 ſtarb. Die leichten Dichter alter und neuer Zeit waren ſeine Muſter. Er beſang in reinen, ſangbaren Liedern leichte menſchliche Empfindungen und erwarb ſich dadurch, wie durch den Fluß der Sprache, die Leichtigkeit der Darſtellung— worin er ſeine meiſten Zeitgenoſſen übertraf— das heitere, friſche, geſellige Weſen ꝛc., die Gunſt der feinen Welt, in deren Kreis er ſelbſt auch gehörte. Sein Leben ſtimmt mit ſeiner Poeſie überein, die dadurch an Wahr⸗ heit und Unmittelbarkeit viel gewann. Einzelne ſeiner Gedichte leben jetzt noch in unſern Schulen ꝛc., z. B.„Johann der muntre Seifenſieder“, den er nach eignem Zeugniß von Burkard Waldis entlehnte. Im geraden Gegenſatz zu ihm ſteht der ernſte Schweizer Albrecht von Haller(geb. 1708 zu Bern, † daſ. 1777), der ſich an dem ſchweren Ernſt der Engländer bildete und ſeine gewich⸗ tige Lehrdichtung dem Hagedorniſchen leichten, gefälligen Lied entgegenſetzte. Haller war wiſſenſchaftlich frühe gereift, dichtete ſchon als Knabe in lohenſteiniſcher Manier, verbrannte aber ſchon im 20. Jahre alle Jugendgedichte, weil er zu beſſrer Einſicht gekommen war. Als 15jähriger Jüngling ſtudirte er ſchon in Tübingen Mediein und Naturwiſſenſchaften, welches Studium er in Leyden ab⸗ ſchloß. Er reiſte in Deutſchland, England und Frankreich. Die Schweiz bereiſte er, um die Pflanzen daſelbſt kennen zu lernen. Eine Frucht dieſer Reiſe iſt das Gedicht:„Die Alpen“. Später ward er eine Zierde der Göttinger Univerſität. Durch ſeine botaniſchen, mediciniſchen und anatomiſchen Arbeiten, wie durch die umfaſſendſte gründlichſte Gelehrſamkeit überhaupt war er eine europäiſche Be⸗ rühmtheit geworden, und gerade ſeinem Rufe iſt ein großer Theil der Wirkung zuzuſchreiben, die ſeine Poeſien, zu denen wir auch noch den„Urſprung des Uebels“ zählen, hervorbrachten. Iſt auch die Sprache bei ihm oft hart, trocken und ungefügig, ſo zeichnet er ſich doch aus durch den ernſten, würdigen Stoff, den er mit großen, tiefen Gedanken, edeler Geſinnung und wahrer Empfindung poetiſch behandelte. §. 26. Gottſched und die Schweizer. Johann Chriſtoph Gottſched, geb. 1700 zu Indithenkirch bei Königsberg, ſtudirte frühe Philoſophie und ſchöne Wiſſenſchaften, flüchtete ſich, um nicht 6 381 wegen ſeiner Lebensgröße Grenadier werden zu müſſen, 1724 nach Leipzig, wo er Vorleſungen hielt und die deutſche Geſellſchaft leitete. 10 Jahre ſpäter wurde er ordentlicher Frofeſſor und ſtarb 1766 nach längſt überlebtem Ruhme. Ein poetiſches Talent war er nicht. Seine eignen Dichtungen haben höchſtens etwas formellen Werth; es ſind leere Verſe nach pedantiſchen Regeln gebaut. Gottſched hat übrigens doch manches Verdienſt um die deutſche Literatur; mögen auch bisweilen ſeine Verkehrtheiten Andere oft gegen ſein Wiſſen und Wollen erſt auf den rechten Weg geführt haben. Er übte anfangs heilſamen Einfluß auf die Dichter, „machte ſich von dem herrſchenden Drucke der Lohenſteiner frei und drang auf eine tiefere Achtung vor den Werken des Alterthums und der frühern poetiſchen Schöpfungen Deutſchlands“. Von der Bühne verbannte er den Hanswurſt und die unregelmäßigen ſchmutzigen Theaterſtücke und verhalf derſelben wenigſtens zur Regelmähigkeit, wenn auch zu franzöſiſcher. Er beſtritt die tolle Sprachmengerei und ſuchte der deutſchen Poeſie der immer noch gebräuchlichen lateiniſchen Schulpoeſie gegenüber auch in der Gelehrtenwelt Achtung und Geltung zu verſchaffen. Auch durch ſeine Zeitſchriſten erweckte er in weitern Kreiſen Intereſſe für die deutſche Sprache und Literatur. Leider hat er aber auch viel Unheil angerichtet durch ſeine grenzen⸗ loſe Anmaßung, Aufgeblaſenheit und Pedanterie, indem er ſich für einige Zeit zum oberſten Geſchmacksrichter von ganz Deutſchland aufgeworfen, die ihn übertreffenden Talente zu unterdrücken und zu höhnen ſuchte und als ein leidenſchaftlicher Schutzpatron aller nüchtern ſcichten Reimer ſich bei dieſen das höchſte Anſehn zu geben wußte. So war er der Repräſentant der Mittelmäßigkeit und Alltagsppeſie und meinte, es komme „in der Poeſie nur auf die Wiſſenſchaft der Regeln an“, war alſo auch auf dem Wahn, die Poeſie könne regelrecht und ſchulmäßig erlernt werden. Damit hat er freilich einen großen Rückſchritt gethan. Die Un⸗ berufenen drängten ſich berzu und wollten Dichter werden. Durch raſtloſe Ueberſetzung franzöſiſcher Stücke— wobei ihm ſeine Frau treulich beiſtand, hat ibn jedoch an Geſchmack und dichteriſchem Sinn weit übertroffen— mit denen er die deutſche Bühne überſchwemmte, förderte er allzuſebr franzöſiſchen Sinn und Geſchmack. Seine Anhänger bießen die Gottſcheder(Gottſchedianer) oder Leipziger, im Gegenſatz zu den Bodmerianern oder Schweizern, mit denen ſich Gottſched in einen theoretiſchen Kampf einließ, der anfangs bloß der Sache zu gelten ſchien, bald aber durch ungeſtüme Heftigkeit auch die Perſonen für immer trennte. Es handelte ſich darum, ob die Gottſchedſche Geſchmacksrichtung oder die engliſche Poeſie ꝛc. als Muſter gelten ſolle. Bodmer und Breitinger behaupteten das Feld und ſtürzten die anmaßende Gewaltberrſchaft Gottſcheds für immer. Dieſer machte ſich zuerſt lächerlich und verächtlich, als er es ſogar wagte, mit den alten ſtumpfen Waffen gegen Klopſtock und Leſſing zu kämpfen.— Joh. Jakob Bodmer, geb. 1698 zu Greifenſec bei Zürich, war Profeſſor der helvet. Geſchichte und Mitglied des großen Raths daſelbſt. Er ſtarb 1783, hatte eben ſo wenig poetiſches Talent wie Gottſched und ſank gegen Ende ſeines Lebens auch bedeutend in literariſcher Achtung Ihm war es vergönnt, auf die mittelhochdeutſchen Dich⸗ tungen, das Nibelungenlied und den Minnegeſang re.(S. 359) aufmerkſam zu machen und ſo wieder ein deutſches Dichterbewußtſein zu ſchaffen. Er hatte einen feinen Sinn, um Echtpvetiſches aufzufinden und wußte die Flanme dichteriſcher Begeiſtrung in den jungen Talenten anzufachen. Das innerſte Weſen der Poeſie ſuchte er im lebendigen Gefühl und der friſchen, unerkünſtelt erregten Einbildungekraft. Der wahre Dichter konnte darum auch nicht durch Regeln des Verſtandes gemacht werden, wenn er nicht als Dichter geboren war. Wabrhaft Großes und Erhabnes ſollte der Inhalt der echten Poeſie bilden und öfters wieverholte er, daß ſie auf Leſer und Hörer ebenſo wirken müſſe, wie ein großartiges Gemälde auf den Veſchauer. Ihm zur Seite ſtatd Joh. Jakob Breitinger 701— 1776), Profeſſor der hebräiſchen und griechiſchen Sprache zu Zürich. Er war kein Dichter, aber ein einſichtsvoller, gelehrter Mann und tüchtiger Kritiker. Auch der Satiriker Liscow(1701— 1760, S. 334) bekämpſte die Gottſchedſche Geſchmacksrichtung und übte mit männlich'mn Freimutb eine ſcharfe, ſchonungsloſe, perſönliche Satire. Die Bremer Beiträger oder die ſächſiſche Dichtergruppe. Gottſched ſah ſich bald von vielen ſeiner Schüler und Anhänger verlaſſen. Dieſe, vom Band der Freundſchaft umſchlungen, einigten ſich Gunächſt Gärtner Eramer und Adolf Schlegel) mit einem Bremer Vuchhändler, der die;„ Neuen Beiträge zum Vergnügen des Verſtandes und Witzes“(Bremen 1745— 59) in Verlag nahm. Nach ihrem Druckort hieß die Zeitſchrift gewöhnlich„Bremer Beiträge“ Eine Umbildung der Literatur wurde dadurch nicht hervorgerufen. Durch Klopſtocks Einfluß wurde die urſprünglich heitere Tendenz des Blattes in eine ernſtere elegiſch⸗ſentimentale umgewandelt. Zu dieſer Gruppe gehörten; der Sachſe Chriſtian Gärtner(1712— 91), ein ſeiner und geſchmackvoller Kritiker, der ängſtliche milde Satiriker Gottlieb Wilhelm Rabener(1714— 71), der Dramatiker Joh. Elias Schlegel (718— 49), glückicher im Luſtſpiel als in der Tragödie, der Prediger und Dichter geiſtlicher Lieder Joh. Adolf Schlegel(1721— 930, Bruder des vorigen und Vater der berühmter gewordnen Brüder Aug. Wilh. und Friedr. v. Schlegel, der gelehrte Theologe und Dichter geiſtlicher Geſänge Joh. Andreas Cramer(1723— 88), der Mathematiker und geiſtreiche Epigrammendichter Abrah. Gotthelf Käſtner S 382 (1719 geboren zu Leipzig, † 1800 zu Göttingen), der zarte und gefällige Lyriker Nikolas Dietrich Giſecke(geb. 1724 zu Coba in Ungarn, † 1765 als Superintendent zu Sondershauſen), der ſchon S. 330 angeführte Juſt. Fr. Wilb. Zachariä(1726— 77), der meiſt als Ueberſetzer thätige Job. Arnold Ebert(1723— 95). Klopſock hat in ſeiner Ode:„Wingolf“ die Mitglieder des Bundes lebensvoll charakteriſirt. Auch Gellert, bei dem wir etwas länger verweilen wollen, gehört hierher. Chriſtian Fürchtegott Gellert, geb. 1715 zu Hainichen in Sachſen, war der Sohn eines Predigers, beſuchte die Fürſtenſchule zu Meißen, ſtudirte in Leipzig Theologie, ſtockte angſtergriffen im erſten öffentlichen Vortrag(einer Grabrede) und entſagte bald der Kanzel für immer. In Leipzig wurde er Docent der Moral und ſchönen Wiſſenſchaften und ſtarb daſelbſt 1769 als außer⸗ ordentlicher Profeſſor mit nur 100 Thalern Gehalt; wegen Kränklichkeit nahm er die ordentliche Profeſſur nicht an. Bei allem Leiden war er doch in ſeinem Gott vergnügt und machte die Bibel zur Richtſchnur ſeines Lebens. Der krän⸗ kelnde Gelehrte war ein Mann von vortrefflichen Eigenſchaften und wußte un⸗ widerſtehlich zu feſſeln. Wegen ſeines frommen, ſtrengkirchlichen, ſtrengſittlichen, beſcheidnen, liebenswürdigen Charakters, voll deutſchen Biederſiuns, dentſcher Rechtſchaffenheit und Gemüthsinnigkeit war er allenthalben geliebt und hochge⸗ ehrt*), ſelbſt von Friedrich d. Gr., der doch ſonſt nicht gern von deutſchen Gelehrten etwas wiſſen wollte, ihn aber zu einem Geſpräch über deutſche Literatur einladen ließ. Durch ſeinen frommen Wandel und durch ſeine unermüdliche Wohlthätig⸗ keit übte er einen großen Einfluß auf die ganze Stadtgemeinde aus und ſeine vortrefflichen Eigenſchaften bahnten ihm den Weg zum deutſchen Volksherzen, das ſeine Erzählungen und Fabeln liebgewann. Seiner edeln Perſönlichkeit verdankt er einen großen Theil ſeiner literariſchen Wirkſamkeit und wohl den größten ſeines Dichterrufes; denn Gellert, der Menſch, war größer als Gellert, der Poet. Die Sprache leicht und gewandt, wird auch oft breit und alltäglich. Als Dramatiker und Romanſchriftſteller iſt er unbedeutend und langweilig. Gellert wünſchte ſich oft, ein zweiter Paul Gerhardt zu ſein; er ſang dem Herrn manches Lied, wußte auch recht gut was ſeine Lieder gegen die an tiefem Glau⸗ bensinhalt ſo reichen ältern Geſänge waren und wollte gern und willig gegen eins der alten Kernlieder alle eignen Lieder hingeben. Und doch haben ſich viele fromme Seelen an ſeinen Gefängen erbaut, die in Familien, Kirchen und Schulen vielen Segen geſtiftet haben, obwohl auch manche an nüchterner Ver⸗ ſtändigkeit leiden und die meiſten mehr Erbauungs und Lehr⸗ als Kirchen⸗ lieder ſind.„Sie hatten gerade Bibelton genug, um die Frommen noch zu er⸗ *) Mit liebevollſter Dankbarkeit bingen ihm ſeine Schüler an. Einer von ihnen, Graf von Brühl, gab ihm Jahre lang einen Gehalt von 250 fl., ohne daß Gellert wuhte, wer ſein Wohlthäter war.— Ein preußiſcher Ofſicier hatte in Leipzig eine Erbſchaft geholt. Bei einem Freunde Gellerts ſpeiste er mit dem Dichter und als der Herr des Hauſes auf Augenblicke aus dem Zimmer entfernt war, ſagte der Officier ſchamhaft verlegen zu Gellert:„Ich bin Ihr Schuldner, nehmen Sie eine kleine Erkenntlichkeit von mir an, ohne dafür zu danken.“ Gellert erſtaunt und erklärt, ihn nie geſehen zu haben, worauf der Officier erwie⸗ dert:„Sie haben mein Herz durch Ihre Schriften gebeſſert, und dieſes Glück iſt mir mehr werth, als die ganze Welt“. Dabei überreichte er ihm ſchnell ein Papier mit 200 fl. in Gold— Cinmal kam im kalten Winter ein Bäuerlein freundlich in Gellerts Stube und fragte,„ob er der Mann ſei, der ſo ſchöne Bücher mache? Er habe ihm, ſeiner Frau und ſeinen Kindern ſchon ſo viele Freude damit gemacht, daß er gedacht habe, er müſſe ihm auch einmal eine Freude machen. Vor der Thüre habe er einen Wagen dürres Brenn⸗ holz ſtehen, das ſolle er nur nehmen“ Gellert freute ſich darüber nicht weniger als über die 200 fl. 383 bauen und nicht zu viel, um die Vernunftmoraliſten nicht zurückzuſtoßen.“ In den Geſangbüchern finden ſich von ihm: Wie groß iſt des Allmächtgen Güte— Mein erſt Gefühl ſei Preis und Dank— Wenn ich o Schöpfer deine Macht— Jeſus lebt, mit ihm auch ich— Dieß iſt der Tag, den Gott gemacht— Gott iſt mein Hort— Gott, deine Güte reicht ſo weit— Auf Gott und nicht auf meinen Rath(S. 293)— Nach einer Prüfung kurzer Tage— Meine Lebenszeit ver⸗ ſtreicht u. a. Dieſer Schule ſchlieſit ſich an Chriſtian Felir Weiße tgeb. 1726 zu Annaberg, † 1804 zu Leipzig), der nicht mit Chriſtian Weiſe(1642— 1708), dieſem Haupt und Führer der Waſſerpoeten zu verwechſeln iſt. Weiße war vielſeitig literariſch thätig, im Luſt⸗ und Trauerſpiel, im Singſpiel und Lied und beſaß eine ungemeine Leichtigkeit im Schafſen. Sein Einfluß auf ſeine Zeit war leider viel größer, als der geringe poetiſche Gehalt ſeiner oft pedantiſchen, dürren und geſpreizten Dichtungen verdiente, die den weit beſſern Schöpfungen eine Zeit lang den Weg ins größere Publikum verſperrten. Durch ſeine Operetten hat er den bereits beſſer gewordenen Bühnengeſchmack wieder verdorben, frivoles Franzoſenthum und den „leeren Singſang und Klingklang der unſinnigen Opern“ wieder herbeigeführt. In mancher Weißeſchen Dichtung ſteckt auch noch der„leibhaftige Bottſched“. Als Kinderſchriftſteller erwarb er ſich durch ſeinen „Kinderfreund“ einen hohen, aber unverdienten Ruf. In unſern Schulen leben immer nech die trocknen Reimereien:,Morgen, morgen, nur nicht beute“ und„Süßer, angenehmer Fleiß“. Er wollte die alten,„albernen Ammenlieder“ durch neue, ſelbſtgedichtete verdrängen; doch wiegen alle ſeine Ammen⸗ und Kinderlieder zuſammen das eine alte Ammen⸗ und Bettlerlied:„Wenn der jüngſte Tag will werden, fallen die Sternlein auf die Erden“ nicht auf.— Wenn auch mit der ſächſiſchen Schule in keiner Be⸗ ziehung ſtehend, ſo laſſen ſich doch die Fabeldichter hier anreihen. Magnus Gottfried Licht⸗ wer(1719— 83) hat in ſeinen„Vier Büchernäſopiſcher Fabeln“ viele hinterlaſſen, die nach J. v. Müllers Ausſpruch nicht wie die Gellertſchen:„Profeſſoren der Moral“ ſind, ſondern ſich durch ſelbſtändige Lebendigkeit, individnelle Wahrheit und eigenthümliche Erfindungsgabe auszeichnen. Joh. Gottlieb Willamov(1726— 77) dialogiſirte die Fabel und lenkte ſeinen Blick auf aſiatiſches Volks⸗ leben. Joh. Benj. Michaelis(1746— 42) dichtete Fabeln in leichterem Ton, als die früheren. Gottlieb Konrad Pfeffel, geb. 1736 zu Colmar, † daſ. 1809, ſtudirte zu Halle die Rechte, mußte aber wegen Augenleidens ſeine Studien aufgeben und erblindete ſchon in ſeinem 21. Jahre für immer. In Colmar gründete er eine blühende Militärſchule und in ſeinem Alter war er Conſiſtorialpräſident. Er dichtete Erzäblungen, Fabeln und Lieder ꝛc. Am bekannteſten blieb:„Die Tabakspfeiſe“. §. 27. Der Halberſtädter Dichterkreis, der ſich um den Dom⸗ ſecretär Gleim ſcharte und auch der halliſche(weil von Halle ausgegangen) oder preußiſche genannt wird, iſt theils vor, theils mit, theils nach Klopſtock und alle waren durch die engſte Freundſchaft verbunden, die namentlich zwiſchen Gleim und Jacobi in übermäßig weiche und ſüßliche Gefühlsſchwärmerei aus⸗ artete. Ihre Lebensanſchauung war eine heitre. Sie laſen Anakreon und Horaz, nahmen ſich Hagedorns leichtere Geſellſchaftslieder zum Muſter und beſangen auch nach ihrem heitern griechiſchen Vorbild Anakreon die fröhliche Lebensluſt, weßhalb ſie auch Anakreontiker heißen. Die ernſtere Odenpoeſie und das Lehrgedicht wurden gleichfalls geflegt. Der Heldenkönig Friedrich d. Gr., der ihrer gar nicht achtete), wurde mit Begeiſtrung beſungen und ſomit waren die Dichter ſpeciell preußiſche Vaterlandsdichter. *) Friedrich d. Gr. wuchs allerdings mit einer armſeligen deutſchen Literatur auf. Der Eindruck derſelben war ſo bleibend bei ihm, daß er auch im Alter noch die gleiche Abneigung hatte, als bereits beſſere Schöpfungen vorhanden waren.(Vergl. die beiden letzten Strophen von Nro. 303). An ſeiner Heldengröße entzündete ſich preußiſches und deutſches Nationalgefühl und er konnte ein trefflicher Förderer unſerer Literatur werden, wenn er ihr ſeine Gunſt zuwandte. Schiller klagt varum auch in dem Gedicht:„Die deutſche Muſe“:„Kein Anguſtiſch Alter bühte, Keines Medicäers Güte, Lächelte der deutſchen Kunſt: Sie ward nicht gepflegt vom Ruhme, Sie entfaltete die Blume Richt am Strahl der Fürſtengunſt. Von dem größten den ſchen Sohne, von des großen Friedrichs Throne, ging ſie ſchutzlos, ungeehrt“ Am Weimarer Muſenhof wars freilich anders. 384 Joh. Wilh. Ludw. Gleim, geb. 1719 zu Ernesleben bei Halberſtadt, ſtudirte mit Utz die Rechte in Halle, lernte auch N. Götz daſelbſt kennen und zog bald einen Dichterkreis um ſich. Gleim war kein Poet, ſo viel er auch ge⸗ dichtet und ſo groß auch ſein Ruhm ſein mochte; aber er war ein gar treuherziger, biedrer Menſch, ein rechter Dichtervater, der ein mildes Herz und eine allzeit offne Hand hatte, um junge, ſchwache oder unentwickelte Talente zu unterſtützen und zu ſördern, die deshalb alle wie Kinder zum guten Vater Gleim kamen und mit ſeiner„unerſchöpflichen Protectionsthätigkeit“, wodurch er wirklich einzig da⸗ ſteht, beglückt wurden. Die Literargeſchichte wird ſeiner aufopferndſten Dichtex⸗ pflege gedenken. Seine anakreontiſchen Lieder und das religiöſe Lehrgedicht „Halladat oder das rothe Buch“, eine Frucht der Studien im Koran, ent⸗ behren aller Poeſie und ſeine„Kriegslieder“(1756 u. 57), die er einem preußiſchen Grenadier in den Mund legte, ſind Gleims beſte Schöpfungen und nährten Deutſchlands Begeiſtrung für Friedrich, ſtehen aber vom echten Volkslied weit ab, indem ſie gar nicht im Gedankenkreiſe des Volkes wurzelten und darum ganz unvolksmäßig waren. Ewald Chriſtian v. Kleiſt, geboren 1715 zu Zeblin in Pommern, ſtudirte in Königsberg die Rechte und Mathematik, trat erſt in däniſche und dann in preußiſche Kriegsdienſte. In der Schlacht bei Kunersdorf am 12. Anguſt 1759 wurde er ſchwer verwundet und ſtarb 12 Tage darnach zu Frankfurt a. d. O. Sein Heldentod erhöhte die Wirkung ſeiner wenigen Poeſien. Kleiſt war ein mannhafter, freundlicher und milder Charakter und ſein Gedicht:„Der Frühling“ in Hexametern mit einer Vorſchlagſilbe gedichtet, fand ungemeinen Beifall, weil er darin„aus der Stubenpoeſie in die Dichtung der warmen, lebendigen Wirklichkeit, in die friſche, blühende Natur hinaustrat.“ Heute noch ſprechen viele Stellen durch einfache, treue und wahr⸗ haft poetiſche Schilderungen der Natur den Leſer innig an. Joh. Peter Utz, Sohn eines Goldſchmieds, geb. 1720 zu Ansbach, ſtudirte in Halle die Rechte und ſtarb 1796(im nämlichen Jahr, als Platen in Ansbach geboren wurde) als Director des Landgerichts in ſeiner Vaterſtadt. Seine Zeitgenoſſen nannten ihn den deutſchen Flaccus, indem er die Wege des Horaz zu gehen verſuchte. An⸗ fangs ſang er leichte Liedchen, ſpäter ſchöpfte er tiefer und erhob ſich faſt zum Klopſtockſchen Odenſchwung. In ſeinen Lehrgedichten:„Die wahre Glück⸗ ſeligkeit des Weiſen“ und„Die Kunſtſtets fröhlich zu ſein“, lehnte er ſich an Haller. Utz dichtete in kraftvoller, gediegener Sprache und behandelte ſeinen Stoff mit Würde und Begeiſtrung. Durch dieſe Eigenſchaften, wie durch ſeinen edeln, patriotiſchen Sinn iſt er für lange Zeit ein Liebling des beſſern deutſchen Publikums geweſen. Karl Wilh. Ramler, geb. 1725 zu Colberg, ſtudirte in Halle, ward Profeſſor der ſchönen Literatur zu Berlin, Mitglied der Akademie und Theaterdirector und ſtarb daſelbſt 1798. Mit Gleim hat er den preuß. Patriotismus gemein. Er dichtete Oden auf Friedrich d. Gr. nach dem Vorbild des Horaz, der den Kaiſer Anguſtus beſang. Seine Poeſieen waren nüchtern, gemacht und inhaltsleer; denn er feilte und meißelte im Schweiße ſeines Angeſichts und konnte es bei ſeiner großen Corrigirwuth nicht laſſen, auch andre Dichter(Götz, Geßner ꝛc.) zu verballhornen. Bei ſeinen Zeitgenoſſen hieß er der deutſche Horaz, wie Gleim der deutſche Anekreon. Formelles Verdienſt — 385 kann ihm jedoch nicht abgeſprochen werden. Er war der Erſte, der das Streben nach„formeller Correctheit auf die Regeln des klaſſiſchen Alterthums zurückführte“; auch übte er eine ſcharfe klare Kritik, beſonders über Ausdruck und Versmaß, ging aber bei ſeinen und andrer Dichter Werken oft viel zu weit. Als Ueberſetzer beſaß er ein feines Ohr und ein richtiges Tactgefühl. Mit ihm beginnt die deutſche Ueberſetzungskunſt, die er an Horaz, Martial und Catull übte. Cantnte ſ. S. 345. Joh. Georg Jacobi geb. 1740 zu Düſſeldorf, ſtudirte in Göttingen Theologie, ward Profeſſor der Philoſophie zu Halle, Cano⸗ nikus zu Halberſtadt(1769), wo er mit Gleim in innigſter Freundſchaft lebte. Er ſtarb 1814 als Profeſſor der ſchönen Wiſſenſchaften zu Freiburg i. Br. Seine erſten Gedichte ſind eben ſo tändelnd, kleinlich und geringfügig wie die Gleimſchen. Später, als er reinmenſchliche Gefühle beſungen, gelang ihm nach Inhalt und Form manches vortreffliche Lied, das neben dem Beſten unſerer Lyrik beſtehen kann. Hat man doch einzelne ſeiner Lieder für Goethe'ſche genommen und Gvoethe ſelbſt ſah das Jacobiſche Liedchen:„Wie Feld und Au So blinkend im Thau! Wie perlenſchwer Die Pflanzen umher! Wie durch den Hain Die Lüfte ſo rein! Wie laut im hellen Sonnenſtrahl Die ſüßen Vöglein allzumal.“ ꝛc. für eines der ſeinigen an. Welch innigtiefes Gefühl ſpricht ſich aus in dem ſchönen Liede:„Die Morgenſterne prieſen“ ꝛc.(Nr. 309.) Wir nennen noch„Die Linde auf dem Kirchhofe“,(Die du ſo bang den Abendgruß ꝛc.),„Litanei auf das Feſt aller Seelen,(Ruhn in Frieden alle Seelen),„Am Aſchermittwoch“(Weg von Luſtgeſang und Reigen! ꝛc.)„Die Mutter“(Mutterliebe, Muttertreue 26) u 3 §. 28. So wären wir denn bis zu der Zeit gekommen, in welcher die großen Dichterfürſten auftreten und unſere Literatur zum zweitenmale eine wahrhaft klaſſiſche Nationalliteratur genannt werden kann. Die erſte Dichtergröße, welche uns hier entgegentritt iſt Friedrich Gottlieb Klopſtock, geb. am 2. Juli 1724 zu Quedlinburg, erzogen in ländlicher Stille zu Friede⸗ burg a. d. Saale und vom 13. Jahre an Gymnaſiaſt in Quedlinburg, kam er körperlich kräftig 1739 in die berühmte Schulpforta bei Naumburg, wo er tüchtig die alten Klaſſiker ſtudirte, ſich in poetiſchen Formen verſuchte und den Plan zu ſeinem Meſſias faßte. Um Theologie zu ſtudiren bezog er 1745 die Univerſität Jena. Hier arbeitete er die 3 erſten Geſänge des Meſſias in Proſa aus. Im folgenden Frühling vertanſchte er Jena mit Leipzig, ward Milglied der Bremer Beiträger und brachte ſeinen Meſſias in die Form des Hexameters. In den Bremer Beiträgen von 1748 erſchienen die 3 erſten Geſänge ohne Namen des Verfaſſers. Von Leipzig ging er als Hauslehrer nach Langenſalza, wo er eine tiefe Neigung faßte zu der Fanny ſeiner Oden, der Schweſter eines ſeiner Freunde. Von derſelben nicht erhört, folgte er im Sommer 1750 einer Einla⸗ dung Bodmers, der in Klopſtock den von ihm ſo lange erwarteten Meſſias der Dichtkunſt begrüßte. In Zürich und in Bodmers gaſtfreiem Hauſe wurde Klopſtock wieder friſch und lebensfroh. Nach% Jahren verließ er die Schweiz und ging 51, von dem däniſchen Miniſter Graf von Bernſtorff dem Dänenkönig Friedrich V. empfohlen, nach Kopenhagen, wo ihn der König mit einem Jahrgehalt von 400 Thl. nebſt freiem Aufenthalt beglückte, damit er unabhängig der Vollendung ſeines Gedich⸗ tes leben könne. K. arbeitete 27 Jahre an der Meſſiade, deren letzte Geſänge erſt Schenckel's Blüten, 2r Theil. AMte ſ. verm. Aufl. 25 386 73 vollendet wurden. 1754 wurde er mit ſeiner geliebten Meta(Margarethe), der„Cidli“ ſeiner Oden, getraut, allein er genoß das reinſte eheliche Glück nur 4 Jahre; denn ſchon 58 ſtarb ſeine Gattin. Klopſtocks Dichterruf ertönte bald in allen deutſchen Gauen und man nannte ihn nur den großen Barden Deutſchlands. Mit däniſcher Penſion ſiedelte er 70 oder 71 als Legationsrath nach Hamburg über und verbrachte daſelbſt ſeine noch übrige Lebenszeit. Sein Haus trägt eine ſteinerne Gedenktafel mit der Inſchrift:„Die Unſterblichkeit iſt ein großer Gedanke“. Auf Einladung des Markgrafen Karl Friedrich von Baden kam er 75 nach Karlsruhe, wo er ein Jahr verlebte und dann mit einem Jahrgehalt und dem Titel Hofrath wieder nach Hamburg zurückkehrte. 1791 verehelichte er ſich wieder. Der alte Mann hatte noch mit dem Feuer jugendlicher Begeiſterung die franzöſiſche Revolution begrüßt. Die Republik er⸗ nannte ihn zum Ehrenbürger. Als er aber die Greuelſcenen(die Hinrichtung Ludwigs XVI. ꝛc.) erfuhr, da war er enttäuſcht, ſchickte den blutigen Schreckens⸗ männern die Bürgerrechtsurkunde zurück und ſang die Ode:„Mein Irrthum“. Einer ſeltenen Geſundheit in ſeinem langen Leben ſich erfreuend, ſtarb der faſt 79jährige Greis am 14. März 1803 zu Hamburg, mit den letzten Worten:„Ja wir ſind Alle in Gottes Hand gezeichnet.“ Die irdiſchen Reſte des frommen Sängers wurden mit königlichen Ehren beſtattet*) und unter dem Geſange ſei⸗ ner Lieder:„Selig ſind des Himmels Erben“ und„Auferſtehn“ in die Gruft geſenkt. Sie ruhen auf dem Kirchhofe zu Ottenſen(Vergl. S. 229) bei Altona unter den Wipfeln einer breitäſtigen Linde an der Seite derer, die ihm am lieb⸗ ſten waren(ſeine beiden Frauen und ſein Kind). Das Grab iſt einfach geziert mit einem verwitterten Denkſtein, worauf ein Garbenbündel mit neigenden Aehren und die ewig unvertilgbare Inſchrift:„Saat, geſäet von Gott, dem Tage der Garben zu reifen!“**) lopſtock, der„außerordentliche Menſch“ und odengewaltige Dichter war der rein⸗ und hellſtrahlende Morgenſtern am deutſchen Sangeshimmel, der den Auf⸗ gang der Sonne verkündete und ſomit den lichten Tag heraufführte. Mächtig wirkte die ſittlich reine und erhabne Dichterperfönlichkeit auf die Geiſter ihrer Zeit, denn ſelbſt die geiſtigreifſten und reichſten blickten zu ihr hinauf als ihrem Meiſter, ihrem Ideal. Der ſeraphiſche Sänger, an der Bibel erzogen, durch ihre Kraft genährt und befreundet mit den hohen bibliſchen Geſtalten, durch⸗ drungen von tiefreligiöſem Gefühl und chriſtlichgläubigem Sinn, hat darum auch vielen ſeiner Dichtungen ein bibliſches, ein chriſtliches Gepräge gegeben. Beſon⸗ *) In 76 Wagen und unendlichem Zuge folgten die Behörden und Bürger Hamburgs dem Sarge. Der Zug bewegte ſich mit militäriſcher Ebrenbegleitung zu Pferd und zu Fuß und unter dem vollen Geläute von 6 Thürmen durch die Hauptſtraßen der Stadt nach Altona, wo noch 48 Trauerwagen ſich anſchloſſen und die Hamburger Ehrenwache von holſteiniſchen Huſaren abgelöst wurde. Im Hafen wehten Trauerflaggen von allen Schiffen. Eine ſolche Begräbnißfeier wurde vor Klopſtock keinem Dichter und nach ihm nur noch Schiller zu Theil.—**) Die Inſchrift, welche Klopſtock auf das Grab ſeiner Meta hat ſetzen laſſen, lautet weiter:„Margaretha(Meta) Klopſtock erwartet da wo der Tod nicht iſt, ihren Freund, ihren Geliebten, ihren Mann, den ſie fo ſehr liebt und von dem ſie ſo ſehr geliebt wird. Aber hier aus dieſem Grabe wollen wir miteinander auferſtehen, du, mein Klopſtock, und unſer Sohn, den ich dir nicht gebären konnte. Betet den an, der auch geſtorben, begraben und auſerſtanden iſt“.— Die Klopſtocks⸗Linde überſchattet auch noch das Grab eines andern deutſchen Dichters, des Schmidt von Lübeck. 387 ders iſt ſeine Muſe durch Davids Pſalter begeiſtert, deſſen Klänge viele ſeiner Geſänge durchziehen. Die Stasl nannte ihn den David des neuen Teſtaments. Klopſtock iſt ein wahrhaft deutſcher Nationaldichter, denn er holte ſeinen Stoff nicht im Auslande, ſondern im Herzen, im Gemüthe und in der Sprache ſeines Volkes, das er auf ſeine eigne Kraft und Größe und auf ſeine hohen Vorzüge vor andern Völkern aufmerkſam zu machen ſuchte. Als begeiſterter Patriot ſpottete er des Vaterlandsverräthers,„dem nicht das Herz höher glüht bei ſeines Namens(des Vaterlandes) Schall“*). Ueber die Nachahmer war er entrüſtet. Er wollte Deutſchland auch in der Poeſie ſo groß ſehen, wie im Kriege und in der Wiſſenſchaft. Außer der chriſtlichen Glaubenstiefe, der deutſch⸗ nationalen Geſinnung und glühenden Vaterlandsliebe zeichnet ſich Klopſtock auch noch dadurch aus, daß er die„Maße und Formen des klaſ⸗ ſiſchen Alterthums zuerſt mit deutſchem Stoff und Geiſt erfüllte“. Dadurch vervollkommnete er zugleich die deutſche Metrik und Rhythmik und ließ Deutſches und Griechiſches zu einem harmoniſchen Ganzen in einander wachſen. Schon 1732 hatte Bodmer„Miltons verlornes Paradies“ aus dem Engliſchen ins Deutſche überſetzt und 9 Jahre ſpäter componirte Händel ſein Oratorium „Meſſias“. Milton beſang den Fall, Klopſtock die Erlöſung des Menſchen⸗ geſchlechts in ſeinem„Meſſias“, einem religiöſen Epos in 20 Geſängen, von dem die 10 erſten die vorzüglichſten ſind. Klopſtock ſchuf ſein Gedicht kaum anders„als mit Thränen der Andacht im begeiſterten Auge“. In ſeinen inner⸗ ſten Tiefen bewegt, war der ganze volle Menſch mit allen Kräften des Geiſtes und der Seele, von ganzem Herzen und von ganzem Gemüthe thätig. Die Perſon des Dichters und das Gedicht ſelbſt ſind unzertrennlich, denn der groß⸗ artige Charakter der ſchaffenden Dichterperſönlichkeit wirkte mächtiger als das Kunſtwerk ſelbſt. Der Meſſias iſt kein Epos, er iſt ein lyriſch-rhetoriſches Ge⸗ dicht und gerade die lyriſchen Partien darin erklingen in den echten Tönen wahrſter Poeſie. Der Stoff war viel zu heilig, um epiſch bearbeitet zu werden, denn Gott, Jeſus und die Engel ꝛc. ſind viel zu erhabne, abſtracte Weſen, als daß ſie menſchlich dargeſtellt werden können(S. 330). So fehlt denn der Dich⸗ tung alle Handlung, es iſt kein Leben, keine Bewegung und kein Fortſchritt drin, der Leſer wird, wie der Dichter, in unausgeſetzter Spannung und Gefühlsauf⸗ regung erhalten und wie Schiller ſagt,„der Geiſt unaufhörlich unter die Waffen gerufen.“ Klopſtock hat einen„ewigen Stoff in ein vergängliches Gewand kleiden wollen, aber nur der Stoff, nicht das Gewand iſt ewig, wenn beide nicht eins, wie ſie es in den Oden des Dichters wirklich ſind“. Klopſtocks Größe iſt die Lyrik, beſonders die klaſſiſche Odenlyrik(Vergl. S. 346). Schiller nennt ihn darum auch einen muſikaliſchen Dichter, einen Dichter innerer Gefühlszu⸗ ſtände. Die Oden ſind das vollſtändigſte Abbild der Dichterperſönlichkeit und werden ebenſowenig veralten, wie der Charakter ihres Schöpfers ſelbſt. Sie ſind die wahrſten Stimmen des Herzens, die Sprache iſt die reinſte Dichtung, mag *)„Klopſtock war ſeinem innerſten Kern und Weſen nach deutſch, deutſch an Ernſt und an Liefe, deutſch in Familienſinn und Vaterlandsliebe, deutſch in Einfachheit und Wahrheit, deutſch in der Stärke des Naturgefühls und der elegiſchen Stimmung, die von dem deutſchen Naturſinne unzertrennlich iſt.“(Vilm.) 25 388 ſie religisſe Gefühle, oder Gefühle der Liebe und Freundſchaft, mag ſie Lebens⸗ freude und Ingendluſt, Vaterlandsliebe und Freiheitsgefühl, Schwermuth und Schmerz beſingen, oder dem edeln Zorn den Ausdruck leihen. In den ergrei⸗ fendſten Tönen wird das elegiſche Gefühl der Wehmuth wie das mächtig erſchüt⸗ ternde Pathos tiefſter Empfindung ausgeſprochen. Wizaheben von ſeinen älteſten Oden außer denen an„Fanny“ und„Cidli“ noch hervor: An Gott.— Dem Allgegenwärtigen.— An den Erlöſer.— Frühlingsfeier(N. W.— Die künftige Geliebte.— An Ebert.— Heinrich der Vogler.— Der Zürcher See.— Hermann und Thusnelda.— Die beiden Muſen.— Der Rheinwein.— Auferſtehen.— Der Eislauf.— An unſre Sprache*)— Mein Vaterland.— Vaterlandslied ꝛc. Die geiſtlichen Lieder ſind Klopſtock weniger gelungen. So ſehr ſie auf der einen Seite Andachtsfülle, Würde und Erhabenheit auszeichnen, ſo mangelt ihnen auf der andern das eigentlich Volksmäßige, das Singen aus und mit dem Volke, die religiöſe Einfachheit und Eindringlichkeit. Sie ſind vielfach zu pathetiſch und deklamatoriſch gehalten.„Es ſind Töne, die aus der Höhe herablauten und über den Häuptern dahinſchweben, ohne in die ſtillen Räume der gläubigen Seele zu dringen und das nach Troſt und Beruhigung ſtrebende Herz freundlich zu beſchwichtigen!“ In die Geſangbücher ſind übergegangen: Auferſtehn, ja auferſtehn wirſt du— Wenn ich einſt von jenem Schlummer— Wie ſie ſo ſanft ruhen— Selig ſind des Himmels Erben.— Herr, du wollſt uns vorbereiten ꝛc. Auch im Dama verſuchte ſich Klopſtock, aber mit noch weit geringerem Erfolg, als im geiſtlichen Liede. Wo konnte auch der durchaus lyriſche Dichter hier Großes leiſten, wo es ſich um lebenswarme und lebenswahre Geſtaltung von Handlung und That handelt? Seine dramatiſchen Arbeiten ſind die drei bibliſchen Stücke: Adams Tod, Salomo, David, und die drei Bardiete: Hermanns⸗ ſchlacht, Hermann und die Fürſten, Hermanns Tod.— Klopſtocks Proſa⸗ ſchriften beziehen ſich zum größten Theil auf deutſche Sprache, in deren Tiefe, Kraft und unerſchöpfliche Wortfülle, Biegſamkeit und Anmuth er eingedrungen. Er ſagt, daß ſich keine der lebenden Sprachen mit der deutſchen in den kühnen Wettſtreit wagen könne; ſie ſei immer reich an neuen und doch deutſchen Wendungen, geſondert, ungemiſcht und nur ſich ſelber gleich. Merkwürdig iſt, daß er bei einer ſo hohen Anſicht von der deutſchen Sprache doch die ſchweren autiken Formen gebraucht. An Klopſtock lehnen ſich einige andere, untergeordnetere Dichterperſönlichkeiten an. So Salvmon Geßner(geb. zu Zürich 1730, erſt Buchhändler, dann Maler, ſtarb 1787), der in ſeinen oft lieblichen und anſprechenden, oft auch gar zu ſüßen und gehaltloſen Idyllen(S. 330) beſonders das weiche Element in Klopſtocks Dichtung ausbildete**); ſo die Barden⸗ und Skaldendichter Heinrich Wilhelm v. Gerſtenberg(geb. 1737 zu Tondern, ſtarb 1823 als Juſtidirector zu Altona), bekannt durch ſein „Gedicht eines Skalden“ und das Trauerſpiel„ Ugolino“ das vielen und verdienten Beifall fand;— Karl Friedrich Kretſchmann(1738 geb. und ſtarb 1809 zu Zittau. Als Dichter nannte er ſich Barde Rhingulf), der dieſe Dichtungsweiſe auf die äußerſte Spitze trieb,— und Michael Denis(geb. *) Iſt nicht zu verwechſeln mit dem Epigramm:„Die deutſche Sprache“, worin dieſelbe ſo vortrefflich charakteriſirt iſt, daß wirs ganz herſetzen wollen: „Daß keine, welche lebt, mit Deutſchlands Sprache Zu immer neuer und doch deutſcher Wendung reich⸗ Sich in den kühnen Wettſtreit wage! Iſt, was mir ſelbſt in jenen grauen Jahren, Sie iſt, damit ichs kurz, mit ihrer Kraft es ſage, Da Ticitus uns forſchte, waren, An mannichfaltger Uranlage Geſondert, ungemiſcht und nur ſich ſelber gleich.“ *) Ein ähnlicher Idollendichter iſt Franz Taver Bronner, geb. 1758 zu Höchſtädt, † 1849 als Proſeſſor zu Aarau. —— 389 1729 zu Schärding, ſtarb 1800 zu Wien, dichtete als Barde Sined) Von ihm haben wir zugleich eine Ueberſetzung des Oſſian.— Der durch ſeine proſaiſchen Schriften: Staatsgrammatk, Herr und Diener, vatriotiſche Briefe ꝛc. berühmte Staatsmann und Schriftſteller Friebrich Karl Frhrr. v. Moſer(geb. 1723 zu Stuttgart, ſtarb 1798 zu Ludwigsbnrg) dichtete anfänglich ebenfalls Lieder, Pſalmen und größere Stücke bibliſchen Inhalts(„Daniel in der Löwengrube“ ꝛc.) in Klopſtochſcher Weiſe. §. 29. Mehr oder weniger das ſchnurgrade Gegentheil von Klopſtock iſt Chriſtoph Martin Wieland, geb. den 5. Sept. 1733 zu Biberach in Schwaben*). Sein Vater, ein frommer Geiſtlicher, gab ihm eine vortreffliche Erziehung. Schon als 11jähriger Knabe liebte er die Poeſie ungemein, ſtudirte in Kloſter Bergen bei Magdeburg(1747), in Erfurt und Tübingen(1750) als lebhafter, ungemein thätiger Jüngling die vorzüglichſten römiſchen und griechiſchen Schriftſteller und machte ſich mit der franzöſiſchen und engliſchen Literatur ver⸗ traut, die ihm mehr zuſagte, als römiſches und deutſches Recht, das er zu ſei⸗ nem Fach gewählt. Begeiſtert durch Klopſtocks erhabene Poeſien, angeregt von Bodmer, der ihn zu ſich nach Zürich gerufen(1752), huldigt Wieland anfangs der ſtreng kirchlichen und gläubigen Richtung; da er ſich aber nicht hineingelebt, da er das Chriſtenthum nicht innerlich erfahren, ſondern bloß äußerlich ange⸗ nommen hat, ſo wird bald aus dem Ueberſtreng ⸗kirchlichen, durch den Umgang mit der Familie Stadion und La Roche in Biberach, wohin er als Kanzleidirector 1760 aus der Schweiz zurückgekehrt, der leichtfertige Welt⸗ und Lebemann. Das blieb er denn auch ſein weiteres Leben hindurch. Der gebildete Sinnengenuß, der verfeinerte Egoismus, die modernſte franzöſiſche Cultur ſind die Angelpunkte ſeines Dichtens und Schaffens**). Dadurch gelangte er in den höheren, fein⸗ gebildeten Geſellſchaften und Kreiſen zum höchſten Anſehen, dem er dann wieder die Stelle eines Profeſſors der Literatur an der Univerſität Erfurt(1769), und ſpäter gar die eines Erziehers der beiden Prinzen der Herzogin Amalie von Weimar verdankte(mit dem Titel eines Hofraths, 1722). In Weimar verlebte er den Reſt ſeiner Tage, bis ihn der Tod am 20. Januar 1813 heimholte*88).— Wieland war ein„ganz unendlich guter Menſch“, wie Goethe von ihm rühmt, nur fehlt ihm leider die chriſtliche Gediegenheit; er führte ein achtbares Leben, nur mangelte ihm die wahre Perſönlichkeit; ſeine Arbeiten ſind geiſt⸗ und phan⸗ taſiereich, deutſch in ihrer Form, entbehren aber des echt⸗dentſchen Inhalts, an deſſen Stelle franzöſiſche Auffaſſung und Lebensanſchauung tritt; er war ein fruchtbarer Schriftſteller und hat vieles Verdienſt um die deutſche Sprache, die er mit Leichtigkeit und Gewandheit in klarer, verſtändiger, oft auch witziger Weiſe beherrſcht, aber wahrhaft national bildend und veredelnd, deutſchen Sinn und dentſchen Geiſt kräftigend und belebend hat er nicht gewirkt. Sein Lebens⸗ grundſatz war: die Welt gehen zu laſſen, wie's Gott gefällt, und dieſes Gehen⸗ laſſen iſt auch überall in ſeinen Werken erkennbar. Die Spitze der Wieland'ſchen Poeſie iſt der Oberon, wozu er den Stoff aus einem altfranzöſiſchen Roman genommen. Leichtigkeit der Sprache, Voll⸗ endung im Versbau, Friſche und Anmuth des Inhalts geben ihm einen eigen⸗ *) Andere geben zwar Oberholzheim bei Biberach als Wielands Geburtsort an, er ſelbſt aber nennt in der Vorrede zu ſeinen ſämmtlichen Werken Biberach.—*) Nicht mit Unrecht hat man ihn darum auch ſchon den„deutſchen Voltaire“ genannt.— 22) Napoleon hatte ihn(18 8) zum Ritter der Ehrenlegivn ernannt.— Bei ſeinem Tode hielt Gvethe die Brab und Gedächtnißrede. 390 thümlichen Zauber, ſichern ihm eine ehrenvolle Stelle in der Literatur. Der Verfaſſer wollte damit zeigen,„daß treuer Glaube und feſtes Vertrauen allein im Stande ſind, Ueberſinnliches und Sinnliches, Jenſeits und Dieſſeits, Schick⸗ ſal und Freiheit im Leben des Menſchen zu vereinigen und auszuſöhnen.“(Hilleb.) Goethe ſagt über Oberon:„So lange Poeſie Poeſie, Gold Gold und Kryſtall Kryſtall bleiben wird, wird Oberon als ein Meiſterſtück poetiſcher Kunſt geliebt und bewundert werden“.— An Oberon zunächſt reihen ſich die Abderiten, ein„individualiſirtes Lebensbild, in dem deutſche Kleinſtädterei und Spießbürger⸗ thum in einem griechiſchen Gegenbilde vorgeführt wird“. Wie Oberon das beſte poetiſche, ſo ſind dieſe das gelungenſte proſaiſche Stück. Noch ſeien Wielands Romane, namentlich Agathon, ſein Lieblingswerk, eine Art„Wahrheit und Dichtung“ auszeichnend erwähnt. Seine übrigen Arbeiten: erzählende Gedichte, poetiſche Erzählungen, Trauer⸗ und Singſpiele ſind zum größten Theile vergeſſen und verdienen es auch nicht, wieder hervorgeholt zu werden. Der ſeiner Zeit ſo hoch verehrte Wieland fand eine zahlreiche Menge Nachſolger und Nachahmer. Sein Oberon diente als Muſter für Ludwig Heinrich v. Nicolav(geb. 1737 zu Straßburg, ſtarb 1820 als Staatsrath zu Petersburg) in„Reinhold und Angelica“,„Morganens Grotte“ ꝛc.*);— für Johann Baptiſt v. Alringer(geb. 1755 zu Wien, wo er auch 1797 ſtarb) in Doolin von Mainz und Bliombetie;— für Friedrich Auguſt Müller(geb. 1767 zu Wien, ſtarb 1807 zu Erlangen) in Richard Löwenherz, Alfonſo und Adalbert der Wilde. Im Roman folgten ſeinem Vorbild Moritz Auguſt v. Thümmel(geboren 1738 zu Schönfeld bei Leipzig, 1768 geheimer Hofrath und Miniſter in Sachſen⸗ Coburg, lebte ſpäter in Gotha und ſtarb 1817 in Coburg), berühmt durch die mit Gewandtheit in blühender Sprache geſchriebenen„Reiſen in die mittäglichen Provinzen Frankreichs“, welche Reiſe er in den Jahren 1775— 1777 wirklich gemacht hatte;— und Joh. Karl Anguſt Muſäus(geboren 1735 zu Jena, ſtarb 1787 als Gymnaſialprofeſſor zu Weimar), bekannt durch„die Volksmärchen der Deutſchen“.— Wieland's leichtfertig ſinnliche Anſchauungs⸗ und Darſtellungsweiſe in ihrer gänzlichen Entartung zeigt Joh. Jak. Wilhelm Heinſe(geb. 1749 zu Langenwieſen bei Ilmenau, ſtarb 1803 zu Aſchaffenburg). Seine Hauptwerke ſind; Ardinghello und die glücklichen Inſeln, und Hildegard von Hohenthal. §. 30. War Klopſtock der helle Morgenſtern am literariſchen Himmel des 8. Jahrhunderts, Wieland das milde Frühroth, das alles in einem eigeuthüm⸗ 2 lich zauberhaften Lichte verklärt, ſo blitzen und ſchießen ir GyttfriedKphrahim Leſſing die Strahlen der Morgenſonne hervor. Der beiden erſteren Thä⸗ tigkeit war mehr eine vorbereitende und zubereitende für das Empfängniß und den Genuß ſpäterer genialern Werke; ſeine iſt in dieſer Beziehung vollendend und abſchließend, aber zugleich der vollendeten klaſſiſchen Literatur Anfangs⸗ und Angelpunkt. Leſſing, geb. am 22. Januar 1729 zu Camenz in der Lauſitz, iſt der Sohn eines Predigers. Seine erſte Bildung holte er ſich auf der Fürſten⸗ ſchule zu Meißen, die er vom 12. bis 18. Jahre beſuchte; ging 1746 nach Leipzig, um Theologie zu ſtudiren, trieb aber ſtatt ihrer alles Andere: Philoſophie, Medicin, Chemie, Botanik und beſchäftigte ſich namentlich mit dem Theater. Nach vollendeten Studien privatiſirte er in Leipzig und Berlin, r dann Sekretär beim General Tauenzien in Breslau, begab ſich ſpäter, 1787, nach Hamburg, wo er das Theater dirigirte, und ward endlich 1770 Bibliothekar zn Wolfenbüttel, wo er am 15. Februar 1781 ſtarb. *) RNicvlay iſt auch als Fabeldichter bekannt. 391 Leſſing iſt der Luther unſerer literariſchen Reformation; er„gehörte— ſagt Mundt— zu jenen breitſchulterigen Geiſtern, welche die Geſchichte immer vor⸗ zugsweiſe dahin ſtellt, wo es Etwas zu tragen gibt und wo ein ganzes Jahr⸗ hundert ſeine Kämpfe und ſeine Sünden abzuwerfen hat auf dies ihr auser⸗ wählte Kind, das damit vorausziehen muß in die Schlacht der Zeiten und in den Tod. Leſſing hatte den weltgeſchichtlichen Beruf Luthers fortzuſetzen und weiter zu bilden, dem deutſchen Geiſt eine freie Weltbildung zu geben“. Dazu vereinigte die Natur in ihm mit einem ſeltenen ſittlichgroßen Charakter einen großartigen Geiſt, der faſt in allen ſeinen Beſtrebungen die höchſte Höhe erreicht. Als der literariſche Hermann der Deutſchen befreit er ſein Vaterland von dem nachtheiligen Einfluß der franzöſiſchen Literatur und ſetzt dabei ſchonungsloſe und nachhaltig wirkende Krafthiebe auf das Haupt des Feindes, deren jeder den rechten Punkt trifft. Ueberall ſteht der höchſtbeleſene, ſcharfe, philoſophiſche Kritiker mit ſeiner ungeheuren Gelehrſamkeit auf der Hochwacht und läßt nichts vorbeigehen, was ſich nicht als echt deutſches Kernprodukt ausweiſen kann. Dabei iſt er rückſichtslos gegen ſich ſelbſt*) und beurtheilt den Freund wie den Feind gleich frei, edel und gerecht; denn bei ihm gilt kein Anſehen der Perſon, wenn die gute Sache, für welche er mit ſtrengſter Wahrheitsliebe**) kämpft, darunter leiden ſollte. Er entdeckte die Lüge, wie den Irrthum, denn nichts entgeht ſeinen ſcharfſinnigen Forſchungen, und wenn es ſich dreifach den Mantel der Gelehrſamkeit anlegt,— kurz:„er war der erſte Kunſtrichter Deutſchlands und ſein Urtheil hat größtentheils die Zeit bewährt“.(Herder.) Dieſe kritiſche Richtung Leſſings gibt ihm ſeinen eigentlichen klaſſiſchen Standpunkt in der Literatur, doch war er nicht allein negativ, ſondern auch poſitiv thätig. Leſſing gleicht den Juden beim zweiten Tempelbau, in der einen Hand das haarſcharfe Schwert, in der andern die Kelle zum neuen Aufbau. Seine produktiven Leiſtungen beziehen ſich theils auf die Poeſie, theils auf die Kunſt, theils auf die Wiſſenſchaft, alle aber haben den großen Vorzug kernigen Inhalts, kräftiger, muſterhafter, vollendeter und theilweiſe bis jetzt unerreichter *) Als Beleg dafür ſtehe hier ſein bekanntes Urtheil über ſich ſelbſt, das er in der Vorrede zu ſeiner Dramaturgie ausgeſprochen:„Ich bin weder Schauſpieler noch Dichter. Man erweiſt mir zwar manchmal die Ehre, mich für das Letztere zu erkennen, aber nur weil man mich verkennt. Aus einigen dramatiſchen Verſuchen, die ich gemacht habe, ſollte man nicht ſo freigebig folgern. Nicht jeder, der den Pinſel zur Hand nimmt und Farben verquiſtet, iſt ein Maler. Die älteſten von jenen Verſuchen ſind in den Jahren hingeſchrieben, in denen man Luſt und Leichtigkeit ſo gerne für Genie hält. Was in den neueren erträglicher iſt, davon bin ich mir bewußt, daß ich es einzig und allein der Kritik zu verdanken habe. Ich fühle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigene Kraft ſich emporarbeitet, durch eigene Kraft in ſo reichen, ſo friſchen, ſo reinen Strahlen aufſchießt: ich muß alles durch Druckwerk und Röhren aus mir heraufpreſſen.“— N*) Das Streben nach Wahrheit war überhaupt der Grundzug ſeines Weſens; ———„er will Wahrheit, Wabrheit, und will ſie ſo, ſo bar, ſo blank, als ob die Wahrheit Münze wäre“— ſagt er im Nathan und meint damit ſich. Bekannt iſt in dieſer Beziehung ja auch ſein Ausſpruch:„Wenn Gott in ſeiner Rechten alle Wahrheit und in ſeiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obgleich mit dem Zuſatz, mich immer und ewig zu irren, verſchloſſen bielte und ſpräche zu mir: Wähle! Ich ſiele ihm mit Demuth in ſeine Linke und ſagte: Vater, gib! Die reine Wahrheit iſt ja doch nur für dich allein!“ 392 Sprache. In pvetiſcher Hinſicht macht das dramatiſche den eigentlichen Mit⸗ telpunkt ſeiner Thätigkeit aus, wobei ihm Shakspeare mehr oder weniger als Muſter dient. Das Lyriſche iſt ihm weniger gelungen, für die Klopſtock'ſche Ode fehlt ihm der ideale Schwung, für das Lied die gefällige Unbefangenheit. Auch die oft ſehr gerühmten Fabeln ermangeln eines eigentlichen poetiſchen Werths.— Bei ſeinen dramatiſchen Produktionen verſuchte ſich Leſſing zunächſt im Luſtſpiel (der junge Gelehrte, der Freigeiſt, die alte Jungfer ꝛc.), ohne darin gerade Eminentes zu leiſten; höher ſteht ſchon ſein Trauerſpiel Miß Sara Sampſon, das ſich bei aller Breite durch Friſche und Wahrheit auszeichnet. Seine vor⸗ züglichſten Stücke ſind das bürgerliche Trauerſpiel Emilie Galotti(1772), eine Bearbeitung der Geſchichte der Römerin Virginia,— das Luſtſpiel Minna von Barnhelm(1767), wozu die Begebenheiten und Ereigniſſe des 7jährigen Kriegs den Stoff lieferten,— und das Drama Nathan der Weiſe(1779), ſeinem Stoff nach aus dem Decamerone des Boccaccio(3. Novelle des erſten Buchs) entlehnt, ſeinem Weſen nach das religiöſe Glaubensbekenntniß Leſſings:— alle drei ausgezeichnet durch Wahrheit, teffliche ſcharfe Charakterzeichnung, deutſchen Geiſt und kräftige, einfache, natürliche Sprache.— Dabei iſt zu er⸗ wähnen, daß Leſſing den dramatiſchen Dialog geſchaffen und an die Stelle des bisherigen Alexandriners den reimloſen 5füßigen Jambus geſetzt hat. Von ſeinen kunſtrichterlichen und wiſſenſchaftlichen Werken ſeien an⸗ geführt: Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poeſie(1766), die antiquariſchen Briefe(1768), die Hamburger Dramaturgie(1767 und 68); die Fragmente des Wolfenbüttler Ungenannten(theolog. Inhalts und gegen die theilweiſe Glaubwürdigkeit der bibliſchen Thatſachen ge⸗ richtet. Eigentlicher Verfaſſer iſt Profeſſor Herm. Samuel Reimarus zu Ham⸗ burg; erſchienen 1774), die Erziehung des Menſchengeſchlechts(1780). Leſſing ſteht ziemlich allein in der Literatur da, wollen wir nicht die ſogenannten Literatur⸗ briefler— nach den„Briefen, die neueſte Literatur betreffend“, die ſie unter Mitwirkung Leſſings von 1759— 1765 in Berlin herausgaben— hier erwähnen. Gründer dieſer Briefe, die gegen Franzoſenthum, Sentimentalität, Ueberſpanntheit und Mittelmäßigkeit in ſcharfer Kritik ankämpften, iſt Friedr. Chriſtoph Nicolai(geb. 1733 zu Berlin, ſtarb 1811). Der bedeutendſte Mitarbeiter iſt Moſes Menderſohn, „der jüdiſche Sokrates“(geb. 1729 zu Deſſau, ſtarb 1786). Sein Hauptwerk iſt„Phädon oder über die Unſterblichkeit“ §. 31. Durch Klopſtocks deutſch⸗nationale Beſtrebungen, Leſſings ſcharfe und geiſtreiche Kritik und Wielands leichte und leichtfertige Anſchanungs⸗ und Dar⸗ ſtellungsweiſe einerſeits, durch den Einfluß der Freiheitsbeſtrebungen der Nach⸗ barſtaaten— beſonders Frankreichs, wo J. J. Rouſſeau als Prophet des Naturevangeliums aufgetreten— anderſeits, hatte ſich der bogabteren deutſchen Jünglingsherzen ein Stürmen und Drängen*) bemächtigt, das ankämpfte gegen allen Zwang, welchen die gelehrte Bildung der vorhergehenden Jahrhunderte dem deutſchen Geiſte angelegt, das ſich auflehnte gegen die Einengungen und Be⸗ ſchränkungen, wodurch ein ſtrenges Regelwerk den freien Aufſchwung niederhielt. Die Natur allein ſollte fortan als einzige Regel der Poeſie gelten, dieſe nur ihr Aus⸗ *) Darum der Name„Sturm⸗ und Drangperiode“, der urſprünglich von einem Drama Klingers(S. 399):„Sturm und Drang““, das ganz die Beſtrebungen jener Zeit darſtellt, herrührt. 393 druck ſein— das war das Ziel dieſer Beſtrebungen; eine urſprüngliche und unge⸗ künſtelte, eine durch und durch volksthümliche und vo lksmäßige Dichtung ihr Lo⸗ ſungswort. Der kraft⸗geniale Shakspeare, der düſter⸗nebelhafte Oſſian, der ſchwer⸗ müthige, Nacht⸗ u. Grabesgedanken hegende Young, vor allen aber der unvergleich⸗ liche Homer galten dabei, neben der altſpaniſchen u. deutſchen Volkspoeſie, neben den Pſalmen u. Propheten der Bibel als einzige Vorbilder*), wie denn überhaupt das Große und Einzige unſerer neuen deutſchen Literatur darin beſteht,„daß ſie in dem vollen Verſtändniſſe, in dem vollen Bewußtſein und dem vollen Genuſſe der edelſten Dichtungen aller Völker, daß ſie in dem Mittelpunkte der Welt⸗ dichtung ſteht.“(Vilmar.) An der Spitze dieſes kraftgenialen Ungeſtüms, das vorläufig noch mehr kritiſcher Natur iſt, erſcheint Fohann Georg Hamann(geb. 1730 zu Königsberg, ſtudirte Theologie und Jura, war nach einander Hauslehrer, Sekretär und Packhofverwalter in Königsberg, lebte dann in Düſſeldorf und Münſter, wo er 1788 ſtarb). Er eröffnet die Reihe der „Genialitäten“, indem er zuerſt entſchieden gegen alle Regeln der gebildeten und gelehrten Dichtkunſt eifert, mit dieſer ſelbſt bricht und ſich zu der Uroffenbarung und Urpoeſie in der h. Schrift zurückwendet. Die ganze, volle Menſchlichkeit in Wiſſenſchaft und Kunſt, in Proſa und Poeſie darzuſtellen, aus ihr heraus und zu ihr hinzuwirken, iſt Mittelpunkt ſeiner Beſtrebungen. Dieſe volle Menſchlichkeit erkennt er nur ausſchließlich im Chriſtenthum,—„der Chriſt allein iſt ein Menſch und die Bibel das Urevangelium der vollendeten Menſchlichkeit“, davon geht er aus. Schade, daß er oft gar zu unklar, geheimnißvoll und dunkel auf⸗ tritt, zu planlos und unſtät in ſeinem Leben und Schaffen iſt. Seine Mitwelt hat ihn den„Magnus des Nordens“ genannt, und nicht mit Unrecht. Er ſteht in vieler Beziehung groß da, größer aber noch ſein Schüler Johann Gott⸗ fried v. Herder, der den Meiſter bald überragte. §. 32. Herder, geb. den 25. Auguſt 1744 zu Morungen in Oſtpreußen, iſt der Sohn eines armen Schullehrers, der ihn in aller Strenge aufzog, während die Mutter ihre Weichheit ihm zu vererben ſuchte. Seine einzige Geiſtesnahrung während ſeiner Ingendzeit beſtand lange nur in der Bibel und im Geſangbuche, aber dabei zeigte er ſchon frühe große Lebendigkeit und Friſche des Geiſtes. Ein ruſſiſcher Wundarzt wollte ihn Chirurgie ſtudiren laſſen, aber bei der erſten grauſenhaften Sektion fiel Herder in Ohnmacht, gab die Chirurgie auf und ward Theolog. Etwas Aehnliches bietet in dieſer Beziehung Schillers Lebenslanf. Dieſer, der ſo gerne Gottesgelehrter geworden wäre, mußte auch in der Karls⸗ akademie Chirurgie ſtudiren. J. Paul ſagt darum:„Zu Wundärzten wollten (ollten!) Herder und Schiller in ihrer Jugend ſich bilden, aber das Schickſal ſagte: Nein, es gibt tiefere Wunden, als die Wunden des Leibes! Heilet dieſe!— Und Beide ſchrieben.“— Erſt 21 Jahre alt, ward Herder 1765 zum öffentlichen Lehramt in Riga berufen, begleitete 1768 den Prinzen von Holſtein⸗Eutin durch Deutſchland und Frankreich. In Straßburg mußte er ſich wegen einer Augen⸗ *) Die Wahl dieſer Männer zu Lieblingsſchriftſtellern beweißt, wie ſich beſonders zwei Hauptrich⸗ tungen unterſcheiden und geltend machen, eine„gigantiſch⸗titaniſche“, wie ſich Gvethe ausdrückt, und eine ſentimentale. Beide zichen ſich durch die ganze Zeit, bald ſich nähernd, bald emtfernend, bis ſie in Goethe endlich ihre Vereinigung finden. 394 7 operation längere Zeit aufhalten und lernte daſelbſt Goethe kennen. 1771 wurde er Hofprediger und Conſiſtorialrath in Bückeburg, nahm 1775 einen Ruf als Profeſſor nach Göttingen an, ging aber nicht dahin ab, weil er mittlerweile durch Goethes Verwendung zum Oberconſiſtorialrath in Weimar ernannt worden war. Von hier aus reiſte er mit der Herzogin Mutter nach Italien, wurde 1801 vom Churfürſt von Baiern in den Adelsſtand erhoben, und ſtarb den 18. Dechr. 1803 zu Weimar in den Armen ſeines Sohnes, der ihn als Arzt behandelte. Herder gehört zu den Edelſten der Menſchheit und iſt als Univerſal⸗ ſchriftſteller von mächtigem Einfluß auf unſere Literatur, der er, nachdem ſie durch Leſſing wiedergeboren, neues Wachsthum gab. Er erſcheint ſo recht als der„Paulus des reformirten literariſchen Glaubens“, der alle Funken und Strahlen der vorhergehenden Beſtrebungen in ſich aufgenommen hat, und ſie nun vereinigt im Feuer echter und tiefer Begeiſterung wieder ausſtrahlt über die Nation, die dadurch erwärmt und angeregt in den hervorragendſten ihrer Söhne die herrlichſten und duftendſten Blüten unſerer neuen Literatur trieb. Darin liegt Herders Bedeutung für dieſelbe; er wirkt mehr zubereitend, forttreibend und vermittelnd, als produktiv⸗ſchaffend. In vieler Beziehung alſo Leſſing ähnlich, unterſcheidet er ſich doch von demſelben dadurch, daß er für den von jenem ge⸗ wonnenen Boden reichen Stoff und fruchtbaren Samen ſammelt zu urkräftigem Bilden und Schaffen. Dieſen ſucht er überall zu gewinnen, alle Gebiete und alle Völker, den Orient wie den fernſten Weſten, das antike Alterthum, wie das deutſche Mittelalter beutet er aus, und haucht ihm deutſches Weſen an und ein. Welch großartiges Wiſſen, welche eminente Studien dazu erforderlich, leuchtet ein, und nur ein Mann wie Herder, der Philoſoph, Theolog, Kritiker, Hiſtoriker, Dichter und Ueberſetzer in einer Perſon iſt, konnte das. In allen dieſen Be⸗ ziehungen hat er uns Werke hinterlaſſen, welche von ſeiner Gelehrſamkeit und ſeinem unermüdlichen Fleiße ſattſam Beweis geben. Wir erwähnen davon, als uns hier zunächſt intereſſirend, außer ſeinen eignen Gedichten, die neben vielen minder bedentenden manch Goldkörnlein bergen, die„Stimmen der Völker“ (778), worin„die verſchiedenſten Stimmen der verſchiedenſten Nationen und der verſchiedenſten Stufen der Bildung in dem Sprechſaale unſeres deutſchen Vaterlandes zu einem Tone vaterländiſcher Melodie verbunden ſind und da⸗ durch den Sinn für das alte Volkslied mächtig weckten“. An dieſe reiht ſich ſein Cid, ein Cyelus ſpaniſcher Romanzen, die er durch gelungene Ueberſetzung auf deutſchen Boden verpflanzt. Von den Proſawerken Herders ſind zu nennen; Fragmente zur deutſchen Literatur(1767)— ſeine erſte literariſche Arbeit,— Kritiſche Wälder(1769)— Blätter für deutſche Art und Kunſt(1775), in Gemeinſchaft mit Gvethe und J. Möſer;— die thevl. Abhandlungen: die älteſte Urkunde des Menſchen⸗ geſchlechts, Geiſt der hebräiſchen Poeſie ꝛc.— Die Preisſchrift: Vom Urſprung der Sprache— Schulreden (im Sophron) 1c. Das vorzüglichſte unter allen aber ſind die Ideen zu einer Philoſophie der Geſchichte der Menſchheit(1784), deſſen Zweck Herder felbſt mit den Worten bezeichnet:„das Schickſal der Menſchheit aus dem Buche der Schöpfung zu leſen und aus dem Gange Gottes in der Natur, aus den Gedanken, die der Ewige uns in der Reihe ſeiner Werke thätlich dargelegt hat den Menſchen zu erkennen.“ §. 33. Wenden wir uns nun von der kraftgenialen Kritik zur kraftgenialen Dichtung, die aus jener üppig und kräftig hervorſchoß, ſo ſtellt ſich zunächſt der Göttinger Dichterverein oder Hainbund zur Betrachtung in den Vor⸗ ———— 395 dergrund. Er beſtand meiſtens aus jungen Dichtern, die in Göttingen ihrer Studien wegen weilten, wo Heinrich Chriſtian Boie“), anfangs in Ver⸗ bindung mit Fr. Wilh. Gotter*s), den erſten deutſchen Muſenalmanach von 1770— 1775 herausgab. Dadurch angezogen, ſammelten ſich um dieſen Voß, Hölty, die beiden Stolberg, Müller, Leiſewitz, Claudius und einige andere, und traten am 12. September 1772 zu einem Bunde zuſammen, der ſich zur Aufgabe ſtellte, für Religion und Vaterland, Freundſchaft und Tugend durch freien deutſchen Sang zu leben und zu wirken. Klopſtock, um den ſie„im Glau⸗ ben und Geiſte verſammelt waren“(Goethe) galt dabei als ihr höchſtes Vorbild. Mit der innigſten Verehrung hingen ſie an ihm, ihn feiern ſie in ihren Ver⸗ ſammlungen, ihn laſſen ſie leben beim ſchäumenden Becher, wobei auch mitunter Goethe, Leſſing und Herder ein feuriges Hoch gebracht wird. Wieland dagegen iſt ſeiner Leichtfertigkeit und Sinnlichkeit wegen Gegenſtand ihrer Verachtung, ſein Bildniß wird verbrannt, ſein Einfluß auf das Entſchiedenſte bekämpft. So war dieſer Bund die„beſte Pflanzſchule Klopſtocks“, durch die ſein Geiſt in die Dichtung mehr und mehr hineingepflanzt und in manchem lieblichen Liede der Nation zugeführt wurde. Ueberhaupt iſt der Charakter der hier gepflegten Poeſie vorherrſchend lyriſch und fließt aus gemüthlich-innigem poetiſchen Streben.— Die namhafteſten Mitglieder des Hainbundes, der ſich zwar ſchon 1774 auflöste, aber durch die zu nennenden Perſönlichkeiten fortwirkenden Einfluß übte, ſind Johann Heinrich Voß, geboren 1751 zu Sommersdorf(in Meklenburg), ſtarb als badiſcher Hofrath in Heidelberg 1826, der Dichter der„Luiſe“. Er iſt der älteſte der Genoſſenſchaft, in deren Mitte er„gleichſam als der Hoheprieſter“ ſtand, dem Ganzen Weihe und Heiligung gebend. Eine kräftige, entſchiedene und vorherrſchend verſtändige Natur hat er ſich weniger als Dichter, wo ihm haupt⸗ ſächlich nur das Verdienſt bleibt, vorzugsweiſe den deutſchen Mittelſtand der Dichtung befreundet und auf die echtdeutſche Geſinnung desſelben durch ſeine volksthümlichen Lieder bildend und erfreuend gewirkt zu haben, ſondern vielmehr als meiſterhafter Ueberſetzer des Homer und als Gründer der Theorie der Proſodie und Metrik einen Namen erworben. Die berühmteſten ſeiner Dichtungen ſind der „0jährige Geburtstag“(1781) und die ſchon erwähnte„Luiſe“, ein ländliches Idyll(1783). Chriſtian Graf zu Stolberg(geb. 1748 zu Hamburg, lebte zuletzt als Landrath auf Windebye bei Eckernförde, wo er 1821 ſtarb), der aber ſehr zurück⸗ ſteht gegen ſeinen Bruder Friedrich Leopold(geboren 1750 zu Bramſtedt, begleitete verſchiedene hohe Poſten: lübeckſcher Miniſter, däniſcher Geſandter in Berlin, Präſident zu Eutin, zog ſich ſpäter in den Privatſtand zurück, ging zu Münſter zur katholiſchen Kirche über, und ſtarb 1819 zu Sondermühlen bei Osnabrück). F. L. iſt der treueſte Nachahmer Klopſtocks, mit dem er gleiche Stoffe in gleicher religiöſer Begeiſterung und gleichem rhetoriſchen Pathos bearbeitet und Boie iſt geboren 1744 zu Meldorp in Schleswig, wo er als Etatsrath im Jahr 1806 ſtarb. Er iſt zwar ſelbſt nicht Dichter, übte aber durch die Gediegenheit ſeiner Kenntniſſe und die feine Ausbildung ſeines Geſchmacks bedeutenden Einfluß.—**) Gotter iſt geboren zu Gotha im Jahr 1746, wo er auch zuletzt als geh. Sekretär lebte, ſtarb 1797, ebenfalls mehr durch ſeinen gebildeten Kunſtſinn, als ſeine poetiſchen Leiſtungen ausgezeichnet. 396 unterſcheidet ſich nur dadurch, daß er auf die wirkliche, nicht angenommene, deutſche Vorzeit zurückging, wodurch er gewiſſermaßen Vorläufer der ſpäteren romantiſchen Schule iſt*). Das bedeutendſte poetiſche Talent des Hainbundes iſt Ludwig Heinrich Chriſtoph Hölty(geboren 1748 zu Marienſee bei Hannover, ſtarb ſchon 1776 zu Hannover), der voll des tiefſten Naturgefühls in ungemein harmoniſcher, am klaſſiſchen Alterthum gebildeten Form dichtete. Durchziehender Grundton iſt eine gewiſſe Schwermuth und dunkle Todesahnung, die ihn beſonders den elegiſchen Ton anſchlagen läßt. Noch heute lebt in Aller Munde ſein:„Ueb immer Treu und Redlichkeit“, ſein:„Wer wollte ſich mit Grillen plagen?“ ꝛc. Den gefühls⸗ innigen Ton Hölty's ſteigert bis auf die Stufe der höchſten Gefühlsüberſchweng⸗ lichkeit und„ſentimentalen Schwärmerei“ Johann Martin Miller(geboren 1750 zu Ulm, wo er auch als Profeſſor und Prediger 1814 ſtarb) in ſeinem Roman Siegwart, eine Kloſtergeſchichte(1776). Natürlicher ſind manche ſeiner Gedichte, ſo:„Was frag ich viel nach Geld und Gut“,„Das ganze Dorf ver⸗ ſammelt ſich“ ꝛc. Eine liebliche Erſcheinung unter den ſchon genannten iſt Matthias Clau⸗ dius, bekannter unter dem Namen Asmus, oder der Wandsbecker Bote, geb. 1740 zu Reinfeld bei Lübeck, war Reviſor bei der ſchlesw. holſt. Bank und lebte lange zu Wandsbeck bei Hamburg, † 1815. Er iſt ein frommer, ſchlichter Mann, der in patriarchaliſcher Einfachheit in kunſtloſer Form und aus kindlich frohem Herzen zum Volke ſang. Religion, Natur und Veterland gingen ihm über Alles. Chriſtus war ihm„eine heilige Geſtalt, die dem armen Pilger wie ein Stern in der Nacht aufgeht“, die Natur„eine Glocke“, die ihn immerdar zur Andacht rief und beim„ſüßen Namen Vaterland ſchlug ihm das Herz, und ſein Geſicht ward feuerroth.“ Was Claudius vom Dichter überhaupt ſagt, gilt mit vollſtem Rechte von ihm,„er iſt ein heller reiner Kieſelſtein, an den der ſchöne Himmel und die ſchöne Erde und die heilige Religion anſchlagen, daß Funken heraus⸗ fliegen“**). Solche Funken, die ins Herz einſchlagen und deſſen„Silberſaiten rühren“, wie Herder ſagt, ſind die lieblichen Lieder: Der Mond iſt aufgegangen— Begränzt mit Laub— Der Winter iſt ein rechter Mann— Ich bin vergnügt— Der Rieſe Goliath— Urians Reiſe um die Welt;—„die ſeinen Namen in unſerer Literatur ſo ſicher verewigen, als deutſcher Sinn und deutſcher Klang der Sprache darin aufs Reinſte wiedertönen“.— Viel Aehnlichkeit mit Claudius und zugleich in ſeiner ganzen Dichtungsweiſe an Hölty erinnernd, hat Chriſtoph Adolf Overbeck, geboren 1755 zu Lübeck, † 1821 als Senator daſelbſt. Er hatte einen frommen, gottergebenen Sinn. Von ſeinen Liedern, die ſich durch gemüthliche Innigkeit neben ſchöner Geſinnung auszeichnen, iſt ſein Fiſcherlied (Nro. 174) ein treues, lebensvolles Bild des Fiſcherlebens, das er als Bewohner *) Lavater charakteriſirt ihn mit den Worten:„Zu lebendig, um zu ruhen, zu locker, um feſtzuſtehen⸗ zu ſchwer und zu weich, um zu fliegen. Ein Schwebendes alſo, das die Erde nicht berührt.— Kein feſter, forſchender Tiefſinn, keine langſame Ueberlegung oder kluge Bedächtigleit.— Immer der innige Empfinder, nie der tiefe Ausdenker.— Immer halbtrunkener Dichter, der ſieht, was er ſehen will.“—**) Gelzer vergleicht ihn mit einem Chriſtbaume, deſſen tanſend Lichter überall hinſcheinen, wo für kindliche Freude und herzliche Erwärmung noch eine Stätte iſt. 397 einer Seeſtadt täglich vor Augen hatte, und ſein:„Warum ſind der Thränen“ ein tief ins Volk eingedrungenes und vielgeſungenes Lied. Zum Schluſſe ſei noch Joh. Anton Leiſewitz(geb. 1752 zu Hannover, † 1806 als geh. Juſtizrath), der ſich durch ſeinen„Julius von Tarent“, der ſeiner Zeit viel Anſehen erlangt, und auch durch ſichere Charakterzeichnung und edle Sprache theilweiſe verdient, einen Namen erworben hat, genannt. Er war nur wenige Monate Bundesmitglied, und ſteht ſeiner ganzen Dichtungsweiſe nach mehr außer, als in demſelben. §. 34. In der nächſten Beziehung zum Hainbund ſteht— ohne übrigens eigentliches Mitglied zu ſein— Gottfried Auguſt Bürger, geb. den 1. Jan. 1748 zu Wolmerswende im Halberſtädt'ſchen, wo ſein Vater Pfarrer war. An⸗ fänglich zur Theologie beſtimmt, ging er ſpäter zu Jurisprudenz über und ward Amtmann, erſt in Altengleichen bei Göttingen, dann zu Wolmershauſen, legte ſpäter dieſe Stellung nieder, um als Docent in Göttingen einzutreten, wo er 1789 die Stelle eines Profeſſors erhielt. Seine, theils unverſchuldeten, theils aber auch verſchuldeten traurigen Lebensverhältniſſe ſind ſo allgemein bekannt, daß es einer näheren Angabe derſelben nicht bedarf. Er ſtarb zu Göttingen am 8. Juni 1794.— Bürger iſt ein großartig angelegtes Dichtertalent, und berech⸗ tigte zu den ſchönſten Erwartungen, ein deutſcher Volksdichter zu werden. In ſeinen Liedern hat er deutſchen Volkston in wunderbarer Kraft und Herrlichkeit getroffen, ſeine Balladen ſind in friſcher, geſunder, volksthümlicher Begeiſterung gedichtet(ſ. S. 336) und ſeine Sonette gehören zum Beſten, was dieſe Gattung aufzuweiſen hat. Doch gilt dieß nicht von Allen. Sein unglückliches, mannich⸗ fach zerſchelltes Leben brachte auch viel Auswuchs, Trübes und Gewaltſames in die Poeſie, indem er ſich im Bewußtſein pvetiſcher Macht oft ins Maßloſe über⸗ ſtürzte. Bürger fühlte das ſehr wohl, er wußte, weſſen er unter glücklichen Umſtänden fähig geweſen und erkannte, was ihn am Aufſchwung hinderte: „Zwar ich hätt in Jünglingstagen, Mit beglückter Liebe Kraft Lenkend meinen Kämpferwagen, Hundert mit Geſang geſchlagen, Tauſende mit Wiſſenſchaft. Doch des Herzens Loos, zu darben, Und der Gram, der mich verzehrt, Hatten Trieb und Kraftzerſtört; Meiner Palmen Keime ſtarben, Eines mildern Lenzes werth.“ Rührend klingt es, wenn er am Abend ſeiner Tage, erſchüttert durch die Macht des Elends, das über ihn hereingebrochen, zerſchmettert durch die ſcharfe Kritik Schillers, klagt: „Lange ſchon in manchem Sturm und Drange Wandeln meine Füße durch die Welt. Bald den Lebensmüden beigeſellt, Ruh ich aus von meinem Pilgergange. 398 Leiſe ſinkend faltet ſich die Wange; Jede meiner Blüten welkt und fällt. Herz, ich muß dich fragen: Was erhält Dich in Kraft und Fülle noch ſo lange? Trotz der Zeit Despoten⸗Allgewalt, Fährſt du fort, wie in des Lenzes Tagen, Liebend, wie die Nachtigall zu ſchlagen, Aber ach! Aurora hört es kalt, Was ihr Tithons Lippen Holdes ſagen.— Herz, ich wollte, du auch würdeſt alt! Da müſſen wir uns wieder mit ihm ausſöhnen, wir vergeſſen ſeines Leicht⸗ ſinns, ſeiner Fehler, und freuen uns ſeiner als leuchtender Glanzpunkt am Fir⸗ mamente des lyriſchen Himmels. Sein Namen wird guten Klang behalten, ſo lang in deutſcher Zunge man deutſche Lieder ſingt. §. 35. Von den Dichtern, die ſich mehr oder weniger an den Göttinger Dichterbund anlehnen, ſeien als mehr hervortretende und bekanntere Perſönlichkeiten kurz erwähnt Friedrich von Matthiſon (geboren 1761 zu Hohendodeleben bei Magdeburg, machte Reiſen in die Schweiz, Italien und Tyrol, ward 1812 geh. Legationsrath und Oberbibliothekar in Stuttgart, zog ſich ſpäter nach Wörlitz zurück, wo er 1835 ſtarb). Er ſchließt ſich zunächſt an Hölty an, deſſen ſchwermüthige, elegiſche Stimmung bei ihm zu weichlicher Zerfloſſenheit wird. Ihm, wie ſeinen Dichtungen fehlt die belebende Kraft und körnige Gediegenheit des männlichen Geiſtes. Eigenthümlich iſt ihm die Natur⸗ und Landſchaftsmalerei, worin er manch ſchönes Einzel⸗ bild in dem Rahmen einer correkten und feinen Sprache geliefert hat— Eine höhere Stellung nimmt Johann Gaudenz Frhrr. von Salis⸗Seewis(geboren 1762, 1834, ein Schweizer aus Grau⸗ bündten) ein.„Kraft mit Grazie, edle Einfalt, verbunden mit einer wehmütbigen Zartheit des Gefühls“ charakteriſiren ſeine Lieder, unter denen ſich beſonders ſein Grablied:„Das Grab iſt tief und ſtille“(Nr. 181) Berühmtheit erworben. Bohtz ſagt darüber in ſeinen Vorleſungen über neuere Literatur:„Hätte Salis auch nur dies eine geſungen, ſein Dichterkranz würde nie verwelken.“ Weiter ſeien hier, wenn auch mit den Göttingern nur in ſehr lockerem, oft keinem Zuſammenhang ſtehend, genannt: Johann Gottf. Seume(geb. 1763 zu Poſern bei Weiſſenfels, muſſte, von Werbern aufgefangen und an England verkauft, als engliſcher Soldat in Nordamerika fechten*), lebte ſpäter als Lehrer und Erzieher in verſchiedenen Städten Polens und Deutſchlands, machte 1801 ſeine Fußreiſe nach Syrakus, die er in dem trefflichen Werke:„Spaziergang nach Svrakus“ beſchreibt, 1805 eine zweite nach Finnland und Schweden, beſchrieben in:„Mein Sommer“, ſtarb 1810 zu Bad Teplitz). Seine Gedichte ſind ohne höheren poetiſchen Werth und ermangeln eigentlicher Phantaſie und plaſtiſcher Anſchaulichkeit und Gefälligkeit.— Chriſtoph Auguſt Tiedge(geb. 1752, † 1804), war zu kühl und didaktiſch, um wahrhaft pvetiſch zn ſein. Bekannt und vor Zeiten berühmt iſt ſein Lehrgedicht„Urania“(1808). In glei⸗ chem Range ſteht Ludwig Theobul Koſegarten(geb. 1758, ſtarb als Profeſſor der Thevlogie und Geſchichte zu Greifswalde im Jahre 1818),„der im ganzen Meer der Dichtung umherſchwimmt und nirgende vor Anker legt“.(Gervinus.) Siegfried Auguſt Mahlmann(1771 geb. in Leipzig, 4 daſelbſt 1826) liefert unter manchem mittelmäßigen, bisweilen ein gelungenes Lied,„obgleich im Ganzen ebenfalls keine reiche poetiſche Ader bei ihm fließt“. Als talentvoller Volksdichter ſtellt ſich über dieſe Joh. Peter Hebels*), geboren am 11. Mai 1760 zu Baſel, ſtarb als badiſcher Prälat auf einer Reiſe zu Schwetzingen am 22. September 1826. Er hat ſich durch ſeine Dialektdich⸗ tungen und durch ſeine volksthümliche Proſa den Ruhm der Unſterblichkeit ge⸗ ſichert. Angeregt durch die plattdeutſchen Idyllen von Voß wurde er deſſen *) Eine dort erlebte Thatſache bearbeitete er in dem bekannten Gedicht:„Der Wilde“. **) Vgl. Dichterhalle 1. Bd. S. 373 ff. 399 bedeutendſter Nachfolger, aber nicht deſſen Nach ahmer, denn er hat auf dem Gebiete des Volksthümlichen eine Meiſterſchaft erreicht, die„Voß völlig umſonſt anſtrebte“. Seine„allemanniſchen Gedichte“ ſind mit dem Munde und in der Sprache des Volkes ſelbſt gedichtet und, wie Hebel ſagt:„vom Heimweh erzeugt“. Sie ſtehen als einzig in der Literatur da, die kein Gegenſtück von gleichem Werth aufzuweiſen hat. Gleich unübertrefflich iſt Hebel in ſeinen Er⸗ zählungen des rheinländiſchen Hausfreundes(1808— 11). 8. 36. Als in Göttingen ein reges Jünglingsleben in friſchen Liedern trieb, wirkte auch in Straßburg ein junger Dichterfrühling, der um einige Jahre früher(1769) eingetreten, in um ſo kräftigeren Drange und in um ſo wilderen Stürmen ſich bekundete. Während dort die feurigſte Begeiſterung den Strom des Liedes ſchwellte, rauſchte ſie hier im Drama einher.„In dramatiſchem Pathos die Welt ihrer ſubjektiven Urgedanken und Naturempfindungen auszu⸗ ſtrömen, im Sturmſchritte der Handlung die Glut ihrer leidenſchaftlichen Ueber⸗ zengungen in die lahme Menſchengeſellſchaft hinauszuſchlendern und mit der Gewalt ihrer Originalitätsideen die veraltete Ordnung der Dinge, das Philiſterium der Sitte, den Pedantismus in Literatur und Wiſſenſchaft zu durchbrechen, fühlte dieſe kecke Jüngerſchaft ſich berufen und befähigt.“(Hilleb.) Die alte Volksſage von Fauſts Leben, Thaten und Höllenfahrt iſt ihr Lieblingsſtoff, der in regel⸗ loſer Ungebundenheit bearbeitet wird. Jak. Mich. Reinhold Lenz(1750— 1732), Leopold Wagner, Ludwig Philipp Hahn(1746— 1787), Friedr. Maximilian v. Klinger und Maler Müller bilden die Genoſſenſchaft— gewöhnlich die rheiniſche genannt— an die ſich Jung Stilling, Friedr. Heinr. Jakobi und Johann Kaspar Lavater anreihen. In ihren Mittelpunkt ſtellt ſich ſpäter Goethe, um den dann Alles kreiſt. Die drei erſt Genannten gingen bald in den hochgehenden Wogen unter und ihr Name wäre verſchollen, hätte nicht Lenz durch ſein trauriges Ende— er ſtarb in Wahnſinn zu Moskau— Mitleid, Wagner durch ſeine Stelle als Famulus in Gvethes Fauſt Unſterblichkeit gefunden. Was Goethe von Lenz ſagt, gilt von den Dreien:„ſie zogen als vorübergehende Meteore nur augenblicklich über den Horizont der deutſchen Literatur hin und verſchwanden plötzlich, ohne im Leben eine Spur zurückzulaſſen“. Mit ſeinen Worten über Klinger:„K. dagegen als einflußreicher Schriftſteller, als thätiger Geſchäftsmann, erhält ſich noch bis auf dieſe Zeit“ führen wir denſelben ein. F. M. v. Klinger iſt geboren 1753 zu Frankfurt a. M., ſtudirte Theologie, war eine Zeit lang Sekretär einer Schauſpielergeſellſchaft in Leipzig, ging ſpäter nach Rußland, wo er allmälig zu hohen Würden ſtieg, bis er als Generallieute⸗ nant und Curator der Univerſität Dorpat ſtarb. Seine dichteriſche Wirkſamkeit begreift hauptſächlich zwei Gebiete, das dramatiſche und novelliſtiſch⸗epiſche. Auf erſterem zeigt er ſich beſonders als„der reichſte Jünger des Naturevangeliums“ in„Sturm und Drang“(S. 392) und den„Zwillingen“. Beide Stücke ſind die wahrſten Dokumente der Zeit und ihres Geſchmacks.„Fanſts Leben, Thaten und Höllenfahrt“ ſchlägt in das epiſche Gebiet ein, woneben ſich ſeine Romane„Geſchichte Raphaels de Aquillas“,„Giafar der Barmecide“ ſtellen. „Betrachtungen und Gedanken“ ſchildert Klingers eignes Leben und Denken, Er⸗ fahren und Handeln. Klingers bedeutendſter Genoſſe iſt Friedrich Müller(Maler 400 Müller), geb. 1750 zu Kreuznach, ſtarb 1825 zu Rom, wo er zum Katholicismus übergetreten war. Seine dramatiſchen Werke— Fauſt, Niobe, Golo und Geno⸗ vefa— und JIoyllen tragen alle guten und böſen Eigenſchaften der Zeit an ſich: Begeiſterung, wilde Kraft, Leidenſchaftlichkeit und Formloſigkeit. Bekannt iſt ſein Lied:„Heute ſcheid ich, heute wandr ich“, das im Munde des Volkes lebt. Durch ſchlichte, biedere Sinnesart, Einfalt des Herzens und Ruhe des Ge⸗ müthes ſticht neben den ſoeben vorgeführten Stürmern Joh. Heinr. Jung, ge⸗ nannt Stilling hervor(geb. 1740 in der Nähe von Siegen, hat mit vielen Wider⸗ wärtigkeiten und drückenden Verhältniſſen ſchon in ſeiner Jugend zu kämpfen, lernte in Straßburg Gvethe und Herder kennen, ward ſpäter Arzt in Elberfeld, dann Profeſſor zu Kaiſerslautern, Heidelberg und Marburg, ſtarb zu Karlsruhe 1817). Goethe ſchildert ihn als einen Mann, der den Glauben an Gott und die Treue gegen die Menſchen immer zu ſeinem köſtlichſten Geleite hatte. Als ſol⸗ cher bewährt er ſich in ſeinem Leben, ſo zeigt er ſich in ſeinen religiöſen Liedern und Gedichten, ſo in ſeiner Lebensbeſchreibung:„Heinrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderſchaft, Lehrjahre und häusliches Leben(von Goethe 1776 ohne des Verfaſſers Wiſſen herausgegeben). Letzterem Buche ſingt Freiligrath zum Ruhme. „Als Knabe ſchon von Berg⸗ und Hüttenmännern Hab ich entzückt ein kleines Buch geleſen; Es führte mich zu frommen Kohlenbrennern, Und iſt ein herzig kleines Buch geweſen, Ein rechter Spiegel alter Bauerntugend— Mit Namen hieß es: Heinrich Stillings Ingend“. In ſpäteren Jahren neigt Stillings herzliche Frömmigkeit ſtark zur ſchwärmeriſchen Myſtik. Joh. Kasp. Lavater(geb. 1741 zu Zürich, ſtarb den 2. Januar 1801), hat ſich weniger durch ſeine Gedichte, als durch ſeinen frommen Sinn, oder mit Herder zu reden, durch„ſeinen inneren apoſtoliſchen Charakter und durch ſeinen Glauben an Gott und Chriſto“ Berühmtheit erworben. Sein eigenthüm⸗ licher Standpunkt iſt der der„chriſtlich⸗theologiſchen Genialität“*), den er in gewiſſer Beziehung mit Friedr. Heinr. Jakobi(geb. zu Düſſeldorf 1743, ſtarb als Präſident der Akademie zu München 1819) theilt, von dem er zu einem„chriſtlich⸗theologiſch⸗philoſophiſchen“ erweitert wird.„Jakobi wollte die Frage der Religion aus dem Geſichtspunkte der Gefühlsdrängniß und indivi⸗ duellen Ahndungsfülle zur Grundfrage der Zeit machen, und die Antwort des Herzens mit dem Lichte der Philoſophie umhellen, Theologie und Philoſophie zugleich aber vor dem Altare der Poeſie zu vermählen“(Hillebrand), was ihm übrigens ſchlecht gelungen iſt. *) Anfangs entgegengeſetzte, ſpäter ziemlich übereinſtimmende Richtung mit Lavater hat Chr. Friedr. Daniel Schubart(geb 1739 ſtarb als Hof⸗ und Theaterdichter zu Stuttgart 1795). Mehr als durch ſeine dichteriſche Wirkſamteit— obgleich er äußerſt fruchtbar war— iſt er durch ſeine 10 jährige Gefangen⸗ ſchaft auf dem Asperg bekannt. Glut und Phantaſie zeichnen ſeine Gedichte aus, die oft jum Volkslied neigen, und die, wenigſtens die früheren, ganz auf dem Boden der kraftgenialen Produktivität ſtehen.„In ſeiner„Fürſtengruft“ herrſcht der volle Ton des Drangs, deſſen kühnſtes Wollen ſich aber in dem Plane zum „ewigen Juden“, von dem nur eine mäßige Rapſodie gedruckt vorliegt, ausſpricht“. Später ſang er manch ſchönes geiſtliche Lied. §. 37. Der Größte unter dieſen Dichtern, aber nicht allein unter ihnen, ſondern unter allen bisherigen, iſt Joh. Wolfg. v. Goethe. Er ſteht anfangs ganz auf gleichem Boden, kehrt aber mehr und mehr zur Ruhe des Gemüthes und Regel der Form zurück, bis er ſich daun bald auf die höchſte Höhe klaſſiſcher Vollendung emporgeſchwungen. J. W. v. Gvoethe iſt zu Frankfurt a. M. am 28. Auguſt 1749, Mittags um 12 Uhr geboren, alſo in der Zeit, in welcher die Sonne für den Tag den höchſten Stand erreicht hatte. Sein Vater, Juriſt und kaiſerlicher Rath, war ein ſehr fleißiger, pünktlicher und höchſt ordnungsliebender Mann, von großer Vor⸗ liebe für Literatur und Kunſt beſeelt, und auch die Mutter zeigte viel Geiſt und Gemüth. Dieſe ſchönen Eigenſchaften ſeiner Eltrrn hat Gvethe glücklich in ſich vereinigt. Seine große Vaterſtadt durchſtreifte er als Knabe nach allen Richtungen, beſuchte ſehr oft die Mainbrücke, ging gern am Fluſſe ſpazieren, trieb ſich auf dem Wochenmarkt und in der Meſſe ſehr häufig herum, ging öfters in Werk⸗ ſtätten, in wichtige öffentliche Gebäude ꝛc. und ward auf dieſe Weiſe, ſowie durch die Pracht bei der Krönung Zoſephs M. zum römiſchen Könige, auf das Viel⸗ ſeitigſte angeregt. Während des ſiebenjährigen Krieges wurde Frankfurt von den Franzoſen beſetzt und der Königs⸗Lieutenant, Graf Thorane, ward auf einige Jahre in Gvoethe's elterliches Haus einquartirt. Dieſer Officier, ein großer Freund der Kunſt, beſchäftigte während ſeines Aufenthaltes in der Reichsſtadt mehrere tüchtige Maler(namentlich Seekatz von Darmſtadt). Der kleine Wolf⸗ gang durfte oft mit in die Werkſtätte der Künſtler, wodurch ſein Kunſtſinn früh⸗ zeitig geweckt, ſein Geſchmack gebildet und ſein Urtheil geübt wurde. Die fran⸗ zöſiſche Sprache erlernte er in dieſer Zeit praktiſch recht leicht, beſuchte das da⸗ malige franzöſiſche Theater, las mit großem Eifer, aber heimlich, aus Furcht vor ſeinem Vater, Klopſtock's Meſſiade, zeichnete, dichtete, muſicirte, ließ in einem Roman ſieben Geſchwiſter in verſchiedenen Sprachen miteinander verkehren, be⸗ ſorgte manche Geſchäfte für ſeinen Vater, arbeitete in der Naturkunde, in der Rechtswiſſenſchaft und in verſchiedenen Sprachen ꝛc. Den Beſuch eines Gymna⸗ ſiums hat ihm ſein Vater nicht geſtattet; er unterrichtete ihn theils ſelbſt, theils ließ er ihm Privatunterricht geben in Gemeinſchaft mit mehreren andern Jungen. Im Herbſte 1765 ging Gvoethe nach Leipzig, um Jurisprudenz zu ſtudiren, lernte hier namentlich Gellert und andere tüchtige Männer kennen, beſchäftigte ſich ernſtlich mit der Kunſt und ihrer Geſchichte und verſuchte ſich ſelbſt im Kupfer ſtechen. Stürmiſche Leidenſchaften der Jugend und manche Unbeſonnenheit zogen ihm eine bedentende Krankheit zu, die mit einem Blutſturze begann. So kehrt er 1768 von Leipzig krank nach Frankfurt zurück, erhält hier die beſte Pflege und treibt bald wieder das Verſchiedenartigſte. Das Kunſtſtreben gefiel wohl dem Vater, aber er wollte doch in ſeinem Sohne recht bald einen wackern Juriſten ſehen, und drang deßhalb auf den Abſchluß ſeiner Berufsſtudien. 1770 begab ſich Gvethe nach Straßburg, befaßte ſich aber größtentheils mit Chemie, Anatomie und Medicin. Seiner wenigen juriſtiſchen Studien ungeachtet wurde er doch im Jahr 1771 Dr. juris. In Straßburg lernte er den vielgelehrten Herder kennen, der einen höchſt mächtigen Einfluß auf die Bildung ſeines Geiſtes aus⸗ übte. Nun kommt Gvethe wieder nach Hanſe, geht ſpäter an das Reichskammer⸗ Schenckel's Blüten, 2r Theil. Mte ſ. verm. Aufl. 26 402 gericht nach Wetzlar, findet da in dem lahmen, ſchlaffen Geſchäftsgang der Ge⸗ richtsſachen keine rechte Nahrung für ſeinen genialen Geiſt, feſtigt alte Freund⸗ ſchaften, ſchließt neue, und wird bald überall von den größten Gelehrten Deutſch⸗ lands aufgeſucht. Mit Merck*), Klinger, Lavater u. A. war er perſönlich bekannt und befreundet. Sein Ritterſchauſpiel„Götz von Berlichingen“ wollte er anfangs nicht drucken laſſen; aber Merck rief:„bei Zeit auf die Zäun, ſo trocknen die Windeln“. Das Stück wurde auf eigene Koſten des Dichters gedruckt, jedoch ohne Gvethe's Namen, der erſt der 2. Auflage vorangeſetzt wurde. Außerordentlich war der Beifall, den es erlangte. 1775 ward Goethe von dem regierenden Herzog von Sachſen⸗Weimar an den weimar'ſchen Hof eingeladen, im Jahr darauf zum geheimen Legationsrath mit Sitz und Stimme und 1779 zum wirkl. geheimen Rathe ernannt. Nachdem er 1782 Kammerpräſident ge⸗ worden und in den Adelſtand erhoben war, reiſte er 1786 nach Italien, hielt ſich beſonders in Rom auf und kehrte 1788 wieder nach Deutſchland zurück. Dieſe Reiſe war von dem unberechenbarſten, glücklichſten Erfolg für den Genius unſeres Dichters. 1792 machte er in Begleitung des Herzogs einen Feldzug in der Champagne mit, war bei der Belagerung von Mainz zugegen, zog ſich 1809 vom Staatsdienſte zurück, ward 1815 erſter Staatsminiſter in Weimar und ver⸗ lebte ſein heiteres Alter in der glücklichſten Ruhe und Behaglichkeit, mit dem unverwelklichen Lorbeerkranz um ſeine Schläfe, den ihm das ganze gebildete Europa gewunden. Man nannte ihn nur den„Fürſten deutſcher Dichter“ und erzeigte ihm von allen Seiten eine überſchwengliche Ehre. Jedem flößte die impoſante Geſtalt des Mannes Ehrfurcht ein. Der Arzt Hufeland verglich den 25jährigen Gvethe mit einem Apollon; denn er habe in keinem Manne eine ſolche Vereinigung phyſiſcher und geiſtiger Vollkommenheit und Schönheit erblickt, als in Goethe. Im Alter wurde er oft mit einem olympiſchen Jupiter ver⸗ glichen. Goethe's Selbſtbiographie:„Aus meinem Leben. Wahrheit und Dichtung“, iſt das Beſte, was wir in dieſem Theile der Literatur beſitzen und iſt gewiſſermaßen der Schlüſſel zum beſſern Verſtändniß ſeiner Werke, von denen eine ſchöne Ausgabe in 40 Bänden bei Cotta in Stuttgart erſchienen iſt. Gvethe ſtarb im Frühling(22. März) 1832 zu Weimar in ſeinem 83. Lebensjahre nach kurzem, ſchmerzloſen Krankenlager mit dem letzten Worte:„Mehr Licht!“ Seine Büſte iſt in der weimar'ſchen Hofbibliothek neben der Schiller'ſchen aufge⸗ ſtellt und ſein Leichnam ruht in der Fürſtengruft. In Frankfurt wurde ihm 1844 ſein Standbild als meiſterhaftes, großartiges Denkmal errichtet. Gvoethe, dieſe hohe Dichterceder, aus deutſchem Boden entſproſſen, erhebt ſtolz und mächtig das Haupt in die Wolken und zieht den bewundernden Blick der anſtaunenden Menſchheit zu ſich hinauf. Wie vielen ſeiner lyriſchen und dramatiſchen Dichtungen iſt das erhabene Meiſterſiegel aufgedrückt; überall iſt *) Joh. Heinr. Merck(geb. 1741, 4 1791, lebte als Kriegszahlmeiſter in Darmſtadt), ſtand mit den hervorragendſten Talenten ſeiner Zeit in brieflicher Verbindung, beſonders aber mit Goethe, der in dieſer Beziehung ſagt:„Ich und Merck waren immer mit einander wie Fauſt und Mephiſtophiles“. Er bezeichnet damit zugleich Merck's verneinenden Charakter. Wieland äußert ſich über ihn;„Merck iſt unter den Recenſenten, was Klopſtock unter den Dichtern, Herder unter den Gelehrten, Lavater unter den Chriſten und Goethe unter allen menſchlichen Menſchen“. 403 duftende Blüte und reife, köſtliche Frucht. Welche Weichheit und Ruhe, Natür⸗ lichkeit und Einfachheit, Tiefe und Kraft, feine Schattirung und glückliche Wen⸗ dung, welcher Reiz und Wohllaut herrſcht in ſeiner Sprache! Da iſt kein Wort zu viel noch zu wenig, allenthalben das richtige Maß bei dieſem ächten Jünger der Kunſt. Wie ſchön hat er in ſeinem„Sänger“ ausgeſprochen, daß der Dichter ſeinen wahren Lohn im Glücke des Schaffens und Dichtens ſelbſt finde. Die goldne Kette, womit er fürſtlich beehrt werden ſoll, wird ihm läſtig; deßhalb weiſt er ſie von ſich, weil er nur ſingen mag, wie der Vogel in den Zweigen ſingt, d. h. wie ihm ſein Inneres und die Natur gebieten. Faſt in jeder Dich⸗ tungsart iſt Goethe ein Meiſter, der ſich frei und feſſellos bewegt, ohne ſich den geringſten Zwang anzuthun. Alles Klaſſiſche, Hohe und Schöne, was das Alter⸗ thum wie die nächſte Zeit vor Gvoethe geleiſtet, iſt in ihm auf's Vollendetſte ver⸗ einigt und alle gebildeten Völker verehren ihn als einen erhabenen Genius. Er faßt das Leben und die Natur auf wie ſie ſind, keunt das Menſchenherz bis in ſeine tiefſten und geheimſten Winkel, bringt Alles mit der Poeſie in Einklang und gibt es uns im klaren Spiegel wieder; denn ihm ſoll die Poeſie ein heiteres Evangelium ſein, das die Menſchen mit dem Leben aus⸗ ſöhnt. Die Goethe'ſchen Dichtungen ſind ſeine lebendige Perſönlichkeit und laufen parallel mit ſeinem Leben, ſie ſind der getreue Abguß deſſelben; denn in einem Grade, wie keinem andern Dichter, iſt es Goethe gelungen, ſein äußeres und inneres Leben mit Allem, was ihn freute oder quälte, in ein Gedicht oder in einen Roman umzuwandeln, weßhalb er wohl der wahrſte Dichter genannt werden kann. Faſt in einer jeden poetiſchen Arbeit legt er eine Generalbeichte von einem Theil ſeines vergangenen Lebens ab, und doch iſt Alles wieder ſo allgemein wahr, daß er ſelbſt ganz in den Hintergrund tritt und ſeinen Stoff als einen äußerlich herbeigebrachten behandelt. Er ſagt ſelbſt von ſich:„Alle meine Gedichte ſind Gelegenheitsgedichte; ſie ſind durch die Wirklichkeit angeregt und haben da ihren Grund und Boden.“ Seine gefühlsinnigen, überaus herr⸗ lichen Lieder, wie viele ſeiner andern Gedichte ſchlagen den verklungenen Volks⸗ ton wieder an und dringen in die tieſſten Tiefen des menſchlichen Herzens. Welch ein warmer, ſeelenvoller Hauch durchweht die zarten, reinen Kinder ſeiner Muſe! In ſeinen größern Arbeiten ſind beſonders die weiblichen Charaktere oft mit dem unſterblichen Pinſel des erhabenen Meiſters unübertrefflich gezeichnet. Unter ſeinen dramatiſchen Dichtungen ſind als klaſſiſch hervorzuheben: das echt deutſche, kräftige Ritterſchauſpiel„Götzvon Berli chingen“, das Trauerſpiel„Egmont“, die Schauſpiele„Iphigenia auf Dauris“ und„Torquato Taſſo“, dann die großartige Tragödie„Fauſt“(. Theil), welche zu einem Weltgedicht ge⸗ worden iſt, dem keine Nation etwas Gleiches entgegen ſtellen kann. Hierin zeigt ſich das Genie Gvethe's in ſeiner ganzen Größe. Alles, was nur eine menſchliche Bruſt bewegen kann, das Höchſte wie das Tieſſte, das Lieblichſte wie das Rüh⸗ rendſte, iſt in geheimnißvoller Tieſe darin niedergelegt. Es iſt in ſeinem inner⸗ ſten Kerne deutſch gefühlt und gedacht und gibt das raſtloſe Ringen und Streben, den unendlichen Durſt des menſchlichen Geiſtes nach dem Höhern, Göttlichen, im Kampfe mit dem ſinnlichen Welt⸗ 26* 404 genuſſe in tiefſter Poeſie zu erkennen. Die Fauſt⸗Sage hat gegen 40 Bearbeiter gefunden, darunter aber nur Ein Goethe. Der Goethe'ſche Fauſt verſchaffte der deutſchen Literatur die größte Achtung im Auslande und iſt faſt in alle gebildeten Sprachen überſetzt, namentlich mehrmals ins Franzöſiſche und Engliſche, ins Spaniſche und Italieniſche. Die epiſche Dichtung„Hermann und Dorothea“ iſt durch und durch Meiſterwerk und ſteht hoch über dem ähnlichen Gedichte„Loniſe“ von Voß, das nur einzele wahrhaft poetiſche Parthien aufzuweiſen hat. Das Goetheſſche iſt ein herrlicher Tugendſpiegel, der die reinſten Lebensbilder in poetiſcher Friſche und Natürlichkeit wiederſtrahlt.(S. S. 248.) Weiteres über Goethe zu ſagen, geſtatten uns Zweck und Raum dieſes Buches nicht; nur ſei noch bemerkt, daß ſeine literariſche Thätigkeit einen Zeitraum von beiläufig 60 Jahren umfaßt, wahrlich ein ſeltenes Glück eines Sterblichen. Er iſt der hohe wundervolle Leuchtthurm der Dichtkunſt für Vergangenheit und Zu⸗ kunft. Sein Dichterleben zerfällt in drei Hauptperioden. Die erſte iſt die ſeiner kraftgenialen Thätigkeit, des Sturmes und Dranges, in der er aber weit über ſeine Zeitgenoſſen hervorragt und ſich nicht durch die Uebertreibungen derſelben mitfortreißen läßt. In ſeiner zweiten eigentlich kaſſiſchen, wirkt er mit ſeinem innigen Freunde Schiller zuſammen. Sie zeichnet ſich aus durch geniale Erfindungen dichteriſchen Stoffes, wie durch eine vollendete Darſtellung desſelben. Die dritte Periode iſt die elegante und belehrende, die eine zierliche, marmorglatte Form bildet und das Univerſalgenie faſt in jedem Zweige der Wiſſenſchaft bekundet, dabei aber doch nur ſelten den vollendeten Mann Goethe wieder erkennen läßt.— Werfen wir nun noch einen kurzen Rückblick über das reiche Lebensbild Goethe's, faſſen wir noch einmal kurz ſein Bilden und Wirken zuſammen, ſo können wir das nicht beſſer als mit den Worten Hille⸗ brand's:„Aus dem Wirrwarr der alten Traditionen ſich herauskämpfend, an Leſſing's hellem Verſtande ſich zunächſt erleuchtend und durch Herder's lebendige Anſchauungen zu nenem Bewußtſein aufgeweckt, trat er wie ein Geſandter des Himmels unſerer deutſchen Muſe in die Mitte der aufſtürmenden Jünger des literariſchen Naturdranges, mitlebend und mitempfindend, aber auch zugleich die dämoniſchen Kräfte beſiegend und über dem Titanismus ſeiner Genoſſen den Thron olympiſcher Herrſchaft und Ruhe erbauend“. In höchſter poetiſcher Macht und Kraft„machte er nun die Poeſie zum Spiegel und Leiter der Kultur, ver⸗ mählte Wiſſenſchaft und Kunſt und gab der Freiheit des Gedankens wie den Ideen des Genies den höchſt vollendeten und bedeutſamſten Ausdruck“. Mit Recht konnte er daher an dem Ziel ſeiner Tage im Fauſt ausrufen: „Es kann die Spur von meinen Erdetagen Nicht in Aeonen untergehn“*). §. 38. Wir wenden uns nun von dem einen größten Dichter Deutſchlands zum andern größten, nämlich zu Joh. Chriſtoph Friedrich v. Schiller**), der die Sängerkrone mit Goethe theilt und neben ihm ſitzet auf dem ewigen Thron vollendeter Klaffik. Schiller wurde den 11. November 1759 in dem Ausfihrlicheres über erg Dichterhalle, 1r Bd. S. 245 **) Vgl. Dichterhalle, 3. Bd., f. 405 würtemb. Landſtädtchen Marbach geboren. Sein Vater war ein ſchlichter, ſtrengrechtlicher Mann von unermüdlicher Thätigkeit und militäriſcher Dreſſur, ſeine Mutter eine milde gefühlvolle, anſpruchsloſe Frau, voll aufopfernder Liebe, gepaart mit gottesfürchtigem, frommem, gläubigem Sinn. Tugend, Religioſität und ſtrenge Sittlichkeit waren der Eltern ſchönſte Zierde und dazu ſuchten ſie ſchon frühe ihren Sohn heranzubilden, der in Geſtalt und Geiſt faſt ganz das getreue Ebenbild ſeiner guten Mutter war. In ſeiner Jugend hatte er mit allen möglichen Kinderkrankheiten zu kämpfen und auch in männlichen Jahren war er oft und lange leidend. Schon in ſeinem 5. Jahre hörte er aufmerkſam zu, wenn ſein Vater im Familienkreiſe etwas vorlas. Lieblingsbuch war ihm die Bibel, die ihn in ihren Prophezeihungen beſonders anzog. Oft ſtand der Kleine mit vor⸗ gebundener ſchwarzer Schürze und einem Käppchen auf dem Kopfe auf dem Stuhle und predigte ernſt die auswendig gelernten Sprüche. Betete der Vater den Morgen⸗ und Abendſegen, ſo ſprang er eilends vom Spiele weg, und hörte mit Andacht zu. Mit gefalteten Händchen, den blauen, gen Himmel erhobenen Augen und dem von hochblonden Haaren umwallten ausdrucksvollen Kinderantlitz ſoll der kleine Beter einem Engel geglichen haben. Seinen erſten Unterricht erhielt Schiller vom Pfarrer Moſer zu Lorch, wohin die Familie 1765 übergezogen, aber ſchon 1768 trat er in die lateiniſche Schule zu Ludwigsburg ein. In ſeinem 9. Jahre ſah er hier zum erſten Male ein glänzendes Theater, was einen ſolchen Eindruck auf ihn machte, daß er bis zu ſeinem 14. Jahre dramatiſche Scenen mit ausgeſchnittenem Papier aufführte und Plane für verſchiedene Trauerſpiele faßte. Nachdem Schiller konfirmirt war und ſeinen Curſus in der lateiniſchen Schule beendigt hatte, mußte er gegen ſeinen Willen in die Militärſchule auf dem Luſtſchloſſe Solitüde, die ſpäter nach Stuttgart verlegt und zur Karlsakade⸗ mie erweitert wurde. Er ſchätzte ſich ſo glücklich, ſeinem Vaterlande einmal als Gottesgelehrter dienen zu können und ſah durch dieſe Beſtimmung ſeinen Lieb⸗ lingsplan, Theologie zu ſtudiren, auf einmal vernichtet*). Die Rechtswiſſenſchaft ſollte nun den Kreis ſeiner Studien ausmachen, wurde jedoch bald mit der Mediein vertauſcht. Die ſtreng militäriſche Einrichtung der Anſtalt ſagte Schiller's aufſtrebendem Geiſte nicht zu, er faßte den Plan zur Flucht, der aber mißlang. Da beſchäftigte er ſich denn insgeheim mit den Schriften der vorzüglichſten deutſchen Dichter. Klopſtock's Oden und deſſen Meſſiade erfüllten ſeine Seele mit frommen Gefühlen und gaben ſeinem poetiſchen Genius die erſte mächtige Anregung. Er las nun Goethe's„Götz“, Gerſtenberg's„Ugolino“, dann Leſſing, Uz, Haller und als Goethe's„Werther“ durch die eiſernen Pforten der Akademie gedrungen war, erregte er gleich einem über's Meer fahrenden Sturm den Dichtungstrieb zu ſchwellenden Wogen auf. Gleichzeitig durch die Wieland'ſche Ueberſetzung mit Shakspeare, der ſein ganzes Weſen ergriff und ſeinem Talente die entſchiedene Richtung zum Dramatiſchen gab, bekannt geworden, ſchrieb Schiller als 18jähriger Jüngling die„Räuber“(1781), die ungehenren Beifall *) uebrigens wurde Schiller doch, wie Hoffmeiſter bemerkt,„dem Weſen nach ein Prediger, aber nicht von der Kanzel, ſondern von der Schaubühne herab, nicht vor einer konfeſſionellen Gemeinde ſondern ein Prediger vor der großen Menſchenfamilie“. 406 einernteten. 1782 wurden ſie in Mannheim zum erſtenmale aufgeführt. Der Verfaſſer war dabei ohne Urlaub*) anweſend, büßte aber nach ſeiner Rückkehr dieſen Genuß mit 14tägigem Arreſt; während welcher Zeit er den Plan zu „Cabale und Liebe“ entwarf und die Idee zur„Verſchwörung des Fiesko faßte. Weil der Herzog jedesmal die poetiſchen Arbeiten Schiller's vor dem Drucke zur Durchſicht verlangte und endlich dem jungen Dichter ſogar verbot, etwas Anderes als Mediciniſches drucken zu laſſen, flüchtete ſich Schiller 1782; ſeine Füße wollten ihn nicht mehr tragen und er brach in einem Wäldchen zwiſchen Darmſtadt und Frankfurt vor Mattigkeit zuſammen. Aus dem theueren Frankfurt entfernte er ſich bald und ſetzte in Oggersheim bei Mannheim ſeine dramatiſchen Dichtungen„Fiesko“ und„Cabale und Liebe“ fort, bis ihm Frau v. Woll⸗ zogen in Bauerbach eine Freiſtätte bot. 1785 ging er auf die Einladung Körner's (Vater des Dichters Th. Körner) nach Leipzig, 1787 mit dieſem nach Dresden, wo er einige Jahre blieb. Um dieſe Zeit ſtudirte er fleißig Geſchichte, ſchrieb den„Abfall der vereinigten Niederlande“ und den„30 jährigen Krieg“. Durch die Vorarbeiten zu ſeinem„Don Carlos“, einem ſehr langen Drama, von dem Wieland ſagt:„Auch Aufhörenkönnen iſt eine Kunſt“— ward der Regent von Sachſen Weimar auf ihn aufmerkſam, berief ihn nach Weimar und ernannte ihn zum Rath. Hier lernte Schiller die großen Männer: Goethe, Herder, Wieland und auch Bürger kennen, mit deuen er Weimar zum deutſchen Athen machte**). Goethe, welcher ſpäter ein ſo inniger Freund Schiller's war, machte anfangs nicht den gehofften Eindruck auf Letztern. 1789 erhielt Schiller eine Stelle als Profeſſor der Geſchichte an der Univerſität Jena, vorläufig ohne Gehalt; doch ſetzte ihm bald der Herzog einen Jahrgehalt von 200 Thalern aus. Auf dem Katheder machte er wegen Ungeübtheit im Rede⸗ vortrag kein großes Glück; doch durchflog ſein Dichterruhm bald alle Theile Europas und die franzöſiſche Republik ernannte den jungen Freiheitsſänger zum Ehrenbürger. 1790 verheirathete er ſich mit Charlotte von Lengefeld; und 1802 erhob ihn der deutſche Kaiſer in den Reichsadelſtand. Zu Anfang der neunziger Jahre befiel ihn eine ſchwere Bruſtkrankheit und er mußte ſich aufs Sorgfältigſte zu ſchonen ſuchen. Unerwartet erhielt er von dem Erbprinzen von Holſtein⸗Auguſtenburg und dem Grafen Schimmelmann das edle Anerbieten, einen jährlichen Gehalt von 1000 Thlrn. 3 Jahre lang zu beziehen mit dem ſchriftlichen Bemerken, daß der Anblick der Titel dieſer hohen Menſchenfreunde ihn nicht beſtimmen ſolle, das Geld abzulehnen; denn er ſolle ſeine Geſundheit ſchonen. Gegen den Schluß des Jahrhunderts vollendete er ſein großartiges Meiſterwerk„Wallenſtein“, in welchem ſein Genius einen höhern Flug ge⸗ *) Er war damals Regimentsarzt, ſtand alſo in den ſtrengen Banden militäriſcher Verhältniſſe.— **) Außer den Genannten lebten hier noch Karl Ludw. v. Knebel(geb. 1744, † 1834) bekannter durch die Ueberſetzungen des Propertius und Lukretius, als durch ſeine Gedichte— und Joh. Daniel Falk (geb. 1770 zu Danzig, † als Legationsrath zu Weimar 1826), der ſich als Satiriker ſeiner Zeit einen Namen erworben. Auch in der Lyrik hat F. einige Proben geliefert, die bedauern laſſen, daß er ſich dieſem Zweige nicht mit reinerer Liebe und beſcheidnerem Selbſtbewußtſein zugekehrt. Als Beleg dafür kann Nr. 69 dienen. 407 nommen, als bisher. Seit 1799 lebte Schiller mit ſeiner Familie in Weimar, weil der Erbprinz ihm eine ſorgenfreiere Stellung geſichert hatte. 1804 war er bei Aufführung ſeines„Tell“ in Berlin, und der König bot ihm 3000 Thlr. als Jahrgehalt an, wenn er für immer in Berlin bleiben wollte. Auf Wallenſtein folgten:„Maria Stuart“,„Jungfrau von Orleans“,„Braut von Meſſina“ und als Schluß ſein unſterblicher„Tell“, den er uns ſcheidend als ein würdiges Denkmal ſeines großen Geiſtes hinterlaſſen hat; denn in Folge der vielen anhaltenden nächtlichen Arbeiten, wobei er ſich durch den Genuß geiſtiger Getränke künſtlich aufregte, war ſeine Geſundheit ſchon Jahre lang zerrüttet und der Todesengel führte den genialen Geiſt den 9. Mai 1805 in eine höhere Welt hinüber, von einer treuen Gattin, von zwei Söhnen, zwei Töchtern, von ſeinen Freunden, ja von ganz Deutſchland innig betrauert. Sein Leichnam wurde im Landſchaftskaſſengewölbe auf dem alten Kirchhofe zu Weimar in der Nacht vom 11. auf den 12. Mai feierlichſt beerdigt. 1826 grub man ihn heraus und ſetzte ihn neben der Fürſtengruft bei. 1839 errichtete man auf dem Marktplatze zu Stuttgart das Standbild Schiller's als Denkmal, ausgeführt von dem großen Meiſter Thorwaldſen und in Erz gegoſſen von Styglmaier. Die Enthüllung dieſer Statue war ein wahres deutſches Nationalfeſt. So iſt denn Schiller im ſchönſten Mannesalter, mitten in der Vollkraft ſeiner Jahre, von uns geſchieden. Goethe's ſchöne Worte über Winkelmann*) gelten auch von ihm:„Wir dürfen ihn wohl glücklich preiſen, daß er vom Gipfel des menſchlichen Daſeins zu den Seligen emporgeſtiegen, daß ein ſchneller Schmerz ihn von den Lebendigen hinweggenommen. Die Gebrechen des Alters, die Ab⸗ nahme der Geiſteskräfte hat er nicht empfunden. Er hat als Mann gelebt und iſt als ein vollſtändiger Mann von hinnen gegangen. Nun genießt er im An⸗ denken der Welt den Vortheil, als ein ewig Tüchtiger und Kräftiger zu er⸗ ſcheinen“(Bd. 30, S. 49). Schiller lebte nicht in ſo glänzenden, glücklichen Verhältniſſen wie Gvethe, dem alle guten Götter ſchon an der Wiege lächelten; ſein Leben war vielmehr ein immerdauernder Kampf. Man möchte ſagen: Gvoethe iſt als Dichter geboren, Schiller dagegen hat ſich durch eigne Kraft zum Dichter emporgearbeitet, oder wie Gvethe ſagt:„zum Höchſten hat er ſich emporgeſchwungen“**). Und wie hier in der äußeren Entwickelung ſo ſtehen ſich beide auch in ihrer gei⸗ ſtigen Lebensrichtung entgegen, die zwar ein gleiches Ziel erſtrebt, aber entgegen⸗ geſetzte Wege wählt. Während Goethe die Natur und unmittelbare Gegenwart des Wirklichen zum Inhalte der Idee machte, die Welt nimmt, wie ſie iſt, aber bis zum Durchſcheinen der Idee verklärt, ſucht Schiller Natur und Leben zu zeichnen, wie ſie ſein ſollten: „legt das Große in das Leben und er ſucht es nicht darin“. *) Joh. Joachim Winkelmann(geb. 1717, † 1768), ein geiſtreicher, feingebildeter, kunſtliebender und kunſtverſtändiger Mann, iſt durch verſchiedene Abhandlungen und ſeine Geſchichte der Kunſt des Alter⸗ thums(1704) der Schöpfer der deutſchen Kunſtgeſchichte und zugleich„der erſte wahre Interpret des griech. Geiſtes und ſeiner wunderbaren Werke“ geworden. Sein reiches Wirken verdient wohl einen ſolchen Lob⸗ ſpruch aus ſolchem Munde—**) Aehnlich ſagt Schiller ſelbſt:„Das Schickſal hat die Schwierigkeiten für mich beſiegt— es hat mich zum Ziele gleichſam getragen“. 408 Inſofern iſt Schiller ein Dichter idealer Subjektivität, während Goethe als höchſter Prieſter rein objektiver Natur⸗ und Weltanſchauung daſteht. Dieſe Subjektivität bedingte dann auch Schiller's Streben nach höherer geiſtiger Freiheit“*), und ſein inniges Gemüth, genährt durch das Studium der Kant'⸗ ſchen Philoſophie, das Streben,„das Werk der Noth in ein Werk ſeiner freien Wahl umzuſchaffen und die phyſiſche Nothwendigkeit zu einer moraliſchen zu erheben“, wie er ſelbſt bezeichnend genug ſagt. Von ſolchen Gedanken beſeelt, mußte Schiller's hoher, kräftiger Geiſt der ganzen Welt den Krieg erklären und jede ſeiner früheren Arbeiten iſt entweder eine Haupt⸗ ſchlacht, oder wenigſtens ein ſtarkes Gefecht gegen das Gemeine, Unwahre und Unfreie. Er ſagt ſelbſt:„Wir haben eine ganz andere Welt in unſerm Herzen, als die wirkliche Welt iſt“. Später findet aber der Dichter die Welt lange nicht mehr ſo ſchlecht und ſöhnt ſich in Frieden mit ihr aus, nachdem das Heldenfeuer des raſchen Jünglings in dem geſetzteren Manne der That in ruhigerer Glut fortlebte und mehr die Wirklichkeit im klaren Lichte beſchauen ließ. Hierbei war Gvethe offenbar von außerordentlich glücklichem Einfluß auf Schiller. Wie viele wären in dieſem Kampfe erlegen; aber Schiller's Genius brach ſich ſiegreich Bahn und Gvoethe kann ihm mit Recht nachloben: „Und hinter ihm, im weſenloſen Scheine Lag, was uns Alle bändigt,— das Gemeine.“ Schiller's Kunſtanſicht war eine vortreffliche, nie wollte er ſein letztes Wort geſagt haben. Als Kritiker war er geiſtreich und ſcharf, verfuhr aber doch gegen Bürger zu hart. Als dramatiſcher Dichter iſt er ausgezeichnet, ſeine Hauptdramen ſind„Wallenſtein“ und„Tell“. Vortrefflich ſind auch viele ſeiner Balladen, durch die er die deutſche Poeſie um recht viel Töchtiges bereicherte. Vilmar meint, daß wir außer Goethe's„Braut von Corinth“ nichts in unſerer ganzen Poeſie alter und neuer Zeit haben, was in dieſer Art mit Schiller's Dichtungen in Vergleich geſetzt werden könnte. Unerreicht iſt„Das Lied von der Glocke“(Nr. 196), worin der Dichter ein fortſchreitendes Bild des häus⸗ lichen und öffentlichen Lebens der Menſchen mit größter Meiſterhand entwirft. Im„Spaziergang“ zeigt er uns die Entwickelung des Menſchengeſchlechts, indem er Natur und Kultur ſo ſchön neben einander ſtellt; er entflieht des Zimmers Gefängniß, wandelt durch blühende Auen, freundliches Wieſengrün, ſchattige Buchen den ſchlängelnden Pfad hinan ꝛc. und verſetzt ſich dabei in die Zeit, in welcher die Natur die bildende und umgeſtaltende Hand des Menſchen noch nicht erfahren hatte.— Es wäre hier noch ſo viel des Lobenden und Anerkennenden zu ſagen, noch an ſo manchem Gedicht die Fülle des Inhalts und der Glanz der Sprache her⸗ vorzuheben, doch müſſen wir darauf verzichten. Indem wir noch kurz darauf hinweiſen, wie ſich auch in Schiller's poetiſcher Thätigkeit 3 Perioden unterſcheiden laſſen die Periode des Sturmes und Dranges, der geiſtigen Läuterung und der eigentlichen Klaſſik, wie die erſte in den Räubern, in Fiesko und in Cabale und Liebe, die zweite in den geſchichtlichen Abhandlungen und Werken und endlich die *)„Schiller predigte immer das Evangelium der Freiheit“, ſagt Gvethe. 409 dritte in Wallenſtein, Maria Stuart, Jungfrau von Orleans, der Braut von Meſſina und Wilhelm Tell— der einſchläglichen Gedichte nicht zu erwähnen— ihren Ausdruck findet, müſſen wir zum Schluſſe ſagen: Schiller war, iſt und bleibt der Liebling ſeiner Nation; er hat ſich unſterblich geſungen und ſteht da als ein hellſtrahlender Stern, der nie unter den Horizont tritt; „Er glänzt uns vor, wie ein Komet entſchwindend, Unendlich Licht mit ſeinem Licht verbindend“. §. 39. Goethe's und namentlich Schiller's Hauptfeld der Dichtung war das Drama, in dem ſie„durch Darſtellung des Großen und Idealen in Charakter und Handlung die Energie des Willens und der Geſinnung zu beleben und zu ſteigern“ ſuchten. Mit und neben ihnen war übrigens noch eine Menge unter⸗ geordneter Dichter auf dieſem Gebiete thätig, die ſich theils an jene anlehnen, theils auch die letzten Ausläufer der Leſſing'ſchen Dramaturgie ſind. Ihre Zahl iſt ſo groß, das Gewirre der Produktionen und Richtungen ſo mannigfaltig, daß es ſchwer hält, in wenig Zügen ein überſchauliches Bild zuſammenzuſtellen. Wir müſſen uns begnügen, die Hauptnamen hervorzuheben. Goethe gibt dieſelben an⸗ wenn er ſchreibt:„Schröder'ſche, Iffland'ſche, Kotzebue'ſche Stücke waren eigentlich an der Tagesordnung“. Friedr. Ludw. Schröder(geb. 1744 in Schwerin, leitete von 1786— 98, und 1811— 16 in klaſſiſcher Weiſe das Ham⸗ burger Theater, † 1816), bearbeitete Shakspeare ſche Stücke, ſchrieb übrigens auch ſelbſt(der Vetter aus Liſſabon, der Ring, Porträt der Mutter, die Stimme der Natur, Stille Waſſer ſind tief ꝛc.), wobei ihm„feſte, beſtimmte, ſchlagende Züge“ mehr galten, als kunſtgehaltene Eutwickelung. An Schröder zunächſt ſchließt ſich Aug. Wilhelm Iffland an(geb. 1759 zu Hannover, † als Direktor des Nativnaltheaters zu Berlin, 1814). Goethe weiß viel von ihm zu rühmen, Schiller hält weniger auf ihn, und wir glauben, nicht mit Unrecht. Von ſeinen zahlreichen Stücken, die eine gleichmäßige Mittelmäßigkeit, eine gewiſſe rührende Trivialität, wie Tieck es nennt, zum Inhalt;„moraliſche Belehrung durch Vor⸗ führung ehrenhafter Charaktere, rührender Situationen, bürgerlicher Zucht und Sitte, rechtſchaffener, großmüthiger und überhaupt wackerer Geſinnung“ zum Zwecke haben, ſind beſonders„Die Jäger“ durch lebendigen Fortſchritt und gelungene Entwickelung der Charaktere ausgezeichnet. Iffland machte„die all⸗ tägliche Wirklichkeit“ zur Poeſie, Aug. Fr. Ferd. v. Kotzebue(geb. 1761 zu Weimar, eine Zeit lang Theaterdichter in Wien, trat ſpäter in ruſſiſche Dienſte, ward Theaterdirektor in Petersburg, 1814 ruſſ. Generalconſul in Königsberg und als ſolcher 1819 von dem Studenten Sand aus Wunſiedel erdolcht) die Lüge. Vortrefflich characteriſiren ihn die bekannten Verſe: „Er ſchmierte wie man Stiefel ſchmiert, Vergebt mir dieſe Trope, Und war ein Held an Fruchtbarkeit*) Wie Calderon und Lope“, denen wir noch noch ein Wort Hillebrand's zufügen wollen:„Bei ihm begegnen ſich Gutes und Böſes, Gemüth und Leichtſinn, Rührung und Frivolität, Erhaben⸗ *) Schrieb allein 211 Theaterſtücke! 4¹⁰ heit und Gemeinheit, Religion und Freigeiſterei, Ernſt und Witz, Bildung und Plattheit, ſprachliche Schönheiten und fades Geſchwätz in willkürlichſter Durch⸗ wirrung.“ Indem wir noch bemerken, daß Kotzebne zu ſeinen Dramen eine ganze Reihe von Romanen als Seitenſtücke geſchrieben, nehmen wir Veranlaſſung, einen kurzen Blick auf die gleichzeitigen Romanſchreiber und Rovelliſten zu werfen. Wie gewiſſermaßen Gellert in„dem Leben der ſchwediſchen Gräfin“(1746) den Anfangspunkt für den Roman abgibt, wie ſich daran die Romane von Johann Timotheus Hermes(geb. 1738 zu Petznik bei Stargard, † als Probſt zu Bres⸗ lan 1821):„Sophiens Reiſe von Memel nach Sachſen“ c.; von Joh. Gottwerth Müller(geb. 1744 zu Hamburg, † 1779):„Siegfried von Lindenberg“ ꝛc.; von Frau Sophie La Roche(1730— 1807):„Geſchichte des Fräuleins von Sternheim ꝛc.; von Friedrich Schulz(1762— 1798):„Moritz und Leopoldine“; von Joh. Jak. Engel(1741 zu Parchim, 1776 Gymnaſialprofeſſor in Berlin, Lehrer des Kronprinzen Friedrich Wilhelm 1II., 1787— 94 Theaterdirektor, 1802):„Lorenz Stark“; von Aug. Heinrich Julius Lafontaine(1788— 1831):„Heimeran von Flamming“,„Klara du Fleſſis“ ꝛc., und einer Menge Anderer anreihen, das Alles müſſen wir dabei übergehen;— können auch nicht nachweiſen, wie ſich aus dieſen Familien⸗, Ritter⸗, Räuber⸗ und Geiſterromanen der humoriſtiſche Roman— um dem es ſich hier hauptſächlich handelt— herausgebildet hat. Genug, daß letztere Romane um 1770 aus England herüber zu uns verpflanzt wurden, daß Theod. Gottl. v. Hippel der rechte Urheber, Jean Paul Friedrich Richter der Vollender derſelben iſt. Hippel(geb. 1741 zu Gerdauen in Oſtpreußen, † als Bürgermeiſter von Königsberg 1796), zu deſſen Charakteriſtik Hamann in ſeiner eigenthümlichen Weiſe an Jakobi ſchreibt:„Er iſt Bürgermeiſter, Polizeidirektor, Ober⸗Criminalrichter, nimmt an allen Geſell⸗ ſchaften Theil, pflanzt Gärten, hat einen Baugeiſt, ſammelt Kupfer, Gemälde, weiß Lurus und Oekomie mit Weisheit und Thorheit zu vereinigen“, iſt durch die von religiöſem Geiſt durchdrungenen, mit körnigen Bemerkungen und friſchem Humor gewürzten„Lebensläufe nach abſteigender Linie“(ſeine eigene Jugendge⸗ ſchichte) und„Kreuz⸗ und Querzüge des Ritters A— Z“ bekannt und berühmt. Bekannter und berühmter aber iſt Jean Paul, geb. am 21. März 1763 zu Wunſiedel, einem romantiſch gelegenen Städtchen am Fichtelgebirge, wo ſein Vater Rector war. Schon in ſeinem 17. Jahre(1786) bezog er die Univerſität Leipzig, um Theologie zu ſtudiren, wandte ſich aber bald zur Poeſie und den ſchönen Wiſſenſchaften, zumal da der Tod des Vaters und die dadurch entſtandene arme Lage ihn zu frühem Schriftſtellern nöthigte. Von Leipzig abgegangen, hielt er ſich einige Zeit unter drückenden Verhältniſſen in Schwarzenbach— wo ſein Vater ſpäter als Pfarrer gewirkt— auf. Als ſich ſeine Lage gebeſſert und ſeine Schriften ihn bekannt gemacht, lebte er nacheinander in Hof, Leipzig, Weimar, Berlin, Meiningen, Coburg und zuletzt in Baireuth(mit dem itel eines Legationsraths, den ihm der Fürſt von Hildburghauſen verliehen hatte), wo er am 14. November 1825 ſtarb, nachdem er ſchon vorher erblindet war.— Bei Mangel an Welt⸗ und Menſchenkenntniß und einer gediegenen höheren Weltbildung einerſeits, an philo⸗ ſophiſcher Tiefe und Gründlichkeit anderſeits, beſitzt Jean Paul ein treffliches 411 Talent und bedeutende poetiſche Compoſitionsgabe. Eine vorherrſchend ſentimen⸗ tale, von religiöſem Geiſte warm angehanchte Innerlichkeit iſt Mittelpunkt ſeines Lebens, die er,„umſchlungen von dem Farbenglanz und Duft ſeiner Phantaſie und bilderreichen Gefühls⸗Sprache, zwiſchen deren Blüten der Witz als funkelnde Thränenperle ſchimmert“, in ſeinen Arbeiten abdrückt, wobei jedoch eine gewiſſe Verworrenheit und Ueberladung oft ſtörend entgegentritt. Zieht das„Unſchuldige, Herzliche, Sehnſuchtsvolle und Wehmüthige ſeiner Schilderungen“, durchſprüht von den geiſtreichſten Gedanken und Bemerkungen, oder, wie Vilmar ſagt:„das bunte Feuerwerk, welches er in dem milden Dunkel der Sommernacht in tauſend ſprühenden, ſpringenden, gaukelnden Büſchen, Garben und Rädern vor uns ſpielen läßt“, an, ſo ſtößt die oft ſchwerfällige, gezwungene, ſprungweiſe fortſchreitende Darſtellung, das „unpoetiſche Durcheinander“ ab.— Von Jean Paul's Werken ſind zu nennen: Hes⸗ perus(1795)— Das Leben des Quintus Firlein(1795)— Titan(1800)— Die Flegeljahre(1804); wobei wir zugleich auf die wiſſenſchaftlichen Schriften: Vorſchule der Aeſthetik(1804) und Levana oder Erziehlehre(1807) hinweiſen. §. 40. In Goethe und Schiller hatte die Poeſie ihre höchſte Höhe erreicht und ſie„drang mit Macht in die Wiſſenſchaft, in die bildende Kunſt, in das Leben“; ohne jedoch bis zum vollkommenen Einsſein damit zu gelangen. Dieſe vollſtändige Einheit herzuſtellen, oder wie A. Müller ſagte,„alle tauſendfarbigen Erſcheinungen der Wiſſenſchaft und Kunſt mit ihren unendlichen Reflexen in dem einen Brennpunkt der Poeſie zuſammenſtrahlen zu laſſen“, iſt die Hauptaufgabe der romantiſchen Schule, die um die Mitte der 90er Jahre entſtand. Der lebendige, fröhliche Geſang, welcher im Mittelalter die Herzen des Volkes friſch erhielt, das Volksepos, der entſchieden chriſtliche Glaube, das reiche, kirchliche Leben, wie die weltliche Macht und Größe, waren neben den romantiſchen Klängen der Spanier und der kühnen Originalität Shakspeare's die Mittel; das Ver⸗ ſchmelzen der aufgefundenen Schätze und Formen mit deutſchem Geiſte der Beruf dieſer Schule. Von dieſer Seite her betrachtet iſt ſie eine nothwendige Ergänzung unſerer zweiten klaſſiſchen Dichterperiode, indem ſie zur Univerſalität und zum innigen Verſchmelzen des deutſchnationalen Elementes mit dem fremdländiſchen viel beitrug. Hätten auch die Romantiker und ihre Jünger kein weiteres Ver⸗ dienſt, als die reiche Sammlung alter köſtlicher Volkslieder durch Arnim und Brentano, als die Pflege der Volksmärchen und Volksſage, die Kräftigung für den nationalen Geiſt, durch die Brüder Grimm*) und die großartige deutſche hiſtoriſche Sprachforſchung durch eben dieſelben: ſo hätten ſie dadurch ſchon eine bleibende Stellung in der Literaturgeſchichte erobert. Doch verdankt ihnen die Literatur noch mehr, wie die Betrachtung der einzelnen Vertreter, zu der wir jetzt übergehen wollen, zeigen wird. Der eigentliche Begründer und Vater der romantiſchen Schule iſt Auguſt Wilhelm v. Schlegel**), geb. am 8. September 1767 zu Hannover, wo ſein Vater damals Geiſtlicher war. Anfangs zur Theologie beſtimmt, ging er ſpäter *) Jakob Ludwig Karl, der ältere und bedentendere, iſt geb. 1785, Wilhelm Karl 1786, in Hanau. Gleichzeitig 1829 nach Göttingen berufen, 1837 aber entlaſſen, gingen ſie als Profeſſoren 1841 nach Berlin, wo ſie noch jetzt ununterbrochen thätig ſind und eben ihr großes deutſches Wörterbuch beſorgen.— **) Dichterhalle 3r Bd. S. 157. zur Philologie über, ward 1798 Profeſſor in Jena, gab dann dieſe Stellung auf, um Reiſen durch Frankreich, Italien und Dänemark zu machen, worauf er 1818 Profeſſor der Literatur und Geſchichte in Boun ward, wo er am 12. Mai 1845 ſtarb. Schlegel war ein Mann von kritiſchem Scharfſinn, umfaſſender Gelehr⸗ ſamkeit und außerordentlicher Beleſenheit faſt in allen Literaturen. Als tüchtiger Kritiker kämpfte er im Bunde mit ſeinem Bruder und Tieck gegen das Schwache und Schlechte, meiſterte aber auch oft die Meiſter und warf ſich unberufen zu ihrem Herrſcher und Kunſtrichter auf. In ſeinen Gedichten iſt eine edle Sprache und eine reine Form, doch fehlt manchen der warme Pulsſchlag des Herzens. Wir erwähnen das Abendlied für die Entfernte— die Todtenopfer für ſeine Stieftochter Auguſte Böhmer— die vielgeprieſene und bekannte Romanze Arion. Durch die meiſterhafte Ueberſetzung des Shakspeare erwarb ſich Schlegel einen unſterblichen Namen, weil durch ihn der große Britte erſt vollkommen deutſches Eigenthum geworden iſt. Auch ſeine„Blumenſträuße der ſpaniſchen, portugieſiſchen und italieniſchen Poeſie“ ſind nicht ohne Verdienſt. Friedrich v. Schlegel*) — geb. am 10. März 1772 zu Hannover, ſtudirte in Göttingen u. Leipzig Philo⸗ logie, lebte dann in Berlin, Dresden, Paris und Wien; trat in Köln zum Katholicismus über und ſtarb in Dresden am 11. Januar 1829—„geht in rühmlichem Wetteifer neben ſeinem Bruder auf der Bahn nationalliterariſcher Wirkſamkeit“, iſt aber in wiſſenſchaftlicher und religiöſer Ueberzeugung weit wan⸗ kelmüthiger, weßhalb man ihn nicht ganz mit Unrecht das romantiſche Chamäleon genannt hat, das in allen Farben ſpielt. Als Kritiker und Sprachkenner groß, hat er auch ſeinen Dichterberuf in manchem gelungenen Liede bekundet: Es ſei mein Herz und Blut geweiht— Freiheit, ſo die Flügel— Im Speſſart— Bei Andernach am Rheine ꝛc. Der eigentliche Poet der romantiſchen Schule aber iſt Ludwig Tieck**), geb. am 31. Mai 1773 zu Berlin, ſtudirte zu Halle, Erlangen und Göttingen, lebte nach kürzerem Aufenthalt in verſchiedenen Städten Deutſch⸗ lands von 1819—42 in Dresden und hält ſich jetzt in Berlin und Potsdam auf, „durch Krankheit und Alter gebeugt, doch ſtets geiſtig friſch und regſam“. Er war der Dritte im Bunde der Schlegel, kämpfte gegen die falſchen Richtungen der Zeit mit reicher Phantaſie und ſcharfem, ironiſchem Witze; brachte uns durch Uebertragung und Bearbeitung der Minnelieder aus dem ſchwäbiſchen Zeitalter den Geiſt des Minnegeſangs wieder nahe; ſchuf die erſte im Geiſte des Originals gehaltene Uebertragung des Don Quirote und trug das Meiſte zum näheren Verſtändniſſe Shakspeare's bei. Seine eigene poetiſche Schöpferkraft hat er im Drama, in der Novelle und im Romane, cheilweiſe auch in der Lyrik bewieſen. Seine„Genoveva“, dann„Fortunatus“ und„Kaiſer Oktavianus“ bieten den feinſten Duft der Romantik; ausgezeichnet ſind ſeine Novellen„das Dichterleben“ und „Dichters Tod“ ꝛc. Von ſeiner Lyrik haben ſich: Im Windsgeräuſch, in ſtiller Nacht(Nr. 96)— Sieh die zarten Blüten keimen— Wohlauf! es ruft der Sonnenſchein— Wann das Abendroth die Haine— Wie lieb und hold iſt Frühlingsleben ꝛc. als wirklich poetiſche Gedichte im friſchen Andenken unſeres *) Dichterhalle 3r Bde, S. 173.—**) Dichterhalle 3r Bd., S. 314. 413 Volkes erhalten*). Tieck ſehr nahe ſteht Friedrich Novalis**)(Friedrich Freiherr v. Hardenberg), geb. am 2. Mai 1772 zu Wiederſtedt im Mansfeldiſchen, ſtudirte in Jena 1730 Philoſophie, in Leipzig und Wittenberg 1792 die Rechte, in Freiberg 1797 Bergbau, wurde 1799 Salinenaſſeſſor zu Weißenfels, und ſtarb ſchon am 25. März 1801 als Amtshauptmann in Thüringen. Sein Hauptſtreben war Religion und Philoſophie, Kunſt und Leben miteinander auszuſöhnen und die Poeſie zum Mittelpunkt aller menſchlichen Weltanſchanung zu machen. Dabei iſt Novalis der Einzige unter den Romantikern, welcher außer dem Myſtiſchen und Nebelhaften die reinchriſtliche Innigkeit und die gläubig religiöſe Seite in der Romantik am beſten darſtellt. Viele ſeiner geiſtlichen Lieder ſind voll tiefen, religiöſen Gefühls, fruchtbarer Glaubenstiefe, Innigkeit, Wärme und Einfalt des Gemüths und werfen die Funken kirchlich⸗religiöſer Begeiſterung in die glaubens⸗ arme Zeit. Dahin ſind zu zählen: Was wär ich ohne dich geweſen— Wer einſam ſitzt in ſeiner Kammer— Wenn ich ihn nur habe— Wenn Alle untreu werden ꝛc. Weltliche Lieder dichtete er nur wenige, vortrefflich ſind davon das Weinlied(Auf grünen Bergen wird geboren) und das Bergmanuslied(Der iſt der Herr der Erde, Nr. 153). Hauptwerk iſt der unvollendete Roman:„Heinrich von Ofterdingen“ mit vielen hochpoetiſchen Schönheiten. §. 41. Die genannten Dichter: Brüder Schlegel, Tieck und Novalis ſind die eigentlichen Häupter der romantiſchen Schule, ſie ſtehen aber keineswegs allein, ſondern die ganze nächſtfolgende Dichtung lehnt ſich mehr oder weniger an ſie an, die Grundidee und Grundſtimmung in ihre verſchiedene Elemente zerlegend und dieſe herausbildend. Der lyriſche Ton der Romantiker klingt vorzugsweiſe wieder bei Ludwig Achim v. Arnim***), geb. zu Berlin am 26. Januar 1781, ſtudirte zu Göttingen, widmete ſich namentlich den Naturwiſſen⸗ ſchaften, machte viele Reiſen durch Deutſchland, lebte längere Zeit mit Brentano in Heidelberg und hielt ſich dann theils in Berlin, theils auf ſeinem Landgute Wiepersdorf in Brandenburg auf, wo am 21. Januar 1831 ein Nervenſchlag ſein Leben endete t). Arnim, ein vielbegabter und vielgebildeter Dichter, hat hohen, vaterländiſchen Sinn, wohlthuende, tiefe Gemüthswärme, Friſche des Humors, Fülle der Phantaſie, Anmuth und Natürlichkeit, ermangelt aber der poetiſchen Herrſcherkraft, in deren Abweſenheit ſo viele Form⸗, Halt⸗ und Maß⸗ loſigkeit ſich unerquicklich breitet, gemiſcht mit Nebelbildern, Irrlichtern, ſowie Uebertreibungen und Wunderlichkeiten aller Art, aus denen uns oft noch ſchnei⸗ dende Kälte anweht. Als gelungene Gedichte nennen wir: Wenn des Frühlings Wachen ziehen— der Blinde ſchleicht am Wanderſtabe— Kalte Hände, warmes Herz— Die freie Nacht iſt aufgegangen. Größere Werke ſind die Romane: Armuth, Reichthum, Schuld und Buße der Gräfin Delores— Die Kronen⸗ *) Tieck's Jugendfreund Wilh. Heinr. Wackenröder(1772— 1798), ein reines, frommes, von einer ächten, durchaus kindlichen Religioſität geläutertes Gemüth, wie ihn Tieck ſchildert, der durch ſeine „Herzensergießungen eines kunſtliebenden Kloſterbruders“ in die Reihe der Romantiker gehört, ſei nur kurz erwähnt.—**) Dichterhalle Bd. 2, S. 265.—**) Dichterhalle Bd. 1, S. 33.—) Arnim's Gattin iſt Bettina, Brentano's Schweſter, geb. 1775 zu Frankfurt a. M.; hauptſächlich bekannt durch den Roman:„Briefwechſel Gvethe's mit einem Kinde“, mit dem ſie„auf der Höhe der Romantik ſteht, in der ſie die Vergangenheit und Gegenwart zu einem Gottesreiche der Zukunft verherrlichen möchte“. 414 wächter ꝛc.; das Drama: Halle und Jeruſalem ꝛc.— Mit Arnim in nächſter Verbindung ſteht Clemens Brentano*), geb. am 9. September 1778 zu Thal⸗Ehrenbreitſtein, machte ſeine Studien in Jena und lebte dann abwechſelnd in Jena, Frankfurt a. M., Heidelberg, Wien und Berlin. Uebergetreten zum Katholicismus ging er 1818 ins Kloſter Dülmen im Münſter'ſſchen und 1822 nach Rom. Seine letzte Lebenszeit verbrachte er in Regensburg, München und Frankfurt und ſtarb am 28. Juli 1842 zu Aſchaffenburg. Brentano„geht die germaniſche Innerlichkeit ab, welche ſich Arnim als Juwel ſtets bewahrt hat“; er ſpielt mit der Poeſie, hat ſich und die Welt zum Beſten, und läßt ganz gegen den Willen der Muſe das Heiligſte wie das Gemeinſte unter⸗ und nebeneinander auftreten; meiſterhaft reizende Schilderungen, ſchrankenloſe Unklarheit, ödes, wüſtes Treiben, tiefſte Innigkeit und Einfalt, Ungereimtheit, Uebertreibung, Verwilderung, Irrthümer, wunderliche Lanne, geliehener oder gemachter Witz und glücklicher Humor, kurz„alle poetiſchen Tugenden und Untugenden“ wechſeln untereinander. Bekannt ſind ſeine Lieder: Nach Sevilla— Es leben die Soldaten— Drauß vor Schleswig ꝛc. Die Novelle und Geſchichte„Vom braven Kaſperl und ſchönen Annerl“ gehört zu Brentano's gelungenſten Dichtungen.— Daß Brentano und Arnim„Des Knaben Wunderhorn“, eine Sammlung alter, lange ver⸗ kannter Volkslieder, herausgegeben, haben wir ſchon oben erwähnt. Adalbert v. Chamiſſo**), eigentlich Louis Charles Adelaide de Cha- misso de Boncourt, ſtammt aus altadeligem Geſchlechte und iſt geboren am 27. Januar 1751 auf dem Stammſchloſſe Boncourt in der Champagne. 1790 begann die Auswanderung des franzöſiſchen Adels und auch Chamiſſo's Familie flüchtete nach Deutſchland. 1796 kam er nach Berlin, ward Page bei der Königin und 1798 Lieutenant in einem Infanterieregiment. 1805 rückte er mit ſeinem Regi⸗ ment in's Feld, ſtand unter der Beſatzung von Hameln, gab nach dem Tilſiter Frieden ſeinen Dienſt auf und ging 1807 nach Frankreich; denn obgleich er kein Freund Napoleons war, ſo wollte er doch nicht gegen ſein Vaterland dienen.— Die Frau von Stasl begleitete er auf ihrer Flucht nach der Schweiz, hielt ſich längere Zeit auf ihrem Landgute Koppet daſelbſt auf, kam 1812 wieder nach Berlin und ſtudirte Medizin und Naturwiſſenſchaft. Von 1815— 1818 machte er als Naturforſcher eine von dem ruſſ. Reichskanzler, Grafen Romanzoff, veran⸗ ſtaltete Entdeckungsreiſe um die Erde mit; wählte ſich nach ſeiner Rückkehr Berlin zum feſten Wohnplatz und machte Preußen zu ſeinem Vaterlande. Die Univerſität Berlin ernannte ihn zum Pr. philos. und bald darauf wurde er Vorſteher der botaniſchen Sammlungen und Mitglied der Akademie der Wiſſen⸗ ſchaften. In ſeinen letzten Jahren war er meiſt kränklich. Er ſtarb am 21. Aug. 1838. Chamiſſo hatte einen biedern, ehrenfeſten Charakter neben einer düſteren Gemüthsſtimmung, die ihre tägliche Nahrung aus den Erinnerungen an ſeine traurigen Schickſale ſog; deßhalb behandelt er auch mit großer Vorliebe das Ernſte, Herzerſchütternde, Herbe, Schauerliche, ja Gräßliche in ſeinen Gedichten oft ſo, daß Mancher die poetiſche Literatur um ſolche Arbeiten ärmer wünſcht, trotz der einzelen Schönheiten, die ſie haben. Das Zarte, Sanfte, Liebliche hat *) Dichterhalle ir Bd., S. 43.—**) Dichterhalle 1r Bd., S. 61. 4¹5 jedoch Chamiſſo auch mitnnter gar ſchön gezeichnet, und er dachte allzubeſcheiden von ſich, als er ſich ſelbſt alles Dichtertalent abſprach in den Worten:„Daß ich kein Dichter war und bin, iſt eingeſehen“. Seine Gedichte: Tragiſche Geſchichte, Der rechte Barbier(Nr. 229) u. a. ſind vom friſcheſten Humor durchweht. Großartig iſt: Salis y Gomez, ſchön ſind: Das Schloß Boncourt— Die alte Waſchfrau(Nr. 1500— Mäßigung und Mäßigkeit— Der alte Sänger — Des Rieſen Spielzeug(Nr. 223)— Die Löwenbraut— Frauenliebe und Leben— Friſch geſungen(Nr. 233) ꝛc. Seine märchenhafte Erzählung„Peter Schlemihl“ iſt originell und berühmt. Sie iſt in die franzöſiſche, italieniſche und engliſche Sprache überſetzt. Der ernſten Dichtung Chamiſſo's ſtehen die milden, lieblichen Lieder Eichen⸗ dorff's gegenüber. Joſeph Freiherr v. Eichendorff*) iſt geboren am 10. März 1788 auf ſeinem väterlichen Schloſſe Lubowitz(bei Ratibor in Ober⸗ ſchleſien), ſtudirte von 1805— 1808 die Rechte an den Univerſitäten Halle und Heidelberg, reiſte nach vollendeten Studien nach Paris, lebte hierauf einige Jahre in Wien und machte in der verhängnißvollen Zeit des Kriegs von 1813—1815 als Freiwilliger im Lützow'ſchen Chor die Feldzüge gegen Frankreich mit. 1816 nach Deutſchland zurückgekehrt, ward er Referendar in Breslau, Regierungsrath in Danzig, Oberpräſidialrath in Königsberg, und ſeit 1841 Geheimer Regierungs⸗ rath in Berlin, welche Stelle er gegenwärtig noch bekleidet.— Er iſt der liebens⸗ würdigſte und zarteſte Lyriker unter den ſpäteren Romantikern. Sehr treffend nenut ihn Mundt eine„Singvogelnatur“, denn er ſingt in rechter Naturluſt, wie Droſſel und Nachtigall, bald mit ſtarkem, freudigem, bald mit ſanftem, kla⸗ gendem Laut ſeine echten Herzenslieder, deren manche zu verbreiteten Volksliedern geworden ſind, wie„In einem kühlen Grunde“ u. a. In unſere Sammlung ſind aufgenommen: Es iſt nun der Herbſt gekommen(Nr. 46)— Verſchneit liegt rings die ganze Welt(Nr. 56)— O wunderbares, tiefes Schweigen(Nr. 75)— O Thäler weit, o Höhen(Nr. 120)— Durch Feld und Buchenhallen(Nr. 157). Dieſelbe zarte, melodiſche Sprache und Innigkeit und Wahrheit des Gefühls herrſcht in Eichendorff's größeren Dichtungen, wovon die Novelle:„Aus dem Leben eines Tangenichts“ und der Roman:„Dichter und ihre Geſellen“ die bedeutendſten ſind. Mitten inne zwiſchen Hellenenthum und Romantik ſteht Johann Chriſtian Friedrich Hölderlin**), geboren am 29. März 1770 zu Laufen, unweit Heilbronn. Schon frühe von einer trefflichen Mutter zu innigem Gottvertrauen erzogen, ſtudirte er in Tübingen Theologie, ward 1793 durch Schiller's Ver⸗ mittlung Erzieher beim Freiherrn v. Kalb in Waltershauſen bei Meiningen, und 1796 Hauslehrer in einem Frankfurter Bankierhauſe. Durch ſchwärmeriſche Liebe zu der Mutter ſeiner Zöglinge zur Trennung genöthigt, ging er als Hofmeiſter nach Conſtanz, ſpäter nach Bordeaux, von wo er im Juli 1802 wahnſinnig zurückkehrte. Die Nacht des Wahnſinns umlagerte ſeinen Geiſt nun mit geringer Unterbrechung 40 Jahre hindurch, bis endlich am 7. Juni 1843 der Tod ſeinem unglücklichen Erdenleben ein Ende machte.— Wolfg. Menzel vergleicht die Seele *) Dichterholle Bd. 1, S. 119.—**) Dichterhalle Bd. 2, S. 1. 416 Hölderlins mit einer zartbeſaiteten Aeolsharfe, die erſt leiſe melodiſch vom Winde bewegt, dann vom Sturm gepackt und unter furchtbaren, doch immer noch ſchönen Klängen zerriſſen wird. Seine Gedichte, aus dem innerſten Herzen entſprungen, zeichnet reine, oft wahrhaft antike klaſſiſche Form, Klarheit und Lieblichkeit in der Schilderung, wie tiefergreifende Wehmuth aus. Wir erinnern außer: Der gefeſſelte Strom(Nr. 137) an: Der Neckar— Heidelberg— Die Eichbäume— An den Aether— Die Heimat ꝛc. Das unvollendete Trauerſpiel:„Der Tod des Empedokles“ und der Roman:„Hyperion oder der Eremit in Griechenland“ ſind Hölderlins größere Dichtungen und zeigen ebenfalls ſeine„geniale Groß⸗ artigkeit“. §. 42. Das Epos der romantiſchen Schule vertreten: Ernſt Konvad Friedrich Schulze*), geb. am 22. März 1789 zu Celle, ſtudirte in Göttingen Philologie und wollte ſich zum Lehrer der alten Sprachen und ſchönen Literatur ausbilden. Nach vollendeten Studien wurde er Privatdocent der Philologie in Göttingen, machte 1814 unter den freiwilligen Jägern den Feldzug zur Befreinng ſeines Vaterlandes mit, und ſtarb, kaum 28. Jahre alt, am 26. Juni 1817 in ſeiner Vaterſtadt Celle.— Schulze iſt ein Minneſänger im echtromantiſchen Sinne, dem an Zartheit, Süße und Wohlaut keiner ſeiner Zeitgenoſſen gleich kam, und der durch Kultur und Klaſſik der Sprache und metriſchen Formen unter den epiſchen Dichtern der neueren Zeit ſich den erſten Preis erworben hat in ſeiner„Cäcilie“, welche die Bekehrung der heidniſchen Dänen zum Chriſten⸗ thum behandelt, und der„bezauberten Roſe“, gleich ausgezeichnet durch vollendete Form, als Zartheit der Erfindung und Klarheit, Durchſichtigkeit und Zauberduft der Durchführung. Gleich melodiſch und ſchön ſind viele von Schulze's Liedern, die weit größerer Beachtung verdienten, als ihnen bis jetzt geworden iſt. Friedrich Baron de la Motte Fouqué, geb. am 12. Februar 1777 zu Brandenburg, kämpfte anfangs als Lieutenant, dann als Rittmeiſter 1813 den Freiheitskrieg mit, nahm ſpäter ſeinen Abſchied, hielt eine Zeitlang zu Halle Vorleſungen über Poeſie und ſtarb 1843 zu Berlin.— Fouque, von A. W. Schle⸗ gel 1804 unter dem Namen Pellegrin in die Oeffentlichkeit eingeführt, von Jean Panl als der„tapfere Dichter“ charakteriſirt, ſucht in ſeinen Epen:„Corana“, „Bertrand du Gueselin“ ꝛc. das Mittelalter poetiſch zu verherrlichen und mit„der bunten Pracht einer glänzenden Phantaſie“ zu umkleiden, wobei jedoch eine ge⸗ wiſſe Geziertheit, Künſtelei und Kälte unangenehm berührt. Nur kurz an ſeine Dramen:„Der Held des Nordens“(Siegfried) ꝛc., au ſein Märchen„Undine“ und ſeine Lieder: Am gewaltigen Meer(Nr. 171),— Friſch auf zum fröh⸗ lichen Jagen ꝛc. kurz erinnernd, erwähnen wir noch den„farbenprächtigen“, ſeiner Zeit viel geleſenen Roman:„Der Zauberring“, um daran die weiteren namhaften Romanſchreiber und Novelliſten unter den Romantikern anzuknüpfen. Als ſolche ſind zu nennen: Ernſt Wagner, geb. am 2. Februar 1769 zu Roßdorf bei Meiningen, ſtudirte in Jena Jurisprudenz, ward Gerichtsactuar zu Roßdorf, dann Cabinetsſecretär zu Meiningen und ſtarb daſelbſt 1812. Zu ſeinen Romanen: Willibalds Anſichten vom Leben— Der reiſende Maler— Die Reiſen aus der *) Dichterhalle Bd. 3, S. 201. 417 Fremde in die Heimat ꝛc. borgt er von Goethe und Jean Paul Farbe und Weiſe, von der Romantik phantaſtiſche Uebertreibung. Höher als Wagner ſteht Wil⸗ helm Hauff*), geb. am 29. November 1802 zu Stuttgart, ſtudirte Philologie, Philoſophie und Theologie in Tübingen, ward Hauslehrer in Stuttgart und ſtarb daſelbſt am 18. November 1827. Unter ſeinen novelliſtiſchen Produkten, die bei aller Leichtigkeit und Friſche der Darſtellung vielfach ohne„Tiefe und poetiſchen Grund“ ſind, haben die: Phantaſien im Bremer Rathskeller— Die Bettlerin am Pont des Arts— Die Memoiren des Satans den meiſten poetiſchen Ge⸗ halt. Die von Hauff erneuerten alten Volkslieder:„Steh ich in finſtrer Mitter⸗ nacht“ und„Morgenroth“(Nr. 180) ſind allbekannt. Hauff's vortrefflicher ge⸗ ſchichtlicher Roman:„Lichtenſtein“ erinnert uns an Johann Heinrich Dauiel Zſchokke, geboren am 22. März 1771 zu Magdeburg, fand in der Schweiz ſeine eigentliche Heimat, wo er verſchiedene hohe Aemter bekleidete und 1848 ſtarb,— der als Geſchichtsſchreiber in romautiſcher Färbung und Novelliſt(Flücht⸗ ling im Jura, Freihof von Aran, Adderich im Moos, der Creole, Alamontade ꝛc.) ſeinen Namen bekannt gemacht. Seiner„Stunden der Andacht“ dürfen wir nur beiläufig gedenken. Humoriſtiſchen Anſtrich, neben ſtarker Neigung zum Geſpen⸗ ſtigen und Spukhaften haben die Romane und Novellen(Serapionsbrüder, Lebensanſichten des Katers Murr ꝛc.) von Ernſt Theodor Amadeus Hoff⸗ mann, geb. am 24. Januar 1776 zu Königsberg, ſtudirte Recht und pflegte daneben die Muſik, wodurch es ihm möglich wurde, nach verſchiedenen Aemtern in Polen die Stelle eines Muſikdirectors zu Bamberg und Dresden zu über⸗ nehmen, welche Stellung er ſpäter wieder mit der eines Kammergerichtsraths zu Berlin vertauſchte, wo er 1822 ſtarb. An ihn lehnt ſich die neuere franzöſiſche Romantik zum großen Theile an. Philoſophiſcher Novelliſt iſt Heinrich Stef⸗ fens, geb. den 2. Mai 1773 zu Stavanger in Norwegen, lebte als Profeſſor in Halle und Breslau, von wo aus er mit in die deutſchen Freiheitskämpfe zog. Er ſtarb zu Berlin 1845. Auf dem Grunde„friſcher Landſchaftlichkeit“ bringt er in der„Familie Walſeth und Leith“, den„vier Norwegern“ und„Malcolm“, anthropologiſche und naturphiloſophiſche Probleme zur Beſprechung. 8. 43. Die hauptſächlichſten, oder vielleicht beſſer die eigentlichen Dra⸗ matiker der romantiſchen Schule ſind: Heinrich von Kleiſt, geboren am 10. October 1776 zu Frankfurt a. d. O., machte den Rheifeldzug mit, nahm dann ſeinen Abſchied, ſtudirte Jurisprudenz, machte Reiſen nach Frankreich und in die Schweiz, wurde dann im Finanzminiſterium angeſtellt, aber 1806 von den Franzoſen gefangen und nach Frankreich geführt. Nach wieder erlangter Freiheit hielt er ſich, ganz der Dichtkunſt lebend, in Dresden, Prag und Berlin auf, bis er ſich, zerfallen mit ſich und der Welt, am 21. November 1811 zu Potsdam erſchoß.— Kleiſt, von Mundt der„politiſche Werther ſeiner Zeit“ genannt, deſſen„Lotte das Vaterland, deſſen Leidenſchaft die hoffnungsloſe Sehn⸗ ſucht nach deſſen Befreiung“ iſt, war ein hochbegabtes dramatiſches Talent, in „urkräftiger Lebendigkeit“ an Shakspeare, in ſeiner Neigung zum Phantaſtiſchen, *) Dichterhalle, 1r Bd., S. 371. Schenckel's Blüten, 2r Theil. IIte ſ. verm. Aufl. 27 Abenteuerlichen und Wunderbaren an die Romantiker anlehnend. Seine Haupt⸗ dramen ſind:„Käthchen von Heilbronn“(1808), von dem Börne ſagt: „Es iſt Mark darin und Geiſt und Schönheit; es iſt ein Edelſtein, nicht unwerth, an der Krone des britiſchen Dichterkönigs zu glänzen“, und:„Der Prinz von Homburg“(1811), das Tieck mit den Worten beurtheilt:„In keiner ſeiner Dichtungen hat der Verfaſſer ſo klar und rein die Fülle ſeines Geiſtes ab⸗ geſpiegelt, keines ſeiner Schauſpiele rundet ſich ſo ab und befriedigt ſo alle Er⸗ wartungen, die es erregt“. Minder bedeutend ſind:„Die Familie Schroffenſtein“ — Kleiſt's erſtes Stück—„Phenteſilea“,„Hermannsſchlacht“,„Der zerbrochene Krug“. Schön zu nennen iſt die Novelle:„Michael Kohlhaas“. Heinrich Joſeph von Collin, geb. den 26. December 1772 zu Wien, wo er auch als Hofrath 1911 ſtarb, ſucht„Schiller'ſche Manier mit den Weiſen der Romantik“ zu verſchmelzen, hat aber bei mangelnder Originalität und Phantaſie nicht viel Bedeutendes zu Stande gebracht. Die an rhetoriſchem Pathos und Worten rei⸗ chen, aber an Poeſie armen Stücke„Regulus“,„Cariolan“ ꝛc. machten einige Zeit Aufſehen, verfielen aber bald der Vergeſſenheit. Länger, bis auf unſere Zeit herab, hat die Ballade:„Kaiſer Max auf der Martinswand“ einigen Ruhm behauptet*). Auf dem Boden der Kotzebue⸗Ffflandiſchen Manier wurzeln die nebenbei„mit den Blumen der Romantik“ geſchmückten Stücke von Adam Gott⸗ lieb Oehlenſchläger, geb. den 14. November 1779 in einer Vorſtadt Kopen⸗ hagen's, hörte in Halle Vorleſungen über Philoſophie, beſuchte dann Berlin, Weimar, Paris und verſchiedene Städte Italiens und ward nach ſeiner Rückkehr Profeſſor der Aeſthetik in Kopenhagen, wo er vor 3 Jahren(1850) ſtarb. Von ſeinen dramatiſchen Produktionen, denen„genialer Einblick in die Tiefe der menſchlichen Natur, Energie des Fühlens und Denkens, plaſtiſch gediegene und kraftgetragene Darſtellung“ abgeht, ſeien„Hakon Karl“,„Aladin oder die Wunderlampe“,„Apel und Walburg“ und„Correggio“ hier hervorgehoben. Friedrich Ludwig Zacharias Werner,— geb. den 18. Novbr. 1768 zu Königsberg, ſtudirte Jurisprudenz, ward Kammerſeeretär zu Warſchan, dann geh. Secretär zu Berlin, von wo aus er Reiſen durch Deutſchland, Frankreich und Italien unternahm. In Rom zum Katholicismus übergetreten, ward er Prieſter und lebte als ſolcher zu Wien, wo er 1823 ſtarb,— eröffnet durch ſeinen„24. Februar“ die Reihe der Schickſalstragödien, die ſchon in Schil⸗ ler's„Braut von Meſſina“ vorgebildet, von Adolf Müllner, Grillparzer und Houwald gepflegt und herausgebildet werden. Amadeus Gottfried Adolf Müllner, geb. am 18. Oktober 1774 zu Langendorf bei Weißenfels, wo er ſpäter als Advokat lebte und 1829 ſtarb, ſchrieb als Gegenſtück zu Werner's 24., ſeinen„29. Februar“, bei dem, wie auch bei der„Schuld“**),„König Tngurd“, der„Albaneſerin“ ꝛc. Müllner's eigener Lob⸗ ſpruch:„daß ſeine Tragödien ſich durch ſinnreiche Erfindung der Fabel und ge⸗ ſchickte Behandlung derſelben zur Verſinnlichung des Hauptgedankens, durch feſte *) Matibäus v. Collin, Bruder des Genannten,(1779— 1824), von dem in Bezug auf ſeine dramatiſche Leiſtungen das Wort gilt:„das Wollen habe ich zwar, aber an Kraft zum Vollbringen fehlts“, dürfen wir füglich übergehen.—**) A. W. Schlegel ſchließt eine Recenſion darüber mit den Worten Schiller's:„der Uebel größtes iſt die Schuld“. 419 Charakterzeichnung und gediegene, echt poetiſche Diktion auszeichnen“, umgekehrt werden muß, um wahr zu ſein. Chriſtoph Ernſt von Houwald— geb. am 29. November 1778 zu Straupitz in der Lauſitz, lebte als Landſyndikus der Lauſitz in Neuhaus, wo er 1845 ſtarb— läßt im„Bild“, im„Leuchtthurm“, in „Fluch und Segen“, der„Heimkehr“ ꝛe. ganz dieſelben Grundtöne durchtönen, wenn auch theilweiſe von andern Saiten angegeben. Höher als dieſe Beiden ſteht Franz Grillparzer, geb. 1790 zu Wien, wo er noch jetzt als Archivdirektor lebt.„Phantaſie und Gemüth reichen ſich in ihm freundlich die Hand“ und zeichnen neben Eleganz der Sprache ſeine Dichtungen aus, die bei gediegenerer Charakteriſtik eine rühmliche Stelle in der Literatur einnehmen würden Bekannt iſt die„Ahnfrau“;„König Ottokars Glück und Ende“ behandelt einen vaterlän⸗ diſchen,„Sappho“ und„das goldene Vließ“ griechiſche Stoffe im Dufte der Romantik, in der das Märchen:„Der Traum ein Leben“ ganz wurzelt. Zudem wir noch den, vorzugsweiſe in der hiſtoriſchen Tragödie ſich verſuchenden*) Dramatiker Ernſt Benjamin Salomon Raupach— geb. am 21. Mai 1784 zu Straupitz in der Lauſitz, ſtudirte in Halle Theologie, ward 1804 Erzieher und 1816 Profeſſor der Philoſophie und Geſchichte in Peters⸗ burg; lebt jetzt als Hofrath in Berlin,— von Hillebrand ein„neu aufgelegter Kotzebue“ genaunt, der„mit einem beweglich⸗oberflächlichen Talente begabt, ſich in die offene See der Dichtung hinauswagt, in ſeinem leichten Fahrzeuge allen Richtungen zuſteuernd, mit allen Winden ſegelnd“— hier nenuen, führen wir zugleich die einer etwas ſpäteren Zeit angehörenden Dichter: Immermann und Grabbe mit an, da ſie ebenfalls ihre Hauptbedeutung im geſchichtlichen Drama erlangt haben. Karl Lebrecht Immermaun— geb. den 24. April 1796 zu Magdeburg, ſtudirte in Halle, focht als Freiwilliger in den deutſchen Freiheits⸗ kämpfen mit, leitete ſpäter als preußiſcher Landgerichtsrath dass Theater in Düſ⸗ ſeldorf, wo er 1840 ſtarb— lieferte in dem„Trauerſpiel von Tyrol“ und „Kaiſer Friedrich II.“„zwei Dichtungen voll Kraft und Charakter, lebhaft in der Sprache und Entwickelung.“ Doch zeigt ſich auch dabei, wie noch mehr bei „Alexis“,„Merlin“,„Ghismonda oder die Opfer des Schweigens“ ꝛc. mehr oder weniger jene„eigene Miſchung von Stärke, ſelbſt Schroffheit mit Weichheit“. die Immermann's eigentliches Weſen ausmacht. Der gelungenen Romane:„Die Epigonen“ und„Münchhauſen“, ſowie Immermann's Schwanengeſang:„Triſtan und Iſolte“ können wir nur kurz gedenken. Dietrich Chriſtian Grabbe iſt am 11. December 1801 zu Detmold geboren, wurde ſchon als 4jähriges Kind von einer unnatürlichen Mutter mit geiſtigen Getränken beranſcht, ſtudirte in Leipzig und Berlin die Rechte, ward Advokat und Auditeur zu Detmold, nahm 1834 ſeine Entlaſſung, ging nach Frankfurt und Düſſeldorf, und ſtarb kurz nach ſeiner Zurückkunft in Detmold im Jahr 1836.— Grabbe hätte Großartiges leiſten können, wäre ſeine kraftvolle Genialität mit Kunſt der Plaſtik und Talent der Harmonie gepaart geweſen, hätte nicht ungezügelte Leidenſchaft, unhaltbare Unruhe und maßloſe Zerfahrenheit den Flug ſeines Geiſtes aus aller Bahn und Regel herausgeriſſen und ihn zum himmelſtürmenden Giganten gemacht. Grabbe's *) Den Stoff dazu entlehnt er aus der Geſchichte der Hohenſtauſen und Cromwells. 420 erſtes Werk iſt das Nachtſtück:„Herzog Theodor von Gothland“; mit„Marius und Sulla“ betritt er den Boden des geſchichtlichen Dramas, auf dem dann „Friedrich Barbaroſſa“,„Heinrich VI.“„Napoleon oder die 100 Tage“,„Hanni⸗ bal“ und die„Hermannsſchlacht“ als eine„geniale Reihe eherner Helden“ und zugleich als„Zeugen einer hohen, wenn auch nicht durch liebevolle Wärme und reife Kunſt veredelten Dichterbegabung“ ſtehen. §. 44. Den letzten beſtimmt vernehmbaren lyriſchen Klängen die eigent⸗ lichen Romantiker begegnen wir bei: Wilhelm Müller*), geb. am 7. Oktbr. 1794 zu Deſſau, bezog 1812 die Univerſität Berlin, um Philologie und Geſchichte zu ſtudiren, trat aber bald als Freiwilliger ins preußiſche Heer und nahm Theil am deutſchen Freiheitskriege. 1814 nach Berlin zurückgekehrt, beſchäftigte er ſich beſonders mit altdeutſcher Sprache und Literatur, unternahm 1817 eine Reiſe nach Italien, ward 1819 als Lehrer der klaſſiſchen Sprachen nach Deſſau be⸗ rufen und auch bald darauf als herzogl. Bibliothekar angeſtellt. Nach einer Reiſe nach dem Rhein und nach Schwaben ſtarb der 33jährige Dichter an einem Schlagfluſſe am 1. Oktober 1827.— Wilhelm Müller's Lyrik iſt friſch und lebendig, naiv, anmuthig und heiter, ſanft und innig, leicht und ſangbar, getra⸗ gen von den Elementen der Volkspoeſie und ungekünſtelt und wahr in Gefühl, Empfindung und poetiſcher Anſchauung. Durch ſeine„Gedichte aus den hinterlaſſenen Papieren eines reiſenden Waldhorniſten“, die voll der anſprechendſten und lieblichſten Melodien ſind, wie durch ſeine„Griechen⸗ lieder“, in denen er voll kräftigen Ernſtes, ſchwungvoller Begeiſtrung und glühender Freiheitsliebe die ſiegreichen Kämpfe einer unterdrückten Nation feierte, erwarb er ſich raſch die Gunſt des Publikums. Zu dem in unſerer Sammlung aufgenommenen vortrefflichen Naturbild: Die Forelle(Nr. 102) und den Balla⸗ den: Der kleine Hydriot(Nr. 180) und Alexander Rilanti(Nr. 249) ſind noch zu nennen: Das Frühlingsmahl— Kinderluſt— Der Glockenguß zu Breslau— Est Est!— Gottlieb Leopold Immanuel Schefer, geb. den 30. Juli 1784 zu Muskau, wurde 1813 Generalbevollmächtigter des Fürſten Pückler⸗ Muskau, bereiſte die meiſten Länder Europas und den Orient, worauf er 1820 in ſeine Vaterſtadt zurückkehrt, in der er noch jetzt lebt.— Schefer ſteht zwiſchen Jean Paul's Sentimentalität und der romantiſchen„Phantaſtik“ mitten inne, von der einen zur andern ſchwankend. Das zeigen beſonders ſeine Novellen, und an dieſem Schwanken leidet auch das„Laienbrevier“, dem ſonſt Ge⸗ müthlichkeit, ſittlicher Gehalt und poetiſche Auffaſſung zur Zierde gereicht. Der „Frühlingsſaal“(Nr. 24) iſt ein trefflich gelungenes Gedicht, das ſich dem Beſten der Art an die Seite ſtellt.— Friedrich v. Sallet, geb. am 20. April 1812 zu Neiſſe, ſtand als Offizier in Mainz und Trier, privatiſirte nach ſeinem Ab⸗ ſchied in Berlin und ſtarb 1843 zu Reichenau in Schleſten,— lieferte in ſeinem „Laienevangelium“ ein Gegenſtück zu Schefer's Laienbrevier, das, wie Sallet's Dichtung überhaupt, zu ſehr abſichtlich und didaktiſch gehalten iſt, als daß es wahrhaft poetiſch wirken könnte. Religiöſer und vaterländiſcher Sinn, übethaupt ehrenwerthe Geſinnungstüchtigkeit gereichen Sallet zur Ehre. *) Dichterhalle 2r Bd., S. 213. =cn 421 8. 45. Wir verlaſſen nun den engeren Kreis der romantiſchen Schule, um die Dichter der Befreiungskriege eintreten zu laſſen, die zur Zeit, als Deutſchland aufſtand gegen den großen Völkerbezwinger Napoleon und der preußiſche Adler durch ſeine kühnen Flügelſchläge in allen treuen Herzen die große Hoffnung der deutſchen Freiheit erweckte, ein„wehrhaft Lied auf ihrer Harfe griffen, ſchmetternd wie Kriegspoſaunen“. Ihre Reihe eröffnet Ernſt Moritz Arndt*), geb. am 26. December 1769 zu Schoritz(an der Meeresbucht der Inſel Rügen gelegen), trat nach einer kräftigen, faſt ſtrengen Erziehung 1787 in die Secunda des Gymnaſiums zu Stralſund ein, ſtudirte in Greifswalde und Jena Theologie und Philoſophie, pilgerte dann„herrlich“ wie ein„Bruder Sorgenlos“ in Deutſchland, der Schweiz, Oberitalien und Frankreich herum und ward erſt Privatdocent, dann außerordentlicher Profeſſor der Philoſophie zu Greifswalde. Wegen der Schrift:„Geiſt der Zeit“ mußte Arndt 1806 nach Schweden fliehen, kehrte 1809 zurück, machte verſchiedene Reiſen durch Deutſch⸗ land, bis er 1818 Profeſſor der neuern Geſchichte zu Bonn ward. 1820 angeb⸗ lich wegen Theilnahme an burſchenſchaftlichen Umtrieben ſuspendirt, wurde er erſt 1840 wieder in Amt und Thätigkeit geſetzt. 1848 ward Arndt Mitglied der Nationalverſammlung zu Frankfurt und wohnt jetzt, von Alter und Kränklichkeit gedrückt, am Rhein.— Arndt's poetiſche Wirkſamkeit iſt hauptſächlich die vater⸗ ländiſche Lyrik, obwohl er auch manches andere preiswerthe weltliche wie religiöſe Lied gedichtet hat, wovon Schiffers Traum(Nr. 166)— Grablied— Ermunterung— An die Lerche— An die Sternlein ꝛc. ehrende Zeugniſſe ſind. Von ſeinen durch Kühnheit und Glut der Begeiſtrung, wie durch Friſche der Darſtellung und einen feſten, unverwüſtlichen Kern ehrenhafter Geſinnung und deutſcher Treue ausgezeichneten Freiheitsliedern, werden: Was blaſen die Trom⸗ pelen(Nr. 281)— Der Gott, der Eiſen wachſen ließ— Sind wir vereint zur guten Stunde ꝛc. immer in gutem Andenken bleiben. Während Arndt's Geſänge jedes deutſche Herz trunken machten vor Begei⸗ ſterung, kämpfte Karl Theodor Körner**) mit Leier und Schwert, weihte Herz und Blut dem unterjochten Vaterlande und ſank mit der Leier ins Grab. K. Th. Körner wurde am 23. September 1791 zu Dresden geboren, bezog in ſeinem 17. Jahre als angehender Bergmann die Bergakademie in Freiberg und zwei Jahre ſpäter die Univerſität Leipzig, wo er ſich mit Philoſophie, Geſchichte und Anatomie beſchäftigte. Auf Oſtern 1811 ging er nach Berlin und im Herbſt nach Wien, wo er als Hoftheaterdichter angeſtellt wurde. 1813 legte er dieſe telle nieder, trat in die Lützow'ſche Freiſchar ein, machte als Lientenant und Adjutant mehrere Gefechte mit und fiel am Morgen des 26. Auguſts 1813 bei Gadebuſch in Meklenburg⸗Schwerin.— Körner's Kriegslieder in„Leier und Schwert“ ſind das Beßte ſeiner Muſe und haben ihm neben ſeinem frühen ruhmvollen Heldentode die Unſterblichkeit geſichert. Weit bekannt ſind: Schwert⸗ lied— Vater, ich rufe dich— Friſch auf, mein Volk!— Die Flammenzeichen rauſchen— Lützow's wilde Jagd— Ahnungsgrauend, todesmuthig ꝛc. Körner's *) Dichterhalle 1r Bd., S. 1.—**) Dichterhalle 2r Bd., S. 101. — Dramen:„Zriny“ ꝛc., in Schiller'ſcher Weiſe, aber ohne deſſen großartige Genialität gedichtet, ſei nur im Vorübergehen gedacht. Ferd. Gottf. Max v. Schenckendorf*)— geb. am 11. Decbr. 1784 zu Tilſit, ſtudirte in Königsberg Cameralwiſſenſchaft, ward ſpäter Referendar bei der Regierung zog 1813, obgleich an der rechten Hand gelähmt, mit ins Feld, erhielt nach beendigtem Kriege 1816 die Stelle eines Regierungsraths zu Cob⸗ lenz, wo er aber ſchon am 11. December 1817 ſtarb,— iſt im Bunde der Freiheitsſänger der Dritte. Seine patriotiſchen Lieder erklingen im leiſeren Tone, als die von Arndt und Körner, ſind aber meiſt rührend ergreifend, getragen von ſüßem Wohllaut und durchzogen von den Klängen hinreißender Innigkeit. So: Klaget nicht, daß ich gefallen— In dem wilden Kriegestanze— Freiheit, die ich meine— Erhebt euch von der Erde— Wie mir deine Freuden winken— Lied vom Rhein(Nr. 141) ꝛc. Schenckendorff hat auch einige religiöſe Lieder gedich⸗ tet, welche theilweiſe an die geiſtlichen Lieder von Novalis anklingen, und in ihrer ſchlichten Glaubensinnigkeit ſchon manches gläubige Herz getröſtet und erquickt haben. Wir nennen: Palmſonntag(Nr. 64)— Chriſt ein Gärtner— An das Herz— Weihnachtslied(Nr. 60). §. 46. Mit dieſen Dichtern der Freiheitskriege vereinigen im ſchönen Schwabenlande einige Dichter ihre deutſch⸗vaterländiſchen Lieder, nur nicht ſo„ſchlachtenwild“, ſondern mehr ruhig, einfach, natürlich, ländlich**). An ihrer Spitze ſteht Lndwig Uhland**), geb. am 26. April 1787 zu Tübingen, wo ſein Vater Univerſitätsſekretär war. Er ſtudirte in ſeiner Vaterſtadt die Rechte, ward 1810 Dr. jar., ging nach Paris, um mittelalterliche Manuſeripte auf der dortigen Bibliothek zu ſtudiren und arbeitete nach ſeiner Rückkehr im Juſtizmini⸗ ſterium. Als Mitglied der 2. würtemberg. Ständekammer, wozu er 1816 gewählt wurde, zeigte er ſich ſehr freiſinnig. 1829 ward er Profeſſor der deutſchen Sprache und Literatur zu Tübingen, gab aber, als man ihm den Urlaub zum Eintritt in die Kammer verweigerte, ſeine Stelle als Profeſſor auf und verbat ſich jede fernere Erwählung. Nun lebte er als Privatmann zu Tübingen in glücklichen Vermögensverhältniſſen und machte öfters Reiſen durch Deutſchland. Im März 1848 entwarf er mit 16 andern Vertrauensmännern(Gagern, Gervinus, Baſſer⸗ mann ꝛc.) den Entwurf zur deutſchen Reichsverfaſſung, trat im Mai in die Nationalverſammlung ein und gehörte zuletzt noch dem Stuttgarter Rumpfparla⸗ ment an. Seitdem hat er ſich wieder in ſein häusliches Stillleben zurückgezogen. Der Ruhm dieſes geſinnungstüchtigen, in jeder Beziehung trefflichen Sängers, iſt jetzt durch alle deutſchen Ganen gedrungen und ſichert dem biedern, tiefge⸗ müthlichen, aber auch kräftigen und wahrhaft volksthümlichen Lieder- und Balla⸗ dendichter einen unſterblichen Namen im Munde ſeiner Nation. Viele ſeiner Gedichte, die er alle erſt nach der ſchärfſten und ſtrengſten Prüfung in die Welt ziehen ließ, leben im Munde des Volkes und ſind mitunter in herrliche Muſik geſetzt; ſie erfreuen und erfriſchen des Menſchen Herz und Gemüth, ſie erklingen *) Dichterhalle 3r Bd, S. 1.—**)„Es ſind die Stimmen überzeugungsfeſter Menſchen, die ſich der Naturſprache vermählen und ſo in naiver Friſche und Wahrheit die innerſte Einheit der Volks⸗ und Landesanſchauungen uns entgegenbringen“. Hillebrand.—***) Dichterhalle 3r Bd., S. 327. — — 423 im brauſenden Chorgeſang der munteren Studenten, wie im ſtillen Kreiſe der Familie und auf der geoßen Heerſtraße im Zuge fröhlicher Handwerksburſche. Der deutſche Knabe wie der deutſche Jüngling und Mann, ſie ergötzen ſich alle Drei an der milden Heiterkeit ſeiner vortrefflichen Balladen und Romanzen, und an ſeinen einfachen, würdevollen, klaren, vaterländiſchen Gedichten, gegriffen aus der vollen Wirklichkeit und durchzogen von eherner Feſtigkeit, Schönheit, Mänu⸗ lichkeit und Tucht der Geſinnung. Uhland hat das Lied und die Ballade auf ihre alte Einfachheit zurückge⸗ bracht und Stoff wie Form volksthümlich gewählt; ihm iſt es gelungen, ſich hoch und edel in der Dichtkunſt zu halten und doch allem Volke verſtändlich. Er ver⸗ dient daher auch den Namen eines deutſchen Volksdichters im höchſten Grade, trotz dem, daß ſogar außer einigen Namenloſen auch noch Kritiker von Bedeutung ihm den ſtillen Lorbeer von den Schläfen reißen wollten. Das Volk hat ihm die Dichterkrone auf's Haupt gedrückt und wird ihm auch dies koſtbare Geſchenk gegen die machtloſen Angriffe Unberufener und gegen die frevelhaften, ungerechten Ausfälle blaſſer Neider durch alle Zeiten hindurch zu bewahren wiſ⸗ ſen. Mit hoher Liebe und Verehrung ſtehen die ſchwäbiſchen Dichter um ihren großen Meiſter und Chorführer Uhland, der in den kleinſten Rahmen ein wun⸗ dervolles großartiges Gemälde zu faſſen weiß, das er mit den einfachſten Strichen hervorzaubert. Wohl verſenkt er ſich auch in die geheimnißvollſten Tiefen der Natur und in die Zeiten des thatkräftigen Mittelalters; aber immer erhebt er ſich wieder und bemeiſtert ſich vollends des Angeſchauten, das er uns verklärt vor die Augen ſtellt. Er verſteht die Sprache der Natur und verdollmetſcht ſie uns ſo herrlich und wahr. Unvergleichlich ſind ſeine Frühlingslieder, die ihm der ſanfte, ſüße Hauch weckt, der auch die Veilchen zur Blüte ruft(Nr. 1, 4, 5, 6, 7, 8, 9), von ganz eigenthümlicher Schönheit ſeine Wander⸗ und Geſellſchaftslieder.„Die verlorne Kirche“ erſchließt uns das gläubig fromme Gemüth des Dichters und gibt uns ſeine tiefe Sehnſucht nach dem reinen Chriſtenthum und dem Göttlichen zu erkennen; die„Kapelle“ ſtellt die Freuden und Leiden des Menſchen, ſowie die Vergänglichkeit alles Irdiſchen dar. Unerreicht iſt„des Schäfers Sonntagslied“(Nr. 700. In den„ſieben Zech⸗ brüdern“,„im Unſtern“ und in der„ſchwäbiſchen Kunde(Nr. 296) läßt Uhland ſeinen friſchen Humor walten.— Das Drama:„Ernſt von Schwaben“ iſt eine durch gedrungene Männlichkeit der Sprache, des Verſes und der Geſinnung ansgezeichnete Dichtung. Niedriger ſteht:„Ludwig der Baier“. Die„Sammlung alter hoch⸗ und niederdeutſcher Volkslieder“ iſt ebenfalls ſehr rühmend zu erwähnen. Zur Ehre unſeres liebenswürdigen Dichters wollen wir ſchließlich noch die Worte Gutzkow's über denſelben anführen:„Uhland hat der Natur das Sonn⸗ tagskleid der Frende angethan, das Landſchaftsgemälde zum Liede zu vergeiſtigen gewußt. Er zog die Glocken der Kapellen, ſtellte Hirtenknaben auf die Berges⸗ gipfel und legte ihnen ſelige Lieder in den Mund. Er zauberte die Vergangen⸗ heit in verklärterer Geſtalt aus den Ruinen wieder auf, ließ noch einmal die alten Falken der Jagden ſteigen, ließ Sänger an den Pforten der Burgen um Einlaß klopfen, er zauberte uns Jungfrauen auf den grünen Plan und Königs⸗ 424 ſöhne, die vorüberzogen und ſie liebten: Uhland ſchuf wie Schiller eine idealiſche, überſinnliche Welt, ſo in ſeinen Gedichten eine idealiſche, wirkliche Welt“. Was er in„Sängers Fluch“(Nr. 240) ſagt, gilt mit vollſtem Rechte von ihm: Sie ſingen von Lenz und Liebe, von ſelger, goldner Zeit, Von Freiheit, Männerwürde, von Dreu und Heiligkeit. Sie ſingen von allem Süßen, was Menſchenbruſt durchbebt, Sie ſingen von allem Hohen, was Menſchenherz erhebt. Juſtinus Kerner*), ein inniger Freund Uhland's, gehört ebenfalls in den Kreis der ſchwäbiſchen Dichter und iſt am 18. September 1786 zu Ludwigs⸗ burg in Würtemberg geboren, wo ſein Vater Regierungsrath und Oberamtmann war. Seinen erſten Unterricht genoß Kerner in der dortigen lateiniſchen Schule und im Kloſter zu Maulbronn. Ein harter Schlag für ihn war der frühe Tod ſeines Vaters. Höchſt ungern, ja gegen ſeinen Willen, ſollte Kerner nun Kauf⸗ mann werden und kam deshalb in eine Tuchfabrik zu Ludwigsburg. Der Pfarrer und Dichter Conz**) daſelbſt brachte es jedoch dahin, daß der gedrückte, einer widerſtrebenden Lebensrichtung gewidmete Jüngling, 1804 als Studioſus der Medizin die Univerſität Tübingen bezog. Nach fünfjährigem Studium verließ er die Hochſchule, begab ſich 1809 auf wiſſenſchaftliche Reiſen, war eine Zeit lang in Berlin und Wien, ward praktiſcher Arzt in Gaildorf und lebt jetzt ſeit vielen Jahren als Oberamtsarzt in dem bekaunten Städtchen Weinsberg. Hier hat er ſich am Fuße der Weibertreue ein gaſtliches Haus erbaut und herrliche Anlagen hervorgerufen, wo ſonſt nur Schutt und Trümmer geweſen. Die Glieder ſeiner Familie ſind durch die innigſte Liebe miteinander verſchlungen und das wahre häusliche Glück hat ſeinen Wohnſitz bei ihm aufgeſchlagen.— Kerner verdient einen großen Theil der Achtung, welche man den ſchwäbiſchen Dichtern zollt, freilich nicht in dem Grade, wie der große Meiſter Uhland, den er ſich zum Vorbilde genommen, ohne daß er ihn geiſtlos nachahmt; denn er iſt ſelbſt der Schöpfer ſeiner Poeſie, erkennt unter der großen Zahl der ſchwäbiſchen Sänger keinen König an, und ruft Goethe noch unterm Leichenſtein zu: „Da ſinget Jeder ſeine Weiſ Nach ſeinem eignen Schnabel, Ob Nachtigall, ob Fink er heiß, Wenn ſchön nicht, doch paſſabel. Die Wachtel bleibt beim Wachtelſchlag, Fink nicht wie Lerche ſingen mag“. Wie Uhland, ſo hat ſich auch Kerner die Natur zum Gegenſtande ſeiner Dichtung gewählt, nur mit dem Unterſchiede, daß ſie bei Uhland in heller, lieb⸗ licher Sonntagstracht erſcheint und heitere Frühlingslieder ꝛc. ſingt, während ihr Kerner den ſchwarzen Mantel der Trauer anlegt und ſchauerliche Herbſtklagen *) Dichterhalle 2r Bb., S. 27.—*) Karl Philipp Conz, geb. 1762, † 1827 als Profeſſor der klaſſiſchen Literatur zu Tübingen, lehnt ſich als Dichter in Ton und Ausbruck an Voß, hat aber nichts Bedeutendes geleiſtet. Seinen Gedichten mangelt„poetiſche Innerlichkeit“, ſind dagegen reich an Reflexion. 425 aus ihr tönen läßt. Nur der tiefe Schmerz iſt ihm die einzige Quelle echter Poeſie: „Poeſie iſt tiefes Schmerzen, Und es kommt das echte Lied Einzig aus dem Menſchenherzen, Das ein tiefes Leid durchglüht“— ſagt Kerner charakteriſtiſch genug. Daher das Schmerzhafte in ſeinen Gedichten, die unendliche Sehnſucht nach dem Jenſeits, das Anknüpfen an die Geiſterwelt und das Hereinragen derſelben ins irdiſche Leben. Er flieht vor dem kalten Menſchen und hält ſich an die warme, geheimnißvolle Natur. Manchmal jedoch begegnen wir in ſeinen Gedichten— deren viele im volksthümlichen Tone ge⸗ halten ſind(Mir träumt ich flög gar bange— In Waldesdunkel ſteht ein Bronn ꝛc.)— auch wieder der geſunden Lebensfrendigkeit, dem kräftigen Humor und ſcharfen Witz, welche in ſeiner proſaiſchen Schrift:„Reiſeſchatten des Schattenſpielers Luchs“ ſo ſchön durchgeführt ſind. Bald wählt er fromme Sagen, bald ſetzt er die Natur in die ernſteſten und wichtigſten Beziehungen zum Menſchenleben: Preiß der Tanne(Nr. 111)— Wandrer in der Sägemühle (Nr. 187) ꝛc., und ſtimmt, freilich ſelten, ſeine Harfe zum politiſchen Liede. Großes Aufſehen machte ſein Buch:„Die Seherin von Prevorſt“, worin er ſich auf's Enutſchiedenſte für das Eingreifen der Geiſter in's Irdiſche erklärt. Steht Kerner mehr als Liederdichter neben Uhland, ſo Guſtav Schwab mehr als Balladendichter. Schwab iſt am 17. Juni 1792 zu Stuttgart geboren, wo ſein Vater Oberſtudien⸗ und Conſiſtorialrath war. Von 1809— 14 ſtudirte er in Tübingen Philoſophie und Theologie; hier lernte er Uhland kennen, der neben Goethe, Tieck, Novalis und A. W. Schlegel großen Einfluß auf ſeine poetiſche Entwicklung übte. 1815 kam Schwab als Repetent au's theologiſche Seminar zu Tübingen, wurde 2 Jahre ſpäter Profeſſor der alten Literatur am obern Gymnaſium in Stuttgart, 1837 Landpfarrer in Gomaringen(bei Tübingen), 1841 Stadtpfarrer und Dekan in ſeiner Vaterſtadt und 1845 Oberconſiſtorial⸗ und Oberſtudienrath. In der Nacht vom Z. auf den 4. November 1850 ſtarb er mit den Worten:„Lebt Alle wohl! Herr Jeſus Chriſt!“— Wenn auch die Mehrzahl von Schwab's Poeſieen mit ähnlichen Dichtungen von Uhland den Vergleich nicht aushält, weil ſie oft allzuſehr der pvetiſchen Grundlage und ſchöpferiſchen Geſtaltung entöehren; ſo iſt doch nicht zu verkennen, daß einzelne Gedichte, wie: Das Gewitter(Nr. 57)— Die Wolke am Sternenhimmel— Die Schöpfung des Bodenſees— Der Reiter und der Bodenſee(Nr. 208)— Die Engelskirche auf Anatolikon— Bemooster Burſche zieh ich aus ꝛc. mit Ehren neben ſolchen von Uhland und überhanpt dem Beſten der neueren deutſchen Lyrik genannt zu werden verdienen, deren klaſſiſcher Werth dem Dichter in der Geſchichte der Literatur ſeine Bedeutung ſichert. Von den übrigen ſchwäbiſchen Dichtern ſeien nur noch Eduard Mörike etwas ausführlicher erwähnt und Guſtav Pfizer, geboren 1809 zu Stuttgart, Profeſſor am Gymnaſium daſelbſt, deſſen dichteriſche Erzeugniſſe bei theilweiſe „nationaltreuer Haltung und ehrenhafter Freimüthigkeit“ meiſtens kalt und ohne 426 den Hauch innerer Belebung ſind“, wenigſtens genannt. Eduard Mörike, geb. am 8. September 1804 zu Ludwigsburg, ſtudirte zu Urach und Tübingen Theologie, beſchäftigte ſich aber nebenbei viel mit Gvethe und den griechiſchen Dichtern, wurde 1834 Pfarrer zu Cleverſulzbach bei Weinsberg und lebt gegen⸗ wärtig in Mergentheim— iſt ein origineller und höchſt liebenswürdiger Dichter, der durch Wahrheit des Gefühls, der Auffaſſung und Anſchauung, Friſche und Wärme, wie durch feine, aumuthigen Wendungen, echte klangsvolle Seelenworte und einen, dem alten Volksliede abgelauſchten, klaſſiſchen Humor, Alles mit dem überraſchenden Zauber der Poeſie zu umkleiden und den vollen Segen eines reichen lyriſchen Genius vor uns auszuſchütten weiß. Dafür ſprechen Gedichte, wie: Er iſts(Nr. 3)— Septembermorgen(Nr. 39)— Zum neuen Jahr (Nr. 61)— Mein Fluß(Nr. 136)— Die traurige Krönung(Nr. 204), neben denen wir: Tag und Nacht— Im Frühling— Beſuch in Urach— Wo find ich Troſt— Charwoche(die beiden letzten als vortreffliche religiöſe Lieder) hervor⸗ heben. Ein größeres Stück Mörike's iſt der Roman:„Maler Nolten“ voll Phantaſie und reicher Schönheit ſprachlicher Darſtellung. §. 47. Laſſen wir nun auch die letzten leiſen Klänge der Romantik hinter uns, treten wir von ihrem letzten Boden, den die Freiheitsſänger und die ſchwä⸗ biſchen Dichter inne hatten, in die Zeit unſerer jüngſten Literatur hinein, ſo müſſen wir auf der Grenzſcheide bei zwei gewichtigen Dichterperſönlichkeiten Halt machen, die auf dem Standpunkte„rein poetiſcher Vermittelung ſtehend, der Romantik gegenüber die freie nebelloſe Einſchau in Natur und Leben von der Höhe der Dichtung ſuchen, während ſie auf der andern Seite die Erbſchaſt ro⸗ mantiſcher Sprach⸗ und Formenſchätze für eine neue Zukunft ſo geſchickt als be⸗ triebſam verarbeiten und im Dienſte der Kunſt verwenden“— wir meinen Rückert und Platen. Friedrich Rückert iſt am 16. Mai 1789 zu Schweinfurt geboren. Er beſuchte das Gymnaſium ſeiner Vaterſtadt, ſtudirte in Jena Sprachwiſſenſchaft und ſchöne Literatur, ward Privatdocent daſelbſt, redigirte dann das Morgenblatt in Stuttgart, war 1818 in Italien, wo er dem Volksgeſang große Aufmerkſam⸗ keit ſchenkte. Später finden wir ihn in Coburg und 1826 iſt er Profeſſor der Literatur und orientaliſchen Sprachen an der Univerſität Erlangen. Im Jahr 1840 ward er in gleicher Eigenſchaft vom König von Preußen nach Berlin be⸗ rufen und lebt nun dort mit dem Titel eines geheimen Regierungsraths.— Es iſt kaum möglich, von Rückert's poetiſchen Leiſtungen in ſo beſchränktem Raume ein deutliches Bild zu entrollen, denn ein ganzes Meer poetiſcher Gedanken wogt und wallt in ſeiner tiefen Dichterbruſt und wirft mit größter Freigebigkeit ſeine koſtbaren Schätze von allen Formen faſt überreich den Menſchen zu, ohne ſich zu erſchöpfen.„Seine Muſe ſammelt Blumen, Blüten und Früchte in Deutſchland, Italien, Griechenland, Arabien, Perſien, Indien; er ſingt vom ſtillen, häuslichen Kreiſe, vom Vaterland, von Erde und Himmel, von den zarteſten Rührungen, von den dunkelſten Geheimniſſen des Herzens, vom Sturme der Leidenſchaft und von der Begeiſtrung für Freiheit und Vaterland; bald ſüß und tändelnd, bald ernſt und donnernd, bald in freier Form des Volksliedes, bald in den kunſt⸗ reichſten Rhytmen, jetzt ergriffen von Hochgefühl des Erhabenſten, dann kindliche 427 Märchen erzählend, nnn die ſchwierigſten Stoffe durchführend, dann in flüchtigſten Scherzen reimend“; er iſt ein Cröſus an Poeſie, der kaum anders, als in Verſen denkt und dem das Leben ſo ſelbſt zum ununterbrochenen Gedicht geworden iſt. Natur und Liebe bilden dabei den ſichtbaren und unſichtbaren Faden, der die Perlen einer reinen Lebensweisheit, eines tiefen Gemüths und hoher Gedanken aneinander gereiht hält. Die Natur iſt ihm ein Kleid der Gottheit, deren Glie⸗ der wir ſind; ihr Athem iſt die Liebe, das Höchſte, was der Dichter kennt: „Die Liebe iſt der Dichtung Stern, Die Liebe iſt des Lebens Kern; Und wer die Lieb hat ausgeſungen, Der hat die Ewigkeit errungen“*). Sie iſt auch der Mittelpunkt in Rückert's ſchönſten Liedern, und zugleich der reiche Schacht, in den er hinabſteigt und immer neue Schätze hervorholt; denn „Je mehr die Liebe gibt, je mehr empfängt ſie wieder; Darum verſiegen nie des echten Dichters Lieder“. Neben dieſem ungeheuren Reichthum liegt übrigens auch Manches Werthloſe, Sonderliche und Schülerhafte, und auch hier wieder iſt des Dichters eigen Wort trefflich bezeichnend: „Die Flut der Poeſie wirft an den Strand, Viel bunte Steinchen, Kies und Sand, Darunter echte Perlen liegen“. Sand und Perlen ſind eben gemiſcht und liegen oft ſehr nahe neben einander, ſo daß neben der duft- und farbenreichen Blume im rankenden, wucheruden Un⸗ kraut abgeblaßte und duftloſe Blüten treiben. Müßige Spielerei, bunter Flitter, geſuchte Phraſen und Sprachkunſtſtückchen müſſen oft die Fülle des Inhalts und Wärme des Gefühls erſetzen, ſo daß auch in dieſer Beziehung die Vezeichnung Rückert's als„poetiſcher Tonkünſtler“ Wahrheit hat. Indem wir nach dem Ge⸗ ſagten nun noch aus Rückert's Werken und Sammlungen: die unter dem Na⸗ men Freimund Reimar herausgegebenen„deutſchen Gedichte“ mit ihren ge⸗ harniſchten Sonetten, den„Liebesfrühling“ mit ſeinen fünf balſamiſch duftenden, immergrünen Sträußen unvergleichlicher Poeſie, die„Weisheit des Brahmanen“ mit den ſprühenden Funken tiefſten Geiſtes, die Bearbeitungen perſiſcher Volkslieder(„öſtliche Roſen“), arabiſcher Schelmengedichte(„Verwand⸗ lungen des Abu Seid von Serung“), indiſcher Heldenlieder(„Nal und Dama⸗ janti“), chineſiſcher Gedichtſammlungen„Schi— King“) hervorheben, ſchließen wir mit den Worten, womit Rückert ſein ganzes Wirken ſo trefflich charakteriſirt: „Geiſt genug und Gefühl in hundert einzelnen Liedern Stren ich wie Duft im Wind, oder wie Perlen im Gras, Hätt ich in einem Gebild es vereinigen können, ich wär ein Ganzer Dichter, ich bin jetzt ein zerſplitterter nur“**). Aug. Graf v. Platen⸗Hallermünde***), geb. am 24. Okt. 1796 zu Ansbach, ward zum Militärdienſt beſtimmt und kam deßhalb 1806 in die Kadet⸗ *) Aus:„Frühlingslied“ Nr. 25.—**) Dichterh. 2r Bd., S. 411.—***) Dichterh. 2r Bd., S. 281. 428 tenſchule zu München, die er 1810 mit dem königlichen Pageninſtitut vertauſchte. In ſeinem 18. Jahre ward er Lieutenant im Leibregimente Marimilians, wäre aber lieber dem Rufe der Univerſitätsglocke, als dem der Trommel gefolgt. 1815 mußte er gegen Napoleon ins Feld ziehen, kehrte jedoch ſchon im Herbſte desſelben Jahres in ſeine Heimat zurück. Nun war die Reiſeluſt in Platen erwacht, die ſein ganzes Leben lang leidenſchaftlich ſeine Bruſt erfüllte. Ein Jahr darauf macht er eine Reiſe in die Schweiz und ſchwärmt bald in Gedanken über ferne Länder und Meere.— Im Frühjahr 1818 ging er auf die Univerſität Würz⸗ burg, trieb philologiſche und philoſophiſche Studien mit muſterhaftem Fleiße, er⸗ lernte nach und nach ein Dutzend Sprachen, nämlich außer klaſſiſchem Deutſch auch Lateiniſch, Griechiſch, Arabiſch, Perſiſch, Spaniſch, Portugieſiſch, Italieniſch, Franzöſiſch, Holländiſch, Engliſch und Schwediſch, und las mit trefflichem Erfolge die vorzüglichſten Dichter Europas in der Urſprache.— 1819 bezieht er die Univerſität Erlangen, lernt den großen Philofophen Schelling kennen und hoch⸗ ſchätzen, wird mit Goethe, Jean Paul, Uhland, Schwab u. A. bekannt, reiſt im Herbſte 1824 durch die Schweiz nach Venedig und bekommt dadurch ein ſolches Verlangen nach Italien, daß er dort ſein Leben zu beſchließen gedenkt, und wenn er ſich dahin betteln müßte. 1826 geht Platen wirklich nach Italien, das er ſpäter nach allen Richtungen durchkrenzt. Der Polenkrieg ruft ſeine trefflichen Polenlieder hervor und macht ſeinem längſtgenährten Ruſſenhaß Luft. 1832 kommt er nach Deutſchland, bleibt den Winter über in München, geht im nächſten Frühjahr abermals über die Alpen, dann kommt er noch einmal in ſeine Heimat und ſcheidet bald für immer vom vaterländiſchen Boden. 1835 flüchtet Platen aus Furcht vor der Cholera von Neapel zu Schiffe nach Sicilien und ſtirbt an einer Entzündung am 5. December 1835 zu Syrakus. Ein Marmordenkmal bezeichnet ſeine Gruft. Seine großartige, auf den erſten Blick wie Anmaßung klingende, aber in vieler Beziehung doch ſehr wahre Grabſchrift hat er ſich ſelbſt geſungen. Platen, dieſer würdige, gediegene, tiefe und ſittlichreine Charakter, voll be⸗ geiſterter Liebe für die echte, wahre Kunſt, iſt mit Rückert der größte Meiſter der Form und zieht ſich durch ſeine gerechten Kämpfe gegen alles Matte, Gemeine, Unſittliche, Unklare und Formloſe ꝛc. viele Feinde zu, unter denen namentlich H. Heine und Immermann, deren Stimmen ihn noch bis nach Italien verfolgen, an denen er ſich aber auch ſcharf in ſeinen dramatiſchen Werken rächt(im„ro⸗ mantiſchen Oedipus“; die„verhängnißvolle Gabel“ iſt gegen die Dichter der Schickſalstragödien).— Iſt auch Platen als Dichter vorzugsweiſe„poetiſcher Architekt“, ſo irrt man doch, wenn man den Werth ſeiner Gedichte bloß in der meiſterhaften Vollendung der Form und des tadelloſen Reimes ſucht und nur Kälte in ihnen finden will. Einige ſind allerdings marmorkalt und menſchen⸗ verachtend gehalten, die größere Maſſe quillt jedoch aus tiefer, warmer Bruſt und iſt auch nach ihrem innern poetiſchen Gehalt eine koſtbare Perle unſerer Literatur. Eine gewiſſe Wehmuth und trübe Auffaſſung der Welt und ihrer Verhältniſſe iſt dabei der, bald mehr, bald weniger hervortretende Grundton, der ſich durch ſie alle hinzieht: 429 Wem Leben Leiden iſt und Leiden Leben, Da mag nach mir, was ich empfand, empfinden“ ſagt der Dichter ſelbſt. In ſeinen„Gaſelen“ und„Sonetten“ zwingt er ſelbſt dem Feinde ſtaunende Bewunderung ab und zeigt eine Vollendung der Sprache, wie ſie nur immerhin möglich iſt. Die„Hymnen“ und„Feſtge⸗ ſänge“, im Geiſte Pindar's gedichtet, hielt Platen ſelbſt für das Beſte, was er in der Lyrik geſchaffen, und in der That ſind ſie das höchſte, was die Literatur in reimloſer, rhythmiſcher Poeſie aufzuweiſen hat. Wohl darf Platen darum, ohne unbeſcheiden und anmaßend zu ſein, von ſich ſagen: „Wie ein Eichſtamm in der Waldſchlucht allein Steht frei gewachſen und hoch mein Geſang: Ausraufen magſt du das bunte Moos wohl, Der Rinde Schmuck, nicht aber den Baum; zu tief wurzelt er“. §. 48. An Rückert und Platen vorbei treten wir nun in unſere jüngſte Literatur ein, von einer Anzahl junger Talente eröffnet, die in kritiſcher Ver⸗ ſtändigkeit und Reflexionsſchärfe in gewiſſer Beziehung die Sturm⸗ und Drang⸗ periode der 70er Jahre zurückrufen, dabei aber nicht bloß dem regelſtarren Her⸗ kommen in der Poeſie, ſondern— wie das Programm dieſes„jungen Deutſchlands“ in Wienbarg's äſthetiſchen Feldzuge,(dem„jungen Deutſchland“ gewidmet, woher der Name) lautet:—„dem Philiſterium, wo es ſich immer in unſeren Literatur⸗ oder Socialitäts⸗Verhältniſſen finden möge“, den Krieg ankündigt und dadurch die beſtehenden ſittlich⸗religiöſen, wie die ſtaatlichen Ver⸗ hältniſſe unterwühlt. Als erſter Vertreter dieſer Beſtrebungen iſt zu nennen: Heinrich Heine, am 1. Januar 1800 zu Düſſeldorf von jüdiſchen Eltern geboren, ſtudirte in Bonn, Berlin und Göttingen die Rechte, trat 1825 zum Chriſtenthum über und lebte nun abwechſelnd in Hamburg, Berlin und München. Seit 1830, nach der Junirevolution hat er ſich Paris zum Aufenthaltsorte ge⸗ wählt, wo er nun ſchon ſeit Jahren gänzlich erblindet und unter den größten Schmerzen hoffnungslos darnieder liegt.— Heine iſt unbeſtreitbar ein ſeltenes lyriſches Dichtertalent, das durch ſeine Dichtungen manchen werthvollen Edelſtein in die Krone der deutſchen Poeſie ge⸗ ſetzt hat. Leider aber fehlt es ihm zu ſehr an kräftiger Geſinnung, an Charakter und Wahrheit, an der eigentlichen Weihe des höhern Genins. In ſeinem„Buch der Lieder“ hat er eine Auswahl ſeiner Gedichte dem Publikum übergeben. Vieles darin iſt trüb, kalt und ſchauerlich. Traum, Todtenhemd, Sarg, Kirchhof, Geiſter, marmorblaſſe Leichen, blaſſe Buchſtaben, bleiche Knaben, Thränen und Schmerz ꝛc. ſind Worte, die er gern wiederholt. Gar zu häufig begegnet man dem kranken Dichter, der ſogar ſeine Bläſſe für vornehm hält, bittere Thränen vergießt und ſeinen großen Weltſchmerz kund gibt. Alles Vergnügen iſt ihm nichts als ein geſteigerter Schmerz und uur den Kranken läßt er als Menſch gelten. Entweder iſt Heine ein Poet der Lüge, der nicht fühlt und glanbt, was er ſingt, oder er hat ſeltene, feierliche Augenblicke, in denen er zauberiſch die böchſten und heiligſten Gefühle ſo zart und erhaben aus ſeiner Bruſt quellen läßt. Dann nimmt ſeine großartige Phantaſie einen außerordentlichen Schwung, 430 und der kleinſte Stoff, von ſeinem reinen poetiſchen Hauche beſeelt, zaubert die höchſte Wirkung hervor. Gewöhnlich aber beſiegt ſein Leichtſinn, ſein bitterer Spott, ſein ſcharfer, beißender Witz mitten im poetiſchen Erguß das beſſere Ge⸗ fühl in ihm und er verdirbt durch einen einzigen Zug ſeines Muthwillens den trefflichſten Eindruck ſeiner gelungenſten Dichtungen. Das, was Millionen ſeit ſo vielen Jahrhunderten heilig iſt, greift er mit zügelloſeſter Frechheit an, ſucht es in den Staub des gemeinen Lebens herabzuziehen, ſeinen Witz“daran zu üben und ſeinen Spott darüber auszugießen, wodurch er ſeinem Dichterruhme ſehr ſchadet. Ja er verſpottet ſogar oft ſeine eigenen Empfindungen, die ihm eine glückliche Minnte geboren, und macht ſich wohl auch luſtig über ſeine Gedichte, während er wieder anderwärts mit außerordentlicher Anmaßung von ſeinem wei⸗ ten Ruhme, ſeiner Anmuth, ſeinen Witzen, ſeinen göttlichen Gedichten c. ſpricht. — Heine's Liederſammlungen gleichen, um das Geſagte im Bilde kurz zuſam⸗ menzufaſſen, einem Walde mit hellſtrömenden Gebirgsbächen und eingeſumpften Gräben, kryſtallklaren Bergſeen und trüben Lachen, lieblichen Ruheplätzchen und düſtern, ſchauerlichen Gründen, zarten, lieblichduftenden Blumen und wuchern⸗ dem, übelriechenden Unkraut; „Sein Herz gleicht ganz dem Meere, Hat Sturm und Ebb und Flut, — Und manche ſchöne Perle In ſeiner Tiefe ruht“. Sein letztes Dichterwerk„Romancero“ iſt von dem Leichengeruch ſeines Krankenzimmers durchzogen, und zeigt(wie auch„Atta Troll“,„Deutſchland ein Wintermärchen“),„zu welcher bodenloſen Armſeligkeit Leichtſinn und Niederträch— tigkeit der Geſinnung einen ſonſt reichbegabten Geiſt herabbringen können“. Neben Heine wäre Ludwig Börne(geb. den 22. Mai 1786 zu Frankfurt, ebenfalls jüdiſcher Abkunft, aber 1818 getauft, † 1837 zu Paris) zu ſtellen, den Hilleb. als einen„hochbegabten Geiſt, in intellektueller Hinſicht wahr und ſcharf, in ſittlicher voll Ernſt und gutem Willen“ charakteriſirt, und deſſen„Briefe aus Paris“ er als„proſaiſche Zorngedichte, voll der treffendſten politiſchen, ſocialen und literariſchen Wahrheiten“ bezeichnet, den wir aber hier als Proſaiker kaum nennen, viel weniger ausführlicher beſprechen dürfen.— Kurz müſſen wir auch ſein über Heinrich Laube(geb. den 18. September 1806 zu Sprottau, lebt jetzt als artiſtiſcher Direktor des Hoftheaters zu Wien), den„keckſten“ aus der Gruppe des jungen Deutſchlands, einen Schriftſteller mehr lebendig und beweglich, als tief und gründlich, wohl geiſtreich, aber ohne Tucht der Geſin⸗ nung und Ernſt des Gedankens,— der in ſeinen„Reiſenovellen“ mit viel ſprachlicher Gewandtheit den oben allgemein angedeuteten Beſtrebungen den vollſten Ausdruck verleiht;— über Karl Gutzkow(geb. 1811 zu Berlin, lebt jetzt in Dresden), den bedeutendſten und vielſeitigen Vertreter, ein begabtes Talent, der nur ſeine ſchriftſtelleriſche Thätigkeit zu ſehr zerſpaltet und„verzet⸗ telt“ um Großes zu leiſten. Bekannt ſind ſein Roman„der Ritter vom Geiſte“, und das Drama„Uriel Acoſta“. Ohne Betrachtung laſſen müſſen wir den ſchon erwähnten Ludolf Wienbarg(geb. 1802 zu Altona, lebt in Kiel, wo er früher Doecent der Aeſthetik war— ein kräftiger Geiſt, gediegen im 431 Denken, kernig im Schreiben), den vielſeitig gebildeten Theodor Mundt(geb. 1807 zu Potsdam, lebt als Docent in Berlin), den mehr milden und ſinnigen Magdeburger Ferd. Guſtav Kühne(geb. 1806, lebt in Leipzig), und den vielfach bekannten Wolfg. Menzel(geb. 1798 zu Waldenburg in Schleſien, lebt als Privatgelehrter in Stuttgart), der aus einem Mitvertreter ſpäter der heftigſte Gegner wurde. §. 49. Durch die eben geſchilderten Beſtrebungen war die Poeſie auf das Gebiet der religiöſen und politiſchen Zeitverhältniſſe hinüber verſetzt worden; ſie iſt nun fortan ihr treuſter Spiegel. Der Zeitgeiſt beherrſcht mehr oder weniger unſere jüngſten Dichter; viele derſelben gehen in ſeinen Flutungen unter, zer⸗ ſchellt an den„Zinnen der Partei“; andere dagegen hat ihr Genius höher ge⸗ tragen, daß ihr Geſang„erhabener ſchwebet als dieſer Tage Lieb und Groll“, daß ſie in ihrem Lied „die heilgen Schätze hüten Die fromm die Väter aufgehäuft, Des Herzens kenſche Wunderblüten, Den Glauben, der von Frieden träuft“.(Geibel.) Von Oſten her, aus Oeſtreich, tönen reine, volle Klänge herüber von Nikolaus Lenau*)— eigentlich Nikolaus Niembſch Edler von Streh⸗ lenau,— geb am 13. Auguſt 1802 in dem ungariſchen Dorfe Cſatad, machte in Wien ſeine Studien, anfangs als Philoſoph, dann drei Jahre als Juriſt und endlich noch drei Jahre lang als Mediziner. 1832 reiſte er nach Nord⸗Amerika, kehrte aber bald unbefriedrigt wieder zurück und hielt ſich dann meiſtens in Wien auf. Im Jahre 1844 begab er ſich nach Stuttgart, wurde daſelbſt geiſteskrank und blieb es auch bis zu ſeinem Tode am 22. Auguſt 1850. Unſtreitig iſt Lenau einer der tüchtigſten Lyriker der Gegenwart, der mit tiefem Gefühl in weichen, zarten Tönen das Elegiſche beſingt und mit Kraft und Wahrheit die friſchen, belebenden Farben ſeiner Naturanſchauung und des ungariſchen Volkslebens reich und großartig in meiſterhaften Zügen aufträgt; doch wollen Gedanken und Bild manchmal nicht recht bei ihm zuſammenfallen. Bald ſingt er gar zart und lieb⸗ lich, wie im Menz“(Nr. 10),„den Frühlingsblicken“(Nr. 18) und in der „Liebesfeier“(Nr. 13), bald greift er ernſt in die vom Schmerz zerriſſenen Sai⸗ ten ſeines Herzens und klagt ſein Seelenleiden, beſonders in ſeinen Herbſtliedern (Nr. 18) u. a. Da ſcheint ihm denn alles trüb und dunkel, ſo daß er fragen kann:„Trägt Natur auf allen Wegen Einen großen, ewgen Schmerz, Den ſie mir als Mutterſegen Heimlich ſtrömet in das Herz?“ Der Schmerz und die Empfindſamkeit Lenau's ſind aber nicht etwa äußerlich herbeigezogen und gemacht, ſondern ſie quillen aus ſeiner tiefen Dichterbruſt und ſind unwiderlegliche traurige Wahrheit. Ein niebeſiegter Zweifel und ein ſtetes Ringen nach Glaubensfreiheit geben Lenau genug Stoff zu poetiſchen Produklio⸗ nen, in denen er hier und da ſein religiöſes Glaubensbekenntniß ablegt. Seine *) Dichterhalle 2r Bd., S. 119. 432 Polenlieder ſind mitunter recht gut gelungen, der„Polenflüchtling“(Nr. 25) be⸗ ſonders iſt tiefergreifend. Tiefgefühlt iſt der„Poſtillion“(Nr. 154). Das epiſch⸗dramatiſche Gedicht„Fauſt“ von Lenau kann ſich nicht mit dem großartigen, unübertrefflichen Kunſtwerk Goethe's in Vergleich einlaſſen; denn dabei würde es in ſtarken Schatten treten. Beſſer iſt ſein„Savona⸗ rola“. Die lyriſchen Partien ſind jedoch in dieſem wie in jenem Gedichte die gelungenſten. Die„Albigenſer“ ſind eine mehr oder minder glückliche Va⸗ riation des Savonarola; Manuſeript blieb„Don Juan“ Getzt herausgegeben von Grün). Anaſtaſius Grün*), oder mit ſeinem wahren Namen: Anton Alex. Maria Graf von Auersperg, iſt geb. am 11. April 1806 zu Laibach. Von ſeinem früh verſtorbenen Vater erbte er Queckfeld und die Grafſchaft Thurn und Hart im öſtreichiſchen Berglande. Er hielt ſich nun meiſtens auf ſeinem väterlichen Stammſchloſſe auf, reiſte dann 1837 nach Paris, war Mitglied des Frankfurter Vorparlaments und lebt jetzt zurückgezogen in ſeiner ſtillen Heimat. Grün iſt in der friſchen, geſunden Bergesluft aufgewachſen, in einer wildromantiſchen Natur, wo Adler horſten und Bergſtröme ſchäumend in die Tiefe ſtürzen. Dieſe Umge⸗ bung war ſicherlich von entſchiedenem Einfluß auf unſern Dichter, der ſich wie ein kühner Aar zum Lichte aufſchwingt; mit tiefer Innigkeit ſchaut er der Natur in ihr ewig klares Auge und zeichnet uns dann die ſchönſten Naturbilder: Banmpredigt(Nr. 117), verſchiedene Trauer ꝛc. Mit einer tiefen, poeti⸗ ſchen Auffaſſung des Stoffes vereinigt G. eine reiche Fülle und Kraft der Ge⸗ danken, einen Farbenduft und eine Mannichfaltigkeit von herrlichen, oft ſehr überraſchenden, ja manchmal gehäuften Bildern. Von G.s größeren Dichtungen nennen wir zunächſt den Romanzenkranz: „der letzte Ritter“**); dann die„Spaziergänge eines Wiener Poe⸗ ten“, in denen er den Ton des politiſchen Liedes anſchlägt, geſchmückt mit duf⸗ tenden Blumen und leichten ſpielenden Ausdrücken, zwiſchen welche er mit glühender, feierlich ernſter und kräftiger Begeiſtrung eingreift und ſeinen Dichterzorn über die Mängel der Zeit in vollen Schalen ausgießt, dabei aber die lebhafteſte Hoff⸗ nung für eine beſſere freiere Zukunft hegt. Ein Beurtheiler nennt G. in Bezug darauf den Jeremias unſerer Tage, der auf den Trümmern einer blut⸗ und thränenreichen Vergangenheit ihr Weh in ſcharfen Bildern male, denſelben aber auch ein hoffnungshelles Gemälde kommender Zeiten gegenüberſtelle.— Im „Schutt“ verläßt G. den heimatlichen Boden und ſucht unter den Trümmern einer alten verfallenen Welt die Keime einer neuen, welche er in Amerika zu finden wähnt. Eine liebliche Dichtung iſt:„Pfaff vom Kahlenberg“. Joſeph Chriſtian Frhr. von Zedlitz***), geb. am 28. Febr. 1790 zu Johannesberg in öſtr. Schleſien, trat 1806 in Kriegsdienſte gegen Napoleon, zog ſich 1811 auf ſeine Güter zurück, erhielt 1837 eine Anſtellung in der Staats⸗ kanzlei, und lebt nun als Kammerherr meiſt zurückgezogen auf einer kleinen Be⸗ *) Dichterhalle 2r Bd., S. 339. **) Daraus: die Martinswand(Nr. 269) und die Abfahrt nach Insbruck Mr. 270). **) Dichterhalle 3r Bd., S. 404. ——————— 433 ſitzung(Außee) in einer der herrlichſten Gegenden Steiermarks. Die in ſchöner poetiſcher Stimmung und echter Begeiſtrung gezeugten„Todtenkränze“, in trefflich gelungenen Canzonen gedichtet, wie viele ſeiner Gedichte(Nächtliche* Heerſchau Nr. 257; Nr. 177 ꝛc.) ſichern ihm ſeine Stellung neben Lenau und Grün, mit denen er nicht bloß des Namens, ſondern auch der poetiſchen Be⸗ deutſamkeit wegen zum hohen Adel unter den zahlreichen öſtreichiſchen Sängern gehört. Weitverbreitet und hochgeſchätzt iſt beim öſtr. Militär Z.ens„Solda⸗ tenbüchlein“. Das Märchen:„Waldfräulein“, ausgezeichnet durch leichte Phantaſie, lebendige Schilderung, Zartheit und Duft der Farben, ſteht ganz auf altromantiſchem Standpunkt) Böhmens talentvollſter und berühmteſter Dichter iſt Karl Egon Ebert*), geb. am 5. Juni 1801 zu Prag, ſtudirte daſelbſt die Rechte, ward 1829 fürſten⸗ bergiſcher Rath und Archivdirektor in Donaueſchingen. Gegenwärtig lebt er in Prag. Viele ſeiner Gedichte ſprechen durch edle Geſinnung, Wärme des Ge⸗ müths und Wahrheit und Einfachheit des Gefühls an, wohin namentlich ſeine Balladen zu zählen ſind(vergl. Nr. 239). Ebert's größere Dichtungen werden beſonders in Böhmen mit großem Beifall aufgenommen, weil der Stoff dazu größtentheils aus dem dortigen Volk und Land genommen iſt(Wlaſta, Bretislaw und Jutta, Czeſtmir).— In den Gedichten von Joh. Gabriel Seidl**)— geb. am 21. Juni 1804 zu Wien, ſtudirte Rechtswiſſenſchaft, ward 1829 Gym⸗ naſiallehrer zu Cylli in der ſüdlichen Steiermark, 1840 Cuſtos(Aufſeher) am k. k. Münz⸗ und Antikenkabinet zu Wien— ſpiegelt ſich meiſt innere Zufrieden⸗ heit und ein reines ſittliches Gemüth; nur fehlt es dem Dichter oft am gedräng⸗ ten Erfaſſen des Gedankens, wodurch eine Weitſchweifigkeit in der Ausführung entſteht, welche den vollen Pulsſchlag eines poetiſchen Herzens nicht herausfühlen läßt.(Nr. 201. 217). Das kleine Schanſpiel:„s letzti Fenſterl“ hat vielen Beifall gefunden.— Aeußerſt fruchtbar iſt Joh. Nepomuk Vogl**8)— geb. im Nov. 1802 zu Wien, wo er ſchon ſeit ſeinem 17. Jahre im Dienſte der niederöſtreichiſchen Landſtände lebt,— läßt jedoch bei der Fülle ſeiner Produk⸗ tionen gar oft die tiefere poetiſche Idee wie das bündige Erfaſſen und Behandeln des Stoffes außer Acht. Die Worte Menzel's:„Lieber mehr Geiſt und weniger Papier“ können dabei in vollſter Geltung gebraucht werden. Schön iſt Nr. 190: Ein Friedhofsbeſuch.— Einzelne ſchöne Gedichte lieferten auch Karl Beck(geb. 1817 zu Peſth, lebt in Berlin— namentlich ungariſche Nationalbilder:„Janko der ungariſche Roßhirt“), Eduard Duller(geb. 1809 zu Wien, lebt in Mainz—„der Fürſt der Liebe“), Ludwig Ang. Frankl(lebt in Wien— „das Habsburglied“), Moritz Hartmann(geb. 1821—„Nächtlicher Ritt“— „Von Ihr“ ꝛc., welches letztere wir als beſonders ſchön hierher ſetzen wollen: Fern von Gottes Herzen, Ein geheimes Trauern Ihrem Heimatland, Winkt ihr himmelwärts, Iſt die Seele einſam Doch ihr fehlt Verſtändniß An die Welt gebannt. Für den eignen Schmerz. *) Dichterb. 1r Bd., S. 107.—*) Dichterh. 3r Vd., S. 243.—***) Dichterh. 3r Bd., S. 391. Schenckel's Blüten, 2r Tbeil. Mte ſ. verm. Aufl. 28 6 434 Bis das Lied des Himmels, Liebe iſt der Seele, Darum iſt der Seele Bis ſich niederſenkt Was dem Alpenkind Einzge Ruhefriſt, Liebe— und die Sehnſucht Der verlornen Berge Wenn ſie ruht, wo einzig Nach der Heimat lenkt. Ferne Lieder ſind. Ihre Heimat iſt. Auch köunte hier der einige Zeit als Epiker berühmt geweſene Erzbiſchof Joh. Ladislav Pyrker von Felſö⸗Eör(geb. 1772 zu Langh in Ungarn, † 1847 als Erzbiſchof zu Erlau) erwähnt werden, der einer etwas früheren Zeit ange⸗ hört. Er hat den Ruhm überlebt, welchen ihm ſein Rudolf von Habsburg ꝛc. gebracht. §. 50. In Würtemberg ſingt als religiöſer Dichter Albert Knapp*), geb. am 25. Juli 1798 zu Tübingen, wo er von 1816— 20 Theologie ſtudirte, war von 1820— 25 Vikar in Feuerbach und Gaisberg— nahe bei Stuttgart—, 1825 Diakonus in Sulz am Neckar, 1831 Archidiakonus in Kirchheim, jetzt ſeit 1836 Stadtpfarrer zu Stuttgart. K. ſchlägt in ſeinen Poeſieen vorzugsweiſe den Ton entſchieden chriſtlicher Frömmigkeit an: Vor deinem Throne liegt mein Saitenſpiel, Du biſts, o Herr, der ihm die Töne leihet: So ſei dein Ruhm auch meines Liedes Ziel, Und deiner Dreue jeder Laut geweihet.(Knapp.) Durchdrungen von reiner religiöſer Begeiſtrung, chriſtlicher Liebe und Glaubens⸗ tiefe hat er manches tief empfundene und erhebende Lied gedichtet(Nr. 312), zum Theil in dem von ihm bearbeiteten und herausgegebenen„evangeliſchen Liederſchatz“ abgedruckt.— Politiſcher Parteidichter iſt Georg Herwegh**), geb. am 31. Mai 1817 zu Stuttgart, wollte anfangs Theologie ſtudiren, wurde 1838 Militär, mußte aber wegen Streitigkeiten flüchten und lebte dann in der Schweiz und in Paris. 1848 nahm er am badiſchen Aufſtand Theil, nicht um die Wahrheit ſeiner politiſchen Lieder und ſeines ſtolzen Wortes, im heißen Pul⸗ verdampf zu ſtehen und nicht zu wanken, chatſächlich zu bekräftigen, ſondern um bei der beſten Gelegenheit feig zu fliehen. Jetzt iſt er wieder in der Schweiz.— Faſt plötzliche Berühmtheit erwarben ihm ſeine„Gedichte eines Lebendi⸗ gen“, aus denen dem„ſtillen Volke ſein zürnend freiheitheiſchend Lied“ entge⸗ gentönte unter der Loſung: „Ich hab gewählt— ich habe mich entſchieden, Und meinen Lorbeer flechte die Partei!“ (d. h. die radikale Partei). Neben vielem Schönen, das uns als echtes, ſelbſt herzinniges Dichterwort entgegenklingt(Nr. 168), enthalten ſie viel Uebertriebe⸗ nes, Mattes, Unwahres, viel„phraſengewappnete“ Lieder.— Alexander Graf von Würtemberg(geb. 1801 zu Kopenhagen, † als Oberſt zu Eßlin⸗ gen im Jahr 1844), dichtete volltönige,„ſporrenklirrende, von tiefen Herzenstö⸗ nen durchzogene und von ritterlich-freimüthiger Geſinnung getragene“ Lieder. Baierns bedeutendſter Dichter iſt Oscar Frhrr. von Redwitz***), geb. am 28. Juni 1823 in dem mittelfränkiſchen Städtchen Lichtenan, ſtudirte in München Philoſophie und Jurisprudenz, war von 1846 an als Rechtsprakti⸗ *) Dichterh. 2r Bd., S. 79.—**) Dichterh. 1r Bb., S. 433—**) Dichterh. 2r Bb., S. 367. 435 kant in der Pfalz beſchäftigt, ging 1850 nach Bonn, von wo aus er 1851 als Profeſſor nach Wien berufen wurde. Gegenwärtig lebt er mit zweijährigem Ur⸗ laub auf dem in der Nähe von Kaiſerslautern gelegenen Hofgute Schellenberg.— Das epiſch⸗lyriſche Gedicht„Amaranth“, verklärt in dem ſüßen Dufte einer frommen Minne und in dem, das Weltall erleuchtenden und verklärenden Glanze des Chriſtenthums, hat ihm eine hohe Stelle unter den Dichtern der Gegenwart verſchafft. Seine Gedichte, unter denen vielen in ihrer einfachen Schönheit und Herzenstiefe das Siegel poetiſcher Vollendung aufgedrückt iſt(Nr. 16. 299. 316), ſind aus chriſtlich⸗gläubigem Herzen gefloſſen, neigen aber leider hin und wieder ſo ſehr zur religiöſen Tendenzdichtung, daß ſie aufhören, wirklich poetiſch zu ſein. Das Märchen vom Waldbächlein und Tannenbaum iſt nur eine ſchwächere Wiederholung früherer Klänge.— In München(als Kanzliſt im Miniſterium) lebt Georg Scheurlin*), geb. am 25. Febr. 1802 zu Mainbernheim in Un⸗ terfranken, ward— ohne Beſitz der nöthigen Geldmittel zum Studiren— Volks⸗ ſchullehrer, erſt in ſeiner Vaterſtadt, dann in der Liederkron'ſchen Erziehungsan⸗ ſtalt in Erlangen, ſpäter in Ansbach, wo er bis zum vorigen Jahre wirkte.— Sch. ſpielt eine zartbeſaitete Leier, der er vorherrſchend elegiſche Töne entlockt; er ſingt in einfachen, oft rührenden Herzensweiſen, in denen wir nicht ſelten die tiefe Sehnſucht nach jener Freiheit und jenem Lichte erkennen, welche die bele benden Elemente der Muſen ſind. Sein Frühlingslied:„Wenn es wieder Früh⸗ ling will werden“(Nr. 12) erinnert an das Volkslied:„Wann der jüngſte Tag wird werden, dann fallen die Sternelein auf die Erden ꝛc.“ Außerdem ſind von ihm: Gen Maien(Nr. 20)— Schneeglöckchen— Das Glöcklein im Herzen ꝛe. Im ſchönen Elſaß dichten als treue Wächter und Beſchützer deutſcher Fe⸗ ſtigkeit und heiligen deutſchen Ernſtes an den Marken des beweglichen Franzoſen⸗ thums die ehrenwerthen Brüder Auguſt und Adolf Stöber, der erſtere am 9. Juli 1808, der zweite am 7. Juli 1810 zu Straßburg geboren, Söhne des Dichters Ehrenfried Stöber(1779— 1835), deſſen Gedichte und Lieder in Straß⸗ burger Mundart ſich durch heitere, glückliche Laune und naive Volksthümlichkeit auszeichnen und zum Theile im Munde des Volkes fortleben. Auguſt, der ältere— gegenwärtig Profeſſor der deutſchen Sprache zu Mühlhauſen im Ober⸗ elſaß— wirkt mehr als unermüdeter deutſcher Schriftſteller im Bereiche volks⸗ thümlicher Anſchauungen. Seine, meiſt in heiterem, bisweilen auch ſchalkhaftem Ton gedichteten Lieder ſtehen hinter denen ſeines Bruders— ſeit 1840 Pfarver in Mühlhauſen— zurück. Adolf Stöber's Lyrik trägt das Gepräge wahrer Frömmigkeit und heiligen Ernſtes, hier und da mit leiſer Hinneigung zur ſüßen Myſtik, ohne jedoch in die Schwächen dieſer Richtung zu verfallen. Er dichtet nicht leichten Sinnes, ſondern naht ſich dem Altar der Muſen in feierlicher Stimmung und mit einer zum Gebete geſammelten Seele: Willſt du dichten— ſammle dich, Sammle dich, wie zum Gebete, Daß dein Geiſt andächtiglich Vor das Bild der Schönheit trete: *) Dichterhalle 3r Bd., S. 43. 28* 436 Daß du ſeine Züge klar, Seine Fülle tief erſchaueſt, Und es dann getren und wahr Wie in reinen Marmor haueſt.(Ad. Stöber.) §. 51. Wenden wir uns nun zum Rhein und Norddeutſchland, ſo finden wir da eine gute Zahl namhafter Sänger und anch einige Sängerinnen, wovon wir den letztern den Vortritt laſſen wollen. Den„Fürſt der Ströme“ ver⸗ herrlicht durch ihre poetiſchen Rheinſagen Adelheid von Stolterfoth(aus Geiſenheim, vermählte von Zwierlein).„Ihr Rheiniſcher Sagenkreis, Rheiniſche Lieder und Sagen und Mehreres bezeugen, wenn auch wenig echt dichtende Phan⸗ taſie, doch ein gemüthlich⸗inniges Anſchauen der Natur und ihrer Schönheit, der Sage und ihrer Beziehung“. Annette von Droſte⸗Hülshof, geb. 1798 auf dem Gute Hülshof bei Münſter, lebte in letzterer Stadt und ſtarb 1848 zu Meersburg am Bodenſee,— iſt originell in ihrer Auffaſſung, mitunter ſelbſt ge⸗ nial in ihrer Anſchauung, männlich-kräftig in ihrer Darſtellung, und hat Ge⸗ dichte geſchaffen, die durch ihren inneren Gehalt hohe Bedeutſamkeit erlangt ha⸗ ben. Beſonders gelungen ſind ihre Haideſchilderungen, wie viele ihrer Balladen. Vortreffliche Naturbilder ſind: die Lerche— der Weiher(Nr. 135) c.— Wir reihen an die beiden Genannten Luiſe von Plönnies*) an, geb. am 7. Nov. 1803 zu Hanau, wohnte bis 1847 in Darmſtadt und lebt nun in Jugenheim an der Bergſtraße. Neben ihren Gedichten, deren viele durch Form⸗ und Reim⸗ ſchönheit ſowohl, als durch Wahrheit und tiefes Gefühl als muſikaliſche und me⸗ tallreiche Klänge gefallen müſſen(Nr. 167), hat ſie ſich auch als vortreffliche Ueberſetzerin Ruhm erworben:„Brittania“,„Ein fremder Strauß“ ꝛc.— Von Weſtphalens Dichtern ſind außer der Hülshof noch zu nennen: Ferdinand Freiligrath**), geb. am 17. Juni 1810 zu Detmold, beſuchte bis in ſein 15. Jahr das Gymnaſium daſelbſt und erlernte bis zum Jahre 1831 in Soeſt die Kaufmannſchaft, weil er Hoffnung hatte, einen reichen Oheim in Edinburg zu beerben. Von Soeſt kam er in ein Wechſelgeſchäft nach Amſterdam, und von da nach Barmen. Als er ſah, daß ſeine Gedichte Beifall erhielten, gab er ſeine Stelle als Handlungsdiener auf, ging auf Reiſen, brachte eine Zeitlang in Darm⸗ ſtadt zu, ward vom Könige von Preußen mit einem Jahrgehalt von 300 Thalern bedacht und ſuchte ſich dann in St. Goar ein Plätzchen zur Beförderung ſeiner Muſen. Hier ſchrieb er Gedichte gegen den thronſtürmenden, feurigen Her⸗ wegh, dem gegenüber er in ſeinem Gedichte:„Aus Spanien“ die Worte aus⸗ ſpricht:„Der Dichter ſteht auf einer höhern Warte Als auf den Zinnen der Partei“. Schade, daß er ihnen durch die Herausgabe ſeines„Glaubensbekenntniſſes“, gleich nach ſeinem Erſcheinen 1844 ſeiner politiſchen Tendenz wegen verboten, ſobald untren wurde. Er verzichtete nun auf die bisherige Penſion und hielt es zeitig genug für gerathen, dem preußiſchen Staate Lebewohl zu ſagen. Nach⸗ dem ſich F. einige Monate in Brüſſel aufgehalten, ging er nach der Schweiz und London, wohin er auch 1851 politiſcher Unterſuchung wegen wieder flüchtete. *) Dichterhalle 2r Bd. S. 333.—**) Dichterhalle 1r Bd., S. 147. 437 In Beſchreibung und Schilderung iſt Freiligrath Meiſterund zwingt uns in der beſchreibenden Poeſie vollen Beifall ab. Er ſteht unter allen Dichtern ganz eigenthümlich da, hat ſich die Welt ſeiner Dichtung ſelbſt erobert und beherrſcht ſie mit aller Macht ſeines kühnen Geiſtes, umgeben von Glut und Pracht. Vor Allem gefällt ihm das Kecke und Gewagte, oft auch das Gräßliche, vor dem ihn ſchon Chamiſſo gewarnt hat; er taucht ſeinen Pinſel in glühende Farben oder in die ſchäumenden Wogen des Oceans und malt mit kecker Hand ein Naturbild, oft brennend, ja blutigroth colorirt; er gleicht„dem Flammenthier aus Alexan⸗ drien, das wiehernd über die Abgründe ſetzt, mag auch darob das Hufhaar blu⸗ ten“. In der größten Zahl ſeiner Dichtungen trägt ihn ſeine Phantaſie aus ſei⸗ ner an dichteriſchem Stoff ſo reichen Heimat Deutſchlands hinaus auf die bran⸗ dende See, in die brennendheißen Sandwüſten, unter die Palmen des Orients und zu dem Aufenthalte der tropiſchen Beſtien.(Vgl. Nr. 100.) Höchſt ſelten ſteigt er in den Schacht ſeiner eignen Bruſt und rührt die Saiten des menſch⸗ lichen Herzens, daß ſie geheimnißvoll und tief harmoniſch ertönen; wie in den Gedichten„der Blumen Rache“(Nr. 118),„der Liebe Dauer“(Nr. 184),„das Wetterleuchten in der Pfingſtnacht(Nr. 68),„der Tod des Führers“(Nr. 162) ꝛc. Seine Sprache iſt markig und kernig, und der Vers lebendig und kräftig gebaut. Bei allen dieſen Vorzügen macht jedoch F. oft tadelnswerthe Jagd auf überra⸗ ſchenden Beifall, den er beſonders durch die vielen Fremdwörter, worüber uns oft das beſte Lexikon im Stiche läßt, zu erlangen ſucht. Im Ueberſetzen frem⸗ der Poeſieen ins Deutſche hat ſich F. als Meiſter gezeigt. In Düſſeldorf pflegt Wolfgang Müller*)— geb. am 5. März 1816 in Königswinter am Fuße des Siebengebirgs, ſtudirte in Bonn Medizin und wirkt jetzt als praktiſcher Arzt— der Dichtkunſt. Seine Lieder quillen aus einem friſchen, geſunden Herzen; ſie ſind ſtärkend und erquickend wie die thaufriſchen Morgen, warm und weich wie der heitere, milde Frühlingsabend und die daunen⸗ weiche, balſamduftende Sommernacht, zart, innig und ſüß wie die reine Liebe eines liebewarmen Herzens, erhaben und ſehnſuchtweckend wie der ſterndurchfun⸗ kelte, blaue Himmelsdom. Was der Dichter im Liede ausgeſprochen: „Es führt dich zu der Freude Scharen, Zu großer Seelen edlem Chor, Volkslieder will ex offenbaren Und Sagen**) flüſtern dir ins Ohr“.. Neben ihm iſt als Mitträger des Ruhmes, den ſich die jüngeren rheiniſchen Dichter erworben haben, Gottfried Kinkel***) zu nennen. K. iſt geb. am 11. Auguſt 1815 zu Oberkaſſel, unweit Bonn, wo ſein Vater proteſtantiſcher Pfarrer war. In Bonn ſtudirte er Theologie, trieb aber nebenbei Altdeutſch und altdeutſche Literatur, welche Studien er noch ein Jahr in Berlin fortſetzte. 1837 wurde er Licentiat und Privatdocent bei der evangel. theol. Fakultät in Bonn, machte 1838 eine Reiſe nach Italien, wurde 1846— mit der Theologie zerfallen— außerordentl. Profeſſor der Kunſt⸗ und Literaturgeſchichte, nahm 1849 am badiſchen Aufſtande Theil, ward gefangen, nach Naugard und von da nach *) Dichterh. 2r Bd., S. 241.—**) Vgl. 205 279 u. 290.—**) Dichterh. 2r Bd., S. 57. 438 Spandau gebrachto von wo er im Novbr. 1850 nach England entfloh.— Die von deutſchem Sinn und deutſcher Ehrenhaftigkeit tief durchdrungenen Gedichte (ogl. Nr. 74, 86, 87, 95, 97, 246, 248), wie das kleine Epos: Otto der Schütz,(Geſänge daraus S. 244), das zum Beſten gehört, was lange Zeit im Epos geleiſtet wurde, zeigen K.'s hohe dichteriſche Begabung, und laſſen um ſo mehr bedanern, daß der friſche liebenswürdige Dichter in dem radikalſten Demo⸗ kraten untergegangen iſt.— Bonn iſt auch der Heimatsort für Karl Joſeph Simrock,— daſelbſt geb. im Jahr 1802. Seiner theilweiſe ausgezeichneten Ueberſetzungen des Nibelungenliedes, der Gudrun ꝛc. haben wir ſchon betreffen⸗ den Orts Erwähnung gethan, hier bleibt uns nur zu bemerken übrig, daß er ſich,„von Natur nicht ohne eigenes poetiſches Talent“, auch als Dichter verſucht hat und zwar vorzugsweiſe auf epiſchem Gebiete, wo er außer manchen gelun⸗ genen Balladen in ſeinem„Wieland der Schmied“ eine Nachbildung alt⸗ nordiſchen Sagenſtoffs geliefert hat.— Gegenwärtig in Neuwied weilt Auguſt Heinrich Hoffmann*), geb. am 2. April 1798 in dem hannöveriſchen Dorfe Fallersleben(weßhalb er ſich auch als Dichter„von Fallersleben“ nannte). H. ſtudirte in Göttingen und Bonn, anfangs alte Kunſt und alte Sprachen, dann aber mit größtem Eifer deutſche Literatur- und Culturgeſchichte; ward 1823 Cu⸗ ſtos an der königlichen und Univerſitäts⸗Bibliothek zu Breslan, 1830 außeror⸗ dentlicher und fünf Jahre ſpäter ordentlicher Profeſſor der deutſchen Sprache und Literatur daſelbſt. Wegen ſeiner„unpolitiſchen Lieder“ 1843 entlaſſen, pilgerte er längere Zeit in Deutſchland umher und wohnte dann einige Jahre in Bingerbrück a. d. Nahe. Hochberühmt als Forſcher auf dem Gebiete unſerer alten Literatur, iſt er auch als Dichter ſehr bedentend, und weiß den Volkston ſo glücklich anzuſchlagen, daß ein namhafter Kritiker— Vilmar— behauptet, H. ſei der Einzige unter den lebenden Dichtern, welcher das alte Volkslied und zwar auf die vortrefflichſte Weiſe zu reproduciren verſtehe. Wer freilich eitel Glanz und Flitter liebt, der wird keinen Gefallen an ſeinen einfachen Liedern finden, die als beſcheidene Veilchen auf der Au und nicht als ſtolze Prachtblu⸗ men vor den Fenſtern blühen wollen; wer aber für die Fülle, Kraft und In⸗„ nigkeit einer deutſchen Volksweiſe Sinn und Verſtändniß hat, der wird H. für ſeine herzigen Frühlings⸗ und Wander⸗(Nr. 10. 11. 19.), für ſeine fröhlichen Trink und Landeknechtlieder(Nr. 271), für ſeine einfach⸗anſprechender Kinder⸗ lieder reichen Dank wiſſen.— Aehnlichkeit in ihrer Dichtung mit Hoffmann ha⸗ ben Robert Reinick und Auguſt Kopiſch, wenn auch nur in ſo fern, als auch bei ihnen heitere Fröhlichkeit und friſcher Humor vorherrſcht. R. Rei⸗ nick**) wurde am 22. Febr. 1805 zu Danzig geboren, beſuchte das Gymna⸗ ſium ſeiner Vaterſtadt, ging aber nicht auf eine Univerſität, ſondern 1825 nach Berlin, um ſich in dem Atelier des Profeſſors Begas als Maler auszubilden. Von Berlin aus, wo er in naher Verbindung mit Kugler, Eichendorff und Cha⸗ miſſo gelebt, ging er nach Düſſeldorf, beſuchte die Schadow'ſche Malerſchule und veranſtaltete daſelbſt die Herausgabe ſeiner„Lieder eines Malers mit Randzeichnungen ſeiner Freunde“. 1838 reiſte R. nach Italien, lebte *) Dichterhalle 1r Bd., S. 447.—**) Dichterhalle 2r Bd., S. 386. 439 dann zur Wiederherſtellung ſeiner angegriffenen Geſundheit einige Jahre in ſei⸗ ner Vaterſtadt, bis er ſich 1844 in Dresden niederließ, abwechſelnd den Pinſel und die Feder führend.„So ging er luſtig durch die Welt, wo Zeder gern ihn ſieht; und wem ſein Malen nicht gefällt, den freut ſein luſtig Lied“, bis er aufangs Februar 1852 plötzlich ſtarb.— R. war eine kindlichreine, heitere und lebensfrohe Dichter⸗ und Künſtlernatur, gleich ausgezeichnet durch Frömmigkeit, Einfachheit, Herzinnigkeit, Wahrheit und Reinheit in Empfindung und Gefühl, wie durch Heiterkeit und Lebensluſt, köſtlichen Humor und liebenswürdigſte Schalk⸗ haftigkeit(ogl. Nr. 34, 59, 71,134 u. 200). Schade um ſeinen frühen Heimgang!— A. Kopiſch*), ebenfalls Maler und Dichter, wurde am 26. Mai 1799 zu Breslau geboren, lebte kürzere Zeit in Wien und Dresden, dann längere Jahre in Italien, von wo aus zurückgekehrt, er Berlin zu ſeinem Aufenthaltsort wählte. Seit 1844 hat er den Ehrentitet:„Profeſſor“.— Durch eine launige, ungemein treuherzige, humoriſtiſch heitere, faſt improviſatoriſche Lyrik, unterſtützt durch kunſtvolle Geſtaltung und ſprachliche Darſtellung, nöthigt uns K. Beifall ab. Mit großer Vorliebe und ſeltenem Glücke bearbeitet er alte, ſchelmiſche Sagen und Volksſchwänke(Nr. 228) und geſchichtliche Stoffe und liefert treffliche Weinlieder. Als politiſche Dichter ſind noch zu nennen: Franz Dingelſtedt**), geb. 1814 zu Halsdorf in der churheſſiſchen Provinz Oberheſſen, ſtudirte in Marburg (183!— 34) Theologie und Pbilologie, trieb nebenbei neuere Sprachen und ihre Literatur, erhielt 1836 eine Anſtellung an dem neuerrichteten Lyceum in Kaſſel, ward aber bald nach Fulda verſetzt, wo er 1841 ſeine Entlaſſung nahm. 1843 als Hofrath und Bibliothekar nach Stuttgart berufen, 1846 zum Hofdramaturg mit dem Titel eines Legationsraths ernannt, lebte er in St. bis 1851, in wel⸗ chem Jahre er Theaterintendant zu München wurde.— D.'s Dichtung, in den „Liedern eines kosmopolitiſchen Nachtwächters“ zu ſehr im Dienſte der Partei, in den Gedichten vielfach zu finnlich und genußſüchtig, iſt bei eleganter Darſtellung oft zu nüchtern, kalt und verſtändig, ohne edlen Kern und rechtes Herz(vergl. Nr. 143).— Robert Eduard Prutz***), geb. am 30. Mai 1816 in Stet⸗ tin, beſuchte das Gymnaſium ſeiner Vaterſtadt und ſtudirte dann auf den Uni⸗ verſitäten Berlin, Breslau und Halle Philologie in Verbindung mit Philoſophie und Geſchichte. 1841 ging er nach Dresden und von da nach Jena, wurde aber wegen des Gedichts:„An Dahlmann“, das er ohne Cenſurerlaubniß hatte drucken laſſen, 1843 des Landes verwieſen, worauf er ſich nach Berlin wandte und da Vorleſungen hielt, die aber 1847 verboten wurden. Kurze Zeit Drama⸗ turg in Hamburg, erhielt er 1849 die Stelle eines Profeſſors der Literaturge⸗ ſchichte in Halle.— P., als Lyriker bei ſchöner, durchſichtiger Form oft zu breit und tendenziös, als Dramatiker ohne beſondere Bedeutung, hat durch ſeine lite⸗ raturgeſchichtlichen Arbeiten, die mit vielem Fleiße und von philoſophiſch frei⸗ ſinnigem Standpunkte aus geſchrieben ſind, dankenswerthe und verdienſtvolle Ga⸗ ben geboten.— Neben dieſe ſtellen wir Franz Frhrr. v. Gaudy, geb. 1800 zu Frankfurt a. d. O., ſtarb zu Berlin 1840, der in ſeinen„Kaiſerliedern“ Napoleon's Lob verherrlicht(daraus Nr. 254 u. 258). *) Dichterh. 2r Bd., S. 94.—**) Dichterh. 1r Bd., S. 95.—**) Dichterh. 2r Bb., S. 353. 440 §. 52. Durch echt deutſchen Sinn und Charakter ausgezeichnet ſind: Julius Moſen und Emanuel Geibel, die unter den Dichtern unſerer Zeit mit die erſten Stellen einnehmen. J. Moſen*) iſt am 8. Juli 1803 zu Marienei im ſächſiſchen Voigtlande geboren, bezog 1822 die Univerſität Jena, zwei Jahre ſpäter Leipzig, um Jurisprudenz zu ſtudiren. Während dieſer Zeit ſtarb ſein Vater, und die hinterbliebene Familie lebte nun in der drückendſten Armuth. Moſen unterbrach ſeine Studien, pilgerte als Muſenſohn nach Rom, kehrte 1826 wieder zurück, ſtudirte dann noch ein Jahr lang in Leipzig, ward nach ehrenvoll beſtandenem Examen Gerichtsactnar zu Kohren, ſpäter Sachwalter und Advokat zu Dresden und lebt jetzt ſeit 1845 als Dramaturg in Oldenburg.— M. hat ſich durch ſeine Gedichte, die bald wie eine reine, friſche Quelle dahin rieſeln, bald aber wie ein raſcher Bergſtrom aus dunklen, ſchattigen Waldgebirgen kühn hervorbrechen und manches Goldkörnlein in ihrem Grunde bergen(ogl. Nr. 32. 99. 252. 277. 278. 280), als urkräftiger, zarter und volksthümlicher Lyriker be⸗ kundet. Seine Novellen: Georg Venlot, Helena Valisneria, die blaue Blume und das Heimweh, aus denen die Stimme des Herzens recht innig ertönt, zeigen einen ſtarken, romantiſchen Zug nach dem Wunderbaren und Geheimnißvollen. Epiſche Gedichte ſind: das Lied vom Ritter Wahn und Ahasver. Als Drama⸗ tiker erwarb ſich M. Ruf durch: Heinrich der Finkler, Cola Rienzi, Kaiſer Otto II., Bernhard von Weimar, Katte und der Sohn des Fürſten, Don Jo⸗ hann von Oeſtreich ꝛc.— E. Geibel**), der dritte Sohn eines reformirten Geiſtlichen, iſt am 18. Oktober 1815 in Lübeck geboren, beſuchte als Knabe das Gymnaſium ſeiner Vaterſtadt, ward 1835 Studioſus cheol. u. philol. zu Bonn, gab aber bald die Theologie auf und widmete ſich vornehmlich der ſchönen Lite⸗ ratur und dem Studium der Alten. Ein Jahr darauf ging er nach Berlin, ward mit Chamiſſo und andern bedeutenden Männern bekannt, die ihn geiſtig anregten. 1838 reiſte er nach Athen als Erzieher in dem Hauſe des ruſſiſchen Geſandten Katakazi daſelbſt. Mit großem Fleiße ſetzte G. ſeine poetiſchen und philologiſchen Studien hier fort. Außer den klaſſiſchen Dichtern Griechenlands wirkten Goethe und Flaten höchſt wohlthuend und erfolgreich auf ihn ein. Nach⸗ dem er den Süden Europas durch verſchiedene Reiſen von Athen aus kennen ge⸗ lernt hatte, kehrte er 1840 nach Deutſchland zurück und gab in Berlin ſeine Gedichte heraus, von denen bereits die 23. Auflage erſchienen iſt. Nun beſchäf⸗ tigte ſich unſer Dichter viel mit ſpaniſcher und italieniſcher Sprache, überſetzte in Eſcheburg bei Kaſſel— wo er bei einem Freunde ſeines Vaters, dem Baron von der Malsburg, einem Bruder des Ueberſetzers von Calderon und Vega de Lope, ein volles Jahr als geehrter Gaſt zubrachte— aus dem Spaniſchen, ſchrieb die„Zeitſtimmen“ und eine Tragödie„König Roderich“. Von Eſcheberg begab ſich G. wieder nach Lübeck, wo er einen Band„Spaniſcher Volkslieder und Romanzen“ druckfertig machte. Im Anfang des Jahres 1843 ſetzte ihm der König von Preußen einen Jahrgehalt aus und G. ging vergnügt nach St. Gvar zu Freiligrath, wo er einen Sommer blieb. 1846 erſchienen das kleine Epos:„König Sigurds Brautfahrt“(Nr. 291), gegen Ende * Dichterhalle 2r Bd., S. 191.—**) Dichterhalle 1r Bd., S. 187. — 441 des Jahres die Schleswig⸗Holſtein Sonette, 1847 die„Juniuslieder“. G. lebte während dieſer Zeit meiſt in Lübeck, bis er 1852 als Profeſſor der Literatur an die Univerſität München berufen wurde.— Kein einziger Dichter hat ſich ſo raſch Eingang im Volke verſchafft, wie Geibel. Seine Lieder zeigen durch Klar⸗ heit des Gedankens, Reinheit und Adel der Geſinnung, Lauterkeit, Wärme, Un⸗ mittelbarkeit und Innigkeit des Gefühls, echte Frömmigkeit, wie durch Wohlklang der Sprache, Fülle der Melodie in gemeſſenem Klange, leichten Silbenfall und Sangbarkeit der Verſe eine Meiſterſchaft, die ihren Schöpfer würdig macht, ne⸗ ben den beſten Liederdichtern aller Zeiten zu ſtehen; ſo daß wir wohl mit Schiller ſagen dürfen:„Ihm ſchenkte des Geſanges Gabe, Der Lieder ſüßen Mund Apoll“. (Beleg dafür ſind, außer vielen andern, Nr. 17. 21. 41. 49. 65. 81. 83. 94. 175. 192. 194. 209. 234. 236. 302. 303. 318).— Bei Geibel erwähnen wir den in neueſter Zeit erſt nach Verdienſt gewürdigten Dichter Georg Philipp Schmidt— Schmidt von Lübeck*)— geb. am 1. Januar 1766 zu Lübeck, ſtudirte von 1786— 90 in Jena und Göttingen Rechts⸗ und Cameralwiſſenſchaft, nach dem Tode ſeiner Eltern Medizin. Von 1806 Direktor mehrerer Bank⸗ u. Commerzinſtitute, trat er 1829 in den Ruheſtand und ſtarb am 28. Oktbr. 1849. In biederem, deutſchen Sinne und einfacher, ſchlichter Darſtellung ſind Sch.'s meiſte Lieder gedichtet, deren manche ins Volk übergegangen ſind, wie:„Ich komme vom Gebirge her“,„Fröhlich und wohlgemuth“ ꝛe. Vorzugsweiſe religiöſe Dichter ſind: Karl Johann Philipp Spittas*), geb. am 1. Auguſt 1801 zu Hannover, ſtudirte von 1821— 24 Theologie in Göttingen, wurde 1828 Pfarrgehülfe in Sudwalde, kam 1830 nach Hameln, war von 1837— 47 Paſtor in Wechold und lebt jetzt als Superintendent zu Wittingen im Fürſtenthum Lüneburg. Den Charakter ſeiner frommen Geſänge (vgl. Nr. 82 u. 313), größtentheils niedergelegt in„Pſalter und Harfe“ bezeichnet ſein Gebetswort: „Gott, mein Schöpfer und Erhalter, Mein Erlöſer und mein Herr, Dir ertönen Harf und Pſalter, Dir und deines Namens Ehr. Deine Liebe laß mich preiſen, Deinen großen Gnadenrath, Und ſo ſingend weiter reiſen Auf dem ſchmalen Pilgerpfad“. Victor Friedrich Strauß †), geb. am 18. September 1809 in Bückeburg, ſtudirte in Erlangen, Bonn und Göttingen Jurisprudenz, trieb ſpäter für ſich theologiſche Studien, und iſt nun ſeit Jahren geh. Kabinetsrath in ſeiner Vater⸗ ſtadt. Neben größtentheils geiſtlichen Liedern(Nr. 307) ſchlägt St. bisweilen auch den Ton geſunder Lebensfreude kräftig an und weiß dort, wie hier, die Form ſorgfältig und mit Leichtigkeit zu handhaben.— Julius Sturm fi), *) Dichterhalle 3r Bd., S. 187.—**) Dichterhalle 3r Bd., S. 253. 0 Dichterhalle 3r Bd., S. 285.— 1) Dichterhalle 3r Bd., S. 297. geb. am 21. Juli 1816 zu Köſtritz im Fürſtenthum Reuß, machte von 1837—41 auf der Univerſität Jena ſeine theologiſchen Studien, lebte zwei Jahre als Haus⸗ lehrer in Heilbronn, wo er J. Kerner, N. Lenau und andere bedeutende Män⸗ ner kennen lernte, wurde dann Erzieher des Prinzen Renß Heinrich Xlv. und 1850 Paſtor zu Göſchitz bei Schleiz. Seine Lieder ſind der Ton des Herzens, der reinen lyriſchen Empfindung; ſie ſind einfach und wahr, zart und innig— Liebe, Glaube und Vaterland liefern den Stoff dazu.(Vergl. Nr. 22. 78. 88. 255. 265. 283. 297. 314.) Von den in dieſen Jahren erſt aufgetretenen Dichtern nennen wir den epen⸗ gewaltigen Chriſt. Friedr. Scherenberg(lebt in Berlin), deſſen„Water⸗ loo“ wir in Nr. 294 im Auszuge mitgetheilt. Eben beſchäftigt er ſich mit einem großen Epos:„Friedrich der Große“, von dem ein Band(„Leuthen“. Berlin 1852) bereits erſchienen iſt.(Daraus Nr. 276:„Am Abend nach der Schlacht bei Leuthen);— den lebensfriſchen Otto Roquette, aus deſſen „Waldmeiſters Brautfahrt“ Nr. 295:„Prinzeſſin Rebenblüte“, wie die Ge⸗ dichte Nr. 158. aufgenommen wurden;— den gemüthlichen Lyriker Julins Hammer(Gedichte, bei Brockhaus in Leipzig 1851; daraus Nr. 31. 66. 155. 315.)— und Theodor Storm, der namentlich treffliche Liebeslieder zu ſingen weiß(Gedichte bei Duncker in Berlin 1851; daraus Nr. 181); denen wir den kindlich⸗frommen und liebenswürdigen Gg. Chr. Dieffenbach(lebt als Pfarrer zu Erbach im Odenwald) beigeſellten, hätte er bis jetzt eine Sammlung ſeiner Gedichte erſcheinen laſſen; andere Namen, die noch genannt werden könn⸗ ten, übergehen wir und ſchließen dieſen kurzen Ueberblick über das weite ſchöne Feld unſerer Literatur mit der Ueberzeugung, daß der Born unſerer deutſchen Dichtung noch keineswegs am Verſiegen iſt, daß er vielmehr noch fort und fort ſeine friſchen Waſſer ausgießet zur Labung und Kräftigung deutſcher Herzen. Vorwort. 5. I. Die Zeiten. Nr. d. Gedichts. a) Frühling. *1. Märznacht.— Ludw. Uhland.. 5 3 3 8 2. Frühlingslied.— Hch. Heine.. 73. Er iſt's.— Eduard Morike. 5* *4. Frühlingsahnung.— Ludw. Uhland..... *5. Frühlingsglanbe.— Ludw. Uhland. S *6. Frühlingsruhe.— Ludw. Uhland. 5. 5 7. Frühlingsfeier.— Ludw. Uhland.. 6. 8. Lob des Frühlings.— Ludw. Uhland. 5 5 6 *9. Künftiger Frühling.— Ludw. Uhland.. *10. Frühling.— Aug⸗ Hch. Hoffmann von Fallersleben 11. Frühlingsverkündigung.— Aug. Hch. Sſnst von Siüertter 12.— Gg. Scheurlin.. 13. Liebesfeier. Nikolaus Lenau.. 5 14. Frühzeitiger Frühling.— Joh. Wolfg. v. Goete 15. Der Lenz.— Nikolaus Lenau. 5. 3 *16. Der Lenz iſt da.— Oscar v. Redwitz. 3. *17. Frühlingslied.— Emanuel Geibel. *18. Frühlingsblicke.— Nikolaus Lenau. 3 *19. Frühlingsfeier.— Aug. Hch. Hoffmann von purrtte.. *20. Gen Maien— Gg. Scheurlin.. *21. Frühlingsbrauſen.— Emanuel Geibel.. *22. Im Frühling.— Julius Sturm. 23. Frühling.— Aus Goethe's Fauſt. 3 24. Der Frühlingsſaal.— Leopold Schefer. 2 5 2 25. Frühlingslied.— Friedrich Rückert. *26. Die Frühlingsfeier.— Friedr. Gottl. Klopſtod... b) Sommer. 27. Im Anfang der Sommerzeit.(1649.)— Friedr. Spee. *28. Lob Gottes aus Beſchreibung der fröhl. Sommerzeit.— Fr She *29. Sommergeſang.(1659.)— Paul Gerhardt. 30. Sommerſtille.(1846.)— Gg. Ch. Dieffenbach *31. Es regt auf dem reifenden Korngefild ꝛc.(1851.)— Zulins Hammer. 32. Im Sommer.— Julius Moſen.. 3 *33. Der Sommerabend.(Allemanniſch.)— S. beer du *34. Sommernacht.— Rob. Reinick.. 2 35. Sommerlied.— Joh. Peter Hebel... 36. Das Gewitter.— Nik. Lenau.. 3. 37. Das Gewitter.— Guſtav Schwab.. *38. Das Gewitter.(Allemanniſch.)— Joh. Peter Hebel.. 6 Inhaltsverzeichniß. (Die mit* bezeichneten Gedichte ſind neu hinzugekommen.) G 6 MI 4 S cœ c C c c c do do do do do tO 3 — 444 Nr. d. Gedichts. c) Herbſt. *39. Septembermorgen.— Eduard Mörike.. 6 *40. Herbſtgefühl.— Joh. Wolfg. v. Goethe 2 5 5 *41. Herbſtlied.— Emanuel Geibel.. 2. 42. Herbſtlich ſonnige Tage.— Emanuel Geibel. 6 6 *43. Der klare Herbſt.— Friedr. Rückert.. 6 *44. Herbſtlied.(1851.)— Otto Roquette.. *45. Herbſtlied.(782.)— Joh. Gaudenz v. Salis-Seewis. *46. Herbſt.— Joh. Frhrr. v. Eichendorff. 2 47. Herbſt.(1846.)— Gg. Ch. Dieffenbach. 48. Herbſt.— Nik. Lenau... 5 *49. Herbſtlied.— Emanuel Geibel.. 2. 8 3 50. Nachruf.— Ludw. Uhland.. 2. Win 51. Im Winter.— Anaſt. Grün. *52. Winterlied.— Joh. Gaudenz v. Salis⸗ Seewis. 5 53. Wintermorgen.— Guſtav Pfizer. 54. Der Winter.(Allemanniſch.)— Joh. Peter Hebel. *55. Beim friſchgefallenen Schnee.— Adolf Stöber... *56. Winternacht.— Joſ. Frhrr. v. Eichendorff. 3 *57. Der Jenner.(Allemanniſch.)— Joh. P Sete. 58. Hoffnung.— Emanuel Geibel.. e) Feſt⸗ und *59. Weihnachtsfeſt.— Robert Reinick. *60. Weihnachtslied.(1814.)— Ferd. Gottfr. Mar v. Swenieni *61. Zum neuen Jahr.— Eduard Mörike. *62. Der Geiſt in der Neujahrsmitternacht.(Alem.)— Joh. P. Hebel. *63. Des neuen Jahres Morgengruß.(Allem.)— Joh. P. Hebel. *64. Palmſonntag.(1816.)— Ferd. Gottfr. Max v. Schenkendorf. *65. Oſtermorgen.— Emanuel Geibel.* *66. Oſtern rufet: Auferſtehe ꝛc.(1851.)— Zulius Hammer. *67. Des Oſterfeſtes erſte Feierſtunde.— Joh. Wolfg. v. Goethe. *68. Wetterleuchten in der Pfingſtnacht.(1831.)— Fert. Sre⸗ *69. Die drei Feſte.— Joh. Daniel Falk.. 2 70. Schäfers Sonntagslied.— Ludw. Uhland. 71. Sonntagsfrühe.— Robert Reinick. 3 72. Sonntagsfrühe.(Allem.)— Joh. Peter Hebel. 73. Sonntags am Rhein.— Robert Reinick. *74. Sonntagsſtille.— Gottfr. Kinkel. 75. Morgengebet.— Joſ. Frhrr. v. Eichendorff. 76. Morgenlied.— Friedr. v. Schiller. 2 77. Morgenlied.— Aug. Hch. Hoffmann von ßuieratien. 5. *78. Spruch am Morgen.— Julius Sturm. 3 2 *79. Früh Morgens.— Joh. Wolfg. v. Gvethe. 80. Reiters Morgengeſang.— Wilh. ei 8 81. Morgenwandrung.— Emanuel Geibel.... 82. Abendfeier.— Karl. Phil. Spitta. 2 1 *83. Abendfeier in Venedig.— Emanuel Geibel. 8 84. Der Abend.— Joh. Wolfg. v. Goethe. 3. 85. Abendlied.— Friedr. Rückert. 4. 5 *86. Abendſtille.— Gottfr. Kinkel. *87. Ein geiſtlich Abendlied.(1840.)— Gottfr. Kinkel. *88. Abendlied.— Julius Sturm. Abendſtille vor der Schlacht bei Ligny.— S Fr. Scherenberg. — ————— „ 445 Nr. d. Gedichts. 90. Nachts.(1846.)— Gg. Chr. Dieffenbach.. 5 2 91. Das Schifflein.(1846.)— Gg. Chr. Dieffenbach.** *92. Wanderers zuchln— Joh. gWoiſg. v. Goethe.. 93. Ein Gleiches.— Joh. Wolfg. v. Goethe. 794. Gute Nacht.— Emanuel Geibel. 5 *95. Nacht in Rom.— Gottfr. Kinkel. *96. Die Nacht.— Ludw. Tieck. 2 *97. Troſt der Nacht.— Gottfr. Kinkel.. *98. Wenn ſich lau die Lüfte füllen ꝛc.— Joh. Wolfg. v. Goethe. II. Naturbilder. 99. Der Krenzſchnabel.— Julius Moſen.. 5 5. 100. Unter den Palmen.— Ferd. Freiligrath. 101. Adler und Taube.— Joh. Wolfg. v. 3 *102. Die Forelle.— Wilh. Müller.. 3 3 *103. Die Lerche.— Joh. Gottfr. Herder.. 2 2 *104. Der Storch.(Allem.)— Joh. Peter Hebel. 105. Das Spinnlein.(Allem.)— Joh. Peter 106. Löwenritt.— Ferd. Freiligrath... 107. Der blühende Apfelbaum.— Julius vieſen. 6 108. Der Eichwald.— Nik. Lenau. 3 5. 109. Ritornell.— Friedr. Rückert. 110. Blumenandacht.— J. Ch. Blum. 3. 5 111. Preis der Tanne.— Juſt. Andr. Kerner... *112. Die Tanne.— Ferd. Freiligrath... *113. Das Habermuß.(Allem.)— Joh. Peter Hebel.. 114. Lob des Flachſes.— Juſt. Andr. Kerner.. 115. Das Lied vom Samenkorn.— Friedr. Adolf Snmncer 116. Die hohle Weide.— Friedr. Rückert.. 117. Die Baumpredigt.— Anaſtaſius Grün. 118. Der Blumen Nache.— Ferdinand Freil graßß⸗. 0. Waldandacht.— Rückert. 2 2 120. Im Walde.— Joſ. Frhrr. v. Eichendorff. 121. Der Himmel.— Friedrich Rückert... 122. Die Wolke am Sternenhimmel.— Guſtav Schwab. *123. Das Dörfchen.(1771.)— Gottfr. Aug. Bürger. 5 124. Auf eine holländiſche Landſchaft.— Nik. Lenau.. 2 7125. Abſeits.(1851.)— Theodor Storm.. 126. Meeresſtille und glückliche Fahrt.— Su. Ve. v. Suee.. 127. Das Meer.— Hch. Heine.. 128. Frieden.— Hch. Heine.* 6. 2. 129. Seemorgen.— Nik. Lenau. 5. ² 130. Am Strande.— Anaſtaſius Grün.. 4 6 131. Begrüßung des Meeres.— Anaſtaſius Guun 6 *132. Morgengruß.— Hch. Heine. 2. 8 *133. Auf dem See.— Joh. Wolfg. v. Gveihe. 3. *134. Auf dem See.(1852.)— Robert Reinick... *135. Der Weiher.— Annette Freiin v. Droſte⸗ Hülshof. *136. Mein Fluß.— Eduard Mörike.. *137. Der gefeſſelte Strom.— Joh. Chriſt. Friedr. dertn. *138. Geſang der Geiſter über den Waſſern.— Joh. Wolfg. v. Gvethe. 139. Der Strom(Mahomets Geſang.)— Joh. Wolfg. v. Gvethe. *140. Warnung vor dem Rhein.— Karl Simrock.. 141. Das Lied vom Rhein.— Ferd. Gottfr. Max v. Scenndon. v142. Der Neckar.— Joh. Chriſt. Friedr. Hölderlin.. Schenckel's Blüten, 2r Theil. Ute ſ. verm. Aufl. 29 —— 446 Nr. d. Gedichts. 7143. 144. *145. *146. 147. 148. *149. 150. 151 152 53 *154. 55. 56. 157. *158. 159. 160. 161. *162. 163. 164. 165. 166. *167. *168. *169. 170. 71. *172. 173. 174. 175 76. . 178. 179. *180. *181. 182. 183. 184. 185. 186. 187. 188. 189. 190. *192. 193. 194. 3195. *196. Die Weſer.— Franz Dingelſtedt. Das Lied von den deutſchen Strömen.— Karl Buchner. Der Veſuv im Dezember 1830.— Aug. Graf v. Platen. Pompeji und Herkulanum.(1796.)— Friedr. v. Schiller. III. Bilder aus dem Menſchenleben. Das Kind der Sorge.— Gottfr. v. Herder. Herzenslaſt.— Juſtinus Kerner. 2. Der todte Müller.— Juſtinus Kerner. Die alte Waſchfrau.— Adalbert v. Chamiſſ. 6 Aus dem ſchleſiſchen Gebirge.— Ferd. Freiligrath. Bergmannslied.(Mannſeript. 1849.)— N. Adler Bergmannslied.— Friedr. Novalis.. Der Poſtillon.— Nikolans Lenau Durch die Felder mußt du ſchweifen. ꝛc. 1851)— Zul. danner Wanderlied.— Friedrich 2 Der wandernde Muſikant.— Joſ. Frhrr. v. Eichendorff Der wandernde Student.(1851.)— Otto Zwei Wanderer.— Anaſtaſius Grün.. Der treue Gefährte.— Anaſtaſius Grün. Die Auswanderer.— Ferdinand Freiligrath. Der Tod des Führers.— Ferdinand Freiligrath. Der ausgewanderte Dichter.— Ferdinand Einem Knaben.— Nikolaus Lenau. Das Schifflein.— Ludwig Uhland. Des Schiffers Traum.— Ernſt Moritz Arndt. Der ſterbende Schiffer.— Louiſe v. Plönnies Sonett.— Georg Herwegh Lieder(aus:„Wilh. Tell“).— Friedr. v. Schiller. Der he 1804.)— Friedr. v. Schiller.. Thurmwächterlied.— Friedr. Baron de la Motte Fouqus. Der Bauernſtand.(1813.)— Ferd. Gottfr. Mar v. Scetutort Fiſcherlied.— Joh. Gaudenz v. Salis⸗Seewis. Fiſcherlied.— Chriſt. Adolf Overbeck. Zigeunerleben.— Emanuel Geibel. Die drei Zigeuner— Nikolaus Lenau. Der Beduine.— Joſ. Chriſt. Frhr. v. 3u Die drei Indianer.— Nikolaus Lenau. Die Werbung.— Nikolaus Lenau. 3 Der kleine Hydriot— Wilhelm Müller. Troſt in mancherlei Thränen.— Chriſt. Adolf Overbed. Die Waldkapelle— Jitolaus Lenau. Die Wurmlinger Kapelle.— Nikolaus Lenau. Der Liebe Dauer.— Ferdinand Freiligrath. Verſchiedene Trauer.— Anaſtaſius Grün.. Das Ständchen.— Ludwig Uhland.„ Dey Wandrer in der Sägemühle.— Juſtinus Kerner. Der Schlaf.— Nikolaus Lenau.. Schlaf ein, mein Herz ꝛc.— Friedrich Rückert. Ein Friedho ofsbeſuch.— Joh. Nepomuk Vogl. Das Grab.(1783.)— Joh. Gaudenz v. Salis⸗Seewis. Cita mors ruit.— Emanuel Geibel. Die ſtille Stadt.— Gaſtav Schwab. Auferſtehung.— Emanuel Geibel. Auferſtehen.— Friedr. Gottlieb Klopſtock.. Das Lied von der Glocke.(1799.)— Friedr. v. Schiller. 114 Nr. d. Gedichts. Seite IW. Balladen, Romanzen, Rhapſodien ꝛc. *197. Der Bandit.— Hermann Beſſer. 120 198. Der König auf dem Thurme.— Ludwig Uhland. 120 199. Die Vätergruft.— Ludwig Uhland. 3 2 *200. Die Ablöſung.(1852.)— Robert Reinick.. 3 *201. Hans Euler.— Joh. Gabriel Seidl. 121 202. Der Handſchuh.— Friedr. v. Schiller. 2. 203. Das Glück von Edenhall.— Ludwig Uhland. 123 *204. Die traurige Krönung.— Eduard Mörike. 124 205. Der Mönch von Heiſterbach.— Wolfg. Müller.. 2125 *206. Erlkönig.— Joh. Wolfg. v. Goethe.. 25 *207. Der Fiſcher.— Joh. Wolfg. v. Goethe. 426 *208. Der Reiter und der Bodenſee.— Guſtav Schwab. 209. Rheinſage.— Emanuel Geibel. ² 3 8 210. Lorelei.— Heinrich Heine.. 2 211. Das Mädchen aus der Fremde.— Friedr. v. Schiller. 3 130 *212. Romanze vom Feuerreiter.— Ednard Mörike.. 130 213. Die Kuh.— Gottfr. Anguſt Bürger.. 1 214. Der wilde Jäger.— Gottfr. Auguſt Bürger. 133 *215. Der Todtentanz.— Joh. Wolfg. v. Goethe. 3 3 5 216. Lenore.(17730)— Gottfr. Aug. Bürger.. 217. Der todte Soldat.— Joh. Gabriel Seidl.. 140 218. Die vier wahnſinnigen Brüder.— Juſtinus Kerner.. 140 „219. Der Ring des Polhkrates.— Friedr. v. Schiller. 141 *220. Der Taucher.— Friedr. v. Schiller.. 143 221. Die Bürgſchaft.(1798.)— Friedr. v. Schiller.. 147 222. Der getreue Eckart.— Joh. Wolfg. v. Gvethe.. 15 „223. Das Rieſenſpielzeug.— Adalbert v. Chamiſſo.. 5 224. Der Schreinergeſell.(Allem.)— Joh. Peter Hebel. 53 225. Die Voche eines Fleißigen.— Chriſt. Friedr. Scherenberg. 226. Wächter und Bürgermeiſter.— Matthias Claudius.. 55 227. Hans Theuerlich.— Pocci.. 6 „228. Der Schneiderjunge von Krippſtedt.— Auguſt Kopiſch. 229. Der rechte Barbier.— Adalbert v. Chamiſſo.. 157 230. Schwäbiſche Kunde.— Ludwig Uhland.“ 4 58 231. Der Zauberlehrling.— Joh. Wolfg. v. Goethe. ¹59 232. Die Macht des Geſanges.— Friedr v. Schiller.. 0 *233 Friſch geſungen.— Adalbert v. Chamiſſp.. 161 234. König Dichter.— Emanuel Geibel.. 2. 62 235. Der letzte Dichter.— Anaſtaſius Grün. 162 236. Der letzte Skalde.— Emanuel Geibel. 3 163 237. Der Sänger.— Joh. Wolfg. v. Goethe. 2 163 238. Der Graf v. Habsburg.— Friedr. v. Schiller.. 8 164 *239. Der Sänger im Palaſt.— Karl Egon Ebert. 240. Des Sängers Fluch.— Ludwig Uhland. 5 „341. Die Kraniche des Ibykus(1797.)— Friedr. v. Schiller.. 170 242. Des Sängers Wiederkehr.— Ludwig Uhland. 243. Zwei Särge.— Juſtin. Andr. Kerner. 244. Saul und David— Auguſt Graf v. Platen. 3 5 174 245. Belſazar.— Heinrich Heine. 2 *246. Seipiv.— Gottfried Kinkel. „247. Harmoſan.(1830.)— Auguſt Graf v. Platen.. 476 248. Der Maure von Tetuan.— Gottfried Kinkel.. 177 *249. Alexander Pypſilanti auf Munkacs.— Wilhelm Müller. 250. Die linke Hand.— Friedrich Rückert.. 2251. 252. 253. 7254. 255. *256. *257. *258. 3259. 260. 262. 263. 264. 265. „ 266. 267. *268. *269. *270. 2271. 272. *273. 274. 275. *276. 277. 278. *279. 280. *281. *282. *283. *284. *285. 7286. *287. *288. *289. *290. *291. *292. *293. *294. 1295. *296. Nr. d. Gedichts. *261. Der Polenflüchtling.— Nikolaus Lenau... 5 2 5 Die letzten Zehn vom 4. Regiment.— Julius Moſen. 8 Die Grenadiere.— Heinrich Heine. 3 Der Grenadier der alten Garde.— Franz Frhrr. v. Gaudy. Napoleon.— Julius Sturm. 3 Die letzte Stunde des Hauſes Napoleon.— M. G. Saphir. 6 Die nächtliche Heerſchau.— Joſ. Chriſt. Frhrr. v. Zedlitz. Lätitia.— Franz Frhrr. v. Gaudy.. Der Scheik am Sinai.— Ferdinand Freiligrath. Das Grab im Buſento.(1820.)— Ang. Graf v. Platen⸗Hallermünde. Klein Roland.— Ludwig Uhland. 2.. 2 Roland Schildträger.— Ludwig Uhland. König Karls Meerfahrt.— Ludwig Uhland... Klagelied Kaiſers Otto 1II.(1833.)— Aug. Grafv. Platen. Barbaroſſa.— Julius Sturm.. 1 3 Kaiſer Rudolfs Ritt zum Grabe.— Juſtinus Kerner. Eberhard der Rauſchebart.— Ludwig Uhland. l. Der Ueberfall im Wildbad. 5 II. Die drei Könige zu Heimſen. III. Die Schlacht bei Reutlingen. IV. Die Döffinger Schlacht.. Das Mahl zu Heidelberg.— Guſtav Schwab. Die Martinswand.— Anaſtaſius Grün. Abfahrt nach Innsbruck.— Anaſtaſius Grün.. 5 Schlacht von Pavia.— Aug. Hch. Hoffmann v. Fallersleben. Der Pilgrim vor St. Juſt.— Auguſt Graf v. Platen. Das A B C.— Friedrich Günther... 2 Prinz Engen, der edle Ritter.— Ferdinand Freiligrath. Der Choral von Leuthen.— Hermann Beſſer Am Abend nach der Schlacht bei Leuthen.— Chr. Fr. Scherenberg. Andreas Hofer.— Julins Moſen. 8 Der Trompeter an der Katzbach.— Julius Moſen. Die nächtliche Erſcheinung zu Speier.— Wolfg. Müller. Der ſächſiſche Tambour.— Julius Moſen.. Das Lied vom Feldmarſchall Blücher.— Ernſt Moritz Arndt. Der alte Blücher in England.— Chriſt. Friedr. Scherenberg. Vor Blüchers Statue.— Julius Sturm.. Blücher.— Friedrich Rückert. 3 Die Gräber zu Ottenſen.— Friedrich Rückert. Die drei Geſellen.— Friedrich Rückert. Die Straßburger Tanne.— Friedrich Rückert. V. Vermiſchte(beſonders epiſche) Dichtungen. Das Nibelungenlied.(Wie Siegfried erſchlagen ward. XvI. Abent.)— Ueberſetzt von Karl Simrock.. 6 Gudrun.(Wie ſüß Horand ſang. VI. Abent.)— Ueberſ. v. Simrock. Harald.— Wolfgang Müller.. k. König Sigurds Brautfahrt.(Geſang IV n. V.)— Emanuel Geibel. itz- Mann u. Jüngling 5 Otto der Schütz: Meiſterſchuß.— Gottfried Kinkel. Hermann u. Dorothea.(1. Geſang.)— Joh. Wolfg. v. Gvethe. Waterlov.(Ein vaterländ. Gedicht.)— Chriſt. Friedr. Scherenberg. Prinzeſſin Rebenblüte.(Aus: Waldmeiſters Brautfahrt.“)— Otto Roquette...... 3 Johannes Kant.— Guſtav Schwab. „ Seite 179 181 182 183 183 184 185 186 187 189 189 191 194 195 196 197 198 199 201 202 204 206 208 210 211 212 213 214 215 215 216 217 217 2¹19 220 221 225 227 227 230 230 231 236 239 244 248 253 269 278 — 449 Nr. d. Gedichts. *297. *298. *299. *300. *301. *302. *303. *304. *305. *306. *307. *308. *309. *310. *311. 7312. *313. 7314. *315. *316. 2 *318. *319. *320. *321. 7322. *323. *324. *325. *326. Wie ſchön leuchtet der Morgenſtern.— Sturm. Petrus.— Gottfried Kinkel. Mutterflehen.— Oscar v. Redwitz 5 Parabel.(Leben u. Tod.)— Friedrich Rückert. Die Kreuzſchau.— Adalbert v. Chamiſſo. Gebet.(Ghaſel.)— Emanuel Geibel. Sansſouci.— Emanuel Geibel. Wachet auf! ruft uns die Stimme ꝛc.— Phil. Nicolai. Troſtlied.(Befiel du deine Wege ꝛc.)— Paul Gerhardt. „Mir nach!“ ſpricht Chriſtus ꝛc.— Joh. Angelus Sileſius.. Beruhigung.— Victor Friedr. v. Strauß.. Vertrauen auf Gottes Vorſehung.— Chriſt. bursigun Seuert Vertrauen.— Joh. Georg Jakobi. Adventlied.— Friedrich Rückert. Beim Tode meiner Mutter Maria.— Luufted K Kinkel. Die Mutter im Sarge.— Albert Knapp. Abſchied.— Karl Phil. Spitta. Lied.— Julius Sturm. Vertrau dich dem Licht der Sterne. 1851.)— Zulins damner Zwei Haidelieder.(1852.)— Oscar v. Sistinte⸗— Wilhelm Müller... Sprüche.— Emanuel Geibel. e Epigramme.— Friedrich v. Schiller. Epigramme.— Joh. Wolfg. v. Goethe. Epigramme.— Auguſt Graf v. Platen. Angereihte Perlen.— Friedrich Rückert. Vierzeilen.— Friedrich Rückert.. Aus der„Weisheit des Brahmanen“.— Friedrich Rückert. Der Schlechten Feindſchaft.— Leopold Schefer. Sprüche des Confucius.— Friedrich v. Schiller. — HSG—— Seite 280 282 283 284 285 287 287 289 290 291 292 293 293 294 294 295* 296 296 296 297 298 299 299 300 300 301 301 302 303 304 Alphabetiſches Regiſter z ur Literaturgeſchichte. Vorbem. Bei den einzelnen Dichtern wurden, der Vollſtändigkeit und Ueber⸗ ſichtlichkeit wegen, die Nummern der von ihnen aufgenommenen Gedichte beigefügt, und mit Nr. bezeichnet. Die hintenſtehende Zahl gibt die Seite an, wo die Dichter in der Literaturgeſchichte Beſprechung fanden. Seite Adler, N., Nr. 132. S ohhe u, Nr 12 218 Alberti, H. 372 214 216. 397 Alberus, E. 3 3 35. oie⸗ 3* 2 373 Alexanderlied. 5 2 354 Canuitz, 9 379 inze, J. B p 3 Chamiſſt, A. v., Nr. 150. 223. Arutt, 3. M., Pr. 156.*. 421 Clandbius, M. Pr. 226. 306 irmu 5 Ssne 5 Collin, H. J. v. 418 Aue, Hartmann von der,. H. Er e. A 381 Auersperg, ſ. Grün. Ayrer 3 365 Da ecius, N.. 30 38. Deßler, W. Ch. Beſſer, H., Nr. 197 273. Ve 16 G. Sl Nr. 30. 446 Birken, S. S 33 Sictage 35 Biteroif. 356 Dingelftedt, F., Nr. 143. 139 Blum, J. Ch., Nr. 10. Droſte⸗Hülshof, A. v., Nr. 135. 436 Bodmer, ller, E. Börne, 1430 n eitinger 3 Sbe„. 8* Nr. 239.. 136 S 2 414 Ecken Ausfahrt. 5 55 Brockes, B. H... 2 379 Eichendorff, J. v., Nr. 46. 56. Bronner,. T. 389 75. 120. 157.. 5 Buchner, K., Nr. 144. Si D v„ Emilie, J. v. n⸗ Eneit Engel, J. J. Eſchenbach, W. v Fat, J. D., Pr⸗ 6.. Fiſchart, J.. Flemming, P. Folz, H. Fougus, Nr.. Franck, J. 3 Frankl, L. A. Frauenlob, H. 2 Freiligrath, F., Nr. 68. 100. 106. 151 16 162 163. 184. 259. 274. 2 Friedrich d. Gr. Friſchlin, N.. 3. Gärtner, Ch.. Garve, K. B. 8 ² Gaudy, F. v., Nr. 254. 258.. Geibeh E., Rr. 21. 12. 49. 58. 65. Bl. 83. 94. 175. 192. 194. 209. 234. 236. 291. 302 303. 318 8 Gellert, Chr. F., Nr. 308.. Gerhardt, P., Nr. 29. 305. Gerſtenberg, H. W. v Geßner, S. Giſeke, N. D.. Gleim,. W 5 Goethe, S. W 40. 67. 7. 84. 92. 93. 98. 101. 126. 133. 138. 139. 206. 207 215 222 231. 237. 203. 0 6 Gotter, F. W.. Gottfried von Straßburg Gottſched, J. Ch. 8 5 Grabbe, D Ch.. Gralſage Gregor auf dem Steine. Grillparzer, F... Grimm, J. u. P. Grün, A., Nr. 51. 117. 130. 131. 159. 160. 185. 235. 269. Gryphius, A. 372. Gudrun, Nr. 289. 353. Günther, F., Nr. 273. Günther, J. Chr.. Gutzkow, K.„ 5. 356. 372. 363. 4 451 Seite 373 356 410 359 406 374 378 362 416 372 433 360 436 383 365 381 373 439 440 382 371 388 388 382 384 Hadlaub. Hagedorn, F. v... 5 Hahn L Ph Halbſuter. ⸗.. Haller, A. v. 2 Hamann, J. G.. J. Nr. 31. 66. 155. Hardenberg, ſ. Novalis. Hartmann, M. Hartmann v. d. Aue. 356. Hauff, W., Nr. 80... Hauſſen, 3 v... 2 Hebei, J. P., Nr. 33. 35. 38. 34 57 62 63. 72. 6 105. 113 22. Heermaun, J... Heine, H. Nr. 2. 127. 128. 132. 210. 245. 2353 Heinrich, der arme. 8 5 Heinſe, J. 3. W Heliand.. 3 Helmbold, L.. Herder, J. G. v. Nr. Hermann, N. Hermes, J. T. 103. 147. Herwegh, G N 168 Hildebrandslied 3 Hippel, S G. b... S S 5 137. 142. Hölty, L. H. Ch.. Hoffmann, E. T.. Sf v. i Nr. 10. 19. 274 Soſitnt 2 Hoffmannswaldau Homburg, E. Ch... Houwald, Ch. E. v.. Hroswitha Hug⸗ u. Wolfdietrich Hiten U. v.. Huß, J.. akobi, S. F J. G Nr. 309.. Jean Paul, ſ. Richter. Iffland⸗ A. W. 5. Immermann, K. L.. Jonas, J... Zulins S Braunſchweig Jung⸗Stilling.. 3 Zwein u. Erek Seite 360 383 399 366 380 393 442 433 359 417 359 398 372 429 3¹0 369 400 385 409 Wäſtner, A. G.. 6 Kaiſerchronik. Kerner, J. A., Nr. 111. 114. 147. 148. 149. 187. 218. 343. Keymann. Kinkel, G., Nr. 74. 86. 87. 95. 97 246. 248. 202. 258. 8 Kirchenlied. Kleiſt, E. Ch. v. 2. Kleiſt, Klinger, M. v.. Klingsohr. Klopſtock, F. G., Nr. 26. 195. Knapp, A., Nr. 312. 6 Knebel, K. L. v. 1. Körner, K. T.. 5 3 6 Konrad, Pfaffe.. Konrad von Würzburg Kopiſch, Nr. 228.. Koſegarten, L. Th.. Kotzebue, F. A. F. v. Kretſchmann, K. F.. Krummacher, Nr. 115. Kühne, F. G.. 8 Kürenberg, v... . Lafontaine, A. H. J... Lamprecht, Pfaffe. 3 Laube, H.. Lavater, 2 K. 5.. La Roche, S.. Leiſewitz, J. A. 3 Lenau, N., Nr. 13. 15. 16. 18. 6 48. 108. 124. 129. 154. 176. 178. 179. 182. 183. 6 251.. Lenz, J. M. R. 2 2 Leſſing, G. E.. 3 Lichtenſtein, U. v.. Lichtwer, M. G. Logau, F. v. Lohenſtein, K. v.. Ludwigslied k Luiſe Henriette v. Brandenburg Luther, M. ⸗. „ Mahlmann, S. A. Maneſſiſcher Coder Matheſius. Matthiſſon, F. v... Meiſtergeſang.. Mendelsſohn, M... Menzel, W — . 452 Seite 381 354 424 372 437 367 384 417 399 357 385 434 406 398 388 431 359 410 354 430 379 410 397 431 399 390 360 383 379 379 352 373 367 398 358 368 398 360 392 Merck, J. H 3 Miller, J. M.. 5 Michaelis, J. B... Minnegeſang. 2 8. Mörike, E., Nr. 3. 39. 61. 136. 204. 212. 5 Morungen, H. v. 5 Moſen, J., Nr. 32. 99. 107. 252, 277 8. 280 Moſer, F. K. v... Mügeln, H. v.. Müller, 6. A. S. 3 „ Wilh., Nr. 102. 180. 249. 31 „ Wblſg. Nr. 05 0. 290.. Müllner, A. G. A.. Mundt, T. Murner, Th.. Muſäus, J. K. A. Muskatblüt 3 Muſpilli. 5. „„„ Neander, 8. 8 Neander, Ch. F.. Neumark, G.. 8 3 Nibelungenlied 8 Nicolai, F. Ch. Nicolai, Nr. 301. Nicolay, 2 3 H. 5 Novalis, Nr. 153.. 6 Oehlenſchläger, A. G... Ofterdingen, H. v... Opitz, M... Stfried v. Weißenburg Otnit, König. Overbeck, Ch. A., Nr. 174. 18 Warcival.. Pfeffel, G. K.. 2 Pfizer, G., Nr. 53.. Platen⸗ Hallermünde, Graf von, Nr. 145. 244. 247. 260. 264. 272. 321. Plönnies, L. v., Nr. 167. Pocci, Nr. 227. Prutz, R. F.. 2 Pyrker„ 5 Seite 402 396 383 358 426 359 440 389 360 390 410 399 420 437 418 431 373 390 360 352 372 373 372 353 392 371 390 413 418 357 377 351 356 396 357 427 436 439 434 — — Rabener, G. W. Rabenſchlacht. Rambach, J. J. 5 3 Ramler, K.— Raupach, S Redwitz, O. v., Nr. 16. 299. 316. Regenbogen, B.. Reinick, R., Nr. 34. 5b. S. 3 3 200 Richter, Jean Paul r. Ficu M Riſt J. Rodigaſt, S. 5 Roen, K. von der. Rollenhagen, G. Romantiſche Schule. 8 Roquette, O., Nr. 44. 158. 295. Roſenblüt, H.. Roſengarten Rother, König. Rückert, F., Nr. 25. 43. 85. 109. 116. 115. 121. 156. 189. 250. 284. 285. 286. 287. 300. 310. 325. 323 324. Rudelieb. 5 S Nr. 45. 52. 173. Sallet, Fr. v.. Saphir, M. G., Nr. 256. Schalling, M. Schefer, 4 v., Rr. 2A. 325. ,(Sileſius J. A.), Nr. 306.. Schenkendorf, M. v. Nr. 60. 64. 141. 172. See Ch. F., Nr. 89. 225. 276 280 294. Scheurlin,. 20 Schiller, Fr. 5 Nr 6. 146. 169. 175. 196. 202. 211. 219. 220. 221. 232. 238. 241. 319. Schirmer, M.. 2. SSe W. 5 5 Fr.. ⸗.. E. ⸗. J. E 2 Schuidt, G. Ph. Gen abe) Schmolce, Schröder, F. L. Schubart, Ch. F. D. Schulz, F. 6 Schulze, Ernſt F. 5.. „„„ 4⁵3 Seite 381 356 373 354 419 434 360 438 410 372 372 373 351 375 411 442 362 356 356 426 351 370 398 420 371 420 373 422 442 435 404 372 411 41² 381 381 441¹ 373 409 40⁰ 410 416 Schwab, G., Nr. 37. 122. 193. 208. 568. 296. Seidl, J. G., Nr. 251. 217. Selneccer, N Seume, Z. G.. 2 Siegfriedſage. Simrock, K., Nr. 140. 288. 289. Spee, F. Nr. 27. Speratus, P..* 6 Spervogel 8 Spitta, K. P., Nr. 33. 313. Sprachgeſellſchaften.. Steffens, H..* Stilling, ſ. Jung. Stöber, Ad., Nr. 55. . Ang Stoilberg, S 4 Stoiterfoth, 4. 6 Storm, Th., Nr. 125. Sturm, J., Nr. 22. 78. 88. 255. 265. 283. 297. 314. Strauß, V. Fr. v., 307. Stricker. 8 Suchenwirt, P.. Tannhäuſer Tegernſee, ſ. Wernher v. T. Thümmel, M. A. v. 2 Tieck, L., Nr. 96. Tiedge, Ch. A.. Titurell.. 8 Triſtan u. ſolte.. Uhland, L., Nr. 1. 4. 5. 6. 7. 50. 70. 165. 186. 198. 199. 203. 230. 240. 242. 261. 262. ni Uz, J. P. Veldece, H. v.„356. Vogelweide, ſ. Walther. Vogl, J. N., Nr. 190.. Volksbücher. Volkslied. Vöß, 5 Warenrer, W. d. Wagner, E.. „ ⸗.. 30 Seite 425 433 370 398 349 438 37 441 360 360 4²² 350 384 359 Waldis, B. 3 Walthet v. Aquitanien „ von der Vogelweide Wartburgkrieg. Weber, V. g 5 Weckhetlin Weiſe, Chr. Weiße, Ch. F. Wernher v. Tegernſee 3 Wernick, Ch.. Weſſobrunner Gebet. 454 Seite 370. 376 Wieland, Ch. M. 351 Wienbarg, 359 Willamov, Chr. 357 Winkelmann, 366 Wolfram v. Eſchenbach 377 Wolkenſtein, O. v. 3 Würtemberg, Graf A. v. 354 Zachariä, 3 418 Jedlitz, J. S.5 v., 3. 177 257. 379 Zſchokke, 5. H. D. 352 Zweter, R. v.. —b S Zuchdruckerei: Chr. Fr. Will in Darmſtadt. ⸗ Seite 389 430 389 407 359 360 434 382 432 417 360 ſſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20