— S £ E Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6 Eduurd Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und geſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. den angenommen. 3. Gaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: TW.— Pf. 1W 5 P. 2 Pf. 3— „ E„ 5. 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Wenn die Uebertragung der vorliegenden kleinen Schrift in unſere Mutterſprache einer Entſchuldigung bedarf, ſo duͤrfte ſie dieſe, auch abgeſehen von dem Intereſſe, welches ihr Gegenſtand an ſich ſchon erregt, noch beſonders in dem Umſtande finden, daß ſie dem beruͤhmten dramatiſchen Meiſterwerke zum Grunde lag, und der Dichter in ſeinen fruheren Schriften ſie den Leſern des Drama's anempfahl. Schiller nennt die Geſchichte des unglück⸗ lichen Don Karlos und ſeiner Stiefmutter, eine der intereſſanteſten, die er kenne. Wir finden ſie hier nach Anleitung der verſchie⸗ denſten hiſtoriſchen Quellen bearbeitet, und nur ſpäͤrlich mit kleinen Ausſchmuͤckungen und Epiſoden durchflochten, die ſich uͤbrigens der Verfaſſer, unbeſchadet der hiſtoriſchen Wahr⸗ heit, erlaubt zu haben ſcheint. Die Gewaͤhrsmaͤnner, auf welche ſich St. Real in ſeiner Schrift bezieht, ſind: de Thon, Aubigné, Brantome, Maherne Turquet, Cabrera, Hugo Bloſius, J. C. Flamand, Hilarion de Coſte, Mezerai, Matthieu, Dupleir, le Labonreur u. ſ. w. Sie finden ſich in dem Hriginale zerſtreut und oft wiederholt angefuͤhrt; es ſchien hin⸗ läͤnglich und angemeſſener, ſie hier überhaupt namhaft zu machen, beſonders da das Rach⸗ ſchlagen der angefuͤhrten Werke durch keine ſpecielle Angaben der Stellen, auf die ſich bezogen wird, im Originale erleichtert iſt. Worms, den 10. November 1827. Nachdem Karl V. den Entſchluß gefaßt hatte, auf den Thron zu verzichten, um ſich in die Ein⸗ ſamkeit zuruͤckzuziehen, veranlaßte ihn die Beſorg⸗ niß, ſeinen Sohn dem uͤberwiegenden Gluͤcke Hein⸗ richs II., deſſen Wirkungen er an ſich empfunden hatte, ausgeſetzt zu ſehen, zum Abſchluß eines fuͤnfjaͤhrigen Waffenſtillſtandes mit dieſem Für⸗ ſten. Bei den Friedensunterhandlungen, die waͤh⸗ rend dieſes Waffenſtillſtandes eroͤffnet wurden, kam der Vorſchlag zu einer Vermaͤhlung zwiſchen dem Kronprinzen von Spanien, Dom Karlos, (dem einzigen Sohne Philipps II. und Maria von Portugal, ſeiner erſten Gemahlin) mit der Prin⸗ zeſſin Eliſabeth, aͤlteſten Tochter von Frankreich, zur Sprache. Dieſe Prinzeſſin war noch aͤußerſt jung, aber fur ihr Alter ſehr herangereift. Da der Heirathsborſchlag eine freudige Aufnahme von beiden Seiten fand, ſo faßte Eliſabeth gleich an⸗ fangs einen hohen Grad von Achtung für den Gatten, den man ihr beſtimmt hatte; ihr jugend⸗ liches Herz, dem ſich hier ein Gegenſtand darbot, zu dem es ſich hinneigen konnte, fand hierin im Stillen eine angenehme Unterhaltung, und ſo ver⸗ lor ſie ſich unmerklich in eine Reigung, deren Ueberwindung ihrer Tugend in der Folge ſchwie⸗ riger wurde, als ſie damals wohl glaubte. Dom Karlos ſah ſeiner Zukunft mit nicht we⸗ niger Freude entgegen; alles vereinigte ſich, ihm die hochſte Idee von der Liebenswurdigkeit ſeiner koniglichen Verlobten zu geben, und ſo öberließ er ſich mit jugendlichem Frohſinn ſeinen Gefuͤh⸗ len. Das Bildniß der Prinzeſſin, das, wie man ihn verſicherte und er gerne glaubte, ihr taͤuſchend aͤhnlich war, vollendete, was der Ruf von ihrer Schoͤnheit in ihm geweckt hatte. Im Anſchauen dieſes Gemaͤldes verloren, durchkreuzten ſeine Seele zahlloſe Plane, dem holden Original ſeine Ge⸗ fuhle mitzutheilen; er konnte ſich mit dem Ge⸗ danken nicht vertragen, daß ſie nicht wiſſe, in welches Entzuͤcken ihn die Hoffnung ihres Beſitzes verſetzt habe, ja oft erroͤthete er uͤber ſein Gluͤck und wuͤnſchte ſich Zeit, das Herz der Prinzeſſin zu erwerben, ehe die kalte Politik ihm ihre Hand zufuͤhrte. Dies der Gemüthszuſtand der Verlobten, als der Bruch des Waffenſtillſtandes die Geſtalt der Dinge aͤnderte. Die Prinzen von Lothringen ver⸗ anlaßten den Wiederausbruch des Kriegs auf An⸗ ſtiften des Papſtes Paul IV., den der Herzog von Alba mit einer ſpaniſchen Armee in Rom gleich⸗ ſam belagert hielt und der ſich des läſtigen Geg⸗ ners durch eine franzoſiſche Dibverſion in Flan⸗ dern zu entledigen glaubte, was zwar auch nach Wunſch gelang, wobei aber Frankreich Schlachten berlor, in welchen ſeine bravſten Krieger theils ſielen, theils gefangen wurden, und wodurch es endlich genothigt ward, den Frieden um jeden Preis zu erkaufen. Dieſer Friede war das Werk des ſpaniſchen Feldherrn, Herzogs von Sabvoyen, und des Connetabels von Montmorenci, ſeines Gefangenen. Letzterer naͤmlich ſtellte dem Herzog vor, daß ſich ihm nie eine vortheilhaftere Gele⸗ genheit zur Wiedererlangung ſeiner Staaten dar⸗ wuͤrde, aus welchen Franz l. ſeinen Vater vertrieben hatte, und ſo wußte jener bei Pyi⸗ lipp II. den Abſchluß des Friedens in kurzer Zeit zu bewirken. Man fühlt leicht, welchen Schmerz der Bruch des Waffenſtillſtandes dem Prinzen Karlos verurſachte, ſo wie die Freude, die er bei Eroͤffnung der Friedensunterhandlungen empfand, und doch war es gerade dieſer Friede, der ſeine ſüßeſten Hoffnungen für immer zerſtorte. Waͤhrend den Friedensunterhandlungen naͤm⸗ lich ſtarb die zweite Gemahlin Philipps II., Ma⸗ ria, Koͤnigin von England. Er nahm ſich vor, zur dritten Ehe zu ſchreiten, und ließ um die Hand derſelben Prinzeſſin werben, die bereils ſei⸗ nem Sohne zugeſagt war. Gerne hätte man dem letztern, deſſen Alter dem der Prinzeſſin gleich war, den Vorzug vor dem Koͤnige gegeben, der eher ihr Vater haͤtte ſehn koͤnnenz allein die Weigerung waͤre Beleidigung geweſen, und ſo erfolgte die Zuſage. Obgleich dieſe Nachricht den Prinzen wie ein Blitzſtrahl traf, und er ſolche in zahlreicher Um⸗ gebung erhielt, ſo war er doch in dem Grade ſei⸗ ner maͤchtig, daß Niemand den ſchmerzlichen Ein⸗ druck bemerkte, den ſie auf ihn machte. Indeſ⸗ ſen kam ihm die Gewalt, dir. er ſich anthat, theuer zu ſtehen, wenn er allein war. Alles was Liebe und Wuth einem ſo tief gekraͤnkten Herzen nur einfloͤßen konnten, durchkreuzten ſeine Seele; aber durch ſeine traurige Lage niedergedrückt, war er keines Entſchluſes fähig, ſo wie ſeine ſonſt⸗ gen Verhaͤltniſſe auch jedes Unternehmen unmoͤg⸗ lich machten, was dann bveranlaßte, daß ſeine Verzweiflung allmaͤhlig in einen Zuſtand von Me⸗ lancholie uͤbergieng, der in der Folge ſein abgezo⸗ genes, dem Koͤnige ſo verhaßtes Leben nach ſich zog, in welchem letzterer, weit entfernt, die wahre Urſache zu ahnen, und den Sohn nach ſich ſelbſt beurtheilend, bloß ſtillen Mißmuth uͤber die ver⸗ zoͤgerte Gelangung zum Throne ſah. Was die Prinzeſſin betrifft, ſo war ihr Ge⸗ fuͤhl fuͤr Dom Karlos noch unentſchieden, mehr Anlage zur Liebe, als wirklich dieſe Leidenſchaft ſelbſt; aber die Furcht, daß ſie es doch werden koͤnnte, floͤßte ihr ein Mißtrauen gegen ſich ſelbſt ein, das ſich nicht ausdruͤcken laßt. Fruͤher war ſie begierig, den Eindruck zu wiſſen„den ihr Bild⸗ niß auf den Prinzen gemacht hatte, und lebhaft wuͤnſchte ſie ſein Herz weniger ruhig, als das ihrige; aber ſobald ſie ihre veraͤnderte Beſtimmung erfuhr, fuͤrchtete ſie nichts mehr als ſeine Liebe. So ſchmeichelhaft Schoͤnheit auch ſeyn mag, ſo ſehr wuͤnſchte ſie, daß alles, was man ihr dar⸗ uͤber ſagte, unwahr ſeyn moͤchte. - 7— — S Bei ſolcher Gemuͤthsſtimmung mußte es ihr nothwendig an der Geiſtesruhe fehlen, die erfor⸗ derlich war, um die gehoͤrige Haltung bei dem ihr bevorſtehenden Empfang am ſpaniſchen Hofe zu behaupten; ſie verzoͤgerte daher ihre Abreiſe ſo lange es nur der Wohlſtand erlaubte. Im Monat Juni war ſie dem Herzog von Alba im Namen ſeines Herrn angetraut, und verließ Pa⸗ ris erſt gegen Ende Novembers; ſie verweilte in jedem ſchoͤnen Hauſe, das ſie auf ihrer Reiſe an⸗ traf, und kam erſt am Ende des Jahrs in Gu⸗ venne an. Als ob alle dieſe Zoöͤgerungen ihrém Herzen haͤtten geben können, was ihm die Ver⸗ nunft verſagte. An den Pyrenaͤen noch gab ihr das Gluck, das ſich oft in ſeinen Beguͤnſtigungen dann gefaͤllt, wenn wir es am wenigſten erwar⸗ ten, einen neuen Aufſchub, den ſie wohl am we⸗ nigſten vermuthen konnte. Anton von Bourbon, Koͤnig von Navarra, naͤmlich war mit der Vegleitung der Prinzeſſin beauftragt und ſollte ſie an der Graͤnze dem Car⸗ dinal von Bourbos und dem Herzog von Infan⸗ tado übergeben. Dieſer Koͤnig beſaß nur Unter⸗ Navarra, weil die Spanier das obere bereits dem Großvater ſeiner Gemahlin entriſſen hatten. Um nun ſeinen Rechten hierauf nichts zu vergeben, weigerte er, den Ort, der Ober⸗ von Unter⸗ Navarra ſchied, fuͤr die wirkliche Graͤnze von Spa⸗ nien anzuerkennen, und forderte von den Depu⸗ tirten eine Erklaͤrung, daß die von ihm geſchehene Uebergabe der Prinzeſſin an dieſem Ort unnach⸗ theilig ſeiner Anſpräche geſchehe. Die Erklärung war zu bedeutend, um ſie ohne beſondern Befehl geben zu können; man mußte nach Madrid ſchrei⸗ ben und die Antwort an Ort und Stelle abwar⸗ ten. Philipp haͤtte wohl gewuͤnſcht, daß der fran⸗ zoſiſche Hof ihm dieſe Verlegenheit geſpart und einem Andern, als dem Navarrer, den Auftrag gegeben haͤtte; aber die Herren von der Guiſe, welche ſich der unbedingten Leitung der öffentli⸗ chen Angelegenheiten erſt kuͤrzlich bemeiſtert hat⸗ ten, hatten ihre Gruͤnde, die Prinzen vom Ge⸗ bluͤte zu entfernen, und da es ihnen bloß um ei⸗ nen Vorwand zu thun war, ſo mußte es fuͤr ſie hoͤchſt angenehm ſeyn, einen ſo ſcheinbaren auf⸗ zufinden, um ſich eines Fuͤrſten zu entledigen, der ſie am meiſten in Verlegenheit ſetzte. Dem Koͤnig von Spanien blieb daher keine andere Wahl, als entweder auf der Stelle dem Anſinnen des Navarrers zu entſprechen, oder in Zeit raubende Unterhandlungen mit dem franzöſiſchen Hofe we⸗ gen ſeiner Abberufung zu treten. Das Letztere konnte der Leidenſchaft eines Fuͤrſten nicht entſpre⸗ chen, der die erſte Schoͤnheit der Welt erwartete, um ſie als Gattin zu umarmen, und ſo opferte dieſer große Politiker ſein Intereſſe der Ungeduld ſeiner Leidenſchaft, und befahl, daß man dem Be⸗ gehren des Ravarrers willfahren ſollte. Die Koͤnigin nahm nun ihren Weg nach Ma⸗ drid; Dom Karlos kam ihr entgegen, und war „ unter Andern von dem jungen Prinzen von Par⸗ ma, Alexander von Farneſe, ſeinem Reffen, und von Rui Gomez de Silva, Prinzen von Eboli, Dom Karlos Hofmeiſter und Guͤnſtling des Koͤ⸗ nigs, begleitet. Die erſte Rachricht von der An⸗ naͤherung des Prinzen ergriff die Konigin ſo hef⸗ tig, daß ſie ihren Damen ohnmaͤchtig in die Arme ſank und ſich erſt wieder erholte, als Karlos be⸗ reits im Begriff war, ſie zu empfangen. Nach den erſten Hoͤflichkeitsbezeigungen betrachtete man ſich wechſelſeitig ohne zu reden, und da auch das uͤbrige Perſonale ein ehrerbietiges Schweigen be⸗ obachtete, ſo trat tine bei Gelegenheiten der Art wirklich auffallende Pauſe ein. Dom Karlos war zwar nicht regelmaͤßig ſchon, allein er hatte einen herrlichen Teint, Augen voll Feuer und Geiſt und aͤußerſt einnehmende Ge⸗ ſichtszuͤge. Anfangs war er von der Schoͤnheit der Koͤnigin gleichſam geblendet; aber der Gedanke an das, was er in ihr verlor, wandelte bald — 11— ſeine Bewunderung in Schmerz um, ſo wie das Vorgefuͤhl der Leiden, die ſie ihm bereiten wuͤrde, ihn allmaͤhlig ſie mit einer Art Schrecken betrach⸗ ten ließ. Indeſſen glaubte der Herzog von In⸗ fantado, daß die Koͤnigin aus Hoͤflichkeit abwar⸗ tete, bis es dem Prinzen gefiele, aufzubrechen, und daß der Prinz ſeinerſeits aus Achtung fuͤr die Koͤnigin daſſelbe that; in dieſer Vorausſetzung erinnerte 5 die Koͤnigin, daß es Zeit zum Auf⸗ bruch ſey, und entzog hierdurch beide einer Ver⸗ legenheit, die groͤßer war, als er woht ſelbſt dachte. Der Prinz nahm ſeinen Platz in dem Wagen der Koͤnigin, er wandte waͤhrend der Fahrt kein Auge von ihr und hatte da alle nur mog⸗ liche Bequemlichkeit, ſie zu betrachten und ſich zu vernichten. Die Koͤnigin bemerkte dies bald. Ein Gefuͤhl, deſſen ſie nicht maͤchtig werden konnte, ließ ſie eine ſtille Freude in dem Entzuͤcken fin⸗ den, in das ſie den Prinzen ſich verlieren ſah; doch getraute ſie ſich nicht, ihn zu fixiren, nur zilternd blickte ſie zu ihm auf, bis ſich endlich ihre Augen, muͤde des Zwanges, doch zuletzt be⸗ gegneten, und hernach die Kraft verloren, ſie von ſich abzuwenden. Durch dieſe treuen Dolmetſcher ſagte Dom Karlos der Koͤnigin alles, was er ihr zu ſagen hatte, ſein trauriger, leidenſchaftlicher Blick bereitete ſie auf die Hartnaͤckigkeit und die Groͤße ſeiner Leidenſchaft vor. Das Herz des Prinzen, von der Laſt ſeines Geheimniſſes und ſeinem Schmerze niedergedruͤckt, konnte ſich den Troſt nicht verſagen, der fuͤr ihn in der Beſtür⸗ zung der Koͤnigin lag, die aus allen ihren Mie⸗ nen ſprach und ihm deutlich ſagte, daß er ver⸗ ſtanden werde; die Freude daruͤber ließ ihn auf einige Augenblicke das Gläck ſeines Vaters und ſein finſteres Geſchick vergeſſen, ſo wie ſie ſeinem Geiſte eine Ruhe gab, die er ſich nicht zutraute, bei dem erſten Zuſammentreffen des Koͤnigs und der Koͤnigin behaupten zu koͤnnen. Die Königin aber war waͤhrend des Weges in Traͤumereien Lerſunken, denen ſelbſt die Gegenwart des Königs ſie nicht entreißen konnte. In dieſer Stimmung kam man in Madrid an; der Koͤnig empfieng ſeine Gemahlin am Wa⸗ gen, die, nach den erſten bei Faͤllen der Art uͤb⸗ lichen Ceremonien, ihn, ohne zu wiſſen was ſie that, und gleichſam als wolle ſie in ſeinen Blik⸗ 4 leſen, ob er ihre Verlegenheit bemerke, feſt anſah; der Koͤnig, weit entfernt, die wahre Ur⸗ ſache ihres ſonderbaren Benehmens zu errathen, ſrehie ſie betruͤbt, ob ſie bemerke, daß er ſchon graue Haare habe? Die Anweſenden fanden in dieſen Worten eine ſchlimme Vorbedeutung, man prophezeite dem ungleichen Paare eine ungluͤckliche Zukunft. Der ſpaniſche Hof, der die Wunder, die man von der Schoͤnheit der Koͤnigin erzaͤhlte, als eine der gewoͤhnlichen Uebertreibungen anſah, mit wel⸗ chen man die Vorzuge der Großen zu erheben pflegt, war erſtaunt, hier mehr zu finden, als die Sage geruͤhmt hatte. Die Koͤnigin war wirk⸗ lich eine vollendete Schoͤnheit im erſten bluhenden Jugendreiz, und wenn es im Allgemeinen der Fall iſt, daß nicht jede Schönheit jedes Herz er⸗ greift, ſo war bei ihr die ſeltene Ausnahme, daß Alles, Hof und Volk, ſie in gleich hohem Grade vergbtterte. Jede Erſcheinung im Publikum war fuͤr ſie ein Triumph. Es war ſchwer, ſie zu ſe⸗ hen, ohne ſie zu lieben. Und lange gieng die Sage am ſpaniſchen Hofe, daß kein kluger Mann es gewagt habe, ihr in das Auge zu blicken. Kurz, wenn es wahr iſt, daß Schönheit eine na⸗ türliche Koͤnigswuͤrde verleihe, ſo gab es wohl nie eine Koͤnigin, die mehr Koͤnigin war, als ſie. Wohl mußte der gluͤckliche Gatte, der im Be⸗ ſitze ſolcher Reize war, ihre Zauber fuͤhlen. Das ganze Benehmen dieſer Fürſtin hatte etwas beſonders Rührendes, und immer fand ſie der Koͤnig in jener anziehenden, ſanften Stimmung, gleich fern von dem zuruͤckſtoßenden Ernſt, in dem ſich die Spanierin oͤffentlich zeigt, wie von der ausſchwei⸗ fenden Leidenſchaft, mit der ſie ſich im Stillen hingiebt. Ihr Gemahl, wenn er zuweilen dieſe Vorzuge erwog, ſtaunte uͤber ſein Gluͤck, was er aber immer in ſich verſchloß, denn es ſchien ihm unter ſeiner Wuͤrde, dieſer jungen Perſon die Schwaͤche ſeiner Leidenſchaft ſehen zu laſſen. Und wenn wirklich die Koͤnigin etwas von der letzteren hätte vermuthen konnen, ſo mußte ſie von jedem Gedanken der Art abkommen, ſobald ſie das we⸗ nige Vertrauen dagegen hielt, das er ihr ſchenkte, ſeine finſtere Miene und die kalte Regelmaͤßigkeit, womit er ſeine Liebkoſungen nur auf das Dunkel der Nächte beſchraͤnkte, als ob er beſorgt geweſen ſeh, ſich ihr in einer weniger ernſten Haltung zu zeigen, als ihn die uͤbrige Welt ſah. Dieſes in die Augen fallende unzarte Benehmen, ſo fern von jener lieblichen Geiſtesvergeſſenheit, die be⸗ friedigter Leidenſchaft gewöhnlich zu folgen pflegt, entſprach der Vorſtellung nicht, welche ſich die 8 Koͤnigin von dem Leben zweier Neuvermaͤhllen machte, die gluͤcktich genug ſind, ſich zu lieben. Sie ſah im Konige einen Mann, deſſen Koͤrper ſie bloß beſaß und deſſen Seele nur Plaͤne des Ehrgeizes oder kalte Berechnungen der Politik füll⸗ ten. Und doch war ſie von ihm ſo heftig geliebt, daß der Genuß, weit entfernt, ſeine Leidenſchaft zu ſchwaͤchen, ſie vielmehr erhoͤhete. Ob nun vielleicht der Beſitz, der ſonſt die Begehrlichkeit der meiſten Maͤnner ſaͤttiget, die ſeinige nur mehr reizte, indem er ihn fortdauernd verborgene An⸗ nehmlichkeiten und neue Reize entdecken ließ, oder ob bloß das Geheimniß, in das er ſeine Leiden⸗ ſchaft huͤllte, die Heftigkeit der letztern mehrte, laſſen wir unentſchieden. Indeſſen war Dom Karlos in peinlicher Un⸗ ruhe uͤber die Geſinnungen, welche die Konigin gegen ihn hegte; und ob ihm gleich ihre Blicke eine ſtille, leidenſchaftliche Sehnſucht zu verrathen ſchienen, die er fruͤher nicht bemerkt zu haben glaubte, ſo wagte er doch nicht, an das zu glau⸗ ben, was er ſah. Seine Ungeduld, ſich hierin Gewißheit zu verſchaffen, war groß; allein die Hochzeitsfeierlichkeiten benahmen ihm jede Gele⸗ genheit, die Koͤnigin allein zu ſprechen, bis end⸗ lich das Gluͤck, das ſich oft in Beguͤnſtigungen gefällt, die zu traurigem Ende fuͤhren, auch die⸗ ſen Wunſch unerwartet erfuͤllte. Der Koͤnig, der kurz vor der Koͤnigin in Spanien angekommen war, ſchuldete der Aſche ſeines Vaters noch die letzte Ehrenbezeigung. Die Leiche war einige Tagereiſen von Madrid im Hie⸗ ronhmiten⸗Kloſter St. Juſti, wo der Kaiſer ſein Le⸗ ben beſchloſſen hatte, beigeſetzt worden. Gerne begleitete die Koͤnigin ihren Gemahl auf dieſer Reiſe, die ſie in eine Gegend fuͤhrte, welche man fur die ſchoͤnſte in Spanien hielt. Das Kloſter liegt naͤmlich am Eingange von Eſtremadura in einem Thal, das ſich laͤngs den Ufern der Gua⸗ diana von der caſtiliſchen Graͤnze bis an jene von 2 Portugal zwiſchen hohen Bergen zeiſb deren Gipfel mit jenen ewig grunen Wäldern bedeckt ſind, die man nur in warmen Ländern trifft; zahlloſe Baͤche durchſchlaͤngeln dieſe Waldungen und ergießen ſich in den Fluß, der die Ebene durchſtrömt. Der Boden, von dieſen Waſſermaſſen getränkt, bringt eine Menge von Hrangen⸗, Citro⸗ nen⸗ und anderen Baͤumen hervor, die nur unter dieſem glůcklichen Clima gedeihen, und unter de⸗ ren Schatten jene Gewaͤſſer eine Kuͤhle verbrei⸗ ten, welche die Kunſt ſonſt nirgends herborzu⸗ bringen vermag, ſo wie das Gruͤn, womit die Letzteren eingefaßt ſind, ein Leben hat, das die Malerei auch in ihren gelungenſten Farbenmiſchun⸗ gen nicht nachzuahmen im Stande iſt. In dieſer durch Karls V. letzten Aufenthalt ſo beruͤhmt gewordene Eindde war der Hof kaum angelangt, als der Koͤnig, nachdem er ſich der erſten Pflicht kindlicher Frömmigkeit entledigt hatte, nach einem jungen Moͤnch verlangte, dem ſein — 19— Vater ſehr geneigt war. Reugierig, den Anlaß dieſer Neigung zu wiſſen, erzaͤhlte man ihm: den Kaiſer habe eines Morgens die Reihe getroffen, die Mön⸗ che des Kloſiers zu wecken, ſo ſey er auch zu ſeinem nachherigen Liebling gekommen, der da⸗ mals noch Novize war und den er in ſo tiefem Schlafe antraf, daß er ihn nur mit Muͤhe dahin bringen konnte, aufzuſtehen. Dem Schlaftrunkenen ſehen, im Mißmuth uͤber die unwillkommene Stoͤ⸗ rung, die Worte entfahren:„ob ſich der Kaiſer „denn nicht begnuͤgen koͤnne, die Ruhe der Welt, „waͤhrend er ihr zugehoͤrte, geſtort zu haben, „und ob er denn auch noch jetzt die Ruhe derer „ſtoren muͤſſe, welche die Welt verlaſſen haͤtten.“ Dieſe Freimuͤthigkeit habe dem Kaiſer gefallen und ihm ſeine Reigung zugezogen, deren er ſich bis an deſſen Ende erfreut haͤtte. Nach andern aͤhnlichen Unterhaltungen zer⸗ ſtreute man ſich almählig in dieſer reizenden Ge⸗ gend; nur die Koͤnigin, welche die Reiſe ermuͤdet hatte, und Dom Karlos blieben beinahe allein; und da unter ihrer Umngebung Riemand war, beſ⸗ ſen Rang zur Einmiſchung in ihre Unterhaltung berechtigte, ſo ergriff Dom Karlos den guͤnſtigen Augenblick und ſchlug der Koͤnigin vor, ſich in einem kleinen Hrangenwald hinter dem Gemache des Kaiſers niederzulaſſen. Kaum waren ſie dort angelangt, als Dom Karlos, der unterbrochen zu werden befuͤrchtete, die Unterhaltung ſogleich mit einer Geiſtesfreiheit eroffnete, die ihn ſelbſt in Er⸗ ſtaunen ſetzte und der Konigin beinahe die Zwei⸗ fel benahm, die ſie anfangs gegen ſeine Abſichten hegte. Er beſchwor ſie, ſich wegen dem, was er ihr zu ſagen habe, nicht zu beunruhigen und ver⸗ ſichert zu ſeyn, daß er ſie nie einer andern Be⸗ läſtigung ausſetzen wuͤrde, als der, ihn anzuhd⸗ ren. Und nun bat er ſie, ſich der Zeit zu erin⸗ nern, da ſie fuͤr einander beſtimmt waren, er ſchilderte den Eindruck, den dieſe ſchone Hoffnung auf ihn gemacht habe, und ſchloß mit der Be⸗ — 2— merkung, ſie ſelbſt werde leicht einſehen, daß ihr Anblick wohl nicht geeignet ſey, jene fruheren Ein⸗ druͤcke zu tilgen, ſo wie er ſeiner Seits fuͤhle, daß ſie für immer unvertilgbar ſeypen. Die Kö⸗ nigin, die ſich zum erſtenmale von gluͤhender Lei⸗ denſchaft gehuldigt ſah, konnte ſich anfaͤnglich ei⸗ ner ſtillen Freude hieruber nicht erwehren. Aber bei einigem Nachdenken uͤber Dom Karlos Aeuße⸗ rungen fuͤhlte ſie das ganze Gewicht derſelben, ſo wie den Seelenzuſtand des ungluͤcklichen Prinzen, ſo tief, daß ſie ihm ihr Mitleiden nicht verſagen konnte. Sie geſtand ihm, daß die Achtung, die ſie ſeit der Zeit, da ſie zu ſeiner Gattin beſtimmt war, fuͤr ihn geſchoͤpft hatte, ihr die innigſte Theilnahme an ſeinen Leiden einfloße und ſie ihm gerne jeden Troſt böte, der mit ihrer Pflicht ver⸗ einbar ſey. Der Prinz antwortete, daß er keinen andern Troſt in Anſpruch nehme, als den, ſie zu ſehen und zu ſprechen. Die Koͤnigin aber, viel⸗ leicht aus Furcht, mehr zu ſagen, als ſie wollte, erhob ſich bei dieſen Worten, und indem ſie dem Prinzen von Parma und Rui Gomez, die ſich ihnen näherten, entgegen gieng, ließ ſie die Worte fallen: daß wenn er klug waͤre und ſie wirklich liebe, er ihre Gegenwart eher meiden als aufſu⸗ chen muͤſſe. Karlos äußerſt froh, der Königin ſeine Leiden⸗ ſchaft erklärt zu haben, erhielt bald die Geiſtesfaſ⸗ ſung wieder, die man fruͤher an ihm vermißte. Die Koͤnigin bemerkte dies bald, und ſo wie ſich die Liebe unter jeder Geſtalt, ſelbſt die der Ver⸗ nunft und Tugend nicht ausgenommen, in das menſchliche Herz ſchleicht, ſo ſchrieb auch ſie es bloß gewoͤhnlicher Klugheit und Nachſicht zu, daß ſie des Prinzen Leidenſchaft geheim hielt; und ſo konnte ſie es ſich auch nicht verſagen, ihm zu ver⸗ ſtehen zu geben, daß ſie ſeine veraͤnderte Ge⸗ muͤthsſtimmung als Folge ihrer Verſchwiegenheit anſähe. Der Prinz erlaubte ſich bei ihrer erſten Zuſammenkunft, ſie daran zu erinnern, und ver⸗ ſicherte ſie mit hoher Freude, daß keine Stimmung und kein Benehmen mit ſeinem natuͤrlichen Cha⸗ rakter ſo im Widerſpruch ſtehen koͤnnten, daß ſeine Leidenſchaft ihn nicht faͤhig machen ſollte, ſie an⸗ zunehmen. Beide ſchritten nun mit unglaublicher Freude zu den vertraulichſten Erdffnungen, die ſie ſich nur machen konnten. Karlos ſchilderte der Koͤnigin alles, was in ſeinem Innern vorgegan⸗ gen war, als er zum erſtenmale von ihr reden hoͤrte, ſie ihrerſeits erzaͤhlte ihm die ganze Ge⸗ ſchichte ihrer Kindheit mit tauſend kleinen Eigen⸗ heiten, die ihrer Aufmerkſamkeit eben ſo wuͤrdig ſchienen, als ſie an ſich wohl ohne Intereſſe fuͤr Andere waren; nur wenn die Königin auf den Zeitpunkt kam, in dem ihre Vermaͤhlung beſchloſ⸗ ſen war, ſprach ſie ſich uber ihre damaligen Ge⸗ fuͤhle nicht mit der Freiheit aus, wie der Prinz; allein der Zwang den ſie ſich anthat, dies zu ver⸗ bergen, verrieth ihm mehr, als ſie verſchweigen konnte. Unter ſolchen angenehmen Mittheilungen verfſoſſen den Gluͤcklichen die Stunden, in denen es ihnen vergoͤnnt war, allein zu ſeyn, bis das Schickſal, das ſchon muͤde war, ſie laͤnger zu be⸗ guͤnſtigen, den Prinzen in ein Abentheuer ver⸗ wickelte, das man als die erſte Quelle ihrer fol⸗ genden Ungluͤcksfaͤlle anſehen muß. Unter allen Damen, welche die Schoͤnheit der Konigin beneideten, war keine die mehr Grund hatte, ſie zu haſſen, als die Prinzeſſin Eboli, die als die ſchonſte und geiſtreichſte Dame am Hofe und als Gattin des königlichen Guͤnſtlings Rui Gomez auch den erſten Rang am Hofe einnahm. Sie liebte Groͤße und Freude in gleichem Grade, und da ſie von ihrer Schoͤnheit und ihren Gei⸗ ſtesvorzuͤgen Alles erwartete, ſo richtete ſie an⸗ fänglich ihr Augenmerk auf den Koͤnig; da aber die Schonheit der Koͤnigin dieſen Plan vereitelte, ſo ſuchte 5 dem Prinzen Liebe einzufloͤßen, in⸗ dem ſie in ſeinem Herzen das Hinderniß nicht zu finden glaubte, das ihr bei dem Vater entgegen war, — 25— Rui Gomez, als Hofmeiſter des Prinzen, be⸗ wohnte ein Zimmer mit ihm. Hierdurch hatte die Prinzeſſin Eboli, als ſeine Gattin, nicht nur freie Gelegenheit, zu dem Prinzen zu kommen, ſondern ſie machte ſich ihm noch beſonders dadurch verbindlich, daß ſie ihn mit ihrem Manne, mit dem er ſich beinahe taͤglich abwarf, immer wie⸗ der zu vereinigen wußte. Karlos, der ſehr edel dachte, und ſah, daß ſie ſich ſeiner mit Waͤrme annahm, erwiederte dies durch ſeine Dankbarkeit und die Achtung, die er ihr in ſeinem Betragen erwies. Dieſe dem Vorhaben der Prinzeſſin ſo gunſtige Stimmung ließ ſie an einem gluͤcklichen Ausgang nicht zweifeln, und bald fand ſie Gele⸗ genheit, den Prinzen auf den entſcheidenden Punkt zu fuͤhren. Die Verehrung, welche er der Konigin zollte, hatte in ihm eine Art von Verachtung gegen alle andere Perſonen ihres Geſchlechts erzeugt. Uebri⸗ gens weiß man, daß den meiſten jungen Leuten ſeines Stanbes eine gewiſſe Richtachtung Anderer eigen iſt, die ſie oft verleitet, ſich auf fremde Ko⸗ ſten zu beluſtigen, was äber großtentheils ihren Erziehern zur Laſt faͤllt, die ſtatt ihnen dieſe Un⸗ arten zu verweiſen, ſie vielmehr noch durch ihre Schmeicheleien dazu anreizen. Karlos nun, von den Fehlern ſeines Alters und Standes nichts we⸗ niger als frei, und der Prinz von Parma, juͤnger und ausgelaſſener als er, hatten ſich eines Tages einige Spottereien gegen Damen vom erſten Range erlaubt; man beſchwerte ſich daruͤber, und die Prinzeſſin Eboli konnte nur mit vieler Muͤhe ihren Gatten, Rui Gomez, bewegen, die Sache dem Koͤnige zu verſchweigen. Noch an demſelben Abend befand ſie ſich mit Karlos in einem Kabinet al⸗ lein; ſie fieng an, ihm ſeine Geringſchaͤtzung gegen die Damen vorzuwerfen und nach einigen Necke⸗ reien daruber bemerkte ſie, daß ihre Freundſchaft fuͤr ihn wirklich ſehr ſtark ſeyn muͤſſe, wenn ſie ihm ſein Betragen verzeihen ſollte. Der Prinz, der ihre Abſicht nicht merkie, und der aus Dank⸗ barkeit ſich zur Freundſchaft fuͤr ſie verpflichtet fuͤhlte, gab ihr laͤchelnd zur Antwort: daß ſie mehr Urſache habe, ſich ſeiner anzunehmen, als ſie wohl glaube, denn ſeine Gleichgultigkeit gegen die uͤbrige ſchoͤne Welt ruͤhre bloß daher, weil ſie die Achtung, die er wohl ſonſt ihrem Geſchlechte zu zollen fähig waͤre, in ihrem ganzen Umfange erſchoͤpft habe. Die Prinzeſſin, hingeriſſen von dieſen Worten, die ſie fuͤr eine Liebeserklaͤrung hielt, antwortete auf eine Weiſe, die ihm die Au⸗ gen öffnete und ihm ſein ſchones⸗Gluͤck entdeckte. Anfangs wollte er es ſich zu Nutzen machen, und nie ſchien ihm eine Untreue verzeihlicher, als die er im Begriff war zu begehen, denn die Prinzeſ⸗ ſin war eine von den Frauen, die ohne regel⸗ maͤßig ſchön zu ſeyn, etwas Anziehendes haben, das alles Uebrige uͤberwiegt. Allein ſo gefaͤhrlich ſie ſeyn mochte, ſeine Leidenſchaft fuͤr die Konigin erwachte in ihrer ganzen Staͤrke und fuͤhrte in dieſem entſcheidenden Augenblicke ſie ſeiner Phan⸗ taſie in ihrer vollen Grazie und Anmuth vor, ge⸗ gen die jede andere weibliche Geſtalt nothwendig verlieren mußte, und ſo, hingeriſſen von dieſem Bilde, warf er einen Blick der Verachtung auf die Prinzeſſin, den ſie unter den Umſtänden wohl nicht erwarten konnte. Zwar ſuchte er ihre Aeuſ⸗ ſerungen auf die verbindlichſte Weiſe zu erwiedern; allein die Prinzeſſin fuͤhlte nur zu wohl, daß es nicht Zaͤrtlichkeit ſey, was er gegen ſie hege. Ein Weib, das ſich einmal in dieſer Verfaſſung ſah, vergißt dies nie, und erinnert ſich an ſolchen Mo⸗ ment nur mit Vuch, wenn ſie keine Urſache hat, ſeiner mit Freude zu gedenken. Auch hier wird ſich zeigen, welche Wirkungen dieſe Wuth in dem Her⸗ zen der Prinzeſſin hervorbrachte. Indeſſen hatte die Göttin der Liebe doch Mitleiden mit ihrem Unfall, indem ſie eine neue Perſon auffuͤhrte, die bald den Verluſt von Dom Karlos erſetzte. Dieſe Perſon war Dom Juan von Oeſtreich, — ein natuͤrlicher Sohn Karls des Fuͤnften, den der Koͤnig ohngefaͤhr um dieſelbe Zeit von einem ſpa⸗ niſchen Edelmanne, der ihn als Kind erzogen hatte, abholen ließ. Obgleich dieſer junge Prinz ganz unbekannt mit ſeiner Abkunft war, ſo beſaß er doch ſolchen natuͤrlichen Stolz und Ehrgeiz, als ob ihm ſeine Abkunft bekannt geweſen waͤre. Als daher der Spanier, der fuͤr ſeinen Vater galt, ſich, ehe er ihn dem Koͤnige vorſtellte, vor ihm zu Füßen warf, blickte Dom Juan auf dieſe Stel⸗ lung mit ſolcher Ruhe herab, als ob er eine der⸗ artige Veränderung laͤngſt erwartet haͤtte. Er ſah in der neuen Wuͤrde, zu der man ihn erhob, nichts, dem ſein Muth nicht gewachſen waͤre; ſie konnte ihn daher auch nicht blenden, und der ganze Hof ſtaunte, als der Sohn des Dom Louis Quis⸗ ciada ſich in weniger als einer halben Stunde in die Rolle vollkommen ſchickte, die ihm als Sohn des Kaiſers ziemte. Da dieſer neue Prinz eben nicht aufgelegt —— war, die nothigen Vorſichtsmasregeln zu ergrei⸗ fen, um ſein Herz gegen die Reize der Koͤnigin zu verwahren, ſo verliebte er ſich in ſie auf den erſten Blick, und ſey es nun, daß dieſe Leiden⸗ ſchaft ſeiner Eitelkeit ſchmeichelte, oder daß er durch ſie ſein Glck zu machen hoffte, kurz er be⸗ muͤhte ſich nicht im Mindeſten, ſie zu unterdruͤcken; und da er von Natur zur Verſtellung geneigt war, ſo fiel es ihm auch nicht ſchwer, die Zudringlichkeit, mit welcher er ſich der Koͤnigin naͤherte, mit dem Vorwande gewoͤhnlicher Hoflichkeitsbezeigungen zu beſchoͤnigen. Dem Prinzen Dom Karlos wurde in⸗ deſſen dieſe Zudringlichkeit bald läſtig, und ob ihn gleich die Königin uͤberreden wollte, daß ſie ſehr erfreut ſey, durch dieſes Hinderniß ihren Unter⸗ haltungen Schranken gezogen und ſich weniger ſeinen Zaͤrtlichkeitsbezeigungen ausgeſetzt zu ſehen, ſo faßte ſie doch ſeit der Zeit einen Widerwillen gegen Dom Juan, deſſen Urſache ſie ſelbſt nicht unterſuchen mochte. Es giebt kein Lebensverhaͤltniß, in dem Ver⸗ ſtellung nothiger, aber auch ſchwieriger waͤre, als in der Liebe. So konnte Dom Karlos ſich des Mißmuths, der ihn ergrif, wenn Dom Juan's Gegenwart ihm beſchwerlich fiel, unmoglich in dem Grade erwehren, daß Jener es nicht haͤtte merken und mit dem Scharfblick der Eiferſucht die Urſache errathen ſollen. Dieſer Entdeckung folgte natürlich die Neugierde, zu wiſſen, ob die Konigin die Leidenſchaft des Prinzen kenne und ſie erwiedere. Sich daruͤber Aufklaͤrung zu ver⸗ ſchaffen, beſchloß er, ein Liebesverſtaͤndniß mit ei⸗ ner hbſchen Franzoſin, im Dienſte der Koͤnigin, anzuknüpfen, welcher die letztere vor ihrer uͤbri⸗ gen weiblichen Umgebung beſonders gewogen war. Die Finte recht wahrſcheinlich zu machen, ſparte er kein Mittel, ſie zu verfuͤhren; allein er konme von ihr das Geheimniß ihrer Gebieterin nicht er⸗ kunden, indem ſie ſelbſt nichts wußte: denn die Koͤnigin, weit entfernt, es irgend Jemanden an⸗ zuvertrauen, wuͤnſchte vielmehr, es vor ſich ſelbſt verbergen zu koͤnnen. Die Unterhaliungen mit dieſem Mädchen dienten ihm zum Vorwande, die Konigin mit Karlos oft allein zu laſſen und all⸗ moͤhlig gegen ihr Verhaͤltniß eine gewiſſe Gleich⸗ guͤltigkeit zu affektiren. Er glaubte, daß, im Falle wines wirklichen Einverſtaͤndniſſes zwiſchen ihnen, ſeine Einmiſchung in ihre Unterhaltungen ihn doch zu keinen Entdeckungen fuͤhren würde, weil ſie alsdann auf ihrer Hut wäͤren, uͤberdies ſeine Zu⸗ dringlichkeit ihn nur gehäſſiger machen und von wihrem Vertrauen entfernen wuͤrde, in das er ſo ſehnlich waͤnſchte eingeweiht zu ſeyn. Die Koni⸗ Sgin ſchien ſo zurückhaltend, daß er die Hoffnung verlor, ſich in ihr Vertrauen einzuſchleichen, er verſuchte es daher bei Dom Karlos, deſſen freier, offener Sinn ein leichteres Spiel verhieß, und weßhalb er auch ſein Benehmen gegen ihn durch⸗ aus aͤnderte. Er entfernte ſich ganz von dem vertraulichen Tone, zu dem ſeine Eigenſchaft als Hakel ihn berechtigte, und wurde der ehrerbietigſie ſeiner Hoͤflinge. Er benutzte mit ſolcher Gewandt⸗ heit jeden Anlaß, Karlos gute Eigenſchaften her⸗ vorleuchten zu laſſen, daß letzterer, dem im Ge⸗ fuͤhl ſeines Werthes dieſe Achtung keine Schmei⸗ chelei ſchien, allmaͤhlich zu glauben anfieng, daß ihn ſein Onkel liebe. Don Karlos ſetzte in der Folge wirklich auch viel Vertrauen in ihnz allein da das Zutrauen eines Mannes von Ehre, der liebt, ſich nie auf das Geheimniß ſeiner Liebe ausdehnt, ſo vertraute auch der Prinz ſeinem Onkel alles, bis auf das Einzige⸗, was er wiſſen wollte. Don Juan außer ſich, zu keiner Entdek⸗ kung gelangen zu konnen, faßte den Entſchluß, ſich bei Jemand Raths zu erholen, dem er in dem Punkte mehr Erfahrung zutrauen konnte. Seine ausnehmende Schönheit hatte gleich An⸗ fangs Eindruck auf die Prinzeſſin Eboli gemacht, die freilich nicht wußte, daß es uͤber die Koͤnigin gewiſſermaßen verhaͤngt war, allen ihren Anſchla⸗ 3 gen, und ſo auch dieſem, im Wege ſeyn zu mäſ⸗ ſen; indeſſen wurde der auf Don Juan hierdurch doch nicht vereitelt: denn dieſer Prinz war eine jener gluͤcklichen Naturen, mit deren Gefuͤhl fuͤr Schoͤnheit zugleich die Ausſicht auf Genuß ver⸗ webt iſt, und da die Reize der Eboli zugleich reiche Freuden verhießen, ſo zog ſie wenigſtens ſeine Sinnlichkeit an, wenn ſie auch nicht, wie die Ko⸗ nigin„ſein Herz traf. Uebrigens ſah er in der Prinzeſſin eine Perſon, deren Rath ihm bei einem Hofe, wo ihm alles neu war, weſentliche Dienſte ſeiſten konnte. Er war daher aͤußerſt zuvorkom⸗ mend gegen ſie, und ſchien bei dem erſten Zeichen ihres Wohlwollens ſo außer ſich vor Freude, daß ſie wohl ſah, er wuͤrde groͤßeren mit Waͤrme entſprechen. Auf dieſe Weiſe ward dann leicht ein Band geknuͤpft, das um ſo angenehmer war, da das Herz beider den Antheil nicht daran hatte, der ihre Freude durch Eiferſucht oder ſonſtige mit —————— ,— —— großen Leidenſchaften verbundene beunruhigende Quaͤlereien haͤtte truͤben können. Bei ſo enger Vertraulichkeit war es wohl natuͤrlich, daß Don Juan der Prinzeſſin auch er⸗ oͤffnete, was ihm von Don Karlos Leidenſchaft be⸗ kannt war. Die freudige Aufnahme, welche dieſe Neuigkeit fand, laͤßt ſich leicht denken. Durchaus von dieſem Gegenſtande durchdrungen, forſchte ſie nicht, was Don Juan veranlaſſen konnte, an ei⸗ ner Herzensangelegenheit der Koͤnigin ſolch lebhaften Antheil zu nehmen; ſie rieth ihm bloß, ſeine Be⸗ obachtungen fortzuſetzen, weil, wenn ein derarti⸗ ges Verſtaͤndniß wirklich Statt finden ſollte, es bei aller Umſicht unmoͤglich ſey, ſo auf der Hut zu ſeyn, daß man ſich nicht zuweilen vergaße; und ſo wie die Prinzeſſin die Urſache nicht unter⸗ ſuchte, auf die ſich Don Juan's Intereſſe fuͤr dieſe Sache gruͤndete, ſo ließ auch er es unun⸗ terſucht, warum ſie ihm hierin mit ſolcher Waͤrme entgegen kam. Ohne weiter daruͤber nachzuden⸗ ken, hielt er fuͤr bloße Folge der Gefaͤlligkeit, die ſie fuͤr ihn hatte, verbunden mit gewöhnlicher weiblicher Neugier, und wahrſcheinlich iſt es, daß zwei Perſonen von ſo hellem Blick die erwuͤnſchte Entdeckung bald gemacht haͤtten, wenn nicht alle ihre Plaͤne durch ein Ereigniß waͤren vereitelt wor⸗ den, das den Prinzen Karlos von Madrid ent⸗ fernte und das nur durch einen Ruͤckblick auf frü⸗ here Verhaͤltniſſe erklaͤrbar wird. unter den Geruͤchten naͤmlich, die ſich uͤber die Zurückziehung des Kaiſers in die Einſamkeit verbreiteten, war wohl das auffallendſte, daß der beſtändige Verkehr mit den Proteſtanten in Deutſch⸗ land ihn ihren Meinungen geneigt gemacht und er ſich in die Einſamkeit zurüͤckgezogen habe, um ſein Leben ungehindert in frommen Uebungen im Geiſte jener verheimlichten Religionsmeinungen zu be⸗ ſchließen. Man ſagte, daß er ſich nie die Miß⸗ handlungen habe verzeihen koͤnnen, die er an den wackern Fuͤrſten dieſer Parthie, welche das Waf⸗ —— fengluͤck in ſeine Haͤnde fuͤhrte, veruͤbt hatte. Ihre Tugend, die in ihrem Mißgeſchick ſein Gluͤck be⸗ ſchaͤmte, weckte allmaͤhlich in ſeiner Seele eine Art von Achtung fuͤr ihre Meinungen. Er wagte es nicht mehr, eine Religion zu verdammen, die Maͤn⸗ ner vom erſten Range durch die Opfer alles deſ⸗ ſen ehrten, was das Leben Koſtliches bietet. Dieſe Achtung zeigte ſich in der Wahl der Perſonen, die er fuͤr ſein religioͤſes Beduͤrfniß beſtimmt hatte, und die im Verdacht der Ketzerei ſtanden, wie der Doktor Cagalla, ſein Prediger, der Erzbiſchof von Toledo und beſonders Konſtantin Ponce, Biſchof von Droſſe. Man hatte ſeitdem erfahren, daß die Zelle, in welcher der Kaiſer verſchied, mit Spruͤchen von ſeiner Hand uͤber die Rechtfertigung und die Gnade angefuͤllt war, die ſch ſehr. den Lehrbegriffen der Reuerer naͤherten; was dann noch ganz beſonders durch ſein Teſtament beſtaͤ⸗ tigt ward, in dem man weder fromme Vermaͤcht⸗ niſſe noch Stiftungen fur Gebete fand, und das — 36 uͤberhaupt ſo von den Teſtamenten eifriger Katho⸗ liken abwich, daß die ſpaniſche Inquiſition ſich be⸗ rechtigt hielt, dieſes zu rogen. Doch wagte ſie vor der Ankunft des Koͤnigs keinen lauten Ausbruch; ſobald ſich aber dieſe durch Beſtrafung aller An⸗ haͤnger der neuen Lehre angekuͤndigt hatte, ſo griff die Inquiſition, durch ſein Beiſpiel ermuthigt, zu⸗ erſt den Erzbiſchof von Toledo„dann den Prediger des Kaiſers und endlich den Konſtantin Ponce an. Die durch den Koͤnig veranſtaltete Verhaf⸗ tung dieſer drei Maͤnner galt dem Volk als Haupt⸗ beweis ſeines Eifers fuͤr die wahre Religion; aber mit Abſcheu fah das uͤbrige Europa den Beichti⸗ ger des Kaiſers Karl, in deſſen Armen letzterer verſchied, und der die große Seele des Sterben⸗ den gleichſam in ſeinen Schooß aufgenommen hatle, von der eignen Hand des Koͤnigs, ſeines Sohnes, einem ſchmählichen Tode überliefert. Denn wirk⸗ lich hatte die Inquiſition, von welcher ſie wegen Theilnahme an dem Teſtamente des Kaiſers ange⸗ klagt waren, die Kuͤhnheit, dieſe drei Perſonen, nebſt dem Teſtamente des Kaiſers, zum Feuer zu verdammen. Den Koͤnig weckte dies Urtheil wie ein Donnerſchlag. Anfaͤnglich fand der Neid, den er auf den Ruhm des Kaiſers warf, Nahrung in der Schmach, mit der man ſein Andenken zu be⸗ flecken ſuchte, aber bei Erwaͤgung der Folgen die⸗ ſes Attentats hemmte er zwar deſſen Wirkung, je⸗ doch auf die ſchonendſte, verborgenſte Weiſe, die er auffinden konnte, um ja der Ehre und dem Anſehen des heiligen Offiziums jeden Stoß zu vermeiden. Don Karlos behandelte die Sache bei der er⸗ ſten Nachricht, die er davon erhiet, mit Spott; allein da er ſah, daß die Inquiſition ihre Verfol⸗ gung fortſetzte, erfuͤllte ihn ein Unwille, der der Groͤße ſeines Intereſſe fuͤr das Andenken des Kai⸗ ſers gleich war. Dieſes Intereſſe beruhte auf dem fruͤheren Verhaͤltniß zwiſchen ihm und dem Kaiſer, der als großer Menſchenkenner ſich zu hohen Hoff⸗ nungen von ſeinem Enkel berechtigt hielt, als er — 40— ſich in Spanien zurückzog und ihn zu ſich nahm⸗ n dieſer herrlichen Schule der Wetsheit und Sec⸗ lengroͤße wurde des Prinzen natürliche Liebe fuͤr Ruhm und Heroismus erhoͤht. Der Eifer, auf würdige Weiſe der Sorgfalt ſeines erhabenen Leh⸗ rers zu entſprechen, reifte ſeinen Geiſt vor ſeinen Jahren. Der Kaiſer wußte das lebendige, glu⸗ hende Naturel des Prinzen mit ſolcher Kunſt und Gewandtheit zu behandeln, daß er es in kurzer Zeit merklich maͤßigte, und ohne es zu unterdrůk⸗ ken, ihm einen hoͤhern Schwung und eine edle Richtung gab, die auf den Ehrgeiz ſeines Zoglings berechnet war. Man fuͤhlt leicht, daß dieſe Erziehung dem Prinzen eine ungewoͤhnliche Anhaͤnglichkeit an den Kaiſer, ſeinen Großvater einflößen mußte, und daß man ihn folglich auf der empfindlichſten Seite angriff, wenn man das Andenken des großen Tod⸗ ten zu ſchmälern ſuchte. Don Juan und der Prinz von Farma, wel⸗ —— chen dieſes glorreiche Andenken nicht weniger cheuer war, als ihm, waren in demſelben Grade aufge⸗ bracht. Sie tadelten alle drei die Schwaͤche des Koͤnigs, daß er dieſer Unverſchaͤmtheit nicht, wie ſie wuͤnſchten, ſeine volle Gewalt entgegenſetzte, und fuͤhlten eine Verachtung gegen ihn, die nut mit ihrem Leben erloſch. Da ſie noch zu jung waren, um einzuſehen, daß die unumſchränkteſten Könige doch keine Rechte haben, die in den Aügen der Volker ſo heilig wären, als die der Religion, 60 ſo ſprachen ſie öffentlich ͤber das Unternehmen der Inquiſiion mit der ganzen Leidenſchaft, die Men ſchen ihrer Art fur eine gerechte Sache ergreift. und drohten, das heilige Officium mit ſeinem gan⸗ zen Anhange auszurotten. Das Volk, das durch den Kunſtgriff der Ingquiſition dieſe Drohungen er⸗ fuhr, und ſeit der Errichtung jenes Inſtituts nie Aehnliches geſehen hatte, nahm dieſes ſehr empfinb⸗ lich auf. Der König ſah bald die Folgen dieſer Stimmung; allein da er wußte, daß die Prinzen . ſich ſogar ſo weit vergeſſen hatten, ſein Benehmen zu tadeln, ſo wollte er ſie desfalls nicht ſelbſt zu Rede ſtellen, aus Furcht, ſich irgend einer un⸗ ehrerbietigen Antwort auszuſetzen. Rui Gomez, den er damit beauftragte, entledigte ſich ſeines Auftrags mit dem ganzen Nachdrucke, den die Wichtigkeit des Gegenſtandes forderte. Don Juan und der Prinz von Parma, die von Natur mehr Gewalt uber ſich hatten, als Don Karlos, gaben bald dieſen Vorſtellungen nach. Ehrgeis war ihre herrſchende Leidenſchaft, und ſo fuͤhlten ſie den tiefſten Schmerz in dem Haß der Inguiſition und dem damit verbundenen, der Voͤlker, ihrem Gluͤcke ein ſo großes Hinderniß entgegengeſetzt zu haben. Don Karlos dagegen, den Schwierigkeiten nur mehr aufbrachten, wollte nie einſehen, daß er Un⸗ recht habe. Indeſſen wurde der Doktor Cagalla lebendig verbrannt, und mit ihm das Bild von Konſtantin Ponce, der einige Tage vorher im Ge⸗ faͤngniß geſtorben war. Der Konig war gezwun⸗ 1 1 gen, dieſe Hinrichtung geſchehen zu laſſen, um das heilige Officium zu bewegen, in die Appella⸗ tion des Erzbiſchofs von Toledo nach Rom zu wil⸗ ligen, und nicht mehr von dem Teſtamente des Kaiſers zu reden. Dieſe Ausgleichung der Sache beſänftigte zwar den Prinzen, aber nicht die Inquiſition. Menſchen der Art verzeihen nie, und ſo wußten ſie unter dem Volke ein ſolches Murren zu erregen, daß der Koͤnig, bei aller Muͤhe, die er ſich gab, es doch nur dadurch ſtil⸗ len konnte, daß er die Prinzen auf einige Zeit entfernte. Die Univerſitat Alcala war damals in ihrer ſchonſten Bläthe, jeder bedeutende Mann, der Spanien bereiste, beſuchte dieſes treffliche Inſtitut. Der Koͤnig benutzte dieſen Umſtand zur Entfernung der Prinzen; er gab vor, daß ſie dieſelbe Abſicht hötten, und nahm für die Beſchleunigung ihrer Abreiſe den beſondern Vorwand, daß der Prinz von Parma in kurzer Zeit in Begleitung des Gra⸗ fen Egmont nach Flandern muͤſſe, um ſich dort zu verehelichen. Als Karlos hiervon benachrichtigt ward und ſah, daß er die Konigin verlaſſen muͤſſe, da ward er erſt des Abgrundes gewahr, in den er ſich geſtuͤrzt hatte, und was das Intereſſe fur ſeine Sicherheit und ſeine Groͤße nicht vermochte, das vermochte die Liebe; ſie war es, die ihm allein eine Art Reue uͤber ſein Verhalten entreißen konnte. Der Konig, der ſich von Rui Gomez nicht zu trennen vermochte, bewog den Grafen von Eg⸗ mont, auf der Reiſe nach Alcala deſſen Stelle bei dem Prinzen zu belleiden. Egmont war einer der vollendeleſten Feld⸗ herren ſeiner Zeit; er hatte ſich im letzten Kriege in den Schlachten von St. Quentin und Gravel⸗ lines mit Ruhm bedeckt, und unter allen den gro⸗ ßen Männern, welche die Schule Karls V. gebil⸗ det hatte, ſtand keiner in höherer Achtung bei dem Kaiſer, als er. Die Herzogin von Parma errieth das Ungewitter, das in den Provinzen, die der Koͤnig, ihr Bruder, ihrer Regierung anbertraut hatte, im Anzuge war; ſie hielt fuͤr rathſam, ihm die Inkonvenienzen vorſtellen zu laſſen, welche die Neuerungen, die er dort einfuͤhren wollte, be⸗ fuͤrchten ließen, und da dieſer Auftrag einen Mann von Anſehen und von Egmonts Charakter erheiſchte, der gewohnt war, zu den Fuͤrſten mit jener edlen Freimuͤthigkeit zu reden, die ihnen nutzlich iſt, und deren ſo wenige Menſchen faͤhig ſind, ſo war es natuͤrlich, daß die Wahl der Her⸗ zogin auf Egmont fiel, was dann die Urſache ſei⸗ nes Erſcheinens am ſpaniſchen Hofe war. Don Karlos, der eine große Vorliebe fuͤr außerordent⸗ liche Menſchen hatte, bat den Grafen, ihm auf der Reiſe die letzte Schlacht, in der er komman⸗ dirt hatte, zu erzäͤhlen. Egmont erfullte gern dieſen Wunſch, und der Prinz zeigte eine ſo leb⸗ hafte Ungeduld, Aehnliches zu verrichten, daß er den Grafen verſicherte, wenn die Unruhen in Flandern in einen offenen Krieg ausbrechen wuͤr⸗ — 46— den, wie die Regentin verſicherte, ihn nichts hin⸗ dern ſollte, ſich in jene Provinzen zu begeben, um ſich unter ihm zum Krieger zu bilden. Die Reiſe der Prinzen waͤhrte indeſſen nicht lange; ſie ward durch folgenden Zufall abgekurzt. Die Stadt Alcala hatte nämlich dem Prinzen Karlos ein Pferd von großem Werthe zum Ge⸗ ſchenk gemacht, das aber eben ſo wild als ſchoͤn war. Der Prinz wuͤnſchte es zuweilen zu ſehen, war aber mit der Bearbeitung des Pferdes ſehr unzufrieden und beſtieg es ſelbſt. Das Pferd, das bereits erhitzt war, wurde, als es der Prinz ein wenig antreiben wollte, ſo wild, daß es mit ei⸗ ner Gewalt davon rannte, die den Prinzen ver⸗ anlaßte, ſich auf die Erde zu werfen; allein er that dies ſo unglͤcklich, daß er wie todt auf der Stelle blieb, und obgleich er einige Stunden her⸗ nach wieder zu ſich kam, ſo zweifelten doch die Aerzte, nachdem ſie eine an ſeinem Kopfe befind⸗ ſiche Wunde unterſucht hatten, an ſeinem Leben. — In dieſer traurigen Lage ſchickte er den Marquis von Poſa, ſeinen Liebling, zu der Koͤnigin, ihr ſein letztes Lebewohl zu überbringen. Die Prin⸗ zeſſin Eboli begab ſich auf das erſte Geruͤcht von dieſem Unfalle zu der Koͤnigin, um zu ſehen, wie ſie dieſe Nachricht aufnehmen wuͤrde. Die Ver⸗ ſtellungskunſt der Koͤnigin, die auf eine ſolche harte Probe nicht gefaßt war, verließ ſie bei die⸗ ſer Nachricht, und obgleich ihr Mund, an Schwei⸗ gen gewoͤhnt, ſich auch hier keine Klage erlaubte, ſo war doch ihr Stiuſchweigen und ihre Betruͤbniß beredter, als jedes Wort. Jedoch ſo groß auch ihr Kummer ſchien, ſo war man an freundſchaft⸗ liche Verhaͤltniſſe zwiſchen ihr und Don Karlos zu ſehr gewoͤhnt, als daß dies Jemanden aufgefallen waͤre. Nur die Prinzeſſin Eboli, die uͤberall nur Liebe ſah, begriff nicht, wie der Kummer der Koͤni⸗ gin eine bloße Wirkung von Freundſchaft ſeyn konne. Indeſſen bezeigte das Polk, von der Inquiſi⸗ tion gereizt, nicht die geringſte Theilnahme an die⸗ ſem Ungluck; es ſah in ihm nichts als eine Strafe, mit welcher die Vorſehung die Gottloſigkeit des Prinzen zuͤchtigte. Die Konigin, welche unter den umſtänden keine Zuruckhaltung mehr haben zu muͤſſen glaubte, konnte ſich den traurigen Troſt nicht verſagen, dem Prinzen den ungluͤcklichen Zu⸗ ſtand zu ſchildern, in dem er ſie zuruͤckließe; ſie ſchrieb ihm alles, was Freundſchaft und Schmerz Zaͤrtliches und Ruͤhrendes ſagen können, und ſchickte den Marquis von Poſa mit dem Befehl zurück, ihr den Brief, wenn er etſt nach dem Tode des Prinzen in Alcala ankommen ſollte, ſogleich wie⸗ der zuzuſtellen. Dieſer Brief erfüllte die Seele des Prinzen mit ſo ausnehmender Freude, daß er ihm das Leben wieder gab. Sobald er außer Ge⸗ fahr war, ließ ihn der Koͤnig nach Madrid brin⸗ gen, indem er den Haß des Volks durch jenen Unfall beſänftigt glaubte. Als die Konigin den Prinzen zum erſtenmale wieder ſah, forderte ſie ihren Brief von ihm; allein bei aller Möhe, die ſie ſich gab, blieb er hartnaͤckig darauf, ihn zu behalten, indem das Geſtaͤndniß ihrer Neigung, das er enthſelt, ihm theurer war, als das Leben, das er ihm verdankte, und er wohl nicht ahnete, daß dieſer verhängnißvolle Brief noch einmal uͤber ſein Leben entſcheiden ſollte. Bei ſeiner Ruͤckkunft fand er die Koͤnigin ſchwanger; dieſe Schwangerſchaft reizte ſeine Ei⸗ ferſucht in ſolchem Grade, und er beſchwerte ſich bei ihr daruͤber auf ſo bizarre, unvernuͤnflige Weiſe, daß außer ihr ihn wohl Jedermann fuͤr wahnſinnig gehalten hätte. Waͤhrend Karlos ſeine Heilung bewerkſtelligte, kam die Koͤnigin mit der Erzherzogin von Flandern nieder, der Erbin ihrer Schoͤnheit, ihres Geiſtes und ihres Namens. Kutze Zeit darauf ward ſie von den Blattern gefährlich befallen; allein die Gebete der Volker wirkten ſo kraͤftig, daß ſie nicht nur geſunder, ſondern auch ſchoner als vorher, ſich von ihrem Krankenlager erhob. Don Karlos hatte kgum Zeit, ihr dar⸗ 4 uͤber ſeine Freude zu bezeigen, als ſie nach Bahonne mußte, wo der franzoͤſiſche Hof ihr entgegen ge⸗ kommen war, um ſie zu empfangen, und wo ihre Unterhaltung und ihr ganzes Benehmen in dem Grade die Geiſter fuͤr ſie einnahmen, als ihre Schoͤnheit die Herzen. Don Karlos ſah mit tie⸗ fer Betruͤbniß alle dieſe verſchiedenen Hinderniſſe, die das Schickſal abwechſelnd ſeinem Umgange mit der Koͤnigin entgegenſetzte, bis dieſe letzte Reiſe, nach welcher er glaubte, nichts mehr befurchten zu muͤſſen, ein Ereigniß herbeifuͤhrte, das die Freuden ihres Lebens durch Widerwärtigkeiten truͤbte, die in der Folge nie endeten. Die Konigin von Navarra, Johanna d'Albrot, Wittwe des Koͤnigs Anton naͤmlich, hatte ſich ſeit einiger Zeit fuͤr die neue Religion erklaͤrt; ſie re⸗ gierte ihre Unterthanen mit einer Froͤmmigkeit, die ſie zum Muſter ihrer Sekte erhob, und mit einer Gerechtigkeit, die man vielleicht nie an ei⸗ nem Konigshofe ſah. Ihr Sohn, den ſie in dem⸗ ſelben Glauben erzog, wurde ſeitdem von den Pro⸗ teſtanten Frankreichs als ihr Beſchoͤtzer angeſehen. Die Spanier,— welche ſahen, daß die Anſprüche dieſes Hauſes auf Ober⸗Ravarra in die Haͤnde dieſes Kindes fallen wuͤrden, das im erblichen Haſſe gegen ſie genaͤhrt, durch die Religions⸗Ver⸗ ſchiedenheit erbittert und von einer eben ſo furcht⸗ baren Parthie, als jene der damaligen Hůgenol· ten, unterſtuͤtzt wurde— faßten, um ſich aller Beſorgniſſe auf einmal zu entſchlagen, den Eut⸗ ſchluß, dieſen jungen Prinzen, die Koͤnigin, ſeine Mutter, und ſeine Schweſter millen aus ihren Staaten zu entfuͤhren und ſie 4ch Spanien in die Haͤnde der Inquiſition zu liefern. Die Haͤup⸗ ter der katholiſchen Parthie in Frankreich, im Ein⸗ verſtändniß mit dem Herzog von Alba, um die Hugenotten einer ſo bedeutenden Stuͤtze, als die⸗ ſes Haus war, zu berauben, verbanden ſich freu⸗ dig, ihrerſeits alles Mogliche zum gläcklichen Er⸗ folg des Unternehmens beizutragen. Ein beruͤchtigter Schurke, der Hauptmann Dominik, von Bearn gebuͤrtig, war wegen ſeiner genauen Localkunde mit der Ausfuͤhrung beauf⸗ tragt. Ein Theil der Truppen, die in Barcellona guͤnſtigen Wind zu ihrer Abfahrt nach der Bar⸗ barei abwarteten, ſollte bis nach Tarragona vor⸗ ruͤcken. Von dieſer Stadt aus war es leicht, im Stillen ein betraͤchtliches Kavalleriekorps durch die Gebirge zu führen und die Königin und ihre Kin⸗ der zu Pau, in Bearn, wo ſie reſidirten, und mo ſie beinahe keine andere Wache als die Her⸗ zen ihrer Unterthanen hatten, zu uͤberfallen; aber das Schickſal, das dem jungen Prinzen große Be⸗ ſtimmungen bereitet hatte, indem er der Wieder⸗ herſteler Frankreichs und das Schrecken der Spa⸗ nier werden ſollte, vereitelte dieſen ſo wohl uͤber⸗ legten Anſchlag. Kurz vor der Reiſe nach Bayonne hatte der Kapitaͤn Dominik durch die Mitwirkung einiger franzdſiſchen Graͤnz⸗Kommandanlen die Ver⸗ anſtaltungen, die an Ort und Stelle zu ſeinem Zwecke erforderlich waren, beendigt, und haite ſich nach Spanien begeben, um von dem Herzog von Alba die noͤthigen Befehle zum Vorruͤcken der zur Ausfuͤhrung des Planes erforderlichen Truppen abzuholen. Der Herzog, der ſich in Alba befand, ſchickte ihn, nachdem er mit ihm konferirt hatte, an den Koͤnig ab, der in Mouſon war. Der Ka⸗ pitaͤn aber wurde unterwegs gefaͤhrlich krank, und war genoͤthigt, in Madrid, wo ihn ſein Weg durchfuͤhrte, zu verweilen. Während dieſer Krank⸗ heit nun leiſtete ihm ein Franzoſe, der in Dien⸗ ſten der Koͤnigin und ſein Landsmann war, den weſentlichſten Beiſtand. Er wußte nicht, wie er dieſem ſeine Erkenntlichkeit bezeigen ſollte, und ſo entſchluͤpfte ihm eines Tages die Aeußerung, daß ſein Leben von der groͤßten Wichtigkeit ſey und daß die Pflege, die man ihm angedeihen laſſe, einſt herrlich belohnt wuͤrde. In der Miene, mit der er dieſe Worte ſagte, lag etwas, das auf auſ⸗ ſtrordentliche Verhaͤltniſſe ſchließen ließ, ſo daß ſein Freund begierig ward, dies Dunkel zu durch⸗ dringen. Der Kapitaͤn konnte einem Manne, dem er ſein Leben verdankte, nichts abſchlagen; und ſep es nun, daß Furcht vor dem Tode eine Art Reue in ihm weckte, oder daß die Krankheit ſei⸗ nen Geiſt verwirrt hatte, kurz er bezahlte die ge⸗ leiſteten Dienſte mit ſeinem Geheimniß. Sein Freund ſetzte noch denſelben Tag die Königin, ſeine Gebieterin, die in Madrid geblieben war, und im engſten Freundſchaftsband mit der Konigin von Ravarra lebte, davon in Kenntniß. Bei der Er⸗ zaͤhlung dieſes ſchrecklichen Anſchlags konnte ſie ſich der Thraͤnen nicht enthalten; indeſſen genaß der Kapitaͤn, und waͤhrend er mit dem Koͤnige alles regulirte, was auf das Unternehmen Bezug hatte, ließ die Koͤnigin in Bearn und in Bordeaux, wo damals ihre Mutter war, Warnungen ergehen. Auf dieſe Weiſe wurde der Plan vereitelt, und die Koͤni⸗ gin, unter Geleite des Herzogs von Alba, begab ſich nach Bayonne, wo der franzoſiſche Hof ſie empfieng. Dieſer Hof war in zwei Parthien getheilt, die einander faſt eben ſo haßten, als jede von ih⸗ nen in den Hugenotten ihre gemeinſchaftlichen Feinde ſah. Obgleich beide Katholiken waren, ſo maßte ſich doch die eine dieſe Eigenſchaft vorzugs⸗ weiſe vor der andern an. Es war die, an deren Spitze jene Freunde Alba's ſtanden, welche die Ver⸗ ſchworung von Bearn gebildet hatten. Da ſie damals ſchon den Grund zu jener Ligue legten, die zehn Jahre ſpaͤter erſchien, ſo ſtanden ſie in enger Ver⸗ bindung mit Spanien; was bei der andern Parthie, die jene des Koönigs war, und an deren Spitze die Koͤnigin Mutter, Katharine von Medicis, ſtand, der Fall nicht war. Dieſe Frau kannte keinen ho⸗ hern Zweck ihrer Handlungen, als Unabhaͤngig⸗ leit, und da ſie wußte, daß jede engere Verbin⸗ dung mit den Spaniern zur Sklaverei fuͤhre, ſo ſchenkte ſie dem Koͤnige, ihrem Schwiegerſohn, kein anderes Vertrauen, als das der Wohlſtand ihr auferlegte. Indeſſen ſo zuruckhaltend ſie auch ſeyn mochte, ſo ſetzten die Vertrauten von Alba, mit welchen ſie anderer Intriguen wegen einen gewiſen Verkehr nicht vermeiden konnte, ſo viele Maſchinen bei dieſer Zuſammenkunft in Bahonne in Bewegung, umringten ſie mit ſo vielen Spio⸗ nen, daß ihnen am Ende die Gewißheit ward, daß die Koͤnigin von Spanien es geweſen ſey, die ihren Plan vereitelt habe; auf welchem Wege aber ſe ſebſt zu ſeiner Entdeckung gelangt ſey, blieb ihnen unbegreiflich. Der Herzog von Alba konnte nicht glauben, daß eine junge Frau eines ſo kühnen und ſo ſchwie⸗ rigen Unternehmens faͤhig ſeyn koͤnne. Ihre Ver⸗ bindung mit Don Karlos floßte ihm von jeher Argwohn ein, denn er wußte, daß der Prinz ihn haßte. Er ſtellte ſich vor, daß die Königin nichts ohne den Prinzen gewagt habe, und da nichts empfindlicher ſchmerzt, als ein Verbrechen, das man ohne Erfolg begieng, ſo faßte er den feſten Entſchluß, ſich an beiden zu rächen, was dann S— 57 am Ende auch wirklich grlang. Don Karlos wußte indeſſen vor der Reiſe nach Baponne nichts von der Verſchworung; nur nachher, als die Sache ſchon zu ruchbar ward, verhehlte ihm die Kdnigin auch die Wahrheit nicht laͤnger, worauf der Prinz, von tiefem Abſcheu gegen dieſen Frebel ergriffen, ſich nicht enthalten konnte, in Gegen⸗ wart von Don Juan und der Prinzeſſin Eboli zu erklaͤren, daß er die, welche dem Rigt ſo nie⸗ dere Rathſchlaͤge gegeben haͤtten, einſt ſchrecklich zuͤchtigen wuͤrde⸗ Nun wußte wohl Jedermann, daß der Herzog von Alba der Upheber der Ver⸗ ſchwoͤrung war, und daß ohne den Rath von Rui Gomez der Koͤnig nichts unternahm: die Drohung des Prinzen konnte folglich nur dieſe beiden Mi⸗ niſter treffen; und da die Prinzeſſin von Eboli ſie ſogleich dem Rui Gomez, ihrem Gatten, hinter⸗ brachte, ſo fuͤhlte letzterer wohl, daß es Zeit ſey, ſich gegen das Gewicht zu waffnen, welches dem Prinzen ſein heranreifendes Alter zu geben begann. Zwiſchen jenen beiden Miniſtern war die ko⸗ nigliche Gunſt ſo getheilt, daß man ſagen konnle, Herzog Alba ſey Guͤnſtling des Koͤnigs, und Rui Gomez der Guͤnſtling Philipps. Zuweilen gab dieſe Konkurrenz wohl Anlaß zu Spaltungen un⸗ ter ihnen, allein im vorliegenden Falt vereinigte ſie ihr beiderſeitiges gemeinſchaftliches Intereſſe ſehr bald. Der Herzog von Alba hatte die unumſchränk⸗ teſte Gewalt in allem, was in das Kriegsweſen einſchlug, und da er die kriegeriſche Reigung des Prinzen kannte, ſo fuͤrchtete er, daß bei Ausbruch des erſten Kriegs der Prinz ſeinem Anſehen Ab⸗ bruch thun, und vielleicht gar die oberſte Leitung deſſelben in Anſpruch nehmen moͤchte. Ueberhaupt konnte er von Don Karlos nichts Gutes erwar⸗ ten, von dem er uͤberzeugt war, daß er ihm ei⸗ nen gewiſſen Vorfall, der ſich einige Jahre vor⸗ her zwiſchen ihnen ereignet hatte, nie verzeihen würde. Der Konig nämlich hatte damals die Stände „—— von Arragonien verſammelt, um ſeinen Sohn als rechtmaͤßigen Thronerben anerkennen zu laſſen. Die Reihe der Eidesleiſtung traf auch den Herzog von Alba, deſſen Namen aber der Herold dreimal vergebens aufrief; einige Augenblicke ſpaͤter er⸗ ſchien er außer der Reihe, ward aber von dem⸗ Prinzen mit Unwillen zuruͤckgewieſen; da er ſich jedoch mit den außergewoͤhnlichen Geſchaͤften des Tages entſchuldigte, wozu ihn ſeine Stelle als Großmeiſter beſonders verpflichtete, ſo ward dem Prinzen die empfindliche Kraͤnkung, daß er auf Befehl des Koͤnigs die Huldigung des Herzogs an⸗ nehmen mußte. Was Rui Gomez betrifft, der das Juſtiz⸗ und Finanzfach eben ſo unbedingi dirigirte, ſo be⸗ fuͤrchtete dieſer von dem freigebigen Charakter des Prinzen eine Einmiſchung in Gnadenſachen, die dem Miniſter am Ende nichts uͤbrig ließen, als das kleine Verdienſt, die Befehle deſſelben zu voll⸗ ziehen. Uebrigens war er Hofmeiſter des Prinzen und bei dem Konige beliebt, weil et ihn mit der⸗ ſelben Strenge behandelte, wie jener, und da die⸗ ſes ſtrenge Verfahren die eigentliche Quelle des Wi⸗ derwillens war, den der Prinz gegen ſeinen Va⸗ ter hegte, ſo duͤrfte ein Vorfall aus ſeiner Kind⸗ heit, ſo klein er auch ſcheinen mag, hier nicht an unrechter Stelle ſtehen, indem er den Knaben Karlos und zugleich ſeine Erziehung charakteriſirt. Don Karlos mochte kaum das Alter erreicht haben, wo ſich die Vernunft zu entwickeln be⸗ ginnt, als die Königin von Boͤhmen, ſeine Tante. die ſich zu jener Zeit in Spanien befand, einen ihrer Ehrenknaben, den Karlos ſehr liebte, wegen eines unbedeutenden Verſehens ſcharf zuͤchtigen ließ. Der Prinz, in ſeinem ganäen Weſen damals noch äußerſt heftig, beſchwerte ſich bei ihr mit ſolcher Bitterkeit darͤber, daß ihm die Konigin mit der Ruthe drohte, wenn er nicht ſchweigen wuͤrde. Karlos, den man nicht tiefer kraͤnken konnte, als wenn man ihn als Kind behandelte, ward uͤber — 61— die Drohung ſo aufgebracht, daß er ihr eine Ohr⸗ feige gab. Kaum hatte er ſie aber verlaſſen, ſo fuͤhlte er die ganze Groͤße ſeines Vergehens und befand ſich in großer Unruhe, als ſein Haushof⸗ meiſter mit Thraͤnen in den Augen vor ihm er⸗ ſchien und ihm eroͤffnete, daß der Koͤnig ſein Ver⸗ brechen erfahren und ihn zum Tode verurtheilt habe. Man bemerkte, daß er die Rachricht zwar mit Befremden, aber doch ohne Zeichen von Schrek⸗ ken aufnahm, und bloß fragte, ob es keine Gnade für ihn gabe? Dieſe ward nachgeſucht und auch bewilligt, jedoch unter der Bedingung, daß der Prinz die Hand verlieren muͤſſe, mit welcher er die Koͤnigin geſchlagen habe.„Ein ſchöner An⸗ blick,“ rief er trotzig aus,„um einen einhaͤndi⸗ gen Koͤnig!“ Man ſiellte ihm vor, daß er ſich gluͤcklich ſchätzen muͤſſe, wenn man ſich mit dieſer Strafe begnuge; indeſſen eroffnete ihm doch einer der Anweſenden im Vertrauen, daß, wenn er ſich irgend einer Zuchtigung unterwerfen wuͤrde, dieſes vielleicht ſeines Vaters Mitleiden erregen koͤnnte, worauf Karlos, dieſem Winke folgend, den Kar⸗ dinal Spinola zu ſich bitten ließ, ihm die Ruthe zu geben, was er ſonſt in keinem Falle wuͤrde gelitten haben. Einige Jahre nachher, kurz nach einer uͤberſtandenen Krankheit, nahm ihn der Koͤnig allein und gab ihm einen derben Verweis. Don Karlos, der keinen Vorwurf verdient zu haben glaubte, ward hierdurch ſo heftig ergriffen, daß ihn das Fieber auf der Stelle wieder uberfiel. Dieſe rohe Erziehung gewohnte den Prinzen, ſich in allen ſeinen Geſinnungen und Reigungen widerſprochen zu ſehen, und da er einen Charakter hatte, der dem ſeines Vaters geradezu entgegen⸗ geſetzt war, ſo fiel ſein Betragen gewohnlich nicht ſo aus, wie es jener gewuͤnſcht hätte, wodurch dann Rui Gomez veranlaßt wurde, um Entledi⸗ gung von ſeiner Hofmeiſterſtelle anzuſtehen, indem er befürchtete, der König duͤrfte, nach dem Schlag gewoͤhnlicher Vaͤter, am Ende ihm die Schuld — — — 6 dabon beimeſſen, daß ihm ſein Sohn ſo viele Ur⸗ ſachen zur Unzufriedenheit gaͤbe. Allein dieſer Guͤnſtling wußte nicht, daß Leute, wie ſein Herr, die ſich auf ihre Klugheit und Charakterfeſtigkeit etwas zu gute thun, weit eher ihre eigenen Kin⸗ der verurtheilen, als Maͤnner ihrer Wahl tadeln, weil ſie lieber ungluͤcklich in ihren Familien, als ungewandt in ihren Urtheilen erſcheinen. Rui Gomez, der dieſen Eigenſinn des Koͤnigs bemerkte, behandelte daher den Prinzen mit aller nur erdenklichen Strenge, als ſuche er hierin we⸗ gen der uͤblen Auffuͤhrung des Prinzen ſeine Recht⸗ fertigung; ſo mußte er aber auch wohl einſehen, daß er von dem beleidigten Gefuhl ſeines Zoglings einſt alles wuͤrde zu befuͤrchten haben, und nun noch gereizt durch ſeine Gattin, die unter dem Vorwande, für die Sicherheit ihres Mannes zu ſorgen, ihre verſchmaͤhte Liebe raͤchte, bot er alles auf, den Herzog von Alba zu dem engſten Buͤnd⸗ niß mit ſich gegen Don Karlos zu vermoͤgen, — 64— und benachrichtigte desfalls den Herzog von den Drohungen des letztern. Welches Intereſſe aber auch die Prinzeſſin Eboli in dieſe Sache legte, ſo hielt doch ihr Mann, dem alle heftige Aufwallungen verdaͤchtig ſchienen, es nicht für gut, ſie in das Geheimniß zu ziehen. Sie ihrerſeits verſchwieg ihm zwar auch, was ſie von dem Verhältniß zwiſchen Don Karlos und der Koͤnigin zu wiſſen glaubte; aber Rui Gomez, der von durchdringendem Verſtande war, wußte aus dem, was ſie ihm daruͤber beſonders geſagt hatte, bald den Reſt zu errathen. Welche Idee er indeſ⸗ ſen auch verſuchte, ſich von dieſem Verhaͤltniß zu machen, ſo konnte er keine auffaſſen, die ihn nicht auf ein Liebesverſtaͤndniß zwiſchen dieſen Perſonen geführt hätte. Tauſend Dinge, die er wäͤhrend dem ſie vorgiengen gar nicht beachtet hatte, ka⸗ men ihm jetzt in das Gedächtniß zurück. So er⸗ innerte er ſich, bemerkt zu haben, daß wenn in Gegenwart des Prinzen von der Koͤnigin geſprochen — wurde, Don Karlos diejenigen, die daruͤber rede⸗ ten, mit einem Blicke anſah, als fuͤrchtete er, waͤhrend der Unterhaltung von ihnen beobachtet zu werden, und als hätten ſie das Geſpraͤch einge⸗ leitet, um ihn auf die Probe zu ſtellen. Bei an⸗ dern Gelegenheiten, wo es ſchien, daß die ganze Geſellſchaft ſich uͤber den Vorzug ſtritt, wer von ihnen der Koͤnigin die meiſten Lobeserhebungen machen wuͤrde, lobte Don Karlos, als die Reihe an ihn kam, ſie nicht ſo, wie die Andern, und doch, ſobald er von ihr reden ſollte, fuͤrchtete er, zu wenig von ihr geſagt zu habenz ſo daß er, wenig gewohnt, ſeine inneren Gefühle zu verlaͤug⸗ nen, mit dem Munde ſchlecht verbarg, was ſein Herz empfand. Rui Gomez bedachte ferner, daß, obgleich dieſer Prinz allen uͤbrigen Weibern nicht die geringſte Achtung erwies, er vor der Konigin mit einer Sanftmuth und Geſchmeidigkeit erſchien, die ſich nie verlaugneten, und ihn allen denen un⸗ verkennbar machten, die ſeinen Charakter zu beur⸗ — 66— theilen wußten. Endlich ließ es ſich doch auch leicht denken, daß die bewunderungswuͤrdige Schoͤnheit dieſer Fuͤrſtin, vor welcher der Gefuͤhlloſeſte das Auge niederſchlagen mußte, und wogegen die kaͤlte⸗ ſten Greiſe am Hofe Muͤhe hatten, ſich zu ver⸗ wahren, auch wohl auf das Herz des jungen Prinzen, der ſie jeden Tag im vertraulichen Zir⸗ kel ſah, den Eindruck gemacht haben muͤſſe, den ſie im Allgemeinen hervorbrachte. Rui Gomez wurde noch in dieſer Meinung beſtaͤrkt, indem er ſie dem Herzog von Alba mit⸗ theilte, dem er nicht glaubte, ſie verbergen zu duͤr⸗ fen; und wie es dann gewoͤhnlich geſchieht, wenn man ein Geheimniß zum Theil entdeckt, daß die Sucht, den Reſt zu wiſſen, uns eine Art Stols darin finden laͤßt, dieſen zu errathen, ſo warfen auch ſie ſich gleich von dem Augenblicke ihrer er⸗ ſten Entdeckung an die Frage auf, ob die Koͤnigin. die Leidenſchaft des Prinzen erwiedere? Dieſe Erwiederung ſchmeichelte Anfangs ihrem Haß, ſie — 67— freueten ſich, einige Augenblicke ein unfehlbares Mittel in Haͤnden zu haben, ſich an dem Prinzen zu raͤchen, indem ſie ſein Liebesverſtaͤndniß dem Könige entdeckten; aber bei näherer Erwaͤgung der Eiferſucht des Königs und ſeiner gewöhnlichen Lei⸗ denſchaftlichkeit bedachten ſie die ſchrecklichen Folgen, wozu dies fuͤhren koͤnnte, und wurden bald von dieſer Entdeckung abgeſchreckt; denn welchen furcht⸗ baren Feind ſie auch in der Perſon des Prinzen ſehen mochten, ſo dachten ſie damals wohl nicht daran, ihm nach dem Leben zu trachten, und hielten ſich auch wohl fuͤr unfaͤhig, jemals daran zu denken. Kein Menſch wird plotzlich zum Böſe⸗ wicht, und nicht Jedem iſt es gegeben, ein gro⸗ ßes Verbrechen in dem Augenblick zu beſchließen, in welchem es ihm in den Sinn kommt; zum La⸗ ſter wie zur Tugend gelangt man nur ſtufenweiſe. Beide Miniſter fuͤrchteten beſonders, daß die Königin hinſichtlich der Angelegenheit von Bearn den Geiſt ihres Gemahls ſo einzunehmen wiſſen wuͤrde, daß er in der Folge die Wahrheit nicht mehr zu glauben im Stande waͤre, ſo wie die Un⸗ ruhe, in welcher er war, zu erfahren, wie jenes Unternehmen entdeckt worden ſey, beſorgen ließ, daß er ſich von der erſten Anſicht, die man ihm daruͤber beibraͤchte, wuͤrde feſſeln laſſen. Der Koͤ⸗ nig, den der üble Ausgang iener Sache ͤußerſt kraͤnkte, war überhaupt nicht mehr wie ſonſt auf den Herzog von Alba zu ſprechen, und er ſann vielleicht darauf, ihn oͤffenilich zu kompromittiren, um den Schimpf jener Verſchwoͤrung von ſich ab⸗ zuwalzen. Um dieſem Streiche abzuwehren, mußte man ihm die Wahrheit entdecken; allein da dieſer Entbeckung die Abſicht zum Grunde lag, dem Konige zu zeigen, daß der unglückliche Erfolg der Unternehmung nicht dem Herzog von Alba beizu⸗ meſſen ſeh, ſo hielt der Herzog nicht fur gut, ſelbſt mit dem Konige daruͤber zu reden. Rui Gomez war in der Sache eben ſo verdächtig, indem er beinahe denſelben Antheil daran hatte, wie der — 69— Herzog; beide hielten es daher fuͤr das Beſte, eine andere Perſon zu wählen, die ihnen dieſen Dienſt erwieſe, und da ſie hierzu Niemanden geeigneter fanden, als den Staats⸗Sekretaͤr Antonio Perez, ſo beſchloſſen ſie, dieſen mit in ihr Verſtaͤndniß zu ziehen. Dieſer Menſch, der nicht das geringſte In⸗ tereſſe hatte, weder dem Prinzen noch der Koͤnigin zu ſchaden, ſchien ſchwer gewonnen werden zu koͤnnen. Demohngeachtet trauete Rui Gomez ſei⸗ ner Gewandtheit es zu, dies auszuführen, was ihm auch wirklich leichter von Statten gieng, als er wohl glaubte. Perez naͤmlich war in die Prin⸗ zeſſin Eboli ſterblich verliebt, konnte aber keine Er⸗ pörung finden. Als ihn Rui Gomez in das Kom⸗ plott ziehen wollte, war ſeine erſte Frage gleich, ob die Prinzeſſin um das Geheimniß wiſſe? Nach⸗ dem man ihm ſagte, daß dies nicht der Fall ſey, und er nun noch zum Schein allerhand Bedenk⸗ lichkeiten gemacht hatte, willigte er endlich in alles, — was man von ihm begehrte. Dieſer gewandte Liebhaber kannte die Neugier der Eboli; er war ſicher, daß ſie in Verzweiftung geriethe, wenn ihr eine Kabale von ſolcher Bedeutung entgienge, und daß ſie zu allem faͤhig waͤre, um den zu belohnen, der ſie davon in Kenntniß ſetzen wuͤrde. Rui Gomez gab dem Herzog von Alba ſogleich Rechen⸗ ſchaft von ſeiner Unterhandlung, ſtolz, daß ſie ihm gelungen war, und der vergnuͤgteſte Mann in der Welt, dem Liebhaber ſeiner Frau das un⸗ truͤglichſte Mittel zu ihrem Falle gegeben zu haben. Perez wußte uͤbrigens ſein Geheimniß bei dieſer Schoͤnen ſo gluͤcklich geltend zu machen, daß ſie es ihm ſo theuer abkaufen mußte, als er nur wollte.— Indeſſen kam die Konigin, welche nach der Ruͤckkehr von Baponne ſchwanger wurde, mit der Infantin Katharine Michelle, ihrer zweiten Toch⸗ ter und nachherigen Herzogin von Savoyen nieder. Die Miniſter, bekannt mit der Gewalt, welche die Schonheit der Koͤnigin uͤber den Geiſt ihres Mannes uͤbte, hielten fuͤr raͤthlich, die Zeit des Wochenbettes zur Rechtfertigung des Herzogs von Alba zu benutzen, damit der Koͤnig gehorig Muſe hatte, dbet das, was man im Begriff war ihm zu entdecken, einen Entſchluß zu faſſen, ehe er die Königin ohne Zeugen traͤfe. Das Amt, welches Perez bekleidete, gab dieſem oft Gelegenheit, den Koͤnig allein zu ſprechen. Gleich den folgenben Tag leitete er die Unterredung auf die Verſchwoͤtung von Bearn. Er bemerkte dem Koͤnige: daß man in Erfahrung gebracht, wie die Koͤnigin von Frankreich heftig darüber erbittert ſep, und ſich durch Unterſtuz⸗ zung der Aufwiegler in Flandern raͤche, die in den erſten Ausbruͤchen ihrer Wuth waren. Dann geſtand er dem Koͤnige, daß er laͤnge Zeit Anſtand genommen habe, ihm das zu entdecken, was er von dem uͤblen Ausgange dieſes Unternehmens wiſſe, ſo ſehr er auch hierzu die Verbindlichkeit gehabt haͤtte; daß er aber nach reiferem Nachdenken eine laͤngere — Verheimlichung als Verbrechen anſehen muͤſſe; und nun erzählte er alles auf das Puͤnktlichſte, was der Herzog von Alba uͤber die geſchehene Entdeckung des Unternehmens in Bayonne erfahren hatte. Er fuͤgte die Aeußerungen hinzu, welche Don Karlos uͤber dieſe Angelegenheit in Gegenwart von Don Juan und der Prinzeſſin Eboli gegen die Theil⸗ haber derſelben gemacht hatte, und endigte mit der Bitte an den Koͤnig, ihm die bisherige Verheim⸗ lichung aller dieſer Dinge zu verzeihen, die man ihm nicht wohl erzaͤhlen konnte, ohne gewiſſer⸗ maßen zwei Perſonen zu beleidigen, die nach ihm ſeinen Unterthanen die heiligſten auf Erden ſeyn muͤßten. Dieſe Erzahlung verſetzte den Geiſt des Königs in eine außergewöhnliche Unruhe; obgleich er die Koͤnigin noch in gar keinem Verdacht hatte, ſo ließ ihn ſeine Liebe doch die Gleichheit der Geſin⸗ nungen auffallend finden, welche in dieſer Sache zwiſchen dem Prinzen und der Konigin ſichtbar wurde. Von der erſten eiferfüchtigen Bewegung ergriffen, uͤberſah er den Angriff, den ſie auf ſeine Wuͤrde gemacht hatten, und die ihm bei andern Gelegenheiten ſo eigene Sorge fuͤr ſeine Groͤße wich hier einer zartern empfindlichern Regung. Zum erſtenmale fiel ihm jetzt die Aufmerkſamkeit ſeines Sohnes fuͤr ſeine Gemahlin auf, und er erinnerte ſich, daß ſie fruͤher füͤr einander beſtimmt waren; doch führte ihn der Gedanke an die Tugend und an den Muth der Koͤnigin allmaͤhlig zu ſich ſelbſt zuruͤck, und ſo verwarf er dann ganz jeden nie⸗ dern Argwohn. Die Konigin hatte ſchon fruherhin Beweiſe von Anhänglichkeit gegeben, die ſie ihrem Vater⸗ lande aufbewahrt hatte. Einige Zeit vorher naͤm⸗ lich wurde ein Rangſtreit zwiſchen beiden Kronen in Rom zu Gunſten Frankreichs entſchieden, die Koͤnigin konnte ihre Freude desfalls nicht verber⸗ gen und es entfielen ihr einige Worte darber, Ihre Ehrendame wollte ihr vorſtellen, daß ſie — eigentlich eher Antheil an dem Mißvergnuͤgen neh⸗ men ſollte, das dem Koͤnige dadurch verurſacht wuͤrde; allein die Koͤnigin erwiederte, daß ſo wie ſie nichts Auffallendes in dem Schmers des Koͤnigs faͤnde, ihm auch ihre Freude nicht auffallend ſeyn duͤrfe, und was ſie beträfe, ſo ſeye es ihr recht angenehm, wenn alle Welt wiſſe, daß das Haus, aus dem ſie ſtamme, hoher ſtehe, als jenes, mit dem ſie ſich verbunden habe. Der Koͤnig, der uͤber dieſe Aeußerung nach⸗ dachte, nahm hieraus Anlaß zu der Ueberzeugung, daß das, was ſie gegen den Anſchlag von Bearn unternommen habe, derſelben Anhaͤnglichkeit an ihre Verwandten beizumeſſen ſey, ſo wie er den Abſcheu, den Don Karlos gegen jenen Anſchlag bezeugte, als eine Folge jugendlichen Großſinnes anſah. Zedoch entſchloß er ſich, ſo ſehr er auch äber dieſen Punkt beruhigt zu ſeyn glaubte, fuͤr die Zukunft ſich ein Licht uͤber ihren Umgang zu verſchaffen; glaubte aber bei allem dem, daß dieſem Entſchluſſet nichts anberes zu Grunde laͤge, als bloße Wachſamkeit, die er ſeiner Wärde ſchuldig zu ſeyn meinte. Er nahm daher große Veraͤnde⸗ rungen in den wichtigſten Hofſtellen vor, damit die erſte Stelle im Hauſe der Koͤnigin auf unge⸗ zwungene Weiſe in die Haͤnde der Prinzeſſin Eboli ubergienge. Das vertrauliche Verhaͤltniß, welches dieſe Frau, ſeit ihr Mann Hofmeiſter des Prinzen war, mit dem letztern beibehalten hatte, machte ſie weit geeigneter, als irgend eine Andere, in ſeine Geheimniſſe einzudringen; ſo wie auch der Umſtand, daß ſie die Drohungen, die Don Karlos in ihrer Gegenwart ausſtieß, wieder hin⸗ terbracht hatle, in eben dem Grade dazu beitrug, die Wahl des Koͤnigs auf ſie zu fuͤhren, als die Gunſt, in welcher Rui Gomez bei ihm ſtand. Don Karlos, der ſich nach dem, was zwi⸗ ſchen ihnen vorgefallen war, noch immer von ihr geliebt glaubte, ſchöpfte aus dieſen Neuerungen gar keinen Verdacht; aber die Koͤnigin, welche wußte, daß ihr Gatte zu viel Freunde in Frank⸗ reich habe, um nicht von dem unterrichtet worden zu ſeyn, was ſie gethan hatte, ließ ſich durch alle dieſe Bewegungen nicht blenden. Sie errieth ſo⸗ gleich die Wahrheit; und als Don Farlos ſie be⸗ ruhigen wollte, indem er ihr für die Eboli Buͤrge ſey, drang die Königin in ihn, ihr zu ſagen, worauf ſich das Zutrauen gruͤnde, das er in dieſe Frau ſetze; allein er konnte es nie uͤber ſeine Be⸗ ſcheidenheit gewinnen, ſie hieruͤber aufzuklaͤren. Wohl fuͤhlte er in der Folge, daß er ſich getäuſcht habe, als er ſah, mit welchem Eifer die Eboli ſie beobachtete. Da er es nicht wagen durfte, zu äußern, wie beſchwerlich ihm ihre Gegenwart ſey, ſo weidete ſie ſich mit unglaublicher Freude an den Leiden des Prinzen, ja ſie bezeigte ihm mehr Freundſchaft als jemals; puͤnktlich erſchien ſie bei der Konigin, ſobald der Prinz ſich dort einfand, und gab ſich ſelbſt das Anſehen, als ſey es bloß der Prinz, der ſie hinzoge. Doch bei aller der angeſtrengteſten Wachſamkeit dieſer Frau gelang es dem Prinzen und der Konigin doch, noch eine Gelegenheit zu einer Unterhaltung ohne Zeugen zu finden. Der Koͤnig, der mit ſeinem Eskurial in einem Grade beſchaͤftigt war, den man nach dem unge⸗ heuern Koſtenaufwand bemeſſen kann, den er dort machte, lud die Koͤnigin ein, den Anfang dieſes Prochtgebaͤudes einzuſehen, das er als ewiges Monument des Sieges von St. Quentin dort er⸗ richten ließ. Alles, was in der Seele dieſer Fuͤrſtin das Andenken an eine Schlacht erneuerte, welche die Quelle ihres verlornen Lebensgluͤcks war, konnte ihr wohl wenig gefallen, und doch ſah ſie die Vorbereitungen, die man machte, das Gedaͤchtniß jenes truͤben Tages zu verewigen, mit all der Freude und dem Intereſſe an, die der Koͤnig von ihr nur verlangen konnte. An dieſem Orte nun war es, wo die Prinzeſſin Eboli die Koͤnigin und den Prinzen mit dem Konige allein ließ, und wo Don Karlos, nachdem der Koͤnig ſie verlaſſen hatte, um den Baumeiſtern etwas anzuordnen, des langen Zwanges uͤberdruͤßig, in dem er bisher ſich gehalten ſah, den Augenblick ergriff, um die Konigin zu beſchworen, ihm irgend ein ſicheres Mittel zu einer geheimen Unterredung anzugeben, wenn ihr beiderſeitiges Intereſſe dies nothwendig machen würde. Er bat ſie auf ſo ruͤhrende Weiſe darum, daß ſie, hingeriſſen von dem Zuſtande des unglächlichen Prinzen, ſogleich einwilligte. Sie berathſchlagten nun gemeinſchaftlich uͤber die Mit⸗ tel, allein ſie ſchienen der Konigin alle ſo gefaͤhrlich, daß ſie ſich ihrer nie zu bedienen vornahm, ſo leicht ſie auch der Prinz ihr zu ſchildern bemuͤht war. Dies der Zuſtand der Dinge, als der Marquis von Borgh und der Baron von Montigni, Depu⸗ tirte von Flandern, am ſpaniſchen Hofe erſchienen. Ihr Auftrag war aͤußerſt gefaͤhrlich, ihre vorzuglich⸗ ſten Hoffnungen bauten ſie auf das Geruͤcht von der Großmuth des Prinzen und der natuͤrlichen Guͤte der Konigin. Man brauchte nur unglucklich zu ſeyn, um des Schutzes dieſer Fuͤrſtin, und tugendhaft, um der Freundſchaft von Don Karlos verſichert zu ſeyn. Die Deputirten ſchilderten ihnen den traurigen Zuſtand des flanderiſchen Adels ſeit dem ſchlechten Dienſt, den der Kardinal von Gran⸗ ville, erſter Miniſter der Statthalterin, ihnen bei dem Koͤnige geleiſtet hatte. Sie erhoben auf uͤber⸗ triebene Weiſe ihre Treue und ihre Unſchuld bei den letzten Unruhen. Sie beſchworen beſonders den Prinzen, ſo viele wackere Diener des Kaiſers und die cheuerſten Gegenſtaͤnde ſeiner Zuneigung nicht den gewaltthätigen, bereilten Anſchlaͤgen preis zu geben, welche die Bewunderung ihres Ruhms und ihrer Tugenden einem Herzog von Alba einflößten; ſie verſicherten endlich, daß das Geruͤcht von ſeinem Muthe der einzige Troſt in ihrem Ungluͤck ſey. Don Karlos, deſſen naturliche Neigung zum Kriege durch die Heftigkeit ſeiner Liebe bis ietzt bloß unterbrochen war, fuyue ſich durch dieſe Aeuſ⸗ ſerung tief beſchaͤmt, noch nichts fuͤr den Ruhm gethan zu haben. Noch mehr ermuthigt wurde er durch die Briefe, welche ihm die Deputirten von dem Grafen Egmont uͤbergaben. Dieſer naͤmlich lud den Prinzen ein, das Wort, das er ihm einſt gegeben hatte, ſich nach Flandern zu begeben, ſo⸗ bald der Krieg ausbrechen wuͤrde, jetzt zu halten. Er ſtellte die Lage dieſer Provinzen in einem ſo guͤnſtigen Lichte dar, daß Don Karlos ſich ent⸗ ſchloß, die dortige Statthalterſchaft zu begehren. Er hoffte, wenn er durch ſeine Gegenwart die Un⸗ ruhen würde geſtillt haben, ſich dort bald in den Stand geſetzt zu ſehen, alles zu unternehmen, was Kraft und Muth ihm eingeben wuͤrden. Kaum war er mit dieſem Entſchluſſe ganz im Reinen, als das Bild der Koͤnigin ſich ſeiner Phan⸗ taſie darſtellte, ſchoͤner und ruhrender als er ſie je geſehen hatte, und ihn zweifeln ließ, ob er wohl die Kraft habe, ſie zu verlaſſen; doch beſtaͤrkte ihn bald ein ernſter Blick auf ſeine Lage in ſeinem fruͤhern Vorſatze. Im Anfang ihres Umgangs erlaubte die hohe Jugend dieſer Fuͤrſtin ihr nicht, dem Prinzen die Achtung und das Mitleiden, das ſie fur ihn fuhlte, zu verbergen; allein da die Zeit ſie kluger machte, und ſie einſah, daß die Freundſchaftsbezeigungen, die ſie ihm erwies, ſo unſchuldig dieſe auch waren, nur ſeine Liebe naͤhrten, ſo unterließ ſie auch nicht, ihm die Foigen derſelben und das Ungluck zu ſchil⸗ dern, dem ſie beide dadurch ausgeſetzt wären. So ſehr nun auch dieſe Leidenſchaft ſich ſeiner bemäch⸗ tigt hatte, ſo mußte er doch 6ra Vorſtellungen Gerechtigkeit widerfahren laſſen, und er konnte es ſelbſt nicht mißbilligen, daß ſie taͤglich zuruͤckhal⸗ tender gegen ihn wurde. In dieſem ſchrecklichen Gemuͤthszuſtande hielt er ein großes Opfer fuͤr das einzige Mittel, die Königin von einer unglůc⸗ lichen Leidenſchaft zu befreien, die ihr ſo gerechte Beſorgniſſe einfloßte; nur durch lange Entfernung 0 und große Beſchaͤftigungen glaubte er dieſen Zweck zu erreichen. So glaubte er— aber bei dem erſten Zuſammentreffen mit der Konigin aͤnderte ſich auch ſeine Geſinnung, hingeriſſen von der Wonne, die ihm ihr Anblick gewaͤhrte, fuͤhlte er, daß er nie zu dem Entſchluſſe kommen wuͤrde, ſie aufzugeben. In dieſer Stimmung gab er ihr Rachricht von dem, was zwiſchen ihm und den Deputirten vorgefallen war, und von ſeinem Vor⸗ haben, zugleich aber bat er ſie tauſendmal um Vergebung, daß er auch nur einige Augenblicke an die Moglichkeit habe glauben koͤnnen, entfernt von ihr zu leben; aber die Konigin, die nichts ſo ſehnlich wuͤnſchte, als ihn von ſeiner Leidenſchaft zu heilen, drang in ihn, den Plan zu der Expe⸗ dition in Flandern in das Werk zu ſetzen. Ihn hierzu um ſo eher zu vermoͤgen, machte ſie ihm begreiflich, daß dieſe Reiſe die Beſorgniſſe des Koͤnigs uͤber ihren Umgang zerſtreuen wuͤrde, daß er folglich bei ſeiner Zuruͤckkunft weniger Beobach⸗ — 63— tungen zu befürchten haͤtte, ſo wie ber Rohm, den er ſich ohne Zweifel wuͤrde zu erwerben wiſſen, ihm mehr Anſehen und Unabhaͤngigkeit geben wuͤrde, und ihr wechſelſeitiger Umgang alſo auch weit weniger Beunruhigungen ausgeſetzt waͤre. Don Karlos, durch dieſe Grunde uͤberzeugt, mehr aber noch aus blinder Gefaͤlligkeit fuͤr die Konigin, ſprach ſich laut zu Gunſten des niederläͤndiſchen Adels aus, zum großen Aerger der Ingqulſition, welche dieſen ganzen Adel fuͤr Ketzer hielt, und die Geſchichte mit dem Teſtament Karls W noch in friſchem Andenken batte. Er ließ dem Konige ſagen, daß wenn man ihm die Statthalterſchaft dieſer Provinzen geben wuͤrde, er mit ſeinem Kopf fuͤr ihre Unterwerfung buͤrge. Schwer iſt es, die Unruhe zu beſchreiben, welche Rui Gomez und den Herzog bei dieſer Rach⸗ richt ergriff. Die Gewalt, welche eine Stelle Lon ſolcher Bedeutung dem Kronerben geben wörde, ſchien offenbar ihren Sturz herbeizufuͤhren. Sie befuͤrchteten, in dem Prinzen, dem ohnfehlbar das Unternehmen gelingen wuͤrde, einſt den erſten Miniſter ſeines Vaters, und ſich von ihm abhängig zu ſehen. Der Herzog von Alba beſonders, der dieſelben Anſpruͤche hatte, wie Don Karlos, drang in Rui Gomez, der mit dem Koͤnige vertrauter umgieng, dem letztern begreiflich zu machen, wie ſehr dies Unternehmen ſeinen Sohn in dem Geiſte der Flammaͤnder über ihn erheben wuͤrde. Perez, ohne den Schein eines Einverſtaͤndniſſes mit dieſen Beiden zu haben, machte ihn ſeinerſeits aufmerk⸗ ſam auf die enge Verbindung, in welche Don Karlos allmaͤhlig durch den Kanal der Koͤnigin mit Frankreich zu treten im Falle waͤre, wenn er ſich einmal die NRiederlande unterworfen hätte. Alle dieſe Warnungen machten dann auch ganz den gehofften Eindruck auf den Geiſt eines Fürſten, der von Natur eiferſuͤchtig auf ſeine Gewalt war; und aufgeſchreckt von dem Ehrgeiz ſeines Sohnes, dachte er an nichts, als das Begehren des Prinzen — auf glimpfliche Weiſe abzulehnen, jedoch ſo, daß dieſer durchaus nicht beleidigt wuͤrde. Er ließ ihm ſagen, daß er ſeine Bitte bewillige und ſich ſehr freue, daß ſie ſich in ihren Ideen begegnet haͤtten; aber daß er ſelbſt ihn in Flandern einfuͤhren wolle, und daß ſie zu dieſem Zwecke beide in Kurzem abreiſen wuͤrden; daß es ſeiner Ehre zuwider laufe, in Spanien in Sicherheit zu verbleiben, waͤhrend er ſeinen einzigen Sohn allen Unfällen einer ſo wuͤthenden Rebellion ausſetze, und daß er die Ge⸗ fahr bloß mit ihm theilen wolle, um ihm hernach den Ruhm des Sieges allein zu laſſen. Das Geruͤcht von dieſer Reiſe verbreitete ſich auch bald darauf durch die Vorbereitungen, welche oz Konig dazu machen ließ, um den Prinzen zu tüſchen. Niemand wollte zwar daran glauben, indeſſen ſo leer das Geruͤcht auch ſchien, ſo warf es doch Schrecken in den damals noch wankenden Geiſt der Rebellen. Der Konig, um der Sache die höchſte Wahrſcheinlichkeit zu geben verwendelt ſolche Unkoſten auf Reiſe⸗Equipagen, daß ſelbſt die Deputirten Borgh und Montigni, die bisher darüber geſpottet hatten, nicht mehr daran zwei⸗ felten. Auch die Konigin und Don Karlos wurden einige Zeit, wie die Andern, getäuſcht, doch fruͤher wie jene durchblickten ſie den Plan. Die Equi⸗ pagen waren jetzt fertig, der Koͤnig ſah nu daß wenn er nicht abreiſe, man von dem Irrthum zuruckkommen wuͤrde, fand aber kein anderes Mit⸗ tet, ſeine Zogerung zu entſchuldigen, als ſich krank zu ſtellen. Dieſe Erdichtung brachte in entfernten Ländern ohngefaͤhr den Eindruck hervor, den er gewünſcht hatte; aber ſo ſehr man ſich auch be⸗ mähte, ihr am Hofe Eingang zu verſchaffen, und weſchen Zwang dieſer ungläckliche Fürſt ſich auch anthat, um ſie durch ſeine Lebensart zu beſtaͤtigen, ſo konnte er doch ſeine Gattin und ſeinen Sohn nicht taͤuſchen. Während ſich dieſes zutrug, fügte es ſich einſt⸗ mals, daß eine große Geſelſchaft, die bei der Ko⸗ — nigin war, ſich lange uͤber die Reiſe des Koͤnigs nach Flandern unterhielt, und nachdem ſich alles bis auf Don Karlos, Don Juan und die Prin⸗ zeſſin Eboli von der Koͤnigin entfernt hatte, dieſe untereinander Bemerkungen machten, wie doch die Hofleute ſich abaͤngſtigten, Urſachen und Wirkungen von dem, was oft gar nicht geſchieht, zu erra⸗ then. Nachdem man nun ſo über Jene geſpoͤttelt hatte, die von der Reiſe geſprochen hatten, fieng Don Karlos allmaͤhlig an, ſich über die Reiſe ſelbſt zu beluſtigen, und uͤber den Zwang, dem ſich der Koͤnig unterwuͤrfe, um den Patienten zu ſpielen. Er ſagte, Karl V. gei Reiſen genug fuͤr ſich und fuͤr den Konig ſeinen Sohn gemacht, und ſo könne der letztere auch wohl fuͤr ſeine Per⸗ ſon, wie fuͤr jene ſeines Vaters, ausruhen. Die Koͤnigin, die waͤhrend dem mit Andern im Ge⸗ ſpraͤch war, die ein Geſchaͤft mit ihr abzumachen hatten, uͤberhoͤrte dieſe Worte. Don Juan und die Eboli unterhiellen ſich ganz leiſe mit einander. Don Karlos fieng hierauf an, ein kleines Buch aus weißem Papier zu machen, das er in einem Kaͤſtchen gefunden hatte; er ſchrieb mit eigner Hand und mit großen Buchſtaben auf das erſte Blatt des Buchs:„Große und bewundernswuͤr⸗ „dige Reiſen des Koͤnigs Don Philipp.“ Auf jede der folgenden Seiten des Buchs ſetzte er fol⸗ gende Ueberſchrift:„Reiſe von Madrid nach Es⸗ curial, Reiſe von Escurial nach Toledo, von To⸗ ledo nah Mabrid, von Madrid nach Aranjuezu.ſ. w. und ſ fullte er das ganze Buch mit Reiſen, welche der Konig in ſeine Luſtſchlöſſer und in die vorzuͤglichern Städte des Konigreichs gemacht hatte. Die Koͤnigin konnte ſich des Lachens uͤber den Einfall des Prinzen nicht enthalten, ſo gefaͤhrlich er ihr auch ſchien; indeſſen, waͤhrend ſie las, be⸗ nachrichtigte man ſie, daß den Koͤnig eine Ohn⸗ macht angewandelt habe, und daß er ſehr krank ſeo. Bei dieſer Nachricht blieb ihr kaum Zeit, dem Prinzen das Buch zu empfehlen, und ſo em⸗ fernte ſie ſich. Don Karlos, der ihr ſchnell folgen wollte, begnügte ſich, das Vuch in ein kleines Re⸗ benzimmer zu werfen und die Thuͤr zuzuſchließen. er wußte nicht, daß die Prinzeſſin Eboli mit falſchen Schluͤſſeln zu allen Schloſſern der Koͤnigin verſehen war. Kaum hatte er ſich daher entfernt, ſo erhaſchte ſie die Schrift, die ſie als ein gewiſſes Mittel, ihm bei dem Koͤnige zu ſchaden, mit un⸗ begraͤnzter Freude erfuͤllte. Das Erſte, worauf ſie ſann, war, wie ſie es anfangen wolle, das Papier zu behalten, ohne daß man wüßte, wer es habe; denn ſie konnte ſich's leicht denken, daß die Konigin, die ſeine Bedeutung kannte, es auch wohl gleich nach ihrer Zuruͤckkunft ſuchen wuͤrde. Sie verlor daher keinen Augenblick, machte ſogleich ein Bächelchen, das jenem von Don Karlos ganz gleich war, ließ die Handſchrift des Prinzen voll⸗ kommen nachmachen und legte nun das falſche Buch an die Stelle des wahren, welches lehtere — ihrer Ruͤckkunft das nachgemachte Buͤchelchen an demſelben Orte traf, den Don Karlos ihr ange⸗ geben hatte, eilte ſie ſo ſehr, es zu verbrennen, daß ſie ſich kaum die Zeit nahm, hineinzuſehen, indem ſie natuͤrlich eine ſolche Gaunerei nicht ahnen konnte. Indeſſen verwandelte ſich die erdichtete Krank⸗ heit des Koͤnigs in eine wahre. Als er ſich von der HOhnmacht, die ihn uͤberfiel, erholt hatte, wurde er von einem heftigen Fieber ergriffen, das in ein dreitaͤgiges uͤbergieng; allein jetzt wollte man der wirklichen Krankheit weniger Glauben beimeſſen, als fruͤher der erdichteten. Die Re⸗ bellen von Holland, als ſie ſahen, daß dieſe Krank⸗ heit zu lange dauerte, zweifelten nun nicht mehr, in ihr einen bloßen Streich der Politik des Königs zu ſehen, und in dieſer Meinung verfolgten ſie ihre Unternehmungen mit weit mehr Eifer, als vorher. Dieſe Nachricht verdoppelte den Kummer des Koͤnigs und ſein Fieber; und da Don Karlos — 9— ſah, daß ſeine wiederholte Bin, nach Flandern geſchickt zu werden, ihn noch mehr beunruhigen wuͤrde, ſo wollte er dieſe auch nicht erneuern; ſein Vater aber, der ihn nicht fuͤr ſo beſcheiden hielt, und ihn ſtets in ſeiner Naͤhe ſah, nahm dieſes Herandraͤngen an ſeine Perſon fuͤr eine ſtumme Erneuerung ſeiner Bitte auf, obgleich dies ganz andere Gruͤnde hatte. Die Koͤnigin naͤmlich ver⸗ ließ den Kranken nicht, und Don Karlos konnte ſie folglich nirgends mehr ſehen, als dort. Allein da ſie in ſeiner Gegenwart mit vielzt Umſicht zu Werke gehen mußten und kaum zu ſprechen wagten, ſo litt Don Karlos ſehr durch dieſen Zwang, ſo wie ihr beiderſeitiges Intereſſe dadurch weſentlich benachtheiligt wurde. Sie hatten ſich manche Nachrichten zu geben, und in dieſen zarten Ver⸗ haͤltniſſen gemeinſame Masregeln zu ergreifen, die Wiederherſtellung des Koͤnigs aber ſchien ſelbſt nach der Verſicherung der Lerzie ſich ſehr in die Laͤnge zu ziehen. ie Königen und Don Karlos, welche ſchrift⸗ liche Mittheilungen zu gefaͤhrlich hielten, entſchloſſen ſich, irgend eine Mittelsperſon zu wählen, auf deren Treue ſie zahlenkoͤnnten, wennſſie ſich wechſel⸗ ſeitig etwas wollten zu wiſſen thun. Der Prinz, der ſeinen Onkel Don Juan ihnen ganz ergeben glaubte, wollte dieſen mit jenem Vertrauen beehren; allein der Konigin ſchien es, als habe ſie in den Augen dieſes Onkels oͤfter etwas geleſen, das ihr von Liebe ſpraͤche, auch hatte ſie bei der Prinzeſſin Eboli eine Gefälligkeit fuͤr dieſen Don Juan bemerkt, die auf ein Verſtaͤndniß deutete, das unter ihnen obwaltete; kurz, dieſe Grunde veranlaßten die Kö⸗ nigin, dem Prinzen abzurathen, ohne ihm jedoch die Urſache anzugeben. Der Prinz wagte nicht ihr den Marquis von Poſa vorzuſchlagen, weil ſie ihn nicht ſo genau kannte, als den Don Juan. Dieſer Joſa war einer der vorzüglichſten jungen Edelleute, die je als Ehrenknaben bei Fuͤrſten auf⸗ erzogen wurden. Obgleich mit vieler Lebhaftigkeit begabt, war er eine jener von Natur geregelten Seelen, gleich an Kraft und an Maͤßigung. Don Karlos, der einen herrlichen Blick hatte, bemerkte bald in ihm einen Geiſtes⸗Charakter, den man ſelten unter jungen Leuten findet; nicht weniger war der Marquis von dem Feuer hingeriſſen, mit dem Don Karlos alles Große und Gute umfaßte, und ſo entſpann ſich bald ein Band zwiſchen Bei⸗ den, das, weil es bloß auf wechſelſeitige Bewun⸗ derung gegruͤndet war, man ſelten zwiſchen Fuͤrſten und Hoflingen ſindet. Da es an Hoͤfen keine ge fährlichere Rolle giebt, als die eines Guͤnſtlings des Kronerben, ſo bat der Marquis den Prinzen, das Vertrauen, womit er ihn beehrte, ſo wenig fentlich zu ußern, als moglich; daher kam es, daß, obgleich ſie in engſter Verbindung lebten, dies Niemand bemerkte, außer daß der Prinz die Unterhaltung mit Poſa ungleich angenehmer faͤnde, als jede andere, was denn bei Jedermann der Fall war, und folglich nicht auffiel. Dies Geheimniß, — 94— in das ſie ihre Freundſchaft hoͤllten, machte den Marquis um ſo geeigneter, der Konigin und dem Kronprinzen in ihrer Angelegenheit zu dienen, weil ſeine Anhaͤnglichkeit an den Prinzen unbekannt war, und folglich ſeine Unterhaltungen mit der Königin weniger verdaͤchtig ſeyn wuͤrden; indeſſen da die Koͤnigin wußte, wie leicht Don Karlos zu taͤuſchen war, ſo wollte ſie den Marquis von Poſa vorher ſelbſt pruͤfen, ehe ſie ſich ihm entdeckte. In dem Vorwande eines Auftrags, den ſie ihm das erſtemal gab, als ſie ihn bei dem Konige traf, fand ſie bald das Mittel, ſich mit ihm in eine Unterhaltung einzulaſſen, wo er ihr ſo viel Ver⸗ ſtand zu entwickeln ſchien, daß er ſie ganz fur ſich einnahm; nicht weniger wurde er von dem Geiſt der Koͤnigin angezogen, und nie kam ihm ſeine natürliche Maͤßigung mehr zu ſtatten, als hier; denn die Art, wie die Konigin ſich ihm in dieſer Unterredung zu erkennen gab, wo ſich alle Zauber ihrer Sanftmuth und Guͤte in ihrem voll⸗ ſten Glanze entfalteten, wuͤrde jeden Andern, der weniger unbedingt ſeiner maͤchtig geweſen waͤre, als er, zur Leidenſchaft hingeriſſen haben; aber obgleich dies der Fall nicht war, ſo konnten ſich doch Beide im Verfolg ihres Umgangs wechſelſeitig die volle Achtung und Freundſchaft nicht verſagen, welche ſie beide ſo ſehr verdienten. Wir ſind zwar immer geneigt zu glauben, daß man unſere geheimen Gefuͤhle errathe, aber nie fuͤrchten wir, daß man uns ſolcher verdaͤchtig halte, die wir gar nicht haben. Die Koͤnigin, die nur darauf bedacht war, das zu verbergen, was Don Karlos für ſie fuͤhlte, und deren Ge⸗ fuͤhle fuͤr den Marquis von bloß freundſchaftlicher Art waren, ſuchte die letzteren, wie ſie wohl ge⸗ ſollt hätte, nicht zu verbergen; ſie glaubte nicht, daß man ſie einer ſtraͤflichen Reigung fuͤr ihn ver⸗ dächtig halte. Der Marquis, die Guͤte, mit der ſie ihm entgegenkam, zu erwiedern, war oft ge⸗ drungen, ihr mehr Ergebenheit zu bezeigen, als wohl raͤthlich geweſen wäre, und da Beide ihre Feinde hatten, ſo machte ihr Benehmen bald Auf⸗ ſehen, wovon ſie ſelbſt im Gefuhl ihrer Unſchuld wohl nicht das Geringſte ahnten. Indeſſen genas der Koͤnig und die Konigin wurde ſchwanger. Anfangs hatte er eine außer⸗ ordentliche Freude daruͤber, ſey es, weil er die Hoffnung hegte, einen andern Sohn zu bekommen, wie Don Karlos, oder weil er in dieſer Schwan⸗ gerſchaft die ſicherſte Beſtaͤtigung ſeiner gaͤnzlichen Wiederherſtellung ſah, an welcher er noch immer zweifelte. Allein ſeine Freude waͤhrte nicht lange. Die Miniſter, die geheime Gunſt des Mar⸗ quis von Poſa fürchteten, ließen dem Koͤnige bald ſeinen Umgang mit der Koͤnigin hinterbringen⸗ Den argwoͤhniſchen Monarchen ergriff nun ſeine gewohnliche Eiferſucht, und da er den Zuſtand der Schwangerſchaft, in dem ſich die Konigin befand, nicht mit der Berechnung im Einklang fand, die er daruͤber aufſtellte, ſo nahm er auch keinen —— Anſtand, den Marquis eines Verbrechens ſchuldig zu halten, das ihm mehr Neider zugezogen haͤtte, als alle ſeine Tugenden. Dieſer Verdacht wirkte zerſtorend auf das Gemuͤth des Koͤnigs; alle An⸗ nehmlichkeiten des Geiſtes und Koͤrpers, welche die Natur ſo freigebig uͤber den unglucklichen Guͤnſt⸗ ling verbreitet hatte, und die das roheſte Herz geruͤhrt haͤtten, machten ihn dem Koͤnige um ſo gehaͤſſiger, da er dieſe herrlichen Eigenſchaften nur als ſtraͤfliche Reize anſah, die ihm das Herz ſeiner Gattin geraubt haͤtten. So gefahrdrohend indeſſen dieſe Gemuͤthsſtimmung des Koͤnigs war, ſo wäte er doch vielleicht zur Veſinnung zuruckgekehrt, wenn ſich nicht gleichzeitig ein Vorfall ereignet hätte, in dem er die ſicherſte Beſtaͤtigung ſeines Verdachts gefunden zu haben gläubte. Unter den Feſtlichkeiten noͤmlich, die ſeiner Geneſung wegen veranſtaltet wurden, war auch ein prachtvolles Turnier, wobci jeder Ritter die Verbindlichkeit hatte, ſich für irgend eine Dame am Hofe zu erklaͤren und am Vorabende des Feſtes ihre Farbe zu tragen. Der Marquis von Poſa befand ſich bei der Koͤnigin, wo große Geſellſchaft war, und wurde von ihr beauftragt, ihr die Damen zu nennen, welche ihre Ritter hatten. Der Prinz und Don Juan waren die Einzigen, die ſich fuͤr die ihrigen haͤtten erklaͤren koͤnnen; da ſie dies aber nicht gethan hatten, wahrſcheinlich aus Furcht, ihre Gefühle zu verrathen, ſo fuͤgte es ſich, ſeltſam genug, daß die Konigin die Ein⸗ zige war, die Niemanden hatte, der fuͤr ſie in die Bahn ſtach. Sie bemerkte dies ſelbſt, und da ſie ſich neckend daruͤber beſchwerte, ſagte der Marquis, der ſich immer einigen Scherz bei ihr erlauben durfte, mit angenommenem Ernſte: daß ſie dies mit der Natur auszumachen habe, und daß, wenn ſie ſo ſchoͤn waͤre, wie die andern Da⸗ men, ſie ohnſtreitig auch wohl einen Ritter gefun⸗ den haͤtte, wie jene. Die ganze Geſellſchaft be⸗ klaiſchte den Einfall, und die Koͤnigin etwiederte — 99— in demſelben Tone, daß ſie, um ihn für ſeine Unart zu ſtrafen, ihm jetzt befehle, ihr Ritter zu ſebn, damit er den Schimpf habe, der Garſtigſten aus der Geſellſchaft huldigen zu muͤſſen. Dieſe Galanterie geſchah offentlich, Alles was zu den erſten Staͤnden gehoͤrte, war zugegen, und doch konnte der Koͤnig ſich des Gedankens nicht entſchlagen, daß hier ein Geheimniß verbor⸗ gen laͤge, und daß die Koͤnigin ſich dieſer Liſt bedient habe, ihrem Lieblinge ein Mittel zuzu⸗ ſpielen, ſich ungeſtraft fuͤr ſie zu erklaͤren. In⸗ deſſen war er noch ſeiner Meinung nicht gewiß; aber den andern Tag, als der Marquis in den Schranken erſchien, auf ſeinem Schilde eine Sonne in ihrem hochſten Glanze, umrungen von den Worten:„nichts kann mich ſehen, ohne zu glö⸗ hen,“ da fand der Konig ſeinen buͤſtern Argwohn beſtätigt. Der unglückliche Ritter errang die erſten Preiſe, und ſo ſehr dies bei ihm etwas Gewöhn⸗ liches war, ſo hielt der Koͤnig diesmal ſeine 7* — Gewandtheit fuͤr eine Wirkung ſeiner Liebe, was ihn ſo lebhaft ergriff, daß er das Turnier nicht konnte vollenden laſſen. Er ſtellte ſich krank, um einen Vorwand fuͤr ſeine Unterbrechung zu finden und um die Wuth zu verbergen, in die dies un⸗ ſchuldige Spiel ihn verſetzt hatte. Er beſchloß auch gleich darauf den Tod des Marquis von Poſa, und zwar ſo, daß ſowohl er, als die Koͤnigin wiſſen ſollte, warum er ſtuͤrbe. Aber Rui Gomez, dem er ſich offenbarte, machte ihm die Folgen einer ſolchen Aufſehen erregenden That begreiflich; er erinnerte ihn an die innige Verbindung zwiſchen Don Karlos und dem Mar⸗ quis, und ſtellte ihm vor, wie man alles von dem Schmerz des Prinzen uͤber den Verluſt einer ſo theuern Perſon zu fuͤrchten habe, wenn er die Ur⸗ heber ſeiner Ermordung in Erfahrung braͤchte. Dieſe Gruͤnde änderten den Plan des Konigs; er begnuͤgte ſich, einige Zeit nachher, als der Marquis ſich Nachts vom Hofe nach Hauſe begeben wollte, ihn auf — 101— der Straße erdolchen zu laſſen. Um jeden Arg⸗ wohn zu entfernen, mußten die Moͤrder, als ſie ihn todt vor ſich ſahen, in Gegenwart ſeiner Leute ſich ſtellen, als haͤtten ſie ſich verſehen und ihn fuͤr einen Andern gehalten. Tief fuͤhlte die Koͤnigin den Verluſt eines ſolchen Freundes, und uͤberſah auch ſogleich alle ſeine Folgen. Don Karlos drang Anfangs nicht in das Innere der Sache ein, aber bei reiferem Nachdenken mußte er es unwahrſcheinlich finden, daß man einen Mann, der ſo allgemein gekannt war, wie der Ermordete, für Jemand anders ſollte gehalten habenz dann folgerte er aber auch daraus, daß Niemand als ſein Vater die Kuͤhnheit haben konnte, eine ſolche That zu veruͤben, und ſo errieth er, wie die Königin, bald ihren Urhe⸗ ber, ohne jedoch zu glauben, daß der Koͤnig eifer⸗ ſuͤchtig auf den Marquis geweſen ſeh; und indem ſich Beide mehr das dachten, was eigenich haͤtte ſeyn ſollen, als das, was wirklich war, glaublen — 102— ſie, daß dieſer Guͤnſtling als ihr Vertrauter ſep gemordet worden und daß ſie entdeckt ſeyen. In dieſer Vorausſetzung und bei der Leidenſchaft, welche der Koͤnig fuͤr ſeine Gemahlin hegte, bei ſeinem Abſcheu gegen den Prinzen und ſeinem natuͤrlichen Hang zum Blutbvergießen, hielten ſie ſich fuͤr verloren; ſie glaubten, daß der Koͤnig, da er ſicher war, daß ſie ſeiner Rache nicht ent⸗ gehen konnten, dieſe mit jenem Morde nur begon⸗ nen habe, um ſie ihnen deſto laͤnger fuͤhlbar zu machen. An den Hoͤfen iſt nichts ſo geheim, das nicht häuſig zur Kenntniß von Menſchen kommt, an die man am wenigſten denkt. Don Karlos, der ſich ohngefaͤhr um dieſe Zeit eines Tages an die Tafel ſetzte, fand unter ſeinem Teller ein Papier mit folgenden Worten:„Es giebt ſehr rechtliche „Rathgeber, die ſich nicht aufdringen; aber einer „werzweifelten Lage entreißt man ſich nur durch „außergewoͤhnlichen Entſchluß. Die, welchen der — 103— „Himmel Eigenſchaften gab, die zur Begluͤckung „vieler Andern dienen ſollen, haben eine Verbind⸗ „lichkeit, ihre Beſtimmung zu erfuͤllen, die jede „andere Verbindlichteit uͤberwiegt. Große Seelen „gehen nur unter, weil ſie die ſchlechten nicht „für ſchlecht genug hielten. Die Geduld, welche „das Iben eines rechtlichen Mannes der Gewalt „ſeiner Feinde uͤberlaͤßt, iſt Schwaͤche, Riedrig⸗ „keit, Verbrechen und keine Tugend. Menſch⸗ „lichkeit gegen den, der ſelbſt keine hat, iſt die „gefaͤhrlichſte Gattung von Thorheit.“ Bei allem dem entſchloß ſich der Prinz, ein unſchuldiges Mittel zu verſuchen, ehe er das Aeußerſte ergriff: ſeine Bitte naͤmlich, nach Flan⸗ dern geſchickt zu werden, zu erneuern, indem die dortige Lage der Dinge mehr als je eine ſchleunige und dringende Abhuͤlfe erheiſchte. Er that dies in Ausdruͤcken, die andeuteten, daß es ſein Wille ſey, und daß man zu fuͤrchten habe, wenn man es ihm abſchluͤge. Er hielt fuͤr gut, ſich auf dieſe beſtimmte — 104— Art auszuſprechen, denn war er entdeckt, dachte er, ſo hatte er nichts mehr zu ſchonen; war er es nicht, ſo konnte es ſeyn, daß der Koͤnig, getrieben von Eiferſucht, und erſchreckt durch ſeine ſtolze Sprache, alles bewilligen wuͤrde, ihn zu entfer⸗ nen. Dieſer unglockliche Vater, der nun allmaͤhlig die Folgen ſeiner Anſchlaͤge uͤberdachte, war in ſeine gewoͤhnliche und naturliche Schuͤchternheit zurůckgefallen. Er ſah auch die Nothwendigkeit ein, eine Armee nach Flandern zu ſchicken, und fuͤrch⸗ tete den noch neuen Schmerz des Prinzen uͤber den Mord ſeines Freundes zu reizen, wenn er ihm den Oberbefehl der Armee verweigerte, den jener in ſolchem entſchiedenen Tone gefordert hatte. Rui Gomez, der den Koͤnig in der Angele⸗ genheit des Marquis Poſa ſo feſt gefunden hatte, war nicht wenig erſtaunt, ihn in einer weit bedeu⸗ tendern Lage ſo unentſchloſſen zu ſehen. Das Intereſſe, das dieſer Miniſter an dem Wohle ſeines Herrn nehmen mußte, ließ ihn mit Schrecken die —— ——————————— Schwaͤche dieſes Fuͤrſten gewahr werden, der ſeinem Sohne die Waßen in die Haͤnde gab, um zuerſt durch ſie zu fallen; denn da nichts mehr ſchwan⸗ kende Gemuͤther zu feſtem Entſchluſſe fuͤhrt, als die Furcht, ſo war auch der Koͤnig ſchon bereit, ſich zu Gunſten von Don Karlos zu entſcheiden, als die Geiſtesgegenwart von Rui Gomez ein Mittel fand, alles zu hintertreiben. Es fiel ihm naͤm⸗ lich plotzlich das obenerwaͤhnte Buch uber die Reiſen des Koͤnigs ein, das von Don Karlos eigenhaͤndig geſchrieben war, von ſeiner Frau bei der Konigin gefunden wurde, und das er bisher immer als eine Kleinigkeit anſah, die nur dann von großer Wirkung ſeyn könne, wenn ſie zu rechter Zeit benutzt wuͤrde. Dies ſchien ihm jetzt der Fall zu ſehn. Er eröffnete dem Koͤnige, daß er ihm etwas Unbedeutendes mitzutheilen habe, was er bisher keiner Erwaͤhnung werth gehalten, das aber bei den jetzigen Umſtaͤnden doch dazu dienen wurde, ihn den Geiſt und die Geſinnungen ſeines Sohnes — 106— weit beſſer als bisher kennen zu lehren. Der Koͤnig, dem die Sache von weit groͤßerm Belange zu ſeyn ſchien, als Rui Gomez zu glauben vor⸗ gab, wollte das Buch ſelbſt unterſuchen, und da er die Hand ſeines Sohnes erkannte, verſank er in tiefes Nachſinnen, dem dieſer Miniſter fuͤr gut hielt, ihn zu uͤberlaſſen. Nachdem er ſich von der erſten Beſtuͤrzung erholt hatte, 5 die ihn dieſer blutige Spott, veruͤbt von Perſonen, die ihm ſo nahe waren, verſetzt hatte, erwachte ſein alter Argwohn von der Liebe des Prinzen zu der Koͤnigin mit mehr Stoaͤrke, als jemals. Er konnte nicht begreifen, wie eine Frau und ein Sohn ſich auf ſolche Weiſe auf Koſten eines Gatten und Vaters beluſtigen koͤnn⸗ ten, ohne in der ſtrafbarſten Vertraulichteit mit einander zu leben. Aber wenn ihm wieder der Marquis von Poſa einſiel, ſo konnte er doch nicht glauben, daß die Koͤnigin gar fuͤr Beide Liebe hege, beſonders da Karlos und Poſa ſo innig — 10— verbunden waren; und er ſchloß daraus, daß noth⸗ wendigerweiſe Einer der Liebling und der Andere der Vertraute ſeyn muͤſſe; welche Anſtrengungen er aber auch machte, nie konnte er daruͤber mit ſich einig werden, wer eigentlich der Beguͤnſtigte ſey. Doch wer es von Beiden auch war, ſo blieb immer ausgemacht, daß der Marquis nur zu ſehr den Tod verdient hatte, und daß Karlos in dem⸗ ſelben Grade ſchuldig ſey. In keinem Falle wollte uͤbrigens der Koͤnig den Spott, den ſein Sohn uͤber ſeine Lebensart trieb, dadurch rechtfertigen, daß er ihm die Gelegenheit erdffnete, ſich durch eine ganz andere in Flandern auszuzeichnen. Wenn dieſer Prinz, dachte er, ſchon jetzt, da er noch nichts gethan hatte, kühn genug ſeyn konnte, ſich uͤber ſeinen Vater mit ſolcher Verachtung auszu⸗ ſprechen, was wuͤrde er nicht erſt wazen wenn das Gluck ſeinen Ehrgeiz begaͤnſtigte? Der König ließ ihm ſagen, daß bei der ſchrecklichen Unord⸗ nung, in der ſich Flandern befaͤnde, er nicht — 108— glaube, ihn dort hinſchicken zu konnen, ohne ſein Leben unvermeidlichen Gefahren auszuſetzen; daß aber der Herzog von Alba in Kurzem mit einer großen Armee abmarſchiren wuͤrde, und daß, ſobald dieſe Armer ſeiner Parthie das Uebergewicht wuͤrde verſchafft haben, es ihm frei ſtehen ſolle, zu thun was er wuͤnſche. Dieſe Antwort beſtaͤtigte den Prinzen in der Meinung, die er hatte, daß ſein Untergang be⸗ ſchloſſen ſey. Er gab nun der Bitte nach, welche die Rebellen von Holland ihm durch den Grafen Egmont und die Deputirten hatten thun laſſen, ſich an ihre Spitze zu ſtellen. Sie verſprachen ihm, daß, wenn er ihnen nur einigermaßen Billiges zugeſtehen wuͤrde, ſie ihm mit weit mehr Treue gehorchen wuͤrden, als die Katholiken dem Koͤnige. Don Karlos zweifelte nicht, daß, wenn er einmal der Aufwiegler maͤchtig waͤre, ihm der Khnig nicht auch den Reſt von Flandern abtreten würde, und waͤre es auch nur, ihn zu hindern, ſich mit Gewalt davon in Beſitz zu ſetzen, wie ihm dies ein Leichtes ſeyn wuͤrde. Der Marquis von Borgh und Montigni hatten mehrere Konfe⸗ renzen mit ihm uͤber dieſen Plan; ſie hatten ſo richtige und ſolide Masregeln ergriffen, daß ein gluͤcklicher Erfolg ihnen nicht fehlen konnte, wenn anders der Prinz ſich die Freiheit zu handeln erhielte, als wozu ſie ihn dringend ermahnten. Haͤtte er ihnen hierin gefolgt: ſo waͤre er gleich abgereist; aber Don Karlos hielt es für Verwegenheit, ſich auf ſolche Weiſe einzulaſſen, ehe vorher die nothwendigen Verbindungen einge⸗ leitet wären. Er verſprach ndeſn ſo kraͤftige Vorſichtsmasregeln zu ſeiner perſonlichen Sicherheit zu treffen, daß man desfalls beruhigt ſeyn könne. Außer einer Kiſte mit Feuergewehren, die er zwiſchen ſeinem Bette und der Wand hatte hin⸗ ſtellen laſſen, hatte er ſich kleine Piſtolen von einer neuen Erfindung verſchufft, die er ſtets bei ſich tragen konnte, ohne daß man ſie bemerkte, — 110— und um einem Ueberfalle im Schlafe zu begegnen, ließ er durch einen beruͤhmten franzoſiſchen Schloſ⸗ ſer, der im Escurial arbeitete, ein Schloß an ſeine Zimmerthuͤre machen, das nur inwendig geoffnet werden konnte, und legte alle Nacht unter ſein Kopfkiſſen zwei Degen und zwei Piſtolen. Während der ungluͤckliche Prinz ſeinen Unter⸗ gang vielleicht durch die bloße Idee, daß er verloren ſey, beſchleunigte, vergaßen ſeine Feinde nichts, was ihm die Mittel benehmen konnte, ſich wieder mit ſei⸗ nem Vater zu verſtaͤndigen. Sie wußten es zu ver⸗ hindern, daß der Koͤnig ſeit dem Mord des Marquis von Poſa die Koͤnigin ohne geugen ſch ſie befuͤrch⸗ teten, vergebens gearbeitet zu haben, wenn er ſie wie⸗ der ſaͤhe, indem ſie leicht ſeinem Herzen Alles wieder benehmen konnte, was ſie ihm beigebracht hatten. Kurz, der Folgen wegen, welche die Sache fur ſie haben koͤnnte, durften ſie ſchon nichts dem Zufalle uͤberlaſſen, und um nun der Konigin die Gelegenheit zu benehmen, in einer Racht zu zerſtoͤren, was ihnen ſo viele Zeit und Muͤhe gekoſtet hatte, nah⸗ men ſie zu einem Mittel ihre Zuflucht, das laͤcherlich geſchienen haͤtte, wenn es ihnen nicht damit ge⸗ lungen waͤre. Auf der Reiſe, welche der franzoſiſche Hof zur Zeit Franz II. laͤngs der Loire machte, verbrei⸗ tete ſich das Geruͤcht, daß man kleine Kinder ſuche, um in ihrem Blute dieſen jungen Koͤnig zu baden, von dem man vorgab, daß er mit einem Uebel behaftet ſey, das ſich nur durch dieſes Mittel heilen ließe. Man ſah ſelbſt Leute dem Hofe einige Tagereiſen voraus eilen, welche ſorgfaͤltig an den Orten, durch die er paſſiren mußte, die Kinder unterſuchten, um jene zu bezeichnen, die zu dem Gebrauche tauglich ſepen, welchen die Aerzte von ihnen machen ſollten. Dieſe Unbekannten verbrei⸗ teten einen ſo algemeinen Schrecken auf der Reiſe, daß Niemand mehr an etwas anderes dachte, als zu verbergen, was dieſe Leute zu ſuchen ſchienen. Da die Koͤnigin Mutter die Quelle dieſes ſchaͤndlichen Anſchlags entdeckt hatte: ſo ließ ſie Einige von ihnen ergreifen; dieſe entdeckten zwar vor ihrem Tode, von wem ſie hierzu gedungen waren; allein diejenigen, die dies Bekenntniß empfiengen, hielten es ihrer perſoͤn⸗ lichen Sicherheit nicht zuträglich, es weiter zu ſagen⸗ Wenn die fortdauernde Unpaͤßlichkeit des Ko⸗ nigs einer ſo ungeheuern Verlaͤumdung bei dem Volke Eingang verſchaffte: ſo kann man ſich leicht die Wirkung denken, die ſie in entlegenen Landern hervorbrachte, wo dergleichen Nachrichten immer mehr Eindruck machen, als an den Orten, von denen ſie ausgehen. Der Koͤnig von Spanien bezeugte Unruhe darüber. Er fuͤrchtete, ſeine Ge⸗ mahlin dürſte eine verborgene Anlage zu dieſem uebel haben, das haͤuſig eine Familienkrankheit iſt. Die Blattern, die ſie ſeitdem hatte, waren mit mißlichen Zufaͤllen verbunden, die an jene Krankheit erinnern. Und man brachte ihm bei, daß ſie waͤhrend ihrer letzten Schwangerſchaft weit gefaͤhrlichere Zufaͤlle gehabt habe. — 448— Da nun der Koͤnig die Schwaͤche hatte, fuͤr ſeine Geſundheit äbertrieben beſorgt zu ſeyn: ſo glaubte man durch ein unverdaͤchtiges Zeugniß dieſen Umſtand beſtaͤtigen laſſen zu muͤſſen, was alsdann hinlaͤnglich waͤre, ihn abzuhalten, ſeine Gattin je ohne Zeugen zu ſehen. Die Eboli mußte ihm dies zuerſt hinterbringen; die Treue, die ſie ihm bei ihrer Anſtellung, welche er ihr bei der Koͤnigin anbertraute, gelobt hatte, legte ihr dieſe Verbindlichkeit auf, und dieſelbe Franzoͤſin, fuͤr welche Don Juan ehemals einige Neigung gezeigt hatte, mußte das beſtätigen, was die Prinzeſſin geſagt hatte. Dieſes Mädchen war eine bon ienen unruhigen Koͤpfen, die fuͤr die Intrigue geboren ſind; ſie war untroſtlich daruͤber, daß die Koͤnigin, ſo ſehr ſie ihre Gunſt beſaß, ſie dennoch keines bedeutenden Vertrauens wuͤrdigte. Die Prinzeſſin Eboli befahl dem Don Juan zum zweitenmale, den Verliebten zu ſpielen, damit dieſes gefaͤhrliche Geſchoͤpf ganz für ihre Sache W gewonnen werde. Der Prinz, der eine Art Freude darin fand, die Ruhe des Koͤnigs zu truͤben, ge⸗ horchte mit Eifer; aber das Maͤdchen, abgeſchreckt durch die Kaͤlte, mit der er ſie bisher behandelt hatle, wollte ihm keinen Glauben beimeſſen, wenn er ihr nicht außerordentliche Verſicherungen gaͤbe. Don Juan, der die Sache nicht laͤnger aufſchieben konnte, nahm keinen Anſtand, ihr die Heirath zu verſprechen, unter der Bedingung jedoch, daß ſie dem Koͤnige Alles ſagte, was man ihr angeben würde. Die Sache gieng weit leichter, als man gehofft hatte; der König, deſſen Liebe durch das Vorgefallene ſchon erkaltet war, fiel blind in die Falle, die man ihm legte. Der Herzog von Alba, der ſeine Reiſe aufgeſchoben hatte, um den Erfolg dieſer Intrigue abzuwarten, gieng den folgenden Tag nach Flandern ab. Er nahm Abſchied von Don Karlos in Ausdruͤcken, die zu der Antwort paßten, welche der Koͤnig dem Prinzen auf ſeine letzte Bitte gegeben hatte; Don Karlos aber nahm — 15 den Herzog ſehr uͤbel auf, aus Furcht, man moͤchte, wenn er bei einem Anlaß, der ihn ſo empfindlich treffen mußte, gleichgultig ſcheinen wuͤrde, ſeine Abſichten errathen. Indeſſen erhielt Don Karlos von allen Seiten die erfreulichſten Nachrichten„die er nur wuͤnſchen konnte. Der Prinz von Oranien und der Admiral von Chatillon, mit welchen er ſich uͤber die Ange⸗ legenheiten zu berathen hatte, ermuthigten und drangten ihn in ihren Briefen, ſey es nun in guter, oder in der boͤſen Abſicht, ihn zu ſtuͤrzen. Die niederlaͤndiſchen Aufwiegler, die ſeiner Groß⸗ muth vertrauten, uͤbergaben ſich ihm ohne alle Bedingungen; was ihn aber beſonders noch zu beſtimmtem Entſchluſſe fuͤhrte, war die Zuſiche⸗ rung des Großherrn, eine Landung in Flandern zu unternehmen, um ſeine Plane zu unterſtutzen. Da er ſeine Hoffnungen hauptſaͤchlich auf dieſen Beiſtand bauete, ſo wird es nothwendig, dieſe Verhandlung auf ihren Urſprung zuruͤckzufuͤhren. 8* Zur Zeit als die Koͤnigin Maria im Namen des Kaiſers, ihres Bruders, die Statthalterſchaft der Niederlande führte, entfuͤhrte ein portugieſi⸗ ſcher Jude, Namens Johann Migquez, der bei ihr in beſonderm Anſehen ſtand, ein Maͤdchen vom erſten Range und außerordentlicher Schoͤnheit, das an ihrem Hofe war. Der Konig von Spanien, der die Familie der Entfuͤhrten in Schutz nahm, vertrieb den Emfuͤhrer aus allen ſeinen chriſtlichen Staaten, wo er Zuflucht ſuchte; ſo begab ſich dieſer nach Konſtantinopel und von da in Carame⸗ nien zu Selim, dem Sohne des großen Solimans. Dieſer junge Prinz, der nach der Gewohnheit des ottomaniſchen Hofes von ſeinem Vater auf jenes Land eingeſchraͤnkt war, hatte nichts zu thun, als unter Vergnuͤgungen aller Art ſich in der Erwar⸗ tung des Thrones zu langweilen. Miquez beſaß unter andern Talenten auch die Kunſt, die Freu⸗ dengenöſſe durch hunderterlei Abwechſelungen zu würzen, wovon jede einen neuen und eigenen Zauber mit ſich fuͤhrte; und da die Anlage, die er fuͤr dieſe Kunſt hatte, durch lange Uebung aus⸗ gebildet worden, ſo hatte er ſie zu einer Vollkom⸗ menheit gebracht, die weit uͤber die gewohnliche Idee, die man davon hat, hervorragte. Aufge⸗ blaſen auf dieſes koͤſtliche Talent, zweifelte er nicht, die hoͤchſte Gunſt eines Fuͤrſten, wie Selim, der den Werth des Genuſſes kannte, bald zu erringen. Dieſer Menſch wußte, daß glaͤnzende Dienſte, die man den Fuͤrſten leiſtet, eben nicht die ſind, die ſie ihren Dienern ſehr geneigt machen, und es ſcheint, als hielten ſie ſolche, die man ihnen oͤffentlich erweist, hinlaͤnglich durch deh damit verbundenen Ruhm belohnt; waͤhrend jene, die nur ſie allein kennen, auch nur von ihnen belohnt werden können. Der Erfolg uͤbertraf die Hoff⸗ nung von Miquez; und da Soliman waͤhrend dem ſtarb, ſo ſah er ſich auf dieſem glorreichen Wege plotzlich zum erklaͤrten Guͤnſtling des groͤßten Fuͤrſten der Erde erhoben. Dieſer hohe Grad von — 115 Macht gab ihm bald Gelegenheit, die Rachſucht zu befriedigen, welche die Verfolgung, die der König bon Spanien gegen ihn ergehen ließ, ihm gegen dieſen Monarchen tief in das Herz gegraben hatte. Eines Tages, da er mit Selim bei einem froyen Gelage war und der Sultan die Vortreff⸗ lichkeit des Cypern⸗Weines erhob, ſpottelte Miquez uͤber die Leidenſchaft, die er fuͤr einen Wein hege, der außer ſeinem Reiche wachſe; er bemerkte ihm, daß er eigentlich ſparſamer mit demſelben umgehen ſollte, als er thäte, weil er ihn ja kaufen muͤſſe. Selim getroffen durch dieſen Spott, ſchwur, Cypern noch in dem Laufe des Jahres zu erobern, und indem er ſeinem Lieblinge auf die Schulter klopfte, verſicherte er: daß weil derſelbe den Wein nicht weniger liebe als er, er ihn von nun an zum Konige dieſer Inſel erklaͤre, was nur ein Theil ſeiner Erkenntlichkeit ſey. Während man nun alles zu dieſer Eroberung in Bereitſchaft ſetzte, erregten die Mauren von Granada jenen — 149— bekannten Aufſtand, der kurz hernach ruchtbar wurde. Sie ſchickten Deputirte an die Pforte ab, um ſich ihren Beiſtand zu erbitten. Miquez, der befriedigte Rachſucht einer Krone vorzog, nahm ſich ihrer Sache mit ſolcher Waͤrme an, daß er es zu dem Beſchluſſe brachte, die Vewaffnung, die man fuͤr die Eroberung des ihm verſprochenen Kd⸗ nigreichs beſtimmt hatte, zu ihrem Beiſtande zu verwenden. Er hatte große Verbindungen in Flan⸗ dern beibehalten und gab alsbald dem Konſiſtorium in Antwetpen Nachricht von dieſer wichtigen Di⸗ verſion. Dieſes Konſiſtorium, welches den hochſten Rath der Rebellen bildete, hatte gleichzeitig Nach⸗ richten von der von Don Karlos zu ihren Gunſten eingegangenen Verbindlichkeit erhalten und theilte dies dem Miquez mit. Um dem Prinzen noch mehr Vertrauen zu bezeigen, ſchickte man ihm die Depe⸗ ſchen und die Geheimſchrift von Miquez, damit er ſelbſt in Konſtantinopel unterhandeln konne, wenn er es dem gemeinſamen Intereſſe angemeſſen — 1420— finden ſollte. Don Karlos wuͤnſchte zu mehrerer Sicherheit, daß die Flotte, die an der Kuͤſte von granada landen ſollte, eine Landung in Flandern unternehmen moͤchte. Er ſchrieb an die Pforte, und Miquez antwortete, daß der tuͤrkiſche Admiral eine heimliche Weiſung habe, alles zu thun, was ihm der Prinz befehlen wuͤrde; ungewiß iſt, ob dem wirklich ſo geweſen ſey, oder ob man es den Prinzen bloß wollte glauben machen, um ihn um jeden Preis fuͤr die Sache zu gewinnen. Ohngefaͤhr um dieſe Zeit, als eines Abends Don Karlos mit ſeinem Onkel bei der Koͤnigin im Spiel begriffen war und Beide in Uneinigkeit ge⸗ riethen, vergaß ſich Don Juan im Aerger über ſeinen Verluſt gegen den Prinzen in ſolchem Grade, daß er die Graͤnzen der Freiheit uͤberſchritt, die ihm allenfalls das Spiel gegen den Sohn ſeines Königes geſtatten konnte. Don Karlos, der ſich kannte, antwortete ihm in wenig Worten mit vieler Maͤßigung zwar, doch in Ausdruͤcken, die — 121 ihm die Mängel ſeiner Geburt vorzuwerfen ſchie⸗ nen, um ihn zu ſeiner Pflicht zuräckzuführen⸗ Don Juan von einer ſo empfindlichen Seite ange⸗ griffen, wurde dadurch ſo erbittert, daß er dem Prinzen antwortete: es ſey zwar wahr, daß er Baſtard ſey, aber ſeinen Troſt hieruͤber finde er in dem Umſtande, daß er einen beſſern Vater habe, als Don Karlos. Dieſe Aeußerung erſchöpfte die Geduld des letztern, er verfuhr ſehr uͤbel mit ſeinem Onkel, das Geruͤcht verbreitete ſich den folgenden Tag, daß er ihm eine Ohrfeige gegeben habe. Die Koͤnigin und die Prinzeſſin Eboli, die zugegen waren, gaben ſich alle mögliche Muͤhe, ſie von einem Handgemenge abzuhalten, die Konigin beſonders, welcher in der damali⸗ gen Lage alles Schrecken einfloͤßte, und als ob ſie ein Vorgefuͤhl der Folgen gehabt haͤtte, die dieſer Streit nach ſich ziehen wuͤrde, bot ſie ihe ganzes Anſehen auf, ſie zu vermögen, ſich auf der Stelle auszuſoͤhnen, was zwar geſchah, * — 122— aber nicht mit gleicher Aufrichtigkeit von bei⸗ den Seiten. Der Koͤnig, um getreuliche Kunde von allem zu haben, was bei der Koͤnigin vorſiel, hatte einen engen Verkehr mit der Prinzeſſin Eboli. Dieſe Frau hatte ſeit dem Tode des Marquis von Poſa dem Don Juan anempfohlen, den Prinzen ſorgfaͤltiger als gewoͤhnlich zu beobachten, ein Auf⸗ trag, deſſen er ſich leicht entledigen konnte. Der Prinz, der ihn fuͤr ſeinen beſten Freund hielt, ließ einige Worte im Allgemeinen uͤber ſeinen Plan fallen, wovon jedoch Don Juan, bei aller Muͤhe, die er ſich desfalls gab, nichts Räheres erfahren konnte. Seit ihrem Streite aber machte ihn die Begierde, ſich zu rächen, ſo hellſehend, daß bei aller Sorgfalt, welche Don Karlos anwendete, ſich Waffen im Stillen zu verſchaffen, Don Juan durch Gewandtheit und Geld endlich dazu gelangte, dies zu entdecken. Der Konig ſah gleich ein, daß dieſe Vorſichts⸗ masregeln keine gewoͤhnliche ſeyen, und fuͤhlte wohl, daß ſein Sohn entweder die Abſicht haben muͤſſe, zu entfliehen oder irgend eine Gewaltthat gegen ihn zu unternehmen. Noch war er im Zweifel, welcher von dieſen beiden Vermuthungen er Raum geben ſollte, als Don Raimund von Taxis, General der Poſten, erſchien, und ihn benachrichtigte, daß ein Franzoſe im Dienſt der Koͤnigin auf ſehr geheime Weiſe drei Pferde beſtellt habe, die bei Einbruch der Racht zur Abreiſe bereit gehalten werden ſollten. Dieſe Rachricht benahm dem Koͤnige ſeinen Zweifel, um ihn in den groͤßern zu verſetzen, ob er ſeinen Sohn, damit er nicht entfliehen koͤnne, bloß ſollte beobachten, oder ob er ihn plotzlich ſollte arretiren laſſen. Da indeſſen Perez zu gleicher Zeit mit der eben erhaltenen Nachricht von dem Aufſtande der Mauren bei ihm erſchien, und das Zuſammentreffen ſo vieler widrigen Vorfaͤlle den König in Schrecken verſetzte, ſo be⸗ ſchloß er, ſich der Perſon ſeines Sohnes zu verſichern. Die Abreiſe des Prinzen ſollte wirklich in jener Nacht vor ſich gehen; er hatle Nachrichten aus Flandern erhalten, die keine laͤngere Zoͤgerung geſtatteten. Die Grafen von Egmont und von Horn, auf die Unſchuld ihrer Abſichten bei ihrem fruͤhern Benehmen und auf die Groͤße ihrer gelei⸗ ſteten Dienſte vertrauend, uͤberlieferten ſich ſelbſt den Haͤnden des Herzogs von Alba, der ſie arre⸗ tiren und einige Zeit darauf enthaupten ließ. Solche offene Treuloſigkeit brachte die Rebellen zur Verzweiflung, ihre Anfuͤhrer ſahen, daß hier kein Heil mehr fuͤr ſie, als in den Waffen ſey, und machten dem Prinzen Don Karlos, indem ſie ibm dieſe Vorfaͤlle entdeckten, leicht begreiflich, daß es bald nicht mehr Zeit ſeyn duͤrfte, ihnen beizuſtehen. Der Prinz ſchrieb ſogleich an Don Garzia Albarez Oſorio, der ihn auf der Flucht begleiten ſollte, ſich unverzuglich zu ihm zu begeben. Er hatte ihn nach Sevilla geſchickt, um dort eine bedeutende Summe zu erheben, aber da ihm die Zeit fehlte. —— 1— — hierzu die nothigen Vorkehrungen zu treffen, brachte er bloß 150,000 Thaler mit. Als Don Karlos ſich an jenem Abend von der Koͤnigin weg begab, geſellte ſich Rui Gomez zu ihm, um ihm aus Auftrag des Koͤnigs von der aus Granada erhaltenen Nachricht in Kenntniß zu ſetzen. Dieſer Miniſter unterhielt ihn ſo lange, daß der Prinz, welcher ſah, daß ihm von der Racht die erforderliche Zeit nicht blieb, um ſich ſo weit zu entfernen, als er wollte, ehe man ſeine Flucht entdecken konnte, es gerathen hielt, ſie auß den folgenden Tag zu verſchieben. Rui Gomez entfernte ſich, nachdem er den Prinzen zu Bette gehen ſah; da er aber natuͤrlich von der Veraͤn⸗ derung ſeines Entſchluſſes, die Abreiſe auf den andern Tag zu verlegen, nichts wiſſen konnte, ſo beſetzte er alle Ausgaͤnge ſeines Zimmers mit erge⸗ benen und entſchloſſenen Maͤnnern. Es war fuͤr die Rechtfertigung des Konigs von Wichtigkeit, daß Don Karlos im Augenblick — 126— der Flucht, folglich auf friſcher That ergriffen wuͤrde; aber nachdem man zwei oder drei Stunden gewartet hatte, ohne daß er Anſtalten hierzu traf, ſo entſchloß ſich der Koͤnig, jede Bedenklichkeit zu beſeitigen. Einer bloßen Formalitat wegen glaubte er hohere Angelegenheiten nicht in Gefahr ſetzen zu muͤſſen. Von Don Juan hatte man erfahren, wie das Zimmer geſchloſſen wurde; waͤhrend nun Don Karlos noch bei der Koͤnigin war, befahl der Koͤnig dem Manne, der dieſes außerordentliche Schloß verfertigt hatte, die Feder in Unordnung zu bringen, damit es nicht mehr ſo gut ſchließe, daß man es nicht von außen oͤffnen koͤnne; obgleich er nun dies dahin zu bringen wußte, ſo machte es doch beim Seffnen ein ſtarkes Geräuſch; aber der Graf von Lerma, den der Koͤnig zuerſt ein⸗ treten ließ, fand den ungluͤcklichen Prinzen in ſo tiefem Schlafe, daß er ihm, ohne daß er wach wurde, Degen und Piſtolen, die er unter ſeinem — 127— Kiſſen hatte, wegnehmen konnte. Der Graf ſetzte ſich, als dies geſchehen war, auf eine zwiſchen ſeinem Bette und der Wand befindliche Kiſte, in welcher Don Juan die Feuergewehre vermuthete; als nun der König aus dem Stillſchweigen des Grafen ſchloß, daß jenet das ihm Anbefohlene in Vollzug geſetzt habe, ſo trat er ſelbſt in das Zim⸗ mer, unter Vortritt von Rui Gomez, des Herzogs von Feria, des Groß⸗Kommandeurs und des Don Diego von Cardova, alle bewaffnet mit Degen und Piſtolen. Der Prinz, den Rui Gomez nur mit Muͤhe wecken konnte, rief, ſobald er die Augen aufſchlug, daß er verloren ſey. Der König ſagte ihm, daß alles, was hier geſchähe, nur ſein eigenes Wohl beabſichtige. Aber Don Karlos, als er gewahr ward, daß man ſich eines mit Papier angefuͤllten Kaͤſtchens bemaͤchtigte, das unter ſei⸗ nem Bette war, gerieth in eine ſo raſende Ver⸗ zweiflung, daß er ſich ganz entblößt, wie er war, in einen großen Haufen gluͤhender Kohlen ſtuͤrzte, — 125 welche ſeine Leute, der ſtrengen Kaͤlte wegen, in ſeinem Kamin hotten fortglimmen laſſen; man mußte ihn mit Gewalt herausziehen, und er ſchien untroſtlich, daß er nicht Zeit hatte, ſich darin umzubringen. Man brachte hierauf alle Meubles aus ſeinem Zimmer, und ſtatt aller der herrlichen Sachen, die es zierten, legte man eine ſchlechte Matratze auf den Fußboden, und keiner ſeiner Bedienten erſchien in der Folge mehr vor ihm. Die Wache hielt ihn immer im Auge, er mußte ein Trauerkleid anlegen, die Leute, die ihn bedien⸗ ten, hatten dieſelbe Tracht, Keinen von ihnen kannte er, der ungluͤckliche Erbe ſo vieler Kronen ſih nichts um ſich, als Bilder des Todes. Indeſſen erſah der Konig aus den aufgefun⸗ denen Papieren die Plane und die Verbindungen ſeines Sohnes, er erſchrak nicht wenig uͤber die Gefahr, der er ausgeſetzt war; aber noch mehr ergriffen ward er, als er unter mehreren Briefen von der Hand der Konigin einen fand, der ihm der uͤberſpannteſte und leidenſchaftlichſte von der Welt ſchien. Es war jener, den der Marquis von Poſa nach Alcala gebracht hatte, und den Don Karlos nie wieder zuruͤckgeben wollte. Da die Koͤnigin ihn in dem erſten Ausbruch des Schmerzes über den toͤdtlichen Unfall des Prinzen geſchrieben hatte, glaubte ſie nicht, daß alles, was ſie einem Menſchen ſagte, deſſen Leben bereits auf⸗ gegeben war, irgend eine Folge nach ſich ziehen, oder eine andere Wirkung herbvorbringen koͤnnte, als ihn zufriedener ſterben zu laſſen. In dieſer Idee hatte ſie ſich ihrer ganzen Zäͤrtlichkeit uber⸗ laſſen und die theuerſten und geheimſten Gefühle ihres Herzens in der ganzen Stärke entfaltet, die ein ſo ſchrecklicher Anlaß nur einfloͤßen konnte. Bei allem dem geſchah dies ohne irgend eine Ver⸗ geſſenheit, die ihre Ehre, oder auch nur im Ent⸗ fernteſten ihre Pflicht beleidigt haͤtte. Aber der Konig zog ganz andere Folgen daraus. Die Wuth, die ihn darüber befiel, war Anfangs von einem ſo 9 — 130— lebhaften Schmerze begleitet, daß er ihm vielleicht das Leben geraubt haͤtte, wenn nicht die unter ſolchen Verhältniſſen ſo natrliche Begierde, ſich zu raͤchen, es ihm erhalten haͤtte. Der ſuͤße Gedanke, daß die, welche ihn ſo graͤßlich beleidigt hatten, in ſeiner Gewalt ſeyen, fuͤhrte auf die Wuth, welche ſein Inneres durchgluͤhte, eine bar⸗ bariſche Freude herbei, die bald ſeinen tiefen Grimm in eine graͤßliche Ruhe umwandelte. An demſelben Tage wurde Montigni verhaf⸗ tet, um einige Zeit darauf ſeinen Kopf auf dem Schaffot zu verlieren. Der Marquis von Borgh verdankte es der Beguͤnſtigung ſeines alten Freun⸗ des, Rui Gomez, daß er die Erlaubniß erhielt, ſich zu vergiften. Die Verbindung dieſer beiden Herren mit Don Karlos war weltkundig, ſie waren gleich ihm erklärte Feinde des General⸗Inquiſi⸗ tors, Kardinals Spinoſa, und dieſe Feindſchaft war in Spanien hinlaͤnglich, um der Religion wegen in Verdacht zu gerathen; ſie beſchuldigten — 131— dieſen Prälaten, der Urheber aller der gewaltſamen Masregeln zu ſeyn, welche der Koͤnig gegen ihr Vaterland ergriffen hatte. Der Kardinal hingegen beſchuldigte ſie ſeinerſeits, daß ſie mehrere Ballen Calviniſcher Katechismen unter dem Schutze eines Paſſes von Don Karlos aus Frankreich eingefuͤhrt hätten. Man hatte die leidenſchaftlichen Aeuße⸗ rungen dieſes Prinzen gegen die Inguiſition bei Gelegenheit des Teſtaments Karls V. noch nicht vergeſſen. Alles dieſes zuſammen genommen, ſtimmte das Volk ſehr zu dem Argwohn, daß der Prinz in den neuen Meinungen befangen ſey, wovon er jedoch kaum hatte reden bören. Der Koͤnig ſah wohl ein, daß nur die Religion es ſey, die einem ſo auffallenden Verfahren, wie das ſei⸗ nige, zum Deckmantel dienen konnte, und er zwei⸗ felte nicht, daß unter ſo guͤnſtigen Umſtaͤnden, und bei den Beweiſen, die er für die heimlichen Einverſtaͤndniſſe ſeines Sohnes hatte, er ihn, wenn er wollte, ſeiner Rache opfern könne. In 9* — 132— dieſer Zuberſicht uͤbergab er den Haͤnden des Kar⸗ dinals Spinoſa allt Original⸗Papiere, die er bei Don Karlos gefunden hatte, mit Ausnahme der Briefe der Konigin. Er beſtellte die Inquiſitoren zu oberſten Richtern zwiſchen ſeinem Sohne und ſich, deren Urtheil er ſich zu unterwerfen erklaͤrte; er wußte, daß der Haß dieſer Art Menſchen nie ſtirbt, und daß er ihre Wuth gegen den Prinzen wegen des mit ihm gehabten Zwiſtes nach langen Jahren noch eben ſo eftig finden wuͤrde, als ſie es in den erſten acht Tagen war. Obgleich der Koͤnig die ſtrengſten Verbote ergehen ließ, die Gefangennehmung des Prinzen in fremden Ländern bekannt zu machen, ſo wurde ſie doch bald allgemein ruchtbar. Die meiſten chriſtlichen Mächte verwendeten ſich fuͤr ſeine Be⸗ gnadigung. Die Kaiſerin beſonders bat ihren Bru⸗ der desfalls in den dringendſten Ausdruͤcken. Ihre ältere Tochter war bereits ſeit langer Zeit mit dem Kronprinzen verlobt, aber der Koͤnig, der ——— ——— alles fuͤrchtete, was ſeinem Sohne mehr Anſehen und Freiheit gewaͤhren konnte, ſchob die Heirath unter allerlei Vorwand auf;z beſonders auch ließ er das Geruͤcht verbreiten, daß ſeit ſeinem Sturze in Alcala die Aerzte ihn zur Kinderzeugung fuͤr untuͤchtig hielten. Dies Geruͤcht galt zwar fur eine Liſt, und die Kaiſerin ſelbſt maß ihm keinen Glauben bei, indeſſen war es dem Koͤnige doch um ſo leichter, dieſe Verbindung in die Laͤnge zu ziehen, auf welche uͤbrigens Don Karlos ſelbſt nicht ſo drang, als er wohl konnte, indem er, ſo vortheilhaft ſie auch fuͤr ſeine Plane geweſen ware, ſich doch ein Gewiſſen daraus machte, eine⸗ Prin⸗ zeſin zu heirathen, die er nicht lieben konnte. Die Kaiſerin, die das Geheimniß ſeines Herzens nicht kannte, fand nur dieſe einzige Parthie ihrer aͤltern Tochter wuͤrdig. Da ſie natuͤrlich den Tod der Koͤnigin von Spanien nicht ſo nahe glaubte, konnte ſie auch wohl nicht ahnen, daß dieſe Prin⸗ zeſſin einſt den Thron der ungluͤcklichen Koͤnigin — 134— beſetzen wuͤrde, und daß es uͤber den Koͤnig, ihren Bruder, gleichſam verhaͤngt ſey, alle die Prin⸗ zeſſinnen zu heirathen, die ſich mit Don Karlos verloben wuͤrden. Der Koͤnig, der weiter ſah, als ſie, gieng bei dieſer Gelegenheit mit ſorgfaͤl⸗ tiger Schonung gegen ſie zu Werke, und ſuchte ſich beſonders in ihren Augen zu rechtfertigen. Indeſſen trieb die Rachricht von der Gefan⸗ gennehmung des Kronprinzen die Rebellen von Holland und Granada zu einer Verzweiflung, die blutige Wirkungen hervorbrachte, und die noch gräßlicher geweſen waͤren, wenn die Tuͤrken Wort gehalten haͤtten; aber Miquez hielt nicht fuͤr gut, ohne die unterſtützung des Kronprinzen die otto⸗ maniſche Flo.te in ſo entfernten Gegenden auf das Spiel zu ſetzen, wo ſie im Falle eines Un⸗ gluͤcks ohne alle Huͤlfe geweſen waͤre. Er gab den Einwendungen der uͤbrigen Miniſter der Pforte gegen die Fortſetzung dieſes Unternehmens nach, welches dann gegen Cypern gerichtet wurde, ww Miquez durch den bewundernswuͤrdigen Dienſt, den er dort leiſtete, zeigte, daß ſein Geiſt nicht in den Mauern des Serails erſchlafft ſey, und daß der Hang zur Wolluſt, diejenigen, die ihm ergeben ſind, nicht immer zu großen Dingen unfaͤhig mache. Indeſſen inſtruirte die Ingquiſition den Prozeß gegen den ungluͤcklichen Don Karlos mit unglaub⸗ lichem Eifer und Fleiß. Ihre alten Animoſitaͤten gegen ihn erſchienen hier ſo offen, daß nur das Intereſſe der Religion, die ſie hineinzumengen wußten, dies erträglich machen konnte. Sie ließen aus den Archiven von Barcellona den Kriminal⸗ prozeß holen, den Don Juan II., Koͤnig von Ar⸗ ragonien, ehemals ſeinem altern Sohne, dem Prinzen von Viana(Don Karlos) hatte machen laſſen. Man ließ dieſen Prozeß aus dem Catalo⸗ niſchen in das Caſtiliſche uͤberſetzen, um zugleich als Muſier und als Authorität zu dienen. Die Sache wurde der Ingquiſition ſo vorgelegt, wie der Fall mit dem Dauphin Louis Xl. und ſeinem Va⸗ ter Karl VII.; wie ſehr die Meinungen gleich wa⸗ ren, kann man aus der des beruͤhmten Doktors Navarra abnehmen, die in dem Hiſtoriographen Philipps II. eingeruͤckt iſt. Er behauptet, daß ein Koͤnig, der die Entdeckung macht, daß der Präſumtiv⸗Erbe der Krone die Staaten verlaſſen will, ihn verhaften laſſen muß, wenn ſeine Ent⸗ weichung Spaltungen im Reiche zur Folge haben, und die Feinde des Staates weſentliche Vortheile daraus ziehen koͤnnen; beſonders aber, wenn dieſe Feinde Ketzer ſind, und man auch nur den ent⸗ fernteſten Grund haben ſollte, zu befuͤrchten oder zu muthmaßen, daß der Prinz ſie begänſtige. Das Opfer ſeiner Naturgefuͤhle, das der Koͤnig der Ruhe ſeines Reiches braͤchte, erhoben die In⸗ quiſitoren uͤber den Gehorſam 2brahams. Sie ver⸗ glichen einſtimmig einen ſolchen Fuͤrſten dem ewi⸗ gen Vater, der des Wohls der Menſchen wegen ſelbſt ſeinem eingebornen Sohne nicht verzieh. Bei Richtern, die ſo gut geſtimmt waren, konnte der Prozeß wohl nicht lange dauern. Schon die Briefe des Admirals von Chatillon, des Prinzen von Oranien, des Grefen von Egmont, des Kon⸗ ſiſtoriums von Antwerpen und des Johann Miquez waren hinlaͤnglich, das Urtheil zu begruͤnden, und Don Karlos wurde verurtheilt, im Gefaͤngniß zu bleiben. Die Wuth, die er daruͤber bezeigte, ſetzte Alle, die den Rath hierzu gegeben oder ihn gebilligt hatten, in Angſt und Beben. Sie fuͤrchteten, nie vor ſeiner Rache geſichert zu ſeyn, wenn er eins⸗ mals ſeine Freiheit wieder erhielte, und, hatten daher keine Ruhe, als bis ſie ſeinen gaͤnzlichen Untergang bereitet hatten. Der Kardinal Spinoſa ſtellte dem Koͤnige vor, daß es fuͤr einen ſolchen Vogel keinen Käſig gebe, der ſtark genug waͤre, daß man ihn daher bald beſeitigen oder ihm die Freiheit unbedingt geben muſſe. Das Volk, bei dem man ge⸗ woͤhnlich nur ungloͤcklich zu ſeyn braucht, um auch gerechtfertigt zu erſcheinen, zeigte taͤglich mehr leidenſchaftliches Intereſſe fuͤr die Befreiung des Prinzen. Der Koͤnig, der einige Unruhen befuͤrch⸗ tete, wagte es nicht mehr; ſich von Madrid zu entfernen. Nach reifer Ueberlegung fand er, daß ſeine Miniſter durchaus keine Sicherheit mehr haͤt⸗ ten, wenn er den Prinzen frei gaͤbe, und daß nur der Tod des letztern ihn aller Beſorgniſſe ent⸗ ledigen koͤnne. Er miſchte eine Zeitlang in Alles, was der Prinz nahm, ein toͤdtliches Gift, das uͤber ſeine Kleider, ſeine Waͤſche und uͤberhaupt uͤber alles verbreitet wurde, was er nur berühren konnte. Aber ſey es nun, daß ſeine Jugend und ſeine Koͤrper⸗Konſtitution ſtaͤrker waren, als alles Gift, oder daß Perſonen, die ſich fuͤr ſein Leben intereſſirten, ihn vermogten, Preſervatife zu neh⸗ men, kurz, dieſes Mittel ſchlug fehl. Man mußte ſich alſo deutlicher erklaͤren, und der unglckliche Prinz erfuhr dann endlich, daß er ſich ſeine To⸗ desart waͤhlen koͤnne. Er nahm dieſe duͤſtere Botſchaft mit der Kaͤlte eines Menſchen auf, fuͤr den es etwas giebt, das er mehr liebt, als das Leben, und der fuͤr den Gegenſtand ſeiner Liebe daſſelbe Schickſal befuͤrchtet. Obgleich die Geſchichtſchreiber Spaniens, um ſein Andenken zu ſchwaͤrzen und ſeinen Vater zu recht⸗ fertigen, dem Prinzen Heftigkeit und Schwaͤche nachſagen, ſo iſt es doch gewiß, daß nur etwas aus ſeinem Munde kam, was als eine Art Klage angeſehen werden kann. Die Koͤnigin naͤmlich hatte durch Geld Mittel gefunden, ihm ſagen zu laſſen, daß er den König ſollte zu ſprechen begeh⸗ ren, und als nun die Wache ihm ankuͤndigte, daß ſein Vater käme, ſagte er: Sage mein König, und nicht mein Vater. Bloß aus Gehorſam gegen die Befehle der Koͤnigin warf er ſich vor dem Koͤnige auf die Knie, und bat ihn, er möge bedenken, daß es ſein eigenes Blut ſey, das er zu vergießen im Begriff ſtehe. Der Konig antwortete kalt: wenn er boſes Blut habe, ſo reiche er dem — 140— Wundarzte ſeinen Arm, es fließen zu laſſen. Don Karlos in Verzweiflung daruͤber, ſich einer Demü⸗ thigung ohne Erfolg unterworfen zu haben, erhob ſich trotzig bei dieſen Worten, und fragte die Wache, ob das Bad bereit ſey, in dem er ſterben müſſe2 Der Koͤnig, ſeh es nun, um laͤnger ſein Auge an dem beweinenswuͤrdigen Schauſpiele zu weiden, oder weil er wirklich ergriffen war, und nachzugeben ſuchte, fragte ihn, ob er ihm nichts als dies zu ſagen habe? Der Prinz, der gerne um den Preis von tauſend Leben das Geſchehene wieder erkauft hätte, und der wohl ſah, daß hier nichts mehr zu ſchonen ſey, weder fuͤr ihn, noch fuͤr die Koͤnigin, konnte ſich nicht enthalten, zum letztenmale in ſeinem Leben mit ſeinem ganzen natuͤrlichen Stolze zu reden.„Wenn Yerſonen,“ ſagte er,„fuͤr die meine Gefaͤlligkeit nur mit mei⸗ „nem Leben enden darf, mich nicht veranlaßt „haͤtten, Sie zu ſehen, ſo wuͤrde ich die Feigheit nicht gehabt haben, Sie um Gnade zu bitten, „und ich waͤre dann mit mehr Ruhm geſtorben, „als Sie leben.“ Auf dieſe Antwort entfernte ſich der Koͤnig ohne irgend eine Bewegung zu zeigen. Don Karlos ſetzte ſich in das Bad, und nachdem er ſich die Adern an Armen und Beinen hatte offnen laſſen, befahl er, daß ſich Jedermann entfernen ſollte; dann nahm er das Miniatur⸗ Gemaͤlde der Koͤnigin in ſeine Hand, das er immer an ſeinem Halſe haͤngend trug, und das der erſte Anlaß ſeiner Liebe war. Er heftete ſeine Blicke unverwandt auf dies verhaͤngnißvolle Bild, bis die Schauer des nahenden Todes ihn in dieſer Betrachtung uͤberraſchten und mit der entfliehen⸗ den hohen Seele allmaͤhlig das Auge erloſch und das Leben. 5 Beſtimmt weiß man die Zeit ſeines Todes nicht, man weiß bloß, daß er lange vorher geſtorben war, ehe man es zur Kenntniß des Publikums brachte. Man druckte eine lange Krank⸗ heitsgeſchichte, in der ſein Uebel eine boͤsartige. — 142— Ruhr genannt wurde, die er ſich durch ſeine Aus⸗ ſchweifungen zugezogen haben ſollte. Der Schmerz des Volkes und die Troſtloſigkeit der Dienerſchaft des Prinzen nahmen einen ſo lauten Ausbruch, daß die leidenſchaftlichſten Ge⸗ ſchichtſchreiber dies nicht zu laͤugnen gewagt haben. Der Graf von Lerma, dem der Koͤnig die Auf⸗ ſicht uͤber den Prinzen waͤhrend ſeiner Gefangen⸗ ſchaft anvertraut hatte, war ſo warmer Freund deſſelben geworden, daß er vor den Augen des ganzen Hofes ſeinen Schmerz unverhohlen zeigte. Der Konig, der in einer Trauer der Art nur Bor⸗ wuͤrfe ſah, ergriff ein Mittel, das er fuͤr das ſicherſte hielt, ſie zu dämpfen. Er belohnte die Dienerſchaft von Don Karlos auf das reichlichſte, er gab dem Grafen von Lerma die Kommanderie von Calatrava und machte ihn zu ſeinem Kam⸗ merherrn. Man ſah wohl ein, daß der Zweck dieſer Freigebigkeit eigentlich nicht die Belohnung der dem Prinzen erwieſenen Anhänglichkeit war, ———— ——— ——— aber demohnerachtet ließ das Publikum in ſeinem Eifer nicht nach, das Andenken von Don Karlos zu ehren. Da man wußte, daß der Koͤnig die Abſicht hatte, ihm Obſequien mit ungewoͤhnlicher Pracht feiern zu laſſen, ſo bat die Stadt Madrid um die Erlaubniß, die Koſten zu beſtreiten, begehrte aber auch zugleich, daß man ihr die ganze Anordnung der Feſilichkeit allein uͤberlaſſen möge. Obgleich der Koͤnig vorausſah, daß dieſe Leichenfeier mit Lobeserhebungen verbunden ſeyn wuͤrde, die den Feinden des Todten unmöglich zur Ehre gereichen koͤnnten, ſo wagte er doch nicht, es abzuſchlagen. Seine Geſchichtſchreiber erheben ihn beſonders der Geiſtesruhe wegen, die er am Tage des Leichen⸗ begaͤngniſſes zeigte, indem er eine Rangſtreitigkeit, die ſich bei dieſer Gelegenheit zwiſchen mehreren Staatsraͤthen erhob, und die er aus dem Fenſter gewahr ward, ſogleich entſchied. Die beiden Soͤhne des Kaiſers, die damals am ſpaniſchen Hofe wa⸗ — 144— ren, befanden ſich im Trauergefolge. Als der Zug ſich dem Tempel naͤherte, beurlaubte ſich der Kardinal Spinoſa, der mit ihnen der Leiche unmit⸗ telbar gefolgt war, und entfernte ſich unter dem Vorwande eines Kopfſchmerzes, der ihn über⸗ fallen habe. Da man ihn aber als den gefaͤhr⸗ lichſten und unberſoͤhnlichſten Feind kannte, den Don Karlos gehabt hatte, ſo hoͤrte man mehrere Stimmen aus ſeiner Umgebung laut rufen, daß er die Gegenwart des Prinzen ſo wenig im Tode wie im Leben vertragen koͤnne. Das Erſte, was bei dieſer Feier in die Augen fiel, waren äber dem Portal, durch welches man den Eingang in die Kirche hielt, jene beruͤhm⸗ ten Worte des Lobes auf einen Todten, in großer goldener Schrift:„Er ward uns geraubt, damit „die Bosheit des Jahrhunderts ſein Herz nicht „umwandle, und Schmeichelei nicht ſeinen Geiſt „verfüͤhre.“ Alles, was ein ſinnteicher Schmerz nur erfinden konnte, um ſich zu troſten, wurde — — 145—„ in's Werk geſetzt, und an dem prachtvollen Grab⸗ mal angebracht, in dem der Prinz beigeſetzt wurde; da aber alle Verzierungen ſich auf die lateiniſche Inſchrift bezogen, die als Epitaphium diente, ſo iſt es hinlaͤnglich, den Sinn der letztern anzufh⸗ ren, um uͤber den Geiſt und den Zweck der ganzen Leichenfeier das erforderliche Licht zu verbreiten: „Dem ewigen Andenken Karls, Kronprinzen von „Spanien und beider Sicilien, des belgiſchen und „eisalpiniſchen Galliens, Erben der neuen Welt, „unvergleichlich an Groͤße der Seele, Liberalitaͤt „und Liebe für die Wahrheit.“ Dies die Art, wie der Genius und die Heldenneigungen des ungluͤcklichen Don Karlos zuletzt doch in ihic eigenthuͤmlichen Glanze erſchienen, nachdem es ſeinen Feinden lange genug gelungen war, ſie als Laſter zu entſtellen. Waͤhrend der Zeit, da der Koͤnig den Tod des Prinzen vor dem Publikum geheim hielt, war er zwar Willens, der Koͤnigin die Nachricht 10 „— 146— hinterbringen zu laſſen, aber er fuͤrchtete, daß den traurige Botſchaft ihrer Niederkunft ſchaͤdlich ſehn dürfte; indeſſen erfuhr er bald hernach, daß ſie beſſer von Allem unterrichtet ſe, als er wuͤnſchte. Da es ihr unmoͤglich unbekannt geblieben ſepn konnte, daß Don Karlos als Opfer der Eiferſucht ſeines Vaters gefallen war, ſo that ſie ſich keinen Zwang an, den tiefen Schmerz zu aͤußern, den ſie daruͤber empfand. Ihr gerechter Unwille ver⸗ ſetzte den Koͤnig in neue Unruhe. Er glaubte Alles von ihrem Muthe befürchten zu muſſen, und mehr noch von der außerordentlichen Achtung, die der franzoͤſiſche Hof fuͤr ſie hegte, und von der engen Verbindung, die ſie mit ihrer Mutter, der Konigin, unterhielt. Wenige Monate nach Don Karlos Tode trat eines Morgens die Herzogin von Alba, welche eine der erſten Chargen am Hofe der Koͤnigin hatte, in das Zimmer der letztern mit einer Ar⸗ zenei in der Hand. Die Koͤnigin ſagte ihr, daß — — ſie ſich wohl befaͤnde, und nichts einnehmen wuͤrde; aber waͤhrend die Herzogin ihr zureden wollte, und ſie hieraͤber beide etwas laut wurden, kam der Koͤnig, der nicht weit entfernt war, dazu. Anfangs machte er der Herzogin Vorwuͤrfe ber ihren Eigenſinn, als ihm aber⸗ dieſe vorſtellte, daß die Aerzte die Arzenei zur Vorbereitung einer glͤcklichen Niederkunft fuͤr nothig hielten, gab der Koͤnig endlich nach und ſtellte der Koͤnigin auf ußerſt ſanfte Weiſe vor, daß, da das Medika⸗ ment von ſo großem Belange wäre, ſie es doch nothwendigerweiſe nehmen muͤſſe. Wenn Sie es ollen, ſagte ſie hierauf, ſo will ich dann auch wohl. Der Koͤnig verließ alsbald das Zimmer, kam aber einige Zeit darauf in großer Trauer gekleidet zuruͤck, um zu fragen, wie ſie ſich befaͤnde. Sey es, daß man ſich bei Verfertigung der Arzenei vergriffen, oder daß die ungewoͤhn⸗ liche Bewegung, in der die Königin ſich befand, und der Zwang, den ſie ſich anthat, ſie zu— — —— —— ———— — 148— nehmen, dem Medikamente eine Schaͤdlichkeit gaben, die es an ſich nicht hatte, kurz, ſie ſtarb behſetben Tag unter den furchtbarſten Schmerzen und unter heftigen Erbrechungen. Ihr Kind wurde todt gefunden, das Gehirn war beinahe ganz ver⸗ brannt; ſie gieng in ihr Mſtes Jahr, wie Don Karlos, ihre Schoͤnheit war in ihrer hoͤchſten Vollendung. Das Schickſal rächte dieſe beiden Todten auf ſo exemplariſche Weiſe, daß man der Nachwelt das Andenken hieran nicht entziehen darf. Die Schoͤnheit der Prinzeſſin Eboli wandelte bald das Zutrauen, das der Koͤnig in ſie geſetzt hatte, in eine heftige Leidenſchaft um. Rui Gomez, ihr Gatte, eben ſo eiferſuͤchtig auf das Vertrauen, das der Koͤnig ſeiner Frau ſchenkte, als auf die Gunſtbezeigungen, die ſie ihm erwies, faßte den Entſchluß, ſich ihrer zu entſchlagen; aber die Prinzeſſin entdeckte es, kam ihm zuvor und ent⸗ ledigte ſich ſeiner. — 149— Seitdem wußte ſie den Prinzen Don Juan, der ſie mit der Authoritaͤt behandeln wollte, die ihr langer und vertrauter Umgang ihm uͤber ſie gegeben hatte, durch verſchiedene Anſtellungen, die er auf ihre Veranlaſſung erhielt, entfernt von Hofe zu halten. So ließ ſie ihm die Statthal⸗ terſchaft von Flandern dbertragen, in der Hoff⸗ nung, daß er dort umkommen wuͤrde, was dann auch geſchehen waͤre, wenn der Muth und das Gluͤck des Prinzen von Parma ihn nicht gerettet haͤtten. Indeſſen hinterbrachte man ihr, daß der Prinz die ſchlimmen Dienſte, die ſie ihm geleiſtet haͤtte, in Erfahrung gebracht habe. Die Furcht, daß er dem Koͤnige ihr Verhaͤltniß entdecken und ſie dadurch ſtuͤrzen wuͤrde, fuͤhrte ſie zu dem Ent⸗ ſchluſſe, Briefe von dem Prinzen von Oranien zu zeigen, die von der groͤßten Wichtigkeit waren. Sie enthielten, daß die Heirath zwiſchen Don Juan und der Koͤnigin von England beſchloſſen ſey, und daß die Rebellen von Holland das Wort — 150— gegeben haͤtten, ihn anzuerkennen, ſobald dieſe vollzogen ſey, ohne ſich irgend etwas anderes aus⸗ zubedingen, als ihre Gewiſſensfreiheit. Dieſe Briefe wurden durch Perez dem Koͤnige vorgelegt, der ſie alsbald füͤr die Handſchrift des Prinzen von Hranien erkannte, und da er ſich in Gegen⸗ wart der Prinzeſſin Eboli ſeinem Schrecken uͤber— ließ, ſo benutzte ſie dieſen Augenblick, ihm die Antwort zu erzaͤhlen, die Don Juan ehemals dem Prinzen Karlos gegeben hatte, als dieſer auf ſeine uneheliche Abkunft anſpielte. Sie erinnerte den Koͤnig auch an den Stolz, mit dem Don Juan den Beifall der Armee von Granada aufnahm, wo die Soldaten, hingeriſſen von irgend einer ſchoͤnen That, die er verubt hatte, in ſeiner Ge⸗ genwart ausriefen:„Das iſt der wahre Sohn des Kaiſers.“ Sie rief ihm die Hartnaͤckigkeit, mit welcher er darauf beharrte, Koͤnig bon Tunis werden zu wollen, in das Gedaͤchtniß zuruͤck, ſo wie den Verluſt von Gouletta, das er aus Rache . — — nehmen ließ, weil der Konig ſeine Abſichten nicht begünſtigt hatte. Alle dieſe Erinnerungen, ber⸗ bunden mit der dringenden Gefahr, womit die angebliche Heirath mit der Koͤnigin von England drohte, drangen ſo tief in das Gemuͤth des Koͤnigs, daß er, weil er gar keine Zeit glaubte verlieren zu duͤrfen, ein Mittel fand, dem Don Juan auf ganz unverdaͤchtigem Wege ein Paar vergiftete Halbſtiefel zu ſchicken, die ihm das Leben koſteten. Einige Zeit nachher entdeckte man, daß die Prinzeſſin Eboli die Briefe, von welchen vorge⸗ geben wurde, daß man ſie aufgefangen habe und die ſo ungluͤckbringend fuͤr Don Juan waren, durch den Prinzen von Hranien expreß hatte ſchreiben laſſen. Den Koͤnig ergriff vor dieſer Bosheit ein ſolcher Abſcheu, daß ſeine Liebe für ſie erloſch. Die Prinzeſſin und Perez wurden in ein Gefaͤngniß eingeſperrt, um ihre Tage darin zu beſchließen. Perez, der in der Folge Mittel fand, zu entwi⸗ ſchen, trieb ſich ſeitdem an allen europaͤiſchen Hoͤfen im tiefſten Elende herum. Philipp II. ſelbſt endlich, nachdem er unter dem Schmerz ſo vieler Unfälle das Greiſenalter erreicht hatte, bekam ein Geſchwuͤr, an dem er zuletzt ſtarb. So raͤchte das Schickſal den Tod eines groß⸗ herzigen Prinzen und der ſchoͤnſten und tugend⸗ hafteſten Fuͤrſtin, die je die Welt ſah; alle die urheber ihres unſchuldig erlittenen Todes fielen als Suͤhnopfer der Gemordeten. 1 ſſ 16 1 18 1